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Tanz in die Freiheit
“Mao’s Last Dancer” von Bruce Beresford
“Mao’s Last Dancer” erzählt die wahre Geschichte eines chinesischen Jungen vom Lande, der zum gefeierten Ballettänzer wurde. Wer traditionell erzählte Biographien mag, die vor allem Auge und Gemüt ansprechen, wird bei diesem Film auf seine Kosten kommen.
Von Sandra Despont.
Das Casting muss die Hölle gewesen sein. Gesucht war: ein asiatischer, unwahrscheinlich gut aussehender Weltklassetänzer, der zwei Sprachen, Chinesisch und Englisch, perfekt beherrscht und ausserdem ein toller Schauspieler ist. Gefunden wurde Chi Cao, der Li Cunxin, dessen Autobiographie die Vorlage für das Drehbuch geliefert hat, glaubhaft und mit viel Charme verkörpert. Er macht seine Figur als Mensch und Tänzer greifbar und trifft so mitten ins Herz des Filmpublikums.
Bruder Nr. 6 geht nach Peking
Die Geschichte Li Cunxins ist die alte Geschichte vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird, oder, in seinem Fall, vom unscheinbaren chinesischen Dorfjungen, der nach viel Mühen zum Balletstar aufsteigt. Als er von Parteiabgeordneten, die sich auf der Suche nach Sporttalenten befinden, entdeckt wird, lebt er mit seiner Familie in ärmlichsten Verhältnissen. Dass Bruder Nummer sechs nach Peking geht und vielleicht in ein Sportinternat gehen darf, ist für die Familie wie ein Wunder. In Peking angekommen, wird Li für talentiert genug befunden, doch im kommunistischen China sind weder der Wunsch, Ballettänzer zu werden, noch das Talent wirklich entscheidend, sondern vielmehr die Frage, ob Lis Eltern und Vorfahren Bauern und arm waren. Glücklicherweise verfügt Li über eine makellose Vergangenheit. Doch dies soll nicht das letzte Mal sein, wo Politik über das Leben Lis entscheidet.
Vorerst wird Li in einem Internat weit weg von zu Hause untergebracht, wo ihn neben einer schulischen Ausbildung vor allem harte sportliche Trainingseinheiten erwarten. Es sind Lehrjahre, in denen Li körperlich ebenso wie geistig herausgefordert wird und wächst, in denen Li lernt, dass der Erfolg sich nur einstellt, wenn man fest daran glaubt, stark ist, und vor allem: Spagatsprünge übt.
Ein Zimmer für sich ganz allein
Immer wieder wirft die aktuelle Lage in China ihre Schatten auf die Tanzschule: Während der Kulturrevolution wird ein Lehrer verdächtigt, ein Klassenfeind zu sein und eines Tages abgeholt, statt klassischem Ballett sind plötzlich revolutionäre Tänze gefragt. Nach Maos Tod hingegen kommt es unter dem neuen Regime zu einem Kulturaustausch mit den USA. Und Li hat Glück: Er wird von Ben Stevenson, der in dem jungen Tänzer ein besonderes Talent entdeckt zu haben glaubt, für einen Sommerkurs beim renommierten Houston Ballet eingeladen. Im Land des fantastischen Überflusses und der fast unbegrenzten Freiheit angekommen, erkennt Li langsam, in welch engen Bahnen er sich in China bewegt hat. In den USA hat er ein Zimmer ganz für sich allein, er kann sich frei bewegen, er lernt die Süsse von Coca Cola und die Vielfalt der Freizeitmöglichkeiten kennen. Als er sich in die Nachwuchstänzerin Elizabeth verliebt, ist für ihn klar: Er will nicht nach China zurückkehren. Doch Peking hat nicht die Absicht, den jungen Tänzer kampflos dem Klassenfeind zu überlassen…
Altbekanntes statt Innovationspreis
„Mao’s Last Dancer“ wird einen Preis mit Sicherheit nicht gewinnen: Den für besonders innovativ erzählte Filmbiographien. Regisseur Bruce Beresford hält sich an Altbekanntes und Bewährtes. Der Film steigt mit Lis Ankunft in den USA ein, mit dem Staunen des jungen Chinesen über die gewaltigen Glasgebäude, mit den ersten, für die Zuschauer natürlich amüsanten Englisch-Sprechversuchen, mit dem Einleben in eine völlig andere Kultur, das von unterhaltsamen Missverständnissen begleitet ist. Dazwischen wird in Rückblenden die Vorgeschichte erzählt, wobei die politischen Ereignisse teils mit Originalaufnahmen dokumentiert werden. Weltbewegend ist das nicht, neue Massstäbe im Genre Biopic setzt der Film nicht, ja, es ist nicht einmal das Bemühen um eine Innovation zu erkennen. Manche mögen sich daran stören, andere werden gerade die unaufgeregte und traditionelle Art der Verfilmung geniessen.
Hier ist sie: Die Eier legende Wollmilchsau
Auch was die Themen und Motive anbelangt, sucht Beresford nicht krampfhaft das Aussergewöhnliche. Wer „Mao’s Last Dancer“ Klischiertheit vorwerfen will, kann das ohne weiteres tun und mit dem längst altbekannten Handlungsverlauf (siehe Tellerwäscher) argumentieren, kann auf abeglutschte Motive und Topoi hindeuten. Doch wer nicht in jedem Film die grosse intellektuelle Herausforderung sucht, sondern sich auch gerne einmal schön inszenierten Bildern, atemberaubenden Tanzszenen und einer ebenso amüsant wie bewegend erzählten 08/15-Geschichte hingibt, der wird mit „Mao’s Last Dancer“ auf seine Rechnung kommen. Denn auch wenn man den Film konventionell schimpfen mag, so gibt er sich bei all seiner Konventionalität nie eine Blösse, was die Machart anbelangt. Das fängt damit an, dass aus dem reichhaltigen Leben Li Cunxins sehr gekonnt und bedacht entscheidende Momente herausgegriffen werden, ohne dass man das Gefühl bekommt, man hetze hier mit Siebenmeilenstiefeln und im Eilzugstempo durch eine unfassbar grosse Zahl von Einzelereignissen. Die einzelnen Szenen sind allesamt sorgfältig gestaltet und strahlen eine grosse Ruhe und Gelassenheit aus. Und dies bei einer so verzwackten Lebensgeschichte, in die immer auch wieder die Politik hineinspielt, hinzubekommen, ohne dass die menschliche Entwicklung der Figuren zu kurz kommt, muss man erst einmal fertig bringen.
Auch scheint die Suche nach der Eier legenden Wollmilchsau geglückt. Chi Cao überzeugt in seiner Rolle sowohl tänzerisch als auch schauspielerisch. Neben ihm verblassen alle anderen Darsteller mit Ausnahme von Bruce Greenwood, der den Balletdirektor Ben Stevenson differenziert und facettenreich verkörpert.
“Mao’s Last Dancer” erzählt eine beeindruckende Lebensgeschichte. Dies tut der Film gekonnt, vergnüglich und rührend, wenn auch sehr traditionell.
Seit dem 4. November 2010 im Kino.
Originaltitel: Mao’s Last Dancer (Australien 2009)
Regie: Bruce Beresford
Darsteller: Kyle MacLachlan, Bruce Greenwood, Amanda Schull, Joan Chen, Jack Thompson, Aden Young, Chi Cao, Penne Hackforth-Jones, Camilla Vergotis, Chengwu Guo, Wang Shuang Bao, Madeleine Eastoe, Yang Li
Genre: Biopic, Drama
Dauer: 113 Minuten
CH-Verleih: Pathé
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