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Der Kunstgriff, mit prekärem Budget die architektonische Wirkung zu maximieren, ist im Süden von Paris eindrucksvoll gelungen. Muoto liessen alles überflüssige weg, reduzierten die Baustruktur bis aufs Knochengerüst und öffneten dadurch den Raum: baulich und metaphorisch.
Kernstadt und Vorstadt fliegen am Zugfenster vorbei, darauf folgen ein Dutzend Stationen im Bus, über grasgrüne Felder: Hier im Süden ist Grand-Paris-Land. Nach der knapp einstündigen Reise kippt das Bild wieder zurück. Ich stehe auf der Rue Joliot-Curie und blicke in Richtung Sonnenuntergang: Hier wächst eine Stadt heran. Zwischen den Neubauten auf dem Campus von Paris-Saclay von OMA und Gigon / Guyer (wbw 1 /2 – 2018) erstreckt sich die Strasse wie ein Rückgrat entlang einer Handvoll Neubauten. 200 Meter davon entfernt liegt am Ende der Achse der schon mehrfach preisgekrönte Bau von Muoto: Sein Volumen fügt sich ein, der Bau steht in einer Reihe mit seinen Nachbarn.
Von Nahem erkennt man, dass die im letzten Heft besprochenen Klumpen Konglomerate aus mehreren Körpern bilden. Der Public Condenser, wie Gilles Delalex und Yves Moreau von Muoto ihn nennen, ist hingegen das genaue Gegenteil: Einzelbau statt Konglomerat, extrovertiert auf die Umgebung bezogen statt introvertiert auf eine interne Strasse. Durch ihre Beschäftigung mit dem Areal, zusammen mit Architekturstudierenden, waren Muoto 2010 in die Fünfer-Auswahl des Architekturwettbewerbs gerutscht. Ein Traumstart für ein junges Büro.
Der Public Condenser sollte die vor Ort vorhandenen Hochschulbauten (für Ingenieure, Chemiker und Ökonomen) vernetzen, ihnen fehlten schlicht die ergänzenden Nutzungen. So stapeln sich nun auf einem Sockel mit der Cafeteria eine Terrasse, ein Restaurant mit Speisesaal, ein Tanz- und Kraftraum und zwei Basketballplätze als Bekrönung.
Während die Programme im Wettbewerb vorgegeben waren, können Stapelung und Situierung als Erfindung der Architekten gelten. Nach Süden hielten sie einen baumbesetzten Vorplatz frei, der ihrem Bau erst den ikonischen Auftritt verschafft. Angeregt durch dessen Ausstrahlung ist mittlerweile geplant, östlich einen weiteren, grösseren Platz zu bauen. «Lieu de vie» soll er heissen, wie der Bau von Muoto selbst. Dass sich der Campus noch zum Meisterstück einer lebendigen urbanen Nutzungsmischung mausern wird, muss trotzdem bezweifelt werden.
Am Public Condenser liegt das nicht. Seine Auskragung wirkt einladend. Er verströmt Öffentlichkeit. Mehr noch: Seine Extrovertiertheit und sein öffentliches Programm – es widmet sich den Götzen unserer Zeit: der Ess- und Körperkultur – lassen an eine Art Tempel denken. Die auskragende Raumschicht mit den Balkonen bildet eine Stoa, die kurze Fassadenseite Frontalität inklusive Symmetrie. Gar eine Doppelte wohnt dem Bau inne, denn die Erschliessung erfolgt an der längeren Fassade. Hier öffnet sich eine Passage, die Strasse und Platz verbindet: nicht gerade ein Prozessionsweg, die Stütze besetzt die Mitte. Angelagert liegen die Kerne für Lift und Fluchtweg sowie einladende Freitreppen. Auf der Ebene des Speisesaals wechseln die Läufe ihre Lage und weisen somit im Erschliessungstyp gewissermassen auf ein «Piano nobile» hin. Aussen tritt der Saal mit seiner Doppelgeschossigkeit in Erscheinung. Ob Tempel oder Palazzo, der Bau versammelt strukturell und nutzungsmässig alle Insignien eines Monuments ohne ins Feierlich-Weihevolle zu fallen: als Bau im Dienst der Gemeinschaft.
Das Rätsel seines Reizes erklärt sich durch den ambivalenten Ausdruck des Baus: Auskragende Zonen mit tiefer Verschattung liegen unmittelbar neben der glatten Glasbox des Speisesaals. Die Abfolgen von Innen- und Aussenraum erzeugen ein Spiel von Licht und Schatten und damit von Leichtigkeit und Schwere. Dieses Wechselspiel fügt sich zu einem Mies’schen Moment, und dass die Gedanken von Ludwig Mies van der Rohe um 1923 in der Entwurfsentwicklung eine zentrale Rolle gespielt haben, bestätigen die Entwerfer. Dabei ist die «Haut- und Knochenarchitektur»1 quasi nebeneinander verbaut. Ermöglicht haben das die Wärmeschutzvorschriften vor deren Verschärfung 2011 und die französische Gepflogenheit, die Wärmebrücken mit dickerer Dämmung an anderen Stellen zu kompensieren.
Die auf die knöcherne Essenz reduzierte Tragstruktur eröffnet Möglichkeiten im Sinn eines Regals, wie es die Architekten nennen. Ein Regal konfiguriert die Form, nimmt sich aber in der Aneignung zurück, wird zur Architektur des Hintergrunds, wie es andere Bauten schon vorgemacht haben. Man denke an die Architekturfakultät in Nantes von Lacaton & Vassal (wbw 7 / 8 – 2010). Zugleich manifestiert sich im Public Condenser ein anderes Architekturverständnis, steht in Paris doch ein starkes räumlich-konstruktives Konzept (mit bewusst überdimensionierten Unterzügen) im Vordergrund, nicht das billige Industriebausystem.
Gleichwohl stellt sich mit der Ambivalenz von offenen und geschlossenen Bereichen ein temporärer Ausdruck ein. Man wähnt den Bau im Zwischenzustand des Unfertigen, wie bei einer künstlichen Ruine. Man kann die knöcherne Sprödheit als Ausdruck einer Krise der französischen Architektur deuten, schwindende Budgets der öffentlichen Hand stehen dabei wachsenden Ansprüchen von Institutionen gegenüber. Was in Nantes noch ein Flirt der Architekten war, ist heute bedrückend real geworden.
Natürlich erinnert die aufgesattelte Sporthalle auch an ihren elaborierten Vorgänger in Zürich-Leutschenbach (wbw 11 – 2009) – der als Ahne der Knochenarchitektur durch dieses Heft geistert. Gleichzeitig ist es eine vorzügliche Eigenschaft beider Bauten, von ihrem Dach aus die Stadtwerdung der Umgebung beobachten zu können.
Doch in der Direktheit des rohen Ausdrucks im Pariser Süden materialisieren sich Differenzen radikal in den Baukosten. Mit dem selbst für Frankreich rigoros niedrigen Budget von 6,5 Millionen Euro mussten nicht nur 4 100 Quadratmeter (1 600 EUR / m2) unterschiedliche Nutzungen gestapelt – unter anderem eine Grossküche –, sondern auch der Vorplatz mit Bäumen realisiert werden. Die Reduktion der beheizten Flächen auf die Hälfte des Volumens, die Erschliessung an der frischen und nicht beheizten Luft, der hohe Vorfertigungsgrad und die exponierte Tragstruktur machten das möglich. Der Modus operandi bestand im Weglassen: von Nutzungen, Flächen und Material.
Der Grosszügigkeit des wohlproportionierten Baus hat dies keinen Abbruch getan. Zusammen mit den bereits vor einem Jahr in diesem Heft vorgestellten Bauten von Bruther (wbw 6 – 2017), dem Freizeit- und Sozialzentrum in Saint Blaise, kristallisiert sich mit diesem Bau von Muoto eine neue Generation französischer Architektur heraus. Sie lässt das dekorative Bling-Bling der Génération French Touch hinter sich. Was aussieht wie Tragen, trägt auch wieder.
1 Ludwig Mies van der Rohe, Arbeitsthesen, in: Ulrich Conrads (Hg.), Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts, Berlin/Frankfurt a. M./Wien 1964 (Text 1923), S. 70