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Ausgehend von meiner Masterarbeit "Bildmanipulation und ihre Effekte. Über den Umgang mit Bildern im russisch-ukrainischen Informationskrieg", welche sich der Forschungsfrage widmete, wie mit (manipulierten) Bildern performativ Wirklichkeit konstruiert und damit Geschichte (um)geschrieben werden kann, sollen in meiner Dissertation die Überlegungen und Erkenntnisse daraus vertieft und weitergedacht werden. Das Ziel ist es auch die darin aufgezeigten Debatten in Bezug auf die gegenwärtige Situation zu aktualisieren.
Wie haben sich die Ereignisse in der Ukraine seit 2014 auf den Umgang, die Produktion und Verbreitung mit Bildmaterial aus dem Krieg ausgewirkt?
Bereits in meiner vorangegangenen Auseinandersetzung wurde sichtbar, dass Bilder den Kriegsverlauf erheblich mitbestimmen und als performativer Kommentar zum Geschehen gelesen werden können. Im Zuge der Entwicklung des Krieges seit 2014 und der russischen Totalinvasion vom 24. Februar 2022 hat sich auch die hybride Kriegsführung intensiviert und das Ausmass an Desinformation ist explodiert.
Die Dringlichkeit der Dokumentation des Krieges wird durch diese ständige Belagerung der ukrainischen Bevölkerung durch russische Desinformation noch verstärkt. Im Dokumentarfilm des ukrainischen Filmemachers und Journalisten Mstyslav Chernov 20 days in Mariupol fällt immer wieder der Satz: "Film dies, damit die ganze Welt sieht, dass Russland Kriegsverbrechen in der Ukraine begeht!". Der Krieg in der Ukraine wird als erster Krieg bezeichnet, in dem die Weltöffentlichkeit die Entwicklungen in Echtzeit mitverfolgen kann.
Dabei stellen sich sowohl ethische als auch ästhetische Fragen bezüglich des Framings von Kriegsbildern: Was passiert mit Bildern im Krieg? Wo tauchen sie auf? In welchen Kontexten? Was passiert mit ihnen je nach Kontext? Was zeigen sie und was wird mit ihnen gezeigt? Wofür werden sie benutzt?
Trotz der technischen Möglichkeiten wird eine falsche Kontextualisierung von Bildmaterial immer noch viel häufiger zur Desinformation eingesetzt als Deepfakes, was den Einbezug der Rahmungen in der Bildanalyse umso wichtiger macht. Natürlich spielen Deepfakes in der Bildproduktion auch eine Rolle. Sie werden nicht nur zur Desinformation, sondern auch genutzt, um Aufmerksamkeit zu erzielen, wie am Beispiel der von KI-generierten Bildern von Menschen, die am Küchentisch sitzend aus ihren zerbombten Häusern auf das Panorama einer zerstörten ukrainischen Stadt schauen. Was kann mit KI generiert werden? Was passiert hier auf der Affekt-Ebene? Was wird in der Betrachterin ausgelöst, wenn sie diese Hochglanz-Bilder aus der Vogelperspektive anschaut, im Vergleich zu authentischen Fotografien einer ähnlichen Situation?
Der Krieg in der Ukraine wird begleitet durch die Entwicklung der technischen Möglichkeiten, durch ihn wird direkt aufgezeigt, wie diese eingesetzt werden können. Das betrifft auch die visuelle Dokumentation des Krieges. "Die feinmaschige Überwachung durch militärische Beobachtungsdispositive und die Allgegenwärtigkeit von Kameras in unserem Alltag machen den Ukraine-Krieg zu einem dem bis dato wohl am besten dokumentierten Kriege." (Krier 2023) Durch action cameras, befestigt an Helmen oder Körpern von Soldat:innen, Handyvideos, Drohnenaufnahmen und Satellitenbilder werden uns tagtäglich Hightech Bilder aus dem Krieg aufs Handy geliefert. Dies wird als Combat Footage bezeichnet. Wie prägen uns diese Bilder? Und was verändern sie in der Bildrezeption?
Durch die Bilderflut und die mitgedachte Möglichkeit einer vorliegenden Fälschung, wird eine ständige Analyse betrieben. Alle Bilder stehen unter Generalverdacht fake zu sein und werden sofort danach beurteilt, ob sie echt sind oder nicht. "Der pseudoforensische Blick nutzt die Notwendigkeit der Interpretation und Übersetzung für seine Zwecke aus." (Sasse 2023: 14) Es wird der Bildbetrachter:in ein pseudoforensischer Blick aufgezwungen. Dies als Teil einer Desinformationsstrategie, welche auch eine Regulation des Bildaffektes beinhaltet. Durch den distanzierten, als objektiv geltenden, Expert:innenblick findet so eine Entemotionalisierung des Krieges statt.
Zusätzlich findet durch den Konsum des Krieges über’s Handy eine Verengung unseres Blickfelds statt. Unser Blick wird vorgegeben und es vollzieht sich eine Vereinzelung in der Bildbetrachtung. Die Unsicherheit gegenüber den Bildern hat zu einer "neuartigen Form der vernetzten Bildlektüre" (Meyer 2022:270) geführt, zu einer kollektiven Analyse, die sich im Einzelnen vollzieht und "längst selbstverständlicher Teil der Kommunikationspraxis in den Sozialen Medien geworden" ist. Diese "wilde Forensis" erzielt selten bis nie einen Konsens über die Beurteilung von den Bildern in Untersuchung. Charakterisiert wird sie als skeptische Grundhaltung von Bildkonsument:innen, die jedes Bild als Beweis für seine Echtheit sowie auch als Beweis für seine Fälschung lesen. Diese Praxis ersetzt die Übersetzung der sogenannten Technobilder durch Expert:innen, weshalb sie auch anfälliger für zufällige Fehler oder gezielte Desinformation ist.
Die veränderten Bedingungen in der Produktion, sowie die daraus resultierenden veränderten Lektüregewohnheiten, wirken sich auch auf den künstlerischen Umgang mit Bildmaterial aus. Kunst, Politik, Medien etc. können nicht abgetrennt voneinander analysiert werden. Es sind fliessende Bereiche, welche verwoben sind und gegenseitig aufeinander einwirken. Von Interesse ist hier die Uneindeutigkeit der Bildanalyse, das Oszillieren zwischen den verschiedenen Funktionen der Bilder. Welche Bilder gelten als historisch? Wie authentisch sind inszenierte Bilder? Wie werden dokumentarische Bilder künstlerisch genutzt?
Es sollen künstlerische und aktivistische Arbeiten von vorwiegend ukrainischen Künstler:innen, die sich mit Bildern, Bildproduktion und Bilderverbreitung beschäftigen untersucht werden. Im Zentrum stehen dabei eine bildkritische Arbeitsweise und ein Reframing von Bildern. Die Bildkategorien von Interesse sind: Hybride, als Resultat eines Bilder-Upcyclings, Dokumentationen, "Historische" Fotografien, Hightech Bilder, naive Malerei. In Bezug auf die Lesbarkeit eines Bildes, soll die Forensik der künstlerischen Bildinterpretation gegenübergestellt werden.
Theoretische Überlegungen werden anhand konkreter Beispiele diskutiert und folgende Fragen beantwortet: Wie reagiert die Kunst auf die Bilderflut aus dem Krieg? Inwiefern dienen Bilder als Dokumente oder auch als Material zur künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Krieg? Mit welchen Verfahrensweisen werden Dokumente als künstlerisches Material verwendet? Inwiefern erfährt das Material durch die Kunst einen Bedeutungsgewinn?
Da sich Desinformation künstlerischer Strategien bedient, vermag die Auseinandersetzung mit Kunst wichtige Erkenntnisse im Verstehen von Desinformation beizutragen. Dazu stellen sich folgende Fragen: Wie reagiert Kunst auf Desinformation und umgekehrt? Auf welchen Ebenen greift sowohl Kunst als auch Desinformation? Wie & wo erzielen sie ihre Wirkung? Dabei ist es zentral, die historische Dimension von Desinformation mit einzubeziehen, um nicht fälschlicherweise davon auszugehen, dass sie ein neues Phänomen sei.
Das Dissertationsprojekt entsteht innerhalb des SNF-Projekts Künste und Desinformation.
Doktorandin: Muriel Fischer
Erstbetreuerin: Sylvia Sasse
Zweitbetreuer: Tomáš Glanc
Krier, Anne: «Den Krieg aus der Nahsicht filmen: Combat Footage als dokumentarisches Genre im Ukraine-Krieg» in: Geschichte der Gegenwart (11.1.2023) https://geschichtedergegenwart.ch/den-krieg-aus-der-nahsicht-filmen/
Meyer, Roland: «Wilde Forensis. Zur Ikonologie digitaler Bildevidenz.» in: Probst, Jörg (Hg.) Politische Ikonologie. Bildkritik nach Martin Warnke. Berlin 2022.
Sasse, Sylvia: «Der pseudoforensische Blick. Krieg, Fotografie und keine Emotionen» in: Meyer, Roland (Hg.) Bilder unter Verdacht. Praktiken der Bildforensik. Berlin/Boston 2023.