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Südlichste Schweizer Eiszeitgletscher
Südlichste Schweizer Eiszeitgletscher
Von R. v. Klebehberg
( Innsbruck ) Beim grössten Stand der Eiszeitgletscher war das Schweizer Land fast für seine ganze Grundfläche vom Eise bedeckt. Nur die Ecke bei Basel, das Birstal und das Pruiitruter Ländchen blieben frei, sonst schauten bloss Aufragungen über das breite Eisstromnetz vor. Ein ganz anderes Bild bot das Land bei der viel kleineren letzten eiszeitlichen Vergletscherung. Da griff aperes Gebiet, nur mit kleinen « Lokalgletschern », zwischen Reuss-und Aargletscher weit in die Voralpen hinein. Um so erstaunlicher ist, dass auch zu dieser Zeit noch in der Südschweiz die Vergletscherung geschlossen bis in die Gegend von Chiasso, ja beiderseits davon im Zuge des Langen- und Comersees bis an den Rand der Poebene hinausreichte ( äusserste Enden bei Borgo Ticino bzw. Cantù; der grösste, ältere Stand reichte hier nur unwesentlich weiter ). Das unvergletscherte Land im Norden liegt eben zwischen, das vergletscherte im Süden hingegen an den Ausgängen der grossen Täler aus dem Alpeninnern. In entsprechender Lage im Norden reichten die Gletscher noch viel weiter ins Vorland hinaus.
Die südlichsten Eiszeitgletscher auf Schweizer Boden lagen also dort, wo die Schweiz am weitesten nach Süden reicht: im Mendrisioüo. Und es war wenigstens zum Teil auch seinem Ursprung nach Schweizer Eis, trotzdem der Gletscher im MendiMotto, wie schon 1861 der italienische Geologe G. Omboni gezeigt hat, aus dem Tale des nördlichen Comersees gekommen war und das Tessiner Eis, das in breitem, fast 1000 m tiefem Strom über den Monte Ceneri herüber gedrungen war, an die Westseite des Monte San Salvatore abgedrängt hatte. Der Gletscher im nördlichen Comerseetale aber ist nämlich aus der Vereinigung des Adda- ( Veltliner ) mit dem Bergeller und Splügengletscher hervorgegangen, und auch letzterem ist, durch den Splügenpass aus dem Rheinwaldtal, Schweizer-, Bündner Eis zugeflossen. Indem nun das Veltliner Eis zur Hauptsache den Talfurchen gegen Lecco und Comò folgte, dürfte gerade das Bergeller und Splügeneis durch das Tal von Porlezza zum Lugarier See abgegangen und in erster Linie das Bergeller Eis den Gletscher im Mendrisiotto geliefert haben. Wie Geschiebe von Juliergranit zeigen, landeten auch noch im Tale von Porto Ceresio Stromlinien aus dem Bergell.
Die südlichsten Punkte, bis zu denen Schweizer Eis gelangte, sind aber auch im Süden des Langensees, bei Borgo Ticino ( letzte Vergletscherung ) und Gallarate ( grösste Vergletscherung ), noch nicht erreicht, sie liegen wahrscheinlich im Süden des Gardasees — dahin dürfte nämlich Münstertaler Eis und jene Komponente Engadiner Eis gelangt sein, die über den Reschenscheideckpass in den Vintschgau, zum Etschgletscher, übergetreten war. Engadiner Eis ist überhaupt, auch mit dem Inngletscher selbst, weitaus am weitesten über die Schweizer Grenzen von heute hinaus vorgedrungen ( mit dem Etschgletscher rund 240 km, mit dem Inngletscher rund 210 km weit ).
Aber auch in einem noch engeren Sinne barg das Sottocenere südlichste Schweizer Gletscher. Der Tessiner Eisstrom, der über den Monte Ceneri ins Vedeggiotal übergetreten war, reichte zur Zeit seines Höchststandes bis über 1400 m. Darüber erhoben sich östlich der Monte Camoghè ( 2232 m ), westlich der Monte Tamaro ( 1967 m ). Beide waren hoch genug, um auch noch über die eiszeitliche Schneegrenze aufzuragen. Sie konnten daher wenigstens in der Form nach geeigneten Nischen und in beschatteten Winkeln u. dgl. selbst kleine Gletscher tragen, die von Firnansammlungen oberhalb genährt wurden. Besonders am Camoghè war dies von vornherein kaum zweifelhaft, es handelte sich nur darum, die ehemalige Existenz solcher Gletscher auch nachzuweisen. Das ist oft unschwer möglich mit Hilfe der « Kar»-Form, zu der auch kleine Gletscher solche Nischen und oberste Talschlüsse ausgestalten, oder auf Grund der Gletscherschliffe und Moränenablagerungen, die sie hinterlassen.
Am Camoghè hat denn auch in der Tat der Basler Geologe A. Spicher ( Schweizer. Min. und Petr. Mitt. 20, 1940, S. 94/95 ) ehemalige Lokalgletscher nachgewiesen. An der Nordseite des Berges liegen deutliche kleine Kare, in einem ein durch Moränenschutt gestautes Seelein ( bei 1670 m ), von der oberen Alpe ( 1610 m ) in Val Caneggio zieht ein Ufermoränenwall nach Norden hinab. Ähnliche Spuren fand Spicher südlich vom Camoghè an der Nordseite des Monte Garzirola ( 2115 m ), im obersten Schluss von Val d' Isone; hier folgen in drei Stufen übereinander kleine Karformen mit flachen Böden und steilen Rückhängen, eine unterste breiteste bei 1800 m birgt Moränenwälle mit kleinen Seelein.
Aber auch an dem noch niedrigeren und noch etwas weiter südlich gelegenen Monte Tamaro ( 1967 m ), jenem Berge, der von Bellinzona, Locarno und Lugano aus sichtbar ist, begegnen uns noch die Spuren eiszeitlicher Lokalvergletscherung. Nordöstlich unter dem Gipfel verflacht der steile, schrofige Abhang bei ungefähr 1600 m zu einem sanft geneigten Felsboden — er trägt nach der Karte bezeichnenderweise den Namen Campo —, der vorne mit scharfem Rande unvermittelt in den tieferen Grund der engen, steilhangigen Valle del Trodo abfällt. Dieser Felsboden ist nun, wie man im Tiefblick vom Gipfel aus sieht, schön gletschergeschliffen, mit Rundbuckeln. Ob auch Moränenreste da sind, ist auf die Entfernung nicht sicher zu erkennen. Der Felsboden als solcher ist wohl schon höheren Alters, er dürfte von einem früheren hochgelegenen, seither längst unterschnittenen Hintergrunde des Trodotales herrühren, die oberflächliche Ausgestaltung aber hat er durch einen kleinen Nischengletscher erhalten, der sich hier, begünstigt durch Form und Beschattung, gebildet hatte; er dürfte mit seinem unteren Ende noch über den Rand der Stufe hinabgereicht, die zugehörige Schneegrenze bei etwa 1600 m gelegen haben.
Nach den anderen Seiten hin dacht der Monte Tamaro ohne glaziale Merkmale steil bis in die Tiefen der angrenzenden Täler ab: Val di Vira ( gegen Locarno ), Val Vedesca ( Indemini ), Valle Cusello ( zum Vedeggiotal bei Sigirino ).
Südlich des Tamari: erhebt sich der Gebirgskamm nach breiter, flacher Einsenkung ( 1800 m ) wieder zum Monte Gradicioli ( 1939 m ), einer sonst kaum bekannten Erhebung am nördlichsten Scheitel des Malcantone ( Magliasina ). Vom Monte Gradicioli steigt eine Nordost gerichtete breite Hangmulde in den Hintergrund des Cusellotales ab. Der Muldenhang ist zuoberst steil, etwas schrofig und führt dann sanfter zu einem quer durch die ganze Breite der Mulde ziehenden Verflachungsstreifen bei rund 1500 m hinab. Hier stehen die Hütten der Alpen Pozzo ( SE, 1497 m ) und Canigioli ( NW, 1497 m ). Der flache Streifen führt mit leicht bewegter Oberseite 20-50 m weit vor, dann setzt wieder unvermittelt weiterer Abfall zur Alpe Cusello ( 1346 m; Forsthaus für das Banngebiet der Luganer Trinkwasserleitung, die von hier ausgeht ) ein.
Aus dem breiten Muldenhang nun tritt bei etwa 1650 m unvermittelt ein kleiner medianer Schuttabsatz vor, mit flacher, blockumsäumtei Oberseite und halbrunder, scliarfumgrenzter Stirnböschung, der nicht besser als im Sinne der frontalen Scliuttansammlung eines kleinen Firn- oder Gletscherlappens vom Monte Gradicioli gedeutet werden kann, aus der Zeit, da die Schneegrenze hier, örtlich, bei etwa 1800 m lag.
Auch der flache Streifen bei den Alpen Pozzo und Canigioli, um 1500 m, liegt ganz in Schutt und lässt sich besser denn lediglich als Bergrutsch- bildung — wie wohl R. Baechlin me ( Schweiz. Min. u. Petr. Mitt. 17, 1937unter Zuhilfenahme eines grösseren Muldenfirns oder -gletschers erklären, der hier mit breiter Stirn geendigt und dessen Schmelzwasser den Schutt so flach ausgebreitet hätten — dafür wäre eine Schneegrenzlage bei etwa 1600-1700 m erforderlich1.
Der Muldengletscher am Monte Gradicioli ist der südlichste bis jetzt bekannte bodenständige oder « Lokal»-Gletscher der Eiszeit im Tessin; er lag bei rund 46° 6'N .Am Monte Generoso ( 1703 m ), dem letzten Berge, der über die eiszeitliche Schneegrenze aufgeragt haben dürfte, fehlen sowohl auf der Schweizer wie auf der italienischen Seite Gletscherspuren.
Der südlichste Schweizer Gletscher von heute, der Glacier des Angroniettes am Grand Golliaz ( 3245 m, rund 45° 52 ' ) im Hintergrunde von Val Ferret, liegt noch — so überraschend das ist — ein Stück südlicher, er bleibt nur um wenige Gradminen en hinter dem südlichsten Punkt der Schweiz überhaupt, bei Chiasso ( Grenzstein Nr. 75 A südlich Pedrinate 45° 49'2 " N ), zurück; so viel macht für den klimatischen Effekt der Höhenunterschied aus. Natürlich war der Golliaz auch zur Eiszeit vergletschert; wenn man aber in den Alpen von « Eiszeitgletschern » spricht, meint man nicht die hoch im Gebirge, sondern jene tief unten in den Tälern.
1 Näheres s. Zeitschrift für Gletscherkunde, Bd. XXVIII, Heft 3/4, 1943.