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In den zehn Monaten seitdem Hosni Mubarak als Präsident gestürzt wurde, hat sich Ägypten vom Hochgefühl in die Verzweiflung und in die Nähe des Chaos bewegt. Die getrübte politische Zukunft des Landes ist schlecht für seine deutlich geschwächte Wirtschaft. Meinungsumfragen zeigen, dass sich die meisten Ägypter mehr Sorgen über die sich verschlechternden wirtschaftlichen Verhältnisse als über die politische Situation machen. Ihre grösste Sorge gilt den rasch ansteigenden Preisen, der Arbeitslosigkeit, mangelnde Sicherheit auf den Strassen, niedrigen Löhnen und Armut. Die wirtschaftliche Situation ist in der Tat düster; der Internationale Währungsfond (IWF) erwartet ein Wachstum von nur 1,5 % im Jahr 2012, verglichen mit einem Jahresdurchschnitt von 5,5 % in den letzten sieben Jahren der Herrschaft Mubaraks. Selbst diese Prognose könnte sich als allzu optimistisch erweisen. Die Bevölkerung wächst um etwa 1,7 % pro Jahr; falls die Wirtschaft nicht mit derselben Geschwindigkeit wächst, wird der Lebensstandard sinken.
Einnahmen aus dem Tourismus, die über 10 % des Volkseinkommens ausmachten, sind eingebrochen. Ausländische Investitionen, die in den Jahren 2008/2009 8.1 Milliarden Dollar erreichten, sind haben ebenfalls nachgelassen. Ausländer und Ägypter schaffen Mittel aus dem Land, und der Schritt der Zentralbank, ägyptische Pfund zu kaufen, um das Fallen des Wechselkurses zu verhindern, führte dazu, dass die Devisenreserven um 44 % sanken. Im November, nach Zusammenstössen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften, setzte Standard and Poor’s Ägyptens Kreditwürdigkeit auf B+ herab, vier Stufen unter der Investitionswürdigkeit. Moody’s folgte bald nach. Es wird geschätzt, dass das Land über Weizenreserven für sechs Monate verfügt, während diejenigen für Speiseöl, Zucker und Reis für drei Monate ausreichen werden. Was danach geschieht, hängt von der Verfügbarkeit von Devisen ab.
Die Übergangsregierung steht vor immensen Herausforderungen. Sie hat auf die populistischen Forderungen der Revolution reagiert, mit wenig Rücksicht auf die langfristigen Auswirkungen. Zum Beispiel die Entscheidung der Regierung, den Mindestlohn im öffentlichen Sektor zu erhöhen, verursacht massiven Druck auf ein Budget, das bereits über ein grosses Defizit verfügt. Ein neuer monatlicher Mindestlohn wurde auch für den privaten Sektor bewilligt. Diese Massnahmen, kombiniert mit ineffizienten Subventionen im grossen Massstab, bedrohen die wirtschaftliche Stabilität.
Ende November erhöhte die Zentralbank die Zinssätze unter Berufung auf die Notwendigkeit, eine steigende Inflation infolge des erneuten Auftretens von lokalen Versorgungsengpässen und Verzerrungen in der Wirtschaft zu vermeiden. Sie berief sich auch auf die Risiken für das nationale Einkommen aufgrund politischer Faktoren im Inland und der Euro-Krise. Erhöhte Zinsen könnten Sparer dazu ermutigen, Gelder in der Landeswährung zu behalten, werden aber vor Investitionen abschrecken, indem sie Kredite verteuern.
Die Wiederherstellung der Wirtschaft wird aus einer Reihe von Gründen schwierig sein, einschliesslich der Tatsache, dass die Wirtschaft ein Jahr Wachstum verloren hat, was eine höhere Arbeitslosigkeit und eine schwache verarbeitende Industrie bedeutet, die die Erschaffung von gutbezahlten Arbeitsplätzen begrenzt. Der informelle Sektor, in dem die Produktivität und Gewinne niedrig sind, macht 30 % des BIP aus und beschäftigt 40 % der Arbeitskräfte. Es ist der Sektor, der die meisten der auf den Arbeitsmarkt eintretenden jungen Menschen absorbiert.
Das Finanzministerium und die Zentralbank haben auf Anleihen am heimischen Markt zurückgegriffen, um den Finanzierungsbedarf zu decken. Ende November wurde berichtet, dass Ägypten die Gespräche mit dem IWF über eine Stand-by-Kreditfazilität über 3,2 Milliarden Dollar, die es im Juni abgelehnt hatte, wiederaufnehmen würde. Gemäss dem damaligen Finanzminister, wird Ägypten Darlehen im Ausland aufnehmen müssen, um das sich vergrössernde Haushaltsdefizit finanzieren zu können, da es nicht länger in der Lage sein wird, sich auf Anleihen aus dem Inland verlassen zu können.
Die Reformen, auf die sich Ägypten im Sommer mit dem IWF geeinigt hat, enthalten einen geänderten Haushaltsplan für das Etatjahr 2011/2012. Dies bedeutet, dass sich das neue Budget auf menschliche Ressourcen und soziale Investitionen sowie auf arbeitsintensive öffentliche Bauvorhaben zur Erzeugung Arbeitsstellen schaffenden Wachstums konzentrieren sollte. Der vom IWF unterstütze Plan sollte innerhalb von 6‒8 Monaten in Kraft treten, doch nach dem Rücktritt der Regierung Sharafs im November ist es nicht mehr klar, wann er umgesetzt wird. Wenn keine dieser Massnahmen in Kraft tritt, sagt das Finanzministerium ein Defizit von 10,5‒11,5 % des BIP für das Etatjahr 2011/2012 und 12‒12.5 % für das Etatjahr 2012/2013 voraus.
Was muss getan werden? Auf kurze Sicht braucht Ägypten zur Stopfung des massiven Lochs im Budget Mittel, die aus Darlehen im Inland und/oder Ausland kommen müssen. Zweitens braucht es Sicherheit: Gesetz und Recht sind zusammengebrochen und die militärischen Machthaber Ägyptens versäumen es, eines der grundsätzlichsten Bedürfnisse des Landes zu erfüllen.
Schliesslich muss die Wirtschaft umstrukturiert werden. Das Wirtschaftswachstum unter Mubarak basierte auf einer schmalen Grundlage und es schuf eine beschränkte Anzahl von Arbeitsplätzen in der verarbeitenden Industrie, die der führende Sektor bei der Industrialisierung ist. Das Wachstum basierte teilweise auf einer erhöhten Gasproduktion, aber dies verhinderte nicht die Entstehung grösserer Haushaltsdefizite, steigender Staatsverschuldung und Inflation. Investitionen, einschliesslich ausländischer Investitionen, in das verarbeitende Gewerbe, die Landwirtschaft und andere produktive Sektoren müssen gefördert werden. Die öffentlich-privaten Oligarchien, die unter Mubarak gediehen, müssen zerschlagen werden, um so mehr Gleichheit von Einkommen und Besitz zu erzeugen. Wie dies im gegenwärtigen politischen Klima erreicht werden soll, ist schwer zu sehen. Angst, Unsicherheit und Instabilität, Worte, mit denen Ägyptens derzeitiger Stand der Dinge beschrieben wird, sind die Feinde von Reformen.
(Kurzversion) Originalversion: Egypt’s Economy After the Elections by Paul Rivlin © Iqtisadi: Middle East Economy, Vol. 1 No. 8 (Moshe Dayan Center), December 8, 2011
Ägyptische Wirtschaft siehe auch:Landwirtschaft in Ägypten