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Artikel - Kulturelles Leben
Kulturelles Leben
Mit der romanischen Sprache eng verbunden ist ein reges und vielfältiges kulturelles Leben. Zahlreiche Veranstaltungen sind dem Theater, der Musik, der Literatur, dem Gesang und weiteren Sparten wie dem Film und dem Kabarett gewidmet. Ferner werden in den verschiedenen Regionen noch heute etliche traditionelle Bräuche und Sitten gepflegt.
Seit 1998 verfügt der Kanton Graubünden über ein Kulturförderungsgesetz. In Zusammenhang mit der Förderung des kulturellen Lebens im Kanton ist laut Art. 1 Abs. 2 die sprachliche Vielfalt der verschiedenen Regionen und Bevölkerungsgruppen, folglich auch das Romanische, zu berücksichtigen.
Die ältesten bekannten Sprachdenkmäler in romanischer Sprache aus der Zeit vor dem 15. Jahrhundert sind der sogenannte «Würzburger Schriftversuch» (10. Jahrhundert), die «Einsiedler Interlinearversion» (11./12. Jahrhundert) sowie das «Sprachdenkmal von Müstair» (Fragment eines Gemeinatzungsrechts in der Mundart der Val Müstair aus dem Jahre 1389). Neueren Forschungen zufolge fand das Romanische (Vallader) im 15. und 16. Jahrhundert auch für politische und juristische Schriften Verwendung.
Das Romanische war jedoch während des Mittelalters eine vorwiegend gesprochene Sprache. Erst im Verlauf des 16. Jahrhunderts begann man Texte in romanischer Sprache zu verfassen. Die Hauptgründe liegen in den konfessionellen Auseinandersetzungen im Zuge der Reformation und Gegenreformation sowie mit der politischen Geschichte der Drei Bünde.
Die Übersetzung und der Druck des «Neuen Testaments» durch Jachiam Bifrun (1560) ins Oberengadinische (Puter) und des «Psalters» durch Durich Chiampel (1562) ins Unterengadinische (Vallader) markieren die eigentliche Wende in der Einstellung zur Umgangssprache: Das Wort Gottes war zu wichtig, um nicht auch in der Sprache des Volkes gepredigt und gedruckt zu werden. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden so nicht weniger als vier bündnerromanische Schriftvarianten, in denen während des 17. Jahrhunderts eine reiche religiöse Gebrauchsliteratur beider Konfessionen (prot. und kath.) heranwuchs.
Die beiden engadinischen Schriftvarianten und das surselvische Schriftidiom setzten sich relativ rasch auch ausserhalb religiöser Texte durch (v.a. in Rechtsschriften, später auch in literarischen Texten und in der Schule). Beim Sutsilvan und Surmiran dauerte die Verschriftung etwas länger: Eine eigentliche sutselvische Literatur wurde erst 1916/17 geschaffen; begründet wurde die sutselvische Schriftsprache erst 1943. Ähnliches gilt für das Surmiran: Zwar entstanden bereits im 17. und 18. Jahrhundert einzelne religiöse Schriften in der Sprache des Oberhalbsteins; auch die Schule gab um 1850 Lehrbücher in surmeirischer Sprache heraus; literarische Texte in der lokalen Mundart Mittelbündens wurden aber erst seit Beginn der 1920er Jahre veröffentlicht.
Parallel zum religiösen Schrifttum wurden insbesondere Gerichtsstatuten und Dorfordnungen aus dem Lateinischen und vor allem aus dem Deutschen übersetzt und den bestehenden regionalen Gegebenheiten angepasst. Die «Rechtsquellen» von Andrea Schorta gehören zu den wichtigsten Dokumenten, um die damaligen Lebensformen in den bündnerischen Tälern auch kulturgeschichtlich zu rekonstruieren.
Ein eigentliches Schrifttum in romanischer Sprache entstand erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die zahlreichen Gedichte und Erzählungen, die das Lob der Muttersprache anstimmten, führten zu einer Neuentdeckung der eigenen Lebensart und Tradition. Mythen und Epen zur eigenen Herkunft bildeten gleichsam ein Gegengewicht im damals schon stark spürbaren Schrumpfungsprozess des romanischen Sprachgebietes. Das neue romanische Bewusstsein, welches zur Gründung verschiedener Sprach- und Kulturvereine führte, trug in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in hohem Masse zur Förderung des literarischen Schaffens bei. Wenn auch die meisten der Schreibenden als Verfasser einer Gelegenheitsdichtung zu bezeichnen sind, verdienen viele romanische Autoren durch ihre einfühlsamen Werke Aufmerksamkeit über den Kreis ihrer unmittelbaren Leserschaft hinaus.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ist allmählich eine romanische Literatur entstanden, die vor allem die Krise der eigenen Lebenswelt und den allmählichen Zerfall einer über Jahrhunderte gewachsenen Kultur thematisiert. Verschiedene Autorinnen und Autoren haben es verstanden, die einheimische Literatur für die Strömungen der sie umgebenden grossen Kultursprachen zu öffnen.
Die jüngere Autorengeneration verlässt nun mehr und mehr die romanische Wirklichkeit, um sich allgemeingültigen Themen anzunehmen, mit denen unsere moderne Gesellschaft konfrontiert ist. Namhafte zeitgenössische Autoren sind etwa Leo Tuor und Arno Camenisch.
Viele romanische Autorinnen und Autoren bedienen sich zeitweise auch des Deutschen, das ihnen den Zugang zu einer grösseren Leserschaft verspricht. Andere lassen ihre Texte zu einem späteren Zeitpunkt ins Deutsche übersetzen. Es gibt auch zahlreiche synoptische Bücher mit romanischen und deutschen Texten Seite an Seite.
Es gibt zahlreiche Kinderbücher, aber relativ wenige Jugendbücher in romanischer Sprache. Das wohl berühmteste romanische Kinderbuch, das in unzählige Sprachen übersetzt worden ist, ist der «Schellenursli» von Selina Chönz, illustriert von Alois Carigiet. Es erzählt vom Chalandamarz, einem alten Brauch, an dem die Schuljugend des Engadins, Münstertals und Mittelbündens noch heute am 1. März mit Kuhschellen, Knarren und Peitschen durch die Dörfer zieht, um den Winter zu vertreiben.
Originaltexte für Kinder und Jugendliche in romanischer Sprache sind äusserst selten. Meistens werden deutsche Kinder- und Jugendbücher ins Romanische übersetzt.
1946 wurde der romanische Schriftstellerverband gegründet und der Lia Rumantscha angegliedert. Seit 2004 heisst er offiziell Uniun per la Litteratura Rumantscha (ULR). Seit 1990 organisiert der Verband jährlich die romanischen Literaturtage («Dis da litteratura») in Domat/Ems. Sein Publikationsorgan ist die «Litteratura», die in der Regel ein bis zweimal jährlich erscheint. Sie bietet Autorinnen und Autoren eine Plattform für literarische Texte, Übersetzungen, Rezensionen und Kritik.
Ein wichtiger Schritt für die Weiterentwicklung der romanischen Literatur wurde 2010 mit der Gründung der Chasa Editura Rumantscha gemacht. Der Verlag bietet professionelle Dienstleistungen rund um die Herausgabe von literarischen Werken mit dem Ziel, die kleine, aber lebhafte romanische Literaturszene sichtbarer zu machen. Das Editionsprogram umfasst neben romanischer Belletristik auch Bücher für Kinder und Jugendliche.
Das Schweizer Literaturarchiv in Bern sammelt in den vier Landessprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Romanisch Dokumente sowie Materialien zur Literatur, die einen Bezug zur Schweiz haben und für wissenschaftliche, literarische oder publizistische Arbeiten und Studien kostenlos benutzt werden können.
Eine umfangreiche Sammlung von romanischen Texten, rund 8000 Seiten verschiedener Gattungen, aus vier Jahrhunderten in allen Idiomen umfasst die Crestomazia Retorumantscha, zusammengestellt von Caspar Decurtins (Erstausgabe 1896-1919). Das Werk ist online zugänglich.
Romanische Literatur und Werke über die romanische Sprache werden vor allem von der Kantonsbibliothek Graubünden und der Lia Rumantscha gesammelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Einer der grössten romanischen Präsenzbestände besitzt das Institut dal Dicziunari Rumantsch Grischun. Hier findet man unzählige Werke rund um die romanische Sprache, Literatur, Folklore und Onomastik sowie Aufnahmen und Abbildungen (vor allem alte Druckerzeugnisse). Weitere Bibliotheken mit romanischen Werken sind die Stadtbibliothek Chur, die Bibliothek der Fundaziun Planta in Samedan und die Klosterbibliothek in Disentis. Dazu kommen die verschiedenen Gemeindebibliotheken.
Die Musik- und Gesangskultur in den romanischen Gebieten Graubündens blickt auf eine lange Tradition zurück. Vor allem die zahlreichen romanischen Chöre in, aber auch ausserhalb des Kantons, spielen seit eh und je eine wichtige Rolle für die kulturelle Identität sowie für die Förderung und den Erhalt der Sprache.
Die romanische Musik reicht vom Volkslied zur traditionellen und modernen Volksmusik, vom Liebeslied zur Intonation von literarischen und kritischen Texten und von der Pop- und Rockmusik bis hin zum Folk, Hip-Hop und Rap oder dem Theaterstück im musikalischen Rahmen.
Für viele, insbesondere für junge Romaninne und Romanen, ist die Musik ein gutes Kommunikationsmittel. Verschiedene Veranstaltungen zeigen, dass die Musik vor allem die jüngere Generation dazu anregt, mit grosser Freude Liedtexte in ihrer eigenen Sprache zu schreiben.
Mit dem Chapella Open Air bei S-Chanf (seit 1981) und dem Open Air Lumnezia in Degen (seit 1985) gibt es auf romanischem Boden zwei sehr bekannte Veranstaltungen für nationale und internationale Pop- und Rockmusik.
1986 wird mit «Cerchel magic» von Gion Antoni Derungs die erste romanische Oper aufgeführt. Weitere Pioniertaten: «Il president da Valdei» (Kammeroper von Robert Grossmann, Uraufführung 1988); «Il semiader» (Oper von Gion Antoni Derungs, 1996); «König Balthasar» (Oper von Gion Antoni Derungs, 1998).
Szene aus der Uraufführung 1986 des «Cerchel magic». © Gion Antoni Derungs
2005 lanciert RTR Radiotelevisiun Svizra Rumantscha Top Pop Rumantsch, eine Serie neuer und aktueller Musikproduktionen mit dem Ziel, die moderne romanischsprachige Musik zu fördern. Bis Ende 2014 sind 37 Lieder produziert worden.
Seit 2006 organisiert die Kulturinstitution Origen jedes Jahr das Origen Festival Cultural (unter der Leitung von Giovanni Netzer). Ziel ist es, neue Formen des Musiktheaters auf professionelle Art und Weise zu fördern und zu inszenieren. Kernpunkt ist die renovierte und im Innern in ein Theater umgewandelte Burg in Riom. Die Festivalverantwortlichen finden jedoch immer neue ungewöhnliche und spektakuläre Orte für ihre Vorführungen. 2013 errichtete man auf dem Staudamm von Marmorera die Arche Noah, eine geeignete Kulisse für die Visualisierung der Sintflut, das Hauptthema dieser Spielzeit.
Seit 2011 begleitet R-tunes ausgewählte romanische Künstlerinnen und Künstler auf ihrem musikalischen Weg und öffnet jungen Talenten Türen. R-tunes ist das erste professionelle Label für zeitgenössische romanische Musik. Die angebotenen Dienste umfassen nebst den administrativen Schritten vom Fund Raising über das Marketing bis hin zum Booking (Künstleragentur) auch die künstlerische Betreuung. Drei bis fünf Tonträger pro Jahr, CD-Taufen und Konzerte verschaffen den Musikern Präsenz und Erfahrung und gestatten Synergien. Erstes Ziel ist, den Künstlern Entwicklungsmöglichkeiten und den Zuhörern gute, romanische Musik zu bieten. Erster Schritt dahin ist, die romanische Musik auf Schweizer Bühnen, in die Rotation der Radiostationen und auf relevante Plattformen wie YouTube zu bringen.
Im Februar 2013 veröffentlichte die Band The Swiss Avengers mit Negatif, Sisma, PDDP, Gimma und DJ Idem – die erste Band, die sich aus Rappern aus allen Sprachregionen der Schweiz zusammensetzt – exklusiv für das 75-jährige Jubiläum des Romanischen als Schweizer Nationalsprache das Lied und Videoclip «Believe» in allen vier Nationalsprachen.
The Swiss Avengers vor der Chasa Rumantscha.
Theater
Das romanische Theater geht auf die historisch-patriotischen, profanen und religiös-moralischen Dramen des 16. und 17. Jahrhunderts zurück. Die meisten biblischen Dramen, an denen oft die ganze Dorfbevölkerung teilnahm, sind einfache Übersetzungen oder Übertragungen aus dem Deutschen oder Lateinischen. Auf katholischer Seite begegnet man biblischen Dramen erst mit den «Passiuns sursilvanas» aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Zu den Passionen gesellten sich im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche Aufführungen von Strafgerichten («Dretgiras nauschas»).
Noch heute wird in allen romanischen Regionen rege Theater gespielt, ein wichtiger Beitrag zur Förderung der Sprache und der kulturellen Identität. Neben zahlreichen Laienformationen ist die professionelle Theaterorganisation «bagat» zu nennen. Auch im Theater Chur werden regelmässig Stücke in romanischer Sprache aufgeführt.
Kabarett
Das romanische Kabarett hat seine Wurzeln in den zwei legendären Programmen «La panaglia» (1951) e «La travaglia dal docter Panaglia» (1954), die aus der Feder der Engadiner Schriftsteller Jon Semadeni, Cla Biert und Men Rauch stammen. Noch heute ist das Kabarett in der romanischen Kulturszene gut vertreten. Ein bekannter Engadiner Repräsentant dieses Genres ist der Musiker und Künstler Flurin Caviezel. Er spielte unter anderem eine Hauptrolle in der Vorstellung «Laina viva» (Theaterwerkstatt Gleis 5), welche die sagenhafte Gründung des Schweizerischen Nationalparks inszeniert.
Die momentan aktivste Gruppe ist DaMa&co (David Flepp, Marcus Brunner und Conradin Klaiss). Die Formation aus der Surselva lässt sich vom Cabaret Rotstift und von Monty Python inspirieren. Im Herbst 2014 präsentiert das Trio bereits sein drittes Programm (YouTup) mit Situationen aus dem Alltag, ironischen Sketches und einer Prise britischem Humor. Als Ausgangspunkt dienen häufig wahre Geschichten und wirkliche Persönlichkeiten, die in einen anderen Kontext gebracht werden.
Film
Die meisten Filme in romanischer Sprache sind Dokumentationen und Porträts. Sie werden vor allem von Radiotelevisiun Svizra Rumantscha und von regionalen Institutionen und Privatpersonen realisiert.
2007 haben verschiedene Regisseure den Verein Cineasts Independents Rumantschs (CIR) gegründet. CIR sieht sich selbst als Lobbyvereinigung und engagiert sich für Produktionsbedingungen, die unabhängige Filme in romanischer Sprache fürs Fernsehen, aber auch fürs Kino, ermöglichen. Der Verein vertritt die Autoren in strategischen und praktischen Fragen und versteht sich als Kommunikationsorgan gegenüber der SRG SSR. CIR will die Qualität des romanischen Films verbessern und ihn auch über die kulturellen und sprachlichen Grenzen hinaus sichtbarer machen.
Das romanische Sprachgebiet ist reich an alten, oft sinnreichen Gebräuchen heidnischer, römischer und altchristlicher Herkunft, die noch heute in den verschiedenen Talschaften gepflegt werden.
Bavania/Buania
Fest der Dorfjugend im Unterengadin und im Vorderrheintal. In Ardez findet noch heute an Bavania der «Bal da la schocca cotschna» (Ball mit dem roten Rock) statt. Am Nachmittag des 6. Januar nehmen die Mädchen die Verlosung ihrer Liebhaber vor. Die Überraschungen sind gross, aber man fügt sich dem Schicksal. Gegen Abend stattet jede ihrem «Liebsten» einen Besuch ab, um ihm das Los bekanntzugeben. Als Symbol der unabdingbaren Gefangenschaft bindet sie dem Burschen ein rotes Band um den Hals. Das verpflichtet ihn, beim Ball am Abend dafür zu sorgen, dass das Mädchen häufig zum Tanzen kommt.
Chalandamarz
Volkstümliches Kinderfest im Engadin, Münstertal, Bergell, Puschlav, Oberhalbstein und Albulatal. Der Brauch wird am 1. März gefeiert. Nach römischem Kalender galt der 1.März (Calendae Martii) als Jahresanfang. An diesem Tag zieht die Schuljugend mit Schellen und Kuhglocken, teilweise mit farbenfrohen Papierblumen geschmückt, durch die Strassen und Gassen und vertreibt mit Frühlingsliedern den Winter. Am Abend findet der Chalandamarz-Ball statt. Der Chalandamarz-Umzug entspricht einem Alpaufzug. Im Dicziunari Rumantsch Grischun wird dieser Brauch der uralten Gruppe der Lärmumzüge zugewiesen, deren ursprünglicher Sinn u.a. auch im Aufwecken der Fruchtbarkeit lag. Die wohl schönste Darstellung dieses Frühlingsfestes der Schuljugend finden wir in Selina Chönzs und Alois Carigiets Kinderbuch «Uorsin» (Schellenursli).
Chargiada und Stgargiada d'alp
Die Chargiada und Stgargiada d'alp – also Alpfahrt und Alpentladung – sind in vielen romanischen Gemeinden ein Highlight des bäuerlichen Brauchtums.
Hom d'strom
Hom d'strom bedeutet Strohmann. Es handelt sich um einen uralten Brauch in Scuol. Am 1. Februarsamstag wird an der Gerichtsstätte des Dorfes ein Strohmann verbrannt. Es ist unklar, ob dieser Brauch die symbolische Vertreibung des Winters bedeutet oder ob er auf den weltweiten Urgebrauch der Sonnenanbetung zurückgeht.
Processiun dals confrars
Mit der Kirche verwurzeltes Brauchtum zu Allerseelen im Oberhalbstein. Die religiösen Bruderschaften wurden noch bis anfangs der 1960er streng gepflegt, treten jedoch heute nur noch in Sur in Erscheinung.
Schlitteda
Die traditionelle Schlittenfahrt ist ein Brauchtum der Engadiner Jugend. Ursprung unbekannt. Vergnügungsfest ohne historischen Hintergrund. Die Burschen spannten an einem Januarsonntag die Pferde vor den Schlitten, um dann mit einem Mädchen von Dorf zu Dorf zu ziehen, zu irgendeiner Gaststätte, wo man es sich bei Speise, Trank und Gesang ein paar Stunden wohl sein liess. Heute nehmen auch verheiratete Paare an der Schlitteda teil, die v.a im Oberengadin zur touristischen Attraktion geworden ist.
Silvester/Bumaun
In Romanischbünden kommen verschiedene Formen von Silvester- und Neujahrsbräuchen vor. Im surmeirischen Tinizong z.B. feiert man eine Art Silvestersingen. Ausgewählte Buben ziehen gegen Mitternacht an Silvester, das Lied «paclanga» (Fasnachtsküchlein) singend, durch das Dorf und sprechen dabei gezielte Wünsche aus. Am Neujahrsmorgen («Bumang») gehen dann die Buben von Haus zu Haus, um die Neujahrswünsche auszusprechen.
Ils Trais Sontgs Retgs
Sternsingen in Salouf und im katholischen Vorderrheintal. Um Epiphanie (6. Januar) ziehen die Sternsinger (Gruppen von Dreikönigen) durch die Dörfer und bringen singend die Weihnachtsbotschaft. In einzelnen Dörfern haben sich die Dreiergruppen zu einer grösseren Schar ausgeweitet, wobei jene von Breil/Brigels in Aufmachung und Gehabe eine der originellsten im ganzen Kanton Graubünden sein dürfte.
Trair schibettas
Das Scheibenschlagen ist vorchristlichen Ursprungs und ein Liebesbrauch, das im surselvischen Danis-Tavanasa und Dardin sowie in Untervaz (Bezirk Landquart) gepflegt wird. Am Abend des ersten Samstags nach Aschermittwoch werden von Knaben und Burschen glühende Holzscheiben zu Tal geschleudert. Während dem Abschleudern wird die Scheibe einem Mädchen gewidmet. Nach Volksbrauch soll der Flug der glühenden Scheibe einiges über das sich anbahnende Liebesverhältnis aussagen.
Tschaiver (Fasnacht)
Vor allem in den katholischen Regionen Romanischbündens. Das Maskeradenlaufen – ein heidnischer Brauch zur Vertreibung des Winters – hat in Domat/Ems besonders Tradition. Der Tscheiver endet hier mit dem «Schmutzigen Donnerstag» und nicht mit dem Aschermittwoch. Seine Höhepunkte sind «margis bel» (schöner Dienstag) und «gievgia grassa» (fetter Donnerstag). Heute hat auch die Emser Fasnacht mehr Allerweltscharakter.