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Wer heute für einen Kaffee, der vor einem Jahr noch 5 Franken kostete, 5 Franken und 10 Rappen bezahlen muss, mag sich über die Preiserhöhung ärgern. Ernste Sorgen über die Preisstabilität muss man sich aber keine machen, denn dieser Preisaufschlag entspricht einer jährlichen Teuerung von gerade Mal zwei Prozent.
Problematisch wäre es dann, wenn der Kaffee wenige Monate später plötzlich mehrere Millionen Franken kosten würde. Dieses Horrorszenario droht der Schweiz zwar nicht, ist aber derzeit genau so im krisengeplagten Venezuela beobachtbar:
Die Grafik von Bloomberg zeigt die Kaffee-Preisentwicklung in Carcas, der Hauptstadt Venezuelas, in den letzten zwei Jahren. Vergangene Woche wurde ein neuer Rekordpreis bei zwei Millionen Bolivar für eine Tasse Milchkaffee registriert. Die Woche davor lag der Preis noch bei 1,4 Millionen Bolivar, Ende April waren es "nur" 190‘000 Bolivar.
Es ist nicht nur der Kaffeepreis, der in Venezuela so ausser Kontrolle geraten ist, sondern die Preise sämtlicher Güter des täglichen Gebrauchs. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostizierte für das Land im laufenden Jahr eine Inflationsrate von einer Million Prozent. Als Vergleich: In der Schweiz dürfte die Inflation im laufenden Jahr leicht weniger als 1 Prozent betragen.
Gemäss einer Faustregel spricht man dann von einer Hyperinflation, wenn die monatliche Inflationsrate bei über 50 Prozent liegt. Venezuela erfüllt dieses Kriterium derzeit eindeutig. Im letzten Monat haben sich die Preise verdoppelt.
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Hyperinflationen zwar die Ausnahme sind, aber doch ab und zu vorkommen: Gemäss einer Studie der Ökonomen Steve H. Hanke und Nicholas Krus gab es in den letzten 100 Jahren global gesehen 57 Fälle von Hyperinflationen. So etwa in den 1920er Jahren in Deutschland, oder in der etwas jüngeren Vergangenheit in Argentinien oder in Simbabwe.
Hyperinflation durch Krisen ausgelöst
Nach der gängigen Definition entsteht Inflation dann, wenn die Geldmenge einer Volkswirtschaft schneller wächst, als sich Güter und Dienstleistungen in einem Land vermehren. Es hat dann mehr neues Geld als neue Güter im Umlauf, dadurch erhöhen sich die Preise.
Eine gesunde Volkswirtschaft mit stabiler Regierung gerät in der Regel nicht einfach so in eine Phase der Hyperinflation. Meist liegen schwerwiegende, landesinterne Probleme vor, etwa eine hohe Staatsverschuldung - ausgelöst durch einen Krieg oder eine grössere Wirtschaftskrise. Ein giftiger Cocktail entsteht dann, wenn darüber hinaus die Zentralbank fast schon panikartig die Geldmenge ausweitet, während die Wirtschaft noch kriselt.
Deutschland etwa war als Folge des ersten Weltkrieges hoch verschuldet. Um diese Schulden abzahlen zu können, wurden massiv mehr Banknoten gedruckt, was die Preise nach oben schiessen liess. Auch die Zentralbank Venezuelas druckt derzeit viel Geld, um der wirtschaftlichen Krise entgegenzuwirken.
Der Teufelskreis der Hyperinflation
Macht unter den Konsumenten durch die starke Geldausweitung erst einmal die Angst einer hohen Inflation die Runde, so wird der Teufelskreis der Hyperinflation erst richtig lanciert: Jeder möchte sein Geld lieber heute als morgen loswerden, da es laufend an Wert zu verlieren droht. Durch das schnelle Abstossen erhöht sich die Geldmenge und somit auch die Inflation immer weiter. Darüber hinaus setzt Kapitalflucht ein, da das Vertrauen in die Währung weg ist, was deren Wert noch zusätzlich schwächt. Auch die Planungssicherheit der Firmen ist wegen der wilden Preisentwicklung dahin.
Ist ein Land im Hyperinflations-Sumpf drin, gibt es kein Entkommen mehr. Die Inflation nimmt immer absurdere Ausmasse an, die Wirtschaft kollabiert. Nur eine Währungsreform kann helfen.
In Simbabwe wurde etwa vor zehn Jahren die Währung abgeschafft und der US-Dollar als offizielles Zahlungsmittel eingeführt. Argentinien koppelte den Peso in den 1990ern an den Dollar. Auch Venezuelas Präsident Niclás Madura hat jüngst Währungsreformen angekündigt: Der Bolivar soll an die neue Kryptowährung Petro gekoppelt werden, gleichzeitig will er fünf Nullen aus der Währung streichen.
Ökonomen sind sich uneins, ob auch in Europa eine Hyperinflation denkbar wäre. Zum Beispiel dann, wenn ein südeuropäisches Land wie Italien die EU verlassen und wieder eine einheimische Währung einführen würde. Gefährliche Voraussetzungen wie eine hohe Staatsverschuldung und Instabilität in der Politik wären zumindest gegeben. Der Schweiz droht ein solches Szenario nicht: Gemäss einer Studie der Credit Suisse vom vergangenen Jahr ist der Franken die stabilste Währung der Welt. Seit dem Jahr 1900 sind die Schweizer Preise durchschnittlich um 2,2 Prozent gestiegen - so wenig wie sonst nirgends.