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DER ATLANTISCHE REGENWALD
Die üppige Waldlandschaft – Mata Atlântica –, welche sich zur Zeit der Entdeckung Brasiliens auf zirka 1,3 Millionen Quadratkilometern entlang der atlantischen Küste erstreckte, hat die Vorstellungen der Europäer enorm beeindruckt. Mehr als das – sie trug wesentlich dazu bei, ein paradiesisches Image zu schaffen, welches heute noch einen Teil ihrer Träume von Brasilien ausmacht, obwohl die Realität eine ganz andere ist. Rücksichtslose Ausbeutung der vielgestaltigen Ressourcen jenes „Paradieses“ haben mehr als 93% davon zerstört. Eine aussergewöhnliche Biodiversität, zum grossen Teil nur existent in dieser Region, ist damit ausgerottet worden, und die kärglichen Restbestände sind heute ebenfalls ernstlich gefährdet.
Der Atlantische Regenwald reichte bis zu den hydrografischen Becken der Flüsse Paraná, Uruguay, Paraíba do Sul, Jequitinonha und São Francisco. Ursprünglich erstreckte er sich entlang der gesamten Nordostküste, dem Südosten und dem Süden Brasiliens, als ein immergrünes Urwaldbollwerk unterschiedlicher Breite, welches sogar die Grenzen zu Argentinien und Paraguay überquerte.
Imponente Baumarten findet man in den noch vorhandenen Teilstücken dieses Ökosystems – wie zum Beispiel den „Jequitibá-rosa“, der 40 Meter hoch werden und einen Durchmesser von 4 Metern erreichen kann! Viele andere Spezies fallen in diesem Szenario auf: Der „Pinheiro-do-paraná, der Cedro, die Figueiras, die Ipês, der Braúna und der Pau-brasil“ und andere mehr. Innerhalb des Atlantischen Regenwaldes findet man so genannte „Matas de Altitude“ (Hochwälder), wie zum Beispiel die „Serra do Mar“ (bis 1.100 Meter) und „Itatiaia“ (bis 1.600 Meter), wo konstanter Nebel herrscht.
Parallel zur üppigen Vegetation, beeindruckt die vielfältige Fauna dieser Region den Besucher am meisten. Der grösste Teil von bedrohten Tierarten Brasiliens entstammt dem Atlantischen Regenwald, wie zum Beispiel der Löwen-Tamarin, der Fischotter, der gefleckte Jaguar, der „Tatu-canastra“ (eine Gürteltierart) und der „Arara-azul-pequena“. Neben diesen hoch gefährdeten Arten leben in diesem Ökosystem auch Stinktiere, Ameisenbären, Faultiere, Tapire, Hirsche, Agutis, Nasenbären und viele andere.
Trotz der erlittenen Vernichtung ist die Vielfalt der Arten, welche sich in den Restbeständen des Atlantischen Regenwaldes aufhalten, überraschend. Und inzwischen hat man herausgefunden, dass in manchen dieser Waldreserven das Niveau der Biodiversität zu den höchsten unseres Planeten gehört!
In der Tat haben wir mit dem Atlantischen Regenwald das durch wirtschaftliche Interessen im Lauf der Geschichte am meisten geschädigte Ökosystem Brasiliens vor uns. Um sich eine Vorstellung von der riskanten Situation zu machen, in der sich der Atlantische Regenwald befindet, genügt es zu wissen, dass er zur Zeit der Entdecker Brasiliens eine Fläche bedeckte, die einem Drittel Amazoniens entsprach – 12% des brasilianischen Territoriums – von Ceará bis nach Rio Grande do Sul! Heute ist dieser Regenwald auf lediglich 7% seiner ursprünglichen Fläche geschrumpft.
Im Gegensatz zu der erwähnten lokalen biodiversen Vielfalt, zeigen Statistiken, dass mehr als 70% der brasilianischen Bevölkerung in der Region des Atlantischen Regenwaldes leben. Auf dem ursprünglichen Areal des Waldes haben sich nicht nur die meisten Städte des Landes ausgebreitet, sondern auf ihr konzentrieren sich auch die grossen Industrie-, Ölförderungs- und Hafenanlagen Brasiliens.
Im Lauf von 500 Jahren brachte der Atlantische Regenwald den ausbeuterischen Aktivitäten der Menschheit Gewinn. Schon im 16. Jahrhundert konzentrierte sich diese Ausbeutung auf das Brasilholz (Caesalpinia echinata), einen Baum, dessen Saft man zur Färbung von Textilien und dessen Bretter man im Hausbau verwendete – nach ihm hat das Land seinen Namen. Der zweite Feldzug gegen den Atlantischen Regenwald wurde der Zucker-Zyklus: Riesige Waldflächen wurden zerstört, nicht nur um Platz zu schaffen für die Zuckerrohrfelder, sondern auch um die Errichtung der Zuckermühlen mit ihrem Holz zu garantieren. Und anstatt die Kessel jener Zuckerfabriken mit den ausgepressten Zuckerrohrstrünken zu heizen – wie es in der Karibik usus war – begannen die schwachsinnigen Portugiesen Bäume zu fällen und sie als Brennholz zu verheizen!
Im 18. Jahrhundert waren es die Goldfunde, die eine grosse Zahl der Portugiesen ins Interior lockten. Diese Emigration führte zu erneuten Waldrodungen, die sich bis zu den Übergängen in den Cerrado hinzogen – Grund war die Implantierung von Ackerbau und Viehzucht jener Eindringlinge. Im folgenden Jahrhundert war es dann der Kaffee-Boom, der im Atlantischen Regenwald einen ambientalen Schock auslöste. Die Waldareale, welche das Paraíba-Tal bedeckten, dem Zentrum der Kaffeeproduktion, wurden ohne Skrupel vollkommen vernichtet. Der Kaffee, ursprünglich aus Afrika stammend und für seine Entwicklung an schattige Stellen gewöhnt, wurde in Brasilien auf offenen, vollkommen gerodeten Waldflächen angebaut. Diese Rodungen fanden aber nicht etwa mit Axt, Hacke und Spaten statt, sondern mittels unkontrolliertem Abbrennen des gesamten Ökosystems – und diese Art der Landgewinnung hat sich seither nicht verändert: Noch heute erweitern Fazendeiros in Mato Grosso, Goiás und Pará auf diese ignorante und schonungslose Art und Weise die Weiden für ihr Vieh oder die Felder für den Soja-Anbau, indem sie sich einfach ein Stück vom Regenwald herausbrennen.
Und schliesslich, schon in der Mitte des 20. Jahrhunderts, begann die unkontrollierte Extraktion des Edelholzes aus dem Atlantischen Regenwald. Im Bundesstaat Espirito Santo legte man Hand an den Wald, um Rohstoffe für die Papier- und Zelluloseindustrie zu gewinnen. In São Paulo wurde die kurzsichtige Implantierung des Petrochemischen Pols von Cubatão zum internationalen Diskussionsthema über die Exzesse urbaner Luftverschmutzung. Solche unkontrollierten Entwicklungsprozesse bedrohten unzählige Spezies – einige von ihnen sind darüber fast ausgestorben, wie zum Beispiel der Goldene Löwen-Tamarin, der gefleckte Jaguar oder der Ozelot.
Angefangen in der Kolonialzeit Brasiliens bis zum heutigen Tag wurde der Atlantische Regenwald auf 7% seines Originalbestandes reduziert – mit spezifischen Arealen, wie zum Beispiel den Araukarien-Wäldern, von denen nur noch 1% des Originalbestandes übrig geblieben ist.
- 1993 haben Techniker des Botanischen Gartens von New York eine Studie herausgebracht, nach der sie im Gebiet der Biologischen Reserve von Una, im Süden Bahias, die grösste Diversifikation der Welt an Bäumen festgestellt haben – mit 450 unterschiedlichen Arten auf nur einen Hektar Wald!
- Der erste brasilianische Nationalpark wurde auf einem Areal des Atlantischen Regenwaldes gegründet, am 14. Juni 1937. Dieser „Parque Nacional de Itatiaia“ befindet sich zwischen den Bundesstaaten Rio de Janeiro und Minas Gerais, er beherbergt 360 Vogelarten (inklusive Falken, Wachteln und Tukane) sowie 67 Arten von Säugetieren (wie das „Paca“, Affen und Faultiere).
- Ein Teil des Atlantischen Regenwaldes wurde von der UNESCO zu Beginn der 90er Jahre als „Reserve der Biosphäre“ anerkannt. Diese Reserve erstreckt sich über zirka 5 Kilometer entlang der brasilianischen Küste, mit einer Gesamtfläche von 290.000 Quadratkilometern.
- Das Abbrennen von Wäldern, auch heute immer noch üblich, war schon seit der Kolonialzeit eine angewendete Praxis zur Vorbereitung des Bodens für die Bepflanzung. Im Jahr 1711 setzte der Jesuit André Antonil die Regeln fest, nach denen sich die Bevölkerung zur Bearbeitung der Zuckerrohrfelder zu richten hatte: „Man beackert, verbrennt und säubert indem man alles entfernt, was hinderlich sein kann“. In diesem Fall war der Atlantische Regenwald selbst das „Hindernis“, dessen Bäume man fällte, um sie als Brennholz für die Öfen der Zuckerverarbeitung zu verwenden.
- Die Üppigkeit, Imponenz und der Reichtum des Atlantischen Regenwaldes prägten die Vorstellung der Europäer zutiefst und trugen zum Image eines paradiesischen Landes bei, in dem die Ressourcen der Natur unerschöpflich schienen – jetzt endlich, nach 500 Jahren der Ignoranz gegenüber dem Gleichgewicht der Natur, fangen die Brasilianer an, sich auf jenen „angesägten Ast, auf dem sie selbst sitzen“ zu besinnen.
Mico-leão-dourado – der Goldene Löwen-Tamarin
In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren lediglich 200 Exemplare dieses possierlichen Primaten in freier Wildbahn übrig geblieben. Durch ein Programm zur Rettung und Aufstockung dieser Population im Atlantischen Regenwald von Rio de Janeiro, ist ihre Zahl inzwischen auf zirka 1.000 angewachsen.
Es existieren vier Arten des Löwen-Tamarins, alle findet man nur in Brasilien: der „Mico-leão-dourado“ (der Goldene) – er lebt im Atlantischen Regenwald des Küstengebiets von Rio de Janeiro; der „Mico-leão-da-cara-preta“ (der Schwarzgesichtige) – man findet ihn in der Kakao-Region de bahianischen Südens; der „Mico-leão-preto“ (der Schwarze) – entdeckt am „Morro do Diabo“ der Spitze von Paranapanema im Bundesstaat São Paulo; und der „Mico-leão-da-cara-preta“ – erst 1990 entdeckt, der in der Region von Lagamar lebt (Paraná und São Paulo).