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Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten die amerikanischen Arbeiter in der besten von allen Welten. Auch wer keinen Hochschulabschluss vorweisen konnte, verdiente genug, um sich ein Einfamilienhaus und ein Auto leisten zu können. Weil die Gebühren für Hochschulen sich noch in einem zivilisierten Rahmen hielten, konnte man die Kinder ans College schicken, und weil der Dollar noch bärenstark war, sprengten auch Ferien in Europa das Haushaltsbudget nicht.
In den Achtzigerjahren erfolgte die Vertreibung der amerikanischen Arbeiter aus dem Paradies. Shareholder-Value, Globalisierung und Automatisierung trafen die Blue-Collar-Worker hart, sehr hart sogar. Wer beispielsweise bei Ford, GM oder Chrysler noch 25 Dollar die Stunde verdient hatte, musste sich nun mit einem Drittel davon begnügen, sofern er überhaupt noch einen Job hatte.
Im neoliberalen Umbau der Wirtschaft verschwanden die gut bezahlten Jobs nach Asien oder Lateinamerika. In den USA blieben die lausig bezahlten Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor. Typisch dafür der Spruch, den sich Präsident Bill Clinton in den 90er-Jahren anhören musste. Als er damit prahlte, wie viele Jobs er geschaffen habe, maulte ein Zuhörer: «Sicher, Mr President. Ich habe drei davon.»
Der Ökonom Branko Milanovic hat diese Entwicklung minutiös untersucht. Seinen Befund hat er in der legendären «Elefantenrüssel-Grafik» dargestellt. Sie bestätigt, dass der amerikanische Mittelstand der grosse Verlierer der neoliberalen Wirtschaftsreformen und der Globalisierung ist. Auf der Gewinnerseite stehen der aufstrebende Mittelstand Asiens – und die Superreichen.
In den goldenen Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten Streiks in den USA zum Arbeitsalltag. Die Gewerkschaften waren stark, vor allem in der Autoindustrie. Auch damit hat der Neoliberalismus aufgeräumt. Vor allem in den konservativen Bundesstaaten wurden Gesetze erlassen, die perverserweise den Titel «right to work» tragen, in Wirklichkeit jedoch dazu dienen, die Macht der Gewerkschaften zu brechen.
Sie taten dies sehr erfolgreich. Den Gewerkschaften liefen die Mitglieder davon, ihr Einfluss schmolz wie ein Schneemann in der Frühlingssonne.
Und nun das: Beim Landmaschinenhersteller John Deere sind zehntausende von Arbeitern in den Ausstand getreten. Im Bundesstaat Alabama streiken Kohlen-, in West Virginia Metallarbeiter. In New York bleiben Krankenschwestern der Arbeit fern und bei Kellogg, dem legendären Hersteller von Frühstücksflocken, stehen die Bänder ebenfalls still.
Zwei Gründe sind die Ursache der neuen Streikwelle: Bei John Deere etwa hat der CEO sein ohnehin schon üppiges Gehalt wegen eines glänzenden Geschäftsgangs gerade mal locker um 150 Prozent erhöht. Für den gemeinen Arbeiter hingegen sind bloss ein paar Brosamen abgefallen.
Weil während des Lockdowns der Genuss von Cereals explodierte, mussten die Kellogg-Arbeiter Sonderschicht um Sonderschicht schieben. Zeitweise standen sie bis zu 16 Stunden am Band. Davon haben sie die Schnauze voll.
Für einmal haben Unternehmer und Manager schlechte Karten. Die Streiks sind bei der Bevölkerung populär. Die Kellogg-Streikposten etwa werden von freudig hupenden Autofahrern begrüsst. Umfragen zeigen, dass 68 Prozent der Bevölkerung die Sache der Gewerkschaften unterstützen. Und auch Präsident Joe Biden stellt sich auf die Seite der Streikenden. Der Arbeitersohn aus der Industriestadt Scranton (Bundesstaat Pennsylvania) macht aus seiner Sympathie für die Gewerkschaften keinen Hehl.
Dazu kommt, dass der Arbeitsmarkt gerade im Tieflohnbereich völlig ausgetrocknet ist. Wie auch bei uns werden Lastwagenfahrer verzweifelt gesucht. Hotels und Restaurants müssen teilweise oder ganz schliessen, weil niemand mehr bereit ist, sich für ein paar Dollar und Trinkgeld zwölf Stunden den Rücken krumm zu machen.
Die amerikanischen Arbeitnehmer streiken nicht nur, sie laufen im wahrsten Sinne des Wortes davon. Im August haben 4,3 Millionen Erwerbstätige ihren Job gekündigt. Dank dem Covid-Hilfsprogramm und dem während des Lockdowns gesparten Geld können sie sich dies auch leisten. Warum also soll sich beispielsweise eine alleinerziehende Mutter als Serviceangestellte für einen lausigen Lohn müde schuften, wenn sie das wenige Geld umgehend wieder für die Kita ausgeben muss?
Celine McNicholas vom Economic Policy Institute erklärt daher gegenüber dem «Economist»: «Die Leute sagen derzeit: ‹Dieser Job lohnt sich für mich nicht.› Wenn man ihnen sagt: ‹Seid zufrieden oder haut ab›, dann hauen sie ab.»
Ein paar Streiks allein sind noch nicht die Wende. Allein wegen des Striketobers das Ende des Neoliberalismus zu verkünden, wäre verfrüht. Die Gewerkschaften müssen nach wie vor Rückschläge verkraften. So haben sich die Angestellten eines Amazon-Lagerhauses in Alabama im Frühjahr dagegen ausgesprochen, sich gewerkschaftlich zu organisieren.
Trotzdem hat selbst Jeff Bezos die Zeichen der Zeit erkannt. Er hat den Mindestlohn von 17 auf 18 Dollar pro Stunde erhöht, obwohl landesweit nach wie vor ein Mindestlohn von 7 Dollar vorgeschrieben ist.
Unbestritten jedoch ist, dass die Gewerkschaften erstmals seit langem wieder so etwas wie Verhandlungsmacht haben. Und das ist gut so. Oder wie Liz Shuler, Präsidentin des Gewerkschaftsbundes AFL-CIO, in einer Kolumne in der «Washington Post» schreibt:
Es war ein Schock für Migros-Urgesteine und Dutti-Fans: Am 6. November sprach sich die Delegiertenversammlung dazu aus, auf das Alkoholverkaufsverbot künftig zu verzichten. Doch die Sache ist noch nicht im Trockenen. Nun sind die regionalen Genossenschaften gefordert. Sie müssen bis Ende nächster Woche entscheiden, ob sie bei ihren Mitgliedern eine Urabstimmung durchführen – mit dem Resultat, dass in manchen Kantonen die Migros Alkohol verkaufen könnte, in anderen jedoch nicht.