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Elf Tage nach der Geburt stand Linda Coale nachts auf, um ihren Sohn Ben zu stillen. Sie bemerkte, dass eines ihrer Beine plötzlich angeschwollen war und heftig schmerzte. Am Vorabend hatte sie in diesem Bein heftige Krämpfe erlitten. Die 35-Jährige versuchte ihren Arzt zu erreichen. Anderthalb Stunden später rief der Arzt zurück. Auf dem Weg zum Telefon kollabierte Linda Coale. Zwar brachte eine Ambulanz mit Blaulicht sie ins Krankenhaus, aber es war zu spät: Die frischgebackene Mutter starb unterwegs an einer Embolie.
Obwohl aufgrund ihres Alters und des Kaiserschnitts bei der Geburt ein höheres Risiko für solche Komplikationen bestand, hatte ihr Arzt sie nicht gewarnt, geschweige denn ihr die Symptome erklärt. «Wenn ihr die Symptome bekannt gewesen wären, hätte sie sicher nicht so lange auf den Rückruf des Arztes gewartet», sagt Clare Johnson, Linda Coales Schwester. «Sie wäre direkt ins Spital gefahren.»
Linda Coales Geschichte ist nicht so selten, wie man vielleicht denken würde. Die USA stehen betreffend Müttersterblichkeit statistisch schlechter da als 49 andere Länder. Lag der Anteil von Todesfällen während Schwangerschaft oder Geburt 1987 noch bei 6,6 pro 100'000 Geburten, so sprang er auf 14,5 im Jahr 2007, für das beim Center for Disease Control and Prevention die neusten Daten verfügbar sind. Ein Teil dieses Anstiegs ist wahrscheinlich damit zu erklären, dass die Daten sorgfältiger gesammelt werden.
Doch viele Experten und Expertinnen glauben, dass in Wahrheit doppelt so viele Frauen während Schwangerschaft oder Geburt sterben, als in den offiziellen Statistiken zu lesen sind. Das liegt unter anderem daran, dass es auf Bundesebene keine Vorschrift gibt, Zahlen zur Müttersterblichkeit zu melden. Besonders schockierend ist die hohe Sterblichkeitsrate angesichts des Umstands, dass rund die Hälfte dieser Todesfälle vermieden werden könnten. Die Vereinigten Staaten geben mehr Geld pro Kopf für Gesundheit aus als jedes andere Land. Eine gute medizinische Betreuung sollte nicht jenen vorbehalten sein, die sich die besten Spitäler und Hebammen leisten können.
Unversicherte Migrantinnen
2011 waren über 48 Millionen Menschen in den USA nicht krankenversichert, das entspricht 16 Prozent der Bevölkerung. 21 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter waren nicht versichert. Die Reform des Gesundheitswesens, die Präsident Barack Obama vorangetrieben hat, bringt zwar viele begrüssenswerte Vorteile. Dazu gehört, dass Versicherungen von Frauen künftig nicht mehr höhere Prämien verlangen dürfen als von Männern.
Aber trotz der Reform werden Schätzungen zufolge noch immer 20 Millionen Menschen keine Versicherung haben. Und auch für jene Leute, die neu in die staatliche Krankenversicherung für Bedürftige (Medicaid) aufgenommen werden, ist nicht alles rosig. Denn viele Ärztinnen und Ärzte nehmen solche Patienten und Patientinnen nicht an, weil die Bezahlung schlecht ist.
Von Medicaid bleiben ausserdem weiterhin illegal eingereiste Migrantinnen ausgeschlossen. Ihnen bleibt die unglückselige Wahl zwischen unbezahlbar hohen Rechnungen oder der Aussicht, gar keine Behandlung zu haben. Eine Hebamme erzählte Amnesty International von einer 17-jährigen Mexikanerin, die als Kind zwei Herzoperationen hatte. Als die junge Frau in den USA schwanger wurde, suchte sie eine Klinik auf. Dort wurde sie untersucht und man sagte ihr, sie solle erneut kommen, so bald sie bei Medicaid aufgenommen sei. «Dabei wussten die Leute in der Klinik genau, dass diese Mexikanerin keine Chance auf Medicaid hat», so die empörte Hebamme. «Und sie haben ihr ganz sicher eine saftige Rechnung für die Untersuchung geschickt.»
Hautfarbe spielt eine Rolle
Schwarze, indigene oder lateinamerikanische Frauen haben ein höheres Risiko, keine gute medizinische Behandlung zu erhalten. Das hängt einerseits davon ab, dass überproportional viele von ihnen, zumindest bis anhin, nicht versichert sind.
Andererseits hat Amnesty International Kenntnis von Fällen, in denen medizinisches Personal abfällige Bemerkungen bezüglich Hautfarbe machte oder es schlichtweg ignorierte, wenn Patientinnen gewisse Schmerzen und Symptome beschrieben. Das kann fatale Folgen haben. So wie bei Inamarie Stith-Rouse, einer 33-jährigen Afroamerikanerin. Sie litt nach einem notfallmässigen Kaiserschnitt unter schwerer Atemnot. Doch das Pflegepersonal im Spital wiegelte ab und sagte ihr und ihrem Mann, sie seien «zu emotional» und die Atemnot sei «nicht schlimm». «Niemand hat uns ernst genommen», berichtet Inamaries Ehemann Andre Rouse. Erst nach Stunden unternahmen die Pflegefachfrauen etwas – zu spät. Zwar diagnostizierten die Ärzte innere Blutungen und operierten die junge Mutter. Aber Inamarie Stith-Rouse fiel ins Koma und starb vier Tage später. Ihr Mann glaubt, dass ihre Hautfarbe bei der ganzen Angelegenheit eine Rolle spielte.
Zu wenig Spitäler
Andere Frauen stehen vor institutionellen Barrieren. In manchen ländlichen oder innerstädtischen Gebieten herrscht ein akuter Mangel an Spitälern, Ärztinnen oder Hebammen. Manche Frauen bekommen von ihrem Arbeitgeber nicht frei, um einen Untersuchungstermin wahrzunehmen, oder sie können sich keinen Transport organisieren. Für Frauen mit tiefem Einkommen bauen sich so fast unüberwindbare Hindernisse auf.
Indigene Frauen, die in Reservaten leben, erhalten Gesundheitsversorgung via den sogenannten Indian Health Service. Dieser erhält einen jährlich wechselnden Betrag vom Staat. Deshalb schwankt die Qualität der medizinischen Betreuung für die Frauen in den Reservaten stark.
Ein anderes strukturelles Problem, das von der Krankenversicherungsreform kaum berücksichtigt wird, besteht darin, dass nicht ausreichend Standardprozeduren definiert werden und medizinisches Personal es deshalb versäumt, richtig zu informieren. Das macht es für die betroffenen Frauen und ihre Angehörigen schwierig, selbst die richtigen Entscheidungen zu treffen. «Lindas Gynäkologin gab ihr einen ganzen Stapel Broschüren, darunter eine zum Thema, wie man das eigene Haustier am besten mit dem Baby vertraut machen könne. Aber sie vermittelte ihr keinerlei Informationen über Venenthrombosen und Embolien», sagt Clare Johnson. Sie ist sich sicher, dass genaue Instruktionen das Leben ihrer Schwester Linda Coale hätten retten können. Dann hätte Ben seine Mutter noch.
Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von Februar 2013.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion