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Nina Kunz février 2020
Caroline Arnis Buch beginnt mit einer eindrücklichen Anekdote. Im Jahr 1871 wurde in Paris ein Mädchen gezeugt, das später geplagt war von "düsterem Gemüt, Bettnässerei und Schwindelanfällen". Da aus der Familie des Kindes keine Vorgeschichte für solche Pathologien bekannt war, schloss der Psychiater Charles Féré, dass es sich beim Mädchen um ein sogenanntes enfant du siège – ein Kind der Belagerung – handeln müsse. So bezeichnete man im Volksmund diejenigen Kinder, die während der Pariser Kommune gezeugt worden waren. Die Mutter habe während der Revolte einen choc moral – eine Gemütserschütterung – erlitten, welche den Fötus in der Entwicklung geschädigt habe.
Diese Episode nimmt Arni als Ausgangspunkt für ihre Monographie, da hier ein historisch spezifisches Moment zutage tritt, welches aufzeigt, dass im 19. Jahrhundert der Fötus und das fötale Leben (neu) konzipiert wurden. Denn: Die enfants du siège legen nahe, dass das Ungeborene nicht mehr nur im Mutterleib heranwächst (und bei der Geburt eine animatio erfährt), sondern dass ein Verständnis des "Pränatalen" entsteht, in dem das Ungeborene ein Prozess der kontinuierlichen Entwicklung durchläuft. Der Begriff "pränatal" signalisiert hierbei, dass die Humanwissenschaften das Ungeborene "als ein 'Vor der Geburt' begriffen, welches (…) Bedingungen für ein 'Nach der Geburt' schafft". Angesichts dieser Beobachtung fragt Arni: "Wie lässt sich das, was französische Psychiater im späten 19. Jahrhundert psychischen Einfluss nannten (…) als etwas historisch Spezifisches greifen?" Und allgemein: "Was war das Ungeborene in den Wissenschaften des 19. Jahrhunderts?"
Arni liegt es fern, eine Geschichte der 'Erfindung' des Vorgeburtlichen zu schreiben. Vielmehr unternimmt sie (bewundernswert reflektierte und fundierte!) Anstrengungen, um die historischen Kontinuitäten und Brüche ins Blickfeld zu rücken. Dafür kontextualisiert sie einerseits die science de l’homme als Teil einer grösseren Entwicklung, die es überhaupt erst möglich machte, den Menschen als Forschungsgegenstand zu sehen: das Abkommen von der Idee eines irdischen Körpers und einer unsterblichen Seele. Andererseits führt Arni das Konzept des epistemischen Raums ein. Dabei handelt es sich "nicht um eine Theorie, ein Objekt, einen Diskurs oder eine Disziplin, sondern um die Ermöglichung von Aussagen (…) es geht um ein Wissen, das in den Fragen, die es stellt, verfertigt, wonach es fragt." Arni greift das "Pränatale" also als einen Raum, der erst durch die Beschreibung von Wissenschaftlern (ja, nur Männer) zu dem wird, was er ist und scheinbar immer war.
In elf Kapiteln untersucht Arni anhand einer Vielzahl von eindrücklichen Quellen, die oft auch ein Lektüregenuss sind, wie die Humanwissenschaften diesen epistemischen Raum ausgestalteten. Dabei wird etwa auf die Wissensproduktion zur Plazenta, der (geteilten oder eben nicht geteilten) Blutkreisläufe der Mutter und des Fötus oder der Frage nach dem Empfindungspotential des Ungeborenen eingegangen. Überzeugend argumentiert Arni, dass die Vorstellung eines "Pränatalen" folgenden, interessanten Widerspruch mit sich brachte: Der Fötus befand sich neu in einem Entwicklungsprozess, der quasi geburtsübergreifend wirkte und die Geburt somit ihren Stellenwert als "Schwelle" verlor; gleichzeitig blieb diese Schwelle aber bestehen, da die Forschung die Beziehung zwischen Mutter und Fötus als relational begriff und diese "chemische Korrespondenz" erst mit der Geburt endete.
Caroline Arni ist mit "Pränatale Zeiten" eine Studie mit Vorbildcharakter gelungen. Sie schafft es nicht nur, ihre Thesen akribisch zu belegen und wissensgeschichtlich eindrücklich zu zeigen, wie die Ontologie und der "Wille zum Wissen" verschränkt sind – sie wirft gleichzeitig auch grosse Fragen auf – etwa in Bezug auf den Subjekt-Status des Ungeborenen. Der Nebeneffekt davon: Wer bei Arni nachliest, wie die Wissenschaftler im 19. Jahrhundert die "organische Individualität des Ungeborenen" herausschälten, wird die aktuellen Abtreibungsdebatten nicht nur besser verstehen, sondern auch die Argumente bereit haben, um zu kontern, warum die Vorstellung eines "Fötus-Lebens" keineswegs selbstverständlich ist.
Diese Rezension ist zuerst in der Zeitschrift "genderstudies" #34 des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZFG) der Universität Bern erschienen. Die Zeitschrift können Sie auf der Website des IZFG herunterladen oder gratis bestellen.
Das Bild zeigt das Buchcover von "Pränatale Zeiten" von Caroline Arni.
Caroline Arni: Pränatale Zeiten. Das Ungeborene und die Humanwissenschaften (1800–1950), Schwabe Verlag, Berlin 2018.
Date de publication:
28 février 2020
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Auteur·e·s:
Nina Kunz