Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03320.jsonl.gz/83

Von Ende April bis Mitte Juli 2016 bekam ich eine Praktikumsstelle auf der Egypt Valley Farm ganz im Süden der Provinz Saskatchewan in Kanada.
Das nächst gelegene Dorf Ceylon liegt 20km von der Farm entfernt, 50 km nördlich von der Grenze zur USA. Aber ausser einer Post, Bank, ca 90 Einwohner und einem Pub gibt es da nichts. Um Lebensmittel einzukaufen, fährt man nach Radville ca 40km entfernt. Erst in Weyburn, nochmals 60km weiter entfernt gibt es alles Weiteres, was man so für Haushalt, Betrieb und Freizeit braucht.
Ich wohnte mit einem kanadischen Arbeiter und dessen Freundin auf einer alten Farm einige Kilometer vom Hauptstandort entfernt. Unser Haus war ziemlich alt, aber es war alles vorhanden, was ich während dieser Zeit benötigte.
Der Süden Saskatchewan war ziemlich trostlos als ich ankam, Feld an Feld, alles noch braun, nur wenige Bäume und Sträucher wachsen dort. Nach der Saat änderte dies jedoch rasch, der Regen liess die bestellten Felder, Wiesen und Weiden schnell spriessen.
Die Farm gehört der Familie Vermeulen, der Senior Boss mit seiner Frau und dessen drei Söhne, die alle verheiratet sind und bereits eigenen Nachwuchs haben. Wie fast alle Farmer hier, sind Vermeulens Einwanderer. Sie sind 1905 von Belgien nach Kanada ausgewandert. Vor 1900 war Saskatchewan praktisch unbesiedelt, die Region war bedeckt mit üppigem Grasland, wo zum Teil Indianer lebten.
Die Farm umfasst ca 6000ha, verteilt an mehreren Orten, die aber 40km voneinander entfernt liegen. Der Durchschnittsbetrieb in der Region bewirtschaftet etwa 800ha. Wie bei uns, die kleinen Betriebe verschwinden die Grossen werden grösser und noch grösser. So kommt es auch, dass die Bevölkerung auf dem Land abnimmt. Viele Farmen sind verlassen und die Einwohnerzahl in den Dörfern sinkt. Junge Leute, die nicht im Landwirtschaftssektor tätig sind, ziehen in die Städte.
Ganz Saskatchewan ist eingeteilt in Quadratmeilen. Eine Quadratmeile ist wiederum geviertelt. So ist eine Parzelle mindestens 0.5 Meilen lang und 0.5 Meilen breit. Alle Strassen verlaufen schnurrgerade von Nord nach Süd, oder schnurrgerade von West nach Ost. Da jede Kreuzung sehr ähnlich aussieht, ist die Gefahr vom verloren gehen gross.
Der Kaufpreis für Land steigt und stetig, jetzt liegt er zwischen 2000$ - 7500$ pro ha, je nach Bodenqualität. Der Pachtzins beträgt 100$ - 200$ pro ha.
Ein Teil der Farm ist ziemlich flach, einige Parzellen sind wiederum hügelig. Es hat viele kleine Tümpel im Land, da es im Süden von Saskatchewan keine fliessenden Gewässer gibt.
Da der Winter viel zu mild und zu trocken war, starteten wir bereits am 26. April mit der Saat, was zwei Wochen früher ist als üblich. Vor der Saat wurden die Felder mit einem Totalherbizid gespritzt.
Drei Case Raupen-Knicklenker (450PS, 535PS & 550PS) zogen zwei Scheibensämaschinen an 21m und eine an 15m Breite.
Der Tankinhalt der beiden grossen Maschinen für das Saatgut und Dünger beträgt 24.7m3. Mit einem Gebläse gelangen der Samen und der Dünger vom Tank in die Verteilköpfe, die sich direkt auf der Sämaschine befinden. 150 Sensoren sind auf der Maschine verteilt und geben dem Chauffeur Informationen über Tankinhalt, Saatmenge und anfällige Verstopfungen in den Schläuchen.
Nach etwa drei Stunden säen ist jeweils der Tank leer, über ein Elevator wird der Tank wieder aufgefüllt. Der Transport von Saatgut und Dünger von der Farm auf das Feld erfolgt mit einem Lastwagen, der fast ununterbrochen unterwegs ist, um die drei Sämaschinen zu befüllen.
An einem durchschnittlichen Tag werden 350ha angesät. Angesät wurden Weizen für Teigwaren, Linsen, Raps und Gelbsenf. In anderen Jahren, wird je nach Marktpreis, anderes Getreide angepflanzt.
Die Linse wächst etwa 15 cm hoch und wird sehr nahe am Boden abgeschnitten, um zu dreschen. Damit keine Steine in den Mähdrescher gelangen, werden die bestellten Felder entsteint und mit einer Flachwalze gewalzt. Je nach Standort der Parzelle sind diese fast steinfrei oder sehr steinig. Mit einem Steinsammler werden alle Steine, die einen grösseren Durchmesser als 10cm haben eingesammelt, die kleineren werden eingewalzt mit einer 15m breiten Flachwalze. Diese “kleine“ Walze wurde von einem Bühler Knicklenker mit 425 PS gezogen.
Alle Traktoren sind mit GPS und mit einem automatischem Lenksystem ausgestattet, die im Sommer auf die Mähdrescher uminstalliert werden.
Der Arbeitstag dauerte von um 7 Uhr bis 22 Uhr, gegessen wurde auf dem Traktor, Zeit hatte man ja genügend. Einmal pro Tag fuhr der hofeigene Dieseltanker allen Fahrzeugen nach um diese zu wieder aufzutanken.
Wir Chauffeure wechselten uns bei den verschiedenen Arbeitsabläufen alle paar Tage ab.
Ende April war es schon über aussergewöhnliche 30 Grad heiss und die Erde nahezu ausgetrocknet. Der Samen im Boden keimte nur knapp. Nach zwei Wochen säen (10. Mai) gab es dann endlich 30mm Regen und wir hatten einige Tage frei. Wenn es regnet wird nicht viel getan, am späteren Nachmittag trifft man sich im Pub, wo sich jeder und jede kennt und geniesst die Geselligkeit, die auf den nie endenden Feldern klanglos untergeht.
Nach drei Tagen konnten wir wieder zurück aufs Feld, sieben Tage später säten wir die letzte Parzelle an.
Schon bald darauf waren zwei selbstfahrende Case – Spritzen im Einsatz. Bei einem 4540 Liter grosser Tank, einem 32 Meter breiten Spritzbalken und einer Fahrgeschwindigkeit von 28km/h dauert ein Spritzdurchgang für allen Parzellen nur vier Tage. Damit die Spritzen nicht für jede Füllung zurück auf die Farm müssen, hatten wir ein Wassertanklastwagen, der von Feld zu Feld fährt. Dieser bezieht das Wasser von einem der vielen Tümpeln in den Feldern.
Nach der der Saat bekam jeder Traktor und jede Sämaschine einen gründlichen Service, was volle 3 Wochen in Anspruch nahm. Der Service erfolgte auf dem Hofplatz, eine Maschinenhalle in dieser Grösse besassen wir nicht. Die Arbeitstage verkürzten wir nun auf acht Stunden pro Tag.
Diese warme Jahreszeit geniessen die kanadischen Getreidefarmer um ihren Hobbies nachzugehen, oder mit der Familie in Urlaub zu fahren. Denn ab Ende Juli bis irgendwann im Oktober ist Erntesaison und die Zeit rar für anderweitige Tätigkeiten.
Alles Getreide wird auf den verschiedenen Standorten der Farm in Blechsilos gelagert. Letztes Jahr waren dies ca 12'000 Tonnen! Da es nicht genügend Platz in den Silos hatte, lagerten sie die Ernte in Folie verpackt auf den Feldern ein (ähnlich wie eine Silowurst).
Ein externer Manager probiert zur rechten Zeit das Getreide zu einem möglichst guten Preis zu verkaufen. So wird über das ganze Jahr Getreide abgeführt. Dafür haben Vermeulens ein 8-Achsigen und ein 6-Achsigern Sattelzug mit einer Nutzlast von durchschnittlich 30 Tonnen, das macht etwa 400 Fahrten zur Getreideannahme pro Jahr. Die Sammelstellen befinden sich im Umkreis von 150km, dort wird das Getreide auf die Bahn verladen und an die Küste transportiert. Der grösste Teil der Ernte geht in den Export.
Bis ich die Farm Mitte Juli verliess, standen noch diverse Reparaturen an Maschinen, Getreidesilos und Gebäuden an. Als gelernter Zimmermann war ich gefragt und die Gebäude wieder auf einen halbwegs guten Stand.
Ich hatte einen sehr interessanten Einblick bei einer freundlichen und hilfsbereiten Gastfamilie. In dieser kurzen Zeit hatte ich viel Kontakt mit den Einheimischen, so erfuhr ich viel über die Kultur, das Land und das Leben in der unendlichen Prärie Kanada