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Er ist ein Zeuge des ersten grossen Höhepunkts der Berner Weltraumforschung: Jürg Meister wurde von Prof. Dr. Johannes Geiss im Vorfeld des Solarwind Composition Experiment rekrutiert. Dieses wurde bei der Mondlandung von Apollo 11 vor 50 Jahren durchgeführt. Buzz Aldrin steckte das Sonnenwindsegel noch vor der US-Flagge in den Mondboden.
Wie sind Sie als Student 1969 zur einmaligen Chance gekommen, beim Solarwind-Experiment (SWC) für Apollo 11 teilzunehmen?
Die Professoren Johannes Geiss, Peter Eberhardt und Peter Signer, die Initianten des SWC (Sonnenwindsegel-Experiments), suchten einen Studenten als Mitarbeiter im Labor. Ich war begeistert, denn das Projekt vereinte alle meine Interessen und Neigungen. Für mich ging ein Traum in Erfüllung.
Was war Ihre Aufgabe im Projekt?
Ich war als Experimentalphysiker im Vorfeld verantwortlich für die Experimente. Schliesslich wusste man damals nicht genau, wieviele Sonnenwindpartikel von der Alufolie aufgefangen würden. Stellen Sie sich das so vor: Ein Jäger schiesst mit Schrot auf einen Baum und Sie möchten wissen, wie viele Kugeln in der Rinde stecken bleiben und wie viele davon abprallen. Im All bewegen sich die geladenen Teilchen aus Sonnenwindmaterial in einem dauernden Strom. Beim Aufprall auf der Folie werden sie abgebremst und dringen in die Oberfläche ein. Wir mussten wissen, wie viele der Ionen stecken bleiben und wie viele verloren gehen.
Wie kam es, dass das Physikalische Institut das SWC entwickelte?
Die Uni Bern war stark auf dem Gebiet der Untersuchung von Meteoriten und in der Massenspektometrie. Das ist ein physikalisches Labor, spezialisiert auf Experimente mit Vakuum. Genau das brauchte es.
Wie verlief ein solches Experiment?
Zuerst erzeugten wir den Sonnenwind im Labor. Das heisst: Wir beschleunigten im Sonnenwindsimulator Edelgas-Ionen auf 300 bis 400km/s und liessen sie auf ein Stück Aluminiumfolie treffen. Für die Analyse im Massenspektrometer wurde die Alufolie geschmolzen, um die Edelgase zu extrahieren. Dabei suchten wir eine Zahl. Diese errechnete sich aus dem Verhältnis der extrahierten zu den total aufgeschossenen Teilchen, genannt «trapping probability».
Was war die besondere Herausforderung?
Die Zeit. Es dauerte nach jedem «Schuss» jeweils drei Tage, bis das Vakuum wieder hergestellt war. Brisant an der Zusammenarbeit mit der NASA war: Als unser Sonnenwindsegel auf den Mond flog, waren die Experimente noch in Gang und die gesuchte Zahl ausstehend. Die NASA kaufte demnach Johannes Geiss das Experiment ab, trotz noch unvollständigen Resultaten.
Welches waren die besonderen technischen Anforderungen ans Sonnenwindsegel?
Wir verdanken den Flug unseres Sonnenwindsegels zum Mond einem Geologenhammer. Zuerst wusste die NASA nämlich weder, ob sie Platz hatten noch wohin mit dem Segel. Aber dann kam ein Brief mit der Botschaft, dass in der Mondlandefähre Platz sei. Die Bedingung war, dass das Teleskoprohr in der Halterung des – nicht mitreisenden – Hammers Platz hatte sowie eine Gewichtslimite von einem amerikanischen Pfund. Das sind 452 Gramm. Für die Aufstellvorrichtung mussten wir unsere Mechaniker beauftragen, ein ultraleichtes Teleskopstativ zu bauen. Darin musste die ausziehbare Folie integriert werden. Die Alurolle war mit einer einfachen Federvorrichtung versehen, damit der Astronaut sie nicht von Hand aufrollen musste – im Raumanzug mit den dicken Handschuhen wäre das unmöglich gewesen.
Was waren die Risiken für das SWC?
Höchstens eine mechanische Panne beim Aufstellen oder eine falsche Positionierung des Segels. Auf Wunsch der Astronauten beschrifteten wir die Folie mit «sun» auf der Vorderseite und mit «shade» auf der Rückseite.
Bekamen Sie je Feedback von den Astronauten?
Aldrin und Armstrong rühmten die Vorrichtung, die Handhabung sei problemlos gewesen. Nach 77 Minuten Exposition im Sonnenwind rollten die Astronauten die Folie ein und verpackten sie in einer doppelten Teflonhülle. Das Stativ liessen sie auf dem Mond liegen.
Danach flogen weitere Berner Sonnewindsegel mit auf den Mond….
Ja. Ein halbes Jahr später hiess es, man nehme das Sonnenwindsegel auch bei Apollo 12 mit. Und auch diese Mission endete erfolgreich. Bei Apollo 13 war das SWC nicht vorgesehen. Bei dieser Mission wurde die Landung auf dem Mond wegen einer Panne ohnehin verhindert. Bei den weiteren erfolgreichen Mondlandungen von Apollo 14, 15 und 16 hingegen war das Sonnensegel wieder mit dabei.
Wie erlebten Sie persönlich die erste Mondlandung?
Um unser Sonnenwindexperiment hatten wir keine Angst. Wir wussten, dass damit kaum etwas schief gehen konnte. Wir sorgten uns mehr um die sichere Rückkehr der Astronauten. Den Start verfolgten wir am Nachmittag gemeinsam im Kaffeeraum am Institut. Für die Mondlandung, die in der Nacht erfolgte, mieteten wir einen Fernseher und schauten zu Hause zu – und liessen die Korken knallen.
Regina Münstermann