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von Irène Thomann-Baur. Irène Thomann-Baur ist Journalistin, Hptm aD, zuletzt im Info Rgt 1, ehemals Generalsekretärin der Schweizerischen Offiziersgesellschaft (SOG), Winterthur.
Die geplante Unterstellung aller Infanteriebataillone (Inf Bat) unter die Territorialdivisionen (Ter Div) sorgt für Irritation. Gibt man damit die Verteidigungsfähigkeit der Infanterie preis? CHANCE SCHWEIZ – Arbeitskreis für Sicherheitsfragen lud Vertreter der Miliz, den Kommandanten einer Territorialregion (Kdt Ter Reg) und den Kommandanten des Lehrverbandes Infanterie zu einem klärenden Gespräch ein.Ziel des Anlasses war, wie Moderator und Vizepräsident von CHANCE SCHWEIZ, Eugen Thomann, eingangs mitteilte, der sicherheitspolitischen Kommission des Ständerates, – sie berät die Weiterentwicklung der Armee (WEA) zurzeit, – Ideen für flankierende Massnahmen zu unterbreiten, welche die befürchtete Schwächung der Infanterie auffangen könnten. Das sachkundige Publikum bekam interessante Lösungsansätze zu hören.
Die Zweifel des erfahrenen Bataillonskommandanten
Oberst i Gst Jean-Claude Brossard, ehemaliger Kdt einer Territorialinfanteriekompanie (Ter Inf Kp) und des Inf Bat 13, heute Chef Einsatz im Stab Ter Reg 3, fiel es nicht schwer, anhand von Zitaten zu belegen, woher die Zweifel herrühren. So liest man zum Bespiel in der Botschaft zur WEA: “Weil die Infanteriebataillone in erster Linie auf die Erfüllung von Sicherungsaufgaben ausgerichtet werden, wäre ihre Zusammenfassung in Brigaden und eine Führung über zwei Stufen (Territorialdivisionen und Brigade) nicht zweckmässig ….” – Der erläuternde Bericht zu den Rechtsgrundlagen der WEA hält fest, dass “…. insbesondere die Infanterie beschränkte Fähigkeiten zur Abwehr eines militärischen Angriffs haben muss.”
Stellt man den Auftrag der Infanterie, — schützen, helfen und kämpfen — den geplanten Strukturen und Mitteln gegenüber, fällt zuerst auf, dass die vorgesehenen gemischten Kampfverbände (Mech Br) jeglicher Infanterie entbehren, da die Inf Bat wie gesagt ausnahmslos bei den Ter Div angesiedelt werden. Mittel zur Panzerabwehr mittlerer Reichweite fehlen dann der Infanterie ebenso wie die operative Feuerunterstützung. Andererseits verfügt die Infanterie über Radschützenpanzer oder das geschützte Mannschaftstransportfahrzeug GMTF, zu viel für den Einsatz unterhalb der Kriegsschwelle, zu wenig für den Kampf oberhalb der Kriegsschwelle, wie Brossard urteilt.
In der Vernehmlassung fiel mehrmals die Forderung, es brauche eine kampfstarke Infanterie. Die Verteidigung sei und bleibe die zentrale Existenzberechtigung, die “Raison d’être” der Armee. Sämtliche Truppen seien für diese Aufgabe auszubilden und auszurüsten, auch die gesamte Infanterie. Auch 13 Kantone plädierten dafür, dass “die Infanterie, die primär für militärische Unterstützungseinsätze vorgesehen ist, auch in Zukunft die Fähigkeit zur Abwehr eines militärischen Angriffs hat.” Sowohl unterstützen als auch kämpfen zu können, ist für die Infanterie nichts Neues, wie der ehemalige Inf Bat Kdt in Erinnerung rief, aber die vorgesehenen Strukturen erschweren zumindest den Fähigkeitserhalt der Inf Bat zur Abwehr. Ohne entsprechende Ausrüstung kann die Infanterie weder halten noch sperren. Abschliessend stellte er die zentrale Frage: Wo bleibt die Ausbildung?Auf das gemeinsame Üben kommt es an
Mit dem Titel seiner Präsentation “Die Infanterie… eine verteidigungsfähige Waffengattung” setzte Br Lucas Caduff, Kdt des Lehrverbandes Infanterie und u.a. ehemaliger Kdt des Infanterieregiments 36, den Kontrapunkt. Er erinnerte daran, dass Verteidigung nicht einzig in der Abwehr eines militärischen Angriffs auf die Schweiz und ihren Luftraum besteht; vielmehr sind Land, Bevölkerung und Lebensgrundlagen gegen die Anwendung massiver Gewalt zu schützen, die Lage so rasch als möglich zu stabilisieren, damit Gesellschaft und die staatliche Verwaltung wieder funktionieren.
Der Einsatz der Infanterie ist einzubetten in die Heeresaufgaben. Auch die klassische Verteidigung wird noch geübt und ist im Reglement “Einsatz der Infanterie” festgehalten. Gegenüber heute werde die Verteidigungskompetenz der Infanterie eher ausgebaut. Bis zur Stufe Kompanie sei das noch gut nachvollziehbar. Br Caduff nahm die Vorbehalte von CHANCE SCHWEIZ auf.
Den Schlüssel zum Verteidigungserfolg sieht Br Caduff im Andocken der Inf Bat an die den Kampf führenden Verbände; dazu müssen die Inf Bat der Ter Div jeden 2. Wiederholungskurs in der Kampfkompetenz praktisch geschult werden. Dafür eignen sich die Gefechtsausbildungszentren (GAZ) Bure und Walenstadt. Weiter sollen die Stäbe der Ter Div mit Offizieren aus den jetzigen Inf Br alimentiert werden, die diesen Kampf noch kennen.
Mit dem Ersatz der Panzerfaust 2017 erhalte die Infanterie eine wirksame Waffe, welche Stahl und Gemäuer durchschlägt. Für die Bedeutung des Gefechts der verbundenen Waffen zog er Zitate der Kdt der Panzerbrigade 1 und 11 bei, wie etwa “Auf Kompaniestufe ist der gemeinsame Einsatz verschiedener Gattungen absolut notwendig – ohne diesen Einsatz der verbundenen Waffen ist kein Erfolg möglich” (Br Yvon Langel). Die Unterstellung der Inf Bat unter die Ter Div macht für Caduff Sinn, da diese den Ersteinsatz bewältigen. Aber trainieren müssen die Inf Bat ebenfalls den robusteren Einsatz; denn die Lage kann sich jederzeit verschärfen. Dazu muss der künftige Chef Operationen sie dazu bringen, das liegt auch in seinem Interesse.
Skepsis an der Wirksamkeit einer zusätzlichen Inf Br
Trotz der numerischen Beschränkung des Bestandes auf 100’000 könnte eine Inf Br gebildet werden, indem man den Ter Div je ein Inf Bat wegnimmt. Br Caduff hält dem entgegen, dass diese Bat dann den subsidiären Einsatz nicht beherrschen und die den Ter Div verbleibenden Bat nie den Kampf trainieren würden. Diese Struktur schränkte die Multifunktionalität der Infanterie ein und erzeugte zwei Klassen von Infanterie, was dem Kdt des Lehrverbandes eindeutig missfällt.
Mit dem Erhalt der Modulbausteine in der Grundausbildung und dem Andocken der Bataillone bei den Mech Br im Wiederholungskurs geht die WEA mit der Infanterie in die richtige Richtung, gab sich Caduff überzeugt.
Die Replik des Ter Reg Kdt
Was bedeutet nun für die künftige Ter Div die zusätzliche Aufgabe, die Verteidigungsfähigkeit der Infanterie zu gewährleisten, wie sie der Kdt des Lehrverbandes formuliert hat. Div Hans-Peter Kellerhals, Kdt der Ter Reg 4 und ehemaliger Kdt der Pz Br 11, wirkte 2010 mit an der Erarbeitung des Operationskonzept und der Zuteilung der Mittel. Prioritäten zu setzen, ist immer heikel, was heisst schon wahrscheinlicherer Einsatz? Selbstverständlich werden Stab und Kader die gestellte Zusatzaufgabe trainieren, so wie das Gesamtkonzept dies verlangt. In der Übung “STABILO DUE” schafften es der Stab der Ter Reg 4 und das Führungsunterstützungsbataillon, mit der zugewiesenen Kampftruppe selbst Grenztore zu schützen. Sein Stab übt regelmässig am ausgeklügelten Simulator. Die Lösung mit dem Andocken der Inf Bat an die Mech Br stuft er als realistisch ein.
Im Zuge der Fluktuation kann sich Kellerhals vorstellen, seinen Stab mit Offizieren aus Inf Br Stäben zu alimentieren, um die Verteidigungskompetenz zu verstärken. Eine Aufstockung des Stabes komme jedoch nicht in Frage. Der Ausbildungsplan ist gemacht, das Training bis Stufe Truppenkörper gesichert.
Primärauftrag der Infanterie
Thomas Hugentobler, Milizoberst der Infanterie und Vorstandsmitglied der SOG, beharrt darauf, dass das Gros der Armee auf die gefährlichste Bedrohung ausgerichtet werden muss. Es ist die Infanterie, welche das Gros der Armee ausmacht; sie würde gemäss Darstellung der WEA ihren Primärauftrag vernachlässigen. Sie muss jedoch für den Einsatz auf allen Stufen ausgebildet und ausgerüstet sein. Es sei deshalb selbstverständlich, dass die Inf Bat bei den Mech Br andocken können müssen. Genau dafür sind die Voraussetzungen zu schaffen. Er verhehlt jedoch sein Misstrauen nicht; seit Jahren werden solche Fragen in Gesprächen, Beiräten usw. ohne sichtbare Ergebnisse erörtert, unberücksichtigt blieben die Vorbehalte der Vernehmlassung. Die Botschaft zur WEA enthält kein Wort über diesen vorgeschlagenen Mechanismus. Vielleicht funktioniert er so, wie dargestellt, aber bisher wurde er noch von niemandem thematisiert. Pläne, wie das Verkürzen der WK auf zwei Wochen, stehen ebenso quer in der Landschaft wie die Begrenzung der Diensttage auf jährlich 5 Millionen.
Jean-Claude Brossard zeigte sich zufrieden mit der Aussicht, dass die Inf Bat regelmässig eine Kampfausbildung bei den Mech Br erhalten sollen. Der Schulterschluss mit den Kameraden der andern Waffengattungen ist wesentlich. Das Gros der Truppenkörperkommandanten weiss nicht mehr, wie Unterstützungswaffen einzusetzen sind. Dem gemeinsamen Training im Kampf der verbundenen Waffen sprach auch Br Caduff das Wort. Das Heer mit den beiden Mech Br ist gefordert, Lösungsansätze zu finden. Der Lehrverband Infanterie verfügt über eine eigene Zelle, welche die Bataillone im Kadervorkurs und im WK unterstützt, wie Caduff ergänzte.
Div Kellerhals erinnerte daran, dass die Zentrale in Bern Dienstpläne und Ressourcen zuweist. Subsidiäre Einsätze beherrscht jede Truppe rasch, den Verteidigungsauftrag muss sie üben. Die Ter Div besorgt die Territorialverteidigung, die mechanisierte Division schiebt sich über die territoriale Platte und führt den Kampf der verbundenen Waffen. Die Miliztauglichkeit am Boden steht für ihn ausser Zweifel.
Richtige Fragen führen zu Verbesserungen
Mit auf den ersten Blick kleinen organisatorischen Änderungen können die Parlamentarier grosse Weichen stellen und die WEA optimieren. Voraussetzung ist, dass sie die richtigen Fragen stellen, bei Unklarheiten nachhaken und die Folgen ihrer Entscheide ermessen. Es geht nicht nur um die Revision einiger Artikel des Militärgesetzes, im Hintergrund ändert sich weit mehr.
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Engagiert, reflektiert, differenziert – das ist die Stossrichtung von “Chance Schweiz – Arbeitskreis für Sicherheitsfragen“. Wir sind nicht allein der Tagespolitik verpflichtet, sondern wollen mit einer langfristigen Perspektive aktuelle Reformprozesse begleiten und fördern, und – wo nötig – auch dazu ermuntern. Dabei bringen wir eine ganzheitliche Sicht von Sicherheitspolitik ein.
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