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erste Flügelschläge
zu starker Bass
Pistolenschüsse als Knalleffekte
Lindas Harmoniegesang als Plus
weitere Auseinandersetzungen
im Laufe der Zeit
Rezeption und Statistik
Der handgestrickte Charme von «McCartney», das im April 1970 erschienene Debütalbum von Paul als Solokünstler, belegt eindrücklich, dass er im Gegensatz zu John Lennon bis zuletzt seine besten Songs für die Beatles aufbewahrt hatte, da es ausser «Maybe I’m Amazed» keinen Evergreen enthält. Es ist schlicht unvorstellbar, dass «Get Back», «Let It Be» oder «The Long And Winding Road» auf Pauls Soloalbum erklungen wären. Zwar hatte John für «Abbey Road» «Come Together» geschrieben, doch «Give Peace A Chance», «Power To The People», «Cold Turkey», «Mother» oder «Working Class Hero» veröffentlichte er alle 1969 und 1970 mit der Plastic Ono Band. Wäre Paul dieser Logik gefolgt, hätten die Beatles drei ihrer grössten Hits niemals veröffentlicht und er hätte ein Solodebüt gehabt, dass seines gleichen suchen würde.
erste Flügelschläge
Ein halbes Jahr nachdem Paul mit seinem Ausstieg bei den Beatles deren Ende besiegelt hatte, reiste er im Herbst 1970 mit seiner amerikanischen Frau Linda in die USA, um deren Familie zu besuchen. Und um in New York neue Songs einzuspielen, die im Mai auf dem Album «RAM» erscheinen sollten. Erstes hörbares Resultat war im Februar 1971 «Another Day». Der Song, der im Jahr 2014 gefühlt nach «Say Say Say» das meistgespielte Stück McCartneys in den Schweizer Radios ist.
Aufgenommen wurde «Another Day» am 12. Oktober 1970 in den New Yorker CBS Studios. Neben Paul und Linda McCartney ist der damalige Sessionmusiker Dave Spinozza an der Gitarre zu hören. Nach den Sessions verliess Spinozza jedoch die Band und Hugh McCracken wurde sein Nachfolger. Hugh spielte auf der am 3. November aufgenommenen B-Seite «Oh Woman, Oh Why?» die Gitarre. Bei beiden Songs ist Denny Seiwell zu hören. McCartney verpflichtete ihn als ersten Musiker nach den Beatles als Schlagzeuger.
Paul mit Tochter Mary auf dem Arm und Linda bei ihrer Rückkehr aus den USA am 25. März 1971. – Bild: AFP; Getty Images
Auf «Another Day» beschreibt Paul das Leben einer gewöhnlichen Frau, die nach einem One Night Stand wieder frustriert ein Bad nimmt, eine Tasse Kaffee trinkt, zur Arbeit geht, im Büro einen Haufen Papierkram erledigt und dabei von der grossen Liebe träumt. Bis es soweit ist, wird es bloss ein weiterer Tag sein. Denny Seiwell beschreibt den Song mit den Worten: «Es ist, als ob Eleanor Rigby nach New York gekommen wäre», da er dieselbe alltägliche Melancholie von Durchschnittsmenschen beschreibe.
zu starker Bass
«Another Day» fällt durch seinen stark abgemischten Bass auf. Dixon van Winkle, der Toningenieur, und Paul mussten für das Abmischen des Songs das Studio wechseln. Van Winkle erinnert sich in der Archive Collection von «RAM», dass die Anlage im Raum an der 48th Street etwas bass-lahm gewesen war, weshalb er den Bass stärker betont hatte. Nachdem er 100 Promotionsexemplare der Signle pressen und diese an verschiedene Radiostationen versendet hatte, war es für einen Remix zu spät gewesen. Denn am Tag nach der Veröffentlichung kam Tony May, der zweite Toningenieur, ins Studio und erzählte, er hätte, «Another Day» am Radio gehört wäre über den starken, fast rückkoppelnden Bass erschrocken. Van Winkle bedauert bis heute die zu starke Abmischung. Doch er schätzt, dass sich Paul, der beim Mischen dabei gewesen war, nie über den Fehler geäussert hatte.
Pistolenschüsse als Knalleffekte
Die B-Seite «Oh Woman, Oh Why?» wurde mit Hugh McCracken an der Gitarre am 3. November in den New Yorker CBS Studios aufgenommen. Dave Spinozza war eher im Jazz zuhause. McCracken war ein Bluesgitarrist und hatte schon mit B.B. King gespielt. Nach nach der Zusammenarbeit mit Paul sollte er u.a. mit Billy Joel, Paul Simon und John Lennon zusammenarbeiten. 2013 ist er an Leukämie verstorben. Hugh McCrackens erdig bluesiges Gitarrenspiel bildet die musikalische Basis von «Oh Woman, Oh Why?» und konterkariert Pauls verzweifelte Schreie. Einen besonderen musikalischen Effekt erzielte Paul als er mit einer Knallpistole Schüsse abgab. Sie klingen so heiser wie ein Schlagzeug nur klingen kann, aber knallen viel stärker.
Paul schiesst am 3. November 1970während den Aufnahmen zu «Oh Woman Oh Why?» mit einer Käpslipistole, um den gewünschten Drum- bzw. Knalleffekt zu erzielen.
– Foto: Linda McCartney
Lindas Harmoniegesang als Plus
Zurück zu «Another Day». Auch wenn Linda McCartney seit den ersten gemeinsamen Soloaufnahmen mit Paul bis zu ihrem Tod 1998 für ihren mässigen Hintergrundgesang kritisiert worden war, ist ihr Harmoniegesang das Alleinstellungsmerkmal von «Another Day». Bevor die ungerechtfertigten und über weite Strecken böswilligen Kritiken über sie hereingebrochen waren, hat sie sowohl den Ton als auch den Takt getroffen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Linda bereits Ende 1969 und Anfang 1970 auf «Let It Be» den Hintergrundgesang beigesteuert hatte. Unter der Etikette der Beatles hatte sich niemand daran gestört. Doch nach der Trennung der Fab Four, schrien die Medien bei Linda McCartney Zeter und bei Yoko Ono (oft auch zurecht) Mordio.
weitere Auseinandersetzungen
«Another Day» war der erste Song, den Paul unter der Co-Autorenschaft von Paul und Linda McCartney veröffentlicht hatte. «Ich wollte unseren Sound kreieren», sagte er später in einem Interview. Man hört dem Song die amerikanische Stimmung an. Dave Spinozza spielt die Slidegitarre im Country- und Western-Style, einer musikalischen Stilrichtung, die man bisher auf den Aufnahmen McCartneys noch nicht gehört hatte. Es war u.a. John Lennon, der im Nachgang zur Veröffentlichung des Albums «RAM» Paul auf seinem Album «Imagine» öffentlich angriff. In «How Do You Sleep?» griff er «Another Day» auf: «The only thing you done was Yesterday, and since you've gone you're just Another Day». Paul erzählt, dass er nahe daran war, einen Song zu schreiben, der hiess: «Quite Well Thank You».
Mehr noch als die ätzende Kritik seines ehemaligen Freundes und Partners John Lennon, der Pauls Musik als Muzak, seichte Fahrstuhl und Kaufhausmusik bezeichnete, machte Paul die Klage seines Verlages ATV Music gegen die Co-Autorenschaft von Paul und Linda zu schaffen, die auf der Plattenhülle von «Another Day» mit Mr. and Mrs. McCartney angegeben war. ATV Music hatte Ende der 60er-Jahre die Rechte am Musikverlag der Beatles, Northern Songs Ltd. gekauft. Zur Zeit der Beatles Trennung waren die vier Mitglieder in einem laufenden publizistischen Vertrag an Northern Songs und ihre eigene Firma Apple gebunden, der bis 1973 laufen sollte. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Songs von den Beatles oder auf einem Soloalbum veröffentlicht wurden. Nach dem Erscheinen von «Another Day» verklagte der Inhaber von ATV Music, Lew Grade, Paul McCartney, weil er die Co-Autorenschaft von Paul und Linda als juristischen Trick betrachtete, dass Paul mehr Tantièmen erhalten würde. Nach englischen Recht erhielt damals Linda die Hälfte der Autoren-Einnahmen, bevor der Verlag, einen roten Pence am Song verdiente.
Vor Gericht zitierte der damalige Vorsitzende von Northern Songs, Jack Gill, eidesstattlich Paul, dass Linda, die bisher gar als Fotografin gearbeitet hatte, nicht in der Lage wäre, mit ihm Songs zu schreiben. Pauls Anwälte, angeführt von seinem Schwager und Schwiegervater Lee Eastman, hielt dagegen, dass es Paul Songs schreiben könne mit wem er wolle, unbeachtet der musikalischen Qualitäten der Person. Und Paul verteidigte seine Frau, dass sie ihm brauchbare Vorschläge für die Musik und den Text geliefert habe. Die Richter folgten schlussendlich der Argumentation von Eastman und McCartney und gaben Paul Recht.
Paul während den Aufnahmen zu «RAM». Dieses Foto ist als Abzug der Deluxe Version des Albums in der Achive Collection beigelegt.
Dennoch ist bis heute die öffentliche Meinung über Lindas Künste gleich derjenigen von Lew Grade, dass Linda völlig talentfrei und nur aus finanziellen Gründen mit ihrem Ehemann zusammengearbeitet hätte. Paul schrieb Lew Grade nach der gewonnenen Gerichtsverhandlung einen persönlichen Brief und erklärte darin, dass finanzielle Aspekte keine Rolle gespielt hätten, als er die Co-Autorenschaft mit Linda angegeben hatte. Paul geschäftliche Tricksereien unterstellen zu wollen, ist üble Nachrede. Doch 1971 waren sein Vermögen wegen den juristischen Streitigkeiten unter den Beatles gesperrt und er lebte vom Einkommen Lindas. Lew Grade und McCartney versöhnten sich nach dem Prozess und drehten Anfang 1973 das TV-Special «James Paul McCartney».
Unbesehen des Rechtstreites erschien im Mai 1971 das Album «RAM» unter dem Etikett von Paul und Linda McCartney. Sechs der zwölf Songs waren von Paul und Linda gemeinsam geschrieben worden. Ihre Songwritingpartnerschaft hatte bis 1974 Bestand und brachte weitere Hits wie «Live And Let Die» oder «Band On The Run» hervor.
im Laufe der Zeit
«Another Day» entwickelte sich über die Jahre zu einem der beliebtesten Songs von Paul. Er erschien sowohl 1978 auf der Kompilation «Wings Greatest», 1987 auf «All The Best!» als auch 2001 auf der Dokumentation «Wingspan – Hits And History». Obwohl Paul auch während den RAM-Sessions Videos drehte, gibt es kein offizielles Video zu «Another Day». Während der «New World Tour» 1993 gehörte der Song zum Liveprogramm und ist seit 2013 wieder auf der Setliste der «Out There Tour». Ferner wurde «Another Day» 2004 im Soundtrack zu «50 First Dates», 2009 zu «The Lovely Bones» und im selben Jahr in der Simpsons-Folge «Bart Gets a Z» verwendet.
«Oh Woman, Oh Why?» wurde 2004 von Freelance Hellraiser während der Pre-Concert Show der «04 Summer Tour», die am 2. Juni in Zürich Halt machte, verwendet und erschien auf 2005 auf dem Remix-Album «Twin Freaks». Als 2012 das Album «RAM» in der Archive Version neu aufgelegt wurde erschie digital remasterte Single zum europäischen Record Store Day in einem adaptierten Cover. Beide Songs sind dort auf der Zusatz-CD erhältlich.
Rezeption und Statistik
Die Single erreichte in Frankreich, Spanien, Irland und Australien die Spitze der Charts, in England Platz 2 und den USA Nummer 5. In Holland und Norwegen war es Rang 3. In Kanda und Italien gab es einen 4. Rang, in Japan und Deutschland den 6. und in Österreich und Belgien den 10. In der Schweiz erreichte die Single Rang 7 und war die einzige Single McCartneys, die sich bis zu «Ebony And Ivory» 1982 in den helvetischen Charts platzieren sollte.
Der spätere Wings-Drummer Denny Seywell und Paul während den Aufnahmesessions im Herbst 1970 in den CBS Studios in New York. – Foto: Linda McCartney

Tracklist
Another Day
Oh Woman, Oh Why?
Record Store Day 2012
Another Day (Remastered)
Tracklist
Another Day
Oh Woman. Oh Why?
Promotion 1971
Inserat aus dem «Record Mirror»vom 27. Februar 1971 für die Single «Another Day», das die neue grossartige Single von Paul McCartney ankündigt.