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Dem New Yorker Regisseur Andrew Rossi gelang mit Page One: Inside The New York Times eine dichte Beschreibung von journalistischer und amerikanischer Geschichte. Hauptfigur ist Medienjournalist David Carr, ein Ex-Junkie, ein Virtuose, der aneckt und darum gefällt.
«I see this as a big story», sagt David Carr in sein Headset, während er dazu etwas isst. Ein Zoom auf seinen Bildschirm erlaubt es, zu erfahren, dass er 510 Leuten auf Twitter folgt und von 296’357 Leuten gefolgt wird. Dann eine Ellipse und er läuft die rote Plexiglastreppe der New York Times Redaktion hinunter, um mit seinem Vorgesetzten die «big story» zu besprechen. Name und Berufsbezeichnung der Protagonisten werden wie bei der Tagesschau unten eingeblendet: Media Desk Editor, Media Columnist, Special Columnist, Associated Managing Editor, Deputy Foreign Editor, Executive Editor-in-chief.
Ein Jahr lang begleitete der New Yorker Regisseur Andrew Rossi das Medienressort der New York Times. Ein Jahr, das mit Julian Assange und dem von Wikileaks veröffentlichten Video «Collateral Murder» aus dem Irak beginnt. Das Jahr geht weiter mit den embedded journalists in Afghanistan und im Irak. Dazwischen wird noch das iPad lanciert: «It’s like I had a kid or twins or something!», jauchzt ein Reporter in die Kamera. Und es wird traurig, als der junge Journalist Tim Arango für acht Monate in den Irak geht. Heute ist er Chefkorrespondent der New York Times in Bagdad. Und das Jahr 2009 endete mit der Bekanntgabe des Stellenabbaus. Die New York Times war gezwungen, 100 der 1250 Newsroom-Stellen zu streichen. Kurz: Ein Jahr Medienwandel am Beispiel der altehrwürdigen «grauen Lady».
David Carr ist die Hauptfigur in Andrew Rossis Dokumentarfilm über die graue Lady, über die New York Times. Carr ist ehemaliger Crack-Junkie, einst alleinerziehender Vater von zwei Kindern und seit zehn Jahren Medienredaktor bei der New York Times.
David Carr ist der amerikanische Durchschnitt: Unrasiert, raue Stimme, saloppe Umgangssprache, Donut in der Hand und das F-Wort im Mund. Doch in Carrs Kopf ist nichts Durchschnitt. Er ist zielstrebig und pointiert, wenn er mit seinen Vorgesetzten über Themen spricht oder wenn er Quellen überprüft oder wenn er Interviews führt. Wie jenes mit dem TV-Reporter Shane Smith, der eine Reportage über Kannibalismus in Liberia gemacht hat.
-Smith: So that’s fucking crazy. That’s nuts. And the New York Times meanwhile is writing about surfing. I am sitting there and you know what? I’m not gonnna talk about surfing! I’m gonna talk about cannibalism cos that fucks me up.
-Carr: Two seconds. Time out. Before you ever went there we’ve had reporters there (in Liberia) reporting about genocide after genocide. Just because you put on a fucking safari helmet and looked at some poop it doesn’t give you the right to insult what we do. So continue. Continue.
-Smith: I’m just saying.
-Carr: Obviously.
Page One: Inside the New York Times beginnt nostalgisch. Frisch gepresste Ausgaben der New York Times laufen übers Band und draussen warten die weissen Lastwagen für den Transport. Von Krise keine Spur. Doch dann bricht die Idylle durch ein Cluster von Hiobsbotschaften. Eine Collage von Stimmen, Bildern und Ausschnitten aus Newssendungen thematisieren die Medienkrise der USA: «Death notices of American daily newspapers», wie es ein Moderator des Nachrichtensenders CNBC auf den Punkt bringt.
Dann, endlich, der Zuschauer erblickt das New York Times Building an der 8. Avenue in Midtown Manhattan. Es ist mit seinen 318,8 Metern das vierthöchste Gebäude der Stadt. Der Redaktion gehören die unteren 26 der 51 Stockwerke, rund 74’300 Quadratmeter. In der Eingangshalle sind die Wände gelb, die Tische weiss und rund und die Stühle aus Holz. Es geht weiter in den Newsroom, wo eine rote Plexiglastreppe in die höheren Stockwerke führt, auch die Wände sind rot. Und die Arbeitsplätze sind cognacfarbenes Holz und mit einer quadratischen Metallplatte versehen, die den Namen des dort ansässigen Redaktoren verrät.
Der Zuschauer folgt Medienjournalist David Carr durch seinen Alltag und en passant durch seine Vergangenheit. In seiner Heimatstadt Minneapolis zeigt Carr, wo er wegen Drogenbesitzes verhaftet wurde als 32-Jähriger. Das sei ein anderes Leben gewesen, ein anderer Mann und zeigt auf einen schlafenden Strassenpenner: «I was that guy». Während eines Mittagessens fragt ihn ein Freund, ob er Angst habe vor dem Stellenabbau bei der New York Times. Carr sagt kauend nein, er fürchte sich nur vor Waffen, er sei mal alleinerziehender Sozialhilfeempfänger gewesen, die Medienkrise? Peanuts. Und auch an Podiumsdiskussionen, TV-Auftritten und Redaktionssitzungen gibt sich Carr unaufgeregt und ist auf die Sache fokussiert. David Carr ist die Anekdote in Person: Ja, den Medien geht es verdammt scheisse, aber hey, es gibt verdammt viel Schlimmeres auf dieser Welt.
Dieser Film ist Nahrung. Alle kommen sie vor, Carl Bernstein (er enthüllte 1972 zusammen mit Bob Woodward die Watergate-Affäre), Evan Williams (Co-Gründer von Twitter), Bill Keller (ehemaliger Chefredaktor der New York Times), Judith Miller (Pulitzer-Preisträgerin), Gay Talese (Mitbegründer des New Journalism) und Julian Assange (Sprecher von Wikileaks).
Regisseur Andrew Rossi gelang eine dichte Beschreibung, ein Bündel Information, das mehr ist als nice-to-see. Page One ist ein Geflecht aus journalistischer und amerikanischer Geschichte, aus Gesellschaftskritik und Medienkritik. Simpel gefilmt, meistens mit einer Handkamera, musikalisch untermalt von Klassik und Pop. Und dieser Film verbreitet Optimismus à la Americana, wenn zum Beispiel der damalige Chefredaktor Bill Keller auf der roten Plexiglastreppe der Redaktion steht und seinen Leuten sagt: «Welcome everybody. We are here to take notice that journalism is alive and well and feisty, especially at the New York Times.» Die Redaktoren applaudieren. Der Zuschauer auch.
Der Film ist im gut sortierten Videofachhandel auf DVD oder Blue Ray erhältlich.