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Auf einem samtenen Kissen liegen zwei tote Vögel. Es sind Spottdrosseln von der Pazifikinsel Floreana. Der einen von ihnen hat Charles Darwin persönlich den Garaus gemacht, die andere flatterte dem Kapitän seines Forschungsschiffes vor die Flinte. Das ist 174 Jahre her, heute liegen die Vögel im dunklen Ausstellungsraum des Londoner Natural History Museum. «Wir müssen sie für die Nachwelt erhalten», sagt Randal Keynes. Er ist Darwins Ururenkel. Wenn Keynes von «erhalten» spricht, meint er nicht die konservierten Exemplare im Glaskasten, sondern die ganze Art. Denn die Floreana-Spottdrossel führte Darwin zu seiner Evolutionstheorie.
Dieses Jahr huldigt die ganze Welt Keynes berühmtem Ahnen. Im Februar jährte sich Darwins Geburtstag zum 200. Mal, im November vor 150 Jahren veröffentlichte er sein Werk: «On the Origin of Species». «In der zweiten Klasse frotzelten meine Mitschüler, ich würde vom Affen abstammen», sagt Keynes. «Mein Vorfahre habe das in einem Buch geschrieben.» Die Theorie, die Darwin darlegte, erschütterte die Gesellschaft in ihren Grundfesten. Wer sich der Idee nicht verschloss, musste erkennen, dass der Mensch wohl nicht nach Gottes Ebenbild erschaffen wurde.
Darwin, der in Cambridge Theologie studiert hatte, wusste, was seine Ideen auslösen würden. Nicht zuletzt deswegen hatte er mit der Veröffentlichung seines Werks über 20 Jahre zugewartet. Erst als ein anderer Forscher ihm mit ähnlichen Thesen zuvorzukommen drohte, publizierte er seine Theorie, die den Menschen als unbedeutenden Teil einer sich ziellos vor sich hin entwickelnden Natur zurückliess.
Die entscheidende Einsicht
Am Anfang dieser Zeitenwende standen die Floreana-Spottdrosseln, die im September 1835 ihr Leben lassen mussten. Darwins mehrjährige Expedition an Bord der HMS «Beagle» hatte ihn zum Galapagos-Archipel geführt. Bei seinen Studien fand er auf jeder der Inseln eine etwas andere Art dieser Vögel. Noch während der Weiterfahrt begann Darwin die gesammelten Exemplare zu studieren. Trotz der geographischen Nähe der Inseln unterschieden sich die Vögel viel stärker voneinander als die Arten, die er quer über den südamerikanischen Kontinent gefunden hatte. Aber im Ökosystem des jeweiligen Eilands besetzten sie die gleiche Nische. Der junge Naturforscher folgerte daraus, dass es sich um Variationen desselben Vogels handeln musste. «Hinweise wie diese», notierte Darwin in seinem Tagebuch, «unterhöhlen die Annahme, Arten seien stabil.»
«Das ist die massgebliche Einsicht, aufgrund derer Darwin letztlich die Evolutionstheorie entwickelte», sagt Keynes. Die entscheidenden Notizen schrieb er, als er einen Vogel der Insel San Cristobal mit den zwei Exemplaren von Floreana verglich. «Das sind diese beiden Vögel.»
Darwins Evolutionstheorie beschreibt die Entstehung der Arten als Zusammenspiel von Diversität, Überpopulation und natürlicher Auslese: Die am besten Angepassten überleben. Just diesen Mechanismen fiel die Spottdrossel bald nach Darwins Abreise zum Opfer. 1868 wurde die Art zum letzten Mal auf der Insel gesichtet. Eine Expedition, die 1888 auf Floreana Halt machte, suchte vergeblich nach den Vögeln.
Auf Champion und Gardner leben nur noch wenige Spottdrosseln, auf Floreana sind sie ausgestorben.
Das Ziel: Kreuzen und Zurückzüchten
Schuld am Aussterben der Art auf der Insel waren nicht sammelwütige Entdeckungsreisende, sondern Tierarten, die Walfänger und Piraten dort einschleppten: Ziegen frassen die Kakteenblüten weg, aus denen die Drosseln Nektar tranken, Ratten plünderten ihre Nester und Katzen machten unter den ausgewachsenen Vögeln leichte Beute. Einzig auf Champion und Gardner, zwei kleinen Felsinseln vor Floreana, überlebten winzige, isolierte Populationen von heute rund 40 und 400 Vögeln. Damit ist die Floreana-Spottdrossel dem Aussterben stets sehr nahe.
«Aufgrund ihrer immensen Bedeutung für Forschung und Geschichte müssen wir die Art retten», sagt Keynes. Der 60-Jährige amtet seit ein paar Jahren im Vorstand der Charles Darwin Foundation. «Es wäre wunderbar, wenn wir den Vogel im Jubiläumsjahr auf Floreana wiederaussetzen und sein Überleben sichern könnten.»
Was einfach klingt, ist ein kompliziertes Unterfangen, bei dem auch die beiden toten Exemplare aus dem Museum zu Ehren kommen – quasi als Zielvorgabe. Die Populationen auf den kleinen Inseln sind über die Jahre genetisch verarmt. Deshalb soll versucht werden, mittels Kreuzung der überlebenden Vögel die ursprüngliche genetische Vielfalt zurückzuzüchten.
Denn Inzucht wird für kleine Populationen zum Problem. Die Verarmung des Genpools führt zu schwächlicheren Nachkommen, die anfälliger sind für Krankheiten – eine Abwärtsspirale.
Die Natur kennt keine Moral
Schon Darwin kannte dieses Phänomen und musste annehmen, dass es auch bei anderen Spezies auftreten würde – selbst in der eigenen Familie. Seine Tochter Annie war oft krank. Als die Kleine 1851 im Alter von zehn Jahren starb, quälte Darwin die Ahnung, die schwächliche Verfassung des Kindes könnte damit zusammenhängen, dass er seine Cousine geheiratet hatte.
So bitter der persönliche Verlust, für Darwins Arbeit war er fruchtbar. Der Tod seiner Tochter führte ihm die völlige Gleichgültigkeit der Natur vor Augen. In den folgenden Jahren verlor der studierte Theologe zunehmend den Bezug zum christlichen Glauben. Von religiösen Scheuklappen befreit, gelangte er zur Einsicht, das Leben sei ein einziger unerbittlicher Kampf, und entwickelte seine Theorie einer sich sinn- und ziellos verändernden Natur.
Menschen hingegen haben ganz offensichtlich Ziele – zum Beispiel den endgültigen Niedergang der Spottdrossel zu verhindern, indem ihre ursprüngliche genetische Vielfalt wiederhergestellt wird. Und über diese können eben nur noch Darwins Präparate Auskunft geben. Vergleicht man deren genetischen Fingerabdruck mit der Erbinformation der verbliebenen Populationen, lässt sich daraus eine Strategie entwickeln, mit wie vielen Vögeln von jeder der beiden anderen Inseln die Wiederansiedlung auf Floreana erfolgen soll.
Um das Vorhaben zu verwirklichen, brauchte es die Zürcher Zoologin Paquita Hoeck, die nach einem Dissertationsthema suchte. «Ich wollte ein angewandtes Projekt – Naturschutz, nicht Grundlagenforschung.» Hoeck kennt die Galapagosinseln und Hinterlassenschaften von Darwins Expedition bereits von früheren Reisen.
Als sie 2006 mit der Charles-Darwin-Forschungsstation Kontakt aufnahm, rannte die 31-Jährige offene Türen ein. Das Jubiläum und die prekäre Situation der Vögel schrien geradezu nach einem Wiederansiedlungsprojekt. «Ein Brand könnte von heute auf morgen die ganze Population auslöschen», sagt Lukas Keller. Der Evolutionsbiologe leitet im Auftrag der Uni Zürich das Projekt auf den Galapagosinseln.
Die Bedingungen auf Floreana seien für Hoecks Projekt ideal, sagt er: «Floreana ist ein isolierter Lebensraum. Wir haben dort die seltene Situation, dass die Folgen der menschlichen Eingriffe umkehrbar sind. So können wir den ursprünglichen Zustand der Insel wiederherstellen und etwas Einzigartiges erhalten.»
Kritiker könnten einwenden, das Projekt laufe der Idee der Evolution zuwider, weil das Rad der Zeit zurückgedreht wird. Randal Keynes sieht das anders: Das Drosselsterben auf Floreana sei vom Menschen verursacht. Das habe mit Evolution nichts zu tun. Darwin würde seinem Ururenkel in diesem Punkt wohl widersprechen. Aussterben ist ein unabdingbarer Teil der Evolution. Der Vogel hat sich halt nicht angepasst.
«Ohne Tod keine Evolution», sagt auch Keller. Er sieht aber keinen Widerspruch im Unterfangen. «Ich bin kein Philosoph, aber wenn man den Menschen als Teil der Evolution begreift, dann gilt das auch für diese Wiederansiedlung.» Dass es sich bei den Spottdrosseln um Darwins Musen handelt, hilft im Jubeljahr Projektgelder zu generieren. «Mangrovenfinken wären zwar auch bedroht», sagt Keller. Exklusivität und Prominenz steigern selbst in der Tierwelt die Erfolgschancen. Trotzdem sei das Ganze mehr als ein PR-Gag zum Darwin-Jubiläum: «Die Problematik von kleinen Populationen zu studieren ist wissenschaftlich relevant – um Rezepte für künftige Desaster zu finden.»
Nachdem Darwins Spottdrosseln halfen, die Mechanismen der Evolution zu offenbaren, liefern sie nun das Wissen, wie der Mensch diese aufhalten und bedrohte Arten in begrenztem Lebensraum künstlich erhalten kann. Eigentlich gibts das schon. Wir nennen es Zoo.
Für Hoeck stellt sich die Sinnfrage nicht. Ihr geht es um die Wertschätzung der Artenvielfalt: «Sonst gibts irgendwann bloss noch Ziegen und Ratten.» Letztlich lasse sich Naturschutz nur so überhaupt begründen.
Die Information aus den Vogelzehen
Die DNA-Proben der Museumsdrosseln kamen in einem unscheinbaren, braunen Kuvert in Zürich an, das Professor Keller seiner Doktorandin aufs Pult legte. Es enthielt zwei Plastikröhrchen mit je einem kleinen Gewebeschnipsel von einem Zeh der beiden Vögel. «Ich dachte nur: Wow», sagt Hoeck. Darwin wäre es wohl ähnlich ergangen, hätte er gesehen, was Hoeck mit der Probe anstellte: Mit Hilfe eines Enzyms wurde die DNA millionenfach kopiert. Eine Sequenziermaschine machte dann die Fragmente sichtbar und zauberte das DNA-Profil der ursprünglichen Floreana-Spottdrosseln als Graphen auf den Computerbildschirm, wo sie mit Proben der heutigen Populationen verglichen wurden.
«Im Erbgut der überlebenden Vögel auf den kleinen Inseln haben unterschiedliche Merkmale überdauert, die sich fast perfekt ergänzen», sagt Hoeck. Werden diese Vögel richtig gekreuzt, erzeugen sie Nachkommen, die ausgestorbenen Spottdrosseln genetisch sehr nahe kommen. Gänzlich reproduzieren lässt sich die ursprüngliche Population von Floreana aber trotz allem nicht, denn einzelne genetische Eigenheiten sind definitiv ausgestorben.
Da die verschiedenen Merkmale mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit weitergegeben werden, bleibt die Frage, wie viele Vögel von welcher Insel den optimalen Genpool ergeben. «Reine Kombinatorik», sagt Keller. «Da muss nun ein Hochleistungscomputer eine Weile vor sich hinrechnen.»
Das über fünf Jahre angelegte Wiederansiedlungsprojekt soll rund 2,2 Millionen britische Pfund kosten – viel Geld und Aufwand, wenn man bedenkt, dass Gardner nur wenige Kilometer vor dem vogellosen Floreana liegt; von Champion sind es gar nur ein paar hundert Meter. Warum kehrt der Vogel nicht selbst auf die Hauptinsel zurück? «Spottdrosseln sind äusserst flugfaul», sagt Hoeck. Mehr als ein paar Meter nimmt kaum eine unter die Flügel. Die Vögel haben eine weitere Eigenheit: «Sie sind sehr zutraulich.» Schon Darwin schilderte, wie er einen Wasserbecher in der Hand hielt und eine Spottdrossel sich auf dessen Rand setzte, um daraus zu trinken. Beide Eigenschaften hängen damit zusammen, dass es auf der Insel ursprünglich keine Fressfeinde gab. Neuankömmlingen begegnet der Vogel mit unbeschwerter Neugierde. Aus Darwins Sicht war dieses Verhalten sicher willkommen, da Forscher seiner Zeit statt Bilder gerne Exemplare nach Hause nahmen. «Selbst nachdem wir sie gefangen und ihnen Blut abgenommen haben, entwickeln die Drosseln keine Scheu», sagt Hoeck. Die Frage drängt sich auf, ob dieser Vogel vielleicht zu Recht am Aussterben ist.
Die Feinde müssen weg
Schon die Thesen, wie das Tier vor geschätzten 1,5 Millionen Jahren auf die Insel kam, sind wenig schmeichelhaft: «Vielleicht war ihr biologischer Kompass kaputt», sagt Keller. Vögel orientieren sich an Erdmagnetfeldern. Die Spottdrosseln könnten wegen einer Fehlfunktion aufs offene Meer hinausgeflogen sein – «oder es hat sie einfach verblasen». Es komme immer wieder vor, dass Vögel von Winden weit abgetrieben würden. In beiden Fällen landen die Glücklicheren auf Inseln wie Floreana, alle anderen im Pazifik. Bei der Evolution mischt eben auch Fortuna ein bisschen mit.
Um aber das langfristige Überleben der Spottdrosseln auf Floreana zu sichern, wird Glück allein nicht reichen. Selbst wenn es hin und wieder einzelne Tiere auf die Hauptinsel schaffen, ist es ihnen wegen der eingeschleppten Arten unmöglich, eine neue Population zu etablieren. Der Vogel braucht jede Hilfe, die er kriegen kann. «Man muss ihnen einen einwandfreien Lebensraum gewährleisten», sagt Keller. Das heisst Katzen, Ziegen und Ratten in den Griff bekommen. Erst dann macht es Sinn, die Spottdrosseln auf Floreana wiederanzusiedeln. Ob das noch im Jubeljahr gelingt, ist allerdings offen. Die Zeit und die Darwin-Fangemeinde drängen.
Das Ziegenproblem dürften ein paar Zäune lösen. Die rund 100 Leute, die auf Floreana leben, können bleiben, ebenso ihre Katzen: «Ein Verbot steht nicht zur Diskussion», sagt Hoeck. Das Risiko, dass Tiere illegal gehalten würden und verwildern könnten, wäre zu gross. «Kastrieren und gut füttern ist die bessere Lösung.» Und die Ratten? «Die werden ausgerottet.»
Veranstaltungshinweise
In der Natur-Agenda finden Sie verschiedene Anlässe zu Ehren von Charles Darwin:
- Zoologisches Museum Zürich: Forschen wie Darwin
- Weitere Veranstaltungen zum Darwin-Jahr