Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03194.jsonl.gz/1283

Am 18. Mai 1922 kam es in Paris zur ersten und einzigen Begegnung der zwei vielleicht wichtigsten Schriftsteller des Jahrhunderts. Marcel Proust und James Joyce trafen sich in illustrer Gesellschaft. Doch angeblich hatten sie sich nichts zu sagen.
Anlässlich der Premiere von Igor Strawinskys «Renard» im Pariser Théâtre de l’Opéra am 18. Mai 1922 gaben der britische Literat und Salonlöwe Sidney Schiff und seine begüterte Frau Violet ein spätes Dîner im Hôtel Majestic. Die Gästeliste des Anlasses ist wahrhaft atemberaubend. Anwesend waren der Stargast Strawinsky – er war zu der Zeit einer der weltweit meistaufgeführten Komponisten – sowie einer der bedeutendsten Wegbereiter des modernen Tanztheaters: Sergej Diaghilew, Impresario der Ballets russes. Aus heutiger Sicht werden die beiden gar noch überstrahlt von drei weiteren Gästen: Pablo Picasso, Marcel Proust und James Joyce.
Strawinsky hatte mit «Der Feuervogel», «Petruschka» und «Le Sacre du Printemps» das Musikgenre des Balletts revolutioniert. Mit «Renard» kam ein einaktiges Kammeroper-Ballett hinzu, basierend auf einer russischen Tiersatire – ein burlesker Bühnenspass! Der mit Strawinsky eng verbundene Schweizer Ernest Ansermet dirigierte die Premiere, während die Choreographie von Bronislawa Nijinska stammte, die hier ihre glanzvolle Karriere startete. Die Ausstattung mit den Tierkostümen hatte der in Paris lebende avantgardistische Maler Michail Larionow beigesteuert. – Es muss ein schwung- und glanzvoller Theaterabend von erhabenem Unernst gewesen sein.
Proust: aus der Schreibklause zur Premieren-Gala
Von Marcel Proust ist bekannt, dass er zu jener Zeit äusserst zurückgezogen lebte und seine Wohnung an der Rue de l’Amiral Hamelin nur selten verliess. Er litt seit früher Jugend an schwerem Asthma, war generell von schwacher Konstitution und ausserdem ziemlich hypochondrisch. Seit 1909 rang er sich in einem kräftezehrenden Prozess des Schreibens, Verwerfens und Neuschreibens sein Hauptwerk ab, den siebenbändigen Roman «À la recherche du temps perdu».
Seit dem letzten Wohnungswechsel 1919 lebte er praktisch nur noch in seinem Bett. Hier bearbeitete er zur Verzweiflung seiner Verleger und Setzer die Druckfahnen der viertausend Buchseiten immer wieder von Grund auf. Ganze Kapitel wurden verworfen, Handlungsstränge neu geordnet, und für die wuchernden Korrekturen klebte er rundum Zettel an die Probedrucke.
Das Zimmer war mit Korkplatten gegen Aussengeräusche abgedichtet. Proust machte die Nacht zum Tag, weil er nachts mehr Ruhe zum Arbeiten hatte. Die seltenen Besucher bestellte er gern auf zwei oder auch fünf Uhr morgens.
Dass Proust sich am 18. Mai 1922 von den Schiffs zum Dîner einladen liess, ist ungewöhnlich. Hatte er vielleicht zuvor erfahren, dass Joyce dort sein würde, und hatte es ihn etwa gereizt, den in Literatenkreisen mit dem Ruch des wilden Genies behafteten Schriftstellerkollegen kennenzulernen?
Von Proust ist hierzu nichts überliefert. Ein Interesse von seiner Seite an Joyce ist aber eher unwahrscheinlich. Zwar war «Ulysses» kurz vor dem Treffen der beiden nach langen Kämpfen mit Zensurbehörden und zaghaften Verlegern endlich erschienen, und zwar bei der legendären amerikanischen Verlegerin und Buchhändlerin Sylvia Beach in Paris.
Doch Proust konnte nicht genug Englisch, um «Ulysses» zu lesen. In jüngeren Jahren hatte er zwar zwei Werke des englischen Kunsttheoretikers John Ruskin übersetzt; dazu war er aber nur dank der übersetzerischen Hilfe der Kunsthistorikerin Marie Nordlinger, Cousine seines Freundes Reynaldo Hahn, und dann auch jener seiner sprachgewandten Mutter in der Lage gewesen.
Einer aktiven Hinwendung zu Joyce standen bei Proust neben dem Sprachhindernis und der prekären Gesundheit auch die manische Arbeit an seinem Roman im Weg. Proust verzehrte sich in den letzten Lebensjahren derart im Kampf mit dem eigenen Werk, dass für einen stetigen literarisch-intellektuellen Austausch, vordem sein Lebenselixier, ganz einfach keine Kraft mehr blieb.
Proust hat sich in seiner umfangreichen Korrespondenz nirgends zum Abend im Majestic geäussert. Doch es gibt verstreute Zeugnisse mit Einzelheiten, deren Authentizität allerdings zweifelhaft ist. So soll Proust das Gespräch mit Strawinsky gesucht und mit diesem über Beethovens späte Streichquartette geredet haben – worauf Strawinsky Proust gegenüber Dritten als Dandy bezeichnet habe. Oder dies: Sidney Schiff habe Proust dazu überreden wollen, sich von Picasso porträtieren zu lassen; für eine Zeichnung, so Schiff, müsse Proust lediglich eine Stunde Modell sitzen. Beide Episoden wirken arg konstruiert.
Joyce: an einem biografisch entscheidenden Punkt
Zahlreicher, aber zumeist nicht verlässlicher sind die Überlieferungen über Joyces Sicht der Begegnung. Einem Bekannten soll er anvertraut haben: «Unser Gespräch bestand einzig aus dem Wort ‘Nein’.» Dieses Gerücht hat der irische Schriftsteller Padraic Colum in dem 1958 zusammen mit seiner Frau Molly herausgegebenen Buch «Our Friend James Joyce» zu einem kleinen Dialog ausgebaut, bestehend aus lauter dämlichen Small-Talk-Fragen Prousts, die Joyce alle einsilbig mit einem «No» abschmettert. Eine andere Schilderung stilisiert die Begegnung als Hahnenkampf der beiden Literaturheroen, in welchem sie sich gegenseitig versichern, das Werk des anderen nicht gelesen zu haben. – Geschwätz von Leuten, die nicht dabei waren!
Dass Joyce Proust nicht gelesen haben soll, ist nachweislich falsch. In einem Brief erwähnte er einen Lektüreversuch (von angeblich einigen Seiten!) und konstatierte: «I cannot see any special talent but I am a bad critic.» Da hat Joyce wohl um eines sarkastischen Bonmots willen sein Interesse an Proust heruntergespielt. Im Oktober 1922 schrieb er nämlich an Sylvia Beach, er sei damit beschäftigt gewesen «to read the first two volumes recommandés by Mr. Schiff of A la Recherche des Ombrelles Perdues par Plusieures Jeunes Filles en Fleur du Côté de chez Swann et Gomorrhé et Co. par Marcelle Proyce et James Joust.»
Da spricht der Sprachspieler, Ironiker und Meister der Mehrdeutigkeit: eine freche Textcollage mit Titeln der sieben «Recherche»-Bände aus dem Ärmel schütteln, beiläufig sich als Leser gleich noch zum Mitautor machen, die Sprachen und Namen vermischen und mit der Umwandlung Marcels in «Marcelle» hinterhältig auf Prousts Homosexualität anspielen – das ist Joyce pur!
Vonseiten des Iren war bei der Begegnung mit Proust im Majestic zweifellos einiges an Rivalität mit im Spiel. Selbstbewusst erhob Joyce den Anspruch, mit «Ulysses» ein neues Kapitel der Literaturgeschichte aufgeschlagen zu haben. Zugleich wusste er, dass Proust mit seiner «Recherche» an der Vollendung eines nicht weniger epochalen Werks arbeitete. Dieses allerdings war bereits seit 1913 sukzessive erschienen und hatte wachsende Anerkennung gefunden: 1919 hatte Proust den Prix Goncourt gewonnen, die höchste französische Auszeichnung für Literatur; ein Jahr darauf war die Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion gefolgt.
Der Autor der «Recherche» war so etabliert, wie man als Schriftsteller nur sein konnte. Joyces Hauptwerk hingegen befand sich noch im Status eines skandalösen Gerüchts. Erst wenige Tage vor dem Majestic-Abend war «Ulysses» erschienen. Auf Englisch. In Paris. Das bedeutete, dass Joyce ausserhalb literarischer Insiderkreise noch nicht mal ein Geheimtipp war.
Joyce stand gewissermassen am biographischen Punkt einer entscheidenden Bewährungsprobe. Sein endlich erschienenes Hauptwerk war bislang so gut wie unbekannt. Die Kluft zwischen seinem künstlerischen Anspruch und dem noch fehlenden öffentlichen Echo war für ihn, der von starkem Geltungsdrang getrieben war, kaum auszuhalten. Mit seiner oft als schroff empfundenen Art fiel es ihm auch nicht leicht, Fürsprecher zu finden, die ihm hätten helfen können.
Geheimnisvollste Taxifahrt der Literaturgeschichte
So auch am 18. Mai 1922 im Majestic. Bei dem noblen Anlass machte sich Joyce selber zur Randfigur. Er kam spät, angeblich gegen 23 Uhr, war verlegen, weil nicht passend gekleidet (Frack oder Smoking waren Pflicht) und begann sofort sich zu betrinken. Ob Proust bei der Ankunft Joyces schon da war, bleibt unklar. Eine Quelle meint, er habe die Premiere im Théâtre de l’Opéra besucht, eine andere will wissen, er sei als Nachtmensch erst gegen ein Uhr morgens aufgekreuzt.
Was hingegen als gesichert gelten kann: Proust bot Joyce anschliessend die Mitfahrgelegenheit zu dessen Hotel an, was dieser akzeptierte. Proust verfügte mit Odilon Albaret, dem Ehemann seiner Haushälterin Céleste Albaret, über eine ständige Fahrbereitschaft, indem mit diesem Taxifahrer eine Vereinbarung bestand, wonach Proust jederzeit dessen Dienste beanspruchen konnte. So fuhren also zwei der grössten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts in den frühen Morgenstunden des 19. Mai 1922 bei ihrer ersten und einzigen Begegnung in Odilon Albarets Taxi durch das nächtliche Paris. Wie es heisst – aus welcher Quelle, weiss man nicht –, soll es eine schweigsame Fahrt gewesen sein.
Man kann sich die angebliche Wortkargheit durchaus erklären: Joyce war ziemlich betrunken und gegenüber dem älteren und berühmten Proust gehemmt. Zudem hatte der Ire den Abend in einer Aussenseiterrolle überstehen müssen. Dass das von ihm als Rivale empfundene Gegenüber sich in grosser Gesellschaft elegant zu bewegen wusste, hatte er sicherlich beobachtet. Die Laune des Iren dürfte das nicht gehoben haben. Proust wiederum war wegen seiner schwachen Konstitution ermüdet; nach einem solchen Abend brauchte er Erholung. Sein Interesse an dem ihm kaum bekannten Fahrgast wird sich in Grenzen gehalten haben.
Eigenartig: Die zwei wohl wichtigsten Erneuerer der Literaturgattung Roman im 20. Jahrhundert sassen hier ungestört beisammen – und hatten sich nichts zu sagen. Joyce soll während der Fahrt darum gebeten haben, das Fenster öffnen zu dürfen, um rauchen zu können. Falls er diesen Wunsch tatsächlich vorgebracht hat, kann man sich Prousts Antwort unschwer vorstellen. Er, der ewige Patient, der jeden noch so geringen Luftzug mit allen Mitteln aus seiner Wohnung verbannte, der sich auch bei warmen Temperaturen in dicke Mäntel hüllte, der sich von allen Gerüchen tödlich bedroht fühlte! Die Reaktion auf das Ansinnen des Mitfahrers, so es denn gestellt wurde, darf man sich ziemlich schneidend vorstellen.
Die Episode ist vermutlich erfunden. Weder Proust noch Joyce haben sie überliefert. Oder hat vielleicht Odlion Albaret am Steuer des Taxis etwas mitbekommen und irgendwann geplaudert? Ganz ausgeschlossen ist das nicht.
Zwei literarische Welten
Das Ausbleiben des Gesprächs zwischen den Erneuerern des Romans hat, ganz abgesehen vom wenig idealen Rahmen, den das Dîner im Majestic dafür bot, eine gewisse Folgerichtigkeit. Obschon die beiden Schlüsselwerke der literarischen Moderne fast gleichzeitig vollendet wurden, sind sie tatsächlich durch Welten getrennt.
Prousts «Recherche» spiegelt einen untergehenden Kosmos von Adel und Grossbürgertum und entfaltet ein riesiges Panorama über weite Zeiträume im Frankreich des Fin de Siècle bis zum Ersten Weltkrieg. Leitende Perspektive ist das Erinnern. Dieses spinnt den Menschen in eine geschlossene Weltwahrnehmung ein, aus deren Subjektivität es kein Entkommen gibt.
Der Riesenroman ist zugleich eine Reflexion des Erzählens, ein Ausloten der Tiefen unter dessen Oberflächen. Obwohl die Ich-Figur Marcel heisst und ein Leben wie jenes des Autors führt, hat Proust erklärtermassen nicht autobiographisch geschrieben. Es ging ihm nicht um die Dinge und Geschehnisse, die er erzählte, sondern um die Erkundung des Erzählens selbst.
«Ulysses» von James Joyce ist eine ganz andere Art Literatur. Das Buch schildert nach dem Bauplan von Homers Odyssee einen einzigen Tag, nämlich den 16. Juni 1904 im Leben des Dubliner Inseratenakquisiteurs Leopold Bloom. Die Pfade dieses Helden sind mit den Irrfahrten des Odysseus in Homers gewaltigem Versepos kompliziert verschränkt. Den 18 Gesängen der Odyssee entsprechen die 18 Kapitel von «Ulysses», die zudem alle ihre eigenen Sprachwelten haben, die je verschiedenen Wissens- und Tätigkeitsfeldern zugeordnet sind.
So entsteht in der Fokussierung auf einen einzigen Tag etwas in seinen Inhalten und Formen Universales, das in alle Richtungen und Dimensionen ausgreift. Handelt Prousts Werk vom Erinnern und Erzählen, so geht es bei Joyce letztlich um die Sprache. Wie im Teilchenbeschleuniger wird sie extremen Experimenten unterzogen, auf dass sie im Zusammenprall mit Inhalt und Alltagssprache die Geheimnisse ihrer elementaren Struktur preisgebe.
19. versus 20. Jahrhundert
Obwohl Proust (1871–1922) und Joyce (1882–1941) Zeitgenossen waren, scheinen sie verschiedenen Epochen anzugehören. Proust ist ein Mann des 19. Jahrhunderts. Er beschreibt das Fin de Siècle, eine Welt in Auflösung, einen Niedergang, der fast zwingend in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs führt. Die «Recherche» endet mit dem Ball der altgewordenen Romanfiguren, einem grossen Totentanz. Die Sprache des Buches steht in der Tradition der französischen Gesellschaftsromane. Proust bleibt in deren Formenwelt, treibt aber Diktion und Bau seines Werks an die Grenzen dessen, was das klassische Instrumentarium auszudrücken vermag.
Bei Joyce sind wir in einer radikal anderen Situation. Er steht trotz der Referenz auf das fast drei Jahrtausende alte Epos ganz und gar in seiner Jetztzeit, dem frühen 20. Jahrhundert, und an seinem Ort, Dublin. Gesellschaftliche Verwerfungen und politische Vorgänge sind in seinem Werk eher Hintergrundrauschen als Beobachtungsgegenstände. Seine Welt ist der Text; sie zu lesen und ihn zu schreiben ist für Joyce ein und derselbe Vorgang. Das Instrumentarium hierfür erfindet er von Grund auf. Er schafft sich eine neue Sprache und ein Arsenal neuer Formen: Literatur im Geist der Avantgarde.
Ob zwischen diesen beiden literarischen Positionen ein Gespräch überhaupt denkbar gewesen wäre, erscheint fraglich. Prousts entgegenkommende Geste, den betrunkenen und finanziell klammen Joyce in seinem Taxi mitzunehmen, war immerhin ein Zeichen der Zusammengehörigkeit.
Nach dem denkwürdigen Abend hatte Proust noch genau sechs Monate zu leben. Er starb am 18. November 1922 mit erst 51 Jahren. Vier Tage darauf wurde er auf dem Friedhof Père-Lachaise mit militärischen Ehren beigesetzt. James Joyce nahm an dem Begräbnis teil.