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Bereits 2011 erschien das Werk des in London niedergelassenen Psychoanalytikers und Lehranalytikers der British Psychoanalytical Society und liegt nun acht Jahre später in der deutschen Übersetzung von Christiane Bakhit vor. Hier drängen sich erste Assoziationen auf, warum die Übersetzung so viele Jahre auf sich warten liess. Auch der Autor selbst verweist zu Beginn auf die Marginalisierung des Rassismus als psychologischen und psychoanalytischen Forschungsgegenstand. Die einleitenden Überlegungen Davids zum inneren und äußeren Rassismus, d. h. zum Rassismus «in der Außenwelt und im Kopf» (S. 29), als auch die kurze historische Skizze des «problematische[n] Verhältnis[es]» (S. 30) der (angewand ten) Psychoanalyse zum Rassismus, zeigen eindrücklich auf, dass eine intensive Auseinandersetzung unabdingbar erscheint. Der in Südafrika geborene Autor nimmt sich dieser vorherrschenden Leerstelle an, indem er den Rassismus als «eigenständigen klinischen Forschungsgegenstand behandelt» (S. 35) und ermöglicht einen Einblick in seine klinische Arbeit.
Den Auftakt seiner Ausarbeitungen stellt eine ausführliche klinische – Falldarstellung dar, welche einen rassistischen Angriff auf Davids in einer analy tischen Behandlung beschreibt. Im Rahmen der differenzierten Darstellung gelingt es Davids für den Lesenden nachzuzeichnen, wie der Angriff «aus einer existieren den Abwehrorganisation in der Psyche des Patienten hervorging» (S. 61). Davids zeigt auf, wie die racial Differenz tief in der Psyche des Individuums verankert ist und ein solcher Angriff nicht lediglich als Projektion verstanden werden kann, sondern einer «größeren Organisation innerhalb der Psyche» (S. 61) entstammt. Im Rückgriff auf objektbeziehungstheoretische Denkfiguren und den steten Rekurs auf Melanie Klein zeichnet Davids in seinen anschließenden theoretischen Überlegungen die Entstehung eben jener Struktur, die er als ubiquitär und folglich als «normal» und als nichtpathologisch (vgl. S. 63 ff.) versteht, nach. Nach Davids entwickelt sich die grundlegende psychische Struktur bereits in der frühen Kindheit durch die Notwendigkeit, schmerzliche Erfahrungen und archaische Ängste zu verarbeiten. Dabei werden die frühen Abwehrmechanismen von Spaltung und Projektion bemüht, deren Dynamik in einer «paranoide[n] ‹Wir die› Konstruktion» (S. 63) mündet, in welcher «das Selbst und der racial other» (S. 63) fest eingeschrieben werden. Die Aktivierung dieser grundlegenden Struktur, welche oftmals ruhend und verborgen ist, bricht sich in dem Versuch «primitive Ängste zu binden» (S. 78) Bahn. Er unterscheidet weiter den paradox anmutenden Zusammenhang einer pathogenen und nicht-pathogenen Ausprägung der frühen intrapsychischen Organisation wobei er ersterer eine deutliche Einschränkung in der psychischen Reifung des Kindes zu Grunde legt, letztere erfährt eine Entwicklung die «normal verlaufen ist» (S. 78). Die Überlegungen Davids werden anhand entwicklungs- und sozialpsychologischer Befunde und empirischer Daten belegt. Er benennt das Wechselspiel von Innen und Aussen – intrapsychische Dynamiken und sozialer Widerhall, z. B. durch etablierte (rassistische) soziale Stereotype – sowie die Konsolidierung der innerpsychischen Struktur durch die Rückkopplung in der Realität. Im vierten Kapitel wird Davids Denkfigur anhand zweier Fallvignetten veranschaulicht, die es vermögen aufzuzeigen, dass es sich beim Rassismus eher um «einen Teil einer Abwehrorganisation, als um einen isolierten Abwehrmechanismus handelt» (S. 114). Auch Davids Erfahrungen innerhalb von Kleingruppenarbeit (S. 115–139) unterstreichen seine theoretischen Annahmen, und durch eine ausführliche Darstellung wird es den Leser*innen ermöglicht, die Schritte des Abwehrprozesses verständlich nachzuvollziehen.
Der zweite Teil des Buches befasst sich, geleitet durch eine historische Rück schau auf die Bemühungen der psychologischen und psychoanalytischen Auseinandersetzung, mit dem Thema Rassismus. Davids analysiert Frantz Fanons Arbeit zum «schwarzen Problem» (S. 143 ff.), dessen Überlegungen zur Dynamik der Epidermisierung, d. h. der Einschreibung der Unterlegenheit in die Haut (S. 167 ff.) und zu kolonialen Vorurteilen und Dynamiken, die in die Nähe von Davids Ausführungen gerückt werden können. Es gelingt Davids – nicht nur an dieser Stelle – auf die blinden Flecken der Arbeiten zu verweisen und auch in der Analyse der Beiträge Jungs, Adlers und Freuds werden diese – u. a. durch das Verharren in Bezug auf die «ödipalen Einbindungen» (S. 162) mit Scharfsinn betrachtet. Davids diskutiert die (Legierung und Differenz der) Kategorien race und Klasse und widmet sich der Frage nach dem Schweigen der psychoanalytischen Community über race und Rassismus. Zugleich beleuchtet er auch Arbeiten zum Antisemitismus und die Einschränkungen, die diese – analog zum Rassismus – erfahren, wenn «Antisemitismus auf eine Form individueller Psychopathologie […] reduzier[t] [wird]» (S. 218). Davids benennt dabei die Herausforderung für Analytiker*innen, sich mit den eigenen rassistischen Abwehrorganisationen zu befassen und «mit seinem inneren Nazi umzugehen» (S. 219). Folgend befragt der Autor den Literaturkanon bezüglich des weiss-schwarzen Rassismus (S. 221 ff.). Er zeigt auf wie Rassismen, z. B. durch Fehldiagnosen marginalisierter Gruppen (vgl. 228) sowie die (latente) Verweigerung im Bemühen um trans- und interkulturelle Verständigung schwerwiegende Folgen für die Behandlungssuchenden haben kann. Zudem benennt Davids die «Gleichsetzung von dunkler Hautfarbe mit der Farbe der Fäzes» (S. 221) in psychoanalytischen Publikationen. Dabei schlussfol gert er: «Das Problem ist […] nicht die psychoanalytische Theorie im Allgemeinen, sondern ein unmittelbareres, nämlich die rassistischen Ängste, die in der cross race Begegnung mobilisiert werden […]» (S. 232). Zum Beispiel die Angst, ob und wie Therapeut*innen ihre ausländischen Patient*innen verstehen können und folgend wendet er sich eben jenen Hindernissen in einer racial Übertragung zu.
Der dritte Teil «legt Belege dafür vor, dass unsere öffentlichen Institutionen dazu gewonnen werden können, als Aufbewahrungsorte für rassistische Schuld zu fungieren» (S. 255). Davids arbeitet heraus, wie es Institutionen gelingt, sich einer Selbstreflexion durch projektives Agieren zu entziehen und somit Schuld und Verantwortung nicht erleben zu müssen. Auch diese Überlegungen werden durch Fallbeispiele untermauert.
Fakhry M. Davids zeichnet den Rassismus auf Ebene des Individuums, der Gruppe und der Institution nach. Durch vielfache, differenzierte Fallbeispiele gelingt ihm dies anschaulich. Die Auseinandersetzung mit Rassismus setzt stets die Auseinandersetzung mit dem eigenen, unbewusst operierenden und als «Teil des normalen Geistes» (S. 69) vorhandenen inneren Rassismus voraus. Davids Buch ist als ein Plädoyer dafür zu lesen und auch Veronika Grüneisen benennt in ihrem Nachwort die Notwendigkeit für «ein Durcharbeiten unseres eigenen Antisemitismus und Rassismus» (S. 285). Davids’ Buch Innerer Rassismus ist ein reichhaltiger und bereichernder Beitrag und ermöglicht es, den klinischen als auch den gesellschaftlichen Blick nachhaltig zu weiten und findet hoffentlich Einzug in den analytischen Literaturkanon.*
*Gerne erinnere ich mich an den lebendigen Vortrag von Fakhry M. Davids in meinem Ausbildungsinstitut im März 2019 und die angeregten Gespräche mit anderen Kandidat*innen im Nachhinein. Ich gewann den Eindruck, dass eine Auseinandersetzung mit diesem Thema obligat sein sollte, um die eigene klinische Arbeit zu fördern. Vgl. dazu: Özdaglar, A. (2019). «Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Schwierigkeiten mit der Gegenübertragung.» Jahrbuch für Psychoanalyse 79, 61–84.