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Umweltverschmutzung
Müllprobleme auf dem Balkan – Stausee wird zur Müllhalde
Die Balkanländer hatten Mühe, sich von den Kriegen und Krisen in den 1990er Jahren zu erholen. Da wurde der Lösung von Umweltproblemen wenig Bedeutung beigemessen. Das Ergebnis ist jetzt drastisch sichtbar.
An einem Damm im südwestlichen Serbien sind Lastwagen und Baumaschinen geparkt – aber nicht, um hier irgendetwas Neues zu errichten. Sie sind da, um Tonnen an Abfällen zu entfernen, die sich am Fusse eines Wasserkraftwerks gesammelt haben. Es ist kein aussergewöhnliches Bild in dieser Region: Serbien und andere Balkanländer leiden unter einem schweren Müllproblem, die Folge von Jahrzehnten der Vernachlässigung und einem Mangel an effizienten Entsorgungskonzepten.
Brennende Abfallhalden sind von den Strassen aus zu sehen, Plastiktüten hängen in Bäumen, und Inseln von Müll treiben auf den Wasserwegen. Das Problem wird besonders drastisch im Winter sichtbar, wenn angeschwollene Flüsse Mülldeponien überschwemmen und den Abfall in Richtung Wasserkraftwerke drücken – so wie im Potpecko-Stausee der Lim nach einer Periode von Regen- und Schneefällen im Dezember und Anfang Januar. Da wurde die Oberfläche des Sees von einer dicken Müllschicht bedeckt, von Plastik über rostigen Metallschrott bis hin zu Baumstämmen. Sogar ein treibender Sarg soll auf dem Wasser gesichtet worden sein.
45'000 Tonnen Müll im Jahr
Die Lim entspringt im benachbarten Montenegro, fliesst dort sowie in Serbien durch verschiedene Städte und deren Mülldeponien. «Wir haben anhand einer jüngsten Studie herausgefunden, dass in diesen Städten, diesen fünf in Montenegro und drei in Serbien, ungefähr 45'000 Tonnen Müll (im Jahr) gesammelt werden», sagt Predrag Saponjic, Manager des Lim-Kraftwerksystems. «Sogar auch dann, wenn nur ein Bruchteil des Abfalls in die Lim gelangt, kriegen wir dies», fügt er mit Blick auf den müllbedeckten See hinzu.
Umweltschützer auf dem Balkan warnen schon seit Langem, dass die meisten Mülldeponien nicht angemessen gemanagt und daher giftige Materalien in die Flüsse geschwemmt würden – eine Gefahr für Flora und Fauna. Das gilt etwa auch für das östliche Bosnien, wo eine Anhäufung von Müll in einem Stausee der Drina nahe Visegrad ebenfalls ein Kraftwerk bedroht. Die Lim ist ein Nebenfluss der Drina, die die Grenze zu Serbien entlang fliesst, das heisst, beide Wasserwege und ihr Abfallfluss sind eng miteinander verbunden. Die zwei Flüsse sind im Sommer smaragdgrün und mit ihren vielen Windungen ein Anziehungspunkt für Rafting-Liebhaber.
Beide Länder hatten Mühe, sich von einer Serie von Kriegen und Krisen auf dem Balkan zu erholen, und Umweltfragen stehen in den Staaten, deren Wirtschaften weit hinter dem Rest von Europa hinterherhinken, häufig unten auf der Prioritätenliste. Hinzu kommt das Problem verbreiteter Korruption.
Jugoslav Jovanic von Serbiens staatlicher Gesellschaft Srbijavode, die für das Wassersystem im Land zuständig ist, redet nicht um den heissen Brei herum: Er führt das Müllproblem auf «Vernachlässigung und Mangel an Sorgfalt durch uns» zurück. Mülldeponien befänden sich in zu grosser Flussnähe und seien oft überfüllt, anstatt dass sie im Laufe der Jahre geschlossen würden, sagt der Experte und fügt mit Blick auf die laufende Reinigungsaktion hinzu: «Wenn wir gezwungen sind, dies hier jedes Jahr zu tun, dann ist das keine wirkliche Lösung. Wir müssen eine gemeinsame Basis finden und dies mit vereinten Kräften lösen.»
Balkanländer kämpfen mit Umweltproblemen
Serbien, Montenegro und Bosnien haben zwar zusammen über die Frage beraten, aber nur wenig ist passiert. Die Balkanländer sind auch mit anderen Umweltnotständen konfrontiert, so etwa mit gefährlich hoher Luftverschmutzung in vielen Städten.
Experten gehen davon aus, dass das Säubern des Potpecko-Stausees Wochen dauern wird, abhängig vom Wetter. Aber all der Müll wird wieder auf einer Deponie im westlichen Serbien landen.
Goran Rekovic, ein Aktivist aus der nahe gelegenen Stadt Proboj, hält eine Schärfung des öffentlichen Bewusstseins in Sachen Umweltverschmutzung für einen Schlüssel zur Lösung des Problems, neben «institutionellen und systematischen» Massnahmen. Sie sind auch nötig, wenn Serbien und andere Balkanländer einer von ihnen gewünschten EU-Mitgliedschaft näherrücken wollen. Aber das sollte nicht das Hauptmotiv sein, sagt Rekovic. «Wir sollten es nicht für sie (die EU) tun. Der Grund dafür, für unsere Umwelt zu sorgen, liegt darin, dass es zum Wohl unserer eigenen künftigen Generationen ist.»Zurück zur Startseite
AP/toko