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Das kürzlich eröffnete Thermalbad Fortyseven in Baden rückt einmal mehr die Architektur von Wellnessoasen ins Blickfeld. Hier soll es dem weniger bekannten, bereits 2011 eingeweihten Mineralbad in Samaden gegenübergestellt werden.
Architektonische Gestaltung spielt bei Bädern selbstverständlich schon lange eine grosse Rolle, man denke an die antiken Thermen, an die orientalischen Hammams oder an die glamourösen, meist aus dem 19. Jahrhundert stammenden Anstalten in Osteuropa, insbesondere in Ungarn.
Die Schweiz mit ihren erstaunlich zahlreichen Bädern rückte im Grunde erst mit der Therme von Vals in den Fokus von Architekturkritikern und -kritikerinnen. Etwas überspitzt formuliert, erfand Peter Zumthor mit der 1996 vollendeten Anlage das Thermalbad neu. Sie zelebriert die Badekultur in einer Hülle voller architektonischer Raffinesse.
Es war dann Mario Botta, der sozusagen bei dem Zug aufsprang und 2012 auf der Rigi seine Lösung eines zeitgemässen Wellnessbades präsentierte. 2009 gewann er nach einem zweistufigen Verfahren einen unter vier Teams ausgeschriebenen Wettbewerb für ein neues Bad entlang der Limmat in Baden.
Etwa zur gleichen Zeit bereitete das Basler Architekturbüro Miller & Maranta die Ausführungspläne für ein Bad im Dorfkern von Samaden im Engadin vor. Auch wenn Botta aufgrund zahlreicher Hürden und Streitigkeiten sein Projekt erst im November 2021 der Öffentlichkeit übergeben konnte, somit zehn Jahre nach der Inbetriebnahme von Samaden, entstand das Konzept, das seit dem Wettbewerb keine wesentlichen Änderungen erfuhr, fast zeitgleich mit Samaden, sodass sich ein direkter Vergleich schon fast aufdrängt.
Allerdings muss dabei berücksichtigt werden, dass die Ausgangslage in Samaden eine ganz andere war als in Baden. Zur Verfügung stand ein Grundstück zwischen der Kirche und einer Häuserzeile, das noch von einem Lebensmittelladen belegt war. Miller und Maranta waren demnach gezwungen, die benötigten Becken vertikal zu schichten. Die Besucher gelangen zuerst in die im Untergeschoss angelegten Umkleidekabinen und werden dann eingeladen, die Treppe zu benutzen, die auf jedem Stockwerk zu einer von den Architekten so bezeichneten Kammer führt. Das Aussenbad befindet sich zuoberst, sozusagen als Dachterrasse, als Abschluss einer komplexen verschachtelten Raumfolge.
Botta konnte entschieden grosszügiger planen, wurde doch ein beachtliches Areal am Ufer der Limmat als Perimeter bestimmt. Im Unterschied zu seinen Konkurrenten, die verschiedene Hochbauten für die Becken vorsahen, setzte er im rückwärtigen Bereich einen 160 Meter langen schmalen Riegel gleichsam als Rückgrat für den gesamten Komplex. Botta zufolge beruht die plastisch durchformte Flussansicht auf dem Bild einer Hand, deren Finger als mehrflächige Volumina markant in Erscheinung treten. Anders als in Samaden verbindet die Hauptachse die verschiedenen Badezonen horizontal zu einer Art Raumkontinuum.
Miller und Maranta wollten im Dorfkern von Samaden die Gassenstruktur explizit erhalten, sodass sich die Fassade des Bades in die Flucht der bestehenden Häuserzeile einfügt. Das Besondere des Objektes wird durch die unterschiedlich grossen und vor allem unregelmässig über die Wand verteilten Öffnungen hervorgehoben, die zudem mit farbigen Fliesen eingerahmt werden. In Baden dominiert ein rotbrauner Naturstein, der – für die Architektur von Botta typisch – alle Trakte einkleidet. Vom gegenüberliegenden Ufer der Limmat wird der Aufbau am besten ersichtlich. Ein massiver Sockel ermöglichte das Anlegen eines umfassenden Aussenbades, das von den «Fingern» unterteilt und vom erwähnten Riegel begrenzt wird. Wer im Bad auf die steil ansteigende Böschung jenseits des Flusses blickt, erfasst felsartige Sporne, die vielleicht die Anregung für die unregelmässig geschnittenen Trakte waren.
Soweit lassen sich beide Werke als Resultate einer genauen Analyse von Funktion und Standort begreifen. Doch dienen sie auch dem erwarteten Badeerlebnis? In Bezug auf Samaden kann dies ohne Einschränkung bejaht werden. Miller und Maranta überzogen die Wände der Becken mit farbigen Keramikkacheln, wobei je nach Kammer ein Farbton vorherrschend ist – ein dunkles Rot, ein helles Grün, ein gedämpftes Gelb, allerdings zusammengesetzt aus jeweils verschiedenen Farbtönen, sodass man von einer mosaikartigen Hülle umgeben ist.
Es entsteht in jeder Kammer eine faszinierende Stimmung, man liegt im Wasser, während die Augen von den Farbklängen auf angenehmste Art angeregt werden. Im Kontrast dazu wurden zwei Ruheräume mit Lärche und Kiefer getäfert; eine Hommage an die Engadiner Stuben. Beginnend in den edel furnierten Umkleidekabinen, erlebt man in diesem labyrinthischen Gefüge auf jedem Stockwerk eine visuelle Überraschung.
Solche Hingucker fehlen in Baden, sieht man von der Schleuse zwischen Umkleidekabinen und Badezone ab. Die Hauptachse ohne Schranken zu den einzelnen Becken bietet viel Platz; die Decken über den Becken erzeugen ein hallenartiges Ambiente; das Aussenbad ist generös und lässt den Blick auf die Limmat und die gegenüberliegende steile und bewaldete Böschung schweifen.
Dies alles ist klar geordnet, und doch fehlt das gewisse Etwas, das die Therme in Vals und im Grunde auch das Bad in Samaden auszeichnet. Für die Jury, welche die Projekte des Studienauftrags begutachtete, war im Entwurf von Botta das betriebliche Konzept mit seinen inneren Abläufen in hohem Masse überzeugend, ja, es scheint, als ob genau dies ausschlaggebend für die Auftragserteilung war. Jetzt, nach Vollendung von Fortyseven – eine Anspielung auf die Temperatur der heissen Quelle – muss man feststellen, dass das Betriebskonzept nur ein interner Aspekt ist und das Bad noch längst nicht zu einem besonderen Ort macht.
Alle Fotos © Fabrizio Brentini