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Vorwärts zu den Fakten zurück
Für das gepflegte Spiel der Argumente.
Gastkommentar von Eduard Kaeser
Grimms Wörterbuch zitiert unter «Thatsache» einen Text Lessings aus dem Jahre 1778: «das wörtlein ist noch so jung, ich weiss mich der zeit ganz wohl zu erinnern, da es noch in niemands munde war. aber aus wessen munde oder feder es zuerst gekommen, das weiss ich nicht [. . .]. noch weniger weiss ich, wie es gekommen sein mag, dass dieses neue wörtlein ganz wider das gewöhnliche schicksal neuer wörter in kurzer zeit ein so gewaltiges glück gemacht hat; noch, wodurch es eine so allgemeine aufnahme verdient hat, da man in gewissen schriften kein blatt umschlagen kann, ohne auf eine thatsache zu stossen.» Heute müsste Lessing wohl auf ein anderes Wörtlein verweisen, welches das «gewaltige Glück» gemacht hat, zum Wort des Jahres 2016 gekürt worden zu sein.
Fakten und Akteure
Wir wären gut beraten, uns wieder einmal auf das Wort «faktisch» oder «Faktum» zurückzubesinnen .Zumal Fakten eine neuzeitliche Erfindung sind. Es gibt kein vormodernes Wort für «Faktum». Die Griechen sprachen von «dem, was ist» (to hoti); im Lateinischen gibt es die «res», die Sache; die mittelalterlichen Philosophen bevorzugten den Suspens des Konjunktivs und fragten, «ob etwas sein könnte» (an sit). In einer typisch vormodernen Bedeutung des Wortes schwingt – wie in der deutschen «Tatsache» – die Täterschaft mit. «Matter of fact» ist eine Sache der Tat: Täter-Sache. Das «factum» benötigt einen Akteur. Sogar im Pflanzenreich. So beschreibt zum Beispiel ein Autor des 17. Jahrhunderts den Heliotropismus der Sonnenblume als «a thing done», als «matter of fact», wie wenn die Pflanze Subjekt ihrer Hinwendung zur Sonne wäre.
Die moderne Bedeutung des Faktums liegt nicht darin, dass es Täterschaften unterstellt, sondern in seiner Eigenschaft als erkenntnistheoretische Appellationsinstanz, als Zeuge vor dem Tribunal wissenschaftlicher Urteilsbildung. Das war für eine ideologisch und religiös tief zerrüttete Epoche wie das 17. Jahrhundert revolutionär. Man kann diese Funktion als Appellationsinstanz nicht hoch genug einschätzen. Sie hat den modernen experimentellen Forschungsstil ermöglicht. Und zwar ist für die Geschichte des Faktums nicht so sehr das Experiment das herausragende Merkmal, sondern seine Replikation.
Die neuen Naturphilosophen des 17. Jahrhunderts wurden nicht müde zu betonen, dass weder die Autorität alter Gelehrsamkeit noch der isolierte Augenzeugenbericht hinreichen, um eine Behauptung als Faktum zu legitimieren, sondern die Bestätigung durch andere Zeugen. Obwohl Galilei von «verità del fatto» sprach, war sein Fallgesetz kein Faktum, als er darüber im «Dialog» berichtete. Marin Mersenne in Paris versuchte, Galileis Messungen zu wiederholen, scheiterte aber. Grund: Er verwendete andere Masseinheiten als die Elle (braccio); zudem gab es verschiedene Ellen, die Florentinische, die Venezianische und andere. Solange also keine Standardisierung der Einheiten bestand, konnte auch nicht von Fakten gesprochen werden.
Fakten brauchen Standards, Regeln, Kommunikationsformen. In Anlehnung an Wittgensteins Sprachspiel könnte man sagen: Fakten sind die Elemente eines agonalen Spiels, eines Wettkampfs – «Agon» – der Argumente. Wir spielen viele solche Spiele, in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Medien, Alltag; und entsprechend vielfältig sind die Fakten. Es gibt stets «schlagende» Argumente. Gewisse Argumente sind für das Spiel auch unumstösslich, und sie sind es primär, die Fakten begründen und etablieren.
Freiheit der Unterwerfung
Der mathematische Beweis schafft mathematische Fakten. Wir können ihn nicht hintergehen, wenn wir Mathematik betreiben wollen. Wer Kontradiktionen zulässt, gibt das agonale Spiel Mathematik auf, so wie einer das Schachspiel aufgibt, wenn er einem Bauern Schach ansagt. Der empirische «Beweis» schafft empirische Fakten. Seine Regeln sind weniger strikt. Es gibt ein ganzes Spektrum der Konsolidierung von Fakten, vom Augenzeugenbericht über die geschulte Beobachtung, das Interview mit Probanden, das ausgeklügelte Experiment, die Datenbasis statistischer Tests bis zur Computersimulation komplexer Vorgänge. Die Evidenz und damit der «Zwang» der Fakten ist aufgrund der Verfahren nicht gleich stark, und als entsprechend «hart» bzw. «weich» gelten sie.
Wir sprechen von der «normativen Macht des Faktischen», von «Sachzwängen», davon, dass sich gegen Fakten nicht argumentieren lasse. Diese Macht beruht nicht auf irgendeiner mysteriösen Kraft in den Fakten oder Sachen, sondern darauf, dass wir gewisse Regeln und Normen als unumstösslich und «zwingend» akzeptieren. Ich kann einer Regel folgen wollen. Fakten sind wie Institutionen. Es handelt sich bei ihrem Zwang, um es paradox zu formulieren, um die Freiheit, sich zu unterwerfen.
Wie widerspricht man Fakten? Indem man sie als implizite, nicht hinterfragte Elemente eines agonalen Spiels aufdeckt. Sie verbergen sich oft in der Killer-Formel «Fakt ist . . .». Ihr begegnet man, indem man sagt: «Dein Fakt ist im Grunde auch blosse Meinung; du trickst.» Widerspruch zu den Fakten wird also da akut, wo Begründungsdefizite sich als vermeintlich «zwingende» Argumente kaschieren. Deshalb konnte Hannah Arendt vor fünfzig Jahren faktische Wahrheit als Debattenverhinderin und damit als dem politischen Diskurs abträglich zeichnen: «Jede Tatsachenwahrheit [schliesst] jede Debatte [aus], und die Diskussion, der Austausch und Streit der Meinungen macht das eigentliche Wesen allen politischen Lebens aus.»
Es gehört zweifellos zu den Verdiensten postmodernen Denkens (im Besonderen der sogenannten Science Studies), die «Konstruiertheit» von Fakten in den Fokus wissenschaftstheoretischen Interesses gerückt zu haben. Allerdings besteht die Tendenz, im Überschwang des «Dekonstruierens» alle Fakten zu Fetischen zu erklären. Einer der Pioniere der Science Studies, Bruno Latour, lamentierte vor zehn Jahren, dass die Einsicht in die Hergestelltheit von Fakten ihm die «falsche Sorte Verbündeter als Freunde» zugetragen habe: Lobbyisten, Spindoktoren, Ideologen.
Die Wissenschaftsforschung war in aufklärerischer Zuversicht ausgezogen, um die Voreingenommenheiten hinter den Fakten aufzudecken, und nun konstatiert sie irritiert, dass es heute gang und gäbe ist, Voreingenommenheiten dreist als Fakten auszugeben. Fakt ist, was in das Schema meiner Voreingenommenheit passt; was nicht hineinpasst, ist nicht Fakt.
Die Psychologen Troy Campbell und Justin Friesen wiesen 2015, also vor der amerikanischen Präsidentenwahl, in einem Artikel im «Scientific American» auf das Polarisierungsrisiko dieser Losung hin. Riskant dabei ist, dass zugleich das Vertrauen in die wissenschaftliche Vorgehensweise schwindet und nun Horden von selbsterklärten Experten in dieses Vertrauensvakuum einfallen, sich auf allen Gebieten niederlassend, von der Klimatologie bis zur Krebstherapie. Fatalerweise wird der potenzielle Nutzen von Fakten zur Lösung von Problemen irrelevant. Als sich zum Beispiel in den USA herausstellte, dass Impfen nicht mit Autismus korreliert ist, gab es trotzdem Leute, die argumentierten: Selbst wenn kein Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus besteht, so ist es doch mein persönliches Recht zu entscheiden, was gut ist für meine Kinder. Facts suck.
Fakten bedürfen der Pflege
Jeder hat das Recht auf eigene Borniertheit. Selbstverständlich kann man niemanden zu faktenbasierten Meinungen zwingen. Die Macht der Fakten, falsche Meinungen, Vorurteile, Lügen zu entlarven, beruht auf dem agonalen Spiel, das ihnen Bedeutung und Gewicht verleiht. Wir sollten dieses Spiel nicht verlernen.
Im gleichen Atemzug, in dem man das sagt, wird einem bewusst, dass man sich damit eine kulturelle, soziale und politische Aufgabe von epochalem Ausmass aufbürdet. Ich würde nicht zögern, sie mit jener im 17. Jahrhundert zu vergleichen, als das Faktum als Kampfmittel gegen Dogma und Voreingenommenheit entdeckt wurde. Fakten mögen konstruiert sein, aber sie bedürfen besonderer Pflege. Unsere moderne Zivilisiertheit – sollten wir das vielleicht noch nicht bemerkt haben? – steht und fällt mit ihnen.
Eduard Kaeser ist Physiker und promovierter Philosoph. Er ist als Lehrer, freier Publizist und Jazzmusiker tätig. Zuletzt erschienen: «Trost der Langeweile. Die Entdeckung menschlicher Lebensformen in digitalen Welten» (2014).