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Wenn man nicht richtig schreiben kann
Aufgezeichnet von Leandra Nef; Foto: iStock
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Kennen Sie diese Feedback-Runden nach einem Seminar, bei denen man auf ein Kärtchen schreibt, wie es einem gefallen hat? Solche Runden waren schlimm für mich. Nicht, weil ich mich in Gruppen unwohl fühlen würde. Sondern weil ich nicht schreiben kann, ohne zahlreiche Rechtschreibfehler zu machen.
Mein Schicksal wurde früh besiegelt. Meine Mutter war Hausfrau, mein Vater Fabrikarbeiter, beide schlecht gebildet. Sie haben nie gelesen und mich dementsprechend auch nicht gefördert. Hinzu kommt, dass ich keine Oberstufe besucht habe. Und in der Primarschule haben wir gerade einmal gelernt, dass man Nomen gross schreibt und Verben klein. Direkt nach der Schule habe ich ein Haushaltsjahr gemacht. In dieser Zeit musste ich nicht oft schreiben, und wenn, dann nur kurze Rezepte. Deswegen hat mich meine Schreib- und Leseschwäche damals nicht so gestört.
Erst nach meinem Haushaltsjahr, als ich Krankenpflegerin wurde und Pflegeberichte schreiben musste, haben die Probleme angefangen. Um einen Bericht zu schreiben, brauchte ich viel länger als meine Kolleginnen. Es war für mich anstrengend, die richtigen Formulierungen zu finden – besonders nach acht Stunden Arbeit, wenn ich müde war.
Oft schreibe ich ein Wort und bin felsenfest davon überzeugt, dass es fehlerfrei geschrieben ist. Den Fehler erkenne ich erst mit einem gewissen Abstand, zum Beispiel, wenn ich das Wort zwei Tage später nochmal anschaue. Andere bemerken meine Fehler natürlich sofort. Einmal hat eine Chefin bei einem Gespräch zu mir gesagt, ich solle meine Kündigung schreiben – wenn ich das in korrektem Deutsch könne. Das hat mich sehr verletzt. Auch Arbeitskollegen sprechen mich auf meine fehlerhaften Texte an. Ich behaupte dann jeweils, ich sei müde gewesen, als ich den Text geschrieben habe. Bis heute schäme ich mich einfach zu sehr, um mich zu erklären. Die Gesellschaft erwartet schliesslich, dass jeder gut lesen und schreiben kann, und ich will nicht, dass andere mich für minderwertig halten.
Im Lauf der Zeit habe ich Strategien entwickelt, um nicht aufzufliegen. Mein Partner korrigiert zum Beispiel alle meine Texte, Bewerbungen und E-Mails. Manchmal kommt es deswegen zu Reibereien zwischen uns. Es verletzt mich nämlich, wenn er ganze Sätze streicht, nachdem ich stundenlang an einem Text gearbeitet und mir viel Mühe gegeben habe. Auch meine Tochter hilft mir. Sie geht ins Gymnasium, ihr Deutsch ist sehr gut. Sie korrigiert zum Beispiel Geburtstagskarten, die ich auf Sudelpapier vorschreibe.
Dass diese Schwäche Illettrismus heisst, habe ich erst spät erfahren. Vor einigen Jahren habe ich einen Film über dieses Phänomen gesehen und gemerkt: Das habe ich auch. Seit einigen Jahren besuche ich nun Kurse für Erwachsene mit Illettrismus. Wir sind eine kleine Gruppe, Leute aus unterschiedlichen sozialen Schichten und mit unterschiedlichen Berufen – sogar jemand mit Führungsfunktion ist dabei. Am ersten Kurstag hatte ich ein richtiges Aha-Erlebnis: Ich bin ja gar nicht allein mit meiner Schwäche! Dank den Kursen habe ich viele Fortschritte gemacht und konnte sogar meine Ausbildung als diplomierte Pflegefachfrau erfolgreich abschliessen.
Es gibt aber nach wie vor Dinge, bei denen mich mein Illettrismus einschränkt. Ich würde zum Beispiel gern Politikerin werden. Aber als Politikerin muss man Vorstösse texten, Protokolle und Leserbriefe schreiben. In der Öffentlichkeit Schreibfehler machen – nein, das wäre eine zu grosse Blamage für mich.
Bei den Feedback-Runden weiss ich mir übrigens mittlerweile zu helfen. Ich benutze einfach simple Worte, die ich sicher richtig schreiben kann. Wie ich das Seminar fand? «Super!»
Und wenn ich einen Text schreibe, den niemand sieht, dann stören mich die Fehler darin nicht. Einmal pro Woche setze ich mich darum ins Café und schreibe Tagebuch – nur für mich ganz allein.