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«Sehr beachtenswerth» sei das Maggi’sche Leguminosenmehl, «von bedeutender Nährkraft und Verdaulichkeit und nahezu so billig wie gewöhnliches Mehl», schrieb die ‹Neue Zürcher Zeitung› 1884. Julius Maggi (1846–1912) hatte das Mehl aus Hülsenfrüchten im gleichen Jahr lanciert. Mit dem nährstoffreichen und schnell zuzubereitenden Produkt wollte er die Ernährung von Arbeiterfamilien verbessern. Denn die Arbeiterinnen hatten keine Zeit, um zu kochen, und das Essen in den Kantinen war ungenügend.
Julius Maggi hatte 1869 die Hammermühle in Kemptthal und die Stadtmühle in Zürich von seinem Vater Michele übernommen. 1872 gründete er die Firma J. Maggi & Cie. als Mühlenbetrieb und Mehlhandlung. Gut zehn Jahre später wurde sein Leguminosenmehl nicht nur ein wichtiges Nahrungsmittel für die Arbeiterfamilien, sondern zu einem wichtigen Treibstoff für Maggis Unternehmen. Schon 1885 umfasste das Sortiment neun unterschiedliche Sorten Suppenmehl, im nächsten Jahr folgte die Maggi-Würze. Damit konnten die Hausfrauen ihren Gerichten auf pflanzlicher – also günstiger – Basis Fleischgeschmack verleihen.
Zunächst brachte Maggi die Produktion in der 1824 gegründeten Hammermühle unter und richtete darin neue Röst- und Mahlapparate ein. 1886 erstellte er einen ersten Neubau. Parallel dazu entstanden weitere Gebäude, die eine Art Fabrikstrasse bildeten. Ein wichtiges Element waren stets die Wasserläufe, die durch das Fabrikareal flossen: die Kempt und der davon abgezweigte Mühlenkanal, der die Hammermühle antrieb. 1890 legte die Gründung der Aktiengesellschaft ‹Fabrik von Maggis Nahrungsmitteln› die finanzielle Basis für den massiven Ausbau der Fabrikanlage und die Expansion ins Ausland.
Zweimaliger Bauboom
Nach Plänen des deutschen Architekten August Dietz entstanden in Kemptthal die ersten monumentalen Fabrikbauten aus gelbem Backstein, etwa das Magazingebäude beim Bahnhof oder das Werkstattgebäude mit Kesselhaus und Hochkamin. Ausserdem erstellte Dietz auch einige Villen und Wohnhäuser in Fabriknähe. Ein weiterer Boom erfasste Firma und Fabrikgelände in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Nun waren die Zürcher Architekten Pfleghard & Haefeli am Zug. Von ihnen stammen ein Magazingebäude und die Würzfabrik. Sie prägten ausserdem den Eingang des Fabrikareals, wo sie aus älteren Bauten und Neubauten ein einheitliches Verwaltungsgebäude formten.
Die nächsten Maggi-Hausarchitekten waren die Industriebau-Spezialisten Debrunner & Blankart, zunächst zusammen mit August von Tetmajer. Sie wechselten im Stil ab zwischen der Moderne und den klassizistischen Altbauten. Im Innern jedoch waren alle Gebäude nach dem modernsten Stand der Technik konstruiert. Bis zu 1000 Arbeiterinnen und Arbeiter waren zur Blütezeit auf dem Areal tätig.
Die Bouillonfabrik – vermutlich ebenfalls ein Projekt von Debrunner & Blankart – setzte 1947 einen vorläufigen Schlusspunkt unter die bauliche Entwicklung. In fünfzig Jahren war im engen Tal der Kempt, neben der Bahnlinie Zürich–Winterthur, eine kompakte Fabrikstadt entstanden. Auch für die Eigenständigkeit der Firma Maggi markierte das Jahr 1947 den Schlusspunkt. Die deutsche Tochtergesellschaft war während des Zweiten Weltkriegs die grösste Lebensmittelproduzentin des Reiches und Hauptlieferantin der Wehrmacht. Nachdem der deutsche Markt bei Kriegsende zusammengebrochen war, fusionierte die Maggi-Holding mit Nestlé. Treibende Kraft dafür war Carl Julius Abegg, der in beiden Firmen im Verwaltungsrat sass. Nicht zuletzt sollte mit der Fusion auch Druck von der deutschen Maggi-Tochter genommen werden. Ihr hatte nämlich die Zerschlagung gedroht.
Nach der Fusion mit Nestlé entstanden auf dem Fabrikareal während dreissig Jahren keine wesentlichen Neubauten mehr. Dafür wurden Altbauten, darunter die alte Hammermühle, abgebrochen. 1974 wurde die Autobahn A1 zwischen Zürich und Winterthur eröffnet. Sie quert auf dem hohen Hammermühleviadukt schräg das Tal der Kempt. Der Viadukt schnitt das enge Tal entzwei, und das Maggi-Areal erhielt eine markante räumliche Begrenzung. Erst in den 1980er-Jahren realisierte Maggi eine weitere Ausbauetappe, unter anderem den Siloturm und das Gebäude, das nun einen Teil des Forschungszentrums von Givaudan bildet. Diese Industriebauten beziehen sich jedoch kaum auf die architektonischen Qualitäten der älteren Bauten.
Alles Land in Maggi-Hand
Das 900 Meter lange Fabrikareal von Maggis Nahrungsmitteln prägte nicht nur das Tal der Kempt, sondern auch die nähere Umgebung. Es entstanden mehrere Villen und im nahen Grafstal Arbeiterhäuser sowie ein Schwimmbad. 1894 richtete Maggi den ersten Gutsbetrieb ein und kaufte laufend Höfe dazu. Der nahende Autobahnbau und der defizitäre Betrieb bewogen Maggi Ende der 1960er-Jahre dazu, den Gutsbetrieb einzustellen. 84,5 Hektaren Land verkaufte die Firma damals an den Kanton Zürich – und ermöglichte damit etwa den Bau der Universität Irchel.
Das Ende als Neuanfang
2002 verkaufte Nestlé das Aromageschäft mit den dazugehörigen Liegenschaften in Kemptthal an Givaudan – rund 73’000 Quadratmeter Industrieland plus weitere Areale ausserhalb der Industriezone. Damit verbunden war eine Flurbereinigung. Die Produktion von Fertigprodukten und auch die kulinarische Forschung wurden von Kemptthal ins Ausland verlegt. So gelangte das ganze Maggi-Areal in den Besitz von Givaudan. Am Ende des Jahrzehnts teilte das Unternehmen jedoch mit, den Bereich Pulvermischungen für Suppen und Snacks nach Ungarn zu verlagern. Einzig das Entwicklungszentrum und die Produktion spezieller Aromen sollten in Kemptthal verbleiben.
Schliesslich verkaufte das Unternehmen zwei Drittel des einstigen Fabrikareals an Mettler2Invest. Basierend auf einem Masterplan des Architekturbüros Ernst Niklaus Fausch Partner und unter dem Namen ‹The Valley› soll das Areal schrittweise einer neuen Nutzung zugeführt werden. Auf den ersten Blick mag das Areal etwas abgelegen wirken, doch der Eindruck täuscht, denn die Voraussetzungen dazu sind ideal: Insbesondere die Verkehrserschliessung ist mit dem nahen Autobahnanschluss und dem eigenen Bahnhof ideal. Winterthur und der Flughafen sind einen Katzensprung entfernt, nach Zürich ist es nicht viel weiter. Die eindrückliche Fabrikarchitektur – ein Grossteil der Bauten sind im Inventar der kantonalen Denkmalpflege aufgeführt – bietet einen attraktiven Rahmen für unterschiedliche Unternehmen.
Zurzeit sind die alten Gebäude vor allem mit Zwischennutzungen belegt, die rund 700 Arbeitsplätze bieten. In Zukunft sollen es bis zu 2000 Arbeitsplätze sein. Das Zurich Innovation Center am südlichen Ende des Areals und der Um- und Ausbau der ehemaligen Kistennaglerei und Spedition ebenfalls für Givaudan machen den Anfang der Umnutzung des Areals.
Dieser Artikel ist Teil des Themenfokus «Sinnliche Forschung», den Hochparterre in Zusammenarbeit mit Bauart Architekten und Planer zum Forschungszentrum von Givaudan in Kemptthal erstellt hat.