Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03405.jsonl.gz/1495

Hoch oben im Himalaya, höher als die höchsten Alpengipfel, liegt der Roopkund-See. Das Gewässer, eher ein Weiher als ein See, hütet ein morbides Geheimnis: Im Wasser und am Ufer verstreut liegen die Knochen von hunderten von Menschen. Niemand weiss genau, was sie hier taten und warum sie hier starben.
Der auch «Skeleton Lake» (Skelett-See) genannte, kaum zwei Meter tiefe Roopkund-See liegt auf 5029 Meter Höhe und ist elf Monate im Jahr zugefroren. Dass so viele Menschen an einen solch abgelegenen Ort kamen, liegt daran, dass er am Pilgerweg zum Nanda Devi Raj Jat liegt, einem religiösen Fest zu Ehren der Göttin der Freude (Nanda Devi) im indischen Bundesstaat Uttarakhand.
Bizarr ist überdies, dass kein einziges der schätzungsweise 500 Knochengerüste intakt ist. Zudem weisen alle Schädel- und Schulterknochen seltsame Verletzungen auf. Die Skelette wurden 1942 von einem Förster entdeckt, mitten im Zweiten Weltkrieg. Eine abenteuerliche Hypothese lautete deshalb, es handle sich um die Überreste von japanischen Soldaten, die über diesen Weg die Briten in Indien angreifen wollten.
Dagegen sprach allerdings, dass zahlreiche Skelette eindeutig von Frauen stammen, ausserdem wurden keine Waffen gefunden. Auch die These, es handle sich um Opfer einer Massen-Epidemie, die dort bestattet worden seien, erwies sich als unhaltbar – die Opfer waren zum Zeitpunkt ihres Todes gesund. In den 60er Jahren schätzten Wissenschaftler der Universität Michigan dann das Alter der Skelette auf etwa 800 Jahre.
2013 schliesslich schien das Rätsel gelöst: Eine Untersuchung im Auftrag der «National Geographic Society» kam zum Schluss, dass die Knochen über 1000 Jahre alt seien und von einer Gruppe von rund 300 Menschen stammten, die in ein schweres Unwetter geraten waren. Die Opfer – möglicherweise Pilger auf dem Weg zum Raj Jat – hätten in der baumlosen Gegend keinen Unterstand gefunden und seien von Hagelkörnern so gross wie ein Cricketball erschlagen worden.
Allerdings hatte bereits vor zehn Jahren eine genetische Untersuchung an 72 Skeletten ergeben, dass die Überreste von Menschen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen stammen. Bei den meisten Individuen fanden sich mitochondrielle Haplogruppen, die typisch für die Bewohner des indischen Subkontinents sind – ein wenig erstaunlicher Befund. Andere dagegen stammten offenbar aus dem Westen Eurasiens.
Nun hat ein internationales Forscher-Team um Éadaoin Harney von der Harvard University bei 38 Skeletten eine vollständige Genomsequenzierung vorgenommen und die Ergebnisse mit der DNA von 1521 historischen und 7985 zeitgenössischen Individuen weltweit verglichen. Es zeigte sich, dass die Überreste mindestens drei Bevölkerungsgruppen zugeordnet werden können, wie die Forscher im Fachmagazin «Nature» schreiben.
Die DNA der grössten Gruppe – es handelt sich um 23 der 38 Individuen – weist Übereinstimmungen mit dem Erbgut der heutigen Bevölkerung Indiens auf. 14 Individuen stammen zum Erstaunen der Forscher aus dem Mittelmeerraum und sind genetisch mit den heutigen Bewohnern Griechenlands und Kretas verwandt. Ein Individuum stammt aus Südostasien.
«Die Genetik der Skelette überraschte uns sehr. Dass hier Individuen aus dem Mittelmeerraum gefunden wurden, lässt vermuten, dass der Roopkund-See nicht nur von lokalem Interesse war, sondern dass Menschen aus der ganzen Welt hierherkamen», stellt Harney fest.
Die These von einer grossen Katastrophe, bei der alle Opfer am Roopkund-See gleichzeitig umkamen, wird aber noch mehr durch die Ergebnisse der Radiokarbondatierung erschüttert. Die Opfer fanden ihr Ende am See nämlich zu unterschiedlichen Zeitpunkten – zwischen der ersten Gruppe und der letzten liegt ein Zeitraum von rund 1000 Jahren. Die Individuen, die aus Süd- und Südostasien stammten, kamen vor etwa 1200 Jahren ums Leben, während jene aus dem Mittelmeerraum erst vor rund 220 Jahren den Tod fanden.
«Wir konnten die Frage nicht beantworten, warum Leute aus dem Mittelmeerraum zu diesem See reisten und was sie dort taten», sagte Niraj Rai, ein Ko-autor der Studie, dem Magazin «National Geographic». In der Tat mussten diese Leute etwa 5000 Kilometer zurücklegen, bis sie an den kleinen See auf dem Dach der Welt gelangten. Die DNA-Analyse und zeitliche Einordnung der Skelette hat das Geheimnis des «Skeleton Lake» nicht gelüftet, sondern es noch rätselhafter gemacht.