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Eminée & Andere 2008
Mich erreichen immer wieder Hilferufe von Kolleginnen, deren Tierheime überbelegt sind und Katzen, die sich in Not befinden, nicht aufnehmen können.
Letztes Jahr habe ich beschlossen, die jungen Katzen mehr den jungen Kolleginnen zu überlassen und mich auf ältere und alte, ausgesetzte und abgeschobenen Tiere zu konzentrieren. In einem klassischen Tierheim fehlt ganz einfach der Platz um Langzeit-Tiere aufzunehmen. Mit dem grossen Haus und dem sehr grossen Garten hat der Katzenhof alle Voraussetzungen. Hier können Katzen ein halbes, ein ganzes Jahr oder länger bleiben. Genau so lange, bis ich für sie den richtigen, den passenden Platz gefunden habe. Alte Tiere müssen noch viel sorgfältiger vermittelt werden als Junge, und das braucht Zeit.
Die Bitte um Hilfe von einer Kollegin im Februar 2008, passte in mein neues Konzept.
Auf einem sehr grossen Gebrauchtwagenplatz, am Rand von Zürich, waren es zu viele Katzen geworden, sie mussten weg. Meine Kollegin hatte auch noch andere Tiere, an anderen Stellen auf ihrer Liste, die dort auch nicht mehr geduldet wurden. Zum Glück erklärte sich eine zweite engagierte Tierschützerin bereit, das Einfangen zu übernehmen, obwohl sie selbst genug damit zu tun hatte, Tierschutz und volle Berufstätigkeit unter einen Hut zu bringen.
Monatelang brachte sie mir die eingefangenen Tiere.
Es handelt sich um Tiere, die seit Monaten, in vielen Fällen seit Jahren, auf der Strasse leben, wo sie aus den unterschiedlichsten Gründen gelandet sind. Ausgesetzt, bei einem Umzug zurückgelassen, von Bauernhöfen auf denen zu viele Katzen - ohne die nötige Fürsorge leben - abgewandert, junge Katzen, die man viel zu früh herausgelassen hat, usw.
Diese Katzen irren herum, auf der verzweifelten Suche nach einem neuen Zuhause. Von den Häusern werden sie in den meisten Fällen weggewiesen. Früher oder später landen sie auf Friedhöfen, an Altersheimen, auf Fabrikarealen, in Schrebergärten, auf Schrott- oder Gebrauchtwagenplätzen, vor den Türen von Firmenkantinen, überall da wo sie irgend einen trockenen Platz zum schlafen und, wenn sie grosses Glück haben, etwas zu essen bekommen. Manchmal haben sie Glück und werden an solchen Orten geduldet. Früher oder später findet sich aber, fast überall, ein Wichtigtuer der verlangt, dass die Katzen verschwinden. Wenn in solchen Fällen nicht sofort Tierschützer Fallen aufstellen und sich die Nächte um die Ohren schlagen bis die Katzen, angelockt vom Futter, in selbige gehen, werden Personen bestellt , die die Tiere erschiessen oder vergiften.
Ein grosses Problem ist, dass man nie weiss, ob es sich bei dem eingefangenen Tier um eine verwilderte oder ehemals zutrauliche Katze handelt. Aus diesem Grund muss die Katze in der Falle sofort zum Tierarzt und dort, noch in der Falle, in Narkose versetzt werden. Das heisst zweitens, dass das Tier untersucht werden muss, z.B. auf alte oder neue Verletzungen. Es wird Blut entnommen, das auf Leukose und VIF getestet wird. Bei negativem Befund folgt als erstes die Kastration, dann Zahnsteinentfernung, verfaulte Zähne werden gezogen, als nächstes werden die Ohren gereinigt und die Ohrenmilben behandelt. Zuletzt bekommt die Katze eine Spritze gegen sämtliche Parasiten und erhält die ersten Impfungen gegen Katzenseuche und Schnupfen und Leukose. Abschliessend wird ihnen ein Chip gesetzt und sie werden gemeldet. Das ist Vorschrift, sie kommen auf eine Liste im Internet. Dort kann sich jeder informieren, der eine Katze verloren hat. Nach zwei Monaten bekomme ich die Freigabe zur Weitervermittlung.
Noch leicht in Narkose kommen sie auf den Katzenhof, wo ich alles für ihre Aufnahme vorbereitet habe.
Ich sorge dann dafür, dass sie sich in Ruhe erholen und sich mit ihrer neuen Situation anfreunden können. Dann beginnt, nach Anfangsschwierigkeiten wie Unsauberkeit, Randalismus, viel Putzarbeit. Sie sind alle ziemlich schmutzig, deshalb muss ich am Anfang immer wieder die Kissen, Bezüge und Schlafhöhlen waschen, bis aller Dreck aus dem Fell ist. Und dann beginnt das grosse Warten.
Welche von den Tieren sind zutraulich und vermittelbar. Welche muss ich, weil unnahbar und aggressiv, voraussichtlich für immer, auf dem Katzenhof behalten.
Ich hatte Glück, nach einigen Monaten stand fest, es war nicht eine einzige wirklich verwilderte Katze dabei (praktisch wie ein Wildtier, man kann sie nicht anfassen).
Ohne jeden Zweifel hatten alle Tiere früher einmal ein richtiges Zuhause, hatten Kontakt mit Menschen!
Das hiess, ich musste ihnen nur Zeit geben und Geduld haben, das abhanden gekommene Vertrauen zu Menschen wieder zu finden.
Von insgesamt 15 Tieren sind, bis auf fünf, alle an gute Plätze vermittelt. Die meisten davon in Wohnungen, zu einer schon vorhandenen Katze.
OTELLO, ein schwarzer Kater, bleibt für immer hier. Er scheint sehr alt zu sein, hat bereits trübe Augen und schläft sehr viel.
NERO, auch ein schwarzer Kater, er war ganz offensichtlich am längsten auf der Strasse. Vermutlich ist er 12 - 14 Jahre, immer noch sehr scheu, er hat seine Angst vor Menschen noch nicht überwunden. Vier Monate war er nur im Haus, dann hat es ihm gelangt, er wollte in den Garten. Ich riskierte es, mit dem Erfolg, dass er zu einer Nachbarin abgewandert ist. Sie hat schon drei Katzen und hat ihn einfach noch dazu genommen.
CARAMELLO, ein ca. 5 - 6 Jahre alter Kater. Wie sein Name schon sagt, hat er eine sehr spezielle Farbe, ist sehr hübsch, extrem verschmust und besonders freundlich zu allen Mitkatzen. Viele Monate war er unsichtbar, ist Fremden gegenüber immer noch sehr vorsichtig, deshalb ist er noch hier. Neuerdings spielt und tobt er mit vier halbstarken, jungen Katzen, als gehöre er dazu.
NORA, eine kleine, schwarze Kätzin, sehr hübsch, etwas eigenwillig aber lieb. Wahrscheinlich ist sie 2 - 3 Jahre alt. Von einer älteren Dame, die selbst zwei Katzen hat, eine davon ist von mir, wurde sie 1 Jahr lang gefüttert und betreut. Die Menschen, zu denen sie einmal gehört haben muss, sind trotz grosser Bemühungen unauffindbar. Als es anfing kalt zu werden hat Frau G. sie mir gebracht. Am Anfang war sie gar nicht zufrieden und entsprechend reizbar zu Menschen und ihren Mitkatzen. In der Zwischenzeit hat sie zwar immer noch ihren eigenen Kopf, ist aber meistens lieb und verschmust.
Die Fünfte und Letzte von den übrig gebliebenen ist die EMMA-HEXE. Eine ca. 2 - 3 Jahre alte, ganz dunkle Tigerin mit grossen, klugen Augen. Sie ist optisch und charakterlich die Katze schlechthin und dabei ganz besonders verschmust und erstaunlich häuslich. Hoffentlich habe ich Glück und finde für die letzten vier Strassenkatzen bald ein gutes Zuhause, verdient hätten sie's.
Frei nach dem Motto: "Es kommt immer anders als man denkt!", brauchten Mitte Juni 2008 gleich mehrere Würfe kleiner und kleinster Katzen, insgesamt 42 Tiere, sofort einen Tierheimplatz.
Wie üblich, in solchen Fällen, hatte eine Kollegin gar keine Wahl. Entweder sie nahm die Katzen auf oder sie wurden getötet.
Sie liess von einer anderen, gemeinsamen Kollegin ganz vorsichtig bei mir anfragen, ob ich nicht doch, ausnahmsweise, einen Teil der Kleinen auf den Katzenhof nehmen könnte.
Ich mache lange genug Tierschutz (50 Jahre) um zu wissen, wie sich solche Momente anfühlen. Hier ging es nicht nur um die Tiere, hier ging es auch um die Verzweiflung und Angst einer dauerüberforderten Tierschützerin, der Situation nicht mehr gewachsen zu sein. Jetzt hatte ich keine Wahl! Wider besseres Wissen erklärte ich mich bereit, die Hälfte der Tiere zu übernehmen.
Wieder besseres Wissen deshalb, weil keiner besser als ich weiss, was es heisst so viele kleine Katzen aufzuziehen und über die Runden zu bringen. In Hamburg, und als ich vor über 40 Jahren in die Schweiz kam, hat man mir kleine und kleinste Katzen jedes Frühjahr und jeden Sommer gleich Waschkörbeweise gebracht. Damals hat es wenige geschäftliche Anlässe gegeben, auf die ich meinen Mann begleiten musste, wo ich nicht einen Henkelkorb mit kleinen Katzen dabei hatte, weil sie zwischendurch gefüttert oder medikamentiert, oder beides, werden mussten. Mutterlose, kleine Katzen gross zu ziehen bedeutet Einsatz rund um die Uhr.
Es sind fast immer kranke Tiere dabei, mit Katzenschnupfen, vereiterten Augen, eitrigem Ausfluss aus der Nase. Sie haben schlimme Durchfälle, erbrechen das mühsam eingeflösste Futter, sind voller Parasiten und haben manchmal Pilz.
Noch schlimmer als die enorme körperliche und zeitliche Beanspruchung, ist die psychische, die seelische Belastung, wenn trotz aller Fürsorge und Pflege so ein kleines Wesen es nicht schafft, es stirbt. Das bringt einen fast um!
Als die kleinen Katzen am 13. Juni 2008 hier ankamen, waren sie nicht nur süss und hübsch, sondern auch in recht gutem Zustand. Wie ich erwartet und befürchtet hatte, ging es aber dann doch nach etwas mehr als einer Woche los. Viele von ihnen waren krank. Es begann eine schlimme Zeit für mich. Einige Wochen bekam ich höchstens 2 - 3 Stunden Schlaf pro Nacht. Der normale Betrieb ging ja auch noch weiter. Wenn jemand etwas von mir wollte, oder das Telefon klingelte, hatte ich mich kaum noch im Griff. Meine Nerven lagen blank. In den vielen Jahren, habe ich immer wieder solche Situationen erlebt und zu meinem eigenen Erstaunen jedes mal wieder überlebt. Es hat fast drei Monate gedauert bis die kleinen Katzen gesund, stabil waren und ich anfangen konnte, sie zu vermitteln.
Im Augenblick habe ich noch drei Tiere von der Gruppe. Zwischenzeitlich haben sie sich zu sehr hübschen, gesunden, übermütigen Halbstarken entwickelt.
Bei meinem Tierarzt war ein kleiner, kurzhaariger Tiger-Kater abgegeben worden. Er hat ihn mir angeboten. Weil ich, vor allem junge Katzen nur zu zweit vermittle, habe ich ihn gerne genommen, als Partner für meine kleine "obersüsse" Emineé. Sie ist eine ganz zierliche, tigerfarbene Halbangora Kätzin. Sie sind im gleichen Alter und verstehen und mögen sich sehr. Emineés Geschwister waren bereits alle vermittelt.
Vor einigen Wochen fiel mir auf, dass die Haare aussen, unten an Emineés linkem Ohr verklebt waren. Das Ohrinnere war voller brauner Krusten. Da denkt man sofort an Ohrmilben. In diesem Fall war das aber fast unmöglich, weil die ganze Gruppe der Kleinen längst gegen Ohrmilben behandelt war. Ausserdem befallen Ohrmilben, bei Katzen, fast immer beide Ohren. Das tägliche Reinigen von Emineés Ohr mit dem entsprechenden Medikament, brachte gar nichts. Es war nicht nur immer wieder neu voller Krusten, es lief zusätzlich täglich ein glibriges, graues Sekret aus dem Ohr. Ich war ratlos! In 50 Jahren hatte ich so etwas noch nie erlebt.
Ein guter, spezialisierter Kleintierarzt stellte eine sehr grosse Wucherung im Ohr fest. So einen grossen Tumor oder was sonst das auch immer war, hatte er bei so einer jungen Katze noch nie gesehen.
Ein Kantonales Tierspital, zum Glück haben wir eins in Zürich, hat in so einem Fall ganz andere Möglichkeiten. Es verfügt nicht nur über Spezialisten auf den verschiedenen Gebieten, sondern auch über modernste Technik. Das kann sich eine Tierarztpraxis nicht leisten. Deshalb sass ich am 3.1.2008 mit einer lieben Nachbarin, als Rückenstärkung, um 13.30 Uhr im Tierspital. Angemeldet waren wir in der Onkologie, weil es sich auch um Krebs handeln konnte.
Emineé ist eine sehr fröhliche, verspielte, manchmal sogar wilde Katze. Auch diese Tierärztin, wie schon der ersten Arzt, war sehr erstaunt, dass Eminée nie Krankheitssymptome gezeigt, nie den Kopf geschüttelt oder an oder sich im Ohr gekratzt hatte.
Nach gründlicher Untersuchung, die Emineé ohne nennenswerte Gegenwehr hatte über sich ergehen lassen, war die Ärztin relativ sicher, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen ziemlich grossen Polypen handelte. Sie erklärte mir das ganze Prozedere, aber auch, dass so ein Polyp wieder nachwachsen kann und das Emineé auf der linken Seite taub würde. Darüber hinaus würde beim Herausreissen des jetzigen Polypen ein Nerv beschädigt. Die Folge, das linke Auge ist für längere Zeit von einer Nickhaut überzogen. Die Wahrscheinlichkeit, dass in einigen Monaten das Auge wieder völlig hergestellt ist, sei enorm hoch. Vor allem auch deshalb, weil es sich um so ein junges Tier handelt und die Chance besonders gross ist, dass sich der Nerv regeneriere. Im Vergleich dazu, dass es sich um einen bösartigen Tumor hätte handeln können, kam mir alles andere nicht so schlimm vor.
Endlich, ca. 18.00 Uhr konnten wir Emineé wieder übernehmen. Sie hatte eine Vollnarkose bekommen aus der sie noch nicht vollständig wieder aufgewacht war.
Ausgestattet mit schriftlichen Anweisungen für die weitere Medikamentierung machten wir uns endlich auf den Heimweg. Zuhause angekommen, separierte ich Emineé in einer grossen Doppelbox. Sie war mittlerweile ganz wach und protestierte heftig und lautstark, sie wollte zu ihren Kollegen. Das ging nicht, weil ich über Nacht sehen wollte, ob sie isst, trinkt und auf ihre Toilette geht. Morgens war alles in Ordnung, also durfte sie wieder zu den übrigen Katzen, vor allem auch zu ihrem Freund, dem Tiger-Kater Columbus.
Sie bekommt täglich hochdosiert eine Tablette Cortison und zweimal eine ölige Flüssigkeit ins Ohr. Die hohen Cortisongaben sollen verhindern, dass sich ein neuer Polyp bildet. Drei Tage später hat mich die Ärztin angerufen um mir mitzuteilen, dass es sich nicht um eine bösartige Wucherung handelt. Sie betonte noch einmal, dass das Auge sicher wieder in Ordnung käme. Für mich wichtig, weil das weisse Auge Emineés Vermittlung sicher erschweren würde. Die Ärztin hat mir netterweise angeboten, wenn es dann soweit wäre, würde sie im Tierspital einen Aushang machen.
Eine halbe Stunde nach diesem Gespräch klingelte das Telefon. Der Anrufer war Herr C., er war mit seiner Partnerin am Samstag vor zwei Tagen auf dem Katzenhof, um sich zu seinen beiden vier Jahre alten Katern, die von mir sind, noch eine oder zwei Katzen dazu zu nehmen. Sie hatten die grösseren Tiere und die letzten zwei Pärchen von den kleinen angesehen.
Mir war schon aufgefallen, dass es ihnen die hübsche, liebenswerte Emineé und der wirklich sehr freche Columbus besonders angetan hatten. Hatte aber nicht zu hoffen gewagt, dass sie sich trotz Emineés Auge für dieses Pärchen entscheiden würden.
Sie taten es trotzdem und als ich Herrn C. zu bedenken gab, dass es keine 100-prozentige Garantie gäbe, dass Emineé nicht doch ein weisses Auge behielte, meinte er nur, sie hätten das alles über das Wochenende besprochen, das wäre ihnen dann auch egal. Ich war so glücklich, das musste ich sofort der Tierärztin erzählen, die sich genauso für Emineé freute!
Jetzt kann es Weihnachten werden!
Copyright Isabella R. Kern