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Wie der Fussball einen uralten Konflikt zu beenden scheint
Die Schweiz trifft am Freitag im Rahmen der Nations League in Brüssel auf Belgien. Das Land profitiert zurzeit von einer goldenen Generation, die jedoch nicht nur für fussballerische Erfolge sorgt, sondern die Nation als solche zusammenschweisst – endlich.
Seit der Belgischen Revolution 1830 und der Abspaltung von den Niederlanden ist Belgien eine eigenständige Nation. Ähnlich wie die Schweiz ist auch Belgien mehrsprachig. Im Norden des Landes, auch Flandern genannt, wird niederländisch gesprochen, während Wallonien im Süden französisches Sprachgebiet repräsentiert. Im Osten, an der Grenze zu Deutschland, lebt zudem noch eine deutschsprachige Minderheit.
Dass sich durch unterschiedliche Sprachen Kluften in der Bevölkerung öffnen können, das lernt der Schweizer am Beispiel des «Röstigrabens». Aber während diese imaginäre Grenzlinie hierzulande gerne belächelt wird, geht es in Belgien deutlich unfreundlicher zu und her. Der flämisch-wallonische Konflikt ist ein seit Jahrhunderten andauernder Streit zwischen den niederländisch- und den französischsprachigen Einwohnern Belgiens und spaltet die Nation entlang einer klaren Grenze von Ost nach West.
Gespaltene Nationalmannschaft
Wie klar diese Grenze ist, sah man bis vor Kurzem auch am Beispiel der belgischen Nationalmannschaft. So erzählte Ex-Nationalmannschafts-Trainer Marc Wilmots in einem Interview mit dem deutschen Fussballmagazin «11 Freunde», dass sich das belgische Team bei der WM 2002 in Japan und Südkorea beim Essen jeweils entsprechend der Regions-Zugehörigkeit auf unterschiedliche Tische aufteilte. Wilmots setzte sich in den Folgejahren für eine Auflösung dieser Grenze innerhalb der Nationalmannschaft ein und sorgte damit gleichzeitig auch endlich für eine Auflockerung in der Bevölkerung.
Wie das Land selber wurde in den letzten Jahren auch die Nationalmannschaft deutlich multikultureller: Osteuropäische, marokkanische und kongolesische Einflüsse mischten sich zwischen die flämisch-wallonischen Fronten und drohten Belgien zu überfordern. In den Grossstädten entstanden Brennpunkte und in einigen Vierteln drohten Kriminalität und Drogenhandel die Überhand zu gewinnen.
Ein Ansatz der Regierung war der Fussball und mit Hilfe öffentlicher Gelder entstanden in Problembezirken wie Brüssel-Molenbeek oder Anderlecht dutzende Fussballplätze. Bald einmal wurde der belgische Fussballverband auf die zahlreichen talentierten Jugendlichen aus diesen Problemvierteln aufmerksam und unterstützte die Vereine bei der Förderung solcher Spieler.
Das Resultat dieser Bemühungen war zuletzt an der Weltmeisterschaft in Russland zu bestaunen. Ausgestattet mit einigen der weltbesten Fussballern schaffte es Belgien bis ins Halbfinale und beendete das Turnier auf dem dritten Platz – das beste Ergebniss in der fussballerischen Geschichte der Nation.
Die Früchte der Einwanderung
Zwölf der 23 Spieler, die für Belgien am Turnier in Russland teilnahmen, haben einen Migrationshintergrund. Der Fussball hat gezeigt, dass Einwanderung und kulturelle Vervielfältigung nicht nur Terroristen, wie Bataclan-Attentäter Abdelhamid Abaaoud, sondern auch Ausnahmefussballer wie Romelu Lukaku oder Vincent Kompany hervorbringen können.
Aber auch zwischen den flämischen und den wallonischen Spielern herrscht mittlerweile eine freundlichere Stimmung. Das ist auch Wilmots’ Nachfolger Roberto Martinez zu verdanken. Der Spanier wird auch gegen die Schweiz an der Seitenlinie der Belgier stehen und seine Anweisungen aufs Spielfeld brüllen – nicht auf niederländisch, französisch oder spanisch, sondern auf englisch. Das ist mittlerweile die gemeinsame Sprache der belgischen Nationalmannschaft und so braucht es nun beim Essen auch keine separaten Tische mehr.
Dieses gemeinsame Verständnis füreinander hat sich auch in der Bevölkerung ausgebreitet, nach den Siegen an der Weltmeisterschaft füllten die Menschen in Belgien die Strassen und öffentlichen Plätze und feierten gemeinsam mit der schwarz-gelb-roten Trikolore, egal ob Wallonen, Flamen, Kongolesen, Marokkaner oder Kosovo-Albaner.Zurück zur Startseite