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Ist Recyclingpapier besser als weisses Papier?
Wir lieben diese Frage und sie kommt immer wieder, aber sie ist - mit Verlaub - schon falsch gestellt. Was heisst denn schon besser? Besser in Bezug auf was, müsste man fragen: besser in Bezug auf die Funktionalität? oder besser in Bezug auf die Annehmlichkeit und Schönheit (es gibt im Deutschen einfach keinen so treffenden Begriff wie das englische "convenience"? oder besser in Bezug auf den Beschaffungspreis (= Wirtschaftlichkeit im engeren Sinne)? oder besser im Bezug auf die Gesamtkosten, die es beim Einsatz einer bestimmten Papiersorte zu gewärtigen gibt (= Wirtschaftlichkeit im weiteren Sinne, weil Ausschuss, Lagerschäden, längere Laufzeiten beim Druck etc. einberechnet werden)? oder besser in Bezug auf die ökologische Bewertung? oder, oder, oder...
Meistens wird die Frage mit Blick auf Letzteres gestellt.
Die kecke Gegenfrage wäre dann: OK, sie wollen Recyclingpapier, weil es ökologisch performant ist? Ist es Ihnen aber egal, wenn dieses Papier dauernd im Kopierer stecken bleibt? Oder ist es Ihnen egal, wenn der Sechsfarbendruck auf dem sog. ökologischen Papier einfach nicht schön aussieht? Oder ist es Ihnen egal, wenn Sie mit sog. Recyclingpapier nur ein Schlagwort kaufen und gar kein ökologisch performantes Recyclingpapier, weil genau dieses Recyclingpapier, das Sie vielleicht meinen, nicht aus echtem "post-consumer recovered paper" (d.h. aus Altpapier nach Gebrauch durch den Konsumenten) sondern nur aus "millbroke" oder "pre-consumer recovered paper" (d.h. aus Produktionsabfällen und unbedruckten Papierabfällen, die es gar nie bis zum Fertigprodukt geschafft haben) hergestellt wurde? Wenn man beispielsweise Produktionsabfälle nimmt, welche zur Hauptsache nur aus hochweissem Zellstoff bestehen, ohne ligninhaltige Holzstoffe, ohne Druckfarben, ohne Oberflächenstrich etc. und dieses für die Neuproduktion einsetzt, dann entsteht rein definitorisch gesehen auch Recyclingpapier (Produkt nach der Maschine geht zurück vor die Maschine) obwohl technisch gesehen die Fasern den Frischfasern in Neuprodukten entsprechen. Denselben Effekt kann man auch erzielen, indem man tatsächlich "post-consumer recovered paper" nimmt, aber gezielt nur sehr hochwertige Sorten (sh. Altpapiersorten) nimmt. Hochwertige Altpapiersorten bestehen tendenziell aus holzfreiem Zellstoff, sind meist unbedruckt, sind tendenziell eher ungestrichen - und sind somit mit frischem Zellstoff praktisch identisch - mal abgesehen von der Masseleimung (der Leimung im Papier). Wir sollten uns darauf einigen, dass man in diesem Fall mit Recyclingpapier nicht dasselbe meint, wie mit Recyclingpapier, das aus echtem "post-consumer recovered paper" hergestellt wurde.
Und nun zum eigentlichen "piece de resistance", der Frage nach ökologisch performantem Recyclingpapier? Mithin also der Frage, was in Bezug auf die Beanspruchung von Umweltressourcen (Luft, Boden, Wasser, Energie) besser sei: Papier aus frischen Fasern oder Papier aus rezyklierten Fasern?
Die Frage wird heute meistens anhand einer Ökobilanz (oder Neudeutsch "life cycle assessment") beantwortet. Und beim Stichwort Ökobilanz tut sich bereits das nächste Minenfeld auf! Welche Ökobilanz wird genommen? Welche Bewertungsmethode wurde angewandt, welcher Bilanzierungskreis wurde gezogen, welche Daten wurden berücksichtigt? Für welchen Zweck wurde die Ökobilanz erstellt?
Und weil das ein Themenuniversum für sich ist, haben wir uns erlaubt, gleich eine eigene Frage zustellen um den Versuch zu wagen, auf diese Frage eine Antwort zu geben.
Hier ist die Frage: