Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03214.jsonl.gz/1723

«Es ist der Geist, der den Körper formt», sagte Joseph Pilates vor 80 Jahren. Das von ihm entwickelte Training muss man konzentriert und ruhig ausführen, um einen beweglichen Körper zu erhalten.
Die Bewegungen sind fast nicht sichtbar. Von einem kräftezehrenden Training kann nicht die Rede sein, wenn man das subtile Anspannen des Beckenbodens von aussen betrachtet. Für die Person, die die
Übung ausführt, bedeutet es jedoch höchste Aufmerksamkeit. Sie liegt auf einer Bodenmatte und zentriert sich, indem sie ihr Powerhouse ansteuert. Ihre Körpermitte ist jetzt stabilisiert und
aktiviert.
Den eigenen Körper wahrzunehmen, haben viele Menschen verlernt. Beruflich müssen sie lange stehen, stundenlang vor dem Computer sitzen oder monotone Arbeiten ausführen. Das belastet den Organismus
einseitig. Erst wenn sich Schmerzen, meist im Schulter- und Nackenbereich oder Rücken, einstellen, werden sie hellhörig. Oft soll dann der Arzt Wunder wirken und sofort abstellen, was Fehlhaltungen
über Jahre herbeigeführt haben. In der Physiotherapie merkt man erst, wie unbeweglich man geworden ist und welche «einfachen» Übungen sich nicht mehr ohne Anstrengung ausführen lassen.
Trainer der Tänzer
Der Deutsche Joseph Pilates (1883–1967) war selbst ein kränkelndes Kind, stärkte aber seinen Körper durch viel Sport, Gymnastik, Bodybuilding und Skifahren ebenso wie Yoga und Zen-Meditation. Nach
dem frühen Tod seiner ersten Frau ging er nach Grossbritannien und wurde dort nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs interniert. Seine Mitgefangenen leitete er täglich zu einem ganzheitlichen
Trainingsprogramm an, und es heisst, dass sie dermassen gestärkt sogar die Spanische Grippe von 1918 überstanden.
1923 wanderte Pilates in die USA aus und gründete im Gebäude des New York City Ballet sein erstes Studio. Vom Choreografen George Balanchine erhielt er den Auftrag, die Tänzer zu trainieren. Bald
gehörten auch Hollywood-Stars zu seiner Kundschaft, denn die aufrechte Körperhaltung sorgt als Nebeneffekt für eine schlanke Silhouette. «Nach 10 Stunden fühlen Sie sich besser, nach 20 Stunden sehen
Sie besser aus, und nach 30 Stunden haben Sie einen ganz neuen Körper», warb Pilates.