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Politische Gemeinde FR, Broyebezirk, seit 2012 mit Font. E. liegt am südl. Ufer des Neuenburgersees auf einer Höhe von 430 bis 460 m und bildet als Bezirkshauptort das regionale Verwaltungs- und Wirtschaftszentrum. 1156 Stavaiel, 1228 Estavaier; dt. früher Stäffis am See. 1850 1'323 Einw.; 1900 1'636; 1950 2'452; 2000 4'437.
Die in der Nähe des Hafens La Tuillère gelegene Seeufersiedlung E. I aus der Jungsteinzeit (4. und 3. Jt. v.Chr.) wurde bereits 1857 erforscht. 1969 erfolgten anlässlich grösserer Erdbewegungen und Bauarbeiten weitere Teilgrabungen. Aus der späten Bronzezeit (11.-9. Jh. v.Chr.) stammen zwei Fundstätten: Pianta II, für die Hinweise seit 1860 vorliegen, und die Station II, auch Ténevières genannt, die ab 1856 erwähnt und 1878-79 ausgegraben wurde. Leider wurden die meisten der im 19. Jh. entdeckten Seeufersiedlungen systematisch von Antiquitätenliebhabern geplündert; das Material ist heute auf mehrere Museen im In- und Ausland verteilt. Qualität und Quantität der Fundstücke belegen, dass sich Anfang des 1. Jt. v.Chr. ein lokales Handwerk entwickelt hatte und dass die Bronzehandwerker dieser Epoche Nadeln, Reifen und Messer in grösseren Stückzahlen gossen, die wohl mehrheitlich für den Tausch bestimmt waren. Die Pfahlbaudörfer an den Uferzonen in E. wurden um 850 v.Chr. aufgegeben. Der bemerkenswerte hallstattzeitl. Dolch aus Eisen, der zwischen 650 und 550 v.Chr. angefertigt wurde, ist nicht einer bestimmten Pfahlbausiedlung zuzuordnen, sondern war wahrscheinlich eine Opfergabe. Die in den 1950er Jahren im Neuenburgersee zufällig gefundene Schmuckwaffe ist eines der besterhaltenen und technisch geglücktesten Beispiele eines Antennendolchs. Der Dolch besteht aus 30 geschmiedeten Elementen, die vernietet wurden. Die Scheide ist aus 25 Stücken zusammengesetzt und verschweisst. Während der frühen Eisenzeit (800-450 v.Chr.) lagen die grössten Siedlungen auf Anhöhen oder befestigten Hügeln. Auch das Gebiet La Motte Châtel im Herzen des heutigen E. dürfte - dies lassen die dort gefundenen Keramikscheiben vermuten - seit frühgeschichtl. Zeit bewohnt gewesen sein.
Autorin/Autor: Denis Ramseyer / AL
Die Anfänge der Stadt E. liegen im 12. Jh. Aus der engen Bindung der nachmaligen Stadtherren der Hochadelsfam. von Stäffis (franz. d'Estavayer) an die Bf. von Lausanne kann man auf eine bischöfl. Gründung im 12. oder 13. Jh. schliessen; die ersten Bürger werden allerdings erst 1291 erwähnt. Die ma. Geschichte der Stadt ist eng mit derjenigen ihrer Stadtherren verknüpft: Bis ins 13. Jh. spalteten sich die Herren von Stäffis in drei Zweige auf, die je eine Burg in der Stadt besassen und über einen Teil der Bürger Herrschaftsrechte ausübten, die Stadtherrschaft jedoch gemeinsam wahrnahmen. Auf die lehnsrechtl. Abhängigkeit vom Bf. von Lausanne folgte 1244 die Unterwerfung der Herren von E. unter die Gf. von Savoyen. Von diesem Zeitpunkt an spielte die Ausrichtung auf die savoy. Waadt eine wichtige Rolle für die Stadt, insbesondere nach 1349, als Wilhelm IV. von Stäffis seinen Herrschaftsteil an Isabelle von Chalon, Herrin der Waadt, verkaufte. Als Residenzort des savoy. Kastlans war E. der administrative Mittelpunkt der gleichnamigen Kastlanei. 1403-1535 entsandte E. Vertreter an die meistens in Moudon stattfindenden Ständeversammlungen. Diese Vertretung galt auch in der Zeit Humberts von Savoyen, der 1421-43 eine Teilherrschaft besass. Nach dessen Tod fiel E. wieder an den Hzg. von Savoyen. Im Vorfeld der Burgunderkriege wurde der Ort von den Eidgenossen belagert und am 27.10.1475 erobert, wobei die Stadtbevölkerung schwere Verluste erlitt. Über den Erwerb von Pfandschaften gelang es Freiburg, sich Herrschaftsrechte in E. zu verschaffen; 1488 wurde ein freiburg. Kastlan in Schloss Chenaux eingesetzt. Nachdem Freiburg 1536 einen weiteren Herrschaftsteil annektiert hatte, wurde die savoy. Kastlanei in eine freiburg. Landvogtei umgewandelt. Der Landvogt war gleichzeitig Schultheiss der Stadt und stand dem Rat vor. Nach dem Tod des letzten Herrn von Stäffis 1632 zog Freiburg 1635 den Rest der Herrschaft an sich und wurde alleinige Stadtherrin. Ende der Helvetik kam E. zum Broyebez. und wurde dessen Hauptort.
In der Rechtsprechung galt ab dem SpätMA das Gewohnheitsrecht von Lausanne, bis die Freiburger Obrigkeit 1671 für E. einen eigenen Coutumier erliess. In den Freiheiten von 1350, die Isabelle von Chalon gewährt hatte, ist bereits von einem Rat die Rede. Im 15. Jh. bestand dieser aus den Stadtherren bzw. deren Kastlanen, dem sog. Gubernator und 18 Bürgern, je sechs aus den drei Teilherrschaften. Nach 1536 setzte sich der Rat aus dem Schultheissen, dem Gubernator, zwölf Räten und sechs (ab 1576 drei) Adjunkten (adjoints) zusammen, die ab 1590 Venner (bannerets) hiessen. Die Räte wurden von der Bürgerversammlung auf Vorschlag der Stadtherren bzw. des Schultheissen ernannt, ebenso die wichtigsten Amtsträger der Stadtverwaltung (Gubernator, Ratsschreiber, Weibel, Spitalverwalter). Der Pfarrer, die Mitglieder des Klerus und die Inhaber der niederen Ämter wurden vom Rat gewählt. Durch die Schaffung einer kleinen bzw. minderen Bürgerschaft ohne Zutritt zu den wichtigen Ämtern schloss sich die alte Bürgerschaft 1715 nach unten ab. Diese Strukturen hielten sich bis zum Ende des Ancien Régime. Vom polit. Selbstverständnis der Stadtgemeinde zeugen die erhaltenen spätma. Stadtmauern und Stadttore.
Die 1228 erstmals erwähnte, vermutlich frühma. Pfarrei E. gehörte zum Dekanat Avenches; der Bf. von Lausanne verfügte über die Patronatsrechte. An der Pfarrkirche St. Laurentius bildete sich im 14. Jh. eine Klerikergemeinschaft. Zwar kam es nie zu einer formellen Stiftsgründung, doch wurde der Klerus 1432 durch den Rat und den Stadtherrn Humbert von Savoyen zur Einrichtung eines stiftsähnl. Gottesdienstes gemäss dem Lausanner Marienoffizium gezwungen. Der Neubau der Pfarrkirche ab ca. 1440, die Anschaffung eines prächtigen Chorgestühls 1521-25 und der Erwerb von vier Antiphonarien aus dem Berner Vinzenzstift 1530 bezeugen den Repräsentationssinn der Bürgerschaft im religiösen Bereich. 1512 wurde die Pfarrei Carignan inkorporiert, 1522 die Pfarrei Lully. Wilhelm von Stäffis, Archidiakon von Lincoln, gründete 1316 ein Dominikanerinnenkloster, das heute noch besteht. Im Chor der Klosterkirche wurde 1443 Humbert von Savoyen beigesetzt. Als wichtigste zeitweilige Niederlassungen anderer Orden sind die Minimen (1622-1728) und Jesuiten zu nennen; dazu kamen verschiedene kath. Bildungsinstitutionen (Jesuitenkollegium 1827-47). Bis heute überwiegt in E. die kath. Bevölkerung.
Bis zur Industrialisierung wurde in E. v.a. Futter- und Getreidebau betrieben. E. bildete zudem als Markt das wirtschaftl. Zentrum der Landvogtei bzw. des Bezirks. 1777 eröffnete die Indiennefabrik Fabrique-Neuve de Cortaillod in E. eine Niederlassung. Bis Ende des 18. Jh. waren jährlich rund 100 Stoffmalerinnen, v.a. junge Frauen vom Land, beschäftigt. Vor dem 1. Weltkrieg siedelten sich Betriebe der Nahrungsmittelindustrie an. Die wichtigsten Betriebe sind heute in den Bereichen Lebensmittel (Konserven) und Tabakverarbeitung sowie Holz- und Metallverarbeitung angesiedelt. Mit der Sekundarschule und dem Bezirksspital, das 1999 mit dem Spital von Payerne zum Hôpital intercantonal de la Broye fusionierte, nimmt die Stadt weitere Zentrumsfunktionen wahr. Dank des intakten hist. Stadtbildes und der Nähe zum See spielt der Tourismus ebenfalls eine gewisse Rolle. Verkehrsmässig wird der Ort durch die Hauptstrasse Payerne-Yverdon, die Eisenbahnlinie Payerne-Yverdon (1877) und die A1 (Autobahnteilstück 2001 eröffnet) erschlossen.
Autorin/Autor: Stefan Jäggi