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Die Schaulust war gross. Millionen begehrten Einlass, denn auf den Jahrmärkten und Showbühnen des 19. Jahrhunderts wurde alles gezeigt, was kurios und tierisch war: Zwerge und Riesen, siamesische Zwillinge, Elefanten- und Löwenmenschen. Keine Monstrosität aber schlug die Zuschauer dermassen in Bann wie die «Affenfrauen»: weibliche Wesen mit animalischer Behaarung, die im übrigen befremdlich menschlich erschienen. Zu bewundern war etwa Josephine Fortune Clofullia, geboren 1831 in Genf. Als «the Bearded Lady of Geneva» wurde sie zum Superstar. Abgesehen von ihrem Bart soll sie äusserst feminin gewesen sein, und die drei gerichtlich bestellten Ärzte, die sie nach Betrugsvorwürfen untersuchten, hatten keine Mühe, sie einhellig zur Frau zu erklären. Daneben strahlte Julia Pastrana, eine 1834 geborene Mexikanerin, die nicht nur im Gesicht, sondern am ganzen Körper starken Haarwuchs aufwies und ein verformtes Gesicht besass, was ihr Primatenähnlichkeit verlieh. Diese Missbildung befeuerte auch die Phantasie der aufsteigenden Evolutionswissenschaft. Man rätselte, ob dem lieben Gott ein Fehler unterlaufen, ob Julia Pastrana ein Neutrum zwischen Mensch und Affe oder ob sie gar eine Strafe des Gewaltigen sei.
Ihr Besitzer, der Impresario Theodor Lent, hatte sie 1856 einem Kollegen abgekauft und führte nun seine Beute dem Publikum als «grösste Attraktion aller Zeiten» und «hässlichste Frau der Welt» vor. Als sie die Kasse nicht mehr schnell genug zu füllen vermochte, nahm er sie flugs zur Frau. Julia wurde schwanger und brachte einen kleinen Esau zur Welt, einen ebenfalls vollkommen behaarten Jungen. Damit standen die Chancen gut, Lents Geschäft neuen Schwung zu verleihen. Leider aber starben Mutter und Kind kurz nach der Geburt. Was tat Lent? Natürlich liess er seine Liebsten sinnvoll herrichten und ging nun auf Tournee mit den Mumien.
Von diesem tollen Stoff liess sich die siebzigjährige Margrit Schriber, die mit erfreulicher Stetigkeit ein Buch nach dem anderen vorlegt, in ihrem jüngsten Roman inspirieren. Sie erzählt die Geschichte aus der Perspektive des fiktiven Verdingkinds Rösli, das im Hafen von Southampton das Schiff nach Amerika verpasst und dann, als Burlesque-Tänzerin «Rosie la Belle», die Vorführung der Pastrana mit einer erotischen Tanznummer begleiten darf. Ihre Schönheit dient dazu, die Abnormität der Behaarten noch herauszuheben und den wohligen Schauer der Zuschauer zu vertiefen. Die beiden Frauen haben durch Europa zu tingeln; die Reise führt sie nach England, Deutschland und Russland. Nach dem Tod der «Affenfrau» kehrt Rosie verarmt in die Innerschweiz zurück, nach Morschach, wo sie in Schlangenlederpumps durch die Gassen stöckelt und den Dorfbewohnern mit ihren Geschichten auf die Nerven geht.
Margrit Schriber macht aus der süffigen historischen Vorlage einen Seelenroman. Die Schaubegierde richtet sich nach innen. Nicht Julias Behaarung, die man später mit der vererblichenKrankheit Hypertrichose erklären konnte, sondern ihre duldsame, verkaufte Seele steht im Zentrum. Von ihrem Agenten über den Tod hinaus zur Ware gemacht und auf das gewinnbringendste vergewaltigt, erfährt sie Mitleid von Rosie, die auch als «la Belle» selbst ein Kind des Jammers bleibt. Rosie zeichnet ein zartes Bild von Pastranas möglichen Gedanken und Gefühlen, das allerdings zum Teil, mehr als dem zwölf- bis vierzehnjährigen Mädchen, dem vorgeschobenen Erzähler, dem Armenvogt, oder der Autorin zu danken zu sein scheint.
Im Kern ist diese Erzählung von einer Frau, die auf groteske Weise auf ihr Äusseres festgelegt wird, nicht historisch. Es ist eine vielstimmige Geschichte über die Licht- und Schattenseiten menschlicher Neugier, über Gefühllosigkeit und Ausbeutung, über Träume und die Tristesse perspektivenloser Leben; ein Märchen, dessen zeitlose Moral in vielen wunderbar stimmigen Sätzen gefangen wird.
Margrit Schriber: «Die hässlichste Frau der Welt». München: Nagel & Kimche, 2009