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Als Leiterin des Stadtarchivs ist Salome Moser mit der Geschichte Grenchens eng verbunden. Im Interview lässt sie die lebendige Vergangenheit der Stadt Revue passieren.
In welcher Zeit hätten Sie am liebsten in Grenchen gelebt und weshalb?
Salome Moser: Mitte des 19. Jahrhunderts war eine prägende Zeit. Denn damals wurden die Weichen für Grenchen als Industrieort gestellt. Am liebsten hätte ich im Bachtelen-Bad gelebt, zusammen mit dem Gründer Josef Girard und seiner Familie. Zu den Gästen des Heilbads zählten viele politische Flüchtlinge wie der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini, die Gebrüder Ruffini oder der spätere badische Ministerpräsident Karl Mathy – alleine das wäre schon spannend gewesen. Hinzu kommt, dass der gleichnamige Sohn von Josef Girard die Uhrenindustrie initiierte. Er erhielt 1851 vom Gemeinderat den Auftrag abzuklären, wie neue Erwerbszweige eingeführt werden könnten. Als Folge wurde im Schulhaus eine Uhrmacher-Lehrwerkstätte eingerichtet und kurz darauf die erste Uhrenfabrik eröffnet. Möglicherweise entschied man sich für Uhren, weil einige Gäste im Bachtelen Erfahrung in dieser Industrie mitbrachten. Das ist allerdings nur eine Vermutung.
Welche Persönlichkeiten prägten die Stadt stark?
Hier muss ich nochmals auf Josef Girard II. zurückkommen. Denn er war nicht nur der Begründer der Uhrenindustrie, sondern auch Arzt und Gemeindeammann. Deshalb führte er die lokale Delegation am Balsthaler Volkstag an. Diese Versammlung löste 1830 einen Regierungswechsel aus und sogar eine neue Kantonsverfassung. Für Grenchen war das sehr wichtig, weil damit die Vorrechte der Stadt Solothurn abgeschafft wurden und die Dörfer Eigenverantwortung erhielten. Später, im 20. Jahrhundert, spielte Ernst Brunner eine tragende Rolle. Als Bauverwalter verantwortete er die Entstehung der Grenchner Witi. Diese Ebene wurde während Jahrhunderten immer wieder überschwemmt, was zu Ernteverlusten, Seuchen und Krankheiten führte. Schliesslich legte man das Gebiet trocken, um neues Ackerland zu gewinnen. Das Projekt wirkte sich stark auf das Wachstum und den Reichtum von Grenchen aus.
Gab es auch berühmte Grenchnerinnen?
Die Frauen waren im Hintergrund tätig. Wenn sie sich in der Öffentlichkeit engagierten, dann meist im sozialen Bereich. Eine Pionierin der gemeinnützigen Arbeit war Maria Schürer-Schaad. Sie rief mehrere Vereine ins Leben – etwa die gemeinnützige Gesellschaft Grenchen sowie Pro Juventute Grenchen – und setzte sich auch in der Alkoholprävention ein.
Wie kann man sich den Alltag im Dorf vorstellen, als es noch kein fliessendes Wasser und keinen Strom gab?
Das ist schriftlich kaum dokumentiert. Aber ich stelle mir den Alltag sehr beschwerlich vor, besonders für die Frauen. Wäsche waschen war zum Beispiel ein mühsames Unterfangen: Die dreckige Wäsche wurde am Vorabend eingeweicht und tags darauf am Brunnen gewaschen. Gekocht und geheizt wurde mit Holz, das man zuerst beschaffen musste. Ohne elektrischen Strom war die Bevölkerung zudem vom Tageslicht abhängig. Im Sommer wurde entsprechend viel und lange gearbeitet. Wenn man heimkam, war das Haus dunkel. Erzählungen zufolge war es die Aufgabe des Vaters, im Dunkeln ins Haus zu gehen und die Petrollampe anzuzünden.
Wie veränderte die Entwicklung der Wasserversorgung das Leben?
Mensch und Wasser waren seit jeher nahe beieinander. In Grenchen entwickelten sich das Dorf und die Industrie entlang des Dorfbaches. Interessanterweise kam der Vorstoss für die Wasserversorgung jedoch nicht von den Industriellen. Sie bremsten sogar eher. Denn sie nutzten die Wasserkraft des Dorfbaches, um ihre Maschinen zu betreiben und fürchteten, das Wasser könnte nicht auch noch für die Bevölkerung ausreichen. Der eigentliche Treiber war die Feuerbekämpfung. Ende des 19. Jahrhunderts gab es drei grosse Brände im Dorf, denen viele Häuser zum Opfer fielen. Die Einführung von Hydranten war daher eine grosse Sache. Zusammen mit der Wasserversorgung wurde ein Abwassersystem entwickelt. Das verbesserte die allgemeine Gesundheit enorm, weil zuvor verunreinigtes Trinkwasser immer wieder zu Epidemien wie Cholera oder Typhus geführt hatte. Das persönliche Wohlbefinden der Menschen nahm ebenfalls zu: Es gab plötzlich WCs und Badezimmer. Das bedeutete für die Grenchnerinnen und Grenchner einen grossen Fortschritt.
Zur Person
Salome Moser studierte Geschichte und Kunstgeschichte in Basel und Berlin. Seit 1995 leitet sie das Stadtarchiv in Grenchen. Gemeinsam mit vier Historikerinnen und Historikern erarbeitete sie das 2018 erschienene Buch «Grenchen im 19. und 20. Jahrhundert: Vom Bauerndorf zur Uhrenmetropole».