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Der ägyptisch-französische Ökonom Samir Amin war ein scharfer Kritiker der herrschenden Globalisierung. Als «kreativer Marxist» vertrat er hartnäckig die Interessen der armen Bevölkerungsmehrheit in Afrika und Asien.
Er war für den westlichen Marxismus das Gewissen aus dem Globalen Süden. Wenn die Ausbeutung durch den Kapitalismus in den Zentren verhandelt wurde, reklamierte Samir Amin immer die Sicht der Peripherie. Unter dem Stichwort «Eurozentrismus» kritisierte er den Universalitätsanspruch westlichen Denkens auch auf der linken Seite scharf.
Samir Amin, 1931 in einer ägyptisch-französischen Familie geboren, studierte zuerst in Kairo, danach in Paris, mit Abschlüssen in Politikwissenschaften, Statistik und Ökonomie. Bereits als Sechzehnjähriger, erzählte er später, sei er Kommunist geworden; so schloss er sich der ägyptischen, dann der französischen KP an. Die Bandung-Konferenz der unabhängigen afrikanischen und asiatischen Staaten 1955 gab ihm eine Richtung vor, da sie einen anderen Weg als den der westlich-kapitalistischen Globalisierung versprach. Kurzfristig arbeitete er in der Verwaltung der nationalrevolutionären Regierung von Gamal Abdel Nasser in Ägypten, hierauf in Mali. 1966 wurde er Professor in Paris, parallel dazu in Dakar, Senegal, wo er in den letzten vierzig Jahren seinen Lebensmittelpunkt hatte. Er initiierte und leitete verschiedene Organisationen und Thinktanks, etwa das Third World Forum, und veröffentlichte rund dreissig Bücher.
Nach der ersten Welle der Entkolonialisierung sah Amin den Neokolonialismus zurückkehren. Ende der sechziger Jahre untersuchte er die «Unterentwicklung» und Abhängigkeitsverhältnisse im Weltmassstab, parallel zu Theoretikern wie Immanuel Wallerstein und André Gunder Frank. Zwar anerkannte er die Leistung des westlichen Kapitalismus, angesichts von Produktivitätsfortschritten durch einen Klassenkompromiss eine (gemässigte) Reallohnentwicklung zuzulassen. Eine solche Entwicklung sei jedoch in Afrika durch die im westlichen Interesse strukturierte Nahrungsmittel- und Rohstoff-Exportwirtschaft sowie die ungleichen Tauschverhältnisse auf dem Weltmarkt blockiert. Dagegen forderte er, wie etwa auch Dieter Senghaas, die Abkopplung vom Weltmarkt und die gesteuerte Entwicklung eigenständiger Nationalökonomien.
Kritik am Eurozentrismus
Mit seinem Buch «Eurozentrismus» von 1988 beförderte er die postkoloniale Kritik aus ökonomischer Sicht. Eurozentrisches Denken setze den westlichen Entwicklungsweg als universales Vorbild und Allheilmittel. Mit diesem Anspruch sei es aber gerade antiuniversalistisch. Amin richtete diese Kritik gegen jeden Kulturalismus, insbesondere den fundamentalistischen Islamismus, der eine Antwort auf die Krise der Moderne verspreche, aber die Krise bloss im Sinne von Partikularinteressen verwalte.
Vom Süden aus betrachtet blieben jederzeit die Milliarden von BäuerInnen im Fokus sowie die verheerenden Konsequenzen, die ihr rasanter Einbezug in den kapitalistischen Weltmarkt bewirkte. Amins Analyse war dabei radikal und grundsätzlich. Öfter beschrieb er den Kapitalismus im Niedergang. Seit der grossen Krise von 1973 sei dieser «senil» geworden, schlage allerdings umso gewalttätiger um sich, mit zunehmender globaler Verelendung. Wenn nicht bald eine Transformation erfolge, so würden auch die KritikerInnen des Kapitalismus zu ohnmächtigen «Leichenbeschauern».
Solche Untergangsszenarien mochten ein wenig mantramässig wirken, aber Amin verband das mit einem pragmatischen Einschlag. So modifizierte er das Konzept der Abkopplung und anerkannte die Notwendigkeit von Fremdkapital für wirtschaftliche Entwicklung, sofern dieses national kontrolliert werde. Der Nationalstaat bleibe Ausgangspunkt für Veränderungen, die aber global werden müssten. Man könne nicht hinter die Globalisierung zurückgehen, sondern müsse diese gerechter gestalten. Amin war nicht Antiglobalisierer, sondern «Altermondialist». Und als «kreativer Marxist» verband er die Bedeutung der Bodenfrage zusehends mit derjenigen nach der Ernährungssicherheit und mit ökologischen Problemen.
Selbstaktivität
Unverbrüchlich glaubte er an die Selbstaktivität der Massen. «Selbstverständlich fängt die Transformation der Welt immer damit an, dass an ihrer Basis Kämpfe beginnen und sich entfalten.» Den Arabischen Frühling von 2010 begrüsste er als «zweite Welle des Erwachens der Völker des Südens». Dass die Welle wiederum in eine Ebbe verlaufen konnte, wurde ihm bald klar. Aber Befreiung sah er als langwieriges Projekt.
Im deutschsprachigen Raum ist Amin vor allem durch Bücher im VSA-Verlag und bei Promedia bekannt geworden; gelegentlich sind Artikel von ihm auch im «Widerspruch» erschienen. Am 12. August ist er im Alter von 86 Jahren gestorben.
Die Bewegung des Altermondialismus ist gegenwärtig nicht mehr so präsent und aktiv. Amins theoretische und interventionistische Provokationen aufzugreifen, bleibt umso wichtiger.