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In einer nicht näher bestimmten Vorzeit soll es auf der Insel einen Tempel gegeben haben, in dem eine Göttin namens Gala verehrt wurde, deren heiliges Tier die Kuh war. Über den Kult der Gala, die auch an anderen Orten auf Santa Lemusa verehrt wurde, ist kaum etwas bekannt – so wie man überhaupt nur wenig weiss über die Dossis, das altlemusische Pantheon (vergleiche Caroli J. Susse: «La Dossis». In: «Revue historique», no. 66, 1999, S. 27-60). Es wird jedoch allgemein angenommen, dass der Name Gala mit dem altfranzösischen Wort gale (=«Vergnügen») zusammenhängt.
Eines Tages stieg Gala persönlich auf die Erde hinab, um die Loyalität ihrer Untertanen zu prüfen. Sie nahm die Gestalt einer Kuh an und tauchte am Strand vor der kleinen Tempel-Insel aus dem Meeresschaum auf. Die Tempel-Dienerinnen erkannten ihre Göttin nicht, und beauftragten also eine Novizin, das Tier auf die Weide zu führen, zu melken und zu pflegen. Die junge Kuhhirtin führte die Kuh auf eine satte Wiese, liess sich jedoch dort von einem Fischer verführen, der zufällig auf einem nahen Felsen seine Netze in der Sonne zum Trocknen auslegte. In Wahrheit war dieser Fischer allerdings Erusa, die Göttin der Schönheit und der Intrige. Die Verbindung soll mehrere Tage angedauert haben. Im Liebestaumel vergass die Hirtin, ihre Kuh zu melken. Von der vielen Milch zwischen ihren Beinen behindert, stolperte Gala schliesslich und brach über ihrem Euter zusammen. Ihre Milch spritzte weit in den Raum hinaus und blieb am Himmel hängen – so soll die Milchstrasse entstanden sein. Die Göttin gab sich der Hirtin zu erkennen und ihr Zorn war gross. In ihrer Not riss sich die junge Frau sämtliche Kleider vom Leib und scherte sich sämtliche Haare von Kopf und Körper, um die Göttin mit diesem Opfer um Verzeihung zu bitten. Als ihre Verzweiflung am grössten war, schoss Odias, der mächtigste Gott im Himmel und Bewahrer des Lebens, in der Gestalt von Korianderkraut aus dem Boden, legte sich um die junge Kuhhirtin, weckte neues Begehren in ihr und besänftigte so die Verzweiflung. Gala, selbst eine ehemalige Geliebte des notorisch untreuen Odias, war darüber so wütend, dass sie die Milch in ihren Brüsten zu Gift werden liess, die sie auf die Erde niederregnen lassen wollte. Doch bevor sie die Menschheit auslöschen konnte, verwandelte sie Odias in ein Sternbild, das man seither am Sommer- und am Herbsthimmel nördlich des Himmelsäquators sehen kann – das Bild heisst (lateinisch nicht ganz korrekt) Uacca lapsa und stellt eine gefallene Kuh dar, die alle Viere von sich streckt.
Zu einem späteren Zeitpunkt wurde diese Geschichte christlich umgedeutet (vergleiche: Caroli J. Susse: «La transformation d'une gardienne de vache». In: «Revue historique», no. 69, 2002, S. 111-116). Nun sollen der jungen Hirtin, als ihre Not am grössten war, am Himmel die Buchstaben «C» und «J» erschienen sein, worauf sie erkannte, dass sie eine falsche Göttin angebetet hatte und sich Jesus-Christus zuwandte. Darauf hin liess der Liebe Gott rund um seinen neuen Schützling Koriander aus der Erde wachsen, mit dessen Zweigen sie ihren blossen Körper und ihr nacktes Haupt bedecken sollte – denn wie heisst es im 1. Korinther (11.6 – mit den Worten aus Luthers Übersetzung von 1545): «Will sie sich nicht bedecken, so schneide man ihr auch das Haar ab. Nun es aber übel stehet, dass ein Weib verschnitten Haar habe oder beschoren sei, so lasset sie das Haupt bedecken.»
Auf Santa Lemusa wird die Kuhhirtin von der Insel Galak heute allgemein St-Lani oder Sen Lani, also Heilige Lani genannt, wobei lani einfach «die Nackte» heisst – ein anderer Name wird nirgends erwähnt.
Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein soll es auf der Insel eine hölzerne Kapelle gegeben haben, in der die Heilige Lani verehrt wurde. Heute ist davon nur noch eine niedrige Krypta erhalten, zu der man über ein paar wacklige Stufen hinab steigen kann (den Schlüssel muss man bei Dik holen). Hier sieht man noch den Stein, auf dem Lani ihre Haare geopfert haben soll – ein Monolith mit einer markanten schwarzen Ader, der sogenannten «Strähne von Lani». Etwas weiter hinten in dem verwinkelten und völlig schmucklosen Raum trifft man auf einen kleinen Schrein, in dessen Zentrum sich die einzig erhaltene Reliquie der St-Lani befindet: ein kleine Glasvitrine mit Haaren der Heiligen. Das Bild dahinter stellt laut Caroli J. Susse eine Mischung aus Malerei und Lacca povera dar. Es entstand vermutlich erst in den 1920er Jahren. Das Gesicht der Heiligen soll sich an der Madonna orientieren, die im Zentrum des Melun-Diptychons (1456) von Jean Fouquet steht. «Insgesamt ist an dem Bild nur sehr wenig original und noch weniger originell», so das harte Urteil der Expertin (Caroli J. Susse: «La transformation d'une gardienne de vache». In: «Revue historique», no. 69, 2002, S. 111-116).
Ganz bestimmt ein Original ist hingegen die aquarellierte Kohlezeichnung, die der Inselbesitzer Dik von St-Lani angefertigt hat. Das Bild zeigt eine junge Frau mit einem ekstatisch verbogenen Körper und einem rasierten, weit zurückgelegten Kopf – über ihrem Haupt schwebt ein goldener Heiligenschein. Dik: «Die Vorstellung einer erregten Kuhhirtin, die nackter als es dem Lieben Gott gefällt, auf meiner Insel herumspukt, gefällt mir auf eigentümliche Weise – ich musste das einfach visualisieren. Bloss der Heilgenschein, der passt mir nicht mehr – aber den wird man wohl so leicht nicht los.»
St-Lani gilt, gewissermassen in Vermischung ihrer heidnischen und ihrer christlichen Geschichte, als Schutzpatronin der Gewürzbauern und als Garantin für das richtigen Aroma. Manche Bewohner der Insel hängen sich deshalb ein Bildchen der Heiligen in ihre Küchen. Und am Hafen von Port-Louis werden sogar manchmal kleine Döschen verkauft, in denen sich etwas echtes Haar von St-Lani befinden soll – zusammen mit einer Koriander-Frucht.
First Publication: 1-11-2012
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