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Amiri Baraka (1934–2014): Mit Musik gegen Rassismus kämpfen
Der afroamerikanische Dichter Amiri Baraka wusste mit seiner verbalen politischen Radikalität zu verzücken – und zu erschrecken. Konservativ zeigte er sich, wenn es um die Musik als Zentrum schwarzer Kultur ging. Ein Nachruf.
«Auf dieser Platte hörst du Dichter der Schwarzen Nation.» Das hatte der grosse afroamerikanische Dichter, Theaterschriftsteller und Kulturkritiker Amiri Baraka in die Liner Notes einer Platte mit John Coltrane und Albert Ayler geschrieben, die er vor fünfzig Jahren in New York produzierte: «We want poems that kill, setting fire and death to whitie’s ass.» So radikal waren die Musik und die Aufführungspraxis damals.
Vierzig Jahre später sagte Baraka mir beim Interview in New York, weil es keinen relevanten Widerstand gegen das Bush-Regime gebe, rumore auch die Musik nur marginal und untergründig. «Wir begreifen die populäre schwarze Musik als Kontinuum. Duke Ellingtons Musik spricht deutlich gegen Segregation und Diskriminierung – heute genauso wie in den zwanziger Jahren. Wenn wir heute in einem Louis-Armstrong-Konzert ‹What Did I Do to Be So Black and Blue› spielen, ist das nicht weniger Protest als zu seiner Zeit. Das Inspirierende daran ist nicht, zu sehen, dass wir mit den gleichen Problemen konfrontiert sind, sondern dass es immer welche gab, die dagegen kämpften.»
1934 in Newark als Sohn eines Postbeamten und einer Sozialarbeiterin unter dem Namen Everett LeRoy Jones geboren, änderte er seinen Namen später in LeRoi Jones. Er studierte Philosophie und Religion an der Rutgers, der Columbia und der Howard University sowie an der New School for Social Research. Zwischen 1954 und 1957 war er für die Luftwaffe tätig, wurde jedoch wegen angeblicher kommunistischer Propaganda unehrenhaft entlassen. 1967 nahm er den Namen Imamu Ameer Baraka an, schliesslich nannte er sich Amiri Baraka.
Black Music! – Black Music?
Auf den ersten Blick sah er gar nicht wie ein Kämpfer aus. Vor zehn Jahren, bei der Trauerfeier für den Schlagzeuger Elvin Jones, trug er einen hellen Strohhut und fand sogar lobende Worte für seinen langjährigen Widersacher, den schwarzen Publizisten und Jazzkritiker Stanley Crouch. Verschmitzt wartete er die Stichworte ab, war es gewohnt, Statements abzugeben, die provozieren und gleichzeitig Gültigkeit beanspruchen.
Amiri Baraka hatte bereits in den sechziger Jahren – als Wortführer des schwarzen Kulturnationalismus – die schwarze Mittelschicht für ihre Anpassung an die weisse Kultur kritisiert. Mit seinem Buch «Blues People» begründete er vor fünfzig Jahren ein neues schwarzes Musikverständnis und prägte den politischen Begriff der Black Music: Musik als direkter Ausdruck von Black Power, Musik als Protest gegen Rassismus und soziale Diskriminierung.
In den sechziger Jahren war er ein Fürsprecher der schwarzen Avantgarde. Dreissig Jahre später schien er im Konflikt zwischen dem etablierten Traditionalisten Wynton Marsalis und den experimentellen Jazzern Lester Bowie und Henry Threadgill die Seite gewechselt zu haben. «Ich will da ganz ehrlich sein», betonte er mir gegenüber, «ich möchte lieber Wynton Marsalis mit einem Ellington-Konzert hören als das, was Bowie oder Threadgill machen. Solange wir keine unabhängigen Institutionen haben, begrüsse ich es, dass die afroamerikanische Tradition von Wynton Marsalis bewahrt wird.» Als ich ihn zehn Jahre später mit dieser Aussage konfrontierte, äusserte er sich differenzierter: «Was Marsalis an Archivarbeit vorgelegt hat, vermindert ja nicht den Beitrag von Threadgill und seinen Zeitgenossen. Aber natürlich würde ich Duke Ellington als genialen Komponisten bezeichnen – und ich würde niemals auf die Idee kommen, Ellington und Threadgill in einem Atemzug zu nennen.» Im Zentrum blieb für ihn die Erhaltung der schwarzen Musikkultur.
Kontroverse politische Äusserungen
Musik war und blieb für Baraka das revolutionäre Kommunikationsmedium des schwarzen Amerika, auch wenn er seine politische Ausrichtung gelegentlich änderte. Sein Gedicht «Somebody Blew up America» etwa schwankt zwischen Verschwörungstheorie und Imperialismuskritik, und die darin aufgegriffene Frage, wer 4000 israelischen Angestellten wohl geraten habe, am 11. September 2001 nicht zur Arbeit im World Trade Center zu erscheinen, brachte Baraka grossen Ärger ein. Wegen darauf folgender Antisemitismusvorwürfe wurde seine Ernennung zum Staatsdichter von New Jersey 2003 wieder aberkannt. Auch verlor er zeitweilig alle Lehraufträge.
In jenen Tagen beschrieb sein Widersacher Crouch Barakas Werk als «inkohärente Mischung aus Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, schwarzem Nationalismus und Anarchie». Doch Baraka pochte auf Meinungsfreiheit und dachte nicht daran, sich zurückzunehmen. «Die Faschisten sitzen in ihren Limousinen und warten nur darauf, dass der Schrecken bald vorbei ist», sagte er als Wahlkämpfer für Barack Obama vor fünf Jahren beim New Yorker Vision Festival, bei dem er alljährlich mitwirkte: «Wer sich jetzt nicht organisiert, wird später zur Kasse gezerrt.»
Doch, die Dichter gebe es noch, sagte Baraka mir unlängst erst wieder, und er nannte die Saxofonisten Pharoah Sanders und David Murray, aber auch jüngere Musiker wie den indischstämmigen Pianisten Vijay Iyer. Zu einem seiner letzten Texte sollten nun die Liner Notes zu einer demnächst beim Zürcher Label Intakt erscheinenden CD mit Vijay Iyer und Trio 3 werden, die Baraka vor wenigen Tagen erst in die Post gegeben hat. Am 9. Januar ist Amiri Baraka in seiner Heimatstadt Newark gestorben. Er lebte in zweiter Ehe mit der Dichterin Amina Baraka und war Vater von acht Kindern.