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Der einsame Hirte...
Hans Peter Wahl hat von einer früheren Skizze diese Stimmung in den Anden gemalt. Der Andenkondor lässt sich nieder, der Hirte bläst die Panflöte, der Geissbock flehmt, eine Geiss zeigt sich von der Seite.
Die drei Punkte im Titel bedeuten, dass der Hirte vielleicht doch nicht so einsam ist.
Das Bild ist ein Kontrast zum heutigen Naturverständnis und Umgang mit der Natur.
von Hans Peter Wahl, CH-8623 Wetzikon ZH, 2017/18
Die Zweigeschlechtlichkeit des Engels darzustellen fiel nicht leicht. Bekanntlich dominierten in vorchristlichen Religionen die maskulinen Elemente, wobei ungeflügelte Jünglinge die Protagonisten bildeten. Erst in den christlichen Traditionen gewann das Mädchenbild oder das von der Frau mit dem Flügelpaar die Oberhand. Ich habe versucht, die männliche Seite des Engels im hageren, flachen Oberkörper und in den grossen, knochigen Händen (sie sollten zudem eine aristokratische Herkunft verdeutlichen) festzuhalten.
Die weibliche Seite des Engels wird vor allem durch die mittelgescheitelte, goldgesträhnte Frisur des Haupthaares und durch den wehmütigen Gesichtsausdruck betont, zu diesem Aspekt sollte sodann das markant gedeckelte Augenpaar beitragen, das allerdings im Augenblick von einem Tränenstrom überflutet wurde und daher geschlossen bleibt. Ein unsäglich zarter (und zärtlicher) Zugriff auf die Verkündigungsrolle soll die femininen Wesenszüge dieser Figur nochmals unterstreichen.
Die beiden Charakterbilder des Engels sind höheren Ortes dazu verpflichtet worden, für Freude bei der Verkündigung zu sorgen; sie nehmen ihre Aufgabe ernst. Der männliche Teil des Engels wird, nach den ob der Anteilnahme am späteren Kreuzigungstod Christi vergossenen Tränen, befreit aufatmen und nach der in stolzer und herrschaftlicher Haltung erstatteten Botschaft, sich in den Wind werfen und mit ihm um die Wette laufen. Die mächtigen Flügel werden ihm dabei zu den tollsten Kapriolen verhelfen.
Die weibliche Seite des Engels will dagegen, nachdem der Tränenstrom wegen des schrecklichen Opfertodes, der Christus bevorsteht, versiegt ist, und nachdem sie die Botschaft mit freudiger Bewegung im Herzen vorgetragen hat, auf schnellen Flügeln die künftige Gottesmutter Maria aufsuchen, um ihr in schwerer Stunde schwesterlich mit Rat und Tat nahe zu sein. Man wird das so hilfsbereite, bescheidene Himmelswesen noch manchmal auf einem Meisterwerk "Die heilige Familie" bewundern können (meistens hat sie der Künstler etwas ausserhalb der Familie platziert, aber nach dem Motto "allzeit bereit!" ist sie alleweil zugegen - guck nur genau hin!).
Der Verkündigungsengel ist (noch) kein Seraphim oder Cherubim; er übt nicht einmal die Funktion eines Erzengels aus - er gehört zum "einfachen Flugvolk", das den Menschen Botschaften überbringt. Er stammt auch nicht aus dem höchsten Himmelsadel und schnüffelt daher nicht mit einer langen, pfeilgeraden Nase die himmlischen Lüfte, auch trägt er das Haupthaar nicht fein gekräuselt. Nein, seine Gesichtszüge mit der aufgeworfenen Nase und den wulstigen Lippen wirken moderner: sie könnten diejenigen eines Bauernjungen vor der Pubertät oder diejenigen einer etwas burschikosen Bauernmagd sein. Der Engel weiss um sein Erscheinungsbild und er ist damit zufrieden. Er sehnt sich ja nach den Menschen, er möchte unsere Gefühle und Empfindungen kennen lernen ("...Bis ihre Brust begann zu beben Von Leid und Lust und Liebe schwer Sie regten tastend ihre Glieder, Erlernten eine Menschensprach', Sie liebten, hassten, sangen Lieder Und taten es uns allen nach" (aus "gesponnen und gereimt" von Hans Wahl, 8620 Wetzikon ZH, "Das Märchen vom armen Dichter", S. 10) So etwa muss man sich das Streben der jungen Engel denken. Wir dagegen beneiden die Himmelswesen um ihre Flugkunst und trachten nach ihrer Unsterblichkeit! Die vom "einfachen Flugvolk" sind als sog. "Schutzengel" dazu abkommandiert worden, über die Unversehrtheit unseres Lebens und unseres Leibes zu wachen. Sie tun dies mit wachem Sinn: Wieviele Beinbrüche, Gesichtsverletzungen, Herzinfarkte, ja Todesfälle werden von ihnen täglich verhindert oder wenigstens abgemildert - wieviel an Ungemach oder an schwerem Leid wird uns durch ihr Wirken erspart. Freuen wir uns doch an jedem der luftigen Gesellen, wir, die wir auf der Erde stehend, nicht aufreichen, "nur mit der Eiche oder mit der Rebe (uns) zu vergleichen"!
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Verkündigungsengel
von Tränen übermannt
Originalgrösse 40 x 28 cm
2017/18, Mischtechnik Buntstift, Aquarell, Bleistift, Kugelschreiber