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Grosse Kreisstadt in Baden-Württemberg, Landkreis R., am Oberlauf des Neckars, 61 km nördlich von Schaffhausen gelegen. 2009 25'766 Einwohner. Im Bereich des röm. Municipiums Arae Flaviae, das auf einen um 73/74 n.Chr. von der 11. röm. Legion und von Vindonissa aus gegr. Militärstützpunkt zurückging, entstand im FrühMA ein alemann. Verwaltungszentrum, das die Franken in der Merowingerzeit als Königshof übernahmen. Er erscheint 771 in der "Vita vetustissima" des hl. Gallus unter dem Namen rotuvilla. Nach seiner Verlagerung ins Gebiet der heutigen Mittelstadt entwickelte er sich zu einem der Vororte des Herzogtums Schwaben. Die kirchl. Organisation des Gebiets erfolgte vom Bodensee aus. Das Kloster St. Gallen hatte im 8. Jh. Besitz auf der nördlich von R. gelegenen Neckarburg. Umgekehrt sind in St. Gallen für den gleichen Zeitraum Wallfahrer aus R. nachzuweisen.
Im Gebiet der heutigen Mittelstadt muss es im 12. Jh. zu einem nicht geglückten Stadtgründungsversuch gekommen sein. Das bis gegen 1600 greifbare Privileg des Rottweiler Schultheissen, vom Bf. von Chur jährlich einen Habicht zu erhalten, der wohl als Rekognitionszins zu sehen ist, scheint bis in stauf. Zeit zurückzureichen. Das spätma. R. wurde etwa 1 km nördlich der Mittelstadt angelegt, vermutlich unter der polit. Verantwortlichkeit der Staufer. R.s Stadtgründung kam bis 1241 zu einem gewissen Abschluss. Ein Schultheiss wird bereits 1230 genannt, Rottweiler Bürger 1234, consules 1265, der Bürgermeister 1289 und die Gem. der Bürger mit ihrem Siegel 1251. Als R. 1434 von Ks. Sigismund die Goldene Bulle erhielt, war seine Entwicklung zur Reichsstadt abgeschlossen.
In der Zeit, in der R. ein zugewandter Ort der Eidgenossenschaft war, standen der Bürgermeister und der Schultheiss an der Spitze der Stadt. Beide wurden jeweils für ein Jahr gewählt und wechselten nach Jahresfrist in aller Regel ihre Ämter. Mit dem Wachsen der Rottweiler Landschaft rekrutierten sich aus dem Kreis der massgebl. Ratsmitglieder die höchsten Beamten der Stadt, die etwa an die Spitze der bis Ende des 16. Jh. entwickelten vier Verwaltungseinheiten der Rottweiler Landschaft traten. Der Ratsschreiber leitete nicht nur die städt. Kanzlei, sondern auch die des Kaiserl. Hofgerichts in R.; als Fachjurist gewann er an Einfluss und trug in der späten Reichsstadtzeit den Titel eines Syndikus. Der Gr. und der Kl. Rat wurden bis zum Erlass des Erneuerten Rottweiler Rechts von 1546 zu einem einzigen Gremium zusammengefasst, das nur noch 50 Mitglieder zählte. Bis zu diesem Zeitpunkt war auch die Zahl der Zünfte von elf endgültig auf neun herabgesetzt worden. Festgeschrieben wurde durch das sog. Schweizer Laudum, ein 1579 erfolgter eidg. Schiedsspruch mit Verfassungsrang, die Stellung der Gemeinde. Diese war nun durch die Achtzehner, die an die Stelle der alten Zweiundzwanziger traten, einflussreich und hatte bei bedeutenden Ratsentscheidungen ein Vetorecht.
Autorin/Autor: Winfried Hecht
R. war ein bedeutsamer Markt für Vieh und Getreide. Rottweiler Tuch wird bereits 1414 im Zürcher Zolltarif aufgeführt. Bis ins 15. Jh. wurden Glocken und Kanonen aus R. auch ins Gebiet der Nordschweiz verkauft. Meister Heinrich von Basel war 1342 am Rottweiler Kapellenturm tätig. Ein Pulvermacher aus R. wird in Bern 1382 erwähnt. Vom frühen 15. Jh. an sind Rottweiler Kaufleute auf der Messe in Zurzach nachzuweisen. Strafwallfahrten von Rottweilern nach Einsiedeln sind ab 1462 bekannt und gehörten zu den frühesten aus Schwaben.
Für das Gebiet der Schweiz hatte das Rottweiler Hofgericht als höchstes Zivilgericht eine besondere Bedeutung. Das in einer Urkunde von 1299 erstmals erw. Reichsgericht, an dessen Spitze ab 1360 in Erbfolge die Gf. von Sulz standen, ächtete schon 1315 auf Ersuchen des Abts von Einsiedeln zweimal die Waldstätte Schwyz, Uri und Unterwalden wegen Landfriedensbruch. 1362 wurde das Zürcher Landgericht nach dem Vorbild des Rottweiler Hofgerichts organisiert.
Autorin/Autor: Winfried Hecht
1346 schlossen Schaffhausen und R. ein Bündnis. Im Zug der Entwicklung der oberdt. Städtebünde trat R. zu Städten in Beziehung, die in der werdenden Eidgenossenschaft eine Rolle spielten, z.B. 1399 zur Vereinigung der zwölf Städte um den See. Allerdings war es 1405 auch an der Niederlage beteiligt, welche die Bodenseestädte in den Appenzellerkriegen gegen St. Gallen und Appenzell erlitten. Beim Kampf der oberdt. Reichsstädte gegen die Fürsten isolierten sich die Rottweiler, als sie 1449 die vorderösterr. Festung auf dem benachbarten Oberhohenberg stürmten und zerstörten. Als es um Schadensersatz für Ehzg. Albrecht von Österreich ging, liessen die schwäb. Verbündeten R. im Stich. Nur Schaffhausen, das 1454 seinerseits mit der Eidgenossenschaft ein Bündnis geschlossen hatte, hielt zu den Rottweilern. Von Luzern zur Tagsatzung eingeladen, wurde R. 1463 selbst von den acht alten Orten für 15 Jahre als zugewandter Ort anerkannt. Die Eidgenossen verpflichteten sich, den Rottweilern auf deren Verlangen und Kosten in allen Fällen bewaffnete Hilfe zu leisten. R. wollte den Schweizern im Kriegsfall auf eigene Kosten Zuzug leisten, ihnen die Stadt offen halten, nur mit Zustimmung der Eidgenossen Krieg anfangen und sich im Vermittlungsfall ihrem Spruch unterwerfen. Vor diesem Hintergrund ist die Teilnahme R.s am Kampf gegen Hzg. Karl den Kühnen zu sehen. Aufgebote aus R. beteiligten sich vermutlich an den Kämpfen bei Héricourt und Nancy, auf jeden Fall aber unter Pelagius Rüd an der Belagerung von Neuss und 1476 an der Schlacht von Murten. Nach der Erneuerung ihres Bündnisvertrags 1477 zogen die Rottweiler 1478 mit den Schweizern erstmals nach Oberitalien. Kleinere Kontingente ihrer Büchsenschützen kamen dort fortan regelmässig zum Einsatz, so 1503 in Bellinzona oder 1515 in Marignano. 1490 wurde der Bund mit der Eidgenossenschaft verlängert. Im Schwabenkrieg stand R. auf der Seite der Eidgenossen, griff jedoch nicht in die Kriegshandlungen ein. Für die Teilnahme am Pavierzug erhielten die Rottweiler 1512 auf Vermittlung von Kardinal Matthäus Schiner ein Juliusbanner. Auch am Zug nach Dijon 1513 beteiligte sich R., dessen Vertrag mit den Eidgenossen 1507 ausgelaufen war.
Nach dem Tod Ks. Maximilians handelten die dreizehn Orte und R. einen Ewigen Bund aus, der am 24./25.9.1519 in R. von beiden Seiten beeidigt wurde. Vorgesehen war, dass die Rottweiler die Eidgenossen künftig für militär. Hilfeleistung nicht mehr zu bezahlen hätten und dass sie für entsprechende Leistungen bei gemeineidgenöss. Unternehmungen Anspruch auf eine Entschädigung hatten. R. sollte nun auch bei Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden Seiten im Schiedsgericht vertreten sein. Zusammentreten sollte ein solches Schiedsgericht in Baden. Geregelt wurden ferner die Rechtshilfe bei der Verbrechensbekämpfung sowie die Wirtschaftsbeziehungen beider Seiten mit dem gegenseitigen Verzicht auf die Einführung neuer Zölle und die Meistbegünstigung bei Kauf und Verkauf. Insgesamt wiederspiegelte der Ewige Bund von 1519 Gemeinsamkeiten, wie sie in jenen Jahren auch in R.s bekannter Lateinschule und von Schülern wie Glarean oder Oswald Myconius entwickelt worden waren, etwa in der Verbreitung von "proschweiz." Ideologien. Auf der Tagsatzung in Baden sass die Rottweiler Vertretung in der Reihe der zugewandten Orte.
Autorin/Autor: Winfried Hecht
Das Verhältnis zwischen den Bündnispartnern wurde in der Reformation erstmals einer ernsthaften Belastung ausgesetzt. Nachdem R. 1529 den grössten Teil seiner Reformierten ausgewiesen hatte, fanden diese hauptsächlich in der Schweiz Zuflucht. Hinter den kath. Rottweilern stand damals beispielsweise der Schwyzer Landammann Caspar Ab Yberg, die Reformierten hatten über Valerius Anshelm Verbindungen nach Bern. Während der Kappelerkriege bemühte sich R. zunächst um Vermittlung, griff dann aber auf Seiten der kath. Orte in die Kampfhandlungen ein. Zürich stellte 1531 Antrag auf Kündigung des Bunds mit R.
Trotz solch ungünstiger Perspektiven versuchten beide Seiten, ihr Verhältnis im Sinn des Ewigen Bunds zu gestalten. Dies wurde 1540 bei der für R. gefährl. Landenberger Fehde ebenso deutlich wie 1579 beim sog. Schweizer Laudum, mit dem eine eidg. Delegation bestehend aus Vertretern von Zürich, Schaffhausen, Schwyz und Glarus zwischen dem Rottweiler Rat und den Achtzehnern (Vertretern der Gem.) schlichtete. Bereits 1546 hatte R. seine 1507 mit Österreich eingegangene Verbindung nicht mehr erneuert, worauf es in die Bündnisse und Verträge der Eidgenossen integriert wurde, die Rottweiler Studenten ab 1523 in Paris am Collège royal und noch 1613 am Mailänder Collegium Borromaeum Schweizer Stipendiatenplätze einräumten. Die Rottweiler Lateinschule wurde 1563 trotz der konfessionellen Verschiedenheit nach Zürcher Vorbild reformiert. Ein Schweizer Bannerträger krönte den Rottweiler Marktbrunnen und Wappen der eidg. Bundespartner schmückten das Rathaus.
Autorin/Autor: Winfried Hecht
Erst mit dem Dreissigjährigen Krieg 1618-48 änderte sich das Verhältnis zwischen dem zugewandten Ort R. und der Eidgenossenschaft. 1632 sahen die Reformierten unter Führung Zürichs die eidg. Neutralität verletzt, weil R. während des Kriegs eine kaiserl. Besatzung aufgenommen hatte, worauf es trotz Widerstand der kath. Orte von der Beratung ausgeschlossen wurde. Beim Frieden von Rijswijk wurde die Stadt 1697 nicht mehr als zugewandter Ort erwähnt, obwohl der Ewige Bund von 1519 nie formell gekündigt worden war. Der Status eines zugewandten Orts hatte sich auf die Dauer als unvereinbar mit R.s Eigenschaft als Reichsstadt erwiesen.
Trotzdem blieben die Beziehungen zwischen der Schweiz und R. in der Folge eng. Dies zeigte sich etwa 1696 nach dem Rottweiler Stadtbrand, als die Eidgenossen ungeachtet ihrer Konfessionszugehörigkeit beim Wiederaufbau nach Kräften halfen. Dank der Kapuziner und Jesuiten entstanden neue Verbindungen in die kath. Orte der Eidgenossenschaft. Ab 1793 bemühte sich Johann Baptist Hofer als R.s führender Kopf um eine förml. Wiederbelebung des Bunds mit den Eidgenossen. Die Tagsatzung reagierte 1794 auf Hofers Vorstellungen zunächst distanziert, bewilligte aber ein Empfehlungspatent für R., das den franz. Streitkräften zugestellt wurde und in dem die Tagsatzung auf die Beziehungen zwischen der Schweiz und R. hinwies. Hofer setzte seine Anstrengungen fort, bis sein Ansinnen, R. in irgendeiner Form beim Friedenskongress in Rastatt zu vertreten, 1798 von der Schweiz abgelehnt wurde.
Nachdem die Reichsstadt R. 1802 an Württemberg gelangt war, gab es keine Möglichkeiten mehr, an die alten Beziehungen zur Eidgenossenschaft anzuknüpfen. Die wirtschaftl. Beziehungen wurden ausgebaut, als die Nordschweiz im 19. Jh. für längere Zeit Hauptabsatzgebiet für Rottweiler Salz wurde. Auch die Fertigstellung der Eisenbahnverbindung zwischen Stuttgart und Zürich 1875 belebte die Geschäfte und die sonstigen Beziehungen. Nach dem Scheitern der Revolution 1848-49 gewährte die Schweiz zahlreichen Demokraten Zuflucht. 1913 griffen Sänger aus Brugg die Tradition der Freundschaft zwischen der Schweiz und R. auf und besuchten den ehemals zugewandten Ort. Daraus entwickelte sich eine der frühesten, bis heute lebendigen internat. Städtefreundschaften, in deren Rahmen seit 1985 jährlich in Brugg oder R. das Deutsch-Schweizer Autorentreffen stattfindet.
Autorin/Autor: Winfried Hecht