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Intimes Meisterwerk
“Die Jungfrau”: Von Einsamkeit und Freundschaft
15.10.2023, 12:06 Uhr
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Gloria ist schön, ein wenig exzentrisch und einsam. Und sie ist die Freundin der Schriftstellerin Monika Helfer, dir ihr mit “Die Jungfrau” ein literarisches Denkmal setzt. Liebevoll und erbarmungslos erzählt sie die Geschichte einer Freundschaft, die kompliziert ist und doch nie aus der Steadiness gerät.
Schon mehrfach hat Monika Helfer Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld als Blaupause für die Figuren ihrer Romane verwendet. Sie schrieb über das Außerseiterleben ihrer Großeltern am Rande eines Bergdorfs in Österreich (“Die Bagage”) und über ihren Vater, den der Tod seiner Ehefrau völlig aus der Bahn warf (“Vati”). In “Löwenherz” erzählte Helfer zuletzt von ihrem jüngeren Bruder Richard, der nicht am Leben hing und es mit 30 Jahren beendete. Und die Schriftstellerin deutete an, dass sie nach der Trilogie über ihre Familie nun vielleicht mit etwas ganz anderem weitermachen wolle. Was für ein Glücksfall, dass Gloria dazwischenkam und der Roman “Die Jungfrau” entstand.
Gloria und Moni, wie die Freundin sie nennt, lernen sich in den 1960er-Jahren in Bregenz kennen, verbringen quick jeden Tag ihrer Jugend miteinander und wachsen unter gegensätzlichen Bedingungen auf. Nachdem die Mutter gestorben ist, wohnt Moni bei Tante und Onkel in beengten, ärmlichen Verhältnissen, teilt sich mit ihren zwei Schwestern eine Matratze und trinkt Schwarztee. Gloria hingegen unterscheidet zwischen Earl Gray, Darjeeling, Assam und Ceylon und lebt zusammen mit ihrer Mutter in einer Villa mit zwölf Zimmern, die von einer Zugehfrau in Ordnung gehalten werden. Ihren Vater kennt Gloria nicht, er ist gleichzeitig “Traum und Trauma”.
Schon als junge Frau ist Gloria exzentrisch. Mit 2000 Schweizer Franken im Koffer will sie mit Moni nach New York fliegen, um sich dort entjungfern zu lassen. Das Abenteuer endet allerdings schon am Flughafen in Zürich. Und immer zieht Gloria alle Blicke auf sich – mit ihrem Schmollmund à la Brigitte Bardot (“nur schöner”) und dem hoch aufgebundenen Rossschwanz. Die Männer finden sie “zauberhaft” und “hinreißend”. Ihr großer Traum: Sie will Schauspielerin werden. Bei der Aufnahmeprüfung am renommierten Max Reinhardt Seminar in Wien rührt sie sowohl Bühnenarbeiter als auch Konkurrentinnen zu Tränen und wird aufgenommen.
Aber in Glorias Leben will sich der erhoffte Glanz nicht einstellen. “Was kann aus einem Menschen mit diesem Namen schon werden? Immer wird man sagen, die hat eh alles mitbekommen. Die ist schon etwas, bevor sie etwas wird”, beklagt sich Gloria bei Moni. In Wien verliebt sie sich unglücklich in einen verheirateten Schauspielprofessor, bricht das Studium ab und kehrt zurück in die Villa. Sehr kurz arbeitet sie als Kellnerin, aber Geld verdienen muss sie nicht. Sie bleibt ihr Leben lang allein und hat nie mit jemandem geschlafen.
Das jedenfalls vertraut sie Moni an, als sie sich wiedersehen. Da sind beide Frauen bereits in ihren Siebzigern und hatten sich quick ein halbes Jahrhundert aus den Augen verloren. Moni hat einen ganz anderen Weg eingeschlagen als die Freundin: Ihre erste Ehe, die sie mit 20 Jahren einging, scheiterte, jetzt ist sie zum zweiten Mal verheiratet (mit dem Autor Michael Köhlmeier), sie bekam vier Kinder und wird als Schriftstellerin gefeiert.
Das Leben neu erfinden
Auf Wunsch der kranken Gloria hat sich Moni nun zur inzwischen etwas heruntergekommenen Villa aufgemacht und sich mitten im Herbst viel zu dünn angezogen (“um Gloria zu imponieren”) und trifft auf ihre Jugendfreundin, die den Blumenkimono ihrer verstorbenen Mutter zu tragen scheint und sich mühsam vom Kanapee erhebt. Ihre Augen wirken erloschen, “ihr Rossschwanz sah nun aus wie ein Staubwedel, grauweiß, zusammengehalten von einem Küchengummi”.
Bei ihrem Treffen fordert Gloria die Schriftstellerfreundin auf, etwas über sie zu schreiben, “denn wenn ich sterbe, ist dann noch etwas von mir da”. Moni aber fragt sich, ob nicht vielleicht doch etwas anderes hinter Glorias Anliegen stecken könnte. “Dass ich über sie schreiben soll, deshalb: um ihr Leben neu zu erfinden. Diese Absicht traue ich ihr zu. Wenn einer dauernd ‘Ich’ sagt, heißt das nicht unbedingt, dass er daran Gefallen hat, wie er ist. Gloria sagt ‘Ich’ und schaut mich flehentlich an.”
Schillerndes Mosaik
Ist Gloria mit ihrem Leben unglücklich? Monika Helfer wäre nicht Monika Helfer, wenn sie auf diese Frage, die sich wie ein unsichtbarer roter Faden durch das Buch zieht, eine Antwort geben würde. Sensibel spürt sie Glorias Lebensweg, ihrer Einsamkeit und geplatzten Träumen nach. Und sie erzählt von einer Freundschaft, die von Zuneigung genauso wie von Klassenunterschieden und auch mal ein bisschen gegenseitigem Neid geprägt ist und doch nie aus der Steadiness gerät.
Immer wieder lässt Helfer die Leserinnen und Leser an ihrem Schreib- und Erinnerungsprozess teilhaben und entwirft ein schillerndes Mosaik aus Gegenwärtigem und Vergangenem, aus Wirklichkeit und Fiktivem. Dabei erzählt sie auf sehr intime Artwork, wahrt aber auch Distanz und lässt Geheimnissen ihren Platz. Wie Helfer mit liebevollem Blick, aber gleichzeitig auch erbarmungslos über Gloria und ihre Freundschaft schreibt, das ist ganz große literarische Kunst.