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Psychoscope-Blog – Allgegenwärtige Gewalt bei obdachlosen Frauen
Es gibt nur wenige Untersuchungen, die sich speziell mit obdachlosen Frauen beschäftigen, sei es mit ihrem Werdegang oder mit der Hilfe für sie. Dies liegt unter anderem daran, dass sie weniger zahlreich sind als die obdachlosen Männer. Mit der vorliegenden Studie sollte der Werdegang dieser Frauen speziell in Bezug auf ihr Geschlecht untersucht werden. Damit sollten Erkenntnisse darüber gewonnen werden, welchen Einfluss dieses auf den Werdegang dieser Frauen hatte. Hierfür legten die Autorinnen qualitative und quantitative Daten zugrunde, die sie in mit Betroffenen und ihren Begleitpersonen im Zeitraum 2012 bis 2015 geführten Gesprächen gewonnen hatten. Weiterhin wurden Daten aus der Feldarbeit und Erkenntnisse aus der Literatur herangezogen.
Häufigere Gewalterfahrungen
Einen Einblick in den Werdegang dieser Frauen gewinnen die Autorinnen aus der kombinierten Analyse dieser verschiedenen Daten. Im Allgemeinen stammen sie aus bescheidenen Verhältnissen, sind kaum beruflich qualifiziert und haben familiäre Schwierigkeiten erlebt. Gewaltexposition ist während ihres gesamten Lebens präsent, also sowohl vor als auch in der Lebensphase der Obdachlosigkeit. Obdachlose Frauen geben häufiger als obdachlose Männer an, vor dem Alter von 18 Jahren Opfer von Gewalt gewesen zu sein. Am häufigsten wurde diese Gewalt von männlichen Familienmitgliedern im privaten Umfeld ausgeübt. Ausländische Studien zeigen, dass Obdachlosigkeit bei jungen Frauen auf Missbrauchs- und Gewalterfahrungen innerhalb der Familie zurückzuführen sein kann, insbesondere auf gewalttätiges Verhalten von Männern. Neben Gewalt seitens des Lebenspartners gibt es weitere Situationen, aufgrund derer Frauen ihre Wohnstätte verlassen: wenn sie zwangsverheiratet werden sollen, vergewaltigt werden oder die Beschneidung ablehnen.
Im Werdegang von obdachlosen Frauen ist diese Gewalt allgegenwärtig: Raub, körperliche und verbale Aggression, psychische Gewalt, sexuelle Belästigung und Brutalität. Zwar werden auch Männer Opfer dieser Art von Gewalt, aber das Risiko von sexuellen Übergriffen ist bei Frauen höher als bei Männern. Es kommt hinzu, dass diese Gewaltarten von den Opfern häufig nicht erwähnt und dadurch von den Sozialarbeitern unterschätzt werden. Dabei ist die sexuelle Gewalt wiederkehrend. Sexualkontakte können für diese Frauen eine Möglichkeit sein, Schutz oder eine Unterkunft zu finden und die Gefahr der Straße zu meiden, indem sie sich mit einem Mann zusammentun, der sie verteidigen kann. Diese Arten von Gewalt schlagen sich also in den geschlechtsspezifischen Beziehungen nieder, was im Werdegang obdachloser Frauen ein Verletzlichkeitsfaktor ist.
Wie wird diesen Frauen geholfen?
Die Autorinnen des Artikels zeigen, dass die Frauen von besseren Unterbringungsmöglichkeiten und -bedingungen profitieren als die Männer. Dies gilt umso mehr, als die Mütter unter ihnen durch ihre Rolle als schutzbedürftig von den Einrichtungen angesehen sind. Es zeigt sich also deutlich, dass die Lebensbedingungen klar mit dem Geschlecht korreliert sind. Unsere geschlechtsspezifischen sozialen Vorstellungen sowie unsere traditionelle Vorstellung von der Frau als schwach, verletzlich, abhängig und emotionaler führen also dazu, dass die Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts eher geschützt werden und ihnen mehr Sympathie entgegengebracht wird.
Das weibliche Geschlecht schwankt zwischen Verletzlichkeit und Schutz. Es fällt in den gesellschaftlichen Kontext und beeinflusst unsere Praxis. Dass nur wenige Frauen obdachlos sind, liegt daran, dass sie nach ihrer Erkennung schnell an spezifische Strukturen verwiesen werden. Es kann aber auch vorkommen, dass die Einrichtungsstruktur nicht ausreicht und verletzliche Personen aufgrund von fehlenden Unterbringungsplätzen obdachlos bleiben. Die Autorinnen weisen auch darauf hin, dass diese verletzlichen Frauen zwar durch unsere geschlechtsspezifischen sozialen Vorstellungen geschützt werden, sich die Hilfe jedoch eher auf die Bereiche Haushalt, Beschäftigung und Kinder beziehen als auf die berufliche Eingliederung / Wiedereingliederung.
Studie
Loison-Leruste, M., & Perrier, G. (2019). Les trajectoires des femmes sans domicile à travers le prisme du genre : entre vulnérabilité et protection. Déviance et société, 43(1), 77-110.