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Indien, ein kleines Bauerndorf. Mitten in der Nacht kurvt ein Motorrad, besetzt mit drei Personen, durch die schmalen Strassen. Vor einer kleinen Parterrewohnung hält die vollgepackte Maschine, die zwei bewaffneten Mitfahrer dringen in das Schlafzimmer ein. Sie töten den im Bett liegenden Bewohner mit drei Schüssen in die Brust: Er hatte es gewagt, sich dem hiesigen Anführer einer weitreichenden illegalen Operation in den Weg zu stellen. Das Motorrad braust davon... Ein Stück weiter, in einsamer Gegend an einem Flüsschen, wird ein Landwirt überwältigt und entführt. Er wird gefangen gehalten, gefoltert, mit der Ermordung seiner Familie bedroht. Auch er hatte gegen das nächtliche illegale Treiben auf seinem Land aufgemuckt. Die begehrte Ressource, die von dort weiterhin ungestört entwendet werden soll: Sand.
Sand ist der wohl immer noch meistunterschätzte begrenzte Rohstoff, dessen wir zunehmend verlustig gehen. "Wie Sand am Meer", sagen wir, und meinen damit eine unbegrenzte Menge. Diese Einschätzung täuscht. Die Zahl der Sterne im Universum etwa übertrifft die Anzahl der Sandkörner an den irdischen Stränden um ein mehrfaches - glauben wir einer hawaiianischen Hochrechnung, die diese Anzahl einzelner Körner auf siebeneinhalb Trillionen kalkuliert. 7,5 Trillionen: Das ist sehr viel, aber eben nicht unbegrenzt. Und genau diese Sandkörner von Stränden und aus Flüssen gehen uns, so absurd das auch scheinen mag, langsam aus. Beliebig ersetzbar sind sie nicht, denn Sand ist nicht gleich Sand.
Sand: Den Kopf hineingesteckt
Grundsätzlich definiert sich Sand nicht etwa auf Grund seiner mineralischen Herkunft, sondern schlicht über die Grösse seiner Körner. Liegt diese zwischen 0.065 und 2 Millimetern, ist es Sand; sind sie kleiner, sprechen wir von Schluff (oder Ton), bei grösseren von Kies. Innerhalb dieser Spanne präsentiert er sich vielgestaltig: Als Quarzsand aus Siliziumdioxid; als Karbonatsand oder Kalksand organischer Herkunft, etwa aus Korallen, Molluskengehäusen oder Mikrofossilien; als Vulkansand aus Basalt oder Olivin oder als Gipssand aus wasserlöslichen Mineralen. Das Sediment entsteht aus Verwitterung bzw. Erosion durch Wasser oder Druck, wobei zwischen physikalischer und chemischer Verwitterung unterschieden wird. Bei der physikalischen Verwitterung wird massives Gestein in kleinere Fragmente zerlegt, bei der chemischen werden bestimmte, angreifbare Elemente oder Verbindungen verändert und aus dem Festkörper herausgelöst.
Schon aus dieser Vielgestalt des Sandes lässt sich ersehen, dass nicht jeder Sand für jeden Zweck geeignet sein kann. Den hauptsächlichen Unterschied macht dann, wie er äusserlich beschaffen ist. Wird er durch Wasser abtransportiert und in Sedimenten abgelagert, ist er rau und grobkörnig. Bleibt er aber weiterhin äusseren Einflüssen ausgesetzt, wird er zunehmend abgerundet und geglättet. Wüstensand etwa, von dem wir doch wahrlich genug hätten, ist durch den Wind so abgeschliffen, dass er uns buchstäblich durch die Finger rinnt. Er ist für die allermeisten Zwecke, die nach Sand verlangen, völlig ungeeignet. Die begehrten Sande sind weit überwiegend die rauen Quarzsande. Sie finden sich in unserem alltäglichen Leben überall wieder.
Zivilisation: Auf ihn gebaut
Der überwiegende Verwerter von Sand ist die Bauindustrie. Beton besteht zu 90% aus Sand, in Zement sind es 80%. Und da die Bauindustrie weltweit, vor allem aber in Schwellenländern wie China oder Indien boomt, ist auch die Nachfrage nach Sand sprunghaft angestiegen. China beispielsweise wird nachgesagt, es habe in den Jahren zwischen 2011 und 2013 so viel Sand verbaut wie die USA im gesamten letzten Jahrhundert. Die Arabischen Emirate - mit Sand bestens versorgt, wie man meinen könnte - müssen den Sand für ihre Prestigebauten aus Australien importieren. Sie verwenden ihn nicht nur zur Herstellung von Beton, sondern auch zur Landgewinnung, indem sie ihn ins Meer schütten. Genauso Singapur: Da der Stadtstaat sich landeinwärts nicht ausdehnen kann, wächst er ins Meer hinaus - um 22% in den Jahren zwischen 1989 und 2013. Die wachsenden urbanen Zentren bedürfen indessen nicht nur der Gebäude, sondern auch der Infrastruktur. Strassen etwa. Für den Bau eines durchschnittlichen Einfamilienhauses werden 200 Tonnen, für einen Kilometer Autobahn 30000 Tonnen Sand verbraucht.
Quarzsand findet weiterhin Verwendung in der Glasherstellung und in der Elektronikindustrie. In letzterer ist für die Fertigung von Halbleitern besonders siliziumreicher Sand gefragt. Das ist weithin bekannt. Weniger geläufig dürfte sein, dass er als sogenannter Formsand die Gussformen in der Metallindustrie stellt, als Filtermaterial Abwässer oder als Scheuermittel Oberflächen und Zähne reinigt. Er ist auch in unseren Lebensmitteln. Als Rieselhilfe stellt Siliziumdioxid (E 551) sicher, dass Zucker, Bouillon oder Gewürze nicht verklumpen. Das gilt - da es unverdaut wieder ausgeschieden wird - als gesundheitlich unbedenklich: In Frage steht diese Unbedenklichkeit beim künstlich hergestellten SiO2 (E 551a), das mehr Teile in Nanopartikelgrösse aufweist, die die Darmschleimhaut durchdringen können. Genauere Untersuchungen dazu sind ausstehend.
Neben diese mengenmässig bescheideneren Anwendungen von Sand trat in den letzten Jahren eine weitere, gefrässigere: Im Fracking, der Plünderung der Ölreserven in den Rissen und Poren tiefliegender Gesteinsschichten, wird Sand dem unter hohem Druck eingepressten Wasser beigemischt, um das solcherart aufgebrochene Gestein durchlässig zu halten.
Umwelt: In ihn hinein gesetzt
Im Obigen dürfte indessen klar geworden sein: Sand ist nicht nebensächlich. Sand ist Big Business. Und wo das grosse Geschäft ruft, haben Umwelt und Menschenrechte einen schweren Stand. Die sogenannte Sandmafia, die sich in Südostasien und fortschreitend auch in Afrika ihrer Methoden der Gewalt und der Korruption, des Schmuggels und der Plünderung bedient, um an die umkämpfte Ressource zu gelangen, ist nur die offen kriminelle Ausformung eines wachsenden Problems. Weltweit werden Sandstrände geplündert, Flüsse ausgebaggert, ganze Landstriche abgetragen. Marokko verlor bereits über die Hälfte seiner Strände, in Indonesien verschwanden ganze Inseln, um dann vor Singapur wieder aufzutauchen. In Deutschland frisst sich der Sandabbau immer weiter hinein in den vielgeliebten Deutschen Wald, während der Viktoriasee in Uganda von chinesischen Unternehmen so fleissig ausgebaggert wird, dass sich das gesamte Ökosystem davon bereits empfindlich gestört zeigt. Die Folgen für Umwelt und Mensch sind schwerwiegende. Wo der schützende Sandgürtel am Meeresstrand wegfällt, greift die Erosion. Salz dringt ins Grundwasser und verödet die Landschaft im Landesinnern. Die Zerstörung der Lebensräume an Flüssen, Seen und Ozeanen trägt ihren guten Teil zum Verlust der Biodiversität bei. Sand ist auch ein Wasserfilter: Fällt dieser weg, gelangen Schadstoffe unbehelligt in die Gewässer und die Ökosphäre.
Wo die Ökonomen vor der Sandkrise erst warnen, können wir also aus ökologischer Warte sagen, dass wir uns vielerorts bereits mittendrin befinden. Dass sich die Schweiz dabei in privilegierter Position befindet, da wir an der "Quelle" von Erosion und Sandnachschub sitzen und den heimischen Bedarf an dem Rohstoff weitgehend autark befriedigen können, sollte uns nicht allzuweit beruhigen. Wie immer im Falle solcher globaler Problemstellungen sind wir nicht nur im Nutzen, sondern ebenso im Schaden mit dem Rest der Welt verbandelt.
Auch im Falle dieser begrenzen Ressource gilt es jetzt also Alternativen zu finden. Die zeichnen sich beispielsweise ab in der Wiederverwertung von Bauschutt und in einem verstärkten Recycling von Glas: Weltweit gelangt immer noch ein überwiegender Teil der Glasabfälle unverwertet auf die Müllhalden, während sich Beton durchaus auch mit zerkleinertem Altglas aufbereiten lässt. Weiterhin mehren sich die Versuche, Wüstensand für die Verwendung fit zu machen. Da wird dann beispielsweise in einem biologischen Ansatz damit experimentiert, die Wüstensandkörner mittels einer Nährlösung, die von Mikroorganismen zu Kalzium umgewandelt wird, zusammenzukitten und dieserart zu Bausteinen zu verbacken. Oder es wird versucht, die Wüstensandpartikel mittels gebündeltem Sonnenlicht zu verschmelzen. Insofern diese Lösungsansätze aber noch nicht spruchreif und auch ihre Wirtschaftlichkeit noch mit Fragezeichen zu versehen sind, bleibt die wichtigste Alternative zum ausbeuterischen Sandabbau einstweilen die Etablierung und Stärkung einer Kreislaufwirtschaft der Baustoffe.
Quellen und weitere Informationen:
Sand (Definition und Chemie)
Maike Radermacher: Die knappe Ressource Sand
Simplicissimus: Das blutige Geschäft mit Sand (youtube)
Dirk Hebel: Sand: nachhaltige Alternativen