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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
47. Der Sinn von Joh. 5, 19.
Das ist bei der eingehenden Behandlung dieser Dinge zwar schon dargestellt worden. Doch das Wort des Herrn: „Der Sohn vermag nicht von sich aus irgend etwas zu tun, es sei denn, daß er es den Vater habe tun sehen”1 soll nicht mit mehr Gewicht der Ehrfurchtslosigkeit zunutze werden, sein Wesen herabzumindern, als vielmehr dem Erweis des ihm eignen väterlichen Wesens von Nutzen sein, durch das er auf Grund seiner Machtvollkommenheit am Sabbat gehandelt hat.
Den Sinn des Herrenwortes, das hierauf Bezug hat, gilt es deswegen auch aufzuzeigen, worin er sagt: „Und von mir aus tue ich nichts, sondern wie es der Vater mich [S. 122] gelehrt hat, so spreche ich. Wer mich gesandt hat, der ist bei mir; er hat mich nicht allein gelassen, da ich immer dasjenige tue, was ihm wohlgefällt.”2 Ahnst du nun, was das bedeutet, der Sohn könne nicht irgend etwas tun, wenn er es nicht den Vater tun sehe? Und in welchem Geheimnis gesagt sei: „Und von mir aus tue ich nichts”? Und wiederum: „Er hat mich nicht allein gelassen, da ich immer dasjenige tue, was ihm wohlgefällt”?3 Wenn er nämlich deswegen nichts von sich aus tut, weil der Vater immer in ihm ist: wie anderseits hat der Vater ihn nicht allein gelassen, weil er tut, was ihm wohlgefällt?
Nach deiner Auffassung, Irrlehrer, stimmt die Verschiedenheit dieser Worte nicht überein, daß er (einerseits) von sich aus nichts tue ohne Belehrung von seiten des in ihm bleibenden Vaters, und daß (anderseits) der Vater deswegen in ihm bleibe, weil er vollzieht, was ihm wohlgefällt. Wenn er nämlich wegen des in ihm bleibenden Vaters von sich aus nichts tut: wie hat er es daraufhin verdient, daß der Vater in ihm bleibe, weil er tut, was ihm wohlgefällt? Denn es ist doch überhaupt kein Verdienst, seine Handlungen nicht von sich aus zu tun. Im Gegenteil: wie sind die Taten des Sohnes dem Vater wohlgefällig, da sie der Vater vollzieht, der für immer im Sohn ist?
In der Enge bist du, Falschgläubiger, und die völlig gesicherte Rechtheit unseres Glaubens umschließt dich von allen Seiten. Der Sohn tut etwas oder er tut es nicht; wenn er es nicht tut: wie kann er in seinem Tun Gefallen erwerben? Wenn er es tut: inwiefern handelt er in dem, was er nicht von sich aus tut? Ist es ihm doch eigentümlich, das Wohlgefällige getan zu haben; und es ist ohne Verdienst, seine Taten nicht von sich aus getan zu haben.
1: Joh. 5, 19.
2: Joh. 8, 28 f.
3: Joh. 8, 29.