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Diesen Pass wollte ich schon seit sehr langer Zeit abfahren. Vor sehr, sehr vielen Jahren schaute ich damals noch in Berlin lebend einen Film, der den Bau des Simplon-Eisenbahntunnels beschrieb. Bitte fragen Sie mich nicht, welchen Titel dieser Film trug, wann er von wem produziert wurde – ich kann mich bei bestem Willen nicht mehr daran erinnern! Aber mir blieben Bilder im Kopf, von den Mühen der Bauarbeiten am Simplontunnel, die vorwiegend, wenn nicht ausnahmslos von billigeren italienischen Tunnelbohrern durchgeführt wurden . Viele Jahre später folgend sah ich einen anderen Film, eine Dokumentation. Zu jenem Zeitpunkt lebte ich bereits in der Schweiz. Diese Dokumentation beschrieb den Weg der Italiener auf dem Weg aus ihrem Heimatland in die Schweiz, in manchen Fällen sogar noch viel weiter über die Schweiz hinaus. Bis nach Berlin, meiner Geburtsstadt. Sowohl jener Kinofilm, als auch jene Dokumentation hinterliessen sehr viele Bilder in meinem Kopf. Eines davon war eine kurze Filmsequenz aus jener Dokumentation, in welcher eine vierköpfige Familie am Rande der Strasse des Simplonpasses auf einem mitgebrachten Kocher die Hauptmahlzeit jenes Tages zubereitete. Wenn ich mich recht entsinne, sind jene Aufnahmen zu Beginn der 50er-Jahre dort entstanden, wo ich heute zum ersten Male entlang gefahren bin: Dem Simplon-Pass, dem Passo del Sempione. Migration – was für ein grosses Wort! Am Simplonpass kann man erahnen, was es für die Menschen bedeutet haben muss, ihre Heimat zu verlassen, um in der Ferne vielleicht mehr Glück zu finden: Die Italiener, denen das Glück nicht so hold war, wie vergleichsweise anderen, die aber die Mut besassen, neue, unbekannte Wege zu gehen. Über den Simplon sind sehr, sehr viele Schicksale gegangen! Ist der Gotthardpass wohl der Schweizerischste Pass aller Schweizer Pässe, so ist der Passo del Sampione wohl der italienischste aller Schweizer Pässe.
Über den Pass an sich gibt es wenig zu berichten. Erst um 1650 herum baute der Grosshändler Kaspar Stockalper den Trampelpfad über das Gebirgsmassiv zwischen den Walliser Alpen und der Leone Gruppe in Italien aus, um den Handel vorwiegend mit Salz effektiver zu gestalten. Dieses einstmals kostbare und seltene Gut wurde damals mit Maultieren transportiert. Man mag es kaum glauben: Sogar bis in das 20. Jahrhundert hinein! Somit war der Simplon lange Zeit nur von regionaler Bedeutung. Erst 1801 stieg dieser Pass in seiner Bedeutung auf, als Napoleon Bonaparte – DER Napoleon – die bereits vorhandenen Wege ausbauen liess, um Europa (oder das, was ihn davon interessierte…) schneller zu erobern. Es war auch eben jener Napoleon, der den Bau des Hospizes in der Nähe der Passhöhe in Auftrag gab, welches bis zum heutigen Tage dort zu sehen und in Betrieb ist. 1910 wurde diese Region erstmalig mit einem Motorflugzeug überflogen. Was heute vollkommen normal ist, war seinerzeit noch eine Pionierleistung. Noch nie stieg zuvor ein Motorflugzeug derart hoch auf! Erst im zweiten Weltkrieg sollte der Pass die Bedeutung erhalten, die bis zum heutigen Tage noch an sehr vielen Stellen überdeutlich sichtbar ist. Wie ein Bollwerk, eine unüberwindbare Trutzburg erscheint dieser Pass! Zahlreiche zuweilen nur sehr schwer zu entdeckende Festungsanlagen und Bunker sollten seinerzeit verhindern, dass das faschistische Italien in die neutrale Schweiz einmarschiert. Ich habe einen guten Blick für derartige Relikte, aber am Simplon bin ich dann doch nochmal „auf die Welt gekommen“, wie „man“ das so schön umgangssprachlich ausdrückt. Das wohl unübersehbare „Prunkstück“ dieser Anstrengungen von einst ist der übergrosse Steinadler, gefertigt aus relativ grob bearbeiteten Steinen, der in der Nähe der Passhöhe über allem thront. Seinem Blick entging und entgeht nichts (die Baumeister jener Zeit haben den einzig richtigen Ort für jenes Denkmal gewählt!). In Richtung zur Grenze zu Deutschland sucht man solche Konstrukte vergebens. Aber der Pass hat noch etwas ganz anderes „zu bieten“. Ich bin nun schon ein paar Male zwischen der Schweiz und Italien hin und her gefahren. Aber bisher ist mir der Unterschied zwischen der Europäischen Union und der Schweiz noch nie derart offensichtlich begegnet. Für Schweizer Verhältnisse waren und sind gewisse Bergregionen auch um den Simplon herum gemessen an den sonst üblichen Schweizer Verhältnissen als „arm“ einzustufen. Aber was mir in Italien begegnete, das war ein Bild des Jammers! Überdeutlich sichtbarer Zerfall. Auf eine nicht enden wollende Unendlichkeit hinaus gedehnt. Ohne Ausnahme! Ich habe nicht erwartet, zum Beispiel auf ehemalige Wohnhäuser treffen zu müssen, die ich eher in Katalonien vermutet hätte! Eingestürzte Dächer, abgebrochene Balkone, leere Fensterhöhlen. Sogar die wenigen Industrieanlagen in dieser Region sehen aus, als würden sie jeden Moment in sich zusammen fallen.
Wie bereits vielleicht zu erahnen, verbindet dieser Pass nicht nur zwei Ortschaften, sondern auch zwei Staaten. Denken Sie bitte einfach in Ihrem eigenen Interesse daran, entsprechende Unterlagen mit zu nehmen, wenn Sie gedenken sollten, diesen Pass zu befahren. Beamte können zuweilen sehr „unentspannt“ sein… Aus Motorrad-Sicht ist dieser Pass wenig bis gar nicht spannend, abgesehen von zwei bis vier einigermassen anspruchsvollen Haarnadelkurven gibt es hier nix. Der Pass kann sehr zügig befahren werden (deswegen trifft man hier auch auf alle erdenklich möglichen Typen von Zweirädern). Auf diesem Pass bedarf es bestenfalls eines gewissen Reaktionsvermögens – und Geduld! Der Simplon ist für meine Begriffswelt eher eine Schnellstrasse, denn ein „typischer“ Alpenpass. Hier trifft man nicht nur auf Wohnmobile, sondern sogar recht häufig auf vollwertige Sattelschlepper. Nichts auf dieser Welt ist für einen Motorrad-Fahrer „erotischer“, als über Kilometer hinweg sich selbst die Frage zu stellen, was wohl jene kryptisch anmutenden Bezeichnungen auf der Rückseite des Containers vor der eigenen Nase bedeuten mögen. Aber zumindest hat dieser Pass sehr viele wirklich eindrucksvolle Landschaftsansichten zu bieten! Zwischen Brig und der Passhöhe gibt es noch zahlreiche Möglichkeiten, dass eigene Fahrzeug abzustellen und die eigenen Eindrücke einzufangen, danach wird es schon sehr schnell mager, auf italienischer Seite sucht man Rastplätze vergeblich. Und noch etwas: Der Strassenzustand auf italienischer Seite ist bestenfalls als „erbärmlich“ zu bezeichnen und bei schlechten Wetterverhältnissen sicherlich keine Freude für Motorrad-Fahrer.Pässe