Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03128.jsonl.gz/2225

Das ehemalige Kloster Mariazell befindet sich auf einer kleinen Terrasse am Osthang des bewaldeten Beerenbergs abseits jeglicher Siedlung. Der alte Dorfkern von Wülflingen liegt ca. 2,5 km, die Altstadt von Winterthur ca. 6 km entfernt. Umfassende archäologische Untersuchungen fanden 1970-1972 statt. Im Anschluss daran wurden die Ruinen der Kirche und des benachbarte Konventshauses konserviert. 2009-2010 konnten im Zuge einer Sanierung und Neugestaltung der Anlage eine kleine archäologische Nachuntersuchung sowie verschiedene geophysikalische Prospektionen durchgeführt werden.
Schwerpunkte der vorliegenden Publikation sind die Neubearbeitung der Altgrabung unter Einbezug der Ergebnisse der aktuellen Nachuntersuchung und die Vorlage der Funde, die durch die Neusichtung der schriftlichen Quellen, die anthropologische Bestimmung der Skelettfunde und die Ergebnisse der geophysikalischen Untersuchungen ergänzt werden.
Die ältesten archäologischen Befunde stammen aus der Zeit der urkundlich überlieferten Einsiedelei, die der Laienbruder Stephan Rheinauer aus Winterthur 1318 errichtete. Es wurden die Grundmauern der Kapelle, ein einfacher Rechtecksaal, und Teile der Umfassungsmauern der Einsiedelei erfasst.
Mit dem Anbau eines grossen Wohngebäudes an die Kapelle begann vermutlich der Ausbau der Einsiedelei zum Kloster durch den Franziskanermönch Heinrich von Linz nach 1355. Es wurde 1365 in ein Augustinerchorherrenstift umgewandelt, schloss sich dem Kloster Obersteigen bei Zabern im Elsass an und erlebte bis um 1400 eine letztlich kurze Blütezeit. In diesem Zeitraum entstanden die Kirche (Altarweihen 1372 und 1378 sowie 1396), der Kreuzgang und die Klostermauern. Die Klosterkirche war eine schlichte dreischiffige, querschifflose Basilika mit dreiteiligem, gerade geschlossenem Chor. Von der Grösse und Struktur her knüpfte sie an den regionalen Stiftskirchenbau des 12. und 13. Jh. an. Für den aus maximal neun Mitgliedern bestehenden Konvent war sie verhältnismässig gross. In der schlichten formalen Gestaltung und der Raumauffassung orientierte sie sich an den im Laufe des 13. Jh. erbauten Bettelordenskirchen und wirkte für einen Bau des 14. Jh. äusserst konservativ und unzeitgemäss. Im Inneren teilte ein typischer "Bettelordenslettner", der vier Altäre aufnahm und einen rückwärtigen Gang besass, den schlichten, flach gedeckten Gemeinderaum vom gewölbten Mönchschor ab. Stilistisch in die Zeit um 1500 gehörende Architekturfragmente belegen, dass der Lettner in der Spätphase des Klosters vollständig erneuert wurde.
Die genaue Gestaltung des ungewölbten Kreuzgangs ist nicht bekannt. Die umliegende Bebauung beschränkte sich auf das nunmehr am Westflügel gelegene, ältere Konventshaus und eine an der Nordostecke stehende Latrine. Im Innenhof waren zwei Wohltäterinnen bestattet worden, im Südkreuzgang wurden mehrere Chorherrengräber erfasst, darunter vermutlich das chronikalisch im Kreuzgang lokalisierte Grab des Klostergründers und ersten Priors, Heinrich von Linz. Die Verwendung eines Holzsarges mit Satteldach und grossen eisernen Prunknägeln und die Aufstellung einer Tumba über dem Bodengrab legen diese Deutung nahe. Ein möglicherweise von Laien genutzter Friedhof lag an der Südseite der Kirche.
Der Verlauf der Klostermauer ist auf drei Seiten durch die Ausgrabungen nachgewiesen. Die Position der im heutigen Hangbereich gelegenen und bisher archäologisch nicht erfassten Westmauer konnte durch die geophysikalischen Messungen von 2009 bestimmt werden.
Wohl ab dem späten 14. Jh. bzw. im Laufe des 15. Jh. wurde das bescheidene Kloster um verschiedene Gebäude erweitert, die alle nachträglich an die Klostermauer angebaut wurden. Westlich der Kirche richtete man den Wirtschaftsbereich ein, der durch das Haupttor in der Klostersüdmauer zugänglich war. In dem heute unter Hangschutt liegenden Areal wurde bisher ein grosser, direkt neben dem Klostertor stehender Steinbau ausgegraben, dessen Errichtungszeit sich nicht ermitteln lässt. Im Erdgeschoss befanden sich zwei Räume, von denen der vordere einen Holzdielenboden besass, der rückwärtige ein dunkler Lagerraum war. Dies lässt vermuten, dass der Bau als Verwaltungssitz diente. Im Obergeschoss könnten sich Gäste- und/oder Krankenzimmer befunden haben, denn auf der anderen Seite der Klosterpforte stand eine kleine beheizbare Badestube, die zur Körperpflege und Behandlung von Krankheiten gebraucht wurde. Ein vermutlich nach einem Brand erfolgter Umbau des Gebäudes, bei dem der Vorderraum unterteilt wurde, lässt sich archäologisch nicht datieren. Umbauten am Badeofen und ein Neubau der Badestube erfolgten im frühen 16. Jh.
An der Aussenseite der Klosternordmauer wurden zu ebenfalls nicht näher bestimmbaren Zeitpunkten nacheinander zwei weitere Steinbauten angefügt und damit das Klosterareal vergrössert. Die nur im Grundriss bekannten Häuser könnten den Chorherren, die im 15. Jh. vorwiegend aus wohlhabenden Winterthurer Familien stammten, als Wohnungen gedient haben. Funde von reich bebilderten Ofenkacheln und blauen Trinkgläsern bezeugen den gehobenen Wohnstandard in dieser Zeit.
Im späten 15. Jh. geriet der Konvent in eine ernsthafte Krise. Die Reformation läutete schliesslich wie vielerorts das Ende des klösterlichen Lebens ein. 1530 wurde die Anlage von Hans Steiner, Gerichtsherr zu Pfungen und Wülflingen, gekauft. Bauliche Massnahmen aus der Zeit nach der Aufhebung des Klosters zeigen, dass sich möglicherweise Mitglieder der Familie Steiner in der ehemaligen Klosterklausur und im Konventshaus aufhielten. Ihre Anwesenheit auf dem Beerenberg lässt sich anhand von Funden in das frühe 17. Jh. datieren. Sie wohnten im Schatten der bereits im Verfall begriffenen Klosterkirche, die im 18. Jh. gezielt für den Bau Winterthurer Wohnhäuser ausgebeutet wurde. Seit 1922 befindet sich die Anlage im Besitz des Verkehrs- und Verschönerungsvereins der Stadt Winterthur, der sich erstmals für deren Erforschung und Konservierung einsetzte.
Angaben zum Band 38, 2011
Schmaedecke, Felicia: Das Kloster Mariazell auf dem Beerenbeg bei Winterthur Neuauswertung der Ausgrabungen 19701972 im ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift. Mit Beiträgen von Annamaria Matter, Christian Sieber, Marian Heinrich, Christian Hübner, Elisabeth Langenegger, Patrick Nagy und Benedikt Zäch. Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 38,