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So, wie wir den wörtlichen Auslegungsansatz bei der biblischen Prophetie anwenden sollten, müssen wir uns auch der richtigen Auslegungsprinzipien bedienen, die «das Wort der Wahrheit recht teilen» (2.Tim 2,15). Im griechischen Original besitzt dieser Vers eine Tiefe und einen Reichtum, der in englischen Übersetzungen nicht deutlich wird, wie der Bibelausleger Thomas Constable erklärt: «‹Recht teilen› ist ein bildhafter Ausdruck, der einen Arbeiter zeigt, der seine Arbeit sorgfältig und genau ausführt. Das griechische Wort (orthotomounta) beschreibt an anderer Stelle einen Zeltmacher, der seinen Stoff gerade schneidet und nicht in Schlangenlinie. Es stellt einen Bauarbeiter dar, der die Steine in gerader Linie platziert, und einen Landwirt, der eine gerade Furche pflügt.»
Dieses Bild bringt zum Ausdruck, dass Sie und ich bei der Auslegung der Schrift ebenso präzise und sorgfältig vorgehen müssen wie ein Handwerker bei seiner Arbeit. Aus diesem Grund können Auslegungsprinzipien so hilfreich sein. Es folgen sechs Prinzipien, die mich die Jahre hindurch geleitet haben.
1. Der offensichtliche Sinn. Wenn der wörtliche Sinn Sinn ergibt, dann suche nach keinem anderen Sinn, es sei denn, das Ergebnis ist Unsinn. Der Bibelausleger David Cooper schlägt vor, dass wir angesichts dieses Prinzips «jedes Wort bei seiner primären, normalen, wörtlichen Bedeutung nehmen sollen, solange die Fakten des unmittelbaren Kontexts – untersucht im Licht verwandter Stellen und axiomatischer und fundamentaler Wahrheiten – nicht deutlich auf etwas anderes hinweisen.» Auch der Prophetiegelehrte Arnold Fruchtenbaum ist der Meinung: «Solange der Text nicht klarmacht, dass er symbolisch zu verstehen ist, sollte er wörtlich genommen werden.»
2. Annahmen. Alle lehrmässigen Annahmen müssen der Schrift untergeordnet werden.
Unsere Lehrmeinungen sollten nicht unsere Bibelauslegung beherrschen. Natürlich werden alle Bibelausleger bis zu einem gewissen Masse von persönlichen, theologischen, denominationellen und politischen Voreingenommenheiten beeinflusst. Keine Herangehensweise an die Schrift ist ein leeres Blatt Papier. Aus diesem Grund müssen sich unsere Lehrmeinungen in Übereinstimmung mit der Bibel befinden und sich von ihr korrigieren lassen. Nur die Ansichten, die mit der Schrift vereinbar sind, sind auch berechtigt. Wir müssen es dem biblischen Text gestatten, unsere Annahmen und Überzeugungen zu modifizieren oder sogar vollständig neu zu gestalten.
3. Der biblische Kontext. Achten Sie genau auf den biblischen Kontext.
Jedes Wort in der Bibel ist Teil eines Satzes, jeder Satz steht in einem Abschnitt, jeder Abschnitt gehört zu einem Buch und jedes Buch ist Teil der ganzen Schrift. Die Auslegung einer bestimmten Stelle darf nicht in einem Punkt der Gesamtlehre der Bibel widersprechen. Einzelne Verse existieren nicht als isolierte Fragmente, sondern bilden ein Ganzes. Um sie richtig auslegen zu können, müssen wir ihre Beziehung zum Ganzen und zueinander verstehen. Die Schrift legt die Schrift aus.
4. Genre. Ordnen Sie das Genre richtig ein.
Die Bibel enthält eine Vielzahl literarischer Genres, von denen jedes bestimmte Kennzeichen aufweist, die berücksichtigt werden müssen, um den Text richtig auslegen zu können. Biblische Genres sind: Geschichte (Apostelgeschichte), Drama (Hiob), Dichtung (die Psalmen), Weisheitssprüche (Sprüche) und apokalyptische Schriften (Daniel und Offenbarung). Falsche Genreeinteilungen führen uns bei der Schriftauslegung in die Irre.
Mit einem Gleichnis sollte man nicht so umgehen wie mit einem geschichtlichen Ereignis, ebenso wenig darf ein Gedicht (das viele Symbole enthält) wie eine einfache Erzählung behandelt werden. Die Psalmen sprechen zum Beispiel von Gott als einem Fels (Ps 18,3; 19,15). Das darf nicht wörtlich verstanden werden, sondern muss als ein Symbol für Gottes unerschütterliche Stärke gesehen werden – Gott ist unsere felsenfeste Grundlage. Die Psalmen benutzen oft solche Bilder.
Auch wenn die Bibel eine Vielzahl von literarischen Genres und viele Redewendungen und rhetorische Figuren enthält, griffen die biblischen Verfasser meistens auf wörtlich zu nehmende Aussagen zurück, um ihre Ideen zu vermitteln. Wo sie ein wörtliches Mittel verwendeten, um ihre Vorstellungen zum Ausdruck zu bringen, muss der Bibelstudent entsprechend einen wörtlichen Ansatz wählen. Die wörtliche Methode der Schriftauslegung gibt jedem Wort im Text dieselbe grundlegende Bedeutung, das es in einem normalen Schriftstück oder einer Rede hat. Ohne eine solche Methode wäre die Kommunikation zwischen Gott und Mensch unmöglich.
5. Der historische und kulturelle Kontext. Berücksichtigen Sie die Geschichte und Kultur.
Der Bibelausleger muss seine moderne westliche Denkweise hinten anstellen und sich in die der alten jüdischen Kultur hineinversetzen. Er muss auf spezielle Dinge achten wie jüdische Heiratsrituale, Beerdigungsriten, familiäre, landwirtschaftliche, geschäftliche und religiöse Praktiken, das Währungssystem, Methoden der Kriegsführung, Sklaverei, Behandlung von Gefangenen und den Gebrauch von Bündnissen. Mit solch detaillierten historischen Informationen ausgestattet, ist es viel leichter, die Bibel richtig auszulegen, da wir die Welt der biblischen Schreiber besser verstehen können.
Ein umfassendes historisches Verständnis der jüdischen Geschichte hilft uns zu begreifen, warum der Antichrist als ein «kleines Horn» bezeichnet wird (Dan 8,9). Die alten Juden sahen, dass Tiere ihre Hörner als Waffen einsetzten, deshalb wurde das Horn schliesslich als ein Symbol für Stärke und Macht angesehen. Als Erweiterung dieses Symbols wurden Hörner manchmal als Zeichen der Herrschaft verwendet, die Reiche und Könige repräsentierten, so wie im Buch Daniel und der Offenbarung (s. Dan 7-8; Offb 13,1.11; 17,3-16). Somit fängt der Antichrist – als ein «kleines Horn» – anscheinend relativ klein an mit einem örtlich begrenzten Einflussbereich, bevor er dann die weltweite Herrschaft ergreift (Offb 13).
6. Mehrfache Anwendungen. Denken Sie daran, dass eine Stelle möglicherweise auf mehr als ein Ereignis anzuwenden ist.
Die prophetischen Schriften können sich auf zwei Ereignisse beziehen, die einen beträchtlichen Zeitraum auseinanderliegen. Dennoch finden sich diese Ereignisse in derselben Bibelstelle und ergeben scheinbar ein einziges Bild. So wird der dazwischenliegende Zeitraum erst dann deutlich, wenn man andere Verse hinzuzieht.
Das gilt für bestimmte alttestamentliche Stellen über das erste und das zweite Kommen Jesu Christi. In Sacharja 9,9-10 lesen wir beispielsweise: «Frohlocke sehr, du Tochter Zion; jauchze, du Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir; ein Gerechter und ein Retter ist er, demütig und reitend auf einem Esel, und zwar auf einem Füllen einem Jungen der Eselin. … Und er wird den Völkern Frieden gebieten; und seine Herrschaft wird reichen von einem Meer zum anderen und vom Strom bis an die Enden der Erde.» Diese Stelle spricht sowohl vom ersten (Christus, der König, ritt auf einem Esel) als auch vom zweiten Kommen Jesu, das in Seiner universellen tausendjährigen Herrschaft münden wird (siehe z.B. Jes 11,1-5).