Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03105.jsonl.gz/25

Nichts. Die spiegelnde Oberfläche, auf der, je nach Lichteinfall, verschmierte Fingerabdrücke zu sehen waren, blieb dunkel. Marius aktivierte sein Handy sicherheitshalber und schaute in seine Nachrichtenapps. Manchmal gingen neue Mitteilungen ja unter. Man übersah sie, wenn man das Gerät für etwas anderes benutzte. Zum Beispiel im Internet surfen, gamen, chatten. Oder, was selten vorkam, telefonieren.
Marius legte sein Handy beiseite und widmete sich widerwillig dem Text, den er bis heute Abend fertig stellen musste. „Die Wirkung von Kunst auf den Betrachter“. So ein dämliches Thema konnte sich nur Glaus-Graus ausdenken. Zwei Seiten sollte die Erörterung mindestens umfassen, Schriftgrösse 12 Punkt, Zeilenabstand 1,5. Er hatte erst fünf Sätze. Und bereits alles aufgeschrieben, was er über den Besuch der Pinakothek letzte Woche zu sagen hatte. Er war beim Klassenausflug nach München meist mit den Jungs zusammen gewesen und hatte Tik-Tok-Videos geschaut. Und die übrige Zeit die Mädchen beobachtet. Vor allem sie.
Er legte seine Finger auf die Tastatur, tippte mit den Kuppen vorsichtig auf die Plastikkästchen, ohne sie ganz zu drücken. Er lauschte dem sanften Trommelwirbel. Dann lehnt er sich in seinen Bürostuhl zurück, die Lehne gab zunächst nach, schubste ihn dann aber wieder zurück in die Ausgangsposition.
Sie meldete sich nicht. Er kontrollierte rasch zum dritten Mal, wann er die Nachricht an sie verschickt hatte. Gestern Abend, 19.41 Uhr. Sie hatte sie gelesen, das signalisierten ihm die beiden ausgefüllten Kreise mit den Häkchen. Er sah auf die Uhr. Schon nach Mittag.
Hatte er die Nachricht nicht klar genug formuliert? Oder war er mit seiner Frage zu forsch aufgetreten? Hatte sie einfach vergessen, ihm zu antworten? Ignorierte sie ihn bewusst?
Dabei hatte sie ihn am Freitag in der grossen Pause angelächelt. Es gab keinen Zweifel. Er hatte sich extra umgedreht, um sicher zu gehen. Und nun das. Hatte er sich getäuscht?
Marius fuhr sich durch die Haare, bohrte kurz erfolglos in der Nase, rieb mit den Handflächen über seine Jeans. Dann wurde ihm kalt. Was sollte er tun, wenn sie sich einfach nicht meldete? Er müsste ihr aus dem Weg gehen und so tun, als wäre nichts passiert. Alles, nur das nicht. Er würde lieber freiwillig eine Woche auf sein Handy verzichten, als diese Schmach zu ertragen. Nun gut, sagen wir vier Tage. Maximal.
Eine Stunde später war er davon überzeugt, dass sie ihn absichtlich mied. Ihn total doof fand. Sie ihn am Freitag ausgelacht hatte. Er hatte seinen Kopf auf die Schreibtischplatte gelegt und atmete eine Wolke aus Radiergummikrümeln und Spitzerresten ein.
Ein sanftes Brummen weckte ihn. Was, schon Morgen? Marius‘ Nacken schmerzte. Er war ja gar nicht im Bett gewesen. Und hatte die Arbeit nicht fertig geschrieben. Glaus-Graus würde ihm den Kopf abreissen!
Er wischte mit dem Ärmel den Sabberfleck von der Tischplatte und griff nach dem Handy. Ohne Nachzudenken wischte er darüber.
„Hallo, da ist Lisa“, hörte er von weit weg. Nach einer Pause: „Marius, bist du da?“
Verwirrt presste er sich das Handy ans Ohr und rieb sich den Schlaf aus den Augen. „Lisa, du bist das“, sagte Marius und lehnt sich zurück. Ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht, breitete sich aus wie eine Supernova im Weltall, erreichte seine Haarspitzen und seine Zehennägel, füllte ihn mit Wärme.
„Du hast meine Nachricht gelesen.“
„Ja, klar. Ich kann dir die Fotos der Pinakothek schicken. Sie sind leider ein bisschen unscharf. Wolltest du sonst noch etwas?“
„Ne, das passt. Danke“, flötete Marius. Nach einem gemurmelten Abschied legte er das Handy in seinen Schoss und blickte verträumt aus dem Fenster. Sie hatte ihn angerufen. Sie. Ihn. Unglaublich. Sie mochte ihn. Er aktivierte seinen Bildschirm und las seine mageren Sätze. Nach kurzem Überlegen klapperten seine Finger auf der Tastatur. Er würde den Text rasch fertig schreiben. Und sich dann ihre Fotos anschauen. Und nett antworten. Ja, genau so würde er es machen.
Die Nachricht
Die Nachricht
Nichts. Die spiegelnde Oberfläche, auf der, je nach Lichteinfall, verschmierte Fingerabdrücke zu sehen waren, blieb dunkel. Marius aktivierte sein Handy sicherheitshalber und schaute in seine Nachrichtenapps. Manchmal gingen neue Mitteilungen ja unter. Man übersah sie, wenn man das Gerät für etwas anderes benutzte. Zum Beispiel im Internet surfen, gamen, chatten. Oder, was selten vorkam, telefonieren.