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13.12.2021
Wo der Schmerz sitzt: Das Piriformis-Syndrom
Nicht jeder Rückenschmerz ist gleich, und nicht jeder Beinschmerz ein Bandscheibenvorfall.
Ziehende Schmerzen nach langem Sitzen oder langen Läufen, welche vom unteren Rücken in das Gesäss und den Oberschenkel ausstrahlen, können die Symptome eines Piriformis Syndromes darstellen. Oft wird in den ausstrahlenden Schmerzen ein Bandscheibenvorfall vermutet und daraufhin behandelt, aber der eigentliche Schmerzauslöser wird nicht gefunden.
Was ist das?
Der birnenförmige Gesässmuskel (Musculus piriformis) kann eine muskuläre Fehlspannung entwickeln, welche zu lokalen Muskelschmerzen führt. Durch seine direkte Nachbarschaft zu den aus dem kleinen Becken verlaufenden Nerven kann dieses Syndrom Nervenschmerzen verursachen. Der Muskel kann auf Nerven drücken oder sie reizen, was zu Schmerzen entlang der Versorgungsgebiete dieser Nerven führt.
Was sind die Symptome?
Da der Musculus piriformis gleich fünf verschiedene Nerven komprimieren kann, können viele verschiedene Schmerzsymptome auftreten. Diese sind einem Bandscheibenvorfall nicht selten sehr ähnlich. Wird der Ischiasnerv gereizt, bestehen häufig ausstrahlende Beschwerden bis in den Fuss. In seltenen Fällen kann es sogar zu Muskelschwächen der Beine oder der Füsse kommen. Ist der obere und untere Gesäßnerv (Nervus gluteus superior und Nervus gluteus inferior) betroffen, kommt es zu Muskelschwächen im Bereich des Beckens und der Hüften. Nach längerem Sitzen treten Anlaufbeschwerden auf oder ein hinkendes Gangbild (Trendelenburg-Hinken) mit Watschelgang. Bei Irritation des Schamnervs (Nervus pudendus) und des hinteren Hautnervs des Oberschenkels (Nervus cutaneus femoris posterior) kommt es zu Missempfindungen im Unterleib- und Genitalbereich.
Wie entsteht das Piriformis-Syndrom?
Ursächlich sowohl für den Muskel- als auch den Nervenschmerz ist eine Fehlspannung des Piriformis-Muskels. Eine Überlastung des Muskels kann durch direkte Verletzungen, wie einem Sturz oder Schlag auf das Gesäß, einer Zerrung oder chronisch durch Fehlhaltungen, entstehen (zum Beispiel längeren Druck auf den Muskel, „Portemonnaiedruck“, was zu einer verminderter Durchblutung des Muskels führt). Der ansonsten weiche Muskel verhärtet sich oder schwillt an. In einem «Teufelskreis» versuchen andere Muskelgruppen den Musculus piriformis zu kompensieren, was zu weiteren Verspannungen angrenzender Muskeln führt.
Wie findet man die Diagnose?
Die Anamnese und die körperliche Untersuchung kann Aufschluss über die Ursache geben. Oft müssen weitere bildgebende Verfahren wie CT/MRT oder neurologische Messungen der Nervenleitgeschwindigkeit (ENG – Elektroneurographie) und Muskelaktivität (EMG – Elektromyographie) durchgeführt werden um auch andere Erkrankungen, wie den Bandscheibenvorfall, Pseudo-Nervenschmerzen oder eine Hüftgelenk-/Iliosakralgelenkarthrose und Nervenerkrankungen auszuschliessen.
Welche Therapien gibt es?
Eine unmittelbaren Linderung der Beschwerden kann durch eine medikamentöse Behandlung mit Schmerzmitteln und Muskelrelaxanzien erreicht werden. Das Piriformis-Syndrom wird ursächlich aber überwiegend manualtherapeutisch/physiotherapeutisch behandelt. Zusätzlich ist meistens ein individuelles Trainings- und Selbstbehandlungsprogramm mit Dehn- und Kräftigungsüben notwendig. Das Heimbeübungsprogramm sollte auch Übungen zur Haltung und der Sitzposition, sowie Awareness-Strategien beinhalten. Nebst der Manualtherapie kann auch Akupunktur (Dry-Needling), Stoßwellentherapie oder Neuraltherapie von Triggerpunkten eingesetzt werden.
© Ben Schulz