Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03409.jsonl.gz/938

Fragt man heutzutage Psychoanalytiker, was sie eigentlich behandeln, die Seele oder den Geist, bringt man sie zumeist in grosse Verlegenheit. Und je nachdem, welche Sprache dabei betroffen ist – Deutsch, Englisch, Französisch gelten uns hier als Beispiele –, fällt die Verlegenheit ganz verschieden aus. Denn wenn in der deutschen Alltagssprache «Seele» weiterhin rege benutzt wird (zum Beispiel «die Seele baumeln lassen» oder auch «Seelenverwandschaft»), so ist dies im Englischen und Französischen keineswegs mehr der Fall. Dort ist die Seele dem Geist gewichen: «soul» und «âme», haben «mind» und «esprit» den klaren Vortritt gewährt. In der philosophischen und psychologischen zeitgenössischen Terminologie ist auf Deutsch, Englisch und Französisch «das Mentale» vermehrt der Sammelbegriff, unter dem heute alle psychischen (mentalen) Prozesse subsumiert werden, darunter offenbar auch jene, die Gegenstand psychoanalytischer Behandlung sind. Dies erklärt die häufigste Antwort von französischsprachigen Psychoanalytikern, die von mir befragt wurden: Was sie behandeln, sei «le mental» (das Mentale). Ob eine klare Vorstellung besteht, was unter diesem Begriff verstanden wird, ist nicht sicher.
Warum ist es wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, ob man die Seele oder den Geist behandelt? Die Frage ist komplex, denn sie verweist auf eine Debatte, die spätestens seit der Neuzeit existiert. Zunächst wurde sie von englischen, französischen und deutschen Philosophen ausgetragen und später, im 19. Jahrhundert, von den deutschen Psychophysiologen übernommen und weitergeführt. Psychologie existierte zunächst nicht als eigenständige Disziplin. Die Seele-Geist-Debatte ist im Zuge der Bemühungen um die Einführung der Psychologie als Disziplin wesentlich geworden. Es ging dabei darum, die Psychologie als empirische Wissenschaft zu begründen und ihrem Gegenstand, der «Seele», jegliche metaphysische Konnotation zu entziehen, die diesem Begriff traditionell anhaftete.
Philosophische und psychologische Existenz
Diesbezüglich blickt die Philosophiegeschichte auf eine lange Tradition zurück, die in der Antike ihren Anfang nahm. In der Antike und im Mittelalter galt die Seele als zentraler Begriff, und zwar nicht nur in der Psychologie, sondern auch in der Anthropologie, Ontologie und Metaphysik. «Psyche» wurde als Kernelement des Menschen betrachtet (als sein «Selbst»), als das, was mit dem Körper («Soma») eine Verbindung eingeht und das je nach philosophischer Ausrichtung entweder eine ewige eigenständige Existenz hat (Platon) oder niemals als vom Körper unabhängige Entität betrachtet werden kann (Aristoteles). Der Geist («Nous») wurde als ein Teil der Seele verstanden, und zwar als ihr oberster und edelster. Die Seele war also der Gesamtbegriff, der in sich den Begriff des Geistes einschloss. In der Neuzeit hat sich dann ein gewichtiger Paradigmenwechsel vollzogen: in der englischen und französischen Philosophie wurden erste Zeichen gesetzt, dem Geist den Vorzug zu geben. Die deutsche Aufklärung übernahm die Debatte und vererbte sie den deutschen Psychophysiologen des 19. Jahrhunderts. Die Seele hatte, von diesem Zeitpunkt an, nur noch eine befristete philosophische und psychologische Existenz.
Es hätte dabei bleiben können und die Seele hätte womöglich in der Philosophie und Psychologie nur noch jene Randexistenz geführt, die wir ihr heute zuerkennen. Doch Freud hat ihr, unerwarteterweise, zu einem Comeback verholfen, das übrigens weitgehend unbeachtet geblieben ist. Dem Trend seiner Zeit trotzend machte er die Seele zu einem zentralen Begriff der Psychoanalyse und integrierte sie damit wieder in die psychologische Sprache. Freud entledigte die Seele ihrer metaphysischen Konnotationen und machte sie zum Hauptakteur seiner Metapsychologie. Zentral ist dabei für Freud das Modell des sogenannten Seelenapparates, der Bewusstes und Unbewusstes in sich birgt. In Freuds Terminologie sind Seele und Psyche synonym, sowie auch die Adjektive «seelisch» und «psychisch». Deutlich unterschieden werden hingegen Seele und Geist, sowie seelisch und geistig. Die Psychoanalyse hat nicht den Geist zum Objekt, sondern die Seele. Freud selbst hat nie explizit erklärt, warum er zum Seelenbegriff gegriffen hat in einer Zeit, als der Geist bereits die Seele in der Psychologie verdrängt hatte. Deutlich ist aber, dass es für ihn einen Unterschied macht, ob man seelische Prozesse analysiert oder geistige: Der Geist scheint im Unterschied zur Seele wenig Raum für unbewusste Prozesse zu enthalten.
Zu metaphysisch
Freuds Paradigmenwechsel ist jedoch weitgehend unberücksichtigt geblieben, was die Übersetzungen des freudschen Werkes belegen. Den Übersetzern Freuds ins Englische und Französische ist die Bedeutung des freudschen Seelenbegriffs offenbar nicht aufgefallen. «Seele» und «seelisch» wurden weitgehend als «mind» oder «mental» übersetzt, so, als habe Freud von Geist gesprochen. Es scheint, als sei es bereits nicht mehr möglich, im Englischen und Französischen die Wörter «soul» bzw. «âme» zu verwenden. Im Französischen hat zwar Jean Laplanche in seiner neuen Gesamtübersetzung des freudschen Werkes versucht, «seelisch» durch «animique» wiederzugeben, womit er aber auf grosse Kritik gestossen ist. Im Englischen und Französischen gilt somit: heutzutage sagt niemand mehr, dass die Psychoanalyse die Seele kuriert. Man wendet sogar ein, «soul» oder «âme» seien zu metaphysisch oder religiös konnotiert. Niemand, der nur die Übersetzungen liest, nimmt zur Kenntnis, dass Freud den Begriff der Seele ganz dezidiert benutzt hat. Wie steht es aber im Deutschen? Würden deutschsprachige Analytiker heute noch sagen, sie behandeln die Seele? Und wenn ja, was für eine Vorstellung von «Seele» haben sie dann? Ich habe keine sichere Antwort auf diese Frage und würde sie gerne den Lesern zur Diskussion vorschlagen.