Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03284.jsonl.gz/1995

Ich habe mich deswegen für die Konzerte mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg verpflichtet, weil es als erstes Orchester ein Stück von mir im Ausland gespielt hat, Ringed by the Flat Horizon, das war 1982.
Das Orchester hat eine großartige Geschichte; es war in den letzten 70 Jahren das wichtigste Orchester für zeitgenössische Komponisten. Ich wusste, das ist meine letzte Gelegenheit mit dem Orchester zu arbeiten und ich habe sofort zugesagt.
Zum Teil kamen die Programme auch zustande, weil ich 2013 einige Konzerte mit dem Ensemble intercontemporain dirigierte und mit dabei auf dieser Tournee war das SWR Vokalensemble Stuttgart, das für mich eine echte Offenbarung war. Ich hatte noch nie Chorgesang – wenn man es überhaupt so nennen kann – von solcher Schönheit gehört. Ich wollte auf jeden Fall noch einmal mit ihnen zusammenarbeiten.
Wir einigten uns auf diese zwei Stücke für Chor und Orchester von Boulez, Cummings ist der Dichter, und Ligeti, Clocks and Clouds, die ich beide schon dirigiert habe, allerdings noch nie im gleichen Programm. Man wollte auch ein Stück von mir, und es lag nahe, dafür Ringed by the Flat Horizon zu nehmen, da das Orchester es damals vor Jahren gespielt hatte. Den Haas haben das Orchester und Winrich Hopp vorgeschlagen und ich habe mich sehr darüber gefreut, weil es ein sehr spektakuläres Stück ist – außerordentlich spektakulär, mit den sechs unterschiedlich gestimmten Klavieren. Ringed by the Flat Horizon ist nun 35 Jahre alt und aus kompositorischer Sicht fällt es mir sehr schwer, mich jetzt mit dem Stück zu identifizieren. Aber als Interpret mache ich es gern. Ich habe das Stück mit 18, 19 Jahren geschrieben, also war es für mich eine sehr bedeutende Erfahrung. Es war mein erstes Stück für großes Orchester. Clocks and Clouds ist ein wunderschönes Stück. Es gibt natürlich viele schöne Stücke von Ligeti, aber in mancher Hinsicht ist dies sein schönstes – so schön, dass er hinterher ein bisschen ein schlechtes Gewissen deswegen hatte, vermute ich.
Die beiden Stücke von Boulez und Ligeti kommen aus den frühen 70ern und sind beide so etwas wie Himmelslandschaften, mit Borduntönen und weiblichen Stimmen, sehr schön, mit Mischungen aus Instrumental- und Vokalklängen – und sind beide recht Zen-artig. Der Boulez ist im ersten Teil zerstreuter und abrupter, gelangt aber schließlich zu einer fantastisch ruhigen, gelassenen Stimmung mit künstlichen Vogelgesängen. Das Stück liegt mir sehr am Herzen.
Haas‘ Musik kenne ich weniger gut; ich habe erst ein paar Stücke gehört. Aber ich finde seine Arbeit interessant; die Harmonie ist sehr fantasievoll und ich bin gespannt, wie es dann funktionieren wird. Das ganze Stück ist eine von diesen extremen Ideen. Ich habe schon mal bei der musica viva dirigiert – das war im Herkulessaal – und es war brechend voll, für ein Programm mit Lontano von Ligeti, Réveil des oiseaux von Messiaen, der Uraufführung von Tristan Murails Klavierkonzert und meinem eigenen Stück Palimpsests. Das Münchener Publikum ist wunderbar, absolut still und aufnahmebereit. Ich denke, das ist einer der wenigen Orte, wo es ein starkes Publikum für zeitgenössische Musik gibt.
Übersetzung: Wieland Hoban