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Eine Weihnachtsgeschichte aus dem Buch «Wenn Engel Sternschnuppen küssen, dann ist Weihnachten»
GUIDO J. KOLB
Die alte Frau sass im verschlissenen und vom vielen Auflegen der Hände abgegriffenen Lehnstuhl und döste vor sich hin. Es war totenstill im langen Korridor des Altersheims, und das müde Dunkel des Dezemberabends legte sich still auf die kahlen Bäume und Sträucher rund um das Haus. Ein feiner Nebelregen netzte die Strassen und Plätze und trieb die wenigen Passanten zur Eile an. Im Heim aber regte sich nichts; nur da und dort schimmerte das Licht durch die zugezogenen Nachtvorhänge.
Oft döste die alte Frau vor sich hin. Wie viele Jahre sie denn zähle, wurde sie einmal von der Fürsorgerin gefragt. «Ich weiss es nicht», hatte sie damals zur Antwort gegeben. «Es ist in meinem Alter nicht mehr wichtig, zu wissen, wie lange man auf dieser Erde gelebt hat.» Sie mochte neunzig sein, oder vielleicht mehr. Wen konnte denn schon ihr Alter interessieren? Sie war allein.
Ihr Mann war gestorben, als sie noch eine junge Frau war. Kinder hatte sie keine. Und mit den Jahren verliessen sie alle – die einen starben, die andern zogen fort. Man verlor sich aus den Augen. Man vergass sich.
Als sie ins Altersheim übersiedelte, kamen zuerst noch die Nachbarinnen, um sich nach ihrem Ergehen zu erkundigen. Mit der Zeit blieben sie weg. Ihre beste Freundin war schon seit vielen Jahren tot. Eine Grossnichte schrieb hin und wieder einen Kartengruss. Aber auch dieser war in den letzten Jahren immer seltener eingetroffen.
Zu den Bewohnern im Altersheim fand sie keine Beziehung. Sie galt als menschenscheu, blieb wortkarg und verschlossen. Das Essen in der Gemeinschaft war ihr zuwider. Sie gab keine Antwort, wenn jemand sie fragte, und ging davon, wenn man sie in ein Gespräch hineinziehen wollte. Sie mochte nicht reden, weil sie doch nichts verstand, was die Leute zu ihr sagten, denn sie war schon seit Jahren schwerhörig.
So sass sie stunden- und stundenlang in ihrem Stübchen und dämmerte gedankenlos vor sich hin. Sie hatte nicht mehr viele Gedanken. Auch die Erinnerungen schwanden dahin, die bösen, aber auch die guten. Erwartete sie noch etwas oder jemanden? Nein, auf nichts und auf niemand. Hoffte sie noch auf irgendein Ereignis? Sie hoffte … auf nichts. Freute sie sich noch über einen Menschen oder ein Ding oder ein Geschehen? Sie wusste es nicht.
So schlichen die Tage dahin. So wurden die Nächte zu Ewigkeiten. Bis es wieder Tag wurde und dieser Tag wie der vorhergehende wieder so trostlos, so einsam, so elend und so sinnlos.
Früher hatte sie oft gebetet. Aber sie hatte in den letzten Jahren auch das Sprechen mit dem lieben Gott verlernt. Sie wusste nicht mehr, wie das Beten ging. Kaum hatte sie ein Gebet begonnen, kam sie nicht mehr weiter, vergass die Worte, fing wieder an und fand die Gedanken nicht wieder.
Auf eines nur musste sie warten. Wenn sie in ihrem Geist einen lichten Augenblick erlebte, murmelte sie vor sich hin: «Ob er mich wohl vergessen hat?» Sie meinte den Tod. Sie sehnte sich danach, dass er komme und sie heim rufe. «Er wird dann leise an die Türe klopfen und eintreten und mich abholen», sagte sie zur Krankenschwester, die sie mit viel Liebe umsorgte. Aber sie hatte so viele andere betagte Menschen zu betreuen, dass ihr nicht viel Zeit für jeden Einzelnen blieb. Nach solch lichten Augenblicken versank die alte Frau wieder ins Dunkel, döste vor sich hin und vergass, dass sie noch lebte.
Plötzlich klopfte es an der Türe. Ganz leise und zaghaft; aber sie war ganz sicher, dass sie ein Klopfen gehört hatte. «Jetzt kommt er», fuhr es ihr durch den Sinn, und sie war auf einmal hellwach. «Herein», rief sie mit kräftiger Stimme. Sie erschrak selbst über das laute Wort. Sie schaltete das Licht der Stehlampe an.
Die Türe ging auf, und ein Mädchen mit einem blonden Wuschelkopf kam herein. In beiden Händen trug es ein buntfarbenes Paket. Grüne Tannenzweige steckten im roten Band, das rund um die Packung gebunden war.
Das Mädchen trat auf die alte Frau zu und sagte: «Einen schönen lieben Gruss von der Mutter … » Die Greisin staunte und schaute mit wässrigen Augen auf das Kind und auf das Geschenk. Über ihr Gesicht ging ein goldenes Leuchten, und in ihrem verhutzelten Gesicht mit den vielen Falten und Grübchen strahlte etwas auf, das dem Morgenlicht ähnlich war. Sie streckte beide mageren Arme aus und sagte mit leiser Stimme: «Wie ist das schön, wie ist das schön … » Sie nahm das Paket in ihre Hände und vermochte es fast nicht zu halten. So schwer wog es … ihr Weihnachtspaket. Vielmehr, so riesenschwer war die Überraschung und so unbeschreiblich gross die Freude, die der Besuch des Kindes ihr bereitete. Doch in diesem Augenblick, als die alte Frau das Paket ergriff und in die Hände nahm, zuckte es im Gesicht des kleinen Mädchens. «Um Gottes willen», schreckte es zusammen, «das war ja gar nicht die Grosstante, der sie das Geschenk auf Weihnachten überbringen sollte. Das war eine unbekannte, alte Frau … » Es musste sich im dunklen Korridor an der Türe geirrt haben.
Was sollte das Kind jetzt tun? Es lief ihm eiskalt über den Rücken. Musste es der freudig lächelnden und strahlenden Frau das Paket aus der Hand reissen und sagen, dass es gar nicht ihr gehöre? Was würde die Mutter sagen, wenn es ihr gestehen musste, dass es das Weihnachtsgeschenk einer falschen Heimbewohnerin abgegeben habe? Bekam es Schelte von ihr, da die Mutter doch in diesen Adventstagen so unheimlich streng im Kaufhaus arbeiten musste und fast keine Zeit fand, für ihre Tochter das Weihnachtsfest vorzubereiten?
Die alte Frau spürte nichts vom Schrecken des Kindes. Sie lächelte selig vor sich hin und hielt das Paket in den Händen. «So, so,» sagte sie immer wieder, «deine Mutter schickt mir dieses Geschenk. So, so, deine Mutter hat an mich gedacht … » Das Kind brachte es nicht übers Herz, der alten Frau das Paket wegzunehmen. Die Seligkeit der Greisin war so gross und ihre Freude so spürbar, dass das Mädchen selbst von diesem Glück ergriffen wurde. Es reichte der alten Frau die Hand hin, um sich rasch zu verabschieden. Vielleicht würde sie noch Fragen stellen, die das Versehen offenbaren könnten. Das wollte sie vermeiden. – Die Frau stellte das Paket auf das nahe Tischchen und fasste die Hand des Kindes mit beiden Händen.
«Sag deiner Mutter, dass sie … » Die Frau hatte schon vergessen, was sie sagen wollte, «dass sie …» Hilflos schaute die Greisin das blonde Mädchen an. Plötzlich fand sie wieder das Wort: «Dass sie eine liebe Mutter sei … » Und sie griff mit beiden Händen wieder nach dem Paket, als das Mädchen leise aus dem Zimmer ging. Und in diesem Augenblick wusste sie ganz deutlich, dass der liebe Gott sie nicht vergessen hatte …
Guido J. Kolb (*1928 in Oberriet, 2007 in Zürich) war zunächst als Industriekaufmann tätig, danach Studium der katholischen Theologie. Ab 1976 war er Domherr des Bistums Chur. Seine Geschichte ist dem Buch entnommen «Wenn Engel Sternschnuppen küssen, dann ist Weihnachten». Erschienen ist das Buch Ende November im Paulus Verlag Einsiedeln. ISBN 978-3-7228-0100-1