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Tausende von SchweizerInnen fliegen jährlich auf die Malediven, um sich am Strand zu sonnen. Das Land hat sich in eine Konsumgesellschaft verwandelt - und versinkt vielleicht schon bald im Meer.
Für die Malediven war 2008 ein denkwürdiges Jahr. Auf der Inselgruppe vor der Südspitze Indiens gewann im Oktober der 41-jährige Mohammed Nasheed die Wahl zum neuen Präsidenten. Damit drängte er Maumoon Gayyoom, der das Land dreissig Jahre beherrscht hatte, aus dem Amt. Nasheed gilt als Hoffnungsträger. Er ist der erste wirklich demokratisch gewählte Präsident der Malediven.
Mohammed Nasheed, von den meisten Anni genannt, gelang der Sprung ins Präsidentenamt nach einem erstaunlich gelassenen Wahlkampf. Seine Demokratische Partei entstand nach den gewalttätigen Protesten von 2004 und 2005, als Maumoon Gayyoom sich nicht mehr imstande sah, das Verbot von politischen Gruppierungen aufrechtzuerhalten. Gayyoom regierte die 1190 Inseln mit ihren rund 300 000 BewohnerInnen seit 1978 mit harter Faust. RegierungskritikerInnen warf er ins Gefängnis und liess sie auch foltern - Anni Nasheed sass wegen seiner politischen Opposition seit 1989 insgesamt dreizehnmal in Haft.
Wandel am tropischen Horizont
Nachdem Nasheeds Sieg verkündet worden war, versammelten sich Tausende in den Strassen der Hauptstadt Malé, um ausgiebig zu feiern. Der abgewählte Präsident entschuldigte sich für alle Ungerechtigkeiten, die während seiner Amtszeit vorgefallen waren. Doch entgegen den Erwartungen bestand Anni nicht darauf, dass Gayyoom das Land verlasse.
Nach den grossen Feiern hat der neue Präsident nun die dringendsten Probleme an die Hand genommen. Er muss die Korruption bekämpfen, in das marode Gesundheitswesen investieren und die Kommunikation mit den abgelegenen Inseln verbessern. Gleichzeitig hat der bekennende Anhänger des freien Marktes versprochen, die Staatsausgaben zu senken und Staatsbetriebe zu privatisieren. Schliesslich will er auf dem Gelände des heutigen prunkvollen Präsidentenpalastes eine Universität gründen.
Die neue Regierung müsse sich aber auch intensiv mit dem Naturschutz befassen, warnt Ali Rilwan von der Umweltorganisation Bluepeace. Er erinnert daran, wie früher die Fischer die gefangenen Thunfische am Strand im weissen Korallensand ausnahmen. Der Sand war anschliessend blutrot; doch Fische, Vögel und Krebse hätten die Reinigungsarbeiten übernommen, und am nächsten Tag sei der Sand wieder schneeweiss gewesen. «Wir lebten ein einfaches Leben, alles kam vom Meer und ging wieder dorthin zurück.» Doch inzwischen hat sich alles geändert: «Früher tranken wir die Milch direkt aus den Kokosnüssen und warfen die leeren Schalen ins Meer - heute tun wir dasselbe mit Pet-Flaschen.» Die Strände vieler Inseln, die nicht in Ferienresorts umgewandelt wurden, sind heute mit angeschwemmten Flaschen, Büchsen und abgetragenen Schuhen übersät.
«Der Tourismus wächst zu schnell»
Wer von der Hauptstadt aus ins Meer hinausschaut, erkennt eine schwarze Wolke am Horizont. Es ist kein Vulkanausbruch und auch kein aufziehendes Gewitter, sondern der Rauch der Abfallverbrennungsanlagen von Thilafushi, einer künstlichen Müll- und Industrieinsel. Dort werden Tonnen von Abfällen verbrannt, darunter auch asbesthaltige Materialen und alte Batterien. Der grösste Teil des Abfalls von den Ferieninseln wird jedoch in Mülldeponien abgeladen. Giftige Schwermetalle gelangen mit der Zeit ins Meer, wo sie von den Strömungen überallhin verteilt werden. «Die Badeorte sind sauber, doch unsere Inseln sind es nicht», sagt Rilwan. «Die Regierung muss in diesem Punkt schnell handeln und nicht nur daran denken, die Wirtschaft anzukurbeln.»
Die Wirtschaft der Malediven hat sich in den letzten Jahren immer mehr auf den Tourismus konzentriert, der die Fischerei als Haupteinnahmequelle abgelöst hat. Angezogen vom tropischen Klima und den Korallenriffen landen jährlich 500 000 TouristInnen am Flughafen von Malé, von wo sie mit Schnellbooten und Kleinflugzeugen auf die Ferieninseln transportiert werden. Die Schweiz rangiert mit rund 27 000 BesucherInnen nach Italien, Britannien und Frankreich bei der Zahl der Gäste an vierter Stelle. Die Anzahl der Ferieninseln ist seit 1978 von 17 auf 87 gestiegen. In derselben Zeit hat sich die Zahl der TouristInnen von 30 000 auf über 680 000 pro Jahr erhöht. Bereits stammen dreissig Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus dem Tourismus. Die Fischerei liegt noch bei achtzehn Prozent. «Der Tourismus wächst zu schnell», sagt Umweltaktivist Ali Rilwan. Ausserdem stammen die meisten Angestellten auf den Tourismusinseln aus dem Ausland, unter den Einheimischen grassiert dagegen die Arbeitslosigkeit.
Künstliche Inseln oder Landkauf?
Der neue Präsident sieht sich einer weiteren Bedrohung gegenüber: dem Anstieg des Meeresspiegels als Folge des Klimawandels. Das ExpertInnengremium der Uno zum Klimawandel (IPCC) geht davon aus, dass der Meeresspiegel bis ins Jahr 2100 zwischen 21 und 70 Zentimeter ansteigen wird. Achtzig Prozent der Malediven-Inseln liegen nicht mehr als einen Meter über dem heutigen Meeresspiegel. Der prognostizierte Anstieg würde weite Teile der Inseln unter Wasser setzen.
Was ist angesichts solch düsterer Zukunftsaussichten zu tun? Der frühere Präsident Gayyoom hatte den Bau der künstlichen Insel Hulhumale lanciert. Bis ins Jahr 2020 sollen rund 60 000 Menschen auf die Insel transferiert werden, die zweieinhalb Meter über dem Meeresspiegel liegt. Bereits heute leben dort 5000 Menschen. Doch die Insel ist vor allem den Reichen vorbehalten. Aishath Velezinee von der Menschenrechtsorganisation Hama Jamiya spricht von einem Beverly Hills im Malediven-Kleid: «Präsident Gayyoom liess viele luxuriöse Villen auf Hulhumale bauen, die er dann privat an die reichen EinwohnerInnen der Hauptstadt Malé weiterverkaufte.»
Velezinee hat den Wahlkampf von Anni tatkräftig unterstützt. Sie war Redaktorin eines unabhängigen Magazins, das Gayyoom 2003 schliessen liess. Auf die Zukunft ihres Landes angesprochen, gibt sie sich jedoch auch nach dem Machtwechsel pessimistisch: «Es gibt hier immer mehr religiöse Ängste. Neulich bin ich auf der Strasse angesprochen worden, ich solle einen Schleier tragen.» Zwischen der Gesellschaft und der Regierung bestehe ein immer grösseres Gefälle. «Die Regierung ist so sehr mit der Machtaufteilung beschäftigt, dass sie mit dem Herz der Gesellschaft gar nicht verbunden ist», sagt sie.
Viele kulturelle Werte der Malediven seien zudem verloren gegangen. Das Land habe sich in eine Konsumgesellschaft verwandelt. «Es gibt jetzt Tausende von Motorrädern und Autos, die die engen Strassen unserer Hauptstadt verstopfen. Wir brauchen so was gar nicht. Die Insel Malé ist weniger als zwei Kilometer lang.» Die Luftverschmutzung nehme zu, und es komme zu Verkehrsunfällen. «Es ist noch nicht lange her, als wir alle mit dem Velo fuhren. Heute scheint jeder seinen Wohlstand zur Schau tragen zu müssen.»
Was den Klimawandel betrifft, verkündete der neue Präsident Nasheed einen Plan: «Da wir den Klimawandel nicht stoppen können, müssen wir irgendwo Land kaufen», sagte er kürzlich der britischen Tageszeitung «Guardian». Er sei in Kontakt mit Sri Lanka, Indien und Australien. Die Menschen aus den Malediven könnten einst möglicherweise in diese Länder umsiedeln. «Auch die Israelis haben in Palästina Land gekauft», erklärte er.
Der Umweltschützer Ali Rilwan ist über Nasheeds Plan besorgt. Die grosse Frage sei, ob die Einheimischen, die während mehr als 2000 Jahren in Harmonie mit dem Ozean lebten, ihre Heimat verlassen könnten. Er plädiert für den Bau von vielen kleinen künstlichen Inseln, die über das grosse Gebiet der Malediven verteilt würden. Sie sollten drei Meter über dem Meeresspiegel liegen, und die Gebäude müssten auf Stelzen gebaut werden. Damit wären sie auch vor Springfluten und Stürmen einigermassen sicher. Doch auch das ist ein kostspieliger Plan, bei dem man grosse Mengen an Sand aus anderen Ländern importieren müsste. Wer soll das bezahlen? Rilwan antwortet: «Die internationale Gemeinschaft, vor allem die grossen Luftverschmutzer in den Industriestaaten sind moralisch dazu verpflichtet.»
Die Sicht der Fischer
Derweil haben die Fischer und ihre Familien immer mehr Mühe, sich durch das Leben zu schlagen. Sie leben zumeist auf Atollen, die weit weg von den Badeinseln und der Hauptstadt liegen, und fischen im weiten Indischen Ozean. Gefischt wird nach wie vor im traditionellen Stil mit Schleppangeln - das hält die Fischbestände konstant und schützt die Delfine. Mit dem Klimawandel sind sie jetzt schon konfrontiert: «Das Wetter ist unberechenbarer geworden», meint Kapitän Yussef an Bord seines elf Mann starken Dhoni, wie die Fischerboote hier genannt werden. «Thunfisch zu fangen, wird immer schwieriger», sagt er, während er nach Fischschwärmen Ausschau hält. Die Thunfische würden immer tiefer tauchen und sich immer weiter von den Atollen entfernen. Der Grund dafür liege in der Erwärmung des Ozeans.
Die Einkünfte aus dem Fischfang seien rückläufig: «Letztes Jahr hatten wir einen Negativrekord», sagt Hassan Nasheed, Direktor der neu gegründeten Fischfabrik Horizon Fisheries. Und während er auf den letzten Fang von Yussef schaut, sagt er: «Er ist einer der Erfahrensten in der Gegend, aber was er abliefert, ist weit unter dem Durchschnitt der letzten Jahre.»