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Briefe aus der Schweiz vor 100 Jahren
Von Felix Mendelssohn Bartholdg 1 ).
Lauterbrunnen, den 13. August 1831.
Ich komme eben von einem Spaziergange, gegen den Schmadri Bach und das Breithorn zu, her. Alles was man sich von der Grosse und dem Schwünge der Berge denkt, ist niedrig gegen die Natur. Dass Goethe aus der Schweiz nichts anderes zu schreiben gewusst hat als ein Paar schwache Gedichte, und die noch schwächeren Briefe, ist mir ebenso unbegreiflich wie x ) Anmerkung: Diese Briefe sind dem Buche « Reisebriefe von Felix Mendelssohn Bartholdg aus den Jahren 1830 und 1832 » entnommen, das 1863 in fünfter vermehrter Auflage von seinem Bruder Paul Mendelssohn Bartholdy herausgegeben wurde. Sie sind an seine Schwestern Fanny und Rebekka gerichtet, geben vom « Wesen und Sein » des damals 22jährigen Musikers eine gute Vorstellung und sind zugleich ein hübsches Dokument, mit wie verschiedenen Augen man damals schon durch die Alpen wanderte. Die Zeichnung oben ist von Mendelssohn selbst und zeigt den Blick von seinem Fenster im Quartier zu Unterseen.
Mendelssohn hatte 1829 seine erste selbständige Reise nach England zurückgelegt, ging 1830 von Berlin nach Italien, kam Ende Juli 1831 nach Chamonix, machte einen Spaziergang auf den Montanvert und das Mer de Glace und erledigte die Tour du Mont Blanc. Dann zog er anfangs August an den Genfersee und wanderte von Vevey über den Gol de Jaman nach Château-d'Oex, wobei ihn das Waadtland gar sehr entzückte. « Von allen Ländern, die ich kenne, ist dies das schönste und das, wo ich am liebsten leben möchte, wenn ich recht alt würde, » schreibt er. Bei sich verschlimmerndem Wetter erreichte er über Saanen das Simmental, geriet in schauerliche Regenfluten, die aber seinen Humor nicht zerstörten, und gelangte am 9. August 1831 nach Unterseen. Von da wanderte er ins Lauterbrunnental, auf die Wengernalp, nach Grindelwald, auf das Faulhorn, über die Grosse Scheidegg, Grimsel, Furka, zog das Reusstal hinab, fuhr bei Regen über den Vierwaldstättersee, ging nach Samen, über den Brünig ins Haslital, über den Jochpass nach Engelberg, wo er am Sonntag in der Klosterkirche Orgel spielte. Am 27. August ist er in Luzern unten, am 30. auf dem Rigikulm und andern Tages in Schwyz. Es war ein « Regen-und Sturmjahr ». Am 2. September beginnt er launig seinen Brief von Wallenstadt:
vieles andere in der Welt. Der Weg hierher war wieder einmal toll. Wo vor sechs Tagen die schönste Fahrstrasse war, ist jetzt ein wüstes Felsengewirr, ungeheure Blöcke in Menge, kleines Geröll, Sand, keine Spur menschlicher Arbeit mehr zu sehen. Die Wasser sind zwar ganz gefallen, aber sie können sich noch immer nicht beruhigen; man hört von Zeit zu Zeit, wie die Steine darin durcheinander geworfen werden; auch die Wasserfälle rollen mitten im weissen Staub schwarze Steine herunter in 's Thal. Mein Führer zeigte mir ein zierliches neues Haus, das mitten im wilden Bach stand; es gehöre seinem Schwager, sagte er, und umher sei eine schöne Wiese gewesen, die sehr viel eingebracht habe; der Mann habe das Haus in der Nacht verlassen müssen, die Wiese sei für ewige Zeiten verschwunden, und Kiesel und Steine an ihrer Stelle; « er ist nie reich gewesen, aber nun ist er arm geworden », beschloss er die ernsthafte Geschichte. Sonderbar ist 's, dass mitten in dieser entsetzlichen Verwüstung ( die Lütschine hat die Breite des ganzen Thals eingenommen ), mitten unter den sumpfigen Wiesen, und den Steinblöcken, wo keine Idee einer Strasse mehr ist, dass da ein Char-à-banc steht, und wahrscheinlich für 's erste auch stehen bleibt. Die Leute wollten gerade während des Sturms durchfahren; da kam das Wetter, sie mussten Wagen und alles im Stich lassen, und der steht nun da, und wartet. Es war mir ordentlich graulich, wie wir an die Stelle kamen, wo das ganze Thal, mit Strasse und Dämmen, ein weites Steinmeer ist, und wie mein Führer, der vorausging, immer leise für sich sagte: «'sisch furchtbar ». Mitten im Bach hat das Wasser ein Paar grosse Baumstämme angeschleppt, in die Höhe gerichtet, und augenblicklich ein Paar Felsen so dagegen geworfen, und sie so eingekeilt, dass die kahlen Bäume mitten im Flussbett halb aufrecht stehen. Ich würde nicht aufhören können, wenn ich Euch alle Formen der Verheerung erzählen wollte, die man von Unterseen bis hier sieht. Aber die Schönheit des Thals hat dabei einen grössern Eindruck auf mich gemacht, als ich sagen kann; es ist unendlich Schade, dass Ihr damals nicht tiefer hinein, als bis zum Staubbach gegangen seid; von da fängt eigentlich das Lauterbrunnerthal erst an; der schwarze Mönch, mit allen Schneebergen dahinter, wird immer gewaltiger, mächtiger; von allen Seiten kommen helle Staubwasserfälle in 's Thal; den Schneebergen und Gletschern im Hintergrunde nähert man sich immer mehr durch die Tannenwälder, und die Eichen und Ahornbäume; die feuchten Wiesen waren mit einer Unzahl bunter Blumen bedeckt, Einblatt, wilde Scabiosen, Glockenblumen, und so viele andere; auf der Seite warf die Lütschine ihre « Motto, von dem ersoffenen Kupferschmied Und wer das neue Lied nicht kann, der fängt das alte von vorne an. a Auch in Sargans war es nicht besser, « alle Höhen sind dick beschneit ». Bei Sturm und katastrophalem Unwetter kämpfte er sich das Rheintal hinab nach Altstätten und ging am gleichen Tage nach Trogen im Appenzellerland und, da hier im Wirtshaus die Leute « grob und ungezogen » waren, durch Schlamm und Regen nach St. Gallen. Am 5. September verliess er die Schweiz « in einer Fähre über den wilden grauen Rhein oberhalb Rheineck ».
Felix Mendelssohn war in jenem Sommer ein unentwegter Wanderer von Gottes Gnaden, für alle Natureindrücke voll empfänglich und dankbar. Unterwegs zeichnete er, sang, komponierte, spielte Orgel, schrieb prächtige Briefe. Natur und Kunst durchdrangen und bedingten sich gegenseitig in ihm.E. J.
Phot E. Eugster, Brls Vistel, Grengiols Stall aus Mörtelmauerwerk, hinten in den Hang hineingebaut mit aufgese¾ter Holzscheune, gute Bauart. Rechts: Stall und Scheune aus Holz, ohne Fundament, schlechte Bauart Birgisch Durch Wildschneelawine vom 21. Februar angerichtete Sdiäden. Links Stall mit Mörtelmauern von 70 cm Dicke total zerstört und Vieh getötet. Darunter Stall aus Stein in den Hang hineingebaut. Die aufgese¾te Sdieune wurde zertrümmert, Stall und Vieh blieben erhalten Incavo-Tiefdruck Brunner & Cie. A.G. Zürich Blöcke über einander, und hatte Felsen gebracht, wie mein Führer sagte, « grösser wie ein Ofen »; dann die geschnitzten braunen Häuser, die Hecken — es ist über Alles schönLeider konnten wir nicht zum Schmadri Bach gelangen, da Brücken, Wege und Stege fort sind; doch werde ich den Spaziergang nie vergessen; ich habe versucht, den Mönch zu zeichnen, aber wo will man mit dem kleinen Bleistift hin? Hegel sagt zwar, jeder menschliche Gedanke sei erhabener, als die ganze Natur, aber hier finde ich das unbescheiden. Der Satz ist sehr schön, nur verwünscht paradox; ich werde mich einstweilen an die ganze Natur halten: man fährt viel sicherer dabei.
Die Lage des Wirthshauses hier kennt Ihr, und wenn Ihr Euch nicht mehr darauf besinnen könnt, so nehmt mein ehemaliges Schweizerzeichenbuch; darin habe ich es verzeichnet ( in jedem Sinn ), und einen Fussweg vorne hinein erfunden, über den ich heut noch in Gedanken sehr viel gelacht habe. Aus demselben Fenster sehe ich jetzt eben, und gucke mir die finstern Berge an; denn es ist Abend, und spät, nämlich 3/4 auf Acht, und ich habe eine Idee, die ist erhabener, als die ganze Natur: ich will zu Bett gehen. Also sag'ich gute Nacht, Ihr Lieben!
Den 14ten Morgens 10 Uhr. In der Sennhütte auf der Wengernalp, im himmlischen Wetter nur meinen GrussGrindelwald Abends. Mehr konnte ich Euch heute früh nicht schreiben; es fiel mir schwer, von der Jungfrau wegzugehen. Welch ein Tag war aber heute für mich! Seit wir zusammen hier waren, habe ich mir immer gewünscht, einmal wieder die kleine Scheideck zu sehen. So wachte ich heute früh fast furchtsam auf; es konnte so vieles dazwischen kommen: schlechtes Wetter, Wolken, Regen, Nebel. Aber nichts von alledem kam. Es war ein Tag, als sei er nur dazu gemacht, dass ich über die Wengernalp gehen sollte; der Himmel mit weissen Wolken bezogen, die hoch über den höchsten Schneespitzen schwebten; unter keinem Berge ein Nebel, und alle Spitzen so glänzend in der Luft, jede Biegung und jede Wand so hell deutlich — was soll ich es beschreiben? Die Wengernalp kennt Ihr ja; nur sahen wir sie damals bei schlechtem Wetter; heute waren aber alle Berge im Feierkleid; nichts fehlte, von den donnernden Lawinen bis zu dem Sonntag, und den geputzten Leuten, die in die Kirche hinab stiegen,heut wie damals. Mir waren die Berge nur wie grosse Zacken in der Erinnerung geblieben; die Höhe hatte mich damals zu sehr ergriffen. Heute fiel mir besonders diese unermessliche Breite, die dicken, weiten Massen, der Zusammenhang all' dieser ungeheuren Thürme, wie sie sich an einander schliessen, und einander die Hände reichen, auf 's Herz. Dazu denkt Euch nun alle Gletscher, alle Schneefelder, alle Felsspitzen blendend hell erleuchtet, und glänzend, dann die fernen Gipfel auf anderen Ketten, die hinüberlangen und hereingucken — ich glaube, so sehen die Gedanken des lieben Herrgott aus. Wer ihn nicht kennt, der kann ihn und seine Natur hier sehr deutlich vor Augen sehen. Und zu alledem die liebe frische Luft, die Einen erquickt, wenn man müde, und abkühlt, wenn man heiss ist; und die vielen Quellen. Über's Quellenwesen schreibe ich Euch noch einmal eine besondere Abhandlung; aber heut ist nicht Zeit dazu, denn ich habe noch etwas ganz Apartes zu berichten. Nun, sagt Ihr, er wird hinunter- gegangen sein, und die Schweiz wieder einmal schön gefunden haben. Nein, so ist es nicht, sondern als ich auf den Sennhütten ankam, da hiess es, hoch auf den Alpen, auf einer Wiese, sei heut ein grosses Fest, und von Zeit zu Zeit sah man auch in der Ferne Leute hinaufsteigen. Müde war ich gar nicht; ein Alpenfest ist nicht alle Tage zu sehen; das Wetter sagte ja; der Führer hatte grosse Lust; « gehn wir also nach Itramen! » sagte ich. Der alte Senner ging voraus, und so mussten wir wieder tüchtig an 's Klettern; denn Itramen ist noch über tausend Fuss höher, als die kleine Scheideck. Der Senner war ein barbarischer Kerl; er lief immer voraus, wie eine Katze; bald jammerte ihn mein Führer, und er nahm ihm Bündel und Mantel ab; das trug er, und lief immer voraus damit, dass wir ihn nicht einholen konnten. Der Weg war entsetzlich steil; er lobte ihn aber, weil er sonst einen näheren, steileren gehe; gegen 60 Jahre war er alt, und wenn mein junger Führer, und ich, mit Mühe auf einen Hügel hinauf waren, so sahen wir ihn immer schon hinter dem zweiten hinuntergehn. Jetzt gingen wir zwei Stunden, durch den mühsamsten Weg, den ich je gemacht habe, hoch hinauf, dann wieder ganz hinunter, über Steingerölle, und Bäche und Gräben, durch ein Paar Schneefelder, in der grössten Einsamkeit, ohne Fussweg, ohne eine Spur von Menschenhänden; zuweilen hörte man noch die Lawinen von der Jungfrau; sonst war es still; an Bäume nicht mehr zu denken.
Als nun die Stille und Einsamkeit immer gedauert hatte, und wir wieder über einen kleinen Grashügel geklettert waren, sahen wir auf einmal viele, viele Menschen im Kreise stehen, sprechend, lachend, rufend. Alle waren in der bunten Tracht, mit Blumen auf den Hüten; viele Mädchen; ein Paar Schenktische mit Weinfässern, und umher die grosse Stille, und die furchtbaren Berge. Sonderbar war es: als ich so kletterte, dachte ich an gar nichts als an die Felsen und Steine, und den Schnee, und den Weg; aber in dem Augenblick, als ich die Menschen da sah, war alles das vergessen, und ich dachte nur an die Menschen, und ihre Spiele, und ihr lustiges Fest. Da war es denn nun prächtig; auf einer grossen grünen Wiese, weit über den Wolken, war der Schauplatz; gegenüber die himmelhohen Schneeberge, namentlich der Dom des grossen Eiger, das Schreckhorn, und die Wetterhörner, und alle andern bis zur Blümlisalp; in nebeliger Tiefe, ganz klein, lag das Lauter-brunnerthal und unser gestriger Weg vor uns, mit all den kleinen Wasserfällen wie Fäden, den Häusern wie Punkten, den Bäumen wie Gras. Ganz hinten kam aus dem Dunst auch der Thuner See zuweilen vor. Da wurde nun geschwungen, gesungen, gezecht, gelacht, lauter gesunde, tüchtige Leute. Ich sah mit grosser Freude dem Schwingen zu, das ich noch nie gesehen hatte; dann bewirtheten die Mädchen die Männer mit Kirschwasser und Schnaps; die Flaschen gingen aus Hand in Hand, und ich trank mit; dann beschenkte ich drei kleine Kinder mit Kuchen, der sie glücklich machte; dann sang mir ein alter, sehr betrunkener Bauer einige Lieder vor; dann sangen sie alle; dann gab sogar auch mein Führer ein modernes Lied zum Besten; dann prügelten sich zwei kleine Jungen. Mir gefiel alles auf der Alp. Bis gegen Abend blieb ich droben liegen, und that als ob ich zu Hause wäre. Dann sprangen wir schnell in die Matten hinunter, sahen bald das wohlbekannte Wirtshaus mit den Fenstern, die in der Abendsonne glänzten; es kam ein frischer Gletscherwind, der machte uns kühl; jetzt ist es schon spät; man hört noch von Zeit zu Zeit Lawinen, das war mein heutiger Sonntag. Wohl war es ein Fest!
Auf dem Faulhorn, den 15. August.
Hu, wie mich friert! Es schneit draussen mit Macht, stürmt und wüthet. Wir sind über 8000 Fuss über dem Meere, mussten weit über den Schnee weg, und da sitze ich nun. Sehen kann man gar nichts; das Wetter war fürchterlich heut den ganzen Tag. Wenn ich daran denke, wie heiter es gestern war, und wie ich mir wünsche dass es morgen wieder schön sein möge, so ist es eigentlich mit dem ganzen Leben: es schwebt so zwischen wünschen und zurückwünschen. Der gestrige Tag liegt schon wieder so weit, so erlebt hinter mir, als kennte ich ihn nur aus alter Erinnerung, und sei fast nicht dabei gewesen; denn wie wir heut mit Regensturm und Nebel 5 Stunden lang kämpfen mussten, im Schlamme stecken, nichts als graue Dünste vor uns sahen, da konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass es jemals schön Wetter werden, oder gewesen sein könne, und dass ich mich je in dies nasse sumpfige Gras hingelagert habe. Dazu ist alles hier so winterlich; geheizte Stube, dicker Schnee, Mäntel, frierende, frostige Leuteich bin im höchsten Wirtshaus in Europa, und wie in St. Peter auf alle Kirchen, und auf dem Simplon auf alle Strassen, so sehe ich von hier auf alle Wirthshäuser hinab. Aber nicht bildlich, denn es ist wenig mehr an dem Ding, als zwei Bretterstuben. Never mind; wir wollen zu Bett gehen, und ich will meinen Hauch nicht länger betrachten. Gute Nacht. Tom friert.
Hospithal, den 18. August.
Mein Tagebuch hat ein Paar Tage lang liegen bleiben müssen, weil ich Abends zu nichts anderem Zeit hatte, als meine Kleider und mich am Feuer zu trocknen und zu wärmen, sehr zu schlafen, über 's Wetter zu seufzen, wie der Ofen, hinter dem ich steckte, und weil ich Euch mit den ewigen Wiederholungen, wie tief ich im Schlamm gesteckt, wie unaufhörlich es geregnet, und dergleichen, nicht ermüden wollte. Wirklich habe ich in den Tagen die schönsten Gegenden durchreis't, und nichts gesehen als trüben Nebel, und Wasser, am Himmel, vom Himmel, und auf der Erde. Die Stellen, auf die ich mich längst gewünscht, gingen an mir vorüber, ohne dass ich sie geniessen konnte; das machte mich nicht schreibelustig, da ich wirklich gegen das Wetter zu kämpfen hatte, und wenn es so fortgeht, so schreibe ich auch nur von Zeit zu Zeit, da eben nichts zu sagen ist als « grauer Himmel, Nebel und Regen ». Ich war auf dem Faulhorn, auf der grossen Scheideck, im Grimselspital, bin heute über Grimsel und Furka gekommen, und was ich am meisten gesehen habe, sind die schäbigen Ecken meines Regenschirms, die grossen Berge fast gar nicht. Einmal kam heute das Finsteraarhorn heraus, aber es sah so böse aus, als wollte es Einen fressen. Und doch, wenn eine halbe Stunde ohne Regen war, so war es gar zu schön. Die Fussreise durch dies Land ist wirklich, selbst bei ungünstigem Wetter, das reizendste, was man sich nur denken kann; bei heiterm Himmel muss es vor Vergnügen gar nicht auszuhalten sein. Drum darf ich mich auch nicht über 's Wetter beklagen, denn es giebt doch Freude vollauf; nur an den vorigen Tagen war man wie Tantalus; auf der Scheideck kam aus den Wolken zuweilen der Anfang des Wetterhorns vor; dieser Anfang allein war schon gewaltig, und erhaben über alles, aber mehr als den Fuss habe ich nicht gesehen. Auf dem Faulhorn habe ich nicht fünfzig Schritte weit die Gegenstände unterscheiden können, obwohl ich bis Morgens um Zehn da blieb. Wir mussten bei heftigem Schneewetter hinunter auf die Scheideck, durch einen sehr nassen beschwerlichen Weg, den der unaufhörliche Regen noch mühsamer machte. Im Grimselspital langten wir wieder in Regen und Sturm an; heute wollte ich auf 's Sidelhorn, musste es aber des Nebels wegen unterlassen; die Mayenwand war eingehüllt in graue Wolken, und nur auf der Furka guckte das Finsteraarhorn einmal vor. Dafür kamen wir hier wieder in grässlichem Regen und tiefem Wasser an. Das thut aber alles nichts. Mein Führer ist ein netter Kerl; ist es nass, so singen und jodeln wir; ist es trocken, so ist es desto besser, und obwohl die Hauptsachen verfehlt waren, so gab es doch genug zu sehen. Ich schliesse diesmal ganz besondere Freundschaft mit den Gletschern; das sind wirklich die gewaltigsten Ungethüme, die man sehen kann. Wie das alles durcheinander geworfen ist: hier eine Reihe Spitzen, dort eine Menge Büchsen, oben Thürme und Mauren, dazwischen Höhlen und Ritzen nach allen Seiten, und das alles von diesem wunderbar reinen Eis, das keine Erde duldet; das alle Steine, Sand, Kiesel, die die Berge herunterwerfen, gleich wieder auf die Oberfläche treibtdann die herrliche Farbe, wenn die Sonne darauf scheint, und das unheimliche Vorrückensie sind zuweilen l½ Fuss des Tages vorwärts gegangen, sodass den Leuten im Dorfe Angst und Bange wurde, wie der Gletscher so ruhig ankam, und so unwiderstehlich, denn er drückt dann Steine und Felsen entzwei, wenn sie ihm im Wege liegendann ihr böses Krachen und Donnern, und das Rauschen von allen Quellen darin und rings umher — es sind prächtige Wunder. Ich war im Rosenlaui-Gletscher, der gerade eine Art Höhle bildet, durch die man kriechen kann; da ist alles wie von Smaragden gebaut, nur durchsichtiger. Über sich, um sich in allen Stellen, sieht man zwischen dem klaren Eis die Bäche umherrinnen; mitten im engen Gange hat das Eis ein grosses rundes Fenster gelassen, durch das man nun in 's Thal hinuntersieht; dann geht man durch einen Bogen von Eis wieder heraus, und hoch darüber stehen immer die schwarzen Hörner, von denen herab sich die Massen in den kühnsten Schwingungen wälzen. Der Rhonegletscher ist der gewaltigste den ich kenne, und die Sonne schien gerade heut früh, als wir daran vorbeikamen. Da kann man denn seine Gedanken dabei haben; und dann sieht man doch auch hie und da mal ein Felshorn, ein Paar Schneefelder, Wasserfälle und Brücken darüber, wilde Steinstürze; kurz, wenn man in der Schweiz wenig sieht, so ist es doch immer noch mehr, als in den andern Ländern. Ich zeichne sehr fleissig, und denke Fortschritte darin gemacht zu haben; sogar die Jungfrau habe ich zu zeichnen versucht; man kann sich doch daran erinnern, und sich wenigstens denken, dass man diese Striche gerade dort gemacht hat. Wenn ich aber die Leute sehe, wie sie durch die Schweiz laufen, und daran eben so wenig Besonderes finden, wie in allem andern, ausser an sich; wie sie so gar nicht gerührt, so gar nicht durchgeschüttelt sind; wie sie sogar den Bergen gegenüber kalt und philiströs bleiben — ich möchte sie manchmal prügeln. Hier sitzen zwei Engländer neben mir, und eine Engländerin oben auf dem Ofen, die sind hölzerner als Stöcke. Ich reise nun ein Paar Tage denselben Weg mit ihnen, und wenn das Volk doch ein anderes Wort gesprochen hätte, als geschimpft, dass es weder auf der Grimsel, noch hier Camine gebe; dass hier Berge sind, haben sie nie erwähnt, sondern ihr ganzes Reisen besteht in Schelten auf den Führer, der sie auslacht, Zanken mit den Wirthen, und Gähnen miteinander. Es ist ihnen alles um sie herum alltäglich, weil es in ihnen alltäglich aussieht; daher sind sie in der Schweiz nicht glücklicher, als sie in Bernau sein würden. Ich bleibe dabei: das Glück ist relativ. Ein Anderer würde seinem Gott danken, dass er Alles das sehen kann. Und so will ich denn der Andere sein!