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1875 schloss die Schweiz mit 17 anderen Staaten, darunter ihren Nachbarn, die Meterkonvention in Paris und verpflichtete sich auf die internat. Masseinheiten. Mit dem Bundesgesetz von 1875 erhielt das Metrische System in der Schweiz allg. Geltung. Definitiv eingeführt wurden Meter, Liter und Gramm auf Jan. 1877. Hundert Jahre später schloss sich die Schweiz nach der Revision ihres gesetzl. Mass- und Gewichtswesens 1977 dem weltweit angewandten SI-Einheitensystem (SI = Système international d'unités) an. Deren Grundeinheiten Meter, Kilogramm, Sekunde, Ampere, Kelvin, Candela und Mol bildeten ab 1978 auch in der Schweiz die Basis der Mengenbestimmung. Dieser Schritt bedeutete den endgültigen Schlusspunkt einer eigenen nationalen Entwicklung auf dem Gebiet des Messwesens.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Beim ursprüngl. Messen und Wägen handelte es sich um ein Vergleichen mit jederzeit zur Verfügung stehenden Grössen, etwa mit Fuss, Schritt, Daumen, Arm, Becher, Krug, Eimer und Sack. Grössen samt Namen gingen später in die Masssysteme aller Länder ein.
Der Gebrauch von Massen und Gewichten im Gebiet der heutigen Schweiz lässt sich mit den Römern ab dem 1. Jh. v.Chr. nachweisen. Diese führten in all ihren Provinzen ihr eigenes Mass- und Gewichtssystem ein, was Bodenfunde auch für die Schweiz belegen. Ab ca. 200 n.Chr. brauchten die Helvetier neben der röm. Meile wieder das gall. Wegmass leuga, das 2,22 km oder 1½ röm. Meilen entsprach. Entlang röm. Verkehrswege stiess man auf Meilen- und Leugensteine (Meilensteine) mit der Angabe der Entfernung vom Zählpunkt (z.B. einer Koloniestadt). Andere kelt. Masse hingegen, z.B. ein Fussmass von ca. 31 cm, sind nur schwer fassbar.
Das Ende der Römerzeit und die Landnahme der Alemannen führten zum Niedergang des röm. Masssystems in der Schweiz. Diese blieb jedoch als Teil eines grösseren Kulturraums (Burgunder-, Merowingerreich) bei den Massen und Gewichten in eine grossräumige Entwicklung eingebunden und die röm. Tradition bei Längenmassen und Gewichten dauerte auch hier fort: Mit leicht veränderten Grössen überlebten pes (Fuss, pied), uncia (Unze, once, oncia), cubitus (Elle, braccio) und decempeda-pertica (Rute, perche, pertica) sowie beim Gewicht die röm. Unterteilung. Ferner zeigen einige wenige Pfunde ihre röm. Herkunft, etwa die Tessiner libbretta und das franz. poids de marc (1 livre = 1½ libra). Bei Hohlmassen überlebten einzelne Begriffe wie modius, sextarius, hemina, nicht aber die entsprechenden Grössenordnungen. Ein Charakteristikum der nachröm. Zeit ist das Fehlen einer allgemeinen mathemat. Einordnung der versch. Masse und Gewichte. Jeder Stoff, jede bemessbare Tätigkeit erhielt eigene Masse, die anfangs unter sich nur bedingt korrelierten und zu anderen Massen in keinem Verhältnis standen. Nicht einmal Flüssigkeits- und Getreidemasse, beides Hohlmasse, stimmten überein.
Die Kenntnisse über die hist. Masse und Gewichte beruhen grossenteils auf den Ausmessungen des 19. Jh. Was zeitlich weiter zurückliegt, ist aus dem Verwaltungsschriftgut (u.a. Steuerrödel, Zinsurbare) ab dem MA zwar dem Namen nach, jedoch selten als konkrete Grösse bekannt. Ebensowenig liefern archäolog. Funde von früh- und hochma. Gefässen als Masse gesicherte Ergebnisse. Zudem überlieferte das 19. Jh. Angaben, die den Endpunkt einer langen Entwicklung markierten und auf der Grundlage von nur z.T. bekannten Reformen zustandekamen, mit denen die Obrigkeiten ab dem SpätMA Ordnung in eine fast unübersichtl. Vielfalt zu bringen versucht hatten.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Masse und Gewichte zu bestimmen und zu beaufsichtigen, gehörte im MA mit anderen Herrschaftsrechten zu den Rechten der Grund- und Gerichtsherrschaft in Verbindung mit Markt, Gericht und Steuerhoheit. Die Herrschaft (Adel, Klöster, Städte) bestimmte die auf ihrem Territorium und Streubesitz geltenden Masse und Gewichte und liess diese an ihren Marktorten kontrollieren. Als die Städte im SpätMA nach und nach ehemals grundherrl. Institutionen auf Stadtboden erwarben, war das Recht auf Masse und Gewichte auch dabei. Die städt. Mass- und Gewichtshoheit galt in der Regel im Einflussbereich des früheren Stadtherrn und des städt. Marktes, also meist nur gerade in der Stadt und ihrem unmittelbaren Umland. Seltener waren Rechte in Grossräumen, z.B. jene von Burgdorf, das 1383 von den Gf. von Kyburg das Recht auf Masse und Gewichte im ganzen Oberaargau erwarb. Ab dem 15. Jh. strebten die Stadtorte mit der Durchsetzung ihrer Stadtmasse und -gewichte nach Vereinheitlichung in ihren Territorien. Gewichte, Längen-, Flächen- und Flüssigkeitsmasse liessen sich bis ins 18. Jh. teilweise angleichen, nicht aber die Getreidemasse als alte Zins- und Zehnteinheiten, an denen Orte und Regionen zäh festhielten. So lösten Reformen bei den Getreidemassen - etwa jene Luzerns im 15. Jh. auf seiner Landschaft oder diejenige Berns 1616-17 in der Waadt - auch wegen der befürchteten Rechtsunsicherheit lokale Widerstände aus.
Die Friedenssicherung des Grundherrn auf seinem Markt verband geregelte Aufsicht über Masse und Gewichte mit dem Marktgericht, das Betrug ahndete. Marktbesucher mussten gegen Gebühr öffentl. Masse und die Waagen des Marktherrn benutzen und private Masse vom grundherrl. Beamten mit Hilfe eines Eichmasses überprüfen lassen; erlaubt wurden nur ortsübl. Masse. Ab dem 13. und 14. Jh. kontrollierten an den Markttagen städt. oder landschaftl. Beamte oder Zünfte die Masse und Gewichte. Öffentl. Waagen (u.a. Fisch-, Reis-, Butter-, Silberwaagen) unterstanden je nach Ort dem Waag-, Kaufhaus- oder Sustmeister. Trotz allen Kontrollen erwiesen sich die vom Dorfhandwerker aus Holz oder Eisen gefertigten Gebrauchsmasse und -gewichte, die anfällig für Verformung und Rost waren, als mangelhaft. Messen und Wägen erlangten im tägl. Verkehr eine nur annähernde Genauigkeit. Eine grössere Präzision wurde beim Wägen von Feinmetallen und Arzneien erzielt.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Die Verbreitung von Massen und Gewichten hing nicht nur von der polit. Durchsetzungskraft der zuständigen Obrigkeit ab. Eine entscheidendere Rolle spielte die Zugehörigkeit zu wichtigen Wirtschaftsräumen. Die Südschweiz (Tessin und südl. Täler Graubündens) gehörte diesbezüglich zu Oberitalien und die Westschweiz stand unter Einflüssen Savoyens, Frankreichs und der Freigrafschaft Burgund. Die Stadt Basel richtete sich nach dem Elsass aus, seine Landschaft hingegen orientierte sich wie das Mittelland an Süddeutschland. Die Ostschweiz hing traditionell mit dem Raum jenseits des Rheins und Bodensees zusammen, während die Bindung zwischen Graubünden und dem Vorarlberg bzw. Tirol lockerer war.
Im Güteraustausch mit internat. Handelszentren kamen fremde Masse und Gewichte in die Schweiz, fassten hier Fuss und verdrängten einheim. Einheiten oder bestanden neben ihnen, etwa dt. und franz. Handelsgewichte (Antorfer oder Kölner Pfund, poids de marc) oder Fuss- und Ellenmasse (pied de roi, aune de roi, braccio di Milano, Nürnberger und rhein. Fuss). Im Gegensatz zum internat. Verkehr, in dem man die fremden Masse und Gewichte unverändert beliess, entstanden im regionalen Handel aus ihnen neue lokale Masse, v.a. in den wirtschaftlich starken Kornbauregionen. Bern trug in seinem grossen Territorium viel zur Vereinheitlichung von Massen und Gewichten bei, und Zürichs Handelsverkehr prägte das Land vom Rhein bis in die Bündner Alpen. Die Innerschweiz mit dem Markt Luzern erwies sich als Zwischenregion, die Einflüsse aus dem Norden (Elsass, Rheinland), Osten (Markt Zürich) und Westen (Agrarland Bern) vereinte. Barrieren im Ost-West-Austausch bildeten die Napf-Reuss- bzw. die Reuss-Aare-Linie. Nennenswerte südl. Einflüsse bezüglich Masse und Gewichte nördlich der Alpen bestanden nicht.
Unterschiedlich präsentierte sich die Situation der drei Passregionen in den Alpen. Der Marktort Chur verband entlang seiner Handelswege Masse und Gewichte aus dem Raum Zürich, Vorarlberg und Tirol zu eigenen Systemen, übte aber wenig Einfluss auf das Engadin und die südl. Täler aus. Im oberen Rhonetal weisen unterschiedl. Masse und Gewichte in den jeweiligen Tälern auf die Eigenständigkeit der Zenden und die Schwäche der Landesbehörde hin. Erst im 18. Jh. öffnete sich das Wallis dem franz. Einfluss. An der Gotthardroute wurden fremde Masse und Gewichte kaum in die lokalen Einheiten integriert. Uri hielt sich an seinen Korn- und Weinmarkt in Luzern, das Tessin an Oberitalien. Eindrücklich stimmten dagegen die Alpenregionen von Ost bis West in den Ertragsmassen ihrer Weidewirtschaft überein (Kuhrecht).
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Im Gegensatz zu den mathematisch abgeleiteten Mass- und Gewichtssystemen der Römer mit ihren Schwerpunkten auf der Dezi- und Duodezimaleinteilung waren die später in der Schweiz übl. Systeme auf andere Zahlen bezogen, v.a. auf die Vier (Viertel, Vierling, Quartane), Sechs (Sester, Ster), Acht, Zwölf und Sechzehn. Systeme, die auf den Zahlen Fünf, Sieben und Zehn aufbauten, waren nicht üblich. Der dezimale Aufbau von versch. Massen und Gewichten ging auf Reformen des 18. und 19. Jh. zurück.
In allen Systemen lassen sich versch. Kategorien von Massen und Gewichten unterscheiden. Am häufigsten traten Handelsmasse und -gewichte auf, nämlich mittelgrosse, handl. Masse und Gewichte des tägl., offiziellen und privaten Gebrauchs, wie er u.a. bei Händlern, Wirten, Müllern und Handwerkern verbreitet war. Zu Letzteren zählten Masseinheiten oder Grundmasse und Gewichte wie Fuss, Elle, Viertel, Mass und Pfund. Beim Getreide und Wein bestanden weitere Kategorien: die Transportmasse im Schiff-, Wagen- und Saumverkehr (Sack, Saum), die kleineren Tragmasse (Eimer, Brente) als Grössen zwischen Verbrauch und Transport und schliesslich die blossen Rechnungseinheiten der Kornhaus-, Keller- und Salzverwalter, übergrosse Einheiten von 250-1'000 l Inhalt, für die es keine Gefässe zum Abmessen gab.
Die alte Praxis des Messens und Wägens kannte für die versch. Anwendungszwecke unterschiedl. Masse und Gewichte. Gewisse Einheiten wurden indes auf andere Bereiche angewandt. So benützten Berggebiete ihre Kornmasse (Viertel, Fischel, bichet, mesure, staio, staro) auch zur Bemessung von Ackerflächen.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Die Römer verwendeten einst Schritt (gradus, passus), Vorderarm (cubitus) und Fuss (pes), Masse, die in ihrer ursprüngl. Länge annähernd erhalten blieben. Gebräuchlichstes Längenmass der West- und Deutschschweiz war der Fuss, ein Handwerkermass zwischen ca. 26 und 36 cm. Ab dem SpätMA dominierten drei Fussmasse: Im Westen der Pariser oder franz. Fuss (pied de roi) sowie der Bernfuss, im Osten und Norden der Nürnberger Fuss. Der Bernfuss galt über den bern. Staat (Kt. Bern, Waadt, Aargau) hinaus auch bei seinen Nachbarn Freiburg, Solothurn, Biel und Neuenburg neben und in Konkurrenz zum pied de roi. Letzterer verdrängte im 18. Jh. in Genf den savoy. Fuss, im Fürstbistum Basel und im Wallis einheim. Fussmasse. Das Fussmass der Handwerkerstadt Nürnberg konnte sich von der Ostschweiz bis zur Reuss und ins Bündnerland (ohne die südl. Täler) verbreiten. Der kurze Luzerner Stadtfuss glich dem Feldschuh der Nord- und Westschweiz (Basel, Neuenburg, Waadt). Im Berggebiet (Berner Oberland, Innerschweiz, Engadin, Erguel) überlebten lokale Fussmasse. Da nicht jedes Handwerk dasselbe Fussmass verwendete, galten am selben Ort meist mehrere Fussmasse nebeneinander. So dienten dem Bauhandwerk Werk- und Steinbrecherschuh, den Holzverarbeitern im Westen Pariser und Bernfuss sowie im Osten der Nürnberger Fuss und den Feldvermessern der Feldschuh (Feldmessfuss, pied de commissaire).
Das Tuchmass Elle war ungefähr das Zwei- bis Vierfache des Fusses, indes ohne Ableitung vom örtl. Fuss. In der Deutschschweiz und in Graubünden galten Ellen von etwa zwei Fuss, in der Westschweiz doppelt so lange aunes (dt. Stab) von vier Fuss Länge. In der Südschweiz, die bis ins 19. Jh. keine Fussmasse kannte, wies das Tuch- und Handwerkermass braccio Ellenlänge auf. Wo die Tuchmanufaktur und der Tuchhandel seit alters eine wichtige Rolle spielten wie in der Ost-, West- und Südschweiz, verwendete man für Leine, Wolle und Seide unterschiedl. Tuchmasse, die z.T. jenen der Handelspartner entsprachen. So mass die Südschweiz wie die Lombardei mit langer Tuch- (braccio lungo) und kurzer Seidenelle (braccio corto). Die Ostschweizer Ellen glichen denjenigen in Süddeutschland. Über den Tuchhandel mit Frankreich setzte sich ab dem SpätMA in der Westschweiz (bis an die Saane) die franz. aune de roi durch, von der sich weitere unterschiedlich grosse lokale Tuchmasse ableiteten. In der Deutschschweiz wurde die aune de roi als sog. Pariser Stab für Mousseline und Baumwolle benützt.
Auch die Masse der Landvermessung, nämlich Klafter und Rute sowie das Raummass Kubikklafter (toise cube), beruhten auf dem Fuss, und zwar in der Regel auf den ortsübl. Fussmassen (mit Ausnahme von Graubünden, St. Gallen und dem Wallis). Im Wallis wiesen versch. toises auf alte verschwundene Fussmasse. Klaftermasse brauchte man im Bauhandwerk, Quadratklafter (toise carrée) und Quadratrute (perche carrée) zur Feldvermessung. Von den Kubikklaftern mit gleichen Seitenlängen zum Messen von Heu, Torf und Kohle wich das kleinere Brennholzmass mit kürzerer Scheitlänge ab, das sog. Holz- oder Waldklafter (toise pour le bois, moule, corde, im Tessin Spazzo und catasta).
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Landmasse leiteten sich meistens nicht von Längenmassen her, sondern beruhten auf der Schätzung von geleisteter Arbeit innerhalb einer bestimmten Zeitdauer. Was in einem Tagewerk gepflügt wurde, hiess Juchart, Tagehri, Mal oder Journal, was gemäht wurde, Mannwerk, Tagwan oder Faux. Die Kornbauzone des Mittellands kannte die grössten Acker- und Wieslandmasse, von denen sich die kleinen der Hügel- und Bergregionen Südbündens, des Wallis, Tessins und Juras abhoben. Masse für Wiesland, die einst teils kleiner (Aargau, Zürich), teils bis doppelt so gross (Neuenburg) als das ortsübl. Ackermass gewesen waren, wurden bis ins 18. Jh. durch obrigkeitl. Eingriffe weitgehend denjenigen für Äcker angepasst. Dagegen blieben die grossen Waldjucharten des Mittellands (Aargau, Zürich, St. Galler Rheintal) bis ins 19. Jh. erhalten. Im Rebbau galten die Schätzmasse Manngrab, Mannsschnitz oder Ouvrier. In den alten Rebgebieten der West- und Ostschweiz waren diese kleiner als die Ackermasse, in den jüngern des Mittellandes dagegen ähnlich gross. In Regionen mit Alpwirtschaft, so im höher gelegenen Hügelland, im Jura sowie im voralpinen und alpinen Raum, kamen neben Flächenmassen auch oder sogar ausschliesslich Ertragsmasse zur Anwendung. Da sich der Ertrag einer Alpweide je nach Höhenlage, Sonnenbestrahlung und Qualität des Bodens sowie des Unterhalts stark unterscheidet, machte nur eine Grössenbestimmung nach Ertrag Sinn. Die Ertragsfähigkeit einer Weide wurde deshalb nach Anzahl gesömmerter Kühe geschätzt. Daraus entwickelte sich das Kuhrecht, das sowohl ein Anrecht auf Weide als auch ein Mass für Weidenutzung darstellt und in den Berggebieten noch heute üblich ist.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Bis ins 19. Jh. wurden Getreide, Hülsenfrüchte, Nüsse und Salz nicht gewogen, sondern ausgemessen. Als Messinstrumente dienten Hohlmasse, sog. Dürr- oder Trockenmasse. In einigen Gebieten (Aargau, Inner- und Ostschweiz) verwendete man für entspelztes (glattes) und unentspelztes (rauhes) Getreide unterschiedl. Masse. In keinem anderen Bereich blieb die Vielfalt der Masse so gross, denn die Reformen der Obrigkeiten trafen in den Kornbauregionen auf den Widerstand der Landbevölkerung, die von Änderungen eine heiml. Erhöhung der Bodenzins- und Zehntabgaben befürchtete. Eine Vereinheitlichung gelang dagegen in Gebieten, die von städt. Getreidemärkten abhingen, so im Berner Oberland, in der Innerschweiz und in Graubünden.
Am meisten verbreitet waren die kleineren Handelsmasse, die je nach Gegend 10-38 l fassten und am Markt nach Ortsbrauch flach gestrichen oder gehäufelt ausgemessen wurden. Sie entsprachen ihrerseits einem Viertel (quarteron, staio, Fischel) oder Sechstel (Sester, staro, Ster) grösserer Transporteinheiten wie Sack und Mütt. Letztere beruhten auf Mannslasten und bestanden ohne Ansehen ihrer Bezeichnung aus handelsübl. Zwilchsäcken von 65 l bis über 150 l. Grossmasse von bis zu 840 l Inhalt wie Malter, Viernzel, Bichot und der grosse muid bezeichneten Rechnungseinheiten ohne Messform. Wo zwei Masssysteme aufeinander trafen, rechnete man mit beiden. Freiburg etwa fasste am Übergang vom bern. Mütt-Mäss-System zum Waadtländer sac-quarteron-System beide in ein eigenes System mit muid, sac und bichet (= Mäss).
Beim wichtigen Handelsgut Salz benutzte man Hohlmasse, den Sack (sac) im Westen, das Mäss und den Viertel im Osten. Der Wagen (franz. sommée) galt um 495 kg und war eine Rechnungseinheit der Westschweiz, während in der Ostschweiz das Fass (Röhrli) von 165-270 kg als Transporteinheit zur Anwendung kam. Im 18. Jh. gingen die Obrigkeiten, z.B. Zürich 1772, vom Messen auf das Wägen über. Das franz. Salzgewicht von 489,5 g wies die grösste Verbreitung auf.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Für Flüssigkeiten verwendete man wieder eigene Hohlmasse, wobei sich einige wenige Masssysteme über grössere Gebiete erstreckten, so die Grössen Saum, Eimer (Brente) und Mass in der Deutschschweiz von Fürstenberg bis an die Alpen und von der Saane bis an den Bodensee. Der Westen, einschliesslich Jura und Wallis, kannte das System mit char, setier (brante) und pot, die Südschweiz jenes mit brenta, staio und pinta (boccale). Die wichtigsten Einheiten für Wein und Wasser, nämlich Mass, pot, pinta oder boccale, fassten zwischen ca. 1 l und mehr als 2 l. Städte benützten z.T. kleinere Masse als ihre ländl. Umgebung, Gebiete mit Milchwirtschaft grössere Einheiten. Vom Fass im Keller zum Karren vor dem Haus trug man den Wein in offenen Holzgefässen, den Tragmassen Eimer, Brente und Zuber (Tinne, Coupe). Als Transportmasse (Saum) dienten Holzfässer von bis zu 180 l Inhalt. Grossmasse wie das Fuder (Bosse) waren blosse Rechnungseinheiten ohne Messform. Spezielle Masse kamen bei Milch, Öl und Honig zum Zug. Im 17. und 18. Jh. gewannen mit dem Obstbau vom Aargau bis in die Ostschweiz die Trübmasse für Most und neu auch Branntweinmasse an Bedeutung.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Die Gewichte standen weit mehr als die Masse untereinander in Beziehung. Sie leiteten sich mehrheitlich vom röm. Gewicht ab; teils wurde das Gewicht selbst, teils nur der Begriff und die Einteilung übernommen. Im Gebiet der heutigen Schweiz hiess die Einheit zwar fast durchwegs Pfund, doch verbargen sich hinter diesem Namen sehr unterschiedl. Gewichte. Sie reichten von den leichten, den röm. verwandten Pfündchen von etwas über 300 g bis zu den schweren Pfunden von über 900 g. Vom röm. Gewicht übernahm man die Unzeneinteilung, wobei Unzen unterschiedlich schwer wogen und ihre Zahl nach Schwere des betreffenden Pfundes variierte. Alle Gewichtssysteme kannten eine starre Gliederung: das dt. System mit Unze, Lot und Quent, das französische mit once und Denier, das italienische mit oncia und denaro.
Die Verbreitung der versch. Gewichte in der Schweiz unterstreicht, welch grosser Einfluss von benachbarten Wirtschaftsräumen, Handelszentren und internat. Verkehrswegen ausging. Gewichte von internat. Rang, wie das franz. poids de marc und das Antorfer oder Kölner Pfund, galten als die wichtigsten Handels- und Spezialgewichte. Im Normalfall standen am Ort mindestens zwei Gewichte in Gebrauch, und zwar ein leichtes überregionales Pfund für Handelsgut und Spezereien und ein schweres lokales für Massenware. Die Südschweiz kannte wie die Lombardei im Handel die leichten libbrette, im lokalen Warenaustausch die schweren libbre grosse. Zürich, die Ostschweiz und Graubünden benützten als Handelsgewicht das Antorfer Pfund, in Chur als Ladenpfund bezeichnet, von dem sich die Bündner Krinne ableitete. Die schweren Pfunde glichen denjenigen in Süddeutschland und im Vorarlberg. Im 1. Viertel des 15. Jh. setzten Zürich und Luzern auf ihren Märkten das Zurzacher oder alte Zürcher Pfund als Handelsgewicht durch, das bald vom Rhein bis Uri und in Graubünden Geltung bekam. In städt. Zentren verfügte man ferner über Spezialgewichte für Metalle (Edelmetalle, Eisen, Messing), Medizinal- und Apothekerware sowie Seide.
|deutsch||französisch||italienisch|
|Länge||Fuss||pied|
|Elle||braccio|
|Stab||aune|
|Fläche||Juchart||pose||pertica|
|Manngrab||fossorier, ouvrier|
|Mannwerk, Mad||seiteur, faux|
|Kubik||Klafter (Holzklafter)||toise, moule, corde||spazzo, catasta|
|Getreide||Viertel, Sester||quarteron, quart||staio, staro|
|Mäss, Fischel||bichet, mesure, fichelin, boisseau|
|Mütt, Sack||muid, coupe, sac|
|Malter, Viernzel||bichot||moggio|
|Salz||Sack, Wagen||sac, sommée|
|Getränke||Mass||pot||pinta, boccale|
|Schoppen||pinte||boccale|
|Eimer, Ohm||setier||staio|
|Brente, Zuber||brante, tinne||brenta|
|Saum, Lagel||soma|
|Fuder||char, bosse|
|Gewichte||Pfund, Krinne||livre||libbra, libretta|
|Unze||once||oncia|
|Zentner, Ledi|
|Längenmasse||1 Fuss = 10 Zoll = 100 Linien = 1 000 Striche|
|1 Klafter = 6 Fuss = 1,8m|
|1 Rute = 10 Fuss = 3m|
|Masseinheit: 1 Fuss = 30cm|
|1 Schweizer Wegstunde = 16 000 Fuss = 4,8km|
|Flächenmasse||1 Quadratfuss = 0,09m²|
|1 Juchart = 40 000 Quadratfuss = 36a|
|Kubikmasse||1 Kubikklafter = 6 x 6 x 6 Fuss = 5,8m³|
|1 Holzklafter = 6 x 6 x 3 Fuss = 2,9 Ster|
|Getreidehohlmasse||1 Malter = 10 Viertel = 100 Immi oder 40 Vierling|
|Masseinheit: 1 Viertel = 15l|
|Flüssigkeitsmasse||1 Saum = 4 Viertelsaum (Eimer, Branten) = 100 Mass|
|Masseinheit: 1 Mass = 1,5l|
|Gewichte||1 Pfund = 32 Lot = 128 Viertellot|
|1 Zentner = 100 Pfund|
|Masseinheit: 1 Pfund = 500g|
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
In Frankreich entstand im Gefolge der Franz. Revolution zwischen 1790 und 1799 ein neues Mass- und Gewichtssystem, das auf den Einheiten Meter und Gramm und der dezimalen Zählung basierte. 1801 erhielt die Schweiz eine Kopie des Urmeters in Paris. Allerdings wurde das noch 1801 erarbeitete und dekretierte helvet. Mass- und Gewichtsgesetz zur Einführung metr. Einheiten in der Schweiz nie vollzogen. Ab 1803 ging die Aufsicht über die Masse und Gewichte an die Kantone über, die nun auch die Initiative zur Vereinheitlichung auf nationaler Ebene ergriffen, zumal sich die Tagsatzung nicht auf eine Reform hatte einigen können.
Für den Handelsverkehr mit Frankreich führten die Westschweizer Kantone 1800-27 ganz oder teilweise metr. Systeme ein, behielten aber für die neuen Einheiten die alten Namen. Der Kt. Tessin übernahm 1826 in einem eigenen System z.T. alte Mailänder Masse und Gewichte. Ab 1828 erarbeitete eine interkant. Kommission ein zwar auf dem Meter fussendes, sich jedoch an alte Masse und Gewichte anlehnendes schweiz. Mass- und Gewichtssystem. Im Konkordat von 1835 schlossen sich zwölf Kantone zu dessen Einführung zusammen, die dann 1838-39 umgesetzt wurde.
Mit der Schaffung des Bundesstaates 1848 fiel die Regelung der Masse und Gewichte in die Kompetenz des Bundes. Die Aufsicht wurde den Kantonen belassen, diese aber der Oberaufsicht der 1862 gegründeten Eidg. Eichstätte unterstellt. Das Bundesgesetz von 1851 versuchte, der bestehenden Vielfalt ein Ende zu setzen, indem es das teilweise metr. Konkordatssystem von 1835 für alle Kantone für obligatorisch erklärte, doch die West- und Südschweiz wollten ihre neuen Systeme nicht aufgeben, und Uri beharrte auf seinem. Das Nebeneinander versch. Systeme dauerte fort, bis 1868 in einem ersten Schritt das metr. System neben dem Konkordatssystem legalisiert wurde. In einem zweiten Schritt trat dann die Schweiz 1875 der Meterkonvention in Paris bei. Auf Jan. 1877 kam im metr. System gesamtschweizerisch die Vereinheitlichung von Massen und Gewichten zustande.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Im Zuge der Einführung neuer Masse zwischen 1800 und 1857 bestimmten die kant. Eichmeister im Auftrag ihrer Regierungen die alten ortsübl. Normalmasse und -gewichte im Vergleich mit den neuen Einheiten. Auf Grund dieser heute in Staatsarchiven und Kantonsbibliotheken aufbewahrten kant. Umrechnungstabellen erstellte der Direktor der Eidg. Eichstätte in Bern, Friedrich Ris-Schnell, 1889 als Erster eine Übersicht über die alten Masse und Gewichte in der Schweiz, die er in Alfred Furrers "Volkswirtschafts-Lexikon der Schweiz" (4 Bde., 1889-92) veröffentlichte. Die kant. Tabellen bieten dank neuer techn. Hilfsmittel eine hohe Präzision. Mit Blick auf die systemimmanente Ungenauigkeit alter Mess- und Wägpraxen und der oft fehlerhaften Eichmasse täuschen die Umrechnungstabellen einerseits eine zusätzl. Vielfalt vor, andererseits wurden nur die wichtigsten Masse und Gewichte in die Tabellen aufgenommen, so dass lokale Varianten, darunter zahlreiche Kleinmasse, nicht berücksichtigt wurden. Zu diesen finden sich jedoch in Dialektwörterbüchern wichtige Hinweise.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler