Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03203.jsonl.gz/178

Die Insel des Friedens
Eine Vision, wie die Welt auch sein könnte: Ein Ort, wo alle Menschen, gleich welcher Herkunft, Sprache, Hautfarbe und Gesinnung, in Frieden leben dürfen. Träume von heute sind die Wirklichkeit von morgen!
Es war irgendwo während meiner Wanderschaft um die Welt. Ich sass träumend am Meer, als ich spürte, wie etwas meine Schulter berührte. Als ich aufschaute, sah ich drei Kinder neben mir stehen. Sie gaben mir Zeichen, mit ihnen zu einem kleinen Holzboot zu gehen. Ich folgte ihnen, da ich frei war und keine festen Pläne hatte.
Sie luden mich ein, mit ihnen ins Boot zu steigen, und eines der
Kinder erklärte mir in gebrochenem Deutsch, dass wir zur Insel
ihrer Familie rudern würden. Bei den anderen beiden wusste ich
nicht, in welcher Sprache sie sich unterhielten. Nach einiger Zeit
näherten wir uns tatsächlich dem Ufer einer kleinen
grünen Insel, die ich von der Küste aus nicht gesehen
hatte. Sie war mit vielen unterschiedlichen Bäumen bewachsen.
Während der Fahrt dorthin hatte ich mehr über die Kinder erfahren. Sie kamen alle ursprünglich von verschiedenen Ländern und Kontinenten. Aus diversen Gründen hatten sie nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern leben können. Sie sprachen ein Gemisch aus mehreren Sprachen, woran ich mich sehr schnell gewöhnte.
«Willkommen auf der Insel des Friedens!» sagten sie,
als wir auf der Insel ankamen, und nahmen mich mit in ihre
Hütte. «Dies sind unsere Grosseltern», sagte das
Mädchen, welches ein bisschen Deutsch sprach, und stellte mir
zwei sympathische Leute mit grauem Haar vor. Diese boten mir eine
grosse Schale mit einer unbeschreiblichen Vielfalt von Früchten
an. Die schmeckten herrlich.
Die Grosseltern erzählten mir, dass ihre Familie aus vielen Leuten von der ganzen Welt bestünde, welche aus irgendwelchen Gründen von ihrer Heimat wegflüchten mussten und auf dieser Insel gelandet seien. Hier habe es Platz für alle Menschen.
Als die Abenddämmerung hereinbrach, füllte sich die Hütte, welche nur aus einem einzigen Raum bestand. Die Kinder erklärten mir, dass diese Familienmitglieder im Inneren der Insel Früchte gepflückt hatten. In der Hütte gab es keine Küche. Alles, was die Leute assen, waren frische oder an der Sonne getrocknete Früchte und Nüsse verschiedenster Art. Gemütlich sassen sie dabei zusammen in einem Kreis auf dem weichen Mattenboden. In der Mitte des Kreises standen Schalen mit den duftenden Früchten der Insel. Obwohl sich viele Menschen in der kleinen Hütte befanden, war alles sehr ruhig.
Die Grossmutter sagte mir, dass die Leute eigentlich nur draussen
während des Tages miteinander redeten, dass die Hütte
vorwiegend zum Ausruhen da war. Und wirklich, als es immer dunkler
wurde, legten sich die Leute nach und nach auf die Matratzen aus
Trockengras und schliefen ein. So legte auch ich mich hin und schlief
sofort ein.
Am nächsten Tag, als die ersten Sonnenstrahlen in die Hütte fielen, stand ein Familienmitglied nach dem anderen auf und sie versammelten sich draussen vor der Hütte um den grossen Ziehbrunnen herum. Sie erzählten einander gegenseitig ihre Träume. Ich schaute verwundert zu und stellte dabei fest, dass auf dieser Insel Menschen aller Altersgruppen und Hautfarben lebten und dass alle einen sehr zufriedenen Gesichtsausdruck hatten. Der Grossvater erklärte mir, wenn die Leute einander ihre Träume erzählten, so lernten sie voneinander und von den Urgründen ihrer Seele, dies sei die Schule der Insel. Er sagte weiter, dass nach der Schule alle, die dazu Lust hätten, sich auf der Insel verteilten, um Früchte zu pflücken und zu trocknen, Gras zu sammeln und daraus Matratzen zu flechten, Palmenblätter für die Erneuerung des Hüttendaches zusammenzubinden und so weiter. Das Arbeiten sei hier sehr beliebt, völlig freiwillig und werde eher als ein Spiel betrachtet... Brrrrrrrr... Mit dem schrillen Ton meines Weckers wurde mein Traum unterbrochen, und ich erwachte. Noch ganz benommen von der gehabten Vision, versuchte ich mich mit der Haltung, dass alles eigentlich ein Spiel ist, bereit zu machen, um zur Arbeit zu gehen. «Wie die Menschen auf der Insel des Friedens möchte ich in Zukunft auch leben!» ist der mich seit damals ständig begleitende Gedanke.
Maja Willi, Neubrunn, CH-8488 Turbenthal