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«Ich habe den Kopf hingehalten»
Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth zelebriert gern ihre Unangepasstheit und ist dabei erfolgreich wie keine zweite. In diesem Jahr ist sie zum wiederholten Male Composer in Residence beim Lucerne Festival.
Anja Wernicke — Ihre Musik ist kraftvoll, mitreissend, extrem, wild und komplex. Ihre künstlerische Person unerschrocken und kompromisslos. Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth traut sich was, künstlerisch und persönlich: Mit American Lulu hat sie Alban Bergs Oper Lulu für ein Jazzensemble adaptiert und teilweise neu komponiert. Politisch bezog sie 2000 bei einer Demonstration gegen die Regierungsbeteiligung der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs Position mit der Aussage:«Ich lasse mich nicht wegjodeln». Im Entstehungsprozess ihrer Werke überwarf sie sich immer wieder mit Opernregisseuren und Festivalintendanten. 2010 erhielt sie als erste Frau den «Großen Österreichischen Staatspreis». Wahrscheinlich sind es diese Charakterstärke und die grossen Erfolge, die ihren Komponisten-Kollegen Georg Friedrich Haas dazu bewogen, ihre Musik als «männlich» zu bezeichnen. Im einem Interview mit dem Online-Magazin Van, das im Februar dieses Jahres erschien, outete er sich als BDSM-affin («Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism») und sinnierte über die Verbindung von Sexualität und Musik. Haas sieht seine Einstellung vermutlich als tolerant an, da er einer Frau einräumt nicht automatisch auch weiblich klingen zu müssen. Doch warum sollte man überhaupt zwischen männlich klingender und weiblich klingender Musik unterscheiden? Und wer stellt die Kategorien auf, nach denen die KünstlerInnen hier separiert werden sollen? Olga Neuwirth reagierte entsprechend verständnislos und bezeichnete die Aussage von Haas als diskriminierend. Seit ihrer Jugend beschäftigt sie sich mit theoretischen Schriften, die das hegemoniale Sprach- und Machtsystem, sprich patriarchale Hierarchien, offenlegen und hat die Missstände in der Szene der Neuen Musik oft beklagt, wie hier in einem früheren Van-Interview: «Ich habe schon vor über 25 Jahren auf das Thema Gleichbehandlung hingewiesen, als es in unserer Branche noch niemand sonst getan hat im miefigen Österreich. Denn ich war allein auf weiter Flur, als ich Ende der 1980er Jahre als Komponistin in diese (männliche) Szene kam. Mit meinen Aussagen habe ich den Kopf für viele Frauen und Komponistinnen hingehalten.»
Trotz oder gerade wegen ihres kämpferisch streitbaren Auftretens zählt Olga Neuwirth bereits seit einigen Jahren zu den Etablierten der Szene. Das belegt allein die Tatsache, dass sie in diesem Jahr erneut Composer in Residence beim Lucerne Festival sein wird. 2002 wurde ihr gemeinsam mit Pierre Boulez diese Ehre schon einmal zu teil. Von einem Frauenbonus möchte sie sich dabei keinesfalls bevorteilt wissen. Ihr gehe es immer einzig um ihr Werk, in dem sie allerdings die Gender-Thematik auch aufgreift: «Es gibt kein fixes Konzept der Geschlechter, sondern man kann sich sozusagen performativ immer verändern, und das hat sich für mich auch auf meine Musiksprache selbst ausgewirkt – ich spiele damit, ich spiele immer mit einer anderen Facette», sagte sie im Van-Interview. Diese Faszination schlägt sich auch in ihrer Beschäftigung mit dem 1983 verstorbenen Pop-Countertenor Klaus Nomi nieder, der bei seinen Auftritten mit Transgender-Elementen spielte. Doch auch stilistisch sind die Songs für Countertenor und kleines Ensemble Hommage à Klaus Nomi (1998) typisch für Neuwirth, da sie die sogenannten Genregrenzen von «High» und «Low Art» überschreiten. Neuwirth ist es wichtig, Musik mit Bezug zur Gegenwart zu schreiben und sie setzt sich deshalb häufig mit popkulturellen Kontexten und Filmen auseinander. In der Eleanor-Suite für Bluessängerin, Drum kit und Ensemble, die 2015 erstmals aufgeführt wurde und nun in Luzern wieder zu hören sein wird, werden diese beiden Facetten ihres Schaffens zusammengeführt: Neuwirth erweist darin einerseits allen «mutigen Frauen» Referenz, insbesondere den «vielen vergessenen afroamerikanischen Jazz-Musikerinnen» und arbeitet andererseits mit Elementen des Blues und Jazz. Geleitet wird diese Aufführung übrigens von der Schweizer Dirigentin Elena Schwarz, deren Engagement im Rahmen des diesjährigen Programmschwerpunkts «Prima donna» des Lucerne Festival steht, in dem Dirigentinnen und Solistinnen präsentiert werden. Frauen separat und in einem hübsch abgesteckten Rahmen präsentieren? Das dürfte Olga Neuwirth provozieren.
Lucerne Festival, Konzerte mit Werken von Olga Neuwirth 14.-31. August 2016