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Theologie
(grch.), der Wortbedeutung nach soviel als
Lehre
[* 2] von Gott, die lehrhafte
Darstellung der gesamten vom
Darstellenden
selbst für wahr gehaltenen
Religion; so bezeichnet sie bei den Griechen die
Lehre von ihren
Göttern, deren Geschichte und
Verhältnis zur Welt und zum
Menschen.
Homer und Hesiod, aber auch der
Syrer Pherekydes, der Kreter
Epimenides hießen daher
Theologen. Innerhalb der christl.
Kirche kommt das Wort
Theologie zuerst seit dem 4. Jahrh, in eingeschränktem
Sinne als die
Lehre von der Gottheit des
Logos (s. d.) vor, und die Verteidiger dieser
Lehre, wie der Evangelist
Johannes und
Gregor von Nazianz, erhielten den
Beinamen Theologen. Seitdem übertrug man den
Namen auf die kirchliche Gotteslehre überhaupt.
Den
Sinn von
Religionswissenschaft gewann der
Ausdruck erst im Mittelalter durch
Abälard (s. d.), der eine
«Theologia christiana» schrieb.
Schon die Scholastiker unterschieden, je nach den
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mehr
verschiedenen Erkenntnisquellen, eine natürliche und eine geoffenbarte
Theologie, von denen jene die auch der natürlichen
Vernunft zugänglichen Wahrheiten, die letztere die durch übernatürliche göttliche Belehrung mitgeteilten Erkenntnisse
umfaßte. Als Erkenntnisquelle der geoffenbarten
Theologie galt die Autorität der Heiligen Schrift und der kirchlichen Überlieferung.
Der ältere Protestantismus behielt die Unterscheidung der natürlichen und der geoffenbarten Gotteserkenntnis
bei. Je nach der Form des Vortrags unterschied man die akroamatische oder wissenschaftliche und die katechetische oder populäre
Theologie, ferner die thetische oder positive (systematische) und die polemische Theologie; je nach der Verschiedenheit
des Inhalts die theoretische und die praktische
Theologie. Nach heutigem Sprachgebrauch bedeutet
Theologie die Wissenschaft vom Christentum und zerfällt demgemäß in drei Hauptteile.
Die historische
Theologie handelt von der geschichtlichen Entstehung und Entwicklung des Christentums; mit jener hat es die Bibelwissenschaft,
mit dieser die Kirchen- und Dogmengeschichte zu thun. Die systematische
Theologie hat es mit dem inhaltlichen Wesen des Christentums
zu thun und dasselbe zunächst an der Hand
[* 4] der authentischen Aussagen des christl. Bewußtseins festzustellen,
dann in seiner Eigenart und Berechtigung durch seine Zurückführung auf das Wesen der Religion überhaupt wie durch seine
Vergleichung mit den andern positiven Religionen darzulegen (theologische Principienlehre); weiter den Ausdruck, den der christl.
Überzeugungsgehalt sich im christl. Denken giebt, im Zusammenhange mit aller anderweiten Erkenntnis systematisch
zu entwickeln (spekulative Dogmatik) und andererseits den Ausdruck, den das christl. Bewußtsein, als Inhaber des höchsten
Gutes, sich im christl. Handeln zu geben hat, darzustellen (theologische Ethik).
Die praktische
Theologie hat die Forterhaltung des Christentums zum Gegenstande und entwickelt zuerst die Idee
der Kirche in ihrer lebendigen Entfaltung als gegliederter Organismus (Ecclesiastik, die Lehre von der Natur des kirchlichen
Lebens überhaupt, vom Kirchenamt und von den kirchlichen Ordnungen), dann die Selbstdarstellung der christl.
Frömmigkeit in der gottesdienstlichen Feier (Theorie des Kultus), endlich die auf Erhaltung und Ausbreitung des Christentums
gerichtete Thätigkeit der Kirche (Arbeit an der Lehre, Seelforge, Mission).
Die Geschichte der
Theologie wird durch die Reformation in zwei Perioden geteilt. Das Bedürfnis einer wissenschaftlichen Betrachtung
und Darstellung des Christentums hat so ziemlich seit den ersten Anfängen der christl. Kirche sich geltend gemacht, sobald
man die Wahrheit desselben gegen wissenschaftlich gebildete Gegner zu verteidigen hatte. Die älteste
christliche
Theologie trug zunächst ähnlich wie die jüdische Theologie die Form der Exegese oder Schriftgelehrsamkeit.
Mit Hilfe sog. pneumatischer oder allegorischer Auslegung suchte man die neuen christl. Gedanken in die heiligen Urkunden des
Alten Testaments hineinzudeuten.
Seit der nähern Berührung mit den Bildungselementen der heidn. Welt erstrebten die christl.
Theologen alsbald eine Verbindung des christl. Glaubens mit griech. Philosophie, um so eine christliche
Theologie zu begründen, die
sich zugleich als die wahre Philosophie erweisen sollte. Den ersten großartigen, aber in Religionsmengerei entartenden Versuch
machten die Gnostiker (s. Gnosis); dann mit besserm Glück die christl. Apologeten. Danach suchte man
einen festern Anhalt
[* 5] an der
sog. Glaubensregel (s. d.) und der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments als den Quellen der
christlichen
Theologie zu gewinnen.
Doch fuhr die altchristliche
Theologie naturgemäß fort mit den Mitteln der antiken Geistesbildung eine christl. Gesamtweltanschauung
auszubauen, so schon die ersten Kirchenväter, besonders die Alexandriner. Die Schrift des Origenes (s. d.)
«Über die Grundlehren» kann als die erste christl. Dogmatik bezeichnet werden. Seit dem 4. Jahrh.
ging die in diesem Streben in große Schulen auseinander, besonders in die Antiochenische und Alexandrinische. Aus den kirchlichen
Streitigkeiten des 4. bis 7. Jahrh. und den von den Kirchenversammlungen
jener Zeit festgesetzten Lehrbestimmungen ging allmählich ein den kirchlichen Interessen dienendes Lehrsystem hervor, das
zuerst von Johannes Damascenus im 8. Jahrh. zusammengestellt wurde. Im Abendlande fiel diese Arbeit der mittelalterlichen Scholastik
anheim, die seit Petrus Lombardus (gest. 1160) von der Erörterung einzelner dogmatischer Fragen zur systematischen
Zusammenfassung des Lehrganzen fortschritt.
Ihre Aufgabe war lediglich, den Glauben der Kirche zu verteidigen und zu begrüuden. Die scholastische
Theologie und die gelehrte Kenntnis
des aus Synodalbeschlüssen und päpstl. Dekretralen erwachsenen kanonischen Rechts bilden während des ganzen Mittelalters
den Kern aller Wissenschaft der Zeit überhaupt. Die großen Scholastiker des 13. Jahrh.,
Alexander von Hales, Albertus Magnus, Thomas von Aquino und Duns Scotus, umfaßten in ihren theol. Werken
den ganzen Umkreis gelehrten Wissens der Zeit.
Auch die Philosophie galt fast nur als Vorschule zur
Theologie. Die Wiederherstellung der Wissenschaften seit Ende des 15. Jahrh.
eröffnete eine neue geistige Welt, die nichts gemein hatte mit den kirchlichen Interessen. Wie das polit.
und bürgerliche Leben, so begann auch die Wissenschaft sich immer mehr von der Vormundschaft der Kirche loszumachen. Wie der
Humanismus von dem verderbten Geschmack und dem barbarischen Latein der mönchischen Lehrer zu den klassischen Mustern des griech.
und röm. Altertums, so greift die Reformation von der entstellten Lehrüberlieferung der Kirche auf die
Heilige Schrift zurück.
Das Schriftstudium wird zum Mittelpunkt der protestantischen
Theologie Die erste Glaubenslehre der evang. Kirche, die «Loci communes»
Melanchthons, sind aus Vorlesungen über den Römerbrief erwachsen. Indem die Reformation der Autorität des Papstes, der Konzilien,
der Kirchenväter, der ganzen kirchlichen Überlieferung aufsagt, bindet sie sich um so strenger an das
«Wort Gottes» oder an die Heilige Schrift. Der kirchlich werdende Protestantismus, der das Bedürfnis einer unantastbaren äußern
Lehrautorität noch ganz mit dem Katholicismus teilte, suchte diese Autorität nur an anderer Stelle als bisher.
Das immer einseitigere dogmatische Interesse an einem unfehlbaren, göttlich eingegebenen Lehrcodex stand nicht nur dem wissenschaftlichen Verständnis der Bibel [* 6] im Wege, sondern drängte auch die Schrift selbst, mit Ausnahme einer ausgezogenen Sammlung von «Bibelstellen», hinter die kirchlichen Bekenntnisse und ihre Verteidigung gegen Papisten, Calvinisten, Philippisten, Synergisten u. s. w. zurück. Mit dem allmählich wieder hervorgesuchten Apparat der mittelalterlichen Scholastik rüstete sich die orthodoxe Dogmatik des 17. Jahrh. zum Aufbau eines dem scholastischen nahe verwandten Lehrsystems. Hauptvertreter der luth. Dogmatik sind ¶
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Joh. Gerhard, König, Calov, Quenstedt, Baier und Hollaz. Ähnlich wie die lutherische entwickelte sich die reformierte Theologie, wenn auch die größere Mannigfaltigkeit der methodischen Behandlung eine etwas freiere geistige Bewegung und lebendigere Reproduktion biblischer Anschauungsformen offen ließ.
Auf dem gemeinsamen Boden der äußern Autorität und der dogmatischen Lehrüberlieferung hatte die katholische Theologie die innere Konsequenz durch einfaches Fortführen der bisherigen kirchlichen Lehre und häufig auch die gelehrte Kenntnis der letztern vor der protestantischen voraus. Aber die protestantische Theologie zog ihre Kraft [* 8] aus den auf Entfesselung der freien Subjektivität gerichteten Tendenzen der Zeit, und ihre religiösen Principien erlaubten eine fortwährende Verjüngung der theol.
Wissenschaft. Dieselbe geistige Bewegung, die in der Reformationszeit das Recht der religiösen Subjektivität gegenüber den Traditionen der Kirche zur Geltung brachte, führte in ihrem weitern Verlauf dazu, das wissenschaftliche Denken in immer weiterm Umfange von den bisherigen Fesseln zu befreien. Seit den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrh. sah sich die altprotestantische Theologie überall zur Defensive gedrängt. Nachdem der Pietismus (s. Pietisten) das orthodoxe Dogma erweicht, die Wolfsche Philosophie es nur scheinbar und vorübergehend befestigt hatte, zog gegen Ende des Jahrhunderts der Geist der Aufklärung auch in die theol.
Schulen ein. Es entbrannte der Kampf um die alten Autoritäten der Kirche: göttliche Eingebung der Heiligen Schrift, übernatürliche Offenbarung und übernatürliche Beglaubigung derselben durch Wunder und Weissagungen. Die neu erwachten exegetischen und histor.-kritischen Studien arbeiteten der philos. Aufklärung in die Hände und schärften das Auge [* 9] für die menschliche Entstehung der biblischen Bücher, für den natürlichen Hergang der Wunderbegebenheiten, für den lokalen und temporellen Charakter zahlreicher im Alten und Neuen Testament enthaltenen Vorstellungen.
Der Rationalismus (s. d.) trat dem Supranaturalismus (s. d.) gegenüber. Die notwendige Konsequenz des erstern Standpunktes war die Unterscheidung zwischen dem Wesen und der geschichtlichen Erscheinung der christl. Religion, von denen jenes durch philos., diese durch histor.-kritische Forschung auszumitteln sei. Einmal von den alten Autoritäten erlöst, begann auch in der Theologie das denkende Subjekt seine unveräußerlichen Rechte zurückzufordern und das kirchliche Dogma wie jedes andere Lehrsystem, die biblischen Urkunden wie alle andern Geschichtsquellen zu prüfen.
Hatte die Theologie früher der Philosophie nur einen formellen oder methodischen Wert, aber weder ein konstitutives, noch ein kritisches Ansehen in Glaubenssachen eingeräumt, so stellte sich jetzt eine lebhafte Teilnahme der an der philos. Bewegung ein und das dogmatische System durchlief die Stadien der Kantschen, Fichteschen, Schellingschen, Hegelschen Philosophie. Die Kantianer setzten das Wesentliche der christl. Religion in ihren moralischen Gehalt und in die sog. Postulate der praktischen Vernunft, die Ideen von Gott, Freiheit, Unsterblichkeit; die Fichtesche Schule in den Glauben an eine moralische Weltordnung, während die spekulative Theologie unter den Einflüssen Schellings und Hegels gerade in den geheimnisvollen Dogmen der Kirche, den Lehren [* 10] von der Dreieinigkeit, der Menschwerdung Gottes, der Versöhnung, der Offenbarung, dem innern Geisteszeugnis u. s. w., sinnliche Hüllen philos. Wahrheiten sah. Bei aller meist mehr scheinbaren als wirklichen Annäherung an das altkirchliche Dogma stand diese Theologie völlig auf dem Boden der modernen Weltanschauung, die das Göttliche und Ewige der Welt und dem Menschen nicht äußerlich gegenüberstellt, sondern in seiner Immanenz in Natur und Geschichte zu begreifen suchte.
Auch Schleiermacher (s. d.), der zuerst wieder der Religion ein selbständiges Gebiet gegenüber dem sittlichen Handeln und den: philos. Denken zu sichern wußte, suchte dieses Gebiet nicht in einer jenseitigen Welt, aus der uns übernatürliche Belehrungen zugeflossen seien, sondern in dem innersten Wesen des Menschengeistes und seinem Verhältnis unbedingter Abhängigkeit von Gott als dem unendlichen Grunde alles endlichen Daseins, und beschrieb die kirchlichen Dogmen als Reflexionen über innere Gemütszustände des Menschen, in denen niemals das Göttliche als ein direktes Objekt theoretischer Erkenntnis, sondern nur immer indirekt in seiner Beziehung aus unser frommes Selbstbewußtsein gesetzt sei.
Indessen hatte die Verflüchtigung des religiösen Gehalts durch die philos. Schulen eine Reaktion des frommen Gefühls erzeugt, die, durch die allgemeinen Restaurationstendenzen seit 1815 begünstigt, den ältern Autoritätsglauben von neuem erweckte und von biblischer «Gläubigkeit» bald zu orthodoxer Rechtgläubigkeit fortschritt. Trotz des auf ihr lastenden Drucks hat jedoch die theol. Wissenschaft niemals gefeiert und auf dem durch Schleiermacher angebahnten Wege den religiösen Gehalt des christl. Glaubens, unbekümmert um verlebte Autoritäten, mit den geistigen Bildungsmitteln der Gegenwart denkend reproduziert, während gleichzeitig ihre histor.-kritischen Untersuchungen über die Person Christi, die Urzeit der christl. Kirche und ihre heilige Litteratur bereits ein echt menschliches und geschichtliches Verständnis derselben ermöglicht haben. -
Vgl. Schleiermacher, Kurze Darstellung des theol.
Studiums (Berl. 1811; 2. Aufl. 1830; in seinen «Sämtlichen Werken», Abteil. 1, Bd. 1, ebd. 1843, S. 1-132);
Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche (hg. von Herzog, Hamb. 1854-66; 3. Aufl., hg. von Hauck, Lpz. 1896 fg.);
Karl Schwarz, Zur Geschichte der neuesten Theologie (Berl. 1856; 4. Aufl. 1869);
Hagenbach, Encyklopädie und Methodologie der theol.
Wissenschaften (12. Aufl. von Kautzsch, Lpz. 1889); Handbuch der theol. Wissenschaften, hg. von O. Zöckler (3. Aufl., 4 Bde., Münch. 1889-90); O. Pfleiderer, Entwicklung der protestantischen in Deutschland [* 11] seit Kant und in Großbritannien [* 12] seit 1825 (Freib. i. Br. 1891); von Frank, Geschichte und Kritik der neuern Theologie (2. Aufl., hg. von Schaarschmidt, Lpz. 1895).