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Seit 2015 werden wir von Bildern überschwemmt, die den Eindruck erwecken, als würde "ganz Afrika" über das Mittelmeer nach Europa kommen. Diese Bilder evozieren Vorstellungen über Afrika, die seit dem Kolonialismus und den daraus resultierenden Kriegen (fast) keine Veränderung erfahren haben. Schlagworte wie "unterentwickelt", "arm" oder "unzivilisiert" dominieren Bilder und Rhetorik über Afrika. Sie verweisen darauf, dass der Westen "über Afrika" spricht, dass Afrika selbst nicht zu Wort kommt. Diesem Afrikadiskurs setzt der Text Afrotopia des senegalesischen Autors und an der Gaston-Berger-Universität (St. Louis, Senegal) lehrenden Ökonomen Felwine Sarr ein Afrikabild entgegen, das seine Grundlegung in der Vielfältigkeit und Heterogenität Afrikas hat. Der Autor ist im französischsprachigen Europa kein Unbekannter. Nicht nur, weil er in dieser Sprache publiziert, sondern weil er eine aktive Rolle in der Auseinandersetzung mit der französischen Regierung um die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter spielt.
In diesem Kontext verstehe ich Afrotopia als das Manifest einer Haltung, die sich durch die radikale Parteilichkeit auszeichnet. Mit diesem Text schreibt Sarr gegen jene medialen Bilder an, die Millionen Menschen täglich mitteilen, dass das Leben, das sie führen, keine Rolle spiele. In radikaler Kritik zu diesem Diskurs plädiert der Autor dafür, Afrika aus sich (selbst) zu denken. Ohne in einen rückwärtsgewandten Essentialismus zu verfallen, führt er die Leserin/den Leser in unterschiedliche politische, ökonomische und kulturelle Traditionen des Kontinents ein, um nach den "Wurzeln" einer Gegenwart zu suchen, die nicht nur in der Europäischen Moderne, sondern auch in der Zeit vor der Kolonialisierung Afrikas und dem transatlantischen Sklavenhandel liegen. Er schreibt dem autochthonen Wissen und Handeln für das Hervorbringen einer "Afrikanischen Moderne" grosse Bedeutung zu und macht damit auf die Pluriversalität der Moderne aufmerksam. Es gibt also nicht nur die Europäische Moderne, sondern wir müssen von "multiplen Modernen" sprechen. Dies hat zur Folge, dass Sarr die Afrikaner*innen nicht mehr an den Kriterien der Europäischen Moderne misst, sondern deren Handlungs- und Wirkmächtigkeit im Kontext ihrer jeweiligen Kulturen in den Fokus rückt. Damit weist er das dominant gewordene Bild von Afrikaner*innen als Subalterne ("unterentwickelt") und passive Hilfsempfänger*innen entschieden zurück. Er lässt die Bewohner*innen des Kontinents als Subjekte ihrer eigenen Geschichte auftreten und eröffnet damit einen Afrikadiskurs, der "die gewaltigen Möglichkeitsräume innerhalb der afrikanischen Wirklichkeit" (S. 15) auslotet und für die Zukunft fruchtbar zu machen versucht. Die Ausgestaltung dieser Möglichkeitsräume verbindet der Autor mit einer Kritik an der neoliberalen Globalisierung, die in Afrika nur ein Aufmarschgebiet für ihre militärischen, politischen und ökonomischen Interessen sieht. Es gilt, so der Autor, "Gesellschaften aufzubauen, die für die Menschen, die in ihnen leben, einen Sinn ergeben" (S. 28). Auch wenn sich dieses Buch an uns Europäer*innen richtet, müssen meiner Ansicht nach die Überlegungen von Sarr vor allem von den Afrikaner*innen selbst gelesen werden. Denn nur so ist zu hoffen, dass sie sich nicht mehr auf den gefährlichen Weg nach Europa machen. Weil das Leben, das sie leben eine Rolle spielt und Sinn macht; weil die Zukunft, von der sie träumen, in Afrika und nicht in Europa liegt. Doris GödlKlappentext:
"Dunkler Kontinent", "Elendsgebiet" oder "Rohstofflager der Welt", noch immer denken und reden wir über Afrika in Stereotypen. Und noch immer ist der Massstab, mit dem wir den Zustand und die Perspektive des Kontinents beurteilen, das Entwicklungsmodell des Westens, selbst wenn sich dieses weltweit als höchst zerstörerisch erwiesen hat. In seinem bahnbrechenden Manifest, das zugleich Analyse und Utopie ist, fordert Felwine Sarr eine wirkliche Entkolonialisierung Afrikas, indem es sich auf seine vergessenen und verdrängten geistigen Ressourcen zurückbesinnt, ohne gleichwohl den Kontakt mit der Moderne zu verleugnen. So findet sich eine Fülle kulturellen und geistigen Reichtums, die auf ein anderes, ausgeglicheneres Verhältnis zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Natur verweist. Die afrikanische Kulturrevolution bietet dabei auch für den Rest des Planeten dringend benötigte Ansätze, um eine bewusstere und würdevollere Zivilisation zu begründen. In 35 Jahren wird ein Viertel der Weltbevölkerung in Afrika zuhause sein – höchste Zeit, die verborgene Lebenskraft des Kontinents zu entdecken und das Zeitalter des Afrofuturismus einzuläuten.Über die Autorin / über den Autor:
Felwine Sarr wurde 1972 in Niodior im Senegal geboren. Er ist Schriftsteller, Musiker und lehrt als Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Gaston Berger Universitat in Saint-Louis, Senegal. Im März 2018 wurde er gemeinsam mit Benedicte Savoy von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beauftragt, die Rückgabe von französischer Raubkunst nach Afrika vorzubereiten. Felwine Sarr gilt als einer der meistdiskutierten Denker Afrikas.Preis: CHF 28.90