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Der 72jährige Philippe Garrel, Sohn eines Schauspielers, Vater von Louis und Esther Garrel, macht im Prinzip seit den 1960er Jahren den gleichen Film. Es geht um die Liebe, die Schwäche der Männer und der Frauen, manchmal mit anderen Süchten kombiniert.
Und es geht ums Handwerk Filmemachen. Philippe Garrel ist auch Lehrer an der berühmten Filmschule von Paris. Und in seinem neuen Film spielen nun vor allem einer seiner Schüler und mehrere seiner Schülerinnen mit den Tücken der Liebe, dem Salz der Tränen.
Logann Antuofermo ist Luc, der Sohn eines Schreiners in der Provinz, der dem Wunsch des Vaters folgend, die Aufnahmeprüfung macht an der Pariser École Boulle. Er will Kunsttischler werden. Aber schon auf der Suche nach dem richtigen Bus in Paris trifft er auf die sehr junge Djemila (Oulaya Amamra) und beginnt, sie sofort mit seiner Aufmerksamkeit zu umgarnen.
Für die Wochen der Aufnahmeprüfungen werden die beiden Freunde, er bringt sie sogar dazu, auf sein Zimmer zu kommen, aber mehr erreicht er nicht. Er werde sie nie vergessen, sagt er zum Abschied.
Zuhause wartet sein sehr alter, sehr weiser, sehr liebevoller Vater, gespielt vom legendären André Wilms. Und bald auch wieder Geneviève (Louise Chevilotte), seine einstige Schulfreundin. Zumindest auf ihrer Seite brennt das Feuer gleich wieder, er lässt sich treiben.
Zwar arrangiert er ein Hotelzimmer für Djemila, die ihn besuchen kommt, lässt sie dann aber hängen, weil Geneviève den Abend mit ihm verbringen will.
Mit eigenartigen, knappen Zwischentexten aus dem Off, die wirken wie vorgelesene Zwischentitel im Stummfilm, umreisst eine leicht ironische Männerstimme Stimme hin und wieder die Situation. In diesem Falle kommentiert sie: Seiner Feigheit schrieb es Luc zu, dass er sich für Geneviève und gegen Djemila entschieden hatte. Denn er hatte das Gefühl, die Feigheit habe die Entscheidung getroffen, nicht er.
Diese unvermittelten, oft leicht komischen Off-Kommentare betonen die Doppelbödigkeit dieses kunstvollen kleinen Films. Zusammen mit den schönen, manchmal körnigen Schwarzweissbildern des Schweizer Kameramannes Renato Berta (mit dem Garrel schon eine Weile zusammenarbeitet), welche Gegenwart und unbestimmte Vergangenheit zu einer Gleichzeitigkeit verschmelzen.
Luc, der Frauenmagnet, der hingerissene, gezogene, sanft getriebene, kommt nicht allzu gut davon bei Garrel. Die «éducation sentimentale», welche er durchläuft, hinterlässt in der Tat die Tränenspur des Titels.
Djemila reist ernüchtert und alleine zurück nach Paris. Geneviève lässt Luc im Streit schwanger zurück, als er erfährt, dass er die Ausbildungsstelle an der Pariser Schule bekommen hat. Viel später erfährt er von seinem Vater, dass sie in ihrer Verzweiflung das Kind abgetrieben hat.
Und dann trifft er in Paris auf Betsy, eine Krankenschwester, die bald bei ihm einzieht – und gleich einen Nebenbuhler mitbringt. Luc arrangiert sich mit der ménage à trois, denn dieses Mal hat es ihn erwischt. Von Betsy kommt er nicht los.
Le sel des larmes ist ein kunstvoller, täuschend einfach geschriebener und konstruierter Film, vom Lehrer Garrel demonstrativ und fast lehrbuchmässig mit kleinem Budget sparsam gedreht, eine Plattform für seine Eleven und ein ausgefeiltes Stück Handwerk zugleich.
Wenn André Wilms als Schreiner mit seinem Sohn einen Sarg fertig hobelt und sagt, er sei wohl der letzte, der dieses Handwerk noch gewissenhaft ausführe, hört man Altmeister Garrel zwischen den Drehbuchzeilen kichern.
So stimmig sich die Figur Luc in das Werk Garrels einfügt, so funktionalisiert wirken dagegen die drei Frauenfiguren. Die jungen Schauspielerinnen füllen sie zwar mit Leben und sehr physischer Attraktivität. Aber sie folgen dabei den Vorstellungen des Filmemachers und seiner Ko-Autoren Jean-Claude Carrière und Arlette Langmann, sie sind Stationen auf dem Vita parcours des Protagonisten.
Zeitgemäss ist Le sel des larmes in dieser Hinsicht nun wirklich nicht. Aber eben: Eigentlich macht Philippe Garrel seit sechzig Jahren den gleichen Film. Und den beherrscht er meisterhaft.
Die SRG hat diesen Film via RTS koproduziert. Es bestehen also Chancen,
dass er auch in der Schweiz bald zu sehen sein wird.