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| Paul Koetschau, Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes. In: Origenes, Schriften vom Gebet und Ermahnung zum Martyrium. Aus dem Griechischen übersetzt von Paul Koetschau. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 48) München 1926.

Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes
A. Das Leben des Origenes
Lebensabriss
7.
Von diesen großen Werken ist uns nur der Johanneskommentar zu einem nicht unerheblichen Teile griechisch erhalten. Wir können daraus lernen, auf welche Weise Origenes seinen Schülern die heiligen Schriften erklärt hat. Denn seine Kommentare sind wohl der schriftliche Niederschlag der vorangegangenen mündlichen Schriftauslegung in der Katechetenschule. Wir finden hier zunächst eine genaue grammatische Interpretation nach Art der alexandrinischen Grammatiker, [S. 29] dann aber auch eingehende sachliche Erläuterungen. Origenes hat auf seinen Reisen in Palästina vor allem die heiligen Stätten aufgesucht und durchforscht; die gewonnenen Kenntnisse verwendet er nun in seinen Kommentaren. Z. B. spricht er im Johanneskommentar VI 40 über „Bethania“ und „Betharaba", und VI 41 über „Gerasa" und „Gergesa" nach eigener Anschauung. Von der Erklärung der Textform und der Sachen schreitet er aber immer fort zur Erklärung des tieferen Sinnes jeder einzelnen Stelle, ohne sich um den Gedankenzusammenhang des Ganzen zu kümmern. Diesen tieferen Sinn „aus dem Zusammenhange zu ermitteln und dann die tiefere Bedeutung auch des Einzelnen aufzuzeigen", das hat Preuschen in der Einleitung zu seiner Ausgabe (Orig. IV S. LXXXII) richtig als die wahre Absicht des Origenes festgestellt. Offenbar ist dieser hier der jüdisch-hellenistischen Überlieferung Alexandrias gefolgt1und hat die Methode Philos weiter ausgebaut. Dessen Grundgedanke der allegorischen Auslegung des Alten Testamentes findet sich auch bei seinem Landsmann Origenes. „Wie der Mensch aus Leib, Seele und Geist zusammengesetzt sei, so müsse man", meint er, „auch in dem göttlich inspirierten Organismus der Heiligen Schrift, der Wohnstätte des Logos, einen dreifachen Schriftsinn finden: einen wörtlichen oder buchstäblichen, einen psychischen oder tropisch-ethischen und einen pneumatischen oder tieferen, allegorischen“(De princ. IV 2,4 [11] S. 312ff., vgl. auch In Lev. hom. V 5). Neben dem einfachen wörtlichen und buchstäblichen Verständnis der Schrift will Origenes überall auch ihr höheres, geistiges oder mystisches Verständnis, das nur der Heilige Geist gewähre, erforschen und sieht hierin die wahre Auf gäbe des Theologen2. Allerdings haben wir nach ihm an manchen Stellen, wie bei den Leiden und der Auferstehung Jesu, [S. 30] auch einfache geschichtliche Wahrheit; doch sind an den meisten Stellen Typen und Symbole anzunehmen, und das Geschichtliche steht in zweiter Linie. Diese Ansicht mag bei Origenes wohl auch daher stammen, daß er seinem Wesen nach viel mehr zum spekulativen Schauen, als zum historischen Wissen hinneigte. Für ihn ist das Gebet ein wichtiges Mittel, um zum richtigen Verständnis der heiligen Schriften zu gelangen, und ihre richtige Deutung ist eine Gnadengabe; vgl. z. B. In Joh. XX 1. XXXII 1. In Matth. XVI 9. In Lev. hom. XII 4 a. A. XIV 4 a. A. In Ep. ad Rom. IX 2 (VII 292 Lom.). Manche Stellen bleiben freilich dunkel und gestatten verschiedene Auslegung. Dann wendet sich Origenes, dem Apostel Paulus (Gal. 4,24) folgend, meist zur Allegorie; vgl De princ. IV 2,6 (13). In Gen. hom. V 5. VI 1. VII 1. Für die Erklärung des Alten Testamentes sind ihm wohl Philos Kommentare zum Pentateuch Vorbild gewesen; wie Philo, so sucht auch Origenes besonders durch Etymologie der hebräischen Namen den tieferen Sinn der biblischen Geschichten zu ermitteln, vgl. Preuschen, Einleitung seiner Ausgabe S. LXXXII f. Für das Neue Testament fehlte aber eine solche Vorarbeit, und Origenes mußte hier selbst die Bahn brechen. Für ihn bildet die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes ein Ganzes, das überall von Christus zeugt, der den Gesetzgeber Moses ebenso überstrahlt, wie das Evangelium als Erfüllung höher steht als das Gesetz, das die Verheißung enthält. Alle Gläubigen sollen deshalb die Schrift fleißig lesen, da das Wort Gottes die wahre Speise unserer geistigen Natur ist. Die einen, die einfältigeren Christen, werden freilich nicht über die Pistis, den Glauben, und das einfachste Verständnis hinauskommen, was für sie auch genügt; die andern aber, die höher gebildeten und verständigen Christen, sollen zur wahren Sophia (Weisheit) und Theoria (wissenschaftlichen Erkenntnis) durchdringen, in der sie durch den Logos zugleich wahre Erleuchtung und Erlösung erhalten. Wiederholt betont Origenes, daß es eine doppelte Weisheit auch für den Christen gibt, eine weltliche — die Wissenschaften — und eine göttliche — die des Logos; jene ist nur die Vorstufe für diese, vgl. [S. 31] z. B. c. Cels. VI 13, II 83, 16 ff. Von den weltlichen Wissenschaften, die Origenes nicht verwerfen will, vgl. In Exod. hom. XI 6. In Lev. hom. V 7, mißt er der Rhetorik nur wenig Wert bei, etwas größeren der Grammatik, Dialektik, Musik und Medizin, vgl. c. Cels. VI 2. 7. In Exod. hom. XII 2. In Num. hom. XVIII 3. In Cant. Cant. prol. (XIV 303 f. Lom.). De princ. III 3,2, und bemüht sich deshalb viel weniger um die Form seiner Werke, als um ihren Inhalt. Die Darstellung ist oft zu breit und infolge von Einschaltungen zu wenig übersichtlich. Die Fülle des Stoffes, der angeführten Parallelen ist oft erdrückend, denn Origenes konnte die Bibel dem Wortlaut nach jederzeit aus seinem Gedächtnis anführen — „scripturas memoriter tenuit" rühmt ja Hieronymus (Ep. ad Pamm. et Ocean. 84,8) von ihm —, und die Disposition leidet oft an Unklarheit. Da Origenes im Johanneskommentar für die ersten achtzehn Verse des Evangeliums volle fünf Bücher gebraucht hatte, so ist es nicht zu verwundern, daß das Werk mit zweiunddreißig Büchern noch nicht vollendet gewesen ist, wenn sich auch Origenes in den späteren Büchern etwas kürzer gefaßt hat. Dieser Kommentar war wohl der erste ernstliche Versuch auf diesem Gebiete und überhaupt die erste zusammenhängende christliche Exegese eines Evangeliums; hierin hatte Origenes keinen Vorläufer, ihm gebührt also der Ruhm eines Begründers der wissenschaftlichen christlichen Bibelerklärung, vgl. Preuschen in der Einleitung zu seiner Ausgabe S. LXXXII.
1: Daß er Vorgänger in der Schrifterklärung gehabt hat, zeigt z. B. In Jesu Nave hom. XVI 1 a. A., 5 Mitte (VII 394,5 ff.; 399,15 ff. Baehrens).
2: „Nunc autem, ut nobis moris est, quid interior sensus Apostolici sermonis contineat, requiramus" In Ep. ad Rom. III 8 (VI 205 Lom.) vgl. ebd. V 1 (VI 332 Lom.).