Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03277.jsonl.gz/184

Zecken-Encephalitis (FSME): Gene sind „schuld“
Eine am 15. Januar im Journal of Infectious Diseases publizierte Studie aus Litauen und Schweden zeigte, dass eine Deletion im Zytokinrezeptor 5 (CCR5)-Gen assoziiert ist mit Fruehsommermeningoencephalitis (FSME).
Klinik der FSME variabel
Eine Infektion mit FSME verläuft in 70-95% asymptomatisch, kann jedoch zu leichten bis schweren Schädigungen des ZNS führen. Die Ursachen für die unterschiedliche Klinik sind unklar, wir wissen nichts über unterschiedliche Virulenzfaktoren.
Seit Bekanntwerden einer genetischen Prädisposition für West-Nile-Encephalitis (auch ein Flavivirus) vermutet man auch bei FSME eine genetische Grundlage. Der CCR5 Rezeptor (Zytokinrezeptor 5) spielt eine wichtige Rolle bei der Migration von Leukozyten ins Gehirn. Eine Mutation, bei der der CCR5-Rezeptor infolge einer Deletion von 32 Aminosäuren defekt ist, ist bei West-Nile-Virus assoziiert mit dem klinischen Bild der Encephalitis (s. unseren Bericht). Diese Beobachtung hatten in letzter Zeit einige Gruppen bestätigt, eine weitere Arbeit dazu ist ebenfalls in der JID-Ausgabe vom 15.1.08 publiziert (Lim et al, JID 2008). Da das FSME-Virus ebenfalls ein Flavovirus ist, wurde ein Zusammenhang dieser Deletion mit dem Schweregrad der Erkrankung bei Patienten mit FSME postuliert.
Rolle von CCR5 für FSME nun bestätigt
In dieser Studie wurden in Litauen 129 Patienten mit FSME, 76 Patienten mit aseptischer Meningitis (Diagnostik mittels Lumbalpunktion, Fehlen von FSME-Antikörpern) und 134 gesunde Kontrollen auf das Vorliegen einer 32 Basenpaar-Deletion im CCR5-Gen untersucht.
Die Allelprävalenz der Deletion des CCR5-Gens war höher bei Patienten mit FSME (35/258) als bei Patienten mit aseptischer Meningitis (16/152) oder der Kontrollgruppe (22/268). Die Allelprävalenz der Kontrollgruppe deckte sich mit der Prävalenz in der schwedischen und litauischen Population, wie sie bei früheren Untersuchungen nachgewiesen werden konnte.
Die Allelprävalenz stieg mit klinischem Schweregrad der Erkrankung (mild: nur Meningitis, mittelschwer und schwer mit zusätzlicher Encephalitis, bei schwerer multifokale ZNS-Symptome). Die 3 homozygoten Individuen konnte alle der FSME-Gruppe zugeordnet werden. Die insgesamt 3 homozygoten Individuen für CCR5Delta32 konnten erstaunlicherweise nur in der Gruppe mit moderater FSME-Erkrankung, und nicht mit schwerer Erkrankung nachgewiesen werden. So muss vermutet werden, dass noch andere Faktoren den Schweregrad der Klinik beeinflussen.
Der CCR5 ist auch ein Korezeptor für den Eintritt von Makrophagen-tropischen Stämmen von HIV-1 in Wirtszellen. Eine CCR5 Mutation wirkt protektiv gegen eine HIV-Infektion. CCR5-Hemmer (z.B. Maraviroc) sind eine neue Klasse von HIV-Medikamenten, welche zur Zeit in grossen Phase 3 Studien getestet werden. Lesen Sie hierzu auch unseren Bericht vom Saanen meeting 2008.
Es stellt sich wohl die Frage, ob wir nun HIV-Patienten, welche mit Maraviroc behandelt werden, vorgängig gegen FSME impfen sollten. In der Ostschweiz, wo FSME in der Zeckenpopulation verbreitet ist (s. FSME-Beiträge und Impfempfehlung), würden wir dies einem Patienten vor einer Maraviroc-Therapie empfehlen.