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Ebony Bones: Eine Begegnung mit dem schönsten Afro der Popwelt
Text: Christina Duss
Es war nicht besonders schwierig, Ebony Bones in einem Zürcher Bahnhofrestaurant auszumachen: Ihr riesiger blonder Afro wippte bereits an der Bar. Sie habe die Nacht zuvor nur wenige Stunden geschlafen, sagt sie und sieht trotzdem umwerfend aus, wenn auch ein wenig besorgt. Viele offene Fragen, welche die 31-jährige Musikerin und Schauspielerin auf ihrem neuen Album «Behold, a Pale Horse» besingt, scheinen sie auch an diesem Nachmittag zu plagen: Was passiert, wenn eine ganze Generation keine Fragen mehr stellt? Was ermuntert uns, uns ständig abzulenken? Was verpassen wir, bloss weil wir Kim Kardashian beim Babykriegen zuschauen können? Wie gross ist meineWahrheit, und was ist Verrat? Werden zukünftige Generationen noch unfreier als wir sein? Warum hat noch keine Musikproduzentin einen Grammy gewonnen? Wären ihre Fragen grosse, bunte Ballone, schwebte über uns ein Regenbogenmeer.
Und als irgendwann der Kellner neben unserem Tisch steht, sieht Ebony Bones ihn an, als wäre sie gerade aufgewacht und als hätte er drei Ohren. Sie äh-aaht, bestellt nichts und dreht sich wieder zu mir. Ebony Bones heisst eigentlich Ebony Thomas und ist im Londoner Stadtteil Brixton aufgewachsen. Ihr Urgrossvater war aus Jamaica eingewandert. «Ich stamme aus der Karibik, Honey, ich weiss, was Voodoo ist: Da sorgen Trommeln für Schwingungen, die was ganz Besonderes mit dir machen», sagt sie, als wir auf das Zusammenspiel von Musik und Magie zu sprechen kommen. Ihr Vater besass einen Marktstand, an dem er Platten verkaufte. «Ich konnte alles hören, was ich wollte – karibische Sounds, irische Musik, Ska.» Ebony Bones mochte die Do-it-yourself-Idee von Punk: Es spielt keine Rolle, wie gut du spielst, solange die Botschaft stimmt. «The Slits waren meine Spice Girls», sagt sie über die legendären Frauenpunk-Pionierinnen, deren Sängerin Ari Up sie später persönlich kennen lernte. Diese sagte ihr: «Man muss nicht gemocht, aber gehört werden.» Zuerst wollte Ebony Bones Schauspielerin werden.
Popsensation
Sie besuchte die Sylvia Young Theatre School in London, eine Schauspielschule für Kinder und Jugendliche, mit 16 stiess sie zur englischen Vorabendsoap «Family Affairs», in der sie acht Jahre lang den rebellischen Teenager Jasmin Green spielte. Im November 2005, vier Tage nach Drehschluss der letzten «Family Affairs»-Episode, stellte sie unter dem Namen Ebony Bones einen ersten eigenen Song auf Myspace und wurde über Nacht zu einer Social-Media-Popsensation: The next big Thing, nach dem sich die coolsten Fashion-Week-Party-Veranstalter die Finger leckten. Mit irrer Bühnenshow, schreiend bunter Ronald-McDonald-meets-Erykah-Badu-Aufmachung und einem eklektischen ersten Album: «Bone of My Bones» – Pop, Electro, Punk, Funk und Trommeln, abenteuerlich gemischt. Sie produzierte alles selbst. «Es gibt keine Gleichheit in der Musik», sagt Ebony Bones und ist jetzt sehr aufgebracht. «Ich will keine Männer, die mir sagen, wann der Refrain kommt oder wo noch eine Cowbell nötig wär.»
Dabei gehe es ihr nicht um Feminismus, sondern um die weibliche Qualität, die anders klinge, als wenn Männer am Mischpult sitzen. Im August erschien ihr zweites Album «Behold, a Pale Horse» – wieder ein wild gemuster“ Es gibt keine Gleichheit in der Musik. Ich will keinen Mann, der mir sagt, wann der Refrain kommt”ter, diesmal allerdings geradliniger und dunklerer Musikeintopf, der teilweise mit einem Orchester in Indien eingespielt und in der Schweiz geschrieben wurde. In der Schweiz? Ebony Bones lebte drei Jahre in Pully nahe Lausanne, wo sie sich in einen Mann und die Gegend verliebte. «Ich bin in einem Londoner Betondschungel aufgewachsen, und dann kommt man in die Schweiz, und alles ist so atemberaubend, dass man heulen möchte: der Genfersee, die Sicht auf die französischen Alpen.» Hier entstanden die neuen Songs, die auf Ebony Bones’ vielen Fragen gründen. Vielleicht liegt es am Anspruch auf Bedeutsamkeit, dass sich dazu zwar gut tanzen lässt, sich aber keine Liebe auf den ersten Ton einstellt.
Dazu braucht es mehrere Anläufe, die sich am Ende aber lohnen: Jeder Song sei wie ein Film, sagt Ebony Bones, und die Platte wie eine Zwiebel mit vielen Schichten: «Man muss selbst entscheiden, welche Schicht und wie viele man davon ablösen will.» Sie spüre einen neuen Zeitgeist, sagt Ebony Bones später, als wir auf dem Perron stehen und auf den Zug warten, der sie zum nächsten Interview bringt. Da liege was in der Luft. Die Leute seien wach und schliefen nicht mehr. Den nächsten Satz spricht sie einem direkt in die Augen: «Es gibt dich nur einmal, es wird dich danach nicht mehr geben, du hast nur ein Leben.» Dann lacht sie. Ob sie sich jetzt anhöre wie Bono, der Gutmensch-Frontmann von U2? «Ich will nicht predigen», sagt sie, «sondern Gedanken offerieren» – an den Punkt gelangen, an dem man fähig ist, die richtigen Fragen zu formulieren. Als sie in den Zug steigt und nicht zurückblickt, hinterlässt sie eine zarte Leichtigkeit und eine hypnotische Schwere. Es ist das, was ihre Musik heraufbeschwört: viele Fragen und keine Antworten.