Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03458.jsonl.gz/2236

Detroit ist eine Autostadt. Diese lapidare Feststellung bezieht sich nicht allein auf die Tatsache, dass dort Autos entwickelt und gebaut werden, sie bezieht sich ebenfalls auf das Transportsystem. Geschaeftsreisende sind in den meisten Faellen gut beraten, am Flughafen ein Auto zu mieten. Ein anderes Verkehrsmittel neben dem Wagen gibt es kaum.
"Detroit ist vermutlich die grösste Stadt der Welt ohne Massenverkehrsmittel", so Barbara Gattorn von der lokalen Handelskammer. In der Tat: Vom Flughafen führt kein Zug in die Stadt. Man hat ein Taxi zu nehmen, welches nach Downtown gegen die 30 Dollar kostet. Der Kleinbus der Commuter Transportation Co. macht es fuer 14 Dollar. Detroit hat auch keine Untergrundbahn und das Bussystem kann man einem "Fremden" kaum zumuten. Und doch: Es gibt einen "People Mover", der 20 Meter über dem Erdboden um die Häuser der Innenstadt kurvt. In 15 Minuten hat er die Runde gemacht und 13 Stationen bedient. Diese "Übergrundbahn" wird Taxi und Auto nur dann ersetzen, wenn man allein im Stadtzentrum zu tun hat, was etwa bei Kongressteilnehmern der Fall sein dürfte.
Dominierende Industrie
Meist ist man aber auf ein Auto angewiesen, weil sich das Business nicht auf ein klar abgestecktes Feld konzentriert. Wo ist es demnach zu finden? "Ganz einfach, überall in der Stadt", belehrt Gattorn. Mit Stadt meint sie nicht bloss den politischen Bezirk Detroit, sondern die gesamte Metropole. Der Finanzdistrikt konzentriert sich auf den Downtown-Bezirk: Ford ist in Dearborn, auch Ford-Country genannt. Chrysler mit seinem neuen Hightech-Center findet man in Auburn Hills: GM in Warren und all die kleinen, mittleren und grossen Unternehmen der Autobranche sind überall anzutreffen. Man findet kaum Betriebe, die nicht im Zusammenhang mit der Autoindustrie in diesem Ballungsgebiet stehen. Dabei gibt es grössere Konzentrationen in Southfield, Troy und neuerdings auch in Novi. Der Honorarkonsul der Schweiz, Karl
Pfister, wirkt in Rochester Hills, 25 Meilen vom Stadtzentrum entfernt. Die Distanzen sind beträchtlich, entsprechend auch die Taxipreise.
Überall dort, wo sich mehrere und groessere Firmen ansammeln, lassen sich auch die Hotels nieder. Marriott beispielsweise führt in Dearborn, Troy, Southfield, Livonia und am Flughafen je einen Betrieb, nicht aber in Downtown. Hyatt ist in Dearborn, Sheraton in Novi und Radisson in Southfield, Downtown sowie am Airport zu finden. Die Hilton-Fahne weht in Troy, Novi und Auburn Hills. Ferner sind in der Detroit-Metropole insgesamt 15 Holiday Inns vertreten. Als beste Adressen gelten das Ritz-Carlton und das Hyatt in Dearborn. Wer kleinere Betriebe mit einem persönlicheren Service vorzieht, wird in Townsend in Birmingham absteigen. Es ist das Hotel, welches der Schweizer Konsul Pfister seinen Freunden empfiehlt. Birmingham ist in Detroit schon fast ein Unikum. Dieser Flecken umgibt sich mit dem Flair einer Kleinstadt mit Gehsteigen, Läden, Restaurants und lebhaften Strassen.
Wohnt man aber in Bezirken wie Troy, Dearborn oder Livonia, darf man für die Abendunterhaltung keine Ansprüche stellen. Wohl gibt es überall in vernünftiger Reichweite gute bis sehr gute Restaurants. Vernünftig heisst 10 Fahrminuten mit dem Taxi oder eben mit dem Mietwagen. Das angeblich beste Fischrestaurant, Charley's Crab, liegt in Troy. Ebenfalls empfohlen wird etwa das Machus Red Fox in Birmingham. Mehr als Restaurants haben aber diese Gegenden kaum zu bieten.
Wer gerne einen Abendbummel macht oder Strassen sucht, wo sich Restaurants aneinanderreihen, wird etwa in Royal Oak, Pontiac oder - wie gesagt - Birmingham im Norden der Stadt, oder aber in Downtown, das heisst in Greektown, fündig. Wie der Name sagt, sind dort hauptsächlich griechische Restaurants zu finden. Auch eine Bouzoukibar wird an die letzten Hellas-Ferien erinnern. Wem aber der Sinn nicht nach Olivenöl und Feta steht, sei das Fishbone's mit seinen "Cajun"-Spezialitäten empfohlen, eines der besten Restaurants der Stadt. Es besticht durch seine originelle Dekoration und ungezwungene Atmosphäre. Ebenfalls in Greektown befindet sich die mexikanische Loco Bar, ein Treffpunkt der Schweizer Schlachtenbummler während der Fussball-Weltmeisterschaft. Stellt man jedoch kulinarisch hohe Ansprüche, muss man das Stadtzentrum verlassen. Es sei nicht verschwiegen, dass vom Besuch der Downtown-Gegend in manchen Fällen aus Sicherheitsgruenden abgeraten wird.
"Executive Level"
In der Downtown-Aera gibt es drei grössere Hotels: Westin, Omni und das Radisson Pontchartrain. Alle drei sind auf den Kongresstourismus ausgerichtet. Das Kongresszentrum Cobo ist von allen zu Fuss zu erreichen. Beim Westin beispielsweise machen Kongressteilnehmer 80 Prozent der Belegung aus. Dieses Westin ist Teil des Renaissance-Centers mit seinen fünf runden Glastürmen, 75 Läden, Restaurants und unzähligen Büros. Der Turm in der Mitte, der Hotelturm, ragt 73 Stockwerke in den Himmel. Er wird von vier kleineren Wolkenkratzern umrahmt. Zuoberst im Turm befindet sich das Drehrestaurant Sky-Summit mit herrlichem Rundblick ueber Detroit und den Detroit-River. Für einen Aperitiv oder Schlummertrunk ist ein Abstecher in die Höhe durchaus zu empfehlen. Die Preise fürs Essen vermöchten aber selbst in New York Wohnhafte zu erschüttern. Das billigste Entree - wie man in den USA den Hauptgang nennt - heisst Fettucine Alfredo und kostet 28 Dollar. Hat man Pech, sind die Teigwaren erst noch kalt.
Die Architektur im Westin ist alles andere als konventionell und gibt dem Ganzen einen speziellen Reiz. Die Atmosphäre hingegen wird wegen dem vielen Beton oft als kalt empfunden. Ebenfalls etwas kalt scheint der Service zu sein, sollte ein dreitägiger Augenschein vor Ort ein gültiges Urteil zulassen. Vielleicht ist an jenem Wochenende einfach vieles schiefgelaufen, wie das manchmal in der Hotellerie vorkommt. Vielleicht macht die Gewerkschaftsstadt Detroit dem Management die Arbeit auch nicht leicht. Doch wer für einen Aufpreis von 25 Dollar im "Executive Level" uebernachtet, dürfte ohnehin besser bedient sein. Dort vermag der Concierge die Wünsche der Geschäftsleute besser zu erfüllen. Auf dem "Executive-Level" befindet sich auch ein Business-Zentrum mit PC's, Drucker und Fax-Geräten.
Auf das Unterhaltungsangebot angesprochen, meint Barbara Gattorn von der Handelskammer: "Wir sind eine Sportstadt. Wir haben die Red Wings (Eishockey), Tigers (Baseball), Lion's (Football) und Pistons (Baskettball). Die Stadien für Eishockey und Baseball liegen an der Grenze von Downtown, der Silverdome der Lion's hingegen, wo die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft ihre ersten WM-Spiele ausgetragen hatte, liegt in Pontiac, 30 Meilen noerdlich des Zentrums."
Ford-Country
Ferner gibt es in Downtown einige Museen. Auch das Detroit-Symphonie-Orchester spielt in der Innenstadt. Und schliesslich erfreut sich die Autostadt seit kurzer Zeit einer neuen Attraktion: Das Casino in Windsor. Genau gesagt liegt diese neue Spielerstätte nicht in Detroit. Ja sie liegt nicht einmal in den USA. Windsor auf der anderen Seite des Detroit-Rivers ist kanadisch. Dieses Windsor ist über die Brücke oder durch einen Tunnel zu erreichen. Den Detroiter Taxis ist es erlaubt, hinueberzufahren. Und in diesem Windsor wird nun allerhand Anrüchiges angeboten, was in den Vereinigten Staaten verboten ist. Nicht zu vergessen schliesslich das Henry Ford-Museum in "Ford-Country". Das flächenmaessig groesste Museum der Vereinigten Staaten erzaehlt die Entwicklung von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft. Es ist zweifellos die bedeutendste Sehenswürdigkeit der Stadt. Böse Zungen behaupten, es sei auch die einzige.
Erschienen in der Handelszeitung am 20. Oktober 1994