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Westlich von Giornico, auf der rechten Seite des Ticino, erhebt sich aus der Talsohle der Leventina ein markanter Felshügel, dessen Kuppe von der Kirche S. Maria del Castello bekrönt wird. Diese Kirche steht inmitten eines ausgedehnten Ruinenfeldes, dessen Mauerreste von einer mittelalterlichen Burganlage stammen. 1954/55 sind umfangreiche Freilegungs- und Restaurierungsarbeiten vorgenommen worden, die zur Aufdeckung zahlreicher Mauerzüge geführt haben. Da das Unternehmen ohne wissenschaftliche Leitung vorgenommen worden ist, liegen keine brauchbaren baugeschichtlichen Untersuchungsergebnisse vor. Die heute vorhandenen, zum teil sehr willkürlich restaurierten Überreste lassen einen komplizierten Grundriss erkennen, in dem sich mehrere Bauetappen abzeichnen. Die in zwei Phasen erbaute Kirche S. Maria steht zum Teil auf den Trümmern älterer Burgmauern, was nicht zum besseren Verständnis der Anlage beiträgt.
Der Felshügel ist heute von der Nordwestflanke her zugänglich, wo ein gut angelegter Weg zur Kirche emporführt. Der alte Zugang befand sich wahrscheinlich auf der Ostseite, wo man ein schwer angreifbares System von Zwinger- und Toranlagen zu durchqueren hatte. Rings um den Burgfelsen herum ziehen sich terrassenförmige Stufen mit den Resten von Umfassungsmauern und vorgeschobenen Annäherungshindernissen. Die Kernburg bedeckte das längliche Plateau der Kuppe. Im nördlichen Abschnitt sind die Fundamente eines mächtige Viereckturms zu erkennen, während der südliche Abschnitt die Trümmer eines vielteiligen Gebäudekomplexes aufweist. Es lassen sich mehrere Baukörper unterscheiden, die offenbar um einen engen Innenhof gruppiert waren. In der Südwestecke stand ein starker Turm mit angeschobener Laube auf Steinpfeilern. In der Ostpartie liegen die Überreste eines grossen Wohnbaus, wohl eines Palazzo italienischer Art. Auf dessen Trümmern erhebt sich der noch im romanischen Stil errichtete Campanile der Kirche S. Maria. Wie die in zwei Hauptetappen im mittleren Abschnitt des Burgareals erbaute Kirche mit der Gesamtanlage architektonisch zusammenhängt, bleibt vorläufig rätselhaft. Ein Gebäude, im Grundriss ein unregelmässiges Viereck beschreibend, greift mit den Fundamenten ins Innere der Kirche hinein. Wahrscheinlich handelt es sich bei diesem Bau um einen Wohntrakt aus der Frühzeit der Burg. Die älteste Kirche, ein einschiffiger, zweigeschossiger Bau mit halbrunder Apsis, bildete vermutlich die Privatkapelle der Burgherren. Die Erweiterung der Kirche auf ihre heutige Grösse muss noch im 13. Jahrhundert erfolgt sein.
Die Anfänge der Burg liegen im Dunkeln. Eine erste Anlage, aus dem frühen Wohntrakt im Mittelteil des Areals, der angrenzenden ältesten Kapelle und einer einfachen Umfassungsmauer bestehend, könnte bereits im 11. Jahrhundert errichtet worden sein. Bedeutende Ausbauten sind für das 12. und 13. Jahrhundert anzunehmen. Die in den Hang hinausgreifenden äusseren Umfassungsmauern und Annäherungshindernisse gehören möglicherweise erst dem 14. Jahrhundert an.
Über die Geschichte der Burg ist wenig bekannt. Höchstwahrscheinlich bildete die Feste den Sitz der Herren von Giornico, eines edelfreien Geschlechts wohl langobardischer Abstammung. Zwischen den Herren von Giornico und dem Domkapitel von Mailand, dem die gräflichen Rechte in der Leventina zustanden, herrschten dauernde Spannungen und Reibereien, waren beide Parteien doch bestrebt, ihren Besitz und ihre Machtstellung im Tal zu festigen und zu mehren. Dieser lokale Konflikt mündete im 12. Jahrhundert in die grosse Auseinandersetzung zwischen dem staufischen Kaisertum und der italienischen Gegenpartei aus. Bernardo von Giornico, der bedeutendste Vertreter seines Geschlechts, schloss sich um 1160 den Anhängern Friedrich Barbarossas an und wurde der Anführer der kaiserlichen Partie in der Leventina. Das Domkapitel stand auf der päpstlich-mailändischen Gegenseite. Um 1160 wurde Bernardo mit dem Amt des kaiserlichen Vogts in der Leventina betraut. Trotz Anfeindungen seitens seiner Widersacher blieb er im Amt und erhielt um 1170 die Leventina als kaiserliches Lehen zugesprochen. Als Günstlinge Barbarossas standen die Herren von Giornico um 1175 im Begriff, in der Leventina eine Landesherrschaft zu errichten, ähnlich derjenigen des Hauses Sax in der Mesolcina. Barbarossas Niederlage von Legnano im Jahr 1176, die den Zusammenbruch der kaiserlichen Machtstellung in der Lombardei bewirkte, brachte die Pläne des Hauses Giornico zum Scheitern. Der Machtumschwung im Bleniotal zwang Bernardo von Giornico, sich den Domherren von Mailand zu unterwerfen und die Hoffnung, in der Leventina eine selbständige Herrschaft zu begründen, zu begraben. Die Burg von Giornico, bis anhin wahrscheinlich Eigengut in den Händen der Herren von Giornico, wurde nun als Lehen der Herrschaft des Domkapitels von Mailand unterstellt. Wohl bekleideten die angehörigen des Hauses Giornico auch im 13. und 14. Jahrhundert wichtige öffentliche Ämter in der Leventina, begegnen sie uns doch als Notare, als Vertreter der Gemeinde und als Rektoren der Leventina, mit der selbständigen Stellung des Geschlechts war es jedoch endgültig vorbei. Alberto von Giornico trat 1224 im Saccoprozess als Hauptzeuge des Domkapitels Mailand auf. Dass die Burg von Giornico gegen 1200 unter mailändische Verfügungsgewalt geraten war, bestätigt eine Notiz aus dem Jahr 1276. damals hielt sich Erzbischof Otto Visconti von Mailand auf der Feste auf, von wo aus er mit Hilfe der Söldnerführer Otto und Simon von Orelli die Herrschaft der Visconti in Mailand begründete.
Um die Mitte des 14. Jahrhunderts gingen die Hoheitsrechte der Domherren von Mailand in der Leventina an die Visconti über, die sich mittlerweile zu Herren über die Stadt Mailand aufgeschwungen hatten. Die Burg von Giornico verlor im mailändischen Territorialstaat ihre Bedeutung, da die Visconti und nach ihnen die Sforza auf vorgeschobene Befestigungen wenig Wert legten und sich auf die Verstärkung der Talsperre von Bellinzona konzentrierten. Ob die Burg anlässlich eines gescheiterten Aufstands der Talleute gegen die Herrschaft der Visconti um 1350 tatsächlich zerstört wurde, wie bisweilen behauptet wird, steht nicht mit Sicherheit fest. Im Lauf des 15. Jahrhunderts dürfte sie jedenfalls verlassen worden sein. Im Giornico-Krieg von 1479 zwischen Mailand und den Eidgenossen spielte sie keine Rolle mehr. 1518 scheinen die Eidgenossen den verwahrlosten Bau niedergelegt zu haben doch waren im 17. Jahrhundert noch bedeutende Ruinen vorhanden. Die Kirche S. Maria del Castello ist unter urnerisch-eidgenössischer Herrschaft baulich in gutem Zustand gehalten worden, während die Trümmer der Burg weitgehend weggeräumt wurden, so dass bis zu den Freilegungsarbeiten von 1954/55 nur noch spärliche Reste sichtbar waren.
Bibliographie