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Das Indiovolk der Karajá ist seit Jahrhunderten Bewohner der Ufer des Rio Araguaia in den Bundesstaaten Goiás, Tocantins und Mato Grosso. Die Karajá sind schon seit langer Zeit in Kontakt mit der nationalen Gesellschaft getreten, was sie allerdings nicht daran gehindert hat, ihre traditionellen Sitten und Gebräuche zu bewahren.
Wie: ihre eingeborene Sprache, ihre Puppen aus Keramik, die familiären Fischzüge, die Rituale der “Aruanã” und des “Casa Grande” (Hetohoky), ihren kunstvollen Federschmuck, die Korbflechterei und ihr Kunsthandwerk aus Holz, ihre Körperbemalung und die zwei eingebrannten Kreise als Stammessymbol auf den Wangen.
Gleichzeitig suchen sie sich zeitweilig an das Leben in den in den Städten anzupassen, um Mittel und Wege zu finden, ihre territorialen Rechte durchzusetzen, Zugang zur Gesundheitsfürsorge, zweisprachiger Erziehung und anderen Mitteln zu bekommen.
Karajá
|Andere Namen: Caraiauna, Iny

Sprache: Familie Karajá, des Stammes Macro-Jê
Population: 3.198 (2010)
Region: Bundesstaaten Goiás und Mato Grosso (Bundesstaaten Pará und Tocantins)
|INHALTSVERZEICHNIS

Name, Sprache, Lebensraum
Bevölkerung
Geschichte des Erstkontakts
Der Lebenszyklus
Männer und Frauen, Das Dorf
Aktivitäten zur Selbsterhaltung
Kunst und materielle Kultur
Kosmologie, Mythen und Riten
Zeitgenössische Aspekte
Quellenangaben
Der Name dieses Volkes in ihrer eigenen Sprache lautet “Iny” – das heisst “Wir”. Der Name “Karajá” ist keine Selbstbezeichnung, sondern ein Tupi-Wort, das sich etwa der Bedeutung “Grosser Affe” annähert und ihnen wahrscheinlich von irgendwelchen Feinden angehängt wurde. Die ersten Quellen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, obwohl ungenau, bedienten sich bereits der Schreibweise “Cariaúnas” oder “Carajaúna”. Ehrenreich schlug im Jahr 1888 die Schreibweise “Carajahí” vor, aber Krause legte dann, 1908 die Schreibweise “Karajá” fest.
Dem Linguistiker Aryon dall’Igna Rodrigues zufolge gehört die Sprachfamilie Karajá zum linguistischen Stamm Macro-Jê und unterteilt sich in drei Sprachen: Karajá, Javaé und Xambioá. Jede von ihnen drückt sich unterschiedlich aus, je nach Geschlecht der sprechenden Person, aber trotz dieser Differenzen verstehen sich alle untereinander. In einigen Dörfern, wie in Xambioá (Tocantins) und in Aruanã (Goiás), ist Portugiesisch die beherrschende Sprache, infolge des konstanten Zusammenlebens mit der nationalen Gesellschaft.
Am Anfang der 70er Jahre führte die FUNAI ein zweisprachiges und bikulturelles Unterrichtsprogramm
Für einige Indianerstämme ein, unter ihnen auch die Karajá. Dieses Programm resultierte, unter der Orientierung des “Summer Institute of Linguistics”, in der Übersetzung der Bibel in der Karajá-Sprache, denn diese Leute brachten auch religiösen Motive mit ein.
Der Rio Araguaia ist für die Karajá ihr mythologischer Strom ihrer Existenz und gesellschaftlicher Mittelpunkt. Das Territorium dieser Volksgruppe liegt in einem ausgedehnten Streifen des Araguaia-Tals und der “Ilha do Bananal”, der grössten Flussinsel der Welt – insgesamt zirka 2 Millionen Hektar. Ihre 29 Dörfer befinden sich vorzugsweise in der Nähe von Seen und Mündungen von Nebenflüssen des Araguaia und des Rio Javaés, sowie auch im Innern der Ilha do Bananal. Jedes Dorf beansprucht für sich einen bestimmten Bezirk für den Fischfang, die Jagd und rituelle Praktiken – kulturelle Bezirke, die von jedem Mitglied der Gruppen respektiert werden.
Die Karajá sind seit je in Bewegung – eine ihrer kulturellen Charakteristika ist die Nutzung der Nahrungs-Ressourcen des Araguaia-Flusses. Bis heute halten sie zum Beispiel an ihrem Brauch fest, mit ihren Familien während der Trockenperiode zu den Ufern der Seen oder den Sandbänken der Flüsse zu ziehen, um an den besten Stellen für den Fisch- oder Schildkrötenfang zu kampieren – in der Vergangenheit legten sie dort Jagd-Camps an und feierten sogar Feste auf den Sandbänken. Erst mit den ersten einsetzenden Regenfällen kehrten sie in ihre festen Dörfer auf den hohen Steilufern zurück, wo sie vor dem ansteigenden Wasser sicher waren. Dort haben sie auch heute noch ihre kollektiven Felder, und ihre Friedhöfe.
Bezüglich der gesetzlichen Situation ihrer Ländereien ergibt sich das folgende Bild: “Parque Indígena do Araguaia” (auf der Ilha do Bananal) – Gesamtfläche 1.358.499 Hektar, vermessen und registriert. Karajá in Aruanã – Areal I (Goiás) mit 14 Hektar, Areal II (Mato Grosso) mit 893 Hektar und Areal III (Goiás) mit 705 Hektar, alle vermessen und registriert. São Domingos, mit 5.705 Hektar, im Distrikt von Luciara (Mato grosso), vermessen und registriert. Maramduba, mit 389 Hektar, im Distrikt von Santana do Araguaia (Pará), inspiziert, wartet auf Vermessung. TI Tapirapé/Karajá, mit 66.166 Hektar, im Distrikt von Santa Terezinha, Lumiara und Pomodoro (Mato Grosso), vermessen und registriert. Karajá/Santana do Araguaia, mit 1.485 Hektar, im distrikt von Santa Maria Barreiras (Pará), vermessen und registriert.
Um einen Eindruck vom Bevölkerungswachstum der Karajá-Gruppen zu bekommen, nachfolgend eine Tabelle:
|Karajá||Javaé||Xambioá||Gesamt||Jahr||Quelle|
|—||—||—||7 bis 8’000||1775||Fonseca, 1920|
|815||—||—||—||1908||Krause, 1908: 238|
|795||—||—||—||1939||Lipkind, 1948: 180|
|1’406||—||—||—||1980||Toral, 1992: 27|
|1’588||—||—||—||1990||Toral, 1992: 41|
|1’900||750||250||2’900||1995||ISA, 1996: vii|
|±1’500||±841||202||±2’593||1997||Braggio, 1997|
Trotz ihres intensiven Kontakts mit der nationalen Gesellschaft hat man bei den Karajá ein Bevölkerungswachstum registrieren können, die in ihrem traditionellen Territorium geblieben sind. Die Dörfer jeder Untergruppe verteilen sich wie folgt:
Eine Untergruppe der Karajá wird von einer Kommune in Aruanã (Goiás) gebildet, mit ungefähr 50 Personen (jüngere Daten sprechen von weiteren 20 Karajá, die von der Demarkation des Territoriums motiviert worden sind, sich dort anzusiedeln), mit den Dörfern von Santa Isabel do Morro, Fontoura, Macaúba und São Raimundo, im Westen der Ilha do Bananal, weiteren kleineren Dörfern, wie São Domingos und zwei weiteren in der Nähe des Rio Tapirapé, ausserdem kleinen Gemeinschaften im Norden der Insel, ergibt sich ein Gesamt von ungefähr 1.500 Personen (Braggio, 1997). Die Untergruppe der Javaé, an den Ufern des Rio Javaés (dem kleineren Arm des Rio Araguaia, der die östliche Seite der Ilha do Bananal umfliesst) und im Innern der Insel, machen zusammen etwa 841 Personen aus, die sich auf sechs Kommunen verteilen, und zwar in den Distrikten Formoso do Araguaia, Cristalândia und Araguaçu (Braggio, 1997). Die Untergruppe der Xambioá belegt zwei Dörfer mit 202 Personen am Unterlauf des Araguaia (Braggio 1997).
Historische Aufzeichnungen berichten von Konflikten zwischen den Karajá und anderen eingeborenen Völkern, wie den Kayapó, den Tapirapé, den Xavante, den Xerente, den Avá-Canoeiro und, weniger häufig, mit den Bororo und Apinayé, um sich in ihrem Territorium zu behaupten. Als Resultat solcher Kontakte fand teilweise auch ein kultureller Austausch statt – zum Beispiel mit den Tapirapé und den Xikrin (Kayapó).
Was den Kontakt mit der nationalen Gesellschaft betrifft, so berichten die historischen Aufzeichnungen von zwei Fronten: die erste waren Jesuiten der Provinz Pará, vertreten durch einen Padre Tomé Ribeiro, im Jahr 1658, der sich mit den Karajá des unteren Araguaia traf – wahrscheinlich aus der Untergruppe der Xambioá (oder Nord-Karajá, wie sie sich vorzugsweise bezeichnen). Die zweite Front bildeten die “Bandeiras Paulistas”, welche in Richtung Mittelwesten und den Norden Brasiliens marschierten, wie die Expedition des Antônio Pires de Campos, von der man annimmt, dass sie zwischen 1718 und 1746 auf die Karajá gestossen ist. Im Lauf der Jahre besuchten viele andere Expeditionen das Gebiet der Karajá, die sich gezwungen sahen, mit unserer Gesellschaft einen konstanten Kontakt aufrecht zu erhalten.
Ihre Dörfer waren leicht zu erreichende Ziele für unzählige religiöse Sekten, Regierungspläne, Besuche von Präsidenten der Republik, wie Getúlio Vargas (1940) und Juscelino Kubitschek (1960), die Konstruktion eines Luxus-Hotels und unzählige Besuche von Forschern, Schriftstellern und Journalisten, die in ihre Städte mit indianischem Kunsthandwerk zurückkehrten, Federschmuck, geschnitzte Paddel und die typischen Tonfiguren mitbrachten, angefertigt von den Frauen. Unter ihnen der deutsche Ethnologe Fritz Krause (1908), der nordamerikanische Ethnologe William Lipkind (1938), der Schriftsteller José Mauro de Vasconcelos (in den 60er Jahren) und die Gouverneure von Goiás, Henrique Santillo (1988) und von Tocantins, Siqueira Campos (1989).
Der kontinuierliche Kontakt mit der weissen Gesellschaft brachte es mit sich, dass die Karajá entsprechende Kulturgüter derselben in ihren Lebensbereich aufnahmen (Lebensmittel, Sprache, Gebräuche, Unterricht, Religion und andere). Ihre kulturelle Vielfalt bleibt den meisten Nicht-Indianern verborgen, die sich erst einmal den offensichtlichen Leidensmerkmalen gegenüber sehen, welche den Karajá durch den Kontakt mit den Weissen zugefügt wurden: Tuberkulose, Alkoholismus und Unterernährung grassieren und provozieren die Diskkrimination der regionalen und der städtischen Bevölkerung.
Trotz alledem zeigen die Karajá eine bewundernswerte Wiederstandskraft, indem sie ihre bedeutendsten kulturellen Eigenheiten bewahren, die sie wiederum befähigen, den Kontakt mit der nationalen Gesellschaft aufrecht zu erhalten, ihre gesellschaftliche Organisation und indianische Identität als brasilianische Bürger zu verteidigen und sogar Abgeordnete in verschiedenen Orten am Araguaia zu stellen.
Die Geburt eines Kindes ist auch in der Gesellschaft der Karajá ein viel beachtetes Ereignis und hat, unter anderem, auch eine sehr eigenartige Konsequenz: die Eltern verlieren ihre Eigennamen und sind von nun an lediglich “Vater und Mutter desjenigen” (der geboren wurde). Der neugebackene Vater tritt, darüber hinaus, in eine neue Manneskategorie ein.
Grundsätzlich ist der Mann verantwortlich für die Befruchtung, und deshalb ist es auch notwendig, dass er verschiedene Male kopuliert, um so, Mal für Mal, das Kind im Schoss der Mutter zu vervollständigen, die selbst lediglich als Empfängerin angesehen wird. Nach der Geburt wird der Säugling mit lauwarmem Wasser gewaschen und dann mit roter Urucum-Farbe bemalt.
Das Mädchen wird nach seiner ersten Menstruation von der Grossmutter mütterlicherseits gehütet wie ihr eigener Augapfel und von der Öffentlichkeit isoliert. Wenn die Jungfrau dann wieder erscheint, sorgfältig bemalt und mit viel Federschmuck, um mit den “Aruanãs” zu tanzen, wenden sich ihr die bewundernden Blicke aller Männer zu.
Eine ideale Heirat ist die, welche von den Grosseltern beider Brautleute arrangiert wird, vorzugsweise desselben Dorfes, wenn die jungen Leute ihre Geschlechtsreife erreicht haben. Die einfachste Heirat besteht darin, dass sich der junge Mann ins Haus seiner Braut begibt, was allerdings in einem Drama enden kann, falls irgendein männlicher Verwandter von ihrer Seite die beiden bei einem heimlichen Stelldichein erwischt. Der Mann, wenn er erst einmal verheiratet ist, zieht um ins Haus der Schwiegermutter und folgt damit der matrilokalen Regel. Wenn die Familie entsprechend anwächst, konstruiert das Paar sein eigenes Haus, in direkter Nachbarschaft zu dem, aus dem sie gekommen sind, um so die Grossfamilie beieinander zu halten.
Die älteste Frau spielt die zentrale Rolle in der Haushaltseinheit, während der Mann, je älter er wird, sein politisches Prestige auf dem Platz der Männer einbüsst, sich aber zum Ausgleich zum spirituellen Mittelpunkt der Grossfamilie entwickelt und auch schamanistische Aktivitäten ausübt.
Zur Beerdigung wird der Tote mit seiner persönlichen Habe in eine Matte gewickelt und in eine Grube gelegt und dann mit Erde bedeckt. Darüber stecken die Karajá Stangen, die an ein Häuschen erinnern, davor stecken sie einen geschmückten Pfahl in die Erde. In der Vergangenheit praktizierten sie auch die “zweite Beisetzung” – dafür wurde der Körper nach ein paar Monaten exhumiert und die Knochen wurden in einer Keramikvase gesammelt, die von den Verwandten des Toten dann aufgehoben wurde – heutzutage findet diese Beisetzung aber nicht mehr statt.
Die Karajá richten sich nach einer gesellschaftlichen Trennung zwischen den Geschlechtern, die in ihren Rollen für Männer und Frauen bereits in ihrer Mythologie vorgesehen ist. Für die Männer gehört es sich, den Lebensraum zu verteidigen, die Felder anzulegen, familiäre oder kollektive Fischzüge zu arrangieren, den Hausbau zu organisieren und auszuführen, sich politischen Diskussionen im “Haus der Aruanãs” oder auf dem Dorfplatz zu stellen, Handel mit der nationalen Gesellschaft zu treiben und die bedeutendsten Rituale zu leiten.
Die Frauen sind verantwortlich für die Erziehung der Kinder bis zum Alter der Initiation, für die Knaben, und für die Mädchen permanent – die lernen bei der Mutter alles bezüglich der Hausarbeit, wie man kocht, Feldfrüchte erntet, Kinder erzieht, die Söhne verheiratet (hier sprechen die Grosseltern mit), wie man die Keramik-Puppen herstellt – die inzwischen einen bedeutenden Teil des familiären Einkommens ausmachen, Abnehmer ist die nationale Gesellschaft – und wie man die Körper der Kinder, Mädchen und Männer für die jeweiligen Rituale bemalt. Innerhalb des rituellen Programms sind die Frauen verantwortlich für die Zubereitung der Nahrungsmittel für die wichtigsten Feste und auch für die affektive Erinnerung des Dorfes, welche sie bei so genannten “rituellen Klagen” von sich geben, besonders wenn jemand krank wird oder stirbt.
Die Karajá bevorzugen die Monogamie, und eine Scheidung wird von ihnen stets kritisiert. Wenn die Untreue eines Ehemannes an die Öffentlichkeit gelangt, bestrafen die männlichen Verwandten der betroffenen Frau den Ehebrecher in aller Strenge – eine Aktion, die dramatische Formen annehmen kann, wenn sich die Gemüter der involvierten Wohngemeinschaften erhitzen – oft brennen sie das Haus der Familie des Ehebrechers ab. Während eine Ehebrecherin, die verheiratet und ihre eigenen Wohneinheiten hinter sich hat, von der Öffentlichkeit nicht weiter mit Kommentaren belästigt wird, denn der Zusammenhalt der Familie ist ein zu bedeutendes Gut unter den Karajá.
Es ist die Basis der gesellschaftlichen und politischen Organisation der Karajá. Die Macht der Entscheidung wird von männlichen Mitgliedern der Grossfamilien ausgeübt, die ihre verschiedenen Meinungen in “Aruanã-Haus” diskutieren. Nicht selten kann es dabei zu Rivalitäten zwischen den einzelnen Fraktionen kommen, besonders wenn es um die politische Macht im Dorf geht. Seit dem Kontakt mit den Weissen ist einer der Männer als “Capitão” zuständig für die politischen Fragen gegenüber auswärtigen Organen und Agenten, wie zum Beispiel der FUNAI, Universitäten, NGOs, bundesstaatlichen Behörden und anderen.
Politische Unstimmigkeiten zwischen einzelnen Dörfern sind ebenfalls häufig, aber die Solidarität zwischen ihnen – in der Vergangenheit von gemeinsamen Kriegszügen gegen fremde Ethnien motiviert, in der Gegenwart durch den gemeinsamen Anspruch auf die Demarkation ihrer Territorien und die Vertreibung der Landbesetzer von der Ilha do Bananal – wird darüber hinaus noch durch gemeinsame Rituale zwischen den einzelnen Dörfern weiter gefestigt.
Die Grundnahrungsquelle der Karajá bildet seit eh und je die Fisch-Fauna des Rio Araguaia und der Seen in ihrem Wohngebiet. Sie schätzen auch einige Säugetierarten und zeigen eine besondere Geschicklichkeit beim Fang von Aras, Jabiru-Störchen und Löffelreihern als Lieferanten für ihren Federschmuck. Die Felder werden innerhalb der Galeriewälder angelegt – ethnografische und historische Aufzeichnungen zitieren den Anbau von Mais, Maniok, Kartoffeln, Bananen, Wassermelonen, Kará-Wurzeln, Erdnüssen und Bohnen. Mit dem Zugang zu Märkten in der Stadt haben die Karajá heute ihren Eigenanbau auf Mais, Bananen, Maniok und Wassermelonen reduziert. Sie nutzen auch die Früchte des Cerrado, wie “Oiti” und die “Pequi”, sowie das Sammeln von Honig. Manchmal fangen sie auch eine verirrte Kuh, der auf der Ilha do Bananal” verstreut weidenden Tiere ein und schlachten sie – ein Fleisch, das von den Älteren nicht geschätzt wird.
Die materielle Kultur der Karajá gründet auf Techniken für den Hausbau, die Verarbeitung von Baumwolle, der Herstellung von Federschmuck, Artefakten aus Stroh, Holz, Mineralien, Muscheln, Kürbisschalen, Baumharz und Keramik. Die Körperbemalung hat grosse Bedeutung für das Volk. In der Pubertät unterzogen sich die Jugendlichen beider Geschlechter der Applikation des “Omarura” – zweier tätowierter Kreise vom Durchmesser einer Münze auf den Wangen – ausgeführt mittels eines Zahns des Hundsfisches (das Ritzen) und einer Farbmixtur aus Jenipapo (blauschwarz) mit Holzkohlenstaub in die blutende Wunde. Heutzutage, auf Grund der Vorurteile unter der regionalen Bevölkerung, werden diese blauschwarzen Kreise lediglich anlässlich bestimmter Rituale aufgezeichnet und können danach wieder abgewaschen werden.
Die Bemalung des Körpers, ausgeführt von den Frauen, richtet sich nach dem Geschlecht und sogar nach dem Alter der jeweilig zu bemalenden Person. Die Bemalung eines männlichen Körpers ist zum Beispiel ganz anders als die einer Frau. Benutz wird dazu stets eine Farbmischung aus Jenipapo-Saft und Holzkohlenstaub – damit erhält man ein tiefes Blauschwarz. Die Urucum-Kapsel der gleichnamigen Pflanze liefert ein kräftiges Ziegelrot – als zweite Farbkomponente.
Die Korbflechterei, welche sowohl von den Frauen als auch den Männern betrieben wird, präsentiert eingearbeitete Motive, die von der regionalen Fauna inspiriert worden sind. Die Kunst der Keramik wiederum ist ausschliesslich Sache der Frauen. In ihr offenbart sich eine breit gefächerte Palette von Typen und Motiven – angefangen mit Stücken für den Hausgebrauch, wie Pötten und Schalen, bis zu Puppen aus mythologischen Themen, rituellen Motiven oder aus dem Alltag, sowie Abbildungen der Fauna. Diese keramischen Darstellungen der Karajá sind in der Nachfrage der Touristen gestiegen, welche die Karajá-Dörfer in der Regel während der Trockenperiode besuchen, wenn die Flussstrände zum Baden einladen (Juni bis September) – und besonders die berühmten “Puppen der Karajá” liefern zur Selbsterhaltung der Gruppe einen nicht unerheblichen Beitrag.
Diese Keramik-Figuren waren einstmals, in der Vergangenheit, als Spielzeug für die Kinder gedacht – aber auch als Instrument zur gesellschaftlichen Eingliederung der Mädchen, die solcherart die Herstellung von Keramik von der Mutter beigebracht bekamen und ganze dramatische Szenen des Alltags in Ton abbildeten. Der Kontakt mit der nationalen Gesellschaft prägte auch die Karajá-Keramik: die Stücke wurden grösser und teilweise auch mit industriell hergestellten Farben bemalt. Trotz allem haben auch die die Künstlerinnen der jüngeren Generation die dekorativen Formen und Muster beibehalten – und sie haben sogar neue mythologisch begründete Formen entwickelt. Man findet die Puppen der Karajá relativ häufig in Kunsthandwerks-Geschäften oder Museen der Städte.
Auch die Herstellung von Federschmuck ist hoch entwickelt und steht in direkter Beziehung zu den Ritualen. Weil es inzwischen schwierig geworden ist, Aras zu fangen, der Vogelart von grösster Attraktivität für die Karajá, ist diese Kunst in ihrer Vielfalt ziemlich zurück gegangen – man benutzt inzwischen nur noch Stücke, die weniger imposante Federn benötigen, wie der “Lori-lori” und der “Aheto” – besonders als Schmuck für das Ritual der Initiation der Knaben.
Die Legende der Herkunft der Karajá erzählt, dass sie dermaleinst in einem Dorf auf dem Grund des Flusses (Araguaia) wohnten – dort bildeten sie die Gesellschaft der “Berahatxi Mahadu” – das Volk auf dem Grund der Gewässer. Zufrieden und wohlgenährt, bewohnten sie ein begrenztes, kühles Territorium. Dann geschah es, dass ein junger Karajá sich dafür interessierte, die Oberfläche kennenzulernen – und er fand einen Tunnel, durch den er die feuchte Unterwelt verliess, auf der “Ilha do Bananal” – die nennen sie deshalb “den Ort unserer aller Mutter”. Fasziniert von den Flussstränden und dem Reichtum des Rio Araguaia, entzückt von der Weite der Landschaft zum Herumlaufen oder sich Niederlassen, kehrte der Jüngling in die Wasserwelt zurück, versammelte andere junge Leute um sich und gemeinsam stiegen sie dann in diese neue Welt hinauf.
Erst sehr viel später entdeckten sie die Krankheiten und auch den Tod. Sie versuchten zurück zu kehren, aber der Tunnel war verschlossen, bewacht von einer grossen Schlange, auf Befehl von “Koboi”, dem Chef des Wasservolkes. Also entschlossen sie sich, sich an den Ufern des Rio Araguaia zu verteilen – einige gingen nach oben, andere nach unten – und einige blieben in seiner Mitte. Unter der Führung von “Kynyxiwe”, jenem mythologischen Entdecker der “Ilha do Bananal”, begannen sie die Fische kennen zu lernen und viele andere gute Dinge im Umfeld des Araguaia. Erst nach zahllosen Abenteuern heiratete unser Held eine Karajá-Jungfrau und wohnte mit ihr im “Dorf des Himmels”, dessen Volk, die “Biu Mahadu”, den Karajá den Ackerbau beibrachten.
Es gibt eine symbolische Verbindung zwischen der vertikalen Verteilung der entsprechenden mythologischen Völker und den gegenwärtigen Dörfern der Karajá entlang des Araguaia-Tals. Darin sind die Xambioá die “Iraru Mahadu” – das “Untere Volk” am Unterlauf des Araguaia. Die Karajá an der Südspitze der Ilha do Bananal sind die Repräsentanten des “Oberen Volkes” – der “Ibóó Mahadu”, und die Javaé sind das “Volk der Mitte” – die “Itua Mahadu”. Und diese Verteilung der Dörfer entlang des Araguaia wird wiederum aufgenommen von der Verteilung der Häuser innerhalb eines einzigen Karajá-Dorfes, wie zum Beispiel in Santa Isabel: hier bilden die Häuser zwei parallele Linien. Wenn wir uns vorstellen, diese beiden Parallelen durch zwei transversale Linien zu trennen, haben wir drei Segmente: die Oberen Häuser (am Oberlauf des Flusses), die Mittleren Häuser und die Unteren Häuser (am Unterlauf des Flusses).
Beim männlichen Initiations-Ritual, das unter dem Namen “Hetohoky” oder “Grosses Haus” bekannt ist, unterteilen sich die Männer gleichfalls in Männer von oben, Männer von unten und Männer aus der Mitte – die räumliche Aufteilung der rituellen Häuser geschieht ebenfalls nach diesem Muster: da haben wir das so genannte “Kleine Haus” (Unterlauf des Flusses), das “Grosse Haus” (Oberlauf des Flusses) und das “Haus der Aruanã”, das stets in der Mitte der beiden steht. Somit folgt die Anordnung der Karajá-Dörfer einem ganz bestimmten Muster in Relation auf den Rio Araguaia, ihre Lebensader, und innerhalb desselben Musters gruppieren sich auch ihre Wohnhäuser, ihre Friedhöfe, ihre rituellen Stätten – alle sind sie einem eigenen Symbolismus innerhalb der Karajá-Kultur unterworfen.
Ihre einzelnen Mythen beschäftigen sich mit ganz unterschiedlichen Themen, wie der Schöpfung, die Ausrottung und der Neuanfang der Karajá, die Herkunft ihrer Feldbearbeitung, dem Hirsch und dem Tabak, der Entstehung des Regens, der Entstehung von Sonne und Mond, dem Mythos der „Aruanãs“, der weiblichen Kriegerinnen, der Herkunft der Weissen, und noch viele andere. Normalerweise werden diese Mythen in Riten dargestellt oder als gesellschaftliche Themen behandelt, liegen den Rollen der Geschlechter zugrunde, der Ehe, dem Schamanentum oder liefern den Hintergrund zur politischen Macht. Sie erklären Krankheit und Tod, die Verwandtschaft, Pflanzen und Tiere, Fischfang und den Kontakt mit den Weissen.
Die rituelle Struktur der Karajá kennt zwei bedeutende Zeremonien: das Ritual der männlichen Initiation – das „Hetohoky“ und das Fest der „Aruanã“, die sich nach den Jahreszyklen richten, dem An- und Abschwellen der Wasser des Rio Araguaia. Unter den anderen, weniger bedeutenden Ritualen, möchte ich den „kollektiven Fischzug mit Timbo“ herausgreifen, das „Honigfest“, das „Fischfest“ und ein paar mehr, die alle innerhalb der grossen Rituale von „Aruanã” und “Hetohoky” stattfinden.
Die Karajá haben versucht, ihre Staatsbürgerschaft anhand von Zusammenschlüssen in Organisationen auszuüben, unter denen sich die „Associação da Aldeia de Santa Isabel do Morro“ (Tocantins) und die „Associação da Aldeia Karajá de Aruanã“ (Goiás) befinden, welche sich bemühen, sich um die Nöte der einzelnen Dörfer zu kümmern, wie zum Beispiel die Erziehung, die Gesundheit, alternative Projekte zur Selbsterhaltung (Fischzucht, Hühnerfarm, Bootsbau) und die Teilnahme an der Regionalpolitik.
Im Jahr 1991 schuf der Bundesstaat Tocantins, in Zusammenarbeit mit der Staatlichen Universität von Goiás und der FUNAI, ein Programm zur Erziehung der Indianer, welches unter anderen Gruppen auch die der Karajá einbezog. Dieses Projekt betrifft fünf Schulen der Karajá auf der Ilha do Bananal, mit 23 Lehrern und 425 Schülern, fünf Javaé-Schulen mit 10 Lehrern und 175 Schülern und auch zwei Xambioá-Schulen mit 4 Lehrern und 85 Schülern.
Einige Karajá haben sich bereits in landwirtschaftlichen Schulen etabliert, auch in Gymnasien und sogar Universitäten. Die Grund- und Volksschule absolvieren sie in dem Örtchen São Félix do Araguaia (Goiás), das gegenüber vom Karajá-Dorf Santa Isabel do Morro, am anderen Ufer des Rio Araguaia liegt, oder in Aruanã, wo sich die Schule neben dem Karajá-Dorf befindet. So bildet sich die neue Generation der Karajá mit dem Ziel, ihre Grundrechte kennen zu lernen und gegenüber dem Staat geltend machen zu können – wie zum Beispiel in Bezug auf die Demarkation ihres Territoriums oder der bevorstehenden Konstruktion der “Wasserstrasse Tocantins-Araguaia”. Der diesbezügliche Bericht der Anthropologen der EIA RIMA macht auf die möglichen Schocks dieses staatlichen Bauvorhabens aufmerksam: die Beschleunigung der Erosions-Prozesse der Flussufer durch die Wellen der Transportschiffe, mit eventuellen Steiluferabbrüchen, die Felder vernichten, Häfen, Friedhöfe und andere Orte historischen oder religiösen Interesses – die Lärmbelästigung durch die vorüberfahrenden Schiffe – Beeinträchtigung beim Baden, beim Fischfang und gegenüber dem Verkehr kleiner Boote der Karajá – und, darüber hinaus, die Verunreinigung des Wassers, welche Auswirkungen auf die Nahrungs- und Gesundheitszustände der Indianer haben wird. Die EIA weist ausserdem darauf hin, dass die Konstruktion der Wasserstrasse erneut Druck auf die Wiederaufnahme der Bauarbeiten der BR-242 Strasse ausüben wird, und der antiken GO-262, die beide die “Ilha do Bananal” durchqueren, um die Distrikte im Osten der Insel mit denen am Mittleren Araguaia zu verbinden – damit würden die Karajá in ihrem ihnen zugesprochenen Territorium erneut gefährdet.
Unter den Problemen, denen sich die Karajá gegenüber sehen, sind der Alkoholismus, die Tuberkulose, Unterernährung, eine beträchtliche Kindersterblichkeit, Malaria und manchmal Probleme mentaler Natur zu nennen. Die FUNASA, ein staatliches Organ der “Fundação Nacional da Saúde” koordiniert sämtliche Aktionen zur Gesundheitsvorsorge in diesem Fall. Die Karajá haben es der FUNAI nachgemacht, indem sie von den noch an Viehzüchter in Pacht vergebenen Arealen der Naturweiden des “Parque Indígena do Araguaia” entsprechende finanzielle Abgaben verlangen. Weil die Justiz in Brasília diese Pachtzahlungen inzwischen als illegal erklärt hat, musste die FUNAI damit aufhören – aber die Karajá verlangen sie weiterhin. Mit der fortschreitenden Vertreibung der Viehzüchter allerdings, ebenfalls von der Justiz verordnet, dürfte diese Praxis bald aufhören zu existieren.
Beschreibungen über die Karajá finden sich inzwischen unter zirka 900 Titeln (860 davon finden sich innerhalb der bekannten “Bibliografia Crítica da Etnologia Brasileira” von Herbert Baldus), denn wegen der relativ einfachen Möglichkeit, dieses Volk auf dem Rio Araguaia per Boot zu erreichen, wurden sie im Lauf der Zeit oft von Journalisten, Reisenden, Missionaren, Regierungsvertretern, Fotografen und Forschern besucht.
Unter den ältesten ethnografischen Texten befindet sich auch die ausgiebige Beschreibung von Paul Ehrenreich, der die Karajá im Jahr 1888 besuchte, nachdem er an der zweiten Expedition des Karl von den Steinen zum Oberen Xingu teilgenommen hatte. Herausgegeben in Berlin (1891) wurde seine Arbeit von Egon Schaden ins Portugiesische übersetzt – mit einer Einleitung und Anmerkungen von Herbert Baldus im Jahr 1948 – sein Titel “Contribuições para a Etnologia do Brasil”, beginnt mit dem Kapitel “As tribos Karajá do Araguaia (Goiás)”. Dann haben wir eine sehr vertrauenswürdige Beschreibung von Fritz Krause, der den Araguaia im Jahr 1908 bereiste und das Buch “Nos sertões do Brasil” herausgab.
Nach diesen deutschen Pionieren kommt der nordamerikanische Anthropologe William Lipkind, der 1948 seine Ethnografie über die Karajá publizierte, basierend auf seiner Feldarbeit von 1938 und 1939. Es sollte noch erwähnt werden, dass Herbert Baldus, der sich zu jener Zeit dem Studium der Tapirapé widmete, auch die Karajá während seiner Reisen entlang des Araguaia besuchte (1935 und 1947). Daraus entstanden drei Artikel, welche Daten enthalten, die er unter ihnen gesammelt hat: “Mitologia Karajá e Tereno” – in dem die Mythen der Ersteren den grösseren Platz einnehmen – die anderen Artikel heissen “A mudança de cultura entre os índios do Brasil“ und „Tribos da bacia do Araguaia e o Serviço de Proteção aos Índios (SPI)“.
In den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bereisten verschiedene Expeditionen aus São Paulo, unter ihnen Journalisten, Fotografen und Forscher, den Rio Araguaia in Richtung auf die “Serra do Roncador” – und die Krajá wurden von ihnen viel besucht und portraitiert. 1954 studierte der Archäologe Mário Ferreira Simões die Kerakerinnen der Karajá – seine Ergebnisse sind in dem Buch “Cerâmica Karajá e outras notas etnográficas“ (1992) zusammengefasst.
Die modernen Ethnografien beginnen mit der These von Maria Heloísa Costa Fénelon über “Die Kunst und den Künstler Karajá” von 1968. Edna Luiza Taveira de Melo publiziert 1982 ihre Doktorarbeit „Etnografia da cesta karajá“. Im gleichen Jahr verteidigt George R. Donahue Júnior seine These zur Doktorarbeit auf der University of Virginia (USA) – und zeichnet mit ihr ein Allgemeinbild der Karajá. 1987 präsentiert die französische Anthropologin Nathalie Petesch einen Klassifikations-Vorschlag der Karajá innerhalb des ethnologischen Bildes von Zentral-Brasilien, und im Jahr 1991 schliesst Manuel Ferreira Lima Filho seine Doktorarbeit für die Universidade de Brasília über die Initiationsriten der Karajá-Knaben ab. Danach sollte man noch zwei bedeutende Thesen über das Volk der Karajá nennen: die Doktorarbeit von André Amaral de Toral (1992) für das Museu Nacional – mit einer erweiterten Ethnografie über die Karajá – und die Doktorarbeit von Nathalie Petesch für die Universität von Paris im gleichen Jahr.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther