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Anti-Massnahmen-Demo : Tausende oder 100 000?
Wie viele Leute waren an einer Demo? Früher pflegte die Polizei Schätzungen abzugeben. Sie sah meist nur halb so viele Demonstrierende wie die Organisator:innen. Inzwischen hält sich die Polizei mit Schätzungen zurück. Aber die Frage bleibt virulent, wie die Demonstration der Corona-Massnahmengegner:innen vom letzten Wochenende in Bern (vgl. «Wo die Polizei mit Verve ermittelt» ) zeigt. Die Medien sprachen von «Tausenden», die Organisator:innen von 50 000. In einem oft geschauten Youtube-Beitrag ist sogar von «über 100 000» Teilnehmenden die Rede.
Michael Mäder, Wissenschaftler am Institut für Sprachwissenschaften der Uni Bern, hat nun versucht, eine möglichst plausible Schätzung zu machen. Er sichtete online gestellte Videos. Ein besonders geeignetes zeigte, wie die Leute während fast zwei Stunden zur Kundgebung strömten. Mit einem Computerprogramm zählte Mäder alle Personen, die im Video zu sehen waren. Zudem versuchte er, mithilfe diverser Quellen abzuschätzen, wie viele es nicht auf den Hauptplatz schafften, weil die Strassen verstopft waren.
Exakt erläutert Mäder, wie er vorgegangen ist und welche Unsicherheiten in der Schätzung stecken. Er kommt letztlich zum Ergebnis, dass zwischen 27 500 und 38 000 Menschen an der Demonstration teilgenommen haben. Dass die Zahl von 38 000 Anwesenden überschritten wurde, sei aufgrund der Analyse unwahrscheinlich: «Die Schätzung der Organisatoren von 50 000 halte ich demnach für übertrieben und eventuell durch politische Übermotivation gefärbt.» Gleichzeitig sei «nahezu auszuschliessen, dass die Zahl von 27 500 unterschritten wurde». Er persönlich würde die Zahl eher im unteren Bereich ansiedeln, schreibt Mäder, weil vermutlich bei der verwendeten Methode diverse Personen zwei- oder gar mehrfach gezählt wurden.
Wichtig ist der Satz, der am Anfang der Studie steht: «Allerdings erhebt auch die vorliegende Miniaturstudie keinen Anspruch auf Wahrheit. Ihr Ziel ist bereits dann erfüllt, wenn das Zustandekommen der Schätzung ausführlicher erklärt wird als anderswo.» Das ist Mäder gelungen.