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Wer sich mit Diagnosen etwas genauer auseinandersetzt, wird schnell auf zwei sehr bekannte Diagnosesysteme stossen: die ICD und der DSM. Im klinischen Kontext wie zum Beispiel in der Psychotherapie ist die ICD vorherrschend. Jedoch leistet auch der DSM einen wichtigen Beitrag in der Erforschung von psychischen Störungen. Warum also existieren diese beiden Diagnosysteme und welches sind die Unterschiede und auch Gemeinsamkeiten davon? Diesen Fragen soll im folgenden Beitrag nachgegangen werden.
Was ist die ICD, was ist der DSM und wo wird was angewandt?
Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben. In der ICD sind alle bekannten und wissenschaftlich belegten Krankheits- und Todesursachen beschrieben. Ein Kapitel fokussiert sich dabei auf psychische Störungen (Jakob, 2018).
Der DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) ist ein US-amerikanisches Klassifikationsystem und wird von der American Psychiatric Association (APA) herausgegeben. Er fokussiert nur auf psychische Störungen (Caspar et al., 2018).
Reed et al. (2011) zeigen in einer Umfrage von psychiatrischen Fachpersonen aus 44 Ländern auf, dass in 70 % der Fälle die ICD als Standardwerk für die Diagnose von psychischen Störungen benutzt wird. Dies ist teilweise auch darauf zurückzuführen, dass für die Krankenkassenabrechnungen die ICD-Codes genutzt werden. Die ICD ist grundsätzlich in Europa dominant, während der DSM vor allem in den USA und auch in Ländern wie Australien, Argentinien, Kenya und der Türkei vorherrschend ist (Reed et al., 2011).
Unterschiede von ICD und DSM
In der folgenden Tabelle sind einige unterschiedliche Punkte der beiden Diagnosesysteme einander gegenüber gestellt. Die Liste ist nicht als abschliessend zu verstehen.
ICD
DSM
Inhalt
alle bekannten und belegten medizinischen Erkrankungen
Fokus ausschliesslich auf psychische Erkrankungen
Beschreibung der Störungen
wortreicher
umfangreicher (Vorteil für Anwendung in der Forschung und Lehre)
Nummerierung
Code für jede Störung
keine Codierung, jedoch kann jede Diagnose einem ICD-Code zugeordnet werden
Leitlinien für Diagnosestellung
mehr Interpretationsspielraum für Fachpersonen
Operationalisierung* der Störungskriterien genauer (Vorteil für die Anwendung in der Forschung)
eigene Darstellung nach Hogrefe Verlag, 2016
*Operationalisierung: "Konkretisierung theoretischer Begriffe und Hypothesen durch Angabe beobachtbarer und messbarer Ereignisse" (Duden, 2023)
Anhand der oben genannten Unterschiede wird ersichtlich, dass sich der Fokus der beiden Klassifikationssysteme unterscheidet: während die ICD auf die klinische Praxis ausgerichtet ist, konzentriert sich der DSM auf die Beschreibung der Diagnosen ausgelegt auf die Forschung und die Lehre. Dies wird zum Beispiel daran ersichtlich, dass die Beschreibung der Diagnosekriterien im DSM genauer und so besser miteinander vergleichbar sind. Die ICD lässt der klinischen Fachperson einen Interpretationsspielraum, der dazu genutzt werden kann, die Diagnosen auch an kulturelle Gegebenheiten anzupassen (z. B. Trauerzeit: "normale" Dauer in verschiedenen Regionen unterschiedlich).
Gemeinsamkeiten von ICD und DSM
Auch in diesem Abschnitt werden einige Gemeinsamkeiten der beiden Diagnosesysteme in einer Tabelle, die wiederum nicht abschliessend ist, dargestellt.
Gemeinsamkeit
Fokus auf Erscheinungsbild der psychischen Störung
Beschreibung der psychischen Störungen ist unabhängig von den verschiedenen Therapieschulen (weitere Informationen zu den verschiedenen Therapieschulen siehe Wissen Kompakt: Hauptschulen der Psychotherapie), da sie unabhängig von den Ursachen beschrieben werden.
Beschreibung der psychischen Störungen
Beide Systeme haben zum Ziel, die psychischen Störungen bestmöglich zu definieren. Beide Systeme beschreiben bis auf ein paar Ausnahmen dieselben Störungsgruppen.
eigene Darstellung nach Hogrefe Verlag, 2016
Aus der Betrachtung der obigen Punkten wird deutlich, dass sich die beiden Klassifikationssysteme in den grundlegenden Strukturen wie zum Beispiel dem groben Inhalt ähnlich sind. Und trotzdem legen ICD und DSM ihre Foki auf unterschiedliche Dinge. Diese können einander jedoch ergänzen und für ein ganzheitlicheres Bild der psychischen Störungen sorgen.
Referenzen
Caspar, F., Pjanic, I., Westermann, S. (2018). Diagnostik und Klassifikation. In: Klinische Psychologie. Basiswissen Psychologie. 15-25. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-531-93317-7_2
Duden (2023). Operationalisierung, die. https://www.duden.de/rechtschreibung/Operationalisierung
Hogrefe Verlag (2016). Klassifikationssysteme. DSM und ICD. https://www.hogrefe.com/ch/thema/dsm-und-icd
Jakob, R. (2018). ICD-11-Anpassung der ICD an das 21. Jahrhundert. Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz, 61(7), 771-777. https://doi.org/10.1007/s00103-018-2755-6
Reed, G. M., Correia, J., Esparza, P., Saxena, S. & Maj, M. (2011). The WPA-WHO global survey of psychiatrists' attitudes towards mental disorders classification. World Psychiatry, 10 (2), 118-131. https://doi.org/10.1002/j.2051-5545.2011.tb00034.x