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Das weite Gebiet der Herrschaft und der Kirchgemeinde Wädenswil musste aus verwaltungstechnischen Gründen weiter unterteilt werden. Man unterschied Bergzone und Dorfgebiet. Der Berg wurde in vier Wachten oder Kreise abgegrenzt: in den Haslauber-, Mülistalden-, Gisenrüti- und Herrlisberger-Kreis. Das Dorfgebiet zerfiel im 17. Jahrhundert in fünf Quartiere1: 1. in die Sektion Ort oder Naglikon 2. ins Oberdorf mit Rötiboden, Untermosen und Fuhr 3. in die obere Massholteren (Massholteren = Feldahorn) mit Schloss, Rutenen, Leigass, Mülibach, Ober und Unter Eichen sowie der Eichmüli 4. in die untere Massholteren mit Giessenmüli, äusserem und innerem Meierhof, Rothus und Luft 5. in das zwischen Kirche und See gelegene Unterdorf, kurz Dorf genannt.
Das im Raum zwischen Kirche und See gruppierte Unterdorf muss die alte ursprüngliche Siedlung sein, zum grossen Teil auf den flachen Kiesdeltas erstellt, welche die vom Berg her kommenden Bäche bei ihrer Einmündung in den Zürichsee angeschwemmt hatten2. Auf den Karten von Jos Murer (1566) und Hans Conrad Gyger (1667) erscheint das Dorf noch recht schematisch. Die Wädenswiler Quartierkarte, 1748 von Johann Felix Vogler gezeichnet, zeigt die Ausdehnung genauer3. Eine Siedlungskonzentration lässt sich im Dreieck zwischen heutiger Zugerstrasse, Schönenbergstrasse und Türgass erkennen. Weitere Schwerpunkte sind unterhalb der Kirche, in der Gegend der heutigen Gerbestrasse und des Bahnhofes, festzustellen. Besiedelt war ferner ein Uferband im Abschnitt zwischen Sagenrain und Luft. Die Bezeichnung «Oberdorf» lässt darauf schliessen, dass sich der Dorfkern in der Gegend der Kirche und des Gesellenhauses befunden haben muss; die geschlossene Siedlung erstreckte sich wohl kaum wesentlich über das Gebiet der Türgass hinauf hangwärts.
Das Dorfgebiet um 1748, nach der Quartierkarte von Johann Felix Vogler.
Im Unterdorf – dem eigentlichen Dorfgebiet – lagen die wichtigsten öffentlichen Gebäude und Bauten öffentlichen Charakters: die Kirche, das Pfarrhaus, das Gesellenhaus, das Schulhaus, die Badestube, das Schützenhaus, die Gaststätten «Krone» und «Engel», ferner die Dorfsäge (am Sagenrain) und mindestens zwei Schmieden. Das in groben Zügen umrissene Dorfgebiet, das in den 1930er Jahren vor allem im heutigen Bahnhofquartier tiefgreifende Veränderungen erfahren hat, war lockerer überbaut als heute. Die Grundprotokolle, welche bis 1654 zurückreichen4, zeigen recht eindrücklich, dass auch zu den Liegenschaften im eigentlichen Dorf beträchtlicher Umschwung gehörte: Krautgärten, Hanfländer, Reblauben. Eine statistische Erhebung von 17725 verzeichnet für die ganze Gemeinde Wädenswil 337 Wohnhäuser mit 635 Haushaltungen. Im Jahre 1646 hatte man im gleichen Gebiet erst 272 Haushaltungen registriert6. Wie viele Häuser auf den Dorfkern entfielen, bleibt ungewiss. Mitten durch die Siedlung rauschte der offene Dorfbach, der heutige Töbelibach, zum See. Auch zwischen Kirche und Gesellenhaus lag er ursprünglich in einem Tobel, das erst beim Kirchenneubau in den 1760er Jahren aufgefüllt wurde. Unterhalb des Gesellenhauses bog der Bach gegen das Schulhaus (Rosenhof) ab und mündete dann in den Gerbebach. Dieser floss ebenfalls offen durch die heutige Zugerstrasse und die Gerbestrasse und hiess im letzten Stück vor der Einmündung in den Zürichsee auch Kronenbach.
Strassen und Gassen
Noch um 1800 gab es im Dorfgebiet nur wenige Strassen. Der wichtigste Verkehrsweg war die Landstrasse Zürich – Chur, die Vorläuferin der heutigen Seestrasse. Von Zürich aus führte sie in vielen Krümmungen über die Anhöhen dem linken Seeufer entlang und durch das Ort in die Gegend des Tiefenhofs. Nachher stieg die Strasse, den Engpass bei der Seferen meidend, steil den Galgenrain hinauf und fiel als Galgengasse ebenso jäh wieder gegen den Sagenrain ab. Zwischen der Dorfsäge und dem Sägeweiher überquerte sie den Krähbach und folgte dann ein Stück weit der Nordgrenze von Rittmeister Eschmanns «Blüwelmatte» (heute Areal der Seidenweberei Gessner). Vom Hirschenplatz aus schlängelte sich die Strasse an der alten Farb (Gerbestrasse 7) und dem Dorfschulhaus vorbei durch die Eidmatt zum Plätzli, das in früheren Jahrhunderten Gerberplätzli, 1788 auch «Reichs- oder Schützenplätzli» geheissen wurde7. Sie führte dann als Luftgass durchs Luftquartier zum Meierhof und zum BoIler. Von dort stieg sie gegen das Reidholz an, verlief längs der heutigen Schönaustrasse und fiel wieder steil gegen die Siedlung Mülenen ab. Dem alten Hauptverkehrsweg entsprechen somit ungefähr die folgenden heutigen Strassen: Bürglistrasse – Florhofstrasse – Eidmattstrasse – Luftstrasse – Meierhofstrasse – Bollerweg – Einsiedlerstrasse – Schönaustrasse – Erlenstrasse – Dorfstrasse/Richterswil. Die ersten zuverlässigen Anhaltspunkte über den Verlauf und die Dichte des Wädenswiler Strassennetzes liefert die Quartierkarte von Johann Felix Vogler aus dem Jahre 17488. Ausser der alten Landstrasse zeigt sie im Dorfgebiet noch folgende Strassenzüge:
1. Eine Route, die sich von der Kirche her über die Leigass zum Schloss hinaufzog und sich dort gabelte in den nach Beichlen zielenden Kirchweg und in eine Strasse, die via Eichmüli an die Schwyzer Grenze führte. 2. Den Kirchweg, der über Bühl – Rötibodenholz – Furthof – Gisibach und Gisenrüti die Pilgerstrasse Zürich – Einsiedeln erreichte, welche den Wädenswiler Berg durchquerte und dabei folgende Weiler und Höfe berührte: Strasshus, Burstel, Kotten, Buechhof, Untere Gisenrüti, Unterer Mittelberg, Tanne, Egg, Haslenzopf und Felmis. 3. Einen Verkehrsweg, der an der alten Kanzlei vorbei über Spengler und Musli Richtung Holzmoosrüti führte. Dieser Vorläufer der heutigen Zugerstrasse – im untersten Teil noch 1856 «Hirschengasse» genannt – dürfte mit der 1568 bezeugten Landstrasse, die von Schründlen «gegen Wedischwyl gaht», identisch sein.
Das Strassen- und Wegnetz der Herrschaft Wädenswil zeigte schon im 16. und 17. Jahrhundert eine beachtliche Dichte. Dennoch dürfen wir die Bedeutung dieser Verkehrsrouten nicht überschätzen. Es gilt da vor allem den Zustand der Strassen zu berücksichtigen und zu bedenken, dass die Strassen früher sowohl schlecht gebaut als auch ungenügend unterhalten wurden. Dies wird etwa aus einem Bericht deutlich, den der Wädenswiler Landvogt Escher am 13. Oktober 1778 an den Rat in Zürich geschickt hat9. Escher schreibt, dass sich die Strassen in seiner Landvogtei «ohngeacht so viller widerholter obrigkeitlicher Befehlen und würklich angewandter Arbeit dennoch nicht in dem wünschend guten Zustand sich befinden». Er führt diesen Übelstand auf die Lage und die Beschaffenheit der Strassen zurück. Die Wege liegen sehr oft zwischen steilen Böschungen, so dass weder Sonne noch Luft den feuchten Boden trocknen können. Wo sich die Strassen aber durch schöne Matten hinziehen, hat man sie mit dichten Laubhägen flankiert, damit die anstossenden Grundstücke weder durch weidendes Vieh noch durch unvorsichtiges Fahren Schaden nehmen. Die Häge aber halten ebenfalls Sonne und Luft ab. Sodann bedingt die Steilheit der Strassen, dass jeder starke Regenguss den Schotter sofort wegschwemmt. Hier könnte nur eine Pflästerung mit grossen Kieselsteinen helfen, aber dazu fehlen den Anstössern, welche die Strassen auf eigene Kosten unterhalten müssen, die nötigen Mittel.
Auch aus anderen Quellen geht hervor, dass es in der Herrschaft Wädenswil um die Strassen und Wege nicht zum Besten stand. Allen Mahnungen und Bussen der Geschworenen zum Trotz befanden sie sich vielerorts in einem erbärmlichen Zustand. Sie sind schmal, böse und rau und gleichen viel eher Bachbetten als Fahrstrassen, heisst es in manchen Berichten10.
Neben den Hauptstrassen verzeichnet die Quartierkarte verschiedene Gassen sowie Karren- und Fusswege, welche die wichtigsten Strassenzüge untereinander verbanden. So konnte man beispielsweise vom Verkehrsweg Leigass – Eichmüli – Schwanden abzweigen und durch den heute noch bestehenden Hohlweg (Tannstrasse) zum BoIler und damit in die Landstrasse Zürich – Chur gelangen.
Eine zweite Gasse führte dem Schlossbach entlang an der Zehnttrotte vorbei zum See hinunter. Vom Boller her verlief sodann ein schmaler Pfad, der etwa die Richtung der heutigen Etzelstrasse aufwies, zum Buck. Verschiedene Wege endeten in der Nähe der Kirche. Hier begann auch eine Gasse, die zur alten Kanzlei führte. Und etwas oberhalb des Kirchhügels verlief die Türgass. Auf der Karte sind sodann verschiedene Gassen zu erkennen, die heute noch bestehen: die Stapfeten oder Trubengass, die von der alten Kanzlei zur «hinteren Ländi» hinunterführte; ferner der Hoffnungsweg, der Flora- und der Reblaubenweg.
Viele dieser Gassen waren recht alt. Im Kirchenurbar von 155511 werden im Dorfgebiet folgende Gassen bezeugt: die Martisgass bei der Zehnttrotte, die alte Gass (Gegend der Eintrachtstrasse), die Leingass (Leigass); die Gass, «so ab dem Gsellenblatz gadt», die Türgass. Im Gebiet des Krähbachs lagen eine Grundgass, die Schmiedgass, die Escherengass, die Stapfeten und die Schnabelgass, von der es 1736 heisst, sie liege «by der Sagen» am Sagenrain12. Aus späterer Zeit sind noch bekannt: die Schmiedgass beim Giessen, die Brungass im Raume Krähbach – Blüwelmatte (erwähnt 1600) und das Kirchgässli, das sich vom See her an der Pfarrscheune und am Pfarrhaus vorbei zur Kirche hinauf zog. Die «Stägen am Kilchwäg» mussten schon 1557 zu Lasten der Landvogteirechnung ausgebessert werden13.
Einige Male werden auch Bachübergänge näher bezeichnet. So ist 1638 von der Brücke die Rede, die bei der Zehnttrotte über das Tobel des Schlossbaches führte. 1682 wurde zwischen Kirche und Gesellenhaus eine steinerne Brücke über den Töbelibach gebaut, und der Flurname «Steg» weist heute noch auf jenen Steg hin, der sich einst über den Krähbach spannte.
Es ist bereits darauf hingewiesen worden, dass selbst wichtige Hauptstrassen schlecht gebaut waren und mangelhaft unterhalten wurden. Man würde somit erwarten, dass auch die Gassen mühsam zu begehen waren und viel zu wünschen übrig liessen. Berichte aus dem 18. Jahrhundert belehren uns aber eines Besseren. So schreibt der englische Reiseschriftsteller Normann in seiner 1795 erschienenen geographisch-statistischen Darstellung des Schweizerlandes, man treffe im wohlhabenden Marktflecken Wädenswil nicht nur viele grosse, steinerne Häuser, sondern auch sehr gut gepflasterte Gassen14.
Wie man sich im Dorf orientierte
Die Häuser wurden im alten Wädenswil noch nicht mit Assekuranznummern oder mit Strassennamen und Hausnummern bezeichnet. Für die genaue Lokalisierung einer Liegenschaft innerhalb des Dorfes ging man von Fixpunkten aus, die einem weiten Bevölkerungskreis vertraut waren. Man erwähnte beispielsweise öffentliche Bauten und fügte bei, in welcher Richtung man zum weniger bekannten Haus gelangte. Man präzisierte aber noch nicht mit den Himmelsrichtungen Nord, Süd, West, Ost, sondern mit «vorn» und «hinten», «oben und «unten». Wie allgemein am Zürichsee bedeutete auch in Wädenswil «vorn», was näher gegen Osten oder Süden lag, «hinten», was eher west- oder nordwärts gelegen war. «Unten» bezeichnete die Richtung gegen den See, «oben» jene gegen den Berg15. In alten Gültbriefen und ab Mitte des 17. Jahrhunderts vor allem in den Grundprotokollen trifft man unter anderem folgende Ortsangaben: hinterhalb dem Engel, oberhalb der Krone, unterhalb dem Gemeindehaus, vorhalb der Säge, ob der Kirche, beim Schützenhaus, beim Hirschen, beim Schulhaus16.
Neben den öffentlichen Bauten – Kirche, Schulhaus, Gesellenhaus, Schützenhaus – den Wirtschaften Krone, Engel, Hirschen, dienten auch die Standorte wichtiger Betriebe als Anhaltspunkte für die Lokalisierung anderer Häuser: die Farb, die Säge, die Schmiede, die Badestube, die Zehnttrotte, die Kanzlei des Landschreibers. Vereinzelt wurde auch nach Plätzen und Gassen gruppiert: am Luftplatz, bei der Stapfeten, am Platz (Gesellenplatz oder Gemeindeplatz), an der Türgass, bei der Grundgass. Von vielen Häusern heisst es einfach, sie lägen an der Strasse, womit die Landstrasse Zürich – Chur gemeint war, oder «im Dorf am See». Bei solchen Ortsangaben, die auf viele Stellen innerhalb des Dorfes passen, ist es heute schwierig, die Lage genau zu bestimmen. Die Nennung von anstossenden Grundstücken macht aber eine genaue Standortbestimmung dennoch in vielen Fällen möglich.
Die Ortsbenennungen, die sich in den ältesten Notariatsprotokollen aufgezeichnet finden, bestätigen die Feststellungen, welche wir für die frühere Ausdehnung des Dorfes gemacht haben. 1671 ist die Rede von einer Liegenschaft « by der Sagen usserthalb dem Dorff»17. Das Gebiet des Sagenrains wurde also damals noch nicht zum Dorf gerechnet. «Ussert dem Dorff» lag 1655 auch die Aueren bei der heutigen Oberdorfstrasse, ferner das Rothus. Die Seferen befand sich 1651 «hinder dem Dorff»: Rutenen, Leimhalden und Bühl lagen «ob dem Dorff».
Mit wachsender Zahl der Häuser genügten die einfachen Richtungsbezeichnungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht mehr. Noch ging man aber nicht zu Strassennamen und Hausnummern über, sondern man gab nach städtischem Vorbild auch Privathäusern Namen, zum Beispiel «Seerose», «Raspermund», «Zur hohlen Eich».
Öffentliche Bauten
Nebst der Kirche gab es im alten Wädenswil schon vor 1798 eine Reihe von öffentlichen Bauten und von Gebäuden öffentlichen Charakters.
Richt- und Gesellenhaus
Allen voran ist das Richt- oder Gesellenhaus zu nennen. Es stand ungefähr zwischen dem Sonnenbrunnen und Haus «Sonne» und mag, wie viele andere Gesellenhäuser auf der Zürcher Landschaft, im 14. Jahrhundert gebaut worden sein. Es wurde aber schon im Jahre 1497 zerstört. Wädenswiler, die über Rechtsurteile des Johanniterkomturs Rudolf von Werdenberg empört waren, deckten voller Zorn das Dach ab und «zerrissen» den Bau. Der Komtur wandte sich sogleich an den Zürcher Rat, mit dem er im Burgrecht stand, und verlangte, man solle die Wädenswiler bestrafen und zum Wiederaufbau des Hauses verpflichten18. Die Herrschaftsleute, über diese Forderungen aufgebracht, beteuerten, das Richthaus sei von Privatleuten zerstört worden und nicht von der gesamten Bevölkerung. Man solle daher die Schuldigen bestrafen, die Unschuldigen aber könne man nicht zwingen, «eine behusung uff die richtstatt ze machen». Die Zürcher Obrigkeit ging nicht auf die Argumente der Wädenswiler Bevölkerung ein und verfügte am 22. November 1498, dass das Richthaus von der Gemeinde gebaut und bezahlt werden müsse. Diesem Entscheid hatten sich die Herrschaftsleute, wenn auch mit Widerwillen, zu fügen19.
Der Bau des Gesellenhauses wurde noch einige Zeit aufgeschoben. Noch im Jahre 1504 sassen die Richter der Herrschaft «an einer offenen Landstrass» zu Gericht20. Spätestens 1525 hatte man das neue «gsellenhus» fertiggestellt. Es diente fortan nicht mehr ausschliesslich als Gerichtslokal, es war zugleich auch Gaststätte und bis zur Eröffnung der «Krone» sogar das einzige Wirtshaus des Dorfes. Die Gemeinde als Inhaberin des Tavernenrechts verpachtete die Wirtschaft einem Gesellenwirt. Die Pachtzinse bildeten, wie die Gemeinderechnungen zeigen, einen wesentlichen Bestandteil der Einkünfte.
Das alte Gemeindehaus bei der Kirche, im Oktober 1820. Ansicht von Westen. Aquarellierte Zeichnung eines unbekannten Meisters.
Das Gemeindehaus war ein Blockständerbau auf gemauertem Fundament, mit vorkragendem Oberbau aus Eichenholz, mit steilem Satteldach und Klebedächern über den Fensterreihen der Giebelfront21. Im Erdgeschoss lagen der Weinkeller und die Stallungen. Zu ebener Erde befand sich die offene Tanzlaube, wo es am Neujahrstag, an der Kirchweih oder nach dem Wümmet jeweils laut zu und her ging. Auf der Tanzlaube wurden an Markttagen auch allerlei Waren feilgeboten22. Ausserdem verwahrte man hier die Feuerlöschgeräte: Windlichter, Feuereimer und die Spritze. Im ersten Obergeschoss des Gesellenhauses befanden sich eine grosse und eine kleinere Stube, die Küche und das Richterstübli. Wie mancher arme Sünder wurde in diesem Zimmer von den Richtern verhört und gebüsst: ein Bauer, der während des Kindergottesdienstes ein Bündel Heu in den Stall getragen hatte; eine Frau, die am Sonntag Wäsche aufgehängt hatte; Männer, die gekegelt oder gewürfelt und Frauen, die hoffärtige Kleider getragen hatten ... Die grosse Stube mit der langen Fensterfront, den getäferten Wänden und dem Kachelofen diente als Wirtschaftslokal. Hier fand man sich zu Tauf- und Leichenmählern ein, hier traf man sich nach den militärischen Musterungen, und hier beriet man die Gemeinderechnungen oder die Schützenrechnungen. Im Gesellenhaus schenkte der Wirt den vom Landvogt gestifteten Neujahrstrunk aus; hier tagte der Stillstand, und häufig verlegte man auch die Gemeindeversammlungen hierher. Zu gewissen Zeiten, so kann man wohl sagen, wurde auf dem Gesellenhaus die Lokalpolitik gemacht.
Ansicht von Norden. Lithographie nach einer Zeichnung von G. Werner, 1820.
Ansicht von Süden. Lithographie nach einer Zeichnung von G. Werner, 1820.
Den Stolz der Gemeinde bildete das kostbare Tafelgeschirr, zehn silberne Becher und sechs Schalen, welche der Zürcher Goldschmied Christoph Bräm im Jahre 1674 verfertigt hatte23. Der Wädenswiler Pfarrer Hans Konrad Ryff war mit dieser silbernen Hoffart nicht einverstanden, begnügte sich doch die Kirche bei der Abendmahlsfeier mit hölzernen Platten und Bechern. Ryff verlangte, man solle das Silberzeug verkaufen und den Erlös dem Schulgut überweisen. Der Pfarrer konnte aber mit seiner Forderung nicht durchdringen. Noch im Jahre 1796 wurde das kostbare Tafelgeschirr als Gemeindevermögen gebucht. Seither fehlt von den Bechern und Schalen jede Spur.
Der Becherschatz war nicht die einzige Zierde des Wädenswiler Gesellenhauses. Zu dessen Schmuck gehörten auch wertvolle Wappenscheiben in der Gerichtsstube. Sie waren Geschenke umliegender Gemeinden oder reicher Bürger. Neben den Wappenscheiben von Seegemeinden gab es auf dem Gesellenhaus Wädenswil auch Glasmalereien, die von Landvögten gestiftet worden waren. Leider sind die kostbaren Rundscheiben heute verschollen. Sie wurden vermutlich beim Abbruch des Gemeindehauses verschachert.
Dreihundert Jahre waren seit dem Bau des Gesellenhauses vergangen. Wind und Wetter hatten dem Holzwerk stark zugesetzt, und kostspielige Reparaturen häuften sich. Das Haus war zudem alt und eng und genügte den Ansprüchen längst nicht mehr. Im Sommer 1819 beschloss daher die Gemeindeversammlung, man solle das alte Gebäude durch ein neues, bequemeres Haus, das heutige Haus «Sonne» – ersetzen. An Lichtmess 1821 wurde zum letzten Mal gewirtet, und schon am 12. Februar begann man, das morsche Gesellenhaus niederzureissen24.
Wirtshaus «Krone»
Das Wirtshaus zur Krone, dessen Anfänge vermutlich bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen, dessen Geschichte sich aber erst seit der Reformationszeit urkundlich belegen lässt, war nebst dem Gesellenhaus bei der Kirche die einzige Gaststätte im Dorfe Wädenswil, die über ein Tavernenrecht verfügte. Gestützt auf dieses obrigkeitlich verliehene Recht, das von Zeit zu Zeit erneuert wurde, war der Kronenwirt ermächtigt, in seinem Hause auch warme Mahlzeiten aufzutischen und Gäste über Nacht zu beherbergen, während die Winkel- oder Pintenwirte lediglich Wein ausschenken durften. Das im Unterdorf gelegene Wirtshaus profitierte sowohl vom regen Schiffsverkehr auf dem Zürichsee als auch von den Reisenden, welche die Landstrasse Zürich – Chur passierten, und erfreute sich daher schon früh eines guten Rufs. Die Kronenwirte – 1530 war es Jakob Klein, 1555 Felix Hoffmann25 und um 1653 ein Angehöriger der Familie Hauser – durften mit Recht auf ihren Besitz stolz sein! Zur Liegenschaft, welche östlich durch den offen zum See fliessenden Kronenbach begrenzt war und auf den andern drei Seiten «um und um an die Weg und Landstrasse» stiess, gehörte nämlich nicht nur das «Wirtzhus», sondern auch eine Metzg. Dazu kamen ein Speicher, eine Stallung und ein Schweinestall.
Im Hornung 1662 kam die «Krone» in den Besitz des Wädenswiler Landschreibers Hans Jakob Eschmann. Der aus begütertem und angesehenem Rittmeister-Geschlecht stammende Käufer dachte wohl kaum daran, selbst zu wirten. Er hatte nämlich in zwei schon ihm gehörenden Betrieben, in der Giessenmüli und der Sägerei am Sagenrain, vollauf zu tun und setzte darum seinen Bruder, den Untervogt Christen Eschmann (1636–1685), als Kronenwirt ein. Wenige Jahre vor dessen Ableben, 1682, nahm Heinrich Schwarzenbach den Gasthof in Pacht; 1690 folgte Andreas Hauser und 1693 Hans Jakob Hauser. Nach häufigem Wirtewechsel traten zu Beginn. des 18. Jahrhunderts wieder stabilere Verhältnisse ein. Seit 1706 war Feldschreiber Heinrich Eschmann aus der Giessenmüli Eigentümer des Gasthauses zur «Krone». Er hatte es von Quartiermeister Rudolf Eschmann samt Hausrat gekauft. Die «Krone» muss damals hablich eingerichtet gewesen sein. Das Notariatsprotokoll nennt nämlich eine reiche Ausstattung mit vielen Möbeln, mit Wäsche, Geschirr und Küchenzubehör26.
Im Jahre 1750 liess Lisabeth Eschmann, die Gattin des Säckelmeisters Jakob Müller zu Mülenen, das ererbte Wirtshaus zur «Krone» an den Krämer Jakob Kuster aus dem Rheintal verkaufen. Kuster war aber nicht lange Eigentümer. Noch im selben Jahr veräusserte er den Besitz dem jungen Batzenvogt Jakob Huber (1727–1809) von Wädenswil, der sich ein Jahr zuvor mit Verena Blattmann verheiratet hatte. Drei Jahre nach dem Hinschied seiner Gattin, 1764, schloss Jakob Huber einen zweiten Ehebund, und zwar mit Verena Eschmann, der Tochter des Wädenswiler Engelwirts. Geschäftstüchtigkeit und kluge Ausnützung der politischen Lage ermöglichten es dem Wirte-Ehepaar, die «Krone» zum Zentrum und Sammelpunkt führender Persönlichkeiten und zum Absteigequartier vieler durchreisender Grosser zu machen27.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts profitierte der Kronenwirt vom wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung gewisser Bevölkerungsschichten. Täglich trafen sich in seinem Haus die Wädenswiler «Fabrikanten», welche sich aus der Heimindustrie zu selbständigen Unternehmern emporgearbeitet hatten, zur Abendgesellschaft, wo «gekannegiessert» und dann eine Partie Karten gespielt wurde. Ab und zu wurde auch eine gebratene Taube oder ein gebackener Fisch aufgetischt, und dann wurde heftig politisiert oder, wie ein Zeitgenosse schreibt, «das Wohl und Weh des Vaterlandes beherzigt, die Regierung in Zürich und die Landvögt und Obervögt zurechtgewiesen»28. Besonders laut tönte es an den Wirtshaustischen, seitdem die Mitglieder der 1790 gegründeten franzosenfreundlich gesinnten Lesegesellschaft in der «Krone» ihre Zusammenkünfte und Sitzungen hielten. Hier las man die Abschriften der alten Freiheitsurkunden, französische Flugblätter und Revolutionsliteratur; hier sang man französische Freiheitslieder, und von hier aus verfolgte man mit wachem Interesse das revolutionäre Vorgehen der Stäfner Patrioten.
Die Einnahmen flossen in jenen Jahren so beträchtlich, dass der Kronenwirt um 1790 daran denken konnte, seinem Gasthaus einen grossen Saalbau anzugliedern (später Zentrumgarage), dem gegen die Engelstrasse hin ein grosser Garten mit herrlichem Baumbestand vorgelagert war. Der Kronensaal bildete eine wahre Sehenswürdigkeit. Sogar ausländische Reiseschriftsteller erwähnten ihn in ihren Berichten. So notierte 1795 der Engländer Normann, man finde in Wädenswil einen Konzertsaal mit vollständigem Orchester29. Nachdem die Stäfner Unruhen von 1794/95 verebbt waren, ging es wohl auch in der «Krone» wieder gemässigter zu und her. Weil hier verbotene und strafbare Zusammenkünfte abgehalten worden waren, unterstellte die Zürcher Obrigkeit das Gasthaus einer demütigenden Polizeiaufsicht, und Huber, der Wirt, musste sich nun bemühen, den guten Ruf seiner Wirtschaft wieder zu festigen. Dies scheint ihm gelungen zu sein, und auch sein Nachfolger Heinrich Höhn aus Schönenberg, der die Liegenschaft im Frühling 1813 von den Erben Huber gekauft hatte, konnte sich das Zutrauen weiter Kreise sichern. 1816 stieg in seinem Hause sogar Fürst Wrede ab. 1827 pries Markus Lutz in seinem «Geographisch-statistischen Handlexikon» die «Krone» in Wädenswil als den wohl besten Gasthof am Zürichsee.
Wirtshaus «Engel»
Wann die Wirtschaft zum «Engel» eingerichtet worden ist, steht nicht genau fest. 1647 wird geschrieben, dass der Engel, dessen Tavernenrecht damals umstritten war, erst seit wenigen Jahren bestehe30. Ein Eintrag im Gerichtsprotokoll von 1632, welcher das «Wirtshus alhir zum Enggel» erwähnt, wird folglich nahe an die Gründungszeit heranreichen31. Im Weinmonat 1632 beklagte sich Kaspar Oberlin von Zürich beim Landvogt Holzhalb über das Benehmen einiger Wädenswiler. Oberlin war mit Konrad Keller und einem fremden Pilger im Wirtshaus «Engel» eingekehrt. Während die drei Gäste bei ihrem Trunk sassen, hub im Lokal eine Schlägerei an. Konrad Hauser, Hans und Hansjoggeli Rusterholz sowie Peter und Hans Staub verprügelten sich und stiessen dabei Gotteslästerungen und schändliche Schwüre aus. Die Wirtin flüchtete entsetzt und schloss die Türe hinter sich ab. Als die wutentbrannten Gesellen bereits mit abgebrochenen Stuhlbeinen drauflos hieben, erschien sie wieder und wollte Ruhe gebieten. Umsonst! Der Landvogt, welcher von der Schlägerei in Kenntnis gesetzt wurde, fällte harte Strafen: Konrad Hauser wurde ins Gefängnis gesteckt, nachdem er Gott um Verzeihung gebeten hatte. Rusterholz wurde unter die Kanzel gestellt. Hier musste er seine Missetaten vor versammelter Gemeinde bereuen, dann wurde auch er eingesperrt.
Die Engelwirtin wird im Zeugenverhör von 1632 nicht mit Namen genannt. 1642 erwähnt die Landvogteirechnung eine Frau «Zeenderi». Das Grundprotokoll von 1655, welches eine erste Handänderung der Liegenschaft registriert, erwähnt Frau Barbel Bräm als Besitzerin, wenig später eine Regula Eschmann.
Das im Dorfe Wädenswil am See gelegene Wirtshaus zum «Engel» erhob sich nicht an derselben Stelle wie der heutige Gasthof, sondern weiter zürichwärts. Jenes Haus heisst heute noch «Alter Engel». Mit Regula Eschmann, welche den Gasthof noch 1655 von der Wirtin Bräm übernommen hatte, hielt eine Familie auf dem «Engel» Einzug, welche dessen Geschicke während rund zweihundert Jahren bestimmte. Wie in der «Krone», auf der Eichmüli oder in der Mühle im Giessen erwies sich auch hier Familientradition als die Kraft, die das Unternehmen zur Blüte brachte. Die Tauf-, Ehe- und Totenregister, welche von den Wädenswiler Pfarrern seit dem Ende des 16. Jahrhunderts geführt wurden, nennen einzelne Engelwirte32: Hauptmann Hans Jakob Eschmann-Ernst (1661–1685 erwähnt), Caspar Eschmann-Eschmann (1661–1702), Wachtmeister Hans Jakob Eschmann-Diezinger (1683–1722), Heinrich Eschmann-Kölla (1717–1792) . Gemeinderat Caspar Eschmann, der in einem Verzeichnis der Tavernen und Wirtschaften vom Jahre 1805 als Engelwirt aufgeführt wird33, scheint der letzte Vertreter des Geschlechtes gewesen zu sein, der sich in Wädenswil dem Wirteberuf zugewendet hatte. 1833 wurde zwar den Erben Eschmann das Tavernenrecht für den «Engel» nochmals erneuert. Sie dachten aber selbst nicht mehr ans Wirten. Man wollte das Recht lediglich fixieren, damit man es weiterverkaufen konnte. Und es fand sich ein Käufer, der die Wirtetradition der Eschmann weiterführen wollte: Kaspar Hauser (1783–1856), der Sohn von Batzenvogt Ulrich Hauser-Blattmann. Die Familie Hauser war schon lange Nachbar der Engelwirte Eschmann gewesen. Das alte Doppelwohnhaus und die Nebengebäude vorhalb dem «Engel» wurden in den 1830er Jahren niedergerissen. An ihrer Stelle liess Kaspar Hauser das heutige Hotel Engel errichten34.
Badestuben
Die im Kirchenurbar vom Jahre 1555 erwähnte Badestube stand unterhalb der Kilchmatte, ungefähr an der Stelle der heutigen Liegenschaft «Eintracht»35. Sie spielte im Leben der Gemeinde eine wichtige Rolle. Man konnte hier nicht nur Wasser- und Schwitzbäder nehmen; der Scherer oder Barbier oblag hier auch seiner Tätigkeit im Haarschneiden, Bartscheren, Schröpfen, Aderlassen oder Massieren. Er war somit Coiffeur und Chirurg in einer Person. Die öffentlichen Badestuben standen unter obrigkeitlichem Schutz. Sie waren Ehehaften wie die Gasthäuser, Mühlen oder Schmieden und als solche in ihrer Zahl beschränkt. Nur nebenbei sei vermerkt. dass die Badestube vielfach auch der Ort war, wo man – wie im Wirtshaus – mit den Dorfgenossen die Ereignisse des Tages zu besprechen pflegte und dabei allerhand Neuigkeiten vernehmen konnte.
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts amtete auf der Badestube am Plätzli der Scherer Lienhart Schinz. Sein Geschäft dürfte sich eines guten Zulaufs erfreut haben, denn ausser seiner Badestube gab es zu jener Zeit innerhalb der Herrschaft Wädenswil nur noch an der Hürschengasse in Richterswil einen Scherer und Barbier. Wie lange die Badestube am Plätzli in Betrieb war, entzieht sich unserer Kenntnis. Im Grundprotokoll wird jedoch schon 1654 von der «alten Bathstuben» gesprochen36. Der Eigentümer der Liegenschaft, Hans Jakob Keller, scheint sich nicht mehr als Barbier betätigt zu haben: er übte das Schmiedehandwerk aus. Beim Verkauf der Güter an Jakob Epprecht im Brachmonat 1673 wird die Badestube nicht mehr erwähnt, da sie offenbar inzwischen eingegangen war. Dafür gab es seit der Mitte des 17. Jahrhunderts in andern Dorfteilen Badestuben, so etwa 1683 jene von Barbier Heinrich Schärer an der Türgass. Auch im Keller der «alten Farb» an der Gerbestrasse war 1683 eine Badestube eingerichtet37.
Schiessstätte
Wie in verschiedenen andern Seegemeinden lag auch in Wädenswil die Schiessstätte ursprünglich direkt am Seeufer. Das 1559 mit einer Subvention der Zürcher Regierung neu erbaute Schützenhaus38 erhob sich seewärts der Liegenschaft Rosenegg, anstelle des heutigen Seehofs. Der Scheibenstand mit der Schützenmauer und dem Zeigerhäuschen lag am Ufer des offen zum See fliessenden Kronenbaches, etwa bei der heutigen westlichen Unterführung im Abschnitt zwischen Seeplatz und Bahnhof. Von der Schützenmauer am Kronenbach ist erstmals 1667 die Rede39. Vor der Mauer waren die Scheiben so aufgestellt, dass die verschossenen Kugeln in den Kronenbach fielen.
In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte sich der Mitgliederbestand der Wädenswiler Schützengesellschaft erhöht. In der Folge erwies sich das Schützenhaus als zu klein. Technische Fortschritte hatten die Schusswaffen verfeinert, und dadurch war auch in Wädenswil die Zieldistanz zu klein geworden. Man errichtete daher im Jahre 1651 einen zweiten Schiessstand, das hintere oder äussere Schützenhüsli40. Es war an das 1840 abgetragene Haus zur «Harmonie» angebaut, war, wie das innere, gemauert und trug ein Ziegeldach und ein «Klebtach», welches oft neu geschindelt werden musste. Die Inneneinrichtung wird im Schützenbuch beschrieben: Gewehrrechen, ein Tisch, lange Bänke und eine Tafel, «darinnen die Schützenordnung aufbehalten wird».
Während rund drei Jahrhunderten befand sich der Schiessplatz der Wädenswiler Schützen in der heutigen Bahnhofgegend. Am 24. Juni 1855 beschloss die Gemeindeversammlung, das Schützenhaus zu verlegen, da dessen Fortbestehen im Dorfgebiet nicht mehr als zweckmässig erachtet und von den Behörden auch nicht mehr länger geduldet wurde. Die Gemeinde kaufte deshalb von Jakob Leuthold am Rotweg ein Haus mit Scheune und Trotte, liess die Gebäude niederreissen und an ihrer Stelle (beim Sekundarschulhaus Rotweg) ein neues Schützenhaus bauen, welches am 26. Juni 1859 eingeweiht wurde. Hier führten die Wädenswiler bis 1894 ihre Schiessen durch. Dann verlegte man den Schiessplatz in den Steinacher.
Schulhäuser
Das älteste Wädenswiler Schulhaus stand am Fusse des Kirchhügels, direkt unterhalb des Pfarrhauses, also ungefähr da, wo sich heute die Liegenschaft Rosenhof befindet. Es mag in der zweiten Hälfte des 16., eventuell in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gebaut worden sein, war einstöckig und bot nur einer Klasse Raum. Aus dem 1757 gezeichneten Plan der Pfrundliegenschaften ist ersichtlich, dass das Dorfschulhaus im Grundriss etwa den selben Flächeninhalt aufwies wie die benachbarte Pfarrscheune: es war rund 11 Meter lang und 7 Meter breit41. 1661 gliederte man dem Schulhaus einen Holzschopf an. 1678 errichtete man in der Schulstube einen neuen, grünen Kachelofen; 1699 wurde das Schullokal mit neuem Mobiliar ausgestattet: mit Schultischen und Stühlen. Gleichzeitig ersetzte man die blind gewordenen Butzenscheiben.
Dorfschulhaus, Kirche und Wohngebäude am Fuss des Kirchhügels um 1770.
Trotz stetigem Ausbau erwies sich das Schulhaus um 1780 als zu klein, um rund zweihundert Schüler aufzunehmen. 1779 verfügte das Dorf wohl über zwei Lehrer, aber nur über eine Schulstube. An einen Schulhausneubau wollte der Stillstand wegen «verdienstloser» Zeit nicht denken. Man einigte sich dann auf folgende Lösung: «Schulmeister Leuthold unterrichtet die Kinder derjenigen Eltern, die diesseits des Kronenbaches wohnen in zwei Klassen, und zwar die höhere Klasse von 07.00 bis 09.30 Uhr und die untere Klasse von 09.30 bis 12.00 Uhr. Eschmann hingegen gibt von 13.00 bis 15.30 Uhr der untern und von 15.30 bis 18.00 Uhr der oberen Klasse aller derjenigen Schüler den nötigen Unterricht, deren Eltern jenseits des Kronenbaches wohnen»42. Diese Stundenverteilung scheint indessen vielen Eltern nicht gepasst zu haben. Sie gelangten daher am 6. Oktober 1779 an die Kirchenpflege, welche damals noch die Oberaufsicht über das Gemeindeschulwesen ausübte, und erklärten, «dass ihnen die kleinen Kinder im Weg stehen bei Haus»43. Sie baten deshalb die Behörde, man solle doch im Schulhaus eine zweite Schulstube einrichten, damit alle Kinder am Vormittag und am Nachmittag den Schulunterricht geniessen könnten. Der Stillstand prüfte das Gesuch und nahm schon am folgenden Tag einen Augenschein im Schulhaus. Der bauverständige Landrichter Hauser hatte festzustellen, ob das Fundament so viel Tragkraft habe, dass man auf dem oberen Boden durch Herausbrechen einiger Wände eine neue Schulstube einrichten könne. Das Gutachten fiel befriedigend aus, und so beschloss man dann, das Dorfschulhaus aufzustocken. Damit man die Baukosten möglichst tief halten konnte, beschloss der Stillstand, vor allem solche Meister anzustellen, «die mit Not den halben Taglohn verdienen».
Von diesem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausgebauten Dorfschulhaus ist eine Ansicht erhalten geblieben. Sie zeigt den Bau von Südosten, also etwa vom heutigen Rosenmattpark her gesehen. Links erkennt man einen Teil des Schulgartens und des angrenzenden Pfrundareals, rechts ist der offene Töbelibach sichtbar. Das Schulhaus präsentiert sich als schlichter Holzbau. Die zwei langen, gekoppelten Fensterreihen in der Giebelfront des Hauses erhellten wohl die beiden Schulstuben. Das obere Stockwerk kragte auf der seeseitig orientierten Längsfassade über das Untergeschoss vor und wurde von drei Holzpfeilern getragen. Auf diese Weise entstand eine Laube, welche den Eingang gegen den Regen abschirmte. Eine Holztreppe führte zur erhöht gelegenen Türe. Durch die Pforte am Fuss der Treppe gelangte man in den Keller, welcher dem Schulmeister laut Besoldungsvertrag zu Nutzen zustand. Auf der Nordwestseite des Schulhauses war ein Holzschopf angebaut, welcher Brennholz und einige landwirtschaftliche Geräte enthielt.
Das 1819 abgebrochene Dorfschulhaus von Osten. Zeichnung von G. Werner.
Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts erwies sich das Wädenswiler Schulhaus, das jetzt über zwei Schulstuben verfügte, erneut als zu klein. 1815 erteilte daher der Erziehungsrat der Schulpflege den Auftrag, ein neues Schulhaus zu bauen, das den Bedürfnissen der Zeit und den Wünschen der Eltern angemessen sei. Es wurden in der Folge Projekte ausgearbeitet, die jedoch noch nicht spruchreif waren; die Gemeindeversammlung, welche über den Neubau hätte Beschluss fassen sollen, endete mit Tumult. Die Hunger- und Teuerungsjahre 1816/17 drängten das Bauvorhaben der Wädenswiler stark in den Hintergrund. Erst 1819 befasste man sich wieder mit der Frage des Schulhausneubaus. Man einigte sich dann auf folgende Lösung:
Das alte Schulhaus wird niedergerissen, und an seiner Stelle wird ein grösserer, dreistöckiger Bau errichtet. So geschah es. Mitte Mai wurde das alte Dorfschulhaus abgebrochen; am 24. Mai begann man, das Fundament für den Neubau auszuheben. Die Bürger halfen durch Fronarbeit wacker am Bau mit, wodurch sich die Kosten erheblich verringerten. Zur Finanzierung der Baute wurde eine Vermögenssteuer von 2 Prozent erhoben, ausserdem mussten für jede heizbare Stube fünf Gulden entrichtet werden. Im Jahre 1820 konnte das neue Schulhaus, welches drei Klassenzimmer und zwei Lehrerwohnungen enthielt, bezogen werden. Gleichzeitig trat auch eine neue Schulordnung in Kraft, welche die Organisation der Schule, die Lehrziele der einzelnen Klassen und die Besoldung der Lehrer regelte. Diese Ordnung ist von Johann Heinrich Kägi in seiner «Geschichte der Herrschaft und Gemeinde Wädenswil» abgedruckt worden44.
Man scheint im Jahre 1820 sehr kurzsichtig gebaut zu haben. Schon neun Jahre später musste man wieder nach neuen Schulräumen Umschau halten. Als Notbehelf konnte im Armenhaus eine Schulstube eingerichtet werden. 1834 entschlossen sich dann die liberal und schulfreundlich denkenden Bürger zum Bau des heutigen Eidmattschulhauses I, welches im November 1835 eingeweiht wurde. Das 1819/20 errichtete Schulhaus aber wurde am 1. Februar 1836 auf offener Gant für 7300 Gulden an einen Privaten verkauft45.
Peter Ziegler
Anmerkungen
StAZH = Staatsarchiv Zürich
1 StAZH, E II 210, Bevölkerungsverzeichnisse 1634 und andere.
2 Walter Höhn, Das Werden unseres Heimatbodens, Neujahrsblatt der Lesegesellschaft Wädenswil für 1934, S. 99.
3 StAZH, Plan O 73.
4 StAZH, Grundprotokolle Wädenswil.
5 StAZH, B VII 41/16.
6 Jakob Pfister, Die Ortsnamen der Pfarrei Wädenswil, Wädenswil 1924, S. 39.
7 StAZH, C V 3, Schachtel 6 d, dat. 24.6.1772 und 1788.
8 StAZH, Plan O 73.
9 StAZH, F IIa 428, S. 199 v.
10 StAZH, B VII 41/4 und 6; A 150/9.
11 StAZH, F lIc 86, 87, 88.
12 StAZH, Grundprotokoll Wädenswil 1715, S. 348.
13 StAZH, F III 38, 1557.
14 G. P. Normann, Geographisch-statistische Darstellung des Schweizerlandes, 1. Teil, Hamburg 1795, S. 42 und S. 255.
15 Diethelm Fretz, Studien zur mittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte der Gemeinden Wädenswil und Richterswil, Neujahrsblatt der Lesegesellschaft Wädenswil für 1951, S. 5.