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Ein totalitärer Anspruch der Kompetenzorientierung?
Ich möchte diese Problematik noch ein wenig weiter ausleuchten – um den totalitären Charakter des konstruktiv gewendeten Kompetenzbegriffs aufzuzeigen: Es gibt bekanntlich auch den Versuch, ‘religiöse Kompetenzen’ zu beschreiben. Hier wird der Kategorienfehler nun besonders deutlich, da an dieser Stelle versucht wird, den argumentativ nicht einholbaren Vorgang des ‘Glaubens’ doch noch psychologisch in den Griff zu bekommen.
Wenn der individuelle Glaubensakt sich tatsächlich in psychologisch fassbare, nachweisbare und überprüfbare (Teil-)Kompetenzen zerlegen ließe, dann müsste man ihn nach dem gängigen Modell aus elementaren Teilkompetenzen wieder synthetisieren können. Hier ergibt sich eine Paradoxie, die darin besteht, dass Glauben vernünftig hergestellt werden sollte: Man wäre der Meinung, »Glaube« ließe sich nach dem Kompetenzmodell kleinschrittig synthetisch herstellen, indem man die zur Religionsausübung vorausgesetzten Teilschritte einzeln erwürbe.
Dabei wäre es gleichgültig, woran wir glauben: Die Scientologen stünden gleichwertig neben Voodoo-Kulten
Man könnte nach dem Kompetenzmodell Religion für alle verpflichtend machen, da nach dieser Vorstellung jeder »glauben« lernen kann. Wir könnten ‘Glaubensstandards’ festlegen, d.h. objektiv bestimmen, wann jemand als gläubig gelten kann und wann nicht. Wir könnten sogar abprüfen, wie weit jemand gläu- big ist. Wir könnten eine Vergleichbarkeit herstellen und mes- sen, wie gläubig Bevölkerungsgruppen oder Länder sind. Eine ‘PISA-Studie zur Religion’ könnte nach diesem Modell Noten zur Gläubigkeit von Ländern verteilen. Dabei wäre es gleichgültig, woran wir glauben: Die Scientologen stünden gleichwertig neben Voodoo-Kulten oder dem Judentum. Ja, selbst Religionen mit Menschenopfern und rituellen Tötungen wären nach diesem Modell lehrbar; und sie wären sogar identisch mit den großen humanen Weltreligionen. Am wichtigsten aber ist, dass Glaube kein individueller Akt der Überzeugung, der Erlebnisse wäre, sondern eine lehrbare, völlig rationale Denkoperation.
Kompetenztheoretisch betrachtet ist es gleich, ob man Mathematik lernt oder beten. Beides ist gleichermaßen psychologisch in Teile (Teilkompetenzen) zerlegbar, gleichermaßen operationalisierbar und daher gleichermaßen messbar.
Das Versprechen, religiöse Kompetenzen zu benennen, wird gar nicht eingelöst.
Am Beispiel der Religion wird der Kategorienfehler vielleicht besonders deutlich: Identifizierte Teilkompetenzen lassen sich nicht wieder zur menschlichen Handlungstotalität synthetisieren. Und zwar grundsätzlich nicht. Weiterhin wird das Totalitäre des Ansatzes deutlich: Geistige Inhalte werden zu psychischen Prozessen zerlegt, so dass jeder gezwungen (manipuliert) werden kann, alles zu lernen. Natürlich will dies kein moderner Religionspädagoge, gleichwohl benutzen viele von ihnen das Vokabular, das eben diese Implikationen mit sich bringt. Hier wird ein Terminus zum trojanischen Pferd. Betrachtet man allerdings die Kompetenzentwürfe genauer, stellt man fest, dass alles Mögliche als Teilkompetenz ausgewiesen wird – nur eben nicht das Spezifische, das Religiöse, das den Glaubensakt ausmacht.(16) Das Versprechen, religiöse Kompetenzen zu benennen, wird gar nicht eingelöst – und das ist zu begrüßen. Nur sollte man dann auf den Begriffseuphemismus ebenfalls verzichten.
Kompetenzen allein schaffen keine Kultur. Wir unterscheiden uns von den antiken Gesellschaften nicht durch Kompetenzen, wohl aber durch Kultur.
Vertreter der Kompetenztheorie sprechen in letzter Zeit häufiger von ‘domänenspezifischen Kompetenzen’. ‘Kompetenzen’ werden nun zu ‘Ressourcen für unvorhersehbare Herausforderungen’ – allerdings fachspezifisch.(17) Abgesehen von der fraglichen Logik, nach der wir »Ressourcen für Unvorhersehbares« anlegen können – wenn wir nicht wissen, was auf uns zukommt, können wir uns auch nicht darauf vorbereiten –, bleibt das Problem: Entweder sind Kompetenzen psychische Disposi- tionen, die bei allen Menschen gleich sind, dann können sie nicht domänenspezifisch sein. Oder die Schule strebt fachbezogene inhaltliche Fragen an, die sich dann allerdings nicht aus (ahistorischen) Kompetenzen synthetisieren lassen, sondern der inhaltlichen Logik des Faches und seiner Geschichtlichkeit unterliegen. Zu unserer Kultur sind Kompetenzen nötig, aber Kompetenzen allein schaffen keine Kultur. Wir unterscheiden uns von den antiken Gesellschaften nicht durch Kompetenzen, wohl aber durch Kultur.
Muss man populäre Sprachregelungen mitmachen?
In populären Quellen – wie beispielsweise Wikipedia – finden sich Formulierungen wie, dass Kompetenz »eine koordinierte Anwendung verschiedener Einzelleistungen anhand eines für den Lernenden jeweils neuen Problems« sei oder Kompetenz sich »an lebensweltlichen Bezügen des Lernenden, am ‘Sich-Bewähren im Leben‘« orientiere und »ein kompetenzorientierter Unterricht stärker auf den Schüler und seine Lernvoraussetzungen [achte] als ein am Stoff ausgerichteter Unterricht«(18). Ich weiß nicht, wer dies (in Wikipedia) geschrieben hat, aber hier werden pädagogische Binsenweisheiten als Innovation ausgegeben. Vielleicht muss man aus taktischen Gründen manchmal das Wörterbuch des Zeitgeistes verwenden – aber einen Beitrag zur Kompetenzdiskussion leisten die Allgemeinplätze nicht.
Dies vermag eher schon der folgende Hinweis – ebenfalls von Wikipedia:
»Die empirische Bildungsforschung beschäftigt sich seit einiger Zeit mit der Messung von Kompetenzen, beispielsweise in den internationalen Leistungsstudien wie PISA. Für die psycho- metrische Messung wird der psychologische Kompetenzbegriff verwendet, der nicht identisch ist mit dem pädagogischen.“(19)
Erst wenn man über Inhaltliches diskutiert, lässt sich sinnvoll von sinnlos, gut von böse und Humanität von Barbarei unterscheiden.
Genau deshalb müssen wir uns mit dem importierten Begriff sehr kritisch beschäftigen – denn er ist es, der die Bildungslandschaft zu einer Elementarteilchen-Brache zurückdefiniert:
Wer also lediglich formale Kompetenzen schult und misst und als Indikator für den Grad an Bildung nimmt, kann nicht mehr unterscheiden zwischen sinnvoller und sinnloser Kultur, zwischen moralischem und unmoralischem Handeln, zwischen Humanität und Barbarei. Alle Pole verlangen exakt die gleichen, auch fachbezogenen Kompetenzen. Erst wenn man über Inhaltliches diskutiert, lässt sich sinnvoll von sinnlos, gut von böse und Humanität von Barbarei unterscheiden.
Wären Kompetenzlehrpläne konsequent gestaltet, trieben sie den Sinn, die Moralität und die Humanität aus den Lehrplänen und damit aus der Schule. An einem extremen Beispiel ausgedrückt: Ein Trainingslager der Neonazis ist unter kompetenztheoretischen Gesichtspunkten von einer Ausbildung in der Altenpflege nicht zu unterscheiden.(20)
Der Staat produzierte, wenn man die Kompetenzlehrpläne ernst nähme, Bürger, die diesem Staat gegenüber völlig indifferent werden. Ob man mit Geld Kultur schafft oder Kriege beginnt, ist kompetenztheoretisch betrachtet völlig gleich, da dieselben Kompetenzen dazu benötigt werden. Wir beklagen abnehmendes soziales Engagement, mangelnde Wahlbeteiligung, öffentliche sowie ökonomische Verantwortungslosigkeit und die Politik beklagt Politikverdrossenheit: Ein Schulsystem, das Kompetenzen als oberste Maxime und letzten Maßstab annähme, triebe genau diese Tendenz weiter. Aus Kompetenzen lässt sich kein humanes Handeln ableiten.
Vielleicht ist es ja wenig kompetent, nicht nur formal korrekt zitieren zu können – handelt es sich hier um fachliche oder methodische Kompetenz? –, sondern zudem noch inhaltlich dem zuzustimmen, was man zitiert. Ich tue es trotzdem und zitiere einen Klassiker – auch die Theorie des Klassischen lässt sich übrigens kompetenztheoretisch nicht begründen. Ich zitiere trotzdem. Goethe/Schiller, die Xenien aus dem Nachlass:
»Das verkauft er für Humanität? Zusammen addieren/ Kannst Du den Engel, das Vieh, aber vereinigen nicht.«(21)
Um diese Vereinigung geht es gerade in der Schule. Nur sie erlaubt uns kulturelles Handeln.
Fussnoten:
(16) etwa: – Hermeneutische Kompetenz als Fähigkeit, Zeugnisse früherer und gegenwärtiger Generationen und anderer Kulturen, insbesondere biblische Texte zu verstehen und auf Gegenwart und Zukunft hin auszulegen.
Ethische Kompetenz als Fähigkeit, ethische Probleme zu identifizieren, zu analysieren, Handlungsalternativen aufzuzeigen, Lösungsvorschläge zu beurteilen und ein eigenes Urteil zu begründen, um auf dieser Grundlage verantwortlich zu handeln.
Sachkompetenz als Fähigkeit, über religiöse Sachverhalte, Kernstücke der biblisch-christlichen Tradition und des christlichen Lebens Auskunft zu geben und deren Bedeutung für unsere Kultur zu benennen.
Personale Kompetenz als Fähigkeit, sich selbst, andere Personen und Situationen einfühlsam wahrzunehmen, persönliche Entscheidungen zu reflektieren und Vorhaben zu klären.
Kommunikative Kompetenz als Fähigkeit, eigene Erfahrungen und Vorstellungen verständlich zu machen, anderen zuzuhören, Rückmeldungen aufzunehmen, unterschiedliche Sichtweisen aufeinander zu beziehen und gemeinsam nach Handlungsmöglichkeiten zu suchen.
Soziale Kompetenz als Fähigkeit, mit anderen rücksichtsvoll und verantwortungsbewusst umzugehen, für andere, insbesondere für Schwache einzutreten, Konfliktlösungen zu suchen, gemeinsame Vorhaben zu entwickeln, durchzuführen und zu beurteilen.
Methodische Kompetenz als Fähigkeit, Aufgaben zu erfassen, Sachverhalte zu recherchieren, Inhalte zu erschließen, Lernprozesse selbstständig zu organisieren sowie Erkenntnisse undgebnisse zu präsentieren.
Ästhetische Kompetenz als Fähigkeit, Wirklich- keit, insbesondere Bildende Kunst, Musik, und Literatur sensibel wahrzunehmen, auf Motive und Visionen hin zu befragen und selbst kreativ tätig zu werden
Aus: Rupp, Hartmut (RPI): Religiöse Kompetenz. Theorie und Praxis. Religionspädagogischer Tag Kirchenbezirk Konstanz, Singen 21.02.2005. Zitiert nach: http://kircheansnetz.de/EvSchul- dekanKN/Religioese_Kompetenz.htm (zuletzt gefunden am 23.07.2010) Diese Kompetenzen lassen sich bruchlos auf den Deutschunterricht übertragen, sie betreffen – Gott sei Dank, möchte man sagen – das Religiöse gar nicht. Es sind rein säkulare Fähigkeiten, die genannt werden. Jeder traditionelle Lehrplan könnte diese Ziele formulieren – diese wäre allerdings immer noch nicht religionsspezifisch.
(17) Korsch, Dietrich: Den Atem des Lebens spüren. Bildungsstandards und Religion. In: Zeitschrift für Pädagogik und Theologie 58 (2006), S. 167
(18) Kompetenz (Pädagogik). In: Wikipedia. Im Internet unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Kompe- tenz_%28P%C3%A4dagogik%29. (zuletzt gefunden am 23.07.2010).
(19) Ebenda
(20) Machen wir die Probe aufs Exempel: Wer braucht diese Kompetenzen nicht? »Eine Fachkraft arbeitet selbständig, übernimmt Verantwortung, reagiert flexibel auf Anforderungen,reagiert kompetent in Notfallsituationen, verfügt über Sozialkompetenz, tritt selbstsicher auf, besitzt Einfühlungsvermögen, beherrscht die Schnittstellen in ihrer Arbeit undbaut auf gutes « Im Internet unter: http://www.altenpflege- ausbildung.net/snaa/ver/fobi-dok/v- v/H081127-1/. Zuletzt gefunden am 23.07.2010.
(21) Goethe, Johann Wolfgang von: Gedichte. Bd. IV. München 1961(dtv Gesamtausgabe). S. 162. Nr. 65.