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Gustav Stettler
Hans Krattiger
Als anfangs der dreissiger Jahre ein paar junge Berner - unabhängig voneinander - nach Basel kamen, weil der gute Ruf der dunkeltonigen «Basler Schule» über den Jura hinaus auch ins Bernbiet gelangt war, gehörte auch Gustav Stettler zu diesen bernischen Musensöhnen, die sich an der kunstgewerblichen Abteilung der Allgemeinen Gewerbeschule (AGS) das Rüstzeug zum Kunstmaler erwerben wollten. Flachmaler war Gustav Stettler bereits; denn er hatte in der Emmentaler Gemeinde Oberdiessbach, wo er am 5. April 1913 geboren wurde, zwischen 1930 und 1933 eine Lehre als Flachmaler absolviert. Aber da er schon als Knabe gern zeichnete und malte, wollte er Pinsel und Farbe vor allem benützen, um Bilder zu malen und sein Talent in den Dienst der «brotlosen Kunst» zu stellen. Und in der Weltwirtschaftskrise der dreissiger Jahre mit den Heerscharen von Arbeitslosen war es tatsächlich brotlose Kunst, weshalb es Gustav Stettler zustatten kam, dass er einen Beruf erlernt hatte und in Basel, vor allem in den Sommermonaten, als Flachmalergeselle etwas verdienen konnte; denn als er 1934 als 21 jähriger eines Tages das Velo bestieg und über Biel und Delsberg Richtung Basel radelte, unternahm er mit leeren Taschen die Fahrt in eine ungewisse Zukunft. Was er zurückliess, war die Erinnerung an eine nicht leichte Jugend, hatte er doch, als er zehn Jahre alt war, seinen Vater, Karl Stettler, verloren. Gustav kam zu einer Bauernfamilie in Herbligen, wo er die Licht- und Schattenseiten des Bauernlebens kennenlernte und bis 1929 die Schule besuchte. Ins Jahr 1930 fällt der damals obligate Welschlandaufenthalt, der ihm Französisch-Kenntnisse vermittelte und ihn bestärkte im Wunsch, Kunstmaler zu werden. Doch zuerst musste er einen «bürgerlichen Beruf» erlernen, und es war schon viel - und für sein späteres Schaffen als Kunstmaler sicher nicht umsonst -, dass er einen Beruf erlernen konnte, der seinen Intentionen entgegenkam.
Ähnlich erging es den andern jungen Bernern, die sich in Basel zu Kunstmalern ausbilden lassen wollten: Fritz Ryser (geb. 1910), Ernst Wolf (geb. 1915), Ernst Streit (1909-1955) und Ernst Baumann (geb. 1909), mit dem Gustav Stettler während einiger Zeit in einer armseligen Wohnung am Spalenberg hauste. Im Sommerhalbjahr die Abend- und im Winterhalbjahr auch die Tageskurse an der AGS besuchend, fand er in Malern wie Albrecht Mayer und Arnold Fiechter wegweisende Lehrer; gleichzeitig aber bildete sich Gustav Stettler zum gewerblichen Fachlehrer aus und wurde - kaum 30jährig - als Zeichenlehrer an die AGS berufen. Bis zu seiner Pensionierung 1978 übte er den Beruf aus, der ihm ein einigermassen gesichertes Einkommen verschaffte. 1938 heiratete er die ebenfalls aus dem Bernbiet stammende Nelly Stähli, die 1939 dem Sohn Peter das Leben schenkte, und 1950 bezog die junge Familie ein Einfamilienhaus am Kohlistieg 58 in Riehen. Seit 1967 besitzt Gustav Stettler ein Atelier «auf dem Isch» am Brienzersee oberhalb Iseltwald, wo auch der Berner Kunstmaler Victor Surbek sein Refugium hatte. Neben dem im Dachstock des Hauses am Kohlistieg eingerichteten Atelier hat er seit 1970 auch das Atelier an der Paradiesstrasse 4, in dem einst Numa Donzé gemalt hatte. In dem zum Atelier gehörenden Haus wohnt seit 1981 das Maler-Ehepaar Peter und Erica Stettler-Schnell.
Der auf dem Land aufgewachsene Gustav Stettler fand sich in Basel mit einer ganz anderen Welt konfrontiert. Das Phänomen «Stadt» faszinierte und bedrückte ihn zugleich, nahm ihn so sehr gefangen, dass er sich von Anfang an künstlerisch mit diesem Phänomen auseinandersetzen und seinen Empfindungen im Bild Ausdruck verleihen musste. Im langquerformatigen Ölbild (55 X 105 cm) «Die Stadt», 1941 entstanden, malt er dunkle Dächer und sonnenbeschienene Häuserfassaden, dahinter wieder Dächer mit Mansardenfenstern und wieder Fassaden, ganze Häuserzeilen, aber kein bisschen Grün und keinen Himmel; wie erstarrte Wogen kommen Dächer und Fassaden des Häusermeers auf den Betrachter zu, und einzig ein paar Wäschestücke, die am rechten Bildrand auf einer Dachterrasse hängend sichtbar sind, lassen erahnen, dass in diesem Steinhaufen auch gelebt wird. Und dem Leben in der Stadt spürt er mit gleicher Intensität nach, holt gleichsam die Menschen aus ihren Verliessen hervor und stellt sie, wie das Bild «Die Stadtmenschen» (100 x 130 cm) veranschaulicht, vor diese himmellosen Häuserzeilen; da stehen vier Menschen, drei Generationen verkörpernd, im Brustbild gesehen, vor den Steinmassen, geprägt vom Dasein in der Stadt, ernst und freudlos - so wie auch im Bild «Die Zeugen », mit dem Gustav Stettler den ersten Preis in einem KunstkreditWettbewerb für die Ausschmückung des Trauungssaals im Zivilstandsamt gewann. Es sind 13 Personen aller Altersstufen, die als Zeugen en face und stumm aus dem Dunkel heraus auf etwas Unbestimmtes blicken; wessen sie Zeugen sind, wird nicht angedeutet, aber Blick und Mund sind wie eine Anklage. Mit diesem 150 x 200 cm messenden Gemälde offenbarte sich Gustav Stettler schon früh als eigenwillige, starke Künstlerpersönlichkeit; das Bild gelangte deshalb auch nicht, wie vorgesehen war, ins Zivilstandsamt, sondern ins Basler Kunstmuseum. Dass er aber nicht nur Augen für das Bedrückende und Bedrohliche hatte, beweist das Gemälde «Kinderhochzeit» (1947/48) mit den drei fröhlich blickenden Kindern in einem Leiterwagen, von einem Leintuch als Baldachin überdeckt, von einem Mädchen gezogen; den Hintergrund bildet ein grüner Gartenhag mit Durchblick auf einen blauen Himmel. Als Gustav Stettler Vater wurde, befasste er sich eingehend mit dem Thema «Mutter und Kind», wobei er vor allem die Geborgenheit des Kindes im Arm der Mutter hervorhebt. Und später, als er an der Gewerbeschule in Kontakt kam mit den Jugendlichen, fand auch diese Begegnung ihren Niederschlag in eindrücklichen Bildern von Teenagern in Röhrlihosen, von schlaksig herumstehenden Burschen und Mädchen, von Hippies, die sich gern halbverwildert geben.
Die Stadt und ihre Menschen - das bildet das Hauptmotiv in Gustav Stettiers Oeuvre. Aufgelockert und bereichert wird es durch Landschaften, die vor allem von seinen Studien- und Ferienaufenthalten im Ausland zeugen. Stipendien des Basler Kunstvereins, der Eidgenossenschaft und der «Pro Arte», Bern, erlaubten ihm in den vierziger Jahren, mehrmals nach Frankreich zu reisen und neue Eindrücke zu sammeln; 1953 weilte er in der Toscana und in Venedig, 1963 benützte er einen Studienurlaub zu einer Reise durch Flandern und Holland. Aber auch die Provence und Spanien waren mehrmals Reiseziele, die ihm neue Eindrücke und Motive für seine Arbeiten vermittelten.
1948 gehörte Gustav Stettler zusammen mit Max nieren; und auf den ersten Blick sehen diese drei Farben uni aus, doch bei näherem Betrachten erkennt man einen Nuancenreichtum, der die drei Farbflächen zu einem harmonischen Dreiklang macht. Diese stilisierende Betonung des Typischen zeichnet natürlich auch und erst recht seine Porträts und figürlichen Kompositionen aus. Doch wenn er auch das Typische eines Ausdrucks oder einer Haltung überbetont, um das Wesentliche, Eigentümliche zu charakterisieren, wirkt seine Darstellung doch nie karikaturhaft. Einen kleineren Raum in Stettiers Oeuvre nehmen die Stillleben ein; aber auch bei der Gestaltung eines Stillebens geht er mit der gleichen Strenge des Aufbaus vor und trachtet nach Ausgewogenheit der Komposition und des Farbklangs.
Doch nicht nur als eigenständiger Maler, sondern auch als Graphiker schuf sich Gustav Stettler einen über die Landesgrenzen hinaus bekannten Namen. Schon früh befasste er sich mit der Technik der Radierung, und die 1945 entstandene Kaltnadelradierung «Im Atelier», ein Selbstporträt vor erhelltem Fenster in der Wohnung am Sparnberg, lässt bereits Stettiers Meisterschaft auf diesem Gebiet erkennen. Kommt in den ölbildern ganz und gar der Maler zum Wort, so in den Radierungen der Zeichner. Aber auch zeichnend ist Gustav Stettler der unerbittliche Beobachter, der die grossen, das Typische hervorhebenden Linien betont und Details wie etwa ein Bild an der Wand sinnvoll einund unterordnet. Stettiers graphisches Werk ist so umfangreich und mannigfaltig, dass schon mit ihm allein eine grössere und interessante Ausstellung veranstaltet werden könnte. Ein kleiner Teil davon war anlässlich der Ausstellung zu Stettiers 60. Geburtstag zu sehen, die 1973 von der Kunstkommission der Gemeinde Riehen im Bürgersaal des Gemeindehauses veranstaltet wurde.
Vom Ansehen, das Gustav Stettler innerhalb der zeitgenössischen Schweizerkunst erwarb, zeugt u.a. der Preis der Gottfried Keller-Stiftung, der ihm 1961 zugesprochen wurde.
Zu Stettiers 70. Geburtstag erschien im Verlag Peter Heman, Basel, der auch die ein- und mehrfarbigen Reproduktionen schuf, eine Monographie mit Textbeiträgen von Heinrich Wiesner und Hans Göhner.
Kämpf, Paul Stöckli, Karl Glatt u.a. zu den Gründern der «Gruppe 48», aber so wie die drei Genannten ihre eigenen Wege gingen, so auch Gustav Stettler, der schon früh in seinen Werken einen unverwechselbaren Stil entfaltete und ihn, sich selber treu bleibend, im Verlauf der Jahrzehnte weiter entwickelte und sublimierte. Es entspricht ganz seinem Wesen, dass Gustav Stettler ein Maler des Typischen wurde. Schon in seinen ganz frühen Arbeiten wie dem «Margrethenstich» von 1941 zeigt sich diese Betonung des Typischen: zwei Drittel des Bildes nehmen die aufwärts führende Strasse und die seitlich ansteigenden Hänge ein, und hinter dem dunklen, tief ins Bild hineinragenden Vordergrund erhebt sich als heller Kontrast die Häusergruppe der Kreuzung Margarethenstrasse/Gundeldingerstrasse. Sei es in der Stadt, in einer Landschaft oder am Meer - immer sieht Stettler das jeweils Charakteristische sowohl der Struktur als auch der Atmosphäre. Und sein Anliegen ist es nun, dieses Typische, Charakteristische im Bild festzuhalten und wiederzugeben. Dieser Prozess vollzieht sich auf Grund von Skizzen, die er im Freien gemacht hat, im Atelier. Und es ist ein langwieriger Prozess, weshalb man auf Bildern nicht selten als Datierung eine Zeitspanne von zwei bis vier Jahren ablesen kann, so beispielsweise auf dem Bild «Südliche Strasse», an dem er in den Jahren 1957 und 1958 gearbeitet hat. Spontan im Erfassen eines Motivs, skizzenhaft notiert, beginnt nun bei der Ausführung des Bildes eine harte Arbeit, und Gustav Stettler ruht nicht, bis das gemalte Bild seiner inneren Vorstellung entspricht. Diesbezüglich ist er ein fast fanatisch zu nennender Perfektionist, der nichts dem Zufall überlässt, sondern mit der Gewissenhaftigkeit eines Architekten seine Bilder aufbaut und die einzelnen Partien in ein spannungsvolles Gleichgewicht bringt. Beispielhaft dafür ist das Bild «Strandschirme», an dem er von 1964 bis 1968 gearbeitet hat: drei parallel verlaufende Flächen als dunkelgrauer Vordergrund, als tiefblaues Meer im Mittelgrund und als graublauer Himmel, der zwei Drittel des Bildes einnimmt; die beiden Strandschirme, die dem Bild den Titel gegeben haben, heben sich, vom Vordergrund angeschnitten, als kleine Akzente in Weiss/Rot, respektive Weiss/Grün vom Dunkelblau des Meeres ab. Ausser den Strandschirmen und den drei kleinen, weissen Segelbooten am Horizont sind es die drei Farben, Graublau, Dunkelblau und Grau, die das Bild dominieren.