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Glarus den 28. September 1844.
Mein theurer Freund!
Ich würde einstweilen deinen lieben Brief nicht beantwortet, sondern die Anzeige, an welchem Tage du in Appenzell eintreffen werdest, ruhig erwartet haben, wenn du mir nicht geschrieben hättest, daß du zuerst noch mit einigen Freunden eine kleine Reise in die Urkantone machen wollest. Dieses veranlaßt mich nun dich darauf aufmerksam zu machen, daß von Schwyz oder Altorf so ziemlich der nächste Weg nach Appenzell über Glarus führt u. daß es mich daher sehr freuen würde, wenn du dich entschließen könntest, bei mir vorbeizukommen, um einige Tage hier zu verweilen oder wenigstens mich abzuholen. Von selbst verstünde es sich, daß du Zwicki u. Brändli dann mitbringen würdest, u. ich würde Euch gerne auf den Pragel oder Klausen entgegenkommen, wenn du mir den Zeitpunkt Eures Eintreffens genau angeben könntest. Nach Appenzell komme ich jedenfalls; denn einerseits habe ich nun hinlängliche Zeit dazu, u. anderseits verspüre ich wirklich ein dringendes Bedürfniß mich einigermaßen zu erholen. Ich würde mich auch aus diesem Grunde schon längst aus «dieses Thales Gründen» wegbegeben haben, wenn ich nicht, auch ohne Nachrichten von dir zu haben, sicher darauf gerechnet hätte, daß du nach der Großrathssitzung deinen gewohnten Besuch in Appenzell machen werdest. In deiner Gesellschaft hoffte| ich größere Erholung zu finden, als auf einer einsamen Fußreise, u. es wird mir nun besonders angenehm, ja ein wahres Labsal seyn, mit dir über meine persönlichen Verhältniße, die sich in letzter Zeit auf so unangenehme Weise gestaltet haben, mündliche Rücksprache zu nehmen. Du wirst mir, im Hinblicke auf unsre bald bevorstehende Zusammenkunft, wohl die herbe Mühe ersparen wollen, die Geschichte vom «Kampf u. Untergang» des abgetretnen Civilgerichts noch einmal (ich habe schon so vieles darüber geschrieben!) ausführlich zu Papier zu bringen, obschon ich freilich annehmen muß, daß du durch Zeitungsartikel nur sehr oberflächliche u. ungenügende Kenntniß davon erhalten habest. Deßenungeachtet sind die Bemerkungen, welche du mir darüber geschrieben hast, leider nur zu richtig; ich habe in diesen Tagen, schon so frühe einen bittern Kelch leeren müßen, den andre erst in reiferm Alter, manche gar nicht zu kosten bekommen. Die ganze Sache ist an u. für sich, schon um ihres gemeinen Gegenstandes u. der dadurch bedingten gemeinen Art, wie sie geführt wurde, willen so ärgerlich, daß ich keck behaupten darf, es könne einem jungen Manne von meinen Verhältnißen u. meiner Bildungsstufe gar nichts Aergeres zustoßen. Doch tröstet mich allen Verläumdungen u. Verdächtigungen gegen über das Bewußtseyn, in der Stellung, aus der ich auf unwürdige Weise verdrängt worden bin, meine Pflichten redlich erfüllt u. nur in der Absicht, zum Wohle des Vaterlandes nach Kräften beizutragen, ein Amt übernommen zu haben, das äußerlich so wenig Anziehendes, Abschreckendes aber genug darbot.
Indeßen will ich mich für heute nicht weiter in solche Betrachtungen verlieren, mit denen ich nie zu Ende käme. Mich hat es sehr gefreut, daß du die Groß| rathsstelle angenommen hast, u. ich bin nun begierig von dir zu vernehmen, wie dich die Sache in der ersten Sitzung, der du beiwohntest, angesprochen hat. Sehr erfreut war ich, Pfr. Zwicki vorgestern wieder zu sehen u. von ihm vorläufig einige Nachrichten von dir zu vernehmen. Leid thut es mir, daß es deiner l. Mutter immer noch nicht beßer geht; empfehle mich deinen beiden Eltern auf's angelegentlichste. Meine l. Frau u. die Meinigen alle laßen dich herzlich grüßen u. würden sich sehr freuen, dich hier zu sehen. In der Hoffnung also, recht bald eine entsprechende Antwort auf meine Einladung – u. sollte der Besuch auch noch so kurz werden – von dir zu erhalten, grüßt dich recht herzlich
dein treuer
J J Blumer-Heer