Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03525.jsonl.gz/751

Epilog
„Wenn ich auf mein Leben zurückblicke – was ich sehr ungern tue, denn ich schau lieber nach vorne – […] dann finde ich gar keine Identität.“
Vilém Flusser in einem Interview mit Patrick Tschudin
„Vilém wurde, nach nicht einfachen Anfängen, eine ‘Berühmtheit’“, schreibt David Flusser im Nachwort zum posthum erschienenen Sammelband Jude sein, „und zwar irgendwie meteorenhaft, und sein tragisches Ende bei einem Autounfall in seinem Vaterland ähnelte ebenfalls dem Einschlag eines Meteors.“ Dieser Vergleich fängt auf treffende Art und Weise das Schicksalhafte von Vilém Flussers Existenz ein, den späten unerwarteten Erfolg und das ebenso abrupte vorzeitige Ende, welches zugleich einen Kreis schließt, stirbt er doch zwei Tage, nachdem er seinen ersten und zugleich letzten Vortrag in seiner Geburtsstadt gehalten hat, aus der er 52 Jahre zuvor geflüchtet ist.
Flusser hat in vielerlei Hinsicht ein überaus exemplarisches Leben geführt, das wesentliche Momente aus Kultur, Politik, Gesellschaft und Technologie des letzten Jahrhunderts in sich fasst: die mehrsprachige Herkunft Prags, das Jüdische, das kulturelle und politische Experiment der Tschechoslowakei, den Spanischen Bürgerkrieg, die Moskauer Schauprozesse, den Nazismus, das Exil, den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust, Auschwitz und Hiroshima, die brasilianische Erneuerung in den frühen 1960er Jahren und die darauf folgende Erfahrung der Militärdiktatur, den Kalten Krieg, den Aufbruch der 1960er Jahre, den Prager Frühling, Glasnost und die Perestroika, den Fall der Berliner Mauer, die zunehmende Bedeutung des Computers und die Anfänge der Kommunikationsrevolution, die kurz nach seinem Tod zur Bildung des Internets geführt haben.
Obwohl Flussers abenteuerliches widersprüchliches Leben und Werk nicht auf einen einzelnen Schwerpunkt reduziert werden kann, sind diese nach seinem Tod von den verschiedensten Seiten beansprucht worden. Flusser ist weder ausschließlich Prager noch Vertreter der untergegangenen mitteleuropäischen Kultur, er ist nicht der brasilianische Philosoph des 20. Jahrhunderts oder der digitale Denker, der prophetenhaft das Internet und die Kommunikationsrevolution vorausgesagt hat, ebenso wenig ist er der Verkünder eines neuen radikalen Post-Humanismus oder einer der zentralen Theoretiker der Photographie und des Design. Flussers Biographie zeigt, dass der Ursprung in seiner inneren Widersprüchlichkeit und Komplexität zwar prägend ist, dass sich aber die Bedeutung von Leben und Werk erst aus dem gesamten Lebensweg erschließen lässt. Dies gilt auch für Flussers Mehrsprachigkeit und die daraus resultierende Praxis der Selbstübersetzung. Obwohl Deutsch die erste Schreibsprache darstellt, ist diese von Anfang an mit hebräischen und tschechischen Elementen durchsetzt. Durch das spätere Hinzukommen des Englischen, Portugiesischen und Französischen hat sich die mehrsprachige Dynamik von Flussers Denken noch weiter entfaltet und verfeinert. Es wäre auch hier verfehlt, nach der wesentlichen Sprache zu fragen oder eine eindeutige Sprachhierarchie festlegen zu wollen.
So wie es kein singuläres Zentrum gibt, keinen in sich stimmigen einheitlichen Ursprung, von dem aus sich Flussers Leben erklären ließe, so gibt es auch keinen durchgehenden roten Faden, der die verschiedenen heterogenen Lebensstationen und Denkerfahrungen zusammenbinden würde, keine einzelne Sprache, die alle anderen in sich aufnehmen könnte. Es ist nicht eine einzige Faser, die durch die ganze Länge läuft, um eine Metapher aus Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen zu verwenden, sondern das Übergreifen und Ineinandergreifen der verschiedenen Fasern, die für den inneren Zusammenhalt sorgen.
Das Erstaunlichste an Viléms und Ediths gemeinsamer Existenz zwischen Sprachen und Kontinenten ist ihre Fähigkeit, ihr Leben immer wieder neu zu erfinden. Vilém Flusser geht nicht am Exil zugrunde, wie der ebenfalls nach Brasilien geflohene Stefan Zweig, der sich in der Nacht vom 22. zum 23. Februar 1942 mit einer Überdosis Veronal das Leben nimmt. Er wartet auch nicht darauf, in die Heimat zurückzukehren oder ein anderes Land zu emigrieren, wie viele andere Exilierte, beispielsweise Ulrich Becher, der von 1941 bis 1944 in Brasilien lebt und zu diesem erzwungenen Aufenthalt das Stück Samba schreibt, dessen Geschichte von einer Gruppe aus Europa geflüchteter Figuren in einem billigen Hotel am Rande des brasilianischen Urwalds handelt. Alle warten sehnsuchtsvoll auf das Ende des Krieges und eine baldige Rückkehr nach Hause. Flusser kehrt nach dem Krieg nicht sofort wieder nach Europa zurück, wie viele andere im Exil lebende Deutsche, sondern versucht, im neuen Umfeld Fuß zu fassen, was ihm auch gelingt. Dieser markante Unterschied zum Schicksal anderer Exilierter hat sicher nicht nur mit seinem Charakter zu tun, sondern auch mit seinem Alter: Flusser ist noch nicht einmal 19 als er Prag verlassen muss. Im Alter von 51 Jahren nehmen Edith und Vilém Flusser das Risiko auf sich, nach Europa zurückzukehren, um dort ein neues Leben anzufangen. Dass so etwas überhaupt möglich ist, liegt vor allem an der Liebesbeziehung, die sie stets aneinander gebunden hat.
Flusser bestimmt die kulturelle Aufgabe der Juden als das Vorschlagen von Lebensmodellen. Sein Leben und Werk schlägt ebenfalls ein Modell vor, die vielschichtige Praxis des Übersetzens. Flussers Übersetzungstheorie versteht sich als ein zugleich existentielles, philosophisches und schriftstellerisches Modell, das uns einen möglichen Ausweg aus der Heimatlosigkeit einer absurden, wurzellosen Existenz zeigt. Wer in der Bodenlosigkeit lebt, lebt nach dem Modell der Übersetzung. Er springt von Sprache zu Sprache, von Kultur zu Kultur, von Lebensphase zu Lebensphase und erfährt dabei jedes Mal so etwas wie einen symbolischen Tod. Die Übersetzung ist eine ars moriendi. Neben der schon erwähnten Metapher des Kometen müsste daher noch die Metapher des Phönixes eingeführt werden, des mythischen Vogels, der am Ende seines Lebenszyklus verbrennt, um aus seiner Asche neu zu erstehen. Im Falle Flussers durchläuft dieser Phönix allerdings den Prozess der Wiedergeburt gleich mehrmals. Viléms und Ediths Leben steht im Zeichen des Übergangs und des Wechsels, der Neuerfindung, des Risikos und der ununterbrochenen Suche nach Freiheit.
Wir danken den transcript Verlag für die Erlaubnis, diesen Ausschnitt aus unserer Flusser-Biographie publizieren zu dürfen (Rainer Guldin / Gustavo Bernardo, Vilém Flusser (1920-1991). Ein Leben in der Bodenlosigkeit. Biographie, transcript Bielefeld 2017).