Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03288.jsonl.gz/149

Ein Mann verliert bei einem Verkehrsunglück seinen Sohn. Wochen später trifft er den Unfallfahrer, um ihm die Hand zu reichen. VON LIVIA HÄBERLING
Dieser Text ist am Samstag, 10. April 2021, erstmals in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen. Die Veröffentlichung auf dieser Webseite erfolgt mit freundlicher Genehmigung. Das Urheberrecht am Text liegt bei der Neuen Zürcher Zeitung AG.
Die Sicht ist klar, als ein Mann mit seinem Traktor auf eine Kreuzung zufährt. Er schaut nach links, nach rechts, sieht kein anderes Fahrzeug. Er beschleunigt und rollt über die «Kein Vortritt»-Markierung. Dann folgt ein Knall.
Diese Geschichte handelt von zwei Männern. Andreas F. ist ein junger Landwirt, der Disco- Swing tanzt und lieber zuhört als redet, ein Mann in den Dreissigern, der mitten im Leben steht. Fredy H. sammelt Briefmarken und betet regelmässig. Er ist der Vater von Dominik H., einem Mann in den Dreissigern, der ebenfalls mitten im Leben steht. Bis von rechts einer kommt, der ihn nicht sieht.
Andreas F. und Fredy H., die eigentlich anders heissen, haben sich bereit erklärt, über das zu reden, was ihnen zugestossen ist. Sie haben das schon einmal getan, nur sie beide. Für diesen Artikel haben sie sich zum zweiten Mal getroffen. Es war mein Vorschlag, einzeln mit ihnen zu reden. Doch sie wünschen sich das Gespräch zu dritt, weil sie voreinander nichts zu verbergen haben, wie sie sagen. Manches haben sie mir in mehreren Einzelgesprächen erzählt.
Eine Schuld entsteht, wenn ein Mensch sich verhält, wie er nicht soll. Wenn er gegen Werte verstösst, gegen Normen. Oder gegen das Gesetz. Schuld ist die Verantwortung, die sich aus einer Verfehlung ergibt. Andreas F., der Landwirt, macht sich an einem Freitagmorgen
schuldig.
Das Motorrad knallt mit voller Wucht in seinen Traktor. Der Lenker wird über die Motorhaube geschleudert, bleibt blutend am Boden liegen. Andreas F. bremst ab, springt vom Fahrersitz, wählt den Notruf, beginnt zu reanimieren. Eine Polizistin, die zufällig am Unfall vorbeifährt, kommt zu Hilfe. Später trifft die Sanität ein, die Polizei, die örtliche Feuerwehr. Andreas F. steht etwas abseits, wird betreut. Noch bevor er in das Polizeiauto steigt, für die Befragung, den Atemlufttest, die Blut- und Urinproben, sagt man ihm, dass der Motorradfahrer den Unfall nicht überlebt habe.
«Man blendet Emotionen aus»
Als Fredy H. das Sitzungszimmer betritt, wo unser Treffen stattfindet, ist Andreas F. schon da. Die Stimmung ist unerwartet entspannt, die Begrüssung herzlich. Beide sprechen sich mit Vornamen an. Sie wechseln ein paar Worte, einmal lachen sie sogar. Als das Gespräch beginnt, sackt die Stimmung ab. Andreas F., Brille, schwarzes Shirt mit Aufdruck, schildert die Vorgänge von der Unfallstelle in kurzen Sätzen, die sich hin und wieder verästeln. Seine Stimme hat einen warmen Klang. Längere Blickkontakte ergeben sich kaum, immer wieder fixiert Andreas F. neue Punkte im Raum.
Was er nach dem Aufprall oder bei den Wiederbelebungsversuchen gedacht oder gefühlt hat, weiss Andreas F. nicht. «Man blendet die Emotionen aus», sagt er, «man funktioniert einfach.» Über Gefühle redet er selten in der Ich-Perspektive, als spreche er nicht nur für sich, sondern für eine Allgemeinheit, die dieselbe Erfahrung durchmachte.
Fredy H., weisser Stoppelbart, fein eingefasste Brille, hört den Schilderungen vom Unfall, von der Reanimation seines Sohnes Dominik H. zu. Er sitzt stumm neben Andreas F., die Hände auf der Tischplatte ineinandergelegt. Hin und wieder gerät Andreas F. beim Erzählen ins Stocken. Seine Stimme erhält einen fragenden Unterton, der Blick schweift zu Fredy H. Dieser bemüht sich, die Lücken mit seinen Erinnerungen zu füllen. Bevor er redet, wartet er das Satzende ab. Fredy H. und Andreas F. fallen sich kein einziges Mal ins Wort.
Warum, warum, warum?
Vom Tod seines Sohnes erfährt Fredy H. kurz vor dem Mittag im Büro. Seine Frau, die Stiefmutter von Dominik, überbringt ihm die Nachricht. Sie bittet ihn, sich bei seiner Schwiegertochter zu melden. Fredy H. ruft an. Eine, vielleicht zwei Minuten dauert das Telefonat, das er weniger als Gespräch denn als Abfolge von Worten in Erinnerung hat. Es fallen Zahlen – die Nummer des Polizisten –, und es fällt die Bitte, Fredy H. möge den Bruder von Dominik H.
informieren. Also ruft er seinen zweiten Sohn an und erreicht dessen Arbeitgeberin. Dort bittet er um Rückruf und sagt, dass sein Sohn an diesem Nachmittag wohl ersetzt werden müsse. Danach sitzt Fredy H. im Büro und wartet, bis sein Telefon klingelt.
Fredy H. wählt seine Worte sorgfältig. Mit ruhiger Stimme erzählt er, wie damals seine Hände kalt wurden, wie er innerlich zu zittern begann. Und wie er, der jahrelang selbst Mitglied eines Care-Teams gewesen war, zu sich gesagt habe, dass er jetzt nicht schlappmachen dürfe. Nach einer Frage stützt er seine Ellenbogen auf der Tischplatte auf, presst die Handflächen zusammen, schliesst kurz die Augen, bevor er antwortet.
Durch Vergebung verzichtet man auf den Schuldvorwurf, ohne die erlittene Verletzung zu relativieren.
In den Minuten nach der Todesnachricht, sagt Fredy H., habe sich sein Sichtfeld zu einem Tunnelblick verengt. «Ich bündelte in dieser Ausnahmesituation meine Energie, ähnlich wie ein Tier, das all seine Kräfte mobilisiert, bevor es flüchtet.» Während er schildert, wie es ihm gelungen ist, in einer der extremsten Stresssituationen seines Lebens die Fassung zu wahren, wischt er sich die Tränen von den Wangen.
Fredy H. nennt Dominik H. in den Gesprächen «Sohnemann». Dieser habe als Buschauffeur eine Arbeit gefunden, die ihn wieder zufrieden machte. Er mochte Gesellschaftsspiele und führte mit seiner Frau ein zurückgezogenes Leben. Den grossen Auftritt überliess er anderen, er redete wenig über sich. Feierte jemand Geburtstag, gratulierte er hingegen immer als Erster. Dann, so plötzlich, geht Dominik H.s Leben an einem Strassenrand zu Ende.
Ist man je in der Lage, den Tod seines Kindes zu verkraften? Kann man Nachsicht entwickeln für die Verfehlung eines anderen oder Empathie für die Schuld, die auf ihm lastet und die ihn möglicherweise quält? Ist es möglich, auf den Schuldvorwurf zu verzichten? Kann man einem Fremden vergeben,
der den eigenen Sohn getötet hat?
Das Bewusstsein für die Schuld, sagt Andreas F., sei sofort da gewesen, als er es habe knallen hören. Er hatte dem Motorradfahrer den Vortritt genommen. Er, der zuvor auf der Strasse nie negativ aufgefallen ist, muss den Fahrausweis noch auf dem Polizeiposten abgeben.
Am späten Nachmittag holt seine Frau ihn ab, die beiden spazieren durch den Wald. Sie reden kaum. In Andreas F.s Kopf rotieren damals die Gedanken, wie er sagt. Wer war der Verstorbene? Wie geht es den Angehörigen? «Man fühlt sich schuldig.»
Die Warum-Fragen lassen ihn in den Stunden, Tagen, Wochen nach dem Unfall nicht los. Warum hat dieser Unfall passieren müssen? Warum hat es diesen Mann getroffen, der nicht viel älter war als er? Und warum ihn, Andreas F.? Warum hat er nicht einen Augenblick später abfahren können, eine halbe Minute vielleicht?
Kein Alkohol im Spiel Fredy H. sagt über Andreas F., dieser sei ein aufrichtiger Mensch.
Durch Vergebung verzichtet eine Person auf den Schuldvorwurf, ohne die erlittene Verletzung zu relativieren oder zu entschuldigen. Vergeben wird nicht die Tat. Vergeben wird dem Täter. Der Prozess einer Vergebung läuft vorwiegend innerseelisch ab. Er kann auch stattfinden, ohne dass die schuldige Person Reue oder Einsicht zeigt.
Am späteren Nachmittag nach dem Unfall ruft Fredy H. den rapportierenden Polizisten an. Er fragt, ob Alkohol oder Drogen beim Unfall eine Rolle gespielt hätten. Blut- und Urinproben, sagt der Polizist, würden derzeit im Labor ausgewertet, der Atemlufttest sei negativ ausgefallen. Eines möchte Fredy H. am Schluss noch wissen: Wie geht es dem Unfallverursacher?
Der Polizist erzählt ihm, dass Andreas F. am Unfallort um Fassung gerungen habe, als die Sanität noch versuchte, den schwerverletzten Motorradfahrer zu reanimieren, und als sie die Wiederbelebungsversuche einstellte. Dass er gefragt habe, ob die Möglichkeit bestehe, an der Beerdigung teilzunehmen.
Fredy H. sagt heute, Andreas F. sei keiner, der Ausreden suche und Ausflüchte. Er stehe zu seiner Schuld.
Die Beerdigung findet ohne Andreas F. statt. Die Angehörigen von Dominik H. möchten im kleinen Kreis Abschied nehmen. «Rückblickend glaube ich, dass das richtig war», sagt Fredy H., während sein Blick nach rechts schweift, zu Andreas F. «Es wäre für dich zu happig geworden.»
«Darüber habe ich am Unfalltag nicht nachgedacht», sagt Andreas F. Es sei nicht wichtig gewesen, wie es ihm selbst dabei ergehe. «Ich wollte, dass es für die Hinterbliebenen stimmt.» Hat er es also aus Pflichtgefühl angeboten? Andreas F. antwortet: «Aus Anteilnahme.»
Fredy H. bittet den Polizisten am Unfalltag am Telefon, er möge Andreas F. ausrichten, dass er sich bei ihm melden werde. In ungefähr zwei Monaten, sagt er, sollte ein Treffen möglich werden.
Fällt es leichter, zu vergeben, wenn man Reue spürt? Wenn man merkt, dass der andere leidet? Dass auch sein Leben ins Schlingern geraten ist, nicht bloss das eigene?
Wenn Fredy H. darüber redet, was ihn zum Treffen mit Andreas F. bewogen hat, dann spricht er von dem Verlust, der da ist und schmerzt und den er annehmen musste, um weiterzuleben. Er spricht aber auch von Schuld. Er spricht von dem Wunsch, Andreas F. von seiner moralischen Last zu befreien, die er bei Andreas F. spüre. «Wenn einer so locker darüber hinwegginge», sagt Fredy H., «dann wäre es schwierig.»
Eine E-Mail nachts um zwei Es ist Andreas F.s Ehefrau, die Hilfe
sucht, elf Tage nach dem Unfall, nachts
um zwei. «Mein Mann hat keine physischen
Schäden vom Unfall davongetragen
», schreibt sie an die Beratungsstelle
von RoadCross Schweiz, «die psychische
Belastung ist für uns beide aber
sehr gross.»
«Weiss nicht», antwortet Andreas F.
etwas verlegen, als ich ihn frage, warum
seine Frau die E-Mail verfasst habe.
Dann sagt er: «Weil sie besser ist in solchen
Dingen.»
Die Beraterin vermittelt das Ehepaar
F. an eine Psychologin und bleibt
mit ihnen per Telefon und E-Mail in
Kontakt. Auch die Beerdigung ist Teilder Gespräche. Andreas F. möchte der
Familie eine Karte schicken. Sie rät ihm
davon ab.
Weder RoadCross Schweiz noch die
Opferberatung Zürich erheben Zahlen
dazu, wie häufig Unfallverursacher bei
ihnen um Hilfe ersuchen. Beide Stellen
sagen, in ihrem Beratungsalltag sei das
eher selten der Fall. Gerade bei Fahrlässigkeitsdelikten
könne es für die Betroffenen
besonders schwierig sein, einen
Umgang miteinander zu finden. Diese
Unfälle werden in der Regel nicht vorsätzlich
und meist nicht einmal grobfahrlässig
verursacht, führen aber dennoch
zu grossem Leid.
Sie nehme bei Unfallverursachern
häufig eine gewisse Ohnmacht wahr,
sagt Eva Clavadetscher, Leiterin der Beratungsstelle
von RoadCross Schweiz.
Viele haben Schuldgefühle und möchten
sich entschuldigen, sie möchten erfahren,
wie es der verletzten Person geht.
Clavadetscher rät ihren Klienten in solchen
Situationen, die andere Person
nur schriftlich und allenfalls über eine
Drittperson zu kontaktieren. Sie möchte
jeweils wissen, welche Absicht hinter
dem Kontaktwunsch steht. Will jemand
erfahren, wie es der anderen Person
geht, oder möchte er sich erklären,
rechtfertigen – entschuldigen? Gerade
die Bitte um Verzeihung könne beim
Unfallopfer Druck oder sogar Schuldgefühle
auslösen, falls eine Annäherung
zu dieser Zeit nicht möglich sei, so Eva
Clavadetscher. Eine Kontaktverweigerung
müsse man respektieren. Die andere
Person solle entscheiden, ob und
in welcher Form ein Austausch möglich
ist. Zu einem Treffen zwischen den beiden
Parteien komme es in den seltensten
Fällen, sagt sie.
Rückzug vom Leben
Bald treffen bei Fredy H. die ersten Beileidskarten
ein. Stundenweise geht er ins
Büro, daneben fährt er seine Schichten – in einem Teilzeitpensum ist auch er Buschauffeur,
wie sein Sohn es gewesen war.
Fredy H. sagt, für anderes habe ihm in
diesen Tagen die Kraft gefehlt. Er habe
sich stark zurückgezogen. Ab und zu
schlägt er die Bibel auf.
Wenn sie gebeten werden, sich gegenseitig zu beschreiben, dann heben beide das Positive am anderen hervor.
Fredy H. spricht über seinen christlichen
Glauben, wenn man ihn danach
fragt. Er zögert, bevor er antwortet. Es
klingt fast entschuldigend, als er sagt,
er sei keiner, der für jede Lebenslage
nach dem passenden Bibelzitat blättere.
Und, ergänzt Fredy H., er schwebe
nicht über dem Boden. Dazu macht er
mit seinen Händen Flatterbewegungen.
Er möchte nicht in die Esoterik-Ecke
gestellt werden.
In den Psalmen findet Fredy H. Ermutigung
und Trost. «Der Herr hat’s gegeben,
der Herr hat’s genommen», liest
er im Buch Hiob. Und doch kann er
den Tod seines Sohnes nicht einordnen.
In welcher Ordnung würde eine solche
Katastrophe nicht quer stehen?
Fredy H. und Andreas F. haben unterschiedliche
Wege gefunden, mit dem Tod
von Dominik H. umzugehen. Die «Warum
»-Frage, das haben beide gemerkt,
führte sie nicht zu Erkenntnis, sondern
in eine negative Gedankenspirale.
Bei Fredy H. führt sie zu Vorwürfen
gegenüber Gott, die er nicht machen
will. Warum hast du das zugelassen?
Bei Andreas F. führt sie zur Zermürbung.
Warum musste mir dieses Unglück
zustossen? Beide mussten lernen,
zu akzeptieren, dass es auf manche Fragen
keine Antworten gibt.
Fünfunddreissig Tage nach dem Unfall
erhält Andreas F. eine SMS. «Guten Tag, Herr F.
Herr X. von der Kantonspolizei hat
Sie informiert, dass ich, der Vater von
Dominik H., mich bei Ihnen melden
werde, damit wir einen Termin für ein
Gespräch vereinbaren können. Mir ist es
sehr wichtig, Sie persönlich kennenzulernen
und dass wir uns nicht am Telefon
erstmals begegnen. Ich kann Ihnen versichern,
dass ich in Frieden auf Sie zukomme
(. . .).»
Andreas F.s Frau wird der Beraterin
von RoadCross Schweiz in den folgenden
Tagen berichten, dass die ersten
Wortwechsel zwischen Fredy H.
und ihrem Mann per SMS sehr positiv
verlaufen seien. «Er scheint sehr unvoreingenommen
und friedvoll eingestellt
zu sein», schreibt sie. «Das ist sehr
schön, und darüber sind wir natürlich
sehr froh.»
«Möchten Sie sie lesen?», fragt
Andreas F., als ich ihn im Gespräch
nach seiner SMS-Antwort an Fredy H.
frage. Über die Tischecke reicht er sein
Mobiltelefon. Als ich die Nachricht für
die Audioaufnahme laut vorlese, steht
er auf und holt sich auf dem Sideboard
eine Flasche Wasser.
«Guten Tag, Herr H.
Vielen Dank für Ihre aufrichtige
Nachricht. Auch mir ist es wichtig, mit
Ihnen in Kontakt zu treten und Sie kennenzulernen
(. . .). In der Nähe meines
Hofs gibt es einen Wald mit schönen Orten,
wo wir ungestört miteinander sprechen
können (. . .). Ich bin sehr froh und
dankbar über Ihr Entgegenkommen und
über Ihre unvoreingenommene Art. Herzliche Grüsse und bis bald,
Andreas F.»
In weiteren SMS vereinbaren Fredy
H. und Andreas F. das Datum.
Schritte aufeinander zu
Vierzig Tage nach dem Unfall steigt
Fredy H. in einem 3500-Seelen-Dorf
in einen roten Personenwagen. Und
Andreas F. legt seine Arbeit nieder, um
zu duschen.
«Ist es einer mit Tattoos oder mit langen
Haaren?», fragt sich Fredy H. «Ist er
mir sympathisch, finden wir gemeinsam
einen Weg?»
«Wird er mir Vorwürfe machen?»,
fragt sich Andreas F. «Gebe ich ihm zur
Begrüssung die Hand? Möchte dieser
Mann mir überhaupt die Hand geben?»
Um fünfzehn Uhr biegt Fredy H. auf
den Parkplatz in einem Waldstück ein,
unweit des Hofes von Andreas F. Er
steigt aus, geht ein paar Schritte, steigt
wieder ein. Es ist ein kühler Tag. Es halten
andere Autos, es laufen Spaziergänger
mit ihren Hunden vorbei, Familien
und Paare. Fredy H. muss warten. Er ist
eine halbe Stunde zu früh.
Andreas F. setzt sich nochmals in die
Küche, auch er ist zu früh. Um fünf vor
halb vier Uhr verlässt er das Haus.
Beide mussten lernen, zu akzeptieren, dass es auf manche Fragen keine Antworten gibt.
Fredy H. steht vor seinem Auto, sieht
Andreas F. entlang dem Feldweg auf
ihn zukommen, läuft ihm entgegen und
reicht ihm die Hand.
Andreas F. erinnert sich, was Fredy
H. als Erstes zu ihm sagte: «Das muss ein
schwerer Gang für dich gewesen sein.»
Fredy H. bietet Andreas F. das Du an.
Dann laufen sie los, vorbei an kleinen
Teichen mit Seerosen, während sie reden
über das, was passiert ist. Über das,
was ihre Leben derart ins Schlingern
gebracht hat. Über den Unfall, über
Dominik H., der fehlt. Andreas F. bittet
Fredy H. um Verzeihung. Und Fredy H.
sagt: «Ich habe dir vergeben.»
Eine Verbindung, die bleibt
Was bleibt, zwischen Fredy H. und
Andreas F.?
Die beiden pflegen seit ihrem Treffen
einen losen Kontakt per SMS oder
Telefon. Wenn sie gebeten werden, sich
gegenseitig zu beschreiben, dann heben
beide das Positive am anderen hervor.
Und wenn sie gebeten werden, ihre Verbindung
zu beschreiben, dann finden
beide kein passendes Wort.
Sie sind nicht bloss Bekannte, dafür
verbindet sie zu viel. Sie seien keine
Freunde, dafür sei der Kontakt nicht
intensiv genug, sagt Andreas F. Sie
pflegten eine Beziehung, sagt Fredy H.,
die in einem tragischen Ereignis ihren
Anfang genommen habe. Sie bleibt, weil
Dominik H. nicht mehr wiederkommt.
Ein Leben lang.
Andreas F. wurde wegen fahrlässiger
Tötung zu einer Geldstrafe auf Bewährung
verurteilt. Den Fahrausweis für seinen
Traktor musste er für sieben Monate
abgeben. Er hat das Urteil akzeptiert,
seine rechtliche Schuld ist abgegolten.
Fredy H. ist auf ihn zugegangen, hat
ihm vergeben. Hat auch er sich vergeben?
«Das ist eine schwierige Frage», sagt
Andreas F. Es ist eine Frage, auf die er
im Gespräch keine Antwort geben kann.