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Text: Andréa Kaufmann
Die Geschlechterrollen bei den Jenischen wurden durch ihre fahrende Lebensweise mitbestimmt. Während im 19. Jahrhundert eher die Frauen in der Öffentlichkeit wirkten, übernahmen ab den 1950er-Jahren immer mehr die Männer diese Aufgabe.
Die Geschlechterrollen – die Verhaltensweisen und die gesellschaftlichen Funktionen von Frauen und Männern – hingen bei den Jenischen stark mit der Lebensweise zusammen. Fahrende Gemeinschaften und Familien mussten sich ständig neuen Situationen anpassen, weshalb ihre Zusammensetzung häufig änderte. Somit war es notwendig, dass Männer und Frauen gleichermassen zum Lebensunterhalt beitrugen und sich den täglichen Herausforderungen stellten. Dennoch spielte das Geschlecht (und das Alter) vor allem bei der Arbeit eine Rolle: Die Frauen reisten durch die Dörfer, um Waren zu verkaufen, kaputte Haushaltsgegenstände mitzunehmen, alte Textilien zu sammeln oder zu betteln. Währenddessen flickten die Männer am Lagerplatz die beschädigten Gegenstände, schliffen Messer und fertigten neue Waren an. Aufgrund dieser Arbeitsteilung waren es bei den Fahrenden meist die Frauen, die mit der sesshaften Bevölkerung in Kontakt traten – was nicht dem bürgerlichen Rollenverständnis entsprach.
Das bürgerliche Rollenideal wies den Männern ihr Wirkungsgebiet ausser Haus in der Öffentlichkeit zu, den Frauen hingegen zu Hause im Privaten. Demnach bewegten sich die weiblichen Fahrenden in einem Bereich, der eigentlich den sesshaften Männern vorbehalten war. Allerdings war die Aufteilung auch in der bäuerlich-kleingewerblichen und industriellen Gesellschaft nicht starr, wo ebenfalls beide Geschlechter zum Einkommen beitrugen. Die bürgerlichen Geschlechterrollen setzten sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg in weiten Teilen der Bevölkerung durch. Bis zu diesem Zeitpunkt übernahmen bei den Fahrenden oftmals die Frauen die Hauptlast der Aufgaben. Durch ihre Verbindung zur sesshaften Aussenwelt erreichten sie sogar eine gewisse Selbstständigkeit und Unabhängigkeit und konnten vorübergehend selbst für sich und ihre Kinder sorgen. Zudem konnten sie meist als Einzige lesen und schreiben, wie etwa Briefe aus Graubünden um 1900 zeigen.
Ab Mitte des 20. Jahrhunderts vertraten bei den Jenischen – wie in der sesshaften Bevölkerung – immer mehr die Männer ihre Familien nach aussen hin. Sie verhandelten mit den Behörden, boten Dienstleistungen an und verkauften Waren. Derweil kam den Frauen eine zentrale Funktion innerhalb der Gemeinschaften zu, indem sie den Haushalt besorgten, die Kinder aufzogen und für den Zusammenhalt schauten. Auch sesshafte Jenische praktizierten diese bürgerliche Rollenverteilung. Auf ihre Aufgaben wurden die Jenischen bereits als Kinder vorbereitet. So kümmerten sich die Mädchen um die jüngeren Geschwister, lernten kochen und putzen; die Knaben begleiteten ihre Väter bei der Arbeit und lernten von ihnen. Heute leben manche junge Fahrende nach der für die 1950er-Jahre typischen Rollenaufteilung. Spätestens mit 15 Jahren könne ein jenisches Mädchen den Haushalt selbstständig führen, erzählt eine 21-Jährige in einem Dokumentarfilm von 2010. Auch wünschen sich viele jenische Paare, früh Kinder zu bekommen.
Sie seien «keine ausgesprochene Männergesellschaft», betonte 2003 der damalige Präsident der Radgenossenschaft. Es sei sogar so, «dass unsere Frauen die wichtigen Entscheide treffen». (Huber) Laut seiner Schwester hingegen waren die Jenischen patriarchalisch organisiert, denn «befehlen tun immer die Männer». (Schwager) Frauen und Männer würden zwar miteinander diskutieren, aber am Schluss müsse der Mann entscheiden. Man habe von den Frauen Loyalität gegenüber den Männern erwartet, berichtete eine andere Fahrende. Für die Anliegen der Fahrenden engagierten sich in der Öffentlichkeit jedoch auch Frauen. In den 1970er-Jahren setzte sich etwa die Schriftstellerin Mariella Mehr als Sekretärin der Radgenossenschaft und als Redaktorin der Zeitung «Scharotl» ein. Später waren in den leitenden Gremien der Radgenossenschaft keine Frauen mehr vertreten. Doch in anderen Organisationen wie dem Zigeunerkulturzentrum (Maria Mehr) oder der Stiftung Naschet Jenische (Uschi Waser) sind sie weiterhin aktiv.