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Ein hübsches Häuschen in einem Wohnquartier in Köniz, Bern. Eine herzige Gartenlaube, Sichtbalken in der Fassade, ein Garten. Dieses Haus beherbergt eine besondere Wohngemeinschaft: Hier leben 14 Personen, die abhängig sind von harten Drogen.
Patric (34) ist einer von ihnen. Er ist kräftig gebaut, hat dunkelblonde Haare und trägt einen roten Pulli. Er sitzt am Tisch im Essraum neben der Laube, die in den Garten führt. Er raucht, ist aufgeregt, dass sich jemand für sein Leben interessiert. Seit etwa drei Jahren wohnt er hier. «Weil ich nichts anderes hatte», sagt er und zieht an seiner Zigarette. Patric hatte keine Wohnung, keinen Job. Nur die Sucht, die ihn tagtäglich begleitete. Heroin, dreckiges, auf der Strasse gekauft. «Ich wollte ins Heroinprogramm», erzählt er. Er wurde aufgenommen und kam in die «Wege Weierbühl». Sein Ziel: ein geregeltes Leben zu führen. Seither geht er morgens um Viertel vor acht und nachmittags um halb fünf zur Abgabestelle. Dort erhält er eine dosierte Menge Opioide: 200 Milligramm (mg) Heroin, 20 mg Methadon.
«Hier ist es gut: Ich bin nicht mehr auf der Strasse»
Seine Augen wirken schläfrig. Patric war 18, als sein Leben zusammenbrach. Schwerer Autounfall, doppelter Schädelbasisbruch, Hirnblutung. In der Reha lernte er wieder zu sprechen und zu laufen. Ansonsten war nichts mehr wie vorher. «Sie sagten mir, ich sei ganz anders als früher.» Schmerzen, Konzentrationsschwäche, Vergesslichkeit. «Ich konnte nichts lernen, nichts blieb mir.» Irgendwann kam in seiner Krankengeschichte paranoide Schizophrenie dazu, mit 20 war er ein 100-prozentiger IV-Fall. Er drückte seine psychischen und physischen Schmerzen mit Drogen weg: Kiffen, dann Heroin.
«Hier ist es gut: Ich bin nicht auf der Strasse», sagt Patric. «Es ist immer jemand da, mit dem du reden kannst.» Er hat auch seine klaren Aufgaben. Er zeigt den Ämtliplan, der an der Pinnwand neben dem Esstisch hängt. «Einmal pro Woche hat jeder das Tagesämtli: abwaschen nach dem Abendessen, den Essraum aufräumen, putzen und in Ordnung halten. Und heute muss ich die Toilette auf unserem Stock putzen.»
Im Parterre befinden sich Aufenthaltsraum, Küche und Sozialarbeiterbüro. Im ersten und zweiten Stock sind je sechs Zimmer untergebracht, im Dachstock zwei weitere – erstaunlich viele, dementsprechend klein sind sie. Bei Patric haben neben dem Bett ein Schrank und ein kleiner Schreibtisch Platz. «Das erste Zimmer war noch kleiner», sagt er. «Jetzt habe ich wenigstens einen Balkon.»
Jeden Nachmittag geht er arbeiten, von eins bis vier nimmt er in einer Recyclingfirma Computer, Fernseher und Elektrogeräte auseinander und sortiert sie. Abends schaut er meist TV in seinem Zimmer. «Ich habe gern meine Ruhe.» An den schönsten Tag hier kann er sich gut erinnern. «Das war, als mich die ganze Familie besucht hat, Schwester, Grosi und die Eltern.»
Das Wohnheim heisst zwar «Wege», ist aber viel eher Heim als Wohngemeinschaft im üblichen Sinn. Die Bewohner sind nicht fähig, ein komplett autonomes Leben zu führen, und brauchen klare Strukturen, tägliche Unterstützung und Betreuung. Anders als in therapeutischen Einrichtungen für Drogenabhängige ist diese hier nicht auf Abstinenz ausgerichtet. «Die Bewohner erhalten fast alle Methadon oder Heroin», erklärt Barendjan van Harskamp (54). Der Sozialpädagoge und Familien- und Systemtherapeut mit dem sympathischen holländischen Akzent führt das Haus seit vier Jahren.
In der «Wege Weierbühl», finanziert durch die Stiftung Sinnovativ in Köniz, leben derzeit elf Männer und drei Frauen im Alter von 25 bis 61 Jahren. «Die meisten gehen während des Tages arbeiten, in Werkstätten oder Sozialbetrieben», sagt van Harskamp. Wie lange die Bewohner hier bleiben, ist individuell. Ziel ist es, mit der Sucht leben zu lernen und ein möglichst autonomes Leben zu führen. Im Haus selbst herrscht absolutes Drogenverbot. Nicht einmal Alkohol ist gestattet. Nur rauchen darf man.
Bei Jonas, dem blonden, schlacksigen jungen Mann, der gerade mal 30 Jahre alt ist und seit zwei Jahren hier wohnt, haben die Leiter vor einem Jahr eine Büchse Bier im Zimmer entdeckt. «Da haben sie mich zurückgestuft», erinnert er sich. «Das war hart: weniger Taschengeld, mehr Ämtli und eine längere Wartezeit, um in den dritten Stock zu kommen.» Im dritten Stock zu wohnen, ist gut, denn das bedeutet: Man macht sich bereit für den Austritt, für ein selbständigeres Leben, ist wohnkompetent, schafft es, ohne Nebenkonsum durch den Alltag zu kommen und einer geregelten Arbeit nachzugehen. Mittlerweile wohnt Jonas im dritten Stock. Er war etwas über 20, als er mit Drogen begann. Er hatte Philosophie und Psychologie studiert und 1000 Fragen an die Welt, die ihm niemand beantworten konnte. «Ich zog mich in meine Traumwelt zurück», erinnert er sich. «Ich hatte zwar eine eigene Wohnung, verwahrloste aber. Das habe ich mit Alk und Gras kompensiert.» Eines Abends bot ihm ein Dealer Heroin an. Er rauchte es, ihm wurde wohlig warm. «Es ging mir seit Langem wieder richtig gut.» Bald hatte ihn die Sucht im Griff.
Heute erhält er in der Abgabestelle täglich eine Tablette Diaphin mit dem Inhaltsstoff Diacetylmorphin, dem chemischen Begriff für Heroin. Etwas vom Besten, was er hier machen konnte, war das Schreibprojekt der «Wege» im Jahr 2013: Er ist einer der vier Autoren des soeben erschienenen Buchs «Verfixt & zugedröhnt». Nun hofft er, etwas mit Schreiben machen zu können. Und auch wenn es Momente gibt, die Jonas in der «Wege Weierbühl» Mühe bereiten – mit den zusammengewürfelten Leuten, mit der Strenge des Teams –, so ist ihm stets bewusst: «Am meisten Mühe habe ich mit mir selbst.» Dass hier kein Druck herrscht, drogenfrei zu leben, empfindet er als sehr angenehm: «Das ist doch vernünftig: Druck von aussen bringt eh nichts.» Er weiss das nur zu gut. Seinen ersten Entzug hatte er auf Druck seiner Eltern gemacht. So gut sie es meinten, so kurzlebig war die Wirkung: Der Sohn war schnell wieder auf Drogen. Die folgenden, aus freien Stücken aufgesuchten Langzeittherapien waren hingegen nachhaltiger.
Im Haus selbst darf niemand Drogen oder Alkohol konsumieren
«Kein Mensch ist freiwillig drogensüchtig», erklärt Barendjan van Harskamp. «Niemand sagt: ‹Ich werde drogenabhängig, das fägt.› Und wir können nicht von ihnen erwarten, dass sie einfach so damit aufhören.» Er bringt den sinnigen Vergleich mit dem Schwimmen: «Wenn ich nicht schwimmen kann und mich jemand ins Wasser wirft und sagt: ‹Schwimm!›, dann kann ich das nicht plötzlich. Das ist mit dem Aufhören in der Sucht genauso.» Das Konzept, nicht auf Abstinenz ausgerichtet zu sein, ist für ihn sehr sinnvoll: «Es gibt Menschen, die probieren x-fach, von den Drogen loszukommen, doch es geht einfach nicht. Hier haben sie das Recht, drogenabhängig zu sein, sie haben aber auch die Pflicht, keine Drogen im Haus zu konsumieren.»
Die Regeln sind klar und streng: keine Drogen, keine Gewalt. Auch verbale Aggressionen führen zu einer Verwarnung. Beim zweiten Mal ist man draussen. Jeder muss sein Ämtli erfüllen, jeden zweiten Mittwoch gibt es die obligatorische Sitzung mit allen. Ansonsten sind sie frei: Frühstück und Mittagessen nehmen sie individuell ein, es hat immer etwas im Kühlschrank. Zwischen sechs und halb sieben gibt es Abendessen. Es gibt keine Anwesenheitspflicht, eine warme Mahlzeit pro Tag schätzen aber die meisten. Und so sind zum Znacht oft alle da. Um Viertel vor zwölf schliesst das Haus seine Türen bis am Morgen früh.
Klaus (47) ist ganz frisch hier. Er arbeitet bei Gump- und Drahtesel, einer Werkstatt, die ausgediente Fahrräder zu funktionstüchtigen Velos zusammenbaut. Dieses Arbeitsangebot ist vor 20 Jahren aus der «Wege» entstanden. Ein damaliger Praktikant fand, dass die Bewohner unbedingt Jobs brauchten. Heute ist es ein erfolgreiches Sozialunternehmen mit 70 Mitarbeitern.
Dass er hier von aussen keinen Druck spürt, erleichtert Klaus, von der Droge wegzukommen. «Niemand sagt, es tut dir nicht gut, wenn du kiffst.» Er ist im Methadonprogramm und konnte von 160 mg schon auf 30 mg reduzieren. Dereinst möchte Klaus wieder in einer eigenen Wohnung leben können. Doch vorerst ist es gut hier. Er mag das gemeinsame Essen am Abend, das Zusammensein, auch wenn jeder danach in sein Zimmer geht. Und: «Es ist immer jemand da, mit dem ich sprechen kann.» Denn alle 14 Bewohner haben eine individuelle Bezugsperson, die sich um sie kümmert. Es ist stets ein Sozialarbeiter vor Ort, und in der Nacht eine Nachtwache. Bei den Gesprächen geht es um Alltägliches wie Beziehungen, den Tagesablauf, um Arbeit und die Unterstützung, die sie brauchen.
«Die Sucht ist nur ein Teil der Bewohner», erklärt Barendjan van Harskamp. «Ansonsten sind sie Menschen wie wir, mit ihren Problemen, Träumen und Nöten, wie wir sie alle kennen.» Und mit Träumen, die oft bürgerlicher nicht sein könnten: Viele wünschen sich ein eigenes Haus – am liebsten eine Villa mit Swimmingpool, eine Kleinfamilie, zwei Autos.
Heute hat Sozialarbeiterin Gina Canal (26) Frühschicht. Sie mag die Arbeit hier. «Es kommt viel zurück. Ich schätze das Vertrauen, das sie mir geben.» Die schwierigen Biografien und Probleme, die hier zum Alltag gehören, nimmt sie pragmatisch. «Ich habe nicht den Anspruch, dass sie aus den Drogen rauskommen. Ich habe den Anspruch, im Moment für sie da zu sein und ihnen zuzuhören», erklärt sie.
Die «Wege Weierbühl» hat sich in ihrem 25-jährigen Bestehen gut im Quartier eingebettet und wird akzeptiert. Aber: «Wir finden kaum Wohnungen für Bewohner, die bereit wären, auszutreten», sagt Barendjan van Harskamp. «Es ist ja klar, dass sie auf normalem Weg kaum eine Wohnung kriegen. Wie auch? Sie haben Schulden, Betreibungen.» Sein grösster Wunsch ist es deshalb, ein Haus zu kaufen, dessen Wohnungen er an ehemalige «Wege»-Bewohner vermieten kann. Dort würden regelmässig Betreuungspersonen vorbeischauen.
So kompliziert und vielschichtig das Thema Drogensucht in unserer Gesellschaft auch ist: Die «Wege Weierbühl» gibt den Abhängigen eine gute Chance, etwas Halt in ihr Leben zu bringen.
Autor: Claudia Langenegger
Fotograf: Daniel Auf der Mauer