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Thomas Schacher, Neue Zürcher Zeitung (07.12.2010)
«I masnadieri» von Giuseppe Verdi am Opernhaus Zürich
Wenn am Schluss der Vorhang fällt, bleibt man ratlos: So kann diese Oper doch nicht enden. Da bittet eine Frau, die ihren totgeglaubten Geliebten endlich wieder gefunden hat, ebendiesen Mann, sie zu töten. Und er führt die Tat aus, obwohl auch er sie liebt, und stellt sich dem Gericht. Als Hauptmann einer Räuberbande sieht er keine andere Möglichkeit: Eine Flucht mit der Geliebten erlauben ihm seine Kumpane nicht, und ein Leben mit ihm, das aus Mord, Raub und Vergewaltigung besteht, will er ihr nicht zumuten.
Den Konventionen verpflichtet
Es ist nicht die einzige Irritation, die man bei dieser Premiere von Giuseppe Verdis «I masnadieri» am Opernhaus Zürich erlebt. Die Verstörungen beginnen schon bei der Ouvertüre, die in ihrem milden Gestus keinen Zusammenhang zur nachfolgenden Geschichte schafft. Nach der zweieinhalbstündigen Aufführung sinniert man denn darüber nach, aus welchen Gründen diese Verdi-Oper nicht zum Repertoire der Bühnen gehört. Am Opernhaus Zürich waren «I masnadieri» zuvor noch nie auf dem Spielplan. Liegt es am Libretto, an der Inszenierung, an der Musik oder an den Protagonisten?
Das Libretto der Oper stammt von Andrea Maffei, der sich eng an Friedrich Schillers Schauspiel «Die Räuber» angelehnt hat. Erzählt wird die Geschichte des Grafen von Moor, Massimiliano, und seiner zwei ungleichen Söhne Carlo und Francesco, die sich feindlich gesinnt und zudem in dieselbe Frau verliebt sind. Während aber bei Schiller gesellschaftliche Fragen ein wichtiges Ingrediens des Stücks bilden, hat Maffei den Fokus auf die Familientragödie gerichtet.
Der Regisseur Guy Joosten und der Ausstatter Johannes Leiacker wählten einen historisierenden Ansatz. Die zwei Welten, in denen das Stück spielt, sind auf einer Drehbühne angesiedelt, durch eine Trennwand voneinander geschieden. Auf der einen Seite befindet sich die aristokratische Welt des Grafen mit Stilmöbeln, Ahnengalerie und Perücke. Auf der andern Seite sehen wir die Welt der Räuber, denen sich Carlo aus Verzweiflung über die Verstossung durch den Vater angeschlossen hat. Da feiert denn die alte Ausstattungsoper Urständ: Die Räuber erscheinen als Horde von Landsknechten, ehemaligem Kirchenpersonal, heruntergekommenen Studenten und Flittchen. Im zweiten Teil bricht diese fein säuberliche Trennung auseinander, und die kaputte Welt der Räuber zerstört auch den vornehmen Palast. Schade, dass das Regieteam keine Aktualisierung des Stoffs versucht hat. Die Verhaftung in den historischen Konventionen ist insbesondere bei Amalia, Carlos Geliebten, problematisch, da sie dem heutigen Publikum nicht als Frau von Fleisch und Blut erscheint.
Als Verdi 1847 «I masnadieri» für London komponierte, war er kein Greenhorn mehr, immerhin standen damals schon «Nabucco», «Giovanna d'Arco» und andere Opern auf seiner Werkliste. Dennoch erinnert das Stück, insbesondere in den ersten beiden Akten, noch sehr an die Belcanto-Oper Bellinis und Donizettis. Im dritten und noch deutlicher im vierten Akt sind indes Züge des späteren Verdi auszumachen. Hier setzt die Interpretation des Dirigenten Adam Fischer ein, der aus dem Orchester der Oper Zürich ein Maximum an dramatischer Spannung herausholt.
Unterschiedliche Qualitäten
Nicht ganz kongenial besetzt sind die beiden Brüder. Mit Alleskönner Thomas Hampson steht für den Intriganten Francesco eine grossartige Sängerpersönlichkeit auf der Bühne, der im Schlussakt beim Duett mit Pastor Moser (Pavel Daniluk) über sich hinauswächst. Reinste italienische Opernschule verrät der Tenor Fabio Sartori als Carlo. Nicht optimal gelingt ihm jedoch die Darstellung seiner Zerrissenheit zwischen der Sehnsucht nach dem guten Leben und seiner Rolle als Wüstling. Carlo Colombara verkörpert mit seinem profunden Bass und seiner gedrückten Haltung im Rollstuhl einen Massimiliano, dem die Zügel entglitten sind. Isabel Rey als Amalia füllt ihre musikalisch attraktive Rolle – sie hat drei grosse Duette mit den männlichen Protagonisten – mit stimmlicher Brillanz aus. Dass sie bei der Premiere wenig Applaus erntete, hängt mit der vom Stück her problematischen Rolle zusammen. Einen starken Eindruck hinterlassen die stimmgewaltigen Räuber vom Chor der Oper Zürich.