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Wir sind immer erfreut, wenn uns Leser auf ungewöhnliche Meldungen aufmerksam machen und nach unserer Einschätzung dazu fragen. Anstatt dass wir nur den Anfragern Antwort geben, werden wir das neu gerne in unserer Rubrik «Leserfragen» beantworten.
Ein aufmerksames Mitglied unseres Netzwerks hat uns auf das Thema «Regenwald in der Antarktis» aufmerksam gemacht. Der Titel ist als sensationelle Neuerkenntnis in mehreren Zeitungen zeitgleich auf den 1. April 2020 erschienen ist. Das Datum ist zufällig, das Thema ist durchaus interessant und kein Aprilscherz.
Die Meldung beruht auf einer neuen Publikation in «Nature» von Forschern des Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung mit dem Titel «Temperate rainforests near the South Pole during peak Cretaceous warmth».[1]
Im Lichte der hochemotional geführten Klimadiskussion mögen solche Meldungen leicht als Beweis der Gefährlichkeit aber auch zur Verharmlosung des Klimawandels missbraucht zu werden. Das eine noch das andere wäre korrekt. Die vorliegende Publikation ist nichts anderes als eine sorgfältige wissenschaftliche Auswertung von Bohrkernen und eine nachvollziehbare Interpretation der Resultate.
Es ist allerdings keine Neuentdeckung, dass es in der Antarktis zur Kreidezeit (vor 100 Millionen bis 70 Millionen Jahren) Wälder gab. Das ist seit langem bekannt. Bereits 1967 erkannte G.R. Stevens anhand von Fossilfunden,[2] dass die Antarktis schon in der späteren Jurazeit (vor ca. 150 Millionen Jahren) bewaldet war. Bekannt war auch, dass die Kreidezeit in der Erdgeschichte weltweit eine Warmzeit war. Dies geht aus den Meeresablagerungen jener Zeit hervor. Damals erlebten marine Kalkalgen eine Blüte, was sich in den mächtigen Ablagerungen von Kreide manifestiert, wie zum Beispiel die Klippen von Dover in England und auf der Halbinsel Rügen in Deutschland. Die Ablagerungen sind so prominent, dass sie für das Zeitalter namensgebend sind. Kreide baut sich praktisch ausschliesslich aus Kalkgerüsten mariner Einzeller auf. Eine solche langanhaltende Blüte setzt warme Temperaturen voraus. Anhand von offshore Seismikdaten wurde bereits in den 1970er Jahren die Sequenzstratigraphie entwickelt, eine Methode, mit welcher die erdgeschichtlichen Meeresspiegelschwankungen nachgewiesen werden können. Die Seismikdaten zeigen für jene Zeit Meeresspiegel-Höchststände. Die Vereisung der Pole ist in der über vier Milliarden Jahre alten Erdgeschichte übrigens eher die Ausnahme als die Regel.
Die Antarktis wie wir sie kennen vereiste erst vor ca. 40 Millionen Jahren. Die Arktis vereiste noch später, nämlich vor rund 10 Millionen Jahren. Das Klima hat sich seit der letzten Warmzeit vor 55 Millionen Jahren sukzessive abgekühlt. Erdgeschichtlich gesehen, befinden wir uns nach wie vor in einer Kaltzeit. Es gab bereits in der noch älteren Erdgeschichte langanhaltende Kaltzeiten, wie zum Beispiel die Karoo-Eiszeit. Sie dauerte über 100 Millionen Jahre (von 360 – 260 Mio Jahren) und prägte das Perm-Zeitalter. Vermutlich war die CO2-Konzentration in der Atmosphäre zu jener Zeit auf einem ähnlichen tiefen Stand wie heute. In allen übrigen Zeiten lag die CO2-Konzentration ein Mehrfaches höher (siehe Abbildung).
Wie passt das nun alles mit der heutigen Klimadiskussion zusammen? Zunächst wäre da der Zeitfaktor. Wenn die Rede von Warm- und Kaltzeiten ist, hängt das sehr vom betrachteten Zeithorizont ab. Über die letzten hundert Jahre erleben wir eine Erwärmung. Vom 16. Jahrhundert, der sogenannten kleinen Eiszeit bis ins 19. Jahrhundert wuchsen die Gletscher jedoch an. Über zweitausend Jahre gesehen, war es in der Römerzeit und dann wieder im Mittelalter wärmer als heute. Geologisch gesehen, fallen jedoch selbst diese historisch vorteilhaft warmen Zeiten insgesamt in eine Kaltzeit. Beim Thema Klimawandel werden hingegen nur knapp die letzten hundert Jahre betrachtet. Hauptsächlich werden zukünftige Szenarien diskutiert und modelliert.
Die aktuelle Erwärmung ist vermutlich schneller als je zuvor, wobei selbst das nicht mit Sicherheit feststeht, weil aus früheren Zeiten keine vergleichbar präzisen Messungen vorliegen. Was einmalig ist, sind die menschengemachten CO2-Emissionen, welche die Konzentration in der Atmosphäre – wiederum aus erdgeschichtlicher Sicht – sehr rasch erhöhen. Sie bewirken eine Erwärmung, in welchem Ausmass diese aber ausfällt, ist und bleibt eine ungeknackte, harte Nuss. Die Erwärmung bei einer Verdoppelung der CO2-Konzentration (Stichwort ECS; Equilibrium climate sensitivity; Klimasensitivität) kann nicht einfach mit einem Experiment ermittelt werden. Dieser Wert lässt sich nur annähernd und zwar mit einer grossen Spanne von 1.5 bis 4.5 Grad abschätzen. Unbestritten ist, dass die Erwärmung mit jeder weiteren Zunahme von CO2 nach einer logarithmischen Funktion schwächer ausfällt. Das impliziert bereits der Begriff Klimasensitivität. Eine Verdoppelung der Konzentration von 300 ppm auf 600 ppm hat die gleiche Temperaturzunahme zur Folge wie diejenige von 600 ppm auf 1200 ppm. Genau das belegen auch die erdwissenschaftlichen Daten. Die Landpflanzen haben sich vor rund 500 Millionen Jahren bei einer CO2-Konzentration entwickelt die mehr als zehnmal höher war als heute (siehe Abbildung). Trotzdem verschmorte die damalige Welt nicht. Im Gegenteil, die Artenvielfalt und Vegetation waren mindestens so reich, vermutlich sogar noch reicher. Es sind die Pflanzen, welche seither für die sukzessive Abnahme der CO2-Konzentration verantwortlich sind, bei gleichzeitigem Anstieg des freien Sauerstoffs in der Atmosphäre.
Es ist nicht ersichtlich, weshalb eine wärmere Welt für die Natur eine Katastrophe sein sollte. Die Natur ist extrem anpassungsfähig. Klimafolgenabschätzungen werden nur aus unserer Sicht dargestellt. Klimakrise ist eine rein anthropozentrische Sicht. Ich stimme dem Zitat von Reto Knutti vollständig zu: «Während des grössten Teils der Erdgeschichte gab es keine Menschen. Fakt ist, dass unsere Zivilisation/Infrastruktur mit > 7 Mia Menschen extrem eng auf das heutige Klima optimiert ist. Ein paar Grad mehr oder weniger ist der Erde egal, uns nicht, besonders wenn es schnell geht». In meinem Buch «Sündenbock CO2» plädiere ich, dass wir kontrolliert aus den fossilen Brennstoffen aussteigen und zwar mit einem zu Ende gedachten Konzept, das nicht einfach andere Umweltbelastungen zur Folge hat. Von all den Umweltbelastungen, die von Kohle und Erdöl ausgehen, ist CO2 für die Natur vermutlich die Geringste. Zum Ausstieg aus den Fossilen braucht es einfach ein überzeugenderes Narrativ als Apokalypse und Panik.
[1] Klages, J.P., Salzmann, U. in Nature 580, 1.4.2020
[2] Stevens, G.R. (1966): Upper Jurassic Fossils from Elsworth Land, West Antarctica, and Notes on Upper Jurassic Biogeography of the South Pacific Region. – N. Z. J. Geol. Geophys. 10