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Arnold Bohren (1875-1957) war in den 1930er- und 40er-Jahren Direktor der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt und ein einflussreicher Sozialversicherungsexperte.
Bohren stammte aus einer Berner Oberländer Familie und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Nach einer Ausbildung als Lehrer studierte er Mathematik und Physik an den Universitäten Bern, Zürich und Paris. Nach dem Studium arbeitete er als Dozent am Lehrerseminar in Bern und verfolgte parallel eine wissenschaftliche und politische Karriere. Er gehörte 1905 zu den Gründungsmitgliedern der Vereinigung schweizerischer Versicherungsmathematiker. 1908 habilitierte er sich an der Universität Bern im Fach Versicherungsmathematik, im Umfeld von Christian Moser. Zugleich wurde er als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei in den Gemeinderat der Stadt Bern gewählt.
1918 trat Bohren eine Stelle als Subdirektor in der neu gegründeten Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) an. Er lehrte weiter am Institut für mathematische und statistische Versicherungswissenschaft der Universität Bern, die ihm 1919 den Professorentitel verlieh. Bohrens Karriere in der Suva kulminierte 1936 in der Wahl zum Direktor der Anstalt, als Nachfolger des Gründungsdirektors Alfred Tzaut. Bohren stand der Suva in der schwierigen Zeit nach der Weltwirtschaftskrise und während des Zweiten Weltkriegs vor, als die Anstalt nicht nur mit hohen Unfallraten konfrontiert war, sondern sowohl unter der Arbeiterschaft wie den Arbeitgebern wegen ihrer Sparpolitik und der zurückhaltenden Leistungsvergabe oft auf Misstrauen stiess. Bohren war der erste einer Reihe von Sozialdemokraten auf dem Posten des Suva-Direktors. Die Anstalt versuchte mit dieser Personalpolitik, die Vertrauenskrise zwischen Suva und Arbeiterschaft zu überwinden. Bohren setzte sich als Suva-Direktor unter anderem für den Ausbau der Unfallverhütung ein, einem Aufgabenfeld der Suva, in dem die Anstalt bislang eine eher zurückhaltende, arbeitgeberfreundliche Politik verfolgte. Diese Bestrebungen wurden allerdings durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs unterminiert, weil durch die Mobilmachung ein Grossteil des Personals der Unfallverhütungsabteilung rekrutiert wurde und die Suva ihre Präventionsaktivitäten weitgehend einstellte. Bohren trat altersbedingt 1942 von seinem Amt zurück.
Nach seiner Tätigkeit für die Suva war Bohren ein gefragter Experte in versicherungsmathematischen und sozialpolitischen Fragen. Ende 1942 wurde in Grossbritannien der Beveridge-Plan veröffentlicht. Der Bericht forderte, die zersplitterten britischen Sozialstaatseinrichtungen in ein einheitliches, zentralistisches System zu integrieren. Ziel war ein umfassender Versicherungsschutz mit minimal existenzsichernden Grundleistungen für die gesamte Bevölkerung. Anfang 1943 erreichte diese Debatte auch die Schweiz. Der zuständige Bundesrat, Walther Stampfli, der sich für den Aufbau einer staatlichen Altersvorsorge engagierte, beauftragte das Bundesamt für Sozialversicherung zu überprüfen, wie weit der Beveridge-Plan auf die Schweiz übertragbar war. Das Bundesamt wiederum bat Arnold Bohren, diese Frage in einer Expertise zu beantworten. Der Bohren-Bericht, den der Autor bereits im Mai 1943 vorgelegt hatte, kam zu einem negativen Schluss. Ein Sozialstaatsmodell nach Beveridge wurde als zu etatistisch abgelehnt, unter anderem auch, weil es die für die Schweiz bedeutenden privaten Sozialstaatsakteure konkurrenziert und den föderalistischen Traditionen des schweizerischen Sozialstaates widersprochen hätte. Der Bohren-Bericht beendete in der Schweiz jegliche Pläne für umfassende Sozialstaatsreformen, wie sie nach Kriegsende etwa in Grossbritannien, Frankreich und anderen europäischen Staaten unternommen wurden.
Literatur / Bibliographie / Bibliografia / References: Lengwiler, Martin (2006), Risikopolitik im Sozialstaat. Die schweizerische Unfallversicherung 1870-1970, Köln. HLS / DHS / DSS: Bohren, Arnold.
(12/2014)