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Abweichungen von den normalen Krümmungen der Wirbelsäule müssen immer im Gesamtzusammenhang betrachtet werden. Häufig stehen sie im Zusammenhang mit anderen Form- oder Funktionsstörungen des Skeletts wie zum Beispiel Verkrümmungen angrenzender Wirbelsäulenabschnitte oder Kontrakturen grosser Gelenke, und nicht immer haben sie einen Krankheitswert. Dieser tritt erst ein, wenn Schmerzen resultieren oder die normalen Funktionen/ Aufgaben des Skeletts nicht mehr gewährleistet sind.
Die Wirbelsäule zeigt normalerweise drei Krümmungen: Die Halswirbelsäule ist normalerweise lordotisch (nach hinten gekrümmt), die Brustwirbelsäule überwiegend kyphotisch (nach vorne gekrümmt), die Lenden-wirbelsäule wieder lordotisch. Hierbei ist die Wirbelsäule in der Ansicht von vorne oder hinten jedoch gerade, und folgt idealerweise bei Beckengeradstand dem Lot.
Für die „normalen“ Krümmungen gibt es Richtwerte in Graden. Diese gelten/ funktionieren aber auch nur im Bereich der Normalgewichtigkeit. Auch hier muss daher der einzelne Patient in seiner Gesamtsituation betrachtet werden.
Ein vermehrtes „Hohlkreuz“ der Lendenwirbelsäule (Hyperlordose) ist häufig Resultat einer Haltungsschwäche mit verminderter Spannung der Bauchmuskulatur, häufig in Kombination mit Übergewicht. Die Hyperlordose führt oft früh zu Rückenschmerzen und Arthrose der kleinen Wirbelgelenke (Facettengelenke), später oft zur lumbalen Spinalkanalstenose.
Die Hyperkyphose im Bereich der Brustwirbelsäule ist oft infolge anderer Erkrankungen zu finden. Beim Jugendlichen mit Scheuermann´scher Erkrankung, beim alten Menschen zumeist als Foge von Wirbelkörperfrakturen, zumeist in Kombination mit Osteoporose.
Da sich hierdurch der Körperschwerpunkt nach vorne verlagert, gleicht dies der Patient entweder durch vermehrte Lordosierung der Lendenwirbelsäule oder durch Überstreckung in den Hüftgelenken aus. Ursächlich ist nahezu immer der Höhenverlust des vorderen Wirbelkörperanteiles gegenüber dem hinteren. Hier drängt sich der Vergleich mit einem aus keilförmigen Ziegeln gemauerten Rundbogen auf.
Für das Wirbelgleiten gibt es grundsätzlich zwei Ursachen; die wohl häufigere Form entsteht durch einen Verschleiss der Bandscheibe mit einer Höhenminderung derselben. Hier ist das Gleiten des Wirbels nach vorne zumeist weniger ausgeprägt. Die andere Form ist einer fehlenden oder fehlerhaften Vereinigung von Knochenanteilen währen des Wachstums geschuldet. Beide Forme können klinisch stumm bleiben, das heisst, wenig oder keine Beschwerden verursachen. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn die Rumpfmuskulatur stark ist und ein vermehrtes Rutschen/ Reiben der Wirbel gegeneinander verhindert. Ist dies aber nicht gegeben, führt die krankhafte Überbeweglichkeit der Wirbel gegeneinander bald zu schmerzhafter Beweglichkeit im Sinne einer Instabilität mit ihren typischen Symptomen.
Überschreitet das Gleiten des oberen Wirbels über den unteren ein gewisses Ausmass, kann es zu Einengungen von Nervenstrukturen und auch zu Funktionsausfällen und/ oder ausstrahlenden Schmerzen kommen.
Die Therapie ist zunächst konservativ, im Vordergrund steht das Bemühen, eine Stabilisierung durch Aufkräftigung der Rumpfmuskulatur zu erzielen. Gelingt dies nicht, kann eine Rumpforthese Linderung bringen. Hierunter verkümmert jedoch häufig die benötigte Muskulatur weiter. Irgendwann kann dann auch die Situation eintreten, dass der Leidensdruck die Entscheidung zu operativem Vorgehen hin bestimmt, noch bevor Ausfallserscheinungen auftreten.
In aller Regel kommt es bei einem Wirbelgleiten im betroffenen Segment auch zu einer Kyphosierung, welche dann durch angenzende Segmente kompensiert (ausgeglichen) werden muss. Zuverlässig erkennen lassen sich diese Befunde allerdings zumeist nur bei Bildgebungen im stehen.
Krümmungen der Wirbelsäule in der Ansicht von vorne oder hinten sind bis zu 10° meistens unerheblich, wenn sie nicht dazu führen, dass die Wirbelsäule aus dem Lot abweicht. Verkrümmungengen der Wirbelsäule in der Ansicht von vorne oder hinten (a.p./ p.a.) sind jedoch selten einer Haltungsschwäche oder Gewichts-veränderungen geschuldet.
Für Abweichungen der Wirbelsäule aus dem Lot, mit Gegenkrümmungen und Verdehungen der Wirbelkörper nach links oder rechts, gibt es teils offensichtliche Gründe, andere Formen der Skoliose werden in der Gruppe der sogenannten „idiopathischen“ Skoliosen noch intensiv erforscht. Insbesondere im Wachstumsalter aber können diese Krümmungen rapide zunehmen und müssen daher regelmässig (spätestens alle 6 Monate auch radiologisch, also mittels Röntgenbildern) kontrolliert werden.
Rotation (Verdrehung)
Verkrümmungen der Wirbelsäule, welche nach Abschluss des Wachstumsalters beginnen, sind häufig Begleit-erscheinungen des Alterungsprozesses und nicht durch deutliche Rotation der Wirbelkörper gegeneinander gekennzeichnet.
Eine Rotation innerhalb von Wirbelkörpern (Grundplatte gegen Deckplatte) ist immer ein Hinweis auf Beginn der Wirbelsäulenverkrümmung während des Wachstums, und damit manchmal ein Hinweis auf frühe Beinlängendifferenz (gelegentlich aufgrund eines Unfalls oder Tumors), zumeist aber aufgrund auch erblicher Faktoren. Hierbei ist auffällig, dass diese Form der Skoliose zumeist Mädchen oder junge Frauen betrifft (Verhältnis ca 5:1) und oft eine Generation überspringt, wie eine Nachfrage betreffend Grossmütter oder Tanten/ Grosstanten häufig ergibt. Eine Rotation der Wirbel im Bereich der Brustwirbelsäule führt häufig zur Ausbildung eines einseitigen Rippenbuckels, im Bereich der Lendenwirbelsäule zur Ausbildung eines so genannten Lendenwulstes.
Besonders auffällig werden diese Asymmetrien in der Ansicht von hinten, wenn der Patient den Rumpf nach vorne beugt. Überschreitet die Verkrümmung ein gewisses Ausmass, sollte operiert werden, um schwere Beschwerden in der Folge zu vermeiden. Wird früh eingegriffen, können ausgeprägte, auch kosmetisch auffällige Folgen vermieden oder auch noch korrigiert werden. Oft aber kann bei früher Diagnose und konsequenter Behandlung mittels wuchslenkender Orthesen („Cheneau - Korsett“, ab 20° Verkrümmung) eine ausgeprägte Deformität mit Verkürzung des Oberkörpers, „Buckel“ oder Lendenwulst vermieden werden.
Auch hier gilt: Frühe Diagnose, früher Mut zur Wahrheit, bei Bedarf rasches Handeln. Dann ist zumeist eine Operation nicht erforderlich. Die Physiotherapie ist bei diesen Patienten streng stabilisierend, da die Verkrümmung jeglichen Zuwachs an Beweglichkeit sofort in die dann zunehmende Verkrümmung „steckt“. Man kann daher eine solche Wirbelsäulenverkrümmung mittels Krankengymnasik/ Physiotherapie allenfalls verzögern oder aufhalten, nicht aber dauerhaft begradigen. Dies haben langjährige, leider vergebliche Versuche trotz aller gegenteiliger Versprechungen definitiv erbracht.