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WOZ: Was zeichnet ein Reihenhaus architektonisch aus, abgesehen von seiner Wiederholbarkeit?
Kees Christiaanse: Es gibt in Holland traditionell keine einseitig orientierten Häuser oder Wohnungen. Es gibt kaum Reihenhäuser, die nicht lang und schmal sowie zweiseitig orientiert wären. Das hat den Vorteil, dass man viel gemeinsame Brandwände und wenig äussere Fassadenfläche hat, was konstruktiv und finanziell wirtschaftlicher ist. Und durch die Tiefe kann man drei Räume hintereinander schalten. Die mittleren Räume sind dunkel und werden oft zum Schlafen benutzt. Diese Raumaufteilung wurde nur deshalb möglich, weil das milde Klima sehr grosse Fenster erlaubt und die Isolationsanforderungen ans Haus niedrig waren.
Wie ist es historisch zur Herausbildung einer holländischen Reihenhaustypologie gekommen?
Die holländischen Städte sind immer kompakt und klein gewesen. Eine grossmassstäbliche Urbanität, wie etwa in deutschen Industriestädten mit ihren grossen Mietskasernen, hat sich nie entwickelt. Ein Grund dafür ist die Bodenqualität in Holland. Für lange Zeit verhinderte die mangelnde Bodenfestigkeit, dass hoch gebaut wurde. Das Reihenhaus ist sowohl aus der Aneinanderreihung von Bauernhäusern wie auch aus derjenigen von Handelshäusern in der Stadt hervorgegangen. Dabei war bei beiden Typen immer die Erdverbundenheit lebensnotwendig. Beim Handelshaus etwa konnte das Erdgeschoss auf die Strasse hin geöffnet werden. Bei den Bauernhäusern wurde im hinteren Hausteil Gemüse angebaut und Vieh gezüchtet.
Was bedeutet Erdverbundenheit?
Es ist ein Paradox: Die holländische Gesellschaft ist sehr auf Kollektivität und Konsens ausgerichtet, aber bei der Haustür beginnt das Private. Die Idee eines Hauses mit einem grossen gemeinschaftlichen Treppenhaus, von wo aus die Wohnungen erschlossen werden, ist ein Typus, der erst im zwanzigsten Jahrhundert durch ausländische Einflüsse entstanden ist. Schaut man sich den hoch verdichteten, gestapelten Wohnungsbau aus den Niederlanden vor 1900 an, dann herrscht derjenige Typ vor, bei dem sich die Wohnungstüren im Erdgeschoss befinden. Das heisst, man geht manchmal fünf Stockwerke zu seiner Wohnung hoch, aber die private Haustüre befindet sich dennoch im Erdgeschoss. Die kulturellen und topografischen Bedingungen sowie die Tatsache, dass es nie richtig grosse Städte gegeben hat, haben dazu geführt, dass die Holländer immer nah am Boden gewohnt haben. Diese fast obsessive Verankerung am Boden und die sehr deutliche Trennung der Privatheit durch die Haustüre prägen die holländische Kultur sehr stark.
Warum wurde der Typus des Reihenhauses im zwanzigsten Jahrhundert dermassen bestimmend?
In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts schloss sich die holländische Gartenstadtbewegung an diese Entwicklung an. Und in der Nachkriegszeit hat sich das Reihenhaus im Rahmen von Suburbanisierungsprozessen als Typus ein weiteres Mal bewährt. In Holland sind sowohl die Bautechnik als auch die Heizungstechnik sehr stark industrialisiert, sodass man schnell und billig bauen kann. Das hat zur Folge, dass ein eigenes Reihenhaus für sehr grosse Bevölkerungsgruppen erschwinglich ist. In den Vorstädten sind die Grundstücke relativ billig, weil meistens die Stadt selber den Boden besitzt. Ausserdem existieren verschiedene Subventionsmassnahmen, um Leuten mit wenigen finanziellen Mitteln trotzdem ein eigenes Haus zu ermöglichen.
Was sind die gesellschaftlichen Folgen dieser Bauform?
Seit dem Zweiten Weltkrieg ist Holland eigentlich kein richtiges europäisches Land mehr, sondern eher eine Art amerikanische Suburb. Holland ist heute eine europäische Version von New Jersey. Man merkt das auch am Siedlungsverhalten der Leute: Man kauft oder verkauft ein Haus wie einen Kühlschrank oder ein Auto. Das ist nicht wie in Deutschland oder in der Schweiz.
Das Haus ist eine Ware ...
Genau. Kriegt jemand einen neuen Job siebzig Kilometer entfernt, verkauft er sein Haus und kauft am neuen Arbeitsort ein neues. Der Immobilienmarkt ist deshalb sehr mobil, und die Hypotheken sind von den Steuern abziehbar. Die Verfügbarkeit von Wohnraum ist also relativ hoch, trotzdem gibt es zum Beispiel in Amsterdam eine qualitative Wohnungsnot. Aber die Wohnkosten sind in den Niederlanden extrem günstig - etwa dreimal günstiger als in der Schweiz. Die Vorstadtkultur ist eigentlich Volkskultur. Eine eigentlich urbane Kultur gibt es kaum - nur bei Studenten und Ausländern. Neunzig Prozent der holländischen Bevölkerung leben nicht in der Stadt.
Borneo Sporenburg, ein in den neunziger Jahren entstandenes Quartier im ehemaligen östlichen Hafen von Amsterdam, wird in Architektenkreisen wegen seines urbanistischen Vorbildcharakters gelobt. Im Grunde handelt es sich aber eigentlich um eine suburbane Reihenhaussiedlung.
Für holländische Begriffe ist Borneo Sporenburg eines der urbansten Wohnviertel der letzten zwanzig Jahre. Aber im Grunde genommen handelt es sich lediglich um eine Siedlung mit einer Monokultur von Wohnungen. Ihre Urbanität bezieht die Siedlung nur daraus, dass sie in Gehdistanz zur Innenstadt von Amsterdam gelegen ist. Ausserdem zieht sie durch die Lage, die Preise und die unorthodoxen Typologien überwiegend kulturell engagierte Leute - Yuppies, Architekten, Projektentwickler - an. Offenbar sind etwa fünfzig Prozent der Bewohner Architekten. Es ist eigentlich eine komplette Inzucht. Aber der Wert der Häuser hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt oder gar verdreifacht.
Diese monofunktionale Wohnnutzung würde heute für Unterschichtsquartiere gar nicht mehr gebaut werden - aus Angst vor Kriminalität.
Der klassische Sozialwohnungsbau ist sowieso vorbei, weil nur noch qualitative und nicht mehr quantitative Wohnungsnot herrscht. Die Subventionen für Sozialwohnungen wurden stark verringert, und es werden nur noch wenige Einheiten in den Grossstädten gebaut. Die Bevölkerung, die sich dort ansiedelt, gehört den sozial schwächsten Gruppen an, es sind meist Immigranten. Stattdessen werden heute flächendeckend Reihenhäuser gebaut - sie sind eine ideale Investitionseinheit für die Mittelklasse. Das Reihenhaus als Zahlungsmittel ist in Holland fast wichtiger als der Euro. Und natürlich ist es auch ein Mittel, um sich gesellschaftlich zu etablieren.
Das Reihenhaus sichert auch den Aufstieg der sozial Unterprivilegierten?
Die meisten denken, in den Reihenhäusern wohnt nur die weisse Mittelschicht. Aber das ist nicht so, schon lange nicht mehr. Das ist eigentlich eine sehr interessante Entwicklung. Das Reihenhaus ist sehr flexibel in der Nutzung. In gewissen Aussenbezirken Amsterdams gibt es beispielsweise Strassen, in denen nur Schwarze wohnen. Wie in den USA entsteht hier eine Art unorthodoxer Marktwirtschaft. Aus diesem Grund ist der Erfolg des Reihenhauses nicht zu stoppen. Es ist wie eine Seuche, weil es das einzige Modell ist, das in der holländischen Gesellschaft funktioniert.
Wie geht die Entwicklung Ihrer Meinung nach weiter?
Es entstehen immer mehr Ghettos, zum Beispiel eine hindustane Suburb oder ein türkisches Viertel. Nur von Türken bewohnte Reihenhaussiedlungen - das ist eindeutig der Trend. Es hat keinen Sinn, das abzulehnen. Es ist einfach so. Früher gab es im alten Westen Rotterdams Türken, Marokkaner und Surinamer. Und alle anderen, die Geld hatten, zogen weg. Diese Bevölkerung wechselt sich unterdessen alle sechs Jahre vollständig aus, so gross ist die Mobilität geworden. Es gibt unterdessen türkische Geschäftsleute, die in den Aussenbezirken ganze Viertel aufkaufen und dann eine türkische Vorstadt aus Reihenhäusern etablieren. In London ist das schon längst so. Ich glaube, da muss man durch. Aber die weisse Homogenisierung der Vorstädte war ja auch katastrophal.
Kees Christiaanse wurde 1953 in Amsterdam geboren und hat an der Technischen Universität in Delft Architektur studiert. Seit 1989 führt er unter dem Namen KCAP ein Architekturbüro in Rotterdam, seit 1990 ein weiteres Büro in Köln (ASTOC Architects & Planners). Kees Christiaanse ist seit 2003 Professor für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich. Mit dem östlichen Hafenbecken von Amsterdam ist er nach wie vor beschäftigt. Auf Borneo-Eiland wurde ein längerer Abschnitt mit Reihenhäusern von seinem Büro entwickelt und ausgeführt. In Zürich ist Kees Christiaanse mit zwei sehr komplexen Stadtentwicklungsprojekten beschäftigt: mit dem Ausbau der ETH Hönggerberg zu einer Science City und mit Stadtraum HB, dem Nachfolgeprojekt der beiden gescheiterten Vorhaben HB Südwest und Eurogate.