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Marcel Haefelin (84) befindet sich seit Februar im Altersheim, obwohl er sich schwor, nie dorthin zu ziehen. Im Gastbeitrag beschreibt er sein Dilemma eindrücklich.
Ich gehe nie in ein Heim … Jetzt gehe ich in ein Heim. Mit diesen zwei Sätzen wird sich wohl der eine oder andere irgendwann einmal auseinandersetzen. Angefangen hat es bei mir auch mit dem ersten Satz. Vermutlich der meist geäusserte Satz in dieser Situation. Ich muss etwa 60 Jahre alt gewesen sein, als ich eine Bekannte in einem Altersheim besuchen ging.
Ich muss etwa 60 Jahre alt gewesen sein, als ich eine Bekannte in einem Altersheim besuchen ging. Ich vergesse diesen Tag nie. Die Person, die ich besuchen wollte, war eine frühere Mitbewohnerin in einem Wohnhaus in Zuchwil SO.
In ihrem Zimmer im Heim war sie nicht anzutreffen. Ich solle in den Gemeinschaftsraum gehen, Frau Rickert sei meistens dort. Ich begab mich also durch einen Korridor, mit Zimmertüren links und rechts wie in einem Spital, in Richtung Gemeinschaftsraum. Angekommen im Raum, waren es etwa zehn Tische dort, sassen etwa sechs Personen, darunter auch meine gesuchte Bekannte.
Auffallend und erschreckend für mich: Alle sassen alleine und als ich nach etwa einer halben Stunde wieder ging, sassen die Frauen immer noch regungslos an der gleichen Stelle. Keine Bewegung, kein Wort. Ich weiss nicht, wie ich das beschreiben soll.
Sie waren dort. Nein, sie waren nicht dort. Die waren tot. Nein, das waren sie nicht.
Was waren sie dann? Haben sie auf den Tod gewartet? Warum sprechen die nicht miteinander? Haben die nichts mehr zu sagen?
Jeder hat Höhen und Tiefen in seinem Leben. Alle tragen eine Bürde, mit der man leben muss. Oder so.
Ich meinte: leben. Das ist aber kein Leben.
Als ich das Heim verlassen habe, konnte ich kaum noch klar denken! Ich gehe nie in ein Heim, stand an erster Stelle.
Wie kann man diesen Leuten helfen? Ich habe keine Lösung gefunden. Bald war ich wieder in meiner Arbeitswelt gefangen. Vergessen habe ich das Erlebte aber nie.
Da ist eine Lücke. Eine Lücke, die überbrückt werden sollte. Diese Situation darf gar nicht entstehen. Niemand, kein Mensch sollte den Rest seines Lebens, wie immer es auch war, so verbringen. Das ist beschämend und eines Menschenlebens unwürdig.
In meinem damaligen Alter, zusammen mit meinem Erlebten und gepaart mit meinen Gedanken: Nein, ich gehe nie in ein Heim.
20 Jahre später. Ich lebe noch. Viel ist geschehen. Meine Gedanken, ich gehe nie in ein Heim, beginnen zu bröckeln.
Mein Rücken schmerzt, meine Beine sind müde geworden, meine Schulter ist auch lädiert. Das Einkaufen und das Haushalten bereiten mir Mühe.
Folglich wurden meine Gedanken zwischen, ich gehe nie und jetzt gehe ich in ein Heim, intensiviert. Plötzlich rücken die Gedanken, Heim ja oder nein, einander näher.
Mit der Spitex bekam ich Hilfe, die ich dankend annahm. Am 17. Dezember 2020 stürzte ich in der Wohnung und meine schon vor zehn Jahren operierte Schulter wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. Bald stellte sich heraus, dass eine Genesung kurzfristig nicht zu erwarten war. Schmerzen, die ein normales Leben nicht mehr gewährleisten konnten.
Wieder rückte der zweite Satz, jetzt gehe ich in ein Heim, etwas näher, ohne aber das Erlebte unter Satz eins, ich gehe nie in ein Heim, zu vergessen. Im Gegenteil, auch das wurde in meinem Kopf wieder deutlicher.
Ich sah mich an einem Tisch sitzen, allein und in mich zusammen gesunken. Ich gab mir einen Stoss und einen Tritt in den Arsch und ich machte mir meine Gedanken. Muss das so sein? Was kann ich dazu beitragen, dass es bei mir nicht so wird?
Viel. So wie ich es mir im Leben angewöhnt habe. Nicht nur die anderen entscheiden über dein Schicksal. Nein, du kannst das Meiste selbst in die Hand nehmen und beeinflussen. Positiv beeinflussen, um die Zeit, die dir noch bleibt, würdig zu verbringen.
Ich habe mich zusammen mit meiner Partnerin nach einer Lösung umgeschaut. Erst da merkt man, was da alles auf einen zukommt.
Viel. Nein, noch mehr. Das scheint fast unmöglich. Die Lage, Platzverzicht, Einschränkungen und der ganze Papierkram.
Der Entscheid ist gefallen, wir sind der Meinung, dass wir in ein Pflegeheim ziehen, da wir beide gesundheitlich Mühe haben, einen Haushalt zu führen. Beratung und Vorbereitung sind sehr gut verlaufen, nur die Zeit wurde eng, sehr eng.
Da diese Gedanken sehr unangenehm sind, werden diese immer wieder verschoben. Das ist schon falsch. Je früher, desto besser. Aber eben, das hat noch Zeit, jetzt doch nicht, später…
Jetzt ist später und wir werden von der kurzen Zeit überfahren. Für unsere Körper ist eben auch später geworden. Der ganze Aufwand und die Auseinandersetzung mit der Veränderung wird plötzlich zu viel. Plötzlich stehen Sie mit Sack und Pack vor dem Heim, Ihrem neuen Zuhause.
Wir haben harte Tage hinter uns, aber das ist der härteste von allen. Es ist extrem wichtig, wer Euch dabei begleitet. Noch wichtiger ist, das möchte ich hervorheben, wer und wie werdet Ihr am neuen Ort empfangen. Das ist nicht, wie wenn Ihr in einem Laden ein Brot kaufen geht, das ist auch nicht, wie wenn Ihr in ein Hotel in die Ferien geht. Nein, das ist etwas noch nie Dagewesenes.
Etwas Unbeschreibliches. Man geht den Weg von Auto oder Taxi zum Eingang des neuen, ja was, das weiss man eben noch nicht so genau. Trotz Vorbereitung und stundenlanger Lektüre so viele offene Fragen und Unsicherheiten. Das Hereinkommen, das eigene Auftreten verliert an Selbstsicherheit.
Man ist klein, man ist niemand mehr. Das Wichtigste was nun passiert, ist die Person, die auf dich zukommt und dich abholt. Angespannt fallen deine Blicke auf die Tür oder den Lift, aus dem jemand erscheint, der dich in Empfang nimmt. In unserem Fall eine jüngere Dame, deren Augen über der Maske uns anleuchteten und sofort einen Teil der verlorenen Sicherheit zurückschenkten.
Ich wünsche mir, dass alle, die eine solche Funktion ausüben, sich deren Tragweite und enormen Wichtigkeit auch bewusst sind. Sie helfen uns, einen Schritt ins Ungewisse besser zu vollziehen. Ein Schritt, der alles Bisherige übertrifft. Ein paar Schritte vom Eingang bis zum Zimmer, wie sie uns anschauen und wie und was sie mit uns sprechen, sind wegweisend für eine gute Ankunft in einer für uns neuen und fremden Umgebung.
Ich bin sicher, dass solche Momente einstudiert und dem Personal vermittelt werden. Aber es ist mir ein Anliegen, Euch, Ihr lieben und guten Geistern, diese enorme Wichtigkeit zu vermitteln. Danken für die Zeit, die Ihr für uns aufwendet und uns zuhört. Danke für Euren Rat aus Eurem fachlichen Wissen, von dem wir lernen können.
Vergesst nicht, das sind Momente in unserem Leben, die sind hart, sehr hart. Ihr helft uns, diese schwere Zeit so leicht wie möglich zu bewältigen. Eure Mühe ist nicht umsonst. Eure Fragen «habt Ihr gut geschlafen» oder «wie geht es Euch» lassen uns spüren, dass jemand da ist. Wir sind nicht allein.
*Marcel Haefelin ist 84 Jahre alt und seit Ende Februar 2021 Bewohner des Wohn- und Pflegezentrums Tertianum Résidence in Bern.