Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03597.jsonl.gz/2435

Romantischer Geist

David Greilsammer in der Kirche St. Peter
Wie viel haben John Adams und Johann Sebastian Bach ausser ihrem Vornamen und der Nachbarschaft im Alphabet gemeinsam? Für David Greilsammer jedenfalls genug, um Adams' "China Gates" als zartes Gespinst in den Raum zwischen Bachs Chromatischer Fantasie und der Fuge BWV 903 zu stellen. Das war eine jener Kombinationen, die der in Jerusalem geborene und nun in Paris lebende Pianist für seinen Klavierabend in der Kirche St. Peter zum Prinzip erhoben hatte. Dazu trennte er bestehende Satzfolgen und gruppierte sie zu einem neuen musikalischen Bewusstseinsstrom. Dieses Konzept führte zu einem traumgleichen Konzerterlebnis, in dem sich überraschende Verbindungen ergaben, Fragmentiertes aber zuweilen auch unverständlich blieb, wenn sich der Interpret allzu sehr im Detail verlor.
Denn obwohl Greilsammer das 19. Jahrhundert völlig aussparte, war sein Rezital ganz von romantischem Geist durchdrungen. Wild flogen die Notenblätter durch die Luft, düsteres und erregtes Moll beherrschte über weite Strecken die Szene, eigenwillig subjektiv war die Interpretationshaltung. Eindringlich gelang in der ersten Konzerthälfte sein Mozart: zerdehnt die c-Moll-Fantasie KV 457, plastisch herausgemeisselt die Ecksätze der Schwestersonate KV 475, die Leo Janáceks aufwühlende Sonate "1. X. 1905" umrahmten. Stilistisch fragwürdiger dann die pedalgetränkten Barockwerke - neben Bach Jean-Philipp Rameaus Gavotte mit sechs Variationen, die vom 7. Satz von György Ligetis "Musica Ricercata" unterbrochen wurden.
Dem anregenden Abend werden im Rahmen der Zürcher Kammerkonzerte noch zwei weitere folgen. Am 12. August bringt Daniel Schnyder zusammen mit dem Amar-Quartett seine Suite "Zoom In" für Sopransaxofon und Streichquartett - unter anderem mit einer Bearbeitung von Jimi Hendrix' "Purple Haze" - zur Aufführung. Und in der darauf folgenden Woche, am 21. August, unternimmt Pietro de Maria eine Ehrenrettung von Muzio Clementi. Dessen fis-Moll-Sonate garniert der italienische Pianist mit Musik von Frédéric Chopin und Domenico Scarlatti.
Jürg Huber
Zürich, Kirche St. Peter, 7. August.
Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online hier
Download Kritik als PDF
Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG