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| Johannes von Damaskus († 750) - Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens (Expositio fidei)

Zweites Buch
XXII. KAPITEL. Vom Leiden (Pathos) und Wirken.
Das Wort Pathos (Leiden) hat mehrfache Bedeutung. Man bezeichnet damit das körperliche Leiden, wie die Krankheiten und die Wunden. Ferner bezeichnet man damit das seelische Leiden, die Begierde und den Zorn. Allgemein oder generell ist es Leiden (untätiges Verhalten) eines Lebewesens, dem Freude oder Trauer folgen. Es folgt nämlich dem Leiden Trauer, und nicht das Leiden selbst ist die Trauer. Denn das Empfindungslose leidet zwar, hat aber trotzdem keinen Schmerz. Nicht das Leiden also ist Schmerz, sondern die Empfindung des Leidens. Es muß aber der Rede wert, d. h. groß sein, um unter die Empfindung zu fallen.
Eine Definition der seelischen Leiden ist folgende: Leiden ist eine empfindbare Bewegung des Bewegungsvermögens bei Vorstellung eines Gutes oder eines Übels. Oder anders: Leiden ist eine unvernünftige Bewegung der Seele infolge Vorstellung eines Gutes oder eines Übels. Die Vorstellung des Gutes also bewegt (erregt) das Verlangen, die Vorstellung des Übels jedoch den Unwillen (Zorn). Das generelle oder allgemeine Leiden aber wird so definiert: Leiden ist eine Bewegung in dem einen durch ein anderes. Tätigkeit aber ist eine wirksame Bewegung. Wirksam nennt man das, was sich aus sich selbst bewegt. So ist der Zorn eine Tätigkeit des zürnenden [Teils], Leiden aber [eine Tätigkeit] der beiden Teile: der Seele und überdies des ganzen Leibes, wenn er vom Zorn mit Gewalt zum Handeln getrieben wird. Denn die Bewegung findet in dem einen durch ein anderes statt. Das eben heißt Leiden.
Auch in anderer Hinsicht nennt man die Tätigkeit Leiden. Tätigkeit ist nämlich eine naturgemäße Bewegung, Leiden dagegen eine naturwidrige. Mit Rücksicht darauf heißt nun Tätigkeit Leiden, wenn sie sich nämlich nicht naturgemäß bewegt, sei es durch sich selbst, [S. 92] sei es durch ein anderes. Die Pulsbewegung des Herzens also ist, da sie natürlich ist, eine Tätigkeit. Die [Bewegung des Herzens] aber, die infolge der Erschütterung entsteht, ist, da sie ungemessen und nicht naturgemäß ist, Leiden und nicht Tätigkeit.
Allein nicht jede Bewegung des leidensfähigen (leidenden) Teiles heißt Leiden, sondern nur die stärkeren und zur Empfindung gelangenden. Die kleinen und unempfindbaren sind noch keine Leiden. Denn das Leiden muß auch eine der Rede werte Größe haben. Darum ist der Definition des Leidens beigefügt: eine empfindbare Bewegung. Denn die kleinen Bewegungen, die der Empfindung entgehen, bewirken nicht das Leiden 1.
Man muß wissen, daß unsere Seele zweierlei Kräfte hat, die erkennenden und die lebenstätigen. Die erkennenden sind: Einsicht, Überlegung, Meinung, Vorstellung, Wahrnehmung. Die lebenstätigen oder begehrenden sind: Wille und Wahl. Damit jedoch das Gesagte klarer werde, wollen wir darüber eingehend reden. Zuerst wollen wir von den erkennenden sprechen.
Von der Vorstellung und Wahrnehmung ist schon im Vorausgehenden genugsam die Rede gewesen. Durch die Wahrnehmung also bildet sich in der Seele ein Leiden, das Vorstellung heißt. Aus der Vorstellung aber entsteht eine Meinung. Die Überlegung sodann, die über die Meinung urteilt, ob sie wahr oder falsch ist, beurteilt, was wahr ist. Deshalb versteht man auch unter Überlegung das Überlegen und Beurteilen. Das Beurteilte und als wahr Bestimmte nun heißt Einsicht.
Oder anders: Man muß wissen, daß die erste Bewegung der Einsicht (νοῦς) [nous] Nachdenken (νόησις) [noēsis] heißt. Das Nachdenken über etwas nennt man Überlegung. Bleibt diese und gestaltet sie die Seele nach dem Gedachten, so heißt sie Beherzigung. Wenn die Beherzigung darin verharrt und sich selbst erforscht und die Seele mit dem Gedachten vertraut macht, so heißt sie Besinnung. Erweitert sich aber die Besinnung, so bewirkt sie die Erwägung, die innerliche Rede genannt [S. 93] wird. Diese definiert man als vollkommenste Bewegung der Seele, die sich in dem erwägenden Teile der Seele ohne eine Aussprache vollzieht, woraus, wie man sagt, die äußerliche, durch die Zunge gesprochene Rede hervorgeht. — Nachdem wir nun von den erkennenden Kräften gesprochen, wollen wir auch von den lebenstätigen oder begehrenden sprechen.
Man muß wissen, daß der Seele von Natur aus eine Kraft eingepflanzt ist, die das Naturgemäße begehrt und alles erhält, was der Natur wesenhaft zukommt. Sie heißt θέλησις [thelēsis] (Wille ═ das einfache, das schlechthinige Vermögen, zu wollen). Denn die Wesenheit begehrt nach dem Sein, dem Leben und der geistigen und sinnlichen Bewegung (Betätigung), indem sie nach ihrem natürlichen und vollkommenen Sein strebt. Deshalb definiert man auch dieses natürliche Wollen (θέλημα) [thelēma] so: θέλημα [thelēma] ist ein vernünftiges und lebenstätiges, nur am Natürlichen hängendes Begehren 2. Darum ist die θέλησις [thelēsis] das gleiche, das natürliche, lebenstätige und vernünftige Begehren nach allem, was zum Bestande der Natur gehört, ein einfaches (═ ein schlechthiniges) Vermögen. Denn das Begehren der vernunftlosen Wesen heißt, da es nicht vernünftig ist, nicht Wollen.
Βούλησις [Boulēsis] (Wille) aber ist ein bestimmtes natürliches Wollen (θέλησις) [thelēsis] oder ein natürliches und vernünftiges Begehren nach irgendeiner Sache. Es liegt nämlich in der Menschenseele die Kraft zum vernünftigen Begehren. Bewegt sich nun dieses vernünftige Begehren in natürlicher Weise auf eine Sache hin, so heißt es Wille (βούλησις) [boulēsis]. Denn Wille (βούλησις) [boulēsis] ist ein vernünftiges Begehren und Streben nach einer Sache.
Wille (βούλησις) [boulēsis] gebraucht man sowohl für das, was in unserer Macht steht, als auch für das, was nicht in unserer Macht steht, d. i. für das Mögliche wie für das Unmögliche 3. Oft wollen wir Unzucht treiben oder enthaltsam sein oder schlafen oder etwas dergleichen. — Das steht in unserer Macht und ist möglich. Wir wollen [S. 94] aber auch Könige sein — das jedoch steht nicht in unserer Macht. Wir wollen vielleicht auch niemals sterben — das gehört zum Unmöglichen.
Der Wille geht auf das Ziel, nicht auf die Mittel zum Ziel. Ziel also ist das Gewollte, wie das Königsein, das Gesundsein, Mittel zum Ziel aber das, worüber man beratschlagen kann, oder die Art und Weise, wodurch wir gesund oder König sein können. Nach dem Willen [kommt] dann eine Untersuchung und Überlegung, und danach folgt, wenn es sich um Dinge handelt, die in unserer Macht stehen, eine Beratschlagung (βουλή) [boulē] oder Beratung (βούλευσις) [bouleusis]. Beratung ist ein suchendes Begehren, das betreffs dessen entsteht, was wir vollbringen können4. Man beratet nämlich, ob man an die Sache gehen soll oder nicht. Dann urteilt man, was besser ist — und das heißt Urteil (κρίσις) [krisis]. Sodann hat man Hinneigung und Liebe zu dem, was man auf Grund der Beratung geurteilt, und das heißt Gesinnung (γνώμη) [gnōmē]. Denn wenn man urteilt, aber zu dem, worüber man geurteilt, keine Hinneigung und Liebe hat, so heißt man es nicht Gesinnung. Auf die Hinneigung folgt sodann die Wahl (προαίρεσις) [proairesis] oder Erwählung (ἐπιλογή) [epilogē]. Die Wahl besteht darin, daß man von zwei vorliegenden Dingen das eine vor dem andern erwählt und ausliest. Dann schreitet man zur Tat, und das heißt Angriff (Unternehmen, ὁρμή [hormē]). Danach macht man Gebrauch, und das heißt Gebrauch (χρῆσις) [chrēsis]. Endlich ruht nach dem Gebrauch das Begehren.
In den vernunftlosen Wesen nun entsteht ein Begehren nach etwas, und sogleich erfolgt ein Angriff zur Tat. Denn das Begehren der vernunftlosen Wesen ist unvernünftig, sie werden vom natürlichen Begehren getrieben. Darum nennt man das Begehren der vernunftlosen Wesen nicht Wollen (θέλησις) [thelēsis] und nicht Willen (βούλησις) [boulēsis]. Denn das Wollen (θέλησις) [thelēsis] ist ein vernünftiges und freiwilliges, natürliches Begehren. Bei den Menschen wird, da sie vernünftig sind, das natürliche Begehren viel mehr geleitet als daß es leitet. Denn frei und vernünftig bewegt er (═ der Mensch) sich (═ ist er tätig), da die erkennenden und lebenstätigen Kräfte [S. 95] in ihm miteinander verbunden sind. Frei also begehrt er und frei will er, und frei sucht und überlegt er, und frei beratschlagt und frei urteilt er, und frei neigt er sich hin und frei wählt er, und frei greift er an, und frei handelt er in dem, was naturgemäß ist.
Man muß wissen, daß wir bei Gott zwar von einem Willen reden, aber von Wahl im eigentlichen Sinn nicht sprechen. Denn Gott geht nicht mit sich zu Rate. Ist es doch ein Zeichen von Unwissenheit, sich zu beraten. Denn niemand beratet über das, was man erkennt. Wenn aber Beratung Unwissenheit verrät, dann sicherlich auch die Wahl. Da nun Gott schlechthin alles weiß, so geht er nicht mit sich zu Rate.
Aber auch bei der Seele des Herrn reden wir von keiner Beratung oder Wahl. Sie war ja frei von Unwissenheit. Denn hatte sie auch eine [menschliche] Natur, die das Künftige nicht wußte, so besaß sie gleichwohl, da sie mit dem Gott-Logos hypostatisch geeint war, die Kenntnis von allem nicht aus Gnade, sondern, wie gesagt, wegen der hypostatischen Union. Ein und derselbe war nämlich sowohl Gott als Mensch. Darum hatte er auch keinen Gesinnungswillen 5. Er hatte ja wohl einen natürlichen, einfachen Willen, wie man ihn in gleicher Weise bei allen menschlichen Personen sieht, aber eine Gesinnung oder ein Wollen im Gegensatz zu seinem göttlichen Willen oder verschieden von seinem göttlichen Willen hatte seine heilige Seele nicht. Denn die Gesinnung trennt sich mit den Personen, ausgenommen die heilige, einfache, nicht zusammengesetzte, ungetrennte Gottheit. Da nun hier die Personen in keiner Weise getrennt oder geschieden sind, so ist auch das Wollen nicht getrennt, und es ist hier, da eine einzige Natur, auch ein einziger natürlicher Wille. Da die Personen ungetrennt sind, gibt es auch nur ein einziges Wollen und eine einzige Bewegung der drei Personen. Bei den Menschen ist, da die Natur eine ist, auch der natürliche Wille einer. Da aber die Personen nach Ort und Zeit und der Neigung zu den Dingen und sehr [S. 96] vielem anderen voneinander getrennt und geschieden sind, darum sind die Willen und die Gesinnungen verschieden. Bei unserem Herrn Jesus Christus aber sind, da die Naturen verschieden, auch die natürlichen Willen oder die Willensvermögen seiner Gottheit und seiner Menschheit verschieden. Da jedoch die Person eine, und der Wollende einer ist, so ist eines auch das Wollen oder der Gesinnungswille. Denn sein menschlicher Wille folgt natürlich seinem göttlichen Willen und will das, was der göttliche Wille zu wollen beliebt.
Man muß wissen, daß etwas anderes ist das Wollen (θέλησις) [thelēsis] und etwas anderes der Wille (βούλησις) [boulēsis], etwas anderes das Gewollte (θελητόν) [thelēton] und etwas anderes das Wollensfähige (θελητικόν) [thelētikon] und etwas anderes der Wollende (θέλων) [thelōn]. Θέλησις [Thelēsis] ist das einfache (═ das schlechthinige) Vermögen, zu wollen. Βούλησις [Boulēsis] aber ist der auf eine Sache gerichtete Wille. Gewollt ist die dem Willen unterliegende Sache oder was wir wollen. Ein Beispiel: Es regt sich die Begierde nach Speise. Die Begierde schlechthin (als solche) ist ein vernünftiges Wollen (θέλησις) [thelēsis]. Wollensfähig ist das, was die Willensfähigkeit hat, z. B. der Mensch. Wollend aber ist eben der, der vom Wollen Gebrauch macht.
Man muß aber wissen, daß θέλημα [thelēma] (Wille) bald das Wollen (θέλησις) [thelēsis], d. i. das Willensvermögen, bedeutet — dann heißt er natürlicher Wille —, bald das Gewollte, und dann heißt er Gesinnungswille (gnomischer Wille).
1: Bis hierher hat Johannes wörtlich Nem., l. c. c. 16, S. 216—218 ausgeschrieben.
2: Das kursiv Gedruckte fast wörtlich aus Max. Conf., Ep. 1 ad Marin., ed. Combefis II, 2 f.
3: Max. Conf., l. c. S. 3 f.
4: Das kursiv Gedruckte fast wortgetreu aus Max. Conf., l. c. S. 4.
5: Vgl. Max. Conf., Disput. cum Pyrrho. l. c. II, 171; Ep. 1 ad Marin. II, 12 ff.