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Zwei Frauen in üppigen historischen Kostümen verlieben sich vor tosender Brandung ineinander: Der Plot von «Ammonite» war kaum bekannt, da überschlugen sich schon die «Portrait de la jeune fille en feu»-Vergleiche. Doch wer darauf besteht, im neuen Film des britischen Regisseurs Francis Lee eine Neuauflage von Céline Sciammas Meisterwerk sehen zu wollen, verpasst eine faszinierend kantige Anti-Romanze.
«Portrait de la jeune fille en feu» (2019) ist einer der besten Filme des laufenden Jahrhunderts, wenn nicht sogar aller Zeiten. Zu behaupten, Céline Sciammas unsentimentales Sehnsuchtsdrama über die stürmische Liebe zwischen einer Künstlerin und einer zwangsverlobten Adligen im 18. Jahrhundert, sei kein Markstein für queeres historisches Kino, wäre naiv. Und trotzdem: Manchmal – gerade in einer Filmrezeptionskultur, in der Querverweise und kategorisierbare Erzählformeln grossgeschrieben werden – lässt man sich allzu leicht von thematischen Ähnlichkeiten blenden. Genau dieses Schicksal ereilt gerade «Ammonite».
Die zweite Langspielfilm-Regiearbeit von Francis Lee, der bereits mit «God’s Own Country» (2017) eine essenzielle moderne LGBTQ+-Romanze gedreht hat, spielt während der 1840er Jahre an der englischen Südküste und erzählt eine spekulative Episode aus dem Leben der Wissenschaftspionierin Mary Anning. Anning, gespielt von Kate Winslet, studierte von Kindesbeinen an die Fossilien, die dank der günstigen geologischen Verhältnisse in ihrem heimischen Lyme Regis immer wieder entdeckt wurden. Mit ihren zahlreichen Entdeckungen, insbesondere im Bereich der Ichthyo- und Plesiosaurier, hatte sie einen bedeutenden Einfluss auf die Etablierung der noch jungen Paläontologie. Doch als Frau blieben ihr Ruhm, Ehre und akademische Anerkennung stets verwehrt.
Lee zeigt Mary Anning als verbitterte, verschlossene Eigenbrötlerin, die mit ihrer kränklichen Mutter (Gemma Jones) einen Souvenirladen führt – bis eines Tages der junge Geologe Roderick Murchison (James McArdle) hereinschneit. Seine «melancholische» Ehefrau Charlotte (Saoirse Ronan) wurde zur Kur nach Lyme Regis geschickt, und da diese länger dauert als angenommen, bittet er Mary darum, Charlotte während seiner bevorstehenden Reise durch Europa Gesellschaft zu leisten und sie in die Geheimnisse der Fossilienforschung einzuweihen.
Wer «Portrait» gesehen hat, wird entsprechende Erwartungen an den weiteren Verlauf dieser Konstellation haben: Charlotte wird langsam genesen, Mary wird langsam auftauen, und gemeinsam werden sie Erfüllung ineinander finden – bevor das Patriarchat ihrer Liebe den Garaus macht. Das ist tatsächlich keine kreuzfalsche Beschreibung dessen, was in «Ammonite» passiert; doch gleichzeitig geht sie auch klar am Kern der Sache vorbei. Lee zielt hier nämlich nicht auf ein schwelgerisches Rührstück ab. Im Gegenteil: Gerade die Momente im ausgedehnten Mittelteil, in denen sich sein Drehbuch den Konventionen der Filmromanze ergibt, wirken wie ungelenke vorauseilende Konzessionen an ein Publikum, dem «Ammonite» als Ganzes zu düster, zu kalt, zu deprimierend ist.
«Lee zielt hier nämlich nicht auf ein schwelgerisches Rührstück ab. Im Gegenteil: Gerade die Momente im ausgedehnten Mittelteil, in denen sich sein Drehbuch den Konventionen der Filmromanze ergibt, wirken wie ungelenke vorauseilende Konzessionen an ein Publikum, dem ‹Ammonite› als Ganzes zu düster, zu kalt, zu deprimierend ist.»
Was hier erzählt wird, ist weniger feministisch-rebellische Liebesgeschichte als ernüchternde Beziehungstragödie – die Chronik zweier Menschen, die sich in ihrer jeweiligen Traurigkeit wiederzuerkennen glauben, doch zwischen denen zu viele persönliche und gesellschaftliche Gräben klaffen, als dass sie je gemeinsam funktionieren könnten. Mary ist, nach einem ärmlichen Leben voller Enttäuschungen, ungesellig und arbeitswütig; derweil die idealistischere Charlotte, als Mitglied der Londoner Wissenschafts-Bourgeoisie, der müssigen Zerstreuung nicht abgeneigt ist. Es mag der jüngeren Städterin zwar nach und nach gelingen, die scheinbar humorlose Paläontologin aus ihrer emotionalen Versteinerung zu holen, doch wie Mary schon allzu oft erleben musste: Eine falsche, eine überhastete, eine allzu enthusiastische Bewegung, und der fossile Ammonit ist zerbrochen.
Diese bedrückende thematische Schroffheit findet ihre Entsprechung in der Arbeit von Lees Crew. Stéphane Fontaines blaugraue Bilder verweigern sich den malerischen Verlockungen der Küste von Dorset; und auch deren ohrenbetäubende Brandung wirkt eher abweisend als anheimelnd. Die Musik von Dustin O’Halloran und Volker Bertelmann ist von karger Schlichtheit und wird wohl den wenigsten Zuschauer*innen die Tränen in die Augen treiben. Und immer wieder werden vorsichtig zärtliche Momente durch Chris Wyatts harschen Schnitt demonstrativ zerstört.
«‹Ammonite› ist ein faszinierendes, herausfordernd tristes historisches Drama, das nur davon hätte profitieren können, noch deprimierender zu sein.»
Es ist schlicht beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit Lee das Risiko in Kauf nimmt, sein Publikum mit der schieren Trostlosigkeit von «Ammonite» vor den Kopf zu stossen – gerade in der meisterhaften Schlussviertelstunde, in der Céline Sciamma als Bezugspunkt gänzlich in den Hintergrund rückt und stattdessen Erinnerungen an die leise, dafür umso erschütterndere Tragik gewisser Werke von Mike Leigh («Another Year», «Mr. Turner») wach werden.
Zugleich weckt dieses Ende aber auch Zweifel darüber, ob Francis Lee in seinem Film eine gesunde erzählerische Balance gefunden hat. Denn die geballte subversive Kraft, mit der er «Ammonite» abschliesst, wirft die Frage auf, ob es nicht effektiver gewesen wäre, Mary und Charlottes Beziehung mit noch weniger romantischen Versatzstücken zu versehen. Doch es ist auch ein Fazit, das wunderschön illustriert, wie fehlgeleitet die Vergleiche mit «Portrait de la jeune fille en feu» tatsächlich sind: «Ammonite» ist ein faszinierendes, herausfordernd tristes historisches Drama, das nur davon hätte profitieren können, noch deprimierender zu sein.
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Kinostart Deutschschweiz: 20.5.2021
Filmfakten: «Ammonite» / Regie: Francis Lee / Mit: Kate Winslet, Saoirse Ronan, Gemma Jones, James McArdle, Fiona Shaw, Alec Secăreanu / Grossbritannien, Australien / 120 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Ascot Elite
Es ist schwer, sein Herz an «Ammonite» zu verlieren – aber das ist auch nicht der Sinn der Sache. Francis Lees Zweitwerk ist ein schroffes Drama, das viele Erwartungen unterläuft.