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Kolumne
Mein weisser Stock begleitet mich schon fast 40 Jahre und ich habe damit so manch schöne Geschichte erlebt. Als ich zu faul war, mir einen Platz im Tram zu suchen, stellte ich mich gleich vorne hinter dem Fahrer in die Ecke. Das ist praktisch, weil ich so gleich als Erster aussteigen kann, wenn das Tram hält. Da stieg eine ältere Dame ein und erkannte sofort, dass sie sich an meinem Stock halten konnte. Ich liess sie gewähren, war aber sehr aufmerksam, dass ich sie sofort hätte auffangen können, sollte mein Stock nicht den genügenden Halt für die Dame bieten.
Der Klosterbruder in Disentis, den ich in der Bibliothek nach dem Buch von Placido Specha fragte, nahm mir sofort den Stock weg und stellte diesen irgendwo in eine Ecke, denn er wollte nicht, dass ich mit meinem Stock den schönen Holzboden beschädige. Nachdem er mir erklärte, dass dieses Buch auch bei ihnen im Hause vergriffen sei, bat ich ihn beim Verabschieden, mir meinen Blindenstock wieder zu geben, worauf er untröstlich ob seines Irrtums war.
Ähnlich erging es mir, als ich mit Freunden nach dem Besuch des Oktoberfests mit in einen Nachtclub gegangen war. Der Gorilla am Eingang nahm mir meinen Stock sofort weg und ich gab ihn ihm bereitwillig, sicher, dass ich ihn beim Verlassen des Lokals wieder erhalten würde. Nach etwa einer halben Stunde kam der Barbesitzer und entschuldigte sich im Namen des Türstehers und brachte mir meinen Blindenstock zurück.
Mein Kollege Fritz Bolliger und ich sehen nicht gerade gleich aus. Er ist etwas kleiner und ich viel dicker, trotzdem werden wir miteinander verwechselt, nur weil wir uns rund um den Blindenstock sehr ähnlich sind. Mit Fritz lernte ich in Zürich, wie so ein Blindenstock richtig eingesetzt werden kann. Als wir einmal nachts in Richtung Glarnerland unterwegs waren, war es etwas knapp zum Zug, und so hängten wir ein, Fritz kontrollierte links und ich rechts. Er machte mich noch darauf aufmerksam, dass ich nicht rechts auf das Bahngleis hinunterfallen solle, als er unvermittelt von meinem Arm verschwand. Er geriet links über den Perronrand und fiel mit dem Gesäss voran auf das Gleis. Er war sofort wieder oben und wir erreichten trotz dieses Missgeschicks unseren Zug. Sein Allerwertester hatte aber gelitten und Spuren davon sind heute noch spür- und sichtbar.
In New York besuchte ich mit meiner Frau das World Trade Center, und als wir im Foyer die riesige Warteschlange bemerkten, wollten wir gleich wieder umkehren. Da entdeckte uns ein Sicherheitsbeamter und führte uns unter den Absperrbändern hindurch und direkt in einen Aufzug, mit dem wir mit einigen wenigen VIPs das «Top of the World» innert einer Minute erreichten. Im Winterpalast in St. Petersburg luden mich die Wachen ein, ein echtes Bild von Leonardo da Vinci anzufassen und die verschiedenen, übereinander gemalten Schichten zu ertasten. Ohne meinen weissen Stock hätte ich dieses Privileg niemals geniessen können.
So ist mein wichtigstes Hilfsmittel oft Grund für heitere Momente geworden oder hat mir Wege eröffnet, die ich ohne niemals gefunden hätte.