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Strauhof, 9. Juni, in Zürich ein milder Sommerabend: Vernissage der Ausstellung «Frischs Fiche und andere Geschichten aus dem Kalten Krieg». Ich bin als damaliger Redaktor der WochenZeitung WoZ eingeladen worden, weil ich den beiden Ausstellungsmachern Philip Sippel und Rémi Jaccard bei einem Mittagessen in der Nationalbibliothek über die «Realismusdebatte 1983/84» Auskunft gegeben habe. Zudem habe ich in ihrem Auftrag einen kurzen, entsprechend pointierten Text zum Stichwort «Engagierte Literatur in der Schweiz» verfasst, der nun in der Ausstellung auf einer Schautafel präsentiert wird.
Jetzt, beim Gang durch die Ausstellung, stosse ich in einer Glasvitrine auf die Exponate zu dieser Realismusdebatte. Sie stammen, so weit ich sehe, weitgehend aus meinem persönlichen WoZ-Dossier zum Thema, das ich vor Jahren dem Schweizerischen Literaturarchiv übergeben habe. Unter anderem ausgestellt ist der Rundbrief, mit dem die WoZ-Redaktion die Debatte zu lancieren versuchte: Verschiedene SchriftstellerInnen und FilmemacherInnen wurden gebeten, sich mit eigenen Beiträgen an der Diskussion um Niklaus Meienbergs «Subrealismus»-Vorwurf an die Adressen von Thomas Körfer und Otto F. Walter zu beteiligen. Der Brief ist von mir unterzeichnet, der beigelegte Fragekatalog trägt die Datierung «fl. 21.11.83» und lautet:
«1. Fallen der CH-Film/die CH-Literatur mehr als Film/Literatur in anderen Ländern hinter die Realität zurück? Wenn ja, wo sind die Gründe zu suchen?
2. Woher nehmen Filme-/Literaturmacher ihr Material? Wie recherchieren sie? Welches Verhältnis haben sie zum Material? Wie bearbeiten sie es?
3. Gibt es das in CH-Literatur/in CH-Filmen:
- Faktenangst?
- Realitätsverlust?
- Geschichtsverlust?
- ‘Phantasie’ als faule Ausrede immer dort, wo jene Unpräzision gemeint ist, die die Sprengkraft des Werkes verhindert? (Wäre wirkliche Phantasie denkbar? Umgekehrt: Ist Film/Literatur ohne Phantasie denkbar? Wann und wo stimmt Phantasie?)
4. Welchen gangbaren Weg gibt es zwischen dem trockenen, aber exakten journalistischen Beschreiben einerseits und dem papierernen Realitätsverlust, dem ‘besoin de grandeur’ gewisser Literaten/Filmer?
5. Ist ‘Subrealismus’ als Begriff zur Beschreibung einer aktuellen Tendenz im Film- und Literaturschaffen in der CH brauchbar? Andere Begriffe? Andere Tendenzen?»
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Beim Wiederlesen dieses Fragekatalogs kam ich im Strauhof ins Grübeln: Waren wir damals als linke KulturjournalistInnen nicht arg geschichtslos? Hätten wir nicht zuerst klären müssen, wie weit solche Fragen in früheren Debatten um Tendenzliteratur oder Littérature engagée bereits diskutiert und erhellt worden waren? Hätte sich dann nicht zum Beispiel gezeigt, dass die starke Betonung von «CH» den Sonderfall Schweiz quasi zum Realismus-Sonderfall macht und damit so tut, Realismus in der Literatur sei keine Frage der Sprache, sondern eine Frage eines Nationalstaats?
Hatte die von Meienberg damals vehement geforderte Debatte am Ende mehr mit ihm als mit Realismus in der Literatur zu tun? Stellte sich die Redaktion damals in den Dienst eines charismatischen Reporters, der verletzt war, seine Reportagen zu wenig als Literatur gewürdigt zu sehen? War das Thema der Debatte von vornherein nicht Realismus respektive Subrealismus, sondern die Behauptung von Provinzialität in der CH-Literatur und im CH-Film?
Hat Meienberg damals nicht die Hegemonie des Inhalts über die Form als Voraussetzung für Realismus behauptet, um so das Geschäft, Erdachtes und aus den Fingern Gesogenes zu Literatur zu formen, als billigen Gauklertrick zu entlarven von solchen, deren Ehrgeiz darin bestand, an Feiertagen in der Literaturkirche predigen zu dürfen, ohne viel zu sagen? Hat Meienberg damals nicht auf mehr oder weniger dürftige sprachliche Gipsfigürchen gezeigt und über das angeklebte Blattgold gespottet, das ihnen literarischen Glanz verleihen sollte? War die Utopie nicht auf seiner Seite, wenn er damals als Schurni für Sprachplastiken aus massivem Gold kämpfte, an denen nur im recherchiertechnischen Notfall mit «logischer Phantasie» gekleistert werden sollte?
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Freilich: Am 9. Juni im Strauhof ist mir an jener Vitrine nach solchen Kopflastigkeiten auch ganz anderes durch den Kopf gegangen. Was bedeutet es eigentlich, wenn ich in einer Ausstellung einem von mir unterzeichneten Brief als Exponat begegne? Sicher ist das eine Ehre, die der gesamten, nicht selten wirklich kreativen WoZ-Redaktion von 1983 gebührt. Aber das ist nicht mein Punkt. Mein Punkt ist der: Da hat einer, wie ich sehe, mit meiner Handschrift unterschrieben. Aber wer war dieses «Ich»? Was habe ich mit dieser Unterschrift zu tun? Was macht diese Unterschrift mit mir? In der zeitgeschichtlichen Spiegelung meiner Person begegne ich einem Fremden.
Auf der Rückfahrt nach Bern ist mir durch den Kopf gegangen: Das war nun innert weniger Tage das dritte Mal, dass mir der Boden unter den Füssen wegzurutschen drohte und ich für Momente freie Sicht in den zeitgeschichtlichen Orkus hatte:
• Am 30. Mai besuchte mich im puncto Pressebüro der WOZ-Redaktor Stefan Howald. Er schreibt zurzeit an einem Buch, das im Januar 2018 erscheinen soll und vom Rotpunktverlag in der Herbstvorschau 2017 bereits angezeigt wird: «Links und bündig. WOZ Die Wochenzeitung. Eine alternative Mediengeschichte.» Wir haben uns vor ein Restaurant im Quartier gesetzt und mehr als zwei Stunden über meinen Aktivdienst als WoZ-Kollektivmitglied (juristisch korrekt: Infolink-Genossenschaftsmitglied, 1982-2001) geredet und über die Zeiten davor und danach, in denen ich frei mitgearbeitet habe (bis Mitte November 2011). Ich hatte mich nicht vorbereitet und redete mit der authentischen Vagheit des Zeitzeugen fl. Zum Glück wusste Howald, der viel recherchiert und mehr als die Hälfte des Buchs bereits geschrieben hat, Genaueres, wenn meine Erzählung allzu subrealistisch wurde.
• Am 7. Juni fand in der Kunsthalle Bern die Vernissage des Buchs «Bern 70» statt, einer Anthologie über die Berner Kunstszene der 1970er Jahre, für die ich unter dem Titel «Literatur aus der Enge» den entsprechenden Aspekt dieser Kunstszene skizziert habe. Hier war ich nicht der Zeitzeuge, sondern der Bote, der von untergegangenen Zeitzeugen berichtete (von Lehner, Marti, Vogt, Wilker und anderen).
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Zu meinen aktuellen Spaziergängen am abschüssigen Kraterrand zum Orkus der Zeitgeschichte gehört schliesslich auch dies: In diesen Tagen habe ich meinen Arbeitsplatz im puncto Pressebüro geräumt. Von nun an arbeite ich zu Hause. Dass ich diesen Schritt zwei Jahre vor dem Pensionsalter mache, hat auch private Gründe. Jedoch: Am 19. Juni ist der Handelsregistereintrag «puncto Pressebüro Fredi Lerch» gelöscht worden. Jene, die weiterarbeiten in den Räumlichkeiten, treten nun unter «puncto Bürogemeinschaft» auf.
Am Abend des 30. Juni, einem Freitag, haben wir uns alle in meiner Wohnung zum Abschiedsapero getroffen – eine Rite de passage, der Versuch eines bewussten Übergangs ins nachberufliche Leben, genau genommen nicht aus Altersgründen, sondern weil es den Beruf, den existenzsichernden freien Print-Journalismus, nicht mehr gibt. Klar: Ich werde mich neben anderem im Bereich des Online-Journalismus weiterhin nützlich zu machen versuchen und in den wachsenden Reihen der abgehalfterten Printschurnis nach Kräften mithelfen, das Rauschen um die Hegemonieruinen der Leitmedien zu verstärken (denn diese Hegemonie besteht weitgehend nur noch aus journalistischem Subrealismus).
Aber klar ist ebenso, dass im Lärm, den ich zu erzeugen helfe, auch etwas in den Orkus der Zeitgeschichte versinkt, das «Ich» gewesen ist. Der Rest ist Schreiben.
Die Abkürzung für die Wochenzeitung, die in diesem Text wie auf der ganzen Website von Fall zu Fall WoZ oder WOZ lautet, mag verwirren. Iris Schär, WOZ-Kollektivmitglied im Bereich Desk und Administration (und zu meiner Zeit eine gute WoZ-Kollegin) hat für mich nachgeschlagen und mir am 4. Februar 2013 per Mail mitgeteilt: «Im Jahr 2003 gab’s einen Relaunch, der auch den Wechsel von WoZ zu WOZ brachte. Die erste ‘WOZ’ war die Nummer 36/03 vom 4. September 2003.» Daran halte ich mich seither.