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Patrick Modianos neuester Roman stammt aus dem Jahr 2014 und ist meines Wissens noch gar nicht auf Deutsch übersetzt. (Der Hanser-Verlag wurde offensichtlich mit der Vergabe des Literaturnobelpreises an Modiano völlig auf dem falschen Fuss erwischt.)
„Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier.“ (auf Deutsch etwa: „Damit du im Quartier nicht verloren gehst.“), steht auf einem Zettel, zusammen mit der Adresse der neuen Behausung, als der kleine Jean Daragane zum ersten Mal, nachdem er mit seiner grossen Schwester umgezogen ist, auf die Strasse darf. In diesem Moment ist der kurze Roman (runde 160 Seiten) schon fast zu Ende, und der Leser weiss, dass die grosse Schwester gar nicht die grosse Schwester ist, und dass sich Daragane zwar nicht damals im Quartier, aber später in seinen Erinnerungen verloren hat.
Zu Beginn des Romans allerdings sehen wir Jean Daragane als älteren Herrn, von Beruf Schriftsteller, der sehr zurückgezogen lebt. Ausser, dass er einkaufen ging, hatte er über Monate keinen Kontakt mit andern Menschen, sein Telefon blieb ebenfalls lange stumm. Er schreibt auch nicht mehr, er liest nur noch. Er liest Buffons Histoire naturelle und wünscht sich, er hätte auch nur über Steine und Pflanzen geschrieben.
In diese Zurückgezogenheit dringt eines Tages der Anruf eines Fremden. Dieser hat Daraganes privates Adressbuch gefunden, und darin nicht nur den Namen des Besitzers, sondern auch einen Namen und eine Telefonnummer, die ihn interessieren, und möchte nun von Daragane mehr über diesen Guy Torstel wissen. Nicht nur, dass Daragane dies als Eindringen in seine Privatsphäre empfindet, der Schriftsteller realisiert auch, dass er keine Ahnung hat, wer Guy Torstel ist und warum er in seinem Adressbüchlein steht, dazu noch mit einer veralteten Telefonnummer. Erst als die Begleiterin des Fremden den Schriftsteller später anruft und ihm weitere Dokumente übergibt, die der Fremde gesammelt hat, beginnt sich Daragane zu erinnern.
Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier ist ein Buch übers Alt-Werden und Vergessen, übers Vergessen und Erinnern, fast ein Kriminalroman, aber einer, in dem es weder Gut noch Böse, weder Detektiv noch Verbrecher gibt. Ausser, dass sich Daragane zu erinnern beginnt, geschieht auf den ganzen 160 Seiten praktisch nichts. Ich habe schon öfters gelesen, in den ersten Reaktionen von nicht professionell dem Feuilleton verpflichteten Lesern, dass Modiano langweilt. Selbst das professionelle Feuilleton führt eine Art Eiertanz um ihn herum auf – man scheint nicht so recht zu wissen, was sagen bzw. schreiben. Tatsächlich lässt auch Modianos Neuester, Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier, den Leser recht ratlos zurück: Wir sind zwar Daragane gefolgt, wie er Stückchen um Stückchen seine Erinnerung rekonstruiert; aber es bleiben immer noch jede Menge Lücken und Rätsel. Die Situation ist im Grunde genommen aus dem Leben gegriffen – unsere Erinnerung besteht grösstenteil aus ein paar Inseln im riesigen Ozean der Vergangenheit; und wenn wir diese Erinnerungen mit denen anderer an dieselbe Zeit vergleichen, stellen wir nur zu oft fest, dass der andere offenbar eine andere Vergangenheit hatte, sich nicht an dasselbe erinnert.
Die Unwissenheit Daraganes, warum einer über ihn und die Clique, der er mal angehört hatte, Material sammelt, ähnelt der Unwissenheit von K. im Proceß; die Einsamkeit des Einzelnen, die Modiano an seinem Protagonisten exemplifiziert, ähnelt der Einsamkeit von Camus‘ Fremden; die Verlassenheit des Alters der Figur Daragane erinnert an Becketts Warten auf Godot. Existentialismus wie Literatur des Absurden haben im Deutschen kaum Tradition – kein Wunder, weiss man hierzulande kaum etwas mit Modiano anzufangen. Natürlich ist Modiano mehr als ein Epigone. Seine Protagonisten treten nicht auf der Stelle, wie die Kafkas oder Becketts. Auch der gewaltsame und doch sinnlose Ausbruch aus der aktuellen Situation, den der Existentialismus so liebte, fehlt seinen Helden. Der Existentialismus ist im 21. Jahrhundert angekommen und hat sich eine kleine Wohnung in einem gut bürgerlichen Pariser Quartier genommen. Modianos Protagonisten sind alltäglicher als die der Nachkriegs-Existentialisten – und dadurch noch beängstigender.