Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03206.jsonl.gz/2494

Haubenpinguin
Eudyptes schlegeli
© 2007 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
Die Familie der Pinguine (Spheniscidae) umfasst 17 Arten in 6 Gattungen. Während die Arten hinsichtlich ihres Körperbaus und ihres Gefieders alle einander sehr ähnlich sind, bestehen hinsichtlich ihrer Körpergrösse und ihres Gewichts erhebliche Unterschiede. Das Spektrum reicht vom Zwergpinguin (Eudyptula minor)
, welcher 40 bis 45 Zentimeter lang und 1 bis 1,5 Kilogramm schwer ist, bis hin zum Kaiserpinguin (Aptenodytes forsteri)
, welcher eine Länge von 100 bis 130 Zentimetern und ein Gewicht von 25 bis 35 Kilogramm aufweist. Der Haubenpinguin (Eudyptes schlegeli)
, von dem hier berichtet werden soll, ist mit einer Länge von 65 bis 75 Zentimetern und einem Gewicht zwischen 4 und 6 Kilogramm ein mittelgrosses Mitglied seiner Familie.
Es gibt 6 Schopfpinguine
Innerhalb der Pinguinfamilie gehört der Haubenpinguin zur Gattung der Schopfpinguine (Eudyptes)
, zusammen mit dem Felsenpinguin (Eudyptes chrysocome)
, dem Goldschopfpinguin (Eudyptes chrysolophus)
, dem Dickschnabelpinguin (Eudyptes pachyrhynchus)
, dem Snaresinselpinguin (Eudyptes robustus)
und dem Kronenpinguin (Eudyptes sclateri, auch E. atratus)
. Alle sechs Schopfpinguinarten sind durch gelbe, bis zehn Zentimeter lange Schmuckfedern am Kopf gekennzeichnet.
Der Goldschopfpinguin und der Haubenpinguin sehen einander überaus ähnlich, weshalb die beiden lange Zeit - als zwei Unterarten namens «Eigentlicher Goldschopfpinguin» und «Macquarie-Goldschopfpinguin» - derselben Art (Eudyptes chrysolophus)
zugerechnet wurden. Heute gelten sie im Allgemeinen als separate Arten. Äusserlich unterscheiden sie sich vornehmlich durch die Gefiederfarbe an Kinn, Kehle und Wangen, welche beim Goldschopfpinguin schwarz, beim Haubenpinguin hingegen weiss oder hellgrau ist. Betreffend Körpergrösse bestehen keine nennenswerten Unterschiede zwischen den beiden Pinguinen. Auch sind bei beiden die Weibchen etwas kleiner und durchschnittlich 500 Gramm leichter als die Männchen.
Auf der Insel Macquarie zu Hause
Sämtliche 17 Pinguinarten sind auf der südlichen Erdhalbkugel heimisch. Nicht alle von ihnen bewohnen jedoch die frostigen Eis- und Schneelandschaften der Antarktis, wie wir oft annehmen. Der Galapagospinguin (Spheniscus mendiculus)
beispielsweise lebt äquatornah auf den Galapagosinseln Fernandina und Isabela, der Humboldtpinguin (Spheniscus humboldti)
ist entlang der Pazifikküste Südamerikas verbreitet, und der Brillenpinguin (Spheniscus demersus)
kommt an den Küsten des südlichen und südwestlichen Afrikas vor. Auch die sechs Schopfpinguine sind keine Antarktisbewohner. Sie bewegen sich allesamt in der Subantarktis, das heisst zwischen dem Polarkreis im Süden und der kalten gemässigten Zone im Norden, umher und brüten auf verschiedenen subantarktischen Inseln.
Der einzige Ort, wo der Haubenpinguin zur Brut schreitet, ist die rund 1500 Kilometer südöstlich von Tasmanien bei 54° 40' südlicher Breite und 158° 70' östlicher Länge gelegene, politisch zu Australien gehörende Insel Macquarie. Die Fläche des ungefähr 34 Kilometer langen und 5 Kilometer breiten Eilands bemisst sich auf bloss 170 Quadratkilometer. Weite Bereiche sind sandig, kiesig oder felsig. Wo eine schüttere Pflanzendecke wächst, besteht diese zur Hauptsache aus Büschelgräsern. Gehölzpflanzen fehlen vollständig. Macquarie ist unbesiedelt. Es gibt aber eine australische, ganzjährig besetzte Forschungsstation.
Mit insgesamt rund 850 000 Brutpaaren bilden die Haubenpinguine die kopfstärkste Pinguinpopulation auf Macquarie. Es brüten aber auch noch rund 200 000 Felsenpinguinpaare, 130 000 Königspinguinpaare (Aptenodytes patagonicus)
und 6000 Eselspinguinpaare (Pygoscelis papua)
auf der kleinen, abgeschiedenen Insel.
Ihre Heimatinsel betreten die Haubenpinguine nur während der Brutsaison. Die übrige Zeit des Jahres, rund fünf Monate lang, streifen sie im offenen Meer umher. Wo sie sich genau aufhalten, wissen wir nicht. Es scheint aber, dass sie in der Region bleiben, denn es gibt ausserhalb der Brutsaison regelmässig Sichtungen von Haubenpinguinen in den Gewässern zwischen Australien und Neuseeland im Norden und der Antarktis im Süden.
Wie alle Pinguine ernähren sich die Haubenpinguine von tierlicher Nahrung und gehen im offenen Meer auf Beutefang. Hauptsächlich verspeisen sie kleine, frei schwimmende, garnelenartige Krebstiere, insbesondere aus der Gattung Euphausia
(«Krill»), ferner je nach dem örtlichen und jahreszeitlichen Angebot kleinere Fische (z.B. Electrona carlsbergi
) und, eher selten, auf offener See lebende Tintenfische aus der Gattung Moroteuthis
. Ihre Beute fangen die Haubenpinguine vorzugsweise in Oberflächennähe. Selten tauchen sie tiefer als etwa zwanzig Meter. Ungefähr alle zwei bis drei Minuten kehren sie zur Wasseroberfläche zurück, um Atem zu schöpfen. Mit Geschwindigkeiten von bis zu dreissig Kilometern je Stunde jagen sie unter Wasser ihren Beutetieren hinterher.
2,5 Nester je Quadratmeter
Die Haubenpinguine sind ausgeprägte Koloniebrüter. Die insgesamt rund sechzig Kolonien, die sie während der Brutsaison bilden, befinden sich rund um Macquarie herum. Einige Kolonien sind klein und umfassen nur 70 bis 200 Brutpaare. Die grösste jedoch, die sich beim Hurd Point ganz im Inselsüden befindet, setzt sich aus rund 500 000 Paaren zusammen.
Die Fortpflanzungszeit beginnt jeweils gegen Ende des südlichen Winters, in der zweiten Septemberhälfte. Die Männchen tauchen dann an ihren angestammten Brutplätzen auf, beschlagnahmen einen Nistplatz und beginnen mit dem Bau ihres Nests. Es handelt sich um eine flache, mit dem Bauch ausgeformte Mulde, welche mit Steinchen, Zweigen, Grashalmen und dergleichen umrandet wird. Die Kolonien befinden sich gewöhnlich ein paar Dutzend bis ein paar hundert Meter vom Meer entfernt und bis 150 Meter über dem Meeresspiegel. Die Nestdichte ist mit ungefähr 2,5 Nestern je Quadratmeter sehr hoch.
Die meisten Männchen suchen zum Brüten die Stelle auf, an welcher sie schon in den vorhergehenden Jahren erfolgreich gebrütet haben, und sie gehen gewöhnlich mit demselben Weibchen einen Paarbund ein, mit welchem sie schon in den Vorjahren zusammen waren. Ob die Haubenpinguine deshalb als monogam zu betrachten sind, ist fraglich. Möglicherweise ist es nämlich in erster Linie die Treue der Vögel zum Nistplatz und weniger die zum Partner, welche Jahr für Jahr zu Beginn der Brutsaison dieselben Partner zusammenführt. Wie dem auch sei: Jeweils Anfang Oktober tauchen die Weibchen an den Brutplätzen auf und werden dort von den Männchen mit Kopfnicken, Flügelheben und weiterem Balzverhalten sowie lauten Rufen begrüsst.
Die Weibchen legen Mitte bis Ende Oktober ihre gewöhnlich zwei Eier ab. Zunächst wird ein kleines, ungefähr 100 Gramm schweres Ei gelegt. Aus diesem schlüpft allerdings kaum je ein Junges, denn es wird vom Weibchen in der Regel aus dem Nest befördert, kurz nachdem vier bis sechs Tage später das zweite, etwa 160 Gramm schwere Ei erschienen ist. Welches der Sinn dieses «verschwenderischen» Verhaltens ist, wissen wir nicht. Möglicherweise soll das erste Ei bloss markieren, dass das Nest besetzt ist; es könnte aber auch die Ausbildung des Brutflecks anregen; oder es könnte der Festigung des Paarbunds dienen.
Wie auch immer: Es wird in aller Regel nur das zweite Ei bebrütet, und zwar abwechslungsweise von beiden Altvögeln während rund fünf Wochen. Der nicht Dienst habende Partner hält sich jeweils im Meer auf. Ende November, Anfang Dezember schlüpft das Junge aus dem Ei. Es ist von Anfang an pinguintypisch gefärbt: Am Bauch ist sein Daunenkleid grauweiss, am Rücken dunkelbraun; sein Kopf ist ebenfalls braun, der Schnabel schwarz. Dem Vater kommt die Aufgabe zu, das Junge zu wärmen und zu beschützen. Das Weibchen hingegen geht im Meer auf Beutefang und kehrt täglich einmal zum Nest zurück, um das Junge mit im Magen angedauter Nahrung zu füttern. Nach zwei bis drei Wochen, wenn das Junge nicht mehr ständig warm gehalten werden muss und keiner ständigen Bewachung mehr bedarf, geht auch das Männchen wieder auf Beutefang und beteiligt sich an der Futterbeschaffung.
Wenig später verlassen die Jungvögel ihre Nester und schliessen sich zu Kinderkrippen zusammen. Nun kehren die Eltern nur noch alle zwei bis drei Tage zu ihrem Jungen zurück, um ihm Futter zu übergeben. Erstaunlicherweise erkennen die jungen Haubenpinguine ihre Eltern anhand ihres Rufs aus allen anderen Altvögeln heraus. Kommt der Vater oder die Mutter aus dem Meer zur Kolonie zurück, so stösst er bzw. sie einen lauten Ruf aus, worauf das Junge sofort seine Krippe verlässt, um sich sein Futter abzuholen.
Ungefähr Mitte Februar, im Alter von neun bis zehn Wochen, ist das Jugendgefieder der jungen Haubenpinguine vollständig entwickelt. Sie verlassen dann den Brutplatz und ziehen aufs Meer, um sich selbstständig mit Nahrung zu versorgen. Die Altvögel tun zeitgleich dasselbe, um sich so rasch wie möglich von der anstrengenden Jungenaufzucht zu erholen und Fettreserven aufzubauen, denn ihnen steht alsbald die jährliche Mauser bevor. Dabei wird das gesamte Federkleid aufs Mal erneuert, weshalb die Vögel vorübergehend nicht schwimmfähig sind und darum fasten müssen. Die Mauser beginnt etwa Mitte März und findet wiederum auf Macquarie statt. Wenn das neue Federkleid nach knapp vier Wochen, ungefähr Mitte April, nachgewachsen ist, verlassen die Haubenpinguine erneut ihre Heimatinsel, ziehen auf das offene Meer und kehren erst zu Beginn der neuen Fortpflanzungsperiode zu ihr zurück.
Die Jungvögel schreiten im Alter von fünf bis sechs Jahren erstmals selbst zur Brut. Bis dahin besuchen sie Macquarie nur jeweils im März, um zu mausern.
Pinguintran
Pinguine jeglicher Art wurden früher vom Menschen bejagt, weil sich aus ihrem gegen Auskühlung schützenden und als Notvorrat dienenden Unterhautfett ein erstklassiges Öl gewinnen lässt. Dieser so genannte «Pinguintran» fand vor allem als Lampenöl, beispielsweise aber auch bei der Seifen- und der Lederfettproduktion Verwendung.
Auch die Haubenpinguine litten stark unter der Verfolgung durch den Menschen. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden auf Macquarie alljährlich rund 150 000 von ihnen getötet und verwertet. 1918 - nachdem in siebzig Jahren zwischen 7,8 und 8,1 Millionen Haubenpinguine verkocht worden waren und die Art am Rand der Ausrottung stand - hörte diese Ausbeutung endlich auf, teils weil sie aufgrund der rückläufigen Pinguinbestände immer weniger rentierte, teils weil preisgünstige petrochemische Öle auf den Markt kamen, teils weil die Proteste gegen die Massenabschlachtung immer heftiger wurden. In der Folge vermochten sich die Haubenpinguine überraschen gut zu erholen und ihre Bestände wieder auf das frühere Niveau anzuheben.
Die Zahl der Haubenpinguine, welche heute auf Macquarie brüten, liegt ziemlich stabil bei rund 850 000 Paaren bzw. 1,7 Millionen Individuen. Die Bestandsentwicklung und der Bruterfolg werden kontinuierlich überwacht. Ausserdem laufen Untersuchungen, welche unsere Wissenslücken hinsichtlich der Aufenthaltsorte der Haubenpinguine ausserhalb der Brutsaison schliessen sollen. Macquarie selbst ist als Schutzgebiet ausgewiesen, welches nur von einer beschränkten Anzahl Personen im Jahr besucht werden darf. Überdies dürfen Touristen nur geführte Ausflüge unternehmen, damit die Störung der insgesamt rund 4 Millionen auf dem Eiland brütenden, 38 Arten angehörenden Meeresvögel gering bleibt.
Aufgrund dieser Schutzmassnahmen sieht die Zukunft der Haubenpinguine recht gut aus. Dennoch wird die Art von der Weltnaturschutzunion (IUCN) in der Kategorie «verletzlich» auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten geführt. Der Hauptgrund für diese Einstufung ist der Umstand, dass die gesamte Population für ihren Fortbestand auf eine einzige kleine Insel angewiesen und darum auf natürliche wie menschgemachte Katastrophen sehr anfällig ist. Würde Macquarie beispielsweise ausgerechnet zur Mauserzeit durch eine mächtige Flutwelle («Tsunami») überrollt, so würde wahrscheinlich der grösste Teil der Population vernichtet. Auch die Verwüstung der Küsten mit Öl aufgrund einer Tankerhavarie während der Brutzeit hätte katastrophale Folgen.
Auf Macquarie bestand im Übrigen lange Zeit ein Problem mit verwilderten Hauskatzen, welche sich häufig an nestjungen Meeresvögeln vergriffen. Erfreulicherweise konnten sie im Rahmen einer gezielten, in den Jahren 1997 bis 2000 durchgeführten Aktion vollständig ausgemerzt werden. Allerdings nahmen in der Folge die ebenfalls eingeschleppten Ratten und Kaninchen zahlenmässig stark zu und sind nun ihrerseits für die brütenden Meeresvögel zur Plage geworden. Die Ratten sind gewiefte Nestplünderer, welche bei jeder sich bietenden Gelegenheit über unbeaufsichtigte Eier und Nestlinge herfallen. Und die Kaninchen übernutzen die Büschelgrasbestände und verursachen so Bodenerosion. «Es gab allein im vergangenen Monat zwanzig Erdrutsche, welche Pinguinkolonien betroffen haben», sagte im Oktober 2006 Julie Kirkwood vom WWF-Australien und forderte im Namen des WWF die australische Regierung auf, endlich die Gelder bereitzustellen, damit ein Programm zur Ausrottung der Kaninchen und Ratten auf Macquarie durchgeführt werden kann.
Legenden