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Museo Castello San Materno
19. März - 13. Juni 2021
Die Ausstellung Charlotte Bara (1901-1986) – Spirituelle Tänzerin aus Leidenschaft, die die neue Ausstellungssaison 2021 im Museo Castello San Materno eröffnet, hätte nicht an einem geschichtsträchtigeren Ort stattfinden können. Das Castello San Materno war nämlich ab 1919 das Domizil der Familie Bachrach und die Wirkungsstätte, an der Charlotte Bara bis 1927 tanzte, bevor der Architekt Carl Weidemeyer ihr das Teatro San Materno baute, in welchem auch ihre renommierte Schule für Ausdruckstanz ihren Sitz hatte.
Die Ausstellung, kuratiert von Michela Zucconi-Poncini, veranschaulicht anhand einer erstmalig präsentierten Auswahl von rund 50 Dokumenten aus dem umfangreichen Archivbestand der Tänzerin, den künstlerischen Werdegang von Charlotte Bara: vom Beginn ihrer Ausbildung im Jahr 1915 in Brüssel, die sie in Deutschland und den Niederlanden fortsetzte, über ihre Ankunft 1920 in Ascona, bis hin zu den Jahren ihrer Reife. Ein Weg, der sichtbar macht, wie Charlotte Baras Tanz sich von gesellschaftlichen Konventionen und von den Zwängen des klassischen Tanzes befreite, und der die Suche nach einem spirituellen Ideal aufzeigt, welches sie zu erreichen versuchte, indem sie ihren Körper zu einem Instrument machte, um die tiefsten Gefühle ihrer Seele auszudrücken. Charlotte Bara sagte, dass sich durch den Tanz ihr religiöses Denken und Fühlen widerspiegelte.
Im ersten Ausstellungssaal, in einer zurückhaltenden, fast intimen Stimmung, wird der persönlichen Sphäre der Tänzerin besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Hier werden eine Reihe von Skizzen gezeigt, welche von Carl Weidemeyer, dem Freund und Architekt der Familie, den sie 1918 in der norddeutschen Künstlerkolonie Worpswede kennenlernte, ausgeführt wurden, sowie einige Zeichnungen von Carl Rütters, Psychiater und Charlottes Ehemann. In einem wunderschönen Gemälde von Any Pohl wird die Tänzerin in einer synthetischen, fast abstrakten Weise dargestellt. Den Raum vervollständigen ausgewählte Plakate von Baras zahlreichen Auftritten im Teatro San Materno. Sie bezeugen ihre Zusammenarbeit mit den bedeutenden Tänzern Sascha Leontjew und Raden Mas Jodjana, letzterer javanischer Herkunft, der sie zusammen mit dem indischen Choreografen Uday Shankar in die Kunst des orientalischen Tanzes einweihte. Besonderes Augenmerk liegt auf dem Prospekt ihrer Tanzschule, den Carl Weidemeyer 1928 selbst entworfen und gestaltet hat, sowie auf dem von Alexandre Cingria entworfenen fantasievollen Kleid, das Charlotte 1924 anlässlich des Kamelienfestes in Locarno trug, um das Erblühen einer Kamelie zu interpretieren, begleitet am Klavier vom Schauspieler, Musiker und Komponisten Leo Kok. Es war ein bedeutendes Ereignis, das die Aufmerksamkeit der ganzen Region auf sich zog, da die Tänzerin zum ersten Mal in einer mimischen Tanz-Performance auftrat.
Eine Vitrine neben dem Eingang des Saals gibt einen Blick frei auf persönliche Gegenstände der Tänzerin, wie ein Kruzifix, zwei Messbücher und einige Heiligenbilder. Sie zeugen von Baras tiefer religiösen Hingabe, während eine Gedichtsammlung mit dem Titel Intime, die Charlotte ihrer Mutter jedes Jahr zum Geburtstag schickte, die besondere Beziehung zwischen den beiden Frauen aufzeigt.
Der zweite Ausstellungsraum, der an die Jahre erinnert, in denen die Familie Bachrach Kontakte zu internationalen Künstlern, Schriftstellern und Musikern pflegte, ist den Choreografien und Auftritten von Charlotte Bara im Ausland gewidmet. Drei prächtige Kostüme der Tänzerin, die dankenswerterweise von der Fondazione Monte Verità in Ascona zur Verfügung gestellt wurden, werden von einer Auswahl von Plakaten ihrer Auftritte in Berlin, Bad Godesberg, Amsterdam, Rotterdam, Mailand, Florenz, Venedig, Rom, London und Wien flankiert, ergänzt um zeitgenössische Pressekritiken und einer Auswahl von Fotos ihrer Choreografien.
Als anerkannte und etablierte Protagonistin des neuen europäischen Tanzes verfolgte Charlotte Bara zwischen 1919 und 1935 ihre Mission, mit ihren Vorstellungen durch ganz Europa zu touren und dazu beizutragen, ihre Schule und damit auch Ascona über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt zu machen. Ihre Choreografien wie Vanité des Vanités, Tanz der Mumie, Makabrer Tanz, Ägyptischer Tanz, Hinduistische Vision und Sterbender Schmetterling stießen auf Bewunderung und waren so erfolgreich, dass bedeutende Persönlichkeiten wie der Theaterkritiker Anton Giulio Bragaglia, die Schriftsteller und Liebhaber des zeitgenössischen Tanzes Fernand Divoire und Alfred Richard Meyer zu den ersten zählten, die Baras Tanz zu den mystisch-religiösen Ausdrucksformen des neuen modernen Tanzes in der westlichen Welt zählten.
Der Dokumentarfilm Le Passioni di Charlotte, unter der Regie von Roberta Pedrini, produziert von RSI im Jahr 2018, bildet den idealen Abschluss der Ausstellung.
Realisierbar wurde die Ausstellung durch die mehr als 2’400 Dokumente des Charlotte- Bara-Bestands, die 2007 von der Gemeinde Ascona erworben wurden und sich heute in den Archiven des Museo Comunale d’Arte Moderna von Ascona befinden, dank der großzügigen Schenkung der Nichten der Tänzerin, Eliane und Nelly Bachrach, und dank der Vermittlung der damaligen Leiterin des Kulturamtes der Gemeinde Ascona, Arch. Paola Cerutti.