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Im Mai 1921 erfolgte an der Universität Toronto eine Serie von bahnbrechenden Experimenten mit Extrakten von Bauchspeicheldrüsen. Die Initiative für diese Arbeiten ging von Frederick G. Banting aus, der unter der Leitung von John J. R. Macleod im Institut für Physiologie arbeitete. In seinem Versuchsprogramm unterstützte ihn der Student Charles H. Best. An Hunden mit experimentellem Diabetes demonstrierten sie als Erste den blutzuckersenkenden Effekt der nach ihren Ideen gewonnenen Extrakte. Trotz einiger Rückschläge gelang dank der Zusammenarbeit mit James B. Collip, einem Biochemiker der Universität Alberta, der in Toronto ein Sabbatical absolvierte, Anfang 1922 ein entscheidender Durchbruch, indem solche Extrakte – die in der Folge Insulin genannt werden sollten – erfolgreich am Menschen eingesetzt werden konnten.
Prof. em. Dr. Peter Diem, Bern
Präsident diabetesschweiz
Zum besseren Verständnis der Physiologie der Bauchspeicheldrüse hatten seit den 1890er-Jahren weltweit Dutzende von Forschern mit Gewebeextrakten dieser Drüse gearbeitet. Bei der Behandlung des Diabetes mellitus blieb aber allen der durchschlagende Erfolg verwehrt. Die Tatsache, dass Banting und Macleod bereits 1923 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielten, illustriert die epochale Bedeutung dieser Entdeckungen.
Die nächsten Bemühungen galten einer verbesserten industriellen Produktion und einem höheren Reinheitsgrad der Insulinpräperate. Ab 1936 stand neben rasch wirkendem Normalinsulin ein erstes Depotpräparat zur Verfügung. In den 1940er- und 1950er-Jahren wurden dann weitere Depotpräparate entwickelt, deren Verzögerungsprinzip auf der Bindung an ein Fischeiweiss beziehungsweise auf der Bildung von Insulin-Zink-Komplexen basierte. In den 1970er-Jahren entwickelten die Insulinhersteller dann zusätzliche chromatographische Reinigungsmethoden, was zu einer massiven Abnahme der durch Insulinpräparate nicht selten verursachten Allergien führte.
Ciba-Geigy in Basel synthetisierte 1975 das erste vollsynthetisch hergestellte humane Insulin, wobei aufgrund der komplexen Produktionsweise nur sehr geringe Mengen hergestellt wurden. Ab 1982 wurde dann gentechnisch produziertes Humaninsulin von verschiedenen Firmen in rasch wachsendem Mass hergestellt. Die neuen biotechnologischen Methoden boten nun die Möglichkeit, Insuline herzustellen, die in der Natur nicht vorkommen (sogenannte Insulinanaloga). Ziel dieser Entwicklungen war es, das pharmakologische Profil der Präparate gezielt zu verändern und so besonders rasch wirkende Insuline sowie optimierte Depotpräparate zu produzieren.
Was die Insulinverabreichung betrifft, so wurden seit den 1950er-Jahren enorme Fortschritte erzielt. Glasspritzen, die zusammen mit den verwendeten Nadeln zur Sterilisation ausgekocht werden mussten, wurden abgelöst durch Einwegnadeln und später wegwerfbare Plastikspritzen sowie Insulinpumpen (ab 1981), Insulinpens (ab 1985) und die neuesten Entwicklungen in Richtung einer künstlichen Bauchspeicheldrüse. Dies sind nur die wichtigsten Meilensteine, die die Insulintherapie revolutioniert und neben der Blutzuckerselbstmessung sowie Labormethoden zur Beurteilung der durchschnittlichen Blutzuckerlage die moderne, intensivierte Insulintherapie überhaupt erst möglich gemacht haben.
Die Geschichte des Insulins veranschaulicht eindrücklich, wie Fortschritte in Wissenschaft und Technik zu neuen und immer besseren Behandlungsmöglichkeiten führen können. Für Millionen von Personen mit Diabetes mellitus Typ 1 sicherte Insulin das Überleben, gleichzeitig bedeutete es neue Lebensqualität für die Betroffenen.