Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03357.jsonl.gz/398

Goldsittich
Aratinga guarouba
© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der UN-Briefmarkensammlung «Gefährdete Tierarten»)
Die feuchtwarmen, immergrünen Tieflandregenwälder des Amazonasbeckens sind die Heimat einer Vielzahl bunter Papageien. Einer dieser «Amazonaspapageien» ist der Goldsittich (Aratinga guarouba) aus der Sippe der Keilschwanzsittiche, der auch die grossgewachsenen Aras angehören. Allerdings ist sein Verbreitungsgebiet eng begrenzt: Er kommt lediglich südlich des Amazonasstroms in der nordbrasilianischen Provinz Pará vor, und zwar hauptsächlich zwischen den beiden Amazonasnebenarmen Tocantins im Osten und Tapajós im Westen.
Goldsittiche sind gewöhnlich in kleinen Schwärmen von 5 bis 15 Vögeln beiderlei Geschlechts und aller Altersklassen unterwegs. Die Nacht verbringen sie gemeinsam in ausgewählten Baumhöhlungen; tagsüber gehen sie auf Nahrungssuche. Pfeilschnell fliegen die goldgelben Sittiche anlässlich ihrer Fresswanderungen knapp über dem Kronendach des Regenwalds dahin, äussern dabei ständig ihre rauhen «krey-krey-krey-krey»
-Rufe und fallen immer wieder - alle gleichzeitig - auf einem erspähten Futterbaum ein. Wie die meisten Papageien ernähren sie sich von einer breiten Palette pflanzlicher Stoffe: von Früchten und Samen über Beeren und Nüsse bis hin zu Blüten und Blattknospen.
Die Brutzeit der Goldsittiche fällt in die regenreichen Monate Dezember bis April. Die langschwänzigen Kleinpapageien beziehen dann eine Höhlung im Stamm eines möglichst isoliert stehenden Baums. Unter Schnabeleinsatz wird die Nisthöhle von den Vögeln ihren Bedürfnissen entsprechend erweitert und kann bis zu zwei Meter tief sein. Nistmaterial wird keines eingetragen, denn die mit dem Schnabel abgeklaubten Holzspäne übernehmen praktischerweise gleich die Funktion der Nestpolsterung.
Für Papageien sehr ungewöhnlich ist die Tatsache, dass sich die Goldsittichschwärme während der Brutzeit nicht in Paare auflösen, sondern dass sie auch das Brutgeschäft gemeinschaftlich angehen. Nicht nur tragen alle Schwarmmitglieder zum Ausbau der Kinderstube bei, sondern die gewöhnlich drei oder vier erwachsenen Weibchen eines Schwarms legen auch ihre Eier zu einem gemeinsamen Gelege in das Nest und bebrüten dasselbe abwechslungsweise. Die Männchen beteiligen sich zwar nicht am Bebrüten der Eier, schlafen aber nachts ebenfalls in der Nisthöhle. Und sie helfen später eifrig mit, die nimmersatte Jungenschar zu füttern. Die Jungsittiche verlassen das Nest erstmals etwa sieben Wochen nach dem Schlüpfen, worauf der Schwarm wieder eine der üblichen Schlafhöhlen bezieht.
Zwar gibt es keinerlei Erhebungen über die aktuelle Grösse der Goldsittichpopulation. Unbestritten ist aber, dass die Art besonders im östlichen Teil ihres Verbreitungsgebiets - im Umfeld von Belém - stark zurückgegangen und gebietsweise sogar ausgestorben ist.
Zweierlei wird dem Goldsittich zum Verhängnis: Erstens befindet sich seine Heimat ausgerechnet im Tieflandregenwald Amazoniens, der auf breiter Front und in enormem Tempo abgeholzt wird. Dadurch schrumpft sein Lebensraum unablässig und unwiederbringlich. Zweitens trägt er ein für das menschliche Auge besonders attraktives Federkleid, weshalb er bei den Papageien«liebhabern» auf der ganzen Welt äusserst begehrt ist. Zur Deckung des Bedarfs an Goldsittichen werden die Gemeinschaftsnester der seltenen Vögel geplündert und die Jungvögel nach Nordamerika und Europa exportiert, wo Unsummen für die bedauernswerten Vögel bezahlt werden.
Zwar sind Jagd, Fang und Ausfuhr von Goldsittichen gemäss brasilianischer Gesetzgebung strikt verboten, doch ist der Vollzug der Artenschutzgesetze nach wie vor mangelhaft und sind die Maschen des Zolls nicht sonderlich eng. Immerhin hat die «Konvention über den internationalen Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten» (CITES), welche von weltweit über 120 Ländern befolgt wird, dieses illegale Tun - und damit den Druck auf die gefährdeten Kleinpapageien - inzwischen stark zu vermindern vermocht.
Noch stehen den Goldsittichen im westlichen Bereich ihres Verbreitungsgebiets reichlich ursprünglicher Regenwald zur Verfügung. Allerdings ist erst ein winziger Teil davon - in Form des Amazônia-Tapajós-Nationalparks - wirksam vor der Abholzung geschützt. Sollen die hübschen Kleinpapageien - und mit ihm all die anderen einzigartigen Amazonaswaldbewohner - eine längerfristige Überlebenschance erhalten, müssen dringend weitere Reservate geschaffen werden.
Goldsittich
Aratinga guarouba
Systematik
Klasse: Vögel
Ordnung: Papageien
Familie: Papageien
Körpermasse
Gesamtlänge: ca. 35 cm
Schwanzlänge: ca. 15 cm
Gewicht: um 230 g
Fortpflanzung
Gelegegrösse: 2-4 Eier je Weibchen
Brutdauer: ca. 30 Tage
Höchstalter: nicht bekannt
Bestandssituation
Bestand: nicht ermittelt
Rote Liste: «gefährdet»
CITES: Anhang I
ZurHauptseite