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t = 6:43:26 vmax = 57 km/h
Wetter: Super! Morgens war es angenehm kühl und leicht bewölkt. Ich hatte fast ständig starken Wind im Rücken, einen großen Teil der Strecke konnte ich mit ø 35 km/h fahren. Nachmittags war es sehr warm, gegen Abend zogen Unwetterwolken auf.
Was ich von Novi Sad während der Durchfahrt sah, machte Appetit auf mehr. Die Festung Petrovaradin mit ihren Anlagen wirkte beeindruckend.
An einer Tankstelle schaute die Verkäuferin kurios drein als ich darum bat, die Toilette benutzen zu dürfen und mich danach auch noch bedankte. An einer anderen Tankstelle, wo ich Wasser nachfüllen wollte, saß ein Mädchen. Etwas neben mir stehend grüßte ich nicht einmal, sondern fragte den Inhaber nach Wasser. Er zeigte mir einen Schlauch, an dem ich mich bedienen konnte. Das Mädchen kam herüber und half mir dabei. Ich schaute sie gar nicht weiter an, verabschiedete mich dann nonchalant. Im Nachhinein ärgerte ich mich sehr über mein ignorantes Benehmen. :(
Einige Kilometer nach der Stadt ging es ein gutes Stück bergauf. In dem Dorf am Ende des langen Anstiegs machte ich zur Belohnung eine Rast und aß zum Nachtisch Mirabellen von einem Baum am Straßenrand. Die Abfahrt war länger als der Aufstieg und ziemlich flott, aber enorm holprig. Dieses Foto vermittelt einen Eindruck vom Zustand der Europastraße, die ich mit reichlich 50 km/h befuhr. Ich klemmte das Mittelrohr fest zwischen die Oberschenkel, um nicht vom Fahrrad geschüttelt zu werden.
In Belgrad fuhr ich eine zweispurig Straße entlang, als ich aus den Augenwinkeln von links irgendwas auf mich zukommen sah. Ich weiß nur noch, dass ich plötzlich Richtung Asphalt unterwegs war und dabei aus einem Reflex heraus laut pfiff (!?!), um auf mich aufmerksam zu machen. Ein Autofahrer hatte mich überholt, um gleich darauf rechts abzubiegen - das scheint in der Gegend Mode zu sein. Ich rappelte mich auf und zog mein Fahrrad von der Kreuzung. Die Leute auf dem Fußweg schauten verstohlen (so hatte ich den Eindruck) zu mir, der Autofahrer hielt ein ganzes Stück entfernt. Die ganze Zeit plärrte ein Lautsprecher was von "polica". Ich dachte: Meine Güte, es gibt hier ein automatisches Unfallüberwachungssystem? wtfomg 0o. Ich kam mir vor wie in 1984. Erst später wurde mir klar, dass das nur die akustische Meldung für "Grün" an der Fußgängerampel war. Die Stimme hatte nicht von "polica" sondern von "ulica" (Straße) gesprochen.
Aus dem Auto, das mich umgefahren hatte, stieg nach einiger Zeit ein älterer Mann an der Beifahrerseite aus und kam langsam, mit Pausen, auf mich zu. Er sprach weder deutsch noch englisch, ich beschimpfte ihn daher auf deutsch und ließ es dabei. Erst später überlegte ich, dass ich mit der Polizei hätte drohen sollen - vielleicht wäre etwas für mich herausgesprungen. Außerdem hätte ich nicht nur den Mann, sondern auch und vor allem den Fahrer ausmeckern sollen. Instinktiv hatte ich wohl gut reagiert, ich hatte keine Blessuren außer der dicken blauen Ringfingerkuppe an der linken Hand, die anscheinend zwischen Auto und Fahrradlenker eingequetscht worden war. Unterm linken Daumennagel war ein kleines Hämatom, aber nicht schlimm. Zudem hing die Packtasche auf der linken Seite des Gepäckträgers und verhalf meinem Bein zu genügend Spielraum zwischen Asphalt und Fahrradrahmen.
Im Tagebuch steht "Am Fahrrad vorn untere linke Halterung verbogen" - ich glaube, ich meinte damit den Lowrider. Das hintere Schutzblech war ausgehängt, später merkte ich, dass der Gepäckträger verbogen war und das Schutzblech deswegen schief saß und am Rad schliff. Ein beherzter Ruck am Gepäckträger brachte ihn wieder in Form.
Ein ganzes Stück weiter im Südosten Belgrads war ich flott unterwegs, als ich bei einem Spurwechsel mit dem Vorderrad in die schmale Rille eines Straßenbahngleises geriet. In Sekundenbruchteilen (so scheint es mir in der Erinnerung) stand ich aus dem Sattel auf, stemmte mich mit dem rechten Fuße gegen die Straße, während ich den Lenker hochzog und nach leicht links drehte. Mit kaum verminderter Geschwindigkeit, aber stark klopfendem Herz rollte ich weiter. Ein weiterer Sturz - diesmal mitten im dichten Verkehr - hätte mir gerade noch gefehlt.
Ausgangs Belgrad machte ich kurz Rast an der am schönsten gelegenen Tankstelle Belgrads. Man hat von dort einen wunderbaren Blick in das Tal, in dem ein Vorort Belgrads mit vielen Einfamilienhäusern liegt. Nachdem ich ein paar Fotos gemacht hatte, fragte ich eine Frau, die vor der Tankstelle saß, nach dem Weg.
Sie sagte "niema romzumiem" oder so ähnlich (im Polnischen heißt das "weiß nicht") und rief eine andere, die englisch sprach und mir bestätigte, dass ich auf der Straße bin, auf der ich sein wollte. Dummerweise antwortete ich auf ihre Frage, wohin ich denn fahren will mit "Istanbul", worauf sie anfing, hektisch-nervös in meiner Karte zu blättern. Da kam eine dritte Frau aus der Tankstelle: "Sprechen Sie deutsch? Wo ist das Problem?" Ich versicherte, dass es keins gab und ich alles erfahren hatte, was ich wissen wollte.
Östlich von Belgrad war der Verkehr noch ziemlich dick. Ein Spediteur überholte mich, nachdem er eine Weile geduldig hinterher gefahren war, ziemlich knapp. Als ich ihn das nächste Mal überholte und ihn grüßte, schaute er verwundert. Als er mich die nächsten zwei Male überholte, grüßte er ebenfalls. :)
In den Hügeln nach Belgrad fragte mich einer mit einem sehr klapprigen, aus dem Motorraum qualmenden Wagen nach dem Weg - auf serbisch. Ich verstand nichts, legte das Fahrrad an den Straßenrand und ging mit der Karte zu ihm. Als er auf den Ortsnamen "Bolec" deutete und "Boledsch" sagte, war alles klar. Kurz zuvor hatte ich einen Wegweiser mit diesem Namen gesehen und an "Lolek & Bolek" gedacht - eine polnische Trickfilmserie. Ich sagte dem Mann, dass er wieder zurück fahren müsse. Er fuhr etwas weiter den Berg hinauf um umzulenken, ich schob weiter – nachdem er umgelenkt hatte, fing er nochmal ein kurzes Gespräch an: Woher ich komme, er habe einen Freund in Deutschland in ... (klang nach Bayern), er selbst sei Armenier und wohne in Belgrad - ob ich einen Wunsch habe, er mir etwas helfen könne? Ich sagte halb ironisch, dass ich höchstens Geld bräuchte - später fiel mir ein, das ich nach Bier hätte fragen sollen. Er wünschte mir "God bless you" und eine gute Reise, ich ihm gute Fahrt mit seinem Wagen.
Ein Auszug aus dem Tagebuch: "Wird ziemlich früh dunkel hier, muss wohl doch mal Zeit vergleichen & evtl anpassen. Gestern gegen 21:45 stockduster, heute etwa um 21:30. Müsste mal nachschauen, wieviel km genau ich direkt nach Osten gefahren bin. Btw bis Budapest und heute fast immer Rückenwind gehabt. Genial!"
Da ich mein Pensum sehr früh erfüllt hatte, konnte ich mich zeitig auf die Suche nach einem Rastplatz machen. Jugovo ist, anders als auf der bikeline-Karte, ein Vorort von Smederevo, an dessen Donauufer maximal 500 Meter unbebauten Landes, anscheinend Industriebrache, zu finden sind. Mit Mühe und viel Glück entdeckte ich auf dieser Fläche einen Platz zum Übernachten. Ich schaffte ein wenig Raum, indem ich das Fahrrad durch das hohe dürre Gras zog. Den Boden suchte ich nach Unebenheiten ab, um das Tarp halbwegs günstig aufstellen zu können. Der Aufbau war recht mühsam, unter der Grasnarbe lagen viele große Steine und Schlacken. Ein Ende des Tarp musste ich an alten Gleisen verspannen, was auch nicht einfach war. 18:30 hatte ich den Platz gefunden, gegen 19:30 war das Lager fertig - sehr früh für meine Verhältnisse.
Die Donau hat hier ein Steilufer, das an manchen Stellen leicht zugänglich ist. An "meinem" Stück saß ein Angler, dem ich zuschaute, während ich Abendbrot aß: Knacker mit Brot und Knoblauch. Nachdem der Angler gegangen war, wusch ich mich und meine Kleidung. Als ich beinah fertig war, begann es sachte zu regnen. Bisher war nur ein kurzer Regenschauer niedergegangen, aber auf der anderen Seite der Donau hatten sich drohende Wolkenberge gesammelt, aus denen hin und wieder Blitze zuckten. Unterm Tarp war es schön heimelig.
Übrigens: Ich weiß nicht mehr, wann es zum ersten Mal auftrat oder mir auffiel: Auf etlichen Strecken verursachten kleinste Seitwärtsbewegungen der Reifen leises Quietschen auf dem Asphalt.