Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03432.jsonl.gz/213

Als Bewohner einer Grenzregion erleben die Macuxi, mindestens seit dem 18. Jahrhundert, eine ganze Reihe von widrigen Situationen, bedingt durch die nicht-indigene Besetzung ihres Wohngebietes, die sich in erster Linie in forcierten Verlegungen ihrer Dörfer, später durch den Vormarsch von Siedlern und Viehzüchtern, und neuerdings durch illegale Goldschürfer und Landspekulanten in ihrem Territorium manifestieren. In den letzten Jahrzehnten waren sie, zusammen mit anderen indigenen Völkern der Region, die Protagonisten eines interessanten Kampfes für die Anerkennung des Indio-Territoriums (IT) “Raposa Serra do Sol“ – anerkannt im Jahr 2005, und danach kämpften sie für die Vertreibung der nicht-indigenen Landbesetzer in ihrem IT, was ihnen schliesslich vom Obersten Gerichtshof in Brasília, im Jahr 2009, zugestanden wurde.
Macuxi

Andere Namen: Pemon

Sprachfamilie: Karib
Population: 29.931 (Brasilien 2010),
9.500 (Guyana 2001), 83 (Venezuela 2001)
Region: Bundesstaat Roraima (Brasilien), Guyana und Venezuela
|INHALTSVERZEICHNIS

Identifikation und Lebensraum
Geschichte des Erstkontakts
Extrativismus
Viehzucht
Indigene Organisationen
Gesellschaftliche Organisation
Kosmologie und Schamanismus
Aus der Mythologie
Produktive Aktivitäten
Die Macuxi, ein Volk aus der linguistischen Familie Karib, bewohnten ursprünglich die Guyana-Region – zwischen dem Oberlauf des Rio Branco und dem Oberlauf des Rio Rupununi, ein Territorium, welches sich heute Brasilien und Guyana teilen. Die Bezeichnung “Macuxi“ steht im Gegensatz zu den Namen der benachbarten Völker – der Taurepang, der Arekuna und der Kamarakoto – die jedoch ebenfalls zur Sprachfamilie Karib gehören und hinsichtlich ihrer Gesellschaft und Kultur den Macuxi sehr ähnlich sind. Als Gruppe bilden sie eine umgreifendere ethnische Einheit: die “Permon“, ein Terminus der seinerseits den “Kapon“ gegenübersteht, einem Terminus, der sich auf die “Arakaio“ bezieht – die auf brasilianischem Territorium als “Ingarikó“ bekannt sind – und die “Patamona“, ihre Nachbarn im Norden und im Nordosten. Die Zusammenfassung dieser ethnischen Gruppen, und ihrer verschiedenen, kontrastierenden Ebenen, bilden ein Identitätssystem, welches sie als Bewohner des Territoriums um den brasilianischen Bundesstaat Roraima von den indigenen Völkern Guyanas unterscheidet.
Im Jahr 2004 wurde die Macuxi-Bevölkerung in Brasilien auf zirka 19.000 Personen geschätzt, und etwa die Hälfte dieser Zahl wurde im Nachbarland Guyana gefunden – die einen hatten Savannen und Serras im extremen Norden des Bundesstaates Roraima besetzt, die andere Hälfte lebte im Norden des Guyana-Distrikts Rupununi. Das Territorium der Macuxi erstreckt sich über zwei ökologisch unterschiedliche Gebiete: Im Süden die “Campos“ (Savannen), im Norden ein Gebiet, in dem die “Serras“ (Berglandschaft) mit dichten Wäldern vorherrschen und so den Serra-Bewohnern andere Lebensbedingungen bieten als jenen Bewohnern der ebenen Savannen. Die Grösse des gesamten Macuxi-Territoriums wird auf 30.000 bis 40.000 Quadratkilometer geschätzt. Die Bevölkerung verteilt sich auf zahlreiche Dörfer und auch kleinere isolierte Behausungen. Man schätzt, dass es in Brasilien 140 Macuxi-Dörfer gibt, allerdings gibt es dazu keine genauen Angaben. Auf der Guyana-Seite liegen die Schätzungen bei zirka 50 Dörfern am Zusammenfluss von Maú (Ireng) und Rupununi (Daten von 2004).
Diese räumliche Verteilung der Macuxi präsentiert eine bemerkenswerte Konstante, sie hat sich mindestens seit den ersten, zur Verfügung stehenden Aufzeichnungen aus der Region des Rio-Branco-Tals, im 18. Jahrhundert, unverändert erhalten können. Heute ist das Gebiet der Macuxi in zwei grosse territoriale Blöcke unterteilt: das “Indio-Territorium (IT) Raposa Serra do Sol“, und das “IT São Marcos“ – beide beherbergen heute die Mehrzahl der Bevölkerung, davon abgesehen gibt es einige isolierte Dörfer im extremen Nordosten des Macuxi-Territoriums, in den Tälern der Flüsse Uraricoera, Amajari und Cauamé.
Die grösste Bevölkerungsdichte herrscht im TI Raposa Serra do Sol, im zentralen und weitflächigsten Teil ihres Territoriums. Dieses Gebiet wird bewohnt von (geschätzt) 10.000 Personen, verteilt auf 85 Dörfer – in der Mehrzahl “Pemon“ (Daten von 2004). Die ethnischen Grenzen der Region sind sehr dünn, aus Gründen residenzieller Arrangements zwischen Männern verschiedener Herkunft, besonders in Dörfern, die sich in Zonen ethnischer Schnittpunkte befinden – hier gibt es Gruppierungen aus gemischten Grossfamilien, zum Beispiel zwischen Macuxi und Ingaricó, zwischen Macuxi und Patamona, oder Macuxi und Wapichana, und andere.
Das IT São Marcos schliesst an das IT Raposa Serra do Sol an. Dabei handelt es sich um ein Gebiet, in dem sich 24 Macuxi-Dörfer befinden, mit einer Gesamtbevölkerung, die auf 1.934 Personen geschätzt wurde (Funai, 1996) – zum grössten Teil aus der Ethnie Macuxi.
Die koloniale portugiesische Besetzung des Rio-Branco-Tals fand in der Mitte des 18. Jahrhunderts statt. Es war vor allem eine militärstrategische Besetzung. In dieser Region, die an die spanischen und holländischen Besitzungen der Guyanas grenzte, waren die Portugiesen vor allem bestrebt, eventuelle Versuche einer Invasion ihres Herrschaftsgebietes im Amazonas-Tal zu verhindern – in diesem Sinne errichteten sie 1775 das Fort São Joaquim am Zusammenfluss des Rio Uraricoeira und dem Rio Tacutu, die zusammen den Rio Branco bilden – eine Wasserstrasse zu den Becken des Orinoco und des Essequibo.
Die von den Portugiesen angewandte Strategie, sich der dauerhaften Besetzung des Tals zu versichern, gründete auf der Idee, die Indios rund um das Fort anzusiedeln. Dazu suchten sie sich unter der indigenen Bevölkerung die entsprechenden Führer und ihre Nationen heraus, um sie mit Geschenken und Waffen für die Vorteile zu gewinnen, die ihren Leuten durch eine Ansiedlung rund um das Fort erwachsen würden.
Die zur Verfügung stehenden Informationen bezüglich des Kontakts mit den Macuxi während jener Periode sind spärlich und bestehen aus wenigen Fragmenten. Überraschenderweise erscheinen die Macuxi unter den entstehenden Dorfgemeinschaften nur in geringer Zahl – es gibt nur Aufzeichnungen von zwei Macuxi-Führern: Ananahy, im Jahr 1784, und Paraujamari, im Jahr 1788, die mit jeweils einer kleinen Gruppe am Fort ein Dorf errichteten. Jedoch verblieben sie nicht lange in diesen Dörfern. Etwa um 1790 wurde Paraujamari angeklagt, eine grosse Rebellion anzuführen – der grösste Teil der Indios floh aus den Dörfern, und die Zurückgebliebenen wurden auf andere portugiesische Dörfer am Rio Negro verteilt.
Jene Revolte machte der offiziellen Siedlungspolitik ein Ende, und es wurden während des 18. Jahrhunderts keine neuen Versuche zur Kolonisierung in diesem Gebiet gemacht. Jedoch gibt es viele Indizien dafür, dass jene Expeditionen für eine gewaltsame Rekrutierung der indigenen Bevölkerung auch weiterhin aufrecht erhalten wurden, getrieben von anderen portugiesischen Interessen an dieser Region.
(Bewirtschaftungsform von Naturlandschaften, aus denen Produkte entnommen werden, ohne die natürlich vorkommende Artenzusammensetzung zu stören).
Eine neue Kontaktphase, die auf noch drastischere Weise die Macuxi-Bevölkerung in Bedrängnis brachte, nahm ihren Anfang im 19. Jahrhundert, mit der Expansion des Gummi-Booms in Amazonien, und ganz besonders mit der Extraktion des Kautschuks in den Wäldern des Unteren Rio Branco. Die Verlegung der versklavten Indios war hauptsächlich für das Gebiet des Rio Negro bestimmt, aber es gab auch Verlegungen ins nahe Tal des Rio Branco, wo sie als Arbeitskräfte zur Latexgewinnung eingesetzt wurden.
Solche Unternehmen privaten Charakters prägten die Art und Weise der interethnischen Beziehungen jener Zeit. Obwohl die kaiserliche Regierung eine konstante Sorge hinsichtlich der Anwendung einer offiziellen indigenen Politik in dieser Grenzregion demonstrierte, enthüllen die zur Verfügung stehenden administrativen Aufzeichnungen ihre Nachlässigkeit auf diesem Gebiet. Bereits in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, besonders nach der Einführung der Republik, als sich der Höhepunkt des Gummi-Zyklus näherte, wurde die regionale Bevölkerung als notwendige Helfer für die regionale Kolonisierung betrachtet: Als Beherrscher des Kommerz und der Kommunikation mit dem Hinterland, wurden die “Regatões“ (jene Händler, die mit ihren Hausbooten die Flüsse befuhren und mit den indigenen Anwohnern Industrieprodukte gegen solche aus den Wäldern eintauschten) die ungekrönten Könige des Interiors.
Es scheint eine direkte Verbindung zwischen dem Extrativismus des Unteren Rio Branco und der Viehzucht bestanden zu haben, die sich am oberen Verlauf dieses Flusses entwickelte: Das Kapital aus der Latexgewinnung finanzierte die Viehzucht. Im Gegenzug begünstigte die Viehzucht auf den Savannen des Oberen Rio Branco die Rekrutierung der indigenen Arbeitskräfte in der Region, die man nicht nur zur Extraktion des Latex einsetzte, sondern zu allen anderen Nebenarbeiten ebenfalls heranzog, speziell zur Navigation auf den Flüssen. Den Regatões und anderen Unternehmern in der Region war es freigestellt, die Indios zu bestrafen und sie zur Arbeit zu zwingen. Es gab keine Instanz, die sie für die Sklaverei bestrafen würde, aber genau so behandelten sie die Indios.
In Zusammenhang mit der Zwangsarbeit, macht die ebenfalls erzwungene Abwanderung diesen historischen Moment einzigartig in seiner Grausamkeit – und die Abwanderungen unter der indigenen Bevölkerung des Oberen Rio Branco waren vielmehr die Folge einer Vertreibung durch den Vormarsch der Viehzüchter, als durch die Verlegung der Latex-Arbeitskräfte.
Nach dem Übergang ins 20. Jahrhundert führte man die in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich eingeführte Rekrutierung indigener Arbeitskräfte zwar weiter, jedoch mit zunehmend weniger Erfolg. Verlassene Dörfer und Massenfluchten, provoziert durch die Ankunft der Weissen, wurden nicht nur von den Chronisten des Rio Branco registriert, sondern ebenfalls von den Macuxi, und sie haben sich bis heute in ihrer Erinnerung erhalten. Geprägt von einem dramatischen Abschnitt ihrer Existenz, leben sie wieder auf in ihren Erzählungen aus historischen Tagen.
Die traditionelle politische Führung der Macuxi, eine Position, die von einer Person zur Artikulierung einer lokalen Gruppe übernommen wurde, verwandelte sich, angesichts der plötzlichen Gewalt, den der intensivere Kontakt mit der regionalen Bevölkerung in den ersten Jahren des 20. Jahrhundert auslöste, in eine Art Katalysator der Forderungen seitens der regionalen Bevölkerung und der indigenen Agenten (Missionaren oder Staatsbeamten) an die indigene Bevölkerung, die sich auf kleine lokale Gruppen verteilte.
In den 1970er Jahren, einer Periode, die von einer Zunahme und Erweiterung der Kontakte geprägt war, taten sich einige politische Führer der lokalen Macuxi-Gruppen hervor, indem sie privilegierte Mittlerfunktionen zur Stabilisierung der Beziehungen zwischen der indigenen Bevölkerung der Dörfer und den Agenten der nationalen Gesellschaft übernahmen.
Durch die Vermittlung jener lokalen Führer, verwandelten sich die pro-indigenen Agenturen in Industriegüter-Vertriebe für Indios und alternativ auch für Kolonisten und Goldschürfer. Aufgrund der unterschiedlichen Positionen der offiziellen pro-indigenen Agenten und der katholischen Missionare gegenüber der regionalen Bevölkerung – sie vertraten im Disput um die Anerkennung der territorialen Rechte der Indios gegensätzliche Meinungen – bedienten sich zuerst die Missionare, und später auch die FUNAI, einer Strategie, die kommerziellen Verbindungen zwischen den Indios und der regionalen Bevölkerung zu unterminieren, um dadurch ihren Einfluss auf sie zu erweitern. Bis dato wurden industrielle Güter, die von den Regionalen an die Indios geliefert wurden, von ersteren auf einer Liste vermerkt, um diese dann später durch die Arbeitskraft der indigenen Schuldner einzutreiben. In der Absicht, dieses System zu unterminieren, trachteten die Missionare danach, die von den Indios gewünschten Industriegüter teilweise zu ersetzen, und setzten sie unter Druck, ihre Schulden bei den jeweiligen “Patrões“ zu begleichen.
Jener “Ausgleich der Schulden“ wurde mittels einer Promotion jährlicher Versammlungen mit den lokalen indigenen Führern abgewickelt, die man “Assembleias de Tuxauas“ (Versammlungen der Häuptlinge) nannte, gesponsert von der Diozese Roraima ab 1975, anlässlich derer man die Bedingungen und “Verdienste“ jeder indigenen Kommune diskutierte, durch die diese in den Besitz der von den Missionaren verteilten Güter kommen würden. Dazu muss noch gesagt werden, dass die bei den Versammlungen anwesenden politischen Führer aus Dörfern stammten, auf die Missionare ihre Aktionen konzentrierten, das heisst, in der Region der Serras (Bergregion): einer Gegend im Gegensatz zu den landwirtschaftlich kultivierten Ebenen, und deshalb weit weg von den Farmen und Siedlungen der regionalen Bevölkerung.
Man entwickelte Projekte für Viehzucht und die Verteilung von Nahrungsmitteln, die kein grosser Erfolg waren, sondern eine Reihe von Konflikten zwischen den verschiedenen indigenen Führern hervorriefen, Dispute und Beschuldigungen wegen ungerechter Bevorzugung machten die Runde, und der Wunsch nach einer neuen Art von indigener Organisation entstand. Der Entwurf dazu kam auch von den Missionaren, er bestand aus der Gründung eines “Regionalrates“, das heisst, von den lokalen Kommunen unabhängige Instanz, bestehend aus Führern der Macuxi, Ingaricó, Taurepang, Wapixana und Yanomami.
Im Verlauf der “Assembleia dos Tuxauas“ im Januar 1984, wurden sieben Regionalrats-Instanzen in den folgenden Gebieten gegründet: „Serras, Surumu, Amajari, Serra da Lua, Raposa, Taiano“ und “Catrimani“. Sie hatten die Aufgabe, die externen Beziehungen zwischen den Indios und der regionalen Bevölkerung zu moderieren, sowie auch über die Formulierung und Ausführung von Projekten zu wachen, die von verschiedenen Agenturen gesponsert wurden. Der aktivste war zweifellos der Regionalrat der Serra-Region, er befand sich in einem Gebiet, in dem andauernde Konflikte mit der regionalen Bevölkerung stattfanden. Der Rat denunzierte die Rädelsführer bei den Autoritäten der Regierung.
Als Ergebnis der “Regionalräte“ bildete sich schliesslich eine zentrale Koordination, mit Sitz in der Hauptstadt Boa Vista, das war der Moment, den man als die Einführung des “Conselho Indígena de Roraima (CIR)“ (Indigener Rat von Roraima) bezeichnen kann. Die Mitglieder dieser Instanz werden in offenem Wahlgang von der Regionalräten ernannt, dabei respektiert man ein rotierendes Führungsschema.
Im Verlauf dieses Prozesses wurden weitere Organisationen in dieser Region gegründet, in denen indigene Segmente für die Anerkennung des IT “Raposa Serra do Sol“ kämpften, wie zum Beispiel die CIR selbst (deren gegenwärtiger Koordinator Macuxi-Angehöriger ist) – die APIR (Associação dos Povos Indígenas de Roraima – Indigene Volksorganisation) – die OPIR (Organização dos Professores Indígenas de Roraima – Indigene Lehrerorganisation) – und die OMIR (Organização das Mulheres Indígenas de Roraima – Indigene Frauenorganisation). Andere Organisationen sind strikt gegen eine “kontinuierliche Demarkation“ (ohne Trennungsbereiche zwischen den einzelnen Ethnien), wie die SODIUR (Sociedade de Defesa dos Índios Unidos do Norte de Roraima), a ARIKON (Associação Regional Indígena dos Rios Kinô, Cotingo e Monte Roraima), ALIDICIR (Aliança para o Desenvolvimento das Comunidades Indígenas de Roraima) e AMIGB (Associação Municipal Indígena Guàkrî de Boa Vista).
Für die Dörfer im Wald sind die kommunalen Häuser charakteristisch, in denen verschiedene “Haushaltsgruppen“ zusammen leben, bestehend aus Grossfamilien, die miteinander verwandt sind. In Savannengebieten findet man, in der Regel, verstreute Häuser mit Gruppen, deren Komposition sich analog zur oben beschriebenen verhält; in diesem Sinne stellt ein Dorf in der Savanne eine Erweiterung des typischen Kommunalhauses des Waldes dar. Obwohl sich die Quellen aus dem 20. Jahrhundert auf Macuxi-Dörfer beziehen, die aus Kommunalhäusern mit geringer Bewohnerzahl bestanden – die Angaben nennen zirka dreissig bis sechzig Personen in einem Dorf (R. Schomburgk, 1922-23; R.H. Schomburgk, 1903), hat man gegenwärtig eine Verbreitung von Dörfern festgestellt, die aus kleinen Häusern mit Grossfamilien bestehen und eine viel höhere Gesamtbevölkerung in sich vereinen, die auf zwischen hundert und zweihundert Personen pro Dorf geschätzt wird.
Die Anlage eines Macuxi-Dorfes demonstriert einem Beobachter nicht sofort seine gesellschaftliche Morphologie. Die Häuser scheinen sich ganz zufällig über das Territorium zu verteilen, jedoch bei einem zweiten aufmerksamen Blick bemerkt man, dass sie in Gruppen angelegt sind, die verwandtschaftlichen Verbindungen entsprechen. Und die bilden politische Einheiten, deren Interaktion das gesellschaftliche und politische Leben des Dorfes bestimmt.
Das Macuxi-Dorf besteht auf diese Weise aus einer oder mehreren Verwandtschaften, die durch Eheschliessungen untereinander verbunden sind. Mit einer “uxorilokalen Tendenz“ (nach der Heirat wohnt das Paar zusammen mit der Familie der Ehefrau), die man bei den Gesellschaften dieser Region feststellen kann, sind Wohnung und Verwandtschaft assoziierte Instanzen, die artikuliert, eine Führungsrolle hervorbringen. In diesem Sinne organisiert sich eine lokale Gruppe um eine Führungsfigur, einem Schwiegervater, von dessen politischem Talent bei der Manipulation der verwandtschaftlichen Verbindungen, ihre Existenz abhängt. Mit dem Prestigeverlust des leitenden Schwiegervaters oder seinem Tod, tendiert die lokale Gruppe dazu, sich anderweitig zu orientieren oder sich aufzulösen. Aber selbst in diesem letzten Fall, bleibt das Dorf als historisch-geografische Referenz bestehen.
Die eheliche Politik der Macuxi tendiert zu einer Bevorzugung endogamer Verbindungen, das heisst, man heiratet vorzugsweise innerhalb der Verwandtschaft, aus der das Dorf besteht. Allerdings kann man heutzutage auch eine grosse Anzahl Eheschliessungen zwischen Dörfern feststellen, die ihre Verbindungen ausweiten.
Wie auch bei anderen Pemon-Gruppen, wird auch bei den Macuxi das Verhältnis zwischen Cousins (yakó) von absoluter Freizügigkeit und Gleichheit bestimmt, dagegen verlangt das Verhältnis Schwiegervater-Schwiegersohn von letzterem eine zurückhaltende, unterwürfige Haltung und eine bemerkenswerte Pflichterfüllung.
Im Dorf entsteht daher politische Führung aus dem Umgang mit der Verwandtschaft – Führer ist derjenige, der ein grösseres Netz an Verwandten aufweisen kann und so mehr politische Anhänger hat. Heutzutage muss man noch den entscheidenden Faktor berücksichtigen, den die Aktionen von indigenen und pro-indigenen Agenturen darstellen, durch die ein Führer Prestige und materielle Zuwendungen bekommen kann, was ihm grössere Stabilität grantiert.
Das Universum der Macuxi setzt sich aus drei übereinander gelagerten Schichten zusammen, die auf der Linie des Horizonts zusammentreffen. Die terrestrische Oberfläche, auf der wir leben, ist die Mittelschicht – darunter gibt es eine subterrane Schicht, bewohnt von den “Wanabaricon“, das sind menschenähnliche Wesen, aber mit kleinerer Statur, die Felder bepflanzen, jagen, fischen und auch Häuser bauen. Der Himmel, den wir von der terrestrischen Oberfläche aus sehen können, ist die Basis der oberen Schicht (Kapragon), bevölkert von verschiedenen, ganz unterschiedlichen Wesen, inklusive der himmlischen Körper und der beflügelten Tiere, unter anderen, die ebenso wie die Menschen, von Ackerbau, Jagd und Fischfang existieren. Die Macuxi haben keinerlei Beziehung zu jenen Wesen der anderen beiden Schichten des Universums, die ihrerseits auch nicht in das Schicksal der Macuxi eingreifen.
Die mittlere Schicht jedoch ist nicht nur von den Menschen und Tieren besetzt, sondern wird noch von zwei weiteren Wesensklassen bewohnt: den “Omá:kon“ und den “Makoi“. Man unterscheidet die beiden Klassen durch den Ort, den sie jeweils bewohnen. So lebt die Kategorie der Omá:kon vorzugsweise in den Serras – besonders in felsigen und trockeneren Arealen der Bergketten, aber auch in den Wäldern. Ihre Erscheinung, obwohl sehr unterschiedlich, ist wild und asozial: Sie haben lange Haare und Krallen, und sie reden unartikuliert. Sie können sich in jagdbare Tiere verwandeln, obwohl sie es sind, die Menschen jagen.
Die Makoi-Wesen leben vor allem aquatisch, sie bewohnen Wasserfälle und tiefere Gewässer. In der Regel verwandeln sie sich in eine unterschiedliche Palette von Wasserschlangen. Sie werden als die gefährlichsten für die Menschen angesehen, die sie in ihren Herrschaftsbereich locken und dann verschlingen.
Wenn die Omá:kon oder Makoi eine menschliche Seele gefangen halten (Stekaton), erkrankt das Opfer und stirbt. Allein die Schamanen (Piatzán) können den Omá:kon und Maikon die Stirn bieten, denn sie besitzen die Fähigkeit, sie sehen zu können, und sie besitzen die übernatürlichen Waffen, um sie zu neutralisieren. Die Aktion eines Schamanen besteht aus der Errettung der gefangenen Seele – denn Krankheiten sind der Beweis von Aggressionen jener beiden Wesensklassen gegen die menschliche Seele – die er aus ihrem Gefängnis zurück in ihren Körper holt, mit Gesängen, die den jeweiligen Stand seiner Aktion beschreiben.
Die Kapon bezeichnen sich alle als ”Tomba” – Verwandte, so wie die Pemon sich alle als “Yomba“ bezeichnen – Verwandte, Ihresgleichen. Die beiden Gruppen halten sich für miteinander verwandt, weil sie von gemeinsamen mythologischen Schöpfern stammen: den Geschwistern Macunaíma und Enxikirang. Diese Geschwister, Kinder der Sonne (Wei), schufen in der Urzeit (Piatai Datai) die gegenwärtige Konfiguration der Welt – so berichtet eine mündlich überlieferte, traditionelle Legende, die von beiden Gruppen anerkannt ist. In verschiedenen erzählerischen Versionen (Pandon) berichten diese Völker, dass Macunaíma zwischen den Zähnen eines, mit offenem Maul schlafenden Agutis, Maiskörner und Reste von Früchten bemerkte, die allein diesem Tier bekannt waren. Also folgte sie dem kleinen Tier und kam zum Baum “Wazacá“ – dem Baum des Lebens – auf dessen Ästen alle Arten von Pflanzen wuchsen, von denen sich die Indios heutzutage ernähren. Macunaíma entschloss sich, den Stamm (Piai) des Baumes Wazacá zu fällen – der sich in nordöstliche Richtung neigte. Und in diese Richtung fielen auch alle jene essbaren Pflanzen, die man bis heute findet, besonders in den von Wäldern bedeckten Gebieten.
Das Klima in der von den Macuxi bewohnten Region ist geprägt von einer rigorosen Regenzeit und zwei deutlich definierten Jahreszeiten: einem Winter, mit konzentrierten Regenfällen zwischen Mai und September, und einem Sommer, mit einer Trockenperiode von November bis März. Entsprechend sind die saisonalen Unterschiede bei Fauna und Flora signifikant.
Während der Wintermonate lassen die Niederschläge Flüsse und Bäche anschwellen, sodass ein grosser Teil der Savannen überschwemmt wird – mit Ausnahme weniger erhöhter Stellen innerhalb der Ebene, die kleine grüne Inseln innerhalb der Wasserfläche bilden. Dies “Tesos“, und auch die Hänge der Serras, werden von den Macuxi als bevorzugte Plätze zur Kultivierung von Maniok- und Maispflanzungen genutzt.
Die Bevölkerung, die während der Trockenperiode in den Dörfern versammelt war, verteilt sich während der Regenzeit auf kleine Gruppen, um mit den auf den familiären Pflanzungen produzierten und in den Wäldern gesammelten Lebensmitteln ein isolierteres Leben zu führen.
Während der kurzen Übergangsperiode zwischen den beiden Jahreszeiten entfaltet sich die bis dato überschwemmte Vegetation der Savannen zu neuem Leben, und die Tiere verlassen ihre Verstecke auf jenen “Tesos“ der Ebenen und den Wäldern der Serras, um wieder ihr weilläufiges Habitat zu durchqueren. Die auf kleine Gruppen verteilten Indios kehren ebenfalls in ihre Dörfer zurück, wo sie nun Jagd- und Fischexpeditionen organisieren, und viele weitere wirtschaftliche Aktivitäten in die Wege leiten, welche während der Trockenperiode zum Stillstand kamen.
In den Sommermonaten wird die Vegetation der Savanne trocken und verbrannt, grünes Blattwerk findet man nur noch in den Senken von Flussufern und Bachläufen, die allerdings zum grössten Teil während des Höhepunkts der Trockenzeit austrocknen. Die Indios versorgen sich dann mit Wasser aus Brunnen, die sie in den Flussbetten anlegen, oder aus Seen, die nicht austrocknen. Dort überraschen sie jagdbare Tiere, die ebenfalls die Seen zum Trinken aufsuchen, und sie widmen sich in dieser Zeit intensiver dem Fischfang.
Während der Trockenzeit widmen sich die Indios auch dem Bau und der Ausbesserung ihrer Häuser und damit verbundenen Aktivitäten, der Heranschaffung von Holz und Lehm, für die Gerüste und die Verkleidung der Hauswände, dem Sammeln von Palmenblattwerk – vorzugsweise Buriti – das zum Decken der Dächer benutzt wird. Daneben sammeln sie eine grosse Vielfalt an Pflanzenfasern, die sie zur Fertigung von Kunsthandwerk verwenden.
Eine unbegrenzte Zahl von Wegen und Pfaden in der Savanne und den Wäldern wird während der trockenen Periode ebenfalls wieder deutlich und begehbarer, die zu den Pflanzungen führen und zur Jagd oder dem Fischfang benutzt werden. Solche Verbindungen werden dann regelmässig von den Indios durchwandert, wenn sie die Gelegenheit nutzen, Verwandte zu besuchen, um die gesellschaftlichen Verbindungen und politischen Allianzen aufrecht zu erhalten und zeremoniellen Zusammenkünften beizuwohnen.
Die Macuxi praktizieren eine Landwirtschaft zur Selbsterhaltung, indem sie als Grundnahrungsmittel Maniok, Mais, Cará, Süsskartoffeln, Bananen, Melonen, Ananas und andere Pflanzen in kleinerer Proportion anbauen, die von Dorf zu Dorf unterschiedlich sind. Die Entwurzelung der Bäume (für die Felder), das Abbrennen des Areals und die Bepflanzung sind Aufgabe der Männer. Danach sind vor allem die Frauen dran, mit dem Sauberhalten der Pflanzungen, dem Unkrautrupfen und schliesslich auch der Ernte und der Zubereitung der Nahrungsmittel. Die Männer beschäftigen sich unterdessen mit der Jagd, dem Fangen von Fischen und dem Sammeln von Waldfrüchten, wozu sie Expeditionen zusammenstellen, die sie weit über die Grenzen ihres Dorfes ausdehnen.
Gegenwärtig besitzen die Macuxi-Kommunen in jedem Dorf eine kleine Rinderherde im Kollektiv, die sie durch Projekte der Diözese Roraima, durch die FUNAI und von der Regierung des Bundesstaates Roraima bekommen haben. Die Zucht von Rindern, die in Umzäunungen gehalten werden, wie auch die von Hühnern und Schweinen der individuellen Familien, ist heute unumgänglich wegen dem progressiven Rückgang jagdbarer Tiere.
Der kollektive Besitz der Rinder, so scheint es, hat die traditionelle Organisation der Haushaltsgruppen zur Produktion von Nahrung nicht beeinflusst. Die Herde wird einem Viehtreiber anvertraut, der die Mitglieder der Kommune für Arbeiten grösseren Ausmasses zusammenruft. Dazu gehört, zum Beispiel, auch die Herstellung von “Caxiri“ und “Pajuaru“ – Getränke, die auf der Basis von fermentierter Maniok zubereitet werden – und wie bei anderen Situationen, die gemeinsame Aktion aller Verwandten erfordern.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther