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Postindustrieller Strukturwandel
Als wichtigstes Areal der südlichen Stadterweiterung von Fribourg – seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert angelegt – wurde das Quartier Pérolles in seiner Entwicklung von zwei Triebkräften bestimmt: der Industrie und der Wissenschaft. Während der Hochschulstandort kontinuierlich wächst, werden die historischen Industriebauten inzwischen umgenutzt. Ein lebendiges Stadtviertel entsteht und in diesem Kontext auch die neue Studentensiedlung Butte de Pérolles.
Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte sich die auf einem Hügelsporn hoch über der mäandrierenden Saane gelegene Stadt Fribourg radikal – die Stadtmauern wurden niedergelegt, neu errichtete Brücken über den Fluss waren dezidierte Zeichen der Öffnung und Voraussetzung für die beginnende Industrialisierung. Noch zwei wichtige Faktoren kamen hinzu: die Anbindung an die Eisenbahnlinie und schliesslich 1889 die Gründung der Universität, der ersten in einem katholisch geprägten Kanton der Schweiz. Verkehr, Wirtschaft und Wissenschaft transformierten die Stadt grundlegend.
Stadterweiterung nach Süden
Nirgends werden diese Errungenschaften der zweiten Hälfte des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts so deutlich sichtbar, nirgends manifestieren sie sich städtebaulich so imposant wie auf dem Plateau de Pérolles. Dieses dreieckige Areal erstreckt sich vom Bahnhof in südlicher Richtung und findet mit der in Ost-West-Richtung verlaufenden Route de la Fonderie, hinter der ein steiler Geländesprung zum Hügel Butte de Pérolles vermittelt, seinen Abschluss. Nach Westen stösst es an die Eisenbahntrasse, im Osten bildet das tief eingeschnittene Tal der Saane seine Begrenzung. Der gut einen Kilometer lange Boulevard de Pérolles ist an dieser Talkante entlang geführt und entstand zwischen 1897 und 1900 als Verbindung zwischen dem Bahnhof und den seit 1896 im Süden des Quartiers Pérolles angesiedelten Universitätsinstituten. Mit einer Breite von 25 Metern und seiner in markanten Teilen zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichteten Randbebauung mit bis zu acht Geschossen wirkt der Strassenzug für eine Stadt von 40 000 Einwohnern überraschend grossstädtisch und eher «französisch» – ganz anders als man es vom nahen Bern kennt.
Mehrfach eröffnen Überbrückungen von Seitentälern Sichtfenster auf die Flusslandschaft, man passiert die von zwei Wohntürmen flankierte Kirche Christ-Roi des Auguste-Perret-Schülers Denis Honegger, von dem auch das Hauptgebäude der Universität am Standort Miséricorde stammt, und erreicht am Ende den zweiten Universitätscampus Pérolles. Seit der Etablierung vor mehr als 100 Jahren sind eine Reihe von Bauten für die Universität sowie höhere Bildungseinrichtungen hinzugekommen. Das lang gestreckte Lehrwerkstättengebäude der Berufsfachschule EMF mit seinem markanten Querschnitt von Graber und Pulver (2009 bis 2011 erbaut) rückt in den Blick; dahinter stehen zwei eher unbekannte Meisterwerke der Nachkriegsmoderne, die auf einem modularen System beruhenden naturwissenschaftlichen Institutsbauten. Entworfen wurden sie vom Architekten Franz Füeg, einem der Vertreter der sogenannten Solothurner Schule, und Jean Pythoud.
Triebkraft Energie
Die EMF bildet den südlichen Auftakt der Route de la Fonderie, die auf beiden Seiten von markanten Zeugnissen der industriellen Vergangenheit gesäumt ist. Ausschlaggebend dafür, dass sich gerade hier Fabriken ansiedelten, war einerseits die nahe Eisenbahn; andererseits existierte an diesem Ort in den Pionierjahren der Industrialisierung eine ungewöhnliche Art der Energieversorgung, die deren Erfinder, der Ingenieur Guillaume Ritter, als teledynamisch bezeichnete.
Auf seine Initiative hin wurde die Saane seit 1872 zum Lac de Pérolles aufgestaut, der nicht nur die Stadt mit Wasser versorgte, sondern auch die entstehenden Fabriken mit Bewegungsenergie belieferte. Mithilfe von Pfeilern und Umlenkrollen wurden rotierende Kabel vom Stausee hoch auf das Plateau geführt und dort zum Antrieb der Maschinen genutzt. Das Prinzip der Übertragungsriemen, das seit der frühesten Industrialisierung im 18. Jahrhundert die Maschinerien der Fabriken in Gang setzte, wurde hier in einen städtischen Massstab übertragen – jedoch obsolet, als 1890 das Kraftwerk für die Stromproduktion umgerüstet wurde. Inzwischen hatten sich entlang der Kabeltrasse eine Sägerei, eine Giesserei, eine Waggonfabrik und ein Düngemittelwerk angesiedelt.
Industrieller Strukturwandel ist kein Phänomen der jüngeren Zeit: Schon als die Universität den Aussenstandort Pérolles bezog, nutzte sie nicht mehr benötigte Bauten der Waggonfabrik um. Und die beiden Hallen auf der Nordseite der Route de la Fonderie, 1870 und 1872 für die namensgebende Giesserei errichtet, wurden später von der Schokoladenfabrik Villars übernommen. Diese erstellte ihrerseits auf der Südseite der Strasse repräsentative Grossbauten, die an englische Fabrikarchitektur erinnern.
Klubs und Wohnungen
Sukzessive haben die ortsansässigen Betriebe seit den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts das Plateau de Pérolles verlassen. Die Entwicklungsdynamik ist zweifellos geringer als beispielsweise in Zürich, sodass sich die Transformationsprozesse über längere Zeiträume erstrecken. Zu den frühesten Akteuren, die vom postindustriellen Strukturwandel profitierten, zählt der längst über die Grenzen von Fribourg hinaus bekannte Klub «Fri-Son». Seit 1987 nutzt er eine Halle der alten Giesserei für Konzertveranstaltungen, die in der Regel, worauf der Name hindeutet, Freitag bis Sonntag stattfinden. Aber «Fri-Son» steht auch für Fribourg und Ton (auf Französisch son) und für «free zone». Nämlich dafür, dass hier vieles möglich ist, dem woanders Schwierigkeiten im Wege stünden. Im Rahmen des Events «Rock ’n’ Wall» liess «Fri-Son» 2011 seine strassenseitige Fassade durch vier Künstler neu gestalten. In der anschliessenden Halle hat sich die Initiative «Fonderie 11» angesiedelt – diverse Kleinunternehmen der Kreativbranche, Boutiquen, Ateliers und ein Café.
Sichtbar werden die Veränderungsprozesse auch in der Senke nördlich der Route de la Fonderie. Die östlichen Bereiche waren von jeher mit dem Boulevard de Pérolles verbunden und daher durch Wohnnutzungen geprägt. Der bahnnahe westliche Teil, durch die Route des Arsenaux erschlossen, diente als Gewerbe- und Industriestandort. Nun entstehen auch hier Wohnungen, und ein neuer Park ist in Planung. Markantestes Zeichen der Umnutzung ist ein 17-geschossiger Wohnturm: Ein bestehendes Futtermittelsilo wurde von den Architekten Alain Fidanza und Philipp Lehmann in Loftwohnungen – je eine pro Etage – umgebaut und um vier Geschosse erhöht. Mit seinen 50 Metern überragt der Turm das Quartier, ist untrügliches Zeichen für die Nutzen des Strukturwandels und zu fast so etwas wie einem neuen Wahrzeichen von Fribourg avanciert.
Raum für neue Lebensentwürfe
Ein Projekt, das die Halter AG seit 2014 für die Anlagestiftung für studentisches Wohnen Apartis plant, wird von der Umgebung profitieren und das Quartier zusätzlich beleben. Westlich an die Bauten der früheren Schokoladenfabrik angrenzend und gegenüber von «Fri-Son» und «Fonderie 11» entsteht die Siedlung Butte de Pérolles für Studierende und junge Erwachsene. Dabei sehen die Pläne von kpa architekten vor, die einzelnen Volumina nicht, wie im Detailbebauungsplan von 2006 vorgeschlagen, parallel zur steil aufragenden Hangkante der Butte de Pérolles zu errichten, sondern quer dazu. Eine überzeugende Lösung, wird doch dadurch die markante Eigenart der Topografie nicht verbaut, sondern durch den Rhythmus der gereihten und wie aus dem Hang herauswachsenden Volumina sichtbar gemacht.
Über zweigeschossigen Sockeln, die Nebenräume wie Fahrradkeller, Waschküchen und Abstellzonen beherbergen, erheben sich jeweils sechs Wohngeschosse. Insgesamt sind 413 Zimmer vorgesehen, die sich auf 38 Studios sowie 45 3-Zimmerund 60 4-Zimmer-Wohnungen aufteilen. Die Gebäude werden von der Strasse aus, aber auch von oben über die Butte de Pérolles erschlossen. Diese doppelte Zugangssituation steht auch für die – im wahrsten Sinne des Wortes – zwei Seiten der Häuser: Nach Norden orientieren sie sich zur viel befahrenen Route de la Fonderie und zur Stadt, nach Süden zum Hügel mit seiner eher suburbanen Bebauung. Ein zusätzliches Gebäude, hinsichtlich seines Grundrisses deutlich polygonaler ausformuliert, steht weiter westlich, hinter der Coop-Tankstelle, die mit ihrem markanten Zickzackdach erhalten bleibt. Hier finden sich zukünftig insgesamt 30 Wohnungen mit 2,5 bis 4,5 Zimmern für junge Erwachsene. Der Baubeginn auf dem gesamten Areal ist für den Herbst 2017 vorgesehen. 2019 sollen die Wohnungen bezogen werden.
Mit ihrer Höhe von acht Geschossen knüpft die geplante Siedlung massstäblich an die Bebauung des Boulevard de Pérolles an und ist damit ein Beitrag für eine weitere innerstädtische Verdichtung. Und mit den Wohnungen für Studierende wurde hier genau die richtige Nutzung gefunden – nicht nur wegen der unmittelbaren räumlichen Nähe zur Universität, sondern auch aufgrund des Charmes des Unfertigen und Rauen, der noch nicht abgeschlossenen Lebensentwürfe, der dieses Quartier prägt. Dass der Route de la Fonderie auch in Zukunft etwas von «free zone» anhaftet, bleibt zu wünschen.
kpa architekten
kpa architekten
Daniele Cristaldi leitet das Projekt Butte de Pérolles bei kpa architekten in Fribourg. Die Geschichte des Büros reicht zurück ins Jahr 1987. 2011 wurden Page & Associés, architectes dipl. EPF-Z/SIA, und die Krattinger Page Architekten AG zu einer Einheit zusammengeführt: kpa architekten ag mit Sitz in Bern und Fribourg. Inhaber des Büros ist der an der ETH Zürich diplomierte Architekt Emmanuel Page. Insgesamt 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind an beiden Bürostandorten beschäftigt. Zu den wichtigen Projekten von kpa architekten zählt der Businesspark Köniz (2003–2007) mit insgesamt 30 000 Quadratmetern Büroflächen und die Passage du Cardinal in Fribourg (2011–2015) mit 94 Mietwohnungen, 42 Seniorenwohnungen, einem Sitz von Pro Senectute sowie einer Kindertagesstätte. In Ausführung befindet sich derzeit das Projekt Jardin du Paradis in Biel – insgesamt 15 Baukörper umfassen 279 Wohneinheiten, Geschäftsflächen und eine Kindertagesstätte.