Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03593.jsonl.gz/1811

Goldrausch in der Mongolei
Ein unschönes Beispiel, wie der Bergbau Umwelt und Menschen belastet, liefert die Mongolei um die Jahrtausendwende. Dort erlebte der handwerkliche Goldabbau einen Boom – mit tragischen Folgen. Die Goldgewinnung schien für einen Grossteil der ländlichen Bevölkerung die einzige Möglichkeit, sich ein kleines Einkommen zu sichern. Aufgrund von harten Wintern und wirtschaftlicher Umstrukturierung verloren viele der damaligen Hirtinnen und Hirten ihre Lebensgrundlage. Ein Grossteil dieser ärmeren Bevölkerung sah sich daher gezwungen, eine andere Einkommensquelle zu suchen, um ihr Überleben zu sichern. Viele fanden diese im Kleinbergbau.
Auf ihrer Suche nach Gold nahmen die Menschen alte, verlassene Minen wieder in Betrieb oder gruben selber neue Löcher und Schächte in den Boden. Dabei arbeiteten sie meist von Hand mit einem Minimum an Werkzeug, ohne Sicherheitsvorkehrungen und ohne rechtliche Grundlagen.
Die handwerkliche Goldgewinnung und die damit zusammenhängenden sozialen und ökologischen Auswirkungen gerieten rasch ausser Kontrolle. Weil ohne Rücksicht auf die Umwelt gegraben wurde, nahmen andere Bevölkerungsteile den handwerklichen Bergbau als Bedrohung für die Natur und die ländlichen Traditionen der Mongolei wahr.
Zum einen führte dies zu sozialen Spannungen: Die Bergarbeiterfamilien wurden als Kriminelle wahrgenommen und immer häufiger Opfer von Diskriminierung. Zum anderen belastet der Abbau von Gold Boden und Umwelt tatsächlich. Denn um das wertvolle Edelmetall vom Erz zu lösen, benutzten die Bergbauleute Quecksilber. Diese sogenannte Amalgamation ist einfach und kostengünstig und war darum eine weit verbreitete Methode.
Legalisieren statt unterdrücken
2005 entschied sich die mongolische Regierung, die Probleme anzugehen. Zusammen mit der DEZA startete sie ein Projekt zur Förderung des nachhaltigen Kleinbergbaus, das Sustainable Artisanal Mining Project (SAM). SAM erarbeitete einen Lösungsansatz, wie den bis dahin illegal arbeitenden Goldgräberinnen und Goldgräbern zu einem legalen Status als verantwortliche Minenarbeiterinnen und -arbeiter verholfen werden kann. «Hauptanliegen war, den Bergbauleuten eine rechtliche Grundlage für ihre Arbeit zu schaffen, sie aber gleichzeitig in die Pflicht zu nehmen», fasst Bayarsaikhan Altanbagana, nationaler Projektkoordinator von SAM, das damalige Vorhaben zusammen.
Alternativen
Hand in Hand mit der Formalisierung ihrer Aktivitäten werden die Bergleute verpflichtet, ihrerseits soziale und ökologische Standards einzuhalten. Um die Umweltbelastung durch den Bergbau zu minimieren, wird beispielsweise von jeder und jedem im Vorherein ein Rekonstruktionsplan für das von ihnen beanspruchte und ausgebeutete Land verlangt.
Auf den weitverbreiteten Einsatz von Quecksilber reagierte die mongolische Regierung 2008 mit einem absoluten Verbot. «Doch dieses Verbot machte die Sache nur noch schlimmer», erinnert sich Projektleiter Altanbagana. «Anstatt das Gold in den Minen vom Stein zu trennen, taten die Minenarbeiter und Minenarbeiterinnen dies nun heimlich bei sich zu Hause», erklärt er. Dies führte dazu, dass zusätzlich Kinder sowie andere Familienmitglieder dem Quecksilber ausgesetzt waren. Werden Kinder schon früh giftigen Chemikalien ausgesetzt, kann dies zu chronischen Erkrankungen, lebenslangen Behinderungen oder zum frühzeitigen Tod führen.
Das SAM-Projekt spielte in dieser Phase denn auch eine wegweisende Rolle: Es zeigte, dass Erz auch ohne Quecksilber, nämlich mechanisch mit Hilfe eines Schütteltisches aufbereitet werden kann. Mit der Beteiligung der DEZA wurde eine Pilotfabrik gebaut, in der kein Quecksilber mehr verwendet wird. «Die Methode der Schütteltische wird heute in drei Abbauregionen angewendet», sagt Bayarsaikhan Altanbagana.
Die von SAM erarbeitete temporäre Regulierung wurde 2010 vom mongolischen Parlament als permanente rechtliche Bestimmung für den gesamten Kleinbergbau anerkannt. «Das war ein grosser Durchbruch», sagt Bayarsaikhan Altanbagana. Mit der landesweiten Formalisierung des Sektors erlangten viele Kleinbergbäuerinnen und Kleinbergbauer Investitionssicherheit und rechtlichen Zugang zu Land. Das erlaubt ihnen, in bessere Technologie und Sicherheit am Arbeitsplatz zu investieren. Dies resultiert wiederum in besserer Gesundheit, weniger Unfällen sowie höherer Produktivität, und sichert somit ihre Lebensgrundlage.
Verschmutzung als Todesursache
Global gesehen leiden vor allem arme und marginalisierte Bevölkerungsgruppen, wie die mongolischen Minenarbeiter und Minenarbeiterinnen, unter den Folgen von Umweltverschmutzung. Zu diesem Schluss kommt der aktuelle Bericht der Lancet-Kommission.
Die Verschmutzung von Boden, Luft und Wasser war im Jahr 2015 weltweit für den frühzeitigen Tod von geschätzten 9 Millionen Menschen verantwortlich. Die Umweltverschmutzung bringt somit mehr Menschen um als Rauchen, Hunger und Naturkatastrophen kombiniert. In der Tat verursacht sie 15mal mehr Todesopfer als alle Kriege zusammen. Nahezu 92% der auf Verschmutzung zurückzuführenden Todesfälle geschehen in Entwicklungs- und Schwellenländer. Mit diesen traurigen Zahlen unterstreicht der aktuelle Lancet-Bericht den unübersehbaren Zusammenhang von Umweltverschmutzung und Gesundheit.
Hauptverursacher von Luftverschmutzung sind zum einen einkommensstarke Länder wegen ihres hohen Verbrauchs von Erdöl und zum anderen Entwicklungs- und Schwellenländer, die viel Holz und andere Biomasse verbrennen. Hauptverursacher von Wasser- und Bodenverschmutzung sind Kohlekraftwerke, Chemieproduzenten und eben der Bergbau.
Mit SAM konnten die Arbeits- und Lebensbedingungen einer armen Bevölkerungsschicht gesünder gemacht und nachhaltig verbessert werden. Der Lancet-Bericht stellt jedoch fest, dass der Zusammenhang von Umweltverschmutzung und Gesundheit von internationalen Entwicklungsakteuren mehrheitlich ignoriert wird. Die Anerkennung dieses Zusammenhangs wäre aber ein wichtiger Schritt. Denn die effektive Kontrolle von Umweltverschmutzung würde die Gesundheitsbedingungen verbessern, Armut verringern, den Zugang zu sauberem Wasser vereinfachen, soziale Gerechtigkeit vergrössern, nachhaltige Planung von Städten vereinfachen sowie Wasser und Land besser schützen und nicht zuletzt den Klimawandel massgeblich verlangsamen.