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Gasser Johann Conrad, Pfarrer, 1870-1951
Im Jahre 1907 wurde J. C. Gasser dann von der landeskirchlichen Minoritätsgemeinde an das «Evangelische Vereinshaus» zu Winterthur berufen und 1913 folgte seine Wahl auf die fünfte Pfarrstelle der Kirchgemeinde Winterthur-Stadt. Der Rücktritt vom Pfarramt erfolgte am 15. April 1942. Gasser war ein vielseitig engagierter Theologe und Spezialist für das Alte Testament.
Johann Conrad Gasser war ein Sohn des Reallehrers Johann Conrad Gasser (1835-1913) von Hallau und der Katharina geborenen Grieshaber gleichfalls von Hallau. Er wuchs im dortigen Schulhaus zusammen mit fünf Geschwistern auf. Nach dem Besuche der Elementar- und der Realschule des Heimatortes trat er im Frühjahr 1886 in die humanistische Abteilung des Schaffhauser Gymnasiums ein und bestand daselbst auf Ostern 1889 die Maturität.
In seinen jüngeren Jahren war er ein eifriger Turner. Es folgten zwei Jahre theologischen und philosophischen Studiums in Basel, hernach ein Studienjahr in Greifswald und schließlich nochmals ein Studienjahr zu Basel. Als seine Lehrer schätzte er besonders Konrad von Orelli und Adolf Schlatter.
Nach dem Bestehen der theologischen Konkordatsprüfung im Frühjahr 1894 kam er im selben Jahre als Vikar in die Kirchgemeinde Buchberg-Rüdlingen und wurde dort im Frühjahr 1896 Pfarrer. Neben seiner Amtsführung setzte er die begonnenen wissenschaftlichen Studien mit spezieller Rücksicht auf das Alte Testament und den alten Orient fort, worauf er im Jahre 1903 an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich die Doktorwürde erwarb.
Von 1901 bis 1907 vertrat er die Gemeinden Buchberg und Rüdlingen, denen er eine Realschule gründete und anfänglich auch führte, als Liberaler im Großen Rate des Kantons Schaffhausen. Im April 1897 hatte er mit Emma Gysel, der Tochter des Schaffhauser Obergerichtspräsidenten Hans Gysel aus dem Hofe Unterneuhaus bei Wilchingen die Ehe eingegangen. Den Gatten waren acht Kinder beschieden; sechs Töchter sind im Kreise der Familie herangewachsen. Im Jahre 1907 wurde J. C. Gasser dann von der landeskirchlichen Minoritätsgemeinde an das «Evangelische Vereinshaus» zu Winterthur berufen und 1913 folgte seine Wahl auf die fünfte Pfarrstelle der Kirchgemeinde Winterthur-Stadt. Zum Bürgerrecht von Hallau hinzu erwarb er sich auch noch das Bürgerrecht von Winterthur.
Neben seinen pfarramtlichen Pflichten widmete er sich von 1907 bis 1931 -ab 1912 als Präsident der Alttestamentlichen Sektion- dem Werke der neuen Zürcher Bibelübersetzung, und war von 1912 bis zu seinem Tode auch Mitglied der Zürcher Kirchensynode sowie von 1913 bis 1941 Lehrer der Hebräischen Sprache am Winterthurer Gymnasium. Der Rücktritt vom Pfarramt erfolgte am 15. April 1942; es war ihm noch ein neunjähriger Ruhestand vergönnt, in welchem seine geistig-wissenschaftlichen Interessen wach blieben. Johann Conrad Gasser gehörte zu dem Typus des «gelehrten Pfarrers» seiner Zeit.
In seinem Geiste spiegelte sich das gewaltige Johann Conrad Gasser Ringen zwischen dem freisinnigen Rationalismus einerseits und der biblischen Theologie andererseits. Von der heimatlichen reformierten Tradition her kommend, musste er sich mit der überschäumenden Bibelkritik auseinandersetzen, die aus dem Raume neuer geschichtlicher Entdeckungen hereinbrach. Zugleich erschien der biblische Gottesglaube durch die neuen Erkenntnisse der Naturwissenschaft angefochten. Gasser kam nun seine positive Frömmigkeit, aber auch seine historische Bildung und sein großes Wissen von der Natur zustatten.
Er sah deshalb ein, dass zwar das biblische Weltbild und Geschichtsbild neuen Einsichten Raum geben müsse, 314 aber ebenso klar war ihm, dass der evangelische Glaube im Kerngehalte von diesen neuen Einsichten nicht berührt werde. Für das positive Christentum eintretend, suchte er die Angriffe wissenschaftlich verbrämter philosophischer Lehrmeinungen in die Schranken zu weisen. Nun spielten sich diese Auseinandersetzungen nicht bloß in seinem häuslichen und amtlichen Bereiche ab, sondern Gasser mühte sich öffentlich in Vorträgen, Aufsätzen und Schriften um eine Lösung der aufgeworfenen Fragen durch eine Versöhnung von Glaube und Wissenschaft.
Als «moderner Positiver» warb er dabei grundsätzlich um Verständnis für seinen positiv-christlichen Standpunkt. So verträglich er im Grunde genommen gestimmt war, so schroff konnte er kritische Ansichten verwerfen, die sich zu Unrecht der Wissenschaftlichkeit rühmten. In dieser Richtung sind namentlich seine bedeutende Arbeit über Das Alte Testament und die Kritik sowie sein theologischer Rechenschaftsbericht unter dem Titel Wahrheit, Wissenschaftlichkeit und positives Christentum zu nennen.
Die ihm eigene Verbindung von biblischer Gläubigkeit, historischer und naturwissenschaftlicher Gelehrsamkeit, scharfer Scheidungsgabe und unermüdlicher Versöhnlichkeit schuf ihm weit herum — besonders in den Kirchen Schaffhausens und Zürichs sowie in der Stadt Winterthur — ein hohes Ansehen. Er versah in der reformierten Kirche eine zu seiner Zeit notwendige, Glaube und Wissenschaft verbindende Funktion. Einen Großteil seines theologischen Lebenswerkes macht im übrigen die hervorragende, vom Anfange bis zum Ende der Arbeit dauernde Mitwirkung an der neuen Zürcher Bibelübersetzung aus. Er widmete sich dem Alten Testamente und vertrat dabei den Leitgedanken einer wissenschaftlich aus den ursprünglichen Textzeugen gewonnenen, ansprechenden Volksbibel.
In geschichtlicher Hinsicht richtete Gasser seine Aufmerksamkeit vorab auf Lebensbilder religiöser und zugleich der Historie verpflichteter Persönlichkeiten. Dermaßen entstand namentlich die freundlich nahegehende Biographie des Schaffhauser Geschichtsschreibers und nachmaligen Stadtbibliothekars Professor Karl Henking. Auch sonst ist die Schaffhauser Geschichte durch ihn bereichert worden. Gasser hat die ihn bewegenden Fragen auch eifrig in den Zeitungen hineingetragen.
Er war der Anfänger des heutigen Brauches der politischen Presse, religiöse Festtags-Artikel zu bringen, aber auch sonst fanden seine besonders im «Neuen Winterthurer Tagblatt» erschienenen Aufsätze weithin Beachtung. Das Wirkensbild Gassers vervollständigt sich durch einen Hinweis auf seine Bücherfreunde, kraft derer er eine fast unübersehbare Menge von Bänden um sich zu scharen wusste. Aus seinem Besitze stammt namentlich der Grundstock der Bibelsammlung im Großmünster zu Zürich.
Text von WALTER HILDEBRANDT/Internet