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Ins Gelobte Land
Muddy Waters (1913–1983) ist die wichtigste Person in der Entwicklung des Blues. Ohne ihn hätte sich der Blues anders oder vielleicht gar nicht entwickelt und wäre entsprechend heute entweder eine andere Musik oder eine lokale Spielart, der niemand grosse Beachtung schenkte. Muddy Waters selbst spielte hierbei eine aktive und formende Rolle als Musiker und Bandleader, als Geschäftsmann und als Repräsentant des Blues in der Welt, als Bindeglied zwischen dem «alten» Blues der Südstaaten und dem «neuen» Blues der Städte des Nordens. Er war der «Moses» der Bluesmusik, der die Musiker – und damit die Musik selbst – ins Gelobte Land führte, wo vermeintlich Milch und Honig flossen, tatsächlich aber vieles besser war als in der Heimat. Letztlich aber war er ein grandioser und genialer Musiker, dessen Gesang und Gitarrenspiel das Genre des Blues bis heute definieren.
Muddy Waters, 1913 geboren als McKinley Morganfield auf der Stovall Plantation in Rolling Fork, Mississippi, ist meiner Meinung nach der einflussreichste Bluesmusiker des 20. Jahrhunderts. Mehr als B.B. King (der dafür die Krone als Bluesgitarrist kriegt), Robert Johnson, W.C. Handy oder sonst jemand war Muddy Waters die treibende Kraft in der Etablierung des Blues als Kunstform, und gleichzeitig war er sein künstlerisches Leben lang aktiv in der Etablierung anderer Musiker. Er nahm immer wieder junge Musiker, Schwarze wie Weisse, unter seine Fittiche und ermöglichte diesen den Start einer eigenen Karriere, indem sie bei ihm das Handwerk des Chicago Blues erlernten. Die glanzvollen Karrieren von beispielsweise Willie Dixon, Otis Spann, Buddy Guy, Junior Wells oder Pinetop Perkins wären anders verlaufen ohne die Starthilfe Muddy Waters’, der sich auch nicht zu schade war, als Sideman bei den Aufnahmen mitzuwirken.
Der Einfluss des Mannes auf die europäische Blues- und Rockszene ist ebenfalls kaum zu überschätzen. Muddy Waters war es, den die Beatles auf ihrer ersten U.S.A.-Reise sehen wollten, auch wenn amerikanische Journalisten dies für eine geographische Bezeichnung hielten (mehr). Die Beatles, Eric Clapton und Led Zeppelin verehrten den Musiker, die Rolling Stones wählten ihren Bandnamen nach seinem gleichnamigen Song.
All dies ist bekannt, aber es sind nur die Symptome dessen, was Muddy Waters als Musiker und als Mensch geleistet hat. Als Musiker sind dies die «Erfindung» des elektrischen Blues in Form seiner Aufnahmen für «Chess» in den späten 40er und den 50er Jahren sowie die Etablierung des Blues als Kunstform durch seine Auftritte am «Newport Jazz Festival» 1960.
Muddy schaffte es mit Glück und Können, ab 1947 kommerzielle Aufnahmen zu machen, zuerst mit dem Pianisten Sunnyland Slim und dann unter eigenem Namen. In den 1950er Jahren war seine Musik sehr erfolgreich und seine Schallplatten verkauften sich lokal und landesweit ausgezeichnet unter der Schwarzen Konsumentenschaft. Es folgte eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Arrangeur Willie Dixon, Harmonika-Spieler Little Walter und Pianist Otis Spann. Viele der klassischen Aufnahmen, die Muddy dann sein Leben lang immer wieder aufführte entstanden in dieser Zeit der mittleren 1950er.Manche dieser Aufnahmen schafften es auch nach England, wo sie wie solche von Chuck Berry oder Robert Johnson von gewissen jungen Briten gehört wurden.
Sein eindrücklicher Gesang, der wie ein Blues-Shouter jede einzelne Silbe betont, ist gepaart mit seinem Südstaaten-Akzent, der für eine sog. «Behauchung» der Konsonanten und damit eine weiche Diktion sorgt. Dazu begleitet er sich auf frühen Aufnahmen mit einem unglaublich spannungsgeladenem Slidespiel auf der elektrischen Gitarre (zumeist einer Telecaster, aber auch Les Paul). Sein Sound mit der Band beinhaltet in der Regel die Elemente Blues-Harmonica, Gitarre, Schlagzeug und Bass. Bläser-Arrangements sind entsprechend selten. Wie auf Muddys Album Brass and the Blues deutlich zu hören ist, passen Chicago-Blues und Bläser auch nicht wirklich gut zusammen. Der Folk-Welle der späten 60ern entsprechend wurden «unplugged»-Aufnahmen gemacht, nur mit Gitarre, Bass und Gesang, die auf dem genialen Album Folk Singer zu hören sind.
Das Gros der Aufnahmen ist aber mit der genannten Instrumentierung versehen, und dies mit einer ständig wechselnden Belegschaft, wie es der modulare Jazz-ähnliche Aufbau der Songs mit einem Thema und einzelnen Soli möglich machte. Die Arrangements liessen allen Beteiligten einen Teil des Rampenlichts, und Muddy hatte bis auf die vorgeschriebenen Anzüge für Bühnenauftritte alles im Griff. Über diese grossartigen Aufnahmen kann man nicht viel mehr sagen kann, als dass sie genau dies sind. Wer die Aufnahmen von Muddy Waters nicht kennt, sollte sich darauf freuen, diese Wissenslücke baldmöglichst zu schliessen (Albumempfehlungen:One More Mile mit Aufnahmen aus Montreux, The Chess Box, Folk Singer, Muddy Waters at Newport Jazz Festival, I’m a King Bee / Hard Again, Fathers and Sons). Wer ihn kennt, dem sei ein Hervorkramen der alten LPs oder eine Neubespielung des Ipod ans Herz gelegt.
Als Mensch steht bei Muddy Waters sein grosses Herz und seine Bereitschaft im Vordergrund, Musiker bei sich unterzubringen und ihnen den Start in der grossen Stadt zu ermöglichen. «So cold up north, that a bird can’t hardly fly» mit diesem Text beginnt das Stück So Cold Up North, in dem sich Muddy Waters über das lausige Wetter in Chicago beklagt.
Für einen Mann aus dem Mississippi Delta war die Migration in den Norden meteorologisch vielleicht kein Vergnügen, gleichwohl war es der Traum der meisten Schwarzen der Südstaaten: In den Norden ziehen, wo die Jim Crow-Gesetze der Rassentrennung, die wirtschaftliche Unmündigkeit durch Benachteiligung, die willkürlichen Lynchmorde und die konstante Bedrohung des eigenen Lebens durch Nachbarn, die Staatsgewalt und die Justiz weniger bedrohlich erschienen als «down home» in den noch immer wenig industrialisierten Südstaaten, wo es neben der Rassendiskriminierung auch wenig Arbeit gab. So machten sich im Zeitraum von 1910 bis 1970 etwa sieben Millionen Schwarze Amerikaner auf den Weg nach Norden.
Hierbei waren natürlich auch Musiker, und viele von diesen migrierten nach Chicago, dem Schwerpunkt der Schwerinindustrie, wo tüchtige Arbeiter gesucht waren. Muddy Waters hatte diese Übersiedelung bereits 1943 vorgenommen. Er war nicht der erste, Tampa Red und Big Bill Broonzy waren schon früher in die Windy City gezogen, aber er ermöglichte es vielen von ihnen, sich heimisch zu machen und eine eigene Existenz als Musiker zu begründen. Hierbei ging er streng patricharchal vor, sowohl zu den jungen Musikern, wo auch mal eine Ohrfeige oder eine Bedrohung mit dem Messer drinliegen musste, um den rechten Weg zu weisen, als auch mit seinen Frauen, die er nach Strich und Faden betrog. Gleichwohl wird er durchgehend als liebenswert und grossherzig beschrieben, als fröhlicher und lebenslustiger stolzer Mann, der stets in den besten Jahren zu sein schien.
Oben wurde der Vergleich zum alttestamentarischen Moses gezogen, der die Juden aus Ägypten ins Gelobte Land geführt haben soll. Muddy Waters gab ebenfalls die Richtung vor für Schwarze Musiker, aber auch für das Publikum, das seine Musik hörte, und der er Stolz und Tradition vermittelte in der fremden Heimat, deren Ängste und Sorgen er in seinen Songs thematisierte. Wie ein afrikanischer Häuptling, der die Befehlsgewalt über seinen Stamm hat, aber auch die Verantwortung, sorgte Muddy für die jungen Bluesmen wie Junior Wells, Buddy Guy, James Cotton oder Luther Johnson, aber er vermittelte auch seine Werte der Gemeinschaftlichkeit und der Hierarchie auf wie neben der Bühne. Dadurch schuf Muddy Waters ein enges Netzwerk der Bluesmusiker, die oftmals ein Leben lang in Kontakt blieben, immer wieder gemeinsame Aufnahmen oder Konzertauftritte machten, und sich generell als Mitglieder einer Blues-Familie sahen. Dieses Bewusstsein entstand mit und durch Muddy Waters, der es auch auf junge Weisse Musiker aus Chicago ausdehnte wie Mike Bloomfield oder Paul Butterfield. Dieses soziale Netzwerk wird sehr schön und übersichtlich aufgedröselt in Biographie Muddy Waters : The Mojo Man von Sandra B. Tooze von 1997.
Als Schattenseiten dieses Lebens stehen neben den Enttäuschungen für seine drei Ehefrauen Geneva Wade, Marva Jean Brooks und Sally Ann Adams sein schwerer Autounfall von 1969, der ihn die letzten 14 Jahre seines Lebens beeinträchtigte. Ausserdem blieb Muddy Waters der Crossover-Erfolg verwehrt, wie ihn etwa Chuck Berry oder Bo Diddley erlebten. Er hatte niemals eine Nummer 1 in den Billboard R&B Charts (Hoochie Coochie Man schaffte es 1954 auf Platz 3). Für eine Liste seiner Awards sei auf die offizielle Website verwiesen.
Als er ein Weisses Publikum faszinierte, forderte dieses bereits den musealen Blues, weshalb seine musikalische Entwicklung sich auf die Ausarbeitung von Feinheiten und immer neue Inszenierung der immer wieder selben Titel beschränkte. Versuche, auszubrechen wie das Album Electric Mud bewiesen die Unsicherheit und das Bedürfnis nach Anerkennung. Viel Anerkennung wurde Muddy leider erst posthum zuteil, aber das ist scheinbar einfach so bei grossen visionären Künstlern, und um ein letztes Mal den Vergleich zu bemühen: Moses hat den Jordan schliesslich auch nicht überquert, sondern den anderen nur den Weg gewiesen.
Mitmusiker
Es folgt eine nicht ganz vollständige Liste von Musikern, die mit Muddy Waters spielten. Musiker mit einer einzigen Aufnahme wurden hierbei nicht berücksichtigt, nur solche, die für mehrere Aufnahmen mitmachten. Bei den Aufnahmen zum Album Muddy Waters vom 11. Juli 1951 spielt Leonard Chess beispielsweise eigenhändig die Bass Drum. Trotzdem wurde er hier nicht als Drummer aufgeführt. Ebenfalls unberücksichtigt bleiben Aufnahmen mit Mitgliedern der Rolling Stones oder Eric Clapton. Auf der Wikipedia-Seite zu Muddy Waters gibt es ebenfalls eine solche Liste, diese hier wurde nach der Diskographie in Sandra Toozes Buch erstellt, die von Phil Wight und Fred Rothwell erarbeitet wurde. Diese ist hier als PDF verfügbar.
Leroy Foster g, dr