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Seit Beginn des iPhone-Projekts wird die Wahl des iPhones als Plattform für persönliche Smartphones in der Schule kritisiert. Neben den bereits diskutierten, eher auf der konkreten technischen Produktebene liegenden Fragen
gibt es kritische Fragen auf einer abstrakteren, längerfristigeren Ebene, welche die derzeitige Firmenpolitik von Apple betreffen.
iDevices als proprietäres, geschlossenes Ökosystem
Das iPhone, und alle derzeit mit dem iPhone OS laufenden Geräte aus dem Hause Apple (im folgenden der Einfachheit halber als iDevices bezeichnet) verwenden ein Betriebssystem, das technisch und lizenzrechtlich gewissen Einschränkungen unterliegt. Die Firma Apple definiert und kontrolliert was mit dem Gerät möglich ist und welche Software darauf laufen darf. Der AppStore von Apple ist der einzige legale Ort, um zusätzliche Programme auf iDevices zu laden. Die Firma Apple übt damit eine massive Gatekeeper-Funktion aus. Sie definiert nicht nur, welches Betriebssystem auf den iDevices läuft, sondern hat auch die ausschliessliche Kontrolle darüber, welche zusätzlichen Programme auf den iDevices laufen dürfen. Damit ist die Situation im Vergleich zu PCs massiv restriktiver geregelt. Obwohl die Firma Microsoft derzeit bei PCs sowohl bei den Betriebssystemen als auch bei Office-Programmen eine marktbeherrschende Stellung innehat, steht es allen PC-Nutzenden offen, sowohl alternative Betriebssysteme (wie z.B. Linux) oder beliebige Programme (z.B. OpenOffice) zu installieren.
Gesellschaftspolitische Perspektive
Zahlreiche Experten kritisieren diese dominante Gatekeeperfunktion der Firma Apple im Bereich des immer wichtiger werdenden Bereich des mobilen Internets. Prominenter Vertreter dieser Kritik ist Jonathan Zittrain, der im Jahr 2008 das Buch The Future of the Internet and how to stop it (siehe Biblionetz) veröffentlicht hat.
Zittrain vertritt darin die Ansicht, dass die letzten dreissig Jahre unter Umständen eine bald wieder verschwindende Phase der Offenheit von Informations- und Kommunikationstechnologie darstelle, wenn gesellschaftspolitisch kein Gegensteuer gegeben werde. Die ersten PCs hätten es erlaubt, dass Dritte Software entwickeln und (kostenlos oder gegen Entgelt) zur Verfügung stellen konnten. Geschlossene Netzwerke wie CompuServe oder AOL hätten sich nicht gegen das offene Netzwerk Internet behaupten können. Diese offenen Systeme hätten Innovation gefördert, weshalb sie Zittrain auch als generative Systeme bezeichnet. Bei generativen Systemen besteht keine zentrale Steuerung oder Kontrolle, offene Standards und Schnittstellen ermöglichen es theoretisch allen, Systeme weiter zu entwickeln und an eigene Bedürfnisse anzupassen, ein Gedanke der insbesondere von der Open Source-Community sehr hoch gehalten wird. (Die entsprechende Diskussion ist auch beim Erscheinen des iPad diesen Monat wieder aufgeflammt, siehe z.B. Cory Doctorow: “Why I won’t buy an iPad (and think you shouldn’t, either)” )
Im Bildungsbereich ist die OLPC-Initiative (One Laptop per Child) das Paradebeispiel für diese Überlegungen: Mit einem quelloffenen System sollen Entwicklung- und Schwellenländer nicht von proprietären Systemen von kommerziellen Unternehmen abhängig gemacht, sondern zur eigenen Weiterentwicklung der Systeme befähigt werden.
Zittrain sieht nun mit geschlossenen Systemen wie dem iPhone, der XBox aber auch Plattformen wie Facebook diese generative Offenheit gefährdet und bezeichnet diese geschlossenen Systeme auch als gated communities des cyberspace. Diese geschlossenen Systeme würde Innovationen behindern und insbesondere die Kontrolle über diese in der Gesellschaft immer wichtiger werdenden Ökosysteme wieder in die Hand einzelner Grosskonzerne legen.
Gewisse Kritiker sehen nun im iPhone-Projekt einen gefährlichen Hinweis auf eine falsche Tendenz im Schulbereich. Die Schule erfordere Offenheit und es sei eine gefährliche Entwicklung, zunehmend geschlossene Systeme im Bildungsbereich einzusetzen.
Informatik-didaktische Perspektive
Neben diesen gesellschaftspolitischen Überlegungen bestehen auch informatik-didaktische Überlegungen (die schlussendlich aber ebenfalls einen gesellschaftspolitischen Hintergrund haben): Geschlossene Systeme wie das iPhone würden die Menschen zu reinen Bedienerinnen und Bedienern der Geräte degradieren, da eine eigene Programmierung praktisch verunmöglicht werde. Während früher interessierte Jugendliche auf dem eigenen Computer Programme entwickeln und so ihr Interesse an Informatik entdecken konnten, werde dies mit den zunehmend geschlossenen Systemen immer schwieriger. Der Informatik-Professor Mark Guzdial (siehe Biblionetz), u.a. prominenter Mitentwickler von Squeak, der Programmierumgebung für Kinder, fragte deshalb Mitte 2009 besorgt, welche Auswirkungen der Werbespruch There’s an app for that auf das Informatikinteresse von Kindern und Jugendlichen haben werde. Seine Sorge wird von anderen Informatik-Didaktikern (z.B. hier) geteilt, die ebenfalls befürchten, dass niemand mehr hinter die Kulissen von ICT blicken wolle, aber auch gar nicht mehr könne.
Auftrieb hat diese Diskussion Mitte April 2010 erfahren, als Apple das Programm zum Abspielen von Scratch-Programmen aus dem App-Store entfernt hat (siehe Diskussion im Scratch-Forum). Apple verbietet konsequent alle Möglichkeiten, ausserhalb der von Apple zur Verfügung gestellten Entwicklungsumgebung Programme für iDevices zu entwickeln. Damit entfällt die attraktive Möglichkeit, dass Kinder und Jugendliche ihre selbst (am Computer) entwickelten Programme auf dem iPhone oder iPod Touch laufen lassen und zeigen können. Das Verbot des Scratch-Players zeigt exemplarisch im Bildungsbereich die Problematik von Gatekeepern mit Monopolstellung in ICT-Ökosystemen.
Ökonomische Perspektive
Ebenfalls ins Feld geführt wird der finanzielle Aspekt. Während bei Open Source keine Lizenzkosten anfallen, könnten diese gerade im Bereich des One-to-One-Computing in der Schule zu einem beträchtlichen Kostenfaktor werden.
Argumente für geschlossene Systeme
Neben marktwirtschaftlichen monopolistischen Motiven, welche der Firma Apple vorgeworfen werden gibt es durchaus auch technisch-organisatorische Überlegungen, die für geschlossene Systeme sprechen. Softwarequalität sowie Kompatibilitätsprobleme können aus Sicht des Gatekeepers bei geschlossenen Systemen eher kontrolliert werden als bei offenen Systemen. Insbesondere bei Apple, wo grosses Gewicht auf Design und Usability bzw. ease of use gelegt wird, kann es wichtig sein, alle Software auf den Produkten zu kontrollieren, um der Gefahr von schlechten Nutzungserfahrungen vorzubeugen.
Warum nun iPhones für das Pilotprojekt?
Die oben aufgeführten Bedenken bezüglich proprietärer, geschlossener Systeme waren uns bereits bei der Vorbereitung des Projekts bewusst und sind weiterhin Aspekte der laufenden Diskussionen. Die Wahl der iDevice-Plattform hatte für das vorliegende Pilotprojekt mit persönlichen Smartphones auf der Primarschulstufe grosse Vorteile: In einem eurpoaweit bisher einzigartigen Projekt, in welchem es nicht um Technik, sondern um Inhalte und alltägliche Nutzung gehen sollte, war eine reibungslos funktionierende, leichtwartbare, zukunftsträchtige und für Primarschülerinnen und -schüler sofort verständliche und nutzbare Plattform essenziell wichtig. Zum Zeitpunkt der Plattformwahl stellte die iDevice-Plattform die beste Lösung dar. Bei allen anderen damals verfügbaren Smartphoneplattformen war das Surfen auf dem Web, das Installieren zusätzlicher Software etc. aus Sicht von PrimarschülerInnen und einer Lehrperson komplizierter.
Die Wahl von iPhones für das vorliegende Pilotprojekt bedeutet jedoch keineswegs, dass wir die derzeitige iDevice-Plattform in ihrer jetzigen Ausprägung als allgemein für Schulen geeignet empfinden und eine breite Nutzung empfehlen würden. Im Gegenteil sehen auch wir die oben genannten Aspekte als problematisch an und denken, dass hier diesbezüglich vor einer breiten Nutzung noch einige Überlegungen angestellt werden müssten.