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| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

DRITTES BUCH. In diesem Buche untersucht Augustinus das Wesen der sichtbaren Erscheinungen Gottes. Erschien Gott selber durch sichtbare stoffliche Gebilde? Oder waren die Theophanien Engelsendungen, wobei die Engel im Namen Gottes sprachen und entweder aus dem Bereich der materiellen Schöpfung ein für die Ausfährung ihres Auftrages notwendiges sichtbares Kleid entnehmen oder aus ihrem eigenen materiellen Seinsteil ein für ihre jeweilige Aufgabe passendes sichtbares Gewand weben konnten?
Vorbemerkung. Grund für die Abfassung eines Werkes über die Dreieinigkeit. Zusammenfassung des im zweiten Buche Gesagten.
[S. 101] 1. Man mag mir ruhig glauben, daß ich mich lieber der Lektüre anderer Werke als der Niederschrift eigener widme. Wer mir das nicht glauben will, aber die Fähigkeit und den Willen hat, es auf die Probe ankommen zu lassen, mag ein Werk erscheinen lassen, das dem Leser meine Untersuchungen ersetzt und auf die Fragen anderer Antwort gibt, unter denen ich, da ich meine Persönlichkeit in den Dienst Christi gestellt habe und da mich das Verlangen verzehrt, unseren Glauben gegen den Irrtum fleischlich und irdisch gesinnter Menschen verteidigt zu sehen, leiden muß, und sie werden sehen, wie leicht es mir fällt, diese Arbeit fahren zu lassen, und wie froh ich bin, wenn ich meine Feder feiern lassen kann. Nun aber sind die Werke, die wir [S. 102] in lateinischer Sprache über unseren Gegenstand gelesen haben, entweder nicht genügend oder nicht zugänglich oder jedenfalls für uns schwer zugänglich. Im Griechischen aber besitzen wir keine solchen Kenntnisse, daß wir Bücher mit derartigem Inhalt zu lesen und zu verstehen uns irgendwie in der Lage sähen. Auf Grund der wenigen Texte, die uns aus der griechischen Literatur übersetzt wurden, zweifle ich freilich nicht, daß sie alles Wissenswerte enthält. Ich vermag jedoch den Brüdern nicht zu widerstehen, die mit dem Rechte, das mich zu ihrem Diener machte, von mir fordern, daß ich meine rednerische und schriftstellerische Fähigkeit, dieses Zweigespann, das die Liebe in mir antreibt, ganz und gar in den Dienst ihres lobenswerten Eifers für Christus stelle. Zudem muß ich bekennen, daß ich auch selber vieles, was ich nicht wußte, im Schreiben gelernt habe. Daher darf meine Arbeit keinem bequemen und auch keinem sehr gelehrten Herrn überflüssig vorkommen, da sie für viele suchende und ungelehrte Leute — ich selber gehöre zu ihnen — keine geringe Notwendigkeit darstellt. Dank der vielfachen Hilfe und Förderung also, die uns die Lektüre anderer Werke über unseren Gegenstand brachte, konnte ich, was sich nach meiner Meinung über die Dreieinigkeit, den einen höchsten und gütigsten Gott, fragen und sagen läßt, auf seine eigene Anregung hin zu fragen und mit seinem Beistand zu sagen in Angriff nehmen. So mögen, wenn bisher noch keine derartigen Werke existieren, in Zukunft solche vorhanden sein und denen, die Interesse und Fähigkeit für ihre Lektüre haben, zur Verfügung stehen. Gab es jedoch solche Werke schon bisher, dann möge die größere Anzahl den Zugang zu einem solchen Werke erleichtern.
2. Wenn ich mir fürwahr für alle meine Schriften nicht nur einen frommen Leser, sondern auch einen freimütigen Kritiker wünsche, dann am meisten für jene Werke, bei denen die Größe der Frage den Wunsch nahelegt, [S. 103] daß sie so viele Entdecker der Wahrheit habe, wie sie Bekämpfer hat. Wie ich indes nicht wünsche, daß mein Leser mir ergeben ist, so möchte ich nicht, daß der Kritiker sich selbst ergeben ist. Jener soll mich nicht mehr lieben als den katholischen Glauben, dieser sich nicht mehr als die katholische Wahrheit. Wie ich zu jenem sage: Verlaß dich auf meine Schriften nicht, wie wenn sie kanonisch wären; wenn du vielmehr in den letzteren etwas findest, was du bisher nicht glaubtest, dann nimm es ohne Zaudern gläubig an; wenn du in den meinigen etwas findest, was dir nicht gewiß zu sein scheint, dann nimm es als sichere Wahrheit erst an, wenn dir seine Gewißheit einleuchtet, so sage ich zu dem anderen: Kritisiere meine Schriften nicht nach dem Maße deiner Vorurteile und Rechthabereien, sondern nach dem Maße der göttlichen Schrift und der unbeugsamen Vernunft! Findest du eine Wahrheit darinnen, dann ist sie durch ihr bloßes Dasein noch nicht mein Besitz, aber durch Einsicht und liebendes Ja zu ihr werde sie mein und dein Besitz. Findest du einen Irrtum darinnen, dann war das Irren mein Werk; indem wir uns aber davor hüten, sei er hinfort weder dein noch mein.
3. Nach diesen Vorbemerkungen soll nun das dritte Buch dort anfangen, wo das zweite abgebrochen wurde. Wir waren daran, nachzuweisen, daß nicht deshalb der Sohn geringer ist als der Vater, weil letzterer sandte, ersterer gesandt wurde, und daß der Heilige Geist nicht deshalb geringer ist als die beiden anderen, weil er nach dem Berichte des Evangeliums von dem einen und dem anderen gesandt wurde. Wir haben die Frage in Angriff genommen, ob der Sohn, da er dorthin gesandt wurde, wo er schon war, weil er in diese Welt kam und in dieser Welt war,1 deshalb gesandt heißt, weil er aus dem Reiche des Unsichtbaren heraus im Fleische geboren wurde und aus dem Schoße des Vaters gleichsam herausschritt und vor die Augen der Menschen in [S. 104] Knechtsgestalt hintrat, und ob der Heilige Geist, da er ebenfalls dorthin gesandt wurde, wo er schon war — "der Geist des Herrn erfüllt ja den Erdkreis, und der das All Umfassende hat Kenntnis von jedem Wort"2 —, gesandt heißt, weil auch er in körperlicher Gestalt gleich wie eine Taube sichtbar wurde3 und in Zungen wie von Feuer, die sich teilten.4 Gesandt werden würde dann für sie bedeuten, daß sie aus dem geheimnisvollen, geistigen Reiche heraus vor das Auge der Sterblichen in körperlicher Gestalt hintraten, so daß es vom Vater, der das nicht tat, zwar heißt, er habe gesandt, aber nicht, daß er gesandt wurde. Dann stellten wir die Frage, warum nicht auch der Vater manchmal gesandt genannt wird, wenn seine Gegenwart durch die körperlichen Gebilde, die den Augen der Alten erschienen, kundgetan wurde. Ferner warum der Sohn, wenn seine Gegenwart damals kundgetan werden sollte, so lange nachher gesandt heißt, als nämlich die Fülle der Zeit kam und er aus dem Weibe geboren wurde,5 wo er doch auch vorher schon gesandt wurde, eben als er in jenen körperlichen Gestalten sichtbar erschien. Oder warum, wenn man das Wort mit Recht erst gesandt heißen konnte, als es Fleisch wurde,6 warum dann der Heilige Geist gesandt heißt, da bei ihm keine Menschwerdung erfolgte, warum ferner, wenn durch jene alten Gotteserscheinungen weder der Vater noch der Sohn, sondern der Heilige Geist geoffenbart wurde, warum dann auch er erst jetzt gesandt heißt, wo er doch schon vorher durch jene Vorgänge gesandt wurde. Dann gliederten wir, um unseren Gegenstand möglichst eingehend zu behandeln, die Frage in drei Teile. Der erste wurde im zweiten Buche behandelt. Die Erörterung der beiden anderen noch verbleibenden Teile soll im folgenden in Angriff genommen werden. Die Untersuchung und Erörterung hat ja schon zu dem Ergebnis geführt, daß [S. 105] in jenen alten körperlichen Gestalten und sinnfälligen Erscheinungen nicht nur der Vater, nicht nur der Sohn, nicht nur der Heilige Geist, sondern entweder Gott der Herr, unter dem wir die Dreieinigkeit selbst verstehen ohne persönlichen Unterschied, oder eine Person der Dreieinigkeit erschien, die durch die aus der Schilderung der näheren Umstände sich ergebenden Anzeichen bestimmt werden muß.
1: Joh. 1, 10.
2: Weish. 1, 7.
3: Matth. 3, 16.
4: Apg. 2, 3.
5: Gal. 4, 4.
6: Joh. 1, 14.