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Zu Gast beim roten Kuschelmonster Elmo in der Sesamstrasse antwortet Robert De Niro auf die Frage nach seinem Beruf: «Ein Schauspieler benützt seine Fantasie, um vorzugeben, er sei jemand anderes.» Zum Beispiel ein Hund. Und neben Elmo bellt gleich daraufhin ein Hund mit der sonoren Stimme De Niros. «Ich kann mir aber auch vorstellen, ich sei ein New Yorker Taxifahrer oder ein abgehalfterter Boxer oder ein Kabiskopf.» Elmo will den Kabis, worauf De Niro sich vorstellt: «Ich bin grün, ich bin blättrig und passe wunderbar zu Corned Beef.» Und tatsächlich: Neben Elmo sitzt ein redender Kabiskopf.
Nun hat Robert De Niro in seiner Karriere wie kein anderer gezeigt, dass es in der Schauspielerei manchmal nicht nur um das Darstellen von Emotionen, um luftiges Fantasieren geht, sondern dass auch der Einsatz von Fleisch und Blut zum Geschäft gehört. Für seine Rolle als alter, heruntergekommener Mittelgewichtsboxer Jake La Motta in Raging Bull (Martin Scorsese, USA 1980) soll De Niro 30 Kilogramm zugelegt haben. Ein Rekordgefresse, das allerdings nur sieben Jahre später von Vincent D’Onofrio um ganze 5 Kilo geschlagen wurde für die Verkörperung des tollpatschigen Rekruten in Stanley Kubricks Anti-Vietnam-Film Full Metal Jacket (USA 1987). Im Boxring von Raging Bull wurde auch mit harten Bandagen gekämpft, schliesslich hatten De Niro und sein Filmbruder Joe Pesci monatelang dafür trainiert. Die berühmte «Hit me»-Szene bescherte Pesci eine gebrochene Rippe. Und der volle Körpereinsatz zahlte sich aus: De Niro wurde für seine Boxerrolle das erste und bisher einzige Mal mit dem Hauptdarsteller-Oscar ausgezeichnet, Pesci immerhin mit einer Nomination geehrt.
Aus der gleichen methodischen Schule wie De Niro stammt auch Dustin Hoffman. Zwar hat er für seine Rolle im Thriller Marathon Man (John Schlesinger, USA 1976) nur 7,5 Kilo abgenommen, dafür aber monatelang Dauerlauf trainiert. Um atemlos zu wirken, sei er jeweils nach ein paar Runden um den Block direkt aufs Set gehechelt, und für den erschöpften Look habe er nächtelang nicht geschlafen. So dass Sir Laurence Olivier, ein Vertreter der älteren Schauspielergeneration, dem jungen Hoffman einmal mitleidig geraten haben soll: «Mein lieber Junge, du siehst ja schlimm aus. Warum versuchst du es nicht mal mit der Schauspielerei? Es ist viel einfacher.»
Nun hat natürlich die von Lee Strasberg und Elia Kazan gegründete Schule des Actors Studio, zu deren herausragenden Vertretern De Niro und Hoffman gehören, in ihrer als Method Acting bekannten Methode nie festgeschrieben, dass zur Schauspielerei Diäten und Fressereien gehören. Beim Method Acting geht es ja vielmehr darum, Gefühle aus dem eigenen Erfahrungsschatz zu evozieren und in den Bühnen- und Leinwandfiguren zu spiegeln, um als Schauspieler so weit als möglich in ihnen aufzugehen. Deswegen muss auch der Körper des Schauspielers hinter der Figur, die er spielt, verschwinden. Wir wollen auf der Leinwand möglichst den Boxer Jake La Motta und nicht den Schauspieler Robert De Niro sehen. Das ist sicherlich einer der Gründe, weswegen viele Charakterdarsteller versucht haben, sich von dem ganzen Hollywood-Rummel fernzuhalten, da der Starkörper die verkörperten Figuren quasi überblenden kann. De Niro meinte sogar einmal, dass es über ihn überhaupt nichts Interessantes zu sagen gäbe, da er sich früh in seiner Karriere entscheiden musste: «Entweder werde ich Schauspieler oder eine Persönlichkeit.» Sein jüngerer Kollege Christian Bale geht noch einen Schritt weiter, indem er sich den idealen Schauspieler als absolute Leere, als Mann ohne Eigenschaften vorstellt.
Christian Bale, der zusammen mit Jared Leto zu den jungen Wilden in Hollywood gehört, wünscht sich als Schauspieler wohl nicht nur die innere Leere, sondern auch äusserlich die totale Form- und Wandelbarkeit. Wie kein anderer seiner Generation geht er in seiner Verkörperung anderer Personen an seine Grenzen – und dies mit seinem ganzen Gewicht. Nachdem er sich für die Bret-Easton-Ellis-Verfilmung American Psycho (Mary Harron, USA 2000) wahrlich einen Luxuskörper antrainiert hatte, dessen Muskelspiel man in den ersten Szenen genauestens studieren kann, nahm er vier Jahre später für den Psychothriller El Maquinista (Brad Anderson, E 2004) unglaubliche 32 Kilogramm ab. Als Vergleich: Adrien Brody verlor für seine Oscar-Rolle als ausgemergelter KZ-Häftling in The Pianist (Roman Polanski, F/D/NL/PL 2002) gerade mal 14 Kilo. Von Bales hohlen Wangen und hervorstechenden Rippen in El Maquinista ist man gleichermassen fasziniert wie angewidert. Vor allem fürchtet man dauernd, dass der fast nur noch aus Haut und Knochen bestehende Schauspieler demnächst zusammenklappt – und zwar auf dem Set, und nicht im Film, was einen immer wieder aus der filmischen Illusion herauskatapultiert. The New York Times betitelte Christian Bales wahnwitzigen Einsatz als «The Atkins Method of Acting». Nur ein Jahr nach El Maquinista zelebrierte der Schauspieler in Batman Begins (Christopher Nolan, USA 2005) bereits wieder einen perfekten Heldenkörper.
Als weiteres menschliches Jojo geht Schauspieler Jared Leto für seine Rollen aufs Ganze. Um den ausgemergelten Junkie in Darren Aronovskys Requiem for a Dream (USA 2000) zu spielen, hat er nicht nur 14 Kilo abgenommen, sondern er soll auch über zwei Monate auf Sex verzichtet haben – und das mit Cameron Diaz als Freundin! Für die Verkörperung des John-Lennon-Mörders Mark David Chapman in Chapter 27 (J. P. Schaefer, USA 2007) hat sich der hübsche Jüngling über 30 Kilogramm angefuttert. Was zur Folge hat, dass man beim Schauen des Filmes hinter dem Doppelkinn und den ganzen Fettschichten dauernd nach Jared Leto sucht und dabei den Lennon-Mörder Chapman ganz vergisst. Der Versuch, so authentisch wie möglich auszusehen, kann auch kontraproduktiv sein. Anders gesagt: Die oberste Doktrin des Method Acting, möglichst in den dargestellten Figuren aufzugehen, kann sich so auch in ihr Gegenteil verkehren und quasi hinterrücks erneut zum Starvehikel werden. Man fragt sich bei solchen Extremleistungen, wie wichtig denn in Biopics die äusserliche Ähnlichkeit zu realen Personen wirklich ist, um eine filmische Illusion zu wahren. Anders gelagert als in Chapter 27 war der Fall bei Robert De Niro in Raging Bull, der sich innerhalb der Diegese vom sportlichen Champ in einen alternden, verfetteten Boxer verwandeln musste. Dabei spielte weniger die Ähnlichkeit zum echten Jake La Motta eine Rolle, als vielmehr die glaubwürdige Umsetzung des körperlichen Zerfalls einer Boxerlegende, welcher zentral ist für dessen Biografie.
Eine Verwandlung innerhalb der filmischen Diegese musste auch Tom Hanks in seiner Robinsonade Cast Away (Robert Zemeckis, USA 2000) durchmachen: Damit der Schauspieler die angefressenen 25 Kilo wieder loswerden und sich gleichzeitig Haare und Bart wachsen lassen konnte, wurden die Dreharbeiten ein Jahr lang ausgesetzt. Zemeckis drehte in der Zwischenzeit – sehr effizient – mit derselben Crew den Thriller What Lies Beneath (USA 2000).
Bei den Frauen ist die körperliche Verwandlung mit drastischer Gewichtszu- oder -abnahme weniger angesagt. Zu sehr sind die weiblichen Stars dem dünnen Schönheitsideal verpflichtet, das von Hollywood propagiert wird. In diesem Sinne ist sozusagen ihr ganzes Glamourleben dem «method dieting» gewidmet. Allerdings behaupten böse Zungen, dass sich das südafrikanische Ex-Model Charlize Theron erst mit ihrer entstellenden Maske und den zusätzlichen 15 Kilogramm im Serienmörderfilm Monster (Patty Jenkins, USA 2003) wirklich als ernsthafte Schauspielerin etablierte. Und dafür einen Oscar einheimste. Zu viel Schönheit ist suspekt. Als ob sich hinter der schönen Fassade keine interessante Persönlichkeit oder talentierte Schauspielerin zeigen könnte. Vielleicht ist es kein Zufall, dass man der makellosen Nicole Kidman die begehrte Oscar-Statuette erst einmal überreichte – für ihre Rolle als Schriftstellerin Virginia Woolf in The Hours (Stephen Daldry, USA 2002), in der man sie dank einer unförmigen langen Nase kaum wiedererkennt. Um deren Entfernung kümmerte sich allerdings nach getaner Arbeit der Maskenbildner, während Renée Zellwegers 12 Kilo für ihre zweimalige Verkörperung des leicht übergewichtigen Grossstadtsingles Bridget in Bridget Jones’s Diary (Sharon Maguire, GB/F 2001) und Bridget Jones: The Edge of Reason (Beeban Kidron, GB/F/D 2004) mehr Schweiss gekostet haben dürften. Normalsterbliche bewundern sicherlich nicht, dass sich jemand 12 Kilo anfuttern kann, sondern eher, wie gertenschlank die Schauspielerinnen an der Premiere der Filme schon wieder über den roten Teppich stöckeln.
Jared Leto soll sich seine Fettschichten für Chapter 27 übrigens mit in der Mikrowelle verflüssigtem Schokoladen-Häagen-Dazs angefressen haben, das er mit Olivenöl anreicherte. Verlieren tun die Stars ihre Kilos wohl mit ihrem Personal Trainer. George Clooney antwortete allerdings auf die Frage eines Journalisten, wie er denn seinen Schwabbelbauch (17 kg) wieder losgeworden sei, den er sich für Syriana (Stephen Gaghan, USA 2005) zugelegt hatte, mit: «A lot of drugs. Kids, don’t do that at home.»