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Seit seinem Débutroman «Agnes» (1998) hat Peter Stamm erzählerisch eindrucksvoll die Möglichkeiten eines glücklichen Zusammenlebens von Männern und Frauen erkundet und im permanenten Scheitern seiner Protagonistenpaare die Unhaltbarkeit des Glücks und die Illusion dauerhafter Liebe demonstriert.
Stamms neuer, vierter Roman «Sieben Jahre» zeigt sich als eine breiter angelegte, über einen längeren Zeitraum sich erstreckende ungewöhnliche Variation der vertrauten Handlungskonstellation komplizierter, scheiternder Liebesbeziehungen. Stamm konfrontiert seinen Ich-Erzähler, den Münchner Architekten Alex, mit zwei vollkommen unterschiedlichen Frauen. Sonja ist eine schöne und kluge Tochter aus gutem Hause, eine selbstbewusste Architektin, die Alex in seiner Münchner Studentenzeit kennen und, nach anfänglichen Unsicherheiten, lieben lernt, die er heiratet und mit der er ein schon bald prosperierendes Architekturbüro eröffnet. Ihr drastisches Gegenbild ist die unattraktive und langweilige Polin Iwona, zu der sich Alex, ohne Liebesambitionen, in sexueller Obsession immer wieder hingezogen fühlt – eine Beziehung, der durch seine Heirat mit Sonja anscheinend ein Ende gesetzt wird. Nach sieben anscheinend harmonisch verlaufenen Ehejahren, allerdings vom unerfüllten Kinderwunsch getrübt, sieht Alex Iwona, die ihn noch immer liebt, in ärmlichen Verhältnissen wieder. Sie schlafen miteinander, Iwona wird schwanger, willigt nach der Geburt des Kindes ein, dass dieses, Sophie, von Alex und Sonja adoptiert wird. Doch das eheliche Glück ist damit keineswegs gerettet. Am Schluss trennt sich das Ehepaar. In Stamm-typischer Weise bleibt das Roman-Ende offen; «leicht und wach» schaut der verlassene Ich-Erzähler zum «leeren Himmel», der ihm «auf fast absurde Weise schön zu sein schien».
Peter Stamm entfaltet in den beiden konträren, parallel verlaufenden Liebesgeschichten seines Ich-Protagonisten die Macht des Liebenden und des Geliebten. Während Alex mit Sonja die perfekte Ehe zu führen scheint, sich dabei jedoch einer immer unerträglicheren Erwartung ausgesetzt fühlt, empfindet er in seiner Liaison mit Iwona eine befreiende Macht, die ihm allerdings immer mehr entgleitet angesichts Iwonas «vollkommener Hingabe» und ihrer «bedingungslosen Liebe», so dass sich das Machtverhältnis der beiden schliesslich umkehrt.
Wie «Agnes» ist «Sieben Jahre» ein beeindruckendes Zeugnis für die Entstehung und die Eigenart einer Geschichte. «Im Grunde», so erkennt der Ich-Erzähler Alex, «war meine Beziehung zu Iwona von Anfang an nichts als eine Geschichte gewesen, eine Parallelwelt, die meinem Willen gehorchte und in die ich mich begeben konnte, wann immer ich wollte, und die ich verliess, wenn ich genug von ihr hatte.» Und er erinnert sich plötzlich an das Glück seiner Kindheit, als er «spätnachts oder an einem regnerischen Nachmittag … eine Geschichte zu Ende gelesen hatte». «Ich war in Sicherheit, ich lag auf dem Bett und kehrte in Gedanken noch einmal zurück in die Geschichte, die jetzt mir gehörte, die nie zu Ende sein würde, die wuchs und zu einer eigenen Welt wurde. Es war eine von vielen Welten, in denen ich damals lebte, bevor ich anfing, mir meine eigene zu bauen und all die anderen zu verlieren.»
Wie in früheren Werken gelingt es Peter Stamm auch in seinem neuen Roman, in den Brüchen des Lebens und der Liebe die Schönheit des glücklichen Augenblicks zu erspüren. «Sieben Jahre» erzählt eine verstörende Geschichte über das Unverlierbare des zerbrechenden Glücks.
vorgestellt von Hartmut Vollmer, Münster
Peter Stamm: «Sieben Jahre». Frankfurt a.M. S. Fischer, 2009