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Geben wir Menschen den Dingen durch unserer Deutung ihr Wesen und ihren Sinn? Oder steht ein erkennender Geist am Ursprung alles kreaktürlich Seienden? Zwei Ansichten von Wahrheit.
Von Berthold Wald
Was ist Wahrheit, und was hat Wahrheit mit Wirklichkeit zu tun? Auf eine kurze Formel gebracht stehen sich hier zwei Ansichten gegenüber. Eine ältere, aber doch vertraut, lautet so: Wahrheit ist das Sich-zeigen von Wirklichkeit für den erkennenden Geist. Die jüngere besagt: Wahrheit meint Bestimmung der Wirklichkeit durch den Begriff. Im ersten Fall ist Wahrheit als Eigenschaft von Wirklichkeit gemeint, im zweiten Fall gilt Wirklichkeit nur als Projektionsfläche für den Begriff. Der Abgrund zwischen beiden Auffassungen von Wahrheit wird deutlich, sobald wir deren Voraussetzungen und Konsequenzen in den Blick nehmen. Erhellendes dazu findet sich bei Josef Pieper, insbesondere in seiner Schrift „Wahrheit der Dinge“ (1947), weitergeführt in „Unaustrinkbares Licht“ (1953) und in „Kreatürlichkeit. Bemerkungen über die Elemente eines Grundbegriffs“ (1974). Ausgangspunkt ist ein Satz aus der Wahrheitslehre des Thomas von Aquin: „Alles Seiende ist wahr“.
Wahrheit als Erkenntnis von Wirklichkeit
Die Tragweite dieses Grund-Satzes erschliesst sich im Gegenüber zu späteren Auffassungen vom Sein, die Wahrheit als primäre Eigenschaft des Seins bestreiten. Pieper verweist dazu auf die Väter der neuzeitlichen Philosophie, insbesondere auf Descartes, Spinoza und Kant. Spinoza beispielsweise nennt die Dinge „stumm“, weshalb Wahrheit ihm nur als Eigenschaft von Aussagen gilt, nicht aber von den Dingen selbst. Wilhelm Dilthey hat diesen Gedanken in seiner Einleitung in die Geisteswissenschaften nahezu wörtlich wiederholt: „Die Natur ist uns stumm, […] fremd. Sie ist nur ein Aussen, kein Inneres.“ Er steht damit auf dem Boden des nach-neuzeitlichen Nihilismus, für den Wahrheit allein in der Freiheit des Menschen begründet liegt, den Dingen nach seinen Vorstellungen Sinn und Bedeutung zu verleihen.
Nach dem „Tod Gottes“ (Friedrich Nietzsche) haben die natürlichen Dinge weder Wesen noch Wahrheit, „weil es keinen Gott gibt, der sie entworfen haben könnte“, so Jean Paul Sartre. Dessen radikale Verneinung des Schöpfungsbegriffs hat jedoch die formale Struktur des metaphysischen Wahrheitsbegriffs erneut ans Licht bringt: Wahrheit als Sich-zeigen von Wirklichkeit beruht auf der Wahrheit der Dinge, und dieser Zusammenhang von Wahrheit und Wirklichkeit kann nur gedacht werden, wenn Wahrheit ihren Grund in der schöpferischen Erkenntnis Gottes hat. Wer Wahrheit als Erkenntnis von Wirklichkeit verteidigen will, ist so genötigt, auch von Gott zu reden. Die natürlichen Dinge sind zwischen zwei erkennende Geister gestellt, heisst es bei Thomas von Aquin. Anfang und Grund ihrer Wahrheit ist das „Erdachtsein durch Gott“. Die Erkennbarkeit der Dinge für den Menschen ist „ihrer Erkanntheit durch Gott nachgeordnet“, was eine „konsequenzenreiche Sache“ ist, erhellend und fordernd zugleich. Pieper erinnert etwa an das Erstaunen moderner Atomphysiker: „Das am meisten Unbegreifliche an der Natur ist ihre Begreifbarkeit“ (Albert Einstein), woraus sogleich klar ist, dass „die Frage nach der Möglichkeit von Wissenschaft nicht selbst eine wissenschaftliche Frage“ sei (Louis de Broglie).
Rückgang auf das schöpferische Wort Gottes
Auch das Verständnis von Wort und Sprache erschliesst sich erst im Rückgang auf das schöpferische Wort Gottes. „Jedes Wort bewahrt einen Abglanz des magischen Zustandes, wo es […] mit der Schöpfung identisch ist“ (Günter Eich). Kreatürlichkeit als „erste Wahrheit“ des Wirklichen im Geist Gottes ist so zugleich der Grund für die grenzenlose Erkennbarkeit und die letzte Unergründlichkeit der Dinge – ihr „unaustrinkbares Licht“ und lockendes Geheimnis in einem. Die aus dieser Wurzel herkommende „zweite“ Wahrheit der Dinge wiederum, „Ihr Bezug auf den erkennenden Geist des Menschen“, erweist sie gerade nicht als ein bloss stummes Äusseres. Die Dinge der Schöpfung haben von sich aus ein „Sein für jemand“. Ihr Adressat ist der menschliche Geist, angelegt kraft seiner Natur auf den Erkenntnisbezug zu allem, was ist. Darum ist das Sein der Dinge nicht bloss Richtmass des Erkennens und des Handelns, sondern auch eine Spur, der in liebendem Betrachten zu folgen, glücklich macht.
Dieser Text erschien zuerst in der Tagespost.