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Charlotte Selver
Stefan Laeng-Gilliatt
Charlotte Selver (1901-2003) – ein Nachruf
Charlotte Selver – eine Pionierin der humanistischen Bewegung in den USA – starb am 22. August 2003 im Alter von 102 Jahren in ihrem Heim in Muir Beach in Kalifornien, im Kreis ihrer engsten Freunde und Schüler.
Charlotte Selver übte mit ihrer Arbeit „Sensory Awareness“ einen entscheidenden Einfluss auf das „Human Potential Movement“ und die Humanistische Psychologie aus. Aspekte ihrer Arbeit flossen auch in viele der heute verbreiteten Methoden im Bereich der Körperarbeit und Psychosomatik ein.
Sie hat in den über achtzig Jahren ihrer Tätigkeit Tausende von Menschen in den USA, Europa und Mexiko tief berührt und angeregt, unter ihnen einflussreiche Persönlichkeiten wie den Psychoanalytiker Erich Fromm, den Zen-Philosophen Alan Watts und Fritz Perls, den Begründer der Gestalttherapie.
Charlotte Selver (geb. Wittgenstein) ist am 4. April 1901 in Ruhrort (Duisburg) zur Welt gekommen. In den turbulenten und kreativen Jahren nach dem ersten Weltkrieg hatte die junge Charlotte grosses Interesse an der Deutschen Reformbewegung. In den zwanziger Jahren heiratete sie Heinrich Selver. Obwohl diese Ehe 1931 aufgelöst wurde, lebten Charlotte und Heinrich noch bis 1938 zusammen. Ihre Wege schieden sich nach der Flucht in die USA. Sie blieben jedoch gute Freunde bis zu Heinrichs Tod im Jahre 1957.
Noch während ihrer Ausbildung in Bode-Gymnastik fand Charlotte Selver ihren Weg zu Elsa Gindler. Deren revolutionäre Arbeit, die der Erforschung menschlicher Verhaltensweise in Bewegung und Ausdruck galt, war der Auslöser einer lebenslangen Leidenschaft.
In der Folge unterrichtete Charlotte Selver in vielen Städten Deutschlands, bis sie sich in Leipzig niederliess, wo sie an der Universität Gymnastik lehrte. Als Jüdin verlor sie diese Stelle bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. 1938 emigrierte sie nach New York. Dort musste sie ganz von Neuem beginnen. Ihre von Elsa Gindler geprägte Arbeitweise, die sie später „Sensory Awareness“ nannte, war in den USA völlig unbekannt.
Während sie anfangs vor allem mit anderen Emigranten arbeitete, stellte sich jedoch schon bald ein immer grösser werdender Kreis auch von amerikanischen Schülerinnen und Schülern ein. Sei es an der „New School for Social Research“, in ihrer Arbeit mit Psychoanalytikern des „William Alanson White Institute“ oder in ihrer eigenen Praxis, Charlotte Selver forderte ein intellektuell orientiertes Publikum mit einer Arbeitsweise heraus, die non-verbale Erfahrung und individuelle Entdeckungen in den Vordergrund stellt.
Charlotte Selver wollte keine Methode vermitteln. Sie ermutigte ihre Schülerinnen und Schüler, an sich selber zu erfahren, wie sie sich im Umgang mit Menschen und Dingen „zweckmässig“ verhalten können, wie Bewegungen naturgemäss verlaufen, wie der Atem ungestört fliessen kann. Angelpunkt ihrer Arbeitsweise ist das „Erfahren durch die Sinne“. Charlotte Selver war davon überzeugt, dass das Wohlbefinden des Individuums, der Gesellschaft als Ganzes sowie auch die Sorge um unsere Umwelt davon abhängen, in wie weit wir zu einem neuen Vertrauen in organische Prozesse finden.
Auf Grund der Zusammenarbeit mit Allan Watts begann Charlotte Selver in den späten 50-er Jahren auch in Kalifornien zu unterrichten. Ab 1963 bot sie als Erste non-verbale Workshops am Esalen Institute in Big Sur an. Damit trug sie entscheidend zur Entfaltung vieler somatisch orientierter Arbeitsweisen bei und nahm wesentlichen Einfluss auf die sich ausbreitende humanistisch-therapeutische Bewegung.
Seit den 60-er Jahren arbeitete sie auch regelmässig mit Schülern des „San Francisco Zen Centers“. Diese Verbindung blieb bis an ihr Lebensende bestehen.
Während fast dreissig Jahren, bis zu seinem Tod 1991, bot Charlotte Selver Kurse zusammen mit ihrem zweiten Mann, Charles W. Brooks an. Viele Schülerinnen und Schüler reisten ihnen um die halbe Welt nach, um über Monate regelmässig am Unterricht teilhaben zu können.
1971 wurde die „Sensory Awareness Foundation“ ins Leben gerufen, eine Stiftung, deren Ziel die Erhaltung und Dokumentation von Charlotte Selvers Lebenswerk ist. 1995 verlieh ihr das „California Institute of Integral Studies“ in San Francisco den Ehrendoktortitel.
Seit März 2003 verbrachte Charlotte Selver die letzten Monate in ihrem Heim in Muir Beach in San Francisco, in der umsorgenden Pflege ihres dritten Mannes, Peter Gracey.
Eine grosse Anzahl an Schülerinnen und Schülern wird die Arbeit mit Charlotte Selver mit grosser Dankbarkeit in liebevoller Erinnerung behalten..
Die von Charlotte Selver autorisierten „Leaders“ werden „Sensory Awareness“ – im Bewusstsein des grossen Verlustes – achtsam und sorgfältig im Sinne von „Charlotte“ weiter vermitteln.