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© 1992 Markus Kappeler
Grönland
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)
Grösster Eisproduzent der Welt
Grönland, im Nordatlantik gelegen und geologisch zu Nordamerika gehörend, ist mit einer Fläche von fast 2,2 Millionen Quadratkilometern die weitaus grösste Insel der Welt. Von der Nord- bis zur Südspitze misst es rund 2700 Kilometer; das entspricht etwa der Distanz Berlin-Kairo. Und die stark durch Fjorde gegliederte Küste hat eine Gesamtlänge von 13 900 Kilometern, was immerhin einem Drittel des Erdumfangs gleichkommt.
Seiner hochnordischen Lage entsprechend - der nördlichste Punkt der Insel liegt nur 700 Kilometer vom Nordpol entfernt - hat Grönland ein ziemlich frostiges Klima. Zentralgrönland und der Norden weisen polare Verhältnisse auf mit durchschnittlichen Tagestemperaturen beispielsweise bei Qaanaaq von -20°C im Winter und 0°C im Sommer. Die südlichen Küstenbereiche haben etwas milderes und niederschlagsreicheres Tundrenklima. Doch selbst im «warmen» Südwesten, wo sich die Hauptstadt Nuuk befindet, liegen die durchschnittlichen Temperaturen bei etwa -5°C im Winter und 3°C im Sommer.
Angesichts dieses arktischen Klimas erstaunt es nicht, dass Grönland zu 84 Prozent von einem permanenten Eispanzer bedeckt ist. Stellenweise erreicht er eine Dicke von mehr als 3000 Metern. Wissenschaftler haben berechnet, dass beim Abschmelzen dieser grössten Eismasse der nördlichen Erdhalbkugel die Ozeane weltweit um 6 bis 7 Meter ansteigen würden.
Im Westen und Osten wird das grönländische Inlandeis von hohen Küstengebirgen wie vom Rand einer steinernen Schüssel umschlossen. Diese Bergketten werden jedoch von zahlreichen Gletscherströmen durchquert. Dort, wo die Gletscher das Meer erreichen und abbrechen («kalben»), entstehen die berühmt-berüchtigten Eisberge, welche durch die lokalen Meeresströmungen nach Süden geführt werden und in Einzelfällen bis zu den Azoren gelangen.
Der aktivste grönländische Gletscher ist unbestritten der Ilulissat-Gletscher an der Disko-Bucht. Während sich unsere Alpengletscher innerhalb von 24 Stunden höchstens um 10 bis 15 Zentimeter talwärts bewegen, legt der Ilulissat-Gletscher in derselben Zeit 30 Meter zurück. Durchschnittlich jede fünfte Minute schickt er ächzend einen der bläulich schimmernden Eisblöcke in den Fjord und stösst so täglich bis zu 25 Millionen Tonnen Eis ins Meer. Er dürfte damit der weitaus grösste Eisproduzent der Welt sein.
Eisfrei ist auf Grönland lediglich ein maximal 20 Kilometer breiter Küstenstreifen. Hier, auf einer Gesamtfläche von etwa 340 000 Quadratkilometern (Deutschland: 357 000 km2) spielt sich das grönländische Leben ab. Die Vegetation besteht aus einer polsterpflanzenreichen Felstundra, welche nur an der Südwestküste etwas üppiger gedeiht und dort auch gebietsweise niedrigwüchsige Krummholzbestände mit Birken, Weiden und Wacholder umfasst. Die Botaniker haben rund 500 Arten höherer Pflanzen erfasst. Bei den niederen Gewächsen herrschen die Flechten, die in den unter schiedlichsten Farben von den Felsen leuchten, mit über 1000 Arten vor.
«Eingeborene» grönländische Landsäugetiere sind einzig Schneehase, Eisfuchs, Lemming, Hermelin, Rentier, Moschusochse, Wolf und Eisbär. Letzterer kommt vor allem in Nordostgrönland vor, weist einen Bestand von etwa 1500 Exemplaren auf und ist - als Wappentier Grönlands - durch weitreichende Jagdgesetze geschützt. Auch etwa 200 Vogelarten kann man in Grönland antreffen. Viele von ihnen sind Meeresvögel wie Alken, Möwen und Kormorane, aber auch Gerfalken, Schnee-Eulen, Raben und Schneehühner sind auf der arktischen Insel heimisch. Die wechselwarmen Amphibien und Reptilien haben Grönland nicht zu erobern vermocht. Gross ist hingegen die Zahl der Insekten (etwa 700 Arten), von denen besonders die in Schwärmen auftretenden Stechmücken wohl jedem Grönlandbesucher in Erinnerung bleiben.
Belebt sind neben dem Küstenstreifen Grönlands selbstverständlich auch die Küstengewässer, ja die Vielfalt an Meerestieren ist in diesem Bereich des Nordatlantiks ganz besonders gross. Von den diversen Fischarten, die in riesigen Schwärmen vorkommen, seien stellvertretend Kabeljau, Dorsch und Rotbarsch erwähnt. Dann gibt es verschiedene Walarten, die zum Teil international geschützt sind wie Blauwal, Grönlandwal und Finnwal, teils bejagt werden dürfen wie Narwal, Weisswal und Grindwal. Grönlands häufigste Meeressäuger sind aber zweifellos die verschiedenen Robbenarten, darunter die Ringelrobbe (deren Bestand auf 300 000 Tiere geschätzt wird), die Klappmütze, der Seehund und das Walross.
Entlang der grönländischen Küsten befinden sich schliesslich auch sämtliche menschlichen Siedlungen. Über 90 Prozent der ungefähr 55 000 Inselbewohner leben im Bereich der südlichen Westküste. Sie halten teils Schafe und pflanzen im Sommer, wenn der Boden nicht gefroren ist, etwas Gemüse an. Vor allem widmen sie sich aber dem Fang der reichen Meeresfauna, arbeiten also zu einem grossen Teil in der Fischerei und in der fischverarbeitenden Industrie. Gut 80 Prozent der Inselbewohner können als Städter bezeichnet werden; nur noch knapp 20 Prozent von ihnen leben in kleinen Dörfern.
Verwaltungszentrum Grönlands ist Nuuk. Etwa 11 000 Einwohner zählt diese grösste grönländische Stadt. Nuuk hat den faden Charme einer Reissbrett-Kapitale, denn in den sechziger und siebziger Jahren wurden hier emsig Strassen in den Fels gesprengt, fussballfeldgrosse Flächen mit Bulldozzern planiert und grosse Wohnblocks aus Beton daraufgesetzt, um der - hauptsächlich durch Zuwanderung aus den Dörfern - rasch anwachsenden Bevölkerung Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Von dieser monotonen Bauweise ist man glücklicherweise abgekommen und baut jetzt wieder Häuser, die sich besser in die grönländische Landschaft einfügen.
«Grünes Land» klingt verlockend
Der erste Europäer, der seinen Fuss auf Grönland setzte, war Erik der Rote, ein Wikinger norwegischer Abstammung. 982 war er von Island, wo er sich wenige Jahre zuvor niedergelassen hatte, herüber gesegelt und hatte die Westküste bis hinauf zur Disko-Bucht erkundet. Das leere Land gefiel ihm und er beschloss, sich hier anzusiedeln. Doch allein konnte ihm das auf Dauer nicht gelingen. Er kehrte nach Island zurück und schlug dort die Werbetrommel für das Land, dem er nun den Namen «Grönland» «Grünes Land» - gab, weil, wie er später zugab, «es sicher genügend Menschen anlocken wird, wenn es einen so schönen Namen hat».
Der Propagandatrick wirkte: 986 fuhren 25 Schiffe los, schwer beladen mit Menschen und Haustieren sowie allem notwendigen Haushaltgerät. Zwar erreichten nur 14 Schiffe ihr Ziel. 11 scheiterten in den eisgefüllten und sturmgepeitschten Gewässern um Kap Farvel, diesem auch heute noch gefürchteten Seegebiet an Grönlands Südspitze. Diejenigen aber, die durchkamen, fanden Hafen und Heimat in den Fjorden Südgrönlands. Erik selbst nahm sich eines der schönsten Gebiete an einem grossen Fjord (im heutigen Schafzuchtgebiet von Qassiarsuk bei Qaqortoq) und nannte den Ort Brattahlid. Dort war er lange Zeit das Oberhaupt der beiden Siedlungsgebiete, die sich nun langsam um das heutige Qaqortoq einerseits und um Nuuk andererseits herum entwickelten.
Ungefähr zur gleichen Zeit, als Erik der Rote mit anderen siedlungswilligen Wikingern an Land ging, wanderten von Norden her Angehörige eines zähen Jägervolks mongolischer Prägung auf die arktische Insel ein und liessen sich vorerst im Bereich des heutigen Qaanaaq nieder. Ihr Volk stammte ursprünglich aus Zentralasien, hatte sich aber schon seit geraumer Zeit an den hochnordischen Küsten Ostsibiriens und später auch Alaskas und Kanadas niedergelassen. Ihre Jagdfertigkeit und ihre Bereitschaft, praktisch ausschliesslich von tierlicher Nahrung zu leben, hatten sie in einer Weltgegend heimisch werden lassen, die ihnen nichts bot als Robben, Wale, Seevögel und Fische. Sie selbst nannten sich «Inuit», was übersetzt schlicht «Menschen» bedeutet. Die Indianer Nordamerikas hatten ihnen jedoch spöttisch den Namen «Eskimos» «Rohfleischesser» - verpasst, der später von den Europäern bedenkenlos übernommen wurde. (Als Konzession an den deutschen Sprachgebrauch soll auch auf diesen Seiten von den Eskimos anstatt von den Inuit gesprochen werden.)
Archäologische Funde zeigen, dass schon dreimal zuvor, erstmals um 2600 v. Chr., «Rohfleischesser» nach Grönland eingewandert waren. Doch verloren sich deren Spuren sozusagen im Eis. Erst dieser letzte Schub von Eskimos vermochte sich zu behaupten. Nach und nach bevölkerten sie in kleinen Jäger und Fischergemeinschaften den nordwestlichen Küstenstreifen Grönlands.
Weniger erfolgreich waren die Europäer am südlichen Ende der Rieseninsel. Zwar gediehen die Siedlungen der als Ackerbauern, Schafzüchter, Fischer und Jäger tätigen Wikinger anfänglich prächtig. Um das Jahr 1300 herum lebten auf 280 Höfen ungefähr 4500 Personen. Sie hielten als kühne Seefahrer auch regelmässig Kontakt mit Island und Norwegen, wohin sie unter anderem Robbenfelle, Walrosszähne und lebende Falken lieferten. Sie bauten Kirchen und Klöster. Und sie hätten bestimmt einen Staat gegründet, der - ähnlich wie Island - heute seinen Platz in der westlichen Völkergemeinschaft hätte. Wenn sie nicht um das Jahr 1500 - immerhin fünf Jahrhunderte nach ihrer Ankunft - plötzlich verschwunden wären. Unvermittelt brach damals die Schiffsbrücke nach Island und Norwegen ab; von der grönländischen Wikingerkolonie fehlte fortan jegliches Lebenszeichen.
Es gibt eine ganze Reihe von Theorien, welche das Verschwinden der Wikinger aus ihrem Siedlungsgebiet zu erklären versuchen: Epidemien, Klimaverschlechterung, Degeneration und Vernichtung durch die von Norden her einwandernden Eskimogruppen werden als mögliche Ursachen genannt. Keine dieser Theorien hat sich aber als hieb- und stichfest erwiesen. So bleibt es weiterhin ein Rätsel, weshalb dieses widerstandsfähige europäische Volk seinen Lebenskampf letztlich doch verlor.
Aus Eskimos wurden Grönländer
Eine dritte Phase der Besiedlung Grönlands begann im Sommer 1721, als der dänische Pfarrer Hans Egede südwestgrönländischen Boden betrat. Er war gekommen, um nach dem Verbleib seiner skandinavischen Glaubensbrüder zu forschen, fand jedoch «nur» Eskimos.
Aus letzteren waren allerdings in der Zwischenzeit grösstenteils Mischlinge von Eskimos und Weissen geworden. Etwa ab 1650 hatte nämlich an Grönlands Westküste eine «stürmische» Zeit eingesetzt: Jedes Jahr waren um die hundert Schiffe mit insgesamt etwa 10 000 Seeleuten - vorab Friesen, Holländer, Norweger und Briten - nach Grönland gefahren, um die dort entdeckten überreichen Walbestände auszubeuten. Und bei dieser Gelegenheit wurde in den kleinen, verstreuten Eskimodörfern an der Küste ein Mischvolk gezeugt, das man heute allgemein als «Grönländer» bezeichnet. Nur auf der rauhen Ostseite Grönlands blieben Kontakte mit europäischen Seefahrern lange Zeit weitgehend aus. So wurde noch 1884 im Gebiet des heutigen Kulusuk eine völlig isoliert lebende Eskimogemeinschaft entdeckt, deren rund 400 Mitglieder tatsächlich glaubten, die einzigen Menschen auf der Erde zu sein. Doch auch sie ereilte alsbald dasselbe Schicksal wie ihre Brüder und Schwestern an der Westküste. Reinblütige Eskimos sind heute in Grönland kaum mehr anzutreffen.
Zwar sind Ausschweifungen von Seefahrern jener Zeit aus allen Weltmeeren überliefert. Nirgendwo scheinen sie aber so folgenschwer gewesen zu sein wie auf Grönland. Gewiss hat dabei die traditionelle sexuelle Freizügigkeit der Eskimos eine entscheidende Rolle gespielt. Bekannt geworden sind in dieser Hinsicht besonders die sogenannten «Lampenlöschspiele», welche bei Festivitäten aller Art durchgeführt wurden und bei denen der Partnertausch praktiziert wurde. Auch war es bei den Eskimos allgemein Sitte, einem Gast die eigene Frau anzubieten.
Von den christlichen Missionaren wurden diese Bräuche der Eskimos stets als übelster Sittenverfall verdammt. Unter Ethnologen ist jedoch unbestritten, dass die Eskimos, welche Tag für Tag gegen die übermächtigen Naturgewalten ankämpfen mussten, ihre Existenz als Volk kaum hätten bewahren können, wenn sie nicht solche Bräuche gepflegt hätten. Denn auf diese Weise wurde der Inzucht vorgebeugt, für zahlreiche, widerstandsfähige Nachkommen gesorgt und das Gemeinschaftsgefühl gefördert.
Auch Egede bekämpfte alsbald die «abscheulichen Lebensformen» der Grönländer und bekehrte sie nach und nach zum Christentum. Voll guter Hoffnung gründete er Godthåb, das heutige Nuuk. Unterstützt wurde er in seiner Arbeit durch Dänemarks König Frederik IV., der nicht nur ein Freund der evangelischen Mission war, sondern auch in finanziellen Schwierigkeiten steckte und sich einen einträglichen Handel mit Grönlandprodukten erhoffte. So begann die dänische Kolonialgeschichte auf Grönland, die sich in der Folge durch ihren Wohlfahrts-Charakter angenehm von der sonst üblichen Ausbeuterei jener Zeit unterschied. Die dänische Regierung erklärte den Handel mit ihrer überseeischen Besitzung nämlich zum Staatsmonopol und übergab die Verantwortung dafür der 1774 gegründeten «Königlichen Grönländischen Handelsgesellschaft» - mit der Auflage, dass sie in erster Linie dem Wohl der Grönländer zu dienen habe. Dies wurde in der Folge auch tatsächlich eingehalten.
Wandel mit Schattenseiten
Bis 1953 blieb Grönland eine Kolonie des 4000 Kilometer entfernten und 50mal kleineren Dänemark. Dann wurde es in eine integrale, gleichberechtigte Provinz Dänemarks mit gewissen Selbstverwaltungsrechten umgewandelt. Und seit 1979 hat es sogar vollständige Autonomie in inneren Angelegenheiten. Auffallendster Beweis der grönländischen Selbstverwaltung ist bislang der per Volksabstimmung erwirkte, 1985 erfolgte Austritt aus der Europäischen Gemeinschaft. Die Grönländer hatten damit der Welt nachdrücklich vor Augen geführt, dass sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen wollen. Tatsächlich sieht es so aus, als wolle Grönland bald auch noch die letzten Bindungen zu Dänemark lösen. Grundsätzlich spräche nichts dagegen - wäre da nicht der unausgeglichene Finanzhaushalt: Noch ist Grönland nämlich auf eine jährliche Finanzhilfe von über 400 Millionen US-Dollar seitens des Mutterlands angewiesen.
Die politische Führung der Insel ist jedoch zuversichtlich, dass sich Grönland aus eigener Kraft wird behaupten können. Schliesslich verfügt es in seinen Gewässern über ausserordentlich reiche Fisch-, Garnelen-, Wal- und Robbenbestände. Es gibt grosse Blei- und Zinkvorkommen bei Uummannaq sowie etliche andere, noch unangetastete Erzlager, die buchstäblich auf Eis liegen. Regelmässige Einnahmen bringt die grosse amerikanische Militärbasis bei Qaanaaq, welche Teil des NATO-Raketenfrühwarnsystems ist. Geologen vermuten ferner reiche Mineralölvorkommen an der Ostküste Grönlands. Und ein gewisses Potential liegt sicher auch im Tourismus, der ja ständig auf der Suche nach Neuigkeiten ist und Grönland noch kaum entdeckt hat.
Wirtschaftlich gesehen könnte Grönland den Alleingang nach einer gewissen Übergangszeit wahrscheinlich schaffen. Ob es allerdings auch seine ernsten sozialen Probleme - den weit verbreiteten Alkoholismus, die erschreckend hohe Selbstmordrate, die stark zugenommene Kriminalität und die grassierenden Geschlechtskrankheiten - in den Griff bekommen kann, erscheint eher fraglich.
Die Probleme begannen mit der Abwanderung der grönländischen Jäger und Fischer von ihren angestammten Siedlungsgebieten in die Distriktzentren - angelockt durch den Komfort in den modernen Wohnblocks, den sicheren Arbeitsplätzen in den Fischkonservenfabriken, dem uneingeschränkten Zugang zu medizinischer Betreuung und der stets gewährleisteten Versorgung mit Lebensmitteln. Diese Entwicklung wurde von der Regierung aktiv gefördert, da die Zentralisierung der Bevölkerung viele ihrer Aufgaben wesentlich vereinfachte.
Dadurch aber wurden nicht nur viele der traditionellen grönländischen Jäger und Fischergemeinschaften ein für alle mal zerstört. Für viele umgesiedelte und zu Arbeitnehmern und Supermarktbesuchern umfunktionierte Grönländer brach auch innerlich eine Welt zusammen. Der Verlust der traditionellen Lebensweise, des Beziehungsgeflechts innerhalb der Sippe und der angestammten Heimat kam oft einer persönlichen Tragödie gleich. Diese Werte waren in den zähen Menschen, die jahrhundertelang den arktischen Naturgewalten getrotzt hatten, weit stärker verwurzelt, als irgendjemand - und zuallerletzt sie selbst - geahnt hätte. Resignation machte sich vielerorts breit und endete zumeist mit der Flucht in den Alkohol.
Zwar hat die Regierung gewisse Fehler bei der abrupten Modernisierung des urtümlichen grönländischen Volks eingesehen und dessen traditionelle Lebensreserven erkannt. So steht seit ein paar Jahren für die Knaben wieder Fischen, Jagen, Schiessen und Gerätekunde, für Mädchen Zubereitung von Wild und Fisch, Anfertigung von Jägerkleidung und Fellbehandlung auf dem Stundenplan der Grundschule. Auch predigt die politische Partei namens «Inuit Ataqatigit» («Inuit-Föderation»), welche derzeit 5 der 27 Sitze im Parlament einnimmt, das einfache Leben. (Sie will ferner alle Eskimos von Nordostsibirien über Alaska und Nordkanada bis Grönland in einem grossen arktischen «Inuit-Reich» vereinigen.) Dass die Grönländer jedoch zu einer archaischen Gemeinde von Jägern und Fischern zurückkehren können, glaubt allen Ernstes niemand. Ihnen bleibt einzig die Suche nach einer neuen Identität im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne.
Bildlegenden
Grönland ist mit einer Fläche von beinahe 2,2 Millionen Quadratkilometern die grösste Insel der Welt. Davon liegen allerdings über achtzig Prozent unter einem dicken Eispanzer begraben. Nur der «ausgefranste» Küstenstreifen, dessen Länge einem Drittel des Erdumfangs entspricht, ist eisfrei. Hier befinden sich weit verstreut die Ansiedlungen der ungefähr 55 000 Inselbewohner.
Ittoqortoormiit liegt auf einer Halbinsel an Grönlands Ostküste. Das Traditionsbewusstsein ist hier noch stärker ausgeprägt als im Westen, da Kontakte mit Europäern erst im 19. Jahrhundert erfolgten. So nahmen die Bewohner der Ostküste an der 1982 begangenen 1000-Jahr-Feier zur Erinnerung an die Landung des ersten Europäers (Eriks des Roten) auf Grönland nicht teil. Sie sagten zu Recht, dass die ersten Eskimos schon vor über 4000 Jahren nach Grönland eingewandert seien.
Eisbärfellhosen, Rentierfelljacke und Robbenfellhandschuhe schützen diesen Grönländer vor der arktischen Kälte. Er gehört zu den letzten 600 Berufsjägern der Insel. Und er ist auch einer der letzten, der sich mitunter für die Nacht ein vor Wind und Wetter schützendes Schneehaus, ein «Igdluviaq», baut, wenn er mit Hundeschlitten, Gewehr und Harpune durch die Küstenlandschaft streift.
Grönlands Amts- und Hauptunterrichtssprache ist Grönländisch, das heisst die für Grönland typische Eskimosprache. Es handelt sich - wie bei den anderen Eskimosprachen Nordostsibiriens, der Aleuten, Alaskas und Nordkanadas - um eine polysynthetische Sprache, bei der jeweils mehrere zusammengehörende Begriffe zu einem langen Wort verknüpft werden. So heisst beispielsweise «meine kleine Tochter» auf Grönländisch «Paninnguarra» - bestehend aus «Panik» für «Tochter», «nguaq» für «klein» und «ra» für «mein».
Auf Grönland leben nebst 9000 Dänen und anderen Europäern ungefähr 46 000 Grönländer, wie man die Inselbewohner mit gemischt eskimoisch-europäischem Blut nennt. Reinblütige Eskimos sind kaum mehr anzutreffen. Etwa 80 Prozent der Grönländer leben heute in städtischen Verhältnissen und haben westliche Lebensgewohnheiten angenommen - mit Plastikbechern, Sonnenbrillen, Jeanshosen und all den anderen zivilisatorischen Gütern, die dazu gehören. Diese Grossfamilie in Qaanaaq feiert einen Geburtstag.
Grönland wird in zwei Welten geteilt durch die «Schneehundegrenze», welche auf der Höhe des Polarkreises quer durch die Insel verläuft. Nördlich davon dürfen nur Hundeschlitten verkehren, südlich davon nur Motorschlitten. Rund 30 000 der zähen arktischen Hunde stehen auf Grönland im Einsatz. Sie werden immer etwa zu zehnt und stets im Fächer vor die schweren Schlitten gespannt.
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