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Lange suchte die katholische Kirche nach einem konstruktiven Zugang zur Soziologie. Die Konflikte zwischen Theologie und Soziologie haben bei der Kirche tiefe Wunden hinterlassen. Bis weit nach dem Konzil mussten katholische Theologen, die einen soziologischen Blick auf die Kirche werfen wollten, mit scharfer Massregelung durch ihre Kirche rechnen.
Ein langer Weg
Die Gründung des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) konnte bereits auf einer Geschichte der Annäherung der Kirche an die Soziologie aufbauen: Im deutschsprachigen Raum versuchte man zunächst, der säkularen Soziologie eine religiös fundierte Soziallehre entgegenzusetzen. In Frankreich hingegen übernahm man immerhin das methodische Reper- toire der empirischen Gesellschaftsbeobachtung, hielt aber zu den Theorien der Säkularisierung Distanz. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand der französischsprachige Ansatz Eingang in die Diskussionen der deutschsprachigen Kirche. Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil erfuhr die Zustimmung zu soziologischen Methoden schliesslich vorsichtige Akzeptanz in der weltweiten Kirche. Um die pastorale Arbeit der Kirche zu verbessern, erwartete man nun die Hilfe der Soziologie. Damit war der Weg zur Pastoralsoziologie frei.1
Duale Zusammenarbeit
Jenseits dieser theoretischen Ebene gibt es eine zweite Vorgeschichte des SPI. In der Schweiz wurden Seelsorge und Pastoral zu Beginn der 1960er-Jahre als grundsätzlich erneuerungs- bedürftig eingeschätzt. Die Modernisierung der Gesellschaft, technologischer Fortschritt, ökonomischer Erfolg und grosses Bevölkerungswachstum wurden als pastorale Planungsherausforderungen erkannt. Ordensobere in der Schweiz regten schon 1961 den Aufbau eines gesamtschweizerischen Seelsorgeamtes an. 1966, kurz nach dem Konzil, gründete die Schweizer Bischofskonferenz schliesslich ihre Pastoralplanungskommission. Jetzt fehlte nur noch ein geeigneter Ort für die Ansiedelung einer entsprechenden Arbeitsstelle.2
Dies war die Stunde von Urs Josef Cavelti, Mitglied des Katholischen Kollegiums und späterer Administrationsratspräsident des Katholischen Konfessionsteils St. Gallen. Cavelti brachte die Idee zur Gründung eines pastoralsoziologischen Instituts ein. Ein solches Institut sollte sowohl vom Katholischen Konfessionsteil St. Gallen als auch von der Schweizer Bischofskonferenz getragen werden. Es sollte pastoralsoziologische Forschung betreiben und Sitz der Arbeitsstelle der Pastoralplanungskommission der Bischofskonferenz sein. 1968 stimmte das Kollegium der Gründung zu. Im gleichen Jahr wurde die Beteiligung der Bischofskonferenz am SPI vereinbart. 1969 nahm das SPI die Arbeit auf – bis heute mit den Bereichen wissenschaftliche Pastoralsoziologie und kirchliche Pastoralplanung. Das damals begonnene Kooperationsmodell im dualen System der Kirche in der Schweiz bewährt sich bis heute.
Der Beginn
Zum ersten Leiter des SPI wurde Kurt Helbling ernannt (Institutsleiter von 1969 bis 1976). Als ersten wissenschaftlichen Mitarbeiter gewann er im Sommer 1969 Alfred Dubach. Neben der damals noch offen diskutierten Frage, ob das SPI nicht das «Pastoralamt für die ganze Schweiz» werden sollte, war die inhaltliche Arbeit des SPI vom rasanten Aufbruch der katholischen Kirche in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren geprägt. Das Fastenopfer kam damals kaum nach mit der Spendenbeschaffung für die neuen Kirchen, die angesichts des Bevölkerungswachstums gebaut wurden. Die katholische Kirche wollte mit dem Tempo der Modernisierung mithalten und nicht ins Hintertreffen geraten. Bis heute geben zahlreiche avantgardistische «Betonkirchen» und kirchliche Bildungshäuser aus dieser Zeit Zeugnis vom Modernisierungswillen in der Kirche. Entsprechend schnell häuften sich die Projekte des jungen SPI – ebenso wie die Aufträge und Themen der Pastoralkommission. Helbling gelang es zu dieser Zeit, ein breites Netzwerk an Fachpersonen aus der ganzen Schweiz in die Arbeit des SPI einzubeziehen – so z. B. beim Verfassen der Kirchenzukunftsstudie «Kirche 1985».
Eine erste Irritation
Dass die pastorale Planung trotz aller Anstrengungen in Teilen an den gesellschaftlichen und religiösen Realitäten vorbeizielte, wurde im SPI früh erkannt. Im Rückblick auf seine Zeit als Institutsleiter erinnert sich Alois Odermatt (Institutsleiter von 1977 bis 1984) an erste skeptische Fragen, ob die innere Modernisierungsfähigkeit der Kirche ausreichen würde, um tragfähige Antworten auf den kulturellen Wandel der Zeit geben zu können. Unter dem Mantel einer teils nur äusserlichen Modernisierung traten Verunsicherungen und Risse im inneren Selbstverständnis der Kirche zutage. Deutlich wurde dies nicht zuletzt im Scheitern des Versuchs, die Erfahrung der Synode 72 fortzusetzen. Das Vorhaben, ein dauerhaftes synodales Beratungsorgan der katholischen Kirche in der Schweiz zu installieren, wurde zu Beginn der 1980er-Jahre aufgegeben.
Zum anerkannten Forschungsinstitut
Als Reaktion auf diese neue Situation verstärkte Alfred Dubach (Institutsleiter von 1984 bis 2005) den wissenschaftlichen Einsatz des SPI für die Auseinandersetzung mit der zunehmend schwierigeren Lage der Kirche. Unter seiner Leitung etablierte sich das SPI als ein über die Schweiz hinaus anerkanntes wissenschaftliches Forschungsinstitut. Zusammen mit Roland J. Campiche initiierte er die Tradition der «Sonderfallstudien». Die Feststellung der gesellschaftlich verbreiteten Individualisierung in Sachen Religion bedeutete nichts anderes als den Nachweis, dass die Kirche einen grossen Teil der Menschen nicht mehr erreichte. Es zeigte sich, dass die optimistisch begrüsste Moderne ungeahnte Folgen in den Herzen und Köpfen der Menschen haben sollte, was viele von der Kirche entfremdete. So geriet das SPI unter Dubach oft in die Rolle des Unheilspropheten, der die Kirche daran erinnerte, dass sie den Kontakt zu vielen Menschen längst verloren hatte. Binnenkirchlich war die Zeit aber noch nicht reif, um sich mit dieser Botschaft offen auseinanderzusetzen. Daher fanden die pastoralplanerischen Impulse Dubachs, die einen neuen Orientierungsrahmen für eine Pastoralplanung in Zeiten der Individualisierung vorsahen, oft nur wenig Gehör.
Eine Neuorientierung
Mit Judith Könemann (Institutsleiterin von 2005 bis 2009) erlebte das SPI einen Generationenwechsel. Als nicht mehr direkt vom Konzilsaufbruch geprägte Institutsleiterin konnte sie gewissermassen «historisch unbelastet» dazu beitra- gen, die pastoralsoziologische Forschung des SPI mit einer pragmatischen Sicht auf die pastorale Planung zu verbinden. Hilfreich war dazu auch die Auswahl neuer Themen. So rückte die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung der Kirche in den Vordergrund. Das Engagement der Kirchen im interreligiösen Dialog oder die Rolle der Religionsgemeinschaften bei öffentlichen Meinungsbildungsprozessen wurden untersucht.
Als aktueller Institutsleiter sehe ich für das Institut wiederum eine neue Ausgangssituation. Einerseits befindet sich die Kirche heute in einer kaum noch bestrittenen massiven Veränderungs- oder Krisensituation. Zudem herrscht zwar einerseits Kreativität, aber andererseits auch Orientierungslosigkeit beim Blick auf den zukünftigen Weg der Kirche. Alte Gewissheiten stehen auf dem Prüfstand, neue Perspektiven sind aber oft noch weit von einem Konsens entfernt. Hier sind pastoralsoziologische Analysen, pastoraltheologische Horizontweitung und nicht zuletzt Kommunikationsgeschick gefragt. Der Auftrag des SPI ist höchst aktuell und die Arbeit bleibt spannend.
Arnd Bünker