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Adolf Portmann: Die Sonderstellung des Menschen in der Natur
Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis VPM, Pädagogische Schulungswoche 5.-9. April 1988, Schützenhaus Albisgüetli ∙ Moritz Nestor
Einleitung
Charles Darwin hatte im 19. Jahrhundert den Menschen in die Natur gestellt. Er erkannte ihn als ein Wesen, dessen soziale Natur im Laufe einer Jahrmillionen umfassenden Evolution entstanden war. Hat sich heute zwar seine Annahme eines dem Menschen innewohnenden „Mutterinstinktes“ als unhaltbar erwiesen, so ging doch Darwin von einer Vielzahl einzelner im Menschen verankerter sozialer Strebungen aus, die er alle unter der Bezeichnung „soziale Instinkte“ zusammenfasste.
Kriege erklärte Darwin nicht unter Rückgriff auf einen irgendwie gearteten aggressiven Instinkt. Er war leidenschaftlicher Gegner jeglicher Sklaverei. Vielmehr sah er die Ursache kriegerischer Auseinandersetzungen in einer mangelnden Ausbildung und Pflege der sozialen Instinkte der kriegführenden menschlichen Gemeinschaften.
Hatten Darwin und andere Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts die soziale Natur des Menschen und die Bedeutung des Prinzips der Gegenseitigen Hilfe als mächtiger Kraft in der Tierwelt erkannt, so blieb es der weiteren Forschung der Soziolo-gie, Anthropologie und vorallem der Psychologie überlassen, die soziale Natur des Menschen genauer unter die Lupe zu nehmen.
In der wissenschaftlichen Anthropologie bis zu den Forschungen Portmanns sah man zu recht die grosse Hilflosigkeit des Neugeborenen Menschen, seine mangelhafte Ausstattung mit natürlichen Waffen. Man hatte erkannt, dass der Mensch als Neugeborener und noch lange danach von der Hilfe seiner Eltern völlig abhängig ist. Dieser Zustand wurde oft als „Entgleisung der Evolution“, „Mangel“, „Frühgeburt“ oder ähnliches gedeutet, ja man vermutete sogar unter Berufung auf das „biogenetische Grundgesetz“ von Johannes Müller, dass jeder Mensch im Laufe seiner Entwicklung verschiedene Tierstadien und zuletzt ein „Schimpansenstadium“ durchlaufe ehe er dann wirklich Mensch werde.
Hatte man dabei richtig die grosse Hilflosigkeit des menschlichen Neugeborenen erkannt, übersah man darüber jedoch völlig die Forschungsergebnisse der Individualpsychologie Alfred Adlers. Er hatte bereits in den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts die grosse Hilflosigkeit des einzelnen Menschen in der Natur hervorgehoben und betont, dass das Schwäche- oder Minderwertigkeitsgefühl, mit welchem das Kind diese hilflose Situation erfährt, es ständig treibt, seine Situation zu verbessern und zu lernen.
Zum anderen hatte jedoch bereits Adler erkannt, dass die soziale Lebensweise des Menschen und die damit gegebene natürliche Möglichkeit, Gemeinschaftsgefühle zu erwerben aus dem zwar körperlich schwachen Säugling und Kleinkind doch ein Wesen macht, das gerade aufgrund seiner kindlichen Hilflosigkeit und Angewiesensein auf die Hilfe der sozialen Umgebung einerseits und seiner natürlichen Ausrichtung auf den Mitmenschen andererseits im höchsten Grade frei ist, sich vielfältig zu entwickeln.
Adolf Portmann bestätigte nun als Biologe und Zoologe mit seinen Forschunge aus den 40er und 50er Jahren dieses Jahrhunderts in fast allen Punkten die Befunde Adlers zum Gemeinschaftsgefühl als anthropologischer Grösse. Fand er doch als Biologe mit den Mitteln der vergleichenden Morphologie und Embryologie, dass die nachgeburtliche Hilflosigkeit des Menschen, die man oft missverständlich ‚Frühgeburt‘ genannt hatte, gerade das ist, was des Menschen spezielle Lebensform in der Gemeinschaft ausmacht.
Das Verdienst Adolf Portmanns ist es, die soziale Lebensweise des Menschen aus dessen – im Tierreich einzigartig dastehender – Ontogenese, also aus der Entwicklungsweise eines menschlichen Individuums von der Zeugung bis zum Tode, wissenschaftlich erklärt zu haben. Portmann hat gezeigt, dass die typische Entwicklungsweise eines Menschenkindes untrennbar mit dem Aufbau seines Organismus verbunden ist. Das bedeutet, dass die soziale Natur des Menschen, seine natürliche Gemeinschaftsfähigkeit sich nur im innigen Wechselspiel mit der menschlichen Gemeinschaft entwickeln kann. Portmann wies nach, dass der Bau des menschlichen Organismus, seine soziale Lebensweise und seine Entwicklung in der Mutter-Kind-Beziehung sich gegenseitig bedingen und im Grunde alles verschiedene Aspekte des Gemeinschaftswesens Mensch sind.
Dies möchte ich Ihnen im folgenden näherbringen. Wenn hierbei nicht ausdrücklich anders zitiert wird, bewegen wir uns dabei immer im Gedankengebäude von Adolf Portmann. Der Frage, welches die Bedingungen sind, damit eine Mutter-Kind-Beziehung der Natur des Kindes und seinen Bedürfnissen entsprechend gestaltet werden kann ging Portmann nicht mehr genauer nach. Das war vorallem der Individualpsychologie, Neopsychoanalyse und der Entwicklungspsychologie vorbehalten, und wir werden darüber in späteren Vorträgen hören.
In früheren Zeiten hat man unterschieden zwischen vereinzelt lebenden Tieren – man verstand hierunter zum Beispiel die Insekten, die man als Tiere ohne Sozialverhalten begriff – und Wesen mit sozialen Lebensformen, worunter man gerne ausschliesslich den Mensch fasste. Das Soziale ist in der Natur jedoch nicht auf den Menschen oder die hochentwickelten Säugetiere beschränkt. Portmann zeigt auf, dass es verschiedene Grade der Differenziertheit in der Ausgestaltung des Sozialen bei allen Tieren, den Menschen eingeschlossen, gibt. Er zeigt auf, dass das Soziale bereits bei einfachen Tierarten wie den Insekten zum wesentlichen Bestandteil ihrer Natur gehört. Es äussert sich dort im Erkennen der Artgenossen, im reich differenzierten Zusammensein der Geschlechter und der Verteilung des verfügbaren Lebensraumes unter rivalisierenden Männchen: lauter Einzelzüge, die man bei den höheren Tiere als wichtige Faktoren des sozialen Lebens antrifft. Alle Formen des Verhaltens und Eingespieltseins der Individuen zu- und aufeinander finden sich schon bei den einfachsten Tieren in den Individuen angelegt, und ihre, Erfah-rungen, die sie von die Welt machen, schliessen bereits ein mehr oder minder starkes und differenziertes Gruppenleben mit ein, welches sie mehr sein lässt als lediglich isolierte Organismen. Ihre grundlegenden und lebenserhaltenden Erfahrungen machen die Individuen hier schon immer im Zusammenleben mit den Artgenossen und die lebenswichtigen Handlungen geschehen in Kontakt mit ihnen. Dieses arterhaltende Zusammenspiel ist das Wesentliche und Lebenserhaltende bereits des einfachen tierischen Lebens. Je höher wir nun steigen in der Entwicklung der Tiere, desdo reichaltiger und vielfältiger werden die Formen des ‚Sozialen‘, die wir im Tierreich antreffen, und bei allen höheren Lebewesen finden wir, je höher desdo ausgeprägter, ’soziale Lebensformen‘.
Diese mannigfaltigen Erscheinungsformen des Sozialen im ganzen Tierreich, die ausgesprochen sozialen Lebensweise höherer Säugetiere und auch die am höchsten entwickeltste soziale Lebensweise des Menschen beruhen auf ererbten Grundlagen. Freilich ist es sehr unterschiedlich wie dies bei den einzelnen Arten ausgeprägt ist. Spricht Portmann von ‚ererbten Anlagen oder Grundlagen der sozialen Lebensweise‘ ist nie einen Trieb, Instinkt oder etwas ähnliches im Sinne einer innere Kraftquelle, einem Motor gleichend, gemeint, welche das Einzelwesen zum anderen treibt. Vielmehr hat er erkannt, dass der gesamte Aufbau eines Organismus und seine Verhaltensmöglichkeiten von Anfang an grundlegend auf das Leben in der Gruppe, auf die Begegnung mit dem Artgenossen hin angelegt ist, dass also seine Natur durch und durch soziale Strukturen zeigt, das heisst sozial ist.
Bei den Menschenaffen garantiert bereits das konstante Leben mit Artgenossen. das Vertrautsein in einer Gruppe die Erhaltung und die grösstmöglichste Entwicklung der Individuen, und die Bindung von Mutter und Kind ist hier bereits im hohem Grade zu Einführung des werden Individuuums in das Leben entwickelt. Vertrauensvolle Zuwendung ist also nicht nur beim Menschen eine natürliche Einstellung zu Anderen, die lebenswichtig für die Erhaltung der Gruppe und des Einzelnen ist. Es ist bereits fest in der Natur aller höheren Säugetiere, vorallem der Primaten und des Menschen angelegt. Vertrauen ist also eine natürliche Gegebenheit, eine anthropologische Grösse, die zur sozialen Lebensweise und Natur, nicht nur des Menschen gehört.
Das Tier hat ein genetisch festgelegtes Verhältniss zur Welt, aus welcher es nicht grundsätzlich entfliehen kann, auf die es keinen Einfluss hat. Es nimmt stets nur einen bestimmten Ausschnitt aus der Natur als seine Umwelt wahr und kann sich nicht in die spezielle Umwelt einer anderen Art einfühlen.
Das Sozialleben tierischer Gruppen ist weitgehend durch erblich gegebene Verhaltensformen gesichert. Die Fortpflanzung, die Balz, die Aufzucht der Jungen, die Mutter-Kind-Beziehung, die Eingliederung des Nachwuchses in die Gruppe und der Umgang der ausgewachsenen Individuen untereinander ist durch sehr starke ererbte Grundlagen weitgehend vorgeformt. Dasselbe gilt auch von den Kommunikationsmitteln einer jeden Art.
Das menschliche Zusammenleben ist wie das aller höheren Tiere sozial. „Die Natur des Menschen ist Kultur“ formuliert Portmann und meint damit folgendes: Der Mensch ist als einzige Tierart in der Lage, sein Verhältnis zur Welt frei zu gestalten: Er kann auf seine Umwelt in höchstem Masse Einfluss nehmen, wie das kein Tier kann, denn er kann sich die ganze Welt forschend zu seiner Umwelt machen. Er formt sich im Zusammenleben mit den Mitmenschen die Natur zur ‚zweiten Natur‘, zur Kultur und hat dabei alles, was er zu seinem Leben braucht, nicht automatisch von der Natur vorgegeben, ohne darauf Einfluss haben zu können, sondern kann sich, was er zum Leben braucht, durch Bearbeitung der Natur selbst gestalten. Mensch ist ein Wesen, das die Natur bearbeitet und aus ihr Kultur formt. In diesem Sinne ist die Umwelt des Menschen die von ihm bearbeitete Natur. Portmann nennt sie auch die „Gemeinschaftssphäre“. So künstlich eine jede Kultur erscheinen mag, ist sie doch nichts anderes als Ergebnis der Fähigkeit des Menschen, die Natur zubearbeiten.
Des Menschen natürliche Lebensform ist also eine kulturelle. In der menschlichen Gemeinschaft zu leben ist seine Natur und damit auch sein Bedürfnis, ohne, dass er darob in seinem Eigenwert geschmälert werden würde. Das Bedürfnis nach vollem Wechselspiel zwischen menschlicher Gemeinschaft und Individuum ist ebenso tief in seiner Natur verankert wie das Streben nach Selbstbehauptung, desgleichen das lebenslange Bedürfnis nach einer innigen Liebesbeziehung, ebenso wie die von Geburt an lebendige Ausrichtung des Kindes auf die soziale Umgebung in der Mutter-Kind-Beziehung, seine von Geburt an spielenden, im Verlaufe der Entwicklung immer stärker werdenden spontanen Impulse des Strebens, der Nachahmung, des Lernens.
Jeder Mensch reagiert von Geburt an individuell. So sozial sein Leben verläuft, ist es gleichzeitig von Anfang an auch immer individuelles Leben. Er entfaltet bereits sogleich nach der Geburt eine unverkennbare Eigenaktivität. Im Wechselspiel dier Eigenaktivität und den Erziehern entfaltet der Mensch seine ererbten sozialen Anlagen. Das Individuum bildet mit seinem Streben nach Selbstverwirklichung von Natur aus keinen wie auch immer gearteten Gegensatz zu einem glücklichen Wechselspiel zwischen ihm und seinen Mitmenschen. Gerade die innigste Verankerung des Individuums in der Sozietät ist die von der Natur gegebene Voraussetzung, damit das Individuum all die reichhalti-gen Möglichkeiten seiner natur ausschöpfen und zur vollen Geltung bringen kann. Es gibt für Portmann keinen natürlichen Gegensatz zwischen Individuum und Gemeinschaft, gar einen wie auch immer gefassten Aggressionstrieb, oder eine sonstige im Menschen liegende Quelle spontaner Aggression. Aggressionen, Kriege und sadomasochistische Abhängigkeiten von Menschen untereinander sind Produkt einer falschen Weltsicht der Kultur, durch Tradition überkommen und scheinbar natürlich. In Wirklichkeit aber künstlich und veränderbar.
Der Mensch ist also von Natur aus ein gemeinschaftsfähiges Wesen, das in seiner ganzen Art vom ersten Lebenstag an individuell auf den Mitmenschen ausgerichtet ist.
Es gibt keine Vererbung erworbener Eigenschaften im menschlichen Seelenleben. Es gibt in der menschlichen Gemeinschaft höchstens das, was man einmal „soziale Vererbung“ genannte hat. In der Erziehung, in der Kultur sind nicht genetische Gesetzmäs-sigkeiten oder das Prinzip der natürlichen Zuchtwahl am Werke, sondern die Entwicklung der menschlichen Gemeinschaften, der Kulturen, die Lebensformen der aufeinanderfolgenden Generationen, ist ein geschichtlicher Entwicklungsprozess und hier werden Werte durch Tradition, Erfahrung und Erziehung weitergegeben.
Wie der Mensch sich mit den Mitmenschen zu einer Gemeinschaft findet, ist eine Frage der Kultur, in der er lebt, ist eine Frage dessen, was er in der beziehung zu seinen Erziehern erlebt. Seine Natur ist eine, die durch und durch kulturell ist. er ist in allen seinen körperlichen und geistigen Entwicklugnen von der Zeugubng an ein kulturelles Wesen Der Mensch lernt sein Verhalten zur Welt und zu seinen Mitmenschen in der Mutter-Kind-Beziehung. Sie ist das Gründende aller sozialen Gebilde, die der Mensch hervorgebracht hat und bringt, nicht etwa irgendein Staat irgend ein Stamm, oder eine sonstige Gestalt einer Gruppe sind das Vorbild für die menschliche Gemeinschaft. In diesem Sinne sagt Portmann, der Mensch sei „weltoffen“.
Der Mensch kommt aber „nicht aus „Verabredung“, durch verstandesmässigen Entschluss zur Geselligkeit, sondern aus der natürlichen primären Anlage, die er mit allen höhern Tieren teilt“ Vor aller Abwendung des Menschen von seinenn Artgenossen, vor all seinem Streben nach sogenannten ‚Autonomie‘, vor allem Einzelgängertum steht die Zuwendung zum Artgenossen. „Einsiedlertum ist stets [eine] nachträgliche Flucht aus einer natürlichen Bindung, und (…) wir wollen (…) bedenken, dass jeder Robinson mindestens einen Schiffbruch nötig hatte, um glaubhaft zu sein“, das heisst, dass auch die Isolation eines Menschen letztlich Ausdruck seiner sozialen Lebensform ist, ja in jeder Form der Isolation eines Menschen ist immer noch die Kultur sichtbar, aus welcher dieser Mensch kommt. Beim Menschen ist die Frage wie das „Mutter-Kind-Verhältnis in die menschliche Gruppe eingeordnet wird“ völlig von den Konventionen der Kultur, in welcher Mutter und Kind leben, abhängig und nicht von natürlichen Gegebenheiten.
Portmann hat als erster im Jahre 1944 darauf hingewiesen, dass das menschliche Kind eine Schwangerschaft von ca 21 Monaten durchlaufen müsste, um bei Geburt einen Entwicklungsstand erreicht zu haben, der dem anderer Primaten entspricht. Das gesamte erste Lebensjahr des Menschen verläuft demnach auch unter embryonalen Wachstumsgesetzen. Er wird also quasi 12 Monate „zu früh“ geboren. Das ist jedoch, wie schon darauf hingewiesen, keine Frühgeburt, sondern der normale Entwicklungsgang des menschlichen Individuums: Der werdende Mensch wird aus dem Mutterleib heraus in einen zweiten Mutterschoss geboren, in welchem er mehr als die zweite Hälfte seiner nach embyonalen Gesetzmässigkeiten verlaufenden Entwicklung verbringt: es ist der soziale Mutterschoss. Das macht die Sonderstellung des Menschen unter den Säugetieren aus.
Der neugeborene Mensch entspricht in seiner ganzen körperlichen Ausstattung nicht dem eines erwachsenen Menschen. Er kommt hilflos zur Welt, was nicht nur seine geistigen und seelischen Fähigkeiten betrifft. Vielmehr liegen wesentliche körperliche Entwicklungsprozesse bei der Geburt noch vor dem kleinen Wesen, die es von nun an im innigen Wechselspiel mit seiner sozialen Umgebung, also in erster Linie die Mutter, lernt.
In dieser Phase, die Portmann das ‚extra-uterine Jahr‘ genannt hat, verlaufen die Wachstumsprozesse des Säuglings noch nach Gesetzmässigkeiten, wie zuvor im Mutterleib, also nach embryonalen Gesetzmässigkeiten. Ziemlich genau nach Abschluss des ersten Jahres etwa hat der Mensch dann jenen Zustand erreicht, wo er einer gewissermassen verkleinerten Form eines Erwachsenen gleicht. Dann ist auch der erste grosse Wachstumsschub vorüber. Jetzt hat er eigentlich erst den Zustand erreicht, den Neugebo-rene der höheren Säugetiere haben. Der Mensch kommt also gewissermassen ein Jahr „zu früh“ zur Welt, wenn man ihn mit Tieren seiner Stufe vergleichen möchte. Das ist jedoch nicht als Entgleisung der Evolution, als Frühge-burt, oder Geburt im Affenstadium zu verstehen. Vielmehr – und hierin liegt das Verdienst Portmanns, dies erkannt zu haben – ist dies die spezielle Form der Entwicklung, die der Mensch im Verlauf der Evolution entwickelt hat. Es ist die spezielle menschliche Entwicklungsweise. Und sie ist höchst sinnvoll.
Drei grosse Aufgaben stellen sich nämlich dem neugeborenen Menschen, die er alle etwa mit dem ersten Lebensjahr im Zusam-menspiel mit der sozialen Umgebung bewältigt hat. Erstens der Erwerb der aufrechten Haltung, zweitens das Erlernen der Sprache und drittens das Entwickeln des einsichtigen Handelns. Etwas vereinfach gesagt lernt der Mensch im ersten Jahr Laufen, Sprechen und Denken. Eine gewaltige Aufgabe, wenn sie sich ein ca 55 cm grosses und sechs bis sieben Pfund schweres Neugeborenes vorstellen. Aber es geht, wie sie an sich selbst leicht feststellen können, sehr gut. Wie kommt nun diese gewaltige Leistung des Säuglings zustande?
Aufrechte Haltung
Bei allen Säugetieren ist der Bewegungsapparat bei Geburt arttypischausgeformt, nicht so der Mensch. Er erwirbt seine typische aufrechte Haltung erst durch aktives Streben längere Zeit nach der Geburt. Bei Geburt liegt lediglich eine gewisse Disposition vor, auf welcher das Lernen und Probieren des Kindes aufbaut. Unter der Mitwirkung des kindlichen Strebens, Lernens und Nachahmens erreicht der Körperbau seine richtige Ausprägung, wobei sich Teile im Wachstum auffällig verschieben. Mit ca einem Jahr dann hat das Kind dann das entwickelt, was das speziell Menschliche ist: seine aufrechte Haltung. Dieses dauernd aufrecht Stehen und Laufen können als normale Haltung ist erlernt, die Fähigkeit die Beine in Schreitbewegungen laufen zu lassen ist genetisch vorgegeben und reift im Verlaufe des ersten Jahres heran. Der ganze Körperbau des Neigeborenen ist auf dieses Lernen hin angelegt. Die Beine sind verglichen mit den Armen im Wachstum zurückgeblieben bis das Kleine Stehen gelernt hat, dann erst setzt das Wachstum der Beine richtig ein, sodass der das Laufen lernende Säugling auf kürzeren Beinen leichter Stehen lernt.
Dieser Prozess ist in eine Phase verlegt, wo die grossen psychischen Bildungsvorgänge, die Formung unseres Welterlebens sich ereignen. Das Laufenlernen kann also nur im ganzen Zusammenhang verstanden werden, in dem der Mensch in dern ersten Jahren seines Lebens lernt und sein Bild von sich und der Welt formt.
Die Sprache
Menschliche Sprache kann nicht aus Tierlauten abgeleitet werden. Sie beruht auf dem Prinzip des Zeichens zur Mitteilung von Wahrnehmungen, Urteilen und Wünschen. Diese Sprache lernt das Kind. Bereits im 3. bis 4. Monat beginnt es mit ersten Bewegungsversuchen zur Lauterzeugung, was dann im 5. und 6. Monat rasch zunimmt. Es entstehen Lallmonologe, und das Kind schafft spielerisch ungezählte wahllos kombinierte Lautgebilde. Diese Phase mit ihrem Reichtum an Elementen enthält die Möglichkeit zum Erlernen jeder beliebigen menschlichen Sprache. Aus diesem durch wahlloses Probieren selbstgeschaffenen Reservoir nimmt das Kind dann im 9. bis 10. Monat das Material, um Worte der sozialen Umgebung nachzuahmen. Das Nachsprechen beginnt. Ab dem 12 Monat dann beginnt der eigentliche Spracherwerb als vom Kinde selbständig innerlich nachgebildete Übernahme der Sprache seiner Gesellschaft. Ein Affe verfällt nie auf die geringste Nachahmung irgendeines in der Umgebung regelmässig wiederkehrenden Lautes.
Wenn Portmann also sagt, dass das Kind mit einem Jahr sprechen gelernt hat, dann meint er damit die Tatsache, dass mit Abschluss des ersten Jahres das Kind mit Hilfe der Mitmenschen in eigenem Probieren und Nachahmen alle nötigen Grundlagen zum eigentlichen Spracherwerb lernt.
Einsichtiges Handeln
Gleichzeitig mit der Vorbereitungen zum Stehen und dem Nachahmen der ersten Wortgebilde vollzieht sich im Handeln des Kindes der Übergang von rein dressurmässiger Nachahmung, die schon früh neben instinktiven Anteilen auftritt, zu eigentlich einsichtigem Handeln. Bereits die frühe Nachahmung des Säuglings ist von „Aha“-Erlebnissen durchzogen. Man findet diese auch beim Schimpansen. Dieser bleibt jedoch dabei.
Der menschliche Säugling jedoch erreicht mit neun bis zehn Monaten eine Stufe, wo erstens Problemlösungsversuche einsetzen, in denen das Kind frühere Lösungen auf ähnliche oder andere Situationen zu übertragen beginnt. Damit hat das Kind gelernt, Dinge objektiv anschauen zu können. Zweitens beginnt es, technische Zusammenhänge erfassen zu können.
Die Einheit des Entwicklungsgeschehens.
Das Erlernen der aufrechten Haltung, der Sprache und des einsichtigen Handelns bilden in Wirklichkeit eine Einheit, und es lassen sich wichtige charakteristische Gemeinsamkeiten erkennen:
I. Von Anfang an beobachtet man ein aktives Streben des Kindes nach immer neuen Bewegungen und Haltungenin allen Bereichen des Körpers. Das dient einmal der Befriedigung eines gewissen bewegungsdranges. Hat aber die weit wichtigere Funktion, dass hierdurch das Kind seinen Körper kennen und über ihn verfügen lernt. Wie es dabei den Körper als „seinen“ kennenlernt, so auch „seine“ Laute, die es imstande ist zu produzieren und bald auch zu modulieren. Diese Probierbewegungen beruhen auf neuromuskulärem Geschehen. Sie sind zum einen ein Zeichen der Entwicklung des Nervensystems. Weit wichtiger jedoch ist, dass das Kind hiermit ständig selbst neue Beziehungen erzeugt, auf welchen dann wiederum neue Schritte der Erfahrung aufbauen, die zuvor nicht möglich waren. So wird durch neugieriges Probieren des Kindes ein Entwicklungsvorgan eingeleitet und unterhalten.
Hier treten die ersten Spuren erwachenden Bewusstseins auf, die mit den eben genannten ersten vielseitig suchenden Bewegungen des Säuglings in Wechselwirkung treten. Diese ständig stärker werdende Lernbewegung kombiniert sich nun im extra-uterinen Erstjahr mit den bereits im Mutterkörper begonnenen Reifungsvorgängen, die bei der Geburt noch nicht abgeschlossen sind. So gehschieht also im ersten Lebensjahr des Kindes eine Verschränkung der zum Teil noch ausreifenden organischen Anlagen in stetigem und innigem Wechselspiel mit der sozialen Umwelt. Wesentliche Eigenschaften des Menschen sind also das Ergebnis seiner sozialen Lebensweise. Das erste Lebsnjahr des Menschen steht bereits unter dem Gesetz des „Geschichtlichen“.
II. Das Nachahmen von Verhaltensweisen der Mitmenschen gehört zur Eigenaktivität des Kindes von Anfang an. Die aufrechte Haltung des Menschen, seine Sprache und sein einsichtiges Handeln sind von Anfang an soziale Phänomene.
Die Reifung wesentlicher körperlicher Funktionen geschieht beim Menschen von Geburt an in der Mutter-Kind-Beziehung und kommen ohne sie nicht zustande.
Die Hilfe der sozialen Umgebung, also die Erziehung in den ersten Jahren, ist von Geburt an in steter unauflösbarer Wechsel-wirkung mit der dem Kind von Geburt an eigenen ’schöpferischen Aktivität‘ und dem Drang zur Nachahmung. In der Erziehung lernt das Kind die kulturellen Werte kennen. Es formt daraus seine Weltsicht. Das Wechselspiel von Erziehungseinflüssen und schöpferischer Kraft des Kindes in der Mutter-Kind-Beziehung formen sowohl die wesentlichen Merkmale des Körpers aus, wie auch die Art der zwischenmenschlichen Beziehungen des späteren Erwach-senen. Dies ist das Wesentliche des menschlichen Entwicklungsganges.
Der Mensch lernt also seine Sicht von sich und der Welt und sein Verhalten zur Gemeinschaft in der ersten Gemeinschaft, die er in seinem Leben erlebt.
Soziales Verhalten ist dabei nicht ausschliesslich durch Prägung dem Menschen wie ein Stempel aufgesetzt. Der Mensch erlernt seine Körperformung und sein Verhalten in der Gemeinschaft in enger Wechselwirkung von psychischem und körperlichem Geschehen. Das extra-uterine Jahr bietet also nicht einfach die Möglichkeit in einer besonders sensiblen Phase dem weichen Organismus des kindes Sozialverhalten gleichsam einzudrücken, sondern die menschliche Entwicklung in den ersten Lebensjahren geschieht in der Beziehung zum Mitmenschen. Diese Gemeinschaft ist uns aber nicht erblich gegeben. Vielmehr entsteht aus erblichen Grundlagen, die die Möglichkeit zur vertrauensvollen aktiven und schöpferischen Hinwendung des Kindes ermöglichen und der Erziehung in der Mutter-Kind-Beziehung die Sozialwelt des Individuums. Das Gemeinschaftsgefühl des Menschen entsteht also nicht durch Reifung einer Anlage, sondern bildet sich, wenn man diesen Befund Portmanns nochmals in Adlers Worten ausdrücken möchte, in der Mutter-Kind-Beziheung der ersten Jahren in innigem Wechselspiel zwischen ererbter Disposition des Menschen, grundsätzlich zu Gemeinschaftsgefühlen fähig zu sein und den Erziehungseinflüssen, die letztlich den Werten der jeweiligen Kultur entspringen.
Der Körper des Menschen ist nicht „nur“ materielle Grundlage, gleichsam ein Gefäss für das „höhere Menschliche“. Die spezielle menschliche Entwicklung nach der Geburt zeigt einen innigen Zusammenhang zwischen Körperbau und Verhalten, der mehr ist als der von ‚Form‘ und ‚Inhalt‘. Körper und Seele bilden eine Einheit, die den entgültigen Körperbau und der Chrakter des Menschen entstehen. Dabei sind die speziell menschlichen Züge von der Zeugung an da. Schon das befruchtete Ei enthält alle Möglichkeiten des fertigen leiblich seelischen Menschen, und alle Entwicklungsschritte sind hingeordnet auf die menschliche Eigenart der frühen Geburt und des späten Erwerbs unserer körperlichen und seelischen Eigenschaften in der Mutter-Kind-Beziehung.
Adolf Portmann: Die Sonderstellung des Menschen in der Natur