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Von Marshmallows und Teenagerhunden
Wer sich beherrschen kann, hat mehr vom Leben. Zum Beispiel weniger Ärger. Das gilt für Mensch wie Hund, und für beide ist die Fähigkeit der Selbstbeherrschung nicht ganz einfach zu lernen. Es sei denn, das Training wird zur positiven Erfahrung, dass es sich lohnt, den Jogger nicht zu jagen. Wissenswertes und Praktisches dazu von Bettina Stemmler.
„Entweder du kannst das Marshmallow sofort essen oder du wartest bis ich wieder zurück bin und kriegst dafür zwei“, sagte der Experimentator in den 60er Jahren zu dem vierjährigen Kind. Die Gesichter und Gesten der Kinder, die sich zu beherrschen versuchen, sind legendär:
Diese Experimente zum Belohnungsaufschub (delay of gratification) waren insbesondere deswegen interessant, weil die Langzeitbeobachtung der Versuchspersonen zeigte, dass jene Kinder, die sich damals beherrschen konnten, im Leben erfolgreicher, gesünder und zufriedener waren als die anderen.[1]
Wie unterscheiden sich die Kinder von jenen, die warten können zu denen, die das nicht können? Fühlende Lebewesen streben Angenehmes an (pleasure) und versuchen Unangenehmes (pain) zu vermeiden.[2] Dies kann zu impulsiven Verhalten führen, denn diese evolutionär alte Teile des Gehirns im limbischen System sagen „ich will die Belohung – jetzt – sofort – so viel wie möglich“ – man kann dies „bottom-up Signale“ nennen, also jene Signale die von den alten und tief im Hirn gelegenen Arealen nach oben ins Bewusstsein/Grosshirnrinde dringen und zur Handlung auffordern. Der Neocortex (Grosshirn) reguliert mit top-down (also von oben nach unten) diese Impulse. Insbesondere der vordere Teil des Gehirns (Präfrontalcortex) ist dafür zuständig, Impulse und Emotionen zu regulieren.[23] Dank dem Präfrontalcortex lächeln wir zerknittert anstatt die Faust ins Spiel zu bringen, wenn der Chef nervt oder lernen für die Lizenziatsprüfung statt mit Freunden ins Kino zu gehen. Experimente zeigen, dass Menschen sich völlig rücksichtslos verhalten, wenn man mittels TMS (transkranieller Magnetstimulation) diese Gehirnregion hemmt. Im Fahrsimulator werden die Versuchspersonen zu Rasern und verhalten sich rücksichtslos und impulsiv. Wird das Areal erregt (arbeitet also mehr), fahren sie mehr als korrekt und brav.[4]
Ein weiterer interessanter Punkt ist das Verhalten von Teenagern „denn sie wissen nicht, was sie tun“ - so könnte man ihr Verhalten erklären, wenn sie mal wieder emotional und impulsiv sind und
mit den Eltern anecken. Das menschliche Gehirn reift bis zum 20. Lebensjahr![5] Der letzte Teil, der fertig gereift ist, ist genau der Präfrontalcortex. Auch darum ist die Pubertät eine so
schwierige und entscheidende Zeit. Das so anpassungsfähige und lernbereite Säugetiergehirn funktioniert nach dem „use it oder lose it“ Prinzip.
Das, was trainiert wird, wird besser. Also kann man sich mal überlegen, welche Hirnareale besonders trainiert werden, wenn ein Teenager von morgens bis abends kurzfristigen Belohnungen nachgeht (Gamen, TV, Smartphone chatten etc). Dies ist kein Aufruf dazu, dass junge Menschen nur noch pflichtbewusst und kontrolliert sein sollten, aber sie sollten auch fähig sein, kurzfristigen Belohnungen zu widerstehen und für längerfristige Ziele in den sauren Apfel zu beissen, denn sonst wird es schwierig im Leben nachhaltig Erfolg, Ausgeglichenheit und Zufriedenheit zu finden.
Was hat das alles mit unseren Hunden zu tun? Eine ganze Menge! Denn Hunde sind bekanntlich auch Säugetiere wie wir und auch ihre Hirne sind plastische Lernmaschinen. Wir sind zu einem grossen Teil dafür verantwortlich, wie sie sich entwickeln und dass sie ein artgerechtes, ausgeglichenes Leben führen können. In diesem Fall sind Hunde eine Bereicherung für ihre Menschen wie auch für die ganze Gesellschaft. In der anerkannten Theorie zur evolutionären Kontinuität spricht man von Unterschieden gradueller Natur.[6] Darum ist es nicht korrekt zu behaupten, Hunde könnten nicht denken, nicht lieben, etc., ihr Grosshirn ist auch fähig zu lernen Impulse zu regulieren, der Mensch ist mit seinem dicht vernetzten riesigem Grosshirn noch besser darin, aber Hunde können es eben auch (lernen).
Wir als nonaversiv arbeitende Trainer stehen nun vor der Herausforderung, unseren Welpen oder Junghund ohne Einschüchterungen oder physischer Druck dazu zu bringen, sich gerne mal schnell zurück zu nehmen oder uns gar anzuschauen und zu fragen „soll ich jetzt da hinrennen oder besser nicht?“ anstatt einfach „hirnlos“ jedem „Furz“ der aus dem limbischen System poppt nachzurennen. Keine triviale Sache!
Panksepp spricht von verschiedenen motivationalen Systemen im Hirn, wobei eine davon das SEEKING-System ist, also die Suche nach der Belohnung – sozusagen die Vorfreude (welches ja bekanntlich die grösste Freude ist).[7]
Daran knüpfen wir nun an. Unser Trainingsziel ist es, dem Hund das Warten/Abwenden/Umgehen, etc. des verlockenden Reizes mit dem Seeking System zu assoziieren. Damit wird das Sich-beherrschen zur Vorfreude auf die Belohnung und somit in sich selbst belohnend!
Schauen wir das an einem Beispiel mit meinen jüngsten Hund Finnlay an. Wie jeder Welpe und junge Hund fand auch Finn es eine selbstbelohnende Tätigkeit, Pferdekot und allerlei Unrat zu fressen – also ein schönes Beispiel einer unmittelbaren Belohnung fürs limbische System.
Ruft man Nein und Pfui, wird der Hund es schnell noch runterschlucken und das nächste Mal besser aufpassen, dass man es nicht sieht – denn der Hund WILL es ja immer noch tun. Darum muss man, will man dauerhaft ein Verhalten modifizieren, über die Motivation des Tieres arbeiten, damit das Tier gerne und freiwillig eine Alternative wählt.
Nun nehme ich Finn an Geschirr und Leine, lege eine nicht sonderlich hochstehende Belohnung auf den Boden und lasse ihn gerade nicht hinkommen. Ich ziehe aber nicht an der Leine, sondern warte, bis er einen kurzen Moment den Blick abwendet, das clicke ich, lobe ihn sehr und er erhält eine viel grossartigere Belohnung wie z.B. ein Stück Käse bei mir. Nach einigen Wiederholungen wird der Hund von sich aus, den Blickkontakt suchen oder gar schon bei einem bleiben. Wenn der Hund verstanden hat, um was es geht, kann man ein Signal einführen.
Mit diesem Aufbau - wie er in diesem Video zu sehen ist - habe ich Finnlay systematisch trainiert und es funktioniert super. Er interessiert sich nicht mehr für das Objekt seiner früheren Begierde, wenn doch – eher indem er meint „hast du gesehen, da hat es was, jetzt kriege ich was dafür“. Und wenn er doch mal ganz selten etwas fressen will, kann ich ein freundliches „sii laa“ Signal sagen und er kommt sofort zu mir.
Hunde sind Kontextlerner und darum ist es ganz wichtig, verschiedene Impulskontrollübungen in verschiedenen Situationen zu machen. Eine andere Übung ist das Warten, bei der ein Hund lernt, dass es ein Spiel ist und sich lohnt zu warten, obwohl sein Mensch zum Beispiel rumhüpft oder mit Spielsachen wirft etc.
Wie auch Jugendliche haben Junghunde manchmal ein Chaos im Kopf, sprich das Hirn ist am Reifen. Darum ist es besonders wichtig, in dieser Zeit nachsichtig zu sein. „Back to the Kindergarden“ und dafür im Zeitraffer wieder durchs Training ist das Motto. Ebenso viel Management und Training. Den Hund im Alltag lieber an die Schleppleine nehmen und in ablenkungsarmer Umgebung mit viel Motivation wieder die alten Welpenübungen machen. Dann geht die Pubertät problemloser durch als gedacht. Impulskontrollübungen sollten aber während des ganzen Hundelebens durchgeführt werden. Werden sie, wie hier beschrieben trainiert, hat man einen Hund, der auch bei starken ablenkenden Reizen noch ansprechbar ist und sich sogar selbstständig und gerne am Menschen orientiert. Dies ist ein fruchtbarer Boden für eine vertrauensvolle Beziehung, die für alle Seiten – Hund, Mensch und Gesellschaft – eine Bereicherung darstellt.
[1] Mischel, W., Shody, Y. und Rodriguez, M. L. (1989). Delay of gratification in children. Science, 244, 933-938.
[2] Epstein, S. (1990). Cognitive-experimental self theory, in: L. A. Pervin (Hrsg.): Handbook of personality. Guilford, New York; zit. nach Beck, E. (2011). Wer denken will, muss fühlen, Nerdlen/Daun: Kynos, S.78.
[3] Vorlesung kognitive Neurowissenschaften HS 2009, Prof. Dr. L. Jäncke, Universität Zürich
[4] Beeli, G., Koeneke, S., Gasser, K. und Jäncke, L. (2008). Brain stimulation modulates driving behavior. Behav. Brain Funct. 4, 34.
[5] Gogtay, N., Giedd, J. N., Lusk, L., Hayashi, K. M., Greenstein, D., Vaituzis, C., Nugent III, T. F., Herman, D. H., Clasen, L. S., Toga, A. W., Rapoport, J. L. und Thomson, P. M. (2004). Dynamic mapping of human cortical development during childhood through early adulthood. PNAS May 25 (8174-8179).
[6] Bekoff, M. (2008). Das Gefühlsleben der Tiere. Bernau: Animal Learn Verlag, S. 14
[7] Panksepp, J. (2005). Affective-Social Neuroscience. Approaches to understanding core emotional feelings in animals. In McMillan, Franklind. (Hrsg.), Mental Health and Well-being in Animals. Iowa: Blackwell Publishing; zit. nach Beck, E. (2011). Wer denken will, muss fühlen, Nerdlen/Daun: Kynos, S. 50.
- Meine Hunde heissen Camilla, Hitchcock und Finnlay
- Mein Motto im Umgang mit Hunden lautet: Mit Empathie und Wissen zu einem harmonischen, bereichernden und lustigen Miteinander
- Der Film, in dem meine Hunde die Hauptrolle spielen würden, hätte den Titel „Schottischer Grössenwahn“
- Mein Lieblingsbuch zum Thema Hund: da gibt es viele ... „Wer denken will, muss fühlen“ von Elisabeth Beck, „Hundeverstand“ von John Bradshaw und „Die Seele der Tiere erreichen“ von Karen Pryor schaffen es weit nach vorne
- Was ich an an meinen Hunden besonders bewundere: Ihre Fähigkeit den Moment und nur den Moment zu leben
- Mein erster (Pflege-)Hund war ein Airedale Terrier namens Jana