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Wenn die erste Liebe auch die letzte ist
Julian Barnes: Die einzige Geschichte
Der englische Schriftsteller hat einen Anti-Liebesroman geschrieben. Virtuos erzählt – und schwer auszuhalten.
Von Sieglinde Geisel, 12.07.2019
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Der Titel ist durchgestrichen auf dem Umschlag von Julian Barnes’ Roman «Die einzige Geschichte». Durchgestrichen sind auch die Überschriften der drei Teile des Buchs, und Paul, der Protagonist, wird die meisten Sätze wieder durchstreichen, die er sich in sein Heft über die Liebe notiert.
«Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?», fragt Paul als Ich-Erzähler im ersten Satz, und damit ist der Ton gesetzt, zumindest für den ersten Teil dieser Geschichte. Paul ist kein handelsüblicher Ich-Erzähler, er spricht in zwei Stimmen zu uns.
Als Siebzigjähriger erzählt er aus der Erinnerung von seiner ersten Liebe. Zugleich hören wir den Neunzehnjährigen reden, der sich damals in den 1970er-Jahren auf dem Tennisplatz in einem Londoner Vorort verliebt, und zwar in Susan: achtundvierzig, verheiratet und Mutter zweier erwachsener Töchter. «Sie war mein Leben, und alles Übrige war es nicht.» Hemmungslos gibt sich Paul dem Absolutismus der ersten Liebe hin, er sagt Dinge wie «ich wusste, dass die Liebe unvergänglich ist, dass die Zeit ihr nichts anhaben und kein Schatten sie trüben kann».
Paul rennt mit dem Kopf gegen die Konventionen, denn eine Affäre mit einer älteren, dazu noch verheirateten Frau ist für seine Eltern schlimmer, als wenn ihr Sohn schwul wäre, «sie waren hart arbeitende und aufrichtige Leute und wollten für ihr einziges Kind das, was sie für das Beste hielten». Paul rebelliert nicht nur gegen seine Eltern, «die mich mit ihrer bedachtsamen, abgesicherten, banalen Lebensanschauung in den Wahnsinn trieben», er rebelliert gegen den Lauf der Welt überhaupt. Auf keinen Fall will er am Ende «mit einer tennisspielenden Ehefrau und 2,4 Kindern in einem Vorort sitzen und zuschauen, wie diese Kinder wiederum ihre Partner in diesem Klub finden würden, und so immer weiter, durch eine veritable Spiegelgalerie in eine endlose Liguster- und Kirschlorbeerzukunft».
Er will kein «Muldenhocker» werden. «Und auch kein Hundezüchter.» Pauls Worte sind mit einer Ironie unterlegt, die eigentlich ausserhalb seines Bewusstseins liegt. Wenn man den Roman zu Ende gelesen hat, weiss man, dass das eine Warnung war.
Aber so weit sind wir noch nicht. Arglos lassen wir uns auf das Gespräch ein, in das uns der siebzigjährige Paul gerne zieht: «Vielleicht hätten Sie es gerne üppiger», sagt er zum Beispiel. «Vielleicht sind Sie es üppiger gewohnt. Aber da kann ich nichts machen. Ich versuche hier nicht, Ihnen eine Geschichte auszumalen; ich versuche, Ihnen die Wahrheit zu erzählen.» Ein Ich-Erzähler, der die vierte Wand durchbricht – das ist unwiderstehlich, und schon hat uns Julian Barnes dort, wo er uns haben will, nämlich in der Falle der Identifikation. Dass so eine Geschichte schlimm enden kann, wissen wir, doch wir wollen das nicht wissen, genauso wenig wie der Neunzehnjährige es wissen will, der diese Liebe «in der überwältigenden ersten Person» erlebt. Eine Formulierung, die, und auch das erkennen wir erst später, auf den Bauplan des Romans verweist.
Im zweiten Teil verlässt Susan Gordon ihren fetten, jähzornigen Ehemann (ein biederer Finsterling, wie nach und nach klar wird), und die Liebenden nehmen sich eine Wohnung. «Ich würde neben der Arbeit einhertraben; die Liebe würde mein Leben sein», so stellt sich Paul die Zukunft vor, während Susan jeden Tag zu Hause sitzt und auf ihn wartet. Wir erfahren nicht viel über sie, doch gerade deswegen begreifen wir: Sie erleidet das Schicksal vieler Frauen ihrer Zeit, ihre Intelligenz läuft leer, und sie beginnt, die innere Leere mit Alkohol zu betäuben, bis die beiden schliesslich tun, was man, wie Paul bemerkt, der englischen Mittelklasse seit je eingetrichtert hat: «Wir frassen unsere Wut, unseren Zorn, unsere Verachtung in uns hinein. Wir schimpften leise vor uns hin.»
Auch in diesem zweiten Teil des Romans erzählt Paul in der Ich-Perspektive, doch der Ton ist ein anderer. Er redet nicht mehr mit seinen Lesern, sondern führt Selbstgespräche in der zweiten Person: «Du denkst: Es könnte schlimmer sein. So gehst du inzwischen mit solchen Situationen um. Deine Erwartungen auf ein Minimum reduzieren.» Wir schauen ihm zu, wie all das geschieht, was er niemals wollte. Mehr und mehr ist er bereit, weniger zu lieben, um weniger zu leiden.
«Inzwischen war das Ungestüm der ersten Person in ihm zur Ruhe gekommen. Es war, als betrachte – und lebe – er sein Leben in der dritten Person.» Auch dieser Satz bezieht sich sowohl auf Paul als auch auf die Erzählperspektive. Denn im dritten Teil des Romans ist der Ich-Erzähler zur Figur geworden. Wir lesen tatsächlich eine Erzählung in der dritten Person. «Sein Herz, ja, sein Herz war verödet», heisst es nun etwa, und: «Er kannte das bescheidene Behagen, wenn man weniger empfindet», oder: «Ja, inzwischen betrachtete er fast alles, was geschah, als unvermeidlich.»
Wir sehen Paul als sprichwörtlichen Mann in den besten Jahren, erfolgreich, gut aussehend, er reist um die Welt, meist geschäftlich, hat Geld und Affären, und er benimmt sich ganz genau so, wie man es von einem wie ihm erwartet. Die erste Liebe bleibt tatsächlich seine einzige Geschichte, sie hat ihm die Fähigkeit zur Liebe ausgetrieben. Und so ist Paul der Muldenhocker geworden, der er nie sein wollte.
Der Perspektivenwechsel, den Julian Barnes uns zumutet, ist in der Wirkung so diskret wie gewaltig. Zuerst bringt der Autor uns in eine intime Nähe zu seinem Ich-Erzähler, er lässt uns mitfiebern mit seiner Liebe, wir rebellieren mit ihm gegen die Spiessigkeit der Welt – die Fallhöhe ist beträchtlich, aus der der Autor seinen Ich-Erzähler in die innere Entfremdung der dritten Person stürzen lässt. Virtuos spielt Julian Barnes mit Nähe und Distanz, mit Wärme und Kälte, er herrscht über seinen (von Gertraude Krueger übrigens kongenial übersetzten) Text genauso wie über unsere Gefühle.
Dass wir ihm auf den Leim gehen, liegt auch daran, dass Barnes bei aller Könnerschaft spielerisch bleibt, etwa in der abgründigen Ironie, die alles durchwirkt. «Wo hast du nur mein Leben lang gesteckt?», sagt Susan, ein herzerwärmender Satz beim ersten Mal, der mit jeder Wiederkehr dissonanter, wehmütiger, hoffnungsloser klingt. Julian Barnes ist ein Meister des Running Gag, gelegentlich sogar über mehrere Bücher hinweg. Montaignes Wunsch, im Garten zu sterben, beim Pflanzen seiner Kohlköpfe, ist ein Running Gag in «Nichts, was man fürchten müsste», Julian Barnes’ autobiografischem Buch über den Tod. In «Die einzige Geschichte» gönnt Barnes sich und uns den Spass, Susans Mann Gordon tatsächlich im Garten sterben zu lassen, beim Pflanzen seiner Kohlköpfe.
Der ganze Roman ist mehr als nur doppelbödig. Ein ums andere Mal beteuert Paul, dass er nichts als die Wahrheit berichte, doch zugleich dient er selbst nur als Beweis für eine Wahrheit, um die es wiederum seinem Autor geht. Letztlich hat der 73-jährige Julian Barnes einen Roman über das Altern geschrieben. Er lässt uns spüren, was geschieht, wenn die Zeit vergeht und uns das widerfährt, was allen passiert. Wer von der Literatur Trost erwartet, kommt bei diesem Roman zumindest inhaltlich nicht auf seine Kosten, denn Julian Barnes zieht uns den Sinn, nach dem wir uns sehnen, kunstvoll unter den Füssen weg. Was bleibt, ist der Trost durch die Form, die perfekte Balance zwischen Kontrolle und Spiel. Lesen auf eigene Gefahr!
Am Freitag, 12. Juli, stellt Julian Barnes seinen neuen Roman am Open Air Literatur Festival in Zürich vor.
Sieglinde Geisel, Kulturjournalistin und Buchautorin in Berlin, ist die Gründerin und Leiterin von «tell» – Onlinemagazin für Literatur und Zeitgenossenschaft. Im Zürcher Kampa-Verlag erschien in Buchform das lange Gespräch zwischen ihr und Peter Bichsel: «Was wäre, wenn?». Ein bearbeiteter Auszug aus dem Gesprächsband erschien vorab in der Republik (siehe «Lesen Sie auch»). Sieglinde Geisel schreibt regelmässig für die Republik.