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Ueber Glück und UnglückSören Kierkegaard sagt einmal:
"Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts."
In der Mongolei lebte einmal ein alter Mann mit seiner Frau und seinem Sohn. Die Familie war sehr arm und ihr einziger wertvoller Besitz bestand in einem wunderschönen, schnellen Pferd. Selbst die reichen Familien in der Umgebung beneideten den Alten um dieses Pferd und hatten ihm schon mehrere Kaufangebote gemacht. Der Mann hing an seinem Pferd und verkaufte es nicht.
Eines Morgens war das Pferd verschwunden und schnell wusste jeder im Dorf Bescheid darüber: „Stellt euch vor, das Pferd des alten Mannes ist gestohlen worden. Wie schrecklich für ihn. Was für ein furchtbares Unglück!“ Der Alte jedoch erwiderte: „Woher wollt ihr das wissen? Das Pferd ist nicht mehr in seinem Stall. Das ist alles, was wir wissen. Ob das ein Unglück oder ein Glück ist, vermag keiner zu beurteilen.“
Eine Woche später kehrte das Pferd, das selbst aus seinem Stall ausgebrochen war, mit einer kleinen Herde wilder Pferde zurück. „Du hast recht gehabt, alter Mann“, sprachen die Menschen im Dorf. „Es war kein Unglück, sondern ein grosses Glück, dass das Pferd verschwunden war, denn du hast nun sogar fünf Pferde.“
„Auch jetzt geht ihr wieder zu weit mit euerem Urteil“, sprach der alte Mann. „Das Pferd ist zurückgekehrt und hat vier andere Pferde mitgebracht. Das ist alles, was wir wissen.“
Der Sohn des alten Mannes begann nach ein paar Tagen, mit den Wildpferden zu arbeiten und versuchte, sie zuzureiten. Das schien zunächst gut zu gehen, doch bald darauf warf ihn eines der Pferde ab und er brach sich ein Bein und einen Arm. Wieder waren die Dorfbewohner sich schnell einig: „Alter Mann, du hattest erneut recht. Es war kein Glück, sondern ein grosses Unglück, dass dein Pferd die Wildpferde mitgebracht hat, denn nun ist dein einziger Sohn, der dir bei der Arbeit helfen und dich im Alter versorgen könnte, verkrüppelt. Was für ein Unglück!“
„Woher wollt ihr das wissen?“, fragte der Alte.
„Tatsache ist, dass mein Sohn sich Bein und Arm gebrochen hat. Ob das ein Unglück oder ein Glück ist, vermag keiner zu sagen.“
Als bald darauf ein Krieg ausbrach, wurden alle gesunden jungen Männer eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes, dessen Arm- und Beinbrüche noch nicht verheilt waren, durfte zu Hause bleiben.
„Der Unfall deines Sohnes war doch ein Glücksfall, alter Mann, du hattest wieder recht“, beglückwünschten die Dorfbewohner den Alten.
Der jedoch entgegnete: „Warum müsst ihr denn immer urteilen und sagen, ob es etwas gut oder schlecht ist? Tatsache ist doch nur, dass mein Sohn nicht ins Heer einberufen wurde. Ob das ein Glück oder Unglück ist – wer kann das wissen?“