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Am 23. September entscheiden die Bündner Stimmbürger, ob in Zukunft an der Primarstufe nur noch eine Fremdsprache unterrichtet werden darf. Ein «Ja» wäre ein Angriff auf die Dreisprachigkeit Graubündens. Ein Leitartikel gegen die Fremdspracheninitiative.
Mit der Volksinitiative «Nur eine Fremdsprache in der Primarschule (Fremdspracheninitiative)» wollen die Initiantinnen und Initianten den Fremdsprachenunterricht auf der Primarstufe auf eine Fremdsprache reduzieren. Demnach soll in Graubünden in Zukunft nur noch eine Fremdsprache in der Primarschule unterrichtet werden, je nach Sprachregion würde dies Deutsch oder Englisch sein. Heute wird die erste Fremdsprache ab dem 3. Schuljahr, die zweite Fremdsprache ab dem 5. Schuljahr gelehrt. Schülerinnen und Schüler in Italienisch- und Romanischbünden fangen mit Deutsch an, danach kommt Englisch hinzu. Deutschbünden lernt Englisch und eine zweite Kantonssprache. Die Initianten behaupten, dass Primarschülerinnen und -schüler mit zwei Fremdsprachen überfordert seien. Deshalb soll in Graubünden auf der Primarstufe nur noch eine Fremdsprache unterrichtet werden.
Im März 2018 hat das Institut für Bildungsevaluation der Universität Zürich die Englischkompetenz in den Schulen im Kanton Graubünden untersucht. Das Institut kommt zum Schluss, dass die Bedenken bezogen auf die Überforderung durch das Erlernen von zwei Fremdsprachen in der Primarschule unbegründet sind. Wenn überhaupt eine Überforderung festzustellen gewesen sei, könne diese nicht auf die zweite Fremdsprache zurückgeführt werden. Im April dieses Jahres hat der Verband der Lehrpersonen Graubünden eine Urab‧stim‧mung bei den Mitgliedern in Sachen Fremdspracheninitiative durchgeführt. Gerade mal 22 Prozent haben teilgenommen, die Initiative wurde deutlich abgelehnt. Wenn also die Primarschulkinder und ihre Lehrpersonen tatsächlich überfordert wären, hätten die Lehrer wohl alles unternommen, um die Initiative zu unterstützen. Das Resultat zeigt hingegen auf, dass die Frage nach den Frühfremdsprachen bei den Lehrpersonen keine grossen Wellen schlägt. Die Initianten argumentieren zudem, dass Vokabeln zu büffeln und die Regeln der Grammatik auswendig zu lernen, erst in der Oberstufe funktioniere. Damit können sie recht haben. Das ist aber ein Problem der Unterrichtsform und nicht der Fremdsprache. Wieso also das Auto einstampfen lassen, wenn es nur einen Ölwechsel braucht? Wenn der Unterricht allzu sehr auf Grammatik ausgerichtet ist, muss der Hebel eher beim kindgerechten Unterricht angesetzt werden, als das ganze Fach zu streichen.
Die Umsetzung der Fremdspracheninitiative in Graubünden würde bedeuten, dass die italienischen und romanischen Schülerinnen und Schüler erst im 7. Schuljahr mit der Fremdsprache Englisch beginnen würden, Deutsch hingegen ab dem 3. Schuljahr. Nach Beendigung der Schulpflicht werden aber die gleichen Kompetenzen in beiden Fremdsprachen vorausgesetzt. Sowohl das Verwaltungsgericht Graubünden als auch das Bundesgericht haben diesbezüglich festgestellt, dass damit eine klare Benachteiligung, also eine Diskriminierung der frankofonen Sprachminderheiten in Graubünden vorliegt. Deshalb ist diese Initiative ein Frontalangriff auf die Dreisprachigkeit Graubündens. Zudem besteht die Angst, dass, falls die Initiative angenommen wird, zweisprachige Gemeinden sich nur für eine Sprache in der Schule entscheiden, Leidtragende wären die romanische und italienische Sprache. Die romanischen und italienischen Sprachorganisationen bekämpfen natürlich die Fremdspracheninitiative. Auch der Grosse Rat beantragt mit einem deutlichen Resultat, die kantonale Volksinitiative «Nur eine Fremdsprache in der Primarschule» abzulehnen. Alles andere als ein deutliches Resultat gegen die Fremdspracheninitiative wäre ein falsches Signal für ein dreisprachiges Graubünden.
Leitartikel und Foto: Nicolo Bass