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Zollinger, Barbara: Die Entdeckung der Sprache. Bern, 1995, Haupt.
ISBN 3-258-05573-4.
Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel. „Entwicklung und Sprache" schildert anschaulich die drei ersten Lebensjahre und ihre wichtigen Fixpunkte: die Triangulierung zwischen ich, du und Gegenstand als eigentlichem Ursprung der Sprache, den Erwerb der Objektpermanenz (mit Gegenständen umgehen, handeln, Geben und zeigen), die Bedeutung von Handlungen, die Entdeckung des Du als eigene, andere Person, die Entdeckung des Ich (auch im Spiegel) mit einem eigenen Namen, der Fähigkeit, Nein zu sagen, die Entdeckung der repräsentativen und kommunikativen Bedeutung der Sprache. In diese Entwicklung eingebettet ist die Entwicklung der Sprache vom Lallen zu den mama, papa und pipi, zu den Einwortsätzen, Zweiwortsätzen. Im dritten Lebensjahr stehen im Mittelpunkt des Interesses das Symbolspiel, das Hantieren mit Flaschen, Schrauben und Werkzeugen, die Entwicklung der Händigkeit (mit dem Zuordnen zur dominanten und nichtdominanten Hand beim Üben von Tätigkeiten), das Fragen nach was, wo und warum, Mehrwortsätze, die Stellung des Verbs als zweites Wort, die Entwicklung eines recht grossen Wortschatzes.
Das zweite Kapitel befasst sich mit frühen Störungen des Spracherwerbs, nämlich im praktisch-gnostischen, im symbolischen, im sozial-kommunikativen und im sprachlichen Bereich, und zwar beim Kleinkind, beim Vorschulkind und beim Schulkind. Die beiden folgenden Kapitel sprechen von der Erfassung und der Therapie solcher Störungen; es folgt ein Kapitel mit Fallbeispielen.
Der Laie mag sich von solchen Überschriften wenig angesprochen fühlen. Wenn man sich aber auf die Lektüre einlässt, dann stösst man auf eine Fülle von hilfreichen Hinweisen und Denkanstössen, und immer in einer angenehmen, flüssigen Sprache. Man spürt eine warmherzige, humane Geisteshaltung, die auch in der Ablehnung akademischer Ansätze zwar klar und unmissverständlich, aber immer gediegen bleibt.
Im Kapitel „Die Kinder" werden Fallstudien besprochen, spannende und bewegende Geschichten von Therapien, die nicht in jedem Fall erfolgreich verliefen. Das grosse emotionale Engagement der Autorin ist bewundernswürdig, und es ist erfrischend, zu erfahren, wie kreativ und fantasievoll sie arbeitet. Die vorher theoretisch dargelegten Grundlagen werden hier anschaulich noch einmal besprochen. Aus meiner Sicht hätte ich nur einen Wunsch: dass das Singen in dieser Arbeit vermehrt zum Zuge käme.
Es folgt ein umfangreiches Literaturverzeichnis und als Anhang das Entwicklungsprofil für Kinder von ein bis drei Jahren, wo für jedes einzelne Item eine knapp gehaltene Erklärung und das normalerweise zugehörige Alter zu finden ist. Dieses Repetitorium ist eine hervorragende Idee; es macht das Buch vollends zu einem wichtigen Begleiter für alle, die sich beruflich mit kleinen Kindern befassen.
Ernst Waldemar Weber.
Szagun, Gisela: Sprachentwicklung beim Kind.
Beltz, Basel. 1980. 6. überarbeitete Auflage 1996. ISNB 3-407-22062-6. 312 Seiten.
Die Autorin gibt zunächst einen Überblick über den hierarchischen Aufbau von Sätzen und zeigt dann, dass die Reihenfolge, in der Bedeutungskategorien und grammatikalische Strukturen erworben werden, bei allen Kindern ähnlich ist, jedoch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit verläuft. Zwar gibt es universelle Aspekte des Erwerbs grammatikalischer Strukturen, aber das Kind richtet seine Lernstrategie von Anfang an auf die spezifischen Besonderheiten „seiner" Sprache aus, beispielsweise Flexionen oder die Wortstellung. Als mit einem künstlichen neuronalen Netzwerk, das aus Fehlern lernen kann, das Erlernen des Imperfekts im Englischen simuliert werden konnte, wurde deutlich, dass die Häufigkeit von (korrekten) Hinweisreizen besonders wichtig ist.
Die Entstehung der Sprache hängt wesentlich zusammen mit der Objektpermanenz (das Wissen, dass Objekte unabhängig von der eigenen Wahrnehmung und Tätigkeit existieren). Diese wird in einer stufenweisen Entwicklung erworben, die mit etwa 18 Monaten abgeschlossen ist. Dadurch wird eine innere Repräsentation, ein Vorstellungsbild möglich, und das Wort ist ein mögliches Symbol dafür. Auf Piaget (der den Begriff geprägt hat) und dessen Theorie der Sensomotorik geht die Autorin ausführlich ein, und sie zeigt Zusammenhänge auf zwischen der sensomotorischen und der sprachlichen Entwicklung.
Kinder sprechen zuerst über Objekte und Personen in ihrer Umgebung, und zwar, ob sie „da" oder „nicht da" oder „wieder da" sind. Dann folgen Verben (in denen die Objekte bewegt werden) und Bezeichnungen, wo sich die Objekte jetzt befinden, Feststellungen, was das Kind hört oder sieht, Intentionen (was es tun möchte) und schliesslich die berühmten W-Fragen. Viele Kinder machen – wenn sie erkannt haben, dass alles einen Namen hat – einen sogenannten Vokabelspurt durch, während dem sie ihren Wortschatz mächtig erweitern.
Das Buch befasst sich weiter mit der Entwicklung der Wortbedeutung und der Bildung von Begriffen und Oberbegriffen. Der Sprachgebrauch wird durch das Denken strukturiert, aber Sprache hat eine Rückwirkung auf die Kognition.
Interessant – besonders im Blick auf das Eltern-Kind-Singen – sind die Ausführungen der Autorin zum Zusammenhang zwischen Kommunikation und Sprachentwicklung in der vorsprachlichen Phase. Sind z.B. Spiele zwischen Mutter und Kind mit Blickkontakt und abwechselndem Vokalisieren einfach biologisch bedingte Überlebensstrategien, sind sie nur Ausdruck von Gefühlen oder schon Vorläufer der Sprache? Erwirbt das Kind die Grammatik dadurch, dass die Mutter seine vorsprachlichen Äusserungen interpretiert und erweitert? Dienen die besonderen Intonationsmuster, in denen Erwachsene mit Säuglingen sprechen, bloss der Regulierung der Emotionen des Säuglings? Diese Fragen werden diskutiert; aber die Wissenschaft scheint noch keine eindeutigen Antworten zu haben.
Im letzten Kapitel kommen Sprachentwicklungsstörungen zur Sprache. Es scheint, dass diese meist mit Störungen in andern kognitiven Bereichen zusammenhängen.
Das Buch ist anspruchsvoll, aber es ist angenehm zu lesen. Hilfreich sind die Zusammenfassungen am Ende der Kapitel. Die Arbeit wird ergänzt durch ein umfangreiches Literaturverzeichnis, ein Sach- und ein Personenverzeichnis. Die in dieser Besprechung geäusserten Gedanken erheben keinen Anspruch weder auf Vollständigkeit noch als Zusammenfassung der Kernaussagen; sie scheinen dem Rezensenten aber besonders wichtig zu sein.
Ernst Waldemar Weber.
Stadler Elmer, Stefanie: Spiel und Nachahmnung.
Über die Entwicklung der elementaren musikalischen Aktivitäten. Aarau, Schneider, 2000. ISBN 3-907117-12.3.
Nach einer ausführlichen Einleitung folgt ein Kapitel über die Anfänge der musikalischen Entwicklung. Im dritten Kapitel geht es um die weitere Entwicklung, wobei dem Singen (auch dem frühen) viel Platz gewidmet ist. Im vierten Kapitel stellt die Autorin ein Modell des Entwicklungsverlaufs in 6 Stufen vor, danach einige Beispiele (darunter eines über ein 2 Jahre 7 Monate altes Mädchen). Im fünften Kapitel formuliert die Autorin drei Folgerungen: Sie weist auf sehr frühe Entwicklung musikalischer Fähigkeiten hin und begrüsst in diesem Zusammenhang, dass es vielerorts bereits „Veranstaltungen gibt, die Musizieren mit Eltern und Kindern anbieten". Zweitens wünscht sie sich für Kinder „eine zum Spielen anregende Umwelt und Gelegenheit, spontane Aktivitäten frei von jeder Sorge zu entfalten. Drittens ermahnt sie die Erwachsenen, eher gemeinsames Spielen zu etablieren als zu „belehren" und zu „erziehen".
Aus der Sicht von Eltern-Kind-Singen sind vor allem die Kapitel 1, 2, 3.2 (Singen), 4.2.1 bis 4.2.3, 4.3.2 (Beispiel) und 5 lesenswert.
Ernst Waldemar Weber.
Stefanie Stadler Elmer: Kinder singen Lieder.
Über die Kultivierung des vokalen Ausdrucks. München, Waxmann, 2002. ISBN 3-8309-1146-7.
Das Buch ist eine ungeheure Fleissarbeit und als Habilitationsschrift sehr theoretisch und wissenschaftlich ausgerichtet. Für die Belange des Eltern-Kind-Singens ist vor allem das Kapitel 4.3 „Anfänge des sprach-musikalischen Ausdrucks" interessant, wo der Stand der Forschung zusammenfassend dargestellt wird, ferner unter 4.4.3 die 6 „Stufen der Sing-Entwicklung" (Seiten 210 bis 215).
Als Praktiker und Stimmbildner stören mich Bemerkungen wie die folgende: „Ein weiteres Erschwernis für adäquates Singen sind die meist unangemessen hohen Tonlagen in Liederbüchern. Es ist schon länger bekannt und auch bestätigt, dass Lieder bevorzugt im unteren Stimmbereich gesungen werden." (Seite 75)
Und der folgende Abschnitt über die Brummer macht in seiner wissenschaftlichen Gestelztheit die Lektüre nicht gerade zum Vergnügen: „Nach Goetze et al. ist das Verhältnis zwischen Tonhöheunterscheidungsfähigkeit und richtigem Singen noch immer ungeklärt. Heute steht fest, dass eine Erfahrungsanreicherung in Form von vermehrtem oder gar gezieltem Singen zu einer Verbesserung der Nachsingfähigkeit führt (z.B. Jersild und Bienstock; Updegraff, Heiliger & Learned; Murry & Zwirner), insbesondere auch bei sogenannten „singunfähigen" Kindern (z.B. Gould; Joyner; Roberts & Davies). Eine der verwendeten Methoden besteht beispielsweise darin, von der Sprechstimme des Kindes auszugehen und es erfahren zu lassen, was es bedeutet, gemeinsam die gleiche Tonhöhe zu singen. Vermutlich tragen auch emotionale Belastungen zu einer Singbeeinträchtigung bei, während gute Instruktionen und ein entspanntes soziales Klima förderlich sind. Neuere Trends kehren davon ab, schlechtes Singen in seinen Ursachen klären zu wollen. Vielmehr konzentriert man sich auf die Möglichkeiten und Bedingungen einer Verbesserung. Dabei berücksichtigt man ein komplexes Beziehungssystem von biografischen, sozial-emotionalen, sensomotorischen (die vokal-auditive Koordination betreffend), didaktischen, motivationalen, kontextuellen und kulturellen Faktoren (vgl. Welch& Murao).
Interessant ist der Beitrag über die Diskussion zur Melodie-Struktur, z.B. die Frage, ob die Quinte (Schwingungsverhältnis 2 : 3) als genereller Baustein wirke (Seite 81).
Der bereits erwähnte Abschnitt 4.3 enthält die folgenden Kapitel: Biologische Grundlagen und die Universalienfrage. Die laut- und klangbildenden sensomotorischen Aktivitäten. Die positive emotionale Bewertung. Soziale Interaktion als Quelle gegenseitiger Anregung. Vokalspiel – allein, mit andern. Über die Anfänge von Regel-Verein-barungen. Anbahnung der spach-musikalischen Symbolbildung. Die Zusammenfassung des Kapitels sei hier wörtlich wiedergegeben:
„Im frühen kindlichen Erleben und Erkennen finden sich bereits strukturelle Voraussetzungen und Vorgänge, die sich als Anbahnung von Fähigkeiten deuten lassen, aus denen durch weitere Lernprozesse später musikalische Handlungs- und Denkstrukturen entstehen. Wie lässt sich das Phänomen 'Musik' vorstellen, wie es in der frühen Entwicklung eines Individuums seinen Anfang nimmt und zu werden beginnt? Ich habe versucht, diese frühen Anfänge zu rekonstruieren und dabei aufgezeigt, dass die elementaren musikalischen Erkennens- und Erlebensweisen von den vorhandenen biologischen Strukturen ausgehen, welche elementare klang- und lautbildende Aktivitäten ermöglichen. Es sind dies das Hören und dessen Koordination mit der Vokalisation und den Bewegungen. Diese Aktivitäten sind von Anfang an in ein soziales Umfeld eingebettet und gehen mit positiv emotionaler Befindlichkeit einher.
Es hat sich weiter gezeigt, dass die anfänglichen Strukturen im Wesentlichen durch zwei sich ergänzende Vorgänge zur weiteren Differenzierung und daher Weiterentwicklung angeregt werden: a) durch die wiederholt spielerisch-assimilative Anwendung der klang- und lautbildenden Handlungsstrukturen einerseits und b) durch die gegenseitige Nachahmung im sozialen Austausch andererseits. Die intuitive Anpassung der Bezugspersonen an die strukturellen Voraussetzungen des Kindes stimulieren und aktivieren sein Nachahmungsvermögen.
Das anfängliche Erkennen und Erleben von dem, was sich zu 'Musik' entwickeln wird, sind jene spielerischen, emotional positiv besetzten klang- und lautbildenden Handlungen, welche in ihrer Organisation zwischen Kind und Bezugspersonen durch gegenseitige und verschobene Nachahmung entstehen. Die verinnerlichte Nachahmung führt zu Vorstellungen und Bedeutungsstrukturen, welche auf neue Situationen übertragen werden. Durch wiederholtes dialogisches Aufeinander-Abstimmen der Gleichzeitigkeit und des Nacheinanders von Lautbildungen werden Regeln hergestellt und angeleitet, die zu gemeinsam aufgebauten oder ko-konstruierten Bedeutungsträgern werden."
Es folgt das Kapitel „Hypothetische Entwicklungssequenz" mit den erwähnten 6 Stufen sowie die Vorstellung einer durch die Autorin entwickelten neuen, computergestützten Methode zur wissenschaftlichen Erfassung von gesungenen Melodien.
Im mehr als hundert Seiten umfassenden Kapitel „Empirische Explorationen" wird anhand der erwähnten mikrogenetischen Methode als kasuistische Beispiele die Sing-Entwicklung von 6 Kindern vorgestellt. Eines davon ist 9-jährig, eines 2 Jahre und 7 Monate alt, die andern etwas mehr als 4 Jahre.
Im Rahmen des 7. Hauptkapitels werden als Ergebnis von theoretischen Analysen 15 Thesen zur Entwicklung des Singens formuliert (Seiten 350 bis 352), und auf den Seiten 356 und 357 finden sich 10 allgemeine Einsichten zum Singen und Musizieren.
Zusammenfassung Ernst Waldemar Weber