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Buch des Monats Juni 2013
Wenn Sie das «Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen» in die Hand nehmen, müssen Sie die Finger weit spreizen: 7,5cm ist es dick. Und Sie brauchen Muskelkraft: 1,8kg ist es schwer. Und das ist nur der Anfang. Ein Band 2 zu den Wundern der Apostel ist in Vorbereitung. Diese äusseren Faktoren entsprechen dem Inhalt: 68 Wundererzählungen werden darin vorgestellt und analysiert, von der «Heilung per Befehl», die der Logienquelle Q zugeordnet wird bis zur «Wunderbare[n] Befreiung aus dem Grab» aus dem apokryphen Evangelium nach Petrus. Das zeigt schon, dass sich das Kompendium nicht nur auf die kanonischen Wundererzählungen konzentriert, sondern auch die apokryphen Texte einbezieht – 15 apokryphe Texte sind es insgesamt. Dazwischen finden sich die Wundererzählungen aus den kanonischen Evangelien. Zu jedem Textkorpus gibt es einen einführenden Text und eine Übersichtstabelle mit den Paralleltexten. Die Überschriften zu den einzelnen Wundererzählungen sind provozierend, humorvoll und aktualisierend (»Fieberfrei auf dem Weg Jesu» zur Heilung der Schwiegermutter des Petrus nach Mk 1,29-31; «Jenseits der Komfortzone» zum Erscheinen auf dem See nach Mt 14,22-33 oder «Feindliche Übernahme» zu Lk 11,14-23). Neben diesen neuen Titeln werden auch die traditionellen Titel angegeben. Die aktualisierenden Überschriften sind Teil des Konzeptes und verweisen auf eine Grundorientierung des Buches im Umgang mit den Wundererzählungen. Die Frage nach der Historizität der Wunder wird nicht gestellt (»Ist es wirklich so geschehen?»). Der Blick richtet sich in erster Linie auf die Erzählungen von Wundern. «Die Wahrheit dieser Texte muss … zwischen ihrer geschichtlichen Verankerung und ihrer bleibenden und auch gegenwärtigen Bedeutsamkeit gesucht werden» (S. 2). Die Texte werden als «Einladung zum Wundern» verstanden, als Erzählungen, die die Wirklichkeit in Frage stellen, verändern und im Licht Gottes neu erschliessen, als ein «Offenlegen und Offenhalten von Möglichkeiten» (61). Die Wundergeschichten sind «eine Sprachlehre des Glaubens» (49) über die Wirklichkeit Gottes, die «realistische Möglichkeiten der Veränderung in ausweglosen Situationen» (48) bereithält. Sie erzählen davon, dass das, was ist, nicht alles ist und dass die herrschende Wirklichkeit kein Schicksal ist.
Die einzelnen Auslegungen eröffnen dementsprechend verschiedene Deutungshorizonte und laden zum Weiterfragen und Weiterdeuten ein. Sie wollen nicht DIE massgebliche Deutung einer Wundererzählung vorgeben, sondern sinnstiftende Auslegungen zusammenfügen und anbieten. In einer Art formalem roten Faden bietet jede Auslegung die gleichen Elemente: eine eigene Übersetzung, eine sprachlich-narratologische Analyse des Textes, den sozial- und realgeschichtlichen Kontext der Erzählung, den traditions- und religionsgeschichtlichen Hintergrund, die bereits erwähnten Verstehensangebote und Deutungshorizonte, Aspekte der Parallelüberlieferung und der Wirkungsgeschichte und Literatur zum Weiterlesen.
Die einzelnen Auslegungen nach dieser Grundform nehmen den weitaus grössten Teil des Buches ein – 800 von 1000 Seiten. Sie werden ergänzt durch einen ausführlichen Anhang- und Registerteil: eine vollständige Liste der Wundererzählungen nach Quellenbereichen, die Vorstellung der Autorinnen und Autoren (dazu gleich noch mehr), ein Gesamtliteraturverzeichnis von fast 80 Seiten, ein sehr detailliertes Bibelstellenregister von fast 40 Seiten in dem das Alte Testament mehr als 10 Seiten einnimmt!, ein Register der paganen und frühjüdischen und rabbinischen Literatur und der ausserkanonischen christlichen Schriften sowie ein Sachregister.
Den Einzelauslegungen voraus gehen 160 Seiten einführende Texte: Ein Forschungsgeschichtlicher Rückblick und eine Einführung in die «narratologische Wende» in der Bibelwissenschaft und deren Auswirkungen auf das vorliegende Kompendium, die schon erwähnt wurden. Das ist mitunter harte wissenschaftlich-abstrakte Kost und zum Teil eine Inflation von Informationen in Klammern, die den Lesefluss behindern. Es folgt eine Einführung in das Welt- und Menschenbild zur Zeit der Entstehung der neutestamentlichen Wundererzählungen mit einem Blick auf das antike Medizinwesen und Therapieformen sowie auf Krankheitsbilder wie Blindheit oder Aussatz und ihre sozialen Folgen sowie ein ausführliches Kapitel über «Dämonen – Besessenheit – Austreibungsrituale». Schliesslich wird Jesus in diesen Kontext eingeordnet. Die einführenden Texte schliessen mit einer Didaktik der Wundererzählungen für den heutigen Religionsunterricht und einer Homiletik der Wundererzählungen für das heutige Predigen.
Das Kompendium bietet also eine riesige Fülle von Materialien und Anregungen – dem inhaltlichen Pendant zu 7,5cm und 1,8kg.
Die einführenden Artikel und die einzelnen Auslegungen von Wundererzählungen sind von einer ganzen Gruppe von Autorinnen und Autoren erstellt. 65 Namen umfasst das Verzeichnis. Viele davon sind auch aus den Publikationen des Bibelwerks bekannt. Aus Sicht des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks besonders erwähnt seien Robert Vorholt, Luzern, Jörg Frey und Nadine Überschär, Zürich, Markus Lau, Fribourg. Dieses Netzwerk von Menschen und Institutionen «stellt insofern auch ein Beispiel für eine neue Form exegetischer Diskurskultur dar» (S. 2). Das gemeinsame Bemühen um Textauslegung, das in einem intensiven Dialog vor der Publikation zum Ausdruck kommt und das medial unterstützt wird durch die Homepage www.wunderkompendium.de, soll auf die Leserinnen und Leser überspringen. Diesem Anliegen ist voller Erfolg zu wünschen. Das Schweizerische Katholische Bibelwerk unterstützt es nach Kräften.
Peter Zürn
Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen. Band 1: Die Wunder Jesu, hrsg. von Ruben Zimmermann in Zusammenarbeit mit Detlef Dormeyer, Judith Hartenstein, Christian Münch, Enno Edzard Popkes, Uta Poplutz, Gütersloh 2013, 1084 Seiten, ISBN 978-3-579-08120-5, Euro 58, CHF 94.90
Eine weitere Rezension zum Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen: Lesen
Bereits 2007 erschienen ist das Kompendium der Gleichnisse Jesu. Im Band 16 der WerkstattBibel zu den Gleichnissen Jesu haben wir es vorgestellt und beschrieben: Lesen