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Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) versucht alle wirtschaftlichen Aktivitäten eines Landes zu messen. Der bekannteste Teil der VGR ist das Bruttoinlandprodukt, das den Gesamtwert aller Güter und Dienstleistungen erfasst, die innerhalb eines Jahres hergestellt werden.[1] Um eine genaue internationale Vergleichbarkeit zu gewährleisten, richtet sich die VGR – und damit auch das BIP – methodisch nach klar definierten Vorgaben.[2] Aktivitäten, die sich nicht mit einem Marktpreis beziffern lassen, wie etwa die unbezahlte Haushaltsarbeit, fehlen beispielsweise in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Zudem gibt es Aktivitäten wie der Tourismus oder der Umweltschutz, die in der VGR zwar enthalten sind, aber nicht separat ausgewiesen werden.
Um auch diese wirtschaftlichen Realitäten abzubilden, erstellt das Bundesamt für Statistik (BFS) sogenannte Satellitenkonten. Diese befassen sich mit den Bereichen Tourismus, Landwirtschaft, unbezahlte Haushaltsarbeit und Umwelt. Diese werden ebenfalls nach internationalen Standards berechnet.
Grösserer Spielraum
Der konzeptionelle Spielraum ist bei den Satellitenkonten grösser als bei der VGR. So ist es beispielsweise möglich, monetäre mit physischen Grössen zu kombinieren. Weiter sind Kosten-Nutzen-Analysen, Erkenntnisse auf experimenteller Basis und erweiterte Konzepte möglich.
Grundsätzlich kann man zwei Kategorien von Satellitenkonten unterscheiden: Die erste Kategorie umfasst Wirtschaftstätigkeiten wie Tourismus und Landwirtschaft, die in der VGR nicht erschöpfend beschrieben sind. Die zweite Kategorie enthält alternative Konzepte und Klassifikationen. Dies ist etwa bei der unentgeltlichen Arbeit im Haushalt und bei der Umwelt der Fall. Im Folgenden gehen wir auf die Satellitenkonten Tourismus, Haushaltsproduktion und Umwelt näher ein.
Tourismusland Schweiz
Der Tourismus wird in der VGR nicht als eigene Branche aufgeführt, da dieser nachfrageseitig definiert ist und eine Vielzahl von Branchen betrifft: «Touristisch» ist nicht die Produktion oder der Konsum von Gütern oder Dienstleistungen einer bestimmten Wirtschaftsbranche – touristisch ist, was Touristinnen und Touristen nachfragen, egal um welches Gut oder welche Dienstleistung es sich dabei handelt.
Das Satellitenkonto Tourismus stopft diese Lücke, indem es ökonomische Daten zum Tourismus in der Schweiz liefert und Angaben zur touristischen Wertschöpfung, Nachfrage und Beschäftigung macht. Im Jahr 2019 arbeiteten beispielsweise rund 185’000 Personen in der Tourismusbranche (Vollzeitäquivalente). Das entspricht 4,4 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung. Der Tourismus hatte vor der Corona-Pandemie einen Anteil von 2,8 Prozent am BIP und generierte eine Wertschöpfung von über 19 Milliarden Franken.
Aktuell wird das Satellitenkonto Tourismus alle drei Jahre publiziert. Im Herbst 2021 erscheint die nächste Aktualisierung. In den Zwischenjahren werden die jährlichen Indikatoren ebenfalls publiziert, aber nicht als Satellitenkonto berechnet. Das Satellitenkonto soll den politischen Akteuren eine wirtschaftspolitische Entscheidungsgrundlage liefern. Viele andere Länder – darunter die meisten EU-Staaten – verfügen ebenfalls über solche Satellitenkonten. Dies ermöglicht internationale Vergleiche.[3]
Unbezahlte Arbeit
Im Gegensatz zur bezahlten Arbeit sind unbezahlte Tätigkeiten wie Einkaufen, Putzen oder Kinderbetreuung grundsätzlich nicht in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung enthalten. Um hier Abhilfe zu schaffen, schätzt das Satellitenkonto «Haushaltsproduktion» die wirtschaftliche Bedeutung der unbezahlten Arbeit. Im Jahr 2016 betrug die Bruttowertschöpfung der unbezahlten Arbeit in der Schweiz rund 400 Milliarden Franken (siehe Abbildung 1). Dies entspricht in etwa zwei Dritteln des BIP. Zum Vergleich: Die Wertschöpfung der bezahlten Arbeit belief sich damals auf rund 600 Milliarden Franken.
Die Erfassung der unbezahlten Arbeit macht internationale Vergleiche aussagekräftiger, weil der Stellenwert und die wirtschaftliche Signifikanz der unbezahlten Arbeit je nach Gesellschaftsstruktur eines Landes stark variieren können.
Abb. 1: Unbezahlte Arbeit in der Schweiz (2016)
Quelle: BFS; Sake und LES; Marktkostenmethode auf Basis der durchschnittlichen Arbeitskosten / Die Volkswirtschaft
Um Aussagen zur unbezahlten Arbeit der privaten Haushalte zu machen, müssen die Produktionskonzepte der VGR erweitert werden. In der VGR werden üblicherweise alle Ausgaben der privaten Haushalte für Güter und Dienstleistungen als Konsumausgaben erfasst – wobei für diese Güter und Dienstleistungen weder Vorleistungen noch Investitionen oder Abschreibungen existieren. Im Satellitenkonto Haushaltsproduktion verändert sich hingegen der Status einer Person, die einer unbezahlten Haushaltstätigkeit nachgeht, von «Konsument» zu «Nichtmarktproduzent».
Entsprechend zählen Ausgaben für Güter oder Dienstleistungen, die in der Haushaltsproduktion eingesetzt werden, nun – statt als Konsumausgaben – als Vorleistungen (zum Beispiel Waschmittel) oder Investitionen (zum Beispiel eine Abwaschmaschine). Reine Konsumausgaben (zum Beispiel Socken oder Limonade) rechnet man hingegen weiterhin dem Konsum der privaten Haushalte zu.
Diese Reklassifizierung basiert auf aggregierten Zeitangaben zu 14 verschiedenen unbezahlten Tätigkeiten. Darunter finden sich etwa Tätigkeiten wie Einkaufen, Putzen oder Kinderbetreuung. Die Herausforderung des Satellitenkontos Haushaltsproduktion besteht darin, dem Faktor unbezahlte Arbeit einen monetären Wert beizumessen. Sprich: Es gilt zu eruieren, wie hoch der Entgelt für eine Tätigkeit ausfällt.
Das Satellitenkonto Haushaltsproduktion wird seit 1997 alle drei bis vier Jahre erstellt. Das nächste Satellitenkonto wird voraussichtlich Anfang 2022 für das Jahr 2020 erstellt.
Die Umweltdimension
Die jährlich erstellten «Umwelt-Satellitenkonten» schliesslich ergänzen die VGR um eine ökologische Dimension. Sie setzen sich aus physischen und monetären Konten zusammen. Wie auch die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung liefern die Umweltkonten überwiegend Daten zu den Haushalten und zur Wirtschaft nach Branchen. Methodisch beruhen sie auf dem System of Environmental and Economic Accounts (SEEA) der UNO.[4] Indem sie Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft und Umwelt aufzeigen, helfen sie zu messen, inwieweit die Ziele der grünen Wirtschaft und der nachhaltigen Entwicklung der Agenda 2030 erreicht werden.
Die physischen Umweltkonten liefern beispielsweise Informationen über die Material- und Energieflüsse, die in die Wirtschaft einfliessen und dort zirkulieren. Weiter messen sie die Treibhausgase und Luftschadstoffe sowie den Bestand an stehendem Holz der Wälder. Anhand der physischen Umweltkonten lässt sich etwa berechnen, wie gross der jährliche Materialverbrauch und der Treibhausgas-Fussabruck in der Schweiz sind. Im Jahr 2020 verbrauchte die Schweiz pro Kopf beispielsweise 6,8 Tonnen an inländischen Materialien und 5,6 Tonnen an importierten Materialien. Der durch den Endverbrauch von Gütern und Dienstleistungen verursachte Treibhausgas-Fussabdruck betrug im Jahr 2019 rund 13 Tonnen CO2-Äquivalente pro Kopf, wobei 64 Prozent der Emissionen im Ausland entstanden.
Ausserdem können anhand der physischen Konten die Beiträge verschiedener Faktoren – ökonomische, demografische, technische usw. – auf die Entwicklung der CO2-Emissionen abgeschätzt werden. Schliesslich lässt sich die Kreislauf-Materialnutzungsquote berechnen, also der Anteil der wiederverwerteten Abfälle am gesamten Materialverbrauch. Im Jahr 2019 belief sich diese Quote auf rund 14 Prozent.
Die monetären Konten messen die Wertschöpfung und die Beschäftigung im Umwelt- oder Cleantech-Sektor sowie die umweltbezogenen Ausgaben, Investitionen, Subventionen und Steuern. Sie geben Aufschluss über die Herkunft und die Verwendung der finanziellen Mittel, die die Schweiz für den Umweltschutz und die Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen einsetzt, sowie über die wirtschaftliche Aktivität im Umweltsektor. Im Jahr 2019 betrug die Wertschöpfung dieses Sektors insgesamt 21,2 Milliarden Franken, was 2,9 Prozent des BIP entspricht (siehe Abbildung 2). Die Beschäftigung im Umweltsektor belief sich auf rund 150’000 Vollzeitäquivalente. Mit umweltbezogenen Steuern nahm der Staat 10,1 Milliarden Franken ein. Dies macht 5,1 Prozent aller Einnahmen aus Steuern und Sozialabgaben aus.
Abb. 2: Ausgewählte Umweltkonten-Indikatoren im Vergleich zum BIP (2000–2019)
Quelle: BFS; Umweltgesamtrechnung; VGR / Die Volkswirtschaft
In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) prüft das BFS demnächst die Erstellung einer Ökosystem-Gesamtrechnung. Diese soll beispielsweise Informationen über die wirtschaftliche Bedeutung der von der Gesellschaft genutzten Ökosystemleistungen liefern sowie den Vermögenswert der Ökosysteme schätzen. Damit könnte sie einen Beitrag leisten zur Zielmessung der Strategie Biodiversität Schweiz des Bundesrats.
- Siehe Beitrag von Ronald Indergand und Felicitas Kemeny (Seco) in dieser Ausgabe.
- Eurostat (2014).
- UNO et al. (2008).
- UNO et al. (2014).