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Sieben Jahre nach "Der rote Ritter" veröffentlicht Adolf Muschg endlich wieder einen Roman. "Sutters Glück" verlangt Leser und Leserin einiges ab und enthüllt sich erst auf den zweiten Blick als ganz wunderbares Buch.
Emil Gygax alias "Sutter" ist fünf Wochen Witwer, als am 2. November - Allerseelen - geheimnisvolle Telefonanrufe beginnen. Täglich um 23 Uhr 17 - der Geburtsminute seiner verstorbenen Frau - klingelt das Telefon, ohne dass jemand dran wäre.
Bald darauf wird Sutter angeschossen und ist dem Tode nah. Er überlebt und bekommt in den nächsten Monaten Antworten auf Fragen, die er nie gestellt hat und die doch sein Leben prägen - und seinen Tod.
Geschehnisse und Bekannte aus der Vergangenheit vernetzen sich unerwartet.
Dieses Buch ist kein Lesevergnügen. Am Anfang stirbt man fast vor Langeweile. Da befindet sich Sutter noch in der postmortalen Lethargie: Er geht nicht 'raus, wimmelt Freunde ab, bleibt auf dem Gedankenkarussel sitzen, erinnert sich an seine Frau, die um vieles klüger, sensibler, spiritueller war als er und zudem dank einer Erbschaft auch reicher.
Doch die 23.17-Anrufe sind Weckrufe. Sutter wird lebendig. Nach wie vor vermag er nicht, die Wohnung zu räumen. Obwohl er gelobte, erst nach Räumung der Wohnung in die Ferien nach Sils zu fahren, wo ein Jahr zuvor seine krebskranke Frau den Tod im Wasser suchte wie einst Virginia Woolf, verreist er. Die Reise gleicht einem merkwürdigen Alptraum.
Es gibt eine gewisse Tradition der Literaturkritik, die Adolf Muschgs Werke als "Germanistenliteratur" denunziert. Das ist nicht ganz falsch, denn Literaturprofessor Muschg weiss, wie man's macht. Seine Personen haben Gesicht, Gestalt, Geschichte und verhalten sich wahr-scheinlich, obwohl in "Sutters Glück" einige so hochintellektuell sind, dass ihr Verhalten an die Grenze dessen geht, was wir kennen.
Der im Begriff "Germanistenliteratur" versteckte Vorwurf, Kopf ersticke Herz, trifft in diesem Buch sicher nicht zu: Der Anfangsteil mit seiner Schilderung von Ruths Sterben ist von einer Zärtlichkeit, die so berührt wie in letzter Zeit nur Hansjörg Schneiders Tatsachenbericht "Nachtbuch für Astrid". Und wie Muschg Sutters beide Agonien schildert, lässt sich mit nichts vergleichen.
swissinfo und Agenturen