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Er durchquert Landschaften von erhabener Schönheit. Er strömt ruhig und majestätisch dahin, formt während des Sommers feinsandige Strände an seinen Ufern. Der erste Regen lässt seinen Wasserspiegel über Nacht ansteigen – die zahlreichen Zuflüsse machen ihn tief, schnell, reissend und gefährlich – mit lehmtrüben, dunklen Wassern, die am rechten Piauí-Ufer Erosion bewirken – steile Böschungen werden unterspült und brechen in haushohen Wänden einfach ab, tiefer gelegene Ufer werden von der gelbtrüben Invasion überschwemmt. Der Mensch am Ufer flieht entweder oder ertrinkt.
Der Fluss wird in der „Chapada das Mangabeiras“ von vielen Wasseraugen (Quellen) geboren, im tiefen Süden von Piauí.
Zahlreiche Zuflüsse geben ihm Kraft, geben ihm Breite und Tiefe, geben ihm die Imponenz eines Grenzflusses zwischen Maranhão und Piauí – vom Norden bis zum Süden reist er durch den Sertão, den Agreste, die Zona da Mata und die Restinga an der Küste – wo er sich noch einmal in viele lebensspendende Arme auffächert, bevor er sich im Atlantischen Ozean verliert.
Im Sommer ist der Fluss ein Freund. Und schön ist er dann. Sein Wasser ein blaugrün schimmernder Spiegel, friedlich und erhaben, die Sandstrände an seinen Biegungen dienen Mensch und Tier zur Rast und zur Ruhe. Lebensspender ist er dann – Mensch und Tier laben sich an seinem Wasser, dessen Feuchtigkeit den Uferboden bis weit ins Land hinein durchwirkt und eine reiche Flora zum Keimen und Blühen bringt. Auch seine Ufer sind grün, manchmal so dicht, dass es nur den wilden Tieren gelingt, sich einen Tunnel durch diesen Dschungel zu graben, um von seinem Wasser zu trinken. Dort, wo vereinzelte Gebirge bis in die Nähe des Ufers vordringen, haben sich Landschaften zwischen Fluss und Berg gebildet, deren üppige Vegetation wie ein irdisches Paradies anmutet.
In seinem Verlauf schmückt sich der Fluss mit kleinen Siedlungen und Städtchen, mit einzeln stehenden Hütten, Pflanzungen und Fazendas an seinen Ufern. Kühe und Pferde kommen mit den wilden Tieren zusammen an die Tränke – Durst kennt keine Feindschaft. Kanus, Motorboote, Hausboote und Flösse verkehren auf seinem Wasser. Berühmt, an seinem Ufer auf der Höhe von „Amarante“, ist der „Morro da Arara“ – ein rotleuchtender Sandsteinfelsen, mit vielen Nisthöhlen dieser hier schon so selten gewordenen tropischen Vögel.
Der Fluss war einst auch für grössere Schiffe navigierbar. Und viele Jahre lang hat er Dampfer, Barkassen und Gütertransport-Kähne von Nord nach Süd und in umgekehrter Richtung getragen – hat der „Companhia de Navegação Fluvial“, mit Sitz in der Stadt „Parnaíba“, einen enormen Gewinn eingebracht, aber die haben schlecht damit gewirtschaftet. Die Kompanie hat sich bis gegen Ende der vierziger Jahre halten können, dann war sie pleite und verkaufte ihre Schiffe an Unternehmen auf anderen Flüssen, und die sie nicht losbrachten, verrosteten und wurden verschrottet. Etwas wehmütig erinnert man sich heute ihrer stolzen Namen: „Parnaíba“, „Piauí“, „Brasil“, „Santa Cruz“, „Chile“, „15 de Novembro“, „Afonso Nogueira“ und anderer – und noch die zahllosen Schlepper und Barkassen, deren Namen niemand mehr kennt.
Heute hat sich auch der Fluss gewandelt – ist im Sommer furchtbar seicht geworden an bestimmten Abschnitten und nur für kleinere Schiffe mit geringem Tiefgang noch befahrbar. Die Ablagerungen im Flussbett haben ihre Ursache in der kontinuierlichen Erosion der Ufer, und die wird durch den fehlenden Schutz derselben begünstigt – eine Kettenreaktion, deren Unterbrechung – durch Dränage des Flussbetts, Begradigung und Schutz der Ufer – viel Aufwand und noch mehr Geld kosten würde. Und das hat man nicht – besonders nicht in Piauí, dem ärmsten Bundesstaat Brasiliens.
Aber es gibt schon ein paar „Piauiense“ in Teresina oder Parnaíba, die sich daran erinnern, wie er einmal gewesen, ihr Fluss. Und die sich vorstellen können, dass die Importanz dieses Wasserweges nur vorübergehend in Vergessenheit geraten ist. Man wird sich seiner wieder erinnern und dann werden vielleicht fröhliche Touristen auf den Sonnendecks grosser Ausflugsschiffe auf dem Fluss kreuzen und die Uferbewohner werden fröhlich zurückwinken, weil ihr alter „Paraíba“ ihnen endlich ein neues und besseres Leben verspricht.