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Wenn zwei Leute über die Barfüsserkirche sprechen, so wird sehr wahrscheinlich die Asymmetrie ihrer Westfassade angesprochen.
Die häufig erzählte Geschichte vom Architekten, der sich wegen der asymmetrischen Fassade aus dem obersten Fenster ebendieser gestürzt haben soll, ist historisch nirgends belegt – es handelt sich um eine urban legend.
Eine bisher vertretene Erklärung für die Asymmetrie, die sich von der Doppeltür über das grosse Fenster und die schmale Lichtscharte bis zur Dachspitze zieht, ist eine Planänderung. Demnach sollen die verschobenen Positionen durch während den Bauarbeiten erfolgte Änderungen im Plan verursacht sein, namentlich dem Entschluss die beiden Seitenschiffe unterschiedlich breit zu bauen. Diese Erklärung überzeugt nicht, weil es dafür ebenfalls keine schriftlichen Quellen gibt und sie nicht mit der baulichen Geschichte übereinstimmt.
Planänderungen mögen erfolgt sein und die beiden Seitenschiffe waren und sind tatsächlich unterschiedlich breit, doch auf die Verteilung der Öffnungen in der Fassade hatte das keinen Einfluss. Wei ein Blick auf den Grundriss der Kirche zeigt, bilden die Seitenwände des Chors, die Pfeilerreihen im Hauptschiff und die beiden Strebepfeiler an der Westfassade eine Flucht. Folglich sind sie von Anfang an geplant und genau so ausgeführt, denn der Chor wurde als erster Teil der Kirche errichtet. Für die exzentrische Position der Öffnungen in der Fassade kommen somit nur noch zwei Erklärungen in Frage: 1. Mess- oder Baufehler (oooops, da ist was schief gelaufen) oder 2. bewusste Asymmetrie.
Die zweite Erklärung überzeugt vor allem, weil gotische Bauwerke trotz ihrer geometrischen Konstruktion und formalistischen Mathematik oft und gerne asymmetrisch sind. Für die Barfüsser- oder Franziskaner ist zudem die gewollte Unvollkommenheit plausibel, denn nur Gott ist vollkommen. Oder als Gesamtkunstwerk gedacht: Der Chor als Allerheiliges ist lichtdurchflutet, symmetrisch, massiv gebaut, erhaben und erhoben, …, perfekt eben (ad maiorem Dei gloriam); das Schiff dagegen ist halbdunkel, asymmetrisch, billig gebaut, tiefer gelelgt, …, passend zur Welt und zum Menschen eben nicht perfekt.
Mehr zur Barfüsserkirche:
Fehlmann, Marc / Hofmeier, Thomas, Die Barfüsserkirche, in: Baumann & Cie, Banquiers (ed.), Basler Kostbarkeiten 39, Basel 2018; 60 S., 37 meist farbige Abbildungen, grosse Falttafel mit Plänen und Zeitstrahl.
Käuflich im Historischen Museum für 6.– CHF.