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Manche Verbrecher erkenne man an der tiefen Stirn und den angewachsenen Ohrläppchen, erzählte mir einst meine Oma, sonst eine stille und hilfsbereite Person. Dass sie noch hinzufügte: «Das sagte man damals», will ich zu ihrer Ehrenrettung nicht verschweigen. Schliesslich galt die Physiognomik, die Charakterdeutung aus Gesichts- und Schädelformen, in ihrer Generation gewissermassen als Königsdisziplin – mit entsetzlichen Folgen.
Das ist lange her, aber nicht vorbei. Im Gegenteil. Ein kurzer Klick auf Google fördert zutage: «Ein angewachsenes Ohrläppchen deutet auf einen verbissenen, fast schon hinterhältigen Charakter hin.» Nun ist die Adresse wunderweib.de sicher keine Referenz für wissenschaftliche Zuverlässigkeit, aber auch die aktuelle «SonntagsZeitung» befasst sich mit dem Thema Physiognomik. Die Methode soll neuerdings vermehrt in Unternehmen eingesetzt werden, um die charakterliche Eignung von BewerberInnen beurteilen zu können.
Als Kronzeugen für diese Entwicklung benennt die Zeitung Eric Standop, eine Koryphäe der «Antlitzdiagnostik», der gleich anhand des Porträts einer jungen, attraktiven Frau seine Exzellenz zeigen darf: «Ihr Kiefer auf der rechten Seite ist stark ausgeprägt. Das zeugt davon, dass sie willensstark ist und sich durchbeissen kann.» – «Normalerweise liegt der obere Ohrrand zwischen Augen und Augenbraue. Bei ihr ist er höher, was bedeutet, dass sie spontan, impulsiv und entscheidungsfreudig ist.» – «Der relativ grosse Mund und die eher vollen Lippen deuten auf ein kommunikatives Talent hin.» – «Ihr Mund ist breiter als die Lippen. Das heisst, dass sie nicht alles von sich preisgibt.» Und so weiter und so fort.
Am besten gefällt mir ja diese Diagnose: «Natürlich gerötete Wangen zeugen von einem Magnesiumverlust.» Die Frau hat Glück – andere kriegen Wadenkrämpfe.