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Angefangen hat die Bilderbuchkarriere von Mummenschanz in den 68ern in Paris an der École Jacques Lecoq, einer Bewegungs- und Maskentheaterschule. Dort lernten sich Bernie Schürch und Andres Bossard kennen.
Aus dem Duo wird ein Trio
Nach Stationen als Strassentheaterkünstler und Unterhalter auf einem Kreuzfahrtschiff und in Ferienclubs schafften sie 1971 im Berner Zähringer-Theater den Durchbruch. Tourneen und Engagements im Ausland folgten. 1972 dann in Paris die schicksalshafte Begegnung mit Floriana Frassetto, die sich dem Duo anschloss.
Während Schürch und Bossard noch mit gesprochenen Nummern auftraten, änderte sich das mit der Italo-Amerikanerin Frassetto. «Wir haben gesehen, dass wir mit Deutsch niemals von unserer Arbeit leben können. Wir mussten eine internationale Sprache finden - und das ist die Körpersprache», sagt Schürch.
Das neu gegründete Trio «Mummenschanz» tourte nach einem ersten Auftritt am Theaterfestival in Avignon durch die Schweiz – ohne Erfolg. Frassetto erzählt: «Das Publikum war skeptisch. Das ist kein Tanz, das ist kein echtes Maskenspiel, das ist keine Pantomime. Mummenschanz – was ist das?»
Von Zürich an den Broadway
1973 wagte Mummenschanz den Sprung nach Amerika. Ein Agent hatte das Trio am Zürcher Hechtplatz-Theater gesehen und brachte sie für zehn Shows in die USA. «Das war wie eine Bombe!», erinnert sich Frassetto.
Die Kunst von Mummenschanz, diese Verbindung von Pantomime und Pop, traf den Nerv der Zeit. Nicht mit einem feinen Bewegungsvokabular wie die klassische Pantomime, sondern mit grossen Gesten erzählten sie ihre Geschichten von menschlichen Stärken und Schwächen. Materialien wie Plastikfolien, Klopapierrollen und Lüftungsrohre wurden bei ihnen zu Kostümen, lebenden Skulpturen und verformbaren Masken.
Nach mehreren Tourneen und Fernsehauftritten wie in der «Muppet Show» wurde der Traum vom Broadway 1977 wahr. In einer Tourneepause entdeckten Schürch und Frassetto das Bijou-Theater in New York und übernahmen es. Sie starteten mit acht Vorstellungen die Woche, der Erfolg war riesig. Statt einer Saison blieben sie für drei Jahre und über 3'000 Vorstellungen im Big Apple.
Um am Broadway dauerhaft zu spielen, zwang die Gewerkschaft die Gruppe, weitere Darstellerinnen und Darsteller in ihr Programm einzuarbeiten. Kein leichtes Unterfangen für Mummenschanz, seien doch ihre Nummern sehr persönlich gewesen, so Frassetto.
In der Folge tourten die drei Gründer durch die Welt, während ihre Stellvertreter in New York spielten. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere waren teilweise bis zu sieben Besetzungen gleichzeitig unterwegs.
«Stop AIDS»-Kampagne
1981 entschloss sich das Trio zu einem neuen Programm. «The New Show» entwickelten sie in der Roten Fabrik in Zürich. Nummern, wie der vier Meter lange Oktopus, die riesigen Hände oder luftgefüllten Giganten entstanden.
Der künstlerischen Anerkennung folgte Mitte der 1980er-Jahre der kommerzielle Erfolg. Die Werbung entdeckte Mummenschanz. Es entstand beispielsweise eine Kampagne für «Stop AIDS».
1992 der Wendepunkt: Andres Bossard stirbt an Aids. Schürch und Frassetto pausieren, entscheiden sich aber weiterzumachen. In der Folge spielen sie vor allem Best-of-Programme.
Parat fürs Jubiläum
Mit neuen Darstellern wagen sie sich 1999 an das neue Programm «Next». Mit fast 68 Jahren verabschiedete sich Schürch 2012 von der Bühne, Frassetto machte mit Nachwuchsartisten weiter. Über Zukunftspläne will sie nicht sprechen. Erst wird das 50-Jahr-Jubiläum gefeiert mit einer Show, die wieder mal die legendärsten Mummenschanz-Nummern zeigt.
Jubiläumsshow
Das Jubiläumsprogramm «50 Years» hat am 10. Dezember 2021 im Theater 11 in Zürich Premiere und tourt danach durch die Schweiz. Zum Jubiläum erschien zudem das Buch «Mummenschanz» von Roy Oppenheim (Weber Verlag, 2021).