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| Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

54. Cap. Wohin die Seelen unmittelbar nach dem Tode gelangen.
Nun hätten wir anzugeben, wohin die Seele alsdann gethan wird. Fast alle Philosophen, welche die Unsterblichkeit der Seele, in welcher Weise auch immer, aufrecht erhalten, wie Pythagoras, Empedokles und Plato, sowie die, welche, wie die Stoiker,1 ihr nur einen gewissen Zeitraum gönnen, vom Tode an bis zur Verbrennung des Weltall, –— sie alle versetzen doch nur ihre, d. h. die Seelen der Weisen, in die höhern Wohnsitze. Und zwar gewährt Plato auch den Seelen der Philosophen nicht ohne weiteres diese Vergünstigung, sondern wohlgemerkt nur denen, welche ihre Philosophie mit dem Schmuck der Knabenliebe geziert haben.2 Bei den Philosophen hat demnach die Unreinheit sogar ein grosses Privilegium. Und so werden denn bei Plato die Seelen der Weisen in den Äther erhoben, bei Arius3 in die Luft, bei den Stoikern in die Region unter dem Monde. Dabei wundere ich mich nur, dass sie die unweisen Seelen [S. 369] in die Erdennähe verbannen, da sie behaupten, dieselben würden von den weisen, die sich an einem viel höheren Orte befinden, unterrichtet. Wo soll das Schullokal sein bei einem so grossen Abstande der Wohnorte? Auf welche Weise sollen die Schülerinnen mit ihren Lehrerinnen zusammenkommen, da sie durch einen solchen Zwischenraum von einander getrennt sind? Wozu soll ihnen endlich diese Unterweisung nach dem Tode dienen und nützen, da sie bei dem Weltbrande doch zu Grunde gehen werden? Die übrigen Seelen verweisen sie in die Unterwelt. Diese beschreibt Plato im Phädon als den Schooss der Erde, wo alle Unreinigkeiten der Welt zusammenfliessen, sitzen bleiben, verdunsten und durch ihren Schmutz und ihre Unsauberkeit gleichsam schwereren Atem und eine besondere Art dicker Luft verursachen.
1: Vgl. Cicero, Tusc. quaest. I, c. 31.
2: Tertullian denkt hier an Stellen wie Symp. p. 203 sqq., Phaedrus p. 248 sqq.
3: Ein Alexandrinischer Philosoph.