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SRF News: Warum wurden Ihrer Ansicht nach die Ermittlungen im Fall Würenlingen eingestellt?
Marcel Gyr: Ich decke in meinem Buch Folgendes auf: 1970 gab es geheime Verhandlungen zwischen hohen Vertretern der Schweiz und der PLO. Diese Gespräche haben zu einem Stillhalteabkommen geführt. Was die Auswirkungen auf Würenlingen waren, müsste man sehr lange diskutieren. Aber die Hinweise sind für mich klar, dass dies auf das Strafverfahren in Würenlingen Einfluss gehabt hat.
Jean Ziegler hat den Kontakt zwischen der PLO und Bundesrat Graber hergestellt.
In Ihrem Buch schreiben Sie, Bundesrat Pierre Graber und Nationalrat Jean Ziegler seien in diese Verhandlungen involviert gewesen. Was waren genau ihre Rollen?
Die Rollen waren relativ klar verteilt. Jean Ziegler hat den Kontakt zwischen der PLO und Bundesrat Graber hergestellt. Er hat beide sehr gut gekannt – die palästinensische Seite privat und Graber durch die gemeinsame Fraktionstätigkeit im Nationalrat.
Die PLO hat zugesichert, dass die Schweiz vor weiteren Anschlägen verschont wird. Im Gegenzug hat die Schweiz in Aussicht gestellt, dass man die PLO auf diplomatischer Ebene unterstützen wird.
Nach den Verhandlungen gab es ein Abkommen zwischen der PLO – damals notabene klar eine Terrororganisation – und den Akteuren um Bundesrat Graber. Was war der Inhalt dieses Abkommens?
Das Abkommen wurde per Handschlag besiegelt. Es gibt vermutlich kein schriftliches Dokument. Deshalb ist es nicht ganz einfach und wir müssen uns auf Zeitzeugen abstützen. Der Inhalt war folgender: Die PLO hat zugesichert, dass die Schweiz vor weiteren Anschlägen verschont wird. Im Gegenzug hat die Schweiz in Aussicht gestellt, dass man die PLO auf diplomatischer Ebene unterstützen wird, insbesondere mit der Errichtung eines Büros am UNO-Sitz in Genf.
Wo ist der Zusammenhang mit der Strafuntersuchung von Würenlingen und diesem Abkommen?
Da müssen wir genau sein: Es gibt keinen abschliessenden Beweis. Jedoch gibt es diverse Hinweise, die ich in meinem Buch aufführe, die darauf hinweisen, dass es einen Zusammenhang gibt.
Zum Beispiel?
Das sind die personellen Verflechtungen: Bei den geheimen Verhandlungen in Genf war Bundesanwalt Hans Walder dabei. Dieser Herr Walder hätte zur gleichen Zeit Anklage erheben müssen gegen eine Person, die ein Namensvetter des Verhandlungspartners war. Beide heissen Kaddoumi, kommen aus demselben Dorf und sind vermutlich Cousins. Das ist aber nur einer von diversen Hinweisen, die darauf schliessen lassen, dass die Anklage im Fall Würenlingen verhindert worden ist.
Aus der Sicht von Jean Ziegler war es eine Win-win-Situation.
Sie sagen also, dass ein Bundesrat und ein Nationalrat, um die Schweiz vor weiteren Terroranschlägen der PLO zu schützen, ein Justizverfahren gestoppt haben.
Diese These stelle ich tatsächlich in den Raum. Aus der Sicht von Jean Ziegler war es eine Win-win-Situation. Er hat sowohl der Schweiz geholfen, weil es später keine weiteren Anschläge mehr gegeben hat. Er hat aber auch der PLO geholfen, weil er ihr den Zugang nach Genf verschaffen hat. Dabei wurde vergessen, dass es Angehörige von Absturzopfern gibt. Dieses Schicksal war den Leuten damals und auch die folgenden 45 Jahre nicht bewusst. Das ist der Makel dieses Abkommens.
Was waren Ihre Quellen für die Recherchen? Was sagt beispielsweise Jean Ziegler konkret?
Es gibt verschiedene mündliche Quellen. Einige kann ich offenlegen. Das ist, wie Sie gesagt haben, Jean Ziegler. Anfangs war er nicht sehr erbaut, als ich ihn mit dem Sachverhalt konfrontiert habe. Aber im Laufe der Zeit hat er den Sachverhalt eingestanden und war sehr bemüht, Transparenz zu schaffen. Die Gegenseite von der PLO hat ebenfalls die geheimen Verhandlungen und den Vertragsabschluss bestätigt. Namentlich ist dies Farouk Kaddoumi, die langjährige Nummer 2 in der PLO und damals Aussenbeauftragter.
Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.
Marcel Gyr
Seit 2001 arbeitet Gyr als Reporter für die «Neue Zürcher Zeitung». In seinem Buch «Schweizer Terrorjahre – Das geheime Abkommen mit der PLO» konnte er darstellen, wie es zum Geheimabkommen zwischen Bundesrat Graber und der PLO gekommen ist.
Der Absturz von Würenlingen
Am 21. Februar 1970 stürzte eine Swissair-Maschine auf dem Weg von Zürich nach Tel Aviv im aargauischen Würenlingen ab. 47 Menschen verloren ihr Leben, als das Flugzeug nach der Explosion einer Bombe an Bord im Wald zerschnellte. Die Attentäter wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Das Verfahren wurde im Jahr 2000 eingestellt.