Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03367.jsonl.gz/946

26.03.2020
Wenn die Geschicht lebendig wird
Ein kompliziertes Buch! Der Roman spielt auf drei verschiedenen Zeitachsen: während der Französischen Revolution 1789, dann im französischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer während des Zweiten Weltkriegs (1944) und schliesslich in unserer Zeit. Die verschiedenen Szenen werden nicht in chronologischer Reihenfolge geschildert, sondern wild durcheinander. Natürlich hat die Verfasserin vor jedem Abschnitt geschrieben, in welcher Episode sich der Leser gerade befindet. Trotzdem verwirrt diese Vielfalt, auch die Namen der unterschiedlichen Akteure brauchen ein gutes Gedächtnis. Ich half mir mit einer eigenen Aufstellung, um einen klaren Kopf zu behalten. Aber spannend ist dieses Buch, an manchen Stellen kann man fast nicht aufhören. Kristy Cambron hat die Gabe, die einzelnen Charaktere so detailliert zu beschreiben, dass man sich gut in ihre Lage versetzen kann.
Auslöser der ganzen Geschichte ist Ellison Carver ("Ellie"), eine junge Frau in Michigan, USA. Ihre Grossmutter, einst eine berühmte Persönlichkeit, ist an Alzheimer erkrankt und wird bald sterben. In einem ihrer seltenen klaren Momente deutet sie ihrer Enkelin gegenüber ein Geheimnis an, das noch gelüftet werden sollte. Ein Foto von 1944 in Grossmutters Album, auf das die Enkelin zufällig stösst, führt sie nach Frankreich. Sie fliegt zur Spurensuche ins Loiretal, zu einer Schlossruine in der Nähe von Les Trois-Moutiers.
Doch bevor die Geschichte in der Gegenwart Fuss fasst, schwenkt die Kamera zurück zur dramatischen Geschichte des Schlosses zu Beginn der Französischen Revolution. Mitten in die Verlobungsfeier von "Aveline", einer der Hauptpersonen des Buches, erlebt die erlauchte Gesellschaft einen brutalen Angriff des rebellierenden Volkes. Das Schloss wird in Brand gesteckt, die Gäste fliehen in alle Himmelsrichtung. Aveline, wird von einem herabstürzenden brennenden Balken getroffen und schwer verletzt und wie durch ein Wunder von einem ihr Unbekannten gerettet und gepflegt. Aber die Brandnarben im Gesicht werden sie für immer kennzeichnen.
Im Zweiten Weltkrieg ist genau diese Schlossruine ein Zentrum der Résistance, dem französischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung. Viola Hart, so der Name von Ellies Grossmutter, war zu jener Zeit eine britische Linguistin, die vom englischen Widerstand bei den Nazis eingeschleust wurde. Nach einer abenteuerlichen Flucht schliesst sie sich der Résistance im Loiretal an. Dort lernt sie Julien kennen, eine Schlüsselperson des Widerstandes. Er ist der geheimnisvolle Mann auf dem Foto mit Ellies Grossmutter.
Ihr Interesse am Schloss ist geweckt. Aber die Ruine ist verriegelt und bewacht, jedem Interessenten ist bisher der Besuch verwehrt worden. Aber durch nichts lässt sich Ellie von ihrem Ziel abbringen. Schlussendlich wird das Rätsel gelöst, allerdings mit einem überraschenden Resultat. In der letzten Szene finden wir Ellie wieder zu Hause in Michigan. Am Bett ihrer schlafenden Grossmutter liest sie ihr aus dem Tagebuch vor, das sie selber vor über 70 Jahren geschrieben hatte. Ob sie noch mitbekommt, dass Ellie ihr Geheimnis gelüftet hat? Die Frage bleibt offen.
Eingeflochten in die dramatischen Handlungen sind in jeder Epoche drei Liebesgeschichten, die sehr einfühlsam geschildert werden, zum Teil mit tragischem Ausgang. Sie geben den brutalen kriegerischen Handlungen das Gegengewicht. Diese Vielseitigkeit macht das Buch sympathisch und kurzweilig. Die vielen zeitgeschichtlichen Informationen zeugen von ausgedehnten Recherchen der Verfasserin.