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Polit. Gem. GE. Südl. von Rhone und Arve gelegene Stadt. Im FrühMA Quadruvium, Quatruvio, 1248 Carrogium, im 14. Jh. Quarrouiz oder Quarroggi, 1445 Quaroggio. Die Stadt wurde von der sardin. Monarchie (Haus Savoyen) im letzten Viertel des 18. Jh. von Grund auf neu errichtet, um Genf zu konkurrenzieren. 1772 567 Einw.; 1779 1'155; 1786 3'188; 1792 4'672; 1795 3'594; 1799 2'935; 1822 3'571; 1850 4'403; 1900 7'437; 1950 9'290; 2000 17'590.
Die Spuren zweier nach- und nebeneinander erbauter Brücken über die Arve (um 100 v.Chr.) belegen eine Besiedlung in der Antike. Sie sind mit dem Aufschwung des gall. Oppidums Genua bzw. der späteren röm. Civitas Genava in Zusammenhang zu stellen. Die Arvebrücke war nicht nur Treffpunkt der Strassen von Seyssel und Annecy nach Genf, auch Nebenstrassen liefen hier zusammen. Die Funktion als wichtiger Strassenknotenpunkt prägte die Geschichte von C. Archäolog. Untersuchungen haben die Existenz zweier röm. Gutshöfe belegt, deren älterer aus der 2. Hälfte des 1. Jh. n.Chr. stammt. Ein Heiligtum und Werkstätten bestätigen die Anlage eines Vicus, der sich bis in das FrühMA laufend weiterentwickelte. Auf eine wichtige Garnison in röm. Zeit deuten die Überreste zweier Schutzwälle hin, die ein weites Areal umschlossen. Die Pfähle des äusseren Murus sind älter als die Überreste des inneren Grabens und gehen nach der dendrochronolog. Datierung auf 14 v.Chr. zurück. Sie unterstreichen die strateg. Bedeutung des Orts vom 1. Jh. v.Chr. an. Allerdings besteht Ungewissheit darüber, ob der äussere Graben ein Werk der Allobroger oder der Römer war.
Obschon Genf einer der Mittelpunkte des frühma. Burgunderreichs war, wurde Sigismund 516 in der villa quadruvio und nicht in der Genfer Kathedrale zum König der Burgunder gekrönt, vielleicht um noch nicht zum Katholizismus bekehrte Untertanen nicht vor den Kopf zu stossen und den germ. Brauch der Königswahl durch Akklamation der Soldaten weiterzuführen. Die militär. Befestigung von C. scheint damals noch bestanden zu haben, und es ist ungewiss, wann sie geschleift wurde. Die örtl. Herrschaftsträger rivalisierten heftig um die Früchte des Konjunkturaufschwungs im 11. und 12. Jh.: Der Bf. von Genf sicherte sich den Brückenzoll, der Gf. von Genf den Wegzoll auf den zur Brücke führenden Strassen. 1394 erhielt Gérard de Ternier, Vasall der Gf. von Genf, als Rückerstattung eines Darlehens das Brückenrecht, welches dann als Erbe an Hzg. Amadeus VIII. von Savoyen fiel. In kirchl. Hinsicht gehörte C. zur Pfarrei Lancy. Einzig das 1247 erstmals erwähnte Siechenhaus war der (ausserhalb der Mauern Genfs gelegenen) Pfarrei Saint-Léger unterstellt. Es blieb bis 1558 in Funktion. Das Alltagsleben in dieser Einrichtung und ihre Organisation sind uns durch das 1446 verfasste "Livre des Ladres" bekannt. Dem Siechenhaus gegenüber stand die Kapelle Saint-Nicolas, das einzige Überbleibsel des im 13. Jh. aufgegebenen Weilers Saint-Nicolas-le-Vieux.
Durch Streitfälle und Rivalitäten wurde die Gemengelage der verschiedenen Feudalherrschaften und Lehengüter in der Region stets komplizierter. Dieser Zustand wurde erst durch den Turiner Vertrag (1754) entflochten. Vorher jedoch war C. Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen Genf und Savoyen. Im Zuge ihrer mutwilligen Zerstörung des eigenen Weichbildes -- mit dem Ziel, die Verteidigung Genfs zu erleichtern -- machten die Genfer 1534-35 auch vor dem Brückenort an der Arve nicht Halt. Die Ankunft der Berner 1536 änderte die Lage kaum. Hatte Genf sich die Rechte des Kapitels und des Priorats Saint-Victor angeeignet, so lag die hohe Gerichtsbarkeit nun bei der Stadt Bern. Diese gab sie 1564 Hzg. Emanuel Philibert von Savoyen zusammen mit seinen Territorien zurück. Im Krieg von 1589 zwischen Genf und Savoyen war C. Schauplatz blutiger Kämpfe. Das 1589 auf dem linken Arveufer errichtete Fort de l'Arve wurde bereits 1596 wieder geschleift. Danach lag C. trotz der Bedeutung seiner Brücke für über ein Jahrhundert öd. Die aus strateg. Erwägungen absichtlich leicht gebaute Grenzbrücke wurde mehrfach Opfer von Hochwassern und in der Regel unverzüglich wieder aufgebaut; zeitweise allerdings lag eine Fähre an ihrer Stelle. Die teilweise Eindämmung der Arve ab 1740, die Errichtung einer Gerberei am Wasserlauf, der Turiner Vertrag von 1754 und schliesslich der Aufschwung des internat. Handels verliehen dem Raum C. neue Dynamik. Das Grundbuchregister wurde 1760 und bereits wieder 1768 (savoy.-sardin. Landkarte von 1738) überarbeitet. 1754 zählte man noch 24 Häuser, 1765 bereits deren 87.
In den 1760er Jahren richtete sich das polit. und wirtschaftl. Augenmerk des Turiner Königshofs auf C. Besorgt ob der ungesteuerten Siedlungsentwicklung in C. stellten die sardin. Behörden einen Richtplan auf (Plan Garella 1772). 1777 erhielt C. das Recht, zweimal jährlich eine Messe und allwöchentlich einen Markt zu halten. Im selben Jahr wurde C. von der Pfarrei Lancy abgetrennt und der Bau der Kirche Sainte-Croix in Angriff genommen. C. wurde 1780 zum Hauptort der gleichnamigen Provinz und im Jan. 1786 zur königl. Stadt erhoben. Die Ankunft des Intendanten Giovanni Battista Foassa-Friot, der bis 1789 am Ort verblieb, half die letzten Widerstände überwinden, auf welche die Entwicklung von C. am Turiner Hof stiess. Immer neue städtebauliche Projekte wurden entworfen: nach jenem von Francesco Luigi Garella (1772) der zu aufwendige und schlecht angepasste Plan von Giuseppe Battista Piacenza (1777), den Vincenzo Manera 1779 nachbesserte. Schliesslich gab der Plan Robilant (1781) die Grundlage für die Errichtung der neuen Stadt ab. Er wurde noch von Domenico Elia und Giuseppe Viana (1781-83) sowie von Lorenzo Giardino (1787) überarbeitet. Trotz dieser Korrekturen blieb der Grundgedanke unverändert: Die zu bauende Stadt war nach den Verkehrsachsen ausgerichtet und wies regelmässig angeordnete, rechteckige Häuserblöcke auf. Eine geringe Hierarchisierung und Spezialisierung der einzelnen Blöcke sollte die soziale Durchmischung fördern. Lediglich die Rue Ancienne (die einer antiken Strassenachse folgte) durchbrach das Schachbrettmuster. Die meist zweistöckigen, im neoklassizist. Stil gehaltenen Häuser erhielten einheitl. Strassenfronten, in denen sich Eingangspforten und Bogengänge abwechselten. In den Innenhöfen wurden Gärten oder Plätze gestaltet, von denen viele noch erhalten sind. Die bescheideneren Gebäude hatten jeweils eine Aussentreppe, die auf eine gartenseitige Holzgalerie führte, von wo aus die versch. Zimmer des oberen Stockwerks zu erreichen waren. Foassa-Friot legte 1787 das Grundmuster und das Profil der Bauten fest und beauftragte Giardino mit der Fassadengestaltung.
Auch wenn der Plan niemals vollständig verwirklicht wurde und zudem viele Gebäude im Lauf des 19. Jh. aufgestockt wurden, blieb das Stadtbild in architekton. Hinsicht doch bemerkenswert genug, um zu Beginn des 20. Jh. einen wachsenden Teil der Bevölkerung für seine Erhaltung zu sensibilisieren. Manche Gebäude und andere Bauwerke, darunter die von Jean-Daniel Blavignac 1867-68 errichteten Brunnen, wurden in den 1920er Jahren als erhaltenswert eingestuft. 1940 wurde eine Schutzzone vorgeschlagen. Das erste Gesetz zum Schutz des alten Kerns von C. -- bei dem das 1958-73 erbaute Quartier Les Tours übrigens Anleihen machte -- stammt von 1950. C. war überdies die vierte Stadt in Europa, die eine Pferdebahn (1862) einführte. Diese wurde zum Vorläufer der Tramlinie 12, eines Kernstücks der Genfer Verkehrsbetriebe. "Die Erfindung von C.", wie sich André Corboz ausdrückte, einer Stadt ohne Mauern und Bollwerke, mit geraden Strassen, weitläufigen Plätzen und Rondellen eingangs der Stadt kontrastierte mit den gewundenen Gassen und den eindrucksvollen Festungsanlagen Genfs, ihrer Rivalin. Auf kulturellem Gebiet zeichnete sich C. im 18. Jh. durch eine einzigartige Atmosphäre religiöser Toleranz aus. Die Reformierten erhielten 1783 das Recht zur freien Religionsausübung und einen eigenen Pfarrer (1818-22 Bau der ref. Kirche). 1787 wurde auch den Juden, von denen viele aus dem Elsass kamen, Religionsfreiheit und das Recht auf einen eigenen Friedhof gewährt. 1786 war die Bevölkerung bunt gemischt: 51% kamen aus Frankreich, 26,3% aus Savoyen oder dem Piemont, 7,8% aus Deutschland, 6,5% aus Genf und 5,5% aus den eidg. Orten.
Am 2.10.1792 wurde C. in den franz. Staat eingegliedert. Die Bevölkerung bereitete den Revolutionsheeren einen wohlwollenden Empfang. Nicht minder günstig wurden die jakobin. Reden der Société populaire aufgenommen. Die Religionsausübung wurde untersagt, und in der Kirche Sainte-Croix tagten stattdessen die revolutionären Klubs. Mehrere Strassen erhielten neue Namen. Zunächst wurde der neue Distrikt C. dem Dep. Mont Blanc, 1798 dem neu gegr. Dep. Léman angegliedert. C. gelangte damit unter die Verwaltung Genfs, der Rivalin, die zum Hauptort des Dep. bestimmt worden war. Bis zum Sept. 1814 blieb C. französisch und fiel dann, nach einer kurzen österr. Besetzungszeit, an das Königreich Sardinien zurück. Durch den Turiner Vertrag (1816) wurde C., ohne grosse Begeisterung in der Bevölkerung, dem Kt. Genf und damit der Eidgenossenschaft angegliedert. In der 2. Hälfte des 19. Jh. war C. eine Hochburg der Genfer Radikalen, darunter bedeutender Politiker wie Moïse Vautier, Jean-Adolphe Fontanel, Jules Vuy und Emile Degrange. Die Radikalen von C. hatten einen wichtigen Anteil an der Verbannung ihres berühmten Mitbürgers, des späteren Kardinals Gaspard Mermillod.
Als Handelsstadt zog C. mit seinem Umland Nutzen aus wichtigen Verbesserungen des Verkehrswesens im ausgehenden 18. und frühen 19. Jh.: z.B. aus dem Bau des Hafens von Bellerive und der Brücke bei Sierne (1778), die eine Umgehung des Genfer Zolls ermöglichten, sowie aus dem Bau des Pont-Neuf (1808-16) aus Stein durch Nicolas Céard. Im Durchgangsort C. entstanden zahlreiche Herbergen und Cabarets (1792 143), eine Tradition, die sich erhalten hat. C. wurde auch zur Industriestadt: Die Eindämmung der Arve sowie die Umleitung und Kanalisierung der Drize begünstigten den Mühlenbau. Im 18. Jh. stützte sich die Industrie von C. auf die oft des Schmuggels bezichtigten Gerbereien und auf die Uhrmacherwerkstätten, die aber nie an jene in Genf heranreichten. Im 19. Jh. traten eine ansehnl. Baumwollspinnerei (Foncet & Odier, 1807-22, 1816 600 Beschäftigte) und Fayencemanufakturen (Herpin, Baylon, Dortu, später Picolas, Coppier) an ihre Stelle. Im Allgemeinen hatten die Unternehmen von C. durch den Anschluss an Genf Nachteile zu gewärtigen, da sie ihre traditionellen Absatzmärkte verloren. Die zahlreichen Unternehmen und mechan. Werkstätten, die sich zwischen 1870 und 1912 in C. ansiedelten, sowie 1958 die Schaffung der Fipa (Fondation des terrains Industriels Praille-Acacias) mit dem Ziel, die Bahnverbindung Cornavin-La Praille besser zu nutzen, gestatteten es der Stadt, ihre Stellung als Industriestandort zu festigen. Die massive Ausbreitung von Mode- und Geschenkboutiquen drohte vor einigen Jahren das traditionelle Kleingewerbe zu verdrängen, doch löste eine neue Entwicklungsdynamik im Dienstleistungssektor diesen Trend ab.
Literatur
– E.-H. Gaullieur, Annales de Carouge, 1857
– E. Ginsburger, Histoire des Juifs de C., 1923
– A. Corboz, Invention de C., 1968
– R. Zanone, Cap sur l'histoire de C., 1983
– A. Brulhart, E. Deuber-Pauli, Ville et canton de Genève, 1985, 287-301 (21993)
– P. Guichonnet, C., ville royale, [1985]
– Bâtir une ville au siècle des Lumières, Ausstellungskat. C., 1986
– Des hommes, une ville: C. au XIXe siècle, hg. von D. Zumkeller, 1986
– C. Bonnet et al., C., 1992
– Dictionnaire carougeois, 1994-
Autorin/Autor: Dominique Zumkeller / EB