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Ausnahmefall Schweiz – auch bei der Klimaerwärmung?
Die Temperaturen in der Schweiz sind in den letzten 50 Jahren mehr als doppelt so stark gestiegen wie die globale Mitteltemperatur. Ist die Schweiz ein Ausnahmefall?
Die Schweiz besitzt viele Traditionen, eine davon ist das Klimamessnetz der MeteoSchweiz. Dieses zeichnet seit 1864 Wettergrössen in der Schweiz auf. Mit diesen Daten, die geprüft und von nicht-klimatischen Einflüssen bereinigt (= homogenisiert) sind, werden Veränderungen des Klimas untersucht. Eine der daraus gewonnenen Erkenntnisse ist, dass sich unser Land bereits stark erwärmt hat – die homogenisierte Temperaturreihe verzeichnet in den letzten 50 Jahren (Korrektur am 30. April 2016, Anm. d. Red.) einen Temperaturanstieg von 2.05°C. Dieser Wert ist mehr als doppelt so hoch wie der Anstieg der globalen Mitteltemperatur von 0.76° C in derselben Zeitspanne (siehe Abb. 1).
Doch was genau führt dazu, dass sich die Erwärmung auf globaler und Schweizer Ebene derart unterscheidet? Ist die Schweiz speziell stark vom Klimawandel betroffen? Oder treten auch in anderen Regionen ähnlich starke Trends der Temperatur auf?
Globale Temperatur
Wir betrachten im Folgenden den globalen Datensatz GISTEMP der NASA, der sehr viele Beobachtungen der Temperatur rund um den Globus enthält. Diese werden zu einem erdumspannenden Gitterdatensatz zusammengefügt. Auf diesem Gitter beläuft sich die Schweizer Mitteltemperatur auf +1.61°C, was unter dem Wert von 2.05°C der homogenisierten Stationsdaten der MeteoSchweiz liegt. Der Grund für diese Diskrepanz findet sich in der unterschiedlichen Datengrundlage und Datenaufbereitung.
In der räumliche Verteilung der Temperaturänderungen gibt es zwei dominierende Muster (vgl. Abb. 2): 1. den Land-Ozean-Kontrast und 2. die sogenannte polare Amplifikation.
Punkt 1 ergibt sich daraus, dass die Meere sehr viel Wärme speichern können und dadurch die Temperatur puffern. Damit fällt die Erwärmung der Luft über den Ozeanen geringer aus als über den meisten Landflächen. Mit dem GISTEMP-Datensatz lässt sich der durchschnittliche Temperaturanstieg über den Landmassen auf +1.00°C seit 1965 bestimmen (vgl. Abb. 1). Dieser Wert liegt knapp 30 Prozent über dem globalen Mittel.
Der GISTEMP Datensatz gibt für die Schweiz eine Erwärmung von 1.61°C an, welche immer noch deutlich über den 1°C des globalen Mittels über Land liegt. Weshalb?
Hier hilft ein weiteres Muster, die polare Amplifikation. Sie zeigt, dass die Erwärmung in höheren Breiten grösser ist als in niedrigen Breiten um den Äquator. Dies hat unter anderem mit dem Rückgang der Schnee- und Eisbedeckung zu tun. Dabei wird auf den frei gelegten, dunkleren Flächen ein grösser werdender Anteil der einfallenden kurzwelligen Sonneneinstrahlung nicht mehr ins All reflektiert, sondern absorbiert. Dies trägt zu einer weiteren Erhöhung der Temperatur bei.
Temperaturanstieg rund um den Globus auf gleicher Breite
Betrachten wir nun die Temperaturveränderung gemittelt über die Landmassen auf dem Band des Breitengrades auf der Höhe der Schweiz (47°N), ergibt sich ein Wert von +1.40°C (vgl. Abb. 1). Die Erwärmung der Schweiz ist also beim Vergleich mit ähnlichen liegenden Orten nur noch wenig höher (vgl. Abb. 2).
Bewegt man sich noch weiter nördlich, beispielsweise auf den Breitengrad von 59°N, auf dessen Höhe unter anderem die Städte Oslo und Stockholm liegen, zeigt sich im Durchschnitt bereits eine stärkere Erwärmung als für die Schweiz, nämlich +1.77°C (vgl. Abb. 2).
Diese Angaben sind Mittelwerte, weshalb die lokalen Temperaturen entlang eines Breitengrads höher oder tiefer ausfallen können.
Es wird (fast) überall wärmer
Die Temperaturänderung der Schweiz ist über die letzten 50 Jahre gesehen deutlich höher als im globalen Mittel. Jedoch wird in vielen anderen besiedelten Gebieten, vor allem in weiten Teilen Europas, Asiens, Nordamerikas sowie Teilen Nordafrikas, ebenfalls ein starker Anstieg der Temperaturen verzeichnet. Zudem gibt es grosse Regionen (vor allem in Asien und nördlichen Breiten), in denen der Trend sogar deutlich über dem der Schweiz liegt. Klimamodelle zeigen, dass diese regionalen Muster auch in Zukunft vorhanden sein werden.
Aktualität des Themas
Am 22. April 2016 wurde das Pariser Klimaschutz-Abkommen durch die Schweiz unterzeichnet. Dieses verpflichtet erstmals alle Staaten zur Reduktion der Treibhausgasemissionen und ebnet damit den Weg für das Erreichen eines globalen Temperaturziels von 2°C oder weniger.
Weiterführende Informationen
Details zur polaren Amplifikation: Pithan, F., & Mauritsen, T. (2014). Arctic amplification dominated by temperature feedbacks in contemporary climate models. Nature Geoscience, 7, 181-184. doi:10.1038/ngeo2071
Commenti (12)
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Ist dieser Abschnitt nur eine Erwärmung auf die dann wieder eine kalte Periode kommt?
Ich finde man übertreibt mit dem Klimawandel zu viel, ich traue mich sogar zu behaupten dass ca. 70% der Erwärmung natürlichen Ursprung hat.
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Interessanter Artikel. Wurden bei diesen Daten auch Effekte, wie z.B. urbane Hitzeinseln, berücksichtigt? Viele Messstationen, welche 1864 im Grünen errichtet wurden, dürften heute in deutlich dichter bewohntem Gebiet stehen,was einen Anteil an der Erwärmung haben dürfte. Ausserdem wäre interessant zu wissen, wie die ganze Entwicklung seit 1864 aussieht.
Wird für die Schweiz die Erwärmung der letzten 60 Jahre (vgl. zweiter Absatz) angegeben, oder seit 1965, also ca. der letzten 50 Jahre?
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Der Effekt der Verstädterung auf die Temperaturmessungen ist in der Tat ein wichtiges Thema, das in Auswertungen mit langjährigen Messreihen nicht vernachlässigt werden darf. In der Schweiz haben wir jedoch festgestellt, dass ein Einfluss auf die Messungen kaum nachweisbar ist. Der Vergleich der Temperaturentwicklung mit ländlichen Stationen zeigt keinen signifikanten Unterschied. Grund dafür ist u.a. die Tatsache, dass die "Stadtstationen" im Laufe des 20. Jahrhunderts grösstenteils aus dem Stadtzentrum hinaus an die Peripherie verlegt worden waren, um ihre Repräsentativität für ein grösseres Gebiet zu erhalten.
Die Entwicklung der Schweizer Temperatur seit 1864 finden sich hier:
http://www.meteoschweiz.admin.ch/home/klima/gegenwart/klima-trends.html
Alle Angaben zu Trends beziehen sich auf die Periode 1965-2014, also 50 und nicht 60 Jahre.
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Was hier alles geschrieben wird stimmt auf keinen Fall. Dies wird mit Abstand der kälteste April seit Jahrzehnten und noch viel schlimmer ist der Rückgang der Sonnenstunden im Mittelland. Der Wind aus östlichen und nördlichen Richtungen bläst eigentlich ohne Unterbruch fast 12 Monate im Mittelland.
Wir gehen einer neuen Eiszeit entgegen mit viel Sonnen Armut und vielen Missernten durch die Kälte.
Warum schreibt diese Wahrheit niemand?
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Welche Wahrheit Herr Sager?
Wetter und Klima sind zwei unterschiedliche Phänomene. Nur weil es mal einen Monat zu kalt ist heisst das nicht dass die Klimaveränderung nicht stattfindet.
Ich hoffe Sie erinnern sich noch an den letzten Winter, der war ja nicht wirklich zu kalt.
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Und das warme letzte Jahr und die davor haben Sie schon vergessen? Fakt ist, dass eine Erderwärmung stattfindet, auch wenn für Sie der Wind immer aus Norden weht.
Und übrigens befinden wir uns schon in der Eiszeit, aber glücklicherweise in einer Warmphase.
Aber in einem haben Sie recht: Ob es langfristig wieder in eine Kaltzeit eines Eiszeitalters oder in Richtung Warmklima geht kann man nicht vorausbestimmen, da so viele Faktoren mitspielen.
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Lieber Herr Sager
Warum schreibt niemand "ihre" Wahrheit? Ganz einfach, weil es keine Wahrheit ist.
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Sehr geehrter Herr Sager
Erinnern Sie sich an Anfang April? Wo das Thermometer knapp 25 Grad Celsius anzeigte? Oder auch sonst erreichte die Temperatur meistens 15 bis 20 Grad. Dies ist für den April zu warm und das es Rückschläge gibt, gehört auch zum April. Das Problem ist, dass wir uns an die überdurchschnittlichen Temperaturen gewöhnt haben und sobald es zum Durchschnitt "abkühlt", kommt es uns viel zu kalt vor.
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Leider können wir dies nicht bestätigen, denn die Faktenlage aufgrund der Daten des Schweizer Messnetzes sieht anders aus.
Auch auf globaler Ebene bestätigt die langjährige Arbeit von tausenden Forschern aus aller Welt unter dem Internationalen Gremium des Klimawandels (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC, Link: https://www.ipcc.ch/) die eindeutige Erwärmung des Klimasystems. Die Resultate daraus werden durch die Unterschrift aller 195 teilnehmenden Länder international anerkannt.
Die deutsche Zusammenfassung findet sich hier: http://proclimweb.scnat.ch/portal/ressources/3275.pdf
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Sehr interessanter Artikel der nun die offensichtliche Frage aufwirft, auf welchen Referenzwert sich das Temperaturziel von 2 Grad bezieht.
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Ein guter Punkt. Das erwähnte Temperaturziel bezieht sich auf eine mittlere globale Erwärmung, deren Ausprägung lokal stark vom globalen Wert abweichen kann. So ist in der Schweiz zukünftig mit einer deutlich stärkeren Erwärmung zu rechnen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die diskutierten Ziele vom Temperaturniveau "vor Beginn der Industrialisierung" um etwa 1850 ausgehen. Leider gibt es keine einheitliche Referenzperiode um dieses Niveau zu bestimmen, was unter anderem mit der schlechten Datenlage im 19. Jahrhundert zu tun hat. Darum werden verschiedene Perioden verwendet, so z.B. 1850-1900 oder auch 1871-1900.
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Super spannender Artikel, besten Dank! Ich schätze es sehr, dass hier nicht nur berichtet, sondern auch erklärt wird. Gerade in Sachen Klimaerwärmung besteht leider bei vielen Aufklärungsbedarf. Viele werden nach dieser Episode in ihrer Überzeugen bestärkt fühlen, dass sich "der Winter einfach nach hinten verschiebt".