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Vanessa Buchs entdeckt bisher Unbekanntes über ihre Urgrosseltern
Doris Kretz, Klassenlehrerin für Geschichte und Englisch, besprach mit ihren Schülerinnen und Schülern zusammen die Themenauswahl für die obligatorische persönliche Arbeit, die jeder Kandidat vor der Lehrabschluss-Prüfung zur Berufsmaturität einreichen muss. Vanessa Buchs und ihre Klassenkameraden Caroline Ducry, Susanne Niederhauser und Raphael Käser, zwischen 17 und 19 Jahren alt, wählten das Thema: «Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg». Für Jeden begann eine sehr persönliche und intensive Reise in die Geschichte seiner Vorfahren. Vanessa spürte Louise Schuwey auf und liess sich von ihr auf die Gedankenreise von Jaun nach Deutschland, Frankreich und wieder zurück nach Jaun mitnehmen.
Der Melker Alexis Buchs verliess 1906 seinen Heimatort Jaun, zusammen mit seiner Ehefrau. Die Arbeitslosigkeit zwang ihn zu diesem Schritt. In Deutschland fanden sie eine neue Heimat und übernahmen einen Bauernhof. Nach dem Tod seiner ersten Frau vermählte sich Alexis mit einer Einheimischen. Seiner zweiten Ehe entsprossen vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter, Louise. 1918 herrschte in ganz Europa eine grosse Wirtschaftskrise, es waren schwierige Zeiten, auch für die Familie Buchs. Deshalb zog sie weiter nach Frankreich.
Auf der Flucht
Bei Kriegsausbruch 1940 wurde es für die halb schweizerische und halb deutsche Familie in Frankreich gefährlich. Die Familie musste sich aufteilen. Vater und Brüder blieben in Frankreich, Mutter und Tochter flohen nach Deutschland zurück. Bevor sich die Familie trennte, wurde ein sicherer Ort, die Familie des Onkels Phillip in Jaun, als Zufluchtsort für alle bestimmt. Jeder hatte auf seiner individuellen Reise harte Prüfungen zu bestehen. Ein Sohn meldete sich bei derFremdenlegion und geriet in Gefangenschaft, ein anderer kam mit dem Vater nach Saarbrücken (Deutschland). Alle hatten einen Zufluchtsort im Kopf: Die Familie des Onkels in der Schweiz. Louise hatte inzwischen einen Sohn geboren und beschloss, sich mit ihrem Kind in Sicherheit zu bringen. Sie brach mit ihm nach Jaun auf, allein, denn ihre Mutter war inzwischen gestorben. Über Frankreich, auf einem Rheinschiff, gelangte sie mit ihrem kleinen Kind nach Basel. Von dort reiste sie mit dem Zug bis nach Feiburg und bestieg den Bus nach Jaun. Am 6. Oktober 1946, abends um fünf Uhr, stieg Louise in Jaun mit ihrem Sohn aus dem Autobus und musste nur noch die Familie des Onkels finden.
Happy-End in der Wohnstube
der Bäckerei Buchs in Jaun
Schliesslich ging in Jaun ein jahrelanger Traum in Erfüllung: Die durch den Krieg über verschiedene Länder Europas verstreute Familie fand in der Wohnstube der Bäckerei Buchs wieder zusammen. Vater, Brüder, Schwestern. Erst jetzt wurde Vanessa, der Autorin der Schularbeit über den Zweiten Weltkrieg, bewusst, dass die durch den Krieg so mitgenommene Familie im Hause ihrer Urgrossmutter Rosa in der Bäckerei wieder zusammenfand. Ohne diese Nachforschungen hätte Vanessa Buchs wahrscheinlich nie erfahren, dass ihre Grosseltern und Urgrosseltern einer Familie auf der Flucht geholfen und sie bei sich aufgenommen hatten.
Intensive Erlebnisse
für alle vier Lehrlinge
Für jeden der vier Lehrlinge, die das Thema der Schweiz im Zweiten Weltkrieg erarbeitet hatten, gab es Überraschendes, Trauriges oder Lehrreiches aus dieser Arbeit. Raphaël Käser ermittelte mit einem Fragebogen bei deutsch- und französischsprachigen Freiburgern, was sie noch für Erinnerungen an die Kriegszeiten haben. Susanne Niederhauser unterhielt sich mit ihrer noch sehr rüstigen Grossmutter – sie hat Jahrgang 1930 – über ihre Jugendzeit im Elsass. Es brauchte bei der älteren Generation viel Überwindung, den eigenen Enkelkindern über die manchmal sehr grausamen Erlebnisse während der Kriegsjahre zu berichten. Caroline Ducry erfuhr im Gespräch mit ihren Grosseltern von einem Bombenabwurf über ihrem Wohnort Wollishofen, einem Vorort von Zürich. Dass in Dietisberg, nahe von Überstorf, eine Bombe niederging, erfuhr Raphaël Käser auch erst vor zwei Monaten von seiner Grosstante.
Im Gespräch mit den
vier Jugendlichen
In einem Interview mit der FN äusserten sich die vier jungen Leute über ihre Abschlussarbeiten.
Am tiefsten beeindruckte uns, diese Erlebnisse aus der Kriegszeit ganz persönlich von Personen, die einem nahe stehen, erzählt zu erhalten. Es bleibt nicht mehr anonym. Wenn die Grosseltern über besonders schmerzliche Sachen sprachen, zitterte manchmal die Stimme. Wir hatten auch zusammen weinen müssen.
Es musste ein Thema sein, das irgendwie mit der Schule im Zusammenhang steht. Wir hatten wäh-rend mindestens zwei Monaten bei Frau Kretz den Zweiten Weltkrieg behandelt. Es wurde soviel in den Zeitungen darüber geschrieben. Da packte uns das Thema natürlich.
Mit der Arbeit bin ich recht zufrieden. Vielleicht kann ich sogar diese Geschichte einmal meinen eigenen Kindern weitererzählen.
Gegen den Schluss der Arbeit war ich richtig fasziniert von der Sache, es wurde ja ziemlich intensiv.
Wir arbeiteten von Mitte September bis Ende Dezember daran, inklusive die Recherchen. Die Suche nach Material begann in der Bibliothek, dann besorgten wir uns einen Labtop, ein Tonband und machten die Interviews mit den Verwandten.