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Die Stiftung Oskar Reinhart in Winterthur hat den Erben des Berliner Verlegers Rudolf Mosse (1843–1920) eine Pastell-Zeichnung von Adolph Menzel aus ihrem Bestand übergeben.
Das Blatt wurde Erna Felicia und Hans Lachmann-Mosse, Mosses Tochter und Schwiegersohn, kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland 1933 widerrechtlich entzogen.
Beim übergebenen Werk handelt sich um das Blatt „Dame mit roter Bluse“ (Kostümstudie, Menzels Schwester Emilie), Pastell auf ehemals blauem, heute gebräuntem Papier, 21/22 x 28.5/29 cm; Inv. Nr. 545. Da die Werke im Besitz der Stiftung Oskar Reinhart unveräusserlich sind, hat die Stiftung diese Zeichnung keiner Bewertung unterzogen.
Oskar Reinhart hat das Blatt 1934 vom Kunsthändler Fritz Nathan in München erworben, mit dem er seit 1928 in regelmässigem Kontakt stand und dem er 1936 zur Flucht in die Schweiz verhalf. Er bezahlte mit 3’632 Schweizer Franken einen Preis, der für hochwertige Zeichnungen Menzels damals üblich war.
1940 hat Oskar Reinhart das Werk in die Stiftung eingebracht, die er gründete, um seinen Kunstbesitz der Öffentlichkeit zu erhalten. Menzels Pastellstudie wurde in der Ausstellung gezeigt, die 1993–1995 Werke der Stiftung Oskar Reinhart nach Berlin, New York, Los Angeles, London und Genf brachte. Das Blatt war unter Nr. 67 ausgestellt und wurde in den begleitenden Publikationen beschrieben und abgebildet. Ausserdem wurde das Pastell in Rolf Hochhuth, Menzel. Maler des Lichts, Frankfurt a. M./ Leipzig 1991, S. 80 abgebildet.
Das 2012 ins Leben gerufene Mosse Art Restitution Project hat die Umstände erhellt, die zum Konkurs des Verlagshauses Mosse sowie zur Beschlagnahmung der Sammlung und 1934 zur öffentlichen Versteigerung der Werke in Berlin führten, nachdem die Nachkommen Mosses aus Deutschland geflohen waren. Aufgrund dieser neuen Erkenntnisse hat der Stiftungsrat der Stiftung Oskar Reinhart die Erben der damals enteigneten Besitzer kontaktiert und ihnen angeboten, das Blatt zu übergeben.
Es ist nachgewiesen, dass Oskar Reinhart Angebote mit unklarer Provenienz in den 1930er Jahren strikte mied.
Der Stiftungsrat ist überzeugt, im Sinne des Stifters zu handeln, wenn er sich von einem Werk trennt, von dem aus heutiger Sicht anzunehmen ist, dass Reinhart es nicht erworben hätte, wenn ihm die genauen Umstände der Veräusserung bekannt gewesen wären. Dementsprechend erfolgte die Übergabe des Menzel-Pastells an die Erben Mosse (d.h. an die Mosse Foundation, University of Wisconsin Foundation, Joy Mosse) aus freiem Ermessen.
Die Sammlung der Stiftung Oskar Reinhart umfasst rund 640 Gemälde und Skulpturen sowie ca. 6’000 Arbeiten auf Papier. Aufgrund der Geschichte des Sammlers Oskar Reinhart und aufgrund bisheriger Recherchen darf die Stiftung Oskar Reinhart, Winterthur, davon ausgehen, dass es sich bei dem nun übergebenen Blatt von Adolph Menzel um einen Einzelfall handelt. Das „Mosse Art Restitution Project“ dankt der Stiftung Oskar Reinhart, dass sie an die Mosse Erben gelangt ist und diesen das Werk restituiert hat. Informationen zum „Mosse Art Restitution Project“ finden sich unter www.mosseartproject.com
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SRF Radiobeitrag