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Membran | Max Philipp Schmid
[…] Die filmische Installation «Membran» reflektiert über die Macht und das Ausmass dieser in unserer westlichen Kultur über die Jahrtausende in unterschiedlichsten Ausformulierungen wiederkehrenden, vorformatierten, dramatischen Struktur.
[…] Die entscheidende Funktion einer Membran ist nicht die Abschottung gegen aussen oder innen, vielmehr die massvolle Regulierung der Austauschprozesse zwischen Aus- und Eingegrenztem.
Hypochondrische Spiralen
Die dreiteilige filmische Projektion «Membran» ist als Loop angelegt, wobei eine wiederkehrende Einheit ungefähr zehn Minuten dauert. Der Zeitpunkt des Eintritts in die Installation und damit auch ihr Anfang ist kontingent. Mein Eintritt fiel mit einem ersten Plot Point zusammen - einem Wendepunkt im Drama: «Ein Zweifel schlich sich in das Bewusstsein der Menschen. Die Zuversicht war verschwunden und das Vertrauen auf den morgigen Tag und seine Möglichkeiten und die Überzeugung, am eigenen Schicksal schmieden zu können, den nächsten Schritt zu machen auf dem Weg der Vervollkommnung. Das alles hat Risse bekommen.»
Dieses Zitat stammt aus den ersten Seiten von Lukas Bärfuss’ Roman Hagard und ist ein Fragment aus der Textcollage, aus der sich die auditive Ebene der Installation zusammensetzt. Die Quellen sind im Begleitheft angegeben: Heinz Bude: Gesellschaft der Angst; Lord Byron: Darkness; Jean Paul: Rede des toten Christus; Edgar Allan Poe: Die Maske des Roten Todes; Richard Sennet: Zusammenarbeit; WOZ, Lexikon der Filmbegriffe, finanzen.ch, «Migros-Magazin», «Spiegel», «Welt», «Zeitmagazin». Die Textfragmente werden durch zwei Sprecher und eine Sprecherin gelesen und durch die Position der Lautsprecher im Raum den auf den drei Leinwänden platzierten, voneinander separierten, in ihren Wohnzimmern weilenden Figuren zugeordnet. Schauspieler und Sprecher sind dabei nicht identisch. Das heterogene Textmaterial wird durch die konvergierenden Stimmen verschliffen und als innere Monologe der jeweiligen Figuren zum Ausdruck gebracht.
Die loopartige, zirkuläre Struktur, die die Konzeption und die zeitliche Erfahrung dieser filmischen Installation kennzeichnet, impliziert zugleich eine komplementär andere zeitliche Struktur - eine lineare und teleologische Struktur, die den zeitlichen Verlauf eines klassischen Spielfilms beziehungsweise eines klassischen Drehbuchs charakterisiert. In der Verschränkung dieser beiden Zeitlichkeiten - zyklisch kreisend, linear sich steigernd - liegt eine zentrale Ausdruckskraft dieser Arbeit.
Teleologisch ist die Struktur eines klassischen Narrativs insofern, als dass die Handlungen der Helden zielstrebig sind und die Entwicklung der Handlung auf einen Endzweck hin ausgerichtet ist (τέλος, télos: Zweck, Ziel, Ende). Die fatalen Konflikte führen zur Lösung, zur Auflösung im Happy End oder in der Katastrophe. In beiden Fällen nehmen «Jammern und Schaudern» (Aristoteles) - die affektiven Erregungszustände des Publikums, deren effiziente Steuerung ein gutes Drehbuch vornimmt - ein Ende. Denn die Katastrophe soll die Katharsis auslösen, eine „Reinigung“ des Zuschauers von den Affekten.
«In welchem Akt sind wir?», fragen die orientierungslosen Figuren aus «Membran» immer wieder und stellen sich auf die Seite der Rezipienten. Appelliert wird dadurch an die für das klassische Erzählkino bis heute grundlegende Dreiakt- oder Fünfaktstruktur, der zufolge sich die dramaturgische Form einer Erzählung in klar definierte Einheiten unterteilen lässt.
Nach Aristoteles’ Poetik von ca. 335 vor Christus in einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Gustav Freytag unterscheidet in seiner Technik des Dramas fünf Akte, die eine gelungene Erzählung ausmachen: 1. Akt: Exposition: Die Figuren werden eingeführt, der Konflikt angekündigt, 2. Akt: Komplikation: Die Situation verschärft sich, 3. Akt: Höhepunkt und Peripetie (= Umschlagen der Handlung), 4. Akt: Die Retardation - eine Reihe von verlangsamenden Ereignissen schiebt das Ende hinaus und erhöhen die Spannung, 5. Akt: Die Auflösung aller Konflikte in der Katastrophe oder im Happy End. Sowohl in Aristoteles’ Poetik wie auch in all den darauf aufbauenden Drehbuchhandbüchern wird betont, dass alle geschilderten Handlungen und Ereignisse aus einer inneren Notwendigkeit, kausallogisch, nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung aufeinanderfolgen und sich zu einem in sich abgeschlossenen, vollendeten Ganzen fügen sollen. «Dass bei allen Höhen und Tiefen doch eine Kontinuität besteht und die Erfahrungen sich zu einem Ganzen zusammenfügen werden...», sinniert die Frau auf der mittleren Leinwand und erhofft sich damit, dass das von Zufälligkeiten und Willkür bestimmte Leben einem klassischen Narrativ folgt und jedem Stück sein zwingender Platz zukommt.
Die filmische Installation «Membran» reflektiert meines Erachtens über die Macht und das Ausmass dieser in unserer westlichen Kultur über die Jahrtausende in unterschiedlichsten Ausformulierungen wiederkehrenden, vorformatierten, dramatischen Struktur. Sie bestimmt nicht nur die antiken Mythen, die christliche Heilsgeschichte und Hollywoods Spielfilme, sondern auch die Konzeptionen, die Wahrnehmungen und Darstellungen unserer aktuellen Realität - durch die Medien und durch uns selbst - und indes unsere grundlegenden mentalen Strukturen.
Im Widerspruch mit dieser vorformatierten und dadurch schicksalhaften Struktur steht das ebenfalls im klassischen Kino propagierte Ideal der Autonomie und Handlungsfreiheit der Protagonisten im Sinne des humanistischen Renaissance-Ideals. «Leben aus sich selbst...», liest der Mann auf der rechten Leinwand im Internet und rekapituliert damit das Versprechen eines Fastenprogramms, das eine zeitweilige Erlösung aus der globalen und neoliberalen Verstrickung und Verschuldung verspricht.
Aus der Verschränkung der beiden zeitlichen Strukturen - einerseits zyklisch wiederkehrend und andererseits einem dramatischen Aufbau folgend - entsteht in dieser Installation ein Effekt, den ich als hypochondrischen Zustand beschreiben möchte. Die lineare Steigerung findet zu keinem Ende, zu keiner Auflösung. Ein erregtes, von Ängsten getriebenes, unablässiges Kreisen um die Frage nach der Selbstverantwortung, nach dem richtigen Handeln und Beurteilen von Sachverhalten. «Mache ich mir genug Sorgen?», fragen sich die Helden immer wieder und der ganze Ausstellungsraum wird zeitweilig zu jenem Wartezimmer, das Heinz Bude in seiner Gesellschaft der Angst beschreibt: «Die Angst der Unentschlossenen definiert ein Denken im Wartezimmer, das auf die Anzeigetafel für den entscheidenden Aufruf blickt». Es ist die Angst, im Meer der Optionen die falsche Entscheidung zu treffen - jene Entscheidung, die notwendigerweise zur Krise führt und die Katastrophe auslöst.
Der Zürcher Psychiater und Philosoph Daniel Strassberg beschreibt in einem Interview mit der WOZ 2011 die hypochondrische Gesellschaft als Folge einer Verschiebung des Machtdiskurses. Ihm zufolge hat die Globalisierung und die damit verbundene Verkomplizierung der Abhängigkeiten die Wahrnehmung von Macht verändert. Während man in den 68ern die Macht noch als eine vertikale Sache auffasste - oben übt Macht aus gegen unten -, so habe die Globalisierung diesen Diskurs um neunzig Grad verschoben, in die Horizontale. Heute herrsche ein Infiltrations- oder Infektionsdiskurs vor. Die Gefahr komme nicht mehr von oben, sondern von aussen, ob es nun Bakterien, Strahlen oder Flüchtlinge seien.
Die entscheidende Funktion einer Membran - so lautet der Titel der Installation - ist nicht die Abschottung gegen aussen oder innen, vielmehr die massvolle Regulierung der Austauschprozesse zwischen Aus- und Eingegrenztem. Mit dieser komplexen Aufgabe scheinen die Protagonisten zu ringen. Mit dem unablässigen Versuch, die fortlaufend von draussen einprasselnden und im Inneren zirkulierenden und dabei mutierenden Informationen zu Sinnsträngen zu sortieren, das mentale und emotionale Geschehen und das durch Medien vermittelte Weltgeschehen in ein Verhältnis zu bringen. Dabei wird deutlich, dass die Grenzen durchlässig sind und unsere komplexe Gegenwart erkennbar macht, dass Konzepte wie Individualität und reine Selbstbestimmtheit, Unabhängigkeit und Autonomie nicht greifen. «Wo fängt mein Inneres an?»: Diese Frage wird in der Installation nicht nur verbal geäussert, sondern durch die Auftrennung von körperlichem Erscheinungsbild auf der Leinwand und innerer Stimme im Raum erlebbar gemacht. Die drei hängenden, semitransparenten Leinwände agieren dabei selbst als Membrane und machen die Durchlässigkeit eindringlich sichtbar - die Durchlässigkeit von Einzelfigur und Dreiergruppe/Gesellschaft und die Durchlässigkeit von filmischem Raum und realem Ausstellungsraum, von sogenannter Fiktion oder eingebildeter Welt und sogenannter Realität.
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Zu Filmexplorer’s Interview mit Max Philipp Schmid: Januar 2016
© Photos: Christian Hartmann
Text: Eva Kuhn
First published: May 06, 2018