Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03405.jsonl.gz/2601

Wenn es ein Bergmassiv gibt, von welchem Frau und Herr Eidgenosse sagen, dass es das urschweizerischste Massiv schlechthin ist, dann ist es das Gotthard-Massiv – warum auch immer. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass durch dieses Massiv einer der längsten Strassentunnel Europas führt, vielleicht aber auch damit, dass dieses Massiv irgendwie besonders „massiv“ daher kommt, meistens sehr dunkel und grau, abweisend, „wehrhaft“. Für lange Zeit war der Gotthardpass die kürzeste Verbindung zwischen den Kantonen Tessin und Uri, aber es war auch die unwegsamste: 1708 wurde der Fussweg weiter ausgebaut und erst 1775 erfolgte die erste Passüberquerung mit einer Kutsche. Erste Erwähnungen des Passes aber finden sich bereits in Dokumenten aus dem 13. Jahrhundert. 1799 überquerten die Truppen des russischen Generals Suvorov den Pass, um bei der Schöllenenschlucht gegen die Franzosen unter der Führung Napoleons zu kämpfen, ein entsprechendes Denkmal findet sich auf der Passhöhe, ein weiteres Denkmal erinnert an den Flieger mit Namen „Guex“, über welchen erstaunlich wenig im Netz der Netze zu finden ist. Ich vermute, dass jener Herr Guex ein Fliegerpionier war, welcher vor allem die Schweizer Alpen mit dem Flugzeug erkundete, bis er 1928 abstürzte. Wussten Sie eigentlich, dass dieser Pass einem deutschen Heiligen des Mittelalters, Godehard von Hildesheim, gewidmet ist?
Der Pass an sich ist stark befahren, bei guten Wetterlagen ist die Passhöhe regelrecht überschwemmt von Touristen, Wanderern, Velo- und Motorradfahrern, entsprechend ist das touristische Angebot hier oben gut ausgebaut und mann kann sowohl Souvenirs und allerlei Nippes, aber auch kulinarisch mehr oder minder gute und wertvolle Speisen erwerben. Von allen Pässen, die ich bisher befahren habe, ist der Gotthard der „touristischste“, richten Sie sich entsprechend auf diesen Umstand ein, wenn Sie gedenken, jenen Pass entweder von Airolo im Tessin oder von Hospental im Kanton Uri aus zu befahren. Sollten Sie früh am Morgen in dieser Gegend weilen, so empfehle ich, den Gotthardpass als erstes zu befahren und dann die zahlreichen weiteren, die in der Nähe liegen.
Apropos „befahren“: Es gibt zwei Möglichkeiten, von Airolo aus nach Hospental zu gelangen. Die eine ist die seit 1977 befahrbare, gut ausgebaute und asphaltierte Strasse, die heute die „reguläre“ Passstrasse darstellt. Die andere ist die „Tremola“, die bis 1977 von Airolo aus bis zur Passhöhe führte. Im Kartenbild am oberen Rand dieser Seite ist die neue Strasse mit roter Farbe markiert, die alte Tremola mit grüner. Die Tremola war ursprünglich ein Fussweg, der erst 1830 für den Postkutschenverkehr ausgebaut wurde. Sie ist ein Baudenkmal und man plant, diese Strasse sogar ins UNESCO Welterbe aufzunehmen.
Bei einer maximalen Steigung von 10 Prozent steigt man auf einer Länge von 27 Kilometern auf (und hier unterscheiden sich die Angaben) 2091, 2106 oder 2107 Metern über dem Meeresspiegel, gleichzeitig überwindet man die Wasserscheide zwischen dem Rhein und dem Po in Italien. Der reguläre Passstrasse, auch bekannt als „Hauptstrasse 2“ ist vergleichsweise einfach und stellt keine sonderlich hohen Ansprüche an das eigene fahrerische Können, allerdings sollte man immer mit viel Verkehr rechnen und entsprechend fahren: Mit Abstand und viel Vor- und Weitsicht. Ganz anders sieht das mit der Tremola aus. Sie stellt ganz andere, zum Teil recht hohe Anforderungen. Entsprechend ist hier meistens auch weniger Verkehr (vor allem trifft man hier weniger auf die „typischen“ Pass-Motorradfahrer, die mal eben mit Walzen- oder Rennreifen durch die Landschaft brettern). Die Tremola ist nahezu durchgängig gepflastert und nicht asphaltiert. Pflastersteine haben die unangenehme Angewohnheit, selbst bei absoluter Trockenheit rutschig sein zu können, insbesondere, wenn man aus einem schattigen Teil in einen sonnigen fährt und umgekehrt. Besonders „prickelnd“ wird diese Eigenschaft in den teilweise sehr engen Haarnadelkurven. Auf der Tremola sollten Sie Ihr Motorrad gut beherrschen und vor allem sehr weit bergauf und bergab schauen können, um gegebenenfalls in Kurven den zur Verfügung stehenden Platz in Ihrem eigenen Interesse gut ausnützen zu können. Sie sollten auf ihr auch insbesondere das sehr langsame Fahren mit gleichzeitiger Nutzung der Vorder- und Hinterradbremse beherrschen, denn es sind hier oft nicht nur Motorradfahrer unterwegs, die sich und ihr eigenes Können vollkommen überschätzen, sondern auch zuweilen Pferdekutschen. Die Pferde sind einiges gewöhnt, trotzdem sollte man mit gehörigem Seitenabstand und vor allem langsam an ihnen vorbei fahren. Ziehen Sie auch in Erwägung, ein gegebenenfalls vorhandenes ABS-System abzuschalten. Die Oberfläche der Tremola kann manchmal wie eine vom Regen überschwemmte Strasse wirken, entsprechend ist ein angeschaltetes ABS-System zuweilen das kontraproduktivste Sicherheitssystem schlechthin.
This entry was posted in Pässe