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Sie singe heute am Lincoln Memorial, weil kein Auditorium gross genug für ihr riesiges Publikum sei, so lautete die Ansage eines NBC-Moderators, bevor die Sängerin in einem schweren Pelzmantel vor die Mikrofone trat. Doch dies war nur die halbe Wahrheit: Die Präsidentengattin Eleanor Roosevelt hatte diesen Auftritt im Frühling 1939 organisiert, nachdem die konservative Frauenvereinigung Daughters of the American Revolution der Sängerin einen Auftritt in der Constitution Hall in Washington aus rassistischen Gründen verweigert hatte. Zudem trat Roosevelt mit Protest aus der Organisation aus. Beim Auftritt vor dem Lincoln Memorial verfolgten rund 75 000 Zuhörer:innen vor Ort und über eine Million am Radio, wie die Sängerin mit ihrer warmen Kontra-Alt-Stimme das patriotische Lied «My Country, ’Tis of Thee» sang.
Die Gesuchte kam 1897 in Philadelphia zur Welt und machte ihre ersten Gesangserfahrungen in einem baptistischen Kirchenchor. Mit siebzehn Jahren bekam sie Gesangsunterricht, 1925 gewann sie einen Gesangswettbewerb unter 300 Sänger:innen und durfte mit dem New York Philharmonic Orchestra auftreten. Mitte der dreissiger Jahre war sie ein international gefeierter Superstar, sie reiste nach Europa, lernte Deutsch, gab in einem Jahr 108 Konzerte und trat vor Königshäusern auf. In ihren Konzerten kombinierte sie klassische Lieder von Joseph Haydn, Georg Friedrich Händel und Franz Schubert mit Spirituals. Sowohl in Europa wie auch in den USA wurde sie immer wieder rassistisch angefeindet. Der Dirigent Bruno Walter soll Morddrohungen bekommen haben, weil er ihr 1936 eine Solopartie in Johannes Brahms’ «Alt-Rhapsodie» übertrug.
In den USA wurde sie nach ihrem Auftritt vor dem Lincoln Memorial zu einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung. Als fast Sechzigjährige feierte sie 1955 ihre Premiere in einer Oper – ein Kindheitstraum – und war gleichzeitig die erste Schwarze Sängerin auf der Bühne der Metropolitan Opera. 1957 trat sie bei Dwight D. Eisenhowers zweiter Inauguration auf und 1961 bei John F. Kennedys Amtseinführung. 1963 sang sie beim Marsch auf Washington «He’s Got the Whole World in His Hands», 1965 beendete sie ihre Karriere und zog sich auf ihr Landgut zurück.
Wer ist die 1993 verstorbene Sängerin, die zwanzig Ehrendoktortitel hatte und von der gesagt wurde, sie habe eine Stimme, wie es sie nur einmal in hundert Jahren gebe?
Wir fragten nach der Sängerin Marian Anderson. Da ihre Familie kein Geld für Gesangsstunden hatte, zahlte ihr diese die Kirche. Der Sänger Giuseppe Boghetti gab ihr kostenlosen Unterricht und war sein Leben lang ihr Förderer. 1936 war sie die erste Schwarze Künstlerin, die im Weissen Haus auftrat. 1956 erschien ihre Autobiografie, «My Lord, What a Morning». Soeben ist bei Sony Classical die 15-CD-Box «Marian Anderson – Beyond the Music» erschienen.