Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03250.jsonl.gz/2461

Sie wusste nicht, dass sie ihren Hund zum letzten Mal sah. Im Juli vor drei Jahren ging Gabrielle Durand* mit Balou spazieren, in der schwülheissen Luft Hongkongs. Es begann zu regnen. Riesige Tropfen zerplatzten auf dampfendem Beton. Sie rannte mit Balou an der Leine unter ein Pagodendach. «Hier werden wir bleiben, bis es aufhört», sagte sie, «braver Hund.» Erst als sie runterschaute, bemerkte sie, dass er sich losgerissen und sich unter einem Baum versteckt hatte. Und sie vor den Augen Dutzender Leute mit einem roten Hundehalsband sprach. Gabrielle Durand lacht laut, als sie diese Anekdote erzählt. Es ist typisch für ihre Art, mit ihrer Geschichte umzugehen: mit rabenschwarzem Humor. «Sonst wäre ich längst verzweifelt», sagt die 61-Jährige.
Erst zwei Tage zuvor war Gabrielle Durand nach Hongkong gereist. Ihr Ehemann Pierre lebte schon seit einem Jahr dort, er hatte einen Arbeitsvertrag bei der Niederlassung einer Schweizer Versicherung.
Sie war voller Hoffnung – trotz Krebs
Durands Abreise hatte sich aber verzögert. Nach der Diagnose Brustkrebs musste sie in der Schweiz Operation, Bestrahlungen und Chemotherapie über sich ergehen lassen. Ohne Haare, aber mit Hoffnung für ihr neues Leben landete sie Anfang Juli in Hongkong.
In der Wohnung ihres Mannes fiel ihr sofort auf, wie sorgfältig die Kleider im Schrank zusammengelegt waren. Die Hemden glattgebügelt, die Hosen perfekt aufeinandergestapelt. Sogar die Socken waren sortiert. Zuerst dachte sie an eine Haushaltshilfe. Erst als sie nachfragte und er einer klaren Antwort auswich, erriet sie die Wahrheit: Er lebte in Hongkong mit einer neuen Frau zusammen.
Zum Abschied ein leeres Versprechen
Es folgten Stunden voller Wut, Schmerz und Trauer. Sie schnappte sich Balou, der schon Monate zuvor aus der Schweiz nach Hongkong geschickt worden war, und ging mit ihm spazieren. Am Abend nahm sie sich ein Hotelzimmer. Drei Tage später verabschiedete sie sich am Flughafen von Pierre. Sie erinnert sich an ein hochemotionales Gespräch. Beide weinten. Pierre versicherte, er werde Balou bald in die Schweiz zurücktransportieren lassen. Sie versprachen, füreinander da zu sein. Nach 35 Jahren Ehe Freunde zu bleiben. Als Gabrielle Durand das Flugzeug betrat, wusste sie nicht, dass sie soeben zum letzten Mal mit Pierre gesprochen hatte.
Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz reagierte Pierre nicht mehr auf Kontaktversuche. Weder auf SMS noch auf E-Mails, Briefe oder Anrufe. Zu Beginn dachte sie, dass es ihm wohl zu schlecht gehe, um ihr zu schreiben. Womöglich ein Zusammenbruch. Sie wollte ihm deshalb Zeit geben. Obwohl ihre Ersparnisse schrumpften und er ihr kein Geld für den Unterhalt schickte. Sie lebte von den 1500 Franken, die er monatlich auf ein gemeinsames Sparkonto überwies.
Ihr Ehemann, der rund 260'000 Franken im Jahr verdient, hatte Steuern nicht bezahlt. Betrieben wurde aber sie.
Als er sich auch nach Monaten weder bei ihr noch bei der gemeinsamen Tochter meldete, beschloss sie zu handeln. Ein knappes halbes Jahr nach ihrer Ankunft in der Schweiz ging sie zu einem Anwalt.
Rechnungen von über 10'000 Franken
Rückblickend bezichtigt sie sich der Naivität. «Ich hätte zu Hause sofort juristische Hilfe suchen müssen. Aber ich dachte immer, er werde sich bald melden.» Der Anwalt schrieb mehrere Briefe an Pierre, stets in höflichem Ton. Keine Antwort.
Zu jener Zeit trafen die ersten Mahnungen ein. Ihr Ehemann, Jahresverdienst rund 260'000 Franken, hatte in den letzten zwei Jahren den Schweizer Anteil der Steuerrechnungen nicht bezahlt und war automatisch eingeschätzt worden. Die Mahnungen gingen an den gemeinsamen Haushalt – an Gabrielle Durand. Sie konnte die Beträge von über 10'000 Franken nicht zahlen. Also wurde sie betrieben.
«Ich hatte mir im ganzen Leben noch nie etwas zuschulden kommen lassen. Noch nicht einmal eine zweite Mahnung erhalten», sagt Durand. Vor dem ersten Besuch beim Betreibungsamt konnte sie nicht schlafen. Vor der Tür wurde ihr fast schlecht. Aber die Beamten waren freundlich. «Sie haben mir zugehört, mich verstanden. Aber sie sagten, dass sie nichts tun könnten – als Ehefrau von Pierre war ich zuständig.» Um die Steuerrechnungen zu bezahlen, borgte sie schliesslich Geld von Mutter und Bruder.
Derweil merkte sie immer mehr, welche Folgen der Verlust des Kontakts zum Ehemann hatte. Vor dem Umzug nach Hongkong hatte sie all ihre Habseligkeiten eingelagert. Ohne seine Unterschrift konnte sie sie nicht zurückholen. Keine Kinderfotos, keine Zeichnungen der Tochter, keine Briefe ihres verstorbenen Vaters.
Tränen im Handyshop
Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war Pierres Swisscom-Abo. 35 Franken pro Monat. Für Gabrielle Durand eine Menge Geld. Im Laden teilte ihr der Verkäufer mit, dass nur Pierre sein Abo kündigen könne. «Wie soll ich seine Unterschrift bekommen, wenn er sich nie bei mir meldet?», fragte sie. Der Berater zuckte nur mit den Schultern.
Mitten im Laden begann Gabrielle Durand zu schluchzen. «Ich habe dem Verkäufer einen richtigen Schrecken eingejagt», sagt sie. «Aber der ewige Kampf um banale Details hat extrem an mir gezehrt.» Es schäumte auch Wut in ihr hoch: «Warum konnte Pierre mir nicht wenigstens eine einzige Mail schreiben? Nur eine klitzekleine Nachricht?»
Ein Jahr nach Gabrielle Durands Rückkehr aus Hongkong reichte ihr Anwalt eine Klage auf Eheschutz ein. Er wollte eine superprovisorische Verfügung erreichen – dass das Gericht möglichst schnell, in Abwesenheit von Pierre, über Trennung und Unterhaltszahlungen entscheidet. Doch das Gericht erkannte keine Notlage. Der Ehemann überweise ja immer noch ein wenig Geld auf das Sparkonto. Die Dringlichkeit sei nicht gegeben.
Für Gabrielle Durand ein Hohn. Die selbständige Französisch-Nachhilfelehrerin hatte alle Schüler aufgegeben, bevor sie nach Hongkong zog. Die gelernte Pflegefachfrau überlegte sich, als Putzfrau zu arbeiten. Aber als Nebenwirkung der Strahlentherapie litt sie an Wassereinlagerungen im Arm – er war so angeschwollen, dass er in keine Bluse passte. Also musste sie weiter Geld borgen.
«Man kann einen anderen nie kennen»
Die Abwesenheit von Pierre warf auch Schatten auf den Hochzeitstag der gemeinsamen Tochter. Er gratulierte nicht einmal schriftlich. Deshalb übergab Gabrielle Durand im goldroten Kleid und mit neuem Kurzhaarschnitt ihre Tochter dem Ehemann. Sie musste auch die traditionelle Rede halten – anstelle des Brautvaters. «In diesem Moment dachte ich mir, dass man einen Menschen nie richtig kennen kann. Auch nach 35 Jahren nicht», sagt sie.
Im Februar letzten Jahres hatte sie endlich Grund zur Hoffnung. Ihr Anwalt hatte das Berner Regionalgericht dazu gebracht, einen Anhörungstermin im Juli festzulegen. Über ein Jahr nach dem Antrag. Weil das Gericht Pierre in Hongkong aber nicht erreichen konnte, hatte sich das Verfahren in die Länge gezogen. Am Gerichtstermin blieb Pierres Stuhl leer. Gabrielle Durand war nicht überrascht.
Im Spätherbst entschied das Gericht, dass Pierres Arbeitgeber jeden Monat knapp 8000 Franken von seinem Lohn an Gabrielle Durand überweisen müsse – ab sofort und rückwirkend für die letzten zwei Jahre.
«Endlich konnte ich aufatmen», sagt sie. «Es ging mir nie darum, ihn zu bestrafen. Ich wollte einfach eine Scheidung, genug Geld zum Leben sowie meinen Anteil an der Pensionskasse. Mehr nicht.»
Ihn anzeigen – das kann sie nicht
Nun konnte Gabrielle Durand erste Schulden abzahlen. Doch im Januar dieses Jahres kam die nächste Hiobsbotschaft. Ihr Ehemann sei nicht mehr bei der Schweizer Versicherung angestellt, sondern arbeite ab sofort in einem lokalen Anstellungsverhältnis, teilte der Konzern in einem Brief mit. Damit war die Einnahmequelle von Gabrielle Durand versiegt.
«Weil er in Hongkong lebt, kann man leider relativ wenig machen», sagt ihr Anwalt. Sie könnte eine Strafanzeige wegen Unterlassung von Unterhaltsverpflichtungen einreichen. Aber ob es eine internationale Ausschreibung gibt, liegt im Ermessen der Staatsanwaltschaft. Und bis heute, drei Jahre nachdem sie letztmals von ihrem Mann gehört hat, kann sich Durand nicht zu einer Strafanzeige durchringen.
Das war aber nicht die einzige schlimme Nachricht. Vor kurzem hat sie über Pierres Mutter erfahren, dass ihr Hund Balou in Hongkong gestorben ist. Er war alt – 14 Jahre –, aber Gabrielle Durand hatte immer gehofft, ihn noch einmal zu sehen. «Wenn ich etwas bereue, dann dass ich nicht nach Hongkong gegangen bin, um meinen Hund zu holen.»
* Alle Namen geändert