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Von 1912 bis 1919 lebte der Dichter Hermann Hesse im Melchenbühl in einem romantischen Haus. Doch seine Zeit in Bern war nicht ungetrübt.
Von Benedikt Tremp
Dichte Baumkronen schützen heutzutage die Campagne am Melchenbühlweg in der Berner Schosshalde vor neugierigen Augen. Wer von der Südseite aus einen kurzen Blick durch die Scheiben des Gartenportälchens auf das schmucke Anwesen werfen will, muss wenige Schritte über naturbelassenes Gras steigen. Da lebte er also kurzzeitig, von 1912 bis 1919, der grosse Dichter, der einst hatte verlauten lassen, Bern zähle «zu meinen Lieblingsstädten». Tatsächlich, die unverkennbaren grünen Fensterläden sind die gleichen wie auf dem Aquarell, das Hermann Hesse damals von der linken Flanke des Hauses malte! Und dessen Original sich ebenso wie die Abzüge zweier weiterer Bilder in seinem Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv erhalten hat.
Hesse hatte das Haus von seinem Freund, dem Maler Albert Welti, und unmittelbar nach dessen Tod am 7. Juni 1912 übernommen. Heute liegt die Weltistrasse in unmittelbarer Nachbarschaft des Anwesens. Dem Forstwissenschaftler Walter Schädelin hatte Hesse im Vorfeld des Bezugs in einem Brief vorgeschwärmt: «Das Häusel liegt so nett und ich habe dort schon Freundschaft genossen und schöne Stunden gehabt [...].»Doch es gab auch beträchtliche Makel: Wohl zu «kalt» und «wenig gut im Stand» sei es, ausserdem «ist der Lokus scheußlich mittelalterlich und muß ersetzt werden». Und auch Jahre später bereitete der Zustand des Hauses Sorgen. Im Herbst 1918 schreibt der Dichter an Helene Welti, die auf dem Kehrsatzer Landgut Lohn lebte, er und seine Familie seien «fast ohne Licht, alle Winterarbeiten [...] sind noch ungetan» und auch die Magd komme «nicht nach».
Überhaupt war die Berner Zeit für Hesse eine beschwerliche, krisengeschüttelte. Der Dichter fürchtete das Kriegsaufgebot und litt an Depressionen, die ihn dazu veranlassten, eine Psychotherapie bei seinem langjährigen Vertrauten Josef Bernhard Lang zu beginnen und ein Traumtagebuch zu führen. Gleichzeitig zerfiel seine Ehe mit Maria Bernoulli unter dem Druck ihrer psychischen Erkrankung, 1923 sollte es zur Scheidung kommen. Und schliesslich überbeanspruchte ihn auch seine Arbeit in der Deutschen Kriegsgefangenen-Fürsorge, deren Büros zunächst an der Thunstrasse 23 lagen, dann jedoch, zu Hesses Missfallen, ins entlegene Gümligen verlegt werden sollten.
So sehr es Hesse gefiel, «bescheiden, aber still und nobel» vor den Toren Berns zu leben, umgeben nur von Feldern und mit schönem Blick auf die Berge (heute leider etwas verstellt durch die Hochhäuser im Murifeld), so sehr sehnte er sich in diesen Jahren auch nach einem Neuanfang im Süden. «Meine Gedanken», schreibt er Ende 1917 an Lang, «sind wieder viel im Tessin (das auch wieder nur ein Ersatz für Italien ist) und ich habe stets Fluchtgedanken dorthin».Im April 1919 verliess der Dichter schliesslich Bern in Richtung Montagnola – nicht ohne bürokratische Schwierigkeiten: In einem Schreiben erreicht den Stadtpräsidenten Gustav Müller die Klage, «[d]ie Berner Polizei [...] macht formale Schwierigkeiten wegen der Abmeldung meiner Söhne».
Auch aus dem Tessin verschickte Hesse anfänglich noch Briefe auf dem Papier der Fürsorge, wobei er dieses, um die Ungültigkeit kenntlich zu machen, umdrehte. Die dadurch ans Ende verbannte und auf den Kopf gestellte Anschrift des Büros hat Symbolcharakter: «Bern», schreibt der Dichter noch im gleichen Jahr nach Kehrsatz, «liegt mir schon so fern, daß ich ganz verwundert darüber bin».
Als sich Hermann Hesse (1877–1962) in der Schosshalde niederlässt, ist ihm der schriftstellerische Durchbruch mit den beiden Romanen «Peter Camenzind» (1904) und «Unterm Rad» (1906) längst gelungen. In Bern muss das Literarische lange hinter der politischen Publizistik, dem Engagement für die Kriegsgefangenen und der Psychotherapie zurückstehen, ehe im Herbst 1917 in nur knapp zwei Monaten der «Demian» entsteht. Ebenfalls am Melchenbühlweg vollendet Hesse den Roman «Roßhalde» und widmet seinem Landsitz das Prosafragment «Das Haus der Träume», das im Schweizerischen Literaturarchiv in mehreren Fassungen vorliegt.
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Letzte Änderung 10.08.2022