Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03513.jsonl.gz/1013

Wer hätte gedacht, dass man mal einem Royal bei einer Therapiestunde zusehen kann? In der vierteiligen Dokumentation «The Me You Can’t See» lässt sich Prinz Harry, der die Serie mit Oprah Winfrey für Apple TV+ coproduziert hat, bei einer Sitzung von Kameras begleiten. Mit seiner Therapeutin praktiziert Harry die EMDR-Methode, um seine posttraumatische Belastungsstörung aus der Kindheit aufzuarbeiten. Offen erzählt der Brite, warum ihn Paparazzi triggern oder warum er nicht nach London fliegen kann, ohne dass ihn die Angst packt.
«The Me You Can’t See» porträtiert berühmte und nichtberühmte Menschen auf der ganzen Welt, die sich für einen offenen Umgang mit psychischen Problemen einsetzen oder selbst davon betroffen sind. Ein Gespräch von Oprah Winfrey und Prinz Harry zum Thema dient dabei als roter Faden. Es ist erstaunlich, wie nah man den Stars dabei kommt: Wenn Prinz Harry vom Tod seiner Mutter, Prinzessin Diana, erzählt, ist er kein Mitglied der britischen Royals, sondern einfach nur Harry, der mit 12 Jahren sein Mami verloren hat.
Seit fünf Jahren Psychotherapie
An den Lärm der Pferdehufe auf dem Asphalt am Tag ihrer Beerdigung erinnere er sich noch heute, sagt er in der Serie. Er erzählt von der Wut, die er damals fühlte, weil niemand in der Familie über die Tragödie sprach. So schwieg auch Harry über den Tod seiner Mutter und die eigenen Gefühle. Die Zeit von 28 bis 32 seien für ihn «Albtraum-Jahre» gewesen, sagt er. Öffentliche Auftritte und Kamerablitze lösten bei ihm Angst und Panikattacken aus. Was helfe: Seit fünf Jahren gehe er zur Therapie.
Ein anderes Porträt in der Serie widmet sich Zak Williams, dem Sohn des Schauspielers Robin Williams. Er betäubte den Schmerz nach dem Suizid seines Vaters mit Drogen und Alkohol. Heute setzt er sich als Aktivist ein, um über das Thema Mental Health aufzuklären.
Vergewaltigung mit 19
Lady Gaga erzählt, dass sie mit 19 Jahren von einem Musikproduzenten vergewaltigt und danach schwanger wurde. Sie erlitt einen psychischen Zusammenbruch, wurde mit einer posttraumatischen Belastungsstörung diagnostiziert. «Ich war einige Jahre lang nicht mehr die Gleiche», sagt sie. Bis heute kämpft die Sängerin mit dem körperlichen und emotionalen Schmerz, den sie davontrug.
Erst vor Kurzem hörte sie auf, sich zu selbst zu verletzen – in der Doku erklärt sie, was ihr im Alltag dabei hilft, dies auch weiterhin nicht zu tun. Es hat eine enorme Kraft, wenn ein Popstar wie Lady Gaga vor einem Millionenpublikum über die eigenen psychische Probleme spricht. Noch vor einigen Jahren wäre das kaum vorstellbar gewesen.
Egal ob es Oprah Winfrey ist, die von ihrer traumatischen Kindheit erzählt, oder ob es um den Star-Koch Rashad geht, der über seine Depressionen und das Stigma in der Black Community spricht, sich psychologische Hilfe zu holen: Die Doku schafft es, authentisch zu sein.
Ohne Voyeurismus
«The Me You Can’t See» kommt ohne Voyeurismus aus – der Fokus aller Geschichten, die gezeigt werden, liegt vielmehr auf der gleichen Botschaft: Wir müssen lernen, offen und ohne Scham über Mental Health zu sprechen. Erst wenn wir uns austauschen, können wir heilen. Die Dokumentation ermöglicht einen transparenten Blick in das Leben und auf die Probleme verschiedener Menschen und die Art, wie sie damit umgehen. Das spendet Trost – und ist manchmal kaum auszuhalten.
Es ist schlimm, dem syrischen Flüchtlingsjungen Fawzi zuzuschauen, der in einem griechischen Camp über seinen Bruder spricht, der bei einem Bombenanschlag starb. Der Psychiater Dr. Essam Daod betreut im Camp Fawzi und andere Kinder, die Furchtbares erlebt haben. Der Arzt bricht nach einem besonders intensiven Gespräch mit Fawzi selbst zusammen, weil er seine Emotionen einfach nicht verstecken kann. Szenen wie diese liegen einem noch Tage später auf dem Magen.
Perfekt ist «The Me You Can’t See» nicht: Die Doku ist so reichhaltig, dass sie auf Dauer anstrengend werden kann. Oft wiederholen sich die zahlreichen Protagonisten – es hätte der Serie gutgetan, die Episoden zu straffen. Besonders Teile des Gesprächs zwischen Oprah und Harry, die immer wieder zwischen den verschiedenen Geschichten gezeigt werden, können redundant sein. Vielleicht braucht es die Wiederholungen aber auch, um uns die Botschaft wirklich einzuhämmern: «Mit einer Depression, Angststörung oder anderen psychischen Krankheiten diagnostiziert zu werden und darüber zu sprechen, ist kein Zeichen der Schwäche. Es ist ein Zeichen von Stärke», so Prinz Harry.
Der Mut der Protagonisten und Protagonistinnen, so offen über die eigenen psychischen Probleme zu sprechen, um damit mit dem Stigma zu brechen, ist bewundernswert – und trägt hoffentlich dazu bei, dass wir uns irgendwann alle ohne Scham mit dem Thema Mental Health beschäftigen können.
Wenn du Hilfe brauchst oder eine Person, die du kennst, sprich mit jemandem darüber. Hier findest du Hilfe: 143.ch
Wie gefällt dir dieser Artikel?