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Langer Atem wirkt angstlösend
Zum Beispiel so: «Die Angst vor Corona gleicht einem Luftballon, der immer weiter aufgeblasen wird, bis er platzt.» Dieser Satz wäre seinem Wesen nach beinahe ein Gleichnis. Denn er vergleicht ein unbegreifliches Phänomen mit einer Alltagserfahrung und lässt ihm damit die Luft raus. «Ach so, alles halb so wild», wäre dann seine Botschaft.
Gewissheit ist entscheidend
Doch Obacht. Dem Satz fehlt das Entscheidende. Die Gewissheit. Ein Gleichnis würde er erst, wenn sein Sprecher tatsächlich wüsste, dass die Angst grundlos ist und sich bald in Luft auflöst, sonst wäre er hochgradig fahrlässig. Wie der geniale Weitblick eines Donald Trump, der noch im März davon schwärmte, so viel über das Virus zu wissen, dass sich reihenweise Ärzte bei ihm darüber kundig machten. Vielleicht wäre darum er selbst eine bessere Steilvorlage für ein Gleichnis? Das ginge dann so: «Trump gleicht einem Luftballon, der sich selbst immer weiter aufpustet, bis er platzt.» Womöglich ein echtes Gleichnis, weil es beides zur Sprache brächte: Es vergleicht ein unfassbares Phänomen mit einer Alltagserfahrung, holt es somit runter und verknüpft es mit der Zuversicht, dass der Vergleich stimmt, der Aufgeblasene letztlich also nichts als ein schlaffes Michelin-Männchen sein könnte. Das wäre dann eine Pointe, diese bisher übersehene Gewissheit: «Klar, so ist es, ganz anders, als ich dachte.» Hätte was Furchtloses.
Sprache des Alltags
Genau diese Pointe zeichnet die Gleichnisse Jesu aus. Er spricht stets gleichnishaft vom «Reich Gottes», also von einer Welt, die unsichtbar, überirdisch scheint. Er redet davon aber in einer Sprache des Alltags und zieht sie damit vom himmlischen Podest runter auf die Erde. «Das Himmelreich ist wie ein Sämann, wie ein Senfkorn, wie ein Schatz im Acker.» Kennt jeder. Und dann die Pointe: «Schaut doch hin, Himmel trifft Erde, zugunsten der Erde! Der Himmel ist nahe und ist schon da.» Das ist der Witz. Diese übersehene Wirklichkeit: Es ist ja anders, als wir dachten! Der Himmel ist näher, realer, schon hier. Also: «Vertraut, wachst, ihr seid wahrgenommen.» Diese Pointe war für die Realisten seiner Zeit kaum zu ertragen, für die spirituell Suchenden aber ein Impuls zur Hoffnung. Ja, wenn das stimmt, – mein Gott! Dann ginge ja manchem Sachzwang die Luft raus.
Trump gleicht einem Luftballon, der sich immer mehr aufpustet, bis er platzt.
Woher aber nahm Jesus die Gewissheit, damit recht zu haben? Seine Gewissheit dürfte in der Sache selbst liegen. Er verstand sich ja nicht als Lehrer oder Erleuchteter, liess keine ewigen Weisheitssätze oder kluge Lehren für erfolgreiches Leben vom Stapel. Er war einfach berührt von der überirdischen Menschenfreundlichkeit Gottes, und dass die schon im Irdischen wächst. Alltagsvergleiche also und dann die Pointe: «Wow, ja, klar, jetzt sehe ich es.» Wirkte angstlösend. Auch bei ihm selbst, wie die Bibel berichtet.
Jesus als Gleichnis
Faszinierend ist, dass er genau darum schon sehr früh selbst als ein Gleichnis verstanden wurde. «Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes», zitiert der Neue Bund einen frühchristlichen Hymnus. Das Baby von Bethlehem, der Gekreuzigte von Golgatha, ein Bild des Unsichtbaren. Himmel trifft Erde, zugunsten der Erde! Schon hier und jetzt. Das ist der Witz. Bisher übersehen? Achtsam hinschauen hilft, und vielleicht dieses Gleichnis: «Aufgeblasene Angst, sogar die vor spiritueller Erfahrung, gleicht einem Luftballon, dem die Luft ausgeht, weil die Freundlichkeit Gottes den längeren Atem hat.» Wirkt angst-
lösend, selbst in diesen Tagen.
Text: Reinhold Meier, Journalist BR und Psychiatrie-Seelsorger, Wangs | Foto: Rüstü Bozkus, pixabay – Kirchenbote SG, Mai 2020