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Im Sommer 1926 war Joseph Roth im Auftrag der Frankfurter Zeitung, deren zeitweiliger Mitarbeiter er darstellte, nach Russland gefahren. Die Frankfurter Zeitung war damals ein Sprachrohr der linken Intellektuellen, und eine Übersicht über ihre Mitarbeiter liest sich heute wie ein ‘Who ist who’ der damaligen Szene. (Nach dem Zweiten Weltkrieg sollten einige dieser Mitarbeiter in verschiedenen Anläufen dieses Publikationsorgan als Frankfurter Allgemeine Zeitung neu gründen.)
1926: Da war die Russische Revolution gerade mal neun Jahre Geschichte, und es waren gerade mal zwei Jahre seit Lenins Tod vergangen. Durchaus Gründe also, sich vor Ort, in der Sowjetunion direkt, darüber zu informieren, wie der tatsächliche Stand der Dinge war und darüber zu berichten. Was Roth erlebte und erfuhr, war zumindest zwiespältig; ja, es gibt Stimmen, die diese Erfahrungen als Desillusionierung interpretieren. So der Herausgeber meiner Ausgabe, Jan Bürger, in seinem Nachwort; so, von Bürger zitiert, offenbar schon Walter Benjamin, der Roth Mitte Dezember 1926 in Moskau besuchte und der nach Hause schrieb, Roth sei «als (beinah) überzeugter Bolschewik nach Rußland gekommen» – und nun, zu Jahresende, kehrte er als «Royalist» in den Westen zurück. Nun, Benjamin und Roth waren sich gegenseitig nicht unbedingt grün. Dennoch weist dieses Zitat auf zwei Dinge hin: Neben der tatsächlich stattgefundenen Ernüchterung Roths auch auf den Umstand, dass dieser kein Journalist im klassischen Sinn war. Politiker befragen oder Statistiken durchackern war sein Ding nicht. Um über etwas schreiben zu können – auch als Journalist – war es für ihn unumgänglich, die Situation vor Ort zu ‘erfühlen’. Das machte ihn im Grunde genommen als Berichterstatter unbrauchbar, denn er musste Monate vor Ort verbringen, bevor er seine Eindrücke verarbeitet hatte, verarbeiten konnte.
Seine nach wie vor vorhandene Liebe zur Revolution merkt man seinen hier versammelten Texten wohl an. Der Herausgeber hat eine Auswahl aus den veröffentlichten Zeitungsberichten getroffen, die im Übrigen nicht nur Texte aus der Reise von 1926 enthält, und die nicht chronologisch, sondern primär geografisch geordnet wurden. Die Berichte wurden in drei Großkapitel eingeteilt:
Nachrichten aus dem Osten
Hier sind Texte über die heutige Ukraine versammelt. Da findet sich ein äußerst makabrer, über ein Invalidenbegräbnis, der in seiner detaillierten Beschreibung der sich versammelnden Kriegsversehrten expressionistische Züge annimmt. Da ist eine Glosse über die Ukrainomanie, jene Spezialform des Exotismus, die in der Mitte der 1920er Jahre Berlin betroffen hat, und in der unter dem Begriff Ukraine verschiedenste Phänomene (Volkslieder, Volkstänze etc.) verschiedenster Völker, von denen ein paar Tausende von Kilometern von der Ukraine entfernt lebten, zusammengefasst und dem vergnügungssüchtigen Publikum präsentiert werden. Es ist die Sorte Ethno-Kitsch, die zum Beispiel heute die Völkervielfalt Südostasiens in einen Topf wirft, wenn sich Klein-Maxi wundert, dass die Thai-Mutter seines Freundes keine chinesischen Schriftzeichen lesen kann und von ihr erwartet, dass sie den zeremoniellen Anzug der japanischen Geisha trägt.
Russische Ansichten
Hier wurden zwei Texte separat genommen, die nicht direkt mit der UdSSR zu tun haben: Eine Nacht mit Wanzen, wo noch jene blutsaugenden Insekten gemeint sind, die zu jener Zeit an so vielen Orten den Gästen das Leben schwer, bzw. den Schlaf unmöglich machten, und Leningrad, ein Essay über die Geschichte und Namensgebung jener von Peter dem Großen bewusst auf Deutsch bezeichneten Stadt Sankt Petersburg, die der letzte Zar in – so Roths Darstellung – einem Versuch der Anbiederung an das russophile Volk in „Petrograd“ umbenannte, wonach es dann für die Bolschewiki nur ein kleiner Schritt war, aus dem „Peter“ einen „Lenin“ zu machen. Auf Schlamm gebaut, vom Versinken bedroht, ist sie für Roth auch das Sinnbild menschlichen Wirkens; in der Geschichte seines Namens sinnbildlich für die menschliche Tendenz, den Namen eines Dings für seine Essenz zu nehmen. (Ich frage mich, was er dazu gesagt hätte, dass die Stadt heute wieder ihren alten, ursprünglichen Namen erhalten hat. Er hätte sich wohl kaum gewundert.)
Sowjetische Wirklichkeit
Zum Schluss dann Impressionen aus der eigentlichen Sowjetunion. Roth beschreibt die Auswirkungen der Revolution auf den ‘kleinen Mann’ (und die ‘kleine Frau’, denn es gibt auch einen Bericht mit dem Titel Die Frau, die neue Geschlechtsmoral und die Prostitution, wo allerdings der Titel mehr verspricht, als der Artikel selber hält). Natürlich lassen sich neun Jahre nach der Revolution überall Spuren derselben finden, aber Roth ist doch ein wenig überrascht (und ich weiß nicht, ob enttäuscht oder froh – seine Texte scheinen mir ambivalenter, als Benjamin und Bürger suggerieren), wie wenig Einfluss sie (noch) hat auf den Alltag. Natürlich ist da Astrachan, früher eine pulsierende Handelsstadt, jetzt, des Handels praktisch beraubt, eine tote, nach Fisch stinkende Gegend. Natürlich sind da die Modehäuser in Moskau – die noch immer Modelle ausstellen aus der Zeit vor 1917. Auf der anderen Seite stellt Roth verwundert fest, dass der Bürger die Revolution offenbar überlebt hat, denn er findet ihn noch immer. Vielleicht, dass sein Ruf weniger gut ist als vor den Ereignissen von 1917. Auf dem Land nun schon gar, wo die Bauern noch immer so leben, wie vor der Revolution. Es gibt zwar keine Leibeigenen mehr, aber Großbauern existieren nach wie vor. Die verschiedenen Religionen und die verschiedenen Ethnien erfreuen sich sogar größerer Freiheit als unter dem Zaren, da sie nun alle gleichberechtigt sind, was vorher nicht der Fall war. Die Machtkämpfe in der Moskauer Parteizentrale scheinen die Bevölkerung nicht im mindesten zu tangieren, ja, nicht einmal zu interessieren. (So fällt denn auch weder der Name Lenins, noch der Stalins, noch der eines anderen Parteibonzen in Roths Berichten.) Das Desinteresse des Volks sollte sich schon bald nach Roths Abreise an eben diesem Volk rächen, denn, einmal als Sieger aus den Machtkämpfen hervorgegangen, machte sich Stalin sehr rasch daran, Ethnien, Religionen und auch die ökonomischen Verhältnisse einer rigorosen Vereinheitlichung, ja Vernichtung, zu unterziehen. Etwas, das mit Terror zu auszuführen, er nicht zurückschreckte. Doch das konnte Roth 1926 noch nicht wissen. Er sieht nur, dass in der UdSSR dieselbe Zuversicht herrscht, dass mit technischen Hilfsmitteln alle Probleme des Landes gelöst werden können, wie sie in den USA herrscht. (Weshalb denn einer der Berichte Rußland geht nach Amerika betitelt ist.) Dass in der UdSSR der wissenschaftlich-technische Fortschritt genauso vorangetrieben und idealisiert wird wie im kapitalistischen Amerika. Das ist vielleicht das, was ihn am meisten enttäuscht, was ihn am meisten am ‘real existierenden Sozialismus’ von 1926 abstößt: Fürs Volk hat wenig geändert. Es darf zwar nun öffentlich kritisiert werden – aber nur an Themen, die regelmäßig ‘von oben’ vorgegeben werden, was für Roth – wohl zu Recht – auf ein völliges Fehlen von Unabhängigkeit der Zeitungen vom Staat hinweist (in: Öffentliche Meinung, Zeitungen, Zensur). Das Schlimmste für Roth ist aber wohl, dass die dem Staat zu Grunde liegenden ökonomischen Prinzipien letztlich dieselben sind, wie die im kapitalistischen Westen. Roth kann keinen neuen, dritten Weg erkennen zwischen dem vorher in Russland herrschenden Feudal-Absolutismus einerseits und dem die Arbeiter als ‘Arbeitskräfte’ zur Sache machenden (und deshalb sie verachtenden) Kapitalismus andererseits.
Alles in allem sind Roths Berichte welche, bei denen man auch ein wenig zwischen den Zeilen lesen muss – keine, in denen die Meinung des Autors auf dem Präsentierteller serviert wird.
Joseph Roth: Reisen in die Ukraine und nach Russland. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Jan Bürger. [Eine Lizenzausgabe einer 2015 bei C. H. Beck in München erschienenen Auswahl aus Roths Reisereportagen in den Osten; erschienen 2020 bei der Büchergilde Gutenberg in der dortigen, von Julia Finkernagel herausgegeben Reihe Büchergilde unterwegs.]