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| Hilarius von Poitiers († 367) - Abhandlungen über die Psalmen.

Vorrede zu dem Buche der Psalmen
6.
Und zwar muß man annehmen, daß dieses in Bezug auf jede Art der prophetischen Schriften gesagt sey; so daß, wenn man dieselben nicht auf die Ankunft des Herrn, welcher als Mensch aus der Jungfrau geboren werden sollte, bezieht und von dieser versteht, man ihr Verständniß und ihren Sinn versiegelt und verschlossen findet. Daß jedoch das Buch der Psalmen nicht anders, als durch den Glauben an seine Ankunft verstanden werden könne, dieses lehrt uns die Offenbarung des heiligen Johannes mit folgenden Worten:1 „Und dem Engel der Gemeinde zu Philadelphia schreibe: Dieses spricht der Heilige und Wahrhaftige, welcher den Schlüssel Davids hat; wenn er öffnet, schließt Niemand, wenn er schließt, öffnet Niemand.“ Er hat also den Schlüssel Davids; weil er durch diese sieben Weissagungen, welche gleichsam sieben Siegel sind, nämlich durch das, was David von seiner Verkörperung, seinem Leiden, seinem Tode, seiner Auferstehung, seiner Herrlichkeit, seinem Reiche und seinem Gerichte über ihn in den Psalmen [S. 324] weissagt, auflöset, indem er öffnet, was Niemand verschließen, und verschließt, was Niemand öffnen wird; denn gerade durch diese Weissagung, welche an ihm in Erfüllung gegangen ist, wird er öffnen, was Niemand verschließen wird; und im Gegentheile wird er, wenn man der an ihm erfüllten Weissagung den Glauben versagt, verschließen, was Niemand öffnen kann. Denn Niemand, als derjenige, auf welchen dieses geweissaget und an welchem es erfüllt worden ist, wird den Schlüssel dieser Erkenntniß ertheilen. Ferner lehrte er eben dasselbe folgerichtig mit den Worten:2 Und „ich sah in der Rechten desjenigen, welcher auf dem Throne saß, ein Buch, geschrieben von innen und von außen, versiegelt mit sieben Siegeln; und ich sah einen andern mächtigen Engel, welcher mit starker Stimme rief: Wer ist würdig zu öffnen das Buch, und zu brechen seine Siegel? Und Niemand, weder im Himmel noch auf Erden, noch unter der Erde, konnte öffnen das Buch, noch hineinblicken in dasselbe. Da weinte ich, daß Niemand würdig gefunden wurde, zu öffnen das Buch, noch hineinzublicken in dasselbe. Aber Einer von den Aeltesten sprach zu mir: Weine nicht; sieh: der Löwe vom Stamme Juda, die Wurzel Davids, hat überwunden, zu öffnen das Buch und zu brechen seine sieben Siegel.“ Dieses Buch nun, welches die Vergangenheit und die Zukunft in dem, was von innen und außen geschrieben war, enthält, soll von Niemanden geöffnet werden; und der Apostel bricht aus Sehnsucht nach der Erkenntniß und aus Schmerz wegen der Schwierigkeit in Thränen aus. Allein es siegte der Löwe vom Stamme Juda, und die Wurzel Davids, das Buch und dessen Siegel zu öffnen; denn er allein hat jene sieben Siegel, welche wir oben angeführt haben, und mit welchen das Buch verschlossen ist, durch das Geheimniß seiner Annehmung eines Körpers und seiner Gottheit gelöset.
[S. 325] Aber eben dasselbe bezeugte auch der Herr nach der Auferstehung, indem er sprach:3 „Daß Alles erfüllt werden müsse, was im Gesetze Moses, und in den Propheten und Psalmen von mir geschrieben steht.“ Hiedurch also ist das Buch der ganzen Weissagung versiegelt und verschlossen: denn wenn man das glaubt, was durch ihn erfüllt worden ist, so wird alles das, was versiegelt und verschlossen ist, geöffnet und gelöset werden.
1: Offenb. III, 7.
2: Das. V, 1—5.
3: Luk. XXIV, 44.