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Die detaillierte Erarbeitung einer alle Grabungssektoren übergreifende (Fein-)Stratigrafie und deren Korrelation mit der systematisierten Keramiktypologie ermöglichten die Erarbeitung einer Keramikentwicklung und einer ortsinternen Periodisierung. Dabei wird von der kleinsten Stratigrafischen Einheit (Akkumulation oder Installation) und ihrem jeweiligen Fundgut ausgegangen und in einem ersten Schritt pro Grabungssektor Bauphasen und einem zweiten pro Bereich Bauperioden definiert. Aufbauend auf einer sich daran anschliessen den Erarbeitung einer komparativen Stratigrafie der diversen Bereiche innerhalb des Sirkeli Höyük und der damit assoziierten Entwicklung aller Artefaktgruppen sowie über den Abgleich mit den Befunden der anderen ausgegrabenen Fundorte Kilikiens konnte eine neue Regionalchronologie in Form aufeinander folgender Kulturstufen entwickelt werden. Dies wurde ermöglicht durch die enge Zusammenarbeit mit allen in der Region tätigen Grabungsteams im Rahmen von drei Workshops, über die gemeinschaftlich eine komparative Stratigrafie aller kilikischer Fundorte vom Neolithikum bis zum Mittelalter erstellt werden konnte. Von besonderer Wichtigkeit ist, dass die als Ergebnis vorgestellte Regionalchronologie auf einer möglichst breiten Basis ruht und in erster Linie von der stratigrafiebezogenen Entwicklung der materiellen Kultur – insbesondere (aber keineswegs ausschliesslich) der Keramik – ausgeht. Zusätzlich werden historische Ereignisse und naturwissenschaftliche Daten (z.B. Radiocarbondatierungen) mitberücksichtigt. Um allzu vorgeprägte, bisweilen auch missverständliche und mit unterschiedlichen Inhalten versehen Terminologien entweder historischer (»Hethitische Grossreichszeit«, »Spät-hethitische Zeit« etc.) oder materialzeitlicher (»Spätbronzezeit«, »Eisenzeit« etc.) Natur zu vermeiden, wurde hier eine neue, neutrale und auf die Region Kilikiens ausgerichtete Begrifflichkeit eingeführt. Das Ergebnis ist eine Regionalchronologie, welche nach dem Vorbild des ARCANE-Projektes zwischen den Kulturstufen »Early«, »Old«, »Middle«, »Neo« und »Late Cilician« (abgekürzt ECI, OCI, MCI, NCI und LCI) differenziert, jeweils mit mehreren Unterstufen. Für die älteren, in Sirkeli bislang nicht bezeugten Kulturstufen wird dagegen einstweilen mit etablierten Begrifflichkeiten gearbeitet: »Pre-Pottery Neolithic A und B«, »Pottery Neolithic«, »Early Chalcolithic« und »Late Chalcolithic«. Der Vorteil einer auf der Feinstratigrafie basierenden Chronologie liegt darin, dass die Datierung der Befunde in Sirkeli Höyük zunehmend eigenständiger und damit unabhängiger von externen Vergleichen wie beispielsweise der Zeitstellung von Importe wird. Im Gegenteil bieten sich nunmehr immer bessere Möglichkeiten, seinerseits wichtige Erkenntnisse zur relativen und absoluten Datierung von weit verbreiteten Keramikgattungen wie beispielsweise der OCI-zeitlichen »Syro-Kilikischen« oder den NCI-zeitlichen »Zypro-Kilikischen« Waren zu gewinnen. Mittels der neuen Regionalchronologie können nun Entwicklungen in der materiellen Kultur des Sirkeli Höyük in einen breiteren, regionalen Kontext gesetzt und lokale Tendenzen von regionalen unterschieden werden. Daraus lassen sich wiederum Rückschlüsse auf historische und kulturelle Entwicklungen ziehen und lang andauernde Traditionslinien von Momenten scharfer Umbrüche unterscheiden. So kann beispielsweise durch die neue Einteilung innerhalb der Kulturstufe NCI deutlicher als durch die traditionelle »Eisenzeit«-Chronologie herausgestellt werden, dass die Inkorporation Kilikiens in das Assyrische Reich am Ende des 8. Jh. weitreichende Konsequenzen für die (materielle) Kultur der Region hatte und sich z.B. stark in der Keramikproduktion niederschlug. Mit Hilfe einer solchermassen stärker objektivierten Regional-chronologie wird es künftig besser möglich sein, die Kulturentwicklung Kilikiens in einen grossräumigen interregiona-len Zusammenhang zu setzen. Das hier vorgelegte Gerüst und die Darlegung der jeweiligen Charakteristika einer Kulturstufe sind bislang noch als provisorisch anzusehen und benötigen weiterer Präzisierung. Insbesondere textliche Hinweise zur Verankerung historischer Daten in diesem System sind bislang noch rar. Insofern müssen, können und werden künftige Ausgrabungen zur Modifikation und weiteren Präzisierung der Regionalchronologie führen.
Nach den bisherigen Erkenntnissen wurde die antike Siedlung auf dem Sirkeli Höyük im Spätchalkolithikum am Westrand eines von Südwesten nach Nordosten verlaufenden Felssporns gegründet und wuchs durch wiederkehrende Überbauung einer Siedlungsschicht durch die nächste rasch in die Höhe. Im Lauf der Zeit dehnte sie sich den Hang des Felsens hinauf aus, bis sie diesen schliesslich fast vollständig überdeckte; spätestens im späten 2. Jt. v. Chr. dürfte des Gestein nur noch an wenigen Stellen sichtbar gewesen sein, insbesondere im äussersten Nordosten. Ab der Kulturstufe ECI scheint es erstmals eine auf das Gebiet nördlich des eigentlichen Hügels beschränkte Unterstadt sowie eine Vorstadt auf der gegenüberliegenden Flussseite gegeben zu haben. Diese sind jedoch bislang ausschliesslich durch Oberflächenkeramik bezeugt. Eine erste grosse Expansion erlebte die Siedlung dann während der Kulturstufe OCI, als nicht nur der gesamte Hügel, sondern auch weite Teile der Unterstadt und der Vorstadt besiedelt waren. Die Massivität der Siedlungsschichten dieser Zeit wird durch die Befunde eines 2016 durchgeführten Hangscratching am Südhang der Inneren Zitadelle ebenso bezeugt wie im Hangschnitt im Nordwesten des Plateaus sowie durch den Umstand, dass überall, wo tief genug gegraben wurde, massive Baureste dieser Kulturstufe zutage traten. Auch wenn nur vergleichsweise wenig OCI-zeitliche Architektur freigelegt wurde, deutet dieser Umstand auf einen als sicher anzunehmenden urbanen Charakter der Siedlung hin. Während der folgenden Kulturstufe MCI scheint es zwar eine Reduktion der Siedlung gegeben zu haben – so fanden sich in der Unterstadt und der Vorstadt nur punktuell Scherben dieser Zeitstellung – doch sind bei den Ausgrabungen auf dem Hügel mehrere Grossbauten erfasst worden, die auf eine gehobene soziale Stellung ihrer Bewohner sowie auf die Erfüllung besonderer Funktionen wie Administration und/oder Kult innerhalb des Ortes hinweisen. Sowohl das Plateau als auch die Innere Zitadelle waren offenkundig vollständig bebaut und wiesen an verschiedenen Stellen Reste von Monumentalarchitektur auf. Eine Präzisierung der Funktion dieser Bauten fällt einstweile schwer, doch insbesondere das Ensemble aus dem von Horst Ehringhaus 1996-7 freigelegten Steinbaus, zweier Libationskuhlen (»shallow cups«) und der beiden Felsreliefs im Nordosten der Siedlung weist ganz eindeutig Charakteristika einer Kultanlage auf. Am deutlichsten wies die Siedlung in der Kulturstufe NCI ein urbanes Gepräge auf. Spätestens zu dieser Zeit diente der eigentliche Siedlungshügel als deutlich von der Unterstadt abgesetzte und fortifikatorisch gesicherte Zitadelle, die ihrerseits in einen niedrigeren nördlichen Teil, das »Plateau«, und die von diesem durch eine eigene Mauer abgesonderte, südlich angrenzende, deutlich höhere »Innere Zitadelle« unterteilt war. In beiden Bereichen fanden sich Grossbauten, die zum Teil auf Vorgängerbauten aus dem 2. Jt. v. Chr. ruhten. Die sehr ausgedehnte Unterstadt war durch einen doppelten Mauerring und einen davor verlaufenden Graben gesichert und mit dichter, sehr regelmässig angelegter Wohnbebauung gefüllt. Herausragend war ein Bereich südlich der Zitadelle, der gleichsam deutlich erhöht war und eine »Zweitzitadelle« bildete. Die Vorstadt erlebte gleichzeitig ebenfalls ihre grösste Ausdehnung, zudem war die Nekropole südwestlich des Zitadellenhügels entweder bereits in Benutzung oder das Gelände anderweitig besiedelt. Das besiedelte Gebiet umfasste annähernd 80ha. Alle Hinweise sprechen für eine sozial stark ausdifferenzierte Gesellschaft. Im weiteren Verlauf der Kulturstufe NCI kam es zur Profanisierung zumindest der beiden Monumentalbauten D1 und A1, wobei letzterer durch kleinteiligere Wohnbebauung überlagert wurde. Soweit ersichtlich, ging der Übergang von der Kulturstufe NCI zu LCI ohne nennenswerten Bruch vonstatten. Die Sied-lung verkleinerte sich, weite Teile der Unterstadt wurden aufgegeben. Auch in der »Inneren Zitadelle« sind nur punk-tuell Baureste dieser Zeit erhalten. Das Plateau dagegen war dichtmaschig bebaut. Neben einer mehrphasigen Wohn-bebauung (Sektor A) fand sich zumindest ein Grossbau (C1) bislang unbekannter Funktion, der auf eine komplexe Siedlungsstruktur und eine zumindest funktionale Hierarchisierung innerhalb der Siedlung verweist. Das Fundmaterial aus der Siedlung und die aufwändige Grabarchitektur in der Nekropole lassen auf einen gewissen Wohlstand der Bevölkerung schliessen, ebenso wie eine zumindest vordergründige »Hellenisierung«, wobei hierzu noch weitergehende Studien z.B. über die Betrachtung der Architektur oder der Bestattungssitten dringend nötig wären. Um 50 v. Chr. wurde der Ort aufgegeben und bis zur Neuzeit nicht mehr besiedelt. Über die Ursachen kann nur spekuliert werden: Die Bevorzugung von Flachsiedlungen in der römischen Epoche wäre eine Erklärung, die Umsiedlung der Bevölkerung in die neu gegründeten Städte Anazarbos und Castabala eine andere. Trotz dieser sehr wichtigen Erkenntnisse, die durch die Ausgrabungen gewonnen wurden, bleiben zahlreiche Frage offen, die nur durch weitere Untersuchungen beantwortet werden können: Keines der bislang entdeckten monumentalen Gebäude konnte bislang auch nur ansatzweise vollständig freigelegt werden. Dadurch sind die Ausdehnungen, die Baustrukturen, die Funktionen und die Baugeschichte noch weitgehend unbekannt und damit auch, wo genau die Administrations- und Repräsentationsbauten (»Paläste«) sowie die Tempel der Stadt zu lokalisieren sind. Zugangswege zur Stadt und innerhalb der Stadt zwischen den einzelnen Bereichen sind noch ebenso unklar wie die vollständige Ausdehnung der Unterstadt und das funktionale Verhältnis zur Vorstadt auf der gegenüber liegenden Seite des Flusses. Die Segregationsmuster können bislang allenfalls im Ansatz erkannt werden.
Zu dieser Fragestellung wurden aufgrund der anderweitigen Schwerpunktsetzungen der bisherigen Arbeiten fraglos die bislang wenigsten neuen Ergebnisse erzielt. Dies liegt daran, dass sich die Arbeiten des Projektes bislang ausschliesslich auf den Sirkeli Höyük selbst konzentrieren und ein geplanter Survey des weiteren Umlandes bislang nicht realisiert werden konnte. Immerhin wurden in einem anderen, von Susanne Rutishauser durchgeführten Unterfangen des Projektverbundes namens Siedlungskammer Kilikien (1) alle bislang verfügbaren Daten aus bereits durchgeführten und (teilweise) veröffentlichten Surveys zusammengetragen, mit neu generierten Informationen aus der Fernerkundung verknüpft und im Hinblick auf das Siedlungssystem und die Hierarchisierung von einzelnen Orten analysiert. Dabei zeigte sich bereits deutlich, dass der Sirkeli Höyük auch ohne Einbeziehung der ausgedehnten Unterstadt zu den grössten und damit mutmasslich auch zu den zentralen Orten Kilikiens zu zählen ist. Auffällig ist, dass Kilikien offenkundig sowohl zentralörtliche Systeme als auch »Gateway Communities« fassbar werden (2). Insbesondere der Sirkeli Höyük, der durch seine Position am östlichen Eingang in die Passage durch die Misis-Berge an der Peripherie seines eigenen Hinterlandes gelegen ist, repräsentiert in hohem Masse eine »Gateway Community«, die ihre besondere Stellung der Lage an einer wichtigen Handels- und Verkehrsroute verdankt (3). So haben die Arbeiten in Sirkeli Höyük einige wichtige Erkenntnisse zur Grösse des Ortes und damit zu seiner Stellung innerhalb des Siedlungssystems geliefert. Seine Ausdehnung kann v.a. für die Kulturstufen OCI und NCI dank der Untersuchungen in der Unter- und der Vorstadt als erheblich grösser rekonstruiert werden als bislang angenommen, was ihm gemäss der »Rank-Size-Rule« (4) eine sehr hohe Position im Siedlungssystem Kilikiens verleiht. Damit dürfte ein entsprechender Funktionsüberschuss und damit auch eine Zentralität des Ortes gegenüber seinem Umland postuliert werden, selbst wenn sich diese im Einzelfall mangels eindeutig bezeugter Paläste, Tempel, Administrations- und Lagerbauten sowie Produktionsorten noch nicht sicher quantifizieren und qualifizieren lässt. Auch hier werden künftige Arbeiten das Ziel verfolgen müssen, weitergehende Informationen zu gewinnen.
(1) Rutishauser i.V.
(2) Wawruschka 2012.
(3) Zu dem »Transversal Highway« von Kilikien, an dem alle grossen bronze- und eisenzeitlichen Fundstätten der Region in annähernd regelmässigen Abständen zueinander aufgereiht sind, siehe neben Rutishauser i.V. insbesondere Forlanini 2013.
(4) Zur Methodik und ihre Anwendung auf Kilikien siehe Wawruschka 2012: 8–10.