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Théodore Agrippa d’Aubigné war ein glühender Kalvinist und Kampfgefährte des französischen Königs Heinrich IV. Er zeigte literarisches Talent und setzte es ein im Dienst seiner politisch-religiösen Überzeugungen. Kalvinisten waren die Protestanten in Frankreich, die den Lehren des französischen Reformators Jean Calvin folgten und auch Hugenotten hiessen. Die Schriften des Dichters wurden in Paris verbrannt, er selbst war mehrmals verurteilt worden. Seine gedruckten Werke fanden später Eingang in die französische Literaturgeschichte und machten ihn zu einem bedeutend Poeten jener Zeit.
Heute wird d’Aubigné als Ingenieur bezeichnet, weil ihn die Städte Genf, Bern und Basel zu ihren Befestigungen konsultiert hatten. Zu den „Ingénieurs du roi“ von Heinrich IV. oder Louis XIII. zählte er aber nicht. Seine fachliche Kompetenz schöpfte er aus seiner persönlichen Kriegserfahrung bei Belagerungen während der Hugenottenkriege im 16. Jahrhundert, mehrheitlich als Belagerer, selten als Belagerter. Dies hatte ihm ein hohes Ansehen verschafft und überzeugen konnte er dank seiner Schlagfertigkeit. Wie kam es, dass er als Ingenieur in Genf wirkte?
Geboren
wurde Théodore Agrippa d’Aubigné am 8. Februar 1552 als Sohn kalvinistischer
Eltern auf Schloss Saint-Maury bei Pons in der Saintonge. Seine Mutter starb
bei der Geburt. Schon früh zeigte er Talent in alten Sprachen. Mit zehn Jahren
besuchte er in Paris eine protestantische Schule. Bei Ausbruch der
Hugenottenkriege musste diese nach Orléans fliehen. Sein Vater war in jener
Stadt stellvertretender Befehlshaber der protestantischen Truppen und kam dabei
ums Leben. D’Aubigné wurde für den weiteren Unterricht nach Genf zu Verwandten
gegeben, floh mit vierzehn nach Lyon und lebte dann bei einem Vormund wieder in
der Saintonge (heute Charentes-Maritime).
Mit sechzehneinhalb schloss sich d‘Aubigné den protestantischen Truppen an, wo er den um ein Jahr jüngeren Heinrich von Navarra kennenlernte. König von Frankreich war damals der junge Karl IX., doch die Regentschaft hatte seine Mutter Katharina von Medici. Die Hugenotten wollten Toleranz, es kam zu Kämpfen. Es waren Reitertreffen, Handstreiche und Belagerungen mit den Grausamkeiten von Kleinkriegen. 1570 hatten die Hugenotten erreicht, dass ihnen die Glaubensfreiheit sowie La Rochelle und weitere befestigte Plätze zugestanden wurden.
D’Aubigné ging zur Familie seiner Mutter nach Les Landes-Guinemer in der Nähe von Blois. Dort verliebte er sich in Diane Salviati und widmete ihr seine ersten Gedichte (gedruckt erst 1874 unter dem Titel Printemps). Im Juli 1572 war er bei den Truppen unter Admiral Coligny im Krieg gegen die Niederlande.
Als Zeichen der Vermittlung zwischen den Kriegsparteien hatte Katharina von Medici die Hochzeit ihrer jüngsten Tochter, also der Schwester des Königs, mit dem protestantischen Heinrich von Navarra organisiert. D’Aubigné war am 15. August 1572 zugegen. Eine Woche später geschah die berüchtigte Ermordung der Pariser Hugenotten, bekannt als Bartholomäus-Nacht. D’Aubigné war ihr entgangen, weil er sich zuvor mit einem Wachtposten duelliert hatte und daraufhin geflohen war. Im folgenden Winter wurde er aber im Dorf Beauce tätlich angegriffen und schwer verletzt. Er fand Aufnahme und Genesung bei Diane Salviati. Statt zu einer Heirat mit d’Aubigné kam es zum Bruch, denn sie war schon vergeben. In dieser schweren Zeit soll er die Vision zu seinem späteren Epos Les Tragiques gehabt haben.
Heinrich von Navarra wurde am Hof von seiner Schwiegermutter festgehalten, um ihn von den Hugenotten zu isolieren. Sein Leben hatte er nur retten können, indem er dem neuen Glauben abschwor. D’Aubingé erschien 1573 erneut in Paris und wurde Schildknappe (écuyer) von Heinrich von Navarra. Karl IX. verstarb 1574, König von Frankreich wurde dessen Bruder als Heinrich III. Sogleich stellte er sich an die Spitze der katholischen Liga gegen die Hugenotten. Heinrich von Navarra konnte 1576 flüchten, worauf er sich wieder als Protestant bekannte und zum Hugenottenführer wurde. D’Aubigné hatte ihm bei der Flucht geholfen.
Bei der Schlacht von Casteljaloux im Juli 1577 wurde d’Aubigné schwer verletzt, worauf er mit ersten Versen an seinem Epos Les Tragiques begann. In diesem Jahr überwarf er sich mit Heinrich von Navarra, zog sich nach Les Landes-Guinemer zurück und lernte Susanne de Lezay kennen. Er heiratete sie 1583 in Poitou. Heinrich, mit dem er sich versöhnt hatte, war beim Fest zugegen. Dank ihrer Mitgift kam er in eine neue Stellung als Seigneur mit einem Landgut und hatte drei Kinder. 1586 wurde er Gouverneur d’Oléron. 1587 nahm er an der Schlacht von Coutras teil, beteiligte sich 1588 an der Einnahme von Niort und wurde ein Jahr später Gouverneur von Maillezais.
Als König Heinrich III. 1589 ermordet wurde, war Heinrich von Navarra der rechtmässige Thronfolger, war aber von der Liga bestritten. D’Aubigné unterstützte ihn bei seinen Kämpfen bis vor Paris. Den Thron freilich konnte ein Protestant nicht besteigen. D’Aubigné hatte vergeblich versucht, Heinrich von einer Konversion abzuhalten, denn er hatte gehofft, dass der neue König auch die neue Religion durchsetzen würde. Im Juli 1593 schwor Heinrich von Navarra dem Kalvinismus ab und wurde 1594 in Chartres als Heinrich IV. zum König von Frankreich gesalbt.
Enttäuscht zog sich D’Aubigné auf seine Posten an der Atlantikküste zurück, vertrat weiterhin die Sache der Protestanten und nahm an Religionsgesprächen zur Annäherung der Parteien teil. Trotz Gegensätzen blieb er in Verbindung mit dem König. 1595 verlor er seine Frau. Dann schrieb er die Satire La Confession catholique du Sieur de Sancy (erst 1660 in Köln gedruckt). Fünf Jahre später trat er in eine Beziehung mit Jacqueline Chayer, die 1601 den Sohn Nathan gebar.
Mit dem Edikt von Nantes (1598) sollten die Religionskriege beendet werden. Die Hugenotten wurden geduldet. Sie erhielten etwa 100 „feste Plätze“, worunter La Rochelle der wichtigste blieb. Sie waren aber von Pfründen und staatlichen Ämtern ausgeschlossen, was d’Aubigné wiederum enttäuschte. 1610 fiel Heinrich IV. einem Attentat zum Opfer. Seine Gemahlin Maria von Medici übernahm die Regentschaft anstelle des minderjährigen Sohnes Ludwig XIII. Unter ihr konnte d‘Aubigné nicht mehr an den Hof zurückkehren. Er blieb aber protestantischer Mandatsträger und Offizier. Vergeblich hatte er später versucht, sich in den Dienst des jungen Königs zu stellen.
Inzwischen beendete er sein Werk „Les Tragiques“ und liess es in Maillé drucken. Sein Roman „Les aventures du baron de Faeneste“ erschien 1616 und 1619 ebendort seine „Histoire universelle“. Dieses dreibändige Werk zur Geschichte der Religionskriege wurde allerdings in Paris öffentlich verbrannt. 1620 beteiligte er sich an einer Verschwörung gegen Charles d‘Albert, Herzog von Luynes, einen Günstling des Königs. Als sie scheiterte, wurde er geächtet und er entschloss sich zur Flucht.
Im August 1620 zog d’Aubigné nach Genf, das ihm einen höchst ehrenvollen Empfang bereitete. Die Stadt stand erneut unter der Bedrohung von Savoyen. Herzog Karl-Emmanuel I. wollte sie zurückerobern. Er hatte Truppen aufgeboten und diesmal mit Kanonen ausgerüstet. Auf Unterstützung des französischen Königs Ludwig XIII. konnte nicht mehr gezählt werden, weil er sich mit Savoyen gegen Spanien verbündet hatte. Die Genfer bildeten einen Kriegsrat aus sieben Ratsmitgliedern und ernannten d’Aubigné als ihren Experten. Er empfahl die Instandsetzung von Mauern, das Einholen von finanziellen Mitteln bei Prinz Moritz von Oranien sowie bei weiteren protestantischen Städten, den Bau einer Zugbrücke und den Neubau einer Bastion bei Saint-Gervais. Die Ausführung wurde begonnen und dauerte zwei Jahre. Die Bauleitung hatten die Ingenieure Du Mottet und Jean Férault. Mit ihnen hatte d’Aubigné die Pläne zuvor bereinigt. Du Mottet stand im Dienst von Prinz Moritz, der ihn der Stadt eigens für diese Aufgabe zur Verfügung stellte.
Auf seiner Reise nach Genf war d’Aubigné von seinem unehelichen Sohn Nathan begleitet worden. In der Nähe der Stadt kaufte er das baufällige Schloss Crest und baute es aus. In Genf hatte er sich zum zweiten Mal verheiratet und zwar mit Renée Burlamaqui. Sein Leben war in diesen Jahren leider überschattet vom Verhalten des Sohnes Constant, der am königlichen Hof in Paris ein wüstes Leben führte. Zwischendurch zeigte er sich reumütig, betrog dann aber den Vater wiederholt, sodass dieser ihn enterbte. Nathan hingegen, der aus oben erwähnter Beziehung stammte, heiratete in Genf, studierte Medizin in Freiburg in Breisgau und wurde in Genf tätig. Der Vater anerkannte ihn und liess ihn auch als Ingenieur wirken. Eines der letzten Werke ist die Autobiographie „Sa vie à ses enfants“ (1729 im Druck erschienen). Der Poet und Soldat starb am 9. Mai 1630 in Genf.
Mit Blick auf die Befestigung als Ganzes hatte d’Aubigné nur einen beschränkten Anteil an der Erneuerung. Das liegt daran, dass die Stadt trotz wiederholter Bedrohung und trotz ihrer isolierten Lage jeweils fallweise und den Ressourcen entsprechend handelte. Sie hatte auch keine zuständige Person, die mit der Aufgabe dauerhaft beauftragt gewesen wäre. So wurde sie von Ingenieuren verschiedenster Herkunft aufgesucht, die dann mit ihren Gutachten und Plänen mehr oder weniger Einfluss auf den Ausbau nehmen konnten. D’Aubigné selbst war Ende März 1622 zur Frage der Befestigung noch nach Bern gerufen worden und blieb dort bis anfangs Juni. Während dieses Aufenthalts begab er sich zudem in derselben Angelegenheit und begleitet von seinem Sohn Nathan für drei Wochen nach Basel.
Eine Schlussbemerkung zur Geschichte, nicht zur Biographie: Das Château du Crest ging 1637 in den Besitz der Genfer Familie Micheli. Einer ihrer Nachfahren ist Jacques-Barthélemy Micheli du Crest (1690-1766). Bekanntlich übte er Kritik am Genfer Festungsbau, war unnachgiebig und musste deshalb ins Exil. Die letzten 20 Jahre seines Lebens verbrachte er als Staatsgefangener auf der Festung Aarburg.