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Beobachter: Herr Knöpfel, Sie schreiben in Ihrer Caritas-Studie: Das Risiko, arm zu werden, ist bei Alleinerziehenden doppelt so gross wie beim durchschnittlichen Schweizer. Was machen Alleinerziehende denn falsch?
Carlo Knöpfel: Sie machen nichts falsch, das Problem sind die Rahmenbedingungen. Wenn sich Paare trennen, müssen sie nachher zwei Haushalte finanzieren.
Beobachter: Meistens sind es die Mütter, die aufs Sozialamt gehen müssen. Können sie schlechter mit Geld umgehen als Männer, oder arbeiten sie zu wenig?
Knöpfel: Nein, es ist sogar so, dass die Mütter nach der Scheidung mehr arbeiten als vorher - und damit einer Mehrfachbelastung ausgesetzt sind. Ihre Motivation, nicht aufs Sozialamt gehen zu müssen, ist gross. Aber das Armutsrisiko ist bei uns ganz grundsätzlich ungleich zulasten der Frauen verteilt.
Beobachter: Sie sprechen die Alimente an?
Knöpfel: Ja. Die Alimentenverpflichtung des Exmanns wird so berechnet, dass er nicht unter das Existenzminimum fällt - das führt dazu, dass viele Kosten nicht abgedeckt werden, die Frau also zum Sozialamt muss. Ausserdem: Wenn die Alimente nicht bezahlt werden, variiert die Hilfe von Seiten des Staates stark. Eine restriktive kantonale Handhabung kann direkt in die Armut führen.
Beobachter: Sie machen in Ihrer Studie Verbesserungsvorschläge und stellen Forderungen wie zum Beispiel: eine bessere Koordination von Schul- und Arbeitszeiten, stärkere Berücksichtigung der Kinderkosten bei den Steuern und eben die nationale Harmonisierung der Alimentenregelung.
Knöpfel: Ausserdem fordern wir Ergänzungsleistungen für Familien.
Beobachter: Die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen will darüber hinaus, dass in der Frage der Alimentenberechnung das Existenzminimum nicht mehr sakrosankt ist. Die Caritas jedoch unterstützt diese Forderung nicht - weshalb?
Knöpfel: Weil es dazu führen würde, dass noch mehr Haushalte beim Sozialamt landen. Mit einer Zunahme der Sozialhilfebezüger bestünde die Gefahr, dass die Unterstützungsleistungen herabgesetzt würden. Das ist mit der Revision der SKOS-Richtlinien 2005 bereits passiert. Für uns ist deshalb prioritär, dass es eine nationale Regelung der Alimentenbevorschussung gibt. Falls das nicht passiert, müssen wir befürchten, dass die Alimentenbevorschussung auf kantonaler Ebene noch mehr beschnitten wird.
Beobachter: Woher kommt diese Existenzminimum-Regelung überhaupt?
Knöpfel: Aus der Idee des Alleinernährer-Modells: Der Mann soll nicht unter die Armutsgrenze gedrückt werden, weil er sonst die Motivation zu arbeiten verliert. Dass heute auch die Frauen arbeiten und diese Regelung deshalb nicht mehr aktuell ist, ist auch der Grund, weshalb die Frauenkommission ihre Abschaffung fordert.
Beobachter: Jede zweite Ehe wird geschieden - hält die Familienpolitik mit der Realität Schritt?
Knöpfel: Definitiv nicht. Im Prinzip sollte man heute weniger von Ehe reden, sondern von Haushalten, in denen Kinder leben. Man muss Haushalte so behandeln, wie sie sich manifestieren. Das gilt sozialpolitisch, steuerpolitisch und bis zu den Kinderkrippentarifen. Es gibt Prozesse, die am Laufen sind, wie die Diskussion um die Individualbesteuerung. Aber sie brauchen Zeit.
Beobachter: Hat das Ernährermodell überhaupt je funktioniert?
Knöpfel: Die Idee, dass ein Mann eine ganze Familie ernähren kann, hatte immer etwas Utopisches. Aber kein Land ist ihr so nah gekommen wie die Schweiz. In Deutschland und Frankreich war das immer nur Fiktion. Jetzt müssen auch wir davon Abschied nehmen. Zwei Einkommen sind heute notwendig, um einigermassen einen Standard zu haben. Es muss ein gesellschaftspolitischer Wandel stattfinden, und es müssen Fragen gestellt werden wie: Was bedeuten Kinder für uns?
Beobachter: Wie könnte ein anderes Kinderverständnis aussehen?
Knöpfel: Ganz einfach: dass Kinder nicht Privatsache sind, sondern Teil der Gesellschaft.