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Vor zehn Jahren kam es im Universitätsspital Basel zu einer Scabies-Epidemie, die von einem einzigen, stark befallenen Patienten ausgelöst wurde. Insgesamt 1’658 Spitalangestellte mussten daraufhin behandelt werden. Die Bewältigung jener Epidemie war nur mit grossem Aufwand über mehrere Monate möglich. Seither wird versucht, erneute Ausbrüche rasch und konsequent zu behandeln, um solche Epidemien zu verhindern.
In den letzten Jahren kam es wiederholt zu einzelnen Ausbrüchen von Scabies in Asylzentren, die jeweils durch die Koordination von Ärzteschaft, dem kantonsärztlichen Dienst und der Leitung der Asylzentren kontrolliert werden konnten. Diesen März aber musste eine syrische Familie, bestehend aus Vater, schwangerer Mutter und drei Kindern im Unispital Basel hospitalisiert werden. Trotz zweimalig ambulant erfolgter Behandlung konnten die Krätzmilben nicht eliminiert werden.
Spital muss Medikamente importieren
Im Unispital wurde die ganze Familie in einem Krankenzimmer isoliert untergebracht und von speziell geschultem Pflegepersonal mit einer speziellen Crème behandelt, damit keine Körperstelle unbehandelt blieb. Zusätzlich erhielt die Familie ein Arzneimittel zur Behandlung der Krätze. Zusätzlich erschwerend: Da diese beiden Medikamente nach wie vor in der Schweiz nicht zugelassen sind, müssen sie aus dem Ausland importiert werden – und die Krankenkasse kann die Übernahme der Kosten ablehnen.
Während der Hospitalisation wurden sämtliche Kleider, das Bettzeug und die Teppiche in der Wohnung der Familie gereinigt, um eine Wiederansteckung bei der Heimkehr zu vermeiden. Zudem war den Familienmitgliedern vor Abschluss der Therapie jeglicher Hautkontakt mit anderen Menschen untersagt.
Krätze: Das schreckliche Jucken an unmöglichen Stellen
Typisch an der Erkrankung ist, dass sie durch Hautkontakt übertragen wird und stark juckt. Der Juckreiz tritt aber erst drei Wochen nach der Infektion auf, sodass es oft in der symptomfreien Phase zur Verbreitung der Krätzmilbe kommt. Charakteristische Zeichen sind quälender Juckreiz vor allem in der Nacht. Meist juckt es zwischen den Fingern, an den Handgelenken, unter den Achseln, dem Bauchnabel, den Brustwarzen, im Genitalbereich und zwischen den Zehen. Zu sehen sind eventuell auch ekzemartige Veränderungen der Haut. Um den Erreger nachzuweisen, werden Hautschuppen abgekratzt. Unter dem Mikroskop sind die Milben und ihre Eier zu sehen.
Aus fünf Fällen wurden 28 mögliche Fälle - eine organisatorische Herausforderung
Die hospitalisierte Familie konnte zwar erfolgreich behandelt werden, aber nach und nach kam heraus, dass weitere Cousins, Onkel und andere Verwandte unter Juckreiz litten. Die meisten hatten bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen Arzt konsultiert. Da das Unispital nun mit weiteren Krätzefällen rechnete, meldeten die Ärzte die Erkrankungen dem Kantonsarzt. Dessen eingeleitete Umgebungsabklärung ergab, dass 28 weitere Familienmitglieder in Basel lebten, wovon einige bereits Juckreiz beklagten.
Alle 28 Personen sollten nun an einem Nachmittag gemäss eines neuen Therapie-Algorithmus im Universitätsspital behandelt werden. Dabei wurde zwischen symptomatischen und nicht symptomatischen Patienten unterschieden. Mittels dreier Farbpfade – grün stand für Familienmitglieder ohne Symptome, blau für Familienmitglieder mit Symptomen, aber ohne Hautveränderung, rot für Juckreiz und Hautveränderungen – wurden die Personen eingeteilt und risikoadaptiert behandelt.
Alle Mitarbeitenden mussten sich speziell kleiden und Handschuhe tragen. An strategisch relevanten Punkten wurden Dolmetscher eingesetzt. Die Personen mussten ihre Kleider in einem Sack wegschliessen und nach der Behandlung neue oder mit 60 Grad gewaschene Kleider anziehen. Zudem wurden sie instruiert, wie sie die Therapie nach acht Tagen zu Hause wiederholen sollen und wie sie die Heimsanierung durchführen müssen, um zu Hause eine Wiederansteckung durch infizierte Textilien zu vermeiden. Ein grosser organisatorischer Aufwand für das Personal.
Und statt 28 wurden schliesslich 49 Personen behandelt
Die genauere Erhebung der Vorgeschichte mit den Dolmetschern ergab, dass zahlreiche weitere entfernte Familienmitglieder ausserhalb von Basel-Stadt ebenfalls über Juckreiz klagten. Diese wurden nun aus dem Wartezimmer heraus kontaktiert, sodass schliesslich anstatt der erwarteten 28 Personen 49 untersucht und behandelt werden konnten. Nach einem und zwei Monaten wurden die «blauen» und «roten» Personen nachkontrolliert und nötigenfalls nochmals behandelt. Dank dieses Therapie-Algorithmus und der guten Kooperation der personenreichen Familie konnte nach acht Wochen auch die letzte erkrankte Person geheilt und der Scabies-Ausbruch somit komplett eingedämmt werden.
Dr. Simon Müller, Oberarzt Dermatologie im Universitätsspital Basel sagt: «Die Krätzmilbe kommt durchaus auch bei der einheimischen Bevölkerung vor, in der Regel ist die Ausprägung aber weniger stark und es sind weniger Personen betroffen. In Kriegs- und Flüchtlingssituationen und den daraus resultierenden schlechten hygienischen Verhältnissen, ungenügenden Behandlungsmöglichkeiten und engen Wohnverhältnissen zum Beispiel in Asylunterkünften, ist die Ausprägung der Krätzmilbe stärker und die Ansteckungsrate höher. Diese Fälle haben wir in den letzten Jahren vermehrt gesehen.» Dank der nun erprobten, ausgeklügelten Therapie dürfte das Universitätsspital für künftige Scabies-Ausbrüche damit gewappnet sein.
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