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In den letzten Jahren sind die Dokumentarfilme persönlich geworden: Die Filmemacherinnen und Filmemacher erklären ihren ureigenen Bezug zum Thema, formulieren ihre Fragen aus dem Off, inszenieren sich vor der Kamera oder machen sich gleich selbst zum Sujet ihres Films. Ein berühmtes Paradebeispiel führt das Ich schon im Titel: Der Regisseur Michael Moore übernimmt in Roger and Me (1989) die Hauptrolle vom General-Motors-CEOs Roger B. Smith, den er interviewen wollte und nicht durfte. Moore liess sich vom Misslingen seines Vorhabens nicht vom Fertigstellen des Films abbringen. Und so wurde Smith zum abwesenden Zentrum des Films. An das Ausfüllen einer solch wichtigen Lücke erinnert nun auch entfernt Wo bist Du, João Gilberto? von Georges Gachot. Auch hier ist der grosse Abwesende im Titel benannt und die Beziehung des Filmemachers zu ihm als direkte Anrede formuliert.
Zu Beginn seines Films steht der Filmemacher in einem Buch blätternd am Fenster seines Hotelzimmers, hoch über Rio de Janeiro. Er sucht Passagen, murmelt Wörter und findet zuletzt, was er sucht. Anders aber als in dieser kurzen Szene wird er am Ende des Films immer noch ein Suchender sein. Gachot, der seine Leidenschaft für Musik – und für Brasilien – schon in mehreren Dokumentarfilmen und zuletzt in O Samba (2014) belegt hat, dokumentiert nämlich die Suche nach der Musiklegende João Gilberto. Der «seltsame Mann mit einer grossen Brille» ist Sänger, Gitarrist und Komponist und Erfinder des Bossa nova. Bloss hat den 1931 Geborenen schon seit Jahrzehnten niemand mehr gesehen. Er ist unsichtbar geworden.
Wie ein Detektiv folgt Gachot nun verschiedenen Spuren und befragt Menschen, die Gilberto gekannt haben und die ihn zu ihm führen könnten. Doch haben ihn einige der Gesprächspartner_innen seit vierzig, fünfzig Jahren nicht mehr gesehen. Zuletzt versucht der Regisseur, Gilbertos Agenten zu überzeugen, ihn wenigstens an der Tür horchen zu lassen, damit er den berühmten Musiker ein einziges Mal live spielen hört. Doch all seine Bemühungen enden in der Enttäuschung, denn der Mann mit der sanften Stimme will offensichtlich nicht gefunden werden. In den Gesprächen lebt João Gilberto dennoch auf – in fragmentarischen Erinnerungen und Teilfiktionen. Und bleibt doch ein Phantom.
Unterstützt wird Gachot bei diesem schwierigen Vorhaben von einem weiblichen Dr. Watson: Rachel Balassiano erhielt den Übernamen von einem deutschen Journalisten, dessen Gehilfin sie auch schon bei dessen Suche nach dem Meister des Bossa nova war. Marc Fischer hat sein Projekt, Gilberto zu finden, literarisch in «Hobalala. Marc Fischer auf der Suche nach João Gilberto» verarbeitet. Und eben dieses Buch ist die Vorlage für Gachots Film. Zudem hat der Schweizer Regisseur Fotos, Interviewaufnahmen und Tagebücher des Autors geerbt, denn tragischerweise hat sich Marc Fischer mit nur vierzig Jahren das Leben genommen, kurz bevor sein Buch erschien. So ist Gachots Suche gleich eine doppelte. Auch Fischer ist ein Verschwundener, und auch er hat Spuren und mit seinem Buch ein Kunstwerk hinterlassen, dessen Entstehen nachzugehen, sich lohnt. Wenn sich Gachots Kommentare mit den von Max Simonischek vorgelesenen Buchauszügen abwechseln, dann begegnen sich Regisseur und Journalist im Voice-over.
Beide Männer verbindet eine tiefe Sehnsucht nach der sanften Musik, nach dem Zauber des Bossa nova und danach, dem Menschen zu begegnen, der ihn erschaffen hat. Dass João Gilberto unerreichbar erscheint, befeuert dieses bittersüsse Gefühl nur. «Sehnsucht» ist ein spezifisch deutscher Ausdruck und wird als Germanismus auch in anderen Sprachen verwendet, die kein eigenes Wort für dieses unbestimmte Gefühl haben. Eine Ausnahme ist ausgerechnet das Portugiesische: «Saudade» drückt das schwer zu fassende traurige Gefühl aus, das uns ob der Unvollkommenheit der Welt befällt. Das Wort scheint noch stärker als «Sehnsucht» von der Nostalgie durchdrungen, etwas Geliebtes unwiederbringlich verloren zu haben. Sehnsucht und «Saudade» sind sowohl auf die Vergangenheit wie auf die Gegenwart und die Zukunft gerichtet. Was war, ist nicht mehr und fehlt schmerzlich im Hier und Jetzt, und doch lebt der Wunsch fort, dieses Etwas wiederzuhaben. João Gilberto selbst hat das Gefühl besungen. Und es ist wohl auch seine Musik, die den Rhythmus von «Saudade» in sich trägt. Fischer sei wegen des Songs «Hô-bá-lá-lá» auf Gilbertos erster Platte «Chega de Suadade» nach Rio gekommen. Gachot hat sich mit dieser Leidenschaft angesteckt, die für Fischer vielleicht schon in Melancholie gekippt war.
João Gilberto bleibt hinter geschlossenen Türen. Dort hat er auch den Bossa nova erfunden: auf der Toilette. Das stille Örtchen ist nicht nur der Rückzugsort per se, an dem man nicht gestört werden will, auch die Akustik soll dort ideal gewesen sein. Während Georges Gachot fast am Ende seiner Reise das Mini-João-Gilberto-Museum in Diamantina besucht und diesen Raum der Inspiration von innen betrachten kann, bleibt er in der letzten Einstellung des Films andächtig horchend vor einer geschlossenen Tür in einem Mietshaus in Rio de Janeiro. Ob João Gilberto tatsächlich dahinter zu hören ist, werden wir nie erfahren. Das ist das Schöne an der Sehnsucht: Man weiss, dass sie ihre Erfüllung nicht findet und uns deswegen für immer begleiten wird.