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«Es ist mein Traum, einmal bei Olympia mitzumachen»
Quelle: CH Media Video Unit / Linus Bauer
Die schwarzen Schuhe gleiten über das Eis. Der rechte Schuh überkreuzt den linken, der linke den rechten und der rechte wieder den linken. Die Kufen bremsen ein wenig ab und drehen sich um 360 Grad. Eis stäubt auf. Dann erheben sie sich und wirbeln durch die Luft. Einmal. Zweimal. Dreimal. Und landen wieder sicher auf dem Boden.
Die Schlittschuhe gehören zu einem zierlichen Teenager. Zu den schwarzen Schuhen gesellen sich auch schwarze Hosen, schwarze Handschuhe und ein schwarzes Sweatshirt. Nur das T-Shirt leuchtet in Rot. Auf dem linken Arm klebt das Schweizer Kreuz, auf der Brust steht «Swiss Ice Skating».
Es ist kalt an diesem eigentlich warmen Februartag. Auf dem Eisfeld des Sportzentrums Hirslen in Bülach herrscht eine angenehme Stille. Nur das Kratzen der Kufen auf dem Eis und die dumpfen Schläge, wenn sie nach einem Sprung wieder auf dem Eis landen, sind zu hören. Im Hintergrund rauschen Lastwagen auf der in der Nähe liegenden die Autobahn vorbei. Typische Werbung vom lokalen Gewerbe lacht von den Banden entgegen.
Der Teenager fährt los, dreht sich einmal und fährt rückwärts weiter. Sein Gesicht ist konzentriert, wenn er seine Runden auf dem Eisfeld dreht. Der Name des Teenagers ist Ean Weiler. Er ist 15 Jahre alt und Eiskunstläufer.
Schweizer Meister in der Kategorie U15
Ean ist zweifacher Schweizer Meister im Eiskunstlauf. Am 11. Februar hat er an den Schweizer Meisterschaften Novice (Nachwuchs) in der Kategorie U15 Zürich den ersten Platz belegt. Er gewann deutlich: mit 129 Punkten und 50 Punkten Vorsprung auf den Zweitplatzierten. Damit hat Ean nicht gerechnet: «Ich habe ein neues persönliches Bestergebnis erzielt. So eine hohe Punktzahl habe ich noch nie geschafft, das hat mich sehr erstaunt.» Richtig gut habe sich der Schweizermeister-Titel für das Nachwuchstalent angefühlt.
Der Verband «Swiss Ice Skating» schreibt auf der Webseite zu Eans Leistung: «Ean Weiler verzückte das Publikum mit zwei Programmen von sehr hoher technischer und künstlerischer Qualität.» Bereits ein Jahr zuvor hatte er den Meistertitel in der Kategorie U14 gewonnen. Wie hat er es geschafft, zweimal hintereinander zu gewinnen? «Ich habe viel trainiert, mit meiner Trainerin an der Choreografie gearbeitet und Ballett und Krafttraining gemacht», erklärt der 15-Jährige ganz bescheiden in Profimanier.
20 Stunden Training pro Woche
Ean wohnt mit seiner Mutter und seinem Stiefvater in Wil im Zürcher Unterland. Für das Training fährt ihn seine Mutter jeweils nach Bülach, ins Sportzentrum Hirslen. Zweimal pro Woche hat Ean Privatstunden bei seiner Trainerin, viermal trainiert er in der Gruppe. Ihm gefielen beide Trainings, sagt Ean, während er sich nach dem Training im Restaurant des Sportzentrums die Hände an einem Pfefferminztee wärmt. Der Einzelunterricht helfe mehr, sei aber auch intensiver als das Gruppentraining.
Nicht nur «on ice» heisst es «Üben, üben, üben». Auch das sogenannte «Off-Ice»-Training ist Teil von Eans Routine: Dehnen und Krafttraining sind angesagt. Zusätzlich besucht Ean einmal pro Woche den Ballettunterricht. Insgesamt kommt er so auf 20 Stunden Training pro Woche – nur am Sonntag hat der 15-Jährige frei.
Eiskunstlauf und Schule: Wie geht das?
Ein Vollprofi also. Oder fast. Denn Ean geht noch zur Schule. Er besucht die neunte Klasse in der regulären Schule in Wil. Im Sommer wird er auf ein Sportgymnasium in Zürich wechseln. Klappt das denn gut, 20 Stunden zu trainieren und dann noch für die Schule zu büffeln? «Es ist gar nicht so stressig oder schwierig. Nur manchmal geht es an die Grenzen», erklärt Ean. Es gebe Momente, in denen er müde sei, gibt er zu. Doch: «Ich bin immer motiviert für das Training und auch für die Schule.»
Der Duft von frittiertem Öl liegt in der Luft des Hirslen-Restaurants. Besteck klimpert, Kassen-Bons werden gedruckt und Pop-Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Zweifacher Schweizermeister ist Ean also. Und das, obwohl er erst 2018, vor fünf Jahren, mit dem Eiskunstlauf begonnen hat. Damals machte er mit der Schule einen Ausflug auf das Eisfeld. Eine Klassenkameradin, die bereits Eiskunstläuferin war, hat Ean so sehr fasziniert, dass er nachhause gegangen ist und zu seiner Mutter sagte: «Ich möchte mit Eiskunstlauf anfangen!»
Woher rührt Eans Faszination für den Sport?
Was fasziniert Ean an diesem Sport so sehr? «Mir gefallen besonders die Sprünge», sagt er und seine Augen leuchten. Nur vor einem Sprung hat der 19-Jährige Angst. Bei diesem ist er schon oft schlimm umgefallen. Deshalb trainiert er ihn mit einer Hilfsperson und einem «Gstältli».
Ean nimmt einen Schluck vom Pfefferminztee. Zu seiner Linken liegt das Eisfeld, zu seiner Rechten toben Kinder und schwimmen Senioren ihre Längen im Hallenbad. Auch Ean schwimmt gerne. Nur kommt er nicht oft dazu. Denn: «Die Hälfte meines Lebens ist Eiskunstlauf.»
Miley Cyrus und Brawl Stars
Eiskunstlauf und Schule nehmen in Eans Leben den grössten Platz ein. Doch wenn er Zeit hat, zeichnet er gerne oder spielt mit seinem Halbbruder das Smartphone-Strategiespiel «Brawl Stars». Besonders das «Gamen» ist ein Ausgleich zu Eans Alltag mit Eiskunstlauf und Schule: «Da kann ich abschalten.» Auch Musik mag der 15-Jährige. Vor allem Pop. Zurzeit ist «Flowers» von Miley Cyrus sein Lieblingslied.
Während des Trainings auf dem Eis lässt die Trainerin auch Musik laufen. Doch diese hört Ean nicht. Er ist zu konzentriert auf das Eislaufen. Wenn er auf dem Eis steht, macht er sich auch sonst nicht sehr viele Gedanken. Nur in schwierigen Situationen redet er sich selbst Mut zu und sagt: «Ich schaffe das!» Was, wenn es aber mal nicht so funktioniert, wie er sich das wünscht? «Das regt mich auf. Dann gehe ich erst mal vom Eis, setze mich hin und atme tief durch.»
Schüchtern, aber unter Freunden blüht er auf
Ean hat eine eigene Webseite und ist auf Instagram, Facebook und Youtube aktiv. Betreut er das ganz alleine? Nein, gibt Ean zu und schmunzelt: «Dafür ist meine Mutter zuständig.» Auf der Webseite beschreibt er sich (oder seine Mutter ihn) als introvertierte und ruhige Person. Dies fällt sofort auf. Ean spricht mit ruhiger und leiser Stimme. Doch auf dem Eis und unter Freunden blühe er richtig auf, heisst es auf der Webseite weiter. Das bestätigen auch Eans Eiskunstlauf-Kolleginnen Jael und Giulia. «Ean hat eine super Persönlichkeit. Er ist immer lustig», sagt Giulia. Und auch Jael bestätigt: «Er ist sehr gesprächig, wenn man ihn kennt. Sonst ist er eher schüchtern.»
Grosser Traum Olympia und Europameisterschaften
Der schüchterne, aber aufgestellte Ean ist Teil des Novice-Nationalkaders und hat grosse Ziele: «Mein Traum ist es, einmal bei den Grossen mitzumachen. Ich möchte an den Olympischen Spielen und den Europameisterschaften teilnehmen», sagt er. Kolleginnen Giulia und Jael sind überzeugt: «Ean wird es an die Europameisterschaften schaffen.» Doch bis dahin dauert es noch eine Weile. Erst will Ean den Gold-Test bestehen. Dieser steht an der Spitze der Eiskunstlauf-Abzeichen in der Schweiz.
Schweizer Meisterschaften, Gold-Test: Setzt sich Ean dabei auch manchmal unter Druck? "Früher habe ich mich sehr unter Druck gesetzt. Aber es hat sich mittlerweile gebessert», sagt er und erklärt gleich, wie er das hingekriegt hat: «Ich habe mir immer gesagt: Ich schaffe das, ich kann das – auch wenn es einmal kein guter Tag ist: ‹Ich schaffe es!›»
Auch seine berufliche Zukunft sieht Ean im Sport
Nicht nur auf dem Eis, sondern auch daneben verfolgt Ean grosse Ziele. Er möchte einmal im sportlichen Bereich arbeiten. Als Trainer zum Beispiel. Motivations-Ansprachen halten, das kann der 15-Jährige bereits: Andere Kinder sollten das Eiskunstlaufen unbedingt ausprobieren, wenn es ihnen Spass macht. «Egal, was die anderen sagen oder was sie denken: Man soll es einfach machen, wenn man Freude daran hat. Auch ich habe so angefangen.»
Eines steht fest: Ean liebt sein Hobby: «Eiskunstlauf ist meine Leidenschaft. Es ist das, was mich motiviert.» Und wer weiss, vielleicht gleiten Eans Schlittschuhe 2026 nicht mehr in Bülach, sondern in Norditalien über das Eis: Denn dort finden in drei Jahren die olympischen Winterspiele statt.