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Ich würde aber nicht seufzen
Schülerinnen und Schüler einer 8. Klasse beurteilen drei Rezitationen der Ballade «Der Zauberlehrling» und klären damit ihre eigene Interpretation des Gedichts. Ein Besuch bei Esther Feller in Uetendorf. Von Therese Grossmann.
«Lasst innere Bilder entstehen, wenn ihr die Ballade ‹Der Zauberlehrling› still für euch lest», leitet Esther Feller den Leseauftrag ein. «Macht euch Bilder zum Zauberlehrling, zum Meister und zur gesamten Atmosphäre, und haltet diese dann in Stichworten fest.» Im anschliessenden Gespräch über die Vorstellungen, die beim Lesen entstanden sind, werden dem Zauberlehrling Eigenschaften wie «hilflos, aufgelöst, nicht raffiniert, verzweifelt, ungeduldig» zugeordnet. Ein Knabe beschreibt den Zauberlehrling als vorwitzig und experimentierfreudig. Die meisten Schülerinnen und Schüler stellen sich den Zauberlehrling eher klein und dünn vor, nur vereinzelte Aussagen gibt es hingegen zur Kleidung. Für den Zauberer sind prägnantere Vorstellungen zum Aussehen entstanden, die wohl auch aus Filmen und Fantasy-Büchern einfliessen, zum Beispiel: «Der Zauberer ist gross, hat breite Schultern, lange Haare und einen spitzen Bart. Er trägt einen weiten, blauen Mantel und einen dreieckigen Hut»; ein Mädchen sieht ihn sogar mit einer Ratte auf der Schulter. Ein Knabe meint: «Der Meister ist so mächtig und streng, der muss eine laute Stimme haben – wie eine richtige Autoritätsperson, die viel weiss und klug ist.»
Die Schülerinnen und Schüler hören sich nun drei Rezitationen 1 des Zauberlehrlings an: Die erste Version stammt von Lutz Görner, er gestaltet die Ballade mit Geräuschen, man hört zum Beispiel schlurfende Schritte und das anschwellende Rauschen des Wassers. Auch die zweite Version stammt von Lutz Görner, es ist ein Live-Mitschnitt einer parodistischen Aufführung, deshalb hört man das Publikum lachen. Die dritte Version stammt von Gert Westphal, er gestaltet die Ballade emotionsgeladen, ausschliesslich mit der Stimme. Die Schülerinnen und Schüler haben den Auftrag, nach jeder Version ihr Hörerlebnis festzuhalten. Dabei werden sie durch eine Tabelle angeleitet, die für jede Version Kriterien zur Figurendarstellung, zur Gestaltung des Zauberspruchs und zur Art der Inszenierung enthält, zum Beispiel zum Sprechtempo und zum Einsatz von Lauten wie Seufzern bzw. von anderen Geräuschen. Mithilfe der Tabelle entscheiden die Schülerinnen und Schüler, welche Version ihren Vorstellungen am besten entspricht und begründen ihren Entscheid.
Die Geräusche betonen das Magische. Es hat mir auch entsprochen, dass der Zauberlehrling so schnell spricht, als er Angst bekommt.
In einem Gruppengespräch stellen die Schülerinnen und Schüler einander ihre Bewertungen der Versionen vor und überlegen sich anschliessend, wie sie selbst die Ballade gestalten würden. «Mir hat die Version 1 am besten gefallen», erklärt ein Mädchen, «die Geräusche betonen das Magische. Es hat mir auch entsprochen, dass der Zauberlehrling so schnell spricht, als er Angst bekommt.» Die anderen Gruppenmitglieder teilen die Meinung des Mädchens, dass man sich die Szenen und die Atmosphäre dank der Geräusche besser vorstellen kann. Sie würden eine eigene Rezitation auch mit Geräuschen gestalten, aber nicht mit Musik untermalen. Ein Knabe tritt für die parodistische Version 2 ein: «Ich habe mir den Zauberlehrling am Anfang recht selbstsicher vorgestellt. Dass er nun übertrieben selbstsicher dargestellt wird, fast ein wenig überheblich, entspricht mir, es ist irgendwie witzig und schräg.» Mit dieser Meinung bleibt der Knabe allein in der Gruppe, die andern können mit einer parodistischen Interpretation nichts anfangen, da sie keine Verfremdung ihrer Vorstellungen möchten. Ein Mädchen stört sich zum Beispiel daran, dass der Zauberer am Schluss wie angetrunken daherkommt und lallend spricht. «Das kann und will ich mir nicht so vorstellen, darum finde ich diese Version schlecht!» Dass die parodistische Version wenig Akzeptanz findet, zeigt sich auch im Auswertungsgespräch in der Klasse: Nur drei von 22 Schülerinnen und Schülern haben die Version 2 gewählt. Die andern bevorzugen je etwa zur Hälfte die Gestaltung mit Geräuschen und die Gestaltung mit der eigenen Stimme. Ein Knabe begründet seine Wahl: «Der Schauspieler hat mit seiner Stimme variiert, er hat auch Sprechpausen gemacht. Als der Zauberlehrling immer aufgeregter wurde, hat er mit einer hohen Stimme und sehr schnell gesprochen. Am Schluss, als der Meister zurückkehrte, war die Stimme ganz tief und langsam. Da konnte ich mir richtig gut vorstellen, wie der Zauberer müde und träge ins Zimmer kam.» Mit der Frage «Wie würdet ihr selbst die Ballade rezitieren?», lenkt Esther Feller das Gespräch auf eigene Gestaltungsideen. «Auf jeden Fall mit Geräuschen!», tönt es beinahe unisono zurück. Ein Schüler ergänzt: «Ich würde auch möglichst viel mit der Stimme machen und das Ganze dramatisch gestalten. Es wäre dann eine Kombination aus der ersten und dritten Version.» Ein Schüler wirft ein: «Ich würde aber nicht seufzen, wie das der Schauspieler in der Version 3 macht, das finde ich übertrieben dramatisch.»
Auf die Frage von Esther Feller, ob sich bei den Schülerinnen und Schülern die bei der Lektüre entstandenen inneren Bilder nach dem Anhören der Rezitationen verändert hätten, gibt es grösstenteils verneinende Antworten. Eine Schülerin sagt zum Beispiel, sie habe sich während des Lesens den Zauberlehrling kribbelig vorgestellt und nervös, ihr gefalle dieses Bild immer noch besser als die Zauberlehrlingsdarstellungen in den drei Rezitationen. Ein Schüler bemerkt, dass sich seine Vorstellung vom Zauberlehrling zwar nicht grundsätzlich verändert habe, dass er nach den Rezitationen dem Zauberlehrling aber nun mehr Eigenschaften zuordnen könne. Eine Schülerin bestätigt diese Beobachtung und fügt hinzu, dass sich durch die Rezitationen die inneren Bilder verfeinert hätten. Nach dem Lesen der Ballade seien die Bilder zum Teil noch recht grob gewesen.
In einer der nächsten Deutschlektionen werden die Schülerinnen und Schüler Gelegenheit haben, aus einer Palette von Balladen eine auszuwählen, diese als Rezitation vorzubereiten und es dabei zu wagen, verschiedene Gestaltungsformen auszuprobieren. Ihre unterschiedlichen Rezitationen werden Gespräche über die verschiedenen Interpretationen der Ballade auslösen, wie sie es in der heutigen Lektion erfahren haben.