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Wonder Woman
Schauplatz: Real Life. Schweiz – Basel.
«Was für ein cooles Shirt!» Lena zeigte auf ein blaues Girly-Shirt, auf dem ein Aufdruck von Wonder Woman prangte.
«Kaufs doch», meinte ihre Freundin Fabi, die neben ihr her schlenderte. Eigentlich hieß sie Fabienne, aber Lena konnte sich an keine Zeit erinnern, in der sie jemand so genannt hätte.
Die Messehallen Basels sprudelten vor Leben: Die Fantasy Basel zog Comic-, Manga- und sonstige Phantastikliebhaber des Dreiländerecks in Scharen an.
«Peter wird es nicht gefallen, dass ich Geld dafür ausgebe.» Lena schaute in ihre Geldbörse. «Er meint, das Ticket für die Messe selber ist schon viel zu teuer.»
«Sagt der, der sich für zehntausend Franken eine neue Filmkamera kauft», schnaubte Fabi.
«Du weißt doch, seine Erbschaft», murmelte Lena. Peters Mutter hatte sich vor zwei Jahren das Leben genommen.
Fabi stieß Lena spielerisch in die Seite: «Mensch, Lena, wir vermissen dich. Wir treffen uns nach wie vor alle zwei Wochen, um zu spielen.»
«Das schwarze Auge?»
Fabi nickte. Lena fühlte, wie sich ihr Hals zuzog. Sie würde gerne wieder Pen & Paper Rollenspiele spielen. Aber Peter hatte es ihr ausgeredet. Sie solle sich jetzt auf ihr Wirtschaftstudium konzentrieren … Dabei hatte sie Game Design an der Zürcher Hochschule der Künste studieren wollen. Peter hatte gesagt, das Pendeln nach Zürich würde ihre Beziehung nicht überleben. Sie solle lieber hier etwas Richtiges aus sich machen. Sie würden bald heiraten, da bräuchten sie eine solide Grundlage …
«Lena, was ist denn mit dir?» Fabi ging einen Schritt voraus, kehrte sich um und sah Lena an. Lena wischte sich mit ihrem Pullover über die Augen. Dunkle Rückstände von Mascara blieben daran kleben.
Fabi nahm sie in den Arm und drückte sie fest an sich. Da stand Lena also, umarmt von einer Freundin, die sie seit über einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Und sie weinte weil … ja, warum eigentlich?
Sie löste sich von Fabi, schniefte nochmals, bevor sie sagte: «Weißt du was, ich kaufe das T-Shirt einfach!»
***
Lena nahm den Aufzug in die kleine Dreizimmerwohnung, in der sie gemeinsam mit Peter wohnte. Sie blieb vor der Tür stehen. Da war es wieder, das Gefühl in ihrem Hals. Es wanderte bis zur Brust herunter. Wie wenn sich ein kaltes, enges Tuch immer fester um sie wickelte. Sie stieß die Tür auf und achtete darauf, die Plastiktüte mit dem gekauften Shirt an der Garderobe zwischen den Jacken zu verstauen.
«Hallo!», rief sie. Niemand antwortete. Sie bog um die Ecke und sah, dass Peter auf dem Balkon saß und eine rauchte. Er drehte kurz um und winkte ihr zu.
Schnell ging sie zurück, nahm die Tüte und versteckte sie unter einem Stapel Polo-Shirts im Kleiderschrank. Die Polos hatte sie sich zum Studienbeginn gekauft. Peter sagte immer, sie sähe so elegant aus in Business-Kleidung. Lena schüttelte den Kopf und fasste einen Entschluss. Zögerlich schritt sie zu Peter auf den Balkon und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an.
Peter sprach nicht.
«Ich habe Fabi und die anderen getroffen», begann sie zu erzählen.
Peter schaute nur geradeaus in den kleinen Park, der zwischen ihrem und dem nächsten Wohnblock stand.
«Ich würde gerne wieder einmal zu einem Spieleabend gehen …», fuhr Lena vorsichtig fort.
«Wie kannst du mir das antun?»
«Was?»
«Ich habe dich gebeten, nicht dahin zu gehen und schon gar nicht mit diesen Loser-Nerds. Hast du dir einen Moment darüber Gedanken gemacht, wie ich mich fühle, wenn du dich so über meine Wünsche hinwegsetzt?» Seine Hände zitterten, als er sich eine weitere Zigarette ansteckte. «Wir gehörten zu einer anderen Art von Leuten, man soll uns ernst nehmen!»
«Es wäre doch nur ein Abend …»
«Nein, ich verbiete dir, dahin zu gehen!»
«Aber …»
«Wenn ich dir etwas bedeute, dann wirst du nie wieder an einen Rollenspielabend oder an die Fantasy Basel gehen. Wenn du mich liebst, dann tust du sowas nicht, verstanden!» Peter drehte sich um und stürmte davon.
«Wo gehst du hin?»
«Autofahren!»
Die Wohnungstür schlug mit einem lauten Knall zu.
Lena brach auf dem Boden zusammen. All die Tränen, die sie in letzter Zeit zurück gehalten hatte, flossen nun hemmungslos über ihre Wangen und tropften auf den grauen Linoleumboden. Sie hatten sich so viel gestritten. Und immer war es ihre Schuld gewesen.
Aber heute, heute wurde ihr endlich klar, was los war. Peter liebte sie nicht. Nur wenn sie so war, wie er sie haben wollte, war er zufrieden. Es war ihm egal, was ihre Interessen oder wer ihre Freunde waren. Mit einemmal war alles so klar.
Als Peter nach einer Stunde zurückkam, saß sie immer noch an der gleichen Stelle am Boden.
«Bist du bereit dich zu entschuldigen?» Er verschränkte die Arme und stand im Türrahmen zum Wohnzimmer.
Lena stand auf. «Ich verlasse dich.» Sie hörte ihre Stimme, wie wenn sie sich selbst über die Schultern schauen würde. Peter sah sie an. Sie wusste, dass sie diesen Blick von ihm nie vergessen würde. Für einen Moment dachte sie, er würde sie packen und erwürgen.
«Du bist in zwei Tagen hier draußen!» Er spuckte auf den Boden und verliess die Wohnung mit einem erneuten Knall der Tür.
Lena zitterte am ganzen Leib. Langsam ging sie in das Schlafzimmer und öffnete den Kleiderschrank. Sie kramte das Wonder Woman Shirt hervor und drückte es für einige Momente an sich. Dann zog sie es an und begann zu packen.
***
Beitragsbild: Wonder Woman Movie Official Art
Schreibt in verschiedensten Richtungen der Phantastik und bewegt sich im Grenzbereich zwischen Traum und Wirklichkeit.