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Perspektiven der Medizin
Die dringend notwendige, fachkundige geriatrische medizinische Betreuung macht vor dem Arzt nicht halt. Im Folgenden werden Themen vorgestellt, welche in mehr oder weniger direkter Form mit dem medizinischen Alltag zu tun haben.
Wenn wir beobachten, wie die Rhythmikerin Edith Naef noch mit mehr als 100 Lebensjahren ihren ehemaligen Schülerinnen einen Rhythmik-Kurs gibt, wird unser Gefühl des geriatrischen Alters unverzüglich relativiert. In der Tat wird das geriatrische Alter von verschiedenen Stellen unterschiedlich definiert.
So zwingt uns die eidgenössische Politik das Alter ab 64 (Frauen) bzw. ab 65 Jahren (Männer) auf. Die NZZ berichtete aus einer Studie über die Wahrnehmung des Alters: «Aus Schweizer Sicht beginnt das Alter mit 69 Jahren» und beruft sich auf eine Studie von Forschern der Universitäten Lausanne und Genf mit Schweizerinnen und Schweizern. Das geriatrische Alter ist in medizinischen Belangen allerdings erst ab 80 Jahren ein Gebrechlichkeitsfaktor. Es beginnt erst ab 80 Jahren eine Rolle zu spielen, während es vorher kaum Aussagekraft hat.
Die Spannbreite zwischen völliger Gesundheit (vigorous), Verletzlichkeit (frail) sowie einer Übergangsform dazwischen (transitional) wird ebenfalls unterschiedlich wahrgenommen. Diesbezügliche Informationen für die Ärzteschaft, welche eine wichtige Rolle im Assessment ihrer Patienten spielen, liefern eine Anzahl von aktuellen Studien mit teilweise erstaunlichen Ergebnissen.
Wir definieren die «Frailty» als einen Zustand der physiologischen Verletzlichkeit, bedingt durch verringerte Reserven und einer verminderten Kapazität des Organismus, Stress zu widerstehen (Fried L et al In: Hazzard W New York 1998: 1387-1402). Neben einer medizinischen Diagnose macht es Sinn, eine Einschätzung zur Vulnerabilität eines Menschen zu erheben. Dies erleichtert uns die möglichst realistische Einschätzung eines Menschen im Alter. Ein vollständig gesunder Mensch (vigorous) wird nach einer vorübergehenden Verschlechterung seiner Gesundheit bald wieder auf dem gleichen Niveau weiterleben. Bei einem nicht mehr völlig gesunden Menschen (frail) wird die Genesung länger dauern und nicht mehr an das vorherige Niveau herankommen. Weil zahlreiche Tests einfach durchzuführen sind, ist auch der Arzt bzw. Zahnarzt gefordert, allfällige Erkenntnisse mit dem Patienten zu besprechen.
Es gibt einige Kriterien, welche die Frailty bestimmen. Gemäss einer Studie von Fried LP et al. geht es für die Bestimmung von Risiken der Mortalität, Hospitalisation, Sturz, ADL-Verschlechterung (ADL-Score ist ein Verfahren zur Messung der Alltagskompetenz [Activities of Daily Living] von Patienten, die an degenerativen Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose leiden) und Morbidität um fünf Punkte:
Die geriatrische Medizin ist kompliziert, weil viele Faktoren berücksichtigt werden müssen. Zusätzlich zur intermedizinischen, organbasierten Evaluation hilft die multidimensionale geriatrische Evaluation zu besserer Einschätzung des Zustands eines älteren Menschen. Dabei spielen kognitive, affektive, funktionelle, soziale, ökonomische Faktoren eine wesentliche Rolle (siehe Abb.).
Ein Instrument zur möglichst präzisen Evaluation war früher der Barthel-Index, bei dem Punkte zwischen 0 und 100 für diverse alltägliche Handlungen eingekreist werden mussten. Dies verschaffte einen Wert, der von «sicher pflegeabhängig» bis «selbständig» reichte. Ein neueres und heute bevorzugtes Instrument in der geriatrischen Arbeit ist die «Functional lndependence Measure (FIM)». Diese Messung untersucht, zusätzlich zu den Aktivitäten des täglichen Lebens, Elemente wie Kommunikation, Kognition und weitere Faktoren, welche mit den sozialen Ressourcen eines älteren Menschen zusammenhängen. Funktionelle Einschränkungen von Patienten werden anhand von 18 Merkmalen gemessen, wobei für alle Merkmale eine einheitliche Skala mit 7 Ausprägungen Anwendung findet. Diese Messungen liefern sehr gute Anhaltspunkte für die Einschätzung von Gesundheit, Fitness und Lebensqualität im Alter.