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Vor etwas mehr als vier Jahren haben sich im Zweienbachtobel Saatkrähen niedergelassen und dort eine Kolonie etabliert. Diese wurde in den letzten Jahren immer grösser. Mittlerweile werden rund 50 Nester gezählt. Mit der wachsenden Kolonie steigt auch die Lärmbelastung für die angrenzenden Wohngebiete. Die zu den Singvögeln gehörende Saatkrähe strapaziert die Nerven einiger Anwohnern, besonders in der Wampflen.
Die Gemeinde Meilen wurde in der Vergangenheit mehrfach von der Bevölkerung kontaktiert, ob gegen diese Lärmbelastung nicht etwas gemacht werden kann. Aus diesem Grund, und um über die Herkunft das Verhalten und den Schutzstatus der Vögel zu berichten, organisierte die Gemeinde Meilen einen Informationsanlass vor Ort.
Geleitet wurde dieser vom Ornithologen und Rabenvogelfachmann Kaspar Hitz. Er wurde von den Behörden als Experte engagiert und begleitete bereits den Holzschlag im Februar fachlich und beobachtet die Meilemer Saatkrähenkolonie im Rahmen eines Monitorings.
Saatkrähen verhalten sich anders als Rabenkrähen
Besonders am ersten Abend der Informationsveranstaltungen, entstand eine teilweise hitzige Diskussion zur Problematik der Lärmbelästigung. Einige Anwohner der Überbauung Wampflen monierten zudem, dass die Saatkrähen nicht nur lärmig seien, sondern auch Balkone verkoten, die Abfallsäcke aufrissen und Blumenbeete durchwühlten. Hier muss man allerdings klare Unterscheidungen zwischen den Saatkrähen und den Rabenkrähen machen: Während die Saatkrähen zwar für den Lärm verantwortlich sind, gehen sie nicht im Siedlungsgebiet auf Nahrungssuche. Sie ernähren sich von Insekten, Würmern, Engerlingen, Wühlmäusen und Käfern. Diese Nahrung beschaffen sie sich auf offenem Kulturland wie Feldern und grösseren Wiesen, nicht im angrenzenden Siedlungsgebiet. Anders als oft vermutet, erbeuten sie ausserdem keine Jungvögel.
Anders sieht das bei den Rabenkrähen aus. Da sie seltener im Schwarm auftreten, produzieren sie in der Regel keine «Orchesterlautstärke» wie die Saatkrähen. Sie sind aber Allesfresser und stibitzen auch gerne mal etwas aus einem Abfallsack. Auch sie suchen ihre Nahrung aber oft auf Feldern und Wiesen. Trotzdem kann es vorkommen, dass sie auch auf Balkonen oder in Gärten nach Nahrung suchen. Gemein haben die beiden Vögel, dass eine Vergrämung fast unmöglich ist.
Vergrämung vergrössert das Problem
Bis in die 1960er Jahre wurden die Saatkrähen in Europa massiv verfolgt. Durch Abschüsse und Giftköder brachen die Bestände drastisch ein. Viele Feldgehölze und Windschutzhecken, die bevorzugten Brutplätze der Saatkrähen, wurden zudem für eine effizientere Landwirtschaft geopfert. Das Siedlungsgebiet als Brutgebiet entdeckten die intelligenten Nicht-Waldbewohner also aus einer Not heraus. 1979 wurden sie in Europa unter Schutz gestellt. Die Schweiz wurde von den Saatkrähen ab 1963 besiedelt und sie waren ganzjährig geschützt. Dieser Schutz wurde 2010 wieder aufgehoben und seit 2012 darf man die Vögel auch wieder jagen. Ausgenommen ist die Schonzeit vom 16. Februar bis zum 31. Juli. In dieser Zeit steht die Saatkrähe auch heute noch unter Schutz.
Die Vergrämung der Vögel ist schwierig. Man hat noch keine zahlbare Lösung gefunden, die langfristig mehr nützt als schadet. Das heisst, in der Schweiz wie auch im benachbarten Ausland wurden schon viele Versuche unternommen, die Saatkrähen von neuralgischen Orten wie nahe von Spitälern oder Wohngebieten fernzuhalten. Methoden wie die Entfernung der Nester oder radikaler Baumschnitt erzielten keine oder wenn dann nur geringfügige, kurzfristige Effekte. Langzeitversuche zeigen sogar eine Negativ-Entwicklung, weil die Massnahmen nur dazu führten, dass sich bestehende Kolonien aufteilten und sich in der Folge sogar noch vergrössert haben.
Trotzdem wird natürlich weiter nach geeigneten Lösungen gesucht und auch die Gemeinde Meilen setzt alles daran, die lärmgeplagten Anwohnerinnen und Anwohner so gut es geht zu unterstützen und ihnen Hilfe anzubieten. Die Gemeinde Meilen zieht den Einsatz von Uhu-Attrappen auf Anfang 2022 in Erwägung, wobei sie Kaspar Hitz unterstützt. Andere Massnahmen wie der Einsatz von Falken oder Drohnen sind nicht praktikabel oder nicht finanzierbar. «Ein Falkner müsste mit seinem Vogel während Monaten Tag und Nacht vor Ort sein, um eine nachhaltige Verbesserung der Lage erzielen zu können. Das ist nicht zahlbar. Zudem braucht es eine Sonderbewilligung, um die Falken auch während der Schonzeit einsetzen zu dürfen. Im Kanton Zürich ist es praktisch aussichtslos, eine solche Sonderbewilligung zu erhalten», erklärte Ornithologe Kaspar Hitz. Gleiches gelte übrigens auch für den Einsatz von Drohnen. Bei den Drohnen komme erschwerend hinzu, dass das Fliegen so dicht am Wohngebiet sehr schwierig sei. Eine Sonderbewilligung erhalte man übrigens auch darum nicht, weil die gemessenen Lärmpegel, gemäss Argumentation des Bundes, objektiv gemessen nicht höher sind, als etwa Autolärm. «Mir ist natürlich bewusst, dass die Konzentration des Lärms und die subjektive Wahrnehmung eine andere ist. Ich kann jeden verstehen, der sich durch den Lärm eingeschränkt und belästigt fühlt», sagte Kaspar Hitz.
Keine eigenen Massnahmen ergreifen
Trotz allem Verständnis appellierte Kaspar Hitz an die Anwohner, keine eigenen Methoden auszuprobieren, die Vögel zu vertreiben. «Ich denke da an den Einsatz von Steinschleudern oder ähnlichem.» Dies sei während der Schonzeit nicht nur verboten, sondern kann auch gefährlich werden: «Ein Stein, der eigentlich für den Vogel bestimmt ist, könnte Spaziergänger treffen und diese verletzen.»
Illegale und unkontrollierte Vergrämungsversuche erschweren oder verunmöglichen zudem künftige koordinierte und legale Massnahmen, weil sie für eine gewisse Leidensresistenz bei den Saatkrähen sorgen. Gemeinderat Alain Chervet, der die Krähenproblematik in seinem Ressort betreut, wie auch Kaspar Hitz versprechen, sich intensiv mit einer Lösungsfindung auseinander zu setzen. Sie stehen auch im Austausch mit anderen Gemeinden und Städten, die das gleiche Problem haben. Erfahrungsberichte werden ausgewertet und anhand dessen wird entschieden, welche Massnahmen den grössten Effekt haben.