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Jean-Philippe Rameaus erste Oper „Hippolyte et Aricie“ feierte im Opernhaus Zürich einen musikalischen Triumph. Wer glaubte, das ganze Repertoire mehr oder weniger zu kennen, musste sich darob die Augen reiben.
Der französische Barockkomponist Rameau musste 50 werden, um 1733 seine erste „Tragédie en musique“ aus der Taufe zu heben. Sein bisheriges Schaffen war einerseits theoretischer Natur, anderseits erreichten seine virtuosen Cembalostücke, einige Kantaten und Motetten einen gewissen Bekanntheitsgrad. Es war nicht eben leicht, den Übervater Jean-Baptiste Lully, der fast ein Leben lang die Gunst des Sonnenkönigs Ludwig XIV. besass, in den Schatten zu stellen. Den Anhängern Lullys war Rameau zu modern, die „Ramisten“ fanden ihn umso genialer.
Ich glaube nicht, dass „Hippolyte et Aricie“ in Zürich je aufgeführt wurde. Das Opéra-Ballet „Les Indes galantes“ erlebte 2002/03 unter William Christie eine vielbeachtete Wiedergabe. Und Marc Minkowski brillierte 2004/5 mit Rameaus letztem Bühnenwerk „Les Boréades“.
Um Leben und Tod: Neptun (Wenwei Zhang) in Sorge um Phèdre (Stéphanie d’Oustrac) und Hippolyte (Cyrille Dubois)
Und nun also sein Erstling, eine musikalische Offenbarung erster Güte, die ich dem Zürcher Opernhaus ehrlich gesagt in dieser schlüssigen Umsetzung nicht zugetraut hätte. Das Orchestra La Scintilla, relativ gross besetzt für eine Barockoper – mit vier Querflöten, vier Oboen und vier Fagotten u.a. – zeigte erneut, dass es bezüglich historischer Aufführungspraxis mit ähnlichen Ensembles keinen Vergleich zu scheuen hat. So musste die französische Barockspezialistin Emmanuelle Haïm, einst Assistentin von William Christie und Simon Rattle, ihr Ensemble Le Concert d’Astrée gar nicht nach Zürich bemühen. Nein, sie schien von Anbeginn mit der verschworenen Scintilla-Familie unter Ada Pesch in ihrer eigenen Liga zu spielen und legte ein Dirigat hin, das an der Premiere punkto Präzision, Luzidität und fesselndem Klangkolorit nicht zu übertreffen war.
Sternstunden, die nichts als Glücksgefühle hinterlassen
Der Glücksfälle gibt es mehrere. Der Stoff der „Phaidra“, von keinem Geringeren als Jean Racine (nach Seneca und Euripides) der griechischen Mythologie entnommen, ruft in seinen dramatischen und seelischen Verirrungen geradezu nach einer Vertonung. Nachdem ihr Gatte Theseus als verschollen gilt, fühlt sich Phèdre (Phaidra) ihrem Stiefsohn Hippolyte aufs Heftigste verbunden. Dieser liebt aber Aricie, was nach Theseus Abgang in die Unterwelt und vermeintlichen (und wirklichen) Todesfällen und den kontroversen Machtallüren der Gottheiten Pluto, Neptun und Diana letztlich wieder zurechtgerückt wird: Die reine Liebe siegt, es lebe das neue Königspaar!
Die Intendanz hat – ein weiterer Glücksfall – unter Beweis gestellt, dass auch dieser Rameau nur mit erstklassigen, mehrheitlich französischsprachigen Spezialisten erfolgreich zu bewältigen ist. Die Besetzung ist bis in die kleinsten Rollen von berückender Qualität. Auch die Zuzüger und die erlesenen Countertenöre im von Janko Kostelic stilbildend einstudierten Chor tragen atmosphärisch wesentlich zur musikalischen Rundung bei.
Theseus (Edwin Crossley-Mercer) im Klammergriff des Hades / Fotos c T+T / Toni Suter und Tanja Dorendorf
Ben Baur, wiederum er, hat für das Bühnenbild eine klassizistische Säulenhalle gewählt, eine drehbare Rotunde, welche die Schauplätze nahtlos miteinander in Beziehung setzt. Es reicht dann, sich den Hades mit grün-schwarz gleissendem Rabengetier vorzustellen, um die seelischen Nöte von Theseus nachempfinden zu können. Die Kostüme von Gideon Davey sind eine Augenweide und die Regie von Jetske Mijnssen ist in ihrer vornehmen Zurückhaltung wunderbar austariert. Sie überlässt zu Recht das Primat der Musik, die man szenisch nicht übersteuern sollte. Wer das mit der Zeit langweilig findet, hat nicht wirklich zugehört und verkennt das Fluidum des französischen Barock.
Stimmlich und darstellerisch schlichtweg Weltklasse sind die Phädra von Stéphanie d’Oustrac und der Theseus von Edwin Crossley-Mercer. Nicht minder überzeugend Mélissa Petit als Aricie und Cyrille Dubois als ihr Geliebter Hyppolyte. Wenwhei Zhangs Statur als Pluto und Neptun fesselt, und die drei Parzen Nicolas Scott, Spencer Lang und Alexander Kiechle brillieren in markanten Auftritten. Einzig Hamida Kristoffersen (Diana) und Aurélia Legay (Einflüsterin Oenone) bleiben im hochkarätigen Sängerfeld etwas hinter den Erwartungen zurück.
Stürmen Sie die Opernhauskasse für die nächsten sechs Vorstellungen. Wenn nicht jetzt, wann dann, frage ich mich.
Weitere Vorstellungen: Mai 22, 24, 30, Juni 2, 7, 14