Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03353.jsonl.gz/1537

Pater Nathanael Wirth
Mit P. Nathanael haben wir einen Mitbruder zu Grabe getragen, der sich als Propst von St. Gerold einen sehr weiten Freundes- und Bekanntenkreis aufgebaut hat. Viele Menschen trauern um P. Nathanael. Viele Menschen, die zweifellos den Weg hierher nach Einsiedeln auf sich genommen hätten, um P. Nathanael das letzte Geleit zu geben, dies aber wegen der Coronapandemie und der damit verbundenen Einschränkungen nicht tun können. Es sind wahrlich besondere Umstände.
Ja, P. Nathanael wurde vor allem als Propst von St. Gerold weitherum bekannt. Wen mag es wundern, prägte er diesen Ort doch über 50 Jahre lang. 28 Jahre bevor P. Nathanael ins Vorarlberg kam, wurde er am 1. November 1930 in Berg im Kanton Thurgau seinen Eltern Johanna und Alois Wirth-Lang als viertes von insgesamt acht Kindern geschenkt und zwei Tage später auf den Namen Paul getauft. In Berg verbrachte er seine Kinder- und Schulzeit. Nach eineinhalb Jahren an der Sekundarschule konnte er, unterstützt durch den Pfarrer, der ihm Lateinunterricht erteilte, in die dritte Gymnasialklasse in der Klosterschule von Muri-Gries in Sarnen einsteigen und diese Schule 1950 mit der Matura abschliessen. Dem Pferdeliebhaber war es bestimmt eine Freude, dass er anschliessend die Rekrutenschule bei der Kavallerie absolvieren durfte. Allerdings musste er einen ersten Versuch wegen eines Unfalls bereits nach einer Woche wieder abbrechen. Die Zeit bis zur nächsten Rekrutenschule nutzte er für Auslandaufenthalte und verbrachte so insgesamt sieben Monate in England und Frankreich.
In dieser Zeit rang Paul sehr um seinen künftigen Beruf. Er dachte ans Studium der Jurisprudenz, doch mochte er sich dafür nicht so recht begeistern. Eines Abends stellte er sich die Frage, ob er sich nicht in einem Kloster Gott weihen wolle. Die Frage nach dem künftigen Beruf wandelte sich zur Ahnung einer Berufung, der es zu folgen galt; eine Berufung, welcher der junge Paul aber zunächst ausweichen, sie sich aus dem Sinn schlagen wollte, wie er als 22-Jähriger schrieb. Ohne es näher erklären zu können und auch ohne besondere Kenntnis, zog ihn mehr und mehr das Kloster Einsiedeln an, in das er 1951 zu seiner Freude aufgenommen wurde. Offensichtlich blieb die Freude, so dass Paul hier später seine Profess ablegte und dabei den Namen Nathanael annahm. Nach seiner Priesterweihe 1956 wurde P. Nathanael Vikar in der Pfarrei Einsiedeln, doch fühlte er sich in dieser Verantwortung bald einmal überfordert. Was tun? Wie die Benediktsregel im 68. Kapitel für eine solche Situation rät, legte P. Nathanael seine Not dem damaligen Abt Benno Gut dar und fand Gehör, so dass der Abt ihn von seiner Aufgabe in der Pfarrei entlastete und ihn als Mitarbeiter nach St. Gerold sandte – «für ein oder zwei Jahre», wie der Abt damals meinte.
So kam P. Nathanael am 15. September 1958 nach St. Gerold – und sollte dort 51 Jahre lang bleiben. Denn kurz nach seiner Ankunft erkrankte der damalige Probst P. Iso Schlumpf, der daraufhin nach Einsiedeln zurückkehrte. So wurde P. Nathanael Pfarrer in St. Gerold und bald darauf Propst. Über dieses halbe Jahrhundert liesse sich gut und gerne ein Buch schreiben – ein Buch vielleicht mit folgendem Titel: «Erde, die an den Himmel erinnert» und mit mindestens fünf grösseren Kapiteln, deren erstes mit «Wiederaufbau» überschrieben werden könnte.
P. Nathanael schildert das, was er bei seiner Ankunft angetroffen hatte, als einen «darniederliegenden, ruinösen Komplex». Wiederaufbau bedeutete ganz konkret Instandstellung der Gebäude, wobei P. Nathanael selbst kräftig mitanpackte, gelegentlich unterstützt von seinem Mitbruder P. Damian Rutishauser zusammen mit Stiftsschülern und jungen Mönchen aus Einsiedeln. Gebaut wurde an der künftigen Begegnungsstätte mit Pension und Klosterkeller, was in unserem Buch zum zweiten Kapitel überleiten könnte.
Dieses könnte man wie folgt überschreiben: «Rast auf dem Weg zum ewigen Zuhause.» Nach der Vision P. Nathanaels sollte St. Gerold ein Ort der Gastfreundschaft sein – Gastfreundschaft aber, die weiterführt, eben Erinnerung an den Himmel ist. Wem P. Nathanael ein Glas Wein ausschenkte, dem war sofort klar, dass der Benediktinermönch genau wusste, was er ausschank und über das Wunder der Schöpfung und der menschlichen Arbeit staunen konnte. «Wunderbar», hörte man bis zuletzt oft aus seinem Mund.
Der Titel des dritten Kapitels könnte lauten: «Oase.» P. Nathanaels St. Gerold sollte auch ein Ort sein, wo Menschen mit körperlichen und seelischen Schwierigkeiten und Beeinträchtigungen Aufnahme und Hilfe fanden. Seine Freude an den Pferden – wir erinnern uns an den Kavallerie-Rekruten – war wohl mitentscheidend für das Angebot der Hippotherapie ab 1997. Zu einer Oase wurde St. Gerold aber auch für Familien und Kinder, die dort ihre Ferien verbrachten und so womöglich teilhatten an dem, womit wir unser viertes Kapitel betiteln könnten:
«Gottsuche.» Wo immer der Mensch an den Himmel erinnert wird, kann für ihn Gott nicht mehr weit sein. Für P. Nathanael stand im Grunde alles im Zeichen der Gottsuche. In allem Schönen und Guten tut sich dem Menschen Gott durch alle Sinne kund. Gottsuche also nicht nur in Gottesdienst und Meditation, sondern eben auch beim Glas Wein, durch schöne Musik, bildende Kunst und Dichtung – und nicht zuletzt durch die Natur, die den Menschen auf dem Weg der Stille vor das tiefe Geheimnis Gottes stellt.
Schliesslich das fünfte Kapitel: «Freundschaft.» Konnte P. Nathanael anfänglich auf keine grosse Unterstützung zählen, so wurde diese im Laufe der Zeit immer grösser. Zahlreiche Menschen – für P. Nathanael «wunderbare Menschen» – griffen ihm in vielfältiger Weise unter die Arme. St. Gerold ist ohne Freundschaft undenkbar. Freundschaften, die P. Nathanaels Leben prägten und die er bis zuletzt pflegte.
Mit diesem Kapitel mag das Buch über das Wirken von P. Nathanael in St. Gerold seinen Abschluss finden. Sein Leben allerdings hat noch ein weiteres Kapitel: 2009 kehrte er wieder ins Kloster Einsiedeln zurück. Wir staunten immer wieder, wie leicht P. Nathanael sich im Kloster wieder zurechtfand, ja wie er dankbar war, hier sein zu dürfen. Seine Dankbarkeit brachte er nicht zuletzt durch kräftiges Mittragen von Wallfahrt und Seelsorge zum Ausdruck. Auch in Einsiedeln blieb er für viele Menschen ein wichtiger Wegbegleiter und wurde es auch für den einen oder anderen Mitbruder im Kloster. Leute riefen ihn an und baten einfach um ein stärkendes, aufbauendes Wort, woran es P. Nathanael in der Regel nicht mangelte.
Am 1. November dieses Jahres durfte er noch seinen 90. Geburtstag im Kreis der Klostergemeinschaft feiern. Fast drei Wochen später durfte er sein Leben beenden, liebevoll umsorgt von Mitbrüdern und von unserem Pflegeteam, denen an dieser Stelle ein grosses Dankeschön gilt. Für P. Nathanael erfüllte sich, was er sich seit seiner Rückkehr nach Einsiedeln gewünscht hat: «Ich möchte mein Leben in Gottes Gegenwart und mit dem Lob Gottes im Kloster beenden.»
25. November 2020
P. Daniel Emmenegger