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Sammlung
„Skulptur des Monats“ Juni 2004
Die sogenannte „Dame d’Auxerre“
Original
Datierung: Drittes Viertel des 7. Jhs.v.Chr.
Standort: Paris, Louvre, Inv. 3098, früher in Auxerre
Fundort: unbekannt (zweifelsohne aus Kreta)
Material: Kalkstein
Höhe: 65 cm
Abguss
Inv.-Nr.: 20-2 / SH 9
Herkunft: Gipsformerei Athen
Material: Gips, patiniert
Werkbetrachtung
Die Kore von Auxerre erhielt ihren Namen aufgrund ihres früheren Aufenthalts im Museum von Auxerre (Burgund). Der tatsächliche Fundort war aber unbekannt und ist auch heute noch nicht absolut gesichert. Die kleine Statue galt zunächst als griechischer Import nach Gallien und stilistisch wurde sie dem sogenannten dädalischen Stil zugeordnet.
Dieser dädalische Stil prägt die früharchaischen Werke des 7. Jhs. v. Chr. Der Name geht auf den mythischen Bildhauer Daidalos aus Kreta zurück. Der Stil ist aber nicht nur auf Kreta bezeugt; er ist auch in Skulpturen oder auf Vasen aus Rhodos, Korinth oder Sparta zu erkennen. Typisch sind jeweils die Starre, die Frontalität des Aufbaus, der eng geschlossene Stand, die geradlinig herabhängenden Arme, die deutliche Gürtelzäsur sowie die faltenlose und blockhafte Gestaltung der Kleidung.
Abbildung 1: Statuette der „Dame d’Auxerre“ in der Skulpturhalle.
Eine Besonderheit der Dame d’Auxerre stellt die Gestaltung des Kopfes dar. Drei zueinander antithetisch stehende Dreiecke ergeben die Haar- und Gesichtsform. Die Frontalität ist deutlich sichtbar; es besteht im Prinzip kein übergang von der Front zu den Seiten. Das Gewand setzt sich aus einer Pelerine, die aber nur in der Front deutlich wird, und einem enganliegenden Peplos zusammen; deutlich zu erkennen ist die Gürtelzäsur im Tailleneinschnitt, sowie die Blockhaftigkeit des Gewandes; bemerkenswert ist auch die Auswölbung, die die Fussspitzen hervortreten lässt. Die auf der Brust erhobene Hand interpretierte man lange Zeit als einen Adorationsgestus und führte das Motiv auf orientalische Fruchtbarkeitsgöttinnen, die ihre Hand ebenfalls vor der Brust halten, zurück.
Als besondere Kostbarkeit sind die Ritzungen auf dem Unterkörper respektive dem Gewand zu nennen. Die deutliche Gewandmusterung zeigt Mäander und Schuppenmuster. Die Haare der Skulptur sind in sogenannter Steppdeckenmanier gestaltet und in drei Partien aufgeteilt; zwei Mal vier Strähnen nach vorne, die übrigen auf dem Rücken. Die Plinthe zeigt Schraffuren, die eine Einlassung in einer Basis vermuten lassen, die möglicherweise eine Weihinschrift getragen hat. Doch der Mangel an Attributen und der nicht definitiv geklärte Gestus liessen bislang eigentlich keine eindeutige Aussage zu. Deutlich sind die für diese Zeit nicht untypischen Einflüsse aus dem orientalischen Bereich, die aber trotzdem keine genaue Entsprechung der Skulptur mit bislang Bekanntem ergab.
Befürchtungen, es könnte sich um eine Fälschung handeln, konnten mit der Untersuchung des Steines, der sich als mediterraner Kalkstein herausstellte, einigermassen ausgeräumt werden. Doch erst Grabungen der letzten zehn Jahre auf Kreta brachten etwas mehr Licht in das Dunkel um die Dame von Auxerre.
Abbildung 2: Elfenbeinköpfchen aus Eleutherna (Kreta).
Die von Nikolaos Christos Stampolidis in Eleutherna auf Kreta durchgeführten Grabungen förderten Elfenbeinköpfchen zutage, die eine sehr grosse ähnlichkeit mit dem Kopf der Dame d’Auxerre aufweisen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit kann belegt werden, dass es sich bei der Kore von Auxerre, die eher als "Unikum" behandelt wurde, um die Vertreterin eines speziellen lokalen Stils auf Kreta handelt, den wir auch für Gortyn belegt finden. Sie ist wohl auch nicht mit den Griechen nach Gallien gekommen, sondern wurde mit den ersten Objekten aus dieser Grabung gegen Ende des 19. Jhs. nach Frankreich gebracht und harrte bis zu ihrer Entdeckung im Museum von Auxerre und ihrem Umzug in den Louvre in einer Privatsammlung.
Ute W. Gottschall
Auswahl an Literatur
- John Boardman, Griechische Plastik. Die archaische Zeit (1981) S. 16–21 Nr. 28 und S. 128.
- Jean-Luc Martinez, La Dame d’Auxerre (2000).
- Nikolaos Christos Stampolidis, BSA 85, 1990, 375–403.
- idem, Eleutherna III, La necropole geometrico-archaique de Orthis Petras (Rethymnon 1993).
© Skulpturhalle Basel 2011 (barmasse.org)