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Das Volk der Fulni-ô ist die einzige indigene Gruppe im Nordosten Brasiliens, der es gelungen ist, ihre Originalsprache, das “Ia-tê“, lebendig und aktiv zu erhalten, sowie ein Ritual, welches sie “Ouricuri“ nennen, und das sie heutzutage nur unter sich, verborgen vor der Öffentlichkeit, durchführen. Im Zentrum ihres Territoriums, dem indigenen Reservat der Fulni-ô, liegt die Siedlung Águas Belas, die sich inzwischen zu einer Kleinstadt entwickelt hat.
Fulni-ô

Andere Namen: Carnijó, Carijó, Cajaú

Sprachfamilie: Ia-tê
Population: 4.687 (2012)
Region: Bundesstaat Pernambuco
|INHALTSVERZEICHNIS

Name und Sprache
Lebensraum
Demografische Informationen
Historische Vorfahren
Das Ouricuri-Ritual
Interethnischen Eheschliessungen
Übriggebliebene und Abkömmlinge
Der Kampf um den Lebensraum
Verpachtung des Grundbesitzes
Wirtschaft
Die Fulni-ô in der Welt der Weissen
In der historischen Literatur, und in Teilen der anthropologischen Aufzeichnungen, werden die Indios von Àguas Belas als “Carnijós“ oder auch “Carijós“ bezeichnet – der Forscher Hohenthal nennt sie “Cajaú“ (1960). Es gibt keine Angaben darüber, wann ihre Dörfer entstanden – sicher ist, dass sie in der Mitte des 18. Jahrhunderts bereits unter dem Namen “Carnijó“ bekannt waren. Es ist möglich, dass sich in ihrem Dorf Elemente verschiedener ethnischer Gruppen niedergelassen haben, welche sich später in Clans reorganisiert und sich den Namen ihres Gastgebers gegeben haben: “Fulniô“
Lange Zeit wurden die Fulni-ô von der Wissenschaft als die letzten Nachfahren der historischen Indios “Karirí“ angesehen, deren Lebensraum den gesamten brasilianischen Nordosten umfasste (Boudin, 1949). Ein Beispiel dieser Meinung ist die von Mario Melo, der sie als “letzten Trieb der Cariris, die unsere Sertões beherrschten“ bezeichnet (Melo, 1929). Nach Boudin (1949) schlich sich dieser Irrtum ein, weil beide Gruppen dieselbe Region, am Mittleren und Oberen Rio São Francisco, bewohnten.
Die Hypothese, dass es sich bei den Fulni-ô um die historischen Karirí handelt, wurde fallen gelassen, nachdem eine vergleichende linguistische Analyse zu dem Ergebnis kam, dass “die Sprache der Indios Karnijós sich wesentlich von der Familie Karirí unterscheidet“ und dass es sich bei ihrem “Ia-tê“ wahrscheinlich um eine autonome Sprache handelt, denn “sie repräsentiert die Überreste einer Sprachfamilie, welche in der Aufstellung amerikanischer Sprachen Brasiliens bisher noch nicht vorkommt, oder sie ist mit einer Sprachfamilie verbunden, die keine weiteren Repräsentanten in unserem Territorium hat“ (Sobrinho,1935: 49). Der Linguist Aryon Dall’Igna Rodrigues hat (1986) hat sowohl die Sprachfamilie Karirí als auch die Ia-tè Sprache als Ableger aus dem Stamm “Macro-jê“ klassifiziert.
Heute sprechen alle Indios in Águas Belas die portugiesische Sprache – in “Ia-tê“ kommunizieren vor allem die Erwachsenen und Älteren – die Jugendlichen und die Kinder unterhalten sich vielmehr in Portugiesisch. Obwohl ihre Originalsprache Ia-tê wahrscheinlich gegen Portugiesisch weiter an Boden verlieren wird, spielt es innerhalb dieser indigenen Gesellschaft eine bedeutende Rolle.
Die Fulni-ô bewohnen das Munizip von Águas Belas, innerhalb der physiografischen Zone des “Sertão“ – 273 Kilometer von der Hauptstadt Recife (Bundesstaat Pernambuco) entfernt. Das Munizip befindet sich innerhalb des so genannten “Trockenen Vielecks“. Die Region von Águas Belas wird von Nord nach Süd vom Rio Ipanema durchquert, der in den Rio São Francisco mündet. Im Jahr 1980 betrug die Bevölkerung jenes Munizips 37.057 Personen, von denen 11.714 innerhalb der urbanen Zone wohnten und 25.343 im ländlichen Gebiet. Diese letzte Zahl begreift auch das indigene Dorf ein.
Das Leben der Fulni-ô konzentriert sich auf zwei Dörfer. Das eine befindet sich im Einzugsbereich des Städtchens Àguas Belas. In diesem Dorf befinden sich auch die Einrichtungen des Postens der “Fundação Nacional do Índio“ (FUNAI). Das andere Dorf wurde für das heilige Ritual “Ouricuri“ im Interior errichtet, dorthin begeben sich die indigenen Bewohner zwischen September und Oktober.
Die ältesten Daten betreffend der Fulni-ô stammen aus dem Jahr 1749 – nach einem Register der “Informação Geral da Capitania de Pernambuco“ (1906) lebten damals im Dorf “Ribeira do Panema“ 323 Personen, die dieser Gruppe angehörten. Estêvão Pinto, der als Quelle die Berichte der “Diretoria dos Índios“ zitiert, berichtet, dass im Jahr 1855 ihre Bevölkerung auf 738 angewachsen war, während im Jahr 1861 diese Zahl auf fast die Hälfte zurück gegangen sei – nur 382 Personen waren übrig geblieben, bestehend aus 90 Familien (Pinto, 1956: 25). Der zitierte Autor kommentiert weiter, dass die Ursache jener demografischen Schrumpfung wahrscheinlich eine Cholera-Epidemie gewesen ist, die das Dorf 1856 heimgesucht hatte. 1873 bestand die Gruppe der Fulni-ô dann nur noch aus etwa 100 Personen (Costa Júnior, 1942: 11 – Pinto, 1956: 26).
Im weiteren Verlauf der Zeit erholte sich die indigene Bevölkerung wieder: 1922 wurde das Dorf von etwa 500 Indios bewohnt, “verteilt auf 150 Hütten, fast alle aus Stroh“ (Pinto, 1956: 26). Man kann annehmen, dass die Zahl der Indios im Jahr 1937 bereits stark zugenommen hatte, denn in einem Artikel von Carlos Estêvão de Oliveira aus jener Zeit, bezieht sich der Autor auf “eintausend Personen, welche sich in der Sprache “Ia-tê“ unterhielten“ (1942: 171).
Es ist möglich, dass die von Carlos Estêvão de Oliveira angegebene Zahl ein wenig optimistisch sein mag – andererseits steht in Berichten der “IVa. Inspetoria Regional“, dass 1945 das Dorf 823 Personen zählte und 1948 bereits 1.263 (Pinto, 1956: 26). Im Jahr 1982 bewohnten 2.668 Personen – diese Zahl war 1989 auf 2.788 Personen angewachsen, so die Register der FUNAI (Povos Indígenas no Brasil 1991/1996, ISA, 1996).
Im historischen Territorium der “Capitania de Pernambuco” lebten zahlreiche indigene Volksgruppen, die sich der Tupi-Sprache bedienten. Indios, die der Tupi-Sprache nicht mächtig waren, waren als “Tapuios“ oder “Tupuyaa“ bekannt. Während der Kolonialzeit wurden die indigenen Küstenbewohner ins Hinterland abgedrängt, um für eine neue Bevölkerung Raum zu schaffen. Ein grosser Teil des Tals, durch das der Rio São Francisco fliesst, wurde auf diese Weise von den Indios erschlossen.
Auch der Kampf zwischen Portugiesen und Holländern um das brasilianische Territorium, in der Mitte des 17. Jahrhunderts, hatte einen grossen Einfluss auf die neue demografische Verteilung. Nachdem die Holländer aus Pernambuco vertrieben worden waren, entschieden sich die Portugiesen, die Administration der indigenen Gruppen der Region neu zu organisieren. Es ist möglich, dass sich die portugiesische Krone aufgrund dieser Neuorganisation entschied, die Indios in Dörfern zu vereinen, um sie so besser kontrollieren zu können. So würde sich ihre Verordnung von “einer Légua Land im Quadrat“ erklären, die sie den Indios für jeweils 100 indigene Paare überliessen (1 légua = 5 km, folglich 5 x 5 = 25 m2). Man nimmt an, dass die Fulni-ô wahrscheinlich zu jener Zeit sesshaft wurden.
Die Vorbereitungen für den Umzug ins Ouricuri-Dorf beginnen in den letzten Wochen des Monats August. Alle Fulni-ô, die ausserhalb von Àguas Belas arbeiten – als Arbeiter, Lehrer, Polizisten etc. – nehmen in der letzten Woche vor dem Ritual Urlaub von ihrer Arbeit, um sich mit den Andern im Ouricuri-Dorf zu treffen und dann während des gesamten Rituals dort zu bleiben.
Allen Fulni-ô ist es streng verboten, über dieses Ritual zu sprechen. Die Dorfältesten versichern, das diejenigen, die dieses Verbot missachteten, eines ungewöhnlichen Todes gestorben sind. Zweifellos ist dies eine Drohung, die dazu beiträgt, dass das Geheimnis gewahrt bleibt.
Ein Teil der Geschehnisse im Ouricuri-Dorf sind allerdings öffentlich. So wissen wir, dass es Areale gibt, die von Frauen nicht betreten werden dürfen, obwohl sie durchaus wissen, was an diesen Orten abläuft. Nachts schlafen die Männer getrennt von ihren Frauen – erstere in Lagerschuppen und die andern in den Hütten. Während der rituellen Monate sind sexuelle Vereinigungen innerhalb der Ouricuri-Dorfes verboten. Obwohl man keine absolute Abstinenz vom Sex einhält, respektieren die Paare den heiligen Ort des Rituals und treffen sich zum Sex ausserhalb des Dorfes. Es ist ausserdem verboten, Alkohol zu konsumieren, Musik zu hören und sogar zu pfeifen.
Wenn ein Angehöriger der Fulni-ô in der Stadt oder am FUNAI-Posten Alkohol trinkt, darf er das Ouricuri-Dorf nicht mehr betreten. Aus diesem Grund vermeidet jedermann in dieser Zeit, sich vom Alkohol fernzuhalten. Wie einige der Ältesten angeben, bitten und beten sie während des Rituals für das Wohl der Allgemeinheit und versichern, dass ihre Religion vieles mit der katholischen Religion gemeinsam hat.
Beim Ouricuri-Ritual spielt ihre originale “Ia-tê-Sprache“ eine fundamentale Rolle, denn sie allein wird während den vierzehn Wochen des Rituals gesprochen. Und in dieser Zeit wird auch den jüngeren Mitgliedern dieser indigenen Gesellschaft ein symbolischer Sittenkodex beigebracht, der sie fortan von der sie umgebenden nationalen Gesellschaft unterscheidet.
Ein Geschehnis von grösserer Bedeutung beim Ouricuri-Ritual ist die Wahl seiner Autoritäten – des Schamanen, des Häuptlings und anderer Führungspersönlichkeiten. Sowohl der Häuptling als auch der Schamane sind die zentralen Figuren. Allerdings wissen wir nicht, welche Funktionen sie haben und wo die Grenzen ihrer Autorität liegen. Auf die Frage, wer von beiden ausserhalb des Rituals mehr Autorität besitze, erhielten wir widersprüchliche Antworten – für die einen war es der Häuptling, für die andern der Schamane. Aber es scheint, dass es einen Konsens gibt: Bei einem Thema, welches die gesamte Gruppe betrifft, müssen die Beiden in Übereinstimmung handeln.
In früherer Zeit bestand das rituelle Dorf aus Hütten, die aus dem Stroh der Ouricuri-Palme gefertigt waren. Alljährlich, wenn das Ouricuri-Ritual bevorstand, errichteten die Indios ihre Hütten, und sie demolierten sie wieder, wenn es vorbei war. Inzwischen sind diese Hütten permanent, jedoch aus weniger aufwendigem Material konstruiert als jene festen Dorfes am FUNAI-Posten. Auch die sanitären Einrichtungen sind im rituellen Dorf bescheidener. Bis 1981 versorgten sich die Indios während der Ritual-Monate mit Regenwasser, das in zwei grossen Brunnen aufgefangen worden war – in der Regel reichte das aber nicht bis zum Ende der rituellen Handlungen – dann mussten sie entweder in der Stadt Nachschub holen oder es von den sechs bis acht Kilometer entfernten Flüssen der Serra per Maulesel her transportieren. Durch das fehlende Wasser verschlimmerten sich die sanitären Bedingungen noch mehr, und die Anzahl der Todesopfer durch Darminfektionen stieg alarmierend an. Glücklicherweise gelang ihnen 1982 ein Pakt mit der Gesellschaft (COMPESA), welche die Kleinstadt Águas Belas mit Wasser versorgt: Die verlegte eine Wasserleitung bis zum Ouricuri-Dorf – im Gegenzug erlaubten ihr die Indios, einen der Flüsse auf ihrem Territorium zur Wasserversorgung von Águas Belas zu nutzen.
Verglichen mit der Zahl ihrer Gesamtbevölkerung sind die interethnischen Ehen bei den Fulni-ô von proportionaler Bedeutung. Laut einer Aufstellung des Indigenen Postens, zwischen 1940 und 1970, wurden im Dorf 173 solcher Eheschliessungen registriert.
Eine der unverzichtbaren Requisiten, um am Ouricuri-Ritual teilnehmen zu können, ist die Bedingung, das Kind von einem Vater und/oder einer Mutter aus dem Fulni-ô-Volk zu sein. Ausserdem gibt es eine weitere Bedingung: das ist die Beteiligung am Ouricuri-Ritual seit frühester Kindheit. Wer das nicht tut, verliert das Recht zur späteren Teilnahme, und wird aus diesem Grund auch nicht als Indio-Fulni-ô anerkannt. Andererseits dürfen sich alle Kinder aus interethnischen Verbindungen, die am Ritual teilnehmen, als “Indios-Fulni-ô“ identifizieren und werden auch als solche von den “Weissen“ oder “Zivilisierten“ anerkannt (wenigstens in den meisten Fällen).
Was die Kinder aus interethnischen Verbindungen betrifft, die nicht dem Ritual beiwohnen, so hat man beobachtet, dass einige von ihnen sich zwar als Indios identifizieren und auch als solche anerkannt werden wollen, während die Fulni-ô dem jedoch nicht zustimmen. Ungeachtet dessen unterhalten sie jedoch direkte Verbindungen mit den Fulni-ô und leben innerhalb des Indioterritoriums oder auch im Dorf am Posten. Den Kindern interethnischer Verbindungen entstehen Probleme, weil sie “sich zwischen zwei Nationen befinden“, so drückte es einer der alten Männer aus. Auf der einen Seite werden sie von den legitimen Indios diskriminiert, die sie “Grogogó“ nennen – auf der anderen Seite wird ihnen von den “Zivilisierten“ der indigene Status aberkannt, ohne sie jedoch als Teil der “weissen“ Gesellschaft anzuerkennen.
Trotzdem jedoch beide Gesellschaften eine interethnische Ehe nicht ganz anerkennen, werden sie weiterhin geschlossen. Wenn ein junger indigener Mann sich mit einer “Zivilisierten“ verheiraten möchte, versuchen die Ältesten, ihn davon abzubringen. Und auch die Zivilisierten sympathisieren keineswegs mit einer solchen Verbindung.
Es gibt Nachkommen der Fulni-ô, die von ihnen in zwei gesellschaftliche Kategorien klassifiziert, jedoch nicht als zur Gruppe gehörig anerkannt werden. Die erste besteht aus jenen Personen, die auf dem Territorium des Reservats leben und von der FUNAI als Indios anerkannt werden, weil ihnen ein Teil davon gehört – die werden von den Fulni-ô als “Übriggebliebene“ bezeichnet. Die zweite Kategorie besteht aus jenen Individuen, die als Kinder interethnischer Ehen geboren wurden, aber nicht am Ritual teilnehmen.
Im Indio-Territorium (IT) lebten 1982 etwa siebzig Familien, die ein Stück Land innerhalb desselben besassen. Für die FUNAI sind diese Familien Indios – für die Fulni-ô jedoch sind sie es nicht. Die Herkunft dieser Personen ist etwas ungewiss. Wahrscheinlich jedoch, dass es sich um Abkömmlinge interethnischer Verbindungen handelt, die nicht zum Ouricuri gingen.
Die Fulni-ô rechtfertigen die Ausschliessung jener Nachkommen ihrer Gruppe unter dem Argument, keine Indios zu sein, weil sie das Ouricuri-Ritual nicht frequentieren, kein “Ia-tê“ sprechen und ausserhalb des Dorfes leben. Die Mehrheit dieser „Übriggebliebenen“ identifiziert sich auch nicht als Indios, obwohl sie anerkennen, von indigenen Eltern abzustammen. Die einzige Verbindung, die gegenwärtig zwischen den Fulni-ô und jenen “übriggebliebenen“ zu existieren scheint, ist der Landbesitz, und um diese Verbindung zu behalten, manipulieren sie ihre Identität, um so ihre Besitzrechte geltend machen zu können.
Was die zweite Kategorie betrifft, so besteht sie aus zwei Gruppen: Jenen, die sich mit den Indios identifizieren und sich selbst so nennen, aber von der Fulni-ô-Gesellschaft nicht ausgeschlossen noch anerkannt werden – und denen, die definitiv als “Weisse“ in die nationale Gesellschaft aufgenommen wurden und ganz in der regionalen Gesellschaft integriert sind – die bezeichnen die Fulni-ô als “Abkömmlinge“ in Anerkennung ihrer indigenen Herkunft.
Seit seiner Gründung, vor mehr als zweihundert Jahren, war die Niederlassung der Fulni-ô verbunden mit der Geschichte von Àguas Belas und seinen nicht-indigenen Einwohnern. Wie berichtet wird, war es ein weisser Mann mit Namen João Rodrigues Cardoso, dessen erste Initiativen zur Siedlung “Ipanema“ führten, aus der sich die spätere Kleinstadt Àguas Belas entwickelte. Mario Melo (1949) schreibt, dass der Gründer mit Hilfe der Fulni-ô die Kapelle Nossa Senhora da Conceição errichtete, und dass er durch die Regierung die Nominierung seines Freundes Lourenço Bezerra Cavalcanti erhielt, der als “Direktor der Dörfler“ die sesshaft gemachten Indios administrieren sollte (ein Posten, der 1757 erstmals geschaffen wurde).
Das imperialistische Gesetz zur Landbesetzung von 1850 übertrug den ehemaligen Lebensraum ausgestorbener Indios an die Provinzen. Daraus folgte, dass die Provinzen des Nordostens plötzlich nichts eiligeres zu tun hatten, als die Indios auf ihren Territorien als ausgestorben zu erklären. Daraufhin folgerte der Präsident der Provinz Pernambuco – in einer Erklärung vom 4. Mai 1875 – dass die ehemaligen Indio-Territorien seines Regierungsbereiches frei von indigener Besetzung seien, darunter auch das von Ipanema oder Àguas Belas.
Begierig ihren Landbesitz zu erweitern und das Territorium nun tatsächlich von Indios zu säubern, stellten die “Zivilisierten“ schwer bewaffnete Söldnertrupps zusammen, welche die Fulni-ô von ihren kultivierten Feldern weg und weit hinein in die trockenen Caatinga trieben – wer Widerstand leistete wurde erschossen.
Trotz alledem hatten die Fulni-ô wahrscheinlich mehr Glück als andere indigenen Gruppen, denn in ihrem Fall reagierte die Provinz-Regierung, als die Invasion ihres Territoriums durch die skrupellosen “Zivilisierten“ bekannt wurde: Sie stellte sich auf die Seite der Indios und befahl, das den Fulni-ô mittels kaiserlicher Briefe und Besitzurkunden zur Verfügung gestellte Territorium nunmehr zu demarkieren. 1875 wurde diese Demarkation vollzogen und das Territorium definitiv den Fulni-ô übergeben (Cerqueira Vianna, 1966; Pinto, 1956; Melo, 1929).
Diese Intervention der Provinz-Regierung zugunsten der Indios hat wohl eine Zeit lang die Interessen der zivilisierten Bevölkerung etwas gebremst, konnte sie jedoch nicht für alle Zeiten aufhalten. Jahre später begannen die benachbarten Siedler erneut Druck auf die Eingeborenen auszuüben, ihr Land aufzugeben, das ihnen vor Recht und Gesetz gehörte. 1886 erklärte die Abgeordnetenkammer jene Demarkierung zugunsten der Indios als „gegen das Gesetz“ und verlangte von der Regierung, dass sie in einem rechtskräftigen Terminus das von den Indios besetzte Territorium an die Invasoren zurückgebe.
Der Kampf der Fulni-ô um ihr Land zog sich hin bis ins 20. Jahrhundert. Im Jahr 1904, motiviert durch neue Gesetze, die nach einem Regierungswechsel von den Republikanern eingeführt worden waren, versuchten die “Zivilisierten“ erneut, sich den Besitz der Indios einzuverleiben. 1908 verpachtete diese Regierung das Territorium der Indio-Siedlung an Nicolau Cavalcanti de Siqueira für einen Zeitraum von sechs Jahren. Es wurde festgelegt, dass nach Ablauf des Vertrages das Land wieder in den Besitz des Staates zurückfallen sollte (Vasconcelos 1962:36; Pinto, 1956:16).
Als der Vertrag endete, unternahm der Präfekt Cezar Montezuma de Oliveira einen Versuch, das Indio-Land erneut an interessierte, illegale Landbesetzer zu verpachten – dabei berief er sich auf das “Lei Orgânica“ (organische Gesetz) der Munizipien, welches vorschrieb, dass zurückgegebener Grundbesitz unter die Administration der Munizipien zurückfällt. Er lud alle Interessenten mittels eines Rundschreibens ein, sich zur Verteilung der entsprechenden Pachtverträge im Forum einzufinden . . . Diese Versammlung wurde durch eine Intervention der Fulni-ô bei der Landesregierung verhindert, die den Indios erneut das Territorium als ihren Lebensraum zusprach.
Im Jahr 1928 unterteilten Repräsentanten des Landwirtschafts-Ministeriums, zu dem damals auch der “Serviço de Proteção aos Índios“ (Indianerschutzbehörde) – kurz SPI – gehörte, das ganze Gebiet in einzelne Grundstücke ein. Aus dieser Teilung gingen 400 Grundstücke von 550 x 550 Metern hervor (30,25 Hektar) und weitere 27 kleinere Grundstücke, von unregelmässigen Abmessungen. Am 14. Mai 1929 erhielten die Fulni-ô dann individuelle Urkunden über die Grundstücke in ihrem Besitz – allerdings “provisorischen Charakters“ – herausgegeben vom selben Ministerium.
Obwohl 1929 jede Fulni-ô-Familie ein Grundstück erhalten hatte, gibt es heutzutage einige von ihnen, die ohne Grundbesitz sind.
Ab 1929 begannen die Fulni-ô Teile ihres Territoriums an nicht-indigene Bewohner des Munizips von Àguas Belas zu verpachten. Die entsprechenden Verträge wurden unter Aufsicht des SPI im Kontrollposten geschlossen, und die Pächter bezahlten eine festgelegte jährliche Pachtsumme an die Besitzer. Seither bewirtschaften immer noch zahlreiche “Zivilisierte“ Felder, die per Gesetz den Indios gehören.
1982 wiesen die Register des SPI-Postens aus, dass von den 427 Grundstücken, in die das Indio-Territorium unterteilt worden war, 275 verpachtet waren, die meisten an wirtschaftlich bedürftige Personen.
Eine andere Art der Verpachtung ist jene, welche die Indios “Chão de Casa“ (Haus-Boden) nennen. Wegen der besonderen Situation des Ortes Águas Belas – etwa ab der 1950er Jahre – fanden die neu ankommenden weissen Familien ohne Haus nur eine Lösung für ihr Problem: ein Haus innerhalb des Indio-Territoriums zu errichten. Um dies zu bewerkstelligen, mussten sie einerseits das dazu benötigte Stück Boden von einer Indio-Familie pachten und andererseits sich vom zuständigen SPI-Posten eine Genehmigung holen. Im Jahr 1980 gab es 485 solcher Häuser auf 11 Indio-Grundstücken – 1986 werden bereits 800 Häuser von Pächtern in dieser Situation erwähnt (Povos Indígenas no Brasil 1985-1986, CEDI, 1986).
Gegenwärtig bebaut die Mehrheit der Fulni-ô ihre Felder – zwischen zwei bis drei Hektar durchschnittlich – allein unter Mithilfe der ganzen Familie. In der Regel verkaufen sie einen Teil ihrer Agrarproduktion. Viehfutter und Baumwolle produzieren sie in erster Linie zum Verkauf. Während sie Bohnen, Mais und Maniok sowohl zum Verkauf als auch für den Eigenbedarf anbauen.
Eine bezahlte Aktivität, zu der die Haushaltsgemeinschaft vorzugsweise weibliche Arbeitskräfte einsetzt, ist die Konfektion von Artefakten aus Palmstroh und –fasern. Die Männer leisten ihren Beitrag, indem sie das entsprechende Rohmaterial im umliegenden Gebirge suchen, schneiden und ins Dorf transportieren. Wenn eine Familie keine Männer mehr hat, sind die Frauen gezwungen, diese schwere Aufgabe zu übernehmen.
Produkte, die sie am häufigsten herstellen, sind Taschen, Matten, Bürsten, Hüte und Fächer. Andere Artikel, wie Sandalen zum Beispiel, fertigen sie auf Bestellung an. Einige dieser Utensilien werden mit gefärbten Fasern dekoriert – die Ältesten berichten, dass ihre Vorfahren dazu Farben benutzten, die sie selbst herstellten.
Dieses Kunsthandwerk wird vorzugsweise in den Monaten zwischen September und Dezember angefertigt, einem Zeitraum, in dem die Feldarbeit beendet ist, und man das beste Rohmaterial von den Palmen bekommen kann, denn die Palmen trocknen in diesen Monaten ohne Regen sehr schnell aus, was während der Regenperiode zwar nicht geschieht, aber dann müssen sich die Indios in erster Linie um ihre Felder kümmern.
Die Monate der grössten Agrarproduktion fallen mit dem Ouricuri-Ritual zusammen, und in dieser Periode herrscht auch die grösste Nachfrage dieser Produkte – obwohl sie während des ganzen Jahres in kleineren und grösseren Mengen produziert werden.
Die Fulni-ô nehmen an verschiedenen Aktivitäten ausserhalb ihres Dorfes teil – einige als Schüler und Studenten, andere als Arbeiter und Angestellte. 1982, zum Beispiel, gingen 80 Jugendliche in die Schulen von Águas Belas. Viele andere arbeiteten ausserhalb des Indio-Territoriums, einige als Angestellte der FUNAI und auch in Posten ausserhalb von Águas Belas. Einige waren Lehrer in dieser Stadt – andere arbeiteten auf dem Bau in unterschiedlichen Städten der Bundesstaaten Pernambuco, Alagoas, São Paulo und dem Regierungsdistrikt Brasília.
Die Mitarbeit der Indios im politischen Leben der Munizipien war ebenfalls sehr aktiv und äusserst signifikant – unter bestimmten Umständen lag es an ihnen, die Wahl des einen oder anderen Kandidaten zu entscheiden, denn das Kontingent der indigenen Wahlbeteiligten ist sehr hoch. 1982 genügte die Stimmenzahl der Fulni-ô, um zwei Stadtverordnete zu wählen – wenn sie gewollt hätten, hätten sie einen Repräsentant in die Stadtverordnetenversammlung schicken können. Das war allerdings nicht möglich, weil die indigenen Stimmen sich auf ganz unterschiedliche Gründe stützten: Einige gaben ihre Stimme für das Programm einer Partei ab – andere für ihre persönlichen Beziehungen zu bestimmten Kandidaten, und wieder andere für ihre geschäftlichen Beziehungen zu regionalen politischen Führern.
Schliesslich wäre noch die Meinung der Fulni-ô über die Bücher anzufügen, die man bisher über sie geschrieben hat – in erster Linie über Themen, die sich auf ihr Ouricuri-Ritual und die Organisation der Clans beziehen, behandelt im Buch von Estêvão Pinto. Weil dies sorgfältig geheim gehaltene Themen sind, bemerkte einer der älteren Fulni-ô dazu, dass sich das Buch nicht auf eine gute Sammlung von Informationen stütze, und dass sein Inhalt nur eine Interpretation des Autors darstelle, die der Realität kaum entspräche: “Es war ein Zivilisierter, der das geschrieben hat, in Übereinstimmung mit dem, was er verstanden zu haben glaubt. Nicht wir und nicht unsere Chefs, kein Indio hat das geschrieben. Es waren die Zivilisierten, die das gehört und auf ihre Weise interpretiert haben“. Man darf erwarten, das die Fulni-ô bald selbst ihre Geschichte für uns schreiben und interpretieren.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther