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Glaubwürdigkeit und wissenschaftliche Beweise: der Fall „Homöopathie“
Lex Rutten, Robert Mathie Peter Fisher, Maria Goossens und Michel van Wassenhoven stellen eine Gruppe von homöopathischen Ärzten und Wissenschaftler dar, die sich zum Ziel gesetzt hat, sich zur Wissenschaft zu verpflichten und aufgrund dessen die Homöopathie anzuwenden bzw. einzusetzen. Dazu haben sie im Journal „Medicine, Health Care and Philosophy“ einen interessanten Artikel publiziert [1]. Homöopathie wird kontrovers und hitzig debattiert. Gemäss den Autoren variieren die Schlussfolgerungen aus systematischen Reviews von randomisierten kontrollierten Studien von „kein Wirkungsnachweis, der über den Placeboeffekt hinausgeht“ bis zu „vergleichbar mit konventioneller Medizin“. Es wird behauptet, dass Homöopathie mit wissenschaftlichen Gesetzen kollidiere und Homöopathen würden naturalistischen Anschauungen verwerfen. In Ihrem veröffentlichten Text gehen die Autoren den verschiedenen Gründen nach, warum Homöopathie so intensiv diskutiert wird. Die Zweifel an der Homöopathie sind in der wahrgenommenen Unplausibilität jedes denkbaren Wirkmechanismus verwurzelt. Pauschale Aussagen über die wissenschaftliche Unmöglichkeit der Homöopathie sind an und für sich schon unwissenschaftliche Aussagen: Wissenschaftliche Aussagen müssen präzise und prüfbar sein.
Die Autoren zeigen einen kurzen Überblick über systematische Prüfungen, Metaanalysen und andere Berichte über die Homöopathie und diskutieren, in wie weit Vorurteile in die unterschiedlichen Interpretationen der Resultate von Studien einfliessen. Die Frage nach der Wirksamkeit ist schon des Öfteren diskutiert worden. Es wird viel Forschung betrieben und es stehen verschiedene Modelle im Raum, wie Homöopathie wirkt – aber es gibt noch keine endgültige bzw. abschliessende Antwort.
Überblick über die Arbeiten / Berichte über Homöopathie
Drei unabhängige systematische Berichte und Metaanalysen bezüglich Homöopathie sind zwischen 1991 und 2000 in medizinischen Fachzeitschriften publiziert worden, alle mit positiven Schlussfolgerungen für die Homöopathie.
Kleijnen et al führte 1991 die erste systematische Untersuchung durch [2]. Seine Schlussfolgerung war, dass aufgrund der Resultate davon auszugehen ist, dass Homöopathie sehr effektiv ist. Wenn nur die Frage geklärt wäre, aufgrund welchen Mechanismen die Homöopathie wirke. 1997 publizierte Linde et al. [3] eine unabhängige Metaanalyse und schlussfolgerte, dass die Resultate nicht mit der Auffassung kompatibel sind, dass Homöopathie lediglich Placebo sei.
Der einzige systematische Bericht, der Homöopathie direkt mit der konventionellen Medizin verglich, war derjenige von Shang et al. Der Funnel plot [4] der Homöopathie zeigte keine signifikanten Unterschiede zum Funnel plot der konventionellen Medizin. In beiden Bereichen zeigten sich Effekte gegenüber dem Verum und die positiven Resultate glichen sich. Aufgrund der Hypothese und der Voreingenommenheit, dass die homöopathischen Studien qualitativ schlechter seien, entstand die Interpretation, Homöopathie hätte in den Untersuchungen schlechter abgeschnitten. Diese Hypothese wurde aber wiederlegt. Die Argumente können im Artikel nachgelesen werden. Zu erwähnen wäre ebenfalls die Tatsache, dass KCE (Belgian Federal Knowledge Centre for Healthcare) davon ausging, dass Statistiken, die keinen signifikanten Trend zeigten, negativ bewertet werden sollten. Negativ und nicht überzeugend / schlüssig ist nicht dasselbe. Wenn man dies gleichstellt, zeigt sowohl die Homöopathie als auch die Schulmedizin keine Wirksamkeit. Nicht schlüssig heisst in den Augen der Autoren des Artikels eigentlich ein positiver Trend mit unzureichender statistischer Aussagekraft. Es ist nicht verwunderlich, wenn Gegner der Homöopathie auf die Studie von Shang et al verweisen, die Befürworter der Homöopathie die Arbeit von Linde et al zitieren. Vandenbroucke, Hansen und Sehon haben alle die pauschale Behauptung aufgestellt, dass Homöopathie im Gegensatz zu grundlegenden wissenschaftlichen Ideen stehe. Hansen und Kappel konstatieren, dass es keinen Grund gibt, vorgefasste Meinungen der homöopathischen Gemeinschaft nicht zurückzuweisen, schliesslich würde die „homöopathische Gemeinschaft“ die konventionelle Wissenschaft ablehnen.
Der umstrittenste Aspekt in der Homöopathie ist zweifelsfrei die Anwendung von ultramolekularen Potenzierungen. Aber auch das ist kein „schwarzes Loch“ in der Wissenschaft. Die HomBRex Datenbank für Grundlagenforschung in der Homöopathie (www.carstensstiftung.de/hombrex) listet ca. 1‘500 Experimente in der homöopathischen Grundlagenforschung. 830 davon betreffen ultramolekularen Potenzierungen. Das am meisten reproduzierte Experiment ist das Modell der „allergic response to antibody using the human basophil degranulation test“. Zwischenzeitlich sind in einem Zeitraum von 25 Jahren 17 Artikel dazu veröffentlicht worden.
Die aussagekräftigsten Experimente am Tier sind zweifelsfrei diejenigen, die den Effekt von Thyroxin bei der Metamorphose von Fröschen analysierte. Ergebnisse und Kohortstudien belegen die Wirkung von Homöopathie.
Am Beispiel einer multizentrischen, prospektiven (auf die Zukunft gerichteten) Beobachtungsstudie wurde die Wirksamkeit der Homöopathie mit der Schulmedizin verglichen. Dreissig Ärzte in sechs verschiedenen Kliniken in vier verschiedenen Ländern behandelten insgesamt 456 Patienten mit akuten respiratorischen Beschwerden. Rückmeldung nach 14 Tagen: 82.6 % der mit Homöopathie behandelten Patienten waren geheilt oder es ging ihnen deutlich besser, bei der konventionellen Behandlung waren es 68 %. Die Nebenwirkungen lagen in der Homöopathiegruppe bei 7.8%, in Gruppe mit der konventionellen Behandlung bei 22.3%. Die genauen Details können bei Riley et al 2001[5] nachgelesen werden.
Diskussion
Die Voreingenommenheit gegenüber der Homöopathie kann eine Erklärung sein, warum man die positiven klinischen Effekte ausser Acht lässt. Die Autoren zeigen keine neuen Analysemethoden oder Wirksamkeitsstudien für die Homöopathie. Sie möchten aufzeigen, warum um die divergierenden und manchmal verbittert diskutierten Interpretationen der Wirksamkeit gestritten wird. Die weitgehenden Diskussionen verkommen in einen Kreislauf aus vorbetonierten Zweifel an gegenseitigen Ergebnissen. Die Autoren suchen einen Ausweg aus dieser Sackgasse.
Die Autoren sind von der Homöopathie überzeugt. Dies aufgrund von klinischer Beobachtung, Kohortstudien, Resultate von RCTs und in vitro Experimenten. Ausserdem ist es nicht ungewöhnlich in der Medizin: viele Therapien begründen sich durch ihre praktische Anwendung.
Es gibt sie, die Nachweise für die Wirksamkeit der Homöopathie. Dass Hochverdünnungen biologische Prozesse beeinflussen hat man bewiesen. Die Tatsache, dass man noch nicht weiss, wie genau dieser Prozess abläuft ist Grund für zulässige Skepsis aber nicht für die extreme Behauptung, dass die Homöopathie das aktuelle Wissen in Chemie, Physik und Medizin umstürzt.
Schlussfolgerung
Die Voreingenommenheit bezüglich der Wirkungsweise kann eine schädigende Folge im wissenschaftlichen Fortschritt bedeuten. Verallgemeinerungen, dass Homöopathie das ganze wissenschaftliche Gebäude zum Einstürzen brächte sind unwissenschaftlich. Solche Schlussfolgerungen können weder belegt noch wiederlegt werden. Es ist erstaunlich, dass die Autoren von Studien, die die Wirkung der Homöopathie wiederlegen, glauben, dass die Homöopathie eine solch apokalyptische Auswirkung auf die Naturwissenschaft hätte. Die Autoren bezweifeln nicht, dass Homöopathie einige grundlegende wissenschaftliche Fragen aufwirft, sind aber zuversichtlich und überzeugt, dass diese geklärt werden können, und zwar durch die Anwendung von authentischen wissenschaftlichen Methoden, vor allem im Zusammenhang mit weiteren in vitro Experimenten.
Flavia Leimbacher
Wissenschaftsgruppe
Literatur
[1] Plausibility and evidence: the case of homeopathy, Lex Rutten, Robert T. Mathie, Peter Fisher, Maria Goossens, Michel van Wassenhoven, Med Health Care and Philos, DOI 10.1007/s11019-012-9413-9, Springer Science + Business Media B.V. 2012
[2] Kleijnen J, P Knipschild, and G. ter Riet. 1991. Clinical trials of homeopathy. British Medical Ournal 302: 316-323
[3] Linde, K., N. Clausius, G. Ramirez, D. Melchart, F. Eitel, L.V. Hedges, and W.B. Jonas, 1997. Are the clinical effects of homeopathy placebo effects? A meta-analysis of placebo-controlled trial. Lancet 350: 834-843
[4] Ein Funnel Plot ist eine Grafik, die es ermöglicht einen Verdacht auf Publikationsbias im Rahmen einer Metaanalyse zu überprüfen
[5] Riley, D., M. Fischer, B. Singh, M. Haidvogl, and M. Heger. 2001. Homeopathy and conventional medicine: An outcomes study comparing effectiveness in a primary care setting. Journal of Alternative and Complementary Medicine 7: 149-159