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Titel
Tuberkulose
(tuberculosis), eine akut oder chronisch verlaufende
Infektionskrankheit, die sich durch die
Ablagerung
hirsekorngroßer grauer oder gelblicher durchscheinender Knötchen oder
Tuberkeln (tubercula) in den verschiedenen Organen
(Lungen,
Leber,
Darmschleimhaut,
Gehirnhaut,
Lymphdrüsen,
Knochen
[* 2] u. s. w.) charakterisiert, die durch ihre pathol.
Veränderungen
meist eine
Erweichung und Schmelzung der Gewebe,
[* 3] häufig auch eine allgemeine Blutentmischung und Verderbnis
der Säfte zur Folge haben.
Unter dem Mikroskop [* 4] betrachtet, zeigt sich der frische Tuberkel im wesentlichen aus kleinen rundlichen, zierlich angeordneten Zellen zusammengesetzt, die ein oder mehrere große Zellen (sog. Riesenzellen) umschließen. Sehr bald nach seinem Entstehen beginnt der Tuberkel von seiner Mitte aus zu atrophieren und sich in eine trockne, gelbe, käsige Masse zu verwandeln; die Ursache dieser sog. Verkäsung des Tuberkels liegt ohne Zweifel in einer unzureichenden Ernährung desselben durch die umgebenden Blutgefäße.
Der verkäste Tuberkel erfährt nun nach einiger Zeit weitere Veränderungen, indem er entweder eintrocknet und durch Ablagerung von Kalkmassen steinhart wird, in welchem Zustand er zeitlebens, und ohne weitere Beschwerden zu verursachen, verharren kann, oder indem er, was der häufigere Fall ist, allmählich erweicht und zu einer dicken rahmähnlichen Flüssigkeit (Tuberkeleiter oder Tuberkeljauche) zerfließt. Durch diese Erweichung oder Schmelzung der Tuberkel entsteht auf den Schleimhäuten das sog. tuberkulöse Geschwür, in parenchymatösen Organen die tuberkulöse Kaverne oder Höhle (Vomica), ein bis faustgroßer rundlicher oder unregelmäßig gestalteter Hohlraum, der mit graugelber dünneitriger oder eitrig-käsiger Flüssigkeit, häufig auch mit gelblichen Bröckeln erfüllt und in seinen Wandungen tuberkulös infiltriert ist. Durch die tuberkulösen Geschwüre und Kavernen kann nicht nur das tuberkulöse Organ allmählich vollständig zerstört, sondern auch der Gesamtorganismus infolge des begleitenden Fiebers und gewisser Folgezustände (fettige und amyloide Entartung, Thrombosen u. a.) schließlich zu Grunde gerichtet werden (Schwindsucht, Phtisis). Doch kommt nicht selten eine Art von Heilung des tuberkulösen Prozesses durch Bildung von Narbengewebe vor.
Über die
Ursachen der
Tuberkulose hat Robert
Koch hinreichende Klarheit verschafft. 1865 führte Villemin den direkten
experimentellen
Beweis, daß die
Tuberkulose durch
Impfung
[* 5] übertragen werden kann (sog. Impf
tuberkulose). Ebenso leicht gelingt es,
durch das
Einatmen fein zerstäubten
Auswurfs tuberkulöser
Personen bei ganz gesunden
Hunden eine weit verbreitete
Lungentuberkulose
hervorzurufen. 1882 wies Robert
Koch nach, daß in allen tuberkulösen Organen und Auswurfsstoffen regelmäßig mikroskopisch
kleinste niedrige Organismen aus der
Klasse der
Spaltpilze oder
Schizomyceten, die
Tuberkelbacillen, vorkommen, daß man dieselben
auch außerhalb des Tierkörpers in künstlichen Nährsubstanzen rein zu züchten und mit den nach mehrern Generationen erhaltenen
unvermischten
Pilzen bei jedem Versuchstier wiederum künstlich die
Tuberkulose hervorzurufen im stande ist. Damit war experimentell
erwiesen, daß die
Tuberkulose eine infektiöse, durch eine specifische Bakterienart hervorgerufene
Krankheit ist.
Der Tuberkelbacillus (Bacillus tuberculosis Koch, s. Tafel: Bakterien, [* 1] Fig. 1) ist ein sehr schmaler, langer, unbeweglicher Bacillus, häufig von leicht gebogener Gestalt und je nach dem Nährboden wechselnder Ausbildung; seine Länge entspricht etwa einem Drittel des Durchmessers eines roten Blutkörperchens. Sehr häufig erscheint er in Form gefärbter Körnerreihen; die ungefärbten Partien einer solchen Reihe wurden früher für Sporen gehalten; der Tuberkelbacillus bildet jedoch keine Sporen und ist daher auch gegen hohe Hitzegrade nicht widerstandsfähig.
Specifische Färbungsmethoden, die auf die große Widerstandsfähigkeit der Bacillen gegen Säuren basiert sind, bedingt durch zwei im Körper enthaltene Substanzen, die zu den ungesättigten Fettsäuren gehören, gestatten eine absolut sichere Diagnose der Bacillen gegenüber andern Bacillenformen. Die Bacillen wachsen nur unter sehr eng begrenzten Bedingungen, zwischen 30-40° C. Temperatur (am besten bei der Körpertemperatur 37,5°), auf Blutserum, Glycerinagar, schwieriger auch auf Kartoffeln. Demnach können die Bacillen sich in der Außenwelt nicht vermehren, wohl aber erhalten sie sich, worauf die weit verbreitete Gefahr der Ansteckung beruht. Das Abtöten der Bacillen zum Zweck der Desinfektion [* 6] geschieht am sichersten durch Kochen in strömendem Wasserdampf. Gegen die Magenverdauung sind die Bacillen geschützt, so daß sie durch den Magen [* 7] hindurch noch virulent in den Darm [* 8] gelangen und diesen infizieren können.
Getrockneter bacillenhaltiger
Auswurf von
Tuberkulösen behält wochenlang seine Ansteckungsfähigkeit, wird leicht in kleinsten
Partikelchen vom Luftstrom fortgeführt, gelangt beim
Einatmen direkt in die Luftwege und kann hier wiederum
Tuberkulose erzeugen,
wenn sonst die
Bedingungen der weitern
Entwicklung der eingeatmeten
Bacillen günstig sind. In einer gesunden
Lunge
[* 9] vermögen sich diese nur schwer anzusiedeln, da das schützende Epithel der Schleimhäute ihrem Eindringen in die
Gewebe einen wirksamen
Widerstand entgegensetzt; nur wo die Schleimhaut infolge von Katarrhen,
Entzündungen, stagnierendem
und sich zersetzendem Sekret von Epithel entblößt ist, ferner nur in schlaffem und blutleerem Gewebe
sind die
Tuberkelbacillen im stande, sich
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mehr
einzunisten. Vielfach wird angenommen, daß es eine besondere Körperbeschaffenheit, den sog.
phthisischen Habitus, giebt, der zu
Tuberkulose disponiere; sein Merkmal ist hauptsächlich ein langer, schmaler Brustkasten. Alles,
was den Körper schwächt und blutarm macht, vermindert auch die Widerstandsfähigkeit gegen das tuberkulöse Gift; auch das
Einatmen von Staub, dem manche Gewerke ausgesetzt sind, begünstigt die Entwicklung von (S. Staubinhalationskrankheiten.)
Von besonderer Wichtigkeit ist weiterhin, daß die Anlage zur
Tuberkulose oft erblich ist. (S. Erbliche Krankheiten.) Übrigens bilden
die Atmungsorgane nicht den einzigen Weg, auf dem die Tuberkelbacillen in den Körper eindringen; auch vom Darmkanal aus kann
die Infektion stattfinden; gegen diese Art von Infektion sind besonders kleine Kinder sehr empfänglich.
In dieser Beziehung schließt namentlich der Genuß des Fleisches und der Milch perlsüchtiger (tuberkulöser) Rinder
[* 11] die Gefahr
einer Übertragung der in sich. (S. unten, S. 1040 b fg.) Wiederholt hat man auch die Infektion der
Tuberkulose von kleinen Schrunden
und Verletzungen der Haut
[* 12] aus erfolgen sehen.
Die Erscheinungen der
Tuberkulose sind je nach dem Ort der ersten Infektion und nach der weitern Ausbreitung des tuberkulösen Giftes
außerordentlich mannigfach. Mitunter wird das Tuberkelgift durch die Blut- und Säftemasse so schnell über den ganzen Körper
verbreitet, daß sich fast in allen Organen in kürzester Zeit zahlreiche Tuberkeln entwickeln und unter
hohem Fieber und schweren typhusähnlichen Allgemeinerscheinungen der Tod erfolgt; man pflegt solche Fälle als akute allgemeine
Miliar
tuberkulose zu bezeichnen.
In den allermeisten Fällen tritt die
Tuberkulose zuerst in den Lungen auf (Lungentuberkulose), indem entweder binnen wenigen Wochen
oder Monaten die Lungen durch tuberkulöse Kavernen zerstört werden (akute Lungentuberkulose), oder der
krankhafte Prozeß in den Lungen einen mehr schleichenden, über Jahre, selbst Jahrzehnte sich erstreckenden Verlauf nimmt
(chronische Lungentuberkulose). Die Symptome beider Formen gleichen denen der Lungenschwindsucht (s. d.). Über die
Tuberkulose der Luftröhren-
und Kehlkopfschleimhaut s. Kehlkopf(-Krankheiten);
über die Darmtuberkulose s. Darmschwindsucht;
über die Tuberkulose der Gehirnhäute s. Gehirnhautentzündung;
über die Tuberkulose der Knochen s. Knochenfraß;
über die Tuberkulose der Gelenkschleimhäute s. Gliedschwamm.
Auch die Erscheinungen der Skrofulose (s. d.) werden großenteils durch tuberkulöse Prozesse bewirkt.
Hinsichtlich der Verhütung der Tuberkulose zählt eine sorgfältige Abhärtung und Kräftigung des Körpers durch gute Ernährung, frische Luft, kalte Waschungen und Bäder zu den besten Schutzmitteln gegen die (s. Abhärtung). Vor allem aber ist die Gelegenheit zur Infektion möglichst zu beschränken. Cornet hat nachgewiesen, daß Tuberkelbacillen in der freien Luft überhaupt nicht vorkommen, und in Wohnungsluft nur da, wo tuberkulöse Personen ihren Auswurf auf den Boden oder ins Taschentuch spucken, wo er dann antrocknet und mit dem Staub leicht fortgeführt werden kann.
Deshalb soll jeder Tuberkulöse den Auswurf in einen mit Carbollösung (nicht mit stäubendem Sand) gefüllten Spucknapf, auf Reisen und Spaziergängen in ein mitgeführtes Fläschchen (z. B. das Dettweilersche Spuckfläschchen) entleeren. Der Auswurf ist durch Kochen oder 5prozentige Carbolsäure zu desinfizieren; auch erheischen Betten, Wäsche u. s. w. des Kranken die peinlichste Desinfektion, ehe sie wieder von Gesunden benutzt werden können (s. Krankenwäsche).
Räume, in denen sich Phthistker aufhalten, sind stets naß ohne Staubentwicklung zu reinigen. Man vermeide zu intimen Verkehr und insbesondere das Zusammenschlafen mit Phthisikern. Verkauf von Nahrungsmitteln ist Phthisikern möglichst zu verbieten. Der Möglichkeit einer Infektion durch Milch oder Fleisch läßt sich durch gründliches Kochen derselben sicher vorbeugen. In Nordamerika, [* 13] wo die Tuberkulose eine ungeheure Verbreitung gewonnen hat, beginnt man jetzt mit einer staatlich geregelten Prophylaxe, zu der vor allem auch eine sachgemäße, gemeinverständliche Belehrung des Volks durch gratis verteilte Anweisungen gehört.
Bei der Behandlung der ausgebrochenen Tuberkulose ist das Hauptgewicht auf ein sorgsames diätetisches Verhalten und eine zweckmäßige Regelung der Lebensweise des Kranken zu legen, da bis jetzt kein medikamentöses Mittel bekannt ist, welches das eingedrungene Tuberkelgift unbedingt unwirksam zu machen im stande ist, wenn auch die neuern Kochschen Präparate des Tuberkulins (s. d.) größern Erfolg hierin versprechen. Bei der Tuberkulose sind von schädlichstem Einfluß vor allem Erkältungen.
Excesse jedweder Art, Gemütserregungen und schlechte Ernährung. Deshalb sollen sich solche Kranke vor dem Einatmen zu kalter Luft, namentlich kalter feuchter Luft hüten, in freier Luft bei kalter Witterung entweder einen Respirator tragen oder wenigstens den Mund geschlossen halten, auch die Brust stets (und namentlich nachts im Bette) warm bekleidet halten (wollene Leibjäckchen). Es ist zu empfehlen, den Winter in einem milden Klima [* 14] oder in einem hoch gelegenen geschützten Gebirgsort zu verbringen (klimatische Kurorte).
Excesse schaden den Kranken teils durch die (Lungenhyperämie bedingende) Aufregung, teils durch die Erschöpfung, die sie zurücklassen. Ein Tuberkulöser hat nichts zuzusetzen und muß mit seinem Körpervermögen sparsam umgehen; daher kommt es, daß Schwindsüchtige, die wenig auf die Ernährung ihres Körpers verwenden, früher und leichter zu Grunde gehen als solche, die sich gut nähren, und daß durch die Schwangerschaft der Fortschritt der Tuberkulose ungemein befördert wird.
Auch beschleunigen tuberkulöse Männer durch die Heirat häufig unzweifelhaft ihren Tod. Wenn das tuberkulöse Organ chirurg. Eingriffen zugänglich ist, so ist eine energische örtliche Behandlung (Entfernung der tuberkulösen Herde durch Auskratzen, Ausschneiden, Resektion u. dgl.) am Platze. Um die Verbreitung der Tuberkulose möglichst zu verhindern, strebt man in neuerer Zeit immer mehr die Errichtung besonderer Heilstätten für an. (S. Volksheilstätten, Bd. 17.)
Litteratur. Villemin, Études sur la tuberculose (Par. 1868);
Buhl, Lungenentzündung, Tuberkulose und Schwindsucht (2. Aufl., Münch. 1873);
Cohnheim, Die Tuberkulose vom Standpunkte der Infektionslehre (2. Aufl., Lpz. 1881);
Rob. Koch, Die Ätiologie der (in der Berliner [* 15] «Klinischen Wochenschrift», 1882);
Pütz, Die Beziehung der Tuberkulose des Menschen zur Tuberkulose der Tiere (Stuttg. 1883);
Baumgarten, Über Tuberkel und Tuberkulose (Berl. 1885);
Predöhl, Geschichte der Tuberkulose (Hamb. 1888);
Cornet, Wie schützt man sich gegen die Schwindsucht (2. Aufl., ebd. 1890);
Leray, Le [* 16] bacille tuberculeux chez l'homme et dans la série animale (Par. 1897).
Die Tuberkulose der Haustiere ist mit der des Menschen in ihrem Wesen völlig identisch. Koch gelang 1882 der Nachweis, daß die Tuberkulose des Menschen und der ¶
[* 17] ^[Abb. 1. Ipomoea purga (Jalape); a Knolle. 2. Cuscuta [* 18] epithymum (Kleeseide); a Blütenköpfchen, nat. Gr., b Blüte, [* 19] vergrößert. 3. Capsicum annuum (Paprika, spanischer Pfeffer); a Blüte, b Frucht, längsdruchschnitten, c Fruchtquerschnitt. 4. Nicotiana tabacum (Tabak); [* 20] a Blütenstand, [* 21] verkleinert, b Blüte in nat. Gr. 5. Borrago officinalis (Boretsch); a Blüte, nat. Gr., B. Fruchtknoten. 6. Alkanna tinctoria (Alkannawurzel); a Wurzelstock, b Blüte.] ¶
mehr
Haustiere durch einen und denselben Spaltpilz, den Tuberkelbacillus, erzeugt und weiter verbreitet wird. Besondere Bedeutung besitzen die früher mit dem Namen Perlsucht und käsige Lungenentzündung, Lungentuberkulose oder Lungensucht belegte Tuberkulose des Rindes sowie die Tuberkulose des Schweins. Bei den übrigen Haustieren (Pferd, [* 23] Ziege und Schaf) [* 24] ist die Tuberkulose selten. Unempfänglich für Tuberkulose sind aber auch diese Tiere nicht, und Ziegen z. B. können bei ausschließlicher Stallhaltung ebenso tuberkulös werden wie die Rinder.
Nach zuverlässigen Schätzungen sind im allgemeinen über 25 Proz. aller Rinder mit Ausschluß der Kälber tuberkulös; dieser Prozentsatz ist indessen noch größer, wenn man nur Kühe oder gewisse Gegenden in Betracht zieht, wo bis zu 75 Proz. mit Tuberkulose behafteter Rinder vorkommen. Bei Schweinen ist der durchschnittliche Prozentsatz viel geringer; derselbe beträgt in Norddeutschland 1-4 Proz., in Süddeutschland nicht ganz 1 Proz. Die Schweinetuberkulose hängt eng mit der Rindertuberkulose zusammen, weil die Krankheit erwiesenermaßen durch die Verfütterung der Milch tuberkulöser Rinder auf Schweine [* 25] übertragen werden kann.
Besonders gefährlich ist die Verfütterung des sog. Centrifugenschlamms, weil die in der Milch enthaltenen Tuberkelbacillen durch das Centrifugieren in den Schlamm ausgeschleudert werden. In sehr seltenen Fällen ist die Tuberkulose angeboren; in der Regel wird sie vom Tiere erworben durch Einatmung Tuberkelbacillen enthaltender Luft, durch Aufnahme Tuberkelbacillen enthaltender Nahrung. Je nach der Art der Ansteckung findet man bei den Tieren Tuberkulose der Lunge (Einatmung), des Darms und der Gekrösdrüsen (Fütterung) oder der Geschlechtsteile (Begattung).
Von diesen Eingangspforten kann jedoch die Krankheit auf andere Organe übergehen, so daß schließlich sämtliche Organe erkrankt sein können. Wo immer ein Tuberkelbacillus im Innern des Organismus hingelangt, entsteht ein Knötchen (Knötchenschwindsucht); diese Knötchen zerfallen sehr bald zu einem käsigen oder eiterigen Brei, wenn sich nicht Kalksalze in ihnen ablagern. Durch das Zusammenfließen größerer Mengen solcher verkäsender Knötchen (Tuberkeln) entstehen umfangreichere Käse- und Eiterherde.
Diese finden sich besonders in der Lunge, der Leber, der Milz, in den Nieren, in der Gebärmutter [* 26] und in den Knochen sowie in den entsprechenden Lymphdrüsen. Beim Rinde erzeugt der Tuberkelbacillus außerdem ausgedehnte bindegewebige Wucherungen mit eingesprengten Käseherden auf dem Bauch- und Brustfell (Perlsucht) sowie im Euter. Letzteres wird dadurch bedeutend vergrößert; diese Vergrößerung betrifft aber merkwürdigerweise immer nur einen Teil, sehr selten das ganze Euter.
Die mit Tuberkulose behafteten Tiere zeigen das allerverschiedenste Verhalten; manche werden dabei dick und fett (fette Franzosen), andere magern bis zum Skelett [* 27] ab, je nach der Ausdehnung [* 28] des Prozesses auf Organe, die für die Verdauung und Assimilation von Wichtigkeit sind. Das wichtigste Symptom der Tuberkulose ist andauernder Husten und Abmagern trotz guten Appetits. Außerdem zeigen die Tiere in höhern Graden bei genauerer Beobachtung eine gewisse Trägheit, Energielosigkeit in ihren Bewegungen, namentlich beim Fressen, und einen traurigen Blick.
Das Auftreten von schmerzlosen Drüsenanschwellungen bei solchen Tieren im Kehlgange, am Bug, in der Kniefalte, oder Anschwellungen eines oder mehrerer Euterviertel machen den Tuberkuloseverdacht zur Gewißheit. Eine frühzeitige sichere Diagnose der äußerlich noch gar nicht erkennbaren Tuberkulose der Haustiere gelingt durch Anwendung des Kochschen Tuberkulins (s. d.); bei tuberkulösen Tieren tritt nach der Einspritzung [* 29] hohes Fieber vorübergehend auf. Die Reaktion tritt durchschnittlich 15 Stunden nach der Einspritzung auf. Die Dosis für eine Einspritzung bei Rindern beträgt 0,3 bis 0,5 g.
Evident tuberkulöse Tiere mit erheblicher Ausdehnung des Prozesses sind unverzüglich zu schlachten. Diejenigen Tiere dagegen, welche nur durch die Anwendung des Tuberkulins als tuberkuloseverdächtig erkannt werden, sind zu separieren, d. h. in besondern Stallungen oder abgeschlossenen Stallabteilungen unterzubringen. Ihrer weitern wirtschaftlichen Nutzung steht bis zum Auftreten offenbarer Störung der Gesundheit nichts im Wege. Die tuberkuloseverdächtigen weiblichen Tiere können selbst ohne Bedenken zur Nachzucht verwendet werden, wenn die jungen Tiere nur sofort von ihren Müttern getrennt und mit gekochter oder sterilisierter Milch ernährt werden. Tuberkulöse oder tuberkuloseverdächtige männliche Tiere sind dagegen von der Nachzucht auszuschließen. Die Ställe, in welchen tuberkulöse Tiere untergebracht waren, sind zu desinfizieren.
Die Tuberkulose der Tiere kann auch auf den Menschen durch die Milch tuberkulöser Kühe und durch das Fleisch tuberkulöser Tiere übertragen werden. Bei allgemein verbreiteter Tuberkulose wird daher das Fleisch des betreffenden Tieres vernichtet; bei örtlich beschränkter Tuberkulose wird es oft auf dem Schlachthof selbst, event. schon gekocht, weil dann unschädlich, an der Freibank als minderwertig verkauft. Die Gefahr der Übertragung durch Milch ist besonders für Kinder, die für Darmtuberkulose sehr empfänglich sind, groß. Schutz gewährt ein viertelstündiges Abkochen der Milch. -
Vgl. Voges, Der Kampf gegen die Tuberkulose des Rindviehs (Jena [* 30] 1897).