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Premierminister Boris Johnson, der früher selber als Journalist tätig war, hat kein gutes Verhältnis zu der BBC: Vor den letzten Wahlen weigerte er sich, sich den Fragen der Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Grossbritanniens zu stellen. Und im Wahlkampf sprach er sogar davon, die Rundfunkgebühren abzuschaffen.
Kürzlich zitierte die «Sunday Times» zudem einen anonymen Regierungsberater, der behauptete, das Kabinett wolle die Reichweite der BBC «beschneiden». Demnach sollen die Rundfunkgebühren durch ein Abo-Modell ersetzt und die Rundfunkanstalt dazu gezwungen werden, den Grossteil ihrer 61 Radiostationen zu verkaufen.
Johnsons umstrittener Einflüsterer
Als treibende Kraft hinter dem Kampf der Regierung gegen die BBC wird der umstrittene Berater von Premier Johnson, Dominic Cummings, vermutet. Der von ihm mitgegründete Think Tank «New Frontiers Foundation» schlug schon 2004 vor, die Konservativen sollten die Glaubwürdigkeit der BBC unterminieren und ein Pendant des US-Senders Fox News in Grossbritannien gründen.
Ohne Gebühren keine BBC
Die Idee, aus der BBC eine Art Netflix zu machen, verkenne die Grundidee, dass unabhängige, öffentlich-rechtliche Information für das Land eine notwendige Art Infrastruktur wie Strom- und Wasserleitungen sei, sagt dazu SRF-Grossbritannienspezialist Patrik Wülser. «Die BBC ist eine Art Klammer, die das Land zusammenhält.» Mit einem Abo-Modell könnte die heutige BBC mit ihrem weltweiten Korrespondentennetz unmöglich überleben.
Medienabgabe von rund 200 Franken
Die Abschaffung der obligatorischen Gebühren würde die BBC hart treffen. Derzeit muss jeder Haushalt im Vereinigten Königreich, der einen Fernseher besitzt oder TV-Livestreams im Internet nutzt, 154.50 Pfund (rund 200 Franken) pro Jahr bezahlen. 2019 kamen so rund 3.7 Milliarden Pfund zusammen. Wer die Medienabgabe nicht zahlt, muss bislang mit Strafen und in Extremfällen sogar mit Haft rechnen.
Tatsache ist: Anfang Februar kündigte die Regierung eine öffentliche Konsultation an, um zu prüfen, ob die Nichtzahlung von Gebühren entkriminalisiert werden soll. «Dieser Vorstoss ist ganz klar ein Versuch, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu domestizieren», sagt Wülser. «Das wäre quasi die Abschaffung der Gebühren und könnte zum Konkurs der BBC führen.»
Johnson umgeht die BBC
Johnsons Vorgehen scheint strategisch zu sein. So geriet der Premier in letzter Zeit wiederholt wegen seines Umgangs mit den Medien in die Kritik. Seine Minister dürfen etwa nicht mehr in der populären BBC-Morgenradiosendung «Today» zu aktuellen Pollitgeschäften Red und Antwort stehen.
Auch verfügt die Regierung inzwischen über ein eigenes Studio, in dem sie Informationsfilme produziert und sie in den sozialen Medien publiziert. «Man umgeht so kritische Fragen von Journalisten der BBC», sagt Wülser.
Kritische Medien unerwünscht
Anfang Februar hatte Johnsons Sprecher Lee Cain Journalisten von Brexit-kritischen Medien aufgefordert, ein Pressebriefing zu verlassen. Wer kritisch über die Regierung berichtet, soll also nicht mehr mit Informationen aus erster Hand bedient werden. «Das ist eine ganz neue Handhabe dieser Regierung», so Wülser.
In der Bredouille wegen Brexit-Diskussion
Auch die fast drei Jahre andauernde sehr populistisch geführte Brexit-Debatte habe bei der BBC ihre Spuren hinterlassen, sagt Patrik Wülser. «Die BBC kam von beiden Seiten unter Druck.» Man habe ihr vorgeworfen, tendenziös zu sein. «Das nützt die Regierung Johnson jetzt ganz klar aus, um die BBC und die britischen Journalistinnen und Journalisten an die Zügel zu nehmen.»
Johnson wisse, dass seine Macht nicht ewig dauern wird. «2025 wird über die neue Lizenz und das neue Gebührenmodell entschieden – vielleicht ist dann eine ganz andere Regierung an der Macht», sagt Grossbritannien-Kenner Wülser.
Digitale Medienrevolution hinterlässt tiefe Spuren
Auch ohne Gegenwind der Regierung Johnson steht die BBC allerdings unter Druck. So muss die altehrwürdige Rundfunkanstalt massiv Mittel umschichten, um sich den veränderten Gewohnheiten der Nutzer wegen der Digitalisierung anzupassen. Kürzlich wurde der Abbau von 450 Stellen bei der Nachrichtensparte BBC News angekündigt.
«Die Mehrheit der Radiohörerinnen und -hörer ist weit über 50 Jahre alt», stellt Wülser fest. Der BBC sei klar, dass sie den jungen Menschen im Land ebenfalls etwas bieten müsse. Denn sonst seien diese nicht mehr bereit, die geforderten Gebühren zu bezahlen. «Es braucht deshalb eine Umschichtung der Mittel ins Digitale, in Angebote für junge Userinnen und User.»