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Ausstellung
Die auf Grundlage einer Privatsammlung zusammengestellte Ausstellung beleuchtet die vielfältigen Lebensumstände des Künstlers und zeigt einige seiner ikonischsten Werke. Die Arbeiten präsentieren nicht nur ein schillerndes Who-is-Who der Pariser Avantgarde, sondern unterstreichen auch die fototechnischen Innovationen, die Man Ray im Paris der 1920er- und 1930er-Jahre entwickelte.
Seine ersten Fotografien entstehen in den 1910er-Jahren in New York, aber ihren eigentlichen Beginn nimmt seine Karriere in Paris. Noch bevor er 1922 sein Studio in Montparnasse eröffnet, arbeitet Man Ray ein Jahr lang in einem angemieteten Hotelzimmer. Der Bekanntheitsgrad des Fotografen steigt, und schon bald wird das Atelier des Künstlers zum beliebten Treffpunkt. Zu den Modefotografien gesellen sich nun Porträts diverser Persönlichkeiten der schillernden Pariser Kunstszene der damaligen Zeit: Marcel Duchamp, den er 1915 in New York kennenlernt und der ihn in die Pariser Künstlerelite einführt, Robert Delaunay, Georges Braque, Alberto Giacometti, Pablo Picasso – zahlreiche Maler stehen für den Fotografen Modell. Unter seinen Porträts finden sich auch Tänzerinnen der Ballets Russes oder die Gäste des Kostümballs des Grafen von Beaumont.
Man Ray gelingt es, sich bald nach seiner Ankunft in Paris im Sommer 1921 Zugang zum Zentrum der Pariser Kunst- und Intellektuellenszene der „Wilden Zwanziger“ zu verschaffen. So lernt er Jean Cocteau kennen, der selbst ebenfalls sehr gut vernetzt ist, André Breton, aber auch Francis Picabia, Joan Miró, Salvador Dalí, Henri Matisse und Max Ernst. Er trifft auch auf Gertrude Stein, Virginia Woolf, Igor Stravinsky, Ernest Hemingway, Arnold Schoenberg und James Joyce, den er für die englischsprachige Buchhandlung Shakespeare and Company fotografiert.
Doch Man Ray begnügt sich nicht damit, Berühmtheiten in seinem Atelier posieren zu lassen oder das Genre des weiblichen Akts durch die Arbeit mit den Frauen zu erforschen, die er als seine Musen betrachtet, wie Lee Miller, Kiki de Montparnasse, Meret Oppenheim oder Adrienne Fidelin.
Vielmehr experimentiert er auch in der Dunkelkammer und macht das Medium der Fotografie zu einem mächtigen Werkzeug seines künstlerischen Ausdrucks. Er geht sogar so weit, gänzlich auf die Kamera zu verzichten, als er 1921-1922 beginnt, Fotogramme zu erschaffen, die er – mit Bezug auf seinen eigenen Namen – „Rayographien“ nennt. Diese Arbeit mit dem Licht in der Dunkelkammer, so erklärt er später, erlaubt es ihm, sich von der Malerei zu befreien, da er überzeugt ist von der visuellen Kraft seiner Experimente. In den 1920er-Jahren wagt er sich auch an die Arbeit mit bewegten Bildern und produziert vier Filme. Der Rhythmus und die Freiheit, die ihm das Kino bietet, stellen für ihn eine Ergänzung zu seiner fotografischen Arbeit dar, wobei er zudem eine enge Beziehung zwischen Film und Poesie sieht. Dies ist auch der Grund, weshalb er seinem Film Emak Bakia (1926) den Zusatztitel „Cinepoem“ gibt. Ohne jemals die Porträtfotografie aufzugeben, experimentiert er in den 1930er-Jahren noch mit weiteren Techniken wie etwa der Solarisation, der Doppelbelichtung und anderen Arten von Effekten und Verzerrungen.
Seit seinen Anfängen bedeutet die Fotografie für ihn mehr als einen einfachen Abbildungsprozess. Seine Fotos entstehen nicht flüchtig, sondern werden minutiös im Studio in Szene gesetzt. Anders als beispielsweise Henri Cartier-Bresson, der sich bei seiner Strassenfotografie für eine spontane Herangehensweise entscheidet, komponiert und arrangiert Man Ray seine Aufnahmen. Das Studio bietet ihm dazu einen Raum, an dem er seiner Fantasie freien Lauf lassen kann. In seinem Werk finden sich bestimmte Themen wieder, die auch im Surrealismus eine wichtige Rolle spielen: die Weiblichkeit, die Sexualität, das Seltsame, die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit. Zu seinen künstlerischen Experimenten gehören auch seine Aktstudien, die er in enger Zusammenarbeit mit seinen Geliebten und Lebensgefährtinnen entwickelt, die wie er der Pariser Künstler:innenszene angehören. Kiki de Montparnasse – die Frau mit den aufgemalten Schalllöchern einer Violine auf dem Rücken –, hiess bürgerlich Alice Prin und war Tänzerin, Sängerin, Schauspielerin und Malerin, die für Künstler wie Chaïm Soutine und Kees van Dongen Modell stand. Die Amerikanerin Lee Miller, die wie er aus New York gekommen war, hatte in den USA eine Karriere als Modell begonnen, wollte aber auf die andere Seite der Kamera wechseln. Mit 22 Jahren lernt sie den Fotografen im Jahr 1929 kennen und beteiligt sich an den Aktivitäten der Surrealisten. Sie ist mehr als seine Muse, sie wird seine Schülerin der Fotografie, und die beiden beginnen, zusammen zu arbeiten. Gemeinsam entwickeln sie die Technik der Solarisation. Eine weitere Künstlerin, mit der Man Ray sowohl eine berufliche als auch eine romantische Beziehung führt, ist die Schweizerin Meret Oppenheim, die zu der Zeit mit dem Kreis der Surrealisten verkehrt, bevor sie ihre eigenständige Karriere als Künstlerin verfolgt.
Man Ray liebte die Freiheit, die ihm sein fotografisches Schaffen bot; die Porträts und die Modefotografie sicherten seinen Lebensunterhalt. Im eigenen Studio widmete er sich verschiedenen visuellen Experimenten. Seine vergleichsweise klassischen Porträts zeugen nicht nur von seinem kommerziellen Erfolg, sondern auch von seiner Geselligkeit: Die Künstler:innen von Montparnasse, die Surrealist:innen, die Modewelt und die Nachtschwärmer:innen, Mäzene, Amerikaner:innen in Paris – die gesamte Künstler:innen-Prominenz gingen in seinem Atelier ein und aus, ähnlich wie im 19. Jahrhundert bei Nadar. Fast fünfzig Jahre nach seinem Tod üben Man Rays Fotografien noch immer Faszination auf uns aus. Seine Bedeutung für die Entwicklung dieses Mediums ist unbestreitbar, und grosse Fotograf:innen wie Berenice Abbott, Bill Brandt oder Lee Miller haben mit ihm und von ihm gelernt. Bis heute ist Man Ray einer der berühmtesten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Sein kreatives Schaffen, ohne Vorurteile oder Zwänge, war unermüdlich.