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Die Zahl 12 hat für Rossini einen wichtigen liturgischen Bezug, und so besteht die «Petite Messe solennelle» (je nach Zählweise) aus 12 Nummern. Mit dem Einschub von Nr. 11 «O salutaris hostia» erhält die Sopranstimme zudem ihre Arie. Auch die Altstimme sowie Tenor und Bass dürfen je in einer Arie brillieren.
|Kyrie

Kyrie eleison: Als Hommage an Niedermeyer, dem Schweizer Komponisten und Mitbegründer der Kirchenmusikzeitschrift «La Maîtrise», komponiert Rossini ein Jahr nach dessen Tod am 14. März 1861 ein Kyrie, das mit acht Singstimmen und Begleitung des Klaviers aufgeführt werden soll. Beide Teile besitzen die markanten Sequenzen mit Staccato-Oktaven im tiefen Tonumfang der Klavierbegleitung, über denen die getragenen Chorstimmen als Kontrast erklingen. Für das Christe eleison greift Rossini auf einen a-cappella-Satz zurück, der im «Neo-Palestrina-Stil» erklingt, einem strengen doppelten Kontrapunkt folgend. Die Musikwissenschaft hat deren Entlehnung bei Niedermeyer erst vor wenigen Jahren entdeckt. Die Nichterwähnung der Quelle durch Rossini wird wohlwollend aufgenommen und als Dialog mit dem verstorbenen Freund sowie als Zeichen gedeutet, in der geistlichen Musik Rückbesinnung und Erneuerung nebeneinander bestehen zu lassen.
|Gloria

|Credo

Gloria und Credo: 1863 beendet Rossini das Gloria, mit seinen sechs Nummern hier der längste der fünf Teile des Messordinariums (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei). Ebenfalls liegt das relativ lange Credo mit drei Abschnitten vor. Beide Teile bilden zusammen mit dem Kyrie eine «Piccola Missa di Gloria» gemäss italienischer Tradition.
Gleichzeitig mit der Fertigstellung des Credos entschliesst sich der Maestro, die Klavierbegleitung durch einen Harmonium-Part zu ergänzen. Das Harmonium, beziehungsweise das damalige zusätzlich besaitete und in der Pariser Nobelgesellschaft weitverbreitete Harmonicord, erhält dabei die Funktion, den Chor zu unterstützen und ähnlich einer konzertanten Orgel Blasinstrumente zu ersetzen.
|Prélude religieux

Prélude religieux: Als Zwischenmusik während der Austeilung der Eucharistie ist das Klavierstück als «melancholisch und harmonisch ausgeklügelte Fuge komponiert». Rossini fügt die Musik ohne Singstimme vermutlich noch während der Probearbeiten (siehe unten) zwischen Credo und Sanctus ein. Das Stück ist im «Album de chaumière» («Alterssünden») enthalten gewesen. Man kann dessen Verwendung als Indiz dafür deuten, er denke schon zu dieser Zeit an eine orchestrierte Fassung seiner «Petite Messe solennelle», deren Ausarbeitung ihm nahegelegt wird. Er wird der Aufforderung später auch gerne nachkommen. «Nicht, dass mir später Herr Sax mit seinen Saxophonen oder Herr Berlioz mit anderen Riesen des Orchesters meine Messe instrumentiert und meine paar Singstimmen totschlägt», flachst er, «car je ne suis rien qu’un pauvre mélodiste».
|Sanctus

O salutaris
Agnus Dei
Sanctus (a cappella) und Agnus Dei: Der Banker Hyacinthe-Louis-Alexis-Constatin Pillet-Will agiert als bedeutender Mäzen in der Pariser Kulturszene, während dessen Frau Louise Pillet Will (geb. Roulin) als Salonière die Obliegenheiten des kulturellen Austausches pflegt. Auf ihre Anregung hin vervollständigt der Maestro mit Blick auf die bevorstehende Einweihung des prunkvollen Palais (man liest auch der Privatkapelle) des Ehepaars 1863 die «Petite Messe solennelle».
Mit den beiden (vergleichsweise kurzen) musikalischen Perlen des Sanctus (a cappella) und des Agnus Dei ist die Urfassung des Werks, nun zur «Missa tota» geworden. Rossini widmet sie der verehrten Gastgeberin Louise, der er eine Abschrift schenkt. Für die vergleichende Forschung zur «Petite Messe solennelle» ist diese eminent wichtig geworden.
Uraufführung
Die Uraufführung geht auf der hier skizzierten Basis (ohne «O salutaris hostia») am 1. März 1864 im Palais Pillet-Will über die Bühne. Man vermutet, das Datum sei nicht von ungefähr gewählt worden, ist es doch just der dritte Todestag von Louis Niedermeyer. Fünfzehn Studierende des Pariser Konservatoriums haben das Werk mit dem jüdischen Chorleiter Jules Cohen (1830–1901) einstudiert, fast doppelt so viele wie ursprünglich vorgesehen. Begründet wird es mit akustischen Vorteilen, denn die handverlesenen Gäste und die Journalisten haben nicht alle im geräumigen Saal Platz. Noch während der Probenarbeiten entschliesst sich der Komponist, die Besetzung um ein zweites Klavier als «Ripieno» (Verstärkung) zu erweitern. Die Uraufführung, der Rossini fernbleibt, unter der Leitung von Albert Lavignac wird zum grossen Erfolg mit triumphalem Applaus. Im April 1865 wird die Messe mit derselben Besetzung zu Lebzeiten Rossinis ein zweites und letztes Mal im Hause Pillet-Will aufgeführt.
|«O salutaris hostia»

Die Melodie zu «O salutaris hostia» stammt aus der «Miscellanée de musique vocale» («Péchés de vieillesse»), dort für eine Alt-Stimme komponiert, hier für Sopran transponiert.
Zusammenstellung: Ueli Zweifel
Quellen:
- Matteo Messori: im Programmheft zur Aufführung der «Petite Messe solennelle» am «Rossini Festival» 2018 in Wildbad (Schwarzwald)
- Norbert Pritsch: Gedanken zu den drei Fassungen der «Petite Messe solennelle» in der Schriftenreihe der «Deutschen Rossini Gesellschaft» (Band 4)
- Reto Müller: Rezension über die Kritische Ausgabe der «Petite Messe solennelle» der «Fondazione Rossini» in Pesaro (2013).
- Wikipedia
Herzlichen Dank dem Rossini-Experten Reto Müller in Basel für seine sehr hilfreiche Unterstützung. Als Geschäftsführer der «Deutschen Rossini Gesellschaft» (DRG) gibt er deren Zeitschrift «La Gazzetta» heraus.