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Kunst
Nicaragua im Krieg
Susan Meiselas’ Nicaragua ist eine Neuauflage ihres gleichnamigen Buchs aus dem Jahre 1981. Es gliedert sich in drei Teile: The Somoza Regime (June 1978); Insurrection (September 1978); The Final Offensive (June 1979 - July 1979). Eingeführt wird der Band von einer Erklärung, die einem bei der Betrachtung der nachfolgenden Bilder begleiten soll:
NICARAGUA.
A year of news,
as if nothing had happened before,
as if the roots were not there,
and the victory not earned.
This book was made,
so that we remember.
Bereits das erste Bild - ein ländlicher Ort, im Regen, mit einem Schwein auf der Hauptstrasse, beklemmend zeitlos - führt eindrücklich vor, dass dieses Land, wie jedes andere auch, ein Vorher und ein Nachher hatte und hat, auch wenn die Welt von ihm erst Kenntnis nahm, als ein Bürgerkrieg im Gange war.
Die farbigen (das ist ungewöhnlich für Bilder aus dem Krieg) Fotos strahlen etwas Magisches aus, auch wenn man nicht wirklich zu sagen vermöchte, woran es liegt. An den Motiven (Menschen bei der Landarbeit, Gruppen von Uniformierten, verschmierte Hauswände, brennende Autos, politische Veranstaltungen, Demonstrationen Strassenkämpfe, Tote, Zerstörungen, Barrikaden, Panzer etc. etc.) kann es jedenfalls nicht liegen, oder vielleicht doch? Etwas sehr Lebendiges, Unmittelbares, strahlen diese Aufnahmen aus, sie vermitteln einem das Gefühl, vor Ort mit dabei zu sein.
Eine Aufnahme fällt ganz aus dem Rahmen, mutet futuristisch an: Man wähnt sich in einem Science Fiction Film. Zu sehen ist eine schwarze Limousine am Fuss einer Treppe, ein weiss gewandeter Chauffeur mit weisser Mütze, der die Wagentür aufhält; Männer in weissen Anzügen, die die Treppe hochsteigen; im Hintergrund Formationen von Soldaten, alle in weissen Uniformen. Was ist das, und was soll das in einem Buch über einen Bürgerkrieg? Die Bildlegende, die man auf den hintersten Buchseiten findet (eine blödsinnige Unart von Fotobüchern - Bildlegenden gehören zum Bild), gibt Auskunft: "President Anastasio Somoza Debayle opening new session of the National Congress 1978". Nun gut, jetzt hat man eine Vorstellung, doch, wie häufig bei Fotobänden, als Bildlegende ist das wenig überzeugend. Im letzten Drittel des Bandes finden sich, neben den Bildlegenden, auch Briefe und Gedichte sowie eine Chronik der Ereignisse.
Ein ganz berühmtes Foto zeigt eine junge Frau, einen kleinen, halb-nackten Buben an einem ihrer Arme hängend, eine schwere Tasche über der Schulter, eine Strasse entlang rennend. Die Bildlegende sagt: "Fleeing the bombing to seek refuge outside of Estelí, Nicaragua, Sept. 20, 1978." Einige Jahre später, in einem Dokumentarfilm über ihre Arbeit in Nicaragua, kommentiert Susan Meiselas: "That photograph is taken by at least five different photographers, at different points during her journey. She is literally vultured by us. No one is thinking to help her, including myself."
Das ist in der Tat das Problematische, nicht nur an der Kriegsfotografie, sondern am Journalismus allgemein: man lebt vom Unglück, vom Leid der andern. Janet Malcolm, die Journalismus für nicht zu rechtfertigen hält, kommentiert in "The Journalist and the Murderer": "The more pompous talk about freedom of speech and the "public’s right to now’; the least talented talk about Art; the seemliest murmur about earning a living."
Das Dilemma der Kriegsfotografie teilt der Betrachter mit der Fotografin: man weiss, dass es diese Bilder nicht geben dürfte und ist doch froh, dass es sie gibt.