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Ruth Hauser war Lehrerin in Chur und 22 Jahre jung, als sie 1978 eine Reise antrat, die ihr Leben komplett umkrempeln sollte. Wie viele andere junge Menschen aus Europa fuhr sie über den Landweg nach Indien, teils mit dem Bus, teils mit dem Velo. Der Plan war, nach dem Abenteuer in die Schweiz zurückzukehren, in ihr altes Leben. Doch es kam anders.
Im Süden Indiens, in der Nähe der ehemaligen französischen Kolonialstadt Pondicherry, lernte sie Menschen kennen, die von einer besseren Welt träumten.
Sie wollten eine Gesellschaft aufbauen, in der die Unterschiede zwischen den Menschen keine Ursache für Konflikte wären und das innere Wachstum im Zentrum stünde.
Eine Gemeinschaft, die der Natur und den Mitmenschen Sorge trüge. Auroville, Stadt der Morgenröte, hiess der Ort, an dem die Utopie real werden sollte.
Utopie in der Wüste
Ruth Hauser, die später den Namen Shivaya annahm, liess sich vom Enthusiasmus anstecken und blieb. Obschon das Projekt damals schon zehn Jahre existierte, war das Fieber der Anfangsjahre noch spürbar.
Das aufregende Gefühl, bei der Schaffung von etwas komplett Neuem dabei zu sein, half dabei, das extreme Klima und die einfachsten Lebensbedingungen auszuhalten.
Ich baute mir eine Hütte mitten im Nirgendwo.
Wo heute ein tropischer Urwald – gepflanzt in jahrzehntelanger Arbeit – Schatten spendet, war früher trockene Wüste. «Von morgens bis abends standen wir unter der brennenden Sonne», erinnert sich Shivaya: «Ich baute mir eine Hütte mitten im Nirgendwo.»
Wasser holten die Pionierinnen in den tamilischen Bauerndörfern der Nachbarschaft. Viele von ihnen lernten auch die lokale Sprache, Tamil.
Charismatische Mutter
Am Anfang von Auroville stand die Französin Mira Alfassa, von allen nur «Mutter» genannt. Sie war eine Weggefährtin des indischen Unabhängigkeitskämpfers und Gurus Sri Aurobindo. Sie entwickelte seine Lehre weiter und gründete 1968 Auroville.
Als Ruth Hauser nach Südindien kam, war Mira Alfassa schon fünf Jahre tot, doch ihr Geist war noch sehr präsent. Die Schweizerin spricht von der «Mutter», als ob sie sie persönlich gekannt hätte, mit einer grossen Selbstverständlichkeit und heilig anmutenden Ehrfurcht.
«Der Name ‹Mutter› irritiert viele Menschen aus dem Westen. Gemeint ist aber nicht die Person, sondern das, was sie verkörpert: ‹Shakti›, die weibliche Energie des Universums», erklärt Kripa, die sich wie alle in Auroville nur mit dem Vornamen vorstellt. Die 44-Jährige ist hier aufgewachsen, ihre Eltern kamen 1968 aus Frankreich.
Antiautoritäre Erziehung
Der Geist der 68er wehte auch in der Erziehung. Kripa besuchte eine Schule, in der sich die Eltern mit Unterrichten abwechselten. Das Credo der Eltern: Die Kinder sollten sich frei entfalten können, Beeinflussung durch Erwachsene war verpönt. Eigentliche Fächer gab es nicht.
Doch Kripa und ihre Mitschülerinnen vermissten bald feste Strukturen. «Wir gingen zu unseren Eltern und forderten mehr Disziplin und Ordnung», erinnert sie sich schmunzelnd. «Die konnten sie uns nicht verwehren, schliesslich waren sie überzeugt, dass Kinder selber wissen, was gut für sie ist!»
Die Philosophie von Sri Aurobindo und Mira Alfassa sei ihr als Kind nicht indoktriniert worden – sie habe sie im Alltag ganz beiläufig mitbekommen: Achtsamkeit im Umgang mit den Mitmenschen, das Bestreben, jede Aufgabe mit der grösstmöglichen Sorgfalt zu erledigen, überall sein Bestes zu geben.
Das Yoga der Arbeit
Im Zentrum steht das «Karma Yoga», die Idee, dass Spiritualität sich insbesondere in der Arbeit manifestiert. Das klingt zunächst sehr protestantisch, bezieht sich aber auch auf die indische Tradition des «Seva», des Dienstes an der Gemeinschaft.
«Arbeit ist für uns kein Gegensatz zum Leben, nichts, das um 8 Uhr früh anfängt und um 17 Uhr zu Ende ist», erklärt Kripa. «Arbeit ist ein Instrument zur persönlichen Entwicklung. Arbeit und Leben sind eng miteinander verwoben. Das entspricht mir sehr.»
Auszug und Rückkehr der zweiten Generation
Wie viele andere Aurovillianer der zweiten Generation wollte auch Kripa sich als Jugendliche in der «Welt draussen» beweisen. Mit 16 zog sie nach Genf, um im angrenzenden Annecy die Matura zu machen. «Ich wollte in Auroville leben, aber ich wollte es aus freien Stücken tun.»
Nach sechs Jahren kehrte Kripa zurück nach Südindien, mit ihrem Diplom als Sonderpädagogin in der Tasche und in Begleitung ihres Liebsten, eines Studienkollegen. Dank des Diploms könnte sie jederzeit wieder weggehen.
Gartenstadt mitten im Dschungel
Das heutige Auroville hat wenig gemein mit dem trockenen Landstrich mit den einfachen Hütten, den Shivaya bei ihrer Ankunft vorfand und wo Kripa ihre Kindheit verbrachte. Zwar mutet die utopische Stadt mit rund 2800 Einwohnerinnen immer noch eher wie ein Dorf an. Aber die jahrzehntelange Aufforstung hat aus dem Wüstenland eine Art Gartenstadt gemacht.
Mitten in einer Urwaldlandschaft, zwischen haushohen Palmen und Bambuspflanzen, liegen die Wohnsiedlungen. Manche sind architektonische Experimente, beliebt ist Lehm als natürlicher, lokaler Baustoff. Von einem Ort zum andern bewegt man sich auf schmalen Pfaden mit dem Motorrad oder mit dem Velo. Im Dezember ist es noch 30 Grad heiss, die Mücken sind eine Plage, dafür begleiten einen exotische Vogelstimmen durch den Tag.
Goldener Golfball als Herz der Stadt
In der Mitte liegt das spirituelle Zentrum Aurovilles: der Matrimandir, eine Meditationshalle in Form einer riesigen, goldenen Kugel. Die rundherum angebrachten, runden Platten lassen den Matrimandir wie einen überdimensionierten Golfball erscheinen.
Als Besucherin muss man sich im Voraus anmelden und zuerst einen Film über Auroville anschauen. Erst dann darf man das Heiligtum betreten. Das Innere ist ganz in Weiss gehalten: Ein spiralförmiger Aufgang aus Marmor führt zum Herz, der Meditationshalle. 15 Minuten Stille lassen auch Menschen zur Ruhe kommen, die sonst jeden Moment auf ihr Smartphone schauen.
Prunk als Zankapfel
«Der Matrimandir? Um Gottes Willen!», ruft Ulla, eine Deutsche, die seit Ende der 1970er-Jahre hier lebt. Ihr wäre etwas Bescheideneres lieber gewesen. Um den Matrimandir gab es während der fast 40-jährigen Bauzeit viel Zank.
Schliesslich setzten sich die Befürworter der prunkvollen Variante durch, wie sie «Mutters» Hausarchitekt, der Franzose Roger Anger, vorgesehen hatte.
Allerdings: Was der Protestantin geschleckt erscheint – das glänzende Gold und der weisse Marmor –, mag Hindus sehr nüchtern vorkommen. Insofern ist der Matrimandir vermutlich ein guter Kompromiss.
Labor für Innovationen
Auroville ist heute auch ein Labor für innovative Ideen von Solartechnik über naturnahe Architektur bis hin zu freien Erziehungsmethoden und spiritueller Entwicklung. Fachleute aus Auroville sind in ganz Indien und darüber hinaus gefragt, oft auch in Entwicklungsprojekten in Ländern des Südens.
Wer fünf Stunden täglich für die Gemeinschaft arbeitet, bekommt eine Art Grundeinkommen auf seine «Aurocard». Damit kann er in den gemeinschaftseigenen Läden und Restaurants bezahlen.
Und abends feiern die Freiwilligen Partys.
Für die spirituelle Entwicklung gibt es ein grosses Angebot an Yoga, Meditation, aber auch Kurse über gewaltfreie Kommunikation, Theaterkurse und Lesegruppen.
Party statt Meditation
Eine attraktive Mischung, die Jahr für Jahr Dutzende Freiwillige anzieht. Vishnu, ein 40-jähriger Südafrikaner, hat seinen gut bezahlten Job bei einer Versicherung aufgegeben, weil er keinen Sinn darin sah. Jetzt schnippelt er seit zwei Monaten als Freiwilliger in einer Gemeinschaftsküche Gemüse.
«Ich bin hergekommen, um ein bescheidenes Leben zu führen und der Gemeinschaft zu dienen», sagt Vishnu. Doch das Angebot in den Restaurants – Latte Macchiato, Lasagne, Brownies – entspreche dieser Erwartung nicht. «Und abends feiern die Freiwilligen Partys.»
Das Ersparte geht nicht mehr in die Gemeinschaft
Dass Spiritualität und innere Entwicklung wichtiger sind als materielle Werte, war ein zentrales Credo der Gründerväter und -mütter von Auroville. Deshalb war es in den Anfangsjahren selbstverständlich, die persönlichen Ersparnisse komplett ins Projekt zu stecken.
Heute ist das nicht mehr so. «Die Ansprüche sind gestiegen, das einfache Leben genügt den meisten nicht mehr», erklärt Shivaya. Auch sie hat das Erbe ihrer Mutter, die kürzlich starb, in ein neues Motorrad investiert – anstatt es der Gemeinschaft zu geben.
Soziale Unterschiede bleiben
Zuzüger mit Geld haben die Möglichkeit, sich ein grosszügiges Haus zu kaufen – das ihnen dann zwar nicht gehört, aber in dem sie ein lebenslanges Wohnrecht haben. Aurovillianer aus Europa gehen im Sommer in die alte Heimat jobben, um ihr Einkommen aufzubessern.
Andere bieten ihr Wissen ausserhalb als Consultants an. Das führt zu sichtbaren Unterschieden. Ein kommunistisches Paradies ist Auroville nicht.
Keine Sanktionsmöglichkeiten
Manche verdienen auswärts Geld, andere nehmen es nicht so genau mit der Buchhaltung ihres Betriebes. Wer in Auroville einen Biobauernhof, eine Kleider-Manufaktur oder eine Solartech-Firma führt, soll einen Drittel des Gewinnes der Gemeinschaft geben.
Tut er oder sie das nicht, hat die Gemeinschaft allerdings keine Sanktionsmöglichkeiten. Dass es in letzter Zeit immer drastischere Fälle von Missbrauch gab, betrübt viele.
«Die Frage ist: Wie können wir das Bewusstsein schaffen, dass wir alle zusammen Auroville kreieren?» sagt Shivaya. «Schliesslich hängt der Erfolg dieses Projekts davon ab, wie wir alle zusammenarbeiten.»
Magnet für Sehnsüchtige aus aller Welt
Wenn der Anspruch, eine bessere Welt zu schaffen, sich wieder mal so gar nicht erfüllen will, buchen Europäerinnen wie Shivaya und Ulla ein Flugticket in die alte Heimat. Um Distanz zu gewinnen – aber auch um zu realisieren, dass es sie doch wieder nach Auroville zieht.
Auch wenn sie nicht sicher sind, ob sie sich noch einmal für Auroville entscheiden würden, wenn sie heute jung wären. Denn der Pioniergeist der Anfangsjahre, den sie noch erlebt haben, ist nicht vergleichbar mit der Stimmung heute.
50 Jahre nach der Gründung ist die Stadt der Morgenröte eine der wenigen Utopien aus dem Umfeld der 1968er-Bewegung, die bis heute als Ort existieren.
Zwar ist Auroville noch lange keine Stadt von 50'000 Einwohnern wie einst geplant. Zwar gibt es noch viele Unzulänglichkeiten. Doch die utopische Stadt bleibt ein Magnet für Sehnsüchtige aus der ganzen Welt.
Symbiose aus West und Ost
Was macht Auroville derart attraktiv? Vermutlich ist es die ungezwungene Mischung, die für fast jeden eine Möglichkeit zur Identifikation bietet: Die Ideen eines Mannes aus dem Osten und einer Frau aus dem Westen sind hier vereint, protestantischer Fleiss mischt sich mit hinduistischem Gemeinschaftssinn.
Dass das Projekt ein halbes Jahrhundert überlebt hat, hat auch mit diesem Pool an Identifikationsmöglichkeiten zu tun. Gut möglich, dass Auroville mit diesem Konzept auch die nächsten 50 Jahre erfolgreich ist. Brüche und Widersprüche hin oder her.