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Die 1871 in Wil geborene Anna war ein Ausnahmetalent. Die Mutter erkannte schon früh, dass in diesem Mädchen überdurchschnittliche musikalische Fähigkeiten angelegt waren. Sie ermöglichte ihrer Tochter in Bern und später in München Klavier- und Gesangsunterricht. Ab 1893 hatte sie eine feste Anstellung am Stuttgarter Hoftheater. Ab dann legte sie sich auf Wunsch ihres Chefs einen Künstlernamen zu: aus Anna Suter wurde Anna Sutter, der Intendant des Theaters empfand das zweite t als besonders chic.
Ein früher Star
Das Publikum verehrte das «Sutterle», die virtuose Sängerin aus der Ostschweiz. Sie wurde etwa als «geniale Soubrette» betitelt. Soubretten zeichnen sich durch ihr komödiantisches Talent sowie durch ihre verspielte Stimme aus. Sutter habe eine «frische, glockenreine Stimme» hiess es in der Presse. Sie sang unter anderem die Carmen von Georges Bizet und die Salome von Richard Strauss. Experten attestierten ihr auch ein grosses Talent als Pianistin und als Tänzerin.
In einer Zeit, in der das Fotografieren sehr umständlich und aufwändig war, wurde sie ungewöhnlich oft im Bild festgehalten. Dies mag ein Hinweis darauf sein, wie populär die Schweizerin in Stuttgart war. Als man das Wort «Star» als Bezeichnung für einen Menschen gar noch nicht kannte, schien die Wilerin bereits einer gewesen zu sein. Wie oft würde sie wohl heute, im Zeitalter der Smartphone-Kameras, verewigt?
Bis heute unvergessen
Ihre Wesensart wird als natürlich und liebenswürdig beschrieben. Sie war allerdings auch leichtlebig und gab mehr Geld aus als sie einnahm. Für ihre Zeit galt sie als Frau ungewöhnlich emanzipiert, unabhängig und selbstbewusst. Speziell beliebt war sie auch bei den Männern, die ihr zum Teil sehr nahe kamen. Sie hatte wechselnde Liebhaber, von zweien bekam sie eine Tochter und einen Sohn. Unter anderem hatte sie eine Affäre mit dem Hofkapellmeister Aloys Obrist. Ihm wird eine geistreiche, feinsinnige, aber auch etwas melancholische Wesensart nachgesagt.
Heute würde er als Stalker gelten, als ehemaliger Liebhaber, der seiner Ex-Partnerin aufdringlich nachstellt. Er war sehr vereinnahmend. Nachdem sie die Liaison mit ihm beendet hatte, und er erfolglos eine Fortsetzung forderte, erschoss er sie und sich selber mit insgesamt sieben Schüssen aus zwei Pistolen. Der damals aktuelle Liebhaber von Sutter soll angeblich die Bluttat im Kleiderschrank versteckt miterlebt haben.
Rosen auf dem Grab
Dies alles geschah im Jahr 1910; sie war damals 39 Jahre alt. Ihre Kinder verloren die Mutter im Alter von sieben und zehn Jahren. Ihr Tod bewegte das Publikum sehr. Es kam in Massen an die Trauerfeier. Jahrelang legte ein unbekannter Verehrer später Rosen auf ihr Grab. Ein Jugendstil-Brunnen in Stuttgart erinnert bis heute an die aussergewöhliche Anna Sutter.
Ihr bewegtes Leben ergab Stoff für Bücher, für Ausstellungen und für Schauspiele, beispielweise kam ihr Schicksal im Theater St. Gallen auf die Bühne.