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text edition; education; Sumerian; disputation; elocution; dialogue; drama; cuneiform; Mesopotamia
Mittermayer/Kilchör Catherine/Fabienne (2018), Text als Bild: Graphic Reading am Beispiel der sumerischen Rangstreitgespräche, in Attinger et alii Pascal (ed.), Orbis Biblicus et Orientalis, Leuven/Paris/Bristol, 225-240.
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Durch archäologische Ausgrabungen im Irak ist seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die älteste schriftlich überlieferte Literatur der Menschheit ans Licht gekommen. Sie wurde in sumerischer Sprache verfasst und zu Beginn des 2. Jahrtausends vor Christus in Keilschrift auf tausenden von Tontafeln niedergeschrieben. Die tradierten Werke umfassen Mythen, Epen, Götterhymnen und Preislieder auf Könige, des Weiteren geben historische und humoristische Texte ebenso wie Sprichwortsammlungen einen wertvollen Einblick in diese 4000 Jahre alte Kultur. Eine Anzahl von Werken, die in der Forschung bisher erst wenig Beachtung gefunden hat, definiert sich durch drei Gemeinsamkeiten als zusammengehörige Textgruppe: 1) Das Geschehen konzentriert sich auf zwei Protagonisten, 2) formal dominiert die direkte Rede, angelegt als Dialog zwischen den beiden Hauptfiguren, 3) im Zentrum steht die Austragung eines verbalen (Wett-)Streits. 16 Werke der sumerischen Literatur lassen sich vorerst anhand dieser Kriterien zusammenfassen. In ihnen ist das Thema Streit in drei unterschiedlichen Ausprägungen überliefert:a)Rangstreitgespräche (9 Texte)b)Schülerstreitgespräche (5 Texte)c)Frauenstreitgespräche (2 Texte)Die Rangstreitgespräche stellen auf den ersten Blick die höchste Kunstform in der Streitliteratur dar. Sie wurden einst mit dem sumerischen Terminus a-da-min3 („Wettstreit zwischen zweien“) bezeichnet. Mithilfe dieser antiken Klassifizierung können neun Adamin bestimmt werden. Ihre Protagonisten sind Gegensätze aus dem täglichen Leben, insbesondere aus dem (land)wirtschaftlichen Bereich. Es kann sich um Menschen, Tiere, Pflanzen, Realien oder Jahreszeiten handeln (z. B. Hacke und Pflug oder Sommer und Winter).Bei der Mehrheit der Texte ist der Rangstreit in einen grösseren Rahmen eingebettet. Eine auf den jeweiligen Kontext zugeschnittene Kosmogonie verortet die beiden Protagonisten in der Welt und leitet anschliessend den Disput ein. Im Zentrum steht der auf hohem rhetorischem Niveau ausgetragene Wettstreit zwischen den beiden Parteien, dessen Ziel es ist, den Ranghöheren von beiden auszumachen. Das Urteil wird am Ende durch eine Gottheit oder einen König gefällt. Die Schülerstreitgespräche sind anders konzipiert. Im Gegensatz zu den Adamin sind sie nicht in ein kosmogonisches Geschehen eingebettet, sondern sie beginnen direkt mit dem Disput (sumerisch du14). Ihre (anonymen oder namentlich genannten) Protagonisten stammen aus dem Umfeld der Schule. Es handelt sich um ausgebildete Schreiber oder Schüler und sie alle streiten sich darum, wer der bessere von beiden ist. Entschieden wird dies am Ende durch einen Schulmeister. Wie die Schulstreitgespräche starten auch die beiden erhaltenen Frauenstreitgespräche in medias res. In ihnen stehen sich ausschliesslich (namenlose) Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes gegenüber. In dem ihnen eigenen Soziolekt (Emesal) versuchen sie, sich gegenseitig mit wüsten Beschimpfungen zu übertrumpfen. Dass es auch hier darum geht, die bessere von beiden zu ermitteln, wird aus dem Urteil ersichtlich, das am Ende durch einen Richter gefällt werden kann.Allen drei Kategorien liegt das einheitliche Schema „Streit zwischen zwei Gegnern gefolgt von einer Entscheidung durch eine höher stehende Instanz“ zugrunde. Jede hat aber ihre eigene Ausformulierung der Thematik zu bieten. Während die Rangstreitgespräche gewiss als rhetorische Kunstform erkannt werden dürfen, stellen sowohl die Schüler- als auch die Frauenstreitgespräche Alltagssituationen auf scheinbar umgangssprachlichem Niveau dar. Allen gemeinsam ist wiederum ein humoristischer Aspekt und damit verbunden ein hoher Unterhaltungswert. Ziel des Projekts ist es, die Streitliteratur des Alten Orients den Wissenschaften zugänglich zu machen. In den ersten drei Projektjahren sollen sämtliche Texte in Partiturform in einer Datenbank zusammengeführt werden und von vier ausgewählten Werken sollen Texteditionen erstellt werden. Parallel dazu soll der Wortschatz dieser Texte erfasst werden, der als „Glossar der sumerischen Streitliteratur“ zusammen mit der Datenbank der Texte online gestellt werden soll. Im letzten Jahr soll auf interdisziplinärer Basis mit der inhaltlichen Auswertung der Streitliteratur begonnen werden. Da die Texte einst im Rahmen der Schreiberausbildung zur Förderung der mündlichen Sprechkompetenz eingesetzt wurden, bietet sich hier in erster Linie ein Vergleich mit dem neulateinischen Rhetorikunterricht der Humanisten in der Renaissance an. Des Weiteren sollen die Werke auf Hinweise untersucht werden, die für eine szenische Aufführung der Streitliteratur sprechen.