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Sprachen neigen ein wenig zum Chaos. Sie entwickeln sich über Jahrhunderte in einem ungeplanten, demokratischen Prozess und strotzen deshalb nur so vor Unregelmässigkeiten und Spitzfindigkeiten. Müsste eine solche Kommunikationsform «designt» werden, käme niemand dabei auf so etwas wie Englisch, Mandarin oder auf irgendeine andere der mehr als sechstausend heute gesprochenen Sprachen.
«Natürliche Sprachen sind adäquat – das heisst aber nicht, dass sie optimal sind», erläuterte mir John Quijada, ein 53 Jahre alter Ex-Angestellter der staatlichen kalifornischen Motorfahrzeugbehörde. 2004 veröffentlichte er eine Monografie namens «Ithkuil: Ein philosophischer Entwurf einer hypothetischen Sprache». Die vierzehnseitige Website, wie ein linguistisches Lehrbuch geschrieben, brachte es auf etwa 160 000 Wörter. Sie dokumentierte Grammatik, Syntax und Wortschatz einer Sprache, an der Quijada drei Jahrzehnte lang in seiner Freizeit getüftelt hatte: Ithkuil.
Quijadas Erleuchtung war «Leben in Metaphern», das bahnbrechende, 1980 erstmals publizierte Buch der Linguisten George Lakoff und Mark Johnson. Die beiden zeigten, dass unser Denken von Konzepten strukturiert wird, die grossenteils metaphorischer Natur sind, zu sehen bei Ausdrücken wie «Das Leben ist eine Reise» oder «Zeit ist Geld». Quijada wollte, dass Ithkuil zu etwas fähig ist, was natürliche Sprachen laut Lakoff und Johnson nicht können: Ithkuil sollte die Sprecher zwingen, ganz exakt zu identifizieren, was sie sagen wollen. Kein Herumdrucksen, kein Herumstottern, kein Kaschieren von Bedeutung hinter Jargon und Metaphern.
Die perfekte Sprache?
In seinem Vorwort schrieb Quijada, sein Ziel sei es, «etwas zu erschaffen, das Menschen, auf sich alleine gestellt, nie einfach so erfinden würden, sondern nur durch einen bewussten intellektuellen Effort: eine idealisierte Sprache, deren Ziel der höchstmögliche Grad an Logik, Effizienz, Detailtiefe und Erkenntnisgenauigkeit ist; eine Sprache, die Unklarheit, Vagheit, Unlogisches, Überfluss und Polysemie (verschiedene Bedeutungen) sowie die generelle Willkür, die in den natürlichen Sprachen so allgegenwärtig zu sein scheint, minimiert».
Ithkuil vereint also zwei auf den ersten Blick inkompatible Ziele: maximal präzis und maximal konzis zu sein, fähig, jeden menschenmöglichen Gedanken einzufangen, dazu aber nur so wenige Laute wie möglich zu brauchen. Gedanken, die in anderen Sprachen nur in ungelenke Umschreibungen gefasst werden könnten, bricht Ithkuil auf ein einziges Wort herunter. Ein Satz wie: «Im Gegenteil, ich denke, es mag sich herausstellen, dass diese zerklüftete Bergkette sich irgendwo verliert» verwandelt sich etwa in: «Tram-mļöi hhâsmařpţuktôx».
Kurz nachdem Quijada sein Manuskript im Internet veröffentlicht hatte, erkannte eine Gruppe von Sprachliebhabern, was der Freizeitlinguist erreicht hatte. Eine Website verkündete, dass Ithkuil «ein Denkmal des menschlichen Erfindergeists und Designs» sei. Und tatsächlich: Ithkuil könnte die bislang ausgereifteste Umsetzung eines quijotischen Traums sein, der die Philosophen jahrhundertelang verzückte: die Erschaffung einer makelloseren Sprache. Wie aber funktioniert sie?
Die endgültige Version von Ithkuil, die Quijada 2011 publizierte, kennt 22 grammatikalische Verbkategorien (im Gegensatz zu den sechs des Englischen – Zeit, Aspekt, Person, Anzahl, Stimmung und Aktiv-/Passivbildung). Daneben verfeinern 1800 Suffixe die Aussageabsichten des Sprechers. In einem Konjugationsprozess, der noch den kompetentesten Lateingrammatiker verwirrt, zwingt Ithkuil den Sprecher, die auszudrückende Idee ganz exakt anzupeilen, um so jede mögliche Vagheit zu verhindern.
In der ursprünglichen Ithkuil-Version bedeutet der Begriff «Ithkuil» denn auch «hypothetische Darstellung einer Sprache», was der Tatsache Rechnung trägt, dass die Sprache nie dazu gedacht war, gesprochen zu werden. Ithkuil ist ein Versuch aufzuzeigen, was Sprache sein könnte, nicht was sie sein sollte. Quijada beschreibt das so: «Hinter Ithkuil steht die Idee, Ebenen der menschlichen Wahrnehmung auszudrücken, die tiefer liegen als jene, die normalerweise in der menschlichen Sprache ausgedrückt werden.» Der Ausdruck «typisch für einen einzelnen Komponenten in der synergetischen Amalgamierung verschiedener Dinge» lässt sich beispielsweise in einem einzigen Adjektiv ausdrücken: «oicaštik’».
Dass die Hervorbringung dieses Wortes extreme Mandelgymnastik voraussetzt, liegt daran, dass weder Töne noch Silben in Ithkuil verschwendet werden. Jede Sprache hat ihre…