Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03255.jsonl.gz/619

Forschung
Bereich Osteuropäische Geschichte
Das Spektrum der Forschungsthemen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Professur für Osteuropäische Geschichte umspannnt derzeit die vergleichende Imperiengeschichte, die Umweltgeschichte sowie visuelle und raumgeschichtliche Ansätze. Zeitlich liegt der Fokus auf dem 19. und 20. Jahrhundert. Regional stehen das Russländische Imperium und die Sowjetunion, die ostmitteleuropäischen Länder sowie Südosteuropa im Mittelpunkt.
Laufende sowie abgeschlossene Dissertationen, Masterarbeiten, die von Prof. Dr. Frithjof Benjamin Schenk betreut wurden bzw. werden, finden Sie in der Forschungsdatenbank des Departements Geschichte. Genauere Informationen zu einzelnen Projekten finden Sie in der zentralen Forschungsdatenbank der Universität Basel.
Aktuelles in der Lehre
Mit den Briefen von Alfred Gysin an seine Familie in Liestal liegt ein unveröffentlichtes Quellenkorpus vor, das sich bislang in Privatbesitz befand und eine einmalige Perspektive auf die Lebenswelt des Donbas im späten Zarenreich ermöglicht. Unter der Leitung von Prof. Dr. Frithjof Benjamin Schenk transkribieren Studierende das Briefmaterial und bereiten es für eine wissenschaftliche Edition vor. Ausgehend von den Wahrnehmungs- und Ordnungskategorien des jungen Schweizer Auswanderers erarbeiten sie thematische Essays, in denen die Briefe in einen grösseren historischen Kontext eingeordnet werden.
Alfred Gysin wurde am 1. April 1883 als zweitältestes Kind von Alfred und Sophie Gysin-Brodbeck in Liestal geboren. Als ausgebildeter Primarlehrer und Student der Universität Basel machte sich Alfred Gysin im Jahr 1906 auf den Weg von Basel nach Ekaterinoslav im Gebiet der heutigen Ukraine, um als Hauslehrer bei einer Fabrikantenfamilie zu unterrichten. Während seines Aufenthalts lernte er die russische Sprache, musizierte in verschiedenen Orchestern und träumte davon, einen landwirtschaftlichen Betrieb in Südrussland aufzubauen. Nach knapp einem Jahr kehrte er in die Schweiz zurück, wo er das Mittelschullehrerdiplom erwarb und als Lehrer zuerst im Kanton Schaffhausen und später an der damaligen Mädchensekundarschule in Basel unterrichtete. – Alfred Gysin schrieb während seines Aufenthalts in Russland regelmässig Briefe an seine Familie. Seine Äusserungen zeugen von seiner differenzierten Beobachtung der politischen Situation in Russland um 1906/07 sowie der multikonfessionell und polyethisch geprägten Industrieregion des Donbas. Auffallend oft thematisiert der bekennende Abstinenzler Alfred Gysin den Alkoholkonsum der Menschen in seiner Umgebung. Die Abstinenzbewegung in der Schweiz und Russland ist eines der Themen, das Studierende im Rahmen des Editionsprojekts historisch beleuchten. Weitere Essays befassen sich mit der Geschichte des Donbas im frühen 20. Jahrhundert, der Berichterstattung über Russland in Schweizer Zeitungen, der Emigration von Schweizer LehrerInnen ins Zarenreich und der Geschichte der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland um die Jahrhundertwende.
Projektleitung: F. Benjamin Schenk, Angela Boller, Anne Hasselmann
Lehrveranstaltung im Rahmen des Projekts: «Briefe aus Russland. Selbstzeugnisse eines Schweizer Auswanderers aus dem frühen 20. Jahrhundert» (FS 2018)
Beteiligte Studierende: Meret Dräyer, Julia Eberle, Oriana Fasciati, Lena Friedrich, Jonas Hinck, Sara Jevtic, A. Cristina Münch, Jorian Pawlowsky, Magdalena Polivka, Melina Schellenberg, Claire M. Schneemann, Jael Sigrist, Oliver Sterchi, Maria Stikhina, Luca Thoma, Marcel Zimmermann
Öffentliche Präsentation des Forschungsvorhabens: «Uni am Markt», u.a. am 26. September 2018 auf dem Wochenmarkt in Liestal.
Forschungsprojekte
Imperial Subjects. Autobiographische Praktiken und historischer Wandel in den Kontinentalreichen der Romanovs, Habsburger und Osmanen (Mitte 19. - frühes 20. Jahrhundert)
Der Schweizerische Nationalfonds und die Deutsche Forschungsgemeinschaft haben das Forschungsprojekt "Imperial Subjects. Autobiographische Praktiken und historischer Wandel in den Kontinentalreichen der Romanovs, Habsburger und Osmanen (Mitte 19. – frühes 20. Jahrhundert)" für die Zeit von März 2013 bis April 2016 gefördert. Im Projekt kooperierten die Universität Basel (Prof. Dr. Frithjof Benjamin Schenk, Prof. Dr. Maurus Reinkowski), die LMU München (Dr. Robert Luft, bis Ende 2016: Prof. Dr. Martin Aust) sowie die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (ab 2016: Prof. Dr. Martin Aust).
Russlands Aufbruch in die Moderne. Technische Innovation und die Neuordnung sozialer Räume im 19. Jahrhundert
In diesem Forschungsprojekt wird am Beispiel des Russländischen Reiches untersucht, welche Hoffnungen imperiale Eliten im 19. Jahrhundert in moderne Technik und Infrastruktur setzten und wie der Bau und die Nutzung von Eisenbahn, elektrischer Telegrafie und Fotografie sozialräumliche Ordnungs- und Wahrnehmungsmuster im Zarenreich nachhaltig veränderten.
SNF-Projekt: Repräsentation von Krieg in der Kriegsfotografie. Untersuchung der fotografischen Untersuchungen der fotografischen Berichterstattung über den Bosnienkrieg 1992-1995 in deutschen, österreichischen und schweizerischen Printmedien
Der Kieg im zerfallenden Jugoslawien, der 1992 auch Bosnien-Hercegovina erfasste und mit der knapp vierjährigen Belagerung Sarajevos die Welt in seinen Bann zog, wurde insbesondere über fotografische Bilder in die Welt getragen. Die Kriegberichterstattung liess die internationale Öffentlichkeit quasi in Echtzeit an den Geschehnissen teilhaben. Mit ihrem emotionalisierenden Potenzial rüttelten insbesondere die Fotografien auf, sie schockierten, kommentierten, illustrierten und klagten an. Dabei folgten sie klassischen Mustern der Kriegsberichterstattung und orientierten sich an tradierten Bildgestaltungen und Motiven. Gleichzeitig entwarfen sie aber auch eine spezifische visuelle Kennung des Konflikts.
SNF-Projekt: Ein Imperium wird vermessen: Kartographie, Wissenschaftstransfer und Raumerschliessung im Zarenreich (1797-1919)
Gegenstand des Forschungsprojektes ist die Geschichte der topographischen Vermessung und kartographischen Erschliessung des Russländischen Reiches im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die geodätische Erfassung des grössten Landes der Erde, an der zahlreiche staatliche und wissenschaftliche Institutionen mitwirkten, wird als Aspekt der Territorialisierung Russlands verstanden und hinsichtlich der Bedeutung von Wissenschaftstransfers aus dem westlichen Europa untersucht.
Einzelprojekte und Initiativen
|Personen||Projekttitel|
|Alexis Hofmeister||

Selbst Geschichte schreiben. Jüdische autobiographische Praxis in den Imperien des östlichen Europa.
|Bianca Hoenig||Flüssiges Gold für die Welt. Eine Globalgeschichte des Pilsner Bieres / Liquid Gold for the World. A Global History of Pilsner Beer.|
|Boris Belge||Umschlagorte. Eine russische Wirtschafts- und Sozialgeschichte von Häfen und Märkten vom 17. bis ins 19. Jahrhundert.|
|Charlotte Henze||The vital encounters among Russians, Finns, Swedes and Germans in the Russian Empire's Finnish borderland over the course of the 18th century|

Personen

Projekttitel

Thomas Bürgisser

Schweizerische Perspektiven auf das sozialistische Jugoslawien. Beziehungsgeschichte zweier Sonderfälle des Kalten Krieges 1944-1990

Ivo Mijnssen

Life in the Hero City: the Post-War Generation in the Brezhnev Era

Jörn Happel

Die Sowjetunion erklären. Gustav Hilger im deutsch-sowjetischen Jahrhundert
|Bianca Hoenig||

Geteilte Berge. Eine Konfliktgeschichte der Naturnutzung in der Tatra
Hier gelangen Sie zum vollständigen Beitrag mit zahlreichen Impressionen, der vollständigen Datenbank und sämtlichen Hintergrundinformationen.
Es ist ein besonderes Glück, dass eine so umfangreiche Postkartensammlung wie die der russischen Familie Radzievsky den Weg in den Besitz des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte der Universität Basel gefunden hat.
Vera Radzievska suchte und kaufte die alten Postkarten über viele Jahre hinweg auf unterschiedlichen Moskauer Flohmärkten. Zusammen mit ihrem in Paris lebenden Sohn, Pavel Radzievsky, hegte sie ein reges Interesse an alten Büchern und historischen Gegenständen. Die Postkartenraritäten, so ihr gemeinsamer langjähriger Wunsch, sollten einst die Grundlage für eine Ausstellung bilden. Pavel Radzievsky war vermutlich Anfang der 1980er Jahre aus Moskau nach Frankreich emigriert und liess sich in Paris als Antiquar nieder. Er kaufte Bücher von russischen Emigranten auf, zum Teil Erstausgaben und Raritäten, die im Exil in Berlin, Prag oder Paris erschienen waren. Gleichzeitig versorgte ihn seine Mutter regelmässig mit antiquarischen Buchlieferungen aus Russland. Hierüber entstand schliesslich die enge Verbindung der Radzievskys zur Basler Universitätsbibliothek: Erstmals trat der Antiquar im Jahre 1986 aufgrund der weit über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannten Sammlung des Basler Theologen Fritz Lieb an die Universitätsbibliothek heran und bot ihr in Ergänzung zum Basler Marina Zwetajewa-Archiv drei Erstausgaben mit Autographen der Autorin an. In den darauffolgenden Jahren kam es immer wieder zu wertvollen Bücherankäufen durch die Bibliothek. Nach Pavels frühem Tod Mitte der 1990er Jahre war es seine mittlerweile aus Russland emigrierte Mutter, die die Reisen nach Basel unternahm. Anlässlich ihres letzten Besuchs 1998/99 schenkte sie Dr. Helena Kanyar-Becker, die als Fachreferentin für Slavistik in der Universitätsbibliothek über Jahrzehnte für die Aufkäufe der antiquarischen Bücher zuständig war, ihre wertvolle Postkartensammlung, in der Hoffnung, dass sie einmal Gegenstand einer Ausstellung werden würde.
Frau Kanyar-Becker gab diese Sammlung von insgesamt 409 Einzelstücken an den Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte weiter. Vom 12. Dezember 2009 bis zum 26. März 2010 wurde die Ausstellung „Liebe Grüsse aus Moskau. Eine Postkarten-Reise ins Zarenreich“ dann schliesslich innerhalb der Räume der Universitätsbibliothek Basel realisiert. Sie wurde unter der Leitung Professor Heiko Haumanns und dem damals als Kuratoren fungierenden Assistenten Jörn Happel unter Mitarbeit von Lehrstuhlmitgliedern und einigen Studierenden erarbeitet. Der Erfolg der Ausstellung war so groß, dass sie daraufhin auf Wanderschaft ging und ebenfalls in Astano (Tessin) und in Kiel gezeigt wurde.
Am 9. April 2017 wurde zum ersten Mal überhaupt eine Kooperations-Veranstaltung der Lehrstühle für Osteuropäische Geschichte der Universitäten Basel, Bern und Zürich durchgeführt. Anlässlich des 100. Jahrestages der Abfahrt des sogenannten „Lenin-Zuges“ von Zürich nach Petrograd wurde am 9. April 2017 in Zürich in verschiedenen Formaten ein öffentlicher Dialog über Geschichte geführt.
Interessierte Personen waren eingeladen, an den Kurzvorträgen der LehrstuhlinhaberInnen teilzunehmen und sich in der anschliessenden Diskussionsrunde einzubringen. Das Publikum interessierte besonders die Frage, wie die Geschichte in Russland und Europa verlaufen wäre, wenn Lenin am 9. April 1917 nicht in Zürich den Zug nach Petrograd bestiegen hätte. Des Weiteren fand ein ebenfalls sehr gut besuchtes Podiumsgespräch mit renommierten Historikern aus Russland und Deutschland statt, an dem über aktuelle geschichtspolitische Fragen und die Bedeutung der Russischen Revolution gesprochen wurde. Die Gespräche rückten die Aktualität von historischen Fragen in den Fokus. Unter anderem wurde über die ambivalente Bedeutung der Russischen Revolution zwischen Apokalypse und Utopie diskutiert. Ein Ensemble des Berner StudentInnen Theaters inszenierte im Landesmuseum eindrücklich Zeitdokumente wie Erinnerungstexte von Mitreisenden und verschiedene literarische Verarbeitungen der Zugfahrt. An den Veranstaltungen, die in den Räumlichkeiten des Landesmuseums stattfanden, nahmen insgesamt über 450 Personen teil.
Den Höhepunkt des Tages bildete die Uraufführung des Stücks „Zürich – Petrograd einfach“ des Ensembles Thorgevsky & Wiener. Die Darbietung fand in einem historischen Zug statt, der die Schweizer Strecke (Zürich-Schaffhausen) von Lenins Reise abfuhr. Für eine knappe Stunde war der Zürcher Hauptbahnhof eingenommen vom Geist der Revolution: Nicht nur die Anzeigetafel verwies auf den Extrazug, PassagierInnen und PassantInnen wurden auch per Lautsprecher-Durchsage darauf aufmerksam gemacht. Bereits um 15.05 Uhr konnten die über 300 versammelten Mitreisenden sowie zahlreiche weitere Interessierte auf Perron 8 einer „Rede Lenins“ beiwohnen – im Hintergrund die Dampflokomotive mit Jahrgang 1904 inklusive historischem Rollmaterial. Um 15.29 schliesslich setzte sich der Zug in Bewegung – 100 Jahre nach der Abfahrt des Zuges mit den RevolutionärInnen an Bord.
Im restlos ausverkauften Zug durften die Passagiere einer einzigartigen Inszenierung der Zugfahrt und ihrer Folgen beiwohnen. Das Theaterstück trug seinen Teil zum multiperspektivischen Veranstaltungstag bei, an dem eine breite Palette an unterschiedlichen Sichtweisen auf die historischen Gegebenheiten Platz fand.