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Judith Butler: Die Macht der Gewaltlosigkeit
Für Judith Butler gehört Gewalt zu der Art von Phänomenen, die immer wieder ausser Kontrolle zu geraten drohen. Auch wenn sie als blosses Mittel zum Zweck verstanden wird, droht Gewaltanwendung weiterreichende Gewaltsamkeit zu rechtfertigen und mehr Gewalt in die Welt zu bringen. Butler plädiert deshalb dafür, dass emanzipatorische Bewegungen sich möglichst weitgehend auf gewaltlose Aktionen wie zum Beispiel Streiks, Besetzungen, menschliche Barrieren usw. beschränken, betont aber zugleich, dass solche Formen gewaltlosen Widerstands auch «auf durchaus aggressive Weise verfolgt werden können und müssen» (S. 36). Nur gelte die körperliche Widerstandskraft dabei unter anderem auch dem Ziel, «weitere Gewaltanwendung abzuwehren oder umzulenken» (S. 37). Das erfordere «die Offenlegung von Möglichkeiten eines erneuerten politischen Imaginären» (S. 23), und diese Offenlegung versucht Butler mit psychoanalytischen und gesellschaftstheoretischen Ansätzen zu leisten.
Was sie im Sinn hat, kündigt der englische Titel des Buches besser an als der deutsche. The Force of Nonviolence. An Ethical-Political Bind zielt weniger auf die Macht als auf die Kraft der Gewaltlosigkeit, und «ein ethisch-politisches Band» zeigt, was dieser Kraft zugrunde liegt: die Einsicht, dass Leben durch wechselseitige Abhängigkeiten bestimmt wird und Gewalt einen Angriff auf diese Bezüge darstellt. «An die Stelle von Gewaltlosigkeit als Frage der individuellen Moral tritt damit eine Sozialphilosophie der lebendigen und haltbaren Bindungen.» (S. 29)
Gewaltanwendung, wie sie zum Beispiel Elsa Dorlin in Selbstverteidigung (Suhrkamp 2020) rechtfertigt, setzt das Selbst eines Individuums oder einer Gruppe voraus, das sich der Verteidigung wert sieht und andere nicht. Das basiert auf zwei Annahmen, die Butler infrage stellt: dass manche Leben mehr Schutz verdienen als andere und dass es ein Selbst gibt, das sich ungeachtet aller Interdependenzen behauptet. Beides geht auf die Vorstellung zurück, Mensch- und Erwachsensein bestehe darin, sich aus natürlichen und sozialen Abhängigkeiten zu befreien. Die Gründungsfigur dieser Auffassung ist maskulin, und «Maskulinität wird durch fehlende Abhängigkeit definiert» (S. 53). Hiergegen betont Butler, dass wir alle, «unabhängig von unseren späteren politischen Auffassungen, in einen Zustand radikaler Abhängigkeit hineingeboren» (S. 58) werden und «mit dem Erwachsenwerden die Abhängigkeiten der Kindheit nicht überwinden» (S. 59), weil «kein Körper sich aus eigener Kraft erhalten kann» (S. 68). Daraus ergibt sich nach Butler der «Gedanke globaler Pflichten zugunsten aller Bewohner der Erde – Menschen und Tiere – [...] denkbar weit von der neoliberalen Überhöhung des Individuums entfernt» (S. 61–2). Dieser Überhöhung stellt Butler die «radikale Gleichheit der Betrauerbarkeit» (S. 76) allen Lebens entgegen. Betrauert wird oder kann werden, was zählt, und das gilt für alle Leben. Butler erläutert dies an der «Black lives matter»-Bewegung: Schwarze Leben zählen nicht im Sinn der Identitätspolitik bloss in ihrer partikulären Besonderheit, sondern im Sinn eines neuen Universalismus aufgrund der Gleichheit ihrer Betrauerbarkeit mit jener allen Lebens.