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| Rufin von Aquileia (345–411/412) - Kommentar zum apostolischen Glaubensbekenntnis (Expositio Symboli)

11.
"Gekreuzigt unter Pontius Pilatus und begraben, hinabgestiegen zur Unterwelt" (ad inferna).
Der Apostel Paulus lehrt, daß die Augen unseres Herzens erleuchtet sein sollen, 1 um einzusehen, was die Höhe, die Breite und die Tiefe seien. 2 Es liegt nun aber in der Höhe, der Breite und der Tiefe die Beschreibung des [S. 43] Kreuzes: 3 den in die Erde gesenkten Theil desselben nannte er Tiefe: Höhe aber jenen Theil, der oberhalb der Erde aufgerichtet nach oben sich erstreckt; - Breite endlich jenen, der nach rechts und links sich ausstreckt. Wenn es nun so viele Arten des Todes gibt, auf welche die Menschen dieses Leben zu verlassen pflegen, worin will denn der Apostel, daß wir erleuchteten Herzens den Grund finden sollen, weßhalb aus allen diesen Todesarten der Tod des Kreuzes für den Erlöser ausgewählt worden sei ? Man muß hier bemerken, daß jenes Kreuz ein Triumph war. Denn wenn die Trophäe ein bloßes Siegesdenkmal ist, so der Triumph die Darstellung des besiegten Feindes selbst. 4 Weil nun Christus durch seine Ankunft, wie der Apostel sagt, drei Reiche sich gleichmäßig unterwarf (er deutet Dieß nämlich an in der Stelle, wo er sagt, 5 "daß im Namen Jesu sich jedes Knie beugen soll, derer, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind" und diese alle durch seinen Tod besiegte: so ist seine Todesart als Mysterium passend gewählt worden, damit er zur Höhe erhoben die Mächte der Höhe unterwerfe und den Sieg über diese den erhabenen Gewalten des Himmels überliefere. [S. 44] Die Hände aber hält er, wie der Prophet sagt, den ganzen Tag ausgestreckt zu dem Volke, das auf der Erde ist, 6 um die Ungläubigen als Zeugen herbeizurufen und um die Gläubigen einzuladen. Der in die Erde eingesenkte Theil (des Kreuzes) aber deutet seine Unterwerfung der unterirdischen Reiche an.
1: Eph 1.
2: Ebd. 3.
3: Die symbolische Deutung des Kreuzes, durch welches Rufin die Universalität der Erlösung angezeigt sieht, gewinnt er durch freie Combination und mystische Ausdeutung verschiedener paulinischer Stellen, die an und für sich in ihrem natürlichen Wortlaute und Zusammenhange keinen Anlaß zu der hier gegebenen Erklärung bieten.
4: Unsere Uebersetzung gibt (wenigstens sinngetreu) den Migne'schen Text wieder, welcher lautet: unde sciendum est, quod crux ista triumphus erat; tropaeum enim insigne, triumphus autem devicti hostis indicium est. Die Mauriner lesen: unde sciendum est, qod crux ista triumphus erat; triumphi enim insigne (Denkzeichen eines errungenen Sieges) est tropaeum (Pfahl, an dem man von den erbeuteten Waffen aufhängte), tropaeum autem devicti hostis indicium est. Das Kreuz ist Siegeszeichen (xxx); weil an demselben die Waffen von drei überwundenen Mächten hängen, hat es eine dreifache Dimension.
5: Phil 2,10.
6: Jes 65.