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Als Fotografin begebe ich mich auf die Suche nach Mustangs, die man in den Wüsten Amerikas und im Hochland immer noch antrifft. Aufgewachsen mit Winnetou und seinem Pferd Iltschi war der Mustang für mich immer das Symbol der Freiheit – bald nur noch Geschichte? Leider werden Mustangs seit einiger Zeit wieder brutal gejagt und getötet. Durch die Budgetkürzung von Präsident Trump werden die Transporte in die Schlachthöfe Kanadas und Mexikos weiter zunehmen. Ich treffe auf Zia, eine Mustangtrainerin aus Graubünden. Sie nimmt die Pferde bei sich auf und trainiert sie, um sie an einen guten Platz zu vermitteln.
Es ist heiss heute. Mit einem alten Mercedes bin ich unterwegs auf einer holprigen Nebenstrasse südlich von Santa Fe. Mein Traum war es immer, packende Aufnahmen von Mustangs zu machen. Gedanklich sehe ich schon die Wildpferde vor mir, wie ihre Mähne im Wind wirbelt und sie galoppierend den Wüstenstaub aufwirbeln. Die staubige Schotterstrasse führt zur «Mortenson Ranch». Dort sollten Mustangs sein. Von Weitem sehe ich den riesigen, hölzernen Torbogen der Einfahrt. Diese Torbogen sind typisch für die dortigen Ranches. Nach zwei Meilen gelange ich zum Hauptgebäude der Ranch. Ein Cowboy – einer wie aus den Filmen, die ich kenne – kommt mir entgegen. Das muss Clint Mortenson sein. Er empfängt mich freundlich und führt mich zu seiner Werkstatt und seinem Verkaufsladen, wo er Sättel und silberne Gürtelschnallen herstellt. Gute Qualität, wie er mir versichert. Dann gehen wir wieder nach draussen. Ich sehe mich um.
Zia mit ihrem Pferd «Rosi».
Da sind nirgends Mustangs zu sehen, nur ein junger, frei herumlaufender Büffel, der mit zwei Hunden auf dem Vorplatz spielt. Ein amüsanter Anblick. Ich frage Clint, ob er denn noch irgendwo Mustangs halte. Er gibt mir einen Hinweis, dass in der Nähe, etwa fünf Meilen entfernt, Zia lebe. Sie sei eine talentierte Mustangtrainerin und sie komme aus der Schweiz. Clint nimmt sein Handy, wählt ihre Nummer und spricht nach wenigen Sekunden zu ihr. Dann hängt er auf und meint, sie komme mal schnell rüber. Als Zia kurze Zeit später auf ihrer alten Harley auf dem Ranchgelände angefahren kommt, stockt kurz mein Atem. Ihre langen blonden Haare unter dem Cowboyhut fliegen wild im Fahrtwind. Kurz vor Clint und mir hält sie an und wirbelt eine riesige Staubwolke auf. Ebenso wirbelt mir ihr strahlendes Lächeln entgegen. Als mich Zia begrüsst, fällt mir gleich ihr jugendliches Wesen auf. Sie freut sich, jemanden aus der Schweiz zu sehen. Sie trägt Cowboystiefel und eine Lederjacke mit Armfransen. Mir fallen ihre grossen Ohrringe auf – sie sehen wie indianischer Schmuck aus. Auch ihre Harley ist reichlich geschmückt: Lederfransen, Federn und Silberteile baumeln daran. «Du bist also eine Pferdeflüsterin?», frage ich sie. Sie lacht und meint: «Nicht wirklich, meine Anweisungen sind eher klar und deutlich.»
Leidenschaft für Pferde
Wir schlendern über das Ranchgelände und ich bin ganz gespannt, was Zia alles zu erzählen hat. Sie wirkt dynamisch, schon fast wild. Man spürt ihre Leidenschaft für Pferde. «Warst du schon immer so wild?», frage ich sie. Sie nickt: «Bereits als kleines Mädchen habe ich mit Barbie-Pferden und kleinen Ponys gespielt. Und ich bin auf alles raufgeklettert, auf Tiere, Bäume, Felsbrocken, Häuser und sogar auf meinen Opa. Prinzessinnenpuppen selbst fand ich immer doof. Damals hatte ich nicht viele Freunde. Irgendwann begann ich mit Reiten und merkte, dass die Pferde die einzigen Lebewesen waren, die mich verstanden und mich fröhlich machten.» Zia – mit vollem Namen Letizia – ist im Dorf Surlej bei St. Moritz aufgewachsen.
Trainingsalltag bei Zia auf der Ranch.
Cowboys beim Zusammentreiben der Mustangs.
Ihr Vater ist Italiener und ihre Mutter Polin. Sie selbst spricht fünf Sprachen fliessend. Mit glänzenden Augen fährt sie fort, dass ihr Papa ihr immer ein Pferd versprochen hatte. «Wenn ich 17 würde, sollte ich ein Pferd bekommen. Leider hatten sich die Dinge dann anders entwickelt und ein Pferd kam nicht mehr in Frage.» Zia stand vor der schwierigsten Entscheidung ihres Lebens. Schweren Herzens entschied sie sich, ihre Familie zu verlassen und in die USA zu reisen – zu frei lebenden Pferden, Mustangs. Sie meint, Fernweh, Lebenshunger und die Sehnsucht nach den Mustangs hätten gesiegt. Während ich mit Zia weiter über das Ranchgelände schreite und ihr zuhöre, verzaubert mich die spezielle Stimmung so sehr, dass ich erste Inspirationen für Fotoaufnahmen finde. In diesem Moment kommt auch schon Büffel Clyde auf uns beide zugesprungen. Ich weiche aus, aber Zia umarmt und knuddelt ihn. Dann gibt sie ihm einen Kuss auf die Stirn. Clyde ist jetzt ein Jahr alt, also noch richtig verspielt und anhänglich. Er scheint sie gut zu kennen und zu mögen. Wild wie sie ist, springt Zia auf Clydes Rücken und reitet mit ihm über das Ranchgelände. Ich traue meinen Augen kaum. Dann springt sie wieder ab und kommt mit einem strahlenden Gesicht zu mir zurück. «Hey, hast du Clyde schon kennengelernt? Er ist ja so süss.»
Schrecken «holding pens»
Man sieht, Zia liebt Tiere und hat einen natürlichen Zugang zu ihnen. Sie wird nachdenklich: «Weisst du, so wie die Pferde mir geholfen haben, so möchte ich nun ihnen helfen. Darum habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, gefährdeten Mustangs in der Wüste New Mexicos zu helfen.» Zia fährt fort: «Meine grosse Leidenschaft sind die Mustangs und die nordamerikanischen Wildpferde. Hier in den USA werden sie leider als eine Pest angesehen. Sie sind die Ausgestossenen, die angeblich das Grasland der Kühe vernichten. Das führt zu einem grossen Konflikt mit den Viehzüchtern. In den ‘holding pens’ (Auffangstationen) werden die Pferde nach Alter und Geschlecht aufgeteilt. Die Herden werden auseinander- getrieben. Das kann bei gewissen Herdenmitgliedern zu grossem Kummer führen – vor allem, wenn diese Tiere bis zu diesem Zeitpunkt während vielen Jahren zusammen gelebt haben. In den ‘holding pens’ warten diese Pferde – man sieht es ihnen an. Sie warten, bis sie sterben. Oder vielleicht hoffen sie auf ein neues Zuhause. Bis heute darf man Pferde in den USA nicht schlachten. Aber in Mexiko und in Kanada ist die Schlachtung legal. Mustangs werden auf engstem Raum verfrachtet und dort- hin gebracht. Ihr Todesurteil. Viele sterben grauenvoll auf dieser Reise.»
Neue Chance auf ein Zuhause
Zia ist aufgewühlt. Ihre Stimme zittert, und sie kämpft mit den Tränen, während sie weitererzählt. «Tiere, die keine Gitter oder Zäune kennen, geraten in Frachtern und Lastwagen in Panik. Einige der verstörten Pferde landen bei mir. Stell dir vor, du gibst ihnen eine Chance auf ein neues Zuhause. Du meinst es gut, aber du kannst es ihnen nicht erklären. Erst wenn du sie zum ersten Mal physisch berührst und sie anfangen, dir zu vertrauen, dann ist das wie eine kleine Explosion mitten in deinem Herz.» Präsident Trump hat mittlerweile die Geldmittel gekürzt, die nötig wären, um diese Pferde zu trainieren und vermittelbar zu machen.
Zia und Rosi in der Wüste bei Santa Fe.
Mustangs sind wild und wenn sie frisch aus der Wildnis kommen auch gefährlich. Mit Programmen wie dem TIP (Trainer Incentive Program), welches von einer wohltätigen Stiftung (der Mustang Heritage Foundation) ins Leben gerufen wurde, hat man bislang Trainer bezahlt, um die Mustangs vermittelbar zu machen. Ein Mustang kann für 25 bis 125 US-Dollar – je nach Alter – gekauft werden. Für die Trainer ist es ein grosser Zeitaufwand für wenig Geld. Jedenfalls ist es zu wenig, um ein sorgloses Leben führen zu können. Bis ein Mustang vermittelbar ist, dauert es etwa ein Monat. Zia streicht sich durchs Haar und mir fallen ihre Tattoos am Arm auf. Mir unbekannte Zeichen zieren ihren Unterarm. Ich möchte wissen, was diese Zeichen zu bedeuten haben. Zia erklärt mir, es seien dieselben Zeichen, wie sie den Mustangs eingebrannt werden.«Zia, du bist ja hier völlig auf dich alleine gestellt. Gibt es da nie ‘Zeiten des Zweifels’?» «Natürlich, die gibt es immer wieder. Aber jedesmal, wenn ich ein neues Zuhause für einen meiner Mustangs finde oder jedesmal, wenn ich einen erfolgreichen Ritt mit einem Pferd hinter mir habe oder wenn ich mit meinem Pferd Rosi im Vollmond reite, dann sind die Zweifel augenblicklich wieder weg. Ich brauche eigentlich kein Haus, sondern nur eine Scheune, Weidefläche, einen guten, soliden Platz zum Reiten und viel offenes Land.»
Ich möchte von Zia wissen, wie ein «gewöhnlicher Tag» bei ihr aussieht. «So gegen 5.30 Uhr stehe ich auf und füttere die Pferde. Dann gibt es ein kleines Frühstück für mich. Weiter geht es mit Heu aufladen, mit dem Traktor die Ställe putzen. Um 8 Uhr beginne ich mit dem Reiten.
Zia beim Rodeotraining auf der «Mortenson Ranch».
In der Regel sind es drei Pferde am Morgen. Gegen Mittag gehts zum ‘Taco Truck’, ein kleiner Imbissstand neben dem Highway. Hier gibt es die besten Tacos in der ganzen Gegend! Am Nachmittag geht es dann weiter mit Reiten und Trainieren bis zirka 18 Uhr. Danach werden die Pferde wieder gefüttert. Abends habe ich Zeit, mit den Nachbarn ein Bierchen zu trinken oder mich auf einen Ausritt bei Sonnenuntergang davonzumachen. Wenn ich dann noch Zeit finde, dann arbeite ich an meinen Schmuckkreationen.»
Schmuck, Motorrad und Snowboard
«Sind die schönen Ohrringe von dir?» «Oh ja», antwortet sie. «Ich knüpfe sie aus Perlen und Federn.» Zia, wenn du mal nicht bei deinen Pferden bist, was machst du dann? «Dann reite ich mein ‘Iron Horse’ – meine Harley. Im Winter fahre ich natürlich mein Snowboard. Ich bin ja schliesslich in Surlej in den Schweizer Bergen aufgewachsen. Neben der Rancharbeit ist zudem meine Perlenknüpferei sehr entspannend. Dazu höre ich klassische Countrymusik wie Willy Nelson und Johnny Cash. Wenn es ein bisschen schneller sein soll, dann gehts los auf Spanisch mit Calle 13.» Du bist eine echte «One-Woman-Show». Könntest du dir vorstellen, diese Leidenschaft mit einem Lebenspartner an deiner Seite zu teilen? Sie schmunzelt. «Einen Mann, der mit mir mithalten kann, habe ich leider noch nicht kennengelernt. Aber wenn einer aufkreuzt – warum nicht? Ich kann ja immer wieder wegreiten.»
www.speak-horse.com
www.foto-design-lenzburg.ch
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 30/2017)
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