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Aufstockung: Spannungsfeld zwischen Dachschaden und Tod
Der Tatort
Wer sich bei Wikipedia auf die Suche nach den Sehenswürdigkeiten Schwerzenbachs macht, wird auf die Liste der Kulturgüter weitergeleitet. Auf dieser figurieren unter anderem die reformierte Kirche, eine Seeufersiedlung, ein ehemaliges Bauernhaus mit Scheune und zwei Wohnhäuser an der Greifenseestrasse. Aber es «tötelt» in Schwerzenbach. Obwohl das Geschäft mit dem würdigen Sterben in der Industriezone längst gestorben ist, zelebriert die Gemeinde weiterhin den unwürdigen Tod der Architektur: Die neuen Leichenwagen in Schwerzenbach sind die Bagger, die Bestatter tragen leuchtende Overalls und Helme, die sterblichen Überreste sind in Kaufverträge eingesargt.
Das erste Opfer
Das erste Wohnhaus auf der Liste ist das Atriumhaus von Max Ziegler, der auch das ETH-Gebäude HIL auf dem Hönggerberg gebaut hatte. Dieses Wohnhaus steht nicht mehr. Requiem. Paradoxerweise beherbergt das HIL-Gebäude das Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (GTA) der ETH, das von Laurent Stalder geleitet wird. «Professor Stalder, das Atriumhaus von Max Ziegler ist von der kantonalen Denkmalpflege als Objekt von überkommunaler Bedeutung inventarisiert worden. Wie ist es möglich, dass ein derartiges Gebäude abgebrochen werden kann? Ist der Denkmalpflege ein Fehler bei der Inventarisierung unterlaufen, und das Gebäude war gar nicht schützenswert?» Für den renommierten ETH-Professor besteht kein Zweifel: «Bei der Inventarisierung geht es um weit mehr als um einen administrativen Akt. Es geht darum, dass die Öffentlichkeit ein Bauwerk als Teil ihres Kulturguts betrachtet. Wenn Vertreter einer Gemeinde das ignorieren, dann erfüllen sie nicht die ihnen von der Öffentlichkeit anvertraute Aufgabe.»
Das zweite Opfer
Das zweite Wohnhaus auf der Liste ist ein Werk von Architekt Jacques Schader, dessen Bauten immer wieder auf internationaler Ebene gefeiert wurden und dem das GTA eine opulente Monografie gewidmet hat. Auch dieses Haus ist als Objekt von überkommunaler Bedeutung inventarisiert, was eine Schutzvermutung für das Gebäude auslöst. Eine derartige Inventaraufnahme ist behördenverbindlich, was die Zustellung von Baugesuchen durch die kommunalen Baubewilligungsbehörden an die kantonale Denkmalpflege zur Prüfung und Bewilligung voraussetzt. Wenn grössere Bauvorhaben anstehen, die den vermuteten Schutzcharakter beeinträchtigen könnten, dann muss die Schutzwürdigkeit abgeklärt werden. Den Entscheid über eine Unterschutzstellung oder Entlassung aus dem Inventar trifft die Baudirektion. Die Behörden haben dafür zu sorgen, dass die Schutzobjekte geschont werden, insbesondere auch bei der Erteilung von Baubewilligungen.
Die Eigentümer des besagten Wohnhauses planen eine Aufstockung. Die Kantonale Denkmalpflegekommission erachtet diese als unzulässig, da sie das Werk von Architekt Schader, das als Ganzes eine hohe Schutzwürdigkeit aufweist, beeinträchtigen würde. Das Baurekursgericht ist hingegen der Meinung, dass jenes Objekt nur eine hohe innere Schutzwürdigkeit aufweise, keine äussere. Für Bruno Maurer, langjähriger Leiter des Archivs des GTA, in welchem die Hinterlassenschaft von Architekt Schader ruht, ist diese Sicht der Dinge absurd: «Eine Trennung würde zum Beispiel dann sinnvoll sein, wenn das Innere durch nachträgliche Umbauten sehr stark verändert wurde und ein Rückbau nicht möglich ist, wie zum Beispiel beim Haus Rümbeli in Herrliberg von Architektin Lux Guyer.» Das Haus Schader sei aber den neuen Besitzern im Originalzustand übergeben worden, wie Bruno Maurer betont. Er hält fest, dass die Käufer damals mit grossem Enthusiasmus auf das Haus reagiert und seine architektonischen Qualitäten als einen Grund für den Kauf angegeben hätten. Die Verkäufer seien danach überzeugt gewesen, die richtigen Käufer gefunden zu haben, die dem Haus Sorge tragen würden, da diese den Anschein erweckt hätten, dass sie das Originalhaus respektieren würden. Das Verwaltungsgericht sieht die Lage anders als Maurer, folgt den Begründungen des Baurekursgerichts und kommt zu dem Schluss, dass die geplante Aufstockung möglich ist. Requiem.
Da ein Gericht nur aus triftigen Gründen von einem Gutachten der Kantonalen Denkmalpflegekommission abweichen darf, sind die Erwartungen des Juristen bei der Lektüre des Urteils gross. Sie werden aber schwer enttäuscht. Aus dem Urteil geht hervor, dass sich die Parteien einig sind, dass das Haus zwar ein bedeutender Zeuge der Nachkriegsmoderne, aber dessen Schutzumfang strittig ist. Gerade bezüglich dieses Schutzumfangs ist im Urteil so gut wie nichts zu finden. Die Richter beschränken sich auf den Hinweis, dass Jacques Schader in einer zitierten Passage des Gutachtens der Kantonalen Denkmalpflegekommission nicht auf die äussere Gestaltung seiner Baute eingeht. In anderen Worten: Da das Gutachten insbesondere auf die Qualitäten der Treppenhalle hinweist, beschränkt sich das Gericht auf die Behandlung der Frage, ob die Aufstockung die zentrale Wohnhalle und die Innengliederung des Gebäudes beeinträchtigt. Dabei vergisst es aber, dass die sehr berühmte Treppen-halle Teil eines stimmigen Ganzen ist: Motive und Materialien innen und aussen seien sorgfältig aufeinander abgestimmt, hebt Bruno Maurer hervor. Die Richter stellen zwar die Frage in den Raum, ob die geplante Aufstockung das äussere Erscheinungsbild beeinträchtige. Aber statt diese Frage eingehend zu prüfen und zu beantworten, halten sie nur fest, dass das Gutachten sich nur am Rande mit dem Gebäudeäusseren befasst. Insbesondere zeigt es nicht auf, worin dessen besondere Qualitäten bestehen sollen, die durch eine Aufstockung geschmälert würden. Schliesslich fehlt darin eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich das Bauprojekt auf das äussere Erscheinungsbild auswirken würde. Das Verwaltungsgericht selbst setzt sich mit der Problematik nicht auseinander, sondern urteilt im Einklang mit dem Baurekursgericht zusammenfassend, dass das Gebäudeäussere in mittlerem Umfang schutzwürdig sei und die geplante Aufstockung genügend Rücksicht auf das Schutzobjekt nehme und nur geringfügig in dessen Erscheinungsbild eingreife. Dies scheint ein billiger und bequemer Kompromiss zu sein.
Mit welchen fachlichen Kompetenzen können aber fachlich unkundige Personen wie Juristen über diese Thematik urteilen? Nach Bruno Maurer liege gerade hier das Problem: Mit einem «übergeordneten Interesse» würden die Listen immer wieder ausgehöhlt, die Anerkennung der kompetenten Arbeit der Spezialisten habe einen Tiefpunkt erreicht. Auf die Frage nach der Beurteilung der Situation im Zusammenhang mit dem Haus Schader verweist er auf den Eintrag in der Publikation des GTA über Jacques Schader: Das Gebäude sei qualitativ hochstehend und schützenswert. Zwei geschützte Gebäude sind schutzlos: Man könnte fast meinen, dass Schwerzenbach unter einem Voodoo-Fluch im Bereich des Denkmalschutzes leidet.
Die Entstellung des Opfers
Die Architektur stirbt, aber die Planenden leben nach dem Tod der Architektur weiter. Der Urheberrechtschutz erlischt 70 Jahre nach dem Tod des Architekten, dessen Erben ihn durchaus geltend machen dürften.
Der Architekt hat ein Recht auf die Wahrung der Integrität seines Werks, nach welchem er das ausschliessliche Recht zu bestimmen hat, ob, wann und wie das Werk geändert werden darf. Es handelt sich um ein Persönlichkeitsrecht. Ausgeführte Werke der Baukunst dürfen vom Eigentümer grundsätzlich geändert werden, aber der Architekt (oder dessen Erben) kann sich immer gegen jede Entstellung des Werks wehren, die ihn in seiner Persönlichkeit verletzt, indem sie sein berufliches Ansehen oder seine Ehre beeinträchtigt. Eine Entstellung setzt eine erhebliche Veränderung mit negativen Auswirkungen voraus. Diese Veränderung muss einschneidend sein. Je grösser die Individualität eines Bauwerks, desto mehr lässt sich eine persönlichkeitsverletzende Entstellung bejahen. Ob eine persönlichkeitsverletzende Entstellung eines Gebäudes vorliegt, kann am besten durch Fachleute im Rahmen von Gutachten beurteilt werden. Es dürfte durchaus interessant sein zu beurteilen, ob die Aufstockung des Hauses Schader zu einer Entstellung führt, oder einfacher gesagt, ob dadurch ein Dachschaden am ursprünglichen Haus entsteht. Die Antwort findet sich in der schon zitierten Monografie des GTA von Michael Hanak.
Die Strafe
Professor Mario Botta sagte kürzlich: «Beim Architekten muss der Wunsch da sein, der Gemeinschaft das zu geben, was man als das Richtige, das Schöne und auch das Moralische empfindet.» Dass Max Ziegler und Jacques Schader dies wollten, dürfte niemand ernsthaft bezweifeln. Mit der Zerstörung ihrer Werke wird die Öffentlichkeit bestraft. Deren Vertreter berauben sie eines Teils ihres Kulturguts, anstatt die ihnen anvertraute Aufgabe zu erfüllen, wie Professor Stalder ausführte. Die Liste der Kulturgüter wird immer kürzer, und Schwerzenbach wird sich bald nur noch mit einem der ersten im Einklang mit der geltenden Gesetzgebung betriebenen Freudenhaus der Schweiz schmücken können.
Walter Maffioletti
ist Rechtsanwalt und Mitglied der Royal Institution of Chartered Surveyors (RICS).
Er spezialisierte sich an der Uni Freiburg auf Bau- und Immobilienrecht, ist Leiter SIA-Recht sowie beratend und prozessierend bei Vialex Rechtsanwälte in Zürich und Lugano tätig.
Zudem wirkt er als Dozent und Referent an diversen Ausbildungsstätten und ist Mitherausgeber des «Handbuchs zum Bauwesen».
vialex.ch