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Eigentlich sollte man meinen, dass in unserem demokratisch gesinnten Europa spätestens nach Ende des zweiten Weltkrieges das Wahlrecht für Frauen eine Selbstverständlichkeit gewesen sein sollte. Das war aber in einigen Ländern lange nicht der Fall. Ausgerechnet die Schweiz, jenes Idyll des freiheitlich-liberalen Denkens, führte das Wahlrecht für Frauen erst 1971 ein. Der Weg dorthin war für das weibliche Geschlecht kein Leichter. Regisseurin Petra Volpe schildert diesen Weg mit den Mitteln einer leise daherkommenden Komödie, die zuweilen auch ernste Töne anschlägt.
Um ihre Geschichte zu erzählen, entführt Regisseurin Volpe den Zuschauer in ein kleines Schweizer Bergdorf im Kanton Appenzell. Dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Geschlechterrollen sind genau geklärt und entsprechen der titelgebenden „göttlichen Ordnung“. Die Frau kümmert sich um den Haushalt und der Mann verdient das Geld. Für Nora scheint dieses Leben in Ordnung zu sein. Als sie zwei Frauen begegnet, die für das Frauenwahlrecht werben, entgegnet sie ihnen, dass sie sich nicht unfrei fühle. Bereits diese Formulierung lässt aber erahnen, dass Nora von ihrem Leben mehr erwartet, als sich nur um den grantigen Schwiegervater und die zwei Söhne zu kümmern. Es sind kleine Szenen wie der Moment als Nora den Teppich saugt und der Schwiegervater lediglich seine Beine hebt, damit sie besser saugen kann, die verdeutlichen, wie perspektivlos das Leben der damaligen Frau war. Nora möchte aber mehr vom Leben und fragt ihren Mann, ob sie zukünftig wieder arbeiten gehen dürfe. Auch das durfte damals der Mann entscheiden und das sogar bis 1988! Der sagt natürlich nein. Unterstützt von der lebenslustigen Ex-Wirtin Vroni, beginnen Nora und ihre Schwägerin Therese, sich verstärkt für das Frauenwahlrecht einzusetzen. Ein Einsatz, der zur damaligen Zeit enormen Mut abverlangte. Überdies hat sie nicht nur mit einer männlichen Gegnerschaft zu tun, sondern auch mit dem eigenen Geschlecht. Ausgerechnet die Chefin ihres Mannes, Schreinerei-Unternehmerin Charlotte Wipf, entpuppt sich hierbei als gradlinige Gegnerin des Frauenwahlrechts.
Wie schon eingangs erwähnt, ist Volpes Film trotz des brisanten Themas eher in der Tradition nett unterhaltsamen Gut-Laune-Kinos. Dennoch überrascht der Film mit zuweilen düsteren Themen, wie bei dem dunklen Kapitel der administrativen Verwahrung. So wird die widerspenstige Tochter von Noras Schwester Therese ohne Verfahren von der Polizei abholen gelassen und ins Gefängnis gesteckt. Ihr Verbrechen: sie ist rebellisch und obendrein kurzfristig mit einem langhaarigen Töff-Fahrer abgehauen. Wie sie wurden bis Anfang der 1980er Jahre Hunderte von Frauen weggesperrt. Volpe gelingt es jedoch auch hier auf angenehme Art und Weise, trotz dieser düsteren Storyexkursion, ihre Geschichte weiterhin federleicht zu inszenieren. Nachtteil dieser vermeintlichen Unbeschwertheit ist jedoch, dass der Film nur wenige bleibende Spuren hinterlässt. Haften bleibt vor allem das verhuscht faszinierende Spiel von Hauptdarstellerin Marie Neuenberg, die der charakterlichen Entwicklung von der scheuen, aber liebenswerten Frau zur entschlossenen Kämpferin darstellerischen Nachdruck verleiht. Lediglich Sybille Brunner in der Rolle der lebenslustigen Vroni kann in dem Film schauspielerisch weitere Akzente setzen. Punkten kann der Film auch auf der visuellen Seite. Ausgestattet im siebziger Jahre Retro Schick und von Kamerafrau Judith Kaufmann in erstaunlich warme Farben getaucht, macht es einem der Film leicht, sich mit ihm wohlzufühlen.
Zur Musik: Geschmackvoll zeigt sich auch die musikalische Gestaltung des Films. Auf der einen Seite steht der angenehm unaufdringliche Score von Deutschlands Vorzeigekomponistin Annette Focks („Dschungelkind“, „Ostwind“), auf der anderen Seite eine Songauswahl, die für das nötige Zeitkolorit sorgt. Focks Musik unterstreicht zumeist die stillen, familiären und nachdenklichen Szenen. Die Wahl ihrer Mittel sind zärtliche Melodien, die von einem Streicherensemble oder dezentem Pianospiel getragen werden. Melodische Akzente, die im Ohr hängenbleiben kann sie zwar nicht setzen, aber das ist auch gar nicht nötig. Einprägsamer sind hingegen die treffend eingesetzten Songs wie „Pollution“ von Krokodil, „Deck five“ von Saturdays Children oder Polo Hofers „Giggering“, der als Titelsong zu hören ist. Der Score von Annette Focks ist als Download erhältlich und umfasst 13 Stücke.
Dennis, 2.3.2018
DIE GÖTTLICHE ORDNUNG (Schweiz 2017) R: Petra Volpe D: Marie Leuenberger, Max Simonischek, Rachel Braunschweig, Sibylle Brunner, Marta Zoffoli, Bettina Stucky, Therese Affolter M: Annette Focks Verleih: Alive Erscheinungsdatum: 1.12.2017