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Derzeit wächst die Weltbevölkerung um rund 70 Millionen Menschen pro Jahr. Wenn sich das Wachstum mit dieser Geschwindigkeit fortsetzt, werden im Jahr 2050 voraussichtlich neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Um sie alle zu ernähren, müssen wir fast doppelt so viel Nahrung produzieren wie heute. Das wird keine leichte Aufgabe sein, denn wir nutzen bereits 70 % der landwirtschaftlichen Flächen für die Viehzucht. Die Ozeane sind überfischt, die Umwelt ist verschmutzt und der Klimawandel und Krankheiten bedrohen die Ernten. Bei fast einer Milliarde Menschen, die bereits heute chronisch an Hunger leiden, müssen wir Ideen entwickeln, um die Verschwendung von Lebensmitteln zu reduzieren und die Lebensmittelproduktion effizienter zu gestalten. Eine alternative Ernährung mit Insekten könnte ein Lösungsansatz sein.
Zwei Milliarden Menschen essen regelmäßig Insekten
Bei mindestens zwei Milliarden Menschen stehen Insekten bereits auf dem Speiseplan. Im Kongo sind Raupen auf den Märkten erhältlich. Ein Haushalt in der Hauptstadt Kinshasa isst im Durchschnitt etwa 300 Gramm Raupen pro Woche. Während Insekten in afrikanischen Ländern meist von den Einheimischen gegessen werden, wird in Südostasien eine Vielzahl an Touristen verkauft. Hier gibt es 150-200 Insektenarten, die verzehrt werden. Weltweit werden Käfer und Raupen so häufig gegessen, wie alle anderen essbaren Insekten zusammen. Aber auch Bienen, Wespen und Ameisen sind beliebt, sie entsprechen einem weltweiten Insektenkonsum von 14 %. Zikaden, Heuschrecken, Grillen, Libellen und Fliegen sind ebenfalls üblich. Während zwei Milliarden Menschen kein Problem mit dem Verzehr von Insekten haben, verabscheuen sie viele der restlichen fünf Milliarden.
Europäer mögen keine Insekten
Nordamerikanische Indianerstämme hatten eine lange Tradition im Verzehr von Insekten, doch die westlichen Kulturen unterdrückten diese Praxis. In den Augen der Europäer galt das Insekten essen als primitiv. Einige indigene Gruppen in Afrika waren ähnlich betroffen, und zwar noch in jüngster Zeit. Im Dorf Sanambele in Mali jagen und essen Kinder Heuschrecken als Snack. Als im Dorf viele Kinder bereits Gefahr liefen, an Kwashiorkor zu erkranken, einer Form der Unterernährung, die durch Proteinmangel in der Ernährung verursacht wird, boten Heuschrecken eine willkommene Proteinquelle. Leider werden seit 2010 die Felder, auf denen die Kinder Heuschrecken jagen, mit Pestiziden besprüht, um einen maximalen Ertrag von benachbarten Baumwollfeldern zu gewährleisten. Die malischen Bauern wurden von ihren westlichen Kollegen beraten, die aber die Bevölkerung und Kultur von Sanambele nicht berücksichtigten. Jetzt ist es den Kindern meist verboten Heuschrecken zu essen.
Insekten als alternative Ernährung
Viele Insektenarten sind eine nachhaltige Nahrungsquelle und die Insektenzucht kann Menschen in armen Gebieten Arbeitsplätze und Einkommen verschaffen.
Insekten sind gesund
Sie sehen vielleicht nicht nach viel aus, aber Insekten haben einen hohen Fett-, Protein-, Vitamin-, Faser- und Mineralstoffgehalt, der oft mit Fisch oder Vieh vergleichbar ist. So enthalten Heimchen im Durchschnitt 205 g/kg Eiweiß, Rindfleisch 256 g/kg. Termiten aus Afrika enthalten 64 % Protein. Einige Insekten bestehen sogar bis zu 80 % aus Proteinen. Die Insekten sind auch reich an essenziellen Aminosäuren und Omega-3-Fettsäuren. Mehlwürmer enthalten so viele ungesättigte Omega-3 und Omega-6 Fettsäuren wie Fisch und sogar mehr als Rind und Schwein. Manche Insekten sind auch überraschend eisenhaltig. Heuschrecken enthalten bis zu 20 mg/100 g Eisen und Mopanraupen 31 mg/100 g, während Rindfleisch nur etwa 6 mg/100 g hat.
Insekten sind grün
Der Verzehr von Insekten ist im Vergleich zu Nutztieren umweltfreundlicher. Sie sind kaltblütig und benötigen daher weniger Energie, um ihre innere Körpertemperatur zu halten. Deshalb können sie im Gegensatz zu Rindern sehr effizient Futter in essbare Körpermaße umwandeln. Grillen benötigen etwa 2 kg Futter, um 1 kg Fleisch zu produzieren, wovon etwa 80 % essbar sind. Rinder hingegen benötigen 8 kg, um die gleiche Menge an Fleisch zu produzieren, aber nur 40 % der Kuh können verzehrt werden. Für den Anbau von Futtermitteln für Insekten wird weniger Fläche benötigt, als für Nutztiere, was den Einsatz von Bewässerung und Pestiziden reduziert. Darüber hinaus könnten Insekten als Viehfutter verwendet werden, zum Beispiel als Ersatz für Fischmehl. Dadurch würden dem Menschen mehr Fischbestände zur Verfügung stehen. Zudem benötigen Insekten deutlich weniger Land und Wasser als herkömmlich gehaltene Tiere und vermehren sich viel schneller. Sie produzieren im Vergleich zu anderen Nutztieren, insbesondere Rindern, einen Bruchteil der Treibhausgase wie Methan und Ammoniak. Außerdem können sie tierische Abfälle oder Pflanzen verzehren, die Menschen und Tiere nicht essen können. Sie konkurrieren nicht mit der menschlichen Nahrungsversorgung und tragen dazu bei, die Umweltbelastung zu reduzieren.
Wirtschaftliche und existenzielle Vorteile
Das Sammeln, Aufziehen, Verarbeiten und Verkaufen von Insekten kann armen Menschen in Entwicklungsländern wichtige Lebensgrundlagen bieten. Diese Aktivitäten werden nicht nur ihre Ernährung verbessern, sondern sie können auch Arbeitsplätze schaffen und durch den Verkauf der Produkte Einnahmen generieren. Es erfordert auch nicht viel Erfahrung oder eine ausgeklügelte Ausrüstung, wodurch viele Personen an der Zucht teilnehmen können, einschließlich Menschen, die in ländlichen oder städtischen Gebieten leben, in denen es an verfügbarem Platz mangelt.
Insekten schmecken lecker
Es gibt Termiten in Afrika, die einen angenehmen Minzgeschmack haben. Stinkwanzen, die übel riechen, schmecken tatsächlich wie Äpfel. Rote Agavenwürmer sollen würzig sein, und Baumwürmer ein wenig nach Schweineschwarte schmecken. Sago-Käfer, die in ganz Südostasien gegessen werden, schmecken angeblich wie Speck. In China werden Skorpione gegessen, die wohl einen leicht fischigen Geschmack haben. Taranteln, die in Kambodscha und Venezuela zu finden sind, können nach Krabben oder Garnelen, oder sogar ein wenig nach Huhn schmecken. Ob man es glaubt oder nicht, die ekelhaft aussehende Riesenwasserwanze soll nach gesalzener Banane oder Melone schmecken.
Insekten essen wir ohnehin schon
Witzigerweise sind die fünf Milliarden Menschen, die keine Insekten mögen, auch Insektenesser, selbst wenn sie es gar nicht merken. Käfer, Maden und Fliegen sind tatsächlich Teil unserer Nahrung. Produkte wie Brokkoli, Tomatenkonserven und Hopfen enthalten häufig Insektenfragmente wie Köpfe, Thoraxe und Beine, und sogar ganze Insekten. Fruchtsaftkonserven können alle 250 Milliliter eine Made enthalten, 10 Gramm Hopfen können die Heimat von 2.500 Blattläusen sein. Wenn jetzt jemand Ekel verspürt ist das bedauerlich, denn Insekten können der Schlüssel zu unserer Zukunft sein.
Vielleicht sind Insekten nicht für alle Menschen das richtige Nahrungsmittel, aber sie könnten wertvoll für die globale Ernährungssicherheit sein. Sie sind nachhaltig, grün und eine hervorragende Proteinquelle. Seit Anfang des Jahres gibt es neue gesetzliche Regelungen in der EU, die ein vermehrtes Angebot von Insekten oder daraus hergestellten Nahrungsmitteln zulassen.