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Wann der dritte Band der WERDENBERGER GESCHICHTE|N erscheinen wird, hängt von der Finanzierung ab. Sicher aber ist: Die Redaktion hat erstklassiges Material auf der Werkbank.
Wie Wind und Wasser die Spuren im Sand in kurzer Zeit beseitigen, so gibt es auch Einflüsse, die auf das soziale Gedächtnis einwirken: das Vergessen! Wie anders könnte es sein, dass ein ganz Grosser der Medizinwissenschaften, der aus der Region Werdenberg stammte, hier kaum mehr bekannt ist? Nicht nur ein universaler Gelehrter war er, ein Pionier und Forscher der Chirurgie und oberster Stabsarzt im Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898, sondern auch ein begnadeter Reiseschriftsteller, den ausgedehnte Reisen sowohl in die Tropen, als auch in die Arktis geführt haben: Nicholas Senn, geboren in Sevelen und im Alter von acht Jahren mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert.
Die Familie hatte sich in Ashford/Wisconsin niedergelassen, wo zahlreiche Auswanderer aus der Ostschweiz damals noch an der Grenze der Zivilisation lebten. Dem jungen Nicholas kam eine sorgfältige Erziehung zuteil. Seiner Begabung entsprechend nahm er das Medizinstudium in Chicago auf und erhielt 1868 das Arztdiplom mit höchster Auszeichnung. In Ashford gründete er eine Praxis und verheiratete sich 1869 mit Aurelia Millhouser. Dem jungen Arzt wurde das Wirkungsfeld jedoch bald zu eng. 1874 übersiedelte er nach Milwaukee.
Zur Erweiterung seiner Kenntnisse in der Wundbehandlung begab er sich 1877/78 nach Europa, das damals den Siegeszug der antiseptischen Chirurgie erlebte, und erwarb sich in München seine zweite Doktorwürde, vorab in Hygiene und in den sterilen Operationsmethoden. Durch dieses zweite Studium wurde er zum Vermittler zwischen der europäischen und der amerikanischen Forschung. In der aufblühenden Industriestadt Chicago wurde Senn als Spitalchirurg beigezogen. Indessen war es bald der Werdenberger, der dort die geistige Führung der Ärzteschaft als Dozent und Schriftsteller übernahm und damit Einfluss auf die Entwicklung der Chirurgie in Amerika gewann.
Mit Energie ging er daran, Tier- und Selbstversuche der Chirurgie dienstbar zu machen. In den Jahren 1884–87 wirkte er am Chicago College of Physicians and Surgeons und wurde zum Generalarzt der Nationalgarde von Illinois ernannt. Die Teilnahme als offizieller Delegierter an internationalen medizinischen Kongressen beweist, wie gross sein Ansehen war. Die grössten Verdienste von Nicholas Senn liegen aber auf dem Gebiet der Bauchmedizin, was ihm bereits 1887 den Titel eines Dr. phil. honoris causa der Universität Chicago einbrachte. 1887/88 war er Vizepräsident der hochangesehenen American Medical Association, der amerikanischen Ärztekammer – 1897/98 stand er ihr gar als deren 49. Präsident vor! Er besass zudem eine der grössten Bibliotheken Amerikas: Durch Kauf hatte er die Büchereien der Ärzte Wilhelm Baum und Emil Dubois Reymond erwerben können.
Der Spanisch-Amerikanische Krieg führte ihn 1898 als Chef des Operationsstabs der Nationalgarde nach Kuba und Puerto Rico. Wegweisend waren seine Beobachtungen über die Erste Hilfe auf dem Schlachtfeld zur Behandlung von Schusswunden. Bekannt dazu ist seine Aussage: «Das Schicksal der Verwundeten liegt in den Händen derer, die den ersten Verband anlegen», womit er auf die Wichtigkeit keimfreier Wundbehandlung hinwies. Senn veranlasste den Kongress zu grundlegenden Änderungen im medizinischen Dienst, der während jenes Kriegs noch weitgehend im gleichen Zustand verblieben war wie während des Sezessionskriegs. Wichtige Leistungen Senns waren die Senkung der Sterblichkeitsrate bei Schusswunden sowie sein Kampf gegen die Gelbfieber-, Malaria-, Dysenterie- und Typhusbazillen durch Prävention und Feldhygiene.
Die Sammlung seiner Schriften aus den Jahren 1866 bis 1908 mit über 300 überzeugenden Veröffentlichungen in der Bibliothek der Universität Chicago umfassen insgesamt 159 Aktenkisten auf rund 15 Laufmetern! Von verschiedenen Biographen wird der gebürtige Werdenberger denn auch als der bedeutendste amerikanische Chirurg seiner Zeit bezeichnet.
Die Biographie von Nicholas Senn wäre unvollständig, ohne seine ausgedehnten Reisen zu erwähnen. Wenn er in Europa weilte, versäumte er es offenbar nie, seine Heimat zu besuchen. Er war beeindruckt vom hohen Niveau der Allgemeinbildung in der Schweiz und insbesondere der Medizinwissenschaften. Weitere Reisen führten ihn durch Russland und Japan. In seinen Reiseberichten aus Tahiti und der Polarregion – hier traf er den umstrittenen amerikanischen Polarforscher Robert Edwin Peary – zeigt er seine grosse Wertschätzung für die Schönheit der Landschaften und das Leben der Menschen. Auf seiner letzten Reise in die Sierras Südamerikas überforderte er aber sein Herz, Ursache für seinen vergleichsweise frühen Tod. Er verstarb am 2. Januar 1908 in Chicago. «Die Welt ist deshalb besser geworden, weil in ihr ein Senn gelebt hat», rief ihm sein ebenso berühmter Kollege Murphy in schönsten Worten nach.
Die Chicago Public Schools ehrten ihn 1913 durch die Namengebung der neuen Northside High School in «Nicholas Senn High School». In seiner zweiten Heimat hat der grosse Arzt hohe Ehren erfahren dürfen und sein Name lebt dort weiter. Beschämen muss uns jedoch, dass Nicholas Senn in seiner alten Heimat aus dem Gedächtnis verschwunden ist: Weder ein Strassenzug, noch ein Gedenkstein erinnert an diesen grossen Werdenberger – höchste Zeit, ihn in einer kommenden Ausgabe der WERDENBERGER GESCHICHTE|N gebührend zu würdigen!
HG/HJR