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In Fresnos Unterwelt
Von Meinrad Buholzer
Das Central Valley ist, anders als viele spektakuläre Landschaften Kaliforniens, kein schöner Ort. Staubtrocken, mit sommerlichen Temperaturen über 40 Grad. Zwar ernährt es halb Amerika, aber um den Preis eintöniger, von schnurgeraden Strassen durchschnittener Monokulturen. Mittendrin frisst sich eine Stadt mit einer halben Million Einwohner, Fresno, in die Ödnis. Trotz dieser Tristesse hab ich Fresno kürzlich zum zweiten Mal angesteuert, um in die Unterwelt des Baldassare Forestiere zu steigen.
Der Sizilianer, 1879 geboren, war um die Jahrhundertwende nach Amerika ausgewandert, wo er vorerst in Boston und New York im Tunnelbau arbeitete. Sein Traum: eine Zytrusplantage in Kalifornien. Vom Osten aus kaufte er billiges Land im Westen. Als er dort ankam, merkte er, dass es unbrauchbar war. Nur eine dünne Erdschicht bedeckte den (sand-)steinigen Boden. Vorbei der Plantagen-Traum! Da sass er nun auf 40‘000 m2 Land und arbeitete weiter als Maurer. Aber selbst für ihn, den Sizilianer, war es dort im Sommer zu heiss. Baldassare begann eine Kellerwohnung auszuheben und auszubauen, in dem verträglichere Temperaturen herrschten – und hörte nicht mehr auf.
40 Jahre lang, bis zu seinem Tod 1946 mit 67 Jahren, arbeitete er sich mit Pickel, Schaufel und Karette durch den Untergrund. Schuf über 90 Räume mit kuppelartigen Decken, die an Katakomben erinnern. Er baute sich eine Wohnung mit Küche, Essraum, je einem Schlafzimmer für den Sommer und den Winter, eine Kapelle, einen Ziehbrunnen, einen Hof mit Badewanne und einem Teich, in dem er die von ihm gefangenen Fische schwimmen liess, bis sie in die Pfanne kamen.
Und realisierte, wenn auch stark reduziert, eine Zytrusplantage. Er mauerte in diesem kuppelartigen Räumen Tröge, füllte sie mit Erde und pflanzte darin Bäume. Die wuchsen kerzengerade zur Öffnung hinauf und dort, auf Bodenhöhe, konnte er die Früchte mühelos ernten; einige der Bäume sind inzwischen über hundert Jahre alt. Sein Bau wurde immer raffinierter. So sorgte er u.a. dafür, dass das Wasser der kargen Regenfälle genau in diese Tröge tropfte und sie wässerte. Er bedachte die Einstrahlung der Sonne auf die Pflanzen. Und experimentierte mit Bäumen; es gibt einen Baum, der sieben verschiedene Zytrusfrüchte trägt. Die Früchte, die er nicht selber brauchte, liess er im Laden seines Bruders verkaufen. In diesen Räumen, einzelne bis zu drei Stockwerken unter der Erde, lebte sich auch bei hohen Aussentemperaturen angenehm. Als letztes Projekt realisierte er einen Autotunnel als Zufahrt.
Beeindruckend an den Forestiere Underground Gardens ist – obwohl nur noch rund ein Viertel zugänglich ist – allein schon das enorme Werk, das ein einziger Mann in seinem Leben geschaffen hat. Man glaubt es kaum, dass er mit einfachsten Mitteln ein derartiges Labyrinth zustande brachte.
Zugleich zeigt diese Unterwelt, in geraffter Form, den Weg der Zivilisation. Der Mensch, der Schutz sucht vor den Gewalten der Natur, sich zuerst einen einfachen Schutzraum baut. Wie er sich das Leben angenehmer macht und Räume zum Kochen und Essen, zum Schlafen, zum Lesen baut, Räume für Geselligkeit, Vorratsräume für Käse und Wein. Wie die Bauten immer besser, raffinierter und kunstvoller werden. Wie er Licht und Schatten, den Luftzug einsetzt, um den Komfort zu erhöhen. Wie sich (in der Kapelle) das Bedürfnis nach Transzendenz manifestiert (Dankbarkeit, Schutz durch eine übermenschliche Kraft).
Man steht sprachlos vor diesem Werk, zugleich überwältigt und berührt. Baldassare Forestiere war ein „ungebildeter“ Mann, dennoch hat er – autodidaktisch – die Arbeit von Architekten, Ingenieuren, Baumeistern, Landschaftsgestaltern, Gärtnern gemacht. Wenn man das bedenkt, wird man bescheiden. Es rückt einige unserer aufgeblähten Vorstellungen und Überzeugungen zurecht. Und man verlässt diese Unterwelt in einem andern Zustand als man sie betreten hat.
10. Dezember 2019
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Zur Person: Meinrad Buholzer, Jahrgang 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens, arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist für die Luzerner Neuesten Nachrichten LNN. 1975 bis 2012 leitete er die Regionalredaktion Zentralschweiz der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene. 2014 erschien sein Rückblick aufs Berufsleben unter dem Titel «Das Geschäft mit den Nachrichten - der verborgene Reiz des Agenturjournalismus» im Luzerner Verlag Pro Libro.