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Tomasz Herbut ist ein international gefeierter Pianist. Er galt in frühen Jahren als einer der weltbesten Interpreten von Frédéric Chopin. Seit über 20 Jahren unterrichtet er an der Hochschule der Künste Bern. Wer ist der Mann, der seit vielen Jahren in der Altstadt lebt?
Sie stammen aus Polen, so wie der Komponist Frédéric Chopin. Sie haben sich als Pianist und Pädagoge international einen Namen gemacht. Sie wandeln sozusagen auf den Spuren Chopins.
Chopin war und ist nach wie vor mein permanenter Weggenosse. Natürlich hat das mit meinem Geburtsort zu tun. Ich wurde in der polnischen Stadt Lublin – südöstlich von Warschau – geboren. Hier lebte ich bis zum Abitur. Bevor ich in die Schweiz kam, studierte ich an der Chopin-Universität in Warschau.
Was bedeutet Ihnen Frédéric Chopin, sein musikalisches Schaffen, seine Biografe und Geschichte?
Als ich Anfang der 80er-Jahre begann, in Europa zu konzertieren, spielte Chopin eine zentrale Rolle in meinem Leben als Musiker. Alle wollten, dass ich Chopin spiele!
Sie waren damals der Chopin-Pianist schlechthin.
Ich spielte fast fünfzehn Jahre lang fast nur Chopin, doch mit Ende 30 verspürte ich eine grosse Lust, mich in das Schaffen anderer Komponisten zu vertiefen. Einige Jahre spielte ich keine Werke mehr von Chopin. Ich konnte einfach nicht mehr.
Wenn Sie als Pianist ein Konzert geben, ist das ja ein sehr emotionaler Akt …
Es tönt vielleicht etwas komisch und altmodisch, aber im Konzert gebe ich dem Zuhörer Einblick in meine Seele. Der Zuhörer wiederum ist nichts anderes als ein Voyeur, der Geld dafür bezahlt, damit er in die Seele des Künstlers blicken kann.
Wann haben Sie angefangen, Klavier zu spielen?
Den ersten Klavierunterricht erhielt ich mit sechs Jahren, ein Jahr vor dem Schuleintritt.
Wann spielten Sie zum ersten Mal öffentlich in einem Konzerthaus?
Ich war damals 16. Es war ein Konzert in Ungarn, 1976. Ab 1982 begann ich, auch im westlichen Europa Konzerte zu geben.
Wann kamen Sie nach Bern?
Im September 1989 wurde ich als Professor und Dozent ans damalige Konservatorium für Musik in Bern berufen. Seit 1992 wohne ich auch in Bern.
Seit genau 27 Jahren. Wie lautet Ihre persönliche Bern-Zwischenbilanz?
Es ist eine sehr positive Bilanz! Mit der Berner Musikszene bin ich seit über 30 Jahren stark verbunden. Ich habe in Bern viele Konzerte gegeben: Klavier-, Lieder- und Kammermusikabende, Konzerte mit dem Berner Symphonieorchester, Berner Kammerorchester – im Stadttheater, im Casino, im Paul Klee Zentrum, im Konservatorium.
Was bedeutet Ihnen diese Stadt?
Bern ist heute mein Zuhause. Polen ist meine Heimat.
Was mögen Sie an Bern?
Schönheit und Lebensqualität. Und eine gewisse Lockerheit und Ruhe.
Bern sei eine langsame Stadt, sagen viele Leute.
Genau das mag ich! Ich lebe sehr intensiv und schnell. Bern ist genau das Gegenteil. Das tut mir gut. Der Rhythmus von Bern gibt mir Ruhe und eine gewisse Gelassenheit.
Haben Sie eigentlich den Schweizer Pass?
Ja, schon lange.
Wenn ich mir Ihre Wohnung anschaue, spürt man sofort: Tomasz Herbut ist ein Ästhet, er liebt die Kunst, er hat Stil und Geschmack.
Wohnen bedeutet mir sehr viel. Es ist etwas Privates, Intimes. Hier lade ich meine Batterien auf. Die Wohnung ist mein Rückzugsort.
Darf ich Sie nach Ihrem Alter fragen?
Ich bin 59.
Mit knapp 60 beginnt das letzte Drittel eines Lebens. Machen Sie sich auch Gedanken über die Endlichkeit und Tod?
Natürlich beschäftigt mich das Thema. Ich akzeptiere auch, dass eines Tages alles zu Ende ist. Ich weiss nicht, ob Sie das schreiben wollen: In letzter Zeit spürte ich ein starkes Gefühl der Dankbarkeit und der Demut. Ich wurde mir bewusst, dass ich unglaublich viele Dinge erleben durfte. Menschen, Musik, die Schönheit der Erde…Ich fühle mich privilegiert, dass ich ein so spannendes Leben führen kann.
Keine Angst vor dem Tod?
Ich lebe nicht in Angst, gleichzeitig weiss ich, dass ich eines Tages diese Erde verlassen werde.
Was ist Glück für Sie?
(denkt lange nach) Den Menschen etwas Gutes tun.
Peter C. Moser