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Je höher die Wellen, desto kleiner fühlt sich das Boot an. Das ist eine Gesetzmässigkeit. Und jetzt fühlt es sich gerade ziemlich klein an. Es ist der vierte November 2022. Ich bin gerade aus Vila do Porto auf Santa Maria ausgelaufen und Blue Alligator tanzt auf einer kurzen, steilen See, als müsse sie etwas Lästiges abwerfen. Das wäre dann ich. Um das Grosssegel anzuschlagen, muss ich mich mit aller Kraft am Baum festhalten, der hin und her schwingt, als dirigierte er mit grosser Geste eine pompöse Symphonie. Auf dem Rückweg ins Cockpit bewege mich auf allen Vieren übers Deck. Das Wenige an Vorsegel, das ich ausrolle, reicht, um das Boot auf über sieben Knoten zu beschleunigen. Es ist fast verwegen, wie die kleine Yacht durch die See schneidet.
Blue Alligator in ihrem Element
Ich erhalte eine Nachricht von Freunden. Sie beobachteten das Auslaufen über Marine Traffic, einer Seite, die den Schiffsverkehr weltweit abbildet und die auch Winzlinge wie uns erfasst. «Du bist aber schnell unterwegs», schreibt Herry von Porto Santo aus, der kleinen Schwesterinsel von Madeira, die das Ziel dieser Reise ist. Marine Traffic zeichnet leider nur die horizontale Bewegung auf, nicht die vertikale, das Auf und Ab.
Sobald die Segel gesetzt sind und ziehen, werden die Bewegungen jedoch gleichmässiger. Als würde sich das Boot nun mit den Wellen vertragen, die es immer noch beachtlich heben und senken. Aber Blue Alligator hat sich in ihr Element gefunden und sie zeigt der See ihre geschmeidige Schulter. Nur ab und zu trifft sie eine Welle von der Seite, knallt krachend gegen den Rumpf und jagt einen Schwall Atlantikwasser übers ganze Deck bis zum Steuer.
Ich habe in weiser Voraussicht bereits im Hafen das Leesegel für die Steuerbordbank im Salon ausgepackt. Jetzt kann ich mich in die Koje schmiegen und das Leesegel, das von der Kante zur Decke hochgebunden ist, verhindert, dass ich rausgeschleudert werde. Unter Deck hört sich das Tosen der See zwar gewaltiger an. Aber das Boot hält ihr stand, bleibt auf Kurs und scheint keine Mühe zu haben, seinen Weg zu finden.
Rettungsring über Bord!
Später werde ich feststellen, dass mein Rettungsring über Bord gegangen ist. Das ist von eher geringer praktischer Bedeutung, kann ich mir als Solosegler ja ohnehin kein Rettungsgerät nachwerfen, sollte ich über Bord gehen. Gerade das allerdings ist auch ein ziemlich beängstigender Gedanke, und so bewege ich mich nur umso vorsichtiger übers Deck. Und ich mache mir Gedanken, was geschieht, wenn der Ring irgendwo angespült und gefunden wird. Er ist mit dem Namen meines Boots und seinem Heimathafen Basel beschriftet. Könnte jemand denken, die Yacht sei in Seenot oder gar gesunken? An dieser Stelle sei gesagt: Wir schwimmen und es geht uns gut.
Der Abend kommt rasch. Der Sonnenuntergang ist berauschend. Die See, ist sie etwas ruhiger geworden? Inzwischen habe ich das Grossegel gerefft, denn es bläst nun regelmässig zwanzig Knoten und mehr. Blue Alligator läuft besser so, und die Windsteueranlage kann das Boot problemlos kontrollieren. Das Gerät ist eine geniale Erfindung. Es richtet das Boot in einem gewollten Winkel zum Wind aus und steuert es über ein ausgeklügeltes System von Windfahne und Ruderblatt im Wasser. Zwei Leinen führen zum Steuerrad und korrigieren akkurat jede Abweichung vom eingeschlagenen Kurs.
Kochen ist nicht angesagt, denn der Herd schwingt hin und her, als wäre er eine Schaukel. Die Pfannen kann ich zwar befestigen. Ihr Inhalt riskiert dennoch überzuschwappen. Ein kleines Süppchen aus dem Beutel muss reichen. Ich löffle es stehend, eingeklemmt in der Ecke zwischen Herd und Spüle.
Allein unterwegs
Die erste Nacht auf See ist immer gewöhnungsbedürftig. Der Rhythmus zwischen Schlaf und einem regelmässigen, kurzen Rundblick muss jeweils erst gefunden werden. Zum Glück sind, nachdem wir die Schifffahrtslinie gleich südlich von Santa Maria passiert haben, kaum mehr grosse Schiffe zu sehen. Kein AIS-Signal weit und breit. Kein Licht, das am Horizont aufscheint.
Wenn man sich Seiten wie MarineTraffic oder Vesselfinder anschaut, so sind die Meere übersäht von Signalen. Die Schiffe bewegen sich über die Ozeane wie Ameisen auf einer überfüllten Ameisenstrasse.
Zoomt man gar etwas aus, verschwinden die blauen Flächen der Meere beinahe unter den bunten Schiffspunkten, die sich zu kompakten Bändern verbinden. Aber segelt man hier draussen, scheint man doch allein zu sein. Stunden, tagelang nur die See und der Himmel, tagsüber blau, von ein paar weissen Wolken verziert, nachts schwarz, aber übersäht von Sternen, sofern ein fast voller Mond nicht alles überstrahlt und eine silberne Bahn auslegt, die bis an den Saum des Rumpfs von Blue Alligator reicht.
Wo sind die Tiere?
Es ist atemberaubend schön. Aber es existiert auch noch eine andere Leere: Keine Delphine, schon gar keine Wale und auch sonst keine Flosse ist zu sehen. Das macht mir Angst. Über ein totes Meer zu segeln, ist ein schrecklicher Gedanke. «Ach was», sagt Peter, ein Freund, der schon die ganze Welt besegelt hat, «wir müssen nur aufmerksamer sein.» Vielleicht hat er ja recht. Ich weiss, dass ich auch schon mal eine Begegnung mit einem Wal buchstäblich verschlafen habe. Die Crew eines anderen Bootes in der Nähe hat ihn neben Blue Alligator auftauchen sehen. Ich lag derweil wohl schnarchend in der Koje.
Am zweiten Tag ist die Welle kleiner geworden. Der Wind hat auf etwa 10 Knoten abgeflaut. Er kommt von querab. Besser könnte es nicht sein. Blue Alligator erreicht manchmal acht Knoten. Wir schiessen über das Meer. Und schon wieder einem Sonnenuntergang entgegen.
Die Tage vergehen mit Lesen, Schlafen, Schauen, Nachdenken, Notieren. Und endlich kann ich auch wieder etwas Kochen. Ich habe noch ein Steak im Kühlschrank. Das gibt es an diesem grandiosen Abend.
Später flaut der Wind merklich ab und ich muss die Maschine starten. Zum Motorenlärm gesellt sich das Quietschen des elektrischen Autopiloten, der nun übernimmt. Ich kann ihm das einfach nicht abgewöhnen und das Geräusch ist nervtötend. Ich schlafe deshalb im Bug, so weit von den Lärmquellen weg wie möglich. Aber die Routine bleibt. Etwa eine Stunde Schlaf, dann aufstehen, erster Blick auf den Kartenplotter, um nach einem AIS-Signal zu schauen. Dann raus ins Cockpit und Rundblick. Es gibt immer noch Segler, die auf ein AIS verzichten. Und natürlich die Fischer, die ihres abstellen, wenn sie auf Beutezug sind. Deshalb reicht die Kontrolle der Instrumente nicht.
Das Vertrauen wächst
Dann noch der Blick in den Himmel. Ich habe nun Nacht um Nacht dasselbe Sternzeichen genau voraus. Ich könnte nach den Sternen navigieren. Aber ich bin eben ein Kind des 20. Jahrhunderts und so vertraue ich auf den Kompass und GPS. Vielleicht muss ich mich einmal umgewöhnen, wenn es das alles nicht mehr gibt, falls es das nicht mehr gibt. Wer weiss.
Der Wind bleibt schwach. Nur einmal, am Morgen des dritten Tages, keimt Hoffnung. Die Windanzeige klettert auf zehn Knoten hoch. Motor aus, Vorsegel raus. Das Gross habe ich ohnehin stehen lassen.
Ein paar Stunden rauschen wir unter vollen Segeln dahin, Blue Alligator wirft eine kleine Bugwelle auf und das Leben an Bord ist wunderbar. Ich bilde mir ein, ich könnte nun einfach weitersegeln, könnte locker den Atlantik überqueren. Das ist eigentlich das Ziel dieser Reise. Bis jetzt habe ich es mir nicht so recht zugetraut. Drei Wochen allein auf See. Wie soll ich das aushalten? Jetzt kommt es mir gerade gar nicht so schwer vor. Aber ich habe ja auch bloss noch eine Nacht vor mir, bevor ich auf Porto Santo landen werde. Das werden dann 490 Seemeilen im Kielwasser haben, nicht 3000. Aber ich fühle mich doch ganz zufrieden, auch wenn das Segelglück nur kurz dauert und wir schon bald wieder unter Motor dem Abend entgegentuckern.
Die Sache mit der Tankanzeige
Ich bin in der Regel ein vorsichtiger Mensch. Aber aus irgendwelchen Gründen verlasse ich mich ganz auf die Anzeige für den Dieseltank und die zeigt halb voll an. Nach dem Essen lege ich mich in die Koje und die Nachtroutine beginnt. Ich schlafe nie tief und so höre ich um fünf Uhr früh, was ich nicht hören dürfte: Der Motor beginnt zu stottern und setzt schliesslich aus.
Schmutz im Diesel? Luft im System? Das sind die ersten Gedanken. Das Naheliegende fällt mir erst ein, nachdem mein Denken wieder funktioniert. «Darling, du hast kein Diesel mehr im Tank!», geht es mir durch den Kopf.
Zum Glück habe ich eine Reserve von 70 Litern in Kanistern. Und weit ist es auch nicht mehr. 30 Seemeilen bis Porto Santo. Ich kann bereits die Lichter der Insel sehen. Ich fülle zwanzig Liter in den Tank. Aber einen Dieselmotor muss man zunächst entlüften, bevor man ihn nach einem solchen Zwischenfall starten kann. Um seitlich an die Maschine ranzukommen, wo sich die Entlüftungsschrauben befinden, muss ich die Hundekoje ausräumen. Das ist die achterliche Koje hinter dem Kartentisch. Warum sie Hundekoje heisst, ist mir nicht geläufig. Auf Englisch heisst sie pilot berth, was etwas mehr Sinn ergibt, sollte doch der Steuermann so nah wie möglich an seinen Instrumenten und dem Steuer schlafen. Aber es stimmt schon, sie ist eher für Hunde als für Menschen geeignet. Oder auf Blue Alligator eben zum Verstauen von sperrigen Dingen wie Tauchflasche, Solarpanele oder die hölzernen Sitze des Beiboots. Das muss jetzt alles raus und der Salon sieht aus, als hätte Blue Alligator einen Kopfstand gemacht, bei dem alles von achtern nach vorne geflogen ist.
Nach über zwanzig Jahren inniges Verhältnis mit meinem Boot und ihrem Motor weiss ich, wie ich die Sache angehen muss. Und sobald die Luft aus dem System rausgedrückt ist, startet der Yanmar-Diesel ohne zu mucken.
Ankommen
Ich gelobe feierlich, von nun an meine Kalkulationen zum Dieselverbrauch zu machen und Anzeigen grundsätzlich zu misstrauen. Mit dem Diesel, den ich im Tank habe, sollte ich es bis nach Porto Santo schaffen. Ein mulmiges Gefühl bleibt trotzdem und in Gedanken male ich mir aus, was passieren würde, wenn im dümmsten Augenblick der Motor stoppt. Etwa beim Einparken. Aber der Motor lässt mich nicht im Stich und im Hafen erwarten mich meine Freunde Herry und Helga. Die versprochene Box ist leider besetzt. Aber ich kann bei einer französischen Yacht, der Callimorphos, längsseits gehen. Ist mir auch recht.
Ich mache fest, ziehe den Stopphebel des Motors und schau mich um: Ich bin angekommen auf einer bräunlichen Insel mit dürren, kegelförmigen Bergen und dem angeblich schönsten Strand Europas. Eine völlig anderen Welt als die Azoren. Nur das Meer hat dasselbe tiefe, dunkle Blau. Ich werde ein paar Tage hier liegen. Aber es drängt mich bereits, wieder auszulaufen, raus auf dieses dunkle Blau, auf den Atlantik. Wer weiss. Vielleicht doch über ihn drüber bis auf die andere Seite?