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Boris Nikitin
Regisseur von Realitäten
Schweizer Theaterpreis 2020
Boris Nikitin, 1979 geboren und aufgewachsen in Basel als Sohn ukrainisch-slowakisch-französisch-jüdischer Einwanderer, ist Regisseur, Autor, Essayist und Programmmacher. Nach ersten Hospitanzen am Theater Basel absolvierte Boris Nikitin von 2002 bis 2008 ein Studium der angewandten Theaterwissenschaft an der Universität Giessen. Seit 2010 lebt Nikitin wieder in Basel und produziert von dort aus seine Theaterprojekte, die er zusammen mit freien Spielstätten, wie der Kaserne Basel, dem HAU in Berlin, dem Theaterhaus Gessnerallee in Zürich oder an deutschsprachigen Stadttheatern, realisiert. 2013 initiierte er die Basler Dokumentartage «It’s the real thing» und ist seither künstlerischer Leiter dieses biennalen Festivals. Seine erste eigene Regiearbeit «Woyzeck», entstanden an der Uni Giessen, bekam 2008 den Jurypreis des 100 Grad Festivals im Hebbel am Ufer Berlin. 2017 wurde Boris Nikitin mit dem J.M.R. Lenz-Dramatikpreis der Stadt Jena ausgezeichnet.
Boris Nikitins Theaterarbeiten setzen sich intensiv mit der Darstellung und Herstellung von Identität und Realität auseinander. Dabei spielen die realen Biografien der Darstellenden eine zentrale Rolle. «Sei nicht du selbst» (2013), ein Projekt, in dem eine Schauspielerin und vier Schauspieler auf der Bühne ihr Leben enthüllen, wurde zum ersten Schweizer Theatertreffen 2014 in Winterthur eingeladen. Da sie als Schauspieler gleichzeitig sich selbst spielen, sieht sich das Publikum mit der Frage der Glaubwürdigkeit konfrontiert, die in jeder Wirklichkeit enthalten ist. «Hamlet» (2016), ein Solo, in dem nicht der Shakespeare-Stoff nacherzählt, sondern eine eigene Theatervision über Identität, Krankheit und Wirklichkeit entwickelt wird, tourt international und war 2017 auch in der Romandie im Théâtre Vidy zu sehen. In «Versuch über das Sterben» (2019) verbindet Nikitin − erstmals selbst auf der Bühne − die Geschichte seines an der muskulären Nervenkrankheit ALS erkrankten Vaters, der einen assistierten Suizid in Erwägung zieht, mit der Geschichte seines eigenen Coming-outs vor 20 Jahren als schwuler Mann.
«Mit beharrlicher und bestechender Konsequenz forscht Boris Nikitin in seinen eigenen Regiearbeiten und seiner kuratorischen Tätigkeit am dokumentarischen Theater. Sein Spiel mit der Authentizität und dem ganz grossen Illusionstheater sucht seinesgleichen. Da treffen die Biografien der Performenden auf Theatermusik und Lichteffekte, dass es einem schwindelig wird. Da wird die Wirklichkeit so kunstvoll aufbereitet, dass man ganz hingerissen meinen könnte, das wäre alles ganz wahr. Oder aber man nimmt einen Schritt zurück, durchschaut und lässt sich beindrucken von dem, was Theater alles kann.»
Nicolette Kretz, Jurymitglied