Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03131.jsonl.gz/2627

Wenn Keira Knightley als Sabina Spielrein, Michael Fassbender als C.G. Jung und Viggo Mortensen als Sigmund Freud im Film „A Dangerous Method“ die wohl berühmteste Liebesaffäre in der Geschichte der Psychoanalyse und deren Auswirkung auf die Freundschaft zwischen Jung und Freud auf die Leinwand bringen, geht es Regisseur David Cronenberg nur bedingt um historische Detailgenauigkeit. Entsprechend frei interpretiert Cronenberg in seiner fiktionalisierten Version der Geschichte denn auch das vorhandenene Quellenmaterial.
Erste Seite des Briefes C.G. Jungs an Sigmund Freud vom 4. Juni 1909 (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Hs 1056:30985, Copyright Stiftung der Werke von C.G. Jung – mit freundlicher Genehmigung)
Quellenmässig blieb die Innensicht von Sabina Spielrein (1885-1942), deren bewegtes Leben als erste Analysandin Jungs, praktizierende Psychoanalytikerin, Angehörige der Wiener Psychoanlytischen Vereinigung und Begründerin der Psychoanalyse in Russland tragisch in einem Judenpogrom deutscher Truppen in Rostow endete, längere Zeit im Dunkeln. Erst in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren wurden ihre Tagebücher sowie Teile ihrer Korrespondenz mit Sigmund Freud und C.G. Jung in Genf entdeckt und schrittweise ediert.
Der Einfluss Spielreins auf die Freundschaft zwischen Jung und Freud spiegelt sich dagegen in der Korrespondenz zwischen den beiden Psychoanalytikern, die heute zu den Beständen der Archive und Nachlässe der ETH-Bibliothek zählt. Die Briefe zeigen, wie schwer es Jung fällt, Freud gegenüber seine Arzt-Patientin-Liebesaffäre und damit sein grobes Fehlverhalten innerhalb der psychotherapeutischen Behandlungsmethode einzugestehen. Am 7. März 1909 schreibt er an Freud noch verklausuliert: „Ich bin immer in den Grenzen des Gentleman ihr [Sabina Spielrein] gegenüber geblieben, aber vor meinem etwas zu empfindsamen Gewissen fühle ich mich doch nicht sauber, und das schmerzt am meisten, denn meine Absichten waren immer rein gewesen.“ Erst als Sabina Spielrein sich ebenfalls an Freud wendet, wird Jung deutlicher, wirbt aber gleichzeitig um Freuds Verständnis für seine Grenzüberschreibung, indem er ihm gegenüber in einem Brief vom 4. Juni 1909 die Verführungskünste Spielreins betont:
Da ich aus Erfahrung wusste, dass sie [Sabina Spielrein] sofort rückfällig wurde, wenn ich ihr meinen Beistand versage, zog sich die Beziehung über Jahre hin, und ich hielt mich schliesslich quasi für moralisch verpflichtet, ihr meine Freundschaft weitgehend zu vertrauen, solange bis ich sah, dass dadurch ein unbeabsichtigtes Rad ins Rollen geriet, weshalb ich schliesslich abbrach. Sie hatte es natürlich planmässig auf meine Verführung abgesehen, was ich für inopportun hielt. Nun sorgt sie für Rache.
Zwei Wochen später, am 21. Juni 1909, gesteht Jung Freud schliesslich seinen „Wahn […], quasi das Opfer der sexuellen Nachstellungen meiner Patientin“ geworden zu sein und fügt hinzu: „Ich bitte Sie nun vielmal um Entschuldigung, dass meine Dummheit Sie mit in diese Sache hineingezogen hat.“ Freud nimmt diese Entschuldigung nicht nur bereitwillig an, sondern setzt sich bei Sabina Spielrein sogar für Jung ein, so dass dieser am 10. Juli 1909 nach Wien schreiben kann: „Ich möchte Ihnen zu allererst herzlich danken für Ihre freundliche Hilfe in der Spielrein-Angelegenheit, die sich ja jetzt so günstig erledigt hat.“
Quelleneditionen:
Spielrein, Sabina. Tagebuch und Briefe: die Frau zwischen Jung und Freud. Herausgegeben von Traute Hensch. Giessen, 2003.
Freud, Sigmund und C.G. Jung. Briefwechsel. Herausgegeben von William McGuire und Wolfgang Sauerländer. Zürich, 1976.
Lektüre:
Kerr, John. Eine höchst gefährliche Methode: Freud, Jung und Sabina Spielrein. München, 1994.