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Dorothee Elmiger
Orientierte mich an den Fördergerüsten
Ich ging einmal die Treppe hinunter und schaute durch die verglaste Tür. Die Polizeibeamten, sie sassen so gleichmütig da und erfassten alles leichterhand in ihren Akten.
Der Vater wässerte eine Orchidee und telefonierte.
Anfangen wollte ich mit dem Vater, dachte ich, mit Heribert Stein, seines Amtes Polizeikommandant, geboren an einem 4. Juli. Mit dem Vater zuerst, dann käme die Mutter, die mich schliesslich gebar, die Grosseltern und so fort mit dem Nacheinander in der Zeit. Würde ich dann zum Buenaventura gelangen? Wie verlief die Geschichte?
Ich stand einmal draussen auf dem Parkplatz und lauschte den Kieselsteinen, wie sie unter meinen Schuhen knirschten.
Ich machte einmal den Badeofen an. Dann sass ich auf dem Wannenrand und berührte mit den Füssen eine Fliese nach der anderen.
Aber!, dachte ich, familiäre Bande tragen nichts zur Sache bei. Wenn wir die Anker lichten und auslaufen, hilft uns kein Vater mehr, helfen uns nur die compagnons.
Dann stürzte ich mich in das Wasser, das ich in die Wanne hatte einlaufen lassen.
Fritzi betrat das Bad gegen Mittag, als ich noch immer so lag. Sie trug Bücher unter dem Arm.
Hin und wieder, sagte sie, finde ich draussen Schilder mit Fachvokabular an einem Pfahl, einer Strebe. Technische Kennzeichen, maximale Traglast, Ein/Aus, Kessel I, Kessel II, Stopp, 1 Amp., Warnung, Achtung!, hier fand einmal statt: Bergbau.
Diese Wörter, sagte Fritzi, liegen noch immer über der Landschaft, obwohl sie die tatsächlichen Begebenheiten der früheren Zeit längst hinter sich gelassen haben.
Sie legte die Bücher, die sie mitgebracht hatte, auf den Schemel bei der Wanne. Vor dem Spiegel strich sie sich durch das Haar, als hätte das Tragen der Bücher eine grosse Anstrengung für sie bedeutet.
Sodann begann ich wieder zu lesen. Ich suchte nach den Wörtern, von denen Fritzi sprach. Sie fanden sich in jedem der Bücher, in montanwissenschaftlichen Zusammenhängen:
Kohlenzeche
Fördermaschine
Förderturm
schematischer Schnitt
Förderturm
Waschkaue
Wetter
Grubenlicht
Seilwinde
vor der Kohle, ein Kohlenhäuer
spätere Elektrolokomotive
Förderschale
Füllort
Kohlenlagerplatz
Den ganzen Tag über fuhr ich fort.
Zuweilen fand ich mich zwischen den Büchern wieder, wie ich die Wörter vor mich hin sagte. Ich wusste nicht recht mit ihnen umzugehen, was war ein Kohlenhäuer, zum Teufel!, trotzdem glaubte ich zu verstehen, was sie eigentlich verhandelten und weshalb sie mir von selbst weitere Wörter zutrugen, von früher an den Küchentisch. (Streik und Sabotage, Berlin, Herr Buenaventura Durruti – Syndikalist und Sohn eines Eisenbahnarbeiters.)
Die Wörter, sagte Fritzi am Nachmittag, als sie kurz zur Tür hereinschaute, enthalten bereits, was wir mühsam zu finden und wiederholen versuchen. Sie lachte.
Später schlummerte ich. Das Wasser plätscherte ganz leise, und das Feuer im Ofen war längst aus.
«Let us leap into the sea», cried Fritz, «and swim to the shore.»
«Very well for you», cried Ernest, «who can swim; but we should all be drowned. Would it not be better to construct a raft and go all together?»
«That might do», added I, «if we were strong enough for such a work, and if a raft was not always so dangerous a conveyance. But away, boys, Iook about you, and seek for anything that may be useful to us.»
Als ich wieder aufwachte, stieg ich aus der Wanne. Zuletzt an diesem Tag notierte ich mit klammen Fingern, dass die Schwester Buenaventura Durrutis denselben Namen wie unsere Mutter trug. Das Wasser floss in einem kleinen Strudel dem Ausfluss zu.
Kohlenbrände bewegen sich schnell und heimlich durch die Stollen. Sie unterwandern das Gebiet, sie suchen es heim. Seit einiger Zeit nun wölbte sich früheres Waldland, türmte sich in weiter Entfernung an den Rändern des Reviers, zersprang aufgrund der Hitze.
Am nächsten Tag ging Fritzi Ramona Stein den Weg nach St. Beinsen, auf der Suche nach dem Fluss. Hob ab und an den Blick, schaute dann wieder hernieder auf den Boden, diesen trockenen Boden. Orientierte mich an den Fördergerüsten, sagte sie nach ihrer Rückkehr. Wir waren der Himmelsrichtungen längst verlustig gegangen.
Ich trug meinen Sextanten auf dem Rücken, in einer ledernen Hülle.
Orientierte sich an den Fördergerüsten, schrieb ich an diesem Abend, und:
Grund dieser Schreiben, Wortergreifungen und Aussprüche, Grund auch aller umständlichen Rufe über das Land hinweg und tief in seine Schächte hinab, all dieser zukünftigen Zusprüche, Überlegungen und Unternehmungen, ist die Suche nach dem fehlenden Fluss.
Ich schrieb:
Wir sind ruhig. Es gibt aber ein Gefühl, es zieht in den Schultern gegen den Hals, es macht unsere Kiefer zittern. Bald werden wir laut sprechen wollen. Sollten wir uns womöglich dies Gefühl verbieten? Macht es uns schwächer? Nein, es wird womöglich eine Verbindlichkeit schaffen!
Diese Verbindlichkeit wird nicht auf der gemeinsamen Angst vor dem Verlust der Sicherheit beruhen. Dazu schreiben wir nun auf Schroeders Maschine diesen Bericht, weder zur Wahrung der Ordnung noch zur Verhinderung der Konfusion. Keine ordentliche Bestätigung des altbekannten Gegenwärtigen, nichts Unterhaltsames über unsere Lage, in der wir uns so vermeintlich gut eingerichtet, wie der Beamte Schroeder hinter seinem Schreibtisch. (Dazu rief Fritzi durch die offene Küchentür, Aufhören!, aufhören mit der Vorabendunterhaltung, mit der Abendunterhaltung, mit der Unterhaltung im Allgemeinen. Unterhaltung tut mir in den Augen weh, sie bricht mir den Rücken knapp unter dem Halsansatz, ich habe sie satt, mein komplettes bisheriges Leben wurde mir von Unterhaltung erschwert, die Unterhaltung ist eine tiefe Grube im Untergrund des Landes, die sich über die Jahre mit Tierleibern gefüllt hat.)
Stattdessen dokumentieren wir zum Trotz die Verwirrung und das grosse Fehlen, das sich hinter der amtlichen Sicherheit eröffnet als weites und karges Tal, das ist das Tal dieser Geschichte.
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 489–492.
Erstpublikation: Dorothee Elmiger: Einladung an die Waghalsigen. Roman. Köln: DuMont Buchverlag, 2010. S. 28–34.