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Jungferninseln-Schlankboa
Epicrates monensis
© 2007 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Eine kleine Riesenschlange
Die Boas gehören innerhalb der Ordnung der Schuppenkriechtiere (Squamata) zusammen mit den Pythons und den Anakondas zur Familie der Riesenschlangen (Boidae). Diese umfasst etwa 85 Arten in 20 Gattungen. Darunter befinden sich die grössten Schlangen der Welt, nämlich die Grosse Anakonda (Eunectes murinus) aus Südamerika und der Netzpython (Python reticulatus) aus Südostasien, welche beide eine Länge von mehr als acht Metern erreichen können. Viele Riesenschlangen sind jedoch erheblich kleiner als diese Kolosse. So auch die Jungferninseln-Schlankboa (Epicrates monensis), von der hier berichtet werden soll.
Die Jungferninseln-Schlankboa ist eine von zehn anerkannten Arten in der Gattung der Schlankboas (Epicrates)
. Nur eine davon, die Regenbogenboa (Epicrates cenchria)
, lebt auf dem Festland: Sie ist in Mittel- und Südamerika weit verbreitet. Die restlichen neun sind Inselformen: Sie kommen im Bereich der Grossen Antillen und der Bahamas vor. Die grösste unter den insellebenden Schlankboas ist die Kuba-Schlankboa (Epicrates angulifer)
, welche eine Länge von mehr als vier Metern erreichen kann. Drei weitere Arten, die Haiti-Schlankboa (Epicrates striatus)
, die Jamaika-Schlankboa (Epicrates subflavus)
und die Puerto-Rico-Schlankboa (Epicrates inornatus)
weisen als Erwachsene im Allgemeinen eine Länge von etwa zwei Metern auf. Bei den übrigen fünf Arten, darunter der Jungferninseln-Schlankboa, beträgt die Gesamtlänge selten mehr als einen Meter.
Die Jungferninseln-Schlankboa ähnelt den anderen kleineren Schlankboas stark: Ihre Oberseite zeigt eine sehr variable dunkelbraune Bänder- und Fleckenzeichnung auf hellbraunem Grund, während die Unterseite einheitlich gelblich-weiss gefärbt ist. Männchen und Weibchen sehen gleich aus, doch sind die Weibchen im Durchschnitt eine Spur grösser als die Männchen.
Von allen Schlankboas hat die Jungferninseln-Schlankboa das östlichste Verbreitungsgebiet. Es erstreckt sich von der zwischen Hispaniola und Puerto Rico liegenden Insel Mona (von welcher die Art ihren wissenschaftlichen Namen hat) ostwärts über Puerto Rico und die US-amerikanischen Jungferninseln bis zu den Britischen Jungferninseln. Die auf Mona lebenden Individuen unterscheiden sich in ihrem Äusseren etwas von den Individuen auf den anderen Inseln, weshalb sie im Allgemeinen einer separaten Unterart, Epicrates monensis monensis
, zugeordnet werden, während die restlichen Bestände in der Unterart Epicrates monensis granti
zusammengefasst werden. Der politisch zweigeteilte Archipel der Jungferninseln gehört übrigens geologisch gesehen nicht zu den Kleinen Antillen, obschon er ihnen häufig zugerechnet wird. Er ragt nämlich von derselben, nur etwa siebzig Meter unter dem Meeresspiegel liegenden Kontinentalplatte auf, welcher auch Puerto Rico aufsitzt. Dagegen ist der Archipel im Osten durch die rund 2000 Meter tiefe «Anegada-Passage» klar von den wirklichen Kleinen Antillen getrennt.
Innerhalb des genannten Verbreitungsgebiets kommt die Jungferninseln-Schlankboa nur sehr verstreut vor. Im Bereich von Puerto Rico findet man sie - abgesehen von der Insel Mona - an ein paar wenigen Stellen auf der Hauptinsel und auf den beiden vorgelagerten Inselchen Isla Culebra und Cayo Diablo. Im Bereich der US-amerikanischen Jungferninseln kam sie Ende der 1980er-Jahre einzig im östlichen Zipfel der Insel St. Thomas vor. Im Bereich der Britischen Jungferninsel konnte sie in jüngerer Zeit lediglich auf der Insel Tortola beobachtet werden. Gemäss Berichten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts soll sie im Bereich der Britischen Jungferninseln auch auf Great Camanoe Island, Necker Cay, Guana Island und Virgin Gorda vorgekommen sein. Es ist denkbar, dass auf einzelnen dieser Inseln noch immer kleinere Bestände unbemerkt existieren.
Kletterechsen als Hauptspeise
Die Jungferninseln-Schlankboa ist eine nachtaktive Schlange. Den Tag verbringt sie in einem sicheren Unterschlupf, etwa einer Baumhöhlung oder einem alten Termitennest. Erst nach Einbruch der Dunkelheit kommt sie hervor und geht dann während der Nachtstunden auf die Jagd. Sie bewegt sich fast ausschliesslich im Geäst von Bäumen und Sträuchern umher. Ihr bevorzugter Lebensraum ist trockenes, verhältnismässig dichtes Wald- und Buschland, wo das Geäst der Sträucher und Bäume ein zusammenhängendes Geflecht bildet, in welchem sie ungehindert umherstreifen kann, ohne auf den Boden hinunter steigen zu müssen.
Zwar erlegt die Jungferninseln-Schlankboa bei sich ergebender Gelegenheit auch kleine Säugetiere und ans Nest gebundene Jungvögel. Ihre Hauptbeute bilden jedoch kleine Echsen, insbesondere Anolis (Anolis spp.)
, das sind schlanke und elegante Kletterechsen aus der Leguanverwandtschaft, von denen es im Bereich der Westindischen Inseln über hundert Arten gibt. Zu erwähnen ist im Speziellen der Kammanolis (Anolis cristatellus)
, welcher innerhalb des Verbreitungsgebiets der Jungferninseln-Schlankboa weit verbreitet und oftmals häufig vorkommt. Die Anolis sind zur Hauptsache tagsüber rege und schlafen nachts, wobei sie sich typischerweise an dünne Äste von Bäumen und Sträuchern schmiegen. Sie werden von der Jungferninseln-Schlankboa also im Schlaf überrascht.
Geschmeidig und geräuschlos gleitet die kleine Riesenschlange in der Dunkelheit von Ast zu Ast und sucht nach Beutetieren. Hat sie eines wahrgenommen, so attackiert sie es auf die für alle Riesenschlangen typische Weise: Sie schnellt unvermittelt mit weit aufgerissenem Mund vor und packt es mit ihren vielen scharfen, nach hinten gerichteten Zähnen. Dann umwickelt sie es blitzartig mit ihrem Körper und zieht die Schlingen mit aller Kraft zusammen, so dass das Opfer keinen Atem mehr schöpfen kann und alsbald erstickt. Das tote Opfer wird hernach als Ganzes, kopfvoran, verschluckt.
Das Fortpflanzungsgeschehen der Jungferninseln-Schlankboa ist stark saisonal geprägt. Die Paarungen finden zwischen Februar und Mai statt. Ungefähr sechs Monate später, wenn die Regenzeit beginnt und die Lebensbedingungen besonders günstig sind, bringt das Weibchen zwei bis zehn Junge zur Welt. Für die Geburt zieht es sich in eine Baumhöhle oder an einen anderen sicheren Ort zurück. Es betreibt aber keine Brutpflege, sondern überlässt seine Nachkommen sogleich sich selbst. Die Jungtiere erreichen die Geschlechtsreife nach drei bis fünf Jahren. Die Lebenserwartung liegt vermutlich bei über zwanzig Jahren.
Zuckerrohr, Wanderratten, Goldstaubmangusten
Die lückenhafte Verbreitung der Jungferninseln-Schlankboa ist zweifellos kein natürliches Phänomen, sondern gewissermassen ein Vermächtnis der Menschheit. Alle Karibikinseln, so auch diejenigen im Bereich von Puerto Rico und des Jungferninseln-Archipels, haben durch den Menschen enorme Veränderungen erfahren. Einige davon, etwa die grossflächigen Rodungen der natürlichen Pflanzendecke, sind sehr augenfällig. Andere, wie die Einbürgerung fremder Tierarten, sind zwar kaum wahrnehmbar, haben sich aber für die einheimische Fauna mindestens ebenso verheerend ausgewirkt.
Auf den Grossen Antilleninseln hatten einst verschiedene grössere Landsäugetiere gelebt, darunter Bodenfaultiere und verwandtschaftlich den Meerschweinchen nahe stehende Nagetiere. Sie verschwanden vor rund 6000 Jahren, bald nachdem Arawak-Indianer in ihre Inselheimat vorgedrungen waren. Diese frühen Siedler waren tüchtige Jäger und rotteten innerhalb kurzer Zeit diese und verschiedene weitere Tierarten durch übermässige Bejagung für den Kochtopf aus. Wir wissen das deshalb, weil in ihren Küchenabfällen, welche bei archäologischen Grabungen zum Vorschein kamen, die Reste ausgestorbener Tierformen zahlreich enthalten waren.
Nach dieser anfänglichen Ausrottungswelle hat sich die Situation der Inselfauna einigermassen stabilisiert. Diejenigen Tierarten, welche bei der Ankunft der Europäer am Ende des 15. Jahrhunderts auf den Karibikinseln vorkamen, waren solche, denen es gelungen war, an der Seite der indianischen Ureinwohner weiterzuexistieren. Zu ihnen gehörten auch die verschiedenen Schlankboas.
Die europäischen Siedler verursachten nun aber neue, massive Beeinträchtigungen der Inselökosysteme. Insbesondere rodeten sie sehr schnell sehr grosse Landflächen, um Zuckerrohr- und andere Plantagen anzulegen. Ausserdem wurden verschiedene fremde Tierarten eingeführt, teils absichtlich, teils ungewollt. Zu Ersteren gehörten Nutztiere wie Schafe, Ziegen und Rinder sowie Hauskatzen, welche vielerorts streunende Bestände aufbauten. Zu Letzteren zählten Nagetiere wie die Haus- und die Wanderratte (Rattus rattus
und Rattus norvegicus
) sowie die Hausmaus (Mus musculus)
. Zur Bekämpfung der ständig wachsenden und grosse Schäden in den Plantagen anrichtenden Rattenpopulationen wurde dann im 19. Jahrhundert zusätzlich noch die Goldstaubmanguste (Herpestes javanicus auropunctatus)
eingeführt. Nun gerieten auch die Schlankboas und zahlreiche weitere einheimische Tierarten in Bedrängnis.
Der Rückgang der Schlankboabestände wurde sicherlich teilweise durch den Lebensraumverlust bewirkt. Den Hauptschadfaktor stellten aber zweifellos die eingeführten Katzen und Mangusten dar, welche Jagd sowohl auf die jungen als auch auf die erwachsenen Schlankboas machten. Vielerorts töteten auch die aus Europa und Afrika stammenden Menschen aus Furcht alle Schlankboas, denen sie begegneten, obschon dieselben ungiftig und für den Menschen und seine Nutztiere völlig harmlos sind. Auch die Ratten betätigten sich verhängnisvoll: Zum einen erlegten sie junge Schlankboas, zum anderen schädigten sie die Bestände der Anolis und weiterer Kleintiere, welche die Nahrungsgrundlage der Schlankboas bilden. All dies gilt bis zum heutigen Tag - und hat dazu geführt, dass die Schlankboas in ihrer westindischen Inselheimat entweder ausstarben oder nur in verstreuten Beständen und geringer Bestandsdichte überlebt haben.
Neu auf Cayo Ratones heimisch
Die Jungferninseln-Schlankboa kommt zwar in ein paar Schutzgebieten vor, namentlich in den Reservaten San Miguel, La Paulina, El Convento und La Cordillera auf Puerto Rico sowie im Sage-Mountain-Nationalpark auf Tortola in den Britischen Jungferninseln. Der Schutz, den sie hierdurch geniesst, ist allerdings gering, so lange die eingeschleppten Raubsäuger nicht bekämpft werden, denn diese schenken den Reservatsgrenzen selbstverständlich keine Beachtung. Erhebungen, welche in den 1980er- und 1990er-Jahren durchgeführt wurden, ergaben tatsächlich, dass die Bestände in den Schutzgebieten weiterhin rückläufig waren. Gesunde Schlankboabestände, so stellte sich heraus, gab es einzig noch auf kleinen, den Küsten vorgelagerten Inselchen, welche 1. katzen-, ratten- und mangustenfrei waren, 2. reichlich Trockenwald oder Trockenbusch aufwiesen und 3. kopfstarke Anolisbestände beherbergten. Ein gutes Beispiel hierfür bildete das Inselchen Cayo Diablo bei Puerto Rico.
Aufgrund dieser Erkenntnisse wurde beschlossen, dass zur Sicherung der Zukunft der Jungferninseln-Schlankboa auf ähnlichen Inselchen neue Bestände geschaffen werden mussten. Geeignete Inselchen zu finden, erwies sich jedoch als schwierig, denn praktisch überall lebten Ratten. Zum Glück wurde Ende der 1980er-Jahre anderenorts eine Technik entwickelt, welche es möglich macht, die gesamte Rattenpopulation kleiner Inselchen schlagartig auszurotten. Diese Technik wurde in der Folge eingesetzt, um drei Inselchen rattenfrei zu machen, welche für die Einbürgerung der Jungferninseln-Schlankboa in Frage kamen. Eine befand sich bei Puerto Rico, zwei im Bereich der US-amerikanischen Jungferninseln. Von Letzteren wurde eine leider alsbald erneut von Ratten erreicht und besiedelt, weshalb schliesslich nur zwei Inselchen zur Verfügung standen.
Zuerst kam Cayo Ratones bei Puerto Rico an die Reihe. Insgesamt 41 Individuen, welche im Toledo Zoo (Ohio, USA) gezüchtet worden waren, wurden in den Jahren 1993/1994 nach und nach freigesetzt. Das Vorhaben war bemerkenswert erfolgreich, denn die Schlangen lebten sich gut ein und pflanzten sich bald fort. Innerhalb weniger Jahre wuchs der Bestand auf über 500 Individuen an, und er ist seither auf diesem Niveau stabil geblieben.
Zwei Jahre später wurde mit der nächsten Einbürgerung begonnen, diesmal im Bereich der US-amerikanischen Jungferninseln. Zwischen 1996 und 2003 wurden 31 Schlankboas, welche zum grossen Teil illegal von Privatpersonen auf St. Thomas gehalten und von der Naturschutzbehörde beschlagnahmt worden waren, auf ein weniger als eine Hektare grosses Inselchen verbracht, dessen Name und genaue Lage geheim gehalten werden. Diese Tiere wurden im August 2002 durch 11 Individuen ergänzt, welche im Toledo Zoo gezüchtet worden waren. Auch diesem Unterfangen war Erfolg beschieden. Bei der letzten Erhebung im August 2004 wurde der Bestand auf ungefähr 170 Individuen geschätzt, was einer Vervierfachung der eingebürgerten Individuen entspricht.
Der Erfolg dieser beiden Einbürgerungsprojekte - welche mit verhältnismässig geringen finanziellen und personellen Mitteln durchgeführt wurden - ist sehr ermutigend. Allerdings sind selbst die beiden neu geschaffenen Bestände sehr verwundbar, denn Ratten hatten es in der Vergangenheit geschafft, die betreffenden Inselchen zu besiedeln, und das könnte ihnen irgendwann wieder gelingen - mit zweifellos verheerenden Folgen für die Schlangen. Es gilt darum, weitere Jungferninseln-Schlankboabestände auf anderen Inselchen zu schaffen und so das Aussterberisiko dieser zierlichen Riesenschlange weiter zu vermindern.
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