Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03383.jsonl.gz/1055

Spaghetti Western
Geschichte, Stars, Regisseure, Filme. Ein lange unterschätztes Genre mit
einigen Perlen der Filmgeschichte
Artikel vom 4. Februar 2009
Lange Jahre waren sie zwar populär, aber bei Kritikern als Schund
verschrien, die despektierlich Spaghetti Western genannten Italo-Western, von
denen
übrigens viele im spanischen Almeria gedreht wurden.
Laut dem Autor Christopher Frayling hatte 1958 der Film
Herkules
mit Steve Reeves einen riesigen Erfolg, weshalb danach Roms Cinecittà sich
weitgehend auf lukrative Schwert- und Sandalenfilme konzentrierte. Als dieser
Markt 1962 zusammenbrach, versank die italienische Filmindustrie vorübergehend
in einem Jammertal, ehe Sergio Leone
1964 mit
Für eine handvoll Dollar den Boom der Spaghetti-Western einläutete. Das Fundament
für diesen Erfolg hatten die amerikanischen Westernserien geliefert, die auf
Europas Fernsehkanälen liefen.
Zwischen 1962 und 1964 waren bereits rund zwei Dutzend italienische, spanische
und deutsche Kopien von US-Western entstanden, doch laut Frayling begann erst
mit
Für eine handvoll Dollar die Zeit des Spaghetti- oder Italo-Western
als eigenständiges Genre.
Sergio Leone
benutzte hier bereits parodistische Elemente, die später das Markenzeichen
vieler Spaghetti-Western wurden. Vieles wurde überhöht, verstärkt,
theatralischer, melodramatischer und mit einer guten Prise Zynismus
ausgestattet. Die Duell Szenen wurden länger. Zeitlupe und Nahaufnahmen nutzten
die Regisseure mit Gusto. Mit Clint Eastwood
kreierte Sergio Leone den Archetypen des Fremden, der von nirgendwo kommt und nirgendwohin geht.
Eastwood selbst verfeinerte später den No-Name-Charakter, der später von
Terence Hill
persifliert wurde. Leone sagte
über Eastwood, er habe nur zwei Gesichtsausdrücke, einen mit Hut und einen ohne
Hut.
Für eine handvoll Dollar
wurde mit einem bescheidenen Budget als B-Movie auf dem Set von
Zorro-Filmen gedreht, und zwar auf der Vorlage von Akira Kurosawas
Samurai-Film Yojimbo.
Kurosawa seinerseits verstand Yojimbo als Hommage an das amerikanische
Western-Genre. Leone hatte zwar die Geschichte im wesentlichen von Kurosawa (und
Carlo Goldonis The Servant of Two Masters) geklaut, doch waren die
kulturellen Referenzen, die Atmosphäre und Details des Spaghetti-Western sehr
verschieden vom Samurai-Film.
Anthony Steffen in Der Tod sagt Amen. Photo Copyright © Koch Media.
Leone und seine Produzenten hatten sich nicht um die Filmrechte gekümmert,
weshalb sie von Kurosawa verklagt wurden und sich schliesslich aussergerichtlich
einigten. Kurosawa erhielt die Rechte für den Fernen Osten sowie einen
Prozentsatz an den weltweiten Einnahmen zugesprochen. Damit verdiente der
japanische Regisseur mehr als er je für einen seiner eigenen Filme kassierte.
Der Dreh
Für eine handvoll Dollar
verlief nicht ohne Missverständnisse und Streit, insbesondere zwischen den
Italienern und Spaniern. Leone sprach übrigens kein Englisch, und Eastwood noch
kein Italienisch, was die Sache
nicht vereinfachte. Hauptdarsteller Clint Eastwood
sollte einmal für einen Dreh
extra zurück ans Set kommen. Als er dort eintraf, war allerdings niemand mehr da.
Verärgert über den fehlenden Professionalismus wollte er den Flieger zurück in
die USA besteigen. Regisseur Leone erwischte ihn gerade noch im Hotel und
überzeugte ihn, den Film fertig zu drehen.
Das Western-Meisterwerk von
Sergio Leone
jedoch ist
Spiel mir das Lied vom Tod.
Der Regisseur hatte damals bereits mit dem Genre abgeschlossen und
wollte eigentlich nur Es war einmal Amerika
drehen, übrigens ebenfalls ein Meisterwerk. Doch die Produzenten stimmen dem
Ansinnen nur unter der Bedingung zu, dass er zuerst nochmals einen
Western drehte. So entstand der bedeutendste Spaghetti-Western.
Spiel mir das Lied vom Tod wurde kein Riesenhit
in den USA.
Dafür gab es mehrere Gründe. Zum einen war der Film mit seiner langen
Eingangssequenz, dem Duell von Charles Bronson mit seiner Mundharmonika und
mehreren Killern an einem gottverlassenen Bahnhof, für seine Zeit wohl zu
revolutionär. Zum anderen wurde der herausragende Henry Fonda hier nicht als
positiver Held, sondern als Bösewicht eingesetzt, der in seiner ersten Szene
einen unschuldigen Jungen umlegt, was zumindest amerikanische Kinogänger
damals geschockt haben dürfte.
Zwischen den erwähnten Leone-Western
- und auch noch danach - entstanden unzählige Italo-Western, die wie erwähnt
oft in Spanien gedreht wurden. Zu den Charakteren, die in vielen Filmen
auftauchten, gehörten Django
und Sartana.
Darunter sind viele echte und „falsche“, das heisst solche, die nur aus
PR-Gründen den Namen Django oder Sartana im Titel tragen.
Töte Amigo. Photo Copyright © Koch Media.
Neben Leone gehörten eine Reihe weiterer Sergios zu den bedeutenden Regisseuren
des Genres: Sergio Corbucci, Sergio Martino und Sergio Sollima. Neben Clint Eastwood fanden im
Spaghetti-Western
Schauspieler wie Klaus Kinski, Anthony Steffen, Gian Maria Volontè, Gianni Garko,
Franco Nero, Lee van Cleef und viele andere ein Auskommen.
Der Komponist, der dem gesamten Genre Italo-Western seinen Stempel aufdrückte,
heisst
Ennio Morricone.
Seine vielleicht bedeutendsten Kompositionen sind auf immer mit den Filmen von
Sergio Leone verbunden.
Im deutschen Sprachraum hat sich in den letzten Jahren insbesondere Koch Media mit der
Veröffentlichung bekannter und weniger bekannter Italo-Western Verdienste
erworben. Da ist zum Beispiel eine dreier Box mit dem „falschen Django“
Django - Die Bibel ist kein Kartenspiel von 1968. Den Film mit John
Richardson in einer Doppelrolle kann man getrost vergessen. Empfehlenswert sind
hingegen die zwei weiteren Italowestern der Box. Django - Der Bastard ist
eine Kain und Abel Geschichte, in der ein Halbbruder den anderen jagt. Anthony
Steffen kämpft gegen Gianni Garko, der seinerseits im echten Leben der Bruder
von Gian Maria Volontè war. Später lehnte Anthony Steffen Filmrollen mit
Rachemotiv ab. In.Django
10000 blutige Dollar spielt Anthony Steffen einen erfolgreichen
Kopfgeldjäger, der schon mal ins Hintertreffen gerät, aber überlebt. Garkos
erster und liebster Spaghetti-Western ist eine Perle.
Die Liste der Italowestern ist endlos. Der politisch linke Regisseur Damiano
Damiani drehte mit Töte Amigo seinen einzigen Spaghetti-Western, den er
jedoch als nicht dem Western-Genre angehörend betrachtet. Im Interview auf der
Koch Media-DVD sagt er, er habe keinen Western machen wollen. Das Genre
Western beziehe sich auf die
Zivilisation und die Kultur des amerikanischen Westens. Damit habe sein Film
nichts zu tun. Sein Film spiele in Mexiko und handle von einem Konflikt zwischen
mexikanischen Volksgruppen, von den armen Mexikanern und mexikanischen Revolutionären, die
sich bewaffnen wollten, um im Kampf gegen die gut bewaffneten reichen Mexikaner
bestehen zu können, um den
Verrat an der Revolution für Geld, und um einen Amerikaner auf der Suche nach Geld
und einem Plan, der erst am Schluss des Films aufgelöst wird. Inspiriert sei
Töte Amigo vom Schicksal der mexikanischen Revolutionäre Zapata und Pancho Villa.
Der Film ist allerdings kein theoretisches Manifest und erschliesst sich
lediglich dem informierten und aufmerksamen Konsumenten als politischer
Italowestern. Das Genre bietet für alle etwas. Auch jene, die tief loten wollen,
selbst wo es eher seicht ist. Insgesamt ist die Geschichte des Spaghetti Western
reicher und substantieller als so mancher denkt.
Sarg voller Dollars. Photo Copyright © Koch Media.

Spiel mir das Lied vom Tod - Once Upon A Time In The West. Szene mit
Henry Fonda und Charles Bronson. Photo Copyright © Paramount Home
Entertainment.

||The World's largest selection - Shop now!

Spiel mir das Lied vom Tod. Photo Copyright © Paramount Home
Entertainment.

||The World's largest selection - Shop now!

Der gehetzte der Sierra Madre. Photo Copyright © Koch Media.