Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03408.jsonl.gz/2698

Dieses Interview wurde von Ján Jambor für die slowakische Zeitschrift Svetovej literatury (Jahrgang XLIV, Heft 1, Maerz 2008) realisiert. Culturactif.ch bedankt sich herzlich mit Ján Jambor und Svetovej literatury.
Ján Jambor : Herr Utz, ausgehend von Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften (1930 – 1952) und seiner französischen Übersetzung von Philippe Jaccottet (1956) definieren Sie in Ihrem neusten Buch Anders gesagt – autrement dit – in other words. Übersetzt gelesen: Hoffmann, Fontane, Kafka, Musil (München: Hanser 2007) die literarische Übersetzung durch die Redewendung „anders gesagt“ („autrement dit“) und das Verhältnis von Original und seinen Übersetzungen durch die Beziehung der „geschwisterlichen Ähnlichkeit“. Könnten Sie das näher erklären?
Peter Utz : Schon auf der ersten Seite der französischen Version von Musils Roman meldet sich an einer unscheinbaren, für mich aber entscheidenden Stelle der Übersetzer zu Wort: Musil setzt ans Ende einer langen meteorologische Einleitungspassage den Ausdruck „mit einem Wort“. Jaccottet setzt hier im Französischen „autrement dit“. Dieser bewusste Wechsel des Übersetzers zum „Anderen“ ist der Ausgangspunkt meiner Studie. Denn mit ihr markiert der Übersetzer seinen Text als einen „anderen“, als ein Werk der Differenz. Gleichzeitig meldet er sich damit auch als ein „Anderssager“, als ein „anderer“ Autor zu Wort, der in dieser versteckten Form die Übersetzung als sein eigenes Werk signiert. Dieses Werk, die Übersetzung, steht aber nicht in einem beliebigen Verhältnis zum Original. Jaccottets „Homme sans Qualités“ und Musils „Mann ohne Eigenschaften“ sind vielmehr, wie ich am Schluss der Untersuchung nachzuweisen versuche, miteinander „verschwistert“. Das heißt: sie sind voneinander nicht hierarchisch abhängig, sondern sie stehen nun nebeneinander, und sie sind sich „ähnlich“, so wie Ulrich, der Held des Romans, seiner Zwillingsschwester Agathe „ähnlich“ sieht. In den langen Passagen im zweiten Teil des Romans, in denen Musil das Verhältnis zwischen den beiden Geschwistern als eines der „Ähnlichkeit“ zu bestimmen sucht, lese ich so auch eine implizite Poetologie des Übersetzens. Jaccottet betont dabei, wenn er das „Ähnliche“ übersetzt, auch immer die Unterschiede und bestätigt so, dass er in seiner Übersetzung nicht etwa eine Identität mit dem Original, sondern eine Ähnlichkeit in der Differenz anstrebt.
In Ihrem Buch widmen Sie sich auch dem Vergleich der literarischen Übersetzung und der literaturwissenschaftlichen Interpretation. Sie bezeichnen Übersetzer als „Sprachsurfer“ und Literaturwissenschaftler als „Sinntaucher“. Diese Bezeichnungen haben einige Kolleginnen (Christa Schuenke, Ilma Rakusa) an den Solothurner Literaturtagen 2007 zur lebhaften Diskussion angeregt. Wie sind diese Begriffe zu verstehen? Wo sehen Sie die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Zugänge zur Literatur?
Gemeinsam ist der literaturwissenschaftlichen Lektüre und der Übersetzung, dass sie beide als Teil des hermeneutischen Prozesses das Original verstehend erschließen. Sie sind deshalb zeit- und perspektivgebunden, und sie sind unabschließbar. Literaturwissenschaftliche Deutungen veralten ebenso wie Übersetzungen, und deshalb müssen literarische Texte immer neu interpretiert und neu übersetzt werden. Insofern sind Übersetzungen Lektüren des Ausgangstextes, die sich in der fremden Sprache objektiviert haben. Allerdings müssen die Übersetzer das Original Wort für Wort und Satz für Satz lesen; sie folgen ihm seiner sprachlichen Oberfläche entlang, der sie an jedem Punkt nachspüren. Demgegenüber suchen die Literaturwissenschaftler häufig den Sinn der gleichen, viel interpretierten Stellen neu zu ergründen. Dabei verlieren sie nicht selten die Aussagekraft der sprachlichen Oberfläche, von Rhythmus, Phrasierung, Wortwahl und Klang aus dem Blick, für welche die Übersetzer immer hellhörig bleiben müssen. Wenn ich die Übersetzer als „Sprachsurfer“ bezeichne, dann meine ich diese produktive „Oberflächlichkeit“ des Übersetzens, die aber nicht ausschließt, dass sie ebenso tiefe Einsichten in den Sinn eines Textes erhalten wie die Literaturwissenschaftler, die ständig nach diesem abtauchen.
Sie vergleichen in Ihrer Arbeit die Mehrfachübersetzungen von vier sehr gut bekannten Texten der deutschsprachigen Literatur in das Französische und in das Englische. Ihr methodologischer Zugang weicht von zwei traditionellen Vorstellungen der Translatologie ab. Erstens geht es Ihnen nicht um den wertenden Vergleich der Übersetzungen mit dem Ziel festzustellen, welche Übersetzung dem Original am besten entspricht. Zweitens lesen Sie nicht nur die Übersetzungen von dem Original her, sondern vielmehr das Original von den Übersetzungen her. Welche Ziele haben Sie damit verfolgt? Könnten Sie Ihre theoretischen Überlegungen an einigen Beispielen erklären?
Ich versuche als Literaturwissenschaftler das Erkenntnispotential der Übersetzungen zu nutzen, indem ich schon fast allzu bekannte Texte der deutschen Literatur im fremden Spiegel der Übersetzungen lese. Die Qualität der Übersetzungen, ihre „Adäquatheit“, welche die traditionelle Übersetzungskritik zu beurteilen sucht, klammere ich damit aus. Weil für mich jede Übersetzung eine „Lektüre“ des Originals ist, und weil sich diese Lektüren häufig in signifikanter Weise unterscheiden, kann ich aus ihnen auf Stellen des Ausgangstextes schließen, die in besonderer Weise interpretierbar sind. Das gilt nicht nur für mehrdeutige Wörter, wie zum Beispiel das berühmte „unheimlich“, für das es im Französischen und im Englischen keine direkte Entsprechung gibt und das deshalb die Übersetzer zu umschreibenden Interpretationen zwingt. Das gilt auch für Phrasierungen und Klangfiguren des Textes oder für das Tempussystem, das etwa zwischen dem Deutschen und dem Französischen vom Übersetzer verlangt, Haupt- und Nebenhandlungen zu unterscheiden. Dies alles ist schon im Ausgangstext angelegt, doch wird es erst im Prisma der verschiedenen Übersetzungen sichtbar.
In Ihren sechs kulturwissenschaftlich orientierten Thesen verstehen Sie das Übersetzen als „Paradigma für den Umgang mit dem Fremden“. Die Übersetzer „lesen Kulturen, machen Kulturen in ihren Differenzen lesbar“. Was bedeutet das für Sie?
Der Abstand, der die Übersetzungen vom Original trennt, ist immer auch ein kultureller. Indem ich die Differenz von Texten produktiv zu machen versuche, versuche ich auch die Differenzen zwischen Kulturen, wie sie in den Übersetzungen ausformuliert sind, positiv zu werten. Verstehe ich die Übersetzungen als gleich berechtigte, bloß anderssprachige Partner des Originals, die mit diesem einen Dialog führen, dann kann ich in diesen Dialog eintreten. Ich erfahre dann auch, dass jede Kultur ein Prozess ist, und wie sie sich im Austausch mit anderen Kulturen verwandelt und erneuert. In dieser Hinsicht könnte die Arbeit der Übersetzer ein Modell bilden für die aktuelle Auseinandersetzung mit dem „Fremden“, den alle Kulturen führen.
Sie weisen auf zwei negative Seiten des traditionellen Verständnisses der Übersetzung hin. Einerseits ist sie von den „Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen“ betroffen. Wie funktioniert das? Andererseits stellen Sie sich gegen die Vorstellung, wonach die Übersetzung „möglichst transparent und damit unsichtbar“ sein soll. Warum?
Übersetzungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind immer geprägt von dem Bild, das man sich von einer fremden Kultur macht, und prägen umgekehrt dieses Bild mit. Das geschieht jedoch nicht in einem freien Spiel der Kräfte. Die Marktverhältnisse sind auch Machtverhältnisse; große Kulturen wie die Angelsächsische übersetzen wegen ihrer merkantilen Überlegenheit heute verhältnismäßig wenig, es wird aber viel aus ihnen übersetzt. Zudem sind die einzelnen Übersetzer ganz vom Verleger abhängig, und sie verrichten ihre Schattenarbeit häufig zu einem lächerlich geringen Honorar. Schon deshalb muss man sie aus diesem Schattendasein ins Licht rücken. Sie sind aber auch die zweiten Autoren jener Bücher, die sie übersetzen, sie geben ihnen ihre eigene Färbung, ihren eigenen Ton. Die Subjektivität ihrer Lektüren sollen sie nicht verstecken, sondern sichtbar halten, damit man sie ebenso von ihren eigenen Voraussetzungen her verstehen und respektieren kann wie das Original.
*Jan Jambor ist Oberassistent fuer literaturwissencschaftliche Germanistik an der Universitaet Presov, Slowakei
Ján Jambors