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„Wärst‘ net aufi gstiegn – Warst net obi gfolln.“ Johannes Barbieri, Professor für Photographie am Eidgenössischen Polytechnikum von 1879 bis 1895, demonstriert in Wort und Bild das Prinzip von Ursache und Wirkung. Die Beschriftung ist in der Mundart von Barbieris österreichischer Heimat verfasst.Die zwei Fotografien sind auf die beiden Seiten desselben Kartons montiert, das Missgeschick bildet somit die sprichwörtliche Kehrseite der Medaille.
„Wärst‘ net aufi gstiegn – Warst net obi gfolln.“
Professor Johannes Barbieri fällt vom Velo. (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_11378-S1 und Portr_11378-S2)
Die Aufnahmen sind nicht datiert, doch dürften sie frühestens irgendwann nach 1880 entstanden sein. Barbieri präsentiert sich nämlich mit einem erst ab dann sich verbreitenden Radtyp, der im Unterschied zum bisher beliebten, jedoch akrobatisches Geschick erfordernden Hochrad unter dem Namen Sicherheitsniederrad lief. Barbieris fotografischer Scherz kann durchaus als Kommentar zu dieser Bezeichnung betrachtet werden.
Die Idee zur kurzen Bildgeschichte mochte ihm beim Beobachten entsprechender Ereignisse in freier Natur* eingefallen sein oder dann in seinem Atelier, falls die ersten Versuche, standhaft an Ort zu balancieren, fehlgeschlagen waren.
Jedenfalls war die gängige fotografische Technik, von der experimentellen Serienfotografie und dem noch jungen bewegten Film abgesehen, im ausgehenden 19. Jahrhundert nicht geeignet, unruhige Objekte in gewünschter Bildschärfe festzuhalten. So inszenierte Barbieri sich und das neumodische Sportgerät im Atelier inmitten einer Bühnenkulisse. Vom hohen Stahlross blickt er mit aufgerissenen Augen starr in die leicht nach unten versetzte Kamera herab, um den Lidschlag während der langen Belichtungszeit zu vermeiden. Bei der unsanften Landung auf dem Kulissenwaldboden – oder sollte es dramatischerweise gar in den Fluten eines Bachbettes sein, wie das brückenähnliche Mäuerchen rechts im Bild andeutet? – verhinderte wohl der Pulsschlag oder beginnender Muskelschmerz eine längere reglose Haltung des linken Arms. Immerhin wird hier im unscharfen Detail der jähe Sturz oder der schnelle Griff nach der davonschwimmenden Mütze umso glaubhafter.
Die Bilder gelangten 1981 mit Materialien, die zu einem Teil Hinterlassenschaften von Barbieri enthalten, aus dem ehemaligen Photographischen Institut der ETH an die ETH-Bibliothek.
Anmerkungen
*Ein Beobachtungsbeispiel in freier Natur, das in die Literatur einging, vom französischen Schriftsteller und Regisseur Marcel Pagnol (1895-1974) aus dessen sechstem Lebensjahr:
„Dort gab es eine uralte schattige Platanenallee, wildwuchernde Sträucher, Wiesen, die einluden darauf herumzutollen […] Dort fanden sich zu jener Zeit auch Leute ein, die radfahren lernten. Mit starrem Blick und angespanntem Kinn verloren sie zum Schrecken ihrer Lehrer manchmal die Herrschaft über ihr Rad, überquerten die Allee, verschwanden in den Büschen und erschienen wieder, ihr Vehikel um den Hals. Dieses Schauspiel war nicht uninteressant, und ich lachte Tränen darüber.“
In: Eine Kindheit in der Provence, München 1969, S. 25.
Technisches und Historisches zu Fahrrad sowie Fotografie und Film siehe Wikipedia Artikel „Fahrrad“, „Fahrradtypen“, „Hochrad“, „Sicherheitsniederrad“, „Fotografie“, „Film“ etc.
Links
Kurzbiografie von Barbieri
Findmittel zu Unterlagen in den Archiven und Nachlässen der ETH-Bibliothek: Photographisches Institut der ETH/Teilnachlass Johannes Barbieri