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Karl Anton Postl, der unter dem Pseudonym Charles Sealsfield in die Literaturgeschichte einging, wurde 1793 in Poppitz bei Znaim (heute Znojmo, Tschechische Republik) als eines von zehn Geschwistern in eine Weinbauernfamilie geboren. 1808 bis 1815 studierte er als Zögling des böhmischen Kreuzherrenordens Philosophie und Theologie in Prag, erhielt die Priesterweihe, wurde Sekretär seines Ordens und verkehrte in nationalliberalen Kreisen. Als nach den Karlsbader Beschlüssen die restaurativen Tendenzen zunahmen und sein Lehrer Bernard Bolzano des Amtes enthoben wurde, entschloss er sich zur Emigration. Die Flucht führte ihn über die Schweiz in die USA, wo er den Namen Charles Sealsfield und die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Nach Aufenthalten in New Orleans, Pittsburgh, New York und Philadelphia kehrte er 1826 nach Europa zurück.
1827 erschien sein erstes Buch unter dem Pseudonym Charles Sidons: Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, nach ihrem politischen, religiösen und gesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet, in dem er dem reaktionär erstarrten Europa die dynamisch-republikanischen Verhältnisse der Vereinigten Staates entgegenhielt. 1828 wurde anonym in London Austria as it is, or sketches of continental courts, by an eye-witness veröffentlicht, eine Abrechnung mit dem Regime Metternich. Vergeblich versuchte die österreichische Geheimpolizei, dem Verfasser auf die Spur zu kommen. Im gleichen Jahr erschien, zunächst in Philadelphia, im Jahr darauf in London, der erste Roman, in englischer Sprache geschrieben: The Indian Chief; or, Tokeah and the White Rose. A Tale of the Indians and Whites.
Nach Aufenthalten in London, dann wieder in den USA und vermutlich Mexiko, war er ab 1830 Korrespondent in London und Paris, unter anderem für den Courrier des États-Unis, welcher der Bewegung der Exilbonapartisten nahestand. In dieser Zeit schloss er unter anderem Bekanntschaft mit Heinrich Heine, Ludwig Börne und Walter Scott und bot gleichzeitig, erfolglos, der Geheimpolizei Metternichs seine Dienste an – eine schillernde Gestalt in einer aufgewühlten Epoche. 1833 erschien anonym die stark überarbeitete deutsche Fassung des Tokeah-Romans unter dem Titel Der Legitime und die Republikaner. Eine Geschichte aus dem letzten amerikanisch-englischen Krieg. Damit begann seine schriftstellerische Karriere im deutschen Sprachraum. Er geht in diesem Werk weit über seine Vorläufer Chateaubriand und Cooper hinaus und begründet ein neues Genre. »Statt dass wie früher ... der Held des Romans die Hauptperson war, um den sich die anderen Persönlichkeiten im Rahmen herumreihten, ist hier der Held – wenn wir so sagen dürfen – das ganze Volk«, schrieb er 1854 in einem autobiografischen Brief an Heinrich Brockhaus. Die Gestalt des Häuptlings Tokeah ist in der Romanliteratur wohl die erste eines Indianers, der mit individuellen Zügen gezeichnet wird. Sealsfield baut seinen Roman bewusst als welthistorische Konfrontation auf. Auf der einen Seite steht archaisch und zäh der in seiner Auflehnung bitter und grausam gewordene Miko. Ohnmächtig beharrt er auf dem Überkommenen – sein Recht auf das Land ist durch historische Tradition gegeben, also »legitim«. Ihm gegenüber steht der ebenso unerbittliche, tatkräftige republikanische Staatsmann und Haudegen General Andrew Jackson (Sealsfield hat ihn zeitlebens verehrt). Die Tragödie ist unausweichlich, die Geschichte der indianischen Völker hat sie bestätigt. Jackson, der Sieger der Schlacht um New Orleans, wurde 1829 Präsident der Vereinigten Staaten, er gilt als Begründer der Demokratischen Partei und ging zudem durch seine grausamen Kriege gegen die indianischen Völker in die Geschichte ein.
Mit zahlreichen Romanen und Reisebildern, die alle in den USA und in Mexiko spielen, eroberte Sealsfield in den folgenden Jahren das große Publikum. Schon seinen Zeitgenossen galt er als glänzender Stilist, dessen ungezähmte, zupackende Prosa in der Literatur seiner Zeit allein stand. Insbesondere das seither immer wieder aufgelegte Cajütenbuch trug zu seinem Ruhm bei. Sealsfields Stil wurde nach Tokeah komplexer und feinnerviger – auch wenn er in die Erzählstränge all seiner Werke immer wieder heute überholte völkerpsychologische, geschichtstheoretische und didaktische Erörterungen einflocht.
Nach 1848, dem Durchbruch der liberalen Ordnung in Europa, geriet Sealsfield allmählich in Vergessenheit. 1858 ließ er sich in Solothurn nieder und starb dort 1864 nach einigen Jahren fast einsiedlerischen Lebens. Seine wahre Identität wurde erst durch die Eröffnung seines Testaments enthüllt, weil er darin Mitglieder seiner böhmischen Familie bedachte, die ihn zeitlebens für vermisst gehalten hatten. Die letzten hundert Jahre war die spärliche Forschung zu Charles Sealsfield vor allem biografisch orientiert und durch nationale, gar nationalsozialistische Vereinnahmung verzerrt. Die Internationale Charles-Sealsfield-Gesellschaft in Wien arbeitet durch Forschung und Veranstaltungen an einem modernen Bild dieser literarischen Ausnahmegestalt.
Die vorliegende Lesefassung des Romans beruht auf der zeitgenössischen Ausgabe von 1843. Die äußere Gestalt des Textes (Orthografie, Satzstellung, Wiederholungen etc.) wurde dem heutigen Sprachgebrauch angenähert. Biedermeierhafte Verniedlichungen insbesondere der auftretenden Frauenfiguren, die dem Geschmack der Zeit entgegenkamen, wurden reduziert. Geschichtstheoretische Exkurse wurden kondensiert, aber in Treue zum Autor und seiner Zeit nicht eliminiert. Wesentliche Kürzungen (wie in manchen anderen Ausgaben des 20. Jahrhunderts) erwiesen sich als weder nötig noch sinnvoll. Dieser Roman zeichnete sich in seiner Zeit durch einen noch nie da gewesenen offenen Blick auf die Widersprüche der amerikanischen Siedlergesellschaft und die Tragödie der Indianer aus, er suchte Gerechtigkeit bei der Darstellung ihrer Kultur. Die heutige Leserschaft mit ihrem geschärften Blick mag manche Passage im Rückblick als überholt, ja herablassend empfinden. Jenseits aller Zeitgebundenheit (von Autor wie Leser) bleibt dieser Roman nach der sachten Entstaubung seiner Oberfläche ein packendes Leseabenteuer.