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Welch eine Enttäuschung! Ich hatte bei diesem Buch, dem zweiten Kriminalroman um den Oxforder Literaturprofessor Gervase Fen von Edmund Crispin, etwas Ähnliches erwartet wie beim ersten, The Moving Toyshop – nämlich eine herrlich witzig-absurde Story mit ebenso herrlich witzig absurden Figuren. Doch Love Lies Bleeding hat praktisch nichts davon. Das Setting – eine englische Privatschule in der Nähe von Stratford upon Avon – liess mich eine Reihe mehr oder minder skurriler Lehrer erwarten. So etwas wie Die Feuerzangenbowle als Kriminalroman halt. Nichts davon. Professor Fen hat seit den Ereignissen in The Moving Toyshop sogar Auto fahren gelernt. Vielleicht erwartet auch nur ein Kontinentaleuropäer, dass sich das Setting einer britischen Privatschule à la Eton für absurde Komik geradezu anbietet; vielleicht findet der britische Leser im Roman eine Komik, die dem kontinentalen Leser entgeht.
Wir finden zwar eine völlig absurde und höchst verwickelte Geschichte um den Mord an zwei Lehrern dieser Privatschule. Hintergrund der Geschichte ist ein angeblich aufgefundenes Manuskript von Shakespeare. Dessen Inhalt: die unbekannte Komödie Love’s Labour’s Won, eine Fortsetzung zu Love’s Labour’s Lost. Die Idee, die Morde von zwei verschiedenen Personen ausführen zu lassen, das zweite Opfer den ersten Mörder sein zu lassen, und das Alibi des zweiten Mörders vom Alibi des ersten abhängen zu lassen, ist zwar ein Meisterstreich des Den-Leser-völlig-in-die-Irre-Führens, wie es zum klassischen Who-dun-it gehört. Aber es fehlen die absurden Figuren zur absurden Geschichte. Fen orakelt schon zu Beginn seiner Ermittlungen, dass er den Mörder kenne, sagt aber bis zum Schluss nichts und wirkt so auf den Leser als arroganter Besserwisser. Die Lehrer selber haben zwar ihre grösseren oder kleineren Macken – aber nichts, das sie aus der Masse unserer täglichen Arbeitskollegen herausheben würde. Die einzige wirklich absurde Gestalt in diesem Roman ist Mr Merrythought, anders als es der Name vermuten lässt, keineswegs ein fröhlicher junger Mann, sondern ein depressiver und auch sonst durchgeknallter alter Hund. Er darf als einziger den Heldentod sterben, wenn er den Mörder ganz am Ende daran hindert, auch Fen abzuknallen. Aber so ein Hund rettet keine Geschichte.
Dass auch Schülerinnen der benachbarten Mädchenschule in den Plot verwickelt sind, 16-jährige junge Frauen, die von Fen regelmässig darauf hin taxiert werden, dass sich deren Körper in zwei Jahren zur völligen Reife und Schönheit entwickelt haben würde, hinterlässt im Leser des 21. Jahrhunderts auch dann einen schalen Nachgeschmack, wenn er sich sagen muss, dass diese Form von Machismo 1948 wohl selbst dem Autor nicht bewusst war.
Eine Bemerkung Fens, dass sich seit den Ereignissen von The Moving Toyshop so einige Dinge in seinem Leben geändert hätten, von denen nicht einmal die Leser Crispins wüssten, und der Titel des Romans selber, der einerseits nach einer Zeile aus einem Shakespeare-Stück klingt, andererseits die brutale Realität abbildet, indem eines der Mordopfer zum Nachnamen Love hiess, sind die einzig guten Gags, die Crispin einzubauen vermochte – aber das rettet den Roman nicht. (Die deutsche Titelgebung opfert den zweiten Gag in der zweiten Fassung von 2004 fast, in der ersten, wo sie sogar einen Punkt des Alibis preisgibt, sogar ganz.)
Fazit: Würde ich nicht The Moving Toyshop kennen, würde ich jetzt Crispin komplett zur Seite legen und vergessen. Ich weiss im Moment nicht, ob ich nochmals zugreife, falls The Folio Society einen dritten Roman um Gervase Fen publiziert. Wahrscheinlich würde ich Crispin noch eine Chance geben, die letzte.