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Dr. med., Mitglied der Redaktion
Jonas Lüscher
Kraft
München: C.H. Beck; 2017.
237 Seiten. 28.90 CHF.
ISBN 978-3-406-70531-1
Kraft ist der Buchtitel eines Romans von Jonas Lüscher, geboren 1976, dessen Erstling Frühling der Barbaren für den deutschen und schweizerischen Buchpreis nominiert war.
Kraft, so heisst der Rhetorikprofessor in Tübingen, nimmt sich eine vierwöchige Auszeit und reist nach Silicon Valley, um sich an einer Preisausschreibung in Philosophie zu beteiligen. Das Thema lautet, in Anlehnung an Leibniz’ Essay zur Theodizee: «Weshalb alles, was ist, gut ist und weshalb wir es dennoch verbessern können.» Der Milliardär, Gründer des Amazing Future Fund und Sponsor des Wettbewerbs, erhofft sich nichts weniger als einen säkularen Gottesbeweis in Zeiten des digitalen Kapitalismus. Kraft verachtet die Ausschreibung, die mühelos Widersprüchliches, Falsches und nicht Zusammengehörendes in einen scheinbar logischen Zusammenhang bringt. Doch er braucht dringend Geld für Unterhaltspflichten aus der ersten und die Scheidung seiner zweiten Ehe. Eloquent, wie er stets war, gedenkt er, «mit einer heissen Nadel aus seinem schier unerschöpflichen Fundus zu stricken». Ein roter Faden von Heidegger, Nietzsche oder Schopenhauer, ein paar Randmaschen Huntington, Querfäden eines zu Recht vergessenen Ökonomen, eine halbe Nadellänge Finkielkraut für die Empörung und eine halbe Nadellänge Hölderlin fürs Gemüt, einige Maschen Karl Kraus und ein paar Schläge aus einem eigenen Aufsatz. Doch die Nadeln wollen nicht recht klappern. Die immer drängendere Schreibhemmung offenbart seine eigene tiefe Lebenskrise, in der drei Frauen eine herausragende Rolle spielen. In langen Rückblenden erfahren wir von seinen Vorwende-Studentenjahren in Berlin und seinem damaligen ungarischen Freund, der sich im Kalten Krieg erfolgreich eine Dissidenten-Biographie zusammenschusterte und als Nuklearstratege in Kalifornien doziert. Sie sind Hochstapler, die sich und anderen stets etwas vorgemacht haben. Der talentierte Schwafler und der stramme Antikommunist, beide Thatcher-, Reagan- und FDP-Fans, einst im damaligen Umfeld beachtete Provokateure, finden sich von der Geschichte überholt. Kraft leiht sich ein Skiff und fährt das Boot in einem Naturschutzgebiet auf Grund. Das ist meisterhaft erzählt und geht einem Traum voraus, in dem er, in einem Glashaus unterwegs nach Gibraltar, Flüchtlinge abwehrt und dabei selber über Bord geht. Eine Metapher für sein eigenes, orientierungsloses Dasein, aber auch das Gegenbild zu den Zukunftsvisionen seiner Gastgeber, die auf künstlichen Inseln im Ozean eine neue Campus-Gesellschaft, befreit von allen kulturellen und politischen Fesseln, anstreben. Disruption ist ihr anarchisches Lieblingswort, denn die neuen Technologien sollen alles Bestehende verdrängen. Kraft kann diesem naiven Sendungsbewusstsein nichts entgegensetzen. Sein skeptischer Humanismus scheitert angesichts des Projekts, Mensch und Maschine miteinander zu verschmelzen. Im digitalen Totalitarismus künstlicher Intelligenzen ist kein Platz für ihn, die Begriffe seiner alten Ordnung haben sich aufgelöst. Die Auseinandersetzung alte Welt gegen neue Welt gipfelt in einer grotesken Fressszene, die an Absurdität kaum zu überbieten ist. Kraft wird klar, dass ein Plädoyer im Sinne des Sponsors für ihn eine unerträgliche Lüge wäre. Das Ende erinnert in vielem an das des Wilden in Huxleys Brave New World.
Jonas Lüscher treibt die Tragödie kunstvoll voran. Jüngste deutsche Vergangenheit, Themen der Philosophie und Ökonomie, Kulturkritik und persönliche Schicksale verdichten sich in der Romanfigur dieses einsamen Helden. Lüscher hat nach eigenen Angaben den Roman an Stelle einer geplanten Dissertation an der ETH zum Thema «Über die Bedeutung von Narrationen für die Beschreibung sozialer Komplexität» geschrieben. Wer sich auf seine langen Schachtelsätze und den auktorialen Erzählstil einlässt, wird es dem Autor danken, dass er dem Roman den Vorzug gab.
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