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- Mary Shelley schrieb ihren Roman «Frankenstein» 1816, fasziniert von den Errungenschaften der modernen Wissenschaft
- Bis heute ist «Frankenstein» eine Parabel auf menschlichen Wissensdrang ohne ethischen Grenzen.
- Monster in der Literatur und Kunst verweisen meist auf Ängste ihrer Zeit: Das macht die Ausstellung im Genfer Musée Rath erfahrbar.
Albträume und Affären
Ein Albtraum soll die junge Mary Shelley zu ihrem Roman «Frankenstein» angeregt haben. Ein Albtraum, der auf fruchtbaren Boden fiel. Denn für Mary Shelley, die zu diesem Zeitpunkt noch Mary Godwin hiess, war der Sommeraufenthalt am Genfersee eine bewegte Zeit.
Sie reiste gemeinsam mit ihrem zukünftigen Ehemann Percy Shelley und ihrer Halbschwester Claire Clairmont. Percy Shelley lief seiner schwangeren Ehefrau davon, Claire Clairmont besuchte am Genfersee Lord Byron.
Sie liebte den Dichter heiss und innig. Er war nur mässig interessiert. Emotional ging es hoch her in dem Grüppchen, das durch Lord Byrons Arzt John William Polidori komplettiert wurde.
Unter dunkelgrauem Himmel
Nicht nur die Gefühle schlugen hohe Wellen. Der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora sorgte für ununterbrochene Regenfälle. Das Jahr 1816 ging als Jahr ohne Sommer in die Geschichte ein.
An Bootsfahrten auf dem See oder Ausflüge in die Berge war nicht zu denken. Die Reisenden sassen Tag um Tag im Salon zusammen und um sich zu amüsieren, erfanden sie Geschichten.
Wunderkraft Elektrizität
In diese Geschichten flossen allerlei Mythen und Legenden ein, die sie auf ihren Reisen gehört hatten. Aber auch die neuesten News aus der Welt der Wissenschaft, die damals noch abenteuerlich und geheimnisumwoben war.
Es gab atemberaubende Experimente mit Elektrizität: Tote Frösche begannen unter dem Einfluss von Stromstössen zu zappeln, als lebten sie noch. Naturphilosophen diskutierten ernsthaft, ob es bald möglich sein werde, Leben im Labor zu erzeugen.
In ihrem Roman «Frankenstein» lässt Mary Shelley einen ehrgeizigen jungen Arzt zum Schöpfer einer monströsen Kreatur werden, in der sich Machbarkeitsphantasien und menschlicher Grössenwahn spiegeln. Frankensteins Monster repräsentiert eine Welt, in der dem menschlichen Wissensdrang keine ethischen Grenzen mehr gesetzt sind.
Die Wissenschaft als Abenteuer
Das mache den Roman bis heute so interessant und modern, sagte Justine Moeckli, die im Musée Rath in Genf eine umfangreiche und faszinierende Ausstellung über Frankenstein und das Unheimliche in der Kunst von 1800 bis heute eingerichtet hat.
Der erste Teil der Ausstellung widmet sich der Entstehung des Romans und den Hintergründen: Anhand zahlreicher Kunstwerke und Textdokumente führt die Ausstellung die Reisenden aus England vor, skizziert die Entwicklung der Gothic Novel, die von Grossbritannien aus das europäische Lesepublikum eroberte und veranschaulicht, wie die Abenteuer der Wissenschaft im 19. Jahrhundert wahrgenommen wurden.
Das Monster als Spiegel der Zeitgeschichte
Im zweiten Teil folgt ein üppig bestückter Rundgang durch das Schauerliche in Kunst und Literatur vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Es gibt Gemälde, Fotos, Videos von Kunstschaffenden von Johann Heinrich Füssli bis H. R. Giger, von William Blake bis Sterling Ruby.
In Vitrinentischen liegen Bücher wie Bram Stokers Vampirklassiker «Dracula» und Bret Easton Ellis' Roman um einen Serienmörder, «American Psycho». Alle diese Exponate zeigen: In den Monstren, die die Kunst schafft, spiegelt sich immer auch die Zeitgeschichte mit ihren spezifischen Ängsten vor Krieg, Seuchen, Atomkraft.
Eine zeitlose Kreatur
Die Geschichte um Doktor Frankenstein und sein Monster reflektiert aber nicht nur die Ängste einer Generation, die den Beginn der modernen Wissenschaften erlebte. In dieser Erzählung klingen, auch das macht die Schau fühlbar, grundsätzliche Fragen zu Leben und Tod und zum Verhältnis des Menschen zu Natur an.
Das macht den Roman so zeitlos – und die namenlose Kreatur des Doktor Frankenstein zum Meta-Monster.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Kompakt, 14.12.2016, 16:50 Uhr
Die Ausstellung
«Die Rückkehr der Finsternis» läuft bis zum 19. März 2017 im Musée Rath in Genf.