Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03589.jsonl.gz/3029

Eine lexikalische Anmerkung:
Wenn ich den Ausdruck "Textverarbeitung" im Sinne eines zusammengesetzten Wortes inhaltlich als "Verarbeiten eines Textes" interpretieren würde, würde er in meinem Sprachgefühl - wenn auch recht eigenartig - am ehesten bezeichnen, was ich als Lesender tue, wenn ich versuche, einen Text zu verstehen. Verarbeitung könnte sich darin zeigen, dass ich zu einem gelesenen Text einen Kommentar schreibe, der zeigt, dass ich den gelesenen Text "mental" verarbeitet habe. Den Ausdruck "Textverarbeitung" interpretiere ich aber in der Alltagsprache ganz anders, nämlich für die Produktion von Text oder von Dokumenten mit Hilfe von Computern.

Quelle: Wikipedia
Ich erläutere hier also nicht, wie ich den Ausdruck "Textverarbeitung" verwende, sondern einerseits wie ich die mit dem umgangssprachlichen Ausdruck gemeinte Sache begreife, und andrerseits mache ich ein paar sprachkritische Hinweise zum (un)sinnig gewählten Ausdruck.
Textproduktion mit hochentwickelten Textproduktionsmittel.
Ich erachte Wörter als arbiträre Zeichen, ich kann keinen Grund dafür sehen, dass der Tisch Tisch genannt wird. Einige Wörter - speziell zusammengesetzte Wörter - suggerieren aber dem gesunden Menschenverstand, es gäbe einen erkennbaren oder sogar naturgegebenen Zusammenhang zwischen Ausdruck und dessen Referenzobjekt. "Textverarbeitung" würde dann wohl "Verarbeitung von Text" bedeuten, wobei die beiden Ausdrücke "Verarbeitung" und "Text" ihrerseits gedeutet werden müsssten.
Analytisch kann ich bei zusammengesetzten Wörtern - wobei natürlich auch das Zusammengesetztsein eine Unterstellung ist - beobachten, was in der Zusammensetzung ausgedrückt wird. Ich kann kritisch etwa beobachten, wie die Teilwörter konventionell verwendet werden und in welch anderen Zusammensetzungen sie vorkommen und was in diesen Fällen allenfalls suggeriert wird. Im Falle des Ausdruckes "Textverarbeitung" beobachte ich in diesem Sinne "Verarbeitung" und "Text". Verarbeitung wird konventionell auf Material bezogen, etwa im Ausdruck Metallverarbeitung. Ich kenne keine Ausdrücke, in welchen Verarbeitung auf Produkte bezogen wird. Es gibt die Holzverarbeitung, aber nicht die Tischverarbeitung. Verarbeitet wird im Falle von Text allenfalls etwa Tinte aus Druckerpatronen, also das Material, das bei der Herstellung verwendet wird. Analog zur Metallverarbeitung könnte also von Tinten- oder Graphitverarbeitung gesprochen werden, wobei auch nicht näher bestimmt würde, was genau hergestellt wird. Es gibt aber - das ist hier wohl keine ganz zufällige Analogie - die sogenannte Datenverarbeitung.
Textverarbeitung könnte als "sekretärinnen"spezifische Datenverarbeitung gedeutet werden. In der IBM gab es damals, als der Ausdruck geprägt wurde, eine "richtige" Datenverarbeitung und eben das, was Sekretärinnen mit dem Computer machten. Dabei stellt sich die Frage, was Daten sind und immer noch, aber jetzt zugespitzt die Frage, was mit Text gemeint ist. Als Text erscheint in diesem Kontext eine Menge von Daten, die in dem Sinne Text ist, als sie wie ein Brief, ein Buch oder Formularinhalte gelesen werden kann. Und als Daten gelten ebenso umgangssprachlich diffus umgekehrt Zeichen, die nicht in diesem umgangsprachlichen Sinn gelesen werden können. Wenn ich Textverarbeitung via den Ausdruck Datenverarbeitung interpretiere, müsste ich mich fragen, inwiefern Daten Material und nicht etwa Produkte sind - und die Frage auch in Bezug auf Text stellen.
Eine andere Interpretation besteht darin "Verarbeitung" in diesem Kontext als inhaltliche Verschiebung zu deuten, in welcher statt von der Maschine, mit welcher gearbeitet wird, von "Verarbeitung" gesprochen wird. Diese Deutung wird durch Ausdrücke wie Textverarbeitungssoftware, - programme oder -systeme nahegelegt, die das Werkzeug sozusagen anhängen. Auch in diesem Fall würde ich sprachkritisch beobachten, wo in analoger Weise von einer Wortschöpfung mit "-ung" verwendet wird.
Ich breche hier diese kritischen Erwägungen ab, indem ich eine weitere, mehr psychologistische Deutung vorlege: "Text" wird im Kontext der "Textverarbeitung" nicht als Produkt gesehen, das mit einer Maschine hergestellt wird. Ich verwende "in" oder während der Textverarbeitung zwar eine Maschine, aber der Text als Text scheint davon in dieser Perspektive nicht betroffen. Als Text erscheint in der Perspektive des IBM-Managers das, was er schreibenderweise meint, sozusagen der Inhalt, den er mittels einer Maschinen-Sekretärin erstellen lässt. In dieser Vorstellung steht Text quasi für das geistige "Material", welchem durch das Schreiben (der Sekretärin) eine materielle Verkörperung gegeben wird, in dem zunächst der Körper der Sekretärin und später auch ein Computer verwendet wird.
Das Herstellen von Text wird als "geistiger" Verarbeitungsprozess gesehen, und das, was der Computer und die ihm tayloristisch allenfalls immer noch angehängte Sekretärin macht, repräsentiert die ideele Erscheinungsform. Diese Perspektive findet ihren Ausdruck in der sogenannten "Information", die auch weder materiell noch energetisch ist, aber doch durch oder mittels Maschinen in Form von Daten behandelt wird.
"Textverarbeitung" meint wohl auch in der Perspektive des IBM-Managers ganz jenseits von "Verarbeitung", dass Text mittels eines Computers produziere wird. Es gibt ein paar halbherzige Korrekturvorschläge, die von der Umgangssprache kaum aufgegriffen werden - wohl, weil sie die Sache noch etwas komplizierter machen. Zum einen wird von Text-BE-arbeitung gesprochen und zum andern werden abstrakte Werkzeuge bezeichnet, die bei der Textverarbeitung verwendet werden. Der Ausdruck "Textverarbeitung", der auf "-ung" endet, wird dabei nicht nur für eine Hypostasierungen einer Tätigkeit, die dann "Textverarbeiten" heissen würde, verwendet, sondern umstandslos auch für "Software" oder "Systeme", was sich darin zeigt, dass in der Wikipedia "Textverarbeitungssoftware" ebenso wie "Textverarbeitungssystem" auf Textverarbeitung umgeleitet, die Differenz als aufgehoben wird.
Im Ausdruck "Textverarbeitung" wird - wie passend auch immer - die Differenz angesprochen, dass der gemeinte Text im Kopf oder im Geist "verarbeitet wird, bevor er als Artefakt am Bildschirm oder auf Papier erscheint. Mit dem Ausdruck "Textverarbeitungssystem", der normalerweise ein entsprechend programmierter Computer bezeichnet, wird diese Differenz aber wieder aufgehoben, weil die vermeintliche Verarbeitung dann doch nicht im Kopf passiert.
Sprachkritisch erscheint der Ausdruck "Textverarbeitung" als Ideologisierung einer tayloristisch gemeinten Unterscheidung zwischen Kopf- und Handarbeit, die dann darin aufgehoben wird, dass die kopfarbeitenden Manager die ihre Texte weitgehend selber schreiben, weil die Sekretärin durch die Automatisierung wegrationalisiert wird.
Das Herstellen von Text im maschinell noch nicht entwickelten Sinn bezeichne ich gemeinhin als Schreiben, wobei ich mit der Umschreibung "Herstellen von Text" eine Differenz zwischen schreiben und abschreiben bezeichne. Beim Abschreiben - wie es vor dem Buchdruck etwa in Klöstern gemacht wurde - ist die Herstellung von Text nicht mit irgendwelchen "geistigen" Prozessen verbunden, sondern eine mechanische Produktion von Artefakten, die wie jede Produktion von Artefakten automatisiert werden kann.
Anmerkungen
1) "Der Ausdruck Textverarbeitung wurde in den 1960er Jahren durch den deutschen IBM-Manager Ulrich Steinhilper auf Deutsch geprägt und dann IBM-intern als Word Processing in das Englische übersetzt. IBM hatte 1964 die MT/ST („Magnetic Tape/Selectric Typewriter“), in Europa unter dem Namen MT 72, auf den Markt gebracht. Das Gerät bestand aus einer Kugelkopfschreibmaschine mit einem extern angeschlossenen Magnetband-Speicher. Die MT/ST war der erste Apparat, der unter dem Begriff Textverarbeitung bzw. Word Processing vermarktet wurde" (Wikipedia)(zurück)