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Quynh, was macht die Kunst?
Die umgibt mich. Jeden Tag, immer.
Und konkret, woran arbeitest du gerade?
Momentan bin ich mit einem Stipendium in einem Atelierprogramm in New York und bereite eine neue Videoarbeit vor. «Sweet Noel» heisst sie, basiert auf einem vietnamesischen Weihnachtslied und kombiniert dies szenisch mit einer traurigen Frau inmitten kitschiger amerikanischer Sweet-Sixteen-Dekorationsartikel. Im Februar reise ich dann nach Amsterdam ins Akademieprogramm der Rijksakademie.
Amerika, Europa – geboren bist du in Asien. Und hast einen Schweizer Pass. Das klingt abenteuerlich. Erzähl mal.
Ich wurde 1982 in Nordvietnam geboren. Als ich vier war, floh meine Mutter wegen der damaligen Wirtschaftskrise mit dreissig anderen Menschen in einem Boot nach Hongkong. Die Flucht dauerte 3 Monate und 4 Tage. Mein Vater war bereits vorgegangen, starb aber bald an einer Lungenentzündung. In Hongkong kamen wir in ein Flüchtlingslager, bis uns dann die Schweiz 1990 aufgenommen hat. Dabei hat sicher geholfen, dass meine Tante bereits zuvor hier Aufnahme fand.
Du bist also in der Schweiz aufgewachsen?
Seit meinem achten Lebensjahr. In Bern lebte ich an der Muristrasse 91, in einem Schweizer Ableger der vietnamesischen Community: mit Mutter, Tante, ihrem Mann, dessen Schwester und all ihren Kindern.
Wie muss man sich diese Community vorstellen?
Man verkehrt nur unter Vietnamesen, trifft sich an Veranstaltungen von vietnamesischen Buddhisten oder Katholiken, im «A Chau»-Supermarkt, an Konzerten von vietnamesischen Musikern oder bei der Karaoke. Jedes Wochenende. Zudem gab es jährlich sicher zwei bis drei Hochzeiten und diverse Geburtstagsfeste. Natürlich soll man nur intern heiraten und für Nachwuchs sorgen. Mädchen haben hübsch und gehorsam zu sein – und sollten nicht zu viel reden. Frauen sitzen nicht am selben Tisch wie die Männer, denen man nicht widerspricht, weil sie immer recht haben.
Das klingt nicht gerade nach einem klassischen Künstlerbiotop.
Wenn ich mir es genau überlege, kam ich zur Kunst schon vor Bern, in Hongkong: Weil meine Mutter tagsüber arbeitete, war ich oft alleine. Ich bin dann durch die Stadt, Parks und Wälder gelaufen und habe viel Zeit an Lotusblüten- und Goldfischteichen verbracht. Wenn man so viel Zeit hat, beginnt man die Dinge genauer zu beobachten. All dieses Beobachten hat mich damals sehr nachdenklich gemacht. Seither kann ich gar nicht anders, als immer nachzudenken (lacht).
Nun, nicht jeder scharfe Beobachter wird Künstler?
Das genaue Beobachten ist aber die Basis für gute Kunst. Das habe ich zugegebenermassen erst viel später verstanden. Denn in meiner Berner Jugend war ich familiär stark eingespannt und musste mich um meine Mutter kümmern, da sie oft krank und einsam war. In der ersten Klasse fehlte ich deswegen 127 Stunden und musste sie wiederholen. Ausserhalb der Schule lebte ich ausschliesslich in einer vietnamesischen Parallelwelt.
Dann wurde dein künstlerisches Talent in der Schule entdeckt?
Ja, ich war ein privilegiertes Migrantenkind, wie man das so schön sagt. In der ersten Klasse hat mich die Lehrerin ins «Creaviva» im Kunstmuseum Bern geschickt und auch das Kursgeld dafür bezahlt. Paul Klee wurde so mein erster Künstlerheld. In der dritten Klasse erhielt ich von einer anderen Lehrerin Unterricht in klassischem Gesang. Dass mich so viele Menschen unterstützt und gefördert haben, wurde mir erst nach ein paar Jahren bewusst. Ich habe vieles als selbstverständlich angenommen, die Frage nach der Kunst hat sich mir lange nicht gestellt. Für mich war Zeichnen ein Handwerk, worin ich recht gut war. Mir war anfangs unverständlich, warum man mich dafür bewunderte. Es führte aber dazu, dass ich mich nach der obligatorischen Schulpflicht für eine Grafikausbildung in Biel entschied. Und das nicht zuletzt, weil ich dadurch endlich von Zuhause ausziehen konnte.
Du hattest genug von der Community?
Ich ahnte, dass es da draussen eine andere Welt gibt, und die wollte ich kennenlernen. Mit siebzehn zog ich in meine erste Schweizer WG, erlebte dort so etwas wie einen verspäteten Kulturschock. Als ich mich dann auch noch für eine künstlerische Laufbahn entschied, haben sich viele aus der vietnamesischen Gemeinde von mir abgewandt, denn das Bild des Künstlers ist bei Vietnamesen ein ziemlich schlechtes. Es wird beinahe intuitiv mit Armut und Rebellion verbunden. Mir blieben nur wenige Freunde von damals. Seit ich und meine Arbeit in den Medien sind, stieg aber die Akzeptanz ein wenig.
Herkunft, Identität und kulturelle Verortung haben nicht nur deinen Lebensweg geprägt, sondern sind auch Thema deiner Kunst. Im Kunstmuseum Bern wurde kürzlich dein Video «Karaoke Night» gezeigt. Kannst du daran kurz erklären, wie du arbeitest?
«Karaoke Night» ist eine Antwort auf Bill Violas «Reasons for Knock-ing at an Empty House», bei dem Viola, ein Pionier der Videokunst, sich drei Tage und Nächte ohne soziale Interaktion in einem Raum aufhielt und dies mit einer Überwachungskamera aufzeichnete. Dieses Gefühl der Isolation spüre ich auch oft. Beispielsweise wenn ich mit meinen Freunden Karaoke singen gehe. Karaoke ist nur auf der einen Seite ein aktiver, lustiger Akt, gleichzeitig grenzt man sich auch sehr ab. Im Video sieht man mich alleine in einem Raum eine ganze Nacht lang vietnamesische Liebeslieder singen. Es geht um das Ausharren, Glück und Trauer, die Einsamkeit und die Beschäftigung mit sich selbst. Was voller Inbrunst beginnt, lässt gegen Morgen an Intensität nach. Ich beginne beschwingt mit neuen Popsongs und ende mit einem klagenden Chanson, das von einer Mutter erzählt, die ihren Sohn im Krieg verloren hat.
Karaoke ist ein wiederkehrendes Element in deinem Schaffen. Einmal wirkt es ironisch, dann wieder sehr ernsthaft. Was reizt dich an Karaoke?
Ich bin mit Karaoke aufgewachsen und habe dadurch erst richtig vietnamesisch lesen gelernt, da ich ja nur auf Deutsch unterrichtet wurde. Eigentlich ist Karaoke sehr demokratisch, jeder kann auf die Bühne und das Mikrophon nehmen. Dennoch muss ich manchmal darum kämpfen, da es immer wieder Männer gibt, die sich vordrängeln. Man kennt sich in den Clubs und weiss, wer welches Lied gern singt. Ich schaue gern meinem Onkel zu, wie er voller Leidenschaft immer wieder dasselbe Lied von einem hübschen 16jährigen Mädchen singt. Karaoke macht Erinnerungen sichtbar. Ich sehe sie auf den Gesichtern der Menschen und ich höre sie in ihren Stimmen. Beim Karaoke kann man seinen Emotionen freien Lauf lassen. Darum wird in den Clubs auch so viel geschrien. Was mir beim Karaoke aber auch gefällt, sind die meist billig produzierten Musikvideos, die es jeweils zu den Liedern gibt. Oft sind das für den Song völlig unpassende Bilder, da wird schon mal ein Kriegslied mit Tanzbildern unterlegt.
Mit befreundeten Karaokesängern hast du dann auch die Gruppe «7DONG» aufgebaut. Wie kam es dazu?
Nach dem Karaokevideo wurde ich als Sängerin entdeckt und angefragt, bei der Eröffnung des Berner Bärenparks aufzutreten. Dar-aus entstand über Umwegen «7DONG». Dong ist nicht nur mein Nachname, sondern der Name der vietnamesischen Währung. Das würde dann übersetzt so etwas wie «7 Franken» heissen. Eine kleine Reminiszenz an den US-Rapper «50 Cent» (lacht). Neben den Karaokesängern sind auch noch richtige Musiker aus der Undergroundszene für neue elektronische Musik dabei.
Das blieb also nicht ein einmaliges Kunstprojekt?
Wir haben das sehr ernsthaft zwei Jahre lang gemacht, inklusive CD, Konzerte, Website und Promo. Mein Interesse dabei war, an uns selbst zu studieren, wie in der Ferne asiatische Kultur inszeniert wird. Wir haben nicht nur Songs aus Vietnam gecovert, sondern haben auch versucht, auf allen Ebenen die aktuelle asiatische Popkultur zu imitieren, vom Styling, Look bis zum Videoclip.
Das Video zu «Ngôi Sao Anh Và Em» gefällt mir sehr gut; was für eine Geschichte erzählst du darin?
Es geht um zwei hässliche Mädchen, die davon träumen, mit den coolen Jungs Fussball spielen zu dürfen. Endlich werden sie erwachsen und schön – und dürfen mit ihnen auf einen Spaziergang durch die Berner Altstadt und den Rosengarten von Wittigkofen. Die unsäglich süssliche Geschichte wie auch die Ästhetik entstammen koreanischen Soap Operas, die Drehorte sind aber in Bern. Hier finden der Bruch, die Verschiebung und der Kontextwechsel statt.
Kann man denn mit globalem Mash-up – diesem Vermischen von Zeichen, Formen und Formaten verschiedener Kulturen – im Zeitalter von YouTube und Social Media überhaupt noch gross irritieren?
Wenn es aus der Virtualität wieder in die Realität geholt wird und sich physisch vor dir manifestiert, vielleicht schon. Für einen Auftritt auf der Kunstmesse «Liste» in Basel bin ich noch einen Schritt weiter gegangen und formierte ein zweites Bandprojekt «Drunger u drüber». Da singe ich erstmals Berndeutsch. Eine Band mit asiatischen Gesichtern performt vietnamesische Schlager mit berndeutschen Texten.
Hier stimmt denn auch der Name perfekt: «drunter und drüber» mit all diesen Kulturen…
Ja. Drunger und drüber ist auch ein Zustand. Verwirrtheit und Irritation. Und es geht auch hier um die Frage der eigenen Identität und Verortung. Interessant war zudem, dass das Publikum meinen berndeutschen Gesang teils gar nicht erkannt hat und dachte, wir hätten Chinesisch oder Thailändisch gesungen.
Wer ist dabei dein Zielpublikum – Musik oder Kunst? Und an wem orientierst du dich?
Mein Publikum kommt eher aus der Kunst, auch wenn ich performativ auftrete. Da ich mit keiner Galerie fest zusammenarbeite, sind Künstlerfreunde und Kuratoren die wichtigsten Gesprächspartner. Ich fühle mich oft verloren, wenn ich kein Gegenüber habe, mit dem ich mich austauschen kann. Manchmal ist man als Künstlerin wohl einfach einsam.
Dabei hast du bereits zwei Projekte im Team gemacht. Wäre es denn nicht eine Option, längerfristig im Duo oder in einer Gruppe zu arbeiten? Gerade weil du diesen Austausch suchst?
Das Arbeiten in einer Gruppe würde bedeuten, dass der Ausgangspunkt der Arbeit gemeinsam definiert wird. Da ich sehr biographisch arbeite, kann ich schlecht teilen. Was ich im Austausch suche, ist eine Reflexion meiner Arbeit. Ein «richtiges» Gruppenprojekt würde sich für mich fast wie eine Auftragsarbeit anfühlen und sich mehr auf einer konzeptionell-intellektuellen Ebene als auf einer emotionalen abspielen. Es wären Themen, die ausserhalb von mir selbst stattfinden. So arbeite ich einfach nicht.
Wiederholt tauchen auch die schon erwähnten Soap Operas in deinen Werken auf. Was fasziniert dich daran?
Vor allem die kitschige Ästhetik. Aber auch die immer gleichen Stories. Diese Produktionen werden von Millionen Menschen täglich verfolgt und haben einen enormen Einfluss. Das allein ist schon ein Grund, sich dem Phänomen künstlerisch zu nähern. Es ist auch ein langgehegter Traum, dereinst eine eigene Soap Opera zu kreieren. Das Script liegt schon in meiner Schublade.
Und wie wird diese aussehen?
Die Stück heisst «Sweet Mountain» und ist eine schwärmerische, prototypische Liebesgeschichte, die in einem fiktiven Hotel «Schweizerhof» irgendwo in der Schweiz angesiedelt ist. Heidi muss sich für einen der beiden Zwillinge Philipp oder Bernhard entscheiden. Die Darsteller sind teils Europäer, teils Asiaten. Das Script besteht aus neukombinierten Schlüsselszenen verschiedener asiatischer Soap Operas. Zusammen mit einem Freund versuche ich nun, Geldgeber zu finden.
Das wird wohl nicht ganz einfach werden…
Ich habe deshalb angefangen, kleine Bühnenmodelle zu bauen, in denen sich die Handlung dann abspielt. Die Schauspieler werden dazu vor einem Greenscreen gefilmt und anschliessend in diese Kunstwelt hineinkopiert. Not macht erfinderisch und führt zu kreativen Lösungen. Die Idee dazu kam mir bei meinem letzten Aufenthalt in Vietnam. Ich habe dort ein Photostudio besucht, in dem ein Poster des Neuenburgersees hing. Man konnte sich davor photographieren lassen und es schien dann, als wäre man in der Schweiz gewesen.
Mal abgesehen von der Technik und Ästhetik, welche inhaltlichen Fragen interessieren dich an einer solchen Culture-Clash-Soap?
Ziel ist nicht eine reine Seifenoper, sondern ein Kunstwerk, das sich aus Versatzstücken aus Populär- und Hochkultur, aus Videokunst, Performance und Installation zusammensetzt. Das Endprodukt soll aber nicht nur im Museum stehen, ich möchte es möglichst vielen Menschen zugänglich machen, daher das Video- und Soap-Format. Obschon sich viele andere vor mir am Thema «Kulturunterschiede» abgearbeitet haben, möchte ich meinen Beitrag gegen eingefahrene Exotenbilder leisten. Denn man versucht ja mancherorts immer noch, Kulturen zu trennen und zu unterscheiden. Ich tu dies mit bewusst überspitzten Klischeebildern aus Vietnam und der Schweiz, verschiebe Kontexte, was irritiert und hoffentlich einen Reflexionsprozess in Gang setzt.
Und nun zum Reality Check: Kannst du von Seifenopern und berndeutschen Schlagern leben?
Es ist schwierig. Musik- und Performanceauftritte werfen in der Regel mehr ab als Kunstverkäufe. Bei den Auftritten deckt die Gage weitgehend die Produktion. Es geht dann gerade so auf. Sprich: Man muss diesen Beruf schon gerne machen wollen. Die letzten drei Monate hier in New York waren die ersten, in denen ich mich ausschliesslich nur auf die Kunst konzentrieren konnte. Dank des Stipendiums muss ich erstmals nicht daneben jobben.
Wann und wo können wir das nächste Mal etwas von dir sehen?
Am 22. März singe ich anlässlich der Berner Museumsnacht die ganze Nacht lang Karaoke im Zentrum Paul Klee.
Kann man da auch ein Duett mit dir singen?
(lacht) Das überlasse ich ganz dem Publikum.
Performance:
«Sweet Karaoke» im Zentrum Paul Klee: 22. März 2013, 18.00–2.00 Uhr.
Links:
www.quynhdong.ch
www.museumsnacht-bern.ch
Literatur:
JUICY CONTAMINATED CIRCLE – FROM ART TO LIFE AND BACK. Hg. von Pipilotti Rist und Jacqueline Burckhardt. Zentrum Paul Klee, 2012.