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Jod im Vollsalz
Jodmangel verursacht Kröpfe (groteske Wucherungen der Schilddrüse) und Kretine (Kleinwuchs, grosser Kropf, oft Schielen, teils blind und schwerhörig). Diese waren in der Schweiz bis vor 100 Jahren die häufigste schwere nicht übertragbare Krankheit (noncommunicable diseases: NCD), heute verschwunden.
Theodor Kocher (1841–1917), der erste Nobelpreisträger der Schweiz, wurde vor allem wegen der Kropfchirurgie berühmt. Ein Landarzt berichtete über die Langzeitfolge «Cachexia strumipriva».
Der meteorologisch interessierte Heinrich Hunziker (1879–1982) publizierte als Landarzt in Adligenswil die Korrelationen des Längenwachstums von Rekruten mit der Jodversorgung über das Salz. Hans Eggenberger (1881–1946), Chirurg in Herisau, schätzte die natürliche Aufnahme von Jod bei Schulkindern und Rekruten in Korrelation zu Kropf und Kretinismus. Diese gelten nach wie vor als relevant [1].
Hans Eggenberger jodierte 1922 eigenhändig in einem Schuppen der Appenzellerbahn das Salz und deklarierte es als Vollsalz. Damit erreichte er, dass sogar die Appenzeller dieses Salz akzeptierten.
Das besondere Verdienst dieser beiden Ärzte bleibt, dass sie das Verfahren nicht patentierten. Sie dosierten vorsichtig, um Nebenwirkungen zu vermeiden. Die Dosis konnte deshalb im Verlauf des letzten Jahrhunderts kontinuierlich erhöht werden.
Heute verkaufen Reformhäuser (Bahnhofgebäude St. Gallen) und Apotheken «gesundes» Himalaya-Salz und nicht jodiertes Meersalz in der Stadt der «Kaderschmiede». Sollte «zufällig» wie in Tschernobyl radioaktives Jod freigesetzt und über die Luft zu uns gelangen, werden diese Menschen vermehrt radioaktives Jod aufnehmen.
Das Vertrauen in eine gute ökonomische Marktwirtschaft, gesunde Ernährungswissenschaft und Gesundheitspolitik bröckelt heute wie die Akzeptanz der Impfungen. Vertrauen aber bleibt das Wichtigste zur Bildung der Resilienz eines Volkes in allen Krisen.
1 Hunziker Heinrich, Eggenberger Hans. Die Prophylaxe der grossen Schilddrüse, gleichzeitig ein Stück vergleichende Klimatologie in der Schweiz und ein Leitfaden für systematische naturwissenschaftliche Forschungen. Verlag Ernst Bircher. 1924, p. 317.
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