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WW: Als Rakuho im Sterben lag, wandte er sich mit folgenden Worten an die Versammlung: „Ich habe eine Frage an euch: Wenn ihr sagt ‘Ja, das ist es’, dann setzt ihr einen zweiten oder zusätzlichen Kopf auf euern eigenen. Wenn ihr sagt ‘Nein, das ist es nicht’, dann sucht ihr nach dem Leben, indem ihr euch den Kopf abschneidet.“
Diop: Sicher geht es hier um die entscheidende Frage der Nachfolge. Er will seine Schüler prüfen, um herauszufinden, wer es wirklich verwirklicht hat?
WW: Ja. Von Rakuho, der ein Urenkelschüler von Yakusan war, stammt der Ausspruch: „Kaum steigt ein Stäubchen in die Höhe, so ist die ganze Erde schon darin befasst. Es will ein Blümchen sich erschließen und eine neue Welt entsteht.“
Der im Sterben liegende Rakuho prüft vor seinem Tod das Verständnis der Mönche und fragt nach dem Erfassen des Dharma, der Wesensnatur, in der alle Dinge ohne Substanz sind. Wenn du sagst, ‘Ja, das ist es’, setzt du einen zweiten Kopf auf den eigenen, das heißt etwas Künstliches, Unnatürliches, Gemachtes. In der Praxis bedeutet das, dass sich der Kommentator in mir über die Dinge erhebt und alles benennt. „Das Bein schläft ein, der Rücken tut weh, die Vögel zwitschern“ usw. Dies aber ist bereits eine Einschränkung unserer ursprünglichen Natur. Unser Kopf ist wie ein Radio, in dem es singt und spricht, aber wenn Sie ihn öffnen, ist niemand darin. So ist es mit unserer Existenz: Obgleich der Verstand spricht wie ein Radio, ist kein Handelnder darin. Getrennt von unserem Geist existiert keine Umwelt, keine Berge und Meere, nichts. Das ganze Universum ist in uns. Wo also sollten wir suchen, wenn nicht in uns? Unsere Wesensnatur übersteigt alle Ebenen von Zustimmung und Ablehnung. Sie liegt jenseits des Dualismus, jenseits von „ja“ und „nein“. Würden Sie „ja“ sagen, „das ist es“, würden Sie an den Dingen kleben und Welt und Geist wären geteilt.
Diop: Und wenn ich „nein“ sage?
WW: Rakuho sagt: Wenn ihr sagt ‘Nein, das ist es nicht’, dann sucht ihr nach dem Leben, indem ihr euch den Kopf abschneidet.“ Das bedeutet: Alles ist diese Wesensnatur. Wenn wir sagen „das ist es nicht“ oder „das darf nicht sein, das stört mich“, stellen wir uns gegen die Dynamik, indem wir versuchen, sie anzuhalten. Damit stellen wir uns gegen den Fluss des Lebens. Es gibt nichts, das nicht eingeschlossen wäre. Klammern wir etwas davon aus, stirbt jede Bewegung und damit wir selber. Existenz zu verachten heißt Existenz zu verlieren lesen wir in einem Sutra. Die Wesensnatur ist jenseits von ja und nein und beinhaltet doch beides.
Diop: Was sagten die Mönche auf diese Frage hin?
WW: Der Hauptmönch erwiderte: „Der grüne Berg hebt immer seine Beine, bei Tageslicht ist eine Laterne nutzlos.“
Diop: Was will er damit verdeutlichen?
WW: Der grüne Berg, der immer seine Beine hebt, ist unsere Wesensnatur, die immer und überall wirkt. „Tageslicht“ bedeutet verstandesmäßige Erkenntnis, „Laterne“ das Suchen nach einem Ausweg. „Bei Tageslicht ist eine Laterne nutzlos“ kann auch heißen: Der Verstand bringt keine Lösung oder in der Leerheit ist die Form nutzlos. Wir müssen in der Dunkelheit suchen, wenn wir unsere Wesensnatur finden wollen, jenseits von intellektuellem Denken, jenseits des Dualismus. Wir müssen dahin gelangen, wo keine Begriffe mehr entstehen, wo niemand mehr von jenseitigem Glück spricht, wo die Frage nach Leben und Tod gelöst ist.
Diop: Und wie reagiert Rakuho auf diese Antwort?
WW: Rakuho prüft den Obermönch, indem er nach dessen Verständnis von Raum und Zeit fragt. „Zu welcher Zeit sagst du das?“ Leider können wir sein eigenes Verständnis davon nicht mehr erfahren, denn ein Mönch namens Genjo trat vor und sagte: „Man sollte nicht abseits dieser beiden Wege nach dem Dharma fragen“. Rakuho wird aufmerksam, als dieser Mönch vortritt, der beide Seiten, das Absolute wie das Phänomenale, gleichzeitig anspricht und ihre Gleichheit betont.
Diop: Und ist Rakuho mit dieser Antwort zufrieden?
WW: Nein, er bohrt weiter. Rakuho sagt: „Das genügt nicht. Versuche, es anders zu sagen“, sagte Rakuho. Rakuho ist immer noch nicht ganz zufrieden. Er will auf den tiefen Grund des Mönches sehen.
Diop: Und hat der Mönch eine Antwort?
WW: Genjo erwiderte: „Ich kann es nicht vollständig sagen“. D.h., ich bin nicht in der Lage, es zu erklären.
Diop: Aber da hat doch der Mönch vollkommen Recht. Sie sagten doch selbst, dass das wahre Wesen nicht in Worte zu fassen ist.
WW: Das ist richtig. Aber Rakuho ist hartnäckig. Er treibt den Mönch in die Verzweiflung. Er sagt: „Es ist mir gleich, ob du es vollständig sagen kannst oder nicht“.
Diop: Und der Mönch?
WW: Der Mönch fühlt sich in die Enge getrieben. Genjo sagt: „Als Diener bin ich nicht in der Lage, Euer Ehren eine angemessene Antwort zu geben“.
Diop: Der Mönch gibt auf?
WW: Nein. Rakuho wird hellhörig. Deswegen rief er an diesem Abend Genjo zu sich und sagte zu ihm: „Deine heutige Bemerkung enthielt ein wichtiges Element. Du solltest Dir vergegenwärtigen, was unser alter Meister sagte: ‘Da ist nichts vor den Augen. Bewusstsein ist vor den Augen. Dies ist nicht das Ding vor den Augen; Augen und Ohren können es nicht erreichen.’ Welcher Satz ist der Gast, welcher ist der Wirt? Wenn du diese Worte verstehst, werde ich die Reisschale und den Beutel an dich weitergeben.“
Diop: Das verstehe ich nicht.
WW: Gast und Wirt sind zwei Bezeichnungen für Form und Leere. Der Wirt, d.h., die Leere hat viele Gäste, tritt aber selbst nie in Erscheinung. Das eine ohne das andere ist nicht möglich. Letztendlich geht es immer um die Frage der Integration von Form und Leere. Rakuho zitiert seinen alten Meister, um Genjo die Gleichzeitigkeit vor Augen zu führen. Er will ihm ins Gedächtnis rufen: Wenn unser Geist nicht mehr unterscheidet, sind alle Dinge in ihren wahren Zustand zurückgekehrt. Einerseits ist da nichts vor deinen Augen, andererseits ist alles da. Gemeint ist die Wirklichkeit, die vor Himmel und Erde steht, die weder Form noch Namen hat, weder mit den Augen zu sehen, noch mit den Ohren zu hören ist. Wenn du dann schaust, ist kein Ding mehr, wie es vorher war.
Diop: Gibt es dazu auch weitere Hinweise?
WW: Ja. Der neunte Vers vom „Ochsen und seinem Hirten“ spricht davon: “In seiner Hütte sitzt er und sieht keine Dinge da draußen.“ Aber auch im Shodoka hören wir von diesem Zustand: “Erfahren wir die Wirklichkeit, gibt es weder Mensch noch Ding. Sind beide, Geist und Dinge, vergessen, erscheint die wahre Natur. Wer kein Ding mehr sieht, der ist der Tathagata. Wenn du klar und deutlich siehst, gibt es nicht ein Ding, weder Mensch noch Buddha.“
Diop: Und wie verhält sich der Mönch nach diesem von Rakuho angesprochenen Zitat seines Meisters?
WW: Genjo sagte: „Ich verstehe es nicht“. Er will damit ausdrücken: Da ist doch nichts. Ich bin vollständig ohne Wissen. Darauf Rakuho: „Du musst es erfahren“. Genjo erwiderte: „Ich verstehe es wirklich nicht.“ Da stieß Rakuho ein „Katsu“ aus und sagte: „Abscheulich, abscheulich.“
Diop: Was bedeutet dieses „abscheulich“?
WW: Er will sagen: Schneide Verstehen und Nicht-Verstehen ab! Bleibe nicht in der Leerheit stecken, lass auch die Gäste herein!
Diop: Sie meinen, er muss über Verstehen und Nicht-Verstehen hinausgehen?
WW: Ja. Auch die vier Sätze des Meisters von Rakuho können es nicht genügend erklären. Wir müssen es erfahren, so wie wir wissen, ob der Tee, den wir trinken, heiß ist oder kalt.
Diop: Ist das Koan hier zu Ende?
WW: Nein. Ein Mönch fragt jetzt seinen Meister: „Was meint Euer Ehrwürden?“
Diop: Und gibt der Meister eine Antwort?
WW: Ja. Rakuho sagt: „Das Boot des Erbarmens gleitet nicht über die klaren Wellen.
Diop: Das Boot des Erbarmens?
WW: Ja. Das „Boot des Erbarmens“, das uns an das „andere“ Ufer bringen soll, zeigt sich nicht nur im Schönen und Klaren. Das „Boot des Erbarmens“, unsere Wesensnatur, die Integration von Form und Leere offenbart sich auch in der Krankheit, im Alter, im Krieg und im Sterben. Die Ur-Wirklichkeit zeigt sich im Verstehen genauso wie im Nicht-Verstehen. Wenn wir zu unserer ursprünglichen Natur zurückgekehrt sind, werden wir erkennen, dass es weder Wasser noch Boot gibt, noch jemanden, der es steuert. Aber Rakuho ist noch nicht zu Ende. Er sagt weiter: „Es ist sinnlos, die hölzerne Gans unten im tiefen Tal zu befreien“.
Diop: Was ist die Bedeutung der hölzernen Gans?
WW: Die hölzerne Gans ist ein Holzstück, um die Strömung im Wasser festzustellen. Es ist sinnlos, zu suchen, wo nichts ist.
Diop: Ich verstehe den Zusammenhang nicht.
WW: Damit sind wir gemeint. Es gibt nichts zu befreien. Rakuho spricht von der Sinnlosigkeit, irgendjemanden zu befreien, denn wir sind es bereits.
Das Koan könnte auch so übersetzt werden: Rakuho: „Form und Nicht-Form sind es nicht.“ Hauptmönch: „In der Leerheit ist die Form nutzlos. Da ist nur Dynamik. Rakuho: „Wo bist du jetzt?“ Genjo: „Form und Leere sind integriert.“ Rakuho: „Zu wenig.“ Genjo: „Ich kann es nicht anders sagen.“ Rakuho: „Sag es jenseits von Form und Leere.“ Genjo: „Der Gast sieht den Wirt nie.“ Rakuho: Nimm wahr, ohne wahrzunehmen. Alles ist da. Das ist es nicht. Das eine ohne das andere ist auch nicht möglich. Verstehst du das?“ Genjo: „Ich bin ohne Wissen.“ Rakuho: „Erfahre es!“ Genjo: „Da ist doch nichts!“ Rakuho: Nur Leerheit? Abscheulich!“ Genjo: „Was ist es?“ Rakuho: „Höre auf zu suchen.“
Wo weder Subjekt noch Objekt ist, können wir nichts mehr für irgendjemanden tun. Alles ist schon getan. Es genügt, sich einfach der Strömung zu überlassen und alles ordnet sich von selbst, alles wird gut. Wir müssen in den Hafen zurückkehren, in den alle Schiffe zurückkehren. Alles in unserem Leben ist nur Lockmittel dahin.
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