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Abstract
In der Berner Burgerbibliothek wird als Cod. AA91 eine spätmittelalterliche Handschrift des Parzival Wolframs von Eschenbach aufbewahrt. Der Codex lässt die literarischen Interessen der Berner Oberschicht in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erkennen. Besitzeinträge weisen auf den Twingherrn Jörg Friburger, der im Gemeinwesen Berns einflussreiche Ämter ausübte. Ein weiteres Manuskript aus der Bibliothek der Familie Friburger - eine Sammelhandschrift mit astronomisch-heilkundlichen Texten (Bibliothèque Cantonale et Universitaire de Fribourg, Cod. L 309) - und der Melusine-Roman des Berner Patriziers Thüring von Ringoltingen deuten das literarische Umfeld an, dem sich Wolframs Parzival in Bern einpasste. Zugleich lassen Besonderheiten in Bebilderung und Text der Berner Handschrift erkennen, dass der Gehalt des höfischen Versromans in der spätmittelalterlichen Aneignung nur noch gebrochen wahrgenommen wurde. Die offenbar werdende Verrätselung und Verkennung konstitutiver Erzählelemente teilt der Berner Parzival mit der Aufnahme des französischen Melusine-Stoffs, wie sie Thüring von Ringoltingen bekundet. Ein Schwerpunkt der Rezeption liegt auf der unbewältigten Erfahrung von Fremdheit. Dieser Zug deutet nicht zuletzt auf die Selbstbefindlichkeit eines städtischen Patriziats, das sich trotz seines (oft nur wenige Generationen zurückliegenden) sozialen Aufstiegs der Fragilität seines Status bewusst war. Hier lässt sich beispielhaft eine literarische Topographie erkunden, in der Wolframs Parzival gegen Ende des Mittelalters gelesen wurde.
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