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In einer sanft modernisierten Version von Shakespeares «Sommernachtstraum» begeisterte das Theater Kanton Zürich auf der Freilichtbühne vor der Mehrzweckhalle Marthalen die Zuschauer. Eine Theaterkritik von Hermann-Luc Hardmeier
«An diesem Sommerabend passt das Stück herrlich», sagte Silvia Müller, Gastspielorganisatorin vom Theater Kanton Zürich, erfreut. Das Ensemble ist derzeit auf Freilichttournee, welche 45 Vorstellungen umfasst. In Marthalen fand am Samstag vor der Mehrzweckhalle die 32. Aufführung statt.
Verfremdungseffekt wie bei Dürrenmatt
Das Stück orientiert sich am Original, wurde aber sanft modernisiert. Das Bühnenbild umfasste Sofas und Sitzkissen, welche die Baumstrünke imitierten. Eine zweiköpfige Band mit Puck am Mikrofon spielte fetzige Songs, und die Schauspieler lieferten mit
zeitgenössischen Sprüchen und Flüchen immer wieder humorvolle Einlagen. Nicht zuletzt wurde à la Brecht und Dürrenmatt der Verfremdungseffekt zentral eingebettet. Shakesåpeare hatte in seiner Version eine Theatergruppe eingebaut, welche in das Stück
verwickelt wird. In der Darstellung des Theaters Kanton Zürich wurde diese Episode von einer heutigen Regisseurin geleitet, die schimpfte, nörgelte und sogar einen Zuschauer aus Marthalen auf die Bühne holte.
Das verflixte Kraut
Die Handlung von Shakespeares Stück begeistert die Zuschauer seit Jahrhunderten. Es ist eine verzwickte Liebesgeschichte, die durch den Waldgeist Puck zum Liebeschaos wird. Doch der Reihe nach: Hermia ist verliebt in Lysander. Er ist ein Poet, ein Minnesänger und vergöttert seine Angebetete. Eigentlich wäre alles perfekt, doch ihr Vater Theseus, Herzog von Athen, hat andere Pläne. Er hat den selbstverliebten Demetrius für sie vorgesehen. Falls sie ablehnt, droht er ihr mit dem Tod. Hermia flieht mit Lysander in den Wald. Demetrius folgt den beiden heimlich. Im Schlepptau hat er Helena, welche unsterblich in ihn verliebt ist, jedoch von ihm verschmäht wird. Zwei Frauen, zwei Männer, die Gleichung scheint einfach. Der Elfenkönig Oberon will den Streit mit einem Zauberkraut schlichten. Sein Plan: Durch das Kraut verliebt sich Demetrius in Helena, lässt Hermia in Ruhe, und diese kann mit Lysander glücklich werden. Ausführen soll das Ganze der Waldgeist Puck. Als dieser jedoch die beiden Männer verwechselt, verliebt sich Lysander in Helena, und das Tohuwabohu beginnt.
«Die Geschichte gefällt mir so gut, weil sie sehr humorvoll ist und die Vielschichtigkeit der Liebe zeigt», erklärt Silvia Müller. «Es ist zeitlos und öffnet den Zuschauern die Herzen. » Die Marthaler spendeten zum Schluss viel Applaus, doch auch die Schauspieler
waren zufrieden. «Shakespeare ist mit den gereimten Texten anspruchsvoll, mit unserer modernen Adaption kam es bei den Besuchern aber gut an», erklärte Joachim Aeschlimann alias Lysander. «Unter freiem Himmel wirkt das Stück genial», ergänzte Marie Gesien, alias Helena. «Es gab von draussen zwar Störgeräusche, aber seit wir eine Aufführung neben einem hupenden WM-Autokorso überstanden
haben, kann uns nichts mehr aus der Ruhe bringen.»
Von Hermann-Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung “Schaffhauser Nachrichten” am 9. Juli 2018.