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2014 haben die Schweizer Stimmbürger die SVP-Volksinitiative «Gegen Masseneinwanderung» angenommen. Sie verlangte, dass die Schweiz ihre Zuwanderung wieder selber steuert. Bekanntermassen wurde das Anliegen nur eingeschränkt umgesetzt. Sechs Jahre später wurde dagegen die Begrenzungsinitiative abgelehnt, welche die Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union beenden wollte. Es kollidiert also ein verbreitetes Unbehagen bezüglich Zuwanderung und Bevölkerungswachstums mit dem Wunsch, am EU-Binnenmarkt und am freien Personenverkehr mit der EU festzuhalten.
Bereits lange vor der Personenfreizügigkeit mit der EU, die ab 2002 eingeführt wurde, war die Schweizer Bevölkerung auf dem Wachstumspfad (siehe Grafik 1). Viele Saisonniers wanderten dauerhaft in die Schweiz ein, was das Land auch kulturell bereicherte. Zuletzt einen Rückgang der Bevölkerung gab es in den späten 1970er-Jahren infolge der Ölkrise. Damals sorgte eine Rezession dafür, dass viele ausländische Arbeitskräfte das Land wieder verliessen. Die Wirtschaft ist bis heute der stärkste Treiber der Zuwanderung.
Die Bevölkerung der Schweiz hat sich seit 1945 verdoppelt: Sie wuchs von 4,39 Millionen auf 8,77 Millionen (per 30. Juni 2022). In den letzten 20 Jahren mit Personenfreizügigkeit ist die Wohnbevölkerung um rund 21 Prozent gestiegen. Zwar gibt es in der Schweiz weiterhin auch einen Geburtenüberschuss, stärker beeinflusst wird die Entwicklung aber vom Wanderungssaldo. In den Jahren 2020 und 2021, die von der Coronapandemie geprägt waren, wuchs die Bevölkerung jeweils um rund 65 000 Personen. Auch für das Jahr 2022 zeichnet sich wieder eine deutliche Zunahme ab: Die Nettozuwanderung dürfte erneut über 60 000 Personen betragen. Ausser in Luxemburg ist die Zuwanderung in keinem anderen europäischen Land so stark wie in der Schweiz.
Drei Szenarien des Bundes
In den «Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz und der Kantone» für die Zeit bis 2050 hat das Bundesamt für Statistik (BFS) im November 2020 drei mögliche Entwicklungen skizziert. Im mittleren «Referenzszenario», das auf einer Fortsetzung der Entwicklungen der letzten Jahre beruht, steigt die Wohnbevölkerung bis 2030 auf 9,4 Millionen und liegt im Jahr 2040 erstmals über 10 Millionen. 2050 erreicht sie 10,4 Millionen (siehe Grafik 2).
Dass die Schweiz bald die 10-Millionen-Marke knacken dürfte, wurde schon vor 50 Jahren diskutiert – und damals mit dem St. Galler Professor und HSG-Rektor Francesco Kneschaurek in Verbindung gebracht, obwohl er diese Prognose selber nicht vertrat. Von 1968 bis 1973 leitete er als Beauftragter des Bundesrates die Studien zur Entwicklung der schweizerischen Volkswirtschaft. Die «Kneschaurek-Berichte» arbeiteten bereits mit Bedingungen und Szenarien und sorgten für kontroverse Diskussionen. In seinen 1974 publizierten, umfangreichen «Perspektivstudien» rechnete Kneschaurek für die Jahrtausendwende mit 7 bis 7,1 Millionen Einwohnern – und traf damit die Realität (7,2 Millionen) erstaunlich genau.
Streitthema Zuwanderung
Aufgrund des starken Bevölkerungswachstums bleibt die Frage der Zuwanderung in der Schweizer Politik ein heisses Eisen. So arbeitet die SVP an einer «Nachhaltigkeitsinitiative», die das Bevölkerungswachstum eindämmen will. Die Überschreitung vordefinierter Schwellen soll zu automatischen Konsequenzen führen: So müsste die Schweiz etwa bei Erreichen von 10 Millionen Einwohnern die Personenfreizügigkeit mit der EU kündigen.
Auch andernorts wird diskutiert, dass ein schnelles Bevölkerungswachstum zu Problemen führt. Die NZZ schrieb kürzlich: «Ob Lehrkräfte oder Strom: Die Ressourcen müssen auf immer mehr Köpfe verteilt werden. Auf der Autobahn, in den Schulen, in den Seebädern – überall wird es eng.»
Die Liste der Probleme, die mit dem Bevölkerungswachstum in Verbindung gebracht werden, ist lang: Kulturland wird überbaut und die Landschaft wird zersiedelt.…