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Das gibt es: dass eine Frau, die weder im Elternhaus noch in der Schule mit Literatur in Kontakt kam, als bessere Hälfte eines Bezirkslehrers mit 28 Jahren auf ein Buch stösst – Benno von Wieses Sammelwerk «Deutschland erzählt» – und davon derart gepackt wird, dass sie wie unter Zwang selber zu schreiben beginnt und nach sechs Jahren autodidaktischen Trainings mit respektablem Erfolg ei -nen Roman veröffentlicht, der letztlich nichts anderes als ihre unglückliche Situation während der – inzwischen geschiedenen – Ehe dokumentiert. Die Rede ist von der am 4. Juni 1939 in Luzern geborenen Margrit Schriber und ihrem Erstling «Aussicht gerahmt» von 1976. Ihr zweiter Roman, «Kartenhaus», erzählte dann 1978 von ihrer Kindheit in Brunnen, von ihrem Vater, einem imponierend eigenwilligen Wunderdoktor, und vom entsagungsvollen Dasein ihrer getrennt lebenden Mutter. Nicht nur in «Aussicht gerahmt», auch in «Vogel flieg» (1980), «Muschelgarten» (1984), «Tresorschatten» (1987), «AugenWeiden» (1990) und «Rauchrichter» (1993) geistert diese verlassene Mutter irgendwie herum, wenn Frauen mit ihrer Einsamkeit ringen, sich von der Welt abschotten oder alle Illusionen verlieren. Erst 1998, in «Schneefessel», zeichnet sich in der Figur der Croupier-Lini, die aktiv ins Geschehen eingreift und trotzig ihr uneheliches Kind aufzieht, eine Wende zur Darstellung von starken, mutigen, selbständigen Frauen ab – als ob Margrit Schriber auf einmal beschlossen hätte, sich nicht mehr die resignierende Mutter, sondern den abenteuerlichen Vater zum Modell zu nehmen, der ihr als Kind die Welt erschlossen hatte. Die bucklige Wirtin Anna Maria Schmidig in «Das Lachen der Hexe» von 2006 und die Wäscherin Anna Maria Inderbitzin in «Die falsche Herrin» von 2008 sind solch starke, unbeugsame Frauen. Beide leben im 18. Jahrhundert im reaktionären Obrigkeitsstaat Schwyz, denn Margrit Schriber hat inzwischen ihre genuine Begabung für den historischen Roman entdeckt und vermag sowohl die Geschichte der Schmidig, die als Aussenseiterin zur Strecke gebracht und als Hexe verdammt wird, als auch jene der unter falschem Namen in Frankreich zu Berühmtheit gelangten und dafür in Schwyz zum Tode verurteilten «Bitzenin» sprachlich derart überzeugend umzusetzen, dass die Wortwahl, der Tonfall und der Rhythmus einen unwillkürlich in jene ferne Zeit zurückversetzen. Von ähnlich imponierender Kraft ist auch «Die hässlichste Frau der Welt» von 2009, ein dritter historischer Roman, der eine mutige junge Morschacherin 1855 in England an die Seite der auf Jahrmärkten herumgezeigten Affenfrau Julia Pastrana stellt und auf berührende Weise von der skrupellosen Ausbeutung einer Behinderten zeugt. Wieder in die Schweiz zurück führt der 2012 erschienene Roman «Das zweitbeste Glück», der das Schicksal des Flugpioniers Oskar Bider und seiner als Stummfilmstar erfolgreichen Schwester Leny aufarbeitet. Vielleicht ist das 1919 angesiedelte Geschehen aber schon zu nahe an der Gegenwart, um das eigenartige sprachliche Cachet zu erzeugen, das die drei ersten historischen Romane so unwiderstehlich gemacht hat. Immerhin aber macht diese Leny Bider, die lieber den Tod auf sich nimmt als mit dem zweitbesten Glück einer biederen Hausfrau und Mutter zufrieden zu sein, jenen Aufbruch, zu dem Margrit Schribers Frauenfiguren viele Bände lang die Kraft fehlte, letztlich zu einem ebenso erschütternden wie gewaltigen Fanal.