Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03385.jsonl.gz/2454

Elisabeth Vischer-Alioth (1892-1963) – Pionierin des FrauenstimmrechtsVeröffentlicht am 9.6.2021, zuletzt geändert am 31.1.2024 #Zeitgeschichte
“Wenn einmal die Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert dargestellt wird, werden die Leser ein Kapitel finden, das bisher in solchen Darstellungen fehlte: ‘Die Frauenbewegung in der Schweiz’. Darin wird der Name Elisabeth Vischers als einer Pionierin des Frauenstimmrechts nicht fehlen.” Mit diesen Worten würdigt Georgine Gerhard, selbst zentrale Persönlichkeit der Frauenstimmrechtsbewegung, ihre Freundin in der National-Zeitung vom 5. September 1962. Elisabeth Vischer-Alioth darf in mehrfacher Hinsicht als typische Vertreterin der Frauenbewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert gelten.
Tochter aus gutem Haus
Elisabeth Alioth wird am 7. September 1892 als jüngste von fünf Töchtern in Arlesheim in eine “alte Basler Familie” geboren und wächst in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Sie absolviert eine Privatschule in Basel und das standesgemässe Pensionatsjahr in Genf. Nach einem Studienjahr an der Sozialen Frauenschule in Berlin kehrt sie mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs in die Schweiz zurück.
1919 heiratet sie Eberhard Vischer. Als Gattin des erfolgreichen Juristen ist sie finanziell abgesichert und engagiert sich zu einem grossen Teil ehrenamtlich auf vielfältige Weise für das Frauenstimmrecht, zum Beispiel als Vorstandsmitglied des Bundes der Schweizerischen Frauenorganisationen. Ihre Engagements bringen öffentliche Auftritte und Stellungnahmen mit sich, sei es als Referentin, sei es als Autorin. Später gesteht sie den Basler Nachrichten, “dass es ihr zu Beginn ihrer Tätigkeit zugunsten der Gleichberechtigung der Frau ganz unmöglich erschienen sei, öffentlich zu sprechen” [21. August 1963].
Dennoch wagt sie, Flugblätter für das Frauenstimmrecht zu verteilen. Eine Aktion, die – wie sie später selber schreibt – mit grossen persönlichen Risiken verbunden ist.
Exponentin der Frauenbewegung
Ein Schicksalsschlag trifft die 37-Jährige, als ihr Gatte 1929 einem Bergunglück zum Opfer fällt. Danach engagiert sie sich noch stärker für die Frauenrechte. Sie wird Mitglied des Zentralvorstandes des Schweizerischen Verbandes für Frauenstimmrecht, den sie von 1940 bis 1952 präsidiert. Damit wird sie eine wichtige Exponentin der schweizerischen Frauenbewegung. Sie ist viel unterwegs, um in der ganzen Schweiz Vorträge zu halten.
Der Kampf für das Frauenstimmrecht führt sie auch in den Journalismus. Unter der Signatur E.V.A. schreibt Vischer-Alioth ab 1920 zahlreiche Artikel in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, vorab in der National-Zeitung und im Schweizer Frauenblatt. Hinzu kommen Stellungnahmen und Abhandlungen in Broschüren des Schweizerischen Verbandes für Frauenstimmrecht und im Jahrbuch der Schweizer Frauen. Daneben verfasst sie Beiträge für das Radio.
Gleichzeitig erweitern sich ihre familiären Pflichten. Nach dem Tod ihrer Schwester Jenny Preiswerk 1935 zieht sie ihre zwei Neffen auf, deren Vater zwei Jahre später ebenfalls stirbt.
Die Natur der Frau
In den 1930er und 1940er Jahren haben es Frauenanliegen schwer. Der aufkommende Faschismus reaktiviert konservative Leitbilder. Die Frauenstimmrechtsvereine geben sich häuslich. Sie bemühen sich, keinen Anstoss zu erregen und schlagen aus dem “spezifisch weiblichen Wesen” Kapital. Das gilt auch für Vischer-Alioth. Sie teilt die dualistische Auffassung der Geschlechterrollen, wonach Männer und Frauen “von Natur aus” gegensätzliche Charaktereigenschaften hätten.
So fragt sie in ihrem 1946 erschienenen Aufsatz Was ist Politik?: “Können nicht die Frauen gerade wieder auf Grund ihrer ureigenen Fähigkeit zum Ausgleich Wege finden, um eine bessere Parteipolitik heranzubilden? Es gibt Beispiele aus ausländischen Staaten, wo Frauen in Parlamenten versöhnend und friedenschaffend wirkten, wo sie ausbrechende Kämpfe durch begütigendes und beruhigendes Dazwischentreten abebben lassen konnten.”
Die Anforderungen an die Pionierinnen der Frauenstimmrechtsbewegung sind immens: Sie sollen beharrlich für ihre politischen Rechte kämpfen, aber ja nicht energisch werden oder Forderungen stellen. Und – die Hauptsache – sie sollen keine Enttäuschung zeigen, wenn sich auch nach Jahrzehnten der Arbeit kaum Fortschritte erkennen lassen.
Als erste Frau im Bürgerrat
Wie andere Frauenstimmrechtsaktivistinnen zählt Vischer-Alioth zu den ersten in ein politisches Amt gewählten Frauen: 1961 gehört sie zu den ersten Frauen im Weiteren Bürgerrat von Basel (heute Bürgergemeinde der Stadt Basel). Als Alterspräsidentin eröffnet sie im Dezember desselben Jahres die Sitzung. Die Basler Nachrichten berichten in der Ausgabe vom 6. Dezember, dass “eine ganz neuartige Stimmung” geherrscht habe.
Vischer-Alioth sah klar, wie genau man ihr auf die Finger schaut: “Zum ersten Mal sollte ich nun einer politischen Behörde vorstehen! Ich war mir bewusst, dass eine Frau sich in doppeltem Sinn zu bewähren hätte, denn wie leicht könnte mein Versagen verallgemeinert werden!”, schreibt sie im Der Bund vom 28. Januar 1962.
Die Einführung des Frauenstimmrechtes in der Schweiz und im Kanton Basel-Stadt, eines ihrer Lebensziele, erlebt Elisabeth Vischer-Alioth nicht mehr: Sie stirbt am 20. August 1963 in Basel.
Quellen
Literatur
Beatrix Mesmer, Staatsbürgerinnen ohne Stimmrecht. Die Politik der schweizerischen Frauenverbände 1914-1971 (Zürich 2007).
Abbildungen
Abb. 1: Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1013 2-1919 1.
Abb. 2: Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1013 1-1746 5.
Abb. 3: Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1013 1-1746 2.
Autor*in
Antonia Schmidlin ist freischaffende Historikerin und unterrichtet Geschichte und Italienisch am Gymnasium Liestal. Sie ist Autorin verschiedener Publikationen zur Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, zur Geschlechtergeschichte und zur Basler Regionalgeschichte. Sie ist Vorstandsmitglied des Vereins Basler Geschichte.