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Gottesdienste im Schulhaus, im Hotel Bellevue oder in der Kaserne (1)
Der Bau der Gotthardbahn zog zwischen 1872 und 1882 viele Arbeiter und Angestellte ins Urnerland, darunter auch Protestanten. Den Bauarbeitern folgte das Bahnpersonal, das sich im Tessin und Reusstal eine neue Heimat suchte. Nach dem Bahnbau und der Aufnahme des Bahnbetriebs folgten um die Jahrhundertwende Industriesiedlungen, vorwiegend im mittleren und unteren Kantonsteil: die Sprengstofffabrik Isleten, in Altdorf die Eidgenössische Munitionsfabrik und die Parketterie später abgelöst durch die Dätwyler AG sowie in Gurtnellen die Karbidfabrik. Diese Betriebe benötigten eine grosse Zahl von Fachleuten verschiedener Berufe aus allen Kantonen, unter ihnen viele Protestanten. Mit dem Bau der Gotthardbefestigungen kamen ab den 1890er-Jahren zahlreiche Protestanten als Angestellte der Militärverwaltung oder als Handwerker ins Urserental. 1900 zählte Uri 773 Protestanten. Sie fanden sichere Arbeitsplätze und blieben sesshaft.
Eigene Glaubensgemeinschaft
Bei den damaligen reformierten Ansiedlern in Andermatt, Göschenen, Gurtnellen, Erstfeld und Altdorf regte sich bald der Wunsch nach einer Glaubensgemeinschaft. In Erstfeld, dem damals starken Zentrum, fanden bereits 1884 die ersten reformierten Gottesdienste in einem Zimmer des Kirchmatt-Schulhauses statt. Die Initianten nahmen Verbindung mit dem Berner Oberländer Hülfsverein auf, dessen Pfarrherren von Bern her nicht nur die Erstfelder, sondern bald auch die Protestanten in Göschenen betreuten. Da der Protestantisch-Kirchliche Hülfsverein des Kantons Zürich bereits 1862 die erste Betreuung verschiedener Innerschweizer Kirchgemeinden übernommen und sein Tätigkeitsgebiet nach Schwyz und Brunnen ausgeweitet hatte, wurde 1886 vereinbart, dass die Zürcher fortan die ständige Pastoration in Brunnen und Erstfeld übernehmen. Die reformierte Gemeinde erstreckte sich von Küssnacht bis Hospental und von Ennetbürgen bis nach Einsiedeln.
Rege kirchliche Tätigkeit
1897 regten sich auch die Altdorfer, denen für den Jugendunterricht ein Schulzimmer zugewiesen wurde. Die Gottesdienste besuchten sie in Erstfeld. Ab 1911 fanden in Altdorf regelmässige Gottesdienste in der Turnhalle, in Hotels und Fabriklokalitäten sowie im alten Gemeindehaus statt. Ab 1903 wurden auch in Gurtnellen Gottesdienste gefeiert, vorerst in Arbeiterbaracken der Granitwerke, in Schulzimmern, Sitzungszimmern des Gemeinderates und ab 1912 regelmässig im Sitzungszimmer der Karbidfabrik. Am 11. Mai 1885 wurde die Gründung der Protestantischen Kirchgemeinde Uri für die zwischen Altdorf und Göschenen lebenden circa 420 Protestanten beschlossen. Grundlage der Protestantischen Kirchgemeinde Uri bildete der Landratsbeschluss vom 28. Dezember 1916, wodurch ihr die Eigenschaft einer öffentlich-rechtlichen Persönlichkeit zuerkannt und ihr das Recht des Steuerbezugs gewährt wurde.
Die Pastoration im Urserental
Vorerst blieb den von Brunnen aus amtierenden Pfarrern wenig Zeit, im Urserental die protestantischen Offiziere und Soldaten, Festungsangestellten und Fortwächter mit ihren Familien zu betreuen. Auch einzelne Handwerker und Ladenbesitzer, die sich mit ihren Familien wegen des Verdienstes durch das Militär in Andermatt niederliessen, gehörten zur evangelischen Glaubensgemeinschaft. Dazu kam im Sommer eine nicht unbedeutende Fremdenindustrie, Hotelangestellte und Kurgäste. Erst als 1898 Arth-Goldau von der Kirchgemeinde Brunnen-Erstfeld abgetrennt und eine selbstständige Kirchgemeinde wurde, erhielten die Protestanten im Urserental eine intensivere Betreuung.
1911 schlossen sich die Protestanten des Urserentals der kantonalen Kirchgemeinde an. Im Mai 1899 feierte Oskar Weyermann, damaliger Pfarrer in Arth, im Hotel Bellevue in Andermatt mit rund 30 Gläubigen den ersten reformierten Gottesdienst.
Offene Herzen und Türen
Die Hotelierfamilie Müller stellte für die Gottesdienste im «Bellevue» ein Harmonium zur Verfügung. Es war ein glückliches Zusammentreffen, dass Pfarrer Weyermann neben den Religionsstunden in Altdorf 1899 auch die seelsorgerische Betreuung der reformierten Patienten im Kantonsspital Uri übernahm. Alle schwerer erkrankten Soldaten von der Gotthardfestung wurden regelmässig nach Altdorf verlegt. Bereits in seinem ersten Jahr hielt Pfarrer Weyermann in Andermatt vier Gottesdienste, einen davon «auf einer alpenrosengezierten und mit Kanonen flankierten Feldkanzel vor dem ganzen Offizierskorps und etwa 400 Soldaten, bei dem die Unterwaldner Bataillonsmusik zwei Choräle spielte». Der Weihnachtsgottesdienst mit rund 30 Offizieren und Mannschaften war für ihn ein würdiger Abschluss seines ersten Amtsjahres.
Sein Arbeitsweg von Arth nach Andermatt bedeutete für Pfarrer Weyermann nicht nur eine zeitliche, sondern auch eine finanzielle Belastung. Die Kirchgemeinde Andermatt zahlte die Fahrt in der 2. Klasse der damaligen Gotthardbahn, die ihn im Schnellzug nach Göschenen brachte.
Gottesdienste in der Kaserne
Der Umzug in den Offizierssaal der Kaserne Altkirch erlaubte ab 1901 regelmässige Gottesdienste. Eine Geldsammlung führte zur Anschaffung eines eigenen Harmoniums. Dieser Raum stand nun fast ganzjährig zur Verfügung, ausser im Sommer, wenn alle Truppen in der Kaserne untergebracht werden mussten. Dann hielt der «Bergpfarrer» die Gottesdienste im Freien, wenn es regnete in einer Baracke. 1902 wurde im Chalet der Forstverwaltung die «Schule für Angehörige der Beamten und Angestellten der Gotthardverwaltung in Andermatt» eröffnet. Wohl waren alle Lehrer reformiert und der protestantische Pfarrer übernahm den Religionsunterricht, doch fast ängstlich wurde im Gegenteil ein konfessionell neutraler Charakter gewahrt. Sie stand von Anfang an Schülerinnen und Schülern beider Konfessionen offen, wie umgekehrt protestantische Angehörige auch die öffentlichen Schulen besuchten.
Zum Abschied eingeschneit
1903 kündigte Pfarrer Weyermann schweren Herzens seine Anstellung in Arth und somit auch die seelsorgerische Betreuung der Protestanten im Urserental. «Jetzt als Familienvater muss ich selbst etwas staunen, wie ich es bei jedem Wetter und zu Fuss wagen konnte. Der Weg durch die Schöllenen war im Winter nicht nur beschwerlich, sondern teilweise geradezu lebensgefährlich. Die Sicherheitswächter hatten damals über mich einen ziemlich derben Witz gemacht. Bei schlechtem Wetter sagten sie: Heute kommt kein Hund die Schöllenen hinauf, höchstens der Pfarrer von Arth.»
Am 13. August 1902 zog Pfarrer Karl Blum als erster protestantischer Pfarrer des Kantons Uri mit seiner Familie ins Erstfelder Pfarrhaus ein. Anfang 1903 übernahm er auch die Nachfolge von Pfarrer Weyermann im Urserental. Trotz seiner 60 Jahre und eines hartnäckigen Asthmaleidens begab er sich regelmässig durch die wilde und kalte Schöllenen nach Andermatt. Mit grosser Treue waltete er bis im Herbst 1906 seines Amtes.
Erste Konfirmation 1911
Als im Sommer 1906 die Reformierte Pfarrei Brunnen neu besetzt wurde, übernahm Pfarrer Ernst A. Bernoulli für vier Jahre die Pastoration des Urserentals. Ihm stellte sich erstmals die Frage des Konfirmandenunterrichts. In der Regel wartete er, bis zwei oder drei Jugendliche das nötige Alter hatten. Sie wurden dann vierzehntäglich mehrstündig unterrichtet, zur Konfirmation hingegen in ihre Heimat oder nach Erstfeld geschickt. Die erste Konfirmation zwei Burschen fand in Andermatt erst im 1911 statt.
Im Herbst 1910 übernahm Pfarrer Ernst Rippmann die Nachfolge des inzwischen verstorbenen Pfarrer Blums in Erstfeld. Ihm wurde nun neben den übrigen Predigt- und Unterrichtsstunden im Kanton Uri auch die seelsorgerische Betreuung des Urserentals übertragen.
Kirchenbau während Krieg
Ab 1912 konnte die Kaserne wegen der eigenen Bedürfnisse der Rekrutenschulen und der militärischen Kurse für die Gottesdienste nicht mehr benützt werden. Nachdem sich die Protestanten in Andermatt über Jahre in den unterschiedlichsten Lokalen zu ihren Gottesdiensten treffen mussten in Hotels, Kasernenräumen, gelegentlich ja sogar in abgelegenen Wachtlokalen der Festung , suchte man nach einer Alternative. Die Anregung zur Schaffung eines Gottesdienstlokals fiel beim Zürcher Hülfsverein auf fruchtbaren Boden. Eine erfolgreiche Spendenaktion erlaubte den Ankauf eines Grundstücks. Betreffs Bauplatz trat man mit Hotelier Albert Müller vom «Bellevue» in Verbindung, der für die Errichtung einer anglikanischen Kapelle für seine englischen Hotelgäste einen Bauplatz jenseits der Reuss gratis zur Verfügung stellen wollte. Da eine Zusammenarbeit mit den «Engländern» nicht gelang und dieses Projekt schliesslich scheiterte, kaufte man von Karl Nager den Bauplatz weit abseits des Dorfkerns, an der heutigen Bahnhofstrasse. Der Zürcher Architekt Friedrich Wehrli erhielt den Auftrag für die Planung eines Kirchenneubaus einschliesslich einer bescheidenen Innenausstattung. Am 14. Juni 1914 wurden die Bauarbeiten auf dem damals noch freien Feld vergeben. Nach kurzen kriegsbedingten Unterbrüchen der Arbeiten konnte das schmucke Kirchlein am 12. Dezember 1915 seiner Bestimmung übergeben werden. Dank grosszügiger Spenden stand der Kirchenbau bei der Eröffnung schuldenfrei da. Die Zürcher Konfirmanden des Jahres 1914 trugen mit ihrer Konfirmandensammlung 16 976 Fraken bei, 9000 Franken spendeten die Truppen der Gotthardbesetzung, und die Restschuld von 18 000 Franken deckte Oberst Tobler, damaliger Gotthardkommandant.
Architektonische Anpassungen
Das ursprüngliche «Soldatenkirchlein», in behäbigem Heimatstil mit einem schlichten Kirchenschiff, steilem Krüppelwalmdach und einem achteckigen Turm, mit einem erhöhten, auf Holzsäulen ruhenden Vorzeichen (Vordach) und grossen Rundbogenfenstern erhielt im Laufe der Zeit verschiedene Anpassungen: 1923 wurde die Liegenschaft mit einer Bruchsteinmauer umfasst. 1938 erhielt die Kirche eine zweite Glocke. Eine grösstenteils von Zürcher Kirchgemeinden gespendete Strassburger Orgel ertönte erstmals 1968. Nach Aussen- und Innenrenovationen 1975 und 1995 wurden 2002 der Turm saniert und der Wetterhahn neu vergoldet. Bis zum Herbst 2015 finden Umbau- und Renovationsarbeiten an der Aussenfassade und im Kirchenschiff statt. In einer schlichten Feier wird das renovierte Kirchlein dann am 8. November eingesegnet.
Der leicht gekürzte Originaltext und Fotos wurden vom «Urner Wochenblatt zur Verfügung gestellt.
Zum Bild: Vor hundert Jahren: Die reformierte Kirche nach 1915. Damals stand die Kirche noch ausserhalb des Dorfes im Bild rechts aussen. | ZVG
Walter Bär-Vetsch