Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03332.jsonl.gz/793

DMZ - GESELLSCHAFT / POLITIK ¦ Daniel Birkhofer ¦
Es sieht aus wie ein biopolitischer Traum: Von Ärzten beratene Regierungen zwingen ganze Bevölkerungen unter eine Seuchendiktatur, entledigen sich unter dem Titel der „Gesundheit“, ja des „Überlebens“ aller demokratischen Hindernisse und können endlich die Bevölkerung so regieren, wie sie es im Grunde, mehr oder weniger offen, in der Moderne immer schon getan haben: als reine „Biomasse“, als zu verwertendes „nacktes Leben“.
Es ist kein Zufall, dass solche Vorstellungen jetzt zunehmend auftauchen, bei Großtheoretikern wie Giorgio Agamben (der den Begriff des „nackten Lebens“ in die zeitgenössische politische Theorie eingeführt hat), aber auch da und dort im Netz, bei jenen kritischen Kritikern, die mit „Foucault“ im Gepäck nun zu durchschauen scheinen, was gerade geschieht. Die Begriffe „Biomacht“ und „Biopolitik“ sind zu verlockend, sie wirken wie das Stichwort der Stunde, in dessen grellem Licht sich die Wahrheit des Regierens in Zeiten der Pandemie enthüllt.
Das Problem ist nur: Das zu behaupten, ist angesichts des gegenwärtig so eklatanten Versagens zum Beispiel der amerikanischen Regierung in Zeiten von Covid-19 ausgesprochen unplausibel, und es hat auch mit Foucault und seinem Denken nur sehr bedingt zu tun, wenn überhaupt. Michel Foucault hat zwar den Begriff „Biopolitik“ geprägt – aber er hat ihn nicht nur bald wieder fallen gelassen, sondern mit Blick auf drei Infektionskrankheiten vor allem auch drei Denkmodelle entwickelt, mit denen das Regieren angesichts einer „Seuche“ besser verstanden werden kann als mit der semantischen Keule „Biopolitik“.
Biopolitik
Dennoch ist es notwendig, zuerst einen Blick auf diesen Begriff zu werfen. Foucault hatte das Konzept „Biopolitik“ 1976 in seinem Buch Der Wille zum Wissen (dem ersten Band der „Geschichte der Sexualität“) eingeführt, um das Auftauchen neuer politischer Ziele und Strategien in Europa in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu kennzeichnen: „Es war“, so Foucault, „nichts geringeres als der Eintritt des Lebens in die Geschichte – der Eintritt der Phänomene, die dem Leben der menschlichen Gattung eigen sind, in die Ordnung des Wissens und der Macht, in das Feld der politischen Techniken.“ Moderne Gesellschaften hätten sich die technischen und politischen Möglichkeiten geschaffen, über das Leben der Gattung als solche zu verfügen; daher „liegt“, so Foucault, „die ‚biologische Modernitätsschwelle’ einer Gesellschaft dort, wo es in ihren politischen Strategien um die Existenz der Gattung selber geht“.
Gemeint war damit zuerst die schlichte Vermehrung der Bevölkerung eines Staates durch eine bestimmte Geburtenpolitik, wie etwa die strenge Bestrafung von Abtreibung und Kindstötungen, durch Maßnahmen gegen die Kindersterblichkeit und ähnliches, dann aber auch generell staatliche Gesundheitspolitik – und schließlich das ganze Feld der eugenischen oder „rassenhygienischen“ Politik zur „Steigerung“ der „Qualität“ der Bevölkerung in vielen Ländern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wie man aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts weiß, war der Rassismus die damit verbundene Kehrseite: das heißt die Unterscheidung, so Foucault, „was leben soll und was sterben kann“.
Man muss nur wenig von der Geschichte wissen, um zu verstehen, welche Verheerungen dieser Rassismus als die Kehrseite der biopolitischen „Steigerung des Lebens“ nach sich zog. Und zweifellos: Jede moderne Macht, jedes Regieren seit dem 18. Jahrhundert hat sich mehr oder weniger ernsthaft um das Leben und die Gesundheit der Bevölkerung zu kümmern. Allein, daraus abzuleiten, dass sich das Regieren in der Moderne und in unserer Postmoderne vollständig auf diese Sorge zurückführen ließe, dass das Regieren rundweg als Biopolitik zu verstehen sei, wäre gleichwohl ein Missverständnis. Es gibt genug Regierungen, denen die Gesundheit und das Leben der Vielen ziemlich egal sind – nicht zuletzt, weil deren Körper für die Schaffung von Wachstum und Wohlstand immer weniger gebraucht werden."
Foucault kann auch hier "helfen" gewisse aktuelle Entscheide und Beobachtungen durch die Expertokraten- und Technokratesysteme sowie der politisch Verantwortlichen kritisch zu würdigen... Jede Medaille hatte und hat immer zwei Seiten - mindestens...
Über das Pocken-Modell, das aber vom Pest-Modell (und teilweise auch vom "Ausschlussmodell" respektive Lepra-Modell) kräftig unterstützt wird oder:
wo die Frage auch lauten muss, was von den "Ausnahmeregelungen" plötzlich fliessend zur "Normallage" werden könnte... Und das hat noch gar nichts mit Notrecht zu tun!
Die schleichenden Veränderungen unter dem Deckmantel der "Gesundheit für alle als oberste Priorität"... In Spanien aber wurden zum Beispiel vor wenigen Tagen Alters- und Pflegeheime durch Armeeangehörige angetroffen, wo die Bewohnerinnen und Bewohner aufgegeben worden sind und zum Teil bereits tot in ihren Betten gelegen sind! Ohne Personal, die sich ihrer hätten annehmen können... Das muss hellhörig machen - gerade auch in einer westlichen Demokratie!
Foucault kann dabei "helfen"...
Quelle: Geschichtendergegenwart
Meistgelesener Artikel
Jeden Montag wird jeweils aktuell der meistgelesene Artikel unserer Leserinnen und Leser der letzten Woche bekanntgegeben.
Unterstützung
Damit wir unabhängig bleiben, Partei für Vergessene ergreifen und für soziale Gerechtigkeit kämpfen können, brauchen wir Sie.
Mein Mittelland
Menschen zeigen ihr ganz persönliches Mittelland. Wer gerne sein Mittelland zeigen möchte, kann dies hier tun
-> Mein Mittelland
Ausflugstipps
In unregelmässigen Abständen präsentieren die Macherinnen und Macher der Mittelländischen ihre ganz persönlichen Auflugsstipps.
Rezepte
Wir präsentieren wichtige Tipps und tolle Rezepte. Lassen Sie sich von unseren leckeren Rezepten zum Nachkochen inspirieren.
Persönlich - Interviews
"Persönlich - die anderen Fragen" so heisst unsere Rubrik mit den spannendsten Interviews mit Künstlerinnen und Künstlern.