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| Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).

Fünftes Buch
IV. Kapitel
20.
1. Deshalb werden die Weissagungen und die Orakelsprüche in Rätselworten verkündet und die Geheimweihen nicht ohne weiteres den ersten besten gezeigt, sondern nur in Verbindung mit bestimmten Reinigungen und vorhergehenden Belehrungen.
2. "Da war ja die Muse noch nicht geldgierig, nicht Lohndienerin,
Wurden nicht Terpsichores süße, honigklingende Lieder verkauft,
Während jetzt für Geld nur ihre lieblichen Töne erschallen."1
3.2 So erlernen diejenigen, die bei den Ägyptern unterrichtet werden, zuerst von allem die Verwendungsart der [S. 136] ägyptischen Schrift, die den Namen Briefschrift führt, als zweite sodann die hieratische, die von den heiligen Schreibern angewendet wird, zuletzt und am Schluß die Hieroglyphenschrift, die teils mit den Buchstaben3 etwas wirklich benennt, teils sinnbildlich ist. Von der sinnbildlichen Schrift gibt es drei Arten: Die eine bezeichnet etwas unmittelbar, indem sie seine Form im Bilde wiedergibt, die andere wird in der Weise geschrieben, daß ein Zeichen auf ein anderes Gebiet übertragen wird, die dritte, in der alles nur sinnbildliche Bedeutung hat, gibt gewissermaßen Rätsel auf.
4. Wenn sie z.B. das Wort "Sonne" schreiben wollen, machen sie einen Kreis, und für das Wort "Mond" machen sie eine mondähnliche Figur; das ist die Schreibweise, die etwas unmittelbar bezeichnet.
5. Übertragung aber ist es, wenn sie ein Schriftzeichen auf ein anderes verwandtes Gebiet überführen und übertragen oder auch vertauschen oder in mannigfacher Weise umgestalten und so schreiben.
1: Pindaros, Isthmien 2,5-8.
2: Die sehr viel behandelte und sehr verschieden erklärte Stelle über die Hieroglyphen ist (wie die übrigen Nachrichten des Clemens über Ägypten) am eingehendsten erläutert von A. Deiber, Clement d'Alexandrie et l'Egypt. Memoires publies par les membres de l'Institut Francais d'Archeologie Oriental du Caire. X. Le Caire 1904, S. 13-32. Hier kann nur das für das Verständnis Wichtigste angegeben werden. Die an erster Stelle genannte Schriftart, die Briefschrift, ist die Demotische oder Volksschrift der Ägypter, für die Zwecke des gewöhnlichen Lebens bestimmt; sie ist die jüngste Schriftform und ist durch Abkürzungen, Ligaturen und Zusammenziehungen aus der hieratischen Schrift entstanden, beruht aber wie diese letzten Endes auf der eigentlichen Hieroglyphenschrift. Die hieratische Schrift diente vor allem dem Schreiben religiöser Texte auf Papyrus; hierfür wurden die Formen der hieroglyphischen Schrift so umgestaltet, daß ein schnelles, flüchtiges Schreiben möglich war. Die rein alphabetischen Zeichen, von denen bei der ersten Art der eigentlichen hieroglyphischen Schrift die Rede ist, 25 an der Zahl, sind aus einer älteren Bilderschrift entwickelt; neben ihnen gab es aber auch noch Silbenzeichen und Determinative (Deutzeichen), die keinen Lautwert hatten, sondern nur dazu dienten, anzuzeigen, in welchem Sinn ein mehrdeutiges Sinnbild aufzufassen sei; diese waren besonders bei der zweiten von Clemens genannten Form nötig, bei der sinnbildliche Zeichen auf andere Gebiete übertragen wurden, als diejenigen waren, aus denen sie stammten. Fehlten solche Deutzeichen, so war man in der Tat vor eine "Rätselschrift" gestellt. Zu den verschiedenen ägyptischen Schriftarten vgl. jetzt Fr. W. von Bissing, Die Schrift der Ägypter, in W. Ottos Handbuch der Altertumswissenschaft, VI. Abt. Über die "änigmatische Schrift" vgl. auch die dort S. 148 Anm. 1 angeführte Schrift von Drioton.
3: Der Ausdruck (xxx) bedeutet hier einfach "Buchstaben"; vgl. R. Lepsius, Rhein. Mus. 4 (1836) S. 142-148.