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Spektralfarben der Literatur - Suhrkamp-Verlag wird 70
Brechts «Mutter Courage» ist lila. Judith Butlers «Körper von Gewicht» leuchtet orange. «Die Ermittlung» von Peter Weiss präsentiert sich in hellem Blau. In unzähligen Bücherregalen ist Literaturgeschichte auch ein Spiel der Spektralfarben. Der bildungsbürgerliche Regenbogen aus Romanen, Gedichten oder philosophischen Analysen geht auf den Suhrkamp Verlag zurück, dessen Edition die Farbtupfer setzt. Nicht nur optisch hat der Verlag ein Stück Literaturgeschichte im Nachkriegsdeutschland geschrieben. Am 1. Juli vor 70 Jahren wurde Suhrkamp gegründet.
Die Entwicklung des Verlags ist eng verbunden mit deutscher Geschichte. Peter Suhrkamp wird 1933 von Verleger Samuel Fischer für den Berliner S. Fischer Verlag engagiert. Nach dem Tod Fischers ein Jahr später muss sein Schwiegersohn Gottfried Bermann Fischer mit den Nationalsozialisten nicht genehmen Publikationen ins Ausland gehen. Den verbleibenden Teil des Verlags führt Suhrkamp als «Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer» bis zur Verhaftung durch die Gestapo 1942 weiter.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bekommt Suhrkamp rasch eine Lizenz für einen Verlag, verweigert sich aber der vereinbarten Rückgabe an Fischer. Der Publizist Eugen Kogon, selbst Opfer der Nazi-Verfolgung, vermittelt eine aussergerichtliche Einigung. 33 von 48 Autoren entscheiden sich für Suhrkamp, der Verlag kann mit Werken etwa von Hermann Hesse, T.S. Eliot, Bernard Shaw oder Bertolt Brecht starten. Als Geldgeber fungiert die Schweizer Unternehmer-Familie Reinhart.
1952 beginnt die Suhrkamp-Karriere von Siegfried Unseld, der den Verlag über Jahrzehnte prägen soll. 1957 wird er Gesellschafter, zwei Jahre später nach dem Tod Suhrkamps alleiniger Verleger.
«Der Suhrkamp Verlag verlegt keine Bücher, sondern Autoren», ist einer der markanten Grundsätze, die auf Unseld zurückgehen. Er greift dabei auf Hesses «Siddhartha» zurück: «Du sollst keiner Lehre folgen, sondern deiner selbst!» Zum zentralen Machtanspruch sagt er: «Ein literarischer Verlag braucht eine Identität von materieller und geistiger, literarischer Verantwortung in einer Person.»
Unseld schafft es, ein guten Lektorenteam um sich zu scharen. Suhrkamp gilt in den unruhigen Nachkriegsjahrzehnten als kapitalistischer Verlag mit linker Ideologie.
Im Zentrum stehen jüngere Literatur, aber auch Soziologie und Philosophie, Lyrik, Drama, Briefwechseln, Biografien, Essays, Werkausgaben. Hesse, Frisch, Bernhard, Weiss, Walser, Beckett, Handke, Enzensberger, Adorno, Bloch, Habermas, Sloterdijk - neben einer schier endlosen Reihe männlicher Autoren aber eben auch Ingeborg Bachmann, Christa Wolf oder Marguerite Duras. Der Erfolg Isabel Allendes steht für die Erschliessung lateinamerikanischer Literatur.
Auch heftig umstrittenen Autoren wie Walser oder Handke steht Suhrkamp bei. «Die Loyalität geht weit, denn Freiräume der Literatur und Wissenschaft, des Denkens zu erhalten ist essenziell», sagt Verlagschef Jonathan Landgrebe der dpa. Doch er sieht auch Grenzen. «Deshalb sind wir unter anderem bei Themen, wie Extremismus, Hass und Intoleranz, Antisemitismus oder Rassismus naturgemäss besonders aufmerksam.»
Die kunterbunte Edition Suhrkampf wird sowas wie die Sozialisierung der Literatur. Flowerpower mit Linie. Brecht für alle, Proust für jeden. 1973 bescheinigt der Literaturwissenschaftler (und Suhrkamp-Autor) George Steiner dem Verlag, die «Suhrkamp-Kultur» bestimme «die literarisch und intellektuell führende Schicht Deutschlands». Der Begriff bleibt.
Für Landgrebe hat das auch inhaltlich noch immer Bestand: «Der Verlag ist auch heute eine intellektuelle Institution», sagt der Verleger. «Mit den Autorinnen und Autoren, die ihre Bücher bei uns publizieren, ob in der Literatur oder den Wissenschaften, bündelt sich bei uns bis heute ein gewichtiger Teil des geistig-intellektuellen Lebens dieses Landes.»
Dem Tod Unselds 2002 folgt ein Machtkampf um die Verlagsspitze, in dem sich die Witwe und Suhrkamp-Autorin Ulla Unseld-Berkéwicz durchsetzt. Wenig späte liefert Suhrkamp nicht nur vielbeachtete Programme, sondern auch den spektakulärsten Verlagsstreit der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Gegen den erklärten Willen von Unseld-Berkéwicz übernimmt der Hamburger Medienunternehmer Hans Barlach, Enkel des expressionistischen Bildhauers Ernst Barlach, 2006 die Reinhart-Anteile. Neun Jahre lang werden sich die beteiligten Parteien mit einer schier unüberschaubaren Zahl juristischer Verfahren überziehen. Zu den Ergebnissen zählen der Umzug von Frankfurt nach Berlin, die Umwandlung in eine AG und die damit verbundene Entmachtung Barlachs. Unseld-Berkéwicz sitzt heute dem Aufsichtsrat vor.
Verlagschef Landgrebe sieht das Renommee nicht mehr angekratzt. «Die Auseinandersetzungen sind seit 2015 beendet, das ist jetzt bald sechs Jahre her und das Kapitel ist abgeschlossen». Verlagsprogramm, Resonanz, Preise und Verkaufserfolge zeigten, dass der Verlag «diese Phase unbeschadet überstanden» hat.
Auch keine Lücken im Programm? In Bezug auf Literatur und Wissenschaft ist es für Landgrebe zwar «kein Nachteil», Trends zu verpassen. «Aber schade finde ich, ideell und kommerziell, dass es der Verlag seit den 90er Jahren versäumt hat, Kinder- und Jugendbücher zu veröffentlichen.» Da sieht Landgrebe noch Luft für andere Akzente, «auch mit Blick auf unsere Gesellschaft, die Kinder und frühe Bildung bis heute nicht wichtig genug nimmt».