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Chemische Verbindungen
Wie es Amanullah Sk aus Indien gelang, einen Grant für eine Postdoktorandenstelle an der ETH Zürich zu erhalten und wie ihm André Wunder von EU GrantsAccess dabei half. Die Geschichte eines Erfolgs.
Im Labor H214 des ETH-Chemiegebäudes auf dem Campus Hönggerberg blicken zwei Männer aufmerksam durch das Glasfenster einer Abzugshaube. Eine blaue Lösung fliesst aus einem Reagenzglas durch ein dünnes Glasröhrchen in ein Gefäss, über dem ein Filter angebracht ist. Der Vorgang läuft unter der Abzugshaube in einem mit Argon gefüllten geschlossenen System ab, da die Lösung explosionsartig reagiert, wenn sie mit dem Sauerstoff oder der Feuchtigkeit der Luft in Kontakt kommt. Der Mann im weissen Labormantel heisst mit vollem Namen Amanullah Sk, nennt sich selbst aber einfach Aman.
«Mir war klar:
Ich muss ins Team von
Christophe Copéret!»
Er ist Chemiker und SNF-Postdoktorand in der Forschungsgruppe im Laboratorium für Anorganische Chemie von Christophe Copéret, Professor für Oberflächen- und Grenzflächen-Chemie an der ETH Zürich. Neben ihm steht André Wunder, Research Manager und Berater für Forschungsanträge bei EU GrantsAccess. Aman Sk hat André Wunder ins Labor eingeladen, um ihm einige seiner Experimente zu zeigen. Die beiden kennen sich seit über zwei Jahren. André hat in dieser Zeit massgeblich dazu beigetragen, dass Aman den Grant für die SNF-Postdoktorandenstelle erhielt. An diesem Nachmittag im Mai treffen sie sich zum ersten Mal persönlich. Doch beginnen wir die Geschichte ganz von vorn.
Am Anfang war die Chemie
Aman Sk wuchs in einer Akademikerfamilie im indischen Bundesstaat Westbengalen auf. Seine Mutter unterrichtet an einer Volksschule. Sein Vater war Chemiker, leitete das Schullabor an einem College und betreute die Studierenden bei ihren Laborpraktika. «Als ich noch ein Junge war, mochte ich Chemie überhaupt nicht», erzählt Aman Sk. «Wenn mein Vater von der Arbeit nach Hause kam, hatten seine Kleider und seine Tasche immer diesen penetranten fauligen Geruch von Schwefelwasserstoff. Aber als ich grösser wurde, nahm mein Vater mich mit ins Labor, liess mich Experimente machen, und als ich dann selbst im College war, musste ich ihm im Labor demonstrieren, was ich gelernt hatte. Das war wie Privatunterricht.» Aman Sk studierte Chemie, machte 2014 den Master am Indian Institute of Technology in Karagpur und erwarb ein paar Jahre später seinen Doktortitel in anorganischer Chemie an der renommierten Forschungsuniversität Indian Association for the Cultivation of Science (IACS) in Kolkata. Für seine Dissertation beschäftigte er sich mit der chemischen Struktur und den Reaktionsprozessen von Proteinen und Enzymen im menschlichen Körper und war fasziniert von der Vielfalt, der Effizienz und der Eleganz, mit der die Natur diese Moleküle synthetisiert und verändert. «Warum kreiert die Natur so viele verschiedene Variationen, obwohl alle zur selben Familie gehören? Wie schafft sie es, so präzise und wirkungsvoll zu sein?» Diese Fragen trieben Aman Sk weiterhin um und wurden zum Ausgangspunkt seines Forschungsprojekts als Postdoktorand an der ETH Zürich.
Forschungsdestination Zürich
Nach der Dissertation stand Aman Sk vor der Frage, wie es weiter gehen soll. Er hätte in der Grundlagenforschung bleiben können, aber das befriedigte ihn nicht. Mit Blick auf die grossen Herausforderungen, mit denen sich die Menschheit konfrontiert sieht, wollte er mit seinen Kenntnissen als Chemiker einen Beitrag zu Lösungen leisten. «Ich dachte, an der Schnittstelle zwischen Forschung und industrieller Anwendung könnte ich dazu beitragen, etwas gesellschaftlich Nützliches zu schaffen.» Er begann, übers Internet weltweit nach Forschungsgruppen zu suchen – vorzugsweise aus dem organo-metallischen Bereich –, die Kontakte zur Industrie pflegen und anwendungsorientierte Forschungsprojekte durchführen. Dabei stiess er auf die Gruppe für Grenz- und Oberflächenchemie von Christophe Copéret. Aman Sk las die Publikationen von Christophe Copéret und seinem Team, durchforstete deren Website und kam zum Schluss: Das ist meine Forschungsgruppe. «Was mich an Christophe so beeindruckt ist sein fundiertes Verständnis der Chemie. In all den Publikationen von ihm, die ich las, ging es im Wesentlichen immer um die Chemie. Wie er die Systeme analysiert, charakterisiert und beschreibt, wie die Chemie eines Prozesses funktioniert, das ist absolut faszinierend. Ich habe gute Kenntnisse der molekularen Chemie. Aber ich habe null Erfahrung mit Materialien und Oberflächen und ich möchte lernen, wie man die beiden Gebiete verbindet. Mir war daher klar: Ich muss ins Team von Christophe Copéret.»
Ein Prozess mit Hindernissen
Aman Sk schrieb Christophe Copéret eine E-Mail, sandte ihm die Skizze eines Forschungsprojektes zur Hydroxylierung von Methan und fragte ihn, ob er dieses Projekt als Postdoktorand in seiner Gruppe realisieren könne. Christophe Copéret sagte zu, riet ihm aber, da ihm wegen Covid-19 im Moment die Mittel für Stellen fehlten, er solle sich bei der EU um ein Marie Skłodowska-Curie Fellowship bewerben. Er half ihm bei der inhaltlichen Präzisierung seines Forschungsprojekts, empfahl ihm, seine Versuche mit Alkanen statt mit Methan zu planen und verwies ihn für die weitere Ausarbeitung des Antrags an André Wunder von EU GrantsAccess.
«Es war vom Termin her schon sehr spät, als mich Aman kontaktierte», erinnert sich André Wunder. «Die Frist für die Marie-Skłodovska-Curie-Anträge endete in vier Wochen. Ich habe mir das Proposal angeschaut und gesehen, was noch fehlt. Wir haben dann in kurzer Zeit eine Serie von Zoom-Meetings gestartet, den Antrag Schritt um Schritt verbessert und es geschafft, ihn rechtzeitig einzureichen.» Aman Sks Antrag wurde im Februar 2021 zwar abgelehnt, weil das Budget für die laufende Bewerbungsrunde bereits ausgeschöpft war.
«Ich dachte,
als Chemiker könnte ich
dazu beitragen,
gesellschaftlich etwas
Nützliches zu schaffen.»
Aber sein Projekt erhielt einen «Seal of Excellence» und die Chancen standen gut, dass es in der nächsten Bewerbungsrunde angenommen würde. «Es war daher klar, wir würden es nochmals versuchen», erzählt André Wunder. Der wissenschaftliche Teil war wasserdicht und vielversprechend, aber die übrigen Abschnitte des Antrags wie Umsetzung oder Kommunikation liessen sich weiter optimieren. Aman Sk war inzwischen von Kolkata nach Paris gezogen und hatte am Commissariat à l’énergie atomique (CEA) eine Postdoktorandenstelle angetreten. Über E-Mail und Zoom feilten er und André Wunder weiter am Antrag, als die EU im Sommer 2021 entschied, die Schweiz von der Assoziierung am Forschungsprogramm Horizon Europe auszuschliessen. Von nun an war es Forschenden nicht mehr möglich, sich mit einer Schweizer Hochschule als Gastinstitution um ein Marie Skłodowska-Curie Fellowship zu bewerben. André Wunder informierte Aman Sk, dass sein Proposal für ein Marie Skłodowska-Curie Fellowship hinfällig sei, dass es aber eine Alternative gäbe: Er solle sich um ein Swiss Postdoctoral Fellowship des Schweizerischen Nationalfonds SNF bewerben[1]. Er schickte Aman Sk die Unterlagen und half ihm in den folgenden Wochen bei der Finalisierung des Antrags. Im Dezember 2021 reichten sie das Proposal beim SNF ein. Im Juni 2022 erhielt Aman Sk die Zusage. «Ich war gerade auf dem Weg von Paris nach Kolkata, um meine Familie zu besuchen, als ich am Flughafen die E-Mail las, dass mein Antrag angenommen sei», erinnert er sich. Er informierte sofort seinen Betreuer am CEA in Paris. Dieser gratulierte ihm und sagte, dass sei eine einmalige Chance, er solle sie packen.
«Wenn man dieses Ziel
der EU nicht versteht,
wird es schwierig,
das Proposal zu schreiben.»
«Wir haben von unserer Seite sehr viel Arbeit und Engagement reingesteckt», resümiert André Wunder, als wir ihn an diesen Nachmittag im Labor H214 fragen, wie er das Coaching von Aman Sk rückblickend beurteile. «Aber ich hatte schon auf den ersten Marie-Skłodowska-Curie-Antrag die Rückmeldung, dass es wissenschaftlich ein sehr gutes Projekt ist. Christophe Copéret hat dies auch bestätigt und er wollte Aman in seinem Labor haben. Insofern bin ich auch für Aman sehr froh, dass es geklappt hat.»
Amanullah Sk blieb noch bis Ende November 2022 in Paris, um sein Projekt zu Ende zu führen. Am 1. Dezember 2022 trat er seine SNF-Postdoktorandenstelle im Labor von Christophe Copéret an der ETH Zürich an.
[1] Nachdem ERC Grants und Marie Skłodowska-Curie Fellowships ausfielen, sprangen das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI sowie der SNF in die Lücke und finanzieren seither solche Anträge.
Beihilfe zum Erfolg
André Wunder ist einer der 14 Research Manager bei EU GrantsAccess, die Forschende der ETH Zürich und der Universität Zürich bei der Suche nach internationalen Fördermitteln beraten, bei der Formulierung der Anträge coachen und bis zum Projektende begleiten. Drei Fragen an André Wunder zu seiner Rolle als Berater.
Wie unterstützen Sie Forschende bei ihren Anträgen?
A.W.: Das Kernstück des Antrags ist der wissenschaftliche Teil und den formulieren die Forschenden selbst, in Absprache mit dem Mentor oder der Mentorin ihres Projekts. Wir checken diesen Teil eher in formaler Hinsicht: Stimmt die logische Struktur, steht zu jeder Überschrift etwas im Text, fehlt etwas?
Der Fokus unserer Arbeit liegt auf jenen Teilen des Antrags, die mit Wissenschaft weniger zu tun haben, die aber gerade bei Anträgen für ein Marie Skłodowska-Curie Fellowship ziemlich umfangreich sind. Die Antragsstellenden müssen den Impact ihres Projekts auf ihre Karriere beschreiben. Sie müssen angeben, was die Institution, bei der sie ihr Projekt realisieren, zu bieten hat, wie die Supervision abläuft, wo sie ihre Resultate publizieren, welche Outreach-Aktivitäten sie planen und welchen gesellschaftlichen Nutzen das Projekt hat. Das ist eine ganze Menge.
Die EU stellt Fragen zu einer Fülle von Themen, mit denen Forschende häufig nicht vertraut sind?
A.W.: Genau. Und sie verwendet eine Terminologie, die dann in der ganzen Funding-Szene benutzt wird und die man für Forschende quasi übersetzen muss. Was sollen sie beim Punkt «Outreach Strategy» in den Antrag schreiben? Da können wir auf bewährte Formulierungen aus anderen Proposals zurückgreifen und den Antragsstellenden diese Informationen vermitteln. Dann spielt auch die Hintergrundgeschichte eine wichtige Rolle. Bei den Marie Skłodowska-Curie Fellowships ist für die EU die Karriereplanung das Hauptziel des Grant. Daher ist auch das Antragsformular in einer ganz bestimmten Weise aufgebaut. Wenn man dieses Ziel der EU nicht versteht, wird es schwierig, das Proposal zu schreiben. Man muss realisieren, was sie wollen, um die Geschichte so zu präsentieren, dass sie zu dem passt, was gefordert wird. Ein weiterer Punkt ist, zu verstehen, wie der Evaluationsprozess funktioniert, worauf die Forschenden achten müssen, was ankommt und was gar nicht. Bei all diesen Punkten können wir den Forschenden mit unseren Erfahrungen und unseren Kenntnissen der institutionellen Mechanismen helfen, den Antrag erfolgsversprechend zu formulieren.
Sie führen diese Coachings seit zehn Jahren. Was macht Ihnen Spass an Ihrer Arbeit?
A.W.: Die Anträge der Forschenden zu lesen und mit ihnen darüber zu sprechen. Und wenn sie von ihrer Sache so begeistert sind wie Amanullah, dann bereitet es mir ganz besondere Freude, ihre Anträge kritisch mit ihnen durchzugehen und Vorschläge zu entwickeln. Dann ist es natürlich auch schön, festzustellen, dass die Forschenden die Kommentare aufnehmen und man etwas dazu betragen konnte, dass der Antrag besser wird. Wenn das Proposal am Ende dann durchkommt, macht einen das stolz und man hat das Gefühl, man habe nicht nur etwas Gutes getan, sondern auch qualifizierte Arbeit geleistet.
Interview mit Amanullah Sk (in Englisch)
Amanullah Sk | Hydroxylierung
Hydroxylierung bezeichnet eine chemische Reaktion, bei der einem Molekül eine oder mehrere Hydroxylgruppen (-OH) eingefügt werden. Sie spielt in biochemischen Prozessen etwa im menschlichen Körper eine zentrale Rolle. Dabei wirken spezialisierte Enzyme als Katalysatoren. Der Prozess der Hydroxylierung ist auch für den pharmazeutischen und technischen Bereich bedeutsam, etwa zur Herstellung von Medikamenten. Aber die bisher erprobten Hydroxylierungsverfahren sind noch immer sehr anspruchsvoll, energieaufwändig und wenig nachhaltig.
Amanullah Sk sucht mit seinem Forschungsprojekt nach einer Methode, mit der Stoffe einfach, effizient und frei von Nebenprodukten hydroxyliert werden können. Dazu führt er elektrochemische Experimente mit verschiedenen Metallen durch, die als Katalysatoren wirken könnten, um in einer Flüssigkeit gelöste Kohlenwasserstoffe (Alkane) zu hydroxylieren. Sein Ziel: «Ich möchte, was der Natur mit Enzymen so elegant gelingt, wenigstens annähernd mit elektrolytischen Verfahren erreichen: die energieeffiziente, umweltfreundliche Hydroxylierung von Stoffen zur Herstellung von Medikamenten und Materialien.»
SNSF Postdoctoral Fellowship
Atomically dispersed first-row transition metal-oxo catalysts on nitrogen-doped-carbon for electrocatalytic C-H bond hydroxylation
- Projektart: Swiss Postdoctoral Fellowship
- Laufzeit: 1. Oktober 2022 – 30. September 2024 (24 Monate)
- Beitrag für die ETH Zürich: 246’279 CHF
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