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Das verbotene "Ich"
Zeiten und Werte haben sich geändert, aber das verbotene Ich geistert heute noch durch die Gazetten. Ein Journalist, den ich hoch schätze, schreibt in seiner Kolumne nie „ich“, sondern „wir“. „Wir haben keine Zweifel, dass...“ „Wir entnehmen Zeitungsberichten...“ „In der Lobby unseres Hotels... kommt spontan ein junger Mann auf uns zu...“ War da, Kollege, immer Ihre Gattin dabei oder ein Freund? Hatte auch die Gattin keine Zweifel? Eine beliebte Alternative ist „man“: „Man ist es sich nicht gewohnt, dass ...“ Oder „der Schreibende“. Ein anderer Schreibender beginnt mit: „Dieses Apropos erfolgt in eigener Sache ...“ und dann „Der Schreibende hat ...“
Das Ich-Verbot atmet den Geist einer vergangenen Zeit, als man (ja, hier ist das „man“ richtig, es bezeichnet eine anonyme Kollektivität) glaubte, wenn man höflich sein wolle, müsse man dem andern immer den Vorrang einräumen. Das wollten und fühlten und taten wir ja nicht, aber wir mussten so tun als ob. Schiebe dich ja nicht in den Vordergrund! Schreibe nie „Ich“! Diese von Kindesalter her aufgezwungene Äusserlichkeit beim Reden und Schreiben widerspricht dem natürlichen Verhältnis zwischen zwei Menschen. Ich bin ich und du bist du. Sie verzögert den natürlichen Kontakt, bis wir ohne künstliche Höflichkeit zueinander finden. Nach Minuten, Stunden, Tagen oder nie.
"Mir lüüted so schnäll wie mögli zrugg"
Ist dieses Ich-Verbot nicht eine Spezialität der Deutschschweizer? Wir tendieren zur Überhöflichkeit. An Telefonbeantwortern höre ich hundertmal den Satz: „Si sind mit der Nummere xxx yy zz verbunde, aber mir sind im Momänt nid dihei und chönd Iren Aaruef leider nid sofort beantworte. Mir würed eus aber freue wänn Si eus nachem Piepston e Nachricht hinderlönd und mir lüüted so schnäll wie mögli zrugg.“ Irgendjemand muss diesen Satz als Hilfe für Schweizer und Schweizerinnen propagiert haben, die hilflos vor der Herkulesaufgabe standen, einen Satz in ihren ersten Telefonbeantworter zu sprechen, und Hunderttausende haben ihn nachgesprochen. Der Satz musste höflich sein, sehr höflich, überhöflich, gewinnend, die Schweizer Höflichkeitstradition praktizierend. Hätte der Erfinder dieses Modellsatzes 5 Rappen pro Gebrauch verlangt, er wäre heute steinreich. Aber was für eine lange Schlange, die ich anhören muss! Von Höflichkeit keine Rede mehr, hundertmal repetiert ist das nicht mehr Höflichkeit sondern eine Zumutung.
„im Momänt nid dihei“ ist überflüssig, das merken wir. „nachem Piepston“ ist überflüssig, das wissen wir. „chönd Iren Aaruef nid sofort beantworte“, eine Evidenz wenn ich auf den Beantworter stosse. Mit dem „leider...“ repetiere ich mein von der Überhöflichkeit gefordertes Mitleid mit dem armen Anrufer. Dito für „würed eus aber freue wänn “... Würed mer das würkli? Vielleicht ist es das Steueramt oder der Zahnarzt. Und alles endet mit einer Lüge: „So schnäll wie mögli...“ Würkli? Greifen wir blitzschnell zum Hörer, wenn wir die Botschaft hören?
In 140 Teilen 14 mal "ich"
An Stelle dieser Schlange genügt mein Name oder meine Telefonnummer. „Da isch de Hansueli Meier“ oder „da isch d’Nummere xxx yy zz, sägezi mir Iri Botschaft.“
Die französische Sprache hat dieses Problem elegant gelöst: Sie unterscheidet zwischen „Je“ und „Moi“. Das „Je“ gibt mir just das Gewicht, das mir zukommt, ohne mir zu viel zuzuschreiben, das „Moi“ wird beim Reden gebraucht, wenn ich Emphase hinter eine Äusserung setzen will. Die Englischsprechenden schreiben das Ich sogar mitten in ihrer Kleinschrift gross! Roger Cohen, ein grosser Kolumnist der International Herald Tribune: „...But I will leave that for another day.“ “I overshare theredore I am.” In 140 Zeilen schreibt er 14 mal Ich!
Vielleicht hat die Deutschschweizer Überhöflichkeit achtenswerte Wurzeln. Wir sind die Mehrheit von 70 Prozent in einer Staatsgemeinschaft von vier Kulturen. Zum friedlichen Zusammenleben haben wir uns nicht ohne Selbstüberwindung angewöhnt, auf die Minderheiten mehr Rücksicht zu nehmen als ihnen proportional zusteht. Und das hat unsere eidgenössische Gemeinschaft vor dem permanenten Streit zwischen Mehrheit und Minderheit bewahrt, den wir sonst überall sehen (Belgien, Quebec, Libyen, Indien, Ceylon, Tibet...) Wir haben das zu einer Manie verselbständigt, die den Kindern das Ich am Anfang des Satzes verbietet.
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