Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03517.jsonl.gz/1886

Der Südwesten
Nach einer Maori-Legende gehörte Taranaki einst einem Vulkanstamm in der Mitte der Nordinsel an. Er wurde aber gezwungen, den Stamm umgehend zu verlassen nachdem er mit Pihanga, dem wunderschönen Vulkan in der Nähe von Taupo und der Geliebten von Tongariro, erwischt wurde. Als er Richtung Süden flüchtete (manche sagen in Schande, andere um den Frieden zu bewahren) hinterliess Taranaki eine tiefe Narbe in der Erde (der heutige Whanganui Fluss) und liess sich schliesslich im Westen nieder. Hier verharrt er bis heute in trauriger Einsamkeit und verdeckt sein Gesicht hinter einer Wolke aus Tränen.
Three Sisters
Wir wollten dem einsamen Vulkan Taranaki gerne einen Besuch abstatten und ihm etwas Gesellschaft leisten. Auf der Fahrt von Waitomo Richtung Süden erblickten wir aber an der Westküste plötzlich am Strassenrand ein Hinweisschild zu den Three Sisters, den drei Schwestern. Diese Felsformation befindet sich an einem weitläufigen, schwarzen Sandstrand und kann nur bei Ebbe besichtigt werden. Wir hatten grosses Glück, denn als wir ankamen hatte sich das Meer gerade weit zurückgezogen und gab den Strandweg zu den Felsen frei.
Gleich zu Beginn mussten wir nasse, mit Schlick und Schlamm bedeckte Felsplatten passieren. Kaum wollten wir uns gegenseitig vor dem rutschigen Untergrund warnen lag Andrea auch schon flach auf dem Boden. Zum Glück tat sie sich nicht weh, denn die Schlammpackung von Kopf bis Fuss sah recht lustig aus.
Die dunklen Felsklippen werden durch das Meerwasser stark erodiert. So entstand nicht nur der schwarze Sandstrand, sondern im Laufe der Zeit eben auch zurückgebliebene Felstürme, die sich ständig ändern und irgendwann auch wieder in sich zusammenfallen. Anhand von alten Fotos sahen wir, dass sich die aktuellen Türme gegenüber dem Anfang des letzten Jahrhunderts bereits deutlich verändert hatten.
Gegenüber den drei Schwesterfelsen hat das Meer sogar einen Bogen in den Stein gefressen, durch den man hindurchgehen kann. Die verschiedenen Farben kreierten einen schönen Kontrast in der Nachmittagssonne.
Im Dunst konnten wir in der Ferne auch bereits die Umrisse des mächtigen Mt Taranaki erkennen. Einsam und erhaben steigt sein fast perfekter Kegel Richtung Himmel empor. Die Vorfreude stieg und es war höchste Zeit, die letzten Kilometer in Angriff zu nehmen
Mt Taranaki
Unser Plan war, um den Vulkan herum zu fahren, um ihn so aus unterschiedlichen Perspektiven zu sehen. Falls es das Wetter zulassen würde wollten wir auch eine Wanderung hinauf auf den Kegel in Angriff nehmen. Das Problem ist, dass sich Mt Taranaki leider oft hinter seiner Wolke aus Tränen versteckt. Denn die Feuchtigkeit der Tasmansee staut sich an den Hängen und so ist der Gipfel vielfach von Wolken verdeckt.
Als wir am nächsten Tag aufwachten hüllte sich der Gipfel wie gewohnt in seine Wolkenschwaden und war leider nicht zu sehen. Wir fuhren trotzdem los Richtung Dawson Falls, einem der drei zugänglichen Gebiete am Fusse des Berges. Auf dem Parkplatz des Informationszentrums dürfen Selbstversorgerfahrzeuge freundlicherweise über Nacht stehen bleiben und so suchten wir uns einen ebenen Stellplatz.
Da die Wolken am Nachmittag immer noch hartnäckig am Gipfel klebten entschieden wir uns für einen kurzen Spaziergang zum Dawson Fall. Dieser Wasserfall liegt sehr idyllisch an einer kleinen Abbruchkante und ist umgeben von dichtem Regenwald.
Gegen Abend hatten wir dann grosses Glück. Denn die Wolken lösten sich allmählich auf und gaben den Blick auf den schneebedeckten Gipfel endlich frei. Von einer Aussichtsplattform hinter dem Informationszentrum hatten wir beste Sicht über die Baumkronen hinweg auf den eindrücklichen Kegel und den schneebedeckten Gipfel. Mt Taranaki zeigte sich uns im goldenen Abendlicht in seiner vollen Pracht.
Am nächsten Morgen war es immer noch strahlend schön. Der Berg dankte uns wohl für den Besuch. So machten wir uns optimistisch auf den Weg Richtung Syme Schutzhütte beim Fanthams Peak, der sich an der Südflanke befindet. Bis dorthin sollte es möglich sein ohne Steigeisen aufzusteigen. Und von dort soll man auch eine wunderschöne Aussicht auf den Gipfel haben.
Doch bereits als wir über die Waldgrenze und in die Buschzone kamen erahnten wir, dass wir an diesem Tag kein Glück haben würden. Innerhalb kürzester Zeit hüllte sich der Gipfel wieder in sein Wolkenkleid und Nebelschwaden streiften am Kegel empor. Taranaki meinte es anscheinend doch nicht so gut mit uns.
Etwas nach der Hälfte erreichten wir die Kapuni Lodge. Die Sicht war zwar noch gut, der Himmel überzog sich aber immer mehr. Wir stiegen trotzdem weiter auf, denn der Weg war bestens markiert. Gleich hinter der Lodge mussten wir einen längeren Treppenabschnitt überwinden. Danach wurde der Weg deutlich anstrengender, denn die Vegetation dünnte aus. Auf dem nun losen Untergrund rutschten wir immer wieder zurück und auch der Nebel wurde immer dichter. Andrea entschloss sich deshalb frühzeitig umzukehren.
Da die Markierungen aber sehr dicht beisammen lagen und deshalb auch bei Nebel noch bestens zu sehen waren entschied ich mich, weiter aufzusteigen. Doch das Vorankommen wurde immer mühsamer. Mit jedem Tritt rutschte ich gefühlte zwei Schritte zurück. Etwas weiter oben prüfte ich die Karte und den Standort mittels GPS. Die Syme Hut schien ganz nahe. Der Aufstieg war aber derart mühsam, dass es nur sehr langsam, zu langsam, vorwärts ging. Gut 500m vor der Hütte musste ich leider umdrehen, denn es hätte viel zu lange gedauert, noch die restlichen Meter zu laufen. Eine Aussicht hätte ich sowieso nicht gehabt und ich wollte auch Andrea nicht zu lange warten lassen, denn die abgemachte Zeit war schon fast verstrichen.
Es war äusserst Schade, dass uns Mt Taranaki an diesem Tag nicht gut gesinnt war. Denn ich wäre gerne bis zur Syme Hut aufgestiegen. Aber bei diesen Verhältnissen machte es schlichtweg keinen Sinn. Wenigstens besserten sich auch am Nachmittag die Bedingungen nicht, so dass ich kein schlechtes Gewissen bekam. Und immerhin zeigte sich uns dieser majestätische Vulkan am Vorabend von seiner besten Seite.
Whanganui Nationalpark
Auf seiner Flucht Richtung Westen hinterliess Taranaki bekanntlich eine tiefe Narbe in der Landschaft. Durch diesen mythischen Einschnitt fliesst heute der Whanganui Fluss. Er entspringt weiter nördlich beim Vulkan Tongariro und fliesst bis in die Tasmansee. Neben dem geschützten und ursprünglichen Regenwald ist er eine der Hauptattraktionen des gleichnamigen Nationalparks.
Ein grosser Teil des Schutzgebietes ist nicht erschlossen und kann nur über den Wasserweg erreicht werden. Der südliche Teil des Parks ist aber mit einer Strasse erreichbar. So entschieden wir, uns einen Tag Zeit zu nehmen und die Rundfahrt mit dem Campervan abzufahren. Entlang der engen und kurvenreichen Strasse soll es mehrere Aussichtspunkte und ein paar lohende Stopps haben, welche einen guten Eindruck von der wunderschönen Regenwald- und Kulturlandschaft des Whanganui Nationalparks vermitteln sollen.
Das Wetter wollte auch an diesem Tag nicht so recht mitspielen. Es regnete zwar nicht, aber der Himmel war den ganzen Tag wolkenverhangen und tauchte die Landschaft in ein dumpfes, trübes Licht. Zudem hatte es in den letzten Tagen in den Bergen viel geregnet. Der Fluss erstrahlte darum nicht in seinem typischen türksigrün, sondern war schlammbraun eingefärbt. Mir gefiel die Umgebung aber trotzdem, auch wenn sie nicht sonderlich fotogen war.
Als erstes steuerten wir einen kurzen Wanderweg an, der uns zu einem Aussichtspunkt führen sollte. Der Weg startete in einem typischen, neuseeländischen Regenwald und stieg dann über Wiesen und Weiden immer weiter hoch auf einen Hügel. Oben wartete eine Bank mit bestem Blick auf die typische Umgebung des Whanganui Tals. Unten im Talgrund grasten ein paar Schafe und die Hänge und Hügel wurden vom Regenwald dominiert. Wir blieben lange sitzen und genossen die Stille und Einsamkeit weit weg von den Touristenmassen.
Das Tal, welches der Whanganui River erschuf, war zu Zeiten der Besiedlung nur schwer zugänglich. Trotzdem wagten ein paar mutige Siedler, diese abgelegene Gegend zu erschliessen. Einer der Männer erbaute sogar eine Mühle, welche Ende des 18. Jahrhunderts in Betrieb genommen wurde. Diese Mühle ist zwar schon lange nicht mehr in Betrieb, wurde aber zu einem kleinen Museum umfunktioniert. Tafeln informierten über die geschichtliche Bedeutung dieser für damals fortschrittlichen Maschine in dieser abgelegenen und dünn besiedelten Gegend. Wir konnten alte Fotos bestaunen, die uns in die Zeit zurückversetzten, als die ersten Auswanderer eintrafen und versuchten, sich ein neues Leben aufzubauen.
Die Siedler gaben den Dörfern in diesem Tal biblische Namen, um an ihren Glauben zu erinnern. Etwas später erreichten wir Jerusalem mit seinem Kloster und der schönen Kirche. Heute bietet das verlassene Haus eine günstige Unterkunft für Reisende, welche sich für ein paar Tage an einen ruhigen Ort zurückziehen möchten. Eine kleine Ausstellung zeigte das Leben der ehemaligen Schwestern, welche das Kloster gründeten und an diesem Ort gelebt hatten.
Die Strecke war neben den historisch interessanten Plätzen vor allem schön zu befahren. Mir gefiel die ruhige Natur und der dichte Regenwald, der immer wieder mit Landwirtschaftsbetrieben und bewirtschafteten Flächen wechselte. Und zwischendurch hatten wir schöne Ausblicke auf den Whanganui Fluss.
Fazit
Der Besuch des Südwestens der neuseeländischen Nordinsel gefiel mir ausgesprochen gut. Alles begann mit dem Glück, dass wir bei Ebbe bei den Three Sisters vorbei kamen und uns am schwarzen Sandstrand und zwischen den Steinstürmen die Füsse vertreten konnten.
Auch der fast perfekt kegelförmige Mt Taranaki zog mich, trotz mehrheitlich schlechtem Wetter, in seinen Bann. Seine Wolke aus Tränen verdeckte auch uns leider fast die ganze Zeit den Blick auf den schneebedeckten Gipfel. Wie er aber einsam und majestätisch aus der weiten Ebene in den Himmel empor ragt beeindruckte mich. Ich wäre zwar gerne bis zur Syme Hut aufgestiegen, das Wetter spielte aber leider nicht mit.
Auch die Rundfahrt entlang des Whanganui River war für mich trotz schlechtem Wetter lohnenswert. Die Umgebung war dadurch zwar nicht sonderlich fotogen. Bei schönem Wetter und wenn der Fluss klares Wasser führt wäre der Ausflug sicher noch schöner. Zu berücksichtigen gilt es lediglich, dass die Strasse vielfach sehr eng und äusserst kurvenreich ist. Für sensible Mägen ist diese Fahrt bestimmt nichts.
Der Whanganui Nationalpark wäre wohl vom Fluss aus am eindrücklichsten. Bootsausflüge und mehrtägige Kayakabenteuer würden in Piripiri angeboten. So etwas stelle ich mir äusserst eindrücklich und lohnenswert vor. Den Nationalpark und vor allem die Rundfahrt empfehle ich trotz den beschriebenen Sehenswürdigkeiten vor allem Reisenden, welche genügend Zeit zur Verfügung haben und ein Erlebnis abseits der Touristenmassen suchen.