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Das Schöne im Grauen entdecken
Auf Reisen
Es sei gleich vorweg genommen: Dies ist ein ganz wunderbares Buch: differenziert, elegant, witzig, eine Anleitung für intelligentes Reisen, besser als jeder Reiseführer.
Seinen Ausgang nimmt der Text in Berlin, der Stadt, in welcher der Autor laut Klappentext seit 25 Jahren als Schriftsteller und Filmemacher lebt. "Nach Jahren erst lernte ich zu akzeptieren, dass es in Berlin nirgends besser ist als da, wo ich mich gerade aufhalte. Seither übe ich mich täglich darin, die ewige Angst zu verdrängen, das Glück sei dort, wo ich nicht bin, und versuche, das Schöne im Grauen zu entdecken. Dann fängt die Stadt an, sich zu entfalten. Halten Sie also das Hotel, in das es Sie verschlagen hat, für das bestmögliche, die gottverlassene Ausfallstrasse, über die Sie sich gerade schleppen, für sehenswert, das Café, in dem Sie aufgegeben haben, nach einem besseren zu suchen, für ein apartes, und Berlin wird zu einer Oase der Erholung." Das ist nicht einfach nur clever (das ist es auch), das ist weise. "Was man gesehen haben muss? Nichts. Berlin ist keine Attraktion." Treffender kann man es kaum sagen.
Von Berlin geht es nach Guggisberg. "Um halb neun geht man in sein Zimmer. Da es nichts zu versäumen gibt, legt man sich ins Bett und schläft ein. Am nächsten Morgen erwacht man, der Brunnen plätschert, man kann weiterhin nichts versäumen, schläft also noch einmal ein." Nein, das ist nicht alles, was der Autor zu Guggisberg zu sagen hat. Zum Essen im Wirtshaus merkt er zum Beispiel an: "Das Essen wird aufgetragen, grosse Portionen, frisch und ehrlich gekocht, souverän geradeaus: Gemüse schmeckt nach Gemüse, Fleisch nach Fleisch, Kartoffelstock nach Kartoffelstock. Die Bedienung freut sich, dass sie etwas zu tun hat. Wenn man fertig gegessen hat, freut sie sich, dass sie nichts mehr zu tun hat. Nicht dass ich sie zu einem Vreneli verklären möchte, aber mindestens benahm sie sich wie eine, die nicht einsieht, warum sie sich im einundzwanzigsten Jahrhundert anders benehmen soll als im siebzehnten - so eine Haltung schätze ich." Toll, nicht?
Die nächste Station ist Porto. Wer liest, wie Zschokke die dortige Kultur des Kaffeetrinkens beschreibt und nicht sofort selber dorthin will, dem (es kann auch eine Frau sein) kann nicht geholfen werden. Weiter geht’s ins Maderanertal, nach Weimar, Grenchen, Baden-Baden, Amman, Budapest, wieder Amman und und und, in dieser Reihenfolge - das illustriert unter anderem gut, dass Reisen keine lineare Angelegenheit ist.
À propos Amman: Wer noch nie vor Ort war, den Mittleren Osten nur aus Zeitungsberichten kennt, dem seien Zschokkes erhellende, von Zuneigung geprägten Schilderungen (eine der wesentlichsten Voraussetzungen, wenn man über einen fremden Ort schreibt) heftig empfohlen: "Jeder Europäer sollte dringend dann und wann nach Arabien, um sich daran zu erinnern, wie Menschen miteinander umgehen könnten, wenn sie nur wollten. Hier begegnet man den Figuren aus seinen Kindheitsräumen, aus den Märchen, aus der illustrierten Sonntagsschulbibel des Julius Schnorr von Carolsfeld, aus der Welt von Karl May und Lawrence of Arabia: höflich. Edel, und schön anzuschauen in ihren langen Gewändern und den dramatischen Falten. Jeder Tag unter ihnen ist eine Erholung fürs Gemüt und für die Seele."
Eine der schönsten Stellen ist diese hier: "Ich setzte mich unter das Schattendach einer Hähnchenbraterei und schaue in die flimmernde Helligkeit, eine Stunde, zwei Stunden, Autos fuhren vorüber, Busse auch, aber die hielten nicht an, weil sie voll waren, Fliegen setzten sich auf mich, ein silbergrauer Esel trottete vorbei, eine Ziegenherde, ein Knabe, wieder ein Lastwagen, eine alte Frau, die Fliegen liefen übers Gesicht, über die Hände - und ich hatte das Empfinden: Endlich angekommen! Das ist es: Hier sitzen, warten, mit den Fliegen, dem samtenen Wind, dem Staub, ohne Uhr - ich hatte sie im Hotel vergessen - , und nicht eine Sekunde Ungeduld oder gar Missmut. Einfach die Zeit verstreichen lassen. Alttestamentarisch. Nur ruhiges Gefühl der Gegenwart ist Glück." Das ist genau, schnörkellos und instruktiv; näher beim Leben kann das Beschreiben des Lebens eigentlich nicht sein. Grossartig!
Und dann der Humor, nicht zuviel, nicht zuwenig, gerade richtig. Es ist auch ein Buch zum Schmunzeln. "Im Strassenverkehr sind Tugenden wie Mut, Kühnheit und Behendigkeit gefragt. Vor einer roten Ampel zu bremsen oder beim Einbiegen in einen sechsspurigen Kreisel zu schauen, ob von links einer kommt, überhaupt nur den Blick in den Rückspiegel, der Besitz eines Rückspiegels an sich - all das sind Zeichen von Feigheit."
Nein, hier soll nicht das ganze Buch nacherzählt werden. Das Buch ist zum selber entdecken, es lohnt sich. Und Kritisches, gibt es da nichts anzumerken? Doch, die vierte Umschlagsseite, auf der ein schönes Zitat aus dem Buch zu finden ist ("Suchen Sie nicht herauszufinden, warum dieser Bahnhof berühmt ist. Gehen Sie ein wenig auf und ab, als sei da etwas."), doch leider eben auch ein Zitat (eigentlich nur eine beliebige Aneinanderreihung von Wörtern) von Pia Reinacher aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Matthias Zschokke gelingt es, die Welt aus den Angeln zu heben und die freie Sicht auf das Poetische zu öffnen." Wer das versteht, für den ist dieses Buch ungeeignet. Wer hingegen mit diesem blumig nichts sagenden FAZ-Schöngeistigen nichts am Hut hat, sollte schleunigst in die nächste Buchhandlung rennen und sich Matthias Zschokkes "Auf Reisen" besorgen.