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8. Februar – 20. Juni 2004
Die Fondation Beyeler vereinigt in dieser Sonderausstellung rund 40 Werke des englischen Malers Francis Bacon (1909-1992) mit ebenso vielen Originalen jener Künstler, die für ihn Quellen der Inspiration darstellten. Die Spanne reicht von Tizian über Velázquez und Rembrandt bis zu Künstlern des 19. und 20. Jahrhunderts: Ingres, Degas, van Gogh, Picasso, Giacometti und Soutine. Ausserdem wird Bacons Verhältnis zu Film und Fotografie nachgespürt. Belegt wird die Bindung des Malers an die Bildtradition auch mit Büchern, Reproduktionen und Zeichnungen, die in seinem Londoner Atelier vorgefunden wurden. Der Künstler verwendete als Vorlagen nicht selten mit Absicht zerschlissene oder von im eigenwillige bearbeitete Reproduktionen der Klassiker. Offenbar eignete sich die Tradition in banalisierter und verletzter Form besser als Ausgangspunkt für ihre letzte Transformation in Bacons Gemälden. In der Ausstellung vermitteln diese Dokumente somit in anschaulicher Weise zwischen dem sublimen Grauen von Bacons eigenen Bildern und der manchmal abgründigen Schönheit der Werke jener Künstler, die er als seine Vorbilder akzeptierte.
Die Ausstellung wurde gemeinsam mit dem Kunsthistorischen Museum Wien organisiert und von der freischaffenden Kuratorin Barbara Steffen für beide Ausstellungsorte konzipiert und kuratiert.
Werke
Papstbilder in der Tradition der Malerei
In der Malerei spiegelt die Darstellung des Papstes durch Typus, Ort, Funktion und Ikonographie die der Zeit entsprechende Auffassung vom Papstamt wieder. Das Portrait des 16. und 17. Jahrhunderts zeigt den Papst als Repräsentanten der Kirche zumeist in Form eines Dreiviertel-Portraits auf seinem Thron sitzend und mit realistischen Gesichtszügen. 1650 schuf Diego Velázquez das Portrait von Papst Innozenz X., das zu einem der bedeutendsten Papstportraits in der europäischen Malerei werden sollte. Auch Bacon stellte dieses Gemälde über Jahre in den Mittelpunkt seines Interesses und sammelte Reproduktionen jeglicher Art davon. Ihn faszinierte die Person des Papstes als Inbegriff der männlichen Machtausübung. In Velázquez' Werk sind es die satte Farbgebung sowie die dominierende körperliche Präsenz des Papstes, über die er bewundernd sprach. Diese Besonderheiten nahm Bacon in seine eigenen Papstbilder auf; er ging aber noch einen Schritt weiter: Er lässt den bei Velázquez noch introvertierten Papst förmlich explodieren und holt alles, was verborgen und unterdrückt ist, aus dem Inneren der Figur heraus.
Das repräsentative Portrait
Bacons Bewunderung für Veläzquez ist nicht nur in seiner Auseinandersetzung mit dem Bild des Papstes ersichtlich. Auch Werke wie "Infantin Margarita Teresa in blauem Kleid" oder "Infant Philipp Prosper" des grossen spanischen Malers des 17. Jahrhunderts inspi¬rierten ihn. Veläzquez gelang es, trotz der Gepflogenheiten offizieller Repräsentation Gefühle und psychische Zustände darzustellen. Bacons männliche Figuren wirken in ihrer äusseren Haltung mächtig und einflussreich. Durch Schreie, «Körperlosigkeit» und Deformation wird aber ihr innerer Zustand sichtbar. Bacon zeigt, wie jenseits der sichtbaren Erscheinung des Menschen eine psychische Ebene existiert, die oft genug nicht mit dem äusseren Erscheinungsbild übereinstimmt.
Das Motiv des Käfigs
Der Kubus, der bereits Ende der vierziger Jahre verwendet wurde, entwickelte sich immer mehr zu einem wichtigen kompositorischen Mittel. Dieses Motiv, in Form eines Glaskastens oder Podestes, als Schrein, Bettgestänge oder einfach als abgegrenzter Raum eingesetzt, hat mehrere Funktionen. Es erhöht die Aufmerksamkeit in Bezug auf die dargestellte Figur und gibt Bacons malerischen Experimenten formalen Halt. Seine Figuren sind so sehr mit Emotionalität, Leid, Existenzangst und psychischem Tiefgang beladen, dass er um sie eine Art Schutzraum, einen Käfig, bauen muss. Die Figur ist durch ihn von der Umwelt abgegrenzt und damit isoliert. Der Schweizer Künstler Alberto Giacometti stellte seine Figuren in einen begrenzten dreidimensionalen Raum. Bacon wandte in seiner Malerei die gleichen Mittel an, um die Konzentration auf den Körper zu erhöhen. Beiden sind ausserdem die Fragmenthaftigkeit der Figur und die proportionale Grössenverschiebung einzelner Körperteile gemeinsam.
Das Motiv von Körper und Fleisch
Das Thema des Fleisches ist in der Kunst nicht neu: Abgesehen von Rembrandt, Maerten van Cleve und anderen holländischen Künstlern des 17. Jahrhunderts waren auch die Vertreter des 20. Jahrhunderts — wie z. B. Chaim Soutine — von der Materie Fleisch in der Malerei fasziniert. In Bacons Werk taucht das Thema des Fleisches in verschiedenen Formen auf: in Darstellungen von Tierkadavern, Akten und Kreuzigungsszenen. Für Bacon diente das Fleisch immer als Mahnung an den Kreislauf von Leben und Tod. In seinen Darstellungen der Kadaver lässt Bacon den Unterschied zwischen Mensch und Tier oft zur Gänze zusammenbrechen. Dem Menschlichen wird eine tierische Nuance verliehen, um so auf die Animalität des Menschen hinzuweisen. Diese äussert sich auch in seinen oft groben Darstellungen von Liebesszenen zwischen Männern, in denen Bacon zeigt, wie sehr für ihn Fleisch, Körper und Sex eine Einheit bildeten. In einigen Werken verbindet Bacon das Thema des Fleisches mit dem Motiv der Kreuzigung. Diese war für den erklärten Atheisten Bacon allerdings frei von jeglicher religiöser Bedeutung. Stattdessen verkörperte sie die Verstümmelung des Fleisches, Schmerz, Gemetzel und einen schrecklichen Tod.
Bacons Realismus nach van Gogh
Für eine von der Hanover Gallery in London 1957 geplante Ausstellung nahm sich Bacon Variationen über ein nicht erhaltenes Gemälde Vincent van Goghs, "Der Maler auf der Strasse nach Tarascon" von 1888, zum Thema und schuf innerhalb kürzester Zeit die Studien zu einem Portrait von van Gogh I-VI. Im Zuge seiner intensiven Beschäftigung mit van Gogh hellte sich seine Farbpalette zusehends auf; nach Jahren der düsteren Töne in den Serien der Päpste und "Men in Blue" übernimmt er mit dem van Gogh'schen Motiv auch dessen expressive Farbigkeit. Das Thema, das Bacon bei van Gogh fand und aufnahm, ist das des einsamen Künstlers, der, getrieben von der Suche nach Inspiration, wie ein Schwamm alle Eindrücke der Aussenwelt in sich aufsaugt. Bacons Wanderer wirken passiv, verloren im exzessiven Farbrausch, der sie umgibt. Wie bei van Gogh lassen willkürliche Farbsetzungen Verfremdungen der Wirklichkeit entstehen, durch die es gelingt, das Feld des Illustrativen zu verlassen und zur genuinen Aufgabe der Kunst zurückzufinden: zur Neuerschaffung der Wirklichkeit. «[...] van Gogh ist einer meiner grossen Helden, weil ich glaube, dass er beinahe naturgetreu sein konnte und durch die Art, wie er Farbe aufbrachte, einem eine wunderbare Vision von der Wirklichkeit der Dinge vermitteln konnte. [...] Die lebendige Qualität ist das, was man hinkriegen muss.»
Bacon und Ingres
In der Auseinandersetzung mit Ingres erreicht die Figur bei Bacon eine neue Körperlichkeit. Ingres' Verlangen nach einem Körper, der nur aus Konturen und Hautoberfläche ohne Bezug zu einer inneren Anatomie besteht, wird von Bacon erfüllt: Es scheint, als habe die Haut der Figuren keine darunterliegenden Knochen. Er fand in Ingres einen Seelenverwandten, der erkannte, dass der gemalte Körper auf einem inneren Fühlen und nicht auf anatomischer Nachvollziehbarkeit beruhen sollte. Beide Künstler verband ausserdem eine Faszination durch die Antike, die sich in der Fragmenthaftigkeit der dargestellten Körper ausdrückt.
Katalog «Francis Bacon und die Bildtradition»
Der von Wilfried Seipel, Barbara Steffen und Christoph Vitali herausgegebene Katalog erscheint in deutscher und englischer Sprache im Skira Verlag, Mailand. Er enthält Beiträge von Barbara Steffen, Norman Bryson, Ernst von Alphen, Oliver Berggruen, Margarita Cappock und Michael Peppiatt.
Ca. 380 Seiten mit ca. 210 Farbabbildungen.
Biographie
Francis Bacon (1909-1992)
Francis Bacon wird am 28. Oktober 1909 in Dublin als Sohn englischer Eltern geboren. Seit frühester Kindheit leidet er an schwerem Asthma. Aufgrund von Konflikten mit dem Vater verlässt Bacon 1925 bereits mit 16 Jahren die Familie, um nach London zu gehen.