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Robert Delaunay, Formes circulaires. Soleil, lune. 1912-13
Stedelijk Museum Amsterdam, Ausstellung Kunsthaus Zürich
ROBERT DELAUNAY in Zürich
FAKE in Lenzburg
ROBERT DELAUNAY UND PARIS
-18. November 2018
Zürich, Kunsthaus www.kunsthaus.ch
Die Wahrzeichen von Grossstädten – wie der Eiffelturm, der Arc de Triomphe oder der Pont Neuf in Paris; die Freiheitsstatue, die Wolkenkratzer und die Brooklyn Bridge in New York; das Brandenburger Tor in Berlin oder der Kölner Dom; die Reiterstatue von Vittorio Emanuele II in Mailand – diese Ikonen eignen sich für Künstler, um daran neue Sichtweisen zu erproben. Im Kunsthaus Zürich wird gegenwärtig das Werk des französischen Künstlers Robert Delaunay (1885-1941) gezeigt, mit besonderem Bezug auf die Stadt Paris. Delaunay war aber nicht nur von dem abenteuerlichen, in den Himmel ragenden 300 m hohen, stählernen, kühnen Wahrzeichen angetan, welches für die Weltausstellung im Jahr 1879 errichtet worden war. In seinem Frühwerk erkundete er bereits das Innere der Kirche Saint-Séverin, die nahe von seinem Atelier im Quartier Latin lag. Am Ende des Chorumgangs mit den aufstrebenden gotischen Kreuzrippengewölben, leuchten auf seinen Studien Glasfenster. Neben den konkreten architektonischen Formen interessierte Delaunay das Licht selber, und wie dieses in Farbe umgesetzt werden konnte. Das Licht übersetzte er in abstrakte Kreisscheiben, Kugeln oder Kreissegmente, die übereinander schweben, in verschiedenem Massstab und unterschiedlichen Tonwerten, Harmonien oder Aufbrechungen. Die Gestirne Sonne und Mond, und deren blendendes oder mattes Licht dienten als Ausgangspunkt.
Ein Höhepunkt der Ausstellung ist die Serie der verschiedenen ,Fensterbilder‘ von Robert Delaunay, gemalt im Jahr 1912. Für eines dieser kaleidoskopischen Werke war die selbst entworfene Steppdecke von seiner Frau Sonia Delaunay Inspiration: die Decke wurde von der Künstlerin für den Sohn Charles gefertigt. Bei den Fenster-Bildern können die Farben gedämpft in ähnlichen kühlen Tonwerten schimmern und meist werden diese durch ein leichtes Orange oder Rosé kontrastiert. In der Ferne, aus dem Fenster hinaus, ist die Chiffre des Eiffelturms zu erkennen.
In der grosszügig angelegten Ausstellung ist bei den Porträts das frühe Bildnis vom Douanier Rousseau berührend – es ist zu Beginn der Ausstellung neben den frühen Selbstbildnissen des Künstlers platziert. Das Porträt, welches Delaunay von Rousseau gemalt hatte, stammt aus dem Jahr 1914, als Leihgabe des Centre Pompidous, aus einer frühen Schenkung des Kunsthändlers Paul Rosenberg. Der Zöllner Douanier fing übrigens als einer der ersten Künstler bereits den Eiffelturm und einen Flugkörper auf einem Gemälde ein. Auch Georges Seurat hielt das Faszinosum Eiffelturm mehr als zwanzig Jahre zuvor, nämlich 1889, in oszillierenden Punkten fest.
Weitere Porträts von Zeitgenossen sind in einem Kabinett mit Arbeiten auf Papier zu sehen. Auch sein Berliner Kunsthändler Herwarth Walden ist prominent dargestellt. Auftragsbildnisse entstanden im exklusiven Modesalon ,Atelier Simultané‘ seiner Frau Sonia Delaunay: Robert Delaunay porträtierte einige der wohlhabenden Kundinnen, in den von Sonia Delaunay für sie entworfenen avantgardistischen Stoffen und Kleidern. Seine Frau baute den Salon in den 20er Jahren auf und führte diesen von 1923-1934. Ihre exquisiten Stoffentwürfe und eleganten Roben sprühten vor Phantasie und Imagination!
Nebst den Porträts interessierte Delaunay auch die menschliche Figur, aber nicht mehr als Person oder Individuum. Sondern es sind die Läufer in ihren gestreiften Trikots, die an der Olympiade 1924 in Paris auf seinen Gemälden zum Betrachter hin stürmten. Bewegung, Dynamik, Mobilität und Rhythmus waren die für ihn über den Bildgegenstand hinaus gehenden und zu fassenden Kräfte.
Ein wertvolles weiteres Kabinett der Ausstellung besteht aus Fotografien des Eiffelturms aus den 20er und 30er Jahren, als Robert Delaunay den Eiffelturm mittlerweile aus kühnen Perspektiven von oben, und plakativ und farbig darstellte. Der Eiffelturm ist nicht mehr kubistisch aufgebrochen, wie er ihn vor dem 1. Weltkrieg darstellte. Von den Silbergelatineabzügen vom Eiffelturm ist von André Kertész die Fotografie vertraut, in der sich Schattenwürfe des Erdgeschosses des Eiffelturms in grossem Bogen über die Spaziergänger auf dem Champ de Mars legen (1929). Interessant auch ein unscharfer unterer Teil des Eiffelturms, gesehen von Man Ray (1922); eine Sicht auf die geometrischen Parkanlagen durch die stählerne, schneidende Konstruktion des Eiffelturms von Ilse Bing (1931) und von Germaine Krull das Portfolio ,Métal‘ (1928).
Höhepunkt des Werdegangs von Robert Delaunay, der mit 56 Jahren bereits verstarb und von seiner Frau um beinahe vierzig Jahre überlebt wurde, ist die gemeinsame Gestaltung des Luftfahrt- und des Eisenbahnpavillons für die Weltausstellung 1937 in Paris. Aber nicht nur die riesigen Wandgemälde der Delaunays waren spektakulär, sondern auch die dynamische Glasarchitektur des Gebäudes selbst, wie Fotografien in der Ausstellung im Kunsthaus belegen. Hier vereinten sich verschiedene Kunstsparten der Avantgarde.
Die Ausstellung in Zürich nähert sich in gelungener Weise über Paris dem Oeuvre von Robert Delaunay – mit klaren Schwerpunkten, Vertiefungen und Hintergrund, und zeigt seine künstlerischen Erkundungen und Errungenschaften auf.
Zürich 31. Oktober 18
Am 23. Januar 2019 halte ich in Spiez in einer dreiteiligen Reihe über Künstlerpaare einen Vortrag über Sonia und Robert Delaunay (genauere Angaben siehe Website unter Agenda).
FAKE. Die ganze Wahrheit
-24. November 2019
Lenzburg, Stapferhaus www.stapferhaus.ch
Im ,Amt für die ganze Wahrheit‘ kann man die grossen, weiten Themen der Wahr- und Unwahrheit auf differenzierte Art, klug komponiert, andenken und erst noch spielerisch erkunden. Man bekommt an der Kasse einen Besucherausweis, nachdem man dort auf Eignung zum Besuch geprüft wird… Der Ausweis soll dann in der labyrinthischen Ausstellung mit nummerierten Sälen, die an Paragraphen und Bürokratie erinnern, gelocht werden. Um den Überblick im Dschungel der Wahrheit, bzw. der Lüge, nicht zu verlieren!
Die Ausstellung findet im neu eröffneten, schwarzen Stapferhaus statt, welches von den POOL-Architekten so konzipiert wurde, dass sich die kubisch geprägte Holzarchitektur variabel einsetzen lässt – je nach Ausstellung und Thema. In der offenen Pergola, durch die man zum Museum geht, ist eine kolossale Holzmarionette des Künstlers Roman Sonderegger montiert, die an Pinocchio erinnert, dessen Nase mit jeder Bequemlichkeit oder Unwahrheit länger wird.
Folgende Themen werden in der wahrheitsträchtigen Ausstellung untersucht: ,Lügenerziehung‘ in der Schule – Spicks, Mogeln und Flunkern. Wie gehen LehrerInnen damit um? Und wie äussern sich Lügen physiologisch, bei der Person, die solche ausspricht oder vielmehr Tatbestände verheimlicht oder vertuscht? Ein grosses Thema ist die Glaubwürdigkeit von Politikern, Journalisten, Managern und anderen öffentlichen Personen mit grosser Wirkmacht. Das Thema Fälschungen und Variationen von einem Kunstwerk (anhand eines Gauguin-Gemäldes aus dem Aargauer Kunsthaus) und von Edelmarken der Mode wird angesprochen. Interessant ist ein Bereich, welche Themen in Gesprächen und Konversation ausgespart oder sogar tabuisiert werden. Und wie diese ,Auslassungen‘ zu Notlügen oder Schweigen oder der Verkennung von Tatbeständen führen können. Dann: Strategien der Natur, im besonderen von Tieren (und Menschen), um zu überleben, wie diejenige vom Pfau, der mit seinem schillernden Gefieder bezirzt und verführt oder vom Chamäleon, das sich im Gegenteil gerade unkenntlich und konform anpasst. Aktuell sind die Fragestellungen und ,Facts and Figures‘ zur Integrität von Medien und den neuen Kommunikationstechnologien, zu Glaubwürdigkeit und den Gefahren der Ich-Stationen mit schnellen, unwahren oder aufrührerischen Tweets und sonstigen fatalen Manövern.
Die vielseitige und anregende, von durchmischtem neugierigen Publikum und Schulklassen sehr gut besuchte Ausstellung ist ein Work in Progress, mit vielen Impulsen, Teilhabe und interaktiven Beiträgen, und sie kann sicherlich mehrmals besucht werden – ergiebig lädt sie dazu ein!
Der Namensgeber des Stapferhauses war übrigens Philipp Albert Stapfer (1766–1840), helvetischer Minister und Gründer des Kantons Aargau, und ein kultur- und bildungspolitischer Visionär. Wichtige Fragen der Gegenwart und Zukunft differenziert durchleuchten und erlebbar machen – das Stapferhaus in Lenzburg macht‘s möglich!
Lenzburg 30. Oktober 18
Bitte überprüfen Sie die Ausstellungsdaten.
© Dagmar Huguenin 1. November 2018