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Ein neues „wahres Märchen“:
Es war einmal ein Mann namens John. Er wird am 1. oder am 10. März 1647 (genau weiss man es nicht) als Sohn eines englischen Adligen in Ditchley Park (Oxfordshire) geboren. Nach seinem Studium in Oxford macht er, wie es in aristokratischen Kreisen damals üblich ist, eine Bildungsreise auf den Kontinent. Mit der Wiederherstellung der englischen Monarchie und der Thronbesteigung von König Charles II 1660 beginnt Johns Karriere als Höfling und Dichter – sowie als notorischer Exzentriker. In seinen Gedichten nimmt der junge Earl (den Titel hat er im zarten Alter von zehn Jahren von seinem Vater geerbt) kein Blatt vor den Mund; mit ziemlich deutlichen Worten attackiert er seine Standesgenossen, die Hofgesellschaft, ja selbst den König. Doch Charles II scheint einen Narren an dem geistreichen Satiriker gefressen zu haben und verzeiht ihm beinahe alles. Abgesehen vom Dichten widmet John sich mit Vorliebe dem Alkohol und den Frauen; ausserdem duelliert er sich gelegentlich, ist in tätliche Auseinandersetzungen verwickelt, betätigt sich hin und wieder als Quacksalber und lässt generell nichts aus, was ihn ins Gerede bringt. Wenn er etwas nicht fürchtet, dann sind es Skandale. All das hat Auswirkungen auf seine Poesie, die zu seiner Zeit (und vor allem auch in späteren Jahrhunderten) als reichlich „unanständig“ gilt. Aber möglicherweise ist der Ehemann und Familienvater einfach ehrlicher und heuchelt weniger als seine ach so braven Zeitgenossen und die scheinheilige Nachwelt. John stirbt am 26. Juli 1680 im Alter von nur 33 Jahren in Woodstock Park – vermutlich ausgelaugt von seinen zahllosen Exzessen.
An Honoré de Balzacs „Tolldrastischen Geschichten“ (Blog vom 13. August 2019) hätte John Wilmot, 2. Earl of Rochester bestimmt seine Freude gehabt. Jahrhundertelang rümpfte man bestenfalls die Nase über ihn, erst dann erkannte man die literarische Qualität seines Werks. Der berühmte Schriftsteller Graham Greene berichtet in seinem Buch Lord Rochesters Affe vom kurzen, aber intensiven Leben des Skandal-Poeten.