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Früher diente Spucke als Heilmittel gegen Blindheit, Epilepsie, Fieber oder Schmerzen und bei Verletzungen. Dann erkannte der Arzt Avicenna vor etwa 1000 Jahren, dass sie gefährliche Krankheiten wie Tollwut und Tuberkulose übertragen kann. Das trug vermutlich dazu bei, dass dieser Körpersaft fortan als eklig galt. Beim gezielten Anspucken wird der Speichel sogar als «Waffe» eingesetzt – von Lamas, giftigen Speikobras und Menschen.
Woraus besteht Speichel?
Spucke enthält zu über 99 Prozent Wasser. Nur etwa ein halbes Prozent sind feste Bestandteile. Dazu gehören Mikronährstoffe wie Kalzium (wichtig für die Mineralisierung der Zähne), Mag-nesium und Natrium.
Über 1400 verschiedene Eiweissstoffe enthält Spucke, zum Beispiel Verdauungsenzyme, ausserdem antibakteriell wirksame Substanzen, Stoffwechselprodukte wie Harnsäure, weisse Blutkörperchen und auch Antikörper zur Immunabwehr gegen verschiedene Erreger. Die Zusammensetzung des Speichels verändert sich im Laufe des Tages und mit der Menge an Speichel, die produziert wird.
Wo wird der Speichel gebildet?
Spucke entsteht in den Speicheldrüsen. Drei grosse befinden sich auf jeder Seite im Gesicht: die Ohrspeicheldrüse, die Speicheldrüse am Unterkiefer und die unter der Zunge. Dazu kommen rund 800 bis 1000 winzige, ein bis zwei Millimeter kleine Speicheldrüsen, die in der Schleimhaut von Mund und Zunge verteilt sind. Sie stellen rund 10 Prozent der Spucke her.
Die vor dem Ohr gelegene Ohrspeicheldrüse wiegt 15 bis 30 Gramm und produziert in Ruhe circa ein Viertel, beim Essen aber 50 bis 70 Prozent der gesamten Speichelmenge. Die Ohrspeichel-drüse sondert ausschliesslich wässrigen Speichel ab. Die Unterkieferspeicheldrüse ist 7 bis 16 Gramm leicht. Sie produziert im Ruhezustand rund 60 Prozent eines schleimigwässrigen Speichels, beim Essen etwa 35 Prozent der Menge. Nur etwa 4 Gramm wiegt die Speicheldrüse, die sich unter der Zunge befindet (Unterzungenspeicheldrüse). Sie gibt vor allem schleimigen Speichel ab. Ihr Anteil am Gesamtspeichel beträgt etwa 7 Prozent.
Wie viel Speichel wird gebildet?
In Ruhe und im Schlaf sondern die Speicheldrüsen etwa 0,1 bis 0,5 Milliliter Speichel pro Minute ab. Dieser «Ruhespeichel» ist dickflüssig. Speichel, der beim Essen gebildet wird, ist hingegen dünnflüssig.
Insgesamt produziert ein erwachsener Mensch täglich 0,5 bis 1,5 Liter Speichel, unter anderem abhängig von Alter, Geschlecht und Nahrung. Sogar die Stimmung beeinflusst die Speichel-menge: Bei Angst etwa versiegt der Speichelfluss. Fasten drosselt ihn ebenfalls stark. Bestimmte Nahrungsmittel hingegen erfordern mehr Speichel, damit sie gut geschluckt werden können: So nimmt Brot fünfmal mehr Speichel auf als Teigwaren.
Wozu dient Speichel?
Zwölf Funktionen listet ein Fachartikel auf: Speichel sorgt dafür, dass Zähne und Mundhöhle gesund bleiben, befeuchtet die Mundschleimhaut, schützt sie vor reibenden Bröseln, verteilt die Aromen und verstärkt den Geschmackseindruck, umhüllt Nahrungsbissen, ermöglicht das Schlucken und Sprechen, hilft bei der Verdauung, wirkt antimikrobiell, reinigt und
beschleunigt – dank enthaltener Wachstumsfaktoren für Hautzellen – die Wundheilung.
Wie kommt der Speichelfluss in Gang?
Das Nervensystem und verschiedene Reflexe regeln den Speichelfluss. Wird mehr Speichel benötigt, steigt die Durchblutung der Speicheldrüsen um das bis zu Zwanzigfache. Aus dem Blut entnehmen die Drüsen das Wasser für den Speichel.
Kauen, bestimmte Geschmäcker und Gerüche steigern den Speichelfluss auf bis zu 7 Milliliter pro Minute. Am stärksten wirkt Zitronensäure. Nur schon beim intensiven Denken an einen Zitronenschnitz läuft das Wasser im Mund zusammen.
Welche Folgen hat ein geringer Speichelfluss?
Bis zu 50 Prozent der älteren Menschen klagen über einen trockenen Mund. Ein Grund dafür sind Medikamente: Über 500 Arzneimittel bremsen den Speichelfluss, dazu zählen Eisenpräparate, Antidepressiva, entwässernd wirkende Blutdrucksenker und viele weitere.
Zu wenig Speichel führt nicht nur zu Mundgeruch, sondern auch zu mehr Karies und raschem Zahnverfall, zu Geschmacksstörungen, Mundschleimhautentzündungen, Racheninfekten, rissigen Lippen sowie zu Problemen beim Kauen, Schlucken und Sprechen.
Das «Sjögren-Syndrom» ist ein weiterer Grund für versiegenden Speichel. Dabei zerstört das Immunsystem die Tränen- und Speicheldrüsen. Oft geht diese Autoimmunerkrankung, die vor allem Frauen betrifft, mit rheumatoider Arthritis oder anderen Beschwerden einher.
Wird Speichel diagnostisch genutzt?
Ändert sich die Zusammensetzung des Bluts – zum Beispiel bei Medikamenteneinnahme, bei Alkohol- oder Drogenkonsum –, verändert sich oft auch der Speichel, und die entsprechenden Substanzen lassen sich darin nachweisen.
Speichel ist einfacher zu gewinnen und zu lagern als Blut. Er wäre ein gutes Diagnosemittel. Im Vergleich zum Blut wird Spucke aber bisher nur wenig zur Diagnostik genutzt, zum Beispiel um das Stresshormon Cortisol zu bestimmen oder um das Coronavirus nachzuweisen.
Bei Vergiftungen scheiden die Speicheldrüsen beispielsweise Schwermetalle wie Blei aus. Diese reagieren chemisch mit Schwefel, der von Mikroorganismen im Mund stammt. Dabei bilden sich dunkle Ablagerungen im Zahnfleisch, der sogenannte Bleisaum – ein charakteristisches Zeichen einer schweren Bleivergiftung.
( Dr. med. Martina Frei)