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Da oben im Himmel gibt es ein dickes Buch. In dem Buch gibt es eine Liste aller Menschen und dahinter zwei Zahlen. Beide Zahlen sind zu hoch. Die erste Zahl bedeutet die Anzahl von Power-Point-Folien, die der betreffende Mensch in seinem Leben betrachten muss. Die zweite Zahl steht für die Zahl der Podiumsdiskussionen, die man in seinem Leben über sich ergehen lassen muss.
Wenn Sie mich fragen, so habe ich gestern Abend am Dinner der 'Parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit' mein Podiumsdiskussions-Soll für den Rest meines Lebens übererfüllt. Es war todlangweilig.
Das scheine nicht nur ich so empfunden zu haben: Mein Gegenüber, eine (sehr) bekannte Politikerin, schlief - ausgerechnet - beim Votum von Fabasoft-Chef Walter Schill ein, wobei sie bewies, dass nicht nur Journalisten aufrecht sitzend und scheinbares Interesse mimend schlafen können, sondern eben auch Politikerinnen. Vor allem beeindruckt hat mich ihre Fähigkeit, sofort nach dem Ende der Podiumsdiskussion aufzuwachen und eine (polemische) Frage zu stellen, so dass auch der Hinterletzte im Saal Anwesende bemerken musste, dass sie nicht nur anwesend war, sondern sich auch noch sehr für Open-Source-Software engagiert.
Angefangen hat es mit einem Trick, der zwar bei einem auch nur halbwegs kompetenten Publikum nicht funktioniert, aber trotzdem immer gerne, zum Beispiel auch an Röbi Weiss' Weissbuch-Seminar, angewandt wird: Man macht die Podiums-Teilnehmer zu mehr als sie sind: So wurde der Podiumsleiter vom 10-vor-10-Redaktor zum -Moderator befördert (der hätte aber ein Mehrfaches gekostet) und die Diskutanten wurden allesamt gleich mal zu "CEOs" erhoben. Doch sassen da weder Steve Ballmer noch Larry Ellison und Mark Hurd und nicht mal die Länderverantwortlichen (vulgo "Hüttenwarte") der US-Grossfirmen waren da.
Das Podium verlief so, wie es bei diesem Line-Up zu befürchten war: Man tat sich nicht weh, sondern sonderte brav nacheinander Werbespots ab, deren Wahrheitsgehalt man gegenseitig nicht in Frage stellte. Und so verkündeten denn alle Firmenvertreter auf dem Podium (ausser der arme Microsoft-Vertreter, der sich aber auch nicht wirklich kämpferisch gab), welch grandiose Open-Source-Strategie ihre Firma habe. Und Red-Hat-Mann Werner Knoblich konnte unwidersprochen behaupten, es sei das einfachste der Welt, von der Red-Hat-Serverplattform zu einem anderen Betriebssystem zu migrieren (fragen Sie mal die Leute von Hilti, die ihr SAP auf Red Hat betreiben) und niemand stellte Tony Bernal von Novell Schweiz die böse Frage, ob Novell neben ihm überhaupt noch Angestellte in der Schweiz habe und wieviel Prozent des Umsatzes vom Uralt-Netzwerksystem Netware stammt, das man ja nicht wirklich als "Open-Source-Software" bezeichnen kann.
Die Sonne schien also gestern Nacht im Hotel Bern über der Open-Source-Welt. Alles war gut und man fühlte gemeinsam, dass gewaltige Fortschritte auf dem Weg der Schweiz in die "Digitale Nachhaltigkeit" praktisch schon gesichert sind. Einzig die Praktiker im Saal, von denen es eine beeindruckende Zahl hatte, wurden nicht gefragt. Warum wohl, zogen sie es vor, zu schweigen? (Christoph Hugenschmidt)
(Interessenbindung: Nein, der Schreibende ist kein Open-Source-Feind und er wurde auch nicht von Microsoft bestochen. Er ist auch kein von IBM bestochener Microsoft-Feind.)