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Im Sommer 1948 etablierten die westlichen Alliierten die Berliner Luftbrücke, nachdem die Sowjets die Stadt blockiert hatten. David Ben-Gurion gründete in Palästina den Staat Israel. Und Walter Schoch übernahm in Kleinandelfingen seine erste Primarschulklasse als gewählter Lehrer.
Da war er 25 Jahre alt und hatte die eigene Schulzeit in Freienstein und Rorbas bereits hinter sich. Von 1939 bis 1943 besuchte er die Kantonsschule Rychenberg in Winterthur. «Damals gab es dort noch einen Numerus clausus», sagt Walter Schoch. In seinem Jahrgang seien zwölf Jungen und drei Mädchen zugelassen worden. Kantonsweit zählte der Jahrgang 72 Schülerinnen und Schüler. Parallel war er im Militär in der Ausbildung zum Funker. «Das Morsen habe ich behalten», sagt er. Wenn er Schwierigkeiten habe, einzuschlafen, übe er noch heute im Kopf das Alphabet aus Strichen und Punkten.
Nach seiner Ausbildung war Walter Schoch wie alle angehenden Lehrerinnen und Lehrer an Verschiedenen Orten im Kanton als Vikar, also Stellvertreter, angestellt. 1948 trat er dann seine Stelle in Kleinandelfingen an – damals mussten Lehrer noch von der Schulgemeinde gewählt werden. «Eigentlich eine reine Formsache», sagt er. Trotzdem galt es als Auszeichnung, wenn man möglichst wenig Gegenstimmen erhielt.
Die Liebe zur Ordnung …
Im Primarschulhaus teilte er sich die Arbeit mehr als zwanzig Jahre lang mit einer zweiten Lehrperson. Beim Bau des neuen Schulhauses 1970 wurden dann zwei weitere Stellen geschaffen. «In einem Klassenzimmer braucht es Disziplin», sagt Walter Schoch auf die Frage, wie er damals den Unterricht gestaltet habe. Klare Regeln würden die gleichen Rahmenbedingungen für alle schaffen. «Damit auch die Schwachen durchkommen», ergänzt er. Walter Schoch mag Struktur und Organisation. Und das nicht nur im Klassenzimmer.
Sowohl im Beruf …
«Schon als junger Lehrer habe ich herausgefunden, dass ich nach dem Unterricht um vier etwas anderes machen musste, um den Kopf freizukriegen», sagt er. 1968 habe er das Amt des Gemeindegutsverwalters angenommen. «In den Skiferien bereitete ich die Abschlussrechnung vor und in den Herbstferien das Budget.» So sei der Unterricht nie von seiner Nebentätigkeit tangiert gewesen. 24 Jahre amtete er zusätzlich zur Stelle als Primarlehrer auch als Gutsverwalter.
Walter Schoch ist ein Zahlenmensch. War es dieses Talent, das ihn zum Lehrerberuf gebracht hatte? «Eigentlich wollte ich nie Lehrer werden», sagt er. Er sei nahe der Station Embrach aufgewachsen und habe dort oft Züge beobachtet. Schon als Kind wollte er unbedingt zur Bahn. Doch in den 30er-Jahren sei es praktisch unmöglich gewesen, bei der SBB oder der Post eine Stelle zu erhalten, sagt Walter Schoch. Der Vater habe ihm den Traum deshalb schon in der Schulzeit wieder ausgeredet. Der Beruf ist das eine, die Freizeit das andere: Bald kannte Walter Schoch den Schweizer Fahrplan auswendig. «Als ich an der Aufnahmeprüfung für die Kantonsschule war, mussten wir einen Aufsatz schreiben», sagt er. Sogar das Thema hat er noch im Kopf: «Eile mit Weile».
Die anderen Schüler seien furchtbar nervös gewesen, denn niemand besass eine Uhr. «Keiner wusste, wie viel Zeit noch blieb – ausser mir», schmunzelt er. Denn der Prüfling konnte die Zeit anhand der in den Bahnhof ein- und ausfahrenden Züge bestimmen, die er vom Schulzimmer aus hörte.
… als auch in der Freizeit
Die Faszination für die Eisenbahn liess Walter Schoch nie los: In den 70er-Jahren habe er versucht, für die Schweiz einen Taktfahrplan zu erstellen. «Mir war ein Fahrplan von drei SBB-Angestellten in die Hände gekommen, die in ihrer Freizeit daran herumtüftelten», sagt er. Sein eigener Entwurf verschwand zwar in der Schublade, aber noch heute kennt er die meisten Verbindungen auswendig.
Ein befreundetes Paar, das mit dem Rollator unterwegs sei, müsse jeweils genau wissen, wann der Zug mit Niederflureinstieg fahre. Da könne er jeweils Auskunft geben, sagt Walter Schoch.
Nebst diesem Hobby legte er eine grosse Briefmarkensammlung an. Vor etwa zwei Jahren habe er sie allerdings verkauft. «Die Alben füllten ein ganzes Zimmer aus», sagt er. Für die Sammlung habe er gerade etwa das Geld erhalten, das er ursprünglich für die Alben alleine ausgegeben habe. Der Wert der Marken habe ihn allerdings nie interessiert. «Mir ging es um die Gliederung, das Sortieren», sagt Walter Schoch. Und einmal mehr erkennt man darin seine Liebe zur Ordnung.
Und noch ein Hobby pflegte Walter Schoch jahrzehntelang: das Singen im Männerchor Andelfingen. «Die kameradschaftliche Atmosphäre dort habe ich sehr genossen.» Sie wirkt bis heute nach: Zum 100. Geburtstag wird der Männerchor im Konradhof für Walter Schoch ein Ständchen geben.
Seit 35 Jahren in Pension
1988 wurde Walter Schoch pensioniert, zum Abschied erhielt er von den Kolleginnen und Kollegen einen modellierten Bahnwagen. 35 Jahre später lebt er mit seiner Frau Maya im Konradhof in Winterthur, auch sie ist schon über 90 Jahre alt. Der Wagen steht gut sichtbar vor der Wohnung der Schochs.
Obwohl der ehemalige Lehrer sagt, es dauere manchmal etwas, bis ihm «der Staub von der Diskette kommt», spielt er mit zwei Kollegen vom Lehrerturnverein jede Woche Skat. Und gemeinsam mit seiner Frau löst er regelmässig die Worträtsel in der «Andelfinger Zeitung». «Das sind die besten Seiten», sagt er. Ausflüge können die beiden nicht mehr so oft machen, obwohl seine Frau das gerne täte. Aber mittlerweile bräuchten sie beide zum Gehen eine Stütze.
Heute, am 29. August, beginnt Walter Schoch sein 101. Lebensjahr. Was ist das Geheimnis seiner Gesundheit? «Glück», sagt er bescheiden.