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Ein dritter Übertragungsweg, der von der wissenschaftlichen Gemeinschaft vermehrt Aufmerksamkeit erhält, ist der fäkal-orale Weg. Zumindest werde dieser Übertragungsweg von der WHO so bezeichnet, obwohl es eigentlich eine faeco-pulmonale Übertragung sei, so Dr.Walter Hugentobler, medizinischer Fachexperte vom Schweizerischer Verein Luft- und Wasserhygiene (SVLW): «Das Virus wird aus dem kontaminierten Wasser durch turbulente Strömung in Tröpfchenform in die Luft eingebracht und dann eingeatmet.»
Dieser Übertragungsweg für SARS-CoV-2-Infektionen wird von der WHO implizit anerkannt (vgl. Bild 1). Als Vorsichtsmassnahme wird daher vorgeschlagen, Toiletten mit geschlossenem Deckel zu spülen. Zusätzlich schlagen sie vor, ausgetrocknete Abflüsse in Fussböden und anderen sanitären Einrichtungen zu vermeiden, indem regelmässig Wasser hinzugefügt wird (je nach Klima alle 3 Wochen), damit die Wasserversiegelung richtig funktioniert.
Interessant ist, dass im Zusammenhang mit dem Coronavirus der internationale Verband REHVA (Verband der europäischen Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagenverbände mit über 120 000 Ingenieuren aus 27 Ländern) sehr rasch einen Leitfaden zum sicheren Betrieb der Gebäudetechnik veröffentlicht hat.
Über die Luft gibt es zwei Expositionsmechanismen:
1. Kurz-Luftübertragung durch grosse Tröpfchen (> 10 Mikrometer), die freigesetzt werden und auf Oberflächen fallen, die nicht weiter als 1-2 m von der infizierten Person entfernt sind. Die Tröpfchen werden durch Husten und Niesen gebildet (Niesen bildet typischerweise viel mehr Partikel). Die meisten dieser grossen Tröpfchen fallen auf nahegelegene Flächen und Gegenstände – wie Schreibtische und andere Oberflächen. Menschen können sich anstecken, wenn sie diese kontaminierten Oberflächen oder Gegenstände berühren und dann ihre Augen, Nase oder ihren Mund berühren.
Wenn Menschen im Umkreis von 1-2 Metern um eine infizierte Person stehen, können sie sich direkt anstecken, indem sie diese Tröpfchen direkt einatmen. «Dieser Weg wird als wahrscheinlich bezeichnet obwohl Biostatistiker zweifelsfrei aufzeigen können, dass diese Wahrscheinlichkeit extrem klein ist», meint Hugentobler.
2. Luftübertragung durch kleine Partikel (< 5 Mikrometer), die stundenlang in der Luft bleiben und über weite Strecken transportiert werden können. Diese werden auch durch Husten, Niesen und Sprechen erzeugt. Kleine Partikel bilden sich aus Tröpfchen, die verdampfen (normalerweise innerhalb von Millisekunden) und austrocknen. Die Grösse eines Coronavirus-Partikels beträgt rund 80 Nanometer. Bei üblichen Raumbedingungen bleibt das SARS-CoV2 Virus bis zu 3 Stunden in der Raumluft und 2-3 Tage aktiv auf Oberflächen (es sei denn, es wird wirksam desinfiziert). Solche kleinen Viruspartikel können auch in den Räumen oder in den Abluftkanälen von Lüftungsanlagen über weite Strecken transportiert werden.
Die Übertragung über die Luft hat in der Vergangenheit Infektionen mit SARS-CoV1 verursacht. «Derzeit gibt es noch keinen klaren Nachweis für eine Infektionsübertragung der Coronakrankheit COVID-19 auf diesem Weg», stellt Hugentobler fest. «Es gibt aber auch keine Daten oder Studien, die die Möglichkeit der luftübertragenen Partikelroute ausschliessen.»
Ein Hinweis auf eine mögliche Luftübertragung ist: Das Coronavirus SARS-CoV-2 wurde aus Abstrichen isoliert, die aus den Abluftöffnungen von Räumen mit infizierten Patienten entnommen wurden. Dieser Mechanismus impliziert, dass ein Abstand von 1-2 m zu den infizierten Personen nicht immer ausreicht und ein erhöhter Luftaustausch sinnvoll ist, damit mehr Partikel entfernt werden.
Daraus empfiehlt die REVHA der HLK-Branche gemäss Leitfaden:
1. Möglichst den Aussenluftanteil durch Fensterlüftung oder höhere Leistung der Lüftungsanlagen erhöhen, auch längere Betriebszeiten sind zu prüfen.
2. Achtung bei Toiletten: Deckel schliessen! Striktes Vermeiden von Überdruck in Toiletten oder Waschräumen sondern allenfalls die Abluftventilatoren der Toiletten permanent laufen lassen.
3. Gute Raumluftreiniger mit HEPA-Filter und UV-Reiniger (ohne Ozon) helfen.
4. Bei Lüftungs-/Klimaanlagen:
• keine Umluft/Sekundärluft
• keine rotierenden Wärmetauscher oder diese ausschalten
• lokale Umluftgeräte ausschalten.
Dr. Hugentobler, Mitautor einer soeben veröffentlichten Studie über die Saisonalität von Atemwegsinfektionen, und Dr.Stephanie Taylor, Harvard Universität USA, zwei Hausärzte, die seit vielen Jahren für ein gesünderes Innenraumklima kämpfen, haben dem REVHA eine Replik zugesendet. Es wird verlangt ein Raumluftfeuchte von 40-60 % relativer Feuchte anzustreben (vgl. Bild 2):
«Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Belüftung nicht nur die Verdünnung und Entfernung von luftgetragenen Tröpfchen bewirkt, sondern auch die Inaktivierung von Viren in der Luft und auf Oberflächen durch ihren Einfluss auf die relative Feuchte beeinflusst. Eine Erhöhung der Menge an frischer Aussenluft und damit der Luftwechselrate kann die Raumluftfeuchtigkeit im Winter drastisch senken. Serienmessungen zeigen, dass relative Feuchten unter 20%, bis zu einem Maximum von 40%, in Wohn- und Geschäftsgebäuden durchaus üblich sind. Dieser Mechanismus verbindet Belüftung und relative Luftfeuchtigkeit in Gebäuden und beide haben grosse Auswirkungen auf das SARS-CoV2-Virus und auf die Bewohner.»
Einen wesentlichen Beitrag leisten kann alles, was die Selbstreinigungskräfte der Atemwege und allgemein unsere Abwehrkräfte unterstützt.
Was ist die Quintessenz für die HLK-Branche?
«Wir haben viel Einfluss auf die Verbreitung von Viren», betont Hugentobler. «Es geht nicht nur ums Energiesparen, sondern auch um die Gesundheit der Bewohner.» Und: Je besser die Raumluft-Qualität, je weniger krankheitsanfällig ist der Mensch, egal, wo das ist. Die Bewohner sind mit möglichst viel frischer Aussenluft unter Einhaltung eine Luftfeuchte von 40 bis 60% (auch im Winter) zu versorgen. Das ist wichtig.
Allgemein gilt nach wie vor: Abstand halten und eine gute Handhygiene. Mit Vorteil pflegt man die eigene Haut (fettende Cremen) und die Schleimhäute (Unterstützung der Selbstreinigungskräfte der Atemwege). Wenn die Schleimheute trocken sind, helfen befeuchtende Nasensalben und gelegentliche Feuchtinhalationen am Abend oder am Morgen und ausreichend trinken.
Am besten ist in diesem Zusammenhang, wenn die Anwender die Raumluftfeuchte jeweils mit Hygrometern kontrollieren. Ebenfalls hilft es, eine zu grosse Luftfeuchtigkeit zu vermeiden und regelmässiges Stosslüften zur Verbesserung der Raumluft vorzunehmen. Bei eingebauten Lüftungsanlagen ist für optimale Einstellung (Verhältnis Frischluft/Rezirkulation) zu sorgen.
«Vermeiden ist immer besser als heilen»
Nachgefragt bei Dr. Walter Hugentobler
Bei diesen Voraussetzungen und dem noch fehlenden Wissen der Wissenschaft über das SARS-CoV2-Virus und dessen Ansteckungsgefahren ist es doch am sichersten, man bleibt zu Hause. Denn dort ist die Ansteckungsgefahr wohl am geringsten. Was ist Ihre Meinung in dieser Hinsicht?
Zu beachten ist hier: Beim Einhalten der Distanzregeln ist das Ansteckungsrisiko nirgends so klein wie in der freien Natur. Sobald ich die Wohnung oder das Haus mit anderen Personen teile, von denen ich ja nie sicher bin, ob sie nicht allenfalls bereits angesteckt sind, besteht die Gefahr sich über kontaminierte Oberflächen oder das limitierte Luftangebot anzustecken.
Im Freien ist das Verteilvolumen für die ausgeatmeten Viren unendlich gross und die Oberflächen, die ich berühren kann, sind ebenfalls fast unbegrenzt ausgedehnt. Die Übertragung kann hier wirklich nur erfolgen, wenn ich praktisch körperlichen Kontakt mit anderen habe oder über häufig gemeinsam verwendete Gegenstände, beispielsweise die Griffe eines Fahrrads. Zudem hat das im Freien bei unbedecktem Himmel vorhandene UV-Licht einen verheerenden Einfluss z.B. auf Grippeviren, die innert weniger Minuten inaktiviert werden. Anders sieht es natürlich in Innenräumen aus, die wir mit Leuten, die nicht aus unserem Umfeld sind, teilen.
Vorbehaltlich der jetzigen Lage wird es offenbar erst besser werden, wenn ein Impfstoff bzw. Medikamente gegen das Virus oder serologische Testmöglichkeiten im grossen Stil vorhanden sind?
Nun, das ist nicht unbedingt so, es gibt neben den wichtigen pharmakologischen Antworten (Medikamente und Impfungen gegen Viren) auch noch wichtigere präventive Ansätze, die wir verfolgen müssen. Vermeiden ist immer besser als heilen! Epidemien, wie die aktuelle COVID-19-Epidemie, wären vermeidbar, wenn wir mit der notwendigen Entschlossenheit weltweit dagegen angehen würden. Viele Möglichkeiten zum Gegensteuern haben wir bereits verpasst und sind nicht mehr so einfach rückgängig zu machen. Saisonale Epidemien sind zu einem grossen Teil «manmade» und «homemade». Die Art wie wir bauen und wie wir unsere Häuser klimatisieren und belüften, hat massgeblichen Einfluss auf diese Epidemien. Dies an dieser Stelle weiter auszuführen würde aber zu weit führen.