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Geschichten schreiben liebte mein Mann Jean-Pierre, besonders Weihnachtsgeschichten. Sie seiner Familie vorzulesen, gehörte zum jährlichen Ritual. Seit acht Jahren, seit seinem Tod, gibt es keine mehr. Für Seniorweb wählte ich nun die Geschichte von 1987 aus.
Waren Sie schon einmal an einem Weihnachtsabend in einer Grossstadt unterwegs, zum Beispiel in Paris? Nun, Sie würden es nicht für möglich halten, dass hier über mehrere Millionen Menschen wohnen. Die Strassen sind leergefegt, die Gänge der Metro öd, nur wer unbedingt muss oder das Kleingeld für ein Taxi nicht besitzt, findet den Weg in diese Unterwelt, die an diesem Tag noch stärker als sonst von Gestalten bevölkert wird, für die das Existenzminimum schon eine fürstliche Entlohnung wäre. Wer also nicht unbedingt muss, steigt besser auf ein überirdisches Beförderungsmittel um.
Nun ich musste vom Bahnhof Montparnasse nach der Rue Blanche am Fusse des Montmartre. Ich war schon etwas spät, wenn ich vor Mitternacht bei meinen Freunden sein wollte. Ich hatte keine Wahl, ich musste die Metro nehmen, das Geld für die nächste Woche, das ich in der Tasche hatte, genügte nicht fürs Taxi. Ich stieg also die Treppen hinunter und ging durch die endlosen Gänge, natürlich war gerade heute das Rollband ausser Betrieb. Die Gänge waren heute besonders trostlos, nur voll von undefinierbaren Geräuschen und Gerüchen. Ich hatte keinen Menschen angetroffen und eine leise, hinterhältige Angst befiel mich. Ich ertappte mich, wie ich wahrscheinlich um mir Mut zu machen, vor mich her summte.
Endlich kam ich auf den Bahnsteig und dort standen sie, die drei dunklen Könige. Alle ihre Kleider trugen sie auf sich und in den weitausladenden Taschen einige Rotweinflaschen. Der Lautstärke und den unartikulierten Klängen ihrer Diskussion war ein gewisser Alkoholpegel herauszuhören. Es war mit bald klar, dass ich ein Fremdkörper auf diesem Bahnsteig war. Ich war in eine Welt eingedrungen, in die ich, so wie ich war, nicht hingehörte. Die drei Männer schauten ostentativ zu mir, ich etwas unsicher tat so, als ob ich sie gar nicht sehen würde.
Eigentlich war es mir gar nicht weihnachtlich zumute und doch war es Weihnachten, Weihnachten mit all diesen Erinnerungen, die diesen Tag besonders schwer machen und Todessehnsüchte aufkeimen lassen. Heute sollte also nach der christlichen Überlieferung Gottessohn vor etwa zweitausend Jahren auf die Erde gekommen sein, um den Menschen die Hand zu reichen. Das «Fest der Freude», in einer Stunde würde ich wahrscheinlich mit meinen Freunden «Minuit Chrétien» hören, Champagner trinken und über die grossen Probleme der Menschheit mehr oder weniger originelle Gedanken von mir geben.
Einer der drei Clochards schien auf mich zukommen zu wollen. Wahrscheinlich wollte er mich um Geld angehen. Ich müsste ihm wenigstens zehn Francs geben, mein Kleingeld hatte ich im Fahrkartenautomaten versenkt, heute war ja niemand am Schalter. Die zehn Francs würden ein Loch in mein Budget reissen, sie würden mir fehlen.
Während ich das dachte, regte sich in mir das, was man so gemeinhin Gewissen nennt; eine Art Notbremse, die die Natur wie mir scheint, nicht in alle Menschen eingebaut hat. Am heutigen Tag also, sollte ich noch egoistischer sein als sonst? Wie klein war doch heute meine Welt, so klein, dass gerade ich allein mit meinen Ansprüchen hineinpasste.
In einiger Entfernung blieb der Clochard stehen und betrachtete mich unverfroren. Mir wurde es recht ungemütlich. Ich war ja bereit, ihm zwanzig Francs zu geben, es war doch Weihnachten, nur sollte er sie endlich verlangen. Dazu machte er aber keine Anstalten, fing dafür umständlich an, in seinen vielen Taschen zu kramen. Wenn doch nur diese Metro kommen würde, um mich aus dieser Situation zu befreien. Endlich schien er das Gesuchte gefunden zu haben. Triumphierend lächelte er mich an, ich konnte nicht anders und lächelte zurück. Er kam auf mich zu. Endlich würde ich meine zwanzig Francs loswerden. Doch er hob die Hand und streckte mir eine Pelzkugel entgegen, die sich bei näherer Betrachtung als junger Hund entpuppte. Etwas verstört griff ich nach dem Tier. Da sagte der Alte: «Nimm ihn, wenigstens soll er eine schöne Weihnacht verbringen. Du scheinst lieb zu sein.» Ohne zu überlegen griff ich in meine Tasche, holte mein ganzes Geld hervor und gab es mit dem Hund dem Clochard. «Ich kann den Hund nicht nehmen, macht euch eine schöne Weihnacht», sagte ich und stieg in die rettende Metro. Eine Flucht mehr in meinem Leben, aber nach der Art zu urteilen, wie mir der Mann mit dem Hund nachwinkte, schien es, als hätte ich einem Mitmenschen eine Freude bereitet.
Übrigens, auch ohne Geld habe ich die darauffolgende Woche nicht gehungert. Ich traf bei meinen Freunden einen blonden Engel mit einem vollen Kühlschrank und wenig Lust am Kochen, aber die hatte ich.
Hier finden Sie bereits veröffentlichte Beiträge der Serie „Weihnachtsgeschichten“, verfasst von den Redaktionsmitgliedern:
- Linus Baur: Es führt kein Weg an Corona vorbei
- Christoph Landolt und Eva Caflisch: Der Mann aus Teig hat viele Namen
- Bernadette Reichlin: Das kaschubische Weihnachtslied
- Judith Stamm: Vorweihnachtszeit mit Schattenseiten
- Fritz Vollenweider: Rituale, Symbole und Fakten
- Jürg Bachmann: Oh bej, oh bej! E Buon Natale!
- Maja Petzold: Bert Brecht und der liebe Gott
- Josef Ritler: Aus heiterem Himmel
- Peter Steiger: Vom Mailänderli, dem ein Zacken fehlte
- Joseph Auchter: Paul Klee und seine Engel