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Neu im Kapitel «Über Film und die Welt»
«Dune» (Das Scheitern des Jodorowsky-Films.)
Neu im Kapitel «Über Film und die Welt»
«Dune» (Das Scheitern des Jodorowsky-Films.)
1965 Buch «Dune (Der Wüstenplanet)» von Frank Herbert (1920-1986).
(Jodorowsky 1929* in Chile.)
1975 Alejandro Jodorowsky, Vorarbeiten von 2 ½ Jahren zum Film «Dune». Das Projekt kann nicht realisiert werden.
1978 kaufte Dino De Laurentis die Rechte zur Verfilmung.
1984 wurde der Film «Dune» von David Lynch herausgebracht. (Der Film von Lynch dauerte etwa 3,5 Stunden, wurde aber vom Produzenten fast auf zwei Stunden zusammengeschnitten.)
Eine 3-Stunden-Fernsehfassung des Films besteht ebenfalls aus dem Filmmaterial von David Lynch, der sich von dieser Version distanzierte und forderte, dass sein Namen aus dem Vorspann entfernt wird. An seiner Stelle erschien der (für solche Situationen) erfundene Name Alan Smithee.
2000 erschien in drei Teilen die Fernsehserie «Dune» des Regisseurs John Harrison.
2021 Film «Dune» von Denis Villeneuve.
In Verbindung mit diesem Film wurde eine Neuübersetzung des Buches von Frank Herbert herausgebracht.
2013 hat Frank Pavich «Jodorowskys Dune» realisiert, eine filmische Dokumentation zum Scheitern dieses Filmprojekts.
Ich habe den Eindruck, dass sich Pavich mit seiner filmischen Dokumentation blindlings auf Jodorowsky Seite stellt – ihn als Opfer darstellt.
Ich vermute, dass mich der Film «Dune» nicht besonders angesprochen hätte, wenn er nach Jodorowskys Vorstellungen realisiert worden wäre.
Auch scheint mir, dass die Personen, die sich in Pavichs Film zum Projekt äussern, mögliche Einwände verschweigen (oder dass dieser Teil ihrer Aussagen von Pavich weggelassen wurde).
* * *
Pavichs Dokumentation wird hier nicht nacherzählt; interessant schien mir, wie und warum Jodorowskys Realisierung des Films scheiterte – über das konkrete Projekt hinaus.
Entsprechend habe ich mich bestimmten Aussagen zugewandt, bin über einzelne Themenkreise hinweggegangen. Dies wird auch durch die von mir erwähnte Dauer der einzelnen Filmteile deutlich – am klarsten von 0.16.00 – 1.01.40.
* * *
Viele Texte aus Pavichs Dokumentation (der deutsch übersprochenen Fassung) sind gekürzt. Einzelne Textstellen fehlen, weil die deutschen Texte unverständlich waren, teils zu stark von den Original-Sprachen konkurrenziert.
0 Min. - 4.20 Min.
Prolog – Aussagen von Alejandro Jodorowsky zu seinem Filmprojekt:
Worum geht es im Leben? Darum, sich eine Seele zu erschaffen. Für mich sind Filme mehr eine Kunstform, als ein Geschäft. Es geht darin um die Suche nach der Seele des Menschen, so wie auch in der Malerei, der Literatur und Poesie. Das sind Filme für mich.
Ich wollte einen Film drehen, der den Menschen, die damals LSD nahmen, die Halluzinationen der Droge verschafft, ohne dass sie dabei halluzinieren. Ich wollte nicht, dass LSD genommen wird, ich wollte die Wirkung der Droge nachahmen. Dieser Film sollte das Leben der Zuschauer verändern.
An «Dune» ging ich mit einem enormen Ehrgeiz heran. Ich wollte damals einen Propheten erschaffen, um die Denkweise der Jugend weltweit zu verändern. Ich betrachtete «Dune» als die Ankunft eines Gottes auf Erden – eines künstlerischen – eines Gottes der Leinwand.
Es ging mir nicht nur darum, einen Film zu drehen, es ging um etwas Tieferes. Ich wollte etwas Heiliges erschaffen, etwas Freies – wollte mit neuen Perspektiven den Geist öffnen. Ich fühlte mich damals wie in einem Gefängnis – mein Ego, mein Intellekt – beides wollte ich öffnen. Und so begann ich meinen Kampf, um «Dune» zu drehen.
4.20 – 7.00 Min.
«Jodorowskys Dune» Titel der filmischen Dokumentation von Frank Pavich.
Aussagen verschiedener Personen zur Wichtigkeit, die sie Jodorowskys Filmprojekt beimessen:
Michel Seydoux (Produzent). Nicolas Winding Refn (Filmregisseur). Richard Stanley (Filmregisseur). Devin Faraci (Filmkritiker). Chris Foss (verantwortlich für das Erscheinungsbild der Raumschiffe in Jodorowkys Projekt).
Ausgewählte Aussagen:
Seydoux: Man musste leicht wahnsinnig sein, um das zu tun. Es gibt kein Meisterwerk ohne Wahnsinn, auch von Pink Floyd, Dali, Orson Welles oder anderen. Vielleicht gab es in «Dune» zu viel davon; doch ein Film ohne ein Quäntchen Wahnsinn wird niemals die ganze Welt erobern.
Stanley: «Dune» ist wohl der beste nie gedrehte Film aller Zeiten. Er beeinflusst uns immer noch und wird auch künftige Generationen beeinflussen, obwohl wir ihn nicht ausleihen und ansehen können.
Refn: Was wäre, wenn der erste Film dieses Genres «Dune» statt «Star Wars» gewesen wäre? Würden die Kassenschlager dann heute anders aussehen?
7.00 – 13.15 Min.
1962. Jodorowsky: Anfangs habe ich Theater gemacht. In Mexiko habe ich hundert Theaterstücke inszeniert. Zehn Jahre lang habe ich Avantgarde-Theater gemacht, Ionesco, Becket, Strindberg, moderne Adaptationen von Shakespeare. Ich wusste, eines Tages drehe ich einen Film.
1967. Film «Fando y Lis».
Faraci (Filmkritiker): Von Beginn seiner Filmkarriere an trieb er die Leute in den Wahnsinn. Sein erster Film «Fando y Lis» wurde am Filmfestival in Acapulco aufgeführt, worauf es zu einem Aufstand kam. Der Film war derart verrückt, dass er in Mexiko verboten wurde.
1970. Film «El Topo».
Der französische Produzent Seydoux bringt den Film in Frankreich heraus. Ein Erfolg. Eine Freundschaft entsteht zwischen ihnen.
1973. Film «Der Heilige Berg».
Seydoux bringt «Der Heilige Berg» in Europa heraus. Auch ein Erfolg. Seydoux will mit Jodorowsky einen Film drehen: «Mach was immer du willst. Ich würde alles von dir machen.»
Jodorowsky: Ich sagte «Dune» und er antwortete «Gut».
Seydoux: Warum – weil es der schönste SF-Roman war, die Bibel der grossen Liebhaber fantastischer Literatur. Der Roman war weltweit erfolgreich, wurde überall verlegt.
Jodorowsky: Ich hatte «Dune» nicht gelesen, hatte gehört, es sei fantastisch – ich hätte mich auch für Don Quichotte entscheiden können oder für Hamlet oder für sonst einen Roman, doch ich sagte «Dune».
13.15 – 14.20 Min.
Zusammenfassung der Handlung des Buches durch Drew McWeeny (Filmkritiker): Die Handlung spielt auf einem Wüsten-Planeten, auf dem die Substanz Spice gefunden wird, eine bewusstseinserweiternde Droge und eine der begehrtesten Resourcen im Universum.
Stanley: Deshalb ist dieser Planet von grösster strategischer Bedeutung, quasi die galaktische Version von Afghanistan.
Skizzen aus dem Story-Board von «Dune», dessen zentrale Figuren. Dazu eine Zusammenfassung der Handlung durch McWeeny:
Natürlich passte die Idee mit Spice, das Zeit und Raum öffnet, wie nichts anderes in die Zeit. Deshalb ist es ein ungewöhnlicher Hollywood-Film – es ist verrückt, dass sich Hollywood überhaupt mit «Dune» befasste.
Jodorowsky: Hollywood überliess uns die Filmrechte des Buches kostenlos und lachte uns bestimmt insgeheim aus, weil alle dachten, wir könnten so ein Projekt nie realisieren.
14.20 – 16.00 Min.
Jodorowsky schrieb das Drehbuch in Frankreich.
Jodorowsky: Das Drehbuch-Schreiben war ein enormes Abenteuer. () Du musst, eine andere Welt erschaffen, eine optische Welt, die unterscheidet sich von der literarischen, auditiven Welt. Ständig versuchte ich, selbst in kleinsten Details, die spirituelle Bedeutung des jeweiligen Bildes herauszufinden.
Schliesslich ist mein Drehbuch fertig. - Nun muss ich Mitstreiter finden – Krieger, um es umzusetzen. Jede Person, die an diesem Film mitwirkt, soll ein spiritueller Krieger sein. Und ich werde die besten finden.
16.00 – 1.01.40
Ausführliche und eindrückliche Schilderungen von Jodorowsky, wie er die Mitstreiter für sein Filmprojekt gewann:
Jean "Moebius" Giraud (Storyboard, Kamera-Einstellungen, Kostüme), Chris Foss (Entwerfer der Raumschiffe), Dan O'Bannon (Spezialeffekte), HR Giger (Entwerfer des Harkonnen-Reiches). Für die Musik sagten die Gruppen Pink Floyd und Magma zu. Als Darsteller David Carradine (als Leto), Salvador Dalí (als Imperator), Amanda Lear (als Prinzessin Irulan), Mick Jagger (als Feyd-Rautha), Udo Kier (als Piter De Vries), Orson Welles (als Baron Harkonnen) und Brontis Jodorowsky (als Paul, Sohn von Leto und Jessica).
Jodorowsky: Aus dieser spirituellen Liebe schuf Leto seinen Sohn Paul. Paul war ein Junge, aber kein normaler - ein Mutant mit einer grossen Seele und Stärke.
Wo finde ich diesen Jungen? Ich nehme meinen Sohn Brontis.
Stark komprimierte Aussagen:
Jodorowsky: Ich hatte schon in «El Topo» mit meinem Sohn Brontis gearbeitet. Jetzt sagte ich: Du spielst Paul, aber dafür musst du zum Krieger werden.
Brontis Jodorowsky: Eines Tages sagte er, wir machen «Dune» und du wirst die Rolle des Paul spielen. Darauf musst du dich vorbereiten.
Jodorowsky: Ich habe meinen Sohn exakt so auf die Rolle vorbereitet wie Herzog Leto seinen Sohn vorbereitet hatte.
Brontis Jodorowsky: Er sagte, du musst Karate lernen und Akrobatik und dein Geist muss sich enorm entwickeln – du musst ein Genie werden. Er wollte, dass ich wie die Figur im Film werde.
Jodorowsky: Ich fand einen Lehrer für ihn, Jean-Pierre Vignau (asiatische Kampfkünste).
Vignaux: Als wir anfingen, war er zwölf. Ich trainierte ihn während zwei Jahren, sechs Stunden täglich.
Jodorowsky: Ich sagte, ich hätte nur Brontis Kreativität geweckt, seinen Geist geöffnet. Ich weiss nicht, ob das sein Leben verändert hat. Heute frage ich mich, warum ich das getan habe, warum ich meinen Sohn geopfert habe. Doch damals dachte ich, wenn ich einen Arm abschneiden muss, um diesen Film zu machen, dann tue ich es. Ich glaubte, einen Film zu drehen, der den Geist der Jugend verwandelt, sei etwas Heiliges. Dafür müsste man Opfer bringen. Ich war sogar bereit, dafür zu sterben.
* * *
Innerhalb der langen und ausführlich beschriebene Suche nach seinen Mitstreitern ist ein Text eingeschoben, in dem Jodorowsky davon spricht, wie er ihnen das Gefühl gab, nicht bloss an einem Film zu arbeiten, sondern an etwas Wichtigem für die Menschheit. «Ich suchte nach dem Genius in den Menschen – mit enormem Respekt – ich fütterte sie jeden Tag, damit sie ihr Bestes geben können.» Jeden Morgen hielt er eine Ansprache, wie ein Trainer zur Mannschaft vor einem Spiel, um allen zu sagen, tut was ihr tun müsst, denn das wird ein grosses Ding.
Es gibt zwar in der Geschichte auch weibliche Figuren. Doch von den Darstellerinnen spricht Jodorowsky kaum und auch Mitarbeiterinnen werden von ihm nicht erwähnt. Amanda Lear war zu dieser Zeit die Partnerin von Dalí, und dieser verlangte, dass sie eine Rolle im Film bekommen muss.
1.01.40 – 1.05.00
Jodorowsky ändert das Ende
von Frank Herberts Geschichte.
Bildfolge der Schlussszene aus dem Storyboard, in welcher dargestellt wird, wie Paul umgebracht wird.
Jodorowsky und sein Sohn Brontis im Bild. Sie erzählen.
Jodorowsky: Als Paul getötet wird, stirbt er nicht, denn der Messias ist die ganze erleuchtete Menschheit. Am Ende ist sein Geist der Geist jedes Menschen – er ist ein plurales Wesen: «Ich bin die Anderen, die Anderen sind ich.»
Brontis Jodorowsky: Indem der Held kurz vor dem Ende getötet wird, öffnet man die Möglichkeit, sich selbst kennenzulernen. Man identifiziert sich nicht mit dem Helden als Figur, sondern auch mit einem universellen Bewusstsein. Er stirbt körperlich, und wird zu allen anderen.
Jodorowsky: Und als die ganze Menschheit erleuchtet wird, verwandelt sich die Erde. Aus dem Planeten aus Sand beginnen Pflanzen zu wachsen, Tiere – er wird zum Paradies. Dune ist der Messias der Planeten, denn er hat ein Bewusstsein. Der Planet hat Pauls Bewusstsein und reist durchs Bewusstsein, um die anderen Planeten zu erleuchten.
Ich habe das Ende des Buchs geändert. Im Buch geht alles weiter, der Planet verändert sich nicht – er ist nicht mit einem kosmischen Bewusstsein erwacht, er ist kein messianischer Planet. Das war meine Idee, meine Version war anders.
Wenn du einen Film drehst, darfst du keinen Respekt vor dem Roman haben.
1.05.00 – 1.11.25
Das Scheitern der Produktion
des Jodorowsky-Films.
Im Bild das Storyboard-Buch zum Film «Dune».
Seydoux (Produzent): Es war so ein schönes Objekt. Sehr gut gemacht. Damals gab es noch keine Fotokopien, also waren Fotos jeder Zeichnung drin, in Farbe.
Jodorowsky: Jedes (Produktions-)Studio hat ein solches (Storyboard-)Buch. Allen hat Michel Seydoux ein solches Buch überreicht.
Seydoux: Ich hielt das für einen guten Ansatz, weil ich mir sagte, es besteht gegenüber von Jodorowsky ein Misstrauen, aber wenn wir ihnen zeigen, wie wir die Kamera einsetzen, ihnen jede Einstellung erklären und die Art und Weise wie wir drehen wollen, das müsste sie zufriedenstellen. Hat es aber nicht – es war nicht genug.
Gibon (Ko-Produzent): In Los Angeles war ich skeptisch. Wir haben mit den Amerikanern zuweilen schwierige Beziehungen, jedenfalls damals.
Seydoux: Wir waren kurz vor dem Ziel, mussten bloss noch die letzten 5 Millionen Dollar auftreiben. Die Kosten lagen bei geschätzten 15 Millionen.
Gibon: Wir wurden vom Vorstandsvorsitzenden der Walt-Disney-Studios eingeladen. Er sah sich das Projekt an und sagte: «Das ist ein wunderbares Projekt, aber es ist wie die Concorde, ein aussergewöhnliches Flugzeug, doch nichts für hier.» Da wurde mir klar, dass wir eine Menge Probleme bekommen werden.
Stanley (Film-Regisseur): Hollywood bevorzugt Dinge, die wie zwei andere aktuelle Filme sind – wenn du denen beibringen kannst, es sei wie eine Mischung aus Jurassic-Parc und Twilight oder Hobbit und Killing Fields, erreichst du mehr, als wenn du mit einem komplexen Stoff aufwartest, der eine gewisse Doppeldeutigkeit hat. Und bei einem Film mit spirituellen und metaphysischen Ideen bekommen die Studios meistens kalte Füsse.
Seydoux: Wir wurden immer sehr korrekt und sehr höflich empfangen, aber bekamen immer wieder dieselbe Antwort. Von unserem Buch waren sie sehr beeindruckt, so was hatten sie noch nie gesehen. Jedesmal hiess es: «Das ist grossartig, es ist derart gut aufgebaut. Sie haben die technischen Probleme der Spezialeffekte gelöst. Das ergibt wirtschaftlich Sinn, aber wir verstehen ihren Regisseur nicht.»
Stanley: Sie können dieses Material gar nicht bewerten, denn die meisten dieser Typen sind Buchhalter, Money Men, die wissen wollen, was unter dem Strich rauskommt.
Jodorowsky: Hollywood hatte keine wirkliche Vision für Science-Fiction. Es gab «2001 – Odyssee im Weltraum», aber einen abendfüllenden Film mit vielen Spezial-Effekten, der Millionen Dollar kostet, passte nicht ins Konzept.
Seydoux: Vielleicht war der Film auch ein wenig zu lang.
Jodorowsky: Sie fragten, ob ich den Film auf kinofreundliche anderthalb Stunden kürzen könnte. Ich sagte: «Nein – wozu Zeitvorgaben – ich mache einen 12 oder 20 Stunden langen Film.»
Gary Kurtz, Produzent Star Wars: Es gab Befürchtungen, dass der Film das Budget deutlich überschreitet und keine Zuschauer findet, weil sich niemand einen solch langen Film antun will. Solche Dinge sollten zumindest mal besprochen werden, bevor man eine Präsentation macht. Irgendjemand hätte wissen müssen, dass bei allen Studios die Alarmglocken läuten würden, weil der Film derart bizarr war.
Seydoux: Jodorowskys extravagante Seite, vorallem nach "Der heilige Berg" und "El Topo" nahm ihnen den Mut, dieses höchst ehrgeizige Projekt anzugehen. Mitte der Siebziger-Jahre waren 15 Millionen Dollar wirklich eine Menge Geld. Und so lautete ihre Antwort, sie fänden alles perfekt, alles sei genial, bis auf den Regisseur.
Jodorowsky: Du musst wie ein Poet sein, der Film muss genauso werden, wie du ihn dir ausdenkst und wie du ihn haben willst – du lässt keine Änderungsvorschläge von irgendwelchen Leuten zu – Nein. Der Film muss genau so sein, wie ich ihn träume – er ist ein Traum – ändert meinen Traum nicht!
Nicolas Refn (Filmregisseur): Ich glaube ernsthaft, dass in Amerika niemand den Film machen wollte, weil alle Angst vor Jodorowsky hatten. Sie hatten Angst vor seiner Fantasie, vor seinem Geist und vor dem, was das mit ihnen anstellen würde – deshalb ist der Film nie entstanden.
Jodorowsky: Dieses System macht uns zu Sklaven, ohne Würde – mit einem Teufel in unseren Taschen, mit diesem unglaublichen Geld in unseren Taschen, diese Scheisse – das ist nichts. Filme haben ein Herz, sie haben einen Geist, sie haben Macht, sie haben Ehrgeiz.
«Warum wollen Sie so was machen?» Warum auch nicht!
Stimme von Dan O'Bannon: Der Film wurde gecancelt, als die gesamte Planung auf Papier bereits erledigt war und wir bereit waren, die Kulissen zu bauen.
Witwe von Dan O'Bannon: Wir machten eine Pause, bevor wir zu den Dreharbeiten nach Algerien aufbrachen. Dan wurde zurückgeschickt für irgendwelche Recherchen, als der Anruf kam, alles sei vorbei – kein Geld. Er drehte total durch. Sein ganzer Besitz war in Paris. Er hatte sein Auto verkauft und lungerte etwa zwei Wochen auf unserem Sofa herum, indem er alle in den Wahnsinn trieb.
1.11.20 – 1.12.50
Foss: Eine absolute Katastrophe. Das wäre ein aussergewöhnlicher Film geworden.
Brontis Jodorowsky: Natürlich war ich enttäuscht. Wäre der Film entstanden, hätte sich ein Traum verwirklicht, mein Leben hätte ganz anders verlaufen können.
Jean-Pierre Vignau: Ich war sehr enttäuscht, weil wir alle daran geglaubt hatten – ich jedenfalls.
Brontis Jodorowsky: Alejandro war sehr verletzt, sehr enttäuscht. Das war für ihn ein grosses Fiasko.
Gibon: Das ist meine Interpretation, aber ich glaube, er hatte keine Lust mehr nach diesem absoluten Herzensprojekt, etwas anderes zu tun. Jedenfalls ist das mein Gefühl.
Seydoux: Eine Demütigung, die Alejandro angetan wurde, indem er eliminiert wurde, weil er zu originell, zu surrealistisch war, ist ein nicht mehr gutzumachender Schaden. Das trägt er sein ganzes Leben mit sich herum.
HR Giger: Ich war überzeugt, dass es etwas Tolles geben würde, aber dann kam die – die Laurentis-Tochter hat uns das Projekt weggenommen und David Lynch (zur Realisierung) gegeben.
Ein erster Versuch von Dino De Laurentis war misslungen, Ridley Scott hatte die Dreharbeiten abgebrochen, David Lynch übernahm die Realisierung des Films (ohne das Recht auf die finale Schnittfassung).
1.12.50 – 1.15.40
Filmplakat für den Film «Dune» von Lynch: «Das Filmereignis auf das Sie gewartet haben. Ab Weihnachten in ausgewählten Kinos.»
Jodorowsky: Als ich hörte, dass David Lynch den Film drehen wird, () schmerzte mich das, denn ich bewundere David Lynch. Der kann so was. Er war damals der Einzige, der so was konnte und er würde es tun. Etwas, das mein Traum war, den jemand anders umsetzen würde, vielleicht besser als ich.
Als der Film gezeigt wurde, sagte ich, ich schaue ihn mir nicht an, das würde mich umbringen. Doch meine Söhne sagten: «Doch, wir sind Krieger, du musst mitkommen und ihn dir ansehen.» Sie schleppten mich wie einen Schwerkranken ins Kino.
Ich dachte, ich müsste weinen, doch als der Film anfing, wurde ich nach und nach immer glücklicher, weil der Film so fürchterlich schlecht war – ein Fiasko!
Das ist eine menschliche Reaktion, das ist nicht schön, aber so habe ich nun mal reagiert. Ich sagte, das kann nicht sein, das ist nicht David Lynch, denn er ist ein grosser Künstler – der Produzent hat den Film verhunzt.
Seydoux: Ich habe den Film bis heute nicht gesehen.
Stanley: Jodorowsky war seiner Zeit voraus. Das grosse Problem war wohl, dass er viele Ideen einbrachte, zu deren Umsetzung Jahrzehnte nötig waren. Wenn du das Bewusstsein des Publikums verändern willst und das der Hollywood-Bosse und die ganze Ökonomie, musst du extrem vorsichtig sein – so wie der Planetologe in Dune – so was dauert Tausende von Jahren.
Solche Ideen können eventuell ganz langsam in das System sickern.
Tatsächlich würde es noch viele Generationen dauern, bis Filme die Ebene erreichen, die Jodo sich wünscht.
Jodorowsky und Sohn Brontis im Bild.
Jodorowsky: Aus diesem angeblichen Scheitern entstand eine Menge an Schöpfung. Wenn im Leben etwas auf dich zukommt, sagst du Ja – geht etwas weg, sagst du Ja. Wir machen «Dune» nicht – Ja. Was heisst Ja? Wir machen ihn nicht – na und?
«Dune» ist in der Welt wie ein Traum, aber auch Träume verändern die Welt.
1.15.40 – 1.20.00
Elemente aus Jodorowskys Story-Board wurden in verschiedensten Filmen verwendet.
Brontis: Dem Film wurde die Kehle durchgeschnitten, der Film wurde nicht gedreht. Er wurde getötet. Aber in manchen Filmen kann man hören: «Ich bin Dune!» «Ich bin Dune!»
Seydoux: Es war wohl eine Anleitung für gewisse Andere. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass das Storyboard in den Hollywood-Studios die Runde machte. Das muss so sein und ich stelle es mir gerne vor – man muss immer positiv sein.
Laut den Filmkritikern Drew McWeeny und Devin Faraci haben sich Filmregisseure aus dem Dune-Storyboard bedient. Abwechslungsweise sind Darstellungen aus dem «Dune»-Storyboard und Szenen aus später realisierten Filmen zu sehen:
Star Wars.
Terminator.
Flash Gordon.
Jäger des verlorenen Schatzes.
Masters of the Universe.
Contact.
Prometheus.
und etwas später: Alien.
Faraci: Beispiele, wie ein nie realisierter Film seine Fingerabdrücke hinterlässt.
* * *
Jodorowsky: Giger hat das Monster in Alien erschaffen. Warum – weil O'Bannon «Alien» erschaffen hat.
Hollywood begann sich unserer Gruppe zu bedienen: Dan O'Bannon, HR Giger, Jean «Moebius» Giraud, Chris Foss.
Faraci: «Dune» ist wie ein gewaltiger Asteroid, der die Erde um Haaresbreite verfehlt, aber es schafft, sie mit seinen wundervollen Sporen zu befruchten. ()
Refn: Viele verwenden seine Bilder und Ideen für ihre eigenen Projekte. So verweist letztlich alles auf Jodorowsky.
1.20.00 – 1.23.50
Jodorowsky nach seinem gescheiterten «Dune».
Stanley: Wenn du bei einem solchen Vorhaben mitarbeitest, um ein solches Monstrum zum Leben zu erwecken, und erhältst keine Chance, es zu verwirklichen, dann lebt es in deinem Kopf weiter. Lässt man dich so eine solche Geschichte nie umsetzen, kann sie sich festsetzen und dich den Rest deines Lebens im Traum verfolgen, es sei denn, du kannst sie rauslassen.
Jodorowsky: Moebius fragte mich, was wirst du tun? Wirst du sterben? Nein, ich werde nicht sterben. Einen anderen Weg einschlagen.
Unser «Dune» hat seine Wurzeln in Frank Herberts Roman, aber dieses «Dune» gehört uns. Es ist eine Vision, eine Kreation. Deshalb nutze ich das, was ich in Dune reingesteckt habe, um Comics zu erschaffen.
Ich fragte Moebius, warum machen wir keinen Comic daraus?
Viele Bilder aus «Dune» finden sich in unserem Incal-Zyklus wieder.
Dann stiess ich auf den Hispano-Argentinier Juan Jimenez. Alle Raumschiffe, die ich für Dune gestaltet habe, finden sich in seiner Comic-Serie. Alles habe ich darin verwendet, als würde ich drehen. «Dune» war nur ein Anfang, dann ging ich weiter. Ich machte weiter und vollendete mein Werk.
«Dune» wird bestimmt fantastisch, wenn jemand dieses Script nimmt – auch wenn ich nicht mehr am Leben sein sollte – um daraus einen Animationsfilm zu machen – heute ist das möglich. Selbst wenn ich tot bin, kann jemand einen Film machen.
* * *
Alejandro Jodorowsky und Brontis Jodorowsky im Bild.
Jodorowsky: Ich bin 84, aber immer noch kreativ, ich bin kein Tattergreis. Ich war mein Leben lang kreativ und erschuf immer mehr. Der Geist ist wie ein Universum, breitet sich ständig aus, genau wie das Universum. Du öffnest deinen Geist und zwar jeden Tag. Das war meine Vision, den Geist aller Menschen zu öffnen, die daran mitgearbeitet haben, von den Produzenten, den Künstlern bis zu den Technikern. Allen sollte dieses Werk den Geist öffnen. Das war ehrgeizig, das schon, aber nicht zu sehr.
Ich selbst habe den Ehrgeiz, 300 Jahre alt zu werden. So lange werde ich nicht leben - vielleicht noch ein Jahr, aber ich habe den Ehrgeiz dazu. Weshalb sollte man nicht ehrgeizig sein? Sei so ehrgeizig wie nur möglich. Du willst unsterblich sein? Kämpfe darum – auf geht’s, do it!
Du willst die grossartigste Kunst im Film erschaffen – versuch es!
Ob du scheiterst ist unwichtig – wir müssen es versuchen.
1.23.50 – 1.24.30
Ein nächster Film.
Eine Folge von Schrifttafeln:
Nach «Dune» gingen Alejandro Jodorowsky und Michel Seydoux getrennte Wege.
35 Jahre später trafen sie sich bei den Dreharbeiten zu dieser Dokumentation wieder und beschlossen zusammen einen weiteren Film zu machen. «La Danza de la Realidad» ist Jodorowskys erster Film seit 23 Jahren. Er inszeniert seinen Sohn Brontis und der Film wird 2013 am Festival von Cannes uraufgeführt.
1.24.30 – 1.26.20 Nachspann.
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