Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03370.jsonl.gz/214

05.04.2023 |News
Tabakindustrie setzt sechs Preisstrategien ein, um lebensrettende Tabaksteuern zu untergraben
Der neue STOP-Bericht bietet einen aufschlussreichen Einblick in die sechs Preisstrategien, welche die Tabakindustrie einsetzt, um lebensrettende Tabaksteuern zu untergraben.
STOP, der globale Wachhund der Tabakindustrie der Universität Bath, hat einen neuen Bericht mit dem Titel «The Price We Pay: Six Industry Pricing Strategies That Undermine Life-Saving Tobacco Taxes» veröffentlicht.
Der Bericht hebt die beträchtlichen Auswirkungen des Rauchens auf die globale Gesundheit und Wirtschaft hervor und schätzt die weltweiten wirtschaftlichen Kosten des Rauchens auf über 1 Billion US-Dollar pro Jahr – grösstenteils verursacht durch Faktoren wie Gesundheitskosten, Produktivitätsverluste und vorzeitige Todesfälle. Die Autoren stellen fest, dass Rauchen die Armut und Ungleichheit verschärft, da marginalisierte Bevölkerungsgruppen unverhältnismässig stark vom Tabakkonsum betroffen sind und das Rauchen zu einer ganzen Reihe von gesundheitlichen und wirtschaftlichen Ungleichheiten beiträgt.
Die in Artikel 6 des WHO-Rahmenübereinkommens zur Eindämmung des Tabakkonsums (WHO FCTC) beschriebene Steuer- und Preispolitik ist häufig die der wirksamsten Massnahme zur Reduzierung des Tabakkonsums und zur Erzielung staatlicher Einnahmen.
Der aufschlussreiche STOP-Bericht befasst sich mit der Vorgehensweise der Tabakindustrie gegenüber einer Erhöhung der Tabaksteuer und untersucht die Preisstrategien, mit denen die Auswirkungen höherer Steuern unterlaufen werden. Auf der Grundlage jüngster wissenschaftlicher Studien erläutern die Autoren sechs Preisstrategien der Tabakunternehmen:
- Unterschiedliche «Verlagerung» («shifting») der Steuern zwischen Marken/Produkten: Tabakunternehmen verzichten darauf, die Steuererhöhung vollständig an die Kunden weiterzugeben («undershift»). Die Preise können zwar steigen, aber nicht um den vollen Betrag. Alternativ dazu können Tabakunternehmen den Preis über die Steuererhöhung hinaus anheben («overshift»). Das geschieht am häufigsten bei Premiumprodukten.
- Einführung von neuen Marken, Variationen, Segmenten oder Produkten: Tabakkonzerne führen billigere Marken oder Produkte ein, damit die Raucher:innen «down-traden» können, anstatt den Konsum zu reduzieren oder aufzuhören.
- Preisdiskriminierung und preisbezogene Verkaufsförderung: Tabakunternehmen sprechen preissensible Kund:innen mit Gutscheinen, Mengenrabatten oder Gratisgeschenken an, verlangen von anderen Kund:innen jedoch den vollen Preis.
- Preisglättung: Tabakunternehmen erhöhen die Preise schrittweise, damit der Kostenanstieg nicht so stark auffällt.
- Schrumpfflation: Anstatt von der Kundschaft einen höheren Preis für ein Produkt zu verlangen, halten die Tabakunternehmen die Preise gleich, verringern aber die Anzahl der Zigaretten oder die Menge des Tabaks pro Packung.
- Änderung von Produkteigenschaften oder Produktionsprozessen: In Ländern, in denen Tabak je nach Eigenschaften (z. B. Länge, Gewicht oder Produktart) unterschiedlich besteuert wird, ändern die Tabakunternehmen das Produkt oder die Herstellungsweise, damit es in eine niedrigere Steuerklasse fällt.
Die Erläuterungen zu den einzelnen Industriestrategien enthalten eine ausführliche Beschreibung der Taktik, der Auswirkungen dieser Strategien und praktische Beispiele ihrer Anwendung anhand eines oder mehrerer Länderbeispiele. Ausserdem werden länder- bzw. regionalspezifische Fallstudien vorgelegt, um die Problematik eingehend zu veranschaulichen. Der Bericht schliesst mit politischen Empfehlungen und unterstreicht die Notwendigkeit, mehr empirische Daten über die Massnahmen der Tabakindustrie als Reaktion auf geplante Tabaksteuererhöhungen zu sammeln, um wirksame Gegenmassnahmen entwickeln zu können.
Quelle: STOP
Tabakkonsum und Armut
Nikotinsucht und Tabakkonsum belasten Menschen mit den niedrigsten Einkommen unverhältnismässig stark, da die Lebenshaltungskosten steigen, die Inflation zurückkehrt, es an Ressourcen mangelt und die Prävalenz des täglichen Rauchens steigt. Eine neue Kampagne der Allianz gegen den Tabakkonsum in Frankreich befasst sich mit diesem Problem.[i]
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Tabakkonsum arme Menschen ärmer macht.[ii] Eine Erhöhung der Tabaksteuer verringert die unverhältnismässige Belastung, die der Tabakkonsum den Einkommensschwachen auferlegt.[iii] Es ist erwiesen, dass Massnahmen zur Erhöhung der Verbrauchsteuer keine nachteiligen Auswirkungen auf Haushalte mit niedrigem Einkommen haben; im Gegenteil, sie verringern ihre Ausgaben für Zigaretten und damit ihre Steuerlast, während sich ein geringerer Zigarettenkonsum zusätzlich positiv auf ihre Gesundheit auswirkt, wodurch künftige Ungleichheiten gemildert werden.[iv]
Tabakbesteuerung in der Schweiz
Die Tabakbesteuerung in der Schweiz gilt als schwach, weil das Land eine der niedrigsten Tabaksteuern in Europa hat. Derzeit ist die Steuer auf Tabakwaren in der Schweiz deutlich niedriger als die durchschnittliche Tabaksteuer in der Europäischen Union.
Während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Steuersatz von mindestens 75 % empfiehlt, liegt der Steuersatz in der Schweiz bei rund 60 %. Die niedrige Tabaksteuer in der Schweiz beunruhigt die Befürworter der öffentlichen Gesundheit, da sie es erschwert, das Rauchen und die damit verbundenen Gesundheitsrisiken zu reduzieren.
Das Schweizer Parlament wird sich demnächst mit der Teilrevision des Tabaksteuergesetzes befassen, wobei aus Jugendschutzgründen neu auch E-Zigaretten besteuert werden sollen. Leider fehlt dem Bundesrat aber der Mut zu einer umfassenden Revision und er verzichtet darauf, dem Parlament eine umfassende Erhöhung der Tabaksteuer für alle Tabakprodukte vorzulegen.
Hier finden Sie den vollständigen STOP-Bericht:
Hier finden Sie die Zusammenfassung (EN):
[i] https://alliancecontreletabac.org/2023/01/08/pouvoir-de-vivre/
[ii] Efroymson, Debra; FitzGerald, Sian; Jones, Lori (2011): Tobacco and Poverty: Research for Advocacy Guidelines. HealthBridge Foundation of Canada. Ottawa. Available online at https://healthbridge.ca/images/uploads/library/TobaccoPovertyResearchGuidelines_English.pdf.
[iii] Chaloupka, F. J.; Blecher, E. (2018): Tobacco & Poverty. Tobacco Use Makes the Poor Poorer; Tobacco Tax Increases Can Change That. Policy Brief. Tobacconomics, Health Policy. Chicago.
[iv] Vladisavljevi?, Marko; Zubovi?, Jovan; ?uki?, Mihajlo; Jovanovi?, Olivera (2021): Inequality-Reducing Effects of Tobacco Tax Increase: Accounting for Behavioral Response of Low-, Middle-, and High-Income Households in Serbia. In International journal of environmental research and public health 18 (18). DOI: 10.3390/ijerph18189494.