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Interview
«Ich brauche keine Harley»
Der Zürcher Latino-Popstar Loco Escrito (29) über seine Sommerhits, die Wende in seinem Leben durch einen schweren Motorradunfall und die Geburt seiner Tochter.
Sie haben sich als Nicolas Herzig vorgestellt. Was unterscheidet ihn von Loco Escrito?
Als Loco Escrito will ich keine Schwäche zeigen. Habe ich einmal einen schwachen Moment, dann als Nicolas Herzig. Trotzdem möchte ich mich auch als Loco Escrito nicht verstellen: Es ist mir wichtig, authentisch zu sein und meine Privatsphäre zu bewahren. Meine Tochter etwa darf nicht fotografiert werden.
Anders als viele andere Rapper erzählen Sie in Ihren Videos Geschichten, in denen die Frauen nicht nur Dekoration sind. Ist Loco Escrito ein sensibler Macho?
Wenn man einen Macho als Mann definiert, der Frauen respektiert und beschützt, trifft die Beschreibung auf mich zu. Ich würde mich aber eher als Latino- Gentleman bezeichnen. Wer genügend selbstsicher ist, kann seiner Frau beim Kochen helfen, ohne sich etwas zu vergeben. Ich brauche auch keine Harley, um meine Männlichkeit zu beweisen.
Woher kommt der Künstlername Loco Escrito?
Mein Kollege Samir hat mich so genannt. «Loco» bedeutet verrückt und «escrito» geschrieben. Als er vor zehn Jahren starb, war für mich klar, dass ich diesen Namen behalten werde – als Hommage.
Wie ist die Verbindung «verrückt geschrieben» zu verstehen?
Selbst in Kolumbien empfinden die Leute den Namen als ungewöhnlich, sogar komisch, aber das ist gut für mich, denn er bleibt haften. Er kommt daher, dass ich früher viel Mist gebaut habe, sogar mal ein Auto klaute, und Reime schreibe, die einen Crazy Flow haben.
Beschreiben Sie Ihre Musik bitte!
Es ist melodiöser Latino-Rap. Ein Gedicht, das auf eine andere Art vorgetragen wird. «Punto» ist Rap mit Melodie und Gesang. So kann ich mich als gefühlsbetonter Mensch besser ausdrücken. Früher dominierte der Rap, und es ging mir vor allem darum, mir meinen Frust von der Seele zu schreiben und zu protestieren. Nun möchte ich positive Schwingungen verbreiten.
Sie hatten vor drei Jahren einen schweren Unfall. Was ist passiert?
Ich war mit meinem Motorrad unterwegs, als der Autofahrer vor mir ein unbedachtes Manöver machte, was zur Kollision führte. Hüfte und Schambein wurden zertrümmert, ich verlor viel Blut und schwebte in Lebensgefahr.
Wie reagierten Sie auf diesen Schock?
Genau zu dieser Zeit war meine Tochter unterwegs. In den langen Stunden im Krankenbett fällte ich eine Entscheidung: Sollte ich jemals wieder auf die Beine kommen, werde ich mehr auf mein Herz hören und voll auf die Musik setzen. Ich war sehr motiviert und fing früh an, erste Schritte zu machen – trotz Schmerzen. Nach zwei Wochen Reha konnte ich nach Hause, wo meine kleine Tochter auf mich wartete. Aisha herumzutragen, mit und ohne Kindersitz, war Teil meines strikten Trainingsprogramms. Nach zwei Monaten konnte ich wieder richtig gehen, was in den Augen meines Arztes an ein Wunder grenzte.
Haben Sie noch Schmerzen?
Ja, jeden Tag, doch es ist ein süsser Schmerz, denn ich freue mich, dass mir grössere Beeinträchtigungen erspart geblieben sind. Ein Bein ist zwar kürzer, was ich mit einer Einlegesohle ausgleiche, und das Becken steht etwas schief.
Sie sind jung Vater geworden und nicht mehr mit der Mutter zusammen. Das legt die Vermutung nahe, dass es nicht geplant war.
Stimmt, ich war 25, als Aisha zur Welt kam, aber ich bin dankbar, dass ihre Geburt und der Unfall mich zu einem neuen Menschen gemacht haben. Mir wurde bewusst, was meine Prioritäten im Leben sind – meine Karriere und meine Tochter. In den ersten drei Jahren ihres Lebens verbrachte ich so viel Zeit mit ihr wie kaum ein anderer Vater. Die kurzen Nächte mit ihr gaben mir mehr Energie als die langen ohne sie.
Wie verbringt Aisha am liebsten Zeit mit Ihnen?
Wir gehen gerne baden, was allerdings schwieriger geworden ist, seit ich mehr erkannt werde. Auch sonst ist Aisha mir sehr ähnlich, macht gerne Musik und liebt das Töfffahren.
Sie fahren wieder Motorrad?
Ja. Ich will mir das nicht nehmen lassen, aber ich fahre vorsichtig.
Weshalb sind Sie wieder Single?
Aishas Mutter und ich liebten uns, doch das Zusammenleben funktionierte nicht, weil wir zu unterschiedliche Ansichten haben. Wir sind trotzdem freundschaftlich verbunden. Ihr Wohl ist mir genauso wichtig wie mein eigenes. Schliesslich hat sie unsere Tochter geboren, das grösste Geschenk der Welt für mich.
Hätten Sie momentan überhaupt Zeit für eine Beziehung?
Ich bin auch ohne Partnerin glücklich. Liebe kann ich auch in der Familie, unter Kollegen und vor allem mit meiner Tochter erleben.
Ihr Sommerhit «Adios» wurde bei den Swiss Music Awards zum Song des Jahres gewählt und hat sogar «079» von Lo & Leduc ausgestochen. Wie erklären Sie sich das?
Vermutlich konnte ich mit meinem Auftritt mehr Leute überzeugen und motivieren, eine SMS für mich zu schicken. Das hat mich riesig gefreut, aber das ändert für mich nichts daran, dass «079» mit 140 000 Verkäufen der Hit des Jahres 2018 war.
Wie setzt sich Ihr Publikum zusammen?
Bei meinen Konzerten liegt der Frauenanteil bei 80 bis 90 Prozent, aber die Männer holen auf. Ich finde es schön, dass sie den Mut haben, sich zu dieser Art von Musik zu bekennen.