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Roger Federer, Andy Murray und Stan Wawrinka sind ab Montag am US Open in New York die grössten Herausforderer von Novak Djokovic, der Weltnummer 1 aus Serbien. Serena Williams könnte als erste Frau seit 27 Jahren den Grand Slam gewinnen.
Lange hat sich die Ausgangslage vor einem Grand-Slam-Turnier bei den Männern nicht mehr so offen präsentiert wie am diesjährigen US Open. Gibt es mit Novak Djokovic den logischen Sieger? Krönt Roger Federer seinen x-ten Frühling mit dem 18. Grand-Slam-Titel, dem ersten seit 2012? Gelingt Andy Murray nach einer starken Saison der grosse Coup?
Wer kann Stan «the man» Wawrinka stoppen, sollte dieser ins Rollen kommen? Feiert Rafael Nadal seine sportliche Auferstehung? Oder gewinnt am Ende wieder ein Aussenseiter? Mit Juan Martin Del Potro 2009 und Marin Cilic 2014 stellte das US Open die einzigen beiden Grand-Slam-Sieger der letzten Dekade, die nur einen Major-Titel gewannen.
New York, die Stadt, die niemals schläft, ist einzigartig. Und so wie der Times Square in Manhattan präsentiert sich auch das Turnier im Stadtteil Queens mit dem ab 2016 überdachten Arthur-Ashe-Stadion, der grössten Tennisarena der Welt: schrill, laut und leicht überdreht. Die Night-Sessions, die heuer ihr 40. Jubiläum feiern, bieten eine Ambiance, wie sie sonst nirgends zu erleben ist. Zumindest was den Spielplan anbetrifft, hat sich das US Open auf dieses Jahr hin wieder normalisiert.
Die Männer-Halbfinals sind auf den zweiten Freitag angesetzt, die Chancen sind intakt, dass der Final erstmals seit 2007 wieder am Sonntag über die Bühne gehen wird. Mit den Verhältnissen in New York bestens vertraut ist Roger Federer, der bereits zum 16. Mal in Folge am US Open antritt. Der Weltranglisten-Zweite reiste nach seiner perfekten Woche in Cincinnati mit Selbstvertrauen in den Big Apple.
Im Bundesstaat Ohio verblüffte der 34-Jährige nicht nur mit Siegen gegen Murray und Djokovic, sondern auch mit seiner offensiven Spielweise. Mit den extrem früh geschlagenen Returns bei zweitem Aufschlag des Gegners verzückte er die Tennis-Welt ein weiteres Mal. Dass Federer zuvor auf eine Teilnahme in Montreal verzichtet hatte, könnte ihm als fünffachem US-Open-Champion gegen Ende des Turniers zugute kommen.
Der zweite Schweizer Trumpf ist Stan Wawrinka (ATP 5). Im Gegensatz zu Federer verlief die Vorbereitung auf das letzte Major-Turnier des Jahres für den 30-Jährigen nicht ideal. Eine Rückenverletzung zwang den zweifachen Major-Sieger zur Aufgabe in Montreal, zudem rückte er in die Schlagzeilen, nachdem ihn der Australier Nick Kyrgios in jenem Match beleidigt hatte.
In Cincinnati deutete Wawrinka an, dass er wieder fit ist. Je länger er im Turnier verbleibt, desto stärker und gefährlicher wird er. Der Romand ist der einzige Spieler, der jeden Gegner von der Grundlinie dominieren kann – was Djokovic im French-Open-Final zu spüren bekam. Dass Wawrinka die Bedingungen in Flushing Meadows durchaus liegen, bewies er 2013 (Halbfinal) und 2014 (Viertelfinal).
Erster Favorit auf den Titel bleibt Novak Djokovic. Der 28-jährige Serbe hat in den letzten fünf Jahren an 15 von 20 Major-Turnieren den Final erreicht und führt die Weltrangliste überlegen an. In New York stand Djokovic seit 2007 immer in den Halbfinals, gewonnen hat er das Turnier in Flushing Meadows allerdings erst einmal (2011), viermal zog er im Final den Kürzeren.
2014 war der neunfache Major-Sieger als grosser Favorit angetreten – und scheiterte im Halbfinal an Kei Nishikori. Zum engeren Favoritenkreis gehört auch Andy Murray, der Sieger von 2012. Der Schotte kehrte in dieser Saison zur Konstanz auf hohem Niveau zurück, scheiterte an den Major-Turnieren aber zweimal im Halbfinal (Paris, Wimbledon) und einmal im Final (Melbourne).
In der Jahreswertung ist er die klare Nummer 2, nachdem er in Montreal seinen vierten Turniersieg 2015 gefeiert hat. Und Rafael Nadal? Der Spanier scheint auch auf Hartplätzen nicht wieder der Alte zu sein, spielte in Montreal und Cincinnati sehr passiv und scheiterte früh. Es wäre eine Überraschung, sollte der 29-Jährige, der als Einziger seit 2008 und dem Ende der Dominanz Federers das US Open zweimal gewinnen konnte, in den Kampf um den Turniersieg eingreifen.
Im Turnier der Frauen zählt Belinda Bencic zu den Aussenseiterinnen. Die 18-Jährige aus Wollerau ist der Shootingstar der letzten Wochen. Zum Auftakt der nordamerikanischen Hartplatzsaison erlebte sie in Toronto ihre Sternstunde, als sie innerhalb von fünf Tagen vier Top-6-Spielerinnen und mit Serena Williams erstmals die Nummer 1 schlug.
Der erste grosse Turniersieg, ein Check von knapp einer halben Million Dollar und der Aufstieg zur Nummer 12 der Welt waren die Belohnung. Bencic hat im letzten Jahr bewiesen, dass ihr die Bedingungen in New York liegen, mit der Viertelfinal-Qualifikation erzielte sie ihr bislang bestes Grand-Slam-Ergebnis.
Wiederholt sie heuer diesen Erfolg, könnte es in den Viertelfinals vor 23'000 Zuschauern im Arthur-Ashe-Stadion zum Showdown mit Serena Williams kommen. Im Gegensatz zu Bencic zeigte die Formkurve von Timea Bacsinszky (WTA 14) in den letzten Wochen nach unten. Nach einem überragenden ersten halben Jahr mit den Turniersiegen in Acapulco und Monterrey, dem Halbfinal-Einzug am French Open, der Viertelfinal-Qualifikation in Wimbledon und dem Vorstoss in die Top 15 des Rankings kam die 26-Jährige in Nordamerika überhaupt nicht auf Touren.
0:3 lautete die Matchbilanz der drei Turniere in Toronto, Cincinnati und New Haven. Am US Open erreichte Bacsinszky bislang in sechs Anläufen nur einmal die 3. Runde. Bereits das Startspiel gegen die Tschechin Barbora Strycova (WTA 41), gegen die sie beide Duelle verloren hat, wird zur Herausforderung. Die Lausannerin braucht allerdings Siege, um – wie Bencic – im Rennen um die acht Plätze für die WTA-Finals Ende Oktober in Singapur weiterhin ein Wörtchen mitzureden.
Der Fokus im Turnier der Frauen ist fast ausschliesslich auf Serena Williams gerichtet. Der bald 34-jährigen Amerikanerin bietet sich die historische Chance, mit ihrem vierten US-Open-Sieg in Folge als erste Frau seit Steffi Graf 1988 und als erst vierte nach Maureen Connolly (1953), Margaret Court (1970) und Graf den Grand Slam und damit alle vier Major-Turniere in einem Jahr zu gewinnen. Mit dem 22. Grand-Slam-Titel, dem neunten in gut drei Jahren, könnte die gebürtige Kalifornierin auch in der ewigen Bestenliste zur zweitplatzierten Graf aufschliessen.
Vor diesen beiden liegt noch Margaret Court, die im Einzel 24 Grand-Slam-Titel gewann. Ihren ersten Major-Titel hatte Williams 1999 am US Open gewonnen – dank einem Finalsieg gegen Martina Hingis, die im Doppel und im Mixed antritt. Nach der letztjährigen Final-Qualifikation an der Seite von Flavia Pennetta und den grandiosen Auftritten in Wimbledon, wo die bald 35-jährige Ostschweizerin zusammen mit Sania Mirza und Leander Paes ihre Grand-Slam-Titel 17 und 18 gewann, gehört Hingis in New York zu den Favoritinnen. (si)