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Burger bestimmten auch nach dem liberalen Umbruch die Thuner Politik. Im ersten Einwohnergemeinderat von 1832 waren gut 60 Prozent der Mitglieder Burger, in den 1840er-Jahren waren es zwischen 55 und 80 Prozent. Zwar gehörte 1850 nur mehr ein Viertel der Bevölkerung zu den Burgern, und obschon ihr Anteil weiter abnahm, blieb ihr Einfluss überproportional gross. Einflussreiche Familien hatten auch nach 1830 teils jahrzehntelang und kumulativ wichtige Mandate auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene inne. In der Stadt Bern herrschte eine vergleichbare Situation: Auch dort behaupteten sich Patriziat und Burgerschaft an den ersten Wahlen der Einwohnergemeinde als politische Elite.18
Manche Burger standen zur Zeit des Umbruchs am Beginn oder in der Mitte ihrer politischen Karriere, zum Beispiel der Hotelier Johannes Knechtenhofer. Als Angehöriger einer wirtschaftlich wie politisch einflussreichen Familie sass er in der Zeit der Restauration im Grossen und im Kleinen Stadtrat. Nach dem Umbruch war er lange Zeit Mitglied des Einwohnergemeinderats, den er 1834–1836 auch präsidierte. Seine Karriere führte ihn ferner in den Berner Grossen Rat und kurzzeitig in den Nationalrat. Im Zusammenhang mit dem Wahlkampf um einen Sitz im Nationalrat von 1850 warf ihm das radikale «Thuner Blatt» im Rückblick auf 1830 vor, er sei als einstmaliger Gegner der Aristokraten ins Lager des Feindes übergelaufen.19 Wie sein Bruder Johann Jakob war er, der Liberale von 1830, innerhalb von 20 Jahren zum sogenannten Altliberalen beziehungsweise Konservativen geworden.
Oberst Johannes Knechtenhofer (1793–1865). Kolorierte Zeichnung auf Salzpapier von Johann Friedrich Füchslin (1801–1857), um 1846. Knechtenhofer war wie seine Brüder Johann Jakob und Johann Friedrich ein einflussreicher Politiker, dessen Karriere bis auf die Bundesebene führte.
In Thun war er aber vor allem auch als Wirt, Hotelier und Förderer des Tourismus bekannt. Er führte den Gasthof Zum weissen Kreuz, das Hotel Bellevue und das Giessbachhotel, und er war Inhaber des ersten Dampfschiffs auf dem Thunersee.
Im Laufe seiner aussergewöhnlichen Karriere formte Johann Jakob Samuel Teuscher (1799–1865) die Thuner Politik von den 1830er- bis in die 1860er-Jahre wesentlich mit als Säckelmeister sowie als Mitglied des Einwohnergemeinde- und des Burgerrates, die er im Laufe seiner Karriere beide präsidierte; er stand zeitweise auch beiden Gemeindeversammlungen vor. Mutmasslich gehörte er in der zweiten Hälfte der 1830er-Jahre zu den konservativen Kräften, die im Oberland einen Umsturz vorbereiteten. In den Jahren um 1850 vereinten er und Franz Gysi (1799–1860), ebenfalls ein Konservativer, sowohl in der Einwohner- wie auch in der Burgergemeinde alle Macht auf sich. Wie etliche seiner Amtskollegen war Samuel Teuscher auch Grossrat.20
Einflussreiche Politiker gab es jedoch auch unter Nichtburgern, so Johannes Mani, der 1832–1836 dem Einwohnergemeinderat angehörte. Während der Helvetik war er Patriot, später Führer im Oberländer Aufstand von 1814, und 1831 war er schliesslich Verfassungsrat. Mani stammte aus der ländlichen Oberschicht und pflegte Kontakte mit den liberalen Kreisen um die Gebrüder Schnell. Er war aber nicht das einzige politische Talent in der Familie. Sein Sohn Johannes (1790–1866) war Anfang der 1830er-Jahre Grossrat und wirkte 1837 an der von Radikalen angestrebten Abspaltung des Oberlandes mit. Sein Bruder Jakob (1785–1852), der aktiv am Sturz des Patriziats beteiligt gewesen war, zählte zu den Organisatoren des liberalen Schutzvereins.21
Das gediegene und renommierte Hotel Bellevue der Gebrüder Johannes und Johann Jakob Knechtenhofer in Hofstetten war auch ein Symbol von politischer Sprengkraft. Um 1850 zeichnete der früher liberale, nun aber konservative Politiker Johann Jakob Knechtenhofer seine Wortmeldungen in der Presse immer auch mit «Bellevue» oder «Bellevue bei Thun» und markierte diesen Ort so als ein Zentrum des Thuner Konservativismus. Kolorierte Aquatinta eines anonymen Künstlers, 1840er-Jahre.