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Franz Hohlers Zürcher Agglomeration
«Zuerst schwankten die Krane.
Dann erschien ein Polarlicht am Himmel und warf für Sekunden eine kalte Helligkeit über die ganze Agglomeration. In die Düsternis, die hernach folgte, brach ein Rasseln und Klirren ein, als schleife ein Riese überlebensgroße Ketten über Häuser und Straßen. Und dann schlug er zu.
Tausende von Menschen schossen in ihren Betten auf und wußten nicht, ob das ein Alptraum war oder die Wirklichkeit, denn nie gesehene Dinge spielten sich vor ihren Augen ab, Risse krachten in den Wänden, Tapeten platzten, Schranktüren sprangen auf und spuckten Kleider, Spielzeug und geerbtes Porzellan aus (...), Altbauwände knickten ein und stürzten in sich zusammen, Fassaden von Hochhäusern neigten sich mit ihren Balkonen langsam zur Seite und deckten dann prasselnd die Straße samt den parkierten Autos zu, in dem sie die Innereien der Wohnungen entblößten, wo sich fassungslose Bewohner plötzlich vor einem Abgrund sahen. (...) im Zürcher Hauptbahnhof brachen die beiden Zementsilos durch den Boden in die neue unterirdische Gleisanlage, und das Einkaufszentrum der Agglomeration blieb zwar stehen, aber es wurde ihm ein Stück Untergrund weggezogen, so dass es nun schwarz und schräg wie ein dicker Turm von Pisa neben der leeren Autobahn in den verdunkelten Himmel ragte.»
Ganz zufällig entdeckt ein Jogger merkwürdige Bodenrisse in der Agglomeration von Zürich. Die Risse vermehren sich, erste Beben sind zu spüren – aber keiner will die Zeichen sehen. Bis es zur Katastrophe kommt: Ein todbringender Vulkan erhebt sich über Zürich, die «ersten Schätzungen von Todesopfern wurden bekannt gegeben, man sprach von 20 000 bis 30 000, die Agglomeration wurde zum Sperrgebiet erklärt (...).» Woher kam die Inspiration zu diesem apokalyptischen Zürcher Szenario? Sie entsprang einer sekundenkurzen Sinnestäuschung, die ihm beim Blick über die Stadt Zürich ein Wolkengebilde als Berg vorgegaukelt habe, verriet Franz Hohler einmal in einem Gespräch.
Franz Hohler, 1943 in Biel geboren, ist längst «helvetisches Kulturgut – keine Frage! Dieses Monument und sein umfangreiches Werk umfassend zu würdigen, scheint ein Ding der Unmöglichkeit (...). Denn: 21 Bücher für Erwachsene, 11 für Kinder sind derzeit greifbar, dazu kommen über 20 vergriffene Titel, zu schweigen von den Tonträgern, Hörbüchern, von Kabarett, Radio und Fernsehen», so Ulrich Probst in seiner Laudatio zur Verleihung des Solothurner Literaturpreises 2013. Als Erzähler lässt er gerne die Wirklichkeit entgleisen und Fantastisches (aber nie völlig Undenkbares) an deren Stelle treten, nicht nur in «Der neue Berg», sondern auch im ebenso lesenswerten Roman «Die Rückeroberung». Auch diesmal ist Zürich der Schauplatz, der verfremdet wird: Die Wildnis schlägt zurück, Adler, Hirsche, Wölfe erobern allmählich den Stadtraum und eines Tages ist klar: Das ist erst der Anfang, ein Zurück wird es nicht geben... (BP)
Die sich weit ausbreitende Agglomeration macht die grösste Schweizer Stadt Zürich (360‘000 Einwohner) zum «Millionenzürich». Wo ganz genau der Vulkan ausbricht, geht aus Franz Hohlers Geschichte nicht hervor, aber es gibt Hinweise darauf, von wo aus der Ausbruch aus sicherer Distanz gesehen werden kann: Auf dem Bachtel. Auf dem Aussichtsberg wurde bereits 1873 ein erster Turm errichtet, heute ermöglicht eine Plattform eine grandiose Rundsicht bis hin zu den Voralpen, aber eben auch auf den Zürichsee und die Agglomeration.