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Die landwirtschaftliche Produktion in der San Francisco Bay Area profitiert vom milden Klima und einer Kundschaft mit höherem Lebensstandard, erfährt aber auch Schwierigkeiten durch hohe Ansprüche dieser Kundschaft und sehr hohe Produktionskosten. Landwirtinnen bewirtschaften das Land, das ihnen vererbt wurde, im Einklang mit der Natur im Hinblick, dieses an zukünftige Generationen weiterzugeben.
Gemüseanbau für die Gemeinschaft

Community Supported Agriculture CSA
Neben dem direkten Verkauf auf Märkten (siehe den französischen Artikel dazu), setzen einige Betriebe auch auf die lokale Vertragslandwirtschaft, die hier als Community Supported Agriculture, kurz CSA, bezeichnet wird.
Zwischen zwei Hügeln, weniger als 5 km vom Pazifik entfernt, befindet sich die Fifth Crow Farm. Ihr Name bezieht sich auf eine indianische Legende, welche von Selbstopfer für die Gemeinschaft und der Verbundenheit aller Menschen handelt. Nach Randy Edmonds, einem indigenen Aktivisten für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner, schenkt jedes Tier sein Volk etwas. Deshalb ist es wichtig, Legenden zu haben: So wird sichergestellt, dass die Tiere geehrt und ihnen und dem Grossen Geist für das, was sie uns zum Überleben geben, gedankt wird.
Auf der Fifth Crow Farm haben drei Partner:innen, alle mit unterschiedlichen landwirtschaftlichen Ausbildungen und Erfahrungen, im Jahr 2008 mit dem Gemüseanbau begonnen. Sie begannen von null auf dem Land, welches zuvor einige Jahre brachlag. Reich ist es allerdings an einer langen Geschichte der Landnutzung, die bis zum Volk der Ohlone zurückreicht. Deren Pfeilspitzen und Feuersteinsplitter gelangen immer noch an die Oberfläche, wenn der Boden bearbeitet wird, erzählt Teresa Kurtak voller Leidenschaft. Auf den 60 Hektar, die sie pachten, haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, eine positive Veränderung im Ernährungssystem zum Wohle zukünftiger Generationen herbeizuführen.
Ihr Hof ist vielfältig und die Kulturen werden im Einklang mit der Natur angebaut. Sie sind bio-zertifiziert (California Certified Organic Farmers CCOF) und arbeiten mit dem Dienst für Naturschutz zusammen, um Hecken aus einheimischen Arten zu pflanzen und zu pflegen. So schaffen sie Lebensräume und Korridore für Fauna und Flora. Seit sie das Land bewirtschaften, konnten sie den Humusgehalt im Boden von 1-2 % auf 5 % steigern. Ihr Engagement für eine nachhaltige Landwirtschaft beschränkt sich nicht auf die Umwelt, auch soziale Gerechtigkeit wird grossgeschrieben. Sie bieten ihren rund dreissig Mitarbeitenden einen über dem gesetzlichen Mindestlohn in Kalifornien liegenden Lohn sowie Sozialleistungen (Urlaub, Krankenversicherung usw.) und bemühen sich, sie ganzjährig statt nur saisonal zu beschäftigen. Ausserdem beteiligt sich die Fifth Crow Farm an einem Programm zur Unterstützung von Frauen und Kindern und spendet Überschüsse an verschiedene Organisationen.
Etwa 700 Personen abonnieren derzeit ihren Obst- und Gemüsekorbs, welcher manchmal durch Eier oder Fleisch von benachbarten Höfen ergänzt wird. «Die Vertragslandwirtschaft ist gut. Sie ermöglicht es uns, zu wissen, wie viel wir verkaufen werden. Dadurch können wir planen», erzählt Teresa. „Aber es ist schwierig, eine Beziehung zu den Kund:innen aufzubauen, besonders in dieser Region. Wir haben versucht, Werbung zu machen, zum Beispiel in lokalen Zeitungen. Aber das, was am besten funktioniert, ist Mund-zu-Mund-Propaganda – also Kund:innen, die ihrem Umfeld von uns erzählen.“ Von Mai bis November werden die wöchentlichen Lieferungen an verschiedenen Abholpunkten, wie Lebensmittelgeschäften oder Bäckereien, abgegeben. Auch einige treue Kund:innen, die in einem Viertel wohnen, in dem mehrere andere Abonnenten leben, stellen sich als Abholpunkte zur Verfügung. Der Verkauf auf Märkten und die CSA machen etwa zwei Drittel ihres Umsatzes aus. Sie liefern auch an einige Restaurants oder den Einzelhandel. Als wichtiges zusätzliches Einkommen hat sich die Produktion von Schnittblumen für Sträusse entwickelt, die in dieser Region im Winter selten sind, wozu sie ihren wenigen unbeheizten Gewächshäusern nutzen können. Angesichts immer häufiger auftretender Extremwetterereignisse und stark steigender Produktionskosten ist dieses zusätzliche Standbein sehr willkommen ist.
Kühe zur Regeneration zerstörter Böden
Nicht weit entfernt, auf Hügeln oberhalb des Pazifiks, weiden schöne schwarz-weisse Galloway-Rinder, bei jedem Wetter. Sie gehören zur Markegard Ranch, wo Rinder, Lämmer, Schweine und Hühner gezüchtet und deren Fleisch selbst verarbeitet wird. Die Bauernfamilie besteht aus Erik, der als sechste Generation Viehzucht betreibt, Doniga, die aus dem Wildtier-Management kommt, ihren vier Kindern und ihren sechs Hunden. Die Ranch ist zertifiziert nach American Grassfed (Tiere weiden draussen, ihre Ernährung ist ausschliesslich grasbasiert, es werden kein Antibiotika oder Wachstumshormone eingesetzt und sie wachsen auf einem amerikanischen Familienbetrieb auf), Regenerative (eine Reihe landwirtschaftlicher Praktiken mit Fokus auf Bodenaufbau) und Audubon Bird Friendly Land (zum Erhalt der Rinderweiden als Lebensraum für Wiesenvögel).
Auf den rund 320 Hektar ihrer Ranch züchtet die Familie etwa hundert Rinder, die erst nach zweieinhalb Jahren geschlachtet werden, um hochwertiges Fleisch zu liefern. Die Weiden werden durch bewegliche Zäune in kleine Abschnitte geteilt, so dass die Rinder von einem zum Nächsten ziehen und die Abschnitte kurzweilig, aber intensiv beweiden. Dadurch werden die Wanderungen der früheren grossen Herden von Wiederkäuern imitiert. So wird Überweidung verhindert, das Pflanzenwachstum angeregt und mehr Kohlenstoff im dadurch regenerierten Boden gespeichert. „Früher wurde auf diesen Hängen Getreide angebaut“, erklärt Doniga Markegard, „und der fruchtbare Boden wurde vom Wind verweht und durch Regenfälle in Strömen als Schlamm in den Ozean gespült, so dass diese Böden unfruchtbar wurden.“
Die Familie Markegard bewirtschaftet diesen Betrieb seit 18 Jahren auf gepachtetem Land von Privatbesitzer:innen, Treuhandfonds und Regionalparks. Vielfalt und Widerstandsfähigkeit sind für sie zentral, um die Böden und Lebensräume Schritt für Schritt wiederaufzubauen. Ihre Böden sind immer noch verarmt, bestimmte Mineralien fehlen. Daher kaufen sie Heu mit einer anderen Zusammensetzung von einem Betrieb in der Region, um durch Zufüttern in kleinen Mengen die Ernährung der Rinder auszugleichen. Der Familienbetrieb leidet zudem unter steigenden Kosten und den zunehmend häufigeren Dürren, Bränden und Starkregenfällen.
Die Ranch verkauft ihre Produkte auf dem Markt und an einige Restaurants und hat zudem eine CSA-Kundenbasis. Sie profitiert von der hohen Kaufkraft in der Bay Area. Aber der Fleischverkauf allein reicht nicht aus, um für die Familie und die rund zwanzig Mitarbeitenden der Ranch ein Einkommen zu generieren. Aktivitäten wie Ranch-Besichtigungen und grosse Mahlzeiten für Unternehmen oder Privatpersonen sorgen für ein unverzichtbares zusätzliches Einkommen. Diese Veranstaltungen ermöglichen zudem einen direkten Austausch mit Konsument:innen. „Ich hoffe, dass die Leute uns weiterhin unterstützen und vor allem wieder lernen, sich mit der Natur zu verbinden“, schliesst Doniga. Sie führen ihren Familienbetrieb mit Stolz und im festen Glauben, damit zum eigenen Wohl und zum Wohle der Gemeinschaft und des Planeten beizutragen.
Ein Avocadobaum, fünf Avocadobäume, eine Avocadofarm
Die Familie von Anna Najarian verliebte sich in die Chetwyn Farm, das damals auf den ersten Blick nicht viel hermachte. Eine verfallene Scheune, ein Haus und brachliegende Flächen – dafür eine traumhaftschöne Natur! Sie begannen 2010 die 4 Hektaren Land wieder zu bewirtschaften, auf welchen sich schon im 19. Jahrhundert eine Ranch mit Vieh befunden hatte. Auf ihrem Grundstück entdeckten sie einige Zitronenbäume, aber auch einen Avocadobaum, und dachten sich – warum nicht? Sie pflanzten fünf Avocadobäume unterschiedlicher Sorten, um zu sehen, ob einer von ihnen Früchte tragen würde. Alle taten es! Motiviert begannen sie mit der Produktion von Avocado, als Einzige in der Region San Francisco. „Wir hatten keinerlei Erfahrung, nichts! Wir haben experimentiert. Auch Kurse haben wir besucht, wo wir allerdings viele unterschiedliche Ratschläge für Avocados bekommen haben. Also haben wir es so gemacht, wie es sich richtig anfühlte, und aus unseren Erfolgen und Misserfolgen gelernt“, erzählt Anna. Inzwischen wachsen auf der Farm 450 Bäume (Avocados, Zitronen, Feigen, Kakis), sie bauen Gemüse für den Eigenverbrach an und produzieren auch Spargel, den sie am Markt verkaufen. In ihrer «Bibliothek» machen sie weiterhin Versuche mit neuen Sorten.
„Da es hier früher Vieh gab und keine Pestizide versprüht wurden, erhielten wir sofort die Bio-Zertifizierung“, erklärt Anna. Heute haben sie das Label Real Organic, welches über das „gewöhnliche“ Bio hinausgeht. Es basiert auf einem umfassenden Schutz der Böden und der Lebewesen, so wie es die Pionier:innen und Gründer:innen des Bio-Anbaus verstanden haben. Von Anfang an setzten sie auf der Chetwyn Farm auf Vielfalt – für ihre eigene Gesundheit und die ihrer Umwelt. Die grosse Sortenvielfalt macht sie widerstandsfähiger und ermöglicht es ihnen, fast das ganze Jahr über Obst auf den Markt zu bringen. „Zwischen der Blüte des Baumes und der Erntereife der Früchte dauert es hier 11 bis 18 Monate“, erklärt Anna. „Die Avocado reift erst 7 bis 10 Tage nach der Ernte. Es kann also schon „Baby-Avocados“ am Baum haben, wenn er erneut blüht“, erzählt Anna. Auch die biologische Vielfalt wissen sie als eine wertvolle Ressource zu schätzen. Es mangelt nicht an wilden Tier- und Pflanzenarten. Von unverzichtbaren Bestäubern für den Anbau ihrer Früchte über weniger willkommene Schädlinge und Räuber – die Familie akzeptiert den Platz eines jeden auf dem Betrieb. Auch Nutztiere gibt es: Ziegen zum Entbuschen und zum Schutz vor Bränden, Hühner für Eier und Schweine, Esel, Lamas und Hunde vor allem zum Vergnügen!
Die gesamte Produktion der Chetwyn Farm wird auf dem Bauernmarkt in der kleinen Stadt Hayward verkauft. Dadurch treffen sie ihre Konsument:innen und können ihnen erklären, wie sie ihre Produkte produzieren und warum. „Wir verkaufen fast alles, was wir an unseren Stand bringen, auch wenn unsere Avocados etwas teurer sind als in einigen anderen Geschäften. Wir machen alles nach menschlichem Massstab und können daher keine Skaleneffekte erzielen. Aber wir machen die Dinge richtig. Und unsere Kundschaft versteht das“, sagt Anna. Heute hat Annas Ehemann zusätzlich in einem Vollzeitjob ausserhalb, er erledigt jedoch die meisten Arbeiten auf dem Hof. Wie Anna, arbeiten auch ihre Eltern viel auf dem Hof. Die Marktverkäufe decken gerade die Produktionskosten ab. Anna schafft es noch nicht, sich selbst ein Gehalt auszuzahlen. Nach Jahren der Investitionen zweifelt sie jedoch nicht daran, dass sie bald die Früchte ihrer Arbeit ernten und von ihrer nachhaltigen landwirtschaftlichen Produktion leben kann.