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|Die Form des Bildwegs|

Der Bildweg entspricht in der bildenden Kunst dem, was in der Musik Fuge genannt wird; eine Fuge von Bildern. Und mit der Musik hat der Bildweg - dem Wesen der Fuge gemäss - weitere Verbindungen. Erstens dadurch, dass eine Fuge nur im Ablauf der Zeit erlebbar ist und zweitens dadurch, dass die kupfernen Bildplatten eigentlich Noten darstellen, die von den Teilnehmern des Bildwegs den Interpreten in ihrer persönlichen Weise und gemäss ihren Fähigkeiten" interpretiert wird. Die Komposition des Bildwegs wird erst dadurch zum Kunstwerk, dass jemand sie spielt, oder im Fall des Bildwegs, dass jemand sich auf den Weg begibt und die Bildfuge spielt.
Die Aufführung des Bildwegs findet nicht vor einem Publikum statt und ist dennoch eine Publikumsveranstaltung. Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer geht diesen Weg als Individuum, führt ihn sich also wenngleich in Gemeinschaft mit anderen Teilnehmern des Bildwegs - persönlich auf. Dadurch ist auch das Resultat" des Bildwegs das fertige Bild ein persönlicher Ausdruck dessen, der unterwegs war.
Mit dem Theater ist der Bildweg verwandt, einerseits weil er szenisch aufgebaut ist durch die sieben Stationen, aber auch weil die sieben Einzelbilder Illustrationen oder Bühnenbilder zu Texten darstellen, die in der Form eines philosophischen Essays (bis 1998) oder als Kapitel einer Erzählung die Zusammenhänge und das Gefüge des Bildwegs in eine literarische Fassung bringen.
Der Bildweg ist nicht im herkömmlichen Sinn ein Kunstwerk, sondern die Komposition eines Kunstwerks, das nur durch die persönliche, aktive Komplizenschaft von Künstler und Teilnehmer vollendet wird. Der Bildweg ist ein neuartiges Medium bildender Kunst.
Tagebuch Notiz 11.6.01
Echtheit, Kult, Bildweg
Vorgestern habe ich per Post von einem Internet Versand-Antiquariat zwei Suhrkamp-Bändchen mit Texten von Walter Benjamin erhalten. Zum ersten mal las ich den Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" bei der Vorbereitung des Bildwegs in Greifswald. Andreas Sappelt übergab mir aus der Sammlung der Unterlagen seines Studiums eine Fotokopie, die ich ihm schweren Herzens wieder zurücksenden musste.
Nun konnte ich also "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" erneut lesen. Die Stimmung des gesamten Textes liegt mir sehr nahe und ich erkenne darin in grosser Klarheit vieles formuliert, worum ich bei der Idee zum Buchunikat "Das Fischgericht" beim Text "Kultur und Ort" (Aus dem Textband Kulturschaft" und insbesondere beim Bildweg vage gerungen habe. Ein Ringen um die Begriffe von Echtheit und Kult.
Der Bildweg ist ein Versuch, den Vorgang der Reproduktion eines Kunstwerkes und den damit einhergehenden Verlust dessen Echtheit, den Verlust dessen Aura rückgängig zu machen. Besser: Umzukehren. Ein Kunstwerk also, das sich als Instrument zu einem Reproduktionsvorgang anbietet, aber durch die Teilnahme eines Menschen wieder zu einem einmaligen, echten Bild führt, eingebettet in das kultischen Erlebnis eines Pilgerwegs.
Dieser Versuch kann aber eigentlich nie gelingen, denn erstens ist der Bildweg kein wirkliches Instrument zu einem Reproduktionsvorgang - er scheint nur so. Zweitens ist die Echtheit des fertigen Bildes auch nur eine scheinbare und drittens ist die Aura nicht am Instrument des Bildwegs festzustellen, da es ohne Teilnehmer unvollendet ist, wie Noten, die niemand spielt, und die Aura ist auch nicht am fertigen Werk des Teilnehmers festzustellen, da in ihm gerade der Vorgang des Reproduzierens, des Spielens dieser Noten und damit das Eigentliche der Vorlage fehlt. Die Aura hat sich in die private Komplizenschaft zwischen Künstler und aktivem Betrachter auf den Weg zurückgezogen, eine Komplizenschaft, die sich am öffentlichen Gegenstand des Bildwegs bildet. Oder nicht.
Der Bildweg wendet sich zwar an ein Publikum. Ist aber ein privates und persönliches Erlebnis. Der Bildweg ist ein Kunstwerk, das theoretisch beliebig reproduziert werden könnte ohne dass er seine Echtheit verlöre. Er ist von vorneherein angelegt auf eine Zusammenarbeit zwischen Komponist und Interpret und seine Echtheit ist durch den Kult der Teilnahme geschützt.
"Der einzigartige Wert des "echten" Kunstwerks hat seine Fundierung im Ritual, in dem es seinen originären und ersten Gebrauchswert hatte." (Seite 16)
Es scheint, als sei mit dem Bildweg etwas künstlich gemacht, also absichtsvoll angelegt, auf einen Weg gebracht worden, was jedem wirklich echten Kunstwerk als fester Besitz zu eigen ist. Als sei das Statische, der Zustand der Echtheit in Bewegung versetzt, auf einen Weg geschickt worden.
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