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Schweizer Gesundheitssystem Wie kommt man aus der COVID-19-Pandemie heraus? Welche Massnahmen sollten gegen die Affenpocken ergriffen werden? Und welches Gesundheitsrisiko geht mit dem Einsatz von Pestiziden einher? Um diese Fragen zu beantworten, schlägt Arnaud Chiolero eine Lösung vor.
Die COVID-19-Pandemie hat die Unzulänglichkeiten unseres Gesundheitsüberwachungs- und -informationssystems aufgedeckt [1]. Bürgerinnen und Bürger, Gesundheitsfachkräfte und Verantwortliche für die öffentliche Gesundheit benötigen zuverlässige Informationen. Diese ermöglichen es ihnen, fundierte Entscheidungen zu treffen, und zwar für zahlreiche Gesundheitsprobleme. Stark vereinfacht kann man sagen, dass die benötigten Informationen 1) die Gesundheitsrisiken, denen die Bevölkerung ausgesetzt ist, und 2) die Wirksamkeit von Interventionen zur Verringerung dieser Risiken zur Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung und zur Optimierung der Qualität der Gesundheitsversorgung betreffen.
Diese Informationen sollten im Rahmen einer evidenzbasierten und datengeleiteten öffentlichen Gesundheit [2], unter anderem durch Gesundheitsüberwachung, Gesundheitstechnologiebewertung und Evidenzsynthese [3], und unabhängig, das heisst ohne politische, militante oder wirtschaftliche Einmischung, erstellt werden.
Aber an wen soll man sich wenden, um diese Informationen zu erhalten? Während sich die Datenquellen und Informationsproduzenten im Zeitalter von Big Data und Infodemie vervielfacht haben [4, 5], ist es schwierig, sicherzustellen, dass die Informationen wissenschaftlich zuverlässig sind. In der Schweiz gibt es ein komplexes Ökosystem im Gesundheitswesen mit vielen staatlichen und privaten Akteuren, und alle haben Einschränkungen, welche sie bei der Identifizierung und noch mehr bei der Erstellung zuverlässiger Informationen einschränken. So sind das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Gesundheitsämter oder -direktionen der Kantone schlecht ausgestattet, um Gesundheitsrisiken zu bewerten. Erstens verfügen sie in den meisten Fällen nicht über ausreichendes wissenschaftliches Fachwissen für diese Art von Bewertung; sie stützen sich auf externes Fachwissen. Zweitens, und das ist das Hauptproblem, sind diese staatlichen Stellen politisch-ökonomischen Einflüssen ausgesetzt, die ihre Bewertung diskreditieren können.
Hochschulen und Forschende verfügen über Fachwissen und sind für die Erstellung zuverlässiger Informationen von entscheidender Bedeutung. Ihnen fehlt jedoch oft eine evidenzbasierte Kultur der Überwachung und des öffentlichen Gesundheitswesens, und sie müssen lernen, mit Bürgern und Gesundheitsbehörden zu kommunizieren [1, 6].
Gesundheitsfachkräfte verfügen ebenfalls über Fachwissen und sollten mit einbezogen werden, befinden sich jedoch potenziell in Interessenkonflikten, wenn es ihre Tätigkeit betrifft. Bürger sowie private Organisationen und Unternehmen sollten ebenfalls einbezogen werden, ihnen fehlt jedoch das Fachwissen, und sie können durch eine militante Positionierung oder Interessenkonflikte beeinflusst sein; sie sind dennoch für die Umsetzung von Empfehlungen von entscheidender Bedeutung.
Szenario für die Schweiz
Um eine wissenschaftliche und unabhängige Autorität zu schaffen, kann sich die Schweiz an Organisationen wie der US Preventive Service Task Force (USPSTF) [7] oder der Haute Auto-rité de santé (HAS) in Frankreich [8] orientieren. Innerhalb eines Referenzrahmens der evidenzbasierten und datengeleiteten öffentlichen Gesundheit wären die Fachgebiete dieser Behörde, insbesondere die Epidemiologie, die Bewertung der Gesundheit der Bevölkerung und der Tätigkeit des Gesundheitssystems (Überwachung und Monitoring), die Bewertung von Gesundheitsinterventionen (Prävention und Behandlung) und die Datenwissenschaften.
Im Auftrag des Bundes und der Kantone wäre diese Behörde an eine nationale akademische Einrichtung angegliedert, die das notwendige Fachwissen in ihren Reihen vereint, wie zum Beispiel die Schweizerische Hochschule für öffentliche Gesundheit (SSPH+) [9]. Die Behörde wäre einem Rat rechenschaftspflichtig, der sich aus Vertretern des Bundes und der Kantone, Gesundheitsfachkräften und Bürgern zusammensetzt. Unter der Leitung von Wissenschaftlern und Gesundheitsfachleuten würde diese Behörde unabhängig Empfehlungen aussprechen, wäre aber nicht für deren Umsetzung verantwortlich.
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Prof. Dr. med. Arnaud Chiolero, MD PhD, Population Health Laboratory, Universität Freiburg
Literatur
Langversion des Artikels unter: https://saez.ch/tour-dhorizon/post/la-suisse-a-besoin-dune-autorite-de-sante-publique-scientifique-et-independante
1 Chiolero A, Cullati S. Informer en temps d’épidémie: comment faire mieux. Bull Med Suisses 2020; 101(35):1040-2
2 Brownson RC, Fielding JE, Maylahn CM. Evidence-based public health: a fundamental concept for public health practice. Annu Rev Public Health 2009; 30:175-201.
3 Lavis J, Davies H, Oxman A, Denis JL, Golden-Biddle K, Ferlie E. Towards systematic reviews that inform health care management and policy-making. J Health Serv Res Policy 2005; 10 Suppl 1:35-48.
4 Chiolero A. How infodemic intoxicates public health surveillance: from a big to a slow data culture. J Epidemiol Community Health 2022; 76(6):623-5.
5 Bronner G. La démocratie des crédules. PUF, 2013, Paris
6 Swiss National COVID-19 Science Task Force https://sciencetaskforce.ch/en/home/, abgerufen am 3.8.2022
7 About the USPSTF https://www.uspreventiveservicestaskforce.org/uspstf/about-uspstf, abgerufen am 4.8.2022
8 Haute autorité de santé (HAS) https://www.has-sante.fr/, abgerufen am 5.8.2022.
9 Swiss School of Public Health https://ssphplus.ch/en, abgerufen am 3.8.2022.
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