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Von der Bienenzucht.
(Quelle „Beschreibung der Schweizerischen Alpen- und Landwirthschaft“, 1804, Johann Rudolf Steinmüller)
Die Bienenzucht im Appenzellerlande verringerte sich seit etwa 40 Jahren mehr als um den dritten Theil, reichte aber zu keinen Zeiten hin, um das Land genugsam mit eigenem Honig zu versehen, indem gewiss in keiner Gegend der Schweiz mehr Honig als hier gegessen wird, und Hung und Schmalz (Butterbrodt mit Honig) und Hungküchli (im Schmalz gebackene Kuchen in eine Brühe von zerschmolzenem Honig und Butter gedunkt) die Lieblingsspeise des Appenzellers ausmacht. – Ehmals hatten die Appenzeller im Frühling im Rheintal zehen bis zwölf Plätze, wo sie ihre Bienenstöcke hersetzten, und an jedem Orte befanden sich 30, 70, 80, bis 90 Körbe voll, gegenwärtig besitzen die grössten Bienen-Liebhaber höchstens 40 bis 60 Stück; obwohl in den letzten zwey Jahren die Bienenliebhaber im Appenzellerlande sich wieder um ein Beträchtliches vermehrten.
Das Clima des Appenzellerlandes ist übrigens wegen den vielen kalten Lüften der Bienenzucht gar nicht günstig, und wenn man den Ertrag von mehrern Jahrgängen zusammenrechnet, so ist der Verlust davon allhier immer weit beträchtlicher als der Gewinn. In Gonten und Urnäschen sollen sie noch am vortheilhaftesten stehen, doch kann keine unserer Gegenden in dieser Hinsicht nur einiger Maassen mit den Gegenden jenseits des Rheins, im Werdenbergischen und Sarganserländischen und mit Bündten verglichen werden; selbst das Rheintal muss diesen noch weit nachstehen.
Es giebt hin und wieder im Lande einige Bienengrosshändler, die man Innengrempler nent, welche im Frühjahr und Herbste alle Jahre 40, 50 bis100 Bienenstöcke in den oben genannten Gegenden aufkaufen, und selbige zum Theil leben lassen und hin und her im Lande aufstellen, und sowohl da, als im Thurgau und Rheintal wieder verkaufen; zum Theil aber sogleich mit in Schwefelgetunktem, angezündetem Papier tödten, und überhaupt das ganze Jahr Honig und Wachs verkaufen. Vor ungefähr 30 Jahren kaufte man im Frühjahr das Stück für 7 bis 8 Gulden, allein seit etwa 5 Jahren bezahlt man jeden alten Schwarm gewöhnlich mit 10 bis 11 Gulden.
Die Bienenschwärme werden auch hier gewöhnlich nur in Strohkörbe aufgefasst, die man Immenbeecher nennt, und den Sommer über aussen an den Häusern einzelner Bauernhöfe aufstellt; ehemals hatte man viel mehr eigentliche Immenhäuser. Man richtet ihren Ausflug immer gegen Mittag, jenseits des Rheins hingegen gegen Mitternacht. Hölzerne Untersätze sind bey weitem nicht allgemein. – Während der Winterszeit hält man sie meistens in tgrockenen Kammern, und füttert diejenigen, welche einen geringen Honigvorrath besitzen gegen dem Frühjahr zu, und zwar meistens mit Honig. Auch den süssen Rahm (Nideln) fressen sie sehrgerne. – Einige lassen sie Sommer und Winter auf dem Immenstand stehen, und bedecken sie in lezterer Jahreszeit nur mit einigen warmen Tüchern.
In der Mitte des Merzens trägt der Appenzeller seine Bienenstöcke gewöhnlich in das wärmere und fruchtbarere Thurgau oder Rheintal, um vorzüglich die blühenden Obstbäume zu benutzen, und je nachdem die Blüthezeit vorbey ist – meistens zu Ende Aprils – tragen sie dieselben wieder herauf und setzen sie auf ihre einzelnen blumenreichen Wiesen oder in ihre zähmere Alpen.
In dem helvet. Calender, Jahrgang 1780, S. 159, steht nachfolgende Bemerkung über die Appenzeller Bienen: „Unter einem Gestell von Planken, auf welchem Bienenkörbe standen, sahen wir eine grosse Niederlage, etliche 1000 lagen todt umer oder überwälzten sich halblebend. Mein Begleiter sagte: dass die getödteten aus dem Rheintal wären; sie wären weit schwächer, als die vom Lande, und wenn sie neben diese gestellt würden, werden sie unbarmherzig angegriffen und umgebracht; daher werde auch in dem Rheintal jährlich untersagt: dass niemand Körbe mit Bienen aus den Gebirgen ausstellen sollte. Ich ward auch leicht gewahr, dass die erlegten von kleinerem Wuchse und hellerer Farbe waren.“ – Diese Schilderung ist zu grell und übertrieben. Die Bienen aus dem Gebirge sind zwar durch das rauhere Clima, in dem sie leben, etwas abgehärteter und kraftvoller, und es kann daher einzelne Zweykämpfe zwischen diesen und denen im Thal absetzen, doch ist der Schade der daraus entsteht, niemals beträchtlich. Zudem erinnert man sich noch, dass obiges Verbott nur ein einziges Mal, ungefähr vor 40 Jahren von einem Landvogt für ein Jahr lang ausgeschrieben, – nachher aber wieder ungültig wurde.
Gewöhnlich soll – nach der Appenzeller Berechnung, ein frischeingefasster Bienenschwarm 2 ½ bis 3 Pfund schwer seyn (à 40 Loth) selten aber bekomme man auch 4 bis höchstens 5 Pfund schwere.
Der innländische Honig (Landhung), ist von einer vorzüglichen Güte, hat eine ganz feuergelbe Farbe, zieht, wenn man ihn am Messer in die Höhe hebt – lange Fäden, und wird, wenn man ihn stehen lässt, in kurzer Zeit kandirt; die Maass wird daher auch immer um einige Batzen theurer, als der ausländische Honig verkauft; allein die Ursache hievon liegt nicht sowohl in der höheren oder tieferen Gegend, worin er zubereitet oder gesammelt worden ist, als aber vielmehr in der Kunst ihn gehörig aussieden zu können, wobey der Appenzeller wirklich sehr zweckmässig verfährt.
So ist z.B. der wirklich unverfälschte Bündtnerhonig, und namentlich der aus dem Engadin ganz weiss, zieht keine Fäden, und wird nicht kandirt, wenn er auch schon dick ist, und doch kann man mit Recht behaupten, die Bündtner Bienen fliegen so gut als diejenigen im Appenzellerlande, auf Alpenpflanzen. Ueberhaupt ist es eine häufig gemachte Erfahrung, dass die Bienen im Thal an schönen Sommertagen unglaublich grosse Reisen in die Gebirge machen, und oft in die höchsten Alpen hinauffliegen. Ich fand sogar ganz oben auf dem Schneefeld des hohen Säntis einzelne halb todte Bienen, die sich auf ihrem Wege dahin verirrt hatten. – Warum steht dann der Bündnerhonig dem Appenzellerhonig weit nach? Jene verstehen das Aussieden gar nicht. Gewöhnlich wird er nur durch ein Tuch ausgepresst oder aber man siedet die ganzen rohen Waben in einem Kessel und presst nachher alles Fliessende aus, daher der Bündnerhonig von unsern Leuten immer noch einmal gereinigt werden muss. – Derjenige Bündnerhonig, welchen die Bienen auf der Heidekornpflanze einsammeln, die übrigens äusserst ergiebig ist, indem ein Schwarm oft täglich um X [unleserlich] Pfund schwerer wird – soll sehr schwach und kraftlos seyn. – Man behauptet auch, je später im Herbste man den Bienen den Honig nehme, desto besser werde er auch.
Die Appenzeller haben zum Aussieden des Honigs zwey eigens dazu verfertigte lehmene Gefässe; das eine ist ein viereckiges Becken, in dessen Boden sich überall kleine Löcher befinden, das andere ist etwas grösser, so dass jenes oben auf dasselbe zu stehen kommt, ohne über dieses hervorzuragen. In das obere werden nun die unausgesottenen Honigwaben gelegt, und durch die Hitze in einem mässig eingeheizten Ofen zerschmolzen, worauf alles Flüssige durch die Löcher in das untere Gefäss lauft, und worin sich dann an der Kühle Honig und Wachs rein absöndert. Damit der Honig nicht zu braun werde, so muss man es verstehen, gerade den gehörigen Grad der Wärme im Ofen zu treffen. – Der auf diese Weise oben zurückgebliebene Trester wird nachher in einer Pfanne gesotten, in einen Sack geschüttet und ausgepresst, und dann der noch etwa erhaltene Saft und die Ueberbleibsel im Sack bisweilen mit Wasser vermischt, welches man gähren lässt und Honigbrandtwein daraus destillirt, welcher einen etwelchen Geschmack von Honig behaltet, an Stärke aber den Kirschengeist noch übertrift, auch gewöhnlich eben so theuer; wie dieser verkauft wird.
Es ist auch eine, auf vielfache Erfahrung gegründete Beobachtung: dass die besten Jahrgänge in Ansehung der Menge des Honigs auch die besten sind, in Ansehung des innern Werths desselben. So behauptet man allgemein, dass z.B. der wenige Honig, den man 1801 erhielt, mehr als um ¼ Theil schlechter, säurer und unergiebiger war, als der in Menge erhaltene 1802.
Dieser Jahrgang 1802 war so ausserordentlich begünstigend sowohl für die Vermehrung der Bienenschwärme, als aber vorzüglich zur Einsammlung des Honigs, zum Theil aller Orten in der Schweiz, namentlich aber auch im Appenzellerlande, dass ich hier nothwendig einige Beyspiele davon aufführen muss, welche hinreichend beweisen, dass seit Mannsgedenken kein Jahrgang den Bienenliebhabern so günstig war.
Was die Vermehrung der Bienenschwärme 1802 anbetrift, so war diese in Bündten sehr mittelmässig, hingegen bey uns äusserst zahlreich, so dass man häufig von 6 Mutterstöcken 12 junge Schwärme erhielt. – Und dieser ungewöhnlichen Fruchtbarkeit der Brutbienen entsprach zugleich die ausserordentliche Menge Honig, welchen die Bienen in diesem Jahre einsammelten, das man dem häufig gefallenen Honigthau zuschrieb, wovon die Tannen und Weiden oft eigentlich tropften.
Bienenzucht.
(Quelle „Bericht über die Thätigkeit der St. Gallischen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft während des Vereinsjahres 1899/1900“ St. Gallen. Zollikofer’sche Buchdruckerei, 1901)
In den letzten Jahren hat die Bienenzucht in unserm Gebiete, wie überall, einen enormen Aufschwung genommen, und das ist sehr erfreulich; ist und bleibt sie doch der den Einsatz an Mühe, Zeit und Geld am besten lohnende Kulturzweig, der mit vollem Recht als die Poesie der Landwirtschaft bezeichnet wird.
Was charakterisiert diesen Kulturzweig, frägt der „Bienenvater“, so sehr im Gegensatze zu den übrigen Zweigen der Urproduktion? Es erheischt die Bienenzucht ein relativ bescheidenes Anlagekapital – sie wird nicht Schuldnerin des Bodens – ihr Betrieb ist nicht an Besitztum gebunden – sie wirft höhere Renditen ab, als jeder andere Kulturzweig – die Jahresbilanz ist nicht von den Witteungszufällen eines ganzen Jahres abhängig – sie erzeugt ein Produkt, das qualitativ von keinem ausländischen übertroffen wird.
Jedoch der klingende Nutzen ist nicht der einzige materielle Gewinn. Es gesellt sich zu ihm noch ein weit höherer indirekter Nutzen, erzeugt durch die wichtige Rolle, die das Bienchen im Haushalte der Natur, als Vermittlerin der Befruchtung einer grossen Zahl auf Fremdbestäubung angewiesener Pflanzen, zu spielen berufen ist.
Und zu alledem gewährt die Biene ihrem Pfleger auch einen nicht zu unterschätzenden ideellen Gewinn: denn, ,,wenn es wahr ist,“ sagt der „Bienenvater“,) „dass der Umgang mit guten Menschen veredelnd wirkt – und die Bestätigung tritt wohl am klarsten im Gegenteil zu Tage -, so ist wohl kaum zu bezweifeln, dass auch die stete Beschäftigung mit solch‘ fleissigen, kunstgeübten, ordnungsliebenden Geschöpfen, wie die Bienen sind, nicht ohne wohlthätigen Einfluss auf den Charakter des Bienenzüchters bleiben kann. Der Freude am Nützlichen und Schönen wohnt gewiss auch ein veredelndes Moment inne. In ihrem Lichte reift auch die edle That, erstarkt die Willenskraft. “
Wir können daher nur wünschen, dass die Bienenzucht unseres Gebietes sich noch viel mehr ausbreite, nach der Parole: Vor jedem Haus ein Bienenstand! denn nur ein bescheidener Teil des Schatzes, den unsere Pflanzenwelt birgt, wird alljährlich gehoben.
Allein, ich möchte nicht bloss das Bienenhalten empfehlen; dazu gehört auch noch eine rationelle Pflege. Nur dieser ist die Biene dankbar.
Analog der mir bei den andern Kulturzweigen auferlegten Kürze, kann ich auch hier nicht auf eine Beschreibung der vorkommenden Betriebssysteme eintreten; dagegen darf ich doch hervorheben, dass ich auf den meisten Bienenständen eine durchaus rationelle, auf den Errungenschaften der heutigen Naturkenntnis beruhende Pflege getroffen habe; ich konstatiere das um so lieber, weil ich gerade bei einigen andern Kulturzweigen die herrschende irrationelle Betriebsweise zu tadeln gezwungen war. Es war aber auch Zeit, dass die alte, oft so rohe und grausame Methode einer naturgemässen und daher auch rationellen Pflege gewichen ist. Noch sind manche alte, jetzt öde und leer dastehende Bienenladen Zeugen einstiger Raubwirtschaft; während uns umgekehrt die vielen grossen und kleinen, zierlichen und anmutigen, immer mehr auftauchenden, neuen Bienenhäuschen das Gedeihen der heutigen rationellen Imkerei verraten. Und der beste Erfolg lohnt den Fortschritt!
Die Haupttracht ist, entsprechend der Verschiedenheit der Pflanzenformationen, sehr verschieden zwischen Süd- und Nordabhang; dort sind im Frühjahre die Obstbäume und die Wiesen die Nektar- und Pollenlieferanten, der Sommer dagegen ist relativ mager; hier ist der Frühling mager, und erst die Monate Juni und Juli bringen mit den goldglänzenden Löwenzahn-Wiesen, den blühenden Ahornbäumen und dem ergiebigen Nadelwald reichen Honigsegen.
Wanderbienenzucht ist unserem Gebiete sozusagen unbekannt. Ich weiss von einem einzigen Fall, wo ein Senn in der Alp Schlewiz seine Bienenstöcke (bloss zwei oder drei) von Etappe zu Etappe mitwandern lässt und zwar mit gutem Erfolge. Sonst finden wir nur soweit hinauf Bienenstöcke, als die menschlichen Winterwohnungen reichen. Die Bienen selbst aber können wir im Hochsommer noch auf den höchsten Gipfeln antreffen, wo sie, die aromatischen und farbenprächtigen Alpenblumen aufsuchend, eifrig Nektar und Pollen sammeln, um schwer beladen dann wieder heimwärts zu ziehen. Dass aber auf diesen weiten Wanderungen zahllose Bienen das Leben einbüssen, ist wohl selbstverständlich; sie werden Opfer ihres bewundernswerten Sammeltriebes. Es wäre ja natürlich den Bienen und damit auch ihrem Besitzer, besser gedient, wenn man sie in die Nähe oder gar mitten in die jeweilige Tracht bringen könnte; aber dieser „Weidewechsel“ ist eine sehr heikle Sache, und wer die Imkerei nicht gründlich versteht, thut entschieden besser, von der Wanderbienenzucht abzusehen. Es braucht Verstand, Geschick und Routine dazu.