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Die Postkarte gilt als erstes Massenkommunikationsmittel – nicht nur in der Schweiz. Sie war wegen der kurzen Texte rasch geschrieben und deutlich günstiger verschickt als ein Brief. 1870 kostete ihr Versand 5 Rappen, ein Brief doppelt so viel und ein Telegramm gar 50 Rappen. Zudem eignete sie sich wegen der geringen Grösse und dem bescheidenen Gewicht vorzüglich als Souvenir zum Mitnehmen. Als erstes Massenkommunikationsmittel in unserer Gesellschaft agierte sie, bis 1920 das Telefon aufkam.
Die Einführung von Postkarten oder «Correspondenzkarten», wie sie zunächst hiessen, war sehr umstritten. Einerseits wurde befürchtet, dass durch die offene Lesbarkeit das Briefgeheimnis verletzt würde und deshalb Dienstboten die Nachrichten der Herren lesen könnten. Wegen des geringeren Portos dachten manche, dass die Einnahmen der Post zurückgehen könnten. Und nicht zuletzt waren andere in Sorge, dass durch die kurz zu haltenden Texte die Kunst des Schreibens und damit ein Stück Sprachkultur verloren ginge. Denn ganz am Anfang waren maximal 20 Worte erlaubt, und die auch nur auf der Rückseite der Karte – die Vorderseite war der Adresse vorbehalten. Dies änderte sich erst 1906 in der Schweiz.
Nur Vordrucke erlaubt
Die erste Correspondenzkarte kam hierzulande am 1. Oktober 1870 heraus. Erst 1879 wurden bei uns private Karten erlaubt und in Postkarte umbenannt. Die Schweiz war eines der ersten Länder, die diese Form der Nachrichtenübermittlung einführte. Dafür wurden zunächst Karten mit bereits aufgedruckter Marke genutzt, deren Versand nur innerhalb des Landes möglich war.
Private Karten gab es in den USA bereits ab 1861, in Österreich-Ungarn ab Oktober 1869. Und auch Deutschland war mit der Einführung ein wenig schneller als die Schweiz: am 26. April 1870 im Norddeutschen Bund. Eine Verordnung dazu erfolgte dort laut Wikipedia am 1. Juli desselben Jahres. Danach wurde sie auch in anderen deutschen Gebieten erlaubt. Die erste sehr grosse Verwendung erfuhren die Postkarten während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71, da die deutschen Soldaten sie kostenlos von der Front in die Heimat versenden konnten. Bis Dezember 1870 wurden so zehn Millionen «Feldpost-Correspondenzkarten» versandt.
Vorläufer ab 1760
Erste Vorläufer der heutigen Postkarte sind laut Wikipedia und dem Altonaer-Museum, das diesem Thema einen Text im Internet sowie eine Sonderausstellung widmete, bereits viel älter. 1760 führte das private Stadtpostunternehmen Petite Poste in Paris offen lesbare Mitteilungen ein, 1784 auch die privat betriebene Kleine Post in Wien. Im Juni 1865 gab es in Preussen erste «Offene Karten» oder «Drucksachenkarten», die als Vorläufer der Postkarte gelten. Sie wurden vor allem genutzt, um Handelsvertreter anzukündigen. Möglich wurde die weltweite Einführung aber erst durch die 1840 in England erschienene erste Briefmarke. Internationaler Versand der Postkarten wurde mit der Gründung eines Weltpostvereins und dem Berner Postvertrag ab 1. Juli 1875 in 21 Länder möglich. Der Geltungsbereich wurde drei Jahre später über den grössten Teil der Erde ausgedehnt.
Verabredungen per Postkarte
Die Idee hinter der Postkarte war, kurze Nachrichten einfacher und schneller als mit einem Brief zu übermitteln. Da in vielen Städten der Industrieländer drei- bis elfmal pro Tag die Post verteilt wurde, waren sogar Verabredungen am selben Tag auf diese Art möglich. Ab 1872 waren privatwirtschaftlich hergestellte Karten erlaubt. Das ebnete den Weg für reiche Bebilderungen, die ab Mitte der 1870er-Jahre zunahmen. Nachrichten waren aber nur auf der Bildseite erlaubt, weshalb ein Platz auf den oft reich verzierten Karten dafür freigelassen wurde, wie die Andelfinger Zeitung am 10. April 1971 in Erinnerung an 100 Jahre Postkartenversand in der Schweiz schrieb.
Sammelleidenschaft geweckt
Um die Jahrhundertwende wurden Postkarten farbig, und schon bald setzte sich das Fotodruckverfahren durch. 1923 erschienen in der Schweiz Bildpostkarten, die Werbung zur Förderung des Fremdenverkehrs machen sollten. Mit den Bildpostkarten wurden Texte auf der Adressseite möglich, die ab dann zweigeteilt war. Die Motive wandelten sich im Lauf der Jahre von statischen Gebäuden und Landschaften zu bewegten Szenen und wurden später auch für Propaganda wie zum Beispiel im Zweiten Weltkrieg genutzt.
Mit dem Aufkommen der Postkarten entwickelte sich um die Jahrhundertwende eine Sammelleidenschaft in der Bevölkerung. Speziell dafür produzierte Alben wurden gefüllt, die heute nicht nur die damaligen Landschaften und Stadtansichten wiedergeben, sondern auch Einblick in das gesellschaftliche Leben und die Sichtweise der Menschen geben. Einen erneuten Boom erfuhr die Sammelleidenschaft in den 1970er-Jahren.
Versandzahlen rückläufig
Nach einer Phase, in der Karten nicht nur für Urlaubsgrüsse und Glückwünsche genutzt wurden, lagen sie vielfach als kostenlose, nutzbare Werbung in Kneipen und Restaurants aus. In unserem digitalisierten Zeitalter verliert die Postkarte zusehends an Bedeutung. Von 1997 bis 2007 sank die Anzahl der versendeten Postkarten laut einer britischen Umfrage um 75 Prozent. Grüsse und Urlaubsbilder werden heute oft schneller als SMS, E-Mail oder über Soziale Netzwerke versandt. 2018 transportierte die Deutsche Post laut Wikipedia noch rund 155 Millionen Karten aus, durch und nach Deutschland. Die Zahlen fallen jährlich um fünf Prozent. Ganz aussterben wird die Postkarte aber wohl nicht – das kostenlose Versenden von Postkarten mit eigenen Fotos über entsprechende Apps erfreut sich immer noch grosser Beliebtheit.
Cover von «Ich wollt’s auf tausend Karten schreiben». Klicken Sie auf das Bild zur Vergrösserung.
/ zvg
Zürcher Ansichtskarten
Das Buch «Ich wollt’s auf tausend Karten schreiben», den Band 88, der im Januar erschien, widmete die Antiquarische Gesellschaft Zürich der Ansichtskarte. Alle Zürcher Gemeinden sind darin mit je einer Karte vertreten, die auf Hintergründe im Ort, den gesellschaftlichen Zusammenhang und den Text auf der Karte eingeht. In eigenen Texten wird zudem die Entwicklung von der Korrespondenz- zur Ansichtskarte aufgegriffen und detailliert erläutert sowie in einen geschichtlichen wie gesellschaftlichen Zusammenhang der behandelten Jahre 1890 bis 1930 gestellt.
Autor Roland Böhmer, der seit vielen Jahren alte Karten des Kantons sammelt, ist es gelungen, ein kurzweiliges, geschichtsträchtiges Werk zu schaffen. Reich bebildert und mit kurzen Texten ist es ein Vergnügen, darin zu blättern. Spannend, was dort auch über Weinländer Orte berichtet wird – vor allem durch die Herstellung des Gesamtzusammenhangs mit der damaligen Zeit. (cs)
«Ich wollt’s auf tausend Karten schreiben», Ansichtskarten aus dem Kanton Zürich 1890 – 1930, Roland Böhmer, Band 88 der Antiquarischen Gesellschaft Zürich, Chronos Verlag, ISBN 978 3034 0161 24
Ihre Postkartenaufnahmen sind gesucht.
Ansichtskarten aus dem Weinland
Region: Um 1900 gab es rund 3000 Postkartenverlage in der Schweiz. Einige davon waren auch im Weinland angesiedelt.
Nachdem die private Kartenherstellung erlaubt war und diese aufgrund des Fotodruckverfahrens deutlich einfacher herzustellen waren, begannen Fotografen, Verleger und auch Privatleute, Karten herauszubringen. Während Private sich auf kleine Auflagen von 50 bis 100 Stück mit einer Ansicht ihres Hauses oder ihrer Gastwirtschaft begnügten, gaben andere ganze Serien heraus.
Carl Brentano vom Heimatkundlichen Archiv Andelfingen hat darüber eine umfangreiche Dokumentation erstellt. Darin ist zum Beispiel Heinrich Himmel aufgeführt, der im Zollhaus an der Brücke von 1900 bis 1913 einen eigenen Kartenverlag einrichtete. Fremde Karten wurden dort sogar bis 1970 vertrieben. Zudem gab es einen Photografen und Verlag Corradi am Andelfinger Marktplatz, E. Landholt hatte in der Schlossgasse 3 ein Papeteriegeschäft mit Kartenverkauf und Photograf J. Meyer produzierte von 1930 bis 1939 Ansichtskarten. Zudem gab es im «Restaurant Schweizerhof» von Heinrich Fritschi-Karrer in den 1920er-Jahren eigene Karten. Eine ganze Ansichtskartenserie wurde 1977 für den Verkauf auf dem Jahrmarkt produziert. Die Fotos von Sigi Pfister zeigten Ansichten von Andelfingen und Kleinandelfingen.
Einer der ältesten Verlage wurde laut dem Buch «Ich wollt’s auf tausend Karten schreiben» von Heinrich Schlumpf in Winterthur gegründet. Dort wurden von 1882 bis 1889 vor allem Ansichten von Schweizer Städten produziert. Später kamen Landschaftslithografien hinzu sowie Fest- und Militärkarten.
Heute ist der grösste Schweizer Postkartenverlag die Firma Photoglob, die 1889 unter dem Namen «Photochrom & Co» gegründet wurde, der zu Orell Füssli gehörte. Durch Käufe und Fusionen mit anderen Verlagen avancierte die Firma bereits in den Zwischenkriegsjahren zum Hauptproduzenten hierzulande. Dies hat sich bis heute fortgesetzt.
Gesucht: Bilder für Postkarten-Druck
Fotografieren Sie gerne? Oder haben Sie bereits tolle Bilder im Weinland gemacht? Im Rahmen eines Wettbewerbs suchen wir die schönsten Aufnahmen aus dem Weinland, die dann als Postkarten gedruckt in den Verkauf gehen. Die Kurt Schwaninger AG, die am Marktplatz in Andelfingen die Papeterie führt, möchte die «gute alte Ansichtskarte» neu beleben. Gesucht werden dafür Ansichten und Ausblicke aus dem Weinland. In einer Online-Abstimmung werden die schönsten acht Fotos ausgewählt. Die Gewinner erwartet je ein 50-Franken-Gutschein von der Kurt Schwaninger AG und das Bild als gedruckte Postkarte. Bedingung für die Teilnahme ist, dass damit die Rechte für den Druck und die Bildverwertung an die Kurt Schwaninger AG übergehen. Zudem muss die Auflösung des Bildes so gross sein, dass ein guter Druck möglich ist.
Bitte senden Sie Ihre Bilder an: <email-pii>.
Einsendeschluss: 15. Juni 2021