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Hindutempel Bern: reformiert
Der Verein Saivanerikoodam betreibt den hinduistischen Tempel im Haus der Religionen am Europaplatz in Bern seit vielen Jahren in ehrenamtlicher Arbeit. Doch was brachte diese Menschen zusammen und weshalb beschreiben sie sich als reformiert hinduistisch? Diese und weitere Fragen beantwortet das folgende Portrait des Hindutempels in Bern.
von Tanaya Suprapto, Malaika Messerli und Rona Karagök
Was brachte die Menschen zusammen?
Fünf Menschen aus Sri Lanka im Alter zwischen 14 und 20 Jahren lebten zusammen in einer Einzimmerwohnung in der Schweiz. Einer von ihnen arbeitete zu dieser Zeit in einem vegetarischen Restaurant. Sie stellten sich viele Fragen über ihre Herkunft, ihre Identität und ihre Nationalität. Da der Hinduismus für sie exotisch war, fingen sie an, Bücher darüber zu lesen und sich damit auseinanderzusetzen. Von Anfang an war ihnen klar, dass sie das Kastensystem verneinten, da sie eine starke Diskriminierungsform darin sahen. Insgesamt lasen sie sicherlich 3’000 Bücher, fanden jedoch in keinem eine klare Antwort auf das Kastensystem. Zudem machten sie mehr als 30 Reisen nach Indien, meistens zuerst in den Himalaya, ins Tibet, und danach weiter Richtung Südindien. Während diesen Reisen konnten sie feststellen, dass die Geschichten nicht immer gleich erzählt werden und der Glaube nicht immer gleich gelebt wird.
«Man soll die Religion leben, wie man möchte.»Sivakeerthy Thillaiambalam
Durch ihr Studium des Hinduismus’ wurde ihnen bewusst, dass für sie verschiedene Veränderungen am Hinduismus nötig waren, wie die Verneinung des Kastensystems, die Gleichberechtigung der Geschlechter und eine Offenheit gegenüber den Normen und Werten anderer Gesellschaften. Sie wandten sich an 28 Tempel und tempelähnliche Vereine in der Schweiz und baten sie, diese Änderungen umzusetzen. Die Tempelvereine befürchteten jedoch durch die Änderungen einen grossen Verlust an Mitgliedern und lehnten ab. Als sie die bestehenden Tempel nicht verändern konnten, beschlossen sie, selbst einen reformierten Tempel zu gründen. Dieses Projekt konnte 2007 in Bern verwirklicht werden und wurde am 1. Februar 2015 ins Haus der Religionen am Europaplatz in Bern verlegt, wo der Tempel aufgrund guter Erfahrungen bis heute besteht. Des Weiteren war die Öffnung von drei weiteren reformierten Tempeln in Sri Lanka, in England und im Wallis möglich.
Der Verein Saivanerikoodam
Der hinduistische Tempel ist täglich von 09.00 bis 20.30 Uhr für alle geöffnet und wird vom Verein Saivanerikoodam betrieben. Dieser ist Mitglied im Haus der Religionen und wird durch eines seiner Mitglieder in dessen Vorstand vertreten. Insgesamt hat der Verein rund 150 aktive Mitglieder, die alle ehrenamtliche Arbeit leisten. Die Priester*innen leiten täglich zwischen 19.00 und 20.30 Uhr Gebete. Die einzigen zwei Teilzeitangestellten des Vereins sind Sivakeerthy Thillaiambalam sowie ein weiterer Priester, der im August 2022 aufgrund der steigenden Nachfrage nach geleiteten Prozessionen angestellt wurde.
Der Verein ist in verschiedenen Bereichen tätig. So wurden z.B. während der Corona-Pandemie gratis Essenslieferungen durchgeführt, die Massnahmen des Bundes ins Tamilische übersetzt und zweisprachige Schutzkonzepte aufgestellt, die an alle hinduistischen Tempel der Schweiz verteilt wurden. Weiter leistet der Verein mediative Arbeit in Themenbereichen wie häuslicher Gewalt oder Zwangsheiraten und bildet einige seiner Mitglieder in multireligiöser Seelsorge aus. Einmal im Jahr wird zusätzlich ein Sprachwettbewerb für Kinder organisiert.
Religionstradition
Die Besucher*innen des Tempels bezeichnen ihren Hinduismus als lacto-vegetarischen, friedlichen Hinduismus der Richtung Shivaismus. Die Gottheit Shiva, der dieser Tempel auch gewidmet ist, ist eine der drei Hauptgottheiten im Hinduismus. Er ist ein Bestandteil der hinduistischen Trinität und verkörpert das Prinzip der Zerstörung. Die beiden anderen Gottheiten dieser Trinität sind Vishnu, der Bewahrer, und Brahma, der Schöpfer. Ausserhalb dieser Trinität verkörpert Shiva Schöpfung und Neubeginn. Er bringt zurück zum Ursprung der Natur.
Reformierter Hinduismus
«Alle Menschen sind gleich an Rechten und Würde geboren, auch vor den Augen Gottes sind wir alle gleich. Die ganze Welt ist eine einzige Familie, jeder Mensch ist bei uns willkommen.» – Dies ist der Leitsatz des Vereins, er steht auf einer Tafel im Hindutempel des Hauses der Religionen. Dies ist eine reformierte Ansicht eines Glaubens oder einer Religion. Der Hindutempel im Haus der Religionen probiert bewusst, vorwärtszuschauen und sich der Zeit anzupassen. Die Gemeinschaft wirkt in sozialen, gesundheitlichen sowie in kulturellen Zonen mit. In dieser Gemeinschaft können alle Priester*innen werden und es herrscht keine Trennung der Geschlechter.
Ein anderes Motto der Gemeinschaft: «Nebeneinander und miteinander mit Wirkung.» Denn obwohl eine gewisse Grundlage für das Praktizieren des Hinduismus existiert, versucht diese Hindu-Gemeinschaft, auch Teile anderer Religionen zu adoptieren. Sivakeerthy Thillaiambalam, Angestellter im Hindutempel sagt: «Man soll die Religion leben, wie man möchte.»
Die Räumlichkeiten
Die hinduistischen Räumlichkeiten im Haus der Religionen sind zweistöckig aufgebaut. Im Erdgeschoss, direkt hinter der Eingangstüre befindet sich der eigentliche Tempel, in dem persönliche Gebete, durch Priester*innen geleitete Gottesdienste und auch religiöse Feste aus dem Jahreskalender vollzogen werden. An seinem Eingang befindet sich ein Schild mit einigen Vorschriften, an die sich alle im Tempel aus Respekt halten müssen. So gehören beispielweise Schuhe, Hüte und Kappen, sowie Alkohol und Fleisch nicht in den Tempel. Weiter sollten die Figuren nicht berührt werden und es wird gebeten, bei der Besichtigung des Tempels rechtsherum zu gehen – so wie die Welt sich dreht.
Ebenfalls am Eingang befinden sich kleine Säckchen gefüllt mit weisser Asche und einer roten Paste. Die Asche wird typischerweise morgens in Form von drei Strichen auf die Stirn aufgetragen. Diese drei Striche stehen für die Geburt, das Leben und den Tod – sie erinnern daran, dass unsere Zeit auf dieser Erde begrenzt ist, und symbolisieren die Vergänglichkeit des Lebens und damit auch den Gott Shiva. Die rote Paste besteht aus Sandelholz, Rosenwasser und roter Farbe und wird zentral auf die Stirn, auf einen Knotenpunkt aufgetragen. Dies soll die Konzentration erhöhen und dabei helfen, einen kühlen Kopf zu bewahren, hilft also beim Meditieren. Dieser rote Punkt wird innerhalb des Tempels weiter zu Ehren der Göttin Kali getragen, die für Energie, Stärke, Macht und Kraft steht. Seine rote Farbe symbolisiert den Blutkreislauf.
Beim Betreten des Tempels geht man unter dem Hauptaltar durch, dessen Spitze aus dem Tempeldach herausragt. Dadurch ist er auch von aussen gut sichtbar und Leute, die nur wenig Zeit haben, können in Sichtweite der Altarspitze beten, ohne den gesamten Weg zum Tempel zurückzulegen.
Im Zentrum des Tempels befindet sich ein grosser Altar mit einer Statue Shivas. Dieser Altar ist gegen alle vier Seiten geöffnet, um die Offenheit gegenüber allen Menschen zu repräsentieren, die dem Verein sehr am Herzen liegt.
«Die ganze Welt ist eine einzige Familie, jeder Mensch ist bei uns willkommen.»Vereinsmotto
An den Rändern des Raumes befinden sich weitere Altäre und Statuen, die anderen Gottheiten gewidmet sind, sowie Abbildungen verschiedener Philosophen des Hinduismus’. Diese Altäre dürfen nur in Begleitung eines Priesters oder einer Priesterin betreten werden.
Im Obergeschoss der Räumlichkeiten befindet sich ein Festsaal, in dem private Feste wie Hochzeiten und Pubertätszeremonien gefeiert werden können.
Kontakt
Verein Saivenerikoodam
Europaplatz 1B
3008 Bern
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