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Von der Sahara ins Dörfli
Unsere Gastschreiberin Zineb Benkhelifa stammt aus Algerien und ist als kleines Kind in der Ostschweiz gelandet, um schliesslich in der Zürcher Altstadt anzukommen.
Schon vor über 30 Jahren wollte ich in der Altstadt wohnen, genauer in der Altstadt links der Limmat, noch genauer, am Rennweg. Schliesslich zog ich 2021 rechts der Limmat ein, an den Neumarkt.
Die Altstadt beflügelte mich anfangs 1990er-Jahre. Damals arbeitete ich am Rennweg für eine Jugendaustauschorganisation. Auch wenn ich Jugendliche, die in alle Richtungen der Welt in ihr Austauschjahr ausschwärmten, beriet, ich tat es ihnen nicht gleich, ich wollte genau hier bleiben. Ich hatte bereits mein eigenes Austauschabenteuer hinter mir, das allerdings nicht ein Jahr, sondern 15 Jahre dauerte.
Mit 5 Jahren kam ich aufgrund von Polio aus der algerischen Sahara in den Thurgau, wo ich einige Monate in einer «Gastfamilie» verbrachte, die dann meine «Pflegefamilie» wurde und bei der ich den Rest meiner Kindheit und meine Adoleszenz verbrachte. In der nordafrikanischen Oase liess ich Eltern, neun Geschwister und eine grosse Verwandtschaft zurück. Heimweh hatte ich kaum und mir war klar, ich möchte nicht mehr in die Wüste geschickt werden, ich möchte hierbleiben.
Auf nach Zürich
Nach der Ausbildung gabs fürs mich im Osten nichts mehr Neues und ich wollte weiterziehen.
Als Anhängerin der Grasshoppers kam für mich nur Zürich in Frage. Meine erste Wohnung fand ich vor 35 Jahren an der Brahmsstrasse im Kreis 3. Dass ich keine Ahnung von Zürich hatte (ich kannte nur den Hardturm), zeigt dies: Ich spielte damals Querflöte und Piccolo und wollte mich zwecks sozialer Kontakte einem Musikverein anschliessen.
Ich schlug das Telefonbuch auf, wurde fündig und rief den Musikverein Seebach an. Dass Seebach nicht ganz im Umkreis vom «Hubertus» liegt, merkte ich bald.
Musizieren in einer neuen Stadt war aber ein weiser Entscheid, nebst der Erweiterung des Bekanntenkreises konnte ich die musikalische Routine bewahren, die ich wiederum gut gebrauchen konnte, um in die Fasnachtswelt einzutauchen, dann allerdings mit dem Saxofon.
Rund 10 Jahre zog ich mit einer Guggen-Formation aus Baden umher und da wir jeweils auch nach Zürich kamen, lernte ich den ganzen Zürcher Fasnachts-Kreis kennen und damit auch die Altstadt.
Jassen
Die Altstadt-Beizen waren überhaupt zentral für mich. Da ist allen voran die «Bodega», die es auch meinem muslimischen Vater, der mich jedes Jahr besuchte, angetan hat und wo ich seit 20 Jahren an seinem Todestag ihm gedenke. Da sind der «Schlauch», das «Zähringer», die «Bauernschänke», alles Lokale, wo ich mich zum Jassen traf.
Da darf auch das Altstadthaus nicht fehlen, wo jeweils ein Jassturnier ausgerichtet wird, wenn der Freitag auf einen 13. fällt. – Unvergesslich der knappe Ausgang der Zweit- und Drittplatzierten an einem solchen Turnier. Als Zweitplatzierte durfte ich vor dem Drittplatzierten meinen Preis auswählen und auch wenn ich nicht rauchte, ich suchte mir das Gras für meinen damaligen Partner aus, dies zum Leidwesen des Drittplatzierten, Mario Feurer.
Im Ausgang
Viele Abende habe ich im Theater an der Winkelwiese verbracht, in den 1990er-Jahren gab es dort Montag für Montag eine Konzertreihe, die den Schweizer Musikerinnen und Musikern und dem zeitgenössischen Jazz gewidmet war.
Noch heute bin ich Mitglied an der Winkelwiese und schätze es, dass ich jeweils auf einen Platz in der ersten Reihe zählen kann, damit keine Akrobatik nötig ist, um zu den hinteren Plätzen zu gelangen.
Altstadt ist bei mir auch mit Dora Koster verbunden. Es fiel mir jeweils schwer, mich ihren Tiraden und Erzählungen zu entziehen, uninteressant waren ihre Monologe aber nicht. Sie schaffte es auch, dass ich mit ihr regelmässig an der Zähringerstrasse in der queeren «Wildsau» mit Zielgruppe Jungs als einzige Frauen am Montagabend jassen ging. Auch vorwiegend Männer verkehren in der «Tip-Top»-Schlagerbar, die ich früh entdeckte und schätzte. «Meine Spuren im Sand» habe ich in Nordafrika zurückgelassen, in diesem wohltuend unaufgeregten Lokal werden sie besungen, wie auch Udo Jürgens’ «Griechischer Wein», der vorzüglich zum Schinken-Käse-Toast passt. Heile Welt pur.
Annäherung an die primäre Kultur
Heimweh nach der Sahara hatte ich nie, aber eines Tages dennoch den Wunsch, mich meiner primären Kultur wieder anzunähern. Als nichtpraktizierende Muslima wollte ich ausprobieren, wie es ist, hier den Ramadan zu zelebrieren. Wie alle Fastenden freute ich mich aufs Ende des Fastenmonats, ganz besonders auf die heisse Schoggi Mélange im Café Schober. Nach vier Ramadane habe ich nie mehr gefastet, dafür die Matura nachgeholt und an der Uni Zürich ein Studium in Islamwissenschaft abgeschlossen und mich so zumindest meiner ehemaligen Muttersprache wieder angenähert.
Angekommen
Als sich meine Gugge auflöste, war Schluss mit Musik, bis mich das Musizieren wieder einholte: Die Anfrage kam von der Feuerwehrmusik Zürich-Altstadt. Diese Formation ist leider Geschichte. Da sie auch von den Dörfli-Bewohnerinnen und -Bewohnern vermisst wird, schwebt mir die Idee vor, ein neues Ensemble zu gründen, vielleicht gibts bald «Die Altstadtmusikantinnen und -musikanten»? Interessierte melden sich bei mir.
In der Altstadt gefällt es mir ausgezeichnet. Das einzig Schwierige für mich ist die Abfallentsorgung, die Wege sind lang für Menschen mit Gehbehinderung. Zwar erlaube ich mir ein Abo von Mr. Green, der mein Recycling-Gut abholt, aber auch diese Säcke müssen deponiert werden. Auch wenn ich auf die Nachbarschaft zählen kann, ich habe für meine Abfallentsorgung den Wertstoff-Apéro ins Leben gerufen. Das geht so: Den Gästen tische ich einen Apéro riche auf, sie müssen im Gegenzug mein Altpapier und -karton bündeln, Mr.-Green-Säcke stopfen und unten deponieren, den Züri-Sack im Unterflurcontainer entsorgen und den Kompost mitnehmen. Und damit die Altstadt nicht unnötig lang mit grünen Säcken verunstaltet wird, findet mein Wertstoff-Apéro jeweils am Vorabend des Abholtages statt.
Mein Weg aus der Sahara in die Ostschweiz führte mich nicht nur zu einer Gastfamilie, im Niederdorf habe ich auch meine Gaststuben-Familie gefunden, nämlich in der Bar am Predigerplatz, wo ich gern und oft einkehre. Im Niederdorf bin ich kein Gast mehr, sondern zu Hause.
Zineb Benkhelifa
Unsere Gastschreiberin
Zineb Benkhelifa (1966) wurde in Ghardaïa in der algerischen Sahara geboren. Mit 5 Jahren kam sie für eine medizinische Behandlung in die Schweiz und wuchs schliesslich bei einer Pflegefamilie im Thurgau auf. Mit 21 kam sie nach Zürich, wo sie bei einer Bank und danach für verschiedene NGOs tätig war. Nach dem Erlangen der Erwachsenenmatura studierte sie von 2003 bis 2011 Arabisch, Türkisch und Persisch sowie Musikethnologie an der Uni Zürich. Parallel dazu arbeitete sie bei Heks, dann für einen Verband und die Uni. Seit 2017 ist sie Beauftragte der Stadtpräsidentin für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Ausserdem lektoriert sie wissenschaftliche Arbeiten und übersetzt Poesie vom Arabischen ins Deutsche.
Sie lebt seit 1987 in Zürich, seit 2021 in der Altstadt. Sie spielt Saxofon und ist passionierte Jasserin.
Foto: EM