Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03540.jsonl.gz/182

Heldenhafte SoldatInnen, tapfere PartisanInnen und weise Führer, die das Land aus dem Grauen des Krieges ins Licht des Sozialismus führen: Der Mythenbildung und Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg kommt in allen osteuropäischen Staaten eine ungeheuer wichtige Bedeutung zu. Besonders trifft dies auf die beiden sozialistischen Vielvölkerstaaten Sowjetunion und Jugoslawien zu. Die von der Partei gelenkte Erinnerungskultur diente hier als Legitimation nicht nur für das sozialistische System, sondern auch für das Bestehen und die Einheit des multinationalen Staates. Neben der offiziellen Geschichtspolitik kannten die Gesellschaften dort, wo die staatliche Kontrolle fehlte, auch andere Sichtweisen: Die KriegsteilnehmerInnen hatten oft einen "anderen Krieg erlebt", als es der staatlichen Propaganda genehm war. Alternative Kriegserinnerungen spielten so auch beim Auseinanderbrechen von Staat und System in der Sowjetunion und in Jugoslawien zu Beginn der 1990er Jahre eine ganz zentrale Rolle. Im Proseminar analysieren wir Strategien und Mechanismen staatlich inszenierten Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion und in Jugoslawien. Wir zeigen mit verschiedenen methodischen Zugängen die Grenzen offiziellen Erinnerns auf und untersuchen zusammen die Tradierung von alternativen Einzel- und Gruppenerinnerungen und wie diese sich dem Zugriff des Staates entziehen konnten. Durch die Erarbeitung und Untersuchung selbst gewählter thematischer und geografischer Schwerpunkte lernen die StudentInnen Geschichtspolitik als Herrschaftsinstrument und Mittel politischer Manipulation kennen, als Versuch, über gelenkte Erinnerung gesellschaftliche Konflikte zu tabuisieren oder eskalieren zu lassen.
Zwischen Mythos und Tabu: Geschichtspolitik und Erinnerung an den zweiten Weltkrieg in Jugoslawien im Vergleich
Universität Basel
FS 2009
Proseminar
Thomas Bürgisser