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Links zu folgenden Kapiteln:
Inspirationen und Inhalte
die Neuerungen im Aufnahmeverfahren
Rain: Erfindung der Rückwärtsaufnahme
Erfindung der Videoclips
die Versionen
Rezeption und Wirkung
«Paperback Writer» gilt in der Beatles-Historie als Paul McCartneys Antwort auf John Lennons «Day Tripper», der letzten Single von 1965, beides sind Riff-Getragene Rocksongs auf der Entwicklung zum Hard Rock Ende des Jahrzehnts. Ist es bei «Day Tripper» noch das schmutzige Gitarrenriff, wird «Paperback Writer» vor allem von Pauls Bass getragen. Das zweite Hauptmerkmal von «Paperback Writer» ist, einmal mehr, der Harmoniegesang. Wobei der Hintergrundgesang durchaus humoristisch ist, singen doch John und George das französische Kinderlied «Frère Jacques». Nicht zuletzt John Lennon trug zur Klassifizierung «Paperback Writers» bei, in seinem Playboy Interview 1980 sagte er: «‹Paperback Writer› ist der Sohn von ‹Day Tripper›, aber es ist Pauls Song.»
Inspirationen und Inhalte
«Paperback Writer» ist ein in Briefform geschriebener Song und ein Bewerbungsschreiben eines Autors, der einen schmutzigen Roman über einen frechen Kerl geschrieben hat, der auf einem anderen Roman von einem Herrn Lear basiert. Der Schriftsteller bewirbt sich um den Job, weil er ein Taschenbuchschreiber sein möchte. Nach dem 2. Weltkrieg hat die Erfindung des Taschenbuchs die englische Buchindustire zu neuen Höhenflügen gebracht. Wobei in den Taschenbüchern auch Trivialliteratur für ein breites Publikum, oft auch von Autoren am Fliessband geschrieben, waren. Der Titel impliziert, dass Paul McCartney nicht unbedingt einen Fliessbandschreiber, aber einen Autoren für den breiten Massengeschmack vor Augen hatte und nicht die romantische Vorstellung eines Schriftstellers als Künstler oder eines Klassikerautoren. «Ich dachte an die Penguin-Taschenbücher, die archetypischen Taschenbücher», so Paul in «Many Years From Now» gegenüber Barry Miles.
Die Entstehungsgeschichte hat zwei Erzählstränge, die sich perfekt ergänzen. Paul soll durch eine seiner Tanten angestachelt worden sein, einmal einen Song über ein anderes Thema als die Liebe zu schreiben. In der Tat waren von den bis dato veröffentlichte Songs der Beatles explizit «Nowhere Man» und bis zu einem gewissen Grad «Help!» als Hilferuf keine Liebeslieder. Gemäss dem damaligen Disc Jockey Jimmy Saville, der damals auf BBC «Top Of The Pops» moderierte, war Paul mit diesem Hintergedanken in der Garderobe herumgelaufen und als er Ringo ein Buch lesen sah, habe es Klick gemacht. Paul selber erzählte in einem Interview von 2007, dass er in der Daily Mail (die im Song erwähnt wird und John Lennons Leibblatt war), einen Artikel über einen aufstrebenden Schriftsteller gelesen habe. Man nimmt an, dass es sich um Martin Amis («London Fields», «Night Train») handelt. Lear kann shakespearisch sein, Paul McCartney ging damals regelmässig ins Theater, manche vermuten dass der Text auf den viktorianischen Maler Edward Lear anspielte, der absurde Gedichte verfasste. Andere Autoren gehen davon aus, dass Paul den Song insgeheim John Lennon widmete, der damals bereits zwei Nonsens-Bücher veröffentlicht hat («In His Own Write» und «A Spaniard In he Works»).
die Neuerungen im Aufnahmeverfahren
Die Single «Paperback Writer», die während den Aufnahmen zum Album «Revolver» entstand, war ein erster Vorbote dessen, was die Beatles und mit ihnen auch in erster Linie ihr Produzent George Martin (1926-2016) und Toningenieur Geoff Emerick (1945-2018) in den Jahren 1966 bis 1968 taten: Das Aufnahmestudio in ein Instrument umzufunktionieren und die Aufnahmetechniken zu revolutionieren. So wendeten die Beatles während den «Revolver»-Sessions erstmals das in den Abbey Road Studios entwickelte Verfahren des Artificial Double Tracking ADT an, bei dem ein Tonsignal einer Tonspur entnommen und auf ein anderes Tonband mit einem veränderbaren Oszillator übertragen und danach auf die ursprüngliche Tonspur zurück übertragen wird. ADT ermöglicht einen voluminöseren und klangfüllenden Effekt bei Stimmen und Instrumenten. George Martin verglich den Vorgang mit der Fotografie, wenn man zwei Negative übereinander belichtete. Ausserdem war die Single die bisher am lautesten aufgenommene Platte der Beatles durch eine Neuanschaffung von EMI und der Verwendung eines «Automatic Transient Overload Control»-Gerätes.
Dies waren nicht die einzige Neuerung: Paul McCartney spielte zum ersten Mal seinen rotweissen Rickenbacher Modell 4001 Bass. Seinen stilbildenden Höfner Bass hatte er in Hamburg gekauft, weil er erstens günstig und zweitens leicht, nämlich aus Balsaholz, gefertigt war. Der Nachteil war, dass sich das Instrument schnell verstimmte. McCartney sollte den Rickenbacher bis Ende der 1980er-Jahre als Hauptinstrument benützen. Den druckvollen Bass-Sound auf «Paperback Writer» erreichten die Beatles durch eine weitere technische Raffinesse, in der ein Lautsprecher als Mikrofon umfunktioniert wurde und direkt vor dem Bass-Lautsprecher platziert wurde. Dass der Bass verstärkt wurde, geht gemäss Mark Lewisohn auf John Lennon zurück der sich darüber gewundert hat, dass auf einigen Songs von Wilson Pickett der Bass stärker war als auf Beatlesaufnahmen.
Rain: Erfindung der Rückwärtsaufnahme
Von allen Beatlesklassikern ist «Rain» wohl der einem breiten Publikum am wenigsten bekannte, obwohl er prägend für die Musik der späten 1960er-Jahre und insbesondere für die psychedelische Musik der Hippies wurde. In Barry Miles «Many Years From Now» (1997) erzählt Paul über «Rain»: «Das interessanteste am Song war nicht das Schreiben, das zu 70 zu 30 John zugeschrieben wird, sondern die Aufnahme.» Aufgenommen wurde «Rain» am 14. bis zum 16. April 1966 während den Sessions für «Revolver». Bei den Aufnahmen von «Tomorrow Never Knows» entdeckten die Beatles, dass durch Verlangsamung des Bandes mehr Tiefe erzielt werden kann. «Die Bealtes spielten den Rhythmus-Track wirklich sehr schnell ein so dass er in normaler Geschwindigkeit abgespielt sehr viel langsamer war, wodurch sich die gesamte Textur verändert hat», erklärte Toningenieur Geoff Emerick in Mark Lewishohns «The Complete Beatles Recording Sessions».
«Rain» steht aber nicht exemplarisch für das verlangsamte Band, sondern für die erstmalige Verwendung von rückwärts eingespielten Elementen in Songs. Etwas, was die Musik der Sechzigerjahre prägen sollte. Gemäss John Lennon war es keine Absicht, sondern ein Zufall. Nach den Aufnahmesessions ging John bereits stoned nach Hause. Wie so oft hatte er ein Band mitgenommen, um sich zuhause nochmals anzuhören, was die Beatles an diesem Tag eingespielt hatten. «Irgendwie spannte ich (das Tape) verkehrt auf und sass nun dort wie gebannt mit den Kopfhörern und einem grossen Joint.» Zurück im Studio am anderen morgen spielte John das Tape den Kollegen rückwärts vor, die sofort begeistert davon waren, weshalb die Coda Johns rückwärts eingespielten Gesang enthält: «Das Fade Out bin ich rückwärts singend mit den Gitarren, die ebenfalls rückwärts gehen: Sharethsmnowthsmeaness...».
George Harrison, John Lennon, Ringo Starr und Paul McCartney beim Videodreh von «Rain» und «Paperack Writer».
Geoff Emerick und George Harrison bestätigen Lennons Version, Produzent George Martin beansprucht das Rückwärtseinspielen auch für sich. So erinnerte er sich Mark Lewisohn gegenüber: «Ich spielte immer noch mit den Tapes herum und dachte, es wäre lustig, etwas spezielles mit Johns Stimme zu machen. So nahm ich ein Stück seines Gesangs vom Four-Track-Band, legte es auf eine andere Spule, drehte es um, liess es vor und rückwärts laufen bis es passte. John war abwesend, doch als er zurückkam, war er begeistert davon». Da George Martin – Paul McCartney beschreibt ihn immer als Gentleman – keinen Grund hat, etwas zu erfinden und er auch den technischen Vorgang beschreibt, ist es plausibel anzunehmen, dass beide Versionen wahr sind. Zumal sie sich bestens ergänzen. Fortan verwendeten die Beatles immer wieder rückwärts eingespielte Elemente, vor allem auf «Revolve»r und den 1967 eingespielten Songs um die «Magical Mystery Tour». Paul spielte auch auf seinen beiden letzten Alben «NEW» (2013) und «Egypt Station» (2018) wieder mit dem Effekt.
«Rain» wird bis heute als eine der besten Arbeiten von Ringo Starr eingeschätzt, sowohl von Kritikern wie Ian MacDonald, dem Rolling Stone oder Richie Unterberger von allmusic.com, aber auch von Ringo Starr selber, der 1984 in einem Interview sagte: «Ich denke, es ist die beste von allen Aufnahmen, die ich je gemacht habe. ‹Rain› haut mich aus den Socken… Ich kenne mich und mein Spiel … und dann ist da ‹Rain›». In der Tat änderte Ringo auf «Rain» sein Spiel: «Ich beschäftigte mich damals mit der Snare Drum und den Hi-hats. Ich glaube ich benutzte damals zum ersten Mal diesen Trick, eine Pause mit einem ersten Schlag auf die Hi-hats anstatt direkt auf eine Trommel neben den Hi-hats», so Ringo in «Many Years From Now».
«In Songs wird Regen traditionellerweise als schlecht bezeichnet. Und wir gingen mit dem Ansatz dran, dass er nicht schlecht ist», so Paul in «Many Years From Now», «Es gibt kein schöneres Gefühl als wenn dir der Regen den Hals hinabläuft.» So wie «Paperback Writer» hauptsächlich von Paul geschrieben wurde, stammt Rain hauptsächlich von John Lennon. Einen speziellen Inspirationsmoment gibt es nicht. Jedoch gilt Rain, wie einige andere Songs von «Revolver» als Song, der die Stimmung eines LSD Trips spiegelt.
Erfindung der Videoclips
Da die Beatles im Sommer 1966 auf Tour waren, sich die Veröffentlichung der Single aber nicht mit dem Tourfahrplan für Promotionsauftritte vereinen liess, kamen sie auf die Idee, anstelle von TV Auftritten den Fernsehstationen einen sogenannten Werbefilm zur Single zukommen zu lassen. Et voilà, der Videoclip war geboren. «Die Idee, weshalb wir Promotionsfilme machten, war, dass wir nicht selber raus mussten, sondern die Filme raus schicken sollten», so Ringo in der «Anthology». Und George Harrison doppelt nach: «Es war einfach zu mühsam, uns durch die Horde kreischender Menschen zu kämpfen, nur um in ‹Ready, Steady Go› unsere neuste Single zu mimen.» Mimen, da im Fernsehen die meisten Songs Playback gesendet werden.
Am 19. und 20. Mai 1966 wurden insgesamt vier Videos für «Paperback Writer» von Michael Lindsay Hogg, der später den Film «Let It Be» drehen sollte, produziert. Zwei waren farbig, zwei schwarzweiss. Drehorte waren die Abbey Road Studios und im Garten von Chiswick House. Das Farbvideo aus dem EMI-Studios wurde am ersten Tag gedreht und am 5. Juni 1966 in der Ed Sullivan Show gesendet. Die beiden schwarz-weissen Studio Filme wurden von der BBC in den Formaten «Ready, Steady Go!» und «Thank Your Lucky Stars» gezeigt. Bei den Aufnahmen im Garten von Chiswick House mimten die Beatles den Song. Der Film zeigt die Band auch in und um dieses Renaissance-Konservatorium. Am 2. Juni 1966 strahlte die BBC in «Top Of The Pops» dieses Video aus, allerdings in schwarz-weiss. Lindsay Hogg produzierte für «Rain» drei Videos und verwendet Bildmaterial vom 19. Juni aus den Abbey Road Studios. Aus diesen Sessions stammt übrigens auch das Bandfoto auf der Rückseite des Albums «Revolver».
die Versionen
Eigentlich sollte es keine Unterschiede in den Versionen geben, da Remixe im heutigen Sinn noch nicht erfunden waren, dennoch gibt es von «Paperback Writer» zwei Versionen, bzw. Abmischungen. Die Single wurde sowohl als Mono- als auch Stereomix abgemischt. Die Stereoversion dauert 2 Minuten und 18 Sekunden, die Monoversion 2 Minuten 26 Sekunden. Bei «Rain» gibt es keine Unterschiede in der Länge. Weder «Paperback Writer» noch «Rain» wurden auf dem Album «Revolver» verwendet.
Da die Beatles zu Weihnachten 1966 erstmals seit drei Jahren kein neues Album am Start hatten, wurde in England der heute nicht mehr produzierte Sampler «A Collection Of Beatles Oldies… But Goldies» veröffentlicht, worauf «Paperback Writer» enthalten war. In den USA und Deutschland dauerte es bis 1970 und die Veröffentlichung der Kompilation «Hey Jude», die Captiol Records, das US Label der Beatles, zusammengestellt hatte. Nach der Trennung der Beatles wurde «Paperback Writer» auf «1962-1966» sowie auf «Past Masters» verwendet und findet sich als Nummer 1 Single folgerichtig auch auf der Zusammenstellung «1». Rain wurde auf dem heute nicht mehr aufgelegten Album «Rarities» (UK 1978, US 1980) verwendet und fand auf «Past Masters» von 1988 – worauf alle Songs der Beatles, die nicht auf einem Album veröffentlicht wurden, versammelt sind – den Weg in den Albumkatalog der Fab Four.
Das Farbvideo aus dem Chiswick Park wurde 2015 auf der DVD «1» veröffentlicht, beide Farbclips wurden in der 3-DVD Box «1+» verwendet. Sowohl von «Paperback Writer» als auch von «Rain» wurden Auszüge in der Beatles «Anthology» verwendet.
«Paperback Writer» war 1966 im Liveprogramm der Beatles und beendete ihr letztes Konzert im Candlestick Park in San Francisco. Paul McCartney nahm den Song 1993 auf die Setliste der «New World Tour». Seine Solo Live Premiere war am 18. Februar 1993 in Mailand und gehört seither zum erweiterten Liverepertoire McCartneys, so spielte ihn Paul auch am 26. März 2012 im Hallenstadion Zürich im Rahmen der «On The Run»-Tour. Pauls Liveversionen sind auf den Alben «Paul is Live» (1993) und «Good Evening New York City» (2009) sowie den dazugehörigen Konzertvideos enthalten.
Rezeption und Statistik
«Paperback Writer» war die elfte Single in Folge der Beatles, die in England den ersten Platz erreichte. Jedoch erst in der zweiten Woche, etwas, was seit «She Loves You» nicht mehr vorgekommen ist. Die Single erzielte die tiefsten Verkäufe seit «Love Me Do». In den USA hingegen wurde «Paperback Writer» mit einer Goldenen Schallplatte für Verkäufe von über einer Million ausgezeichnet und erreichte sie in den Billboard- und Cash-Box-Charts die Spitze. Weitere Top-Positionen vermeldeten Australien, Kanada, Irland, Holland, Norwegen, Schweden und die BRD. In Österreich platzierte sich die Single auf Rang 4, in Belgien auf Rang 7 (Flandern) und 12 (Wallonien) auf und Südafrika vermeldete einen 9 Platz. In der Schweiz konnte sich die Single nicht platzieren.
Die B-Seite «Rain» konnte sich ebenfalls ebenfalls in den US-Billboard Charts, auf dem 23. Platz, platzieren. Das Rolling Stone wählte «Rain» zu den 500 wichtigsten Songs und platzierte ihn auf Rang 463.
Paul McCartney, Ringo Starr, John Lennon und George Harrison (kauernd) bei den Aufnahmen für das Video von «Paperback Writer».