Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03286.jsonl.gz/1061

«Sauhäfeli, Saudeckeli» – dieses Wortpaar verwendete Hedi, die Gattin des langjährigen Amerika-Korrespondenten des Schweizer Radios, Richard Anderegg, in den 70er-Jahren. Damit gab sie Ausdruck ihrer Abscheu gegenüber Sich-gegenseitiges-Decken bei Fehlern, von Vetternwirtschaft und generelles Wegsehen bei offensichtlichen Misstritten. Frau Ander-egg bezog sich dabei in erster Linie auf Missstände in der Politik und in der Wirtschaft – die beiden Gebiete, über die ihr Gatte seine Beiträge in die Schweiz übermittelte. «Sauhäfeli, Saudeckeli» trifft aber auch auf Situationen im Sport. Dabei mag das Wegsehen bei Missständen, ja Betrug, sogar einem guten Willen entsprechen. Mit der Ignorierung oder Vertuschung des Betruges versucht man, grössere Interessen zu schützen, so das Ansehen der Sportart, in der der Betrug verübt wurde.
Formel-1-Betrug
In einem kürzlichen Bericht im Zürcher «Tagesanzeiger» wurde ein Betrugsfall aus der Formel 1 des Automobilrennsports aufgearbeitet – ein Betrug, der den brasilianischen Rennfahrer Felipe Massa 2008 den verdienten WM-Titel kostete. Bernie Ecclestone, der jahrzehntelang die Formel 1 beherrschte, gab in einem Interview zu, er und der damalige Präsident des Weltverbandes hätten von dem Betrug gewusst: «Doch wir haben beschlossen, nichts zu unternehmen. Wir wollten den Sport schützen und ihn vor einem Riesenskandal bewahren», erklärte Ecclestone 15 Jahre nach dem Vorfall!
Damals: Vertuschungen
Diese Haltung ist im Sport relativ weit verbreitet, auch im Pferdesport. Man vertuscht einen Dopingfall, einen Missbrauchsfall, einen Betrug, weil ein Bekanntwerden einen negativen Eindruck über den Sport geben würde. Das Ansehen des Sportes würde Schaden nehmen. Vor allem in den Anfangsjahren der Dopingkontrollen in den 60er- und 70er-Jahren war eine derartige Haltung nicht selten. Von den Verbandsorganen hörte man immer wieder die Argumentation, man müsste die Integrität der Institution oder des Sports beschützen – das Bekanntwerden eines Dopingvergehens oder einer Misshandlung des Pferdes sei dem Ansehen des Sportes schädlich.
Heute: Untersuchung
Heute, ein halbes Jahrhundert später, hat sich die Einstellung grösstenteils geändert. Auch wenn die erwähnten Vertuschstimmen nicht ganz verstummt sind, wird heute ein Fall von Doping, Medikamentenmissbrauch, Tierquälerei oder Betrug, der aufgedeckt wird, öffentlich untersucht und beurteilt. Dass es dabei zu Ungerechtigkeiten kommen kann, indem ein angeschuldigter, angeblicher Täter schliesslich als unschuldig erklärt wird, aber durch die mediale Vorverurteilung bereits geschädigt wurde, ist ein bedauerlicher und oft kaum tolerierbarer Seiteneffekt. Dies auch im Zusammenhang mit der Praxis, dass eine Disqualifikation des Pferdes wegen Doping oder Medikationsmissbrauch erfolgt, auch wenn Reiter oder eine andere verantwortliche Person als unschuldig beurteilt werden. Zusammengefasst kann man sagen, dass die im Text erwähnte und im Zeitungsartikel von Ecclestone überlieferte Haltung rarer geworden ist. Aber der gegenseitige Schutz nach dem Eingang erwähnten «Sauhäfeli, Saudeckeli»-Prinzip existiert weiter. Vielleicht weniger im Sport, sondern eher in der Politik und der Wirtschaft.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 19/2023)
Die «PferdeWoche» auf Facebook mit speziellen News und Attraktionen.
Sie haben noch kein Abonnement der PferdeWoche?