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Bild: Gaia (moderne Statue von O. Zell)
Die Vorgeschichte der Danaer ist in den Sagen geprägt von Gewalt, Verwandtenmord usw. Auch die historischen Danaer als Einwanderer aus dem Schwarz-Meer-Gebiet dürften ein Eroberer-Volk gewesen sein. Ihre Landnahme in der Argolis legte den Grundstein zur Entwicklung der Argolis als Machtzentrum in der Nordostecke des Peloponnes, der Kultur von Mykene, später dann abgelöst durch das weiter südlich gelegene klassisch-griechische Zentrum Sparta.
Akrisios der König steht mitten in der Auseinandersetzung der beginnenden patriarchalischen Kultur mit der alten matrifokalen Kultur. Die heute gängige Version der Danaë-Sage dürfte also aus der Zeit des klassischen Griechenland stammen und eine Bearbeitung älterer Mythen sein.
Akrisios hat eine Tochter, ausgestattet mit allen guten Eigenschaften. In der Entwicklung der Sage durch spätere Epochen bekommt Danaë oft auch Attribute der Erdgöttin Gaia, die für den ewigen Kreislauf von Leben, Sterben und wieder geboren werden steht. Das weist auf einen viel älteren Ursprung des Mythos hin, vor allem in der Begattungsszene als Darstellung der heiligen Hochzeit. Aus der Verbindung von Himmelsgott Erdgöttin entsteht alles Leben, Pflanzen, Tiere, Menschen, nicht nur einmal als Welten-Schöpfung, sondern immer und ewig wieder (Fruchtbarkeit der Erde). Mutter Erde nimmt nach dem Tod alles Physische wieder auf und führt es neuem Leben zu.
Ältere Menschen, ich gehöre wohl in den Augen jüngerer Mitmenschen auch schon dazu, werden manchmal als „Kompostis“ bezeichnet (siehe z.B. STV Steinach oder im Programm des Jugendhaus’ Palais noir in Reinach BL). Was auf den ersten Klang despektierlich tönt, ist demnach eigentlich ein Ehrentitel!
Akrisios wünscht sich natürlich lieber einen Sohn als Nachfolger. Das Orakel geht auf seinen Wunsch gar nicht ein, weissagt ihm dafür, dass ein Sohn dieser Tochter ihn dereinst töten werde. Vielleicht befragte er das Orakel von Delphi, das zwar dem Apollon geweiht war, aber auf ein ursprünglicheres Gaia-Heiligtum zurückgeht.
Akrisios‘ Umgang mit dem Tod ist simpel: Auch wenn sein Tod durch den noch nicht einmal biologisch empfangenen „Mörder“ noch in weiter Ferne stehe dürfte, soll deswegen „das Weibliche“ als Schoss der Erneuerung eingekerkert und unfruchtbar gemacht werden. Schon sein eigenes Kind will er nicht, und schon gar nicht einen Enkel, der ihn samt seinen alten Mustern in Frage stellen könnte. Eine Erneuerung liegt nicht drin, welche – symbolisch gesehen – dank dem Sterben „des Alten“ erst „das Neue“ möglich macht. Die Parallele zu unserer heutigen Zeit ist offensichtlich, welche das eigene Sterben so lange hinauszuzögern versucht, wie die technischen Mittel es möglich machen. Das Konservieren des Ego-Mülls kommt lange vor den Gedanken um die Zukunft der nächsten Generationen (Klima, Bodenzerstörung, Atommüll usw., aber auch Schuldenwirtschaft und Gewinnabschöpfung). Der Kampf der „Alten“ gegen die „Jungen“ ist hingegen in allen Epochen ein Thema, offenbar ein immer noch braches Entwicklungsthema der Menschheit.
Es geht nicht nur um die Abwehr des Todes im engeren Sinne. Mit dem Wegschliessen der Danaë soll ja auch ihre Fruchtbarkeit lahmgelegt werden. Auch hier liegt die Parallele in unserer Zeit auf der Hand: Die Fruchtbarkeit der Böden der Erde nimmt durch die Aktivitäten der „Söhne des Akrisios“ geradezu dramatisch ab. Dabei stehen Fortpflanzung und Sexualität zentral am Anfang der Menschwerdung (Genesis Kap. 3). Siehe auch den Spruch von Rabbi Haikel.
Das Gefängnis von Danaë scheint technisch perfekt (der oben offene Bronzeturm) aber ideell mangelhaft: Danaë kommt in eine Art umgekehrte Vagina, die nur auf die Begattung von oben wartet, welche in Form des goldenen Regens von Zeus nicht lange auf sich warten lässt.
Dieser Begattungsakt ist auch sonst von der Symbolik her reich:
- Die Erdgöttin wird durch den göttlichen (goldenen) Regen befruchtet (Die Erde wird fruchtbar).
- Die heilige Hochzeit des männlichen Himmelsgottes mit der weiblichen Erdgöttin findet statt.
- Die jungfräuliche Empfängnis der menschlichen Frau erhebt sie in die göttliche Gesellschaft.
- Die Trinität Gott-Vater, heiliger Geist-Regen, Inkarnation eines Sohnes in einer menschlichen Mutter scheint durch.
Diese Verbindung der Danaë-Geschichte mit der Marien-Mythenbildung im Christentum des Mittelalters war den Künstlern sehr vertraut. Die Danaë des flandrischen Malers Jan Mabuse, erste Hälfte des 16. Jhdts. (Bild links), ähnelt stark den Darstellungen von Mariä Verkündigung. Obwohl die Danaë etwas unkeusch halbnackt gemalt ist, trägt sie doch ganz bewusst den blauen Mantel der heiligen Maria.
Später nimmt in der Malerei die erotische Komponente immer mehr zu, auch im Auftragsbild des Kardinals Farnese an Tizian (Bild rechts, in der Version für den spanischen Hof), welches an die Venus von Urbino des gleichen Malers erinnert. Danaë erscheint passiv sich darbietend, der Goldregen wird zum Geldregen, der von einer Dienerin gierig zusammengerafft wird. Die Empfängnis der Danaë soll der Betrachter mit Prostitution, also Lüsternheit und Geldgier in Verbindung bringen. Die unschuldige Empfängnis der Danaë wird mit moralischen Fingerzeigen aufgeladen.
Zurück an den Hof von Argos: Akrisios kann diese besonderen Menschen, Danaë und ihr Baby Perseus, nicht einfach töten. Dazu fehlt ihm die Macht. Er setzt sie vielmehr den Elementarkräften aus, in der Hoffnung das Meer und Sturm den beiden den Garaus machen werden. Er überlässt sie sozusagen den Marktkräften.
Die Fahrt über das Meer oder einen Fluss in einem unsicheren Behälter ist ebenfalls ein wichtiges Mythenmotiv, z.B. auch im alten Testament (Mose Bild links), in Ägypten (Isis und Horus) oder in keltischen Sagen bis hin zu klassischen Märchen. Bei Mose (und seinem Vorbild: Sargon von Akkad) geht es wohl vor allem um das Thema des Auserwählung und Legitimation als zukünftiger Führer des Volks. Eine hochgestellte Frau adoptiert das Findelkind (bei Mose die jungfräuliche Tochter des ägyptischen Pharaos, bei Sargon die Göttin Ischtar). Bei Isis und Horus finden wir z.B. auch das Motiv der jungfräulichen Empfängnis. In den Märchen findet diese Wasserfahrt dann oft erst in der Adoleszenz statt. Zumindest in diesen Fällen geht die Fahrt psychologisch gesehen in die tiefsten Schichten der menschlichen Persönlichkeit. Symbolisch oder sogar explizit dargestellt geht die Fahrt oft bis ins Reich der Toten.
Die Olympierscheinen in diesem Fall ausnahmsweise am selben Strick zu ziehen, und Poseidon rettet die beiden. Danaë wird erneut begehrt, diesmal von einem menschlichen König (Polydektes), den sie aber ablehnt, zumindest in der gängigen Version der Sage. Es gibt auch Versionen, in denen König Polydektes positiver gezeichnet ist, und Danaë sich freiwillig mit ihm vermählt.
Danaës Sohn Perseus wird zu ihrem Retter, Befreier, Beschützer. Seine „Heldentaten“ ziehen zwar eine für antike Sagen typische Blutspur hinter sich her. Aber es gelingt ihm erfolgreich, „Mutter Erde“ zu schützen und weiter leben zu lassen. Perseus ist symbolisch der Greenpeace-Held der Antike.
Auf jeden Fall geht der Handlungsfokus nach der Landung auf Seriphos auf Perseus über. Und das ist eine neue Geschichte, in deren Verlauf sich auch das Orakel erfüllt, und Akrisios von Perseus ohne Absicht getötet wird.
Der Erneuerungsprozess findet statt, ob wir das wollen oder nicht. Aber unsere egozentrische Verdrängung des Themas Tod und Sterben schafft unendliches Leid, wie die Sage von Danaë zeigt.