Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03375.jsonl.gz/2590

Das Handy spielt die Hauptrolle in diesem Film. Mal wird es von einer Frau gedrückt, die einen Anruf ihrer Affäre erwartet. Mal hält es die Tochter der Affäre in der Hand und nimmt es ab, als die Frau anruft, die Kinderstimme hört und wieder auflegt. Mal zittert es und lässt mit Pixeln den Puls der Frau in die Höhe schnellen. Mal liegt es still da und glänzt ein wenig – Cosa voglio di più zeigt das Handy als minimalistischen Charakterdarsteller auf der Höhe seiner Kunst.
In den Nebenrollen: Alba Rohrwacher als Anna und Pierfrancesco Favino als Domenico, Büroangestellte die eine, Aushilfskellner der andere, beide verheiratet, sie mit einem dicken Heimwerker, er mit einer müden Hausfrau. In ihrer ersten Szene schenkt er ihr Champagner ein, in der zweiten gibt er ihr seine Telefonnummer, in der dritten sitzt sie in einem Café und wartet auf ihn. Plötzlich packt sie die Angst, abrupt steht sie auf, rasch geht sie raus und stösst mit ihm zusammen. Szenen einer Affäre: Sie küssen sich in Hauseingängen, treffen einander in Motels, tippen sich Kurzbotschaften, erregen den Verdacht der Zuhausegebliebenen, reissen aus nach Tunesien.
Silvio Soldinis Neuling zeigt ihn als Meister des Realismus, als einen Dardenne auf Italienisch. Rohrwacher und Favino sagen ihre wenigen Sätze auf eine Weise, als träten sie in einem Dokumentarfilm auf. Das Drehbuch, das Soldini mit Doriana Leondeff und Angelo Carbone geschrieben hat, ist schlicht und witzig, trauriger als Pane e tulipani (I/CH 2000), doch näher an der Wirklichkeit. Einige Szenen könnten kaum trivialer sein, doch ist es ihre vermeintliche Einfachheit, die sie so bestechend machen. Als Favinos Domenico von seiner Frau aus der Wohnung geworfen wird und im Auto übernachtet, klopft auf einmal ein Mann an die Scheibe der Beifahrerseite und steigt ein. Es ist der Vater der Frau, einen ernsten Ausdruck im Gesicht, eine fleckige Tüte in der Hand. Er sagt, als würde er dem Oberarzt das Operationsbesteck reichen: «Hier hast du die Croissants. Jetzt geh in die Wohnung hoch und mach die Sache wieder gut, bevor die Kleinen wach sind.»
Erstmals seit 2007 war die Schweiz 2010 mit mehreren Filmen in verschiedenen Sektionen der Internationalen Berliner Filmfestspiele präsent; Soldinis Cosa voglio di più feierte seine Weltpremiere in der Reihe «Berlinale Special».