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Salami
Bild: Matteo Fieni
«Jedes Mal, wenn ich ablege, bekreuzigt sich meine Frau. Wenn ich bis um Mitternacht nicht zurückkehre, bin ich entweder ertrunken oder geschnappt worden. Auch heute Nacht wird sie sich bekreuzigen und hoffen, ich sei länger geblieben oder langsamer gefahren. Sie wird fünf Ave Maria und zehn Vaterunser beten, für die Kinder Polenta kochen und auf den See schauen, aber heute komme ich nicht. Die Kinder werden morgen das Flaschen-U-Boot schwimmen lassen und Schmuggler und Zöllner spielen, und am Abend werden sie fragen, wann ich nach Hause komme. Die Männer im Grotto werden sich das Maul über mich zerreissen und ihre Zigaretten einteilen müssen, wenn sie die alten Geschichten erzählen. Wie wir Mist auf den Grenzzaun schaufelten, sodass man die Glöckchen nicht hörte und wir drüberklettern konnten. Wie die Haselsträucher entlang der Pfade immer spärlicher wurden, weil wir Spazierstöcke aus ihnen schnitzten. Erinnerst du dich an die alten Geschichten? Eines Tages werden sie auch unsere Geschichte erzählen.»
«Draussen wütet der Sturm. Die Spaghetti sind kalt geworden. Die Gespräche mit Erminio sind verstummt, seit einer Woche sind wir im Zollhaus. Am ersten Abend erzählen wir uns jeweils von den Sonntagen bei der Familie, am zweiten Tag hören wir Radio und essen still. Heute Abend kochte Erminio Spaghetti nach Zöllnerart, mit Sardellen, Oliven, Kapern und Dosentomaten, das ist das einzige Gericht, das er kann. Um zu prüfen, ob die Spaghetti al dente sind, wirft er ein paar davon an die Decke. Wenn sie kleben bleiben, sind sie gar, und es tropft einem in den Nacken. Ich schaute auf den See und suchte die Wälder in unserem Rücken mit dem Feldstecher ab. Der Sturm stand bevor, der See wellte, und vor dem Fenster tanzten Mücken. Die Schmuggler fürchten die Gewitter, wie sie sie gleichzeitig suchen, um ungesehen zu bleiben. Erminio schüttete das Pastawasser ab, ich rieb den Käse. Plötzlich sah ich, wie sich nahe vom Ufer etwas bewegte, zwischen den Wellen auftauchte und wieder verschwand. Ich rief Erminio. Wir liessen die dampfenden Spaghetti auf dem Tisch stehen, schlüpften in unsere Mäntel und setzten uns ins Ruderboot.»
«Als Kind spielten wir Schmuggler und Zöllner. Wir schmuggelten Schokolade und versteckten uns, ihr suchtet und jagtet uns. Irgendwann war Schmuggler und Zöllner kein Spiel mehr, sondern unser Beruf, und ich durfte meinen Vater und Grossvater begleiten. Du, Erminio, warst bereits nicht mehr da. Wir wickelten Stofffetzen um unsere Schuhe und warteten, bis es eindunkelte. Beim ersten Mal war ich so aufgeregt, dass man meine Zähne bis nach Lugano klappern hörte. Wir schulterten die Bündel mit Salami, Reis und Kastanien und zogen los. Wir brachten die Ware in die Schweiz und kehrten mit Zigaretten und Schokolade nach Italien zurück. Es war wie ein Spiel. Zahllose Male wanderten wir unbemerkt und entkamen der Grenzwache, einige wenige Male wurden wir erwischt. Die Zöllner kannten uns mit den Jahren und liessen uns jedes Mal laufen, für eine kleine Busse, ein paar Tage Haft oder dafür, dass sie unsere Zigaretten rauchten. Es gibt auch Männer, die nicht zurückkehrten. Mosè. Beppe. Der alte Ciccio. Du kennst sie alle. Wir haben sie nie mehr gesehen. Als das Schmuggeln mit dem Krieg zu gefährlich wurde, baute ich Fischerboote und half dem Metzger beim Wursten. Auch die anderen Männer hörten auf zu schmuggeln und zu rauchen. Wir sassen im Grotto, erzählten alte Geschichten und schmiedeten neue Pläne. Ich sah meine Kinder Schmuggler und Zöllner spielen, nach Eidechsen schlagen und ihre Schwänze sammeln, und wollte auch mitspielen.»
Wenn Sie wissen wollen, wie die Geschichte zwischen Schmuggler und Zöllner ausgeht, lesen sie das Kopfkino im neuen Transhelvetica #30.