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Birgit Vanderbeke (1956–2021)
Birgit Vanderbeke hat zahlreiche Romane und Erzählungen geschrieben. Sie hat einen unverkennbaren Sprachstil entwickelt, dessen Intensität und Sogkraft man sich schwer entziehen kann.
So mutet es passend an, dass die Ich-Erzählerin in «Das lässt sich ändern» eine Logopädin ist, die sich die Sprache und deren Artikulation zum Beruf gemacht hat. Mit zwei scheinbar einfachen Wörtern wie «draussen» und «drinnen» beschreibt die Hauptfigur eine Welt, die Starke und Schwache, Privilegierte und Unprivilegierte in zwei Lager einteilt. Der Lebenspartner der Hauptfigur, Adam Czupek, arbeitet mit den Händen, kann praktisch alles reparieren und wusste schon früh, was Draussensein heisst: «Draussensein bedeutet, dass du nicht so einfach ins Gymnasium kannst». Zusammen mit der Hauptfigur geht er dennoch seinen Weg. Die beiden leben mit ihren zwei Kindern und einem weiteren Paar in einer Wohngemeinschaft, die, zusammen mit dem angrenzenden Bauernhof und dem einsamen, später als Grossvater adoptierten Bauern, an das Leben einer sich selbst versorgenden Kommune erinnert. Die Wohngemeinschaft setzt einen Gegenpol zu Rassismus und Vorurteilen, die in der Erzählung immer wieder Thema sind: Adam ist eines von fünf Kindern einer türkischen Einwanderin, die mit Argwohn beobachtet wird. Als Adam mit dem Bauer die Tiere auf dem Bauernhof selbst zu schlachten beginnen, wird die örtliche Behörde vorbeigeschickt, um nach dem Rechten zu schauen.
Das Unausgesprochene, das nur Spürbare, das «Zwischen den Zeilen liegende» findet sich auch in «Das Muschelessen», wo ein abwesender Vater zum allgegenwärtigen Monster wird. Dieses unangenehme Gefühl der Angst spürbar zu machen, welches die Figuren in sich tragen, ohne die Furcht beim Namen zu nennen, darin war Birgit Vanderbeke eine Meisterin.
Foto: © Julian Vanderbeke
Sie konnte aber auch ironisch sein, so zum Beispiel in der Erzählung «Alberta empfängt einen Liebhaber», worin es heisst: «Im Mai wollten wir durchbrennen, und im April fingen wir an, uns zu streiten». Ihr Humor hatte auch etwas Nüchternes, Pragmatisches und kippte zum Teil ins Zynische: «Es ist anstrengend zu denken, deshalb ist man immer in Versuchung, es andere für sich machen zu lassen», schreibt sie in «Wer dann noch lachen kann». Der Titel dieses Romans ist Programm. Nach dem humorvollen Einstieg kippt die Stimmung abrupt um: Ein Vater schlägt sein Kind, welches auf die Fragen des Vaters nur mit Ja oder Nein antworten kann. Diese Grausamkeit, die unerwartet kommt, lässt einem das Lachen im Hals stecken bleiben. Das Ineinanderfliessen von Humor und Tragik kann man als Leitmotiv sehen, das in Vanderbekes gesamtem Werk zu finden ist. Ebenso typisch für ihre Texte sind Ich-Erzählerinnen, deren Gedanken und Beobachtungen viel Raum einnehmen. So sind Romane entstanden, die essayistische Züge aufweisen, die philosophisch anmuten und die überdies stark autobiographisch gefärbt sind. Diese Charakteristika finden sich auch in Vanderbekes letztem Werk, «Alle, die vor uns da waren», worin sie die Ich-Erzählerin während einer Irlandreise über die Globalisierung sinnieren lässt, die stärker zerstört als vereint, und über Heinrich Böll und Fritz Bauer, die hinschauten, auch wenn es wehtat. Genau dies tat auch Birgit Vanderbeke, die stets Ungerechtigkeiten aufgezeigt und beschrieben hat, ohne auf jemanden mit dem Finger zu zeigen.
Nun ist Birgit Vanderbeke unerwartet am 24. Dezember 2021 gestorben, doch ihre Themen und Werke bleiben bestehen.
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