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Säugetiergattung aus der Ordnung der paarzehigen Huftiere und der Familie der
Schweine (Suina), plump gebaute Tiere mit langgestrecktem, in einen kurzen, stumpfen Rüssel endigendem Kopf, in der Regel nur
mäßig großen Ohren und kleinen Augen. Sie haben oben 6 und unten 6 Schneidezähne; die obern sind konisch und durch Zwischenräume
getrennt, die untern rundlich, stecken tief in den Kiefern, stehen gedrängt aneinander und bilden eine
nach vorn zugespitzte Schaufel.
Die Eckzähne (Hauer), vier an der Zahl, sind sehr stark entwickelt, besonders bei den Männchen und im Unterkiefer, treten
zwischen den Lippen aus dem Maul hervor und krümmen sich nach außen und aufwärts; die untern werden durch die Reibung
[* 6] der
obern Hauer scharf erhalten. Backenzähne sind oben und unten je 14 vorhanden; der vorderste, welcher im
Unterkiefer jederseits durch einen größern Zwischenraum von dem folgenden getrennt ist, wird auch Wolfs- oder Lückenzahn
genannt, der zweite dem entsprechend als erster, der dritte als zweiter Backenzahn etc. bezeichnet.
Die mannigfachen Rassen des europäischen Hausschweins, welches weitaus die größte Wichtigkeit beansprucht,
lassen sich
auf zwei noch jetzt in der Wildnis lebende Arten oder Rassen zurückführen, auf das europäische Wildschwein
und das indische S. Das europäische Wildschwein(S. europaeusPall., S. ScrofaL.), 1,8 m lang, mit 25 cm langem Schwanz, 95 cm
hoch, bis 200 kg schwer, unterscheidet sich von dem indischen S. durch den langen und schmalen, gestreckten Kopf mit gerader
Profillinie, durch den scharfen, aufwärts gekrümmten Rücken, die flachen Rippen, den nach hinten sich
verjüngenden, schmalen Rumpf und das stark abfallende Kreuz,
[* 9] endlich durch die dichte Bedeckung mit dunkelbraunen bis schwarzen
Borsten, unter denen in der kältern Jahreszeit ein dichter Flaum von feinen, wolligen Haaren zum Schutz des Körpers sich bildet.
Auf dem Widerrist und Rücken verlängern sich die Borsten zu einem mähnenartigen Kamm, welchen das Tier
emporsträubt, wenn es in Wut gerät. Besonders stark ausgebildet sind die Eckzähne (Gewehre), eine gefährliche Waffe der
Tiere. Im 6. oder 7. Lebensjahr wird die Form der lang herausgewachsenen Gewehre eine mehr gekrümmte und dadurch
minder gefährliche. Der Jäger nennt das Tier allgemein »Sau«, das männliche speziell »Wildschwein«, »Schwein«, das weibliche
»Bache«.
Die alten Keiler leben einsam, gewöhnlich fern von dem aus Bachen, Frischlingen und jungen Schweinen gebildeten Rudel. Erst zur
Zeit der Brunst finden sie sich ein und suchen die Nebenbuhler unter heftigen Kämpfen abzuschlagen. Mit 18-19 Monaten ist das
Wildschwein fortpflanzungsfähig, mit 5-6 Jahren erwachsen; es soll 20-30 Jahre alt werden. Das Wildschwein
war früher über fast ganz Europa
[* 10] verbreitet, ist gegenwärtig aber stark zurückgedrängt u. findet sich nicht mehr
jenseit 55° nördl. Br. In Deutschland
[* 11] kommt es noch in allen waldreichern Gegenden vor, häufiger aber ist es in einzelnen
Gebirgsgegenden Frankreichs und Belgiens, in Polen und Südosteuropa, auch in Nordafrika und in ganz Nordasien
vom 55.° nördl. Br. bis zum Himalaja findet es sich. Es lebt in den dichtesten Wäldern, namentlich in Kiefernschonungen,
sucht Orte auf, wo es sich im Wasser wälzen kann (Saulachen),
nährt sich von Baumfrüchten, Wurzeln, Insektenlarven und richtet in den angrenzenden Äckern durch Umwühlen und Abfressen
des Getreides großen Schaden an. Es frißt auch Aas und soll Wildkälber und verwundete Hirsche
[* 15] und Rehe töten. Es läuft ziemlich
schnell und am liebsten geradeaus, durchbricht mit Gewalt Dickichte, hört und riecht scharf, sieht aber
schlecht. Aus seiner gewöhnlich harmlosen Ruhe geht es sehr leicht zur rasendsten Wut über, nimmt dann den bewaffneten Mann
ohne weiteres an und wird durch seine Hauer sehr gefährlich.
Vor den Saufindern stellen sie sich dagegen und können von dem den Hund führenden Jäger beschlichen werden, andernfalls werden
sie flüchtig und kommen dann den vorstehenden Schützen zu Schuß. Stehen schwere Packer und Hetzhunde zur
Verfügung, so hetzt man diese zu, wenn der Finder stellt, d. h. durch Lautgeben auf einer
Stelle anzeigt, daß sich das S. vor ihm zur Wehr setzt, und läßt durch diese das S. festhalten (decken), um es abzufangen.
Endlich werden die Sauen noch auf der Parfocejagd ^[richtig: Parforcejagd] erlegt und in Saufängen gefangen.
Das indische S. (S. indicusPall.) ist über das östliche Asien
[* 18] und die MalaiischenInseln verbreitet. Eine Form desselben, das
chinesische S. (S. indicus brachyotis), wird in China
[* 19] seit Jahrhunderten mit Sorgfalt als Haustier gehalten,
besitzt einen kurzen, breiten Kopf mit aufrechter Stirn und eingedrücktem oder konkav geformtem Nasenrücken, einen kurzen,
breiten Rüssel, starke, fleischige Backen, kurze, zugespitzte, aufrecht stehende Ohren, einen kurzen, dicken Hals, langen Leib,
geraden, zwischen Schuft und Becken sogar eingesenkten, breiten Rücken, gerades Kreuz, gewölbte Rippen, einen großen Tiefendurchmesser
der Brust, breit gestellte, kurze Schenkel und eine dünne, mit schwachen Borsten besetzte Haut. Es zeichnet
sich durch Frühreife und großen Fettansatz aus.
Die andre Form, das japanische Maskenschwein (S. plicicepsGray, S. indicus macrotis), hat ähnliche Schnellwüchsigkeit und
Mastfähigkeit, unterscheidet sich aber von dem chinesischen durch dicke Gesichtsfalten, lange, herabhängende Ohren,
eine dicke Schwarte, einen etwas flachrippigern Rumpf und höhere, starkknochige Beine. Es ist bei uns vielfach in zoologischen
Gärten vertreten; die Versuche, es zur Hebung
[* 20] der deutschen Schweinezucht zu benutzen, sind aber nur mäßig günstig ausgefallen.
Zur Heranbildung der heute in Europa vorkommenden Hausschweine haben beide, das europäische Wildschwein
und das indische S., beigetragen. Durch den Einfluß der verschiedenen Klimate und der Züchtung sind dieselben vielfach
in ihren innern und äußern Eigenschaften abgeändert worden. Je nachdem nun mehr der Einfluß der Natur oder der der Züchtung
in den Formen des Hausschweins zum Ausdruck gelangt, unterscheidet man natürliche (primitive, unveredelte,
Land-) Rassen und Kulturrassen (Züchtungs-, künstliche, veredelte Rassen). Zu den natürlichen Rassen gehören: das großohrige,
das kurzohrige, das kraushaarige und das romanische S., welche sämtlich auf dem europäischen Kontinent einheimisch sind;
zu den Kulturrassen stellt man die modernen englischen Rassen.
Bei den drei erstgenannten tritt die Verwandtschaft
mit dem europäischen Wildschwein deutlich zu Tage, während das romanische und englische S. den Einfluß vom Typus des Sus indicus
nicht verkennen läßt.
1) Das großohrige S. ist charakterisiert durch die nach vorn und unten hängenden Ohren, welche
breit und länger sind als der Raum zwischen Ohröffnung und Auge,
[* 23] durch die hohen Beine, die Flachrippigkeit und den Karpfenrücken.
GuteErnährung und verminderte Bewegung bessern diese fehlerhaften Körpereigenschaften. Zuweilen sind am Hals zwei Hautausstülpungen,
»Glocken«, vorhanden. Borsten sind schlicht oder schwach gelockt; die Farbe derselben ist vorherrschend gelbweiß, doch
kommen auch dunkle und schwarzscheckige Tiere vor. Die Tiere dieser Rassen werden bis 2 m lang und 1 m hoch; sie entwickeln
sich langsam, sind spät reif. Das großohrige S. ist durch den mittlern, westlichen und nördlichen Teil von Europa verbreitet,
und es gehören zu dieser Rasse die großen polnischen Schweine, die deutschen Marschschweine (holsteinisches,
jütländisches und westfälisches, letzteres wegen seiner vorzüglichen Schinken berühmt), die französischen (craonnaisischen,
Champagner, normännischen) Schweine und die frühern großen englischen Schweine.
2) Das kurzohrige S. hat Hochbeinigkeit, Flachrippigkeit und Karpfenrücken mit dem großohrigen gemeinsam. Der Rumpf ist
aber nie so lang gestreckt wie bei letzterm; die Ohren sind klein, aufrecht stehend oder schwach nach
vorn geneigt; die Augenachse ist länger im Verhältnis zu den andern Dimensionen des Kopfes, die Stirn höher und breiter. Es
ist mehr Niederungsrasse und vorzugsweise durch das mittlere Deutschland verbreitet.
4) Das romanische S. Kopf kurz im Verhältnis zur Breite,
[* 27] Gesicht eingeknickt in der Augenachse, Stirn vorstehend und gerunzelt,
Rüssel schlank, Backen dick, Ohren länger als der Raum zwischen Ohröffnung und Auge, nach vorn geneigt,
nicht schlaff hängend, lanzettförmig zugespitzt, Falten über dem Auge, keine deutliche Halsfläche, Rippen gewölbt, Rücken
breit und geradlinig, Kreuz abschüssig, Beine kürzer als die Brusttiefe. Behaarung schwach, Farbe dunkel, schwarz oder dunkel
aschgrau, sehr selten feuerrot. Die Tiere sind klein, aber gute Futterverwerter. Die Anklänge an den Typus des
indischen Schweins sind unverkennbar. Es gehören zu dieser Rasse das portugiesische, das französische Périgord- und das italienische
S.
5) Die englischen Schweine. Seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist es den englischen Landwirten nach dem Vorgang
Bakewells in Dishley und dessen Schülers Colling gelungen, durch Einführung indischer und romanischer
Schweine und Kreuzung derselben mit dem einheimischen großohrigen S. sowie durch sorgfältige Pflege und Fütterung ein Tier
zu erzielen, das sich durch schnelle Entwickelung und große Mastfähigkeit auszeichnet. Bei der Züchtung dieser neuern englischen
Kulturrassen ist der Hauptgesichtspunkt auf die größtmögliche Entwickelung aller nutzbaren Teile gerichtet gewesen, während
die nicht oder wenig nutzbaren Teile, wie Kopf und Beine, auf das kleinste Maß beschränkt wurden.
Der Kopf dieser Rassen ist klein, kurz, in der Profillinie eingesenkt, mit dicken, muskulösen Backen und kurzen, aufrecht stehenden
Ohren
versehen. Die Kopflänge, vom Auge bis zur Rüsselspitze, erreicht nur den 9., bei den größern Rassen
sogar nur den 11. Teil der Körperlänge, während bei dem natürlichen oder Landschwein dieses Verhältnis sich auf 1:6 stellt.
Der Hals ist kurz, der Leib gedrungen, breit, tonnenförmig, von Parallelogrammform; der Rücken ist gerade oder etwas eingesenkt,
das Kreuz nur wenig abschüssig, der Schwanz leicht geringelt.
Die Brust ist tief, die Beine sind kurz, voll und fleischig. Das Knochengerüst ist fein und leicht, ebenso
die Haut fein und oft nahezu nackt, bei den neuern Zuchten jedoch spärlich mit feinen Haaren bedeckt. Die Tiere zeichnen sich
durch Frühreife, gute Futterverwertung und große Mastfähigkeit aus, Vorzüge, welche durch das denselben eigne phlegmatische
Temperament wesentlich gefördert werden. Anderseits zeigen sie sich aber auch sehr empfindlich gegen die Einflüsse
der Witterung und stehen in der Fruchtbarkeit weit hinter den Tieren der natürlichen Rassen zurück.
Beides gilt besonders von der ursprünglich durch Paarung mit der romanischen Rasse hergestellten kleinern Zucht, bei der man
die Frühreife und Mastfähigkeit etwas zu weit getrieben hatte auf Kosten der Widerstandsfähigkeit des
Körpers und der Fruchtbarkeit. Fester und fruchtbarer sind die Tiere der großen Zuchten, in denen mehr von dem Blute des alten
englischen Landschweins steckt. Freilich ist die Körperentwickelung bei diesen auch eine langsamere und das Verhältnis der
nutzbaren und nicht nutzbaren Teile ein ungünstigeres. In neuerer Zeit hat man Mittelrassen produziert,
in denen die Vorzüge der kleinen und großen Zuchten gut vereinigt sind. Man unterscheidet sonach englische Rassen der kleinen,
der großen und der mittelgroßen Zucht. Die Körperunterschiede sind, abgesehen von Farbe und Größe, gering; Parallelogrammform
des Rumpfes, Kleinheit der Beine und des Kopfes sind allen eigen.
Nach dem Kontinent und namentlich nach Deutschland sind seit Jahrzehnten in sehr großer Zahl englische Schweine eingeführt
und entweder rein in sich fortgezüchtet oder zur Verbesserung der einheimischen Schweine der natürlichen Rassen verwandt worden.
Die letztern werden mehr und mehr verdrängt, die reinen Landschweine werden immer seltener, während
die Schweine der englischen Kulturrassen (die edlen) als Vollblut- oder Halbbluttiere von Jahr zu Jahr weiteres Terrain erobern.
Die amerikanischen Hausschweine, welche neuerdings eine große Bedeutung durch den Massenimport von Speck und Schmalz bei uns
erlangt haben, sind durch von auswärts eingeführte und miteinander gekreuzte Rassen entstanden; dasselbe
gilt von dem Kapschwein in Afrika,
[* 29] während sich außerdem in diesem Erdteil und in Australien
[* 30] einheimische, von den Eingebornen
gezähmte Hausschweine finden, dort das Senaar- und das guineische S., hier das Papuaschwein.