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Verena Naegele, St. Galler Tagblatt (19.02.2008)
«Genoveva» von Schumann am Opernhaus Zürich
Nikolaus Harnoncourt ist die treibende Kraft hinter der Ausgrabung von Robert Schumanns «Genoveva» am Opernhaus Zürich. Das Ergebnis blieb mittelprächtig.
Robert Schumanns vieraktige Oper «Genoveva» wurde im Juni 1850 in Leipzig uraufgeführt, lediglich zwei Monate vor Wagners «Lohengrin» in Weimar. Trotz dieser zeitlichen Nähe wagt Nikolaus Harnoncourt, Schumanns vergessenes Werk als «eine geniale Oper, wenn nicht sogar als die bedeutendste Opernkomposition in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts» zu qualifizieren.
Reichlich antiquiert
Eine erstaunliche Aussage angesichts der zahlreichen Schwächen in Libretto und Musikanlage. Schon «der plot ist von beschränktem Reiz», wie Peter von Matt im Programmheft unumwunden zugibt. Siegfried, der in den Krieg zieht, lässt seine Frau Genoveva in der Obhut von Golo zurück. Dieser ist rasend in sie verliebt, doch Genoveva weist ihn zurück. So bezichtigt Golo mit Unterstützung der Zauberin Margaretha die engelhaft religiöse Genoveva der Untreue. Erst in letzter Sekunde erfährt Siegfried die Wahrheit und rettet seine Frau vor dem Schafott.
Antiquiert wie der Stoff ist die Sprache: «Karl Martell/ tapfrer Hammer/ allem Heidenvolk zum Jammer!» Erstaunlich ist schon eher die durchkomponierte Musik, «eine einzige grosse Symphonie» (Harnoncourt), wobei auch Schumanns Hang zur dicken Instrumentation nicht fehlt. Aber es gibt Glanzlichter, die erste «Arie» der Margaretha etwa, gekonnt von Cornelia Kallisch gesungen. Auch der 3. Akt hat dramaturgische Stringenz, die in einer an «Don Giovanni» erinnernden Sühneszene des ermordeten Drago (Alfred Muff) gipfelt. Daneben gibt es ermüdende Parlandi, die auch Harnoncourt trotz grosser Souplesse des Opernhausorchesters nicht übertünchen kann.
Reichlich blutig
Aus der Not des naiven Opernplots versucht Regisseur Martin Kusej eine Tugend zu machen, indem er alles auf psychologische Imaginationen der Figuren einengt. Diesen verinnerlichten Raum markiert er durch ein weiss getünchtes Zimmer, indem die vier Hauptfiguren stets präsent sind. Die Aussenwelt, vor allem der Chor, wird ausgesperrt – eine Einengung, die noch mehr entdramatisiert, was durch überreichlich fliessendes Blut (ärgerlich) kompensiert wird.
Ein Meisterstück gelingt in diesem Regiekorsett Juliane Banse als Genoveva. Wiewohl puppenhaft als Religionsfanatikerin gezeichnet, findet sie dank ihrer körperlichen und stimmlichen Ausstrahlung zu einer kraftvollen Interpretation. Martin Gantner als Siegfried und Shawn Mathey als Golo glänzen mit Bühnenpräsenz.
Am Ende präsentiert sich das weisse Zimmer als Schlachtfeld, auf dem kleinformatige Marienstatuen im Dutzend stehen – Regietheater ad absurdum.