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Ein biographischer Überblick
1. Wir wollen ihn Emanuel nennen, Gott-mit-uns
Bei seiner Geburt soll sein frommer Vater zu den Sternen aufgeschaut und ausgerufen haben: »Wir wollen ihn Emanuel nennen!«, was Gott-mit-uns bedeutet, während seine Mutter die Skala der Waage betrachtete, um zu sehen, wieviel das Baby wog. Diese Anekdote charakterisiert Swedenborg als einen Menschen, in dem sich wissen-schaft-liche Nüchternheit und spirituelle Schau glücklich verbinden sollten.
Jahrzehnte später erinnert er sich an seine Kindheit im pietistischen Umfeld so: »Von meinem vierten bis zu meinem zehnten Lebensjahr war ich ständig mit Gedanken an Gott, das Heil und die geistigen Leiden der Menschen beschäftigt … Von meinem sechsten bis zu meinem zwölften Jahr bestand mein Vergnügen darin, mich mit Geistlichen über den Glauben zu besprechen.«
1699 schrieb er sich in die Universität von Uppsala ein. Als sein Vater 1703 nach Brunsbo übersiedelte, weil er zum Bischof ernannt worden war, wurde der Student in die Obhut des Universitätsbibliothekars Erik Benzelius gegeben. Durch ihn öffnete sich für Swedenborg die Welt der Wissenschaften so nachhaltig, dass er ihn »wie einen Vater« verehrte. Lange rang er mit der Spannung zwischen der wissenschaftlichen Betrachtungsweise, in die ihn sein zweiter Vater eingeführt, und dem Glaubensgehorsam, den ihm sein leiblicher Vater eingepflanzt hatte.
1709 schloss Swedenborg seine Studien ab und brach im darauf folgenden Jahr zu einer mehrjährigen Bildungsreise auf, die ihn zunächst nach London führte. Täglich las er Isaac Newton und suchte in den Kaffeehäusern die Gesellschaft junger Wissenschaftler und Mathematiker. Von London ging er nach Greenwich, wo er den Direktor des königlichen Observatoriums, John Flamsteed, aufsuchte und sogar dessen Assistent werden konnte. In Oxford lernte er Sir Edmund Halley kennen und weilte in der Bibliotheca Bodleiana. Weitere Stationen waren Leyden, wo er den Pionier der Mikroskopie, Anton van Leeuwenhoeck, besuchte, Utrecht und Paris.
2. Bergrat, Naturphilosoph und Staatsmann
Nach Jahren im Ausland kehrte 1715 ein von den aufblühenden Wissenschaften begeisterter junger Mann in seine Heimat zurück. Er gründete Schwedens erste wissenschaftliche Zeitschrift und nannte sie »Daedalus Hyperboreus«. Swedenborgs berufliche Laufbahn begann als Assistent von Christopher Polhem, der Schwedens führender Ingenieur war. Nachdem Polhem vom König den Auftrag erhalten hatte, ein Trockendock zu bauen, kam es in Lund zu einer Begegnung zwischen Karl XII. und Polhems Assistenten. Der König bewunderte Swedenborg als Herausgeber des »Daedalus Hyperboreus« und dieser wird später, in den Diensten Karls XII. stehend, seine Ingenieurskunst bei Schleusenbauten und beim Transport von Kriegsschiffen 25 km weit durch bergiges Gelände unter Beweis stellen. Der König ernannte Swedenborg 1716 zum ausserordentlichen Assessor der Bergbaubehörde.
Nach dem Tod Karls XII. wurde Ulrika Eleonore 1719 Königin und adelte die Familien der Bischöfe. Emanuel Swedberg konnte sich fortan Swedenborg nennen und wurde als ältester Sohn seiner Familie Mitglied des Ritterhauses, eines der vier Häuser des Reichstags. Der Staatsmann Swedenborg verfasste eine Reihe von Denkschriften. Graf Anders J. von Höpken urteilte später: »Die gründlichsten und am besten geschriebenen Denkschriften, welche auf dem Reichstag von 1761 in Finanzsachen vorgelegt wurden, waren die von ihm.«
Die »Opera philosophica et mineralia«, 1734 in drei Bänden erschienen, bilden die reife Frucht der gelehrten Arbeit vieler Jahre. Die Bände tragen die Titel: 1. »Die Grundlagen der Natur« (Principia rerum naturalium), 2. »Über Eisen und Stahl« und 3. »Über Kupfer und Bronze«. Im ersten Band befasst er sich mit Kosmologie, entwickelt eine Nebularhypothese und eine bemerkenswerte Atomtheorie. Die »Opera philosophica et mineralia« wurden in der gelehrten Welt gepriesen. In den »Acta Eruditorum« erschien eine anerkennende Besprechung. Swedenborg war nun einer der führenden Gelehrten.
3. Auf der Suche nach der Seele und die Berufung
Nach der Veröffentlichung der philosophischen und mineralogischen Werke wandte sich Swedenborg einem anderen Thema zu: der Suche nach der Seele. Er erforschte den menschlichen Organismus, weil dieser das empirisch zugängliche Reich der Seele ist. Die Früchte dieser Bemühungen waren die »Oeconomia regni animalis« 1740 und ’41 und »Regnum animale« 1744 und ’45.
Schon seit seiner Kindheit unterstützte Swedenborg die gedankliche Konzentration durch die Atemtechnik der Hypoventilation. Jahre vor der Öffnung seiner geistigen Augen hatte er innere Lichterscheinungen, die ihm die Gewissheit gaben, wahre Gedanken zu denken. Neben diesen Erfahrungen innerer Klarheit analysierte er seit 1736 auch seine Träume. Doch die Bedeutung all dieser Vorboten der Erleuchtung erkannte er erst im nachhinein.
Entscheidend waren schließlich zwei Visionen. Durch sie wurde der Naturforscher zum Seher. Im April 1744 erlebte er seine erste Christusvision. Im April 1745 erreichte die Vorbereitung auf das neue Amt in London mit der Berufungsvision ihr Ziel. Der geschulte Geist Swedenborgs sollte fortan den geistigen Sinn der heiligen Schrift auslegen und auf Grund von Gehörtem und Gesehenem die seelischen Zustände des Himmels und der Hölle beschreiben. Das Geschehen in London muss aus zwei Andeutungen Swedenborgs, einem Bericht von Carl Robsahm und einem Brief von Dr. Gabriel Beyer rekonstruiert werden. Dr. Beyer schrieb: »Die Erzählung von der persönlichen Offenbarung des Herrn vor dem Assessor, der ihn in Purpur und majestätischem Schein in der Nähe des Bettes sitzen sah, während er dem Assessor Seine Aufträge gab, habe ich aus dessen eigenem Mund beim Mittagessen bei Dr. Rosén gehört, wo ich den Alten zum ersten Male sah. Ich entsinne mich, dass ich ihn fragte, wie lange es gedauert habe, worauf er antwortete: ungefähr eine Viertelstunde. Dann fragte ich ihn, ob nicht der starke Schein seinen Augen weh getan habe?, was er verneinte.«
4. Der Buddha des Nordens
Nach der Rückkehr aus London 1745 bezog Swedenborg sein neues Anwesen an der Hornsgatan in Stockholm. Hier wohnte nun bis zu seinem Tod der Mann, von dem Honoré de Balzac meinte: »Swedenborg wird vielleicht der Buddha des Nordens werden.«
Von den Vorkommnissen, die Swedenborgs Sehergabe belegen, erregte die Schilderung des Brandes in Stockholm das größte Aufsehen. Am 19. Juli 1759 war Swedenborg bei William Castel in Göteborg zu Gast. Während des Essens wurde er plötzlich unruhig, ging oft hinaus und erzählte den Gästen, dass in Stockholm – 400 Kilometer von Göteborg entfernt – ein Feuer ausgebrochen sei und sehr um sich greife. Das Haus eines seiner Freunde liege schon in Asche und sein eigenes sei in Gefahr. Doch schliesslich konnte er erleichtert berichten, dass der Brand drei Türen vor seinem Haus gelöscht worden sei. Wenige Tage später erreichte die Nachricht auch auf dem normalen Weg Göteborg und stimmte mit den paranormalen Schilderungen überein.
Wichtiger ist jedoch Swedenborgs religiöses Werk. »Die himmlischen Geheimnisse« enthalten eine symbolische Auslegung der ersten beiden Bücher der Bibel. »Himmel und Hölle« begründete Swedenborgs Ruf als Seher jenseitiger Welten. »Die göttliche Liebe und Weisheit« und »die göttliche Vorsehung« fassen die Weisheit der Engel über die Schöpfung und die Schicksalsgesetze zusammen. »Die enthüllte Offenbarung« ist eine Auslegung der Johannesapokalypse und handelt von geistigen Kämpfen, die nach einer Zeit der Glaubenslosigkeit zu einer neuen Licht- und Lebenslehre führen werden. »Die wahre christliche Religion« ist Swedenborgs reife Zusammenfassung seiner Theologie.
Der Seher starb am 29. März 1772 in London. Die Magd von Mr. Shearsmith, bei dem er logierte, berichtete, wie er ihr einige Tage vorher den Zeitpunkt seines Todes vorausgesagt habe und zwar so freudig, »als ginge er in die Ferien« . Seit 1908 ruhen seine sterblichen Überreste in einem Sarkophag in der Kathedrale von Uppsala.