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Die Rückgabe erfolgte vor einigen Wochen dank der Vermittlung der Schweizer Botschaft in Washington. Eine zweite Inkunabel, eine Abhandlung von Matheolus Perusinus über das menschliche Gedächtnis (De Memoria augenda, [Strassburg, Heinrich Knoblochtzer, zwischen 1476 und 1484]), die den Kapuzinern im Jahr 1975 ebenfalls gestohlen wurde, wurde der Schweizer Botschaft soeben von der Bibliothek der Washington University in St. Louis (Missouri) zurückgegeben. Sie wird Mitte Dezember nach Freiburg zurückkehren.
Eine bebilderte Moralsatire mit grossem Erfolg
Das Narrenschiff ist in erster Linie ein Text. Sein Autor ist der Strassburger Sebastian Brant (1458-1521), ein brillanter Vertreter des Rheinischen Humanismus, der ihn auf Deutsch verfasste, um ihn möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Jedes einzelne der 112 Kapitel, in die das siebentausend Verse umfassende Gedicht gegliedert ist, karikiert ein menschliches Laster, das von einem Narren dargestellt wird: ungelesene Bücher, Habgier, Galanterie, Gefrässigkeit und Zecherei, Prokrastination, Wollust, Neid usw. Unter dem Deckmantel der Satire prangerte Brant die Missstände seiner Zeit an und gab sich als Moralist, der versuchte, seine Zeitgenossen zu besseren Menschen zu machen. Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten und war beispiellos: Es folgen mehrere Auflagen und das Buch wurde ins Lateinische, Französische, Englische und Holländische übersetzt. In der deutschen Literatur löst erst ein Text von Goethe wieder eine vergleichbare Begeisterung aus.
Das Narrenschiff ist auch ein Meisterwerk der Druckkunst. Heute sind von der im Februar 1494 erschienen Erstausgabe nur noch vierzehn Exemplare erhalten, darunter das Freiburger Exemplar. Die sorgfältige Typographie, das elegante Layout, die einzigartigen Bordüren und ausdrucksstarken Holzschnitte, die dem jungen Albrecht Dürer zugeschrieben werden, haben zum Mythos dieses Drucks beigetragen.
Ein besonderes Exemplar
Das von der Library of Congress zurückgegebene Exemplar weist eine bemerkenswerte Besonderheit auf: Es trägt das Bucheignerzeichen von Dietrich von Englisberg (†1527), eine wichtige Figur im damaligen Freiburg, die die höchsten politischen Ämter bekleidete (Schultheiss). Er war Mitglied des "ersten Freiburger Humanistenkreises", dessen bekanntester Vertreter Peter Falck (†1519) ist. Das Freiburger Exemplar des Narrenschiffs schlägt eine Brücke zwischen Freiburg und Basel, wo der Humanismus, der die Geschichte des Kontinents nachhaltig beeinflussen sollte, seine Blütezeit erlebt hat.
Im Laufe des 17. Jahrhunderts gelangte das Narrenschiff in die Bibliothek der Kapuziner in Freiburg, wahrscheinlich zusammen mit den wertvollen Büchern von Peter Falck. Leider weckte das aussergewöhnliche Werk schon bald Begehrlichkeiten. Trotz der Sorgfalt und Wachsamkeit, mit der die Ordensbrüder ihre Bibliothek über Jahrhunderte hinweg hegten und pflegten, blieb sie nicht vor kriminellen Akten verschont. Es kam zu einem ersten Diebstahl, bei dem das Narrenschiff entwendet wurde, ohne dass die Kapuziner dies bemerkten. Die Inkunabel tauchte im Mai 1945 bei einem New Yorker Händler wieder auf, der sie an einen der grössten amerikanischen Sammler – Lessing J. Rosenwald (1891-1979) – verkaufte. Der Bibliophile war für seine hohen moralischen Ansprüche bekannt und ahnte nichts von der kriminellen Herkunft der Inkunabel, da die Freiburger Bucheignerzeichen sorgfältig entfernt worden waren. Kurz vor seinem Tod schenkte er seine umfangreichen Sammlungen dem amerikanischen Staat und das Narrenschiff landete in der Library of Congress, wo es für Jahrzehnte in Vergessenheit geriet.
Ein weiterer Diebstahl
Ein weiterer Diebstahl mit ebenfalls dramatischen Folgen für das Freiburger Kulturerbe geschah im Jahr 1975. Einem dreisten Dieb gelang es, die Kapuziner zu täuschen, indem er sich für einen Bibliothekar aus dem Vatikan ausgab. Er erbeutete rund zwanzig bibliophile alte Drucke aus dem Besitz von Peter Falck. Die Ordensbrüder reichten Strafanzeige ein, blieben jedoch machtlos.
Wie im Fall des Narrenschiffs gerät auch dieser erneute Diebstahl in Vergessenheit, bis Anfang der 2000er-Jahre ein Mitarbeiter der KUB zwei neue, in Freiburg bisher nicht bekannte Fakten ans Licht bringt: 1. Die Diebesbeute aus dem Jahr 1975 wurde 1975 und 1976 an Auktionen in München verkauft. 2. Das Narrenschiff wird in Washington lokalisiert. Ab diesem Zeitpunkt werden von der KUB-Nachforschungen angestellt, um die rund zwanzig gestohlenen Drucke zu orten und wiederzubeschaffen. Neben dem Narrenschiff und der Inkunabel von St. Louis konnten seit 2019 drei weitere Inkunabeln und die Fragmente einer vierten von Händlern in New York, Schweden, Deutschland und in der Schweiz sowie öffentlichen Bibliotheken in Deutschland, Japan und den Vereinigten Staaten zurückerlangt werden.
Im Bestreben, eine langfristige Lösung zu finden, wollten die Kapuziner ihrerseits den Erhalt dieses kulturell bedeutsamen Erbes sicherstellen. Daher beschliessen sie 1981, den alten Teil ihrer Bibliothek in der KUB zu deponieren, bevor sie ihn 2004 zusammen mit der Bibliothek von Bulle als Schenkung überlassen.
Zurück nach Freiburg
Das Narrenschiff wird heute in der KUB Freiburg aufbewahrt und kann von Forscherinnen und Forschern eingesehen werden.