Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03640.jsonl.gz/2022

Entzündungen der Harnwege kommen bei MS-Patienten häufig vor und sind sehr unangenehm. Nicht zuletzt erhöhen sie auch das Schubrisiko. Methionin und Mannose sind zwei therapeutische Alternativen zu Antibiotika – aber wie wirksam sind sie?
Eine Harnwegsinfektion (auch als Blasenentzündung oder Zystitis bezeichnet) ist ein schmerzhaftes, unangenehmes und weit verbreitetes Problem.1 Menschen, die mit MS leben, haben ein erhöhtes Risiko für Harnwegsinfektionen, insbesondere wenn sie auch eine neurogene Blase haben, das heisst eine Funktionsstörung, bei der die Nerven geschädigt sind, die die Blase kontrollieren.1 Erschwerend kommt hinzu, dass Harnwegsinfektionen bei Menschen mit MS ein Aufflammen der MS-Symptome auslösen können.2
Harnwegsinfektionen werden durch Bakterien verursacht und zum Teil mit Antibiotika behandelt, doch nicht immer wirkt diese Therapie.3 Wenn die Antibiotika die Entzündung nicht vollständig beseitigen, besteht die Gefahr, dass die Bakterien sich wieder vermehren und resistent (unempfindlich) gegenüber Antibiotika werden.4 Mit ergänzenden Therapieansätzen könnte dieses Problem minimiert werden.4 Häufig wird Cranberry-Saft zur Vorbeugung von Harnwegsinfektionen empfohlen. Zwei neuere Ansätze, für die sich Ärzte und Patienten zunehmend interessieren, sind L-Methionin und D-Mannose, allerdings ist nicht bekannt, wie wirksam diese Mittel wirklich sind.3,5
Was ist L-Methionin?
L-Methionin ist eine Aminosäure (ein Baustein für Eiweissstoffe), die in verschiedenen Nahrungsmitteln vorkommt und die der Körper braucht, um normal zu funktionieren.6 Bei erhöhtem Bedarf kann die Substanz auch in Tablettenform eingenommen werden.6 L-Methionin erhöht den Säuregehalt des Urins und verschlechtert so die Lebensbedingungen für die säureempfindlichen Bakterien in den Harnwegen.6
Die Nebenwirkungen von L-Methionin-Tabletten sind noch nicht vollständig geklärt, umfassen jedoch Magenbeschwerden und einen steigenden Säuregehalt auch im Blut und verschiedenen Körpergeweben.5,6 Darüber hinaus kann L-Methionin mit anderen Medikamenten in Wechselwirkung treten, und es sollte nicht von Patienten mit Leber- und Nierenfunktionsstörungen eingenommen werden.6
Kann L-Methionin Harnwegsinfektionen vorbeugen?
2010 wurde die vorhandene wissenschaftliche Literatur zum Nutzen von L-Methionin bei neurogener Blase ausgewertet.5 Das Fazit dieser Literaturanalyse lautete, dass die aktuelle Beweislage nicht ausreicht, um L-Methionin eine positive oder negative Wirkung zu bescheinigen.5
Eine spätere Studie von 2012 ergab Hinweise auf einen möglichen Nutzen von L-Methionin.4 Diese Studie ergab, dass nach einjähriger Einnahme von L-Methionin die mittlere Anzahl von Harnwegsinfektionen pro Person von vier im vorhergehenden Jahr auf zwei gesunken war.4 Bei den Personen, die das Medikament nicht genommen hatten, blieb die Zahl der Infektionen unverändert.4
Dieselbe Studie deutete allerdings auch darauf hin, dass Cranberry-Saft eine stärkere Wirkung hat als L-Methionin.4 Zusätzlich ist es vom Aufbau der Studie (nicht-randomisiert und retrospektiv) her möglich, dass andere, unbekannte Unterschiede zwischen den untersuchten Patientengruppen die Ergebnisse beeinflusst haben.4 Und schliesslich waren die Studienteilnehmer keine Menschen mit MS, sondern Nierentransplantat-Empfänger, und es ist ungewiss, ob die Ergebnisse sich auf MS übertragen lassen.4 Die Studienergebnisse sprechen jedoch dafür, dass kontrollierte Studien zur Wirkung von L-Methionin bei Harnwegsinfektionen aufschlussreich sein könnten, wenn sie denn durchgeführt würden.
Was ist D-Mannose?
D-Mannose ist ein Zucker, der vom Körper nicht aufgenommen, sondern schnell wieder ausgeschieden wird.7 D-Mannose ähnelt Zuckermolekülen, die auf der Oberfläche menschlicher Körperzellen vorkommen.7 Wenn man in Wasser gelöstes D-Mannose-Pulver trinkt, könnten sich nun die Bakterien eher an die D-Mannose im Urin anheften statt an die Zuckermoleküle auf den Körperzellen der Harnwegswand.7 So würden die Bakterien mit dem Urin ausgeschwemmt, statt sich im Körper anzusiedeln und eine Infektion auszulösen.7
Eine mögliche Nebenwirkung von D-Mannose sind Verdauungsstörungen, und es ist nicht bekannt, ob Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auftreten können.8
Kann D-Mannose Harnwegsinfektionen vorbeugen?
Eine randomisierte klinische Studie zu D-Mannose-Pulver wurde 2014 veröffentlicht.3 In der Studie wurden speziell Frauen untersucht, die zuvor bereits Antibiotika zur Behandlung einer Harnwegsinfektion erhalten hatten.3 Die Wissenschaftler verglichen, wie häufig diese Frauen weitere Infektionen bekamen, wenn sie entweder D-Mannose, Nitrofurantorin (ein Antibiotikum) oder keine weitere Behandlung erhielten.3
Die Ergebnisse waren ermutigend und zeigten, dass die Frauen, die D-Mannose nahmen, mit geringerer Wahrscheinlichkeit weitere Infektionen erlitten als die Frauen, die Nitrofurantorin oder keine weiteren Mittel nahmen.3 Von den Frauen, die keine weitere Behandlung erhielten, trat bei 61% eine weitere Infektion auf, verglichen mit 20% der Frauen, die Nitrofurantorin nahmen, und nur 15% der Frauen, die D-Mannose nahmen.3
Diese Studie muss noch validiert und bei Menschen mit MS wiederholt werden, um festzustellen, ob die Ergebnisse auch für diese Gruppe gelten, doch insgesamt deuten die Daten darauf hin, dass D-Mannose zur Vorbeugung von Harnwegsinfektionen wirksam sein könnte.3
Viele Ärzte empfehlen L-Methionin, D-Mannose oder Cranberry-Saft, um Harnwegsinfektionen vorzubeugen. Sprechen Sie jedoch mit Ihrem Arzt, bevor Sie diese oder andere Mittel anwenden, um das für Sie optimale Ergebnis zu erzielen.
Dr. Lutz Achtnichts