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Lange Zeit glaubte man, Finnland würde seinen “Pisa-Sieg” der 1990 erfolgten Umstellung auf die “zeitgemässe” Kompetenzorientierung verdanken. Erst als der Pisa-Absturz nach 2006 begann, dämmerte es langsam, dass Finnlands Erfolg hauptsächlich auf den traditionellen Klassenunterricht zurückzuführen ist. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung stellte schon früher fest: “Der Unterricht ist fast durchgehend ein Lehrer geleiteter Unterricht, nur in der Oberstufe wird zuweilen Gruppenarbeit eingesetzt. Methodisch sind finnische Lehrer ihren deutschen Kollegen sicher nicht überlegen. (…) In Wahrheit ist finnischer Unterricht in der Regel ‘solides Handwerk’ in ganz traditionellem lehrerzentriertem Stil, nicht mehr und nicht weniger.” (FAZ, 21.2.2002)
“In Wahrheit ist finnischer Unterricht in der Regel ‘solides Handwerk’ in ganz traditionellem lehrerzentriertem Stil, nicht mehr und nicht weniger.” (FAZ, 21.2.2002)
Die seit 2015 in Finnland erfolgenden zaghaften Schritte zurück zum erfolgreichen System gestalten sich jedoch schwierig. Zwar hat Finnland dank des sehr niedrigen Ausländeranteils immer noch relativ homogene Klassen, es mangelt jedoch an Lehrkräften, die noch im Klassenunterricht unterrichten können. Wer glaubt, man sollte nun nach Estland pilgern (siehe Carl Bossard: Bitte nicht nach Estland pilgern!, 15.12.2019), dürfte ebenfalls enttäuscht werden, Estland hat das finnische System der Kompetenzorientierung kopiert.
Falsche Begrifflichkeit
Warum spricht und schreibt man über den erfolgreichen Klassenunterricht, der von den asiatischen Pisa-Siegern hochgehalten wird, bei uns nur noch selten? Warum ist er ein Stiefkind der wissenschaftlichen Didaktik? Zu Unrecht, wie die folgenden Ausführungen zeigen werden. Der Grund dafür, dass Klassenunterricht zum Unwort wurde, ist, dass er fälschlicherweise mit dem pejorativen Begriff “Frontalunterricht” gleichgesetzt wird. Dazu muss man wissen, dass der Begriff “Frontalunterricht” aus dem Militärjargon (“Front”) des Reformers und Alt-Nazis Peter Petersen stammt. Seit den 1960ern wurde der Begriff “Frontaluntericht” trotzdem wie selbstverständlich benutzt, zumeist in abwertender Absicht, um die zu bevorzugenden “modernen” Formen wie Gruppenarbeit und offene Unterrichtsformen vom Klassenunterricht abzuheben, bis der Begriff schlussendlich kritiklos Eingang in die Lehrerbildung fand.
Klassenunterricht ist eine Sozial- und keine Unterrichtsform. Die Sozialform bildet den Rahmen oder das Setting, in dem verschiedenste Unterrichts- und Arbeitsformen (Direkte Instruktion, Lehrervortrag, fragend-entwickelnder Unterricht, Unterrichtsgespräch, Demonstrationsexperimente, Kopfrechenübungen, soziale Spiele und viele andere Unterrichtsmethoden) möglich sind.
Die grösste Wirkung entfaltet diese Sozialform, wenn die Klasse oder Gruppe nicht zu gross und möglichst homogen zusammengesetzt ist, in dem die Schüler in erster Linie nach dem Leistungsniveau und nicht nach dem Alter zugeteilt werden. Beim PISA-Sieger Finnland sollen die Klassen eine durchschnittliche Grösse von 14 Schülern gehabt haben.
Der überragende Sieger des weltgrössten Erziehungsexperiments “Project Follow Through”, an dem die amerikanischen Eliteuniversitäten mit modernen Unterrichtsmethoden und 100.000 Schüler teilnahmen, war die “Direkte Instruktion”.
Spektakuläre Flops
Die im Rahmen des Klassenunterrichts verwendete Unterrichtsmethode ist dann besonders wirksam und effizient, wenn sie die Vorteile der Sozialform Klassenunterricht nutzt. Der überragende Sieger des weltgrössten Erziehungsexperiments “Project Follow Through”, an dem die amerikanischen Eliteuniversitäten mit modernen Unterrichtsmethoden und 100.000 Schüler teilnahmen, war die “Direkte Instruktion”. Mit dieser Form des Klassenunterrichts gelang es der “Direkten Instruktion” als einziger Methode, unterprivilegierte Schüler von ihrem tiefen Niveau in allen Fächern auf beinahe amerikanisches Durchschnittsniveau zu heben. Trotz dieses grossartigen Erfolges hat die amerikanische Bildungsbürokratie die “Direkte Instruktion” fallen lassen, während sie moderne Methoden privilegiert finanzierte, die spektakuläre Flops waren. Deshalb erhalten viele amerikanische Schulkinder weiterhin eine Ausbildung zweiter Klasse.
Die internationale empirische Unterrichtsforschung hat folgende Qualitätskennzeichen des Settings Klassenunterricht festgestellt: effiziente Klassenführung, Interaktion zwischen Lehrern und Schülern, Klarheit, effektive Zeitnutzung, individuelle fachliche Unterstützung (aktive Kontrolle und Unterstützung des Arbeitsfortschritts in Übung und Stillarbeit), fachliches Wissen der Schüler, Aufmerksamkeit im Unterricht, der Klassenkontext, hohe Leistungserwartung, intensive individuelle Hilfen, klarer Unterricht, ausgeprägte Lehrstofforientierung, Toleranz von Langsamkeit, Lernen von der Peer Group, lernförderndes soziales Klassenklima.
Der Unterricht kann sehr effizient abgewickelt werden, weil der Stoff in der ganzen Klasse gleichzeitig eingeführt und unterrichtet wird. Der Lehrer oder die Lehrerin kann in jeder Unterrichtsstunde feststellen, welche Lernfortschritte die einzelnen Schülerinnen und Schüler machen. Schülerfragen können unmittelbar beantwortet werden und die ganze Klasse kann davon profitieren. Die Klasse kann gemeinsam motiviert werden. Fehler oder Fehlverhalten können sofort angesprochen und korrigiert werden. Klassendiskussionen können, wenn nötig, jederzeit stattfinden.
Es ist ruhig, die meisten Schüler und Schülerinnen arbeiten mit und es gibt wenig Fehlverhalten.
Die Kounin-Praxis
Kounin hat folgende wesentlichen Techniken der Klassenführung herausgearbeitet: Die Lehrkraft weiss über die Vorgänge im Klassenraum Bescheid und kann adäquat reagieren. Sie ist zur parallelen Steuerung von mehreren Vorgängen im Klassenzimmer fähig. Die gesamte Unterrichtsstunde ist wie aus einem Guss, eines baut auf das andere auf. Alle Schüler fühlen sich angesprochen. In einem Unterricht, der sich an den Kounin-Dimensionen orientiert, ist es ruhig und die meisten Schüler und Schülerinnen arbeiten mit und es gibt wenig Fehlverhalten. Insgesamt erweist sich ein relativ straffer, disziplinierter Unterricht als günstig für die Erzielung von Unterrichtserfolg.
John Hattie: “Direkte Instruktion” ist höchst wirksam
John Hattie bezeichnet den klassischen Unterricht mit der “Direkten Instruktion” für schulische Lernleistungen als höchst wirksam. Er beschreibt sieben Stufen der “Direkten Instruktion”: klare Vorstellung von Lernzielen, Erfolgskriterien der erwarteten Leistungen mitteilen, Aufmerksamkeit des Schülers gewinnen, Informationen vermitteln, üben unter der direkten Aufsicht des Lehrers, die wichtigsten Punkte nochmals überprüfen, klären und zusammenfassen, selbständig üben.
Zitat Hattie: “Jedes Jahr halte ich Vorträge vor angehenden Lehrern und stelle fest, dass sie schon mit dem Mantra: ‘Konstruktivismus ist gut, direktes Unterrichten (Direkte Instruktion) ist schlecht’ indoktriniert sind. Wenn ich ihnen die Resultate dieser Meta-Analysen zeige, sind sie fassungslos und werden oft ärgerlich, weil man ihnen einen Set von Wahrheiten und Geboten gegen das direkte Unterrichten vorgesetzt hat.” (Visible Learning, S. 204)
Werden wirksame klassische Unterrichtsmethoden wie diejenigen des Klassenunterrichts durch wenig wirksame “moderne”, “zeitgemässe” Methoden (offener Unterricht, selbstgesteuertes Lernen, Kompetenzorientierung, Konstruktivismus usw.) ersetzt, hat das unmittelbar negative Auswirkungen auf die Unterrichtsqualität. Wer hohe Bildungsqualität und gute Pisa-Resultate möchte, kommt am Klassenunterricht nicht vorbei.
Quellen:
Prof. Dr. Rainer Dollase: Was macht erfolgreichen Unterricht aus?, Universität Bielefeld, 2004, https://bscw.ph-bw.de/pub/bscw.cgi/d232006/DOLLASE-Guter-Unterricht.pdf
Jacob S. Kounin: Techniken der Klassenführung: Standardwerke aus Psychologie und Pädagogik. Hans Huber Verlag Bern/Stuttgart 1976, Reprint Waxmann Verlag GmbH 2006, ISBN 978-3830915171
Andreas Vogel: Der böse Frontalunterricht. In: B. Wisniewski, A. Vogel: Schule auf Abwegen – Mythen, Irrtümer und Aberglaube in der Pädagogik. Schneider, Baltmannsweiler 2013, ISBN 978-3834012562
Andreas Helmke: Lehrerprofessionalität und Unterrichtsqualität. Klett/Kallmeyer, Seelze-Velber, 6. Aufl. 2015
Peter Petersen und E. Petersen: Die Analyse des Frontalunterrichts mit Hilfe von erziehungswissenschaftlicher Aufnahme und Tatsachenliste. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Nr. 3, 1954, S. 509–529.