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Oliviero Toscani: «Ich bin sozusagen im Fotostudio aufgewachsen»
Der ZHdK-Alumnus über seinen Weg zur Fotografie
Der gebürtige Mailänder Oliviero Toscani ist einer der bekanntesten Fotografen. Er prägte unter anderem die Marke Benetton. Seine Reise an die Spitze der zeitgenössischen Werbefotografie begann mit einem Brief. Seine Eltern erhielten ihn 1960 vom Direktor der damaligen Kunstgewerbeschule in Zürich. Ihr Sohn war aufgenommen worden! Bald darauf setzte sich Oliviero Toscani in einen weissen Austin Kombi Richtung Zürich. Am Steuer sass Serge Libiszewski, ein Absolvent der Schule. OLIVIERO TOSCANI erzählt im Folgenden selbst.
Ich stamme aus einer Fotografenfamilie. Unser Brot war die Fotografie und die Fotografie das Brot. Ich bin das, was man als ein Kind der Kunst [Figlio d’arte] bezeichnet, und bin sozusagen im Fotostudio aufgewachsen. Mein Vater Fedele war zuerst Gründer der Agentur Publifoto und später der Rotofoto, der Fotoagentur des «Corriere della Sera».
Als Kind schmeckten meine Hände nach Fixiersalz. Wann immer ich konnte, trieb ich mich in der Dunkelkammer rum.
Meine Schwester Marirosa, elf Jahre älter als ich, war die erste Frau in Italien, die den Beruf des Fotoreporters ausübte. Später gründete sie zusammen mit ihrem Mann Aldo Ballo das bekannte Studio Ballo+Ballo, aus dem viele berühmte Fotografien des Designs und der Architektur stammen. Als Kind schmeckten meine Hände nach Fixiersalz, denn wann immer ich konnte, trieb ich mich in der Dunkelkammer rum.
Das Ende der Improvisation – die Fotografie wird erwachsen
«Um diesen Beruf oder dieses Handwerk auszuüben», sagte mein Vater, «muss man heute eine professionelle Ausbildung haben. Den Beruf des Fotografen kann man nicht mehr improvisieren, man muss ausgebildet sein.» Wir sind im Jahr 1960 und ich war 18 Jahre alt. Dem Gymnasium, das mich sehr langweilte, zog ich das Kino vor.
Aldo Ballo sagte mir eines Tages, dass in der Rinascente [italienisches Luxuskaufhaus], für die er auch arbeitete, ein Fotograf, ein gewisser Serge Libiszewski, arbeite. Aldo, der ein grosser Perfektionist war in allem, was er wollte und machte, war sehr fasziniert von der Methodik, der Professionalität und den Resultaten der Arbeiten Libis’. Er spürte in den Arbeiten von Libis auch eine Grundlage einer Berufsausbildung, die es in Italien nicht gab. Aldo, meine Schwester und viele andere Fotografen mussten Schulen besuchen, die nicht auf die Fotografie ausgerichtet waren. Sie alle sind Fotografen geworden, indem sie am Liceo Artistico oder an der Accademia di Brera studierten, was bereits etwas anderes war als die Ausbildung meines Vaters, der als Autodidakt ein Pionier der italienischen Fotografie war.
Fernziel Vorkurs in Zürich
«Libis hat eine Schule für Fotografie in Zürich besucht, die Kunstgewerbeschule», sagte mir Aldo, «warum besuchen wir ihn nicht, um uns zu informieren?» Nach so vielen Jahren, eigentlich einem halben Jahrhundert, erinnere ich mich bestens an den Tag, an dem wir im sechsten Stock der Rinascente an der Piazza del Duomo ankamen, um das Heiligtum, das Mostro sacro, zu besuchen. Wir gingen durch das grosse Fotostudio, und ganz hinten im Halbschatten sass Libis.
Die Prüfung für die Zulassung zum Vorkurs dauerte drei Tage. Ich musste zeichnen, modellieren, gestalten, komponieren, kolorieren, Töne und Geräusche interpretieren; alles Sachen, die ich noch nie gemacht hatte.
Er inspizierte mich von oben bis unten, und in einem Ton zwischen Verhör und Examen fragte er mich, wie alt ich sei und was ich so machte, um mir dann ganz einfach zu sagen, dass ich mich bei der Schuldirektion in Zürich vorstellen müsse, um eine Zulassung zur Aufnahmeprüfung zum Vorbereitungskurs zu erhalten. Dieser Vorbereitungskurs würde ein Jahr dauern, und das war der berühmte Vorkurs. Mir, der ich «allergisch» auf Prüfungen war, kam das alles etwas kompliziert und schwierig vor, und es wurde mir auch bewusst, dass ich kein Wort Deutsch konnte. Auf jeden Fall ging ich dann nach Zürich mit ein paar Fotografien im Portfolio und stellte mich beim Direktor vor, um die Zulassung zur Aufnahmeprüfung zum Vorkurs zu erhalten.
Ende Februar habe ich dann die Prüfung in Deutsch absolviert. Zum Glück gab es ein paar Studenten – besonders sehr nette Studentinnen –, die mir die Aufgabenstellungen in Französisch oder Italienisch erklären konnten. Die Prüfung dauerte drei Tage. Ich musste zeichnen, modellieren, gestalten, komponieren, kolorieren sowie Töne und Geräusche interpretieren; alles Sachen, die ich in der italienischen Schule noch nie gemacht hatte. Auf dem Heimweg in der Eisenbahn dachte ich, dass diese Schule zu viel für mich sei und dass ich diese Prüfungen nie bestehen würde, weil ich nicht das Talent dazu hätte.
«Egregio Signor Toscani», Ihr Sohn hat bestanden
Als ich mich mit diesem Gedanken abgefunden hatte, weil ich dachte, diese Schule sei zu viel für mich und diese Ausbildung eine Utopie, erreichte uns ein Brief. Absender Kunstgewerbeschule Zürich, adressiert an meinen Vater und in Deutsch verfasst. In unserer Familie konnte niemand Deutsch lesen. So kam mein Vater auf die Idee, wir sollten zur Redaktion des «Corriere della Sera» gehen, um im Übersetzungsbüro Unterstützung zu bekommen. In einem grossen Raum in der Redaktion sassen die Übersetzer an einem langen Tisch. Der Deutschübersetzer begann zu lesen: «Sehr geehrter Herr Toscani, (‹Egregio Signor Toscani›), Wir freuen uns, Ihnen hiermit mitzuteilen, dass Ihr Sohn in die Schule aufgenommen wird … (‹ci rallegriamo di informarla che suo figlio Oliviero è stato accettato ai corsi della scuola …›).» Aus Freude über diese Nachricht machte ich einen Purzelbaum auf dem Tisch der Übersetzer.
Libis erzählte mir während der ganzen Fahrt eine Reihe von Anekdoten, Geschichten, Erinnerungen, erteilte mir Ratschläge und sprach von Einzelheiten der Schule. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir sogar gesungen.
Aus meiner Sicht, wissend um die Qualität meiner Prüfungsarbeiten, musste den Experten der Schule ein Fehler unterlaufen sein. Entweder hatten sie sich in der Zeile geirrt, als sie die Bestätigungen verschickten, oder, was ich für plausibler hielt, die Tatsache, dass ich von Libis, einem der fähigsten Abgänger der Schule, einem grossen Experimentator, präsentiert worden war, hatte das Urteil der Lehrer, die, wie ich herausfand, ehemalige Schulkollegen von ihm waren, beeinflusst. Wie man daraus erkennen kann, kann auch in der protestantischen, rigiden, ethischen und moralistischen Deutschschweiz die Einführung durch eine wichtige Person von grossem Vorteil sein!
Anfang April reiste ich nach Zürich, um meine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule zu beginnen. Wir fuhren im Auto, einem weissen Austin Kombi, und am Steuer sass Serge Libis. Diese Reise bleibt für immer in meiner Erinnerung. Eine Reise meiner zukünftigen Bestimmung entgegen. Libis erzählte mir während der ganzen Fahrt eine Reihe von Anekdoten, Geschichten, Erinnerungen, erteilte mir Ratschläge, sprach von Einzelheiten der Schule oder dem Leben in Zürich. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir sogar gesungen.
Für zwei Nächte konnte ich bei seiner Familie unterkommen, und so habe ich auch seine Mutter kennengelernt, eine sehr nette, aber strenge Dame. Der Vater, ein Mann mit schnellem Schritt und einem aufmerksamen Blick, war ein grosser Illustrator. Er realisierte Illustrationen für Modemagazine, bevor diese mit Fotografien bebildert wurden. Auch der Name Libis wurde vom Vater erfunden und nicht von Sergio.
Zimmersuche und die Mädchen
Mittels Anzeigen in der Zeitung half Libis mir bei der Zimmersuche. So fanden wir eine ältere Dame, verwitwet und pensioniert, die ein Zimmer zu vermieten hatte. Er garantierte dafür dass ich, obwohl ich Italiener war, eine glaubwürdige Person sei (oder zumindest sein könne). 1960 waren wir Italiener nicht das Maximum der Zuverlässigkeit – und vielleicht ist das heute auch noch nicht besser … Das Zimmer kostete 75 Franken und die alte Dame sagte mir gleich, dass es verboten sei, Mädchen im Zimmer zu empfangen.
An der Schule, zum Glück, gab es jedoch viele Mädchen, und sie widerspiegelten den Geist der Klassen, die sie besuchten. Im Vorkurs waren alle fröhlich, naiv, frisch und engagiert mit dem Wunsch, rauszufinden, ob sie wirklich kreative Menschen mit Talent seien. Dann, nach der Prüfung für die verschiedenen Berufsklassen, wurden sie sicherer, und sie interpretierten die Rollen der einzelnen Berufsrichtungen wie richtige und gute Schauspielerinnen.
Die Farben: Schwarz und Weiss und eventuell, wenn es ganz wild wurde, eine Bodoni und ein wenig Rot. Amen.
In der Grafikklasse von Josef Müller-Brockmann waren alle von etwas bleicher Hautfarbe, sie waren eher wortkarg, fast ohne ein Lächeln. Die Musik, die sie hörten, war kühler Jazz wie Ornette Coleman, das Modern Jazz Quartet oder Thelonious Monk. Diese Musik wurde – nicht zu laut – von weissen Braun-Plattenspielern ab Vinylplatten gespielt. Die ganze Klasse war sehr rigoros und kühl, und vielleicht nur in der Dunkelkammer liessen sie sich etwas gehen. Die einzigen Schriften: Haas Helvetica oder Akzidenz Grotesk. Die Farben: Schwarz und Weiss und eventuell, wenn es ganz wild wurde, eine Bodoni und ein wenig Rot. Amen.
Ganz in Kontrast zu den etwas frigiden Mädchen der Grafik standen zum Glück die rosigen und offenen Mädchen der Textilklasse. Sie kreierten wunderschöne, weiche, farbige Teppiche. Sie luden einen ein zur Mittagspause in ihr lichtdurchflutetes Schulzimmer. Ähnlich waren die stilistisch perfekt informierten und nach der letzten Mode gekleideten Mädchen der Modeklasse der schönen und sympathischen Lehrerin Elsie Giauque. Hier habe ich auch die ersten Miniröcke gesehen – oder vielleicht lag es daran, dass alle so lange Beine hatten.
Intellektuell, stark, an morphologischen Formen interessiert waren die Mädchen des Innenausbaus, wie diese Klasse hiess. Sie waren von interessanten, innovativen Ideen geleitet oder den neuen anatomischen Formen von Willy Guhl.
Kinder der 60er-Jahre mit grossen Idealen
In meiner Fotoklasse von Walter Binder waren die Mädchen fröhlich und offen, hatten aber immer eine Rolleiflex um den Hals, was sie etwas distanziert erscheinen liess. Unsere Musik waren die Beatles und die Rolling Stones, ethnische Musik aus Afrika, die Animals und Bob Dylan. Im Gegensatz zur Grafikklasse hatten wir mehr Dunkelkammern, was das Sozialleben förderte.
Wir waren die erste Generation von Frauen und Männern, die miteinander gesprochen haben, um sich zu verstehen.
Alle Mädchen der damaligen Kunstgewerbeschule (was für ein moderner und raffinierter Name) hatten etwas gemeinsam, sie kleideten sich fast ausnahmslos in Schwarz. Sie waren zusammen mit den männlichen Schülern Teil der ersten Generation der sexuellen Revolution, die in diesen Jahren entstand. Bewegungen wie «Free Speech» nahmen ihren Anfang, und wir waren die erste Generation von Frauen und Männern, die miteinander gesprochen haben, um sich zu verstehen. Wir waren Kinder der 60er-Jahre, die erste Generation geprägt durch unabhängige und klare Wertevorstellungen, mit langen Haaren, Rock ’n’ Roll im Blut und grossen Idealen.
Grazie ragazze, grazie ragazzi, grazie Kunstgewerbeschule, ich habe mich ausserordentlich vergnügt!
VON PETER VETTER
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Oliviero Toscani, Sohn des ersten Fotoreporters des «Corriere della Sera», ist 1942 in Mailand geboren und hat von 1961 bis 1965 an der Kunstgewerbeschule Zürich seine Ausbildung absolviert. Er ist bekannt als Kreativer, der berühmte Marken nachhaltig geprägt hat, darunter beispielsweise Esprit, Chanel, Robe di Kappa, Fiorucci, Prénatal, Jesus Jeans sowie Artemide. Als Modefotograf arbeitet er bis heute für Zeitschriften wie «Elle», «Vogue», «Donna», «GQ», «Harper’s Bazaar», «Esquire» und viele weitere. Von 1982 bis 2000 prägte er die Identität, die Kommunikation sowie den Onlineauftritt von United Colors of Benetton und entwickelte Benetton zu einer der wichtigsten Marken der Welt. 1990 schuf und leitete er das wegweisende Magazin «Colors». 1993 folgte die Gründung der Fabrica, eines Entwicklungszentrums für kreative zeitgemässe Kommunikation. 2007 startet Oliviero Toscani mit «Razza Umana» ein Foto- und Videoprojekt über die Morphologie der Menschheit mit dem Anspruch, alle Formen des Ausdrucks, physischen Charakteristiken sowie sozialen und kulturellen Aspekte der Menschen zu dokumentieren. Bis heute hat er an diesem Projekt in mehr als hundert Gemeinden in Italien, Israel, Palästina, Japan und Guatemala gearbeitet. Toscanis Arbeiten sind weltweit ausgestellt worden, und er ist Ehrenmitglied des Comitato Leonardo und der European Academy of Sciences and Arts.
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Serge Libiszewski besuchte den Vorkurs und die Fotofachklasse an der Kunstgewerbeschule in Zürich (1947–1952). Danach arbeitete er bis 1956 als Fotograf im Grafikatelier von Ernst A. Heiniger und Josef Müller-Brockmann in Zürich und wurde Heinigers Nachfolger. Ermuntert durch Max Huber, zog er danach nach Mailand, wo er bis 1961 in der Werbeabteilung des Warenhauses La Rinascente tätig war. 1961 eröffnete er ein eigenes Studio für Mode- und Werbefotografie, das er bis 1995 führte. Er realisierte Werbekampagnen für Bassetti, Alfa Romeo, Kartell, Prénatal, Olivetti und weitere Firmen und arbeitete für zahlreiche Modezeitschriften. Neben seiner Tätigkeit als Fotograf unterrichtete Libiszewski als Stellvertreter von Alfred Willimann an der Kunstgewerbeschule Zürich (1955–1956) und als Dozent am Centro Scolastico per le Industrie Artistiche in Lugano (1977–1981 und 1986–1995). 1995 zog sich Libiszewski auf seinen Bauernhof Ulivi in der Provinz Piacenza zurück. In den folgenden Jahren hielt er noch einige Workshops für angehende Fotografinnen und Fotografen in Lugano.