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Die Verhandlungen multilateraler Abkommen sind langwierig geworden, zunehmend werden regionale Abkommen abgeschlossen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Professor Rolf Weder: Wenn man es aus einer weltwirtschaftlichen Perspektive heraus betrachtet, führen regionale Abkommen zu einer Diskriminierung, die eine Verzerrung zur Folge hat. Es wird der Handel zwischen den beteiligten Ländern zulasten der anderen gefördert. Das ist etwas, was die WTO und ursprünglich das GATT eigentlich genau verhindern wollten. Da es auf multilateraler Ebene stockt, wird über den Abschluss von regionalen Abkommen eine Öffnung im internationalen Handel angestrebt. Zudem erlaubt diese Art von Abkommen, die Liberalisierung gewisser Märkte stärker auf die Bedürfnisse der Mitglieder zuzuschneiden.
Was bedeutet diese Situation für die Rolle der WTO?
Professor Rolf Weder: Die WTO befindet sich zurzeit in Schwierigkeiten, aber gleichzeitig muss man auch sehen, was sie in den letzten 70 Jahren erreicht hat. So konnten bei etwa 160 Mitgliedern die Zölle von durchschnittlich 40 Prozent auf wenige Prozent abgebaut werden. Zu erwähnen ist auch, dass es immer wieder Dispute gibt, weil Länder sich nicht an die Regeln halten. Bei den meisten dieser Fälle gelang es der WTO, sie vernünftig zu lösen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Unterstützung für die WTO in Zukunft wieder grösser wird. Regionale Abkommen greifen nämlich stärker in die Souveränität der Länder ein; hier geht es meist auch um die Harmonisierung von Standards bei Produkten oder in der Produktion. Die Prinzipien der WTO – gegenseitige Öffnung von Märkten, primär beim Handel von Gütern und Dienstleistungen, auf der Basis der gegenseitigen Anerkennung von Produktions- und Produktestandards – sind weniger einschränkend.
«Der internationale Handel führt in Volkswirtschaften zu einer Erhöhung der Produktivität und des Realeinkommens»
Wie wichtig ist der internationale Handel für den Wohlstand der Schweiz?
Professor Rolf Weder: Natürlich sehr wichtig. Das sieht man, wenn man den Exportanteil gewisser Branchen anschaut. Allerdings ist es eine einseitige Sichtweise, wenn man nur den Export ins Zentrum stellt. Wir importieren ja auch nicht wenig. Die interessantere Frage ist eigentlich: Was ermöglicht uns der internationale Handel?
Nämlich?
Professor Rolf Weder: Er ermöglicht uns die Spezialisierung auf das, worin wir gut sind, und alles andere müssen wir nicht mehr selber herstellen. Wir kaufen dies günstig im Ausland ein. Dadurch können wir unsere Produktivität erhöhen, und die Reallöhne steigen. Wir setzen auf diese Weise die knappen Ressourcen wie Arbeit, Kapital und Natur bestmöglich ein. Die Schweiz konzentriert sich auf Hightech-Bereiche, auf qualitativ hochstehende Güter und Dienstleistungen. Dafür ist weltweit eine hohe Zahlungsbereitschaft vorhanden.
Nun haben protektionistische Tendenzen zugenommen. Lassen sich damit wirklich Probleme lösen?
Professor Rolf Weder: Nehmen wir die Landwirtschaft. Wenn wir diese bis zu einem gewissen Grad schützen wollen, weil wir eine genügend hohe lokale Produktion sicherstellen möchten, dann würde der Handelstheoretiker sagen, dass Massnahmen an der Grenze, also Importbeschränkungen, nicht die beste Politik darstellen, weil sie letztlich aus gesamtwirtschaftlicher Sicht teurer zu stehen kommen als Subventionen der inländischen Produktion. Das sieht man vielleicht im ersten Moment nicht. Aber wenn Sie einen Importzoll einführen, müssen die Konsumenten mehr bezahlen, und diese Verzerrung will man eigentlich nicht. Ein weiteres Problem des Protektionismus ist oft, dass es zu einer «Tit-for-Tat- Strategie» kommt. Das schaukelt sich dann hoch, wie wir es aktuell zwischen den USA und China sehen. Da verlieren am Schluss die Konsumenten beider Länder.
Wer profitiert denn nun eigentlich vom Freihandel? Und wer allenfalls nicht?
Professor Rolf Weder: Theoretisch und empirisch belegt ist: Der internationale Handel führt wie bereits erwähnt zu einer Spezialisierung, und in der Folge erhöhen sich die Produktivität und das Realeinkommen in einer Volkswirtschaft. Es profitiert also grundsätzlich jedes Land vom Handel. Eine Umverteilung entsteht aber innerhalb der Länder. Die Spezialisierung hat zur Folge, dass gewisse Branchen expandieren und andere schrumpfen. Das führt notwendigerweise zu Strukturveränderungen in einer Volkswirtschaft. Leute müssen sich beruflich neu orientieren, von einer Branche oder Firma in eine andere wechseln. Es gibt also kurzfristig Anpassungskosten und womöglich langfristige Verlierer. Erfolgen Veränderungen nicht zu schnell, gelingt die Anpassung besser. Die Schweiz macht das sehr gut; sie hat ein gut ausgebautes Sozialversicherungs- und Steuersystem und kann zudem auf eine vielfältige Wirtschaftsstruktur zählen.
Die Globalisierung hat massgeblich zur Reduktion von Armut beigetragen. Trotzdem wird die Kritik an ihr immer lauter. Wie erklären Sie sich das?
Professor Rolf Weder: Der internationale Handel führt auch in Entwicklungsländern zu einer Erhöhung des Wohlstands pro Kopf. Da in diesen Ländern die Spezialisierung aufgrund der relativ grossen Bevölkerung und der deshalb tiefen Löhne eher in Richtung arbeitsintensive Güter geht, profitieren die Ärmeren verhältnismässig stark. Nun kann man allerdings in den USA seit den 80er-Jahren beobachten, dass die tiefqualifizierten Arbeitnehmer relativ zu den hochqualifizierten lohnmässig unter Druck kommen und sich der Strukturwandel hier schwierig gestaltet. Darüber diskutiert die Wissenschaft schon seit einiger Zeit. Der Handel leistet neben dem arbeitssparenden technologischen Fortschritt einen gewissen Beitrag dazu. Dieser ist mit dem Beitritt Chinas zur WTO noch gestiegen.
Im Freihandelsabkommen mit Indonesien gibt es ein Nachhaltigkeitskapitel für das umstrittene Palmöl. Was sagen Sie dazu?
Professor Rolf Weder: Wenn wir sehen, wie Regenwälder abgeholzt werden, die Stabilität des ökologischen Systems gefährdet wird oder Leid bei Mensch und Tier entsteht, kann man zum Schluss kommen, dass wir hier eine Verantwortung haben. Aus handelstheoretischer Sicht ideal ist ein Produktlabel, welches den Kunden informiert, sodass dieser weiss, was er kauft und was damit verbunden ist. Es gibt aber gute Argumente dafür, weiterzugehen und eine Zertifizierung zu vereinbaren, wie das nun beim Freihandelsabkommen mit Indonesien der Fall ist. Zwar wird der Handel dazu führen, dass in Indonesien das Einkommen steigt und in der Folge das Bewusstsein für den Wert der Umwelt wächst, so wie das bei uns auch der Fall war. Aber vielleicht ist es bis dann zu spät.
«Der Schutz der inländischen Produktion über Importbeschränkungen ist aus gesamtwirtschaftlicher Sicht selten der beste Weg.»
Gibt es Entwicklungen und Tendenzen, die den internationalen Handel in Zukunft prägen werden?
Professor Rolf Weder: Ein guter Kollege und Handelstheoretiker hat einmal gesagt: «Countries are countries for a reason.» Es geht auch um Souveränität. Wir müssen akzeptieren, dass die Menschen in den einzelnen Ländern bestimmen wollen, welche Märkte wie stark und in welcher Form geöffnet werden sollen. Sie haben das Bedürfnis, in gewissen Bereichen länderspezifische Standards zu setzen. Begegnet man diesen Anliegen offen, dürfte die internationale Arbeitsteilung und damit der Handel weiter unterstützt werden. Dies bedingt allerdings auch eine Reform der WTO sowie regionaler Abkommen.
Rolf Weder ist Professor für Aussenwirtschaft und Europäische Integration an der Universität Basel. Seine Lehr- und Forschungstätigkeit konzentriert sich auf die Auswirkungen der zunehmenden Integration von Güter-, Dienstleistungsund Faktormärkten sowohl auf globaler als auch regionaler Ebene. Ein weiteres Interesse gilt der Beziehung der Schweiz und der EU, dem Spannungsverhältnis zwischen Multilateralismus und Regionalismus und dem Thema Handel und Umwelt.