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Der Holzfäller holt aus, um mit voller Wucht den dünnen Baum zu fällen. Das Sujet, das Ferdinand Hodler 1908 für die neue 50-Franken-Note entwarf, stand im Mittelpunkt der Ausstellung «Hodlers Holzfäller. Die Schweizer Erfolgsserie», die bis Mitte Februar im Kunstmuseum Luzern zu sehen war. Zwischen 1909 und 1913 produzierte Hodler insgesamt achtzehn Versionen, von denen zehn in der Ausstellung gezeigt wurden.
Wer trägt die Verantwortung?
In Schweizer Museen befinden sich Werke, die während des nationalsozialistischen Regimes verfolgungsbedingt verkauft werden mussten. Ein Beispiel dafür könnte «Der Holzfäller» von Ferdinand Hodler sein, der sich im Kunstmuseum Luzern befindet. Aufgrund fehlender Unterstützung der öffentlichen Hand und der unvorteilhaften Schweizer Rechtslage ist die Provenienzforschung auf Eis gelegt. «Der Holzfäller» ist kein Einzelfall, sondern steht stellvertretend für strukturelle Probleme.
«Der Holzfäller» ging in die Schweizer Erinnerungskultur ein, wobei die männliche Figur nicht selten stellvertretend für die Stärke und Widerstandskraft der Nation stand. Doch die Provenienz jener Version, die 1910 entstand und in der Ausstellung zu sehen war, geriet letztes Jahr in den Fokus der medialen Öffentlichkeit.
Aktuell ist das Bild Eigentum der Stiftung BEST Art Collection Luzern, die eng mit dem Kunstmuseum verknüpft ist und den Ausbau und Erhalt der Sammlung zum Ziel hat. Diese Stiftung, vormals Bernhard-Eglin-Stiftung, erwarb den «Holzfäller» 1940 von den jüdischen Sammler:innen Florence und Martin Flersheim aus Frankfurt am Main. Der Verkauf fand in Amsterdam statt, wo sich die Familie auf der Flucht vor dem NS-Regime niederliess. Siegfried Rosengart, über den in der Februar-Ausgabe berichtet wurde, vermittelte nicht nur den Verkauf an die Bernhard-Eglin-Stiftung, sondern drückte auch den Preis von 12 000 auf 8250 Franken. Dafür erhielt er ein entsprechendes Vermittlungshonorar. Als Vergleich: Ein «Holzfäller» von Ferdinand Hodler konnte damals bis zu 15 000 Franken wert sein.
Der Verdacht, dass die Familie Flersheim das Bild in einer Notlage verkaufen musste und es sich entsprechend um einen NS-verfolgungsbedingten Verlust handelt, liegt nahe. Dies wird etwa durch die Tatsache verdeutlicht, dass 1931 die sogenannte «Reichsfluchtsteuer» eingeführt wurde. Ursprünglich zielte die Steuer auf jene Personen ab, die ihren Wohnsitz in ein anderes Land verlegten, um die eigene finanzielle Last zu erleichtern. 1933 wurde sie zur wirtschaftlichen Ausbeutung der jüdischen Bevölkerung instrumentalisiert. Entsprechend galt die Begleichung der Steuer als Voraussetzung für die Ausreise, schützte aber nicht davor, dass weitere Vermögenswerte konfisziert wurden. Die Familie Flersheim erhielt nach ihrer Flucht einen grossen Anteil ihrer Güter nicht zur freien Verfügung; diese wurden beim niederländischen Unternehmen Veraart eingelagert und 1944 durch das NS-Regime beschlagnahmt.
Dokumente, die Aufschluss über den Verkauf geben könnten, befinden sich im Archiv der Sammlung Rosengart. Laut Fanni Fetzer, Direktorin des Kunstmuseums Luzern, wurde Angela Rosengart vergeblich um Auskunft gebeten. Das Problem: Rechtlich gesehen sind private Sammlungen nicht zur Auskunft verpflichtet. «Aus ethischer und moralischer Sicht wäre es wichtig, dass private Archive zugänglich sind», sagt Fanni Fetzer. «Das verlangt aber nach einer gesetzlichen Anpassung und setzt voraus, dass die öffentliche Hand Ressourcen zur Aufarbeitung solcher Archive zur Verfügung stellt.»
Es braucht ein Umdenken, denn: Während Verantwortlichkeiten hin und her geschoben werden, verbleiben Werke in Museen, wo sie vermutlich nicht hingehören.
Ungenügende Unterstützung für Provenienzforschung
Die Provenienz vom «Holzfäller» arbeitete das Kunstmuseum im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojektes auf, das 2016 vom Bundesamt für Kultur (BAK) ausgeschrieben wurde. Die Sammlung wurde im Hinblick auf die Jahre 1933 bis 1945 untersucht; dabei sollten jene Werke eruiert werden, die durch das NS-Regime entzogen wurden oder verfolgungsbedingt verkauft werden mussten. Laut der Ereignisliste, die auf der Website des Kunstmuseums einsehbar ist, wurden 78 Werke überprüft.
Heute ist die Provenienzforschung im Kunstmuseum Luzern allerdings auf Eis gelegt. Denn die finanzielle Unterstützung durch den Bund war befristet. «Der Bund schreibt weiterhin Gelder für Nachfolgeprojekte aus. In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Faktenlage nicht verändert hat, macht es keinen Sinn, diese Gelder zu beantragen», so Fanni Fetzer. «Wir sind um die Aufarbeitung der Provenienzen unserer Sammlung bemüht, aber wir stossen bei manchen Fällen an Grenzen: bezüglich unserer Ressourcen, aber auch bezüglich des Schweizer Gesetzes.»
Das betrifft nicht nur den «Holzfäller», sondern auch 49 weitere Werke auf der Ereignisliste, bei denen die Herkunft nicht eindeutig geklärt ist. Einerseits wäre dort eine Kooperation weiterer Archive nötig, andererseits eine neue Strategie des BAK. «Provenienzforschung sollte auch in kleineren und mittleren Museen konstant betrieben werden können», erklärt Fanni Fetzer. «Problematisch ist aber die Finanzierung: Der Bund übernimmt lediglich 50 Prozent, die fehlenden Mittel haben wir damals bei Stadt und Kanton beantragt.» So werde die Verantwortung an Museen und Sammlungen delegiert. Als weiteren wichtigen Schritt betrachtet die Direktorin die Leistungsvereinbarungen mit der öffentlichen Hand. «Provenienzforschung müsste integrierter Bestandteil der Vereinbarungen sein und entsprechend finanziert werden.»
Laut Letizia Ineichen, Leiterin Kultur und Sport der Stadt Luzern, werde eine konkrete Deklaration in zukünftigen Leistungsvereinbarungen geprüft. Doch im Hinblick auf die Sammlung Rosengart, die ihre Archive nicht öffnet und somit die Erforschung weiterer Provenienzen verunmöglicht, weist die Stadt ihre Verantwortung zurück. Da es sich um eine private Stiftung handle, sei sie allein für Auskünfte zuständig. Ähnlich lautete die Antwort von Stefan Sägesser, Kulturbeauftragter des Kantons Luzern.
Dass Stadt und Kanton die Sammlung Rosengart jährlich mit einem substanziellen Beitrag unterstützen, stellt diese Haltung infrage. Bei der Stadt Luzern sind es jährlich 89 000 Franken, beim Kanton Luzern 200 000 Franken.
«Verlorene» Kunstwerke
Auf nationaler Ebene wird aktuell die Etablierung einer unabhängigen Kommission diskutiert. Eine entsprechende Motion reichte SP-Nationalrat Jon Pult Ende 2021 im Parlament ein. Die Kommission würde Empfehlungen im Umgang mit NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern abgeben. Eine Ausweitung auf Güter, die in kolonialen Kontexten entwendet wurden, steht ebenfalls zur Debatte.
Dies wäre ein wichtiger Schritt, um eine angemessene Erinnerungspolitik zu etablieren. Denn die Schweiz war während des Zweiten Weltkriegs ein bedeutender Umschlagplatz von Raubkunst und «entarteter Kunst» – man denke an die Auktion, die 1939 in Luzern stattfand – und profitierte von Käufen, die sich unter Zwang ereigneten. Davon ist das Kunstmuseum Luzern nicht ausgenommen. Dass Siegfried Rosengart den Preis des «Holzfällers» drückte, war für die damalige Bernhard-Eglin-Stiftung von Vorteil.
Es braucht ein Umdenken, denn: Während Verantwortlichkeiten hin und her geschoben werden, verbleiben Werke in Museen, wo sie vermutlich nicht hingehören. Fragen nach der Provenienz und folglich nach dem Besitz bleiben beim «Holzfäller» ungeklärt. Das Bild ist in der Lost-Art-Datenbank aufgeführt, mit der die Restitution von NS-verfolgungsbedingten Verlusten vorangetrieben werden soll. «Es ist bekannt und im Werkverzeichnis von Ferdinand Hodler nachlesbar, dass sich dieser ‹Holzfäller› in Luzern befindet», sagt Fanni Fetzer. Die Bezeichnung «lost» sei daher nicht präzise. «Wer den ‹Holzfäller› für sich reklamiert, muss das Werk nicht auf Lost Art als vermisst melden, sondern kann sich direkt an das Kunstmuseum Luzern wenden. Wieso müssen wir als Institution dem nachgehen?» Eine angemessene Erinnerungspolitik, die den historischen Unrechtskontext anerkennt und entsprechend aufarbeitet, sieht anders aus. Dafür müssten Kunstmuseen, private Archive und die öffentliche Hand jene Verantwortung wahrnehmen, die sie aktuell scheuen.
041 – Das Kulturmagazin im März 03/2022
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