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Auf die Parforce-Leistungen des Sprinters Alex Wilson am Sonntag in den USA folgen die Zweifel. Insbesondere der Europarekord des Baslers über 100 Meter mit einer Zeit von 9,84 Sekunden wirft Fragen auf.
Wilson selber und auch sein Berater und Freund Andreas Hediger, Co-Direktor des Weltklasse-Meetings in Zürich, können die gelaufenen Zeiten kaum fassen.
«Direkt nach dem Rennen dachte Alex, dass er vielleicht 10,10 Sekunden oder bestenfalls 10,00 gelaufen ist, aber niemals so schnell, wie es auf der Anzeigetafel im Stadion und in den Ranglisten zu lesen war», sagte Hediger am Montag zur Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
«Stimmt es, sind Sie sicher, ist alles in Ordnung?», soll Wilson die Offiziellen gefragt haben.
«Wir stellen uns Fragen»
«Ich selber stelle mir bei diesen Auftritten die gleichen Fragen wie ihr Journalisten. Der Athlet sah sich selber nicht in so guter Form, auch wenn er sich gut vorbereitet hatte. Aber auf dem Ergebniszettel stehen 9,84 Sekunden über die 100 Meter und 19,89 Sekunden über die 200 Meter», sagte Hediger weiter.
Die Kunde über die grossartigen Leistungen verbreitete sich am Sonntagabend schnell. Die Meldung war auf Internet-Portalen und am Montag in mehreren Tageszeitungen zu lesen. Die Pressestelle von Swiss Athletics, die die beiden Schweizer Rekorde am Sonntagabend aufgrund der von Hediger übermittelten Informationen und Listen publik machte, erhielt nun von den Organisatoren des Meetings einen Teil der für die Freigabe der Zeiten massgebenden Angaben.
Kleines Meeting mit ländlichem Charakter
Wilson startete an einem kleinen Meeting mit sehr ländlichem Charakter in Marietta in Georgia in der Nähe von Atlanta. Die Ergebnisliste im Internet zeigt, dass der Basler das 100-Meter-Rennen in 9,84 Sekunden gewann, bei einem günstigen Rückenwind von 1,9 Meter pro Sekunde. Der Zweitplatzierte, der Einheimische Kevin Samuels, sprintete in 12,12 Sekunden ins Ziel. Es waren nur Athleten am Start, die über 30 Jahre alt waren.
Über 200 Meter siegte Wilson in 19,89 Sekunden mit der Unterstützung von 1,8 Meter Rückenwind vor Samuels in 24,98 Sekunden. Gleichenorts war eine Woche zuvor der Jamaikaner Yohan Blake über 100 Meter in 9,95 Sekunden gestoppt worden.
Bei Swiss Athletics sollen sie bei der Veröffentlichung der Resultate vorerst gezögert haben. Nach Überprüfung der Ranglisten im Internet entschieden sie sich aber, die zwei Schweizer Rekorde und den Europarekord «vorbehaltlich der Homologation» (100 Meter) zu verkünden. Beim Verband wussten sie von Wilsons Teilnahme an diesem Meeting.
Bescheidener Start in die Saison
In der laufenden Saison war Wilson bisher nicht wie gewünscht auf Touren gekommen. Vor seinen Starts in Marietta stand er mit persönlichen Bestzeiten von 10,38 beziehungsweise 20,64 Sekunden zu Buche. Bei seinem letzten Einsatz Anfang Juli beim Diamond-League-Meeting in Oslo hatte er über 200 Meter mit 20,98 Sekunden enttäuscht. Nach dem Abstecher in Norwegens Hauptstadt kehrte Wilson fürs Training und die Olympia-Vorbereitung in die USA zurück.
Vonseiten von Swiss Athletics war zu vernehmen, dass der «Homologationsprozess im Gange sei». Die erhaltenen Dokumente müssten «ausgewertet» werden. Beim Verband warten sie nun auf das Ergebnis. Im Internet ist vorerst weder von World Athletics noch vom Europäischen Leichtathletik-Verband über die betreffenden Rennen etwas zu erfahren. Der Weltverband hat die Ergebnisse vorerst in die Statistik auf seiner Website aufgenommen.
Bis zu einer möglichen Homologation wird der Europarekord weiterhin gemeinsam vom Franzosen Jimmy Vicaut und dem Portugiesen Francis Obikwelu in 9,86 Sekunden gehalten. Die Schweizer Rekorde von Wilson liegen bei 10,08 und 19,98 Sekunden. Der Basler wird diese Woche zu den Olympischen Spielen nach Tokio fliegen.
Weitere Aufregung wegen Begegnung mit Doping-Trainer
Für Aufregung um Wilson sorgt nun aber noch eine weitere Geschichte. Wie der «Tages-Anzeiger» berichtet, hat der 30-Jährige vor dem betreffenden Meeting offenbar mit Raymond Stewart trainiert. Und das, obwohl der Jamaikaner eigentlich seit 2010 keinen Athleten mehr betreuen darf, weil er wegen Doping-Vergehen lebenslang gesperrt wurde. Der «Tages-Anzeiger» beruft sich dabei auf ein Video, das ihm zugespielt wurde.
Wilson bestätigt das Treffen, sagt aber: Er habe Stewart nicht gekannt und von seiner Vergangenheit nichts gewusst. Es habe sich um eine Zufallsbegegnung im Rahmen eines Fussballspiels gehandelt und sein Trainer habe Stewart lediglich um einige Tipps gefragt. Eine Trainingseinheit habe es aber nicht gegeben.