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Titel:
Kinder-Brief von Berta Zellweger
Thema: Leute
Datum: 29.12.1802
Standort: Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden
Urheber/-in: Zellweger, Berta
Beschreibung:
Dreiseitiger Brief in französischer Sprache von der ältesten Tochter Berta Zellweger (1794-1869), eigentlich Anna Wibertha, an ihren Vater Jacob Zellweger (1770-1821). Dessen Ehefrau Anna-Barbara Zellweger-Zuberbühler (1775-1815) brachte insgesamt siebzehn Kinder zur Welt, von denen neun überlebten.
Kurzer Neujahrsgruss der zweitältesten Tochter Anna "Nanny" Zellweger (1799-1879) an den Vater gerichtet.
Erwähnung des ersten Sohnes Johann Georg (1801-1874) im Brief; drittes Kind von Jacob Zellweger und Anna-Barbara Zellweger-Zuberbühler.
Geschichte:
Zur Zeit der Helvetik wurde die kantonale Souveränität durch den helvetischen Einheitsstaat unterdrückt. Kantone gab es zwar, diese waren aber nur Verwaltungs-, Gerichtseinheiten und Wahlkreise. In der Schweiz entstanden bald Aufstandsbewegungen, welche Kritik an der helvetischen Einheitsverfassung übten und als Ziel die Wiederherstellung der alten Kantone verfolgten. Die Kritik an der helvetischen Einheitsverfassung beruhte vor allem darauf, dass sie kaum eidgenössische Traditionen beachtete und sehr stark von der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte sowie von der französischen Direktorialverfassung (1795) geprägt war. Bereits 1797 manifestierten sich im Appenzellerland erste Protestbewegungen, wobei es auch immer viele Befürworter des Einheitsstaates gab. Ein prominenter Vertreter dieser Aufständischen war der Kaufmann Jakob Zellweger-Zuberbühler, der von 1802 bis 1818 Appenzell Ausserrhoden als Landammann regierte. Als Folge seiner föderalistischen Aktivitäten gegen Frankreich wurde Jakob Zellweger-Zuberbühler am 9. November 1802 in Trogen verhaftet und über die Wintermonate 1802/03 auf der Aarburg (heute Aargau, damals Bern) zusammen mit anderen bekannten Aufständischen wie Alois Reding (1765-1818) inhaftiert.
Am 29. Dezember 1802 schrieb die achtjährige Bertha ihrem gefangen gehaltenen Vater Jakob Zellweger-Zuberbühler diesen Neujahrsbrief. Als Sprössling einer einflussreichen Kaufmannsfamilie musste sie standesgemäss die deutsche und die französische Sprache fliessend beherrschen. Der Brief und seine sprachliche Ausarbeitung zeugen von den hohen erzieherischen Anforderungen, welche die Eltern an ihre Erstgeborene stellten.
Autorin: Katharina Merian, Speicher
Chronologie:
1798 Helvetische Revolution, Einmarsch der französischen Truppen
4. Mai 1798 Gründung Kanton Säntis: AI, AR, Stadt und Abtei St.Gallen, unteres Rheintal und unteres Toggenburg zusammengefasst
28. Dezember 1802 Faktische Bekräftigung der alten kantonalen Selbstständigkeit an einer Versammlung von Gemeindevertretern
10. März 1803 Erlass der Mediationsakte: Kanton St.Gallen neu geschaffen, Appenzell in innere und äussere Rhoden getrennt
Literatur:
Schläpfer, Walter: Appenzeller Geschichte, Bd. II. Appenzell Ausserrhoden von 1597 bis zur Gegenwart. Herisau 1976, S. 300-313.
Transkription:
Original:
à Trogue ce 29 Decembre 1802.
Mon très cher Papa.
J’espere que Vous me pardonnerez que j’ai tardé si longtemps à Vous écrire. Ma chere Maman se porte bien, Dieu merci, mon frère Jean George à déja deux dents mâchelieres et ma soeur Annette se porte aussi fort bien; mais le petit Conrad de la T. marraine est très malade. Cette bonne Tante m’a fait le plaisir il y a quelques jours de m’inviter au gouté. Un soir Monsieur l’oncle parrain [Johann Caspar Zellweger-Gessner] est venu demander à Mesdames les Tantes et à Maman si aucune d’elles n’avoit envie d’aller en traineau avec lui à Speicher. Maman a repondu qu’elle ne pouvait pas profiter de sa bonté, mais qu’elle m’en donnerait la permission s’il voulait. Le lendemain Monsieur l’oncle m’a fait ce plaisir et il m’a promis de me prendre avec lui une autre fois si je me conduisais bien.
Hier ma chere Maman a invité les enfants à diner y chez nous.
Je prens la liberté de Vous envoyer ci-joint une petite felicitation sur le nouvelle an. Je Vous prie de vouloir bien l’accepter comme une faible Marque de mon amour filial. J’ai un sensible regret d’être privée du bonnheur de Vous en feliciter de vive voix. Que le bon Dieu conserve Votre santé qui nous est si pretieuse à tous! Qu’il nous fasse la grace de Vous ramener bientôt entre nos bras! Adieu, mon cher Papa! Mademoiselle Zorn et Monsieur Roller Vous saluent. Je suis et serai toute ma vie votre fidelle et obéissante fille,
Berthe Zellveguer.
Ich wünsche Ihnen ein gutes Neüjahr lieber Papa, und kommen Sie bald wieder zu uns.
Ihr gehorsamstes Kind
Nanny Zellweger
Übersetzung:
In Trogen, an diesem 29. Dezember 1802
Mein sehr geehrter Papa.
Ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich so lange gebraucht habe, Ihnen zu schreiben. Meiner lieben Mutter geht es gut, Gott sei Dank, mein Bruder Johann Georg hat bereits zwei Backenzähne und meiner Schwester Nanny geht es auch sehr gut; aber der kleine Conrad, [der Sohn] meiner Tante mütterlicherseits, ist sehr krank. Diese gute Tante hat mir vor einigen Tagen das Vergnügen bereitet, mich zum Zvieri einzuladen. Eines Abends kam Herr Onkel väterlicherseits, um die Damen und Tanten und Mama zu fragen, ob keine von ihnen Lust hätte, mit ihm im Schlitten nach Speicher zu fahren. Mama antwortete, dass sie von seiner Güte nicht profitieren könne, aber dass sie mir die Erlaubnis geben würde, wenn er wolle. Am nächsten Tag hat mir Herr Onkel dieses Vergnügen bereitet und mir versprochen, mich ein weiteres Mal mitzunehmen, sofern ich mich gut benehmen würde.
Gestern hat unsere liebe Mama die Kinder zu uns zum Mittagessen eingeladen.
Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen anbei kleine Glückwünsche zum neuen Jahr zu schicken. Ich wünsche mir, dass Sie diese wie ein schwaches Zeichen meiner töchterlichen Liebe entgegennehmen. Ich bedaure zutiefst, des Glückes beraubt zu sein, Ihnen mündlich diese Wünsche zu überbringen. Möge der gütige Gott Ihre Gesundheit, die uns allen so wichtig ist, behüten! Möge er uns die Gnade erweisen, Sie bald wieder in unsere Arme zurückzubringen! Leb wohl, mein lieber Papa! Fräulein Zorn und Herr Roller grüssen Sie. Ich bin und werde mein ganzes Leben lang Ihre treue und gehorsame Tochter sein,
Bertha Zellweger.
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