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Zehn Jahre nach den Umsiedlungen immer noch keine nachhaltigen Gemeinschaften – trotz neuen Verhandlungen mit Cerrejón wächst die Ungeduld
Von Stephan Suhner
Vor ca. 8-10 Jahren wurden verschiedene ethnische Gemeinschaften – afrokolumbianische wie auch indigene – in der Gemeinde Barrancas durch das Unternehmen Cerrejón umgesiedelt. Wegen der immer stärkeren Ausdehnung der Kohlenmine schien die Umsiedlung an einen neuen Ort mit den gleichen oder besseren Lebensbedingungen wie am Ursprungsort die einzige gangbare Lösung zu sein. Diese Umsiedlungen befinden sich jetzt in der letzten Etappe der Stabilisierung oder Post-Umsiedlung. Die umgesiedelten Gemeinschaften sollten heute psychosozial stabil und sozioökonomisch nachhaltig und produktiv sein, was aber absolut nicht der Fall ist. Die Gemeinschaften sind mit ihrer Situation sehr unzufrieden und erhoben ihre Stimme zum Protest, um von Cerrejón zu verlangen, ihre Bedürfnisse wie Arbeitsstellen, Ausbildung und einkommensgenerierende Projekte zu befriedigen. Die sozioökonomische Lage der umgesiedelten Gemeinschaften ist sehr prekär, da sie nicht über genügende Einkommen verfügen, um ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Zwar leistet Cerrejón einige Unterstützungen, zum Beispiel die Kosten für einige Dienstleistungen wie Strom und Wasser oder Internet, aber das Unternehmen wird nicht mehr ewig bleiben und unterstützen, und dann wird es noch kritischer. Die Anpassung bezüglich dem Arbeitsmarkt von einer landwirtschaftlichen Ausrichtung an den Ursprungsorten zu einer eher urbanen Gegend sei trotz den von Cerrejón vorgeschlagenen Projekten nicht gelungen. Die jungen Erwachsenen, die eine Ausbildung machen konnten, würden dann aber in der Mine keine Arbeit erhalten.
Daher veröffentlichten die Gemeinschaften im März 2022 ein gemeinsames Communiqué um auf ihre schwierige Situation aufmerksam zu machen. Sie beklagten, dass das Unternehmen zwar immer dialogbereit gewesen sei, aber nie zu wirklichen Lösungen beigetragen habe. Den Gemeinschaften gehe es nicht ums Geld, sondern um die Möglichkeit, selbsttragende nachhaltige Gemeinschaften aufzubauen. Die Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien ask! hat auf Wunsch der Gemeinschaften dieses Communiqué Glencore zugestellt und im Namen der Gemeinschaften ein Treffen mit diesen in der Guajira verlangt. Das erste Treffen zwischen Cerrejón und Vertretern von Glencore mit den Gemeinschaften fand am 2. April 2022 in Las Casitas statt, bei dem die Gemeinschaften einen Forderungskatalog überreichten. Sie verlangten vom Unternehmen den Willen, die verschiedenen sozialen Probleme ernsthaft anzugehen und dazu einen Dialogtisch einzurichten, an dem auch die zuständigen Behörden teilnehmen sollten. Internationale NGO sollten die Funktion als Garanten einnehmen.
Am 12. April antwortete Cerrejón schriftlich und schlug vor, im Juni den Tisch zu eröffnen, aber nach ihrem Fahrplan und mit jeder Gemeinschaft individuell. Die Gemeinschaften lehnten individuelle Gespräche ab und verlangten einen rascheren Start des Verhandlungstisches, da alles keine neuen Themen seien. Schlussendlich kam es schon am 28. April zu einem Treffen mit Cerrejón, wo vor allem die Methodik und wie die Forderungen bearbeitet werden sollen, besprochen wurde. Cerrejón sagte, dass einige Themen schon fortgeschritten und leichter umzusetzen seien, andere seien komplexer, wie beispielsweise Trinkwasser, einkommensgenerierende Projekte, öffentliche Dienstleistungen oder Bildung. Insgesamt schlug das Unternehmen 3 Monate vor, um zu einem Abkommen bei diesen Themen zu kommen. Gleichzeitig kündigte Cerrejón am 28. April aber an, dass der zuständige Koordinator für die Umsiedlungen wechseln werde, was bei den Gemeinschaften auf Unverständnis stiess, da die Einarbeitung eines neuen Koordinators viel Zeit koste. Zudem habe die Person, die neu die Verhandlungen führen soll, andere Prozesse ohne befriedigende Resultate gemanagt oder es seien Zusagen nicht eingehalten worden. Die Gemeinschaften verlangten, dass der Koordinator derselbe bleiben soll.
Trotzdem hat Cerrejón die für die Verhandlungen zuständige Person sogar schon zwei Mal ausgewechselt, womit jedes Mal wieder wertvolle Zeit verstrich, bis sich die neue Person eingearbeitet hat. Nach gut drei Monaten mit 14-täglichen Verhandlungsrunden gibt es noch keine Übereinkommen und die Treffen wurden verzögert und in die Länge gezogen. Das Unternehmen argumentiert, dass einmal erzielte Abkommen nicht von allen Gemeinschaftsmitgliedern akzeptiert würden, da sich einige durch die aktuellen Führungspersonen die an den Verhandlungen teilnehmen, nicht repräsentiert fühlen. Dies betrifft v.a. Roche und Chancleta, die beide intern gespalten sind und die Versuche, die beiden Seiten anzunähern sind bisher nicht erfolgreich gewesen. Für die ask! sind diese Argumente von Cerrejón vor allem billige Ausflüchte, hat doch Cerrejón bisher nie ein Problem damit gehabt, nur mit Teilen einer Gemeinschaft Abkommen zu erzielen und so zu den Spaltungen beizutragen. Ebenso ist es eine bekannte Strategie des Cerrejón, die Legitimität der Führungspersonen der Gemeinschaft zu unterminieren.
Im Moment wird über die Trinkwasserversorgung verhandelt. Die Umsiedlungen verfügen zwar über eine eigene Wasseraufbereitungsanlage, die momentan von Cerrejón betrieben wird, sie ist aber für die Gemeinschaft selbst nicht tragbar, weshalb die Umsiedlungen an die Trinkwasserversorgung der Stadt Barrancas angeschlossen werden sollen. Bei den anderen Punkten des Forderungskataloges gab es noch keinen Fortschritt. In Bezug auf Arbeitsplätze in der Mine betont Cerrejón, dass ihre Unternehmenspolitik es nicht ermögliche, Personen aus den Umsiedlungen bei der Stellenvergabe zu bevorzugen. Die Gemeinschaften verstehen das Problem dahinter nicht, ist es doch eines der Themen das seit mindestens zehn Jahren auf dem Tisch liegt und das die wirtschaftliche Situation der umgesiedelten Gemeinschaften schnell verbessern würde.
Bewertung durch die Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien
Die ask! begleitet diese Gemeinschaften seit 2007 und wir waren immer wieder Zeuge und Garant des Umsiedlungsprozesses und haben früh auf sich anbahnende Probleme hingewiesen. 2007 reichten wir beim Nationalen Kontaktpunkt für die OECD Leitsätze eine Klage zu Gunsten dieser Gemeinschaften ein. Als Resultat liess Cerrejón durch ein Expertengremium ihre Sozialpolitik, darunter auch die Umsiedlungen, evaluieren, und erarbeiteten darauf basierend einen Aktionsplan mit Massnahmen zur Verbesserung der Situation. Trotz diesem Massnahmenplan wiesen die Umsiedlungsprozesse weiterhin grosse Defizite auf. Gemeinschaftsführer kamen auf Einladung der ask! in die Schweiz und sprachen direkt zu den Unternehmen, früher Xstrata, heute Glencore, um Lösungen zu suchen. Auch die ask! wandte sich immer wieder an Cerrejón und an Glencore, um auf Probleme hinzuweisen und Anliegen der Gemeinschaften einzubringen. Wir haben vor all den Problemen gewarnt, die jetzt zum x-ten Mal auf den Tisch kamen: zu wenig Land, kaum nachhaltige einkommensgenerierende Projekte und Aktivitäten, forcierte Urbanisierung und Überforderung der Gemeinschaftsmitglieder bei der Anpassung, hohe Kosten für Dienstleistungen, kulturelle Entwurzelung etc. Es ist nicht so, dass Cerrejón nichts gemacht hätte, die Umsiedlungen verfügen über Internet und Computersaal, Ludothek etc., aber die Anliegen und Wünsche der Gemeinschaften wurden nicht gehört. Wären die neuen Siedlungen umsichtiger und kulturell angepasst geplant und errichtet worden und hätte man das Jobprofil und die Fähigkeiten der Bewohner besser berücksichtigt und Landwirtschaftsland zur Verfügung gestellt, wären die Gemeinschaften heute eventuell nachhaltig und selbsttragend. Die minimalistischen und legalistischen Ansätze von Cerrejón verzögern Prozesse wie die Umsiedlungen um Jahre und verschleppen die Probleme immer wieder. Von namhaften Experten und einem ehemaligen hohen Mitarbeiter von Cerrejón wurde das Unternehmen aufgefordert, nicht das minimal nötige, sondern das maximal möglich zu tun und sich offen und flexibel gegenüber den Anliegen der Gemeinschaften zu zeigen. Cerrejón betont gegenüber internationalen Stakeholdern immer wieder den Willen zum offenen, konstruktiven Dialog und rühmt sich, die Beziehungen zu den Gemeinschaften verbessert zu haben. Viel gespürt davon haben wir bisher nicht, und es ist höchste Zeit, dass Cerrejón diesen guten Willen endlich beweist. Wenn Cerrejón das nicht endlich ernst nimmt, wird es zu weiteren Protesten kommen, mit allen Risiken die das in dieser konfliktgeprägten Regionen bedeutet.