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«Yachten und dergleichen»: eine neu entdeckte Story von Capote
- Dienstag, 15. Oktober 2013, 13:27 Uhr
Es sollte ein grosser Roman werden: Truman Capotes «Erhörte Gebete». Der brillante Schlüsselroman der amerikanischen Gesellschaft, den er nicht mehr vollenden konnte, brachte ihn am Ende um. Ein verschollenes Kapitel heisst: «Yachten und dergleichen». Das ist jetzt aufgetaucht. Oder doch nicht?
Capotes «Erhörte Gebete» sollten etwas ganz Grosses werden – mindestens so bedeutend wie Stendhals «Rot und Schwarz» oder «Die verlorenen Illusionen» von Balzac. Ein Buch wie eine Waffe sollte es sein: Griff, Abzug, Lauf, Kugel – so hatte es Truman Capote notiert, das Konzept seines Romans «Erhörte Gebete».
Tödliche Wirkung besitzt das Buch tatsächlich, als das erste Kapitel 1975 im Magazin «Esquire» erscheint. Nur richtet sich die Pistole nicht gegen die Anderen, sondern gegen den Autor selbst. Capotes kalter, boshafter Angriff auf die New Yorker Society endet mit sozialem Selbstmord.
Hofnarr der Reichen und Super-Reichen
Bis dahin war der bekennende Homosexuelle ein Fisch im Wasser der Reichen und Super-Reichen gewesen. Nach dem Hollywood-Erfolg «Frühstück bei Tiffany» wird der literarische Star am Hof der Agnellis und der Vanderbilts aufgenommen. Er ist umgeben von Millionenerbinnen mit entsprechender Entourage und luxuriösem Lebensstil.
«Frühstück bei Tiffany»: Vor 50 Jahren erschien Capotes Ode an...
6:34 min, aus Kulturplatz vom 1.10.2008
Exzentrisch, unterhaltsam, scharfsinnig; das sind Capotes Labels im Milieu des grossen Geldes. Das geht eine ganze Weile gut, dann nicht mehr. Der Hofnarr liefert die geistreichen Anekdoten, aber er beobachtet auch und hört genau zu, was gesagt wird. Was treibt sie alle an, die ihr Spiel spielen im Gefüge von Sex, Macht, Politik und Kultur?
Capote recherchiert, füllt jahrelang hunderte von Seiten mit Notizen. Sein abgrundböser Blick hinter die Kulissen des Glanzes wird schliesslich alle verraten, mit denen er in dieser Zeit Umgang hat.
«Erhörte Gebete» – der Star wird verstossen
Nach der ersten Veröffentlichung ist es aus. Der Star ist verstossen. Und er bleibt es. Capote schreibt trotzdem weiter, aber das Buch wird erst drei Jahre nach seinem Tod erscheinen, 1987. Es ist ein Torso. Einige Teile fehlen.
Gibt es die fehlenden Kapitel überhaupt? Sind sie verschollen, vom Autor selbst vernichtet? «Eine schwere Beleidigung des Gehirns» sollte eines heissen. «Yachten und dergleichen» ein anderes. Letzteres ist jetzt aufgetaucht.
«Wodka Grapefruit on the Rocks»
«Yachten und dergleichen» ist in der New York Public Library gefunden worden. Wohl nicht das fehlende Kapitel, leider, aber eine Kurzgeschichte aus dem Umkreis des Romans. Sie ist jetzt auf Deutsch erschienen, als Titelgeschichte eines kleinen Bandes mit Capote-Erzählungen.
Eine Kreuzfahrt auf der Yacht von Fiat-Chef Gianni Agnelli, die Privatinsel des griechischen Reeders Niarchos und ein mysteriöser Tod sind das Sujet der Geschichte. Es ist nur eine kleine Skizze der Stimmung an Bord, der Sonne, der Wellen, des Haschisch, der Musik vom Plattenspieler. Capote, der Hedonist. Nichts Böses, kaum Bissiges. «Wodka Grapefruit on the Rocks» stattdessen und ein demonstratives Desinteresse am Antiken: «Ich hasse Besichtigungen; ein Haufen alter Steine ist für mich nichts weiter als ein Haufen alter Steine», sagt der Erzähler.
Das grosse Werk gerät zum Desaster
Nichts Neues von den «Erhörten Gebeten» also. Auch sie waren einmal als «wunderschönes Buch mit Happy End» geplant. Doch daraus wurde nichts. Das grosse Werk gerät zum Desaster. Nach der Arbeit an «Kaltblütig», Capotes berühmtem Reportage-Roman über einen vierfachen Mord in Kansas, verdunkelt sich die Optik. Capote will die Wirklichkeit, so kalt und so böse wie möglich.
Die letzten Kapitel sollen in einem Schliessfach deponiert sein. Der Schlüssel ist verloren, das Schliessfach wurde nie entdeckt. Die fehlenden Kapitel bleiben vermisst. «Sie werden gefunden, wenn sie gefunden werden wollen», war Capotes letzter Kommentar.
Buchhinweis
Capote, Truman: «Yachten und dergleichen.» Verlag Kein & Aber, 2013.
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