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Füsse waschen und dienen lassen
«Darf ich Ihnen Wasser für die Füsse anbieten?» So oder ähnlich hat es wohl geklungen, wenn man im Orient zur Zeit Jesu ein Haus betrat. So es bei uns üblich ist, dem Gast vor dem Mahl ein Getränk anzubieten, war es damals Brauch, Wasser für die Füsse bereitzustellen. Vom vielen Staub und den offenen oder fehlenden Sandalen wurden die Füsse schnell schmutzig und vermutlich dufteten die dreckigen Füsse auch nicht besonders blumig. Was war es dann für eine Wohltat, den Dreck abzuwaschen und es sich mit sauberen Füssen auf den Liegesofas bequem zu machen.
Ein Zeichen der Ergebenheit
Die Fusswaschung im Orient hat eine lange Tradition. Sie diente der Hygiene oder wurde aus kultischen Gründen durchgeführt. Vor allem aber war sie ein Symbol der Gastfreundschaft. Dabei konnte man sich die Füsse selbst waschen oder von einem Diener waschen lassen. Im familiären und sozialen Kontext war die Fusswaschung auch ein Zeichen der Ergebenheit. So wuschen Frauen ihren Männern, Kinder ihren Vätern und Schüler ihren Lehrern die Füsse.
«Jesus wäscht seinen Jüngern die Füsse. Was für eine Ehre! Und was für eine Verdrehung der Norm!»
Mit anderen Worten: Es wurden fleissig Füsse gewaschen im Orient. Einige dieser Waschungen haben auch Eingang in die Bibel gefunden. Zum Beispiel in einer Erzählung aus dem Leben von Abraham (1. Mose 18, 4). Als dieser sich nämlich in Mamre aufhielt, bekam er Besuch von drei Männern. Schnell realisierte Abraham, dass diese drei keine gewöhnlichen Nomaden waren. Also warf er sich zu Boden, bat sie an einen Schattenplatz, schlachtete ein Kalb – und liess ihnen Wasser für die Füsse bringen! Leider schweigt der Text darüber, wer die besagte Fusswaschung vollzog. Für Abrahams Ehrerbietung gegenüber diesen Männern wäre es nämlich das Nonplusultra gewesen, wenn er ihnen persönlich die Füsse gewaschen hätte. Aber eine Fusswaschung war nun mal ein Alltagsgeschehen und nicht besonders erwähnenswert. Bis ein jüdischer Mann gut 2000 Jahre nach Abraham auf die Idee kam, die Fusswaschung zur Belehrung seiner Schüler heranzuziehen.
Kostbare Zeilen für die Fusswaschung
Dieser Mann war Jesus. Er war Meister darin, ganz alltäglichen Begebenheiten einen neuen Deutungshorizont zu verpassen. So erzählte er seiner Nachfolgerschaft keine abstrakten Theorien, sondern schöpfte aus ihrer Lebenswelt und verpackte seine Botschaften in Senfkörner, Ährenfelder und Gastmähler. Der Eindruck, den Jesus hinterliess, war so gewaltig, dass man seine Worte und Werke für die Nachwelt niederschreiben wollte. Dabei umfassend zu sein, war unmöglich, also wurde selektioniert und das Leben Jesu auf die wichtigsten Punkte konzentriert. Umso mehr erstaunt es, dass für den Evangelist Johannes eine Fusswaschung so aussagekräftig war, dass er ihr einige kostbare Zeilen auf seinem Papyrus widmete.
Radikal neues Ritual
Wo in den anderen Evangelien die Einsetzung des Abendmahls folgt, erzählt Johannes also von einem altbekannten und zugleich radikal neuen Ritual: Kurz vor dem Passafest kam Jesus mit seinen Jüngern zu einem Mahl zusammen. Während diesem stand er auf, zog sein Obergewand aus, band sich ein Leinentuch um und wusch seinen Jüngern die Füsse. Erstaunt fragte Petrus den Meister stellvertretend für alle, was er da eigentlich tue und wollte ihm schon seine eigenen Füsse entziehen. Doch Jesus liess sich nicht so schnell von seinem Vorhaben abbringen und wusch auch die Füsse von Petrus. Dann sagte er zu ihnen: «Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr sagt es zu Recht, denn ich bin es. Wenn nun ich als Herr und Meister euch die Füsse gewaschen habe, dann seid auch ihr verpflichtet, einander die Füsse zu waschen. Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben: Wie ich euch getan habe, so tut auch ihr.» (Zürcher Bibel, Joh 13, 13 – 15)
Wiederholung der Waschung?
Jesus wäscht seinen Jüngern die Füsse. Was für eine Ehre! Was für eine Normverdrehung! Wenn, dann hätten die Schüler ihrem Meister die Füsse waschen sollen, oder jeder seine eigenen. Da im Text erwähnt wird, dass Jesus vom Mahl aufstand, um die Füsse zu waschen, (13, 4) waren die Füsse vielleicht bereits beim Betreten des Hauses gewaschen worden. Das Zeichen, das Jesus mit einer bewussten Wiederholung der Waschung setzt, ist umso grösser. Er, als Herr und Meister, geht vor seinen Jüngern auf die Knie und wäscht zwölf Paar Füsse. Dann weist er sie an, sein Beispiel nachzuahmen.
Er befiehlt seinen Jüngern aber nicht, hinaus in die Welt zu gehen und Fusswäscher zu werden. Wenn jeder nur waschen möchte, sind schmutzige Füsse bald Mangelware. Jesus betont an dieser Stelle das gegenseitige Fusswaschen und da gehört es auch dazu, seine eigenen Füsse hinzustrecken. Nicht nur, wenn sie sauber sind, sondern auch dann, wenn sich das Waschen so richtig lohnt. Ob dabei das Waschen oder das Hinhalten einfacher ist, das hätte ich Petrus gerne gefragt.
Florence Gantenbein, Theologiestudentin im vierten Semester, Bronschhofen | Foto: Erich Baumann, Berneck – Kirchenbote SG, Juli-August 2016