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Kennen Sie die Geschichte vom Rabbi Löw, der in einem polnischen Shtetl den Menschen aus den Nöten half, indem er ihnen Geschichten erzählte; lustige Geschichten und weniger lustige, solche zum Lachen und solche zum Heulen; aber immer solche, die ins Herz zielen und der Zuversicht Grund geben, sich zu regen?
Oder diejenige von Jakob dem Lügner, der in einem Ghetto die verstörten Menschen am Leben und in der Hoffnung hielt, indem er ihnen Lügengeschichten erzählte von der baldigen Ankunft der Amerikaner, die den Krieg beenden und sie in Kürze befreien werden?
Er hatte als einziger ein Radio.
Oder, aus aktuellem Anlass, die Seldwyler Geschichte unseres ehrwürdigen Schriftstellerjubilars, der die verschlungenen Liebeswege von Gritli und Wilhelm erzählt, die beide vom Leben gebeutelt wurden und sich neu erfanden und dabei fanden?
Ohne Geschichten ist das Leben nichts. So oder ähnlich hat das Peter Bichsel einmal gesagt; und er selbst lebt in Geschichten, aus Geschichten, lebt von Geschichten. Er geht sogar so weit, dass er lieber in Büchern über Paris lebt, als nach Paris selbst zu fahren, um sich nicht mit dem enttäuschten Blick auseinandersetzen zu müssen; das Geschriebene die Realität übertrumpfend.
Oder die Ton- & Klanggeschichten: Drei Töne vom grossen Altsaxophonisten Cannonball Adderley und das Herz hüpft und hört nicht auf zu hüpfen: o my great country preacher! Oder die Soli von Charlie Parker: wenn er selbst nicht Gott war – und da streiten sich die Geister –, so muss er sein weltliches Domizil ziemlich nahe an diesem gehabt haben. Wenn sein Saxophon anfängt zu fliegen, so leicht, so leicht, dann wird die Seele so wach, so wach und wir kommen nicht umhin, ihn und das Leben zu lieben.
Oder dieser Anfang eines der Stücke aus dem wohltemperierten Klavier; nur einzelne Töne, die sich aus der Stille heben und davon sieben gleiche hintereinander. Eine Spannung ist in und zwischen diesen Tönen, die Glenn Gould anschlägt, als lebten alle verborgenen Welten dahinter.
Peter Bichsel war doch einmal in Paris. Er wurde von einem befreundeten Dokumentarfilmer dazu überredet. Aber er verliess das Hotel nicht, aus Angst, sein Paris, würde im merkantilen und touristenfröhlichen Oberflächentrara ertrinken. Nur einmal ging er in den Jardin de Luxembourg, um zu schauen, ob das Karussell noch da war, das Rainer Maria Rilke mit einem Gedicht besungen hat mit der Kinderseelen-Strophe „und dann und wann ein weisser Elefant“.
Geschichten. – Aber auch Freunde, Andächtigkeiten, Trost; Menschen, die einem Vorbild sein können. Unablässiges Fragen; die Tiefen dieser Welt ausloten, auch wenn es manchmal weh tut.
Der Gesundheitsbegriff ist viel weiter zu fassen, als es uns die moderne Medizin glauben machen will. Gesundheit ist nicht Absenz von Krankheit. Krankheit ist nicht der Feind und auch der Tod nicht. Man muss nicht gegen sie auf die Barrikaden gehen und sie bekämpfen und am liebsten ausmerzen für immer. Die Grenzen verlaufen nicht so klar und deutlich und Krankheit kann einen auch auf etwas aufmerksam machen, auf Grösseres hinweisen; aber eben, wir rufen gerne: „Lieber Herr Doktor, machen Sie das weg, möglichst rasch!“
Wer weiss zum Beispiel, ob Kinder, die Geschichten erzählt bekommen, nicht gesünder sind als andere; nicht mehr zur Welt finden, als solche die in Fernseh-, Game- und Internetwelten leben. Vielleicht gibt es ja Studien darüber? Sicher gibt es Studien darüber. Aber ich will sie gar nicht kennen. Es gibt so viele Studien von Wissenschaftlern, die es ernst meinen, aber, was heute Gültigkeit hat, ist morgen überholt, überflogen, vergessen. Die Halbwertszeit sogenannter wissenschaftlicher Studien ist meist sehr kurz.
Die Tendenz, die exakten Wissenschaften als einzige gelten zu lassen in dieser Welt, steigt. Als wenn der Verlust von metaphysischen Welten uns zur messbesessenen Akribie treiben würde. Wir müssen beweisen, dass es auch ohne IHN geht, um jeden Preis: ER ist schon lange gestorben und wir Menschen sind auf bestem Wege alle Geheimnisse zu lüften.
Dabei ist zum Beispiel die Urknalltheorie so etwas Abenteuerliches, Darwins Modell steht auf dermassen tönernen Füssen, dass daneben Gott, oder wie man ihn/es nennen mag, viel näher liegt und es weniger Hirnverrenkungen braucht, um an ihn zu glauben.
Aber der Wissenschaftler ist der Heilige unserer Zeit. Wir fressen ihm aus der Hand.
Dabei liegt es ja auf der Hand, dass der Rest nicht erklärbar ist, ja, dass dieser „Rest“ immer mehr wächst, je mehr wir zu wissen meinen. Oder haben Sie sich schon einmal gefragt, warum der Mensch zum Beispiel Ohren hat an der Seite des Kopfes und Haare ganz oben und diese Beine und Hände usw. usw. Er könnte doch auch ganz anders aussehen.
Wer sich anfängt zu fragen, grundsätzlich zu fragen, kann nicht mehr aufhören. Ihm zerrinnen die Gewissheiten, dafür öffnen sich ungeahnte Räume und Tiefen. Ich kann sie nicht ausmessen, nicht erklären, kaum fassen. Aber in Momenten sind sie „da“!
Charlie Parkers Soloanfang von Embraceable You, eine Zeile in einem Gedicht von Rainer Maria Rilke; das kann so vieles aufstossen und kann uns Menschen in Räume versetzen, in denen alles zu schweben beginnt.
Aber die neuen Inquisitoren, sie töten nicht, sie werfen niemanden in den Kerker.
Sie dulden nur keine Wahrheit neben der exakten, ausgemessenen. Als wenn es DIE Wahrheit in dieser Welt gäbe, die genau bemessene, unwiderlegbare.
Demut. Altes Wort. Wenn es nur wieder in die Welt fände; wenn die Hybris zu wissen und noch mehr zu wissen ein Ende finden könnte, wenn superintelligente Akademiker mehr staunen könnten und zulassen, dass wir das meiste, das allermeiste nie wissen werden.
Dann wäre auch jeder Mensch ein geheimnisvolles Eigenes und wenn er krank wird, dann hat das mit ihm und seinem Weg zu tun. Es gibt, so gesehen, keine verallgemeinerungsfähigen Diagnosen, keine Schema F’s. Und ich könnte mir vorstellen, dass es einst moderne Medizinfrauen und -männer geben wird, die Geschichten erzählen und so die Heilung erwirken, oder dass Menschen zu Glenn Gould geschickt werden und zu seinen sieben kleinen identischen Tönen. Die Gesundheit ist ein „weites Feld“, um mit Theodor Fontanes berühmtem Diktum zu enden, und wir tun gut daran, nicht das ganze Terrain den Anbetern der exakten Wissenschaften zu überlassen. Oder anders gesagt: die Welt braucht Euch, liebe Homöopathinnen & Homöopathen. Dringend!