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Marcel Perincioli in den «Aufzeichnungen» 1986:
«1941 erhielt ich in einem offenen Wettbewerb mit meinem Relief-Entwurf «Florian und sein Engel» an der neuen Feuerwehrkaserne in Bern einstimmig den 1. Preis. Dies freute mich natürlich sehr, und mit grossem Einsatz ging ich an die Arbeit.
Leider stellte man später ein grosses Gebäude vor die Kaserne, welches die ursprüngliche Wirkung der Plastik sehr beeinträchtigte. Mit dem Erlös dieses grossen Auftrages zogen Hélène und ich zum Weiterstudium nach Zürich. Durch das Kriegsgeschehen bedingt, war das Bildhauer-Ehepaar Banninger 1940 von Paris nach Zürich gekommen, und die Gattin, Germaine Richier, eine schon damals berühmte Bildhauerin, war bereit, mich in ihr Atelier aufzunehmen. Beide waren Schüler von Bourdelle gewesen.
Zur selben Zeit arbeitete Hélène im Atelier von Cornelia Forster. Doch leider erkrankten die Kinder im Kinderheim nach wenigen Wochen, und das Studium bei Frau Forster musste Hélène aufgegeben.
Germaine Richier mit Hélène Perincioli Foto: Marcel Perincioli
Germaine Richier vermittelte uns Schülern das Arbeiten mit dem Zirkel und dem Senkblei, wie es schon Rodin praktiziert hatte, eine Arbeitsweise, welche in der Schweiz unbekannt war und grosse Möglichkeiten bietet. Sie war eine grossartige Künstlerin und zugleich eine hervorragende, temperamentvolle Pädagogin, welche uns ohne Hemmungen die Wahrheit über unsere Arbeit sagte. Zum Beispiel versuchte sie eine Schülerin aus bester Zürcher GeselIschaft, welche nach der strengen Kritik weinte, mit den Worten zu trösten: «Pleure seulement, tu pisseras moins».
Germaine Richier Foto: Marcel Perincioli
Germaine Richier verlangte von uns vollen Einsatz bei der Arbeit und duldete keine Halbheiten. Trotzdem herrschte im Atelier auch nach einer herben Kritik an unseren Arbeiten eine entspannte und fröhliche Atmosphäre. Als glühende Patriotin hängte sie während der Kriegszeit französische Embleme im Atelier auf und sang zur Arbeit oft alte, nostalgische Lieder aus der Provence.
Wenn es im Sommer im Atelier zu heiss wurde, stieg sie mit den Espadrilles in einen Kübel mit Wasser und arbeitete einen einfach weiter. Sie schuf herrliche plastische Werke und hatte nach Kriegsschluss – als sie wieder in Paris arbeitete – grosse internationale Erfolge.
Leider starb Germaine Richier schon mit 55 Jahren, was für die damalige zeitgenössische Kunst einen grossen Verlust bedeutete.
Als unser Geld zur Neige ging, musste auch ich nach Hause zurückkehren und Zürich verlassen. Es war für uns alle eine sehr schwierige Zeit. Für mich selber war der Aufenthalt bei Germaine Richier ein grosser Gewinn, und mit neuem Impuls ging ich 1944 wieder an die Arbeit.»