Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03322.jsonl.gz/2504

Der Volksmund nennt den Baum: Cacaueiro
Wissenschaftlicher Name: Theobroma cacao L.
Deutscher Name: Kakao
Aus der botanischen Familie der: Sterculeaceae
Herkunft: Brasilien – Amazonas–Region.
Charakteristika der Pflanze
Mittelgrosser Baum von bis zu 6 m Höhe, sehr stark verzweigt. Grosse Blätter von 35 cm Länge, Blüten weiss, gelb bis rosa, Blütenstand in Gruppen, direkt am Stamm ansetzend, zwischen Dezember bis April.
Die Frucht
Länglich, mit längs laufenden Einkerbungen, von harter Schale und Färbung, die zwischen hellem Gelb und dunklem Rot variiert. Sie wird etwa 20 cm lang. Sie enthält ein schleimiges, weisses bis rosarotes Fruchtfleisch, welches fünf Reihen von rötlichen Kernen umhüllt. Die Reife liegt zwischen April bis September.
Der Anbau
Der Kakaobaum bevorzugt tiefe Böden von durchlässigem Charakter, sehr fruchtbar oder gut gedüngt, und er braucht Schatten. Der Anbau sollte während der Regenzeit stattfinden. Der Kakaobaum, nur von geringer Höhe, wuchs ursprünglich wild innerhalb des tropischen Regenwaldes, geschützt vor der brennenden Sonne durch die Schatten spendende höhere Vegetation. Seine Früchte, sehr unterschiedlich in Form und Farbe, baumelten rund um den niedrigen Stamm des Baumes, fast allesamt von der Hand des Menschen leicht zu erreichen.
Heute weiss man, dass der Kakao vom amerikanischen Kontinent stammt, wahrscheinlich aus den Becken der Flüsse Orinoco und Amazonas – von dort aus verbreitete er sich auf die gesamte Tropenregion. In seinem Ursprungsgebiet kann man noch heute wild wachsende Spezies finden. Eine von ihnen, bekannt unter dem Namen “Cacau–do–Peru“ (Theobroma bicolor), blüht auf Bäumen, die nicht viel Ähnlichkeit mit dem normalen Kakaobaum haben: Sie sind sehr hoch – erreichen mehr als 20 Meter – und bringen eine gelbe, in viele Segmente unterteilte Frucht hervor.
Bevor die Europäer nach Amerika kamen – etwa im 15. Jahrhundert – kannten nur die Azteken und Mayas, in der Region zwischen Mexiko und Zentralamerika, den Wert des Kakaos für ihre Ernährung. Nach der Historikerin Clara Inés Olaya, wurde die Kakaofrucht von diesen Völkern folgendermassen verwendet: Zuerst entnahm man der reifen Frucht die mandelförmigen Kerne und legte sie zum Trocknen, während einiger Tage, in die Sonne. Nach dem Trocknungsprozess wurden diese “Mandeln“ gut geröstet, um schliesslich gemahlen zu werden – nicht nur einmal, sondern mehrere Mahle – in einem von Hand gestampften steinernen Mörser. Man fügte diesem Stampf– und Mahlprozess Wasser hinzu – so wenig, dass eine dickflüssige Paste entstand. Die schlug und bearbeitete man dann, bis sie sich in einen festen Kuchen verwandelt hatte, den man im Anschluss lagern und transportieren konnte. Und so verwandelte sich der Kakao – pur oder mit anderen Ingredienzien, Aromen oder Gewürzen gemischt – in jenes Getränk, welches dann als Schokolade bekannt wurde, und das alle diejenigen begeisterte, die es probiert hatten.
Nachdem man ihm noch Zucker zugeführt und einige asiatische Gewürze, fand jenes Getränk noch viel mehr Bewunderer und gewann schliesslich die ganze Welt. Trotzdem gelang es erst dem Schweizer Lindt, am Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts, Maschinen zu bauen und die nötige Technik zu entwickeln, um jene zähe Paste so weiter zu entwickeln, dass sie in einer vorgegebenen Form erhärtet. Und er vereinte das uralte Wissen der amerikanischen Völker mit dem modernen Know–How der technischen Industrie–Revolution: je mehr man den Kakao mahlt und schlägt, desto weicher und angenehmer wird sein Geschmack!
Von da an verlor der Kakao als Getränk vielleicht ein bisschen von seiner historischen Aura. Jedoch verwandelte er sich in eine Nascherei, welche heute eine der bedeutendsten und reichsten Industrien unserer modernen Welt bewegt. Nebenprodukte, wie die Kakaobutter oder das Kakaoöl, welche man durch Pressung der Kakaomandeln erzeugt, sind ausserdem wichtige Komponenten für die Kosmetik– und die pharmazeutische Industrie. Ausserdem gewinnt man aus dem weisslichen Fruchtfleisch, das die Kerne umhüllt, einen delikaten Saft – den man auch tief gefroren exportieren kann, ohne dass er deshalb an Wert verliert.
Alles in allem gehört der Kakao zu der edelsten Sorte von Früchten. Sein Name stammt aus einer alten aztekischen Legende:
Quatzalcault war der aztekische Gott der Bauern und der Landwirtschaft, der seinem Volk beigebracht hatte, wie sie den Kakaobaum kultivieren und seine Früchte verwenden konnten. “Götterspeise“ – das heisst „Theobroma“ in Griechisch – ist der von dem Botaniker Linné 1737 ausgewählte Name für die herrliche Frucht, eine Bezeichnung, die er ebenfalls der verwandten Spezies “Cupuacu“ gegeben hat, die auch aus dem Amazonasgebiet stammt.
Die Frucht des Kakaobaums, und die aus ihr gewonnenen Produkte, besonders die Schokolade, waren im Verlauf der letzten zwei Jahrtausende okzidentaler Geschichte stets verwoben mit der wirtschaftlichen Macht und der Befriedigung luxuriösester Gelüste.
Für die Mayas und Azteken war sie Kultobjekt und ebenfalls Ausdruck ihres Reichtums und ihrer Macht. Diese Völker lernten zuerst den wild wachsenden Baum zu kultivieren und die Kerne aus der Pflanze zu verarbeiten – die bei ihnen übrigens auch als Geldmünzen im Umlauf waren! Und mit derselben Kakao–Mandel – nachdem sie geschält und in Paste verwandelt war – erfanden sie die Schokolade, ein Getränk, dem sie die Wirkung eines Afrodisiakums zusprachen.
Ein Baum mit “goldenen Früchten“, die sich auch für die ersten in Mittelamerika einfallenden Spanier in Macht und Reichtum verwandelten. Und sie behielten auch lange Zeit das Monopol über die Kakao–Produktion und den entsprechenden Handel mit seinen Früchten. Von Repräsentanten der katholischen Kirche erstmals mitgebracht, die zwischen Europa und dem amerikanischen Kontinent zirkulierten, wurde der Kakao schon ab dem 16. Jahrhundert zum viel begehrten Objekt der Wünsche, Intrigen und Mysterien an den europäischen Fürstenhöfen.
Ein bisschen später avancierte er zur Schmuggelware der holländischen und englischen Piraten, die stets auf der Suche nach grossen Gewinnen die Meere durchstreiften. Sie waren es, denen der Bruch des spanischen Monopols auf den Kakao zuzuschreiben ist, und die bewirkten, dass sich der Ruhm des Kakaos über die ganze restliche Welt ausbreitete. Im Europa des späten 17. Jahrhunderts war der Kakao als beliebtes Getränk nicht mehr wegzudenken – und seine Produktion wurde dadurch enorm angekurbelt.
Etwa um die gleiche Zeit wurden die ersten Samen der Pflanze in Brasilien eingeführt – genauer im Süden von Bahia – und man entdeckte bald, dass Klima und Bodenbeschaffenheit dieser Region geradezu ideale Bedingungen für den Anbau darstellten. In dieser Region legte sich das Goldfieber im Schatten der Kakaobäume. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts – und während weiterer 150 Jahre – verwandelte sich der Kakao in eine Art Statussymbol der Macht und des Reichtums der so genannten “Coloneis“ – hohe Militär–Offiziere, die sich auf riesigen “Fazendas“ (Landgütern) im Bereich von Ilhéus und Itaibuna / Bahia niederliessen.
Im Lauf dieser Zeit wurde Brasilien zum weltgrössten Produzenten und Exporteur von Kakao – es machte viele Leute sehr reich und beherrschte den internationalen Markt praktisch alleine. Über eine sehr lange Zeit hinaus war der Kakao für den Süden Bahias das weitaus rentabelste Geschäft. Der Kakao veränderte die gesamte Landschaft dieser Region: es entstanden wunderschöne Kakaoplantagen, schön gestaltet, sauber und mit viel Schatten, mit Bäumen, die von gelben und roten Früchten nur so strotzten. Es entwickelten sich Städte und geschäftige Häfen, ein reges kulturelles Leben, aus dem unzählige Geschichten von Liebe und auch von Hass entstanden.
Jedoch im Verlauf der letzten zwanzig Jahre konnte man den Niedergang der Kakaoproduktion und die Dekadenz der Plantagen im Süden Bahias mitverfolgen. Unter den wichtigsten Motiven für diesen Wandel sind: der Preisniedergang für Kakao auf dem Weltmarkt aus Gründen der Konkurrenz von den afrikanischen Ländern, das Ende der Anbauflächenausbreitung in Süd–Bahia, fehlende technische Investitionen für eine Modernisierung der Anbauflächen, und, sozusagen als Kumulus: die Pflanze wird regelmässig von einem Schädling befallen, der im Volksmund “Vassoura–da–Bruxa“ (Hexenbesen) heisst – er vernichtet riesige Bestände ohne Gnade. Heutzutage steht Brasilien zwar immer noch auf der Liste der ersten Kakao–Exporteure der Welt, jedoch wird die wertvolle Frucht inzwischen auch in anderen Regionen des Landes mit Erfolg angebaut: so in Amazonien, in den Bundesstaaten Pará und Rondônia und im Südwesten des Landes.