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Von Troja nach Skandinavien – altnordische Topografien
Lukas Rösli
Seit einigen Jahren hat die Populärkultur die nordische Mythologie wiederentdeckt. Diese reichhaltige Welt ist vor allem durch schriftliche Quellen in mittelalterlichen Handschriften überliefert, etwa in der Lieder-Edda und der Prosa-Edda. Nun lässt sich verfolgen, wie die erzählten Topografien innerhalb der skandinavischen Mythen aussahen.
In Kinohits wie «Marvel’s The Avengers» und den beiden «Thor»-Filmen aus Hollywood, die auf den gleichnamigen Marvel-Comics basieren, wird neben den mythologischen Figuren auch ihre Lebenswelt dargestellt. Doch woher stammt das Wissen um die Welt der nordischen Götter, die etwa in Comics und Filmen so detailliert dargestellt wird? Nebst einigen schematischen Abbildungen mythologischer Szenen auf skandinavischen Bildsteinen sind die altnordischen Mythen hauptsächlich in literarischer Form überliefert. Die beiden wichtigsten Werke, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in altisländischer Sprache verfasst und in mehreren mittelalterlichen Handschriften überliefert wurden, sind heute unter den Titeln Lieder-Edda und Prosa-Edda bekannt.
Die Lieder-Edda ist eine anonym verfasste Sammlung von Liedern, die sowohl skandinavische Göttermythen umfasst als auch gemeingermanische Heldenlieder, die zu demselben Stoffkreis gehören wie das mittelhochdeutsche Nibelungenlied. Die Prosa-Edda hingegen ist ein mythografischer und dichtungstheoretischer Text. Er diente wohl dem Zweck, dass angehende Skalden – die höfischen Dichter im mittelalterlichen Skandinavien – die für ihre elaborierte Kunst unerlässlichen Erzählungen über die nordische Götterwelt kennenlernten, um sie in ihren Gedichten verwenden zu können. Die Prosa-Edda zitiert dabei stellenweise Strophen aus der Lieder-Edda und kreiert aus ihren häufig doch sehr obskuren mythologischen Versen eine in sich geschlossen wirkende Mythologie. Ein gewichtiger Teil der Prosa-Edda erzählt, nebst der Erschaffung und dem Leben der Götter und einiger weniger Menschen, von einer Vielzahl topografischer Strukturen, die entstehen, sich verändern, sich ausdehnen oder verflüchtigen, um schliesslich wieder zu kollabieren.
Reisende Götter
In Anlehnung an die Genesis berichtet der Prolog der Prosa-Edda von der Schöpfung der Welt durch einen allmächtigen Gott. Nachdem die Welt durch die Sintflut gereinigt worden ist und die Menschen erneut Gottes Namen vergessen haben, wird erzählt, wie Odin und seine Gefährten einer Prophezeiung folgend aus Troja aufbrechen, um in Nordeuropa als Götter verehrt zu werden. Über die Herleitung des nordischen Götterpantheons von Menschen aus der Stadt Troja kann sich der Text, der über 200 Jahre nach der Christianisierung Islands niedergeschrieben wurde, dem Vorwurf entziehen, er verherrliche die heidnischen Gottheiten.
Die aus Troja ausgewanderten Menschen lassen sich am Ende ihrer Reise in Skandinavien nieder und werden dort unter der Sammelbezeichnung Asen als übernatürliche, göttliche Wesen verehrt. Der weise schwedische König Gylfi will die Ursache der göttlichen Macht erforschen, die den Asen zugeschrieben wird, und begibt sich getarnt als alter Mann zu ihrer Burg. Dort wird ihm von drei Asenkönigen eine Sinnestäuschung vorgegaukelt, sodass er der Illusion erliegt, in einer grossen Halle zu stehen, während er die Könige über die Entstehung der Welt, deren Verlauf und das Leben und Wirken der Asen befragt.
Schöpfung aus dem Urriesen
Als Erstes will Gylfi erfahren, wer der höchste aller Götter für die Asenkönige sei, worauf diese von Allvater erzählen, der Himmel und Erde und alles Dazugehörende geschaffen habe. Demselben Narrativ folgend, wie es zu Beginn des Prologs der Prosa-Edda verwendet wurde – und das an den Schöpfungsbericht der Genesis erinnert –, erfährt Gylfi auch von der Unsterblichkeit der Seele und von der Einteilung des Jenseits in Himmel und Hölle. Die deutlich christlich geprägte Kosmogonie wird von Gylfi implizit abgelehnt, wenn er fragt, wo Allvater sich aufgehalten habe, bevor er diese dualistisch strukturierte Welt erschaffen habe. Als Antwort darauf erzählen ihm die drei Könige, dass Allvater bei den Reifriesen gelebt habe.
Der Hinweis auf eine Zeit und eine Welt vor der zuvor erzählten Schöpfung zwingt die Asenkönige, eine neue Kos mogonie zu beschreiben. So erfährt Gylfi, dass zu Beginn der Welt nur zwei Gebiete existiert haben, ein heisses im Süden und ein eisiges im Norden, die durch das Ginnungagap, eine klaffende Leere, getrennt gewesen seien. In diesem leeren Raum entstanden beim Aufeinandertreffen von Eis und Hitze Tautropfen, die den Urriesen Ymir formten, aus dem weitere Riesen hervorgingen. Der Genealogie zufolge zeugte eine Riesin zusammen mit einem nicht weiter bestimmten Wesen drei Söhne, von denen einer Odin genannt wurde. Odin und seine zwei Brüder töteten Ymir und formten aus seinem Körper die Welt: Aus Ymirs Blut entstand das Meer, seine Haut wurde die Erde, die Knochen wurden zu Bergen und die Schädeldecke bildete die Himmelsschale.
Das Land, welches aussen vom Meer umgeben war, wurde durch einen Wall namens Midgard, der aus den Augenbrauen Ymirs bestand, vor den feindlichen Riesen geschützt, die an den Stränden lebten. In der Mitte dieser neuen Welt errichteten sich Odin, der in der Erzählung der drei Könige nun rückblickend mit Allvater gleichgesetzt wird, und die Asen eine Burg, die sie Asgard nannten. Dieses Asgard, so die Könige, sei nach dem Vorbild des alten Asgard gestaltet, das sie als Troja identifizieren.
Gespiegelte Räume
Schon aus dieser kurzen Erzählung der drei Asenkönige lassen sich narratologische Verfahren ableiten, die zur Bildung der Topografien der eddischen Mythen in der Prosa-Edda verwendet werden. Äusserst produktiv sind die Prinzipien der Spiegelung gegebener Topografien sowie deren dynamische Umformung durch eine Anpassung an neue Narrative. Bei der Spiegelung wird eine zuvor in der Prosa-Edda eingeführte topografische Struktur aufgegriffen und für ein neues Raumnarrativ adaptierbar gemacht. Dieses Vorgehen lässt sich anhand des Schöpfungsberichts aus dem Prolog nachverfolgen, der selbst in Anlehnung an den Beginn der Genesis gestaltet ist und später von den Asen dazu verwendet wird, um Gylfi eine erste Kosmogonie zu präsentieren.
Der allmächtige Gott, der im Prolog als Schöpfer der Welt eingeführt wird, findet sich in der Erzählung der Asenkönige durch die Figur Allvater substituiert, wohingegen der Vorgang der Schöpfung selbst gespiegelt wird. Diese gespiegelte Kosmogonie hält jedoch den kritischen Fragen Gylfis nicht stand und muss durch ein neues Narrativ ersetzt werden. Erst aus der Erzählung über Ymir und wie Odin und seine Brüder aus diesem Urriesen die Welt bildeten, leitet sich eine eigenständige eddische Kosmogonie ab. Die Asen wurden allein durch Gylfis Frage dazu veranlasst, diese neue Schöpfungsgeschichte zu erzählen, in der Ymir zur Urmaterie und zum Medium der aus ihm geschöpften Welt wird.
Die Dynamik, die sich aus der dialoghaften Erzählweise der Prosa-Edda ergibt, lässt die Asen die von ihnen erzählten Topografien der eddischen Mythen immer neu umformen und an die kritischen Fragen Gylfis anpassen. So geht die im Prolog durch Gott geschöpfte Welt in der Version der drei Asenkönige in die von Allvater kreierte über, die wiederum einer aus dem Körper Ymirs geformten Welt weichen muss. Das antike Troja, welchem dem Prolog zufolge die Asen entstammen, wird in der Erzählung zur eddischen Welt als Vorbild von Asgard gesetzt und so in die Topografie der nordischen Mythologie überführt.
Erzählte Welten als Fiktionen
Die in der Prosa-Edda beschriebenen Kosmografien und die daraus entstehenden Topografien dieser mythischen Welt werden, wie zuvor erwähnt, Gylfi – und gleichzeitig den Rezipienten des Texts – im Rahmen einer Sinnestäuschung dargelegt. Dieser Erzählraum, in dem die drei Asenkönige Gylfi Red und Antwort stehen, relativiert das Erzählte durch seinen illusorischen Charakter. Jede Aussage über das Leben der nordischen Götter und ihre Lebenswelt, die innerhalb dieser fingierten Halle getätigt wird, ist somit Bestandteil einer von den drei Königen inszenierten Täuschung. Gleichzeitig lenken aber auch Gylfis Fragen den Verlauf der Erzählung über die Topografien der eddischen Mythen. Denn erst sein Hinterfragen der ihm zu Beginn erzählten Geschichte über die Schöpfung Allvaters führt zur Bildung einer eigenständigen eddischen Welt.
Die Dynamik, die ihren Ausgangspunkt in eben dieser Ablehnung der ersten erzählten Kosmogonie hat, wird durch die weiteren Fragen Gylfis angetrieben und zwingt die drei Asenkönige dazu, immer neue Geschichten zu erfinden, bis sich der Fragende mit dem Gehörten zufrieden gibt. Die Welten, von denen die Asenkönige berichten, und die in ihnen dargestellten Topografien werden somit erst während des Erzählens erschaffen.
Schon diese zwei narratologischen Prinzipien der Spiegelung und der dynamischen Umformung, die in der Prosa-Edda modellhaft zu erkennen sind, zeigen, wie schwierig es ist, der eddischen Mythologie eine einheitliche und statische Topografie zu entnehmen. Noch problematischer wäre es, diese literarisch verarbeiteten mythologischen Erzählungen auf eine Weltvorstellung der Menschen im vorchristlichen Skandinavien zurückzuführen. Die Dynamik der eddischen Welt und die Anpassungsfähigkeit ihrer Topografien an neue Narrative, die in der Prosa-Edda von der Erzählung selbst gefordert wird, bietet jedoch problemlos Platz für neue Darstellungsformen – wie die erwähnten Filme und Comics.
Dr. des. Lukas Rösli ist Assistent am Fachbereich Nordistik der Universität Basel.