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Sonntag, 26. August 2012
Am Sonntag standen noch 18 Mitglieder bereit, um das Seetal zu bereisen. Erstes Ziel war die ehemalige Johanniterkomturei Hohenrain, die an einem wichtigen Verkehrsweg liegt, der die Zentralschweiz mit dem Oberrhein verbindet. Die verkehrsgünstige Lage äussert sich in einer Vielfalt an ur– und frühgeschichtlichen Fundstellen, die die Kontinuität einer dichten Besiedlung seit de Jungsteinzeit belegen.
Die mittelalterliche Johanniterkommende ist in ihren Teilbauten weitgehend erhalten. Die Anlage besteht aus drei parallel gestellten Gebäuderiegeln, die von einer Ringmauer umgeben sind. An der Stelle der heutigen Anlage befand sich ein mindestens ins 9. Jh. zurückgehender Friedhof mit indirekten Hinweisen auf einen baulich nicht belegten ersten Kirchenbau. Wohl noch in karolingischer Zeit erfolgte ein neuer Kirchenbau mit halbrunder Apsis.
Um 1180 wurde die Johanniterkommende gegründet; der Vorgang ist urkundlich nicht belegt, doch chronikaler Überlieferung nach soll es Ritter Rudolf von Wangen gewesen sein. Die Kommende selber erscheint erstmals 1182/83 in den Schriftquellen, als Ludwig von Malters eine Schenkung überschrieb.
Im frühen 13. Jh. wurde die Anlage ausgebaut mit einer neuen Kirche, dem Turm Roten" und dem sog. Pfarrhaus. 1266 folgte das Komturhaus" mit seinem grossen Saal, der um 1300 mit Wandmalereien versehen wurde. Im 16. und 17. Jh. werden alle Bauteile erneuert und teils auch ausgebaut. Erst 1807/08 übernahm die Stadt Luzern die Kommende als Amtshaus und richtete 1847 darin die kantonale Taubstummenanstalt ein; heute beherbergt die ehemalige Johanniterkommende das kantonale heilpädagogische Zentrum. Seit 1970 werden bei Baumassnahmen archäologische Sondierungen und Baudokumentationen durchgeführt, die allmählich zu einem besseren Verständnis der Bauentwicklung der gesamten Anlage führen.
Nach dem Mittagessen in Hohenrain führte uns der Bus in kurzer Zeit zur nächsten Ruine: Burg Lieli, im Volksmund ihrer Form wegen auch Nünegg" genannt. Die Burg ist bis ins späte 14. Jh. in den Schriftquellen nicht fassbar. Auch zur Baugeschichte liegen derzeit kaum gesicherte Erkenntnisse vor. Die Burgruine soll deshalb im Zuge der laufenden Sanierung erstmals bauarchäologisch untersucht werden.
Die Herren von Lieli erscheinen ab 1223 als Ministerialen in kyburgischen, später habsburgischen Diensten. Sie pflegen in der 2. Hälfte des 13. Jh. offenbar recht enge Beziehungen zum habsburgischen Hof und verschwanden in der 2. Hälfte des 14. Jh. Die Burg fiel als Erbe an Freiherr Hans Rudolf von Schönau (bis 1414), dann an die Herren von Grünenberg. Im Sempacherkrieg wurde die Burg 1386 verwüstet und blieb offenbar seither Ruine. Um 1700 gelangte sie samt Herrschaft als Teil der Herrschaft Heidegg in den Besitz des Standes Luzern. Der Kanton ist auch heute noch Besitzer der Ruine.
1929 bis 1931 veranlasste der Schweizerische Burgenverein unter Eugen Probst eine erste Gesamtsanierung der Ruine, die ab 1930 von Robert Durrer geleitet wurden. Die für die folgenden Jahren geplanten archäologischen Grabungen fanden nicht statt, hingegen wurden weitere Mauerwerkssanierungen 1974/75 und 1984 vorgenommen.
Zum Schluss erreichten wir den Burgturm Richensee. Die Turmruine im Herzen der kleinen Ortschaft Richensee am Baldeggersee ist ein anschauliches Beispiel der Megalithbauweise.
Zwischen 1237 und 1242 wurde der Turm durch die Grafen von Kyburg errichtet, als Sitz eines kyburgischen Vogtes (Arnold von Richensee). Von Beginn an förderten die Kyburger die Entstehung eines Dorfes bei der Burg. Belegt sind für die Mitte des 13. Jh. u.a. eine Mühle und eine Bäckerei. Nach dem Aussterben der Kyburger gelangte Richensee in den Besitz der Habsburger. Unter ihnen wurde die Siedlung zu einem dörflichen Marktort und die Burg diente der Verwaltung des kleinen Amtes Richensee. Im Zuge des Sempacherkrieges 1386 wurde auch diese Ortschaft samt Burg verwüstet. Die chronikale Überlieferung nennt als Akteure einmal die Eidgenossen, einmal die Habsburger. 1405 wurde in der Nachbarschaft der Turmruine ein grosszügiges Holzhaus aufgestellt. Möglicherweise handelte es sich dabei um ein neues Verwaltungsgebäude für das immer noch bestehende habsburgische Amt Richensee.
In Chroniken des 15. Jh. wird der Marktort gelegentlich als Städtchen" bezeichnet. Bei den 1938 vorgenommenen Sondiergrabungen glaubte man die Stadtmauern gefunden zu haben. Eine jüngst erfolgte Nachuntersuchung zeigte aber, dass es sich bei den wallförmigen Geländeformen um neuzeitliche Uferbefestigungen handelt, aus einer Zeit als der Baldeggersee noch einen höheren Wasserspiegel hatte, bis 1806 reichte der See bis an der Dorfrand von Richensee. Deshalb sollte künftig Richensee nicht mehr als mittelalterliches Städtchen" bezeichnet werden. Mit dieser Feststellung schliessen wir den Exkursionsbericht.
An dieser Stelle sei dem Team der Kantonsarchäologie Luzern – Fabian Küng, Christian Auf der Maur, Christoph Rösch und Peter Kerrer – nochmals ganz herzlich für ihre zweitägige Betreuung der Exkursion gedankt. Die archäologischen und historischen Fakten zu diesem Bericht stammen alle aus den ausgeteilten Exkursionsunterlagen, die ich freundlicherweise benutzen durfte.
Thomas Bitterli