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Noch im vergangenen Jahr hat der Güterumschlag im Hafen von Genua zugenommen. Das werde sich aber nicht wiederholen, sagt Paolo Emilio Signorini. Der Chef der Hafenbehörde Genuas rechnet damit, dass seine Leute ohne den Autobahnviadukt bis zu zehn Prozent weniger Waren umschlagen werden. Er erwartet Verluste: «Ohne die Brücke fehlt das Bindeglied zwischen den verschiedenen Hafenbecken Genuas.»
Damit ein Sattelschlepper Waren von verschiedenen Schiffen aufnehmen könne, müsse er nun weite Umwege fahren: «Unter dem Strich sind das Mehrkosten und so ein Wettbewerbsnachteil.»
Der einzige Lichtblick, den Signorini ausmachen kann: Die Versorgung der Bevölkerung und der Industrie in der Po-Ebene über den Hafen Genua sei ohne Abstriche gewährleistet: «Trotz des Einsturzes der Brücke ist die Po-Ebene weiterhin gut erreichbar.» Denn der Einsturz betreffe vor allem den Strassenverkehr von Ost nach West, nicht aber jenen nach Norden.
Trotzdem bleiben die Mehrkosten für die schwierigere Logistik zwischen den Hafenbecken. Die Hafenverwaltung hofft darum auf den Staat. Sie möchte einen Teil dieser Mehrkosten kompensieren durch Zuschüsse, die der Staat nach der Katastrophe in Aussicht gestellt hat – zumindest vorübergehend.
Genua soll vom Gotthard-Basistunnel profitieren
Langfristig hat der Chef der Hafenbehörde eine andere Strategie. Signorini möchte unabhängiger werden von der Strasse und zunehmend Güter auf die Schiene verlagern. Dabei helfe auch der Gotthard-Basistunnel, der neue Kunden in der Schweiz und in Süddeutschland bringen werde.
Spielverderber ist aber der Apennin. Denn der neue, schnelle Eisenbahntunnel unter der Gebirgskette nördlich von Genua lässt weiter auf sich warten. Auch deshalb kommen und gehen noch immer 85 Prozent der in Genua verschifften Güter über die Strasse.
Antike Strasse als Ausweichroute
Paradoxerweise sind seit dem Einsturz des Autobahnviadukts gar noch mehr Waren auf der Strasse unterwegs. Sie zwängen sich irgendwie über jene Küstenstrasse, die es seit der Römerzeit gibt: die altehrwürdige Aurelia. Denn die Trümmer der Morandi-Brücke fielen ausgerechnet auf eine der beiden Eisenbahnlinien, die Genua mit Mailand und Turin verbinden.
Die Trümmer richteten noch weitere Schäden an. Die riesigen Bruchstücke behindern den Zugang zu jener Industriezone, die sich unter und neben der Brücke befindet. Dort steht die Produktion still, auch hier ist mit Verlusten zu rechnen. «Für eine Schätzung ist es aber noch zu früh», sagt Giovanni Mondini, Präsident des Arbeitgeberverbandes in Genua.
Mit Einbussen rechnet Mondini auch, weil alle Unternehmen in und um Genua über Monate oder gar Jahre hinaus mehr für den Transport ihrer Waren aufwenden müssen: «Wegen des Brückeneinsturzes müssen die Camionneure Umwege von bis zu 130 Kilometern fahren. Das kostet und bringt Wettbewerbsnachteile.»
Die eingestürzte Brücke und die Strassen seien das eine, sagt Mondini. Aber auch sonst stehe es um die Infrastruktur in der Hafenstadt mitnichten bestens. Die Industriellen hätten immer wieder bemängelt, dass man zu wenig investiere, zum Beispiel in den Hafen oder in die Eisenbahn.
Die Stadt Genua zählt rund 600'000 Einwohner. Trotzdem gibt es kein leistungsfähiges S-Bahn-Netz. Arbeitgeber-Präsident Mondini möchte aber auch ein positives Beispiel erwähnen und kommt wie schon Hafen-Chef Signorini auf den neuen Eisenbahntunnel unter dem Apennin zu sprechen. Dieser werde Genua näher an die Metropolen Mailand und Turin bringen.
Italien als Ganzes hat keine ‹bella figura› gemacht.
Das ist eine Chance – und die könnte Genua bestens brauchen. Denn Mondini rechnet neben dem finanziellen auch mit einem Reputationsschaden: «Italien als Ganzes hat keine ‹bella figura› gemacht.» Der Arbeitgeber-Präsident hofft, dass man die tragischen Bilder des Brückeneinsturzes und Genua nicht allzu lange miteinander in Verbindung bringe oder gar gleichsetze.