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«Bauen heisst Zerstörung (…)» sagte der Tessiner Architekt Luigi Snozzi einst, meinte damit aber nicht per se das Abtragen bereits bestehender Bauten, sondern viel mehr die grundsätzliche Veränderung einer bestehenden Situation. Dank unzähligen Archiven bleiben uns ältere Versionen unseres Umfeldes erhalten, sind gar jederzeit virtuell abrufbar. Trotzdem vergessen wir schnell, gewöhnen uns an Neues, passen uns der Umwelt an. Heute schauen wir deshalb auf ein eindrückliches Stück Basler Architektur zurück. Mit nicht mal 50 Lebensjahren ist das markante Bürogebäude der ehemaligen Pharmafirma Ciba-Geigy am Schorenweg vergleichsweise jung gestorben.
Ein Bürohaus im Wohnquartier
Bis 1920 war das Gebiet nördlich des Badischen Bahnhofs bis auf die Vorgängerbauten des heutigen Gartenbades Eglisee weitestgehend unbebaut. Mit den Genossenschaftsbauten in den Schorenmatten begann sich das Quartier ab 1930 allmählich mit Gebäuden zu füllen. Das Zentrum des Quartiers allerdings blieb fast vierzig Jahre lang leer. 1969 baute das Architekturbüro Burckhardt Architekten, heute Burckhardt+Partner, für die damalige Ciba-Geigy, später integriert in die BASF Schweiz, drei Wohnhochhäuser östlich des Schorenwegs. Nur zwei Jahre später folgte das Bürohaus vis-à-vis und besetzte zusammen mit diversen Nebenbauten den leeren Fleck Erde nördlich der Schorenmatten und östlich der verwundenen Gleisanlage der Deutschen Bahn. Das Bürohaus diente fortan als Verwaltungsgebäude und Kantine für die Mitarbeitenden.
Reisen wir also für einen Spaziergang im Quartier und im Bürogebäude ins Jahr 1971 zurück. Das für das Quartier verhältnismässig grosse Gebäude besteht aus drei vollständig über dem Terrain liegenden Geschossen und einem Erdgeschoss, das teilweise hinter einer künstlichen Aufschüttung verschwindet. Ganz unter der Erde liegt ein Kellergeschoss. Den oberen Abschluss bildet ein mittiges Attika. Wie auch die Wohnhochhäuser nebenan, orientiert sich das Bürogebäude nicht etwa am Strassenverlauf, sondern steht von oben betrachtet, mit seiner strikten Nord-Südausrichtung erstmal etwas wild im Feld. Die abgedrehte Fassade zum Schorenweg hin und die S-Form des Grundrisses, lassen das Gebäude vom Strassenraum her allerdings weniger gross erscheinen, als es in Wirklichkeit ist. Die beiden Hälften des «S» sind dabei um einen zentralen Erschliessungskern punktgespiegelt.
Farbenfrohes Interieur
Das Gebäude versteckt sich hinter einer Schicht Grün. Eine Aussentreppe führt vorbei an Bäumen und Pflanztrögen in mehreren Abschnitten zum etwas tiefer liegenden Haupteingang im mittigen Kernbereich des Erdgeschosses. Dieser beinhaltet neben einer doppelten richtungsgetrennten Treppenanlage in der Mitte eines offenen Foyers einige Aufzüge, diverse Nebenräume und Sanitäranlagen. Nördlich und südlich führen breite Durchgänge mit Schwingtüren in die Büroräumlichkeiten oder in die Kantine im Erdgeschoss. Verweilt man etwas länger in den Grundrissen und Schnitten, finden sich sonderbare Beschriftungen wie «Indien», «USA», «Kenia» oder «Brasilien». Wie die wohl ihre Reise an den Schorenweg gefunden haben? Offenbar dienen die Ländernamen als Bezeichnungen für die einzelnen Grossraumbüros, oder dienen zumindest als Adressierung der zentralen Bereiche. Heute würde man diese Zonen wohl Lounge- oder Meetingbereiche nennen. In «Indien» etwa ordnen sich mehreckige und sternförmige grössere und kleinere Sitzungszimmer in einem lockeren Oval an. Der Innenbereich dient als Pausenzone mit kleiner Bar. Das restliche Grossraumbüro ist wie der Name verrät – im Prinzip leer und entsprechend dynamisch bespielbar. Die fast schon oriental anmutende Gestaltung des indischen Pausenraumes verwandelt sich in den «USA» in der Haushälfte gegenüber in eine abstrakt-geometrische Anordnung von Sitzungszimmern à la Frank Lloyd Wright. Die Farbgebung und Innenraumgestaltung geben sich durch und durch zeitgemäss. In der Kantine etwa treffen wir auf einen widerstandsfähigen braunen Teppich am Boden, Sitzbankbezüge aus grünem Textil und Kojen mit orange-grüner Oberfläche. Grandios!
Konstruktive Einfachheit
Im Gegensatz zur durchaus farbenprächtigen und abwechslungsreichen Innenraumgestaltung verhält sich das Gebäude konstruktiv wesentlich strukturierter und duldet keine Ausnahmen im System. Der dicht bebaute Kern übernimmt mit seinen Liftschächten die Aussteifung des Gebäudes. Die beiden «S» zu beiden Seiten des Kerns bestehen im Grunde nur aus durchgehenden Betondecken, welche auf Balken und einem weiten Stützenraster ruhen. Der Stützenabstand von 5.60 m scheint sowohl statisch als auch aus der Sicht einer möglichen Büroeinteilung als guter Kompromiss. Schliesslich soll ein so grosses Gebäude möglichst frei eingerichtet werden können. Im Konstruktionsschnitt entdecken wir dann doch etwas, was diese Handlungsfreiheit einschränken dürfte. Im Erdgeschoss haben die Planenden einen «Hohlboden Computer» eingefügt. Tatsächlich kamen um das Jahr 1975 rum die ersten Rechner mit grafischer Benutzeroberfläche auf den Markt. Es wäre durchaus denkbar, dass Ciba-Geigy solche Stationen erworben hat. Eine abgehängte Decke von fast 70 cm gab es hingegen auf allen Geschossen.
Dank raumhohen Fenstern steht dem Blick vom Büro in die Umgebung nichts im Wege. Das Stützenraster bildet sogleich die äussere Fassadenaufteilung. So fein die Fensterrahmen in der Fläche ausfallen, so betont sind die Stahlschwerter in der Leibung. Das müssen sie aber auch. Über und unter den Scheiben führen rechteckige Betonbalken nach draussen. Auf ihnen wiederum liegen abwechselnd tiefe und weniger tiefe Pflanztröge aus Beton und schliessen den Kreis zur Aussenraumgestaltung. Ein wesentliches Element der Fassaden bilden die Nottreppen. Aufgrund des freien Innenraums sind sie konsequent aussen angebracht, fallen aber nicht etwa als angehängtes Element ins Auge, sondern fügen sich selbstverständlich in die tektonisch konzipierte Fassade ein.
Keine Umnutzung
Mit den diversen Erweiterungen auf dem Novartis-Campus im St. Johann wurde das Bürogebäude am Schorenweg für die Novartis mehr und mehr obsolet, weshalb man sich dazu entschied, das Areal für Wohnnutzungen freizugeben. Eine Umnutzung wäre aufgrund der hohen Gebäudetiefe wohl schwierig gewesen. 2010 zeigte sich der Basler Grosse Rat mit dem Bebauungsplan einverstanden. Die Tage des Bürogebäudes waren gezählt. Seit 2016 schliesslich steht es nicht mehr. Heute ist mit neuen Wohnungen wieder Leben ins Quartier eingekehrt.
Kommen wir zum Schluss nochmals auf Snozzi zurück. «Bauen bedeutet Zerstörung», meinte er, mahnte zugleich aber: «Zerstöre mit Verstand!» Aufgrund der Wohnungsknappheit in Basel und im Sinne der inneren Nachverdichtung, sowohl von Wohn-, als auch von Industriequartieren, dürfte der Abriss durchaus mit Verstand vollzogen worden sein, auch wenn wir dadurch ein wundervolles Gebäude verloren haben.
Text: Simon Heiniger / Architektur Basel
Verwaltungsgebäude und Kantine Schoren
Adresse: Schorenweg 35, 4052 Basel
Architekten: Burckhardt Architekten (heute Burckhardt+Partner)
Baujahr: 1971
Funktion: Bürogebäude + Betriebskantine der Ciba-Geigy
Fotos & Pläne:
– Burckhardt+Partner AG Architekten und Generalplaner
Karten/Luftbild:
– Bundesamt für Landestopografie swisstopo