Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03309.jsonl.gz/920

Herr Thapar, gegenwärtig wird spekuliert, Indien könne Deutschland in weniger als 20 Jahren wirtschaftlich überholt haben. Können Sie verstehen, wenn Europäer Angst haben, von einer Generation Ihrer ehrgeizigen Landsleute überrannt zu werden?
Die Frage ist, ob man von Indien als Einheit überhaupt sprechen kann – das ist eigentlich eine europäische Perspektive. Aber gut, Indien ist dynamisch und voller Energie. Ob das reicht, um in 20 Jahren Deutschland wirtschaftlich zu überholen? Aus makroökonomischer Perspektive lautet die Antwort ja. 1,4 Milliarden multipliziert mit 1000 Dollar pro Kopf ergibt ein BIP von 1,4 Trillionen Dollar. Ich glaube jedoch nicht, dass Grössen wie das BIP pro Kopf viel darüber aussagen, was ein Land erreicht hat und erreichen kann.
Wie messen Sie Erfolg?
Dynamik lässt sich nur bedingt in Zahlen abbilden. Wenn ich nach Europa komme, treffe ich auf eine Form der Ruhe und Selbstzufriedenheit, die auch unheimlich ist. Spreche ich dann mit Vertretern junger Generationen, spüre ich zugleich, wie sehr sie Veränderungen herbeisehnen. Doch wo der Anteil der älteren Bevölkerung überwiegt, bleibt es so, wie es ist. Dann komme ich wieder nach Indien, wo 60 Prozent der Bevölkerung jünger als 25 sind. Diese jungen Menschen sind optimistisch eingestellt – sie wollen Reformen, denn ihr Leben ist seit Jahren nichts als permanente Veränderung.
Indien ist eine Gesellschaft im Aufbruch. Diese jungen Menschen kennen nur das neue unternehmerische Indien, das sich rasant entwickelt…
…wer wie ich in den 1960er Jahren auf die Welt kam, weiss noch, dass Indien eine geschlossene, sozialistische Planwirtschaft war. Wer zehn Jahre vor mir geboren wurde und bereits 40 war, als sich Indien öffnete, hatte damals eine pessimistischere Sicht auf Indiens Zukunft als ich. Aber mittlerweile haben auch sie erkannt: es tut sich was in diesem Land.
Indien verändert sich seit 1991 rasant. Trotzdem finden sich immer noch Überbleibsel der Planwirtschaft und des «Licence Raj», des berühmt-berüchtigten Geflechts von Auflagen und Bürokratie. Welchen Einfluss hat dieses Erbe auf das heutige Indien?
Mir persönlich half, dass ich in den USA der frühen 1980er Jahre einige Zeit in einem Umfeld gelebt habe, das mir viel persönlichen Freiraum bot. Ich erlebte damals einen grossen Wandel hautnah mit: das Silicon Valley kam auf, die Wall Street erlebte einen Schub, und man begann, die Effekte der WTO zu spüren. 1991 erlebte ich denselben Hauch von frischer Luft in Indien. Auch hier wurden neue Kräfte freigesetzt, als die meisten bürokratischen Hindernisse für Unternehmen abgeschafft wurden. In der Geschichte gibt es Generationen, die vom Wandel profitieren, und solche, die unter dem Stillstand leiden. Ich gehöre zu jenen, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren.
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort – das klingt bestechend einfach. Aber Millionen von Indern Ihrer Generation haben eine andere Erfahrung gemacht.
Das stimmt. Anderseits muss man das Zeitfenster für Veränderungen als solches erkennen und daraus entstehende Gelegenheiten auch zu nutzen verstehen. Als sich mir mit 31 die Chance bot, radikalen Wandel einzuleiten, war ich bereit, diese Möglichkeit zu ergreifen. Vielleicht war ich einfach auch nur naiv genug, zu sagen: wir können es tun. Und wir taten viel. In den darauffolgenden zehn Jahren stellte meine Generation praktisch ganze Unternehmen auf den Kopf. Wir richteten sie global aus und erteilten dem nationalen Protektionismus eine mutige Absage. Es war eine phantastische Reise! Ein Grossteil der Fähigkeit meiner Generation, Veränderungen voranzutreiben, ist das Resultat dieser Erfahrungen. Sunil Mittal, der Gründer von Bharti Enterprises, ist 53. Die Ambani-Brüder sind 54 und 53. Anand Mahindra, CEO der Mahindra Group, ist 56. Viele erfolgreiche indische Unternehmer sind in meinem Alter.
Viele grosse indische Konglomerate sind in den Händen von Familien. Sie selbst stammen ebenfalls aus einer indischen Unternehmerfamilie, waren…