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Die Sektion Special war auch in diesem Jahr das Auffangbecken für Produktionen, die einen grossen Unterhaltungswert für ein breiteres Publikum bieten, aber auch verschärfte Arthausfilme a la Tsai Ming- liang und grössere Dokumentarfilme à la Nicolas Philibert, der im letztem Jahr den goldenen Bären gewann. Das auch hier nicht alles wirklich gut war ist schade.
The roundup: The Punishment (Beom-Joe-Do-si 4) des ehemaligen Doubles und Stuntman des Hauptdarstellers Don Lee Heo Myeong-haeng ist pure und sehr typische Action à la Südkorea. Don Lee, früher als Ma Dong- Seok bekannt, benutzt sein englisches Pseudonym, seit er in dem Avengers-Film Eternals auch in Hollywood Karriere machte. Doch in Korea und international wurde er bereits durch Train to Busan bekannt. Die nun 4-teilige Roundup-Reihe machte ihm zum Bud Spencer des koreanischen Films. Und so ist auch das Grundprinzip der Filme: zuerst draufhauen, dann reden. Verfeinert wird dies diesmal durch neue Kollegen, da es sich um Cyberkriminalität handelt und es gegen Internet-Spielcasinos geht. Der Film für Actionfans wird auf DVD erscheinen.
Love Lies Bleeding von Rose Glass fährt im Fahrwasser von Regisseuren wie Quentin Tarantino. Die Regisseurin wurde bekannt durch den in England mehrfach preisgekrönten Horrorfilm Saint Maud. Eine lesbische Liebesgeschichte wird verquickt mit viel brutaler Action und sieht sehr stylisch aus. Lou (Kristen Stewart, letztes Jahr die Jurypräsidentin der Berlinale) ist eine Fitnessstudio-Managerin, die eine lesbische Freundin hat, aber ansonsten nicht viel mit der Welt zu tun haben will und vor allem nicht mit ihrem Vater, dem das Studio gehört. Als Jackie, eine Bodybuilderin, auf der Durchreise zu einem Wettkampf nach Las Vegas, von ihr aufgenommen wird, entwickelt sich eine Beziehung. Doch ihre alte Freundin versucht, dies zu durchkreuzen. Und Lous Vater, ein harter Gangster, der sie einst als Mörderin missbrauchte, tritt auf den Plan und alles endet im blutigen Chaos. Vor allem Ed Harris als Vater mit langen grauen Haaren brilliert in seiner Rolle.
Der neue Film des kanadischen Starregisseurs Atom Egoyan (Exotica, Das süße Jenseits) Seven Veils erzählt von Jeanine, einer Theaterregisseurin, die eine Neuinszenierung der Oper Salome ihres ehemaligen Mentors und Liebhabers auf die Bühne bringen soll. Doch das ist gar nicht so einfach, reden ihr die Familie und der Trust des Verstorbenen herein und wollen möglichst gar keine Änderungen haben. Auch in ihrer Ehe steht es nicht zum Besten und während der Inszenierung kehren Erinnerungen an den Inzest durch ihren Vater immer quälender zurück. Gespielt wird Jeanine durch Amanda Seyfried, die bereits in Egoyans Chloe die Hauptdarstellerin war. Ein starker Blick hinter die Kulissen des heutigen Musiktheaters, der vor allem auch deshalb so stark wirkt, da Egoyan neben seiner Filmarbeit schon seit den 90er Jahren Opern inszeniert, so auch schon mehrfach Salome. Und die Inszenierung im Film, bei der echte Opernsänger wie Ambur Braid auftreten, stammt auch von ihm. Faszinierendes Insiderwissen über die Oper, zusammengeführt mit dem Thema Inzest, das auch schon in mehreren seiner Filme vorkam.
Mit Spaceman verfilmte der schwedische Regisseur Johan Renck, der sich vor allem durch qualitativ hochwertige Serien wie Chernobyl einen Namen machte, einen tschechischen Roman von Jaroslav Kalfar. Jakub Prochazka (Adam Sandler) wird zum ersten Kosmonauten der Tschechei. Als er auf einer Mission zur Venus ist, bricht der Funkkontakt zu seiner Frau Lenka (Carey Mulligan) ab. Sofort befürchtet er, dass sie ihn verlassen hat. Und das zu Recht: einst schwor er ihr, dass sie das Wichtigste in seinem Leben ist. Doch er war bei ihrer ersten Fehlgeburt im All, und ist dies nun wieder, obwohl sie erneut vor einer Entbindung steht und ihn gebeten hatte nicht zu fliegen. Als in seinem Raumschiff ein riesiges Spinnen-Alien auftaucht, legt sich seine Angst bald. Hat er nun einen Gesprächspartner für seine Sorgen. Es folgen zahlreiche philosophische Gespräche, die ihn zu sich selbst finden lassen und ihn seine Fehler zu sehen helfen. Erstaunlich ist das ernste und gediegene Spiel von Adam Sandler, den man sonst eher aus klamaukigen Komödien kennt. Paul Dano spricht im Original das Alien. Der Film läuft bereits bei Netflix.
Wu Suo Zhu (Abiding Nowhere) vom taiwanesischen Kultregisseur Tsai Ming-liang greift, wie schon mehrfach in seinen Filmen, die Figur des in Zeitlupe durchs Bild laufenden Mönchs wieder auf. Dargestellt wie immer von seinem Darsteller aller seiner Filme Lee Kang-Sheng. Sind seine Mönch-Filme sonst nur für Hardcore-Cineasten goutierbar, geht er diesmal einen anderen, für breitere Zuschauerschichten gut ansehbaren Weg. Sein Mönch läuft in kurzen Tableaus im Stil von James Benning durch diverse Orte und besucht Wahrzeichen der USA. Das macht den Film anders und sehr unterhaltsam.
Made in England: The Films of Powell And Pressburger von David Hinton setzt den beiden immer noch viel zu unbekannten Regisseuren ein Denkmal. Martin Scorsese produziert und spricht vor der Kamera Texte und Gedanken zu den beiden Filmern. Und wie sie ihn als Jugendlicher, der aus Gesundheitsgründen meist zu Hause vor dem Fernseher sass, faszinierten. Liefen in den 60er Jahren im amerikanischen Fernsehen doch hauptsächlich englische Filme in Dauerschleifen, da die amerikanischen Firmen anfangs keine Filme ans TV verkauften. So begann seine Faszination mit Filmen wie The Red Shoes oder Hoffmanns Tales. Bebildert wird dies mit Ausschnitten vieler ihrer Filme, aber auch mit Scorsese-Filmen zum direkten Vergleich. So sieht man, wie Powell/ Pressburger Filme wie Taxi Driver direkt beeinflussten. Auch Interviews mit Michael Powell sind enthalten und die Solofilme von ihm, wie Peeping Tom. Erhellend und unverzichtbar für jeden Filmfan.
In Treasure von Julia von Heinz gehen Vater (Stephen Fry) und Tochter (Lena Dunham) Anfang der 90er Jahre auf eine Reise durch das damalige Polen. Der Vater will als Holocaust-Überlebender eher Musikerhäuser oder Sehenswürdigkeiten besuchen, und nicht so viel von seiner Vergangenheit sehen. Doch die Tochter setzt sich durch, was auch oft zu skurrilen Momenten führt. Begleitet werden sie von einem Taxifahrer (Zbigniew Zamachowski). Das ist sympathisch wie wahrhaftig und die Schauspieler machen ihre Sache grossartig. Der Film kommt im Herbst ins Kino.
Eine der beiden ins Special, nach dem Wegfall der Rubrik Serien, genommenen TV-Produktionen war Dostoevskij von Damiano & Fabio D’Innocenco. Wer nun viereinhalb Stunden Klassiker erwartete, sah sich getäuscht. Der Film handelt von der Jagd nach einem Serienkiller, der Dostoevskij genannt wird, weil er lange handschriftlich geschriebene Briefe an den Tatorten hinterlässt. Anfangs muss man sich noch an die Figuren gewöhnen. Da ist der kaputte Kommissar Enzo Vitielo (Filippo Timi), der sich gerade umbringen will , als er zum Tatort gerufen wird, sein gutmütiger Freund und einziger ihm wohlgesonnener Kollege (Federico Vanni) und seine Tochter (Carlotta Gamba), die mit ihm nichts mehr zu tun haben will und schwer Rauschgift- und Tablettensüchtig ist. Nach und nach schälen sich die Abgründe auch des Kommissars heraus, bis sich alles in einem höchst blutigen und überraschendem Ende auflöst. Fortsetzung möglich. Stilistisch ist dies ganz wie bei den vorherigen Kinofilmen der Regisseurbrüder und auch an Blut wird bei den Morden und den Tatortszenerien nicht gespart. Wird auf Sky laufen.
Harald Ringel, Berlin
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