Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03629.jsonl.gz/224

Kapitel 1
1
An Donnerstagen regnete es immer, zumindest an den wichtigen Donnerstagen in Chrissy Galloways Leben. Sie wurde an einem stürmischen Junitag geboren und hatte einen weiten Weg vor sich. Als sie an einem Donnerstag ihr Elternhaus verlassen hatte, war sie bis auf die Haut durchnäßt worden. Unglücklicherweise hatte sie diesen Wochentag auch für ihre Hochzeit gewählt – die Kleidung aller Gäste war durch einen sintflutartigen Regenguß ruiniert worden. Den Tag zur Beerdigung ihres Mannes hatte sie nicht wählen können, aber die gedrückte Atmosphäre war durch einen ständigen Nieselregen noch verstärkt worden. Und jetzt schaute sie aus einem Fenster im Bahnhof von Fellcar; es regnete in Strömen, und ihr fiel ein, daß es der Tag war.
Sie mußte lächeln. Der Mann vor ihr, der sich in dem Moment umdrehte, sah sie lächeln und zuckte zusammen, als wäre er gestochen worden. Er wich vor ihr zurück, als hätte sie eine ansteckende Krankheit. So viel zu der legendären Freundlichkeit der Menschen vom Norden. Sie fragte sich, was sich sonst noch während der sechzehn Jahre ihrer Abwesenheit in der Stadt geändert haben könnte.
Als ein Taxi vorfuhr und die darauf zueilenden Fahrgäste mit Wasserfontänen bespritzte, bewegte sich die Schlange ein Stück vorwärts. Chrissy schob ihre schwere Reisetasche mit den Füßen weiter.
Nicht, daß sie erwartet hätte, die Dinge hier vorzufinden, wie sie früher einmal gewesen waren. Ihr Fortgehen und ihre Heirat hatten nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihrer Eltern verändert. Seitdem hatten die beiden neue Interessen entwickelt und andere Gewohnheiten angenommen, an denen sie nicht mehr teilhatte. Sogar ihr Zimmer hatten ihre Eltern in ein Arbeitszimmer umgewandelt. Das hatte ihr nicht gefallen – was lächerlich war –, aber gesagt hatte sie es nie.
Dann war vor drei Jahren ihr Vater gestorben, was alles veränderte. Denn er war in dem Moment gestorben, als Chrissy eine Art Lebensbilanz zog und sie gern seinen Rat eingeholt und ihm Fragen gestellt hätte, denn sie hoffte, er würde ihr mit seinem scharfen analytischen Verstand helfen, ihre Probleme zu lösen. Und dann war es zu spät gewesen.
Wieder fuhr ein Taxi vor, und Bewegung kam in die Schlange. Wie viele ihrer Schulfreundinnen lebten noch in der Stadt? Wohl nur noch wenige. Während der letzten beiden Schuljahre hatten sie Stunden damit verbracht, darüber zu diskutieren, wie sie dem langweiligen Leben in diesem Provinznest entkommen könnten. Voller Freude und ohne einen Funken Bedauern war Chrissy damals nach London gegangen und hatte sich in ihre Ausbildung zur Krankenschwester gestürzt. Im Laufe der Jahre hatte sie begriffen, daß es diese Vertrautheit war, vor der sie damals geflohen war. Doch jetzt, nach so vielen Turbulenzen in ihrem Leben, war es genau das, was sie brauchte und wiederzufinden hoffte.
Während des Vorstellungsgesprächs vergangenen Monat im Krankenhaus hatte sie sich in ihrer Heimatstadt wie eine Fremde gefühlt. Und dasselbe Gefühl beherrschte sie heute wieder. Doch daran trug allein sie die Schuld. Vor allem in den letzten drei Jahren hätte sie ihre nun alleinstehende Mutter öfter besuchen müssen. Doch es gab ein Problem: Sie war mit Iris nie gut ausgekommen. Seit Chrissys Kindheit hatte ihre Mutter ständig an ihr herumgenörgelt oder sich übertriebene Sorgen um sie gemacht, ein Verhalten, das sie beibehielt, als Chrissy verheiratet war. Zweifellos meinte sie es gut, aber da Iris sich ständig in Chrissys Leben einmischte, wahrte Chrissy Distanz. Bei der Beerdigung von Chrissys Mann, Ewan, war Iris hysterisch geworden und hatte sich weitaus schlimmer als bei der Beerdigung ihres Mannes aufgeführt. Chrissy wollte ihre Mutter nicht oft sehen, zumindest nicht, bis sie wieder ein gewisses Maß an Ausgeglichenheit in ihr Leben gebracht hatte. Du meine Güte, dachte sie, ich bin gerade erst angekommen und frage mich, ob es nicht ein Fehler war, hierher zurückzukommen. Doch für Zweifel ist es jetzt zu spät, schalt sie sich, aber die Sorge blieb trotzdem.
Lynn war ihre einzige Schulfreundin, von der sie mit Gewißheit wußte, daß sie noch hier lebte. Na