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Autor: URS HAENNI
Herr Gachoud, gestern hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass das AKW Mühleberg bis Juni 2003 abgestellt werden muss, falls nicht ein Instandhaltungskonzept vorliegt. Hat sie dies überrascht?
Ja, dieser Entscheid hat mich überrascht. Er stellt den Entscheid des Eidgenössischen Departementes für Umwelt, Energie und Kommunikation in Frage, welches auf der Basis des Nuklearsicherheitsinspektorates (Ensi) die Betriebsdauer des AKW Mühleberg verlängert hatte.
Auch sie wohnen und arbeiten in der Nähe von Mühleberg. Können sie die Sicherheitsbedenken nachvollziehen?
Ich verstehe die Besorgnis. Persönlich habe ich aber Vertrauen in die Einschätzungen der Ensi und fühle mich durch die Nähe des Kernkraftwerks nicht bedroht.
Hat dieser Entscheid Auswirkungen auf die Groupe E?
Wenn Mühleberg bis 2013 abgestellt werden müsste, hätte dieser Entscheid unweigerlich Konsequenzen für die Stromversorgung der Groupe E und der gesamten Westschweiz. Dieses AKW liefert ungefähr einen Viertel des von den Westschweizern verbrauchten Stroms. Und da es an Hochspannungsleitungen mangelt, um den Strom von den grossen Produktionszentralen weiter östlich und aus dem Ausland zu transportieren, könnte die Situation besonders kritisch werden. Speziell in Zeiten grosser Kälte wie Anfang Februar.
Kann man beziffern, wie viel Elektrizität die Groupe E aus Mühleberg bezieht?
Wir können unmöglich wissen, welcher Stromanteil aus diesem spezifischen AKW stammt, weil alle Produktionseinheiten über das schweizerische Netz untereinander verbunden sind. Der Anteil von Mühleberg im Schweizer Netz beträgt fünf Prozent. Angesichts der Nähe des Werks und der physikalischen Gesetze scheint dieser Anteil auf dem Versorgungsnetz der Groupe E wesentlich höher zu liegen.
Ist es für die Groupe E möglich, diese Stromquelle in so kurzer Zeit zu kompensieren?
Die Groupe E müsste wie alle anderen Stromunternehmen die Versorgungslücke durch andere Quellen ersetzen. Dies würde kurzfristig sicherlich über importierten Strom geschehen, weil es die Rahmenbedingungen heute nicht erlauben, in der Schweiz schnell neue Produktionsmittel aufzubauen. Aber der Rückgriff auf Importstrom kann nur eine vorübergehende Massnahme sein. Um eine sichere Versorgung zu gewährleisten, muss man innerhalb unserer Grenzen produzieren, in der Nähe der Konsumenten. Dies würde es zudem erlauben, an Energieeffizienz zu gewinnen und Verluste von bis zu zehn Prozent aufgrund des Transportes über lange Distanzen zu vermeiden.
Groupe E und BKW sind gegenseitig Aktionäre voneinander. Muss man diese Beteiligungen überdenken, wenn die BKW ihre Hauptstromquelle verlieren sollte?
Diese Frage stellt sich nicht. Der Austausch von Aktien hatte zum Ziel, eine allgemeine Partnerschaft zu zementieren, nicht nur im Bereich der Stromproduktion.
Auf welcher Ebene arbeiten Groupe E und BKW sonst noch zusammen?
Beide Unternehmen haben vor sechs Jahren zusammen ein Dienstleistungszentrum für die allgemeine Kundschaft gegründet. Wir haben auch eine Einkaufszentrale für Netzmaterial geschaffen. Schliesslich bringen wir wie die BKW seit einem Jahr unter dem Namen «1to1 energy» Produkte für den Haushalt auf den Markt.
Könnte ein so schnelles Abschalten des Kraftwerks Mühleberg auch Prozeduren für die Einrichtung alternativer Energiequellen beschleunigen?
Das ist meine grosse Hoffnung: Dass die Rahmenbedingungen sich schnell entwickeln, damit wir Mittel für eine alternative Energieproduktion schaffen können. Das kann im Bereich von erneuerbaren Energien wie auch im Bereich von grossen Produktionszentralen sein. Ich denke dabei insbesondere an unser Projekt eines Windparks auf dem Schwyberg oder an das geplante Gaskraftwerk in Cornaux auf dem Gebiet des Kantons Neuenburg.
Der Stromversorger Groupe E wäre durch seine Nähe stärker als andere von der Stilllegung Mühlebergs betroffen.Bild Corinne Aeberhard
Reaktionen:Grüne sprechen von Sieg
Die Grünen der Stadt Freiburg zeigen sich in einer Stellungnahme erfreut über den Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts, die Betriebsbewilligung für das AKW Mühleberg auf Juni 2013 zu befristen. «Dieses Urteil ist ein grosser Sieg für uns», heisst es in der Mitteilung. Für die Grünen der Stadt hat sich insbesondere ihr Mitglied Rainer Weibel als Anwalt der Beschwerdeführenden profiliert. Die Partei ist sich aber bewusst, dass es sich beim Urteil möglicherweise erst um die vorletzte Etappe handelt, da die BKW bis April Beschwerde einlegen kann.
Das Thema Mühleberg wird am Montag auch in der Fragestunde des Nationalrates behandelt. Die Freiburger CVP-Nationalrätin Christine Bulliard Marbach hat nämlich eine Frage an den Bundesrat eingereicht, in der sie mehr über die Sicherheit von AKWs der neusten Generation wissen will.uh
Dominique Gachoud von der Groupe E.Bild zvg