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| Tertullian († um 220) - Die fünf Bücher gegen Marcion. (Adversus Marcionem)

Erstes Buch
13. Cap. Die Schöpfung im grossen, wie im kleinen ist bewunderungswert und Gottes würdig, was schon die heidnische Philosophie und Religion beweisen.
Wenn wir einem Gott, für den keine schöpferische Eigenschaft, die Gottes so würdig und so eigentümlich ist, Zeugnis ablegt, diese Würde absprechen, so rümpfen die unverschämten Marcioniten die Nase und greifen zur Herabsetzung der Werke der Schöpfung. Freilich, spotten sie, ist die Welt ein grossartiges und Gottes würdiges Werk! Nun? ist [S. 145] denn euer Demiurg etwa kein Gott? — Doch er ist es. — Dann ist also auch die Welt Gottes nicht unwürdig; denn Gott hat nichts seiner Unwürdiges vollbracht, obschon er die Welt für den Menschen und nicht für sich gemacht hat und jedes Werk geringer ist als sein Urheber. Und doch, wenn es Gottes unwürdig sein sollte, etwas geschaffen zu haben, mag es sein, so gering es will, so wäre es jedenfalls Gottes noch viel unwürdiger, gar nichts geschaffen zu haben, nicht einmal etwas seiner Unwürdiges. Denn dann könnte man doch immer noch hoffen, er werde später bessere Dinge schaffen!
Um also auch etwas über das zu sagen, was an der Welt, welcher die Griechen den Namen Kosmos, d. i. Schmuck, Zierde, nicht etwa Schmutz, gegeben haben, trotzdem Unwürdiges sein soll, bemerke ich, dass die Lehrer der Weltweisheit selbst, von deren Gedanken alle Häresien zehren, die unwürdig sein sollenden Substanzen für Götter ausgegeben haben, so z. B. Thales das Wasser, Heraclit das Feuer, Anaximenes die Luft, Anaximander alle Himmelskörper, Strato den Himmel und die Erde, Zeno den Äther und die Luft, Plato aber die Gestirne, die er das feuerartige Göttergeschlecht nennt. Indem sie nämlich an der Welt die Grösse, Macht, Kraft, Herrlichkeit, Schönheit, Unerschöpflichkeit, Beständigkeit und Regelmässigkeit der einzelnen Elemente betrachteten, welche dazu beitragen, alles hervorzubringen, zu erhalten, zu vollenden und wieder herzustellen, so fürchteten sie, wie die meisten Physiker, bei ihr einen Anfang und ein Ende zu statuieren, damit nicht etwa ihre Bestandteile, die so gross und erhaben sind, als weniger göttlich erschienen. Auch von den Magiern bei den Persern, von den Hierophanten in Ägypten und den indischen Gymnosophisten werden dieselben göttlich verehrt.
Sogar der gemeine Aberglaube des allgemeinen Götzendienstes nimmt, wenn er sich an seinen Götzenbildern der alten Namen und Geschichten von längst verstorbenen Menschen schämt, zur physikalischen Erklärungsweise seine Zuflucht, verbirgt seine Schande unter geistreichen Redensarten und deutet Jupiter in das Bild einer glühenden Substanz um, Juno stellt er sich luftartig vor, entsprechend dem Wortlaut der griechischen Bezeichnung, Vesta als das Feuer, die Camönen als die Gewässer, die Magna Mater als die des Samens beraubte, mit den Händen durchwühlte von Wasser übergossene Erde. Weil Osiris immer begraben, dann wieder unter den Lebenden gesucht und mit Freude gefunden wird, so deuteln sie, er sinnbilde die sicher immer wiederkehrenden Früchte und die Leben gebenden Elemente des wechselnden Jahres. Ähnlich philosophieren sie über die Löwen des Mithras, welche die Geheimnisse der dürren und schmachtenden Natur vorstellen sollen. In betreff der an Stellung und Rang höhern Substanzen genügt es uns, dass man sie lieber für Götter gehalten hat, als für Gottes unwürdig. Ich will aber auch zu den niedrigen [S. 146] Dingen hinabsteigen. Ein einziges Blümchen, ich meine nur eins von der Hecke, nicht einmal eins vom Blumenbeete, ein Häuschen einer beliebigen Schnecke vom Meer, ich sage nicht einmal vom Roten Meer, ein Federchen vom Auerhahn, vom Pfauen will ich schweigen, werden sie alle Dir predigen, der Schöpfergott sei ein Künstler gewesen, der keine Achtung verdient?