Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03573.jsonl.gz/1212

Ähnlich wie Tolstoi stammte auch Kropotkin aus dem russischen Hochadel. Ähnlich wie jener verzichtete auch dieser auf viele Privilegien, die ihm die Zugehörigkeit zu diesem Stand gebracht hätte. Allerdings war Kropotkin konsequenter, radikaler. Zwar trat er noch in das St. Petersburger Pagenkorps ein, jene Schule, in der die Kinder des russischen Hochadels auf Karrieren in Militär oder Verwaltung vorbereitet wurden. Doch statt nach dieser Ausbildung einem der Nobel-Regimenter der Kaiserlich Russischen Armee beizutreten, was die übliche Karriere garantiert hätte, ließ er sich einem in Sibirien stationierten Regiment zuteilen. Er wollte dort Land und Leute kennen lernen. Das tat er auch, und noch in seinen Memoiren spricht er davon, dass er dort erst eine wirkliche Charakter-Erziehung durchgemacht hätte. Zugleich hatte ihn sein Aufenthalt bei der Armee offenbar ziemlich desillusioniert. Er trat aus und begann ein Studium der Mathematik und Geografie. Im Laufe weniger Jahre wurde er zu einem der führenden russischen Geografen. (Was dazu führte, dass er später auch Artikel für die Encyclopædia Britannica verfasste.)
Seine Erfahrungen und sein Charakter führten ihn zur politischen Betätigung zu Gunsten der Leibeigenen und der Arbeiterschaft. Rasch wurde er zum Anarchismus hingezogen. Dieser war ihm nicht nur Sache des Gefühls, sondern auch der Wissenschaft. Seine Überzeugung war es, die Wissenschaft zeige auf, dass die menschliche Gesellschaft von Natur aus und essentiell anarchistisch aufgebaut sei. So wurde er zum Hauptvertreter eines „wissenschaftlichen Anarchismus“. Damit grenzte er sich und seinen Anarchismus bewusst vom „wissenschaftlichen Sozialismus“ eines Marx oder Engels ab. Deren „Wissenschaft“ war die von Hegel geerbte Dialektik. Wenn nun aber Kropotkin mit etwas rein gar nichts anfangen konnte, waren das die Dialektik und überhaupt die ganze idealistische Philosophie. Vor allem, dass deren Ethik auf nicht wissenschaftlich nachweisbaren, sondern nur postulierten und also metaphysischen Grundlagen wie dem kategorischen Imperativ beruhte, konnte er nicht akzeptieren.
Seine Wissenschaft war die Naturwissenschaft der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, allen voran deren Evolutionstheorie und deren Physik. In der Physik feierte er den Triumph des mechanistischen Denkens, das jede Form von Strahlung (Licht, Wärme etc.) oder auch die Elektrizität auf die mechanische Bewegung der Atome zurück führte und somit metaphysische Konstrukte überflüssig machte. Seine Leitsterne waren Gestalten wie Joule oder Helmholtz. (Der alte Kropotkin hat die Überwindung der mechanistischen Physik nicht mehr rezipiert. Er blieb physikalisch auf dem Stand des 19. Jahrhunderts, blieb Positivist.)
Bei der Evolutionstheorie legte er wert darauf, dass Wallace und Darwin (ja, er kennt Wallace und nennt seinen Namen einige Male!) die Anpassung an die Umgebung als wichtig für die Entwicklung einer Spezies betrachtet haben. Nicht das Überleben des Stärksten, und damit ein brutaler Kampf um die Ressourcen waren zentral – und schon gar nicht, was die „Sozialdarwinisten“ (Kropotkin nennt sie nicht so) postulierten, nämlich, dass sogar innerhalb derselben Spezies dieser brutale Kampf geführt würde, womit er sich ganz klar von Haeckel abgrenzte. Selbst in der Tierwelt, so Kropotkin, könne Mitleiden mit einem Wesen der gleichen Art festgestellt werden – und freiwillige Zusammenarbeit zum Besten des Ganzen dieser Spezies. Dies gelte a fortiori auch beim Menschen – jedenfalls, so lange man ihn unbehelligt sich selber organisieren lasse. Als Beweis verweist Kropotkin auf verschiedene größere oder kleinere Revolten, die Tendenzen zu anarchistischer Organisation gezeigt hätten, z.B. die Pariser Kommune.
Die hauptsächlichen Gegner des anarchistischen Denkens, wie es Kropotkin verstand, waren – neben dem deutschen Idealismus, also Hegel und dem aus Hegel gewachsenen Marx – natürlich der Staatstheoretiker Hobbes mit seinem homo hominis lupo, oder eben ein an der Dialektik geschulter Anarchismus wie der von Max Stirner, aber auch jene Denker der Jahrhundertwende, die seiner Meinung nach erneut Metaphysik in die Philosophie einbrachten: Nietzsche und Bergson.
Kropotkins Theorie hat schon zu seinen Lebzeiten nicht funktioniert. Er übersah, dass auch im Tierreich ein Kampf innerhalb derselben Spezies um Ressourcen stattfindet. Dieser Kampf kann durchaus brutal und blutig sein. Empathie zwischen Lebewesen derselben Spezies gibt es zwar, selbst wenn sich Individuen nicht kennen. Ob dies die Regel oder eine Ausnahme sei, soll hier nicht untersucht werden. Es gibt es auf der anderen Seite nämlich auch, dass Fremde derselben Spezies von den Ressourcen vertrieben werden. (Dass der Mensch, der sich so viel auf seine Intelligenz einbildet, anders reagieren könnte, oder aus einem ethischen Gesichtspunkt vielleicht sogar müsste, steht auf einem anderen Blatt. Aber das wäre genau die Form von Ethik, die Kropotkin ablehnt.) Gegenseitige Unterstützung ist in vielen Fällen auf die eigene Gruppe (Herde, Rotte…) beschränkt. Auch greift Kropotkin immer zur selben Erklärung, wenn es um das Scheitern eines Aufstands geht: Die Bourgeoisie konnte die Arbeiterschaft einmal mehr zu Handlungen überreden, die nicht zu deren Besten waren. Oder dann verwendete sie nackte Gewalt. Dass der Kommunismus – auch in der anarchistischen Spielart – vielleicht nicht für alle attraktiv sein könnte, lag wohl außerhalb dessen, was Kropotkin sehen wollte. Er wehrte sich immer dagegen, dass sein Anarchismus als Utopie bezeichnet wurde. Er ist aber dennoch nichts anderes. Ich weiß nicht, ob Kropotkin den Engländer William Morris gekannt hat. Sein Anarchismus erinnert mich sehr an das Gebilde, das dieser in seinem Roman News from Nowhere geschildert hat. Wahrscheinlich tue ich Kropotkin Unrecht, wenn ich ihn mit Morris’ Technikfeindlichkeit gleich stelle; allerdings weiß ich nicht (und aus seinen von mir gelesenen Texten geht es nicht hervor), ob seine positive Einstellung zu den Naturwissenschaften sich auch in einer ebenso positiven Einstellung zum technischen Fortschritt niederschlug.
Für diesen Artikel habe ich folgendes Buch gelesen:
Peter Kropotkin: Der Anarchismus. Ursprung, Ideal und Philosophie. Neu übersetzt, eingeleitet und herausgegeben von Heinz Hug. Grafenau: Trotzdem Verlag, 31997.
Das Buch enthält – neben ein paar Briefen, vor allem zu Nietzsche und Bergson, aus den letzten Jahren Kropotkins – dessen in verschiedenen Versionen im Laufe der Jahre immer mal wieder veröffentlichten Essay Moderne Wissenschaft und Anarchismus, hier in der ursprünglich auf Französisch veröffentlichen Fassung von 1913.

Zum Hören: