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Die Glasmalereien
Die drei Spitzbogenfenster im Chor der Kirche Suhr waren ursprünglich mit Glasmalereien aus der Bauzeit geschmückt. Bei einem Grossbrand im Jahre 1844 gingen diese bis auf das Fragment einer Anbetungsszene der drei König verloren. Spätgotisches Fragment
Dem verheerenden Blitzschlag und dem darauffolgenden Brand von 1844 fielen auch die Glasmalereien aus der Entstehungszeit der Kirche zum Opfer. Erhalten blieben die drei Figuren aus einer Anbetungsszene (die drei Könige) und zwei kleine Fragmente des blauen damaszierten Hintergrundes. Während die Gewänder, Gaben und Kronen der drei Könige – die in traditioneller Ikonographie als junger, reifer und alter Mann: die drei Lebensalter – dargestellt sind, wurden Gesichter und Haartracht mit Schwarzlot auf farbloses Glas aufgetragen.
Die Glasscheibe mit den drei Königen wurde in eine Butzenverglasung eingesetzt und kann im Südfenster des Chores bei der Kanzel Taufstein betrachtet werden.
1955-57 wurde die Kirche einer grossen Renovation unterzogen, und in diesem Zusammenhang gestaltete der bekannte Aarauer Künstler Felix Hoffmann (1911-1975) die drei Fenster im Chor neu.
Die drei monumentalen Fenster im Chor zeigen links die Passion mit Szenen vom Abendmahl, von Gethsemane, der Kreuztragung und der Kreuzesabnahme; im Chorscheitel Ostern mit dem leeren Grab und dem Engel, der Auferstehung, dem auferstandenen Christus mit dem ungläubigen Thomas und auf dem Weg nach Emmaus; rechts Szenen der Mission: die Steinigung des Stephanus, Paulus vor Damaskus, die Taufe des äthiopischen Kämmerers und des Paulus in Seenot. Die Fenster entstanden 1956 / 58 und messen 460 × 110 cm.
Das zentrale Fenster mit dem Oster- und Auferstehungsgeschehen, das diesem Künstler so wichtig war und das er auch in anderen Kirchen (Aarau, Kirchberg, Umiken, Bözen, Windisch) gestaltete, zeigt zuunterst das leere Grab und den Engel in transzendenten Blau; die stilisierten Blüten im linken Panneau bilden eine direkte Fortsetzung des über den Grabesrand gelegten Tuches: Es scheint, als wüchse der blühende Baum direkt aus dem Grab Christi.
In der darüber liegenden Bildszene erscheint Christus in einer ovalen Umhüllung; er blickt die Betrachtenden direkt an, die Rechte segnend erhoben. Immer wieder hat der Künstler diese ovale (Mandorla)Form verwendet, hier in Suhr gleich ein zweites Mal: in der Darstellung der Seenot des Paulus (rechts Fenster, oberste Szene); es erinnert an die Seesturm-Darstellung in der Stadtkirche Aarau oder auf dem Kirchberg in der Darstellung des Kindes Immanuel, das vom Propheten Jesaja in einer Vision geschaut wird. Diese Ovalform bedeutet Umhüllung und Schutz, betont gleichzeitig das darin Geborgene und kennzeichnet es als etwas Besonderes.
Die Farbgebung wird dominiert von Blau- und leuchtenden Gelb- und Ockertönen. Die Gestalt des Auferstandenen erscheint in einer vielfältigen Farbpalette von Blautönen. In zwei Szenen (in der untersten und der obersten, die farblich auch ins Masswerk übergeht, wird der Hintergrund in Goldtönen gezeigt – hier hat Felix Hoffmann gleichsam den Goldgrund, der in der byzantinischen bzw. frühchristlichen Kunst so wichtig war, wieder aufgegriffen und verleiht diesen Szenen damit einen transzendierenden Bildgrund «nicht mehr von dieser Welt». Christus in der Szene mit dem ungläubigen Thomas ist mit einem goldenen Nimbus versehen, zusammen mit dem Zeigen der stigmatisierten Hände und Füsse, ein für eine reformierte Kirche eher ungewöhnliche Darstellungsweise. Es ist, wie wenn die Transzendenz des Auferstandenen mit dem goldenen Heiligenschein alles erhellen würde: So ist die nach der Wunde tastende Linke des Jüngers, der im linken Bildteil als sehr irdisch, dunkel gezeigt wird, bereits deutlich aufgehellt – es zeigt die Wirkung Christi auf das Irdische und den durchaus irdisch gezeigten Thomas.
Überaus fein gestaltet sind die vielen architektonischen, botanischen und dekorativen Details in diesem Fenster: so etwa das stilisierte Gras und die zarten blühenden Zweige in der untersten Szene; die fein gefältelten Tücher am Rand des Grabes und im Tischtuch in der Bild-in-Bild-Darstellung einer stehenden Tischgemeinschaft (Christus und der ungläubige Thomas); die Darstellung eines Hauses im oberen Teil der obersten Szene (Christus auf dem Weg nach Emmaus) bis hin zum dekorativ gestalteten Kissen des Lammes im Masswerk.
Auch im Schiff der Kirche sind Glasmalereien von Felix Hoffmann zu sehen – allerdings nicht auf den ersten Blick: Sie sind in den Masswerken der sechs Fenster zu finden und zeigen ausschliesslich Motive aus dem Alten Testament (alle aus der Genesis, ausser die Berufung Jesajas: Jes 6,6-7). Die Masswerke sind je unterschiedlich gestaltet, und der Künstler hat auf unvergleichliche Weise deren architektonische Formen für die Gestaltung der sechs Szenen zu nutzen gewusst.
Im sehr beschränktem Raum dieser Masswerke hat Felix Hoffmann die sechs Szenen als rechteigentliche Bild-Abbreviaturen dargestellt und den Protagonisten aussagekräftige Symbole beigegeben: so etwa die Taube mit dem Ölzweig im Schnabel, den der aus der Arche schauende Noah als Ende der Sintflut deuten kann, darüber spannt sich der Regenbogen als Gottes Bund mit den Menschen. Ein sehr jugendlicher Mose kommt eben Gottes Aufforderung, die Schuhe auszuziehen, in einer unnachahmlich eleganten Weise nach, und Adam hat der tierliebende Künstler auf der rechten Seite eine Katze zugesellt!
Es lohnt sich unbedingt, auch diese sechs kleinen Szenen in den Masswerken mit einem Feldstecher zu betrachten und dabei die vielen feinen, auch farblich so sorgfältig gestalteten Details zu entdecken. Dass das Gesicht Davids in der Szene von David und Goliath im Schatten bleibt, ist der Lage dieses Fensters und der Masswerkarchitektur geschuldet.
An der Nordwand sind dies (vom Eingang Richtung Chor gesehen): Adam und Eva (hinten), Kain und Abel (Mitte) und Noah mit der Taube (vorne).
An der Südwand sind dies (vom Eingang Richtung Chor gesehen): Mose und der brennende Dornbusch (hinten), David und Goliath (Mitte) und die Berufung Jesajas (vorne). Im gleichen Fenster befindet sich weiter unten das gotische Dreikönigsfragment.
Gegenüber stehen sich links und rechts (vom Schiff Richtung Chor gesehen) also folgende Szenen:
Mose und der brennende Dornbusch / Adam und Eva (hinten)
Kain und Abel / David und Goliath (Mitte) Noah und die Taube / die Berufung Jesajas (vorne).
Der «Felix Hoffmann-Weg» der Reformierten Landeskirche Aargau wurde am 12. April 2014 in der Kirche Kirchberg (Küttigen) feierlich eröffnet, setzte sich in der Stadtkirche Aarau und wurde in der Kirche Suhr abgeschlossen.
Mehr über die Eröffnungsveranstaltung ist auf dem Internetauftritt der Reformierten Landeskirche Aargau zu finden.
Das Referat zu Felix Hoffmanns Glasmalereien in der Kirche Suhr zum Downloaden:
«Felix Hoffmanns Glasmalereien in der Kirche Suhr» (PDF, 25 KB)
Text © Barbara Tobler
Fotos Chorfenster Felix Hoffmann und gotisches Fragment © Hans Fischer
Fotos Masswerkfenster Felix Hoffmann © Markus Hässig