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Als erstes möchte ich der Madison Public Library (der öffentlichen Bibliothek von Madison) zustimmen, die das Buch auf ihre Liste der 100 gut lesbaren Klassiker gesetzt hat. Die Bibliothek definiert die beiden Kriterien wie folgt (von mir ins Deutsche übersetzt): »Ein Klassiker ist ein Werk von anhaltendem Interesse und anhaltender... Als erstes möchte ich der Madison Public Library (der öffentlichen Bibliothek von Madison) zustimmen, die das Buch auf ihre Liste der 100 gut lesbaren Klassiker gesetzt hat. Die Bibliothek definiert die beiden Kriterien wie folgt (von mir ins Deutsche übersetzt): »Ein Klassiker ist ein Werk von anhaltendem Interesse und anhaltender Anziehungskraft, in dem folgende Generationen zeitlose Wahrheiten finden können. Gut lesbar sind diejenigen Klassiker, deren Anziehungskraft sich direkt offenbart und durchweg bestehen bleibt.« Beides trifft in meinen Augen auf dieses Buch zu. Ich war schon nach wenigen Sätzen gefangen von der Geschichte rund um Miss Jean Brodie, diese so charismatische wie manipulative, so weltoffene wie engstirnige Lehrerin, und ihre Lieblingsschülerinnen. Muriel Spark spricht in diesem dünnen Bändchen eine erstaunliche Vielzahl an Themen an: Erziehung und die Rolle von Autoritätspersonen im Leben ihrer Schützlinge, Gruppendynamik und Individualität, Vorbestimmung und freier Wille, Instinkt und rationale Einsicht, Sexualität, Religion, Faschismus... Das liest sich erstaunlich unterhaltsam, mit einem großartigen Humor, und dennoch ertappt man sich Stunden, nachdem man das Buch zugeklappt hat, noch dabei, wie man darüber nachgrübelt. Ich will euch nicht mit einer ellenlangen Analyse langweilen, deswegen hier nur ein paar meiner Eindrücke: Miss Jean Brodie ist eine unkonventionelle Lehrerin, die sich mit selbstverständlicher Missachtung über die vorgeschriebenen Lehrpläne hinwegsetzt. Wenn eigentlich Geschichte oder Grammatik an der Reihe wären, erzählt sie stattdessen von ihrem glamourösem Leben - ihren Reisen, ihrer tragischen großen Liebe und immer wieder von der Bedeutung ihrer persönlichen "Blütezeit", die sie für ihre Schülerinnen opfert. Ich habe schon erwähnt, dass sie eine charismatische Frau ist, die das aber auch einsetzt, um Menschen zu manipulieren: Sie wählt sich ganz bewusst Schülerinnen heraus, die ihr würdig erscheinen, und beginnt damit, sie nach ihrem Vorbild zu formen. Einerseits erweitert sie mit ihren außergewöhnlichen, manchmal sogar radikalen Ideen sicher den Horizont ihrer Mädchen, anderseits erwartet sie von ihnen, diesen dann direkt wieder einzuschränken - denn Miss Brodies grundlegendste Eigenschaft ist vielleicht ihre Ich-Bezogenheit. Ob bewusst oder unbewusst, in ihrer kleinen Welt ist sie selbst das Maß und Zentrum aller Dinge, und sie erwartet ständige Bewunderung und Bestätigung, sowie bedingungslose Loyalität. Der Verdacht drängt sich auf, dass Miss Brodies angeblich so schillerndes Leben in Wirklichkeit doch nur ein ganz gewöhnliches, vielleicht sogar armseliges ist... Ihr Verhalten ist oft extrem übergriffig und für das Alter ihrer Schülerinnen vollkommen unangemessen. Es würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, würde ich auf jedes Brodie-Mädchen einzeln eingehen, deswegen möchte ich nur Sandy und Mary erwähnen. Es wird immer wieder erwähnt, dass Sandy außergewöhnlich kleine Augen hat, und dennoch ist sie wahrscheinlich diejenige mit der klarsten Einsicht in die Gruppendynamik der Auserwählten von Miss Brodie - was allerdings nicht heißt, dass es ihr leichtfällt, sich dem zu widersetzen! Sie versteht instinktiv, dass Miss Brodie die einfältige, ungeschickte Mary ganz bewusst zum Sündenbock macht, um der Gruppe sozusagen ein Ventil für ihre Frustrationen und Zweifel zu geben, das sie beliebig steuern kann. An einer Stelle setzt sie Miss Brodies' Instrumentalisierung von Gruppenzwang und Feindbildern gleich mit der Art von Dynamik, mit der charismatische Despoten wie Mussolini ihre Anhänger an sich binden - was umso bestürzender ist, da Miss Brodie tatsächlich glühende Anhängerin von Mussolini und Hitler ist. Sandy scheint im gleichen Maße angezogen und abgestoßen von ihrer Lehrerin, und ich habe mich ein paarmal gefragt, ob sie nicht auch unterdrückte romantische Gefühle für sie hat. Traurigerweise kann sich sogar die immer wieder erniedrigte und gescholtene Mary nicht von Miss Brodies Einfluss lösen sondern denkt Jahre später noch darüber nach, dass die Zeit mit Miss Brodie die schönste ihres Lebens war. Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass die Mädchen alle auf irgendeine Art in ihrer emotionalen Entwicklung verkrüppelt wurden durch Miss Brodies' Einfluss. Es ist immer mal wieder die Rede von den beiden Männern in Miss Brodies' Leben, aber auch diese werden von ihr manipuliert und als Mittel zu dem Zweck eingesetzt, ihr schnödes Dasein dramatischer und glamouröser zu gestalten. Verstörenderweise strebt sie sogar in diesem Aspekt ihres Lebens danach, quasi eine zweite Jugend durch ihre Schülerinnen zu erleben... Den Schreibstil fand ich ganz wunderbar, mit zarten Formulierungen und genau der richtigen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor. Jedem, dem es möglich ist, würde ich unbedingt das englische Original empfehlen, denn in der deutschen Übersetzung geht ein klein wenig des sprachlichen Zaubers verloren. Womit ich nicht sagen will, dass es eine schlechte Übersetzung ist! Peter Naujack ist sicher ein großartiger Übersetzer klassischer Werke, aber ich stimme dem Autor Miguel de Cervantes zu: »Das Lesen einer Übersetzung entspricht der Untersuchung der Rückseite eines Gobelins«. Fazit: Eine so charismatische wie eigensüchtige Lehrerin steuert in den 30er Jahren das Leben einer kleinen Gruppe auserwählter Schülerinnen, scheitert aber letztendlich daran. So könnte man es zusammenfassen, denn es passiert an sich nicht viel in diesem kleinen Büchlein - es lebt weniger von der Handlung als von den Einsichten in das oft verquere Seelenleben der Charaktere und die merkwürdige Dynamik innerhalb ihrer sozialen Gruppe. "Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" ist in meinen Augen ein sehr guter Einstieg für Leser, die sich gerne mehr mit den Klassikern der Literatur beschäftigen möchten: es ist kurz, leicht verständlich und unterhaltsam, bietet dabei aber viel Stoff zum Nachdenken.
Seit einigen Jahrzehnten lese ich dieses Buch immer wieder. Und jedes Mal fasziniert mich die Lektüre noch mehr, als beim vorhergehenden Mal! Und ich bin nicht in der Lage, genau die Schönheit dieses Buches zu entschlüsseln. Es bleibt immer wieder ein Geheimnis! Vordergründig ist es keine besonders "schöne" Geschichte:... Seit einigen Jahrzehnten lese ich dieses Buch immer wieder. Und jedes Mal fasziniert mich die Lektüre noch mehr, als beim vorhergehenden Mal! Und ich bin nicht in der Lage, genau die Schönheit dieses Buches zu entschlüsseln. Es bleibt immer wieder ein Geheimnis! Vordergründig ist es keine besonders "schöne" Geschichte: von einer Lehrerin (Jean Brodie) in Edinburgh, die in der Zeit von 1931 bis 1939 eine Gruppe von Schülerinnen (6 Mädchen) zu ihrer "Brodie-Clique" formt. Vom elften bis achtzehnten Lebensjahr prägt, erzieht und bildet sie diese Mädchen auf eine ganz eigenwillige Art und Weise. Da Miss Brodie über ein erstaunliches Selbstbewusstsein verfügt und sich über alle Jahre hinweg in "der Blütezeit ihres Lebens" sieht, verfolge ich mit Entzücken den Weg in's Erwachsenwerden dieser Mädchen. Miss Brodie muss wegen ihres völlig unkonventionellen Lebensstils und ihrer pädagogischen Methoden jedes Jahr auf's Neue gegen ihre Entlassung kämpfen. Zum Schluss setzt sich die Direktorin durch. Was der Hintergrund dieses Rausschmisses ist ("Verrat"? oder doch nur die "Lächerlichkeit" der Lehrerin??) das werde ich hier nicht verraten. Wenn Miss Brodie wirklich "lächerlich" sein sollte, wie ein Mädchen aus der Clique behauptet, sind es dann nicht alle ihre Schülerinnen (mit ihren Gedanken, Plänen, Handlungen) genauso? Und was sind dann bitte wir, die Leserinnen und Leser??! Diese 240 Seiten können Ihnen jedenfalls für lange Zeit Rätsel aufgeben. Ein großartiges Buch!!