Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03197.jsonl.gz/578

Das Volk der Tocharer und das mächtige Kushan-Reich
Tocharer
Vor 4’000 Jahren setzte in drei Wellen die Emigration der indoeuropäischen Stämme aus Zentraleurasien nach Europa, den Mittleren Osten, Indien und China ein.Die erste Welle begann Ende des dritten Jahrtausends vor Christus. Die dritte Welle erfolgte Ende des zweiten oder zu Beginn des ersten Jahrtausends vor Christus. Am Anfang des ersten Jahrtausends vor Christus war der grösste Teil von Eurasien Indo-Europäisiert.
Jene Indoeuropäer, die am weitesten emigrierten, warendie Angehörigen der ersten Welle. Es waren dies dieVorfahren der Tocharer und der Anatolier (Hethiter). Die Tocharer (die Chinesen bezeichneten sie als Yüeh-chih) liessen sich am Ende des dritten und zu Beginn des zweiten Jahrtausends vor Christus im Altai, in der heutigen Gansu-Provinz Chinas und im östlichen Tarim-Becken (Taklamakan-Wüste) nieder. Die Sprache de Tocharer soll gewisse Gemeinsamkeiten mit jener der Anatolier, den Vorfahren der Hethiter, aufgewiesen haben.
Die Angehörigen der ersten Welle waren berittene Bogenschützen, die zuerst als Söldner den nicht-indoeuropäischen Ansässigen dienten und später diese unterwarfen. Ihre Kleider waren aus Wolle gewoben. Sie betrieben Pferde-, Vieh-, Schaf- und Kamelzucht.
Hellhaarige Mumie (Tocharer) aus Loulan (Taklamakan-Wüste) (vor 3′800 Jahren)(Provinzmuseum von Urumqi, Xinjiang) (2014) (A.S.)
Mutter und Kind indoeuropäischer Tocharer, vor 3’000 Jahren (Grabfeld von Zhakunluoque(Taklamakan-Wüste)) (2014) (A.S.)
Während Jahrhunderten herrschte das Reitervolk der Tocharer über die Steppen der westlichen Mongolei(Altai). Ausgelöst durch Herrschaftskonflikte wurden die Tocharer (Yüeh-chih) 133-132 vor Christus durch ihreVasallen, die Hsiung-nu – vermutlich ein Volk turkmongolischer Herkunft – besiegt und aus dem Altai und dem Gansu nach Baktrien und Sogdien vertrieben.Die Tocharer stiessen dort auf das Griechisch-Baktrisches Königreich, das 256 vor Christus durch den Makedonen Diodotos I. beim beginnenden Zerfall des Seleukidenreiches gegründet worden war. Sie stürzten die Herrschaft der Griechen und eroberten Baktrien und Sogdien (heute Usbekistan, Turkmenistan und Afghanistan). Bis ins 1. Jahrhundert existierte nach dieser Verdrängung über Gandhara und dem Punjab noch ein Indo-Griechische Königreich.
Reich der Kushan
Unter Führung des Stammeskönigs der Kushan, KujulaKadphises, wurden die fünf Stämme der Tocharer (Yüeh-chih) 30 nach Christus zu einem einzigen Reich vereinigt. Die Kushan errichteten in Baktrien und Sogdien auf den Fundamenten der griechischen Städte grossartige Städte und Festungen. Die heutige RuineAyaz Kale in Usbekistan ist Zeuge für ihre Baukunst.
Ayaz Kale, Stadt und Festung der Kushan in heutigen Usbekistan (2007) (A.S.)
Ayaz Kale, Wehrgang (2007) (A.S.)
Ayaz Kale Vorwerk (2007) (A.S.)
Ayaz Kale Vorwerk (2014) (A.S.)
Schrittweise dehnten die Kushan nach der Eroberung von Gandhara ihr Reich ins Industal. In Baktrienübernahmen sie die hellenistische Kultur. Bis zur Herrschaft des Kaisers Kanishka I. (Regierung 127-150 nach Christus) setzen sie das griechische Alphabet für ihre Sprache ein. Religiös waren sie sehr tolerant. Alle Religionen wie das Griechentum, den Buddhismus, Zoroastrismus und Hinduismus wurden praktiziert. Die Schädel der adligen Kinder wurden künstlich deformiert.
Bestattung der Kushan (künstlich deformierter Schädel eines Adligen) (Museum in Samarkand, Usbekistan,2014) (A.S.)
Auf dem Höhepunkt erstreckte sich ihr Reich vom Industal (einschliesslich des heutigen Baluchistan) über das heutige Afghanistan, Tadjikistan, Kirgistan, Turkmenistan und Usbekistan bis zum Aral-See. Die Sommerresidenz der Herrscher war Bagram im heutigen Afghanistan und die Winterresidenzen waren Purushapura (heute Peshawar) und Taxila im heutigen Pakistan. Das Kushan-Reich kontrollierte die Seefahrt im Arabischen Meer und den Handel über die Seidenstrasse im Tarim-Becken. Bei der Eroberung ihrer heimatlichen Siedlungen im Tarim-Beckenscheiterten die Kushan in Gefechten mit den Chinesen.Ihren kulturellen Einfluss im Tarim-Becken blieb aber bestehen. Die Handelsbeziehungen der Kushan erstreckte sich bis nach Rom und China.
Nach dem Tod des letzten Kushan-Kaisers, Vasishka(247-267), zerfiel das Reich in einen westlichen und in einen östlichen Teil. Der westliche Teil wurde durch den Sassaniden-Herrscher Shapur I. (240-270) erobert. Der östliche Teil, das als kleines Kushan-Reich weiter existierte, wurde im 5. Jahrhundert durch die Hephthaliten, den weissen Hunnen erobert.
Kaiser Kanishka I.
Unter Kaiser Kanishka I., den Grossen, erreichte das Reich seinen Zenith. Kanishka dürfte in Khotan, der alten Königsstadt der Tocharer im Tarim-Becken, geboren sein. Nach seiner Thronbesteigung ersetzte er als Amtssprache das Griechische durch das Baktrische. Eines seiner geopolitischen Ziele war die Kontrolle der Handelsrouten von Südasien nach Rom über das Meer und die «Seidenstrasse». Seine Eroberungsfeldzüge über den Oxus (Amu Darya) und nach Indien wurdendurch dieses Ziel bestimmt. Sein Herrschaftsgebiet umfasste auch Kaschmir. Seine Münzen weisen auf die Verschmelzung der griechischen Kultur mit derbaktrischen Tradition. In seinem Reich war er um die Verbreitung des Buddhismus bemüht. Kanishka, ursprünglich ein Choleriker, wurde durch seineKonvertierung zum Buddhismus ein abgeklärter Herrscher. Unter seiner Leitung fand der 4 buddhistische Kongress statt.
Buddhismus der Kushan (Kabul 1990) (A.S.)
Als gläubiger Buddhist liess Kanishka bei Purushapura(das heutige Peshawar) ein grosser Stupa (180-210 Meter hoch) errichten. Buddha wurde als «ShakyamuniBuddha» mit einem Umhang stehend dargestellt. Aufgrund seiner Bemühungen und Führung wurde der Mahayana-Buddhismus von Gandhara über das Karakorum-Gebirge und das Tarim-Becken nach China verbreitet.
Stupa in der Stadt Miran (existierte bis zum 3. Jahrhundert n. Chr.) in der Taklamakan-Wüste(2014) (A.S.)
Viele Buddha– und Bodhisattva-Statuen im indischen Subkontinent sind unter der Herrschaft von Kanishkaentstanden. Er wird heute noch durch Buddhisten als einer der grössten Förderer des Buddhismus und als «König der Könige» bewundert.
Jiaohe (Yarkhoto) Stadt der Tocharer mit Buddha-Nischen im Tarim-Becken) (2. Jahrhundert v.Chr. – 13. Jahrhundert) (2014) (A.S.)
Missionierung des Buddhismus
Die Verbreitung des Buddhismus in China wurde durch verschiedene Missionare und Mönche betrieben. Zu diesen gehörten der Kushan-Mönch Lokaksema (178 nach Christus) und der Gelehrte Kumârajîva (344-414 nach Christus). Kumârajîva war der Sohn einer tocharischen Prinzessin. Er übersetzte die buddhistischen Schriften aus dem Sanskrit ins Chinesische und wurde zu einem der bedeutendsten Missionare des Buddhismus in China.
Statue von Kumârajîva (344-413) in Wuwei (2020)(A.S.)
In Vergessenheit
Auch nach dem Untergang des Kushan-Reiches existierten unter der Vorherrschaft Chinas im Tarim-Becken weiterhin kleine Stadtstaaten der Tocharer, sodie Stadt Jiaohe. Diese Stadt wurde erst im 13. Jahrhundert nach der Eroberung durch Dschingis Khanverlassen. Durch die Invasion der türkischen Uiguren im 7. und 8. Jahrhundert gingen viele dieser Stadtstaaten unter oder verloren mindestens unter der Herrschaft der Uiguren ihre Unabhängigkeit. So gerieten das Volk der Tocharer und ihr grosses Kushan-Reich für Jahrhunderte in Vergessenheit.