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Der Film beginnt mit einer schwarzen Leinwand und Christus am Kreuz als Orchester-Choral, dröhnend, schmetternd. Das erste Bild: Ein Herz, das rhythmisch pumpt, die Leinwand ausfüllt und eine Operationsszene offenbart.
Künstlich reden, sauber sprechen
Der Herzchirurg, gespielt von Colin Farrell, entledigt sich seiner Insignien, Maske, Lupenbrille. Blutige Latex-Handschuhe landen im Abfalleimer.
Der Mann mit Hipster-Vollbart geht zusammen mit seinem Anästhesisten den Gang hinunter. Er sagt den ersten Lesebuchsatz ohne richtigen Weltbezug. Es werden noch viele folgen.
Kalte, klare Sätze
Das ist die erste Künstlichkeit dieses Films, dieses Reden in Wörtern. Es wird über die neue Uhr des Kollegen geredet. Darüber, dass der eine ein Lederband bevorzugt, der andere eines aus Metall.
Knappe, saubere, logische Sätze. Mit Subjekt, Prädikat und Objekt an der vorgeschriebenen Stelle. Sätze, die leicht zu verstehen sind, auch wenn man sich fragt, ob es sich überhaupt lohnt, sie zu verstehen.
Irritierende Interaktionen
Lange Zeit funktionieren alle Interaktionen des Films so. Der Chirurg trifft einen jungen Mann, bei dem man sich irritiert fragt, ob es sich vielleicht um einen illegitimen Sohn handeln könnte. Oder um einen Stricher.
Die Familie des Chirurgen stammt aus dem Bilderbuch. Die Frau (Nicole Kidman) eine Augenärztin, die Kinder bildschön, eine 16-jährige Tochter und ein etwas jüngerer Sohn mit prächtigen langen Haaren, die den Vater ein wenig stören.
Doktorspiel im Schlafzimmer
Die Familie erinnert an die «Stepford Wives». Aber das legt sich wieder, auch wenn die Frau sich nach dem Essen im Schlafzimmer ihres Bademantels entledigt.
Wenn sie den Mann fragt: «Komplette Anästhesie?» und sich auf dem Bett drapiert, als ob sie eben ins Reich der chemischen Träume abgetaucht wäre. Das ist das Sexritual des Paares und wir gönnen den beiden Ärzten ihr Doktorspiel.
Es dauert fast bis zur Mitte des Films, bis sich herausstellt, wie der Chirurg zum jungen Mann steht, den er zwischenzeitlich auch zum Familienessen eingeladen hat. Er ist der Sohn eines Mannes, der bei einer Herzoperation auf dem Tisch des Chirurgen gestorben ist.
Dieser Tod ist eine Schuld, die nach Ausgleich sucht. Nach einem Ausgleich allerdings, der die Familie in eine komplizierte Konstellation stürzt.
Starke Ablehnung, viel Begeisterung
Mehr von der dramatischen Anlage sei nicht verraten. Gestattet aber sei der Hinweis auf die souveräne Inszenierung, die Mischung von irritierender Künstlichkeit und realistischer Schilderung einzelner Abläufe, auch im Spital.
«The Killing of a Sacred Deer» ist einer jener Filme, die für einen ganzen Ideenkomplex stehen. Ein Film, der das Zeug hat, zum Paradigma zu werden für gesellschaftliche und persönliche Dilemmata einer ganz eigenen Ausprägung. Ein grosser Film, der grosse Gefühle auslösen wird, starke Ablehnung und viel Begeisterung.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 22.05.2017, 17.08 Uhr.