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Editorial
Von Angebot und Nachfrage
Von Guy Hutton / Schweizerisches Tropen- und Public-Health Institut (Swiss TPH)
Die Gesundheitsökonomie ist ein relativ neues Fach, vor allem was ihre Anwendung ausserhalb der Industrieländer anbelangt. Dennoch hat sich das gesundheitsökonomische Denken seit den frühen Achtzigerjahren rapide entwickelt. Die Relevanz ökonomischer Prinzipien für die Prioritätensetzung im Gesundheitssektor wird inzwischen anerkannt, und die Zahl der ausgebildeten Gesundheitsökonom/-innen hat rasch zugenommen.
Die Einsicht, dass die Gesundheitsversorgung nicht alleine dem unregulierten „freien" Markt überlassen werden kann, ist älter als das Fach Gesundheitsökonomie. Da der Markt im Gesundheitswesen oft versagt hat, Gesundheit jedoch als öffentliches Gut betrachtet wird, übernahmen und übernehmen die Regierungen die Verantwortung für die Finanzierung und Erbringung von Gesundheitsleistungen. Sie gehen dabei von der Annahme aus, dass die Nutzung von Gesundheitsleistungen dem realen Bedürfnis und nicht der Zahlungsfähigkeit oder dem Zahlungswillen entsprechen soll - und somit nicht den Regeln des freien Marktes folgt.
Während die allgemeinen Konzepte und Ziele der Gesundheitsökonomie universell gültig sind, sind die konkreten Forschungsergebnisse der Gesundheitsökonomie aus entwickelten Ländern für die ärmeren Länder und die Rahmenbedingungen ihrer Gesundheitspolitik oft nicht relevant. Es besteht noch ein grosser Bedarf an spezifischer gesundheitsökonomischer Forschung in Entwicklungsländern, damit auch diese ihre Gesundheitsdienstleistungen rational planen können.
Ein Kritiker hat einmal gesagt, man müsse nur einem Papageien die Wörter „Angebot und Nachfrage" beibringen, und schon habe man einen passablen Ökonomen. Diesem Kritiker zu Ehren werde ich im folgenden von den beiden Kategorien Angebot und Nachfrage ausgehen, um einige mögliche Beiträge der Gesundheitsökonomie an die Gesundheitspolitik in Entwicklungsländern zu skizzieren.
Die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen hängt von einer Reihe variabler Faktoren ab. Die wichtigsten davon sind: der Gesundheitszustand einer bestimmten Person, der Gesundheitsleistungen notwendig macht oder nicht; ihr Interesse an Gesundheitsleistungen, das unter anderem durch ihre Vorstellung von Gesundheit und Krankheit beeinflusst wird, aber auch zum Beispiel durch die Kosten, die ihr durch die Krankheit und den damit verbundenen Erwerbsausfall entstehen; schliesslich die Kosten des Zugangs zur Gesundheitsleistung. Einige dieser Faktoren werden in der vorliegenden Ausgabe des Bulletins von Medicus Mundi Schweiz beleuchtet. Bemerkenswert ist, dass gerade die ärmsten Menschen und Gesundheitssysteme oft nicht in der Lage sind, in die Gesundheit zu investieren - zum Beispiel in die HIV/Aidsprävention -, obwohl gerade sie von den daraus zu erwartenden Einkommensverbesserungen am meisten profitieren würden.
In einem staatlichen Gesundheitssystem hängt das Angebot an Gesundheitsdiensten ebenfalls von verschiedenen Faktoren ab: den Finanzquellen für das Gesundheitswesen (Regierungsbudget, Benutzergebühren, ausländische Finanzhilfen u.a.), dem Vorhandensein von Finanzen und ausgebildetem Personal, den Kosten der Gesundheitsressourcen sowie der Auswahl und der Wirksamkeit des Einsatzes von Gesundheitsdienstleistungen. In den meisten Staaten existieren nebeneinander öffentliche und private Gesundheitsdienste, doch bestehen grosse Unterschiede in ihrer Gewichtung. Um Gesundheitsdienste effizient planen zu können, sollten Gesundheitsplaner/innen die Kosten und die Kostenwirksmkeit von Gesundheitsdiensten kennen, ebenso die Finanzierungsquellen und mögliche alternative Dienstleistungserbringer. Auch diese Themen werden im vorliegenden Bulletin besprochen.
Die Gesundheitsplanung profitiert schliesslich von Überlegungen zur Wechselbeziehung von Angebot und Nachfrage. So hängt die Kostenwirksamkeit von Gesundheitsleistungen schlussendlich davon ab, wer diese Leistungen nutzt. Ein hochgradig kosteneffektives Leistungsangebot macht keinen Sinn, wenn es von der Zielbevölkerung nicht akzeptiert wird, oder wenn die Zielbevölkerung nicht nahe genug lebt, um von ihm zu profitieren. Die Rolle des Anbieters von Gesundheitsleistungen als Verbindungsglied zwischen Angebot und Nachfrage verdient ebenso besondere Beachtung, da die Anbieter oft gleichzeitig auch den Bedarf an Dienstleistungen identifizieren und somit die Nachfrage definieren: Somit besteht die Gefahr, dass sie die Nachfrage nach Dienstleistungen, von denen sie selbst finanziell profitieren, zusätzlich fördern.
Während es für einen Ökonomen für ihre Planungsarbeit nützlich ist, zu den genannten Themen Konzepte und Theorien zu entwickeln und allgemeingültige Verbindungen zu definieren, zeigen die Artikel im Bulletin, dass der theoretische Ansatz verbunden werden sollte mit Überlegungen zu den Einflüsse und Variablen, aufgrund derer sich die Rahmenbedingungen und die Planungsansätze im Gesundheitsbereich unterscheiden. Ebenso sollten die politischen und logistischen Hindernisse für eine effiziente Planung der Gesundheitsdienste analysiert werden. Obwohl sich die Gesundheitsökonomie zunächst auf die wissenschaftliche Fundiertheit ihrer Arbeit stützen muss, sind für viele Entscheidungen moralische Urteile darüber nötig, was richtig oder gerecht ist. Bereits durch die Auswahl ihrer Forschungsthemen und die Präsentation ihrer Ergebnisse können die Gesundheitsökonomen die gesundheitspolitischen Entscheidungsträger in ihrer Definition einer gerechten Erbringung von Gesundheitsleistungen beeinflussen.
Die Artikel in der vorliegenden Bulletinausgabe geben denjenigen, die sich etwas näher mit ökonomischen Aspekten der Gesundheitsversorgung beschäftigen möchten, einige Anregungen - und hoffentlich auch eine ergänzende Betrachtung ihrer eigenen Aktivitäten im Bereich der Gesundheitszusammenarbeit.
*Guy Hutton, Gesundheitsökonom am Schweizerischen Tropeninstitut STI