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Im Vergleich zu anderen Ländern in Europa erben Schweizer häufiger und mehr. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Die Schweiz hat einen relativ hohen Wohlstand, wobei festzustellen ist, dass die Vermögen in der Schweiz vor allem in der Generation der Rentner gebündelt sind. Dies erklärt sich nicht zuletzt durch eine höhere Lebenserwartung. Oft ziehen auch sehr vermögende Rentner im Alter in die Schweiz. Etwa ein Drittel der vererbten Vermögen besteht aus Immobilien. Durch die hohen Schweizer Immobilienpreise ist es somit auch schlüssig, dass Schweizer mehr erben als andere Europäer.
Die enorme Bedeutung des Erbens kommt erst richtig zum Vorschein, wenn man sich die Größenordnungen vor Augen führt. Zum einen haben zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung geerbt oder erwarten ein Erbe, zum anderen erben die Schweizer Haushalte statistisch gesehen mehr als sie selber an Vermögen aufbauen. Im Jahr 2000 wurden beispielsweise insgesamt 28,5 Milliarden Franken vererbt. Dies entspricht ca. 6,8% des Bruttoinlandsproduktes und 131 % der Bruttoersparnis privater Haushalte. Auf den Kanton Zürich entfielen davon 8,4 Milliarden Franken an Erbvolumen und 1,8 Milliarden Franken an Schenkungssumme. Die Schenkungen stehen im Zusammenhang mit Liegenschaftserwerb und Betriebsübergaben, hier kommen Schenkungen neunmal häufiger als bei der übrigen Bevölkerung vor.
Das Erben ist Familiensache: Betrachtet man die Aufteilung der Gesamterbensumme nach Verwandtschaftsgrad, stellt man fest, dass über die Hälfte (58%) an die Kinder vererbt wird. Nimmt man Ehepartner/innen (16% der Gesamterbensumme) dazu, kommt man sogar auf drei Viertel der Erbschaften, die in der engsten Familie bleibt. Sogar vom letzten Viertel geht der größte Teil an Verwandte, nur 10 Prozent fließen an Nichtverwandte oder gemeinnützige Organisationen. In absoluten Zahlen jedoch sind die 3,9 Prozent, die an gemeinnützige Organisationen gehen, immerhin noch 1,1 Milliarden Franken pro Jahr!
Generell kann man sagen, dass das Erbrecht, wie es für die gesamte Schweiz im Zivilgesetzbuch geregelt ist, auf traditionelle Familien ausgelegt ist. Vor allem direkte Nachkommen und Ehepartner/in sind durch die gesetzliche Erbfolge und mit Pflichtteilen geschützt (bei kinderlosen die Eltern). Neue Familienkonstellationen wie Patchwork-Familien können leicht zu Konflikten mit dem Erbrecht führen. Unverheiratete Lebenspartner/innen oder Stiefkinder werden nach dem Erbgesetz wie „Fremde“ behandelt und gehen leer aus ohne entsprechende Regelung in einem Testament. Dies entspricht natürlich nicht der Lebensrealität und dem Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung.
Lediglich ein Viertel der Versterbenden hinterlässt ein Testament. Es ist unklar ob die Mehrheit ohne Testament bewusst die gesetzliche Erbfolge wählt oder ob es ihnen egal ist, was nach Ihrem Tod mit Ihrem Erbe geschieht. Tendenziell kann man sagen je älter ein Schweizer und je mehr Vermögen er hat, desto wahrscheinlicher ist, dass er ein Testament erstellt. Die Testamentrate in nicht traditionellen Familienkonstellationen liegt deutlich höher, denn das Testament ist hier die einzige Möglichkeit, seinen letzten Willen, der meist nicht der gesetzlichen Erbfolge entspricht, zu gestalten. Als Motivation für eine Erbaufteilung wird sehr häufig die Angst vor einem Streit unter den Erbenden genannt. Das Erben wird als familiäre Privatsache angesehen und 85 Prozent der Bevölkerung sehen im „unverdienten Vermögen“ kein Gerechtigkeitsproblem. Nur ein Viertel der Schweizer befürwortet eine Besteuerung von Erbschaften, allerdings werden die zum Teil sehr großen kantonalen Unterschiede bei der Erbschaftssteuer sehr kritisch gesehen. Auch die erbrechtliche Diskriminierung unverheirateter Lebenspartner/innen stimmt nicht mit den Einstellungen und Lebensrealitäten der Bevölkerung überein.
Quelle:
Nationales Forschungsprogramm „Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel“, NFP 52