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„Es ist falsch, den Hirsch spielen zu wollen“
Pirmin Zurbriggen (45) gewann in seiner Karriere 40 Weltcuprennen, viermal den Gesamtweltcup, ist vierfacher Weltmeister und wurde 1988 Olympiasieger. Zurbriggen leitet die Nachwuchsabteilung des Skiclub Zermatt und ist Präsident des Regionalverbandes Ski Valais. Er lebt mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in Zermatt. Im Interview verrät er, was es braucht, um die Liebe zum Schneesport bei Kindern zu wecken und zu fördern.
Am 5. und 6. Dezember gehen auf Trockener Steg die Junioren-FIS-Rennen über die Bühne. Welche Bedeutung haben diese Rennen für die jungen Rennfahrer und wie viele Athleten erwartet der Skiclub Zermatt?
Wir haben die FIS-Rennen schon seit x Jahren. Es ist eine Tradition des Skiclub Zermatt, diese Rennen Anfangs der Saison für die Jungen auszurichten, dass sie gut in den Winter starten können, dass sie Punkte für das ganze Jahr sammeln können. Wir wollen diese Tradition aufrecht erhalten, dass wir für unsere Jugend hier in Zermatt eine Unterstützung geben für das, was sie sich im Skiclub erarbeitet haben.
Die Rennen, die dieses Jahr stattfinden, sind National Junior-Rennen. Prioritär kommen die besten Junioren der Schweiz. In den letzten Jahren waren es allgemeine internationale FIS-Rennen mit Teilnehmerzahlen von 140 bis 150 mit bis zu 70 Teilnehmern aus anderen Ländern. Das wirft vielleicht ein anderes Licht auf die Rennen. Dennoch: Diesmal wird mehr Gewicht gelegt auf die Junioren in der Schweiz, weil wir sehr viele Junioren haben, die keine Rennen in der Region fahren können. Deshalb haben wir gesagt, wir wollen es als National Race Junior Rennen durchführen. Ich rechne mit 140 am Start.
Am 7. und 8. Februar finden die Walliser Jugendmeisterschaften (JO) statt. Was verbirgt sich dahinter?
Wir haben die Walliser Meisterschaften geöffnet für alle. Wir werden an einem Tag die Mädchen durch den Slalom schicken, am anderen Tag die Knaben. Ungefähr 350 Athleten werden dort starten. Die Jugend ist im Alter zwischen 11 und 14 Jahren, das sind zwei Kategorien: Jugend 1 (Jg. 96/97) und Jugend 2 (JG. 94/95). Von diesem Rennen her werden nachher die Selektionen stattfinden, die auf die nationalen Bewerber gehen. Von daher ist es ein hochstehendes Rennen im Wallis, und man hat gesehen, dass die Walliser Meister, die dort erkoren werden, bei den Schweizer Meisterschaften ganz vorne dabei sind.
Wie hat sich die Nachwuchsförderung aus deiner Sicht im Verlauf der Jahrzehnte verändert? Welche Schwerpunkte versuchst du in deiner Arbeit zu setzen?
Nachwuchsarbeit ist Bewegung für Kinder im Schneesport. Sie soll die Kinder zum Schneesport führen. Das braucht eine Zusammenarbeit mit den Schulen. Darum haben wir das Projekt „Schule und Schneesport“ gemacht (http://www.ski-valais.ch/susvalais.php, Nachwuchsförderprojekt des Regionsverbands Ski Valais; Anm. der Red.). Dann haben wir gemerkt, dass die Clubs nicht professionell genug arbeiten und nicht den Kontakt mit den Schulen haben. Auf der anderen Seite geht die Jugendförderung nicht tief genug. Der Club hat heute neue Aufgaben, weil wir das Projekt mit den Stützpunkten erarbeitet haben. Wir arbeiten heute viel professioneller als vor ein paar Jahren. http://www.ski-valais.ch/stuetzpunkte.html
Im vergangenen Winter hat Zermatt Tourismus im Rahmen einer Promotion 100 Schweizer Jugendliche eingeladen. Fast ein Viertel davon konnte nicht Skilaufen. Ist das ein Trend zu mehr Bequemlichkeit?
Viele Faktoren kommen hier zusammen:
1. Die Schulen sind nicht mehr bereit zum Skisport zu gehen.
2. Es gibt viele Sportarten, die ausgeübt werden können.
3. Viele Clubs, auch im Tal, haben den Skisport zum Teil ein bisschen vernachlässigt. Schon im Kindergarten muss man die Kinder an den Schneesport heranführen. Wir können nicht alles nur den Schulen überlassen. Zudem, das muss man sagen, sind oft die Eltern zu bequem.
Es gibt sehr unterschiedliche Situationen. Ich habe die Kleinsten trainiert, dann bin ich zum JO Alter gekommen. Es hat mit dem Kind selber zu tun. Es hat mit der Pubertät zu tun. Dann, wenn man etwas Gezieltes machen will, braucht es mehr Zeit. Ist man dafür bereit? Es kommt auf die Motivation an. Wie schaffe ich das, als Trainer oder als Vorgesetzter mit den Leuten umzugehen. Die Eltern müssen auch mithelfen, diesen Bereich zu fördern. Man muss nicht nur die Kinder ansprechen, sondern auch die Eltern.
Die Bergbahnen Zermatt, Engadin St. Moritz, Davos Klosters und Jungfrau-Region engagieren sich mit dem Label ChilloutRiding für Freude und Gelassenheit beim Skifahren und Snowboarden – gegen die Raserei auf der Piste. Was sagt der Rennfahrer Zurbriggen dazu?
Das ist richtig so, denn es ist das Gefährlichste, was man machen kann, dass man auf öffentlichen Pisten schnell fährt. Wenn man meint, man müsse den Hirsch spielen – das ist falsch. Auf den öffentlichen Pisten braucht es effektiv, dass du die Freude daran hast und studierst, was gefährlich werden kann und dich nicht über deine Grenzen hinauswagst. Du musst realistisch bleiben, was deine Qualität vom Skifahren ist, und nicht darüber hinausgehen, damit du keinen gefährdest. Das ist ein Prozess, der entstanden ist durch die neuen Skier, mit dieser Qualität ist das Skifahren viel einfacher, schneller geworden. Darum ist das Label ChilloutRiding eine gute und sinnvolle Sache.
Du bist Vater von fünf Kindern. Wann und wie kommt ein oder eine junge/r Zurbriggen das erste Mal auf die Bretter, die hier im Wallis die Welt bedeuten?
Ich mache das nicht, weil ich hoffe, eines von meinen Kindern oben zu sehen, denn ich weiss, wie schwer das ist und wie hart der Kampf, sich weltweit durchzusetzen. Ich erlebe etwas mit meinen Kindern, dass wir gemeinsam Skisport betreiben, dass es unheimlich schöne Stunden gibt. Dass ich in diese Richtung eine Beziehung zu meinen Kindern aufbaue, die nicht nur von Zuhause und von der Schule geprägt ist, sondern dass man auch in der Freizeit etwas miteinander hat. Dieses Erleben, dazu hat mir mein Vater eine Chance gegeben – unvergesslich für mich. Das geht sehr tief, sehr nahe. Das ist eine Beziehung mit dem Elternteil, die sehr schön ist. Du erlebst schlechte und gute Zeiten, trotzdem verreist du von einem Ort zum anderen, Samstag, Sonntag. Du erlebst Stationen, was du dir vorher nicht hast vorstellen können, Ambiente. Du lernst Freunde kennen. Deshalb mache ich das mit meinen Kindern.
Macht Ihr Familienausflüge auf die Piste und was sind Eure bevorzugten Gebiete?
Wir fahren überall. Skifahren ist für uns prioritär.
2010 wirst du als erster Schweizer am Fackellauf der Olympischen Winterspiele 2010 in Kanada teilnehmen. Gibt es etwas, was du bis zu diesem Ereignis erreicht haben möchtest?
Es ist zu nahe dran, als dass die Jungs und Mädels, die im Förderprojekt mitmachen, dort teilnehmen könnten. Dennoch ist es für mich eine Riesenfreude, dass ich dort mitmachen kann. Es ist ein einmaliges Erlebnis. Ich weiss, was es heisst, Olympischer Fackelträger zu sein. Wir haben das in Turin gemacht mit vielen Kindern von hier. Es war ein einmaliges Erlebnis. Für mich ist die Fackel das Feuer des Friedens und wenn man das weiterträgt im Sport, dann bedeutet dieses Symbol, dass man miteinander kämpfen und trotzdem im Frieden miteinander leben kann. Dass man ein Fest daraus machen kann. 2014 rechne ich doch damit, dass wir ein paar Athleten von uns, aus dem Wallis, dort haben wie Daniel Albrecht, Silvan Zurbriggen, Didier Defago, Fränzi Aufdenblatten.
Pirmin, ich danke dir für das Gespräch.