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Demenz – Nach dem Abschied
Mein letzter Beitrag an dieser Stelle über meinen an Demenz erkrankten Vater hat grosses Echo ausgelöst. Neben Kommentaren und Nachrichten, die ich erhalten habe, hat sich auch die damalige Pflegefachfrau Esther (die ich hier bei ihrem richtigen Vornamen nennen darf) bei mir gemeldet. Sie hatte meinen Vater im Pflegeheim drei Jahre bis zu seinem Tod umsorgt. Und das meine ich wortwörtlich.
Für die, die nicht wissen, was das bedeutet, hier eine unvollständige Liste ihrer täglichen Aufgaben: Waschen und Eincremen sämtlicher Körperpartien; regelmässiges Umbetten; Hilfe beim Rasieren, Zähneputzen, Anziehen und beim Gang aufs WC, inklusive Füdli putzen. Später, als er Darm und Blase nicht mehr kontrollieren konnte: Windelnwechseln. Und natürlich sämtliche Stimmungsschwankungen des erkrankten Patienten ertragen.
Noch immer ein Schlitzohr
Esther ist klein und zierlich, und ich wunderte mich stets, wie sie meinen korpulenten Vater «im Griff» haben konnte. Stets behandelte sie ihn mit Respekt, selbst, wenn er ihr das Joghurt aus der Hand schlug, weil er verärgert war, dass man ihn füttern musste. Ich kannte ja diesen neuen Wesenszug aufwallender Aggression gut, aber ich schämte mich ein bisschen für ihn. (Heute schäme ich mich dafür, dass ich damals so fühlte.) Oft habe ich mir gewünscht, sie hätte ihn gekannt, als er noch der liebenswürdige Intellektuelle war.
Esther verabreichte meinem Vater regelmässig seine Medikamente. Und kontrollierte, ob er diese auch eingenommen hatte. Denn er verfügte immer noch über eine gewisse Schlitzohrigkeit. Bei meinem Besuchen zeigte er mir oft triumphierend die Tabletten, die er in der Brusttasche seines Pyjamas, in seiner Backentasche im Mund oder unter seinem Kopfkissen versteckt hatte. Darüber freute er sich wie ein Bub. Auch Vater mochte Esther. Das war ein echter Glücksfall. Denn er war schon in seinen gesunden Jahren wählerisch, was seine sozialen Kontakte betraf. Und als er krank war, verstärkte sich dies noch. Aber man merkte ihm an, dass er sich freute, wenn sie Dienst hatte.
Die Wut
Als er starb, wusch ihn Esther ein letztes Mal und kleidete ihn an. Als ich endgültig von ihm Abschied nahm – er lag aufgebahrt in einem kleinen Raum –, wallte in mir bei seinem Anblick plötzlich unbändige Wut auf.
Das war alles so falsch!
Mein Vater war zeit seines Lebens Anzugträger gewesen. Und jetzt lag er hier, in einem weissen, wadenlangen Baumwollnachthemd. Und wie konnte man einem ehemals blitzgescheiten Akademiker ein paar Primeli zwischen die gefalteten Hände legen? Die Hornbrille, sein Markenzeichen, fehlte. Und das Schlimmste: Sein dichtes Haar war auf die falsche Seite gescheitelt. Heute ist mir klar, dass diese aufbrausenden Emotionen meine ganz persönliche Art des Trauerns waren.
Zwei Tage, nachdem ich jetzt über meinen Vater geschrieben hatte, rief mich Esther überraschend an. Es war das erste Mal seit seinem Tod, dass wir miteinander sprachen. Und endlich konnte ich ihr für alles danken. Am Schluss sagte sie zu mir: «Ihr Vater war ein toller Mann, ich habe sein feines und intelligentes Wesen immer gespürt.» Als sie merkte, dass ich den Tränen nahe war, lachte sie plötzlich und sagte: «Und entschuldigen Sie, dass ich seinen Scheitel damals falsch gezogen habe. Ich habe das natürlich später noch in Ordnung gebracht.»
Danke, Esther.
Lesen Sie von der Autorin den Beitrag «Demenz – Abschied ohne Wiederkehr».
Trailer zum Film «Still Alice» mit Julianne Moore in der Hauptrolle. Quelle: Youtube