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«Di Billig» ist hundertfünfzig Jahre alt
Die Aktiengesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser in Winterthur (GEbW) feiert ihr 150-jähriges Bestehen. Sie besitzt aktuell 885 Wohnungen in der Stadt. Während sich die Anforderungen an Wohnungen im Verlauf der Zeit gewandelt haben, bleibt das Grundanliegen der Gesellschaft unverändert: günstiges und nachhaltiges Wohnen in Winterthur.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts pulsierten die Stadt Winterthur und ihre Vororte im rasenden Takt der neuen Fabriken. Letztere gierten nach Arbeitskräften, und diese kamen in Scharen. Die Bevölkerungszahl verdoppelte sich in wenigen Jahrzehnten, und das hatte Folgen. Die Bodenpreise stiegen und mit ihnen die Mietzinsen für Wohnungen – denn im Gegensatz zu den Menschen, kann sich der Boden nicht exponentiell mitvermehren. Hinzu kam bei der privaten Bautätigkeit die Tendenz, die eigenen Projekte nicht nach dem grössten Bedarf, sondern nach der grösstmöglichen Rendite auszurichten. Angesichts solcher Massstäbe passten Arbeiterfamilien und Angehörige der unteren Mittelschicht schlicht nicht ins Profil. Weil kleine Wohnungen Mangelware waren, zogen viele Familien meist in grössere und teure Mietshäuser, die sie durch die Aufnahme von Kostgängern und Untermietern querfinanzierten. So lebten bunt zusammengewürfelte und von der Arbeit erschöpfte Menschen auf kleinstem Raum. Das waren keine guten Voraussetzungen für die körperliche und mentale Gesundheit, ebenso wenig für den sozialen Frieden.
Villenarchitekt baut Arbeiterhäuser
Wann immer in Winterthur Not herrschte, war die 1812 gegründete Hülfsgesellschaft zur Stelle. Sie berief eine Kommission aus Vertretern der Gemeinden, des Baugewerbes, der Hülfsgesellschaft, der Industrie und der Arbeiterschaft ein und betraute sie mit der Prüfung der Bedingungen für die Gründung einer Aktiengesellschaft für den sozialen Wohnungsbau. Aus dieser Initiative ging 1872 die GEbW hervor. In den Statuten wurde der Zweck festgehalten, «in Winterthur und dessen Umgebung gesunde und passend eingerichtete Wohnungen zu erstellen und diese, wenn möglich nebst etwas Gartenland, an Familien oder einzelne Privaten mietweise zu überlassen oder unter erleichternder Bedingung vertragsgemässer kleiner Abschlags-Zahlungen käuflich abzutreten».
Ein wichtiges Grundprinzip war zudem, dass diese Wohnungen nicht in einem einzigen Quartier konzentriert, sondern gruppenweise an verschiedenen Standorten realisiert werden sollen. Die Ausführung übernahm niemand geringerer als der bekannte Villenarchitekt Ernst Jung. Er gehörte zu den Mitgründern der GEbW und prägte deren frühe Bautätigkeit rund vierzig Jahre lang. So entstanden ab 1872 die Siedlungen Deutweg, Schönthal, Geiselweid, Vogelsang und Bahndreieck. Die GEbW leistete damit Pionierarbeit im sozialen Wohnungsbau und wurde eine wichtige Ansprechspartnerin für die Stadt, welche damals noch über sehr grosse eigene Landreserven verfügte. In den 1920er-Jahren setzte dann die Hochblüte des genossenschaftlichen Wohnungsbaus ein, was sich in der Gründung mehrerer Baugenossenschaften niederschlug, die alle auch um städtische Baureserven buhlten. Als einzige Aktiengesellschaft war die GEbW nun plötzlich zu einer Exotin geworden.
Andere Zeiten – andere Herausforderungen
In den ersten 75 Jahren, die vor allem von Zeiten wirtschaftlicher Anspannung und den beiden Weltkriegen geprägt waren, baute die GEbW überwiegend Ein-, Doppel- oder Reihenfamilienhäuschen. Während die Genossenschaften auf Mieten setzten, förderte die GEbW das Wohneigentum als Schlüssel zur Unabhängigkeit. Sie verkaufte ihre Liegenschaften zu günstigen Konditionen an Arbeiterfamilien. Als jedoch in den 1950er-Jahren die Bodenpreise immer stärker anstiegen, verabschiedete sie sich allmählich von dieser Strategie. Und als Winterthur sich dann ab den 1980er-Jahren immer schneller von der Industrie- zur Dienstleistungsstadt wandelte, veränderte sich das Klientel der GEbW: Statt den klassischen gehörten nun die besserverdienenden Angestellten zu den Hauptmietern. Ebenfalls veränderten sich die Anforderungen an den Wohnungsbau – ökonomische Aspekte gewannen zunehmend an Bedeutung.
«Billig!» in Töss
Während der Stadtteil Töss in den Anfängen kaum eine Rolle spielte, änderte sich das ab den 1990er-Jahren. 1991 kaufte die GebW nicht nur die Plattensiedlung an der Auwiesenstrasse 3–9, sondern sie stellte 1997 anlässlich ihres 125-jährigen Bestehens eine grössere Parzelle im Auwiesenquartier für die Realisierung eines Wohnexperiments zur Verfügung. Die Vorgabe lautete: Erschwingliches Wohneigentum durch ökonomische Bauweise. Billig traf damit auf Nachhaltig.
Entstanden ist die 2001 fertiggestellte Siedlung Q-Bus an der Neumühlestrasse 48 – 54, die 2002 vom Winterthurer Stadtmarketing als «wegweisend» prämiert wurde. Sie umfasst 44 Eigentumswohnungen. Eine schlichte aber moderne Wohnung mit 112 Quadratmetern kostete 340’000 Franken. Damit machte die Bauherrin ihrem Namen alle Ehre, und sie hatte auch die mögliche Zielgruppe ihres Bauwerks richtig eingeschätzt – junge Winterthurerinnen und Winterthurer im Alter zwischen 25 und 40 Jahren. Diese kamen, realisierten sich den Traum vom eigenen Wohnheim und hatten ihren Q-Bus lieb. Glücklich platziert – weil ausserhalb der Reichweite von verwüstungsfreudigen Teenagern – ist dort auch ein orangener Plexiglaskubus als Kunstwerk.
Für die GEbW war das Projekt jedoch wegweisend. Nachdem die letzten Wohnungen im Q-Bus verkauft waren, realisierte sie keine Projekte mehr, die ausschliesslich zum Verkauf von günstigem Wohneigentum gedacht waren. Stattdessen konzentrierte sie sich auf günstige Mietwohnungen. Damit folgte sie einem allgemeinen Trend. So entstand zwischen 2002 und 2007 im Herzen des Dättnaus die Überbauung «in Wannen» mit 24 Eigentumswohnungen und 26 Mietwohnungen. Erstere wurden zu Marktpreisen verkauft. Mit dem Gewinn konnte die GEbW die Mietwohnungen quersubventionieren und so die Preise tief halten.
Nachdem die Bauarbeiten im Dättnau nach einiger Verzögerung planmässig voranschritten, widmete sich die GEbW ihren alten Arbeitermehrfamilienhäuschen an der Oberen Schöntalstrasse 16–25 im Tössfeld. Diese stammten noch aus den 1920er-Jahren und waren nicht mehr in sehr gutem Zustand. Ein Neubau sollte deshalb her. Das Projekt war umstritten – die Mieter:innen wollten bleiben und wehrten sich. Auch die Denkmalpflege wollte, dass alles beim Alten bleibt und wehrte sich. Selbst intern gab es Diskussionen. 2009 aber mussten die angestammte Mieterschaft und die Häuser dann doch dem Ersatzneubau mit seinen markanten auskragenden Balkonen weichen. Dort lebt es sich seit 2011 nun etwas teurer «billig» als zuvor.
Ein Kochbuch zum Jubiläum
Rund 50 mehrheitlich lokale Aktionäre tragen die GEbW, darunter die Sulzer Vorsorgeeinrichtung, die Johann-Jacob-Rieter-Stiftung, die AXA und die Hülfsgesellschaft Winterthur. Die GEbW verfügt über kein eigenes Personal. Alle operativen Geschäfte waren ausgelagert, und zwar lange Zeit an die Sulzer Immobilien AG. Diese wurde 2010 veräussert und so kam es zu einem Wechsel zur Auwiesen Immobilien AG. Deshalb wurde der Hauptsitz der Aktiengesellschaft auch gleich an die Klosterstrasse 17 verlegt. Hinsichtlich grosser Neubauprojekte steht Töss aktuell nicht mehr im Fokus, sondern Oberwinterthur. Dort entsteht die 2021 vom Volk gutgeheissene Siedlung Eichwaldhof.
Nadia Pettannice