Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03189.jsonl.gz/1953

Eine einfältige, fast schon provokative Frage!?
Wie soll man sie lesen - laut oder leise - still vor sich hin - ergeben wie man Musik hört? Man kann Gedichte nicht einfach lesen wie ein Bericht aus einer Zeitung. Gedichte erklären sich nicht selbst, ihre Texte sind komplex und voller Gefühle, ein Grund für viele, sie gar nicht erst zu lesen. Mit den folgenden Zeilen versuch ich diese Blockade zu lösen, auch wenn mir bewusst ist, dass es kein allgemein gültiges Rezept sein kann.
Ich gehe ans Lesen heran, ganz ähnlich wie ich ein Bild betrachte. Ich schau mir zuerst die gedruckte Fläche, die Grösse an. Handelt es sich um ein Drei-, Vier- oder Fünf-Zeiler kann ich mich entspannt zurücklehnen, denn oft lese ich unterwegs und bin im Zeitdruck. Auch ein Haiku (japanisches Kurzgedicht) ist immer niedlich anzuschauen. Dann betrachte ich die äussere Form, den Rahmen des Gedruckten. Ist er deutlich wie ein Apfel, ein Kreuz oder ein Baum oder sonst etwas, das besticht, dann wäre es ein Formgedicht. Trägt das Geschriebene einen Titel, der mir schon etwas über den Inhalt verrät oder ist es «kopflos» und will mich überraschen, wie die Katze im Sack? Gleicht es eher zufällig einer Säule, einem Schwert, oder ist es deutlich breit gefasst, wie ein Heer, das in die Schlacht zieht, so zück auch ich meine geistigen Waffen. Wenn es in leichten, mehreren, einfachen Strophen erscheint, könnte es sich um ein Volkslied handeln. Sind die Strophen mehr als vierversig, wie viele «Kunstlieder» als Beispiel die Kantaten, so müssen auch diese sangbar sein, ich glaube schon die ersten Stimmen zu hören. Ein kurzer Blick auf die letzten Silben einer Zeile verrät mir, ob das Gedicht gereimt ist oder nicht. Vielleicht ist es tradiert, ein Oktett, die Stanze oder wie das vierzehnzeilige Sonett, meist aus zwei Quartetten und zwei Terzetten zusammengesetzt? Sonetten gelten als ein Höhepunkt des dichterischen Dialogs. Die Dialektik mit ihrer These, Antithese und Synthese erwartet mich und ich steige ein in das tiefe Gespräch eines «alten» Meisters. Es könnte sich auch um ein grösseres Werk mit vielen Strophen handeln, denn Balladen, Elegien und Hymnen haben keine Scheu sich in ihrer ganzen Weite auszubreiten, als bekäme der Dichter nie genug, die Nacht oder den Tag zu besingen. Dazu braucht er meine Zeit.
Ich beginne mit Lesen und habe den Autor im Kopf. Falls ich ihn kenne, kenne ich seine Sprache, sein Umfeld, seine Stärken und Schwächen, die ich bestätigt haben möchte. Wenn nicht erscheint alles neu. Die ersten Zeilen sagen soviel wie ein erster Blick in ein Gesicht: jung und unverdorben oder alt und weise, verbraucht, verschlagen, vertraut, tief oder oberflächlich, provozierend oder selbstgefällig. Ich erwidere mit einem Lächeln oder einer ernsthaften Miene, bin dabei dem Gesagten nachzufühlen. Verstehe ich ihn leicht, so fliegen meine Augen über Verse und Strophen und hängen erleichtert oder erfüllt an der letzten Silbe. Ich atme auf und lese das Werk vielleicht nochmals.
Ist es schwierig zu lesen, zu verstehen, so halte ich bei jeder gefallenen Hürde inne und beginne ich von vorne. Hartnäckig beisse ich mich durch, wie beim Sport, mein Hirn soll trainiert werden. Es kann aber auch sein, dass ich vorher ermüde, es zur Seite lege mit einem Seufzer oder einem Fluch. Warum macht sich ein Dichter lustig über uns Leser? Ich lache über seine Auswüchse, meine Schwächen. Verhüllt scheint alles wie beim Maskenball? Soll ich lesen bis die Masken fallen?
Ich versuche es an einem andern Tag, wenn ich besser drauf bin. Gedichte können provozieren, wie steile Wände den Kletterer verführen. Erfolg und Absturz liegen beim Anfänger nahe beisammen. Übung macht den Meister. Ich lese und lese und höre und höre die Welt, wie sie klagt und lobt mit den unterschiedlichsten Tönen, den Stilmitteln, wie Versmasse, Reime, Rhythmen, Klänge, Bilder, Symbole, Vergleiche, Gleichnisse, und vieles, vieles mehr bis zur Krönung, zur Metapher. Sie alle werden in jedem Lyrikuntericht gelehrt. Ich bin immer wieder fasziniert, wie der Dichter mit diesen bunten Mitteln, seine eigene Sprache zur Vollendung bringt.
Das Gelesene wird interpretiert. Ein jeder hat seine, so schreckliche Urteilskraft, die alles in Kategorien einteilen will: verworren, unverständlich, missdeutlich, offen, unheimlich, berührend, mitreissend, grossartig, genial, himmlisch, um nur einige zu nennen. Sie können dann verstaut werden in: Liebesgedichte, Trauergedichte, Politische-Gedichte, Propaganda-Gedichte, Gesellschaftsgedichte, (Un)sinngedichte, Gedankengedichte, Wandgedichte, Pissoirgedichte und so weiter bis zu den Fragmenten, die man bei jedem Dichter findet.
Der Inhalt, der Gehalt der Dichtkunst spricht auch eine ganz andere Sprache an, die beschränkte Sprache, in der wir gefangen sind. Sie zeigen zu wollen, würde mehr Bücher fassen als die ganze Kunst.
Immer wieder muss ich mir sagen
lassen dass ich nichts kann
ausser gehn
kein Feuer entfachen
keine Pirouette drehn
mein Knicks sei schief
kann weder schaufeln noch scharren
von Dichten und Denken keine Spur
freudlos mein Los
wenn nicht
Du wärst
müsst ich von dir
lassen als könnt ich's
mein Mund schaut auf deinen
meine Augen küssen deine
im Kopf im Herz ist Fuss ist Hand
dein Tun ist mein Ton
dein Ton ist mein Tun
wir klang wir klamm
lieben uns
heimlich
Wirtschaftliche und gesellschaftliche Regeln eines Aktionsablaufes, kann auch in nicht kommerziellen Gruppierungen vorkommen:
21/9/2017
Phase 1: Begeisterung
Phase 2: Verwirrung
Phase 3: Ernüchterung
Phase 4: Massenflucht der Verantwortlichen
Phase 5: Suche der Schuldigen
Phase 6: Bestrafung der Unschuldigen
Phase 7: Auszeichnung der Nichtbeteiligten
2/5/2017
Starfotograph Cecil Beaton hat die englische Königinmutter Mary zum siebzigsten Geburtstag aufgenommen und dann jedes Fältchen retuschiert. Er bekommt die Bilder zurück: „Ich habe siebzig Jahre lang den Stürmen des Lebens getrotzt und möchte nicht den Anschein erwecken, es sei alles spurlos an mir vorübergegangen.“
Zum jahresendlichen Schmunzeln sende ich Euch eine „politische“ Geschichte.
Wie im Lande der Indianer ein kalter Winter vorausgesagt wird
Eines Tages Anfang September wurde der Häuptling eines Indianerstammes von seinen Stammesältesten gefragt, ob der Winter 2011/12 kalt oder mild sein würde. Der Häuptling fragte seinen Medizinmann, aber auch der war nicht sicher.
In Wahrheit hatten beide keine Ahnung, wie man den kommenden Winter vorherzusagen könnte. Da beschloss der Chef, einen modernen Ansatz zu nehmen. Er rief dem nationalen Wetterdienst an und erkundigte sich dort.
"Ja, es wird ein kalter Winter“, sagte der Meteorologe. Da ging der Häuptling er zu seinem Stamm zurück und trug den Männern auf, viel Brennholz zu sammeln.
Vierzehn Tage später rief der Häuptling den Wetterdienst erneut an an und fragte, wie die Lage heute sei.
»Ja, sehr kalt«, sagte der nationale Meteorologe.
Als Ergebnis dieses kurzen Gesprächs ging der Häuptling zurück zu seinem Stamm und sagte seinen Leuten, jedes Holzstück, das sie finden konnten, zu sammeln.
Einen Monat später rief der Häuptling nochmals den Nationalen Wetterdienst an und fragte nach dem kommenden Winter. "Ja", wurde ihm gesagt, "es wird einer der kältesten Winter überhaupt sein."
'Wie kannst du dir so sicher sein?' Fragte der Häuptling.
Der Wettermann antwortete: "Weil die Indianer wie verrückt Holz sammeln.
Ursula Landtwing
Vor mehr als 100 Jahren schrieb die achtjährige Virginia O’Hanlon einen Leserbrief an den "New York Sun" in einer dringenden Angelegenheit:
„Ich bin acht Jahre alt. Einige meiner Freunde sagen, es gibt keinen Weihnachtsmann. Papa sagt, was in der 'Sun‘ steht, ist immer wahr. Bitte sagen Sie mir: Gibt es einen Weihnachtsmann?"
Die Sache war dem Chefredakteur der "New York Sun“ so wichtig, dass er einen erfahrenen Kolumnisten, Francis P. Church, beauftragte, eine Antwort zu entwerfen – für die Titelseite der Zeitung. Der Text wurde so berühmt, dass er Jahr für Jahr aufs Neue erschien. "Welt Online" dokumentiert den Text in deutscher Übersetzung.
„Virginia, Deine kleinen Freunde haben nicht recht. Sie sind angekränkelt vom Skeptizismus eines skeptischen Zeitalters. Sie glauben nur, was sie sehen: Sie glauben, dass es nicht geben kann, was sie mit ihrem kleinen Geist nicht erfassen können. Aller Menschengeist ist klein, Virginia, ob er nun einem Erwachsenen oder einem Kind gehört. Im Weltall verliert er sich wie ein winziges Insekt. Solcher Ameisenverstand reicht nicht aus, die ganze Wahrheit zu erfassen und zu begreifen. Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann.
Es gibt ihn so gewiss wie die Liebe und die Großherzigkeit und die Treue. Und Du weißt ja, dass es all das gibt, und deshalb kann unser Leben schön und heiter sein. Wie dunkel wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe! Sie wäre so dunkel, als gäbe es keine Virginia. Es gäbe keinen Glauben, keine Poesie – gar nichts, was das Leben erst erträglich machte. Ein Flackerrest an sichtbarem Schönen bliebe übrig.
Aber das ewige Licht der Kindheit, das die Welt erfüllt, müsste verlöschen. Es gibt einen Weihnachtsmann, sonst könntest Du auch den Märchen nicht glauben. Gewiss, Du könntest Deinen Papa bitten, er solle an Heiligabend Leute ausschicken, den Weihnachtsmann zu fangen. Und keiner von ihnen würde den Weihnachtsmann zu Gesicht bekommen. Aber was würde das schon beweisen?
Kein Mensch sieht ihn einfach so. Das beweist gar nichts. Die wichtigsten Dinge bleiben meistens Kindern und Erwachsenen unsichtbar. Die Elfen zum Beispiel, wenn sie auf Mondwiesen tanzen. Trotzdem gibt es sie. All die Wunder zu denken – geschweige denn sie zu sehen –, das vermag nicht der Klügste auf der Welt. Was Du auch siehst, Du siehst nie alles.
Du kannst ein Kaleidoskop aufbrechen und nach den schönen Farbfiguren suchen. Du wirst einige bunte Scherben finden, nichts weiter. Warum? Weil es einen Schleier gibt, der die wahre Welt verhüllt, einen Schleier, den nicht einmal die größte Gewalt auf der Welt zerreißen kann. Nur Glaube und Poesie und Liebe können ihn lüften. Dann werden die Schönheit und Herrlichkeit dahinter auf einmal zu erkennen sein.
„Ist das denn auch wahr?“, magst Du fragen. Virginia, nichts auf der ganzen Welt ist wahrer und nichts beständiger. Der Weihnachtsmann lebt, und er wird ewig leben. Sogar in zehn mal zehntausend Jahren wird er da sein, um Kinder wie Dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen.
Frohe Weihnacht, Virginia!
Dein Francis Church
die tage gleichen sich
wie nebeldunst den wolkenschleiern
durch die das trübe licht sich zwängt
keine nähe gebiert die ferne mehr
die rose bleibt eine rose
ja gestern wie heute wie morgen
reihen sich auf zum kreis
zur kette
trag sie getrost um den hals zur feier der nächte
trag sie auf händen still durch die enge des leibs
zum freien geist und erneut
geneigt voller erwartung
geschmückt wird dann das neue Sein
benno brum dezember 2014
als hätten wir sie je gehört doch
niemand hört eine Harfe jenseits der Ohren
die Töne beschallen die Höhle nur
dann die Knöchel die Härchen den Nerv
zum Hirn
nichts ist wirklich wirklich
draussen flattern keine Engel umher
die dir eine Hymne singen
dich fragen was dir noch fehlt
neben deinem Nest und Frass und
Wind für deine Flüge
Drinnen schlägt dein Herz
wirst du sie achten
ewig achten Götter Engel Macht und
Menschen deine Nächsten
Tiere Pflanzen Würmer Sporen?
Wirst du all die Kreaturen achten
Schwache Kranke Krüppel Welke heben
in dein Innenreich wenn's auch schmerzt?
Oder wirst du sie fallen lassen
weil drinnen dir die Gründe schwinden?
Uns ist nichts näher als die Erde
zu ihr kehren wir stets zurück
bis wir uns in unserm Tiefsten fassen
das zu sein was wir sind
Sporen Würmer Pflanzen Tiere
Menschen die das Fremde achten
keine Opfer für das Gold
den Ruhm den Krieg den Genozid
Jedes Wesen
schwingt sich fort aus der Tiefe seiner Seele
zu jenem längst verheissenen Ort
über alle Engelchöre
benno brum Jan 2014

Für Ihre Unterhaltung
Wenn ich jeweils einen interessanten Beitrag finde, setzte ich ihn in den Blog.
Archiv
Kategorien