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Seit Beginn meines Studiums beschäftigt mich das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft. Befinden wir uns an der Uni tatsächlich in dem vielzitierten «Elfenbeinturm», abgeschieden von der Aussenwelt? Sollten wir aus ihm türmen oder ihn weiter ausbauen? Einige Gedanken zur wundervollen Welt des Wissens und zu den Grenzen der Verständlichkeit.
Als ich diesen Herbst mein Studium in Geschichte und Deutsch an der Uni begann, hatte ich noch nie etwas von einem «Elfenbeinturm» gehört. Das sollte sich jedoch schnell ändern. Ich war im Hauptgebäude noch keine zehn Schritte weit gekommen, als mir eine Studentin das «Etü»-Heftli anbot. Zum Kauf bewog mich zwar nicht der Name der Geschichtsstudi-Zeitschrift, sondern meine Begeisterung für Journalismus und Geschichte. Beim Durchblättern des Hefts stolperte ich aber schnell über den Namen «Elfenbeintürmer», kurz «Etü». Ohne eine wirkliche Idee von seiner Bedeutung zu haben, fand ich das Wort «Elfenbeintürmer» irgendwie faszinierend – wohl wegen meines spärlichen Wissens über Elfenbein und der damit verbundenen romantischen Vorstellung eines mystischen, weiss schimmernden Turms, die sich in meinem Kopf manifestierte. Grund genug, dieses Wort einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.
Nach einer zweiminütigen Wikipedia-Recherche war ich um einiges informierter. «Der Elfenbeinturm ist die Metapher eines geistigen Ortes der Abgeschiedenheit und Unberührtheit von der Welt», heisst es dort. Heutzutage werde der Begriff vor allem im Zusammenhang mit Expert*innen verwendet, die über ihr Spezialgebiet nur noch in hochgestochenem Fachjargon konversieren können.
Meine Vorstellung des Elfenbeinturms wurde also gleich wieder etwas entmystifiziert, dafür wurde mir der Name «Etü» verständlicher, wenn auch das Wortspiel «Elfenbeintürmer» einigen Interpretationsspielraum lässt: Heisst der Etü so, weil die Redakteur*innen aus dem Turm türmen oder weil sie Elfenbein – also Wissen – auftürmen? Beide Lesarten dürften mit einer Prise Ironie gespickt sein, dennoch spiegeln sie gut die ambivalenten Erfahrungen wider, die ich im ersten Semester beim Eintauchen in die noch seichten Tiefen der Geschichte und der deutschen Sprache gemacht habe: einerseits der Wille, viel zu lernen, andererseits die Herausforderung, dieses Wissen auch ausserhalb eines Fachkreises verständlich zu vermitteln.
Zuerst zum Ansammeln von Wissen, was offensichtlich ein wichtiger Aspekt einer Universität ist. Seit September stopfe ich fast tagtäglich turmweise Wissen in mich hinein. Das mache ich beim Grossteil des Stoffes gerne, und ich habe über Geschichte in den letzten drei Monaten etwa so viel gelernt wie im gesamten Schulunterricht. Neben der Menge des Stoffes hat sich aber noch etwas anderes verändert: die Art des Lernens. Nun geht es nicht mehr darum, möglichst effizient zweitausend Jahre des mehr oder weniger glorreichen Aufstiegs europäischer Mächte auswendig zu kennen – am besten noch mit den exakten Eckdaten dieser Geschichte. Viel eher wird uns seit der ersten Stunde immer wieder nahegelegt, dass es so ziemlich auf keine historische Fragestellung eine einfache Antwort gibt. Auch wenn wir uns das gerne wünschen.
So zum Beispiel bei der Frage, was ein «Volk» ist. Eine Definition ist äusserst schwierig und muss ich hier zu meinem Vorteil auch nicht vornehmen. Trotzdem wird der Begriff im Alltag munter verwendet, um die Einen von den Anderen abzugrenzen. Das mag durchaus seine Daseinsberechtigung haben. Für eine wissenschaftlich fundierte Arbeitsweise muss der Begriff jedoch hinterfragt, in einen historischen Kontext gesetzt und gegebenenfalls für den analytischen Gebrauch sorgfältig definiert werden. Eine umfassende Auseinandersetzung damit würde genug Stoff für ein Lebenswerk liefern. Als Geschichtsstudent*in würdest du dich wohl noch aus Interesse an die Arbeit machen. Wolltest du dich aber beispielsweise mit einem Gedicht von Trakl oder Goethe beschäftigen, wäre dir wohl die paarminütige Lektüre eines Wikipedia-Artikels lieber als die eines vielbändigen Werks mitsamt Einführung in die analytischen Begrifflichkeiten und Methoden der Gedichtanalyse. Ich würde mir diese Tortur noch antun, schliesslich studiere ich neben Geschichte ja auch noch Deutsch. Auf eine ähnlich ausführliche Auseinandersetzung mit beispielsweise der Alterspflege oder mit Chemie verzichte ich aber gerne – auch wenn mich beides bis zu einem gewissen Grad interessiert.
Jeder Mensch hat nur ein Leben lang Zeit und kann nicht alles wissen. Im Studium habe ich aber gemerkt, wie schnell eine Stufe erreicht ist, die das Laienwissen, teilweise auch bei fundamentalen Begriffen, übersteigt. Das soll nicht heissen, dass ich mich in Geschichte – oder zumindest in einem ihrer unzähligen Bereiche – wirklich auskenne. Aber sicher ist, dass mein Ich aus der Gymi-Zeit schnell ein verknotetes Hirn hätte, wenn ich mit ihm über die Konstruktion von Eigenem und Fremden auf mittelalterlichen Weltkarten sprechen würde. Gleich geht es mir jetzt, wenn ich bei Diskussionen von ETH-Student*innen im ersten Semester über Diskrete Mathematik zuhöre. Vielleicht schnappe ich ab und zu ein Wort auf, das ich noch schwammig mit einer Erinnerung aus der Oberstufe verbinden kann und mir das Gefühl gibt, ich könnte dem Gespräch folgen. Dennoch muss ich mir bald einmal eingestehen, dass sich mir die Zusammenhänge nicht mehr wirklich erschliessen.
Bei der Fülle an Informationen und fachspezifischen Begriffen, die einem beim Eintauchen in einen Themenbereich begegnen, ist die Gefahr gross, sich bald einmal mit Elfenbein eingebaut und den Kontakt zur Aussenwelt verloren zu haben. Wie sonst erklärst du dir, dass du diesen überlangen Artikel über den Namen dieser Geschichtsstudent*innen-Zeitschrift liest?
Sich in diesen wundervollen Welten des Wissens ein Leben lang zu verlieren, wäre nicht weiter schlimm, hätte das Arbeiten in diesen Themenfeldern nicht auch Auswirkungen auf die «Aussenwelt» und die Wissenschaftler*innen somit eine gewisse Verantwortung. Ein berühmtes Beispiel, an dem der Einfluss der Wissenschaft auf das Weltgeschehen deutlich wird, ist das Manhattan-Projekt, bei dem sich zahlreiche Forscher*innen am Bau der Atombombe beteiligten. Aktueller ist die Forschung zum Klimawandel: Für Wissenschaftler*innen ist es sicher spannend, das Schmelzen der Polarkappen mithilfe komplexer Messungen und Rechnungen nachweisen und Prognosen zu den Auswirkungen aufstellen zu können – wie du eventuell bemerkt hast, habe ich keine Ahnung von den Methoden der Klimaforschung, deshalb diese äusserst spezifischen Ausführungen. Aber auch wenn ich die komplexen Dynamiken des Klimawandels nie im Detail verstehen werde, finde ich es wichtig, dass die Forscher*innen uns die latente Gefahr, die von der vom Menschen verursachten Erderwärmung ausgeht, vor Augen führen – und zwar möglichst verständlich.
An diesem Punkt wird die Ambivalenz des «Elfenbeinturms» deutlich, die mich seit meinem Studienbeginn beschäftigt. Zum einen will ich als angehender Historiker möglichst viel Wissen erlangen und realitätsnahe Beschreibungen von Sachverhalten liefern. Zum anderen sollen die Sachverhalte möglichst einfach zu verstehen sein – sei es nun der Begriff «Volk», die Erderwärmung oder Goethes «Prometheus». Im Idealfall sollen sie verständlich und trotzdem wissenschaftlich in einen Zeitungsartikel, ein Youtube-Video oder in ein Buch verpackt werden können. Eine ziemliche Herausforderung. Ohne Vereinfachungen mittels etablierten, aber teilweise weniger exakten Begrifflichkeiten würde in den meisten Fällen Verständnis und Interesse schnell verloren gehen. Mit solchen Vereinfachungen ist ein Text oder ein Video zwar nicht gleich falsch oder realitätsfern, aber eben schon etwas ungenauer. Dieser Kompromiss ist für beide Seiten nicht optimal: Forscher*innen können ihre Erkenntnisse nur bruchstückhaft mitteilen und die Normalbürger*innen erfahren nicht die «ganze Wahrheit».
Ein ständiger Diskurs zwischen Forschung und Gesellschaft – auch wenn er auf einer etwas vereinfachten Ebene stattfindet – ist jedoch essenziell. Die Forschung ist genau so wenig unabhängig von der Welt wie der Sport, die Politik oder die Wirtschaft. Den Fachkundigen ab und zu auf die Finger zu schauen und sie mit mehr oder weniger kritischen Fragen zum Nachdenken oder in Erklärungsnot zu bringen, kann deshalb nicht verkehrt sein. Trotzdem überlasse ich die Organisation eines Staates oder das Programmieren meines Handy-Betriebssystems lieber den Fachpersonen, auch wenn ich vor einer Abstimmung mit meinem Wissen aus drei Zeitungsartikeln heftig diskutiere und mich ständig über die langen Ladezeiten meines Handys beschwere.
Auf dem selbstgebauten Elfenbeinturm zu stehen und über die Welt zu blicken ist also genau so wichtig, wie immer wieder aus ihm zu türmen und auf ausführlichen Spaziergängen die Welt aus anderen Blickwinkeln wahrzunehmen – immer leicht skeptisch und dennoch mit viel Vertrauen.