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Erfindung und Verbreitung des Schachspiels
China oder Indien?
Die Schachhistoriker sind sich bis heute nicht einige geworden darüber, welches eigentlich das Ursprungsland des Schachspiels sei, Indien oder China. Heydebrand von der Lasa (Bilguer), Antonius van der Linde (der eine Weltreise zwecks Auffindung der Heimat des Schachspiels unternommen hatte), Ludwig Bachmann (Aus vergangenen Zeiten) und andere plädieren für Indien. Ebenfalls Dr. Robert Hübner, Papyrologe und Grossmeister, der sich eingehend mit dem chinesischen Schachspiel "hsiang ch'i" beschäftigt hat. Er ist der Auffassung, dass als ältestes Zeugnis eine Schachstelle der Sanskritliteratur zu gelten habe. In einer Dichtung von Bana wird dem König Sriharscha (618-650) von Kaniakubdscha eine ausserordentliche Friedensliebe nachgerühmt. Unter seiner Regierung habe kein andrer Streit stattgefunden als der zwischen honigsammlenden Bienen, keine anderen Füsse habe man abgeschnitten als Versfüsse und keine anderen Heere (Tschaturanga) habe man unterhalten, als auf dem Brett von 8x8 Feldern (Aschtapada). Der Sinologe Joseph Needham dagegen vertreitt die Meinung, das Schachspiel sei in China erfunden worden. Er veröffentlichte in einer Arbeit eine Vorrede des Kanzlers Wang Pao zum Schachbuch des Kaiseres Wu Ti, der 569 das grosse astrologische Schach "hsiang ch'i" ersann. Der mazedonische Historiker Pavle Bidev ist ebenfalls zu diesem Schluss gekommen. Der Italiener Adriano Chicco hat Schachsteine, die 1932 in einem römischen Grab in Venafro ausgegraben wurden, auf das 3. bis 4. Jahrhunder n. Chr. Fixiert. Russische Schachhistoriker haben folgende historische Zeittafel festgelegt: In Indien taucht das Schachspiel im 2. bis 4. Jahrhundert auf, wobei der spätere Zeitpunkt die grössere Wahrscheinlichkeit für sich hat. In China im 6. Jahrhundert, in Persien im 6. Jahrhundert, bei den Arabern im 8. Jahrhundert, in Byzanz im 10. Jahrhundert, in Italien im Anfang des 11. Jahrhundert, in Spanien am Ende des 11. Jahrhunderts, in Preussen und den Oberseeprovinzen im 12. bis 13. Jahrhundert, in Russland am Ende des 16. Jahrhunderts.
Weil die Anfänge des Schachspiels derart im Dunkeln blieben, bildeten sich naturgemäss im Laufe der Zeit zahlreiche Legenden. Die bekannteste dürfte die Weizenkornlegende sein, beschrieben vom Perser Ibn Khallikan (1211-1282): "Unter dem indischen Herrscher Shihram sei das Land in Not und Elend geraten, denn dieser regiert als Tyrann. Der weise Brahmana Sissa ibn Dahir habe daher das Schachspiel erfunden, um seinem König zu demonstrieren, dass auch er auf seine Untertanen angewiesen sei, gleichermassen wie der König auf dem Schachbrett. Der Tyrann besann sich eines besseren, wurde milder und befahl sogar, dass das Schachspiel in allen Regionen seines Landes Verbreitung finden müsse. Dem Brahmanen bot er eine fürstliche Belohnung an, deren Höhe er selbst bestimmen sollte. Sissa wünschte sich als Belohnung nur etwas Weizen: auf das erste Feld des Schachbretts ein Korn, auf das zweite Feld zwei Körner, auf das dritte Feld dann deren vier, auf das vierte Feld acht Körner, usw. Der Herrscher war zuerst über diesen bescheidenen Wunsch erbost, liess sich aber dann doch bewegen, diesen Wunsch zu erfüllen. Wie gross war sein Erstaunen, als nach einigen Tagen der Vorsteher seiner Kornkammer ganz verzweifelt vorsprach und meldete, im ganzen Reich, ja, in der ganzen Welt gäbe es nicht soviel Weizen, um den Wunsch des Weisen zu erfüllen." In der Tat, um dem Brahmanen gerecht zu werden, hätte es 18 Trillionen, 446 Billiarden, 744 Billionen, 73 Milliarden, 709 Millionen, 551 Tausend und 615 Körner bedurft!
Auszüge aus "1889-1989 100 Jahre Schweizerischer Schachverband", geschrieben von Alex Crisovan, erschienen 1989, Zürcher AG (Zug)