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Albert Heim
Begleitwort zum Panorama des Säntis
Albert Heim erinnert sich 1929, anlässlich seines 80. Geburtstags, an die Geschehnisse auf dem Säntis rund um seine Panoramazeichnung im Jahre 1870/71. Der kaum 20-jährige Panoramazeichner, später als «Vater der Alpen-Geologie» international bekannt geworden, verbrachte mehrere Wochen auf dem Gipfel, half beim Bau des ersten Berggasthauses mit und wurde ‹Chnechtli› gerufen. Obwohl in Zürich aufgewachsen, war Heim nach dieser Zeit des Innerrhodischen offenbar mächtig.
Nachdem ich im Jahre 1866 mein erstes Panorama vom Zürichberg, dann weiter: 1867 von der Grossen Mythe, 1868 vom Stätzerhorn und vom Pizzo Centrale, 1869 vom Ruchen-Glärnisch gezeichnet hatte, gelangte 1870 die Sektion St. Gallen des SAC mit dem Gesuche an mich, ein Panorama vom Säntis aufzunehmen. […] Im Oktober des gleichen Jahres weilte ich auf dem Säntis. Erst fand ich dort eine kleine Hütte mit Heulager. Der Bau des kleinen Gasthauses daneben ging rasch seinem Ende entgegen. Die Witterung war teilweise sehr gut. Ich zeichnete nach freiem Auge, sehr viel durch den Feldstecher, leider aber damals noch ohne eigentliche Vermessung, nur nach ‹Augenmass›. Keine Viertelstunde liess ich unbenützt. Oft konnte ich nur stückweise durch Nebellücken zeichnen. In den ersten Tagen November war ich zu etwa zwei Drittel vorangerückt. Wir waren in das neue Gasthäuschen umgezogen. Da waren eines Morgens Fensterläden und Türe eingeschneit und eingefroren. Es bedurfte langer Arbeit, bis wir uns befreien konnten. Günstige Witterung war für die nächsten Tage nicht zu erwarten. Der Winter war eingebrochen. Der Schnee fiel in Masse. Wir packten zusammen und flohen talwärts. Es war ein stellenweise schwieriges Waten. Erst im Juli 1871 konnte ich meine Arbeit wieder aufnehmen. In einigen Tagen war ich mit den Alpen fertig. Viel grössere Schwierigkeiten als das Gebirge bot das vorliegende Hügelland hinaus zum Bodensee und bis Schwarzwald und Jura. Bei hellem Wetter blieb dort alles in dunstigen Schleier gehüllt, meistens war keine Horizontlinie sichtbar. Wenn man auch teilweise Dörfer, Wiesen und Wälder unterscheiden konnte, verlor das Auge, das immer wieder von der Natur auf das Papier sehen musste, oft seine letzte Stelle in der Natur und musste wieder suchen, um fortzufahren. Aber endlich, bei einem vierten Besuch des Säntisgipfels, war der gewöhnliche Schleier über dem Tiefland verschwunden. Ich sah alles klar. Aber es wehte ein kalter Wind. Vom Gasthäuschen herauf trug mir die Meisterin jede Viertelstunde ein Becken mit warmem Wasser, so dass ich die Hände, die den Bleistift oft nicht mehr fühlen konnten, wieder zum Zeichnen erwärmte, und sie wickelte mich in Wolldecken ein. Es galt, an diesem Tage alles noch Fehlende von Lindau bis gegen den Hoherhonen fertig zu zeichnen, denn so günstig würde die Sicht vielleicht das ganze Jahr nicht mehr. Ich hatte nicht Zeit zum Essen. Man schob mir hie und da einen Bissen in den Mund. Es fing an zu dunkeln. Regenwolken zeigten sich. Ich zeichnete so schnell als möglich und wurde eben noch fertig. Nur die Horizontlinie des Jura blieb unsicher.
Im Ganzen weilte ich 1870 und 1871 in 4 Malen zusammen etwa 34 Tage auf dem Säntis. Davon waren etwa 10 Tage wirklich gut, so dass ich ohne Unterbruch arbeiten konnte. Etwa 15 Tage waren nur hie und da eine halbe Stunde brauchbar, und die übrige Zeit hüllte uns ständiger dichter Nebel ein. Solche Nebeltage benützte ich, um mich wieder gründlich von der steifen Haltung des Zeichnens zu erholen, indem ich beim Gasthausbau oder beim Herauftragen des Baumateriales vom Lagerplatz bei der Wagenlucke oder an der Wegverbesserung mithalf. Dadurch erwarb ich mir von Seiten des Hausmeisters Andreas Anton (‹Restoni›) Dörig den dauernden Beinamen ‹Chnechtli›, und ich nannte ihn Meister. Die Führer, die oft mit Touristen heraufkamen, hiessen mich den ‹Zächner Albert›, und so wurde es bald in ganz Innerrhoden gebräuchlich.
Ich habe die schönsten Erinnerungen von meinen Aufenthalten auf dem Säntis. Alles bot mir Freude. Freude boten mir die blütenreichen Pflänzchen, die ringsum in den Felsen nisteten. Freude die Tiere. Bald flog mir ein schönes Käferchen auf das Papier, ein andermal lief mir ein Schneehase über die Füsse. Gämsen kamen oft auf wenige Schritte an mich heran und betrachteten mich ruhig. Häufig zeigten sich Wiesel. Die Bergdohlen umspielten in gewandten Wendungen den Gipfel. Ich habe oft erfahren, dass man bei langem, ganz einsamem, ruhigem Stillsitzen, wie es meine Zeichnerarbeit verlangte, die schönsten Dinge erlebt. An andern Orten konnte ich unter solchen Umständen die Murmeltiere beobachten. Einmal ist mir eine Gämse über den Kopf gesprungen und hat mir den Hut abgeschlagen, junge Schneehühnchen verbargen sich unter dem neben mir liegenden Regenmantel, und ein Adler hat einmal versucht, durch seinen Flügelschlag mich über die Felswand zu werfen. Unter solchen Umständen hört man das in manchen Gebieten fast unaufhörliche Gepolter der abstürzenden Steine, belauscht die Akkorde der tosenden Wasser, hört die entfernten Lawinen.
Freude boten mir die Menschen, besonders die Eingebornen: der Meister, seine Schwester und seine Frau, der damalige Meglisalpwirt und dessen Hausgenossen. ‹Restoni› ist mir ein lieber Freund geworden. Mit allen Führern verkehrte ich gerne, und schliesslich sprach ich gut innerrhodisch.
Aber die grösste Freude war immer die Arbeit selbst. Sich in die herrlichen Bergformen versenken, ihre Anatomie herauslesen, ihren Charakter erfassen, sie in ihren Eigentümlichkeiten und Zusammenhängen mit einfachen, klaren Strichen darstellen, ihre Beleuchtungen beobachten, den einen Tag die Erscheinungen des Alpenglühens geniessen, den andern Nebelbilder mit komischen Schatten und farbigem Ring verfolgen: das alles war Arbeit und Lust. Dazwischen gab es mehrere Male gewaltige Gewitter, dass uns der Boden unter den Füssen erbebte.
Und nun ein Wort vom Zeichnen selbst.
Der Benützer des Panoramas soll jeden Gipfel, auch wenn er ihn ohne Zusammenhänge nur durch ein Wolkenloch sieht, auf dem Bilde erkennen können, unabhängig davon, in welcher zufälligen Beleuchtung er ihn sieht. Der Panoramazeichner soll also nicht Beleuchtungseffekte zeichnen, sondern Formen ohne momentane Beleuchtung. Er soll nicht künstlerische Wirkung suchen, sondern wissenschaftliche Darlegung. Zu dieser Objektivierung kann uns nicht die Flächenzeichnung, sondern nur die Linienzeichnung führen. Die Mannigfaltigkeit der Bergformen ist unendlich. Es gibt, auch nur die oberen Teile des Berges betrachtet, nicht zwei Gipfel, die zu verwechseln wären. Dieser ungeheuren Mannigfaltigkeit und Individualisierung soll auch das wissenschaftliche Bild gerecht werden. Der Zeichner muss jeden einzelnen Berg in den mannigfaltigsten Beleuchtungen sehen und studieren. Nicht um ihn in einer dieser Beleuchtungen darzustellen, denn der Benützer des Panoramas sieht ihn vielleicht in einer ganz anderen, wohl aber um den Berg in seiner ganzen Gestalt zu verstehen und seine Form dann unabhängig vom vorübergehenden Effekt darstellen zu können. Um so ein richtiges, stets gültiges Bild des Berges zu erhalten, dürfen wir nicht mit Schatten und Licht zeichnen, denn diese sind das Kind des Augenblickes. Aber Schatten und Licht, beobachtet in den verschiedensten Sonnenstellungen, lassen uns die Kanten und Furchen und die Profilform erkennen. und diese müssen wir als Linien zeichnen. Dabei gibt es je nach der Entfernung Linien erster, zweiter, dritter usw. Ordnung zu berücksichtigen und ihre Bedeutung für die Bergform durch die Strichstärke zu unterscheiden. Jede Linie in der von mir gesuchten und befolgten Zeichnungsart – dabei sehe ich von den vordersten Bergen ab – soll Bodenform bedeuten und beschreiben. Keine soll nur dem Beleuchtungseffekt, der Schattierung dienen. Die Bodenform bietet uns meistens genug Linien. So gewinnen wir das für jede Beleuchtung brauchbare Bild, in welchem man auch die Dinge sieht, die zeitweise im tiefen Schatten verborgen sind. In der Zeichnung der vordergrundlichen Berge freilich kommen wir ohne eine gewisse Schattierung kaum aus. Hier aber schadet diese auch nicht im Erkennen des Berges und stört nicht, sondern hilft der wirklichen Formdarstellung.
Um eine panoramatische Gebirgszeichnung zu prüfen, kann man folgenden Versuch machen: Man schneidet aus einem Papierblatt ein rundes Loch etwa von der Grösse einer kleineren Münze. Man legt das Papier auf das Bild. Ist das Bild gut gezeichnet, so wird ein Kenner der Berge sofort den Gipfel erkennen, der in dem Rahmen isoliert sichtbar ist. Auch abgesehen von der Umgebung soll im Bilde so gut wie in der Natur jeder Gipfel seine Individualität zeigen. Das Experiment kann also sowohl zur Prüfung des Zeichners als auch des Betrachters dienen.
Die plastische Wirkung der Einzelform und sogar das Bild der ungleichen Entfernungen kann man tatsächlich durch die blosse Linienstärke gewinnen. Man kann sie aber auch wesentlich verstärken und dadurch das Bild leichter erfassbar gestalten, wenn man die Linienzeichnung noch unterstützt durch einen glatten, neutralen Ton – ‹Schummerung›, nicht Schraffierung! Einen solchen Ton darf man auch bescheiden benützen zu Beleuchtungseffekten, zur Unterscheidung von Wald, Wiese und Fels. Ist nur die Linienzeichnung richtig und unabhängig vom Beleuchtungsmoment, so schadet eine zarte Schummerungsbeleuchtung nicht, bindet aber gut, was zusammengehört, und erleichtert das Erfassen der Form. Schon in der ersten Auflage des Säntispanoramas war ein solcher Schummerungston angewendet.
[…]
Ich will hier nicht auf eine Erläuterung der vom Säntis gebotenen Gebirgsansicht der Alpen und ihres Vorlandes eintreten. Darüber könnte man gar viel Merkwürdiges sagen. Ich will nur darauf hinweisen, dass der Säntis durch seine auf den Aussenrand der Alpen vorgeschobene Stellung und Höhe besonders begünstigt ist. Dazu ist seine Fernsicht doch noch mit unserem Blick und unserer Vorstellungskraft zu bewältigen, während das wunderbare Panorama vom Mont Blanc von Xaver Imfeld viel schwieriger zu erfassen und zu geniessen ist.
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 308–312.
Erstpublikation: Albert Heim: Begleitwort zum Panorama des Säntis. In: Die Alpen. Monatsschrift des Schweizer Alpenclub 1929. Kopiert aus: Zur neunten Auflage des Heimschen Säntispanoramas. Hrsg. vom Vorstand der Sektion St. Gallen des Schweizer Alpen-Clubs. St. Gallen, 1976. Unpag.