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Schon als kleiner Junge in Sursee träumte Michael Waltenspül von Amerika. Er tapezierte sein ganzes Zimmer mit amerikanischen Flaggen. Auch die typischen Nummernschilder fehlten nicht an den Wänden. Dass sein Traum je in Erfüllung geht, dachte zu dieser Zeit niemand, am allerwenigsten wohl er selber.
Angefangen bei Hostettler
Seine Faszination für Motorräder und amerikanische Blechboliden führte zur Hostettler AG in Sursee. Er chauffierte bei der Rothenburger AG (heute Auto AG) die ersten Personen. Damals importierte der Amerika-Fan einen Chevrolet Camaro SS 350. Aus Michael wurde Mike.
Mit 25 Jahren packte Mike Waltenspül seine Chance: Der Schweizer Unternehmer Daniel Hiltebrand suchte per Inserat einen deutschsprachigen Reiseleiter. Dieser organisierte mit seiner Firma «Suntrek» mit Sitz im nördlichen San Francisco Trecking Touren. Der Surseer bewarb sich und bekam die Stelle. Er bereiste das grosse Amerika vier Jahre lang, während dem er «The American slang» erlernte. Damals pendelte er zwischen Los Angeles und der Schweiz.
Eine Nische gefunden
In dieser Zeit reifte die Idee, selber deutschsprachige Stadtrundfahrten in Los Angeles anzubieten. In den 1990er-Jahren gab es ein solches Angebot noch nicht. In dieser Nische sollte Mike Waltenspül in den kommenden Jahren Erfolg haben: Er kaufte sich einen Bus und führte die Europäer durch die Millionen-Metropole am Pazifik.
1992 gründete Mike Waltenspül in Los Angeles die Firma «Go West Adventures», die er heute zusammen mit seiner Frau Petra Tschopp führt. Kennen gelernt haben sich die beiden bei einem seiner Heimurlaube. Er nahm sie im Jahre 2000 quasi im Gepäck mit in die Vereinigten Staaten. Petra Tschopp stammt ebenfalls aus der Region Sursee und besucht die Surenstadt jährlich für mehrere Tage, da sie aktiv in der Kulturfasnachtsgruppe «Schenkastico» mitmacht. Auch sie ist ein Fan von Motorrädern.
Lokale und weitere Touren
Mit einem einzigen Bus angefangen, reifte vor der Jahrtausendwende das Geschäft zur Blüte. Lokale Touren wie Flughafen-Transfers, Shuttle-Services für Messen, Award- oder Oscar-Verleihungen in Hollywood gehören ebenso zum Geschäftsmodell wie längere Reisen im ganzen «Golden State», dem Synonym für Kalifornien.
Inzwischen gehören zu den beiden Surseern auch die Kinder Luciano und Noelia. Sie üben auch mal im fernen Los Angeles «Schwyzerörgeli». Sowieso plagt Heimweh die ausgewanderten Surseer. Petra Tschopp erklärt: «Wer für längere Zeit ausgewandert ist, sieht die positiven Seiten seines Heimatlands. Man wird zum Patrioten und begreift, dass die schöne Schweiz eines der besten Länder zum Leben ist.»
Rivella und Raclette in Kalifornien
Die Familie Waltenspül-Tschopp feiert jedes Jahr stolz und im Schweizer «Liibli» den 1. August. «Wir importieren Rivella und essen Raclette bei 40 Grad im Schatten. Das ist Heimatgefühl», schwärmt Petra Tschopp. Gleichzeitig hält Mike Waltenspül dagegen: «Amerika ist immer noch ‘the land of the free’, und man hat so viele Möglichkeiten.»
Im Grossraum Los Angeles leben mittlerweile 18 Millionen Einwohner in 290 Stadtteilen. Die Stadt, die Spanier 1781 offiziell gründeteten, ist flächenmässig ein wenig kleiner als die Schweiz. Leute aus mehr als 140 verschiedenen Ländern sind ansässig. Über 224 verschiedene Sprachen werden gesprochen. «Los Angeles hat alles anzubieten», fasst Mike Waltenspül, der in Sursee den Übernamen «Rossi» trug, zusammen.
Promis und Sternchen im Bus
Zu L.A., wie die Stadt in der Umgangssprache genannt wird, gehört auch Hollywood. «Go West Adventures» nutzt diese Nähe aus, indem sie Promis und Sternchen in standesgemässen Karossen herum fährt.
Aktuell verunmöglicht Corona das Geschäft. «Uns traf es sehr hart, seit dem 16. März erhielten wir keinen Auftrag mehr und schrieben nur noch Stornierungen», sagt Mike. Von einem Tag auf den anderen sei alles vorbei gewesen. Kein Einkommen, keine staatlichen Hilfen – zumindest für Einzelunternehmen. «Wenigstens können unsere 25 Angestellten Arbeitslosengeld beziehen, doch unsere zwölf Busse sind eingestellt.»
Warten auf den Frühling 2021
Aber wie lange noch?, sinniert er. Der L.A. Mayor habe alle Veranstaltungen bis Ende 2020 abgesagt. der Einreisestopp sei bis auf Weiteres verlängert worden. «Im Moment hoffen wir auf eine Besserung im Frühling 2021.» Auch die beiden Teenager-Kinder können Ende August noch nicht wieder in die Schule. «Homeschooling» gelte weiterhin, was wiederum keine sozialen Kontakte bedeute. «Totaler Lockdown.»
Zuversichtlich und optimistisch bleibt Mike Waltenspül trotzdem. Die Tourismusbranche habe mit der Schweinegrippe, dem Vulkan über Norwegen oder «9/11» schon manche Tiefen überlebt. «In den USA wird man zum Stehaufmännchen – ‘the daily fight’, denn die Konkurrenz ist gross, und immer wieder haben wir es geschafft, die Herausforderungen zu meistern.»
Never give up – gib niemals auf
Momentan weilen Mike Waltenspül und Petra Tschopp wie jeden Sommer in der Schweiz. «Hier ist es mit dem Virus viel angenehmer», erklärt Petra Tschopp. Wie es mit ihrem Unternehmen weiter gehe, das wüssten nur die Sterne. Das Wichtigste sei wohl, teilt sie die Meinung von Mike Waltenspül, trotz allem das Positive an dieser Situation zu sehen, obwohl es manchmal zum Verzweifeln sei. Das Leben in Amerika lehrte die beiden Heimweh-Schweizer: «Never give up and fight for it.»
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