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Peter-Boy
ein Hundeleben
9
Peter-Boy wohnte mit seinen Mitbewohnern am Rande einer Stadt. Und manchmal nahmen sie ihn mit in die Stadt, wahrscheinlich um mit ihm anzugeben.
In der Stadt gab es von allem zu viel, zu viel Menschen, zu viel Beine, zu viel Schuhe, zu viel Lärm. Und die Beine waren krumm oder dick oder haarig oder steckten in Strümpfen. Es gab alle Arten Strümpfe, rote und blaue und feine und solche mit Löchern. Wenn sie wenigstens aus Schafwolle gewesen wären. Es gab auch alle Arten von Schuhen, solche mit turmhohen Absätzen und solche, die waren flach wie die Poebene. So wie es auch alle Arten von Menschen gab, dünne, dicke, dumme und runde und alle drängten sich zusammen wie die Schafe bei einem Gewitter. Oder wie eine Rotte Rottweiler oder ein Schwarm Schwalben. Sie blieben stehen und machten ein Hallo und sprachen miteinander, aber meistens durcheinander und gegeneinander. Und wo schon viele Menschen waren, da gingen die andern auch noch hin. Eine einzige ununterscheidbare Menge an Gesten, Gebärden und Gesichtern und Bewegungen. Wozu sollte das gut sein? Warum mussten sie sich so zusammenrotten? Was hatten sie davon, ausser schlechter Luft und blauen Flecken?
Nicht alle Hunde waren so gut erzogen wie er. Ihm wäre es jedenfalls nie in den Sinn gekommen, sein Geschäft mitten auf die Strasse zu machen. Er ging dazu hinter die Büsche oder in den Wald. Da aber, wo er jetzt wohnte, machten die Hunde ihr Geschäft, wohin sie wollten, und die Besitzer standen daneben mit einem Sack, um den Haufen aufzunehmen. Guten Appetit!
Und dann gab es noch diejenigen Besitzer, die diese Haufen einfach liegen liessen, und die anderen Menschen, kopflos wie Menschen sind, traten dann drauf und fluchten.
Aber lamentieren hilft ja nichts: man muss die wilden Koter schnappen, aber die Menschen schafften das nicht.
Dabei gaben doch Form, Grösse und Farbe der Haufen wichtige Hinweise, wer in der Nachbarschaft für das wilde Darmentleeren in Frage kam. Grosse Hunde hinterlassen grosse und schwere, schlecht geformte Haufen, kleinere hingegen zierliche, fragile Gebilde, das sind schon erste Hinweise.
Es lohnt sich auch, am Kot zu riechen, weil man so Informationen darüber erhalten kann, was der Koter gefressen hat. Findet man viele unverdaute Knöchelchen, so weiss man, dass der Übeltäter gerne Wachteln isst, ist der Stuhl rot gefärbt, heisst das, dass er viel Rote Beete, sprich Randen gegessen hat.
Aber an einem Kothaufen zu riechen, das brachten die Menschen nicht über sich. Dafür waren sie zu fein, das wollten sie nicht, Gott bewahre.
Was aber solche Hunde und ihre Besitzer dazu drängt, mitten auf der Strasse ihren Darm zu entleeren, kann viele Ursachen haben. Einige wollen damit Präsenz markieren, andere halten den Gestank des eigenen Kotes für guten Geschmack. Oft geht das wilde Koten auf Probleme in der frühen Kindheit zurück, auf eine traumatische
Sauberkeitserziehung zum Beispiel, als der kleine Hund lernen musste, den Darm und die Blase zu kontrollieren. Eine Zeit, die, wie Peter-Boy aus eigener Erfahrung wusste, mit viel Misserfolg gepflastert ist.
10
Im Winter war die Welt eintöniger und einförmiger.
Die Töne wurden abgeschwächt und die Formen weicher. Peter-Boy wälzte sich gerne im Schnee, und wenn er frisch war, nahm er sich eine Schnauze voll. Mühsam war es nur, wenn der Schnee frisch, und wenn es sehr viel Schnee gab.
Dann blieb er lieber auf den Strassen und Pfaden, denn sonst versank er im Schnee und musste für jeden Schritt einen Sprung machen, um überhaupt vorwärts zu kommen. Blieb Peter-Boy lange draussen, gefror der Schnee auf seinem Fell und an der Schnauze bildete sich ein weisser Bart. Er sah dann aus wie der Samichlaus, ein Samichlaus für Hunde.
War er allein zu Hause, legte er sich im Korridor vor die Haustüre. Die Gasse vor dem Haus war für Autos nicht durchgängig, nur die drei Nachbarn fuhren manchmal bis vor ihre Häuser, um etwas abzuladen; er erkannte sie am Motorengeräusch. An gewissen Abenden hörte er das Vorbeihasten einer Läufergruppe, er wäre gerne mitgerannt. Ging jemand mit einem Hund vorbei, fing er an zu bellen, aber nicht richtig ernsthaft, nur so pro Forma, um Präsenz zu markieren. Vom Haus gegenüber waren manchmal Cellotöne zu hören. Das gefiel ihm ausserordentlich, manchmal konnte er nicht mehr an sich halten und er heulte und begleitete die Cellospielerin.
Am Morgen, wenn er aufstand, machte er zuerst seine Dehn- und Streckübungen wie 'den Hund ' oder 'die Katze' und andere Übungen, die die Yogaturner den Tieren abgeschaut haben.
Dann gab es den ersten Auslauf, noch vor dem Fressen. Am Mittag oder am Nachmittag, je nachdem wie beschäftigt oder wie faul die Mitbewohner waren, gab es einen längeren oder langen Lauf.
Und auch am Abend drehten sie nochmals eine Runde. An der Kirche vorbei, in den Kastanienwald hinunter zum Bach. Dort spielte Peter-Boy gern mit den Steinen im Bach.
Er stürzte sich auf einen Stein, fixierte ihn mit den Vorderpfoten und zog ihn im Rückwärtsgehen mit, schleuderte ihn unter dem Körper durch nach hinten, verfolgte den rollenden Stein mit Knurren. Er winselte und jaulte, als wäre er in Nöten. Er packte die Steine und trug sie ein Stück mit, er liess sie einen Abhang hinunterrollen, um sich dann hinterher zu stürzen.
Und wie es nicht anders sein konnte, nie entkam ihm ein Stein, er blieb immer Sieger.
Im Kastanienwald stiessen sie immer wieder auf Wildschweine. Sie versteckten sich im Unterholz. Theo und Ida merkten meist nichts, sie konnten an einer ganzen Rotte vorbei gehen, ohne etwas zu merken, aber Peter-Boy spürte sie sofort auf.
Eine der Bachen brach dann aus dem Brombeergestrüpp und rannte weg, um von den Jungen abzulenken; auch auf diesen Trick fielen Ida und Theo herein.
Im Wald war Peter-Boy frei, im Dorf wurde er an die Leine genommen, auch weil er die Gewohnheit hatte, Autos anzugreifen, wenn sie ihm zu nahe kamen. Er rannte frontal auf sie los, um dann im letzten Moment auszuweichen und links oder rechts an den verdutzten Autofahrern vorbei zu sausen. Nicht allen gefiel das Spiel.
11
Am Abend gossen Ida und Theo die Blumen im Garten. Für Peter-Boy war das ein Spiel.
Er duckte sich, sah das Wasser aus dem Schlauch schiessen und griff an. Er schnappte danach und zog sich wieder zurück und sprang wieder vor. Er war ja sonst ein vorsichtiger Hund, prüfte alles, untersuchte alles. Nur beim Spiel vergass er sich völlig, kannte keine Vorsicht mehr, schoss über Mauern hinweg, stürzte Abhänge hinunter.
Es gab im Garten eine Palme, in deren losen Rinde sich Ameisen versteckten. Er verfolgte die Bewegungen der Ameisen, rückte mit der Nase näher, legte den Kopf schief, wie um besser zu sehen oder zu hören. Er hütete Ameisen wie er Eidechsen hütete, er kümmerte sich um sie.
Seine Feinde waren die Bienen und vor allem die Hummel, die er mit Gebell und Sprüngen verfolgte, auch nach ihnen schnappte. Auch die Krähen mochte er nicht. Erstens waren sie frech und zweitens schlampig. Sie hockten sich auf die Abfalleimer im Park und räumten sie aus und schmissen alles auf den Boden.
Den Mittag verbrachten sie im Sommer oft auf einer Magerwiese in der Nähe des Hause. Theo und Ida legten sich hin und schliefen eine Weile, während Peter-Boy das Gewimmel in der Wiese beobachtete. Das Gras war nicht dicht, der Bodenbewuchs sehr unregelmässig, Wundklee wuchs, es roch nach wildem Thymian. Witwenblumen gab es, die von Widderchen heimgesucht wurden, sie rotteten sich auch auf den Kahlstellen zusammen und krochen über und durcheinander.
Die roten Feuerpünktchen auf ihren Flügeln leuchteten in der Sonne, auch ihre tiefschwarzen Körper leuchteten. Durchsichtige Fühlerwesen turnten über Blätter und Stängel, in einer Geschäftigkeit und Emsigkeit die nicht einzusehen war. Wenn die Sonne auf ihre winzigen Körper fiel, wurden diese durchsichtig, die Körper schienen nichts zu enthalten, keine Gedärme oder pochenden Organe oder was man sonst auf dieser Erde von einem Lebewesen erwarten würde, nur eine grüne oder gelbe Flüssigkeit.
Nur vorne am Kopf, dort wo die überlangen Fühler sich ausstreckten, um die Umgebung abzutasten, waren zwei schwarze Punkte zu sehen, die Augen wie Peter-Boy dachte, wobei es ihm seltsam vorkam, dass da überhaupt Augen waren. Geradezu gross ihnen gegenüber waren die Ameisen und die umständlich und ungeschickt über Holzreste und Erdkrümel kletternden Käfer.