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Geröll unter dem Turtmanngletscher
Die Gletscher des Turtmanntals haben sich im letzten Jahrhundert hunderte Meter zurückgezogen. Geblieben sind gewaltige Kies- und Geröllmassen, die nun von den Gletscherbächen aus dem Tal getragen werden. Nach den aktuellen Klimaberechnungen wird in Zukunft weniger Geröll ins Tal transportiert.
Der Turtmann- und der Brunegggletscher hängen zwischen der Tête de Milon (3693 m), dem Bishorn (4153 m) und dem Brunegghorn (3833 m) zusammen. Dann fliessen die beiden Hauptgletscher des Walliser Turtmanntals getrennt um die Adlerflühe herum. Noch bis 1934 vereinigten sich ihre Zungen unten im Talgrund. Durch steigende Temperaturen zogen sie sich seither aber immer mehr zurück. Besonders im Hitzejahr 2003 verloren beide Gletscher mehr als 125 Meter Länge. Und mit der Schmelze wurde die Grundmoräne freigelegt: eine grosse Menge aus Sand, Geröll und einzelnen Findlingen. Nur langsam wird dieser Schutt (nachfolgend auch Sediment genannt) von Pflanzen erobert und ist deshalb stark der Erosion ausgesetzt. Wenn durch steigende Temperaturen auch der Permafrost in den Felswänden und im Boden des Gletschervorfelds zurückgeht, werden zusätzlich grosse Schuttmengen frei. Diese Sedimente werden durch Rutschungen, Steinschlag, Bergstürze und in den Gebirgsbächen ins Tal befördert.
Wie viel Sediment und Wasser?
Die Sedimente im Turtmanntal werden durch zwei Schmelzwasserbäche talauswärts getragen. Die beiden Bäche vereinigen sich im Talgrund zur Turtmänna, der seit Ende der 50er-Jahre Wasser für die Stromproduktion entnommen wird. Vor dem Stausee befindet sich ein Ablagerungsbecken für den Sedimentrückhalt. Hier ist der Sedimenteintrag in den Stausee schon seit Jahrzehnten ein Problem: In 40 Jahren hat sich der Stauraum des Sees um 20% verkleinert. Jedes Jahr werden in den See knapp 4000 Kubikmeter Sediment eingetragen, das entspricht etwa 500 Lastwagenladungen.
Wenn nun das Klima bis zum Ende des Jahrhunderts noch wärmer wird, wird dann auch mehr Sediment im Gebirge bewegt? Zwei Punkte müssen zur Beantwortung dieser Frage geklärt werden. Erstens: Wie viel Sediment ist überhaupt unter und neben dem Eis vorhanden? Und zweitens: Wie viel Wasser führt der Gletscherbach in Zukunft, und wie viel Sediment kann er damit aus dem Tal hinaus schwemmen?
Sedimenteintrag nimmt ab
Durch Feldbeobachtungen und Auswertungen digitaler Karten wird das heute verfügbare Sediment im Turtmanntal auf insgesamt 27 Millionen Kubikmeter geschätzt. Etwa 3 Millionen Kubikmeter Sediment liegen im Gletschervorfeld. Das ist genug, um 1200 olympische Schwimmbecken zu füllen.
Was wird in Zukunft aber tatsächlich mit den Sedimenten geschehen? Mit Computermodellen lassen sich die Schmelzwassermengen für ein wärmeres Klima simulieren. So lassen sich Rückschlüsse auf den Sedimenteintrag ziehen. Der Eintrag kann zeitweise ansteigen, wenn höhere Temperaturen zu einer intensiveren Gletscherschmelze führen. Wenn aber wegen des Gletscherschwunds weniger Wasser fliesst, wird der Sedimenteintrag langfristig abnehmen. Laut aktuellen Berechnungen verringern sich die in der Turtmänna transportierten Sedimentmengen bis zum Jahr 2050 auf 80% des momentan bewegten Volumens und bis 2099 auf 66%.
Mehr Bewegung im Frühling
Die Turtmänna bräuchte mit ihrer heutigen Kraft mehr als 600 Jahre, um das Material im Gletschervorfeld auszutragen. Das Turtmanntal ist also ein riesiger Sedimentspeicher, und es ist der Wasserabfluss, der den Sedimentaustrag begrenzt. Weil im Jahr 2099 die Gletscher zum grössten Teil verschwunden sein werden, wird die Schneeschmelze eine wesentlich grössere Rolle im Abflussverhalten spielen, und dadurch bedingt, wird dann das Sediment hauptsächlich im Frühling bewegt.
Vielen hochalpinen Gebieten steht eine ähnliche Entwicklung bevor wie dem Turtmanntal. In einer Studie, die insgesamt 64 Walliser Bäche umfasst, wurde ein durchschnittlicher Rückgang des Sedimentaustrags von 10% bis 2050 und 16% bis 2099 berechnet.