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An höheren Eigenmitteln führt kein Weg vorbei, schreibt Konrad Hummler, Privatbankier und Teilhaber der Bank Wegelin in St. Gallen.
Was ist besser: ein in sich logisches, relativ einfach zu verstehendes Erklärungsmodell, das im Durchschnitt brauchbare, zu häufig aber auch katastrophal falsche Resultat liefert, oder eines, das zwar wenig erklärt, dafür aber deutlich öfter richtig liegt?
Dies fragt Konrad Hummler in einem neuen Gastkommentar im deutschen «Handelsblatt». Schwer zu sagen, so der Schweizer Bankier weiter, denn beides sei sehr unbefriedigend.
In die Krise hineingesaust
Konrad Hummler weiter: Leider beschreibt die Wahl zwischen den zwei Möglichkeiten genau den Zustand, in dem sich Politiker, Behörden und Banken nach der Finanzkrise befinden. Mit dem konsistenten, simplen Modell, das im wesentlichen auf der Gauss'schen Normalverteilung von Ereignissen beruht und das regulatorisch seinen Niederschlag in den Vorschriften von «Basel II» gefunden hatte, war man in die Krise hineingesaust.
Das Modell hatte, eben weil es relativ einfach ist, eigentlich nur Vorteile für alle Beteiligten: für die Banken, weil es die Risiken scheinbar kalkulierbar machte und sich dadurch Geschäftsmodelle mit theoretisch unbegrenztem Gewinnpotential bestimmen ließen; für die Regulatoren, weil sich der simple Determinismus in griffige Normen gießen ließ und sich eindeutige Kontrollmöglichkeiten ergaben; und für die Politiker, weil sie auf diese Weise der starken Lobby großer und größter Bankkonglomerate entgegenkommen und sich dabei auf mathematisch unterlegte Wissenschaftlichkeit berufen konnten.
Zu viele Krisen in zu kurzer Frist
Allein, die Wirklichkeit holte sie alle ein. Und diese Wirklichkeit zeigt leider nur allzu deutlich auf, dass die Gauss'sche Normalverteilung für Ereignisse im Finanzsystem leider überhaupt nicht zutrifft. 1987, 1994, 1998, 2001, 2007: Das sind fraglos zu viele Krisen innert kurzer Frist. Dies wiederum hatte der Vertreter der Theorie, die wenig erklärt, schon vor einiger Zeit vorausgesagt.
Basierend auf langjährigen Zeitreihen für Preise auf dem Baumwollmarkt stellte der Mathematiker Benoît Mandelbrot schon zu Beginn der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts fest, dass Extremereignisse wie Preis-Crashes und Preis-Bubbles unerwartet häufig vorkommen.
Deutlich zu wenige Risikopuffer
Im Jahr 2005 legte er mit seinem Buch «Fraktale und Finanzen: Märkte zwischen Risiko, Rendite und Ruin» nach und prognostizierte damals eine ziemlich bald bevorstehende Finanzkrise, weil das Bankensystem aufgrund der Annahmen von «Basel II» deutlich zu wenig Risikopuffer, sprich Eigenmittel aufwies.
Wie recht er doch hatte. Nur: Mit den Erkenntnissen von Mandelbrot lässt sich keine neue Regulierung formulieren. Seine Welt ist eine ziemlich ungenaue. Aus Bildern von Farnblättern, die genauso wie Küstenabschnitte und Kristallgitter selbstähnliche Formen im Grossen wie im Kleinen aufweisen, lassen sich kaum griffigere Regeln ableiten als: Man braucht genügend Reserven im System. Aber wie viel ist «genügend»?
Rettung ist in Sicht
Vermutlich brauchen wir eine Metatheorie, welche die bisherigen Sichtweisen in sich vereinigen könnte. Genauso wie Einsteins Relativitätstheorie die Überlegungen von Newton in sich aufnahm und durch ein genereller gültiges Modell zum Spezialfall machte.
Rettung ist in Sicht: Mordecai Kurz, Professor für Economics an der Stanford University, hat ein Modell für die Erklärung von Risiken geschaffen, das entgegen der klassischen Finanztheorie mit vielen Extremereignissen, mit Blasen und mit Panik, mit trotz allem rational handelnden Individuen umgehen kann und das darüber hinaus brauchbare Prognosen liefert.
Risiken als Ereignisse
Bei Mordecai Kurz ist Risiko allerdings so definiert, dass es sich dabei um Ereignisse handelt, welche in einer relevanten Frist für den Betroffenen nicht mehr kurierbar sind. Auch bei Mordecai Kurz sind mehr Eigenmittel nötig. Schlechte Nachrichten aus der Wissenschaft für die nach wie vor allzu stark gehebelten «Too-Big-To-Fail-Banken».