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Die Vorstellungen von Schönheit ändern sich laufend. Und leider waren sie nicht immer ganz so selbstbestimmt und frei, wie es Coco Chanel einst formulierte – ein Bilder-Spaziergang durch die Zeit.
Jahrhundertelang schnürte dieses Leibstück die Körper der Frauen ein, mal sollte damit die Brust flachgedrückt wie im 16. Jahrhundert in Spanien, mal sollte sie hochgepresst werden wie am französischen Hofe des 17. Jahrhunderts. Dort galt es dann bald auch als schön, die Taille so sehr zu verschmälern, dass sie der einer Wespe glich.
Der barocke Mieder musste also der Natur eines Frauenkörpers entgegenwirken, den Brustkorb und die Rippen verformen und die Organe verschieben, was er mit Stahlfedern als Versteifung an den Seiten erreichte.
Im 19. Jahrhundert trug auch manch ein Dandy ein Korsett, selbst bei Militäruniformen war es üblich und wurde von Sisis Gatten Kaiser Franz Joseph I. bis ins hohe Alter getragen.
Und dann kam die Schauspielerin Camille Clifford, die mit ihrer Sanduhr-Figur und ihrem hochgesteckten Haar zum weiblichen Schönheitsideal des noch jungen 20. Jahrhunderts wurde.
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Und nun zurück in die Vergangenheit ...
Mit ihrer 18-Zentimeter-Taille war sie das erste lebendige Modell der «Gibson Girl»-Federzeichnungen des Künstlers Charles Dana Gibson, dem Schöpfer «tausender amerikanischer Mädchen».
Gross und schlank musste die Frau sein, aber mit üppigem Busen, Hüften und Gesäss. Die S-Kurvenform ihres Körpers erreichte sie durch das steife Sans-Ventre-Korsett (franz. ohne Bauch), das den Bauch verschwinden liess, die Hüften nach hinten drückte und den Oberkörper leicht nach vorn beugte. Sprich: Die gesamte Frau in eine wahrhaft unnatürliche und ungesunde Haltung presste.
Immer wieder rieten Ärzte von der einschnürenden, gesundheitsschädlichen Mode ab, doch es sollten noch etliche Frauen aus Atemnot in Ohnmacht fallen oder gar sterben, bis man endlich davon abliess.
Tragische Fälle wie derjenige einer jungen Dame der Pariser Gesellschaft, die für ihre schmale Taille bewundert wurde, halfen dabei:
Aber auch die Frauenrechtlerinnen wehrten sich gegen jene Kleidergefängnisse und als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, sorgten die Frauen in den Munitionsfabriken dafür, dass ihre in den Schützengräben liegenden Männer über Waffen verfügten. Sie schufteten in den Fabriken, fuhren Last-, Krankenwagen und Strassenbahnen, säten die Felder aus und brachten die Ernte ein.
All das liess sich in den unbeweglichen Korsetts und den ausladenden Glockenröcken natürlich nicht bewerkstelligen, ausserdem brauchte man nun alles Metall für die Rüstungsindustrie – Korsetts damit zu verstärken oder Schnürösen und Haken daraus zu fertigen, galt als Verschwendung kriegswichtiger Materialien.
Auch an Stoff, Farben und überhaupt allem Zierrat wurde fortan gespart, und so wurden die Röcke kürzer, die Farben dunkler, der Schmuck und die ausladenden Kleider verschwanden und wichen einer praktischen, militärisch angehauchten Mode, die das vormals riesige Gefälle zwischen den Geschlechtern in Sachen Kleidung und dazugehöriger Rolle erheblich zu verkleinern schien.
Zu einer Art geschlechtlicher Verschmelzung kam es dann in der Mode der Roaring Twenties, die im Flapper-Look gipfelte, der frechsten, kecksten und androgynsten Ausführung jener neuen Modetrends: Jazz hörende, rauchende und (während der Prohibition!) hochprozentigen Alkohol trinkende Frauen mit Bubikopf und in luftigen Kleidern, die die Oberweite abflachten, anstatt sie zu betonen.
Die Figur sollte nicht mehr länger an die viktorianische Üppigkeit erinnern, fortan sollte alles gerade, locker, knabenhaft sein.
Tagsüber arbeiteten die Frauen in gradlinigem Hemd, geschlitztem oder gefaltetem Rock und eng anliegendem Glockenhut (Cloche), wählten, stimmten ab und fuhren Fahrrad, während sie sich des Nachts mit langen Seilperlenketten behangen durch die Clubs tanzten. Alles roch nach Bohème, nach Befreiung, nach Fortschritt.
Und auch die Männer liessen ihre Fracks und Zylinder in den Schränken liegen, sie galten bald als altmodisch und versnobt. Der kurze Smoking war jetzt ihre Abendgarderobe, kombiniert mit einer Melone (Bowler).
Weltweit als göttliche Schönheit gefeiert wurde in jener Zeit die schwedisch-amerikanische Schauspielerin Greta Garbo. Zu Beginn ihrer Karriere war sie noch eher rundlich, das änderte sich aber 1926, als ihr erster amerikanische Film anstand und sie vom Hollywoodstudio gezwungen wurde, abzunehmen.
So verwandelte sie sich in einen neuen und als modern empfundenen Typus einer schlanken, eleganten, leicht androgynen Frau.
Mit der Bewegungsfreiheit kam auch die Bewegung; Sport wurde zunehmend wichtiger. Körperliche Ertüchtigung galt nicht nur als gesund, sondern war immer auch emanzipatorisches und revolutionäres Anliegen.
Gleichzeitig begann man auch damit, seinen auf diese Weise schön gemachten Körper allmählich herzuzeigen: Bald wird er in einer noch nie dagewesenen Kühnheit sichtbar und öffentlich gemacht. Und dies in fortlaufend kürzer werdender Bademode.
In manch einem US-amerikanischem Bundesstaat gab es in den 1920er Jahren allerdings noch immer Gesetze, die die «Entblössung» und «Unsittlichkeit» im öffentlichen Raum verboten, worunter auch zu kurze Badeanzüge fielen.
Solcherlei Verstösse wurden von speziellen Vollzugsbeamten, den «Strandzensoren» an Ort und Stelle mit einer Geldstrafe belegt.
Während die Männer längst ihre Beine herzeigen durften, war dies den Frauen noch weitgehend untersagt. Ihre Badekleidung bestand zudem aus Flanell oder anderen blickdichten Stoffen, manchmal waren die Röcke gar mit Blei beschwert, damit sie im Wasser nicht aufschwammen.
Um sittlich korrektes Baden im 18. und 19. Jahrhundert zu ermöglichen, waren an Europas Stränden hölzerne Bade-Karren («Bathing Machines») üblich, die meist von einem Pferd zum Meer hinausgezogen wurden, damit die Damen der Schöpfung dort in ihren Alltagskleidern zur vorderen Tür hereingehen und mit einem Badeanzug zur hinteren wieder herauskommen konnten, ohne vom anderen Geschlecht gesehen zu werden.
Hatte die Dame genug gebadet, konnte sie auf dem Dach ihrer Bade-Maschine ein weisses Flägglein hissen, damit der Fahrer sie wieder an den Strand zurückfuhr.
Stückweise begann man sich an die immer freier werdende Haut der Frauen zu gewöhnen. Und je mehr sie entblösst wurde, desto mehr war sie auch der Sonne ausgesetzt.
Braune, gegerbte Haut galt lange Zeit als verpönt, es war die Farbe der Bauern, der Sklaven und Seeleute, die draussen arbeiten mussten, während sich die vornehmen Leute – besonders die Damen – ihre edle Blässe mit ausladenden Hüten, Sonnenschirmchen, langen Röcken und Handschuhen bewahrten.
Doch im 20. Jahrhundert wurde alles anders: Braunsein bedeutete plötzlich: «Ich kann mir Urlaub am Meer leisten.» Ein sonnengeküsster Teint hiess: «Ich habe Geld.» Die Alabaster-Haut war gestern, ab 1950 setzte sich Bronze definitiv durch. Und mit ihr gleich auch der Bikini.
Louis Réard benannte den revolutionären Zweiteiler nach dem Bikini-Atoll, wo die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Kernwaffentests durchführten. Er sollte eine ebenso durchschlagende und sensationelle Wirkung haben wie Atomkraft zu jener Zeit und nicht mehr länger nur von Anhängern der Freikörperkultur getragen werden, sondern von allen Frauen.
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Und nun zurück zur Story ...
Der Film und besonders seine Stars hatten im Laufe des 20. Jahrhunderts einen immer prägenderen Einfluss auf die Schönheitsideale.
Die Schauspielerin Betty Grable begleitete Millionen US-amerikanischer Männer in den Zweiten Weltkrieg. Sie war das Pin-up-Girl der 40er, aus unzähligen Spinden guckte sie heraus mit ihrem schelmischen Blick über die Schulter.
Die Zeit der «Sexbomben» war angebrochen. Und als der Krieg vorbei war, konnte man endlich wieder dem Leben frönen. Ausgiebig essen und trinken und so auch bald die Renaissance der üppigen weiblichen Formen feiern. Die Sanduhr-Figur war zurück, der grosse Busen wurde zum Ideal.
Verkörpert wurde es von berühmten Filmstars wie Rita Hayworth, Marilyn Monroe, Gina Lollobrigida, Sophia Loren und Brigitte Bardot.
Superschlank bei gleichzeitiger Vollbusigkeit, das war für die meisten Frauen natürlich nicht erreichbar. Und vielleicht auch gar nicht erstrebenswert, denn das sexuell aufgeladene Image der «sex bombs» beruhte fast ausschliesslich auf ihrer Fähigkeit, Männer zu verführen.
Von der echten Frau der 50er aber erwartete man, dass sie ihrem eigenen Mann gefiel und dies nicht nur mit besonders viel Eyeliner, Lippenstift und Haarspray, sondern ebenso mit einer sauberen Küche, einem guten Abendessen und artigen Kindern. Die Emanzipation machte Rückschritte. Nachdem die Männer von der Front zurückgekommen waren, beanspruchten sie ihre Jobs wieder, die die Frauen während des Krieges für sie übernommen hatten. Damit war ihr Reich wieder das des Hauses.
Neben den kurvigen Filmschauspielerinnen verehrte man auch den etwas eleganteren, jugendlich-schlanken Gegentypus, der von Grace Kelly, Romy Schneider oder Catherine Deneuve vertreten wurde.
Audrey Hepburn war mit ihren knochigen Schultern eine Art Schönheits-Sonderfall; von Natur aus dünn, beinahe schon mager, verzauberte dieses grazile Wesen, das ursprünglich vom Ballett kam, überraschend die ganze Welt.
Wenn die Frau als schwach und zerbrechlich gedacht wird, muss der ideale Mann natürlich ein Beschützer sein. Gross und breitschultrig mit glatt rasiertem, kantigem Gesicht. Einer wie John Wayne eben, der Leinwandheld der 50er Jahre.
Aber auch zu ihm gab es femininere Gegenentwürfe: Der grosse Elvis Presley zum Beispiel, der mit seinem Hüftschwung eine ganze Generation Mädchen zum Schreien brachte. Nicht umsonst vermarktete man ihn gern unter dem Slogan «He sings like Marilyn Monroe walks».
Und auch Marlon Brando war eine neue Art Mann, einer, der empfand, der Gefühl hatte und sich nicht scheute, sie auf der Leinwand einem Millionenpublikum zu zeigen. Die Schultern allerdings mussten auch bei all dieser neuen männlichen Empfindsamkeit breit und die Arme stark bleiben.
So richtig populär wurde dieses hochtoupierte Ungetüm von Frisur mit der First Lady Jacqueline Kennedy. In mehr oder minder extremen Formen trugen gut gekleidete Frauen die ganzen 60er-Jahre hindurch ihr Haar so.
Es war das Jahrzehnt des Haarsprays.
Und während besonders konservative Damen weiterhin an dieser Frisur festhielten, begannen ihre rebellischen Töchter bereits damit, ihr Haar glatt zu bügeln, so wie ihre Folk-Rock-Idole Joan Baez oder Cher.
Mit Jane Fonda begann in den 80ern ein noch nie dagewesener Fitness-Boom. Mit ihren Aerobic-Videos begannen unzählige Hausfrauen, Teenager und Working Moms auf dem heimischen Teppich zu schwitzen. Man zog sich Stulpen und einen Body über die Leggins und jauchzte dazu so euphorisch wie die trainierenden Damen auf dem Bildschirm.
Gross, schlank und athletisch galt nun als schön, die erste Riege der Supermodels machten es vor: Cindy Crawford, Linda Evangelista, Naomi Campbell, Christy Turlington und Claudia Schiffer.
Und heute?
Heute wird immer mehr versucht, allen Körpern, Typen, Ethnien, Kulturen, Hautfarben, Behinderungen und Geschlechtsidentitäten Raum zu geben. Inklusion heisst das Zauberwort.
Auf dass nicht nur immer das typischwerweise junge, schlanke, grosse, weisse Model zu sehen ist. Auf dass Schönheit endlich so vielfältig wird wie die Menschen selbst.
(rof)