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Früher gab es Zeiten, in denen man es für dringend nötig erachtete, im Austausch mit anderen auf neue Ideen zu kommen.
Um 1950 entstand dieses Bedürfnis, weil die Schweiz auf sehr selbstgerechte Art stolz war, die schweren Zeiten der beiden Weltkriege als direkte Demokratie durchgestanden zu haben. Selbstgerecht war ihr Stolz, weil sie verdrängte, was nicht ins Bild passte. Zum Beispiel, dass diese Demokratie zwischen 1914 und 1921 und zwischen 1939 und 1949 ein Vollmachtenregime war, und auch zwischen 1930 und 1938 gegen hundert Entscheide per bundesrätlichem Notrecht durchgesetzt worden waren. 1946 schrieb der Schriftsteller C. A. Loosli deshalb, in der Schweiz lasse man sich eine «seit nun 32 Jahren andauernde Diktatur» gefallen. Zudem gab es während des Zweiten Weltkriegs mit der «Abteilung Presse und Funkspruch» eine der Armee unterstellte Zensurbehörde, die gegenlas, Zeitungen unter Vorzensur stellte und einige ganz verbot.
Nach dem Kriegsende 1945 war das Klima von «Zensur und Selbstzensur» – so ein Buchtitel des Historikers Georg Kreis – in den Köpfen vieler zur direktdemokratischen Normalität geworden. Und mit dem Beginn des Kalten Krieges kurz darauf sorgte ein forcierter Antikommunismus dafür, dass die Öffentlichkeit nur noch aus einem schmalen Meinungskorridor der Rechtschaffenheit bestand, und zur Kontrolle all der fünften Kolonnen Moskaus drum herum der Schnüffelstaat Hochkonjunktur hatte.
So führte damals der wirtschaftliche Aufschwung schnell zu spürbaren materiellen Erleichterungen, aber im Übrigen hatte man das Weltbild der Obrigkeit abzunicken und zu schweigen. Es war die Zeit des Konformismus. Auch in Bern.
In den Altstadtkellern regt sich etwas
Wenn es nötig ist, im Austausch mit anderen auf neue Ideen zu kommen, braucht es Raum. Man könnte sagen: «Kulturraum». Als sich nach 1950 neugierige Jugendliche in Bern aufzumachen beginnen, einen Blick aus dem schmalen Meinungskorridor der selbstgerechten Schweiz hinauszuwerfen, finden sie Kulturraum in den Beizen und Kellern der Altstadt. Wie 200 Jahre vorher die Berner Aristokratin Julie Bondeli einen Kreis für helle Köpfe ins Leben gerufen hat, um Ideen der Aufklärung diskutieren zu können, versammelt sich nun um den Reformpädagogen Fritz Jean Begert eine Gruppe junger Leute, um mit Vorträgen, Lesungen und Gesprächen voneinander lernen zu können. Man nennt sich «Kerzenkreis» und trifft sich zuerst in Altstadtbeizen, ab 1957 im Keller der Kramgasse 16.
Als sich dieser Kreis spaltet – ein Teil der Leute bleibt bei Begert, ein Teil zieht mit Sergius Golowin weiter – sucht die neue Gruppe einen zweiten Versammlungsraum und findet ihn im Keller der Junkerngasse 37. Ab 1964 finden in dieser «Junkere 37» wöchentlich literarische und politische Veranstaltungen statt. Wer hier verkehrt, muss sich als «Nonkonformist» beschimpfen lassen, bis das Wort nach Mitte der 1960er Jahre zum Ehrentitel für helle Köpfe wird.
Neue Ideen in vielen Altstadtkellern
Auch Theater- und Kunstschaffenden wird der Konformismus der Oberwelt zu eng, und auch sie finden Kulturräume im Untergrund der Altstadt:
Bereits seit 1949 gibt es an der Kramgasse 70 das «Theater der untern Stadt», Anfang der 1960 Jahre wird daraus kurzfristig das Laien- und Studententheater Arlequin, ab 1962 das Theater am Zytglogge. 1953 öffnet das «Kleintheater Kramgasse 6» (ab 2004: ONO). Als Teil dieses Kellertheaters startet 1958 Bernhard Stirnemanns «Rampe», die sich 1961 im Keller der Kramgasse 55 niederlässt. Ab 1966 gibt es an der Spitalgasse 4 das Theater am Käfigturm, ab 1970 an der Badgasse 1 das Theater im Zähringer, ab 1978 an der Kramgasse 4 das Theater 1230.
Die Kunstszene ist schon früh unter- und oberirdisch aktiv: Oberirdischen Raum hat sie spätestens seit 1961 dank Harald Szeemann in der Kunsthalle – nebst den kulturpolitisch wichtigen Stammtischen im «Café du Commerce», etwa um die Kunstmalerin Meret Oppenheim oder den Kulturphilosophen Jean Gebser. Mindestens teilweise unterirdisch entwickelt sich die Galerienszene: zum Beispiel ab 1953 die Galerie 33 an Gerechtigkeitsgasse 33, ab 1964 die Galerie aktuell an der Kramgasse 42, ebenfalls ab 1964 die Galerie Gerber, zuerst am Nydeggstalden 24, später an zwei Adressen der Gerechtigkeitsgasse, ab 1966 die Berner Galerie an der Kramgasse 7, ab 1968 die Galerie Krebs an der Kramgasse 54, später an der Münstergasse 43.
Und nicht zu vergessen nimmt 1974 an der Kramgasse 26 das Kellerkino seinen Betrieb auf.
Der Schritt an die Oberwelt
Im April 1970 wird die unterdessen weit über Bern hinaus bekannte «Junkere 37» wegen Eigenbedarfs gekündigt. Die SubkulturaktivistInnen um Sergius Golowin ziehen an die Münstergasse 14, wo der Treffpunkt unter dem Namen «Stärnekeller» noch bis 1975 weitergeführt wird.
Aber unterdessen begnügen sich jene, die im Austausch mit anderen neuen Ideen zum Durchbruch verhelfen wollen, nicht mehr mit dem altstädtischen Untergrund. Man spricht jetzt sowieso von «Underground» und meint damit die «Gegengesellschaft», der viele durch 1968 Inspirierte angehören wollen. Im April 1973 kommt es am Forstweg in der Länggasse zur ersten Hausbesetzung in der Stadt Bern. So wird die Frage nach Kultur- und Wohnraum auch in Bern oberirdisch. Im Herbst 1981 wird für ein halbes Jahr die Reitschule auf der Schützenmatte als «Autonomes Jugendzentrum» eröffnet. Bald darauf entsteht auf dem Gaswerkareal das Hüttendorf Zaffaraya, deren BewohnerInnen ein Manifest verfassen, in dem unter anderem zu lesen ist: «Kultur heisst: Essen, Wohnen, Arbeiten, Denken, Fühlen, Träumen, zämä sii, zämä rede… Kultur heisst Leben.»
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Das waren noch Zeiten. Unterdessen erinnern sich nur noch wenige an den Aufbruch im Untergrund von Bern, und die Keller der Altstadt sind hinunter bis fast aufs Aareniveau totalsaniert und subkulturresistent. Um im Austausch mit anderen auf neue Ideen zu kommen, torkeln neugierige Jugendliche heute örtlich und zeitlich desorientiert mit Stöpseln in den Ohren durch den Supermarkt, zu dem die Berner Altstadt geworden ist. So geht gesellschaftlicher Fortschritt ohne Nonkonformismus. Für Lust auf neue Ideen und gleiche Augenhöhe sind Google, Facebook und Konsorten aber die falsche Adresse. «Zämä sii, zämä rede…»: eigentlich keine schlechte Idee (wenn auch nicht mehr ganz neu).