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Michael Aschwanden wurde am 29. August 1865 im alten Familienstammhaus «Fell» in Seelisberg (Uri) als Sohn eines Bauern geboren. Er war seiner Generation später als «Fellmichel» bekannt.
Als Michael vierjährig war, zog sein Vater mit der Familie hinunter nach Seedorf (Uri), um dort das grosse Klostergut zu bewirtschaften. Michael Aschwanden besuchte in Altdorf die damalige Kantonschule. Schon früh fiel seine zeichnerische Begabung auf, und so durfte er eine Lehre als Zeichner und Lithograph bei der Firma Benziger in Einsiedeln machen. Diese Ausbildung dauerte sechs Jahre. Möglicherweise war er dann einige Zeit bei der Lithographie Gisler in Altdorf, die durch ihre Heiligenbilder-Drucke berühmt war, in seinem Berufe tätig. Das in der Familie Aschwanden bekannte Fernweh (zwei seiner Onkel wirkten als Jesuiten in verschiedenen europäischen Ländern und in Amerika, einer davon auch als Pfarrer von Washington) führte auch ihn bald in die Weite. Er verbrachte über vier Jahre als Lithograph und Zeichner in der Kunststadt München. Dort besuchte er die Akademie, um sich zeichnerisch weiter auszubilden. Nach seiner Rückkehr nach Altdorf wechselte er auf eine freiere Tätigkeit, denn das Lithographieren (exaktestes Übertragen von Zeichnungen auf präparierte Steinflächen, die als Druckstöcke dienten) war ihm bei den damaligen Arbeitsbedingungen zu anstrengend geworden. Er zeichnete und malte nun für die verschiedensten Arbeitgeber.
In den neunziger Jahren wurden in der Entwicklung der Photographie wesentliche Fortschritte gemacht. Die Trockenplatte, die das umständliche nasse Kollodiumverfahren abgelöst hatte, aber bisher «farbenblind» gewesen war, konnte nun orthochromatisch (das heisst mit den Farben entsprechenden richtigen Grauwerten) im Handel bezogen werden. Kein Wunder, dass sich gerade in Jener Zeit zahlreiche Maler und Künstler der Photographie zuwandten.
Auch Michael Aschwanden war von den neuen Möglichkeiten fasziniert. Er kaufte 1898 in Zürich seine erste 13x 18-cm-Plattenkamera und bildete sich mit Hilfe von Büchern autodidaktisch zum Photographen aus. Aus diesem Jahr datieren seine ersten Landschaftsaufnahmen.
In der Folge entstand nach und nach ein kleiner Verlag für Lichtdruck-Postkarten (heute bereits begehrte Sammlerstucke mit Seltenheitswert). Michael Aschwanden ergänzte seine photographische Ausrüstung bald mit seiner 18x24-cm- und sogar mit einer 24x30-cm-Reisekamera und erweiterte sein Arbeitsgebiet auf Industrie- und Heimaufnahmen. Im Jahre 1907 heiratete er Sophie Hill. Sie hatten zusammen sechs Kinder, von denen Sophie, Richard, Margrit und Rosa später ebenfalls Photographen wurden. 1912 verlegte er seinen Wohnsitz nach Flüelen, erst in ein Haus neben dem Hotel Sternen, später ins Ausserdorf. Seine Portrataufnahmen machte er meist im Freien oder auch in seinem Stuben-Atelier. Dunkelkammer und Chemieraum befanden sich in der grossen Küche, die er mit seiner Frau teilen musste.
Um 1912 begann Michael Aschwanden mit dem Photographieren bei der Axengalene; Ein raffiniert gewählter Standort, denn hier zog sozusagen «die Welt» vorbei. Seine Kameras und Utensilien versorgte er nachts anfänglich in einem in dunkler Tunnelnische festgeschraubten Schrank. Ein anderer Kasten war als mobile Dunkelkammer ausgebaut und mit einer Vergrösserungseinrichtung und den nötigen Küvetten bestuckt; dieser musste täglich von Flüelen an den Arbeitsplatz beim Axentunnel gefahren werden. Eine wesentliche Erleichterung brachte ihm im Jahre 1914 eine selbst entworfene, beim Axentunnel in den Fels gehauene und mit Rollläden verschliessbare «Felsenkammer», die als geräumige Wohnhöhle und als Arbeits- und Geschäftslokal diente. Michael Aschwanden musste für seine photographische Tätigkeit beim Axentunnel jeweils ein kantonales Saisonpatent lösen. Dieses kostete zum Beispiel vom Juni bis Ende Oktober 1916 Fr. 60.-.
Michael Aschwanden entwickelte selber ein System, mit dessen Hilfe man in sehr kurzer Zeit über ein Negativverfahren haltbare Kopien erhielt. Bei dieser Fruhform der «Schnellphotographie» dauerte
der ganze Vorgang von der Aufnahme bis zur Ablieferung der Bilder etwa eine Viertelstunde. Das Entwickeln, Fixieren und Abspulen des Negativs (9x 12-cm-Glasplatte) benötigte nur wenige Minuten. Dann wurde dieses noch nass mit Hilfe von Tageslicht auf Bromidkarten vergrössert. Das Abwedeln dunkler Partien und das Nachbelichten des hellen Hintergrundes waren eine Selbstverständlichkeit und Routinesache. Nach dem Entwickeln, Fixieren und Spülen von 3 bis 12 Postkarten gleichzeitig (je nach Bestellung) mit Hilfe spezieller Stander in der erwähnten Kastendunkelkammer gelangten die Bilder durch eine Durchreiche ins Freie, wo sie in mehreren Wasserkesseln ausgewässert wurden. Dann wurde das Wasser mit Hilfe von Fliesspapier abgesogen und die Bilder - wenn noch Zeit blieb – an der Sonne auf dem Gitterrost getrocknet.
Neben einem Photographengehilfen waren auch immer ein bis zwei Buben (vor allem der Sohn Richard) als Ausläufer im Einsatz. Während nämlich die «Photographierten» ihren Weg zu FUSS oder per Droschke auf der Axenstrasse fortsetzten, wurden die Bilder fertig gestellt. Dann fuhren die Buben mit dem Velo den Leuten nach, oft bis zu den Schiffsstationen an der Teilsplatte oder in Flüelen, und lieferten die bestellten Bilder auf diese ungewöhnliche Weise ab. Die Preise blieben übrigens wahrend
Jahren dieselben: ein aus Leinwand gefertigtes Plakat mit Musterbildern gab darüber Auskunft:
3 Karten Fr. 3.60: 6 Karten Fr. 4.80: 12 Karten Fr. 7.20. Die Bilder wurden auf Wunsch auch in alle Welt versandt, zum Beispiel nach Holland, England, Deutschland und nach Übersee. An einem schönen Tag entstanden auf diese Weise 20 bis 30 verschiedene Aufnahmen. In einem Brief vom 17. April 1921 schrieb Michael Aschwanden: «So war es immer noch möglich, manchmal mit etwas Glück, meine Familie ehrlich durchzubringen. Trotz schwächlicher Gesundheit habe ich bis heute die Photographie am Tunnel allein betrieben, oft mit Hilfe eines Knaben oder Kindes, welches mir Essen und Kommissionen besorgte. So ein Photograph an der Strasse. wenn er nichts zu tun hat, sieht aus wie ein Tagedieb und die Sonntage mit schönem Wetter sind seine geschäftlichen Sonnentage.»
Das Geschäft an der Axenstrasse florierte bis in die späten zwanziger Jahre. Dann beendeten der immer mehr überhand nehmende Autoverkehr, aber auch die ständig populärer werdende Amateurphotographie diese Ära der Photographie in Uri. 1928 gab Michael Aschwanden das «Photoatelier an der Axenstrasse», das ohnehin nur im Sommer in Betrieb war, endgültig auf.
Michael Aschwanden befreite die Porträt- und Gruppenaufnahme weitgehend von der steifen Atelier-Atmosphäre. Dadurch, dass er fast durchwegs im Freien arbeitete, war er zwar an schönes Wetter gebunden, erreichte aber, dass sich seine Modelle auf viel natürlichere Art der Kamera stellten. Michael Aschwanden war auch ein sehr feinfühliger Landschafter. Seine grosse Leistung besteht darin, dass er wie kein Zweiter das Bild Uris zu Beginn unseres Jahrhunderts festgehalten hat. Seine fast lückenlose Dokumentation aus sämtlichen Gemeinden ist heute von unschätzbarem Wert. Dazu kommen die unzähligen, bereits erwähnten Aufnahmen von Personen, Velo- und Motorradfahrern, von Kutschen, ersten Automobilen und Cars an der Axenstrasse, die in ihrer Gesamtheit ein eigentliches Panoptikum einer ganzen Epoche ergeben. Die Arbeiten von Michael Aschwanden bestechen vor allem durch ihre sehr sorgfältige und subtile Bildgestaltung. Dabei kam ihm ohne Zweifel seine gründliche Ausbildung als Lithograph und Zeichner zu gut.
Immer wieder trat Michael Aschwanden auch als Maler in Erscheinung. 1910 zum Beispiel stellte er in Altdorf eine Anzahl farbige Bilder zum Verkaufe aus. Er benützte die Photographie oft als Zeichnungsvorlage, wie zum Beispiel beim lithographierten Plakat für das Schützenfest des Jahres 1911 in Erstfeld, das aus seiner Hand stammt, sowie bei zahlreichen weiteren gebrauchsgrafischen Arbeiten. 1927 beendete sein Sohn Richard bei ihm die
Photographenlehre.
1935 übernahm dieser (anfänglich mit seiner Schwester Sophie) das Geschäft, baute es aus und übersiedelte wieder nach Altdorf. Die Aschwanden sind heute bereits in der dritten Generation im Photographie-Geschäft tätig; auch Richard Aschwandens Tochter Verena und sein Sohn Hanstoni (heute Kameramann) sind ausgebildete Photographen.
Michael Aschwanden starb 75Jährig am 19. Juni 1940. Dieses Buch, das in wesentlichen Teilen aus seinen Aufnahmen besteht, ist eine späte Würdigung seines photographischen Lebenswerkes.
Buch: Der Schöne Augenblick Paul Huggler ISBN: 3-907495 05-5