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Mein bald sechsjähriger Sohn lebt abwechslungsweise bei seiner Mutter und mir. Das bedeutet zwar einen höheren organisatorischen Aufwand («Kannst du mir bitte sein zweites Paar Wanderschuhe wieder geben?»), andererseits müssen wir vieles gar nicht erst verhandeln. So ist der Kühlschrank meiner Expartnerin gefüllt mit Milch, Käse, Aufschnitt, Fisch und Eiern, und meiner nicht, denn ich bin Veganer. Den Tieren zuliebe, aber auch der gebeutelten Natur und letztlich mir selbst. Ich fühle mich wesentlich besser, wenn ich kein lebloses Material in mich hineinstopfe. Das Problem ist, dass mein Sohn diese Dinge ziemlich geil findet und sie – bis er begriffen hatte, dass da wirklich nichts zu machen ist – bei mir zu Hause immer wieder lautstark vermisste. Ich fragte mich, wie ich ihm meine Haltung erklären sollte. Ich konnte ihn doch nicht vor den Laptop setzen und all die entsetzlichen Videos abspielen, die meine vegane Haltung begründet und bestärkt hatten. Oder doch? Sollte ich ihm zeigen, wie die putzigen männlichen Küken, die für die Eierindustrie wertlos sind, direkt nach dem Schlüpfen geschreddert werden? Und wie die herzigen Schweinchenmit einem Lift in den Vergasungskeller gefahren werden, wo sie elendiglich ersticken? Und wie die lieblichen Kälbchen nach der Geburt von ihren Müttern getrennt und wenig später mit dem Bolzenschussgerät betäubt werden, bevor ihnen die Kehle durchgeschnitten wird, damit man ihr Fleisch verkaufen kann und auch die Milch, die für sie bestimmt gewesen wäre? All das ist immerhin die Wahrheit, und es ist gerade der verlogene Umgang damit, der die grausige Massentierhaltung überhaupt ermöglicht. Fleisch, Eier und Käse essen kann man nur, solange man es schafft, die industriellen Hintergründe auszublenden. Aber wie konfrontiert man ein kleines Kind mit diesen, ohne es komplett zu verstören?
Ich entschloss mich zu einer mündlichen Variante und erklärte meinem Sohn, dass die Tiere, genauso wie wir, Freude und Angst empfinden können und miteinander kommunizieren, und dass sie, genau wie er, mit ihren Eltern und Freunden zusammen sein möchten, statt ihnen entrissen und getötet zu werden. Ich sagte, dass ich auf Eier, Käse, Fisch und Fleisch verzichte, weil die Tiere furchtbar leiden, wenn diese Dinge auf meinem Teller liegen. Mein Sohn machte grosse und erschrockene Augen. Dann verkündete er, weiterhin Fleisch essen zu wollen, denn Fleisch sei lecker. Vor allem mit Ketchup. Nun machte ich grosse Augen. Musste ich doch stärkeres Kaliber auffahren? Oder die Entscheidung eines geliebten Mitmenschen akzeptieren, auf das Befinden der Tiere zu pfeifen? Kaum einer meiner Freunde teilt meine Haltung. Sie gehen zwar respektvoll damit um, verzichten weitgehend auf dumme Sprüche und bestehen nicht auf den gemeinsamen Besuchen von Restaurants, in denen ich neben Pommes frites nichts auf der Karte finde. Im Gegenzug halte ich den Mund, wenn sie ihr Pad Thai mit Poulet oder Crevetten bestellen. Aber mit meinem Tier- und Umweltschutzgeschwätz und dem Schmerz, den ich nun einmal empfinde, wenn um mich herum Massenmord als Genuss und Kultur gehandelt wird, stehe ich ziemlich allein da. Ist es tragbar, dass ich zusehe, wie ein junger Mensch, der in eine fleischkonsumierende Welt hineingeboren worden ist, einfach so deren Spielregeln verinnerlicht? Obliegt mir nicht so etwas wie eine vegane Pflicht? So wie es die moralische Pflicht gibt, gegen Rassismus anzureden, in jedem einzelnen Fall?
Doch. Ich werde weiterhin versuchen, meinen Sohn zum Veganismus anzuhalten. Ich werde weiterhin versuchen, ihm aufzuzeigen, dass es nicht richtig ist, was wir tun. Was er damit macht, muss ich ihm überlassen. Das ist ein weiterer Vorteil zweier Haushalte: Es sind zwei Realitäten, zwei Wertesysteme. Und damit doppelt so viele Orientierungspunkte. Da darf der eine oder andere auch nach Käse riechen.