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In Europa gab es noch nie mehr arbeitslose Jugendliche als heute. Nur wenn die Alten weniger arbeiten, haben die Jungen eine Chance.
Die Ökonomen unterscheiden drei Stufen der wirtschaftlichen Entwicklung: Zuerst muss eine Gesellschaft sparen, um eine Kapitalbasis für eine industrielle Revolution zu legen. Dann folgt die Phase der Konsumgesellschaft, in der die Wirtschaft so produktiv geworden ist, dass die Menschen nun Früchte des Verzichts geniessen können und sich Autos, Kühlschränke, TV-Apparate und dergleichen mehr leisten können. Die dritte Phase schliesslich ist die Überflussgesellschaft. Jetzt verfügen die Menschen über so viel materiellen Wohlstand, dass sie nicht noch mehr Dinge kaufen wollen, sondern sich stattdessen mehr Freizeit wünschen.
Auf die aktuellen Verhältnisse übertragen, bedeutet dies: China befindet sich an der Schwelle von der ersten zur zweiten Stufe. Die westlichen Industrieländer hingegen sind seit Jahrzehnten in der Phase der Konsumgesellschaft gefangen und müssten eigentlich längst den Übertritt in die Überflussgesellschaft geschafft haben. Doch es will nicht gelingen.
Erfolgsmodell funktioniert nicht mehr
Dabei hat es so gut angefangen. Die soziale Marktwirtschaft der Nachkriegszeit war ein Erfolgsmodell: Drei Jahrzehnte lang hat sie für Vollbeschäftigung, sinkende Arbeitszeit, steigende Löhne und bessere Sozialleistungen gesorgt. Die Grundlage dieses Erfolgs war ein Gleichgewicht der Kräfte. Unternehmer und Gewerkschaften begegneten sich auf Augenhöhe. Sozial verantwortungsvolle Patrons und pragmatische Politiker stellten sich hinter einen massvollen Sozialstaat. Das waren sie der Generation des Zweiten Weltkrieges auch moralisch gesehen schuldig. Die Angst vor dem Kommunismus hat schliesslich ihr Übriges dazu beigetragen, dass das Modell der sozialen Marktwirtschaft nicht ernsthaft infrage gestellt wurde.
Entscheidend für den Erfolg war die Tatsache, dass der wachsende Wohlstand einer immer produktiver werdenden Wirtschaft mehr oder weniger gleichmässig verteilt wurde. Alle hatten etwas vom wachsenden Kuchen. Das war nicht nur fair, es war auch volkswirtschaftlich segensreich: Ein reicher werdender Mittelstand sorgte für genügende Nachfrage.
Gleichzeitig gerieten die Arbeitsmärkte nicht aus dem Gleichgewicht, denn die steigende Produktivität wurde mit billigeren Produkten und tieferen Arbeitszeiten aufgefangen. Nach dem Weltkrieg bis 1970 sind diese von rund 48 auf 40 Wochenstunden gesunken. Seither verharrt die durchschnittliche Arbeitszeit auf diesem Niveau, ja sie nimmt neuerdings sogar wieder zu. Diese Trendumkehr setzte in den 1980er-Jahren in kleinen Schritten ein.
Kapitalmärkte sind Mass aller Dinge
Allmählich begann die Shareholder-Value-Ideologie, das Modell der sozialen Marktwirtschaft auszuhöhlen. Was bisher selbstverständlich war – Vollbeschäftigung und existenzssichernde Löhne –, wurde nun infrage gestellt. Was bisher verpönt war – zweistellige Gewinnmargen und sechsstellige Boni –, wurde dagegen zur neuen Normalität. Dank nach wie vor steigender Produktivität wuchs der Wohlstand zwar weiter, er wurde aber nicht mehr fair, sondern einseitig verteilt. Ein immer grösserer Teil der Gewinne floss zu den Aktionären und von dort auf die Finanzmärkte. Diese wurden nun gewaltig aufgebläht. Innert weniger Jahrzehnte haben Banken und Hedge-Funds eine bisher nicht gekannte Machtfülle erlangt. Die Kapitalmärkte sind zum Mass aller Dinge geworden.
Ermöglicht wurde die ungleiche Verteilung des Produktivitätswachstums durch die Globalisierung. Vor allem der Eintritt Chinas in die Welthandelsorganisation hat das Angebot an Arbeitskräften explodieren lassen. Heute gibt es weltweit rund drei Milliarden Menschen, die auf der Suche nach einem existenzsichernden Arbeitsplatz sind. Dem stehen bloss 1,2 Milliarden gute Jobs gegenüber.
Dieses Ungleichgewicht hat dazu geführt, dass auch in den westlichen Industriestaaten neue Machtverhältnisse entstanden sind: Die multinationalen Konzerne haben keine natürlichen Feinde mehr. Die Folge davon sind Überkapazitäten, Arbeitslosigkeit und Lohndruck. Das überfordert den Sozialstaat und führt zu Stagnation, Krise und sozialem Zerfall – aber gleichzeitig auch zu übervollen Kassen in den Unternehmen und bei den Besitzern der Unternehmen.
Noch nie mehr arbeitslose Jugendliche
Am schlimmsten betroffen von dieser Entwicklung sind die jungen Arbeitnehmer. Vier Jahre Wirtschaftskrise haben die Lage dramatisch verschlechtert. Seit die Statistiken der Wirtschaftsorganisation OECD, dem Thinktank der reichen Länder, erhoben werden, gab es in Europa noch nie so viele arbeitslose Jugendliche wie heute. Jede zweite junge Griechin und jeder zweite junge Spanier ist heute ohne Job, in Italien ist es jeder dritte, in Grossbritannien jeder vierte. Das ist nicht nur moralisch, sondern auch politisch und wirtschaftlich eine Katastrophe. Wer als junger Mensch den Einstieg ins Arbeitsleben verpasst, kann dieses Handicap oft ein ganzes Arbeitsleben lang nicht mehr wettmachen. Junge Menschen ohne Zukunftsperspektive sind zudem die grösste Bedrohung für soziale Sicherheit und Wohlstand einer Gesellschaft.
Die Mainstream-Ökonomie kann uns beim längst fälligen Übertritt in eine Überflussgesellschaft nicht weiterhelfen. Sie steht der Jugendarbeitslosigkeit ratlos gegenüber und fordert, was sie seit Jahrzehnten gefordert hat: die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte. Das ist eine schönfärberische Umschreibung für weniger Lohn und längere Arbeitszeiten und führt angesichts der bestehenden Verhältnisse ins Absurde.
30-Stunden-Woche würde in der Schweiz reichen
So fordert beispielsweise Klaus Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit in Bonn, in der «Financial Times Deutschland» (online nur auf der Seite des Instituts): «Jüngere müssen früher und besser in Arbeit gebracht werden, Ältere sollten länger in Beschäftigung bleiben, und die weibliche Erwerbsquote muss weiter steigen.» Und als ob dies nicht genug wäre, will er auch eine «weitere Öffnung für internationale Zuwanderung nach Europa».
Die Alternative dazu steht auf zwei Beinen: Zum einen müssen die Auswüchse einer ausser Kontrolle geratenen Hyperglobalisierung wieder zurückgestutzt werden. Das bedeutet, dass lokale und regionale Kreisläufe gestärkt werden und die Machtbalance auf dem Arbeitsmarkt wieder hergestellt wird. Zum anderen muss der unterbrochene Trend in Richtung kürzere Arbeitszeit wieder aufgenommen werden. Nur wenn die Alten weniger arbeiten, haben die Jungen eine Chance. Ökonomisch gesehen ist dies möglich. Bei einer gleichmässigen Verteilung der anfallenden Arbeit würde in der Schweiz eine Wochenarbeitszeit von 30 Stunden vollauf genügen.
Artikelgeschichte
Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 13.07.12