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Unter dem Titel «Les pieds dans l’eau» zeigt das Fotomuseum Winterthur Werke des Dokumentarfilmers Jean Painlevé (1902 – 1989). Seine Passion war die Unterwasserwelt.
«Vous êtes mieux qu’un chic type», hat der Filmemacher Jean Vigo einmal an Jean Painlevé geschrieben. Das Kompliment, ein toller Kerl zu sein, mag den französischen Dokumentarfilmer, Fotografen und Autor Jean Painlevé erfreut haben. Er selbst sah sich jedoch vor allem als «horsin», als eine Art Aussenstehender, der Einblick nimmt in eine unbekannte Welt und diese mit Hilfe der Fotografie und des Films wissenschaftlich dokumentiert. Wobei gleichzeitig das von ihm kreierte Wort «horsin» (abgeleitet von hors = ausserhalb) die Klang-Assoziation «oursin» nach sich zieht.
Jean Painlevé, Steinseeigel mit und ohne Stacheln, ca. 1929
In der Tat steht der «oursin» oder Seeigel bei Painlevé als Vertreter jener wundersamen Unterwasserwelt, der dieser vielseitige Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Avantgarde des frühen Films im vergangenen Jahrhundert mit über 200 Filmen und zahllosen Fotografien nachgespürt hat. So trug auch einer seiner ersten Dokumentarfilme aus dem Jahr 1928 den Titel Les Oursins. An der bretonischen Küste waren sie in grossen Mengen zu finden. Painlevé fotografierte, filmte, beschrieb, sezierte sie und legte dabei das Verdauungssystem des wirbellosen Stachelhäuters bloss, um es zu zeigen.
Geneviève Hamon, Jean Painlevé mit Caméflex-Kamera (mit einer von Geneviève Hamon entworfenen Tragevorrichtung), Roscoff, ca. 1958
Unter dem Mikroskop begab er sich überdies mit der Kamera auch auf einen Spaziergang hinein in den Stachelwald von Greifzängelchen. Vergrössert gleichen sie dorischen Säulen, was Painlevé veranlasste, für dieses frühe Werk aus den Anfängen seines Schaffens die Bezeichnung Architekturfilm zu verwenden.
Leidenschaft für Fotografie der Anatomie
Die Kamera hatte Painlevé bereits mit neun Jahren entdeckt, auf Spaziergängen mit dem Vater am bretonischen Strand. Der Atlantik hatte auch sein Interesse an der marinen Fauna geweckt. Vater Paul war ein berühmter Mathematiker und zweimaliger Premierminister. Im Austausch mit ihm lernte Jean schon früh logisch denken und wissenschaftlich vorgehen. Später studierte er Philosophie, Medizin und Biologie und arbeitete auf dem Gebiet der vergleichenden Anatomie.
Jean Painlevé, unter Mitarbeit von Eli Lotar, Garnele im Profil, 1929
Durch Vermittlung seines Vaters gelang es ihm 1922, als Student der Philosophie an einem Empfang Albert Einsteins durch die Gesellschaft für Philosophie in Paris teilzunehmen. Dieses Erlebnis bestärkte ihn in der Überzeugung, dass Philosophie und Naturwissenschaften vereinbar sind. Geprägt von den Polen Fotografie, Wissenschaft und Wissensvermittlung sowie einem Netzwerk von Avantgarde-Künstlern der zwanziger und dreissiger Jahre (darunter der sowjetische Regisseur Sergej Eisenstein, der Bildhauer Alexander Calder, der Filmemacher Luis Buñuel, Surrealisten wie Jacques-André Boiffard, Yvan Goll, Man Ray, Fernand Léger, Pierre Prévert) entwickelte Painlevé eine ganz eigene Handschrift. Indem er zum Beispiel besondere Details freistellt und vergrössert zeigt, entdeckt man einen Mikrokosmos, den das menschliche Auge normalerweise gar nicht wahrnimmt. Gleichzeitig stimmt dabei aber auch die Bildkomposition, das realistische Detail steht für sich, wird zu Kunst, beflügelt die Fantasie der Betrachtenden.
Jean Painlevé, Hydrozoenqualle, undatiert
Das mag besonders auch den Surrealisten unter seinen Künstlerfreunden gefallen haben. Allerdings liess sich Painlevé, der «horsin», nicht vereinnahmen. Vor allem dem politisch engagierten Flügel der Surrealisten schloss er sich nie an, engagierte sich aber während des zweiten Weltkriegs in der Résistance. Und schon «im politisch aufgeladensten Werk Le vampire montierte er beispielsweise Szenen aus Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu (1922) in sein eigenes Filmmaterial einer blutsaugenden Fledermaus, was als Metapher für den deutschen Faschismus gelesen werden kann,» liest man im Filmmuseum Winterthur.
Jean Painlevé, Hydrozoenqualle, undatiert
Seine Lebensgefährtin und engste Mitarbeiterin Geneviève Hamon, die in einigen Fotos und Filmen in Erscheinung tritt – im Zwanzigerjahrestil mit Kurzhaarschnitt, weiten Hosen und Zigarette, oder in Shorts und Plastiksandalen – entstammte einer anarchistisch gesinnten, vegetarisch lebenden Freidenkerfamilie. Les pieds dans l’eau sieht man Geneviève auch bei der Arbeit mit Painlevé im seichten Wasser auf der Suche nach Kleingetier.
Links: Jean Painlevé unter Mitarbeit von Eli Lotar, Stark vergrössertes Detail des Schwanzfächers einer Garnele, 1929 Rechts: Geneviève Hamon, Schablone – Garnelenschwanzfächer, ca. 1935
Sie war eine unentbehrliche Kraft bei der Entwicklung neuer Filmtechniken und bei allem, was es zur Realisierung einer Ablichtung lebender Meeres- oder Süsswassergeschöpfe braucht. Mit der Zeit wurde sie zur Co-Regisseurin bei den einzelnen Projekten Painlevés, und sie ist an der Winterthurer Ausstellung, die Adaptation einer Ausstellung im Pariser Jeu de Paume, mit eigenen Zeichnungen, Drucken und Schmuckentwürfen vertreten.
Hochentwickeltes Denkvermögen der Kopffüssler
Vom Heranwachsen der Embryonen von Quallen über den Körperaufbau und Bewegungsmodus von Garnelen bis zu einem der spannendsten Meerestiere, den Kraken: Painlevé und Hamon gaben in ihren Filmen häufig erstmals Einblick in erstaunliche Lebensweisen. Einer ihrer bekanntesten Filme aus dem Jahr 1967 zum Beispiel trägt den Titel Les Amours de la pieuvre. Es sind kleinere Kraken (Oktopoden), gefilmt zunächst in einem flachen, natürlichen Habitat. Dann rückt die Kamera näher an ein Aquarium des Filmers und zeigt, wie sich Oktopoden paaren.
Man sieht Mikroaufnahmen von Samenfäden, die Entwicklung von Embryonen und erfährt, dass die Augen von Kraken jenen höher entwickelter Tiere entsprechen und dass der Kopffüssler über eine Hautfalte verfügt, die Augenlidern gleicht. Ein Detail, der vergrösserte, weit geöffnete Krakenschnabel, füllt den ganzen Bildschirm und wirkt wie eine flüchtige Reminiszenz an die surrealistische Periode des Künstlers. Wusste man schon damals, dass dieser achtarmige, skelettlose Meeresbewohner drei Herzen und neun Gehirne mit beträchtlichem Denkvermögen hat, deshalb wesentlich intelligenter ist als gemeinhin bekannt, dass er absichtsvoll handelt, ja sogar Jagdstrategien entwickelt und sich aus Kokosnuss- oder Muschelschalen geschickt eine eigene Schutzhütte bauen kann?
Paarungsriten beim Seepferdchen
Das ehrgeizigste Projekt Painlevés, in Zusammenarbeit mit Hamon und dem Filmer André Raymond, entstand 1934 im Pariser Studio in der Nähe von Montparnasse. L’Hippopocampe (Cheval Marin) ist dem Seepferdchen gewidmet, jenem eleganten, kleinen Knochenfisch, Publikumsmagnet in den öffentlichen Aquarien. Der Tonfilm entstand unter vielen technischen Schwierigkeiten. Painlevé zeigt anhand seiner Aufnahmen Körperbau, Haltung, Fortbewegung, Atmung und Reproduktion.
Seepferdchen zwischen Algen, ca. 1934
Dem Publikum seinerzeit hatte es besonders die ungewöhnliche Art der Vermehrung angetan, werden doch bei diesen Stachelflossern die Männchen trächtig. Zwar produzieren die Weibchen Eier und einen Dottervorrat. Doch beim Geschlechtsakt spritzen sie beides dem Männchen in eine dafür vorgesehene Bauchtasche, in der die Eier befruchtet werden. Die Geburt ist Männersache, wobei die winzigen Nachkommen der Bauchtasche kaum sichtbar, schmerz- und schwerelos entschweben.
Weibliches Seepferdchen, ca. 1934–1935 © Les Documents Cinématographiques / Archives Jean Painlevé, Paris
Die ungewöhnliche Erotik der Paarungsriten, die Rollenverteilung und Schönheit der Aufnahmen hätten besonders die Surrealisten und Feministinnen jener Zeit fasziniert, heisst es im Katalog, auch weil Seepferdchen die Normen menschlicher Sexualität in Frage stellten. Überaus beunruhigt habe sich hingegen die Zensurbehörde der USA gezeigt, die eine Gefährdung des patriarchalischen Familienmodells und der traditionellen Mutterrolle witterte. Klingt doch ganz aktuell!
Titelbild: Henri Manuel, Jean Painlevé im «Institut im Keller», undatiert
Alle Bilder: © Les Documents Cinématographiques / Archives Jean Painlevé, Paris
Bis 12.2.2023
Zu weiteren Informationen über die Ausstellung Jean Painlevé