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«Fern, fern geht die Weltgeschichte vor sich,
die Weltgeschichte deiner Seele.» (Franz
Kafka im Herbst 1922)
Ab zirka 22 Uhr liegt das «Waldhaus» der Psychiatrischen Dienste Graubünden im Dunkeln. Das Gelände vollkommen leer, nur von den Stationsbüros matter Schein wie Positionslichter eines erlöschenden Planeten. Die Nachtwachen meist halb schlafend vor den Fernsehern. Nahezu lautlos gleitet manchmal ein Polizei- oder Ambulanzfahrzeug heran Richtung Notfallstation.
Um 1512 gaben die Antoniter-Mönche in Isenheim bei Colmar dem Meister Nithart (Matthias Grünewald) den Auftrag für einen dreiseitigen Wandelaltar in ihrem grossen Krankensaal. Die Antoniter waren ein Orden für die Kranken, das Bild war zur Heilung oder Linderung der Leiden der PatientInnen gedacht, die auf Betten oder dem Boden direkt vor diesen neun grossen Tafeln der Verkündigung, Geburt, Passion und Auferstehung lagen. Die meisten litten an der Pest oder dem «Antoniusfeuer», einer oft tödlichen Vergiftung durch das Getreidemutterkorn, die zu schweren Halluzinationen führte.
An der Brücke, die mitten in Chur über den Fluss Plessur führt, lagen im Juni Blumen, Kerzen und ein Bild von S. Die 25-Jährige hatte sich, nachdem sie, wie in der Stadt erzählt wurde, auf der Flussmauer getanzt hatte, in den Fluss gestürzt. Dass es sich nicht um einen Unfall handelte, bestätigten zuerst die örtlichen Zeitungen, indem sie den Tod verschwiegen, wie dies zum Regelfall bei «Freitötungen» geworden ist.
«Unendlich traurig versuchen wir deinen Entscheid zu verstehen»: Solche Todesanzeigen finden sich fast wöchentlich in den Bündner Medien; bekanntlich hat die Schweiz, eines der reichsten Länder, eine der höchsten Selbstmordquoten weltweit. Dazu Pier Paolo Pasolini, der friaulische Dichter und Filmregisseur, im Jahr 1970: «Es ist klar, dass überflüssige Güter das Leben überflüssig machen.»
S. gehörte zeitweise zur Bündner Drogen- und Psychoszene, deren Mitglieder sich aus den psychiatrischen Kliniken des Kantons kennen, dem «Waldhaus» oder der Klinik Beverin, und die sich zuweilen in der Raucherstube des Restaurants Steinbock am Churer Bahnhof treffen.
Die geschlossene Notfallstation des Churer «Waldhauses» ist zugleich die hässlichste Abteilung der Klinik: beinahe ohne jeden Wandschmuck; kahle, hässliche Wände; kahles, hässliches Aufnahmezimmer, kahles, hässliches Stationsbüro, was den dort ihre Computer betastenden und Psychopharmaka selektionierenden Fachkräften gleichgültig scheint. Nachts hört man PatientInnen schreien und an Wände oder Türen schlagen; auch alle anderen Räume enthalten nichts als konventionelle Landschafts-Tier-Fotografien, keine einzige Wiedergabe eines Gemäldes der Gotik oder Renaissance, deren Künstler noch von der Suche nach dem Seelenheil angetrieben waren – dagegen enthalten die Gänge der Verwaltungs-Ärztetrakte erstaunliche Werkserien zeitgenössischer Bündner KünstlerInnen. Auch besitzt die Abteilung weder eine Biblio- oder eine Disko- noch eine Videothek – als werde Desinteresse‚ Geistlosigkeit, Antiintellektualität ihrer PatientInnen vorausgesetzt.
Laut Selbstdarstellung sichern die Psychiatrischen Dienste Graubünden (PDGR) «die psychiatrische Versorgung der Erwachsenen in Graubünden». In den Hauptanstalten Waldhaus und Beverin bieten sie «alle Therapieformen bedürfnisgerecht an. Psychotherapiestation und psychotherapeutische Tagesklinik basieren auf kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlungskonzepten. Es stehen pharmakologische und psychotherapeutische Behandlungsformen zur Verfügung.»
Der «blosse Mensch»
Eines Tages begann ein Freund, sich für einen Heiligen zu halten, und segnete jeden, dem er begegnete. Warum auch nicht? Der christliche Inkarnationsgedanke hat schon Meister Eckhart (1260–1328) zu Gedanken geführt wie: «Ich stehe nicht unter Gott, ich stehe in ihm.» Das heisst: Die Göttlichkeit ist jedem Menschen immanent.
Gegen diesen und 25 weitere Sätze Eckharts wurde eine päpstliche Busse verhängt. Der Freund wurde umgehend in die PDGR eingeliefert, monatelang festgehalten und invalid geschrieben. Er dämmert döst schlummert nun achtzehn Stunden des Tages.
Bis zum «Tode Gottes», 1882 von Nietzsche in Sils-Maria ausgerufen, war die Seele (Psyche, Anima) eine entscheidende Figuration der Sprache, Dichtung, Philosophie, Theologie. Die Seel-Sorge war der Kirche anvertraut, zentraler Auftrag der Priester und Mönche; entscheidend hierfür: das Beichtsakrament, die Confessio. Die Evangelien erzählen, wie die Apokryphen oder die Jesus-Wunderheilungen, nicht nur die Heilung körperlich Kranker, sondern auch der «Besessenen», deren «Dämonen» Jesus austrieb.
Hier hat auch das (freiwillige) Zölibat seine Bedeutung, indem es die Priester jeglichen Privatfamilienlebens entband, auf dass sie sich voll und ganz ihrer Aufgabe widmen konnten. In den PDGR hingegen arbeiten praktisch alle Fachkräfte nach Prozenten, es ist fast unmöglich, auch nur zu ahnen, wer gerade oder wann Dienst hat.
Die Fachkräfte der PDGR sind geisteswissenschaftlich so gut wie kenntnislos, unbelesen – und trotz ihres manchmal unbestreitbaren Engagements kaum in der Lage, an die Stelle der PsychiaterInnen oder der nichtmedizinischen PsychologInnen zu treten. So beschränken sie sich auf Tablettenreichungen und marionettenhafte Sprachstandards: «Sie müssen sich mit sich selbst konfrontieren» oder «Sie müssen an sich selbst glauben».
Denn die «Seele» gibt es nur noch als musealen Begriff. Er erscheint so wenig wie «Geist» auf den Websites der PDGR. Schon gar nicht in den Uni-Vorlesungsverzeichnissen für Psychologie. Dort wird vielmehr angeboten: «Angewandte Psychologie. Life-Management», «Praktische Intervention 2. Verhaltenstraining»; «Kognitive Neurowissenschaften 2. Neurobiologie psychischer Störungen»; «Neuropsychopharmakologie».
Die kognitive Verhaltenstherapie – die neben der Medikamentenabgabe bevorzugt praktizierte Methode der PDGR – hat sich seit den sechziger Jahren entwickelt und geht grundsätzlich von einer rationalen Behandlung psychischer Störungen aus. Sie konzentriert sich auf die Beseitigung von psychischen Symptomen und kümmert sich kaum um komplexe innere Entwicklungen. Sie hat nicht nur die Psychoanalyse, sondern auch die Gestalt- und die humanistische Gesprächstherapie aus den Kliniken verdrängt, ganz zu schweigen von der Daseins-Analytik, die Medard Boss in den fünfziger Jahren im nahen Lenzerheide entworfen hat.
Aus dem zerfallenden «Haus des Seins – der Sprache» (Martin Heidegger) verwiesen sind mit Seele und Geist auch Begriffe wie Person, Persönlichkeit, Gemüt, Subjekt, Charakter oder Schicksal – die Confessio wurde durch neue Ikonen ersetzt: Transmitter, Neuro-Serotoninspiegel, DNA-Analyse …
Herrschaft der Hirnmythologie
Die täglichen Gruppenspaziergänge der Beverin-PatientInnen führen meist zum nur 250 Meter entfernten Rhein: Dort notierte Friedrich Hölderlin 1801 auf seiner Wanderung zum Vorder- und Hinterrhein, nachdem er eine Hauslehrerstelle im thurgauischen Hauptwil abgebrochen hatte: «Doch unverständig ist / Das Wünschen vor dem Schicksal. / Die Blindesten aber / Sind Göttersöhne.» Die Zeilen wurden Teil seiner berühmten Hymne «Der Rhein». 1802 hielt er sich kurz in Scardanal auf (wenige Kilometer von Beverin entfernt). Nachdem er 1803 selbst für «geisteserblindet» erklärt wurde, nahm er den Namen Scardanelli an, mit dem er seine späten Gedichte unterzeichnete.
Doch kann bereits das Jahr 1789 als Urkunde der «Zerreissung der Seele» (E. T. A. Hoffmann) gelesen werden: deren Sturz in ihre potenzielle Unendlich- und Abgründigkeit, ihr Zerfall in unendlich viele Partikel. In der «Dialektik der Aufklärung», wie sie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer 1946 herausgearbeitet haben, gilt angesichts von Instrumentalisierung und Verwissenschaftlichung: «Die gänzlich aufgeklärte Erde strahlt im Glanz völligen Unheils.»
Seit 1789 gelten auch Nietzsches Jahrzehnte später aufgezeichnete Worte des «Tollen Menschen»: «Gott ist tot. Wir haben ihn getötet! (…) Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? (…) Stürzen wir nicht fortwährend? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? (…) Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht Nacht und immerfort Nacht?»
Hin zum Wahn-Sinn
An die Stätte der Seele traten griechisch umschleierte Wortfelder der Psychiatrie, Psychoanalyse und Psychopathologie: Sigmund Freuds 1895 erstmals so benannte «Psychoanalyse» (Analyse = Auflösung) war noch einmal ein Versuch, die Psyche der biologischen Neurologie, wie sie sich ab 1850 zu etablieren begann, zu entreissen, ihr durch den Begriff des Unbewussten ihre Abgründigkeit zurückzugeben und in der Formel «Wo ES war, soll ICH werden» ein konzentriertes Modell zu verleihen. Jacques Lacan hat in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts das freudsche Projekt neu pointiert: «Ich ist ein anderer.» Lacan hielt fest am «unendlichen Sprechen», dem Gespräch als einziger therapeutischer Möglichkeit. Er beteiligte sich gleichzeitig an der Antipsychiatriebewegung mit ihrem institutions- und methodenkritischen Diskurs, deren Untergang auch den Untergang einer grundsätzlichen Diskussion um die Rolle der Psychiatrie besiegelte.
Inzwischen jedoch tritt täglich von neuem ein: die Herrschaft der «Hirnmythologie» (Karl Jaspers). Die biologisch-neurologische Formatierung der Psychiatrie beschränkt sich nun wesentlich, als Dependance von Novartis, Roche und Co., auf die Auf- und Ausschüttung von Psychopharmaka. Durchgestrichen ist damit nicht nur die «Seele». Auch all die jahrtausendalten Anstrengungen und Auseinandersetzungen ums Bild des Menschen werden durch den Biologismus zunehmend vernichtet.
Zur Zeit meiner Kindheit gab es in fast jedem Schwarzwalddorf einen «Verrückten». Meist spazierte er der Durchgangsstrasse entlang und hielt Reden an Vorbeigehende oder die Bäume. Lange winkte er den Vorbeifahrenden nach … Er hatte seinen Platz im Dorf, denn er trug gleichsam den «Irr-Sinn» der anderen in und auf sich. In den Städten gab es viele vor sich hin deklamierende Frauen und Männer. All dies haben die Psychopharmaka aufgelöst, die die immer breitere Strasse zum «betriebssicheren System der Eugenik» asphaltieren, wie es Aldous Huxley 1946 in der Neuauflage seines Romans «Brave New World» voraussah.
«Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte … Das alles war für ihn in Wunden; er fühlte tiefen, unnennbaren Schmerz davon …»
So schreibt Georg Büchner 1834 in seinem «Lenz». Dies allerdings ist nicht ein Beispiel für «Schizophrenie», wie häufig interpretiert wird, sondern nichts anderes als eine Radikalisierung des «unglücklichen Bewusstseins» (Hegel) oder der «ewigen Schwermut» (Schelling). Auch hier war es Nietzsche, der den treffendsten Ausdruck für diese existenzielle Widersprüchlichkeit gefunden hat: «Wer zu den Gründen geht, geht zugrunde.» Oder: zum Wahn-Sinn – der sich als Begriff selbst aufhebt, indem «Wahn» von «Wähnen» kommt und es in der Welt nie anderes geben wird als ein Wähnen. Der Weg von Lenz, Hölderlin, Nietzsche und vielen anderen in den «Wahnsinn» war eine notwendige Konsequenz ihres Wahr- und Ernst-Nehmens eben dieses «Wähnens». Die tatsächliche Krankheit, der Zusammenbruch, wie ihn Büchner beschreibt, beginnt, wenn selbst das Wähnen, das immer eine Art Glauben ist, Stück für Stück zerbröckelt.
Die Konsequenz der Ignoranz gegenüber der abendländischen Geistesgeschichte ist die Unfähigkeit fast aller PsychiaterInnen der PDGR zum Gespräch, zum Zuhören und Antworten. Verschlungen vom Kreuzzug des Nihilismus, sind sie unfähig geworden, zu dem zu werden, was ihr Name ursprünglich verheisst: jener, der heilend mit der Seele geht.
Aus den zertrümmerten Wortfeldern zieht sich die Psychiatrie in die Statistiken zurück, in ständig fluktuierende Zahlen-Ziffern-Dispositive, wie das «Diagnostische und Statistische Handbuch Psychischer Störungen (DSM)», das erstmals 1952 vorgestellt und seither mehrfach aktualisiert wurde. So sagte die Chefärztin der PDGR in einem Interview zum Thema «Burn-out»: «Die meisten Patienten mit Burn-out haben eine eindeutig diagnostizierte Depression nach ICD-10-Kriterien.»
Das Elend der PatientInnen ist oft endlos. Sie werden mit Psychopharmaka weiter versorgt, doch so gut wie niemals mit Gesprächen. Die Seele ist zum Objekt der Neurobiologie von (dem Bündner) Vasella und Co. geworden – die PDGR aber zu einem Haus ohne Worte.