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2. Warum unterscheidet sich die Gesundheit bei Frauen und Männern?
Das biologische Geschlecht
Männer und Frauen unterscheiden sich auf der biologischen Ebene in vielerlei Hinsicht, zum Beispiel:
- Körperbau
- Körpergrösse
- Sexualhormone
- Zellaufbau
Es beginnt bei den Geschlechts-Chromosomen: Frauen haben zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Auf einem X-Chromosom haben mehr als 1000 Gene Platz, auf dem Y-Chromosom hingegen weniger als 100. Frauen haben dadurch den Vorteil, dass zum Beispiel Erbkrankheiten eher über das zweite X-Chromosom ausgeglichen werden können. Darum sind Männer öfter von Erbkrankheiten betroffen.
Das Immunsystem der Männer ist schwächer, da das Sexualhormon Testosteron das Wachstum von Immunzellen hemmt. Männer erkranken daher häufiger und schwerer an Infektionen und sprechen oft weniger gut auf Impfungen an. Studien belegen ausserdem, dass Männer anfälliger für Infektionen mit Bakterien, Pilzen und Viren sind.
Bei den Frauen hingegen fördert das weibliche Sexualhormon Östrogen die Vermehrung von Immunzellen. Dieser hormonelle Vorteil geht nach den Wechseljahren verloren, da der weibliche Körper weniger Östrogen produziert.
Der unterschiedliche Aufbau der Zellen beeinflusst zudem die Anteile an Fett- und Muskelmasse sowie die Funktionen von Herz und Kreislauf, des Immunsystems oder der Verdauung – und hat einen Einfluss darauf, wie Medikamente vom Körper aufgenommen und abgebaut werden, was dazu führt, dass Männer bei Medikamenten häufig eine höhere Dosierung als Frauen benötigen.
Geschlechterunterschiede bei der Wirkung von Medikamenten
Auch bei den Reaktionen auf Medikamente gibt es grosse Unterschiede: Männer sind nur halb so oft von unerwünschten Nebenwirkungen betroffen. Da das Blutvolumen bei Männern grösser ist, werden ihre Organe besser durchblutet und die Medikamente wirken oft besser und schneller. Männer und Frauen weisen zudem verschiedene Normbereiche in ihren Blutwerten auf. Noch heute wird in der Forschung hauptsächlich vom männlichen Körper ausgegangen, deswegen ist die Einnahme von Medikamenten bei Frauen insgesamt unsicherer und weniger wirksam. Verschiedene Körpereigenschaften der Frauen beeinflussen die Wirkung von Medikamenten:
- Der Menstruationszyklus hat einen Einfluss auf Aufnahme und Bindung des Medikaments.
- Ein hoher Östrogenspiegel bei den Frauen kann die Wirkung von Medikamenten steigern, aber auch den Abbau im Körper beschleunigen.
- Frauen haben eine längere Magen-Darm-Passage als Männer und nehmen dadurch grössere Mengen einer Substanz auf.
- Frauen haben im Durchschnitt einen grösseren Körperfettanteil, darum werden fettlösliche Medikamente im weiblichen Körper besser gespeichert als im männlichen.
- Auch der Abbau in der Leber dauert bei den Frauen oft länger.
Wie wirkt sich das Geschlecht auf die Medikamenteneinnahme aus?
- Aspirin: Wirkt bei Männern besser als bei Frauen als Vorbeugung gegen Herzinfarkt oder Schlaganfall.
- Schmerzmittel: Männer benötigen eine höhere Dosis als Frauen.
- Antivirale Therapien und Impfungen: Frauen entwickeln oft stärkere Abwehrreaktionen, gleichzeitig auch stärkere Nebenwirkungen als Männer.
- Krebstherapie: Frauen und Männer reagieren oft sehr unterschiedlich.
Unterschiede bei Covid-19
- Männer sterben häufiger an einer Covid-19-Erkrankung und entwickeln schwerere Symptome.
- Frauen leiden nach einer Covid-19-Erkrankung häufiger an Langzeitfolgen.
- Frauen können durch Covid-19-Impfung Zyklusveränderungen erfahren.
Das soziale Geschlecht
Bei vielen Krankheiten spielt neben dem biologischen auch das soziale Geschlecht (engl.: gender) eine wichtige Rolle. Unter dem sozialen Geschlecht versteht man zum Beispiel unterschiedliche Verhaltensweisen von Männern und Frauen. Diese können einen direkten Einfluss auf die Gesundheit haben.
Einige Beispiele: Frauen ernähren sich ausgewogener und greifen häufiger zu gesunden Lebensmitteln wie Obst und Gemüse sowie Wasser anstatt ungesunde Getränke. Allerdings: Der gesellschaftliche Druck, schlank zu sein, kann bei Frauen zu einem negativen Körperbild führen, da das geltende Schönheitsideal unerreichbar scheint. Essstörungen betreffen daher meist (jüngere) Frauen.
Männer sind zwar körperlich aktiver, sie verhalten sich insgesamt aber risikoreicher und leben meist ungesünder als Frauen: Männer rauchen öfter, trinken mehr Alkohol und konsumieren mehr Drogen. Sie sind dadurch mehr von Missbrauch und Abhängigkeit von Substanzen betroffen. Nicht verwunderlich, dass Frauen generell länger leben als Männer.
Auch bei Verhaltenssüchten spielt das Geschlecht eine wichtige Rolle, also beim Geldspiel, bei Videospielen oder beim Umgang mit Social Media. Zwar geht man davon aus, dass Männer und Frauen insgesamt gleich häufig von Verhaltenssüchten betroffen sind, doch bei der Art gibt es Unterschiede: Frauen halten sich eher exzessiv in Social-Media-Kanälen auf, während Männer mehr online gamen. Unterschiedlich ist oft auch die Beurteilung der Suchtgefahr: Die exzessive Social-Media-Nutzung junger Frauen wird von Eltern meist als weniger schlimm wahrgenommen während junge Männer mit exzessivem Gameverhalten häufiger in Therapie geschickt werden.
Weiter gibt es auch Unterschiede bei der Wahrnehmung von Symptomen oder beim Aufsuchen von Hilfe. Männer achten weniger auf die Signale ihres Körpers und sprechen seltener über ihre Gefühle. Frauen nehmen ihre Gesundheit besser wahr und haben eine höhere Bereitschaft, ärztliche Hilfe zu suchen. Psychische Erkrankungen werden bei Männern deswegen seltener diagnostiziert – Depression bei Männern wird zum Beispiel häufig zu spät erkannt (Grafik 2).