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Stell dir vor, du bist so arm, dass du dir keine normalen Klamotten leisten kannst und stattdessen in Lebensmittelsäcken rumlaufen musst. Furchtbar, oder? Für viele US-Amerikaner war das in den 1930er und 1940er Jahren Realität.
«Wir hatten immer diese Mehlsäcke, aus denen machte ich Handtücher und für meine kleine Tochter Kleider. Denn wir hatten kein Geld», erzählte Mildred Opitz aus Nebraska der Internetseite Livinghistoryfarm.
Während der Grossen Depression lebten tausende Familien in bitterer Armut. Vor allem im ländlichen Süden machte die Not viele Frauen erfinderisch. In einer Zeit, in der die durchschnittlichen Ausgaben für Klamotten einen beträchtlichen Teil des Haushalts-Budgets ausmachten, war es für arme Familien der einzige Weg, um Geld zu sparen.
Doch es gab Probleme: Die Säcke hatten fette Logos der Firmen aufgedruckt. Also mussten sie mit grossem Aufwand von den Farben und Aufschriften befreit werden, damit sie zu Kleidern verarbeiten werden konnten.
Es dauerte aber nicht lange, bis die Sack-Hersteller den Trend bemerkten – und das veränderte alles: Zunächst warben die Unternehmen mit leicht abwaschbaren Farben, doch das reichte bald nicht mehr.
Nun wurden die Säcke mit Mustern verziert. Blumen, Tänzerinnen, Tiere – alles war vertreten, wie ein Aufsatz der Universität von East Carolina beschreibt. So sollten die Hausfrauen von bestimmten Herstellern überzeugt werden, damit sie Einfluss auf die Kaufentscheidung der Männer nehmen.
Um das beste Angebot zu haben, veranstalteten die Hersteller Wettbewerbe: Hausfrauen sollten Mehlsäcke designen, die besten Muster wurden von einer Jury gekürt, für die Gewinner gab es Geldpreise. Zudem wurden Designer engagiert, die normalerweise in der Klamottenindustrie ihr Geld verdienten.
Waren die Frauen anfangs noch beschämt, weil sie ihrer Familie keine richtigen Kleider kaufen konnten, entwickelte sich das Mehlsack-Recycling zu einem regelrechten Boom. Auch wohlhabendere Menschen interessierten sich nun für den «Fashion-Trend». Die Handelsgesellschaft «National Cotton Council of America» brachte ein Buch heraus, indem erklärt wurde, wie man Kleider aus Säcken näht. Bis 1945 wurden eine Million Exemplare verkauft.
Die selbstgemachten Kleider waren bis in die 50er Jahre weit verbreitet, dann setzte langsam wieder die Lust auf Luxus ein, natürlich auch bedingt durch die verbesserten wirtschaftlichen Bedingungen. Dennoch hatte der Trend einige Auswirkungen auf das Leben in den USA: Frauen hatten bei der Auswahl der Lebensmittel an Einfluss gewonnen. Schliesslich waren sie es, die die Muster auswählten – und damit auch den Lebensmittel-Hersteller. Die Kreativität der Frauen belebte zudem die gesamte Modeindustrie.
Momentan diskutieren Hunderte Reddit-User über die Kleider aus Mehlsäcken. Viele erinnern sich, wie ihre Verwandten ihnen davon erzählten, oder haben selbst noch eigene Erinnerungen daran. «Civex» etwa erzählt: «Ich hatte Shirts aus diesen Säcken, meine Mutter schickte meinen Vater mit einem Stück des alten Sacks in den Laden, damit er auch ja das richtige Muster kauft und sie die Hemden für mich und meine Brüder fertignähen kann.»
Herman Goertzen, 1937 war er noch ein Schüler, erzählt aus der damaligen Zeit: «Die Frauen mochten das Nähen. Fast alle hatten selbstgemachte Klamotten.» Einen Vorteil hatten die Sack-Kleider von damals: Man konnte gut erkennen, welche Kinder zu einer Familie gehörten – ihre Anziehsachen hatten schliesslich alle dasselbe Muster.