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Lohnbericht der internationalen Arbeitsorganisation
Covid-19 drückt auf die Löhne
Die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) hat im Dezember ihren globalen Lohnbericht 2020/2021 vorgelegt. Dieser zeigt, dass in den ersten sechs Monaten des Jahres 2020 in zwei Dritteln der Länder, die offizielle Daten vorgelegt haben, die monatlichen Löhne wegen der Covid-19-Pandemie gesunken oder gegenüber vorher weniger stark gestiegen sind. Laut dem Bericht wird die Krise wahrscheinlich dazu führen, dass der Druck auf die Löhne noch zunimmt. Löhne von Frauen und Geringverdienenden sind von der Krise überproportional betroffen.
Dass in einem Drittel der Länder, die Daten zur Verfügung stellten, die Durchschnittslöhne zu steigen schienen, liegt vor allem daran, dass dort viele Geringverdienende ihre Beschäftigung verloren haben und dass so deren tiefen Löhne nicht mehr in die Berechnung der Durchschnittslöhne eingeflossen sind. In Ländern, in denen umfangreiche Massnahmen getroffen wurden, um die Arbeitsplätze zu erhalten, hat die Krise vor allem zu sinkenden Löhnen und nicht so sehr zu Arbeitsplatzverlusten geführt.
Covid-Krise trifft nicht alle gleich
Weiter zeigt der Bericht, dass nicht alle Beschäftigten von der Krise gleichermassen betroffen sind. Der Einfluss auf Frauen ist gravierender als der auf Männer. Eine Schätzung, die auf einer Stichprobe von 28 europäischen Ländern basiert, zeigt, dass im zweiten Quartal 2020 die Frauen 8,1 % ihres Einkommens verloren haben (ohne Lohnsubventionen), im Vergleich zu 5,4 % bei den Männern.
Die Krise hat auch Geringverdienende hart getroffen. Beschäftigte mit niedrig qualifizierten Tätigkeiten haben mehr Arbeitsstunden verloren als jene in besser bezahlten, leitenden oder qualifizierten Positionen. Auf Grundlage der Daten aus der Gruppe der 28 europäischen Staaten ist zu sehen, dass die am niedrigsten bezahlten 50 % der Beschäftigten schätzungsweise 17,3 % ihres Einkommens verloren haben (ohne befristete Lohnsubventionen). Über alle Gruppen hinweg betrug der durchschnittliche Lohnverlust 6,5 % (ohne Subventionen). Allerdings haben Lohnsubventionen 40 % dieser Summe kompensiert.
Ohne Revitalisierungsmassnahmen drohen Armut und Instabilität
«Mit der wachsenden Ungleichheit, die die Covid-19-Krise hervorruft, drohen Armut und soziale und wirtschaftliche Instabilität: ein verheerendes Erbe», sagt Guy Ryder, Generaldirektor der IAO. «Unsere Erholungsstrategie muss deshalb die Menschen in den Vordergrund stellen. Wir brauchen angemessene Lohnpolitiken, welche die Nachhaltigkeit von Arbeitsplätzen und Unternehmen berücksichtigen und auch Ungleichheiten einbeziehen, sowie die Notwendigkeit, die Konsumnachfrage zu erhalten. Wenn wir eine bessere Zukunft aufbauen wollen, müssen wir uns auch mit einigen unbequemen Fragen beschäftigen – etwa mit jener, warum Arbeit mit hohem sozialem Wert, wie die von Pflegekräften und Lehrer/innen, oftmals niedrig bezahlt ist.»
Mindestlöhne können Verarmung der Arbeitenden verhindern
Der Bericht beinhaltet auch eine Analyse von Mindestlohnsystemen, die eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer nachhaltigen und gerechten Überwindung der Krise spielen können. Mindestlöhne gibt es zurzeit in verschiedenen Formen in 90 % der IAO-Mitgliedsstaaten. Aber der Bericht zeigt auch, dass schon vor dem Beginn der Covid-19-Pandemie 266 Millionen Menschen – 15 % aller Lohnempfänger/innen weltweit – weniger als den Mindestlohn pro Stunde verdient haben. Sei es wegen Verstössen gegen Mindestlohnvorschriften, oder weil sie rechtlich nicht in den Anwendungsbereich entsprechender Vorschriften gefallen sind. Frauen sind in der Gruppe der Beschäftigten, die den Mindestlohn oder weniger verdienen, überproportional vertreten.
«Ein Mindestlohn in angemessener Höhe ist geeignet, um Arbeitnehmende vor Niedriglöhnen zu schützen und Ungleichheit zu verringern», sagt Rosalia Vazquez-Alvarez, eine der Autorinnen des Berichts der IAO. «Um sicherzustellen, dass Mindestlohnvorschriften wirksam sind, brauchen wir ein Bündel umfassender und integrativer Massnahmen: Die Vorschriften sind besser durchzusetzen, die Reichweite der Vorschriften ist auf mehr Arbeitnehmende auszudehnen, und die Mindestlöhne sind auf einem angemessenen Niveau festzusetzen, welches es den Menschen ermöglicht, ein besseres Leben für sich und ihre Familien aufzubauen. Und damit Mindestlohnvorschriften in Entwicklungs- und Schwellenländern besser eingehalten werden, müssen Menschen, die informell arbeiten, in den formellen Sektor integriert werden.»
Der Bericht betrachtet auch die Lohnentwicklungen in 136 Ländern in den vier Jahren vor der Covid-19-Pandemie: In diesem Zeitraum betrug der globale reale Einkommenszuwachs insgesamt zwischen 1,6 Prozent und 2,2 Prozent. In Asien, im pazifischen Raum und in Osteuropa stiegen die Reallöhne stärker, während sie in Nordamerika sowie in Süd-, Nord- und Westeuropa langsamer stiegen.
Quelle: IAO; www.ilo.org
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Guy Ryder
Generaldirektor
der IAO
«Mit wachsender Ungleichheit infolge Covid-19 drohen Armut und soziale und wirtschaftliche Instabilität: ein verheerendes Erbe.»