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Was trägt Bildung zu einem gelingenden Leben bei? oder “Handlungen, die wie Hebel hin zu mehr Wirklichkeit sind. Wie funktioniert das?”
Was trägt Bildung zu einem gelingenden Leben bei? oder “Handlungen, die wie Hebel hin zu mehr Wirklichkeit sind. Wie funktioniert das?”
Um nicht in die konventionelle Bildungsfalle zu fallen, die sich öffnet, sobald die Frage nach dem Wert der Bildung gestellt wird, soll Bildung vorausgesetzt werden: als Bedürfnis zu lernen, sich Wissen anzueignen, dieses an der Erfahrung zu messen, wieder zu verwerfen, zu erweitern und anzuwenden in spezifischen wie in allgemeinen Belangen, um festzustellen, dass mit dem Lernen wieder neu zu beginnen ist, unabschliessbar. So ist “Bildung” als Weg des Bewusstwerdens des Ungenügens im Erkennen und Wissen zu verstehen, resp. als Weg, der an Grenzen führt, die zu verschieben, wenn nicht zu überschreiten jedoch ständiger Ansporn ist. Bildung weist somit über die Bildung hinaus auf das gelebte Leben, weist über das eigene Ich hinaus auf die Beziehung zu den anderen Menschen und zur Welt. Bildung, die nicht in den gelebten Beziehungen auf die Probe gestellt wird, ist nichts wie eine Summierung von Wissen.
Aus dem Werk der 1943, mit 34 Jahren, in der Emigration verstorbenen Philosophin Simone Weil stammt der Anstoss zur Titelfrage: “Handlungen, die wie Hebel zu mehr Wirklichkeit sind. Wie funktioniert das?” Der Gedanke, das physikalische Hebelgesetze für Belange des Erkennens, Verstehens und Handelns anzuwenden, erlaubt, die Frage nach dem Wert der Bildung anders zu stellen, oder gar richtig zu stellen.
Da, wo es sich um physikalische Energie handelt, kommt dank dem Hebel eine Übersetzung und vielfache Steigerung der Wirkung zustande, ohne dass der Aufwand vergrössert werden müsste. Simone Weil stellt fest, dass die blosse Addition von Wissen Veränderungen höchstens “auf der gleichen Ebene” zulässt, dass, solange “kein Hebel da ist”, kein “Mehrwert” entsteht, durch den eine qualitative Veränderung und dadurch etwas Neues zustande käme. Sie überlegt sich, welche Form der Energie diese Hebelwirkung auslösen könnte. Ist es, mit ihren Worten, jene “zusätzliche, unstete Energie”, die den “Schlüssel zum menschlichen Leben” darstellt, die als “sexuelle Energie” bezeichnet werden kann? Wenn darunter die Kraft des Verlangens verstanden wird – nach grösstmöglicher Nähe zum Gegenstand des Verlangens, eventuell des Verlangens nach Neuschöpfung -, so bedeutet die Veränderung des “Verhältnisses zum Gegenstand” das, was bei Freud “Sublimation” heisst. Sublimation bedeutet Verlagerung auf eine andere Ebene, in einen anderen Bereich, ohne dass die Energie ihre eigentümliche, auf Erfüllung ausgerichete Zielstrebigkeit verlöre. Anstelle der biologischen Prokreation tritt ein Werk der Innerlichkeit – das zugleich nach Aussen wirkt. Das mag vieles sein: Erkenntnis, ein künstlerisches Werk, ein politisches oder soziales Engagement.
Die Verlagerung schliesst den Verzicht auf unmittelbare, schnelle Befriedigung ein, führt dadurch aber, gemäss Simone Weil, zu “mehr Wirklichkeit”. Psychoanalytisch gesprochen, macht dies den Schritt vom Unbewussten ins Bewusstsein möglich. Simone Weil stellt den “Handlungen, die wie Hebel zu mehr Wirklichket sind” jene entgegen, die “einen Schirm (einen weiteren Schirm) zwischen sich und der Wirklichkeit schaffen”. Das Unbewusste stellt dem Ich tatsächlich mehrere Schichten eines “Schirms” zur Verfügung und stimuliert es so zu Handlungen, die kompensatorischen, verhüllenden, hemmenden oder abwehrenden Charakter haben, die in grosse Unruhe oder in bleierne Lähmung stürzen etc. Der “Schirm” kann so dicht werden, dass er zur Abkapselung führt. Obwohl der Verzicht auf den “Schirm” zumeist Leiden bedeutet, kann allein so Wirklichkeit erfahren werden. Das Gefühl der Wirklichkeit aber vermittelt Freude, während die abgewehrte Wirklichkeit zu einem quälenden Gefühl der Traurigkeit führt.
Neben dem Hebel erwähnt Simone Weil in ihrem Werk den “Blindenstab”. Der Blindenstab dient als Mittel, um Distanz und Nähe abzuschätzen, um einen Gegenstand rechtzeitig wahrzunehmen, um Grösse, Härte oder Weichheit des Gegenstandes zu erahnen. Der Mensch, der sich auf den Weg der Erkenntnis macht, braucht ebenfalls einen “Blindenstab”: die Vorstellungskraft, die eine unbegriffliche, intuitive Erkenntnis ermöglicht, welche Verstehen bedeutet. Die Vorstellungskraft vermag, das Erkennen “sehend” und mitfühlend zu machen. Dieses besondere Verstehen setzt den Verzicht auf vorgefasste, mit eigenen Gefühlen bepackte Deutung voraus und erfüllt so die wichtigste Bedingung, um einen Prozess des wirklichen Gesprächs, des lebendigen Bezugsgeflechts zwischen den Menschen, in Gang zu setzen. Aus diesem heraus könnte, als Konseqenz der “Hebelwirkung” des Verstehens, eine Kultur der Solidarität entstehen, die ein gelingendes Leben nicht nur für wenige privilegierte Menschen, sondern für die vielen verschiedenen, die zusammenleben, ermöglichen würde. Bildung käme so einer zwischenmenschlichen Ethik gleich, aus der heraus eine politische Ethik der Sorgfalt und Solidarität entstehen könnte.