Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03610.jsonl.gz/1430

In den letzten Jahrzehnten ging es in Brasilien verstärkt um einen sozialen Umschwung. Eine wachsende Zahl von autonomen Landarbeiter-Organisationen, darunter vor allem die «Landlosen-Bewegung» MST, bilden mehr und mehr ein Gegengewicht zu dem Entwicklungsmodell eines konzentrierten Landbesitzes und damit verbundenen wirtschaftlichen Möglichkeiten.
Menschenwürdiges Leben
Die indigenen Völker (die so genannten «Indios») haben in ihrem Kampf um die Erhaltung ihres Landes und ihrer Kultur eigene Organisationen gegründet. Auch die afrobrasilianischen Dorfgemeinschaften (Quilombos), die seit der Abschaffung der Sklaverei bestehen, fordern die rechtliche Absicherung ihres Landbesitzes.
Diese Basisorganisationen kämpfen um ihr Land, um den Erhalt ihrer Kultur, um Unabhängigkeit, Nahrung, Bildung, Gesundheit und Absicherung im Alter. Sie wollen für die Landbevölkerung adäquate menschenwürdige Lebensbedingungen schaffen.
Die Ergebnisse dieser Bemühungen sind in ganz Brasilien sichtbar. Durch Landbesetzungen haben Tausende von Kleinbauernfamilien Land gewonnen und leben jetzt in Siedlungen, die durch die staatliche Agrarreform entstanden sind.
2000 Schulen
Der Kampf um die Agrarreform ist mehr als ein Einsatz für Land. Für die Landlosen-Bewegungen, vor allem für «MST – Movimento dos Sem Terra», schliesst der Kampf um Land auch Schulen ein. Die Bildung ist ein Grundrecht der Landbevölkerung, die darum auch beim Bildungsplan eine Stimme haben muss.
Ebenfalls auf dem Bildungsbereich haben die Landlosen weit reichende Erfolge erzielt. Etwa 2000 öffentliche Schulen wurden in den neuen Siedlungen errichtet. Mehr als 160000 Kinder und Jugendliche der ehemaligen Landlosen-Familien können dort zur Schule gehen. Mehr als 4000 Lehrkräfte wurden inzwischen eingestellt. Allein in den letzten drei Jahren wurden im Rahmen des Regierungsprojekts «Alphabetisiertes Brasilien» unter dem Präsidenten Lula 28000 Personen alphabetisiert.
Brachland wurde fruchtbar
Einige Erhebungen machen deutlich, dass die Siedlungen der Landlosen den Produktionsprozess in den betreffenden Regionen verändert haben. Die landwirtschaftliche Produktion hat eine grössere Vielseitigkeit gewonnen. Dazu kommt die Produktion von Lebensmitteln in Gebieten, die vorher Brachland waren.
Unzählige Versuche von ökologischer Landwirtschaft wurden gestartet. Sie gelten als Alternative zu dem Produktionsmodell, das die Menschen verdrängt, den Hunger von Millionen verursacht und die Natur zerstört. Ein Ergebnis ist ein gesicherter und unabhängiger Zugang zu Nahrung.
Lokale Entwicklung
Die Ansiedlungen der Kleinbauern nehmen einen positiven Einfluss auf den lokalen Handel. Die neuen Siedler bringen Bewegung in den lokalen Markt, sobald sie ihren ersten Kredit erhalten. Sie geben viel Geld aus für ihre Pflanzungen. Wenn die Siedler ihre Produkte auf Märkten, von Tür zu Tür oder in Geschäften verkaufen, erhöht sich ihr Gewinn.
Dies wirkt sich auf das Konsumverhalten aus. Die Siedler kaufen sich Kleidung, Baumaterialien oder andere Dinge des Alltags. Vor allem in Kleinstädten im Landesinnern ist eine Zunahme des Steueraufkommens und eine Belebung des Bankensektors zu verzeichnen.
Das hat wiederum positive wirtschaftliche Auswirkungen. Früher gehörten die Ländereien Grossgrundbesitzern, die nicht einmal dort wohnten und die erwirtschafteten Gewinne in den meisten Fällen nicht in der Region ausgaben, sondern in die grossen Städte transferierten.
Einfluss auf den Staat
Die Anstrengungen, der Druck der Landlosen-Bewegungen und die damit verbundenen Landkonflikte haben das Entstehen von Siedlungen beschleunigt. Sie haben auch gesetzliche und institutionelle Veränderungen herbeigeführt. Solche Siedlungen verhindern, dass Tausende von Landlosen das Heer der Slumbewohner noch vergrössern.
Die Bewegungen der Landlosen, das Modell der Familienlandwirtschaft, der Einsatz der indigenen Völker und der afrobrasilianischen Dorfgemeinschaften können im brasilianischen Staat grundlegende politische Veränderun- gen herbeiführen.
Darum werden sie vom Staat als ernstzunehmende soziale Grössen angesehen. Zahlreiche Regierungsprogramme in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Kreditwesen und Einzelhandel sind Früchte dieser Initiativen an der Basis. Es wurden sogar neue Regierungsstrukturen zum Wohl der Basis geschaffen.
Noch viel zu tun
Alles in allem gibt es noch viel zu tun, um eine gerechte Landreform in Brasilien durchzusetzen. Ein Beispiel ist das Rechtssystem mit seinen versteckten Widerständen, vor allem durch eine willkürliche Verzögerung von Prozessen bei der Ansiedlung von Landlosen.
Ein anderes Problem ist das geltende starre Besitzrecht, das der Bundesregierung die Enteignung von Land im Rahmen der Agrarreform äusserst erschwert. Neue Gesetze sind nötig, zum Beispiel bei der staatlichen Einschätzung eines Landbesitzes in «produktiv» oder «unproduktiv» oder bei der Festlegung der maximalen Grösse eines Landbesitzes.
Rodrigo de Castro
Amédée Péret
Mitarbeiter der Landlosen-Bewegung MST
Übersetzung aus dem Brasilianischen:
Augustinus Diekmann
Konzentration von Landbesitz
Brasilien ist ein Land mit kontinentalen Dimensionen und einer hohen Konzentration von Landbesitz. 2% der Landbesitzer verfügen über ein Areal, das grösser ist als die Fläche von England, Frankreich und Deutschland zusammen.
Der eingeschränkte Zugang zur Nutzung des Landes ist ein Grund für die Armut der Landbevölkerung und die unsichere Ernährungssituation.
Über diese Landkonzentration hinaus haben wir es mit einem Landwirtschaftsmodell zu tun, das sich an den Interessen des internationalen Marktes orientiert: Monokultur und Industrialisierung der Landwirtschaft mit hohen wirtschaftlichen Investitionen und Umweltschäden.
Der Kampf ist noch nicht vorbei
Es gibt noch viel Leiden. Die Statistiken zeigen, dass zwischen 1985 und 2005 1425 Personen bei Landkonflikten ermordet wurden: unter ihnen Gewerkschaftsführer, Leiter von Basisbewegungen, pastorale Führungskräfte und andere Personen, die sich auf die Seite der Landarbeiter gestellt haben. Bloss 67 Mörder und 15 Auftraggeber wurden verurteilt.