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Calcutta Project: Studierende sind in der Gesundheitszusammenarbeit aktiv
Praktische Erfahrungen sind nicht durch Lehrveranstaltungen ersetzbar
Von Beatrice Lüthi & Corinne Kammermann / Calcutta Project Basel
Schon seit sieben Jahren betreibt das Calcutta Projekt (CP) in einem Altstadtquartier der indischen Millionenmetropole Calcutta ein Ambulatorium mit dem Ziel, die medizinische Grundversorgung der dort ansässigen Bevölkerung zu verbessern. Gegründet wurde das Projekt vor 7 Jahren von Basler Studierenden. Es wird bis heute überwiegend durch junge engagierte Leute der verschiedenen Fakultäten der Uni Basel getragen. Die praktische Arbeit in Calcutta wird von einem indischen Team geleistet, das mit den Menschen des Quartiers verwurzelt ist.
Calcutta ist eine Stadt, in der Armut allgegenwärtig ist. Hohe Bevölkerungsdichte,. Luftverschmutzung, schlechte Wasserversorgung, mangelnde sanitäre Einrichtungen kombiniert mit falschen Verhaltensweisen sind Ursache vieler vermeidbarer Infektionskrankheiten. In diesem Umfeld erscheint es sinnvoll, dass das Calcutta Project heute nebst dem Betrieb des Ambulatoriums mit kurativer Zielsetzung zunehmend auch im präventiven Sektor tätig sein will. Im "Mother and Child Health Care"-Programm werden regelmässige Schwangerschaftskontrollen durchgeführt, sowie die Kinder bis zum Erreichen des fünften Lebensjahres betreut. In Quartiertreffen können sich die Mütter Kenntnisse über Gesundheit, Hygiene und Vermeidung von Krankheiten aneignen und Erfahrungen austauschen. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Ambulatorium befindet sich eines der grössten Prostituiertenviertel der Welt. Da die medizinische Versorgung in diesem Quartier kaum ausgebaut ist, beschloss das CP vor einiger Zeit, sich verstärkt den gesundheitlichen Bedürfnisse der "Commercial Sex Workers" zu widmen. Vorerst wurde ein kleines homöopathisches Ambulatorium eingerichtet, um das Vertrauen dieser sozial völlig an den Rand gedrängten Frauen zu gewinnen. Informationen über die Vermeidung sexuell übertragbarer Krankheiten sollen im persönlichen Gespräch und in Workshops vermittelt werden.
Für die Organisation dieser Programme ist in Indien der Partnerverein S.B.Devi Charity Home (SBDCH) zuständig. Sowohl die Mitglieder des Vorstandes wie auch die Ärzteschaft sind vorwiegend ehrenamtlich tätig. Viele der bis heute aktiven ÄrztInnen sind bereits seit ihrer Studienzeit dabei, da sich ihnen so die Gelegenheit bot, schon früh praktische Erfahrungen gegen ein kleines Entgelt zu sammeln. Zudem betreibt das CP seit seiner Gründung ein Austauschprogramm für Medizinstudierende, das bei den indischen Mitarbeitern auf ein grosses Interesse stösst und ein enormer Motivationsfaktor für ihre tägliche Arbeit darstellt. Dabei hat sich gezeigt, dass neben der medizinischen Ausbildung der Aspekt des interkulturellen Lernens von ebenso grosser Bedeutung ist.
Interdisziplinäres Lernen
In der Schweiz sind es vorwiegend Studierende der Uni Basel, die für das CP tätig sind. Es sind verschiedene Faktoren, die dazu beitragen, sich nebst einem oft dichtgedrängten Stundenplan in der Freizeit für ein Entwicklungsprojekt zu engagieren. Am Anfang steht sicher das Interesse im Vordergrund, in einer Welt, die von sozialer Ungerechtigkeit geprägt ist, einen persönlichen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen benachteiligter Menschen in den Ländern des Südens zu leisten. Mitglieder können in verschiedenen Bereichen aktiv werden wie Projektkoordination, Fachkommission, PR/Fundraising oder Studentenaustausch. Der interdisziplinäre Charakter der Entwicklungszusammenarbeit fördert vernetztes Denken. Wissen aus dem persönlichen Fachgebiet kann praktisch umgesetzt werden, und vom Know-How der anderen kann profitiert werden. Da die diversen Aufgaben meistens in Kleingruppen erledigt werden, bietet dies ein angenehmer Kontrast zum oftmals unpersönlichen Unibetrieb.
Kommunikation zwischen Kulturen
Die Fachkommission ist zuständig für die inhaltliche Ausrichtung der Programme. In enger Zusammenarbeit mit der Projektkoordination werden die laufenden Aktivitäten koordiniert, Konzepte erstellt und auf den neusten Stand gebracht. Für die Mitarbeiter in diesen Ressorts ergibt sich die Möglichkeit, über Kulturgrenzen hinweg mit gleichgesinnten Menschen über "Primary Health Care" und deren Umsetzung in die Praxis zu diskutieren. In intensivem Austausch via Fax oder Telefon mit dem Partner in Indien wird versucht beidseitig akzeptable Lösungen zu finden. Um nicht ein Gefühl der Bevormundung aufkommen zu lassen, ist man bestrebt, für die Programme und Aktivitäten in Indien einen Rahmen zu schaffen, indem SBDCH anschliessend selbständig handeln kann. Da Englisch sowohl hier wie in Indien eine Fremdsprache ist, braucht es oft viel Einfühlungsvermögen, um Fehlinterpretationen bei der Übersetzung schriftlicher und mündlicher Informationen zu vermeiden. Die Erfahrungen, die bei der Bewältigung dieser Kommunikationsprobleme gesammelt werden können, werden für die MitarbeiterInnen, die in ihrem späteren Leben als Ärzt/innen, Anwält/innen, Manager/innen oder auch hauptberuflich in der Entwicklungszusammenarbeit tätig sein werden, sehr wertvoll sein. Benötigt werden auch Kenntnisse über die diversen Themenkreise der Entwicklungszusammenarbeit. Diese werden vorwiegend im Selbststudium erarbeitet. Die Teilnahme an Seminaren und Kursen wäre durchaus wünschenswert, ist aber häufig aufgrund beschränkter finanzieller Mittel nicht möglich. Die Fachkommission profitiert zudem von den Erfahrungen derjenigen, die sich mit den Begebenheiten vor Ort persönlich vertraut machen konnten. In jährlichen Abständen reisen einige Mitglieder zur Projektevaluation nach Calcutta. Die Auseinandersetzung mit der fremden Kultur und die persönlichen Kontakte helfen beträchtlich, um anschliessend die Arbeit in der Schweiz differenzierter angehen zu können. Medizinische und sozialwissenschaftliche Feldforschung zu betreiben, stellt ein weiterer Schwerpunkt der Aktivitäten dar. Eine medizinische Dissertation befasste sich mit den Bedürfnissen der Patienten, die das Ambulatorium aufsuchen. Im Rahmen einer Evaluation konnten Schwachpunkte im medizinischen Angebot erkannt und soweit möglich eliminiert werden.
PR und Fundraising
Es besteht die Absicht, dass der Betrieb des Ambulatoriums zunehmend unabhängig von ausländischen Geldmitteln sein sollte. In Indien hat es sich jedoch als schwierig herausgestellt, eine nachhaltige Selbstfinanzierung aufzubauen. Aus diesem Grund werden die Aktivitäten zur Zeit hauptsächlich mit Spendengeldern aus der Schweiz finanziert. Dies geschieht zum einen mittels zweckgebundenen Anteilsscheinen, zum anderen durch gezieltes Fundraising bei Firmen und bei Regierungsstellen. Um das Projekt der Öffentlichkeit bekannt zu machen, kümmert sich das Ressort PR/Fundraising darum, dass regelmässig Artikel in Zeitungen und Fachzeitschriften erscheinen. Die Organisation von grossen PR-Aktionen bietet die Möglichkeit, kreativ tätig zu werden.
Studierendenaustausch: Neue Horizonte entdecken
Bis anhin lag das Schwergewicht des Studierendenaustausches in der Vermittlung von Unterassistentenstellen für junge indische Mediziner/innen. Vor rund eineinhalb Jahren nun absolvierte erstmals ein Schweizer Unterassistent ein Praktikum in einem Spital in Calcutta. In diesem Jahr sind es bereits drei Student/innen, die für ein- bis dreimonatige Praktikas nach Indien reisen werden. Von der Tätigkeit in einem Spital eines Schwellenlandes profitiert ein durch die High-Tech Medizin geprägter Westler in jedem Fall. Die Medizinstudierenden müssen sich bedingt durch begrenzte technische Hilfsmittel vorwiegend auf die klinische Untersuchung abstützen, um zu einer korrekten Diagnose zu gelangen. Die Auseinandersetzung mit Menschen aus einer fremden Kultur fördert die Entwicklung von Verständnis und Toleranz, und wird den jungen Medizinern auch bei der Betreuung ausländischer PatientInnen nützlich sein.
Diejenigen, die während einiger Zeit für das CP tätig waren, können sich so vielfältige praktische Erfahrungen aneignen, die nicht ersetzbar sind durch das blosse Besuchen von Lehrveranstaltungen an der Universität. Es sind Fähigkeiten, die einem zudem den Übergang vom Studium ins Berufsleben erleichtern. Bisweilen braucht es aber auch einiges an Durchhaltevermögen, um über längere Zeit aktiv zu bleiben. Wer zu Beginn mit viel Elan in das Projekt eingestiegen ist, muss oftmals ernüchtert feststellen, dass anvisierte Ziele bedingt durch die grosse geographische und kulturelle Distanz nur in sehr kleinen Schritten umgesetzt werden können. Doch der kontinuierliche Lernprozess wird helfen, Fehler zu vermeiden und die Effizienz des Projektes zu steigern.
*Corinne Kammermann ist Präsidentin der Geschäftsleitung und Beatrice Lüthi Mitglied der Fachkommission der Stiftung Calcutta Project. Beide studieren im 5. Jahr Medizin.