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Das Nationalfondsprojekt
"Bessere Bildung mit mehr Musik"
Am 11. Mai 1987 veranstaltete die IASEM in der Inneren Enge in Bern einen Orientierungstag für die interessierten Lehrkräfte. Es kamen 66 Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Schweiz, und wir drei von der Projektleitung orientierten sie über den Schulversuch Muri, über Inhalte des Unterrichts und Fragen des Lehrplans, über Modelle für die Bildung von Musikklassen, über die Evaluation und über die vorgesehenen Weiterbildungsseminare, über Möglichkeiten, wie sie bei Kollegen, Behörden und Politikern für einen erweiterten Musikunterricht argumentieren könnten. Natürlich wurde über all das auch diskutiert, und selbstverständlich sangen wir am Anfang und am Schluss je eine halbe Stunde mit Josef Scheidegger und Edouard Garo, und nach dem Mittagessen durfte ich mit allen eine halbe Stunde lang tanzen. Es war ein richtiges Fest.
Die IASEM wurde eine respektable Körperschaft, und der Projektleitung wartete eine Riesenarbeit. Sie erledigte sie in vielen Sitzungen, die meistens in Bern stattfanden. In den Anfängen war Edouard Garo häufig auch als Übersetzer tätig. Als Koordinator und Geschäftsführer hatte ich alles termingerecht auszuführen. Daneben war ich häufig eingesetzt als Referent an Orientierungsveranstaltungen. Und natürlich mussten alljährlich an der Hauptversammlung der Jahresbericht und die Rechnung vorgelegt werden.
Die pädagogischen Arbeitsstellen
Im Sommer 1986 hatte ein mühseliger Teil des Projekts begonnen: Im Blick auf die Evaluation der Schulversuche suchten wir – als Alternative zu einer Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg – Kontakt mit den pädagogischen Arbeitsstellen der Kantone. Mit Dr. Carlo Jenzer in Solothurn, dem Präsidenten der Bildungsforscher, konnten wir Ende Oktober 1986 ein positives Gespräch führen. Dr Jenzer sah darin eine willkommene Gelegenheit zur Zusammenarbeit der Arbeitsstellen. Aber diese wollten dann nur die Entwicklung übernehmen und den Forschungsauftrag an ein Universitätsinstitut delegieren. Am 22. Dezember erteilten wir der Koordinationsstelle für Bildungsforschung in Aarau den Auftrag, ein Sammelreferat zu erstellen über Klassen mit vermehrtem Musikunterricht in Europa, den angelsächsischen Ländern, evtl. Japan, als Arbeitsgrundlage für die Evaluation, aber auch als PR‑Instrument gegenüber Politikern und der Öffentlichkeit.
Am 5. März 1987 wurde eine Konferenz mit den Leitern der Pädagogischen Arbeitsstellen der beteiligten Kantone unter dem Vorsitz von Herrn Jenzer möglich. Anhand einer Projektskizze von Jean‑Luc Patry wurde grundsätzlich über das Projekt und über den allfälligen Anteil der Pädagogischen Arbeitsstellen diskutiert. Ich erhielt den Auftrag, eine "Theorie" zu schreiben, und ein Evaluationskonzept zu entwerfen. Dieses wurde am 25. August auch von den Delegierten der beteiligten Kantone mit einigen Änderungen genehmigt.
Nun versuchten wir, Geld zu bekommen von Banken, Versicherungen und grossen Firmen. Ich versuchte es bei der Schweizerischen Bankgesellschaft, deren Präsident Holzach mich aus dem Artikel „Intelligenter durch Musik?“ in der NZZ ausführlich zitiert hatte. Doch trotz meinem besten Anzug schaffte ich es an der Zürcher Bahnhofstrasse nur bis in die zweitoberste Etage. Immerhin erhielten wir fünftausend Franken. Im ganzen wurden uns Fr. 8'500.‑ zugesagt; es wären jedoch gegen Fr. 300'000.‑ nötig gewesen.
Schliesslich tauchte die Idee auf, das Projekt dem Nationalfonds in eigener Regie (d.h. durch mich, der ich über keinen akademischen Titel verfüge) einzureichen. Als Mitunterzeichner sagte schliesslich Professor François Gaillard in Lausanne zu, so dass wir das Projekt innerhalb eines Monats in einem Parforce‑Aufwand bereinigten und Ende September 1987 mit Herrn Patry als Erstunterzeichner dem Nationalfonds einreichen konnten.
Am 29. Februar 1988 empfahl uns der Nationalfonds, das Projekt zurückzuziehen. Aber ich fragte nach und erfuhr, dass wir mit einer Überarbeitung wahrscheinlich eine gute Chance hätten. Beanstandet wurde vor allem der Bezug auf die Hemisphärentheorie, und dass vom Projekt zuviel erwartet wurde. Nochmals gab es eine Parforce‑Übung, und am 15. April 1988 reichten wir dem Nationalfonds ein neues Gesuch ein. Auf die erwähnte Theorie hatten wir weitgehend verzichtet, und neben einer 50%‑Stelle für einen wissenschaftlichen Mitarbeiter verlangten wir nun statt zwei nur noch eine Doktorandenstelle.
Am 28. März 1988 wurde an einer gemeinsamen Sitzung mit den Leitern der Pädagogischen Arbeitsstellen beschlossen, dass diese nun endlich die Kontrollklassen bestimmen und in den Kantonen BE, SZ, SO, BS, AR und TG, in denen die Schulversuche bereits im April 1988 begannen, die Anfangstests anhand der durch uns vorbereiteten Testbatterie durchführen sollten. Leider klappte das alles überhaupt nicht. Ende Juni waren noch nicht einmal alle Kontrollklassen bekannt, und vor den Sommerferien wurden überhaupt keine Tests durchgeführt. An der nächsten Sitzung am 19. August wurden die vorgesehenen Tests zum Teil in Frage gestellt; auch behaupteten einige Teilnehmer, über Hypothesen und Fragestellungen nicht im Bild zu sein, obschon sie eine Kopie unseres Gesuches an den Nationalfonds erhalten hatten, wo alles enthalten war.
Noch am 19. September (also nach dem positiven NF-Entscheid) schlug Dr. Joe Brunner, der Vertreter der Berner Pädagogischen Arbeitsstelle vor, das Nationalfondsprojekt zurückzuziehen, weil nach seiner Meinung die vorgeschlagenen Leistungstests wissenschaftlichen Kriterien nicht genügten. Zwar konnten wir diese Bedenken entkräften, aber es wurde deutlich, dass die Zusammenarbeit mit den Arbeitsstellen zu nichts führte, so dass wir die wissenschaftliche Verantwortung selber übernehmen mussten und alle Tests selber entwickelten.
Das Kapitel Pädagogische Arbeitsstellen ist in der Geschichte der IASEM das unerfreulichste. Die Zusammenarbeit mit einzelnen Pädagogischen Arbeitsstellen (mit den löblichen Ausnahmen Dr. Carlo Jenzer in Solothurn und Bruno Dahinden im Thurgau) war äusserst schwierig: Die Mühsal, die Leute zusammenzubringen, der Ärger vielleicht auch darüber, dass nicht alle sich die Mühe nehmen, vor einer Sitzung die Unterlagen zu lesen, dass aber gerade diese Zeitgenossen sich gerne pointiert zu äussern beliebten, das Staunen darüber, dass nicht alle Bildungsforscher den gleichen Stil pflegen, ja, dass es offenbar verschiedene 'Schulen', ja sogar auch verschiedene Arten von Wissenschaftlichkeit gibt (und verschiedene kleine "Königreiche"), auch das Staunen über die weitgehende Unfähigkeit der Wissenschaft, qualitativen Fakten gerecht zu werden, und schliesslich der Ärger über die entnervende Trölerei: Das alles machte mir zu schaffen; und es verursachte rein äusserlich eine Menge Mehrarbeit. Dieses Fiasko ist umso mehr zu bedauern, als die Zusammenarbeit auf der Stufe der Lehrkräfte über die Kantons‑ und Sprachgrenzen hinweg ausgezeichnet funktionierte.
Ende August 1988 erhielten wir vom Nationalfonds Bericht, dass unser Gesuch bewilligt sei, zunächst für anderhalb Jahre. Damit hatten wir nun endlich klare Verhältnisse, aber die Schulversuche hatten teilweise schon im April begonnen.
Die These lautete: Intensive Beschäftigung mit Musik (Singen, gemeinsames Musizieren und Tanzen sowie die Schulung des Notenlesens und des Musikhörens) fördert die Konzentrationsfähigkeit, das Gedächtnis und die sprachliche und allgemeine Ausdrucksfähigkeit und steigert die Lebensfreude. Dies wird sich auch auf die schulische Motivation auswirken. Deshalb werden in allen Schulfächern, auch in denen mit reduziertem Pensum, normale oder sogar bessere Leistungen erwartet. Diese Vermutung soll wissenschaftlich überprüft werden.
Der Nationalfonds bewilligte später auch den Kredit für die restlichen 18 Monate, also bis Ende 1991. Am 26. August 1991 wurde schliesslich auch die Verlängerung um ein Jahr bis Ende 1992 bewilligt.
Die wissenschaftliche Arbeit am Pädagogischen Institut Freiburg
Seit meiner ersten Kontaktnahme mit der Universität Freiburg hatte sich eine intensive Zusammenarbeit mit PD Dr. Jean‑Luc Patry, dem Oberassistenten des Pädagogischen Instituts, angebahnt. Bei der Einreichung der beiden Gesuche an den Nationalfonds hat er die Hauptarbeit geleistet. Im Dezember kamen zwei Studentinnen dazu.
Im Juni 1988 wählten wir auf Grund des positiven Entscheids des Nationalfonds nämlich Katharina Meyer‑Wanner und Ralf Edelmann zu je 50% ins Team, Mitte Juli kam noch Stefan Barandun mit 30% dazu. Die drei Mitarbeiter erhielten alle bisher erarbeiteten Unterlagen, und am 4., 18. und 30. August wurden die Tests vorbereitet und die Anstellungsbedingungen bereinigt. Grundlage waren die vom Nationalfonds bewilligten Fr. 3'174.‑ monatlich für anderthalb Stellen. Das war leider sehr wenig.
Nach Testläufen in Köniz und einer Information der Lehrkräfte in Solothurn wurden in diesem Kanton die ersten Tests durchgeführt. Alle Teammitglieder mit Ausnahme der erkrankten Katharina Meyer waren nun als Tester im Einsatz. Es hätten auch Studenten eingesetzt werden sollen, aber leider waren wir nun so spät dran, dass diese entweder schon in den Ferien oder wieder am Studieren waren (ausserdem konnten wir ihnen nur Fr. 15.‑ pro Stunde offerieren). Ende September zog sich Frau Meyer aus familiären Gründen aus dem Projekt zurück. Einen Teil der Tests übernahm nun Trudi Lauper, die ab Mitte November als Mitarbeiterin zu 20% ins Team eintrat. Ich selber hatte die Tests im Oberwallis übernommen, musste aber wegen einer heftigen Erkrankung kurzfristig aussteigen.
Das Arbeitsverhältnis mit Stefan Barandun lösten wir auf Ende des Jahres 1988 auf. Dafür trat Maria Spychiger auf den 1. Januar 1989 als Doktorandin in das wissenschaftliche Team ein.
Leider belastete die unbefriedigende Lohnfrage fast dauernd unsere Arbeit. Ralf Edelmann war nun wissenschaftlicher Mitarbeiter zu 50% und erhielt dafür die vom Nationalfonds bewilligte Bruttobesoldung von Fr. 17'275.‑ oder Fr. 1'439.60 monatlich. Im Mai und Juni kamen seine Arbeitsleistung, Arbeitsweise und seine Präsenz zur Sprache. Es zeigte sich, dass er der irrigen Meinung war, er könne in seiner Arbeitszeit auch, wie Maria Spychiger, an seiner Dissertation arbeiten. Maria Spychiger erhielt als Doktorandin Fr. 1'800.‑ monatlich und arbeitete im Sinne des Nationalfonds zu je 50% für das Projekt und für ihre Dissertation. Als "halber" Doktorand hätte Edelmann nur Fr. 900.‑ monatlich zugut gehabt. Wir kamen ihm entgegen, indem wir uns für das zweite Halbjahr auf den Status "wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand" einigten, mit einer Arbeitsverpflichtung von 2 Tagen wöchentlich, wovon die Hälfte für das Projekt. Für diese 20% erhielt er einen Monatslohn von Fr. 1'060.‑, was immerhin einer Besoldung von Fr. 5'300.‑ entspricht. Damit war Edelmann sogar noch wesentlich besser bezahlt als Maria Spychiger. Ausserdem erhielt er ein Generalabonnement, und wenn er testete (während seiner Arbeitszeit), wurde er dafür mit Fr. 20.‑ pro Stunde zusätzlich entschädigt. Doch an einer Sitzung zusammen mit der Projektleitung brachte er das Thema erneut ein und versicherte, er werde in dieser Sache keine Ruhe geben. Ruhe trat glücklicherweise Mitte September ein, als das Ausscheiden Edelmanns aus dem wissenschaftlichen Team auf Ende des Jahres 1989 vereinbart wurde.
Im März 1990 trat Eva Zimmermann als Doktorandin in das wissenschaftliche Team ein. Sie blieb bei uns bis Ende Juni 1991, als sie eine Teilzeitstelle als Psychologin am Lehrerseminar in Freiburg antrat. Ihre Stelle wurde nicht mehr besetzt. Wir halfen uns mit Studierenden, die wir temporär für bestimmte Aufgaben verpflichteten (im ganzen waren es bis Mitte August 1992 36 Studentinnen und Studenten). Für besondere Aufgaben im Zusammenhang mit den EDV‑Auswertungsprogrammen half uns Dr. Richard Klaghofer vom Pädagogischen Institut. Ab Oktober 1991 änderten wir den Status von Maria Spychiger: Sie wurde nun wissenschaftliche Assistentin zu 75% und Doktorandin. Vom Januar bis Juni 1992 schliesslich war Beatrix Hediger als wissenschaftliche Assistentin zu 50% fest angestellt.
Die Ergebnisse
Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung können in folgenden Punkten zusammengefasst werden:
1. Sachkompetenz:
In den Versuchsklassen traten trotz Reduktion der Lektionenzahl in Hauptfächern um 20 bis 25% in diesen keine Verluste auf. Die Ausdrucksfähigkeit wurde gegenüber den Kontrollklassen in einzelnen Bereichen verbessert. Es gab gute Entwicklungen im Bereich der Sprache.
2. Sozialbereich:
Hier sind die Ergebnisse z.T. recht deutlich ausgefallen. Das Sozialklima verbesserte sich zwar in allen Klassen, die Verbesserung war jedoch in den Versuchsklassen in einigen Bereichen deutlicher als in den Kontrollklassen. Der Gruppenzusammenhalt (Soziogramm) nahm in den Versuchsklassen stärker zu. Demgegenüber kann bezüglich der Kontrollüberzeugung nur in geringem Mass von einem Einfluss des Erweiterten Musikunterrichtes gesprochen werden.
3. Motivation:
Hier zeigen sich besonders ausgeprägte Gewinne der Versuchs- gegenüber den Kontrollklassen, und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen wird die Schule positiver gesehen, vor allem bezogen auf den Musikunterricht; zum anderen deutet sich eine positivere Einstellung zur Musik im allgemeinen an, also unabhängig vom Unterricht.
Für alle über den gesamten Zeitraum erfassten Bereiche zeigte es sich, dass der Erweiterte Musikunterricht Zeit braucht, um Wirkung zu entfalten. Nach einem oder anderthalb Jahren waren auch die obgenannten Fortschritte noch kaum feststellbar, in einigen Bereichen ergaben sich sogar Rückschläge. Verluste wurden aber mit der Fortdauer des Schulversuchs aufgehoben und z.T. in Gewinne verwandelt.
Die These vom Bildungswert des Musikunterrichtes konnte bestätigt werden, wenn auch nicht so spektakulär, wie es aufgrund der früheren, meist spekulativen Modelle zu erwarten gewesen wäre.
Den wissenschaftlichen Bericht und die populärwissenschaftliche Fassung schrieben Dr. Jean-Luc Patry, Maria Spychiger und ich. Von uns dreien wurden überhaupt die wesentlichen Arbeiten in der wissenschaftlichen Evaluation dieses Projektes geleistet.