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Annette Hug liest, was von Annie Ernaux nicht übersetzt ist
«Beatriz fiel doch als Minnesängerin schon reichlich aus dem Rahmen», schrieb Irmtraud Morgner 1974. Die Romanheldin Trobadora Beatriz muss sich einen Mann erst zurechtdichten, um ihn besingen zu können. Der weiss das aber nicht zu schätzen. Auch sonst lässt das mittelalterliche Frauenleben zu wünschen übrig. Beatriz wählt deshalb einen 840-jährigen Schlaf und erwacht im Mai 1968. Von Frankreich ist sie trotz studentischem Aufstand enttäuscht, zieht nach Ostdeutschland und stellt fest: Das Patriarchat hält sich auch im Sozialismus hartnäckig.
Dass Frauen einen Mann öffentlich besingen, ist noch immer nicht ganz selbstverständlich. Aber die Beispiele werden zahlreicher. Besonders begeistert bin ich von Annie Ernaux’ «L’Usage de la photo». Das Buch enthält Fotos von Kleidern und Schuhen oder von umgestürzten Gegenständen, von Frühstücksgeschirr: Stillleben im wahrsten Sinn des Wortes. Ernaux spricht von Arrangements, die Begehren und Zufall erschaffen haben. Unausweichlich wird diejenige, die sich der Kleider hastig entledigt hat, aus dem Bett steigen, den BH aufheben und wieder anziehen. Auch die Jeans, die Stiefel, die Unterhose: Alles liegt nur flüchtig in wilden Knäueln. Der Moment, in dem Annie Ernaux und Marc Marie miteinander geschlafen haben, ist vorbei. Ein Arrangement der Kleider hält ihn noch eine Weile fest. Die Liebenden geben sich eine Regel: So, wie die Dinge gefallen sind, werden sie fotografiert. Es vergeht einige Zeit, bis die Bilder entwickelt vorliegen. Beide schreiben dann einen Text zum Bild. Sie legen ihn einander nicht vor, bis sie ein Buch zusammenfügen, das 2005 erscheint. Seine dunklen Seiten enthält das französische Wort für Stillleben: «nature morte». Annie Ernaux war, als die Fotos entstanden, etwas über sechzig, sie hatte Brustkrebs und erlitt die bekannten Nebenwirkungen einer Chemotherapie und Bestrahlung. Marc Marie war einiges jünger, seine Mutter war gerade gestorben. Er räumte ihr Haus. Die Texte sind ein Experiment, das dem Tod die pure Lust entgegensetzt, und ein Spiel, das zu befreiendem Lachen reizt, bis man atemlos realisiert, was sich die Grande Dame da traut.
Bestimmt steht der deutschen Buchwelt eine zweite Welle der Ernaux-Begeisterung bevor. Die erste kam langsam ins Rollen. Julia Schoch, Schriftstellerin in Potsdam, gehört zu jenen, die schon lange Ernaux gelesen haben. Sie stellt die deutsche Rezeption in der Zeitschrift «Volltext» vom Januar 2019 eindrücklich dar: Die Bücher erschienen seit 1988 in verschiedenen Verlagen, hinter lasziven Umschlagbildern schlecht getarnt. «Der Platz» wurde mit einer DDR-Anthologie ausgestaubt, kaum war sie erschienen. Dann geschah etwas Unerwartetes: Zwei angesagte Autoren, Didier Eribon und Édouard Louis, schwärmten von Annie Ernaux als Inspirationsquelle. Wie niemand anderer habe sie die feinen Bruchstellen der Klassenverhältnisse zur Sprache gebracht. Neue Übersetzungen kamen bei Suhrkamp heraus. Französischsprachige LeserInnen fragen erstaunt: Eribon? Wer kennt denn den? Wie soll er Annie Ernaux befördern, die jeder kennt?
Was auf die Begeisterung für die «soziologischen Romane» folgen könnte, ist die Entdeckung, dass Ernaux mit demselben intellektuellen Furor und Feingefühl eine Liebe in fortgeschrittenen Jahren literarisch fasst und ins Schwirren bringt.
Annette Hug ist Autorin in Zürich. Soeben ist ihr Roman «Wilhelm Tell in Manila» auf Französisch erschienen («Révolution aux confins», übersetzt von Camille Luscher). Hug wurde dafür von «Le Temps» als «Heldin der Randgebiete» gewürdigt.