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Sofiène, Ende 20, schlaksig, dunkle Haare, müde Augen, in einer abgewetzten Lederjacke, setzt sich an den Tisch im dicht besetzten Café. Er nimmt ein Paket Zigaretten aus der Jackentasche.
Sofiène hat die Mittelschule abgeschlossen, die Matur gemacht und anschliessend ein Diplom als Buchhalter. Doch eine feste Arbeit hat er seither nie gefunden, schlägt sich mit Gelegenheitsarbeit durch Leben. Meistens ist es Arbeit auf Abruf, zu prekären Bedingungen und schlecht bezahlt. «Um eine richtige Stelle zu erhalten, musst du meist schmieren», sagt er.
Sofiène ist kein Einzelfall. In Tunesien sind über 800'000 Menschen offiziell als arbeitslos gemeldet. Über 350'000 besitzen ein Diplom: von einer Universität, einer staatlichen Fachhochschule oder einem privaten Institut.
Keine Arbeitslosenunterstützung in Tunesien
Unterstützung vom Staat gibt es kaum. Weder Arbeitslosengeld noch Kurse, in denen sich Arbeitslose für die Wirtschaft fit machen können. Die wirtschaftliche Lage in Tunesien war schon vor der Revolution sehr angespannt. Seit dem Anschlag aufs Nationalmuseum und auf ein Strandhotel in Sousse hat sich die Lage zusätzlich verschlechtert
Doch auch wer eine Stelle hat, muss mit einem niedrigen Lohn vorlieb nehmen. Der durchschnittliche Lohn eines einfach qualifizierten Arbeitsnehmers beträgt rund 500 Dinars, umgerechnet etwa 250 Schweizer Franken. «Von 500 Dinar kann man nicht anständig leben», sagt Sofiène. «Wenn du damit eine kleine Wohnung und die täglichen Ausgaben bezahlst, dann bleibt am Ende des Monats nichts übrig.» Die Unzufriedenheit ist deshalb gross, auch unter jenen, die eine Arbeit haben. In Tunesien träumen Hunderttausende von einem besseren Leben in Europa.
Zweimal übers Mittelmeer
Sofiène hat zweimal versucht, auf einem Boot als klandestiner Emigrant nach Europa zu gelangen. Das erste Mal kam er zwar bis Lampedusa, wurde aber nach einigen Wochen wieder ausgeschafft. Auch der zweite Versuch scheiterte. Nach sieben Stunden Fahrt wurde das Boot kurz vor dem Ziel von einem grossen Schiff der italienischen Marine aufgegriffen. Die italienische Küstenwache hat uns direkt den tunesischen Behörden übergeben», sagt Sofiène. Die rund 1500 Franken, die Sofiène gespart hatte, um den Schlepper zu bezahlen, waren verloren.
Nach der Revolution in Tunesien gab es Veränderungen; die Frage ist, ob manches besser wurde. Und was ist mit der neuen Freiheit, die sich die Menschen versprachen. «Welche Freiheit meinen Sie?» fragt Sofiène. «Freiheit heisst für mich in erster Linie, dass ich als Mensch respektiert werde. Doch das ist in Tunesien bis heute nicht der Fall.»
Respektlose behandlung durch die Polizei
Und Sofiène berichtet, wie er kürzlich von einem Polizisten gerufen wurde. «Hey, du mit der Mütze, komm her!» Doch Sofiène lässt sich nicht beeindrucken und geht weiter. Da packt ihn der Polizist von hinten an der Schulter und fragt, warum er nicht reagiere. «Ich heisse nicht Mütze», antwortet Sofiène nur.
Für den jungen Gelegenheitsarbeiter zeigt dieser Vorfall, wie die Staatsmacht die einfachen Menschen noch immer mit Herablassung, ja, mit einer gewissen Verachtung behandelt. m tunesischen Alltag hat sich kaum etwas geändert, glaubt Sofiène. Er träumt weiterhin von einem besseren Leben in Europa