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Franz Hohler
Idyllen
Herisau
Das Casino ist ein gemeinnütziger Bau mit hohen Fenstern, 1838 erstellt und seither für kulturelle Zwecke benutzbar, beispielsweise spielt das Bernhard-Theater nächste Woche den Schwank ‹Der Pantoffelheld›, das Plakat verspricht Lachen! Lachen! Lachen! Auch der Jodlerklub probt hier, er ist gestern am Stammtisch gesessen; vor allem ist mir ein Mädchen mit aufgesteckten Haaren aufgefallen, von dem ich das Gefühl hatte, wenn es jodle, töne es ein bisschen gewürgt. Herisau ist keine Stadt, aber auch kein Dorf. Eine grössere ländliche Siedlung mit zentralen Funktionen gilt laut Schweizer Lexikon als ‹Flecken›. Trotzdem würde niemand die Frage stellen: Aus welchem Flecken kommen Sie?
Am Barometerstand von Herisau steht gleich neben der Höhenzahl eine Distanzentabelle, Paris 537 km, Berlin 640 km, Rom 665 km, Wien 535 km, Herisau ist ungefähr in der Mitte. Die Höhe über dem mittelländischen Meer ist mit 777 m angegeben. Die appenzellischen Hauptplätze haben immer etwas Piazzahaftes, obwohl viele Wirtschaften ‹Schäfli› heissen. Auch fällt einem auf, wie viele Fenster die Häuser haben, oft sind sogar die Aussenwände zwischen den Stockwerken nochmals in Form von Fenstern gebaut.
Wenn man in Herisau eine Anspielung auf Sau macht, wird man darauf hingewiesen, dass der Ort einen balkentragenden Bären im Wappen hat, wahrscheinlich ist es der, der dem Hl. Gallus geholfen hat, seine Zelle zu bauen. Für die Etymologie der Ortsnamen ist übrigens Professor Sonderegger zuständig, er hat sich mit zwei Bänden über die Orts- und Flurnamen des Kantons Appenzell habilitiert und hält seither in Zürich donnernd und knirschend Vorlesungen über altgermanische Probleme. Die Meglisalp muss einmal einem gewissen Megelin gehört haben. Der netteste Herisauer ist mit Abstand Herr Näf.
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 62.
Erstpublikation: Franz Hohler: Idyllen. Neuwied: Luchterhand, 1970. S. 29–30.