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Das erste Dampfschiff auf dem Bodensee
Am 10. November 1823 machte das erste Dampfschiff, die Wilhem, von Friedrichshafen aus auf dem Bodensee ihre Probefahrt. Am folgenden Tag fuhr das Schiff mit 800 Zentnern Güter beladen nach Rorschach. 3 1/4 Stunden benötigte die Wilhelm bei nasskaltem, biesigen Novemberwetter für die Überfahrt, bevor es wohlbehalten im Rorschacher Hafen beim Kornhaus anlegte. Das am gleichen Tag segelnde Postschiff benötigte 7 Stunden für die selbe Strecke. Am 1. Dezember 1824 begannen regelmässige Kursfahrten zwischen Friedrichshafen und Rorschach. Die Wilhelm war bereits 1829 nicht mehr seetüchtig. Man baute einen neuen Schiffskörper aus Eichenholz und verwendete die alte Maschine wieder. 1848 wurde das Schiff, das man nur noch "Seeschneck" nannte, dann doch abgewrackt.
Eisenbahnlinie Zürich-Rorschach
1847 eröffnete Württemberg die Linie Ulm-Friedrichshafen. Sechs Jahre später, 1853, erreichte die Eisenbahn München-Lindau den Bodensee. Dort übernahmen die Bodenseeschiffe Fracht und Personen und brachten sie nach Rorschach oder Romanshorn; weiter führten nur noch Fuhrwerke und Postkutschen.
Es galt deshalb, den von Deutschland an die Schweizer Grenze geleiteten Verkehr weiterzuführen. Die Städte St. Gallen, Winterthur und Zürich verlangten Eisenbahnverbindungen an den Bodensee. Nach längerer Planung baute man die Bahnlinie Zürich-Winterthur-Frauenfeld-Romanshorn (1853) und Zürich-Winterthur-Wil-St. Gallen-Rorschach (1856). So wurde auch Rorschach an den wichtigen Verkehrsweg München-Zürich angeschlossen, wenn auch die Strecke Rorschach-Lindau noch mit dem Schiff zurückgelegt werden musste.
Weitere Linien folgten:
|1857/58||Rheintallinie bis Chur|
|1869/71||Rorschach-Romanshorn-Kreuzlingen|
|1872||St. Margrethen-Bregenz-Lindau|
|1875||Rorschach-Heiden|
Rorschach wurde Verkehrsknotenpunkt und verlieh als Dank jenen Männern, die sich besonders um den Eisenbahnbau verdient gemacht hatten, das Ehrenbürgerrecht.
Rorschach wird Industrieort und die Stadt wächst
Schon in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts arbeiteten in der Wachsbleiche und an der Goldacher Grenze zwei kleine Betriebe mit vier bis zwölf Stickmaschinen. Die erste grössere Stickereifabrik stand im Gut. Sie wurde 1877 von E. Mettler-Müller gegründet. Später wurde ihr eine Zwirnerei für die Herstellung von Nähfäden angeschlossen. Eine grosse Erleichterung für die Sticker brachte die von Isaak Gröbli erfundene Schifflistickmaschine, die von einem Benzinmotor angetrieben wurde und dank deren Hilfe die Arbeiten noch schneller vor sich gingen.
Die Herren Loeb und Schönfeld erwarben 1882 in Rorschach die ganze Feldmühle-Liegenschaft und erstellten dort neue Gebäude. Darin liessen sie 36 elektrisch betriebene Schifflistickmaschinen und 20 Handstickmaschinen aufstellen. Anfangs fanden hier 100, bald aber 200 und später gar 300 Personen Arbeit. Den grossen Aufschwung brachte dieser Fabrik die Erfindung automatischer Schifflistickmaschinen. Bald verdienten bis zu 1'800 Menschen ihr Brot in der Feldmühle.
Im Häldele an der Tellstrasse stand die 1882 gegründete Borner'sche Giesserei. 1883 gründete Fuchs an der Signalstrasse die Zentralbutterei und schloss ihr auch einen Käsehandel an. Auch die Konservenfabrik Rorschach wurde 1883 gegründet. Sie diente anfänglich vor allem der Fleischversorgung der Schweizer Armee.
Eisenbahn und Industrie brachten Rorschach einen ungeahnten Aufschwung. 1870 zählte Rorschach 3453 Einwohner; 1888 waren es schon 5844. Die Zunahme innert 20 Jahren betrug also fast 70 Prozent. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn auch die Zahl der Lebensmittelgeschäfte (Bäckereien, Metzgereien, Molkereien, Gemüse- und Kolonialwaren) stieg.
(Jakob Wahrenberger u. a., Heimat am See, 1978)