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| Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )

Zwanzigste Homilie [Kap. V, Vers 22-33]
8.
Alle deine Anordnungen setzte in der Zeit fest, während welcher die Scham wie ein der Seele angelegter Zügel keinen Tadel, keinen Vorwurf über dein Tun aufkommen läßt. Denn hat die Frau einmal das Wort, so kehrt sie ungescheut die ganze Ordnung um. Wann gäbe es demnach einen Zeitpunkt, der so geeignet wäre, die Frau zu bilden, als jener, da sie den Mann noch scheut und fürchtet und vor ihm die Augen niederschlägt? Da schreibe ihr alle deine Gesetze vor, und sie wird sich, gern oder ungern, durchaus fügen. - Wie aber wirst du die Schamhaftigkeit nicht zerstören? Wenn du dich selbst nicht minder zurückhaltend zeigst als sie, indem du nur wenige Worte an sie richtest, und auch diese mit nachdrücklichem Ernst und in gedrängter Kürze. Da bringe ihr die Grundsätze wahrer Lebensweisheit bei; denn da ist ihre Seele dafür empfänglich. Da befestige in ihr bleibend die schönste Tugend, die Schamhaftigkeit! Wenn ihr es wünscht, will ich euch beispielshalber sagen, wie man zur Frau sprechen soll. Wenn nämlich Paulus es nicht verschmähte, zu sagen: "Entziehet euch einander nicht!"1 und wie eine Brautführerin oder, besser gesagt, wie eine geistig gesinnte Seele sprach, so dürfen wir dem um so weniger ausweichen. - Wie soll man also zur Frau sprechen? Man soll mit aller Zärtlichkeit zu ihr sagen: Mein liebes Kind! Wir haben dich zur Lebensgefährtin genommen und heimgeführt, um dich in den wichtigsten und dringendsten Dingen als Genossin zur Seite zu haben, in der Kinderzucht und Leitung des Hauses. Um was bitte ich dich nun? Besser noch, richte an sie vorher Worte der Liebe! Denn nichts trägt so sehr bei, den Zuhörer zur Annahme des Gesagten zu bestimmen, als wenn er bemerkt, daß es mit großer Liebe gesagt wird. Wie kannst du nun deine große Liebe zeigen? Wenn du zu ihr sprichst: Ich hätte viel Reichere und Vornehmere heiraten können, aber ich nahm sie nicht, sondern gewann dich lieb wegen deines Betragens, deiner Ehrbarkeit, Bescheidenheit und Sittsamkeit. -
Von da gehe sodann gleich über auf die Grundsätze wahrer Lebensweisheit und äußere nebenbei auch deine Bedenken gegen den Reichtum. Denn ereiferst du dich geradewegs gegen ihn, so wird es ihr peinlich werden; benützest du dagegen einen passenden Anlaß, so wirst du deinen Zweck vollkommen erreichen. Dann wird sie glauben, du tust es bloß zu deiner Rechtfertigung, nicht aus einer gewissen finsteren Strenge, Widerwärtigkeit und Kleinigkeitskrämerei. Nimmst du gar Veranlassung von etwas, das sie selbst angeht, so wird sie sich sogar darüber freuen. Du kannst also sagen - wir müssen wieder auf die vorige Rede zurückkommen -: Ich hätte eine reiche und wohlhabendere Frau heiraten können, aber ich mochte nicht. Warum? Nicht ohne Grund und ohne Überlegung, sondern weil ich aus Erfahrung recht gut wußte, daß der Reichtum kein wahres Gut ist, sondern etwas Verachtenswertes, das auch Räuber, Straßendirnen und Grabschänder besitzen können. Darum verzichtete ich darauf und ging bloß auf die Tugend deiner Seele aus, die ich höher schätzte als alles Gold der Welt. Denn ein verständiges, edelgesinntes und der Gottesfurcht beflissenes Mädchen ist mehr wert als die ganze Welt. Deswegen habe ich um dich geworben, deswegen liebe ich dich und stelle dich höher als mein eigenes Leben. Denn das gegenwärtige Leben ist nichts, und ich bitte und beschwöre dich und will auch meinerseits alles tun, daß wir gewürdigt werden mögen, das gegenwärtige Leben so zu führen, daß wir auch drüben im zukünftigen Leben mit aller Sicherheit beisammenbleiben können. Denn diese irdische Lebenszeit ist kurz und vergänglich, wenn wir aber gewürdigt werden, dieses Leben gottgefällig zu beschließen, so werden wir ewig mit Christus und miteinander glückselig sein. Deine Liebe geht mir über alles, und nichts wäre mir so peinlich und unangenehm, als jemals mit dir entzweit zu werden. Müßte ich auch alles einbüßen, müßte ich auch ärmer werden als Iros2 , müßte ich auch die äußersten Gefahren bestehen, müßte ich alles mögliche erleiden: es wird mir alles erträglich und leicht sein, solange mir deine Liebe und Treue gesichert bleibt; auch die Kinder werden von mir ersehnt werden, solange du mir deine Zuneigung bewahrst. Du mußt es aber auch so machen! - Sodann laß auch die Worte des Apostels mit einfließen, daß wir so nach dem Willen Gottes durch die innigste Zuneigung verbunden sein sollen. Höre nämlich die Worte der Schrift: "Darum wird der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen." Unter keinen Umständen reiße bei uns kleinliche Gesinnung ein! Fort mit dem Gelde, mit der Menge der Sklaven, mit den äußeren Ehren! Dieses herzliche Einvernehmen geht mir über alles.
Werden solche Worte der Frau nicht wünschenswerter sein als alles Gold und alle Schätze der Welt? Fürchte nicht, sie möchte gegen dich übermütig werden, wenn sie sich geliebt sieht, sondern gestehe ihr offen deine Liebe! Buhlerinnen, die sich bald an diesen, bald an jenen hängen, könnten mit Recht gegen ihre Liebhaber stolz tun, wenn sie solche Worte hörten; ein edelsinniges Weib aber und ein anständiges Mädchen wird durch solche Reden nicht aufgeblasen, sondern nur um so demütiger. Zeige ihr auch, daß du ihre Gesellschaft hochschätzest und ihretwegen lieber zu Hause bist als draußen! Ehre sie mehr als deine Freunde und als die mit ihr gezeugten Kinder; selbst diese sollen von dir um ihretwillen geliebt werden. Hat sie etwas Gutes getan, so sprich deine Anerkennung und Bewunderung aus; ist ihr aber etwas Ungeschicktes begegnet, wie das bei jungen Mädchen vorkommt, so lehre sie und mache sie darauf aufmerksam! Immer und überall aber erkläre dich gegen die Sucht nach Geld und gegen kostspieligen Aufwand; stelle ihr vor, daß Bescheidenheit und Ehrbarkeit ihr schönster Schmuck sei, und lehre sie unablässig, was wahrhaft frommt.
1: 1 Kor 7,5
2: der aus Homer bekannte Bettler auf Ithaka