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Wie Mosè Bertoni (1857–1929) aus dem Bleniotal nach Paraguay auswanderte und dort mit seiner Grossfamilie Ackerbau und wissenschaftliche Forschung betrieb.
Während seines Studiums der Botanik in Genf befasst sich der im Tessiner Bleniotal geborene Mosè Bertoni unter anderem mit Anarchismus. 1884 wandert er nach Argentinien aus mit der (noch vagen) Idee, eine landwirtschaftliche Siedlung zu gründen und dort seine Ideale zu realisieren. Doch sein Traum zerbricht schon nach kurzer Zeit: Seine rund zehn Weggefährten verschlägt es in andere Richtungen.
Bertoni bleibt mit seiner damals bereits grossen Familie (seine Frau Eugenia ist bei der Ozeanüberquerung mit dem sechsten Kind schwanger) allein zurück. Er lässt sich in Paraguay nieder, wo er dieses «reiche und unerforschte Stück Land» vorfindet, das ihm Ansehen als Wissenschaftler verschaffen und dieses «Bedürfnis nach Ausdehnung erfüllen soll, das mich immer von Reisen, von Erkundungen, von Besiedlungen träumen lässt», wie er im Jahr 1882 sagte, kurz bevor er Europa den Rücken kehrte.
In einer Flussbiegung des Paraná gründet er an einem Ort, den er Puerto Bertoni nennt, die Familiensiedlung «Guillermo Tell» und geht dort den beiden seiner Ansicht nach unerlässlichen Tätigkeiten des Ackerbaus und der wissenschaftlichen Forschung nach. Er befasst sich unter anderem mit Botanik, Meteorologie, Klimatologie, Agrarwissenschaft, Geografie, Linguistik und Ethnografie und plant, ein mehrbändiges enzyklopädisches Werk zu verfassen, die Descripción física, económica y social del Paraguay.
Einen Teil seiner Studien veröffentlicht er dank der eigenen Druckerei («Ex Sylvis») in Puerto Bertoni. Um sein «grosses Werk» zu vollenden, vertraut Bertoni auf die landwirtschaftliche Produktion der Siedlung – eine für ihn unverzichtbare Stütze seiner Forschung –, auf die Hilfe der Regierung bei seinen Veröffentlichungen und auf die Mitarbeit seiner Grossfamilie: Söhne, Schwiegersöhne, Enkel.
Seine 13 Kinder tragen sonderbare Namen wie Vera Zassoulich und Sofia Perovskaïa – nach zwei russischen Revolutionärinnen –, Winkelried, Guillermo Tell, Werner Stauffacher und Walter Fürst – die auf sein Idealbild der Schweiz hindeuten –, sowie Aristóteles und Linneo. Doch die Lage spitzt sich zu: Seit 1915 befindet sich die Region in einer Wirtschaftskrise, es herrscht politische Instabilität und die staatliche Unterstützung für die Publikationen bleibt aus. Ein sehr begabter Sohn stirbt, weitere Söhne verlassen einer nach dem anderen Puerto Bertoni aufgrund der wirtschaftlichen Probleme, aber auch, um der erdrückenden Bevormundung des Patriarchen zu entkommen. Verbittert schreibt dieser am 19. Februar 1929, fünf Monate vor seinem Tod:
Die Siedlung verfällt, das «grosse Werk» wird abgebrochen, mehrere Manuskripte bleiben unveröffentlicht (und gehen später verloren).
Dennoch staunt man angesichts dieses unvollendeten, bröckelnden Werks darüber, was Bertoni in seiner Isolierung alles erreicht hat: zahlreiche Veröffentlichungen, wissenschaftliche Sammlungen, die Druckerei und die Siedlung selbst. Bertoni hat die Kulturgeschichte Paraguays stark geprägt, sei es mit seinen meteorologischen Arbeiten und der Verbreitung seines agronomischen Wissens (die erste Landwirtschaftsschule des Landes wurde von ihm gegründet) oder mit dem ethnografischen Teil der Descripción (La Civilización Guaraní), die trotz ihrer wissenschaftlichen Unzulänglichkeiten der «nationalistisch-indigenen Generation» Paraguays in den 1920ern als wesentliche Referenz diente.