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Die Methode der Philosophie ist das reine Nachdenken. Keine großen Apparate, keine Umfragen, keine Expeditionen. Philosophie ist eine Lehnstuhlwissenschaft. Anders als die Physik, die Psychologie oder die Soziologie ist sie keine Wissenschaft, die empirische Experimente machen kann, um ihre Hypothesen zu prüfen. Die Physik kann einen Stein fallen lassen, um zu sehen, ob es eine Anziehungskraft gibt. Was aber können die Philosophen tun, um zu sehen, ob wir frei sind, ob wir Tiere essen dürfen, ob die Roboter der Zukunft Gefühle haben können und ob wir verpflichtet sind, den Armen zu helfen? Die Philosophen lehnen sich zurück, denken sorgfältig nach, hinterfragen alles, beschreiben genau, argumentieren scharf und behalten in Diskussionen den Überblick. Eines ihrer Wundermittel aber sind Gedankenexperimente. Sie spielen in Gedanken wirkliche und unwirkliche Situationen durch und spüren so die Bedeutungen fundamentaler Begriffe auf, stürzen Theorien oder legen die Grundbausteine für neue Gedankengebäude.
Nehmen wir als Beispiel die Grundfrage der Ethik: Was ist gut? Oder auch: Wann ist eine Handlung moralisch richtig? Diese Frage klingt zunächst sehr abstrakt. Das ist sie auch. Vielleicht kann uns ein Gedankenspiel helfen: Stellen Sie sich vor, Sie sind Zugführer, fahren in einen Tunnel und sehen plötzlich fünf Gleisarbeiter vor sich. Natürlich treten Sie sofort auf die Bremse. Aber nichts passiert. Die Bremsen sind defekt. Sie können das Leben der fünf Gleisarbeiter nur retten, indem Sie eine Weiche stellen und in einen anderen Tunnel einbiegen. Leider befindet sich aber auch da ein Gleisarbeiter, allerdings nur ein einzelner. Was würden Sie tun? Würden Sie die Weiche stellen, damit anstatt der fünf Menschen nur ein Mensch stirbt? Was würden Sie tun, wenn es sich bei dem einzelnen Gleisarbeiter um Ihren besten Freund handelte?
Nun stellen Sie sich vor, Sie sind Chirurg und vor Ihnen liegen fünf Patienten: Der eine braucht dringend ein Herz, zwei einen Lungenflügel und zwei eine Niere. Alle fünf haben dieselbe seltene Blutgruppe. Leider konnte bisher kein Spender gefunden werden. Die Zeit drängt. Genau in diesem Moment spaziert ein junger, kerngesunder Mann in die Klinik, der die richtige Blutgruppe hat. Sie als Chirurg könnten den jungen Mann schmerzlos töten, seine Organe entnehmen und den fünf Patienten das Leben retten. Also wieder: Fünf gegen einen. Was würden Sie in diesem Fall tun? Und wie würde Ihre Entscheidung ausfallen, wenn es sich bei den fünf Patienten um Ihre beiden Eltern und Ihre drei Kinder handeln würde?
Diese philosophischen Gedankenspiele stellen uns vor schwierige Probleme. Solche Entscheidungen möchte keiner treffen. Viel schwieriger ist es jedoch, zu sagen, warum man im einen Fall so und im anderen Fall anders entscheiden würde. Unser moralisches Bauchgefühl zeigt einmal in diese, einmal in jene Richtung, ohne dass wir wissen, warum. Wir haben einen inneren Konflikt und sind gleichermaßen irritiert wie fasziniert. Also fangen wir an zu überlegen und nachzudenken. Die Philosophie hat uns gepackt.
Philosophische Gedankenspiele inspirieren jedoch nicht nur zum Nachdenken, sie helfen auch, schwierige Theorien verständlich zu machen und einen intuitiven Zugang zu komplexen Problemen zu finden. So werden in den beiden Fällen mit den Gleisarbeitern und der Organtransplantation die zwei wichtigsten Moraltheorien gegeneinander ausgespielt: der Utilitarismus und die Pflichtentheorie. Der Utilitarismus besagt, dass diejenige Handlung moralisch richtig ist, die für die meisten Betroffenen den größten Nutzen bringt. Das größte Glück für die größte Zahl – das sei das Ziel der Moral, so der Utilitarismus. Dieser Theorie steht die Pflichtenethik gegenüber. Ihr zufolge besteht der Wert einer Handlung nicht nur in den Folgen, sondern in der Handlung selbst. Töten, Foltern und Stehlen darf man nicht, egal wie viel Gutes dabei herauskommt. Diese Handlungen sind moralisch falsch und können nicht durch Kosten-Nutzen-Rechnungen aufgewertet werden. Bestimmte Rechte dürfen gemäß der Pflichtenethik also unter keinen Umständen verletzt werden, etwa das Recht auf Leben. Die Würde des Menschen ist unantastbar – das steht im deutschen Grundgesetz an erster Stelle.
Das Beispiel mit dem Zug spricht unsere utilitaristischen Intuitionen an, denn hier würden die meisten von uns ein Leben opfern, um fünf Menschen zu retten. Das Beispiel des Chirurgen dagegen weckt unsere pflichtenethischen Intuitionen, denn hier finden wir es falsch, Menschenleben gegeneinander abzuwägen und jemanden fürs Gemeinwohl zu opfern. Die beiden Gedankenexperimente ermöglichen also einen spielerischen und einfachen Zugang zu den zwei wichtigsten Moraltheorien. Zugleich sehen wir aber auch die Schwächen beider Positionen und können für sowie gegen beide Theorien argumentieren. Wir befinden uns dank der Gedankenexperimente bereits mitten in der Moralphilosophie.
Philosophische Gedankenspiele stellen uns vor Rätsel, irritieren bisweilen, faszinieren und wecken ein Problembewusstsein. Sie ermöglichen einen leichten Zugang zu den großen Themen und grundlegenden Fragen der Philosophie. Oft handelt es sich bei den präsentierten Gedankenexperimenten nämlich um Experimente, die eine philosophische Theorie zu Fall bringen und eine andere stützen. Wir lernen also anhand konkreter Beispiele die zentralen Positionen kennen, mit ihren Stärken und Schwächen. Das Wichtigste aber ist: Gedankenexperimente lassen uns Raum zum Selberdenken. Phantasiegebilde wie freundliche Zombies, rasende Schildkröten, lose Gehirne, chinesische Zimmer, superkluge Aliens und böse Neurowissenschaftler katapultieren uns in Windeseile in die faszinierende Welt der Philosophie und führen uns ohne Umweg zu den zentralen Fragen, an denen sich die großen Geister scheiden.
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Yves Bossart versammelt die wichtigsten Gedankenspiele der Philosophie, stellt sie klar und verständlich dar, kommentiert und verführt den Leser dazu, sich selbst Antworten zu geben. „Ohne Heute gäbe es morgen kein Gestern“ bietet eine Fülle von verblüffend einfachen, erstaunlich raumgreifenden und auch immer wieder herrlich absurden Abkürzungen in die faszinierende Welt der Philosophie.
Über den Autor
Beitrag von Dr. Yves Bossart, Studium der Philosophie in Luzern, Zürich und Heidelberg, Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin über das Thema „Ästhetik nach Wittgenstein“. Redakteur und Moderator der Sendung „Sternstunde Philosophie“ beim Schweizer Fernsehen SRF, unterrichtet Philosophie am Gymnasium und lebt in Zürich.