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Ob Daniil Medwedew seinen Vorsatz auch halten wird, wenn er am Sonntag in Melbourne seinen ersten Grand-Slam-Titel gewinnen sollte? Der 25-jährige Russe hat nämlich eine sehr spezielle Art, seine Siege zu feiern. Gar nicht. Auch sonst ist er in vielen Dingen ganz anderes als sein Finalgegner Novak Djokovic.
Während der Serbe oft ein wenig übertrieben versucht, vom Publikum geliebt zu werden (und vielleicht genau deshalb meist scheitert), kümmert sich Medwedew scheinbar keinen Deut um sein Image. Am US Open 2019, als er erstmals so richtig ins Scheinwerferlicht einer breiteren Öffentlichkeit trat, genoss er es regelrecht, den «Bad Boy» zu spielen und sich mit den Fans anzulegen. Er entschuldigte sich später zwar, er habe es ein wenig übertrieben, doch er zog viel Energie aus dem feindseligen New Yorker Publikum. Und dieses entwickelte erstaunlicherweise je länger je mehr eine gewisse Bewunderung für diesen kauzigen Typen, der sich so gar nicht darum schert, was die Leute von ihm denken.
Dazu gehört, dass Medwedew aufgehört hat, grosse Siege überschwenglich zu feiern. Praktisch ohne jegliche Regung nahm er seinen bisher grössten Triumph zur Kenntnis, als er im letzten November die ATP Finals in London gewann. Dieses stoische Auftreten sollte aber nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden. Im Gespräch ist der in Monaco wohnhafte Russe ein äusserst freundlicher und intelligenter Gesprächspartner. Seine Erklärung für sein neues (Nicht-)Jubelritual ist simpel: «Ich feiere meine Siege einfach nicht mehr.» Das habe er für sich so entschieden, nachdem er am US Open 2019 mit den Fans seine Probleme hatte und diese es nicht goutierten, wenn der zunächst ungeliebte Medwedew gewonnen und seine Siege dann auch noch zelebriert hatte. «Es läuft ja jetzt ganz gut», meint er mit einem Lächeln.
Wie ein Schach-Grossmeister
Das ist allerdings grob untertrieben. Seit letztem Oktober hat der 1,98-m-Schlaks nun 20 Spiele in Folge und die Turniere in Paris-Bercy, bei den ATP Finals und für Russland den ATP Cup in Melbourne gewonnen. Deshalb ist auch Novak Djokovic, der in bisher acht Australian-Open-Final acht Mal triumphierte, gewarnt. «Er ist der Spieler, den es zu schlagen gibt», sagt der Titelverteidiger und Weltranglistenerste. «Er hat einen grossartigen Aufschlag, und für einen so grossen Spieler bewegt er sich extrem gut.» Und dann streicht Djokovic die vielleicht grösste Qualität Medwedews heraus: «Wie er sich taktisch auf dem Platz positioniert, ist wie ein Schach-Grossmeister. Er ist definitiv ein sehr smarter Spieler.»
Dazu passt, dass Medwedew nach seinem Umzug an die Côte d'Azur innert wenigen Monaten fliessend Französisch lernte. Auch heute spricht er mit seinem Coach Gilles Cervara, der ihn seit vier Jahren betreut, Französisch. Daneben studierte er in Moskau zuerst Wirtschaft und Handel, schloss dann aber mit einem Trainerdiplom ab. Er interessiert sich weniger für Mode oder Showbusiness, sondern für höhere Mathematik und Physik. Daneben heiratete der Familienmensch bereits mit 22 Jahren seine Freundin.
Spielerisch sehr ähnlich
Spielerisch sind sich Djokovic und Medwedew hingegen sehr ähnlich. Ein guter Aufschlag, die Fähigkeit, konstant und fast fehlerlos lange Ballwechsel zu diktieren und fast jeden Angriff der Gegner eiskalt zu kontern. Im Final dürfen - oder müssen - sich die Tennisfans auf viele lange Grundlinienduelle einstellen. Am Ende könnten die besseren Nerven oder die grössere Fitness den Ausschlag geben. «Die Erfahrung vom (in fünf Sätzen gegen Rafael Nadal verlorenen) US-Open-Final wird mir helfen», glaubt der Russe. Er sagt aber auch: «Djokovic ist der Favorit, denn er verliert hier in Finals ja nie.»
Das streitet dieser nicht ab. «Die vielen Siege geben natürlich viel Selbstvertrauen», sagt er. «Aber in einem einzelnen Spiel ändert das nicht viel.» Bleibt als grösstes Fragezeichen der Fitnessstand von Djokovic, doch nach dem souveränen Auftritt im Halbfinal glaubt keiner mehr an eine ernsthafte Verletzung. So spricht viel für einen spannenden Final. Medwedew ist wahrscheinlich der einzige Spieler, der Djokovic mit dessen eigenen Waffen schlagen kann. Und vielleicht würde er sich dann doch wieder einmal einen emotionalen Jubel erlauben.