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Viel Neues über Froberger
Die Beiträge in dieser Publikation bringen Erkenntnisse, die weit über Frobergers Person hinausgehen. Sie eröffnen eine breite Perspektive auf die Claviermusik des 17. Jahrhunderts.
Johann Jacob Froberger (1616–1667) – «der Franz Liszt des 17. Jahrhunderts» – ist als Clavierist bekannt, als Komponist von Toccaten, Canzonen, Ricercari und Suiten. Am berühmtesten sind wohl seine «Lamenti» und «Tombeaus» oder die beiden Meditationen ..faict à Madrid sur la Mort future bzw. ...faist svr ma Mort fvtvre. Verbale Anweisungen wie «avec/à discrétion» weisen längst darauf hin, dass Frobergers eigenen Vortrag noch viel mehr ausmachte, als was seine überlieferten Notentexte enthalten. Sein legendärer Ruhm basiert nicht nur auf zwei umfangreichen autografen Sammlungen und unzähligen Abschriften sowie mittlerweile drei Gesamtausgaben, sondern auch auf der Tatsache, dass ein zusätzliches Autograf 2006 kurzzeitig auftauchte, seither aber weder Forschung noch Edition zugänglich ist. Gründe genug für ein Symposium, das zu Frobergers 400. Geburtstag im Oktober 2016 in seiner Geburtsstadt Stuttgart stattgefunden hat, und für die nachträgliche Veröffentlichung der dortigen Referate.
«Avec discrétion» Rethinking Froberger fördert aktuelle Erkenntnisse zutage, die weit über Frobergers Person hinausgehen. Wohl finden sich aufgrund neuer Quellen wesentliche Präzisierungen zu Details von Biografie und Umfeld, erstaunlicher aber sind Nachweise, wie sehr Froberger der französischen Lautentradition verpflichtet war (Dirksen und Ledbetter) und wie (auch) sein Komponieren auf bestehenden Satzmodellen beruhte (Gavito), dass also zwischen originellem Komponieren und modularem Improvisieren kaum prinzipielle Unterschiede auszumachen sind. Von besonderem Interesse dürften auch die Texte zu Frobergers Aufführungspraxis sein: Karin Paulsmeiers Bemerkungen zu Eigenheiten der Notation, Francesco Ceras Untersuchungen zur Fermatenpunktierung und Florian Bassanis Hinweise zur performativen Anreicherungspraxis aufgrund französischer Tasten- und Gesangstraktate. Zudem werfen Martin Kirnbauer und Eugène Michelangeli Fragen nach den beabsichtigten Instrumenten auf: vieltöniges Cembalo bzw. Clavichord.
Der Symposiumsbericht enthält darüber hinaus eine Begriffsgeschichte von «Diskretion», Einblicke in die damaligen Arten des Reisens und eine Betrachtung des musikalischen Rom im 17. Jahrhundert, wo sich der Frescobaldi-Schüler Froberger mehrmals aufgehalten hat. Schliesslich darf bei Rethinking Froberger auch die Frage gestellt werden, warum er sich nicht verstärkt der Vokalmusik zugewandt hat.
Insgesamt liegt der Vorzug des umfassenden Bandes (einschliesslich Dokumenten, Abbildungen, Quellen- und Editionsverzeichnis sowie umsichtiger Bibliografie) nicht nur in der Vielfalt der Zugänge, sondern in einer Fülle an wissenswerten Details zur Geschichte und Wiedergabepraxis der Musik des 17. Jahrhunderts. Wer sich mit Claviermusik unter einer breiteren Perspektive beschäftigen möchte, muss zu diesem Buch greifen.
«Avec discrétion» Rethinking Froberger, hg. von Andreas Vejvar und Markus Grassl, (Wiener Veröffentlichungen zur Musikgeschichte, Band 14), 544 S., € 53.00, Böhlau, Wien u.a. 2018, ISBN 978-3-205-20740-5