Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03245.jsonl.gz/2558

6 km gehen Frauen in Asien und Afrika laut der UNO im Schnitt, um Wasser zu holen. Juliana Mihalique aus Mosambik erzählt, wie das ist und was ihr auf dem Weg durch den Kopf geht.
In der Nacht, bevor wir mit Juliana Mihalique zum Wasserloch am Fluss Nivu gingen, hatte es geregnet, und der Boden unter dem Baobab hinter ihrem Haus war voller Wurmhäufchen. Vor dem Lehmhaus, in dem die 35-Jährige mit ihrem Mann und den sechs Kindern lebt, standen Bündel mit Palmstroh für das defekte Dach. Wir brachen um neun Uhr auf. Mit uns kamen einige Mädchen, jede mit einem grossen Kanister oder Kübel. Alle schwatzten und lachten. Es sah aus, als würden sie schlendern, aber sie kamen schnell voran. Draussen auf dem Feld liefen die Mädchen zu den Mangobäumen und brachten uns von den Früchten, die in der Nacht heruntergefallen waren. Die Mangos waren klein, hellgelb, und sie schmeckten angenehm säuerlich. Als wir beim Wasserloch ankamen, war es zehn Uhr, um halb zwölf waren wir wieder daheim. Juliana und ich setzten uns hinter das Haus, und sie erzählte mir von ihrem Leben im Dorf, vom Wasser und von ihren Träumen.
«Das süsse Wasser ist weiter entfernt als das bittere. Wenn die Beine gesund sind, wähle ich den weiteren Weg und gehe eine Stunde zum Rio Nivu und eine Stunde zurück. Doch wenn die Beine mir wehtun, gehe ich zum Wasserloch von Nicubure, das nur halb so weit entfernt liegt. Dann müssen wir einen Tag lang bitteres Wasser trinken. In unserem Dorf leben mehr als 200 Familien, und alle holen sich das Wasser aus einem dieser Löcher. Unterwegs treffe ich andere Frauen. Dann sprechen wir darüber, wie heiss oder wie weit es ist. Eine erzählt, dass sie gestern kein Essen kochen konnte. Wir sprechen auch über die Männer. «Meiner liegt immer im Schatten.» «Meiner bringt jeden Tag Holz mit nach Hause, wenn er von der Pflanzung zurückkommt.» «Meiner hat mich geschlagen.» «Meiner hat Holzkohle verkauft und einer anderen Frau Geschenke gemacht.» «Meiner ist gut zu mir, er hat mir einen Topf und zwei Teller gekauft.» «Ach, wenn ich einen solchen Mann hätte, wäre ich glücklich.» «Meiner hat auch schon Wasser geholt.»
Ausnahmsweise ist es tatsächlich so, dass Männer Wasser holen. Das kommt wohl davon, dass immer wieder gesagt wird, der Mann und die Frau seien gleich viel wert. Bei Versammlungen, bei den Wahlen für das Entwicklungskomitee oder wenn eine Sozialarbeiterin kommt, um über AIDS zu sprechen. Immer wieder hören wir, dass die Frauen die gleichen Rechte haben wie Männer. Doch wenn mein Mann und ich nach einem Arbeitstag von der Pflanzung zurückkommen, bin ich es, die das Holz trägt, und er trägt nur die Hacke. Und wenn wir daheim sind, ruht er sich auf der Liege aus. Und was mache ich? Ich rüste das Gemüse, ich mache Feuer, ich koche. Wenn ich allein auf dem Weg zur Wasserstelle bin, singe ich. Ein Spottlied zum Beispiel:
Wenn du kein Dummkopf bist, wenn du nicht dumm bist, dann solltest du merken, wer zu deiner Frau schlüpft, wenn du ihr den Rücken kehrst. Oder ich singe ein trauriges Lied. Meine Mutter ist gestorben, und ich bin noch da. Mein Vater ist gestorben, und ich bin noch da … Mein Sohn … mein Onkel … mein Mann. Ich kann sie nicht dorthin begleiten, wo sie sind. So bleibe ich hier, und ich singe, um mich zu freuen, dass ich am Leben bin.
Das Wasserloch beim Nivu, da, wo das Wasser süss ist, gehört einer alten Frau. Sie hat das Loch irgendwann einmal gegraben, und sie gräbt es immer wieder neu, wenn Menschen oder der Regen zu viel Sand ins Loch gebracht haben. Die alte Frau hält die Wasserstelle sauber, sie räumt Blätter und Gras weg, und sie schimpft, es sei alles so schmutzig hier. «Das ist ein altes und gutes Wasserloch», sagt sie. «Es ist gutes, sicheres Wasser», sagt sie. «Doch ihr macht es schmutzig.» Dabei liegen da nur die Blätter des Mangobaums, der über dem Wasserloch steht, und hin und wieder eine faule Frucht. Mehr Abfall haben wir nicht. Ihr Schimpfen gehört halt dazu. Es stört uns nicht. Immerhin überlässt sie uns das Wasser gratis.
Das Wasserloch ist nur gerade so gross, dass eine einzige Frau hinuntergehen und schöpfen kann. Während wir warten, waschen wir unsere Kleider. Wenn ich an der Reihe bin, steige ich vorsichtig hinunter, um die Wasserstelle nicht zu verschmutzen. Ich schöpfe das Wasser mit der Kalebasse oben ab, denn niemand hat es gerne, wenn die Bohnen oder der Maniokbrei voller Sand sind. Ob das Wasser wirklich sicher ist, wissen wir nicht. Vielleicht liegt oben im Fluss ein totes Tier. Wer kann das wissen? Die schwierigste Arbeit ist, den Eimer oder den Kanister aus dem Wasserloch hinaufzutragen. Dabei geht immer ein wenig Wasser verloren. Deshalb steige ich mit der Kalebasse noch ein-, zweimal hinunter, um nachzufüllen. Der Kübel muss voll sein bis zum Rand. Die kleinen Mädchen können das nicht alleine. Deshalb helfen wir ihnen. Wir helfen ihnen auch, den Kanister auf den Kopf zu heben. Den Rückweg aber, den müssen sie alleine schaffen.
Manchmal träume ich davon, wie es wäre, wenn ich für meine Dienste als Hebamme bezahlt würde. Oder wenn ich nicht mehr so weit gehen müsste fürs Wasser. Ich könnte dann meinen Kindern regelmässig etwas kochen. Ich könnte die Kinder sauber in die Schule schicken, und wenn eines krank wäre, könnte ich es ins Spital begleiten. Oder ich könnte einen kleinen Laden haben. Ich könnte mehr bei der Feldarbeit helfen, und wir könnten mehr Mais oder Bohnen oder Erdnüsse verkaufen. Wir könnten etwas für die Zukunft der Kinder tun. Das alles geht mir durch den Kopf, wenn ich unterwegs bin. Im Dorf haben sich einige einen eigenen Brunnen gegraben. Mit Hacke und Schaufel, immer tiefer, bis sie auf Wasser stiessen. Doch in der Trockenzeit sind all diese Löcher leer. Aus Chiure sind immer wieder Leute zu uns gekommen und haben uns einen Brunnen versprochen, doch wir haben immer noch keinen.»
Im Jahr nach unserem Besuch wurde in Ujamaa mit Unterstützung von Helvetas ein Sodbrunnen gegraben und mit einer Handpumpe versehen.