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«Ich kann noch etwas Grösseres erreichen»
Mujinga Kambundji, die Schweizer Sportlerin des Jahres, denkt nicht daran, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. «Ich habe mein Potenzial noch nicht ausgeschöpft», sagt sie im Interview mit Keystone-SDA.
Mujinga Kambundji, wie hat sich Ihr Alltag seit dem Gewinn der WM-Bronzemedaille im letzten Oktober in Doha verändert?
«Mein Management hat nach Doha bis zu zehn Interview-Anfragen pro Tag bekommen. Nach meinen Ferien hatte ich während zwei Wochen fast jeden Tag einen Termin. Das war ziemlich hart. Ich bin das nicht gewohnt. Es ist nicht mein Job, aber es gehört zum Sport dazu. Und mittlerweile ist alles wieder fast normal, auch wenn das Interesse an mir schon viel grösser ist als vor Doha.»
Fiel es Ihnen schwer, sich nach diesem grossen Erfolg wieder zu motivieren?
«Nein, nicht wirklich. Schon unmittelbar nach dem Rennen hatte ich trotz der Emotionen bereits Lust wieder ins Training einzusteigen, die neue Saison vorzubereiten. Ich habe noch nie einen 100-m-Final bei einer WM oder Olympischen Spielen bestritten. Ich kann sowohl über 100 m als auch über 200 m noch schneller rennen. Jedes Mal, wenn ich etwas Unerwartetes erreicht hatte, habe ich mich sehr rasch gefragt, was mein nächstes Ziel sein sollte. Bisher habe ich es immer geschafft, mich zu steigern, besser zu werden. Und ich glaube, ich kann noch etwas Grösseres erreichen. Ich habe noch nicht mein ganzes Potenzial ausgeschöpft.»
Kann man mit 27 Jahren noch physisch stärker werden?
«In den USA gibt es Athleten, die beginnen mit 17, 18 Jahren voll zu trainieren. Sie sind mit 27, 28 schon ausgelaugt. Ich spüre, dass ich noch Potenzial habe. Ich habe nicht das Gefühl, schon in allen Bereichen mein Maximum erreicht zu haben. In Mannheim (ihre Trainingsbasis von 2013 bis 2017 - Red.) machte ich alles im Bereich Kraft, vernachlässigte aber die Ausdauer. Danach habe ich die Ausdauer forciert, dabei aber die Kraft etwas weniger im Fokus gehabt.»
Werden Sie mit dem gleichen Trainerstab weiterarbeiten?
«Ja, mit Steve Fudge (Leiter einer Trainingsgruppe in London - Red.), Adrian Rothenbühler (Trainer des Jahres bei den Sports Awards - Red.) und meinem derzeitigen Management.»
Trainieren Sie derzeit alleine?
«Meistens. Ich bin es so gewohnt, auch wenn es angenehmer ist, jemanden an seiner Seite zu haben. Ich will mehr Zeit daheim verbringen. Seit meinem Umzug nach Mannheim (2013 - Red.) bin ich viel gereist. Ich war immer wieder erschöpft, auch wegen der Trainerwechsel und den Unsicherheiten, die diese ausgelöst haben. Momentan findet sowieso nur die Saisonvorbereitung statt. Ich muss nur rennen, mein Hirn abschalten und tun, was ich tun muss. Derzeit stehen die technischen Aspekte noch nicht im Vordergrund. Ich kann momentan also gut daheim trainieren und alleine, wenn es sein muss.»
Haben Ihnen die vielen Trainerwechsel unter dem Strich geholfen?
«Sie haben mir sehr geholfen. Klar habe ich viel Energie liegen lassen. Es war stressig, nicht zu wissen, ob es funktionieren würde, wieder den Trainer zu wechseln nach zwei oder drei Monaten und mich gegenüber den Medien zu erklären. Aber auf der anderen Seite habe ich mit jedem Trainer viel gelernt, sei es mit Valerij Bauer, Henk Kraaijenhof, Rana Reider oder Steve Fudge. Ich habe aus jeder Methode das beste behalten. Die vielen Wechsel haben mich auch gelehrt, mir selber mehr zu vertrauen. Es hat mich reifer werden lassen. Heute verstehe ich viel besser, wieso etwas funktioniert oder nicht funktioniert.»
Was haben Sie über sich im Jahr 2019 gelernt?
«Jede Saison lehrt mich etwas. In diesem Jahr habe ich gelernt, Vertrauen in mich zu haben. Ich habe die Saison später begonnen als üblich und die erhofften Zeiten nicht erreicht. Das war nicht leicht, weil die Erwartungen nach meiner aussergewöhnlichen Saison 2018 gross waren - vor allem meine eigenen. Ich habe gelernt, mich nicht unter Druck setzen zu lassen. Ich habe mein Ding durchgezogen, die Ruhe bewahrt und bin fokussiert geblieben auf das Ziel Weltmeisterschaften.»
Im kommenden Jahr stehen die Olympischen Spiele in Tokio an. Ihre besten Medaillenchancen dürften Sie mit der 4x100-m-Staffel haben. Können Sie sich vorstellen, auf die 100 oder 200 m zu verzichten, um die Staffel zu privilegieren?
«Ich werde in Tokio wieder alle drei Disziplinen bestreiten. Es ist hart, das ist klar. Aber in Doha habe ich erstmals sieben Rennen bestritten, und es war die gleiche Intensität beim abschliessenden Staffel-Final wie bei den 100-m-Vorläufen am ersten Tag.»
Mit Ajla Del Ponte, Salomé Kora und Sarah Atcho (das Quartett wurde bei den Sports Awards als Team des Jahres ausgezeichnet - Red.) verbindet Sie etwas Starkes...
«Jede steigert sich individuell, was uns noch mehr motiviert. Es herrscht immer eine gute Stimmung, es gibt eine positive Energie. Es ist eine Freude zusammen zu rennen, zu zeigen, was wir gemeinsam erreichen können. Selbst nach dem knapp verpassten Podest in Doha verspürten wir in erster Linie Freude. Wir wissen, dass wir etwas erreichen können, selbst wenn eine von uns weniger gut in Form ist.»
Was kann man Ihnen für 2020 wünschen?
«Zunächst einmal, dass ich mich nicht verletzte. Dann, dass ich die richtigen Entscheidungen treffe, denn manchmal muss man Risiken eingehen. Und zuletzt und vor allem, dass ich mein Bestes geben kann, dann wenn es am meisten zählt - in Tokio!»