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Chasa Editura Rumantscha
Die Literatur sei der Spiegel der Gesellschaft, so heisst es. Man schaut hinein, sieht das Gegenwärtige, erinnert sich an das Vergangene und freut sich auf das Künftige. Das 100-Jahr-Jubiläum der Lia Rumantscha ist also ein perfekter Anlass für eine genauere Begutachtung all dessen. Man möchte feiern, zelebrieren, man möchte wissen, was man denn eigentlich feiert an so einem Jubiläum. Zeit also, einen Blick in den Spiegel zu werfen.
Die Geschichte der rätoromanischen Literatur geht natürlich viel weiter zurück als die 100 Jahre, in denen die Lia Rumantscha existiert. Als ältester
literarischer Text in rätoromanischer Sprache gilt gemeinhin die «Chianzun da la guerra dalg Chiaste da Müs», ein Lied über den Müsserkrieg, das der Reformator Gian Travers 1527 schrieb. Die zum Teil sehr ausführlichen Beschreibungen der Kriegshandlung erscheinen dem heutigen Leser jedoch eher langatmig und sind mühselig zu lesen. Wer sich allerdings für das Genre interessiert, wird bei der Lektüre wohl an das eine oder andere bekannte Kriegsepos erinnert werden. Zum Beispiel werden die Krieger mit Löwen verglichen, so wie Achilles in Homers Beschreibung des trojanischen Krieges, der Ilias. Auch finden sich Elemente des etwas neueren Rolandslieds, einem Chanson de geste, das wie die Chianzun einen realen kriegerischen Hintergrund hat.
Hl. Margarete mit einer Gruppe heiliger Jungfrauen“, Bartholomäus Zeitblom (um 1489–1497) im Ulmer Münster. (Foto: Wikipedia)
Ein heute noch bekanntes Werk, das ebenfalls zu den ältesten der rätoromanischen Literatur gehören dürfte, ist «La canzun de Sontgia Margriata». Der Inhalt dieser Ballade erscheint aktueller denn je: Die heilige Margriata verkleidet sich als Mann und verbringt sieben Sommer auf der Alp. Eines Tages wird sie jedoch entdeckt und verraten – trotz all ihrer Versuche, dies zu verhindern. Sie muss die Alp verlassen, die danach jedoch in einer Art übernatürlichen Strafe zugrunde geht. Aus heutiger Sicht ist man versucht, dies als Strafe für die Ungleichbehandlung der Frau zu interpretieren. Wenn man bedenkt, dass der Inhalt des Lieds keineswegs christlich, sondern die heilige Margriata ursprünglich eine Elfe der Fruchtbarkeit war, die mit der Christianisierung ein Makeover verpasst bekam, ist eine Interpretation in diese Richtung gar nicht einmal so abwegig. Sprachlich lässt sich die bekannte Form des Liedes jedoch erst ungefähr auf das 14. Jahrhundert datieren.
Sowohl die Ballade der heiligen Margriata als auch das Lied über den Müsserkrieg sind Zeugen der langen mündlich-literarischen Tradition des Rätoromanischen, in der jahrhundertelang Lieder und Geschichten an Festen und Feiern weitergegeben und kaum schriftlich notiert wurden.
Zum schriftlichen Sprachgut der rätoromanischen Kultur gehören auch viele religiöse Texte, Bibelübersetzungen, Psalme und geistliche Lieder. Obwohl durchaus auch profane und politische Lieder und Geschichten – hauptsächlich zu erzieherischen Zwecken – existierten, dominierte das sakrale Genre lange Zeit die rätoromanische Textproduktion. Auch der erste bekannte rätoromanische Text einer Frau lässt sich dazu zählen. Die «Ovretta Musicala», eine Sammlung religiöser Lieder von Mengia Wielanda aus Scuol, die 1749 erschien, erlebte zwei Neuauflagen. Das war und ist auch heute noch aussergewöhnlich in der rätoromanischen Literatur, wie Literaturwissenschaftler immer wieder bemerkt haben. Das darin enthaltene Trauerlied für ihre verstorbene Tochter gilt als das feinste und poetischste der Lieder. Das Werk ist auch für Musikinteressierte einen Blick wert, da die zugehörigen Melodien, von denen Mengia Wielanda wohl einige selber komponiert hat, ebenfalls abgedruckt sind.
Mit der Aufklärung und der Französischen Revolution begann jedoch das Interesse an religiöser Literatur abzunehmen. Das Bedürfnis nach Literatur, die dem sich wandelnden Zeitgeist entsprach, wuchs. Erst versuchte man diesem Verlangen mit Übersetzungen aus anderen Literaturen beizukommen. Doch auch dies schien nicht zu genügen, und so entwickelte sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine rätoromanische Belletristik, die den Bedürfnissen von Schule, Presse und Volk nachkommen sollte. Dieser Epoche, der sogenannten «renaschientscha rumantscha», entstammen viele rätoromanische Autoren, die heute noch bekannt sind. Es ist die Zeit der patriotischen Gedichte und Werke, wie zum Beispiel «Stai si defenda» (1887) von Giacun Hasper Muoth und «Tamangur» (1923) von Peider Lansel oder «Il pur suveran» (1863–65) von Gion Antoni Huonder und «Lingua materna» (1908) von Gudench Barblan. Mit der Gründung der Societad Retorumantscha, die die Zeitschrift «Annalas» als literarisches Organ publizierte, und mit den regionalen Vereinen, die ebenfalls eigene Zeitschriften herausgeben, treten denn – ab 1919 zusammen mit der Lia Rumantscha – auch die Träger und Förderer dieser modernen rätoromanischen Literatur zutage. Autoren und einige wenige Autorinnen bekommen die Möglichkeit, ihre Werke an den Leser zu bringen.
An dieser Stelle lässt sich denn wohl auch eine der grössten Herausforderungen der rätoromanischen Literatur festmachen: die Leserschaft. Die Schreibenden schreiben meist einfach und verständlich, über Themen, die ihren Leserinnen und Lesern vertraut sind und sie in ihren Auffassungen, Ängsten und Wünschen bestärken. Die Literatur dieser Zeit ist folglich vor allem konservativ und erzieherisch. Und sie wird es auch bis spät ins 20. Jahrhundert hinein bleiben.
Relativ lange wurde schlicht und einfach die sprachliche Isolation für eine Verzögerung gewisser moderner Bewegungen in der rätoromanischen Literatur verantwortlich gemacht. Heute geht man jedoch davon aus, dass die geografische und emotionale Nähe, die viele rätoromanische Autorinnen und Autoren zu ihrer Leserschaft hatten und immer noch haben, dazu führt, dass sie diesen stärker ausgeliefert sind und sie sich aufgrund dieser sozialen Kontrolle stärker an deren Bedürfnissen orientieren. Sie kennen ihre Leser und Leserinnen, sie begegnen ihnen tagein, tagaus. Gerade in einem Dorf konnte zum Beispiel eine Frau, die ein aus weiblicher Sicht progressives Buch oder einen feministischen Text schrieb, Opfer sozialer Ächtung oder zumindest mit persönlichen Vorwürfen konfrontiert werden. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass viele Schriftstellerinnen sich anpassten oder – wenn sie etwas Progressiveres schreiben wollten – zu Vermeidungsstrategien wie einem Pseudonym griffen (Ursina Clavuot-Geer als Gian Girun, Antonia Sonder als Isa Bella etc.).
Peider Lansel
Viele rätoromanische Literaturwissenschaftler sind ausserdem der Meinung, dass gerade der Mangel an einer grösseren intellektuellen Schicht, für die es sich zu produzieren lohnt, dazu führte, dass es in der rätoromanischen Literatur nur sehr wenige Werke gibt, die sich mit den «grossen» Werken der Nachbarliteraturen vergleichen lassen, die über ein kompliziertes Geflecht ästhetischer Beziehungen verfügen – so zumindest der Tenor. Nichtsdestotrotz gab es immer wieder Autoren und Autorinnen, die sich davon nicht abhalten liessen und Literatur schrieben, die auch diesen Ansprüchen genügten. Andri Peer oder Luisa Famos wären Beispiele dafür, die sich jedoch zeitlebens über die mangelnde Anerkennung ihrer Sprachgemeinschaft beklagten. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich die meisten rätoromanischen Autorinnen und Autoren auf die Produktion von Literatur konzentrierten, die bei ihrer Leserschaft auch Anerkennung fand.
Ein grosser Wert der Literatur liegt gerade deswegen aber auch in ihrer Funktion als Teil einer sprachlichen Minderheit: Sie gilt als Mittel und Hilfe zur Rettung der Sprache. So ist die rätoromanische Literatur natürlich oft auch eine Illustrierung dessen, was sie bewahren will. Eine Konzentration auf das Einheimische und die sprachliche Identität scheint da nur nachvollziehbar.
Es ist also nicht weiter verwunderlich, wenn auch in zeitgenössischen Werken gewisse Themen wie das Dorfleben oder die Jagd und die Bergwelt immer wieder thematisiert werden. Jedoch geschieht dies nun immer öfter auch zeitgleich mit der Thematisierung gesellschaftlicher Zwänge und Normen oder Tabus. Leo Tuor tat dies beispielsweise sehr erfolgreich in seinem Erstling «Giacumbert Nau» (1988), Leontina Lergier-Caviezel erst kürzlich in «Davos ils Mugrins» (2018), genauso die noch sehr junge Autorin Asa S. Hendry mit ihrem Roman «Sin Lautget» (2018). Und immer wieder schaffen es nun auch neuere und modernere literarische Formen und Stile Anerkennung bei den rätoromanischen Lesern zu finden, gerade Werke wie «Ils 29 da settember» (Benedetto Vigne, 2018) und «In mia vita da vuolp» (Leta Semadeni, 2011) zeigen das zur Genüge.
Aber was sagt uns denn nun unser Spieglein, Spieglein an der Wand über die kleinste Literatur im ganzen Land? Wenn man hineinblickt, erkennt man die schemenhaften Umrisse von löwenhaften Kriegern und eine gegen patriarchale Strukturen kämpfende heilige Frau, man durchquert die bekannten Themen der Ländlichkeit, der Berge und Wälder und der Sprachpatriotismus klingt aus allen Ecken. Man lernt Autorinnen und Autoren kennen, die mal mehr und mal weniger versuchen, ihren Leserinnen und Lesern zu geben, was sie sich wünschen und dabei doch immer nach ihrer Anerkennung streben.
Aber man erblickt in der rätoromanischen Literatur, die neue Tendenzen, Formen, Inhalte und Stile gefunden hat, auch eine kleine Gesellschaft, die genau wie die grösseren dieser Welt einen Wandel durchmacht. Eine jüngere Generation erkennt sich in diesen neuen Werken von Asa S. Hendry oder Leontina Lergier-Caviezel wieder – wie es sich für einen richtigen Spiegel nun einmal gehört. Und so sagt diese neue Literatur wohl am meisten über die heutige rätoromanische Gesellschaft in ihrer ganzen Vielfalt aus. Und auch wenn man sich manchmal erst an den schemenhaften Umrissen der vergangenen Gestalten im Spiegel vorbeikämpfen muss, um die Hintergründe der neueren Werke zu entschlüsseln: Es lohnt sich, einen tieferen Blick hineinzuwerfen!
Asa S. Hendry