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Projekt «Westfeld» in Basel: Im Westen viel Neues
Wo früher Nebengebäude des Felix-Platter-Spitals standen, wuchs in den letzten Jahren ein neues Quartier im Westen Basels: 400 Wohnungen werden im Rahmen des Projekts «Westfeld» errichtet. Auch der frühere Spitalbau wurde in ein Wohngebäude umfunktioniert.
Quelle: Ben Kron
Neubau auf dem Areal des Felix-Platter-Spitals: Total entstehen 320 Genossenschaftswohnungen, in einer späteren Bauetappe folgen noch einmal 80.
Packende TV-Serien mit findigen Tatortermittlern sind beim
Publikum beliebt. Doch weiss letzteres in der Regel kaum, dass es ein Basler
Arzt des 16. Jahrhunderts war, der als Begründer der Gerichtsmedizin gilt und
damit den Grundstein für jeden CSI-Plot legte: Felix Platter.
In seiner Heimatstadt immerhin ist Felix Platter ein Begriff: Nach ihm wurde das um 1890 gegründete zweite Spital der Stadt benannt (nach dem Universitätsspital), das seit Anbeginn auf einem Grundstück nahe der französischen Grenze bei St. Louis untergebracht ist. Und jeder Einheimische kennt das markante Spitalgebäude von 1967, einen 105 Meter langen, 35 Meter breiten und zehn Stockwerke hohen, beeindruckenden Riegel, der heute denkmalgeschützt ist. Es gehört «aufgrund seiner gestalterischen, typologischen und städtebaulichen Qualitäten zu den hervorragenden Bauten der Nachkriegsmoderne», weiss ein Architekturführer.
Gebäude aus Inventar entlassen
Doch das Gebäude entsprach nicht mehr den Anforderungen an
ein modernes Spital, sowohl baulich, als auch beim Betrieb und der
Infrastruktur. Und die Kosten für eine Erneuerung drohten astronomisch hoch zu
werden. Da auf dem Areal Freiraum vorhanden war, entschied man sich 2012 für
einen Neubau nördlich des bestehenden Spitals. Und die Regierung entliess das
Gebäude aus dem Schutzinventar, um es rückzubauen.
Dagegen erhob sich aber Widerstand: Die Mehrheit der
Bevölkerung wünschte laut einer Umfrage den Erhalt des prägnanten Gebäudes, oft
schlicht als das «Schiff» bezeichnet. Gegen den Abriss des Spitals wehrten sich
auch der Heimatschutz, die freiwillige Denkmalpflege und eine Reihe von
Architekten, sowie die Initianten der 2015 gegründeten Baugenossenschaft
«wohnen&mehr». Verschiedene Studien hatten nachgewiesen, dass eine
Umnutzung machbar war, samt der Verbesserung der Energieeffizienz und der nötigen
Erdbebenertüchtigung.
Quelle: Ben Kron
Die Nordseite des fertig sanierten Felix-Platter-Spitals, im Vordergrund einer der drei neuen Pavillons, rechts eine Ecke des Spitalneubaus.
Kompromiss mit Denkmalschutz
Schliesslich fand sich ein Kompromiss: Unter Denkmalschutz gestellt wurden die Fassade und gewisse Elemente des Spitals, so dass der Weg frei wurde, um das Ganze in ein Wohn- und Quartierhaus umzubauen. Die Baugenossenschaft erhielt das Gebäude und Grundstück im Baurechtsvertrag überschrieben und entwickelte das Projekt «Westfeld» zur Umnutzung und Neugestaltung.
«Der Kanton hat noch vorhandene Pavillons und ein Personalhaus rückgebaut. 2020 konnten wir dann mit dem Umbau und dem Neubauprojekt beginnen», erzählt Claudia Bauersachs, die Co-Geschäftsleiterin und Gesamtprojektleiterin der Genossenschaft. Kern des Projekts ist die Umnutzung des Spitalbaus zu einem Wohnhaus, das ein «Miteinanderhaus»-Konzept mit verschiedenen Wohnformen vorsieht, nicht unähnlich der Kalkbreite-Genossenschaft in Zürich – ebenfalls von Müller Sigrist ersonnen. Das Schiff enthält nach der abgeschlossenen Umnutzung 135 Wohneinheiten unterschiedlichster Grössen.
Vom Studio und Gästezimmer über übliche 1- bis
6-Zimmer-Wohnungen bis hin zu einer 12-Zimmer-Cluster-Wohnungen findet sich
alles, wobei die Wohnungen in den oberen Geschossen mit der fantastischen
Aussicht dazu beitragen, die Wohnungen in den unteren Geschossen auch für finanzschwächere
Genossenschafter finanzierbar zu machen. Zusätzlich gibt es einige für die
Öffentlichkeit zugängliche oder halböffentliche Bereiche, Gemeinschaftsräume
mit Teeküchen und ähnliches.
Quelle: Kathrin Schulthess
Die Südfassade des 1967 erstellen Felix-Platter-Spitals: Das markante Gebäude gehört zu den Wahrzeichen des Quartiers.
Vertikale Stahlbetonplatte
«Eine der Hauptmassnahmen war die Erdbebenertüchtigung.
Hierfür erhielt das Gebäude eine vertikale Stahlbetonplatte über die ganze Höhe
und bestehende Bewegungsfugen wurden kraftschlüssig verbunden.» Die drei
Erschliessungskerne sorgen für die horizontale Aussteifung. Zwei dieser Treppenhäuser
wurden zudem etwas geschoben, um bessere Wohnungsgrundrisse zu ermöglichen.
«Dazu gibt es eine Kaskadentreppe, die quer durch das ganze Haus führt und eine
zusätzliche, optionale Erschliessung für das Miteinanderhaus darstellt.»
Die denkmalgeschützte Fassade blieb mehrheitlich
unverändert, wobei man die Fenster der feinen Rasterstruktur innen neu
aufgesetzt hat. Auf der Sonnenseite wurde eine zusätzliche, innere Fassade
erstellt, die den bauphysikalischen Anforderungen entspricht. «So erhalten die
Wohnungen zwischen der alten und der neuen Fassade je ein
Vier-Jahreszeiten-Zimmer.»
Quelle: Kathrin Schulthess
Die Innenwände des Spitalsbaus wurden weitgehend erhalten - aber alles andere hat man gründlichstens entfernt.
Struktur weitgehend erhalten
Im Inneren wurde möglichst viel der Struktur erhalten, auch
die Wände der Spitalzimmer blieben mehrheitlich stehen. «Statisch war das Gebäude
von Anfang an knapp ausgelegt», erklärt Bauersachs. «So mussten Unterzüge
teilweise mit Lamellen verstärkt werden und möglichst wenig zusätzliches
Gewicht in die Geschosse eingebracht werden.»
Das Projekt «Westfeld» geht aber weit über die Umnutzung des
Spitalriegels hinaus: Die Genossenschaft formt auf dem ehemaligen Spitalgelände
fast schon ein ganzes Quartier: «Wir erstellen in dieser ersten Bau-Phase einen
sieben Geschosse hohen Neubau als Blockrand plus drei Pavillons für gewerbliche
und soziale Nutzungen.» Dazu kommt eine Einstellhalle, die auch an den
Bestandsbau andockt. In einer zweiten Etappe wird ab 2024 ein weiteres Gebäude
mit 70 Wohnungen erstellt. «Hier sind wir im Moment am Ausarbeiten des
Projekts.»
Die Gestaltung des Areals und der Gebäude, die von mehreren
Architekturteams stammen, sorgen dabei für eine Vielfalt an unterschiedlichen
Wohnungen und Typologien, «Durch die Blockrandbebauung, die ja für Basel
typisch ist, erhalten wir einen grossen Wohnhof, der von aussen zugänglich ist,
aber trotzdem eine gewisse Privatsphäre bieten wird.» Der Wohnhof wird
entsprechend begrünt werden. Zudem wird das Areal autofrei, bis auf die
notwendigen Anlieferungen. Der Veloverkehr kann das «Westfeld» passieren.
Quelle: Ben Kron
Das Spitalinnere nach der Sanierung: Deutlich zu sehen ist die neu eingefügte, vertikale Stahlbetonscheibe, die das Gebäude erdbebensicher macht.
Projektende 2026
Gegenwärtig ist ein erster Teil des Wohnblocks fertig und
bereits von den Mietern bezogen, während in den anderen noch der Innenausbau
fertiggestellt wird. «Aktuell geht gerade ein zweiter Gebäudeteil in Betrieb,
der von einer Genossenschaft als Generalmieterin übernommen wurde. Danach
folgen noch Treppenhaus für Treppenhaus die weiteren Gebäudeteile. Bis Mitte
September ist der Innenausbau abgeschlossen.» Total werden in dieser ersten
Etappe 320 neue Wohnungen erstellt. In einer zweiten Etappe baut man bis 2026
noch einmal 80 Wohnungen.
Die Corona-Pandemie hat das Bauvorhaben anfangs kaum
tangiert. «Da hatten wir noch eine gute Vergabe unserer Aufträge. Danach
bekamen wir dieselben Schwierigkeiten wie andere Projekte, für gewisse Gewerke
Unternehmer zu finden.» Trotzdem konnte der Zeitplan eingehalten werden, und
auch die Kosten hat man trotz der Preiserhöhungen bei den Materialien in Griff.
«Wir haben genug Reserven eingeplant, so dass wir die ursprünglich kalkulierten
Mieten am Ende nicht mehr erhöhen mussten.»
Quelle: Kathrin Schulthess
Blick in den Liftschacht: Auch dieser Teil wurde zur Erdbebenertüchtigung des Gebäudes verstärkt.
Nachhaltig und altersgerecht
Für die Überbauung «Westfeld» strebt die Bauherrin keine
Zertifizierung an, da eine solche mit Kosten und Aufwand verbunden ist, für die
Vermarktung der Genossenschaftswohnungen aber nicht zwingend notwendig.
«Trotzdem wird der Energieeffizienzpfad SIA 2040 eingehalten und das Thema
Nachhaltigkeit ist für uns sehr wichtig», so Claudia Bauersachs. Hierfür sei
schon der Erhalt des Spitalbaus eine zentrale Massnahme gewesen. Dazu sind alle
Neubauten behindertengerecht nach der SIA-Norm 500 «Hindernisfreie Bauten», und
man legte bei einigen Wohnungen ein besonderes Augenmerk auf eine zusätzlich
altersgerechte Ausführung.
Für die Energieversorgung wurde ein Vertrag mit den
Industriellen Werken Basel als Contractor unterzeichnet. Die IWB versorgt das
Areal einerseits mit Fernwärme, die ergänzt werden von einer Wärmepumpenanlage,
die sich aus zwei Grundwasserbrunnen speist. Hierfür konnte ein bestehender
Brunnen verwendet werden, der lediglich etwas versandet war.
Quelle: Ben Kron
Der Gebäudeteil zur Burgfelderstrasse und Tramlinie hin wurde als erster fertiggestellt .
Spitalsanierung abgeschlossen
Als erstes Teilprojekt wurde die Sanierung des
Spitalgebäudes abgeschlossen. Die neu geschaffenen Wohnungen sind inzwischen
weitgehend vermietet. «Im Schiff sind im Moment noch zehn Wohnungen zu haben,
und hier vor allem die etwas teureren Wohnungen in den obersten Geschossen.»
Doch angesichts des rundum spektakulären Ausblicks, den das Gebäude bietet,
werden auch diese Objekte noch ihre Mieter finden.
Im Schiff sind die Gewerbeflächen komplett ausgemietet, bei
den Neubauten sind noch einzelne Gewerbeflächen zu haben. Claudia Bauersachs
freut sich über den breiten Mix der Angebote: «Wir haben die Gastroangebote
BioBistro, Umami und Cantilena, ein Fitnesscenter, Coiffeur, Blumenladen,
Lebensmittelgeschäfte, Apotheke, eine Kita und einen Doppelkindergarten und
viele weitere Angebote. Auch der Quartierverein hat sich eingemietet.» Einen
der drei Pavillons hat die Pro Senectute übernommen, die hier nebst Kursräumen
neu ihre Geschäftsstelle hat.
Verkehrsgünstige Lage
Die Vermietung der Genossenschaftswohnungen ist im vollen
Gang und dürfte angesichts der auch in Basel zunehmend angespannten
Wohnungslage kein Problem darstellen. Zumal das «Westfeld» verkehrstechnisch
gut gelegen ist: Es ist mit einer Bus- und einer Tramlinie erreichbar. Und mit
dem ÖV wie dem Auto ist man ebenso rasch am Bahnhof wie am Flughafen Basel-Mulhouse.
Quelle: Ben Kron
Innenausbau: Die fünf Gebäudeteile werden gestaffelt fertiggestellt, danach folgt noch bis 2026 eine weitere Bauetappe.