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Carl Spitteler schrieb Novellen und Romane – und er dichtete: Zum Beispiel das mächtige Epos «Olympischer Frühling». 600 Seiten, 20'000 Verse in Alexandrinerreimen.
«Das ist sehr schwer zu lesen», sagt der Berner Publizist und Literatur-Spezialist Fredi Lerch. Spittelers Texte waren anspruchsvoll und elitär – und damit für die breite Masse ungeeignet.
Das sei sicher ein Grund, warum Spitteler heute kaum gelesen werde, so Lerch. Der wahre Grund aber, mutmasst der Experte, liege im «Spitteler-Streit»: in der Auseinandersetzung über die Deutungshoheit und in der Frage, wer denn nun Spittelers Werke herausgeben dürfe.
Eine Hauptrolle im «Spitteler-Streit» spielt Jonas Fränkel, ein Germanist. Er und Carl Spitteler lernen sich 1909 kennen. Spitteler ist 60 Jahre alt, Fränkel 30. Lerch beschreibt das Verhältnis der beiden als «sehr eng, sehr herzlich und sehr vertrauensvoll». Fränkel wird Spittelers rechte Hand.
Wo ist das Testament?
Fränkel hätte später das Gesamtwerk editieren, die Biografie schreiben und nach Spittelers Tod den Nachlass betreuen sollen. Doch das Ganze hat einen Haken. Als Carl Spitteler 1924 in Luzern stirbt, hinterlässt er kein Testament.
Er hat zwar mündlich und in Briefen kundgetan, wen er sich als literarischen Nachlassverwalter wünscht: Jonas Fränkel. Doch dieser Fränkel ist Jude und polnischer Abstammung – und das ist in der Schweiz der 1930er-Jahre ein Problem.
Die Nachkommen und der Nachlass
Als zu Beginn des Zweiten Weltkriegs die Nachfrage nach Nationaldichtern auch in der Schweiz steigt, will man nichts dem Zufall überlassen. Und Spitteler schon gar nicht einem Juden.
«Ungefähr 1927 hatte Fränkel ein fertiges Konzept für eine Werkausgabe und eine weit entwickelte Biografie», sagt Fredi Lerch. Aber als die Töchter Spittelers den Nachlass ihres Vater erben, untersagen sie Fränkel den Zutritt zu den Dokumenten Spittelers.
Schlagabtausch um Spitteler
Von da an fängt auch Fränkel an, sich quer zu stellen. Der «Spitteler-Streit» entbrennt – ein Schlagabtausch, der über Jahre hinweg im Feuilleton der deutschsprachigen Zeitungen abgebildet wurde.
Schliesslich schenken die Töchter Spittelers den Nachlass der Eidgenossenschaft. Philipp Etter, der damalige Bundesrat des EDI und damit Kulturminister, beauftragt drei Schweizer Philologen und Professoren, eine Gesamtausgabe der Werke Spittelers zu veröffentlichen.
Doch die Edition, deren erster Band 1945 erscheint, wird ein Flopp. «Die Leser hatten durch die Vorgeschichte von Spitteler die Nase voll», meint Spitteler-Experte Lerch.
Die Hoffnung bleibt
Die angedachte Spitteler-Edition und Biografie von Jonas Fränkel wurden nie veröffentlicht. Für die Forschung ist das Material bis heute nicht zugänglich. «Fränkels Nachlass ist zur Zeit noch privat», so Lerch – in den Händen von Fränkels Nachkommen.
Fredi Lerch vermutet, dass Fränkel in seiner Edition auch das Dichterische am Werk von Spitteler ins Zentrum gestellt hätte: «Einfach weil das in der Meinung von Spitteler das Wichtigste war.»
Bleibt zu hoffen, dass der publizistisch literarische Nachlass von Fränkel irgendwann an ein Archiv geht, gesichtet und ausgewertet werden kann. Dann werden wir besser wissen, wer Spitteler «wirklich» war.