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Literatur
Wie wurde Amerika, was es heute ist?
Der Sprung in die Moderne vollzog sich im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Aktuell setzen sich mehrere Autoren mit dieser Periode auseinander, zuletzt Bill Bryson in 1927. Drei Jahrzehnte zuvor erschien E. L. Doctorows Ragtime, der die Zeit von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg behandelt.
Der Roman spielt in New York und Umgebung. Neben realen Figuren wie dem Automobilproduzenten Henry Ford, dem Psychoanalytiker Sigmund Freud, dem Nordpolentdecker Robert Peary und der Anarchistin Emma Goldman besetzt ein fiktiver Charakter eine Hauptrolle, den der Autor einer deutschen Novelle entlehnte: Coalhouse Walker ist Ragtime-Pianist und hat ein Kind mit einer Geliebten, die er anfangs verleugnet, zu der er sich später jedoch bekennt. Bei einem seiner häufiger werdenden Besuche versperren ihm Feuerwehrleute unter einem Vorwand den Weg. Walker geht zu Fuß weiter und findet sein Auto bei der Rückkehr demoliert und verschmutzt vor. Er verlangt, dass man es wieder in den früheren Zustand versetzt - und wird nur ausgelacht. Da Walker offensichtlich sein Recht nicht bekommt, weil er die falsche Hautfarbe besitzt, sucht er es in einen unerbittlichen Rachefeldzug. Ragtime ist auch die Geschichte eines schwarzen Michael Kohlhaas, versetzt ins Amerika des beginnenden 20. Jahrhunderts. Sein Schicksal endet, wie das des literarischen Vorbilds, ebenso spektakulär wie tragisch.
Doctorows Buch hat zwei große Stärken. Mit simplen stilistischen Mitteln - etwa dem der Aufzählung (und das, ohne ermüdend oder gar langweilig zu werden!) - entführt er seine Leser in jene Zeit. Sie sollen selber ihre Eindrücke entwickeln und entscheiden, wem sie ihre Sympathien geben und wem nicht. Raffiniert ist auch des Autors Verknüpfung seiner Figuren. Coalhouse Walkers Geliebte arbeitet im Haushalt eines Teilnehmers an Pearys Expediton. Den Polarforscher skizziert Doctorow facettenreich mit wenigen Worten: "Er war ein großer Mann mit wuchtigem Rumpf und dickem roten Haar, das zu ergrauen begann. Er trug einen langen Schnurrbart. Bei einer früheren Expedition hatte er die Zehen eingebüßt. Er ging merkwürdig schlurfend, schob die Füße über den Boden, ohne sie anzuheben."
Peary hat auf seiner Entdeckungsfahrt die Füße zunächst nicht gebraucht. Sein komfortables Expeditionsschiff Roosevelt bringt ihn und seine Mannschaft ein gutes Stück näher ans Ziel. Doch es sind immer noch 800 Kilometer bis zum Nordpol zurückzulegen - zu Fuß. Auf dem Marsch begleiteten Peary sieben Amerikaner, 17 einheimische Inuit und 133 Schlittenhunde. Die Reihenfolge beinhaltet keine Wertung, denn Peary sind, ihn selbst ausgenommen, alle Teilnehmer herzlich egal. Sie sollen lediglich die notwendige militärische Disziplin aufbringen, um das Ziel zu erreichen. "Peary", schreibt Doctorow, "bezeichnete Loyalität und Gehorsam als die Tugenden der Eskimos, ungefähr dieselben Tugenden, die man bei Hunden suchte."
200 Kilometer vor dem Pol dünnt der Kapitän die Schar seiner Begleiter ein letztes Mal aus: Nur fünf dürfen mit zum Pol. Alle sind auf einem Foto verewigt, das Peary am Bestimmungsort schießt: vier Inuit, die auch Namen haben: Uqueah, Utah, Egingwah und Siglu. Der einzige Amerikaner im Begleiterquintett heißt Matthew Henson. Auch der besitzt außerordentliche Eigenschaften: "Henson hatte Peary auf den früheren Expeditionen begleitet und war selbst ein kundiger und beachtlicher Arktisforscher. Er konnte die Hunde beinahe so gut lenken wie ein Eskimo, er wusste, wie Schlitten zu reparieren und Lager einzurichten waren, er verfügte über große Körperkräfte und konnte auf vielfältige Kenntnisse verweisen." Henson weist ein weiteres ungewöhnliches, für das Erreichen des Pols freilich völlig unerhebliches Merkmal auf: Er ist schwarz.
Der reale Matthew Henson und der fiktive Coalhouse Walker stehen im Roman für den Teil der Gesellschaft, denen zu jener Zeit in Amerika erstmals öffentliche Aufmerksamkeit gewidmet wurde: den Schwarzen. Auch weiße Emigranten aus Osteuropa wie Emma Goldman rückten etwa zeitgleich in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, auch wenn die Mehrheit von ihnen längst nicht so lange im Lande ansässig war wie die unfreiwillig eingewanderten früheren Sklaven.
Ragtime war in den Vereinigten Staaten ein großer Erfolg. Zu weiterer Popularität verhalf dem 1974 erschienenen Roman die Verfilmung durch Miloš Forman sechs Jahre später. Ragtime sollte für einige Zeit das nach der Bibel bestverkaufte Buch überhaupt werden. Sogar in der DDR erschien eine vollständige Übersetzung, bei Reclam Leipzig. Offenbar konnten die Zensoren an der Handlung nichts finden, das zu kritisieren Anlass gegeben hätte. Von seinem hohen Lesevergnügen hat Ragtime bis heute nichts eingebüßt.