Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03301.jsonl.gz/369

Text: Laura Reinhardt, World Vision International / Tamara Fritzsche, World Vision Schweiz
Andre, Armet und ihre Freunde überqueren täglich kilometerlange Schneefelder, um in die Schule zu kommen. Es ist kalt und windig. Die Kinder zittern am ganzen Körper als sie durch den hohen Schnee waten. Immer wieder sinken sie ab. Ihre Hände und Füsse sind vom langen Laufen längst taub.
Der Winter brachte den Brüdern Andre und Artem keine Freude; sie schämten sich. Denn Andre und Artems Eltern konnten sich keine warmen Mäntel, Handschuhe und Stiefel für ihre Söhne leisten. Der Weg in die Schule mit kaputter, dünner und nasser Kleidung in der bitteren Kälte wurde irgendwann zu gefährlich, sodass Mutter Anna ihren Söhnen verbot in die Schule zu gehen. Die Jungen sind gut in der Schule, verpassen sie aber zu viel, wird es schwierig. «Es brach mir das Herz, als sie mich fragten, warum ihre Nachbarn gute Schuhe und Mäntel hätten und sie nicht», erzählt Anna. Als Andre und Artems Schulfreunde vorbeikamen, um die Brüder für die Schule abzuholen, versteckten sie sich im Haus. Sie schämten sich, zu Tür zu kommen und ihren Freunden sagen zu müssen, dass sie nicht zur Schule konnten, weil sie zu wenig Geld für warme Kleidung hatten.
Aufgeschnittene Schuhe
Die Familie lebt in Shirak, einer der kältesten Regionen im Nordwesten Armeniens, wo sich die Temperaturen in den Monaten Dezember und Januar weit unter den Gefrierpunkt bewegen. Die Landschaft ähnelt aufgrund ihrer kargen Vegetation und des schneebedeckten Bodens einer weissen Wüste. Anders als bei uns kann der Winter in Armenien zwischen sechs und sieben Monaten dauern. Ein brutaler Kälteeinbruch traf die Region im Februar 2016, als die Temperaturen bis auf -37 Grad Celsius fielen.
Als Artem drei Jahre alt war, erlitt er schwere Erfrierungen an seinen Händen. Seine Hände waren rot geworden und geschwollen, nachdem er zu lange draussen in der Kälte war. Artems Mutter Anna brachte ihn zum Arzt. Die Diagnose: Für den Rest seines Lebens werden die Hände ihres Sohnes empfindlich auf Kälte reagieren. Damit es nicht noch schlimmer wird, muss er unbedingt warme Handschuhe tragen. Wie alle heranwachsenden Kinder waren die Brüder aber aus ihren Handschuhen, Kleidern und Stiefeln herausgewachsen. Anna musste Teile von Andres Stiefeln abschneiden, damit seine Füsse Platz haben. Das bedeutete aber auch, dass die abgenutzten Schuhe kaum noch vor der Kälte und Nässe im Winter schützen. Für neue warme Kleidung war erst recht kein Geld da.
Knallgelbe Stiefel für Andre und Artem
Glücklicherweise stellte World Vision den Jungen warme Wintermäntel zur Verfügung – eine grosszügige Spende von einem der Unternehmenspartner von World Vision. Die gespendeten Mäntel sind zwar noch zu gross für die Jungs, aber so haben sie viel Platz und Zeit hineinzuwachsen. Ausserdem erhielten Andre und Artem schienbeinhohe, gelbe Stiefel, damit ihre Füsse auf dem Schulweg trocken und warm bleiben. «Ich war sehr traurig, nicht zur Schule gehen zu können», sagt Andre, «als ich aber endlich wieder gehen konnte, holte ich die Arbeit schnell wieder auf.»