Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03580.jsonl.gz/1334

Mit dem Tod von L'Oréal-Erbin Bettencourt werden die Karten im Poker um die Kontrolle des weltgrössten Kosmetikkonzerns neu gemischt. Der Blick richtet sich dabei vor allem auf Nestlé. Der Konzern ist nach der Bettencourt-Familie zweitgrösster L'Oréal-Eigner.
Zu Lebzeiten der Milliardärin durften vertragsgemäss weder Nestle noch die Gründerfamilie ihren Anteil an dem Hersteller von Lancome-Kosmetikprodukten und Garnier-Shampoos erhöhen.
L'Oréal gehört zu einem Drittel der Familie Bettencourt, Nestlé hält etwas über 23%. Der Lebensmittelmulti war 1974 im grossen Stil bei dem Kosmetik-Konzern eingestiegen, als Bettencourt nach der Regierungsübernahme der Sozialisten eine Verstaatlichung ihres Unternehmens fürchtete.
Die Konzernerbin überschrieb Nestlé fast die Hälfte ihres damaligen L'Oréal-Anteils und erhielt im Gegenzug 3% an Nestlé. Nestlé und die Familie vereinbarten, dass keiner von beiden den Anteil erhöhen darf - bis zum Tod Bettencourts und sechs Monate darüber hinaus. Verkaufen können beide Parteien ihre Anteile hingegen jederzeit.
Bettencourt war am Donnerstag im Alter von 94 Jahren gestorben. Die Firmenmatriarchin galt mit ihrem auf fast 40 Mrd USD geschätzten Vermögen als reichste Frau der Welt. An der Börse stiegen die L'Oréal-Aktien zum Wochenschluss um 4%. Nestlé-Papiere haben hingegen bis Handelsende am Freitag um 0,2% verloren. Anleger scheinen auf die Investorentagung vom kommenden Dienstag zu warten.
KEINE ÜBERNAHME VON NESTLÉ ERWARTET
Laut Analysten gibt es drei mögliche Szenarien für die Beteiligung von Nestlé an L'Oréal. Erstens könnte grundsätzlich "gar nichts" passieren; die Höhe von Nestlés Beteiligung bleibt gleich hoch wie heute. Zweitens könnte L'Oréal Nestlés Anteil übernehmen, drittens könnte Nestlé umgekehrt die verbleibenden Anteile an L'Oréal kaufen.
Von Experten wird eher ein Verkauf der Nestlé-Anteile an L'Oréal erwartet. Denn Nestlé steht unter Druck von Aktionären. Die Geschäfte des Nahrungsmittelriesen laufen derzeit nicht rund. Im vergangenen Juni hatte der aktive Investor Daniel Loeb einen grösseren Anteil Aktien gekauft und forderte einen Kurswechsel. Unter anderem verlangte er den Verkauf des L'Oréal-Anteils.
Einer weiteren Forderung, nämlich dem Rückkauf von eigenen Aktien, ist Nestlé bereits entgegengekommen. Bis Ende Juni 2020 will das Unternehmen eigene Aktien im Wert von 20 Mrd CHF zurückkaufen, wie im Juni bekanntgegeben wurde.
L'Oréal wiederum gilt als interessiert und in der Lage, den Nestle-Anteil zu übernehmen. Zur Finanzierung könnten die Franzosen ihren 9,5 Mrd schweren Anteil am Pharmakonzern Sanofi ins Spiel bringen.
NESTLÉ IST AUF SPARKURS
Zudem will sich Nestlé stärker auf das Kerngeschäft konzentrieren und an der Rentabilität arbeiten. Zur Verbesserung der Margen hat Nestlé bereits verschiedene Initiativen gestartet. Davon betroffen ist auch die Dermatologie-Sparte.
Neben der Schliessung der traditionsreichen Produktionsfabrik in Egerkingen von Nestlé-Tochter Galderma, die mit 190 Entlassungen verbunden war, sollen nun weitere 400 von 550 Stellen im Forschungszentrum in der Nähe von Nizza wegfallen.
Nestlé hatte 2014 den zuvor je hälftig gehaltenen Hautprodukte-Produzenten Galderma von L'Oréal vollständig übernommen und dafür eigens die neue Einheit Skin Health gegründet. Zugleich reduzierte Nestlé die Beteiligung an L'Oréal von 29,4 auf 23,3%.
STÄRKERER FOKUS AUF LEBENSMITTEL
Stattdessen sucht Nestlé neue Investitionsmöglichkeiten etwa in neue Geschäftsfelder oder Regionen. Zuletzt hatte Nestlé drei Mal in den USA zugekauft: Blue Bottle Coffee und Sweet Earth sowie Freshly, einem Anbieter von frisch zubereiteten Mahlzeiten.
Überhastete Schritte will Konzernchef Ulf Mark Schneider vermeiden, sagte er im Juli. In diesem Zusammenhang betonte Schneider in einem Interview auch noch einmal, dass Nestlé künftig besonders in diejenigen Bereiche investieren wolle, die ein hohes Wachstum aufwiesen.
Es sind dies etwa Kaffee, Produkte für Haustiere, Säuglingsnahrung sowie Mineralwasser. Zugleich fokussiere man sich auch geographisch auf Märkte mit hohem Wachstum, hiess es.
cf/
(AWP)