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Die Abstimmung über die "Durchsetzungsinitiative" steht bevor, darum hört und liest man überall in den Medien die Wortkombination "kriminelle Ausländer". Führt die Häufung dieser Kombination dazu, dass sich diese beiden Wörter in den Köpfen auf Dauer verbinden? Das fragte EDITO die Linguistikprofessorin Annelies Häcki Buhofer.
Bbü. "Kriminelle Ausländer" – im Vorfeld der Abstimmung über die "Durchsetzungsinitiative" kommt diese Wortkombination dauernd vor. Kein Wunder, schliesslich heisst die Initiative auch "Eidgenössische Volksinitiative ‚Zur Durchsetzung der Ausschaffung krimineller Ausländer (Durchsetzungsinitiative)’». Entsprechend häufig erscheinen die "kriminellen Ausländer" nicht nur in der Abstimmungspropaganda, sondern auch in Medienberichten über die Abstimmung.
EDITO hat sich gefragt, was geschieht, wenn man zwei Begriffe – in diesem Fall "kriminell" und "Ausländer" – dauernd in Kombination liest und hört. Entsteht quasi eine Verbindung zwischen diesen beiden Wörtern, die über den Moment hinauswirkt? Genau diese Frage haben wir der Linguistin Annelies Häcki Buhofer, gestellt. Sie ist emeritierte Professorin in Deutscher Sprachwissenschaft an der Uni Basel und zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört unter anderem Psycholinguistik. Hier ihre Antwort:
Annelies Häcki Buhofer, "Möglichkeit einer linguistischen Antwort":
«Dadurch, dass zwei oder mehr Wörter häufig miteinander gebraucht werden als von der Frequenz der Einzelwörter her zu erwarten ist, werden sie zu festen Wortverbindungen («Kollokationen»). "Gute Laune" – "Schlechte Laune" sind zwei Beispiele für solche Kollokationen.
Die hohe Wahrscheinlichkeit des Miteinander-Vorkommens dieser Wörter wird allerdings nicht von allen Bestandteilen der Wortverbindung gleichermassen erzeugt. Sie wird im Falle des obigen Beispiels von Seiten des Wortes "Laune" sehr viel stärker gesteuert als von den Wörtern "gut" und "schlecht". Die "Laune" ist also sehr viel stärker gebunden ist als die beiden Adjektive es sind. Die Wörter "gut" und "schlecht" sind auf (fast) alles und jedes anwendbar, die "Laune" hingegen ist sehr oft entweder "gut" oder "schlecht". Das hängt mit den Wörtern bzw. der Wortart zusammen, aber auch mit dem, was die Wörter aussersprachlich bezeichnen.
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Wörter, die oft miteinander vorkommen, bilden zunächst ein lineares Syntagma, das erst durch den häufigen Gebrauch eine gewisse Festigkeit erhält. Das Erreichen der Festigkeit der ganzen Wortverbindungen – bestehend aus zwei oder mehr Wörtern, manchmal auch einem ganzen Satz – sieht man daran, dass viele Personen in diese Gesamt-Form ergänzen (können), wenn sie nur einen Teil hören. Ein Beispiel für dieses Phänomen stellt das folgende Sprichwort dar: "Morgenstund hat" – was? – natürlich "Gold im Mund".
Die Verhältnisse beim Syntagma "kriminelle Ausländer" sind nicht dieselben wie bei einer festen Wortverbindung. Beide Wörter lassen sich mit allen inhaltlich denkbaren möglichen anderen Wörtern verbinden – dies im Unterschied zu einer (festen) Wortverbindung, an der das Wort "kriminell" beteiligt ist, nämlich "kriminelle Energie". Hier ist es aber das Wort "Energie", das in stärkerem Masse eine Verbindung mit "kriminell" eingeht als umgekehrt.
Nun stellen sich Fragen danach, wie diese Wortverbindungen fest werden bzw. ob sich die Bestandteile durch den Prozess semantisch gegenseitig aufladen und das Konzept "Ausländer" durch die frequente Verbindung mit "kriminell" das semantische Merkmal des Kriminellen aufnimmt – oder umgekehrt und ob man weiter aus diesem Grund darauf verzichten sollte, gewisse Wörter (zu) häufig in Kombination zu verwenden.
Man kann sich das auch an der Wortverbindung "korrupter Politiker" überlegen. Werden Politiker als korrupt aufgefasst, nur weil man u.a. auch von korrupten Politikern spricht? Das ist nicht grundsätzlich der Fall bzw. hängt sehr von Ort, Zeit und gesellschaftlichem Kontext der verhandelten Politiker ab.
Korruptheit ist nicht zum semantischen Merkmal des Wortes Politiker geworden, hingegen ist sie evtl. auch ohne feste Wortverbindung zum semantischen Merkmal des Wortes "Diktator" geworden. Die Regierungsform der Diktatur als totalitäre Staatsform, in der für einen Einzelnen oder eine Gruppierung eine nahezu uneingeschränkte Macht besteht und es keine (nennenswerte) Opposition gibt, impliziert grundsätzlich Korruptheit nicht, hingegen sind es die Diktatoren des 20. Jahrhunderts als aussersprachliche Gegebenheiten bzw. reale Herrscher, die zu diesem zusätzlichen Merkmal des Wortes "Diktator" geführt haben.
Wenn dann zusätzlich der Gebrauch des Wortes "Politiker" ständig in Kombination mit "korrupt" stattfindet, besteht die Möglichkeit der Entstehung einer festen Wortverbindung und einer Gegenübertragung der Merkmale, wobei die Übertragung des Adjektivs in den Merkmalbestand des Substantivs wahrscheinlicher ist als umgekehrt. Semantische Änderungen dieser Art können bei Wortverbindungen wie bei Wortbildungen auftreten, wie man am Beispiel des "Gutmenschen" sieht, das nicht ‚guter Mensch’ bedeutet, sondern Naivität und Moralische Überheblichkeit impliziert.
Die Frage ist dann, was daraus folgt: Sprache ändert sich immer und laufend, auch dadurch, dass man und wie man über gewisse Themen spricht. Worüber man spricht, hängt ja mit den aktuellen Fragen und Problemen einer Gesellschaft zusammen. Es kann nicht sein und wäre auch nicht möglich, durch eine Zensur den "Lauf der (sprachlichen) Dinge" bzw. der Entwicklung zu stoppen oder zu unterbrechen.
Durch den häufigen Gebrauch einer Wortverbindung, die fest geworden ist, intensivieren sich die Beziehungen der Wörter einer Wortverbindung. Diese Intensivierung wirkt sich auch im Sprachgebrauch aus, er ist kognitiv gesehen leichter und schneller möglich auf vorgespurten Wegen bzw. dann, wenn vorgeprägte Verbindungen kognitiv verfügbar sind. Deswegen wird die Verwendung von vorgeprägten Verbindungen gerade von sprachbewussten Menschen auch immer wieder reflektiert und in Frage gestellt. Offensichtlich ist das bei Sprichwörtern, deren Geltung heute nicht mehr einfach akzeptiert wird bzw. auch kritisiert wird. Mit dem Gebrauch eines Sprichworts wie "Morgenstund hat Gold im Mund" kann man niemanden ernsthaft davon überzeugen, dass eine Vorlesung um 8 Uhr einer Vorlesung um 10 Uhr morgens vorzuziehen ist.
Auch wenn also eine Festigkeit mit ideologischen Implikationen entstehen kann, kann sie auch immer wieder reflektiert, kritisiert und aufgelöst werden. Das zeigt sich gerade an den Sprichwörtern, die heute häufiger in einer abgewandelten Variation als in der Originalform verwendet werden, was natürlich nur möglich ist, weil die Originalform so fest ist und auch kognitiv verankert ist. Der Weg zu einer festen Wortverbindung "kriminelle Ausländer", deren Festigkeit zu einer Gegenübertragung von Merkmalen führt, ist weit und dauert und ist nicht in einer oder mehreren Diskussionen vor Abstimmungen zu "erreichen"."
Bettina Büsser
Redaktorin EDITO
Aktuell
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