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Zurück in Kalgoorlie brauchte ich noch ein paar Tage um Lebensmittel einzukaufen und Dusty (mein Velo) auf den Outback vorzubereiten. Schwer beladen fuhr ich dann nach einer Woche los.
Schon bald merkte ich, dass mein Velo komplett überladen war. Deshalb musste ich bereits nach 50km ein Auto anhalten und fragen ob sie ein paar von meinen Lebensmitteln nach Laverton mitnehmen könnten.
Zwischen Kalgoorlie und Alice Springs (1’900km Distanz) gibt es kaum eine richtige Ortschaft und die wenigen Shops im Outback sind enorm teuer. Deshalb musste ich für fast 30 Tage Essen mitschleppen.
Bis nach Leonora fuhr ich dem Goldfields Highway entlang. Danach zweigte ich ab in Richtung Laverton. Bis zu dieser Ortschaft war die Strasse noch asphaltiert.
Die Great Central Road fängt wenige Kilometer nach Laverton an. Die Strecke durchquert mehrere Aborigine Gebiete und deshalb braucht man für die Durchquerung zwei Permits.
Im Visitor Centre in Laverton konnte ich beide Permits beantragen. Bezahlen muss man nichts aber die Wartefrist kann bis zu 5 Tagen dauern. Glücklicherweise hatten die Mitarbeiter auf dem Visitor Centre gute Beziehungen und konnten den Prozess für mich ein wenig beschleunigen.
Nach einem Ruhetag in Laverton ging es dann endlich auf die Great Central Road. Die Great Central Road ist mit ihrer gesamten Länge Teil des Outback Highways, der 2800 km durch das Zentrum Australiens verläuft und auch als the longest Shortcut (die längste Abkürzung) bezeichnet wird.
Die Piste durchquert das Outback von Südwesten nach Nordosten zwischen der Großen Victoria-Wüste im Südosten und der Gibsonwüste im Nordwesten.
Die Schotterpiste wirbelt enorm viel Staub auf wenn Fahrzeuge vorbei fahren, doch zum Glück ist das Verkehrsaufkommen hier ziemlich gering. Obwohl die Wellblechpisten nicht immer einfach zu befahren sind mit dem Velo gefiel mir die Gegend gleich auf Anhieb.
Die Abgeschiedenheit und Stille hier draussen ist einfach fantastisch. Genau was ich so sehr in Asien und Afrika immer vermisst habe. Für mich ist es da am schönsten, wo es möglichst wenig Menschen gibt.
Jedoch hatte ich auch mit ein paar richtigen Plagegeistern zu kämpfen: die Fliegen. Bei Sonnenaufgang kommen die Mistviecher in riesigen Massen angeflogen und versuchen bis zum Sonnenuntergang in jede nur erdenkliche Körperöffnung zu fliegen.
Die einzige Hilfe um nicht komplett durchzudrehen ist ein Kopfnetz. Beim trinken und essen stört das Ding ein wenig aber ich hatte mich schon bald daran gewöhnt.
Die grösste Herausforderung als Velofahrer sind die grossen Distanzen zwischen den einzelnen Roadhouses. Ein Roadhouse in Australien ist im weitesten Sinne eine Raststätte, die eine Tankstelle und Fahrzeugreparaturwerkstatt mit angeschlossenem Restaurant umfasst.
Teilweise musste ich über 30 Liter Wasser mitschleppen, da es mehr als 200km Distanz zwischen den Roadhouses gab und ich auf den Schotterpisten mit starkem Gegenwind meistens nur 50km am Tag schaffte.
Ein grosser Duffle Bag füllte ich mit allem Essen und Ersatzmaterial, welches ich nicht dringend benötigte und gab diese Tasche immer ein paar Autofahrern mit um sie zum nächsten Roadhouse transportieren zu lassen. So konnte ich enorm Gewicht sparen.
Jeden Abend schiebte ich mein Velo irgendwo in den Busch, stellte mein Zelt auf, macht ein Feuer und genoss die Stimmung.
Wenn ich dann am Abend erschöpft im Zelt lag und beim Einschlafen den gewaltigen Sternenhimmel betrachtete, fühlte ich mich überglücklich.
Bei meinen Veloreisen versuche ich wenn immer möglich durch Wüsten oder Hochgebirge zu radeln. In diesen Landschaften fühle ich mich jeweils wie ein Staubkorn im Universum. Ein fast unbeschreibliches Gefühl, das man selber erlebt haben muss.
Nach 9 Tagen erreichte ich Warburton. Warburton ist bekannt dafür, dass sich dort zahlreiche Aborigine-Maler befinden, und dass das dort entstandene Warburton Kunstprojekt eine Chance für die Aborigines darstellt, ihre eigene Kultur und Lebensgewohnheiten durch eigene Kraft und ohne staatliche Hilfe zu leben.
Mein Plan war es dort einen Ruhetag auf dem Camping des Roadhouses einzulegen und dann am nächsten Tag weiter zu radeln. Jedoch kam ich nicht sehr weit als ich losfuhr.
Bei der ersten Steigung nach Warburton hörte ich ein bekanntes Geräusch am Hinterrad und wusste sofort was das Problem war: Speichenbruch.
Verärgert fing ich an die Speiche zu ersetzen und entdeckte dabei einen Riss in meiner Hinterradnabe. In diesem Moment konnte ich nachvollziehen wie sich ein Knockout beim Boxen anfühlen muss.
Mir war sofort bewusst, dass dies das Ende für mich bedeutete. Der Zwischenfall hätte sich an keinem dümeren Ort ereignen können. Frustriert schiebte ich mein Velo wieder zurück zum Roadhouse.
Die Besitzer dort waren enorm freundlich und stellten mir ein Zimmer kostenlos zur Verfügung bis ich eine Lösung gefunden hatte. Dies war jedoch nicht so einfach.
Der nächste Veloladen befindet sich im 1’000km entfernten Alice Springs, es gibt keinen öffentlichen Transport in dieser Gegend, Flugzeuge können keine Velos mitnehmen und die meisten Fahrzeuge hier sind chronisch überladen.
Ein Ersatzteil in diese abgelegene Gegend zu liefern hätte etwa 2 Wochen gedauert und enorm viel Geld gekostet. Etwas wovon ich nach 3 Jahren Reisen nicht mehr so viel übrig habe.
Geschlagene 5 Tage musste ich warten bis ich endlich einen Transport fand. Amelie und ihr Partner arbeiten für die Maruku Kunstgalerie, welche Holzschnitzereien von den einzelnen Aborigine Gemeinden sammelt und diese in Uluru und Yulara an Touristen verkauft (www.maruku.com.au).
Dadurch ermöglichen sie den Aborigines einerseits ihre Tradition aufrecht zu erhalten und gleichzeitig ein kleines Einkommen zu sichern. Ich durfte mein Velo auf das Dach laden und sie einen Tag lang begleiten.
Die Beiden nahmen mich bis Yulara am Ayers Rock mit. Dort musste ich nochmals 4 Tage suchen und warten bis mich schlussendlich jemand mit nach Alice Springs mitnahm.
Siegfried kommt ursprünglich aus Deutschland, lebt aber schon lange in Australien. Momentan reist er mit seinem Mercedes Sprinter ein wenig durch dieses riesige Land und hatte noch ein wenig Platz in seinem Bus für mich.
Wir machten dabei noch einen Umweg um durch die Olgas zu wandern. Die Kata Tjuṯa (die Olgas) sind eine Gruppe von 36 Bergen. Die Kata Tjuta entstanden vor ca. 550 Mio. Jahren zur gleichen Zeit mit dem Uluru.
Die Kata Tjuṯa befinden sich im Besitz der Anangu. Da laut deren Mythologie die Kata Tjuṯa mit der Traumzeit verbunden sind, nutzen die Anangu sie als Ort für Rituale.
Nachdem ich mich in Alice Springs von Siegfried verabschiedet hatte musste ich erst einmal einen Plan zusammenstellen. Die grosse Frage war dabei, wie es nun weiter gehen sollte?
Mir gefallen die asphaltierten Strassen in Australien überhaupt nicht. Diese sind einfach viel zu eng und die meisten Fahrer haben keine Ahnung wie man Velofahrer richtig überholt. Deshalb versuche ich möglichst oft auf Schotterpisten auszuweichen. Davon gibt es genügend hier.
Mir war jedoch nach diesem Erlebniss mit meiner Nabe bewusst, dass ich einen Anhänger brauche um einerseits das Hinterrad zu entlasten und andererseits genügend Essen und Wasser transportieren zu können.
Da meine finanzielle Lage nicht gerade gut aussieht und es enorm teuer geworden wäre mit dem Velo und allem Gepäck nach Hause zu fliegen, entschloss ich mich stattdessen das Velo mitsamt Gepäck hier in Alice Springs einzulagern, zurück in die Schweiz zu fliegen, ein wenig Geld zu verdienen und nächstes Jahr zurück in den Outback nach Australien zu kommen.
Dies war kein leichter Entscheid für mich. Am liebsten wäre ich so wie Heinz Stücke einfach endlos weiter geradelt. Für mich gibt es einfach nichts schöneres. Jedoch ist dies ohne Geld ziemlich schwierig.
So musste ich mich schon bald schweren Herzens von Dusty verabschieden. Jetzt geht es unerwartet für ein paar Monate nach Hause. Ich freue mich jetzt schon möglichst bald wieder in den Sattel steigen zu können…