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Kantonsrat St.Gallen 61.20.89
Einfache Anfrage Bruss-Diepoldsau:
«Vitamin-D-Abgabe in Spitälern und Heimen
Die Lage um die Corona-Fallzahlen ist sehr angespannt und immer mehr wird nach verschärften
Massnahmen geschrien. Bund und Kantone bemühen sich mit unterschiedlichen Vorstellungen
die Lage in den Griff zu bekommen. Besorgniserregend ist vor allem die aktuelle Lage in den Spitälern und Heimen.
Aktuell findet eine natürliche, unkontrollierte ‹Impfung› der Bevölkerung statt. Wer nicht über ein
optimales Immunsystem verfügt, erkrankt an Covid-19. Meine Einfache Anfrage 61.20.20 ‹Coronavirus mit gestärktem Immunsystem bekämpfen› vom 13. März 2020 dazu wurde nicht so
ernst genommen wie z.B. die Maskenpflicht, welche anscheinend auch keinen hundertprozentigen Schutz bietet. Meine Recherchen haben ergeben, dass z.B. in Spitälern und Heimen die Abgabe von Vitamin D kein Thema ist, obwohl immer wieder über dessen positive Wirkung berichtet wird.
Ich bitte die Regierung um die Beantwortung folgender Fragen:
1. Warum werden den Heimbewohnern und Covid-Patienten in Spitälern kein Vitamin D empfohlen bzw. angeboten?
2. Gilt es nicht die Krankheit mit allen möglichen Mitteln einzudämmen?
3. Was hätte der Kanton zu verlieren, wenn er den Spitälern und Heimen die Abgabe von Vitamin D an Bewohnerinnen und Bewohner bzw. Patientinnen und Patienten nahelegen
würde?
4. Könnten nicht enormes Leid und Steuergeld gespart werden, wenn wir Erkrankungen und
Hospitalisierungen mit dieser einfachen Massnahme vermeiden oder reduzieren könnten?
5. Warum wird die Stärkung des Immunsystems immer noch nicht offiziell empfohlen, so wie
z.B. das Händewaschen?»
10. Dezember 2020 Bruss-Diepoldsau
Antwort der Regierung
Vitamin-D-Abgabe in Spitälern und Heimen Schriftliche Antwort der Regierung vom 26. Januar 2021 Carmen Bruss-Diepoldsau erkundigt sich, ob die Abgabe von Vitamin D in den Spitälern und Heimen eine zusätzliche und kostengünstige Massnahme bei der Bekämpfung der Covid-19- Epidemie im Sinn der «Stärkung des Immunsystems» darstellt und wie sich der Kanton zur Abgabe von Vitamin D stellt. Die Regierung antwortet wie folgt: Gemäss aktuellem Wissensstand spielt Vitamin D eine wesentliche Rolle bei der Regulierung des Calciumspiegels im Blut und beim Knochenaufbau. Ein Vitamin-D-Mangel führt mittelfristig bei Kindern und bei Erwachsenen zu Störungen der Knochenstruktur. Mögliche weitere gesundheitli-che Folgen eines Vitamin-D-Mangels sind Gegenstand aktueller wissenschaftlicher Forschung. Für eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D ist eine angemessene Sonnen- oder UV-B-Be-strahlung oder andernfalls eine zusätzliche Einnahme notwendig. Ältere Menschen ab 65 Jahren zählen zu den Risikogruppen, da im Alter die Fähigkeit der Vitamin-D-Bildung der Haut deutlich abnimmt. Die erforderliche Sonnenexposition ist häufig nicht gewährleistet bei Menschen, die über einen längeren Zeitraum immobil bzw. bettlägerig sind und nicht ausreichend Zeit im Freien verbringen. Ebenso gehören Menschen, die sich nur mit gänzlich bedecktem Körper ans Tages-licht begeben, zu den Risikogruppen. Zu den einzelnen Fragen: 1. Eine Vitamin-D-Abgabe für Menschen ab 60 Jahren wird vom Bundesamt für Lebensmittel- sicherheit und Veterinärwesen in entsprechender Dosierung empfohlen. Sie wird auch in Langzeitinstitutionen aufgrund der Empfehlungen regelmässig in monatlichen Abständen durchgeführt. Die primäre Indikation stellt jedoch die Stärkung der Knochenstruktur dar. Da-mit leistet die Vitamin-D-Abgabe einen indirekten Beitrag an die Vermeidung von schweren Folgen von altersbedingten Stürzen. Da es sich bei der Wirkung von Vitamin D um eine Langzeitwirkung handelt, die sich mit der regelmässigen Abgabe entfaltet, ist eine Abgabe bei einem kurzen Spitalaufenthalt nur be-dingt sinnvoll. 2. Selbstverständlich sollte alles darangesetzt werden, den Verlauf der Erkrankung zu verbes-sern. Die Evidenz der Wirksamkeit einer Massnahme muss aber belegt sein. 3. Im Kanton St.Gallen besteht in den meisten Betagten- und Pflegeheimen die freie Arztwahl. Dies bedeutet, dass die Bewohnerinnen und Bewohner der Langzeitinstitutionen von ihren individuellen Ärztinnen und Ärzten betreut werden. Die Verschreibung der regelmässigen Abgabe von Vitamin D erfolgt denn auch über diese Ärztinnen und Ärzte, die sich wiederum an wissenschaftlich basierte Fachempfehlungen halten. 4. Mehrere wissenschaftliche Arbeiten haben gezeigt, dass Vitamin D mögliche positive Effekte auf das Immunsystem hat. Eine im November 2020 veröffentlichte, gross angelegte Untersu-chung bei älteren Personen in Europa, die von Prof.Dr.med. Heike Bischoff-Ferrari – einer
führenden Vitamin-D-Expertin – durchgeführt wurde, ergab allerdings ein ernüchterndes Er-gebnis. Die dreijährige Substitution mit Vitamin D bei zu Hause lebenden, älteren Menschen hatte keinerlei Einfluss auf die Infektionshäufigkeit.1 Zum aktuellen Zeitpunkt liegen keine wissenschaftlichen Hinweise vor, dass eine regelmäs-sige Abgabe von Vitamin D einen positiven Einfluss auf den Verlauf einer Covid-19-Erkran-kung hat. 5. Das Immunsystem ist ein hochkomplexes und sensibles Netzwerk. Es besteht aus verschie-denen Organen, Zellarten und Eiweissen. Sie schützen den Körper vor Krankheitserregern. Dazu gehören unter anderem Bakterien, Viren und Pilze. Man unterscheidet zwischen dem unspezifischen, also dem angeborenen Immunsystem und dem spezifischen, also erworbe-nen Immunsystem. Diese sind eng miteinander verknüpft. Das unspezifische Immunsystem wehrt Erreger aller Art ab. Immunzellen wie Fress- oder Killerzellen spielen dabei eine grosse Rolle. Sie bekämpfen Schadstoffe und schädliche Keime, die beispielsweise über die Haut oder das Verdauungssystem in den Körper gelangen. Das spezifische Immunsys-tem übernimmt, wenn die unspezifische Abwehr die Erreger nicht vernichten kann. Es bildet Antikörper, die es gezielt gegen bestimmte Krankheitserreger einsetzt. Das spezifische Im-munsystem erinnert sich zudem an wiederkehrende Krankheitserreger. So weiss es jeweils, wie es diese vernichten kann. Zudem lernt es ständig dazu. «Stärkung des Immunsystems» ist ein Slogan. Was genau darunter zu verstehen ist, ist meist nicht definiert. Es herrscht jedoch Konsens, dass ein gesunder Lebenswandel das Immunsystem positiv beeinflusst. Der ausgewogenen Ernährung kommt eine zentrale Be-deutung zu. Es gibt Massnahmen, die das Immunsystem stimulieren. Bei der Covid-19-Erkrankung kann eine Stimulierung des Immunsystems aber auch negative Folgen haben. Daher wird bei schweren Formen Cortisol verabreicht, um das Immunsystem zu «unterdrücken». Mit ande-ren Worten: Eine medizinische Massnahme muss gut geprüft und der Nutzen und die Risiken müssen abgewogen werden. Bei Vitamin D scheint das Risiko minimal, auch die Kosten. Aber der Nutzen ist unklar.