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blinder Hund
Der blinde Rüde Wuschel zog im Juli 2010 bei uns ein. Er war ungefähr 9 Jahre alt und lebte zuvor in einem polnischen Tierheim. Da er dort von anderen Hunden gemobbt wurde, musste Wuschel, der damals noch keinen Namen hatte, sondern nur eine Nummer, in einem Einzelzwinger leben. Wie und warum Wuschel sein Augenlicht verloren hatte, wussten wir nicht. Wir wussten einzig, dass ein komplett blinder Hund bei uns einziehen wird.
Obschon wir zuvor bereits eine fast blinde Hündin, Betsy, hatten (sie wurde im Alter blind und lebte ihre letzten drei Jahre bei uns) und auch noch ein weiterer blinder Hund bei uns war, Jamiro (er kam komplett blind zu uns, lebte aber aufgrund von Hirnschwund im letzten Grad nur 2 Wochen bei uns), lehrte uns insbesondere Wuschel sehr viel oder gar das Meiste über blinde Hunde. Er war ein fröhlicher Hund und sah statt mit seinen Augen mit dem Herzen.
Ein blinder Hund draussen:
Wuschel hatte aufgrund seiner Blindheit eine andere Körperhaltung: seinen Kopf senkte er jeweils etwas, sodass er, sollte er sich irgendwo stossen, nicht mit der Schnauze "aneckte", sondern mit der Stirn. Aufgrund seiner anderen Körperhaltung und wegen der Blindheit wurde Wuschel von anderen Hunden leider falsch "gelesen". Die anderen Hunde merkten wohl schon von der Ferne, dass er rangniedriger war, und so wurde Wuschel dreimal Opfer von Beissattacken. Wir lernten daraus, ihn vor fremden Hunden zu schützen und baten die Hundehalter auf den Spaziergängen bereits aus der Ferne, ihren Hund bitte anzuleinen. Dies klappte dann mehr oder weniger (je nach Hundehalter...) gut.
Wir lehrten Wuschel das Wort "Achtung": da wusste er, er musste langsamer laufen und tat dies dann auch. Beim Wort "Stopp" wusste Wuschel, dass er anhalten musste und keinen weiteren Schritt gehen sollte. Da dies wunderbar klappte, konnten wir unseren Hund im freien Feld, wo keine Gefahr lauerte, frei laufen lassen. Er liebte es zu rennen und kam dann sehr schnell zurück, wenn wir "Wuschel, komm!" riefen. Natürlich konnten wir nicht so lange Spaziergänge machen. Blinde Hunde sind vor allem mit der Nase und mit dem Gehör beschäftigt, dies ermüdet sehr rasch. Ein blinder Hund muss daher vielmehr leisten als ein sehender, dies ist deshalb auch bei der Dauer der Spaziergänge zu berücksichtigen.
Wuschel hatte auch ein gelbes Halstuch mit dem "Blindenlogo" (drei Punkte, wie Dreieck angegliedert). So sahen zumindest diejenigen Menschen, die das Logo kannten, dass unser Hund blind war.
Ganz wichtig bei einem blinden Hund ist, ihm ein Brustgeschirr (kein Halsband!) anzulegen. Der Hund spührt dadurch seinen Körper besser und fühlt sich sicherer. Die Leine gibt dem Hund zudem Sicherheit, er weiss, dass er geführt wird. Dies ist vor allem dann sehr wichtig, wenn andere Menschen, andere Hunde, Geräusche etc. in der Umgebung sind, die der Hund nicht einschätzen resp. einordnen kann.
Ein blinder Hund im Haus:
Im Haus gilt es vor dem Einzug eines blinden Hundes, Gefahrenquellen wie Treppen oder Stolperfallen zu sichern. Bei der Treppe montierten wir ein Babygitter, so konnte Wuschel nicht die Treppe runterstürzen. Ausserdem verschoben wir unsere Pflanzen, Stühle, Sofas etc. dahingehend, dass der Hund genug Platz hatte, überall hindurchzulaufen. Den kantigen Salontisch polsterten wir mit grauen Isolationsrohren. Diese sind im Baumarkt günstig zu finden. So konnte sich Wuschel nicht stossen und sich verletzen. Damit Wuschel wusste, wo der Ausgang zur Terrasse war, legten wir dort einen kleinen Teppich hin. Durch die veränderte Bodenstruktur lernte er, dass hier nun die Terrasse anfing. Wuschel konnte sogar auf das Sofa oder ins Auto springen. Dies lernten wir ihm, indem wir mit der Handfläche auf die gewünschte Oberfläche klopften und ihm sagten "hopp". Wuschel merkte so (durch die Vibrationen?), wie hoch er springen musste. Er machte das wunderbar und wir unterstützten ihn mit dem Halten am Geschirr! Natürlich versuchten wir zuerst beim Auto mit einer Rampe, aber Wuschel wollte davon nichts wissen.
Wenn Besuch kam, baten wir diesen, den Hund nicht einfach anzufassen (was man ja auch bei einem sehenden Hund nicht macht!), sondern ihn zuerst anzusprechen und dann zB mit den Fingern zu schnipsen, damit Wuschel einordnen konnte, wo sich die Person befand.
Im Internet lasen wir sogar, dass alle im Haushalt anwesenden Personen sowie die weiteren Tiere ein Glöckchen (zB um das Bein) anziehen sollten, damit der blinde Hund immer weiss, wo jemand ist. Doch nach wenigen Versuchen bliesen wir das Glöckchenexperiment wieder ab, es war einerseits obsolet und andererseits für alle (auch für Wuschel) nervig.
So vergingen die Jahre mit unserem wunderbaren Hund, bis er im Jahr 2015 im Alter von 14 Jahre von seinen altersbedingten Leiden erlöst werden musste.
Lieber Wuschel, wir danken Dir für die wunderschönen Jahre mit Dir! Du warst, bist und wirst immer ein wundervoller Hund bleiben! Auf Wiedersehen, Bibi!