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Hannah Widmer, Doktorandin am OUVEMA, hat im Sommer 2021 mit Hilfe von Studierenden drei öffentliche Plätze in der Stadt Zürich analysiert. Sie gibt hier einen «Blick in die Werkstatt» während der Auswertung der Daten zu den drei Quartierplätzen Lindenplatz, Idaplatz und Hallwylplatz.
Im Rahmen ihrer Dissertation, die vom SNF finanziert wird, untersucht Hannah Widmer die Diversität der Nutzer:innen dreier öffentlicher Plätze in der Stadt Zürich. Grundsätzlich sind die öffentlichen Plätze zugänglich und offen für alle. Unterscheidet sich die Nutzung der Plätze jedoch nach Alter, Geschlecht, Einkommen, etc.? Sind öffentliche Plätze öffentlich für alle, oder gibt es subtile Ausschlussmechanismen, die gewisse Gruppen abhalten? Oder möchten sich bestimmte Gruppen nicht auf den Plätzen aufhalten während andere sich die Plätze aneignen und für sich beanspruchen?
Um dies zu untersuchen, wurden drei Plätze in der Stadt Zürich ausgewählt, der Lindenplatz, der Idaplatz und der Hallwylplatz. In einem ersten Schritt wurde untersucht, wie und von wem die Plätze genutzt werden. Die Feldforschung, bestehend aus Zählungen, Beobachtungen und Befragungen, wurde im Juni/Juli und August/September 2021 durchgeführt (Details zur Methodik s. unten).
Welchen Tagesrhythmus haben die Plätze?
Abhängig von der Infrastruktur und Möblierung, den Einkaufs- und Verpflegungsmöglichkeiten sowie dem Verhältnis zwischen Wohnen und Arbeiten in der Nachbarschaft haben die Plätze einen unterschiedlichen Tagesrhythmus, wie die folgende Abbildung zeigt. Während der Lindenplatz unter der Woche ab dem späteren Vormittag von einer relativ konstanten Anzahl Personen besucht wird, sind am Samstagmorgen, wenn der Markt stattfindet, deutlich mehr Menschen anwesend. Der Hallwylplatz ist vor allem unter der Woche mittags gut gefüllt mit Erwerbstätigen, die ihre Mittagspause dort verbringen. Generell nimmt die Nutzung gegen Abend zu. Das ist auch beim Idaplatz der Fall.
Wie werden die Plätze genutzt?
Auf dem Lindenplatz dominieren «notwendige» Aktivitäten wie Durchgang oder Einkaufen. Aber auch «optionale» Aktivitäten wie Zeit verbringen mit Freund:innen/Familie, Zeit verbringen alleine oder Essen und Trinken werden genannt. Beim Hallwylplatz gibt über die Hälfte der Befragten an, sich auf dem Durchgang zu befinden. Diejenigen, die auch etwas auf dem Platz verweilen, tun dies häufig, um sich zu verpflegen. Ein ähnliches Muster findet sich auf dem Idaplatz: Auch dort sind viele Leute auf dem Durchgang, ein beträchtlicher Teil hält sich aber auch länger da auf, sei es, um sich zu verpflegen oder anderweitig Zeit zu verbringen, z.B. um Freunde zu treffen, mit Kindern zu spielen oder das Geschehen auf dem Platz zu beobachten.
Wo finden Aktivitäten statt?
Auf der Grundlage der Kartierungen wird ersichtlich, wo sich die Nutzer:innen auf den Plätzen aufhalten. Wenig erstaunen mag, dass vor allem die Sitzbänke häufig genutzt werden. Überall dort, wo es jedoch auch andere Sitzgelegenheiten gibt, werden diese rege genutzt sobald die Sitzbänke besetzt sind. Auf dem Lindenplatz sind dies der grosse Brunnen sowie die Treppe Richtung Kirche (südwestliche Ecke), auf dem Hallwylplatz ist es der Rand rund ums Wasserbecken sowie die zahlreichen Stühle und Bänke, die von Anwohner:innen platziert wurden.
Wie alt sind die Nutzer:innen?
Die Altersstruktur der Nutzer:innen der Plätze werden mit derjenigen der Nachbarschaft verglichen.* Hierfür werden statistische Daten der Stadt Zürich herangezogen. «Nachbarschaft» wurde hier mit einem 500-Meter-Radius rund um den Platz definiert. Das entspricht einem Spaziergang zu Fuss von ca. zehn Minuten. Auf allen drei Plätzen ist die Altersgruppe zwischen 25 und 44 am häufigsten vertreten (40 bis 60%). Die Prozentsätze der Altersgruppen der Nutzer:innen ist beim Hallwylplatz und beim Idaplatz sehr ähnlich wie diejenigen der Bewohner:innen der Nachbarschaft. Beim Lindenplatz hingegen sind Personen, die älter als 65 Jahre sind, übervertreten, und Personen der Altersgruppe zwischen 25 und 44 untervertreten, im Vergleich zur Altersstruktur der Nachbarschaft.
Wie hoch ist das Einkommen der Nutzer:innen?
Interessant ist auch der Vergleich der Einkommensstruktur der Nutzer:innen und der Bewohner:innen des 500-Meter-Radius rund um die Plätze. Verglichen wird jeweils das Haushaltsäquivalenzeinkommen, das zwecks Vergleichbarkeit in fünf Kategorien eingeteilt wird.** Auf allen drei Plätzen sind Personen mit einem Einkommen in der tiefsten Kategorie markant unterrepräsentiert. Auch sind Personen mit einem Einkommen, das in die höchste Kategorie fällt, prozentual eher untervertreten (Ausnahme: Idaplatz). Ein ähnliches Muster zeigt sich, wenn man die höchste abgeschlossene Ausbildung betrachtet.
Fazit und Ausblick
Die drei untersuchten öffentlichen Plätze haben alle einen unterschiedlichen Rhythmus und unterschiedliche Nutzungsmuster. Was jedoch allen gemeinsam ist: Die Nutzung der Plätze scheint ein Mittelstandsphänomen zu sein. Auch mittlere Altersschichten dominieren. Personen am oberen und unteren Ende der Einkommens- oder Altersverteilung sind seltener anzutreffen.
Woran könnte es liegen, dass insbesondere ältere Leute vergleichsweise häufig auf dem Lindenplatz anzutreffen sind? Welche Erklärungen gibt es für das Mittelstandsphänomen? Diese Fragen werden zurzeit vertieft ausgewertet.
In einem zweiten Teil der Studie wird zudem mittels qualitativen Interviews der Frage nachgegangen, wie Diversität im öffentlichen Raum wahrgenommen wird. Inwiefern wird sie überhaupt beachtet? Wird sie als bereichernd oder als eher störend empfunden? Aus welchen Gründen wird ein Platz nicht oder nur selten genutzt?
Vielen Dank an Michelle Agatiello, Rebekka Isler, Noah Leimgruber, Zoé Meier, Fabio Melliger, Antonella Nagel und Aline Rutz für die Unterstützung bei der Befragung.
Methodik
Zählungen, Kartierungen und Befragungen wurden jeweils unter der Woche und am Samstag zwischen 08.00 und 18.00 Uhr durchgeführt.
Zählung: Jeweils zur vollen Stunde wurde der Platz auf einer vorgegebenen Route umrundet. Alle anwesenden Personen, egal ob sie sich nur auf dem Durchgang befanden oder etwas Zeit auf dem Platz verbrachten, wurde gezählt. Zudem wurde das Geschlecht, die Altersgruppe und die Fortbewegungsart (zu Fuss, Velo, …) notiert.
Kartierung: Alle anwesenden Personen, die sich auf dem Platz aufhielten, wurden mittels eines Tablets kartiert. Nebst der Aktivität und der Körperhaltung (sitzend, stehend, liegend, …) wurde auch die Dauer des Aufenthalts, das Geschlecht, die Altersgruppe und weitere Merkmale notiert.
Befragung: Mittels eines kurzen Fragebogens wurden anwesende Personen, egal ob sie sich nur auf dem Durchgang befanden oder etwas Zeit auf dem Platz verbrachten, zur Art ihrer Nutzung des Platzes sowie zu ihren soziodemographischen Merkmalen (Alter, Geschlecht, höchste abgeschlossene Ausbildung, Haushaltseinkommen, etc.) befragt.
* Die Daten der Befragung wurden für den Vergleich zur Nachbarschaft auf diejenigen Personen eingeschränkt, die selber auch in der Nähe wohnen. Personen, die sich beispielsweise «nur» auf dem Weg zur Arbeit befinden, wurden für diese Analyse nicht berücksichtigt.
** Das Haushaltsäquivalenzeinkommen berücksichtigt Grössenvorteile von unterschiedlich grossen Haushalten und ihrem Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern. Die Einkommenskategorien wurden ausgehend vom Median gebildet.