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Niemand in Europa hat den cineastischen Selbsthass, den gnadenlosen Blick auf die menschliche Unzulänglichkeit weiter entwickelt als die Österreicher. Michael Hanekes strukturelle Gewalt, seine erfolgreiche Methode, sein Publikum zum ecce homo zu vergewaltigen, steht neben Ulrich Seidls dokumentarischer Methode. Ludwig Wüst stammt aus Bayern, er lebt aber seit vielen Jahren in Wien. Und Wüsts Spielfilm Koma schliesst nun sozusagen die Lücke zwischen Haneke und Seidl. Wie beim Diagonale-Eröffnungsfilm Der Kameramörder bildet ein Gewaltvideo den Reaktorkern.
Die Palmen sind vergeben, und die grosse Überraschung ist ausgeblieben. Mit der goldenen Palme für Michael Hanekes Das weisse Band können wohl alle Kommentatoren gut leben, der Film war einer der Favoriten. Dass Jacques Audiard für Un prophète den grossen Preis der Jury bekommen hat, zeigt nicht zuletzt den Sinn für Diplomatie der Jury. Nachdem die goldene Palme schon im letzten Jahr an das Gastgeberland ging, musste Audiard seine Hoffnungen allem Kritikerlob zum Trotz ein wenig dämpfen. Dabei passen die beiden Preise hervorragend zusammen: In beiden Filmen geht es im Wesentlichen um eine (unabsichtliche) Erziehung zur Unmenschlichkeit. Bei Haneke mit den übersteigerten Idealen jener Elterngeneration, welche die späteren Nationalsozialisten aufzog, bei Audiard um die Erziehung eines jungen Arabers zum eiskalten Mafiaboss in einem französischen Gefängnis der Gegenwart.