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In Biasca war ein Mann vom Dach eines Hauses gestürzt und wurde in verzweifeltem Zustand von mitleidigen Leuten nach Hause getragen. Dort starb er nach furchtbarem Todeskampf, ohne dass er weder mit seiner Frau Magdalena noch mit seinen Kindern ein Wort mehr sprechen konnte.
Er war bei vielen Unternehmungen beteiligt gewesen. Nach seinem Tode erschienen bei der Witfrau viele Gläubiger. Sie bezahlte alle. Aber sie war wenig auf dem Laufenden über die Schulden und Guthaben ihres verstorbenen Mannes, und sie wusste auch nicht, wieviel die Summen ausmachten, die sie zu zahlen hatte, weil sie nicht alle die nötigen Abrechnungen und Papiere besass. Deshalb geriet sie in Verwirrung und Aufregung. In ihrem Gebet flehte sie Tag und Nacht zum lieben Gott, dass er ihren Mann noch einmal in diese Welt zurückkehren lasse, und wäre es auch nur für wenige Stunden oder die Zeit, die dringend nötig war, um sie über die zahlreichen und wichtigen Angelegenheiten der Familie und des Geschäftes in Kenntnis zu setzen.
Und diesen ihren sehnlichen Wunsch teilte sie auch dem Herrn Pfarrer im Dorf mit, der zu ihr sagte: «Bedenket wohl, Magdalena, dass die Toten höchst selten in diese Welt zurückkehren; denn sie müssen, um diese weite Reise zu unternehmen, schreckliche Qualen erdulden. Und ferner drängt es mich, euch darauf aufmerksam zu machen, dass ihr nicht den Mut hättet, mit eurem Mann zu sprechen, auch wenn er auf die Erde zurückkehren dürfte.»
«Wieso», erwiderte die Witwe, «sollte ich mich nicht getrauen, mit meinem Mann zu sprechen? An Mut fehlt es mir keineswegs. Ich fürchte mich nicht im geringsten.»
Und sie wiederholte ihren Wunsch im Gebet immer wieder.
Eines Nachts befand sich Frau Magdalena bereits im Bett, als sie hörte, wie jemand die Haustür öffnete. Dann vernahm sie den Schritt eines Menschen, der die Treppe heraufstieg, und sie erkannte deutlich die wohlbekannte Gangart ihres seligen Mannes. In diesem Augenblick war all ihr Mut verschwunden. Sie versteckte sich unter ihre Betttücher und getraute sich kaum mehr zu atmen.
Jetzt hörte sie, wie der Mann die Schlafzimmertür öffnete, wie er eintrat, sich ihrem Bett näherte und dort unbeweglich stehen blieb, in der Erwartung, dass sie mit ihm rede. Aber sie brachte kein Wort hervor, dermassen hatte die Furcht sie gepackt. Eine Weile nachher hörte sie ihn im Zimmer umhergehen, und es schien, als ob er warte, bis sie spreche. Magdalena aber presste sich das Herz zusammen, und sie hielt auch so gut als möglich ihren Atem zurück. Der Verstorbene blieb noch eine Zeitlang im Zimmer, bald auf-und niedergehend, bald vor ihrem Bette stille stehend.
Endlich aber, des Wartens müde, öffnete er die Zimmertür, schloss sie mit Lärm hinter sich zu, eilte polternd die Treppe hinunter und dann zum Haus hinaus, wobei er die Haustür mit einer solchen Wucht ins Schloss warf, dass das ganze Haus erzitterte.
Am andern Morgen begab sich die Witfrau, noch ganz bebend vor Aufregung, zum Pfarrer und erzählte ihm alles, was diese Nacht geschehen war. Der Geistliche tadelte sie heftig und sprach: «Hab ich es Euch nicht gesagt, dass Ihr den Mut nicht hättet, mit dem Toten zu reden. Ihr könnt Euch die furchtbaren Qualen gar nicht vorstellen, die der arme Mann erdulden musste, um wieder bis in sein Haus zu kommen. Und nun hat er Euren Wunsch gleichwohl nicht erfüllen können.»
Magdalena wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Doch begriff sie jetzt, dass sie an ihrem seligen Mann ein grosses Unrecht begangen hatte, der ihr zuliebe zurückgekehrt war und dessen Grabesruhe sie gestört hatte. Sie bereute es tief, aber es war zu spät.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.