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Wie weit kommt die Schweiz an der Eishockey-WM?
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Niemand kann in Paris so gut Drama wie die Schweizer. Hätten wir Roman Josi, kämen wir ins Finale wie 2013.
Es könnte sein wie Stockholm 2013. Aber Paris ist nicht Stockholm. Die zwei Partien in zwei Tagen gegen die Vorjahres-Finalisten Kanada (3:2 n.V.) und Finnland (2:3 n.V.) geben uns eine Antwort, warum Paris nicht ist wie Stockholm. Es geht um eine einzige Position. Eine Statistik hilft uns weiter.
Warum ist das so? Weil wir kein «Verteidigungs-Ministerium» haben. Keinen Roman Josi. Wir haben nur Raphael Diaz. «Captain Minus».
Roman Josi wurde als wertvollster Einzelspieler des Turniers von 2013 geehrt. Zurzeit spielt er mit Nashville um den Einzug ins Stanley-Cup-Finale.
Kein anderer Feldspieler kann das Spiel so stark beeinflussen wie ein guter Verteidiger. Er ist die ordnende Hand in allen Situationen. Er löst die Angriffe aus und spielt die öffnenden Pässe bei numerischem Gleichstand. Und noch viel wichtiger: Er orchestriert das Powerplay und organisiert das Boxplay.
Roman Josi war mit neun Punkten in zehn Partien der produktivste Verteidiger des Turniers. An seiner Seite wurde Raphael Diaz (er stiess aus Nordamerika zum Team) in den letzten vier Partien auch ein Silber-Held.
Wenn eine Mannschaft so spektakulär vorwärts spielt wie die Schweiz in Paris (inzwischen hochstehendes, besser strukturiertes «Pausenplatz- und Energie-Hockey»), dann wird der «Verteidigungsminister» noch wichtiger
In Paris ist das «Verteidigungsministerium» nicht gut genug besetzt. Was Roman Josi in Stockholm, das sollte Raphael Diaz in Paris sein. Und darüber hinaus ist er auch noch Captain (in Stockholm war Mathias Seger Captain). Er muss an allen Ecken und Enden aushelfen. Er arbeitet im Boxplay, orchestriert jeweils als einziger Verteidiger ein Powerplay mit vier Stürmern und er ordnet als Verteidigungsminister das Spiel bei Vollbestand. Keiner bekommt in Paris so viel Eiszeit zugeteilt (22:54) – mehr als Roman Josi 2013 in Stockholm (20:08).
Mit dieser Belastung ist er überfordert. Das ist der wichtigste Grund, warum das Spiel in Über- und Unterzahl nicht wunschgemäss funktioniert.
Raphael Diaz ist Patrick Fischers «Workhorse» («Arbeitspferd»). Wird ihm zu viel zugemutet? Raphael Diaz verneint eine Überforderung. Aber er sagt, dass er seine Kräfte gut einteilen müsse. Es sei ein wenig wie in der Meisterschaft bei Zug.
Auf den ersten Blick denkt nun der neutrale Beobachter: Müsste Raphael Diaz nicht dominanter, besser, spektakulärer, produktiver, aber auch solider, dominanter, verlässlicher sein? Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass sein Spiel unter der Verantwortung und Belastung leidet, die er zu tragen hat.
Raphael Diaz ist ein kreativer, schussstarker «Spektakel-Verteidiger», der das Spiel mit seinen Rushes dynamisiert. Ja, in lichten Momente mahnt er ein wenig an Roman Josi. Aber er ist kein Roman Josi. Er hat weder die Postur (sechs Zentimeter kleiner, vier Kilo leichter) noch die Robustheit oder die Klasse und Dominanz des NHL-Stars. Er ist eine «Porzellan-Version» von Roman Josi.
Müsste Raphael Diaz nicht so viel arbeiten, dann wäre er mit ziemlicher Sicherheit produktiver und defensiv solider – bei Zug und jetzt in Paris. Aber in Zug und in der Nationalmannschaft gibt es keinen anderen Verteidiger, der so komplett ist, dass er die Rolle des «Verteidigungsministers» wenigstens zwischendurch übernehmen könnte.
Das boshafte Wort «Captain Minus» macht die Runde. Raphael Diaz weist bei Gleichstand als einziger eine Minus-Bilanz auf (-1). Der freundliche Titan stand also bisher bei mehr Minus- als Plustreffern auf dem Eis. Tore im Box- und Powerplay werden nicht gewertet.
Ein Merkmal der Silber-Mannschaft von Stockholm war die Stabilität. Sie blieb von Verletzungen verschont und spielte praktisch vom ersten bis zum letzten Spiel in der gleichen Formation durch – und Änderungen gab es nur, als Raphael Diaz aus Nordamerika für die vier letzten Partien zum Team kam.
In Paris muss Patrick Fischer viel umstellen. So ist das halt auch bei inzwischen gutem «Pausenplatz-Hockey». Zwischendurch sass mit Denis Malgin sogar der einzige NHL-Stürmer auf der Tribüne.
Dramatik gibt es also nicht nur auf dem Eis. Es gibt auch dramatische Entwicklungen innerhalb der Mannschaft. In den beiden Partien gegen Kanada und Finnland haben wir beispielsweise in zwei Tagen Aufstieg und Fall von Hockey-Titanen erlebt.
Fabrice Herzog (22) und Damien Brunner (31) haben ihre Rollen getauscht. Herzog (bisher drei Tore) ist vom überzähligen Stürmer zum offensiven Leitwolf aufgestiegen. Brunner (bisher 1 Tor/1 Assist) musste die Degradierung zum Hinterbänkler hinnehmen. Gegen Finnland sass er an einer WM wegen ungenügender Leistung auf der Tribüne.
Die erste Partie gegen Slowenien (5:4 n.V.) hatte er mit dem einzigen verwerteten Penalty entschieden. Da spielte er noch die erste Geige mit 27 Einsätzen und mehr als einer Viertelstunde Eiszeit (15:34). Herzog war da erst ein Hinterbänkler mit sechs Einsätzen (4:44).
Was ist da passiert? Fabrice Herzog hat schon mehr von der Hockeywelt gesehen als ein Durchschnittsspieler während einer Karriere. Aus der Ostschweiz heraus über Zug, Quebec und Toronto nach Zürich. Noch läuft sein Vertrag mit den ZSC Lions bis 2019. Doch die Chancen, dass sein NHL-Traum in Erfüllung gehen wird, sind im Quadrat gestiegen. Zwei Tore gegen Kanada, das 1:0 gegen Finnland – es gibt keine bessere Eigenwerbung als Treffer gegen kanadische NHL-Nationalteams.
Bei den ZSC Lions bekam Fabrice Herzog diese Saison keine zentrale Rolle. Wahrscheinlich hätte er bei jedem anderen NLA-Team mehr Eiszeit und Bedeutung. Aber in Zürich ist er näher an der NHL. Die ZSC Lions unterhalten eine Partnerschaft mit Toronto, dem Klub, der die Rechte an Herzog hält. In Zürich ist der Konkurrenzkampf um die Plätze in der Offensive jedoch härter als bei jedem anderen NLA-Team. Was, wie wir jetzt in Paris sehen, nicht schadet.
Damien Brunner ist hingegen in Lugano keinem echten internen Konkurrenzkampf ausgesetzt. Wenn er es möchte, würde er in der Sänfte zu jedem Training getragen. Was er natürlich nicht will. Sein Abstieg von Paris zum Ersatzspieler steht im Gegensatz zur Schlüsselrolle, die er in Lugano noch immer innehat.
Obwohl er seit der Rückkehr aus der NHL im Dezember 2014 auch wegen Verletzungspech in Lugano nicht die tragende Rolle zu spielen vermag, die von ihm erwartet und für die er bezahlt wird. Damien Brunner ist der bestbezahlte NLA-Stürmer mit Schweizer Pass.
In Paris hat der internationale Ruhm von Fabrice Herzog begonnen. In Paris ist dieser Ruhm für Damien Brunner verblasst – und auch darunter leidet das Schweizer Spiel.
Und trotzdem ist bei dieser WM noch alles möglich. Das zeigt, wie viel Potenzial in dieser Mannschaft steckt. Und auch, dass die Chemie trotz aller Dramatik und allen Unberechenbarkeiten stimmt.
So gut wie 2013 spielen die Schweizer nicht. Aber Spektakel und Unterhaltung sind mindestens so gut wie 2013.