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Für ein Stück vom grossen Finanzkuchen
von Sule Durmazkeser
Ein erfolgreicher Börsenmakler und eine arbeitslose Fabrikarbeiterin, die als Haushaltshilfe bei ihm anheuert – eine perfekte Konstellation, um daraus eine romantische Komödie à la Hollywood zu drehen. Doch Regisseur Cédric Klapisch zeigt in seinem neuesten Film «Ma part du gâteau», dass es mitunter notwendig ist mit den gängigen Genrekonventionen zu brechen, um eine Geschichte realitätsnah erzählen zu können.
Durch die Schliessung der Fabrik, in der sie 20 Jahre gearbeitet hat, wird die Protagonistin mit dem vielsagenden Namen France (Karin Viard) zusammen mit zahllosen anderen Arbeitern auf die Strasse gesetzt. Die alleinerziehende Mutter dreier Töchter hält Selbstmord in ihrer Verzweiflung für den einzigen Ausweg. Rechtzeitig gefunden, überlebt sie jedoch die Überdosis Tabletten. Der Sinneswandel folgt zugleich: France rafft sich auf und sucht sich eine neue Stelle. Da es in Dünnkirchen allerdings kaum freie Jobs gibt, entschliesst sie sich, ihr Glück in Paris zu versuchen. Ein ehemaliger Arbeitskollege verweist auf seinen Vater, der Immigrantinnen schult und sie als Haushaltshilfen vermittelt. Kurze Zeit später wird sie von Steve (Gilles Lellouche), einem wohlhabenden und erfolgreichen Broker, eingestellt. Dadurch eröffnet sich France eine Welt, die so komplett anders ist als ihre. Dem altbekannten Muster entsprechend nähern sich die beiden nach einer anfänglichen Gewöhnungsphase einander an. Steve beginnt immer mehr Wert auf Frances Meinung zu legen, insbesondere als seine Ex den gemeinsamen Sohn bei ihm zuhause abliefert und für einen Monat in die Ferien fährt. France wird vom überforderten Steve gebeten, die kommenden vier Wochen bei ihm zu bleiben und ihm mit dem Kind zu helfen. Doch bald entwickelt sich aus dieser anfänglichen Zweckgemeinschaft eine gegenseitige Anziehung. Immer mehr beginnt es zwischen den beiden zu knistern. Nach einer einzigen gemeinsamen Nacht aber endet die Beziehung abrupt: Am Morgen danach erfährt France nämlich, dass Steves Spekulationen an der Börse mit daran schuld sind, dass die Fabrik, in der sie arbeitete geschlossen wurde. Vor allem aber ist sie entrüstet über die Gleichgültigkeit, mit der Steve ihr alles erzählt. Wütend über sein ignorantes Verhalten entschliesst sie sich zu einer folgenschweren Racheaktion…
Nach Filmen wie L’auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr oder So ist Paris, deren Geschichten auf mehrere Charaktere verteilt oder episodenhaft angelegt sind, konzentriert sich Regisseur und Drehbuchautor Cédric Klapisch dieses Mal auf zwei Protagonisten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Indem er den Familienmenschen France aus dem nördlichen Arbeitermilieu dem luxus- und erfolgsverwöhnten Einzelgänger Steve entgegenstellt, erzeugt er ein Spannungsverhältnis, das auf aktuelle sozioökonomische Verhältnisse übertragen werden kann. Die beiden verkörpern auf eindrückliche Weise die zwei Seiten der Finanzkrise aus dem Jahr 2008, die die Reichen noch reicher und die sozial schlecht gestellten Menschen noch ärmer werden liess. Sozialkritik wird hier nicht bloss angedeutet, sondern deutlich thematisiert. Gleichzeitig nehmen komödiantische Elemente der Film-Thematik die Schwere, ohne dass sie die realistische Atmosphäre zerstören. Es ist kein geschmacksloser Slapstick, der dem Zuschauer hier vorgesetzt wird, sondern Komik, die aus Alltagssituationen entsteht und sich vor allem in den starken Dialogen manifestiert. Unterstützt wird diese Komik durch die grossartige Schauspielleistung der beiden Hauptdarsteller. Besonders Karin Viards komödiantisches Talent kommt im Film gut zur Geltung. Köstlich ist die Szene, in der sie beim Bügeln aus vollem Hals bei einem Song im Radio mitsingt, ohne zu merken, dass Steve in der Zwischenzeit nach Hause gekommen ist: genauso wissen ihre satirische Imitation einer stereotypen Russin während der Schulung zur Haushaltshilfe oder ihre Rolle als Steves geheimnisvolle Dinner-Begleiterin zu begeistern. Auch ihrem Schauspielkollegen Gilles Lellouche gelingt es auf eindrückliche Weise, die Figur des Steve vom Stereotyp des Börsenhais zu lösen, ihm eine gewisse Menschlichkeit einzuhauchen und den Zuschauer davon abzuhalten ihm jegliche Sympathie zu verwehren.
Es erscheint zunächst so, als würde es France gelingen, Steve zu läutern und ihn zu einem besseren Menschen – oder zumindest einem besseren Vater – zu machen. Doch der Schein trügt, wie dem Zuschauer gegen Ende des Films bewusst wird. Während man, gefangen in Genrekonventionen, auf ein Happy End und eine gemeinsamen Zukunft für France und Steve wartet, wie es bei Pretty Woman der Fall war, holt die Realität das Märchen ein. Sowohl die Zuschauer als auch France müssen feststellen, dass Steve sich nicht ändert; er bleibt ein profitorientierter Egoist. Nur in der Konfrontation Steves mit der Realität von Dünnkirchen sieht France eine Möglichkeit, ihm die Konsequenzen seiner Spekulationen vor Augen zu führen. Es ist dieses Aufeinandertreffen von Steve und den Fabrikarbeitern, das zum Bruch mit dem vorhergegangenen romantisch-komödianten Ton des Films führt. Schlagartig schlägt die Stimmung um. Es kommt zu aggressiven, gewalttätigen Auseinandersetzungen, die auch die Zuschauer aufrütteln und aus dem Kontext der lockeren Beziehungskomödie herausreissen.
Der offene Schluss lässt zweifeln, ob sich die Lage der Arbeiter verbessern wird, nur, weil sie die Möglichkeit hatten, Steve zu attackieren. Wie schon Frances Selbstmordversuch zu Beginn des Films, der überhaupt nicht zu der starken und selbstbewussten Frau passt, die man im Laufe der Geschichte kennen lernt, scheint auch die Gewaltbereitschaft der Arbeiter gegenüber Steve für diese Art von Film etwas überdimensioniert. Abgesehen davon ist Ma part du gâteau aber ein durchaus gelungener Film, der durch fein dosierte Komik und die hervorragende Schauspielleistung der beiden Hauptdarsteller besticht.
[kkratings]
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Ma part du gateau (2011)
Originaltitel: –
Land: Frankreich
Regie: Cédric Klapisch
Drehbuch: Cédric Klapisch
Schauspieler: Karin Viard, Gilles Lellouche, Audrey Lamy, Jean-Pierre Martins, Raphaële Godin, Fred Ulysse, Kevin Bishop, u.a.
Musik: –
Laufzeit: 109 Minuten
Start CH: 18.08.2011
Verleih: Frenetic Films
Weitere Infos bei IMDB[/box]
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©Frenetic Films
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