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Heutzutage kann man sich kaum mehr vorstellen, dass der Langstreckenlauf in der freien Natur noch vor fünfzig Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung als eine Tätigkeit galt, die lediglich einer Handvoll masochistischer Spinner vorbehalten war. Von Ärzten als gesundheitsschädigend gebrandmarkt, war den Frauen die wettkampfmässige Ausübung des Laufsports sogar vollständig untersagt.
Der Regisseur Pierre Morath wählt diese bemerkenswerte Ausgangslage, um in seinem Dokumentarfilm eine historisch sorgfältig aufbereitete Entwicklungsgeschichte des Laufsports zu erzählen. Er deutet dabei das Laufen als eine Art Befreiungsbewegung, die parallel zu den gesellschaftspolitischen Emanzipationsbewegungen der Sechzigerjahre verläuft und daher gewissermassen zu einem Akt der Selbstbehauptung des Individuums gegen die strengen moralischen Normen der Gesellschaft wird. Als roter Faden funktioniert hierbei die Geschichte des New-York-Marathons, der unter dem Einfluss des findigen Promoters Fred Lebow von einem Liebhaberanlass zum teilnehmerstärksten Langstreckenlauf der Welt wurde. Besonders bewegend ist die Erzählung aber immer dann, wenn es dem Filmemacher gelingt, gesellschaftliche Entwicklungen mit persönlichen Schicksalen zu verknüpfen. So wie jenem von Kathrine Switzer, die 1967 durch ihre Teilnahme am Boston-Marathon zu einer Wegbereiterin für die Gleichberechtigung der Frauen im Laufsport wurde; oder jenem des Schweizer Laufpioniers Noel Tamini, der mit seiner Zeitschrift Spiridon im Kampf gegen die Sportverbände das Laufen für alle propagierte.
Morath, seines Zeichens selbst ein leidenschaftlicher Langstreckenläufer, sorgt mit einer rasanten Montage von historischem Bildmaterial und knackigen Statements von Zeitzeugen sowie einem rhythmisch-dynamischen Soundtrack dafür, dass sich seine Faszination für den Laufsport auch auf den Zuschauer überträgt. Dies gelingt ihm im Verlauf des Films jedoch nicht immer gleich gut: Als er im Mittelteil versucht, das globale Ausmass seiner Geschichte zu illustrieren, läuft die Erzählung mehrfach Gefahr, sich in historischen Details zu verlieren. Mit seinen nostalgisch anmutenden Aufnahmen von einsamen Läufern im sonnendurchfluteten Herbstwald bewegt sich Free to Run zudem manchmal nahe an der Ästhetik eines Werbefilms. Insgesamt überwiegt aber der positive Eindruck, den die individuellen Schicksale dieser sportlichen Emanzipationsbewegung hinterlassen. Und wenn Morath zuletzt am Beispiel des New-York-Marathons aufzeigt, dass die Entwicklung des Laufsports zum Massenphänomen eben doch auch seine Schattenseiten haben kann, gelingt ihm damit ein Schlusspunkt, der über den Film hinaus zum Weiterdenken anregt.