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und am Ende eine
Erika kommt im Herbst auf einem klassischen Familienbetrieb im Kanton St. Gallen auf die Welt und wiegt 39 Kilogramm. Die Schweizer Milchbauern halten im Durchschnitt 25 Kühe in ihrem Betrieb.
Neben Erika werden am selben Tag schweizweit 1850 weitere Kälber geboren – und fast gleich viele Rinder, Kühe und Kälber geschlachtet (1725).Erika wird in den ersten 24 Stunden nach der Geburt von der Mutter getrennt – dies wäre auch auf einem Biohof so. Dieses Verfahren wird gewählt, um zu verhindern, dass sich eine natürliche Beziehung zwischen Mutter und Kalb entwickeln kann – eine späte Trennung wäre schwieriger (mehr dazu). Zudem: Je länger das Kalb am Euter hängt, desto weniger Milch bleibt für den Verkauf. Die Alternative Mutterkuhhaltung macht in der Schweiz mit 14 Prozent nach wie vor einen kleinen Anteil des Rindviehbestandes aus (mehr dazu).
In den ersten beiden Tagen nach der Geburt erhält Erika Milch von ihrer Mutter, sogenannte Biestmilch. Diese stärkt das Abwehrsystem des Jungtiers. Danach trinkt sie bis zur dritten Woche 5 bis 6 Liter Milch von irgendwelchen Kühen im Stall. Erika lebt in einem Anbindestall, so wie rund die Hälfte der Kühe in der Schweiz. Immer mehr Bauernbetriebe stellen allerdings auf Laufställe um. In den ersten vier Monaten darf der Bauer Erika nicht anbinden.
Erika ist eine Milchkuh. Da hat sie nochmals Glück gehabt. Erika hätte auch ein Mastkalb sein können. Mastkälber verlassen bereits nach rund drei Wochen ihren Geburtsort. Sie werden auf Mastbetrieben zusammen mit gleichaltrigen Kälbern gehalten, gemästet und im Alter von höchstens 7 Monaten getötet. 2018 wurden 217'088 Kälber geschlachtet – eins alle 2,4 Minuten. Kalbfleisch macht 6 Prozent des Schweizer Fleischkonsums aus. Die meisten männlichen Kälber verwendet man für die Kälbermast. Nur wenige werden zum Zuchtstier (Muni) aufgezogen.
Zwei Wochen nach ihrer Geburt zieht Erika mit anderen Kälbern in die Kälberbucht und erhält das Sedativum Xylazin in die Hinterbackenmuskulatur gespritzt. Es sorgt dafür, dass ihr Schmerzempfinden gelindert wird. Zehn Minuten später setzt der Landwirt selber jeweils ungefähr 15 Sekunden lang einen Brennstab an Erikas Hornansätze. Erika gehört zu den 90 Prozent der Kälber in der Schweiz, die enthornt werden. Erika hat nun ein kleineres Risiko, sich selber und andere Tiere zu verletzen. Jedoch leidet sie während und auch noch Monate nach dem Eingriff unter Schmerzen, wie eine Studie der Universität Bern zeigt.
Nachdem sie den Winter im Stall verbracht hat, darf Erika mit sechs Monaten im Frühsommer erstmals auf die Alp. Sie darf sich nun austoben. In der Schweiz müssen laut Gesetz alle Rinder mindestens 90 Tage im Jahr Auslauf im Freien haben. Mit Erika werden in der Schweiz 270'000 weitere Kühe vom Tal zu ihren Sommerresidenzen auf Bergwiesen geführt. Und das ist eine Leistung: Im Schnitt legen Erika und ihre wandernden Artgenossen dazu auf dem Hinweg 16,3 Kilometer über oft steile Zickzackwege zurück.
Erika verpflegt sich auf der Alpwiese mit verschiedenen Gräsern und Kräutern und ruht bis zu 12 Stunden pro Tag. Sie trägt so ihren Teil dazu bei, dass diese Kulturlandschaft erhalten bleibt und die Wiesen nicht zu Wald werden. Der Bund honoriert Erikas Sommeraufenthalt: Pro Kuh und Sommer (100 Tage Aufenthalt) zahlt er dem Bauern 370 Franken aus.
Erika ist nun ein Gusti oder Rindli. Sie frisst täglich bis zu 80 Kilogramm Wiesenfutter, 2 Kilogramm Kraftfutter und etwas Salz. Dazu trinkt sie 50 bis 100 Liter Wasser täglich. Rund 70 Prozent der Schweizer Landwirtschaftsfläche wird für die Futtermittelproduktion verwendet, damit sind auch Wiesen und Weiden mit gemeint, auf denen Kühe grasen. Auf der Fläche, die es braucht, um ein Kilogramm Fleisch zu erzeugen, könnten im selben Zeitraum 200 Kilogramm Tomaten oder 160 Kilogramm Kartoffeln geerntet werden. Oder anders gesagt: Ein Steak benötigt gleich viel Anbaufläche wie 386 Karotten.
Zurzeit leben rund 1,5 Millionen Rinder in der Schweiz. Wenn Wiederkäuer ihr Futter verdauen und wenn Kuhmist, der als natürlicher Dünger auf der Weide oder dem Acker ausgebracht wird, zersetzt wird, entsteht Methan. Das ist ein Treibhausgas. In der Schweiz stammen 11 Prozent der Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft, davon 40 Prozent von wiederkäuenden Rindern.
Eine Milchkuh produziert pro Jahr 7 Tonnen CO2-Äquivalent, das entspricht einem Hin- und Rückflug für einen Passagier der Economyklasse von Zürich nach Melbourne (Australien). Da in der Schweiz über 560’000 Milchkühe leben, verursachen sie jährlich gleich viel CO2 wie 1456 vollbesetzte Boeing 777 der Swiss mit 340 Passagieren auf dem Flug Zürich–Melbourne retour.
Erika ist jetzt ein Rind und wird von einem Besamungstechniker oder Tierarzt künstlich besamt. Das klappt meist beim ersten Versuch. Ein einziger Bulle kann jährlich mehrere Zehntausend Nachkommen zeugen. 285 Tage später bringt Erika ihr erstes Kalb in einer separaten Abkalbebucht zur Welt, das ihr sogleich nach der Geburt weggenommen wird. Erika ist jetzt eine Erstmelkkuh. In der Schweiz leben 560’000 Milchkühe – dies ist der tiefste Stand seit Ende der 1980er-Jahre. Jede von ihnen bekommt jedes Jahr ein Kalb. Denn: Damit Kühe Milch geben, müssen sie jedes Jahr kalbern. Erika gibt rund 25 Liter Milch pro Tag. Die Milchleistung der Schweizer Kühe hat infolge intensiver Zucht in den letzten drei Jahrzehnten um 30 Prozent zugenommen.Die Milchwirtschaft ist der wichtigste Sektor der Schweizer Landwirtschaft mit einem Anteil von rund 20 Prozent an der Erzeugung des gesamten landwirtschaftlichen Wirtschaftsbereichs. Es gibt in der Schweiz noch rund 19’500 Bauernbetriebe mit Milchproduktion, nur 10 Prozent sind Biobetriebe. Jeden Tag geben zwei auf. Häufiger Grund: Angesichts der tiefen Milchpreise wird die Milchproduktion aufgegeben und auf Fleischproduktion umgestiegen.
Erikas Milch wird zu 43 Prozent zu Käse verarbeitet. Für ein Kilo Hartkäse braucht es rund 13 Liter Milch. Aus den restlichen 57 Prozent entsteht Butter (15 Prozent), Milchpulver und Ähnliches (10,8 Prozent), Konsummilch (11,2 Prozent), Rahm (8,3 Prozent), Joghurt (3,4 Prozent) oder Quark (0,8 Prozent).
Erika wurde kurz nach der Geburt ihres ersten Kalbes erneut besamt, sie verbringt ihr Leben eigentlich nun in permanenter Schwangerschaft. Wiederum 285 Tage später bringt sie ihr zweites Kalb zur Welt, das ihr sogleich nach der Geburt weggenommen wird. Erika ist nun eine Zweitmelkkuh. Pro Kalb wird sie im Durchschnitt 305 Tage am Stück gemolken – immer zweimal täglich. Wenn sie jeweils hochträchtig ist, wird Erika «galt gestellt», man gönnt ihr eine Melkpause von bis zu acht Wochen bis zur nächsten Geburt.
Erika ist besonders schön, sie hat ein gutes Fundament, wie Landwirte sagen, eine schöne Rückenlinie, ein tiefes Euter, und sie besticht durch ihre Zitzenstellung. An einer Viehschau wird sie Schönheitskönigin. Dafür wurden Erikas Zitzen mit Kollodium-Kleber versiegelt. Tierärzte sagen, in mehreren Schichten aufgetragen, wirke er gleich wie ein Sekundenkleber. Das Parlament hat vor einem Monat abgelehnt, das Verkleben der Zitzen zu verbieten. Schmerzhaft für die Tiere ist zudem, dass sie für ein pralles Euter an diesem Tag weniger gemolken werden. Erika ist begehrt. Als einwandfreie Milchkuh wird sie für 3200 Franken verkauft und auf einen anderen Bauernhof verfrachtet.
Erika wird zum dritten Mal besamt. Das klappt aber nur noch nach dem vierten Versuch. Ihre Fruchtbarkeit nimmt ab. Sie gibt dafür umso mehr Milch: Nach dem dritten Kalb sind es bis zu 40 Liter am Tag. Auf Erikas Hof kommt ein vom Kanton beauftragter Kontrolleur vorbei. Wenn er Mängel findet, wird eine Kürzung der Direktzahlung veranlasst. Stösst er auf gravierende Verstösse gegen das Tierwohl, macht er eine Meldung an den Kantonstierarzt. Darauf folgen weitere Kontrollen, im Extremfall sogar eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft. Im Kanton St. Gallen kam es 2018 zu 253 Inspektionen von Mitarbeitern des Kantonstierarztes. Mängel fanden sie bei 175 Kontrollen (69 Prozent). Es kam zu 45 Strafanzeigen, also bei jedem fünften kontrollierten Hof.
Erika wird zum vierten und letzten Mal besamt. Nun hat sie «ausgedient» und wird eine Wurstkuh. Kühe könnten gut und gerne 20 Jahre alt werden.
Erika tritt ihre letzte Reise an. Sie wird in einen Tiertransporter geladen und kommt auf den Schlachthof. Dort wird sie mit anderen Kühen in eine Sammelbox getrieben. Über eine vergitterte Schleuse gelangt sie in den Schlachtraum, wo sie mit einem Bolzenschuss betäubt und mit einer Kette an einem Bein aufgehängt wird. Sie ist noch nicht tot. Der Metzger durchschneidet eine Hauptschlagader oder setzt den Bruststich zur Entblutung. Der Sauerstoffmangel im Gehirn von Erika führt zum Tod. Erika liefert grösstenteils nur noch sogenanntes Verarbeitungsfleisch; dieses wird für Würste, Trockenfleisch, Hackfleisch und weitere Produkte verwendet.