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Die rezidivierende Atemwegsobstruktion (RAO) ist eine komplexe, durch genetische und Umweltfaktoren bedingte Erkrankung, die viele Gemeinsamkeiten mit dem humanen Asthma aufweist. Der Hauptgrund für diese Atemwegserkrankungen besteht in den Haltungsbedingungen an welche das Pferd nicht natürlicherweise angepasst ist: Die Pferde verbringen oft einen Grossteil ihrer Zeit im Stall und sind dort verschiedenen reizenden und allergenen Stoffen aus dem Heu und Strohstaub ausgesetzt. Empfindliche und vor allem erblich belastete Tiere entwickeln dann oft RAO.
Vorgängige Warnzeichen, wie vereinzeltes Husten, werden von den Besitzern oft unterschätzt. So kann es soweit kommen, dass ein Pferd, welches einst eine Spitzenleistung erbrachte, mit der Zeit in der Leistung nachlässt, immer öfters hustet, Nasenausfluss zeigt und schlussendlich schon in Ruhe eine pumpende Atmung und Atemnot entwickelt. Um die dauerhafte Gesundung des Pferdes zu sichern, muss das Heu durch andere Raufuttermittel ersetzt werden. Gegebenenfalls muss auch eine spezielle allergenarme Einstreu verwendet werden und das Pferd sollte so viel Zeit wie möglich an der frischen Luft verbringen. Schon vor fast hundert Jahren wurde beobachtet, dass gewisse Hengste und Stuten die Krankheit vererben. Mit Hilfe modernster genetischer Methoden wird nun an der Pferdeklinik Bern der erbliche Hintergrund dieser Lungenerkrankung untersucht. Übergeordnetes Ziel dieser Forschung ist es, durch frühzeitige Erkennung und Vermeidung risikoreicher Paarungen nachhaltig die Lebensqualität der Tiere zu verbessern. Im Rahmen dieser Projekte wurden zwei Hengste identifiziert, welche an RAO leiden. Die Nachkommen dieser Hengste wurden ausfindig gemacht und untersucht sowie die Besitzer anhand eines standardisierten Fragebogens befragt. Dabei zeigte sich: Die Nachkommen der erkrankten Tiere haben ein ungefähr 5-fach höheres Risiko selbst an RAO zu erkranken, als andere Pferde. Aus Blutproben der Nachkommen wurde DNA isoliert.
Da das gesamte Erbgut des Pferdes entschlüsselt wurde, konnten mit einem so genannten «Gesamt-Genom-Scan» zwei Chromosomenabschnitte identifiziert werden, die stark mit RAO in Verbindung gebracht werden können. In einer der zwei Familien (Familie 1) fand man eine Assoziation zwischen Chromosomenregion 13 und RAO und in Familie 2 zwischen Chromosomenregion 15 und RAO. Seit die Hygienehypothese 1989 von Strachnan postuliert wurde, ist das Interesse an der Beziehung zwischen Allergien und Parasiteninfektionen stetig gestiegen. Die klassische Hygienehypothese besagt, dass Infektionen und unhygienische Bedingungen Schutz vor Allergien bieten. Umgekehrt könnte eine mögliche Erklärung für eine umgekehrte Beziehung zwischen parasitären Erkrankungen und Asthma, die sogenannte «genetische Hygienehypothese», darin bestehen, dass genetische Faktoren, welche Schutz vor Parasiten bieten, die gleichen sind, welche Asthma auslösen. Diese Aussage würde mit der Beobachtung einhergehen, dass Individuen mit Asthma resistenter gegenüber Helminthen sind. Familie 1 scheint tatsächlich resistenter gegen Darmparasiten zu sein.
Das Risiko für einen Befall mit Darmparasiten ist bei ihnen viel kleiner als bei anderen unter genau gleichen Bedingungen gehaltenen Pferden. Diese Resistenz gegen Strongyliden zeigten auch RAO-erkrankte, nicht verwandte Warmblutpferde im Vergleich zu einer Gruppe gleichaltriger, gleich gehaltener Kontrollpferde. Weiter wurde noch der genetische Zusammenhang zwischen der familiären Resistenz gegen Strongylidenbefall und der Prädisposition für RAO untersucht. Zwei Chromosomenregionen wurden gefunden, welche mit der Befallsintensität der Strongyliden korrelieren. In Familie 1 wurde eine Assoziation zwischen Chromosomenregion 15 und Strongylidenbefall gefunden. Diese Region ist in Familie 2 mit RAO assoziiert. In dieser Region können verschiedene Kandidatengene gefunden werden, die zum Teil eine wichtige Rolle bei der Parasitenabwehr und Entwicklung von Asthma spielen. In Familie 2 wurde eine Assoziation zwischen Parasitenresistenz und Chromosom 20 gefunden. In dieser Region können Kandidatengene gefunden werden, welche den Haupthistokompatibilitätskomplex regulieren. Dieser spielt auch eine zentrale Rolle in der Pathogenese von Allergien und Parasitenabwehr.
Aufgrund der komplexen Phänotypen und der limitierten Studienpopulation kann bisher ein genetischer Zusammenhang weder klar bestätigt noch ausgeschlossen werden. Weitere Untersuchungen, die bereits im Gang sind, werden anhand von noch grösseren Zahlen von nicht-verwandten Pferden und unter Einsatz der neuen Genchip Technologie zeigen, ob und wie dieselben Gene die Resistenz gegen Parasiten und die Anfälligkeit für Allergien regulieren. Wegen der vielen Parallelen zum Asthma und anderen Allergien des Menschen, aber auch zu parasitären Krankheiten in Entwicklungsländern, stösst diese Forschung nicht nur in der Tiermedizin auf Interesse.