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Was passiert bei der Abwicklung eines Projekts in Ihren Augen? Welche Grösse ändert sich im Verlauf eines Projekts?
Für mich ist ein Projekt in erster Linie ein Lernprozess. Als dynamische Grösse eines Projekts sehe ich das Mass an Wissen und Verstehen und nicht den Fortschritt beim Abarbeiten einer Work Breakdown Structure.
Abarbeiten unerledigter Arbeit?
Das erinnert an den Büroangestellten im Comic, der links auf seinem Schreibtisch ein Kästchen “unerledigt” hat und rechts ein Kästchen “erledigt”.
So jedenfalls modelliert J. Sterman ein Projekt1.
Pich, M. et al. schreiben2
A project is often seen as a collection of simultaneous and sequential activities which together produce an identifiable outcome of value….In its simplest form, project management consists of planning, executing, and monitoring these activities.
In this section, we propose a general model of projects that takes the network of activities (including the scheduling of these activities) as a decision variable. Activities are chosen to maximize the project payoff, represented by a preference function
Eine neue Sichtweise
Mir scheint es an der Zeit, dass wir uns von dieser Sichtweise eines Projekts verabschieden, denn sie ist möglicherweise der Grund dafür, warum Projekte immer wieder scheitern.
Ich glaube nämlich nicht, dass die Menge der Aktivitäten ein Projekt ausmacht. Schliesslich kann man dieselbe Aufgabe in unterschiedlicher Weise lösen. Der eine macht ein wenig mehr, der andere etwas weniger. Der Bau eines Einfamilienhauses umfasst in den USA vermutlich weniger Aktivitäten als hierzulande.
Was hingegen den Bau eines Einfamilienhauses ausmacht ist nicht so sehr das Aufziehen der Mauern und das Verlegen der Dachziegeln, als vielmehr das Erlernen, was ein Einfamilienhaus eigentlich ist, was es umfasst und wie man in einem Einfamilienhaus lebt. Daher ist der Bau eines Einfamilienhauses für den Bauunternehmer eigentlich kein Projekt, für den Bauherrn aber schon.
Ein Projekt ist ein Lernprozess
Ein Projekt ist definitionsgemäss erst- und einmalig. Daher wissen weder der Projektführer/Unternehmer, noch der Auftraggeber/Kunde, was in einem Projekt auf sie zukommt. Sie müssen den Projektgegenstand erlernen, sie müssen verstehen, wie sich der Projektgegenstand in der speziellen Umgebung verhält und sie müssen erkennen, welche Möglichkeiten der Projektgegenstand bietet.
Beispielsweise haben wir in einem Projekt für einen Telefonbetreiber ein neues Voice Messageing System (VMS) installiert, weil das alte an seine Grenzen gestossen ist. Die Migration war ein einziger Lernprozess. Der Lieferant musste lernen, was der Kunde eigentlich genau wollte. Der Kunde musste lernen, dass gewisse Anforderungen so nicht möglich waren und dass er eingespielte Arbeitsabläufe verändern musste, um das neue System nutzen zu können. Während der Integrationstests lernte man gemeinsam, dass sich das neue System in dem speziellen Umfeld des Kunden ein wenig anders verhält, als man zu Beginn erwartet hatte. Das Projekt war abgeschlossen. als alle Beteiligten alles verstanden hatten.
Die eigentliche Arbeit – spezifizieren von Anforderungen, aufziehen von Mauern, transportieren und verbauen von Materialien, installieren von Computersystemen und Software, etc. – rückt in dieser Sicht in den Hintergrund und dient nur dem Erkennen von Fakten.
Ein alternatives Projektmodell
Während der Arbeit (“Work in Progress”, WIP) ergeben sich Fakten, die man möglicherweise zunächst nicht richtig versteht. Man legt dann die Aufmerksamkeit auf diese Fakten und bildet Hypothesen, die man zu verifizieren versucht. Wenn man das Gefühl hat, die Fakten verstanden zu haben, kommen sie in den Topf der bestätigten (oder erledigten) Fakten. Sollten sich später eine neue Faktenlage ergeben, die dem bisherigen Verständnis widerspricht, müssen die erledigten Fakten möglicherweise revidiert werden. Das Einverleiben scheinbar verstandener Fakten nenne ich “Informationsdissipation”, analog der Energiedissipation bei der Verrichtung von Arbeit3.
Das ist der allgemeine Lernprozess, wie er in Projekten abläuft. Anstatt dass unerledigte Aufgaben erledigt werden, werden vielmehr Tatsachen gelernt. Das macht ein Projekt aus, nicht das Erledigen von Aufgaben und Tasks.
1Sterman, J.D. Business Dynamics – Systems Thinking and Modeling for a Complex World. McGraw-Hill. Boston, 2000
2Pich, M., Loch, Ch., De Meyr, A. On Uncertainty, Ambiguity, and Complexity in Project Management. S. 1011. Management Science © 2002 INFORMS
Vol. 48, No. 8, August 2002 pp. 1008–1023
3Addor, P. Projektdynamik – Komplexität im Alltag. S. 62. Liebig Verlag. Frauenfeld, 2010