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Wieder und wieder nimmt der «Blick» das Thema auf. Als Didier Burkhalter überraschend aus dem Bundesrat zurücktrat und das Tessin seinen Anspruch auf den Sitz in der Landesregierung anmeldete, war Christian Dorer, der Chefredaktor der Blick-Gruppe, mit einer Empfehlung zur Stelle: Die FDP des Südkantons sollte auf keinen Fall nur Nationalrat Ignazio Cassis nominieren. Mit einem Einervorschlag riskiere die Tessiner FDP, dass sie leer ausgehe.
Der Vorstand der Kantonalpartei nominierte Mitte Juli trotzdem nur Cassis. Der «Blick» war nicht amüsiert. «Tessiner erpressen die Schweiz», lautete die Schlagzeile des Boulevardblatts. Es tröstete sich damit, dass die Delegierten der Tessiner FDP die Vorgabe am 1. August an ihrer Versammlung korrigieren und ein Zweier- oder Dreierticket beschliessen könnten.
Chefredaktor Dorer wunderte sich, dass der Parteivorstand der FDP den «aufstrebenden Liberalen Christian Vitta» übergangen hatte. Vitta ist seit zwei Jahren Finanzdirektor des Kantons Tessin; zuvor war der 44-jährige Ökonom während vieler Jahre Gemeindepräsident und Mitglied des Kantonsrats. Er ist 12 Jahre jünger als Cassis und damit nach Ansicht Dorers «der Vertreter einer neuen Politikergeneration - ähnlich wie Emmanuel Macron in Frankreich oder Sebastian Kurz in Österreich.»
Da lebt im Süden des Landes ein politisches Ausnahmetalent, dem französischen Präsidenten ähnlich - und niemand merkt’s? Dorer legt sich weiter ins Zeug und verfasst einen Kommentar, der den Titel «Aus Liebe zum Tessin» trägt. Die Zuneigung zum Kanton offenbart sich in einer Empfehlung: Es gibt dort einen «aufstrebenden Regierungsrat». Es handelt sich um den bereits erwähnten «aufstrebenden Liberalen».
Cassis und Vitta - das wäre eine echte Auswahl, meint Dorer. «Ein Älterer und ein Jüngerer, einer mit Bundesbern- und einer mit Regierungserfahrung, einer ohne und einer mit drei kleinen Kindern, einer aus dem Sotto- und einer aus dem Sopraceneri, ein Arzt und ein Vertreter der Wirtschaft, ein Major und ein Soldat.»
Warum müht sich der «Blick» ab, einen Regierungsrat mit nur zweijähriger Amtszeit in den Bundesrat zu schreiben? Im Medienunternehmen Ringier gibt die Kampagne zu reden. Manche vermuten, Frank A. Meyer, emeritierter Chefpublizist des Hauses, wolle den Bundesrat davor bewahren, einen prononcierteren Rechtskurs einzuschlagen. Vitta steht weniger weit rechts als Cassis. Andere verweisen auf einen Freund Meyers, Marco Solari.
Solari war stellvertretender Konzernchef von Ringier und ist Präsident des Filmfestivals von Locarno. Er stellte Vitta den Ringier-Journalisten vor und nahm den Tessiner Regierungsrat in Zürich unlängst auch in den Rotary-Klub mit, damit dieser Kontakte zu Zürcher Persönlichkeiten knüpfen konnte. Solari erwies Vitta also einen Gefallen. Tat er es, weil sich der Politiker im Tessiner Grossen Rat für eine Erhöhung der Subvention für das Filmfestival einsetzte? Sie stieg 2015 von 2,5 auf 2,8 Millionen Franken pro Jahr.
Solari sagt, diese Frage sei hoffentlich nicht ernst gemeint. Vitta habe ihn angefragt, ob er ihn mit Zürcher Persönlichkeiten bekanntmachten könne. Das habe er getan, weil er in all seinen beruflichen Funktionen Brücken zwischen den Landesteilen baue. «Meine Position bezüglich Cassis, Vitta und auch Sadis ist absolut neutral - Hauptsache, das Tessin bekommt nach 18 Jahre Pause wieder einen Bundesrat.» Am kommenden Dienstag zeigt sich, ob der Einsatz des «Blicks» für den Tessiner Macron etwas bewirkt.