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Die Schreibhölle
Schreiben ist die Hölle. Den besten Beweis dazu liefern die Abenteuer vom bekannten Journalisten Christoph F. Vierter Teil: In der Bewertungshölle.
Christoph Fellmann — 06/08/22, 10:00 PM
Christoph F. hätte eigentlich bloss Musik bewerten sollen. Dann kann aber alles anders. (Foto: Unsplash)
Als der bekannte Kulturjournalist Christoph F. den Auftrag erhielt, das neue Album «Raise All Gods» der ebenfalls bekannten Dark-Trap-Gruppe Hellacoptaz zu besprechen, folgte er einfach den Angaben auf der Einladung zum zweitägigen Pressetermin im «Satan's Grill» in Hua Hin, einer bekannten Luxusabsteige der Stars und Sternchen auf Tour durch Fernost.
Er erwartete die übliche Szenerie mit einer divers aufgestellten PR-Entourage, die ihn zu einem bestimmten Zeitpunkt nach oben in die Hotelsuite bringen würde zunächst zur Listening Session des neuen Albums, dann zum 15-minütigen Face-to-Face-Interview. Am Tag drauf, so war es geplant, würde der bekannte Kulturjournalist dann wieder nach Hause fliegen und im Flieger bereits eine erste Fassung seiner Albumkritik schreiben, die dann umgehend online erscheinen würde.
Doch vorerst reichte die Réceptionistin dem bekannten Kulturjournalisten einen Zettel mit vier Smilies, auf dem er den Empfang im Hotel bewerten sollte: Happy, ziemlich happy, nicht so happy oder überhaupt nicht happy. Er kreuzte irgendwas an, dann fuhr er mit dem Lift 18'733 Stockwerke tief zu seinem Zimmer.
Da der Zimmerbadge nicht funktionierte, fuhr er die 18'733 Stockwerke zurück zum Empfang, um ihn neu programmieren zu lassen. Als er eine Stunde später in sein Zimmer trat, lag da auf dem Bett ein Schokolädchen. Er wollte es gleich essen, doch es war schon geschmolzen, so, als habe es zu lange neben einer heissen Kaffeetasse gelegen.
Mit verschmierten Händen blätterte er darum im einzigen Buch, das im Nachttischchen lag, das «Pariser Klimaabkommen in 130 Sprachen». Es war heiss im Zimmer, dessen einzige Fensterluke auf die Workout-Area hinaus ging. Der bekannte Kulturjournalist machte die Klimaanlage an, und es wurde noch heisser.
Dann klingelte das Telefon, und die Dame von der Réception wies ihn freundlich auf den Fragebogen hin, der unter dem Klimaabkommen im Nachttischchen gelegen hatte. Und auf dem er ankreuzen sollte, wie zufrieden er auf einer Skala von 1 bis 10 mit dem Zimmer sei.
Der Kulturjournalist beschloss, zunächst das Ikea-Arbeitstischchen zusammenzubauen, das er zum Schreiben brauchen würde, das aber noch verpackt dalag. Es fehlten drei Schrauben, was er aber lange nicht bemerkte, weil die Bauanleitung von den Hotelgästen, wie er erfuhr, in einem co-partizipativen Prozess erst noch erarbeitet werden würde. So zog es Christoph F. vor, vorerst doch den Fragebogen auszufüllen. Er gab dem Zimmer eine 7. Umgehend klingelte das Telefon für ein persönliches Feedback-Gespräch.
«Satan's Grill» verfügte über drei Restaurants. Der bekannte Kulturjournalist Christoph F. entschied sich am ersten Abend für das «Château Gerber». Für das legendäre Etablissement also, wo Maître Frommagier Jean Altbock am Caquelon steht. Der Käse war angemessen käsig mit rässem Abgang, und das Brot kross. Immer, wenn Christoph F. ein neues Stückchen Brot aufgabelte, kam ein Lakai und fragte ihn, ob es schmecke. Dazu erklangen Lieder von Pearl Jam. Die Crème extra brûlée vom Dessertwagen war authentisch.
Da er noch sein Interview vorbereiten wollte, bat der bekannte Kulturjournalist bald um die Rechnung. Der Laikai fragte, was ihm, dem Kulturjournalisten, das Essen denn wert sei. Das Haus lege Wert darauf, dass der Preis für jeden einzelnen Gast stimme und in einem angemessenen Verhältnis zu seinem Erlebnis und den damit verbundenen Emotionen stehe. Christoph F. dachte nach. Wieviel sollte er bezahlen? Was war ein angemessener Preis? Er war ratlos.
Der Laikai wartete am Tisch. Christoph F. schwitzte. Er überlegte sich fieberhaft: Wie waren die lokalen Arbeitsbedingungen der Lakai:innen? Hatten sie Lohnanteil und Sozialversicherung? Er bezahlte 48 Franken für alles, inkl. zwei Stangen und Trinkgeld. Der Laikai lächelte geheimnisvoll und ging. Dann bewertete er auf dem Formular, das der Lakai dagelassen hatte, das Fondue-Diner: Küche, Qualität, Service, Karte, Preis-Leistung, Mise en place, Weinbegleitung ...
Als der bekannte Kulturjournalist ins Zimmer zurückkam und schwer und müde auf das Bett sinken wollte, bemerkte er, dass darauf ein neues Formular lag. Ob er sich, wurde er gebeten, vielleicht einen Moment die Zeit nehmen und den Bewertungsprozess bewerten würde; und ob er Anregungen habe, die es dem «Satan's Grill» inskünftig erlauben würden, das Feedback der Gäste noch effizienter und präziser in die betrieblichen Abläufe zu implementieren. Das Team sei sehr offen für konstruktive Kritik und freue sich über jeden Verbesserungsvorschlag, gerade auch, was die Entgegennahme von Verbesserungsvorschlägen betreffe.
Auch wurde der bekannte Kulturjournalist auf einen QR-Code hingewiesen, der ihn zu einer Online-Umfrage des Hotels führte, für die er sich doch bittesehr einen Moment die Zeit nehmen möge. Es werde nämlich derzeit die zukünftige Strategie des «Satan's Grill» erarbeitet, und da freue man sich, bei den Gästen die für wichtigsten Themenfelder abzufragen: Awareness, Vernetzung, Teilhabe, Nachhaltigkeit, Niederschwelligkeit, Clubbing (?), Kult und Repräsentation.
Der bekannte Kulturjournalist Christoph F. überlegte, klickte und fand keinen Schlaf. Er beschloss, in den Stream von «Raise All Gods» hineinzuhören, der ihm auf sein Tablet geschickt worden war. Dann schickte er eine erste Bewertung an die Redaktion: Eine harte, aber faire 6,7.
Weil Lesen viel einfacher als Schreiben ist.