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Goldman Sachs 18.04.2010 20:57

Wie soeben bekannt wurde, hat die amerikanische Börsenaufsicht SEC die Bank Goldman Sachs am 16. April
wegen Wertpapierbetrugs verklagt. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 17. 4. war folgendes zu entnehmen: »Berichte über mögliche Interessenkonflikte der Bank waren bereits in den vergangenen Monaten zirkuliert. Dem Institut wurde vorgeworfen, auf fallende Häuserpreise spekuliert zu haben, während Kunden mit den vom Häusermarkt abhängenden Finanzprodukten der Bank hohe Verluste machten. Die Klage der SEC gegen die führende und einflußreichste Bank der Wall Street ist der erste Vorstoß der Behörde gegen Methoden bei der Vermarktung derartiger Produkte. Unter den Opfern ist der Anklageschrift zufolge auch die gestrauchelte deutsche Mittelstandsbank IKB. Alleine sie soll fast 150 Millionen Dollar verloren haben.« Die Anklage wurde von Goldman Sachs inzwischen zurückgewiesen, da die Vorwürfe nicht den Tatsachen entsprächen. Was das Vorgehen der Bank im Zusammenhang mit Griechenland betrifft, so ist dieses in dem nachfolgenden Aufsatz zusammengefasst:
Die Taktiken der Wall Street - von Louise Story, Landon Thomas Jr. und Nelson D. Schwartz
Die Taktiken der Wall Street - ähnlich jenen, die die Subprime-Hypotheken in der USA begünstigten - haben die Finanzkrise, die Griechenland erschüttert und den Euro unterminiert, verschärft, indem sie es den europäischen Regierungen ermöglichten, ihre wachsenden Schulden zu verbergen. Während die Sorgen über Griechenland die Weltmärkte erschüttern, zeigen Berichte und Interviews, dass sich das Land mit Hilfe von Wall Street während eines Jahrzehnts darum bemühte, die Schuldenlimiten der EU [die EU-Konvergenzkriterien zur Staatsverschuldung] zu umgehen.
Ein von Goldmann Sachs kreierter Deal half, Milliardenschulden vor der Budgetaufsicht in Brüssel zu verschleiern. Noch als sich die Krise schon dem Siedepunkt näherte, suchten Banken nach Wegen, um Griechenland dabei zu unterstützen, den Tag der Abrechnung abzuwenden. Anfang November, drei Monate bevor Athen zum Epizentrum weltweiter finanzieller Unruhe wurde, traf ein Team von Goldmann Sachs in der antiken Stadt ein und unterbreitete einer Regierung, die darum kämpft, ihre Rechnungen zu bezahlen, einen sehr modernen Vorschlag; das berichten zwei Personen, die an dem Treffen instruiert wurden. Die von Gary D. Cohn, Präsident von Goldmann Sachs, angeführten Banker stellten ein Finanzinstrument in Aussicht, das Schulden des griechischen Gesundheitssystems weit in die Zukunft hinausgeschoben hätte - ziemlich genau so, wie wenn pleite gegangene Hausbesitzer eine zweite Hypothek aufnehmen, um ihre Kreditkartenschulden abzubezahlen. Zuvor hatte es funktioniert. Leute, die mit der Transaktion vertraut waren, sagten, dass 2001, kurz nachdem Griechenland in die europäische Währungsunion aufgenommen worden war, Goldmann Sachs der Regierung behilflich war, insgeheim Kredite in Milliardenhöhe aufzunehmen. Dieser Deal - dem Blick der Öffentlichkeit verborgen, da er mehr als Währungshandel denn als Darlehen behandelt wurde - half Athen, die europäischen Defizitkriterien einzuhalten und dennoch weiterhin Ausgaben zu tätigen, die seine Mittel überstiegen.
Athen ist dem neuesten Vorschlag von Goldmann Sachs nicht gefolgt, aber angesichts eines unter seinen Schulden ächzenden Griechenlands und der Beteuerungen seiner reicheren Nachbarn, ihm zu Hilfe zu kommen, werfen die Deals des letzten Jahrzehnts Fragen zur Rolle der Wall Street in diesem jüngsten Finanzdrama der Welt auf. Genauso wie in der US-Subprime-Krise und beim Zusammenbruch der American International Group AIG waren auch bei der Anhäufung der griechischen Schulden Finanz-Derivate im Spiel. Es waren von Goldmann Sachs, J. P. Morgan Chase und eine Vielzahl weiterer Banken entwickelte Instrumente, die es Politikern in Griechenland, Italien und wohl auch anderswo ermöglichten, weitere Kreditaufnahmen zu verbergen. In Dutzenden von Geschäften quer über den Kontinent stellten Banken Vorschuss zur Verfügung, als Gegenleistung für zukünftige Zahlungen der Regierungen, wobei diese Verpflichtungen dann in den Geschäftsbüchern weggelassen wurden. Griechenland zum Beispiel gab dafür Flughafentaxen und Lotterieerlöse der kommenden Jahre ab. Kritiker sagen, solche Geschäfte täuschten Investoren und Regulierungsbehörden bezüglich der tatsächlichen Höhe der Verpflichtungen eines Landes, da sie nicht als Kredite erfasst sind. Einige der griechischen Geschäfte wurden nach Figuren der griechischen Mythologie benannt, eines beispielsweise nach dem Gott der Winde ›Aeolos‹.
Die Krise in Griechenland stellt jedoch die bedeutendste Herausforderung für die gemeinsame europäische Währung, den Euro, und für das Ziel einer wirtschaftlichen Einheit des Kontinents dar. Das Land ist, im Bankenjargon gesprochen, «too big to fail», zu gross, als dass man es zulassen könnte, dass es scheitert. Griechenland schuldet der Welt 300 Milliarden Dollar, und wichtige Banken zappeln am Haken eines Grossteils dieser Schulden. Ein Nichterfüllen der Zahlungen hätte Auswirkungen rund um den Globus. Eine Sprecherin des griechischen Finanzministeriums sagte, die Regierung habe sich in den letzten Monaten mit vielen Banken getroffen und sich gegenüber keinem Angebot irgendeiner Bank verpflichtet. Alle Schuldfinanzierungen «werden im Bemühen um Transparenz geführt», sagte sie. Goldmann und J. P. Morgan lehnten einen Kommentar ab. Während die ›Handarbeit‹ von Wall Street in Europa diesseits des Atlantiks wenig Aufmerksamkeit erhielt, wurde sie in Griechenland und in Magazinen wie dem Spiegel in Deutschland scharf kritisiert. «Politiker möchten den Ball vorwärts spielen, und wenn eine Bank ihnen einen Weg zeigen kann, wie sie ein Problem in die Zukunft verschieben können, fallen sie darauf herein», äusserte Gikas A. Hardouvelis, Ökonom und früherer Regierungsbeamter, der mithalf, den jüngsten Bericht über Griechenlands Buchführungspraktiken zu schreiben. Wall Street hat Europas Schuldenproblem nicht geschaffen. Aber Banker ermöglichten es Griechenland und anderen, Kredite aufzunehmen, die ihre Mittel überstiegen, und das in Geschäften, die völlig legal waren. Es gibt wenige Regeln, die regulieren, wie Länder das Geld aufnehmen können, das sie für Ausgaben wie Rüstung und Gesundheitsversorgung benötigen. Der Markt für Staatsschulden - der Begriff von Wall Street für Staatsanleihen - ist ebenso uneingeschränkt wie riesig. «Wenn eine Regierung schummeln will, kann sie schummeln», sagt Garry Schinasi, Veteran bei der Abteilung für Kapitalmarktaufsicht des IWF, der die Anfälligkeit im globalen Kapitalmarkt beobachtet. Banken haben das, was für sie eine hochlukrative Symbiose von ausgabefreudigen Regierungen ist, eifrig ausgebeutet. Während Griechenland vom Vorschlag von Goldmann Sachs im November 2009 keinen Gebrauch machte, zahlte es der Bank über 300 Millionen Dollar an Gebühren für die Ausrichtung der Transaktion von 2001, wie verschiedene mit dem Geschäft vertraute Banker erklärten. Solche Derivate, die nicht offen dokumentiert oder offengelegt werden, tragen zusätzlich zur Unsicherheit bei, wie tiefgreifend die Probleme in Griechenland sind und welche weiteren Regierungen eine ähnliche bilanzexterne Buchführung eingesetzt haben.
Die Welle der Angst überspült nun die übrigen Länder an der Peripherie Europas, die wirtschaftlich in Schwierigkeiten stecken, und erschwert es Ländern wir Italien, Spanien und Portugal, Kredite aufzunehmen. Zugunsten der Vereinheitlichung Europas durch eine Währung wurde der Euro mit einer Erbsünde geboren: Länder wie Italien und Griechenland traten der Währungsunion mit grösseren Defiziten bei als es der Vertrag, der die Währung kreierte, erlaubt. Anstatt Steuern zu erhöhen oder Ausgaben zu verringern, reduzierten diese Länder ihre Defizite künstlich mit Derivaten. Derivate müssen nicht schlecht sein. Die Transaktion von 2001 enthielt ein als Swap [Tausch] bekanntes Derivat. Ein solches Instrument, der sogenannte Zins-Tausch, kann Unternehmen und Ländern helfen, mit Schwankungen ihrer Kosten für die Kreditaufnahme fertig zu werden, indem Zahlungen zu einem festen Zinssatz gegen variable Zinssätze eingetauscht werden oder umgekehrt. Eine andere Form, ein Währungs-Swap, kann die Auswirkungen volatiler Wechselkurse minimieren.
Aber mit Hilfe von J.P. Morgan konnte Italien mehr als das tun. Trotz anhaltend hoher Defizite verhalf ein Derivat im Jahr 1996 Italien dazu, sein Budget erfolgreich auf Kurs zu bringen: durch Tausch von Währung mit J.P. Morgan zu einem vorteilhaften Wechselkurs, wodurch die Regierung mehr Geld in Händen hatte. Im Gegenzug verpflichtete sich Italien zu künftigen Zahlungen, die nicht als Verbindlichkeiten verbucht wurden. «Derivate sind ein sehr nützliches Instrument», meint Gustavo Piga, ein Wirtschaftsprofessor, der für das Council on Foreign Relations einen Bericht über die italienische Transaktion schrieb. «Schlecht werden sie nur, wenn sie zur Bilanzschönung eingesetzt werden.» In Griechenland ging die Finanzakrobatik noch weiter. Es lief auf einen Flohmarkt auf nationaler Ebene hinaus, als griechische Behördenvertreter die Flughäfen und Autobahnen des Landes verpfändeten, um dringend benötigtes Geld zu beschaffen. ›Aeolos‹, ein 2001 legal geschaffenes Gebilde, half Griechenland in jenem Jahr, die Schulden in seiner Bilanz zu reduzieren. Als Teil des Geschäftes erhielt Griechenland als Gegenleistung für die Verpfändung zukünftiger Landegebühren auf den Flughäfen des Landes Bargeld auf Vorschuss. Ein ähnlicher Deal aus dem Jahr 2000 unter dem Namen ›Ariadne‹ verschlang die Einnahmen der Regierung aus der nationalen Lotteriegesellschaft. Trotz Zweifel von Seiten vieler Kritiker klassifizierte Griechenland diese Transaktionen als Verkäufe, nicht als Darlehen. Diese Art Geschäfte sind innerhalb von Regierungskreisen seit Jahren umstritten. Schon im Jahr 2000 debattierten europäische Finanzminister heftig darüber, ob Derivatgeschäfte, die zur kreativen Buchführung genutzt werden, offengelegt werden sollten. Die Antwort war nein. Aber im Jahr 2002 verlangte man die Offenlegung der Buchführung für viele Gebilde wie ›Aeolos‹ und ›Ariadne‹, die nicht in den Bilanzen der Länder erschienen und forderte die Regierungen auf, solche Geschäfte als Kredite statt Verkäufe nochmals neu zu deklarieren.
Dennoch berichtete Eurostat, das Statistische Amt der Europäischen Union, noch 2008, «in einer Reihe von Fällen scheinen die beobachteten Operationen zur Verbriefung von Krediten so gestaltet, dass sie angeblich ein gegebenes Buchhaltungsergebnis erreichen, ungeachtet vom wirtschaftlichen Wert der Operation». Solche Buchhaltungstricks mögen kurzfristig einträglich sein, mit der Zeit können sie sich als verheerend erweisen. George Alogoskoufis, er wurde bei einem Wechsel der Parteien nach dem Goldman Deal Finanzminister Griechenlands, kritisierte die Transaktion 2005 im Parlament. Das Geschäft, machte Alogoskoufis geltend, würde der Regierung bis 2019 umfangreiche Zahlungen an Goldman Sachs aufbürden. Alogoskoufis, der ein Jahr später zurücktrat, äusserte letzte Woche in einer e-mail-Mitteilung, dass Goldman später einer Neugestaltung des Geschäftes zustimmte, «um das Wohlwollen der Republik wiederherzustellen». Er sagte, der neue Entwurf sei für Griechenland besser als der alte. Laut zwei Personen, die über die Transaktion unterrichtet wurden, verkaufte Goldman Sachs 2005 den Zins-Swap an die National Bank of Greece, die grösste Bank des Landes. 2008 half Goldman Sachs der Bank, den Swap in ein Rechtsgebilde mit dem Namen ›Titlos‹ einzubinden. Laut Dealogic, einer Finanzforschungsfirma, behielt die Bank die Schuldverschreibungen, die ›Titlos‹ ausgab, ein, um sie als Sicherheiten für noch mehr Kredite der Europäischen Zentralbank einsetzen zu können. Edward Manchester, ranghoher Vizepräsident bei der Kredit-Rating-Agentur Moody’s, äusserte, dass der Deal für Griechenland auf Grund der langfristigen Zahlungsverpflichtungen letztlich zum Verlustgeschäft werde. Bezüglich des ›Titlos‹-Swap mit der Regierung Griechenlands sagte er: «Dieser Swap wird für die griechische Regierung immer unrentabel sein.»
Anmerkung d.a. In einem Interview mit der Londoner Sunday Times hatte Lloyd Blankfein, der Chef von Goldman Sachs, Anfang November letzten Jahres folgendes erklärt 2: »Wir helfen den Unternehmen zu wachsen, indem wir ihnen helfen, Kapital zu bekommen. Unternehmen, die wachsen, schaffen Wohlstand. Und das wiederum ermöglicht es den Menschen, Jobs zu haben, die noch mehr Wachstum und noch mehr Wohlstand schaffen.« Banken, so seine Schlussfolgerung, haben einen gesellschaftlichen Zweck und verrichten ›Gottes Werk‹. Goldman Sachs hatte im dritten Quartal einen Gewinn von 3 Milliarden Dollar verbucht und wollte zum Jahresende mehr als 20 Milliarden Dollar als Boni zahlen. Blankfein sagte, er könne verstehen, dass es auch Menschen gebe, die über die Handlungsweise der Banken verärgert seien.
Kommentar überflüssig……
1 http://www.zeit-fragen.ch/ausgaben/2010/nr8-vom-2322010/Wall Street-half-griechenland-beim-verstecken-der-schulden-und-schuerte-die-europaeische-krise/
Zeit-Fragen Nr. 8 vom 23. 2. 2010; Quelle: International Herald Tribune vom 15. 2. 2010
2http://www.handelszeitung.ch/artikel/Unternehmen-SDA_Banken-verrichten-laut-Goldman-Sachs-Chef-Gottes-Werk_634474.html 8. 11. 09
Banken verrichten laut Goldman-Sachs-Chef Gottes Werk - Der Chef der US-Grossbank