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Tepco hat sich bereiterklärt, uns zu empfangen. Die Fragen wollten sie schon vorher schriftlich haben. Zu viert erwarten sie uns. Yoshimi Hitosugi, laut Visitenkarte Manager Corporate Communications Department, neben ihm Yoshikazu Nagai, sein Assistant Manager, und dann noch Mayumi Yoshida, eine junge Frau, die Englisch spricht und laut Visitenkarte bei der Kommunikationsabteilung keine besondere Funktion innehat. Der vierte ist ein sehr junger Mann ohne Visitenkarte und Name. Er wird während des Gesprächs immer wieder den Raum verlassen, um noch Detailinformationen einzuholen.
Wir setzen uns im Erdgeschoss in einen kleinen, schmucklosen Raum an einen großen hölzernen Tisch. Die drei Männer tragen dicke Ordner und Dokumentenmappen mit sich, die an diversen Stellen mit bunten Zettelchen markiert sind. (…)
»Tepco hat Ende November zugegeben, dass es schlimmer aussieht in den Reaktoren als bislang angenommen. Was genau bedeutet das?«
»Die neusten Berechnungen haben ergeben, dass in Block 1 der größte Teil der geschmolzenen Brennelemente am Boden des Druckbehälters liegt – beziehungsweise inzwischen durchgesickert ist. Achtzig Prozent dürften vermutlich unten auf auf dem Containmentboden liegen«, sagt Kommunikationsmanager Hitosugi.
»Und das Containment ist noch intakt?«
»Wir gehen davon aus, dass Teile des Brennmaterials bereits in den Beton eingedrungen sind.«
»Der Schutzbehälter aus Stahl ist also kaputt?«
»Davon muss man ausgehen. Der Beton darunter ist aber über zehn Meter dick.«
»Das heißt, der Reaktordruckbehälter ist unten offen, das Wasser fließt einfach raus?«
»Ja.«
»Und wie hoch ist der Wasserspiegel im Containment?«
»Das können wir nicht sagen. Die Wassertemperatur unten am Containmentboden beträgt jedoch weniger als fünfzig Grad.«
»Und wie heiß ist die Masse unten im Beton.«
»Das wissen wir nicht genau.«
»Sie haben einen Wasserkreislauf installiert, um die Masse zu kühlen. Oben lassen sie Wasser ins Containment – wo nehmen sie es denn raus?«
»Das Wasser gelangt irgendwie zu den Turbinen. Es muss da zufällig eine Verbindung geben. Wie es aber genau dorthin kommt, wissen wir nicht. Beim Turbinengebäude holen wir das Wasser raus.«
»Sie bringen also Wasser in Rohren rein, die nicht dafür gedacht waren – und irgendwo kommt es wieder heraus und dort sammeln sie es auf.«
»So kann man es sagen.«
Hitosugi antwortet ausgesucht freundlich. Er spricht, als ob er ein durchdachtes Konzept präsentierte, obwohl alle im Raum wissen, dass es sich um eine verzweifelte Bastelei handelt.
Bleibt noch die Frage, wie viel Radioaktivität ausgetreten ist und wie die Strahlung nach draußen gelangte. Angeblich ist das Containment oben intakt.
»Da haben wir noch kein genaues Bild«, antwortet Hitosugi, »es gibt kein Modell, das die Unfallursache erklärt. Es gibt auch noch keine offizielle Darstellung, wie es zur Freisetzung gekommen ist. Wir gehen davon aus, dass der Tsunami zum Unfall geführt hat und das Erdbeben keine großen Schäden anrichtete.«
»Unabhängige Wissenschaftler sind anderer Meinung.«
»Wir können nicht mehr dazu sagen.«
»Können Journalisten in die Zwanzig-Kilometer-Zone reisen?«
»Nein, wir lassen keine Journalisten hinein. Aus Sicherheitsgründen. Nur einmal gab es eine organisierte Reise, als ein Minister die Anlage besucht hat, da hatten auch einige Journalisten die Möglichkeit, in die Zone zu fahren.«
»Waren Sie schon dort?«
Sie schauen verwundert, bis Frau Yoshida fragt: »Sie meinen in Fukushima Daiichi?«
»Ja.«
Alle vier schütteln den Kopf. Keiner von ihnen war in der Sperrzone, sie alle müssen über Dinge reden, die sie selber nie gesehen haben und nur mit knapper Not verstehen. Sie sind nicht zu beneiden.
Hitosugi sagt noch, er habe früher drei Jahre als Öffentlichkeitsbeauftragter in Daini gearbeitet.
»Und was haben Sie gedacht, als es passierte.«
Sie schauen sich verlegen an. Der Kopf sei voll gewesen, sie hätten viel zu tun gehabt, Fehler hätten sie gemacht in den ersten Tagen und Wochen und zum Teil falsche Informationen veröffentlicht. Sie hätten daraus gelernt und würden jetzt täglich auch auf Englisch informieren, manchmal sei es jetzt fast zu viel.
Die Zeit ist um. Wir stehen auf und wollen uns verabschieden. Da verneigen sich alle vier und Hitosugi sagt: »Es tut uns Leid, dass wir Ihnen mit diesem Unfall so viel Unannehmlichkeit verursacht haben.«
Dieser Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch von Susan Boos „Fukushima lässt grüssen“, das am 9. März 2012 im Rotpunktverlag mit finanzieller Unterstützung von Greenpeace Schweiz erscheint.
Öffentliche Buchvorstellung und Diskussion: Freitag, 9. März 19:30 Uhr, Volkshaus (Weisser Saal) 8004 Zürich.
Das Buch kann zudem unter www.rotpunktverlag.ch/474 bestellt werden.