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© Betreibergesellschaft Parkhaus Postplatz; 28.4.2018
ERöFFNUNG PARKHAUS POSTPLATZ
Zur Eröffnung des neuen Parkhauses am Postplatz in Zug wurden in den drei Untergeschossen Foto- und Texttafeln angebracht. Diese informieren über Zugs städtebauliche Entwicklung, die interessante Historie des Zuger Postplatzes und über die Etappen des Bauprozesses. Die Gestaltung der Tafeln stammt vom Atelier Christen, Zug. Die Fotos hat die Zuger Architekturfotografin Regine Giesecke gemacht. Ich schrieb die Texte.
EIN BLICK ZURÜCK
Scharnier Postplatz
Nach dem Abriss der Stadtmauer und der Stadttore entwickelte sich der Postplatz zum zentralen Scharnier zwischen Altstadt, Vorstadt und Neustadt. Für lokale Verhältnisse geradezu monumental wirkt das 1902 erbaute Post- und Telegraphengebäude, ein Symbol der Prosperität der Eidgenossenschaft. Die Kuppel ist mit einer zierlichen Metalllaterne gekrönt, von der die Telegraphendrähte ausgingen. Das Sandstein- und Granitgebäude ist ein typischer Vertreter der um die Jahrhundertwende in zahlreichen Schweizer Städten errichteten repräsentativen Bundesbauten. Es trägt die Handschrift von Theodor Gohl, dem obersten Architekten der Direktion der eidgenössischen Bauten. Gegenüber, Richtung Zugersee, steht das von Johann Caspar Wolff 1873 gebaute Regierungsgebäude. Als es sich noch im Rohbau befand, diente es der Einquartierung der Soldaten der Bourbaki-Armee. In der rechten Mitte des Bildes sieht man das ehemalige Haus zur Farb, später Schwerzmann-Haus, das nach intensiven politischen Debatten sowie erfolglosen Rettungs- und Verschiebungsversuchen schliesslich nach einer Volksabstimmung im Jahre 1988 abgebrochen wurde.
Schwur und Abmarsch
Am 5. August 1914, nachmittags um 13.30 Uhr, wurde das Zuger Bataillon 48 mit 31 Offizieren und 860 Soldaten in Anwesenheit der gesamten Regierung auf dem Postplatz in Zug für den Aktivdienst vereidigt. Dies, nachdem aus Bern ein Telegramm mit dem Bundesratsbeschluss zur Pikettstellung der ganzen Armee eingetroffen war. «Eidgenossen, schirmt das Haus!» riefen die Zuger Nachrichten jenen Männern zu, die sich zur Mobilmachung versammelten. Die Vereidigung fand in Anwesenheit einer eindrücklichen und besorgten Volksmenge statt, die sich am Rande des Postplatzes versammelte. Landammann Josef Plazidus Steiner richtete patriotische Worte an die Wehrmänner, zitierte den Rütlischwur und nahm der kantonalen Truppe den Eid ab. Die Lage sei ernst, aber für die Schweiz nicht trostlos. Kaum vereidigt, musste das Zuger Bataillon bereits den ersten Toten beklagen. Kurz nach Cham erlitt der aus Mailand eingerückte 23-jährige Korporal Karl Spillmann einen Hitzschlag, dem er am Abend im Spital erlag. Er war der erste von insgesamt siebzehn Zugern, die im Aktivdienst 1914 – 1919 ums Leben kamen.
Ratternde Druckmaschinen
Da, wo heute das neue Parkhaus steht, befand sich früher das ehemalige Druckerei und Wohnhaus der Familie Speck. Gegründet wurde die Zuger Traditionsfirma mitten im industriellen Aufbruch, im Jahre 1911. Nebst Dienstleistungen in «Schwarz-, Bunt- und Kopierdruck» bot sie auch Illustrations- und Prägedruck an. Kontinuierlich entwickelte sich das kleine Familienunternehmen zu einer angesehenen Druck-, Verlagsund Medienfirma, welche sich trotz wiederkehrender Herausforderungen über 100 Jahre lang, während dreier Generationen und bis zum Zeitpunkt des Verkaufs an Dritte erfolgreich am Markt behauptete. Speck war seit Anbeginn erste Anlaufstelle für die lokalen Behörden, Vereine, für Industrie, Handel, Verkehr, Landwirtschaft und zahlreiche Private. Auch das Zuger Amtsblatt ratterte einst durch die hauseigenen Druckmaschinen. 1914 wurde Buchdrucker Josef Speck I mit dem Druck und der Verteilung der Plakate für die Mobilmachung des Ersten Weltkriegs beauftragt. Das verspielte Haus mit Adresse Poststrasse 4 wurde 1898 von Karl Peikert gebaut und trug den Namen Gutenberg, der als Erfinder des Buchdrucks gilt.
ABENTEUER BAUSTELLE
Abbruch vor dem Aufbruch
Die Auseinandersetzung mit dem, was war, ist und sein könnte, wird in Zug engagiert, mitunter emotional diskutiert. Denn unabhängig davon, ob ein Gebäude privat oder öffentlich ist, Bauen ist immer auch ein öffentlicher Akt; umso mehr, wenn ein Projekt – wie die Überbauung am Postplatz – im Herzen der Stadt Zug entsteht. Wann gilt es, eine historische Liegenschaft mit wertvoller Bausubstanz zu schützen und vor dem Abbruch zu retten? Wann sind Erneuerung, Aufbruch, Umbruch angesagt? Wo Neues entsteht und Altes verschwindet, geht nicht zwangsläufig Identität verloren. Im Wandel steckt – eine mannigfaltige Nutzung der Gebäudehüllen und Bespielung des Aussenraums vorausgesetzt – auch das Potenzial neuer Impulse. Im Falle der Überbauung Postplatz machten sich diese schon früh in Form einer Zwischennutzung bemerkbar, die das Unkonventionelle feierte. Für das Publikum ging unter dem Motto «Da gaht Poscht ab!» ein temporärer Traum in Erfüllung, der Zug bereicherte und absehbar endete, als die Bagger auffuhren. Zurück blieb kein Trümmerhaufen, sondern die Erinnerung an legendäre Veranstaltungen in der «Hebe-Bühne».
Schlitzwandverfahren
Durch die zentrale Lage im dicht bebauten, innerstädtischen Kontext gab es beim Bau des Parkhauses mit seinen vier Untergeschossen diverse bauliche Herausforderungen zu meistern. So stand während der gesamten Bauzeit wenig Umschlag- und Lagerfläche zur Verfügung, was eine minuziöse logistische Planung erforderte. Für die Erstellung der Baugrube wählte man das sogenannte Schlitzwandverfahren und die Deckelbauweise, bei der von oben nach unten gearbeitet wird. Mit speziellen Baumaschinen wurden rund 20 Meter tiefe und 80 Zentimeter breite Schlitzwandabschnitte ausgehoben und diese anschliessend mit einer Stützflüssigkeit gefüllt. In einem weiteren Schritt wurden Armierungskörbe mit vorbereiteten Deckenanschlusseisen in die Gräben gestellt und die Schlitzwand Abschnitt für Abschnitt ausbetoniert, parallel dazu wurde die Stützflüssigkeit abgepumpt. So entstand die gesamte Aussenwand des Parkhauses ohne die vorgängigen klassischen Aushubarbeiten. Die spezielle Beschaffenheit der unebenen und rauen Oberflächen der UG-Aussenwände ist charakteristisch für das Schlitzwandverfahren.
Unverzichtbares Monitoring
Bauarbeiten, insbesondere das Bohren und Rammen, erzeugen Erschütterungen und Vibrationen, die auch beim Bau des Parkhauses am Postplatz kontinuierlich überwacht wurden. Derlei Sicherheitsvorkehrungen drängten sich nicht zuletzt aufgrund der engen Platzverhältnisse auf dem Areal auf. Die Nähe zum Guggi-Hügel, zur Minigolfanlage, zum denkmalgeschützten Postgebäude, zum WWZ-Verwaltungsgebäude und zu den Bahngleisen erforderte ein professionelles Baustellen-Monitoring. Im Einsatz waren modernste Messgeräte, die ein gesteigertes Schadenrisiko auf der Baustelle, im Boden oder an der bestehenden benachbarten Infrastruktur sofort angezeigt hätten. Eine weitere Herausforderung stellte der durch Seenähe und Hangwasser bedingte hohe Grundwasserspiegel dar. Er liegt bei 419 Meter über Meer und somit auf Höhe des Bodens der ersten Parkebene. Das Wichtigste: Alle am Bau beteiligten Profis können auf eine intensive dreijährige Zusammenarbeit ohne Zwischen- und Unfälle zurückblicken. Übrigens: Die Bezeichnung «Postplatz» erhielt das Areal vor der Post erst 1849. Vorher lautete der Name «Schanzenplatz».
GLOBALISISIERTE KLEINSTADT
Umbauen statt weiterbauen
Ein in die Luft ragender Baukran veranschaulicht das Wachstum der Kantonshauptstadt so eindrücklich wie unmissverständlich. Aller Baudynamik zum Trotz ist der dichte Ballungsraum im Zentrum dank haushälterischem Umgang mit der Ressource Boden nach wie vor von attraktiven, weitläufig Richtung Zugerberg und Arth ausgerichteten Grünflächen und Naturgebieten geprägt. Die bauliche Entwicklung der globalisierten Kleinstadt ist das Resultat einer konsequenten Entwicklungsstrategie mit erfreulichen Effekten, aber auch kontrovers diskutierten Nebenwirkungen. Ein Blick über das Gebaute macht deutlich, dass sich Zug raumplanerisch an einem Scheideweg befindet. Mit dem prognostizierten Zuwachs an Einwohnern und Arbeitsplätzen wird sich die Stadt in den nächsten Jahrzehnten weiter stark verändern müssen. Weil innerhalb des Stadtgebietes freilich nur noch wenig unbebautes Bauland vorhanden ist, bedarf es einer «Stadtumbaukultur»: Es wird weniger darum gehen, die Stadt weiterzubauen, als vielmehr, sie umzubauen oder gar neu zu erfinden. Diese «Stadtvision 2050» wird zu einer wichtigen Grundlage für die bevorstehende Ortsplanungsrevision.
Alt und neu im Paarlauf
Architektur ist nicht zur Selbstdarstellung ihrer Urheber da. Sie muss passen. Für die Überbauung Postplatz bot sich ein winkelförmiges Grundstück an, das sich direkt hinter und neben dem denkmalgeschützten, 1902 fertiggestellten Postgebäude befindet. Die Neubebauung belässt dem Altbau seine Dominanz und belebt den bisher brachliegenden Hinterhof Richtung «Schanz». Oberirdisch entstanden zwei autarke Wohn- und Geschäftsgebäude, die unterirdisch mit dem Parkhaus verbunden sind. Der nördlich gelegene Neubau ist auf der Seite Poststrasse viergeschossig und orientiert sich in Grösse, Ausformulierung und Materialisierung mittels Natursteinfassade an seinen historischen Nachbarn. Im rückwärtigen Bereich ist das Gebäude achtgeschossig und einfach verputzt. Der östlich an das Postgebäude angrenzende Neubau setzt mit einer geschwungenen Glas-Metallfassade einen eleganten Kontrapunkt und verhilft zu einem gekonnten Paarlauf zwischen Alt und Neu. Die Anordnung der Baukörper spielt mit dem Thema von Öffnung und Verengung, wodurch ein labyrinthartiger, attraktiver Aussenraum entsteht.
Sorgfältige Handschrift
Als geglückt wird ein Bauwerk mitunter dann bezeichnet, wenn es auf den Betrachter so wirkt, als sei es schon immer hier gewesen. Kein Fremdkörper hat sich da zwischen das historische Postgebäude ( 1902 ) und das Wohn- und Geschäftshaus der WWZ ( 1907 ) geschoben. Viel eher nimmt man einen in jeder Hinsicht passenden Baukörper wahr, der sich am Bestehenden orientiert. Die sorgfältige Handschrift, die das Bauwerk auszeichnet, wird der zentralen Lage gerecht, die nach qualitativ hochstehendem Städtebau ruft. Die als Begegnungs-, Wohn- und Arbeitszone konzipierte Überbauung Postplatz Zug der Leutwyler Partner Architekten AG zeigt geradezu exemplarisch, wie eine bauliche Herausforderung im dicht bebauten, innerstädtischen Kontext bravourös gemeistert wird. Dem intelligenten Bauen geht das intelligente Planen voraus. Dieser Vorsatz wurde eingelöst; trotz vieler bürokratischer Hürden, die es zu überwinden galt, und nicht zuletzt dank einer mutigen und engagierten Bauherrschaft. So überführt der schlichte Neubau an exponierter und populärer Lage ein historisches Viertel gekonnt in die Zukunft.