Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03109.jsonl.gz/2580

Valdivia Bernedo, Roxana: Geoglyphen zu Nazca. Die Panamericana, ein Aussichtsturm und zwei Geoglyphen (links der "Baum" und rechts die "Hände"). 2005 (Abbildung 6)
Bleibt aber die entscheidende Frage: Wozu das Ganze? Warum haben sich Menschen diesen Strapazen unterzogen, unter glühender Sonne abertausende Steine abzukratzen?
Bevor es mit der Forschung zu dieser Frage losgehen konnte, vergingen Jahrhunderte, weil die Bilder nicht entdeckt wurden, da sie nur aus der Luft erkennbar sind. Als etwa in den 1920er Jahren dieser Abschnitt der Panamericana gebaut wurde, waren die Bodenzeichnungen noch nicht entdeckt, was den unschönen Nebeneffekt hatte, dass die Straße genau durch ein Bild, das der "Eidechse", hindurchgeht und auch sonst einige Linien durch Reifenspuren zerstört wurden, wie der "Hund" (Foto 7).
Valdivia Bernedo, Roxana:
Geoglyphen zu Nazca. Reifenspuren
durchtrennen die Beine des
"Hundes". 2005 (Abbildung 7)
Die Möglichkeit zur Entdeckung bestand erst mit dem Aufkommen des Flugverkehrs Ende der 1920er Jahren. Piloten von kleinen Verkehrsflugzeugen machten Luftaufnahmen von den Bildern, die auch Paul Kosok, einem amerikanischen Archäologen und Spezialisten für antike Bewässerungssysteme, in die Hände fielen. Kosok ahnte, welche Bedeutung die Entdeckung hatte und machte sich auf nach Peru. Doch er sollte noch mehr "Forscher-Glück" haben. So besuchte er die Nazca-Wüste am 21. Juni 1941 und entdeckte zufällig, dass eine Linie genau zu dem Punkt am Horizont zeigt, an dem die Sonne zur Wintersonnenwende (auf der Südhalbkugel beginnt am 21.6. der Winter) untergeht. Diese erstaunliche Entdeckung machte er zusammen mit einer jungen deutschen Mathematikerin, Physikerin und Pädagogin namens Maria Reiche, die ihn als Assistentin begleitete. Sie entdeckte später, dass es auch eine Linie gibt, die am 21.12. (Sommeranfang) die Sonnenbahn am Horizont schneidet. Es war an der Zeit, eine Theorie in einer ganz bestimmten Richtung zu bilden.
Maria Reiche, die Kosoks Arbeit fortführte und 40 Jahre unter den ärmlichsten Bedingungen in der Wüste lebte und forschte, machte die These populär, es handele sich bei den Geoglyphen um einen astronomischen Kalender, mit der die Nasca den (meist klaren) Himmel in die steinige Wüste kopierten. Sie sprach bei den Linien vom "größten Astronomiebuch der Welt", nach ihr entwickelte man die Vorstellung, die Tierbilder seien den zwölf Sternzeichen analog zuzuordnen (demnach wäre ich als Widder ein "Hund").
Eine wichtige Rolle in ihrem Konzept spielt der "Affe", der neben dem "Wal" die meisten Rätsel aufgab. Handelt es sich bei den anderen Darstellungen um bekannte Tiere und Pflanzen aus der Region, die bei den indianischen Völkern eine besondere kulturelle Bedeutung hatten, passten die beiden so gar nicht ins Bild. Ferner stellte sich die Frage, warum dem "Affen" ein so auffälliger spiralförmiger Schwanz gegeben wurde (s. Foto 4).
Maria Reiche hat die Abbildung intensiv studiert und vermessen. Ihr fiel schließlich auf, dass Teile des "Affen" die Form des Sternbildes "Ursa Maior" ("Großer Bär" oder "Großer Wagen") nachbildet. Auf den gebogenen Körperformen, den Linien darunter und auch auf der Spirale lassen sich zahlreiche andere Sterne lokalisieren. Mit verblüffender Präzision hatten die Nazca die Konstellation nachgebildet und sich dabei eines "passenden" Tieres angenommen, dessen gebogene Haltung die perfekte Form bildet, die Lage der wichtigsten Sterne genau und dennoch ästhetisch einwandfrei zu beschreiben. Auch bei anderen Geoglyphen konnte Maria Reiche Zusammenhänge mit Sternbildern nachweisen.
Um mehr von ihr und ihrer Theorie zu erfahren, besuchten wir ein Planetarium in Nazca sowie ihr ehemaliges Wohnhaus, das sich 30 km weiter nördlich befindet und heute eine Ausstellung enthält. Das kleine, aber informative und liebevoll gestaltete Maria-Reiche-Museum zeigt neben zahlreichen Exponaten, Fotos und Karten auch eine Rekonstruktion ihres Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmers, das vielleicht 20 qm groß sein mag.
Wer sich ihrer Theorie nähern möchte, kommt nicht umhin, sich auch mit der Person und der außergewöhnlichen Biographie der deutschstämmigen Forscherin, die im hohen Alter noch die peruanische Staatsbürgerschaft annahm, zu beschäftigen. Nur dann kann man die Passion, die völlige Hingabe einer fast schon besessenen Forscherin nachempfinden. Maria Reiche hat dafür gesorgt, dass die Bilder den Schutz erhalten, den sie verdienen. Erst durch ihre Initiative ergriff die peruanische Regierung Maßnahmen, um die Zerstörung der Bilder durch Fuß- und Reifenspuren zu verhindern.
Doch nicht nur dies: Sie hat der lokalen Bevölkerung den Respekt vor ihrer Vergangenheit gelehrt und sie stolz gemacht, auf sich als Kulturvolk und auf sie als ihre "Entdeckerin". Heute - sieben Jahre nach ihrem Tod - steht Nazca ganz im Zeichen der großen Tochter der Stadt. Sie haben ihre Maria "Reitsch" ins Herz geschlossen, nachdem sie zu Beginn ihrer eigenwilligen Arbeit von den Einheimischen stets "la loca", die Verrückte, genannt wurde.
Durch dieses Engagement gewinnt auch ihre Theorie an Glaubwürdigkeit, denn die intensive Arbeit am Forschungsgegenstand Wüste hat Ergebnisse ermöglicht, die oberflächlichen Methoden entgangen wären.
Im Hof des Museums liegen sie und ihre jüngere Schwester, eine Ärztin, begraben. Diese war Anfang der 1990er Jahre nach Peru gekommen, um ihre greise Schwester zu pflegen, verstarb aber vor ihr (1995). Maria Reiche überlebte sie um drei Jahre wurde 95 Jahre alt, trotz - oder wegen - der Strapazen.
Wenn von Astronomie und alten Kulturen in einem Zusammenhang die Rede ist, darf einer nicht fehlen: Erich von Däniken. Die astronomische Deutung Reiches rief denn auch sogleich den Schweizer Autor auf den Plan, der für alle Rätsel der Kulturgeschichte ein und dieselbe Lösung hat: Außerirdische sind's gewesen. 1968 - in diesem Jahr erschien auch Reiches "Geheimnis der Wüste" - veröffentlichte von Däniken in seinem Buch "Erinnerungen an die Zukunft" die Theorie, die Nazca-Linien könnten außerirdischen Besuchern als Landebahnen gedient haben. Nach von Däniken soll das Nazca-Volk dies missverstanden und stattdessen ge
laubt haben, die Linien seien von Göttern errichtet worden, woraufhin die Nazca die Linien erhalten und ausgebaut haben sollen, um die Götter zur Erde zurückzulocken.
In bester von-Däniken-Manier deutet der Autor einer website eine Linienzeichnung als Ergebnis einer Zeitreise der Pioneer-Sonde in die Vergangenheit: "Durch geschicktes Drehen der Inschrift der Pioneer-Sonde kann man zeigen, daß es sich [bei einem bestimmten Linien-Ensembel, J.B.] um eine Kopie dieser Plakette handelt. Der einzige logische Schluss, der gezogen werden kann, ist: Die Sonde muss durch die Zeit rückwärts gereist sein, dann auf der Erde abgestürzt und der damaligen Nazca-Bevölkerung wie Götter aus dem Himmel erschienen sein. Diese erschufen dann diese gewaltigen Steinlinien um dem Göttern zu huldigen."
Während diese abenteuerlichen Theorien eher unter den eigenen Fans als in der wissenschaftlichen Community Anerkennung finden, galt Reiches Kalender-Theorie lange als unumstritten. Doch ist es wirklich so, dass die Scharrbilder den "Beginn der exakten Wissenschaften in der Menschheitsgeschichte" (Reiche) darstellen? Die Menschen in Nazca glauben es nur zu gerne. Doch Reiches Kollegen stellen ihre Ergebnisse mehr und mehr in Frage.
Neuere Untersuchungen ergaben einen Zusammenhang der Nazca-Linien mit der Herkunft von Wasser sowie damit zusammenhängenden Ritualen.
An einigen Stellen entdeckte man feinste Bodenteilchen aus der Zeit vor dem Bau der Geoglyphen - so genannten Löss. Er wird nur dort abgelagert, wo Pflanzen den feinen Staub aus der Luft festhalten können. Hier hat es mit Sicherheit einmal Pflanzen gegeben. Hier muss es also regelmäßig geregnet haben. Erst als die Pflanzen verschwanden, wurde der Löss vom Wind wieder abgetragen. Zurück blieb die Steinwüste. Die Menschen, die es hier einmal gab, waren offenbar einem Klimawandel ausgesetzt - sie erlebten das Vordringen der Wüste und der Trockenheit. Die Forscher finden noch einen weiteren Beweis für diese These: Schneckenschalen aus dem Sediment belegen, dass es hier vor mehr als 3.000 Jahren noch geregnet haben muss. Vielleicht haben sich hier in jener feuchteren Zeit die Menschen angesiedelt, bevor sie durch die zunehmende Austrocknung in die Flusstäler gedrängt wurden. Die Menschen waren also auf die Flüsse angewiesen, die Wasser aus den Anden hierher in die Wüste brachten. Und diese Quelle durfte auf keinen Fall versiegen. Dazu legte man - so die Schlussforderung - eine Art Lageplan für Wasserquellen an. Und tatsächlich: die pfeilartigen Flächenzeichnungen verweisen auf unterirdische Wasservorkommen.
Valdivia Bernedo, Roxana:
Geoglyphen zu Nazca. Der
Pfeil weist auf die Existenz
von unterirdischen Quellen hin.
2005 (Abbildung 8)
Wahrscheinlich, so einige Verfechter dieser Theorie weiter, sind die bildhaften Zeichen, also die Figuren, Botschaften an die Götter, symbolische Bitten um Wasser - so ließe sich auch der "Wal" inmitten der Wüste erklären. Die riesigen Dimensionen sprechen ebenfalls für eine Orientierung an "ganz oben", obwohl andere Wissenschaftler, die wenig von der Symbolthese halten, der Meinung sind, die Linien wurden für die Menschen angelegt, die sich für die Bewässerung ihrer Felder ganz profan orientieren können sollten, denn die Geoglyphen, so die Vertreter dieser Schule, seien nicht nur aus der Luft zu erkennen, sondern auch sehr gut von den naheliegenden Hügeln der Vor-Anden, auf die man dann gestiegen sei, um in Phasen von Regenmangel und Wasserknappheit einen Überblick über die Lage unterirdischer Reservoirs zu bekommen.
Ergänzend dazu meinen einige Forscher, dass die Bilder nicht oder nicht nur symbolische Bitten um Wasser waren, sondern auch rituell eingesetzt wurden, um die Götter im Sinne der Fruchtbarkeit milde zu stimmen. Dieser Theorieansatz geht davon aus, dass die Bilder angelegt wurden, um begangen zu werden. Eventuell waren es religiöse "Trampelpfade", auf denen gegangen, gerannt und / oder getanzt wurde. Schon 1927 hatte Toribio Mejia Xesspe - der erste, der sich wissenschaftlich mit den Bildern beschäftigte - sie als "große Artefakte der Inkazeremonien" interpretiert.
Wie bereits angedeutet: Bei einigen Figuren gibt es einen Ein- und einen Ausgang. Die Breite kann durchaus als anthropometrisches Maß angesehen werden, kann doch eine einzelne Person auf einem Pfad von einem halben Meter Breite einigermaßen bequem laufen und tanzen. Während von den Tier- und Pflanzenfiguren angenommen wird, dass sie in der oben beschriebenen Weise als rituelle Pfade bei Wasser-Zeremonien dienten, nimmt man an, dass viele der geraden Linien ebenfalls rituell gedeutet werden müssen, als Verbindungen zwischen heiligen Orten und Plätzen, z. T. auch als Verbindungen zwischen den einzelnen Figuren.
Neben den Wüstenlinien gab es zahlreiche Keramikfunde, darunter viele kultische Gegenstände, die uns nicht nur die Alltagskultur und das religiöse Leben der Nazca näher bringen, sondern auch die Ritualthese stärken, die zumindest als Ergänzung zur "Wasser-Theorie" plausibel zu sein scheint. Fruchtbarkeitsrituale auf einem Lageplan, der zur Lokalisierung von Wasser führt, das klingt ohnehin sehr einleuchtend. Hinzu kommt der Umstand, dass auch in anderen Orten Südamerikas (bspw. in Bolivien in einem kleinen Dorf in der Nähe von La Paz) Linien existieren, die auch heute noch von der indigenen Bevölkerung für Fruchtbarkeitszeremonien genutzt werden. Insbesondere das Tanzen auf den Linien ist dabei ein wichtiges kultisches Element.
Valdivia Bernedo, Roxana: Geoglyphen zu Nazca. "Kolibri".
2005 (Abbildung 9)
Da man, wenn einem keine klare Antwort gelingt, gerne wenig festgelegt urteilt, gehen viele Forscher heute davon aus, dass es sich bei den Nazca-Linien um Geoglyphen handelt, deren Bedeutung in einer Mischung aus agrikulturellen, astronomischen und religiösen Aspekten liegt. Da kann man kaum etwas gegen vorbringen.
Vielleicht sind die Linien, die geometrischen Formen und die Bilder ja auch in unterschiedlichen Zeiten, von unterschiedlichen Menschen aus unterschiedlichen Gründen angelegt worden, so dass es gar nicht möglich ist, ihren Sinn und Zweck in einer einzigen Theorie zu erfassen. Die Ansätze deuten dies schon an: Reiche bezieht sich auf Linien und einige Bilder, von Dänicken auf Linien und geometrische Formen, die Bewässerungstheoretiker insbesondere auf die Pfeile und die Ritualtheoretiker auf die Bilder und die Linien, die sie verbinden.
Doch: Was wissen wir schon genau. Fest steht nur: Sie sind beeindruckend!
WeitereLinks, vor allem Abbildungen
- Peru - Nazca, Chauchilla Cemetery
- PERU: ANCIENT CULTURES and ANDEAN ADVENTURES
- VirtualPeru.net: The Nazca Lines
- Peru travel and tours, photos
- Morien Institute - Animals & Landscape - a tribute to the work of Maria Reiche on the Nazca plain
- Peru - Nazca, Chauchilla Cemetery
- Leylines
- Index of /nazca
- Nazca Lines (Nasca Lines). Maria Reiche. Geoglyphs, Southern Peru, Land of the Incas.
- Lineas de Nasca
- Las Lineas de Nazca, el Lugar desde el que los Nascas Estudiaron el Cosmos
- El Colibrí digital
- Siriusly - Supplement [Geographic Geometry]
- Las Lineas de Nazca
- Nazca Lines, Peru - Travel Photos by Galen R Frysinger, Sheboygan, Wisconsin
- Nazca Lines Photo Gallery by Kathy Doore, Labyrinthina.com!
- Nazca, table des matières
- nasca / pérou : photos et carnet de route
- g-o.de | Theorien und Erklärungsversuche: Maria Reiche - die "Mutter" der Scharrbilder - Indianer Anasazi Nazca
- INCALINK NAZCA LINES
- Nazca Photo Gallery by Javier Delgado at pbase.com
- Maria Reiche im Online-Katalog Der Deutschen Bibliothek
- Nonesuchinfo: The Mystery of the Nasca Lines, Publisher's Introduction
- Aveni, Anthony F. (Hrsg.): The Lines of Nazca. American Philosophical Society, Philadelphia. 1990.
- Franek-Koch, Sabine: In den Zeichen: Nazca Projekt. 1982.
- Lambers, Karsten: The Geoglyphs of Palpa, Peru. Documentation, Analysis, and Interpretation. 2006.
- Morrison, Tony: Das Geheimnis der Linien von Nazca. 1988.
- Reiche, Maria: Geheimnis der Wüste. 1968.
- Rohrbach, Carmen: Botschaften im Sand. Reise zu den rätselhaften Nazca-Linien. 2000.
- Schulze, Dietrich u. Zetzsche, Viola: Bilderbuch der Wüste. Maria Reiche und die Bodenzeichnungen von Nasca. 2005.
- von Däniken, Erich: Zeichen für die Ewigkeit. Die Botschaft von Nazca. 2001.
- Zetzsche, Viola: Das Rätsel der Pampa. 2005.
- Die großen Rätsel unserer Welt [DVD Video]. Komplett-Media 2002
- Mythen und Mysterien - Die großen Rätsel unserer Welt [Video]. Das Geheimnis der Linien von Nazca. Ein Film von Roel Oostra i. A. des WDR
Josef Bordat (1972) lebt und arbeitet in Berlin. Nach einem Studium in Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Berlin (Diplom), einem Lehr- und Forschungsaufenthalt an der Universidad Nacional de San Agustín in Arequipa in Perú und einem Magisterstudium in Philosophie an der TU Berlin promovierte er über "Gerechtigkeit und Wohlwollen. Das Völkerrechtskonzept des Bartolomé de Las Casas." - Neben Übersetzungs-, Vortrags- und Publikationstätigkeiten ist er Mitherausgeber des "International Journal of the Humanities" und Mitarbeiter am Schwerpunktthema "Transformation der Kultur. Kulturelle Veränderungen im 21. Jahrhundert" des Marburger Forums.
Inhalt | Editorial | Impressum
recenseo
Texte zu Kunst und Philosophie
ISSN 1437-3777