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Wu Ji - The Promise: Das Interview mit Chen Kaige
Mit einem Budget von 35 Millionen Dollar ist "Wu Ji" die bisher teuerste Filmproduktion Chinas - und punkto Einspielergebnis die erfolgreichste. OutNow.CH traf den Regisseur zum Interview.
Seine ersten filmischen Lorbeeren holte sich der chinesische Regisseur und Drehbuchautor Chen Kaige mit dem Film Yellow Earth, der nebst anderen Preisen einen Silbernen Leoparden am Filmfestival von Locarno gewann. Seither wurde der 54-jährige Sohn eines Filmemachers immer wieder an verschiedensten Festivals ausgezeichnet. Zu seinen Werken gehören unter anderem Farewell My Concubine, The Emperor and the Assasin sowie Killing Me Softly (mit Heather Graham und Joseph Fiennes). Kaige lebte kurze Zeit in New York.
Anlässlich der Filmvorführung von Wu Ji - The Promise an der Berlinale 2006 hat sich der zurückhaltende, ruhige Chinese bei einem Tee Zeit genommen, unsere Fragen zu beantworten...
ON: Mit Wu Ji - The Promise haben Sie einen Mythos selber kreiert und gestaltet. Was hat Sie dazu inspiriert?
CK: Zunächst muss ich etwas zur Situation des chinesischen Filmmarktes sagen. Hollywood-Filme haben einen beträchtlichen Anteil am chinesischen Markt, und das chinesische Publikum kann sich seit über zehn Jahren US-amerikanische Produktionen ansehen. Deswegen haben die Zuschauer auch grosse Erwartungen an die chinesischen Regisseure und ihre Filme. Es ist gewissermassen eine Art Marktanforderung, grosse Produktionen zu machen, und ich wollte auch wirklich etwas Grosses erschaffen. Inspiriert wurde ich von alten Mythen, die vermutlich vor etwa dreitausend Jahren entstanden sind. Ein sehr bekannter Mythos beispielsweise erzählt die Geschichte eines Mannes, der sehr schnell rennen konnte. Er wollte die Sonne erreichen und rannte ihr nach, bis er zusammenbrach und starb. Ich finde solche Geschichten sehr interessant, da sie von der Entstehung des chinesischen Volkes handeln. Diese Art von Mythos ist gleichzeitig naiv und kraftvoll. Man spürt, dass damit von einem jungen Volk eine starke, spirituelle Kraft geschaffen wird. Deshalb sieht zu Beginn des Films auch alles so aus, als ob es erst gerade erschaffen wurde; es ist eine neue Welt mit überwältigenden Farben und alles wirkt, als ob es noch nie zuvor von jemandem erblickt worden wäre. Ich halte es ausserdem für wichtig, dass verschiedene Elemente in einer Geschichte kombiniert werden, zum Beispiel Drama und Action. Ich sagte mir selber, dass wir etwas mit gewaltigen Bildern brauchen. Es hat ein paar Einstellungen, auf die ich sehr stolz bin: Beispielsweise die Szene, in welcher der Sklave ein Tor zu öffnen versucht, um der Prinzessin und dem General die Flucht zu ermöglichen, und dabei springt das Pferd über ihn. Ich mag diese Szene sehr.
ON: Sie haben erwähnt, das sich viele Leute in China hauptsächlich Hollywood-Filme anschauen. Weshalb ist das so?
CK: Ich denke, das hat mit der Globalisierung zu tun. Hollywood-Studios tun alles, damit sie ihre Produkte weltweit verkaufen können. China ist ausserdem anders als beispielsweise Indien. Ich glaube, das indische Publikum mag seine Filme mit den Tanz- und Singszenen aufgrund seiner Religion so gut. Bei den Chinesen ist das anders.
ON: Wie ist denn der chinesische Markt?
CK: Total unvorhersehbar (lacht). Man weiss nie, was das Publikum sehen möchte. Ich hatte viel Glück mit The Promise, der Film brach Rekorde im chinesischen Markt. Darüber sollte ich mich eigentlich freuen, aber gleichzeitig macht es mir auch Sorgen, weil nur wenige einheimische Lokalfilmproduktionen in den Kinos gezeigt werden können. Die Verleihe und die Kinobetreiber denken möglicherweise, dass manche Filme zu klein sind, und die Zuschauer deshalb ausbleiben werden. Deshalb glaube ich auch, dass wir erst dabei sind, ein gutes System zu entwickeln, und dass gute Filme selbst dann in die Kinos kommen sollten, wenn sie nur ein eher kleines Publikum ansprechen.
ON: Erklären Sie uns die Figur des Sklaven.
CK: Für mich ist der Sklave die einzige Person im Film, die sich tatsächlich wie ein richtiger Mensch verhält. Er wird nicht durch die anderen Figuren und ihre Misstaten verdorben, sondern behält seine Reinheit. Ich habe diese Figur deshalb geschaffen, weil ich noch immer an ein Ideal glaube. Der Sklave ist ein bisschen ähnlich wie Leslie Cheung in Lebewohl, meine Konkubine - eine Person, die mehr als die anderen dem Ideal entspricht.
ON: Die Ehre und das Einhalten von Versprechen haben eine grosse Bedeutung in The Promise. Wie steht es heutzutage um solche Werte?
CK: Ich glaube, dass das Leben an und für sich ein Versprechen ist. Wir sollten das Leben als ein Geschenk ansehen und uns bewusst sein, wie glücklich wir sind, hier leben zu können. Der Grund, weshalb ich meinen Film Das Versprechen genannt habe, ist der, dass heutzutage zu viele Versprechen gebrochen werden - seien es Versprechen gegenüber anderen oder gegenüber uns selber. Ich glaube fest daran, dass wir alle von unserem persönlichen Schicksal geleitet werden; wenn wir uns weiter entwickeln, haben wir jedoch die Chance, unser Schicksal positiv zu beeinflussen.
ON: Sie wuchsen in der Zeit des contra-revolutionären Chinas auf. Beeinflusst diese Epoche die chinesischen Filme auch heute noch?
CK: Ich weiss nicht genau, wie ich meine Gefühle zur kulturellen Revolution beschreiben soll. Ich denke, man kann einige interessante Geschichten erzählen, vielleicht nicht unbedingt über die kulturelle Revolution, sondern eher über die spirituelle Welt der Menschen. Ich spare mir diese Geschichten für die Zukunft auf und ich glaube, dass es noch viele wichtige Dinge zu lernen gibt.
ON: Ist historisches Wissen wichtig, um die heutige Welt und die Vorgänge darin zu verstehen?
CK: Die Geschichte ist für jede Kultur und jedes Land wichtig, und China hat eine besonders lange Vergangenheit. Der Grund, weshalb ich so oft zurückschaue, ist weil ich dem chinesischen Volk zeigen will, was wir in der Vergangenheit alles hatten. Ich will ihnen sagen, dass wir dies alles nicht in diesem Tempo hinter uns zu lassen brauchen, und der Vergangenheit nicht jeglichen Wert absprechen sollen. Sie hat sehr wohl eine Bedeutung.
ON: Ist es möglich, dass unterschiedliche Kulturen miteinander funktionieren können?
CK: Ich bin da nicht allzu optimistisch. Ich glaube, es besteht noch immer ein grosser Unterschied zwischen Ost und West, fast schon eine Art Kulturkampf. Ich glaube nicht, dass verschiedene Kulturen zusammengeführt oder vereint werden können. Ich halte es sogar für wichtig, dass man seine eigene Kultur hat, da wir alle verschieden sind. Ich hoffe allerdings sehr, dass keine Kultur es schafft, die Welt zu manipulieren - das fände ich falsch.
ON: Was macht asiatische Filme speziell?
CK: (lacht) Keine Ahnung. Vielleicht ihre Schönheit; das ist etwas, was die westlichen Zuschauer nicht so kennen und was sie in asiatischen Filmen entdecken können. Ich bin der Meinung, dass der visuelle Aspekt sehr wichtig ist, und dass die Bilder, welche von chinesischen Regisseuren geschaffen werden, sehr beeindruckend sind. Selbst ich werde manchmal noch von der Schönheit gewisser asiatischer Filme überwältigt. Natürlich gibt es aber auch noch eine andere Art des chinesischen Films; die Regisseure der jüngeren Generation machen vollkommen andere Filme, als wir es tun. Sie wollen keine Schönheit zeigen - vielleicht weil manche von ihnen glauben, das Leben sei wüst. Sie wollen vielmehr zeigen, wie die Menschen überleben. Ich glaube, ein Film wiederspiegelt immer das Herz des Regisseurs, was er denkt und wie er fühlt.
ON: Sie haben die Regisseure der jüngeren Generation erwähnt - wie ist denn die aktuelle Situation für junge Filmschaffende in China?
CK: Ich denke, manchen von ihnen geht es ganz gut, denn sie können ihre Filme aus verschiedenen Quellen finanzieren. Aber natürlich sind auch ihnen Grenzen gesetzt.
ON: Gibt es neben finanziellen auch andere Beschränkungen für Filmschaffende in China? Beispielsweise Zensur?
CK: Die Zensur ist ein sehr heisses Thema. Darüber sprechen wir besser nicht (lacht).
ON: War es früher einfacher Filme zu machen als heute?
CK: So wie es früher war, mochte ich es lieber, weil es da keinen Markt gab, den man beachten musste. Man musste sich keine Gedanken dazu machen und konnte sich einfach von seinem Herzen aus steuern lassen. Es gab keine Marktanforderungen, und man musste sich nicht so stark danach ausrichten, was die Zuschauer sehen möchten.
ON: Stört Sie das ganze Marketing?
CK: Ja. Aber ich muss damit umgehen können.
ON: Sind die Marktanforderungen eine neue Form von Zensur?
CK: Ja, ein bisschen schon. Aber natürlich gibt es immer die zwei Seiten des Marktes: Man gewinnt etwas davon, oder man verliert.
ON: Fühlen Sie sich vom Zwang, gute Zuschauerzahlen generieren zu müssen, unter Druck gesetzt?
CK: Wir sind auf den Erfolg an den Kinokassen angewiesen, keine Frage. Ich versuche aber dennoch Filme zu machen, die auch eine Botschaft haben.
ON: The Promise ist ein gigantisches Heldenepos in einer vergangenen Zeit. Können Sie sich auch vorstellen, einen kleineren, mehr auf die Gegenwart fokussierten Film zu machen?
CK: Tatsächlich habe ich schon beides gemacht: Der Film, den ich vor The Promise drehte, war kleiner und zeitgenössischer. Ich glaube, ich kann sowohl grosse wie auch kleine Filme machen. Im Prinzip versuche ich zu ergründen, was für eine Art von Regisseur ich bin. Ich denke, dass ich, obwohl ich nicht an Revolution glaube, sehr stark von ihr beeinflusst bin; tatsächlich gelte ich in der Filmwelt ein bisschen als Revolutionär. Ich glaube einfach daran, dass ich neue Geschichten für die Filmwelt schaffen kann und manchmal gehe ich dabei vielleicht etwas zu schnell vor und gehe zu weit. So empfinde ich es jedenfalls. Aber keine Frage, wenn ich mich entscheide, was für einen Film ich als nächstes machen werde, könnte das auch wieder etwas kleineres, zeitgenössischeres sein.
ON: Danke für das Gespräch.
Quelle: OutNow.CH