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"Gibt es ein persönliches Überleben des Todes?" - Der Schweizer Hirn-Anatom und Psychiater AUGUST FOREL, der 1931 starb, antwortete, als man diese Frage an ihn richtete, mit einer in Scherzform gekleideten Verneinung. Er glaube nicht daran, meinte er, denn wenn wirklich der Mensch den Tod als Person überlebe, so würden doch die Ameisen (denen FORELS ganze Forscherliebe galt) keinesfalls in einem Jenseits weiterleben - und ohne seine Ameisen sei ihm ein Leben nicht begehrenswert.
Ein Kollege FORELS, der 1894 verstorbene Anatom JOSEPH VON HYRTL, beantwortete die gleiche Frage aus besserem Wissen mit einem einprägsamen Gleichnis. Er wies darauf hin, dass der Embryo im Mutterleibe, hätte er Selbstbewusstsein und wüsste er im voraus, was beim Vorgang der Geburt mit ihm geschehen würde, diesen Vorgang zweifellos für seine absolute Vernichtung halten müsste: Die ihn umschliessenden Hüllen zerreissen, das Fruchtwasser - sein Lebenselement - fliesst fort, die Nabelschnur, die ihn ernährt, wird zertrennt, und überdies hat er, aller Lebensmöglichkeit beraubt, den erstickenden Sturz durch würgende Enge zu tun. Ja, stünde der Embryo "auf dem Boden der Tatsachen," kein Zweifel, ein "Überleben der Geburt" müsste für ihn indiskutabel sein. Aber er weiss nicht, dass in ihm andere Organe für ein Leben in einer anderen Welt bereits vorsorglich angelegt sind: Lungen, um Luft zu atmen, Augen, um den Kosmos der Farben und Formen zu schauen - mehr noch: diese anscheinend hoffnungslose Vernichtung, der Geburtsakt, ist in Wahrheit der Weg ins eigentliche Leben. Insofern haben wir kein Recht, den Tod, der uns ebenfalls alles Leben zu rauben scheint, aus der lediglich irdischbiologischen Perspektive zu beurteilen. Wir irren dann, wie gedachter Embryo im Hinblick auf die Geburt irren würde.
JOSEPH VON HYRTL arbeitet hier mit einer naheliegenden Analogie, einem naturgegebenen Gleichnis, das uns in ähnlicher Weise das Problem eines persönlichen Überlebens des Todes vor Augen führt wie das weit bekanntere Gleichnis, das uns die Raupe bietet, das kriechende Erdengeschöpf, der "Wurm im Staube": Zu bestimmter Stunde hat die Raupe zu "sterben", sie legt sich in den Sarg - in die tatsächlich sargförmige Puppenhülle - und "verwest' darin, indem durch den Prozess der Histolyse (der Gewebsauflösung) alle ihre Raupenorgane in einen gestaltlos-gleichförmigen Brei verwandelt werden - mit Ausnahme winziger Keimpunkte des Künftigen, von denen her die Umgestaltung einsetzt. Eines Tages öffnet sich der Sarg: Ein Falter, ein farbiges, beschwingtes Äthergeschöpf steigt in die Weiten des Luftmeeres empor ...
Wenden wir uns von dem skeptischen Scherz AUGUST FORELS und von den aufschlussreichen Naturgleichnissen dem zu, was die Jenseitsforschung auf wissenschaftliche, d. h. auf beobachtende und schlussfolgernde Weise über das Weiterleben nach dem Tode erfahren und sichern konnte, so stehen wir vor erstaunlichen Tatsachen: Dieses so umstrittene Tod-Überleben ist nämlich seit langem kein Gegenstand des Glaubens, Ahnens, Meinens und Gleichnisdeutens mehr, sondern ein Gegenstand vielfältigen Wissens.
Obwohl Deutschland seit Jahrhunderten das Land des Wissens um höhere Wirklichkeiten ist - es sei nur an Namen wie PARACELSUS, JAKOB BÖHME, HEINRICH JUNG-STILLING, JUSTINUS KERNER, JAKOB LORBER und CARL DU PREL erinnert -, ist es dennoch ein Jahrhundert lang in so extremem Ausmasse zugleich das Land des plattesten und volkstümlichsten Materialismus und seiner Bastarde gewesen - das Land eines LUDWIG BÜCHNER, CARL VOGT, J. MOLESCHOTT und ERNST HÄCKEL -, dass es, gründlich wie es nun einmal vorgeht, bis zur Stunde den Anschluss an die internationale Jenseitsforschung weitgehend verpasst hat.
Wenn in England ein weltberühmter Physiker und Nobelpreisträger wie SIR OLIVER LODGE ein anerkanntes Werk über das Leben nach dem Tode veröffentlicht - ihm ging mit einer ähnlichen Veröffentlichung sogar DARWINS einstiger Mitkämpfer, der Tiergeograph A. R. WALLACE, voraus -, wenn in Frankreich Gelehrte wie der Astronom CAMILLE FLAMMARION, in Italien der Astronom SCHIAPARELLI, der Psychiater CESARE LOMBROSO und vor allem der kenntnisreiche Spukforscher ERNESTO BOZZANO dem Leben jenseits der Todespforte ganze Lebenswerke widmen, so wird das in diesen Ländern (und auf Nord- und Südamerika trifft dasselbe zu), die seit Jahrzehnten eine systematische okkulte Forschung kennen und anerkennen, genau so ernst genommen wie irgend eine andere wissenschaftliche Veröffentlichung.
In Deutschland haben wir nun seit mehr als einem Jahrzehnt eine literarische Erscheinung grösster, ja bahnbrechender und massgeblicher Bedeutung für dieses Forschungsgebiet. Ich meine das von Dr. EMIL MATTIESEN verfasste dreibändige Werk Das persönliche Überleben des Todes; eine Darstellung der Erfahrungsbeweise, dessen ersten beiden Bände 1936 erschienen; der dritte folgte 1939. Auf nahezu 1300 Seiten ist darin -gestützt auf Erfahrungen und deren streng wissenschaftliche Analyse - die Tatsache des Tod-Überlebens bewiesen: so zwingend bewiesen (Fussnote 1), dass eine Diskussion nur noch mit denjenigen ihrer Leugner lohnt, die diesen Beweis erstens gründlich zur Kenntnis genommen haben und zweitens meinen, ihn irgendwo widerlegen zu können. Obwohl jedoch DR. MATTIESEN offizieller Universitäts-Gelehrter (an der Universität Rostock) war und sein umfangreiches Werk in einem der grössten wissenschaftlichen Verlage der Welt erschien (bei Walther de Gruyter & Co., Berlin), ist es von Deutschlands Wissenschaftlern so gut wie unbeachtet geblieben. Nicht einmal die Theologen nahmen es zur Kenntnis, gleichsam als mindere es ihr Ansehen, wenn im Hinblick auf diese Frage an Stelle eines blossen Glaubens (was hier tatsächlich nur ein Fürwahrhalten bestimmter Ansichten bedeuten würde) ein wohlfundiertes Wissen träte. Hinzu kommt, dass das in jeder Hinsicht epochale Werk bereits vier Jahre nach dem Erscheinen der beiden ersten Bände und ein Jahr nach dem Erscheinen des dritten Bandes von der Geheimen Staatspolizei des damaligen Regimes beschlagnahmt und vernichtet wurde. Der Verfasser dieser Zeilen - damals Schriftführer des inneren Forschungsringes der Deutschen Gesellschaft für wissenschaftlichen Okkultismus in Berlin - konnte noch mit knapper Not nach MATTIESENS Tode (1940) den einzigen Nachruf, der in Deutschland erschien, in der Presse veröffentlichen; dann hatte er selbst in der "Schutzhaft" Gelegenheit, die Auswirkungen des Hasses kennenzulernen, den Materialismus und Biologismus gegen alles ihnen übergeordnet Wirksame hegen.
Als FOREL auf die Ameisen hinwies, die er im Jenseits nicht vorfinden werde, verhielt er sich unwissenschaftlich: er gab nämlich seine vagen Vermutungen zum besten auf einem Gebiet, mit dem er sich niemals forschend beschäftigt und dessen Tatsachen und Befunde er niemals kennengelernt hatte. Auf keinem anderen Gebiet würden Gelehrte dergleichen ohne Einbusse ihres Rufes wagen.
Wäre der sonst so verdienstvolle FOREL über das jenseitige Leben ein wenig orientiert gewesen, so hätte er wissen müssen, dass den Verstorbenen auf der anderen Seite des Seins zunächst "Strandreiche" empfangen, sonderbar traum- und schemenhafte Umwelten, die in gewisser Weise dem entsprechen, was uns der Traum vorgaukelt. Es besteht dabei freilich der Unterschied, dass der Traum sich aus dem inneren Eigenleben des Träumers gestaltet und zugleich flüchtig ist, während jene Strandreiche auch nach dem gestaltet sind, was der in sie eintretende Mensch an inneren Wirklichkeiten mitbringt, jedoch im Gegensatz zum Traum Kollektivgebilde von einer gewissen Dauer darstellen. Es sind gewissermassen Szenerien von zahlreichen verwandten entkörperten (exkarnierten) Individualitäten (innerlich ähnlich veranlagten sogenannten "Toten") zu einer "Wirklichkeit" geträumte Kulissen. Obgleich herkunftsgemäss subjektive, und zwar kollektiv-subjektive Gebilde, haben diese Szenerien dennoch auch ihren objektiven Bestand. Scheinwelten sind es, aber solche von Dauer und nach Art echter Umwelten. Die Tibetaner nennen diese Welten "Bardo", die Theosophen sprechen von einem Leben auf der "Astral-Ebene".
Der noch ganz in seinen einstigen "Erdentraum in Fleisch und Blut" versponnene exkarnierte Mensch lebt nach seinem Tode kürzere oder längere Zeit in diesen Scheinwelten, die sich von seinem Erdenleben oft kaum unterscheiden; so wie wir ja auch im Traum zumeist in einer unserem wachen Alltag recht ähnlichen Umwelt leben. Ein zeitgenössischer theosophischer Hellseher, ERHARD BÄZNER, schildert das auf drastische Weise (in seinem 1920 erschienenen Büchlein Wo sind die Toten?) u. a. so:
" So könnten wir die weitere Frage: Womit beschäftigt sich der Mensch nach seinem Tode? dahin beantworten: Jeder beschäftigt sich nach seinem Tode mit dem Problem oder Gegenstand seines Interesses, mit dem er sich vor seinem Tode beschäftigt hat. Der Forscher ist noch mit seinen Forschungen beschäftigt, der Chemiker macht weitere Versuche in seinem Fach, der Philosoph bearbeitet seine Probleme ... Der Arzt besucht seine Kranken, der Professor sein Kolleg. der Fabrikant seine Fabrik, der Kaufmann schliesst neue Verträge ab, der Rechtsanwalt verteidigt seine Klienten weiter, und der Monist sucht fortwährend den Unsinn eines Glaubens an jenseitige Welten zu beweisen. " In den Scheinwelten bleibt der Exkarnierte solange, bis das aus dem Erdenleben mitgebrachte Unvollkommene, Falsche, Wahnhafte von den gleichfalls mitgebrachten und dort durch neue Impulse verstärkten Kräften zum Vollkommenen, Wahren, Klaren, Gesunden überwunden ist, wodurch der Aufstieg in höhere, vollkommenere Zustände erfolgt. Die Menschen nehmen nach drüben mit, was sie auf Erden an Eigenschaften besessen und nach der positiven oder negativen Seite hin entwickelt haben, und sie müssen drüben nachholen, was sie an der Vollendung ihrer Aufgabe im Erdenleben, nämlich der Ausreifung ihres Menschentums (vom tierähnlichen zum gottähnlichen Zustand) versäumt haben. "Ihr sollt vollkommen sein gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist". Denn das Gesetz der Entwicklung vom Niedrigeren zum Höheren durchwaltet die Welten, wenn auch nicht in der plumpen Weise, wie es eine geistverlassene materialistische Wissenschaft einmal gelehrt hat.
Ähnliche, sehr ausführliche Schilderungen gibt auch JAKOB LORBER in seinem umfangreichen, schreibmedial zustandegekommenen Lebenswerk.
Vielen Menschen unserer Tage mag dergleichen wie ein Witz vorkommen. Es soll aber hier von vornherein mit allem Nachdruck bemerkt werden, dass es sich dabei sowohl um älteste Erkenntnisse der Menschheit. um Erfahrungen okkultbefähigter und geschulter Völker und Einzelpersonen, wie auch um Ergebnisse der modernsten wissenschaftlichen Forschung handelt. In letzter Hinsicht sei besonders auf das Kapitel Schwierigkeiten bezüglich der jenseitigen Umwelt in Mattiesens Werk hingewiesen. In Tibet wird dem Verstorbenen während der wenigen Tage, die er noch in naher Erdbindung zuzubringen pflegt, vom Lama ein Text vorgelesen, der ihn gegen das letztlich Trügerische dieser Scheinwelten wappnen und ihn aus der Verstrickung in sie befreien soll: der Bardo Thödol, das sogenannte Tibetanische Totenbuch (dessen deutsche Übersetzung 1938 im Rascher-Verlag, Zürich und Leipzig, erschien). Mithin ist es nicht ausgeschlossen, sondern sogar wahrscheinlich, dass PROFESSOR FOREL am anderen Ufer des Seins tatsächlich seine geliebten Ameisen wiederfand und sich ihnen weiterhin beobachtend und forschend widmete. Man soll auch als Gelehrter - und erst recht als Gelehrter - nie zu früh irgendeines der grossen Probleme für abgeschmackt und lächerlich halten, nicht einmal die so oft bespöttelte "Unsterblichkeit der Marienkäfer", von der einer der klügsten deutschen Jenseitsforscher, mein 1944 verstorbener väterlicher Freund Dr. FRITZ QUADE, einmal sagte, sie stelle eins der ernstesten Forschungs-Probleme der gesamten Parapsychologie dar.
In der Tat ist die Frage, inwieweit das Tier den Tod individuell überlebt, noch weitgehend ungeklärt. Wenn - um bei unserem Beispiel zu bleiben - ein Ameisenforscher im Jenseits (genauer gesagt: in den Strandreichen) genau wie im Erdenleben Ameisen vorfindet und beobachtet, so ist anzunehmen, dass es sich dabei nicht um exkarnierte Tiere, d. h. um aus der irdischen Verkörperung ausgestiegene Tier-Geister, sondern um magisch vom verstorbenen Menschen erzeugte Astralgebilde handelt. Um es ganz krass auszudrücken: Die mit der Leidenschaft des Ameisenbeobachtens ausgestatteten Menschen erbilden - denn Leidenschaft, Vorliebe und Wunsch wirken magisch-zeugend im Astralen - nach dem Tode, wenn die "Strandreiche" ihre erste einstweilige Jenseitsheimat sind, dort Scheingebilde von jenem subjektiv-objektiven Wirklichkeitswert (in unserem Falle Ameisen), der diese Strandreiche kennzeichnet und sie einerseits vom nur subjektiven Gelände des Traumes und andererseits vom anscheinend objektiven Gelände der Diesseitswirklichkeit unterscheidet. Es wären also keine irdischen Ameisen als überlebende, sondern astral verdinglichte Wunschmagie-Gebilde.
Jedoch davon abgesehen, ist die Frage durchaus offen, ob nicht auch Tiere als solche ihren Tod überleben. Tiere als Spuk-Agenten sind der Spukforschung in zahlreichen Fällen bekannt, so dass man annehmen darf, es überlebe auch das Tier zumindest in bestimmten Fällen und für eine bestimmte Zeit seinen Tod. Die Theosophie lehrt, dass Tiere nicht individuell diesen Tod überleben, sondern nach ihrer Exkarnation in die Gruppenseele eingehen, so wie sie schon hier auf Erden gar nicht individuell leben, sondern gleichsam von der Weisheit der Art, der sie angehören, gelebt werden; aber zugleich weiss die Theosophie (H. P. BLAVATSKY, ANNIE BESANT, C. W. LEADBEATER, C. JINARAJADASA u. a.), dass die Tiere - insbesondere im Banne des Menschen, vornehmlich also die Haustiere - unterwegs zur Individuum-Werdung sind. Ich habe in meinem tierpsychologischen Handbuch Tierseele und Schöpfungsgeheimnis (Rupert-Verlag, Leipzig 1940) - im Kapitel Das Tier im Banne des Menschen - alles Material zusammengetragen und gedeutet, was unter dem genannten Gesichtspunkt aufschlussreich ist.
Die von der Theosophie gespeiste und alsdann abgefallene Anthroposophie RUDOLF STEINERS leugnet mit dogmatischer Härte, dass Tiere einen Individualitätskern erreichen können; der komme nur dem Menschen zu. So gibt es denn in der Anthroposophie nur die Gruppenseele als Schlüssel zum Verständnis der Tierheit. Wer aber z. B. Hunde oder Katzen hält und aufzieht, kann deutlich beobachten, wie ein Wurf junger Tiere bereits kurz nach der Geburt in prägnant unterscheidbare Einzelwesen von ausgesprochenen Charakter-Eigentümlichkeiten zerfällt; dass hier das Principium individuationis, das Werdegesetz des Einzelwesens, waltet und wirkt, kann nur der in vorgefassten Meinungen Befangene leugnen.
So ist es durchaus wahrscheinlich, dass ein bereits fortgeschritten individualisiertes Tier seinen Tod wesentlich länger überlebt als ein noch ganz im Sein der Gruppenseele verharrendes; aber auch dieses - der Maikäfer z. B., von dessen Unsterblichkeit wir ausgingen - tritt ja hier im Diesseits als Einzelgeschöpf auf. Da müsste er denn geradezu in die Gruppenseele zurückschnellen, wenn wir annehmen wollen, dass ihm überhaupt keine Phase des Tod-Überlebens als Einzelgeschöpf zukommt. Weit näher liegt, dass er in die Gruppenseele zurückgleitet, d. h. dass auf seinem nachtodlichen Wege zu ihr sein Gepräge als Einzelwesen allmählich aufgelöst wird.
Im Prinzip träfe dann auf ihn Ähnliches zu - wenngleich nur skizziert und im Eiltempo gleichsam - wie auf den todüberlebenden Menschen. Auch dieser ist ja nicht "unsterblich" schlechthin. Sein physischer Leib verwest oder wird verbrannt, seine Lebenskräfte (der "Ätherleib" im Sinne der Theosophie) werden verhältnismässig rasch aufgelöst, sein Astral-Organismus ist von weit längerer Dauer, bis auch er sich schliesslich ähnlich wie der physische Leichnam abstreifen lässt und der eigentliche Mensch höher und höher steigt. Nach der Geheimlehre aller Zeiten und Zonen gibt es - noch weit über das "Ich" und das "höhere Selbst" hinaus eine Letzt-Instanz im Menschenwesen, die wesenhaft mit dem Göttlichen (Atma) identisch ist. Vom Atma-Wurzelgrunde her (denn der Mensch wurzelt seinem Wesen nach hoch droben im Göttlichen und ragt mit seiner irdischen Erscheinung von Seins-Ebene zu Seins-Ebene bis ins Diesseits herab) ist die geheimnisvolle Einheit alles Seins gewährleistet. Das höchste, letzte Geprägtsein als ewiges Ich-bin ist eingefügt in eine Allheit, von der die Mystiker künden. Sie zu erreichen, ist ein Hochziel des Menschentums. Alles, was unterhalb dieses Hochziels liegt, ist in gewisser Weise "sterblich", auch wenn es den Tod noch so lange und noch so intensiv überlebt - auch wenn es, im Kern unverändert, von Verkörperung zu Verkörperung durch die Zeiten wandert. ( ... )
Absichtlich habe ich gleich zu Beginn unserer Erörterungen das anstössig Massive dargestellt, das sich aus einer okkulten Erkenntnistätigkeit für den Menschen ergibt. Wir sind in Deutschland heute so zögernd und mühselig auf diesen Gebieten geworden, dass allein schon die längst gesicherte Tatsache der Gedankenübertragung (Telepathie) und der aussersinnlichen Wahrnehmung vielen Menschen als Resultat unseres Forschungszweiges genügt, obwohl wirkliche Früchte geheimwissenschaftlichen Strebens, echte Lebens-Fruchtbarkeiten, erst dort geerntet werden können, wo man über die Anfangsgründe hinausgeht.
Hat die Beschäftigung mit unserem Gebiet mannigfache Resultate, so ist eines davon für jedermann gewiss: Man verliert seine Vorurteile, seine Beschränktheiten. "Ohne die jenseitige Welt ist die diesseitige ein trostloses Rätsel", sagt AUGUST STRINDBERG im Blaubuch. Das trostlose Rätsel wandelt sich dem, der die geheimwissenschaftlichen Einsichten und Erleuchtungen kennenlernt, in ein lebendiges Sinngefüge.
Freilich ist es dabei notwendig, die Angst vor Worten zu verlieren - auch wenn Journalismus, Witzelei und Schlagwort-Wirtschaft solche Worte jahrzehntelang in Misskredit gebracht haben. Okkultismus heisst eines dieser Worte. Ich verwende es - nachdem der grosse AGRIPPA VON NETTESHEIM, der Systematiker des Magischen im Reformationszeitalter (1486-1535), es einführte - nicht nur aus traditionellen Gründen gern; es bezeichnet das Wissen um das (gemeinhin) Verborgene, um die Wirklichkeit hinter dem Schleier. Heute redet man lieber von Meta- oder Parapsychologie, jedoch das ist ein viel zu enger Begriff. "Psychisch" und in der (okkulten) Verlängerungslinie des Psychischen kann nur ein Bruchteil der geheimwissenschaftlichen Phänomene gefunden werden. ( ... )
Jedoch der Sammelname "Okkultismus" umfasst die Gesamtheit der geheimwissenschaftlichen Disziplinen: Theosophie (etwa im Sinne JAKOB BÖHMES, SWEDENBORGS oder der modernen indisch-europäischen Theosophie) ebenso wie Mystik, Magie ebenso wie Alchymie, Spiritismus ebenso wie Odforschung, Einweihungs- und Geheimlogen-Wesen ebenso wie experimentelle parapsychische Forschung usw.
Spiritismus ist ein weiteres Wort, gegen das man sich vorurteils-immun machen muss. In der Regel versteht man darunter Totenbefragungen, Geisterzitierungen (Offenbarungs-Spiritismus), Tischrücken und dergl. Diese Phänomene sind aber nur Nebenerscheinungen - manchmal fragwürdiger Art - , die nicht den eigentlichen Inhalt des Begriffes Spiritismus ausmachen. An sich bedeutet dieses Wort ganz einfach jene Erkenntnis, die von einem persönlichen Überleben des Todes weiss.
Animismus ist der Gegensatz zu Spiritismus: die Anschauung derjenigen Okkultisten, die zwar okkulte Phänomene kennen und anerkennen, sie jedoch ausschliesslich auf das telepathische, magische oder sonstwie paranormale Vermögen Lebender zurückführen. Die Spiritisten haben insofern das grössere, weitere und wirklichkeitsgerechtere Weltbild, als sie selbstverständlich auch die zahlreichen animistisch zu deutenden Phänomene als solche anerkennen, aber darüber hinaus noch jene Phänomene, deren Agent ein Entkörperter, ein sogenannter Toter ist.
Medium ist ebenfalls ein viel diskreditiertes und missverstandenes Wort. Insbesondere die anthroposophische Propaganda hat die Vorstellung verbreitet, ein Medium sei ein minderwertiges, in der künstlich erzeugten Bewusstseinstrübung (Trance) lediglich zum Telefon unkontrollierbarer, meist dämonischer Jenseits-Wesenheiten werdendes Geschöpf. Angeblich habe nur Dr. RUDOLF STEINER einen okkulten Erkenntnisweg verwirklicht, bei dem das wache Ichbewusstsein eingeschaltet bleibe - während alle übrigen Jenseitsforscher "medial" oder, was auf dasselbe hinausläuft, "atavistisch" zu Werke gingen, indem ihnen eine hellsichtige Wahrnehmung (gleichsam als Entwicklungsrückschlag) angeboren sei; der echte Hellseher (und ausser STEINER gibt es keinen!) habe sich aber wach- und ichbewusst geschult. Nun beruht eine solche Darstellung auf mannigfacher Unkenntnis. Erstens bedeutet "Medium" lediglich "Mittler". Der "mittlerische Mensch" ist derjenige, durch den Jenseitiges, Überweltliches ins Irdische wirkt. Die Propheten gehören dazu ebenso wie die Apostel - und wenn Paulus sein berühmtes "Nun aber nicht mehr ich, sondern der Christus in mir!" spricht, so ist er damit ganz einfach das Medium des CHRISTUS. Auch haben zahlreiche mittlerische Menschen, z. B. JAKOB BÖHME und EMANUEL SWEDENBORG, ihre Jenseits-Schauungen im ichbewussten Wachzustande gehabt. STEINER selbst sah bereits beim katholischen Messbuben-Dienst die Aura, die leuchtende Strahlungs-Hülle der jeweils zelebrierenden Priester, also muss auch er als "atavistischer" Seher angesprochen werden, wenn man seine eigene, zu Herabsetzungszwecken anderer Jenseitskünder verfertigte Ausdrucksweise gelten lassen will.
Medium ist jeder zu einer Vermittlung überweltlicher Wirklichkeiten zeitweilig oder fortdauernd geeignete Mensch: das reicht vom Trance-Medium bis zum souveränen, wachbewussten Hellseher. Und Spiritist ist jeder, der sich vom persönlichen Fortleben nach dem Tode überzeugt hat: das reicht vom Kirchen-Christen (es sei denn, er nehme an, der Tote sei mausetot bis zur Auferweckung am jüngsten Tage) und vom Theosophen, Anthroposophen oder Gnostiker bis zum Offenbarungs-Spiritisten irgendeines Tischrück-Zirkels, vom tibetanischen Lama bis zu GOETHE, vom Kongo-Medizinmann bis zu Dr. EMIL MATTIESEN.
Fragen wir nun weiter, weshalb wir uns mit der Überwelt beschäftigen! Wer am Krankenbett geretteter Selbstmörder diese systematisch auf das innerste Motiv ihrer Tat hin prüft, erfährt fast immer die Aussage: "Mein Leben hätte keinen S i n n mehr gehabt!" Wo der Einzelne freilich den jeweils konkreten Sinn seines Lebens suchen zu müssen glaubt, ist eine Frage seines Persönlichkeits-Niveaus. Nichtsdestoweniger bleibt die erstaunliche Tatsache bestehen, dass ein durchaus metaphysischer Wert - die Sinnfindung nämlich - für den Menschen von entscheidender vitaler Bedeutsamkeit ist. Sieht er sich ausserstande, auf positive Weise eine solche Sinnfindung und Sinnverwirklichung in seinem Leben zuwegezubringen, so stürzt er sich in die (vermeintliche) Selbstvernichtung. Was man gemeinhin für den stärksten Trieb hält: den Selbsterhaltungstrieb - einem stärkeren ist dieser Elementartrieb unterworfen: dem Verlangen nach Sinngebung. Ob der Selbstmörder sich dessen bewusst ist oder nicht, im tiefsten Grunde treibt ihn ein metaphysisches Unbefriedigtsein zu seiner Tat. ( ... )
Lebt der Mensch nur für die Ansprüche, die ihm Leib, Leben und Seele stellen, so bleibt sein wesentliches Charakteristikum, sein oberstes Prinzip (von dem PARACELSUS sagt: "Nur die Höhe des Menschen ist der Mensch") der Unterernährung preisgegeben. Es entsteht metaphysische Mangelkrankheit oder - wie Dr. WALTHER KRÖNER es ausdrückt - "metaphysische Verdrängungsneurose". Das aber ist der Boden, auf dem sich - besonders von der kritischen Epoche der Lebensmitte an - Katastrophen vorbereiten: Zusammenbrüche, unwürdige Fluchten in Resignation, Zynismus und Nihilismus, seelische Zwänge und am Ende gar Selbstmord-Unternehmungen. Die Unterernährung des Eigentlichen im Menschen ist ja bereits in gewisser Weise Selbstmord. ( ... )
Wir sehen, wie unmittelbar lebenspraktisch, ja lebensnotwendig die Beschäftigung mit dem gemeinhin Verborgenen für uns Menschen ist. Kein Forschungsgebiet ist wichtiger für uns als das, welches uns Auskunft über unser Woher, Wohin und Wozu geben kann: Und dieses Forschungsgebiet, mögen wir es nun Okkultismus (Beschäftigung mit dem Verborgenen), Xenologie (Lehre vom Fremdartigen) oder, etwas weniger verbindlich, Grenzwissenschaft nennen, mündet ganz von selber schliesslich ins Religiöse, über das zu sprechen hier nicht der Ort ist.
Wir dürfen fragen, warum der Okkultismus - obwohl er älter als alles andere Wissen der Menschheit ist: Astrologie, Kultmagie und Geheimsymbolik lassen sich aus Zeiten bezeugen, die noch kein Intellektwissen kannten - gehemmter und schwerer vordringt ins allgemein gültige Weltbild unserer Tage als sonstige Disziplinen menschlichen Forschens. Und wir werden finden: Zwei Hindernisse sind vor allem daran schuld (wenn man absieht vom dritten: der Bemächtigung dieser Gebiete durch Scharlatane - doch das wiegt nicht allzu schwer: denn es gibt auch unter Ärzten schlimme Schablonentherapeuten, ebenso wie es unter Künstlern mehr kalte Routiniers als wahre Meister gibt). Das eine Hindernis ist der Mangel an Einsicht in weiten Kreisen. So glauben z. B. viele Menschen, dass ein psychometrisch Begabter, d. h. einer, der von Gegenständen - etwa einem Ring oder einer Taschenuhr - seelische Aufprägungen "abzulesen" vermag, zugleich auch über prophetische Gaben hinsichtlich der Zukunft (und am Ende gar noch seiner eigenen!) verfügen müsse. Sehen sie ihn dann angesichts solcher Aufgaben, zu deren Lösung sie ihn drängen, Fehlleistungen produzieren, so wähnen sie auch seine Psychometrie damit als Schwindel erwiesen zu haben. Ähnlich steht es auch mit trancemedialen Leistungen. Diese treten oft bei ganz einfachen, in ihrem Persönlichkeitsgefüge schwachen Menschen spontan auf, woraufhin die davon Heimgesuchten zumeist in experimentierende Zirkel geraten: Ihre Leistungen werden - wenn sie bemerkenswert sind - irgendwo in der parapsychologischen Presse veröffentlicht, woraus sich ergibt, dass Gelehrte in fernen Städten, die gerade solche speziellen Phänomene erforschen, mit den betreffenden Versuchspersonen arbeiten wollen. Kurz, man fordert die Medien für weitere Experimentalsitzungen an entlegenem Ort an, honoriert sie in zuweilen beträchtlicher Höhe, lässt sie in Hotels wohnen, geht mit ihnen sorgsam und liebevoll um - was samt und sonders zur Folge hat, dass sie ihren (in der Regel sozial "kleinen") eigentlichen Beruf aufgeben und statt dessen im Glorienschein einer ungewohnten "Prominenz" kreuz und quer durch die Welt reisen. Das jedoch ist, verbunden mit den neuen Lebensgenüssen, der medialen Anlage so abträglich, dass nach einiger Zeit - wenn der alte Beruf erloschen ist und eine Rückkehr in die engen Verhältnisse von einst keinen Reiz mehr hat - die echten Phänomene ausbleiben. Um nicht in die Scherben der vorherigen Existenz heimkehren zu müssen, beginnen manche Medien in dieser Situation notgedrungen zu "mogeln". Beim heutigen Stande der Kontrollmassnahmen werden sie selbstverständlich sofort entlarvt, die Entlarvung wandert in grosser Aufmachung durch die Presse - und der ahnungslose Leser entnimmt daraus, "dass wieder einmal der Okkultismus, nachdem ihm durch das Medium X manche Täuschung gelungen war, als Schwindel entlarvt werden konnte" - Solche und ähnliche Ereignisse, die nichts gegen das Echte der beobachteten früheren Phänomene des Mediums besagen, hemmen infolge uneinsichtiger und böswilliger Fehldeutung den Fortschritt der Grenzwissenschaften ganz beträchtlich. ( ... )
Wenn es heute zahlreiche Menschen gibt, die sich selbst als Okkultisten (Fussnote 2) bezeichnen und sich damit vom allgemein üblichen (viel zu engen) Weltbild absetzen, so geschieht das nicht, weil sie Sektierer sind; gemessen an ihnen sind vielmehr die nicht okkult Wissenden diejenigen, die sich mit einem Ausschnitt der Gesamtwirklichkeit, einem Sektor, begnügen und die deshalb weit eher die Kennzeichnung als Sektierer verdienen. Vielmehr kann der Okkultist einfach nicht die Geduld aufbringen, auf das allzu langsame Sichzurechtfinden einer metaphysisch, unbegabten, blinden oder gar fanatisch metaphysikfeindlichen Hochschulwissenschaft und "Allgemeinbildung" zu warten, indessen ihm bereits längst die Fülle der Realitäten erkenntnismässig oder auch praktisch zur Verfügung steht.
Dr. Herbert Fritsche
Letzte Änderung am 5. August 2000