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Es ist, auf eine ganz spezielle Art, die Zeit von Maria Magdalena. Es geschieht einiges, in dessen Licht wir Maria Magdalena ganz neu verstehen lernen. Die Wissenschaft ist noch nicht abschliessend, aber die Gedanken sind ausserordentlich.
Beginnen wir mit der Geschichte von Maria und Martha. Wir haben zwei Geschichten, die wir oft den gleichen Schwestern zuschreiben:
Martha die Fleissige und Maria die Lernende, und dann die Auferweckung von den Toten von Lazarus.
Die beiden Geschichten können nicht von den selben zwei Frauen sprechen. Erstens liegt das Dorf Bethanien der Geschichte in Johannes nicht auf dem Weg, den Jesus in Lukas nimmt.
Zweitens würde das Haus in der Geschichte von Lukas nicht „Haus der Martha“ genannt, wenn sie einen Bruder hätte.
Mehr noch: neueste Studien der ältesten Fragmente des Johannesevangeliums haben gezeigt, dass die Geschichte um die Auferweckung des Lazarus ursprünglich keine Martha erwähnt, sondern nur von Maria spricht. Erst im 4. Jahrhundert hat ein Schreiber die Person in zwei gespalten und, vielleicht mit Maria und Martha im Hinterkopf, die zweite Person Martha genannt.
Frühe Kirchenväter und Schriften kennen Martha nicht und schreiben die Christuserkenntnis der Maria zu.
All dies wird im Moment von Nestle Aland untersucht, basierend auf einer Doktorarbeit von Elizabeth Schraner.
Schon länger weiss man, dass das Dorf, das heute Madgala heisst, zu Zeiten Jesu einen ganz anderen Namen hatte, und man von keinem Dorf weiss, welches damals Magdala hiess.
Warum heisst Maria dann „von Magdala“? Das Wort Magdala heisst in Aramäisch Turm. Wie wäre es denn, wenn Magdala gar keine Herkunftsbezeichnung wäre, sondern ein Beinamen?
Als Petrus Christus bezeugte, erhielt er den Namen „Fels“ (oder besser, Stein). Könnte es sein, dass Maria den Beinamen Turm erhielt, als sie und nicht die erfundene Schwester Martha sagt:
Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt. Johannes 11:27
Die Geschichte wird zu einer Demonstration unseres inneren Kampfes: Glaube und Zweifel in einer Person.
Sie wird aber auch zu einem wunderbaren Zeugnis: die Frau, die als Erste den auferstandenen Jesus sieht, und es den Aposteln weitererzählt, würde zur zweiten Person, die Jesus als Christus identifizierte.
In den ersten Jahrhunderten wurde Maria Magdalena die Apostolin der Apostel genannt, weil sie zu den Aposteln gesandt wurde, um die Auferstehung zu verkündigen.
Später wurde ihr dieser Titel aberkannt und sie wurde zur Hure gemacht, obwohl die Bibel nur sagt, dass sie von mehreren Dämonen befreit wurde.
Ich werde jetzt nicht auf die Definition von Dämonen und unser modernes Verständnis davon eingehen. Darüber habe ich früher schon geschrieben.
Viele haben Maria Magdalena zur Frau von Jesus machen wollen. Vielleicht, weil ihnen unterschwellig klar war, dass mehr an dieser Frau war als nur die devote Jüngerin.
Stellen wir uns mal kurz vor, wie verschieden die Kirchengeschichte hätte verlaufen können, ja wie anders die heutige Kultur und Gesellschaft im Westen aussehen könnte, hätte die frühe katholische Kirche nicht entschieden, dass eine Frau keine solche Rolle haben konnte. Oder hätte ein Schreiber nicht gedacht, er müsse die Bibel korrigieren, aus welchen Beweggründen auch immer.
Wäre die Kirche ein Miteinander von Mann und Frau geworden, ohne dass die säkulare Welt die Kirche hätte zwingen müssen, Frauen als gleichberechtigt anzuerkennen? Wäre eine Frauenbewegung überhaupt notwendig gewesen?
Wäre die Geschichte der Kirche eine friedlichere?
Ich überlasse das Eurer Phantasie. Doch „was wäre wenn“ ist gar nicht das Entscheidende. Wie weiter? Darauf kommt es an.
Natürlich wird sich der Hauptanteil der evangelikalen Welt dieser Erkenntnis verweigern, denn sie entstammt der kritischen Textanalyse, und würde man da auch nur ein Jota nachgeben, kämen so viele Fragen auf.
Da folgt man lieber den manipulativen Änderungen und vielleicht sogar gut gemeinten Neuerzählungen der frühen Jahrhunderte, und verweist darauf, dass Gott über seinem Wort wacht und die Bibel keine Fehler enthält.
Die Moderne mit ihren wissenschaftlichen Methoden hat uns so viel zu bieten. Unter anderem, und das ist nur ein Beispiel, ein ganz neues Verständnis der Rolle der Frau, gezeigt im Bild zweier Marias:
Die eine sitzt zu Füssen Jesu, um zu lernen, was nur männlichen Jüngern vorbehalten war.
Die Andere ist möglicherweise der Turm unseres Glaubens, die Apostolin der Apostel.
Die Bibel hat schon oft eine Reise aus Missständen angedeutet, indem sie anders als die Kultur neue Wege ging.
Sklavenhaltungsgesetze waren humaner, als in den Kulturen der Zeit üblich, ohne die Menschen der Zeit zu überfordern, und das führte zur Verdammung von Sklaverei im 19. Jahrhundert in England und den USA.
Jesus hat dementsprechend Frauen anders behandelt, als die Kultur um in herum, aber vielleicht war uns gar nicht bewusst, wie anders. Auf jeden Fall hätte dies zur Gleichstellung führen können, hätte die Kirche es gewollt.
Unsere traditionelle Lesart verhindert oft, was die Bibel erreichen wollte.
Sind wir offen für neue Erkenntnisse, aber auch neue Lesarten?
Das Urteil von Nestle Aland zu Maria in Johannes 11 steht noch aus. Im Moment läuft der Diskurs, ob die Bibelübersetzungen, ja die Quelltextanalyse und damit die Bibel geändert werden sollen, oder ob eine Fussnote genügt. Und viel Forschung muss noch gemacht werden, bevor mit Sicherheit gesagt werden kann, dass die Maria in unserer Geschichte tatsächlich Maria Magdalena ist.
Mir geht es natürlich darum, dass unser Bibeltext so nah am Original übersetzt wird, wie es auf Grund der uns zugänglichen Quellen möglich ist.
Mir geht es darum, dass Maria Magdalena keine Fussnote der Geschichte bleibt und dass das Bild der Frau in der Bibel aufgewertet wird.
Mir geht es aber vor allem um die Offenheit von uns Christen für neue Erkenntnis über die Bibel und neue Herangehensweisen, wie die moderne Textkritik, aber auch postmoderne und integrale Methoden.
Bleiben wir stur, dann besteht die Gefahr, dass wir weiterhin in der Wüste stecken bleiben, wo doch die Säule bereits weitergezogen ist.