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In den schlichten Worten, die Faust an seine Geliebte wendet (als Antwort auf die berühmte „Gretchenfrage”), ist eine ganze Welt enthalten. Seine knappe Meditation über das Wesen Gottes, den er als den Allumfasser und Allerhalter vorstellt, erinnert nicht von ungefähr an das paulinische „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir” (Acta 17,28) - denn dies war das Bekenntnis Pauli zum Unbekannten Gott, um den es auch hier geht (den Gott, zu dem sich Faust auf Gretchens Frage bekennt, kann man nicht benennen: „Namen sind Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut.”).
In dem Versuch, den eigentlich Unnennbaren ins Begreifliche zu holen, wendet sich Faust der geschaffenen Welt und darin zuerst dem Himmel zu, der sich da droben wölbt. Das Sphärische, das wir bei der Betrachtung des Himmels automatisch in ihn hineinlegen - obwohl der Himmel selbst als ein nach allen Seiten beliebig ausgedehnter Raum eigentlich amorph zu denken ist - ist ein Bild, das von der betrachtenden Seele dem bloßen Wahrnehmungsinhalt aus ihrem eigenen Inneren hinzugefügt wird. Die Freunde der Astrologie kennen diese bild-schöpferische Tätigkeit der Seele, die die Gestirne nicht als Lichtpunkte in einer schwarzen Unendlichkeit stehen lassen kann, sondern alles zu Bildern verknüpfen muß und alles mit sich selbst, mit Inhalten aus dem eigenen Erleben in Beziehung setzen muß. Kritiker sprechen von „Beziehungswahn” - und übersehen, daß das Knüpfen solcher Bilder- und Beziehungsteppiche eine grundlegende, nicht zu unterdrückende Aktivität des menschlichen Seelenlebens darstellt.
Von altersher wurde die Kugelform als Bild der Vollkommenheit gesehen - die griechischen Naturphilosophen nahmen aus diesem Grunde einen sphärischen Aufbau des Kosmos an. So ist die Kugel das erste der Bilder, die Matrix aller übrigen Bilder, die wir in den Kosmos projizieren. Der Himmel - wir können sagen: zunächst einmal die ihm zugrundeliegende sphärische Gestalt - ist die erste Manifestation Gottes in der Anschauung.
Indem wir den unendlichen Raum in Kugelform vorstellen, realisieren wir darüberhinaus eine coincidentia oppositorum: denn eine Kugel mit unendlichem Radius wäre nicht mehr gekrümmt, was ihrem Wesen widerspricht. Die Himmelskugel ist aber genau eine solche Kugel - es gibt nichts hinter ihr oder jenseits von ihr. Sie vermittelt somit zwischen der an sich nicht mehr vorstellbaren Unendlichkeit und der Endlichkeit der Welt, in die wir hineingestellt sind. In diesem Sinne ist der Himmel von allen geschaffenen Dingen dasjenige mit der größten Nähe zu Gott. Die religiöse Tradition sieht daher den Himmel als das Reich Gottes. Es ist nicht überraschend, daß auch Faust seine kurze Betrachtung der Schöpfung mit dem Himmel beginnt.
Noch ein anderes ist zur Kugelgestalt zu bemerken: Zu ihrem Wesen gehört die gleichmäßige Ausbreitung in alle Raumrichtungen und damit eine vollkommene radiale Symmetrie: die Kugelgestalt geht durch beliebige Drehungen in sich selbst über, sie besitzt keine ausgezeichnete Richtung. Keineswegs aber besteht eine solche Gleichberechtigung hinsichtlich der Orte des Raumes. Ein Ort ist durch die Kugel unter allen ausgezeichnet: der Kugelmittelpunkt. Auf diesen ist die Kugel bezogen. Im Mittelpunkt der Himmelskugel steht aber - der Mensch, ihr Betrachter. Die Kugel enthält damit urbildlich den Gedanken der Vermittlung: Ihre Inhalte werden bezogen auf den in ihrer Mitte stehenden Menschen. So wie aber ein Punkt gleichsam ein Konzentrat der Sphäre ist, so ist auch im Menschen das ganze All enthalten. Dies ist die Idee der Entsprechung von Makro- und Mikrokosmos. Makro- und Mikrokosmos stehen dabei in einer Art geistigem Stoffwechsel miteinander, sind miteinander verwoben und verflochten, so daß das eine nicht ohne das andere gedacht werden kann.
So werden wir von der Betrachtung des Himmels über dessen Wölbung, die Kugelgestalt, wieder zum Menschen zurückgeführt, der in der Mitte dieser Himmelskugel beheimatet ist und in essentia den Himmel in sich enthält.[1] Unter ihm „liegt die Erde fest” und gibt seinem Sein die nötige Erdenschwere - sie verhindert, dass er in die himmlischen Sphären entschwebt. Die zu seinen Füßen liegende Erde definiert zugleich die Horizontale und ermöglicht ihm die klare Unterscheidung von Oben und Unten. Die ursprüngliche All-Einheit wird durch den Horizont in zwei Halbkugeln geteilt. „Es wird Tag, und es wird Nacht”, können wir nach dieser Scheidung sagen. Nun erst, mit dem Übergang von der Eins zur Zwei, ist der Mensch in seiner realen Situation erfaßt: Er lebt in einer dialektischen Welt, ist herausgefallen aus der Ur-Einheit der Sphäre, aber nur durch diese Opferung der Eins war er in der Lage, zum erkennenden Subjekt der Welt zu werden. Die Gabe der Unterscheidung setzt voraus, daß die Sphäre geteilt wurde.
Aber so wie der Gott der Bibel seinen Regenbogen an den Himmel setzte „als Zeichen des Bundes mit den Menschen” (Genesis 9,13), so können wir auch die Tatsache, daß die Sphäre sich um uns dreht, daß die Gestirne auf- und untergehen, als eine Synthese in diesem Prozeß begreifen: Die Gespaltenheit der Welt ist nicht das letzte Wort. Es gibt nicht einen Raum des Tages und einen Raum der Nacht, sondern Tag und Nacht lösen sich ab, sind Teil einer höheren Ganzheit. Die Zweiteilung der Welt ist keine statische, unveränderliche Angelegenheit, sondern wird durch den Himmelsumschwung immer wieder überwunden. Die Dynamik, die Zeit kommt ins Spiel, zunächst in ihrem zyklischen Aspekt der ewigen Wiederkehr. Und die Gestirne, die „freundlich blickenden”, sind die Anzeiger dieser Synthese, setzen durch ihren täglichen Lauf Zeiten und Zeichen. Die bloße Teilung in Tag und Nacht, ohne Bewegung, war noch ohne Maß und Zahl, eine ewige, unüberwindbare Dualität. Erst durch die „Tagbögen”, die die Gestirne am Himmel zeichnen, entstehen Zwischenstufen, die kommensurabel sind in Zahlen und Proportionen. Die vier Eckpunkte des Tageslaufs - Aufgang, obere Kulmination, Untergang, untere Kulmination - ergeben eine natürliche Quadrantenteilung. Gestirne werden in ihrem Tageslauf kommensurabel, wenn sie im Verhältnis zu diesen Eckpunkten eine ähnliche Lage einnehmen.
Dies ist, grob gesteckt, unsere Ausgangslage, wenn wir diesen Planeten betreten. Im Lauf der Gestirne erleben wir uns als in die Zeit gestellte Wesen. Zugleich versöhnen die Tag- und Nachtbögen, die sie am Himmel zeichnen, den ursprünglichen Gegensatz zwischen Himmel und Erde, die Dualität, die zuerst unsere Grund-Verfaßtheit als erkennende Wesen ausmacht.
Die Astrologie untersucht die Beziehungen, die die Planeten durch den täglichen Himmelsumschwung zueinander einnehmen und setzt diese ins Verhältnis zur Lebenswelt des Menschen. Ausgehend vom astrologischen Geburtsmoment, dem Zeitpunkt also, zu dem sich der Mensch als eigenständiges Lebewesen in die kosmischen Rhythmen einklinkt, werden die Himmelsverhältnisse im Zeitraum von einigen Stunden vor und nach der Geburt betrachtet. Wie eingefaltet, enthalten die Himmelsvorgänge dieses Zeitraums ein symbolisches Abbild des Lebens. Wirksam werden kann es, wie alle Symbole, nur auf geistigem Wege. Eine Konstellation wird wirksam, wenn ein Planet oder ein mit Bedeutung behafteter Ekliptikpunkt (z.B. eine Aspektstelle) durch den Umschwung des Primum Mobile (also des gesamten Himmels, bis hin zur Fixsternsphäre) relativ zu den vier genannten Eckmarken seines täglichen Laufs (Aufgang, obere Kulmination, Untergang, untere Kulmination) eine analoge Lage einnimmt wie sie ein anderer Planet im Radixhoroskop innehatte.
Eine Bedeutung der Konstellationen für den Menschen ergibt sich nur unter der Annahme, daß dem Menschen instinktiv ein Gespür für harmonische Proportionen, ein instincus geometricus innewohnt, der ihn zur Wahrnehmung dieser Himmelsverhältnisse befähigt und ihn unbewußt anregt, in seinem Leben zu der Konstellation analoge Inhalte zu realisieren.
Warum wendet Goethe bei der Frage nach Gott den Blick auf den uns umgebenden Kosmos? Weicht er der Frage aus? Ich glaube, er will nur deutlich machen, dass wir uns die Frage nach Gott nicht erlauben können, ohne unsere kleine Welt, unsere bequeme Alltagsverfasstheit zu verlassen. Wer sich dem höchsten Wesen zuwenden will, der sollte zuerst ein Gefühl für die Erhabenheit des uns umfassenden Kosmos entwickeln. Von diesem "Erheben der Herzen" ist in der Bergpredigt die Rede, wenn es heisst: Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, auf dass sie dieselbigen nicht zertreten mit ihren Füssen und sich umwenden und euch zerreissen. (Mt 7,6). Die Himmelsperlen werden von Säuen mit viehischem Gleichmut übergangen, da sie kein Gefühl für ihren Wert besitzen. Dieses Gefühl muss man erst entwickeln! Der Fragende würde sich sonst nur ein Bildnis Gottes machen, das seinem eigenen Niveau entspricht.
Eine solche Haltung – den Blick für die Schönheit der Welt zu entwickeln – möchte ich Weltfrömmigkeit nennen. Ein passendes Bild dieser Haltung sind die babylonischen Sternforscher (Magoi) aus dem Matthäus-Evangelium, die sich aufgrund ihrer Himmelsbetrachtung auf den Weg zu Gott machen. Nur ihr Glaube an die Zeichenhaftigkeit der Welt gab ihnen die Entschlusskraft, sich auf die Reise zu machen. Sie setzen nicht die Welt an die Stelle Gottes. Aber sie betrachten sie als Schöpfung, als Gottes Werk, und darum als heilig. Der Weltfromme verehrt die Welt insoweit, als sie ihre Heiligkeit offenbart.
Astrologie ist also eine Form der Weltfrömmigkeit. Astrologen wissen, dass es nicht im Rahmen der materiellen, mechanischen Welterklärung nachvollziehbar ist, warum der Himmel eine Zeichenschrift für "reale" menschliche Ereignisse darstellt. Indem sie über diese Zusammenhänge staunen, sind sie weltfromm. Johannes Kepler, übrigens an einem Dreikönigstag geboren, war ein moderner Magos, wenn er seinen Blick auf die harmonischen Proportionen des Weltbaus lenkte, um seinem Gott darüber ein Loblied zu singen. Wenn man die Bildersprache christlicher Theologie verwenden will, könnte man sagen: Weltfromme schauen in die Welt und verehren ihr ursprüngliches Wesen "vor dem Sündenfall".[2]
Winterthur, 10.2.2008. Rüdiger Plantiko
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