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Marianne Zelger-Vogt, Neue Zürcher Zeitung (29.12.2009)
Gioachino Rossinis «Barbiere di Siviglia» im Zürcher Opernhaus
Wer spielt eigentlich die Hauptrolle in Gioachino Rossinis «Barbiere di Siviglia»? Der alte Doktor Bartolo, der sein junges Mündel Rosina heiraten will? Der Graf Almaviva, der zuerst als Soldat und dann als geistlicher Musiklehrer verkleidet um Rosina wirbt? Rosina selbst, die dieses Spiel schnell durchschaut und tatkräftig mitwirkt bei ihrer Befreiung aus den Fängen des tyrannischen Vormunds? Oder halt doch der pfiffige Barbier Figaro, nach dem das Stück benannt ist? Alles falsch, jedenfalls in den Augen des Regisseurs Cesare Lievi, der das Meisterwerk unter Rossinis Opere buffe im Zürcher Opernhaus neu in Szene gesetzt hat.
Für Lievi ist der Motor der Komödie das Geld. Bartolo will Rosina heiraten, weil er es auf ihr Vermögen abgesehen hat, Almaviva kommt ans Ziel, weil er über das nötige Kleingeld und Beziehungsnetz verfügt: da eine generöse Belohnung für den Chor, der der Angebeteten ein Ständchen bringt, dort ein Schweigegeld für den unverhofft von seinem fiktiven Krankenbett auferstandenen Don Basilio, für den Offizier der Wache ein Ausweispapier, für Basilios Unterschrift auf dem Heiratskontrakt einen Ring und für den tüchtigen Helfer Figaro am Schluss einen ganzen Geldregen, derweil sich Almaviva als goldglänzender Midas entpuppt.
Und die Liebe, deretwegen all das Geld in Umlauf gebracht wird? In Almaviva sieht Lievi mehr den abenteuerlustigen Eroberer als den Liebhaber (er denkt dabei wohl an die Fortsetzung der Beaumarchais-Trilogie mit der «Hochzeit des Figaro»), und Rosina ist für ihn ein lebenslustiges Mädchen, das vor allem Freiheit sucht. Dieser unromantisch sachlichen Lesart entspricht Mario Bottas Bühne. Der Tessiner Architekt bringt sich bei seiner ersten Opernarbeit (nach zwei Zürcher Ballettproduktionen) mit einer Konstruktion von schrägen, betonfarbenen Türmen ein, die in bewegliche Segmente geteilt und auch als Videoprojektionsflächen verwendbar sind. Dazu hat er Mobiliar in Form von Design-Objekten entworfen. Als Inspirationsquellen dienten ihm das Bauhaus, die Zürcher Konkreten, Schlemmers Theaterfiguren und Picassos Gitarre. Zusammen mit Marina Luxardos teils poppig bunten, teils altertümlich verstaubten Kostümen ergibt das tatsächlich ein neues, von den zwei Vorgänger-Inszenierungen grundverschiedenes «Barbiere»-Ambiente.
Doch warm wird man mit dieser Produktion nicht, denn anders als bei seiner Winterthurer Inszenierung von Paisiellos «Barbiere»-Version scheint Cesare Lievi auch Rossinis Figuren distanziert gegenüberzustehen. Oder liegt es an dem allzu divergenten Ensemble? Da gibt es auf der einen Seite die bewährten, längst bekannten Routiniers, Carlos Chausson als einmal mehr den vertrottelten Alten mimenden, stimmlich nach wie vor aus dem Vollen schöpfenden Bartolo sowie Ruggero Raimondi als nun auch vokal merklich angegrauter Basilio, beide darstellerisch weit weniger pointiert als zuvor unter Grischa Asagaroffs Regieführung. Neu für Zürich ist Massimo Cavalletti in der Titelpartie, ein sehr von sich eingenommener, doch nicht eigentlich raffinierter Figaro, der vor allem auf Lautstärke setzt und es mit den schnellen Läufen nicht so genau nimmt. Bemerkenswert an diesem Barbier ist allerdings der Aluminiumkoffer, aus dem er die sonderbarsten Dinge zaubert, darunter ein endlos langer Giraffenhals.
Als Rollendebütantin figuriert die junge Mezzosopranistin Serena Malfi als Rosina. Sie bringt ein schönes, warmes Timbre und ein natürliches Spieltalent mit, doch trägt ihre Stimme sowohl in der Tiefe wie in der Höhe zu wenig, von der Koloraturfertigkeit und Nuancierungskunst ihrer prominenten Vorgängerinnen gar nicht zu reden. So bleibt als Lichtblick Javier Camarena als Almaviva. Sein Tenor hat nicht nur an Kraft und Fülle gewonnen, sondern auch an Virtuosität und Farbenreichtum, und sein komödiantisches Temperament behauptet sich selbst unter den erdrückenden Kostümen, die ihm Marina Luxardo verpasst hat. – Wieder, wie seit Jahrzehnten, steht Nello Santi am Dirigentenpult, doch auch seine «Barbiere»-Interpretation hat sich gewandelt. Will er mit seinen verlangsamten Tempi, den nachdrücklich gesetzten Akzenten und Farbtupfern der absurden Mechanik des Bühnengeschehens entgegenwirken? Orchester und Sängerensemble befanden sich an der Premiere jedenfalls nicht immer im Einklang, und manchmal schien sich der Grauschleier auf den Kostümen des Chores und der Alten (unter ihnen die sehr frisch klingende Berta von Rebeca Olvera) auch auf die Musik zu legen. An Beifall hat es trotzdem nicht gefehlt.