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Brunos Tramnotizen – N°60
Die alte Dame sass bereits im wartenden 2er am Tiefenbrunnen. Zufrieden, ja glücklich sogar, schaute sie zum Fenster hinaus, summte die Melodie der kleinen Nachtmusik von Mozart, klopfte dazu den Takt mit der Rechten auf den silbernen Griff ihres Stockes, den sie zwischen ihren Beinen stehen hatte. Die Dame sah sehr rüstig aus und sie war auffallend gepflegt gekleidet. Der Tramführer, der sich draussen eine Rauchpause gegönnt hatte, half einem älteren Herrn beim Einsteigen, begleitete ihn zur nächsten Sitzgelegenheit. Als der 2er losfuhr, bemerkte der Herr die Dame am Fenster und rief zu ihr hinüber, sie sei doch Valerija. Die Dame am Fenster schaute zum Herrn, überlegte kurz und rief dann zurück, ja, und er sei Hans-Peter. Die beiden lachten. Der Herr erzählte, er wohne jetzt schon seit über sechs Jahren in der Seniorenresidenz in Meilen am See, es sei sehr schön dort. Dann wollte er wissen, wo Valerija untergebracht sei, sie sei doch jetzt auch schon achtzig. Neunundachtzig, korrigierte Valerija beinahe buchstabierend. Ja, die Zeit vergehe schnell, sie sei immer noch zuhause, ihr Sohn wohne im gleichen Haus und kümmere sich um sie, sie könne es sich nicht leisten, in einem so teuren Seniorenheim zu wohnen. Der Herr tat verwundert, sie besitze doch die Liegenschaft, in der sie wohne, da müsste sie genug auf der Seite haben. Valerija lächelte, meinte nein, seit dem Tod ihres Mannes habe sie kein Einkommen mehr gehabt und lediglich die Witwenrente erhalten, später die AHV, davon könne man nicht leben, heute habe sie nichts mehr, das Ersparte sei aufgebraucht, und in ein Altersheim wolle sie nicht, sie sei froh, dass sich ihr Sohn Milo um sie kümmere. Der Herr meinte, ihr Sohn wohne schliesslich in ihrem Haus und das Haus würde er irgend einmal erben, da könne er schon etwas tun für sie. Valerija lächelte, sagte nichts. Der Herr fuhr fort, wenn es um Geld ginge und ums Erben, da würde man halt schon was machen. Valerija lächelte stumm weiter. Der Herr räusperte sich, und wenn ihr Sohn schliesslich das Haus verkaufe, mache dieser ein Vermögen! Valerija säufzte nachsichtig, meinte, so würden hierzulande leider viele Leute denken, das sei sehr, sehr traurig. Bei ihr sei das anders. Da gelte noch der Zusammenhalt in der Familie, man sorge füreinander, da ginge es nicht um Geld. Der Herr schüttelte den Kopf, das glaube er nicht. Doch, doch, sagte Valerija. Sie habe seit dem Tod ihres Mannes immerzu die Hypotheken der Liegenschaft erhöhen müssen, von der Rente hätte sie ja nicht leben können, heute gehöre das Haus faktisch der Bank, nein, wenn sie einmal nicht mehr sei, habe ihr Sohn Milo nichts von dem Haus. Wie denn das bei ihm sei, mit der Familie, wollte Valerija von Hans-Peter wissen. Der Herr fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, sagte, seine Kinder würden ihn gelegentlich besuchen, an Feiertagen eben, dann schwieg er eine Weile und sagte schliesslich nachdenklich, ja, und das Elternhaus hätten sie bereits verkauft.
10. April 2016