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Fehldiagnose Exportschwäche
Schon seit dem Beginn der Eurokrise schwingt eine Art von moralischem Urteil mit. In der allgemeinsten und simplen Form lautet dieses etwa so: Die Krisenländer sind an ihren Problemen ganz alleine schuld. Dann erscheint es nur als richtig, dass sie dafür büssen. Nur so kann die Eurozone wieder gesunden. Diese Analyse ist kompletter Unsinn – Satz für Satz.
Schauen wir uns eine beliebte Spielart dieses Urteils etwas genauer an: In den Boomjahren vor der Krise sind die Löhne und damit die Kosten in den Peripherieländern der Eurozone derart stark gestiegen, dass diese Länder am Ende ihre Wettbewerbsfähigkeit eingebüsst haben und bei den Exporten nicht mehr mithalten können. Daher bleibt ihnen jetzt nichts anderes übrig, als diese Kosten und vor allem die Löhne wieder so stark zu senken, damit sie ihre Wettbewerbsfähigkeit wieder zurückgewinnen.
Martin Sandbu, Wirtschaftskolumnist der «Financial Times», hat in einem ausgezeichneten Artikel mit Verweis auf empirische Daten zum Thema aufgezeigt, dass selbst diese ökonomisch kaschierte Version des moralischen Urteils nicht durch Fakten unterlegt ist. Seinem Artikel verdanke ich den Hinweis auf sehr zur Lektüre empfohlene Arbeiten der Ökonomen Guillaume Gaulier und Vincent Vicard (hier eine Kurzversion, hier eine umfassendere).
Es ist richtig, dass die Leistungsbilanz beziehungsweise die Nettoexporte (Exporte minus Importe) in den Peripherieländern bis zur Krise deutlich ins Negative gerutscht sind. Die folgende Grafik zeigt überdies auf, dass die Leistungsbilanzdefizite der Peripherieländer im Zeitablauf ziemlich symmetrisch den Überschüssen von Ländern des Kerns, das heisst vor allem Deutschland entsprechen.
Das ist aber keineswegs ein Beleg für eine geschrumpfte Wettbewerbsfähigkeit der Produkte der Peripherieländer auf den internationalen Märkten, noch nicht einmal ein Beleg für geringere Exporte. Denn Leistungsbilanzdefizite beziehungsweise negative Nettoexporte sind selbst bei konstanten Exporten möglich, wenn die Importe die Exporte übertreffen.
Tatsächlich: Bei den Exporten haben die Länder der Peripherie keinen Einbruch ihrer Exporte gesehen, noch nicht einmal «eine grössere systematische oder generelle Reduktion ihrer internationalen Marktanteile als die Überschussländer von Kerneuropa», wie Gaulier und Vicard berechnet haben. Auf die Entwicklung der Marktanteile kommen wir weiter unten nochmals zurück.
Für die Leistungsbilanzdefizite waren vor allem Importüberschüsse (im Vergleich zu den Exporten) verantwortlich. Und für diese können die Peripherieländer unmöglich alleine verantwortlich sein. Es liegt in der simplen Logik jeder Aussenwirtschaftsbilanz, dass Importüberschüsse ohne entsprechende Überschüsse beim Kapitalimport gar nicht möglich sind. Dieser Kapitalimport war eine Folge eines massiven Kapitalzuflusses aus den Kernländern, besonders aus Deutschland.
Wir erinnern uns, Deutschland war in den 2000er-Jahren der «kranke Mann Europas» mit einer äusserst schwachen Binnenwirtschaft. Dementsprechend setzte das Land für sein Wachstum auf Nettoexporte, die wiederum Nettokapitalexporte bedingen. Der Schwall an Kapitalimporten hat die Übertreibungen in den Peripherieländern daher überhaupt erst möglich gemacht beziehungsweise ausgelöst. Das erklärt in der obigen Grafik auch die Symmetrie von Leistungsbilanzüberschüssen der Kernländer zu den Leistungsbilanzdefiziten der Peripherieländer.
Wie verträgt sich die Feststellung, dass der Exportsektor der Peripherieländer stabil geblieben ist, nun aber mit dem Umstand, dass in diesen Ländern während ihrer Boomphase die Lohnstückkosten drastisch gestiegen sind, also die Löhne unabhängig von der Entwicklung der Produktivität? Eine verteuerte Produktion müsste doch der Wettbewerbsfähigkeit und damit den Exporten schaden.
Die durchschnittliche Entwicklung von Lohnstückkosten sagt nicht viel aus. Wie Gaulier und Vicard zeigen, blieb der Exportsektor in den Peripherieländern von diesen Kostensteigerungen weitgehend verschont. Die Lohnstückkosten sind hauptsächlich in der Binnenproduktion gestiegen. Das ist wenig erstaunlich, weil da der Boom vor allem stattgefunden hat – etwa im Baugewerbe in Spanien im Zuge der Immobilienpreisblase.
Die Exportbranchen blieben von diesem Kostenanstieg weitgehend verschont, weil die Produzenten da vielfach «Preisnehmer» sind, das heisst, ihre Absatzpreise werden auf den Weltmärkten festgelegt, der eigene Spielraum ist gering. Angesichts der internationalen Konkurrenz waren hier selbst in den Boomjahren kaum Preissteigerungen möglich.
Nun nochmals zurück zur Entwicklung der Marktanteile der Euroländer bis zur Krise. Gaulier und Vicard haben nicht nur diese selbst berechnet, sondern sie auch in ihre Einflusskomponenten zerlegt. Das Ergebnis zeigt die folgende Grafik:
Die durchgezogene blaue Linie zeigt die durchschnittliche jährliche Veränderung der Exportmarktanteile der bezeichneten Länder. Wie klar wird, entsprach die geringe Einbusse etwa Griechenlands jener von Deutschland, Spanien legte sogar zu. Einen wirklich drastischen Einbruch zeigte sich hingegen in Frankreich.
Der geografische Effekt zeigt den Einfluss durch die Entwicklungen in den Zielländern der Exporte. Dass dieser Effekt etwa in Griechenland besonders gross ist, zeigt sich daran, dass viele der damaligen Boomländer in der Europeripherie auch wichtige Exportmärkte Griechenlands sind. Der Sektoreffekt bezieht sich auf die Produkte, auf die Exportländer spezialisiert sind. Der negative Einfluss erklärt sich für Länder wie Italien, Griechenland oder Portugal hier mit ihrer grossen Gewichtung im Textilbereich, der unter besonders intensivem internationalen Konkurrenzdruck stand.
Der «Performance»-Effekt zeigt schliesslich die Verbesserung oder Verschlechterung des jeweiligen Marktanteils, der sich ergibt, wenn man den Spezialisierungseffekt herausrechnet. Bei dessen Entwicklung lag Griechenland mit Deutschland etwa gleich auf, Spanien kam sogar noch besser weg und legte hier zu. Dramatische Einbrüche verzeichneten Frankreich und das zum Kern der Eurozone zählende Finnland.
Die Autoren haben schliesslich auch die Entwicklung der Marktanteile seit der Krise (von 2008 bis zum zweiten Quartal 2011) seziert. Hier das Ergebnis:
Das Land mit den grössten Marktanteilsgewinnen ist – in der gängigen Sicht wohl überraschend – ausgerechnet Griechenland. Weil die wichtigsten Exportabnehmer andere Peripherieländer der Eurozone sind, schlägt diesmal der geographische Effekt negativ aus. Die Stärke bei Landwirtschaftsprodukten hat aber diesmal zu einem positiven Sektoreffekt geführt. Der Performance-Effekt ist mit Abstand am grössten, während er im Kernland Finnland deutlich negativ ist, dass die grössten Marktanteilsverluste zu verzeichnen hat.
Um Missverständnissen vorzubeugen. Die Ergebnis sagen nichts über die absolute Exportstärke oder -schwäche der betrachteten Länder aus. Im Fokus stand nur die Veränderung ihrer Konkurrenzfähigkeit bzw. Exportanteile. Und es zeigt sich deutlich, dass hier nicht der Ursprung ihrer Probleme liegt.