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Anbetung der Hirten (El Greco, 1612)
„Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“ (Joh 1,9)
Liebe Freunde, liebe Freundinnen und liebe Mitglieder der Theologischen Fakultät!
Anlässlich der „Anbetung der Könige“ hat die Kirche das Fest der Epiphanie oder Erscheinung des Herrn eingesetzt, weil sich der Herr, der Tradition folgend, den durch die drei Könige oder Sterndeuter symbolisierten Völkern als „Retter der Welt“ offenbarte. Mich hat jedoch die „Anbetung der Hirten“ immer mehr angezogen: aufgrund der Darstellungen in der Malerei des Barocks, aber auch weil sie als Leute aus dem Volk für die „Einfältigen und Demütigen“ bzw. die „Unmündigen und Kleinen“ (Mt 11,25) stehen, denen sich Gott vorrangig offenbart. Es gibt dafür zwar keinen expliziten Festtag im Kirchenjahr, aber die Heilige Nacht, die „Weihnacht“, kann sicherlich als „Fest der Menschwerdung Gottes und der Anbetung der Hirten“ betrachtet werden, denn diese sind die ersten Empfänger der guten Nachricht von der Geburt des Messias und Retters der Welt. Sie sind dann auch die ersten Anbeter des Kindes in der Krippe, „in Windeln gewickelt“. Sie glaubten den Engeln und waren prompt bereit, zum Kind zu gehen: „Kommt, wir gehen nach Betlehem, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden liess“. Sie waren auch die ersten Künder der guten Nachricht, denn sie erzählten Maria und Josef, „was ihnen über dieses Kind gesagt worden war“. Es heisst, dass alle „über die Worte der Hirten“ staunten: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (Lk 2,12-19). Der lukanische Bericht über die Geburt Jesu und die Anbetung der Hirten wurde in der Kunstgeschichte mit dem Johannesprolog verbunden, wo es heisst: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“ (Joh 1,9), und dieses Licht „leuchtet in der Finsternis“ (Joh 1,5).
Die grossen Maler des Barocks – nicht nur in der katholischen Kirche, wo sie durch das Konzil von Trient ermahnt wurden, dem „biblischen“ Bericht zu folgen und Werke zu schaffen, die im Sinne einer „Katechese mit dem Pinsel“ die Betrachtenden zur Andacht führen – haben uns Darstellungen der „Anbetung der Hirten“ hinterlassen, die das Kind, „in Windeln gewickelt“, umgeben von Maria, Josef und den Hirten, als Lichtquelle in der Finsternis zeigen. Das vom Kind ausgehende Licht spiegelt sich vor allem im staunenden Gesicht Mariens wider, aber auch in den Gesichtern Josefs und der Hirten, und zwar umso mehr, je näher sie das Kind mit einem zärtlichen Blick betrachten. Dies findet sich etwa in der „Anbetung der Hirten“ von Bartolomé Murillo , Francisco de Zurbarán, Gerard van Horthorst oder Matthias Stomer, aber auch bei El Greco und Rembrandt . Bei diesen zwei hat man zudem den Eindruck, dass das Kind, „in Windeln gewickelt“, nicht nur Licht in der Finsternis ist, sondern eine Wärmequelle, ein „Feuer“ für diejenigen, die sich ihm nähern. So haben El Greco und Rembrandt den „mystischen“ Blick auf das Geheimnis der Menschwerdung sehr gut getroffen: Was Gott mit der Menschwerdung beansprucht, ist nämlich, „uns zu Göttern durch Teilhabe zu machen, wie er es von Natur aus ist, so wie das Feuer alle Dinge in Feuer verwandelt“ – sagte z.B. der „doctor mysticus“ Johannes vom Kreuz.
Machen wir es wie die Hirten: Lassen wir uns vom Licht des Menschgewordenen erleuchten und von seinem Feuer erwärmen und reinigen, damit wir IHM ähnlicher werden. Das wird nicht all unsere Fragen angesichts der Widrigkeiten menschlicher Existenz beantworten, die auch ER – von der Geburt im Stall und der Flucht nach Ägypten „bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,8), von allen verlassen – erfuhr. Aber das könnte unserem Leben eine neue Perspektive geben: Es lohnt sich trotz allem, nach den Werten des Evangeliums zu leben (ER hat ja schliesslich „das Hundertfache“ versprochen, Mk 10,30, 4,20), für ein menschenwürdiges Leben für alle einzutreten, den Blick der „Kleinen“ der Geschichte einzunehmen, „Hüter des Nächsten und der Umwelt“ zu werden, an einen Gott zu glauben, dessen Wesen „die Liebe“ ist (1 Joh 4,16) und bei dem daher, wie Don Quijote sagte, „die Barmherzigkeit mehr glänzt und hervorstrahlt als die Gerechtigkeit“.
Ich wünsche allen Freundinnen und Freunden sowie allen Mitgliedern der theologischen Fakultät eine gesegnete, frohe Weihnacht, in der wir mit den Hirten das Kind in der Krippe zu Betlehem als das wahre Licht der Welt betrachten! Möge dieses Licht auch in der aktuellen Pandemie leuchten und uns mehr Demut und Selbsterkenntnis sowie eine neue Lebensart lehren, die den Stolz der Hybris hinter sich lässt – und die im Polyfon der Kulturen und Religionen der Welt auf der Suche nach einer neuen Spiritualität und einem neuen Humanismus christliche Akzente setzt.
Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Mariano Delgado, Dekan