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Die illegale Pfarrerin
Dass ihre Grossmutter als Europas erste vollamtliche Pfarrerin wirkte, erfuhr Christina Caprez erst als Teenagerin. Kürzlich hat die Journalistin und Soziologin eine spannende Biografie über Greti Caprez-Roffler (1906–1994) veröffentlicht.
Text: Annegret Honegger
KKK – Kinder, Küche, Kirche – galten jahrhundertelang als Zuständigkeitsbereiche der Frauen. Greti Caprez-Roffler jedoch wollte nicht nur wohltätig wirken und dienen, sondern auf der Kanzel predigen.
Unerhört war das damals in den 1920er- und 1930er-Jahren. Frauen waren zwar zum Theologiestudium zugelassen, den Pfarrberuf konnten sie jedoch nicht ausüben und durften höchstens als Pfarrhelferinnen tätig sein. So sah es die bürgerliche Weltordnung vor: Frauen arbeiteten daheim in der Familie, Männer draussen im Beruf.
Die erste Pfarrerin Europas
Deshalb machte es international Schlagzeilen, als das kleine Bündner Bergdorf Furna am 13. September 1931 die erst 25-Jährige zur Pfarrerin wählte – gegen das Gesetz. Einen Pfarrer hatte die 200-Seelen-Gemeinde nicht gefunden, der hoch oben im Prättigau zu einem tiefen Lohn arbeitete.
Was den Skandal perfekt machte: Greti Caprez-Roffler war verheiratet und eben Mutter eines Sohnes geworden. Mit Baby und Haushälterin zog sie ins Dorf, wo sie als Kind oft die Ferien bei ihren Grosseltern verbracht hatte. Ihr Ehemann arbeitete im Engadin und konnte seine Familie nur jedes zweite Wochenende besuchen.
Die illegale Pfarrerin war europaweit die erste gewählte Frau in diesem Amt. Sie führte in Furna Skihosen für Mädchen ein, sprach an Mütterabenden offen über Sexualität und Verhütung und nahm ihr Baby zu Seelsorgegesprächen in einer Rückentrage mit, in welcher normalerweise Käselaibe ins Tal transportiert wurden.
Ihrer Zeit voraus
Dass Greti Caprez Roffler ihrer Zeit weit voraus war, zeigen ihre Briefe und Tagebucheinträge. Sie wollte Beruf und Familie vereinbaren und mit ihrem «Ehekameraden», wie sie ihren Mann nannte, ein gleichberechtigtes Liebes- und Arbeitsleben teilen.
Die Behörden im Tal reagierten prompt. Der Bündner Kirchenrat sperrte der Gemeinde die Bankkonten mit dem Kirchenvermögen. Doch die Berglerinnen und Bergler hielten an ihrer Pfarrerin fest, obwohl sich anfänglich besorgte Eltern bei ihr erkundigten, ob denn eine Taufe durch eine Frau überhaupt gültig sei.
Drei Jahre dauerte die illegale Pfarrerinnenzeit von Greti Caprez-Roffler in Furna, doch auf bessere Bedingungen wartete sie vergeblich. Erst 1965, über dreissig Jahre später, konnten Frauen im Kanton Graubünden offiziell ein Pfarramt übernehmen.
Weg des Widerstands
Greti Caprez-Rofflers Karriere, die sie später nach Chur, nach Kilchberg ZH und in den Bündner Rheinwald führte, war geprägt vom Kampf gegen die Macht von Kirchenvorständen, Professoren und Pfarrherren. Ihr Weg des Widerstandes, den sie äusserlich unbeirrt weiterging, liess sie innerlich oft fast verzweifeln, wie ihre schriftlichen Zeugnisse zeigen.
Der gleiche Eigensinn, die gleiche Leidenschaft und Hartnäckigkeit, die ihr ein Durchhalten ermöglichten, machten ihren Kindern das Leben häufig schwer. Autorin Christina Caprez hat die sechs Töchter und Söhne, die heute alle zwischen 70 und 85 Jahre alt sind, zum Aufwachsen mit ihrer unkonventionellen Mutter befragt. So ist ein differenziertes Porträt einer facettenreichen Frau und unerschrockenen Pionierin entstanden, das zugleich ein aufschlussreiches Sittengemälde der Schweiz im 20. Jahrhundert ist.
Als Greti Caprez-Roffler zusammen mit elf weiteren Theologinnen 1963 im Zürcher Grossmünster endlich ordiniert und damit offiziell als Pfarrerin anerkannt wurde, war sie bereits 57 Jahre alt und fünffache Grossmutter.
Christina Caprez: Die illegale Pfarrerin. Limmat Verlag, Zürich 2019, 392 Seiten, ca. CHF 44.–.