Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03253.jsonl.gz/3695

Bezirk des Kantons Waadt;
im SW. des Kantons, in der Mitte des
Weinlandes der
Côte und am N.-Ufer des
Genfersees. Grenzt im
N. an den Bezirk
Aubonne, im O. an den Bezirk Morges,
im SO. an den
Genfersee und im SW. an den Bezirk Nyon.
4245 ha
Fläche und 6303 Ew., also 146 Ew. auf 1 km2. Kleinster Bezirk des Kantons. Zerfällt in 3 ihn der Länge nach durchziehende
Zonen: die mehr oder weniger gewellte Uferzone, das Gehänge der im untern Abschnitt Weinreben tragenden
Côte und das darüber folgende
Plateau, das zum grossen Gebiet des Schweizerischen
Mittellandes gehört.
Der höchste Punkt mit 897 m liegt nö.
Burtigny nahe dem W.-Ende des
Kammes der
Côte und wird vom Jurafuss durch das enge
Thälchen von
Prévondavaux getrennt. Im W. wird der Bezirk durch die
Serine (einen Nebenarm der
Promenthouse),
tiefer unten durch den
Lavasson, einen Zufluss zur
Dullive, und endlich bis zum
See von dieser letztern selbst begrenzt, im
O. grenzt er ans rechte Ufer der Aubonne.
Auf diesem kleinen Landstrich zählt man eine ganze Reihe von kleinen Wasserläufen, die
vom
Kamm herabkommen und die Weinberge und die Uferebene durchqueren.
Die industrielle Tätigkeit ist in diesem vorwiegend agrikolen und Weinbau treibenden Bezirk nur von
untergeordneter Bedeutung. Immerhin sind zu nennen eine Zementröhrenfabrik in Allaman, eine Weberei in Dully, eine Ziegelei
in Bursins; ferner Teigwaren- und Heizkörperfabriken, Sägen und Zimmerplätze. Bedeutendste Strassen sind die Seestrasse Lausanne-Genf
und die ihr nahezu parallele und dem untern Rand der Weinberge folgende sog. Vy d'Étraz (via strata)
von Aubonne nach Nyon;
ferner die vom See auf das Plateau hinaufführenden StrassenRolle-Burtigny-Saint Georges, Rolle-Gimel und Allaman-Aubonne,
die sich nachher vereinigen zu der über den Marchairuz nach Le Brassus ziehenden Strasse. Den Bezirk bedienen die Bahnlinie
Genf-Lausanne (mit den Stationen und Haltestellen Le Verney, Bursinel, Rolle, Perroy und Allaman) und die
seit einigen Jahren eröffneten elektrischen Querbahnen Rolle-Gimel und Allaman-Aubonne-Gimel. Dampfschiffstation in Rolle.
Postwagen Rolle-Begnins.
Reform. Kirchgemeinde, freie evangelische Kirche, kathol. Pfarrei. N. und w. über Rolle erheben sich die Hänge der Côte,
an denen oben Wald und unten Weinberge mit geschätztem Ertrag stehen. Etwa eine Stunde nnö. der Stadt
befindet sich das Signal de Bougy, dessen prachtvolle Aussicht jedes Jahr zahlreiche Besucher anzieht.
Gegen O. und S. hat
man Ausblick auf den Jorat, die Freiburger-, Waadtländer- und Savoyeralpen, den Salève und den ganzen Genfersee. Die Stadt
besteht in der Hauptsache aus einer dem See parallel ziehenden langen und breiten Strasse.
Vor den gegen den See gerichteten S.-Fronten der Häuser liegt eine ganze Reihe von Gärten, die sehr malerisch wirken und
dem Ort eine ganz besonderes Gepräge verleihen. Einen weitern Schmuck bildet die etwa 100 m vor dem Ufer
liegende Ile de La Harpe. Bemerkenswert ist ferner das gegen Ende des 13. Jahrhunderts von einem Grafen von Savoyen erbaute
Schloss am O.-Ende der Stadt, ein mächtiges Viereck mit 4 Ecktürmen und einem Innenhof. Es dient heute als Sitz des
Bezirksgerichtes, als Bezirksgefängnis, als Sitz der an meist alten Werken über Theologie und Recht
reichen Stadtbibliothek, sowie als Schulhaus (Latein- und Industrieschule für beide Geschlechter gemeinsam 5 Primarschulklassen).
Nahe beim Schloss die schöne Lindenallee (Promenade des Tilleuls), die Place d'Armes und das Geburtshaus von Frédéric César
de La Harpe mit Gedenktafel. Ein anderes bemerkenswertes Privathaus ist dasjenige des gewesenen Staatsrates
Berney, das aus dem 16. Jahrhundert stammt und einst dem Edelgeschlecht derer d'Allinges gehörte. Am W.-Ende der Stadt hat
man um 1875 ein Kasino erstellt, dessen grosser Saal zu Theatervorstellungen, Vorträgen und Versammlungen dient. Nahe dabei
steht am Quai eine meteorologische Säule, der Stadt vom Studentenverein Belles Lettres geschenkt, der
in Rolle jedes Jahr sein Frühlingsfest feiert. Die Pfarrkirche bietet kein besonderes Interesse.
Die Stadt ist von zahlreichen schönen Landhäusern umgeben. Dasjenige von Les Uttins, vor der Stadt an der Strasse nach Genf
gelegen,
war lange Zeit Eigentum der De La Harpe de Yens, des ältern Zweiges des Geschlechtes; es wurde zusammen
mit den zugehörigen Gütern von den Bernern konfisziert und 1792 an die Familie Morsier aus Perroy verkauft. Es ist vom Herzog
von Noailles und seiner Familie 20 Jahre lang bewohnt worden. Ueberhaupt waren diese verschiedenen Villen um Rolle um die
Wende des 18. und 19. Jahrhunderts der Sitz einer auserwählten und eleganten Welt, so des Marquis de
Salgas und der Familien Rieu, Finguerlin, Desarts, Senebier, de Ribeaupierre, Tremblay, de Larrey, de Saint Georges, Rolaz
du Rosay, de Mestral, Passavant, de Rovéréaz, Favre, Eynard und Châtelain. Heute werden diese Villen nicht mehr das ganze
Jahr bewohnt. Ganz nahe n. der Stadt sprudelten einst eine Schwefel- und eine Eisenquelle, welch' letztere
im 18. Jahrhundert von den Aerzten Tronchin und Tissot empfohlen wurde und sich damals einer grossen Beliebtheit erfreute.
Sie ist seither verschwunden; ein Projekt, sie wieder aufzusuchen und eventuell von neuem nutzbar zu machen, hat man bald
wieder aufgegeben.
In Rolle bestehen drei Knabenpensionate (darunter ein nach der Vertreibung der Kongregationen aus Frankreich vor kurzem gegründetes)
u. zwei Mädchenpensionate. Zahlreiche Gesellschaften und Vereine aller Art
¶
mehr
(wie überall in den Städten der Waadt):
Volksküche, ein zwei Jahrhunderte alter Unterstützungsverein (Société charitable),
ein 1685 (d. h. im Jahr der Aufhebung des Ediktes von Nantes) gegründeter französischer Unterstützungsverein (Bourse française),
Alters-, Kranken- u. Sterbekassen, Turn-, Gesang-, Schiess- und Musikvereine, Temperenzverein, Schlittschuhklub, Seeklub (Société
nautique), Lese- und Vortragsgesellschaft etc. Eine sog. «Abbaye» (eine Art Zunft) besitzt aber Rolle
merkwürdigerweise nicht.
Die während der Zeit der Berner Oberhoheit hier bestehenden Vereinigungen dieser Art (so z. B. die Abbaye de l'Arc oder Bogenschützengesellschaft)
lösten sich nach einem von ihnen veranstalteten Bankett, das grosses Aufsehen erregt hatte, aus Furcht vor der Strafe des
Rates von Bern
auf. Rolle ist der Mittelpunkt des Weinhandels der Côte; der Bahnhof hat während der Weinlese 1900 im Ganzen 18497 hl
Wein spediert. Handel mit fremden Weinen, der demjenigen mit einheimischem Gewächs ungern gesehene Konkurrenz macht. Die
wenig industrielle Stadt hat eine Teigwarenfabrik, eine Kisten- und Kofferfabrik, eine Präzisionsinstrumentenfabrik,
eine Kochherd- und Heizkörperfabrik. Weit herum bekannt sind die «petits pains de Holle» geheissenen Brötchen. Um den Bahnhof
sind während der letzten Jahre mehrere neue Häuser erbaut worden, die den Anfang zu einem neu erstehenden Quartier bilden.
Die Geschichte von Rolle ist bis gegen das Ende des 18. Jahrhunderts noch ziemlich ungenügend bekannt.
Hier besass Graf Amé V. von Savoyen 1291 ein am Seeufer stehendes Schloss (1295: Castrum Rotuli), das er dem Aymon de Sallanova
zu Lehen gegeben hatte. Ein am zwischen dem Grafen Amadeus und seinem Bruder Ludwig, Herrn der Waadt,
vereinbarter Tauschvertrag
von Ländereien und Lehen setzte Ludwig in den Besitz von Schloss, Stadt und Mandament Nyon, während Amadeus
das Lehensrecht über Schloss und Mandament Rolle beibehielt, allerdings unter Bedingungen, die zeigen, dass Ludwig selbst
eifrig nach ihrem Besitz getrachtet hatte. Am erhielt Jean de Greilly vom Grafen von Savoyen Schloss
und Herrschaft Rolle zu Lehen, die nun während mehreren Generationen dessen Familie verblieben.
Ludwig II. von Savoyen, Herr der Waadt,
der seit einiger Zeit Lehensherr von Rolle war, trat 1314 diese Herrschaft zusammen mit anderen
Städten an seinen Onkel Amadeus V. ab, erhielt aber das Schloss in Anerkennung seiner geleisteten Dienste 10 Jahre
später wieder zurück. 1330 begann er, neben dem Schloss zu «Ruelloz» eine Stadt anzulegen, die «libre
et franche» sein sollte. Sogleich aber legten zwei Herren von Mont le Grand, Onkel und Neffe und beide Jean geheissen, Verwahrung
dagegen ein, indem sie sich auf angebliche ältere Rechte beriefen und geltend machten, der Boden stehe
hier unter ihrer Gerichtsbarkeit. Um dem Streit ein Ende zu machen, willigte Ludwig ein, dass die Herren von Mont le Grand
hier auf alle Zeiten das Amt des Schlossvogtes und Meiers (le vidomnat und la mestralie) mit sämtlichen dazu gehörenden
Rechten und Einkünften besitzen sollten und
dass ihnen ausserdem die Hälfte der von ihm erstellten
Mühlen und Backöfen gehören sollte.
Diese Uebereinkunft kann als der Gründungsakt von Rolle betrachtet werden. Das Schloss verblieb, immer unter der Oberhoheit
des Herrn der Waadt,
dem Geschlecht de Greilly. Gaston de Greilly, Sohn von Archambaud de Greilly und seiner
Gemahlin Isabelle de Foix, nannte sich Graf von Foix und besass in der Guyenne ausgedehnte Ländereien, weshalb er im 100jährigen
Krieg auf Seite des Königs von England stand und auch an der Schlacht von Azincourt (1415) teilnahm. Sein Sohn Jean de Foix
wurde in Castillon 1453 von den Franzosen gefangen genommen. Um sich das für den Loskauf dieses Sohnes
nötige Geld zu verschaffen, verkaufte Gaston seinen gesamten am Genfersee gelegenen und unter der Oberhoheit der Herzoge
von Savoyen stehenden Grundbesitz (Rolle, Greilly und Ville laGrand).
Die freiheitlichen Ideen des endenden 18. Jahrhunderts fanden in Rolle eine begeisterte Aufnahme, die
ihnen besonders die eifrige Propaganda der Vettern Amédée de La Harpe und Frédéric César de La Harpe gesichert hatte.
Die Bogenschützengesellschaft veranstaltete zur Feier des Jahrestages der Erstürmung der Bastille am und am je
ein grosses Bankett, an denen begeisterte Reden gehalten wurden. Bei dem von A. de La Harpe präsidierten Festmahl von 1791 sang
man sogar Çaira und andere revolutionäre Lieder.
Bern
ging aber gegen die Anstifter dieser Demonstration mit Strenge vor. Amédée de La Harpe wurde zum Tode und
zum Verlust aller seiner Güter verurteilt, konnte aber entfliehen und machte nachher in französischen Diensten eine glänzende
Carrière. Am hat man eine an ihn erinnernde Gedenktafel an seinem einstigen Haus an der Place des Tilleuls angebracht.
Ebenso mussten auch andere Teilnehmer an den Banketten, so z. B. J. J. Cart, ihre Heimat verlassen.
Die ausserhalb Rolle nur wenig bekannte Geschichte der Ile de La Harpe wirft ein eigenartiges Licht auf den Geist, der zwischen 1830 und 1845 im Kanton Waadt¶