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Zu den Grundpfeilern jeder Einführung in Makroökonomie gehört der Begriff Inflation. Wodurch entsteht sie?
Die Erklärungen sind bekannt. Sind sie auch richtig? Nein, sagt der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Ingo Sauer. Und stellt in seiner Dissertation eine auf umfangreicher Empirie basierende neue These auf.
Diese neue Erklärung der Ursachen von Inflation und Hyperinflation ist so bedeutend wie die Mehrwerttheorie von Marx oder die Geldtheorie von Friedman.
Zudem entschieden besser empirisch abgesichert. Ausgehend von den aktuellen Target 2-Schulden im Euroraum untersuchte Sauer nochmals die Ursachen der Hyperinflationen nach dem Ersten Weltkrieg und in Argentinien.
Dabei kam er mittels der Knochenarbeit, die damalige Werthaltigkeit der Assets zu bestimmen, die die Notenbanken als Aktiven für ausgegebenes Neugeld einbuchten, zu interessanten Erkenntnissen. Denn eine Notenbank lässt ja nicht einfach Neugeld aus dem Helikopter regnen, sondern nimmt dafür Collateral in die Bilanz.
Indem Sauer den Nominalwert und den tatsächlichen Marktwert dieser Assets korrelierte, kommt er zur Schlussfolgerung: Es war bei keiner Hyperinflation so, dass die massenweise Herstellung von Neugeld dazu führte. Sondern vielmehr die abnehmende Fähigkeit der Notenbank, den Wechselkurs ihrer eigenen Währung gegenüber Leitwährungen stabil zu halten.
Das gelang dann nicht mehr, wenn die Werthaltigkeit der Aktiven der Notenbank immer mehr abnahm. Häufig wurden dann noch die letzten Devisenreserven im verzweifelten Versuch verpulvert, einen stabilen Wechselkurs zu verteidigen.
Sauer weist zudem nach, dass beispielsweise in Deutschland die wirklich massive Zunahme der Geldmenge erst nach der gelungenen Stabilisierung der Reichsmark erfolgte.
Diesmal blieb der Wechselkurs stabil, weil die deutsche Notenbank nicht mehr Schuldscheine des mehr oder minder bankrotten deutschen Staates gegen Neugeld eintauschte, sondern Schuldpapiere aus der Wirtschaft, Beleihungen von Immobilien oder Grundbesitz oder sogar gleich Gold oder Fremdwährungen.
Daraus ergeben sich drei bedeutende Schlussfolgerungen:
(A) Eine Hyperinflation entsteht weder aus der Ausweitung der Geldmenge, noch kann sie mit der monetaristischen Steuerung kontrolliert werden.
(B) Es ist zwar richtig, dass eine Notenbank in ihrer eigenen Währung immer solvent bleibt, aber nicht gegenüber anderen Währungen. Sobald sie durch zweifelhafte Aktiva an Vertrauen verliert, muss sie immer mehr Geld ihres Währungsraums aufwenden, um mit Devisen handeln zu können.
(C) In die Gefahr eines Vertrauensverlusts gerät die Notenbank vor allem dann, wenn sie Schuldscheine von zweifelhaftem Wert, beispielsweise vom eigenen Staat, als Aktiva akzeptiert beim Ausweiten der Geldmenge.
Das bedeutet also, übersetzt auf die Aktualität, dass die EZB nicht in der Lage ist – weder mit dem Leitzins, noch mit Neugeld –, die gewünschte Inflationsrate von 2 Prozent zu erreichen. Schlimmer noch, solche Feinjustierungen sind sowieso nicht möglich.
Hier lauert auch nicht die wirkliche Gefahr. Indem die EZB immer mehr Staatsschuld-Schrottpapiere aufkauft, dazu auch Schuldpapiere von Firmen, gibt sie zwar den Südstaaten die Möglichkeit, sich weiterhin für billiges Geld verschulden zu können.
Aber indem die Werthaltigkeit dieser Schuldpapiere immer mehr abnimmt, und indem ein zusätzlicher Schuldenturm in der Höhe von über einer Billion Euro in den Target 2-Salden aufgebaut wurde, steigt die Gefahr, dass der Euro – wie immer in solchen Fällen – schlagartig und rasant in eine Hyperinflation gerät.
Und alle, die das für ausgeschlossen halten und immer noch darauf fixiert sind, wie viele Euro Neugeld denn noch hergestellt werden könnten, bevor es ernsthafte Probleme gebe, also eigentlich alle Finanzkoryphäen, werden dann mal wieder sagen, dass das ja wirklich nicht vorhersehbar war. Und täuschen sich einmal mehr.
Denn die Anhänger der monetären Theorie machen es sich einfach. Drei Dinge brauche es für eine anständige Inflation.
Entweder nimmt die Geldmenge M zu, also die Notenbank schöpft Neugeld. Oder die Umlaufgeschwindigkeit U nimmt zu. Oder die Produktion, also die Wertschöpfung Y sinkt. Oder alles zusammen.
Neben der sozusagen normalen Inflation haben alle die bekannten Beispiele von Hyperinflation vor Augen; natürlich Deutschland in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts, immer wieder Argentinien oder Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg.
Hyperinflation bedeutet, dass bald einmal Geld in Schubkarren herumgefahren und gewogen statt gezählt wird. Ein furchtbarer Zustand mit täglichen Inflationsraten im zweistelligen Bereich. Entstanden durch eine Flutung des Marktes mit Neugeld, was nur durch eine Währungsreform geheilt werden kann.
Das ist die eine allgemein anerkannte These. Die zweite ist, dass eine Notenbank immer in ihrem Währungsraum solvent bleibt, gar nicht pleite gehen kann, da sie das Recht hat, unbegrenzt Geld zu schöpfen. Übertreibt sie damit, weitet also beispielsweise ihre Bilanz aus, so ums zwei- oder drei- oder vielfache, dann gibt es früher oder später immer eine Inflation.
Daher sind die Preisstabilität und eine Zielgrösse von zwei Prozent Inflation allgemein als wichtigste Aufgaben der Notenbank definiert. Das erreicht sie mit einer Regulierung der Geldschöpfung und dem sogenannten Leitzins, der das allgemeine Zinsniveau steuert.
Die Schweizerische Nationalbank hat seit 2008 ihre Bilanz um das 15-fache aufgebläht. Und niemand muss in den Laden rennen, um schnell noch einen Liter Milch zu kaufen, denn morgen könnte der schon doppelt so viel wie heute kosten.
Auch die EZB und die FED haben – sogar durch Ankäufe von Schuldpapieren in der eigenen Währung – ihre Bilanzen ums Doppelte oder Dreifache aufgeblasen. Von der japanischen Notenbank ganz zu schweigen. Aber auch hier: Inflation? Fehlanzeige. Erklärung? Fehlanzeige.
Ausser, die Analyse von Sauer stimmt. Damit hätten wir nicht nur eine originelle Erklärung von Hyperinflation. Sondern auch eine Erklärung dafür, wieso alle klassischen Inflationstheorien nicht funktionieren.
Es war überfällig, dass eine die Realität nicht erklärende Theorie durch eine neue, bessere abgelöst wird. Umso besser noch, wenn die neue Theorie, Hyperinflation entsteht nicht durch unmässige Aufblähung der Geldmenge, durch empirische Knochenarbeit untermauert wird.
Eine kopernikanische Wende bei einer Frage, die alle umtreibt. Im Gefolge der Finanzkrise eins von 2008 hält die Schweiz einen einsamen Weltrekord: Nur ihre Notenbank türmt Aktiva aufeinander, die insgesamt grösser sind als das BIP.
Muss das zwangsläufig in einer Hyperinflation, in einer Währungsreform enden? Ist die nur aufgeschoben, aber unausweichlich?
Oder liegen die Ursachen für eine massive Geldentwertung gar nicht in der Quantität, sondern in der Qualität der ihnen gegenübergestellten Sicherheiten? Hier beginnt eine faszinierende Entdeckungsreise.