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Ziemlich genau 11 Monate ist es her, dass ich das Grossprojekt der Lektüre von Wielands Ausgabe der Werke letzter Hand für beendet erklärt habe. Der grosse Mangel der von Christoph Martin Wieland noch selber zusammengestellten, im Original 56-bändigen Werkausgabe war mir (und ist jedem, der sie liest) sofort klar: Wieland hat darin auf einen grossen Teil seines literarischen Wirkens verzichtet, indem er seine journalistischen, seine essayissistischen, seine kritischen Aufsätze (die meist im Teutschen Merkur erschienen sind) alle, alle weggelassen hat. Bis heute gibt es keine vollständige Ausgabe der Wieland’schen Werke. Eine noch in der DDR begonnene historisch-kritische Ausgabe wurde nie abgeschlossen; die neue, sog. Oßmannstedter Ausgabe (bei de Gruyter), ist noch lange nicht fertig. So bleibt dem Wieland-Liebhaber nur, sich neben dem Reprint der Ausgabe letzter Hand (antiquarisch!) die Sammlungen kleiner Texte zu besorgen, die Jan Philipp Reemtsma herausgegeben hat. Im vorliegenden Fall also Wielands Schriften zur deutschen Sprache und Literatur (die mittlerweile auch im sog. ’neuen Antiquariat‘ gelandet sind).
Band I zeigt uns vor allem den jüngeren Wieland, den Wieland, der sich noch finden musste. Zwar seine Themen sind bereits klar. Da ist vor allem die grosse Auseinandersetzung an der Seite der Zürcher Bodmer und Breitinger contra Gottsched. Wieland entpuppt sich in seinen jungen Jahren als vehementer Kritiker, der auch nicht davor zurückschreckt, den Gegner literarisch und persönlich zu beleidigen. Selbst Gottscheds Frau kriegt ihr Fett weg auf eine Art und Weise, die keineswegs eines Gentlemans würdig ist. In dieser Auseinandersetzung ging es ja einerseits um die Auffassung von Literatur, wo bekanntlich der Ansatz der Schweizer und Wielands, dass dem Autor grosse Freiheit in der Gestaltung seines Werk gelassen werden soll, literaturgeschichtlich obsiegt hat. Es ging aber andererseits auch um die Frage, welche Sprache denn nun als Hoch- bzw. Schriftsprache den gesamtdeutschen Raum dominieren solle: das südliche Oberdeutsch oder dann doch eine auf die meissnische Kanzleisprache zurückgehende Form. Bodmer und Breitinger (und mit ihm natürlich auch der Schwabe Wieland) waren Verfechter des Oberdeutschen, Gottsched (und an dessen Seite der erste deutsche Lexikograph von Bedeutung, Adelung, mit dem sich Wieland in diesem Band diesbezüglich vor allem auseinander setzt) kämpfte für die Dominanz der meissnischen Sprachform. (Diese Auseinandersetzung war auch eine auf dem politischen und wirtschaftlichen Terrain, und hier verloren die Oberdeutschen gegen ihre Kontrahenten.) Aber auch wenn Wieland auch die grosse Schlacht verlor, so gelang es ihm doch im Kleinen, das eine oder andere Wort, das Adelung als oberdeutsch und deshalb in der Schriftsprache zu verpönendes Wort markiert hatte, vor diesem Schicksal zu retten.
Wieland schoss auch schon mal übers Ziel hinaus. So finden wir in Band I der Schriften auch die Ankündigung, in Zukunft in seinem Teutschen Merkur nur noch althergebrachte, deutsch-germanische Monatsnamen zu verwenden – aber auch den Artikel, mit dem er die Rückgängigmachung seines Entscheides begründet.
Wieland erörtert ebenso den Grund, warum er sich für die Schreibung ‚Teutsch‘ und nicht für ‚Deutsch‘ im Titel seiner Zeitschrift entschieden hat. Wir finden auch sonst diverse Ankündigungen zu seiner Zeitschrift, Programme, deren inhaltliche Gestaltung betreffend, und können so nachverfolgen, wie er immer wieder laviert, mäandert, mal dieses oder jenes Feature hinzufügt, um es kurz darauf wegzulassen, weil sich der Erfolg beim Publikum doch nicht eingestellt hat.
Interessant und wichtig sind auch Wielands diverse Auslassungen über die deutsche Sprache als Sprache von Übersetzungen, v.a. von Homer und Shakespeare. Letzteren hat Wieland bekanntlich selber (in einer heute zu Unrecht beim grossen Publikum vergessenen) Ausgabe übersetzt, bei Homer ist es Voß, mit dem sich Wieland auseinander setzt; auch zu seinem Liebling unter den alten Griechen, Xenophon, und dessen (eigener) Übersetzung äussert sich Wieland. Im Bereich des Metrischen, in dem Wieland selbst Meister war – er konnte Verse verfassen, die so leicht und musikalisch dahinfliessen, dass der Leser die Mühe der Versifikation, die dahinter steckt, gar nicht spürt – hat Wieland auch den einen oder andern bemerkenswerten Gedanken hinterlassen. Gedanken, die zeigen, dass die scheinbare Leichtigkeit hart erkämpftes Werk eines Meisters ist; auch und gerade wieder in Zusammenhang mit Übersetzungen – z.B. seiner eigenen des Horaz.
Das deutsche Singspiel, mit dem Wieland zu den Vorläufern einer deutschen Oper gehörte, wird von Wieland ebenfalls verteidigt; er setzt auseinander, warum er gewisse Abläufe in seiner Oper Alceste geändert hat im Vergleich zu Euripides‘ Originaldrama. Wieland beweist hier auch ein Gespür für die Möglichkeiten der Bühne – er, der ansonsten der so wenig ‚dramatische‘ Klassiker ist.
Zum Abschluss des Bandes wird uns der Schüler und Parteigänger Bodmers näher vorgestellt – Vorworte, Kritiken und andere Jugendsünden Wielands aus der Zeit, wo er in Zürich lebte, und wo er sich als einigermassen ungehobelt, fanatisch und bigott erweist. Gut, dass er aus dem Dunstkreis der Zürcher entweichen konnte.
Ich lese Wieland einfach gern. Selbst, wo er Unrecht hat, ist seine Sprache ein Genuss. Und oft hat er halt einfach Recht.