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Patrick Pierer | 18. September 2021
Der sogenannte Ego-Tod begegnet mir als Begriff immer wieder, vor allem auch in Bezug auf den Mann gegenüber der Frau. Ein Synonym ist die Ich-Auflösung. In der buddhistischen Lehre ist der Ego-Tod gleichbedeutend mit dem Eintritt ins Nirvana. Dies scheint mir kurz- und mittelfristig ein ambitioniertes Ziel und ich frage mich, was ich heute davon lernen und als Inspiration mitnehmen kann?
Wikipedia definiert den Ego-Tod als „völliger Verlust der subjektiven Identität.“ Ich frage mich hierbei, ob es erstrebenswert ist, das Ego zu „verlieren“ und gehe davon aus, dass dies in den nächsten Tagen nicht passieren wird. Und ich schliesse daraus, dass es auch eine objektive Identität geben muss. Der spirituelle Lehrer Sadhguru sagt, die Basis von allem sei die Identifikation mit dem Kosmos. Auch die moderne Wissenschaft, insbesondere die Quantenphysik, legt eine solche Möglichkeit nahe. Und sie deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen.
Was gehört denn nun alles zum Ego? Eckhart Tolle erscheint mir hier hilfreich: „Die häufigsten Ich-Identifikationen haben mit Besitz zu tun. Die Arbeit, die du verrichtest, sozialer Status und Anerkennung, Wissen und Bildung, körperliche Erscheinung, besondere Fähigkeiten, Beziehungen, Personen- und Familiengeschichte. Auch Glaubenssysteme, und oft nationalistische, rassische, religiöse und andere kollektive Identifikationen. Nichts davon bist du.“
Der Begriff Identifikation ermächtigt mich zur Handlung: Darauf, womit ich mich identifiziere, habe ich Einfluss. Auch wenn ich mein Ego noch nicht „verloren“ habe, muss ich es nicht bedienen. Aber erst, wenn ich mein Ego als solches erkenne, bin ich entscheidungsfähig. So wirkt bereits das Ego, wenn ich ein guter Partner oder Ehemann sein möchte und aus dieser Erwartung heraus handle. Denn sobald ich etwas mit der Absicht tue, eine Ego-Identifikation und Erwartungen zu erfüllen, bin ich Opfer des Egos. Die Auflösung wirkt paradox: Erst die konsequente Bekenntnis zu meinem Ego, auch entgegen der Erwartungen anderer (inkl. einer Partnerin) ist die Voraussetzung für die Befreiung aus diesem. Erst wenn ich mein Ego annehme, habe ich die Macht, mich nicht damit zu identifizieren.
Und dann wandelt es sich. Tolle sagt dazu: „In dem Moment, in dem du dir deines Egos bewusst wirst, ist es streng genommen nicht mehr das Ego, sondern nur noch ein altes, konditioniertes Gedankenmuster. Ego impliziert Unwissenheit. Bewusstsein und Ego können nicht koexistieren.“ Dieser Prozess erfordert eine radikale Ehrlichkeit gegenüber mir selbst und gegenüber anderen – ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Damit einhergehend muss ich die volle Verantwortung für all meine Gefühle übernehmen und anderen Menschen die Verantwortung für ihre Gefühle zumuten können.
So erstrebenswert dies ist, so schwierig gestaltet es sich manchmal in der Praxis. Aber statt dem Ego zu dienen oder es zu bekämpfen, kann ich etwas darüber stellen, was mir wichtiger ist. Eine Aufgabe, welche höher steht als meine Ego-Befriedigung. Eine Mission. Mein Herz. Um die Wünsche meines Herzens zu erkennen, muss ich meine Wünsche transzendieren. Ich muss sie in einen grösseren Zusammenhang stellen. Ich muss mich mit dem Kosmos identifizieren. Dann kann ich auch mein Ego aus einer gesunden Distanz neutral betrachten. Der beste Weg dazu ist für mich die Meditation.
Aus diesem Zustand heraus erlange ich mit der Unabhängigkeit von meinem Ego auch die Unabhängigkeit von anderen Menschen. Ich löse mich vom Urteil anderer, auch von meiner Partnerin. Gleichzeitig wird mir klar, dass es anmassend ist, denken zu wissen, was für den anderen gut ist. Es ist anmassend zu erwarten, dass meine Partnerin auf eigene Wünsche verzichtet für mein (Ego-)Wohl. Im Gegenteil: Ich lasse sie nicht nur völlig frei, sondern ich ermutige sie, ihren Wünschen nachzugehen. Auch wenn diese Wünsche mein Ego verletzen. Wenn ich mit dem Kosmos, der objektiven Identität identifiziert bin und meine Lebensaufgabe den heiligsten Platz einnimmt, dann ist Liebe nichts, wofür ich einen Beweis brauche, sondern etwas, was ich bedingungslos schenke. Und bedingungslos als Geschenk erhalte.
Dieser Zustand ist wunderschön. So wunderschön, dass die Gefahr gross ist, dass sich mein Ego damit identifiziert. Und so findet der Ego-Tod nicht einmalig statt und ist dann abgeschlossen, sondern es sind viele kleine Tode, welche wir auf unserem Weg sterben. So wie wir uns immer wieder Wesensanteile bewusst werden, welche nicht zu unserem wahren Selbst gehören. Der Ego-Tod ist keine Errungenschaft, er ist eine Lebenshaltung.