Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03545.jsonl.gz/1065

Postpartale Depressionen bei Frauen sind ein bekanntes Phänomen und werden in Spitälern und Geburtskliniken routinemässig geprüft. Bei Männern werden solche Reaktionen weniger berücksichtigt, sie können aber auch eintreten. Aufgrund der wissenschaftlichen Literatur wird davon ausgegangen, dass im Durchschnitt rund 10% der Männer innerhalb eines Jahres nach der Geburt ihrer Kinder eine postpartale Depression entwickeln, wobei das Risiko nicht unmittelbar nach der Geburt, sondern 3 bis 6 Monate nach der Geburt am höchsten ist (Paulson & Bazemore, 2010). Als Risikofaktoren werden Depressionen in der Vorgeschichte, Partnerschaftskonflikte, Depressionen bei der Mutter und eine unbeabsichtigte Schwangerschaft diskutiert; Schlafprobleme nach der Geburt und Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus scheinen auch bedeutsam zu sein (Scarff, 2019).
Wie es in der inzwischen stark biologisch-geprägten Psychiatrie üblich ist, werden als Störungsmechanismen aktuell aber hauptsächlich hormonelle Veränderungen untersucht (Scarff, 2019). Dies mag durchaus ein interessanter und plausibler Untersuchungsgegenstand sein, belastbare Daten gibt es hierzu jedoch noch keine. So konnte auch bei Frauen noch kein klarer Zusammenhang zwischen Hormonveränderungen und Depressionen nachgewiesen werden, weder im Kontext der Geburt (Yim et al., 2015) noch im Kontext der Menopause (Hengartner, 2017). Dies bedeutet nicht, dass Hormone keinen Einfluss auf die Stimmung haben, ein klarer wissenschaftlicher Nachweis, dass Frauen oder Männer mit postpartalen Depressionen andere Hormonwerte haben als Frauen oder Männer ohne postpartale Depressionen, fehlt aber weiterhin.
Eine breitere Sichtweise, welche Depressionen nicht nur auf biologische Prozesse reduziert, sondern auch epidemiologische und psychologische Befunde integriert, eröffnet neue Ansätze und Perspektiven. So wurde beispielsweise wiederholt klar nachgewiesen, dass partnerschaftliche Konflikte, einschneidende Veränderungen in den Lebensrollen und im Funktionsniveau, sowie auch Schlafprobleme bedeutsame Risikofaktoren für das Auftreten einer depressiven Episode darstellen. Dies sind alles Risikofaktoren, von welchen Väter mit postpartalen Depressionen auch betroffen sind. Es ist darum naheliegend anzunehmen, dass die postpartale Depression bei Männern weniger auf einen hormonellen Prozess zurückzuführen ist, sondern auf einer Kumulation von psychosozialen Stressoren. Sind individuelle Ressourcen erschöpft (z.B. durch Schlafentzug und veränderte Lebensrollen) und können sich Vater und Mutter aufgrund von Partnerschaftskonflikten nicht gegenseitig unterstützen, so steigt die Gefahr, dass Eltern durch die Herausforderungen (und auch Belastungen) einer Elternschaft überwältigt werden und es zu einer depressiven Reaktion kommt. Es erstaunt darum auch nicht, dass es eine bedeutsame Korrelation zwischen postpartalen Depressionen bei der Mutter und dem Vater gibt (Paulson & Bazemore, 2010). Konkret: Erleidet die Mutter eine postpartale Depression, so erhöht sich das Risiko deutlich, dass der Vater auch eine postpartale Depression entwickelt. Eine solche kann darum auch als eine Belastungsstörung angesehen werden, welche sich mitunter nur schwer von einer depressiven Episode abgrenzen lässt.
Obschon in der psychiatrischen Fachliteratur rasch und womöglich vorschnell als Erstlinienbehandlung zu einer pharmakologischen Therapie mit Antidepressiva geraten wird (siehe Scarff, 2019), legen die zugrundeliegenden psychosozialen Ursachen (Partnerschaftskonflikte, Schlafprobleme, Rollenveränderungen) eher eine psychotherapeutische Behandlung nahe. Neben der psychotherapeutischen individuell zugeschnittenen Depressionsbehandlung ist es hierbei aber unerlässlich auch die Kindsmutter in die Therapie miteinzubeziehen um dem ganzen System gerecht zu werden.
Literatur
Hengartner MP. Subtle scientific fallacies undermine the validity of neuroendocrinological research: Do not draw premature conclusions on the role of female sex hormones. Frontiers in Behavioral Neuroscience, 2017;11:3.
Paulson JF, Bazemore SD. Prenatal and postpartum depression in fathers and its association with maternal depression. JAMA, 2010;303:1961-1969.
Scarff JR. Postpartum depression in men. Innovations in Clinical Neuroscience, 2019;16:11-14.
Yim IS, Tanner Stapleton LR, Guardino CM, Hahn-Holbrook J, Dunkel Schetter C. Biological and psychosocial predictors of postpartum depression: Systematic review and call for integration. Annual Review of Clinical Psychology, 2015;11:99-137.
lic. phil. Sandrine Lehmann