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(Charpentier, 1825)
- DE: Wanstschrecke
- EN: Large Saw-tailed Bush-cricket
- FR: Le Barbitiste ventru
- Syn.: Barbitistes denticauda Charpentier, 1825 | Orphania lixoniensis Saulcy, 1887
Morphologie
Polysarcus denticauda ist die grösste und schwerfälligste Sichelschrecke Europas. Die Grundfarbe variiert von gras-, über grau- bis dunkelgrün. Besonders bei hohen Individuendichten treten sehr dunkle bis annähernd schwarze Männchen auf. Oft verlaufen zwei helle Linien über den Rücken. Der Halsschild ist vor allem beim Männchen leicht sattelförmig und bei beiden Geschlechtern am Unterrand hell gesäumt. Die kleinen, gelblichen Flügel sind bei beiden Geschlechtern grösstenteils unter dem Halsschild verborgen. Das Männchen hat auf dem zweiten Rückensegment eine warzenartige, braune Drüse. Die Fühler sind weniger als körperlang und die Vorderschenkel kürzer als der Halsschild. Beim Männchen ragt die stark verlängerte Subgenitalplatte zwischen den langen Cerci nach oben. Die Legeröhre des Weibchens ist auf der Unterseite gerade, nur am Ende nach oben gebogen und deutlich gezähnt.
Gesang
Der mässig laute Spontangesang von Polysarcus denticauda gehört zu einem der vielfältigsten unserer Heuschreckengesänge. Er besteht aus drei zusammenhängenden Phasen und kann minutenlang andauern. Die erste Phase beginnt zögerlich und hört sich wie ein stotterndes Schwirren an. Ohne Pause folgt die zweite Phase, ein schnelleres Schwirren, das im Toncharakter an den Spontangesang von Stenobothrus lineatus erinnert. Gegen den Schluss wird es ein bis mehrere Male von einem scharfen und deutlich lauteren „zick“ (dritte Phase) unterbrochen. Der leicht angehobene Halsschild dient als Resonanzraum und Schalltrichter, bereits kleine Stellungswechsel des Tieres lassen die Lautstärke des Gesangs an- oder abschwellen. Das Frequenzspektrum zeigt ein Maximum zwischen 10 und 25 kHz. Die Weibchen zeigen spontan und als Reaktion auf den Gesang der Männchen kurze bis minutenlange Vibrationen der Vorderflügel, die von Verzögerungen unterbrochen sein können. Wie die Weibchen der Ephippiger-Arten erzeugen sie auch stimmhafte Abwehrlaute.
Vollständiger Gesang von Polysarcus denticauda - CH, SH, Hemmental, 23 °C (Aufnahme Bruno Keist).
Fünf Silben aus der ersten Gesangsphase von Polysarcus denticauda - CH, TI, Mt. Generoso, 25 °C.
Zehn Silben aus der zweiten Gesangsphase von Polysarcus denticauda - CH, TI, Mt. Generoso, 25 °C.
Ausschnitt aus der dritten Phase von Polysarcus denticauda, die mit einem lauten "zick" endet - CH, SH, Hemmental, 23 °C (Aufnahme Bruno Keist).
Verbreitung
Polysarcus denticauda ist von den Pyrenäen über den Südwesten Frankreichs, die Schweiz, Deutschland, Österreich und die Balkanhalbinsel bis nach Nordgriechenland und in die Türkei verbreitet. In Italien werden als südlichste Standorte die höheren Lagen der Abruzzen besiedelt. Die Hauptverbreitung in der Schweiz befindet sich in den Westalpen und im Jura. Vereinzelte Vorkommen gibt es in der Innerschweiz und im Südtessin. Die Vorkommen im Schaffhauser Randen sind die südlichsten Ausläufer einer grossen Population auf der schwäbischen Alb. In Deutschland sind Vorkommen aus dem Thüringer Wald bis in die Grenzregion zu Bayern bekannt. Hier befinden sich die nördlichsten Vorkommen Europas.
This map is based on occurrence records available through the GBIF network and may not represent the entire distribution.
Phänologie & Lebensweise
Ausgewachsene Tiere von Polysarcus denticauda können ab Mitte Mai bis vereinzelt in den September beobachtet werden.
Die Eier werden in den Boden abgelegt und die Larven schlüpfen bereits Ende März bis Anfang April. Polysarcus denticauda ist eine der ersten Arten im Jahr. Die Tiere ernähren sich vorwiegend vegetarisch. Singende Männchen können oft dabei beobachtet werden, wie sie an dünnen Grashalmen und in der Krautschicht umherklettern oder während dem Singen mit erstaunlichem Tempo durch die Vegetation gehen. Unter geeigneten Bedingungen kann Polysarcus denticauda in sehr hohen Individuendichten auftreten, wobei die Männchen häufig sehr dunkle Individuen ausbilden.
Lebensraum
Polysarcus denticauda besiedelt vorwiegend langgrasige und wüchsige Wiesen und Weiden. Bevorzugt werden Standorte mit lückiger Vegetation an halbtrockenen Standorten. Im Gebirge werden bei starker Beweidung auch niederwüchsige Wiesen besiedelt. In Deutschland sind die Lebensräume fast ausschliesslich Berg-Glatthaferwiesen mit Wiesenstorchenschnabel und verschiedenen Klappertopf-Arten. Im Tessin konnten wir sie auch in Adlerfarnfluren finden.
Gefährdung & Schutz
Polysarcus denticauda ist durch die Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung und die Aufgabe traditioneller Beweidung gefährdet. Für die flugunfähige Art ist der Biotopverbund und eine angepasste Grünlandnutzung von Bedeutung. Eine gestaffelte, späte Mahd ist dabei die wichtigste Voraussetzung. Im Gebirge kann durch eine extensive Beweidung der Lebensraum erhalten werden.
- CH: NT (Potenziell gefährdet)
- DE: 2 (Stark gefährdet)
- AT: EN (Stark gefährdet)
- Europa: LC (Nicht gefährdet)
Ähnliche Arten
Polysarcus denticauda gleicht Isophya kraussi. Diese ist aber deutlich kleiner, intensiver grün gefärbt und das Halsschild ist weniger lang. Die Flügel werden vom Halsschild nur an der Basis verdeckt und liegen offen. Beim Männchen von Isophya kraussi ist die dunkle Gesangsader auf dem Flügel gut sichtbar und die Subgenitalplatte ragt nicht über die Cerci hinaus nach oben. Die Legeröhre des Weibchens von Isophya kraussi ist am unteren Rand stetig nach oben gebogen, bei Polysarcus denticauda hingegen bis auf die Krümmung am Ende gerade. Die Vertreter der Gattung Barbitistes sind deutlich kleiner und die Männchen haben s-förmig geschwungene Cerci. Bei den Weibchen der Barbitistes-Arten ist die Legeröhre am Unterrand ebenfalls gerade und erst am Ende in die gezähnte Spitze gekrümmt. Der Gesang von Polysarcus denticauda als Ganzes ist kaum zu verwechseln. Die ersten zwei Phasen erinnern an Roeseliana roeselii, Roeseliana azami oder Ruspolia nitidula. Die kurzen „zick“-Laute sind mit isoliert geäusserten Versen von Decticus verrucivorus zu verwechseln. Der Spontangesang von Cicadetta brevipennis, die im Südtessin (z.B. am Mt. San Giorgio) lokal häufig auftritt, kann an denjenigen von Polysarcus denticauda erinnern. Die Verse des Spontangesangs von Cicadetta brevipennis sind aber dichter und deutlich kürzer. Sie enden typischerweise mit nur einem abgesetzten, gleich lauten „zick“.