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1933-1935
Basel
Scheitern durch gesetzwidriges Tun der Polizei
Im Sommer 1932 wurde Ernst Feist arbeitslos. Er war der Gründer und Präsident des Excentric-Clubs in Zürich. Nun zog er wieder in seine Heimatstadt Basel.
Im September 1933 gründete er die "Sektion Basel des Schweizerischen Freundschafts-Verbandes", welche er am 1. Oktober bei den Behörden anmeldete. Mehrmals in der Woche trafen sich Mitglieder, "nur Mannspersonen" und "anständige Artgenossen" als Gäste für einen Clubabend mit Musik und Tanz, zuerst im Restaurant Besenstiel an der Steinentorstrasse, dann im grösseren Restaurant Löwenzorn in der Altstadt.
Das Protokollbuch erwähnt im Eintrag vom 5. Dezember 1933 einen Wechsel im Präsidium der Sektion Basel. Ernst Feist sei am 2.12. einstimmig abgesetzt worden. Von der Gruppe an den Rand gedrängt, habe er diese bei der Polizei denunziert1.
Das Schweizerische Freundschafts-Banner vom 15. Dezember 1933 berichtete2:
"Am 2. Dez. fand eine ausserordentliche Mitglieder-Versammlung [in Zürich] statt. [...] Trotz offiz. Einlandung erschien Herr Feist nicht. Die Zentral-Präsidentin [Anna Vock] stellte deshalb als erstes den Antrag, ob und wer weiterhin Herrn Feist sein Vertauen schenke. Keine einzige Stimme erhob sich und so musste zur Wahl eines neuen Präsidenten geschritten werden. In geheimer Wahl wurde einstimmig Herr W. Schöne erkoren, als Kassier Herr Singenberger und als Aktuar und Vizepräsident der bisherige Herr Jeck. Damit ist der Vorstand der Sektion Basel wieder flott bestellt und wir haben alles Vertrauen in die neue Leitung."
Mit Eintrag vom 12. Juli 1934 wurde im Protokollbuch ein erster Einsatz von Herrn Rheiner (Karl Meier) erwähnt:
"Als Delegierter an die ordentliche Mitgliederversammlung der Sektion Basel vom 5. Juli erstattet Herr Rheiner Bericht. Die Versammlung nahm einen ziemlich stürmischen Verlauf, indem die Basler Artkollegen sich anfänglich ganz unnachgiebig zeigten. Vor allem [...] wird das Obligatorium des Freundschaftsbanners abgelehnt. Schliesslich konnte man sich dahin einigen, dass die Sektion pro Nummer so viele Exemplare abnimmt, als sie Aktiv- und Passiv-Mitglieder zählt, zur Zeit also 50. [...] Die Präsidentin verliest die Antwort an die Sektion Basel, welche in der vorgelegten Form genehmigt wird."
An der Generalversammlung vom 1. Januar 1935 wandelte sich der SFV zur "Liga für Menschenrechte" (LM) mit der Zentrale Zürich und dem statutarischen Zusatz:
"Wer sich der Vereinigung anschliessen will, muss Zürich angehören."
Zu Basel vermerkte das Protokoll:
"Da sich die Sektion Basel um gar nichts bekümmert und mit den Zahlungen für die Zeitung stark im Rückstand ist, wird sie vom Verband fallen gelassen."
Dieser Zahlungs-Rückstand wäre sehr wohl zu begründen gewesen, wenn "Zürich" die bitteren Umstände in Basel besser gekannt hätte. Offenbar war man mit den eigenen, durch die Scheinwerfer-Kampagne verursachten Schwierigkeiten so absorbiert, dass die polizeiliche Diffamierung der Basler Sektion und ihre prekäre Situation nicht richtig wahrgenommen wurde.
Denn in Basel steigerte die Polizei durch "abgrundtiefe Verachtung und Hass gegenüber Homosexuellen"3 den Druck eigenmächtig so massiv, dass der Sektionspräsident Ende 1934 auf dem "Lohnhof", dem Sitz der Polizei, der geforderten Auflösung zustimmen musste.
Zuvor hatte die Basler Polizei auf ihre Anfrage bei der Stadtpolizei Zürich die Antwort erhalten, es könne rechtlich nichts gegen solche Organisationen unternommen werden,
"wir halten jedoch das ganze homosexuelle Milieu unter strenger Kontrolle und bemühen uns eine möglichst lückenlose Liste der in Zürich sich aufhaltenden Homosexuellen aufzustellen."
Das Vorgehen der Basler Polizei, Nötigung des Präsidenten, W. Schöne, zur Auflösung der Sektion BS, war gesetzwidrig, denn in Basel, im Gegensatz zu Zürich, waren homosexuelle Akte unter Volljährigen seit 1919 erlaubt.
Am 10. Januar 1935 ging W. Schöne, Präsident der Sektion Basel, die offenbar trotz offizieller Auflösung noch funktionierte, nach Zürich an die erste Versammlung der Liga für Menschenrechte, LM. Das Protokollbuch erwähnte seinen Besuch:
"Herr Schöne [...] entschuldigt sich, dass er erst jetzt komme [...]. Der Club in Basel sei beinahe aufgelöst. Nun aber komme alles wieder in Ordnung. [...] Er verpflichtet sich gegenüber dem Verlage (Frl. Vock) unterschriftlich, die Angelegenheit so rasch wie möglich in Ordnung zu bringen. Basel möchte weiterhin dem Verbande angehören, doch wird am Generalversammlungs-Beschluss [alle Mitglieder müssen Zürich angehören] des 1. Jan. festgehalten. Um 10 Uhr verabschiedet sich Herr Schöne, da er noch gleichen Abends nach Basel reist."
Ein kleiner Basler Kreis um Präsident Schöne hoffte wohl, in Verbindung mit der neuen LM als Sektion weiter bestehen zu können und dadurch Stärkung und Rechtfertigung zu erhalten für den gemeinsamen Kampf um ein erträglicheres Dasein. Doch den selber verunsicherten und stark dezimierten Zürchern war vermutlich ein solches Angebot zu riskant. Und so ging eine mögliche Chance verloren.
Im Protokoll der Generalversammlung der LM (Protokollbuch) vom 22. Dezember 1935 hiess es lapidar:
"[...] und ist noch eine kleine Notiz über den Austritt der Sektion Basel zu verzeichnen."
Von einem fröhlichen Treffen der Zürcher mit den Baslern im April 1934, als alles noch rosig aussah, wird im Kapitel Frohes Zusammensein berichtet.
Ernst Ostertag, Juni 2004
Quellenverweise
- 1
Peter Thommen, Homosexuelle Männer und Frauen organisieren sich, Berichte aus Polizeiakten Zürich und Basel, 1983 und 1985.
- 2
Anna Vock, Hrsg.: Schweizerisches Freundschafts-Banner, 4/1933 vom 15. Dezember.
- 3
Kuno Trüeb: Männergeschichten, Seite 36 und 38.