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|Name||Willibald Josef Voelkin|
|geboren||2. April 1927|
|in||Zürich|
|gestorben||22. September 2013|
|in||Windisch|
|aufgewachsen in||Dietikon, Cham|
|lebte in||Dietikon, Windisch|
Willibald Voelkin erblickte am 2. April 1927 in Zürich das Licht der Welt als erstes Kind von Agnes und Willibald Voelkin-Meyer. 1928 folgte Bruder Bernhard und 1930 Bruder Viktor. Schon bald ist die Familie nach Dietikon gezogen, in nächste Nähe von seiner Mutters geliebten Schwester Marie, welche mit Jakob Wiederkehr verheiratet war. Die Familie Wiederkehr wohnte an der Bertastrasse.
Das Familienglück währte nur kurz: 1933 starben beide Eltern innerhalb von 3 Tagen an einer Grippe. Die drei Vollwaisen wurden auf zwei Familien aufgeteilt: Willibald und Bernhard kamen zur Familie von Jakob und Marie Wiederkehr-Meyer, die schon drei eigene Kinder hatten. Der Jüngste, der 3-jährige Viktor, wurde von einem kinderlosen Ehepaar aus dem Bekanntenkreis aufgenommen, die ihn adoptierten. Viktor erhielt einen neuen Namen und hiess fortan Willi Leimgruber. – Erst im Erwachsenenalter knüpfte man wieder Kontakte, die dann ein Leben lang weitergepflegt wurden.
Schon bald ergab sich eine vermeintlich glückliche Fügung für Willibald, ein kinderloses Ehepaar, wohnhaft in Dietikon in einer prächtigen Villa, mit Schwimmbad und Tennisplatz im grossen Garten, hat ihn bei sich aufgenommen. Das Ehepaar hiess ebenfalls Wiederkehr, ein altes Dietikoner Geschlecht, allerdings bestanden keine verwandtschaftlichen Beziehungen. Doch 1935 ging im Zuge der Wirtschaftskrise Baumeister Wiederkehr bankrott. (Es gibt in Dietikon weitere Baumeister Wiederkehr, derjenige bei dem Willibald Voelkin lebte, hatte aber nichts mit diesen zu tun.)
Der Bub wurde wieder an Marie und Jakob Wiederkehr zurückgegeben. Diese suchten für ihn einen neuen Platz und fanden den beim Ehepaar Rüegg, einem ehemaligen Butler-Paar, das in England gedient und dort Geld geerbt hatte. Sie lebten ausserhalb von Cham auf einem Landsitz mit vielen Tieren und sogar einem Pony mit Wagen zum Ausfahren. Sie hatten eine Adoptivtochter, Alice, und waren froh, Willibald als zweites Kind aufzunehmen. Nach eigenen Angaben war er in dieser Zeit ein wilder, lebhafter und phantasievoller Bub, der auf die höchsten Bäume kletterte und hie und da mit Sennenchutteli und Armbrust als Wilhelm Tell die Gegend unsicher machte. Er fiel in der Schule als guter Schüler auf und konnte damals schon sehr schön schreiben, sodass der Lehrer ihn jeweils beauftragte, den Text für Gratulationskarten in Zierschrift zu schreiben. Willibald durfte in seiner Chamer-Zeit auch Skifahren, wie auf einem Foto aus dieser Zeit ersichtlich ist. Aber er wurde nicht glücklich in Cham, das Verhältnis zu seinen Pflegeeltern war gestört.
Als der Übertritt ans Gymnasium fällig gewesen wäre, wurde Willibald wieder heimgeschickt zu Onkel und Tante nach Dietikon. Warum dies so geschah, wusste er nicht – sicher spielte dabei die 1938 eingeführte Waisenrente eine entscheidende Rolle. Die Familie Wiederkehr lebte in einfachen Verhältnissen, doch hier fand er die familiäre Geborgenheit, welche ihm entsprach, zusammen mit seinem Bruder Bernhard, seinem Cousin Jack und seinen Cousinen Marie und Margrit. Während der Kriegszeit absolvierte er die Sekundarschule und anschliessend eine Lehre als Schriftsetzer in einer kleinen Buchdruckerei in Schlieren. Dies alles formte einen Menschen, bescheiden in persönlichen Ansprüchen, grosszügig und offen im menschlichen Umgang und mit einem ausgesprochnen Sinn für den Wert von Familie und Freundschaft.
Körperliche Betätigung und Geselligkeit hatten in seinem Leben immer einen hohen Stellenwert. Im Alter von 18 Jahren gründete er 1945 zusammen mit seinem besten Freund Karl Hecht, seinem Bruder Bernhard, mit den Brüdern Geni und Jakob (Jacques) Steinegger und anderen Kollegen aus der katholischen Jungmannschaft den «Club der Wenigen», oder kurz «CDW», wo rund 10 junge Männer mitmachten. Sie verbrachten viel gemeinsame Zeit mit anspruchsvollen Bergtouren, Skitouren, Wanderungen und Ausflügen, wobei Willibald meistens die Organisation und Planung übernahm.
In späteren Jahren organisierte er Jahr für Jahr für den CDW eine herbstliche Kulturreise, die er immer bestens vorbereitete. Die letzte, wiederum von ihm geplant, fand vom 10. bis 12. September 2013 – also 10 Tage vor seinem Tode – statt: Thomas Voelkin chauffierte seinen Vater, Karl Hecht und Karl Tiefenbacher auf einem kulturellen Ausflug nach Oberschwaben und nach Vorarlberg.
Neben der Geselligkeit war die Berufsarbeit in Willibalds Leben zentral. In der renommierten Buchdruckerei Berichthaus in Zürich begann er seine berufliche Laufbahn als Schriftsetzer. Schon bald wurde er Teamleiter und Lehrlingsbetreuer. In Abendkursen bildete er sich weiter und machte ein Handelsdiplom. Und so gelang der Schritt von der Produktion ins Büro. Er wurde zuständig für die Arbeitsvorbereitung und typografische Betreuung von anspruchsvollen Druckerzeugnissen. Unter seiner Regie entstanden wunderschöne, bibliophile Bücher, Kataloge für Kunstausstellungen, Drucksachen aller Art für die Zentralbibliothek, Plakate für die Schauspieltruppe von Maria Becker und vieles mehr. – Er lebte und arbeitete für die Bücher, das war seine Welt! Sein Markenzeichen war Genauigkeit im Detail. Daneben gab er in Abendkursen sein berufliches Wissen zusammen mit einem Kollegen vom Berichthaus, Bernhard Häfele, an die nachfolgenden Generationen von Setzern und Druckfachleuten weiter.
1953 heiratete er Rosmarie Bächli. Gewohnt hat man im elterlichen Zweifamilienhaus an der Poststrasse 22, zusammen mit seinem Bruder Bernhard. Der Ehe entsprossen im Laufe der Jahre Thomas, Agnes, Gregor, Lukas und Viktor. 1965 zogen die Familie von Dietikon nach Windisch in ein eigenes Haus. Auf einem gemieteten Schrebergarten vis-à-vis des Technikums produzierte Willibald Gemüse, Beeren und Blumen für die Familie. Jeden Samstag schuftete er stundenlang, auch bei grösster Hitze. Die Gartenarbeit sei sein Sport, pflegte er zu sagen.
Dank vielseitigen Interessen eignete sich Willibald im Laufe der Zeit ein grosses Wissen an: Er wusste viel über Geographie, Geschichte, Kunstgeschichte und Literatur. Er kannte sich in der darstellenden Kunst aus und liebte klassische Musik. Vor allem Lyrik bedeutete ihm viel, jedes Jahr suchte er ein passendes Gedicht zum Jahreswechsel, welches er mit Illustrationen zu einer persönlichen Neujahrskarte zusammenfügte. Insgesamt wurden es über 50. Seine privaten Drucke durfte er abends in der Buchdruckerei Berichthaus ausführen: Er setzte im Handsatz die Texte und druckte mit der Abzugspresse auf edles Büttenpapier.
Als Anfangs der 1980er Jahre die Buchdruckerei Berichthaus aufgelöst wurde, war er sehr betroffen vom Untergang einer alten Handwerkstradition. Er hat daher Maschinen und Schriften aus den Beständen des Berichthauses aufgekauft und daraus ist in Brugg die Römerpresse Vindonissa geworden. Nebst Neujahrskarten entstanden hier unzählige, einmalige Handpressendrucke, etwa für eine Einladung, für eine Bibliophilen-Tagung oder für Auftraggeber aus seinem Bekanntenkreis, vor allem für den Kranich-Verlag.
Willibald war stets auch für die Öffentlichkeit tätig: für den Gesellenverein, für die Schulpflege Dietikon, für die Limmatpost (eine Lokalzeitung der CVP-Dietikon), für den Schützenverein Windisch, für die katholische Kirche Windisch als Lektor und als Mitglied der «Begegnung 79» zur Pfarreierneuerung.
Willibald war ein begnadeter Organisator von Festen mit Verwandten und Freunden, die für uns unvergesslich wurden. Er traf sich gerne zur Weinlese, der Setzer-Wümmet bei Reini und Bettina Bachmann in Wil im Fricktal, bei welcher viele ehemalige Drucker und Setzer mithalfen. – Legendär waren seine wöchigen Herbstwanderungen zusammen mit Karl Hecht, auf welchen die beiden auf Schusters Rappen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln vorerst die Schweiz, dann Süddeutschland, das Elsass und das Burgund kunstgeschichtlich und kulinarisch erkundeten.
Stets war seine Frau Rosmarie eine kluge und treue Begleiterin und Unterstützerin für ihn, mit viel Verständnis für seine Interessen und seine vielen Überstunden. Sie sorgte hauptsächlich für die Familie und begleitete ihren Willibald gerne an gesellschaftliche Anlässe. In späteren Jahren, als die Kinder nicht mehr intensiv betreut werden mussten und das Familienbudget es zuliess, unternahmen sie regelmässig Reisen nach Österreich und ins Südtirol. Zur grossen Ferienliebe wurde Meran. – Diesen Sommer noch war es ihm trotz angeschlagener Gesundheit möglich, zusammen mit Karl Hecht, für zwei Ferienwochen per Car dorthin zu reisen.
Etwa zwei Jahre vor seiner Pensionierung wurde bei Rosemarie Parkinson diagnostiziert, eine Krankheit die sich im Laufe der Zeit stetig verschlimmert. So konnte er den Ruhestand nur am Anfang geniessen, später stand die Krankheit seiner Frau immer mehr im Vordergrund. Er betreute und pflegte sie liebevoll zu Hause, bis es nicht mehr ging und er sie schweren Herzens dem Pflegeheim in Brugg anvertrauen musste. Während drei Jahren besuchte er sie fast jeden Tag, oder schickte als Ersatz eine Bekannte oder seine Tochter Agnes hin. Rosmarie starb am 16. Dezember 2002 nach 49 Ehejahren.
Willibald wohnte nach ihrem Tod allein in seinem Haus, war bei guter Gesundheit, pflegte viele Aktivitäten und die Freundschaften aus dem Kreise der Bibliophilen. Ab 2012 nahmen körperliche Kraft und Gesundheit stetig ab. Der Körper war verbraucht, die Gebresten nahmen zu, der Geist aber blieb immer klar.
Sein reiches und intensives Leben beinhaltete sehr viel Arbeit und Anstrengung, daneben aber auch Genuss. Er schätzte feines Essen und Weine, liebte die Schönheiten der Natur und der Künste und das Zusammensein mit interessanten Menschen.
Am 22. September 2013 hörte sein Herz im hohen Alter von über 86 Jahren auf zu schlagen.
Agnes Köhli-Voelkin und Thomas Voelkin, Oktober 2013