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Die Experimentalmusikerin Fatima Al Qadiri führt uns auf ihrem neuen Album «Medieval Femme» durch düstere, schöne Landschaften. Im Gespräch erzählt sie, was sie von Poetinnen aus einer anderen Ära über Depressionen gelernt hat.
Sie hiess Qasmuna – den Quellen zufolge war sie besonders schlau, schön und nicht verheiratet. Qasmuna war eine jüdische Poetin, die im 11. oder 12. Jahrhundert in einer andalusischen Hafenstadt lebte. Auf Arabisch schrieb sie Verse wie diese: «Immer grasen, hier in diesem Garten / Ich habe nur dunkle Augen wie du und einsam. / Wir leben beide weit von Freunden, verlassen / Geduldig tragen unser Schicksalsdekret.»
Nach Qasmuna benannt ist ein Track auf Fatima Al Qadiris neuem Album «Medieval Femme». «Ich habe mich in ihren Namen verliebt, er ist einzigartig und schön klingend», sagt die Musikerin im Zoom-Gespräch. «Qasmuna» ist eine Komposition wie ein mystischer Tagtraum, eine neben neun weiteren, die das Album eher zu einer Suite machen, wenn die Komponistin in Variationen um ihr Thema kreist: Zu «Medieval Femme» inspirierten Al Qadiri Poetinnen aus dem Mittelalter.
Die kuwaitische Komponistin ist 1981 in Senegal geboren, studierte in New York Linguistik und lebt heute in Los Angeles. Immer wieder arbeitet sie sich ab an den Spannungsfeldern zwischen Ost und West, Süd und Nord. Vier LPs und fünf EPs hat sie herausgegeben, in denen sie Queerness im arabischen Raum, Polizeigewalt und die Grenzen der liberalen Demokratie oder ihre Kindheit unter irakischer Okkupation in Kuwait verarbeitet: «Meine Platten handeln von Dingen, die mich nicht loslassen, die mich verfolgen», sagt sie. Auf dem Album «Asiatisch» von 2014 spielte sie mit westlichen Imaginationen und Klischees, die auf ihren Herkunftskontinent projiziert werden. Das Thema der kulturellen Aneignung in der Musik wurde selten so komplex und ästhetisch bestechend verarbeitet wie von Al Qadiri. Ihren Kultstatus in der elektronischen Musikszene geniesst sie zu Recht.
Schwebend, zeitlos
Das Motiv für «Medieval Femme» ist durch einen Zustand der melancholischen Sehnsucht inspiriert, der in den Schriften von arabischen Poetinnen beschrieben wird. Die arabesken Melodien, gezupft auf Saiten, versieht Al Qadiri mit futuristischen, weichen Synthesizern, Beats braucht sie kaum. Als wolle sie einen schwebend durch die Zeiten tragen.
Die «Medieval Femme», das sei keine Persona, sondern eine Stimmung: «Im Grunde geht es um einen transformativen Prozess in der Depression.» Beim Lesen der Gedichte der arabischen Poetinnen sei ihr die Erkenntnis gekommen, dass Depression nichts als Begehren ist, das den Körper überfällt und lahmlegt – weil das, was so stark begehrt wird, ausserhalb der Reichweite liegt. «Ich wollte, dass diese Platte klingt wie eine Reise einer Person, die durch diesen Zustand des zu starken Begehrens geht und am Ende frei davon ist. Sie lässt es hinter sich.»
Al Qadiri spricht offen – und als begabte Geschichtenerzählerin einnehmend – über ihre eigenen Depressionen, die begannen, als sie ein elfjähriges Mädchen war. Bereits mit neun sass sie während des Kriegs in Kuwait in Quarantäne; an einer Hand lässt sich abzählen, wie oft sie alleine das Haus verliess, bis sie sechzehn war. Ihre Eltern, ein Diplomat und eine bildende Künstlerin, waren als Teil der Resistance in konstanter Todesgefahr. Die Depression wurde jedoch durch einen traumatischen Vorfall ausgelöst, den sie zwanzig Jahre lang verdrängte. Als Mädchen fesselte sie dieser Zustand ans Bett, sie wurde beinahe von der Schule verwiesen. «Ich begann intensiv zu tagträumen. Dort existierte die Gegenwart nicht mehr. Und das ist der Zustand der Depression: Es gibt nur Vergangenheit und Zukunft.»
Hits aus Videogames
Kanalisieren konnte sie diese erdrosselnden Zustände schliesslich durch Musik. Sie begann im selben Alter, auf einem alten Casio-Keyboard Lieder zu komponieren, im Wettkampf mit ihrer Schwester, der bekannten bildenden Künstlerin Monira Al Qadiri. Gegenseitig schärften sie ihre Skills. Ihre musikalischen Ideen schöpfte sie einerseits aus Vinylplatten russischer Komponisten, die ihr Vater rauf und runter hörte, andererseits aus Adaptionen von klassischen Hits in Videogames, die sie spielte, wenn sie es aus dem Bett schaffte.
Teil der kindlichen Tagträume seien die islamischen Goldenen Zeitalter in Bagdad oder auf Iberien gewesen: «In der Schule lehrte man uns, dass, während die Europäer in einem düsteren Zeitalter sassen, wir eine Kanalisation hatten, Hygiene praktizierten, römische und griechische Wissenschaft ins Arabische übersetzten.» Ihre Faszination für islamische Gärten jener Epoche floss auch in «Medieval Femme» ein: Es gleicht tatsächlich einem Spaziergang durch einen üppigen Garten der Fantasie, mit unvorhersehbaren Entdeckungen und Wendungen. Diese Landschaft ist von solch dunkler Schönheit, dass man meinen könnte, Qasmuna, die geduldig im Garten ihr Schicksalsdekret trug, kehre ins Leben zurück. Musik mache sie, so Al Qadiri, letztlich nur für sich selbst und hoffentlich bis zum Tod. Komponieren sei Therapie und schicksalhafte Notwendigkeit: «Vielleicht ist mein starker Schicksalsglaube eine Art, auf friedliche Weise mit Unglück umzugehen.» So auch ihre religiöse Hingabe zur Musik.