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Eine Tapas-Bar? Mona verlangsamte ihren Schritt und betrachtete das einladende Lokal, aus dem gedämpfte Salsamusik drang. Die Fenster waren hell erleuchtet. Mona blinzelte und blickte an der mehrstöckigen Hausfassade nach oben. Es war hier gewesen, sie war sich sicher. Sie schaute prüfend hinüber zu dem Gebäude, dass sich links an den Altbau reihte, dann drehte sie den Kopf nach rechts. Hier war kein Lebensmittelgeschäft, nicht die Spur davon.
Was war geschehen? Hatten die Despotovics den Laden aufgegeben? Waren sie umgezogen oder wieder in ihre Heimat Serbien zurückgekehrt? Mona überlegte für einen Moment, die Tapas-Bar zu betreten und sich nach den Vormietern zu erkundigen. Doch dann zog sie ihre Hand, die sie schon nach der Türklinke ausgestreckt hatte, zurück und steckte sie in die Tasche ihres warmen Wollmantels.
Die Absätze ihrer braunen Lederstiefel hallten über den spärlich erleuchteten Innenhof. Monas Atem bildete Wölkchen vor ihrem Gesicht, als sie in ihrer Tasche nach dem Haustürschlüssel suchte. Eine Sirene heulte von weither, Gelächter drang von der belebten Hauptstrasse bis zu dem versteckten Altbau, in dem Mona eine Mansarde bewohnte. Schon bald zehn Jahre wohnte sie im obersten Stock eines Mehrfamilienhauses, von ihrem Balkon aus sah sie unzählige andere Balkone und – weitaus wichtiger – den Himmel. Mona versuchte zu erkennen, ob sich bereits ein paar Sterne zeigten, doch ihre gefrierende Atemluft nahm ihr die Sicht. Sie stiess den Schlüssel ins Schloss, öffnete die schwere Eingangstüre und zählte automatisch die 35 Treppenstufen, die sie in ihr kleines Reich unter dem Dach führten.
Schnaufend hängte sie ihren Mantel über den Haken hinter der Tür, liess Schlüssel und Tasche achtlos auf den Boden fallen und entledigte sich auf nicht damenhafte Weise ihrer Lederstiefel. Sie öffnete den Kühlschrank, blickte lange hinein und schloss ihn wieder. Da war nichts zu machen. Sie seufzte und kramte nach ihrem Handy. Dann würde sie halt wieder Thai essen.
Zu schade, dass es den kleinen Laden nicht mehr gab. Mona hatte dort oft noch etwas nach Feierabend besorgt. Dann, wenn die anderen Lebensmittelgeschäfte schon geschlossen waren. Brot, Bananen und Fertigsuppe gab es dort immer. Um die Packungen, deren kyrillische Beschriftung sie nicht lesen konnte, hatte Mona stets einen Bogen gemacht. Geredet hatte sie nie viel mit der Familie, die den Laden führte. Da waren eine Frau, ein Mann und eine erwachsene Tochter gewesen. Und manchmal noch ein Kind, erinnerte sich Mona. Wann war sie zum letzten Mal dort einkaufen gegangen?
Während sie auf den Thai-Kurier wartete, grübelte sie darüber nach, kam jedoch nicht weiter. Als es klingelte, schreckte sie auf, griff nach ihrem Portemonnaie und lief die drei Stockwerke in Socken hinab, um ihr Essen in Empfang zu nehmen. Später, als sie die halb leer gegessenen Plastikboxen, Verpackungen und Tüten in den Mülleimer gestopft hatte, und sich die Zähne putzte, fasste sie einen Entschluss.
Sie schlüpfte in Turnschuhe, schnappte sich ihren Wohnungsschlüssel und eilte hinunter in den Innenhof, rannte auf die Strasse und riss bald darauf die Tür zur Tapas-Bar auf. Die Musik war laut, es roch nach gebratenem Schweinefleisch und Fumoir. Mona stapfte an die Theke und sah sich um. Ein Kellner mit dunklem Schnauzbart neigte ihr im Vorbeigehen den Kopf zu. „Was? Die Bar hier gab es schon, als du noch nach der Gutenachtgeschichte ins Bett musstest“, sagte er mit einem blasierten Lächeln und blickte Mona im Weggehen von oben herab mitleidig an.
Mona liess sich auf einen der Barhocker sinken. Dann würde es künftig eben spanisches Essen und Rioja geben. Das wäre doch eine schöne Abwechslung zu Thai oder serbischer Nudelsuppe. Vielleicht wäre die Tapas-Bar aber auch nächste Woche wieder verschwunden. Wer weiss? Mona saugte den süssen Sangria durch einen Strohhalm und schluckte, saugte und schluckte. Das Leben steckte voller Überraschungen. Zum Glück war sie flexibel.