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Jeder Mensch ist ein Philosoph – wenigstens manchmal. Denn jeder Mensch denkt gelegentlich über philosophische Fragen nach wie: Was gibt es alles? Was kann ich wissen? Und wodurch zeichnet sich eine gerechte Gesellschaft aus? Wenn wir von Philosophen oder Philosophinnen sprechen, dann meinen wir aber meist nicht alle Menschen, sondern nur diejenigen, die wissenschaftlich Philosophie betreiben. Das einfache Staunen, das jeder Mensch kennt, mag den Anfang der Philosophie markieren, ihr Ende ist es nicht.
Die philosophischen Fragen, die wir aus dem Alltag kennen, sind eben nur Fragen. Eine zufriedenstellende Beantwortung der Fragen erweist sich oft als schwierig und wird daher einer wissenschaftlichen Philosophie überlassen. Was aber zeichnet die wissenschaftliche Philosophie aus? Unter welchen Bedingungen ist Philosophie eine Wissenschaft?
Was ist Wissenschaft?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir klären, was Wissenschaft ist. Dieses Problem ist selbst schon wieder philosophisch, es wird in der Wissenschaftsphilosophie behandelt. Karl Popper beispielsweise charakterisiert die Erfahrungs- oder Naturwissenschaften durch die Falsifizierbarkeit. Damit ist einmal gemeint, dass wissenschaftliche Hypothesen und Theorien an der Erfahrung scheitern können. Sie müssen also durch Beobachtungen überprüft werden können.
Zum anderen fordert Popper von Personen, die empirische Wissenschaft betreiben, dass sie kritisch gegenüber ihren eigenen Auffassungen sind und ihre Hypothesen testen, zum Beispiel durch Experimente. Der kritische Geist zeichnet nun sicher auch die wissenschaftliche Philosophie aus. Schlechter ist es dagegen um Poppers erstes Kriterium bestellt. Denn viele philosophische Theorien sind so abstrakt, dass sie kaum an der Erfahrung scheitern können.
Die Philosophie ist also keine Erfahrungswissenschaft und kann nicht wissenschaftlich werden, indem sie die Methoden der empirischen Wissenschaften verwendet. Historisch betrachtet hat die Philosophie zwar früher Fragen zu beantworten versucht, die später wenigstens teilweise einer erfahrungswissenschaftlichen Untersuchung zugänglich wurden – man denke etwa an die Frage, ob sich der Raum ins Unendliche ausdehnt. Doch die betroffenen Sachgebiete wurden dann auch aus der Philosophie ausgelagert.
Gegensätzliche Positionen
Nun kennen wir aber neben den Naturwissenschaften noch andere Wissenschaften, vor allem die Geistes- und Kulturwissenschaften. Diese können nicht direkt an der Erfahrung scheitern, teilen aber mit den Naturwissenschaften Kennzeichen, die wir auch von einer wissenschaftlichen Philosophie verlangen können. Sinn dieser Kennzeichen ist es, den Menschen in den Stand zu versetzen, bestimmte Fragen besser zu beantworten.
Wissenschaft betreiben heisst erstens, die Antworten auf bestimmte Fragen gut zu begründen. In den Naturwissenschaften stützt man sich dazu auf die Erfahrung, aber wo das nicht mehr möglich ist, bleiben andere Möglichkeiten der Begründung. Die Philosophie setzt auf das Gespräch und die geistige Auseinandersetzung mit einem Gegenüber. Dabei werden Argumente ausgetauscht, die für oder gegen eine Auffassung sprechen. Auf diese Weise soll sich die richtige, die beste Antwort auf eine Frage herauskristallisieren und im Konsens akzeptiert werden.
Dabei ist die wissenschaftliche Philosophie im popperschen Sinne kritisch: Man sucht besonders die Auseinandersetzung mit Positionen, die der eigenen entgegengesetzt sind. Denn gute Gründe für eine Auffassung sind nur so lange entscheidend, als sie nicht durch Gegengründe aufgewogen werden. Dadurch haben sich in der Philosophie so viele Positionen herausgebildet, die einander oft schroff gegenüberstehen wie der Empirismus und der Rationalismus oder der Realismus und der Idealismus.
Zusammenhänge und Verknüpfungen
Wissenschaft betreiben heisst zweitens, nicht nur bestimmte Fragen isoliert zu beantworten, sondern grössere Zusammenhänge zu sehen und Verknüpfungen zu anderen Fragen herzustellen. Wie Kant betont, hat Wissenschaft die Aufgabe, Einheit in der Erkenntnis zu schaffen. Die Wissenschaft tut dies, indem sie Theorien entwickelt, die unser Wissen in systematischer Form zusammenfassen und uns besser verstehen lassen, was wir wissen. Philosophie ist daher dann wissenschaftlich, wenn sie zusammendenkt, was zusammengehört. So versucht Kant in seiner «Kritik der reinen Vernunft», einen vollständigen Aufriss des menschlichen Erkenntnisvermögens zu geben.
Ähnlich formuliert der amerikanische Philosoph John Rawls nicht nur eine Antwort auf die Frage nach der gerechten Gesellschaft. Er legt vielmehr auch systematisch dar, wie Gerechtigkeit zur Stabilität einer Gesellschaft beiträgt und wie sich das Gute und das Gerechte vereinbaren lassen. Daher darf sich sein Hauptwerk zu Recht «Eine Theorie der Gerechtigkeit» nennen. In einer Zeit, in der sich die anderen Wissenschaften immer mehr spezialisieren, ist es notwendig, dass die Philosophie Erkenntnisse aus unterschiedlichen Bereichen zusammenführt und miteinander verknüpft.
Fortschritt in der Philosophie
Kant fordert überdies, dass eine Wissenschaft nicht in blossem «Herumtappen» gefangen bleibt, sondern Fortschritte macht und Ergebnisse erzielt, die Gegenstand eines vernünftigen Konsens sind. Auch wenn die Philosophie die beiden bisher genannten Kriterien erfüllt und ihre Antworten auf philosophische Fragen gut begründet und systematisch verknüpft, mag einem bange bei diesem dritten Kriterium werden. Denn die gegenwärtige Philosophie beschäftigt sich teilweise noch mit denselben Fragen, die schon Platon umgetrieben haben, ohne dass sich immer ein Konsens abzeichnet.
Dennoch sind auch in der Philosophie Fortschritte zu verzeichnen. Es gibt begriffliche Differenzierungen, die alle berücksichtigen, Argumente, auf die man eingehen muss, und Ideen, hinter die niemand zurückfallen zu können glaubt. Daher führt die philosophische Diskussion zu immer mehr Erkenntnisgewinn. Insgesamt können also gute Begründungen und systematische Vernetzungen zu einem philosophischen Fortschritt führen, der wissenschaftlich genannt werden kann.