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Die Theorie des Errötens (Charles Darwin)
Vorwort
Kein geringerer als der englische Naturforscher Charles Darwin (1809 - 1882), bekannt als der Begründer der menschlichen Entwicklungs- und Abstammungslehre (Darwinismus), hat in einer bewundernswerten Kleinarbeit eine große Menge von Daten und Einzelheiten über das Erröten zusammengetragen. Sie sind in seinem Buch: The expressions of emotions in man and animal zu finden, das 1872 in London erschienen ist. Eine deutsche Übersetzung dieses hochinteressanten und sehr lehrreichen Buches erschien bereits im Jahre 1877 in der E. Schweizerbartschen Verlagshandlung (E. Koch) in Stuttgart unter dem Titel: Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren.
Neben der ausführlichen Beschreibung einer großen Anzahl von Beobachtungen und Tatsachen über das Erröten hat Charles Darwin auch eine sehr interessante THEORIE DES ERRÖTENS entwickelt, die in ihren Hauptpunkten auch heute noch - nach vielen Jahrzehnten - sehr brauchbar ist, um die Funktionsweise des Errötens, wie auch der damit unmittelbar zusammenhängenden Schüchternheit, verstehen und begreifen zu können.
Das Erröten ist auch heute noch - wie schon zu Darwins Zeiten - ein sehr weit verbreitetes Problem. Es dürfte daher für unzählige errötende und schüchterne Personen sehr interessant und aufschlussreich sein, die Gedankengänge und Überlegungen Darwins kennenzulernen. Einesteils deshalb, damit sie ihre eigenen Verhaltensweisen (Schüchternheit und Erröten) besser verstehen lernen, andernteils aber auch deshalb, damit sie erkennen können, wo die wirksamen Ursachen des Errötens zu suchen sind und dadurch einen Weg finden können, der ihnen helfen kann, das Problem des Errötens erfolgreich zu lösen.
Da Darwins Werk schon viele Jahre lang nicht mehr im Buchhandel erhältlich ist, haben wir uns bemüht, diejenigen Kapitel, die vom Erröten handeln, in eine relativ leichtlesbare moderne Sprache zu übersetzen. Diese Aufgabe war nicht immer leicht, denn die Schreibweise vor dem 20. Jahrhundert war noch sehr umständlich und langatmig. Trotzdem aber glauben wir, dass es uns weitgehend gelungen ist, das Gedankengut und Ideengut von Charles Darwin durch dieses vorliegende Buch dem heutigen Menschen zugänglich zu machen.
Tony Gaschler
Das Wesen des Errötens
Das Erröten ist wohl die eigentümlichste und auch menschlichste aller Ausdrucksformen. Es ist bekannt, dass Affen vor Leidenschaft rot werden. Um uns aber glaubhaft zu machen, dass Tiere genauso erröten können wie die Menschen das tun, würde es einer großen Anzahl von Beweisen bedürfen.
Das Rotwerden im Gesicht infolge aufsteigender Schamröte (das eigentliche menschliche Erröten) ist eine logische Folge der unwillkürlichen Entspannung der kleinen Arterien unter der Haut. Dadurch werden die haarfeinen Blutgefäße in der Haut (die sogen. Haargefäße) so stark mit Blut gefüllt, dass dies nach außen durch eine mehr oder weniger intensive Rötlichfärbung der Haut sichtbar wird. Dieser Vorgang wird vermutlich durch eine Reizung der betreffenden vasomotorischen Zentren im Gehirn ausgelöst.
Eine starke gemütsmäßige Erregung (etwa Wut, Zorn oder Angst) hat zweifellos eine Wirkung auf den gesamten Blutkreislauf und auch auf die Herztätigkeit. Trotzdem aber ist das Erröten keine direkte und unmittelbare Folgeerscheinung der Tätigkeit des Herzens oder des Kreislaufs.
Das Erröten lässt sich nicht durch physikalische Mittel auslösen, wie sich etwa ein Lachen durch Kitzeln der Haut oder ein Weinen durch Schläge auslösen lässt. Es sind der Geist und das Gemüt des Menschen, von denen das Erröten ausgelöst wird. Das Erröten ist ein unwillkürlicher Vorgang. Schon allein der Wunsch, diesen Vorgang zu unterdrücken, steigert die Neigung zum Erröten dadurch, dass er die Aufmerksamkeit auf die eigene Person lenkt.
Jüngere Personen erröten viel leichter, viel schneller und auch viel häufiger als ältere. Trotzdem aber tritt das Erröten bei ganz kleinen Kindern nicht auf. Dies ist merkwürdig, da ja bekannt ist, dass kleine Kinder - ähnlich wie Affen - aus Leidenschaft im Gesicht rot werden können. Ein Erröten im eigentlichen Sinne aber ist das noch nicht.
Ich habe einen Bericht über zwei kleine Mädchen zwischen zwei und drei Jahren erhalten, die erröteten. Ebenso von einem anderen Kind, das ein Jahr älter war und immer errötete, wenn es wegen eines Fehlers getadelt wurde. In einem fortgeschritteneren Alter erröten Kinder sehr leicht und oft ausgesprochen heftig. Es scheint mir so, als wären bei sehr kleinen Kindern die geistigen Fähigkeiten noch nicht so weit entwickelt, dass sie richtiggehend wie die Erwachsenen erröten könnten.
Daher kommt es wahrscheinlich auch, dass