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Ein schweres Erdbeben mit einer Stärke von 7.8 sorgte in der Grenzregion zwischen der Türkei und Syrien für starke Verwüstung und Tausende von Toten. Dass zwischen diesen beiden Ländern oft starke Erdbeben auftreten, sei kein Zufall, sagt Stefan Wiemer, Direktor des Schweizerischen Erdbebendienstes.
Stefan Wiemer
Direktor des Schweizerischen Erdbebendienstes
Stefan Wiemer ist Direktor des Schweizerischen Erdbebendienstes und Professor für Seismologie an der ETH Zürich.
SRF News: Was genau ist zwischen der Türkei und Syrien in der Erde geschehen?
Stefan Wiemer: An der Plattengrenze, der Ostanatolische Verwerfung, gab es ein grosses Beben mit einer Stärke von 7.8. Dieses ist über eine Bruchfläche von mehr als 150 bis 200 Kilometer gebrochen. Dabei sind extrem viele Gebäude in der Region stark beschädigt worden.
Was befindet sich im Boden unterhalb von der Türkei und Syrien?
Dort liegt eine Plattengrenze. Die Erde ist zerbrochen in verschiedenste Erdplatten. An manchen Stellen kommen diese Platten aneinander und verhaken sich zum Teil. In der Türkei liegt die Plattengrenze, bei der die Afrikanische Platte auf die Eurasische Platte trifft. An dieser Grenzzone kommt es immer wieder zu starken Erdbeben. So wie es aussieht, ist bei diesem Erdbeben die Arabische Platte mit der Eurasischen Platte an der Grenzzone aneinandergestossen.
Warum kommen in dieser Region immer wieder Erdbeben vor?
In dieser Region gibt es Plattengrenzen. Also Zonen, an denen zwei Platten aneinander kommen. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte bauen sich dort Spannungen auf, die sich dann in so einem Beben entladen. Hier ist es speziell die Ostanatolische Verwerfung, an der sich Spannungen aufgebaut haben und jetzt mit diesem Erdbeben mit einer Stärke von 7.8 entladen haben.
In der Region zwischen der Türkei und Syrien hat es schon seit mehr als 100 Jahren kein derart grosses Beben mehr gegeben.
Mit einer Stärke von 7.8 ist dies ein ziemlich starkes Beben. Ist das ein Ausnahmebeben?
So ein grosses Beben ist in der Tat sehr selten. Ein Erdbeben mit der Stärke von 8 kommt auf der Welt vielleicht einmal pro Jahr vor. In der Region zwischen der Türkei und Syrien hat es schon seit mehr als 100 Jahren kein derart grosses Beben mehr gegeben. Wir wissen aus der Geschichte, dass beispielsweise Aleppo immer wieder von grossen Beben betroffen wurde. Aber ein Erdbeben mit einer Stärke von 7.8 ist schon ein gewaltiges Beben.
Jetzt läuft die Rettung an. Wie gross ist die Gefahr für ein Nachbeben?
Nach solchen grossen Beben wird es über Tage, Woche, Monate hinweg Nachbeben geben. Die nehmen in der Anzahl und in der Intensität typischerweise ab. Schon kurz danach gab es ein grosses Beben mit einer Stärke von 6. Das kann durchaus wieder vorkommen. Und das ist eine grosse Herausforderung für die Leute vor Ort.
In solchen grossen Beben werden oft die Anzahl an Todesopfern stark unterschätzt.
Welche Zerstörungswucht hat ein Erdbeben mit einer Stärke von 7.8?
So ein Beben kann Gebäude, die nicht dafür ausgelegt sind, katastrophal zum Zusammenbrechen bringen. So wie man es auf den Bildern aus der Türkei und Syrien jetzt sieht. Es sind oft Gebäude, die schon vorher besonders verletzbar waren. Es werden Hunderte, Tausende von Gebäuden stark beschädigt sein. Diese sind jetzt noch anfälliger, wenn ein Nachbeben kommt.
Wird die Zahl der Toten noch stärker ansteigen?
Wir können über die Situation nur begrenzt viel sagen. In solchen grossen Beben werden oft die Anzahl an Todesopfern stark unterschätzt. Der Grund: Wie es in anderen Regionen aussieht, weiss man noch gar nicht, weil man sie nicht erreichen kann. Es gibt dorthin keine Kommunikation.
Das Gespräch führte Christian Häfliger.