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Steckbrief
Gefährdungsgrad: vom Aussterben bedroht (CR)
Nationale Priorität: hoch (2)
Merkmale:
- Gestalt schlank
- Kopf kurz, deutlich vom Hals abgesetzt
- Grundfarbe grau, braun, beige oder dunkel olivgrün
- dunkle zickzack- oder wellenbandartige Rückenzeichnung
- An Flanken dunkle Flecken (teilweise im Zentrum aufgehellt)
- Auge gross, nach oben verschoben
- Kopfschilder gross
- eine Schuppenreihe zwischen Auge und Mundspalte
Beschreibung
Die Vipernatter, Natrix maura, ist eine ungiftige Schlangenart aus der Unterfamilie Natricinae, welche alle europäischen Wassernattern umfasst. Wie bei allen Arten der Gattung Natrix sind die Weibchen gewöhnlich grösser als die Männchen: weibliche Vipernattern erreichen eine Länge von 90 cm, männliche hingegen von nur 50 bis 70 cm. Während trächtige Weibchen bis zu 300 g schwer werden, bleiben die Männchen mit maximal etwa 120 g wesentlich leichter.
Färbung und Zeichnung von Schweizer Tieren sind wenig variabel, man findet fast immer hellbraune Tiere mit einem dunkelbraunen Zickzack-Band auf dem Rücken. Helle Flecken mit einem schwarzen Saum häufen sich an den Körperflanken. Die regelmässige Verwechslung mit der giftigen Aspisviper, die teilweise in denselben Lebensräumen vorkommt, ist sicherlich auf das Zickzack-Band auf dem Rücken zurückzuführen. Die runden Pupillen und der von grossen Schildern bedeckte Kopf kennzeichnen die Vipernatter aber als harmlos.
Wie die Vipern besitzen die Arten der Gattung Natrix gekielte Schuppen, während alle anderen einheimischen Natternarten glattschuppig sind. Nicht ganz einfach ist die Unterscheidung der Vipernatter von der Würfelnatter, Natrix tessellata, welche in der Schweiz südlich der Alpen vorkommt. Man beachtet am besten die Kopfbeschuppung: Die Vipernatter besitzt zwei Postokularschilder und das dritte Labialschild berührt das Auge, die Würfelnatter besitzt drei Postokularschilder und das vierte Labialschild berührt das Auge. Das Zickzack-Muster ist eher für die Vipernatter typisch, während die Würfelnatter meist ein unregelmässiges Muster aus alternierenden, schwarzen Flecken trägt.
Ökologie
Nach dem Verlassen der Winterquartiere etwa Mitte März bereiten sich die Männchen auf die Fortpflanzungsperiode im April und Mai vor. Alle paarungsbereiten Weibchen werden meist von mehreren männlichen Tieren umworben. Im Gegensatz zu anderen einheimischen Schlangenarten finden aber keine Kommentkämpfe statt, obwohl es bei den Paarungsversuchen durchaus zu Rangeleien kommen kann.
Nach den Paarungen entwickeln sich in den Weibchen 8 bis 20 Eier, welche im Juni oder Juli abgelegt werden. Die Eier sind etwa 3 cm lang und haben einen Durchmesser von 1.2 cm. Sie wiegen rund 3 g. Der Eiablageplatz wird meist in einem einem Haufen aus verrottendem organischem Material, unter einem gut besonnten Stein oder Felsen gewählt. Die Jungschlangen schlüpfen nach 40 bis 45 Tagen Inkubationszeit aus ihren Eiern, welche sie mit Hilfe ihres «Eizahns», der auf der Schnauzenspitze sitzt, von innen anritzen. Die Jungen messen etwa 20 cm und wiegen 3 g. Ihre Zeichnung ist etwas kontrastreicher als jene der adulten Tiere. Sie wachsen schnell und die Männchen sind mit etwa dreieinhalb Jahren geschlechtsreif. Bei den Weibchen tritt die Geschlechtsreife mit etwa viereinhalb Jahren ein.
Vipernattern ernähren sich vor allem von Fischen und sind entsprechend exzellente Schwimmerinnen. Lokal können auch Amphibien den Hauptteil der Nahrung ausmachen. Beutetiere werden im Wasser verschluckt. Sehr grosse Brocken werden aus dem Wasser gezerrt und am Ufer gefressen. Im Genfersee werden gerne Grundfische gefangen, wie etwa die Groppe, aber auch freischwimmende Arten gejagt, wie Rotaugen oder Egli. Stichlinge werden manchmal ebenfalls gefressen, können aber aufgrund ihrer Rückenstachel den Schlingakt verunmöglichen und den Erstickungstod der Schlange verursachen.
Nach der Jagd verlassen die Nattern das Wasser, um sich an der Sonne aufzuwärmen und die Beute zu verdauen. Die Verdauung funktioniert schnell, und täglich können bis zu zwei Fische gefressen werden. Adulte Tiere sind in der Lage, weite Strecken im Wasser zurückzulegen, um Beutetiere zu finden. Am Genferseeufer wird beispielsweise innerhalb einer Woche bis zu einem Kilometer zurückgelegt. Die jungen Schlangen ernähren sich von kleinen Fischen, Amphibienlarven, Regenwürmern oder anderen Wirbellosen, wie Raupen.
Werden Vipernattern gefangen, zischen sie heftig, ganz nach Art der Vipern, beissen aber nicht zu. Dieses Mimikry-Verhalten ist oft zu beobachten. Im Gegensatz zur Würfelnatter und zur Ringelnatter (Natrix natrix) stellt sich die Vipernatter aber nur sehr selten tot, um Feinden zu entkommen. Als weiteres Verteidigungsmittel entleeren die Tiere eine übelriechende Flüssigkeit aus den Kloakaldrüsen. Wie alle anderen Schlangen flüchtet die Vipernatter bei der Annäherung eines Menschen sofort, und zwar gerne ins Wasser, wo sie abtaucht und unter Wasser Deckung sucht.
Verbreitung
Die Vipernatter bevorzugt warme Gebiete. Man findet sie in Nordwestafrika, auf der gesamten Iberischen Halbinsel, im südlichen Frankreich, im Nordwesten Italiens und auch auf zahlreichen Inseln im Mittelmeer.
In der Schweiz lebt sie in den wärmsten Ecken der Romandie, namentlich im Kanton Genf, entlang dem Genfersee zwischen Lausanne und Villeneuve und im Wallis zwischen Martigny und Saillon. Ihre Vorkommen liegen hier nirgendwo höher als 480 m ü.M. Das Tessin wird ausschliesslich von der Würfelnatter bewohnt.
Gefährdung und Schutz
Die Vipernatter gilt als gefährdetste Schlangenart der Schweiz. Die Tatsache, dass sie in der Schweiz ihre nordöstlichste Verbreitungsgrenze erreicht, erklärt die geringe Anzahl der Populationen und die kleinen Bestandesgrössen. Der Gesamtbestand in der Schweiz dürfte weniger als 1000 Individuen betragen, die sich in drei grössere Populationen teilen.
Der Bestand am Genfersee lebt ausschliesslich in vom Menschen errichteten Strukturen (Uferverbauungen, Dämme, Mauern) und steht unter starkem Einfluss von den Unterhaltsarbeiten entlang einer Bahnlinie. Die Populationsdichte hier ist beachtlich und beträgt etwa 80 Tiere pro ha. Leider wurden an diesem Standort zu Beginn der 1920er-Jahre Würfelnattern ausgesetzt, die eine ganz ähnliche ökologische Nische wie die Vipernatter besiedeln. Es ist nicht ausgeschlossen, dass letztere unter der neuen Konkurrenz durch die grössere und fruchtbarere Würfelnatter zu leiden hat und die Waadtländer Population destabilisiert wird. Die Genfer Populationen leben hauptsächlich in bestehenden Naturschutzgebieten, aber die Bestandesgrössen sind klein. Im Wallis ist der Bestand zwar auf ein recht grosses Gebiet entlang von Kanälen verteilt, aber die Dichte ist sehr tief.
Die Vipernatter ist nicht nur auf geeignete Landlebensräume angewiesen, sondern reagiert auch empfindlich auf Gewässerverschmutzung. Darüber hinaus zeigte eine Studie kürzlich, dass alle drei Teilpopulationen eine ungenügende genetische Variabilität aufweisen. Die beste Population ist in diesem Zusammenhang die genferische, da bis vor einiger Zeit noch Verbindungen zu den französischen Beständen entlang der Rhone bestanden. Am gefährdetsten ist dagegen die Walliser Population, die sich schon lange isoliert am Rand des Artareals befindet.
Der konsequente Schutz dieser Art muss basierend auf diesen Erkenntnissen unbedingt prioritär realisiert werden.
Schutzmassnahmen sollten folgende fünf Aspekte umfassen:
- Schutz der Tiere: Schlangen werden, insbesondere wenn sie Ähnlichkeit mit Vipern haben, immer noch gedankenlos tot geschlagen. Dieses menschliche Fehlverhalten muss durch Aufklärungsarbeit über Reptilien allgemein, aber insbesondere auch über lokale Reptilienvorkommen möglichst unterbunden werden.
- Schutz der Populationen und Aufwertung von Lebensräumen: Die letzen Genfer Bestände bewohnen vorab Naturschutzgebiete; die Renaturierung von Wasserläufen, wo die Art früher vorkam, hat hier zu einer merklichen Erholung der Populationen geführt. Die Waadtländer und die Walliser Bestände sind stark von menschlichen Eingriffen abhängig; die entsprechenden Lebensräume müssen unbedingt geschütz werden, und regelmässige Kontrollen sollten verhindern, dass falsche Massnahmen die Populationen gefährden.
- Schutz der Nahrungsquellen: Da die Vipernatter auf Fische als Nahrung angewiesen ist, müssen die Gewässer fischfreundlich und von hoher Wasserqualität bleiben. Tatsächlich steht der Rückgang der Vipernatter in Gebieten Frankreichs eng mit der zunehmenden Gewässerverschmutzung im Zusammenhang.
- Konkurrenz mit der Würfelnatter: Eine Konkurrenz zwischen den beiden Natrix-Arten ist wahrscheinlich, aber noch nicht bewiesen. Eine Langzeitstudie muss Aufschluss darüber geben, ob die ausgesetzte Würfelnatter am Genfersee für einen Bestandesrückgang bei der Vipernatter verantwortlich gemacht werden muss.
Vernetzung der Teilpopulationen: Die drei verbleibenden Bestände in der Schweiz sind voneinander isoliert und sollten durch Aufwertungsmassnahmen entlang der Rhone und des Genfersees wieder miteinander in Verbindung gebracht werden, um einen Genfluss zu ermöglichen.
Lebensraum
Da sich die Nahrung der Vipernatter hauptsächlich aus Fischen und Amphibien zusammensetzt, lebt die Art gerne entlang von Seeufern und Wasserläufen, aber auch in der Umgebung von sonnigen Teichen. Die Gewässer müssen fischreich sein, sauberes Wasser aufweisen und eine abwechslungsreiche, steinige Struktur besitzen, um den Schlangen eine erfolgreiche Jagd zu ermöglichen. Die Ufer sollten mit buschiger Vegetation bestanden sein, welche Versteckmöglichkeiten und Schutz bietet. Kleine Geröllhalden und unverfugtes Mauerwerk in Wassernähe werden von dieser Art ebenfalls sehr geschätzt.
Diese hohen Ansprüche an den Lebensraum und das ohnehin am Rand des Gesamtverbreitungsgebietes befindliche Schweizer Vorkommen sind dafür verantwortlich, dass die Vipernatter in der Schweiz nur sehr lokal verbreitet ist.