Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03277.jsonl.gz/2503

Politische Sozialisation
Das Kind
Neugier
Ich war ein neugieriges, aktives Kind. Bereits im Vorschulalter vergrösserte ich meinen familiären Radius und besuchte eigenständig nähere und auch weitere Nachbarn. Mein Vorgehen war in der Regel: Klingeln, fragen, ob sie Kinder hätten und unabhängig von deren Antwort bitten, eintreten zu dürfen. Meine so geschlossenen Bekanntschaften sind mir bis heute in lebhafter Erinnerung. Eine ältere Frau und deren Hund Achilles, ein kinderloses Architektenpaar, eine alleinerziehende Frau mit einem behinderten Sohn. Ich erhielt Einblick in Welten, die ganz anders waren als die Meinige.
Elternhaus
Meine Mutter kam aus einer grossbürgerlichen Familie, war Apothekerin und politisch nicht aktiv. Die tradierte familiäre Rollenteilung war ihr ein Graus. Früh wurde ich für die Genderfrage sensibilisiert. Mein Vater war „eidgenössischer Beamter“ (Adjunkt im Volkswirtschaftsdepartement), gesellig, Mitglied von zwei Studentenverbindungen (Froburger und Berchtolder) und aktives Mitglied der CVP. Traditionelle Familienwerte waren ihm heilig. Ich wuchs mit einer älteren Schwester und einem jüngeren Bruder auf.
Gerechtigkeitssinn
Ich hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Unsere Ferien verbrachten wir fast ausschliesslich im Tessin. Dazu gehörten Ausflüge an den Markt von Luino. Zum damaligen Marktbild gehörten Bettler. Einer winkte mich zu sich und zeigte mir „Heiligenbildchen“. Mir gefiel die darauf abgebildete Maria mit ihrem funkelnden Leuchtkranz dermassen gut, dass der Bettler mir das Bild schenkte. Ich rannte zu meiner Mutter und sagte, sie solle dem Bettler etwas geben. Meine Mutter antwortete „später“ und vergass es. Sie tat dies sicher nicht mit Absicht. Ich jedoch fühle noch heute mein damaliges Elend.
Der Teenager
Konkret-politische Erinnerungen
Meine erste konkret-politische Erinnerung betrifft den sogenannten „Deutschen Herbst“. Eine entfernte Bekannte meiner Mutter sass in der damals entführten Maschine „Landshut“. Die Entführung von Hans Martin Schleier und die Selbstmorde der RAF-Köpfe Ensslin, Bader und Meinhof hörte ich im Radio. Die angewandte Gewalt schockierte mich.
80er Jugendunruhen
Die 80er Jahre Unruhen bekam ich vom ländlichen Beromünster gutbehütet am Rande mit, fand die AJZs (Autonome Jugendzentren) interessant, kleidete mich mit Arafattuch und Vaters Wildlederjacke, war gegen Krieg und Militär.
Lesen, lesen, lesen
Ich las Alice Schwarzer, Sigmund Freud, Friedrich Nietzsche und Oriana Fallaci. Der Falklandkrieg 1982 erschütterte meine Überzeugung, dass eine Welt ohne Krieg möglich ist. Ich unterstützte Amnesty International und war an meinem Gymnasium Schülerrätin.
Lilian Uchtenhagen
Die Nichtwahl von Lilian Uchtenhagen zur ersten Bundesrätin empfand ich als Skandal.
Die Studentin
Tschernobyl und Schweizerhalle
Die Anfänge meiner Studienzeit wurden geprägt durch zwei Super-GAUs: die Atomkatastrophe Tschernobyl und den Chemieunfall in Schweizerhalle. Schlagartig wurde mir bewusst, dass wir nur eine Welt haben und dass wir alle und gemeinsam dafür Verantwortung übernehmen müssen. Ich trat der Studentenschaft Basel StuB (heute Skuba) bei und wurde in die Seminarkonferenz des Deutschen Seminars gewählt. Die universitätspolitische Arbeit machte mir Spass.
Tian’anmen-Massaker
Mit tiefer Betroffenheit und Entsetzen verfolgte ich die Studentenbewegung in China 1989. Das Tian’anmen-Massaker schokiert mich bis heute.
Mauerfall
Hingegen zeigte mir der Fall der Mauer im November 1989 eindrücklich, wie gewaltfreie Umwälzungen möglich sind.
Bologna-Reform
Der sich gegen Ende meiner Studienzeit anbahnenden Strukturreform der Universität (Bologna-Reform) stand ich ambivalent gegenüber. Heute meine ich, die Universität hat durch diese einschneidende Reform an Qualität und Effizienz gewonnen.