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Schwangere werden angeblich von Hormonen beherrscht. Das sagen sie selbst und das sagen andere. Ihr Bauch wächst, ihr Appetit steigt, sie weinen, sie sind glücklich oder werden depressiv – alles aufgrund ihrer hormonellen Situation. Dabei wird den so genannten Schwangerschaftshormonen mal die Rolle der rationalistischen Erfüllungsgehilfen attestiert, die zum Beispiel die embryonale Versorgung sicherstellen, mal werden sie als Agenten des Chaos angesehen, die Körper und Geist überschwemmen. Dass die Gefühle von (schwangeren) Frauen auf ihren Körper reduziert werden, beginnt im ausgehenden 18. Jahrhundert, in der Formationszeit der medizinischen Geburtshilfe. Das Befinden von Frauen während der Schwangerschaft wurde in medizinischen Diskursen immer mehr zum Thema, und damit einher gingen verschiedene Ideen über den emotionalen Zustand von Schwangeren, die sich in der Ratgeberliteratur, medizinischen Lehrbüchern und wissenschaftlichen Texten zeigen und die deutlich machen: Der Effekt dieser Ideen war (und ist) es unter anderem, die Geschlechterklischees der sich herausbildenden bürgerlichen Geschlechterordnung zu zementieren.
Reizbare Verstimmung
Im 18. und 19. Jahrhundert dominierte zunächst die Vorstellung, dass Schwangere auf Grund ihres Nervensystems zu einer Stimmungsverschlechterung und Reizbarkeit neigen würden. Die Mutterliebe als positives Element kam in der Fachliteratur in diesem Zusammenhang kaum zur Sprache, zumal die Schwangerschaft an sich zunächst weder für die Medizin noch für die Bevölkerungspolitik eine große Bedeutung hatte. Die medizinische Geburtshilfe konzentrierte sich primär auf die Entbindung, folglich bekamen viele Ärzte ihre Patientinnen – meist zahlungsfähige Frauen aus Bürgertum und Adel – während der Schwangerschaft kaum zu Gesicht. Auch die bevölkerungspolitischen Schriften befassten sich noch wenig mit der Schwangerschaft, sie zielten zunächst auf eine Steigerung des ‚gesunden Anteils der Bevölkerung’.
Erste Maßnahmen richteten sich ab dem 18. Jahrhundert darauf, die hohe Säuglingssterblichkeit zu verringern, für die vor allem das Ammenwesen verantwortlich gemacht wurde. Die Frauen sollten ihre Kinder gefälligst selbst stillen, und damit rückte auch die Idee der ‚Mutterliebe’ ins Zentrum der Debatte. Ein wichtiger Wegbereiter war der Schweizer Aufklärungsphilosoph Jean-Jaques Rousseau, der das Stillen romantisierte und die Kindheit als eine eigenständige Phase der Entwicklung verstand, die einer besonderen Pflege durch die Protagonistin ‚Mutter’ bedurfte. Die Mutterliebe fand nun in viele zeitgenössische Ratgeber und medizinische Lehrbücher Eingang, jedoch nur für die Zeit nach der Geburt. In den Abschnitten zur Schwangerschaft fehlte sie weiterhin.
Die Diagnose von der schlechten Stimmung während der Schwangerschaft passte zu der sich formierenden bürgerlichen Geschlechterordnung: Zur Verhinderung der angeblich ‚nervösen Verstimmung’ der Schwangeren sollten diese ihre ‚reizbaren Nerven’ möglichst schonen. Das heißt, sie sollten sich am besten ruhig und genügsam im weiblich konnotierten privaten Raum aufhalten, fernab von den potenziellen Aufregungen des männlich konnotierten öffentlichen Lebens.
Stimmungsverbesserung und Muttergefühl
Ab 1900 erscheinen Schwangere in der medizinischen Fachliteratur und den Ratgebern dann ausgeglichener. Allmählich entstand die Vorstellung einer positiven schwangeren Emotionalität, und zugleich wurde nun die Unterscheidung zwischen Schwangeren mit ‚gesunden Anlagen’ und vermeintlich degenerierten Frauen wichtiger. Festgemacht wurde diese Differenz erneut am Körper, das Bezugssystem verschob sich jedoch: Nicht mehr die Stimmung, sondern die körperliche Konstitution und die Erbanlagen galten nun als entscheidend. Ansätze der Eugenik und Rassenhygiene, Ideen einer möglichen ‚Hinaufzüchtung des Volkes’, die im Nationalsozialismus eine mörderische Zuspitzung erfahren sollten, hatten hier einen Ursprung.
Nach Meinung der damaligen Experten entschied die Konstitution über den Zustand des Nervensystems – und nur diejenigen Schwangeren mit zweifelhafter Anlage neigten gemäß medizinischer Lehrmeinung zur Verstimmung, während sich „erbgesunde“ Frauen einer stabilen Stimmung erfreuten, durch ihren Zustand zufriedener, gesünder und robuster wurden. Vorherige nervöse Leiden sollten durch die Schwangerschaft sogar behoben werden und mütterliche Gefühle hielten nun auch Einzug in die Phase der Schwangerschaft. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts findet sich bereits vereinzelt die Idee, ‚Mutterinstinkte’ würden durch die Kindsbewegungen wie mechanische Reflexe ausgelöst.
Die Schwangerschaft wurde zunehmend in den Bereich der Medizin integriert, die durch die Etablierung der Sozialversicherung und Krankenkassen auch für breitere Bevölkerungsschichten zugänglicher wurde. Schließlich wurde 1929 der erste endokrine Schwangerschaftstest eingeführt und es entstanden Ideen einer institutionalisierten präpartalen Vorsorge für alle Schwangere. Dieser Prozess hatte mehrere Folgen: Nicht nur kamen Mediziner (und erste Medizinerinnen) in intensiveren Kontakt zu Schwangeren in unterschiedlichen Lebenssituationen. Die zunehmende Medikalisierung von Schwangerschaft führte auch dazu, dass neue Gebiete der Forschung gesucht und gefunden wurden – Emotionalität war eines davon.
Durch die parallel aufkommenden heftigen Debatten über ein mögliches Recht auf Abtreibung geriet die schwangere Emotionalität noch mehr ins Visier. Der Mediziner Paul Willy Siegel, der 1919 als einer der ersten Forscher die Existenz eines „Mutterschaftsgefühls“ in der Schwangerschaft postulierte, argumentierte folgendermassen gegen Abtreibung und für die „Erhaltung unserer Volkskraft“: Wenn gesunde Frauen spätestens nach Einsetzen der Kindsbewegungen Mutterglück empfinden, würde ein zuvor geäußerter Wunsch nach einem Abort verschwinden. Auf diese Weise konnten Frauen zu Schwangerschaftsbeginn darauf vertröstet werden, dass ihre negativen Gefühle nicht ‚echt’ seien, würde doch im späteren Schwangerschaftsverlauf der ‚natürliche Mutterinstinkt’ und die Stimmungsverbesserung einsetzen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg intensivierte sich – vor allem in Ratgeberliteratur und medizinischen Diskursen in Westdeutschland, Österreich und der Schweiz – die Vorstellung, Schwangerschaft würde grundsätzlich zu einer Stimmungsverbesserung führen, von höchstem Mutterglück und tiefster Liebe war nun die Rede. Die Schwangere sollte zudem von Ruhe erfüllt sein, sich von der äußeren Welt zurückziehen und sich emotional nach innen hin zum Kind wenden. Dieses Emotionsmuster korrespondierte mit den Geschlechterrollen der 1950er und 1960er Jahren. Gerade in Westdeutschland kam es in den Nachkriegsjahren zum Rückzug ins Idyll des Privaten, in dem traditionalistische Weiblichkeitsbilder und die Hausfrauenehe wieder verbindliche Ziele darstellten. Die schwangere Physis brachte, nach idealer Vorstellung im medizinischen Diskurs, die schwangere Psyche dazu, sich in eine glückliche Hausfrau und Mutter zu verwandeln.
Hormonelle Stimmungsschwankungen
Zu Beginn der 1980er Jahre vollzogen sich zwei weitere Prozesse: Hormone, die in der Ratgeberliteratur zu Schwangerschaft bislang selten erwähnt worden waren, gewannen nun eine zentrale Bedeutung als Erklärung für körperliche Phänomene. Es etablierte sich zunehmend die Idee der hormonellen Stimmungsschwankungen. Die Schwangere schien zwischen emotionalen Aufs und Abs gefangen, sie war zerrissen zwischen tränenreicher Mutterliebe und plötzlichen Wutanfällen. Hier zeigte sich ein deutlicher Bruch zur Romantisierung schwangerer Gefühle, wie sie noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorgeherrscht hatte. Stattdessen wurden nun positive Gefühle wie beginnende Mutterliebe ironisiert, man macht sich lustig darüber, bezeichnete sie als übertrieben und sentimental.
Hier zeigt sich die eingangs erwähnte Rede von der ‚Irrationalität’, also die Vorstellung, Frauen seien während der Schwangerschaft nicht ganz zurechnungsfähig, die als Resultat eines gesellschaftlichen Wandels gewertet werden kann. Erneut hatte sich die gesellschaftliche Rolle der Frau verändert, Bildungsgrad und Erwerbstätigkeit stiegen, das Leitbild der Hausfrau wurde in Frage gestellt und ein neues Ideal propagiert: das der ewig attraktiven Frau, die Kind und Karriere scheinbar mühelos verbindet. Zudem führten stagnierende Einkommensverhältnisse dazu, dass auch in der Mittelschicht mehr Mütter erwerbstätig sein mussten. Die meisten entschieden sich für die Teilzeitbeschäftigung, was die idealisierten Karrieremöglichkeiten wiederum erheblich einschränkte. Bis heute arbeiten in Deutschland etwa 69 Prozent der Mütter in Teilzeit, die meisten geben als Grund für diese Beschäftigungsform das Vereinbarkeitsproblem an. Dem stehen nur 6 Prozent von Vätern in Teilzeit entgegen.
Das aktuelle Ideal der Super-Karriere-Mom steht in starkem Gegensatz zur strukturellen Situation, in der der Aufstieg von Frauen oft verhindert wird, in der ihre Kompetenzen niedriger bewertet werden oder es meistens Männer sind, die die besser bezahlten Jobs haben. Die Vorstellung der hormonell bedingten Stimmungsschwankungen hat dieses Spannungsverhältnis anscheinenden aufgegriffen, das im neuen Mutterbild zum Ausdruck kommt: Zwar werden Muttergefühle weiterhin als naturgemäßer Teil der Schwangerschaft angesehen, aber sie werden nicht mehr so geschätzt wie zuvor. Denn sie erscheinen nun als irrational und als Hindernis zum wirklichen Erfolg.
Aber auch die Schwangeren- und Geburtsmedizin veränderte sich. Die Medikalisierung der Schwangerschaft, die in den 1960er Jahren mit der Übernahme von medizinischer Vorsorge als Kassenleistung wichtige Hürden genommen hatte, war zunehmend vom Risikokonzept und Präventionstechniken geprägt. Dabei stand allerdings nicht immer das Risiko für die Schwangere selbst im Vordergrund, sondern das medizinische Interesse richtete sich oft auf die Risikominimierung für das Ungeborene oder, präziser, für die Figur des Fetus, die ab den 1970er Jahren mit immer mehr medizinischer wie kultureller Bedeutung aufgeladen wurde.
Stress und Rohmilchkäse
Der Fokus auf die fetale Gesundheit beeinflusste Praktiken der Schwangerschaft erheblich. Ab den 1970ern entwickelte sich ein immer detaillierteres Regelwerk möglichen Risikoverhaltens, etwa Zigarettenrauch, geringste Alkoholmengen oder zu viel Stress und Rohmilchkäse. So bestand schon bald die Hauptrisikoquelle für den Fetus primär im Verhalten von Schwangeren, was wiederum die Problematisierung ihrer Psyche begünstigte: Ihre Entscheidungen und ihre emotionale Spontanität schienen zu zahlreichen Schäden beim Kind führen zu können. In diesem Sinne kann die Vorstellung der hormonellen Irrationalität auch als Ausdruck des gestiegenen Misstrauens in das schwangere Gefühlsleben verstanden werden.
Auch das heutige Wissen zu hormonellen Stimmungsschwankungen in der Schwangerschaft ist also Ausdruck bestimmter Weiblichkeitskonzepte. Dabei sind vor allem zwei Aspekte zentral: Erstens führen die aktuellen Vorstellungen schwangerer Gefühle dazu, dass gesellschaftliche Probleme – die ungelösten Fragen nach der Arbeitsteilung bei der Kindererziehung etwa, oder die zweifelhaften Versprechen medizinischer Risikominimierung – in den Frauenkörper verlegt werden. Aus politischen Widersprüchen wird so hormonelle Irrationalität. Zweitens zeugt der aktuelle Diskurs zur hormonellen Irrationalität davon, dass mit der zunehmenden Emanzipation von Frauen auch eine gewisse Re-Traditionalisierung einhergeht. Zwar können viele Frauen zunehmend selbstbestimmt handeln. Gleichzeitig verweisen die Diskurse der Hormone sie auch wieder verstärkt auf ihre angestammten Plätze. Denn auf diesem Wege wird Frauen das alte Rollenbild der hyper-verantwortlichen Mutter in Körper und Psyche eingeschrieben – und zwar bereits während der Schwangerschaft.