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Heute publiziert die EU-Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA) den Europäischen Drogenbericht 2017. Auffallend sind die Zunahme der drogenbedingten Todesfälle sowie in manchen Ländern die Verbreitung starker Opioide der Fentanyl-Familie.
Augenfällig im Bericht sind die Diversifizierung von Cannabisprodukten, wie sie auch in der Schweiz zu beobachten ist, sowie höhere Mengen beschlagnahmter synthetischer Cannabinoide. Der Bericht überrascht schliesslich mit einem Vergleich: Während der Anteil der 15- bis 16-jährigen amerikanischen Schülerinnen und Schüler, die Cannabis konsumieren, doppelt so hoch ist wie in Europa, ist der Anteil Tabakkonsumierender viermal geringer. Wie lässt sich dies erklären?
Mehr Tote wegen Drogenkonsums
Zum dritten Mal in Folge steigt die Anzahl Todesfälle im Zusammenhang mit Drogen-konsum. 2015 rapportierten die Staaten der Europäischen Union sowie Norwegen und die Türkei 8441 Drogentote, 6 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Anzahl Todesfälle aufgrund einer Überdosis nahm in Deutschland zu, in Litauen, in den Niederlanden, in Schweden, im Vereinigten Königreich und in der Türkei. Eine Überdosis bei Opioidkonsum kommt nach wie vor am häufigsten vor, das durchschnittliche Sterbealter lag bei 38 Jahren. Ein Anstieg ist allerdings in fast allen Alterskategorien zu beobachten. In der Schweiz ist die Anzahl drogenbedingter Todesfälle laut Bundesamt für Statistik zwischen 2010 und 2014 in etwa stabil geblieben. Jüngere Zahlen, welche diesen Trend bestätigen könnten, stehen noch aus.
Neue Entwicklungen im Bereich Cannabis
Die Legalisierung und Regulierung des Cannabismarkts (2), vor allem in den Vereinigten Staaten, hat zu einer Diversifizierung der Produkte geführt (E-Flüssigkeiten, Tropfen, Nahrungsmittel usw.). Diese Beobachtung gilt auch für die Schweiz, wo sich ein Markt für legale Cannabisprodukte mit geringem THC-, aber hohem CBD-Gehalt (3) entwickelt. Die EMCDDA stellte zudem eine Zunahme der in Europa beschlagnahmten Mengen synthetischer Cannabinoide fest; 2015 waren es 2,5 Tonnen. Manche dieser Substanzen wirken sehr stark, der Konsum wird denn auch wiederholt mit Vergiftungs- und Todesfällen in Verbindung gebracht. Die in der Schweiz erhobenen Daten legen nahe, dass diese Substanzen hier nur begrenzt konsumiert werden (4).
Stark divergierende Freiheitsentzüge
Die EMCDDA verglich die Gefängnisstrafen von Drogendealern in Europa (5). Hierzu gaben Juristen und Staatsanwälte der Länder das erwartete Strafmass für Personen an, die ohne weitere Delikte im Besitz von 1 Kilo Heroin beziehungsweise 1 Kilo Cannabis sind. Betreffend Heroin wurden aus allen Ländern Gefängnisstrafen gemeldet, allerdings mit einer Bandbreite von einem bis zwanzig Jahren. Beim Cannabis hingegen werden in rund zehn Ländern keine Gefängnisstrafen ausgesprochen, während anderswo bis zu zehn Jahre darauf stehen. Diese Streuung verwundert insofern nicht, als die Länder nach eigenen Gesetzen und gerichtlichen Vorgaben verfahren. Dies verweiset hingegen auf mangelnde Kohärenz und ungleiche Behandlung, wie sie bei der Drogenbekämpfung oft vorkommt und wie es neulich eine Studie von Sucht Schweiz zu den Ordnungsbussen bei Cannabiskonsum auch für unser Land belegt hat (6).
Und die Schweiz?
Der europäische Bericht mag in der Schweiz insofern für Frust sorgen, als unser Land im Gegensatz zu Norwegen gar nicht vorkommt. Zudem stellt sich die Frage, ob die Schweiz solche Entwicklungen überhaupt identifizieren und benennen könnte. Zurzeit existiert hierzulande nichts Vergleichbares und Studienresultate gelangen oft nicht über die Institutionen hinaus, die sie erarbeitet haben. Höchste Zeit in diesem Bereich ein wenig europäischer zu werden?
Jugendliche mit ganz unterschiedlichem Konsumverhalten
Der Bericht der EMCDDA unterstreicht die Unterschiede bei 15- bis 16-jährigen Jugendlichen in Amerika und Europa. Unter den jungen Amerikanerinnen und Amerikanern gibt es doppelt so viele Cannabiskonsumierende (15 gegenüber 8 Prozent), in Europa wird hingegen viermal häufiger geraucht (23 gegenüber 6 Prozent). Während die Unterschiede zwischen amerikanischen und europäischen Jugendlichen beim Cannabiskonsum in den letzten zwanzig Jahren kleiner wurden, lief die Entwicklung beim Rauchen völlig auseinander; im Jahr 1995 waren noch kaum Unterschiede auszumachen (31 Prozent in Europa, 28 Prozent in den USA). Wie lassen sich solche Entwicklungen erklären? Können gezielte politische Massnahmen zur Eindämmung des Rauchens und eine schärfere Tabakgesetzgebung Reduktionsziele erreichen? Was vermag ein striktes Cannabisverbot zu bewirken? Die Debatte ist eröffnet.