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Warum die reichen Länder Europas klein sind
Wenn man das kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf länderweise aufschlüsselt, sieht man auf einen Blick, dass die reichsten Länder Westeuropas alle relativ klein sind. Die Zahlen der Grafik stammen von Eurostat, der EU-Statistikbehörde. Acht Länder liegen vor Deutschland, und sie haben alle deutlich weniger Einwohner: Luxemburg, Norwegen, Schweiz, Österreich, Irland, Niederlande, Schweden und Dänemark. In Deutschland leben etwa 80 Millionen Menschen.
Wie lässt sich dies erklären? Wenn man die beiden reichsten Länder Westeuropas, nämlich Luxemburg und Norwegen, betrachtet, könnte man argumentieren, dass es sich nur um Sondereffekte handelt. Luxemburg ist etwa so gross wie Zürich und kann problemlos vom Finanzplatz leben. Norwegen hat Erdöl, das jedes Land reich macht – sogar arabische Länder im Golf, die keine nennenswerte Industrie haben. Auch bei Irland könnte man allenfalls ähnlich argumentieren. Das Land ist hauptsächlich ein günstiger Standort für US-Firmen, die Steuern sparen wollen.
Aber bei den anderen fünf Kleinstaaten lässt sich diese Argumentation nicht aufrechterhalten. Denn dort beruht der Reichtum nicht auf einem einzelnen Sonderfaktor, sondern auf einer über Jahrzehnte gewachsenen Industrialisierung. Entsprechend waren diese Länder bereits vor hundert Jahren wohlhabend im Vergleich zu anderen europäischen Ländern (im Vergleich zu heute war der durchschnittliche Lebensstandard natürlich immer noch sehr bescheiden.) Die entsprechenden Zahlen findet man hier.
Reine Ökonomie stösst an Grenzen
So muss man nach einer systematischen Erklärung suchen. Sie ist aber, trotz jahrelanger Forschung, gar nicht so einfach zu finden. Ein rein ökonomischer Ansatz bringt jedenfalls keine klare Antwort. So hat ein grosses Land mit einem grossen Binnenmarkt durchaus Vorteile. Firmen können mehr Mittel für die Forschung und Entwicklung mobilisieren und haben schneller die Möglichkeit, ihre Entwicklungskosten zu amortisieren.
Also muss man auf institutionelle Erklärungen ausweichen. Aber auch hier ist es gar nicht so einfach, den Schlüssel zu finden, weil Kleinheit auch in dieser Hinsicht Nachteile hat. So kennen sich in kleinen Ländern «alle» Leute, was zu erhöhtem Gruppendruck und Innovationsfeindlichkeit führen kann. In grossen Ländern ist Wettbewerb viel eher möglich.
Aber offenbar ist dieser Nachteil im Vergleich zu zwei Vorteilen von geringer Bedeutung:
- Gerade weil Kleinstaaten einen unbedeutenden Binnenmarkt haben, sind sie gezwungen, zu exportieren und sich somit stärker der internationalen Konkurrenz auszusetzen.
- Gerade weil der Gruppendruck grösser ist als in den grossen Ländern, besteht ein grosser Zwang zum Konsens.
Heisst das nun, dass grosse Länder nicht auch reich sein können? Nein, natürlich nicht. Deutschland gehört zu den reichsten Ländern Europas, und ohne die Kosten der Wiedervereinigung wäre das BIP pro Kopf deutlich höher. Aber der auffällige Unterschied zwischen dem Wohlstand von kleinen und grossen Ländern in Westeuropa lässt doch vermuten, dass kleine Einheiten nicht nur einfacher zu regieren sind als grosse, sondern auch aus ökonomischer Sicht positiv zu bewerten sind.