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Dieser Artikel stammt von Patrick Truffer. Die englische Version wurde im Small Wars Journal 8, Nr 9 am 06. November 2012 veröffentlicht. Die PDF-Version des Artikels kann hier in deutsch heruntergeladen werden.Mancher rieb sich ungläubig die Augen: Nachdem US-Präsident George W. Bush über Irans Bestrebungen sich nuklear aufzurüsten gewarnt hatte, gab eine Einschätzung des US National Intelligence Council (NIC) im November 2007 Entwarnung: Der Iran habe 2003 sein Atomwaffenprogramm gestoppt und bis Mitte 2007 sei keine Absicht einer Wiederaufnahme erkennbar. Ausserdem diene die Urananreicherung – zu dieser Zeit noch bis maximal 5% – zivilen Zwecken. Das NIC begründete diesen Stopp mit dem zunehmenden internationalen Druck und den internationalen Sanktionen. Der Irakkrieg (2003), offiziell präemptiv gegen den Besitz von Massenvernichtungswaffen initiiert, sowie die Präsenz der US-Truppen im Irak und in Afghanistan führten bei der iranischen Regierung zu einer existenziellen Bedrohungsauffassung. Nebst dem Halt des iranischen Atomwaffenprogramms schlug der Iran gegenüber der International Atomic Energy Agency (IAEA) einen vorübergehenden transparenteren Weg ein.
Vier Jahre nach der Einschätzung des NIC, im November 2011, zeichnete ein Bericht der IAEA ein anderes Bild. Darin wird zwar der Unterbruch des iranischen Atomwaffenprograms im Jahre 2003 bestätigt, er hält jedoch fest, dass der Iran seine nuklearen Aktivitäten seit 2007 wieder zu verschleiern versucht. Beispiele dafür sind der Bau eines Druckwasserreaktor in Darkhovin (das Projekt stammt jedoch noch aus der Zeit des iranischen Schahs, Mohammad Reza Pahlavi) und der Bau der unterirdischen Urananreicherungsanlage “Fordow” in der Nähe von Qom. Im September 2009 informierte der Iran die IAEA über “Fordow”, weil eine öffentliche Aufdeckung durch westliche Staaten kurz bevorstand (Quelle: Trita Parsi, “A Single Roll of the Dice: Obama’s Diplomacy with Iran“, Yale University Press, 24.01.2012, p. 122).
Bereits 2008 informierte der Iran die IAEA über die Entwicklung eines “Exploding-bridgewire detonator” (EBW), der sowohl für zivile wie auch militärische Zwecke eingesetzt werden könnte. Der zivile Einsatz beschränkt sich auf äusserst seltene Hochpräzisionssprengungen – zum Bau einer Implosionsbombe ist ein EBW jedoch ein integraler Bestandteil. Der Iran nahm gegenüber der IAEA keine Stellung zur Frage zu welchem Zweck der EBW vorgesehen sei. Ausserdem verfügt die IAEA über Informationen, dass iranische Ingenieure das Verhalten eines sphärischen Kerns unter Schockkompression und das Neutronenverhalten sowie die freigesetzte Energie bei einer Implosionsdetonation untersuchten, wie es bei einer nach dem Implosionsprinzip funktionierenden Atombombe der Fall ist. Die IAEA verfügt zusätzlich über Anzeichen, dass der Iran bereits Vorbereitungen für einen Atombombentest aufgenommen hatte (vgl.: Elaine Sciolino, “Nuclear Aid by Russian to Iranians Suspected“, The New York Times, 09.10.2008). Anhand dieser Punkte, der Intransparenz des iranischen Atomprograms und der fehlenden Bereitschaft zur Zusammenarbeit vermutet die IAEA in ihrem Bericht, dass der Iran sein Atomwaffenprogramm wieder aufgenommen bzw. nie ernsthaft gestoppt hat. Dadurch verschärfte sich der Konflikt um das iranische Atomprogramm weiter. Neue Wirtschaftssanktionen wurden beschlossen und die Option einer militärischen Intervention ist nicht vom Tisch (vgl.: Jeffrey Goldberg, “Obama to Iran and Israel: As President of the United States, I Don’t Bluff“, The Atlantic, 02.03.2012).
Dieser zweiteilige Artikel untersucht das iranische Atomprogramm näher. Im ersten Teil wird die die Notwendigkeit der Kernenergie für den Iran bewertet, Gründe für ein solch ambitioniertes Atomprogramm gesucht und der Zeitraum der transparenteren bzw. kooperativeren Phase mit der IAEA untersucht. Im zweiten Teil wird nach einer Eklärung für das Bestreben Uran auf 19,75% anzureichern gesucht, der momentane Stand der iranischen Nukleartechnologie betrachtet und ein abschliessendes Fazit gezogen. Zu einem späteren Zeitpunkt wwird zusätzlich das balistische Raketenprogram des Irans untersucht. Aus technologischer Sicht hängt das Bedrohungspotenzial des Iran von der Wahrscheinlichkeit der Entwicklung eines eigenen nuklearen Sprengsatzes und von der Fähigkeit diesen mit Hilfe einer Rakete zum Einsatz bringen zu können ab.
Notwendigkeit der Kernenergie für die Stromproduktion
Hinsichtlich der ausgewiesenen Erdölreserven befindet sich der Iran weltweit auf Platz 4 (Quelle: “World oil reserves by country as of January 1, 2011“, International Energy Outlook 2011, US Energy Information Administration, 19.09.2011). In der Funktion als US-Staatssekretär für Rüstungskontrolle und Internationale Sicherheit argumentierte John R. Bolton, dass der Iran aufgrund seiner fossilen Energiereserven auf die Kernenergie zur Deckung des benötigten Energiebedarfs nicht angewiesen sei. Diese Auffassung widerspricht einer vom letzten iranischen Schah, Mohammad Reza Pahlavi, 1972 in Auftrag gegebene Studie, die zum Ergebnis kam, dass die zukünftige Energienachfrage des Irans nicht ausschliesslich durch fossile Energieträger gedeckt werden kann. Dies scheint sich zu bestätigen: die Stromerzeugung im Iran wird momentan hauptsächlich durch das Verbrennen von Erdgas sichergestellt (in einem geringeren Umfang wird dazu auch Erdöl verfeuert; ansonsten wird Erdöl hauptsächlich als Treibstoff verwendet). Nahezu die gesamte produzierte Menge Erdgas (138.5 Milliarden Qubikmeter; 2010) wird selber verbraucht (137.5 Milliarden Qubikmeter; 2010; Quelle: “Iran“, The World Factbook, CIA, 18.04.2012), wobei die jährlich produzierte Menge leicht zunimmt. Langfristig kann der jährlich um rund 9% steigende Erdgasverbrauch kaum gedeckt werden. Als der Iran Ende 2007 bzw. anfangs 2008 mit einem strengen Winter konfrontiert war, wurden die Erdgaslieferung in die Türkei eingestellt (Quelle: International Crisis Group, “In Heavy Waters: Iran’s Nuclear Program, the Risk of War and Lessons from Turkey“, Middle East and Europe Report N°116, 23.02.2012, p. 16). Noch deutlicher werden die sich langfristigen abzeichnenden Energieprobleme beim Erdöl, wo der Eigenverbrauch bei stagnierender Erdölförderleistung von rund einem Drittel am Ende der 1990er auf momentan beinahe die Hälfte angewachsen ist. Jährliche nimmt der Benzinverbrauchs um 11-12% zu. Damit ist der Iran nach Saudi Arabien der zweitgrösste Erdölkonsument im Nahen Osten. Da auch der Stromverbrauch jährlich um rund 7-8% zunimmt, macht es Sinn langfristig den Strombedarf durch Kernenergie abzudecken, denn durch die ausgeschöpfte Kapazität an Erdgas würde eine Erhöhung der Stromproduktion hauptsächlich zu Lasten des Erdölexportes gehen. Durch einen massiven Ausbau der Kernenergie würde nicht nur die Abhängigkeit der Stromversorgung von der Erdgas- bzw. Erdölproduktion verringert werden, sondern auch mehr Erdgas bzw. Erdöl für den Export zur Verfügung stehen (Quelle: Roger Stern, “The Iranian petroleum crisis and United States national security“, Proceedings of the National Academy of Sciences 104:1, 02.01.2007, p. 377-382). Auch wenn dies alleine bereits einen guten Grund zum Bau von Kernkraftwerken darstellt, existiert für den Iran noch ein weiterer Grund.
Finally, there is Iran’s claim that it is building massive and expensive nuclear fuel cycle facilities to meet future electricity needs, while preserving oil and gas for export. All of this strains credulity. Iran’s uranium reserves are miniscule, accounting for less than one percent of its vast oil reserves and even larger gas reserves. Iran’s gas reserves are the second largest in the world, and the industry estimates that Iran flares enough gas annually to generate electricity equivalent to the output of four Bushehr reactors. — John R. Bolton, Under Secretary for Arms Control and International Security, “Preventing Iran from Acquiring Nuclear Weapons“, 17.08.2004.
Legally they have the right to enrich uranium the way Japan, Brazil, Germany, the thirteen, fourteen countries are having the right to enrich. — Mohamed ElBaradei, ehemaliger Generaldirektor der IAEA, zitiert in Trita Parsi, “A Single Roll of the Dice: Obama’s Diplomacy with Iran“, Yale University Press, 24.01.2012, p. 119.
Gute und wahre Gründe
Als Folge der Kooperationsvereinbarung im Rahmen des “Atoms for Peace“-Programms lieferten die USA einen 5 MW-Forschungsreaktor, welcher 1967 an der Universität in Teheran in Betrieb ging. Nach der Ölkrise (ab 1973) und den damit verbundenen hohen Ölpreisen verfügte der Iran über genügend finanzielle Mittel um die Erkenntnis der vom Schah 1972 in Auftrag gegebene Studie – bei der zukünftigen Stromproduktion auf Kernenergie zu basieren – umzusetzen. Der Schah unterschrieb eine Absichtserklärung bei den US-Amerikanern acht, bei den Franzosen sechs, bei der deutsche Kraftwerk Union (KWU) und bei Siemens vier Reaktoren von total 22 Reaktoren zur Herstellung von 23’000 MW zu beziehen (Quelle: “Iran’s nuclear, chemical and biological capabilities“, International Institute for Strategic Studies, Februar 2011, p. 9). Auf der iranischen Seite war Albolfath Mavi, ein Vertrauter des Schahs, hauptverantwortlich für die Umsetzung des Projekts (Quelle: Nader Entessar, “Iran’s Nuclear Decision-Making Calculus“, Middle East Policy, 16:2, Sommer 2009, p. 32-33). Mahvi schrieb in einem Artikel auf iranian.com, dass der Schah ihm 1970 anvertraut hätte, dass der US-amerikanische 5 MW-Forschungsreaktor auch mit der langfristigen Absicht der Entwicklung von Atomwaffen beschafft worden sei. Diese Aussage wird durch deklassifizierte Akten der US-Regierung erhärtet (vgl.: Stephen McGlinchey und Jamsheed K. Choksy, “Iran’s Nuclear Ambitions under the Shah and Ayatollahs“, Small Wars Journal, 30.03.2012; Abbas Milani, “The Shah’s Atomic Dreams“, Foreign Policy, 29.12.2010; William Burr, “U.S.-Iran Nuclear Negotiations in 1970s Featured Shah’s Nationalism and U.S. Weapons Worries“, The National Security Archive, Electronic Briefing Book No. 268, 13.01.2009). Auch wenn der Schah als Verbündeter betrachtet wurde, beschreiben die veröffentlichten US-amerikanischen Dokumente ein deutlich wachsendes Mistrauen der US-Regierung, welches durch das verdeckte Atomwaffenprogramm ausgelöst wurde.
Aus Sicht der USA war das iranische Atomprogramm nicht nur auf die Deckung des zukünftigen Energiebedarfs ausgerichtet, sondern auch zur Entwicklung von Atomwaffen bestimmt. Diese Vermutung löste bereits beim verbündeten Schah Mistrauen aus. Es erstaunt nicht, dass dem jetzigen Regime im Iran – welches von den USA zur Achse des Bösen gezählt wurde – erst recht misstraut wird.
Limitierte KooperationsbereitschaftMit der Iranischen Revolution 1979 war nicht nur das amerikanisch-iranische Verhältnis auf Eis gelegt, sondern auch das iranische Atomprogramm. Dies stand im Zusammenhang mit dem Obersten Rechtsgelehrten Ajatollah Ruhollah Chomeini, der dem Atomprogram wenig Priorität einräumte. Verdeckt wurden 1987 Pläne und Komponenten von Zentrifugen zur Urananreicherung von Abdul Qadeer Khan gekauft (Quelle: “Implementation of the NPT Safeguards Agreement in the Islamic Republic of Iran“, IAEA, GOV/2004/83, 15.11.2004, p. 6: “In 1987, Iran acquired through a clandestine supply network drawings for a P-1 centrifuge, along with samples of centrifuge components.”). Erst nach dem Tod Chomeinis 1989 wurde das Atomprogramm unter dem Obersten Rechtsgelehrten Sayyed Ali Khamenei und dem iranischen Präsidenten Akbar Hashemi Rafsanjani wieder revitalisiert. Bis 1995 wurden erste Zentrifugen-Tests durchgeführt und schliesslich 1999 das erste Mal UUranhexafluorid-Gas (UF6; die Basis zur Urananreicherung) in eine Zentrifuge eingeleitet (Quelle: “Implementation of the NPT Safeguards Agreement in the Islamic Republic of Iran“, IAEA, GOV/2004/83, 15.11.2004, p. 6). Im August 2002 deckten iranische Dissidenten im Ausland die Existenz einer der IAEA nicht deklarierten Urananreicherungsanlage in Natanz und eines Schwerwasserreaktors in Arak auf (vgl.: NCRI, “New Information on Top Secret Projects of the Iranian Regime’s Nuclear Program“, Wisconsin Project on Nuclear Arms Control, 14.08.2002). Verhandlungen mit Frankreich, Deutschland sowie Grossbritannien (EU-3) und insbesondere die von den USA geführte Invasion in den Irak im März 2003 veranlassten den Iran, die IAEA über alle weiteren nuklearen Ausbauplänen zu informieren, den UN-Inspektoren mehr Rechte zur Implementierung von zusätzlichen IAEA-Protokollen einzuräumen und den Betrieb aller nuklearen Anreicherungsanlagen zu suspendieren. Trotzdem wurden verdeckt weitere Zentrifugen gebaut und bis zum Juni 2004 wurden 40-45 kg Uranhexafluorid hergestellt (Quelle: Iran Watch, “Iranian entity: Uranium conversion facility (UCF)“, 28.08.2008). Als der Iran die IAEA über die Fortsetzung der Konstruktion bzw. Installation von Zentrifugen und über die Wiederaufnahme von Tests zur Urananreicherung informierte, galten die gegenseitigen Abmachungen als gebrochen. Dies wurde mit dem Start der Uranhexafluorid-Produktion aus 37 Tonnen Yellowcake im Herbst 2004 faktisch bestätigt (Quelle: “Implementation of the NPT Safeguards Agreement in the Islamic Republic of Iran“, IAEA, GOV/2004/83, 15.11.2004, p. 4). Als die IAEA drohte den Fall dem UN-Sicherheitsrat zu melden, wurden zwar weitere Abmachungen zwischen den EU-3 und dem Iran getroffen, der Iran hielt sich jedoch nur sehr selektiv an die Auflagen. Der neu gewählte iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad wies ein neues bindendes Abkommen mit der IAEA zurück, welches die dauerhafte Aussetzung der Urananreicherung zum Ziel hatte. Damit war die limitierte Kooperationsphase zwischen dem Iran und der IAEA vorüber und die IAEA meldete UN-Sicherheitsrat im September 2005 Irans Verstösse gegen den Atomwaffensperrvertrag.
Dies zeigte, dass der Iran an keiner Kooperation mit der IAEA interessiert war. Die limitierte Kooperationsbereitschaft war bloss eine Reaktion auf die existen-zielle Bedrohungsauffassung durch die Invasion in den Irak. Es bestand nie die Absicht permanent auf die Urananreicherung zu verzichten – vielmehr wurde die Zeit zum Bau unterirdischer Anlagen genutzt, um die Urananreicherungsanlagen besser vor Luftschlägen zu schützen. Gemäss Ali Asghar Solatanieh, iranischer Botschafter an der IAEA, wurde “Fordow” genau zu diesem Zweck gebaut (Quelle: International Crisis Group, “The P5+1, Iran and the Perils of Nuclear Brinkmanship“, Middle East Briefing N°34, 15.06.2012, p.4). Der Iran argumentierte später, dass ihre Kooperationsbereitschaft mit der IAEA und den EU-3 nicht positiv erwidert wurde. Diese Auffassung kann nicht bestätigt werden: Die EU-3 verhinderte bis zum Bruch der Abmachungen, dass Irans früheren Verstösse gegen den Atomwaffensperrvertrag (nicht getätigte Deklarationen und Meldungen über Forschungsaktivitäten) dem UN-Sicherheitsrat weitergeleitet wurden.
When the question of suspension came up in 2003, there were two schools of thought in Iran. One group advocated engagement with the West, while others were pro-ponents of resistance [...]. Supreme Leader Ayatollah Ali Kha-menei consented to a temporary suspension [...]. He was, how-ever, suspicious of Western intentions and remained skeptical about the ability of European countries to fulfil their end of the bargain [...]. After two years of Tehran’s full cooperation and transparency efforts, the Europeans failed to deliver on their promises because of American obstructionism. As a result of this deadlock, the Supreme Leader decided to turn the tables. — Hossein Mousavian, damaliges Mitglied des iranischen Verhandlungsteams, zitiert in International Crisis Group, “In Heavy Waters: Iran’s Nuclear Program, the Risk of War and Lessons from Turkey“, Crisis Groupe Middle East and Europe Report N° 116, 23.02.2012.
Im zweiten Teil suchen wir nach einer Eklärung für das Bestreben des Irans Uran auf 19,75% anzureichern, betrachten den momentanen Stand der iranischen Nukleartechnologie und ziehen ein abschliessendes Fazit.