Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03581.jsonl.gz/516

Der Junge, der den Wind einfing Review
Berlinale 2019
Es handelt sich um das Regiedebüt des britischen Schauspielers, der durch seine Darstellung der Hauptfigur aus Steve McQueens mehrfach mit einem Oscar prämierten Film "Twelve Years a Slave" seinen endgültigen Durchbruch an der Spitze Hollywoods feierte. Seine erste Regiearbeit durfte er als Europapremiere auf den 69. Internationalen Filmfestspielen Berlin präsentieren. Die Berlinale ist durch die Aufnahme des Films, ihrer selbst auferlegten politischen Ausrichtung gefolgt.
Für Ejiofor handelt es sich um eine Rückbesinnung auf seine afrikanischen Wurzeln. Die Geschichte eines Jungens aus Malawi scheint wie geschaffen für ein Drama. Die Krönung zum Stoff bietet ein Clou, der seit jeher als Verkaufsargument für Geschichten verwendet wird. William Kamkwamba ist keine reine Filmfigur. Die geschilderten Ereignisse gehören zur Biographie des heute als Ingenieur arbeitenden Malawiers. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend hat er es vom Sohn eines Farmers durch ein Stipendium weit gebracht. Bevor der Weg zum Erfolg filmisch aufgearbeitet wurde, hat er selbst seine Geschichte als Memoiren niedergeschrieben. Während des Entstehungsprozess des Films stand er Ejofor und dessen Schreibkollegen Bryan Mealer beim Verfassen des Drehbuches zur Seite. Auf der Pressekonferenz in Berlin war er zusammen mit Ejiofor, Aissa Maigä sowie dem Darsteller seines verfilmten Ichs anwesend.
Diese seit Beginn des Projekts vorhandene Mitwirkung ist absolut ersichtlich. Langsam und behutsam wird die Situation der Familie während eines erntearmen Jahres erzählt. Ejiofor nimmt dabei eine Unterteilung in Kapitel vor «Saat», «Ernte», «Hunger» und «Wind» eröffnen unspektakulär aber dabei gleichzeitig auch unglaublich auf den jeweiligen Handlungsabschnitten enthaltenen Szenen. Mit fortschreitender Handlung kristallisiert sich ein Konflikt zwischen nach Wissen lechzendem William und auf die Tradition versteiften Vaters, dem nie eine Schulbildung zuteilwurde. Ausgefochten werden die unterschiedlichen Positionen inmitten eines politisch instabilen Umfelds. Die Regierung vernachlässigt die einfachen Farmer, deren Städtegemeinschaft im Stil eines Stammes organisiert ist. Der Chief wird von Schergen zusammengeschlagen, als er an das Gewissen des herrschenden Staatsoberhauptes appelliert.
Es wird erschütternd gezeigt, wie eine ausbleibende essentielle Stillung der Notwendigkeit einer ausreichenden Nahrungsmittelversorgung zum Verfall einer an sich funktionierenden Gesellschaft, möge sie auch noch einen im Vergleich zu privilegierten Staaten geringen Lebensstandard besitzen, beiträgt. Als Elternteil blickt man machtlos auf die Katastrophe, welche schier unaufhaltsam vor den eigenen Augen vorbeizeiht. Dafür findet Ejiofor ein kraftvolles Bild, das einem auch lange nach der Sichtung nicht loslassen wird. In der Auswahl von simplen Situationen, die ein hohes Potential zur Identifikation besitzen, liegt eine der größten Stärken des Films. Zusammen mit den starken Leistungen der Darstellerriege, innerhalb derer alle Beteiligten wirkungsvolle Akzente setzen, bildet die Schlichtheit ein Duo, dem man sich kaum entziehen kann.
Ebenfalls nüchtern und gleichzeitig zutreffend wird skizziert, dass Afrika und jeder Kontinent für sich einzeln in seiner Weltwahrnehmung betrachtet werden muss, um Verständnis für das Fremde zu entwickeln. Der 11. September ist in Afrika ein Tag wie jeder andere…
Emotionale Kraft aus Schlichtheit bedeutet gleichzeitig einen Hang zur Vereinfachung der Zustände von Lebensumwelt der Geschichte. Ohne eine äußere Einwirkung schafft es Williams Dorf sich zu retten. Lediglich er als brillanter Kopf, der sich gegen seinen Vater durchsetzen muss, fühlt sich dazu befähigt, die Erntekrise durch physikalisches Wissen und erfinderisches Geschick zu einem glimpflichen Ende zu führen. Angelegt als großer Felsen auf dem Lebensweg Willams, wirkt das Aufeinandertreffen der entgegengesetzten Positionen im Nachklang schnell eher wie ein Kieselstein.
Damit wird ein Narrativ, welches die Vorstellung von einfacher Krisenbewältigung vermittelt, befeuert. Es ist nicht immer ein einzelner Kopf, der als strahlender Held auftreten kann. Der sprichwörtlich entgegen aller Widerstände den Olymp des Erfolgs erklimmt. Als Beispiel einer fantastischen Erfolgsstory ist der Film ein reines Märchen. Ein Märchen mit wahrem Kern. Ein Märchen, das hoffentlich inspiriert. Die Realität und herrschenden Missstände werden fast nie von Einzelnen in einer derart glücklichen Konstellation behoben. Der entscheidende Streit lässt sich auch nicht in der hier an den Tag gelegten Geschwindigkeit schlichten. Bilder der Hoffnung, mit einer Ästhetik des Strahlens, wie wir sie hier zu sehen bekommen, sättigen für eine gewisse Zeitperiode. Hungerkrisen schaffen sie nicht aus der Welt.
Der Junge, der den Wind einfing / The Boy Who Harnessed the Wind (Kurzinhalt)
Entgegen aller Erwartungen erfindet ein dreizehnjähriger Junge in Malawi eine unkonventionelle Methode, um seine Familie und sein Dorf vor Hungersnöten zu bewahren.
Das Drama erzählt die wahre Geschichte William Kamkwambas, dessen selbst gebaute Erfindung sein Dorf in Malawi vor der Dürre rettete. Der Oscar-Anwärter und BAFTA-Gewinner Chiwetel Ejiofor feierte mit diesem Filmdrama sein Spielfilmregiedebüt.
(Quelle: Netflix)