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Ein Mann mit dem Habitus eines Arbeiters sitzt da im Café Kairo in der Lorraine. «Ich kenne unsere Gesetze nicht, ich bin Büezer», wird er später im Gespräch sagen, und einen Anflug von Stolz in seiner Stimme nicht verbergen können oder wollen. Wie muss es für ihn sein, plötzlich seine Existenz zu verlieren und sich in einer Situation wiederzufinden, in der einem jede wirtschaftliche Selbständigkeit fehlt und man auf die Hilfe von anderen angewiesen ist?
Der Leidensweg
Kurts Geschichte beginnt irgendwo im Kanton Bern. Dort wuchs er auf, in einem kleinen Familienbetrieb. Der Vater sei streng gewesen und die Arbeit immer das Wichtigste. Von seinem Sohn verlangte er, später das Familiengeschäft zu übernehmen. Kurt musste deshalb gegen seinen Willen eine Lehre im Detailhandel machen. Die Ausbildung sei für ihn ein Kampf gewesen, denn er hasse die Arbeit im Verkauf. Viel lieber hätte er etwas Kreatives gemacht, eine Lehre als Grafiker zum Beispiel. Aber das kam für den Vater nicht in Frage. Also biss sich Kurt durch und erwarb nach zwei Jahren das EFZ.
Doch nach dem Lehrabschluss begann erst der eigentliche Leidensweg. Im Verkauf wurde Kurt nicht glücklich, ging von Job zu Job, von Temporärbüro zu Temporärbüro, nur um spätestens nach zwei Jahren jede Stelle wieder zu verlassen. 2015 folgte ein einschneidendes Ereignis, woraufhin er sich einer psychiatrischen Behandlung unterzog, bei der ihm eine Borderlinestörung diagnostiziert wurde. Es folgte ein längerer Aufenthalt in einer Klinik.
Der Unfall
Trotz der vielen Umbrüche in seinem Leben, habe er keine Lücke im Lebenslauf zu verzeichnen, beteuert Kurt. Er habe auch Jobs weit weg von Familie und Freundin angenommen, nur damit er arbeiten könne. Umgehend nach seiner Entlassung aus der psychiatrischen Behandlung liess er sich als Dachdecker anstellen und verrichtete schwere körperliche Arbeit, schleppte 30 Kilogramm schwere Eimer mit heissem Gussasphalt herum, lud Dachplatten, so schwer wie er selbst auf den Rücken. Im Oktober 2017 brach Kurt bei der Arbeit zusammen und zog sich einen Meniskusriss zu. Es folgten Arbeitsunfähigkeit, Kündigung durch den Arbeitgeber und eine Sozialversicherungs-Odyssee, die ihn an den Rand der Verzweiflung und schliesslich in die Sozialhilfe trieb. Was Kurt dabei immer wieder betont: Sozialhilfeabhängigkeit sei oft nicht durch die Person selbst, sondern durch eine Häufung unglücklicher Zufälle verursacht. So sei es auch bei ihm gewesen. Von den Sozialversicherungen im Stich gelassen, war es Kurt schon wenige Monate nach seinem Unfall nicht mehr möglich, seinen Unterhalt ohne die Unterstützung der Sozialhilfe zu bestreiten.
«Neue Schuhe liegen nicht drin, deshalb habe ich nasse Füsse, wenn es regnet.»
Seither lebt er massgeblich von den 540 Franken, die ihm der Sozialdienst Bern monatlich überweist. Das Geld sei jedoch meistens bereits Mitte Monat aufgebraucht, erklärt er und deutet auf seine lädierten Turnschuhe: «Neue Schuhe liegen nicht drin, deshalb habe ich nasse Füsse, wenn es regnet.» Das gesamte Geld gehe fürs Essen, die Handyrechnung und eine Zusatzversicherung für 50 Franken drauf. Ab und zu besuche er ausserdem seine Grossmutter in Lyss, das kostet ihn 5.30 retour. Abgesehen von den laufenden Kosten habe er auch noch eine Steuerschuld, die aber nota bene erst entstanden sei, nachdem er sozialhilfeabhängig wurde. Zwar bot man ihm an, in zehn Raten zu überweisen. «Aber mit welchem Geld soll ich zahlen?», fragt er resigniert. Die Sozialhilfe ist explizit nicht dafür vorgesehen, Schulden abzustottern. Kurt besitzt auch kein Erspartes, denn: Das Vermögen einer Person muss bis auf einen bescheidenen Freibetrag aufgebraucht werden, bevor Sozialhilfe ausgerichtet wird.
Wenn die Sozialhilfe nicht reiche, springe seine Freundin regelmässig in die Bresche, erklärt er. Sie ist es auch, die die Miete für die gemeinsame Wohnung berappt. Kurt und seine Freundin leben in einem sogenannten qualifizierten Konkubinat, was dazu führt, dass das Einkommen der Freundin in die Berechnung der Kurt zustehenden Sozialhilfe miteinbezogen wird. Wegen dieser Unterstützungspflicht der Freundin resultiert für ihn ein tieferer Betrag, als wenn er alleine leben würde.
Die Perspektive
«Ich habe jede Selbstachtung verloren». Er sei doch eigentlich ein Büezer, der sich sein Brot ein Leben lang selber verdient habe. Heute aber gehöre er zur untersten Schicht, bezeichnet sich selbst gar als «Abschaum der Gesellschaft». Für ihn würde es alles bedeuten, wenn er endlich wieder selber seinen Unterhalt bestreiten könnte, er sei deshalb ständig auf Jobsuche. Aus gesundheitlichen Gründen könne er indessen nur noch sitzende Arbeiten ausführen. Zwar habe er eine Lehre als Verkäufer abgeschlossen, es sei für ihn aber trotzdem schwierig, eine Stelle zu finden: «Es gibt so viele Menschen mit einer KV-Lehre, die sind für Bürojobs einfach besser qualifiziert als ich.» Ausserdem sähen ihn viele potentielle ArbeitgeberInnen aufgrund seiner operierten Knie als Risikofaktor, was die Chancen auf eine Zusage zusätzlich schmälerten. «Ganz ehrlich: Am Tag, an dem ich einen Arbeitsvertrag unterschreibe, werde ich weinen», sagt Kurt.
«Das Geld reicht meistens nur bis Mitte Monat.»
Den Sozialdienst kritisiert Kurt kaum. Im Gegenteil: «Die haben ihren Job gut gemacht und waren immer freundlich.» Einseitigkeit oder Opportunismus können Kurt jedenfalls nicht angehängt werden. So zeigt er sogar Verständnis für die pathologische Besessenheit der Bürgerlichen mit den Themen Sozialversicherungs- und Sozialhilfemissbrauch. «Es gibt genug Menschen, die die Sozialwerke betrügen. Dagegen vorzugehen finde ich richtig», sagt Kurt. Was ihn hingegen aufregt, ist die politische Debatte um die Sozialhilfe. «Da gibt es Menschen, die ein Vermögen verdienen und kaum Steuern zahlen und gleichzeitig will man bei der Sozialhilfe sparen», echauffiert er sich. Die Debatte werde auf dem Rücken derer ausgetragen, die sich nicht wehren könnten. «Wir haben keine Lobby, die unsere Interessen vertritt.»
«Es gibt genug Menschen, die die Sozialwerke betrügen. Dagegen vorzugehen finde ich richtig»
Wird die Vorlage des Grossen Rats am 19. Mai angenommen, kann der Regierungsrat den Grundbedarf - also das Geld für essentielle Besorgungen wie Essen, Kleidung, öV usw. - aller SozialhilfebezügerInnen um bis zu 8% herabsetzen. Für Kurt droht dann der Abstieg in eine noch prekärere Lebenslage. Wo er noch sparen solle, wisse er nicht, sagt er und zuckt mit den Schultern. «Schlussendlich ist dann das Geld halt einfach noch früher im Monat aufgebraucht.» Er hoffe deshalb im Juni wieder eine Stelle zu haben, um nicht noch länger am Tropf hängen zu müssen. Kürzlich habe er sich für einen Bürojob beworben, für den keine KV-Lehre notwendig sei. «Das ist meine Chance.»