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Krankenhausstrasse 1
Das Zeitalter der Pferde und der Schmiede
Diese Schmiede wurde 1937 als Ersatz für die Obere Schmitte an der Schloss-Strasse 24 gebaut. Der Wohnteil zeigt barockisierende Heimatstilformen, mit Ründi, einer hölzernen Laube auf Holzsäulen und einer Eingangstür unter einem Vordach. Im Kontrast dazu ist die Werkstatt mit den grossflächigen Fensteröﬀungen rein funktionell gestaltet. Dieser Gewerbebau ist bis ins Detail weitgehend original erhalten.
Das Reiten ist heute ein beliebtes Hobby, auch in Oberdiessbach. Das zeigt der gut genutzte Reitstall Bürki an der Schloss-Strasse 56. Die letzten Pferde, die in der hiesigen Schmitte beschlagen wurden, waren im Jahr 2001 die Ponys des Sozialvorstehers. In früheren Zeiten wurden die Pferde vor allem als Unterstützung bei der Arbeit auf dem Felde und beim Transport eingesetzt. In unserm Dorf gab es deshalb mehrere Schmitten, die vom Zeitalter des Pferdes und seinem damaligen Umfeld geprägt waren. Vermutlich seit der 1. Hälfte des 16. Jh. stand an der Burgdorfstrasse 3 die untere Schmitte (gegenüber dem Buume-Hus), zusammen mit einem Waschhaus und einem Brunnen. Hier «löschte» Huf-und Wagenschmied Gottlieb Glaus in den 1940er Jahren die glühenden Werkstücke und trug im Kessel das dort benötigte Wasser in die Werkstatt. In seinem Haus gab es noch kein fliessendes Wasser. Schmiede und Waschhaus wurden 1959 zugunsten einer Bank abgerissen. Die obere Schmiede an der Schloss-Strasse 24 wurde etwa 1740 gebaut und blieb bis 1994 im Originalzustand erhalten. Bis zum Neubau an der Krankenhausstrasse 1 arbeiteten hier 28 Berufsleute an 6 Blasebälgen. Die Nägel wurden noch anfangs des 20. Jh. von Hand geschmiedet – natürlich vor allem für den Hausbau, der ja lange vorwiegend mit Holz bewerkstelligt wurde. Der Bedarf war hoch. Im Dorf gab es deshalb mehrere Nagelschmieden.
Der Neubau an der Krankenhausstrasse 1 wurde 1937 vollendet. Der heutige Inhaber, Urs Schneiter, trat im Alter von 28 Jahren in den Betrieb seines Onkels Paul Kupferschmied ein. In den besten Zeiten hatte die Firma 4 Mitarbeiter. Hier wurden Schmiede-und Schlosserarbeiten gefertigt: Geländer, Leitern, Metalltreppen, Falltüren, Schiebetore, Fenstergitter u.a. Urs Schneiter konnte den Betrieb erst mit 57 Jahren übernehmen. Zu spät, um grosse Investitionen zu tätigen. Das hat den Vorteil, dass vieles bis heute im Original vorhanden ist. Heute ist die Schmitte zu einer Art Repair Café geworden, einfach ohne Kaﬀee: Hier können Private vorbeikommen, um Kaputtes zu flicken – mit oder ohne Hilfe des Meisters.
Auf eine weitere Schmitte stossen wir im Büchsenschmiedgraben. Im Anbau des dortigen Bauernhauses gab es ab etwa 1830 eine Schmiedewerkstatt, in der Gewehre hergestellt und repariert wurden. Johann Lehmann-Vogel (gest. 1912) war der letzte Büchsenschmied im Dorf.
Eng verbunden mit dem Pferdezeitalter ist auch der Beruf des Wagners. Er stellte Räder, Wagen, Sattelbäume und andere landwirtschaftliche Geräte aus Holz her. Eine letzte Wagnerei gibt es bis heute an der Schulhausstrasse 9 im Erdgeschoss des Wohnhauses. Sie wird ähnlich wie die hiesige Schmitte nur noch hobbymässig betrieben. Max Nyffenegger führt sie in dritter Generation. Sein Grossvater baute das Haus 1919, sein Vater erweiterte die Wagnerei mit einer Scheune hinter dem Haus. Schon vorher gab es an der Kirchgasse 4b – neben der Bäckerei Vogel – eine Wagnerei. Als Nebenverdienst hielt Wagnermeister Christian Munter (Bild) Geissen. An der Burgdorfstrasse 23 (heute: Fahrradwerkstatt «Lemon Cycles») entstand 1919 eine weitere Wagnerei. Zum Pferdezeitalter gehört aber auch der Beruf des Sattlers. Der Sattlerstock an der Haubenstrasse 2 (beim Bahnhof) wurde 1822 erbaut. Der Bauherr war ein Sattler: Alexander Lehmann. Er wohnte hier mit seiner Familie und betrieb eine Sattlerei, die von zwei Generationen weitergeführt wurde. An der Burgdorfstrasse 14 war im 20. Jh. die Sattlerei Sommer – Werkstatt, Wohnung und Laden – untergebracht. Und an der Thunstrasse 15 die Sattlerei Berchtold. Im Umfeld desSchmiedehandwerks sei auch noch der 1913 zu einer Messerschmitte umgebaute Betrieb an der Schloss-Strasse 7 erwähnt. Unterstützt vom Wasser des Diessbaches, das er per Holzkanal zum Wasserrad führte, fertigte Hans Fischer (1883-1964) hier seine patentierten Küchen-, Rüst-und Gemüsemesser. Die Fabrikation dieser bekannten «Fischer-Messer» wurde etwa 1957 an die Firma Victorinox verkauft. Dort wurden sie dann bis Ende der 1970er Jahre unter dem Namen «Fischer» in rostfreier Qualität hergestellt.
Und wie werden die Pferde heute beschlagen? Beim Reitstall Bürki kommt der Schmied jede Woche einen halben Tag vorbei und bringt die Schmitte gleich selber mit.