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Der Kunsttherapeut deutete auf die große Uhr: „Ich lasse Sie hier eine Stunde lang allein. Anschließend bringe ich Sie auf Ihre Station zurück.“
Serenus dachte: „Eine Stunde. Nicht zu wenig. Auch nicht zu viel. Aber genug.“
Er suchte sich ein Blatt Papier heraus, das schwerste und größte, das er fand. Er holte drei Flaschen Gouache – Schwarz, Ultramarin, Zitronengelb – und nahm Farbroller und Plastikbecken mit. Er grundierte die ganze Fläche, abgesehen von einem schmalen weißen Rand, dick mit Schwarz. Das Blatt begann sich zu wellen und an den Rändern einzurollen, so dass er es auf einem großen Holzbrett festpinnen musste. Er gab blaue Farbe in das Plastikbecken und griff zum groben Plüschroller. Es entstand ein feines Muster mit schwarzen und blauen Nuancen. Das sah aus wie Nachthimmel. Beim Gipsermaterial hatte er Hühnerdraht gesehen. Er schnitt ein passendes Stück von der Rolle ab und bestrich die Maschen dick mit Farbe. Vorsichtig platzierte er das gelbe Gitter auf dem Nachthimmel, legte ein zweites Blatt und ein weiteres Holzbrett darauf. Er stieg auf den Tisch und stellte sich auf das Brett. Die anderen Patienten im Atelier hielten inne und beobachtete ihn. Serenus wusch in einem der Spülbecken das Werkzeug, räumte alles wieder weg und stellte das Brett mit dem Blatt auf eine freie Staffelei. Der Abdruck des Gitters war unvollständig und unregelmäßig, spannte so ein feines Netz von glitzernden Irrlichtern über die Finsternis. Er fand einen Bleistift und schrieb auf den weißen Rand: INNERE LEERE. Das Bild war noch feucht.
Der Kunsttherapeut trat neben ihn: „Mein Lieber! Sie sind mir ja einer! In nur einer Stunde schaffen Sie ein ganzes Werk und das wird auch noch sehr gut. Glauben Sie, dass Sie mit diesem Bild Ihre innere Leere verständlich gemacht haben? Nein und nochmals nein. Sie haben uns beeindruckt und wortlos gemacht.“
Agnes betet, Taschenbuch-Ausgabe 2017, S. 21-23
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