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Titel
Sprachwissenschaft,
Linguistik, Glottik, hat zur Aufgabe die Erforschung der menschlichen Sprache. [* 2] In ihrem allgemeinen Teile, als Sprachphilosophie oder allgemeine S., hat sie die Natur der Kräfte zu untersuchen, die bei allen Sprachen thätig sind, und die Wirksamkeit dieser Kräfte nach Art und Umfang zu bestimmen. (S. Sprache.) In ihrem besondern Teile dagegen, als historische Grammatik, ist ihr Untersuchungsobjekt die geschichtliche Entwicklung der einzelnen Sprachstämme [* 3] und Sprachen. Da die Gesetze der Sprachentwicklung eine große Ähnlichkeit [* 4] mit den Naturgesetzen haben (s. Lautgesetze); da ferner die Sprache eines jeden Individuums als der Vertreter einer Art oder Gattung erscheint und die Mundarten, Sprachen, Sprachfamilien u. s. w. sich den Spielarten, Arten, Gattungen u. s. w. des Tierreichs vergleichen; da auch die Methode der S. mit der Methode der Naturwissenschaften Ähnlichkeiten hat, so rechneten einige Sprachforscher (Schleicher, Max Müller) die S. zu den Naturwissenschaften.
Diese Ansicht ist aber heute mit Recht von allen Sprachforschern verworfen. Denn die Sprache ist ein Produkt der Geistesthätigkeit des Menschen, und wenn sie auch zum größten Teil durch unbewußtes Schaffen zu stande kommt, so bleibt sie darum doch unter allen Umständen ein Werk des Menschen. Ihre Erforschung gehört also in den Bereich der sogenannten histor. Wissenschaften. Am nächsten ist die S. der Philologie verwandt. Die Philologie hat die Kulturentwicklung (d. h. die geschichtliche Bethätigung des Geistes) der Völker zu erforschen und darzustellen.
Die Sprache ist eine der verschiedenen Seiten des Kulturlebens (wie Glaube und Religion, Recht und Sitte, Kunst, Litteratur u. s. w.), und so erscheint die S. als ein Teil der philol. Wissenschaft. In der That hat sich auch in der neuern Zeit immer klarer herausgestellt, daß ein innerer, sachlicher Gegensatz zwischen «philologischer» und «linguistischer» Behandlung einer Sprache nicht besteht. Was als solcher angesehen wird, läuft lediglich auf eine aus Zweckmäßigkeitsgründen gebotene Arbeitsteilung hinaus.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der
Sprache ist sehr alt. Unter den nicht-indogerman. Völkern sind als solche, die
sich Sprachstudien schon früher zuwandten, hervorzuheben die
Chinesen, die schon in vorchristl. Zeit Lexikographie trieben,
die Assyrer, die durch die Eigentümlichkeit ihrer
Schrift früh veranlaßt wurden, Wortsilbenverzeichnisse
mit grammatischen Erläuterungen anzulegen. Unter den Völkern indogerman.
Zunge leisteten die alten
Inder bereits mehrere
Jahrhunderte
v. Chr. sehr Bedeutendes, und ihren
sprachwissenschaftlichen Werken verdankt die europäische S. des 19. Jahrh.
die wichtigsten Anregungen.
Sie schufen eine exakte Lautlehre im Zusammenhang mit den feinsten lautphysiol. Beobachtungen, sie analysierten die Wortformen ihrer Sprache und erkannten dabei deren Zusammensetzung aus Wurzel, [* 5] stammbildenden und Casus- bez. Personalsuffixen, begründeten die wissenschaftliche Etymologie und waren Meister in der deskriptiv-statist. Darstellung der Sprache. Ihr bedeutendster Grammatiker war Pânini (s. d.). Bei den Griechen fallen die. Anfänge der S. in die Zeit des Aufschwungs der philos.
Studien. Sie bestimmten die sog.
Redeteile und kamen dabei zu denselben Resultaten wie die
Inder. Im übrigen
blieben ihre Leistungen weit hinter denen der
Inder zurück. Das Wichtigste ist, daß durch die Griechen eine
sprachwissenschaftliche
Terminologie geschaffen wurde, die sich bei allen abendländ. Kulturvölkern einbürgerte und deren sich, mit geringfügigen
Linderungen, auch noch die heutige S. bedient. (S.
Griechische Sprache.) Die römischen
Grammatiker haben
zur Weiterentwicklung der S. nur wenig beigetragen, da sie sich ziemlich sklavisch an die Griechen anschlossen. Sie übersetzten
die griech. Kunstausdrücke in ihre
Sprache, zum
Teil ganz falsch, z. B. αίτιατιχή (aitiatike) durch accusativus,
und dieser lat.
Namen bedienen wir uns jetzt statt der griechischen. Im Mittelalter
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blieben, soweit man sich überhaupt mit Sprachstudien befaßte, die aus dem Altertum überkommenen Anschauungen maßgebend. Auch die Wiederbelebung der klassischen Studien im Abendlande seit dem 14. Jahrh. brachte keine irgend wesentliche Förderung. Erst im 19. Jahrh. begann ein gewaltiger Aufschwung, dem durch verschiedene Ereignisse der vergangenen Zeiten wirksam vorgearbeitet war, vor allem durch die Ausbreitung des Christentums, die uns die Kenntnis der verschiedensten Sprachen der Welt zuführte (Bibelübersetzungen).
Auch darf nicht vergessen werden, daß schon in den frühern Jahrhunderten einzelne, wie Joseph Justus Scaliger (s. d.) und Leibniz (s. d.), in mehrere, bis dahin unerkannte sprachgeschichtliche Thatsachen geniale Einblicke gethan hatten, die von der Mitwelt kaum beachtet und bald wieder gänzlich vergessen wurden. Ein größeres Interesse für Sprachforschung und auch die ersten bedeutendem Anfänge der neuen Richtung zeigen sich im Laufe des 18. Jahrh., namentlich in der letzten Hälfte.
Man begann Wörtersammlungen und Sprachproben aus möglichst vielen Sprachen anzulegen, z. B. Sammlungen von Übersetzungen des Vaterunsers. Dahin gehört das von Katharina II. veranstaltete allgemeine Wörterbuch («Linguarum totius orbis vocabularia comparativa», 4 Bde., Petersb. 1790-91),
Adelungs «Mithridates» (fortgesetzt von Vater, 4 Bde., Berl. 1806-17). Da diese Sammlungen ohne richtigen Begriff von Sprachverwandtschaft nach dem zufällig vorhandenen Material gemacht sind, haben sie jetzt nur als Stoffsammlungen Wert. Während man so einerseits rein äußerlich zusammenstellte, suchte man andererseits bereits die höchsten Fragen bezüglich der Sprache Zu lösen. Dahin gehört vor allem die Frage nach dem Ursprunge der Sprache (s. d.).
Herders Schrift «Über den Ursprung der Sprache» (Berl. 1772; neue Ausg. 1789), die bedeutendste des 18. Jahrh. über diesen Gegenstand, obwohl sie die Erfindung der Sprache durch den Menschen verwirft, bleibt in der mechan. Anschauung doch zur Hälfte stecken; denn Herder läßt nur die einzelnen Wörter instinktiv aus dem Innern des Menschen hervorgebrochen sein, während die Verbindung zu Sätzen und die Herstellung der den Wörtern anhaftenden Beziehungslaute von Grammatikern erfunden sein soll.
Die Schrift übte auf den Betrieb der
sprachwissenschaftlichen Studien geringen Einfluß. Es mußte von außen her ein Ereignis
kommen, um die europ. Sprachforschung aufzurütteln und in die richtige Bahn zu bringen. Dieses Ereignis war das Bekanntwerden
der Sprache und Litteratur der alten Inder (s. Sanskrit). In doppelter Richtung brachte die Erschließung
dieser Sprache einen bedeutenden Fortschritt. Erstlich führte sie zur Erkenntnis der Verwandtschaftsverhältnisse der indogerman.
Sprachen (s. Indogermanen). Man begriff jetzt, daß es enge Zusammenhänge zwischen Völkern geben könne, die in histor. Zeit gar nicht oder nur in geringem Maße in Berührung gekommen sind. Es that sich der vorgeschichtliche Hintergrund auf. Das Ursprüngliche suchte man jetzt nicht mehr in dem Sprachmaterial der histor. Perioden, sondern in der den verschiedenen verwandten Sprachen zu Grunde liegenden gemeinsamen Ursprache. Damit war für immer festgestellt, daß man, um die Erklärung für die Entstehung der Sprachformen zu gewinnen, stets die ältern und ältesten Sprachzustände zu Rate zu ziehen habe.
Der zweite Fortschritt bestand darin, daß man in den Werken der ind. Nationalgrammatiker eine Weise der Sprachbetrachtung kennen lernte, die in mehrern Beziehungen die damalige europäische S. bedeutend überragte. Vieles, was die Inder über ihre Sprache lehrten, ließ sich, bei dem gleichartigen Bau aller indogerman. Sprachen, ohne weiteres auf die Schwestersprachen übertragen. So entstand jetzt die sog. vergleichende S., die vorzugsweise durch F. Bopp (s. d.) ins Leben gerufen wurde, von dessen Schrift «Das Konjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griech., lat., pers. und german. Sprache» (Frankf. a. M. 1817) man den Beginn dieser Wissenschaft zu datieren pflegt. Kein Sprachstamm [* 7] ist bis jetzt so genau erforscht wie der indogermanische, und auf keinem Gebiet der gesamten Sprachforschung sind die Untersuchungsmethoden so fein ausgebildet wie hier. Unter «vergleichender S.» versteht man gewöhnlich nur die indogermanische S. Da aber alle Sprachforschung vergleichend ist, so ist jene Bezeichnung unpassend, und es bürgert sich allmählich der Name «Indogermanische S.» dafür ein.
Während Bopp und seine Nachfolger mit wenigen Ausnahmen (z. B. Pott, s. d.) sich auf die Durchforschung der indogerman. Sprachen beschränkten, wurde W. von Humboldt (s. d.) der Begründer der neuern allgemeinen S., vorzugsweise durch sein Werk «Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues» (Berl. 1836; besonderer Abdruck aus dem Werke über die Kawisprache; neu herausgegeben mit ausführlicher Einleitung von Pott, 2 Bde., ebd. 1876; Nachträge 1880; und von Steinthal, «Die sprachphilos. Werke Wilhelms von Humboldt», ebd. 1884). Für Humboldt ist die Spräche nicht ein totes Mittel, ein Werkzeug, das zur Bezeichnung der Dinge verwandt wird, sondern sein erster und wichtigster Satz ist: «Die Sprache ist das bildende Organ der Gedanken», d. h. es giebt keinen Gedanken ohne Sprache, und das menschliche Denken wird erst durch die Sprache.
Darin liegt zugleich, daß die Sprache nichts weiter ist als die immer wiederholte Thätigkeit des Geistes, den Laut zum Ausdruck des Gedankens zu machen. Die besondere Art, wie sich diese Sprachthätigkeit im einzelnen offenbart, beruht auf der Geisteseigentümlichkeit der einzelnen Völker. Jedes Volk drückt in seiner Sprache die besondere Art aus, wie es die Dinge der Außenwelt auffaßt; die Sprache ist, wie Humboldt sagt, eine Weltansicht. Damit war zugleich gesagt, daß die Einsicht in den Bau der Sprache uns in das innerste Wesen eines Volks blicken läßt.
Auf den Bau der Sprachen gründete Humboldt ihre Einteilung, der er dadurch zuerst eine wissenschaftliche Grundlage gab. Die S. ging seit Humboldt bei der Anordnung der vorhandenen Sprachen in ein System meist von der Form des Wortes aus (morphologische Einteilung). In jedem sprachlichen Element lassen sich zwei Momente unterscheiden: der Laut, gleichsam das Material, aus dem das Wort gebaut ist, und die Bedeutung dieses Lautes. Die Bedeutung nun zerfällt wieder in zwei Momente, Bedeutung im engern Sinne und Beziehung. So drückt z. B. im lat. Worte est (er ist) der Laut es die Bedeutung des Seins überhaupt aus, der Laut t aber giebt die Beziehung auf die dritte Person. Der Lautkomplex, welcher die Bedeutung im engern Sinne angiebt, heißt die Wurzel, die übrigen Laute Beziehungslaute. Die besondere Art, wie Beziehung und Bedeutung ausgedrückt ¶
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werden, oder das Verhältnis von Beziehungs- und Bedeutungslaut giebt die Form des Wortes. So kommen für jedes Wort drei Momente in Betrachtung: Laut, Bedeutung (in diesem weitern Sinne auch Funktion genannt), Form.
Die Form bildet das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zur Klassifikation der Sprachen, und die Morphologie der Sprache stellt danach drei Klassen von Sprachen auf: I. Isolierende oder einsilbige (monosyllabische) Sprachen. Die Beziehung ist gar nicht lautlich ausgedrückt, die Sprache hat also nur Bedeutungslaute oder Wurzeln; dazu gehören z. B. das Chinesische, Tibetische und die hinterind. Sprachen. Die Beziehung ist in der Seele des Redenden freilich vorhanden, muß aber von dem Hörenden, da sie nicht laut wird, für sich ergänzt werden.
II. Zusammenfügende (agglutinierende) Sprachen. Die Sprache hat lautlichen Ausdruck für die Beziehung und fügt mit den Wurzeln die Beziehungslaute in irgend einer Weise zusammen, entweder durch Nachsetzung (Suffigierung), oder Vorsetzung (Präfigierung), oder Hineinsetzung in die Wurzel (Infigierung), wobei die Laute der Wurzel überhaupt keine Veränderungen erleiden oder wenigstens nur durch mechan. Lautbewegung, also keine, mit denen an sich die Bezeichnung einer Beziehung verbunden wäre. Zu dieser Klasse gehören die meisten bis jetzt bekannten Sprachen: die malaio-polynesischen, die dravidischen, eine Anzahl im Kaukasus einheimischer Sprachen;
der finn.-tatar. oder uralaltaische Sprachstamm, eine große Anzahl afrik.
Sprachen, namentlich südafrikanische (Bantusprachen); in Europa [* 9] das Baskische; die Sprachen der Indianer Amerikas. III. Flektierende Sprachen. In diesen wird die Wurzel selbst zum Zwecke des Beziehungsausdrucks regelmäßig verändert, außerdem aber besondere Beziehungslaute auch mit der Wurzel zusammengefügt. Zu dieser Klasse gehören nur zwei Sprachstämme, der indogermanische und der semitische. - Über Klassifikation der Sprachen vgl. Steinthal, Charakteristik der hauptsächlichsten Typen des Sprachbaues (Berl. 1860; neu bearbeitet von F. Misteli als Bd. 2 des Steinthalschen «Abrisses der S.», ebd. 1893); Schleicher, Die Sprachen Europas in systematischer Übersicht (Bonn [* 10] 1850); Pott, Wurzelwörterbuch der indogerman. Sprachen (Bd. 2, Abteil. 2, Detmold [* 11] 1870, Vorrede); F. Müller, Grundriß der S., Bd. 1 (Wien [* 12] 1876); G. von der Gabelentz, Die S. (Lpz. 1891), S. 327 fg.
Nach einer bis vor kurzem allgemein verbreiteten Anschauung sollte zwischen diesen Klassen auch ein Wertunterschied bestehen; so stehe die erste Klasse am niedrigsten, da sie von den beiden notwendigen Momenten jeder menschlichen Rede nur das eine (die Bedeutung) lautlich ausdrücke. Die zweite Klasse drücke zwar die Beziehung aus, aber so, daß Beziehungs- und Bedeutungslaute lose nebeneinander stehen und die Beziehung sich immer noch als etwas Selbständiges neben der Bedeutung geltend mache.
Die dritte Klasse endlich stehe deswegen am höchsten, weil sie das im Denken Ungetrennte auch in einem einheitlichen Lautbilde durch die Veränderung des Wurzellautes selbst wiedergebe. Gegen diese Auffassung hat man mit Recht geltend gemacht, daß eine Wertbestimmung der Sprachen lediglich nach dem Gesichtspunkt vorgenommen werden dürfe, in welchem Maße eine Sprache ihren Zweck, Verständigungsmittel zu sein, erfülle; unleugbar wird dieser Zweck häufig von Sprachen niederer Stufe ebenso vollkommen, unter Umständen vielleicht vollkommener erfüllt als von Sprachen höherer Stufe.
Ferner ist es eine sehr verbreitete Anschauung, jene drei Klassen bildeten ein Entwicklungssystem und zwar in dem Sinne, daß jede höhere Klasse die niedere als Vorstufe voraussetze. Es habe also eine Zeit gegeben, wo auch das Indogermanische noch eine isolierende Sprache war, die dann in eine zusammenfügende übergegangen und schließlich zu einer flektierenden geworden sei. Der Begriff des Gehens z. B. wird in allen indogerman. Sprachen durch die Wurzel i ausgedrückt, der Begriff «ich» durch mi. «Ich gehe» würde also auf der isolierenden Stufe ausgedrückt sein i mi (gehen ich), wo beide Wurzeln getrennt sind und beide selbständigen Accent haben.
Die zusammenfügende Stufe würde beide Elemente verbinden und unter einen Accent bringen, imi. Im wirklich vorliegenden flektierenden Stande der indogerman. Sprachen aber lautet diese Form eimi (grch. εἶμι), d. h. während die Beziehung auf die erste Person durch das angefügte mi geblieben ist, hätte zugleich die Wurzel eine Veränderung erfahren, welche die Beziehung der dauernden Handlung (in der Grammatik das Präsens genannt) ausdrücke. Jetzt leugnet man jedoch mit Recht, daß wirklich eine innere Veränderung der Wurzel, in unserm Fall der Übergang von i zu ei, zum Zwecke der Beziehungsbezeichnung stattgefunden habe, man hält vielmehr solche Veränderungen der Wurzelsilbe für entstanden durch rein mechan. Lautbewegung (s. Vokalsteigerung). Damit ist überhaupt der principielle Unterschied zwischen agglutinierenden und flektierenden Sprachen geleugnet. Ferner weiß man auch nicht, ob Sprachen, die uns jetzt als isolierende erscheinen, von jeher so gewesen waren.
Eine andere Klassifikation in unorganische und organische Sprachen geht auf die Gebrüder Schlegel zurück. Die unorganischen Sprachen zerfallen in zwei Klassen, Sprachen ohne grammatische Struktur (die einsilbigen Sprachen Ostasiens) und Sprachen mit Affixen (die agglutinierenden). Die organischen Sprachen sind solche, die eine Flexion besitzen, und teilen sich in die synthetischen (alten) und die analytischen (modernen) Sprachen. Danach hat man unter analytischen Sprachen Idiome zu verstehen, die infolge lautlichen Verfalls und Verlustes der Flexionselemente am Ende der Worte die grammatische Form durch neue, der Syntax entlehnte Mittel wiedergeben müssen. So drückt man z. B. im Französischen das lat. caball-i «des Pferdes» durch de cheval «vom Pferde» [* 13] (lat. de caballo),
das lat. caball-o «dem Pferde» durch à cheval «zum Pferde» (lat. ad caballum),
das lat. cantabo «ich werde singen» durch chanterai «ich habe zu singen» (lat. cantare habeo) aus.
Wieder eine andere Einteilungsweise ist die sog. psychologische. Diese betrachtet die Sprache als Organ des Geistes und fragt wesentlich danach, ob die Sprache den Unterschied von Stoff und Form erfaßt und zum Ausdruck bringt. Sie stellt daher zwei Klassen auf, erstens Formsprachen, zweitens formlose Sprachen. Jede dieser Klassen zerfällt wieder in zwei Abteilungen, je nachdem die den Satz konstituierenden Elemente (die Worte) auf dem Princip der lockern Anreihung oder der Abwandlung beruhen. Zu den Formsprachen, welche die Form erfassen, dieselbe aber durch bloße Stellung ¶