Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03461.jsonl.gz/2719

Wenn Reagan im Titel steht, kann man sich meistens auf ein Räubergschichtli freuen. Deshalb hatte ich auch nicht damit gerechnet, dass mich meine Nerven den NZZ-Artikel mit dem hagiografischen Titel „Das Erbe Reagans verschleudert“ fertig lesen lassen.
Ich hatte aber auch nicht damit gerechnet bereits nach anderthalb Sätzen abbrechen zu müssen:
„Amerikas Republikaner stehen ein für einen kleinen Staat und einen ausgeglichenen Haushalt, für tiefere Steuersätze und mehr Freiheit. Dieser Kern von Werten gilt als das Erbe von Ronald Reagan(…)“.
Ich glaube nicht, dass Fakten etwas bewirken hier, aber ich versuche es trotzdem einmal mit dem US-Primärhaushalt seit 1969, als Nixon an die Macht kam (davor waren die Haushalte ausgeglichen):
Rot unterlegt sind Perioden unter republikanischen Präsidenten. Bei jedem einzelnen republikanischen Präsidenten war das Staatsdefizit höher am Ende seiner Amtszeit als am Anfang. Unter Reagan war das Defizit zeitweilig dreimal höher als am Ende von Jimmy Carters Präsidentschaft (Reagans Vorgänger). Unter dem ersten Bush erhöhte sich das Defizit weiter. Unter Clinton verbesserte sich die Haushaltslage so weit, dass in den letzten drei Jahren sogar ein Überschuss erwirtschaftet wurde. Gerade rechtzeitig für teure Kriege und Steuergeschenke unter Bush II. Und unter Obama erhöhte sich das Defizit im ersten jahr wegen der Wirtschaftskrise, seit dann schrumpft es wieder.
Auch bezeichnend: Unter Demokraten erhöhte sich das Defizit nur dann, wenn die Wirtschaft schrumpfte (die vertikalen Balken zeigen Rezessionen an). Republikaner schafften das auch bei Wirtschaftswachstum.
Dem Autor scheint dies alles klar zu sein: er schreibt nicht, dass Republikaner für einen ausgeglichenen Haushalt sorgen, sondern nur, dass sie dafür einstehen. Und auch nicht, dass Reagan für einen ausgeglichenen Haushalt sorgte, sondern nur, dass dieser „Kern von Werten (…) als Ronal Reagans Erbe [gilt]“ (streng genommen ist das Haushaltsdefizit nur ein Viertel dieses Kerns). Es ist nur schade, dass nirgends im Artikel erwähnt wird, dass die Republikaner bisher nie fähig waren, diesen Wert, für den sie einstehen, auch umzusetzen.
Aus einem weiteren Grund ist dieser Artikel streng genommen kein Geschichtsrevisionismus: Es ist kein Versuch ein anerkanntes Geschichtsbild zu revidieren, viel mehr wird das anerkannte, aber falsche Geschichtsbild wiedergegeben, nach dem Republikaner im Allgemeinen und Reagan im Speziellen das Haushaltsdefizit verkleinerten.
Ich würde jetzt nicht behaupten, dass das gleiche falsche Geschichtsbild auch in der Schweiz und für die Schweiz vorherrscht. Es ist nämlich
verdammt schwierig unmöglich für die Schweiz eine solche Grafik zu erstellen. Zu Behauptungen über Ähnlichkeiten liesse ich mich aber hinreissen, wenn ich denn nicht so müde wäre.