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Die Kindheit wirkt nach
Die Erfahrungen in der Kindheit beeinflussen die körperliche und psychische Gesundheit im Erwachsenenalter. So sind selbstbeherrschte Kinder als Erwachsene erfolgreicher, gesünder und glücklicher. Umgekehrt erhöhen Kindsmisshandlungen unter anderem das Risiko für einen Herzinfarkt im späteren Leben. Dies das Fazit einer Veranstaltung an der Universität Zürich.KommentarKommentare
Christina Lange
Wie wäre es, wenn wir einen Menschen sein ganzes Leben lang beobachten könnten, von der Geburt bis zum Tod? Wenn wir alle Aspekte seines Lebens untersuchen könnten? Was, wenn wir das gleich für eine ganze Stadt täten? Ein Experiment dieser Art findet seit 1972 in der neuseeländischen Stadt Dunedin statt – die so genannte Dunedin-Studie.
Mit daran beteiligt ist das Forscherehepaar Terrie Moffitt und Avshalom Caspi, Professoren für Psychiatrie und Neurowissenschaften an der Duke Universität in North Carolina (USA). Sie berichteten am vergangenen Donnerstag an einer Veranstaltung des Zürcher Zentrums für Integrative Humanphysiologie (ZIHP) und der Klaus-Grawe-Foundation über den Stand der Dunedin-Studie.
Unbeherrschte Kinder
Die Forscher begleiten alle 1037 Kinder, die im Jahr 1972 in der Stadt geboren wurden von Geburt an bis ins Alter. In der ersten Dekade ihres Lebens wurde unter anderem die Selbstbeherrschung der Kinder untersucht. Unbeherrschte Kinder, so die Forscher, sind impulsiv, risikofreudig und sehr von den Eltern abhängig. Ein selbstbeherrschtes Kind toleriert Frustration besser, ist aufmerksamer und zielstrebiger.
Im Erwachsenenalter wurden dann Gesundheitszustand und sozialer Stand der Beobachteten betrachtet. Die Ergebnisse waren eindeutig: Selbstbeherrschte Kinder wurden tendenziell reicher, erfolgreicher, gesünder und blieben länger jung. Die Gesichter der selbstbeherrschten Kinder wirkten im Alter von 30 Jahren zudem deutlich jünger als diejenigen der unbeherrschten Kinder.
Dieser Zusammenhang wurde unabhängig von sozialem Status, Intelligenzquotient oder genetischen Faktoren festgestellt. Die Unterschiede zeigten sich sogar bei eineiigen Zwillingen, die in derselben Familie aufwuchsen. «Das bedeutet, dass Selbstbeherrschung vielleicht lernbar ist und die Erziehung sehr wichtig ist», so das Fazit von Avshalom Caspi.
Dass eine Erziehung zur Selbstbeherrschung aus Kindern emotionslose Roboter werden lässt, diese Angst sei unbegründet, so Terrie Moffitt: «Selbstbeherrschte Kinder werden auch glücklicher.»
Entzündung lindern
Aber nicht nur heilsame und sinnvolle Erziehung wirkt sich auf das Erwachsenenalter aus. Kinder, die körperlich, psychisch oder sexuell missbraucht wurden, werden als Erwachsene eher depressiv, wie Studien zeigen. Referent Andrea Danese, Professor für Psychiatrie am King’s College London, geht in seiner Forschung der Frage nach, welche biologischen Vorgänge dafür verantwortlich sind.
Bei einer körperlichen Verletzung – etwa einer Schnittwunde – reagiert unser Immunsystem mit einer Entzündungsreaktion. Im Blut sammeln sich Zellen an, die Fremdstoffe bekämpfen und eliminieren. Die sogenannten Entzündungsmarker kann man messen.
Danese konnte in seiner Forschung zeigen, dass Kindesmisshandlungen eine analoge Reaktion des Immunsystems auslösen. Er stellte bei misshandelten Kindern mehr Entzündungsmarker im Blut fest als bei nicht misshandelten.
Dasselbe gilt für erwachsene Patienten mit Depressionen. Je stärker die Depression, desto mehr Entzündungsmarker konnte das Team um Danese nachweisen. In dieser Erkenntnis liegt aber auch ein erfolgversprechender Therapieansatz: Wurde diesen Patienten zusätzlich zu Antidepressiva auch noch entzündungshemmende Medikamente verabreicht, liess sich die Depression erfolgreicher behandeln.
Gefahr für Herzinfarkt
Kindesmisshandlung beeinflusst aber vermutlich nicht nur den mentalen, sondern auch den physischen Zustand des späteren Erwachsenen. Entzündung ist ein bekannter Risikofaktor für Arteriosklerose und Herzinfarkt. Patienten mit höheren Konzentrationen von Entzündungsmarkern im Blut erleiden eher einen Herzinfarkt.
«Der direkte Zusammenhang zwischen Kindesmisshandlung und höherem Krankheitsrisiko im Alter ist noch nicht bewiesen», sagt Danese. Das Immunsystem bilde aber eine potentielle Verbindung, die es sich weiter zu untersuchen lohne. Versteht man erst mal den biologischen Zusammenhang zwischen Kindesmisshandlung und Krankheiten im Erwachsenenalter, könnte die Behandlung des Kindes nicht nur dessen psychischen Zustand verbessern, sondern etwa auch einem späteren Herzinfarkt vorbeugen.