Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03531.jsonl.gz/1046

Es ist schwer, den Fortschritt in der Frauenemanzipation heute genau zu bemessen. Ein verlässliches Kriterium hierfür ist, zu ermitteln, welche Tätigkeiten für Frauen heute selbstverständlich sind – und es früher nicht waren. Eine treffende Beobachtung in diesem Kontext wäre zum Beispiel, dass Frauen in der Politik nicht mehr nur in der Frauenpolitik oder als Proporzprotagonisten wirken. Und ein Teilaspekt dieses Teilaspektes ist sicher, wenn das Freiheitsanliegen von Frauen sich nicht nur um die eigene Emanzipation dreht.
Womit wir bei John Blundells äusserst kurzweiligem und lehrreichem Buch «Ladies for Liberty» sind. Blundell war einst Leiter des Londoner Institute of Economic Affairs, des führenden marktwirtschaftlichen Think Tank des Landes, der mithalf, die Thatcher-Revolution zu initiieren. Seine Bewunderung für Lady Thatcher – gewiss keine Proporzfrau in der Politik – inspirierte ihn zu diesem Buch. Das Thema lautet: Freiheitsfrauen. Denn diese haben in den Vereinigten Staaten eine längere und erfolgreichere Tradition vorzuweisen, als dies in europäischen Ländern der Fall ist. Und so stellt Blundell in seinem Buch 20 Frauen aus der amerikanischen Geschichte vor, die sich seit der Unabhängigkeit auf etlichen Tätigkeitsfeldern für mehr Freiheit eingesetzt haben. Manche wurden berühmt, manche sind – zu Unrecht, wie man bedauernd feststellen muss – heute vergessen.
Ihr politisches Wirken erwies sich in Amerika schon zu jenen Zeiten als effektiv, da das Frauenwahlrecht noch in weiter Ferne lag und Frauen aufgrund formeller Rechtlosigkeit noch stark institutionell behindert wurden. Die Schriftstellerin Mercy Otis Warren (1728–1814) etwa wurde schon zu Lebzeiten als das «Gewissen der Amerikanischen Revolution» bezeichnet. Die Dichterin und Bühnenautorin unterstützte mit zahlreichen Pamphleten den Unabhängigkeitskampf, beeinflusste durch ihre Korrespondenz mit Delegierten die Verfassungsberatungen und prägte bei mindestens vier der ersten amerikanischen Präsidenten die politische Agenda. Ihre 1805 erschienene erste «Geschichte der Amerikanischen Revolution» hat auch unser Bild des grossen Ereignisses geprägt.
Harriet Tubman (1822–1913), die bis heute zu den populärsten afroamerikanischen Ikonen überhaupt gehört, war eine geflohene Sklavin, die sich selbst bildete, um dann unter Einsatz ihres Lebens die «Underground Railroad» zu koordinieren – eine Organisation, die schwarze Sklaven befreite und in den freien Norden schmuggelte. Und hätte das Land die Sklaverei überhaupt überwunden, wäre da nicht Harriet Beecher Stowe (1811–1896) gewesen, die mit ihrem Roman «Uncle Tomʼs Cabin» fast im Alleingang den Meinungsumschwung gegen die Sklaverei in den Nordstaaten bewirkte? Frauen, so zeigt sich, haben in grossen historischen Dimensionen die Politik des Landes geprägt. Schriftstellerinnen wie Taylor Caldwell (1900–1985) oder Ayn Rand (1905–1982) haben mit ihren Romanen in einer Zeit, da Sozialismus und Staatsinterventionismus unter den Intellektuellen die dominierende Ideologie war, erfolgreich marktwirtschaftliches Denken popularisiert. Auch Rose Director Friedman (1911–2009) ist in diesem Kontext zu nennen. Zwar stand sie als Ökonomin stets im Schatten ihres Mannes Milton Friedman – diese Rolle jedoch war, so zeigt Blundell, reichlich unverdient.
Die Erfolge der Frauenemanzipation im 20. Jahrhundert haben das politische Engagement ihrer Vorkämpferinnen vielleicht in ein weniger spektakuläres Licht gerückt. Die gegenwärtige Frauenbewegung jedoch ist grösstenteils von ihrer Freiheitsorientierung weg, hin zu tendenziell verwaltender political correctness gewandert. Wer das beklagt, findet (zumindest mit Blick auf Amerika) Tröstliches in Blundells Buch. Es stellt die elementare Frage danach, ob der sich erst im 20. Jahrhundert einstellende Triumph der Einführung des generellen Frauenwahlrechts ohne die Vorkämpferinnen im 19. Jahrhundert überhaupt denkbar gewesen wäre. Man(n) lernt also zweierlei. Erstens: Amerikanerinnen, ihr habt es besser! Und zweitens: Ohne Frauen ginge es der Freiheit schlechter.