Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03502.jsonl.gz/1793

Der künftige Energieminister der USA lässt auf einen wirklichen Wandel in der Klimapolitik des Landes hoffen. Doch ein Grüner ist er nicht.
«Es muss etwas passieren, um den Klimawandel zu stoppen. Die Möglichkeit ernster Konsequenzen steigt von Tag zu Tag.» Das sagte Steven Chu vor zwei Jahren der WOZ am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Inzwischen hat der Nobelpreisträger für Physik, der am Montag vom künftigen US-Präsidenten Barack Obama offiziell zum Energieminister vorgeschlagen wurde, seine Meinung nicht geändert, im Gegenteil: Die veröffentlichten Papiere des Uno-ExpertInnengremiums zum Klimawandel (IPCC) seien konservative Dokumente. Dies sagte er vor einem Monat in einem Podiumsgespräch des Copenhagen Climate Council, einem Zusammenschluss von Unternehmern und Wissenschaftlerinnen.
Weil das IPCC Beschlüsse nur im Konsensverfahren fasse, würde das wahre Ausmass des Klimawandels herabgespielt. Neueste Daten würden laut Chu aufzeigen, dass der Planet Erde von einem «plötzlichen, unberechenbaren und unumkehrbaren Desaster» bedroht ist.
Die Ernennung Chus zum Energieminister signalisiert, dass es Barack Obama wenigstens in Sachen Klimapolitik ernst mit seinen Wahlversprechungen ist. Obama will das Nützliche mit dem Notwendigen verbinden: einerseits die Konjunktur ankurbeln und andererseits die Wirtschaft ökologisch umbauen.
Ethanol aus Gras
Steven Chu leitet seit 2004 das Lawrence Berkeley National Laboratory, eine nationale Forschungseinrichtung in Kalifornien mit 4000 Angestellten und einem Jahresbudget von 650 Millionen US-Dollar. Dort wird im Helios Project mit massiver finanzieller Unterstützung des Erdölkonzerns BP daran geforscht, wie aus Präriegras Ethanol hergestellt werden kann. Chu sagte vor zwei Jahren voraus, dass es nur noch zwischen fünf und zehn Jahren dauern werde, bis das Verfahren zur Marktreife gelange. Die Effizienz soll dabei fünfmal höher sein, als wenn Mais in Ethanol umgewandelt werde. Ebenfalls grosse Chancen sieht der sechzigjährige Chu im Einsatz der Nanotechnologie - beispielsweise um die Wirksamkeit von Solarpanels zu steigern. Weiter vertritt er die Meinung, dass in den USA Windparks wie in Europa gebaut werden sollten. Um den so produzierten Strom von windstarken Gebieten wie Nord-Dakota zu den Tausende von Kilometern entfernten bevölkerungsreichen Ballungsgebieten zu transportieren, müssten allerdings auch bessere Hochspannungsleitungen gebaut werden.
Doch Chu ist nicht einfach nur auf technologische Innovationen aus: Er setzt stark auf Energiesparmassnahmen. Er ist davon überzeugt, dass der Energieverbrauch der USA um die Hälfte reduziert werden könne, ohne dass die Menschen irgendwelche materiellen Einbussen in Kauf zu nehmen hätten. So müssten die Häuser besser isoliert werden, die elektrischen Geräte effizienter gemacht oder herkömmliche Glühbirnen durch Sparlampen ersetzt werden. Verrückt sei eigentlich nur, dass das nicht schon längst getan worden sei, wie er Mitte Jahr in einem Vortrag sagte. Investitionen im Energiesparbereich würden sich in den meisten Fällen rentieren. «Da liegen Zwanzigdollarscheine auf der Strasse, und niemand hebt sie auf». Der Grund: Es fehle an Anreizen für die HausbesitzerInnen, ihre Gebäude zu sanieren, weil es die Mieter seien, die die Energiekosten tragen. Und die Generalunternehmen würden immer versuchen, möglichst viel Baukosten einzusparen, statt möglichst energieeffizient zu bauen.
Chu will auch möglichst schnell einen funktionierenden Handel mit CO2-Emissionen etablieren, die besonders zum Klimawandel beitragen. «Der Staat muss dem Markt helfen», sagte er zur WOZ. «CO2 muss einen Preis bekommen, und dieser Preis muss kontinuierlich steigen. Wenn die US-Industrie dieses Signal erhält, wird sie schnell handeln. Solange sie aber hoffen kann, dass nichts passiert, wird sie auch nichts unternehmen.»
Kohle ist immer schlecht
Chu hält den Handel mit CO2-Emmission nicht zuletzt deshalb für notwendig, weil weitere Kohlekraftwerke zu verhindern seien: «Kohle ist immer die schlechteste Lösung.» Bislang sei die Nachfrage nach Kohlekraftwerken stetig angestiegen. Zwar schliesst es Chu nicht aus, dass es dereinst auch «saubere Kohlekraftwerke» geben könnte, bei denen die CO2-Emissionen nicht in die Atmosphäre gelangen, sondern in gebundener Form in die Erde verbuddelt werden. Allerdings weiss Chu, dass das technische Verfahren dazu noch nicht ausgereift ist. Ausserdem bestehe die Gefahr, dass das CO2 schliesslich doch entweiche.
Chu ist kein Grüner: Atomkraftwerke hält er für notwendig, auch wenn er nicht glaubt, dass ihr Anteil an der gesamten Energieproduktion in den USA erhöht werden kann. Dennoch: Bei den Umweltverbänden ist die Ernennung Chus auf positives Echo gestossen. «Es ist so ein unglaublicher Kontrast im Vergleich zu den dunklen Jahren der bisherigen Regierung», sagte etwa Alan Nogee von der Vereinigung besorgter Wissenschaftler gegenüber der «Los Angeles Times», es sei «wie Tag und Nacht».