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Versuch über die Glocken
von Cedric Weidmann
Der Song heisst Being Held.
Er besteht aus etwa 8 Tönen. Drei davon machen den grössten Teil des Liedes aus und schwingen regelmässig von Anfang bis Ende. Sie sind das Herzstück. Sie sind nicht gerade schrill, aber auch nicht dunkel wie ein Gong. Es sind Glocken. Dazu gesellen sich im Laufe des Lieds ein summender Bass und kurze Einwürfe eines insektenartig hohen Klangs. Mit Ausnahme der Glocken, die am ehesten von Schiffsglocken eines Frachters auf See stammen, lässt sich keines der Geräusche einem Instrument zuordnen. Erst das Schlagzeug. Es setzt fast unhörbar bei Minute 1:30 ein und flüstert, als dürfte es die Glocke nicht hören. Es begleitet sie und wird Takt für Takt klarer, bis es die Glocken, die sich bis zu diesem Zeitpunkt fast ins Gehör geschrammelt haben, ins Trommelfell tättowiert. Erst bei 2:38 übernimmt das Schlagzeug ganz und dominiert die Melodie. Das Tempo zieht an, als würde es auf einen Höhepunkt oder eine Auflösung zugehen. Glocken, Schlagzeug, Bass. 8 Töne. Das ganze Lied. — Und natürlich gibt es keinen Höhepunkt.
Being Held klingt wie ein Prädikat, ist aber eine Eigenschaft. Statischer geht es nicht: Die Aktion geht von etwas anderem aus: jemand oder etwas hält. Dazu kommt, dass man selbst noch festgehalten, also unbeweglich ist. Zur Bewegungslosigkeit gehört auch die Bewegungslosigkeit der Glocken, die unablässig und ohne Pause durch das Lied klingen. Being Held heisst nicht I am being held oder You oder We are being held, und es sagt nichts darüber aus, ob man umarmt wird — zärtlich, schützend, liebend oder freundlich — oder ob man festgehalten wird — aggressiv, gewalttätig, unabwendbar.
In der Dunkelheit höre ich das Lied, wenn ich nach Hause laufe. Die Welt kommt mir dann vielleicht eng vor. Ich fühle mich wirklich beklemmt, ich kann das Lied nur einmal am Tag hören und ich kriege Atembeschwerden in der Hälfte. Es ist ein bisschen zu laut, die Glocken lassen fünfeinhalb Minuten keinen Freiraum in den mittleren Frequenzen. Es ist unheimlich, aber nicht gruselig. Es ist, wie es sich für Postrock gehört, stimmungsvoll, aber es lässt seltsamerweise keine Welten entstehen. — Am frühen Morgen höre ich es, wenn es mir sehr schlecht geht. Es geht mir dann besser. Vielleicht so, als würde mich jemand festhalten, ohne dass ich wüsste, wer.
Das, was ich für eine der besten Kompositionen halte, die die Musikgeschichte hervorgebracht hat, ist vielleicht gar keine Musik.
Die Glocken bringen in ihre hermetische Welt ein bisschen Realität, allerdings wie durch den Vorhang eines Wasserfalls hindurch. Die Schiffsglocke ist verzerrt. Man müsste sich den rostenden Frachter vorstellen, die Matrosen, die auf diesem öden Ozean leben. Gezeichnete, die die andauernde Nichtstille ertragen, und aus lauter Gewöhnung ein Klingeln in den Ohren hören, wenn sie einmal an Land gehen, wo sie es nur ein paar Tage aushalten.
Aber nein, muss man nicht! Muss man sich nicht vorstellen. Man kann es fast nicht. Man möchte wohl. Möchte ein wenig herumdenken. Aber mehr als daran zu denken, dass man das möchte, kann man nicht. Hier scheint man von Pawlow dressiert. Die Glocken halten den Gedanken auf der Stelle fest.