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Nach zwei Jahren als Online-Festival kehrt das Festival, das sich auf das mittel- und osteuropäische Filmschaffen richtet, wieder zur Präsenzveranstaltung zurück, allerdings mit einem Online-Angebot für diejenigen, die nicht reisen oder das Programm nicht in den Kinosälen besuchen können. Natürlich ist dieses internationale Festival mehr als jedes andere von dem Krieg in der Ukraine betroffen. In Anbetracht dieser Situation mussten schwierige und schmerzhafte Entscheidungen getroffen werden. Zwei russische Filme wurden aus dem Wettbewerb genommen, jedoch sind in den parallelen Sektionen russische Filme vertreten. Die Frage des kulturellen Boykotts ist ein sehr heikles Thema. Wir haben Heleen Gerritsen, Festivalleiterin, die Frage gestellt, ob es sachdienlich ist, Filme aus dem Programm zu nehmen.
Wir nehmen an, Sie haben die beiden russischen Filme aufgrund ihrer filmischen Qualitäten ausgewählt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie ein propagandistisches Werk hätten durchgehen lassen, auch wenn es keinen Krieg gegeben hätte. Wie haben die boykottierten russischen Filmemacher reagiert?
Ja, natürlich hatte unsere Auswahlkommission diese Filme nach unseren Qualitätskriterien, die für die gesamte Kuration massgeblich sind, ausgewählt. Filmschaffende, die aufgefordert wurden, ihre Filme zurückzuziehen, verstehen, dass ihre Kolleg*innen nicht mit ihnen in einem Raum sitzen wollen. Es ist bekannt, dass der Boykott nicht für immer gilt und dass in Zukunft wieder russische Filme gezeigt werden. Es ist einfach unmöglich, dieses Logo des russischen Kulturministeriums auf unseren Leinwänden zu haben.
Nicht desto trotz sei Frau Gerritsen generell nicht für einen systematischen kulturellen Boykott. Es wird eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema geben, am 23. April. Filmschaffende und Vertreter*innen verschiedener ukrainischer Institutionen und Festivals werden den Boykott aus ukrainischer Perspektive diskutieren und ihre Positionen und Ziele erläutern. Unter den Gästen des Panels ist auch Maryna Er Gorbach, die am 24. März bei j:mag erklärte, warum sie zu einem systematischen Boykott russischer Cineasten aufrief. Ihr preisgekrönter Film Klondike läuft ebenfalls im Wettbewerb dieser 22. goEast-Ausgabe. Ebenfalls im Wettbewerb ist der ausgezeichnete Film der Kosovarin Kaltrina Krasniqi, Vera Dreams of The Sea.
Kritik von Klondike und Interview von Maryna Er Gorbach. (Auf Französisch)
Kritik von Vera Dreams of The Sea und Interview von Kaltrina Krasniqi. (Auf Französisch)
Insgesamt wurden drei russische Filme zurückgezogen:
Hausarrest von Alexei German Jr., Donau von Lyubov Mulmenko und Umwege von Ekaterina Selenkina.
Zudem zog auch die ukrainische Regisseurin Alina Gorlova ihren Film zurück, da sie nicht wollte, dass ihr Film dort gezeigt wird, wo auch russische Filme gezeigt wurden.
Kritik von Der Regen Wird Niemals Enden (This Rain Will Never Stop) von Alina Gorlova. (Auf Französisch). Eine redaktionell bearbeitete deutsche Version für den Kinostart in Deutschland am 24. März 2022.
Highlights
Neben dem Wettbewerb gibt es eine Vielzahl an spannenden Sektionen und Veranstaltungen vor Ort in Wiesbaden, hybrid oder komplett digital zu entdecken!
In der Festivalwoche wird das von den Schauspielerinnen Jasmina Musič und Mateja Meded gegründete Netzwerk „Yugoretten“ vorgestellt, unter anderem in einem „Kaffeehaus“ im Museum Wiesbaden. Die Grenzen audiovisueller Formen überschreiten wir mit einem TikTok-Programm im Kino, (Amateur-)Filmschaffende kreieren im Short Film Remix Battle neue Werke aus osteuropäischen Kurzfilmen und eine kuratierte Auswahl von Webcamstreams geben Einblicke auf öffentliche Plätze Mittel- und Osteuropas.
XR/VR Programm online und in Darmstadt: VR-Künstler:innen und Entwickler:innen arbeiten gemeinsam an „Geschichten aus dem Badehaus“, in das alle Interessenten in der Festivalwoche virtuell „eintauchen“ können, entweder vom heimischen Computer aus oder beim Besuch der XR-Ausstellung im Luisen Center Darmstadt.
Ein besonderer Fokus liegt in diesem Jahr auf VR-Werken aus und über die Ukraine. Eine Auswahl aus vier VR-Projekten, die von 2018 bis 2021 beim Open Frame Award liefen, soll eine besondere Perspektive auf das Land sowie seine Geschichte und Situation ermöglichen. Die Ausstellung ist vom 20. bis 23. und am 25. April 2022 im Luisen Center in Darmstadt zu sehen. Ab dem 19. April 2022 kann die Welt bereits mit dem Programm VRChat, mit oder ohne VR-Headset betreten werden.
Der Hommage-Teil ist der georgischen Regisseurin Lana Gogoberidze gewidmet. Sie hat in 30 Jahren nur 13 Filme gedreht, aber was für welche! Das Festival ist stolz darauf, 10 ihrer Filme zu zeigen, von denen 6 restauriert wurden; die Festivalleiterin erklärt, dass es das erste Mal sei, dass ihr eine Retrospektive dieser Grössenordnung gewidmet wird.
Eine Besonderheit in diesem Jahr: ein Symposium, das sich mit Jean-Luc Godard Verhältnis zu Mittel- und Osteuropa befasst, inwiefern die osteuropäische Perspektive und Einflüsse auf die Werke des Schweizer Filmemachers haben.
Wie jedes Jahr stellen Festivalkurator*innen ein umfangreiches Programm zusammen, das in diesem Jahr unter dem roten Faden des Selbstbildes, der Identitätsfrage und der imperialistischen Neigungen steht. Alle Filmgenres sind vertreten, von kurzen und langen Filmen, Dokumentarfilmen und Spielfilmen bis hin zu Animations- und Experimentalfilmen. Und trotz der tragischen Zeiten, in denen wir seit zwei Jahren leben und die nicht so aussehen, als würden sie milder werden – oder vielleicht gerade deswegen – wird es Komödie und schwarzen Humor geben… das ist oft der beste Weg zur Katharsis!
Malik Berkati
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