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Bild des Monats August 2017: Domina Mundi: Die Inszenierung weiblichen Herrschaftsanspruchs
Vergegenwärtigt wird weiblicher Herrschaftsanspruch im 12. Jahrhundert: Der zeichnerisch angedeutete Thronsaal wird von einer imposanten Frauenfigur beherrscht, die in der linken Hand einen Reichsapfel hält und die Rechte im Herrschergestus erhoben hat. Indem ihre Krone in den Turmzinnen mündet, wird das gekrönte Haupt zusätzlich erhöht. Den durch die weibliche Figur offensichtlich erhobenen Anspruch auf Herrschaft verstärkt überdies ein Schriftzug, der einen Sprechakt andeutet: Quando domina mundi ante Tancredum imperiose loquuta respondit. Mit der Bezeichnung als domina mundi, wie sie für die Gottesmutter Maria verwendet wird, erhält die Herrschaftsträgerin gleichsam heiligmässige Bedeutung.
Der Inszenierung weiblicher Weltherrschaft steht die Darstellung desjenigen gegenüber, der – auf einem Thron sitzend – die Herrschaft tatsächlich innehat. Durch Schrift als «Tankred» identifizierbar, gibt dieser jedoch eine klägliche Figur ab. Offensichtlich dient dessen Darstellung dazu, den König als Missgeburt zu diffamieren. Das affenartig konzipierte Männchen ist etwa halb so gross wie die Herrscherin, Kleidung und Krone sind bescheiden, der Ausdruck ängstlich, krampfhaft klammert er sich an sein zerbrechlich wirkendes Szepter.
Tatsächlich vergegenwärtigt die Zeichnung ein historisches Ereignis: Dargestellt sind die Kaiserin Konstanze (1154 – 1198), Erbtochter König Rogers II. und Gattin des Stauferkaisers Heinrich VI. (1165 – 1197), sowie ihr Kontrahent im Kampf um die Krone Siziliens, Tankred von Lecce (1134/1138 – 1194). Indem er Konstanze überhöht und Tankred erniedrigend darstellt, lässt der Zeichner keinen Zweifel daran, wem seiner Meinung nach die Herrschaft eigentlich gebührt. Die Darstellung trägt sogar eindeutig propagandistische Züge. Denn das Bild steht im krassen Gegensatz zu der prekären Situation, in der sich die historische Person Konstanzes zum Zeitpunkt der erzählten Ereignisse (1191) tatsächlich befand. Von der Stadt Salerno an ihren Vetter Tankred ausgeliefert, musste sie als Gefangene ihre Ansprüche gegenüber diesem behaupten. Ihr todkranker Gatte hatte gleichzeitig eine Niederlage gegenüber dem «Usurpator» zu verzeichnen und musste nach Deutschland zurückkehren. Erst nach dem Tod Tankreds gelang die Eroberung des Königreichs durch das kaiserliche Heer.
Die nur kurze Zeit danach entstandene Bilderchronik (1195/1197) des Dichters Petrus de Ebulo, aus der diese Darstellung stammt, führt die historischen Ereignisse aus der Perspektive der Sieger vor Augen: In der Tradition eines klassischen Epos stilisiert der Liber ad honorem Augusti das Kaiserpaar und seine Getreuen zu heldenhaften Lichtgestalten. Diese zeichnen sich als gottgefällige und rechtmässige Herrscher aus, indem sie ihre Würde selbst in höchster Not behalten und deshalb schliesslich mit der Regentschaft über das Königreich und der Geburt des Thronfolgers Friedrich II. belohnt werden.
Bildnachweis:
Burgerbibliothek Bern, Cod. 120.II, f. 120r