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«Denn wer da hat, dem wird gegeben, ja überschwenglich gegeben werden; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen werden, das er hat.» Die für damalige Verhältnisse zweifellos gewagte Prognose, wer da habe, dem werde noch mehr gegeben, niedergeschrieben im Matthäus-Evangelium (13;12), hat sich indessen total bewahrheitet. Spätestens seit die Banken selber Geld «schöpfen» können und die Besitzenden mit Geld hundert- oder auch tausendmal mehr Geld machen können als es die Besitzlosen mit Arbeiten hinkriegen, ist der Beweis der gewagten – und etwas unerfreulichen – These erbracht.
Damit das System «wer da hat, dem wird gegeben» aber nicht nur im finanziellen Bereich zutrifft, sondern zum Beispiel auch im Bildungsbereich oder in der Kultur, hat man das Ranking erfunden: Welche Universität steht an der Weltspitze, welches Buch hat sich am besten verkauft, etc etc. Das garantiert den Erfolgreichen – wer da hat, dem wird gegeben – noch zusätzlichen Erfolg. Und so war die nächste Innovation, die Erfindung der «Besten des Jahres», nur logisch.
Die Schönste des Jahres, der Sportler des Jahres, das Auto des Jahres, der Vogel des Jahres, der Politiker des Jahres, der Lehrling des Jahres, der Journalist des Jahres…
Ja, auch im Journalismus ist das Ranking zur massgebenden Währung geworden. Wenn als Folge davon ein echt guter Artikel noch mehr gelesen wird, warum nicht?
Keine Höhen ohne Tiefen
Leider hat man die zweite Hälfte der neutestamentlichen Prognose weitestgehend verdrängt, obwohl auch sie sich natürlich bewahrheitet hat: «Wer da nicht hat, dem wird noch genommen». Oder anders rum: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer.
Und im Journalismus? Um der Forderung nach mehr Transparenz bei den Medien entgegenzukommen, würde es sich lohnen, nicht nur die journalistischen Höhepunkte zu feiern, sondern auch die Tiefpunkte zu benennen. So wie es neben dem «Wort des Jahres» ja auch das «Unwort des Jahres» gibt. Warum nicht ein Preis für den einfältigsten, den primitivsten, den sinnlosesten Artikel des Jahres?
In wenigen Tagen geht das Jahr zu Ende, die meisten «Besten» des Jahres sind gewählt. Reicht es noch kurz vor Silvester für die Wahl des Einfältigsten?
Für das Jahr 2014 zumindest gäbe es eine Kandidatur: 69 Gründe für sofortigen Sex, publiziert am 16. Oktober auf der Tamedia-Website 20min, in Zusammenarbeit mit der ebenfalls zu Tamedia gehörenden ch.tilllate.com. Da ist nichts Neues drin, nichts Relevantes, keine Information – und auch kein Witz: geistreich oder auch nur schon lustig wäre anders.
Zu befürchten ist allerdings, dass der ehemals journalistisch ambitionierte Zürcher Grossverlag solchen Bullshit nicht publiziert, um im Ranking noch tiefer zu stürzen. Es gibt ja auch die andere Prognose, wie man zu Geld kommen kann, auch wenn sie nicht aus der Bibel stammt: Sex sells. Oder zu deutsch, auf dem Level der erwähnten Publikation: Je Sex, desto Geld.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine