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«10 vor 10»-Beitrag «Coronavirus: Fakecheck» beanstandet II
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Mit Ihrer E-Mail vom 20. März 2020 beanstandeten Sie Sie die Sendung «10 vor 10» (Fernsehen SRF) vom 19. März 2020 und dort den Beitrag über virale Videos mit dem Titel «Coronavirus: Fakecheck».[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
«In der Einleitung zum ‘Fakecheck’ (letzter Beitrag der Sendung) sagt die Moderatorin Andrea Vetsch über die zu checkenden Videos, diese würden ‘Halbwahrheiten oder schlicht Unwahrheiten verbreiten’. Damit nimmt sie das Urteil, das sich die ZuschauerInnen gemäss dem Sachgerechtigkeitsgebot bilden sollen, vorweg und macht den folgenden Beitrag zur Farce. Ausserdem werden die beiden Ärzte und ihre allfälligen Leistungsausweise mit keinem einzigen Wort vorgestellt. Beide Tatsachen - Vorwegnahme des Urteils und Verweigerung der Benennung der Ärzte - widersprechen meiner Ansicht nach eindeutig dem geforderten Sachgerechtigkeitsgebots, weil so das Publikum an der Bildung einer eigenen Meinung gehindert wird.»
B. Gerne nehme ich dazu wie folgt Stellung: Das Radio- und Fernsehgesetz schreibt den Rundfunkmedien vor: «Redaktionelle Sendungen mit Informationsgehalt müssen Tatsachen und Ereignisse sachgerecht darstellen, so dass sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann.» [2] Aber diese Verpflichtung entbindet die Rundfunkmedien nicht von der Suche nach der Wahrheit. Der Schweizer Journalistenkodex verlangt in seiner 1. Ziffer von den Journalistinnen und Journalisten: «Sie halten sich an die Wahrheit ohne Rücksicht auf die sich daraus für sie ergebenden Folgen und lassen sich vom Recht der Öffentlichkeit leiten, die Wahrheit zu erfahren.» [3] Wenn zwei Personen widersprechende Meinungen äußern und die eine sagt die Wahrheit, die andere aber lügt, dann besteht die Aufgabe der Medien nicht darin, beiden gleich viel Raum zu geben und beide kommentarlos «abzubilden». Vielmehr verlangt das Wahrheitsgebot, dass die Medien mit Hilfe von Recherchen die Fakten überprüfen und angebliche Fakten als solche kennzeichnen. Und wenn die angeblichen Fakten höchst abwegig sind und sogar noch in einer sehr unsicheren Zeit präsentiert werden, dann ist es nur richtig, wenn die Moderatorin vorweg warnt und deutlich macht, auf welcher Seite die «Fakes» liegen.
Sie haben Recht, man hätte die auftretenden Personen noch besser situieren können, und zwar alle vier. Ich will das hier gerne nachholen. Die beiden Ärzte negieren beide die Gefährlichkeit des Covi19, ohne dass sie selber in dem Bereich forschen.[4] Rolf Kron ist ein praktischer Arzt, Homöopath und Impfgegner in Kaufering (Bayern).[5] Dr. Wolfgang Wodarg ist promovierter Psychiater, ausgebildeter Internist, Medizinethiker, früherer Amtsarzt in Flensburg, SPD-Bundestagsabgeordneter von 1994 bis 2009 und heute (seit 2002) für die SPD Mitglied der parlamentarischen Versammlung des Europarates in Straßburg. Er brandmarkt die Bekämpfung des Corona-Virus als «Panikmache» und redet von einer Verschwörung. Vor allem Wodarg versteht sicher etwas von der Materie, verkennt aber, dass es sich beim neuen Coronavirus nicht um ein endemisches handelt wie vier der bisherigen, sondern um ein pandemisches wie Mers und Sars und sich exponentiell ausbreitet und dass es dagegen noch keinen Impfstoff und kein Heilmittel gibt. Der «Spiegel» hat sich in einem sorgfältigen Artikel mit Wodargs Argumentation auseinandersetzt und sie widerlegt. Am Schluss steht in dem Artikel: «Wenn abwegige Einzelmeinungen anerkannten Fakten scheinbar gleichberechtigt gegenübergestellt werden, entsteht ein falscher Eindruck – eine sogenannte false Balance oder falsche Gewichtung. Sie zu vermeiden, ist gerade in Krisenzeiten wichtig.»[6]
Geprüftes Wissen konnten jedoch die beiden von «10 vor 10» herangezogenen Fachleute präsentieren. Der Virologe Prof. Dr. Volker Thiel ist Direktor des Instituts für Virologie und Immunologe an der Universität Bern und Angehöriger der gemeinsamen bernisch-zürcherischen Veterinärmedizinischen Fakultät.[7] Der Epidemologe Prof. Dr. Richard Neher ist assoziierter Professor am Biozentrum der Universität Basel. Er war Postdoc an der University of California in Santa Barbara und Forschungsgruppenleiter am Max Planck-Forschungszentrum.[8] Beide sind renommierte Forscher. Sie haben die Hauptthesen von Kron und Wodarg, das Coronavirus sei erstens nur eine gewöhnliche Grippe, es sei zweitens kein neues Virus und die ganzen Schutzmaßnahmen seien drittens Panikmache, widerlegt und damit als Fakes enttarnt. Und genau das ist die Aufgabe von seriösem Journalismus, auch und gerade in Zeiten großer Unsicherheit. Natürlich hätte man die vier Personen noch besser situieren können. Aber da die Fakten im Vordergrund standen, war dies nebensächlich. Und eine klarere Verortung aller vier Personen wäre ohnehin nochmals schlecht für die beiden Krisen-Leugner herausgekommen. Da die fehlende weitere Vorstellung der Personen höchstens ein Fehler in einem Nebenpunkt war, der nicht geeignet war, die freie Meinungsbildung des Publikums zu beeinträchtigen, und da Moderatorin Andrea Vetsch mit Fug und Recht das Spreu vom Weizen schied, kann ich Ihre Beanstandung nicht unterstützen .
C. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüssen,
Roger Blum, Ombudsmann
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