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Anlässlich der Inaugurationsfeier von Joe Biden und Kamala Harris trug die 22jährige Lyrikerin Amanda Gorman ihr Gedicht „The Hill We Climb“ vor. Mit ihrem Text und ihrer Performance berührte sie Millionen von Zuschauer:innen auf der ganzen Welt. Am allermeisten vielleicht mit diesem Satz, in dem die Bedeutung der Literatur für die Politik zur Sprache kommt – und umgekehrt:
We, the successors of a country and a time where a skinny Black girl descended from slaves and raised by a single mother can dream of becoming president, only to find herself reciting for one.
Literatur ist demnach politisch, weil der Kampf um politische Rechte und politische Teilhabe unmittelbar mit dem Kampf um einen Zugang zum ästhetischen Echo- und Experimentierraum der Kunst zusammenhängt.
Die Stimme erheben als politische Handlung
In einer Performance mit dem Titel „Using your voice is a political choice“ erklärt Amanda Gorman, wie sie, die als Kind auch noch mit einer Sprechbeeinträchtigung zu kämpfen hatte, den Mut fand, ihre Leidenschaft für die Literatur nicht nur schreibend auszuleben, sondern auch sprechend vor Publikum. Darin liege der eigentliche politische Akt: „the choice to be heard is the most political act of all“. Entscheidend sei, welche Geschichten wie erzählt werden, um andere Perspektiven und Erfahrungen sichtbar zu machen als jene, die in der Literatur immer schon repräsentiert sind. Es geht ihr also darum, wer spricht und wie er oder sie eine Geschichte erzählt; um die Art und Weise, wie die Figuren und die Dinge zueinander in Beziehung gesetzt sind und welche Fäden die Texte aufnehmen und weiterspinnen. In einem Interview mit den New York Times erzählt Gorman, wie sie als Schülerin erst durch die Entdeckung von Toni Morrisons „The Bluest Eye“(1970) überhaupt den Zugang zu ihrer eigenen Stimme fand:
[…] I’d never seen a book with a dark-skinned, nappy-haired girl on the cover. I was enthralled. […] What’s more, I realized that all of the stories I read, and wrote, featured white or light-skinned characters. I’d been reading books without black heroines, which nearly stripped me of the ability to write in my own voice, blackness and all. Reading Morrison was almost like reteaching myself how to write unapologetically in a black and feminist aesthetic that was my own. After that I made a promise to myself: To never stop writing, and to always represent marginalized figures in my work.
Das erinnert an die Überlegungen des französischen Philosophen Jacques Rancière zur Aufteilung des Sinnlichen und zum emanzipierten Zuschauer. Als er den Briefwechsel zweier Arbeiter aus den 1830er-Jahren las, in der Erwartung, „darin Informationen über die Lebensbedingungen und über das Bewusstsein der Arbeiter dieser Zeit zu erlangen», erlebte er eine Überraschung. Was er vorfand, war etwas ganz anderes. Die beiden berichten einander in ihren Briefen nicht von Arbeit und Regeneration, sondern von ihren Mussestunden; von intellektuellen und ästhetischen Erfahrungen mit den Künsten und in der Natur.
Der einfache Bericht ihrer Freizeitbeschäftigungen zwang dazu, die etablierten Beziehungen zwischen Sehen, Machen und Sprechen neu zu formulieren. Indem sie sich zu Zuschauern und Besuchern machten, erschütterten sie die Aufteilung des Sinnlichen, die verlangt, dass diejenigen, die arbeiten, nicht die Zeit haben, ihre Schritte und Blicke vom Zufall lenken zu lassen.
Rancière zieht daraus die Schlussfolgerung, dass Emanzipation genau dieses Verwischen der Grenze zwischen denen, die handeln, und denen, die zusehen, bedeute. Die Wirkung von Amanda Gormans Performance besteht vielleicht gerade darin, dass sie das, was Literatur im Rancièreschen Sinne politisch macht, auf überzeugende Weise verkörpert.
Gormans Auftritt begeisterte aber längst nicht alle. Die Kritik kam von zwei Seiten. Es wurden Stimmen laut, die monierten, das Gedicht sei zu wenig vielschichtig in seiner auf Gegensätze von hell und dunkel aufbauenden Bildsprache, es biete nicht genügend Deutungsangebote, sei zu pathetisch und zu ideologisch. Andere ärgerten sich, weil der Auftritt nicht politisch genug gewesen sei; eine vergebene Chance, um konkrete Missstände anzuprangern.
Man könnte hier viel über die notwendigerweise patriotisch gefärbte Textsorte des Inaugurationsgedichtes sagen, die in Gormans Text durchaus reflektiert wird, über die klug gestaltete Bildsprache und die Form des Gedichts, dem euphorisch-atemlos verketteten Rhythmus. Denn in dieser Verkettung präsentiert das sprechende, das wider alle Erwartung zur Sprache gekommene Ich seine Position als ein Wir, das in grössere Zusammenhänge eingebettet ist, als Teil eines vielstimmigen Chores. Doch hier soll es nicht um eine Analyse des Gedichts und seiner kritischen Lektüren gehen, sondern um die Frage, warum Gormans Einstehen für die emanzipatorische Kraft des ästhetischen Raumes von einer Diskussion um die ausserliterarische Legitimation von Literatur überlagert wird.
Was macht die Literatur mit uns?
Die Reaktion auf Gormans Auftritt ist kein Einzelfall. Sie verweist vielmehr darauf, dass in der öffentlichen Diskussion über Literatur und ihre gesellschaftliche Funktion eine ambivalente, geradezu widersprüchliche Haltung vorherrscht. Einerseits wird literarischen Texten jede Relevanz abgesprochen, gleichzeitig werden wir aber vor ihrer manipulativen Macht gewarnt. Im Umgang mit der offenbar schwer zu ertragenden Offenheit und Ambivalenz literarischer Texte lassen sich grundsätzlich zwei Tendenzen beobachten: Kritik an der politischen Haltung, die den Texten und ihren Autor:innen unterstellt wird, und Kontrolle der Leser:innen. In beiden Fällen richtet sich das Misstrauen gar nicht so sehr gegen literarische Texte und ihr Potential, Widersprüche zu gestalten, Grenzen aufzulösen und Fragen zu provozieren. Das Misstrauen richtet sich vornehmlich gegen das Lesepublikum. Mit Argumenten, die bereits im späten 18. Jahrhundert in Anschlag gebracht wurden, um vor allem Frauen und Kinder vor einer bedrohlichen „Lesesucht“zu bewahren, wird versucht, den unsichtbaren, wild wuchernden, höchst individuellen Prozess des Lesens zu kontrollieren.
Kritische Analysen von Gormans Inaugurationsgedicht kommen zum Schluss, dass dessen überzeugende rhetorische Gestaltung zu suggestiv sei; dem Publikum wird nicht zugetraut, sich selbst eine Meinung zu bilden. Was bei dieser Betrachtungsweise vergessen geht, ist die Eigenheit von Literatur und Kunst überhaupt, Menschen als physische, emotionale und intellektuelle Wesen anzusprechen. Es gibt aber auch durchaus gut gemeinte Versuche, Literatur dadurch zu legitimieren, dass ihr die Ambivalenz ab- und ein ganz konkreter gesellschaftlicher Nutzen zugesprochen wird. Ein Beispiel dafür ist das Projekt Cassandra, unterstützt vom deutschen Bundesministerium für Verteidigung. Ein Team von Literaturwissenschaftler:innen arbeitet daran, „Literaturauswertung“ für Krisenfrüherkennung einzusetzen, also literarische Texte als Prognoseinstrumente im Bereich der Gewaltprävention nutzbar zu machen. Dabei stützen sich die Forscher vor allem auf die Themen von Romanen aus Krisengebieten und deren Rezeption – die manchmal nicht mehr sehr viel mit den Texten selbst zu tun hat. Auf der Homepage von Cassandra heißt es dazu:
Erste Fallstudien des Projekts zum Kosovo-Serbien-Konflikt (1998/99), Nigeria und Algerien haben gezeigt, dass Literaturbeobachtung und -auswertung frühzeitig aufzeigen kann, wo und wie sich Wahrnehmungs- und Deutungsmuster verschieben und wo und wie fiktionale Texte Einfluss nehmen auf die Interpretationsrahmen von Gruppen und Gesellschaften – oft schon Jahre bevor sich diese in konkreten Handlungen sichtbar manifestieren.
Nun soll den Tübinger Forscher:innen nicht unterstellt werden, dass sie der Literatur grundsätzlich Vieldeutigkeit und Komplexität absprechen – doch der Fokus des Projekt führt dazu, dass das, was Literatur wirklich kann, so wie es Amanda Gorman gezeigt hat, aus dem Blick gerät.
Was wir hier vor uns haben, ist im Grunde ein Versuch, der Literatur die Zähne zu ziehen. Sie soll auf eine bestimmte Art bilden und nützen, statt ihre Leser:innen in unkontrollierbare Lektüreprozesse zu verwickeln, von denen niemand sagen kann, wohin sie führen. Paradoxerweise lassen sich solche Bemühungen ausgerechnet dort beobachten, wo mit viel Einsatz um junge Leser:innen geworben wird. Auf den zahlreichen Leseförderungs-Datenbanken, zum Beispiel bei der Stiftung Lesen, werden Lektüren nach Alter, Zielgruppe und Thema empfohlen. Man könnte, nicht ganz zu Unrecht, entgegnen, dass es unmöglich ist, mit stilistischen oder atmosphärischen Kriterien zu arbeiten.
In der Diskussion um Lektüren für Kinder und Jugendliche geht es aber allgemein nur ganz am Rand um literarische Kriterien und um die ästhetischen Räume, die solche Texte eröffnen könnten. Im Zentrum stehen Fragen nach relevanten und ansprechenden Themen und Geschichten aus der Lebenswelt von Jugendlichen, die sie aus ihrem Alltag kennen. Nur so, heisst es, könnten sich die jungen und v.a. auch die bildungsfernen Leser:innen mit den Texten identifizieren. Die Fixierung aufs Thematische wirkt sich auch auf das Angebot der Verlage aus und führt dazu, dass viele Romane für Jugendliche als Problembücher daherkommen. Für die pädagogische Abhandlung von Problemen, über die Jugendliche etwas lernen sollen, etwa Gewalt, Drogen, Social Media oder Konflikte in Patchworkfamilien, werden überzeugende Figuren und glaubwürdige Geschichten geopfert. Zielführend ist das nicht, denn wer möchte schon langweilige Bücher lesen, wenn es aufregende und abenteuerliche gibt. Ach ja, und wie war das noch einmal mit Rancières Arbeitern aus dem 19. Jahrhundert? In ihren Briefen sprachen sie nicht über ihren grauen Alltag, sondern von besonderen Freuden.
Es gibt aber Verlage und Schriftsteller:innen, die sich nicht an diese Empfehlungen halten. Denn sämtliche Beststeller der letzten Jahre, von Harry Potter bis zu John Greens Liebesromanen, erzählen Geschichten, die mehr mit Träumen und Sehnsüchten, mit der Suche nach Freundschaft und Liebe und nach künstlerischen Gestaltungsräumen zu tun haben als mit den Herausforderungen des Schul- und Arbeitsalltags.
Auch Amanda Gorman hat ihre Stimme nicht nur deshalb entdeckt, weil sie mit Büchern in Kontakt kam, in denen die Protagonistinnen schwarze Mädchen und Frauen waren, die in ähnlichen Verhältnissen aufwuchsen wie sie. Entscheidend war eine ästhetische Haltung gegenüber der Welt, von der sie sich intellektuell und emotional angesprochen fühlte, die sie sich zu eigen machen und transformieren konnte. Die Frage, wie politisch Literatur sein muss oder darf, ist falsch gestellt. Sie ist, wie die emanzipatorische Geschichte der Lyrikerin Amanda Gorman exemplarisch zeigt, immer schon politisch.