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Die andere Mitte.
Text: Ralph Weber und Madeleine Herren
Der Nahe Osten erfährt von aussen immer wieder neue Definitionen: von Europa als Zugang zu Asien und vom heutigen China als Teil eines riesigen Wirtschaftsraums.
Am 2. Juni 1877 hielt der Geograf Ferdinand von Richthofen in Berlin einen Vortrag über die «centralasiatischen Seidenstrassen bis zum 2. Jahrhundert n. Chr.». Darin charakterisierte er die Ansprüche an Handelsrouten, die kurz und schnell sein sollten. Ein Machtzentrum sollte die Reise des kostbarsten Handelsgutes kontrollieren – in der Interpretation des Vortragenden der chinesischen Seide. Der Redner hatte mit dem Begriff Seidenstrasse eine oft zitierte Vorstellung geprägt, auch wenn die von China dominierte transkontinentale Seidenstrasse einer längst vergangenen Welt angehörte.
Gab es überhaupt Seidenstrassen?
Die Schwäche Chinas hatte das Netzwerk des Seidenhandels in der Lesart von Richthofens nach Persien migrieren lassen. Als sich die aus dem Reich der Mitte herausgeschmuggelten Seidenraupen auch im Libanon, in Italien und sogar in Basel verpuppten, hatten asiatisch-europäische Netzwerke im Nahen Osten ein neues Zentrum gefunden. Ob die erst 1877 «erfundenen » Seidenstrassen jemals existierten – was einige Forschende vehement verneinen –, ist weniger von Bedeutung.
Heute haben wir uns mit einem augenfälligen Widerspruch auseinanderzusetzen: Globale Netzwerke sind so bedeutend geworden, dass sie sogar als Belt and Road Initiative (BRI) zum Programm der chinesischen Aussen- und Wirtschaftspolitik taugen. Seit 2013 bündelt dieses Projekt als moderne Seidenstrasse Chinas Interessen zum Auf- und Ausbau interkontinentaler Handels- und Infrastrukturnetze.
Das Scharnier und Herzstück dieses globalen Programms liegt in einer politisch höchst instabilen Region: im Nahen Osten, unterschiedlich als «Orient», Mittlerer Osten, MENA-(Middle East & North Africa)- oder MENAT-(Middle East & North Africa and Turkey)-Region benannt. Autoren wie Cyrus Schayegh gehen davon aus, dass die asymmetrischen Spannungsverhältnisse im Nahen Osten einen zentralen Beitrag zum Verständnis von Globalisierungsprozessen liefern. Diesen Ansatz verfolgen wir auch am Europainstitut der Universität Basel. Zur Verdeutlichung seien hier zwei kontroverse, aber einander bedingende und verflochtene Vorstellungen präsentiert: auf der einen Seite das im ausgehenden 19. Jahrhundert im Westen entwickelte wissenschaftliche Deutungsmonopol, das bestimmte, was diese kulturell, politisch und ökonomisch fragmentierte Region zusammenhält. Auf der andern Seite steht die chinesische Neuinterpretation der Region. In beiden Ansätzen zeigt sich der Nahe Osten als Plattform des globalen Austauschs und als eine jeweils nach unterschiedlichen Ansprüchen neu erfundene Mitte.
Von der europäischen Vereinnahmung …
Richthofens Seidenstrasse fasste ein Forschungsfeld zusammen, in dem buchstäblich Goldgräberstimmung herrschte: Nicht von ungefähr fand 1873 in Paris der erste internationale Orientalistenkongress statt. Dessen Hauptinteresse galt Japan, das eben für den westlichen Handel zugänglich geworden war, und Seidenproduktion wie -handel erhielten dabei spezielle Aufmerksamkeit. Die im Seidenhandel aktive Schweiz gründete ein nationales Komitee und erreichte mit dieser frühen Partizipation eine bemerkenswerte Position in einem sich rasch entwickelnden Feld.
Hatten die Vertreter der Etudes Orientales vorerst Ostasien im Blick, etablierte sich schon 1873 mit Ägyptologie, Semitistik und Assyriologie wissenschaftspolitisch die neue Mitte im Nahen Osten. Am fünften Orientalistenkongress in Berlin waren 1881 auch der Deutsche Palästina-Verein und eine afrikanische Sektion beteiligt. Bei der Eröffnung stellte der preussische Minister fest, dass allein an den preussischen Universitäten 34 Orientalistikprofessuren eingerichtet und die Museen mit den Exponaten der Forschungsreisen gefüllt waren.
Die Orientalistenkongresse bieten Hinweise auf die offensichtliche politische Relevanz des «Mittleren Ostens» und dessen eurozentrische Vereinnahmung, die erst nach dem Ersten Weltkrieg relativiert wurde. Die Kongresse zeigen aber auch, dass sich selbst für grosse Imperien zusehends eine neue machtpolitische Strategie eröffnete. Diese war auf die Sicherstellung von Verbindungen und Vernetzungen ausgerichtet und hatte in der Metapher der Seidenstrasse eine überzeugende Übersetzung gefunden.
… zur chinesischen Neuinterpretation
Heute gilt im chinesischen Verständnis der neuen Seidenstrasse der Verzicht auf die Eroberung von neuem Territorium und die Betonung von Konnektivität geradezu als Markenzeichen. Die erwähnte BRI, 2013 vom neuen Präsidenten und Parteichef Xi Jinping ins Leben gerufen, soll Schätzungen zufolge 68 Länder, 65 % der Weltbevölkerung und fast 40 % der Weltwirtschaft umspannen. Sie umfasst unterdessen Grossprojekte, die neben den eurasiatischen Verbindungen Lateinamerika ebenso erfassen wie die Arktis. Hinter der Rhetorik von Win-win-Geschäften steckt dabei der Versuch, die Welt neu zu ordnen und zu orientieren – das heisst nach Osten hin zu China als neuem Zentrum und dem Renminbi als Weltwährung.
Die BRI zeigt im Nahen Osten bereits deutlich Wirkung. Präsident Xi besuchte 2016 Ägypten, Saudi-Arabien und den Iran und kündigte dabei Investitionen und Darlehen in Höhe von 55 Milliarden Dollar an. Zahlreiche Infrastrukturprojekte wie Eisenbahnlinien, Ölraffinerien, Häfen sind bereits umgesetzt oder stehen in Bau oder Planung, oft im Tandem mit neuen Freihandelszonen. Die chinesischen Investitionen in die Region belaufen sich für die Periode 2005–2016 auf fast 140 Milliarden Dollar. Vereinbarungen über Währungsswaps wurden mit den Emiraten, Katar und Ägypten unterzeichnet.
Wie ordnet nun dieses gigantische Infrastrukturprojekt die Welt neu? Und vor allem: Was bedeutet aus chinesischer Perspektive «Naher Osten»? Ein 2016 veröffentlichtes Strategiepapier entwickelt eine «1+2+3-Kooperation»: Zusammenarbeit im etablierten Energiebereich als der eine Kern, Infrastrukturbauten und Handel/ Investitionen als die zwei Flügel sowie Nuklearenergie, Weltraumtechnologie und Neue Energie als die drei Durchbrüche. Das Papier spricht dabei von den arabischen Staaten und nicht vom Nahen oder Mittleren Osten. Diese vom Westen festgeschriebene Bezeichnung tritt aber deutlich in den Vordergrund, wenn von Friedenssicherung und Stabilität die Rede ist. Nur dann wird explizit vom «Mittleren Osten» (Zhōngdōng 中东) gesprochen – geografisch von China aus betrachtet eine Absurdität und daher umso mehr als Zitat eines westlich geprägten Begriffes ersichtlich.
Metaphorik des Pulverfasses
Die einseitige Erwähnung des «Mittleren Ostens» erweckt den Eindruck, als ob man die gesamte Metaphorik des Pulverfasses und damit die religiösen und politischen Spannungen einfach dem «alten» Mittleren Osten, der eurozentrisch geprägten alten Mitte, zuschanzen wollte. Im chinesischen Vorschlag einer zukunftsfähigen Vision internationaler Beziehungen haben die Wörter «Islam» und «muslimisch» keine Bedeutung: Der Austausch zwischen Kulturen und Religionen soll zwar auf religiöser Toleranz beruhen, im Zentrum steht aber die Bekämpfung des Terrorismus.
Die chinesische Lesart der Seidenstrasse legt eine Teilung des Problems in Ökonomie und Politik nahe. Während der ökonomische Teil auf vornehmlich bilateralen Verträgen beruht, wird die westlich geprägte Metapher «Mittlerer Osten» dann verwendet, wenn es um misslingende multilaterale Konfliktmechanismen geht. Diese Teilung ist im Fall von Israel besonders gut ersichtlich: Israel ist Mitglied der Asiatischen Infrastrukturinvestmentbank und China sein zweitgrösster Handelspartner. Dies hindert allerdings China nicht daran, die Zweistaatenlösung mit einem unabhängigen Palästina zu favorisieren.
Im Nahen Osten scheint China mit der wirtschaftlichen Konnektivität die politischen und religiösen Probleme an den Rand drücken zu wollen. Saudi-Arabien und Iran werden umworben und wenn nötig gegeneinander ausgespielt, Israel ökonomisch angepasst und sogar in Syrien versucht China, eine Mittlerrolle einzunehmen. Analytisch lässt sich so eine Konfrontation von Deutungsmonopolen aufzeigen. Damit fehlt aber eine multilaterale Friedenssicherung, die das Selbstverständnis der lokalen Akteure und ihren Bezug zur fremdbestimmten «Einmittung» berücksichtigt.
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