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6 Regeln für bessere Texte
Wilhelm von Humboldt, der preussische Gelehrte, Schriftsteller und Staatsmann, schreibt in seiner Abhandlung «Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus» bezüglich der Form der Sprache Folgendes: «Die Sprache ist etwas beständig und in jedem Augenblicke Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollständige, mumienartige Aufbewahrung, die es doch erst wieder bedarf, dass man dabei den lebendigen Vortrag zu versinnlichen sucht. Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Thätigkeit (Energia). Ihre wahre Definition kann daher nur eine genetische sein. Sie ist nämlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedankens fähig zu machen. Unmittelbar und streng genommen, ist dies die Definition des jedesmaligen Sprechens; aber im wahren und wesentlichen Sinne kann man auch nur gleichsam die Totalität dieses Sprechens als die Sprache ansehen.» In nuce wird hier bereits der Gedanke von Noam Chomskys «generativer Grammatik» angesprochen, der nachzuweisen versucht, wie eine Sprache (in Humboldts Worten) «unendlichen Gebrauch von endlichen Mitteln» machen kann.
Nicht zu Unrecht fragst Du Dich jetzt sicher, was die vorstehende Begriffsbestimmung mit «Regeln für bessere Texte» zu tun hat. Erstens bestimmen sowohl Humboldt wie Chomsky «Sprache» als «Handlung» oder «Tätigkeit». Daher kannst Du Dein «Schreiben» oder «Sprechen» nur durch Übung verbessern. Etwa so wie Schwimmen, Baseball oder Basketball. Damit Du nicht falsch übst, wie Dir Dein Autofahrlehrer vielleicht schon mal gesagt hat, musst Du von Anfang an richtig trainieren. Hierfür eignen sich meine Regeln für bessere Texte, die Dir helfen, sogenannte KING-SIZE MISTAKES zu verhindern. Üben musst Du natürlich trotzdem.
ERSTENS:
BENUTZE VERBEN STATT NOMEN
Musst Du bei Gesetzen oder Dokumenten der Stadtverwaltung den Nominalstil wohl oder übel akzeptieren, gilt bei allen anderen Texten: je weniger Substantive desto besser. Durch Nominalisierungen werden Texte schwer verständlich. Ersetzte daher Substantive möglichst oft durch Verben, Dein Leser wird es Dir danken.
ZWEITENS:
SCHREIBE AKTIV UND KONKRET
Beim Schreiben für die Öffentlichkeit gibst Du immer auch etwas von Dir preis, Du entblösst Dich und machst Dich angreifbar. Der Leser könnte Dich, Deinen Schreibstil oder Deine Meinung in Frage stellen. Gerade deshalb sollst Du Dich nicht hinter vagen Formulierungen verstecken, sondern möglichst verbindlich auftreten. Nenne die Dinge beim Namen und sprich Deinen Leser direkt an. Überlege bei jedem Satz, wer der Akteur ist und was er getan hat.
DRITTENS:
FINDE DIE RICHTIGEN WORTE
Verwende wenig Fremdwörter und wenn Du sie benutzt, erkläre sie oder greife auf einigermassen bekannte Ausdrücke zurück. Füllwörter wie «sehr», «eigentlich», «sogar», «mehr oder weniger» machen Deine Texte länger, sperriger und unattraktiver. Also verzichte auf sie!
VIERTENS:
VERMEIDE METAPHERN
Vermeide Metaphern, oder setze sie mit Vorbehalt ein. Metaphern können Texte zwar beleben, doch werden sie nicht immer verstanden und oft falsch eingesetzt. Ein gutes Beispiel für eine gelungene Metapher, die trotzdem einiges Kopfzerbrechen bereitet, bildet der zweitletzte Eintrag in Ludwig Wittgensteins «Tractatus logico-philosophicus». Er lautet: «Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.» Anders als metaphorisch lässt sich der Schluss mit der «Leiter» wohl auch nicht ausformulieren, weil im Traktatus im Grunde sinnvolle von sinnlosen und unsinnigen Sätzen unterschieden werden sollen. Und zwar mit Hilfe der Sprache selbst. (Wie sonst?)
FÜNFTENS:
SCHREIBE, WAS DU SAGEN WILLST
Immer wieder lese ich Texte, die mich ratlos zurücklassen. Es werden Worte aneinandergereiht, Sätze zusammengefügt und Floskeln bemüht – und der Text bleibt unverständlich. Überlege daher bei jedem Text, den Du schreibst, was die Aussage ist. Was soll der Leser erfahren? Notiere Deine Hauptaussage und halte sie Dir beim Schreiben immer vor Augen. Schreibe nur das, was zur Erläuterung dieser Aussage wichtig ist. Alles andere lasse weg.
SECHSTENS:
SIMPLEX SIGILLUM VERI
Schreibe so, dass Dein Leser Dich versteht. Führe Dir vor Augen, an wen sich Dein Text richtet. Schreibe dann so, dass sich Deine Zielgruppe angesprochen und verstanden fühlt. Texte, die sich an medizinische Fachpersonen richten, werden von Laien oft nicht verstanden. Texte, die sich an Laien richten, sind für medizinische Fachpersonen irrelevant und langweilig. Und Schüler fühlen sich nicht verstanden, wenn der Lehrer im Stile Heideggers doziert.
Christoph Frei, Akademisches-Lektorat, CH-8032 Zürich