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Die letzten sechs Überlebenden der so genannten Akuntsu leben in zwei kleinen Hütten nahe beieinander, im Regenwald des Flüsschens Omerê, einem Nebenfluss des Rio Corumbiara, am linken Ufer, im Südosten von Rondônia. Ihr Gebiet besteht aus einer kleineren Waldreserve, welche einstmals zu einer privaten Fazenda gehörte, die von der FUNAI gegen Ende des Jahres 1980 enteignet wurde. Charakteristisch ist der äquatoriale Wald auf der „Terra firme“ (festes Land, das auch in Regenzeiten nie überschwemmt wird), mit kleineren Hügeln, einigen Quellen, und wie alle Waldreserven in Rondônia bedroht von landwirtschaftlichen Fronten.
Akuntsu
|Andere Namen: Akunt’su

Sprache: Tupari
Population: 6 (2010)
Region: Bundesstaat Rondônia
|INHALTSVERZEICHNIS

Name
Bevölkerung
Geschichte des Erstkontakts
Die stetige Angst
Materielle Kultur
Ritual
Produktive Aktivitäten
Informationen hinsichtlich des Namens Akunt’su, Akunsu oder Akuntsu existieren in der ethnografischen Literatur praktisch keine – zumindest nicht vor dem offiziellen Kontakt mit der FUNAI, der im Jahr 1995 stattfand.
Eine ganz kurze Erwähnung findet sich im Buch von Frans Caspar „Tupari“, in welchem dem Autor von seinen Tupari-Informanten von einem „gefährlichen“ und „schrecklichen“ Stamm berichtet wird, der in den östlichen Wäldern ihres Territoriums leben soll, wo sie sich noch niemals hingewagt hätten, und dem sie den Namen „Akontsu“ gegeben hatten.
Akuntsu oder Akunsu entspricht nicht der Selbstbezeichnung dieser Gruppe. Sie hören lediglich auf diesen Namen, weil sie von ihren Nachbarn, den Kanoê, so genannt werden. Diese Kanoê sind Überlebende jenes Volkes der Kanoê, welche von der Kommission Rondon im Tal des Rio Tanaru zwischen 1913 und 1914 angetroffen wurden – und die sich in die Isolation der Wälder des Omerê zurück gezogen hatten – bis sie 1995, etwas früher als ihre Nachbarn die Akuntsu, von der Kontaktfront der FUNAI aufgespürt wurden. Die Akuntsu bezeichnen ihrerseits die Kanoê mit dem Namen Emãpriá.
In der Kanoê-Sprache scheint Akuntsu zu bedeuten: andere Indianer. Deshalb kann auch die Bezeichnung „Wakontsón“, mit welcher Caspars Tupari jenen mysteriösen Stamm belegten, vor dem sie sich fürchteten, in Wirklichkeit nichts weiter sein als die Bezeichnung für eine indigene Gruppe, die ihnen völlig unbekannt war – eben andere Indianer.
Im Januar 1999 stellte die FUNAI eine technisch orientierte Gruppe zusammen, um die Grenzen des IT Omerê zu definieren, in dem sich die Kanoê und Akuntsu aufhielten – daraus wurden 26.000 Hektar Fläche mit einem Umfang von 81 Kilometern. Das Land wurde im Dezember 2002 vom Justizministerium offiziell erklärt und man wartet auf eine Bestätigung durch den Präsidenten der Republik.
Die Akuntsu stellen heute eine der kleinsten ethnischen Gruppen Brasiliens dar. Gezeichnet von der Besetzung ihres Lebensraums und Massakern, unterscheidet sich ihre Geschichte wenig von der anderer Eingeborenenvölker in Rondônia. Nach Auskunft des lokalen FUNAI-Beamten gegenüber dem ISA im März 2005, besteht die Gruppe aus Kunibu (der auch Babá genannt wird), einem Mann von zirka 65 Jahren – Ururu, einer Frau von zirka 75 Jahren – Popak, einem Mann von zirka 35 Jahren – ausserdem noch drei Frauen zwischen 18 und 30 Jahren.
In der Mitte der 80er Jahre erlebten die Akuntsu wahrscheinlich ihren letzten Konflikt mit den Weissen. Von den Fronten der FUNAI aufgespürte Beweise enthüllen, dass in den Wäldern der Region ein Massaker stattgefunden hat – man fand Reste von Gebrauchsgegenständen und Anzeichen für ein niedergebranntes Dorf von zirka 30 Bewohnern. Zehn Jahre später, als die offizielle Regierungsstelle die Akuntsu zum ersten Mal kontaktierte, klärte der Bericht eines der Mitglieder der Gruppe, welche damals nur noch aus sieben Individuen bestand, was tatsächlich passiert war. Kunibu erkannte die Keramikreste und ein paar Utensilien als zu seinem alten Dorf gehörig – und dann berichtete er in kleinsten Details, indem er auch die Narben an seinem eigenen Körper erklärte, was nach seiner Ansicht ein Versuch gewesen ist, sie komplett auszurotten. Kunibu schilderte den Angriff, den sein Volk von Seiten der weissen Männer erlitten, welche die Índios schon lange von ihrem angestammten Land verjagen wollten. Und er erinnerte sich leiderfüllt der Namen der Ermordeten – danach scheint es, dass es mehr als fünfzehn waren.
Seit ihrem offiziellen Kontakt im Jahr 1995 starb bei den Akuntsu ein weiteres Mitglied ihrer Restgruppe – so berichtete Marcelo dos Santos dem ISA. Im Januar 2000 dann, während eines nächtlichen Sturms, fiel ein grosser Baum auf Kunibus Hütte, erschlug seine jüngste Tochter und verletzte ihn selbst.
Wie schon erwähnt, gibt es lediglich einen kleinen Hinweis auf die Bezeichnung „Akuntsu“ genauer „Wakontsón“) innerhalb jener Zeit vor einem offiziellen Kontakt – mittels einer Information, die dem Schriftsteller Frans Caspar von den Tupari gegeben wurde, Indianer vom Rio Branco, einem linksseitigen Nebenfluss des Rio Guaporé, der sich im Südosten des gegenwärtigen Akuntsu-Territoriums befindet.
Im Jahr 1985 stellte man offiziell die Kontaktfront von Seiten der FUNAI zusammen, welche den Erstkontakt zu jenen unbekannten Indianern herstellen sollte, die sich im Gebiet des Corumbiara aufhalten sollten. Obwohl diese Informationen dem Indianerschutz schon seit 1970 bekannt waren, hatten Berichte von 1984 die Präsenz von einer weiteren – oder sogar zwei – isolierten Gruppen hinzugefügt, die sich innerhalb der Waldstücke einiger Fazendas herumtreiben sollten – die man angefangen hatte abzuholzen, um die Edelhölzer zu verkaufen und neue Weiden für das Vieh zu gewinnen. Bisher hatten die Landbesitzer die Gegenwart der Indianer stets verschwiegen, denn deren Bestätigung hätte den Besitz dieser Ländereien in Gefahr gebracht: Nach brasilianischem Gesetz darf ein von Indianern besetztes Gebiet nicht in Besitz genommen werden (also hat man es „indianerfrei“ gemacht, indem man die Indianer erschoss).
Im Dezember 1986 wurde das von der FUNAI wegen eines möglichen Kontakts gesperrte Land wieder für die Fazendeiros freigegeben – die FUNAI selbst erklärte dazu, dass Indianer, die dort vielleicht einmal existiert hätten, sich wahrscheinlich längst zurück gezogen hatten, denn dieses Gebiet war durchzogen von kleineren Strassen zum Abtransport der Hölzer aus den Wäldern.
Der „Sertanista“ (Waldläufer) der FUNAI, Marcelo dos Santos, verantwortlich für die Kontaktfront und die Sperrung jenes Gebiets, führte während der folgenden Jahre seine Suche nach Anzeichen einer Präsenz von Indianern auf eigene Faust weiter. Viele Male erreichten ihn Morddrohungen und jede Art von Behinderungen von Seiten der Holzfäller und Fazendeiros. Ab 1993 konnte er dann auf die zusätzliche Unterstützung von Satellitenfotos zurückgreifen – da entdeckte er einen winzigen rötlichen Punkt mitten in einer der Waldflächen, den er als eine mögliche Pflanzung interpretierte – und er machte sich mit einer zweiten Expedition auf den Weg zu einem definitiven Kontakt mit den Indianern.
Im September 1995 schliesslich traf er zum ersten Mal auf die Kanoê – die berichteten dann den Mitgliedern der Expedition, dass in der Nähe ein anderer Stamm existierte, den sie Akuntsu nannten. Im Oktober des gleichen Jahres machte sich eine weitere Expedition auf – diesmal auch zusammen mit Kanoê-Indianern – und sie fanden gar nicht weit vom Kanoê-Dorf die kleinen „Malocas“ (Hütten) der unbekannten Akuntsu, welche die Kontaktleute voller Furcht empfingen. Damals waren es sieben Personen, zwei erwachsene Männer, drei Frauen (eine ältere und zwei in reproduktivem Alter), eine Halberwachsene und ein Mädchen von etwa sieben Jahren.
Angst wuchs zum kontinuierlich vorhandenen Element im Alltag der Akuntsu. Kunibu, der Häuptling jener Gruppe, näherte sich niemals jemandem ohne sein Geblase, charakteristische Vorsichtsmassnahme bei schamanistischen Ritualen, welche die Macht besitzen, je nach Situation, böswillige Kräfte abzuweisen, oder einen Körper und das Ambiente zu reinigen, in dem sie Gefahr oder eine böswillige Macht vermuten. Dies ist eine Gewohnheit, die er, egal wohin er geht, stets anwendet – wie zum Beispiel beim Besteigen des Fahrzeugs der FUNAI, um darin ein Stück mitzufahren.
Wie schon erwähnt, befinden sich die Wohngebiete der Akuntsu wie der Kanoê innerhalb einer von der FUNAI 1980 gesperrten Privatzone einer Fazenda, und um zum Dorf der Kanoê zu gelangen, muss man ein Stück Weideland überqueren, welches die beiden Waldinseln voneinander trennt – die Überquerung dauert etwa 4 bis 5 Minuten. Wegen ihrer Angst vor den Cowboys der Fazenda, nehmen die FUNAI-Beamten das Rasenstück unter die Räder ihres Toyotas und die Indianer ducken sich auf der Ladefläche. Ihre scheinbar übertriebene Angst wird erst verständlich, wenn man sich an die Geschichte jenes Massakers erinnert – das Blei der Invasoren steckt bis heute im Rücken von Kunibu, seiner Tochter und den übrigen Frauen der Gruppe, sowie den Beinen von Popak, dem anderen männlichen Mitglied. Die Angst steckt ihnen allen in den Knochen, die Angst vor etwas, das ihnen wiederfuhr, und dessen Ursache sich gleich dort auf dem Stück Weideland befindet.
Wie die Gruppen des „Complexo Cultural do Marico“ stellen auch die Akuntsu jenen geflochtenen Transportsack aus Tukumfasern (marico) her – äusserst sauber verarbeitet. Aus diesem Grund kann man den „Marico“ als Referenz betrachten, um auf historische Kontakte mit anderen Völkern zwischen den Tälern der linksarmigen Nebenflüsse des Rio Pimenta Bueno sowie dem Oberlauf der rechtsarmigen Nebenflüsse des Rio Guaporé zu schliessen, welche untereinander zahlreiche ähnliche kulturelle Aspekte präsentieren. Sie stellen Keramikbehälter her und Körperschmuck, wie Armreifen, Gürtel und Knöchelbinden aus Baumwolle, einige mit kleineren Applikationen aus Fellstücken und Vogelfedern (Tukan) und auch hie und da aus Zähnen von Säugetieren. Gegenwärtig präsentieren sie kein Kunsthandwerk aus Vogelfedern – ausgenommen ihr Nasenschmuck aus Federn des Ara und die erwähnten Federapplikationen an Armen und Beinen.
Die Bögen werden aus dem Holz einer Palmenart gefertigt, und die Pfeile haben in der Regel eine oder auch drei Spitzen und sind geschmückt mit Fadenwicklungen aus rot gefärbter Baumwolle – sie besitzen eine schöne Ästhetik.
Die Akuntsu benutzen Flussmuscheln verschiedener Grössen und verschiedene Arten von Samenkernen zur Herstellung ihrer Ketten – inzwischen auch kleinere Plastikstücke. Letztere waren bereits vor dem Kontakt mit der FUNAI sowohl bei den Akuntsu wie bei den KANOÉ in Gebrauch. Sie werden entweder in Trapez- oder Kreisform geschnitten, um dann Halsketten oder Armreifen zu ergänzen, an deren Gebrauch sie sich selbst tagtäglich erfreuen – man kann sagen, dass sie geradezu an diesen Schmuckstücken hängen, denn vor der Zeit des Erstkontakts waren sie Beweis eines erfolgreichen Raubzugs, der mit der Erbeutung einiger leerer Plastikbehälter für chemische Produkte gipfelte, welche von den Angestellten der Fazenda oder im abgebrochenen Lager von Fremden achtlos zurück gelassen worden waren. Dabei fanden die Indianer besonderen Gefallen an den grellen Farben der Plastikstücke – mit Bevorzugung von Blau, Rot, Gelb und Weiss.
Sowohl Männer wie Frauen tragen einen kleinen Lendenschurz mit Franzen aus Samenperlen – auf dieselbe Art und Weise, wie sie bereits von verschiedenen durch die Kommission Rondon dokumentierten Völkern bekannt ist – wie zum Beispiel auch die antiken Kepkiriwát. Grössere Versionen dieser „Tangas“ werden von den Völkern weiter östlich des Akuntsu-Territoriums getragen, zum Beispiel von den Rikbaktsa des Juruena-Beckens, im Nordwesten von Mato Grosso. Die Akuntsu stellen auch Panflöten aus Schilfrohr her – für sie komponieren sie herrliche Melodien!
Im rituellen Bereich der Akuntsu sind schamanistische Sitzungen stets präsent. Kunibu, der Häuptling und Schamane der kleinen Gruppe, interagiert mit einer Schamanen-Frau der Kanoê während längerer Treffen, bei denen sie jenen charakteristischen, die bösartigen Geistwesen vertreibenden Rauch in alle Himmelsrichtungen blasen und ein Pulver vom Angico (Schnupftabak) sich gegenseitig in die Nasen blasen. Dann fallen sie in Trance rufen Tiergeister und andere phantastische Wesen zu sich – die sich scheinbar ihrer Körper bemächtigen.
Bilder aus dem Jahr 2002 zeigen Kunibu und drei Frauen bei einer rituellen Demonstration. Kunibu hält dabei seinen Bogen und ein paar Pfeile in den Händen, intoniert einen Gesang, wobei er heftig mit dem rechten Fuss auf den Boden stampft – begleitet von den Frauen, die ebenfalls Bogen und Pfeile halten, Kunibus Stampfen und seinen Gesang wiederholen.
Der kleine Fluss Omerê stellt für die Akuntsu keine ausreichende Ernährungsquelle dar. Aus ihm entnehmen sie lediglich das Trinkwasser und ab und zu mal ein paar kleinere Fische, welche gebraten zu einem winzigen Aperitif schrumpfen. Die Jagd, das Sammeln von Früchten und eine kleine Pflanzung rund um ihre „Maloca“ sind es, von denen sie ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Jagdbare Tiere sind kein Problem, denn ihr Gebiet hat sich als eine Waldinsel entwickelt, in die sich die Tiere der Umgebung geflüchtet haben, seit die Farmer ihren Wald abgeholzt haben, um Weideflächen zu gewinnen. Grosse Herden von Wildschweinen, Tapire und Agutis streunen durch diesen letzten Wald der Gegend und enden eines Tages an einer Pfeilspitze der Indianer, die besonders das Wildschweinfleisch schätzen.
Unter Mitarbeit des Waldläufers Marcelo dos Santos – im März 2002
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther