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Silvia Vieli-Illien, Speckstein Kreationen
Notiz zum Besuch bei einer Kunsthandwerkerin in Vals.
Du kennst die Situation, lieber Leser, liebe Leserin. Du sitzt mit einer eher flüchtig bekannten Person beim Kaffee und hast keine besonderen Erwartungen. Man spricht über dies und das. Dann wirst du langsam aufmerksam. Dein Gegenüber erwähnt Dinge, aus seinem Leben, seiner Arbeit, die du nicht erwartet hast und die deine Neugierde wecken. Jetzt nimmt die Unterhaltung Konturen an, gezielte Energie fliesst hinein, Biografien werden fassbar. Du merkst dir Daten. Das nächste Treffen wird auf dieser Basis starten können. Mir passieren solche bereichernde Begegnungen mit Überraschungen nicht selten.
Jetzt sitze ich vor einem Gestell im Wohnzimmer und nehme die kleinen Speckstein-Arbeiten in die Hand, lasse meine Finger darüber gleiten, fühle die glatte Form, die abgerundeten Kanten, die kaum sichtbaren Einbuchtungen, die unregelmässigen Formen, an denen die Hand einen angenehmen Griff sucht und findet. Die Skulpturen haben in der Regel zwei unterschiedliche Seiten. Die grössten sind vielleicht 30 bis 40 Zentimeter hoch oder breit und vielfarbig. Hier steht eine weisse Schale mit diskretem graugrünen Wolkenbild auf einer Seite; da ein grünschwarzer, sich hoch aufrichtender Daumen; dann gibt es eine braunrote Flamme und einige regelmässig gearbeitete Steinkugeln. Da sehe ich einen breiten dunkelgrünen Buddha feixen, dort eine rosabraune Skulptur, in der ich zwei sich aneinanderschmiegende Gestalten zu erkennen glaube, und hier steht wieder eine Schale, zweiteilig, mit bunt ineinander gewirbelten Farbflächen und -tupfern. Keine der Kleinskulpturen trägt einen Namen. Ich darf sehen, was ich will. “Der Stein sagt mir, was er werden will”, meint die Schöpferin. – Ich befinde mich am Arbeitsort von
Silvia Vieli-Illien, Speckstein Kreationen
Den grössten Teil ihres Erwerbslebens hat Silvia als Verkäuferin in einer Metzgerei, in einem Kleiderladen und beim Volg verbracht. Erst 2009 entdeckte sie ihre Sympathie zum Stein, insbesondere zum Speckstein, dem eher weichen, talkhaltigen Steatit. Es sah anfänglich nach einem beiläufigen Hobby aus. Sie besuchte einen Kurs, drei Stunden, und bekam eine praktische Einführung in das Material, seine Bearbeitung – sägen, meisseln, schleifen, polieren, ölen – und die herkömmlichen Bearbeitungsinstrumente. Seither lässt sie das ‘Hobby’ nicht mehr los. Sie hat bisher über 70 Kleinskulpturen geschaffen und ist in zwei Ausstellungen an die Öffentlichkeit getreten. Ihre Arbeiten sind in einem Katalog dokumentiert. Als junge Frau hatte sie sich diese späte, persönliche Entwicklung hin zum Kunsthandwerk selber nicht vorstellen können.
Zürich, 160226 – Jean-Pierre Wolf