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Überblick: Was ist Morbus Scheuermann?
Morbus Scheuermann, eine Wachstumsstörung, fällt anfangs bei Kindern und Jugendlichen kaum auf. Denn bis zu einem gewissen Mass ist es ganz normal, dass sich die Wirbelsäule nach oben, zum Halsbereich hin, etwas nach vorne krümmt. Kommt es dabei jedoch zu Veränderungen der Wirbelsäule, besteht das Risiko, dass sich diese Krümmung, medizinisch Kyphose, verstärkt. Denn die Jugendlichen wachsen noch. Damit kann sich diese Verknöcherungsstörung etablieren und die Wirbelsäule dauerhaft verändern: Es bildet sich ein sogenannter Rundrücken. Je nachdem, wie stark er ausgeprägt ist, zieht er wiederum verschiedene Probleme nach sich, darunter nicht nur Schmerzen.
Meist beginnt diese Wirbelsäulenerkrankung zwischen elf und 13 Jahren. Betroffen sind auffällig mehr Buben als Mädchen. Benannt wurde Morbus Scheuermann nach dem dänischen Orthopäden und Röntgenarzt Holger W. Scheuermann (1877-1960), der 1921 eine erste wissenschaftliche Abhandlung über diese Krankheit veröffentlichte (Kyphosis dorsalis juvenilis).
Weil die starke Verkrümmung, also die übermässige Kyphose, sich während des Wachstums ausbildet und deutlich wird, bezeichnen Fachleute diese Wachstumsstörung der Wirbelsäule auch als juvenile Kyphose (juvenil für jugendlich) oder Adoleszentenkyphose (Adolenszenz für Heranwachsende und zwar die Phase zwischen Pubertät und Erwachsenenalter).
Der Begriff Scheuermann-Krankheit bezeichnet eine Wachstumsstörung der Wirbelsäule, verbunden mit starker Krümmung und der Bildung eines Rundrückens, früher als Schneiderbuckel bezeichnet. Um die Krankheit besser zu verstehen, ist es wichtig, die Anatomie der Wirbelsäule zu kennen. Dieses vielleicht wichtigste Stützgerüst des Körpers ist vergleichbar mit aufeinandergestellten kleinen würfelförmigen Quadern, den Wirbelkörpern. In den Spalten zwischen den Wirbelkörpern liegen die Bandscheiben als Puffer. Um elastisch und belastbar zu sein, ist die Wirbelsäule nicht statisch gerade, sondern in einer doppelten S-Kurve aufgebaut, wobei zwischen Lendenwirbel und Kreuzbein sowie zwischen Hals- und Brustwirbelsäule von der Seite ein Bogen zu erkennen ist.
Während des Wachstums wird auch die Wirbelsäule länger, alle ihre Strukturen und Gewebe wachsen gleichmässig. Dabei kann es zu Wachstumsstörungen kommen, wie beim Morbus Scheuermann. Dann wachsen im Bereich der Brustwirbelsäule die knorpeligen Grund- und Deckplatten der Wirbelkörper in ihrem vorderen und hinteren Bereich nicht gleichmässig. Im vorderen Teil, der also zur Brust hin zeigt (ventral), wachsen sie langsamer als in ihrem hinteren Bereich (dorsal). Die Wirbelkörper, eigentlich würfelförmig angelegt, nehmen dadurch nach und nach die Form eines Keils an. Es bilden sich also so genannte Keilwirbel. Dadurch krümmt sich die Wirbelsäule mehr als normal nach vorne, ein Rundrücken bildet sich.
Manchmal ist von der Scheuermann-Krankheit nicht die Brustwirbelsäule, sondern die Lendenwirbelsäule betroffen. Die in diesem Abschnitt nach vorne gerichtete natürliche Krümmung der Wirbelsäule nimmt ab, die Krümmung wird flacher und ein Flachrücken bildet sich. Allerdings ist diese Version des Morbus Scheuermann wesentlich seltener als die Lokalisation in der Brustwirbelsäule mit Rundrücken.
Morbus Scheuermann: Ursachen und Risikofaktoren
Die eigentlichen Ursachen, warum einige Kinder und Jugendliche Keilwirbel entwickeln, andere nicht, ist noch nicht ganz geklärt. Die genauen Auslöser sind also nicht nachgewiesen. Vermutlich sind mehrere Faktoren für die Entstehung eines Morbus Scheuermann verantwortlich, die sich womöglich auch noch gegenseitig verstärken. Naheliegend ist etwa eine erbliche Komponente. Denn es gibt Familien, in denen diese Wachstumsstörung gehäuft auftritt.
Ausserdem kommen Risikofaktoren zum Tragen:
- Einseitige Belastung der Wirbelsäule sowie einseitige Überlastungen – etwa langes Sitzen mit vorgestrecktem Hals – typische, aber falsche, Haltung vor dem Computer oder der Gaming Konsole. Früher führte die kauernde Haltung der Schneiderlehrlinge zu entsprechenden Veränderungen, daher die Bezeichnung Schneiderbuckel, aber auch bei manchem Hochleistungssport kann es zu diesen Veränderungen kommen.
- Haltungsschwäche mit schlaffem Oberkörper – „schlechte Haltung“ mit eingesunkener Brust, abgesenkten Schultern, Kinn zeigt nach unten
- Allgemein schwache Rücken- und Bauchmuskulatur
Symptome: kaum vorhanden bis massiv – je nach Stadium von Morbus Scheuermann
Die Anzeichen und Beschwerden durch Scheuermann lassen sich in drei Stadien der Erkrankung einteilen:
- Anfangs treten kaum spürbare Symptome auf, die Krankheit beginnt also unbemerkt. Nur sehr selten können sich Schmerzen bemerkbar machen. Denn die Wirbelveränderungen müssen ein gewisses Mass erreicht haben, damit es zu Auswirkungen kommt. In diesem Anfangsstadium wird Scheuermann deshalb nur selten entdeckt, und wenn, dann als Zufallsbefund.
- Schreitet die Erkrankung fort, bezeichnet das die Ärztin oder der Arzt als aktives oder florides Stadium. Die deutlichen Symptome: Es bildet sich ein Rundrücken aus, die Arme fallen etwas nach vorne, die Brust sinkt ein. Rückenschmerzen treten auf.
- Im dritten Stadium dann, dem Endstadium, hat die Wachstumsstörung nicht nur zum Rundrücken und massiven Schmerzen geführt, sondern die Deformierung verändert die Statik des gesamten Körpers und zieht bereits weitere, indirekte Folgen in anderen Gelenken nach sich. Daneben kommt es zu Fehlbelastungen der Bänder und Sehnen sowie der Muskulatur. Auch Bandscheiben in anderen Bereichen der Wirbelsäule werden in Mitleidenschaft gezogen, etwa die im Lendenwirbelbereich.
Ausserdem sind möglich:
- Atemprobleme, allerdings nur bei stark ausgeprägtem Scheuermann
- neurologische Veränderungen wie Missempfinden, ausgelöst durch die veränderte Statik, die auch zu Druck auf die Nerven, respektive das Rückenmark, führen kann.
Nicht zuletzt führt die Krankheit beim Jugendlichen zu starker psychischer Belastung. Gerade in dieser Altersphase, in der die eigene Identität ausgelotet wird, das Aussehen und die Gemeinschaft in der Gruppe als wichtig erachtet werden, wird der äussere Eindruck oft überbewertet.
Morbus Scheuermann: Diagnose bei uns
Erste Anlaufstelle ist die Kinderärztin oder der Kinderarzt. Am USZ bietet sich im Rahmen des interdisziplinären Wirbelsäulenzentrums die Klinik für Rheumatologie als kompetenter Ansprechpartner für Jugendliche ab 16 Jahren an. Die Untersuchung beginnt mit der Anamnese, also Fragen zur Krankengeschichte, Schmerzen und Auffälligkeiten. Wir erkundigen uns auch danach, ob in der Familie bereits Erkrankungen der Wirbelsäule vorliegen oder Wachstumsstörungen.
Daran knüpft sich die körperliche Untersuchung mit Abtasten der Wirbelsäule und einfachen Tests, um die Beweglichkeit der Wirbelsäule zu überprüfen, eventuelle Einschränkungen zu identifizieren sowie neurologische Symptome zu erkennen.
Genauen Aufschluss geben dann bildgebende Untersuchungen wie Röntgen. Liegt ein Morbus Scheuermann vor, werden wir auf den Bildern typische Veränderungen ausmachen können, das sind:
- Keilwirbel
- veränderte Grund- und Deckplatten der Wirbelkörper
- Schmorlsche Knötchen oder Schmorl-Knötchen – durch diese Veränderungen der Wirbelkörperplatten kann Bandscheibengewebe in die Wirbelkörper dringen, es bilden sich die typischen kleinen Knötchen.
Anhand der Bilder können wir auch den sogenannten Cobb-Winkel bestimmen. Er dient zur Messung der Wirbelsäulenverkrümmung, beschreibt also den Winkel, den die Wirbelkörper ausmachen.
Auch Magnetresonanztomografie (MRT) wird manchmal genutzt, womit sich Morbus Scheuermann oft schon im Frühstadium erkennen lässt.
Ein besonderes röntgenfreies Untersuchungsverfahren zur Verlaufskontrolle der Fehlstellung bietet im Rahmen des interdisziplinären Wirbelsäulenzentrums die Klinik für die Traumatologie an. Mit dem DIERS 4D Motion® Lab kann die Wirbelsäulenform im Stehen und in der Ganganalyse kontrolliert werden; und das ganz ohne Röntgenstrahlung.
Morbus Scheuermann: Vorbeugen, Früherkennung, Prognose
Damit Ihr Kind möglichst kein Risiko für diese Wachstumsstörung aufweist, können Sie viel mit ihm gemeinsam tun. Oberste Priorität hat: Fördern Sie eine aufrechte Körperhaltung, geben Sie dabei auch ein gutes Beispiel. Wichtig ist jedoch immer: Es soll dem Kind Spass machen und nicht zu Stress und Druck führen. Diese Massnahmen unterstützen eine gesunde Körperhaltung:
- Gehen Sie einmal pro Woche mit Ihrem Kind zum Schwimmen oder falls es sehr gerne schwimmt, melden Sie es in einem Schwimmverein an.
- Achten Sie darauf, dass sich Ihr Kind allgemein viel bewegt. Vielleicht macht ihm Gruppensport Spass, etwa Fussball, Handball, Unihockey oder eher eine tänzerische Gymnastik/Turnen.
- Vermeiden Sie bitte, dass Ihr Kind stundenlang vor dem Computer oder der Gaming Konsole sitzt und dabei eine schlechte Haltung einnimmt. Ungünstig ist auch längeres Spielen auf Tablet und Handy mit geneigtem Kopf und schlechter Haltung.
- Sorgen Sie für einen ergonomisch guten Schreibtischstuhl und Schreibtisch für Ihr Kind.
Achten Sie auch darauf, ob Ihr Kind vielleicht schon einen Rundrücken entwickelt. Oft ist nicht leicht zu unterscheiden, ob es sich noch um eine natürliche, leichte Rundung des oberen Rückens handelt, oder bereits um Morbus Scheuermann im Anfangsstadium.
Hier gibt der Rutsch-Test Aufschluss:
Das Kind kniet dazu auf dem Boden und rutscht mit den Händen so weit wie möglich nach vorne. Am Schluss sollten Arme und Wirbelsäule eine Gerade bilden. Das wäre ideal. Ergibt sich keine Linie, sondern lässt sich der obere Rücken nicht ganz gerade strecken, kann es sich bereits um einen Rundrücken handeln. Dann bitte möglichst zeitnah ärztlichen Rat einholen, um das abklären zu lassen.
Verlauf und Prognose (Morbus Scheuermann)
Die Prognose bei dieser Wachstumsstörung ist im allgemeinen sehr positiv, wenn die Therapie möglichst frühzeitig einsetzt. Doch auch, wenn erst später, beim jungen Erwachsenen behandelt wird, stehen die Erfolgschancen meist noch gut.
Die Aussichten auf eine bleibende Beschwerdefreiheit sind nur dann etwas geringer, wenn die Wirbelsäule besonders stark verkrümmt ist oder zusätzlich eine Skoliose eingetreten ist. Dann hat sich die Wirbelsäule seitlich verbogen, die einzelnen Wirbelkörper dabei gedreht.
Scheuermann: Behandlung bedeutet vor allem Gymnastik, nur selten Operation
Je nach Ausprägung der Scheuermann-Krankheit und je nach Alter der Betroffenen sind verschiedene Massnahmen und Methoden möglich. Im Vordergrund der Behandlung steht immer, das Fortschreiten des Morbus Scheuermann zu verhindern, damit der Rücken sich nicht noch weiter verkrümmt sowie den Rundrücken möglichst wieder aufzurichten.
Je früher die Behandlung einsetzt und je jünger der Betroffene ist – die Wachstumsphase sollte am besten noch nicht abgeschlossen sein, desto erfolgreicher ist die Therapie: In den allermeisten Fällen reicht dann konservative Behandlung, das sind gymnastische Übungen im Rahmen einer Physiotherapie. Dabei werden Muskelgruppen gezielt gestärkt, die den Rücken aufrichten und beweglich machen. Wichtig: Es reicht auf keinen Fall, die Übungen nur mit der Physiotherapeutin oder dem Physiotherapeuten durchzuführen, auch zu Hause sollte möglichst oft nach Anweisung trainiert werden.
Ist die Krümmung stärker ausgeprägt und reichen die Übungen allein nicht aus, kann die Ärztin oder der Arzt ein spezielles Korsett verschreiben. Dieses Stützkorsett wird individuell angefertigt und ist sozusagen massgeschneidert. Anfangs muss es fast den ganzen Tag und die Nacht getragen werden, später nur noch stundenweise. Weil das Kind ja wächst, muss die Passgenauigkeit des Korsetts regelmässig überprüft werden und das Korsett entsprechend angepasst werden.
Ist die betroffene Person bereits älter und der Rundrücken ausgeprägt, ist ausserdem die Operation eine zusätzliche Behandlungsmöglichkeit bei Morbus Scheuermann. Dabei setzt die Chirurgie Schrauben und Metallplatten ein, um die Wirbelsäule aufzurichten.