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23 Apr REZENSION | Joseph Jung: Das Laboratorium des Fortschritts
Hast du dich auch schon mal gefragt, warum die Schweiz heute ist, wie sie ist? Was hat dazu geführt, dass wir uns zu den entwickeltsten Länder dieser Welt zählen dürfen? Was haben wir wann wie gemacht, dass es so kam?
Joseph Jung liefert Antworten
Mit diesen Fragen im Kopf war es für mich sehr interessant, Joseph Jungs Schilderungen zu folgen und zu erfahren, dass beispielsweise die Schifffahrt auf den Schweizer Seen zuerst in Ergänzung mit der Bahnlinie genutzt wurde. Viele Bahnlinien weisen darum an Seeufern grössere Bahnhöfe auf. Für Gäste und Liefergut hiess es umzusteigen.
Aber im Buch es geht nicht nur um Schweizer Transportmittel. Jung erklärt auch wie Orte wie Zermatt, St. Moritz und Interlaken zu touristischen Hotspots wurden. Schweizer Berge, Alpinismus und Erstbesteigungen der Alpen sind Thema, sowie die im Laufe des 19. Jahrhunderts verstärkte Schweizer Aus- und Einwanderung. Die Bundesverfasssung von 1848 galt letztlich als Befreiungsschlag für Industrialisierung und Fortschrittsglaube und bildete die Basis für eine neu gestaltete Schweiz.
Innerhalb einer Generation wandelte sich das Gesicht der Schweiz, wurde vom Entwicklungs- zum wirtschaftlich blühenden Land. Von Hotellerie und Tourismus ist in diesem Zusammenhang die Rede, von Banken und Versicherungen, von erstklassigen Ingenieuren, von Erfolgen und Misserfolgen.
Spirit of 48 – Der junge Schweizer Bundesstaat
Die Entwicklungen der Wirtschaft, Wissenschaft und Politik begünstigten sich nach 1848 gegenseitig. Der Spirit of 48 ergriff sie alle – beispielhaft entwickelte sich das Schweizer Bahnnetz unter privatwirtschaftlicher Hand innert kürzester Zeit derart, sodass bald alle wirtschaftlich interessanten Standorte der Schweiz mit der Bahn erreichbar waren.
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war ausserdem die Zeit der Pioniere. Alexander Seiler (1819–1891), Hotelpionier und Walliser Grossrat, befand sich hierbei in guter Gesellschaft:
[Alexander] Seiler steht für einen Unternehmerpionier, der aus der Enge der drögen und schwermütigen 1840er Jahre ausbrach, der die Dynamik des jungen Bundesstaats als Chance betrachtete, bereit war, Risiken einzugehen und sich für die Modernierung des Landes zu engagieren.»
Einzelbeispiele in Zusammenhang gestellt
Es ist die Kombination von historisch belegten Einzelportraits und grossen Gesamtzusammenhängen, die den besonderen Wert des vorliegenden Werkes ausmachen. Jung portraitiert exemplarisch einzelne herausragende Pioniere und Projekte, verankert sie im grösseren Rahmen der Entwicklungen.
Der Autor hält fest, dass die Themenschwerpunkte des Buches persönlich motiviert sind und keinesfalls auf Vollständigkeit plädieren. Er deckt dabei allerdings einen breiten Horizont an Gebieten ab, sodass ein differenziertes Bild der Schweiz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entsteht.
Wissenshungrige – los!
Dieses Werk ist so umfassend, dass es mir schwer fällt, mich hier auf wenige Zeilen zu beschränken. Das in-einem-Rutsch-durchlesen lief bei diesem Buch nicht, Pausen zum Verarbeiten der gewonnen Informationen waren nötig. Ich habe sehr viel gelernt.
Die Tonalität erscheint mir für wissenschaftliche Gebiete allerdings eher leicht, Jung schreibt klar verständlich, findet einfache Worte für komplexe Zusammenhänge. (Studenten erinnert das Buch womöglich an eine Uni-Vorlesung.) Wissenshungrige, die während der Lektüre zu einzelnen Punkten weiterführende Informationen wünschen, werden mit ausführlichen Anmerkungen, Verzeichnissen und Nachweisen bedient – ganz im Duktus eines wissenschaftlichen Buches eben.
Ich bin Joseph Jung sehr dankbar für die Fülle an Wissen, die er auf sehr angenehme und «nutzerfreundliche» Art und Weise aufbereitet hat.
Dieses Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zugeschickt. Meine Meinung bleibt davon unbeeinflusst.