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Verstehen, schrieb einst der russische Dichter Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew, könne man Russland nicht. «Nur glauben kann man an das Land.» Und Wladimir Putin glaubt ganz offensichtlich nur an Russland, solange er selber an den Hebeln der Macht sitzt.
So könnte man die gestern angekündigte Verfassungsreform deuten, mit welcher der 67-jährige Langzeitmachthaber dem Parlament vordergründig mehr Macht einräumen will. Langfristig könnte der politische Eingriff am russischen System nämlich dazu führen, dass Putin über das Ende seiner Präsidentschaft 2024 hinaus an den genannten Machthebeln bleibt. Der Ministerpräsident (nebst dem Präsidenten die Nummer zwei im Land) soll mehr Einfluss erhalten. Ebenso der jetzt schon mächtige Präsident des Staatsrates. Beide Ämter würden Putin auch nach 2024 noch offen stehen.
Wie wichtig die Idee einer zentralen Machtfigur im russischen Denken ist, zeigt ein Blick zurück in die blutige Geschichte des grössten Landes der Welt. Schon Iwan der Grosse, der im 15. Jahrhundert die Mongolen aus den russischen Weiten warf, setzte auf den Personenkult. Er liess sich im heutigen Moskau eine mächtige Verwaltungsanlage bauen, von der aus später sein Enkel Iwan IV die russische Expansion bis nach Sibirien vorantrieb. Iwan IV liess sich zum ersten russischen Zaren krönen: ein Titel, der bis ins 18. Jahrhundert Bestand hielt.
Stalin und die Oligarchen: Russen wollen Herrscher sein
Dann aber fand ihn Zar Peter der Grosse nicht mehr angemessen. Der Erbauer der Stadt Sankt Petersburg verpasste der russischen Herrscherkaste ein Upgrade und schimpfte sich offiziell Kaiser. Der neue Titel sollte den Führungsanspruch der russischen Herrscher innerhalb Europas unterstreichen: ein Führungsanspruch, den Wladimir Putin heute statt mit kaiserlichen Titeln mit militärischen Interventionen im Nahen Osten und Nordafrika geltend macht.
Mit der russischen Revolution von 1917 musste der letzte «Kaiser und Selbstherrscher von ganz Russland», Nikolaus II, seinen Hut nehmen. Es folgten ihm nicht minder machthungrige Herren: Lenin und Trotzki bescherten dem Land einen blutigen Bürgerkrieg, und Stalin griff ab 1922 mit harter Hand gegen alle durch, die seiner verfehlten Planwirtschaft und seinem Streben nach absoluter Macht in den Weg kamen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, dem rund 27 Millionen Russen zum Opfer fielen, breitete sich der russische Einfluss in den «befreiten» Staaten Osteuropas rasant aus. Bis zu ihrer Auflösung 1991 unterwarf die Sowjetunion einen ganzen Erdteil dem Machtwillen ihrer jeweiligen Führer.
Die Privatisierung der Wirtschaft nach der Ausrufung der Russischen Föderation 1992 führte zur Erschaffung einer neuen Herrscherklasse: Schwerreiche Oligarchen kauften sich ganze Wirtschaftszweige ein und konzentrierten viel Macht auf sich.
Seit 1999 nun wird die Glaubensnation faktisch von Putin regiert. Dass er seine immense Macht 2024 einfach so abgeben wird, scheint unwahrscheinlich. Zu viel Zar steckt im vermeintlich mächtigen Demokraten an der Spitze Russlands.