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Der Glärnisch in der Entwicklung des Kartenbildes
in der Entwicklung des Kartenbildes
Von W. Blumer.
Der Glärnisch, eines der imposantesten und bekanntesten Gebirgsmassive der Schweiz, bietet nicht nur dem Topographen, sondern einem jeden, der sich für die Darstellung des Gebirges auf der Karte interessiert, ein dankbares Beispiel der Anschauung und des Studiums.
Fast ringsum von tiefeingeschnittenen Tälern begrenzt, ragt der Glärnisch als mächtiger Felskoloss in bedeutende Höhen. Seine ausserordentlich steilen und reich geformten Felshänge laden den Topographen geradezu ein, am Glärnisch. der Entwicklung der kartographischen Gebirgsdarstellung nachzugehen.
Die erste bemerkenswerte Karte der Schweiz, die des Glarners Ägidius Tschudi ( 1505—1572 ), zeigt uns das Gebirge in der damals üblichen Dar- Stellung der stilisierten Hügelreihen ( Abbildung 1 ). Das Verständnis für genaue und naturgetreue Wiedergabe der Bergformen fehlte noch vollständig. Die Situation der im Masstab ca. 1: 320,000 gezeichneten Karte Tschudis beruht auf Distanzschätzungen, ist aber noch sehr unvollkommen.
Auf lange Zeit hinaus war sodann J. J. Scheuchzers Schweizerkarte die beste und bekannteste. Aber auch Scheuchzer ( 1672—1733 ) ist in der Manier der Zeit befangen. Das Gebirge ist immer noch schematisch in Seitenansicht, in wildem Aufriss, dargestellt als vielgipfliges Gebilde ( Abbildung 2 ). Die Situation im Masstab ca. 1: 230,000 ist noch ungenau, doch liegen bereits der Karte mathematische Einzeluntersuchungen zugrunde. Scheuchzer reiste mit Barometer, Thermometer und Gradbogen im Schweizerlande umher und bestimmte als erster die Höhe einer Reihe von Berggipfeln. Seine Karte ist eine Frucht dieser Studien, wurde allgemein verbreitet und diente zahlreichen andern Karten als Grundlage. Gegenüber derjenigen Ägidius Tschudis ist die Karte Scheuchzers viel reicher. Die Täler erscheinen bereits als Furchen.
Zur selben Zeit hatte sich Joh. Heinrich Tschudi ( 1670—1729 ) um die Topographie speziell des Glarnerlandes besonders verdient gemacht. Er verfasste eine Geschichte des Glarnerlandes und entwarf eine bemerkenswerte Karte desselben. Die Umrisse der Gebirge sind hier noch schematisch, doch zeigen sich bereits Ansätze, einigen Bergformen etwas von ihrem natürlichen Charakter zu geben, wie z.B. dem Vorderglärnisch ( Abbildung 3 ). Die Situation ist bedeutend besser. Täler und Ortschaften sind nach ihrer relativen Lage ziemlich gut dargestellt. Auf lange Zeit hinaus blieb diese Karte die beste des Glarnerlandes. Sie bildete auch die Grundlage für die Karte des Landes Glarus im Walserschen Atlas von 1760.
Erst der Meyersche Atlas bringt in der Gelände- und besonders der Gebirgsdarstellung den grundlegenden Fortschritt. Der Glärnisch ( Abbildung 4 ) erscheint nun hier in Draufsicht und zeigt zum erstenmal annähernd Grundrisstreue. Meyer hatte erkannt, dass eine Karte im Gelände selbst aufgenommen werden sollte. Er war sich jedoch bewusst, dass die mathematischen Grundlagen noch nicht genügten und liess daher im Gebirge Panoramen und Ansichten zeichnen, gelegentlich auch Richtungen messen, dieselben zur Herstellung von Reliefs benutzen und nach diesen Reliefs erst die Karten zeichnen ( 1796—1802 ). Auf diese Weise konnten die Gebirgsformen einigermassen richtig erfasst werden. Die Umrisse sind sicher und bestimmt, die Einzelheiten aber noch ungenau. Die Gebirgshänge sind in Schraffen dargestellt, die im Wechsel von Licht und Schatten eine gute Plastik erzielen. Meyers Atlas, in 16 Blättern im Masstab ca. 1: 110,000, blieb bis zur Veröffentlichung der Dufourkarte die Hauptquelle der späteren Karten. So stammt der Ausschnitt Abbildung 5 aus einer Karte des Kantons Glarus von 1846, die eine in der Situation verbesserte und in der Bearbeitung sorgfältigere und detailliertere Nachbildung derjenigen Meyers darstellt.
Das Werk Meyers bildet den Auftakt für die eigentlichen Landesauf-nahmen. Durch ihn wurde das Interesse an der Erforschung und Darstellung des Schweizerlandes geweckt. Von verschiedenen Seiten wurden trigonometrische Vorbereitungen für eine exakte Landesvermessung getroffen. Aber erst 1832 veranlasste die militärische Aufsichtsbehörde die Einberufung einer Kommission, die die geodätischen Grundlagen und Vorschriften für die topographischen Aufnahmen nach einer neuen Darstellungsmethode zu prüfen hatte. Nachdem bereits im Laufe der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Möglichkeit der Geländedarstellung in Schichtlinien erkannt worden war, brach sich nun auch bei uns diese Methode Bahn. Damit hatte sich der Staat des Kartenwesens angenommen. Ein topographisches Bureau wurde gegründet und die Leitung über die Ausführung einer eidgenössischen Karte 1: 100,000 G. H. Dufour ( 1787—1875 ) übertragen. Die nach ihm benannte Dufourkarte wurde 1864 vollendet. Sie stellte ein Monumentalwerk dar und begründete den Ruhm der schweizerischen Kartographie.
In ihrer Grundlage beruht die Dufourkarte zum Teil auf bereits vorhandenen kantonalen und regionalen Aufnahmen, die übrigen Gebiete aber mussten durch eigene Topographen aufgenommen werden, das Alpengebiet im Masstab 1: 50,000. In der Wegleitung für diese Neuaufnahmen wird in bezug auf die Geländedarstellung gefordert, dass man sich mehr an die Hauptformen als an die kleineren Bewegungen zu halten habe, ebenso bei den Felsen, die in Schraffen gezeichnet werden sollten. Wir sehen den Glärnisch in dieser Darstellungsweise auf Bild 5. Hier sind nur die grossen und einfachen Formen dargestellt, grob, massig, schematisiert, jedoch plastisch und markant und, weil zu generell, vielerorts ungenau. Obwohl schon Dufour darauf aufmerksam machte, dass der Topograph, um die Charakteristik der Felsen richtig zum Ausdruck bringen zu können, die geologischen Verhältnisse zu kennen und zu berücksichtigen hätte, blieb es den späteren Topographen vorbehalten, diese Forderung genau zu erfüllen.
H. Siegfried ( 1819—1879 ), der damalige Leiter des topographischen Bureaus, machte kurz nach der Gründung des schweizerischen Alpenclubs ( 1863 ), auf dessen Veranlassung hin, bei den Bundesbehörden den Vorschlag, die Originalmesstischaufnahmen zu revidieren und im ursprünglichen Massstab der Terrainaufnahmen mit Horizontalkurven herauszugeben. 1868 erfolgte der diesbezügliche Bundesbeschluss. Damit begann eine neue Blütezeit schweizerischer kartographischer Darstellungskunst. Die topographische Wiedergabe des Geländes, insbesondere des Gebirges, wurde genauer, die Formen reicher. Die Felspartien verlangten gleichsam geologische Analyse. Auf diese Weise wurde eine zeichnerische Wiedergabe der verschiedenen Strukturformen auf Grund der entstehungsgeschichtlichen Erkenntnis möglich, wie es der Glärnisch auf Bild 7 veranschaulicht.
Mit dem 20. Jahrhundert hat nun die Photogrammetrie, eine neue Aufnahmemethode, Eingang gefunden. Photogrammetrische Versuche wurden im Auslande schon in den 1860er Jahren vorgenommen, doch glaubte man lange nicht an ihre praktische Anwendungsmöglichkeit. In der Schweiz hatte im Jahre 1885 Ingenieur S. Simon die ersten photogrammetrischen Versuchsaufnahmen im Gebiet des Aletschgletschers ausgeführt. 1892 untersuchte das eidgenössische topographische Bureau dieses neue Verfahren in bezug auf Genauigkeit und Wirtschaftlichkeit, kam dadurch zu einer Ablehnung desselben und stand deshalb den in der Folgezeit andernorts erreichten Fortschritten zunächst skeptisch gegenüber. Im Auslande entwickelte sich die Photogrammetrie inzwischen immer weiter. Neue Apparate wurden erfunden und die Photogrammetrie zur Stereophotogrammetrie weiter ausgebaut.
In der Schweiz war es Robert Helbling, der die stereophotogrammetrische Messmethode mit zäher Energie verfochten und derselben zum Siege verholfen hat. Auf seine Veranlassung hin und unter seiner Leitung wurden 1915 die ersten stereophotogrammetrischen Aufnahmen im Gebirge ausgeführt und seit 1918 mit dem Stereoautographen ausgewertet. Seit 1920 arbeiten auch die eidgenössische Landestopographie für die Kartenaufnahme und die eidgenössische Vermessungsdirektion für die Grundbuchvermessung nach dieser Aufnahmemethode, letztere Amtsstelle seit 1926 fast ausschliesslich nach dem luftphotogrammetrischen Verfahren.
Die Stereophotogrammetrie ermöglicht, selbst im schwierigsten Felsgelände, die genaue geometrische Wiedergabe der Horizontalkurven. Bild 8 zeigt den Glärnisch in dieser Darstellung 1 ) als reines Kurvenbild 2 ) ( mit 20 m Kurvenabstand ). Doch sind es nicht nur die Kurven, die dem räumlichen Bild entnommen werden können, sondern ebensogut die Situation, die Felsränder, Gräte, Rinnen usw. Mit diesen Unterlagen erlangt die bisher übliche Felsschraffenzeichnung die höchstmögliche Genauigkeit, wie es der Glärnisch auf Bild 9 veranschaulicht. Die Darstellung der Felsen in Schraffen erreicht in dieser Ausführung den höchsten Stand; weiter entwickeln lässt sich dieselbe nicht mehr.
Für die Felsdarstellung bleibt aber immer noch eine weitere Möglichkeit offen, nämlich die Verbindung einer Felsgerippezeichnung mit Horizontalkurven und Schummerung 3 ). Diese Darstellungsweise scheint nun für die neue Landeskarte 1:25,000 vorgesehen zu sein. Den Glärnisch in dieser Ausführung noch beizufügen, ist hier aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Schon die Reproduktion des Beispieles 9 auf Textpapier ist ungünstig, da die Klarheit und Plastik der feinen Zeichnung zu stark beeinträchtigt wird.