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In den deutschen Handschriften des Mittelalters und noch in den gedruckten Schriften des 15. Jahrhunderts bestand derselbe Brauch wie in den lateinischen und griechischen: nur das erste Wort des Satzes bez. der Reihe und der Eigenname wurde mit großen Anfangsbuchstaben geschrieben, so daß das Auge beim Ueberblicken der Schrift leicht und schnell den Beginn der Sätze und die Eigennamen herausfand. […] Wenn der Gebrauch der großen Anfangsbuchstaben von Haus aus keinen andern Zweck hatte und haben konnte, als die Aufmerksamkeit auf ein vor andern beachtenswerthes Wort hinzulenken, es vor denselben hervorzuheben, so leuchtet ein, daß die jetzige Verwendung derselben zweckwidrig ist. Sie ist vielmehr, gerade so wie die unglückliche Bezeichnung des Substantivs durch „Hauptwort“, geeignet, zu der irrigen Annahme zu verleiten, als habe das Substantiv in irgend einer Weise einen Vorrang vor den übrigen Wörtern im Satze zu beanspruchen.
eigennamengrossschreibung
= substantivkleinschreibung, gemässigte kleinschreibung
Gross geschrieben werden die satzanfänge, die eigennamen und die höflichkeitsfürwörter der dritten person.
Im weiteren gilt: ph → f, th → t, rh → r
Das ist der ursprüngliche brauch. (Bild: kirche zu Predigern, Zürich.)
So gilt es in allen sprachen, die unsere oder eine ähnliche schrift verwenden.
Die eigennamengrossschreibung aus der sicht des schreibers
Die eigennamengrossschreibung aus der sicht des lesers
Zitate
neu Wilhelm Wilmanns, Die Orthographie in den Schulen Deutschlands, 1887, s. 168
Es iſt beachtenswert, daß die älteren Grammatiker, auch wenn ſie dem ausgedehnten Gebrauch der großen Buchſtaben nicht günſtig ſind, ſich doch gleichmütig und gelaſſen über denſelben ausſprechen. So lange es eine freie und veränderliche Gewohnheit war, kam man nicht zum Bewußtſein, zu welchen Quälereien die regelmäßige Bezeichnung einer grammatiſchen Kategorie führen würde. Der einzige Friſch, der ſprachenkundigſte und einſichtigſte der älteren Grammatiker, ſpricht ſich mit voller Energie dagegen aus: „Wann unter allen Schreiber-Laſten, die man nach und nach den Einfältigen aufgebürdet hat, eine beſchwerlich iſt, und dabei ungegründet, ſo iſt es dieſe: Daß man alle Subſtantiva mit großen Buchſtaben ſchreiben müſſe“. Aber Friſch vermochte es nicht, den Strom zurückzuhalten; nach ihm kam Gottſched, der in ſeinem Gelehrtenſtolz mit Verachtung auf die Sprachlehrer ſchaute, „die uns, oder vielmehr nur dem Pöbel, das Schreiben dadurch zu erleichtern geſucht, daß ſie alles, was eine Schwierigkeit machen kann, wegzuſchaffen gelehret. Das hieße ja nach Erfindung des Getreides zu den Eicheln umkehren.“ Dieſe Anſchauungen ſiegten.
Ronald Lötzsch, sprachwissenschafter, 1997
Die mit dem »grammatischen Prinzip« motivierte Großschreibung der Substantive ist ein Anachronismus sondergleichen.
Heinrich Erdmann, Zur orthographischen Frage, 1874
Es gibt wohl nur hie und da einen orthographiſchen Sonderling, der für die großen Anſtäbe der Subſtantive noch eine Lanze zu brechen wagt.
Daß ohne irgend einen Nachtheil der Gebrauch, alle Dingwörter mit einem großen Anfangsbuchstaben zu schreiben, unterbleiben kann, erweist der Schriftgebrauch aller anderen europäischen Völker, welche, wie bis zum 16. Jahrhundert auch das deutsche Volk, außer den Eigennamen nur das erste Wort am Anfange eines Lesestückes und nach einem Punkte durch einen großen Anfangsbuchstaben zu dem Zwecke hervorheben, dem Lesenden den Ueberblick zu erleichtern.
W.-F. Schubert, 1817
Die gewohnheit, die hauptwörter mit grossen anfangsbuchstaben zu schreiben, hat gar keinen grund in der sprache selbst und beruht so wenig auf einer allgemeinen sicheren regel, dass wir in vielen fällen gar nicht wissen, wie wir schreiben sollen.
in lateinischen büchern blieben auszer den initialen nur die eigennamen durch majuskel hervorgehoben, wie noch heute geschieht, weil es den leser erleichtert. im laufe des 16 jh. führte sich zuerst schwankend und unsicher, endlich entschieden der misbrauch ein, diese auszeichnung auf alle und jede substantiva zu erstrecken, wodurch jener vortheil wieder verloren gieng, die eigennamen unter der menge der substantiva sich verkrochen und die schrift überhaupt ein buntes, schwerfälliges ansehen gewann, da die majuskel den doppelten oder dreifachen raum der minuskel einnimmt.
neu T. Kerkhoff, Die amtliche Rechtschreibung und eine deutsche Volksorthographie, 1929, s. 5, in antiqua
Eins der finstersten Kapitel in unſerer Orthographie ist die Großschreibung der Substantive. Erwieſenermaßen ist nicht einmal der gebildete Deutsche imstande, in jedem Falle zweifelsfrei fehlerlos zu schreiben. Das ist heute der Fluch einer harmloſen, aber in ihren Folgen böſen Tat, die fortzeugend nur böſes gebar. Fromme Mönche in den Klöstern begannen bei der Überfülle an Zeit, die ſie hatten, einzelne Buchstaben auszumalen, zu verschnörkeln, zu verzieren, Majuskeln (Großbuchstaben) zu schaffen und später ſolche zu verschiedenen Zwecken zu verwenden. […] und nur der Deutsche hat hernach das unbegreifliche Substantiv mit der Majuskeljacke herangezüchtet und quält alle Kinder mit dieſer unverdaulichen Frucht.
Leo Weisgerber, sprachwissenschafter, 1974
Eigennamen gehören nicht in derselben weise zum bestand einer bestimmten sprache wie wörter; es ist also zweckmässig, sie im zuge des geschriebenen zu signalisieren, und dafür sind grosse anfangsbuchstaben ein geeignetes mittel.
Heinrich Böll, deutscher schriftsteller, 1973
Eine sprache verliert weder an informationswert noch poesie, wenn sie — wie die englische und die dänische — von der gross- zur kleinschreibung übergeht.
H. C. Artmann, österreichischer schriftsteller, 1999
die kleinschreibung ist viel sinnlicher.
substantive gehören vom sockel gestossen und eingereiht, um material und geist in ein neues gleichgewicht zu bringen. nebenbei: auch elfriede jelinek setzt sich für die gleichwertigkeit aller wortarten ein. gegner der idee behaupten zwar, dann wisse keiner mehr, warum spinnen spinnen, was die sucht sucht oder wie man dichter dichtet. aber wäre es nicht ein neuer interpretationsspielraum für verkrustete gebrauchstexte? schliesslich haben schon die lieben genossen die liebe genossen und mit konsequenter kleinschreibung helfen wir auch den armen vögeln. es ist also ökologisch, sich mit brüsten zu brüsten.
Lukas Hartmann, Neue Zürcher Zeitung, 16. 8. 2004
Natürlich ist dies eine halbherzige Reform; natürlich hätte man entschieden weiter gehen und zum Beispiel die gemässigte Kleinschreibung einführen müssen.
neu Max Flückiger, Neue Zürcher Zeitung,
Dass die Bestrebungen zur Einführung der Kleinschreibung nun mit der amtlichen Absegnung einer modifizierten Grossschreibung aufgegeben würden, ist allerdings auf weitere Sicht kaum anzunehmen.