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Es besteht das Risiko, dass Brasilien im Verlauf von zirka 15 Jahren ein Drittel seiner indigenen Sprachen verlieren könnte, schätzt der Direktor des “Museu do Índio“ (Indio-Museum), José Carlos Levinho. Gegenwärtig sprechen die Eingeborenen Brasiliens zwischen 150 und 200 verschiedene Sprachen – bis zum Jahr 2030 dürften davon 45 bis 60 Sprachen ausgestorben sein.
“Eine expressive Anzahl von Völkern, auch in Amazonien, hat heute lediglich fünf oder sechs Mitglieder, die noch ihre Originalsprache beherrschen. 30% der Sprachen von zirka 200 brasilianischen Urvölkern sind deshalb gefährdet, in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren zu verschwinden“, warnt Levinho.
Er berichtet weiter, dass seit Beginn der Sprachen-Dokumentation der Urvölker durch das Indio-Museum – genannt “Prodoclin“ – im Jahr 2009, die Forscher des Projekts feststellen mussten, dass bereits zwei Sprachen ausgestorben sind – die der “Apiaká“ und die der “Umutina“.
“Es gibt auch eine entsprechend schwierige Situation bei zahlenmässig grossen Gruppen – dort hat man zwar eine expressive Anzahl Personen über vierzig, die die Originalsprache sprechen, aber gleichzeitig gibt es Gruppen von Jugendlichen, die ihre Stammessprache nicht mehr sprechen und sie auch nicht mehr pflegen wollen. Also hat man keine Mittel, die entsprechende Sprache zu erhalten. Die Situation ist ziemlich dramatisch. Denn dies ist ein kulturelles Erbe, welches nicht nur dem brasilianischen Volk sondern der ganzen Welt gehört“, hebt Levinho hervor.
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Es ist ein unwiederbringlicher Verlust, sowohl für die indigene Kultur als auch für das linguistisch-kulturelle Erbe weltweit. Spezialisten und Indigene bestätigten in einem Interview, dass diese Sprachen, die sich im Verlauf von Jahrhunderten entwickelt haben, von grundlegender Bedeutung für die Mythologie eines Volkes und dessen Erhaltung seiner kulturellen Manifesten wie Gesänge, Tänze, und Zeremonien sind.
Ausserdem sind die Sprachen komplexe Systeme die, wenn sie erst einmal studiert und verstanden werden, zum besseren Verständnis der eigenen menschlichen Sprache beitragen können. Indios, die in diesem Interview gehört wurden, bestätigten, dass sie selbst ebenfalls ihre Muttersprache als ein Instrument zur Selbstbestätigung ihrer Identität und ihrer Kultur betrachten.
Wer ebenfalls annimmt, dass dieses Sprachensterben in den nächsten Jahren stattfinden wird, ist der Linguist Wilmar da Rocha D’Angelis, von der Universidade Estadual de Campinas (Unicamp), Koordinator einer Gruppe von Sprachforschern, spezialisiert auf eingeborene Sprachen des brasilianischen Territoriums. Seiner Schätzung nach werden sich mindestens 40 Sprachen in einer Frist von 40 Jahren verlieren.
“Kein Linguist macht gern eine solche Voraussage, zumal unsere Rolle eigentlich darin besteht, dazu beizutragen, dass die Sprachen von Minoritäten gestärkt werden und wir Überlebensstrategien entwickeln“, sagt D’Angelis. “Aber ich riskiere sogar zu behaupten, dass sie anhand heutiger Umstände im Lauf der nächsten 40 Jahre aussterben müssen – durchschnittlich eine Sprache pro Jahr“, ergänzt er.
Auf der Site des „Laboratório de Línguas e Literaturas Indígenas” der Universidade de Brasília (UnB) gibt es eine Liste mit 199 indigenen Sprachen.
Die genaue Anzahl der Sprachen brasilianischer Indios wird von einer Quelle zur andern unterschiedlich angegeben, denn die Definition der Grenzen zwischen der einen und der anderen Sprache unterliegt einer subjektiven Betrachtung, und die hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie grammatischen, linguistischen und sogar politischen Kriterien. D’Angelis schätzt, das es in Brasilien zwischen 150 und 160 indigene Sprachen gibt.
Das Portal “Ethnologue.com“, das wie eine Datenbank der heute weltweit gebräuchlichen Sprachen funktioniert, listet für Brasilien zirka 170 indigene Sprachen auf, die von noch lebenden Indios gesprochen werden. Unter diesen Sprachen werden 37 als “fast ausgestorben“ bewertet, das heisst, die sie sprechen, sind alte Leute, die kaum Gelegenheit haben, sie zu benutzen. Und es gibt 23 Sprachen darunter, die als “aussterbend“ betrachtet werden, das heisst, sie werden nur von der ältesten Generation noch gepflegt, die sie zur Unterhaltung unter sich benutzen.
Streicht man also diese 60 Sprachen, bleiben zirka 110 übrig, die auch noch bei den jüngeren Teilen der Bevölkerung in Gebrauch sind. Trotzdem muss man in Betracht ziehen, dass es auch bei vielen dieser Sprachen nur wenige Benutzer gibt. D’Angelis sagt zum Beispiel, das es in einem Gesamt von 100 dieser Sprachen weniger als 1.000 regelmässige Nutzer gibt.
Der Forscher erinnert daran, dass zirka 1.000 indigene Sprachen Brasiliens im Verlauf der letzten 500 Jahre ausgelöscht wurden. “In der Mehrheit der Fälle geschah die Auslöschung einer Sprache zusammen mit der Vernichtung der indigenen Kommune, die sich ihrer bediente“, bestätigt der Forscher.
Seiner Meinung nach hängt das grösste Risiko für die indigenen Sprachen heute nicht mehr von einer Auslöschung der indigenen Bevölkerung ab. “Obwohl sich in Gegenden wie Mato Grosso do Sul, Rondônia und einigen Teilen Amazoniens immer noch eine Situation von institutionalisierter Gewalt hält, die als Genozid bezeichnet werden kann, hängt das Verschwinden von Minderheitssprachen im heutigen Brasilien nicht mehr von der Ausrottung ihrer Sprecher ab. Sondern die Prozesse der Einschulung, die Ausbeutung der indigenen Arbeitskraft und verschiedene soziale Programme, inklusive jene, die den Einzug des Fernsehens in allen Dörfern befürworten, verursachen den bemerkenswerten Kulturschock.
Der indigene Direktor der “Federação das Organizações Indígenas do Rio Negro”, im Bundesstaat Amazonas, Isaías Pereira, ist der Meinung, das ein Indio einen bedeutenden Teil seiner Kultur verliert, wenn er aufhört, seine eigene Sprache zu sprechen. “Mit der Invasion Brasiliens und seiner Kolonisierung, seit jener Zeit haben wir begonnen, unsere eigene Kultur zu verlieren. Wir müssen weiter dafür kämpfen, unsere eigene Kultur zu bewahren und unsere eigene Sprache“!
Der Forscher Glauber Romling da Silva, der sich am Projekt der Dokumentation im Indio-Museum beteiligt, vergleicht den Verlust einer Sprache mit der Ausrottung einer Spezies. “Wenn man eine Sprache bewahrt, dann bewahrt man mit ihr die Sitten und Gebräuche derjenigen, von denen sie gesprochen wird.“, sagt er.
Romling erinnert daran, dass die Verfassung den Indios eine differenzierte Erziehung zusichert – mit eigenen Schulen, die die eingeborene Sprache lehren. Stattdessen, so sagt er, existiert eine ganze Reihe von Schwierigkeiten, die das Lehren der Sprache und die Qualität dieser Schulen kompromittieren – wie das Fehlen von qualifizierten Lehrern und didaktischem Material, darüber hinaus gibt es strukturelle Probleme in den Schulen selbst. Die Jugend zieht daraus die Konsequenz und frequentiert die Schulen in der Stadt. Der Museums-Direktor José Carlos Levinho glaubt, dass die Schulen in den indigenen Dörfern, in ihrer heutigen Struktur, nicht zu einer Erhaltung der indigenen Kultur und Sprache beitragen.
“Erziehung ist ein Prozess der Sozialisierung, und wenn die auf einem schwachen Fundament steht, schafft sie mehr Probleme als Lösungen. Man entdeckt die Fehler sowohl in der Art und Weise wie diese Schulen konstruiert sind, als auch in der Unlogik ihrer Funktionen. Die Gesamtstruktur besitzt nicht die notwendige Flexibilität, um sich in der Realität behaupten zu können. Das grosse Beziehungsproblem zwischen Weissen und Indios besteht darin, dass die einen die Eigenheiten der andern nicht beachten“, sagt er. Seiner Meinung nach sollten die Regierungen mit den Indigenen reden und die Singularität jedes einzelnen Volkes in Betracht ziehen. “Man muss den Andern so sehen, wie er wirklich ist, ihn als Andersartigen respektieren, der er ist. Und dann die Konditionen schaffen, ihn zu integrieren“.
Die nationale Sekretärin für Erziehung, Alphabetisierung, Diversifikation und Integration sagt, dass die Regierung sich darum bemüht, in die Ausbildung von indigenen Lehrern zu investieren – mittels des Projekts “Saberes Indígenas nas Escolas“ (Indigenes Wissen in den Schulen), um zu garantieren, dass die native Sprache den Kindern in den Schulen vermittelt wird.
„Wir haben ein Netz mit den Universitäten organisiert, um die Diversifikation der eingeborenen Sprachen zu bewältigen. Heute arbeiten wir im „Projekt Indigenes Wissen“ an der Ausbildung von Lehrern in 77 indigenen Sprachen“, erklärt sie. „Aber das ist ein langer Weg mit einer komplexen Agenda“. Wie sie berichtet, hat das Ministerium für Erziehung (MEC) ebenfalls in die Forschung und Dokumentation von indigenen Sprachen investiert – in die Ausarbeitung von didaktischem Material und in den Bau von indigenen Schulen.
“Wir gehen von der Voraussetzung aus, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die Garantie einer Erziehung zuteil werden zu lassen, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit und in jedwedem Winkel unseres Landes. Unsere Anweisungen für die Erziehungssysteme lauten dahingehend, dass sie bei der Entwicklung einer Planung des erzieherischen Angebots auf die Bevölkerung hören sollen. Und, dass jene Kommunen mit einer eigenen Sprache, Zugang zum Erlernen derselben bekommen, sowie zum Erlernen des Portugiesischen als Zweitsprache“, sagte die Sekretärin.