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Jahresbericht 2020
Die Covid-19-Pandemie hat sich markant auf die internationale Zusammenarbeit ausgewirkt. Gleichzeitig war die Bereitstellung von international vergleichbaren Statistiken noch nie so wichtig. So haben sämtliche internationalen Organisationen spezielle Internetseiten zum Coronavirus erstellt, um über die gesundheitlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen zu berichten. Zahlreiche Konferenzen und Treffen mussten abgesagt oder auf 2021 verschoben werden. Nach einer kurzen Übergangszeit wurden Videokonferenzen zur Norm. Erfahrungsgemäss können sie jedoch physische Treffen vor Ort nicht vollständig ersetzen, da der für eine erfolgreiche Zusammenarbeit notwendige persönliche und informelle Austausch wegfällt. Dennoch konnten die Arbeiten fortgesetzt und mehrere wichtige Ziele erreicht werden.
Am 14. September wurde die Schweiz als Mitglied der Statistikkommission der Vereinten Nationen wiedergewählt. Die Kommission setzt sich aus 24 UNO-Mitgliedstaaten zusammen. Sie ist als oberstes Entscheidungsorgan für internationale Statistiktätigkeiten dafür zuständig, statistische Normen festzulegen, Konzepte und Methoden zu entwickeln und für deren Umsetzung auf nationaler und internationaler Ebene zu sorgen.
Das Mandat beginnt am 1. Januar 2021 und dauert vier Jahre. Als Mitglied kann sich die Schweiz vermehrt in die Diskussionen der Kommission einbringen. Darüber hinaus hat die Schweiz, vertreten durch den BFS-Direktor, die Möglichkeit, Mitglied des Bureaus werden. Dieses wählt insbesondere die Präsidentin bzw. den Präsidenten der Kommission.
Die 51. Sitzung der UNO-Statistikkommission fand vom 3. bis 6. März 2020 im UNO-Hauptquartier in New York statt. Insgesamt wurden über 20 Themen behandelt, so auch die Revision der Nachhaltigkeitsindikatoren, die Rolle von Data Stewards, ethische Regeln bei der Produktion von öffentlicher Statistik, der Weltstatistiktag vom 20. Oktober 2020, der global organisierte Zensus oder die Arbeiten zu Flüchtlingsstatistiken. Die Schweiz organisierte drei Nebenveranstaltungen: «Finanzierung von Statistiken», «Gender-Statistiken» und «Networkevent mit Vertretern der UNO und Chefstatistikern».
Das dritte United Nations World Data Forum (UNWDF) sollte vom 18. bis 21. Oktober 2020 in Bern stattfinden. Aufgrund der Pandemiesituation fand nur eine virtuelle Ersatzveranstaltung statt, die aber beachtliche Aufmerksamkeit erfuhr. Während drei Tagen teilten rund 10 000 Teilnehmende aus 180 Ländern in mehr als 70 Veranstaltungen ihr Wissen und diskutierten miteinander. Das Programm war auf das Thema «Data and Pandemics» ausgerichtet. Die globale Datengemeinschaft hat sich verpflichtet, die Arbeiten in diesem Bereich zu intensivieren. Weitere Themen waren die Finanzierung der Statistik, die Digitalisierung und die Messung der Nachhaltigkeit.
Eröffnet wurde das virtuelle Forum von der stellvertretenden UNO-Generalsekretärin Amina Mohammed und Bundesrat Alain Berset.
Die physische und eigentliche Durchführung des dritten United Nations World Data Forum ist vom 3. bis 6.Oktober 2021 in Bern geplant. Das Programm wird voraussichtlich vor dem Sommer bekannt gegeben, ab diesem Zeitpunkt wird auch die Anmeldung möglich sein.
Im Rahmen des United Nations World Data Forum hat die Schweiz die «Road to Bern» lanciert. Die Veranstaltungsreihe verfolgt zwei Ziele: Zum einen sollen die Themen für das UNWDF vorbereitet werden, sodass im Oktober 2021 konkrete Ergebnisse präsentiert werden können. Zum anderen möchte man zum Thema Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung mit der Schweizer Bevölkerung in den Dialog treten. Trotz der nicht einfachen Situation 2020 konnten über zwei Dutzend nationale und internationale Events durchgeführt werden; zum Teil physisch, zum Teil virtuell. Die «Road to Bern»-Reihe wird bis zur Eröffnung des UNWDF Anfang Oktober 2021 verlängert. Weiterführende Informationen finden sich unter www.roadtobern.ch
Im turbulenten Kontext der Covid-19-Pandemie haben die nationalen Statistikämter des Europäischen Statistischen Systems (ESS) rasch gemeinsame Richtlinien erarbeitet, um die methodischen Herausforderungen auf europäischer Ebene zu koordinieren.Es galt festzulegen, wie Kontinuität sowie Qualität und Vergleichbarkeit sichergestellt werden können, um in den EU-Mitgliedstaaten, aber auch in den EFTA-Ländern und somit der Schweiz möglichst zeitnah über Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt zu informieren. Die methodischen Richtlinien betreffen insbesondere die Konjunkturerhebungen, die harmonisierten Verbraucherpreisindizes, die Wohnpreisindizes, die vierteljährlichen Schätzungen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, die Statistiken der Zahlungsbilanz, bestimmte gesellschaftliche Statistiken (Arbeitskräfteerhebungen, Statistiken über Einkommen und Lebensbedingungen), die Statistiken zu den Arbeitskosten sowie die Tourismusstatistiken.
Im zweiten Halbjahr 2020 erarbeitete der deutsche Vorsitz des Europarats zusammen mit Eurostat den Entwurf eines ESS Recovery Dashboard for Europe. Dieses Cockpit wurde von allen Partnern des ESS, darunter auch die Schweiz, geprüft und soweit angepasst, dass eine Einigung erzielt wurde. Seit Mitte Dezember 2020 wird es nun monatlich veröffentlicht. Es enthält rund 20 monatliche und vierteljährliche Indikatoren für die EU insgesamt sowie für die ESS-Länder. Mit dieser Initiative sollen im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie rasch qualitativ hochstehende, vergleichbare und gut strukturierte Indikatoren zur Situation von Wirtschaft und Gesellschaft produziert werden. Das Cockpit informiert über folgende Bereiche: Wirtschaft und Preise, Industrie, Detailhandel, Dienstleistungen, Tourismus und Verkehr, internationaler Handel, Arbeitsmarkt und Gesundheit.
2019 hat die EU eine Revision ihrer Statistischen Systematik der Wirtschaftszweige (NACE) lanciert, die insbesondere auf einer umfangreichen Konsultation der interessierten Kreise inner- und ausserhalb der Statistik basiert. Die NACE ist Teil der Infrastruktur für die Produktion einer grossen Zahl offizieller Statistiken; auch in der Schweiz. Die aktuell in der EU und der Schweiz verwendete Version der NACE stammt aus dem Jahr 2006 und entspricht nicht mehr dem aktuellen Stand der Wirtschaft. Die Klassifikation von neuen Wirtschaftszweigen gestaltet sich immer komplizierter, beispielsweise in Zusammenhang mit der Digitalisierung der Wirtschaft, der Globalisierung, der nachhaltigen Entwicklung, dem E-Commerce, der Kreislaufwirtschaft und der kollaborativen Wirtschaft.
2020 beteiligte sich das BFS an der Erarbeitung einer neuen Version der NACE mit dem ESS sowie an der Revision der entsprechenden internationalen Nomenklatur der UNO (ISIC). Die internationale Vergleichbarkeit der öffentlichen Statistiken erfordert eine gute Koordination der Revisionsarbeiten in den verschiedenen Einheiten sowie eine gute Übereinstimmung der revidierten Nomenklaturen NACE und ISIC.
Videokonferenzen wurden zur Norm.© Laurent Monnard / BFS
2018 und 2019 hat die EU neue statistische Rahmenreglemente für die Bereiche Unternehmen, Personen und Haushalte sowie Landwirtschaftsbetriebe eingeführt. 2020 hat das ESS die entsprechenden Durchführungsvorschriften erarbeitet, wobei auch die Schweiz beteiligt war. Die von den neuen Reglementen betroffenen Statistikbereiche sind im Anhang A des bilateralen Statistikabkommens mit der EU aufgeführt. Die Schweiz muss nun prüfen, ob sie die neue europäische Reglementation übernehmen wird und wenn ja, mit welchen Anpassungen bzw. Ausnahmen.In den Bereichen Personen und Haushalte sowie Landwirtschaftsbetriebe kamen die Arbeiten des BFS von 2020 zu guten Ergebnissen. Im besonders komplexen Bereich der Unternehmen müssen sie fortgesetzt werden. Langfristig wird der mit der Europäischen Kommission (Eurostat) ausgehandelte und vom Bundesrat verabschiedete Anhang A des bilateralen Statistikabkommens mit der EU revidiert.
Das ESS führt regelmässig Peer Reviews durch, um die Anwendung der Grundsätze des Verhaltenskodex für europäische Statistiken durch Eurostat und die angegliederten nationalen Statistiksysteme (darunter jenes der Schweiz) zu evaluieren. Dabei wird geprüft, ob die Voraussetzungen zur Produktion von qualitativ hochstehenden europäischen Statistiken erfüllt sind. Wo nötig, formulieren die Peers Verbesserungsempfehlungen. Deren Umsetzung wird anschliessend von Eurostat und dem ESS-Ausschuss über die folgenden Jahre überwacht.Die letzten Peer Reviews, an denen auch die Schweiz beteiligt war, fanden 2013–2015 statt. Die nächste, dritte Reihe findet 2021–2023 statt. Die Schweiz wird erneut daran teilnehmen. Das BFS hat 2020 an den Arbeiten des ESS zur detaillierten gemeinsamen Methodik für diese dritte Peer-Review-Reihe mitgewirkt. Das Schweizer Statistiksystem wird voraussichtlich im ersten Halbjahr 2023 geprüft.
Das ESS arbeitet stets daran, bestehende oder neue europäische Statistiken zu verbessern, d.h. die Produktion zu beschleunigen, ohne die Befragten zusätzlich zu belasten. Auf europäischer Ebene sowie in der Schweiz werden gleichzeitig verschiedene Ansätze verfolgt, unter anderem die Entwicklung des Zugangs zu Administrativdaten oder die Verwendung neuer statistischer Produktionsmethoden, mit denen beispielsweise grosse Datenmengen (Big Data) ausgewertet werden können.Die Verwendung von Daten des Privatsektors zu statistischen Zwecken steht dabei im Fokus; der Zugang zu diesen Daten ist für das ESS von strategischer Bedeutung. 2020 wurden dazu auf europäischer Ebene – auch über das ESS hinaus – intensive Diskussionen geführt, insbesondere auch angesichts der Herausforderungen infolge der Covid-19-Pandemie. Diskutiert wurden sowohl legislative als auch nichtlegislative Initiativen. Das BFS unterstützt, wo immer möglich und sinnvoll, die Initiativen des ESS. Die am weitesten vorangeschrittene Initiative bezieht sich auf die Produktion von Tourismusstatistiken anhand der Daten von privaten gemeinsamen Plattformen.
Von 16. bis 20. November 2020 organisierte das BFS einen ESTP-Onlinekurs zum Thema Indikatoren.
Das Kursziel entsprach dem im September 2015 vom ESS-Ausschuss verabschiedeten Memorandum von Lissabon. Dieses unterstreicht die wachsende Bedeutung von Indikatoren für die Entscheidfindung sowie den Bedarf an einer aktiven Zusammenarbeit zwischen Statistikämtern und anderen Stakeholdern, und fordert die Statistikgemeinschaft dazu auf, eine gemeinsame Terminologie zu erarbeiten und das nötige Fachwissen zu Indikatoren und Indikatorensystemen zu vermitteln.
An dem Kurs nahmen 16 Vertreterinnen und Vertreter aus acht europäischen Ländern, der Europäischen Kommission und China teil. Elf Teilnehmende kamen aus ESS-Ländern und drei aus Albanien, Montenegro und der Türkei.
Das Programm, das bisher an drei Tagen vor Ort stattgefunden hatte, wurde in fünf Onlinesitzungen von rund zwei Stunden umgewandelt. Jede Sitzung umfasste zwei Präsentationen und eine Gruppenübung zu einem der folgenden fünf Themen:
Die grösste Herausforderung für die Organisatoren bestand darin, dass der Kurs erstmals online stattfand. Anhand einer Lernplattform konnten sowohl Plenarsitzungen als auch Übungen in Gruppen durchgeführt werden, um die Teilnahme zu fördern. Trotz des virtuellen Formats wurde der Kurs von den Teilnehmenden sehr geschätzt und mit einer Gesamtnote von 4,88 von 5 Punkten bewertet. Der informelle Austausch kam allerdings etwas zu kurz. Virtuell zugängliche Veranstaltungen werden immer beliebter, aber ob sie auch nach der Pandemie der richtige Weg sind, bleibt fraglich.
«Das Schutzkonzept im Personalrestaurant: limitierte Anzahl Stühle pro Tisch und QR-Codes zur Erfassung der Gäste»© Laurent Monnard / BFS