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Es ist eine düstere, blutige und intrigenreiche Welt, in die das Fantasy-Drama «Game of Thrones» seine Zuschauer entführt. Rivalisierende Adelsgeschlechter eines fiktiven mittelalterlichen Kontinents ringen um die Macht, derweil hoch im Norden hinter einer gewaltigen Mauer aus Eis finstere Kreaturen darauf lauern, in das Königreich einzudringen. Die Serie basiert auf den Büchern von George R. R. Martin, der von den Kritikern als amerikanischer Tolkien gefeiert und von seinen Fans abgöttisch geliebt wird.
Der Fernsehsender HBO hat das Format erneuert und veredelt
Wie Tolkiens «Lord of the Rings» galten auch Martins «A Song of Ice and Fire»-Romane als unverfilmbar — bis HBO kam und sich der Sache annahm. Der amerikanische Pay-TV-Sender hat unter Serienfans einen Legendenstatus, hat er doch fast im Alleingang Ende der 90er-Jahre die Renaissance der amerikanischen TV-Serwie eingeleitet, mit teuren Qualitätsproduktionen wie «Sex and the City», «The Sopranos» und «Six Feet Under». Andere Pay-TV-Sender wie Showtime zogen nach mit «Queer as Folk», «Dexter» und «The Tudors», und schliesslich sprangen auch die US-Kabelsender auf den Zug auf und kreierten süchtigmachende Komödien, Dramen und Soaps wie «The West Wing», «House», «Desperate Housewives», «Lost» und «Mad Men».
TV-Serien sind fast so alt wie das Fernsehen. Als erste Serie gilt «A Woman to Remember», die 1949 vom US-Sender DuMont Television Network ausgestrahlt wurde. Sie spielte am Set einer Radio-Soap und war selbst ebenso soapig. 1954 startete dann schon «Lassie », ein Jahr später «Fury». Das sind Serien, mit denen auch in der Schweiz Zehntausende von Kindern aufgewachsen sind. Erste fanatische Leidenschaften generierte «Star Trek» (1966–69), das bis jetzt vier Nachfolgeserien und elf Filme inspirierte, dazu Hunderte Romane, Comics und den Namen des Space-Shuttle-Prototyps «Enterprise».
In den 70er-Jahren aber drohte das Kino dem Fernsehen den Rang abzulaufen. Steven Spielberg und George Lucas erfanden mit «Jaws» und «Star Wars» den Blockbuster, das Spektakelkino mit hoher Spannung und Spezialeffekten, das bis heute Millionen von Zuschauern weltweit in die Kinos lockt.
Inzwischen hat der Wind jedoch gedreht, und das Fernsehen gewinnt wieder Oberhand. Das liegt nicht nur an der hohen Qualität der Serien und an der enormen thematischen Vielfalt und Originalität, sondern paradoxerweise auch an der zunehmenden Unabhängigkeit vom Medium Fernsehen. Serien können heute auch auf DVD, als Internet-Download und auf dem iPad im Flugzeug geguckt werden. Und die globale Dominanz der Weltsprache Englisch ermöglicht es vielen, direkt die US-Originalfassungen zu schauen, statt zu warten, bis eine Synchronfassung auf einem lokalen Sender auftaucht. Wer die entsprechenden Computerprogramme beherrscht, kann sich die neusten Folgen aus den USA einen Tag nach der dortigen Ausstrahlung aus dem Internet holen und sofort geniessen (das Runterladen zum privaten Gebrauch ist in der Schweiz legal, das oft parallel laufende Hochladen allerdings nicht). Am Ende steckt hinter der Begeisterung jedoch einfach die Faszination für gute und überraschende Geschichten. Und im Moment erzählt die niemand besser und vielfältiger als das amerikanische Fernsehen.
«Ein Schmiermittel fürs Sozialleben»
TV-Serien bereichern die Kommunikation mit anderen, sagt Brigitte Frizzoni (53), Serienexpertin an der Universität Zürich. Und weil ihre Produktion billiger ist, wird hier mehr gewagt als im Kino.
Brigitte Frizzoni, TV-Serien sind zunehmend beliebter als Kinofilme. Weshalb?
Serien haben viel mehr Erzählzeit als Filme, also auch mehr Spielraum für die Entwicklung komplexer Charaktere und fiktionaler Welten. Als Zuschauer kann man über lange Zeit ins Serienuniversum eintauchen, das ist sehr befriedigend. Es hat auch mit der Art der Produktion zu tun: TV-Serien werden staffelweise produziert, sie können thematisch riskanter und schräger sein, dürfen auch Tabus brechen wie zum Beispiel «Six Feet Under». Wenn sie nicht ankommen, setzt man sie halt wieder ab. Die Hollywood-Maschinerie muss aus finanziellen Gründen auf massentauglichere Erfolgsrezepte setzen, da besteht weniger Spielraum für Wagemut.
Waren die Serien in den 80er-Jahren denn qualitativ schlechter als heute?
Nicht unbedingt. Dass die Serien heute so einen Boom erleben, hat viel mit der Zweitverwertung auf DVD zu tun. Und mit den neuen technologischen Möglichkeiten, Episoden unabhängig von Ort und Zeit zu schauen — sogar auf dem iPhone auf dem Weg zur Arbeit. Wahrscheinlich sind die Serien deswegen auch raffinierter gestrickt als früher, wo man einmal pro Woche zu einer bestimmten Zeit gucken musste oder die Folge verpasste. Übrigens gelten die 80er-Jahre in der Forschung auch als Start der Qualitätsserie.
Zum Beispiel?
«Hill Street Blues», eine Polizeiserie, wird oft genannt. Oder auch «Twin Peaks» Anfang der 90er-Jahre. Diese Serie hat verunsichert, irritiert und rasch Kultstatus erreicht.
Wie wichtig ist HBO?
«It’s HBO, it’s not TV», das ist ein sehr bezeichnender Slogan. Drehbuchautoren erzählen, wie sie mit ihren Serien hausieren gingen und bei HBO ein offenes Ohr auch für unkonventionelle Ideen fanden. «Oz» ist so ein Beispiel, und «Sex and the City», sicherlich ein Meilenstein. Der Bezahlsender ist zwar nicht im Alleingang verantwortlich für die Renaissance der Serien, aber er hat grossen Anteil daran. HBO hat realisiert, dass es sich lohnt, Fernsehen für ein Nischenpublikum zu machen. Aber auch werbefinanzierte Sender haben entdeckt, dass ein gebildetes, gut situiertes Publikum attraktiv ist.
Machen nur die USA gute Serien?
Nein, aber die anderen haben nicht die gleiche globale und kulturelle Durchschlagskraft. Hinzu kommt, dass die USA einen gewaltigen Heimmarkt haben, das erlaubt gute Produktionsbedingungen. Auch in Frankreich gibt es gute Serien, zum Beispiel «Engrenages», aber die englische Sprache verstehen halt viel mehr Leute. Sehr erfolgreich ist auch das südamerikanische Konzept der Telenovela, das sich weltweit als Erzählform verbreitet hat.
Wer schaut Serien und warum?
Alle. Es gibt so viele Serientypen, wie es Menschen gibt. Wer keine guckt, hat seine einfach noch nicht entdeckt. Es mag unterschiedliche Präferenzen zwischen Männern und Frauen geben, aber gerade bei den Jüngeren verschwimmt das zusehends. Das Rituelle, sich Wiederholende, das aber doch immer wieder zu überraschen vermag, das ist es, was den Reiz ausmacht. Es darf nicht zu fremd sein, aber auch nicht zu vertraut. Die Balance ist ausschlaggebend. Auch das ästhetische Vergnügen ist wichtig, wenn etwa in «Mad Men» die 60er-Jahre wieder auferstehen.
Gibt man sich ein bestimmtes Image, je nachdem was man guckt?
Absolut. Es ist sehr viel schicker, wenn man sich als Fan einer Qualitätsserie wie «The Wire» outet, als wenn man gesteht, keine «Derrick»-Folge verpasst zu haben. Das ist vergleichbar mit dem Stellenwert von klassischer Literatur, früher. Da musste man auch einen gewissen Kanon kennen, um zum Establishment zu gehören.
Serien-Junkies haben kein Sozialleben, heisst es immer. Ist da was dran?
Unsinn. Serien sind ein Freizeitangebot unter vielen — und erst noch eines, das gemeinschaftsfördernd sein kann. Viele Fans schauen in Gruppen. Und man kann endlos über Serien miteinander reden. Sie sind geradezu ein Schmiermittel fürs Sozialleben. Dazu kommt die ganze Fankultur, in der die Geschichten kreativ weitergesponnen werden, mit Fanfiction oder Parodien.
Oft sind Serien ja dem gesellschaftlichen Mainstream ein bisschen voraus. «Dynasty» zum Beispiel hatte schon 1981 eine schwule Figur, was zu enormer Aufregung führte.
Richtig. Kontroversen halten eine Serie im Gespräch und locken das Publikum an. Ich bin gespannt, ob es bei «Game of Thrones» zu einer Debatte über Gewalt kommt. Die Serie ist ja schon ziemlich blutig.
Können Serien gesellschaftliche Haltungen beeinflussen, gar verändern?
Nicht auszuschliessen, dass Serien dazu beigetragen haben, dass Homosexualität heute selbstverständlich ist, genauso wie Patchwork-Familien. Aber damit Serien überhaupt Normen verunsichern und Wirkung entfalten können, muss es zuvor schon eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz gegeben haben. Wenn das Thematisierte völlig exotisch wäre, würden das nur Wenige sehen wollen. Zwischen gesellschaftlicher Realität und Serie besteht ein Wechselverhältnis: Sie bedingen und beeinflussen sich wechselseitig, wie das typisch ist für Populärkultur.