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Red. Aus Anlass von 250 Jahren Ludwig van Beethoven, der 1770 in Bonn geboren wurde, hat die Deutsche Telekom mit Hauptsitz ebenfalls in Bonn einigen IT-Spezialisten den Auftrag gegeben, Beethovens «Zehnte» mit Hilfe Künstlicher Intelligenz zu «vollenden». Die Uraufführung dieser «Zehnten» fand – coronabedingt mit einem Jahr Verspätung – im Rahmen einer Telekom-PR-Veranstaltung am 9. Oktober ebenfalls in Bonn statt. Leo Ensel, der über Dutzende Jahre hinweg als Trainer für interkulturelle Kommunikation gearbeitet hat, hat sich nun auch die Differenz zwischen der Kultur der originalen Komponisten und der «Kultur» der Künstlichen Intelligenz etwas näher angeschaut und angehört. Seine Analyse hier als Gastbeitrag. (cm)
Mehr als anderthalb Jahrhunderte lang galt sie als das «Loch Ness» der Beethovenforschung: die geheimnisumwitterte Zehnte Sinfonie. Zwar hatte Beethoven selbst noch acht Tage vor seinem Tode, am 18. März 1827, der Londoner Philharmonischen Gesellschaft, die seinerzeit den Auftrag für seine Neunte gegeben – und ihm gerade mit einer Überweisung von 1000 Gulden Konventionalmünze (100 Pfund Sterling) großzügig * aus der krankheitsbedingten finanziellen Patsche geholfen – hatte, Folgendes mitgeteilt: «So verpflichte ich mich, der Gesellschaft dadurch meinen wärmsten Dank abzustatten, indem ich ihr entweder eine neue Sinfonie, die schon skizziert in meinem Pulte liegt, oder eine neue Ouvertüre oder etwas anderes zu schreiben mich verbinde, was die Gesellschaft wünscht.» Sechs Tage später schrieb Beethovens langjähriger Sekretär Anton Schindler an Ignaz Moscheles, den Verbindungsmann zur Philharmonie, nach London: «Unter der Feder hatte er ein Quintett für Streichinstrumente und die zehnte Symphonie, deren er in Ihrem Briefe erwähnt. Die Tage nach Erhalt Ihres Briefes war er äußerst aufgeregt und sagte mir viel von dem Plan einer Symphonie, die jetzt umso größer ausfallen würde, weil er sie für die Philharmonische Gesellschaft schreiben werde.»
Und von Beethovens Adlatus der letzten Jahre, Karl Holz, schließlich stammt gar die Überlieferung, Beethoven habe die neue Sinfonie nicht nur «im Kopfe fertig» gehabt, sondern sie ihm sogar auf dem Klavier vorgespielt: «Beethoven spielte die 10. Symphonie vollständig am Klavier, sie lag auch in allen Teilen in Skizzen vor, aber von Niemandem außer ihm zu entziffern.» Der erste Satz habe den Rahmen des Üblichen gesprengt: Er habe mit einem sanften, lyrischen Andante in Es-Dur angehoben, dem ein stürmisches Allegro in c-Moll und eine Wiederkehr des Andante-Themas gefolgt seien.
Die Entdeckung der Skizzen – nach 150 Jahren
Allerdings wurde die von Beethoven erwähnte, angeblich «in seinem Pulte liegende», skizzierte Sinfonie niemals gefunden, sodass sich im Laufe der Zeit in der Beethovenforschung die Meinung verfestigte, die Zehnte habe, wenn überhaupt, bestenfalls im Kopf des Komponisten existiert. Dies begann sich erst in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu verändern, als im Zuge einer verfeinerten Skizzenforschung – Beethoven, dessen Werke alle, wir greifen vor, einen komplizierten Entstehungsprozess durchlaufen mussten, hat zwischen 7.500 und 10.000 Skizzenblätter hinterlassen – die renommierten Beethovenforscher Sieghard Brandenburg und Barry Cooper beim genauen Studium der überlieferten Skizzen aus Beethovens letzten 15 Lebensjahren, besonders zwischen 1822 und 1825, insgesamt 350 Takte zur Zehnten Sinfonie identifizieren konnten. Die meisten davon, 250 Takte, kein Fragment länger als 30 Takte, beziehen sich auf den geplanten ersten Satz – und weisen verblüffende Übereinstimmungen mit den überlieferten Angaben von Karl Holz auf!
Die identifizierten Takte haben es durchaus in sich. Ihnen lassen sich immerhin folgende bemerkenswerte Informationen entnehmen: Die Sinfonie sollte, wie von Holz notiert, in Es-Dur stehen, Beethovens heroischer Tonart, in der er auch seine bedeutendsten musikalischen Auseinandersetzungen mit Napoleon – die «Eroica», das 5. Klavierkonzert sowie, in der Paralleltonart c-Moll, die «Schicksalssinfonie» – geführt hatte. Das Andante des geplanten ersten Satzes verrät deutliche Anklänge an das Thema des zweiten Satzes seiner Klaviersonate in c-Moll, der «Pathétique» von 1798, ebenso wie an das des ersten Satzes seiner dritten Cellosonate, op. 69 von 1808. Die zweifellos größte Überraschung aber: In den Entwürfen zum Scherzo des dritten Satzes wird das berühmte Klopfmotiv des Eingangssatzes seiner Fünften wieder aufgegriffen! Alles bei Beethoven beileibe kein Zufall und keineswegs ungewöhnlich. Ist doch sein Gesamtwerk immer wieder mit einem Karst verglichen worden, wo scheinbar versickerte thematische Unterströmungen Jahre, gar Jahrzehnte später in anderen Zusammenhängen und veränderten Erscheinungsformen plötzlich wieder auftauchen.
Was über die Zehnte mittlerweile bekannt ist
Spätestens seit den bahnbrechenden Recherchen des britischen Musikwissenschaftlers Barry Cooper, der neben einem Beethoven-Kompendium auch das Standardwerk «Beethoven and the Creative Process» verfasste, steht mittlerweile zweifelsfrei fest:
Im Juni 1817 hatte Beethoven über seinen damals in London lebenden Jugendfreund Ferdinand Ries den Auftrag erhalten, zwei Sinfonien für die dortige Philharmonische Gesellschaft zu komponieren – eine von ihnen wurde die Anfang Mai 1824 in Wien uraufgeführte berühmte Neunte. Beethoven verpflichtete sich in seiner Antwort vom 9. Juli «2 große Sinfonien ganz neu komponiert» zu liefern und mit der Arbeit sofort zu beginnen und schrieb Ries anderthalb Jahre später, am 30. Januar 1819, nach London, Teile der beiden Sinfonien seien bereits fertig. (Dass allein die Fertigstellung der Neunten noch bis Anfang 1824 dauern sollte, ist der Tatsache geschuldet, dass Beethoven parallel dazu noch solche Riesenwerke wie die drei letzten Klaviersonaten, die Diabelli-Variationen und vor allem seine Missa Solemnis verfasste.) 1820 jedenfalls waren Gerüchte, Beethoven arbeite gerade an zwei Sinfonien, schon bis nach Breslau gedrungen, wie eine entsprechende Rückfrage des dort lebenden Franz Xaver Gebauer an Beethoven in dessen Konversationsbuch vom selben Jahr beweist.
Die ersten substanziellen Skizzen für die Zehnte Sinfonie datieren laut Cooper von Oktober 1822. Sie weisen bereits den von Holz beschriebenen Grundaufbau des ersten Satzes – lyrisches Andante, stürmisches Allegro und Wiederkehr des Andante – auf und enthalten Gedanken für die späteren Sätze. Variierte Versionen der Ideen zum ersten Satz finden sich auf einem Blatt vom Frühjahr 1824, kurz nach Vollendung der Neunten, sowie auf einem Blatt von Oktober 1825, das auch das, vermutlich für den dritten Satz vorgesehene, an die Fünfte erinnernde Klopfmotiv – und wie diese Sinfonie in c-Moll! – enthält.
Grundsätzliche Probleme der Rekonstruktion …
Soweit die recht überschaubare Quellenlage. Aus der sich zwingend die skeptische Frage ergibt, was sich überhaupt und wie rekonstruieren lassen könnte – vorausgesetzt, man würde sich an ein solches Projekt heranwagen!
Ein Vergleich mit anderen unvollendeten Werken großer Komponisten ermöglicht es immerhin, die zu bewältigenden Schwierigkeiten und Grenzen eines solchen Projektes genauer zu umreißen. Mozarts Requiem beispielsweise ist ein allerdings recht weit entwickelter – zwei Drittel des Werkes stammen vom Komponisten – Torso geblieben. Eine Tatsache, die zwar nicht unbekannt ist, die man sich dennoch beim Hören nur selten vergegenwärtigt. Vervollständigungsversuche reichen hier bis in unser Jahrhundert.
Von Schuberts berühmter «Unvollendeten» existiert zwar ein – abgebrochener – Entwurf für einen dritten Satz, allerdings plädieren viele Musikwissenschaftler dafür, die Finger davon zu lassen, da dieser gegenüber den beiden Eingangssätzen qualitativ stark abfällt. Was vermutlich auch der Grund dafür war, dass Schubert dieses Sinfonieprojekt irgendwann nicht mehr weiterverfolgte.
Gustav Mahlers Zehnte dagegen war, als er starb, vergleichsweise weit fortgeschritten, jedenfalls erheblich weiter als die gleichnamige Sinfonie Beethovens: Neben dem fast komplett vorliegenden ersten und dritten Satz existiert für alle Folgesätze ein vollständiges sogenanntes Particell, d.h. ein notierter Entwurf, aus dem in Gestalt der Melodieführung die Gesamtkonzeption des geplanten Werks klar hervorgeht. In diesem Falle ginge es bei einer Rekonstruktionsarbeit «nur» – bei Mahler allerdings eine Herkulesaufgabe! – um eine «vertikale Vervollständigung», sprich: in die Tiefe der Harmonik. (Die Rekonstruktionsversuche sind entsprechend umstritten.)
… und Beethovens «Schraubengang»
Im Falle der vorliegenden Skizzen zu Beethovens Zehnter muss nun zusätzlich zur dünnen Datenlage noch die sehr spezifische Arbeitsweise des Komponisten in Betracht gezogen werden. Dazu der große Beethovenforscher der DDR, Harry Goldschmidt: «Unter sich, gleichsam mit vorgehaltener Hand, ist von Musikern oft genug bemerkt worden, dass die Natur Beethoven nicht mit vergleichbaren verschwenderischen Fähigkeiten ausgestattet hatte wie etwa Bach, Händel, Mozart oder Schubert. Den sicheren Beweis dafür liefern seine Skizzen. Sie gewähren in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle den Einblick in die harte, oft mühevolle Arbeit, wobei die ersten Einfälle selbst nicht selten so unprofiliert, dürftig und scheinbar so unergiebig sind, dass man, allein auf sie angewiesen, am musikalischen Talent ihres Autors zweifeln müsste. Das Endergebnis in der ersten zusammenhängenden Niederschrift belehrt uns freilich eines anderen!»
Mit anderen Worten: Was die Zehnte betrifft, so bewegen sich die meisten der überlieferten Skizzen noch auf dem «scheinbar so unergiebigen» Niveau der ersten Einfälle. Sie hatten alle «den Schraubengang, den selbst die geringfügigste Komposition nehmen musste» (Goldschmidt) noch vor sich. Beethoven hat ihn selbst so beschrieben: «Ich verändere manches, verwerfe und versuche aufs Neue. Solange, bis ich damit zufrieden bin. Dann beginnt in meinem Kopfe die Verarbeitung in die Breite, Höhe und Tiefe. Und da ich mir bewusst bin, was ich will, so verlässt mich die zugrundeliegende Idee niemals.»
Genau dieser Prozess hätte als Nächstes angestanden. Uns liegt aber noch nicht mal eine «erste zusammenhängende Niederschrift», geschweige denn die werkumfassende «zugrundeliegende Idee» vor. Kurz: Niemand weiß, was Beethoven aus den ersten, oft noch vergleichsweise «dürftigen und unprofilierten» Einfällen zu seiner Zehnten tatsächlich gemacht, welche einschneidenden Veränderungen er möglicherweise – man erinnere sich, welche Mühe es ihn kostete, einen plausiblen Übergang vom dritten Satz zum Chorsatz seiner Neunten zu finden – noch in letzter Minute vorgenommen hätte! Natürlich kann man versuchen, die überlieferten Skizzen aus verschiedenen Jahren halbwegs plausibel zu kombinieren, daraus lässt sich allerdings keineswegs folgern, dass die finale Sinfonie Beethovens tatsächlich auch so oder so ähnlich ausgesehen hätte.
Gelungene Ansätze
Immerhin gibt es bereits seit längerem einen Versuch in dieser Richtung und er scheint, sofern das überhaupt möglich ist, vergleichsweise geglückt. Er stammt von niemand Geringerem als Barry Cooper selbst, der 1988 eine Rekonstruktion des ersten Satzes – er beließ es klugerweise dabei – vorlegte. Cooper verfügte gegenüber allen anderen Musikwissenschaftlern (und erst recht der Künstlichen Intelligenz) über einen entscheidenden Vorsprung: Seine eingehende Kenntnis von Beethovens Stil und Kompositionsmethoden, die er einer jahrelangen akribischen Beschäftigung mit Beethovens Skizzenwerk – allein die Entzifferung der Handschrift ist eine Wissenschaft für sich! – für sein Buch «Beethoven and the Creative Process» verdankt. Laut Cooper basieren zwei Drittel seiner Rekonstruktion direkt auf Beethovens Skizzen, das Übrige habe er aus dem thematischen Material entwickelt. – Mehr scheint beim gegenwärtigen Stand der Quellen definitiv nicht möglich zu sein.
Welcher Dynamit aber bei einem Beethoven selbst in dessen ersten fragmentarischen Einfällen auch nach fast 200 Jahren freigesetzt werden kann, wenn man versucht, ohne philologische Ansprüche auf Rekonstruktion im engeren Sinne in den vorgegebenen Kategorien weiterzudenken, das hat der deutsche Komponist Gerd Prengel anhand der Skizzen des vermutlich für den dritten Satz der Zehnten vorgesehenen Klopfmotivs und des zugehörigen Trios demonstriert. Man sollte sich dieses aufregende Experiment unbedingt einmal anhören!
Das Elend der Künstlichen Intelligenz
Nun also KI. Und zwar im Auftrag der Deutschen Telekom AG. Offenbar wollte man nicht hinter Huawei zurückstehen, die Anfang Februar 2019 mit Künstlicher Intelligenz und dem Smartphone Mate 20 Pro eine abenteuerliche angebliche Vervollständigung von Schuberts «Unvollendeter» präsentiert hatten, von der sich als Bestes sagen ließe, dass sie die Hörer wenigstens vor dem missratenen Scherzoentwurf des realen Komponisten verschonte. Beim Kampf der Giganten glaubte die Telekom offenbar, den Konkurrenten nur noch mit Beethovens Zehnter übertrumpfen zu können. (Warum stattdessen nicht gleich ein Mammut wieder zum Leben erweckt wurde, wird wohl auf ewig ein Geheimnis des Kommunikationsunternehmens bleiben!)
Künstliche «Intelligenz» hat uns schon einiges angetan: Unter anderem wurden wir bereits mit gefakten posthumen Songs von Jimi Hendrix, den Doors, Nirwana und Amy Winehouse oder einem «Bob Dylan», der uns in seiner Mitte-der-Sechziger-Jahre-Stimme den Beginn der Genesis vortrug, traktiert.
Den Aporien eines musikalischen «Mammut-Projektes» wie der Rekonstruktion von Beethovens Zehnter entgeht allerdings auch keine KI. Und die sind sehr simpel: Der grundsätzliche Irrtum der Künstlichen Intelligenz – den selbst zu erkennen sie offenbar nicht intelligent genug ist – besteht schlicht darin, dass auch die elaborierteste KI, wenn überhaupt, mit allen zugrundegelegten Daten und Algorithmen immer nur den Entwicklungsstand des Komponisten zum Ausgangspunkt nehmen kann, den dieser zum Zeitpunkt seines Todes erreicht hatte. In welche Bereiche Beethoven aber, dem das «Weitergehen in der Kunst» als Leitstern seiner Kreativität förmlich eingraviert war, sich als Komponist tatsächlich weiterentwickelt hätte, wie weit und wohin er also, hätte er länger gelebt, «weitergegangen» wäre, das kann auch die entwickeltste «Künstliche Intelligenz» niemals erkunden. Allein die Tatsache, dass Beethoven wenige Tage vor seinem Tode ankündigte, die Sinfonie solle nun nach Erhalt der großzügigen Summe aus London «viel größer ausfallen», sollte zu denken geben. Herauskommen kann daher immer nur ein fader Pseudo-Beethoven!
Wassersuppe und Wiener Allerlei – oder: «Hau’n wir auf die Pauke!»
Und genau das ist passiert.
Bereits der Eröffnungsvortrag des magentafroh beworbenen Events vom 9. Oktober im Bonner Telekom-Forum durch CEO Timotheus Höttges ließ Schlimmes ahnen. Nicht nur, dass das Musikstück bar jeglicher Kritik und Hintergrundwissens schlicht naiv als «Uraufführung der Zehnten Sinfonie Beethovens, vollendet mithilfe von KI» präsentiert wurde. Der Spitzenmanager konnte es natürlich nicht lassen, vor andachtsvoll lauschenden prominenten Vertretern deutschen Geistes- und Kulturlebens wie Gerhard Schröder (samt aktueller Ehefrau) und Johannes B. Kerner zusätzlich zur «Weltmarke Beethoven» und dem Verweis auf «eine 200 Jahre alte Rezession [sic!] von Beethovens dritter Sinfonie» auch noch als Bildungsornament ein Adorno-Zitat einzubauen: «Manche sehr großartige Stücke Beethovens klingen aus der Entfernung nur Bummbumm!»
Konsequenz des Telekom-CEO, Adornos Kritik affirmativ missverstehend: «So gesehen, wäre das größte Lob für den heutigen Abend eigentlich, wenn sich mal wieder einer meiner Nachbarn beschweren würde. Also: Hauen wir auf die Pauke!» Er hätte es noch kürzer im Sextanerslang formulieren können: «Je lauter, desto Beethoven!»
Das Beste, was man über die im Anschluss 22 Minuten lang geköchelte Wassersuppe aus Pseudo-Beethoven, in der lose ein paar echte Fetzen herumschwimmen, sagen kann, ist, dass das Elend wenigstens nur zwei Sätze umfasst. Es geht gleich werbewirksam los mit dem dritten Satz, will sagen: mit dem akustischen Logo der «Weltmarke Beethoven», dem bekannten Tatatataaa-Klopfthema. Das stammt in der Tat, wie das folgende Trio, aus den Skizzen zur Zehnten, wurde aber von der KI recht bieder-hausbacken verarbeitet. Da war die Version des noch altmodisch mit dem eigenen Kopf arbeitenden Komponisten Gerd Prengel erheblich kraftvoller und origineller!
Ist das neunminütige Scherzo noch einigermaßen erträglich, so wird es im gleich nachfolgenden Finale richtig schmerzhaft. Hier wird nun wirklich alles aus der Beethoven’schen Resteküche kunterbunt durcheinander geworfen. Sämtliche Fragmente, derer man noch habhaft werden konnte – ob Beethoven sie später verwarf, um sie anderswo zu verwenden, wie in seinem Gratulationsmenuett op. WoO 3 von 1822, oder ob sie, wie das lyrische Andante und das folgende stürmische Allegro, eigentlich für den ersten Satz gedacht waren –, werden zu einem munteren Potpourri verrührt, wobei die KI und ihre lebenden Betreuer sich nicht gescheut haben, auch noch das Disparateste zusammenzuleimen. Nirgends eine Spur von Beethovens hochentwickelter thematischen Verarbeitungskunst! Und immer wieder wird, weil’s so schön war, auch das Klopfthema nochmal bemüht und schließlich zu Tode geritten. So kommt man über die Runden. Kurz: Serviert wurde von der KI zwar kein Leipziger, dafür aber ein Wiener Allerlei.
Anders formuliert: Das ganze Elaborat ist nichts anderes als eine akustische Leichenfledderei, die ‚irgendwie‘ nach Beethoven klingt. Und man kann nur hoffen, dass es sich nicht auch noch in den Konzertsälen etablieren wird. (Dass man seriöse und akribische Vorarbeiten wie die von Cooper glaubte ignorieren zu können, spricht Bände.) Immerhin redete Dirigent Dirk Kaftan vom Bonner Beethoven Orchester Klartext: «Um es mal kurz zu machen: Das ist kein Beethoven!» Und immerhin konnte ein Teil des Publikums sich an dieser Stelle zu einem zaghaften Applaus aufraffen.
Mensch und Maschine werden ‹Brüder›? – Der heimliche Lehrplan
Auf diesem Hintergrund stellt sich nun zwingend die Frage nach dem Sinn des gesamten «Mondfahrt-Projektes». Ging es wirklich um Beethoven? Diente der Riesenaufwand lediglich der Profilierung eines Unternehmens wie der Telekom? Und warum eigentlich KI, wenn so ein Projekt schon sein muss? Geht nicht auch noch der antiquierte menschliche Kopf, den schließlich auch ein Beethoven – «Hirnbesitzer» titulierte er sich einmal in einem Brief an seinen Bruder – nur zur Verfügung hatte? Zumal sich ja bereits vor Jahren kluge echte Köpfe dieses Projekt vorgenommen, erheblich bessere Entwürfe vorgelegt, aber auch um deren Grenzen gewusst hatten?
Oder geht es hier vielleicht um etwas ganz anderes?
Dass vom Telekom-CEO am Ende seiner Ansprache in peinlicher Analogie zu Schillers Freudenhymne in Beethovens Neunter verkündet wurde, das Projekt sei «ein Mutmacher dafür, dass auch Mensch und Maschine in Zukunft Brüder werden», sollte aufhorchen lassen. Wurde hier versehentlich der wahre Zweck dieses zum Kulturgut aufgeblasenen Werbeevents ausgeplaudert? War der «heimliche Lehrplan im Hintergrund» vielleicht das Salonfähig-Machen von KI? Uns eine «KI mit menschlichem Antlitz» anzudrehen? Vertrauen in eine, angeblich mit uns «verbrüderte», Künstliche Intelligenz zu wecken und zu verstärken?
Wäre KI grundsätzlich so phantasielos und bieder wie bei dem Machwerk, das sich nun kühn «Beethovens Zehnte» nennt, man könnte sich beruhigt zurücklehnen. Aber dem ist nicht so. In den Gehirnen der Forscher und den Laboratorien, namentlich der Rüstungsindustrie, werden genau in diesem Moment ganz andere Produkte ausgebrütet: hybride Verschmelzungen von Mensch und Maschine, Kampfroboter, die selbständig Entscheidungen treffen, autonome Waffensysteme, automatisierte Schlachtfelder, Weltraumwaffen, Superintelligenz – und am Horizont zeichnet sich angesichts von Trägersystemen von nie gekannter Präzision bei gleichzeitiger extremer Verkürzung der Vorwarnzeiten die gespenstische Vision der Delegierung von Sein oder Nicht-Sein des gesamten Planeten an sogenannte «Künstliche Intelligenz» ab.
Die Folgen sind nicht auszudenken.
Conclusio
Kommen wir zum Schluss nochmals zum vergleichsweise harmlosen Feld der Kultur zurück.
Der Komplettierungswahn kennt keine Grenzen und was machbar ist, hat offenbar auch gemacht zu werden. Uns steht also wohl noch einiges bevor. Werden wir demnächst mit «vervollständigten» Michelangelo-Torsi oder posthumen Leonardo-Gemälden belästigt werden? Wird ein virtueller Goethe in nicht allzu ferner Zukunft aus seinem «Faust III» rezitieren? Wird Superintelligenz uns am Ende auch noch stolz Beethovens Elfte präsentieren? – Oder sollte man das alles nicht besser lassen?
Wäre es nicht menschlicher, würde es nicht mehr Reife beweisen, das Unfertige, Unvollendete, Abgebrochene schlicht auszuhalten, statt sich mit faden Surrogaten zuzuknallen? Jedes Leben endet schließlich einmal. Und in den seltensten Fällen rund! Nicht zuletzt das könnte einen jeder Torso lehren.
Kurz: Wer sich mit Surrogaten zufriedengibt, sollte Muckefuck trinken – und sich einbilden, es sei äthiopischer Harrar –, Pornos konsumieren, statt Liebe zu machen und Pseudo-Beethoven als vermeintlich echten genießen. Den Altmodischen, die trotz High Tech und KI immer noch das Authentische präferieren, stehen von Beethoven immerhin 138 Originalwerke mit Opus-Zahlen und zudem über 200 Werke ohne Opuszahlen zur Verfügung.
Das dürfte fürs Erste reichen.
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PS der Redaktion: Auf ausdrücklichen Wunsch des Autors haben wir in diesem Beitrag die deutsche Schreibweise mit einem ß-Scharf-S statt des in der Schweiz gültigen Doppel-S beibehalten, ebenso die abweichende Schreibweise von mehr als dreistelligen Zahlen. Die Argumentation des Autors: Wir würden die Cedille ç der Franzosen und das durchgestrichene ø der Dänen ja auch akzeptieren. Dem Trainer für interkulturelle Kommunikation zuliebe machen wir hier also eine Ausnahme – und auch den Tausenden von deutschen Leserinnen und Lesern zuliebe, die Infosperber mittlerweile aufmerksam mitlesen und für die diese KI-Analyse nicht minder interessant sein dürfte als für uns Schweizer und Schweizerinnen. (cm)
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Dr. Leo Ensel ist freischaffender Publizist.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.