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Export von klassischer Musik Musikförderung in Afghanistan: Ist das Kulturimperialismus?
- Samstag, 10. Juni 2017, 16:05 Uhr
Wenn Orchester und Musikschulen auf der ganzen Welt von westlichen Institutionen gefördert werden, riecht das schnell nach Kulturimperialismus. Eine berechtigte Kritik? Ein Blick nach Afghanistan.
- Überall auf der Welt fördern Kulturinstitutionen Musikunterricht nach westlichem Vorbild. Kritiker sehen dies als Konkurrenz zur Förderung traditioneller Musikstile.
- In der Klassikszene in Afghanistan hat der westliche Einfluss historische Gründe: Nach dem Ende des Taliban-Regimes musste das Land seine Kultur neu beleben.
- Musikschulen wie das «Afghanistan Institut of Music» versuchen heute, eine Brücke zwischen traditionellen und westlichen Musikkulturen zu schlagen.
Der Dokumentarfilm «Dr. Samrast’s Music School» erzählt von einer Musikschule in Kabul, die 2010 nach einer langen Zeit der Zerstörung neu gegründet wurde. Ein etwa achtjähriger Schüler erzählt darin, dass er eigentlich das afghanische Harmonium lernen wollte, ihm der Musikschuldirektor aber geraten habe, auf das Klavier umzusteigen.
Diese Szene macht stutzig: Gilt an dieser Musikschule westliche Musik als besser? Und liegt das vielleicht im Interesse der westlichen Kulturinstitutionen, die den Aufbau der Schule mitfinanzieren?
Musik für den Frieden
Im Fall der Musikschule in Kabul verflüchtigt sich dieser Verdacht schnell. Denn die Situation vor Ort ist komplex: Das Taliban-Regime, das in Afghanistan von 1996 bis 2001 an der Macht war, verurteilte Musik als dämonisch und verbannte sie aus dem Alltag. Als 2001 die USA in Afghanistan einmarschierten, lag das kulturelle Leben in Kabul brach.
Kurz darauf kehrte der afghanische Musikwissenschaftler Ahmad Sarmast aus dem australischen Exil zurück. Er wollte seinen Beitrag leisten zur Wiederbelebung der Musikkulturen Afghanistans: «Ich habe die Führungsnationen der Wiederaufbaus überzeugt, dass sie in Musik investieren sollen, um Frieden und Stabilität zu bringen.»
Rubab oder Cello?
Seine Vision wurde Realität. 2010 öffnete das «Afghanistan Institut of Music» seine Türen. Doch die Kinder griffen weniger zu lokalen Instrumenten wie der laute Rubab oder der Duta, sondern zur Geige, zum Cello oder zum Klavier.
«Mir wurde es von niemandem diktiert westliche klassische Musik einzuführen» sagt Ahmad Sarmast. Für die westliche klassische Musik entschied er sich aus pragmatischen Gründen: «Ich wollte so schnell wie möglich mit dem Unterricht loslegen. Weil westliche klassische Musik notiert ist und eine klare Didaktik hat, war sie am besten geeignet.»
Klassische Musik als Überbrückung
Viele Musiker und Lehrer traditioneller afghanischer Instrumente sind während des Taliban-Regimes ins Exil gegangen und dort geblieben. Am «Afghanistan Institut of Music» unterrichteten deswegen zunächst Freiwillige aus dem Westen. Weil das brutale Taliban-Regime Instrumente verbrannte, fehlten sie an allen Ecken und Enden.
Ahmad Sarmast bat also die Welt darum, Instrumente zu spenden. Bald schon kamen drei Container Instrumente aus Deutschland – und das waren natürlich Celli, Geigen und Trompeten.
Neben der klassischen Musik werden heute am «Afghanistan Institut of Music» immer mehr traditionelle Instrumente unterrichtet. Das hauseigene afghanische Mädchenorchester Zohra spielt grösstenteils Stücke afghanischer Komponisten.
In Afghanistan war die klassische Musik also erstmal eine Art Überbrückung, um nach langem Schweigen überhaupt wieder Musik in Afghanistan erklingen lassen zu können.
Klassik und der Kolonialismus
Bei der Gründung der Musikschule in Kabul spielten also westliche Interessen, welche Musik unterrichtet werden soll, keine Rolle. Trotzdem war es früher vielerorts der Kolonialismus, durch den die westliche klassische Musik in die Welt kam.
Im 16. Jahrhundert zum Beispiel missionierten die Spanier in Südamerika auch über ihre Kirchenmusik. Oder: Im späten 18. Jahrhundert bildeten Missionare in Indien Musikerinnen und Musiker aus und die Marschmusik britischer Truppen spielte Melodien von Verdi oder Ravel.
Diese Militärbands brachten westliche Musik auch nach Afghanistan, sagt der britische Musikethnologe John Baily: «Lokale Ensembles eigneten sich diese Musik und das Tonsystem an. Modern wurde westliche klassische Musik dann in der goldenen Zeit des afghanischen Radios, in den 1950er-Jahren.»
Die Einflüsse kamen aber nicht nur aus dem Westen, sondern auch aus dem persischen und indischen Raum.
Verschiedene Stile nebeneinander
Bevor in Afghanistan 1978 die Kommunisten an die Macht kamen, hatte das Land eine reiche Musikkultur, die von verschiedenen lokalen Traditionen bis zur westlichen klassischen Musik reichte.
Die Vielfalt dieser Zeit ist für den Musikschuldirektor Ahmad Sarmast eine Referenz: «Am Afghanistan Institute of Music unterrichten wir europäische, indische und afghanische Instrumente und haben elf Ensembles, die verschiedenste Musikstile spielen».
Deswegen ist es Sarmast wichtig, dass an Konzerten in Afghanistan immer auch ein Stück Bach, Mozart oder Beethoven erklingt: «Ich möchte die afghanische Musik mit dieser Musik bilden».
Sarmast, der aus einer bildungsbürgerlichen Familie kommt, schreibt westlicher klassische Musik also einen hohen Status zu – ein Selbstverständnis, das er auch an seine Musikschüler weitergibt.
Äussere Einflüsse oder eigene Traditionen?
Der britische Musikethnologe John Baily ist sensibel, wenn es um die Dominanz westlicher Musikkulturen geht. Er hat sie oft gehört, die Kritik, westliche klassische Musik in Afghanistan lenke davon ab, sich um die eigenen Musiktraditionen zu kümmern.
Er wittert dahinter aber ein seltsames europäisches Anspruchsdenken: «Bach, Beethoven, Mozart gehören nicht Europa, sie gehören nicht dem Westen. Sie gehören jedem! Warum sollen afghanische Kinder dazu keinen Zugang haben?» Klassische Musik ist also längst eine Weltmusik geworden, auf die der Westen keinen Monopolanspruch hat.
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