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Interview: Daniel Walt/Video: Ralph Ribi (Tagblatt)
Albert Hammond, Sie sind einer der weltweit erfolgreichsten Hitschreiber im Pop-/Rockbereich. Wie ist es zu Ihrem Engagement für das Musical “Matterhorn” am Theater St.Gallen gekommen?
Albert Hammond: Michael Kunze, der Texter des Musicals, besuchte vor längerem eins meiner Konzerte. Er signalisierte in der Folge, dass er mit mir für ein Musical zusammenarbeiten wolle. Ich war einverstanden und sagte ihm, es brauche einfach ein passendes Stück. Ein Jahr später rief er mich dann an und sagte, er habe ein Projekt für uns beide – es war “Matterhorn”. Es ist das erste Musical, für das ich gearbeitet habe. Das war eine echte Herausforderung. Aber genau das liebe ich.
Sie haben sich in den letzten Wochen für die Proben in St.Gallen aufgehalten. Welchen Eindruck haben Sie von der Stadt und der Ostschweiz generell?
Hammond: St.Gallen ist eine sehr schöne Stadt. Ich lebe derzeit im Hotel Radisson, habe den Marktplatz, den Bahnhof und diverse Restaurants kennengelernt. Ich würde jederzeit wieder hierher zurückkommen, es gefällt mir. Vom Rest der Ostschweiz oder des Landes hingegen habe ich nicht viel gesehen. Vor einigen Monaten war ich für einen Medientermin einmal in Zermatt – es war aber derart neblig, dass das Matterhorn nicht zu sehen war.
Und wie steht es bei Ihnen ums Bergsteigen, das zentrale Thema des Musicals?
Hammond: Ich habe schon Hügel bestiegen, aber noch nie Berge, denn ich habe Höhenangst. Aber: Man muss kein Kletterer sein, um den Himmel zu sehen…
Gestürmt haben Sie hingegen weltweit die Spitze der Hitparaden. Zum einen mit eigenen Songs wie “It Never Rains In Southern California”, zum anderen aber auch mit Titeln, die Sie für andere geschrieben haben: Whitney Houstons “One Moment In Time” beispielsweise oder Tina Turners “I Don’t Wanna Lose You”. Wie viele Male sind Sie gescheitert, bevor Sie Ihren ersten musikalischen Erfolg landeten?
Hammond: Sehr oft – und zwar auch noch nach meinem ersten Hit. Erfolg heisst für mich ohnehin nicht, die Nummer 1 zu sein, sondern immer wieder aufzustehen, wenn man hingefallen ist. Vielleicht erlebe ich jetzt auch mit dem “Matterhorn”-Musical wieder einmal einen Misserfolg. Klar, das wäre schade, würde mich aber nicht aus der Bahn werfen. Wer scheitert, soll nicht verzweifeln, sondern seine Lehren daraus ziehen.
Dann gibt es keine grossen Enttäuschungen, die Sie in Ihrer langen Karriere erlebt haben?
Hammond: Im Showbusiness war es nie schwierig für mich. Denn ich habe nie um des Erfolgs willen Musik gemacht, sondern weil ich sie liebe. Solange ich in diesem Metier tätig sein kann, bin ich glücklich.
Fühlen Sie teils schon beim Schreiben eines Songs, dass der Titel zu einem Hit werden könnte?
Hammond: Nein. Ich denke auch gar nicht daran, ob ein neuer Titel erfolgreich sein wird oder nicht. Mein Ziel ist, dass ein Song schön und emotional wird. Und das Wort “Hit” ist nicht emotional.
Dann stört es Sie, wenn Sie als Hitschreiber bezeichnet werden?
Hammond: Die Leute können mich schon so nennen, aber das ist für mich nicht wichtig. Ich bin ein ganz normaler Typ – so normal wie jene, die mich Hitschreiber nennen.
Entscheidend für den Erfolg eines Songs dürfte die Wahl der passenden Sängerin oder des passenden Sängers sein. Wäre beispielsweise “One Moment In Time” ein so grosser Hit geworden, wenn ihn nicht Whitney Houston, sondern jemand anders gesungen hätte?
Hammond: Die Auswahl des richtigen Interpreten ist wichtig. Aber welches ist der richtige? Das weiss ich oftmals selber nicht so genau. Als ich beispielsweise “One Moment In Time” schrieb, hatte ich die Stimme von Elvis im Kopf, obwohl der schon lange tot war. Ob der Titel auch mit jemand anderem als mit Whitney Houston funktioniert hätte? Keine Ahnung.
Geholfen haben dürfte sicher, dass der Song zur Hymne der Olympischen Spiele 1988 in Seoul wurde. Aktuell laufen wieder Olympische Spiele – interessieren Sie sich dafür?
Hammond: Oh ja, ich liebe Sport und verfolge sowohl die Sommer- als auch die Winterspiele.
Jeder Star hat seine Eigenheiten. Erzählen Sie uns etwas über Whitney Houston.
Hammond: Mit Whitney durfte ich zu Beginn ihrer Karriere zusammenarbeiten. Sie hatte eine einzigartige Aura, viel Energie und eine wundervolle Stimme. Sie war eine Künstlerin im besten Sinne des Wortes – und sehr charmant.
Auch mit Tina Turner waren Sie im Studio…
Hammond: … Tina! Ein lustiger, grosszügiger Mensch, eine Künstlerin, die weiss, was sie will. Niemals vergessen werde ich den Moment, als ich ihr den Titel “I Don’t Wanna Lose You” präsentierte. Plötzlich sangen wir die Nummer gemeinsam. Das sind Erinnerungen, die ich nie vergessen werde.
Und wie gestaltete sich Ihre Zusammenarbeit mit Joe Cocker für “Don’t You Love Me Anymore”?
Hammond: Ich wünschte, ich hätte ihn schon in seinen jüngeren Jahren kennengelernt. Er war entschlossen und nie zufrieden mit der erstbesten Version, die er einsang. Er fand immer, er könnte es eigentlich noch besser.
Wo liegt der Unterschied zwischen dem Schreiben eines neuen Songs und der Arbeit an einem Musical?
Hammond: Alles ist anders. Man muss nicht nur Songs schreiben, sondern auch gesprochene beziehungsweise gesungene Dialoge und Titel für verschiedene Szenen, Emotionen, Tages- und Jahreszeiten.
Aus dem Lebenswerk vieler Künstler entstehen irgendwann Musicals. Auch die mehreren Hundert Songs, die Sie in Ihrer Karriere geschrieben haben, wären sicherlich Stoff für ein Musical.
Hammond: Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Ich habe darüber aber noch nicht konkreter nachgedacht.
Wir leben in Zeiten, in denen Stars in Castingshows und Hits auf Youtube gemacht werden. Wäre eine Karriere wie die Ihre heutzutage überhaupt noch möglich?
Hammond: Ich denke schon. Ich müsste mich einfach an diese modernen Entwicklungen anpassen.
Was halten Sie denn von Castingshows?
Hammond: Ich bin kein Fan davon. Früher musste man in Clubs auftreten, um gehört zu werden, und viele Konzerte geben, damit die Leute einen irgendwann kannten. Heute kommt man zwei Minuten in solch einer TV-Show, und 14 Millionen Menschen sehen zu. Aber: Man wird auch sehr schnell wieder vergessen.
Die Schnelllebigkeit unserer Zeit…
Hammond: … lassen Sie mich noch etwas sagen: Es gibt ja nicht nur diese Casting-Shows am TV. Die Welt, die Gesellschaft und leider auch die Politik sind zu einer einzigen Reality-TV-Show geworden.
Spielen Sie auf US-Präsident Donald Trump an?
Hammond: Auf uns alle. Das ganze Leben ist mittlerweile eine Reality-Show, und die Medien tragen ihren Teil dazu bei. Zu Donald Trump: Auch er ist nur ein einfacher Kerl, der Präsident der USA geworden ist – aus welchem Grund auch immer.
Die Schnelllebigkeit unserer Zeit zeigt sich auch darin, dass viele Menschen ihre Musik nur noch downloaden oder streamen und keinen Wert mehr auf den Kauf von Platten oder CDs legen. Sehnen Sie sich manchmal nach den Zeiten, als es noch an jeder Ecke einen Plattenladen gab und als ein neuer Song auf Vinyl oder CD und nicht als digitaler Download herauskam?
Hammond: Die alten Zeiten… Da traf man sich noch in den Plattenläden, sprach dort miteinander über die neusten Veröffentlichungen. Heute reden nicht mal mehr Freunde auf der Strasse miteinander, weil jeder nur noch auf sein Handy schaut. Ja, ich vermisse die alten Zeiten. Und habe beispielsweise auch “Yesterday’s Music”, einem kleinen Plattenladen in St.Gallen, einen Besuch abgestattet.
Sie machen seit Jahrzehnten Musik. Noch nie daran gedacht, aufzuhören?
Hammond: Nein. Musik ist stärker als alles andere, das ich in meinem Leben kennengelernt habe.
Stärker als die Liebe?
Hammond: Musik ist Liebe. Nichts hat mich in meinem Leben mehr geliebt als die Musik. Und ich nichts mehr als sie.
Uraufführung des Musicals “Matterhorn”: Samstag, 17. Februar, 19.30, Theater St.Gallen
Der 73-jährige Albert Hammond, Vater des Strokes-Sängers Albert Hammond Jr., ist einer der weltweit erfolgreichsten Songschreiber, er hat in seiner Karriere rund 400 Millionen Platten verkauft. In London geboren, wuchs Hammond auf Gibraltar auf. Später lebte er in England sowie in den USA. Der Durchbruch als Sänger gelang ihm 1972 mit “It Never Rains In Southern California”. Nach weiteren Soloerfolgen, beispielsweise mit “The Free Electric Band” oder “I’m A Train”, konzentrierte sich Hammond verstärkt auf das Songschreiben für andere Künstler. Bekannte Titel aus seiner Feder sind “To All The Girls I’ve Loved Before” von Willie Nelson und Julio Iglesias, “When I Need You” von Leo Sayer, “One Moment in Time” von Whitney Houston, “Nothing’s Gonna Stop Us Now” von Starship, “The Air That I Breathe”von den Hollies, “When You Tell Me That You Love Me” von Diana Ross oder “Don’t You Love Me Anymore” von Joe Cocker. Seit einigen Jahren geht Albert Hammond nach einem langen Unterbruch wieder auf Tournee – er interpretiert bei seinen Auftritten eigene Titel sowie Songs, die er für andere Künstler geschrieben hat. In der Schweiz ist ein Auftritt in der Bodensee-Arena Kreuzlingen für den 24. November 2018 angekündigt. (dwa)