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Sie tragen einen verheissungsvollen Namen und sind doch unscheinbar klein: die Dinoflagellaten. Wer jetzt glaubt, da sei ein «n» verloren gegangen, irrt – liegt aber nicht grundsätzlich falsch. Denn die mittelalterlichen Flagellanten, deren religiöse Praxis sich bis heute im Flagellantismus als sexuelle Spielart erhalten hat, gehen weit in die Antike zurück und teilen denselben lateinischen Ursprung: das «flagellum», die Peitsche oder Geissel.
Und noch etwas verbindet die spirituelle Massenbewegung der Geissler mit dem einzelligen Dino-Geisseltierchen, das eigentlich eine Alge ist: Ihr massenhaftes Auftreten ist verbunden mit klimatischen Veränderungen und den Verheerungen der Pest. Im Fall der Kleinen Eiszeit im Spätmittelalter und den Pestzügen zwischen 1346 und 1353 ist der Zusammenhang verbürgt.
Jetzt vermutet ihn eine neue Studie auch im Fall der Justinianischen Pest, die zwischen 541 und 544 den gesamten Mittelmeerraum heimsuchte und das Ende des Römischen Reiches besiegelte. Ein Team von Wissenschaftler:innen der Universitäten Bremen, Utrecht und Oklahoma hat die Klimaschwankungen in Italien, dem römischen Kernland, anhand von Meeressedimenten detailliert untersucht. Ihre im Fachmagazin «Science» veröffentlichte Studie deckt die Zeitspanne von der frühen Republik um 200 vor der Zeitrechnung bis zum Jahr 600 ab. Zu der Zeit war das Weströmische Reich bereits endgültig zerfallen.
Im Golf von Taranto
Der Untersuchung liegt ein Bohrkern aus dem Meeresboden des Golfs von Taranto im äussersten Süden Italiens zugrunde. Darin haben die Forscher:innen in akribischer Kleinarbeit die Überreste von Dinoflagellaten ausgezählt. Sie leben in den oberen Wasserschichten in grosser Formenvielfalt und reagieren sensibel auf Wassertemperatur und Nährstoffgehalt. Sterben sie ab, lagern sich die einzelligen Algen in feinen Schichten am Meeresboden ab.
Das Alter dieser Schichten lässt sich mit der Radiokarbonmethode feststellen. Aus der Häufigkeit der Einzellerüberreste und dem Verhältnis der wärmeliebenden und Kälte bevorzugenden Arten zueinander haben die Forscher:innen schliesslich Informationen über verschiedene Klimaparameter abgeleitet.
Das Besondere am Golf von Taranto ist, dass dort eine Strömung relativ salzarmen Wassers endet, das der Adriaküste entlang vor allem aus den Zuflüssen des Pos und der kleineren, von den Apenninen kommenden Flüsse gespeist wird. Da Süsswasser leichter als Salzwasser ist, mischt sich diese nährstoffreiche Strömung nur zögerlich mit dem Meerwasser und bleibt bis in Italiens äussersten Süden spürbar, wo sie im Spätsommer und Herbst das Algenwachstum fördert. Aus den Algenüberresten im Sediment lassen sich somit Rückschlüsse auf Schneeschmelze, Niederschläge in den Apenninen und die Lufttemperaturen ziehen.
Im Ergebnis konnten im Untersuchungszeitraum vier Klimaphasen ausgemacht werden. Von 200 vor der Zeitrechnung bis zum Jahr 100 herrschten in Süditalien stabile Klimaverhältnisse mit hohen Temperaturen und feuchten Bedingungen im Norden der Halbinsel. In der Fachliteratur ist diese Zeit als römisches Klimaoptimum bekannt und nun erstmalig mit hoher zeitlicher Auflösung von nur drei Jahren tatsächlich für eine Region dokumentiert. Ab dem Jahre 100 und insbesondere ab 130 nahmen dann die Temperaturen und auch der Niederschlag ab. In einer dritten Phase, die von 215 bis 515 reichte, gingen Temperaturen und Niederschläge weiter zurück und schwankten sehr stark. Nochmals deutlich kälter wurde es schliesslich in einer vierten Phase im 6. Jahrhundert.
Drei Grad kälter
Diese Spätantike Eiszeit, wie sie in der Literatur genannt wird, ist aus diversen Befunden aus ganz Westeuropa und selbst aus dem Altaigebirge bekannt und steht mit mindestens drei grossen Vulkanausbrüchen auf der nördlichen Hemisphäre in Zusammenhang. Diese haben die Sonneneinstrahlung merklich beeinträchtigt, wie auch aus antiken Aufzeichnungen bekannt ist. Die Studie zeigt, dass es in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts in Italien etwa drei Grad Celsius kälter war als im wärmsten Jahrzehnt des römischen Optimums.
Just in diese Zeit fiel auch die Justinianische Pest, benannt nach dem oströmischen Kaiser Justinian (527–565). Sie könnte eine der Ursachen gewesen sein, an denen Justinians Versuch scheiterte, das Römische Reich wiederaufzubauen. Der genaue Zusammenhang zwischen Klimawandel und Pest ist noch unklar, wie die Autor:innen der Studie anmerken. Verbindungen zur verstärkten Migration und zu einer klimabedingt schlechteren Ernährung liegen nahe, müssen aber erst noch genauer untersucht werden.
Immer wieder sind in den vergangenen 4000 Jahren Reiche und ganze Zivilisationen von Veränderungen des Klimas aus der Bahn geworfen worden oder gar untergegangen. Die Dinoflagellaten erinnern uns ebenso daran wie die Hungersnöte, Vertreibungen und Seuchen im Gefolge dieser Klimaveränderungen.