Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03582.jsonl.gz/647

In Zeiten, in welchen das gesellschaftliche Leben eingeschränkt ist, tut es gut Musik zu hören, und manchmal helfen die bedeutungsschweren Songs. Im letzten Monat konnte man U2s Single One anlässlich des 30. Jahrestags ihrer Veröffentlichung öfters am Radio hören. Der Song wurde an Benefizkonzerten für Bosnien (1995), Tibet (1997) und Nelson Mandela (2003) sowie bei Live 8 (2005), für die Opfer des Hurrikans Katrina (2005) und an der Gedenkfeier für den ermordeten Pariser Lehrer Samuel Paty (2020) gespielt und passt auch in die heutige Zeit.
One ist nicht trotz, sondern gerade wegen seiner unlösbaren Zweideutigkeit so kraftvoll. Es ist ein Lied über Enttäuschung, Wut, Schuldzuweisungen und Uneinigkeit, das vor dem Hintergrund der Wiedervereinigung Deutschlands geschrieben wurde. Die rollende Schönheit der Musik bedeutet, dass sie sowohl wütend und verletzend als auch warm und heilend ist. Es ist ein schmerzhaftes Gespräch, aber zwischen wem und worüber, ist unklar. Es wurde verschiedentlich als ein Lied über eine Band in der Krise, eine scheiternde Ehe, einen Vater und seinen Sohn im Streit, ein wiedervereinigtes Land, ein geteiltes Land und einen Streit mit Gott beschrieben, und vielleicht ist es all das. Es ist flexibel genug, um immer wieder neue Resonanzen zu finden.
‘One but not the same’ – das Konzept des Einsseins ist eine unmögliche Forderung. Vielleicht funktioniert der Song, weil er eben nicht zur Einheit aufruft. Er zeigt uns, dass wir an andere gebunden sind, ob wir es wollen oder nicht. ‘We get to carry each other', heisst es. Das Tragen ist eher eine Beobachtung als eine Anweisung. Bono singt aus dem Zustand der Erschöpfung, der das Endstadium eines epischen Streits kennzeichnet, wenn so viele Anschuldigungen vorgebracht und Beschwerden geäussert wurden, dass es unmöglich ist zu sagen, ob die Teilnehmer es noch einmal versuchen, oder beschlossen haben, dass es keinen Weg zurück gibt.
Der Text enthält viel mehr als den Konflikt und den Herzschmerz, mit dem er beginnt. Es passiert eine Entwicklung. Man kann fast spüren, wie das Eis zwischen den beiden Charakteren schmilzt, während der Song fortschreitet. ‘One but not the same’ lässt Raum für viele Unterschiede. Es geht um Verzeihen, aber auch darum, dass die Dinge manchmal unversöhnlich sind und wir akzeptieren müssen, die sie nie ganz auf dieselbe Weise sehen. Und doch werden wir uns gegenseitig tragen. Darin liegt die Zuversicht.
In diesem Sinne wünsche ich eine schöne Adventszeit.
Aleksandar Popov, Rektor
PS: Unser Webredaktor und Englischlehrer Daniel Cojocaru hat eine neue Kurzgeschichte publiziert. "The Sco2rlet Letter" trägt sich in einem post-apokalyptischen Setting zu und ist hier zu finden: https://apocalypse-confidential.com/2021/11/12/the-sco2rlet-letter/. Wir gratulieren herzlich!
PPS: Am 7.12.2021 werden sich die 5. und 6. Klassen im Rahmen des Menschrechtstags an der KZO mit dem Thema ‘Zugang zu Wasser als Menschenrecht?’ befassen. Wir danken den Organisatoren Zoltàn Kaszàs und Thomas Müller.