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Brunos Tramnotizen – N°26
Von wegen «I d'Hose», Manne, heute seien es auch Frauen, die den Hosenlupf machen. Zwar würden die Mannen den Hosenlupf seit dem 13. Jahrhundert als festliche Sportkultur betreiben, den Frauen sei heute aber nicht mehr vorenthalten. Die junge Frau mit blondem Schopf und blauen Augen, sie nannte sich Suslä, lachte und plauderte in breitem Berner Dialekt ohne Unterbruch auf ihre zwei Begleiterinnen ein. Der Frauenschwingverband sei 1992 gegründet worden, fuhr Suslä fort. Die Mannen hätten das damals als emanzipiertes Zeugs abgetan, heute würden sie sich aber auf jeden Anlass freuen. Schwinger und Schwingerinnen seien eben ein urchiges, bodenständiges Volk, würden zusammenhalten wie eine grosse Familie. Bei den Frauen gäbe es keine Gewichtsklasse, es würden daher auch kräftige Staturen gegen kleinere, flinkere antreten, allerdings würden sich Frauen auf dem Sägemehl keine Geschenke machen. Suslä herzte kurz die zierliche Brünette neben ihr, drückte sie mit ihren kräftigen Oberarmen an sich und hob sie ein paar Zentimeter hoch bis diese quitschte. Frauenschwingen sei nicht nur eine Kampfform, das sei eine gute Freundschaft unter Sportlerinnen, besänftigte Suslä ihr Gegenüber. Der Kampf beginne mit einem freundschaftlichen Handschlag. Über der Sennen- oder Turnerbekleidung werde die sogenannte Zwilchhose getragen. Am Gurt der gegnerischen Schwingerhose und am Gstöss, der unten umgekrempelten Hose, gelte es, die Gegnerin mit Schwüngen und Schlünggen zu bodigen. Was für den Zuschauer nach einem einfachen Kraftakt aussehe, sei in Tat und Wahrheit mit viel Raffinesse verbunden. Die Würfe hiessen Wyberhaagge, Hüfter, Kopfzug, Einstecher, Brienzer oder etwa Fussstich, ihr Lieblingswurf sei der Bärendruck. Der Sieg stehe dann fest, wenn die überlegene Schwingerin die Gegnerin mit mindestens einer Hand an der Schwinghose festhalte und die Unterlegene den Boden mit beiden Schulterblättern oder mindestens einem Drittel des Rückens berühre. Die beiden Begleiterinnen hörten andächtig zu, schwiegen. Suslä genoss es. An der Fröhlichstrasse verliessen die Frauen den 2er, wollten auf die Blatterwiese am See. Mittlerweilen habe das Frauenschwingen alles, was es zu einer künftigen Trendsportart brauche – nicht nur auf dem Land – sagte Suslä noch, bevor sie mit den beiden Richtung See marschierte. Ich stellte mir vor, wie das wohl aussähe, wenn Frauen sich lupften und dann am Boden aufs Kreuz legten. Vorstellen konnte ich mir das schon, aber nicht zu Jodel und Alphorn, vielleicht zu Reggae - und statt Bratwürste und Servelat müsste es karibischen Fingerfood geben.
17. August 2015