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Emmy Hennings (1885–1948) ist heute vor allem als Begründerin des Dadaismus bekannt – dabei bildete die Dada-Phase in den Jahren 1916 bis 1917 nur eine vergleichsweise kurze Episode im Leben der 1885 in Flensburg geborenen Schriftstellerin und Variété-Künstlerin. Hennings hatte seit 1904 mit verschiedenen Schauspieltruppen Auftritte in ganz Deutschland und emigrierte 1915 zusammen mit ihrem späteren Ehemann Hugo Ball in die Schweiz. Gemeinsam mit Sophie Taeuber, Jean Arp, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck und Marcel Janco gründeten die beiden das Cabaret Voltaire in Zürich. 1920 zog sich das Ehepaar ins Tessin zurück, wo eine langjährige Freundschaft mit Hermann Hesse begann. Hennings wandte sich wie Ball einem mystisch-romantischen Katholizismus zu, der ihr weiteres literarisches Schaffen weitgehend prägte. Das Autorenpaar führte ein einfaches, von Armut gezeichnetes Leben. Nach Balls Tod im Jahr 1927 kümmerte sich Hennings um dessen Nachlass. Sie selbst hinterliess ein äusserst vielseitiges literarisches Erbe: Neben dem Roman Gefängnis (1919) verfasste sie Gedichte, Erzählungen, Märchen und Legenden. Ausserdem veröffentlichte sie in zahlreichen deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften Beiträge für das Feuilleton.
Zwischen 1923 und 1935 hielt sich Hennings nachweislich sieben Mal in Italien auf – zum Teil gemeinsam mit ihrem Ehemann oder mit ihrer Tochter Annemarie, die zeitweise auch in Italien studierte und arbeitete. Ihre Italienreisen führten Hennings unter anderem nach Florenz, Siena, Assisi, Rom, Neapel, Amalfi, Positano, auf Ischia und Sizilien. Ein Grund, weshalb es die Autorin wiederholt nach Italien zog, war ihre intensive Beschäftigung mit Heiligenviten, Kirchen und Klöstern. Nach Balls Tod besuchte Hennings mehrmals für längere Zeit ihre Tochter, die bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit ihrem Ehemann Gottfried «Goffredo» Schütt und ihren drei Kindern in Rom lebte.
Während ihrer Italienaufenthalte verfasste die Schriftstellerin diverse Reisetexte für das deutschsprachige Feuilleton. Hennings, die im Tessin im selbst gewählten Exil lebte und deren Lebensumstände alles andere als stabil waren, reiste, wenn sie Italien besuchte, nicht wie andere deutschsprachige Autorinnen und Autoren in erster Linie aus einer vertrauten nördlichen Heimat in eine exotische südliche Fremde. Ihre oft im Zeichen der Religion stehenden Italienbesuche erlebte die Autorin vielmehr als Momente der Selbsterkundung: «Wer ein fremdes Land besucht, geht einen Weg zu sich selbst», heisst es programmatisch im ersten Satz ihres Buches Der Gang zur Liebe. Ein Buch von Städten, Kirchen und Heiligen (1926). Dennoch nahm Hennings in ihren Italientexten auch Bezug auf literarische Traditionen: Sie berief sich unter anderem auf Goethes Italienische Reise (1816) und auf Seumes Spaziergang nach Syrakus (1802). In den subjektiven Reiseerlebnissen ihrer literarischen Vorbilder erkannte sie auch den ihre eigenen Texte prägenden Topos der Korrespondenz von äusserer und innerer Reise wieder.
Die Veröffentlichung von Der Gang zur Liebe, Hennings’ Reisebuch mit dem originalen Titel Santa Maria Novella, war ursprünglich für das Jahr 1924 geplant – gemeinsam mit der Erzählung Das graue Haus. Nach einer Absage des S. Fischer Verlags erschien Hennings’ sogenanntes «Italienbuch» schliesslich zwei Jahre später im katholischen Verlag Kösel & Pustet. Es versammelt diverse während der verschiedenen Italienaufenthalte der Autorin entstandene Prosatexte. Im Nachlass, der im Schweizerischen Literaturarchiv aufbewahrt wird, finden sich neben zahlreichen Einzelüberlieferungen zwei grössere Sammlungen mit während oder nach den Reisen verfassten Feuilletonbeiträgen. Das eine Konvolut mit dem Titel Italienfeuilletons wurde vermutlich posthum von Annemarie Schütt zusammengestellt. Das zweite Typoskript mit dem Titel Traum- und Ferienreise versammelt auf rund 180 Seiten weitere, zumeist undatierte Italientexte Hennings’. Die Sammlung enthält auch das Gedicht Abend in Salerno, das nach einem Besuch der süditalienischen Hafenstadt im Mai 1931 entstanden war. Über die Entstehung dieses Gedichts schrieb Hennings in einem Brief an Hesses Ehefrau Ninon: «Vor einigen Abenden war ich in Salerno. Da bin ich wie ein kleiner armer Heinrich, der überall und nirgends daheim ist und dann fallen mir Reime ein.» (Nachlass Emmy Hennings / Hugo Ball, Schweizerisches Literaturarchiv [SLA], Bern. Signatur: B-01-HESSN-02-77). Hennings verfasste einige weitere, von ihren Italienaufenthalten beeinflusste Gedichte. In der unveröffentlichten Gedichtsammlung Die mystische Rose aus dem Jahr 1941 bearbeitete sie ausserdem Stoffe aus Heiligenlegenden, denen sie in Italien begegnet war.
Quellen
- Christa Baumberger, Auf nach Italien! Emmy Hennings’ Poetik des Reisefeuilletons, in: Corinna Jäger-Trees und Hubert Thüring (Hg.), Blick nach Süden. Literarische Italienbilder aus der deutschsprachigen Schweiz, Schweizer Texte, Neue Folge, Band 55, Zürich: Chronos, 2019, S. 129–140.
- Emmy Hennings, Gedichte, Werke und Briefe, kommentierte Studienausgabe, hg. v. Nicola Behrmann und Simone Sumpf, Göttingen: Wallstein, 2020 (in Vorbereitung).
- Emmy Hennings, Briefe, Werke und Briefe, kommentiere Studienausgabe, hg. v. Franziska Kolp und Thomas Richter, Göttingen: Wallstein, 2021 (in Vorbereitung).
- Nachlass Emmy Hennings / Hugo Ball, Schweizerisches Literaturarchiv (SLA), Bern.