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Das Hofhaus und das Verandahaus können als Archetypen und Paradigmen der Architektur bezeichnet werden. Die beiden “komplementären“ Typologien, als Denkmodell verstanden, helfen uns, die gebaute Umwelt aus diesen beiden Grundtypen und Kombinationen sowie Variationen unter ihnen, heraus zu entwickeln im Sinne einer geplanten oder gewachsenen Kombinatorik. Aktuelle Fragen zum Thema der (städtischen) Dichte können vor diesem Hintergrund auf unterschiedlichen Massstabsebenen (S, M, L) vom einzelnen Objekt bis hin zur Stadt plausibel erklärt und in ihren Zusammenhängen verstanden werden.
Das Verandahaus
Das Punkthaus mit Veranda und Garten lässt sich typologisch als extrovertiertes Haus charakterisieren. Aufgrund seiner Orientierung nach aussen bilden sich Fassaden. Die äussere Begrenzung der “Parzelle“ (Grundstück) ist meist offen in Form von Katastergrenzen, oder Gartenmauern und Einfriedungen ausformuliert. Der damit gefasste äussere Umschwung wird zum privaten Garten oder zum halböffentlichen Aussenraum, falls er der Erschliessung des Verandahauses zugehörig ist. Die natürliche Belichtung (Tageslichtnutzung) definiert die maximale Bautiefe und Gebäudedimension eines Verandahauses und legt gleichzeitig der notwendige Abstand zum nächstmöglichen Nachbargebäude fest.
Das Hofhaus
Im Gegensatz zum Verandahaus orientiert sich das Hofhaus nach innen. Die äussere Begrenzung, mit einer geschlossenen Mauerschale definiert, wird nicht zur (äusseren) Fassade. Ein unmittelbares Hinter- und Nebeneinander von Hofhäusern ist möglich, sofern das Primat der Erschliessung eingehalten wird. Der innenliegende Hof ist sehr privat, oder aber halböffentlich, sofern er Teil der Erschliessung wird (Erschliessungshof mit Laubengang). Die Belichtung und Verschattung aus dem täglichen Sonnenlauf abgeleitet, wird massgebend für die Dimensionierung des Innenhofes und die Organisation und Bautiefe der rundumlaufenden Raumschicht. Klimatische Gegebenheiten und die daraus abgeleiteten bauphysikalischen Konsequenzen werden oft prägend für Hofhausbebauungen.
Variationen – Grenzfälle
Unter Aufrechterhaltung der beschriebenen Grundkonditionen lassen sich die beiden Typologien auf verschiedene Arten minimalisieren und variieren. Als Fazit gilt, dass Hofhaus-Variationen immer introvertiert bleiben, auch in ihrer minimalisiertesten Ausführung – dem privaten Patio-Hof mit geschlossener Begrenzung durch Mauern, währendem die minimalisierten Veranda-Typen unter Weglassen der “Veranda“ zu Punkthäusern mutieren, die plötzlich rundherum auf den öffentlichen Raum gerichtet sind!
Wachstumsprozesse – Dichte
Sowohl beim einzelnen Hof- als auch Verandahaus ist eine hohe Dichte per se unmöglich, und es stellt sich bei beiden Typologien die Frage, wie eine Strategie zur urbanen Verdichtung gefunden werden kann. Mit horizontalen Wachstumsprozessen kann bei Hofhäusern auf den ersten Blick eine hohe Dichte erreicht werden, wobei die Entwicklung in die Vertikale unter Beibehaltung der Hofqualitäten mit Schwierigkeiten verbunden ist. Bei den Verandahäusern sind horizontale Entwicklungen aufgrund des notwendigen Umschwungs flächenintensiv und die Entwicklung in die Vertikale bis hin zum Hochhaus mit minimalstem Fussabdruck möglich. Umso wichtiger wird dabei die Frage nach der Qualität der Aussenräume und ihrer Zugehörigkeit zum öffentlichen Raum, wie zum Beispiel städtische Plätze.
Kombinatorik – Umschlagphänomene
Abhängig von der jeweiligen Betrachtungsebene (S, M, L) und der Kombinatorik kann die Zuordnung der beiden Grundtypologien umschlagen. Einzelne im Objektmassstab S charakteristische Verandahäuser mutieren im Quartiermassstab M zu einem Hoftyp, sofern sie in ihrer Kombinatorik zum Beispiel zu einem Blockrand angeordnet wurden. • Text: Andrea Deplazes, Andreas Kohne
Jahrbuch / Yearbook 2012, Departement Architektur, ETH Zürich (Hg.), Zürich: gta Verlag. ISBN: 978-3-85676-308-4
Ausgewählte Arbeiten von Studierenden sowie Beiträge aus Lehre und Forschung der Architekturschule der ETH Zürich.
© Andreas Kohne