Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03568.jsonl.gz/679

Einleitung
Der Gegenstand des vorliegenden Bandes ist der Antheil, welchen Würmer an der Bildung jener Schicht von Ackererde gehabt haben, welche die ganze Oberfläche der Erde in jedem mässig feuchten Lande bedeckt. Diese Ackererde ist meistens von einer schwärzlichen Farbe und einige wenige Zoll dick. Sie ist in verschiedenen Bezirken nur wenig im Ansehen verschieden, obschon, sie auf verschiedenem Untergrunde ruhen kann. Die gleichartige Feinheit der Teilchen, aus welcher sie zusammengesetzt ist, ist einer ihrer hauptsächlich charakteristischen Züge; dies ist in einer jeden kiesreichen Gegend gut zu beobachten, wo ein neuerdings gepflügtes Feld unmittelbar an ein Stück Land anstösst, welches lange als Weide ungestört gelassen worden und wo die Ackererde an den Seiten einer Grube oder Höhlung exponiert ist. Man könnte den Gegenstand für einen bedeutungslosen halten; doch werden wir sehen, dass er ziemliches Interesse besitzt; auch ist der Grundsatz „de minimis lex non curat“ nicht auf die Wissenschaft anwendbar. Selbst ELIE DE BEAUMONT, welcher gewöhnlich kleine Ursachen und ihre gehäuften Wirkungen unterschätzt, bemerkt, [Leçons de Géologie pratique, T. 1. 1845. p. 140.] „la couche très mince de la terre végétale est un monument d’une haute antiquité, et, par le fait de sa permanence, un objet digne d’occuper le géologue, et capable de lui fournir des remarques intéressantes“. Obgleich die oberflächliche Schicht von Ackererde als ein Ganzes ohne Zweifel von dem höchsten Alter ist, so werden wir doch, was ihre Beständigkeit betrifft, Gründe zur Annahme kennen lernen, dass die sie zusammensetzenden Teilchen in den meisten Fällen mit einer nicht sehr geringen Geschwindigkeit entfernt und in Folge der Zersetzung des darunter liegenden Materials durch andere ersetzt werden.
Da ich veranlasst war, während vieler Monate in meinem Arbeitszimmer Würmer in mit Erde gefüllten Töpfen zu halten, so fing ich an, mich für sie zu interessieren und wünschte zu erfahren, in wie weit sie bewusst handelten und wie viel geistiges Vermögen sie entfalteten. Ich war umso begieriger etwas über diesen Punkt zu erfahren, da, so viel mir bekannt ist, nur wenig
Beobachtungen dieser Art an Tieren angestellt worden sind, welche auf einer so niedrigen Organisationsstufe stehen und so ärmlich mit Sinnesorganen ausgerüstet sind, wie die Regenwürmer. Im Jahre 1837 las ich eine kurze Abhandlung vor der geologischen Gesellschaft in London, „über die Bildung der Ackererde“ [Transactions Geolog. Soc. London, Vol. 5, p. 505. Gelesen am 1. Nov, 1887. Übersetzt in: Kleinere geolog. Abhandlungen. (Gesamm. Werke, 12. Bd. 2. Abth.) 1878. p. 93-98.], in welcher nachgewiesen wurde, dass kleine Fragmente von gebranntem Mergel, Schlacken etc., welche dick über die Oberfläche mehrerer Wiesen gestreut worden waren, nach Verlauf weniger Jahre in der Tiefe von einigen Zollen unter dem Rasen liegend, aber noch immer eine Schicht bildend, gefunden wurden. Dieses anscheinende Einsinken oberflächlicher Gegenstände ist, wie Mr. WEDGWOOD von Maer Hall in Staffordshire zuerst als Vermutung gegen mich äusserte, eine Folge der grossen Menge feiner Erde, welche beständig von den Würmern in der Form ihrer zylindrischer Exkremente auf die Oberfläche gebracht wird. Diese Exkremente werden früher oder später ausgebreitet und bedecken einen jeden auf der Oberfläche liegen gelassenen Gegenstand. Ich wurde hierdurch zu der Folgerung geführt, dass die ganze Ackererde über das ganze Land hin schon viele Male durch die Verdauungskanäle der Würmer gegangen ist und noch viele Male durchgehen wird. Es würde daher der Ausdruck „tierische Ackererde“ in manchen Beziehungen zutreffender sein als der gewöhnlich gebrauchte „vegetabilische Ackererde“. Zehn Jahre nach der Veröffentlichung meines Aufsatzes schrieb Mr. D’ARCHIAC, offenbar durch die Lehren ELIE DE BEAUMOMT’S beeinflusst, über meine „singulière théorie“ und wandte dagegen ein, dass sie nur auf „les prairies basses et humides“ anwendbar sei, und dass „les terres labourées, les bois, les prairies élevées, n’apportent aucune preuve à l’appui de cette manière de voir [Histoire des progrès de In Géologie, T. I. 1847. p. 224.]. Mr. D’ARCHIAC muss aber nach innerer Anschauung und nicht nach Beobachtung zu diesen Betrachtungen gekommen sein; denn in Gemüsegärten, wo die Erde beständig umgearbeitet wird, sind Würmer in einem ausserordentlichen Grade häufig, obgleich sie in derartiger lockerer Erde meistens ihre Exkremente in jede offene Höhlung oder innerhalb ihrer alten Röhren ablegen, anstatt auf die Oberfläche. VICTOR HENSEN glaubt nach Schätzungen, dass in Gärten ungefähr zweimal so viele Würmer enthalten sind, als in Getreidefeldern [Zeitschrift für wiss. Zoologie. 28. Bd. 1877. p. 361.]. Was die „prairies élevées“ betrifft, so weiss ich nicht, wie sich die Sache in Frankreich verhalten mag; in England aber habe ich den Boden nirgends so dicht mit Wurmexkrementen bedeckt gesehen, als auf Weideangern, in der Höhe von mehreren hundert Fuss über dem Meere. Wenn ferner in Wäldern die losen Blätter im Herbste entfernt werden, so wird man finden, dass die ganze Oberfläche mit Wurmexkrementen überstreut ist. Dr. RING, der Superintendent des botanischen Gartens in Kalkutta, dessen Freundlichkeit ich viele Beobachtungen über Regenwürmer verdanke, teilt mir mit, dass er in der Nähe von Nancy in Frankreich den Boden der Staatsforsten über
viele Acker Landes mit einer aus abgestorbenen Blättern und zahllosen Wurmexkrementen zusammengesetzten schwammigen Schicht bedeckt gefunden hat. Er hörte dort, wie der Professor des „Aménagement des forêts“ in einer Vorlesung hierüber zu seinen Zuhörern sprach und dies als einen Fall anführte eines wundervollen Beispiels der natürlichen Kultur des Bodens; denn Jahr auf Jahr bedecken die ausgeworfenen Wurmexkremente die abgestorbenen Blätter und das Resultat ist ein reicher Humus von grosser Dicke“. Im Jahre 1869 verwarf Mr. FISH [Gardeners‘ Chronicle, Apr. 17. 1869. p. 418.] meine Folgerungen in Bezug auf die Rolle, welche Würmer in der Bildung der Ackererde gespielt haben, und zwar bloss wegen ihrer vermeintlichen Unfähigkeit eine derartige Arbeit zu verrichten. Er bemerkt, „in Anbetracht ihrer Schwäche und ihrer geringen Grösse wäre die Arbeit, welche sie nach jener Darstellung geleistet haben sollen, ganz erstaunlich“. Wir haben hier wieder ein Beispiel von jener Unfähigkeit, die Wirkungen einer beständig wiederkehrenden Ursache zu summieren, welche schon oft den Fortschritt der Wissenschaft aufgehalten hat, wie es früher in der Geologie der Fall war und neuerdings in Bezug auf den Grundsatz der Entwickelung.
Obgleich diese verschiedenen Einwürfe mir kein Gewicht zu haben schienen, so entschloss ich mich doch noch mehr Beobachtungen derselben Art, wie die bereits veröffentlichten anzustellen und das Problem noch von einer anderen Seite anzugreifen, nämlich sämtliche innerhalb einer gegebenen Zeit auf einem abgemessenen Baum aufgeworfenen Wurmexkremente zu wiegen, anstatt die Geschwindigkeit zu ermitteln, mit welcher auf der Oberfläche liegen gelassene Gegenstände von Würmern eingegraben werden. Einige meiner Beobachtungen sind aber durch einen ausgezeichneten Aufsatz von VICTOR HENSEN, den ich bereits erwähnt habe und welcher im Jahr 1877 erschien, beinahe überflüssig geworden. Ehe ich in die Einzelheiten in Bezug auf die Wurmexkremente eingehe, wird es zweckmässig sein, eine Darstellung der Lebensweise der Würmer nach meinen eignen Beobachtungen, sowie nach denen anderer Naturforscher zu geben.