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Wenn man nach einem Unfall wieder laufen lernt
Aufgezeichnet von: Leandra Nef; Fotos: iStock/Deagreez, Monica Roth
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Als ich wieder zu mir kam, lag ich rücklings auf dem harten Boden. Ich konnte mich keinen Zentimeter bewegen, spürte meine Beine nicht. Mein damaliger Freund und der Pferdebesitzer kamen angerannt. Ich flehte sie an, mich liegen zu lassen, weil ich ahnte, was geschehen war. Aber in ihrem Schock wurstelten sie mich auf den Rücksitz ihres winzigen Fiats, um mich ins nächste Spital zu fahren.
1993, ich war damals 21 Jahre alt, verbrachte ich Ferien auf der malaysischen Insel Penang. Eines morgens wollte ich mir einen Traum erfüllen: Mit einem Pferd den Strand entlangreiten. Ich war schon als Kind geritten und hatte Erfahrung im Umgang mit den Tieren. Das freute den Besitzer des kleinen Reitstalls, bei dem ich ein Pferd ausleihen wollte. Er übergab mir einen Hengst, jung und ungestüm, Dynamit unterm Hintern. Weil ich Herausforderungen mag, wollte ich den Ausritt mit ihm wagen. Keine gute Idee: Als wir uns dem Meer näherten, erschrak der Hengst wegen des Wassers und brannte durch, stiess fast mit einer Kuh zusammen, deren Weg wir kreuzten, bäumte sich auf und warf mich ab.
Im lokalen Spital, in das mich mein Freund und der Pferdebesitzer gebracht hatten, herrschte Chaos. Es war sehr schmutzig. Ich bekam ein Bett im ersten Stock, lag zwischen Dutzenden anderen Frauen. Über dem Bett verlief ein altes Rohr, das Rostwasser tropfte mir unentwegt auf den Kopf, den ich noch immer nicht bewegen konnte. Ameisen liefen mir übers Gesicht. Trotz der Schmerzen wusste ich: In diesem Spital lasse ich mir keine einzige Spritze geben, und schon gar nicht lasse ich mich hier operieren. Als ich meinen Kopf und meine Arme wieder bewegen konnte, nicht aber meine Beine, sammelte ich die Medikamente, die ich bekam, heimlich unter meiner Matratze. Ich hatte einen verzweifelten Plan geschmiedet: Falls sich bei den Untersuchungen eine irreversible Querschnittlähmung herausstellen sollte, wollte ich alle Medikamente auf einmal einnehmen, um mein Leben zu beenden. Zum Glück kam es anders.
Nachdem ich einige Zeit in diesem Spital ausharren musste, wurde ich in ein amerikanisches Militärspital verlegt, das sich ebenfalls auf Penang befand. Dort wurde ich zum ersten Mal richtig geröntgt. Mein fünfter Lendenwirbel war gebrochen. Der Bruch verfehlte mein Rückenmark haarscharf – um nicht mal einen Millimeter. Wegen der Schwellung im Rücken waren meine Nerven abgeklemmt, deshalb konnte ich meine Beine weder spüren noch bewegen. Aber, und auf diese erlösenden Worte der Ärzte hatte ich so sehr gehofft: Es war ein sogenannt stabiler Bruch, ich würde allem Anschein nach wieder laufen können.
Drei Wochen später – ich konnte noch immer erst Kopf und Arme bewegen – wurde ich zurück in die Schweiz geflogen und ins Zuger Kantonsspital eingeliefert. Die Ärzte wollten – heute undenkbar – fünf meiner Wirbel versteifen, um nicht zu riskieren, dass mein Rückenmark doch noch beschädigt würde. Ich war schockiert. Mit einem steifen Rücken wäre ich ein Leben lang massiv eingeschränkt gewesen, hätte nicht mal mehr allein meine Schuhe binden können. Ich verweigerte die Operation und unterschrieb eine Erklärung, wonach ich für die möglichen Konsequenzen vollumfänglich selber verantwortlich sei. Die Ärzte waren sich sicher: Mehr als eine Stunde am Stück würde ich mein Leben lang nicht mehr laufen können. Ich dachte nur: «Euch zeig ichs, ihr werdet schon sehen.» Anstatt wie geplant nach drei Monaten, verliess ich das Spital kurzentschlossen bereits nach einer Woche. Rumliegen und Rollstuhl fahren konnte ich schliesslich auch zuhause.
Die Spitex fuhr mich fortan täglich zur Physiotherapie. Dort machte ich stundenlang Kraftübungen, um meine Rücken- und Beinmuskulatur zu stärken. Zeitweise hatte ich dabei so starke Rückenschmerzen, dass es mir fast den Atem verschlug. Aber von nichts kommt nichts. Als ich mich nach einem Monat zum ersten Mal aus eigener Kraft vom Rollstuhl auf die Behindertentoilette hieven konnte, durchströmte mich ein unglaubliches Glücksgefühl. Nach drei Monaten Intensivtraining durfte ich dann zum ersten Mal aufstehen. Ich hatte nicht die geringste Kontrolle über meine Beine, sie waren wahnsinnig dünn, die Muskeln wegen des langen Liegens kaum mehr vorhanden. Und so habe ich mir dann auch gleich beim ersten Versuch meinen Unterschenkel aufgeschlagen. Die Wunde habe ich zunächst nicht einmal bemerkt, ich habe sie schlicht nicht gespürt. Es ist schon ein komisches Gefühl: Da läuft man zwanzig Jahre lang wie selbstverständlich durchs Leben – und plötzlich geht nichts mehr.
Die Fortschritte kamen langsam, aber stetig. Schritt für Schritt kämpfte ich mich zurück ins Leben. Und dann, nach vielen Jahren Physiotherapie, entschied ich: Ich mache wieder Sport. Laufen schien mir eine gute, für den Rücken relativ ungefährliche Wahl zu sein. Und wie immer bei mir galt auch diesmal: ganz oder gar nicht. Zunächst lief ich um den Ägerisee, ein halbes Jahr später schon den Halbmarathon in Luzern. Schmerzen habe ich beim Rennen kaum, im Gegenteil: Seit ich Sport mache, fühle ich mich viel beweglicher. Heute bin ich begeisterte Triathletin, habe in den letzten zwei Jahren unter anderem am Sempacher Triathlon teilgenommen. Eine der Zwischenstationen ist jeweils Nottwil, der Ort, an dem ich gelandet wäre, wäre mein Wirbel einen halben Millimeter weiter rechts gebrochen. Das Wissen um das grosse Glück, das ich vor 25 Jahren hatte, lässt mich noch schneller rennen. Letztes Jahr wurde ich Erste in meiner Alterskategorie.
Wie jede Triathletin träume ich davon, einmal den Ironman auf Hawaii zu bestreiten. 3.86 Kilometer Schwimmen, 180.2 Kilometer Velofahren, 42.195 Laufen. Gute Triathletinnen legen die Strecke in rund elf Stunden zurück. Das ist elfmal länger als die Stunde, die ich laut meinen Ärzten jemals wieder am Stück hätte laufen können. Wie gesagt: «Ich zeigs euch!»
Monica Roth (46), Schulleiterin und Lehrerin aus Unterägeri ZG
«Wings for Life World Run»
Am kommenden Sonntag, 6. Mai, startet Monica Roth am «Wings for Life World Run» in Zug. Ein, wie sie sagt, «hoch emotionaler Anlass für mich», der unter dem Motto «Wir laufen für alle, die nicht laufen können» stattfindet. Der Erlös des Charity-Run kommt vollumfänglich der Rückenmarkforschung zugute. Falls auch Sie daran teilnehmen möchten: Anmeldungen sind am Tag des Laufs vor Ort möglich. Weitere Informationen finden Sie hier.
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Wenn man als Gehörlose Karriere macht
Tatjana Binggeli (45) kam gehörlos zur Welt. Das hinderte sie nicht daran, Zahn- und Humanmedizin, später Biomedizin und wissenschaftliche Medizin zu studieren. Heute arbeitet sie am Universitätsspital Basel und ist Präsidentin des Gehörlosenbunds SGB-FSS. Doch ihren Erfolg musste sie sich hart erkämpfen.