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Herr Steiner, können Sie sich an einen einprägsamen Serienmoment in Ihrem Leben erinnern?
Meine erste Erinnerung ist «Motel». Das musste ich 1984 mit meinen Eltern schauen und fand es fürchterlich. Der schlimmste Moment war diese Liebesszene zwischen Jörg Schneider und Silvia Jost. Stell dir vor, du bist in der Frühpubertät und musst mitansehen, wie diese – aus meiner damaligen Sichtweise – unförmigen, alten Menschen etwas miteinander haben!
Wann wurde das Format für Sie interessant?
Ich habe mich schlichtweg nicht mit Serien befasst, ich wollte ja Spielfilme drehen. Eine Serie? Das war für mich die «Lindenstrasse» – was mich einfach nicht angesprochen hat. Es wurde erst durch «24» anders, das war eine Revolution in der Dramaturgie von Serien. Mein Film «Grounding» ist formal von «24» inspiriert. In den letzten Jahren wurden die Serien zu wahren Epen, man denke an «Peaky Blinders», «Babylon Berlin», «Breaking Bad», «Narcos» etc.
Worin besteht die Schwierigkeit, eine Serie zu produzieren?
Serien sind Knochenarbeit. Beim Spielfilm drehe ich 2 bis 3 Minuten pro Tag, kann mir einige Takes erlauben, wenn mal etwas nicht stimmt. Bei Serien produziert man 6 Minuten am Tag, hat also weniger Zeit für alles. Dafür brauche ich oft Improvisationsarbeit mit den Schauspielern, damit die Szene schnell inszeniert werden kann. Das ist der Obolus der Serie für mich als Regisseur.
Kann die Serie etwas, das der Film nicht kann?
Eine ganze Menge! Der Film ist in der Regel etwas zwischen 80 und im Maximalfall, siehe «Oppenheimer», 180 Minuten. Er hat einen dramaturgischen Bogen, der in dieser Zeit von A nach B geht. Die Serie hat auch Bögen, die man aber zeitlich anders ziehen kann. Die beste Serie, die je gedreht wurde, ist «Game of Thrones».
Warum?
Weil sie mit Moral anders umgeht als etwa «Der Herr der Ringe», was als Spielfilmreihe daherkommt, aber eine höchst moralische Serie ist. Das Gute und das Böse sind sehr klar gezeichnet, denn Tolkien war ein konservativer Mensch. «Game of Thrones» versucht etwas ganz anderes. Dort herrscht trotz mittelalterlicher Kulisse eine pseudorömische Moral, und genau dieser Kontrast schockiert die Zuschauer. Dramaturgisch ergibt das sehr interessante Wendungen. Es werden Hauptfiguren aufgebaut, die plötzlich sterben. Das bannt den Zuschauer an den Schirm – im Sinne von: «Hey, mein Lieblingscharakter ist tot, wie kann diese Serie überhaupt weitergehen?» Es ist kein Wunder, dass man beim Schauen von «Game of Thrones» süchtig wird.
Solche trickreichen Wendungen sollten doch auch hierzulande möglich sein.
Ja, aber dafür braucht es Mut bei der Kreation und ein offenes Denken. Das Problem in Europa ist, dass es eine Unterscheidung zwischen kommerziellem Film und «Autorenkino» gibt. Letzteres wird dadurch definiert, dass jemand das Drehbuch schreibt, Regie führt und selber produziert – wie das auch Quentin Tarantino oder James Cameron machen, beides klassische Autorenfilmer. Ich habe das auch mal in Solothurn bei den Filmtagen erwähnt, aber das Publikum hat nur die Nase gerümpft, weil es diese Regisseure für Kommerzfilmer hält. Diese Unterscheidung ist wie eine Schere im Kopf, bei den Förderern, den Machern und teils auch bei den Sendern.
Wie schätzen Sie die Schweizer Serienkultur allgemein ein?
Die letzten Produktionen, ob «Neumatt», «Die Beschatter» oder «Wilder», wurden alle für das Publikum gemacht, das tatsächlich noch vor dem Fernseher sitzt, also im Durchschnitt 65 Jahre alt ist und älter. Weil die Sender hier den staatlichen Auftrag ausführen, Serien für ihr Publikum zu produzieren, die sie dann auch schauen, kommt es zu den bekannten Resultaten. Hätte man früher versucht, ein jüngeres Publikum anzusprechen, und wären die Quoten egal gewesen, hätte das wohl etwas bewirkt – siehe den Erfolg von «Tschugger» im Online-Streaming.
Und was…