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Er ist der wichtigste Punkt, um sich auf der Erde zu orientieren: der geografische Nullpunkt. Doch kaum jemand weiss, wo er ist. Eine Künstlergruppe wollte ihm ein Denkmal setzen und versenkte auf abenteuerlicher Fahrt eine (fast) perfekte Kugel.
Gibt es ihn überhaupt? Die Längen- und Breitengrade sind uns vertraut. Den geografischen Nullpunkt der Erde möchten wir nun besser kennenlernen. Er ist definiert als der Kreuzungspunkt vom nullten Längenkreis mit dem nullten Breitenkreis. Anders ausgedrückt ist es der Schnittpunkt des Null- oder Greenwich-Meridians mit dem Äquator. Dieser Ort ist in Längen- und Breitengraden ausgedrückt: 0 Grad 00 Minuten 00 Sekunden Norden, Osten, Süden, Westen (abgekürzt: 0°00‘00‘‘).
Nun die grosse Frage: Wo findet man diesen Punkt auf einer Weltkarte? Wer einen Atlas oder einen Globus zur Verfügung hat, findet diesen Punkt im Golf von Guinea, circa 600 Kilometer südlich des afrikanischen Lands Ghana, und zwar im Atlantik, auf offenem Meer (siehe Abb. 1).
Zu wenig Beachtung
Dieser Nullpunkt ist eigentlich der Referenzpunkt, der Ursprung und das Zentrum jeder geografischen Orientierung. Jeder Kartograf benützt diesen Punkt. Alle Vermessungen richten sich nach ihm, und trotzdem hat er nicht die Bedeutung, die ihm eigentlich zusteht. Wenn ein Alpinist eine Erstbesteigung eines hohen Bergs macht, dann steckt er mit Sicherheit eine Fahne seines Heimatlands in den ewigen Schnee oder ins Eis. Das grosse Ereignis wird in allen Zeitungen und Zeitschriften publiziert und kommentiert.
Schon seit 138 Jahren
Vom geografischen Nullpunkt der Erde hörte man bisher wirklich null, das heisst nichts. Er wird kaum beachtet, niemand streitet sich um ihn, und er liegt auch an einem Ort, den man nicht unbedingt haben muss. Auf dem offenen Meer weist auch nichts auf diesen Nullpunkt hin. Immerhin ist er schon 138 Jahre alt. Er wurde, wie der Greenwich-Nullmeridian, auf der Meridiankonferenz 1884 in Washington USA als absoluter geografischer Nullpunkt bestimmt.
Denkmal geplant
Im Jahr 2007 gab es in Berlin eine Künstlergruppe, die sich um diesen Nullpunkt kümmern wollte. Sie plante eine Expedition, um an Ort und Stelle ein Denkmal zu setzen. Zuerst dachten die Künstler an eine Boje, die am genau vermessenen Ort ein sichtbares Zeichen für die Bedeutung des geografischen Nullpunkts gewesen wäre. Die Idee scheiterte aber an der Verankerungshöhe. Sie hätten nämlich eine 5000 Kilometer lange Kette gebraucht, um die Boje zu verankern. Eine nächste Idee war die von einem Grundstein, in den man Dokumente und Gegenstände einbetonieren könnte, um ihn danach zu versenken.
Perfekte Kugel
Das widersprach aber dem künstlerischen Empfinden der Gruppe. Für die Künstler war diese Idee zu banal. Es sollte ein Gegenstand mit Symbolwert sein, ein Objekt, das selber null oder nichts darstellt. Da kam ihnen ein glänzender Gedanke. Sie liessen aus einem 140 Kilogramm schweren Edelstahlblock zwei Halbschalen zu je 20 Kilogramm Gewicht fräsen. Die beiden Schalen wurden dann von Spezialisten unter Hochvakuum zu einer nahezu perfekten Kugel zusammengeschweisst.
Die Kugel hatte einen Durchmesser von 25 Zentimetern, und der Innendruck betrug nur noch ein Millionstelbar, das heisst ziemlich nahe am «Nichts». Nach all diesen Überlegungen und Ausführungen war es Zeit, die «Expedition gegen null» vorzubereiten.
Ein Abenteuer
Mit einem Containerschiff reisten die Künstler problemlos von Hamburg nach Accra, der Hauptstadt von Ghana. Der Kapitän gab ihnen unterwegs noch wertvolle Tipps, wie man mit den afrikanischen Behörden und dortigen Schiffsvermietern umgehen muss, um in einer einigermassen «normalen» Zeit zum Ziel zu kommen.
Nach vielem Hin und Her und einigen Kisten Champagner, Zigaretten und Softdrinks wurde ein geeignetes Schiff mit Mannschaft gemietet. Die letzte Distanz von Accra zum 600 Kilometer entfernten geografischen Nullpunkt konnte beginnen. Das Wetter liess die Künstler aber böse im Stich. Sie hatten teilweise so hohen Wellengang, dass es selbst dem neuen Kapitän übel wurde.
In der Nähe des Nullpunkts kletterten sie mit ihrer Kugel in ein Schlauchboot. Mithilfe ihres GPS-Navigationssystems tasteten sie sich an das grosse Ziel heran. Bevor sie die «kostbare», silbern glänzende Kugel auf den Meeresgrund sinken liessen, wurden sie ganz andächtig. Jeder durfte noch seine Hand auf die Kugel legen.
Für die Ewigkeit?
Dabei überlegten sie sich, dass ja die Kugel in 5000 Metern Tiefe auch dann noch ewig liegen bleibt, wenn vielleicht in ferner Zukunft das heutige Koordinatensystem mit Längen- und Breitengraden durch ein anderes ersetzt wird. Sie liessen ihre Kugel los, die dann mit einer Sinkgeschwindigkeit von vier Metern pro Sekunde nach circa 20 Minuten auf dem Meeresgrund ankam.
Nach diesem Erlebnis am «Null- oder Nichts-Punkt» stand plötzlich die Frage vor ihnen: «Wie gehen wir Menschen mit Vergänglichkeit und Ewigkeit um?» – eine philosophische Frage, die auch uns zum Denken anregt.