Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03545.jsonl.gz/2615

Frau Streller-Shen, anfangs März war Tag der Frau. Sie kennen die Situation in China und in der Schweiz, erkennen Sie Unterschiede in der gesellschaftlichen Stellung der Frau?
China hat eine sehr lange Geschichte, und der Status von Frauen in verschiedenen Perioden ist unterschiedlich. Ich spreche hier vor allem von der aktuellen Situation. China ist flächenmässig sehr groß und geografisch vielfältig, und es gibt grosse Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Gebieten, so dass es nicht einfach ist, zu verallgemeinern. Ich spreche hier von der Grundsituation des städtischen Lebens, wie ich sie kenne. Das moderne China legt großen Wert auf die Gleichberechtigung der Geschlechter, daher studieren und arbeiten Frauen genauso viel wie Männer. Vollzeitarbeit ist üblich und wird wohl auch erwartet. Die Leistung bei der Arbeit bestimmt im Grunde den sozialen Status und den Wert, den man dafür bekommt. Der Begriff «Hausfrau» hatte schon immer einen etwas abwertenden Beigeschmack und steht für eine Frau, die ohne gute Ausbildung nicht in den Beruf einsteigen kann. Mit steigendem Einkommen und veränderten Einstellungen entscheiden sich nun einige Frauen mit höherer Bildung und sehr guten beruflichen Fähigkeiten dafür, nach der Geburt eines Kindes Vollzeitmutter zu werden, aber der Anteil dieser Gruppe ist immer noch sehr gering. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass chinesische Frauen unter grossem Druck stehen, nicht nur, um am Arbeitsplatz erfolgreich zu sein, sondern auch, um sich um die Kinderbetreuung, den Haushalt und die Elternpflege zu kümmern. Als ich vor mehr als 20 Jahren in die Schweiz kam, erfuhr ich, dass «Hausfrau» in der Schweiz ein hoch angesehener Beruf ist. In diesem Sinne habe ich das Gefühl, dass Schweizer Frauen weniger sozialen Druck haben, Lebensstilentscheidungen zu treffen, als chinesische Frauen, und dass sie unter den gleichen wirtschaftlichen Bedingungen eine relativ grössere Freiheit haben.
Wie ist die Situation in China mit der Kinderbetreuung für berufstätige Frauen organisiert?
Aufgrund des Wertes, der auf beruflichen Erfolg und auf Selbstwert gelegt wird, ist Bildung für die Chinesen extrem wichtig, und man kann sagen, dass Kinder schon vor ihrer Geburt von ihren Eltern in den Wettbewerb gestellt werden. Da es üblich ist, dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten, ist die Kinderbetreuung eine grundlegende soziale Dienstleistung. Grosseltern spielen mehrere Jahre lang eine wichtige Rolle in der Kinderbetreuung. Die Kinder können etwa im Alter von zwei Jahren in einen privaten oder öffentlichen Kindergarten gehen. Die meisten Kinder bleiben von 8 Uhr morgens bis 17 oder 18 Uhr abends in der Kita, alle drei Mahlzeiten werden in der Kita eingenommen. Die älteren Kinder werden grundsätzlich der Schule überlassen, die Eltern beaufsichtigen sie lediglich. Zusätzlich zu den regulären Prüfungen gibt es in der Regel viele verschiedene Klassen und ausserschulischen Unterricht, und die Kinder gehen früh und kommen spät nach Hause zurück. Die tatsächliche Zeit, die Mütter mit ihren Kindern verbringen, ist nicht viel, aber das bedeutet nicht, dass sie sich weniger Gedanken über ihre Kinder machen, denn die Wahl, welche Fähigkeiten sie erlernen, wie sie bessere Noten bekommen, welche Schule sie wählen und wie sie in die gewünschte Schule kommen, ist eine Menge an Gedanken, Geld und sogar Verbindungen, die es zu bewältigen gilt.
Gab es in Ihrem Leben Situationen, in denen sie sich als Frau diskriminiert und benachteiligt gefühlt haben?
Ich bin seit über zwanzig Jahren in der Schweiz und habe unter anderem in der Kulturbranche, in der Hotellerie und in der Werbung gearbeitet. Vielleicht habe ich grosses Glück, vielleicht bin ich bei diesem Thema unsensibel und habe mich bisher nie persönlich diskriminiert oder benachteiligt gefühlt. Nichtsdestotrotz hörte ich mehr oder weniger oft Geschichten darüber von Freundinnen. Ein Freundin, die recht gut ausgebildet ist und viele Jahre bei einem weltbekannten Finanzunternehmen in Zürich gearbeitet hat, beschwerte sich einmal bei mir darüber, wie sie nach der Geburt eines Kindes oft von ihrem Vorgesetzten ausgegrenzt und unterdrückt wurde, der ganz unverhohlen sagte: «Sie haben es verdient, nach der Geburt eines Kindes weiter im Finanzwesen zu arbeiten». Sie riskierte, ihren Job zu verlieren, wenn sie nach der Geburt ihres Kindes nicht wieder zu 100 Prozent arbeiten wollte. Selbst wenn sie das Glück hatte, 80 Prozent zu arbeiten, waren nur 80 Prozent des Gehalts, das Arbeitspensum wurde jedoch nicht reduziert werden.
Zur Person:
Qin Streller-Shen kam als Tochter von zwei Musikprofessoren zur Welt. Ab dem Alter von sechs Jahren übte sie auf Wunsch der Eltern jeden Tag drei Stunden Klavier.
Als sie schliesslich als junge Frau ans Konservatorium kam, wurde sie dort aufgefordert, zusätzlich ein chinesisches Instrument zu lernen. Sie entschied sich für die Zither, die Guqin. Deren Geschichte reicht über 3000 Jahre zurück. Sie ist Teil der besonders edlen chinesischen Künste, zu denen auch Dichtung, Kalligrafie und Malerei zählt.
Von 1991 bis 1999 studierte Qin Streller-Shen am China Conservatory of Music in Peking westliche sowie chinesische Musik. Sie erwarb Bachelor-Abschlüsse in Musikwissenschaft und in Solmisation. Eine zusätzliche Ausbildung in Musikethnologie schloss sie mit einem Master-Diplom ab.
1999 lernte sie in China ihren Schweizer Mann kennen, mit dem sie heute in Henau lebt. Sie haben zusammen einen Sohn im Pubertätsalter. In den beiden Firmen ihres Mannes arbeitet sie als Buchhalterin. Sie ist zudem als Guqin-Lehrerin tätig. 2020 gründete sie die «Swiss Guqin Association».
Zu ihrem Werdegang gehört auch eine Ausbildung an der Hotelfachschule in Lausanne sowie eine Stelle in der gehobenen Hotellerie.