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Dr. R. Ischer: Joh. Rud. Wyß, der Jüngere
Der Professor der Philosophie J. R. Wyß, von welchem das inhalts- und umfangreiche Neujahrsblatt Dr. Ischers handelt, heißt der jüngere im Gegensatz zu seinem Stiefoheim, dem Pfarrer Johann Rudolf, einem nicht unbegabten Dichter, welchem der Stiefneffe „ die erste Anregung zur Poesie verdankte ". Bekannter als dieser ist der Vater des „ jüngeren ", der Münsterpfarrer Johann David Wyß, durch den von ihm für seine und mit Hülfe seiner Familie geschriebenen „ Schweizerischen Robinson ", welches Manuskript der Sohn nach dem im Jahre 1818 erfolgten Tode des Verfassers redigiert, abgeschlossen und in vier Bändchen, Zürich 1822/1823 und 1826/1827, herausgegeben hat. Es kann sich hier natürlich nicht darum handeln, das Lebensbild des vielseitigen J. R. Wyß d. j., wie es Dr. Ischer mit Liebe und Gründlichkeit aufgestellt hat, zu analysieren. Wir begnügen uns damit, seine Verdienste um den Alpinismus im allgemeinen und den bernerischen Alpensinn im besonderen hervorzuheben. Zu diesen gehört nach unserer Auffassung auch die „ Bemühung von Wyß um die Sammlung und Wiederherstellung des Volksliedes ", von welcher wir schon in der vorhergehenden Rezension gesprochen haben. Direkter dem Alpinismus dienten seine alpinen Reisen und Reiseschriften. Die Itinerarien seiner Reisen sind nur nach dem alten Hallerschen Maßstab alpin, so 1813 ins Gadmental und auf den Sustenpaß, 1814 ins Kiental und zum Tschingel, d.h. der Alp dieses Namens, 1814 und 1815 ins Berner Oberland ( Lauterbrunnen, Grindelwald, Haslital, Urbachtal und Grimsel ) mit Meißner, 1817 nach Adelboden und Ober-Simmental, 1822 ins Diemtigen- und Simmental, 1825 über Schwarzenburg, Schwarzsee, Jaun, Abländschen, Saanen, Gsteig und über den Sanetsch nach Sitten. Gletscher wurden auf diesen Wanderungen kaum berührt, nur von einem Besuch des Vorderaargletschers ist einmal die Rede, und der Ausflug von der Grimsel zum Rhonegletscher wird als diesem vorzuziehen erwähnt. Über die Wengernalp und Kleine Scheidegg ist Wyß schon als Knabe gewandert, und die „ Jungfrau im Mondschein " hat ihm einen tiefen Eindruck hinterlassen, aber die Reise nach Bänisegg mit dem Tiefblick auf das Grindelwaldner Eismeer beschreibt er 1817 nach einem Manuskript Wyttenbachs von 1776, weil er selbst „ noch niemals Zeit gefunden, oder günstige Witterung erhalten, um diesen Streifzug in die furchtbare Felsen- und Eiseswüste selbst unternehmen zu können ". Auch Wyß'Naturgefühl ist noch nicht auf das Hochalpine eingestellt. So sagt er in einem in den „ Alpenrosen " von 1825 erschienenen Aufsatz vom Diemtigtal: „ Zuoberst im Hintergrund stand immer furchtbarer das Gsür, mit verklüfteten schwarzgrauen Felsen, die bei jedem Schritte sich wilder, nackter und scheußlicher zeigten. " So liegt denn für uns die Hauptbedeutung seiner alpinen Schriftstellern und besonders der zweibändigen, illustrierten und mit einem Atlas vermehrten „ Reise in das Berner Oberland " in dem, was sie uns über die Besteigungsgeschichte des Berner Oberlandes lehrt. Dr. Ischer macht hierin auf die Beschreibung der ersten Mettenbergbesteigung durch den Pfarrer Lehmann von Grindelwald und auf das Zeugnis von Wyß über die erste Finsteraarhorn- ( nicht Jungfrau-, wie Iseher sagt ) Besteigung durch Arnold Abbühl aufmerksam, die in der Tat Beachtung verdient, da sie nach dem Datum der Publikation das älteste unabhängige Zeugnis für die Tatsache ist. Übersehen hat Iseher, daß außer der Eintragung der Gebrüder Meyer über ihre erste Jungfraubesteigung auch Nachrichten über die zwei ersten Begehungen des Gauiipasses bei Wyß zu finden sind. Einen bedeutenden Teil dieser für ihre Zeit „ klassischen " Reisebeschreibung nehmen die darin einge- streuten Beiträge zur Volkskunde des Berner Oberlandes ( Märchen, Sagen, Legenden, Schwänke, Sitten u. dgl. ) ein, welche auch in der Abhandlung über „ die Mythologie der Alpen " zusammengefaßt sind. Diese ist, zusammengehalten mit den zwei Bänden der „ Idyllen, Volkssagen, Legenden und Erzählungen aus der Schweiz ", Bern und Leipzig 1815 und 1822, auch heute noch eine reiche Fundgrube, und es verschlug den Gebrüdern Grimm wenig, daß sie „ die in größere Gedichte versponnenen Sagen aus der Einkleidung, in welcher sie eine Trübung trefflicher einfacher Poesie erkannten, wieder in die nackende Wahrheit einlösen " mußten, wurde ihnen doch die Aufgabe durch die von Wyß „ zugefügt gewesenen Anmerkungen besonders erleichtert ". Manche dieser Sagen und Legenden, wie die von Gemsjägern, Zwergen, wandernden Kühen, Kristallgräbern, dem Wettlauf der Urner und Glarner, von St. Theodul handelnden, stehen stofflich und nach ihren Schauplätzen dem Alpinismus nahe. Ebenso verdienstlich ist seine Sammlung und Redaktion der Wagner-Kuhnschen Schweizerischen Kühreihen und Volkslieder in III. und IV. Auflage 1818 und 1826. Wyß hat in seiner reicher belletristischen Produktion auch einige Berglieder und volksmäßige Lieder gedichtet, von denen „ Herz mys Herz, warum so trurig ?" und „ Was ist doch o das heimelig " ihre Popularität vollauf verdienen, während mir der Text von „ Rufst du, mein Vaterland " auch durch die Erklärung Dr. Ischers nicht sinnfälliger geworden ist.Redaktion.