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In der Stube von Melanies (Name geändert) Wohnung im einem Zürcher Aussenquartier stehen auf einem Regal, flankiert von Kondolenzkarten, Blumen und Kerzen, zwei schlichte Urnen. Darin ist die Asche ihrer verstorbenen Eltern aufbewahrt. «Wir haben vor ihrem Tod abgemacht, dass sie zuerst noch ein wenig bei mir sein können», sagt die 21-Jährige, während sie eine Kerze anzündet. «Nächsten Sommer streuen ich und meine Geschwister dann die Asche in die Sihl.»
Melanies Vater verstarb im Januar 2018 nach einer langwierigen und schweren Lungenkrankheit, und diesen Frühling starb auch noch ihre Mutter an Brustkrebs. Mit der Mutter hatte Melanie immer ein angespanntes Verhältnis gehabt, am Ende aber habe sie sich mit ihr versöhnt: «Vor allem wegen meinen beiden jüngeren Geschwister.» Denn für ihren Bruder (19) und ihre Schwester (17) ist Melanie schon ihr halbes Leben lang eher eine Mutter als die grosse Schwester.
Schule, kochen, pflegen
Melanies Mutter war psychisch krank, litt an einer bipolaren Störung. Weil der Vater viel arbeitete, kümmerte sich Melanie bereits als 10-Jährige um den Haushalt, wenn ihre Mutter erneut eine depressive Phase hatte. Melanie machte ihre Geschwister morgens bereit für die Schule, half bei den Hausaufgaben, begleitete sie zu Hobbys, kochte für sie und brachte sie am Abend ins Bett. «Ich war die grosse Schwester, da war es für mich wie selbstverständlich», sagt sie.
Ich war die grosse Schwester, da war es für mich wie selbstverständlich
2013 trennten sich die Eltern, Melanie zog als Teenager zu ihrem Vater. Als dieser wegen seiner Lungenkrankheit immer schwächer und zum Pflegefall wurde, kümmerte sich Melanie auch um ihn: «Ich habe das gern gemacht, weil ich meinen Vater liebte.» Aber die Pflegearbeit wurde intensiver: «Irgendwann konnte er nicht mal mehr selbst unter die Dusche und brauchte Hilfe beim Anziehen.» Während sich ihre Freundinnen nach der Schule trafen, musste Melanie nach Hause, um ihren Vater zu duschen.
Erst da habe sie zu realisieren begonnen, dass dies keine normale Situation für eine Jugendliche sei, sagt Melanie. Für sie sei es jahrelang einfach normal gewesen, dass sie sich um ihre Familie kümmerte. Gleichzeitig wollte sie sich aber auch nicht eingestehen, dass sie unter der Belastung litt. In der Schule wurden ihre Leistungen immer schlechter, trotzdem vertraute sie sich keiner Bezugsperson an: «Ich dachte: Lasst mich doch in Ruhe, ich kann das schon alleine!». Verwandte, die sie hätten unterstützen können, hatte sie nicht.
Ich dachte: Lasst mich doch in Ruhe, ich kann das schon alleine!
Erst der Tod ihres Vaters warf Melanie aus der Bahn: Sie musste ihre Lehre als Fachangestellte Gesundheit für mehrere Monate unterbrechen. Das war der Moment, als sie sich psychologische Hilfe holte.
Tausende junge Helferinnen und Helfer unter dem Radar
Melanies Geschichte ist exemplarisch für viele andere Jugendliche in der Schweiz. Die Careum Hochschule Gesundheit schätzt, dass etwa acht Prozent der 10- bis 15-Jährigen Familienangehörige daheim betreuen oder pflegen. Bei den jungen Erwachsenen bis 25 liegt der Anteil sogar bei zehn Prozent. «Meist wissen nicht einmal ihre Lehrpersonen oder Lehrmeister, was sie nebst Schule und Ausbildung zusätzlich leisten», sagt Professorin Agnes Leu, die das «Young Carers»-Programm bei Careum leitet.
«Young Carers» in der Schweiz
- Fast acht Prozent der Schweizer Kinder und Jugendlichen im Alter von 10 bis 15 Jahren betreuen kranke oder pflegebedürftige Angehörige.
- Dies entspricht etwa 38'400 Kindern und Jugendlichen.
- Der Anteil Mädchen liegt bei 9.2 Prozent, bei Knaben beträgt er 6.6 Prozent.
- Die Ergebnisse gehen aus einer Umfrage der Careum Hochschule Gesundheit hervor.
- Die Hochschule beteiligt sich damit am europäischen Forschungsprojekt «Me-We».
- In der Schweiz haben 2057 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an der Umfrage teilgenommen, darunter 485 «Young Carers».
Young Carers seien im Alltag unauffällig. Sie empfänden ihre Situation als normal und nähmen oft aus Scham kaum Hilfe in Anspruch. Deswegen ist es gemäss Leu wichtig, dass Schulen, Lehrbetriebe und Jugendorganisationen besser auf das Thema sensibilisiert werden: «Hier hat die Schweiz noch einen grossen Nachholbedarf, gerade im Schulbereich.»
Die Schweiz hat grossen Nachholbedarf.
Die Situation der Young Carers lasse sich nicht von heute auf morgen verbessern, so Agnes Leu. Erfahrungen aus dem Ausland zeigten, dass es oft jahrelange Sensibilisierungskampagnen brauche. Sie ist aber zuversichtlich, auch, weil sich der Bundesrat mittlerweile der Problematik angenommen hat und derzeit an Massnahmen arbeitet.
Die Careum Hochschule Gesundheit hat verschiedene Projekte lanciert, um mehr auf die Situation der Young Carers aufmerksam zu machen. Ausserdem organisiert die Hochschule regelmässig sogenannte «Get Togethers», wo sich betroffene Jugendlichen treffen und austauschen können. «Wir haben gemerkt, dass sich die jungen Leute untereinander besser austauschen, dass sie offener sind, wenn sie mit jemandem reden, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat», so Leu. Es solle aber auch darum gehen, dass die Jugendlichen abschalten könnten, zusammen ins Kino gehen und einige unbeschwerte Stunden geniessen.
Die grosse Schwester bleibt Mami
Auch Melanie hat sich bereits am «Young Cares»-Programm beteiligt, nachdem sie per Zufall darauf aufmerksam geworden war. Sie wünscht sich, sie hätte schon früher mit jemandem über ihre belastende Situation gesprochen. Ihr Tipp an andere Young Carer: «Redet darüber. Es ist nicht normal, wenn ihr daheim eure Eltern duschen müsst. Vertraut euch jemandem an, holt euch Hilfe.»
Ihr habe es geholfen, darüber zu reden, sagt Melanie. Im Sommer, nach dem Tod ihres Vaters, nahm sie ihre Lehre wieder auf – ein Jahr später hatte sie ihren Abschluss. Derzeit ist sie auf der Suche nach einer festen Stelle. Noch wichtiger ist für Melanie aber die Zukunft ihrer jüngeren Geschwister: «Mein Bruder und meine Schwester waren stets mein Antrieb für alles. Ich bin wie ein Mami für sie, und wie ein Mami will ich jetzt auch, dass sie ihre Lehre abschliessen und Erfolg haben, dass sie ihren Weg gehen.»
Melanie lächelt, als sie sagt, sie schaue mit Zuversicht in die Zukunft: «Seien wir ehrlich: Schlimmer kann’s ja gar nicht mehr kommen.»