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Soll ich hier Night Film (Amazon Affiliate), in Deutsch Die amerikanische Nacht (Amazon Affiliate) von Marisha Pessl besprechen? Dagegen spricht, dass es kein Tech-Thriller ist, obwohl Tor-Browser und Darknet mehrfach erwähnt werden. Es ist noch schlimmer: Es ist ein Mystery-Thriller, in dem es um Okkultismus, den Leibhaftigen, sowie Hexen geht. Also Dinge, bei denen man als gestandener Nerd unweigerlich den Kopf schüttelt.
Für eine Rezension spricht, dass es ein gelungener Thriller ist, mit einer Geschichte zum Abtauchen, einer flüssigen Schreibweise und einem stimmigen Stil. Ich lehne mich nur ein bisschen zum Fenster hinaus, wenn ich behaupte, dass die Stimmung so überzeugend ist, wie wenn sich Übervater Stephen King ein bisschen anstrengt. Es gibt wunderbare Szenen, zum Beispiel wenn der abgehalfterte Investigativ-Journalist Scott McGarth mit seinen beiden unfreiwilligen Ermittler-Kollegen Nora Halliday und Hopper Cole die sehr gealterte Diva Marlowe Hughes besuchen, die wie ein lichtscheues Reptil in ihrem Luxusapartment vegetiert und Alkohol wie Wasser trinkt.
“Oh, yes, child. There’s some, uh, club soda just” – she twisted around the armchair, craning her neck towards the other side of the room – “there, in the bookcase, second shelf, behind Treasure Island, you’ll find some, uh, water. If you could fetch it for me dearie.”
She was pointing emphatically at the shelves lining the far side of the room then a painted fresco of trellised roses climbing to the ceiling. Nora ran to it, fumbled behind the rows of books.
“There’s just booze here,” Nora said, pulling out a large bottle reading the front. “Heaven Hill Old Style Bourbon.”
“Really? What a shame. Lucille must have confiscated my Evian. She’s always riding me hard about my water drinking. Wants me to go to meetings for it, Hydrated Anonymous or whatever the fuck. I’ll have to make doe with that, uh, bourbon, child. Bring me my Heaven Hill. And don’t drag your feet.”
Nora was reluctant.
“Give it to her,” I said.
“What if it mixes with the pills she’s taken?”
My gut told me ol’ Marlowe wasn’t on pills – or anything at all. When she’d jumped down from that countertop like a flying monkey out of The Wizard of Oz she’d had superb reflexes. Whatever irrational phrases she was spewing seemed purely mental, a side effect of being alone and locked inside this apartment for a couple of years. For all of her feigned terror at our break-in, I could see, too, she was eager for a live audience.
“Give it to her.”
Marlowe practically lurched out of the chair to snatch the bottle from Nora. Her hands moving faster than a blackjack dealer’s in Vegas, she unscrewed it and chugged. Never before had I seen such thirst except in a Mountain dew commercial. There was a soft clink of metal against the glass, and I noticed her spidery white fingers had slipped out of the long sleeve.
Klar, manche werden finden, das sei ein bisschen arg dick aufgetragen. Und natürlich haben sie vollkommen recht damit. Aber wo steht geschrieben, dass eine Autorin nicht einmal über die Stränge schlagen darf? Entscheidend ist doch, ob einem diese Opulenz auf die Nerven geht oder zur Unterhaltung beiträgt.
Abgesehen passt die Form ganz ausgezeichnet zum Inhalt. Es geht in diesem Buch um die schönen und nicht ganz so schönen Künste. Um die dunkle Seite des glamourösen Filmgeschäfts und um den Starregisseur Stanislav Cordova. Der dreht Filme, die so düster sind, dass sie gegen Ende seiner Karriere nicht mehr kinotauglich sind. Sie können nur noch im Untergrund gezeigt werden: In den Labyrinthen unterhalb Paris oder in Gruften, in die sich nur die eingefleischten Verehrer des Regisseurs überhaupt hinuntertrauen. Und dieser dunklen Kunst wird die Musik entgegengestellt, die seine Tochter Ashley Cordova dem Piano entlockt – so berührend und überweltlich schön, dass auch sie mit dem Teufel im Bund sein muss.
Kurz und ohne Spoiler zusammengefasst: Besagte Ashley Cordova wird tot aufgefunden. Sie hat sich umgebracht, meint die Polizei, doch Scott McGarth mag das nicht glauben. Er hat sie noch vor kurzem gesehen und da hat sie keinen lebensmüden Eindruck gemacht. Ausserdem hat er ein besonderes Verhältnis zum Cordova-Clan. Er hat seinerzeit nach dem Anruf eines anonymen Informanten recherchiert und hat sich dabei selbst seine Karriere vermasselt. Er hat nämlich die Anschuldigungen des Informanten in die Welt hinausposaunt, ohne die entsprechenden Beweise liefern zu können.
McGarth greift die alte Geschichte auf. Am Tatort trifft er Hopper Cole. Was er dort wollte, bleibt zwar unklar. Doch für die Ermittlungen entpuppt er sich als nützlich. Das gilt erst nicht für Nora Halliday – dann später aber schon, weswegen sie ebenfalls in die Ermittlungen einsteigt, obwohl sie weder die nötige Erfahrung hat, noch McGarth überhaupt im Team operieren wollte. Dann geht es mit handfester und nicht immer ganz legaler Recherchearbeit voran: McGarth forscht nach, was Nora Halliday in den letzten Tagen ihres Lebens getan hat. Er versucht herauszufinden, wie andere Familienmitglieder involviert sind. Und so verstrickt er sich selbst immer tiefer in die Angelegenheit.
Wie man sieht, ist eine solche Geschichte geradezu prädestiniert, um als Maskerade aufgeführt zu werden. Wieso soll die Autorin da nicht Figuren erschaffen, die so schablonenhaft sind, dass sie gut zur Beleuchtungstechnik im Film noir passen? Wieso soll sie nicht ihre Geschichte mit Filmzitaten und Anspielungen würzen, damit auch die Leute auf ihre Kosten kommen, die in ihrem Leben auf Regisseure wie Stanislav Cordova und dessen nicht-fiktionalen Kollegen stehen?
Ich jedenfalls bin gern in die Welt von Scott McGarth und Stanislav Cordova abgetaucht, auch wenn der Rezensent der FAZ nicht ganz zu Unrecht bemerkt, dass die Geschichte gegen Ende an Tempo verliert. Die Szene im Peak hätte ein Höhepunkt sein können, war aber zu lange und hat den Helden zu blass aussehen lassen. Ich hatte aber schon innere Distanz aufgebaut, als McGarth vom Hard-boiled-Skeptiker zum persönlich Betroffenen mutierte. Zuerst war er nüchtern-ungläubig, als er dem schwarzmagischen Klimbim begegnet ist, den Ashley Cordova veranstaltet hat. Doch als seine eigene Tochter Samantha plötzlich durch Hexenwerk in Gefahr ist, rennt er wie ein eingeschüchterter Schulbub zu Cleo, der selbsternannten weissen Magierin, der er vorher kein Wort geglaubt hat. Natürlich, das ist nur allzu menschlich. Trotzdem sehe ich es nicht so gern, wenn Skeptiker so mir nichts dir nichts von ihrer Überzeugung abfallen.
Zurück zur Frage, ob dieses Buch in die Reihe der Nerdliteratur passt. Es gibt einen Umstand, der die Besprechung im Blog geradezu zwingend macht. Es heisst nämlich am Anfang des Werks, es handle sich um einen interaktiven Thriller. Was mich hellhörig gemacht hat, zumal ich via Audible-App die Hörbuchvariante gelesen habe. Ein interaktives Hörbuch ist mir dort bis jetzt noch nicht untergekommen und auch die App hat keinerlei Anstalten gemacht, mir zum Beispiel Entscheidungen abzuverlangen, wie ich sie bei Netflix’ Black Mirror: Bandersnatch treffen musste.
Darum die Frage: Wie weit her ist es mit der Interaktivität bei Audible-Büchern? Da sich mir das nicht von allein erschlossen hat, habe ich bei Audible nachgefragt. Das war die Antwort:
You can download the accompanying material PDF file on your mobile device, but you can only access it from the full Audible website. Please follow these steps:
- Go to mobile.audible.com and ensure you’re signed in to the correct account.
- Scroll down to the bottom of the page and tap on Full Site.
- Tap on Library and then My Books.
- Locate the title with the PDF file and tap the View PDF link located below the Download button.
Das PDF enthält Illustrationen, also Screenshots der fiktiven Websites, die Scott McGarth sich während seiner Recherchen zu Gemüte führt. Etwas interaktiver ist das, was als Bonus-App auf der Website der Autorin vorzufinden ist. Da findet man beispielsweise Plakate für die fiktiven Filme, Audioclips und ähnliches. Das ist nett, aber nicht das, was ich als interaktiv bezeichnen würde. Allerdings war «Bandersnatch» ansatzweise anstrengend – sodass ich es Audible nicht wirklich übelnehme, dass dieses Buch hier auch ohne Entscheidungen meinerseits auskommt.
Zuletzt noch ein leicht spoilerhaftes Fazit zum Ende: Am Schluss entpuppt sich der ganze Fall als Inszenierung. Man hätte es wissen können, wenn sich eine vor Fantasie übersprudelnde Autorin einen genialen Regisseur ausdenkt.
McGarth ist auf eine Scharade hereingefallen, die Regisseur Stanislav Cordova mit voller Absicht und Ashley Cordova aufgrund ihrer Krankheit halbbewusst inszeniert haben. Niemand sollte von dieser Krankheit erfahren – und darum wurde die Wahrheit mit fiktiven, abscheulichen Verbrechen, satanischen Ritualen und viel Pompanz über einen angeblich genialen Filmemacher kaschiert. Dieses Ende geht erzählerisch gut auf und die Skeptiker sind rehabilitiert. Es ist nicht nötig, an die reale Existenz des Leibhaftigen zu glauben, um dieser Geschichte bis zum Ende zu folgen.
Ich war trotzdem ein bisschen enttäuscht, dass keine grosse Verschwörung, sondern bloss ein kleines Täuschungsmanöver stattgefunden hat. Und eben, dass Marisha Pessl keine moderne Reinkarnation dieser alten Sage zustande gebracht hat, die wir hierzulande sehr gut kennen…