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(Leider konnte ich auf die Schnelle nur den ersten Band von Laßwitz’ Geschichte der Atomistik in die Hände kriegen; ich werde mir Band 2 sicher noch besorgen – es könnte allerdings eine Weile dauern, bis ich ihn hier vorstelle.)
Kurd Laßwitz’ Name hat das 21. Jahrhundert – wenn überhaupt – ‘nur’ als Autor von phantastischen Geschichten bzw. Science Fiction erreicht. Dass der promovierte Physiker daneben auch noch wissenschafts- und philosophiegeschichtliche Bücher von Rang verfasst hat, unterschlägt selbst der Artikel zu seinem Namen in Wikipedia praktisch vollständig. Eines dieser Bücher ist die Geschichte der Atomistik von Mittelalter bis Newton. Band 1 führt allerdings nicht bis Newton, sondern endet bei den späten Humanisten.
Der Titel ist dabei ein wenig irreführend. Um im Mittelalter mit der Geschichte der Atomistik beginnen zu können, ist es unumgänglich, dass nicht nur die Physik eines Demokrit oder Leukipp vorgestellt wird, sondern auch die Platons und vor allem die des Leitsterns des späten Mittelalters: Aristoteles. Nun ist vor allem in der Antike (aber auch bis weit in die Neuzeit hinein) Physik nicht von Philosophie zu trennen, weshalb denn Laßwitz’ Darstellung der antiken Physik über weite Strecken auch eine Darstellung der antiken Philosophie ist. Laßwitz stützt sich dabei in nicht geringem Mass auf die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen Entwicklung von Eduard Zeller (in der 4. Auflage), vor allem bei der Präsentation von Aristoteles. Wenn er dann Aristoteles’ Naturwissenschaft und Physik im engeren Sinne vorstellt, emanzipiert sich Laßwitz von Zeller, der den Naturwissenschafter Aristoteles nur streifte, wohl mangels eigener naturwissenschaftlicher Kenntnisse. Somit werden Laßwitz’ Ausführungen zu den alten Griechen auch zu einer wertvollen und äusserst brauchbaren Ergänzung von Zellers grosser Philosophiegeschichte.
Die von Platon noch vertretene atomistische Ansicht des Aufbaus der Welt aus flachen, dreieckigen Atomen wird von Aristoteles auf Grund ihrer logischen Inkonsistenz zurückgewiesen, statt dessen ein Aufbau der Welt aus vier Elementen, strukturiert in verschiedene kugelförmige Sphären postuliert. Bis in die späte Neuzeit, aber vor allem im Mittelalter, wurde, was wir heute ‘Physik’ nennen, vor allem logisch-argumentativ betrieben. Experimente, Hand an die Dinge zu legen, waren verpönt. Der ‘Physikus’ – Laßwitz weist darauf hin – war noch bis ins 20. Jahrhundert ein üblicher Ausdruck für einen Arzt. (Das englische Wort ‘physician’ – darauf weist Laßwitz, vielleicht mangels Kenntnissen der englischen Sprache, nicht hin – hat diesen Zusammenhang bis heute bewahrt.) Es waren denn auch im Mittelalter weniger die grossen Philosophen, vielleicht mit Ausnahme von Albertus Magnus, die sich ernsthaft für eine Form von Korpuskulartheorie interessierten, sondern viel mehr Ärzte; und auch da waren es weniger die Europäer, die sich mit Physik beschäftigten, sondern die jüdischen und vor allem die arabischen Denker des Mittelalters. Averroës ist heute der bekannteste, es gab andere. (Laßwitz weist darauf hin: Was wir ‘arabische Philosophie’ nennen, ist im Grunde genommen auf Arabisch geschriebene Philosophie – die wenigsten Vertreter der ‘arabischen Philosophie’ waren genuine Araber.)
Erst mit der Renaissance des Neuplatonismus (zunächst bei den italienischen Humanisten) wurden atomistische angehauchte physikalische Theorien auch im Westen wieder öfter und unverhüllter geäussert. Nikolaus von Kues stand für Laßwitz in gewisser Hinsicht am Beginn dieser Entwicklung, ebenso Paracelsus (noch ein Arzt!) in seinem Kampf gegen die zu seiner Zeit herrschende Schulmedizin. Kepler, Galilei, Kopernikus, Bruno: Nicht alle blieben unbehelligt von der kirchlich-katholischen Autorität, die damals – noch immer gestützt auf Aristoteles – bestimmte, was nun wahr sein solle und wie die Erde, das All und alle Dinge konstruiert zu sein hätten. Alle dies, wie noch im Mittelalter, ex cathedra, ohne Forschung.
Band 1 endet mit jenen humanistischen Forschern, die – wiederum meist als Ärzte tätig – sich langsam an die Korpuskulartheorie herantasteten, wie sie zur Zeit Laßwitz’ gültig war.
Alles in allem ist Laßwitz Geschichte der Atomistik, vor allem wegen des Gewichts, die sie auf die naturwissenschaftlich-physikalische Seite des Denkens von der Antike bis zur beginnenden Neuzeit legt – eine Seite, die in den üblichen philosophiegeschichtlichen Werken meist vernachlässigt wird –, eine interessante und überaus brauchbare Darstellung.