Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03634.jsonl.gz/106

Der andere Adam Smith
Machen wir ein Spiel. Sie und ich.
Angenommen, Sie erhalten vom Spielleiter 100 Franken. Zudem gibt er Ihnen die Aufgabe, mir einen Anteil an diesen 100 Franken anzubieten. Nehme ich die Offerte an, erhalten wir beide unseren Teil. Lehne ich sie jedoch ab, erhalten wir beide nichts.
Wieviel von diesen 100 Franken bieten Sie mir an?
Wenn Sie ein homo oeconomicus sind, ein rational denkendes, nutzenmaximierendes Wesen, bieten Sie mir wohl so wenig wie möglich an. Sagen wir: Einen Franken.
Nehme ich das Angebot an, erhalten Sie 99 Franken und ich einen Franken.
Werde ich dieses Angebot annehmen?
Wenn ich ebenfalls ein homo oeconomicus bin: Ja. Schliesslich erhalte ich bei Annahme immerhin einen Franken. Lehne ich hingegen ab, gehe ich leer aus.
Das Spiel kennt nur eine Runde; das heisst, ich werde keine Möglichkeit haben, Ihnen nachher ebenfalls ein Angebot zu unterbreiten.
Nun, Hand aufs Herz: Werden Sie mir wirklich nur einen Franken anbieten? Oder erachten Sie das Risiko als zu gross, dass ich das Angebot ablehne und Sie am Ende leer ausgehen? Und wenn Sie mir 10 Franken anbieten, oder 30 Franken?
Das soeben beschriebene Spiel ist das «Ultimatum Game», eines der bekanntesten und am meisten durchgeführte Experimente in der Spieltheorie. Sein Resultat müsste eigentlich die Lehrbuch-Ökonomie in ihren Grundfesten erschüttern:
Das Ultimatum Game zeigt nämlich mit beachtlicher Konstanz, dass der homo oeconomicus in der Realität ein rares Wesen ist.
Spieler aus Industriestaaten wie den USA, aus Europa oder Japan bieten im Ultimatum Game ihrem Gegenpart in der Regel zwischen 40 und 50 Prozent der in Aussicht gestellten Summe an. Angebote unter 30 Prozent werden vom anderen Spieler in der Regel abgelehnt.
Beides, sowohl das hohe – «faire» – Angebot von gegen 50 Prozent wie auch die Neigung der zweiten Spieler, als «unfair» empfundene Angebote abzulehnen, ist eigentlich ein Ausdruck irrationalen Verhaltens. Menschen scheinen also nicht bloss von rationalem Denken und Nutzenmaximierung getrieben zu sein, sondern auch von Konzepten wie Fairness, Kooperation und Bestrafung.
Wie komme ich auf dieses Spiel?
Andrew Haldane, Direktionsmitglied der Bank of England und ab Juni Chefökonom der britischen Zentralbank, nimmt es in seinem Vorwort zu einem Report mit dem Titel «Economics, Education and Unlearning» der Post-Crash Economics Society an der Universität Manchester (hier der Report) zum Anlass, unsere Grundannahmen in der Volkswirtschaftslehre endlich zu überdenken (Haldane hat sich auf dem Feld der Grossbankenregulierung über Jahre mit mutigen und klarsichtigen Gedanken profiliert; in diesem, diesem oder diesem Blogbeitrag haben wir ihn bereits eingehend vorgestellt).
Haldane führt ins Feld, dass beträchtliche Teile der Grundannahmen der Mainstream-Ökonomie auf Adam Smith und sein 1776 erschienenes Werk «An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations» zurückgehen: die berühmte unsichtbare Hand des Marktes, wenn eine Vielzahl rational denkender, nutzenmaximierender Individuen am freien Markt derart interagieren, dass am Ende die gesamte Gesellschaft besser gestellt ist.
Aus dem Konzept der unsichtbaren Hand entstand später die Grundidee, dass die Wirtschaft ein von rationalen Erwartungen getriebenes, stets ein Gleichgewicht suchendes System ist. Und mit dem Gleichgewichtsgedanken einher ging im 20. Jahrhundert wiederum die Mathematisierung der Ökonomie, die alles mit eleganten mathematischen Modellen erklärt.
Ökonomen verhielten sich mehr und mehr wie Physiker, wie Naturwissenschaftler, die mit mathematischer Präzision komplexe Vorgänge erklären zu können glaubten. Aber am Ende war alles bloss Scheinpräzision, Modelle, die derart abstrakt waren, dass sie mit der realen Welt kaum mehr etwas zu tun hatten.
Nur ein Beispiel: In diversen Krisen über die vergangenen Jahrzehnte hat der Bankensektor seine zerstörerische Kraft für den gesamten Rest der Wirtschaft bewiesen. Trotzdem wird in der Lehrbuch-Ökonomie das Finanzsystem immer noch bloss als „Schleier“ betrachtet, als irrelevanter, ignorierbarer Teil der Wirtschaft (hier mehr dazu). Grotesk, nicht wahr?
Die Tendenz der realen Wirtschaft und besonders der Finanzmärkte zu euphorischen Übertreibungen und panikartigen Abstürzen, der Kollaps der Weltwirtschaft nach der Finanzkrise von 2008 oder auch die wachsende Ungleichheit in vielen Industrieländern (hier und hier mehr dazu), haben die Segnungen der Smith’schen unsichtbaren Hand und die Grundannahmen der Lehrbuch-Ökonomie wiederholt in Frage gestellt.
Also sollten wir Adam Smith besser vergessen?
Ganz und gar nicht, rät Haldane. Wir sollten Adam Smith lesen. Aber nicht den Adam Smith von 1776, sondern den Adam Smith von 1759.
In seinem 1759 erschienenen Buch mit dem Titel «The Theory of Moral Sentiments» schrieb der schottische Soziologe und Moralphilosoph nämlich von der Wichtigkeit von Werten wie Kooperation und Fairness für das Funktionieren der Wirtschaft. Und diese sind, wie das eingangs gespielte Ultimatum Game zeigte, möglicherweise deutlich wichtigere Grundannahmen für das Verhalten von Menschen als der in der Lehrbuch-Ökonomie immer noch hauptsächlich gelehrte homo oeconomicus.
Höchste Zeit also für ein Umdenken.
Übrigens: Die Kritik an der Lehrbuch-Ökonomie war in diesem Blog schon mehrfach ein Thema (zum Beispiel hier und hier). Eine hervorragende Denkfabrik für neue Ansätze in der Volkswirtschaftslehre ist das vor vier Jahren von George Soros gegründete Institute for New Economic Thinking (INET). Interessant auch das neue Buch von George Cooper, «Money, Blood & Revolution», das mein Kollege Daniel Binswanger in diesem Blogbeitrag im «Magazin» erhellend behandelt hat.
Und hier noch ein Link in eigener Sache: Vor wenigen Wochen hatte ich die Gelegenheit, William White, den ehemaligen Chefökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, zu interviewen. Er ist ein harscher Kritiker der ultraexpansiven Geldpolitik der Notenbanken und befürchtet, dass an den Finanzmärkten bereits wieder neue Spekulationsblasen entstehen. Hier der Link zum vollen Interview.