Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03646.jsonl.gz/193

Bernard Schmid über die neue Leitung bei «Le Monde»
Vor drei Wochen berichtete die WOZ an dieser Stelle über die lange schwelende Krise bei der Pariser Abendzeitung «Le Monde» und die Hintergründe des Rücktritts der umstrittenen, wirtschaftsfreundlichen Chefredaktorin Natalie Nougayrède am 14. Mai. Am 27. Mai vermeldet nun die Zeitung, ein neues Führungsteam sei eingesetzt worden, und es interessiert natürlich, in welche Richtung das einst legendäre Blatt gehen will.
Der wohl prominenteste Name in der neuen Leitung ist jener von Arnaud Leparmentier, der einer von drei stellvertretenden Chefredaktoren wird. Er dürfte auch der politischste Kopf an der Spitze sein. In den späten neunziger Jahren war er Korrespondent von «Le Monde» in Berlin; später leitete er das Brüsseler Büro. Anfang 2013 erschien sein Buch «Die Franzosen: Totengräber des Euro». Darin wirft er der französischen Politik vor, nicht genügend Sparanstrengungen unternommen zu haben und sich damit zu begnügen, zu Deutschlands finanzpolitischen Forderungen in der EU «immer Nein zu sagen». Bei «Le Monde» betreute er zuletzt das Dossier «Frankreich und Europa in der Globalisierung».
In weiten Zügen betreibt Leparmentier schablonenhaften, den neoliberalen Dogmen gehorchenden Journalismus. Bei der Wahl zum Direktor scheiterte er im März 2013 gegen Natalie Nougayrède, weil er von vielen KollegInnen als «zu polarisierend» und «zu wirtschaftsliberal» wahrgenommen wurde.
Als neuer «directeur» und formeller Chef von «Le Monde» wurde bereits am 14. Mai Gilles Van Kote berufen. Er ernannte Jérôme Fenoglio zum Redaktionsleiter. Beide Journalisten arbeiteten jahrelang zuerst für die Sportseiten und später für die Wissenschaftsrubrik. Ihre journalistische Qualifikation steht ausser Frage, allerdings traten sie bislang bei weitem nicht so profiliert in Erscheinung wie Leparmentier.
Als QualitätsjournalistInnen gelten dürfen auch Luc Bronner, bisher zuständig für Innenpolitik und besonders für die Banlieueproblematik, sowie Cécile Prieur als Redaktorin für Gesellschaftspolitik. Beide werden neben Leparmentier zu stellvertretenden RedaktionsleiterInnen. Besonders Prieur bringt eine progressive Handschrift mit. Unter den neuen Ressortleitern prominent sind ausserdem Christophe Ayad – ein Kenner der arabischsprachigen Länder – als neuer Chef des Ressorts Aussenpolitik und Thomas Wieder, neuer Ressortleiter für Innenpolitik mit guten Kenntnissen, aber ohne klares politisches Profil.
Was bei «Le Monde» passiert, kann der französischen und europäischen Öffentlichkeit nicht gleichgültig sein. Die Pariser Abendzeitung gilt immer noch als erste französische Qualitätszeitung. «Le Monde» entstand im Jahr 1944 aus der Résistance heraus. Den längsten Teil ihrer Geschichte hindurch schaffte sie es, ihre Unabhängigkeit gegenüber den Regierenden zu bewahren; während des Algerienkriegs beispielsweise wurden deswegen zwanzig ihrer Ausgaben beschlagnahmt.
Zu den Markenzeichen der Zeitung gehörte es, nuancierte Positionen zu ergreifen, doch direkte parteipolitische Festlegungen zu vermeiden. In Regierungszeiten der Sozialdemokratie allerdings ist es ihr nicht gelungen, diese kritische Distanz zu wahren. Ob in der Zeit von François Mitterrand (Präsident von 1981 bis 1995) oder in jener von François Hollande (seit 2012), dessen Politik allerdings kaum mehr als sozialdemokratisch bezeichnet werden kann – stets fehlte «Le Monde» der Abstand.
Bernard Schmid schreibt für die WOZ aus Frankreich.