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(Hinweis: Dieser Beitrag wurde bereits am 18.1.2011 im Heise Developer-Blog veröffentlicht)
In der Historie von Scrum zeichnet sich seit einigen Monaten eine neue Phase ab.
Die erste Phase war ausgehend von (den immer noch währenden) persönlichen Initiativen der Scrum-Erfinder Ken Schwaber, Jeff Sutherland u.a. durch eine sehr überschaubare Fachszene geprägt.
Mit der Scrum-Alliance und den verschiedenen Zertifikaten entstand dann eine neue monopolistische Ordnung und ein strategischerer Umgang mit Scrum, was der Verbreitung von Scrum in dieser Phase sehr dienlich war.
Mit der Separierung von Ken Schwaber und anderen von der Scrum-Alliance entsteht nun wieder eine Öffnung und eine Differenzierung des Marktes genau in dem Moment, in dem Scrum den Mainstream erreicht.
Das zunehmende Wachstum des Scrum-Marktes in den letzten Jahren hat die Scrum-Alliance organisatorisch und inhaltlich mehr gefordert als sie zu leisten im Stande war. Insofern eröffnet diese neue Phase auch die Möglichkeit, verlorenes Vertrauen zurück zu gewinnen und Fehler zu korrigieren, erfordert aber eine stärkere Auseinandersetzung mit den Angeboten des ehemaligen Monopolisten Scrum-Alliance und seiner neuen Mitbewerber.
Der Vertrauensschaden der letzten Jahren hat vielfältige Ursachen. Beispielsweise hat das Angebot „Certified Scrum Master (CSM)“ viel mehr Erwartungen geweckt als erfüllt werden konnten. Unabhängig davon, ob der Begriff als „Meister in Scrum“ im Sinne von Könner oder als „Herr über Scrum“ im Sinne von Prozessverantwortlicher interpretiert wird, suggeriert der Titel einen hohen und speziellen Anspruch. In Kombination mit einer Zertifizierung läßt dies sehr qualifizierte Absolventen erwarten.
In der Praxis hat sich der CSM als Einstiegsveranstaltung etabliert, also als rollenunspezifische Grundlagenvermittlung. Das war teilweise anders gedacht. Die suggerierte Rollenspezialisierung für den Scrum Master konnte nicht eingelöst werden ebenso wenig wie der mit dem Wort „Meister“ vermittelte Anspruch. Die mit der Zertikatserlangung durch eine bloße physische Teilnahme in einem zweitägigen Präsenzkurs entstandene geringe Wertigkeit des CSM, konnte auch durch den kürzlich nachgeschobenen Onlinetest nicht mehr geheilt werden. Der CSM rangiert dadurch mittlerweile eher auf dem Niveau „europäischer Computerführerschein“. Neuere Angebote, die gezielt rollenunabhängige Basisqualifikationen vermitteln ebenso wie rollenspezifische zertifikatsfreie Zusatzangebote, sind hier etwas glaubwürdiger.
Auch das Geschäftsgebaren hat dem Ruf und der Integrität der Scrum-Alliance geschadet. Wahrscheinlich war es gut gemeint, aber letztendlich haben die intransparenten und instabilen Regeln zur Trainerakkreditierung und zum Curriculum bis heute wahrscheinlich mehr geschadet als genützt. Die Anzahl der deutschsprachigen Trainer bspw. stand und steht in keinem angemessenen Verhältnis zum jeweiligen Marktbedarf. Die wohl qualitätsfördernd gemeinte Absicht, Trainer aus einer zentral sanktionierten Scrum-Gemeinschaft zu rekrutieren, hat über die Jahre eher den Ruf einer sektenartigen Sozialisation bekommen, in der die Erlangung der Großverdiener-Akkreditierung auch eine Reihe nicht fachlicher Gründe hat.
Und obwohl es einige wirklich gute CSM-Trainer gibt, so waren auch diese arg gefordert, die geschürten hohen Erwartungen mit nur zwei Tagen Präsenzkurs einzulösen. Mal von einzelnen Trainern abgesehen, deren missionarischer Eifer die didaktischen Fähigkeiten überragte oder deren eingeschränkter scrum-externer Erfahrungsschatz die für die Teilnehmer notwendigen Transferleistungen nicht anzuregen vermochte. Und schließlich haben auch die vom Monopol geprägten überzogenen Preise bei Unternehmen, die ernsthafter und nachhaltiger auf Scrum setzen, die Glaubwürdigkeit und Integrität der Scrum-Akteure arg strapaziert.
Das Ärgerlichste dabei ist, dass die Enttäuschungen oft auch der Vorgehensweise Scrum selbst zugeschrieben werden und nicht nur den Zertifizierungsangeboten und dem Geschäftsgebaren zentraler Akteure.
Alle Zertitifizierungsprogrammen stehen vor der Herausforderung, glaubwürdig und allgemein akzeptiert zu werden, sich von den möglichen einseitigen wirtschaftlichen Interessen ihrer Initiatoren zu emanzipieren und sich so dem kontraproduktiven Verdacht von Seilschaften zu entziehen. Großen und breit aufgestellten Fachverbänden gelingt dies meistens ganz gut. Regelmäßige kurzfristige Änderungen von Lehrplänen, Testfragen und Akkreditierungsverfahren oder die Transparenz schmälernde Verhaltensweisen wiederum sind typische Anti-Pattern, die meistens bei lokalen und kleinen Zertifizierungsorganisationen sichtbar werden. Die Scrum Alliance ist dieser großen Herausforderung bislang viel zu defensiv begegnet.
Als neutraler und unabhängiger Anbieter im Kontext von Standards kommt für oose eine einseitige Festlegung auf ein einzelnes Werkzeug oder einen proprietären (unfreien) Standard nicht in Frage. Während wir von Seiten namhafter UML-Werkzeughersteller seinerzeit niemals mit solchen Absichten konfrontiert wurden, ist uns dies im Scrum-Umfeld, wo wir es am wenigsten erwarteten, begegnet.
Bei oose haben wir in den letzten 10 Jahren zu ganz verschiedenen Themen immer mal wieder überlegt, eigene Zertifikate anzubieten, wofür es manchmal sehr gute Gründe gab. Jedesmal haben wir die Idee eigener oose-Zertifikate aber wieder verworfen. Und es dabei belassen, bei internationalen Zertifizierungen zu UML, SysML, OCEB u.a. aktiver mitzuwirken, bspw. durch die Ausarbeitung von Testfragen und -inhalten.
Die durch Ken Schwaber angestoßene zunehmende Zersplitterung der Scrum-Protagonisten finde ich daher insgesamt positiv, weil Wettbewerb das Geschäft belebt, die Bedeutung der Zertifizierungen in diesem Bereich wieder relativiert werden und dadurch durchaus eine qualitative und quantitative Steigerung in der Verbreitung von Scrum möglich wird. Für die nachhaltige Verbreitung von Scrum in der IT-Wirtschaft, die jetzt möglich und wahrscheinlich ist, ist diese Öffnung ein guter Schritt.