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| Paul Koetschau, Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes. In: Origenes, Schriften vom Gebet und Ermahnung zum Martyrium. Aus dem Griechischen übersetzt von Paul Koetschau. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 48) München 1926.

Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes
B. Die Schriften des Origenes
Der Schriftsteller
Es Ist bekannt, daß Origenes zu den fruchtbarsten Schriftstellern aller Zeiten gehört; Hieronymus hat ihn [S. 67] deshalb mit den Vielschreibern Varro und Didymus verglichen (Ep. 33 ad Paulam). Im Altertum wird als Gesamtzahl seiner Schriften 6000 genannt (Epiph., Haer. 64, 63), die in einer lateinischen Handschrift von De principiis (Par. 12125 lat. s. IX. fol. 1 v, vgl. Orig. Werke V S. XXII) sogar zu 6666 gesteigert worden ist; dagegen betonte Hieronymus (adv. Rufin, II 22), daß der jetzt verlorene Katalog der Bücher des Origenes, den Eusebius im dritten Buche der Lebensbeschreibung des Pamphilus aufgestellt hatte (Euseb. VI 32, 3), noch keine 2000 Nummern umfasse. Die Differenz mag sich zum Teil aus verschiedener Zählungsweise erklären — man konnte nämlich entweder nach Buchrollen oder nach Schriften rechnen, von denen gar manche mehrere Rollen umfaßte —, zum Teil auch daraus, daß das Verzeichnis des Eusebius schon nicht mehr alle von Origenes verfaßten Schriften enthielt; endlich ist die runde Zahl 6000 wohl absichtlich zu hoch gegriffen und stellt eine Übertreibung dar. Der Märtyrer Pamphilus, der große Verehrer des Origenes, hatte dessen sämtliche Schriften, soweit sie ihm erreichbar waren, in seiner Bibliothek in Cäsarea gesammelt. Der Grundstock dieser berühmten Bibliothek wurde also von den Werken des Origenes gebildet; dort hat sich wohl auch noch längere Zeit das von Origenes selbst herstammende Exemplar seiner Hexapta befunden. Uns ist nur noch ein unvollständiges Verzeichnis der Schriften des Origenes in einem Brief erhalten, den Hieronymus an Paula gerichtet hat (vgl. oben S. 9). Wenn nun auch dieses Verzeichnis im Brief an Paula mit seinen kaum 800 Nummern unvollständig ist und anderswoher ergänzt werden muß, so scheint es doch im allgemeinen das Wesentlichste zu enthalten und auf das oben erwähnte Verzeichnis in der Lebensbeschreibung des Pamphilus zurückzugehen, vgl. Harnack, Chronologie S. 44 A. 1, wo der Beweis dafür gegeben ist1. Die genaue Zahl der Schriften des Origenes festzustellen, ist uns also [S. 68] unmöglich; aber selbst wenn wir die geringste Zahl — 800 — als richtig gelten lassen wollten, bleibt die Leistungsfähigkeit des Schriftstellers Origenes ganz staunenswert. Nur etwa Chrysostomus, Hieronymus and Augustin können mit ihm in Wettstreit treten (Bardenhewer, Gesch. d. altk. Lit. II2 S. 98). Die übergroße Zahl der Schriften des Origenes läßt sich nur aus seinem ungewöhnlichen Fleiß, dem Bestreben, recht klar und verständlich über alle wichtigen Dinge zu schreiben, was gelegentlich auch zur Breite und Weitschweifigkeit und zum Bau von allzu langen Perioden geführt hat, aus der verschiedenfachen Hilfe, die ihm sein Freund Ambrosius gewährte (s. oben S. 24), und endlich aus dem Umstand erklären, daß er in der Regel nicht selbst zu schreiben, sondern zu diktieren pflegte; den Johanneskommentar hat er ja, wie er selbst dort VI 2 (IV 108, 5 f.) mitteilt, längere Zeit unterbrochen, weil ihm die gewohnten Schnellschreiber, die sein Diktat aufnahmen, fehlten.
Wenn sich auch Pamphilus um die Sammlung und Erhaltung der Schriften des Origenes aufs eifrigste bemüht hat, so waren doch schon zu seiner Zeit manche davon nicht mehr aufzufinden2, und später wurde die Masse der verlorenen Schriften von Jahr zu Jahr immer größer. Da in der Verurteilung des Origenes auf dem fünften altgemeinen Konzil 553 (s. oben S. 66) auch seine Schriften mitbetroffen waren, und da das Decretum Gelasianum die Entscheidung traf, daß nur die von Hieronymus anerkannten Schriften des Origenes gelesen werden durften, die übrigen aber alle mit ihrem Verfasser zu verwerfen seien3, so ist es erklärlich, daß heute sowohl von den Originalen als auch von den Übersetzungen fast nur noch Trümmer übrig geblieben, und nur ganz wenige Schriften vollständig erhalten sind. Immerhin füllen diese Reste bei De la Rue noch vier Folianten. [S. 69]
An dieser Stelle kann nur eine allgemeine Übersicht über die Schriften des Origenes auf Grund des Verzeichnisses in dem Briefe des Hieronymus an Paula geboten werden. Die wichtigsten Schriften sind schon oben in dem Lebensabriß des Origenes an den Stellen erwähnt worden, wo sie Eusebius chronologisch eingeordnet hat. Für Einzelheiten sind die Ausgaben des Briefs an Paula von Klostermann und Hitberg, sowie die Literaturgeschichten (s. oben S. 14) zu vergleichen. Da von vielen Schriften nur Auszüge oder Bruchstücke vorhanden sind, so wird eine Fragmentsammlung, die alle diese Reste zusammenfaßt, für Origenes besonders wichtig sein. Von großem Nutzen ist die „Philokalia" genannte Blütenlese aus den Schriften des Origenes, die Basilius und Gregorius von Nazianz angefertigt haben (s. oben S. 66).
Sämtliche Schriften des Origenes lassen sich in folgende fünf Gruppen einteilen: l. solche Schriften, die den Text und die Auslegung der Heiligen Schrift betreffen, 2. die Homilien oder Predigten, 3. die polemischen und apologetischen Schriften, 4. die praktischen und dogmatischen Schriften, 5. die Sendschreiben und Briefe. In gewissem Sinne gehören die beiden ersten Gruppen enger zusammen, da auch die Homilien hauptsächlich die Auslegung der Schriftabschnitte zum Inhalt haben. Viele Schriften sind auf Veranlassung des Ambrosius geschrieben und deshalb ihm auch gewidmet. Die verschiedenfachen Erklärungen der Heiligen Schrift und das dogmatische Hauptwerk, die „Grundlehren“, verdanken ihre Entstehung wohl den Bedürfnissen des Unterrichts, den Origenes in Alexandria und in Cäsarea erteilte.
1: Harnack hat ebd. S. 37-52 die Schriften des Origenes auf Grund dieses Verzeichnisses aufgezählt und wichtige chronologische Bemerkungen hinzugefügt, die im folgenden benutzt sind.
2: Vgl. Hieron., Ep. 34, 1 ad Marcellam (S. 259 f. ed. Hilberg).
3: Vgl. E. v. Dobschütz, Das Decretum Gelasianum. Leipzig 1912, S. 45.