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Mozart – Das musikalische Vermächtnis
Die drei letzten Sinfonien, ein sinfonisches Gesamtkunstwerk
Wolfgang Amadeus Mozart, 1756 bis 1791, schreibt im Sommer 1788 in Wien innerhalb von weniger als
zwei Monaten seine drei letzten Sinfonien. Er vollendet am 26. Juni die Sinfonie in Es-Dur, am 25. Juli
die Sinfonie in g-moll und am 10. August die C-Dur-Sinfonie.
Was inspirierte Mozart, welcher bisher seine Werke nur im Auftrag komponierte, plötzlich und aus
freiem Entschluss heraus, eine Trilogie von Sinfonien in solch erhabener Einheit als Abschluss seines
sinfonischen Schaffens in so kurzer Zeit zu komponieren?
Eine Einheit, Harnoncourt spricht von einem «Instrumental Oratorium», bestehend aus drei, sehr
gegensätzlichen Sinfonien, mit ihren jeweils völlig individuellen Charakteren und verschiedenen
tonartlichen Klangqualitäten, in ihrem thematischen Kern jedoch alle aus den drei gleichen
Themen heraus entwickelt, mal in offensichtlich motivischer Identität, oftmals auch geheimnisvoll
verwoben, immer aber in ihrer direkten, unendlich reichen und lebendigen Rhetorik klassischer
Musiksprache erzählt.
Mozart eröffnet den Zyklus seiner drei Sinfonien mit der langsamen Intrada der Es-Dur-Sinfonie,
gleich einer, durch drei markante Schicksals-Akkorde, die inneren Prüfungen der Zauberflöte
vorausahnend, beginnenden Ouvertüre, und endet abrupt mit einem durch die entferntesten Tonarten
geführten und für Mozart einmaligen, monothematisch-furiosen Finalsatz, um unmittelbar in den
Beginn der g-moll-Sinfonie überzuleiten. Ein Flüstern der Bratschen führt uns in die Welt dieser
damals beliebten und als romantisch empfundenen g-moll-Tonart (ohne Trompeten und Pauken).
Ein Suchen, ein inniges Sehnen, musikalisch ausgedrückt durch ein seufzendes Vorhaltmotiv und
dem aufsteigenden Intervall der kleinen Sexte, entführt uns Mozart durch die suggestive Kraft
der Chromatik in jene periphere Klangwelt verklärten Leidens (Pamina, Zauberflöte).
Im Gegensatz dazu entzieht Mozart den Hörenden in der Durchführung des Finalsatzes endgültig
jeden Grund und Boden. Er vernichtet erst in einer sich selbst zerstörenden Härte den Melodiebogen,
rüttelt dann am Gefüge der Harmonie, löst dieses auf und führt durch zwölf absteigende Quinten
in damals vollkommen unbekannte Tonarten – als Sinnbild seelischer Abgründe und schmerzvoller
«Krisis» – eine Kreuzigung der Musik. Wie rettend klingen nach solcher «Nacht» die Trompeten
und Pauken im strahlenden Licht der C-Dur-Sinfonie, welche Wohltat, die ordnende und Sicherheit
gebietende metrische Struktur der sich wiederholenden drei Anfangsschläge und wie erfüllend
zu erleben, wie Mozart den Bogen spannt vom Beginn der Es-Dur-Sinfonie als Ouvertüre bis hin
zur «Katharsis», dem einzigen veritablen Finale dieser drei Sinfonien, im letzten Satz der
C-Dur-Sinfonie mit seinem berühmten kompositorischen Bekenntnis: «Credo, Credo», die Worte
eines gregorianischen Chorals, dessen erste vier Töne das Hauptmotiv des letzten Satzes bilden.
Mozart fügt vier weitere Motive hinzu, die er kompositorisch so genial verarbeitet, dass sie in
verschiedensten Umkehrungen und Spiegelungen erscheinen.
Schliesslich erklingen, als Gipfel klassischer Kompositionskunst, in der kunstvollen Coda diese
fünf Motive, zunächst in majestätischer Ruhe eines nach dem anderen, um dann alle gleichzeitig
in einem umgekehrten Kontrapunkt ihre musikalische Kulmination zu erreichen. So erfüllt
Mozart, ganz aus innerem Auftrag heraus, in der übergeordneten Einheit der drei letzten Sinfonien
sein kompositorisches Credo.