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Interessenkonflikt im Wasserschloss
In Tadschikistan hat rund die Hälfte der Bevölkerung keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Nun will das Land die Wasserenergie zum Exportschlager machen. Das sorgt in Zentralasien für Zündstoff. Die Schweiz ist mit verschiedenen Wasserprojekten vor Ort engagiert.
Das bis 7500 Meter hohe Pamir-Gebirge mit seinen riesigen Gletschern ist das Wasserreservoir Zentralasiens: Hier ziehen sich Tausende von Bächen und Flüssen wie weisse und blaue Bänder durch die Bergmassen.
Nur an den Flussufern und dort, wo Bewässerungskanäle durch den Fels gehauen wurden, gruppieren sich ab und zu ein paar Häuser, finden sich schachbrettartige Muster von Feldern, umgeben von Pappeln.
Sterbende Aprikosenbäume
Obwohl Tadschikistan enorme Mengen der wertvollen Ressource Wasser besitzt, sitzen manche Dörfer auf dem Trockenen. So auch Lohuti, ein kleines Dorf im Fergana-Tal. «Wir konnten seit 20 Tagen nicht bewässern», sagt eine Baumwollpflückerin in der Nähe des Dorfes. «Unsere Pflanzen werden sterben.»
Der Kanal, der von Kirgistan und Usbekistan kommt, ist ausgetrocknet. Die beiden Nachbarländer haben den Hahn zugedreht – sie brauchen das Wasser selbst zur Bewässerung. Auf Regen können die Dorfbewohner nicht hoffen - von Mai bis Oktober fällt hier kein Tropfen.
Die zahlreichen alten Aprikosenbäume entlang der Strasse sind am Verdorren. Das Paradoxe ist: Unterhalb des Dorfes leuchtet blau der künstlich gestaute Kairakum-See. Doch dessen Wasser ist nicht für die Dorfbewohner, sondern für die Stromproduktion und Usbekistan und dessen Baumwollproduzenten bestimmt, die flussabwärts auf das kostbare Nass warten. Die Wasserverträge von 1992 legen fest, welches Land, wem wieviel Wasser liefern muss.
So müssen die Dorfbewohner das Wasser per Lastwagen ins Dorf transportieren lassen – das kostet sie rund 10% ihres Haushaltsbudgets (Wasserkosten: 11 Dollar pro Monat). Das reicht täglich gerade für rund 30 Liter Wasser pro Person.
«An Eigenverantwortung appellieren»
Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) betreut in Lohuti ein Wasserprojekt. Bei einem früheren Projekt einer anderen Organisation hatten die Bewohner ihr investiertes Geld verloren. Nun setzen die Leute die Hoffnung in die Deza.
«Die Deza könnte das Projekt alleine finanzieren. Wir appellieren bei den Leuten aber an die Eigenverantwortung», sagt der Projektverantwortliche Olivier Normand.
Lecke Leitungen
In Khujand, der nahe gelegenen Stadt mit rund 150'000 Einwohnern, ist das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zusammen mit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) in der Wasserversorgung engagiert. Es beteiligt sich mit über 10 Mio. Dollar an der Instandstellung des Versorgungssystems, der Verbesserung von Management und Kundenbeziehungen der «Khujand Water Company».
Wie überall in Tadschikistan ist auch hier das Wassersystem veraltet: Lecke Leitungen und alte Pumpen sorgen für Wasserverluste. In der ganzen Stadt wurden bisher rund 10% der Wasserleitungen erneuert.
Wasserzähler aus der Schweiz
Im Warenlager der «Kujand Water Company» stapeln sich Kisten mit Material: Darunter sind Wasserzähler der Schweizer Firma Fela.
Bisher wurden für rund 1,3 Mio. Franken Schweizer Wasserzähler geliefert, rund 30% der an die «Khujand Water Company» angeschlossenen Haushalte sind heute damit ausgestattet. «Ohne Wasserzähler kann man die Leute nicht zum Wassersparen animieren», sagt der Generaldirektor Ilhom Akilow.
Die Firma will angesichts der Energiekrise die Preise erhöhen. Gemäss einer Studie, die auch inoffizielle Einkommen berücksichtigt, sei die beabsichtigte Verdoppelung der Wasserpreise kein Problem, sagt Bakhtiyor Faiziev von der EBRD. Zu den inoffiziellen Einkommen zählen namentlich die Überweisungen aus Russland.
Heikles Projekt
Obwohl bis heute nur rund die Hälfte der Tadschiken Zugang zu sauberem Trinkwasser haben - viele Infektionskrankheiten gehen auf veschmutztes Wasser zurück - hat bei der Regierung Förderung und Export der Wasserkraft Priorität.
Ein gigantisches Projekt ist das Wasserkraftwerk Roghun, an dem sich voraussichtlich neben Russland, Kasachstan auch die Weltbank beteiligen wird. Mit 330 Metern Höhe soll der grösste Staudamm der Welt entstehen. Kostenpunkt: 4 Mrd. Dollar.
Während zu Sowjetzeiten die Wasserversorgung für die ganze Region organisiert wurde, verfolgt heute jeder Staat die eigenen Interessen. Das führt insbesondere im dichtbesiedelten und intensiv bewirtschafteten Fergana-Tal - dem Schnittpunkt zwischen Tadschikistan, Kirgistan und Usbekistan - zu Spannungen.
Erste Schüsse
Das Bevölkerungswachstum, die Klimaerwärmung und die Industrialisierung dürften den Streit ums Wasser noch verstärken. Bereits fielen an der Grenze zwischen Tadschikistan und Kirgistan im Kampf ums Wasser erste Schüsse. Wie geht das Seco mit den zunehmenden regionalen Spannungen in der Wasserfrage um? «Wir sind nicht direkt in der Stromproduktion tätig, sondern in der effizienteren Bewirtschaftung des Netzwerks», sagt Rudolf Schoch, Leiter des schweizerischen Koordinationsbüros in Tadschikistan.
Die Schweiz ist daran, in der Region einen hydrologischen Dienst zu erstellen. Wenn alle die gleichen Messmethoden verwenden, so die Idee, können gegenseitige Anschuldigungen verhindert werden.
Publiziert: swissinfo.ch, 07.10.2008