Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03634.jsonl.gz/2557

Die Entwicklung des Sparkassenwesens in der Schweiz fällt in das 1. Viertel des 19. Jh. und steht im Zusammenhang mit der beginnenden Industrialisierung sowie der Ausdehnung der Geldwirtschaft. Einerseits suchten die Heimarbeiter und die Arbeiter der aufkommenden industriellen Betriebe eine sichere, liquide und zinstragende Anlageform für ihr Vermögen. Andererseits waren gemeinnützige Gesellschaften und Gem. daran interessiert, dass alle Lohnempfänger einen Teil ihres Einkommens als Rücklage für das Alter und für Notfälle auf einem Sparheft anlegten (Altersvorsorge). Konzentrierten sich die Sparkassengründungen zu Beginn auf die Städte, breiteten sie sich während der Restauration und Regeneration in den ländl., vorwiegend ref. Regionen aus. Häufig gründeten Gem. und Kantone selbst Sparkassen oder förderten deren Entstehung, indem sie Garantien leisteten und Dotationskapital stifteten. Personen des öffentl. Lebens übernahmen in ehrenamtl. Tätigkeit die Verwaltung der Gelder. Anfänglich standen die Sparkassen nur den ärmeren Bevölkerungsschichten offen. Die Zinssätze waren in den Statuten degressiv nach Höhe der Einlagen festgesetzt, Auszahlungen erfolgten unter erschwerten Bedingungen. Die Popularität des Sparens zwang die Kassen, die Höhe der jährl. Einzahlungen wie auch der Gesamteinlagen auf einen Maximalbetrag pro Person zu begrenzen. Im Jahre 1850 vereinigten die 150 Sparkassen die Hälfte des Bilanzsummentotals aller 181 Banken und Finanzinstitute in der Schweiz. Waren die Sparkassen zu Beginn ausschliesslich im Hypothekarbereich (Hypothek) tätig, erweiterten einige von ihnen ab 1860 ihr Aktivgeschäft durch die Gewährung von Betriebskrediten in Form des Kontokorrents und Wechsels (Kredit). Die Preisgabe des gemeinnützigen Charakters veranlasste die Institute häufig zur Ergänzung ihres Firmennamens mit "Leihkasse". Obwohl die S. seit ihrem Aufkommen ein starkes Wachstum aufwiesen und Wesentliches zum Aufbau des schweiz. Bankensystems geleistet hatten, verloren sie als Bankengruppe bereits ab 1860 an Bedeutung. Grosse Konkurrenz erwuchs ihnen durch die Kantonalbanken und durch die Gründung zahlreicher Lokalbanken (u.a. Raiffeisenkassen), die dank grösserer Eigenmittelbasis mehr Freiheiten in der Kreditgewährung besassen und den wachsenden Kreditbedürfnissen der mittelständ. Betriebe besser Rechnung tragen konnten. Weitere Rückschläge mussten die S. nach dem 2. Weltkrieg hinnehmen, als das staatl. Zwangssparen für die Altersvorsorge (AHV, berufl. Vorsorge) eingeführt wurde. In den 1970er Jahren drangen die Grossbanken zur Risikodiversifikation ins Spargeld- und Hypothekargeschäft ein, was zu einem erneuten Abfluss von Spargeldern führte. Ferner eröffnete sich Kleinanlegern die Möglichkeit, für Ersparnisse höher verzinsl. Anlageformen zu wählen. Die sich wandelnden Bedürfnisse der Kundschaft verlangten nach einer Modernisierung des Dienstleistungsangebots der S. Dies war mit einem grossen Kostenschub verbunden und überforderte vorwiegend kleine Institute. Der Anpassungsdruck wie auch risikoreiche Kredite im Hypothekarbereich führten vor Ende des 20. Jh. zu einem Schrumpfungsprozess: Zahlreiche S. schlossen sich zusammen oder wurden infolge Ertragsschwächen von Gross-, Kantonal- oder Regionalbanken zur Optimierung ihrer Filialdichte übernommen.
Literatur
– F. Ritzmann, Die Schweizer Banken, 1973
– Gesch. der Schweizer Banken, hg. von L.H. Mottet, 1987
Autorin/Autor: Peter Püntener