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Herr Juretzka, Sie werden in der Presse öfter als »Ruhrpott-Chandler« tituliert. Schmeichelt Ihnen die Bezeichnung, oder finden Sie solche Vergleiche eher lästig?
Chandler ist mein erklärtes Idol. Mit ihm in einem Atemzug genannt zu werden, bauchpinselt mich ohne Ende.
Gibt es neben Chandler noch weitere Autoren, an denen Sie sich orientieren oder von denen Sie denken, dass sie Sie beeinflusst haben?
Raymond Queneau, Hunter S. Thompson, Martin Cruz Smith, Terry Pratchett und ein paar Dutzend andere. Queneau vor allen Dingen. Ich liebe Die blauen Blumen wie kaum ein anderes Buch.
Soweit wir wissen, haben Sie etwa mit Mitte dreißig mit dem Schreiben begonnen. Würden Sie uns verraten, was Sie bis dahin gemacht haben?
Schnell gelebt und viel gearbeitet. Wenig gepennt, wenn ich mich recht erinnere.
Das »schnelle Leben« soll Sie bis in die tiefsten Wälder Kanadas katapultiert haben, wo Sie den Gerüchten zufolge Blockhütten gebaut haben. Stimmt das?
Ja, ich bin gelernter Log Builder. Ein Stückchen Wald, eine Kettensäge, zwei, drei Monate …
Am Anfang haben Sie keine Krimis, sondern Kinderbücher geschrieben. Warum sind Sie ins Genre Kriminalliteratur gewechselt, und wie kamen Sie auf die Idee zu ihrem schrägen Privatdetektiv Kristof Kryszinski?
Das stimmt so nicht ganz. Ich habe, als ich anfing, drei Erstlinge auf einmal in Angriff genommen. Ein Kinderbuch, ein Jugendbuch, einen Krimi, alle nebeneinander. Der Krimi fand als Erster einen Verlag, anschließend bin ich dabei geblieben, um mir etwas Regalraum freizuschultern. Was Kryszinski angeht: Ich finde den gar nicht so schräg, sondern eigentlich ganz normal.
Da möchte ich noch mal nachhaken: Ist das erste Kryszinski-Buch entstanden, weil Sie einen Kriminalroman schreiben wollten, oder hatten Sie den Stoff beziehungsweise die Figur im Kopf und haben dann gemerkt, dass sich der Kriminalroman als adäquate Form für Ihr Material anbietet?
Ich wollte von Anfang an einen Krimi schreiben, und sei es nur, um herauszufinden, ob ich das kann. Ich hatte, und habe immer noch, großen Respekt vor diesem Genre.
Ihre Kryszinski-Romane wurden in anderer Reihenfolge veröffentlicht, als sie entstanden sind. Die Verwirrung stieg noch, als Sie mit ihrem dritten Buch Der Willy ist weg ein Prequel vorgelegt haben – einen Roman, der in der erzählten Zeit vor den beiden ersten Büchern spielt. Klären Sie uns doch bitte mal auf: Wie sind die Bücher entstanden, und in welcher Reihenfolge liest man sie sinnvollerweise?
Die Reihenfolge der Entstehung ist eigentlich nicht wichtig, da ich den Inhalt von Sense bei der Überarbeitung zeitlich hinter den zuerst erschienenen Prickel gepackt habe. Dass ich in Der Willy ist weg zurückgeblendet habe in Kryszinskis Anfänge, hängt damit zusammen, dass ich möglichst rasch weg wollte von der Uniformität typischer Serienkrimis.
So wie Sie das Ruhrgebiet beschreiben, gibt es keine glitzernden Glasfassaden der New-Economy, sondern nur den spröden Charme der alten Industrien. Kryzsinki selbst hat etwas angenehm Unzeitgemäßes, als wäre er mit den Achtzigern und ihrer Yuppie-Kultur aus der Zeit ausgestiegen. Er hat kein Handy und benutzt im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen keinen Computer. Taugt eine Figur wie Kryszinski nicht für die moderne globalisierte Welt?
Das Handy ist, wenn man nur eine Sekunde darüber nachdenkt, der Fluch des gesamten Spannungsgenres. Und nur weil Kryszinski zu hibbelig ist, sich mit einem PC auseinanderzusetzen, heißt ja nicht, dass er sich dieser Technik nicht bedient. Mit so was beschäftigen wir dann die Sidekicks.
Fallera unterscheidet sich grundsätzlich von früheren Kryszinski-Romanen: Zuvor waren Ihre Bücher als actionreiche Höllenritte durchs Ruhrgebiet angelegt. In diesem Roman zieht es Kristof von Mülheim, der »Perle des Ruhrgebiets«, in die Schweizer Alpen. Wieso haben Sie Ihren Detektiv aus seiner vertrauten Umgebung geholt?
Was ich verhindern möchte, ist eine Reihe, in der man ab einem bestimmten Punkt einen Roman nicht mehr vom anderen unterscheiden kann. Deshalb hole ich Kryszinski raus aus dem Ruhrpott, gleichwohl wissend, dass man den Ruhrpott nicht aus Kryszinski herauskriegt. In Equinox zum Beispiel wird Kryszinski dann Borddetektiv auf einem Nordmeer-Kreuzfahrtschiff.
Wie schreibt Jörg Juretzka? Vielleicht fangen wir mal mit einem Blick in Ihre »Schreibwerkstatt« an. Ich kenne einige Autoren, die immer noch auf die gute alte Schreibmaschine schwören. Womit schreiben Sie?
MEDION-PC, bei Aldi gekauft, ein treuer Freund und Kollege, hört auf den Namen Goofy. Ich habe ein Arbeitszimmer, darin hocke ich von morgens früh bis nichts mehr kommt.
Viele Autoren skizzieren zunächst ihre Story. Manche brauchen für den Entwurf erheblich länger als für das eigentliche Schreiben. Was haben Sie fest im Kopf, bevor Sie loslegen, und was ergibt sich aus dem Fluss?
Ehrlich, das kommt mal so, mal so. Oft habe ich eine feste Geschichte im Kopf, doch dann erfinde ich Personen, und sobald sich die Charaktere entwickeln, wollen die mitreden. Glauben Sie mir, es lohnt sich, da zuzuhören.
Wie es mit Kryszinski weitergeht, haben Sie eben skizziert. Wie geht es mit Jörg Juretzka weiter? Welche Pläne haben Sie? Denken Sie vielleicht gar an eine Zukunft oder einzelne Projekte ohne Ihren Serienhelden?
Zurzeit nehme ich eine Auszeit vom Schreiben, suche in Ruhe nach einem Verlag für Platinblondes Dynamit, mein bisher vielleicht witzigstes Buch und endlich mal kein Krimi. Im Herbst werde ich mit der Arbeit an Freakshow beginnen, dem zehnten Kryszinski, der 2011 erscheinen sollte. Und das eine oder andere Kinderbuchprojekt wartet auch.
Zum Schluss: Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?
City of Thieves von David Benioff.
Herr Juretzka, wir bedanken uns herzlich für das Interview und wünschen Ihnen viel Erfolg.
Och, danke.
Nach einem Interview mit Jörg Juretzka, geführt von Jan Christian Schmidt für Kaliber .38. Von Jörg Juretzka für diese Ausgabe aktualisiert.