Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03236.jsonl.gz/1979

Lilibet, wie Elizabeth als junges Mädchen von ihrer Familie genannt wird, ist 13 Jahre alt, als sie am 23. Juli 1939 kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit ihren Eltern das Britannia Royal Naval College in Dartmouth besucht. Hier verguckt sich die Königstochter in den adretten Kadetten, der sie herumführt: blond, athletisch, mit einem Lachen, das ansteckt. Es ist Philip Mountbatten, 18, er absolviert gerade seine Offiziersausbildung. Margaret Rhodes, eine Cousine der Queen, erzählt später, dass Elizabeth nach dieser Begegnung keinem anderen Mann mehr ernsthaft einen Blick zugeworfen hat.
Philip trägt Elizabeths Briefe im Krieg auf seinem Herzen
Sechs Kriegsjahre lang denkt Lilibet nur an ihren Traumprinzen mit dem Seemannsbart. Sie schreiben einander. In einem seiner Briefe lässt Philip seine Liebste wissen: «Sich verliebt zu haben, vollkommen und vorbehaltlos, lässt alle persönlichen Probleme und sogar die der Welt klein und unbedeutend erscheinen.» Der junge Soldat trägt Lilibets Briefe auf seinem Herzen, als Jagdflieger und U-Boote sein Schiff an der Südspitze Griechenlands ins Visier nehmen. Lilibets Zeilen, die ihm als jungem Soldaten im Krieg Kraft geben, bewahrt er jahrzehntelang auf.
Bereits als Kinder haben sie sich auf einer Hochzeit erstmals getroffen. Elizabeth und Philip sind Cousins dritten Grades. 1937 haben sich ihre Wege ein zweites Mal gekreuzt bei der Krönung von Elizabeths Vater, König George VI. Richtig näher kommen sich Philip und Elizabeth erst nach dem Krieg. Aus der Brieffreundschaft zwischen der reichen Prinzessin und dem armen Offizier wird eine grosse Liebe. Nicht zur Freude aller. Königliche Berater meinen, Philip sei nicht gut genug für die Kronprinzessin.
Geboren wird Philip als einziger Sohn von Prinzessin Alice von Battenberg auf dem Esstisch der Villa Mon Repos auf der griechischen Mittelmeerinsel Korfu. Der gehörlosen Mutter hat es zur Geburt nicht mehr in eines der Schlafzimmer des Anwesens gereicht. Am Vortag ist sein Vater, Prinz Andreas von Griechenland, Sohn des griechischen Königs, gegen die Türken in den Krieg gezogen. Nach einem Staatsstreich flüchtet Andreas – er besteigt Ende 1922 mit seiner Frau Alice und den fünf Kindern ein englisches Kriegsschiff. Philip ist da 18 Monate alt. Und weil kein Kinderbettchen ins Gepäck passt, schläft der Prinz in einer Orangenkiste, Beginn einer Odyssee, die im ärmlichen Exil in Paris endet. Philips Mutter verkauft hier Stickereien und Bilder, um die von der Verwandtschaft geschickten Almosen aufzubessern.
Zeitgenossen attestieren Alice einen besonderen Sinn für Ironie, etwas, das sie ihrem Sohn weitervererbt. Sie beschäftigt sich mit Okkultismus, empfängt Botschaften aus dem Jenseits, landet in der Psychiatrie. Als Irre abgestempelt, wird sie jahrelang weggesperrt im Sanatorium Bellevue bei Kreuzlingen im Thurgau. Philips Vater verlässt die Familie und verlustiert sich in Cannes als Privatier mit seiner Geliebten. Zum Sohn pflegt er nur schriftlichen Kontakt. Mit 12 kommt Philip ins Internat Schloss Salem am Bodensee. Als der jüdische Schulleiter vor den Nazis fliehen muss und in Schottland das Internat Gordonstoun eröffnet, folgt ihm Philip dorthin.
Er hat nicht einmal Geld für einen Verlobungsring
Elizabeth schert sich nicht um die Herkunft ihres Prinzen. Sie nimmt ihn, wie er ist. Keiner in ihrer Familie mag den «Teutonen», der nicht einmal Geld für einen Verlobungsring hat. Sein Kontostand: lächerliche sechs Pfund. Seine Habe: ein schwarzer MG-Sportwagen, zwei Anzüge, ein Blazer, eine Jagdjacke. Alle seine Strümpfe sind gestopft. Elizabeth bietet ihm eine Familie, die er so bis dahin nicht gekannt hat. Am 11. August 1946 kniet Philip auf Schloss Balmoral vor ihr nieder und bittet um ihre Hand. «Es war wunderbar, einfach zauberhaft. Ich legte meine Arme um seinen Hals und küsste ihn, während er mich an sich drückte und in die Luft hob», erinnert sich die Queen später.
Das Jawort geben Elizabeth und Philip einander am 20. November 1947 in der Westminster Abbey. Nur seine Mutter Alice ist bei der Vermählung anwesend. Nicht einmal seine Schwestern darf Philip einladen; sie sind mit ehemals hohen SS-Offizieren verheiratet. Noch am Hochzeitsmorgen sagt der Bräutigam in seiner für ihn typischen nüchternen Art zu einem Verwandten: «Bin ich sehr mutig oder sehr blöd?» Es ist sicher mehr als nur Mut, was die Beziehung letztlich so erfolgreich macht. Das Paar lebt nach der Hochzeit zwei Jahre auf Malta, wo Prinz Philip als Marineoffizier stationiert ist. Als «die schönsten Jahre meines Lebens» bezeichnet die Queen im privaten Kreis später diese Zeit auf Malta. Englands künftige Königin erledigt hier die Einkäufe selbst, besucht Gottesdienste und kümmert sich um ihre ersten beiden Kinder, Charles und Anne.
Ein Schicksalsschlag ändert 1952 ihr Leben. Elizabeth und Philip sind auf Commonwealth-Tour, als sie am 6. Februar die Nachricht vom Tod ihres Vaters, König George VI., erreicht. Die Thronerbin und ihr Gatte müssen sofort zurück nach London. Am 2. Juni 1953 wird Elizabeth gekrönt. Philip ist der Erste, der vor ihr niederkniet, seine Hände zwischen ihre legt und schwört: «Ich, Philip, werde dein Lehnsherr mit Leib und Leben und weltlicher Anbetung, und Glauben und Wahrheit werde ich dir entgegenbringen. Auf Leben und Tod gegen alle Widrigkeiten, so wahr mir Gott helfe.»
Philip badet die Kinder, spielt mit ihnen, bringt sie zu Bett
Fortan muss er bei offiziellen Anlässen drei Schritte hinter seiner Frau gehen. Bei Bedarf ist er stets an ihrer Seite. Als 1981 bei der Trooping-the-Colour-Parade ein junger Mann mit einer Schreckschusspistole aus dem Publikum schiesst, reagiert der Prinzgemahl sekundenschnell: «Prinz Philip war hinter der Queen, ihre Pferde scheuten kurz, und er war wie ein Leibwächter sofort neben ihr. Er stellte sich sofort vor seine Frau, wenn eine Gefahr drohte», erinnert sich Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert, 84, der die Parade damals kommentiert. Philip selbst sagt einmal über seine Aufgabe: «Mein erster, zweiter und letzter Job ist es, die Queen niemals im Stich zu lassen.»
Wie sehr Elizabeth ihren Mann schätzt, zeigt sich auch darin, dass sie Philip die Erziehung der Kinder Charles, heute 72, Anne, 70, Andrew, 61, und Edward, 57, überträgt. Philip tut als Vater mehr, als es sein eigener tat – und was in seiner Generation die allerwenigsten Väter tun: Er badet seine Kinder und spielt mit ihnen, liest ihnen vor, bringt sie zu Bett. Seinen Ältesten will er zu einem unerschrockenen und zähen Jungen machen. Doch der sensible und schüchterne Charles fühlt sich oft von den Witzen seines Vaters verletzt. Seine Schwester Anne ist da robuster, sie kontert die Sprüche des Vaters selbstbewusst.
Obwohl in die zweite Reihe verbannt, ist es Philip, der manchen royalen Terminen die Verkrampftheit nimmt. Sobald Elizabeth II. einen Raum betritt, wird es augenblicklich mucksmäuschenstill. «Eine feierliche, aber auch etwas steife Atmosphäre legt sich in solchen Momenten über den Raum. Dann teilen sie sich meistens auf. Die Queen nimmt sich den einen, Prinz Philip den anderen Teil des Raumes vor. In der Queen-Ecke bleibt es meistens steif und förmlich. Aus der Philip-Ecke kommt immer Gelächter. Und dann – das war eigentlich immer so – ist plötzlich die Nervosität im ganzen Raum weg, auch auf der Queen-Seite wird dann gelacht», erinnert sich Alexander von Schönburg, 51, an seinen Grossonkel.
Für Elizabeth ist Philip der Meister im Eisbrechen. Ausser im Kreis ihrer engsten Familie ist die Queen meist etwas schüchtern. Philip hilft ihr, diese Unsicherheit auszugleichen. Er war nie der Polterer, als der er oft dargestellt wurde. Seine saloppen Sprüche hatten eine Funktion: eine steife Atmosphäre aufzulockern. Für Grinsen sorgt der Prinzgemahl etwa 1994 in Belize, wo sich seine Frau etwas länger mit den Gastgebern unterhält und Philip unüberhörbar murmelt: «Schnatter, schnatter, schnatter, komm endlich!»
Fremdgehgerüchte kontert er trocken: «Wie könnte ich?»
Oft wird über angebliche Seitensprünge und Affären des Herzogs spekuliert: Schauspielerinnen, Showgirls, reiche Erbinnen. Prinz Philip kommentiert die Fremdgehgerüchte gegenüber Gyles Brandreth, 73, Autor eines Buches über das royale Ehepaar, einzig und allein mit den Worten: «Wie könnte ich? Ich habe einen Bodyguard um mich herum, Tag und Nacht, und das seit 1947.»
Für die Queen ist Philip mehr als nur der Ehemann an ihrer Seite. Eine fast schon intime Liebeserklärung macht sie ihm vor über 20 Jahren zum 50. Hochzeitstag, ihrer goldenen Hochzeit: «Er war ganz einfach meine Stärke und mein Felsen all diese Jahre! Wir alle schulden ihm mehr Dank, als er je verlangen würde oder wir jemals wissen werden.»
Ihre ganze lange Liebe lang hat Philip seiner Königin Halt gegeben. Und sie akzeptierte bei Veranstaltungen keinen anderen Arm als seinen, um eine Treppe zu besteigen. Umso schmerzlicher wird der kommende Mittwoch, wenn die Queen das erste Mal nach 73 Jahren allein Geburtstag feiert. Aber mit Sicherheit wird sie Punkt 17 Uhr an ihrem Tee nippen – und an ihre grosse Liebe denken. An all die schönen Jahre mit dem Mann, der bei ihr auf Schloss Windsor am 9. April in seinem hundertsten Lebensjahr verstarb.