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Wir hatten eben die Hauptprobe für die morgige Konzertlesung. Alles verlief perfekt, was die Musikerin und den Musiker etwas nervös machte, weil ein alter Aberglaube will, dass eine perfekte Hauptprobe kein gutes Zeichen für die Aufführung ist. Ich bin jedoch abergläubisch genug, um zu glauben, dass es genügt, an den Aberglauben nicht zu glauben, um ihn vollkommen zu entmachten. — Dieser Gedanke hatte sofort die gewünschte beruhigende Wirkung; wenigstens auf die Musikerin und den Musiker. Auf mich selbst ein bisschen weniger, weil ich ja an beides nicht wirklich glaube…
Geblieben ist für mich die Frage: Was bedeutet das Wortelement ‹Aber-› in ‹Aberglaube›? — Der Sache musste ich sofort nachgehen und sie klären:
Das deutsche ‹aber›, das als Konjunktion und als Adverb verwendet wird, geht auf die indoeuropäische Wurzel ‹*ap› zurück, die ‹weg›, ‹fort› bedeutete. Dies hat die bereits seit dem Protogermanischen bestehende deutsche Vorsilbe ‹ab-› generiert, die wir in Verben wie ‹abreisen›, ‹abfahren›, ‹abschlagen›, ‹ablösen›, ‹abstürzen›, ‹absondern› und in Nomina wie ‹Abschied›, ‹Absicht› oder ‹Abgrund› antreffen. Über das Gotische ‹aphar› und das Altindische ‹aparam›, die ‹weg› und ‹fort› nicht räumlich sondern zeitlich deuteten — also nicht mehr ‹weg›, sondern ‹später› —, entstand das englische ‹after›.
Zum deutschen ‹aber› kam es durch Verkürzung einer Überlegung: In der Aussage «diese Frucht ist rot, aber nicht süß» steckt nämlich ein ganzer gedanklicher Prozess: 1. Die Frucht ist rot, also reif, folglich erwarten wir, dass sie süß sein sollte. 2. Gehen wir nun jedoch WEG von der Beurteilung ihrer Reife aufgrund der Farbe, stellen wir mit den Geschmackspapillen fest, dass sie nicht süß ist.
Unmittelbar aus der indoeuropäischen Wurzel ‹*ap› ist die Bedeutung von ‹aber› in ‹Aberglaube› und ‹Aberwitz› abgeleitet: Der Aberglaube führt weg vom richtigen Glauben und der Aberwitz vom Witz im ursprünglichen Sinn, nämlich vom Verstand, von der Weisheit — ‹witzlos› bedeutet schließlich nicht ‹humorlos›, sondern ‹aussichtslos›, also eine nicht vernünftige Option.
In den Evangelien stößt man oft auf eine merkwürdige Verwendung des Wortes ‹aber›, etwa in Sätzen wie ‹Jesus aber ging hinauf auf einen Berg und setzte sich daselbst mit seinen Jüngern› oder ‹er aber weinte bitterlich› oder ‹sie aber gingen in die Stadt und verkündeten, was sie gesehen hatten›… — Dieses ‹aber› hat die alte gotische und zum Teil mittelhochdeutsche Bedeutung von ‹später›, was sich durch Vergleich mit anderssprachigen Übersetzungen beweisen lässt (postea, deinde, afterwards, in seguito, successivamente…) und einen Sinn ergibt.