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Die Flut, die das Land seit dem 28. Juli heimgesucht hat, hat mehr als 6 Millionen Menschen zu Obdachlosen gemacht. Humanitäre Hilfe fehlt weitgehend. Eine Reportage aus den Gebieten von Nowshera und Charsaddah.
Ein Haufen alter Kassetten, Armbänder, zwei Handvoll nasses Korn. Asim Alam hat seinen Ertrag unter einer schmutzigen Decke verstaut. Durch das Wasser watend fährt er fort, den Platz zu durchsuchen, wo vorher das Haus stand.
Neben ihm sammelt auch sein Cousin Tahseenulah Besitz zusammen. Er hat die Holzpfeiler gefunden, die das Stützgerüst ihres Hauses waren. Sie werden zum Wiederaufbau verwendet.
Die 19 Mitglieder von Alams Familie hatten sich ein Haus aus Lehm geteilt. Wie die anderen 120 Hütten im Dorf Pastoon Garhi, wurde es durch den Bach aus Schlamm weggeschwemmt.
"Es war ein Uhr nachts. Meine Frau hat den Lärm des Flusses gehört, der anschwoll. Sie hat mich geweckt. Wir sind mit den Kindern aus dem Haus gerannt. Ich wollte noch zurück, um einige Dinge zu holen, aber das Wasser reichte mir schon bis zum Hals. In diesem Moment hat sich das Haus in den Fluten vor meinen Augen aufgelöst", erinnert sich Asim.
Das Dorf Pashtoon Garhi, zwei Autostunden von Islamabad entfernt, hat Glück im Unglück gehabt: Niemand ist am Abend der Flut ums Leben gekommen.
Aber die Felder sind verwüstet, die Ernte vom nächsten Herbst verloren, das Vieh dezimiert. Die Bauern wissen nicht, wie sie den Winter durchstehen sollen.
"Ajmal und ich besassen zusammen 15 Tiere", erzählt Tahseenulah, "wir haben die Milch verkauft und konnten unsere Frauen und Kinder gut ernähren. Aber jetzt sind dreizehn unserer Tiere ertrunken. Das ist eine Katastrophe."
Keine Aufmerksamkeit
Zur gleichen Zeit organisieren das Flüchtlingshilfswerk der Uno und eine pakistanische Vereinigung auf dem Dorfplatz die Verteilung von Zelten und Küchenmaterial. Dutzende von Familienvätern streiten sich am Eingang der öffentlichen Schule, ausgerüstet für alle Fälle.
Allen ist klar, dass es nicht für alle reichen wird. "Sie werden uns nur 75 Zelte geben", beklagt sich einer der Männer, "obwohl unser Dorf 6000 Einwohner hat."
Dies bestätigt auch der lokale Koordinator, Mued Kahn. Pastoon Garhi sei eines der letzten Dörfer, die Hilfesgüter erhielten. "Hier leben nur Bauern. Kein Politiker, niemand Wichtiges, der dafür gesorgt hätte, dass die Aufmerksamkeit und die Hilfe früher hierher gelangen."
Obwohl sich die Menschenmenge um die Lastwagen aus der Hauptstadt drängt, kümmern sich einige Einwohner nicht darum und durchsuchen weiter das, was von ihren Häusern übriggeblieben ist.
"Wir wissen, dass dort Sachen verteilt werden", antwortet Ayoub, der Vater einer Familie. "Aber die Organisatoren kontrollieren die Identität von denen, die etwas mitnehmen, damit die gleiche Familie nicht zweimal drankommt. Und wir, wir haben keine Identitätspapiere mehr, die Flut hat alles weggespült. Also erhalten wir nichts."
Wie die meisten Geschädigten hat Ayoub mit seiner Familie Unterschlupf bei Verwandten gefunden, einige Kilometer entfernt. Mehr als die Hilfe der Regierung und der Hilfsorganisationen ist es die Solidarität innerhalb der Familien und Clans, die das Überleben der Obdachlosen sicherstellt.
Überrascht vom Unvorhergesehenen
"Das Spezielle an dieser Flut ist, dass die Pakistaner so etwas seit 80 Jahren nicht mehr gesehen haben", sagt Jean-Marc Favre, der "Flutkoordinator" des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK) im Land.
"Im Gegensatz zu Indien oder Bangladesh, wo diese Ereignisse häufig sind, haben hier eine oder zwei Generationen ohne die Kenntnis einer Überflutung gelebt. Es gibt keine Strukturen in der Gesellschaft, um die Krise zu bewältigen."
Drei Wochen nach Beginn der Flut liegt der Süden des Landes immer noch unter Wasser. Im Norden, wo die Katastrophe ihren Anfgang nahm, beginnt das Wasser abzufliessen.
Nun bedroht eine neue Krise das Land. Die Brunnen und andere Quellen von Trinkwasser sind verseucht. Die Flut, die alles weggespült hat, enthielt Exkremente, chemische Produkte, tote Tiere. Dort konnten sich Bakterien entwickeln, die tödliche Durchfallerkrankungen hervorrufen, wie beispielsweise die Cholera.
Im Dorf Ishogi haben die Bewohner rasch begriffen, dass sie das Wasser ihres Brunnens nicht mehr trinken sollten. Nachdem eine der wenigen Kühe, die die Flut überlebt hatte, davon getrunken hatte, starb sie.
"Wir haben den Eimer entfernt, um weitere Unfälle zu vermeiden", erklärt Ghulam Azrat, der Gemeindevorsteher, "aber jetzt haben wir kein Wasser mehr. Wir sind abhängig von der Verteilung von Wasser der Hilfsorganisationen und man weiss nie, wann sie kommen."
Trinkwasserquellen zu suchen und die Wassertanks zu reinigen ist deshalb eine der Hauptaufgaben des IKRKs und des Roten Halbmondes in Pakistan geworden. Diese Arbeit erfordert einen langen Atem. Innerhalb von zwei Tagen haben die Teams nur vier Brunnen entgiftet. Hunderte Quadratkilometer sind betroffen.
Das Wasser, das den Punjab und den Sindh bedeckt, braucht noch Wochen zum Abfliessen. Diese Situation ist für Jean-Marc Favre, den IKRK-Koordinator, schwierig zu akzeptieren.
"Was die Katastrophen, die von Wasser verursacht werden, so schlimm macht, ist, dass man nichts machen kann, solange die Gebiete unter Wasser stehen. Man weiss, dass es Leute gibt, die von der Umwelt abgeschnitten sind, die nichts zu essen haben und die keine Pflege und kein Trinkwasser erhalten, aber man muss warten, bis die Wege wieder frei sind, um ihnen zu helfen. Man muss abwarten, Geduld haben. Das ist frustrierend."
Clémentine Mercier, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Französischen Eveline Kobler)
500 Millionen Dollar
Die internationale Staatengemeinschaft hat Pakistan bei einer Geberkonferenz der UNO am vergangenen Freitag weitere 200 Millionen Dollar an Hilfe zugesagt. Diese neuen Gelder ergänzen Spenden in Höhe von 252Millionen Dollar. Die UNO hatte gefordert, im kommenden Vierteljahr mindestens 460 Millionen Dollar für die Versorgung der Flutopfer bereitzustellen.
Befragt vom amerikanischen Fernsehsender PBS meinte der pakistanische Aussenminister, Shah Mehmood Qureshi, "Die Hilfe kam langsam in Gang, weil die Welt sich nicht bewusst war, wie gross die Herausforderung ist", doch das Geld "kommt nun an". "Aber", meint er, "Das ist nur der Anfang, wir müssen an die Kosten des Wiederaufbaus denken."
Kurzfristige Hilfe der Schweiz:
Die finanziellen Mittel, die als von der Schweiz als Nothilfe für die Flut in Pakistan vorgesehen sind, wurden aufgestockt. Das eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten bereitet sich auf einen längeren Einsatz vor.
Bilaterale Nothilfe:
800'000 Franken.
Spende an das IKRK: 3 Millionen Franken.
Spende an das Welternährungsprogramm: 1 Million Franken.
Andere Leistungen werden geprüft.