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| Tertullian († um 220) - Über die Auferstehung des Fleisches. (De resurrectione carnis)

55. Cap. Die Identität des Auferstehungsleibes mit dem früheren. Der Unterschied von Vernichtung und Umwandlung.
Obwohl wir mit dem Nachweise, dass das Fleisch auferstehen wird, auch bewiesen haben, dass kein anderes auferstehen werde, als eben das, um welches es sich handelt, so erfordern doch einzelne Fragen und deren Objekte noch besondere Erörterungen, mögen sie auch schon anderweit abgemacht sein. Wir wollen daher die Bedeutung und den [S. 497] Begriff der betreffenden Umwandlung genauer erklären, weil dieselbe gewöhnlich zu der Meinung Anlass gibt, es werde ein anderes Fleisch auferstehen. Das wäre aber, als wenn umgewandelt werden so viel hiesse, als gänzlich aufhören und seines früheren Zustandes verlustig gehen.
Das Trugbild einer Vernichtung ist jedoch von dem Begriffe der Umwandlung ganz fern zu halten. Denn Umwandlung ist ganz etwas anderes als Vernichtung. Würde der Leib in einer Weise umgewandelt werden, dass er unterginge, dann wäre er auch kein anderer mehr. Er würde aber bei der Umwandlung untergehen, wenn er dabei nicht er selbst bliebe, welcher in der Auferstehung wieder hergestellt wird. So gut wie er zu Grunde gegangen ist, wenn er nicht aufersteht, so ist er ebenfalls zu Grunde gegangen, wenn er zwar aufersteht, aber durch eine Verwandlung beseitigt wird. Und wie sinnlos wäre es, wieder aufzuerstehen dazu, um nicht zu sein, da er es doch in seiner Gewalt hatte, gar nicht aufzuerstehen oder gar nicht zu sein, zumal er ja schon angefangen hatte, nicht zu sein. So ganz verschiedene Dinge wie Verwandlung und Vernichtung, die ja auch in ihren Wirkungen ganz verschieden sind, sollten doch nicht vermengt werden. Erstere bewirkt völliges Verschwinden, letztere Veränderung. So gut wie also das, was vernichtet wurde, keine Veränderung erlitten hat, so ist auch das, was eine Veränderung erlitten hat, nicht vernichtet. Vernichtet sein heisst nämlich, überhaupt das gar nicht mehr sein, was man gewesen ist; verändert sein, heisst es auf andere Weise sein. Wenn ein Ding in anderer Weise existiert, so kann es noch dasselbe sein; denn was nicht vergangen ist, das hat sein Sein. Es hat nämlich eine Verwandlung erlitten, keine Vernichtung. So kann also etwas verändert werden und nichtsdestoweniger doch es selbst sein, wie denn auch der ganze Mensch in dieser Zeitlichkeit seiner Substanz nach zwar er selbst ist, sich aber doch vielfach verändert, sowohl in Hinsicht seiner Kleidung als in Hinsicht auf Körperlichkeit, Gesundheit, Stand, Würde, Alter, Lebensrichtung, Geschäft, Kunst, Fähigkeit, Wohnsitz, Gesetz und Sitte. Er büsst dadurch trotzdem doch nichts vom Menschenwesen ein; nein, er wird nicht ein anderer, sondern nur anders.
Diese Form der Umwandlung kommt auch in den hl. Büchern vor. Verwandelt wird des Moses Hand, und zwar ist sie nach Art einer toten Hand blutlos, bleich und kalt; nach Wiederempfang der Lebenswärme und Wiedererlangung der Farbe ist sie aber wieder dasselbe Fleisch und Blut. Verwandelt wird späterhin auch sein Antlitz durch eine blendende Klarheit. Aber er war ebenso der Moses, obwohl man ihn nicht anblicken konnte. So hatte auch Stephanus schon die Höhe der Engel erreicht, aber es waren keine fremde Kniee, die er vor der Steinigung bog. Der Herr hat in der Einsamkeit auf dem Berge sogar seine Kleider durch Licht umgestalten lassen, aber doch die Gesichtszüge bewahrt, welche für Petrus [S. 498] erkennbar blieben. Dort haben auch Moses und Elias, der eine im blossen Bilde des noch nicht wieder angenommenen Leibes, der andere in der Wirklichkeit eines noch nicht verstorbenen Leibes gezeigt, dass in der Herrlichkeit die äussere Erscheinung des Körpers als dieselbe fortbestehe. Durch dies Beispiel belehrt, braucht Paulus den Ausdruck: „Er wird den Leib unserer Niedrigkeit umgestalten zu einem dem Leibe seiner Herrlichkeit gleichgestalteten Leibe“.1 Wollte man behaupten, Umgestaltung und Umwandlung bestehe im Verschwinden der Substanz, welche sie auch sei, so ist also Saul, als er sich in einen andern Mann umwandelte, aus seinem Körper herausgegangen, und Satanas selbst verliert seine eigentümliche Beschaffenheit, wenn er sich in einen Engel des Lichts verwandelt. So wird auch zum schliesslichen Vollzug der Auferstehung eine Veränderung, Umwandlung und Wiederherstellung möglich sein mit Beibehaltung der Wesenheit.
1: Phil. 3, 21.