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von Laura Almeling
Es ist nicht einfach eine Unterhaltung zu führen, wenn alle um einen herum durcheinanderreden. Das selektive Hören ist die Fähigkeit des menschlichen Gehörsinns, die Stimme des Gegenübers aus dem Lärm herauszufiltern, was auch als «Cocktail-Party-Effekt» bezeichnet wird. Dieser Effekt tritt nur bei beidohrigem Hören auf, sodass Menschen, die nur ein funktionsfähiges Ohr haben oder ein Hörgerät brauchen, stärker durch das Hintergrundgerede beeinflusst werden. Auch nimmt die Fähigkeit zum selektiven Hören mit dem Alter ab. Ein Faktor, der das selektive Hören erleichtert, ist die Bekanntheit der Stimme des Gegenübers. Partner*innen oder Kolleg*innen werden im Partylärm besser verstanden als Fremde.
Aber wie lange dauert es, bis man eine Stimme erkennt und ab wann wird diese besser verstanden? Diese Frage untersuchten Emma Holmes, Grace To und Ingrid S. Johnsrude (2012) von der Universität in West Ontario mit einem Experiment. Während der Trainingsphase wurden den 50 Studienteilnehmenden im Alter von 18 bis 28 Jahren die Stimmen von «Brad», «Jeff» und «Mike» vorgespielt. Einen Sprecher hörten sie für etwa 10 Minuten, einen für etwa 20 Minuten und einen für eine Stunde. Während sie die Stimmen hörten, wurde der Name des Sprechers auf einem Bildschirm angezeigt. Anschliessend wurde getestet, ob die Teilnehmenden die Stimmen wiedererkannten und zuordnen konnten. Hierzu hörten die Studienteilnehmenden bekannte als auch unbekannte Stimmen und mussten jeweils angeben, ob sie diese erkannten, und die Stimme dem Namen des Sprechers zuordnen.
Anschliessend wurde die Verständlichkeit getestet. Hierbei hörten die Versuchsteilnehmenden jeweils zwei Stimmen gleichzeitig einen Satz von fünf Wörtern sprechen. Sie wurden instruiert auf den Satz zu achten, der mit einem Wort wie «Pat» oder «Bob» begann. Es sollte damit eine Situation nachempfunden werden, die dem «angestrengten Lauschen» der Stimme des Gegenübers auf einer Party entspricht. Es wurden hierbei die Sprecher mit unterschiedlichem Bekanntheitsgrad (wenig bekannt, mässig bekannt, bekannt) aus der Trainingsphase untereinander sowie auch in Kombination mit unbekannten Stimmen dargeboten. Um die Verständlichkeit genau zu messen, mussten die Studienteilnehmenden die fehlenden vier Worte des Satzes aus einer Liste auf dem Bildschirm anzuklicken.
Die Analyse ergab, dass die Studienteilnehmenden im Wiedererkennungstest in über 70% der Fälle die bekannte Stimme dem Namen des Sprechers zuordnen konnten. Dieser Effekt zeigte sich unabhängig vom Ausmass der Bekanntheit der Stimme. Schon 10 Minuten Hörtraining waren ausreichend für eine verlässliche Wiedererkennung. Bezüglich der Verständlichkeit des Sprechers ergab sich ein differenzierteres Bild: Grundsätzlich profitierten die Studienteilnehmenden davon, wenn ihnen die Stimme des Sprechers bekannt war. Sie wählten mehr Worte der Zielsätze richtig auf dem Bildschirm aus der Liste aus, wenn der Sprecher des Satzes «Brad», «Jeff» oder «Mike» war, verglichen mit unbekannten Stimmen. Aber auch das Ausmass der Bekanntheit der Stimme spielte hierbei eine Rolle. Die Studienteilnehmenden wählten mehr Worte richtig aus, wenn sie den Sprecher zuvor für 20 Minuten gehört hatten, verglichen mit 10 Minuten. Am besten schnitten sie im Test ab, wenn sie den Sprecher für eine Stunde gehört hatten. Die Leistungssteigerung betrug hierbei mehr als 10 Prozent. Eine ähnlich hohe Verbesserung im Hörverständnis wurde in früheren Studien für aus dem Alltag gut bekannte Personen wie Kolleg*innen berichtet.
Insgesamt nimmt die Fähigkeit einer bestimmten Stimme zu folgen, wenn gleichzeitig jemand anderes spricht, bereits nach einem kurzen Training mit dieser Stimme zu. Ein derartiges Hörtraining könnte dazu beitragen, das Hörverständnis im täglichen Leben zu verbessern. Davon könnten vor allem ältere Personen oder Personen mit Hörbeeinträchtigung profitieren, die bei «Hintergrundgerede» Schwierigkeiten haben, einer Unterhaltung zu folgen. Auch für Berufsgruppen, bei denen ein akkurates Verständnis trotz lärmigem Umfeld essentiell ist, wie zum Beispiel bei Fluglotsen, wäre eine Anwendung denkbar.
Literatur
Holmes, E., To, G., & Johnsrude, I. S. (2021). How Long Does It Take for a Voice to Become Familiar? Speech Intelligibility and Voice Recognition Are Differentially Sensitive to Voice Training. Psychological Science
https://doi.org/10.1177/0956797621991137
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