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Im Beitrag des Schweizer Fernsehens SRF zum Thema "Moderne Medizin dank Millionen von Kriegsopfern" (10 vor 10, 13.8.2014) [link] wird auffallend oft das Wort "Krueppel" verwendet. Hierueber erzuernt sich offenbar die Boulevardosphaere [20min] und die Blogosphaere.
Doch was steckt dahinter?
Ein Trick, ein Versuch, die Geschichte der Prothetik neu zu beleben, nichts anderes.
Es ist allerbestens bekannt, dass Sauerbruch sich nach dem 1. Weltkrieg enorm schwer tat, seine Methode zu entwickeln und sie zu etablieren (davon berichtet diese "10 vor 10" Sendung nichts).
Die Deutschen - allen voran deren Pruefstelle fuer Prothesen - gingen damals einem Amerikaner auf dem Leim, der ihnen Patentrechte fuer den Carnes-Wunderarm fuer eine unglaubliche Summe verkaufte (davon berichtet diese "10 vor 10" Sendung ebenso nichts).
Sauerbruch, der sehr viel bescheidenere aber bedeutend nachhaltigere Loesungen anstrebte, ging mit weniger Unterstuetzung aus [link] [link] was ihn ausserdem ärgerte, da die Carnes-Wunderarm-Entwicklung weder nachhaltig noch tauglich war für effektive Rehabilitation (davon berichtet "10 vor 10" überhaupt gar nichts).
Sauerbruch wurde auch in den Medien damals nicht ganz so hochgejubelt (was "10 vor 10" ebensowenig erklärt).
Dennoch ging den Trägern und Verfechtern der schweren, unpraktischen (aber eindrucksvoll aussehenden) Carnes-Wunderarm-Entwicklung zusehends der Atem aus, bald waren diese Prothesen nicht mehr besonders beliebt. Hingegen wurden Sauerbrucharme bis in die 50er Jahre gefertigt (worüber sich diese "10 vor 10" Sendung ausschweigt).
Eigenkraftprothesen - wie Sauerbruch sie entwickelte - waren in der Tat nachhaltig und leistungsfaehig (was die "10 vor 10 " Sendung ausser Acht laesst). Aber auch Eigenkraftprothesen haben teils schwerwiegende aber behebbare Maengel, besonders auch im Bereich Steuerkabel und Handgelenk (es gibt Studien darueber) (was in der "10 vor 10" Sendung ebensowenig erwaehnt wird).
Myoelektrische Prothesen fanden zunächst auch keineswegs den problemlosen Eingang in den Alltag von Amputierten. Es ist politischen Verwirrungen zu verdanken, dass die Russen dem Westen ca. 1960 den Russian Arm aufs Auge drueckten [link]. In anderen Worten, musste zur Zeit des Kalten Kriegs der Westen in der myoelektrischen Prothetik (deren Konzept bis heute bis auf den letzten Punkt und Draht dasselbe ist) der Westen in Russland zu Kreuze kriechen, so dass das Tragen einer solchen Prothese mehr den Aspekt eines den Russen entrissenen Technologiewunders im Sinne einer Trophäe hat, als den Aspekt einer Errungenschaft im Sinne der besseren Rehabilitation (worüber "10 vor 10" kein Wort verliert).
Die auch an die 50er Jahre anschliessende Beliebtheit der myoelektrischen Arme war, und ist bis heute, maessig. Sie sind, bis heute, im Grunde massiv ueberteuerte Billigkonstruktionen. Sie sind weder haltbar noch wirklich brauchbar, was in ganz besonderem Mass fuer die "bionischen" Haende gilt, deren Gebrauchswert [link][link] und Komfort [link] aeusserst tief ist [link]. Dies wird von "10 vor 10" auch nicht erklärt.
Myoelektrische, heutzutage "bionisch" genannte Prothesen (die nach wie vor die Schaltkreise und den elektrischen Aufbau des "Russian Arm" haben) haben somit ihren Stellenwert da, wo der in die Depression zu versinken drohende Amputierte und dadurch Entstellte dringend einer Aufmunterung bedarf, die im Sinne eines Luxusgadgets daherkommt. Mein iLimb in all seiner schmerzhaften Funktionsfreiheit heitert mich in der Tat denn auch auf, ohne dass man damit ein Auto waschen oder Apfelkuchen backen könnte, ganz zu schweigen von Hausarbeiten grösseren Umfangs. - Myoelektrische Prothesen behindern denn auch oft mehr, als sie die Behinderung praktisch gesehen vermindern [link] - aber auch um das geht es nicht. Es geht um die Seele des Amputierten, nicht darum, was er tun kann. Armamputierte haben herausgefunden, dass sie auch ohne Prothesen u.a. fischen, motorradfahren, zimmern, bauern, fliegen, trainieren oder andere heldenhafte Dinge wie ringkämpfen können - nur zeigen Umfragen und systematische Tests deutlich, dass sie auch trotz modernster Prothesen immer noch keine Hausarbeit erledigen können. Man sieht daher Herren aller Länder auf Werbefilmchen, wie sie einen modernen Gadgetarm am Stumpf umherschwenken, damit mehr schlecht als recht etwa Zeitung lesen oder Kaffee zubereiten (was allerbestens auch ohne Prothese ginge) und dazu Dinge behaupten wie "es sind die kleinen Dinge des Lebens, die es lebenswert machen". Einer kriegt damit nicht mal seine Popcorntüte auf, und ich selbst bekam mit dem iLimb Ultra Revolution weder Vanillezucker, Backpulver noch Zitronenschale auf - das sind so kleine Tütchen. Dagegen ist es wichtig und bedeutsam, sich so einen Arm von einer Luxusautomarke sponsern zu lassen [link]. In der Tat hat eine andere Studie herausgefunden, dass ein geeignetes Branding - also das Verzieren des Prothesenarms mit einem Markenlogo wie Adidas, Puma oder ähnlichem - dessen Akzeptanz deutlich erhöht (was im "10 vor 10" Beitrag vermutlich auch zu weit ginge).
Wir sind weit weg von jeder Funktion und nur noch beim Hype, und der ist aber unvorstellbar und aus Anwendersicht eine groteske Lachnummer für sich. Wie beim Carnes-Arm ist das Medien-Echo zu "bionischen" Armprothesen krankhaft hysterisch, die Preise sind absolut horrend. Gerade Armprothesen haben sich, was deren verzerrtes Bild in der Oeffentlichkeit angeht, in 100 Jahren um nichts verbessert. Armamputierte haben ja auch immer noch keine Lobby. Immer noch sind es die Vertreter angeflanschter Profiteur-Industrien - selbstgerecht sich die Prothesenfrage aufs Forschungsprogramm schreibende Forscher, die dann tun was sie wollen, oder Prothesenteilbauer mit nur limitiertem technischen Verstaendnis - die hier den Mund allzu oft allzu weit aufreissen. Und die Medien machen daraus eine Feelgoodprogramm für die breite Oeffentlichkeit, wie auch hier (es gibt Ausnahmen, aber was sonst erwarten wir von den Medien).
Bis Armprothetik dem meines Erachtens teils sehr berechtigten Vorwurf der Schmalspurbastelei entkommen kann, muss noch abgewartet werden. Auf eingeloeste Versprechen der Verbesserungen etc. wartet die Behinderten-Community sicher auch schon einige Jahrzehnte. Mein Tip ist, dass wir hier bis zum St. Nimmerleinstag warten werden (womit ich der Aussage des "10 vor 10" Beitrags im Grunde widerspreche).
Ueber das Mass des iLimbs (und Konsorte) hinausgehende Versuche, sich mit Basteleien in der Armprothetik einen Namen zu machen, sind auf akademische Forscher beschraenkt. Die forschen da seit Jahrzehnten an allerlei Sonderbarem herum, wovon der Amputierte grundsätzlich nichts hat. Diese Forscher koennen die teils massiv schweren Versuchsaufbauten im Bereich um die 7-25 kg oft nicht mehr selbst tragen, und deren Ergebnisse dienen denn zumeist auch keinen Behinderten, sondern sind dazu gedacht, auf akademischen Kongressen vorgestellt zu werden. Dies alles ist alles dokumentiert und bekannt (wobei es "10 vor 10" auf sich nimmt, uns dies zu verschweigen).
Armprothetik und Amputation ist ein Gebiet, auf dem Forscher - mangels Kontrollinstanz oder Lobby - noch tun wie ihnen etwa so beliebt, und Forschungs-Stiftungen besitzen meist weder Geld, Interesse noch Wissen, um den von den Forschern beantragten teilweise stark in den Bereich von Furzideen reichende Vorhaben die notwendigen strengen Fragen entgegenzusetzen. Das Geld ist nachher weg. Das Bundesamt für Sozialversicherungen trägt dieses Problem, die kantonalen IV-Stellen mögen das Fehlen belastbarer und brauchbarer Armprothesen beklagen, aber der Markt ist derart winzig, dass auch da kein finanzieller Anreiz besteht.
Ich entwickle massgeblich deswegen mit der Unterstützung von Freunden selbstfinanziert die eigenen, effektiv brauchbaren Teile. Ich habe eine äusserst klare Vorstellung davon, wer hier wem was schuldig ist. Vor allem ist wichtig, für brauchbare Teile hinzustehen, das es sonst keiner tut. Forschung mit echtem Ziel Prothesenverbesserung wäre was, aber bis zum Beweis des Gegenteils ist fast alles, was gemacht wird, reiner Etikettenschwindel. Und insbesondere sind derartig unsachgemäss angeteigte Prothesenforschungen, wie sie in hochelektronisierten Zentren gebastelt werden, für den Alltagsanwender ein echter Griff ins Klo (was "10 vor 10" weder zu interessieren noch zu kümmern braucht).
Dieser zur Diskussion stehende SRF-Beitrag der Reihe "10 vor 10" versucht nun lediglich, durch sehr haeufige Verwendung des Wortes "Krüppel" bezogen auf Behinderte des ersten und zweiten Weltkriegs journalistisch und medial das Gutmenschentum in modernen Protagonisten des Dokumentarbeitrags hervorzustreichen, und zwar geht es hier um sich als Heiler und Retter präsentierende ETH-Forscher, die dabei sind, Geld für Prothesen-Papers in den Himmel zu schiessen. Auch wird durch lückenhafte, wenn nicht falsche Berichterstattung die Prothesenentwicklung und aktuelle Situation - gerade Armprothesen heute sind keineswegs so unglaublich viel weiter - unwahr und falsch dargestellt. Um den Zweck der rhetorischen Emporhebung aktueller Basteleien zu erreichen, wird die frühere Situation durch das Krüppelwort abgewertet.
Dies hat - wie bereits zu Zeiten des Carnes-Arms - den klaren Zweck, Geld abzuschroepfen, bzw., einander zu helfen ("Medien und Forscher helfen sich gegenseitig, um sich gegen freche Armamputierte durchzusetzen") - und also diesesmal, um die ETH-Forscher gut dastehen zu lassen. Da dieses Geld aber Entwicklungen fehlt, die umsetzbare und relevante Lösungen anstreben, an denen ich als direkt persönlich Betroffener ein massgebliches Interesse habe, entsteht daraus ein Konflikt.