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Migranten leben länger. Dieses epidemiologische Paradox gilt auch für die Schweiz
Es gibt mehrere Faktoren, die erklären, warum Ausländer und Einheimische zum Zeitpunkt ihres Todes nicht gleich alt sind, wie Jonathan Zufferey in seiner Dissertation zeigt, die er am 15. Dezember 2014 erfolgreich an der Universität Genf verteidigt hat. Er wird diese Untersuchungen in den nächsten vier Jahren im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunkts On the Move fortführen können.
In den meisten Industriestaaten leben fremdstämmige Bevölkerungsgruppen länger als die einheimische Bevölkerung. Und dies obwohl Personen mit ausländischer Herkunft eher zu den am meisten benachteiligten sozioökonomischen Klassen gehören, welche den Mortalitätsrisiken gewöhnlich stärker ausgesetzt sind.
Dieses epidemiologische Paradox steht im Zentrum der Doktorarbeit von Jonathan Zufferey, der den Fall der Schweiz dank Daten der Swiss National Cohort untersuchte. Er berücksichtigte dabei die Volkszählungen von 1990 und 2000 sowie alle Todesfälle in der Schweiz zwischen 1990 und 2008. Die Forschungsarbeit, die er innerhalb des IP14 des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES unter der Betreuung von Prof. Michel Oris und Gilbert Ritschard von der Universität Genf durchführte, ist in zweierlei Hinsicht bedeutsam, da sie sowohl Migration als auch Ungleichheit untersucht, zwei für die Sozialwissenschaften im Allgemeinen und für LIVES im Besonderen wesentliche Themen.
Jonathan Zufferey untersuchte zunächst den Begriff «Ausländer» in der Schweiz, der ganz unterschiedliche Realitäten abdeckt, je nachdem ob es sich um Migrierende der ersten Generation oder einer späteren handelt, je nachdem aus welchen Herkunftsland sie stammen und welchen gesetzlichen Status sie besitzen. Der junge Forscher zeigt, dass Personen mit ausländischer Herkunft über alle Unterkategorien hinweg (ausgenommen Asylbewerber und illegale Einwanderer; diese sind in den Daten nicht erfasst) im Allgemeinen später sterben als Schweizer. Bei den Männern sind es nur Ausländer aus Osteuropa, die vor den Schweizer Staatsbürgern sterben. Bei den Frauen haben Immigrantinnen aus Afrika, dem Nahen Osten und Osteuropa eine geringere durchschnittliche Lebenserwartung als Schweizerinnen. Es bleibt allerdings die grosse Mehrheit der Immigranten aus Süd- und Westeuropa, bei denen jeweils eine deutliche Tendenz zu einer späteren Sterblichkeit festzustellen ist.
Bei der Betrachtung der Todesursachen ergibt sich der gleiche Befund: Jonathan Zufferey konnte belegen, dass Ausländer scheinbar über eine höhere Risikoresistenz verfügen als Einheimische. Es wurde jedoch keine bestimmte Todesursache gefunden, die ausschlaggebend wäre für eine Erklärung des Paradoxes. Sogar der Selbstmord ist eine fast gleichverteilte Todesursache, und alle fremdstämmigen Bevölkerungsgruppen weisen ein geringeres Selbsttötungsrisiko auf als die langansässige Bevölkerung.
Bedeutung bestimmter Effekte
Die Ergebnisse sind durchaus robust, da sie auf Volkszählungsdaten beruhen, welche die gesamte Wohnbevölkerung abdecken. Dennoch gibt es Erklärungsansätze für bestimmte Effekte, die nicht ausser Acht gelassen werden dürfen.
In den Vereinigten Staaten und in den europäischen Ländern wurden in der Forschung bereits verschiedene Hypothesen zur Erklärung des Phänomens aufgestellt. Bei der Zuwanderung von Migranten in ein Land wie auch bei ihrer Abwanderung kann es zu einem Selektionseffekt kommen: Demnach würden nur die Widerstandsfähigsten das Wagnis der Migration auf sich nehmen und dauerhaft im Land bleiben; Schwächere würden dies nur in geringerer Zahl wagen und das Land bei Schwierigkeiten eher wieder verlassen. Ein Verzerrungseffekt könnte ausserdem in den Daten selbst begründet sein, wenn Ausländer das Land verlassen, ohne die Behörden über ihren Wegzug zu informieren, so dass sie in der Statistik als «unsterblich» weitergeführt werden.
Jonathan Zufferey kommt jedoch zu der Feststellung, dass die Sterblichkeitsunterschiede auch in der zweiten Generation weiter vorhanden sind, was den Auswahleffekt als alleinige Erklärung des Phänomens hinfällig werden lässt.
Kontext und Kultur
Der Forscher hat auch andere Zusammenhänge wie etwa den geografisch-sozialen Kontext untersucht und die Mortalität in Abhängigkeit der Lebensumstände analysiert. Er fand heraus, dass in Arbeitervierteln die Lebensdauer der Ausländer höher ist als diejenige der Schweizer. Wenn in diesen Vierteln assoziative, ehrenamtliche oder behördliche Aktivitäten stattfinden, scheint sich dies auf die Einheimischen positiv, auf die Immigranten jedoch gar nicht auszuwirken.
Die Forschungsarbeit von Jonathan Zufferey zeigt, dass eine Analyse auch die genaue Sozialstruktur und insbesondere die Interaktionen berücksichtigen sollte, die zu einer Häufung oder einem Ausgleich von Risikofaktoren führen können. Durch Data Mining konnte er nachweisen, dass der Abstand zwischen Migranten und Einheimischen bei den sozial am meisten benachteiligten Gruppen am grössten ist.
In seinen Schlussfolgerungen führt Jonathan Zufferey ein «Zusammenspiel erklärender Faktoren» an und verweist zumindest teilweise auf den Selektionseffekt, den er allerdings für schwer berechenbar hält. Jonathan Zufferey entwickelt die Idee einer sogenannten «Migrationskultur», die sich durch positive Charakterzüge auszeichnet, durch «mehr Öffnung» und «mehr Willensstärke» bei denjenigen, die das Wagnis der Migration eingehen, sowie bei ihren Nachkommen. Wie er feststellt, verfügen diese Personen gegenüber der einheimischen Bevölkerung zudem über einen gewissen Vorteil bei der Risikobewältigung.
Lob der Promotionskommission
Die Promotionskommission lobte die «beeindruckende Arbeit» von Jonathan Zufferey, die «wissenschaftliche Sorgfalt», den «Reichtum des empirischen Ansatzes» und seine «Fähigkeit, allgemeinverständlich zu erklären».
In seiner Antwort auf Prof. Patrick Deboosere, Vrije Universiteit Brüssel, und Prof. Philippe Wanner, Universität Genf, welche in der Arbeit Empfehlungen für die Sozialpolitik vermissten, verwies der Doktorand darauf, dass die Schweiz aufgrund des Fehlens ethnisch homogener «Ghettos» als Beispiel für andere Länder dienen könne. Er betonte, dass die Mortalität nur einer von vielen Indikatoren der öffentlichen Gesundheit und nicht unbedingt der differenzierteste sei. In seiner Studie habe er jedoch besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen wie etwa Asylbewerber und illegale Einwanderer leider nicht berücksichtigen können.
Für seine Betreuer ist Jonathan Zufferey das ideale Beispiel eines Studenten der Sozialwissenschaften «ohne Vorwissen in Ökonometrie oder Statistik, die am Schluss jedoch hervorragende Ergebnisse vorlegen», wie Prof. Gilbert Ritschard urteilte. Der Doktorand habe damit «ein schönes Beispiel für interdisziplinäre Demografie» geliefert, fügte Prof. Michel Oris hinzu und erklärte, «die Wissenschaft entwickelt sich ständig weiter, sie ist nicht da, um Schlusspunkte zu setzen».
Diese Weiterentwicklung wird nicht lange auf sich warten lassen, da Jonathan Zufferey bereits für vier Jahre als Post-Doc verpflichtet wurde und innerhalb des neuen Nationalen Forschungsschwerpunkts On the Move arbeiten wird. Seine zukünftige Forschung wird sich hauptsächlich mit der internen Mobilität von Migranten befassen, aber er wird auch Zugang zu bisher nicht genutzten Daten erhalten, um den sogenannten «Lachs-Effekt» zu untersuchen, das heisst, die Frage, wie viele Ausländer zum Sterben in die Heimat zurückkehren. «Die Schweiz wird das erste Land sein, das eine solche Studie durchführt», freute sich der frisch doktorierte Wissenschaftler.