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Der französische Künstler Laurent Grasso hat für die Ausstellung im Kunsthaus Baselland eine Reihe von neuen Arbeiten entwickelt und zusammen mit einigen bestehenden eine Gesamtkonzeption erstellt, die u.a. auf Ereignisse und Vorkommnisse in der Schweiz und Basel zurückgreift.
Laurent Grasso ist in den letzten Jahren kontinuierlich zu einem der erfolgreichsten Gegenwartskünstler avanciert. Seine Einzelausstellungen im Jeu de Paume, Paris (2012), im Musée d’art contemporain in Montréal (2013), im Bass Museum, Miami (2011), im Hirschhorn Museum in Washington (2011) und in vielen anderen bezeugen dies auf eindrucksvolle Weise.
Laurent Grassos Werk, das verschiedene mediale Formen annehmen kann und Videos, Malerei, Fotografie, Neonarbeiten, Skulptur und Architektur beinhaltet, ist von einer stark narrativen Komponente geprägt. Die aufgegriffenen Themen basieren auf wissenschaftlichen Beobachtungen, Astronomie, menschlichen Urängsten, Aberglauben, Science Fiction und Mythologien. Sein neuester Film Uraniborg (2012) beispielsweise handelt vom gleichnamigen Palast auf der Insel Ven, zwischen Dänemark und Schweden gelegen, in welchem der Astronome Tycho Brahe zwanzig Jahre lang die Sterne und Planetenbewegungen studierte. Der Palast mit zahlreichen Öffnungen zur Himmelsbeobachtung war damals das grösste Observatorium in Europa. Der Film nimmt eine dokumentarische Haltung ein und versucht, dem nachzuspüren, was von Brahes Wirken übrig blieb, wobei ein Voice-Over die nicht mehr existierende Architektur in das Bild zurück bringt. Auch Specola Vaticana (2012), eine Reihe von Fotografien, belegt astronomische Forschungen, wobei diesmal der Vatikan als auftraggebendes Organ ebenso wieals forschende Einrichtung im Vordergrund steht. Bekannt ist der Fall Galileo Galileis, der als Naturwissenschafter, Mathematiker und Philosoph ein eigenes Fernrohr konzipierte, das u.a. ermöglichte, die Mondoberfläche und die Strukturen der Milchstrasse zu erkennen. Galilei, der vom Vatikan eine Zeit lang sehr geschätzt wurde, stürzte in seinem Ansehen, als er aufgrund seiner Forschungsergebnisse den damaligen Glauben an das geozentrischen Weltbild als falsch bezeichnete und statt dessen die heliozentrische Weltsicht begründete. Die Bromsilber-Fotos zeigen historische Momente, in denen der Papst und seine Gelehrten selbst durch das Fernrohr blicken — Momente, in denen die Vertreter des Glaubens und jene der wissenschaftlichen Forschung zusammenfanden.
Ein wichtiges Charakteristikum im Werk Grassos ist der Einsatz unterschiedlicher Zeitlichkeiten, die oft in einem einzelnen Werk aufeinander treffen können. In seiner Serie der so genannten Studies into the Past rezitiert Grasso einzelne Elemente aus seinen eigenen filmischen Werken in Ölmalereien, die in der Manier des 16. Jahrhunderts von Restauratoren des Louvre gemalt werden. Sein bekannter Film Projection (2005), bei welchem sich ein dichtes und massives Wolkengebilde durch die Strassen von Paris wälzt, findet so beispielsweise Widerhall in einer Ölmalerei, wobei die im Film gezeigten Strassen von Paris durch mittelalterliche Strassen ersetzt werden. Grasso manipuliert Zeitlichkeiten und bringt einen historischen Beleg — in Form von Malerei — ein, der vorgibt als Inspiration für den Film gedient zu haben. «The phenomena present in my videos replace the religious phenomena usually present in the history of painting. It’s a way of reconstructing history and and the past by creating a false historical memory.» (L.G.)
In einer Reihe von neuen Werken fokussiert der Künstler auf Katastrophen und Wunder. In Bildern mit einem breiten Messingrahmen erzählen jeweils eine Jahreszahl, eine Inschriftplatte und eine Malerei von verschiedenen Vorkomnissen: Das Basler Erdbeben von 1356 galt als eines der stärksten in der Schweiz, das zahlreiche Todesopfer forderte und auch Teile des Basler Münsters zum Einsturz brachte. Der darauf folgende Brand steigerte die Zahl der Toten und den Schaden noch weiter. Ein weiteres Bild greift das Erdbeben von 1456 in Neapel auf. Ein Tsunami am Vierwaldstättersee in Luzern wurde 1601 ausgelöst, als zahlreiche Erdbeben die unteren geologischen Schichten des Sees in Bewegung versetzten. Die Flutwellen waren bis zu vier Meter hoch, warfen Schiffe aus dem See und überfluteten die umgebende Region. Diesen Katastrophen gegenüber steht ein Werk, das sich auf das Wunder von Fatima bezieht. Im Jahre 1917 wollen drei Hirten eine Erscheinung der Mutter Gottes gesehen haben. Für Grasso steht dieses Wunder, für das es keine wissenschaftliche Beweise gibt, in einer Reihe mit Ereignissen, die in der Geschichte immer wieder kreiert wurden, um einen Apparatus der Kontrolle und Macht am Leben zu erhalten.
Die Ausstellung im Kunsthaus Baselland greift auch architektonisch die Idee einer Reise durch verschiedene Zeiten, Themen und geschichtliche bzw. pseudo-geschichtliche Momente auf. Wie in einer Zeitreise erleben wir die Wirkung von Wunder und Desaster, von mystischen Überlieferungen und die Wirkungen von Aber- und Irrglauben. Grasso führt uns an die Grenzen von Realität und Fiktion, Glauben und Wissen. Wir tauchen in ein Labyrinth ein und verlassen es sicherlich anders als wir es betreten haben.
Text von Sabine Schaschl
Die Ausstellung wurde grosszügig unterstützt von Peter und Adelaida Sutter-de Vries.