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Ameisen als Vorbild?
Altruistisches Verhalten für Ameisen überlebenswichtig
Wir befanden uns in einer Tiefebene in Bolivien, als ein Platzregen innert Kürze das Gebiet ungefähr 30cm unter Wasser setzte. Während Stunden konnte das Wasser nicht ablaufen und Tiere, welche unter der Erde lebten, ertranken. Plötzlich sah ich, wie Ameisen aus ihren Erdnestern kamen, sich an den Beinen gegenseitig festklammerten und so ein Floss bildeten. Alle Ameisen stiegen auf dieses lebende Floss. Die «Flossbauer», d.h. die untersten Ameisen, ertranken, die obersten überlebten – nachdem der Wasserstand wieder gesunken war, konnte sich das Volk wieder vermehren. Dank des altruistischen (selbstlosen) Verhaltens der Ameisen konnte das Volk überleben. Liegt die Weiterentwicklung des Menschen eventuell im Altruismus? Schon Karl Marx verglich den Sozialismus einst mit einem Ameisenhaufen: Gemeinsamkeit macht alle stark.
Die bisherigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Formen haben versagt
Die Geschichte zeigt uns, dass sowohl der Kommunismus (Gleichheit und Freiheit auf der Basis von Gemeineigentum und kollektiver Problemlösung) als auch der Kapitalismus (freier Wettbewerb und Streben nach Kapitalbesitz des Einzelnen) wegen des Egoismus des Einzelnen langfristig kaum realistisch sein werden, besonders wenn man die anstehenden Veränderungen berücksichtigt.
Massive Umwälzungen im 21. Jahrhundert
Die schon im 20. Jahrhundert zunehmende Arbeitsteilung brachte es mit sich, dass der einzelne Mensch, würde er auf der «freien Wildbahn» ausgesetzt werden, kaum mehr überlebensf.hig wäre – zu weit hat er sich vom Jäger und Sammler entfernt. Im 21. Jahrhundert wird die Künstliche Intelligenz (KI) diese Entwicklung verschärfen, in dem Computerprogramme basierend auf KI und entsprechenden Algorithmen auch Arbeiten von bestens ausgebildeten Menschen übernehmen werden. Dabei ist es sehr fraglich, ob Weiterbildung im herkömmlichen Sinn hilft. Gegenüber KI ist jedermann unterlegen. Seit Hunderten von Generationen gilt Schach als oberstes Mass der menschlichen Intelligenz. Vor gut zwei Jahren hat jedoch Google mit dem Programm AlphaZero neue Massstäbe gesetzt. Dieses Programm nutzt die neuesten Prinzipien des maschinellen Lernens. Konkret: AlphaZero wurden keinerlei Schacheröffnungen, Spielerfahrungen etc eingegeben, sondern AlphaZero «erlernte» ohne menschliche Hilfe das Schachspiel in nur vier Stunden und wurde durch seine ideenreiche, kreative und fantasiebegabte Software weder von einem Computer (z.B. «Stockfish 8» – kann pro Sekunde 70 Millionen Stellungen berechnen) noch von einem Menschen je geschlagen. In vielen Bereichen werden mit KI unvorstellbare Leistungen erbracht werden, mit denen wir Menschen nicht mithalten können. Bringt hier Weiterbildung im herkömmlichen Sinn überhaupt noch etwas?
Wir müssen uns weiterentwickeln
In den nächsten Jahrzehnten wird sich die Arbeitswelt massiv verändern. Davon werden auch sehr gut ausgebildete Menschen betroffen sein, und oft dürfte selbst intensive Weiterbildung kaum helfen. Damit einher geht die Sinnfrage. Was ist in einer solchen Zukunft der Sinn des Lebens? Woher RESPEKT – FAIRNESS – VERANTWORTUNG April 2020 3 kommen wir, wohin gehen wir, was für eine Aufgabe haben wir? Evolutionsgeschichtlich war der Egoismus für die Weiterentwicklung wichtig. Dieser «Treiber» entfällt vermutlich mit der Zeit und wir sollten uns viel intensiver mit der eigentlichen Sinnfrage auseinandersetzen. Könnte diese Sinnfrage nicht in einer wahren, uneigennützigen Nächstenliebe sein, in dem wir das Gemeinwohl über den Eigennutz stellen? Unsere Tätigkeiten könnten sich verlagern, und anstelle der bisherigen (wegfallenden) Arbeit engagieren wir uns für die Schwächeren im Interesse der Gemeinschaft – ein neuer Lebenssinn könnte entstehen. Neid, Gier, Egoismus .…… würden wegfallen. Die Ameisen brauchten auf ihrem Weg zum Altruismus Millionen von Jahren. Wir Menschen könnten dies schneller schaffen, obwohl der Weg der Erkenntnis steinig ist.
Autoren:
André Mégroz, Insektenspezialist, RG Ostschweiz