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Am 6. November sagte der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, der «Albtraum» im Gazastreifen sei mehr als eine humanitäre Krise. Vielmehr sei es eine «Krise der Menschheit». Tatsächlich kann man die nach dem Völkermord in Rwanda weit verbreitete Verwendung des Begriffs «humanitäre Krise» infrage stellen. Gerade um dramatische Ereignisse wie jene in Nahost zu beschreiben, erscheint der Begriff unzulänglich. Die Verantwortlichkeiten und die politischen Entscheidungen, die diese Krisen verursachen, werden dadurch in den Hintergrund gedrängt, der Fokus liegt auf den schrecklichen Folgen für die Menschen.
Kryptischer Begriff
Der Begriff der humanitären Aktion entstand Ende des 19. Jahrhunderts und bezeichnete zunächst die Hilfe für Kriegsverletzte. Seine Definition wurde nach und nach erweitert und zu einem kryptischen Begriff, der Hilfsaktionen in äusserst heterogenen nationalen und internationalen Gebieten umfasste. Einige Jahre nach der Entsendung amerikanischer Truppen nach Somalia, deren Bilanz sich als katastrophal erwies, bezeichnete die Uno den Konflikt in Rwanda in einer Resolution nicht als Völkermord, stattdessen sei der Begriff «humanitäre Krise» zu verwenden.
Daraufhin nahm die Verwendung dieses Begriffs exponentiell zu, insbesondere durch die an den Krisen beteiligten Staaten sowie in den Medien. Er diente zur Beschreibung der Folgen von so unterschiedlichen Ereignissen wie Naturkatastrophen, Epidemien, Kriegen, Hungersnöten oder Vertreibungen. Internationale und humanitäre Organisationen bildeten keine Ausnahme.
Auch wenn die Verwendung dieses Begriffs zweifellos den Vorteil hat, vor oft katastrophalen menschlichen und gesundheitlichen Situationen zu warnen, läuft es darauf hinaus, dass die politische Verantwortung für die Krisen, die er beschreiben soll, verschleiert wird. So vereinfacht er komplexe Situationen übermässig und lässt Kausalitäten ausser acht, die zu einem Kriegseintritt oder zum Ausbruch einer Epidemie mit besonders tödlichen Folgen geführt haben.
Ein ehemaliger Präsident von Ärzte ohne Grenzen, Rony Brauman, hat ausführlich auf die Gefahr des Missbrauchs des Begriffs «humanitäre Krise» hingewiesen. In diesem Sinne könne beispielsweise eine Vergewaltigung als «gynäkologische Katastrophe» bezeichnet werden.
Den Schwächsten helfen
Auch in Gaza kann der Konflikt nicht auf die Beschreibung der Folgen der «humanitären Krise» reduziert werden. Zudem vermittelt die Verwendung des Begriffs hier eine Unmittelbarkeit und Dringlichkeit, die weder den historischen Hintergrund des Konflikts noch die Bedrohung durch eine Ausweitung des Krieges berücksichtigt.
Die korrekte rechtliche Bezeichnung einer Situation mag zwar keine Aufgabe einer medizinischen Hilfsorganisation wie Ärzte ohne Grenzen sein. Doch die absolute Notwendigkeit, der Zivilbevölkerung in Gaza Hilfe zu leisten, darf nicht von der Dringlichkeit eines Waffenstillstands ablenken. Es geht also nicht darum, eine «humanitäre Pause» zu fordern, sondern um die vollständige Einstellung der Kriegshandlungen. Nur so kann man der Bevölkerung im Gazastreifen die Hilfe zukommen lassen, die dem immensen Bedarf entspricht, und den Helfenden ein Mindestmass an Sicherheit gewährleisten.
Denn dies ist nach wie vor das Hauptziel: den Schwächsten und Verletzlichsten zu helfen und Inseln der Menschlichkeit zu schaffen. Die Verwendung des Begriffs «humanitäre Krise» sollte nicht dazu führen, dieses Hauptziel aus den Augen zu verlieren.
Diese Version wurde in die NZZ veröffentlicht.