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Im Oktober dieses Jahres soll es so weit sein: Ein Mensch läuft den Marathon, 42.195 Kilometer, unter zwei Stunden. Genauer gesagt handelt es sich um den Kenianer Eliud Kipchoge, Olympiasieger und Weltrekordhalter (2:01:39) über diese Distanz, der mithilfe von Nike, seinem Ausrüster und Sponsor, und der britischen Chemiefirma Ineos diese magische Grenze knacken soll. Nach dem knapp gescheiterten Versuch am 6. Mai 2017 auf der Autorennstrecke von Monza, wo Kipchoge die inoffizielle Zeit von 2:00:25 lief, stieg Ineos als Investor in das Projekt ein, und der Name wurde von «Breaking2» auf «Ineos 1:59» geändert.
Ineos ist im Sportumfeld keine unbekannte Firma. Neben dem Radteam Ineos, das dieses Jahr mit dem Kolumbianer Egan Bernal die Tour de France gewann, gehören Sir Jim Ratcliffe, Gründer und Besitzer von Ineos, die Fussballclubs Nizza und Lausanne. Ratcliffe gilt als reichster Brite mit einem Vermögen von knapp 30 Milliarden Franken und will sich mit dem sporthistorischen Projekt eines Marathons unter zwei Stunden verewigen. Denn der Mensch verfällt einem in der Wissenschaft als «Round Number Bias» bekannten Phänomen. Sei es beim Einkaufen oder beim Sport, der Mensch bewertet Zahlen knapp unter einer runden Zahl über. Aus diesem Grund werden Preise häufig an dieser Stelle festgesetzt (zum Beispiel 9.95 oder 499 Franken). In der Leichtathletik sind die 10-Sekunden-Grenze über 100 Meter oder die erste Meile unter vier Minuten Beispiele für diese verzerrte Wahrnehmung. Die nächste Schallmauer, die fallen soll, ist nun also der 2-Stunden-Marathon. Es wird alles darangesetzt, dass das Projekt erfolgreich wird. Mit Wien wurde eine Stadt gefunden, die im Oktober ideale Temperaturen, Luftfeuchtigkeit und Windbedingungen aufweist und eine topfebene Rundstrecke von 9,6 Kilometern bietet, die dann knapp 4,4 Mal absolviert wird. Der genaue Startzeitpunkt wird kurzfristig je nach Wetter zwischen dem 12. und dem 20. Oktober festgelegt. Nach den Erfahrungen vom ersten Versuch in Monza wurde nochmals viel Geld in die Entwicklung der Schuhe und der Kohlenhydratgetränke gesteckt. Zudem hofft man in Wien auf reichlich Zuschauer im Gegensatz zum abgesperrten Gelände in Monza vor zweieinhalb Jahren. Allerdings werden wieder Betreuer vom Fahrrad aus die Verpflegung reichen und wechselnde Pacemaker eingesetzt (darunter der Schweizer Julien Wanders), weshalb die Endzeit wiederum nicht als offizieller Weltrekord gewertet wird.
Wird Eliud Kipchoge in einem Monat Sportgeschichte schreiben? Sofern er gesund bleibt und in einer ähnlichen Form wie vor einem Jahr bei seinem offiziellen Weltrekord am Berlin Marathon ist, traue ich ihm eine Zeit unter zwei Stunden zu. Dann werden alle wieder einmal dem «Round Number Bias» verfallen und sich der Faszination vom (Lauf-)Sport hingeben. Vielleicht reise ich als Zuschauer nach Wien.
Der Heitenrieder Läufer und ausgebildete Betriebsökonom Andreas Kempf arbeitet Teilzeit im Personalwesen bei einem bundesnahen Betrieb. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat 2016 an der Leichtathletik-EM mit der Schweiz Team-Gold im Halbmarathon gewonnen und hält die Freiburger Rekorde über die Halbmarathon- sowie Marathondistanz.