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Claude Nicollier, wir danken Ihnen, dass Sie sich bereit erklärt haben, am nationalen Lions-Kongress 2022 in Basel als Hauptredner aufzutreten und Ihre Highlights mit uns zu teilen. Mit diesem Interview in der Revue LION versuchen wir, Ihrem Vortrag nicht vorzugreifen, und porträtieren Sie daher von einer anderen Seite.
Isabelle Guggenheim: Wie würden Sie sich selbst beschreiben?
Claude Nicollier: Ich bin ein ganz normaler Mensch, der mit einer Leidenschaft für Sterne, Flugzeuge und Raumschiffe lebt und das unglaubliche Privileg hatte, viermal ins All fliegen zu dürfen. Ein bisschen Arbeit, um dorthin zu gelangen, ja, aber auch eine enorme Portion Glück!
In welchen Momenten sind Sie der objektiv handelnde/denkende Claude Nicollier, und wann sind Sie der emotionale?
Nicollier: Meistens bin ich der objektiv handelnde und denkende Claude Nicollier, vor allem dann, wenn ich gebeten werde, Verantwortung zu übernehmen und nicht einfache und kritische Aufgaben zu erfüllen. Als Beispiel kann ich den Austausch des Kontrollcomputers des Hubble-Weltraumteleskops in 600 km Höhe während eines Weltraumspaziergangs im Dezember 1999 nennen, als eines von sieben Besatzungsmitgliedern der dritten Wartungsmission des Observatoriums in der Umlaufbahn. Wenn die Aufgabe planmässig erledigt wurde, lasse ich den Emotionen freien Lauf, und die sind fast immer sehr positiv!
Was würden Sie in Ihrem Leben anders machen, wenn Sie die Uhr noch einmal zurückdrehen könnten?
Nicollier: Ich würde nicht viel anders machen, ausser einer Sache: Ich würde alles tun, um mehr Zeit mit meiner Familie, mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern, zu verbringen. Auch wenn man extrem viel zu tun hat, zum Beispiel bei den letzten Vorbereitungen für eine Weltraummission, muss man alles tun, um Zeit für seine Familie zu haben. Ich bedauere, dass ich das nicht immer getan habe.
Sie haben einmal gesagt, Ihre wichtigste Erfahrung, die Sie im Weltraum gemacht haben, sei, immer klare Ziele zu haben. Wie ist diese Erfahrung zustande gekommen?
Nicollier: Ja, die hat sich definitiv ergeben, mehr als einmal. Klare Ziele haben und diese dann mit Fleiss und Ausdauer verfolgen, wenn Hindernisse da sind und sie die Reise erschweren.
Der schönste Ort der Welt?
Nicollier: Ich bin kein grosser Fan von Städten. Ich mag Wüsten und grosse Gebirgsketten. Die Anden, die Atacama-Wüste, der Salar de Uyuni in Bolivien haben mich immer fasziniert. Ich war mehrere Male in diesem Teil der Welt. Vom Weltraum aus gesehen waren auch die Sahara und der Himalaja absolut atemberaubend!
Sie haben einmal in einem Interview erklärt, dass das Phänomen der Depression nach einer Weltraummission wahrscheinlich mit dem grossen Druck zu tun hat, dem Astronauten ausgesetzt sind. Wie gehen Sie persönlich mit Druck um?
Nicollier: Man muss lernen, in diesem Beruf mit Druck zu leben. Wenn man diesen Druck nicht mag, muss man sich einen anderen Job suchen. Zweifellos gibt es auch andere Berufe als den des Astronauten, aber in der Raumfahrt ist der Druck besonders hoch, vor allem in kritischen Phasen wie dem Weltraumspaziergang und dem Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Druck und Risiko in einem.
Neben Ihren Erfahrungen ausserhalb der Erdatmosphäre bezeichnen Sie eine Besteigung des Matterhorns zusammen mit Ihrer damals 16-jährigen Tochter im Jahr 1994 als den Höhepunkt Ihres Lebens.
Nicollier: Es war auf jeden Fall ein Höhepunkt in meinem Leben, vor allem, weil ich ihn mit einem Mitglied meiner Familie geteilt habe! Es war auch eine wunderbare Lektion fürs Leben für meine Tochter Marina!
Wie ist Ihre Familie, wie sind Ihre Kinder mit Ihrer Berühmtheit umgegangen?
Nicollier: Ich habe immer versucht, diesen Geist der «Berühmtheit» zu bremsen. Ich habe darauf bestanden, dass ich ein Beamter bin, der seinen Job macht! Der Vorteil dieses privilegierten Jobs für unsere Familie, einschliesslich unserer Kinder, war die Möglichkeit, sehr interessante Menschen unter Freunden und Kollegen zu treffen, die an dem multikulturellen und faszinierenden Abenteuer beteiligt waren, das wir teilten!
Und Sie selbst? Vermissen Sie die Normalität des Unbekannten oder geniessen Sie den ständigen Rummel des Starseins?
Nicollier: Nochmals, kein Star. Ich habe diesen Prominentenstatus heruntergespielt und führe seit einiger Zeit wieder ein fast normales Leben. Ich tue jetzt mein Bestes, um das Interesse von Schülern und Studenten für den Wert der Forschung in den Bereichen Weltraumwissenschaften und Astrophysik zu wecken.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten…
Nicollier: Ich wünsche mir eine reibungslose und glückliche Zukunft für meine Familie und für die Menschheit im Allgemeinen, so eine Zukunft ist in diesen Tagen nicht selbstverständlich!
Interview: Isabelle Guggenheim