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„Und dann pfiffen wir auf den Bundesrat und die Männer, jawohl!"
Das Pfeifkonzert an jenem geschichtsträchtigen 1. März 1969 auf dem Bundesplatz in Bern galt dem Bundesrat und dem Parlament, welche die Menschenrechtskonvention des Europarates nur unter Vorbehalten unterzeichnen wollten. Grund dafür waren die fehlenden politischen Rechte der Frauen. Ein Aktionskomitee organisierte daraufhin als Ausdruck des Protests und der Empörung einen Marsch nach Bern, dem sich 5000 Personen anschlossen. Lauthals forderten sie die sofortige Verwirklichung des Stimm- und Wahlrechtes für Frauen auf allen politischen Ebenen. Angeführt wurde die Menschenmenge - gut sichtbar im roten Mantel - von Emilie Lieberherr.
Ein Jahr später, nach der Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen auf kantonaler Ebene, wird Emilie Lieberherr die erste Zürcher Stadträtin. Ein Amt, das sie während 24 Jahren mit viel Engagement und Herzblut ausüben wird.
Der Pionierinnenstatus zieht sich wie ein roter Faden durch den Lebenslauf von Emilie Lieberherr. 1924 als mittleres von drei Mädchen in Erstfeld geboren - der Vater war Eisenbahner und aktiver Gewerkschafter, die Mutter Schneiderin - wird sie die erste Frau im Kanton Uri sein, die eine Matur macht und studiert. 1965 schliesst sie ihr Studium in Rechst- und Wirtschaftwissenschaften an der Universität Bern mit einem Doktortitel ab. Schon als Mädchen stand für Emilie Lieberherr fest, dass sie (finanziell) unabhängig und selbständig sein wollte. Vor und nach ihrem Studium verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt als Sekretärin bei der Schweizerischen Bankgesellschaft, als Personal- und Verkaufstrainerin einer grossen Schweizer Warenhauskette und als Berufsschullehrerin. Während eines 3-jährigen Amerika-Aufenthaltes Ende der fünfziger Jahre unterrichtete sie zudem als French speaking Governess die Kinder des Filmschauspielers Henry Fonda.
Früh schon interessierte sich Emilie Liebeherr für Politik. Bereits als achtjährige las sie die Zeitung, später folgten die Bücher aus der Gewerkschaftsbibliothek. Politik bedeutete für Emilie Lieberherr „das Leben der Menschen in unserer Gesellschaft zu verbessern, ganz besonders das Los der Benachteiligten". Ihr politisches Engagement galt denn auch insbesondere den Frauen, den Jungen sowie alten und sozial ausgegrenzten Menschen. Sei es als erste Präsidentin der eidgenössischen Kommission für Frauenfragen, als Präsidentin des Konsumentinnenforums Deutsche Schweiz, als erste Ständerätin der Sozialdemokratischen Partei für den Kanton Zürich oder als erste Stadträtin von Zürich und Vorsteherin des Sozialamtes. Letzteres leitete sie während 24 Jahren, von 1970 - 1994. Zusammen mit ihren Mitarbeiterinnen baute sie das Angebot des Sozialamtes sukzessive aus und initiierte verschiedene zukunftsweisende Projekte. Zu nennen sind hier insbesondere der Ausbau innovativer Wohnformen für alte Menschen sowie die ärztlich kontrollierte Abgabe von Heroin an Schwerstsüchtige. Für ihre Verdienste wurde Emilie Liebeherr von ihren Mitarbeiterinnen anlässlich ihres Rücktritts als Vorsteherin des Zürcher Sozialamtes zur ersten Sozialritterin der Stadt Zürich geschlagen.