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Die Historisierung des Endes des 2. Weltkrieges schreitet unerbittlich voran. Die Generation der Überlebenden stirbt langsam aus und hinterlässt den Kindern und Enkeln ein ebenso schweres wie wichtiges Erbe. Wie erinnern wir uns? Wie geben wir die Erfahrungen und Erlebnisse weiter, die oft verdrängt und verschwiegen wurden? Dass man auch die Lücken fruchtbar machen kann, davon zeugen unzählige Texte von Nachgeborenen. Aber auch die Wiederentdeckung von Musikern, die während der Shoa komponiert haben, vermittelt Eindrücke aus der dunklen Zeit. Omanut nähert sich in einer Doppelveranstaltung dem Unfassbaren und schwierig Sagbaren an.
Viktor Ullmann und Gideon Klein in memoriam
Ein Rezital mit dem kanadischen Pianisten Ben Cruchley
Von Theresienstadt aus, der ehemaligen böhmischen Garnisonsstadt, die 1941 von der SS in ein Ghetto für tschechische Juden umfunktioniert worden war, rollten kontinuierlich Transporte in die Gaskammern der Vernichtungslager und doch gab es dort ein reges Musikleben. Viktor Ullmann (1898-1944) hatte ein «Studio für Neue Musik» eingerichtet und komponierte in Theresienstadt insgesamt 24 Werke, darunter die Kammeroper «Der Kaiser von Atlantis». Er war nicht der einzige, der dem Schrecken der Massenvernichtung künstlerische Selbstbehauptung entgegensetzte. Gideon Klein (1919-1945), der bei Alois Hába Komposition studiert hatte und ein aufstrebender Pianist war, schrieb im Lager Kammermusik. Den beiden
Komponisten, welche die Shoa nicht überlebten, widmet der kanadische Pianist Ben Cruchley ein Konzert. Zusätzlich zu
ihren Musikstücken kommen späte Kompositionen von
Mozart und Beethoven zum Zug, die Gideon Klein in Theresienstadt gespielt hat. Obwohl sehr unterschiedlich, gehören all diese Werke zu einer musikalischen Tradition, die sich vor
allem durch eine Intensität des Ausdrucks und eine grosse
Experimentierfreudigkeit auszeichnet.
Ben Cruchley, 1986 in Toronto geboren, ist für sein Spiel von der Presse international gefeiert worden; er ist Gewinner des Bonner Beethoven-Wettbewerbs sowie des Grieg-
Wettbewerbs in Norwegen. Als Solist trat er mit dem Toronto Symphony Orchestra, dem Beethoven Orchester Bonn, und dem Philharmonischen Orchester Bergen auf. Sein Studium hat er bei Dang Thai Son an der Université de Montréal und bei
Benedetto Lupo an der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom abgeschlossen. Er lebt in Berlin.
Wie sage ich es meinen Kindern?
Der Holocaust und die Schwierigkeiten transgenerationaler Überlieferung
Mit: Katharina Hardy, Roger Sas, Ronny Spiegel;
Moderation: Miriam Rosenthal
Bis in die 80er Jahre wichen unsere Gesellschaften dem Thema des Holocaust aus. Man verdrängte die Traumata der Überlebenden aus Selbstschutz, aus Scham und aus Schuldgefühlen. Dies geschah auch in den Familien der Überlebenden, oft aus denselben Gründen. Inzwischen setzen sich die Psychoanalyse, die Geschichte sowie die Pädagogik intensiv mit dem Thema auseinander und die transgenerationale Überlieferung ist ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen geworden, gerade auch jetzt, wo die Generation der Opfer und Täter verloren geht. Roger Sas, Ronny Spiegel und Katharina Hardy vertreten drei Generationen und stellen sich im Gespräch mit der Psychotherapeutin Miriam Rosenthal den eigentlich sehr intimen Fragen über Erinnern und Tradieren.
Die Violinistin und Geigenlehrerin Katharina Hardy
wurde 1928 geboren und überlebte das Konzentrationslager
Bergen-Belsen.
Ronny Spiegel ist der Enkelsohn von Katharina Hardy und hat sein Berufsleben ebenfalls der Geige gewidmet; er tritt als Solist und in verschiedenen Formationen auf.
Roger Sas ist Mathematiker und setzt sich als Sohn eines Holocaust-Überlebenden intensiv mit Fragen der Erinnerung auseinander.
Miriam Rosenthal-Rabner hat eine psychotherapeutische Praxis in Zürich und u.a. zu Fragen der transgenerationellen Überlieferung publiziert.
Leider können wir die Veranstaltung nicht wie geplant im Lyceum Club durchführen, weshalb deren
beiden Teile separat in Zürich und Berlin aufgenommen und dann am Omanut-Radio gesendet werden.
Am 10. Mai finden Sie das Konzert, am 13. Mai das Gespräch online unter www.omanut.ch/radio.