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Wirtshausgespräch beim Jahrmarkt in Ardez
Aufzeichnungen von gewöhnlichen Gesprächssituationen sind in den Bündner Quellen zur Frühen Neuzeit eher selten. Der hier zu transkribierende Text stammt aus der Feder von Martin Peider Schmid (1743-1821) und ist ein Ausschnitt aus einem detaillierten Augenzeugenbericht über den Ardezer Jahrmarkt vom 21. September 1773.
Der Autor, in Ftan (Unterengadin) geboren, gehörte zur Dorfaristokratie. Schmid, welcher das Prädikat "von Grüneck" verwendete, obwohl er nicht mit der gleichnamigen Familie aus der Surselva verwandt war, hatte in französischen Diensten als Leutnant im Regiment Salis gedient, ehe er sich dort früh verabschiedete, ins Unterengadin zurückkehrte und in Ftan diverse Ämter bekleidete.
Neben seiner Amtstätigkeit schrieb er eine fast 2000-seitigein zwei Bänden, die neben historischen Begebenheiten auch viele Alltagsgeschichten enthält. Dieses eigenwillige Interesse für das Nahe und Zeitgenössische verleiht seinem Werk mit dem Titel "Chiantun verd in chronografia rhetica illustrada" einen besonderen Charakter. "Chiantun verd" ist die romanische Übersetzung des Beinamens "von Grüneck". Die Chronik ist ein herausragendes Quellenwerk zur Geschichte und Volkskunde des Unterengadins zu Ende des 18. Jahrhunderts. Martin Peider Schmid verfasste die Chronik zwischen 1773 und 1782 in Vallader, dem Unterengadiner Idiom des Rätoromanischen. Der erste ca. 1500-seitige Band befindet sich im Staatsarchiv Graubünden, der zweite in der Bibliothek der Chesa Planta in Samedan.
Das Spektrum dieser Chronik ist sehr breit. Es reicht von Stammbäumen,, Briefabschriften, Gerichtsurteilen über ein Verzeichnis der Einwohner von Ftan und Geldkurs- und Milchtabellen bis zu Schlachtenskizzen und Tanzinstruktionen, von Lobliedern über den französischen Philosophen Voltaire und medizinischen Ratschlägen, Brückenplänen für den Inn und Bilder aus der Bibel bis zu Mannschaftslisten seines Regiments und mathematischen Darstellungen sowie Berechnungen.
In seinem Text schildert Schmid den Viehmarkt, die Umzüge der Jugend, das bunte Treiben der Leute von nah und fern, das Angebot der Krämer, die Wirtshausbesuche und die Tanzveranstaltung. Diese Schilderungen sind deshalb so wichtig, weil es über die alten Viehmärkte in Graubünden kaum Quellen gibt.
Der Gang ins Wirtshaus war Sache der Männer. Der Wein war nicht nur das allseits konsumierte Getränk, sondern auch Gesprächsthema und Anknüpfungspunkt für alte Bekannte. Die Gespräche konstituieren und reproduzieren die soziale Hierarchie. Der Gebrauch von Titeln ist charakteristisch für die Zeit und insbesondere für den Autor. Die fast durchgehend in der Höflichkeitsform geführten Gespräche und die rituellen Gesten enthalten Anspielungen, die sich heute nur zum Teil entziffern lassen. Der zu transkribierende Text befindet sich auf S. 475 und 476 der Chronik.
Suggested citation
Immacolata Saulle/Sandro Decurtins: Ad fontes, Transkriptionsübung: Wirtshausgespräch beim Jahrmarkt in Ardez, CC-BY, URL: https://www.adfontes.uzh.ch/373240/