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Kann man den Roman «Das Verhör des Harry Wind» von Walter Matthias Diggelmann verfilmen? Ja, indem man die Geschichte nicht nacherzählt, sondern neu erfindet.
Für Walter Matthias Diggelmann war 1962 der Name seines Romanprotagonisten Programm: Harry Wind lernt als Bub, dass gut erzählte Lügen allemal lieber geglaubt werden als die Wahrheit. Darum wird er zum «windigen» Typen, der von seinen «Windgeschichten» gut lebt, indem er in Zürich das «Büro Harry Wind» aufbaut und mit militärischer, politischer und wirtschaftlicher Public-Relations-Arbeit einflussreich wird.
Der Harry Wind im eben angelaufenen Film «Manipulation» ist bösartiger: Als er bei der ersten polizeilichen Befragung nach seinem Beruf gefragt wird, wehrt er sich kokett gegen den Begriff «Public Relations»: Er sei einer, der ausprobiere, deshalb ein «Ausprobierer». Was mitschwingt: Wind ist einer, der alles, was seinen Interessen nützt, versucht. Aus Diggelmanns windigem Profi macht der Film einen mephistophelischen Versucher.
Rahmengeschichte mit Episoden
Diggelmanns Roman ist formal eine Sammlung von Kurzgeschichten, die eng mit einer Rahmengeschichte verwoben sind: Harry Wind, PR-Unternehmer, Major in der Armee und Generalsekretär der «Schweizer Wehrgesellschaft» wird von der Bundespolizei verhaftet. Er soll dem Chairman des «Freedom»-Konzerns eine Denkschrift über die Schweizer Armee zugespielt haben, unter anderem mit streng geheimen Hinweisen auf die damals tatsächlich aktuellen schweizerischen Atomwaffenpläne. Verhaftet wird er, nachdem diese Hinweise in der «Prawda», dem Zentralorgan der Sowjetunion, aufgetaucht sind.
Wind wird in Isolationshaft gesetzt und aufgefordert, seinen Lebenslauf aufzuschreiben, was Diggelmann die Möglichkeit gibt, die Rahmengeschichte mit Episoden aus dessen Leben anzureichern. Weitere kurze Erzählungen aus anderen Perspektiven kommen dazu. Das entstehende Geschichtengeflecht macht das Buch erst zum Roman.
Diggelmanns Geschichtenerzähler Wind hat mehrere Seiten: Als identitätssuchender Aussenseiter ist er ein Verwandter von Max Frischs Protagonisten Stiller und Gantenbein; als PR-Mann spiegelt er den Zynismus, den Diggelmann damals als Angestellter des PR-«Büros Rudolf Farner» kennengelernt hat; als Alter Ego ist er schliesslich jene literarische Figur, die Diggelmanns Poetologie formuliert.
Dieser schillernde Wind distanziert sich im Verlauf der Verhöre von den antikommunistischen Verschwörungstheorien seines Befragers, des Bundespolizisten Rappold. Am Schluss gelingt es Wind zwar, sich vom Verdacht zu entlasten und auf freien Fuss zu kommen. Als er aber versucht, nach Frankreich auszureisen, erklärt ihm in Delle ein Zöllner, sein Pass sei gesperrt.
Vertauschte Rollen
Der Film konzentriert sich auf die Rahmengeschichte des Romans. Die Kurzgeschichten – mehr als die Hälfte des Textes – dienen als Steinbruch. Das meiste fällt weg, was übernommen wird, wird neu einmontiert und dramaturgisch konsequent durchgezogen.
Als kriminalistischer Plot dient weiterhin die «Prawda»-Geschichte. Sie wird aber mit einer anderen Handlung motiviert, die besser visualisierbar ist, weil eine Fotoserie und bundespolizeiliche Filmaufnahmen eine Rolle spielen. Der Radiojournalist Werner Eiselin – bei Diggelmann eine Episode am Rand – wird zur zentralen Spielfigur gemacht, die von Wind und Rappold gleichermassen zur Konstruktion der Spionageaffäre benutzt und verheizt wird.
Hier ist es aber nun nicht Wind, der sich nach und nach Rappolds Spionagefiktionen verweigert, sondern umgekehrt: Als Rappold begreift, dass er von Wind seit Jahren manipuliert worden ist und deshalb einen Unschuldigen in den Tod getrieben hat, will er der «Windgeschichte» die «Wahrheit» entgegenstellen. Damit kriegt er es mit Winds Auftraggebern zu tun. Rappold wird vor versammelter Presse zum Opfer seiner «geistigen Verwirrung» gemacht, Wind vollumfänglich rehabilitiert.
Das Filmdrehbuch ging mit dem Roman um wie ein Architekt mit der denkmalgeschützten Fassade: Dahinter ist ein neues Haus entstanden. Korrekterweise wird «Manipulation» nicht als Verfilmung des Romans angezeigt, sondern als Film «nach» Diggelmanns Roman.
Der Rahmen, in dem der Film die Verhöre als Kammerspiel darbietet, wird mit zeitgenössischen «Wochenschau»-Sequenzen und mit der Einblendung kurzer Texte zu Beginn und am Schluss abgesteckt. Die Texte sagen zweierlei: Die Offiziellen der damaligen Schweiz waren gegen aussen grössenwahnsinnig, weil sie die atomare Aufrüstung des Landes planten. Und sie waren antidemokratisch, weil sie die Opposition im Inneren mit einem umfassenden Schnüffelstaat bekämpften.
In diesem Klima treffen Wind (Sebastian Koch) und Rappold (Klaus Maria Brandauer) im Verhörraum aufeinander. Schweres Mobiliar, altertümliche Maschinen, alles klinisch sauber und sehr grau: Nicht nur sind die Dinge grau, grau ist von Rappolds weissem Hemd bis zu den feldgrünen Uniformen der auftretenden Offiziere alles. Dass vor dem ersten Verhör im Off die zeitgenössische Radioreportage eines Boxkampfes zu hören ist, passt: Der Film von Alex Martin (Produzent/Autor) und Pascal Verdosci (Regie) lebt vom rhetorischen Schlagabtausch in den Verhören, vom Rhythmus der Gegenschnitte, von den Grossaufnahmen, vom Beobachten, Zögern und Lauern, das sich in den Gesichtern der Schauspieler spiegelt.
Daneben gibt es eine schwierig zu lesende Ebene: Sinds raffiniert beiläufige Verfremdungen? Sinds handwerkliche Schnitzer? Beispiele: Der Ort der Handlung ist eindeutig Zürich, trotzdem wird durchgängig ein Bühnendeutsch gesprochen; Ort des Verhörs ist ein bundespolizeiliches Büro, aber an der Wand hängt– neben dem plausiblen Foto von General Guisan – eine Genferseelandschaft von Hodler; Zeit der Handlung ist 1957 (vierzehn Jahre vor Einführung des Frauenstimmrechts), trotzdem tritt eine Bundesanwältin auf; die Verhöre finden im Spätsommer statt, trotzdem trägt der weggehende und eintretende Rappold einen Wintermantel mit Halstuch.
Chancen und Risiken
Verfremdungen oder Schnitzer: Die Irritationen bringen die Geschichte auf der örtlichen und der zeitlichen Achse ins Rutschen. Dieser Effekt birgt Chancen und Risiken.
Ein Risiko: Winds Formulierung etwa, die Geschichte «der bösen Feinde, die unser schönes Land zerstören wollen», habe er persönlich erfunden, um das politische Klima zugunsten der Atomaufrüstung der Schweiz zu beeinflussen, ist nicht von Diggelmann und schief. Falls Wind tatsächlich zum Erfinder des Kalten Kriegs als reiner PR-Strategie stilisiert werden soll, wird er zu einem (historisch nicht haltbaren) überzeitlichen Symbol, der zeitgeschichtliche Anspruch des Films wird illusionär.
Eine Chance: Der Rutscheffekt suggeriert die Frage, wie es denn mit politischer PR in der Schweiz heute stehe. Das ist tatsächlich eine gute Frage. Die Mauer zwischen Journalismus und PR ist ja unterdessen gefallen: Alles ist heute «öffentliche Kommunikation» zur Steuerung von gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozessen (früher hätte man dazu «Manipulation» gesagt). Und diese Kommunikation ist längst nicht mehr das Geschäftsfeld von windigen Kleinunternehmern, sondern das von akademischen Disziplinen und Industriezweigen.