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Affaire Rudolf Hess
Printed in
▼▶Repository
|Archive||Swiss Federal Archives, Bern|
▼
▶Archival classification
|CH-BAR#E2200.40-03#1000/1644#57*|
|Old classification||CH-BAR E 2200.40-03(-)1000/1644 4|
|Dossier title||Rudolf Hess, Ministre du Reich, pièces 3 novembre 1941 au 12 décembre 1941 (1939–1939)|
|File reference archive||II.O.2.A • Additional component: Grossbritannien und Nordirland|
dodis.ch/47324
BESUCH BEI RUDOLF HESS
Rudolf Hess, der ehemalige Reichsminister, der in England in Gefangenschaft ist3, hatte schriftlich mir gegenüber den Wunsch geäussert, dass ich ihn besuche4. Ich habe mich sofort mit dem Auswärtigen Amt in Beziehung gesetzt, mit Sir Orme Sargent, in Stellvertretung von Sir Alexander Cadogan. Nach Besprechung mit ihm, Mr. Strang und Mr. Loxley, Privatsekretär von Sir Alexander, wurde vereinbart, dass ich Freitag dem 12. Dez. vormittags den Gefangenen besuchen könne. Ich fuhr um 9 Uhr versehen mit den notwendigen Spezialpässen mit einem Auto, das mir die Militärbehörden zur Verfügung stellten, nach Hesses Aufenthaltsort, ca 11/2 Stunden von London. Vor meiner Ankunft an Ort und Stelle nahm Mayor Foley in meinem Wagen Platz, um die Einfahrt nach dem Hause zu erleichtern.
Herr Hess ist in einem hübschen und sehr geräumigen Landhause untergebracht, das von einem Garten umgeben ist. Vom Hause hat man einen wohltuenden Blick in die englische Landschaft und auf einen kleinen See. Die Wirkungen dieses ländlichen Aspekts werden allerdings zu einem Teil gestört durch die Sicherheitsmassnahmen. Der ganze Garten ist mit einem Drahtverbau versehen und wird ständig von Spezialwachen abpatrouilliert. Dieser Aussendienst scheint von ca. sechs Mann versehen zu werden, wenigstens sah ich so viele abmarschieren anlässlich der Wachtablösung. Auch im Hause selbst sind gewisse Sicherheits- und Absperrungsmassnahmen ergriffen, namentlich erstaunten mich Schutzmassnahmen im Treppenhaus. Ferner ist die Dienerschaft ziemlich zahlreich. Kommandant des Platzes ist Mayor Scott, dem ein Stab von ca. acht Offizieren zur Verfügung steht.
Der Empfang durch Mayor Scott war durchaus freundlich. Entsprechend meiner Abmachung mit dem Auswärtigen Amt wurde mir sofort die Möglichkeit geboten, mit den zwei britischen Ärzten des Herrn Hess zu sprechen. Beide waren in Uniform. Sie erklärten mir, dass Herr Hess nicht ganz normal sei, er halte sich für verfolgt. Dieses Gefühl mache sich in grossem Misstrauen gegenüber seiner Umgebung, ja sogar bis zur Nahrung, die man ihm offeriere, geltend. Ich ersuche die Herren, mir zuhanden meiner Akten einen Bericht über den Gesundheitszustand des Herrn Hess zu übergeben, was sie bereitwilligst tun; sie sind aber nicht in der Lage, mir diesen Bericht gleich zu überlassen, sondern müssen diesen zuerst dem Auswärtigen Amte zur Genehmigung unterbreiten5. Ich erkundige mich dann bei den Ärzten, ob sie befürchten, dass mein Besuch eventuell eine zu grosse Aufregung für den Patienten bedeute, was man durchaus verneint, nur rät man mir, gegenüber dem Patienten bei eventuellen Besprechungen und dessen Wünschen schonend vorzugehen.
Nach dieser Orientierung, die nur in Anwesenheit der Ärzte erfolgt war, liess mich der Camp-Kommandant durch Major Foley zu Herrn Hess führen, der sich nach der gegenseitigen Vorstellung sofort zurückzieht und uns alleine lässt.
Ich fand Herrn Hess im Bett liegend vor. Das Zimmer ist gross und luftig; was mich erstaunte, war ein starkes Eisengitter beim Mittelfenster, vor- und eingebaut, während die beiden Fenster links und rechts keine derartigen Schutzvorrichtungen aufwiesen. Das Mittelfenster war offen. Linker Hand, gegenüber dem Bette, steht an der Wand ein grosser Tisch mit deutschen und englischen Büchern. Ich sah dort u. a. das komplette Werk von Springer’s Kunstgeschichte. Das Bett steht rechter Hand der Türe frei im Raum. Neben dem Bett ist ein Radioapparat zur freien Benutzung.
Herr Hess begrüsst mich sehr korrekt, etwas reserviert, er war innerlich sichtlich bewegt. Er ist bleich, eher etwas mager; was mir besonders auffiel, waren die tiefliegenden etwas stechenden Augen und der sehr ernste etwas traurige Gesichtsausdruck. Er drückt sein Bedauern aus, mich nicht besser empfangen zu können, er hätte an einer alten langwierigen Krankheit herum zu doktern, er werde aber wohl bald wieder in Ordnung sein. Da er gleichzeitig in die Magengegend deutete, nahm ich an, dass es sich um ein Magenleiden oder etwas ähnlichem handle.
Ich erkläre Herrn Hess warum ich erst heute in der Lage sei, ihm einen Besuch zu machen und frage ihn, ob er meinen diesbezüglichen Brief6 erhalten hätte, was er bejaht. In diesem Zusammenhang erwähne ich auch die Art meiner Adresse und die Anrede; da er selbst seinen Brief an mich nur als Rudolf Hess unterschrieben habe, hätte ich meinerseits meinen Brief an Herrn Hess adressiert unter Ausserachtlassung jeglichen Titels. Wenn er aber irgendeine andere Anrede wünsche, so möchte ich ihn bitten, mir dies zu sagen. Herr Hess erklärt mir, dass mein Vorgehen durchaus korrekt gewesen sei und seinen Wünschen in jeder Hinsicht entsprochen habe. Er ersucht mich, ihn auch in Zukunft nur mit Herrn Hess anzureden.
Da Herr Hess den Verdacht äussert, dass man seine Briefe an mich nicht rechtzeitig weitergesandt, gebe ich ihm die Versicherung ab, dass ich in der Tat fünf Wochen von England abwesend gewesen sei und offerierte ihm zum Belege und zu seiner Beruhigung anlässlich meines eventuellen nächsten Besuches meinen Pass mit den entsprechenden Eintragungen zu zeigen, worauf Herr Hess durchaus beruhigt ist und erklärt, dass er meinem Worte glaube.
Er erkundigt sich dann nach der Situation in der Schweiz und ich erkläre ihm unsere Schwierigkeiten, wobei ihn die Tatsache etwas zu erstaunen scheint, dass wir grosse Schwierigkeiten nicht nur wegen der englischen, sondern ebenso wegen der deutschen Blockade haben7. Er teilt mir dann mit, dass er selbst für die Schweiz besondere Sympathien empfinde, der Gund liege u. a. auch darin, dass er 25% Schweizerblut in sich habe, seine Grossmutter sei eine Schweizerin gewesen, die aus einer Familie Bühler-Jenny stamme. Aus diesem Grunde habe er auch heute noch Verwandte in der Schweiz, er erwähnt Frau Emma Rothacker8, Zürich, Herzogstrasse 17.
Herr Hess erklärt mir dann weshalb er um meinen Besuch ersuchte. Er habe durch das Radio die Kunde erhalten - es steht ihm frei, alle deutschen, neutralen und andere Sendungen aufzunehmen - vom Hinschied seines Vaters; er sei schon sehr betagt gewesen und habe es mit einem Krebsleiden zu tun gehabt. Er wäre mir aber trotzdem sehr verbunden, wenn ich ihm Sicherheit darüber beschaffen könnte, ob die Radionachricht zutreffend sei. Ich könnte diese Auskunft zuverlässig von Frau Emma Rothacker, Herzogstrasse 17 in Zürich erlangen. Er wünsche aber nicht, dass die Beschaffung dieser Auskunft irgendwie Aufsehen erregt. Ich erkläre ihm, dass ich gerne diesen Versuch machen werde, eventuell könnte ich ihm auch bei dieser Gelegenheit nähere Mitteilungen über die Umstände des Ablebens seines Vaters verschaffen. Herr Hess bemerkt zu dieser Offerte, dass er sich mit der schweren Tatsache abgefunden und eigentlich lieber keine näheren Details mehr zu hören bekommen wünsche. Er kommt in diesem Zusammenhang auf seine eigene Gesundheit zu sprechen. Er will insbesondere, dass nichts Negatives über seinen Gesundheitszustand bekannt werde. Aus diesem Grunde würde er auch vorziehen, wenn die Behörden in der Schweiz überhaupt von meinem Besuch nicht informiert würden, was ich ihm ebenfalls verspreche9.
In Verbindung mit dem Ableben des Vaters möchte Herr Hess eine Änderung seines Testaments vornehmen. Er fragt mich, ob ich bereit wäre, seine Unterschrift auf einem diesbezüglichen Dokument zu legalisieren, einem Wunsche, dem ich selbstverständlich sofort entspreche. Ich war übrigens auf eine derartige Frage vorbereitet, weil Herr Hess mich in seinem zweiten Briefe ersucht hatte, ein amtliches Siegel mitzubringen. Ich erkläre ihm meine Kompetenzen hinsichtlich der Testamente: ich sei zur Legalisation ermächtigt, ich dürfe Testamente in Verwahrung nehmen, müsste aber eventuell meine Behörden hierüber verständigen. Beratend bezüglich der Abfassung der Dokumente könne ich in keiner Weise mitwirken. Herr Hess ist damit einverstanden, würde es aber vorziehen, wenn ich das Testament ohne Information nach Bern einfach auf der Gesandtschaft in Verwahrung nehmen würde. Ich schlage Herrn Hess vor, eventuell eine zweite Kopie zu erstellen und zwar dies der Sicherheit halber, England sei im Krieg mit Deutschland und London eventuell erneut Bombenangriffen ausgesetzt, wozu Herr Hess bemerkt, dass neue Bombenangriffe auf London ausser allem Zweifel erfolgen werden; trotzdem betrachte er es als genügend, wenn ein Testament auf der Gesandtschaft deponiert sei. Das Testament10 ist von Herrn Hess bereits fertig aufgesetzt und ich nehme in seiner Anwesenheit die Legalisation der Unterschrift vor. Herr Hess hat mir das Dokument zum Lesen gegeben, es handelt sich um eine kurze Verfügung zugunsten einer Verwandten, wonach diese nicht weniger als 500 Mark monatlich Rente erhalten soll. Versiegelt ist der Umschlag nicht und zwar deshalb, weil die britischen Behörden entgegen den Erwartungen des Herrn Hess und meiner selbst darauf verzichteten, in das Dokument Einsicht zu nehmen, sodass die Bemerkung auf dem Umschlag, die Herr Hess schon vorher geschrieben hatte, mit seinem Einverständnis nicht ganz den Tatsachen entspricht. Herr Hess war durchaus damit einverstanden, dass die britischen Behörden in das Dokument Einsicht nehmen könnten.
Herr Hess bemerkte dann, dass das Testament für ihn nicht die Hauptsache sei; es sei im Grund genommen für ihn in erster Linie nur ein Vorwand gewesen, um mit mir in Beziehung zu kommen. Er hätte nämlich dem König von Grossbritannien wichtige Mitteilungen zu machen. Er sei seinerzeit in der Hoffnung nach England gekommen, einen Frieden herzustellen. Leider habe er damals kein Verständnis und auch nicht die richtigen Möglichkeiten gefunden. Die Deutschen hätten über den Sommer 1941 grosse Erfolge in Russland gehabt und ziehen sich nun auf die Winterlinie zurück. Hernach komme die grosse Offensive in Afrika. Er sei überzeugt, dass auch heute noch mit seinen Friedensplänen etwas zu erreichen sei. Er hätte seine Gedanken hierüber schriftlich auseinandergesetzt und er ersucht mich, dieses Dokument dem König persönlich zu übergeben. Er bittet mich, bei Weiterleitung des Briefes an den König den Wunsch zu äussern, dass der König selbst den Brief als erster lese und legt mir dann einen grossen Briefbogen vor über das Verfahren betreffend die Präsentierung und eventuelle sonstige Behandlung dieses Dokuments.
Neben Bemerkungen bezüglich des Friedens soll das Schriftstück auch Beschwerden enthalten wegen seiner bisherigen Behandlung. Er erklärt mir, man tue systematisch alles, um seine Nerven vollständig zu ruinieren. Er wolle mich nicht mit den Details bemühen, er habe aber die feste Überzeugung, dass seine ganze Umgebung gegen ihn eingestellt sei; es gebe einige Offiziere, die ihm gegenüber freundlicher seien. Er sei überzeugt dass, wenn der König dies zu hören bekomme, er sofort für Abstellung und Besserung sorgen werde, denn der König hätte ihm seinerzeit erklärt, dass er, Herr Hess, unter seinem besonderen Schutze stehe.
Für mich stellen sich mit diesem Wunsche Herrn Hesses zwei Probleme: soll ich versuchen, ein derartiges Schreiben dem König zukommen zu lassen; bin ich in der Lage dies überhaupt zu tun. Die erste Frage beantworte ich mir bejahend, denn es handelt sich ja um keine offiziellen Friedenspläne, sondern um denjenigen eines Gefangenen, der schon seit langer Zeit in England weilt. Da ich das Dokument nicht zu lesen bekam, bin ich nicht in der Lage, dessen Wert zu beurteilen. Überdies sind im Dokument auch persönliche Beschwerden enthalten, die Hess das Recht hat, vorzubringen; letztere allerdings nicht gegenüber dem König; schliesslich ist es aber Sache der britischen Behörden zu entscheiden, ob sie dem Wunsche des Gefangenen in Anbetracht seiner frühen Stellung entsprechen wollen; ich bin nämlich ohnehin nicht ermächtigt, ein Dokument von einem Gefangenen aus dem Camp fortzutragen ohne dass dieses die Zensur passiert hat.
Ich erkläre daher Herrn Hess, ich sei an sich bereit, das Dokument mitzunehmen, doch müsste ich vorerst die Zustimmung des Camp-Kommandanten resp. seines Stellvertreters erlangen. Ich teile ihm ferner mit, dass ich als Gesandter nicht ermächtigt sei, eine Audienz beim König nachzusuchen, diese Möglichkeit stehe nur den Botschaftern offen. Herr Hess bedauert diese beiden Umstände, namentlich den ersten; nachdem ich ihm aber erkläre, dass auch die britischen Gefangenen in Deutschland bezüglich ihres schriftlichen Verkehrs einer gleichen Kontrolle unterstehen, hat er hiegegen keine Einwendung.
Was die Weiterleitung des Dokuments anbelangt, erkläre ich Herrn Hess, dass ich hiefür die Vermittlung Sir Alexander Cadogans nachsuchen werde. Herr Hess frägt mich, ob ich Vertrauen in ihn haben könnte, was ich bestätige. Herr Hess ersucht mich aber die Vermittlung des Mr. Cadogan erst in dritter Linie in Betracht zu ziehen. Er hat nämlich immer noch die Hoffnung, ich könnte den König persönlich sehen; als zweitnächste Lösung schlägt er vor, das Dokument durch den Herzog von Hamilton dem König präsentieren zu lassen.
Auf Grund dessen, was ich in den Zeitungen und vom Parlament her weiss, machte ich Herrn Hess bezüglich der Vermittlung des Herzogs von Hamilton keine grossen Hoffnungen, wollte aber seinen Vorschlag angesichts seines dringenden Wunsches und besonders seines Gesundheitszustandes nicht von vorneherein ablehnen; ich erklärte überdies, dass ich die Vermittlung des Auswärtigen Amtes nachsuchen müsste, weil mir der Herzog von Hamilton persönlich nicht bekannt sei.
Herr Hess hat durch das Radio offenbar auf Grund deutscher Meldungen den Eindruck bekommen, dass die Engländer ihre Gefangenen schlecht behandeln. Er weist als Beispiel auf die Behandlung des deutschen Generalkonsuls von Gerlach hin, der von Island her nach England gebracht und hier sogar im Tower von London eingesperrt wurde. Ich teile Herrn Hess mit, dass ich in der Lage sei, ihm beruhigende Auskunft zu geben. Es möge sein, dass Gerlach vorübergehend im Tower wohnte, doch müsse er sich den Tower durchaus nicht etwa als ein altes Burgverlies vorstellen; der Tower sei ein grosser Gebäude-Komplex, in dem sich sehr angenehme Räumlichkeiten befinden; ein Aufenthalt dort komme mehr einem solchen in einem alten Schlosse gleich. Überdies wisse ich genau, dass sich Herr von Gerlach über seine Behandlung in England nicht beklagt habe. Herr Hess ist durch diese Mitteilung beruhigt.
Herr Hess beklagt sich darüber, dass seine Augen schwächer werden. Es sei dies für ihn bedauerlich, weil das Lesen ohnehin seine Hauptfreude sei. Ich mache ihm den Vorschlag, sich eventuell mit Zeichnen, Malen oder irgendeinem anderen Kunstgewerbe zu unterhalten, doch fürchtet Herr Hess, dass auch dies seine Augen zu stark beanspruche; er fügt auch den Verdacht bei, dass seine Augen vielleicht systematisch schlechter gemacht werden.
1. Er verweist erneut auf seine Gefühle allgemeinen Misstrauens gegenüber seiner Umgebung; man versuche systematisch seine Nerven zu schwächen; er wolle keine Details erwähnen.
2. Man verweigere ihm den Gebrauch einer Petschaft, er würde eine solche sehr begrüssen, weil er die Sicherheit haben möchte, Dokumente, die er selbst erstellt, geheim zu wissen.
3. Er beklagt sich, keine Post zu bekommen. Er schreibe regelmässig alle 14 Tage an seine Verwandte in Deutschland, er habe bis anhin aber nur zwei Antworten bekommen, eine aus Deutschland und eine zweite in der Form eines Briefes von Frau Emma Rothacker aus Zürich.
4. Er habe Ende Oktober eine Brille verlangt, die ärztliche Untersuchung seiner Augen sei sofort erfolgt, die Brille hätte er aber erst am 11. Dezember erhalten.
Ich erkläre Herrn Hess, dass ich diese Beschwerden mit den britischen Behörden aufnehmen und ihm seinerzeit berichten werde.
Ich frage dann Herrn Hess, ob er irgendwie Wünsche habe; ich würde wenn möglich solche gerne erfüllen. Herr Hess verdankt mein Anerbieten aufs Freundlichste; er ersucht mich ihn über die Weiterleitung seiner Eingabe an den König zu orientieren, was ich verspreche. Ohne dass er speziell Wünsche äussert, habe ich den Eindruck, dass ihm vielleicht deutsche Bücher Freude bereiten könnten. Ich werde sehen, dass ich ihm auf Weihnachten hin etwas schicken kann.
Herr Hess kommt dann kurz auf den Krieg zu sprechen. Die deutsche Armee in Russland werde nun Winterstellungen beziehen um im Frühling die Offensive wieder aufzunehmen. Vorher aber, d. h. während des Winters, erfolgt die grosse Offensive gegen Nordafrika und die übrigen Südküsten des Mittelmeeres.
Was seine überraschende Fahrt nach Schottland anbetrifft, ist er überzeugt, sein Friedensversuch sei wohl begründet gewesen und das erste Mal nur missglückt, weil er nicht mit den richtigen Leuten in Kontakt gekommen; er ist noch heute der festen Überzeugung, dass die Deutschen den Krieg gewinnen werden. Er äussert sich mir gegenüber in dieser Hinsicht durchaus positiv, doch mit einem fragenden Blick an mich; offenbar hat er die stille Hoffnung, ich würde ihn in dieser Meinung bestärken, was ich nicht kann, und deshalb eine direkte Beantwortung der Frage vermeide und nur mit einem Achselzucken meine Zweifel zum Ausdruck bringe.
Herr Hess bittet mich dann, ihm einige Zeit einzuräumen, damit er seine Gedanken und Notizen zuhanden des Königs ergänzen und schriftlich besser formulieren könne. Ich ziehe mich in die Fensterniche zurück und verweile mich mit Lesen. Herr Hess ist während \X U Stunden mit der schriftlichen Abfassung seiner Eingabe an den König beschäftigt. Als er damit fertig [ist], bittet er mich an sein Bett zu kommen; er frägt mich, ob ich vorerst in das Dokument Einsicht nehmen wolle. Da ich den bestimmten Eindruck habe, dass er es vorziehen würde dass ich nicht insistiere und da für mich die Weiterleitung leichter sein wird ohne Kenntnis und damit auch ohne Verantwortung für dessen Inhalt, verzichte ich, trotz der Neugier, auf dessen Einsichtnahme.
Herr Hess lässt darauf Mayor Foley kommen. Ich erkläre dem Mayor, dass Herr Hess zwei Dokumente erstellt habe, das eine zuhanden des Königs, das ich nicht zu lesen bekam, das aber ihm zur Einsicht offen stehe, hernach möchte ich das Dokument gerne mitnehmen; desgleichen auch eine kurze testamentarische Verfügung, in die ich Einsicht genommen hätte. Mayor Foley erklärt sofort bereitwilligst, dass er auf die Einsicht beider Dokumente verzichte, was für mich eine Erleichterung ist und mir gleichzeitig dartut, welch unbedingtes Vertrauen man in mich setzt. Herr Hess war über dieses Entgegenkommen sichtlich ebenfalls sehr erfreut. Die Eingabe an den König11, die somit mir wie auch Mayor Foley unbekannt blieb, wurde darauf von Herrn Hess in einen Briefumschlag versorgt, der von mir und Mayor Foley auf Wunsch Herrn Hesses vielfach versiegelt wurde. Da Mayor Foley zwei Siegel mehr aufsetzte wie ich, wünschte Herr Hess, dass diese beiden britischen Siegel vom Siegel der Gesandtschaft übersiegelt würden, einem Wunsch, dem wir beide sofort entsprachen.
Nach meinem Besuche bei Herrn Hess hatte ich eine kurze Besprechung mit Mayor Foley betreffend die Dokumente, die er unkontrolliert passieren liess. Er erwartet, dass ich hierüber noch mit Sir Alexander Cadogan sprechen werde, was ich versprach; offenbar möchte Mayor Foley bezüglich der Verantwortung etwas entlastet sein, was ich durchaus begreife.
Die Ärzte informieren mich nun auch über den Grund der Krankheit, die Herrn Hess zurzeit ans Bett fesselt. Herr Hess habe nämlich vor einigen Wochen einen Flucht- oder Selbstmordversuch gemacht. Er habe sich abends in volle Uniform gekleidet und sich in dieser Ausrüstung in einem unbewachten Augenblick plötzlich aus dem Fenster gestürzt. Dabei habe er einen Bruch am Oberschenkel erlitten. Hess habe erklärt, er wollte einen Kopfsprung machen! Man versichert mir, dass Herrn Hess sofort die besten Ärzte zur Verfügung gestellt wurden und die Heilung einen sehr günstigen Verlauf nehme; wahrscheinlich werde er in seiner Bewegungsmöglichkeit keinerlei Folgen spüren. Ich erkläre den Herren, dass mir diese Mitteilung vollkommen neu sei und frage, weshalb man mich nicht bei der ersten Besprechung informierte. Herr Hess selbst hätte gebeten, mir vor meinem Besuch keine Mitteilung von diesem Fenstersprung zu machen! Herr Hess hat sich auch während meines Besuches bei ihm über den Fall ausgeschwiegen. Dieser eigentümliche Fenstersprung erklärt mir nun auch weshalb innerhalb des Hauses am Treppengelände und wo Fenster sind, Drahtgitter angebracht wurden, weshalb vor dem Schlafzimmer eine Krankenwache steht, weshalb eines der Schlafzimmerfenster mit einem Gitter versorgt ist; weshalb die beiden ändern Zimmerfenster aus bruchsicherem Glas bestehen und nicht geöffnet werden können.
- 1
- A notre connaissance, ce texte du Ministre Thurnheer n’a pas été transmis à Berne. Aux Archives fédérales, nous n’avons trouvé aucune trace écrite montrant que le Ministre à Londres ait informé les autorités fédérales de son entretien avec R. Hess. Dans un autre compte rendu rédigé à la suite de sa deuxième visite à R. Hess, le 21 avril 1942, Thurnheer écrit: Ich wiederhole [à Hess]bei dieser Gelegenheit, dass ich entsprechend Herrn Hesses striktem Wunsche bis anhin absolut nichts nach Bern rapportiert habe (E 2200 London 44/4).↩
- 2
- E 2200 London 44/4.↩
- 3
- Cf. No 41.↩
- 4
- Le 3 novembre, Hess s’est adressé une première fois au Ministre de Suisse, en tant que représentant de la Puissance protectrice des ressortissants allemands en Angleterre. Le 10 décembre, le Ministre Thurnheer a répondu en ces termes à R. Hess: Ich beehre mich, Ihnen den Empfang Ihrer Briefe vom 3., 6. und 20. November zu bestätigen. Diese sind mir gestern vom Britischen Auswärtigen Amt übergeben worden. Zur Erklärung der Verzögerung meiner Antwort erlaube ich mir, Ihnen zur Kenntnis zu bringen, dass ich am 1. November von London nach der Schweiz abgereist und von dort erst vergangenen Samstag nachts zurückgekehrt bin.↩
- 5
- Ce rapport (Most secret) sur l’état de santé de R. Hess, daté du 12 décembre, a finalement été remis au Ministre de Suisse. En voici le texte: This brief statement is prepared at the request of H.E.the Swiss Minister, and signed by Major H.V. Dicks, RAMC and Captain M.K. Johnston, RAMC, who were in medical charge from May 31st to July 18th, and from July 18th to date, respectively. 1. We are both specialists in psychological medicine. 2. The services of a psychiatrist were asked for by Lt. Col. Gibson Graham, RAMC, who was originally in medical charge and who early appreciated the fact that the patient was suffering from a disorder of mind. Col. Graham, in his early reports, has stated that he found the patient subject to fears of being poisoned, to a degree which made the patient insist on his food being sampled by the officers in attendance. In addition the patient showed other abnormal suspicions, such as that noises occurring in or near the house were deliberately arranged to frighten him, break his nerve or prevent his sleep. 3. Since taking over, we have had ample evidence to prove the correctness of Lt. Col. Graham’s early observations. The patient has been predominantly suspicious and depressed to an abnormal degree; he has from time to time expressed, both verbally and in lengthy documents, the conviction that a secret enemy has been administering subtle poison to him - the effect of this poison being to produce elation and then depression, interference with his bodily functions, and destruction of his power of sleep and reason. He has been subject to fits of great agitation and excitement during which his conduct has been very irrational: he prepares «secret documents» and «depositions» of evidence of persecution on the part of e. g. Major Dicks, Major Foley or the Commandant. At the same time he has got one of the accused to help him in the preparation or translation of these documents. 4. At times he appreciates that these feelings of persecution are unreasonable, but that he cannot help them. He has repeatedly stated that he does not accuse the officers of bad faith, but that he believes them to be themselves drugged or hypnotised so as to be the unconscious instruments of the unspecified secret enemy. 5. We believe the mental disorder to be paranoia (systematized delusional insanity), and the prognosis as to recovery to be bad. He requires constant care and supervision, on account of a risk of suicide. For that reason, certain precautions have been taken, and a psychiatrist and six trained mental nursing orderlies of the RAMC are in constant attendance (E 2200 London 44/4).↩
- 6
- Cf. note 1 ci-dessus.↩
- 7
- Cf. table méthodique: 4.2. Blocus et contre-blocus.↩
- 8
- Née Hess, tante de R. Hess. Cf. notice manuscrite non datée sur la parenté de R. Hess, en Suisse (E 2001 (D) 3/465).↩
- 9
- Cf. aussi note 1 ci-dessus.↩
- 10
- Non reproduit.↩
- 11
- Le dossier (E 2200 London 44/4) contient un long rapport écrit au crayonpar R. Hess, England, 5.9.41, et intitulé Feststellung und Protest, qui porte l’annotation suivante du Ministre Thurnheer: Dieser Rapport ist mir persönlich von Rudolf Hess überreicht worden. Es handelt sich um ein Doppel der Eingabe, die er mit einem freundlichen Begleitschreiben vom 12.12.1941 an den König gerichtet hat und die ich am 10.1.1942 dem Sekretär des Königs überreichte.↩
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