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- Bilde Hypothesen bzw. Vorurteile darüber, was dich da draußen erwartet und überprüfe punktuell, ob irgend etwas gegen deine Vermutungen spricht.
- Falls es keine Widersprüche zwischen Wahrnehmung und Hypothese gibt, ist die Wahrnehmung geglückt.
- Falls es Widersprüche gibt, versuche sie wegzuerklären und falls das nicht möglich ist, nimm die unangenehme weil mit Risiko und Unsicherheit behaftete Aufgabe auf Dich, neu hinzuschauen, dazu zu lernen und Dein Weltbild zu korrigieren.
- Frühere Erfahrungen mit dem betreffenden Menschen: Damals hast du mir nicht geholfen - du würdest mir vermutlich wieder nicht helfen.
- Frühere Erfahrungen mit ähnlichen Menschen: Damals hat ein Mitglied aus deinem Fachbereich mich nicht akzeptiert, du wirst es vermutlich auch nicht tun.
- Indizien bzw. Symbole, die für bestimmte Lebenseinstellungen, Werte oder Persönlichkeitseigenschaften stehen:
- Aha - Du besitzt eine Rolex-Uhr / fährst Porsche / trägst eine Brille ...
- Brillenträger werden beispielsweise tendenziell als intelligenter eingeschätzt als Menschen, die keine Brille tragen.
- Personen in weißem Kittel im Krankenhaus sind vermutlich Arzt oder Pfleger.
- Wahrgenommene Ähnlichkeit: Wenn du ähnlich wie ich aufgewachsen bist, den selben Dialekt sprichst oder die selbe Ausbildung genossen hast, verstärkt das meist die spontan empfundene Sympathie und prägt damit unsere Filter, durch die wir den anderen wahrnehmen. Vermutlich bist du genauso ein netter Mensch wie ich auch einer bin.
"Der Gedanke schafft die Welt und sagt dann: Ich war es nicht!"
David Bohm, Quantenphysiker
"... once we have already decided what the world is going to reveal, we are unlikely to get beyond it. We are prisoners of expectation."
Iain McGillChrist, Author of "The Master and his Emissary"
Wäre unser Gehirn eine Art Bio-Festplatte und würde jedes einzelne wahrgenommene Bit abspeichern und bei jeder Wahrnehmung den bereits gespeicherten Datenbestand durchforsten, um die Bedeutung des Wahrgenommenen zu erkennen - wir wären vermutlich heute noch nicht über den Erkenntnisstand eines wenige Monate alten Kleinkindes hinausgewachsen.
Unser Gehirn steht wie jeder Programmierer, der das Interesse hat, Computern Objekterkennung beizubringen, vor der Herausforderung, eine immense Informationsflut zu beherrschen.
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Aber wie kann es uns dann beispielsweise gelingen, diesen Buchstabensalat zu verstehen?
Ganz einfach: Wir nehmen nicht blindlings Informationen auf und untersuchen sie auf ihren Bedeutungsgehalt hin, sondern stellen ständig Vermutungen an, was uns wohl in unserer Umwelt als nächstes begegnet. Das heißt, unser Gehirn hat gelernt, eine innere hypothetische Wirklichkeit aufzubauen und überprüft nur stichprobenhaft anhand bewährter Strategien, ob bestimmte Merkmale in der Umwelt diese Vermutungen bestätigen oder nicht. So kann der Buchstabensalat im Untertitel trotzdem noch verstanden werden, weil das Gehirn beim Lesen vor allem zunächst die Anfangs- und die Endbuchstaben sowie die Länge der Worte analysiert. Das Vorkommen bestimmter Buchstaben im 'Innern' der Worte sowie die Position im Satz helfen noch bei der Entscheidung, um welches Wort es sich wohl handelt. Die Reihenfolge ist - wenn auch etwas irritierend - dabei doch relativ unwichtig.
Die Strategie, mit der unser Gehirn die Informationsflut meistert, lautet also:
Da unser Gehirn durch die Kräfte der Evolution auf ein Höchstmass an Effizienz in der Informationsverarbeitung getrimmt ist, wählt es den bequemsten Weg und versucht zunächst mit Schritt 1 der gerade erwähnten Strategie zurecht zu kommen. Nur wenn es damit nicht durchkommt, versucht es Schritt 3 und öffnet sich für die Korrektur seines mühselig zurechtgezimmerten Weltbildes. Mit Schritt 3 ist der Aufwand wesentlich grösser - deshalb der Hang zu Vorurteilen.
Unser Gehirn schaut im Grunde durch eine Brille, deren Augengläser wie zwei hochwirksame Filter tendenziell nur das wahrnehmen, was auch erwartet, befürchtet oder erhofft wird:
Der Nutzen dieser effizienten Strategie der Informationsverarbeitung besteht darin, dass wir in Sekundenbruchteilen potentiell überlebenswichtige Informationen aus einer überwältigenden Informationsflut herausfiltern können.
Hierfür zahlen wir aber einen lästigen Preis, der die Menschheit seit Menschendenken plagt: Vorurteile, die wir uns über Menschen gebildet haben, ohne ihnen jemals begegnet zu sein (z. B. Rassismus) oder Vorurteile gegenüber Menschen, mit denen wir vielleicht mal ein schwieriges Erlebnis hatten.
Die zentrale Frage, die sich daraus ergibt ist: Welche Chance geben wir Menschen, über deren Wesen und Motive wir uns schon ein Vorurteil gebildet haben, dieses mentale Bild, das wir uns von Ihnen gemacht haben, durch neue Erfahrungen korrigieren zu lassen? (z.B. er ist nicht faul, sondern zum damaligen Zeitpunkt sehr überlastet gewesen) Wollen wir dem anderen überhaupt eine Chance geben? Und worin bestünde diese Chance? (z. B. ich suche das Gespräch und erkundige mich nach seiner Sichtweise und seinen Wahrnehmungen) Was wäre für mich persönlich der Preis, wenn ich dem anderen diese Chance einräumen möchte? (z.B. dass ich mein Beleidigtsein überwinde und wieder ein ehrlich gemeintes Gesprächsangebot mache)
Generell lassen sich vier Quellen für Vorurteile differenzieren:
Alle vier Quellen der Vorurteile beruhen auf einem Prinzip: Das Gehirn versucht angesichts einer gewaltigen Inforationsflut ständig, Wahrgenommenes zu kategorisieren, um aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kategorie Rückschlüsse auf das wahrgenommene Objekt zu ziehen und um möglichst schnell die Frage zu beantworten: Was nehme ich wahr und welche Bedeutung hat es für mich?
Empfehlung: Wenn wir schon Wirklichkeit basteln, dann bitte achtsam! Es geht mir nicht darum, Ihnen unsere höchst effiziente Strategie der Informationsverarbeitung durch Vorurteilsbildung auszureden - das ist auch gar nicht möglich. Achtsam sein bedeutet in Konfliktsituationen, immer wieder zu überprüfen: Welche meiner Informationen basieren auf reflexhaft gebildeten Vorurteilen, was beruht auf wirklich beobachtetem Verhalten und vor allem: welche Chance gebe ich meinen Mitmenschen, mein Bild von ihnen zu überprüfen und ggf. zu korrigieren? Und verlassen Sie sich nicht blindlings auf Ihren ersten Eindruck - er könnte nur ein Bild sein, das sich zwischen Sie und Ihren Mitmenschen geschoben hat. Sofern Sie Interesse haben, sich noch eingehender mit den Wurzeln unserer Wirklichkeit zu beschäftigen, empfehle ich Ihnen folgende Beiträge:
Ist die Quantenphysik der Liebe auf der Spur?
Kurt Gödel und der Zauber des blinden Flecks
Sich selbst vertrauen - oder: gibt es dumme Intuition?
Literatur
- Bohm, David: Wholeness and the Implicate Order, New York, 2002.
- Damasio, A.: Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins. Sieder-Verlag, 2010.
- Eagleman, David: Inkognito - Die geheimen Innenleben unseres Gehirns. Campus-Verlag, 2012
- Foerster, Heinz v., Bröcker, Monika: Teil der Welt. Fraktale einer Ethik - oder: Heinz von Foersters Tanz mit der Welt. Carl-Auer Verlag. 2014
- Foerster, Heinz von; Glaserfeld, Ernst von: Wie wir uns erfinden. Eine Autobiografie des radikalen Konstruktivismus. Carl-Auer-Verlag, 2014.
- Foerster, Heinz von; Pörksen, Bernhard: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners: Gespräche für Skeptiker. Carl-Auer Verlag, 2013.
- Gilbert, Daniel: Ins Glück stolpern: Suche dein Glück nicht, dann findet es dich von selbst, Goldmann Verlag, 2008
- Hofstadter, Douglas; Sander, Emmanuel: Surfaces and Essences. Analogy as the Fuel and Fire of Thinking. 2013
- Iain McGilchrist, The Master and his Emissary, The Divided Brain and the Making of the Western World. Yale University Press 2009
- Kahneman, Daniel: Thinking, Fast and Slow. Penguin Books, 2011.
- Kotler, Steven; Wheale, Jamie: Stealing Fire. How Silicon Valey, the Navy SEALS, and Maverick scientists are revolutionizing the way we live and work. 2017
- Kucklick, Christoph: Die granulare Gesellschaft. Wie das digitale unsere Wirklichkeit auflöst. Ullstein. Berlin, 2014.
- Minski, Marvin: The Society of Mind, 1985, Touchstone Book
- Watzlawick, P. : Wie wirklich ist die Wirklichkeit?: Wahn, Täuschung, Verstehen; Piper Verlag, 2010.
Feldnotizen
- eine anschauliche Dokumentation der BBC zum Thema können Sie hier finden: Was ist Realität? - Das grosse Rätsel der Menschheit
- Hier gibt es weitere Beispiele dafür, wie wir unsere "Wirklichkeit" konstruieren:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/frau-auf-dem-mars-wer-tanzt-denn-da-a-1047962.html
- Im folgenden Artikel wird über neuere Forschungergebnisse (2017) berichtet, die ebenfalls belegen, wie sehr unsere Wahrnehmung durch unsere Erwartungen beeinflusst wird - zum Beispiel sehen wir Dinge nicht, die an ungewöhnlichenOrten auftauchen, oder ungewöhnlich gross sind: New York Times: why we miss things in front of us