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« La partition des Pêcheurs de perles fait le plus grand honneur à M. Bizet qu’on sera forcé d’accepter comme compositeur, malgré son rare talent de pianiste lecteur.» Man wird nicht umhinkommen, Bizet [auch] als Komponisten anzuerkennen – «obwohl er sich einen besonderen und seltenen Ruf erworben hat, nämlich den eines unvergleichlichen Pianisten und Partiturlesers ab Blatt, wobei er keinerlei technische Schwierigkeiten zu kennen scheint» (übs. BR).
Der junge Georges Bizet (Portrait von Félix Henri Giacomotti, um 1865)
Nachzulesen ist diese mit leichter Ironie gewürzte Eloge im Pariser Journal des Débats vom 8. Oktober 1863 – im Feuilleton dieser Zeitschrift erschien u. a. 1869 Jules Vernes utopischer Roman «Autour de la Lune» als Vorabdruck! Als seinen letzten Beitrag fürs renommierte Blatt verfasst hat den Text der Komponist und gefürchtete Musikkritiker Hector Berlioz. Die Rede ist von den «Perlenfischern», der ersten großen Oper des damals gerade mal 24jährigen Georges Bizet (1838–1875), der zuvor drei kleinere Buffa-Opern geschrieben hatte.
Jetzt, 1860, war er als Stipendiat des Prix de Rome nach Paris zurückgekehrt. Bald schon erhielt er vom Intendanten der Opéra-Lyrique den lukrativen Auftrag für eine abendfüllende Oper, finanziert durch beachtliche 100'000 Francs aus dem Fonds, den ein kunstliebender Adliger gestiftet hatte. Die Komposition auf ein Libretto des versierten Autorengespanns Michel Carré und Eugène Cormon entstand in nur vier Monaten zwischen April und August 1863. Sie bedienten mit ihrem Text das Flair für Orientalismus und Südsee-Exotik des Pariser Publikums, wie sie in Theater, Literatur und Malerei häufig evoziert wurden – Jean-Philippe Rameau, Lully und Molière, Félicien David, François-Adrien Boieldieu, Léo Delibes, Jacques Offenbach, um nur ein paar Namen aus dem französischen Kulturkreis zu erwähnen.
Am 30. September ging das Werk erstmals über die Bühne des Théâtre-Lyrique mit sehr durchzogenem Erfolg. Die eingangs zitierte Beurteilung von Berlioz war eine der wenigen positiven. Nach 18 Aufführungen und einer Wiederaufnahme-Serie, gespickt mit korrumpierenden Veränderungen in Musik und Dramaturgie, in den 1880er Jahren, also nach dem frühem Tod Bizets, verschwand das Werk in der Versenkung – wohl auch überschattet von «Carmen», einer der erfolgreichsten Opern überhaupt, die bei der Uraufführung (1875) allerdings ebenfalls gefloppt hatte. Erst 1975 gelang es aufgrund des noch von Bizet edierten Klavierauszugs eine spielbare Fassung im Geiste des Komponisten zu erstellen; seine originale Orchesterpartitur dagegen bleibt verschollen. Den Weg auf die Bühne findet das exquisite Werk auch heute eher selten.
Umso verdienstvoller, dass das Opernhaus Zürich 2010 die Oper, nach rund acht Jahrzehnten Abstinenz auf den Spielplan setzte und weitere Aufführungsserien folgen ließ. Jetzt also tauchen sie wieder auf – beziehungsweise ab –, die sagenhaften Perlenfischer. In der durchdachten Regie von Jens-Daniel Herzog schon damals eine absolut lohnende Wiederentdeckung, heute eine ebenso lohnende Wiederbegegnung.
Schauplatz der klassischen Dreiecksgeschichte – eine Frau zwischen zwei Männern; Liebe vs. Freundschaft – ist die Küste des vormaligen Ceylon. Einst hatten sich der Jäger Nadir und der Perlenfischer Zurga in dieselbe Frau, eine Brahma-Priesterin namens Léïla, verliebt, doch um ihrer Freundschaft willen beide auf sie verzichtet. Jetzt führt das Geschick alle drei wieder zusammen; die verdrängten Gefühle entflammen erneut.
Allerdings wird auf Klischees wie Palmenstrand, Südseeromantik und Orientkolorit verzichtet. Vielmehr betonen der Regisseur Herzog und sein Bühnenbildner Mathis Neidhardt die dem Werk unterschwellig inhärente Sozialkritik an einer rigiden Klassengesellschaft; jedenfalls deuten die Briefe, die der junge Bizet seiner Mutter während seines Studienaufenthalts aus Rom sandte, darauf hin, dass er die politisch bewegten Geschehnisse im Italien zur Zeit des Risorgimento sehr wohl zur Kenntnis nahm und reflektierte. Das zeittypische Fernweh – Bizet war ein Zeitgenosse des Malers Paul Gauguin! – und die Exotismen, die fein dosiert im mit Englischhorn, Piccolo, Triangel, Tamburin und Harfen angereicherten Orchester anklingen, bleiben sozusagen Utopie in den Köpfen und Herzen der Protagonisten. Im Zentrum steht dagegen die hierarchisch strukturierte, ausbeuterische Gesellschaftsordnung, die den Menschen unfrei macht. Das unterstreicht allein schon der prominente Chor, der bereits die Chöre der Schmuggler und Tabakarbeiterinnen aus «Carmen» vorwegnimmt. Hier sind es die versklavten, ja, entmenschlichten Perlenfischer, denen darstellerisch wie musikalisch eine zentrale Aufgabe zukommt, die sie, suggestiv choreografiert von Ramses Sigl und einstudiert von Janko Kastelic, formidabel lösen. Im zeitgenössischen Bericht eines Arztes und Physiologen liest man dazu: «Man betrachtet das Tauchen als der Gesundheit sehr nachteilig, und gewiss verkürzt es das Leben derer, welche es vielfach treiben...»
Der tote Perlentaucher – Skulptur von Benjamin Paul Akers, 1858
Emotionen im Schiffskutter
Sinnfälligerweise verlegt die Inszenierung das Geschehen in den Rumpf eines rostigen Fischkutters, der in ceylonesischen Gewässern ankert. Die mehrdeutige Schiffsmetapher impliziert Enge, Eingeschlossen-Sein, aber ebenso Aufbruch, Flucht, Befreiung...
Zuunterst malochen die menschlichen Arbeitsmaschinen: ein amorphes Kollektiv, das in weißen Schürzen, weißen Schiffchenmützen, blauen Overalls und rosa Gummihandschuhen die Muscheln aufbricht und nach Perlen durchsucht, bewacht von gestrengen Aufsehern. Und an der Wand das zynische Motto, das an gewisse Arbeitslager erinnert: Le bonheur du travail...
Auf dem Mitteldeck, beidseits über metallene steile Stiegen erreichbar, liegt die Mahagoni-Kajüte: das Büro des Vorstehers oder Anführers Zurga mit Bett, Arbeitstisch, einem an die Wand gepinntem Einsatzplan. Und, auf einem Aktenschrank im Hintergrund, einer Batterie hochprozentigen Gesöffs.
Auf dem Oberdeck thront buchstäblich die Religion in Gestalt der per Lastkran auf einer Transportpalette von oben herabgesenkten jungfräulichen Priesterin – es ist niemand anders als jene Léïla, für die die beiden Freunde geschwärmt hatten. Ihre gesungenen Gebete sollen die Götter und die Naturgewalten zum Schutze der Perlentaucher bei ihrer gefährlichen Arbeit günstig stimmen. Nadir hat die Stimme der einstigen Geliebten wieder erkannt; im Schutz der Nacht schleicht er sich aufs Oberdeck, während Zurga, der Freund und einstige Konkurrent, nach einem heftigen Saufgelage seinen Rausch ausschläft.
Doch, man ahnt es, die ketzerische Liebe zwischen Léïla und Nadir wird jäh entdeckt, sämtliche Warnlampen an Bord des mächtigen Fischerkahns beginnen zu blinken: Die Emotionen geraten außer Kontrolle, über dem Meer – und in der Musik – tobt ein Sturm. Diese zentrale Szene ist eine unter vielen, welche die sinnfällige und gleichzeitig immer wieder überraschende Inszenierungsarbeit auszeichnet. Das etwas konstruierte Libretto erhält Tiefgang, wird zur menschlich anrührenden, plausiblen Geschichte. Musik und Handlung, selbst der mitunter etwas pathetische Text verbinden sich zu einem schlüssigen Ganzen in einer zeitgemäßen Lesart. Dazu hat Sybille Gädeke unspektakuläre, aber passende Kostüme in gedämpften Farben geschaffen; einzig Léïlas priesterliches Kultgewand setzt einen geheimnisvollen bunten Akzent ins triste Ambiente.
Étienne Dupuis (Zurga, Bar) Ekaterina Bakanova (Léïla, S) Javier Camarena (Nadir, T)
Ekaterina Bakanova als Léïla zeichnet ein Wesen von ebenso schillerndem Charakter wie der irisierende Voile, der anfänglich ihr Gesicht verhüllt. Zu Beginn, als sie ihres Amtes waltet, klingt ihr Sopran in den orientalisierenden Melismen fast etwas mechanisch, gradlinig, «offiziell». Als der Abend sinkt, Götterdienst und Gebete getan sind, wird sie zur modernen jungen Frau. Sie entledigt sich des Schleiers, lockert die Glieder, streckt sich, trinkt Mineralwasser aus der Pet-Flasche, raucht, ist bereit, ihr selbstbestimmtes Glück zu erkämpfen. Ihre Stimme bekommt jetzt eine erotische weibliche Note, was ihre emotionale Anspannung und lange unterdrückte Sinnlichkeit unterstreicht; die Liebe der rivalisierenden Männer ist nur zu verständlich.
Einer davon ist Javier Camarena als Nadir, der diese Rolle schon damals, 2010, verkörpert hatte – jetzt allerdings mit Bart. Geblieben ist jedoch der tenorale Schmelz, mit dem er den stimmlich anspruchsvollen Part souverän beherrscht, darunter die vom Englischhorn begleitete, zwischen Dur und Moll schwankende Traum-Romanze, deren heikle Spitzentöne er mit perfekter Voix mixte und berückender Melancholie gestaltet. Auch seine schauspielerische Präsenz überzeugt – etwa in jener Szene, da er den Rivalen Zurga gestenreich betrunken macht, um sich dann auf Zehenspitzen der auf dem Oberdeck schmachtenden Léïla zu nähern.
Nicht nur im berühmten Männerduett, auch in seiner ganzen Rollenzeichnung ist Étienne Dupuis mit magistralem, wenn erforderlich auch mal herrischem, aber allzeit perfekt fokussiertem Bariton ein ebenbürtiger Freund, Rivale und zuletzt Verzichtender. Seine zerstörerische – und selbstzerstörerische – Eifersuchtsszene während des Schlussduetts der Liebenden gehört zu den packendsten des Abends. Wie er alle Akten vernichtet, die Perlen unters Volk wirft, bevor er sich selbst richtet und das Liebespaar über die sich senkende Ladebrücke in die Freiheit entlässt, ist ergreifend: Die Schattenrisse der beiden Liebenden im Gegenlicht des dämmernden Morgens – das ist grosses Kino.
Hubert Kowalczyk als autoritärer Priester Nourabad komplettiert das Sängerquartett mit kernigem Bass. Das Lob gilt ebenso den vier Sänger-Darstellern wie der minutiös gearbeiteten Personenführung, für die es nur ein Wort gibt: stimmig bis ins Detail! Und alles wird getragen von einem hellwachen, subtil und farbenprächtig musizierenden Orchester unter der energetischen Stabführung von Nicholas Carter. Er bringt die Farbenvielfalt und die «bizzareries harmoniques», die man Bizet vorwarf, intensiv zum Leuchten und Vibrieren; der kompositorische Reichtum scheint die Philharmonia Zürich geradezu zu beflügeln. So ist es letztlich müßig, die Perlenfischer-Partitur dieses jungen Hochbegabten an seinem späteren Geniestreich, der zweifellos stringenteren und konziseren «Carmen», zu messen. Vielmehr darf man sich am Klangzauber und an den instrumentalen Einfällen freuen, die hier mit jugendlicher Freizügigkeit ausgebreitet und von allen Beteiligten –Orchester, Soli, Chor und selbst den zahlreichen Statisten – mit Feuer und Hingabe nachgezeichnet werden.
Die Szenenbilder stammen aus der ersten Aufführungsserie von 2010 – @ OHZ – Suzanne Schwiertz
01. 07. 2023
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