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DIE RHETORIK-TRICKS DES DONALD J. TRUMP
«Whataboutism» ist eine Variante des Lateinischen «Tu quoque», mithin ein argumentativer Versuch, eine gegnerische Position oder These durch einen Vergleich mit dem Verhalten des Gegners zurückzuweisen. Die rhetorische Stilfigur des «Whataboutism» kommt insbesondere gegen moralische Bewertungen zum Einsatz. Der Vorwurf von A, B rauche zu viel, wird beispielsweise von B mit dem Gegenvorwurf beantwortet, A rauche doch selber auch. «Whataboutism» wurde und wird in vielen Bereichen angewendet, im politischen meist, um Kritik an der Politik des eigenen Landes abzuwiegeln und sie mit Verweis auf «Was ist denn mit…?» auf Begebenheiten in anderen Ländern zu lenken, die Ähnlichkeiten mit dem ursprünglichen Gegenstand der Kritik aufweisen. So wurden zum Beispiel Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen in Russland oder China mit Hinweisen auf Verbrechen im Gefangenenlager Guantanamo durch die USA gekontert, oder die Krim-Annexion wurde mit der militärischen Konfliktlösung im Kosovo gleichgesetzt. Wird die Stilfigur des «Whataboutism» im Hinblick auf tagespolitische Ereignisse analysiert, so zeigt sich bei genauer Betrachtung, dass dieses rhetorische Mittel im Grunde Diskussionen von Streitfragen ausschliesst.
Wenn Papst Franziskus den syrischen Staatspräsidenten Baschar al-Assad kritisieren würde, könnte dieser einfach mit dem Verweis ablenken: «Und was ist mit den pädophilen Priestern?» Als zum Beispiel Oskar Lafontaine auf die Mauertoten angesprochen wurde, stellte er die Gegenfrage: «Was ist mit den Toten im Mittelmeer?» Auch im US-amerikanischen Wahlkampf von 2016 finden sich viele Beispiele. Insbesondere Donald Trump wird von seinen Kritikern vorgehalten, unentwegt «Whataboutism» zu betreiben. Aktuellstes Beispiel ist das TV-Duell mit dem Präsidentschaftskandidaten Joe Biden. Als Chris Wallace, der Moderator der Debatte, den amtierenden Präsidenten fragte, ob es wahr sei, dass er im Jahr seiner Wahl ganze 750 Dollar Bundeseinkommensteuer bezahlt habe, genauso viel wie in seinem ersten Amtsjahr, antwortete dieser mit den Worten: «I PAID MILLIONS OF DOLLARS IN TAXES; MILLIONS OF DOLLARS IN INCOME TAXES.» Dann fährt er fort, dass sie, damit meint er Joe Biden und die demokratische Partei, ihm die Privilegien ermöglichten, vor seiner Wahl derart tiefe Steuern zu bezahlen. Eine perfekte Verwendung des «Whataboutism» also, mit dem Ziel, alle Schuld bei seinem Kontrahenten und dessen Partei zu deponieren. Aufzulösen wäre dieser rhetorische Schachzug allein durch den Moderator Chris Wallace selbst gewesen, indem er metakommunikativ Trump dazu aufgefordert hätte, eine eindeutige Antwort auf seine Frage zu geben, und die hätte «JA» oder «NEIN» lauten müssen.
Hier die Aufzeichnung der ersten Debatte vom 29. September 2020:
In der letzten, endgültigen Befragung vom 15. Oktober 2020 versuchte die Interviewerin den amtierenden Präsidenten deutlich aggressiver zu überrumpeln, indem sie ihm im Interesse der amerikanischen Bevölkerung die Frage stellte: «The question is, on behalf of voters, who do you owe $421 million to?» Im Unterschied zu Christ Wallace wird hier wenigstens nicht einfach eine unkluge Alternativfrage gestellt. Es wird im Gegenteil gar nicht erst in Frage gestellt, dass Donald Trump hohe Schulden zu bedienen hat. Im Sinne des «Whataboutism» diskreditiert Trump in der Antwort zunächst die Quelle, indem er festhält: «Ok, first of all, let me answer, what they (i.e. New York Times) did is illegal, number one. » Anschliessend fährt er fort: «Also, the numbers are all wrong (…) and just so you understand, when you have a lot of real estate – I have real estate – you know a lot of it, ok? I have a very, very small percentage of debt, compared to the assets I have, it is peanuts (…) I am extremely under-LEVERAGED. » (Was so viel bedeutet, dass sein Vermögen deutlich grösser ist wie seine gegenwärtigen Verpflichtungen.) Eine konkrete Zahl war Trump allerdings nicht zu entlocken, da half auch alles Nachfragen nichts. Treffend bemerkte ein Kommentar unter dem Clip: «He is too slippery to be pinned down. You can never get a straight answer from him. »
«Whataboutism» hilft somit ähnlich wie die «Rabulistik», in einer Diskussion, unabhängig von der Richtigkeit der eigenen Position, scheinbar recht zu behalten. Erreicht wird dies durch Sophismen, verdeckte Fehlschlüsse und andere rhetorische Tricks wie das Einbringen diskussionsferner Aspekte oder semantische Verschiebungen. Die Grenzen zur Täuschung, Irreführung und Lüge sind dabei fliessend.
Hier die besprochene Stelle des Interviews vom 15. Oktober 2020:
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich