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Chiasso
Ein erster Gleisplan von Chiasso findet sich in einem Artikel im SBB-Nachrichtenblatt 4/1970 Sammlung S. Niklaus
Bei der Eröffnung der Gotthardbahn im Jahr 1882 war eigentlich die Strecke via Luino als Hauptlinie vorgesehen. Diese verläuft weitgehend flach, während auf dem Weg nach Chiasso die Ceneri-Rampe (25 ‰) zu bewältigen ist. Trotz diesem Nachteil gewann die Strecke via Chiasso an Bedeutung und der dortige Bahnhof wurde zu klein. Nach dem 1. Weltkrieg wurde dieser in jahrelangen Arbeiten wesentlich erweitert. Im SBB-Nachrichtenblatt 3/1932 ist ein Plan der alten und neuen Anlage abgebildet:
Sammlung S. Niklaus
Bei der Anlage von 1888 befinden sich gegenüber dem Bahnhofsgebäude grosse Zollanlagen. Typisch für eine Anlage aus der Frühzeit sind die quer über das ganze Gleisfeld führenden Wagendrehscheiben. Zusätzlich gibt es eine grosse Viehrampe sowie je eine schweizerische und italienische Lokremise. Auch ein Friedhof ist eingezeichnet, der für die Bahnhofserweiterung versetzt werden musste.
Der Bahnhof weist nur ein einziges Perrongleis auf. Dadurch kam es häufig zu Signalhalten, insbesondere bei Doppelführungen von Schnellzügen. Der zweite Zug konnte erst einfahren, wenn der erste Zug abgefahren war. Die Züge hatten wegen dem Wechsel der Lokomotiven und den Zollkontrollen lange Aufenthaltszeiten.
Bemerkenswert ist der Verlauf der Landesgrenze Schweiz / Italien im südlichen Bahnhofskopf. Auf dem Weg vom Aufenthaltsraum zum Lokdepot und zurück überquerten die italienischen Lokführer jedesmal die Grenze.
Der Bahnhof Chiasso befindet sich in einer Talmulde. Die Stationshorizontale ist 780m lang, danach beginnen beidseitig Steigungen, Richtung Norden 16.7 ‰, Richtung Süden 12.4 ‰. Deshalb konnte die grosse B-Gruppe der erweiterten Anlage nur einseitig von Süden angeschlossen werden.
Detaillierter Gleisplan Stand 1950. Sammlung G. Romanini
Die Anlagen sind noch weitgehend gleich wie im SBB-NB 3/1932. Einzig das Depot der FS wurde wegen der inzwischen erfolgten Elektrifizierung neu erstellt .
Der erneuerte Bahnhof wurde mit einer elektromechanischen Anlage von Orenstein & Koppel ausgerüstet. Diese umfasste ein Befehlwerk im AG und 4 Wärterstellwerke. Die Inbetriebnahme erfolgte 1929. Stellwerke O&K waren relativ selten. In der Schweiz wurden ausser Chiasso noch 7 weitere Bahnhöfe damit ausgestattet: Chur, Fribourg, Olten Hammer, Solothurn West, Pfäffikon SZ Link, Wädenswil und Zollikofen
Elektromechanisch bedeutet, dass noch ein mechanisches Verschlussregister vorhanden ist. Die Weichen und Signale (auch die Formsignale) werden jedoch elektrisch betätigt.
Nachfolgend die zum Plan von 1950 zugehörige Dienstvorschrift:
DV 560 Sammlung G. Romanini
Nachfolgend schöne Fotos der Stellwerke aus einer Broschüre von Orenstein & Koppel: Fotos Sammlung O. Wileczelek
Stellwerk I
Stellwerk II
Stellwerk III
Stellwerk IV
Befehlsstellwerk
Signalbrücke mit den Ausfahrsignalen Gleise A5 und A6 sowie zwei Rangiersignalen von der Rückseite. Im Hintergrund Stellwerk / cabina III.
Dreiflügliges Signal A 2/3 an der Einfahrt von Balerna Fotos Sammlung O. Wileczelek
Zeichnung des dreiflügligen Signals im Massstab 1:50. Zeichnung H. Russenberger
Im Plan 1936 ist das Signal mit A 1-3 bezeichnet, es können also Fahrbegriffe 1, 2 und 3 gemäss der Zeichnung von H. Russenberger angezeigt werden. In den späteren Plänen heisst das Signal A 2/3, es sind also nur noch Fahrbegriffe 2 (2 Flügel offen) und 3 (3 Flügel offen) möglich.
Nachfolgend ein paar weitere interessante Dokumente aus der Zeit der Stellwerke O&K:
Plan Sammlung U. Dikenmann
Im Rahmen der Elektrifizierung des FS-Strecke Milano - Chiasso mussten im Bereich von Stellwerk IV einige Weichen vorübergehend von Hand bedient werden. Die Arbeiten wurden trotz des ausgebrochenen II. Weltkriegs weitergeführt. Der elektrische Betrieb wurde am 28. Oktober 1939 aufgenommen.
Bemerkenswert sind die noch vorhandenen mechanischen Signale der FS.
Sammlung O. Wileczelek
In Gleisen A1 und A2 konnte die Fahrleitung umgeschaltet werden. Dazu war ein eigenes Fahrleitungs-Schalterwerk vorhanden. Zur Bedienung gab es eine fünfseitige Anleitung:
Sammlung O. Wileczelek
1953 wurde die Signalbrücke über den Gleisen A5 und A6 abgebrochen und die mechanischen Signale durch Lichtsignale ersetzt. Die Änderung wurde vorgängig mit diesem Z bekanntgegeben.
Nach dem 2. Weltkrieg erfolgte eine starke Verkehrszunahme und der Güterbahnhof Chiasso aus den 1930er Jahren wurde wieder zu klein. Es wurde ein neuer Rangierbahnhof geplant. Wegen der schon erwähnten Lage von Chiasso in einer engen Talmulde musste eine besondere Lösung erarbeitet werden. Sie führte zu einer ungewöhnlichen Anlage der Einfahrgruppe in einer Kurve.
Als Zufahrt von Norden dient eine neue 1,5km lange Einspurstrecke, die in Balerna von der Gotthardstrecke abzweigt. Sie weist eine Neigung von 21 ‰ und einen Tunnel von 616m Länge auf. Auch die Zufahrt aus Italien wurde neu erstellt, teilweise in Doppelspur.
Der neue Bahnhof wurde in mehreren Etappen erstellt. Der erste Spatenstich erfolgte am 22. Mai 1956. Jedes neu erstellte Teilstück musste sofort dem Betrieb für die Bewältigung des stark ansteigenden Verkehrs zur Verfügung gestellt werden. Verkehrszunahme Güterverkehr in Chiasso 1956 - 1963 = 35%.
Plan Chiasso Sm (Smistamento) und Vg (Viaggiatori) Stand Juni 1981 Plan Sammlung Waldburger
Gruppe L: Einfahrgruppe SBB / FS
Gruppe K: Ablaufberg
Gruppen N, O: Richtungsgruppen
Gruppen P, R, S: Zoll
Gruppe T: Wagenreparatur
Gruppe U: Abstellgruppe
Gruppe Z: Güterhallen
Gruppe C: Ausfahrgleise SBB/FS
Der neue Rangierbahnhof 1965 kurz vor der Vollendung. Vorne die Einfahrgruppe L, rechts die Gruppe U und die Zufahrtslinie aus Italien. Links bei der Strasenunterführung die Zufahrt von Balerna und das Zentralstellwerk im Bau. SBB Nachrichtenblatt 11/1965 Sammlung S. Niklaus
Ein Güterzug fährt aus Balerna ein, rechts das Stellwerkgebäude im Bau. Vorne sind noch provisorische Handweichen zu erkennen. SBB Nachrichtenblatt 11/1965 Sammlung S. Niklaus
SBB Nachrichtenblatt 6/1967. Sammlung S. Niklaus
Die Stellwerkanlage Orenstein & Koppel aus dem Jahr 1929 wurde am 9 - 11. April 1989 durch ein elektronisches Stellwerk Siemens C ersetzt. Es handelte sich dabei um das erste elektronische Stellwerk der SBB. Die Bedienung erfolgte in Chiasso vor Ort.
Dieses Stellwerk wurde im April 2019 durch ein Simis W ersetzt. Das Siemens C war somit 30 Jahre in Betrieb, also nur halb so lange wie die Anlage von O&K. Für ein elektronisches Stellwerk ist das aber trotzdem recht beachtlich. Das Simis W wird durch die Betriebszentrale Pollegio bedient.
In Chiasso SM ist nach wie vor das Stellwerk SpDr Siemens von 1967 in Betrieb. Es wird vor Ort bedient.
Gleisplan Chiasso Stand 2014 Sammlung S. Niklaus