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(Schweizer Monatshefte, Heft 2, 1991, Seite 91-94)
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Das «wunderbare Jahr 1989» ist nicht nur für die politische Geschichte, sondern auch für die Geistesgeschichte ein Markstein. Ralf Dahrendorf wendet sich m einem langen Brief, der zu einem höchst lesenswerten Buch geworden ist, an einen polnischen Gesprächspartner, bei dem offenbar zahlreiche Befürchtungen im Zentrum der Zukunftserwartungen stehen1‘.
Diesen Befürchtungen stellt Dahrendorf Betrachtungen gegenüber, die von liberalem Optimismus geprägt sind. Sie münden in folgenden Grundgedanken, der zugleich eine positive aber doch nicht überhebliche Antwort erteilt auf die Frage: Können wir helfen, sollen wir helfen auf dem Weg in die Freiheit?
«Die Wahl, vor der wir bei der Ordnung unserer Angelegenheiten stehen, ist die zwischen Systemen welcher Art auch immer und der offenen Gesellschaft. Es gibt keinen dritten Weg, und ich freue mich, dass Sie den Weg in die Freiheit gewählt haben. Auf diesem Weg gibt es Raum für viele verschiedene Geschwindigkeiten und Fortbewegungsmittel, für Umwege und Abwege, wenn auch selten für Abkürzungen. Innerhalb der Verfassung der Freiheit führen hundert Wege voran, und alle von ihnen mischen Elemente der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Reform in einer Weise, die den Puristen beunruhigt. Der Schlüssel zum Fortschritt liegt daher nicht in der Vorstellung einer kompletten Alternative, einem detaillierten Generalplan der Freiheit. Solche Pläne sind Widersprüche in sich und führen eher zurück zur geschlossenen Gesellschaft. Der Schlüssel zum Fortschritt heisst strategische Veränderung. Er liegt in dem Versuch, eine kleine Zahl von scheinbar geringfügigen Massnahmen zu identifizieren, von denen wahrscheinlich ist, dass sie weitreichende und langfristige Auswirkungen haben. Strategische Veränderungen sind Entscheidungen mit grosser Hebelwirkung, die häufig hart am Rand des unter gegebenen Umständen gerade noch Akzeptablen und Praktikablen liegen, doch geht es bei ihnen nicht um Systeme und deren Transformation in andere Systeme.
Karl Popper, dessen Denkansatz ich mehr schulde ab dem irgendeines anderen Autors, hat das Lob der ‘schrittweisen gegenüber der utopischen Sozialtechnik’ gesungen» (S. 151—152).
«Die offene Gesellschaft verspricht kein einfaches Leben. Menschen haben vielmehr einen verderblichen Hang zur Gemütlichkeit einer geschlossenen Welt. Aber wenn wir vorankommen und uns selbst wie auch die Bedingungen, unter denen Menschen auf diesem Planeten leben, verbessern wollen, dann müssen wir die unordentliche, konfliktreiche, unbequeme, aber stolze und ermutigende Aussicht auf offene Horizonte akzeptieren. ‘Wir können zu den Tieren zurückkehren. Aber wenn wir Menschen bleiben wollen, dann gibt es nur einen Weg, den Weg in die offene Gesellschaft’, (Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde)» (Dahrendorf, S. 28).
In seinen Betrachtungen über die Chancen von Offenheit und Wandel konstruiert Dahrendorf unnötigerweise einen prinzipiellen Gegensatz zwischen Karl Popper und Friedrich A. von Hayek, indem er letzterem «zu wenig Geduld für die Unordnung der Realität» unterstellt und ihm eine «fatale Neigung» zuschreibt, «dem Sozialismus ein anderes System gegenüberzustellen» (S. 28).
Popper hat aber wohl mehr als einmal betont, dass es zwischen ihm und Hayek im Grundsätzlichen keine Differenzen gebe. Hayek seinerseits hat in zahlreichen Publikationen das ihm vorgeworfene «Systemdenken» selbst verworfen. Seine beiden Aufsätze «Die Irrtümer des Konstruktivisumus und die Grundlage legitimer Kritik gesellschaftlicher Gebilde» (München 1970 und Tübingen 1975) und «Die Theorie komplexer Phänomene» (Tübingen 1972) sind ebenso geistreiche wie temperamentvolle Absagen an das Denken in geschlossenen Systemen.
Dem Vorwurf von Dahrendorf, dass Hayek wie Marx «alle Antworten kenne» (S. 33), kann der höchst lesenswerte Nobelpreis-Vortrag mit dem deutschen Titel «Die Anmassung von Wissen», abgedruckt in «Ordo» 26, 1975, entgegengehalten werden. Darin finden sich folgende entscheidenden Passagen, welche zeigen, wie wenig berechtigt Dahrendorfs Vorwürfe an einen sogenannten «reinen Hayekismus» (Dahrendorf, S. 36) sind.
«Wenn wir das Ansehen der Wissenschaft erhalten und die Anmassung von Wissen, die auf einer oberflächlichen Ähnlichkeit des Verfahrens mit dem der exakten Naturwissenschaften gründet, verhindern wollen, wird viel Mühe auf die Entlarvung solcher Anmassungen aufgewendet werden müssen, von denen manche jetzt schon geschützte Interessen anerkannter Lehrfächer geworden sind. Wir können moderne Wissenschaftstheoretiker wie Sir Karl Popper nicht dankbar genug dafür sein, dass sie uns einen Test zur Hand gegeben haben, mit dem wir unterscheiden können, was wir als wissenschaftlich anerkennen können und was nicht — ein Test, dem, dessen bin ich sicher, manche jetzt weithin anerkannte Lehren nicht standhalten könnten. Es gibt jedoch spezielle Probleme im Zusammenhang mit jenen inhärent komplexen Phänomenen, von denen die sozialen Strukturen ein so wichtiges Beispiel sind, die in mir den Wunsch erregen, zum Abschluss mehr allgemein die Gründe zu wiederholen, warum in diesen Gebieten nicht nur der Voraussage bestimmter Ereignisse absolute Hindernisse entgegenstehen, sondern auch, warum ein Handeln, das davon ausgeht, wir besässen die wissenschaftliche Kenntnis zu solchen Voraussagen, selbst ein ernstes Hindernis für die Fortentwicklung des menschlichen Geistes wäre. (…)
Wenn der Mensch in seinem Bemühen, die Gesellschaftsordnung zu verbessern, nicht mehr Schaden stiften soll als Nutzen, wird er lernen müssen, dass er in diesem wie in anderen Gebieten, in denen inhärente Komplexität von organisierter Art besteht, nicht volles Wissen erwerben kann, das die Beherrschung des Geschehens möglich machen würde. Er wird daher, was immer er an Wissen erwerben kann, nicht dazu verwenden dürfen, um die Ergebnisse zu formen wie der Handwerker sein Werk formt, sondern ein Wachsen zu kultivieren, indem er die geeignete Umgebung schafft, wie es der Gärtner für seine Pflanzen macht. Es liegt Gefahr in dem überschwenglichen Gefühl ständig wachsender Macht, das der Fortschritt der exakten Naturwissenschaften entstehen liess und das den Menschen versucht, ‘vom Erfolg berauscht’, um eine bezeichnende Phrase des frühen Kommunismus zu gebrauchen, nicht nur unsere natürliche, sondern auch unsere menschliche Umgebung der Herrschaft des menschlichen Willens zu unterwerfen. Die Erkenntnis der unüberschreitbaren Grenzen seines Wissens sollte den Forscher auf dem Gebiet der Gesellschaft eine Demut lehren, die ihn davor bewahrt, ein Mitschuldiger in des unglückseligen Streben nach Beherrschung der Gesellschaft zu werden — ein Streben, das ihn nicht nur zum Tyrannen über seine Mitmenschen, sondern auch zum Zerstörer einer Zivilisation machen kann, die kein Verstand entworfen hat, sondern die erwachsen ist aus den freien Bemühungen von Millionen von Individuen» (F. A. von Hayek, a.a.O., 12ff.).
Die englischsprachige Originalfassung dieses Textes ist übrigens im Sammelband «The Critical Approach and Philosophy», Essays in Honor of K.R.Popper, 1964 in New York erschienen.
Im Alterswerk von Hayek steht die Kritik am «Machbarkeitswahn» im Zentrum. Diese Kritik ist Ausdruck einer sokratischen intellektuellen Demut, die den Geist der wissenschaftlichen Anmassung in Frage steht. Gerade darum kann die Lektüre von Hayeks Werken im ehemaligen Ostblock durchaus wichtig und heilsam sein: Sie bewahrt davor, direkt vom sozialistischen Machbarkeitswahn in einen demokratisch-technokratischen Machbarkeitswahn hinüberzuwechseln. Sie ermöglicht jene Mischung von Beharrlichkeit, Geduld und Optimismus, die im derzeitigen Liberalisierungsprozess überlebenswichtig ist.
Hayek argumentiert auf dem Hintergrund einer sehr langfristigen Geschichtsbetrachtung, bei der nicht einzelne politische Ereignisse, sondern anthropologische Entwicklungsprozesse den Ausschlag geben. Sein Werk ist eher eine kulturelle Makro-Theorie des homo sapiens, als eine tagespolitische und wirtschaftspolitische Rezeptsammlung.
Ist Hayek wirklich jener resignierte Fatalist, der die «Ordnung des Unbekannten» nur dadurch hervorbringen will, «indem wir es veranlassen, sich selbst zu ordnen» (Dahrendorf S. 32). Sein ganzes Werk widerlegt diese Deutung. Wenn wirklich eine «unsichtbare Hand» alles von selbst zum «jeweils Bestmöglichen» wendet, wäre jegliches intellektuelle und soziale Engagement überflüssig. Die Menschheit ist zwar für Popper und Hayek durchaus schwererziehbar — aber sie braucht Weise, welche ihr helfen, Irrtümer zu erkennen und zu vermeiden — im Bewusstsein, dass «Anmassung von Wissen» stets auch eine fatale Täuschung sein kann.
Hayek hat vor dieser grossen Herausforderung keineswegs kapituliert, und er gehört gerade dank seiner Radikalität zu den Sozialwissenschaftern, die einen bleibenden und aktuell gebliebenen Beitrag zur Geschichte und zur Verfassung menschlicher Freiheit und zur Öffnung geschlossener Systeme geleistet haben.
Hayek ist im Denken radikal und kompromisslos, doch sein Radikalismus darf nicht mit Totalitarismus verwechselt werden. Kompromisse sind in der Politik, in der Wirtschaft und in der Gesellschaft stets notwendig. Aber müssen sich nicht viele Liberale im Westen die Frage stellen, ob sie zwischen 1945 und 1989 in der geistigen Auseinandersetzung mit dem totalitären Sozialismus radikal genug waren? Haben wir nicht die Suche nach Konzessionen und Kompromissen im intellektuellen Bereich zu aufwendig betrieben, wo doch klare Abgrenzungen im besten Sinn not-wendig waren und sind?
Popper und Hayek haben kompromisslos — jeder in seiner Art — jene geistigen Wegweiser aufgestellt, die aus aller Knechtschaft in die offene Gesellschaft führen.
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1 Ralf Dahrendorf, Betrachtungen über die Revolution in Europa, in einem Brief, der an einen Herrn in Warschau gerichtet ist, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1990.