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Der Bildermacher vom Bleniotal
Fünftausend belichtete Glasplatten fand Mariarosa Bozzini Ende der 1970er Jahre im Gemeindehaus und in einem Stall des Weilers Casserio oberhalb von Corzoneso im Tessiner Bleniotal. Sie barg, sichtete und katalogisierte den gehobenen Schatz. Heute ist Mariarosa Bozzini Kuratorin der von ihr initiierten Fondazione Archivio Fotografico Roberto Donetta, die in der Casa Rotonda, der einstigen Wohnstätte des Fotografen, ihren Sitz hat.
Vor dieser Wiederentdeckung war Roberto Donetta (1865-1932) vergessen. Donetta wuchs in einfachen Verhältnissen in Biasca und später im Bleniotal auf. Mit 21 Jahren heiratete er Teodolinda Tinetti. Von den sieben Kindern des Paares starb eines im ersten Lebensjahr. Um seine Familie durchzubringen, arbeitete Donetta zeitweise als Marronibrater in Norditalien und als Kellner in London. Ab 1900 bewohnten die Donettas die Casa Rotonda in Casserio. Der Familienvater zog nun als wandernder Samenhändler durch das ganze obere Tessin.
Brotlose Kunst
Vielleicht hätte die Familie dadurch ein bescheidenes Auskommen gehabt. Doch inzwischen war Roberto Donettas Leidenschaft für die Fotografie erwacht. Der Bildhauer Dionigi Sorgesa hatte ihm eine Kamera vermietet, und Donetta wurde zum wandernden Samenhändler und Fotografen – zunehmend mit Schwerpunkt bei letzterem. Für eine Liebhaberei war das Fotografieren jedoch zu teuer, und als Beruf brachte es zu wenig ein. Das Ehepaar zerstritt sich über diese im wörtlichen Sinn brotlose Kunst, bis Linda Donetta 1912 mit den Kindern – einzig der jüngste Sohn Saulle blieb beim Vater – den glücklosen Künstler verliess und über Bellinzona und das Welschland in die französischen Pyrenäen entschwand.
Die ersten datierten Bilder stammen von 1904. In den knapp drei Jahrzehnten von Roberto Donettas Fotografentätigkeit entstanden Auftragsarbeiten für zahlreiche Familien im Tal: Einzelporträts, Hochzeits-, Kinder- und Familienbilder, Bilder von Verstorbenen auf dem Totenbett, auch von toten Kindern – die armen Tessiner Täler wiesen eine erhöhte Kindersterblichkeit auf.
Daneben schuf Donetta eine Bildchronik des Lebens im Bleniotal: Arbeiten auf dem Feld und im Wald, Gruppen von Bau- und Erdarbeitern, Tätigkeiten im Gewerbe und dem noch bescheidenen Fremdenverkehr, die Erschliessung hoch gelegener Orte mit Fahrstrassen, die Errichtung einer Brücke über den das Tal durchfliessenden Brenno und der Bau der Schmalspurbahn Biasca-Acquarossa, ferner Dorffeste, Prozessionen. Auch Dorfansichten und Landschaftsbilder fehlen nicht, doch es ist wohl kein Zufall, dass Donetta mit dem Verkauf von Ansichtskarten wenig Erfolg hatte.
Inszenierte Realität
Anders als in der zeitgleich beginnenden touristischen Tessin-Fotografie gibt es bei Donetta eben keine romantisierenden Bilder. Vielmehr ist in seinem Schaffen das dokumentarische Interesse leitend. Zwar sind auch seine Bilder arrangiert und «gestellt»; etwas anderes war mit der schwerfälligen Ausrüstung und den langen Belichtungszeiten auch gar nicht möglich. Zudem scheint das Regieführen bei den Aufnahmen durchaus Donettas künstlerischer Ambition entsprochen zu haben.
Einzelne Fotografien sind von derbem Witz, manche spiegeln eine rustikale Galanterie, wieder andere sind zu Sinnbildern stilisiert. Da ihm das für Porträts übliche Studio fehlte, stellt oder setzt Donetta seine im Sonntagsstaat antretenden Protagonisten oft vor ein aufgespanntes Tuch und rückt eventuell noch ein Tischchen mit Blumen hinzu. So entstehen rührende Inseln der Repräsentation inmitten einer ärmlichen Szenerie, die auf den unbeschnittenen Originalformaten sichtbar bleibt.
In späteren Jahren zeigt Roberto Donetta die Porträtierten gern vor dem Dunkel eines offenen Hauseingangs. Sie stehen dadurch in einem Rahmen vor schwarzem Hintergrund und erwecken durch ihre Position auf der Schwelle den Eindruck, sie würden sich soeben entscheiden, ob sie auf den Betrachter zu gehen oder ihn gar zu sich hereinbitten wollen.
Die jungen Arbeiterinnen der Schokoladenfabrik Cima Norma, des einzigen Industriebetriebs des Tals, hat Roberto Donetta in besonders kunstvollen Inszenierungen auf die Glasplatte gebannt. In ihren schönsten Festtagskleidern stehen und sitzen sie zu fünft vor der Kamera. Gruppiert auf einer leicht gebogenen Linie posieren sie vor der leeren Wand, deren Bodenleiste den Bildraum definiert. Die Abstände zwischen den Gestalten werden von links nach rechts fast unmerklich kleiner, was dem Arrangement trotz seiner Statik einen leichten Schwung gibt. Die drei Frauen links und in der Mitte schauen ernst in die Kamera, die beiden Stehenden rechts haben sich wie bei einem Tanz hinter dem Rücken bei den Armen gefasst und schauen einander an, auch sie mit ernster Miene. Donetta gelingt hier ein Bild auf dem Niveau eines Hodler.
Produkte der Armut
Der Fotograf und Samenhändler aus dem Bleniotal gilt heute als einer der wichtigen Pioniere der Schweizer Fotografie. Zu seinen Lebzeiten konnte er ein paar wenige Bilder an die damals weit verbreiteten Illustrierten verkaufen. Als Auftragsfotograf stand er in Konkurrenz zu besser ausgerüsteten Studios in Biasca und Bellinzona. Die Leute mussten oft lange auf die Bilder des Wanderfotografen warten, weil er, um Chemikalien zu sparen, nur selten entwickelte und kopierte. Da er immer Schulden hatte, wurde ihm einmal sogar die Ausrüstung gepfändet.
Roberto Donettas Bedeutung liegt in seiner Rolle als Bildchronist des frühen 20. Jahrhunderts im Bleniotal. Seine Fotografien zeigen das archaische Leben, oft die Armut, aber auch den allmählich ins Tal vordringenden Wandel. Die belichteten Glasplatten, die Mariarosa Bozzini ein halbes Jahrhundert nach Donettas Tod geborgen hat, sind selbst Produkte der Armut: mit bescheidenem fotografischem Werkzeug erstellt, jahrzehntelang vernachlässigt und vergessen, tragen sie Spuren der Entbehrung. Viele der Bilder sind etwas verblichen, es fehlen ihnen die kräftigen Kontraste. Die Brillanz und stupende Auflösung, die man an so vielen fotografischen Zeugnissen jener Zeit bewundert, haben hier zum Teil stark gelitten. Über Roberto Donettas Bildern liegt ein Schleier. Sie sind archäologische Zeugen einer versunkenen Zeit und eines aus der Versenkung gehobenen Werks.
Die Ausstellung im Fotomuseum Winterthur ist noch bis 4. September 2016 zu sehen.