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Ursprünglich wollte die Journalistin Lisa Taddeo ein Buch über das Begehren an sich schreiben. Doch bei ihren Recherchen entschied die Autorin, dass Frauen interessanter sind als Männer: Bei ihnen sei das Begehren nicht so zielgerichtet, sondern komplexer und damit schöner, so Taddeo im Prolog.
In abwechselnden Kapiteln wird die Geschichte von drei exemplarischen Frauen erzählt: Maggie, Lina und Sloane. Acht Jahre lang hat Taddeo recherchiert, sechs Mal ist sie dabei quer durch die USA gefahren. Sie zog sogar, samt Familie, an die Orte, in denen die drei Frauen wohnten, die sich bereit erklärt hatten, über die intimsten Dinge Auskunft zu geben.
Freudlose Ehe, Affäre, Gruppensex
Lina führt eine solide, jedoch freudlose Ehe mit dem Vater ihrer beiden Kinder. Er küsst sie nie auf den Mund und will auch sonst kaum je etwas von ihr; dafür entschädigt sie sich mit einer leidenschaftlichen Affäre mit ihrer (inzwischen verheirateten) Jugendliebe.
Sloane ist reich und schön, sie besitzt ein Restaurant in New England und hat tollen Sex mit ihrem Mann Richard. Er drängt sie zum Gruppensex, weil er gern dabei zuschaut – sie wiederum hat nichts dagegen.
Maggie schliesslich hatte als 17-Jährige eine Affäre mit ihrem Highschool-Lehrer. Nachdem er die Sache abrupt beendet und damit ihr Leben zerstört hat – wie sie meint –, verklagt sie ihn drei Jahre später. Sie verliert vor Gericht. Im Buch soll nun ihre Sicht der Geschichte erzählt werden.
Langweiliges Knistern
Obwohl das Buch auf journalistischen Recherchen beruht, liest es sich wie ein Roman. Lisa Taddeo bringt ihren Stoff mit allen Tricks des fiktionalen Storytellings zu Papier – allerdings ohne diese Tricks zu beherrschen. Ständig erklärt sie Dinge, statt sie zu zeigen («Linas Eltern haben ihre Tochter nie losgelassen»).
Sie versucht, mit Vorausdeutungen Spannung zu erzeugen («Sie weiss es noch nicht, doch dieser Freitag wird ihr Leben für immer verändern»). Und Taddeo wechselt, im Bestreben nach Unmittelbarkeit, des Öfteren überraschend ins innere Du («Diese kleinen Dinge retten dich, jeden Tag aufs Neue»).
Das Schlimmste jedoch sind die vielen Sexszenen. Man staunt, wie langweilig der Sex anderer Leute sein kann. «Da ist ein Knistern. Es zieht sie an wie ein Magnet» oder «Sie denkt an den Druck seiner festen Zunge, und ein Beben durchfährt sie». Hier sind wir endgültig beim Arztroman angelangt.
Woher kommt der Hype?
«Three Women – Drei Frauen» ist weder eine Reportage noch ein Roman, sondern ein Fake in beide Richtungen. Auch ein politischer Mehrwert lässt sich nicht herauslesen, denn Lina, Sloane und Maggie sind, bei all dem Sex, überraschend bieder.
Irgendwelche Wünsche, Träume oder gar Ambitionen scheint keine der drei Frauen zu hegen, ihr ganzes Wohl und Wehe hängt einzig und allein ab von dem Mann ihrer Träume (oder Albträume).
Buchhinweis
Lisa Taddeo: «Three Women – drei Frauen», 2019, Piper Verlag.
Wie lässt es sich erklären, dass ein solches Buch in den USA Furore macht? Der Hype wurde vom Verlag zielgerichtet entfacht, mit Zitaten etwa von Bestseller-Autor Dave Eggers, der allen Ernstes behauptet, dies sei «eines der fesselndsten, sichersten und glühend originellsten Debüts», das er je gelesen habe.
So erhält in Zeiten von #Metoo ein Buch über weibliches Begehren auch dann automatisch Aufmerksamkeit, wenn #Metoo darin gar nicht vorkommt. Offenbar können sich in den USA erstaunlich viele Frauen mit einem reaktionären Frauenbild und trivialer Erotik identifizieren.
Sendung: SRF 1, Kulturplatz, 29.1.2020, 22:25 Uhr