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Arthur Vogt meldete sich erst 1939 aus Leipzig wieder und bat bei der Polizeidirektion Luzern um eine "vorübergehende Aufhebung der Ausweiseverfügung", weil sich seine Mutter einer "sehr schweren Operation" unterziehen müsse. Das Gesuch wurde abgelehnt. Er richtete ein zweites Gesuch an das Polizeidepartement des Kantons St.Gallen und erhielt die Bewilligung. Doch die Einreise im August 1939 kam aus finanziellen Gründen nicht zustande. Und mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September wurden alle Grenzen geschlossen.
Das Jüdische Museum Hohenems im Vorarlberg machte Max Lemmenmeier auf das Schicksal Arthur Vogts aufmerksam. Gemäss diesen Recherchen war Arthur Bernhard Vogt Bürger des Deutschen Reichs geworden aufgrund des Münchner Abkommens vom 28. September 1938, das die tschechoslowakischen Gebiete der deutschsprachigen Sudeten dem Hitler-Staat überliess. Die Recherchen ergaben zudem, dass Vogt offenbar weiterhin so lebte wie zuvor, denn es gab mehrfache Verurteilungen auf Reichsgebiet "wegen Bettelns, kleiner Diebstähle und unerlaubten Aufenthalts".
Das war extrem gefährlich. Der durch Hitler 1935 verschärfte §175 gegen Homosexuelle bedrohte ihn direkt, das musste ihm klar sein. In der Schweiz, auch das wusste er sicher, verlief die Entwicklung umgekehrt. An der Herbstsession 1931 wurde das neue Strafgesetzbuch in den Eidgenössischen Räten abgeschlossen. Damit war u.a. die Todesstrafe abgeschafft und homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen über 20 Jahre wurden nicht mehr bestraft. 1938 ergab die Volksabstimmung eine Ja-Mehrheit und auf den 1. Januar 1942 trat das StGB in Kraft. In der Schweiz bestände für ihn diese Gefahr nicht.
Im März 1943 unternahm der nun 31-jährige Arthur Vogt zusammen mit dem Polen Zygmunt Bak einen Fluchtversuch in die Schweiz. Er wollte wiederum bei Lustenau den Rhein (vermutlich den Alten-Rhein) überqueren. Als Bürger eines Staates, der eine kriegführende Diktatur war, Menschen wie ihn zudem kriminalisierte und natürlich jederzeit einziehen und an die Front schicken konnte, war der Gedanke an eine Flucht dorthin, wo er sich eher zuhause fühlte, sicher verlockend. Nur standen am Rhein nicht mehr österreichische Beamte wie knapp zehn Jahre zuvor, sondern Soldaten der reichsdeutschen Grenzwache mit klaren Befehlen.
Ernst Ostertag, November 2023