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Gelegenheit macht Diebe
Gewissensbissen begegnen wir häufig mit Ausreden, wie: "Da liegt ein Portemonnaie. Der Besitzer ist selbst schuld, wenn er nicht darauf aufpasst." Bedeutet dies, dass wir alle ein Potenzial zur Unehrlichkeit in uns tragen?
Psychologinnen und Psychologen wollten nachweisen, dass sich in bestimmten Fällen der verlockende Gewinn gegen die Moral durchsetzt. Im Rahmen einer Studie, die in den 1920er-Jahren von US-amerikanischen Forschern durchgeführt wurde, bekamen Kinder die Möglichkeit zu schummeln, zu lügen und zu stehlen. Ergebnis: Nur wenige der Kinder konnten den Versuchungen widerstehen.
1970 wies der Psychologieprofessor Philip Zimbardo nach, dass diese Verhaltensweisen nicht nur von Charaktereigenschaften bestimmt sind. Auch die Umwelt spielt eine entscheidende Rolle. Für sein Experiment stellte er einen Wagen ohne Nummernschilder und mit geöffneter Motorhaube in einem armen New Yorker Viertel ab. Eine Kamera nahm auf, was passierte: Das Auto wurde innerhalb von drei Tagen in seine Einzelteile zerlegt.
Dann wiederholte der Psychologe seinen Versuch in einem ruhigen Viertel von Palo Alto in Kalifornien. Dort war der Wagen auch nach einer Woche noch immer intakt. Als Philip Zimbardo daraufhin selbst damit begann, das Auto zu zerlegen, stiessen aber schnell Passanten hinzu. Ein paar Stunden später war nichts mehr vom Auto übrig. Zimbardo leitete daraus ab, dass alle Menschen das Potenzial zur Unehrlichkeit in sich tragen und auch achtbare Menschen verwerflich handeln können.
Der Einfluss der Umwelt wurde auch vom Niederländer Kess Keizer im Jahr 2008 bestätigt. In einem Versuch liess er einen Umschlag, der sichtbar eine Fünf-Euro-Note enthielt, aus verschiedenen Briefkästen herausragen, von denen manche mit Graffiti besprüht und andere in gutem Zustand waren. Aus den Briefkästen mit Graffiti wurde der Umschlag doppelt so häufig gestohlen wie aus den Briefkästen ohne Graffiti.
Gelegenheit macht also Diebe, und dies vor allem dann, wenn die Umstände gegeben sind. Dem kann aber vorgebeugt werden. Heute beschäftigen sich Kriminologinnen und Kriminologen damit, wie die Gestaltung und der Betrieb einer Bar Gewalt fördern oder verhindern können. Und es werden Massnahmen dafür entwickelt, die Versuchung so weit wie möglich zu reduzieren, damit Gelegenheit möglichst keine Diebe machen kann ...
Von Aurélie Faesch-Despont, publiziert im Psychoscope 3/2016
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