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Titel
Zelle
(Cellula), die einfachste Form, in welcher tierische oder pflanzliche Organismen (lebende Wesen) auftreten können. Fast immer ist sie nur mikroskopisch sichtbar und besteht im wesentlichen aus einem Klümpchen zähflüssiger, eiweißartiger Substanz, die mit Leben begabt ist, d. h. sich von der Stelle bewegen kann, für äußere Reize empfänglich ist, durch Nahrungsaufnahme sich vergrößert und unter gewissen Umständen sich vervielfältigt (fortpflanzt).
Man nennt diese uns in ihrem innersten
Wesen noch völlig rätselhafte
Materie
Plasma oder
Protoplasma, auch
wohl
Sarkode. Außer ihr finden sich in den meisten
Zellen noch allerlei
Substanzen, die aber durch die Thätigkeit des
Plasmas
dahin gelangen, z. B. Fetttröpfchen, auch kleine, mit
Flüssigkeit gefüllte
Bläschen
(Vakuolen); ferner umgibt sich das
Plasma
der
Zelle
[* 2] gewöhnlich zum
Schutz gegen die Einwirkung der
Außenwelt mit einer
Haut
[* 3]
(Membran, Zellmembran, Zellhaut,
Zellwandung), und endlich ist fast immer im Innern des
Plasmas noch ein besonderer runder
Körper, der sogen.
Zellkern oder
schlechtweg
Kern (s. unten), vorhanden. Man trennt dem entsprechend die
Zellen in kernlose Zellen oder
Cytoden (s. d.) und
kernhaltige
Zellen oder Zellen im engern
Sinn. - Die Gestalt der
Zelle ist im einfachsten
Fall, d. h. bei
frei lebenden, ruhenden
Zellen, die kugelige, wird jedoch bei jeder
Bewegung eine andre.
Überhaupt kommt eine Ortsveränderung einer solchen membranlosen oder nackten
Zelle nur dadurch zu stande, daß sie
nach einer Seite hin einen oder mehrere Fortsätze ausstreckt und sich mit ihrem ganzen Leib in dieselben
nach ergießt (sogen. amöboide
Bewegung). Ist sie dagegen von einer
Membran umgeben, so streckt sie ihre alsdann gewöhnlich
feinern, fadenförmigen Fortsätze durch besondere
Löcher in derselben heraus, heftet sich damit an irgend einen Gegenstand
an und zieht sich nach.
Auch ihre
Nahrung erlangt sie, indem sie mit diesen Fortsätzen (Scheinfüßen,
Pseudopodien), welche sie
beliebig ausstrecken und wieder in ihren Leib einziehen kann, die ihr zusagende
Beute umspinnt und diese entweder ganz in
ihr
Inneres befördert,
oder an
Ort und
Stelle verzehrt. Bei
Reizen von außen zieht sie gewöhnlich die
Pseudopodien ganz ein,
rundet sich ab und umgibt sich auch wohl mit einer durch
Ausschwitzung entstehenden dickern u. widerstandsfähigen
Haut
(Cyste). - Eine besondere, übrigens noch keineswegs völlig aufgeklärte
Rolle im
Leben der
Zelle spielt der
Kern. Er besteht
meist aus einem
Bläschen, das manchmal von einer besondern
Haut umschlossen wird, liegt gewöhnlich in der Mitte
der
Zelle und ist mitunter während des
Lebens nicht sichtbar, indem sein Lichtbrechungsvermögen alsdann dem des Zellleibes
gleichkommt. Da manche
Zellen zeitlebens ohne ihn bestehen können, so
ist er offenbar nicht
¶
mehr
absolut notwendig; wo er jedoch vorkommt, spielt er bei der Fortpflanzung eine wichtige Rolle. Wenn nämlich eine kernlose
Zelle sich vermehrt, so geschieht dies einfach durch Abschnürung eines kleinen oder größern Teiles ihres Leibes,
der auf diese Weise selbständig wird und allmählich zur Größe der Mutter
zelle auswächst; ist jedoch ein
Kern vorhanden, so geht seine Teilung derjenigen der immer voraus. Es ist nun durchaus nicht notwendig, daß sich das Teilstück
(Tochter
zelle) völlig und für immer von der Mutterzelle trenne, vielmehr kann es mit ihr in Zusammenhang bleiben; dann
entsteht ein zweizelliger und bei weiterer Teilung ein mehrzelliger Organismus. In letzterm können alle
Zellen gleichartig sein, so daß sie auch alle sich weiter vermehren, alle Nahrung aufnehmen etc. Gewöhnlich jedoch ist das
nicht der Fall, sondern es tritt Arbeitsteilung ein, d. h. manche Zellen sorgen ausschließlich für Nahrungsaufnahme und
lassen die gewonnenen Säfte auch den übrigen Zellen zu gute kommen, indes andre die Bewegung der ganzen
Kolonie übernehmen, wieder andre ausschließlich sich fortpflanzen etc. (im einzelnen s.
Gewebe,
[* 5] S. 280). Durch enges Zusammenrücken platten sich auch meist die Zellen aneinander ab und werden eckig, doch
haben auch einzellige Organismen oft höchst sonderbare Formen, so daß die oben erwähnte Kugelgestalt der Zelle mehr
eine Ausnahme darstellt. - Außer den mehr oder weniger wesentlichen Teilen des Zellinhalts, nämlich dem Plasma und dem Kern,
finden sich, wie oben erwähnt, manchmal noch andre Stoffe vor, so z. B. Fettkügelchen, Tröpfchen einer wässerigen Flüssigkeit
(Zellsaft), Kristalle
[* 6] von Kalksalzen oder Kieselsäure.
Diese werden zwar sämtlich vom Plasma aus der von ihm aufgenommenen Nahrung selbst gebildet, können jedoch in sehr großen Mengen vertreten sein, wie z. B. in den Fettzellen bei höhern Tieren, wo man häufig erst nach Entfernung des Fettes mittels auflösender Substanzen den Kern und das spärliche Plasma erblickt. Auch das Ei, [* 7] welches bei allen Tieren eine einfache Zelle darstellt, ist mitunter so überaus voll von Fett und andern Substanzen (Dotter), daß Kern und Plasma nur einen sehr kleinen Teil in ihm bilden (vgl. Ei).
Einzellige Organismen, d. h. lebende Wesen, die aus nur einer Zelle bestehen, sind nicht sehr zahlreich vorhanden. Sie bilden die niedersten Gruppen im Tier- und Pflanzenreich und werden wohl auch als besonderes Reich, das der Protisten (s. d.), zusammengefaßt. Bei den vielzelligen Tieren und Pflanzen sind die jungen Zellen einander noch ziemlich gleich und werden erst langsam, sobald sie eine besondere Thätigkeit beginnen, verschieden. Man kennt eine große Menge Arten von Zellen, von denen als die wesentlichsten im tierischen Körper vorkommen:
1) Hautzellen, meist platte, eckige Zellen zur Begrenzung des Körpers nach außen hin;
2) Drüsenzellen zur Absonderung bestimmter Säfte;
3) Bindegewebszellen, meist von spindelförmiger Gestalt;
4) Muskelzellen oder kontraktile Zellen, in welchen das Plasma ganz oder zum größten Teil sich zusammenziehen und ausdehnen kann;
5) Nervenzellen oder Ganglienzellen; [* 8]
6) Flimmerzellen, bei denen auf der Oberfläche ein oder mehrere bewegliche Fäden von Plasmasubstanz stehen;
7) Fettzellen;
8) Knorpel-, Knochen- und Zahnzellen;
9) Samenzellen, meist bewegliche Zellen, die zur Befruchtung [* 9] des Eies dienen;
10) Blutzellen. Sie alle führen, freilich in sehr verschiedenem Grad, noch ein selbständiges Leben im Organismus, unternehmen sogar zum Teil in ihm Wanderungen (z. B. die weißen Blutkörperchen) [* 10] und gehen auch durchaus nicht immer mit dem Tode desselben sogleich zu Grunde. Es verdient übrigens noch ausdrücklich bemerkt zu werden, daß manche Zellen sich im Lauf ihres Lebens derart verändern, daß sie kaum noch als solche zu erkennen sind, sondern als Fasern, Stränge etc. erscheinen. Ferner scheiden namentlich diejenigen des Bindegewebes, Knorpels etc. um sich herum eine außerordentlich dicke Hülle aus, die man als Intercellularsubstanz bezeichnet, weil sie zwischen den Zellen liegt; auch die Hautzellen vieler Tiere sondern nach außen eine Membran ab, die oft vielfach dicker ist als sie selbst (Hautpanzer der Krebse).
Die Pflanzenzelle.
[* 2] Figur 1: Zellen mit Zellhaut, Protoplasma und Zellkern;
A im lebenden, B im getöteten Zustand.
Ähnlich wie in tierischen Zellen ist auch in der Pflanzenzelle der eigentliche Träger [* 11] des Lebens ein aus Eiweißstoffen bestehender Plasmakörper, der in der Regel von einer festen, aus Cellulose gebildeten Haut (s. unten) umkleidet wird. Die Gestalt der Pflanzenzellen [* 2] (Fig. 1) ist oft annähernd kugelförmig oder polyedrisch, in langgestreckten Pflanzenteilen mehr cylindrisch oder prismatisch, bei Pilzen und Flechten [* 12] faden- oder schlauchförmig, im Kork und [* 13] oft auch in der Epidermis [* 14] dünn tafelförmig; sternförmige Gestalt haben die Zellen im Mark der Binsenhalme und die mancher Haare. [* 15]
Nach der Beschaffenheit der Zellhaut, des Zellinhalts und nach der physiologischen Aufgabe der ganzen Zelle unterscheidet man in der Botanik zahlreiche Zellarten, deren Name sich aus der betretenden Eigenschaft leicht erklärt, wie z. B. Tüpfel-, Spiral-, Ringfaser, Kork-, Holz-, Schleimzellen u. a. (S. weiter unten.) Die kleinsten Zellen finden sich bei den einfachsten einzelligen Pflanzen, den Schizomyceten (Bacterium Termo mit 0,0015 mm Längendurchmesser), und den Sporen vieler Pilze. [* 16]
Die runden oder polyedrischen Parenchymzellen der höhern Pflanzen schwanken in der Größe ihres Durchmessers etwa zwischen 0,02 und 0,2 mm. Die faserförmigen Zellen des Holzes und Bastes sind gewöhnlich enger; aber der lange Durchmesser beträgt im allgemeinen 0,7-2,5 mm, bei manchen Bastfasern noch mehr. Manche Haare, wie z. B. die Baumwolle, [* 17] erreichen mehrere Zentimeter Länge, ebenso gewisse einzellige Algen, [* 18] wie Vaucheria, Bryopsis und Caulerpa, von denen die letztere, obwohl nur aus einer einzigen Zelle bestehend, in ihrer Form einen kriechenden, ¶
mehr
[* 19] Figur 3: Zellen mit Stärkekörnern.
[* 19] Figur 2: Zellen mit Chlorophyllkörnern.
unten mit Wurzeln, nach oben mit großen Blättern versehenen Stengel [* 20] nachahmt.
Das Plasma erscheint nicht selten vollkommen gleichartig und durchsichtig (Hyaloplasma), in andern Fällen bildet es eine körnige, ins Grünliche spielende Substanz (Polioplasma) und vermag alle Zwischenstadien zwischen dem festen und flüssigen Aggregatzustand anzunehmen. Häufig wird es durch blasenförmige, mit Zellsaft erfüllte Hohlräume unterbrochen, deren Zahl mit dem Alter der Zelle zunimmt, bis schließlich nur ein einziger großer Hohlraum sich bildet, der von einem dünnen, der Zellwand anliegenden Plasmaschlauch (Primordialschlauch) umgeben wird. Innerhalb der Grundmasse des Plasmas, dem sogen. Cytoplasma, treten Einschlüsse auf, welche teils im Leben der Zelle eine aktive Rolle spielen, wie der Zellkern, die Chlorophyllkörner [* 19] (Fig. 2) und die Stärkebildner (s. Stärkemehl), teils nur passiv sich verhalten, wie Protein- (s. Aleuron) und Stärkekörner [* 19] (Fig. 3), Kristalle, Öltropfen, Gerbstoffkugeln u. a. Das lebensthätige
[* 19] Figur 4: Zellkerne in verschiedenen Entwickelungsstadien (aus dem Wandbeleg des Embryosacks von Agrimonia).
Plasma zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, in sehr verdünnter alkoholischer Lösung von Silbernitrat metallisches Silber auszuscheiden, es verhält sich demnach einem Aldehyd ähnlich. Von wesentlicher Bedeutung ist neben dem Plasma der rundlich e, oft sehr kleine Zellkern. Zellkerne lassen sich in den lebensfähigen Zellen sämtlicher Gefäßpflanzen nachweisen; in mehrfacher Zahl treten sie im Embryosack [* 21] (s. d.) der Phanerogamen, ferner in den Zellen vieler Kryptogamen, in den großen Zellen der Schlauchalgen sogar in millionenfacher Anzahl auf, nur bei Phykochremaceen und Schizomyceten scheinen sie zu fehlen. Der Zellkern besteht aus einem Kerngerüst (Chromatingerüst), das aus knäuelartig
[* 19] Figur 6: Scheidewandbildung im Umkreis der Zellkerne (aus dem Embryosack von Agrimonia).
[* 19] Figur 5: Weitere Entwickelungszustände von Zellkernen (aus dem Embryosack von Agrimonia);
a-d die aufeinander folgenden Zustände.
gewundenen zarten Fäden zusammengesetzt ist, und aus einer die Maschen dieses Gerüstes ausfüllenden dickflüssigen Substanz, dem Kernsaft. Als Einschlüsse kommen in ihm 1-3 kleine, stark lichtbrechende Körberchen (Kernkörperchen, Nucleoli) sowie bisweilen auch Proteinkristalle vor. Von hervorragender Bedeutung ist die Thatsache, daß bis jetzt niemals eine Entstehung von Zellkernen aus dem Plasma beobachtet werden konnte, sondern daß vielmehr alle in einer Zelle vorhandenen Zellkerne durch Teilung andrer Kerne sich bilden. Der Vorgang der Kernteilung selbst findet entweder durch direkte Teilung statt, indem sich der Kern in der Mitte einschnürt und zuletzt die durch ein dünnes Verbindungsstück zusammenhängenden ¶
Im Meyers Konversations-Lexikon, 1888
Zelle.
[* 2] Die Kenntnis von den Lebenserscheinungen der Zelle hat neuerdings sehr wesentliche Fortschritte gemacht. Als eine Errungenschaft von hervorragendem Interesse sind die Resultate über die an den Zellen sich abspielenden Bewegungsvorgänge und, im Zusammenhang hiermit, die Aufschlüsse über die Struktur des Protoplasmas anzuführen. Hauptsächlich an einzeln lebenden nackten Zellen, also in erster Linie bei den Protozoen nimmt man solche Bewegungen wahr, die sich hier im einfachsten Fall als ein Fortfließen der ganzen Zellenmasse auf irgend einer festen Unterlage darstellen oder in einen fortwährenden Gestaltenwechsel bestehen, derart, daß an beliebiger Stelle der Zellenleib einen Fortsatz aussendet, der sich in der wechselndsten Weise vergrößern und verzweigen kann, bis ein andrer an seine Stelle tritt.
Weniger leicht sichtbar als diese sogen. amöboide Bewegung gewisser isoliert lebender Zellenarten, welche sowohl zur Ortsveränderung als auch zur Nahrungsaufnahme dient, sind die hier langsamern, dort raschern Strömungen und Schiebungen, welche sich auch in äußerlich fest umgrenzten Zellen im Innern des Plasmas fortwährend abspielen. Bisher schien keine Möglichkeit zu bestehen, diese Bewegungsvorgänge auf physikalische Gesetze zurückzuführen; vielmehr glaubte man dieselben als eine spezifische Qualität der organisierten, lebenden Materie ansprechen zu müssen.
Erst die neuesten Forschungen, besonders von Bütschli, haben diese Meinung als irrtümlich nachgewiesen. Es gelang nämlich, ähnliche Bewegungen an nicht organisierten, künstlich erzeugten Körpern hervorzubringen. Um solche Gebilde herstellen zu können, war aber wiederum eine genaue Kenntnis der Struktur des Protoplasmas Voraussetzung. Während man dieses früher für eine ganz homogene Substanz gehalten hatte, ließen die verbesserten Mikroskope [* 22] daran eine Zusammensetzung aus zweierlei Bestandteilen erkennen, deren gegenseitige Anordnung am besten durch den Vergleich mit einem Seifenschaum anschaulich gemacht werden kann.
Der eine, zähere Bestandteil des Protoplasmas entspricht dem von der Seifenflüssigkeit geformten Wabengerüst, der andre, flüssigere der in dem Seifenschaum eingeschlossenen Luft. Die Versuche, protoplasmaartige Bewegungen experimentell zu erzeugen, mußten also zunächst dahin zielen, Schaumkörper von der Konsistenz und der außerordentlichen Feinheit des Protoplasmas herzustellen. Und dies gelang in der That. Wenn man Tröpfchen von Olivenöl, welches schwach seifenhaltig ist, in Wasser bringt, so zieht die Seife Wasser an, und die dadurch entstehende wässerige Seifenlösung scheidet sich im Innern des Öltropfens in Gestalt äußerst kleiner Tröpfchen aus, welche der flüssigen Substanz des Protoplasmas entsprechen, während die zwischen den Tröpfchen übrigbleibenden Ölwände dem dichtern Plasmabestandteil zu vergleichen sind.
Bringt man solche Ölschaumtropfen in geeigneter Weise in verdünntes Glycerin, so zeigt sich unter dem Mikroskop [* 23] die merkwürdige Erscheinung, daß sie hier ganz nach Art lebender Zellen zu strömen beginnen, wobei sich noch die weitere Übereinstimmung ergibt, daß Wärme [* 24] die Schnelligkeit der Strömung hier wie dort erheblich steigert. Man glaubt, diese Bewegungserscheinungen in der Weise erklären zu können, daß an irgend einer Stelle des Ölschaumtropfens einige der minutiösen Schaumwaben platzen, und daß nun durch den hier erfolgenden Austritt von Seifenlösung die Oberflächenspannung [* 25] an dieser Stelle herabgesetzt wird, was ein Hervorwölben derselben zur Folge haben muß.
Dadurch muß ein Zufluß von Schaummasse zu dieser Stelle der Oberfläche hervorgerufen werden, und dieser wird wieder zum Platzen einiger Waben Veranlassung geben, wodurch ein kontinuierliches Fortströmen in der gleichen Richtung hervorgerufen wird. Ob nun diese Erklärung auch auf die Strömungserscheinungen der Zellen vollkommen anwendbar ist, mag einstweilen dahingestellt bleiben: sicher ist wenigstens dies, daß die Mechanik der cellularen Bewegungen nicht mehr als etwas der lebenden Materie Spezifisches [* 26] angesehen werden darf, sondern daß auch diese bisher so rätselhaften Strömungen auf rein physikalischem Wege erklärt werden müssen.
Von noch größerer Bedeutung und Tragweite sind die Errungenschaften, welche auf dem Gebiete der Zellteilung, speziell der Teilung des Zellkerns in den letzten Jahren gewonnen worden sind. Nicht genug damit, daß die in Rede stehenden Vorgänge von allen Lebensäußerungen der Zelle weitaus am genauesten erforscht worden sind und somit in das Getriebe [* 27] der cellularen Lebensvorgänge den klarsten Einblick gewähren, bilden dieselben auch die Grundlage für die Aufhellung eines der dunkelsten und rätselhaftesten Probleme: des Vererbungsproblems.
Bei der Betrachtung der Teilungserscheinungen geht man am zweckmäßigsten von dem Zellkern aus, von dessen Substanzen hierbei lediglich das sogen. Chromatin in Betracht kommt. Obgleich nicht die einzige Kernsubstanz, ist das Chromatin doch diejenige, welche in allen Kernen in gleicher Weise angetroffen wird, und vor allem diejenige, deren Schicksale durch alle Phasen des Zellenlebens genau verfolgt werden konnten. Der Name Chromatin stammt von dem spezifischen Verhalten dieser Substanz zu gewissen Farbstoffen.
Bringt man nämlich eine Zelle, nachdem dieselbe in bestimmter Weise abgetötet und konserviert worden ist, auf einige Zeit in die Farbflüssigkeit, z. B. in eine Karminlösung, und darauf in eine farblose, das Karmin lösende Flüssigkeit, so wird der Farbstoff aus allen Teilen der Zelle vollkommen ausgezogen, und nur der als Chromatin bezeichnete Kernbestandteil hält denselben fest und sticht nun in roter Farbe von dem farblosen Zellkörper aufs deutlichste ab. Um die Schicksale dieser ¶
forlaufend
Sub-1000
[* 28] Fig. i. stanz kennen zu lernen, geht man am einfachsten von dem Zustand einer soeben erst durch Teilung entstandenen Zelle aus. In einer solchen [* 28] (Fig. 1) ist das Chromatin nicht in einem Kern« vereinigt (wir t'ömien uon einem solchen auf diesem Stadium, streng genommen, überhaupt nicht sprechen), sondern man findet an dessen Stelle eine Anzahl voneinander getrennter kompakter Chromatinkörper, welche in der Regel die Form von Stäbchen oder Fädchen besitzen und den Namen Chromosomen führen.
[* 28] Figur 1 zeigt deren 4 in Form kurzer, hakenartig gekrümmter Fädchen. Um diese Chromosomen bildet sich nun der Kern in der Weise, das; sich ein Hof [* 29] von Zellsaft im Umkreis derselben ansammelt, gegen den sich das umliegende Protoplasma durch eine Membran (Kern Protoplasma, und so findet man schließlich, wie in der neugebildeten Zelle, vier direkt ins Protoplasma eingelagerte Chromosomen, nur mit dem Unterschied, daß dieselben während ihres gerüstförmigcn Zustandes etwa auf das doppelte Volumen herangewachsen sind. Der Vorgang nun, der zur Bildung der beiden Tochterkerne führt, 'ist ein höchst eigentümlicher. Er besteht im wesentlichen darin, daß sich jedes [* 28] Fig. 4. FiZ. 5 5elle mit vier Chromosomen und Centrosoma. membran) abgrenzt [* 28] (Fig. 2). Das auf diese Weise entstandene Vläscheu mit seinem Inhalt ist der Kern. In diesem Kernbläschen vollzieht sich mm, und zwar offenbar als aktiver Vorgang, eine beträchtliche 3ia- 2. Gestaltveränderung der Chromosomen. Dieselben senden [* 28] (Fig. ^!) zarte Fortsätze aus, die sich unter fortwährender Verästelung uud Anastomosenbildung immer mehr ausdehnen, bis schließlich das ganze, anfangs kompakte Fädchen in ein feines Gerüstwerk übergegangen ist, das sich mit den in gleicher Weise metamorphosierten übrigen Chro^ mosomen derart verfilzt, daß in diesem sogen, chromatischen Kerngerüst [* 28] (Fig. 3) der Anteil der einzelnen in seine Bildung eingegangenen Chromosomen nicht mehr nachgewiesen werden kann, obgleich durch Vergleichung mit späten: Studien mit fast völliger Sicherheit hat bewiesen werden können, daß auch in diesem schwammförmigen Zustand jedes Chromosoina seine individuelle Selbständigkeit bewahrt.
Der hiermit erreiclne Zustand des Kerns bleibt nun unverändert bestehen, solange sich die Zelle als solche erhält; er ist der gewöhnliche, der sogen. Ruhezustand des Kernes. Erst wenn sich die Zelle anschickt, durch Teilung in zwei Tochterzellen zu zerfallen und es fich also darum handelt, aus dem einen Kern zwei Tochterzellen zu bilden, beginnt der Kern sich wieder zu verändern. Wie vorher jedes Chromosoma sich schwammförmig aufgebläht hat, so zieht es sich jetzt wieder zu einem kompakten Fädchen zusammen [* 28] (Fig. 4 u. 5), die Kernmembran löst sich auf, der Kernsaft mischt sich mit dem umgebenden Zelle mit Kern. 3-iü- 3. Iusammenziehung der Chromosomen und Teilung des Ceutrosomas.
Chromosoma mit sozusagen mathematischer Genauigkeit der Länge nach in 2 Hälften ^Tochterchromosomen) spaltet, von denen die eine der einen zu bildenden Tochterzelle zu teil wird, während die andre in die andre Tochterzelle übergeführt wird [* 28] (Fig. 6-9). Um diese Verteilung durchzuführen (welcher Prozeß mit dem Namen K ary ok inese bezeichnet wird), tritt ein Apparat ins Dasein, dessen Grundlage schon in [* 28] Fig. 1 zu sehen ist. Man erkennt in dieser neugebil! deten Zelle neben den Chromosomen ein kleines, stark lichtbrechendes Körperchen, das sogen. Zentral körperchen der Zelle oder Centrosoma, umgeben von einem Hof dichten, körnigen Protoplasmas, das man Archoplasma nennt.
Das Centrosoma erhält sich während der ganzen Dauer des Bestehens der Z.als ein außerhalb des Kernes gelegenes selbständiges Zellorgan unverändert bis zur Teilung, wo es zu einer höchst wichtigen Rolle berufen ist. Die erste Vorbereitung zur Zellteilung besteht nämlich darin, daß sich, noch ehe im ^i^i ern die Umwandlung des Gerüstes in kompakte Fädchen zu stände gekommen ist, das bisher einE h r o m a t i s chi e s K e r n n e r ü st. fache Centrosoma in zwei solche Körperchen teilt [* 28] (Fig. 4). Diese »Tochtercentrosomen« rücken allmählich auseinander und erweisen sich dabei als Attraktionscentren für das sie umgebende körnige Archoplasma, indem diese zunächst kugelige Masse, der Entfernung der beiden Körperchen entsprechend, sich allmählich in gleicher Richtung streckt, F!g. 6. Fadenbildunn aus demA r ch o p l a s m a. sich dann hantelförmig einschnürt und schließlich, bei genügender Entfernung der beiden Zentraltörperchen, sich in zwei Kugeln spaltet [* 28] (Fig. 4 u. 5). Während dieses Vorganges vollzieht fich die oben beschriebene Umwandlung des chromatischen Gerüstes und die Auflösung der Kernmembran, und die beiden unabhängig voneinander ablaufenden Prozesse treten jetzt in Beziehung zu einander. Zunächst geht mit den beiden Archoolasmakugeln eine auffallende Veränderung vor. Die ¶