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Adrian Meier Redaktor für Gesundheit
Das Gleichgewichtsorgan ist in einer räumlichen und funktionellen Verbindung mit dem Hörorgan (Innenohr). Die Bogengänge, Flüssigkeitssäcke und Sinneszellen des Gleichgewichtsorgans (Vestibularapparat) sind unverzichtbar für unsere räumliche Orientierung und Fortbewegung.
Das Gleichgewichtsorgan informiert also den Körper über dessen Stellung im Raum und über auftretende Beschleunigungen. Der menschliche Körper befindet sich im Stand und beim Gehen in einer ständig, labilen Gleichgewichtsposition. Um die aufrechte Stellung zu halten und ein Fallen zu verhindern, benötigt der Körper folglich den Gleichgewichts- als auch den Lage-Sinn.
Inhaltsverzeichnis
Anatomie und Physiologie des Gleichgewichtsorgans
Das Gleichgewichtsorgan (Vestibularapparat) ist ein Teil des Gehörs. Gemeinsam mit der Hörschnecke bildet es das Innenohr. Es liegt eingebettet in eine sehr harte knöcherne Struktur, die man Labyrinth nennt. Man unterteilt es grob in zwei Abschnitte:
- das statische System.
- das Bogengangsystem.
Dabei besteht das Gleichgewichtsorgan aus folgenden drei Elementen:
- Zwei Vorhofsäckchen (utriculus und sacculus)
- Drei nahezu senkrecht aufeinander stehende Bogengänge (canales semicirculares)
- Dem ductus endolymphaticus als Druckausgleichsgang
Markanteste Teile des Organs sind die drei Bogengänge, die teilweise mit Flüssigkeit gefüllt sind. Das ganze Organ misst nur einige wenige Millimeter Durchmesser. Die einzelnen Bogengänge haben nur einen Durchmesser von etwa einem Millimeter. Dieser Teil des Gehörs verarbeitet Sinneseindrücke der Richtung, in der wir uns befinden oder in die wir uns bewegen möchten:
- nach oben
- nach unten
- seitlich
Weiter gibt es uns Informationen zu Beschleunigungen:
- Zunahme von Geschwindigkeit und
- Abnahme von Geschwindigkeit.
- Gefühl von Steigen und Fallen.
Alle dieser Informationen brauchen wir, um uns im Raum orientieren und koordiniert fortbewegen zu können. Ohne das Gleichgewichtsorgan könnten wir keinen sinnlichen Eindruck von unserem Aufenthaltsort, der Körperposition und Distanzen gewinnen. Die Fortbewegung und der aufrechte Gang wären unmöglich. Dieses Organ in unserem Gehör hat es also wahrlich in sich!
Funktionsweise des Gleichgewichtsorgans
Das statische System besteht aus zwei mit Zellflüssigkeit (Endolymphe) gefüllten Bläschen: dem Sacculus und Utriculus. Die liegen hinter dem ovalen Fenster, wo auch Schallsignale vom Steigbügel ans Innenohr übergeben werden. Die beiden Bläschen sind verbunden und beherbergen jeweils ein Maculaorgan. In diesem befinden sich feine Sinneshärchen, die in eine gallertartige Membran ragen. In der Membran befinden Kalkkristalle, die man auch als Ohrsteinchen (Otolithen = Statolithen) bezeichnet. Diese Steinchen folgen immer der Schwerkraft. Wenn wir den Kopf bewegen, wandern sie in der zähen Flüssigkeit hin und her und drücken auf die Sinneshärchen. Durch diese Reize werden Nervenimpulse ausgelöst. Das Gehirn weiss, in welcher Position im Raum sich der Kopf befindet, und wohin er sich bewegt. Koordination und Orientierung werden blitzschnell angepasst.
Das Bogengangsystem entspringt aus dem Utriculus. Die Bögen entsprechen den drei Raumebenen: horizontal, frontal und vertikal. Auch in den Bögen gibt es Härchen und eine gallertartige Masse. Bei drehenden Bewegungen im Raum wird die Masse in Bewegung versetzt und die Sinneshärchen reagieren. Die Erregungen kommen als elektrische Impulse im Gehirn an und führen zur Aktivierung oder Deaktivierung bestimmter Muskelgruppen.
Die Sinneseindrücke des Vestibularapparates werden immer mit den Seheindrücken der Augen abgeglichen. Das Gleichgewichtsorgan ist aber auch dann noch im Einsatz, wenn wir nachts die Augen geschlossen haben und ruhen. Immerhin bewegen wir uns ja auch im Schlaf öfter im Bett und wollen nicht ziellos durch die Gegend kugeln.
Störungen und Krankheiten des Gleichgewichtsorgans
Die Funktion kann durch Substanzen wie Alkohol, Drogen und Medikamente zeitweise gestört sein. Lässt die Wirksamkeit der Substanzen nach, erholt sich der Gleichgewichtssinn von selbst. Durch eine Gehirnerschütterung kann die Funktionsweise des Gleichgewichtsorgans ebenfalls eine Zeitlang eingeschränkt sein.
Vor allem im Alter können Ohrsteinchen aus den Makulaorganen in die Bogengänge geraten. Das löst dann eine harmlose Krankheit aus, die man als Lagerungsschwindel bezeichnet. Lagerungsschwindel gibt sich normalerweise nach kurzer Zeit von selbst. Das Gehirn passt sich an die neue Situation an und reguliert die Wahrnehmung.
Erkrankt nur ein Teil des Gleichgewichtsorgans durch Entzündung, Tumoren oder die Nervenkrankheit Morbus Menière kommt es zu einem einseitigen Übergewicht von Informationen. Die Folgen sind Augenzittern (vestibulärer Nystagmus) und (vestibulärer) Schwindel.
Bei der Reise- oder Seekrankheit empfängt das Gleichgewichtsorgan unterschiedliche Informationen über die Lage des Körpers. Die Ohr-Steinchen orientieren sich an der Erdanziehung (Schiff, Auto oder Bahn bewegen sich). Die Augen orientieren sich an der Räumlichkeit des Autos, Schiffes oder der Bahn (fest). Das körperliche Fühlen nimmt zudem das Stehen oder Sitzen auf einem festen Untergrund wahr. Diese Informationen passen nicht zusammen und lösen Schwindel oder Übelkeit aus. Noch schlimmer wird Seekrankheit, wenn sich Menschen auf dem Schiff fortbewegen. Dann kommt eine weitere Information dazu, die das Gehirn verwirrt. Gegen Reise- oder Seekrankheit helfen der Blick auf den Horizont oder Medikamente.