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Er verbrachte 42 Tage, 12 Stunden, 6 Minuten und 9 Sekunden im Weltraum. Umrundete 680 Mal die Erde. Und spazierte 8 Stunden und 10 Minuten ausserhalb des Spaceshuttles. Claude Nicollier, 73, ist der einzige Schweizer, der im Weltraum war. «Das hat nichts damit zu tun, dass ich besonders schlau wäre», sagt er. Seit zehn Jahren lehrt der Waadtländer als Professor an der ETH in Lausanne. «Freude herrscht, Monsieur Nicollier!» Er ist es auch, der vor 25 Jahren für das Bonmot von alt Bundesrat Adolf Ogi sorgt.
Von seinen Erlebnissen im All erzählt Nicollier diesen Freitag im Swiss Tech Convention Center Ecublens. Mit dabei drei Weggefährten: «Yakari»-Comicerfinder Derib, 73. Er und Claude teilen als Kinder im selben Dorf die Leidenschaft für Modellflugzeuge. Wissenschaftskollege Michel Mayor, 75, entdeckte vor 20 Jahren den ersten Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems. Und Astronautenlegende Charlie Duke, 82, berichtet über seine Mondlandung mit Apollo 16 im Jahr 1972.
Der Traum vom Fliegen begann für Claude Nicollier am Hügel eines Dorfes in der Nähe von Vevey. «Ich war sieben, als mein Vater mit mir mein erstes Modellflugzeug, einen Shell-3-Segelflieger baute», erinnert er sich. Mit einer Laubsäge mussten zuerst alle Teile ausgesägt und zusammengeleimt werden – und erst nach langer Bastelei konnte Claude seinen Flieger mit einem kräftigen Schwung in den Himmel katapultierten. «Oft suchte ich ihn danach in irgendwelchen Bäumen.» Selbst am Steuerknüppel eines Flugzeugs sitzt er erstmals als 18-Jähriger.
Nicollier absolviert einen fliegerischen Vorschulkurs, hält bereits mit 22 das Pilotenbrevet in seinen Händen. Er studiert Physik und Astrophysik, wird Jagdpilot der Schweizer Luftwaffe und fliegt nach seiner Ausbildung zum Linienpiloten ab 1974 eine DC-9 der Swissair. 1977 wird er für die erste ESA-Astronautengruppe ausgewählt. Nicollier muss sich in Geduld üben. 15 Jahre.
Sein erster geplanter Flug ins All im Oktober 1986 wird nach der «Challenger»-Katastrophe Ende Januar 1986 abgesagt. Im ersten Schock bittet ihn seine 2007 verstorbene Ehefrau Susana damals sogar auszusteigen. 1992 ist es dann so weit. Nicollier startet mit der Mission STS-46 am 31. Juli 1992 zu seinem ersten Abenteuer ins All. An seinem Raumanzug prangt statt der Schweizer allerdings die amerikanische Flagge.
«Das war nicht meine Wahl», entschuldigt er sich und erzählt: «Zwei Monate vor dem Start fiel mir das erst auf, und so fragte ich bei der Nasa, ob sie das nicht korrigieren könnten. Doch die Antwort lautete knapp: ‹Dafür ist es zu spät!›» Die ESA hatte es verpasst. Claude Nicollier muss noch heute den Kopf schütteln, wenn er darüber nachdenkt, dass zwei Monate nicht ausreichten, um die Flagge auf seinem Ärmel zu wechseln.
Kein bisschen verblasst sind Nicolliers Erinnerungen an seine All-Flüge. Wenn er erzählt, wie er über Ägypten und Saudi-Arabien flog, Indien und Thailand, dann leuchten seine Augen, und die Zuhörer bekommen das Gefühl, direkt dabei zu sein. «In 20 Minuten hast du den Pazifischen Ozean hinter dir gelassen, dann geht es entweder über Nord- oder Südamerika.» Nur direkt über die Schweiz zu fliegen, das schaffte Nicollier bei all seinen vier Weltraumflügen nicht ein einziges Mal.
Mit 73 noch immer top fit fürs All
Dafür erlebte er unglaubliche Sonnenauf- und -untergänge – «innert 20 Sekunden», berichtet er begeistert. Nachdenklich wird Nicollier bei der Schilderung der durch Raubbau verursachten Schäden auf der Erde. «Die Narben, die wir hinterlassen, sind klar sichtbar.» Die Schwerelosigkeit zu erleben, beeindruckte den Schweizer besonders. «Das ist total überraschend. Ich benötigte einige Stunden, um mich daran zu gewöhnen und effizient arbeiten zu können.»
Zu Nicolliers Aufgaben zählten unter anderem Wartung und Reparatur des Weltraumteleskops Hubble. Dabei erwies sich der Schweizer Wissenschaftler und Kampfpilot als äusserst geschickter Bediener am sogenannten Manipulatorarm des Spaceshuttles, andererseits unternahm Nicollier einen über achtstündigen Weltraumausstieg, um neue Instrumente an Hubble zu installieren. Das Handbuch, in dem jeder seiner Arbeitsschritte genau aufgelistet war, hat der Schweizer als Souvenir behalten. «Es hat leider etwas Wasser abbekommen, als mein Haus überflutet wurde», erzählt er beim Durchblättern.
Seine Leidenschaft fürs Fliegen hat sich Nicollier bewahrt. Er steuert heute noch eine Piper Supercup, hat erst vor Kurzem seinen ältesten Enkel Sören, 11, zu einem Flug mitgenommen. «Er sass hinter mir, staunend, und hatte ein ganz klein wenig Angst.» Nicollier hat insgesamt vier Grosskinder. Eine seiner beiden Töchter lebt heute mit ihrer Familie in Nyon, die andere in Chicago. Er selbst ist seit zehn Jahren Witwer.
Würde er nochmals ins All fliegen wollen? «Sofort», sagt er, ohne nachzudenken. Nicollier absolviert sogar bis heute jedes Jahr in Houston den dafür nötigen medizinischen Check. Laut den Ärzten im dortigen Nasa Space Center ist der Schweizer immer noch topfit für einen Flug ins All.