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Am Bauchzentrum des Basler Claraspitals wurde mit einer Pilotstudie 2017 erstmals die Wirkung von Schokolade auf den Magen-Darm-Trakt untersucht. Das Claraspital betrat damit Neuland. Warum? "Viele Patienten ziehen natürliche Produkte den pharmakologischen Therapie-Optionen vor", erklärt Prof. Mark Fox. Im Hausgebrauch gelte dunkle Schokolade beispielsweise als Mittel gegen Diarrhö. "Wenn die Leute bei Problemen wie z.B. Reizdarm lieber solche natürlichen Produkte nehmen, dann sollten wir das wissenschaftlich überprüfen, um zu sehen, ob es überhaupt einen Effekt hat." Die Ergebnisse waren vielversprechend: "Wir glauben, einen positiven Effekt von Schokolade auf die Verdauung zu sehen", so Prof. Fox.
Es scheine darüber hinaus der Fall zu sein, "dass Personen, die eine erhöhte Menge an dunkler Schokolade zu sich nehmen, ein geringeres Risiko haben, an Diabetes, hohem Blutdruck, Herzproblemen und Demenz zu erkranken", erläutert Prof. Fox mit Blick auf internationale Studien aus den vergangenen Jahren. Der biologische Effekt von Kakao auf die Gesundheit stehe ausser Frage, zeigt sich der Wissenschaftler überzeugt.
Zwei Studien aus dem EU-Projekt FLAVIOLA untersuchten die unterschiedlichen Effekte der Flavanole (eingenommen durch ein Testgetränk mit standardisiertem Kakao-Flavanol-Gehalt) auf Blutgefässe gesunder Probanden. "Wir konnten feststellen, dass die Einnahme von Flavanolen wichtige Parameter der kardiovaskulären Gesundheit auch bei Gesunden erheblich verbessert", erklärt Prof. Malte Kelm, wissenschaftlicher Leiter von FLAVIOLA. Gefunden wurden eine verbesserte Vasodilatation (Ausdehnung von Blutgefässen), eine Senkung des Blutdrucks und verbesserte Cholesterinwerte. "Dieser positive Effekt wurde mit zunehmendem Lebensalter immer grösser."
Unser Körper ist in der Lage, sich auf natürliche Weise vor Entzündungen zu schützen: durch körpereigene Entzündungshemmer wie etwa Cortisol. Dessen Wirkung ist bei bestimmten Erkrankungen (z.B. COPD oder rheumatoider Arthritis) jedoch stark reduziert. Kakao bzw. der in grösseren Mengen darin enthaltene Stoff Epicatechin kann die Wirkung von Cortisol wiederherstellen. Dies fand Erik Ruijters vom medizinischen Zentrum der Universität Maastricht (NL) heraus.
Abgesehen von Basel, wo die Studienteilnehmer ein reales Schokoladenprodukt zu sich nahmen, arbeiten die meisten Studien mit speziellen klinischen Zubereitungen. Sind aus der Kakaobohne purifizierte Flavanole in Tablettenform also das Ding der Zukunft? Für Prof. Mark Fox ist das nicht unbedingt erstrebenswert: "Verschiedene Substanzen aus unserer Nahrung haben mehrfache Effekte, das muss man stets im Zusammenspiel sehen. Es scheint beim Kakao wie auch bei anderen Nahrungsmitteln so zu sein, dass die Gesamtheit der Wirkstoffe beteiligt ist und sich gesundheitsfördernde Effekte nicht auf eine einzelne chemikalische Substanz zurückführen lassen" (was auch Alfred Vogels Philosophie entspricht).
"Gesündere" Schokolade zu naschen wäre ja auch eine Alternative. Ist man folglich mit dem Trendprodukt "raw choc", also: Roh-Schokolade, auf dem richtigen Ernährungspfad? Bei diesem Produkt werden die Kakaobohnen weder geröstet noch geschmolzen; die Temperatur bleibt während der Verarbeitung unter 46 Grad. Auf diese Weise blieben Eisen, Zink, Magnesium, Kupfer und Vitamin C erhalten, vergleichbar wie bei rohem Gemüse. "Raw choc" enthalte fünfmal mehr Antioxidanzien als industriell gefertigte Schokolade, sagen Produzenten.
"Ich bin noch nicht ganz überzeugt von dieser Roh-Schokolade", sagt Prof. Fox. "Das Prinzip scheint nicht uninteressant zu sein, doch wissenschaftlich bewiesen ist noch nichts. Ich glaube allerdings, dass ein solches Produkt eine höhere Menge gesundheitsfördernder Stoffe enthält, denn jeder Verarbeitungsprozess schädigt oder minimiert wertvolle Substanzen."
Bei allen positiven Wirkungen, die der Schokoladenverzehr in aktuellen Studien auf die Gesundheit zeigt, sollten aber auch gewisse negative Aspekte nicht aus den Augen verloren werden. Besonders Bitterschokolade kann zu hohe Mengen des Schwermetalls Cadmium enthalten - von der Kakaopflanze über den Boden aufgenommen. Vor allem südamerikanische Kakaolieferanten haben mit der Bodenbeschaffenheit der Anbauflächen ein Problem. Das vulkanische Gestein dort ist die Ursache für die erhöhten Cadmiumwerte. Experten raten deshalb, täglich nicht mehr als 27 Gramm Bitterschokolade zu verzehren.
Bedenken sollte man als Konsument auch, dass beim Anbau des Rohstoffs Kakao in Afrika noch immer Minderjährige ausgebeutet werden. Selbst das Siegel "fair gehandelt" garantiert nicht immer, dass keine Kinderarbeit in der Tafel Schokolade im Supermarkt steckt.
Flavonoide gehören zur Gruppe der sekundären Pflanzenstoffe. Sie sind für die Farbgebung der Pflanzen verantwortlich und schützen sie vor schädlichen Umwelteinflüssen. Bei Flavonoiden handelt es sich um sogenannte Antioxidanzien, die in der Lage sind, "freie Radikale" (Sauerstoffverbindungen im Körper) unschädlich zu machen (krebsvorbeugende Wirkung).
Eine Klasse der Flavonoide sind die farblosen Flavanole. Diese sind besonders in Kakao, Tee, Früchten und daraus hergestellten Getränken enthalten.
Auch Epicatechine gehören zur Familie der Flavonoide. Ihre Wirkung ist so herausragend, dass der Harvard-Professor Norman Hollenberg (USA) ihnen dieselbe Bedeutung wie der Entdeckung des Penicillins beimisst.