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Ngũgĩ wächst in einem Dorf auf, mit einem Vater und dessen vier Ehefrauen, einem Vater, der, anfangs angesehen und reich über eine große Zahl an Tieren verfügt, dann aber sein Land in einem Prozess verliert (das übliche Problem in solchen Staaten: Besitz ohne jede Urkunde – und damit für ein westliches Rechtssystem ohne Gültigkeit), später auch seine Herde durch eine Tierseuche. Aber es ist dies keine Biographie einer Einzelperson, es ist vielmehr die einer Großfamilie, eines riesigen Clans, dem der Autor angehört und dessen Leben von diesen zahlreichen Bindungen zwischen Halbbrüdern, Stiefmüttern und mehr-weniger entfernten Cousins geprägt wird. Ein Einzelner, der ohne seine Gemeinschaft nicht gedacht werden kann und dessen Biographie immer auch die seiner Familie sein muss.
Politisch ist es eine Zeit des Umbruchs, das Ende des Kolonialismus, das in dieser Phase nicht ohne Blutvergießen vor sich ging. Ngũgĩs große Familie ist zerrissen, ein Bruder Mitglied der Unabhängigkeitsbewegung der Mau-Mau, ein Halbbruder in den Diensten der Kolonialherrschaft. Über diese Konflikte, ihre Hintergründe sich zu informieren, ist auf objektive Weise kaum möglich, durch ein weiteres Familienmitglied erfährt Ngũgĩ aber, dass alternative Deutungen scheinbar für sich sprechender Fakten immer möglich sind. Ein Massaker hat Hintergründe, eine Geschichte, es ist nicht nur die Untat einer brutalen Guerilla. Persönlich bleibt aber das Streben nach Bildung, nach Wissen von größter Bedeutung für den Heranwachsenden: Durch einen Lehrer wird ihm der Zugang zur Literatur eröffnet, während er schon zuvor den Geschichtenabenden im Kreise der Großfamilie fasziniert gelauscht hat. Das Buch endet mit der Aufnahme Ngũgĩs in eine höhere Schule (die entsprechende Prüfung schaffen nur sehr wenige), wobei auch dieser Beginn mit großen Schwierigkeiten finanzieller Natur verbunden ist. Hier aber zeigt sich erneut der Zusammenhalt der Familie, die zahlreichen Brüder erbringen schließlich das notwendige Entgelt – und die notwendige Kleidung wird – geschildert in einer anrührenden Episode – von einer Halbschwester aufgebracht.
Es ist ein Einblick in die Welt des verschwindenden Kolonialismus, in Armut, selbstverständlichem Zusammenhalt, in eine Welt der Mythen (man hat keine Probleme damit, das Christentum mehr-weniger gewaltsam mit ursprünglichen Glaubensvorstellungen in Einklang zu bringen) oder eines archaisch anmutenden Initiationsrituals einer traditionellen afrikanischen Religion. Leider gelingt es dem Autor nicht wirklich, eine gut strukturierte Darstellung jener historischen Ereignisse zu geben, die Kenia schließlich in die Unabhängigkeit führten, immer wieder verliert er sich im Dickicht der Verwandtschaftsverhältnisse, die Vermengung persönlicher Erinnerungen mit den geschichtlichen Vorgängen lassen zwar die zwiespältigen Erfahrungen des Jungen deutlich werden, wirken allerdings häufig verwirrend. Trotzdem lesenswert, auch weil es kaum afrikanische Literatur zu diesem Zeitraum gibt (zumindest nicht ohne intensive Recherche).
Ngũgĩ wa Thiong’o: Träume in den Zeiten des Krieges. Eine Kindheit. München: A1 2010.

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