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Der glorreiche Augenblick
Jeden Freitag gibts Beethoven: Zu seinem 250. Geburtstag blicken wir wöchentlich auf eines seiner Werke. Heute auf die Kantate «Der glorreiche Augenblick».
Was wohl Beethoven gesagt hätte, als Robert Schuman am 9. Mai 1950 in einer Erklärung die ersten Schritte für ein vereintes Europa formulierte? Der Friede der Welt könne nur durch schöpferische Anstrengungen gewahrt werden, und: «Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung. Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen.» Auch 70 Jahre später haben diese Worte des damaligen französischen Aussenministers ihre Berechtigung. In gewissem Sinne sind sie auch aus den Erfahrungen des frühen 19. Jahrhunderts abgeleitet, als nur die Gemeinschaft vieler Nationen Napoleon und seinen Truppen Einhalt gebieten konnte. Dass der bald folgende, neu ordnende Wiener Kongress nicht die Hoffnungen all jener Menschen erfüllte, die Opfer gebracht hatten, steht auf einem anderen Blatt …
Für die Donaumetropole waren die Jahre 1814/15 eine Zeit der grossen Feste und Vergnügungen, sollten doch die Staatsoberhäupter und ihre Entouragen nicht nur bestens unterhalten werden: Oft wurde der Ballsaal zum Ort der Diplomatie. So viel Herrschaftlichkeit förderte auch das Entstehen von Festkantaten. Doch führen derartige Gelegenheitswerke in der Musikgeschichte ein Schattendasein, wenn sie nicht gar vollständig durch das Raster gefallen sind. Beethoven etwa schuf im Herbst 1814 mit dem Glorreichen Augenblick eine Komposition, die nach dem hochkarätig besetzten Festkonzert am 29. November des Jahres zu seinen Lebzeiten nur noch zweimal erklang. Eine Veröffentlichung kam erst 1835 zustande, dann aber in einer üppigen Prachtausgabe für teures Geld. Zwei Jahre später ersetzte der Verleger das ursprüngliche, situationsbezogene Libretto durch eine allgemeinere Dichtung von Friedrich Rochlitz (Preis der Tonkunst) und wies im Vorwort der Ausgabe explizit darauf hin, dass diese «nicht die geringste Veränderung in der Musik nöthig gemacht» habe.
Beethoven war sich der repräsentativen Funktion seiner Komposition vollauf bewusst. Davon zeugen noch heute die weiträumig angelegten Sätze, das satte Forte des Orchesters und die vielfach nicht von ungefähr an Händel erinnernden Chorpartien. Am ungewöhnlichsten und beeindruckendsten dürfte wohl die Nr. 3 gelungen sein (O Himmel! welch’ Entzücken!), bei der sich zu Solosopran und Chor noch eine Solovioline gesellt. Das Finale nimmt mit Piccolo und effektvoller «Türkischer Musik» einiges aus der späteren Ode an die Freude vorweg, hier allerdings durch den Einsatz eines Kinderchors nochmals erweitert. Beethovens späterer Plan, dem Werk noch eine Ouvertüre voranzustellen, blieb unausgeführt. – Von der Uraufführung berichtet die Leipziger Allgemeine musikalische Zeitung: «Ausser dem allerhöchsten Hof, und sämmtlichen anwesenden Monarchen […] war der Saal zum Erdrücken voll.» Genützt haben all diese Umstände dem Werk nur wenig. Der glorreiche Augenblick ist bis heute ein Geheimtipp geblieben.
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