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Schlüsselwörter: Medium Sinn - Sinn ist demnach ein Produkt der Operationen, die Sinn benutzen, und nicht eine Weltqualität, die sich einer Schöpfung, einer Stiftung, einem Ursprung verdankt. Es gibt demnach keine von der Realität des faktischen Erlebens und Kommunizierens abgehobene Idealität.
- das Gedächtnis konstruiert Strukturen nur für momentanen Gebrauch zur Bewahrung von Selektivität und zur Einschränkung von Anschlussfähigkeit. Es ist eine Selbstillusionierung sinnkonstitutionierender Systeme, wenn sie meinen, zeitüberdauernde Identitäten habe es immer schon gegeben und werde es weiterhin geben, und man könne sich daher auf sie wie auf Vorhandenes beziehen. Alle Orientierung ist Konstruktion, ist von Moment zu Moment reaktualisierte Unterscheidung.
- Psychische und soziale Systeme bilden ihre Operationen als beobachtende Operationen aus, die es ermöglichen das System selbst von seiner Umwelt zu unterscheiden - und dies obwohl die Operation nur im System stattfinden kann. Sie unterscheiden anders gesagt, Selbstreferenz und Fremdreferenz. Für sie sind Grenzen daher keine materiellen Artefakte, sondern Formen mit zwei Seiten.
- Sinnverwendende Systeme sind schon durch ihr Medium Systeme, die sich selbst und ihre Umwelt nur in der Form von Sinn, und das heißt: mit re-entry der Form in die Form beobachten und beschreiben können. Es gibt keine psychischen und sozialen Systeme, die im Medium Sinn nicht zwischen sich selbst unter anderem unterscheiden können... Systeme, die im Medium Sinn operieren, können, ja müssen Selbstreferenz und Fremdereferenz unterscheiden - Lernen, als Systementwicklung, als evolutionären Aufbau von Komplexität.
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Medium Sinn: Die Eigenart des Medium Sinn ist ein notwendiges Korrelat der operativen Schließung von erkennenden Systemen.
Sinn gibt es ausschließlich als Sinn und der ihn benutzenden Operationen, also auch nur in dem Moment, in dem er durch Operationen bestimmt wird, und weder vorher noch nachher.
Sinn ist demnach ein Produkt der Operationen, die Sinn benutzen, und nicht eine Weltqualität, die sich einer Schöpfung, einer Stiftung, einem Ursprung verdankt. Es gibt demnach keine von der Realität des faktischen Erlebens und Kommunizierens abgehobene Idealität.
Platon hatte zwar recht, dass Ideen mit Gedächtnis zusammenhängen. Aber die Erinnerung führt nicht zurück zum eigentlichen, fast vergessenen Sinn des Seienden, seinen Wesensformen, den Ideen; sondern das Gedächtnis konstruiert Strukturen nur für momentanen Gebrauch zur Bewahrung von Selektivität und zur Einschränkung von Anschlussfähigkeit.
Es ist eine Selbstillusionierung sinnkonstitutionierender Systeme, wenn sie meinen, zeitüberdauernde Identitäten habe es immer schon gegeben und werde es weiterhin geben, und man könne sich daher auf sie wie auf Vorhandenes beziehen. Alle Orientierung ist Konstruktion, ist von Moment zu Moment reaktualisierte Unterscheidung.
Über diese Feststellung, wie zuletzt wie eine bloße Behauptung klingt (es gibt keinen Sinn außerhalb der Systeme, die Sinn als Medium benutzen und reproduzieren) gelangt man hinaus, wenn man sich eine Konsequenz operativer Schließung für die Beziehungen des Systems zu seiner operativ unerreichbaren Umwelt vor Augen führt.
Lebende Systeme schaffen für ihre Zellen eine Sonderumwelt, die sie schützt und ihre Spezialisierung erlaubt, nämlich Organismen. Sie schützen sich durch materielle Grenzen im Raum.
Psychische und soziale Systeme bilden ihre Operationen als beobachtende Operationen aus, die es ermöglichen das System selbst von seiner Umwelt zu unterscheiden - und dies obwohl die Operation nur im System stattfinden kann.
Sie unterscheiden anders gesagt, Selbstreferenz und Fremdreferenz.
Für sie sind Grenzen daher keine materiellen Artefakte, sondern Formen mit zwei Seiten.
Abstrakt gesehen handelt es sich dabei um ein "re-entry" einer Unterscheidung in das durch sie selbst Unterschiedene. Die Differenz System/Umwelt kommt zweimal vor: als durch das System produzierter Unterschied und als im System beobachteter Unterschied.
Das System wird für sich selbst unkalkulierbar. Es erreicht einen Zustand von Unbestimmtheit, der nicht auf die Unvorhersehbarkeit von Ausseneinwirkungen zurückzuführen ist, sondern auf das System selbst.
Es braucht deshalb ein Gedächtnis, eine"memory function", die eben die Resultate vergangener Selektionen als gegenwärtigen Zustand verfügbar machen. Es versetzt sich selbst in den Zustand des Oszillierens zwischen positiver negativ gewerteten Operationen und zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz.
Es konfrontiert sich selbst mit einer für es unbestimmbaren Zukunft, für die gleichsam Anpassungsreserven für unvorhersehbare Lagen gespeichert sind. Für das System selbst sichtbare Resultat dieser Konsequenzen des re-entry soll im folgenden mit dem Begriff "Sinn" bezeichnet werden.
Akzeptiert man diese Theoriedisposition, kann man nicht mehr von einer vorhandenen Welt ausgehen, die aus Dingen, Substanzen, Ideen besteht, und auch nicht mit dem Weltbegriff ihrer Gesamtheit (universitas rerum) bezeichnen.
Für Sinnsysteme ist die Welt kein Riesenmechanismus, der Zustände aus Zuständen produziert und dadurch die Systeme selbst determiniert. Sondern die Welt ist ein unermessliches Potenzial für Überraschungen, ist virtuelle Information, die aber Systeme benötigt, um Informationen zu erzeugen, oder genauer: um ausgewählten Irritationen den Sinn von Information zu geben.
Folglich muss jegliche Identität als Resultat von Informations-verarbeitung oder, wenn zukunftsbezogen, als Problem begriffen werden.
Identitäten " bestehen" nicht, sie haben nur die Funktion, Rekursionen zu ordnen, sodass man bei allem Prozessieren von Sinn auf etwas wiederholt Verwendbares zurück- und vorgreifen kann. Das erfordert selektives Kondensieren und zugleich konfirmierendes Generalisieren von etwas, was im Unterschied zu anderem als Dasselbe bezeichnet werden kann.
Dass sinnhafte Identitäten (empirische Objekte, Symbole, Zeichen, Zahlen, Sätze usw.) nur rekursiv erzeugt werden können, hat weitreichende epistemologische Konsequenzen. Einerseits wird dadurch klar, dass der Sinn solcher Entitäten weit über das hinaus reicht was im Moment einer Beobachtungsoperation erfasst werden kann.
Andererseits heißt dies gerade nicht, dass es solche Gegenstände immer schon und auch dann "gibt", wenn sie nicht beobachtet werden.
Unterhalb der Prämissen der traditionellen logisch-ontologischen Realitätsauffassung wird eine weitere Ebene, ein weiteres operatives Geschehen sichtbar, dass Gegenstände und Möglichkeiten, sie zu bezeichnen überhaupt erst konstituiert.
Soweit Rekursionen auf Vergangenes verweisen(aufbewährten, bekannten Sinn), verweisen sie nur auf kontingente Operationen, deren Resultate gegenwärtig verfügbar sind, aber nicht auf fundierende Ursprünge. Soweit Rekursionen auf Künftiges verweisen, verweisen sie auf endlos viele Beobachtungsmöglichkeiten, also auf die Welt als virtuelle Realität, von der man noch gar nicht wissen kann, ob sie jemals über Beobachtungsoperationen in Systeme eingespeist werden wird.
Sinn ist demnach eine durch und durch historische Operationsform, und nur ihr Gebrauch bündelt kontingente Entstehung und Unbestimmtheit künftiger Verwendungen. Alle Festlegungen müssen dieses Medium benutzen, und alle Einschreibungen in dieses Medium haben keinen andern Grund als ihrer durch Rekursionen abgesicherte Faktizität.
In der kommunikativen Erzeugung von Sinn wird diese Rekursivität vor allem durch die Worte der Sprache geleistet, die in einer Vielzahl von Situationen als dieselben verwendet werden können. (So versteht man auch den „linguisic turn“der Philosophie als Korrelat einer gesellschaftlichen Entwicklung, die der Substanzontologie und ihrem transzendentalen Refugium die Plausibilität entzieht. Das impliziert zugleich einen Übergang von Was-Fragen zu Wie-Fragen, die Problematisierung der Übersetzung von Sprachen und allgemeinen die seit Saussure gesehene Notwendigkeit, Identitäten durch Differenzen zu ersetzen.)
Im selbstkonstituierten Medium Sinn ist es unerlässlich, Operationen an Unterscheidungen zu orientieren. Nur so lässt sich die für Rekursionen erforderliche Selektivität erzeugen. Sinn besagt, dass an allem was an Aktuellem bezeichnet wird, Verweisungen auf andere Möglichkeiten mitgemeint und miterfasst sind. Jeder bestimmter Sinn meint also sich selbst und anderes. Sinn ist in allem, was aktualisiert wird, als Weltverweisungen co-präsent, und zwar aktuell apräsentiert. Das ist auch die Verweisung auf die Bedingungen eigenen Könnens, eigenen Erreichen-Könnens und deren Grenzen in der Welt ein.
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Selbst die Unterscheidung aktuell/ möglich kann noch als sinnhaft bezeichnet werden, indem man z.B. nach ihrer Funktion in der Phänomenologie der Welt fragt und damit den Blick auf funktionale Äquivalente,also auf andere Möglichkeiten öffnet.
Was mit der Sinnthese ausgeschlossen ist, ist nur der Gegenfahrbahn absoluter Leere, Nichtheit,das Chaos im ursprünglichen Sinn des Wortes und auch der Weltzustand des "unmarked space" im Sinne von Spencer Brown. Aber zugleich reproduziert alles sinnhafte Operieren immer auch die Anwesenheit dieses Ausgeschlossenen, denn die Sinnwelt ist eine vollständige Welt, die das, was sie ausschließt nur in sich ausschließen kann.
Auch "Unsinn" kann daher nur im Medium Sinn, nur als Form von Sinn gedacht und kommuniziert werden. Alle Negation potenzialisiert und bewahrt damit,was sie explizit negiert, und re-etabliert damit auch jenen "unmarked space", indem sich jede, auch die negierende Operationdurch eine Unterscheidung einkerbt.
Darüber, wie Sinn funktioniert, lassen sich Aussagen machen mit Hilfe spezifischer, genau darauf bezogener, sinndefinierender Unterscheidungen.
Man kann Sinn phänomenologisch beschreiben als Verweisungs-überschuss, der von aktuell gegebenem Sinn aus zugänglich ist. Sinn ist danach - und wir legen Wert auf diese paradoxe Formulierung - ein endloser also unbestimmbarer Verweisungszusammenhang, der aber in bestimmter Weise zugänglich gemacht und reproduziert werden kann. Man kann die Form von Sinn bezeichnen als Differenz von Aktualität und Möglichkeit.
Man hat demnach, wenn man über Sinn spricht, etwas Greifbares (Bezeichenbares, Unterscheidbares) im Sinn; und das heißt auch, dass mit der Sinnthese eingeschränkt wird, was dann noch über Gesellschaft ausgemacht werden kann. Gesellschaft ist ein sinnkonstituierendes System.
Die Modalisierung der Aktualität durch die Unterscheidung aktuell/möglich bezieht sich auf den Sinn, der jeweils in den Systemoperationen aktualisiert wird. Sie ist doppelt asymmetrisch gebaut; denn auch der aktualisierte Sinn ist und bleibt möglich und der mögliche Sinn aktualisierbar. In der Unterscheidung ist demnach ein „re-entry“der Unterscheidung in das durch sie Unterschiedene mitvorgesehen. Sinn ist also eine Form, die auf beiden Seiten eine Code ihrer selbst in sich selbst enthält. Das führt zur Symmetrisierung des zunächst asymmetrisch gegebenen Unterschiedes von aktuell und möglich, und folglich erscheint Sinn als weltweit überall dasselbe.
Re-asymmetrisierungen sind möglich, ja fürs Beobachten erforderlich, aber sie müssen durch weitere Unterscheidungen eingeführt werden, z. B. durch die Unterscheidung System/Umwelt oder durch die Unterscheidung Bezeichnendes/Bezeichnetes.
Sinnverwendende Systeme sind schon durch ihr Medium Systeme, die sich selbst und ihre Umwelt nur in der Form von Sinn, und das heißt: mit re-entry der Form in die Form beobachten und beschreiben können. Es gibt keine psychischen und sozialen Systeme, die im Medium Sinn nicht zwischen sich selbst unter anderem unterscheiden können...
pg. 51 Systeme, die im Medium Sinn operieren, können, ja müssen Selbstreferenz und Fremdereferenz unterscheiden; und dies in einer Weise, bei der mit der Aktualisierung von Selbstreferenz immer auch Fremdereferenz und mit der Aktualisierung von Fremdereferenz immer auch Selbstreferenz als die jeweils andere Seite der Unterscheidung mitgegeben ist.
Alle Formenbildungen im Medium Sinn muss deshalb systemrelativ erfolgen, gleichgültig ob der Akzent im Moment auf Selbstreferenz oder auf Fremdereferenz liegt. Erst diese Unterscheidung ermöglicht Prozesse, die man üblicherweise als Lernen, als Systementwicklung, als evolutionären Aufbau von Komplexität bezeichnet.
Und sie ermöglicht es auch, von zwei operativ sehr verschiedenen sinnkonstituierenden Systemen auszugehen, die sich über Bewusstsein beziehungsweise über Kommunikation reproduzieren, damit jeweils eigene Ausgangspunkte für die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz erzeugenund sich trotzdem über vorausgesetzte bzw. aktualisierte Fremdreferenz erzeugen immer aufeinander beziehen: psychische Systeme und soziale Systeme.
Als Universalmedium aller psychischen und sozialen, aller bewusst und kommunikativ operierenden Systeme regeneriert Sinn mit der Autopoiesis dieser Systeme anstrengungslos und wie von selbst. Schwierig ist es dagegen, Unsinn zu erzeugen, da die Bemühung darum schon wieder Sinn macht.
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Kommentar:
Jean Clam
Was heisst sich an Differenz statt an Identität orientieren?
UKV Konstanz 2002
6. Die Thematik des Sinnes: Sie findet von vornherein Beachtung als philosophisch relevant. Sie gehört nämlich zu jenen expliziten Anleihen bei der Husserlschen Phänomenologie. Luhmanns Interesse für die Sinnproblematik rührt von seinem Bedürfnis, die allgemeine Systemtheorie - als general systems philosophy - bereichsspezifisch zu modelieren, um sie instruktiver anwendbar zu machen als sie von sich aus wäre. Die Allgemeinheit der Systemtheorie ist nämlich zweischneidig: dem Anreiz einer Theorie, die alle Logik der Komplexität in sich rekonstruiert, entspricht das Risiko einer Aushöhlung ihrer Aussagekraft, wenn sie diese Logik auf sehr hohem Abstraktionsniveau generalisiert und die Ausgestaltungen einzelner Systemtypen nicht mehr berücksichtigen kann. Um dem entgegenzuwirken hat der frühe Luhmann versucht, einen Schnitt zwischen solchen Systemarten zu ziehen, die Sinn prozessieren, und solchen, die es nicht tun.
Die Komplexitätslogik, die auf subsemantischem - also biotischem oder vorbiotischem Niveau - anzutreffen ist, verrät wenig von dem, was auf semantischem Niveau geschieht. Luhmann ging es also um die Erfassung der Systemspezifik von Sinnsystemen, die für ihn das psychische und das soziale System - also Bewusstsein und Kommunikation - sind.
Ein von der biologischen Systemtheorie - eines Bertalanffy z.B. - oder der Kybernetik entliehener Systembegriff hätte zu einer Theorie des Bewusstseins oder der Gesellschaft über elementare Rückkopplungs- und Variationskonzepte hinaus wenig beizutragen gehabt. Für seine Theorie von über Sinn und Sprache konstituierten Systemen brauchte Luhmann einen viel weitergehenden Abbau von univoker Determination, strikter Kopplung und Redundanz, als es in der biologisch-systemischen Theorie zur Absetzung vom Gegenständlichkeitsentwurf des Physikalismus geleistet wurde. ( In origineller Gedankenführung versteht Brücher (1989) diese Spezifikation von Sinnsystemen nicht als Absetzung von Nicht-Sinnsystemen ausserhalb der Sinndimension. Sie erkennt ganz zurecht und scharfsinnig genug, dass der Luhmannsche Sinnbegriff letztlich alle Merkmale des Konstitutionstranszendentalismus verloren hat. Man vollzieht mit Luhmann (in Brüchers Interpretation) eine "Generalisierung des Transzendentalismus", die ihn seiner bekannten Schematisierung einer Konstitutionsseite von Welt, der eine Konstituiertenseite gegenüberliegt, beraubt. Sinn ist Selektion schlechthin und somit nicht auf Bewusstsein oder Kommunikabon beschränkt. Er umspannt die ganze physikalische und biologische Natur. Alle Systeme - und die ganze Natur, alles Seiende ist System - entstehen aus Selektionen aus Möglichem und Alternativem. Sinn und Natur sind „Aquivokanonen ein und derselben Sache" . Eine Annäherung an Luhmanns Sinnbegriff von dessen eigenem medientheoretischen Entwurf her bietet Krämer (1998), die aber zu anderen Ergebnissen kommt als Brücher. Der Gang ihrer Argumentation ist stimulierend knapp und rasch, doch einiges verlang eine langatmigere Auseinandersetzung - so z.B. die Rekonstruktion der Medientheorie oder die Behauptung, der Begriff einer Form-als-Vollzug hatte in der Philosophie keine Vorgänger (s. dazu Clam 2000).
Der phänomenologische Sinnbegriff gab Luhmann ein Mittel zu einer durchgehenden Modalisierung aller Kopplungen innerhalb der betrachteten Systeme. Sinn wurde somit zum Kopplungsmedium, das die grösste Variablität, Mobilität, Revisibilität der Bezüge gewährleistete. Sinn ist ein Medium, in dem das faktische So-sein und die analtemativen Zusammenhänge der Ontizität vollkommen virtualisiert, d.h. negiert werden.
Sinn ist die Eröffnung eines Seinsbereichs, der nunmehr die durch mechanische Festgelegtheit begrenzte, an Programmierung gebundene Variabilität sowie rein algorithmisch-überkomplexe Formgenerierung überhöht. Es ist ein Medium, worin die Unterscheidung zwischen Thema und Horizont, d.h. zwischen einem engen Festgehaltenen, provisorisch Bejahten und der unerschöpflichen Menge seiner Negationsmöglichkeiten entsteht. Sinn modalisiert alle Seinsetzung. Für Husserl steht beim Sinnbegriff nicht die allgemeine Modalisierung, sondem die intentionale Subjekt-Perspektive im Vordergrund. Zwischen Intention und anschaulicher Erfüllung besteht eine anfänglich nicht ausfüllbare Kluft. Das Vorauslaufen der Intention unterlegt der Welt Sinn und erwartet die Bestätigung dessen, was sie intendiert. Da die Erfüllung der Sinnintention sich stets verweigern oder revidiert werden kann, hat Sinn strukturell etwas mit möglicher Negation zu tun. Hingegen hat Luhmann den Begriff von aller subjektiv nachvollziehender Anschauung abgeschnitten und ihn in seiner Theorie ganz anders nachkonstruiert. Das Problem des Luhmannschen Konzepts ist das von uns oben angezeigte Verselbständigung und Freizügigwerdung eines philosophischen Theoriestücks, das dadurch die Gründungsdimension der meditativen Urbesinnung verlässt und seinem Herkunftshorizont vollkommen entfremdet wird. In schlicht apodiktischer Fassung wird es in eine in sich selbst polykontexturierten Theorie eingebaut.
Niklas Luhmann
Systemtheorie
Glossar Systemtheorie