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Der Reiz des Rätsels
Vor genau 100 Jahren erschien das erste Kreuzworträtsel. Heute kommt kaum eine Zeitschrift oder Zeitung ohne Rätselseite aus. Worin liegt der Reiz des Grübelns und Knobelns?
Griechischer Kriegsgott. Ruinenstätte in Jordanien. Figur des Nibelungenlieds. Das sind Stichworte, wie sie in einem klassischen Kreuzworträtsel vorkommen. Lesen wir sie, können wir meist nicht anders, als unsere Hirnwindungen nach einer möglichen Antwort abzusuchen – und das, obwohl uns das Wissen um «Ares», «Petra» und «Ute» wahrscheinlich weder im Alltag noch im Beruf etwas bringt.
Das erste Kreuzworträtsel erschien am 21. Dezember 1913 in der «New York World». Der Journalist Arthur Wynne hatte den Auftrag erhalten, sich einen netten Zeitvertreib für die Weihnachtsausgabe auszudenken. Sein «Word-Cross Puzzle» enthielt bloss 31 Suchbegriffe, löste aber über die Festtage so viele Reaktionen aus, dass der Chefredaktor mehr davon wollte – und das Prinzip bald von anderen Zeitungen kopiert wurde.
In den USA brach eine regelrechte «Crossword mania» aus. Kulturpessimisten sprachen von «Sitten- und Familienzerfall.» Und die altehrwürdige «Times» in London schrieb: «Fünf Millionen Stunden gehen dem amerikanischen Volk verloren für eine sinnlose, läppische Sache.» Genützt hat das Gepolter nichts. Alsbald schwappte die Welle über den Atlantik.
Hierzulande veröffentlichte die «Schweizer Illustrierte Zeitung» am 5. März 1925 das erste Wortgitter. Die einzelnen Kästchen waren durchnummeriert und die Nummern jeweils vor der Frage aufgelistet: «47. 56. 65.74 = altes Schriftzeichen» (Lösung: Rune). Auf die Idee, die Fragen in eines der Kästchen zu schreiben und mit einem richtungsweisenden Pfeil zu versehen, kamen einige Jahre später erst die Schweden – darum wird das klassische Kreuzworträtsel auch Schwedenrätsel genannt.
So oder so: Ratespiele sind keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Das älteste dokumentierte Rätsel stammt aus der Zeit um 2350 vor Christus und steht auf einer sumerischen Tontafel. Es stellt die Frage nach einer Stadt, die heute nicht mehr mit Sicherheit identifiziert werden kann. 2000 Jahre später packten die griechischen Dichter ihre Orakelsprüche in Rätsel. Und in der Spätantike kamen die Sator-Quadrate auf magische Quadrate, deren Zeilen sich vor- und rückwärts lesen lassen, sogenannte Palindrome. Sie schützten vor bösem Zauber und gelten als die eigentlichen Vorläufer des Kreuzworträtsels.
Was Rätseln mit Sex gemeinsam hat
Warum Rätsel eine solche Faszination auf die Menschen ausüben, erklärte der 2011 verstorbene Südtiroler Hirnforscher Valentin von Braitenberg mit dem «Kapiertrieb». Braitenbergs Theorie geht davon aus, dass der Homo sapiens neben seinen natürlichen Trieben wie Essen und Fortpflanzung auch einen Trieb zum Lernen hat. Folglich empfindet der Mensch Lust daran, Einzelheiten zu einem Ganzen zu fügen und Verknüpfungen zu erkennen – egal, ob es sich dabei um die Pointe eines Witzes, die Lösung einer Rechnung oder eben die Antwort auf ein Rätsel handelt.
Braitenbergs These hat sich inzwischen erhärtet: Seine Jünger konnten nachweisen, dass beim Sex und beim Aha-Erlebnis dieselben Glückshormone ausgeschüttet werden. Derweil erklären Evolutionspsychologen die Faszination Rätsel mit dem Überlebensvorteil unserer neugierigen Vorfahren. Wer Fragen beziehungsweise Probleme vorwegnahm, überlegte sich seine Flucht nicht erst, wenn der Säbelzahntiger angriff – und konnte sich so eher in Sicherheit bringen, wenn es dann tatsächlich so weit war. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass es in vielen Sagen und Märchen Prüfungsfragen gibt, die über Leben und Tod entscheiden.
Der Nervenkitzel bei klassischen Kreuzworträtselfragen ist vergleichsweise klein. Dafür gibt es viele Fragen und bei jeder Antwort einen kleinen Kick, der das Belohnungssystem aktiviert. Zudem ist meist ein Lösungswort gesucht, mit dem man sich an einem Wettbewerb beteiligen und so auf einen Gewinn hoffen kann.
Klassische und kryptische Rätsel: der Unterschied
Wie viele Menschen regelmässig Kreuzworträtsel lösen, ist nicht bekannt. Aber schon mancher Zeitungsmacher war erstaunt ob der vielen bösen Briefe, die es hagelte, wenn sich mal ein Fehler eingeschlichen hatte. Dabei ist oft bloss ein Rechner schuld, denn die klassischen Kreuzworträtsel sind heute fast alle computergeneriert und sind daher immer nur so gut wie die Datenbank dahinter.
Die meisten Zeitschriften und Zeitungen kaufen die Rätselseiten ein. So stammt zum Beispiel das Kreuzworträtsel des Migros-Magazins von der Rätsel Agentur Schweiz. Inhaber Thomas Küng ist seit 1999 im Geschäft und hat sich zu Beginn noch von deutschen Rätselverlagen beliefern lassen, bis 2000 die Frage nach einem Bundespräsidenten mit drei Buchstaben einen Sturm der Entrüstung auslöste: Gemeint war (Johannes) Rau, für die Schweizer Rätselgemeinde konnte die Antwort jedoch nur (Adolf) Ogi lauten. In der Folge rüstete Küng auf und kaufte sich eine eigene Datenbank, die er nach möglichen Patzern durchkämmte und mit Helvetismen anreicherte.
Für die Rätsel von Trudy Müller-Bosshard interessiert sich sogar die Wissenschaft.
Klassische Kreuzworträtsel kann jeder lösen. Notfalls helfen Google oder spezialisierte Seiten wie die Kreuzworträtsel-Datenbank weiter. Schwieriger wird es bei kryptischen Kreuzworträtseln. Sie basieren nicht bloss auf einem einfachen Frage-Antwort-Spiel, sondern sind mehrfach verschlüsselt und werden auch nicht vom Computer ausgespuckt, sondern von einem Rätselautor ausgebrütet.
Wer sie lösen will, muss erst die Frage verstehen. Und die lautet für den griechischen Kriegsgott dann zum Beispiel: «Seinen Kollega am Tiber gibts auch als Riegel». Der Tiber fliesst durch Rom. Folglich ist in einem ersten Schritt ein Römer gesucht, den es auch als Riegel gibt. Das trifft auf den römischen Kriegsgott Mars zu, der den gleichen Namen wie ein bekannter Schokoriegel trägt – wer mal so weit ist, muss sich nur noch an sein griechisches Pendant Ares erinnern.
Die Schweizer Rätselmacher
Die Kryptologin, der Handwerker und die Dichterin: Kein Schweizer Rätselautor ist wie der andere – darum hat auch jeder seine eigene Fangemeinde.
EDY HUBACHER: DER ÜBERVATER
Er ist eine Legende: Noch bevor Edy Hubacher zum «Rätselonkel der Nation» wurde, war er bester Schweizer Kugelstösser, Diskuswerfer und Mehrkämpfer. 1972 holte sich der Berner als Bremser im Viererbob von Jean Wicki sogar Olympiagold. 1963 begann er mit dem Herstellen von Kreuzworträtseln für den «Nebelspalter». Es folgten diverse andere Printprodukte und eine Radiosendung, die «Radio Musikbox». Während mehrerer Jahre engagierte sich Hubacher für die Schweizer Rätselmeisterschaft. Ein Event, der bis 2006 stattfand und von der Migros unterstützt wurde. Edy Hubacher ist für viele Schweizer Rätselautoren ein grosses Vorbild. Heute verfasst der 73-Jährige noch immer jede Woche ein Rätsel für den «Berner Bär» mit berndeutschen Wörtern.
RENÉ LEHNER: DER HISTORIKER
Der 58-jährige Zürcher produziert in seiner Rätselfactory vor allem computergenerierte Kreuzworträtsel für zahlreiche Schweizer Zeitschriften und Zeitungen. Sein Schatz ist eine eingeschweizerte Datenbank, die er mit seinem Team ständig auf dem neusten Stand hält. René Lehner interessiert sich aber auch für die Geschichte des Knobelns und Tüftelns und hat vor Kurzem ein Buch über die verschiedenen Spielarten des Rätsels veröffentlicht. Ausserdem ist René Lehner ein genialer Zeichner und Vater der Comicfigur Bill Body.
DANIEL KRIEG: DER SPEZIALIST
Er ist der Mann fürs Besondere: Daniel Krieg hat über viele Jahre das Kreuzworträtsel für den «Beobachter» hergestellt und arbeitet heute für die Rätselagentur von Thomas Küng. Dort erfindet er Rätsel nach Mass. Will beispielsweise eine Bank ein Schwedenrätsel mit lauter Ausdrücken aus der Finanzwelt, so setzt sich der 50-jährige Baselbieter zu einem Brainstorming hin und legt die gefundenen Wörter anschliessend übers Kreuz. Er arbeitet noch mit Bleistift und Hüsliblock, spickt aber hin und wieder am Computer in einem selbst geschriebenen Wörtersuchprogramm.
VRENI SCHAWALDER: DIE DICHTERIN
Manche Leute kaufen die «NZZ am Sonntag» nur wegen ihrer gereimten Lösungshinweise: Vreni Schawalders «Kreuzverquer» hat so viele Fans, dass die Drohungen der Rätselfreunde, das Abo zu kündigen, die Chefredaktion zur Räson brachte. Die wollte das Kreuzworträtsel der Thurgauerin 2009 durch ein billigeres ersetzen und kündigte ihr nach sieben Jahren. Die ehemalige Regierungsrätin verabschiedete sich im Rätsel: «Dieser Brief, oh welch ein Graus, flog auch der Rätselfrau ins Haus.» Ein paar Monate später holte man die heute 67-Jährige zurück.
TRUDY MÜLLER-BOSSHARD: DIE KÖNIGIGN DER KRYPTOLOGIE
Wer ihre Sprachrätsel lösen kann, spielt in der Champions League der gekreuzten Wörter: Um die Enigmen von Trudy Müller-Bosshard zu knacken, muss man um die Ecke denken, oft gleich mehrmals. Das Beispiel mit dem griechischen Kriegsgott im Lauftext stammt von TMB, wie die Kryptologin unter Kennern genannt wird. Die Kreuzworträtsel der 66-jährigen Aargauerin erscheinen seit 20 Jahren im «Magazin», das den Samstagausgaben verschiedener Zeitungen beiliegt. Seit Kurzem gibt es Unterstützung für all jene, die bisher noch nicht in dieser Liga spielten: Die Linguistin Verena Vaucher hat für ihre Dissertation 98 Kreuzworträtsel von TMB analysiert. Aus ihren Erkenntnissen leitet die passionierte Spielerin mögliche Lösungsstrategien ab.
Erschienen in MM-Ausgabe 51
16. Dezember 2013
Lösen Sie das erste Kreuzworträtsel der Welt von 1913 und das erste der Schweiz von 1925. Zudem erklären Migros-Magazin-Rekord-Rätsellöser ihre Motivation: zum Artikel
Literatur
Verena Vaucher: Vom lesbaren zum lösbaren Text. Ein Beitrag zur Linguistik von Rätseltexten durch textlinguistische Analysen von kryptischen Kreuzworträtseln. Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2014. 236 Seiten, Fr. 114.–. René Lehner: Hirnifueter. Rare Rätsel für wahre Rätselfreunde. Books on Demand, Norderstedt 2013. 120 Seiten, Fr. 25.20 bei Ex Libris.
Literatur
Verena Vaucher: Vom lesbaren zum lösbaren Text. Ein Beitrag zur Linguistik von Rätseltexten durch textlinguistische Analysen von kryptischen Kreuzworträtseln. Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2014. 236 Seiten, Fr. 114.–. René Lehner: Hirnifueter. Rare Rätsel für wahre Rätselfreunde. Books on Demand, Norderstedt 2013. 120 Seiten, Fr. 25.20 bei Ex Libris.