Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03570.jsonl.gz/834

Der Zürcher Finanzprofessor Marc Chesney kritisiert die Banken und deren Geschäftsmodell scharf. Seit 2008 ist er Vice Director des Department of Banking and Finance an der Uni Zürich. Früher wirkte er auch an der Sorbonne bei Paris.
Der Zürcher Professor gehört zu den führenden Köpfen, die eine Neuorientierung der Wirtschaftswissenschaften vorantreiben. Er ist einer der Autoren und Erstunterzeichner des Aufrufs «Sustainable and Responsible Finance» (nachhaltige und verantwortungsvolle Finanzwissenschaft), der im März 2011 lanciert wurde. Darin wird die «Scheuklappenmentalität» der herrschenden Lehre in den Finanzwissenschaften angeprangert (Chicago School), die nach wie vor ein «Quasimonopol in der akademischen Welt» beanspruche.
Finanzprofessor Chesney will sich weiter exponieren. Wenn möglich noch in diesem Jahr wollen er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter uns einen Aktionsplan präsentieren, der aufzeigt, wie die Finanzindustrie reguliert werden sollte. Seine Forschung wird der Finance-Professor auch in diese Richtung treiben. Dazu meinte er: «Das wird es mir zwar nicht erleichtern, in bestimmten Journals publizieren zu können. Wenn mir meine Kinder aber dereinst Fragen zur Lage der Welt und die Verantwortung unserer Generationen stellen sollten, möchte ich ihnen sagen können, dass ich nicht im Elfenbeinturm geblieben bin und dass mein berufliches Ziel nicht nur auf die Publikationen in wissenschaftlichen Journals begrenzt war.» Chesney lacht: «Ich möchte sagen können: Ich habe versucht, etwas zu ändern. Ob es gelingt, wird sich zeigen?“
Die Demokratie ist aus meiner Sicht schon längst in Gefahr. Die grossen Einkommensunterschiede, die vor allem im Finanzsektor anzutreffen sind, lassen sich durch nichts mehr rechtfertigen. Der Hedgefonds-Manager John Paulson verdiente beispielsweise im Jahr 2007 rund 3,7 Milliarden Dollar, etwa 80’000-mal mehr als das Durchschnittseinkommen in den USA. Der ehemalige CEO von Lehman Brothers, Richard Fuld, soll zwischen 2000 und 2007 rund 500 Millionen Dollar verdient haben – und hat dabei die Bank in die Pleite getrieben. Das ist ökonomisch unsinnig und moralisch verwerflich.
Der neue Geldadel ist so reich geworden, dass er Medien kaufen kann wie unsereiner ein Stück Brot. Politiker stehen unter dem Einfluss von starken Lobbys. Die Konzentration von Reichtum und Macht in der Finanzindustrie ist gefährlich auch für die Demokratie in der Schweiz geworden.Man wirft mir vor, ich würde mich auch auf die Thesen von Ludwig von Mises beziehen, ein bedingungsloser Verfechter des freien Marktes und Ikone der Ultraliberalen. Mises wirkte anfangs des 20. Jahrhundert. Er wurde bereits 1881 in Lemberg geboren und damals war auch in der Wirtschaftswissenschaft vieles anders als im 21. Jahrhundert von heute. Aktien wurden beispielsweise länger als 22 Sekunden gehalten und Grossbanken wurden noch nicht vom Staat subventioniert weil sie «too big to fail» sind.
Heute geniessen die Grossbanken einen umfassenden Schutz des Steuerzahlers. Sie können sich dank der ihnen gewährten Staatsgarantie zu tieferen Zinsen finanzieren, als sie dies normalerweise tun müssten. Diese Subvention hat in Europa die Höhe von 1 Prozent des Bruttoinlandproduktes angenommen. In der Schweiz entspricht dies rund 6 Milliarden Franken. Man schimpft immer über die zu hohen Subventionen der Bauern. Über die indirekten Subventionen an die Grossbanken wird geschwiegen. Dabei können die Grossbanken dank dieser indirekten Subventionen Investitionen tätigen, die wirtschaftlich keinen Sinn ergeben und Risiken eingehen, die einfach zu gross geworden sind. Deshalb muss dieses «too big to fail»-Problem dringend gelöst werden.