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Ich hatte einen Kontakt mit einer betroffenen Mutter, du weisst es vielleicht, ich berate unter anderem Mütter dabei, wie die Schule etwas einfacher sein kann. In diesen Gesprächen habe ich oft Kontakt mit Müttern, deren Kinder an einer Dyslexie, Dyspraxie oder einem AD(H)S leiden.
Diese Mutter erzählt mir, dass es in ihrem Kanton keinen Nachteilsausgleich geben würde. Wenn, dann kämen nur Lernzielbefreiungen in Frage. Diese Lernzielbefreiungen haben selbstverständlich einen Einfluss auf die Schullaufbahn des Kindes und werden auch im Zeugnis vermerkt.
In einem früheren Blogartikel habe ich schon über den Nachteilsausgleich gesprochen, möchte dies aber heute wiedererholen. Es ist so ein Wichtiges Thema!
Welche Grundlage hat der Nachteilsausgleich?
Der Nachteilsausgleich basiert sich auf die Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Genauer auf den Artikel 8, die Rechtsgleichheit.
In diesem Artikel steht im Absatz 2
Niemand darf diskriminiert werden, namentlich nicht wegen der Herkunft, der Rasse, des Geschlechts, des Alters, der Sprache, der sozialen Stellung, der Lebensform, der religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung oder wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung.
und in Absatz 4
Das Gesetz sieht Massnahmen zur Beseitigung von Benachteiligungen der Behinderten vor.
Sowie dem Behindertengleichstellungsgesetzt (BehiG) hier steht im Artikel 2, Absatz 5
Eine Benachteiligung bei der Inanspruchnahme von Aus- und Weiterbildung liegt insbesondere vor, wenn:
a. die Verwendung behindertenspezifischer Hilfsmittel oder der Beizug notwendiger persönlicher Assistenz erschwert werden;
b. die Dauer und Ausgestaltung des Bildungsangebots sowie Prüfungen den spezifischen Bedürfnissen Behinderter nicht angepasst sind.
Bundesverfassung und Behindertengleichstellungsgesetz verpﬂichten Bund und Kantone zu Massnahmen, um Benachteiligungen von Menschen mit einer Behinderung zu verhindern, zu verringern oder zu beseitigen. Die Kantone haben diese Rechte in den entsprechenden Schulgesetzen verankert. (Da lass ich euch mal suchen…. wenn ihr aber wirklich nichts findet, dann könnt ihr euch bei mir melden.)
Also: In meinem Kanton gibt es keinen Nachteilsausgleich – gibt es nicht!
Wie bekommt dein Kind einen Nachteilsausgleich?
Als erstes kannst du davon ausgehen, dass die Schule versucht, die Schwierigkeiten durch das Individualisieren des Unterrichtes abzufedern. Dies funktioniert auch in vielen Situationen.
Wenn es aber nicht reicht, kommt der Nachteilsausgleich zum Zug. Du hast die Aufgabe einen Antrag für den Nachteilsausgleich zu stellen. Aber: Dein Kind bekommt keine besondere Hilfestellung in Form eines Nachteilsausgleiches, weil du als Elternteil das Gefühl hast, dass dies nun von Nöten ist.
Es müssen verschiedene Punkte erfüllt werden:
- Dein Kind muss von einer anerkannten Fachperson abgeklärt werden. Das können Logopädisten, Psychologen usw. sein. Dieser muss bestätigen, dass eine Behinderung vorliegt.
- Dein Kind darf in seiner Intelligenz nicht eingeschränkt sein, denn trotz einem Nachteilsausgleich muss dein Kind die Lernziele erreichen können.
- Der Antrag für einen Nachteilsausgleich muss dann an der entsprechenden Stelle eingereicht werden. (Suche im Internet, wie dies bei dir im Kanton ist)
- Die Schule wird dann gemeinsam mit der Fachperson und euch als Eltern diskutieren, welche Massnahmen ergriffen werden können.
Wie könnten die Massnahmen aussehen?
Der Kanton Aargau schreibt z. B. «Die individuellen Massnahmen sind bezogen auf die aktuelle Lernsituation verhältnismässig (weder Aufgabenerleichterung noch Bevorzugung) und sie sind gegenüber den Mitlernenden, Lehrpersonen und Vorgesetzten ohne lange Erläuterungen und ‹guten Gewissens› vertretbar, nachvollziehbar und kommunizierbar.»
Diesen Satz höre ich immer wieder (nicht nur im Kanton Aargau). Die Schule ist sehr sensibel im Bezug auf die Gerechtigkeit. In vielen Bereichen, habe ich aber das Gefühl, dass diese «Gerechtigkeit» einfach auch vorgeschoben wird. Einem Brillenträger verwehren wir ja auch nicht die Sehhilfe. Allerdings müssen die Massnahmen auch für die Lehrperson in einem «erträglichen» Rahmen umsetzbar sein. Auch da können Diskussionen entstehen.
Eine oft angewandte Massnahme ist die Verlängerung, der zur Verfügung gestellten Zeit für Prüfungen. Manchmal ist es aber fraglich, ob genau diese Massnahme dem Kind wirklich hilft, da diese Kinder rasch ermüden können und somit die zusätzliche Zeit gar nicht brauchen.
Ich schreibe euch gerne eine Liste von möglichen Massnahmen auf. Aber grundsätzlich ist es wichtig, dass die Massnahmen auf dein Kind zugeschnitten sind. Da kann dir die Fachperson oder der Therapeut oder die Therapeutin deines Kindes am besten helfen.
Massnahmen könnten sein:
- Verlängerung der Zeit an Prüfungen
- Kind muss Texte nicht abschreiben, sondern bekommt Kopien
- Prüfungen können mündlich absolviert werden
- Taschenrechner können gebraucht werden
- Prüfungen und Übungen werden gekürzt (anstatt 10 gleiche Aufgaben nur 5)
- Arbeitsblätter werden angepasst (weniger Ablenkung, weniger verschiedene Aufgaben auf einem Blatt)
- Prüfungen, Übungen können in einem anderen Raum gemacht werden
- Arbeit mit dem Computer
- Spracherkennungsprogramme
- Rechtschreibungsprogramme
- usw.
Was ist der Unterschied zu einer Lernzielbefreiung?
|Nachteilsausgleich||Lernzielbefreiung|
|– Wird im Zeugnis nicht erwähnt|
– Der Inhalt der Lerninhalte wird weder gekürzt
noch hinabgesetzt
– Das Kind bekommt Noten
|– Wird im Zeugnis ersichtlich|
– Die Lerninhalte werden abgepasst
– meist eine Notenbefreiung
Hier findest du noch ein Fallbeispiel von Inclusion Handicap
Wer kann mir helfen?
Am besten wendest du dich vertrauensvoll an den Therapeuten oder die Therapeutin deines Kindes. Vielleicht hast du auch Kontakt mit der Schulischen Heilpädagogin oder dem Schulischen Heilpädagogen in der Schule deines Kindes. Sie können dir ganz bestimmt weiterhelfen.