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«Wir sind Sizilianer und keine Süditaliener»! Diesen Ausspruch hörte ich auf meiner Reise durch Sizilien als erstes. Die autonome Region am unterste Zipfel Italiens, nur durch die drei Kilometer breite Meerenge von Messina vom Festland getrennt, hat eine multikulturelle Vergangenheit, die bis heute nachwirkt.
Sizilien ist die grösste Insel im Mittelmeer direkt vor dem italienischen Stiefel. Den griechischen Namen Trinacria, Drei-Kap, verdankt sie ihrer Dreieckform.
Satellitenbild von Sizilien (links). Die Flagge Siziliens (rechts) existiert seit 1282, als sich Sizilien gegen die französische Herrschaft auflehnte. Die «Trinacria» mit dem Kopf in der Mitte ist typisches Symbol für Sizilien. Beide Fotos: Wikimedia Commons
Unsere Reisegesellschaft erreichte mit der Fähre von Genua her den Hafen von Palermo. Zu Beginn der Rundreise stand die Kathedrale Santa Maria Nuova in Monreale auf dem Programm. Erbaut wurde sie im 12. Jahrhundert vom normannischen König Willhelm II. (1153-1189) im normannisch-arabisch-byzantinischen Baustil mit reichen byzantinischen Goldgrundmosaiken an den Innenwänden. Sie zeigt die Symbiose der unterschiedlichen Kulturen zur Zeit der Normannen.
Die Kathedrale von Monreale (1172-1176) wurde im Auftrag des Normannen Königs Wilhelm II. erbaut in Konkurrenz zur päpstlichen Kathedrale in Palermo. Hier befindet sich auch Wilhelms Grab.
Als Stützpunkt für Seefahrt und Handel hatten die Städte Siziliens stets eine grosse Bedeutung. Immer wieder bemächtigten sich neue Eroberer der Insel, blieben, und vermischten sich mit der bereits ansässigen Bevölkerung: In der Antike waren es die Phönizier, die Griechen, Karthager und Römer; im Mittelalter die Araber, Byzantiner und Normannen. Sie alle hinterliessen deutliche Spuren, auch bei der Bevölkerung: So kann es in derselben Familie sowohl grossgewachsene Mitglieder mit roten Haaren geben, die an die Normannen erinnern, als auch kleine mit schwarzen Haaren, die den Sarazenen gleichen, wie wir dies beim Besuch einer Weinbauernfamilie selbst feststellen konnten.
Kathedrale von Palermo (1184), Apsis mit arabesken Intarsien im normannisch-arabischen Stil. Hier befinden sich die Gräber der Staufenkönige Heinrich VI. und Friedrich II.
Als die Griechen Sizilien in unabhängigen Stadtstaaten besiedelten, errichteten sie neben den Städten auch ihre Tempelanlagen. Der Tempel von Segesta (430/420 v. Chr.) ist einer der besterhaltenen dorischen Tempel, weil er nie als Steinbruch verwendet und auch nicht durch Erdbeben zerstört wurde. Eigentlich sollten die griechischen Baumeister einen Repräsentationsbau wie im benachbarten Selinunt errichten. Doch wegen Angriffen aus Karthago blieb er unvollendet.
Tempel von Segesta. Dass der Bau unvollendet ist, erkennt man etwa an den Steinnasen des Sockels, die zum Befestigen von Seilen für den Transport der Steinblöcke verwendet und später abgeschlagen wurden.
Glücklicherweise gibt es heute in Sizilien keine kriegerischen Konflikte mehr, dafür zerstören Feuersbrünste das Land. Wie Ende Juli 2023, als absichtlich Feuer gelegt wurde, und zwar fast gleichzeitig an rund hundert verschiedenen Stellen. Der Brand legte den Flughafen von Palermo lahm. Unterwegs stiessen wir immer wieder auf verkohlte Felder und Bäume, auch Olivenbäume. In Segesta reichten die Flammen bis zum Tempel. Noch sechs Wochen später war der Rauch zu riechen; aber die Agaven fingen bereits wieder an zu spriessen.
Brandspuren neben dem Tempel von Segesta
In Agrigent gründeten die Griechen auf einer Anhöhe die Stadt Akragas, geschützt von einer zwölf Kilometer langen Stadtmauer, die zum Teil noch erhalten ist. Im sogenannten Tal der Tempel sind die Ruinen von acht Tempelanlagen erhalten, die zwischen 510 und 430 v. Chr. gebaut wurden. Der Konkordiatempel ist am besten erhalten, weil er als Kirche umgebaut bis ins 17. Jahrhundert genutzt wurde.
«Konkordiatempel» in Agrigent (ehemals Akragas)
Durch das im 18. und 19. Jahrhundert erwachte Interesse an der griechischen Antike reisten Archäologen wie Johann Joachim Winckelmann, Literaten wie Johann Wolfgang Goethe oder Künstler wie Philipp Hackert nach Agrigent und machten Sizilien als Sehnsuchtsort bekannt. Auf der noch heute gut erhaltenen römischen Strasse liessen sich die Reisenden in Sänften hochtragen. Sogar Caspar David Friedrich malte den Junotempel in Agrigent, allerdings nicht vor Ort, sondern nach Vorlagen.
Jacob Philipp Hackert (1737-1807), «Tal der Tempel, Agrigent», 1778, Eremitage, St. Petersburg. Foto: Wikimedia Commons
Die Römer lösten im frühen dritten Jahrhundert nach Christus die Griechen in Sizilien ab. Im Landesinneren, in der Nähe von Piazza Armerina, ist die Villa Romana del Casale aus dem 4. Jh. n. Chr. erhalten. Auf einer Fläche von 3500 Quadratmetern sind die Böden in vierzig Räumen mit reichen Mosaiken ausgelegt. Heute ist klar, dass die Residenz nicht dem vermeintlich römischen Kaiser Maximian gehörte, sondern vermutlich einem reichen Kaufmann, der wilde Tiere aus Afrika für Gladiatorenkämpfe einführte und verkaufte. Auffallend sind die zahlreich dargestellten Tiere etwa Löwen, Elefanten, Nashörner, Tiger oder Gazellen.
Mosaikboden in der römischen Villa Romana del Casale bei Piazza Armerina. Ein Elefant wird auf ein Schiff verfrachtet, im Hintergrund ein Kamel und ein Tiger
Bekannt geworden ist hierzulande die Darstellung der «Bikinimädchen» in der Villa Casale. Dieser Raum war für die Dienerschaft der Hausfrau bestimmt und wies ursprünglich ein geometrisches Fussbodenmosaik auf. Spätere Besitzer legten über den alten Fussboden den neuen mit den zehn Mädchen im Bikini, die Weitsprung mit Gewichten in der Hand machen, Diskuswerfen trainieren oder Handball spielen. Die Siegerinnen erhalten einen Stechpalmenzweig und einen Kranz aus Rosen.
Mosaikboden im römisch-antiken «Fitnessraum» mit Mädchen im Bikini in der Villa Casale
An der Ostküste Siziliens kamen die Griechen aus Syrakus auf das Hochplateau nach Taormina zur Sommerfrische. Hier bauten sie im 3. Jh. v. Chr. ein grosses Theater, das die Römer später für ihre Gladiatorenkämpfe vergrösserten. Heute findet hier im Sommer ein Festival d’Arte statt; im Städtchen kann man bummeln, einkaufen und die Aussicht auf den Ätna und das Meer geniessen.
Krater- und Lavalandschaft unterhalb des Ätna
Der Höhepunkt der Reise war für mich der Ätna, den man aus der Ferne etwas rauchen sieht und zu dem man hochfahren kann. Es ist der höchste aktive Vulkan mit rund 3360 Meter über dem Meeresspiegel. Wenngleich der Bus nicht bis zum obersten Krater fahren kann – dies ist nur auf einem steilen Weg zu Fuss möglich, – lassen sich auch etwas unterhalb in der ausgedehnten schwarzen Lavalandschaft kleinere Krater entdecken. Von Lava teilweise zugeschüttete Hütten, Häuser und Bäume vom letzten Ausbruch machen die latente Gefahr des Ätna deutlich.
Titelbild: Aussicht von Lipari auf eine der äolischen Inseln
Fotos: rv