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Geschichte
Um nachvollziehen zu können, wie sehr die Buchdruckerkunst im Puschlav – in der Tipografia Menghini ganz besonders – verwurzelt ist, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit.
Im Jahr 1545 beschloss Dolfino Landolfi, seine Leidenschaft für Papier und Tinte in die Praxis umzusetzen und eine Druckerei zu gründen; es war erst die siebte in der Schweiz. Seit der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch den Deutschen Johannes Gutenberg waren keine 100 Jahre vergangen!
Die Puschlaver Buchdruckerkunst machte 1782 erneut von sich reden, als die Druckerei des Barons Tommaso M.F. de Bassus die italienische Erstausgabe von Johann Wolfgang von Goethes «Leiden des jungen Werthers» veröffentlichte.
Im Jahr 1852 gründete die Druckerei, zu diesem Zeitpunkt «Tipografia Ragazzi», eine der ersten lokalen Wochenzeitungen in Europa: «Il Grigione Italiano». Der ausgeprägte Geschäftssinn der Gebrüder Ragazzi, zu deren Werken das Hotel Le Prese, das Hotel Ospizio Bernina und die Tabakfabrik in Poschiavo zählen, geht Anfang der Sechzigerjahre des 19. Jahrhunderts jedoch verloren.
Nach dem Konkurs der Gebrüder Ragazzi übernahm der junge Francesco Menghini aus San Carlo die Infrastruktur der Druckerei, womit die Fortführung der verlegerischen Tätigkeit im Tal gesichert war.
Die damaligen Geräte waren sehr einfach. Der 2005 verstorbene Fiorenzo Menghini erinnerte sich noch an jene Zeiten: «Die Bleilettern wurden in vielen kleinen Fächern aufbewahrt. Man brauchte sehr viel Geduld: Der Text wurde Buchstabe für Buchstabe zusammengefügt, natürlich spiegelverkehrt, damit das Negativ auf dem Druck lesbar wurde. Es dauerte eine ganze Woche, bis ein Grigione fertiggestellt war, obwohl dieser aus nur vier Seiten bestand.»
Bis in die 30er-Jahre umfasste die Tätigkeit des Puschlaver Schriftsetzers nur wenige andere Veröffentlichungen. Nicht alle Talbewohner konnten sich damals einen Grigione leisten. Die Menghinis erinnern sich mit einem Lächeln an jene Zeiten: In Cologna mussten sich drei Bauern das Zeitungsabonnement teilen, konnten sich aber nicht darüber einigen, wer zuerst lesen durfte. So erzählte uns Fiorenzo:
«Eines Tages kam einer der Dreien in die Druckerei und beschwerte sich: Ist es möglich, dass keine vier Franken für das Abonnement aufzubringen sind? Ich habe es satt, Zeitungen zu lesen, die ein paar Wochen alt sind!»
Nach dem Gründer Francesco übernahm dessen Sohn Pietro die Arbeit in der Druckerei. Als dieser 1886 frühzeitig verstarb, führte seine Ehefrau Orsola die Tätigkeit mit der Unterstützung des Schriftsetzers Luigi Locatelli couragiert fort. Selbst als ihr Sohn Francesco nach seiner Ausbildung aus Turin zurückkehrte, behielt die Mutter wichtige Aufgaben in der Druckerei. In einem Artikel der Redaktion vom Dezember 1921 stellte sie selbst den Lesern den neuen Redakteur vor.
Wenige Jahre später kam es aufgrund einer schweren Krankheit Francescos zu einem weiteren plötzlichen Wechsel. Francescos zweiter Sohn Fiorenzo war noch keine zwanzig, als er das Internat in Schwyz verlassen musste, um zu Hause im Betrieb mitzuhelfen. «Ich hätte gerne studiert und ein kaufmännisches Diplom gemacht, ausserdem gefiel es mir gut dort – erinnerte er sich mit leichter Verbitterung – aber es musste eben sein.»
Die bis dahin vorhandenen bescheidenen Geräte reichten für eine Ausweitung der verlegerischen Tätigkeiten nicht aus und so begann in den 30er-Jahren in der kleinen Druckerei eine technische Revolution. Mit der ersten Linotype-Setzmaschine stieg die Produktion beträchtlich an. Das seit fünfhundert Jahren angewandte Druckverfahren mit beweglichen Lettern hatte nun auch im Puschlav ausgedient.
Im Jahr 1934 kam die erste Setzmaschine, eine Zweite, sehr viel leistungsstärkere, folgte in den 50er-Jahren. Die Geräte waren gross und sperrig und hatten eine Tastatur ähnlich wie die einer Schreibmaschine. Aus einem Magazin mit Messingmatrizen für jeden Buchstaben und jedes Zeichen fügte der Schriftsetzer die Textzeilen zusammen. Diese wurden dann automatisch mit flüssigem Blei ausgegossen. «Eine grosse Hitze und eine sehr ungesunde Arbeit – erinnerten sich die alten Schwestern Ida und Raffaella – aber damals gab es noch nicht so viel Verkehr auf der Kantonsstrasse und so konnten wir die Fenster auflassen.»
Inzwischen ist auch das Blei-Satzverfahren überholt und die grosse Linotype-Setzmaschine in dem Haus nahe der Brücke San Bartolomeo hat anderen Geräten Platz gemacht. Raffaella, die fast sechzig Jahre lang an der gewaltigen Tastatur gearbeitet hat, erinnert sich mit Wehmut:
«Es war eine tolle Maschine».
1988 kam es zur vorläufig letzten technischen Umstellung. «Wir mussten mit der Zeit gehen», erklärt Remo Tosio, der kurz davor als Buchhalter in den Familienbetrieb eingestiegen war und schliesslich Redakteur wurde und den technologischen Fortschritt als Erster vorantrieb.
So kam es, dass der Betrieb als erste Schweizer Druckerei einen Desktop-Publishing-Arbeitsplatz einrichtete. Mit dem Erscheinen der ersten Computer verbesserte sich die Qualität deutlich. Um das Potenzial der neuen Technologien vollumfänglich nutzen zu können, wurde eine komplette Erneuerung des Maschinenparks notwendig. Innert weniger Jahre wurde die zweifarbige Offsetdruckmaschine durch eine vierfarbige Druckmaschine ersetzt und die analoge Schneidemaschine durch eine numerisch gesteuerte; hinzu kamen die digitale Druckplattenbelichtung, die erste Multifunktionsmaschine (bündeln, falzen, heften) und der Plastifizierer.
Die digitale Revolution traf den Betrieb nicht unvorbereitet. Im Jahr 2014 erwarb er den ersten leistungsstarken Digitaldrucker. Es folgten Ende 2015 zwei professionelle Plotter, ein Grossformatdrucker und ein Schneideplotter. «Für uns sind Papier und Tinte eine echte Leidenschaft», so der derzeitige Geschäftsführer Michele Menghini. «Wir betrachten jeden Auftrag als etwas ganz Besonderes, das wir mit grösster Sorgfalt behandeln. Wir bieten unseren Kunden eine langjährige Erfahrung, höchste Kompetenz, die beste Ausstattung, die es auf dem Markt gibt, eine individuelle Beratung und eine fristgerechte Lieferung der Drucksachen, kurz: Qualität. Jede Drucksache, die wir produzieren, ist das Ergebnis unserer Leidenschaft für Papier und Tinte».