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Goodbye England’s Rose
Das hatte es in der ehrwürdigen Londoner Kirche Westminster Abbey noch nie gegeben. Der weltberühmte Musiker Elton John, Commander of the British Empire von Queens Gnaden, sang während der Abdankung für seine verstorbene Freundin, Prinzessin Diana. Es war sein Lied „Candle in the Wind“ (Kerze im Wind) mit einem neuen Text, mit dem er sich von ihr, Englands Rose, verabschiedete. Ein halbes Jahr später ernannte ihn die Queen zum Ritter, und seither darf er sich Sir Elton nennen.
Auch alles andere war ungewöhnlich, ja verrückt an dieser Abdankung. Eigentlich hätte sie gar nicht stattfinden sollen. Fast eine Woche lang rangen die Queen, ihr Mann Prinz Philip und diverse Berater mit dem erst seit wenigen Monaten amtierenden Labour-Premierminister Tony Blair um angemessene Entscheidungen. Hartnäckig beharrten die Royals darauf, dass Diana nicht mehr zur Königsfamilie gehöre. Diese Ansicht teilte sonst kaum jemand.
Verschwörungstheorien
Am 31. August 1997 kam es in Paris in einem Tunnel zu einem Autounfall. Der Fahrer, der später als angetrunken galt, und Dianas damaliger Begleiter oder Lover Dodi al-Fayed waren sofort tot, Prinzessin Diana und ihr Bodyguard wurden schwer verletzt. Die Prinzessin starb später in einem Pariser Spital.
Bis heute kursieren Verschwörungstheorien, die im Internet seltsame Blüten treiben. Die Mutter eines künftigen englischen Königs sei wegen ihrer Beziehung zum ägyptischen und muslimischen Millionärssohn al-Fayed vom britischen Geheimdienst ermordet worden. Oder: Die Paparazzi auf ihren Motorrädern hätten die Limousine in den Unfall gehetzt. Nach monatelangen Ermittlungen erwies sich dies alles als haltlos.
Der Einzige der britischen Royals, der nach der Todesnachricht aus Paris mit Anstand reagierte, war Prinz Charles. Er erzwang bei der Queen die Benützung des königlichen Flugzeugs, flog nach Paris und brachte Dianas Sarg nach Hause, bedeckt mit der königlichen Flagge. Auch dies gegen den Willen der Royals, die sich an den Grundsatz klammerten, Diana gehöre nicht mehr zu ihnen.
Prinzessin des Volkes
Ein unglaublicher Sturm der Trauer und später des Zorns auf die Queen fegte über das Königreich. Vor dem Kensington Palace, wo Diana mit ihren Söhnen William und Harry gewohnt hatte, und vor dem Buckingham Palace türmten sich Blumen und Abschiedsgrüsse. Männer, Frauen und Kinder weinten hemmungslos.
Premierminister Blair reagierte hervorragend. Er sagte, Diana sei „The People’s Princess“ gewesen. Doch die Königsfamilie samt Charles und den hilflosen Söhnen, die niemand fragte, verkroch sich noch immer in ihrem Feriendomizil, dem schottischen Schloss Balmoral. Die Begründung lautete, die Enkel, die gerade ihre Mutter verloren hatten, seien zu schützen.
Der Ruf der Bevölkerung und der Medien nach einer Trauerbezeugung der Queen („Show us you care“) nahm orkanartige Dimensionen an. Überall wehte die britische Flagge auf Halbmast. Nur der Fahnenmast auf dem Buckingham Palace war leer und wurde zum Blitzableiter des Volkszorns. Dort wehte ausschliesslich die königliche Standarte, und zwar nur dann, wenn die Queen im Hause war. Premierminister Blair gelang es schliesslich, zum Schluss anscheinend mit der Hilfe von Prinz Charles, die Queen davon zu überzeugen, dass die Monarchie Schaden nehmen würde, wenn sie nicht endlich handelte.
Dann ging alles rasch. Ein Programm für die Abdankung wurde in aller Eile konzipiert, die Royals kehrten durch das Blumenmeer in ihren Palast zurück, und die Queen hielt eine Ansprache an das Volk, in dem sie Diana ehrte und gewisse Emotionen zeigte. Das muss der Monarchin schwer gefallen sein, denn sie wurde schon in ganz jungen Jahren zum Dienst an Land und Volk, zur Pflichterfüllung und zum Unterdrücken von Emotionen erzogen.
Dianas plötzlicher Tod war für die Bevölkerung, ja für die halbe Welt ein Schock, aber den grössten Schock erlitt wohl die Queen. Ihr Festhalten und ihr Glaube an Traditionen waren erschüttert. Dabei hatte sie Diana eine beispiellose Popularität des Königshauses zu verdanken gehabt.
Erlösung von Alltagssorgen
Die späten 1970er und frühen 1980er Jahre waren hart für das Vereinigte Königreich. Arbeitskonflikte führten zu Krawallen. Margaret Thatcher regierte seit 1979 als Premierministerin mit eiserner Hand. Da muss es für die Bevölkerung wie eine Erlösung von ihren Alltagssorgen gewesen sein, als im Februar 1981 die Verlobung des Thronfolgers Charles mit Lady Diana Spencer verkündet wurde. Diana wer? Sie war in den gehobenen Kreisen einigermassen bekannt, aber nicht bei den Leuten auf der Strasse. Bekannter waren ihre Schwestern Jane und Sarah, mit denen Charles je ein Techtelmechtel gehabt hatte.
Diana entstammte einer alten Adelsfamilie, ihr Vater war der 8. Graf Spencer. Hinter ihr lag eine schwierige Kindheit. Die Eltern hatten sich scheiden lassen, als sie sechs Jahre alt war, und die Mutter war mit einem anderen Mann nach Südamerika ausgewandert. Oder abgehauen, je nach Lesart.
Als Diana Charles vorgestellt wurde, war sie noch nicht zwanzig Jahre alt. Charles sagte später, als er bemerkt habe, was in seinem Kopf und vor allem, was in ihrem Kopf vorging, habe er sich entschlossen, sie zu heiraten. Aber den entscheidenden Anstoss dazu gab sein Vater.
Prinzgemahl Philip ordnete an, dass der bereits mehr als dreissig Jahre alte Charles endlich eine Jungfrau herbeischaffen müsse, um für Thronerben zusorgen. Lady Diana fand Gnade in seinen Augen. Ob das Mädchen wirklich eine ärztliche Untersuchung über sich ergehen lassen musste oder nicht, ist Thema von Informationen und Gegeninformationen. Jedenfalls wurde sie in Clarence House, dem Wohnsitz der Königinmutter, auf ihre Rolle vorbereitet.
Keine gemeinsamen Interessen
Der Presse präsentierte sich eine hübsche blonde junge Frau in einem blitzblauen Röckchen mit passendem Jäckchen über einem Blüschen mit Schleifchen am Hals. Am linken Ringfinger prange allerdings wie der britische Fels von Gibraltar ein Riesen-Klunker von Verlobungsring, ein ovaler Ceylon-Saphir von zwölf Karat, umgeben von vierzehn Diamanten, von denen jeder für sich schon einen hübschen Ring für Normalsterbliche abgegeben hätte.
Der Ring stammte vom damaligen Hofjuwelier Garrard an der Londoner Regent Street und war nicht etwa eine Spezialanfertigung für eine künftige Königin, sondern ein teures Stück aus der Kollektion. Nach Dianas Tod wünschte sich der damals zwölfjährige Prinz Harry diesen Ring als Andenken an seine Mutter, und Prinz William entschied sich für ihre Tank-Française-Uhr von Cartier. Sie tauschten, als William Kate Middleton einen Antrag machen wollte, damit es ein Stück der Mutter doch noch auf den britischen Thron schaffe, wie Harry seinem Bruder sagte.
Als Charles und Diana damals gefragt wurden, ob sie verliebt seien, sagte Diana „Natürlich!“, aber ihr Verlobter reagierte eher ausweichend. Und auf die Frage, was sie gemeinsam hätten, wussten beide keine Antwort. Es war nicht so sehr der Altersunterschied von dreizehn Jahren, der die Kluft ausmachte, sondern eher das Fehlen gemeinsamer Interessen jenseits der Repräsentation. Ausserdem war Charles seit Jahren mit Camilla Parker Bowles liiert, und er soll sogar die Nacht vor seiner Hochzeit im Juli 1981 mit ihr verbracht haben.
Der öffentliche Kuss
Diana hatte die Designer ihres Verlobungs-Blüschens mit dem Entwurf ihres Brautkleids beauftragt. Elizabeth Emanuel und ihr damaliger Mann David verarbeiteten Kilometer von Seide und Tüll, in denen die künftige Prinzessin von Wales beinahe verschwand. Jedenfalls sah Diana, deren exzellenter Kleiderstil später gerühmt wurde, an ihrem Hochzeitstag aus wie ein Riesen-Meringue aus dem Emmental.
Ein grosser Teil von Dianas Kleidern ist übrigens noch bis Ende Februar 2018 im Londoner Kensington Palace ausgestellt. Zwei Dutzend Roben hatte sie bereits auf Anraten ihres Sohnes William zugunsten ihrer Wohltätigkeitsarbeit versteigern lassen.
Als neues Element des Massenspektakels Diana startete eine Tradition, der sich seither kein einziges royales Brautpaar entzogen hat: Beim Auftritt des Brautpaars auf dem Balkon des Buckingham Palace applizierte sie ihren Mann einen öffentlichen Kuss. Die Bevölkerung war begeistert. Noch begeisterter waren alle, auch die Royals, als nach einem Jahr Sohn William geboren wurde und drei Jahre später Prinz Harry, den Diana sarkastisch ihre Reserve („my spare“) nannte.
Zerrüttete Ehe
Damals war die Ehe bereits zerrüttet. Auch die Kinder, die Diana abgöttisch liebte und umsorgte, konnten nichts retten. In ihrer Ehe seien sie – mit Camilla – immer zu dritt gewesen, was etwas eng geworden sei, sagte Diana später in einem für die Royals, die sie „die Firma“ nannte, vernichtenden BBC-Interview. Sie sagte, sie werde wohl nie Königin von England werden, aber sie würde gern die Königin der Herzen sein. Und sie sprach Charles jede Befähigung ab, König zu sein. Er wolle das auch gar nicht. Ihr Sohn William solle nach dem Tod der Queen direkt den Thron besteigen.
Das ist in England wegen der Erbfolgeregelung wohl nur schwer möglich. Aber wenn die 91-jährige Queen so alt wird wie ihre Mutter, könnte Charles, der demnächst siebzig wird, den Thron erst im Alter von achtzig Jahren besteigen. Allerdings soll er der Queen künftig einiges abnehmen dürfen, nicht nur Repräsentationspflichten.
Der Vater hatte Charles zur Ehe gezwungen, die Mutter zwang ihn nach einiger Zeit der Trennung von seiner Frau zur Scheidung. Die „Top-Lady“, wie Diana die Queen nannte, reagierte nicht eben einfühlsam auf Dianas Hilferuf zur Rettung ihrer Ehe. In der königlichen Familie war Untreue seit Jahrhunderten nicht unüblich, aber im 20. Jahrhundert nicht mehr angemessen. Damit konnte die Queen nicht umgehen.
Eigenständiges Leben
Diana lernte ihre Rolle neu. Hatte sie noch bei Foto-Shootings von Skiaufenthalten in der Schweiz oder in Liechtenstein geschmollt wie ein unartiges Kind, führte sie fortan mit echter oder gespielter Selbstsicherheit quasi als Konkurrenzunternehmen ihr eigenes Leben, auch mit den Kindern. Die Royals waren eifersüchtig. Die „Firma“ hatte ihr nach der Scheidung den Titel einer Königlichen Hoheit sofort entzogen; sie war noch Prinzessin von Wales, für die Royals aber ein Niemand.
Aber Diana verschaffte sich Respekt für ihren Einsatz zugunsten von Aidskranken, Obdachlosen oder von Landminen-Versehrten. Aus Dianas Reaktion auf die abschätzige Behandlung durch „die Firma“ haben die Royals wohl Lehren gezogen. Wie sonst hätte der Thronfolger Nummer zwei, Prinz William, eine Bürgerliche heiraten dürfen? Adel verpflichtet – zu gar nichts.
Einsam und verletzlich
Auch Diana hatte Affären, vor der Scheidung mit einem Gardeoffizier und dann vor allem mit einem pakistanischen Herzchirurgen an einem Londoner Spital, der auf sie verzichtete, weil ihm sein Beruf wichtiger war als ein Leben in der Öffentlichkeit mit der meistfotografierten Frau der Welt.
Viele Royal-Watcher sind überzeugt, dass Diana auch nicht bei Dodi al-Faed geblieben wäre. Paparazzi schossen ein Foto, wie sie am äussersten Ende des Sprungbretts auf Dodis Jacht sitzt, einsam, wie einst ganz allein auf dem Symbolbild vor dem Taj Mahal. Ihre Beliebtheit stützte sich wohl auch auf die Zurschaustellung ihrer Verletzlichkeit und Zwiespältigkeit.
Heute wäre Diana 56 Jahre alt. Spekulationen über ihr Leben auf dem Weg ins Alter sind müssig. Sie ist durch ihren plötzlichen Unfalltod zum Mythos geworden. Wäre sie immer noch ein Fixpunkt des öffentlichen Interesses? Wer weiss. Die Söhne halten die Erinnerung an ihre Mutter wach, wie sie in einer TV-Dokumentation bekräftigten. Sie engagieren sich an ihrer Stelle für Wohltätigkeitsanliegen.
Die Erinnerung an die Königin der Herzen, an die Prinzessin des Volkes ist erstaunlich lebendig geblieben. An ihrer letzten Ruhestätte im Spencer-Anwesen Althorp, deren hohe Eintrittsgebühren angeblich ihren Bruder vor dem Ruin gerettet haben, legen noch immer Besuchende Blumen und Grusskarten nieder. Es ist wohl so, wie Elton John in der Westminster Abbey sang: Ihre Kerze hat der Wind ausgelöscht, aber nicht ihre Legende.