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In den letzten paar Jahren machte der angebliche Impakt eines Kometen im Chiemgau (D) Schlagzeilen. In einer Sendung der Reihe „Terra-X“ beim ZDF vom 8. Januar 2006 wurde zudem behauptet, die römischen Schwerter wären aus Meteoreisen aus diesem Impakt geschmiedet worden. Eine Analyse.
Folgendermassen soll sich das Szenario abgespielt haben: Ein ausserirdischer Himmelskörper von etwa 1.1 km Durchmesser (bei einer Dichte von unter 1.3 g/cm^3, es handelte sich also um einen Kometen oder sehr porösen Meteoriten) tritt etwa im Jahr 200 v.Chr (manchmal wird auch 500 v.Chr. genannt) mit etwa 12 km/s unter einem Winkel von 7° in die Erdatmosphäre ein, zerbricht in 70 km Höhe und setzt dabei angeblich eine Sprengkraft von 8000 Hiroshima-Atombomben frei. Die Einschläge töten viele Menschen. Nach 200 Jahren wird das Gebiet wieder besiedelt, die Menschen finden die Überreste des Meteoriten und schmieden daraus superharte Schwerter, die sie an die Römer verkaufen.
Kometeneinschlag in der Keltenzeit?
Betrachten wir erstmal den Chiemgau-Impakt selbst. „Entdeckt“ wurde der Impakt von einem Team von Hobby-Archäologen und -Geologen (heute zusammengeschlossen im „CIRT“, dem „Chiemgau Impact Research Team“) im Jahr 2000. Nach Angaben ihrer Webseite fanden in der Nähe von kraterähnlichen Strukturen im bayrischen Chiemgau seltsame Minerale (Eisen-Silizide), die auf der Erde sonst zumindest selten sind (allerdings habe ich nirgends Angaben über die gefundenen Mengen gesehen). Sie suchten weiter und fanden, dass sich die meisten gefundenen „Krater“ über eine sogenannte Streuellipse von ca. 58 mal 27 km verteilen.
Dies würde darauf hindeuten, dass der extraterrestrische Körper in der Atmosphäre zerbrochen ist: dabei fliegen die massivsten Stücke am weitesten, kleinere Stücke fallen vorher zu Boden, weil sie von der Atmosphäre stärker gebremst werden. Deshalb konzentrieren sich in einer Streuellipse die grossen Krater an einem Ende der Ellipse. Dies ist auch bei den Chiemgau-„Kratern“ der Fall, wenn auch der angeblich grösste „Krater“, der Tüttensee, nicht auf der Längsachse der Streuellipse liegt, wie zu erwarten wäre, sondern deutlich daneben. Warum schreibe ich hier „Krater“ immer in Anführungszeichen? Die Interpretation der Löcher als Impaktkrater ist nicht unumstritten. So kommen auch Interpretationen als Toteislöcher (Relikte aus der Eiszeit) und als Artefakte menschlicher Tätigkeiten in Frage.
Die seltsamen Eisensilizide konnten in der Zwischenzeit auf Düngemittel zurück geführt werden, wie die Webseite des CIRT auch bereitwillig einräumt. Die Webseite legt aber noch eine Reihe von weiteren Gründen dar, warum sich nach Ansicht des CIRT wirklich ein solcher Impakt ereignet hat. Es fehlt mir leider an der Zeit, um diesen Hinweisen im Detail nachzugehen: ich will also nicht kategorisch ausschliessen, dass sich tatsächlich ein Impakt ereignet hat. Allerdings erscheinen mir die CIRT-Angaben zu den Dimensionen des extraterrestrischen Körpers etwas seltsam. Warum?
Ein Körper der angegebenen Grösse und Dichte hat eine Masse von etwa 900 Millionen Tonnen. Bei der angegebenen Geschwindigkeit hat er eine kinetische Energie (Bewegungsenergie) von 65 Milliarden Gigajoule Energie. Die Sprengkraft von einer Kilotonne TNT entspricht rund 4200 Gigajoule Energie: eine Atombombe, wie sie auf Hiroshima abgeworfen wurde, hat eine Sprengkraft von etwa 13 Kilotonnen – entsprechend hatte der „Komet“ eine Energie von etwa 1.2 Millionen Hiroshima-Bomben – viel, viel mehr als von der CIRT angegeben (8000 mal Hiroshima). Nun könnte man argumentieren, ein Teil dieser Energie sei in der Atmosphäre abgebaut worden – über welche Strecke wurde dann die Energie abgebaut? Bei einem Einflugswinkel von 7° und einer grosszügigen Atmosphärenhöhe von 120 km hätte der Komet auf seinem Weg durch die Atmosphäre insgesamt eine Strecke von rund 1000 km zurück gelegt (das ist wegen der nicht einbezogenen Erdkrümmung eher etwas zu grosszügig). Auf jedem Kilometer (!) seiner Bahn wäre also eine Energie von über 1000 Hiroshima-Atombomben (pro Meter eine!) abgebaut worden: der halbe Kontinent wäre unter dieser gewaltigen Energiefreisetzung vernichtet worden.
Allein aus dieser Abschätzung bezweifle ich, dass der mutmassliche Komet so riesige Ausmasse hatte: wenn schon, dann war er deutlich kleiner. Dafür gibt es noch weitere Hinweise: das mit Abstand grösste Trümmerstück soll den Tüttensee erzeugt haben: Bei 400 m Durchmesser des mutmasslichen Kraters hätte das Trümmerstück einen Durchmesser von gerade mal 20, vielleicht 40 m gehabt. Das grösste der Trümmerstücke hätte damit nur maximal 5 Tausendstel eines Prozent der Gesamtmasse! Das ist extrem wenig, verglichen mit anderen Meteoritenfällen, wo das grösste Stück mindestens einige Prozent der Hauptmasse des ursprünglichen, „präatmosphärischen“ Meteoriten ausmacht.
Chiemgau-Meteoreisen für die Römer?
Kommen wir jetzt aber zur Behauptung, dass „Eisen aus dem Kometen“ verwendet worden sei, um römische Schwerter zu schmieden. Im Gegensatz zum Chiemgau, den man, soweit ich gesehen habe, anhand der Datenlage prinzipiell nicht ausschliessen kann (auch wenn vielleicht einige Modifikationen nötig sind), handelt es sich bei dieser Verbindung um echte Pseudowissenschaft: man fragt sich, was die Terra-X-Macher geritten hat, als sie diese Spinnerei mit einer Sendung adelten. Die Folge: unzählige Menschen, die nicht in der Lage sind, den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu überprüfen, sind nun „dank“ der Fernsehsendung der Meinung, die Römer hätten ihre Schwerter aus Meteoriten-Eisen geschmiedet.
Es gibt mehrere Gründe, warum man diese Spekulation ins Reich der Fantasie verbannen kann. Die Verbindung metallisches Eisen – Kometen, die im Terra-X-Bericht angetönt wird, ist mindestens zweifelhaft. Eisen ist im Universum, gemessen an seiner grossen Masse, zwar weit verbreitet: immerhin macht es rund einen Viertel der Masse der Erde aus. Dies hat damit zu tun, dass Eisen ein bevorzugtes Produkt in den Sternexplosionen, den Novae und Supernovae ist, in denen die Elemente geschmiedet wurden, aus denen unsere Welt besteht.
Doch Eisen kommt normalerweise nicht in metallischer Form vor: meistens verbindet es sich mit anderen Elementen, etwa zu Hämatit oder Magnetit. Auf der Erde mit ihrer Sauerstoffatmosphäre ist dies immer der Fall, im Weltraum hängt dies von der Verfügbarkeit von Sauerstoff (z.B. aus Wasser) ab. In einem Kometen gibt es jede Menge Wasser, daher sollte dort alles Eisen oxidiert sein, also in Form von Hämatit und Magnetit vorliegen. Es gibt zwar metallisches Eisen in Meteoriten: Diese „Eisenmeteoriten“ haben jedoch eine ganz spezielle Entstehungsgeschichte, die ihrerseits die Anwesenheit von Wasser ausschliesst: Bei den Eisenmeteoriten handelt es sich nämlich um Bruchstücke des Eisen-Kerns eines grösseren Asteroiden / Planetoiden – und dort, im Kern, viele Kilometer unter der Asteroidenoberfläche, gibt es kein Wasser.
Selbst wenn dieser spezielle Komet aus Gründen, die wir uns heute nicht erklären können, grosse Mengen von metallischem Eisen enthalten hätte, so wäre es wohl unbrauchbar, um damit einen florierenden Handel mit den Römern in Schwung zu bringen. Erstens liegt es in Form von Kügelchen vor, die erst eingeschmolzen werden müssten, um zu Schwertern verarbeitet zu werden – dabei verlieren sie aber ihre charakteristische Härte (die spezielle Härte von Meteoriteneisen kommt daher, dass es aus zwei, miteinander eng verwachsenen Eisen-Nickel-Legierungen besteht, die über Jahrmillionen langsam auskühlten – beim Schmelzen werden diese Strukturen zerstört). Die zusätzliche Härte, die durch den angeblich hohen Kohlenstoffanteil des Chiemgau-Eisens hinzu kommt, ist praktisch dem gegenüber vernachlässigbar: denn wenn der Schmied keine Ahnung hat, wieviel Kohlenstoff im Eisen drin ist, kann er diesen Vorteil nicht ausnutzen – im Gegenteil. Es ist zudem zu vermuten, dass die hohe Schmiedekunst der norischen Kelten wohl eher mit einer speziellen Schmiedetechnik als mit speziellem Eisen zu tun hatte. Zweitens dürfte die Menge an Eisen sehr gering gewesen sein: selbst wenn die Gesteinsfraktion des Kometen einen hohen Anteil an metallischem Eisen (z.B. 25%) enthalten hätte, letztlich fielen ja nur einige Promille von Prozenten des gesamten Kometen zu Boden, glaubt man den Ausführungen des CIRT. Aus diesen wenigen Tonnen Eisen hätte man höchstens einige hundert Schwerter schmieden können. Zu wenig, um für das römische Imperium von irgend einer wirtschaftlichen Bedeutung zu sein. Drittens dürfte alles metallische Eisen in der Zeit bis zur „Wiederbesidlung“ der Gegend praktisch vollständig verwittert sein. Es ist völlig offensichtlich: Die Sache mit dem Meteoreisen funktioniert nicht. Nicht einmal das CIRT unterstützt diese unsinnigen Spekulationen.
Im Terra-X-Artikel zur Sendung finden sich noch weitere Absurditäten, etwa dass die Kügelchen elektrostatisch aufgeladen seien, und wenn es zum Schluss heisst, der „Komet brauchte Lichtjahre, um zur Erde zu gelangen“ (als ob das Lichtjahr ein Zeitmass wäre…), dann setzt das dem ganzen die unrühmliche Krone auf.
Fazit
Chiemgau-Impakt – vielleicht, aber vermutlich nur mit einigen Modifikationen am CIRT-Szenario (wesentlich weniger dramatisch. Insbesondere die Interpretation, es handle sich beim „Kometen“ um „präsolare“ Materie von ausserhalb des Sonnensystems ist sehr gewagt und muss vermutlich verworfen werden, wenn nicht bessere Belege dafür vorgebracht werden als ein paar exotische Minerale). Meteoreisen aus dem Chiemgau für die Römer? Wohl kaum.
Eine Sammlung von Terra-X-Artikeln zur Sendung
Webseite des CIRT
Wikipedia-Artikel
Artikel auf Astronomie.de Der Artikel beginnt mit dem etwas gar gewagten Satz, „Forscher seien sich einig, dass sich im Chiemgau zu dieser Zeit ein bedeutendes Ereignis abgespielt hätte…“
Ein kritischer Artikel, der in der Fachzeitschrift Meteoritics and Planetary Science veröffentlicht wurde