Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03181.jsonl.gz/1392

Obwohl ich schon eine ziemlich konkrete Vorstellung habe, wen ich am 18.10. ins Parlament wähle, habe ich, um quasi eine Bestätigung davon zu erhalten, mir die Mühe gemacht, die 75 Fragen von smartvote zu beantworten. Was dabei heraus kam? Die grösste Kompatibilität eines Kandidaten lag bei knapp 60%. Und die Chance, dass der mich aufgrund dessen, dass er gewählt wird, vertreten kann, ist verschwindend klein. Und meine Desillusionierung dementsprechend hoch – wieder einmal mehr. Wieso das so ist? Weil die Parteien es immer noch nicht geschafft haben, Sachpolitik zu betreiben. Es ist doch keine Schande, wenn man vom hohen Ross runterkommt und mal etwas befürworten kann, weil es Sinn macht, auch wenn es den Parteivisionen nicht nahekommt.
Ich mache den ersten Schritt und ziehe schonungslos Bilanz über mich: Bin ich eine grüne Öko-Socke, nur weil ich mir eine intakte Umwelt wünsche, die Atomkraft nicht weiter unterstützen will, Tiere Recht auf einen Lebensraum haben und Nutztiere draussen gehalten werden sollen und Futter erhalten, welches gut für sie ist? Bin ich ein schmarotzender Sozi, nur weil ich keine Lust habe, bis 67 zu arbeiten und ich nicht schon wieder den Umwandlungssatz der Pension runterschrauben will, weil die Pensionskassen nicht richtig haushalten können, weil ich mir Regulierungen wünsche, damit alle faire Löhne erhalten und ich mir wünsche, dass der wohlhabende Staat, einen Vaterschaftsurlaub und die externe Kinderbetreuung mehr subventioniert? Bin ich ein liberaler Egoist, wenn ich mir wünsche, dass die Läden ihre Öffnungszeiten selber bestimmen, wenn ich mir den Ausbau von Autobahnen – wo sinnvoll – wünsche, wenn ich nicht auf individualisierten Motorverkehr verzichten will, diesen aber reduzieren und zwar mit Anreizen und nicht mit Verboten? Bin ich ein asozialer Mensch, wenn ich mir wünsche, dass die Asylanten dankbar sind, dass man sie aufnimmt, dass Asylantengesuche schneller behandelt werden, dass Asylanten Gäste sind, die wir gerne in der Not aufnehmen, aber ein Gast per Definition jemand ist, der wieder nach Hause geht, dass ich mir wünsche, dass pädophile lebenslang in den Knast wandern – ohne wenn und aber? Die meisten Menschen sind facettenreich und können nicht in einen Parteientopf geworfen werden. Wir haben eine komplexe Welt und ein komplexes Land, mit 1-2 Rezepten hat man doch noch lange nicht eine ein zufriedenstellendes Menü gekocht!