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Frisch aus der Gedichtagentur
von Jörg Hüssy
Publiziert am 22/05/2017
Die vierzehnjährige Marjane muss 1984 Teheran infolge des ersten Golfkriegs verlassen und ins Exil nach Wien gehen. Sie bleibt dort vier Jahre und kehrt nach Ende des Kriegs in ihre Heimat zurück. An der Kunsthochschule absolviert sie ein Studium der visuellen Kommunikation und verlässt dann 1994 den Iran endgültig. Diese Geschichte wird im autofiktionalen Comic Persepolis von Marjane Satrapi in einfachen Schwarz-Weiss-Bildern nacherzählt. Ein anderes vierzehnjähriges Mädchen aus Teheran wird bereits fünf Jahre früher unmittelbar vor der Islamischen Revolution von 1979 ins Ausland geschickt. Dabei handelt es sich um die heute in Basel lebende Lyrikerin, Übersetzerin und Psychoanalytikerin Kathy Zarnegin. Nun hat sie ihren Debütroman Chaya veröffentlicht, einen Roman, der aus ihrer eigenen Biografie schöpft und einige signifikante Parallelen zu ihrem Leben aufweist. Das Buch ist eine willkommene Ergänzung zu den ebenfalls sehr persönlichen Eindrücken, die in Persepolis vermittelt werden. Dank diesen beiden Werken erhält man Einblicke in den iranischen Alltag im Vorfeld und während der einschneidenden politischen Umwälzungen.
Chaya ist ein aufgewecktes und unangepasstes Mädchen, das in Teheran lebt, eine englische Schule besucht und zu Hause Italienisch lernt. Sie hat sich vorgenommen, «so schnell wie möglich so zu werden wie Oriana Fallaci, die Welt zu bereisen und zu schreiben». Als Dreizehnjährige hat sie dann zwei weitere Wünsche: Sie will nach Amerika auswandern – in den Siebzigjahren gingen viele aus dem Umfeld ihrer Eltern ins Nordamerikanische Exil – und sie möchte einen Büstenhalter, das Sinnbild fürs Erwachsensein. Diese Wünsche gehen zwar nicht sofort und auch nicht eins-zu-eins in Erfüllung, aber immerhin wird sie im Ausland ihren ersten eigenen Büstenhalter tragen. Im Vorfeld der islamischen Revolution – auch aus Angst vor religiösem Fanatismus, den sie als jüdische Familie zu befürchten hatten – entscheiden sich Chayas Eltern sie ins Exil zu schicken. Nicht nach Amerika und auch nicht nach Italien, nein, in die Schweiz. In ein Land, von dem sie einzig weiss, dass der Schah dort seine Ferien verbringt. Damit endet mit fast fünfzehn Jahren ihre Kindheit. Chaya verlässt die Heimat und wird von Verwandten ihres Vaters in Basel aufgenommen. Ein doppelter Schock: Sie wird aus der Familie gerissen, aber auch aus der Muttersprache, die ihr so viel bedeutet, da sie Schriftstellerin werden will. Die Hürden sind hoch, hat sie doch keine Vorkenntnisse in Deutsch. Dennoch eignet sie sich die neue Sprache schnell und gut an. So gut, dass sie die Matura machen und ein Studium der Philosophie beginnen kann. Bald darauf gründet sie eine Gedichtagentur, die unter anderem auf Poster gedruckte Gedichte anbieten will. Dass dies keine Goldgrube ist, versteht sich von selbst. Da kommt ihr eine Anstellung in einer Sprachschule gelegen. Diese öffnet ihr den Zugang zu einer illustren Runde aus Kultur und Wissenschaft, in der sie sich auf ihre scharfzüngige Art bestens zu behaupten weiss.
Während sie sich perfekt einlebt, hat sie mit ihrer Familie in Teheran nur noch sporadisch Kontakt. Nur ein einziges Mal geht sie für zwei Wochen nach Teheran zurück. Telefongespräche mit ihrer Mutter und Pakete aus Teheran mit der Essenz der iranischen Küche von gedörrten Pflaumen bis Safran lassen bei ihr aber nur sehr begrenzt Heimweh aufkommen. Einzig, dass sie bei der Beerdigung ihres Vaters nicht dabei sein konnte, löst bei ihr Wehmut aus.
Kathy Zarnegin gelingt ein nicht alltägliches Debüt. Auch wenn Chaya in vielen Belangen ein typisches Erstlingswerk ist – der Roman ist verspielt, sprüht vor Ideen und weist Parallelen zum Leben der Autorin auf –, zeugt er von literarischer Reife, die nicht verwundert angesichts der Tatsache, dass die 1964 geborene Psychoanalytikerin auch als Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin arbeitet. Kathy Zarnegin kann erzählen und sie kann vor allem schreiben: mit Witz und Sinn für Zwischentöne. Ausserdem hat sie beim Erzählen ein feines Gespür für die richtige Balance. So im ersten Teil, der noch in Teheran spielt: In dieser Vorgeschichte wird dem Leser auf unaufdringliche Weise die persische Kultur näher gebracht, und mit ihr die damalige politische Situation. Unübersetzbare und sehr typische Begriffe des Persischen werden in Dialogen erörtert: etwa Ta’arof, das ungefähr «jemandem etwas anbieten, ohne dass es sofort angenommen werden darf» bedeutet. Überhaupt ist die Geschichte von Exkursen geprägt, die wunderbar geschmeidig in die Erzählung gewoben sind. In ihnen wird über Unterschiede zwischen dem Iran und dem Westen nachgedacht. Etwa in Bezug auf das westliche Arbeitsethos, das den Iranern fremd ist, oder die sehr unterschiedlichen literarischen Traditionen. Auch die Sprachen werden verglichen. Dem bildhaften und artikellosen Persisch wird die deutsche Sprache gegenübergestellt, die ihre bescheidene Bildhaftigkeit mit drei Artikeln wettmacht. Überhaupt ist Sprache das zentrale Thema des Romans. Zarnegin reflektiert durch ihre Figuren die Bedeutung der Muttersprache und deren Verlust, sowie das Leben in einer Fremdsprache. So beschliesst Chaya nach zwei Jahren in der Schweiz, nicht mehr in der Muttersprache zu schreiben und sich voll und ganz der neuen Sprache auszuliefern. Sie fragt sich beim Deutschlernen: «Aber würde ich je in der Lage sein, in der neuen Sprache auch Geschichten zu erzählen?» Und wie!, möchte man der Autorin Kathy Zarnegin antworten.
Mit Chaya gelingt Kathy Zarnegin ein vielstimmiger Roman, der mehrere Textsorten in sich vereinigt. Souverän integriert sie diese in ihre Erzählung: vom Zitat aus einem Tagebuch über Briefe bis zu einem Zeitungsartikel über Chaya und ihre Gedichtagentur. Dieser in Form einer Homestory verfasste Artikel könnte auch als Selbstporträt der Autorin gelesen werden.