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Durchbruch dank «Elchtest»: 25 Jahre ESP
1995 hat Mercedes-Benz das Elektronische Stabilitäts-Programm (ESP) eingeführt. Neben Gurt, Airbag und ABS ist diese Daimler-Erfindung das mit Abstand wichtigste Sicherheitssystem moderner Personenwagen und hat inzwischen mehreren tausend Menschen das Leben gerettet.
Mit dem Antiblockier-System (ABS) im Jahr 1978 und der Antriebsschlupf-Regelung (ASR) im Jahr 1985 hatte Mercedes-Benz mit elektronischen Systemen begonnen, fahrdynamische Prozesse zu regeln. 1995 folgte der nächste Schritt: Zusätzliche Sensoren, die den Richtungswunsch des Fahrers erkennen und herausfinden sollten, ob das Auto wirklich der Absicht seines Fahrers folgt. Seitliches Wegrutschen beobachtete der Querbeschleunigungssensor, das Drehen um die Hochachse des Fahrzeugs der Gierratensensor. Beide Sensoren waren Voraussetzungen für das elektronische Stabilitäts-Programm ESP.
Zum ersten Mal in Serie fand das ESP im Luxus-Coupé S 600 (C 140). Wenige Monate später folgte der Einsatz in der Limousine der S-Klasse (W 140) und im SL-Roadster (R 129). Die V12-Modelle erhielten das Sicherheitssystem serienmässig, für die V8-Modelle dieser Baureihen war es zunächst optional lieferbar. Der Gierratensensor stammte aus der Wehrtechnik als Teil des Navigationssystems von Marschflutkörpern. Entsprechend hoch lag sein Einkaufspreis. Trotzdem war die Gewinnspanne beim ESP als Extra kleiner als üblich, um die Einführung des Systems zu erleichtern. Dennoch war der neue Schutzengel damals mit rund 2500 D-Mark nicht grad günstig.
Die rasante Verbreitung der Sicherheitstechnologie beginnt indes 1997 mit einem Eklat: Ein schwedischer Autotester der Zeitschrift «Teknikens Värld» überschreitet den fahrdynamischen Grenzbereich und wirft bei einem abrupten Ausweichmanöver («Elchtest») die neue kompakte A-Klasse um. Die hohe A-Klasse war einst als Elektroauto mit einer schweren Batterie im «Keller» entwickelt worden. Das Gegengewicht hätte das Kippen sicher erschwert. So aber hatte die A-Klasse auf einmal ein Problem.
Was zunächst wie ein Rückschlag für Mercedes-Benz wirkte, wurde zum Triumph als das Unternehmen 1997 ESP zum Serienstandard erhob, zunächst für die A-Klasse, dann für alle Modelle. Bei den anderen Herstellern bricht daraufhin Unruhe bis Panik aus. Sie alle müssen nachziehen. Doch wo sollen die vielen ESP-Geräte so schnell herkommen; wer soll das bezahlen? Und die Motoren müssen auch noch geändert werden; denn ESP muss auch das Motorschleppmoment regeln, das zum Beispiel beim Gaswegnehmen an den angetriebenen Rädern entsteht. Doch das funktioniert nicht mehr mechanisch. Das sogenannte «E-Gas» muss her.
In den Vereinigten Staaten ist der Druck besonders gross. Dort sterben mehr als 4000 Menschen jedes Jahr bei den sogenannten Run-off-Road-Unfällen, also bei Unfällen, bei denen das Fahrzeug aus der Kurve fliegt. Die National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) lernte am Beispiel der in den USA produzierten M-Klasse schon Ende der 90-ger Jahre sehr eindrücklich, dass ESP das Problem weitgehend aus der Welt schaffen kann. Schliesslich müssen in den USA – beginnend 2008 – bis zum November 2010 alle Personenwagen und Pick-ups mit ESP ausgestattet werden.
Im Mutterland des ESP folgten das europäischen Parlaments und des Rates erst mit ihrem Beschluss vom 13. Juli 2009. Demnach müssen seit November 2011 alle in der EU neu zugelassenen PW- und leichte Nutzfahrzeug-Modelle serienmässig mit ESP ausgestattet werden.
Erfunden hat das ESP vor 25 Jahren Anton van Zanten, der in den 1980er-Jahren bei Bosch mit der Entwicklung des Systems begann, bis es 1995 in Serie ging. Bis heute hat Bosch nach eigenen Angaben mehr als 250 Millionen ESP-Systeme gefertigt. Die hauseigene Unfallforschung von Bosch geht davon aus, dass das ESP seit seiner Premiere allein in der EU rund 15.000 Menschen das Leben gerettet und knapp eine halbe Million Unfälle mit Personenschaden verhindert hat.
Anton van Zanten ist seit 2003 im Ruhestand. 2016 wurde ihm der Europäische Erfinderpreis für sein Lebenswerk verliehen. Seine Erfindungen, so die Begründung der Jury, hätten die Strassen weltweit sicherer gemacht. Dass der «Elchtest» und die Mercedes A-Klasse dem ESP einst einen unfreiwilligen Durchbruch verschaffte, ist für den heute 80-Jährigen kein Problem – er fährt bis heute mit seiner A-Klasse durch die Gegend. (pd/ir)
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