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«Menschen fürchten die Freiheit», meint James M. Buchanan. «Es scheint offensichtlich, dass viele Menschen nicht die letzte Verantwortung für ihr eigenes Tun übernehmen möchten. » Der amerikanische Ökonom, der als einer der Pioniere der Neuen Politischen Ökonomie 1986 den Nobelpreis erhielt, machte seine pessimistischen Feststellungen im Aufsatz «Afraid to be free», den er 2005 veröffentlichte. Der tiefschürfende Text erscheint jetzt, erstmals auf Deutsch übersetzt, im Band «Der Wert der Werte» mit den Referaten von Tagungen, die Avenir Suisse und das Institut der deutschen Wirtschaft Köln gemeinsam im Juni 2011 in Berlin und Zürich veranstalteten.
Es gebe mindestens vier Quellen von Ideen, wie sich die Freiheit der Menschen mit kollektiven Kontrollen einschränken lasse, stellt Buchanan fest. Der Sozialismus mit zentral verwalteter Kommandowirtschaft habe sich zwar seit dem Fall der Sowjetunion erledigt: «Die erste Hälfte dieses neuen Jahrhunderts wird keine Rufe nach kollektivierter Planung um der Planung willen mehr erleben.» Auch im Westen aber herrschten weiterhin zwei verführerische Varianten des Sozialismus: der paternalistische, bei dem die Eliten besser wissen, was für die Massen gut ist, und der distributive, bei dem der Staat den Markt korrigiert, um für mehr Gleichheit zu sorgen. Und vor allem, meint Buchanan, wünschten die meisten Menschen eine vierte, bisher kaum beachtete Form des Sozialismus: den parentalen.
Als Parentalismus – die Kehrseite des Paternalismus – bezeichnet Buchanan «die Haltungen von Menschen, die danach streben, dass andere Personen, der Staat oder transzendentale Kräfte ihnen Werte vorschreiben». Diese Vorschriften stammten seit je aus der Religion, im Christentum von Gottvater. Seit dem 18. Jahrhundert aber betrachteten die Denker den Menschen als selbstverantwortlich – und überforderten ihn damit. «Das Verlangen nach Freiheit und Verantwortlichkeit ist vielleicht nicht ganz so universell, wie so viele Philosophen seit der Ära der Aufklärung angenommen haben», schreibt Buchanan. An die Stelle von Gott, der väterlich für die Menschen sorgte, trat so der Staat. «Der Tod Gottes und die Geburt des Nationalstaats, besonders in seinem jüngsten Gewand als Wohlfahrtsstaat, sind die zwei Seiten derselben historischen Medaille.»
Der Ökonom sieht schwere Versäumnisse bei den Denkern, die im 18. und im 19. Jahrhundert die liberale marktwirtschaftliche Ordnung begründeten: «Der klassische Liberalismus hat auf einzigartige Weise darin versagt, den Menschen eine wie auch immer geartete psychologische Sicherheit zu geben, die den Verlust des religiösen Glaubens kompensieren könnte.» Die «spontane Ordnung des Marktes» sei eine intellektuelle Idee, die Menschen ohne ökonomische Ausbildung nicht von selbst verstünden. Die Liberalen müssten ihnen deshalb zeigen, dass sie sich den «blinden Kräften des Marktes» nicht unterwerfen müssten, sondern dass sie dank dem Markt auch Unabhängigkeit gewinnen könnten: «Der klassische Liberalismus, richtig verstanden, zeigt, dass Menschen auf eigenen Füssen stehen können, dass sie weder Gott noch den Staat als Ersatzeltern brauchen.»