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“Ich wünsche das zu betonen. Als ich mit diesen Untersuchungen anfing, wollte ich nichts beweisen, und ich hatte keine Idee, was das Ergebnis sein könnte. Ich fing in aller Unschuld an, wäre mir bewusst geworden, wie sehr ich – durch die Ergebnisse meiner Arbeit- meine persönliche Philosophie hätte ändern müssen, ich hätte wahrscheinlich gezögert überhaupt anzufangen.” Joseph Daniel Unwin
Joseph D. Unwin war Anthropologe und Ethnologe und von 1928 – 1931 Dozent und Forscher an der Universität Cambridge.
“Jede menschliche Gesellschaft hat die Freiheit, sich zu entscheiden, ob sie hohe soziale Energie oder sexuelle Freizügigkeit will. Die Fakten zeigen, dass beides gleichzeitig nicht länger als eine Generation möglich ist. Zu diesem Fazit gelangte Unwin in seinem 676-seitigen Werk.
Welcher Fragestellung wollte er nachgehen?
Zu Unwin Zeiten stellten Vertreter der Psychoanalyse folgende These auf: Wenn gesellschaftliche Normen die direkte Befriedigung von sexuellen Impulsen verbieten, wird der emotionale Konflikt in anderer Weise ausgedrückt. Was wir “Zivilisation” nennen, ist immer aufgebaut auf dem zwangsweisen Verzicht der Befriedigung natürlicher Begierden. Dieser Vermutung wollte Unwin empirisch nachgehen, jedoch nicht mit dem Ziel, eine Theorie oder These zu verifizieren oder falsifizieren, sondern eine offene Frage zu untersuchen. Unwin ist der Überzeugung, dass eine grundsätzliche Fähigkeit zur Reflexion und zur Umsetzung von Erkenntnissen in jeder menschlichen Gesellschaft steckt. Damit aber dieses Potential zum Zuge kommen kann, muss die unmittelbare Gratifikation der sexuellen Bedürfnisse eingeschränkt werden. Diese Einschränkung bewirkt einen emotionalen Konflikt, der “ungelöste Energie” erzeugt, die sich pathologisch als Neurose äussern kann, in den meisten Fällen aber in eine “soziale Energie” kanalisiert wird.
Umgekehrt muss mit jeder Erweiterung der sexuellen Gelegenheiten eine Abnahme der sozialen Energie erfolgen und damit auch ein Abstieg des kulturellen Niveaus. Aus seinem empirischen Material kann Unwin aufzeigen, dass sich die Folgen einer veränderten Sexualnorm erst nach ca. einem Jahrhundert (drei Generationen) bemerkbar machen. D.h. der jetzige kulturelle Zustand ist unter anderem abhängig von den sexuellen Regulierungen in den vorherigen Generationen. So kann es vorkommen, dass Gesellschaften oder bestimmte Gruppen momentan eine sexuelle Freizügigkeit geniessen und trotzdem auf einem hohen Kulturniveau stehen. Die vorigen Generationen-oder bestimmte führende Schichten innerhalb der Gesellschaft-haben aber dann enthaltsam gelebt.
In der Vergangenheit stiegen unterschiedliche Gesellschaften auf in unterschiedlichen Teilen der Erde, gediehen prächtig, und gingen wieder nieder. In jedem Fall fing die Gesellschaft ihre historische Karriere in einem Zustand der absoluten Monogamie an. Dieses Merkmal der absoluten Monogamie taucht in den Berichten zu unzivilisierten Völkern nicht auf.
Am Anfang hatte jede Gesellschaft dieselben Ideen in Bezug auf die sexuellen Regulierungen. Jede Gesellschaft reduzierte die Möglichkeiten der sexuellen Befriedigung auf ein Minimum, wies grosse soziale Energie auf und florierte. Allerdings wurde nach Unwin diese strenge Regulierung der Beziehung der Geschlechter nie lange toleriert, da jeder Verzicht “schmerzhaft” ist. Die Möglichkeiten der sexuellen Befriedigung wurden erweitert und damit schwand ihre Energie und löste sich auf. Das einzig Aussergewöhnliche an dem Ganzen ist die absolut gleichförmige Wiederholung.
Die Konsequenz dieser Veränderung ist in jeder der untersuchten zivilisierten Gesellschaften zu beobachten: Es kommt zu einem kulturellen Niedergang dieser Hochkultur und in den meisten Fällen auch zu einer Eroberung durch andere Völker, die ihrerseits in den vorangegangenen Generationen die sexuellen Gelegenheiten auf ein Minimum reduziert und damit expansive Energie entwickelt hatten.
Blieb die Grossstudie deshalb so unbekannt, weil die Suche nach “Wahrheit” keine Lobby hat?
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