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Die «Rencontre» der 56. Solothurner Filmtage blickt auf das Werk eines unermüdlichen Machers, formalen Freigeists und einer Integrationsfigur des italienischsprachigen Kinos: Villi Hermann. Ausgehend vom Leben in einer Grenzregion öffnen sich seine Geschichten politischen und gesellschaftlichen Fragen. Das Filmprogramm der «Rencontre» ist eine Zeitreise. Zwischen dem ersten Film «Fed up» (1969) und dem jüngsten «Ultime luci rosse» (2021) liegt ein halbes Jahrhundert.
Villi Hermann macht Filme über die Realität, die ihn selber umgibt und betrifft. Im Frühwerk sind dies oft Grenzgänger, Arbeiter oder Zigarettenschmuggler; später sind es Künstlerfreunde mit Bezug zum Tessin, wie etwa der Poet Alberto Nessi, den er lustvoll eine Radweltmeisterschaft in Lugano kommentieren lässt («Per un raggio di gloria» (1996). Mario Botta filmt Villi Hermann über vier Jahre als eine Art moderner Sisyphos am Monte Tamaro. Hier baut der Architekt für einen reichen Mäzen eine Kapelle. («Tamaro», 1998). Den Schriftsteller Giovanni Orelli lässt Villi Hermann in einer Plansequenz zu einer intellektuellen Performance antreten («Finestre Aperte», 1998). In einem Raum mit zwei Fenstern – das eine öffnet den Blick auf eine kleine Tessiner Ortschaft, das andere führt hinaus in die Bergwelt Richtung Italien – lässt er seine Gedanken fliessen.
Die Perspektiven dieser beiden Fenster: sie stehen für die Realität und ihre Projektionen. In den 1980er-Jahren hatte Villi Hermann dieses Spannungsfeld von ländlicher Idylle und städtischem Flair gleich mehrfach inszeniert. «Matlosa» (1981), sein erster Spielfilm, handelt von einem, der sein Bergtal verlässt, das Glück in der Stadt aber nicht finden kann. Seit Jahren kehrt er deshalb zurück – unter anderem um Schnecken zu sammeln. Umgekehrt ist die Geschichte in «Innocenza» (1986). Hier kommt eine junge Lehrerin aus der Stadt aufs Land und löst in einer kleinen Ortschaft am Lago di Lugano (und in den Köpfen ihrer Schüler) Verwirrung aus. In «Bankomatt» (1989) geht es um eine Abrechnung eines Gärtners mit einem Banker. Als erster Regisseur besetzte Villi Hermann Bruno Ganz in einer italienischsprachigen Rolle. Gleichzeitig war der Spielfilm die erste offizielle schweizerisch-italienische Koproduktion und hatte Premiere im Wettbewerb der Berlinale.
Dass das Kino von uns selbst erzählen soll, ist einer von Villi Hermanns Leitgedanken. Eine prägende Realität ist dabei der Gotthard. Seit Villi Hermanns «San Gottardo» (1977) hat dieser Mythos auch im Schweizer Film seinen Platz. Die Doku-Fiktion verknüpft sowohl den Bau des Eisenbahn- als auch des Strassentunnels und stellt Fragen nach den gesellschaftlichen Folgen, insbesondere im Bereich der Migration. Was ist der Preis des Fortschritts? Darf Arbeit Leben kosten? Mit diesem sozialen Dilemma beschäftigte sich Villi Hermann bereits eindringlich in seinem ersten Dokumentarfilm «Cerchiamo per subito operai, offriamo…» (1974) über italienische Grenzarbeiter*innen.
Viele Filme, die Villi Hermann realisiert hat, haben ein politisches Grundthema. Seine Haltung als Regisseur ist dabei klar: er sieht seine Aufgabe in der poetischen Intervention. Für die journalistische Investigation arbeitete er mit dem Autor Niklaus Meienberg und Hans Stürm zusammen. Opus Magnum der Kollaboration ist der Film «Es ist kalt in Brandenburg (Hitler töten)», der 1981 sowohl in Solothurn, Berlin und Cannes für Aufsehen sorgt und in radikaler Form die Gültigkeit politischer Narrative hinterfragt. Auch «Pédra. Un reporter sans frontières» (2006) über das Leben und Werk des Fotografen und Reporters Jean-Pierre Pedrazzini sowie Villi Hermanns persönlicher Film über französische Deserteure des Algerienkriegs («CHoisir à vingt ans», 2017), sind gelungene Beispiele von engagierter filmischer Geschichtsschreibung.
Die Auswahl der «Rencontre» runden zwei Filme ab, die Villi Hermann mit seiner Imagofilm in jüngerer Zeit mit Tessiner Regietalenten produziert hat: der Kurzfilm «Ombre» von Alberto Meroni sowie «Tutti Giù» von Niccolò Castelli über Tessiner Jugendliche. Darüber hinaus lädt ein Kurzfilmprogramm zur Entdeckung weiterer «unbekannten» und überraschenden Villi Hermann-Arbeiten ein: «10ème essai» (1970) wurde ebenso neu digitalisiert wie «Nostalgie. Malen Sie das Paradies?» (1973), «Il villaggio Leumann» (1984) und «Al Letten con una donna poliziotta» (1994).
Sowohl als Produzent als auch als Regisseur steht Villi Hermann für das Verbindende: zwischen den Künsten, den Generationen und den Sprachgebieten. Die erste umfassende Retrospektive würdigt seine beispiellose Schaffenskraft und die Innovationswirkung seines Werks im Schweizer Film und darüber hinaus.