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SIA-Masterpreis Architektur 2017: «Boundaries of Niederdorf»
Projekt von Magdalena Osiniak
Masterarbeit ETH Zürich | Professur Alex Lehnerer
Eine Interpretation der Worte des österreichischen Stadtplaners Camillo Sitte weist darauf hin, dass das historische Niederdorf eine entwerferische Dimension erschliesst, die auf den Plänen unsichtbar ist, sich aber durch persönliche Beobachtung erkennen lässt. Meine Beobachtungen resultierten in einer Sammlung von im Niederdorf gefundenen Details, die Grenzen und Schnittstellen zwischen einzelnen Gebäuden oder zwischen Gebäuden und öffentlichem Raum bilden. Die natürliche und stufenweise Entwicklung des Niederdorfs, die repräsentativ ist für mittelalterliche Handelsstädte, hat zu einem additiven System aus angrenzenden Häusern, einer geschlossenen Bauweise und der unmittelbaren Nähe beigetragen, die für zeitgenössische Architektur untypisch ist.
Die gesammelten Beispiele von Grenzen und Schnittstellen sind ein Ausdruck pragmatischer Bedürfnisse oder idealistischer Träume der Bewohner. Sie können einen aggressiven Anspruch auf öffentlichen Raum oder einen Wunsch nach einem erweitertem Aussenraum darstellen. Manche solcher Gesten bilden eine symbiotische, räumliche Kooperation mit dem Nachbarn, andere sind nur einzelne Objekte, die den Nachbar berühren, aber auf ihre Zugehörigkeit verzichten und stattdessen ihre Unabhängigkeit manifestieren.
These
Die Grenze ist ein charakteristisches Merkmal des Zürcher Niederdorfs und kann in jedem Block und auf jeder Strasse gefunden werden. Ihre Präsenz ist global und lokal, ihr Charakter unterscheidet sich je nach Nutzung oder Lage, aber sie weist immer auf die Kreativität einer Einzelperson hin. Sie betont die Art und Weise, wie im Niederdorf gewohnt wird, und nimmt deutlichen Bezug auf das ursprüngliche, mittelalterliche Niederdorf, mit seiner kompromisslosen Ökonomie, die in “Flesh and Stone: The Body and The City in Western Civilization” von Richard Sennett als «ökonomischer Raum» definiert wird.
Die Regeln, die die Niederdorf-Grenzen generieren, sind die gleichen Regeln, die den wahren Charakter des Niederdorfs definieren. Gleichzeitig bestimmen sie keine konkrete Formensprache, sind jedoch Inspiration und Ursprung von Formen. Meine entwerferische Strategie ist, diese Regeln zu projizieren und in eine zeitgenössische architektonische Sprache, eine räumliche Typologie und ein nachbarschaftliches Konzept zu übersetzen. Das Erhaltenswerte sind nicht die Formen selbst, sondern die zeitlosen Mechanismen, die fähig sind, die Formen zu generieren.
SIA-Masterpreis Architektur
Der SIA-Masterpreis Architektur, den der SIA seit den 1960er-Jahren jährlich verleiht, zeichnet Abschlussarbeiten der drei universitären Hochschulen Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ), Ecole polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) und der Accademia di architettura di Mendrisio (AAM) aus. 80 bis 130 Masterprojekte werden pro Prüfungssession eingereicht. An der ETH finden jedes Jahr zwei Sessionen statt, an EPFL und AAM eine. Für jede Schule gibt es eine Jury aus sechs Architektinnen und Architekten: dem Präsidenten des Fachvereins Architektur und Kultur (A & K) sowie je einem Vertreter/einer Vertreterin des A & K aus den drei Sprachregionen, der Berufsgruppe Architektur (BGA) und der SIA-Sektion des Kantons der Hochschule, also Waadt, Zürich oder Tessin.