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Von Gregor Loepfe
Der mittlerweile 88-jährige Sonny Rollins griff für sein Album «Saxophone Colossus» von 1956 eine Melodie auf, die er aus früher Kindheit von seiner Mutter kannte und die von der Insel Saint Thomas im Jungferninsel-Archipel stammt. Rollins benannte die Komposition nach der Insel. Bereits ein Jahr zuvor spielte Randy Weston, dessen Grossvater aus Jamaika stammte, eine fast identische traditionelle Melodie unter dem Titel «Fire Down There» auf Schallplatte ein. Rollins nahm sein Stück «St. Thomas», einen beschwingten Calypso, in insgesamt zwölf verschiedenen Versionen auf. Es wurde seine bekannteste Komposition und als Jazzstandard unsterblich. Mitte der 1960er-Jahre schrieb Ray Passman zusammen mit Herb Wasserman einen Text zu «St. Thomas». Die beiden nannten ihre Kreation «Down St. Thomas Way».
Vom karibischen Kinderlied zum Jazzstandard
«St. Thomas» basiert auf einem Kinderlied aus der Karibik. Sonny Rollins' Mutter soll die Melodie ihrem Sohn jeweils vorgesungen haben. Ihren Ursprung hat die Melodie vermutlich im englischen Volkslied «The Lincolnshire Poacher». Als spätere Komposition mit dem Namen «St. Thomas» erhielt es dann musikalisch einen ausgesprochen karibischen Charakter mit spezieller Rhythmik. Die beschwingte Melodie verbreitet Lebensfreude, wechselt virtuos von Melodienoten auf dem Schlag zu solchen neben dem Schlag, ist dreiteilig mit wiederholtem ersten Teil und dauert 16 Takte. Das Stück wird meistens als Calypso gespielt, einen auf Trinidad und Tobago entstandenen afro-karibischen Tanzrhythmus. Über die Form wird dann oft in einem Swing soliert.
Erste und wichtige Aufnahmen
Die traditionelle Melodie von «St. Thomas» wurde bereits 1955 von Randy Weston und seinem Trio als «Fire Down There» für das Album «Get Happy» aufgenommen. Ein Jahr später präsentierte Sonny Rollins selbst «St. Thomas» auf seinem Album «Saxophone Colossus». Rollins' Solo über «St. Thomas» gilt als eines seiner besten auf Tonträger. Eine der ersten gesungenen Aufnahmen stammt vom französischen Sänger Claude Nougaro. Er verwendete die Melodie für sein Lied «À tes seins» von 1967 und machte daraus eine Hommage an die weibliche Brust. Die erste namhafte Aufnahme von «Down St. Thomas Way» mit englischem Text entstand 1981 mit dem Sänger Mark Murphy. Im Laufe der Zeit wurde «St. Thomas» auch von Jazzgrössen wie Monty Alexander, Branford Marsalis und David Murray aufgenommen. Legendär ist die 18-minütige Version von Joshua Redman und Pat Metheny.
Interpretationen im Repertoire von Radio Swiss Jazz
Eine der zwölf existierenden Aufnahmen vom Meister Sonny Rollins selbst findet sich natürlich auch im Repertoire von Radio Swiss Jazz. Es ist die Aufnahme von 1964 ohne Harmonieinstrument zusammen mit Ron Carter am Bass und Roy McCurdy am Schlagzeug. Weitere Triofassungen gibt es von den amerikanischen Pianisten Hampton Hawes und Ray Bryant. Versionen in grösseren Formationen mit Bläsern stammen von der Band Coolbreeze und von den Jazz Shakers. Das Akkordeon von Antonello Messina verleiht der Interpretation des Daccordeon Quartet eine besondere Note. Die einzige gesungene Variante auf Radio Swiss Jazz ist jene von Mark Murphy von 1981 mit dem Text von Ray Passman und Herb Wasserman.
Radio Swiss Jazz Evergreens
In der Reihe «Radio Swiss Jazz Evergreens» sind bereits erschienen:
Summertime, Autumn Leaves, Misty, Round Midnight, Watermelon Man, Take Five,
April In Paris, Take The A Train und Lullaby Of Birdland.