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Annette Hug versucht, sich sozial zu orientieren
Arnold Schwarzenegger glaubte zu wissen, wohin er deuten musste, als er im Mai auf dem Wiener Heldenplatz von den Eliten sprach. «Da oben tagen sie», sagte er und zeigte ungefähr auf die vierte Etage eines Seitenflügels der Hofburg. Den Teilnehmenden der Kundgebung auf dem Platz versprach der Weltstar, er werde den Eliten Klimaschutz beibringen. Im Fenster, auf das er zeigte, waren verschwommene Lichtpunkte zu sehen, der Abglanz eines Kronleuchters. Ich bin ziemlich sicher, dass sich hinter diesem Fenster keine Delegierten des Austrian World Summit befanden.
Im letzten Dezember bin ich nämlich selber ein Treppenhaus der Hofburg hochgestiegen. Unter Kronleuchtern las ich Auszüge aus den Tagebüchern der Kaiserin Elisabeth. Das «Sisi Museum» ist eine Kultstätte, die immer finsterer wird, je tiefer Elisabeth in Trauer versinkt. Andächtig standen im Dezember Chinesinnen vor der Fächer- und Trauerschmuckvitrine. Sisi sei eine Traumgestalt gewesen, sagte eine von ihnen. Nach der Kulturrevolution waren in China plötzlich wieder westliche Importe erlaubt. Im Fernsehen liefen die Filme mit Romy Schneider, da sei ein Fenster zur Welt aufgegangen. Touristinnen im Tschador gingen um eine schwarz umwickelte Stofffigur, die Elisabeths seelische Nacht symbolisierte. Eine Internationale des Mitgefühls schien sich durch die Säle der Hofburg zu schieben, angelockt von einem sehr populären Interesse an einer Frau, die an äusseren Zwängen verzweifelt war. Von Schwarzeneggers Elite keine Spur.
Im Juni war ich dann in einem Hotel untergebracht, das tatsächlich «Élite» heisst. Es steht in Biel. Nahe beim Bahnhof markiert es den Eingang zum modernen Teil der Stadt. Gleich gegenüber erhebt sich das Volkshaus, ein Klinkerbau aus den frühen dreissiger Jahren. Sachlich und imposant zugleich, bietet es dem «Élite» die Stirn – oder besser den Bauch, denn das Restaurant Rotonde im Parterre ist elegant gerundet. Der Eindruck, das «Élite» mit seiner Art-déco-Fassade sei älter und habe den architektonischen Widerstand der ArbeiterInnen herausgefordert, täuscht. Das Stimmvolk von Biel entschied am selben Tag im Jahr 1929 über die Abgabe der beiden Grundstücke im Baurecht: Die Industriellen wollten den internationalen Uhrenhändlern ein Luxushotel bieten, und die Arbeiterunion plante ein Volkshaus. In der Kombination hatten beide Vorlagen bessere Chancen, durchzukommen. Das Volkshaus wirkt aber jünger, weil die Arbeiterunion den Anspruch hatte, architektonisch avancierter zu sein als das Bürgertum. Ein elitärer Anspruch, würden jene kritisieren, die den sogenannt einfachen Leuten nur Kitsch zutrauen.
Und jetzt, im Juli, hat es mich nach Bürglen im Thurgau verschlagen. Auch hier gabs ein Lokal, das «Élite» hiess. Wer im Auto von Weinfelden kam, konnte es nicht übersehen. Gleich vis-à-vis vom Volg leuchtete bis vor wenigen Jahren eine Neonröhre, die Busen und Pobacken formte. Das «Élite» war ein Puff mitten im Dorf, an der Bremsspur vor dem zentralen Kreisel. Doch 2018 wurde ein Nachfolgebetrieb endgültig geschlossen. Seither ist der Biergarten der Bar Black Angels, die mit dem Puff ein Haus geteilt hat, nicht mehr durch Sichtschutzwände vom Parkplatz getrennt. Die Elite, die hier ein und aus ging, musste vor neugierigen Blicken geschützt werden.
Annette Hug ist Autorin in Zürich. Von Sisi mag sie den Satz: «Die Liebe eines Volkes hat mich zur Königin gemacht», in der Vertonung der Band Die Heiterkeit.