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Berlin-Tempelhof – Fürstenwalde
(Teltow-Kanal, Dahme, Oder-Spree-Kanal, Fürstenwalder-Spree; 58 km, 2 Schleusen)
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Eines Abends ruft uns Frank Kordbarlag, Kapitän und Eigner der «M.S. Einigkeit» an. Er liege am Teltow-Kanal, unterhalb der Stubenrauchbrücke, also ganz in unserer Nähe. Er fahre am nächsten Tag nach Fürstenwalde, um dort knapp 480 Tonnen Roggen zu laden. Ob wir Lust hätten, diese 55 Kilometer mitzufahren?
Nun gibt es Fragen, die man uns nur einmal stellen muss und die wir bejaht haben, bevor fertig gefragt ist. Franks Frage gehörte zu dieser Kategorie und so kommt es, dass wir am nächsten Morgen an Bord der «M.S. Einigkeit» gehen.
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Das Verhältnis vieler Sportbootführer und Freizeitkapitäne zur Berufsschifffahrt ist etwas zwiespältig. Einerseits haben namentlich ungeübte Freizeitkapitäne grossen Respekt vor den dicken Pötten, beispielswiese wenn sie ihnen auf schmalen Kanälen begegnen. Anderseits weiss man natürlich um den hohen Stellenwert der Binnenschifffahrt für den Gütertransport:
«Moderne Binnenschiffe sind eindeutig das wirtschaftlichste, umweltschonendste und sicherste Transportmittel für Güter aller Art. Mit einer Leistung von 1 PS bewegt der Lkw ein Fahrzeuggewicht von 150 kg, die Eisenbahn 500 kg und das Binnenschiff 4’000 kg. Mit derselben Treibstoffmenge, die ein Lkw benötigt, um eine Gütertonne 100 Kilometer zu befördern, schafft die Eisenbahn 300 und das Binnenschiff über 400 Kilometer. Ein Schubverband mit sechs Leichtern kann die Gütermenge von 400 Eisenbahnwaggons oder 650 Fernlastzügen aufnehmen. Vor diesem Hintergrund ist eigentlich nicht zu begreifen, dass Natur- und Umweltschützer gegen den Ausbau von Wasserstraßen opponieren, zumal beim Aus- oder Neubau von Wasserstraßen sehr umfangreiche Ausgleichsmaßnahmen durch Renaturierung alter Fahrten, Anlage von Biotopen und Aufforstungen vorgenommen werden und auch der Wasserhaushalt in dem betreffenden Gebiet günstig beeinflusst wird».
(Manfred Fenzl, Vom Rhein zur Nord- und Ostsee)
Ein weiterer Aspekt wird oft vergessen: Wo keine Binnenschifffahrt mehr verkehrt, werden die Wasserstrassen auch für die Freizeitschifffahrt nicht mehr unterhalten. Nur für drei Monate Saison im Jahr kann beispielsweise ein faktisch bankrottes Land wie Frankreich den Aufwand schlichtweg nicht stemmen, die auf das nicht mehr wirtschaftliche Freycinet-Mass (38.50 Meter Länge und 5.10 Meter Breite) ausgelegten kleinen, idyllischen Kanäle zu unterhalten. Auch wenn sich die französische Wasserstrassen-Behörde VNF redlich Mühe gibt, um diese Wasserstrassen offen zu halten, ist es doch sichtbar (und verständlich), dass sie die Prioritäten anders setzen muss.
Deshalb sollte man sich über jedes Binnenschiff freuen, das einem begegnet. Es ist weitgehend die Berufsschifffahrt, welche für uns die Kanäle offen hält.
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Zurück zur 62 Meter langen «M.S. Einigkeit», die uns am Anfang riesig erscheint. Bekanntlich ist aber alles relativ, denn unter Schiffern wird sie «die kleine Einigkeit» genannt, weil es noch ein 105-Meter-Schiff mit dem gleichen Namen gibt.
Bald nach dem Ablegen ist Frank der Meinung, wer ein 22.5 Meter-Schiff wie die Kinette fahren könne, könne auch ein 62 Meter-Schiff fahren. Und so übergibt er Christian das Steuer, respektive den Steuerautomaten, denn ein Steuerrad fehlt hier völlig.
Kaum am Steuer, hat Christian schon das erste Aha-Erlebnis. Das Fahren an sich ist tatsächlich unproblematisch, sobald man sich daran gewöhnt hat, dass man sehr vorausschauend fahren, also antizipieren muss.
Aber was uns erst jetzt so richtig bewusst wird, ist der grosse tote Winkel nach vorne bei einem unbeladenen Schiff. Es wird zwar immer wieder darauf hingewiesen, dass ein Frachtschiff durch sein hinter dem ganzen Laderaum liegendes Steuerhaus einen grösseren Bereich vor dem Bug hat, den der Steuermann nicht einsehen kann. Aber wie gross dieser tote Winkel wirklich ist, sieht man erst, wenn man selbst am Steuer steht:
Gemäss der Rheinschifffahrtspolizeiverordnung darf die freie Sicht durch die Ladung oder die Trimmlage des Fahrzeuges nicht weiter als 350 m vor dem Bug eingeschränkt werden. Oder andersrum: Ein toter Winkel von 350 Metern ist zulässig!
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Für kurze Zeit sogar praktisch blind fährt man, wenn man das Steuerhaus für eine Brückendurchfahrt hat absenken müssen. Das funktioniert hydraulisch und auf Knopfdruck. Dann verlängert sich das nicht einsehbare Blickfeld noch einmal.
So richtig spannend wird es dann zwischen Köpenick und Schmöckwitz, auf dem Langen See. Es ist Sonntag, schönes Wetter und auf dem See tummeln sich Segler, Mietyachten und Flosse, die wie schwimmende Gartenhäuschen aussehen.
Das Foto oben wurde vom Gangbord aus aufgenommen, weil man sonst die meisten Gefährte im toten Winkel gar nicht sehen würde. Keiner dieser Sportsfreunde hat nach hinten geschaut, alle haben erst auf ein Schallsignal (erschrocken) reagiert. Direkt vor dem Bug befindet sich übrigens in diesem Moment ein Floss wie dasjenige auf Steuerbord (rechts), das wir nicht sehen können; es muss im letzten Moment im toten Winkel wenige Meter vor uns durchgefahren sein. Leichtsinn ist lernbar.
Als Sportbootfahrer sollte man deshalb verinnerlichen: Der Steuermann des Frachtschiffs kann Dich erst sehen, wenn auch Du ihn sehen kannst. Hier würde übrigens auch ein Radar nichts nützen, weil er diese kleinen Gefährte nicht erfasst. Hat man Funk (was in jedem Fall empfehlenswert ist!), sollte man im Zweifelsfall mit dem Schiffsführer des Frachtschiffs Kontakt aufnehmen, in jedem Fall aber auf Empfang sein (Kanal 10). Und vergessen Sie nicht: die Gefahr kommt immer von hinten!
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Und noch etwas sollte man bei der Begegnung mit einem Frachtschiff bedenken, vor allem in Biegungen. Ein Schiff verhält sich wie ein Einkaufswagen mit vorne starren Rädern. Bei einer Biegung schwenkt also die gesamte Schiffslänge aus.
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Gegen Nachmittag fahren wir in die Schleuse Wernsdorf ein. Dafür übernimmt Frank das Steuer, denn jetzt kommt es auf die Zusammenarbeit mit dem Matrosen – in diesem Fall seine Frau Vilta – an. Sie steht mit dem Funkgerät im Bug und gibt ihm die Abstände nach den Seiten und nach vorne durch.
Diese Einfahrt ist etwas tricky, weil sie nicht gerade verläuft. Aber Frank fährt das Manöver langsam, sodass die «M.S. Einigkeit» sanft und ohne Rumpler einfährt.
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Nach ziemlich genau sechs Stunden Fahrt machen wir in Fürstenwalde fest. Als krönenden Abschluss ziehen die Fürstenwalder noch einen wunderschönen Regenbogen hoch, was wir dankbar vermerken.
Mit der Bahn fahren wir zurück nach Hause auf unser Schiff in Berlin, schwerbeladen mit Erfahrungen, Erkenntnissen und Eindrücken.