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Die Stärken der Hochsensiblen
Das Thema «Hochsensibilität» ist in aller Munde, vor allem seit die Psychologin und Forscherin Elaine Aron 1996 ihr Buch «The Highly Sensitive Person» veröffentlichte. Allgemein liegt der Fokus meist auf den negativen Aspekten der Hochsensibilität, was die BSc-Studentin Florence Simonetta dazu veranlasste, in ihrer Seminararbeit der Frage nachzugehen, ob es neben negativen Eigenschaften von Hochsensibilität auch positive Anteile und Stärken gibt, durch die sich Betroffene auszeichnen und die ihnen auch Vorteile bringen können.
Regelmässig berichten Fachpersonen in Online- oder Printmedien von einem Boom bezüglich der Selbstdiagnostik von Hochsensibilität, wobei viele vermeintlich Betroffene «sensibel» mit «hochsensibel» verwechseln würden (Küster 2015). Zudem werden übers Netz Erfahrungs- und Leidensgeschichten mitgeteilt, Beratungsangebote vermehren sich wie Unkraut, und innovative Unternehmen laden zu entsprechenden Yoga-Übungen sowie teuren Reflexionskursen ein. Tatsächlich ist die Hochsensibilität in aller Munde, seit die US-amerikanische Psychologin und Forscherin Elaine Aron 1996 ihr Buch «The Highly Sensitive Person » veröffentlichte.
Geschichtliches
Im 19. Jahrhundert wurden Menschen, die über «eigenthümliche Geräusche in den Ohren, sonderbare Geruchsempfindungen, Rückenschmerzen, schmerzhafte Gefühle in den Muskeln und Knochen» klagten, als Neurastheniker oder umgangssprachlich als «nervenschwach» bezeichnet (Kisch 1887). Als Verfasser dieser Aussage vermutete der Gynäkologe Kisch damals einen «abnormen Zustand des Nervensystems, der sich im Wesentlichen […] durch erhöhte Reizbarkeit und herabgeminderte Leistungsfähigkeit der Nerven kennzeichnet». Verständnis konnten die Neurastheniker – auch von ärztlicher Seite – sehr wenig erwarten. Der US-amerikanische Neurologe George Miller Beard, der den Begriff Neurasthenie im Jahre 1869 als Erster verwendete, machte die zunehmende Urbanisierung und den wachsenden Wettbewerb im 19. Jahrhundert für diese Reizüberflutung verantwortlich. Diese Zuschreibung lastet dem Phänomen auch heute noch an, was gerade bezüglich der wachsenden Informationsgeschwindigkeit auch nachvollziehbar ist.
Viele Zweifel und (noch) wenig Forschung
«Jetzt stell dich nicht so an.» – «Sei nicht immer so empfindlich.» – «Heulsuse!» Solche und ähnliche Sätze hören hochsensible Menschen häufig, vor allem in ihrer Kindheit. Viele haben das Gefühl, mit ihnen stimme etwas nicht, da sie so anders sind als alle anderen. Sie fühlen sich fremd, ausgegrenzt und können mit Situationen schwer umgehen, die für andere keine besondere Herausforderung darstellen (Aron, Aron & Davies 2005).
Menschen, die sich als hochsensibel empfinden, werden zudem mit Zweifeln und Kritik konfrontiert: So werden sie in vielen Statements – wiederum online – als zu anspruchsvoll, besonders zartbesaitet, auffallend überempfindlich bis hin zu trendorientiert betitelt. Laut Aron zeichnen sich Menschen mit Hochsensibilität durch eine besonders tief gehende Informationsverarbeitung, eine rasche Reizüberflutung, hohe emotionale Reaktivität sowie durch das genaue Erfassen von Feinheiten aus (Aron 1997/2011). Dies hat Auswirkungen auf unterschiedliche psychische Bereiche wie beispielsweise die Wahrnehmung, das Denken und Fühlen oder die Entwicklung. Oft sind Hochsensible schnell erschöpft von Reizen wie beispielsweise lauter Musik, vielen Menschen oder fremden Gerüchen, weil sie viel mehr Feinheiten wahrnehmen und dadurch schneller an ihre Grenzen stossen als Nicht-Hochsensible. Dadurch stellt für die meisten Betroffenen die Hochsensibilität eine grosse Herausforderung dar (Parlow 2003). Als Aron 1996 den Begriff definierte und das Konzept der Highly Sensitive Person (HSP) prägte, begannen auch erste Forschungen im deutschsprachigen Raum. Die Hochsensibilität oder Sensory Processing Sensitivity (SPS) ist in der Alltagssprache ein Charaktermerkmal und wird in der Wissenschaft als eine Eigenschaft beziehungsweise ein Merkmal der Persönlichkeit respektive des Temperaments bezeichnet. Es wird angenommen, dass schätzungsweise 15 bis 20 Prozent der Menschen (und auch Tiere) davon betroffen sind, wobei bisher kein Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Lebewesen beobachtet werden konnte (Küster 2015, Aron 1997/2011).
Wider die defizitorientierte Sichtweise
Allerdings liegt der Fokus in der Literatur zumeist auf den negativen Aspekten der Hochsensibilität. Gemäss Elaine Aron müsste dieses doch recht verbreitete Merkmal auch adaptive Vorteile mit sich bringen, weil es sonst durch die natürliche Selektion aus der Population verloren ginge (Aron 2014). Diese Sicht veranlasste unsere Bachelor-Studentin Florence Simonetta dazu, ihre erste wissenschaftliche Arbeit zu den folgenden Fragestellungen zu verfassen: «Gibt es nebst den vielen negativen Eigenschaften von Hochsensibilität auch positive Anteile und Stärken, durch die sich Betroffene auszeichnen und die ihnen in gewissen Bereichen Vorteile bringen? Und, wenn ja: Welche Bereiche sind das?» Verschiedene Studien befassen sich mit möglichen positiven Aspekten des Persönlichkeitsmerkmals Hochsensibilität und sind zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Spezifisch wurden Forschungsergebnisse zu den Bereichen Vantage Sensitivity (erhöhte Reaktivität auf positive Erfahrungen), subjektives Wohlbefinden, emotionale Reaktivität und Empathie sowie visuelle Wahrnehmung untersucht und ausgewertet.
Die Vorteile von Hochsensibilität
Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen, dass Hochsensibilität einige Vorteile mit sich bringt und somit auch als Stärke betrachtet werden kann: Sie verarbeiten Emotionen anderer Personen – insbesondere positive und diejenigen von ihnen Nahestehenden – vertiefter und nehmen diese entsprechend auch selber stärker wahr (Aron & Aron 1997/2014, Jagiellowicz 2010/12, Acevedo et. al. 2014, Gerstenberg 2012, Aron et al. 2010, Aron 2012). Ausserdem zeigen sie erhöhte Aktivität in den Bereichen Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitung und Handlungsplanung. Dies macht sie «alert and ready to respond» und damit zu besonders empathischen Menschen, was sie dazu befähigt, besser auf Bedürfnisse anderer eingehen zu können (Acevedo et al. 2014, S. 590). Hochsensible weisen in einigen Studien auch eine schnellere Verarbeitung von visuellen Reizen auf, in einer anderen Untersuchung finden sich jedoch längere Reaktionszeiten: Gerstenberg vermutet, dass Hochsensible bei komplexen Anforderungen zögerlicher antworten, was ebenfalls auf eine vertiefte Verarbeitung von Informationen hinweist (Gerstenberg 2012). Zudem würden Hochsensible – ungeachtet des Kontextes und ihrer kulturellen Prägung – alle visuellen Stimuli gleichwertig behandeln.
Gewisse Teile der Hochsensibilität, beispielsweise die ästhetische Sensibilität, zeigen einen positiven Zusammenhang mit dem Erleben von angenehmen Gefühlen und Offenheit für neue Erfahrungen, was das subjektive Wohlbefinden steigern kann. Ausserdem sprechen Hochsensible besser auf Präventionsprogramme an, weil sie vermutlich stärker auf positive Umwelteinflüsse reagieren als weniger sensible Personen. Weitere Ergebnisse lassen darauf schliessen, dass Hochsensible jegliche inneren und äusseren Reize vertiefter verarbeiten. Dies macht sie sehr aufmerksam für kleinste Veränderungen und auch Gefahren in ihrer Umwelt. Ihre Intuition dürfte dadurch sehr ausgeprägt sein, da sie unbewusst besonders viele Informationen wahrnehmen, verarbeiten und mit vergangenen Erfahrungen vergleichen können (Aron 2012). Trotz dieser eindrücklichen Befunde sind die Forschungsergebnisse noch zu wenig eindeutig und nicht genügend differenziert, weshalb es eine weitergehende und vertieftere Auseinandersetzung mit den positiven Seiten der Hochsensibilität braucht.
Schlussbemerkung
In den untersuchten Studien zeigte sich ausserdem, dass Hochsensibilität zwar ein Potenzial für eine gute Entwicklung sein könnte – vom Umfeld braucht es dazu aber eine aufmerksame Haltung. Möglicherweise würden Programme zur Früherkennung und -förderung zur Entwicklung der hochsensiblen Menschen beitragen. Allerdings könnten wir auch einfach zuhören, da sein, Zeit und Geduld haben – egal, wie sensibel oder anspruchsvoll unsere Kinder, die Jugendlichen und Erwachsenen um uns herum sind.
Text: Verena Berchtold-Ledergerber, Florence Simonetta