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Hübsch ist er nicht, aber je mehr man über ihn erfährt, kommt schon Faszination über den erstaunlichen Nager auf, der bis zu 15 Zentimeter lang werden kann. Da er in unterirdischen Bauten in Äthiopien, Kenia und Somalia lebt, ist er bis auf wenige Sinneshaare nackt. Die Haut ist faltig, damit der Nacktmull schneller durch die engen Gänge rennen kann. Seine Nagezähne wachsen lebenslang, denn er braucht sie als Baggerschaufeln für die Grabung von Gängen. Das Tier kann dabei Atmung und Wärme erstaunlich gut regulieren, um Energie zu sparen. So ist der Nacktmull in der Lage, bis zu 18 Minuten ohne Sauerstoff auszukommen.
Ein Tier, das nicht trinkt
Wenn es in den tiefer gelegenen Gängen kalt wird, pressen sich die Tiere aneinander, um sich gegenseitig zu wärmen. Genügt das nicht, jagen sie ein hierarchisch schwaches Tier zum Rennen, damit es als «Wärmeflasche» zurückkehrt. Nacktmulle gewinnen das benötigte Wasser einzig aus der Nahrung, aus Pflanzenknollen, Graswurzeln und Samen. Sie trinken nicht, was sehr effiziente Nieren bedingt.
Forscher berichten von Weibchen, die mit über 21 Jahren noch geworfen hätten, und von Tieren, die 28 Jahre alt geworden seien. Im Vergleich zu anderen Nagetieren ihrer Grösse entspricht dieses Alter einem Vielfachen. Hamster, Mäuse und Ratten, vor allem Laborratten, erkranken ab wenigen Jahren schon an Krebs und sterben. Offenbar verfügen die Nacktmulle über eine besondere Art und Menge von Hyaluronsäure, die dem Körper eine frühzeitige Erkennung der Krebszellen ermöglicht. Zudem wird dieses Glykosaminoglykan Hyaluronsäure wesentlich langsamer abgebaut als bei anderen Tierarten oder beim Menschen.
Nacktmulle verfügen auch lebenslang über ein Blutprotein, das verhindert, dass sich gesunde Zellen in Krebszellen verwandeln. Diese Alpha-2-Globuline scheinen die Signalwirkung von Krebszellen an gesunde Zellen zu unterbrechen. Der Mensch verfügt auch über Alpha-2-Globuline, sie nehmen jedoch ab dem 20. Lebensjahr ständig ab. Inzwischen hat das Wissen über die Bedeutung der Darmflora für die Gesundheit des Menschen stark zugenommen. Deshalb erscheint es besonders interessant, dass es Hinweise gibt, wonach die Darmflora der Nacktmulle jener der 100-jährigen Japaner auf der Inselgruppe Okinawa gleicht.
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Damit nicht genug der Rätsel: Nacktmulle sind die einzig bekannte Säugetierart, deren Haut die Substanz P fehlt. Substanz P bewirkt eine starke Erweiterung der Blutgefässe und steigert die Durchlässigkeit der Gefässwand. Zudem sorgt sie für eine Steigerung der Sensitivität der Schmerzneurone im Rückenmark.
Ein Leben ohne Schmerzen
Nacktmulle nehmen Stiche, Hitze oder Säure wahr, empfinden sie aber nicht als schmerzhaft. Untersuchungen im Jahr 2008 haben gezeigt, dass Nacktmulle nach dem Einschleusen eines Gens zur Produktion von Substanz P eine Schmerzempfindlichkeit entwickeln. Eine weitere grosse Einzigartigkeit im Reich der Säugetiere stellt die Fortpflanzung der Nacktmulle dar. Sie leben ähnlich wie Bienen oder Ameisen in einem Hofstaat von bis zu 300 Tieren. Die Königin hat an ihrer Seite ein bis drei dominante Männchen, mit denen sie sich fortpflanzt. Denn die anderen Weibchen im Hofstaat bleiben unfruchtbar.
Erst seit 1980 ist bekannt, dass der Nacktmull die einzige sogenannte eusoziale Säugetierart ist. Damit ist gemeint: Privileg der Fortpflanzung einer Königin, kooperative Brutpflege durch mehrere Tiere, gemeinsame Nahrungsbeschaffung und auch -verteilung, Kasten nach Nahrungsbeschaffer (Arbeiter) und Verteidiger (Soldaten) und Zusammenleben von Tieren mehrerer Generationen. Die Königin sorgt offenbar dabei für so viel Stress bei den Weibchen, dass deren Hormonbildung unterdrückt bleibt und die Eierstöcke nicht ausreifen. Sie bleiben inaktiv ohne Sex. Stirbt die Königin oder wird sie verdrängt, kommt es zu blutigen Kämpfen unter den Weibchen um den Königinnenthron, was ebenfalls eine grosse Ausnahme unter den Säugetieren darstellt. Das Weibchen, das am schnellsten wirft, tritt in der Regel die Nachfolge an.
Der Wandel zur Königin
Die Trächtigkeit dauert etwa 70 Tage. Eine Königin kann alle 80 Tage einen neuen Wurf produzieren und bis zu fünf Würfe pro Jahr haben. Weibchen, die Königinnen sind, verändern sich auch äusserlich. Ihre Hautfarbe wird heller, sie bekommen Zitzen und am Geschlechtsorgan einen roten Strich. Sie wächst zudem in die Länge mit einer Rückenkrümmung für mehr Raum für Embryos. Die Königin kann sich dabei auf ein Heer von Zudienern verlassen. Das Fressen des östrogenhaltigen Kots der Nacktmullkönigin sorgt dafür, dass die Jungtiere sich um die Kleinsten kümmern. Später werden sie zu Arbeitern und beteiligen sich am Ausbau des Gangsystems, was eine Art Fliessbandarbeit ist. Ältere Tiere bewachen die Ausgänge des Baues, um den Hauptfeind, die Schnabelnasen-Natter, abzuwehren. Dringt ein Tier in den Bau ein, stellt sich der Soldat ihm entgegen, während die Arbeiter hinten dran den Gang verschliessen.
Spannung im Labor
Von der Erforschung der Eigenschaften der Nacktmulle könnten Krebsforscher, Schmerz- und Alterswissenschaftler profitieren. Gelingt es ihnen, die Rätsel zu entschlüsseln, wäre das möglicherweise die Basis für neuartige Medikamente gegen Krebs. Deshalb werden in medizinischen Laboren die Lebensbedingungen der Nacktmulle nachgeahmt. Diese Zucht ermöglicht es Forschern, mit Ultraschallgeräten und Computertomografie den Rätseln der Nacktmulle auf die Spur zu kommen. In Zellproben und Gewebekulturen suchen sie nach Antworten. So sind zum Beispiel Substanz P-Antagonisten (den Nacktmullen fehlt ja die Substanz P) derzeit im Fokus der wissenschaftlichen Forschung für Schmerztherapie und als Antidepressivum.