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Am 30. November 1918 gibt das Orchestre de la Suisse romande (OSR) in der Victoria Hall in Genf sein erstes Konzert. Unter der Leitung seines Gründers, des jungen Dirigenten Ernest Ansermet, spielt es das Concerto Grosso von Georg Friedrich Händel und legt damit den Grundstein einer Geschichte, die nicht nur die Schweizer Musikkultur prägt, sondern auch eine internationale Ausstrahlung entfaltet. Bis 1969 leitet Ansermet das Orchester selbst und legt den Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf die zeitgenössische Musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Das Orchestre de la Suisse romande spielt zahlreiche Erstaufführungen, die unter anderem die Messe von Igor Strawinsky und das musikdramatische Werk Der Sturm von Frank Martin bekannt machen. Dieses Engagement für die zeitgenössische Musik verhilft dem Orchester nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu zahlreichen Einladungen ins Ausland, wo es zu einem wichtigen Botschafter des Schweizer Musiklebens wird. Gleichzeitig spielt es eine zentrale Rolle in den Auslandaktivitäten von Pro Helvetia.
Aus finanziellen Gründen nimmt die Musik zu diesem Zeitpunkt lediglich einen zweitrangigen Platz in der Schweizer Kulturpolitik im Ausland ein. In der Nachkriegszeit verfügt Pro Helvetia über ein Budget von nur 120‘000 Franken für ihre internationale Tätigkeit und ist nicht in der Lage, Konzerttourneen grosser Orchester zu finanzieren. Aus diesem Grund beschränkt sich die Kulturstiftung darauf, Schweizer Ensembles die Teilnahme an wichtigen internationalen Musiktreffen zu ermöglichen. 1948 und 1952 vertritt das OSR die Schweiz an den Festivals von Edinburgh und Paris, wo es Werke von Arthur Honegger und Frank Martin spielt.
Ab den 1960er Jahren erlaubt das höhere Budget von Pro Helvetia eine regelmässige Durchführung von Orchestertourneen, bei denen nun auch weiter entfernte Destinationen berücksichtigt werden. So nimmt das Orchestre de la Suisse romande 1966 am Stanford-Festival in Kalifornien und 1967 im Rahmen des Schweizer Kulturprogramms an der Weltausstellung von Montreal teil. 1968, 1976 und 1987 spielt das OSR in Japan, 1974, 1981, 1985 und 1989 in den USA.
Trotz ihrer unbestrittenen Ausstrahlung werden die Auslandtourneen grosser Symphonieorchester in den leitenden Organen von Pro Helvetia nicht nur positiv beurteilt. In den 1970er Jahren wird immer mehr Kritik am prestigeorientierten Charakter solcher Projekte laut, auch an der wachsenden Abwesenheit zeitgenössischer Schweizer Komponisten in den Programmen. Das führt schliesslich zu einer Reduktion der eingesetzten Mittel führt. Insbesondere die Vertreter des EDA setzen sich aber für eine Fortführung der Konzerttourneen ein, die noch in den 1980er Jahren als wichtiger Bestandteil der Kulturdiplomatie angesehen werden. (tk)
Archivbestände
Pro Helvetia, Protokolle Gruppe I
BAR E9510.6 1991/51, Bd. 420