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Anna Leberer war eine strahlende, hilfsbereite Frau mit ausgeprägtem Verantwortungsgefühl, herzensgut und humorvoll. Fast 102 Jahre alt durfte sie werden und ein erfülltes Leben erfahren, welches sie ganz in den Dienst der Mitmenschen stellte. Annas Lebensweg blieb stets eng verbunden mit dem ihrer Schwestern Maria und Josy.
Geboren wurde Anna Leberer am 19. September 1918 als zweitjüngstes von neun Kindern in Werthenstein. Ihr Vater betrieb bis zu dessen Erkrankung 1928 eine kleine Metzgerei. Dann erwarb Familie Leberer ein Strickerei-Geschäft in Wolhusen. In diesem Betrieb half die ganze Familie mit. Anna hatte nach der Schulzeit das Haushaltlehrjahr in Freiburg absolviert und lernte nun von ihrer älteren Schwester Maria das Maschinenstricken. Immer mehr engagierte sich Anna im Familiengeschäft, währenddessen sich Maria zur Hebamme ausbilden liess und eine eigene Praxis eröffnete. So übernahm Anna schliesslich das Geschäft. Josy, eine weitere Schwester, besorgte währenddessen den Haushalt für die Familie, zu der auch die Eltern und eine Tante gehörten.
Als Hebamme begegnete Maria Leberer immer wieder Familien in Not. Bald einmal nahm sie ein Frühgeborenes mit nach Hause, um dessen Eltern zu entlasten. Weitere ähnliche Situationen gab es in dieser Nachkriegszeit laufend. Und so wurde die Wohnung von Familie Leberer nach und nach zu einer privaten Säuglingsstation. Während Schwester Maria auf Hebammentour war, pflegte und betreute Anna Leberer die Kinder.
Die Leberer-Schwestern steckten die volle Schaffenskraft und die privaten finanziellen Mittel in ihr Engagement. Als die Wohnung zu eng wurde, baute Maria Leberer zusammen mit einer befreundeten Hebamme das Chalet Weidmatt im Weidring-Quartier, in das die ganze Familie 1952 einzog.
Das Haus füllte sich mehr und mehr mit Kindern. Neben gesunden kamen mit der Einführung der Invalidenversicherung 1960 auch Kinder mit Beeinträchtigung dazu. Um das Kinderpflegeheim finanzieren zu können, arbeitete Maria bis 1963 als Hebamme weiter. In deren Abwesenheiten übernahm dann Anna die Pflege und Betreuung der Kinder, während Josy für den Haushalt zuständig war.
Und so bauten die drei Leberer-Schwestern in der Weidmatt ein schweizweit einzigartiges Sozialwerk auf und führten dieses 33 Jahre lang. Sie arbeiteten und wohnten in der Weidmatt wie eine Grossfamilie.
Nur im Miteinander konnten die drei Schwestern ihr Lebenswerk stemmen. Arbeitsfreie Tage waren selten und ausser einem Taschengeld lag in den ersten Jahren auch kein Lohn drin.
Anna Leberer und ihre beiden Schwestern stellten eigene Bedürfnisse zurück und widmeten sich ganz den Kindern mit Beeinträchtigung. Anna war die Herzensmutter der Kinder und wurde liebevoll «Annali» genannt. Sie betreute und tröstete die Schützlinge, sang mit ihnen und leitete sie an. Daneben war sie eine leidenschaftliche Gärtnerin. Anna Leberer in ihrer Tracht war für die Quartier-Anwohner ein vertrautes Bild. Ja, die Weidmatt und das Weidring-Quartier pflegten eine sehr wohlwollende Beziehung.
Als das Kinderhaus Weidmatt 1985 an die Stiftung für Schwerbehinderte Luzern SSBL ging, verliessen die drei Leberer-Schwestern das Chalet und bezogen eine Wohnung am Wiggernweg und später an der Kirchhalde. Offene Türen für Menschen in Not und ein volles Haus – das blieb weiterhin selbstverständlich und war ganz im Sinne von Anna. So wurden etwa Ferienaufenthalte für beeinträchtigte Kinder oder vorübergehende Unterkünfte für Familien gewährt.
Nachdem ihre Schwester Josy gestorben und Maria ins Pflegeheim eingetreten war, bezog Anna zum ersten Mal in ihrem Leben allein eine eigene Wohnung im Gütsch. Auf Anhieb fühlte sie sich sehr wohl und wurde wegen ihrer hilfsbereiten Art «Gütsch-Engel» genannt. Sie besuchte und betreute täglich ihre Schwester Maria im Heim, pflegte leidenschaftlich ihre Kräuter auf dem Gartensitzplatz und bepflanzte drei Gartenbeete.
Neue Lebenssituationen gelassen anzunehmen und dem Mitmenschen stets mit einem Lächeln zu begegnen, das waren wohl die Stärken von Anna Leberer. Immer wieder loszulassen, das hatte sie in der Weidmatt gelernt. Denn die Kinder waren gekommen und nach einiger Zeit wieder gegangen.
Und so fiel Anna Leberer auch der Umzug ins Wohn- und Pflegezentrum Berghof im Dezember 2014 offensichtlich leicht. Nochmals blühte sie auf, sorgte sich um Mitbewohnende und begegnete allen mit Freundlichkeit. Bis zuletzt durfte sich Anna Leberer einer guten Gesundheit erfreuen und ihren Schalk bewahren.
Am Tag von Fronleichnam, am 11. Juni 2020, schloss sich der Lebenskreis von Anna Leberer. Liebevoll begleitet durfte sie im 102. Lebensjahr im morgendlichen Sonnenlicht friedlich einschlafen.
Das Motto von Anna Leberer war gelebte Menschlichkeit. Sie war bescheiden, aber reich an Herzensgüte und Zufriedenheit. Bedingungslos hatte sie sich in den Dienst der Kinder und Mitmenschen gestellt. Den Kontakt zu ehemaligen Weidmatt-Schützlingen hatte sie bis zu ihrem Abschied innig gepflegt und daraus bestimmt viel Kraft geschöpft. Eine goldige Zeit sei es gewesen in der Weidmatt, hatte Anna Leberer immer wieder betont.
Liebe Anna, wir danken dir ganz herzlich für dein grosses Engagement. Sehr gerne tragen wir dein soziales Lebenswerk, das du zusammen mit deinen Schwestern Maria und Josy geschaffen hast, in deinem Sinne weiter.
Leberer-Stiftung Wolhusen