Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03424.jsonl.gz/2223

In einem Artikel in einer Tageszeitung über Ludwig van Beethoven will der amerikanische Musikwissenschaftler Stephan Whiting mit seinem Team herausgefunden haben, dass Beethoven auf Grund von Arrhythmien in einigen Klaviersonaten und Streichquartetten an Herzrhythmusstörungen gelitten haben soll. Mein erster Gedanke: Wieder eine reisserische Schlagzeile über Beethoven. Basiert diese Feststellung auf wirklichen Fakten oder nur Annahmen?
Die ganze Beethoven Biographik ist leider von Beginn weg nie objektiv und frei von Erfindungen und Mythen erzählt worden. Dies begann schon nach seinem Tod am 26. März 1827. Viele Zeitgenossen wollten oder konnten diese Aufgabe nicht übernehmen. Vielleicht, weil sie sich an diesem Giganten nicht die Zähne ausbeissen wollten oder weil sie selber nur über einen beschränkten Zeitraum näher mit dem Komponisten zu tun hatten oder ihn nur flüchtig kannten.
Der erste Biograph welcher sich berufen fühlte diese Aufgabe zu bewältigen war Anton Schindler. Dieser Anton Schindler war mit Unterbrüchen insgesamt während ca. zweier Jahre eine art Privatsekretär für Beethoven. Er lernte Beethoven eher zufällig 1814 kennen. Was anfänglich noch ein lockerer Kontakt war, wurde im Laufe der Jahre immer intensiver und ging dann soweit, dass er eben auch als Sekretär ohne Salär eingesetzt wurde. So lernte er natürlich den Komponisten näher kennen. Nach Beethovens ableben versuchte er an möglichst viele persönliche Dokumente, Kompositionen und Notizen zu gelangen. 1840 veröffentlichte er seine erste Biographie über Ludwig van Beethoven. Da Schindler, wie gesagt nur eine begrenzte Zeit Beethoven näher kannte konnte er natürlich den Rest des Lebens auch nur vom Hören sagen erzählen.
Leider kann man Anton Schindler heute nachweisen, dass er später in den Konversationsheften, welche Beethoven ab 1818 zur Konversation mit anderen Personen benutzte, fingierte Eintragungen hinzufügte umso bei der Nachwelt den Eindruck zu erzeugen, dass er bei den in den Heften besprochenen Ereignissen anwesend gewesen sei. Damit wollte er seine Autorität in der Beethovenbiographik untermauern. Er ging auch öffentlich gegen jeden vor, der irgendwo einen Artikel über Beethoven veröffentlichte und wollte so seine Kompetenz und Autorität verteidigen. 1860 veröffentlichte Schindler seine dritte überarbeitete Biographie über Beethoven.
Anders ging der Amerikaner Alexander Wheelock Thayer vor. Er begann seine Laufbahn an der Harvard University als Bibliothekar. Er las Schindlers erste Biographie und stiess auf viele Fehler und Ungereimtheiten. 1862 trat er als Konsul in Triest in den diplomatischen Dienst der USA ein. Diese Stelle hatte er bis 1882 inne. Die Position ermöglichte ihm selbst Forschungen im Zusammenhang mit Beethoven in Wien zu betreiben und auch noch mit lebenden Zeitgenossen wie Bettina von Arnim, Franz Grillparzer, Anselm Hüttenbrenner und Anton Felix Schindler persönlich über Erlebnisse zu Beethoven zu befragen. Er stöberte auch in Bibliotheken und Archiven in Wien und sammelte alles Material welches er nur finden konnte. Daraus entstand dann ein 5 Bändiges Werk. Hermann Deiters übernahm die Veröffentlichung der deutschsprachigen Ausgabe. Aber zu Thayers Lebzeiten erschienen nur die ersten drei Bände, die restlichen zwei wurden von Hugo Riemann auf der Basis der Vorarbeiten von Thayer fertiggestellt.
Diese Biographie gehört noch heute zu den Standardwerken über Beethovens Leben. Diese Arbeiten waren der erste Versuch das Leben Beethovens nach wissenschaftlichen Kriterien aufzuarbeiten.
Natürlich erschienen noch weitere Biographien und Beiträge zu Ludwig van Beethoven, so zum Beispiel von Ludwig Nohl, Paul Bekker, Ludwig Schiedermair und Theodor von Frimmel.
In den 50er und 60er Jahren versuchte das Ehepaar Editha Sterba und Richard Sterba Beethoven eine »homosexuelle Komponente« in der Persönlichkeit Beethovens zu belegen. An Hand des Neffen Konflikts der Zuneigung und Erziehungsmethoden von Beethoven seinem Neffen gegenüber und die Ablehnung seiner Schwägerin versuchten sie, gestützt auf der Freud’schen Psychoanalytik, Beethovens Persönlichkeit zu analysieren. Neuere Studien wie die von Stefan Wolf glauben, dass die Sterbas falsch interpretiert wurden und mit der homosexuellen Komponente die von Sigmund Freud beschriebenen Aspekte der „Mutterbindung, Narzissmus, Kastrationsangst und Verführung“ gemeint seien.
Wie dem auch sei, ich glaube, dass es eher schwierig ist auf Grund von irgendwelchen Analysen in seinen Werken oder einigen Aussagen welche man aus Dokumenten zitiert – aus heutiger Sicht – Beethoven Krankheiten oder Eigenschaften zu unterstellen. Hier komme ich ins Sinnieren über den Begriff „Wissenschaft“. Heisst Wissenschaft, das Wissen schafft, in dem ich das Wissen aus den Büchern einer Bibliothek beziehe und daraus wieder etwas Neues verfasse oder heisst es Wissen schaffen im Sinne von Grundlagenforschung, das Aufbereiten von Originaldokumenten? Im Zusammenhang mit Beethoven plädiere ich eher für letzteres, denn es wurde zu lange und zu viel immer nur aus Büchern abgeschrieben.
Seit den 60er Jahren wird in der Aufarbeitung der Grundlagen viel gearbeitet. Auch initiiert vom Beethovenhaus und Archiv in Bonn. Es werden an Hand der Originalen Dokumente welche heute noch irgendwo auf dieser Welt vorhanden sind komplette Werkeditionen , Briefeditionen und Konversationshefte veröffentlicht. Dies erachte ich als die Grundlage für weitergehende neue Interpretationen und Erkenntnisse für das Werk und das Leben von Ludwig van Beethoven. Dadurch weiss man zumindest auf welcher Grundlage Aussagen in der vorhandenen Literatur fussen und dass diese authentisch sind oder eben nicht.
Wenn ich den eingangs erwähnten Artikel unter diesen Gesichtspunkten betrachte bezweifle ich, dass Beethoven tatsächlich an Herzrhythmusstörungen gelitten haben soll. Es erscheint mir wieder einmal mehr nur eine Studie zu sein, welche der Mythenbildung und einer reisserischen Schlagzeile dient.