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Grisélidis Réals Schallplattensammlung birgt Musik, die Bruchstücke der Lebensgeschichte der Schriftstellerin aufleben lässt.
Von Fabien Dubosson
Vom Tango über Chansongrössen wie Fréhel und Georges Brassens bis hin zum Glam Rock der 1970er-Jahre – die Musik des 20. Jahrhunderts war eng mit der Welt der Prostitution verbunden und fand dort häufig ihre Inspiration. Der Nachlass der Genfer Schriftstellerin und Prostituierten Grisélidis Réal gibt beredtes Zeugnis von dieser Tradition. Die über dreihundert Vinylplatten, die sich in ihm finden, belegen, dass die Musik für sie, neben dem Schreiben und Malen, ein existenzielles Bedürfnis war.
Alle Musikrichtungen sind in dieser Sammlung vertreten, bevorzugt Jazz und Blues sowie Weltmusik: Musik der Sinti und Roma, spanische, arabische, afrikanische und südamerikanische Musik. Ein Eklektizismus, der zweifellos alles andere als willkürlich ist: Jede Platte scheint eine Episode aus Grisélidis Réals Leben wiederzugeben. Ihr Aufenthalt in München Anfang der 1960er-Jahre spiegelt sich in einem Lied von Miriam Makeba wider, deren Musik sie durch ihren damaligen Geliebten, den G.I. Ronald Rodwell, kennengelernt hatte. Dieser hatte ihr eine Platte geschenkt, auf der «die schöne Afrikanerin mit sanfter Stimme und wie mit Glückseligkeit behandschuht singt», wie sie in ihrem autobiografischen Roman «Le noir est une couleur» schreibt. Die Lieder von Lida Goulesco oder Romica Puceanu erinnern an ihre Freundschaft mit Tata und Sonja, den Roma, die sie in München bei sich aufnahmen. Einige Blues-Melodien erzählen von ihren Erfahrungen im Gefängnis, bevor sie aus Deutschland abgeschoben wurde. An spätere, unglückliche Liebschaften erinnert sie die arabische Musik, in die sich Réal geradezu euphorisch einfühlt: «... eine schöne Musik, um sich auf dem Boden zu wälzen [...] Ich bin auch Araberin! [...] Araberin durch meine Weine, durch meine Platten, durch meinen Schmuck!».
Indem sie Schallplatten oder dem Radio lauschte, versicherte sich Grisélidis Réal eines unmittelbaren, stets verfügbaren Trostes, eines Intermezzos «intensiven Glücks» in einem schwierigen Alltag. In diesem Sinne vertraute sie sich einem ihrer liebsten Briefpartner, dem Schriftsteller Jean-Luc Hennig, an: «... ah, zum Glück gibt es die Musik! Um unsere Traurigkeit und die eisige, neblige Einsamkeit unserer Wintersonntage zu ertränken.»
Für Réal war die Musik Teil eines Rituals, das ihre Arbeitstage einläutete und ausklingen liess. Meistens, wenn sie in ihren Briefen an Hennig über sie schrieb, trank sie dazu Kaffee oder Tee und rauchte eine Zigarette: «Ich schreibe Ihnen am späten Vormittag, wie der Torero, der sich auf die Stiere des Tages vorbereitet ... bei einer Tasse ‹Lyons Earl Grey Tea›, während ich eine erhabene, auf Deutsch gesungene Kantate von Johann Sebastian Bach höre und eine Gitane rauche [...].» Die Musik ermunterte die Briefeschreiberin auch dazu, von ihren Tagen zu berichten und dabei sogar Vertrauliches anzusprechen: «Während ich auf France Musique dem Jazz von Ahmad Jamal lausche, verspüre ich den Wunsch – und das Bedürfnis –, Ihnen noch eine kleine Episode aus meinem Leben als ‹Künstlerin› zu erzählen, die sich gestern Abend spät ereignet hat.»
Grisélidis Réal war zweifellos eine Musikliebhaberin und sollte auch selbst einige Musiker inspirieren: Ihr berühmtes schwarzes Notizbuch, in dem sie die Liste ihrer Stammkunden führte, wurde in den 1980er-Jahren von Jean Guidoni und Alain Bashung vertont. Sie verfertigten aus diesem prosaischen Verzeichnis für den beruflichen Gebrauch eine betörende Litanei à la Baudelaire.
Grisélidis Réal, geboren 1929 in Lausanne und 2005 in Genf gestorben, war Schriftstellerin, Malerin und Prostituierte. Sie veröffentlichte u.a. den autobiografischen Roman «Le noir est une couleur» (1974), Gedichte, Kurzprosa und 2 Bände mit Korrespondenz. Ab 1975 setzte sie sich prominent für die Rechte von Prostituierten ein.
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Ein Leben auf Vinyl (PDF, 806 kB, 09.01.2023)Der Bund, Donnerstag, 29. Dezember 2022
Letzte Änderung 23.11.2022