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Über zweieinhalb Stunden musste Dajana Jastremska (WTA 128) am Samstag auf dem Court gegen Sorana Cirstea (ROM/WTA 30) kämpfen, ehe ihr Final-Einzug in Lyon feststand. «Ich muss darüber nachdenken, was ich im Moment fühle. Ich realisiere gar nicht, dass ich im Final stehe», sagte die Ukrainerin.
In der Tat ist es nur schwer vorstellbar, welch Achterbahn der Gefühle die 21-Jährige seit dem Start der russischen Invasion in ihrem Heimatland durchmachen musste.
Mit 15-jähriger Schwester geflohen
In Odessa, einer Hafenstadt am Schwarzen Meer im Süden der Ukraine, verbrachte Jastremska zwei Nächte in einer Tiefgarage, um sich vor allfälligen russischen Angriffen zu schützen. Am 25. Februar entschieden ihre Eltern, sie zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Ivana, die ebenfalls Tennis spielt, aus dem Land und in Sicherheit zu bringen.
Mit dem Auto schaffte es die Familie bis an die rumänische Grenze, wo sich die Wege von Eltern und Kindern trennten. «Meine Mutter wollte meinen Vater nicht allein zurücklassen, deshalb gingen sie gemeinsam wieder zurück in die Ukraine», erzählte Jastremska im Tennis-Podcast No Challenges Remaining. Per Schiff über die Donau verliessen die Schwestern schliesslich ihr unter Beschuss stehendes Heimatland.
Tennis als Ablenkung vom Krieg
Von Rumänien aus ging es für Dajana und Ivana Jastremska mit dem Flieger weiter nach Lyon, wo die Organisatoren des WTA-250-Turnier den Schwestern eine Wildcard zugesichert hatten. Gemeinsam traten die 21-Jährige und die 15-Jährige nur 3 Tage nach ihrer Flucht im Doppel an, wo sie in der 1. Runde an der Schweizerin Xenia Knoll, die mit Georgina Garcia-Perez (ESP) angetreten war, scheiterten.
Im Einzel aber war Dajana Jastremska kaum zu stoppen. Nach ihrem hartumkämpften Auftaktsieg gegen Ana Bogdan (WTA 97) ging die Ukrainerin zu Boden, übermannt von den Emotionen der letzten Tage. Kurz darauf teilte sie mit ihrer rumänischen Gegnerin am Netz einen rührenden Moment.
«Meine Siege sind für die Ukraine»
Die Emotionen wurden im Verlauf des Turniers für Jastremska nicht weniger. Sie besiegte in der Folge auch Cristina Bucsa (ESP/WTA 139), Jasmine Paolini (ITA/WTA 48) und Cirstea. Erst im Final gegen die Chinesin Zhang Shuai (WTA 64) nahm das Sport-Märchen ein Ende. Jastremska verlor in 3 hartumkämpften Sätzen 6:3, 3:6, 4:6, nachdem sie im Entscheidungssatz noch mit Break 2:0 geführt hatte.
Die Final-Niederlage schmälerte die beinahe unglaubliche Willensleistung Jastremskas in Lyon aber keineswegs. «Ich bin unglaublich stolz, Ukrainerin zu sein. Und ich bin stolz darauf, wie alle Ukrainer gemeinsam für die Freiheit einstehen. Das gibt mir die Kraft, um auf dem Tennis-Court zu kämpfen. Meine Siege sind für die Ukraine», hatte die 21-Jährige nach dem Halbfinal noch verlauten lassen.