Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03597.jsonl.gz/1912

Ein Trainingszentrum und Farmteam in Chur statt «Crazy Money in the Mountains». Der HC Davos sucht in den Zeiten seiner Jahrhundertfeier nach neuen Wegen, um wieder meisterlich zu werden. Die 2:3-Niederlage im Jubiläumsspiel gegen die ZSC Lions hat Symbolcharakter.
Der HCD hat bis heute alle Stürme überstanden, jede Krise überwunden und immer wieder einen Weg zurück zur nationalen Spitze gefunden. Andere Klubs der Berge – Arosa, St.Moritz, Gstaad, Villars – sind von der Landkarte des Spitzenhockeys verschwunden. Ja, weltweit gibt es in wichtigen Profiligen inzwischen nur noch vier hochalpine Teams auf über 1000 Metern Höhe: Ambri in der Leventina auf 1011 sowie den HC Davos auf 1560, die Calgary Flames auf 1045 und die Colorado Avalanche in Denver auf 1609 Metern.
Ambri, an der uralten Handelstrasse zwischen Nord und Süd am Gotthard gelegen, hat eine andere Geschichte. 1937 gegründet, als der HCD bereits eine der besten Mannschaften Europas und den Kern unserer Nationalmannschaft bildete, die 1926 zum ersten Mal Europameister geworden war. Und getragen von der einen Hälfte des Kantons in einer bipolaren Hockeywelt mit den Neureichen um Lugano und den wohlhabenden Traditionalisten um Ambri.
Der Kanton Graubünden hat noch weniger Einwohner als der Kanton Tessin und die lokale Wirtschaft ist noch weniger dazu in der Lage, ein Hockey-Spitzenteam zu finanzieren. So wie der Tourismus und die Bergbauern, so ist auch der HCD auf das Geld aus dem Unterland angewiesen, um im Zeitalter der Kommerzialisierung des Eishockeys als Spitzenteam zu überleben.
Die Verkehrslage ist zu ungünstig, um ein Spitzensportunternehmen mit Zuschauereinnahmen (im Schnitt sind es weniger als 5000) nähren zu können. Zu keinem anderen Spielort ist der Weg so beschwerlich wie hinauf nach Davos.
Der Spengler Cup, der kommerziell erst ab den 1980er Jahren richtig zu funktionieren beginnt und heute mehr als zwei Millionen Franken Gewinn in die HCD-Kassen spült, ist eine verlässliche Geldquelle. Die andere ist das Geld aus dem Unterland. Zürcher oder Heimweh-Bündner aus dem Züribiet mit abgeschlossener Vermögensbildung tragen mit ziemlicher Sicherheit mehr zum wirtschaftlichen Wohlergehen bei als die lokale Wirtschaft.
Es passt ins Bild, dass im 100. Jahr des Bestehens mit Gaudenz Domenig ein in Zürich ansässiger Wirtschaftsanwalt mit Bündner Wurzeln dem HCD als Obmann vorsteht.
Der HCD stieg zwar schon früh zwischendurch ab. Das erste Mal 1969. Die zwei kritischsten Phasen der Geschichte kamen aber erst in der Neuzeit. Nach der ersten und einzigen Relegation in die dritthöchste Liga (1990) und der grossen Finanzkrise am Anfang dieses Jahrhunderts, die für den Mikrokosmos HCD so dramatisch war wie die Finanzkrise von 2007 für die Welt.
1989 gelang der sofortige Wiederaufstieg: Eishockey kostete noch nicht einmal halb so viel wie heute und die Rückkehr in die höchste Liga war finanzierbar. Eine Reihe von klugen Transfers (u.a. Reto und Jan von Arx, Michel Riesen, Patrick Fischer, Beat Forster, Trainer Arno Del Curto) und gute Jahrgänge eigener Spielern (u.a. Beat Equilino, Marc Gianola, Sandro Rizzi) brachten den HCD wieder an die nationale Spitze zurück und ermöglichten 2002 den ersten Titel seit 1985.
Aber das Geld reichte nicht, um ein Meisterteam dauerhaft zusammenzuhalten und zu finanzieren. Durch den Versuch, es doch zu tun, geriet der HCD in die gefährlichste monetäre Krise seiner hundertjährigen Geschichte. Diskret rettete eine Crew mit weitrechenden nationalen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen um den heutigen Landamman Tarzisius Caviezel (er übernahm damals das Präsidentenamt) und dem heutigen Vorsitzenden Gaudenz Domenig den HCD und ordnete die Finanzen neu.
Bis vor sechs Jahren war der HCD dazu in der Lage, in der Liga die höchsten Löhne zu zahlen. Ein Spieleragent hat diese bisher letzte «Belle Epoque» der HCD-Geschichte einmal auf den Punkt gebracht: «Crazy Money in the Mountains». Durch weitere, oft teure Zuzüge, eigene Nachwuchsspieler und hochkarätiges ausländisches Personal (u.a. Jonas Hiller, Leonardo Genoni, Peter Guggisberg, Marc und Dino Wieser, Andres Ambühl, Joe Thornton) ist es sogar gelungen, eine Dynastie aufzubauen. Der HCD wurde 2005, 2007, 2009, 2011 und 2015 Schweizer Meister.
Der Bau neuer Stadien im Unterland, neue Einnahmemöglichkeiten (Gastronomie, Networking), die von hohen Zuschauerzahlen, einer modernen Infrastruktur und leichter Erreichbarkeit abhängig sind, haben dem Hockey einen weiteren Teuerungsschub beschert. Diese Entwicklung bringt dem SCB, Zug und bald auch den ZSC Lions und Ambri ganz andere Einnahmen aus dem Spielbetrieb. Einnahmen, die dem HCD an seinem isolierten Standort weitgehend verwehrt sind.
Dazu kommt ein weiterer Urbanisierungsschub des Hockeys: für die Spitzenspieler der neuen Generation – sozusagen der Generation Z des Hockeys – ist der Standort oben in den Bergen nicht mehr cool.
So hat der HCD in den letzten fünf Jahren die Position eines Spitzenteams verloren. Der Titel von 2015 könnte für lange Zeit der letzte gewesen sein. Und der HCD muss womöglich nach Arno Del Curto so lange auf einen neuen Meistertrainer warten wie unsere Armee auf einen neuen General Henri Guisan. Die Niederlage im Jubiläumsspiel gegen die ZSC Lions am Donnerstag hat Symbolcharakter. Es ist gleichsam das Zeichen an der Wand, das es richtig zu deuten gilt.
Im 100. Lebensjahr muss sich der HCD neu erfinden. Der kluge Präsident Gaudenz Domenig versucht es auf mehreren Wegen. Seinen politischen Einfluss nützt er, um in der Liga eine Salärbegrenzung («Financial Fairplay») einzuführen. Er hat das gesamte Konzept entwickelt. Sein HCD braucht diese Eindämmung der Lohnentwicklung, um wieder ein Spitzenteam sein zu können.
Dadurch sind Mehreinnahmen durch den Spielbetrieb und den Spengler Cup möglich. Nicht im gleichen Masse wie bei den Titanen im Unterland. Aber immerhin kommt mehr Geld herein. Doch die wichtigste bisher kaum beachtete Neuorientierung betrifft die Erweiterung der sportlichen Basis.
Bis heute ist es nie gelungen, das ganze Bündnerland sportlich für den HCD zu mobilisieren. Das mag an der geografischen Besonderheit mit den verschiedenen, durch hohe Berge getrennte Regionen und Mentalitäten (Engadin, Prättigau, Landwassertal, Bündner Herrschaft) oder eben an der ausgeprägten Gemeinde-Autonomie liegen.
Nun aber ist Gaudenz Domenig, von der Öffentlichkeit noch kaum beachtet, daran der «Bismarck des Bündner Hockeys» zu werden. Also der Mann, der die Hockey-Bündner, der Arosa, Chur und Davos hockeytechnisch zum ersten Mal in der Geschichte einigt. Gelingt ihm das, sollte ihm ein sportlicher Friedensnobelpreis verliehen werden. Was die Sache allerdings erschwert: Der SCB hat ihm ausgerechnet jetzt mit dem Engadiner Raeto Raffainer den «Mephisto» in dieser Sache ausgespannt.
In Chur wird im Herbst 2022 das zweite überdachte Eisfeld in Betrieb genommen. Die Arena in Chur ist bei weitem tauglich für die Swiss League und nach einem recht nahen Verwandten von Gaudenz Domenig benannt: Nach Thomas Domenig, dem Architekten und Erbauer des modernen Chur und des Eisstadions.
Wenn es gelingt, in der neuen Swiss League (ab der Saison 2022/23) in Chur ein Farmteam aufzubauen und so das gesamte Nachwuchspotenzial im Kanton zu erfassen, aus- und weiterzubilden – dann bekommt der HCD eine viel breitere sportliche Basis als Ausbildungsklub. Ein zweiter sportlicher Standort in Chur wäre effizienter als die aktuelle Zusammenarbeit mit den Ticino Rockets in Biasca unten. Von Davos nach Chur sind es 60 Kilometer und 50 Autominuten. Nach Biasca 150 Kilometer und mehr als zwei Autostunden.
Mit Chur würde ein Traditionsclub mit dem Potenzial für mehr als 1000 Zuschauer pro Spiel in die zweithöchste Liga zurückkehren. Gaudenz Domenig bestätigt seine Bemühungen um den Standort Chur: «Der Bau des zweiten Eisfeldes in Chur eröffnet auch für uns neue Perspektiven. Wenn die Sache finanzierbar ist, dann ist ein Farmteam in Chur für uns ein Thema.»
Aus einem hockeypolitisch vereinigten Graubünden könnte wieder ein Titelkandidat werden. Gaudenz Domenig gibt allerdings zu bedenken: «Wir müssen auch die Kreise überzeugen, die lieber gar kein Hockey wollen als eine Zusammenarbeit mit dem HCD.»
Neid ist eben auch in den Bündner Bergen nach dem Föhn die zweitstärkste Kraft der Natur. Das ist der Preis, den der HCD für 100 Jahre ruhmreiche Geschichte und 30 Meistertitel zu zahlen hat.