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In der Theorie ist der Skeptizismus perfekt. Er hält uns dazu an, Ideen zu prüfen und ihnen in dem Maße Glauben zu schenken, wie es nachweislich gerechtfertigt ist. Was gilt es dabei zu bedenken? Dieser Frage geht dieser Text skeptisch nach.
Eins vorweg: Dies ist keine Absage an den Skeptizismus. Es ist eine Sammlung von Beobachtungen, die mir am Skeptizismus und insbesondere seiner Anwendung aufgefallen sind und denen meines Erachtens genügend Beachtung geschenkt werden sollte. Diese Beobachtungen kamen besonders dadurch zustande, dass ich versuchte, die Unterschiede zwischen Weisheit und Skeptizismus zu benennen.
Welche Belege?
Der Skeptiker strebt danach, seinen «Glauben» (ein böses Wort unter Skeptikern) nach Anzahl und Qualität der Belege auszurichten. So formulierte es Philosoph David Hume als Tugend weiser Menschen. Dabei gilt es zu beachten: «Die Belege» sind jeweils darauf beschränkt, was dem jeweiligen Skeptiker bekannt ist. Es kann Belege und Argumente geben, die er nicht kennt, vielleicht sogar welche, die niemand kennt. Das nicht zu vergessen, ist entscheidend. Es erscheint mir als eine Tatsache, die etwa bei der grundsätzlich sehr zu begrüßenden Street Epistemology leicht vergessen geht.
Street Epistemologists sind gerne mal darauf aus, Leute von Glaubenssätzen zu «befreien», für die diese keine ausreichende Rechtfertigung haben. Doch dass eine bestimmte Person eine Idee nicht ausreichend rechtfertigen kann, muss nicht heißen, dass sie nicht haltbar ist. Dass man eine Idee nicht hinreichend zu stützen weiß, muss nicht das Ende dieser Idee sein, sondern kann auch erst einmal der Beginn einer Suche nach besseren Begründungen sein. Vorsicht vor dem Fehlschluss-Fehlschluss: Dass eine Idee mit schlechten Argumenten verteidigt wird, macht sie nicht falsch.
Aktiv oder passiv?
Kann man bewusst steuern, welchen Aussagen man Glauben schenkt und welchen nicht? Ist es nicht eher so, dass einen Dinge einfach überzeugen oder nicht, je nach Anlagen und Erfahrungen? Und dass diejenigen, die von Natur aus eher schwer zu überzeugen sind, sich manchmal «Skeptiker» nennen, um ihre Veranlagung als freiwillig gewählte, diszipliniert eingeübte, ehrbare Geisteshaltung zu vermarkten? Ein wichtiger Test in dieser Hinsicht: Wie stark ist mein Skeptizismus auf Aussagen begrenzt, die mir nicht in den Kram passen? Je stärker dies der Fall ist, desto weniger sollte ich mich Skeptiker nennen, denn so tickt nahezu jeder.
Auffällig ist, dass die meisten Skeptikergruppen Vereinigungen von Menschen sind, die die selben Dinge nicht glauben. Normalerweise geht es dabei um Religion, Homöopathie, Esoterik, Geisterglauben, Verschwörungstheorien. Gewiss sind viele der Mitglieder redliche Skeptiker. Zugleich sei die Frage erlaubt, wie viele Leute in solchen Gruppen diesen Dingen «zufälligerweise» oder aus zweifelhaften Gründen skeptisch gegenüberstehen und sich allein deswegen den Titel eines Skeptikers als Ehrenabzeichen anstecken.
In meiner Zeit als religionskritischer Blogger fiel mir immer wieder auf, dass es unter meinen Followern nicht wenige Leute gab, die nie in die «Gefahr» geraten waren, gläubig zu werden, die nichts dafür getan hatten, dass sie nicht an Gott glaubten, und in der Atheistencommunity nun dafür Ansehen einsacken wollten.
Glauben oder nicht glauben
Wenn man sein Glauben steuern kann, wie präzise sind dann die Messinstrumente für die Steuerung? Wie misst man die Stärke von Belegen und Argumenten? Wie quantifiziert man den gerechtfertigten Gewissheitsgrad, um trennscharf festzulegen, was man glauben darf und was nicht? Dies versuchen Skeptiker etwa anhand von Bayesischem Denken. Doch nicht nur eignet sich das nicht immer, sondern die dort eingesetzten Werte sind oft grobe Schätzungen und von einer zuverlässigen Einschätzung kann keine Rede sein. Es mag richtig sein, dass so etwas generell präziser ist als ein Blindflug – doch man sollte es nicht überschätzen.
Noch ein wichtiger Punkt: Selbst wenn es möglich sein sollte, sein Glauben prinzipiell aktiv zu steuern – in vielen Situationen kann man es definitiv nicht. Sehr häufig fehlen uns Zeit, Informationen und/oder Motivation für aktiven, effektiven Skeptizismus. Psychologe Gerd Gigerenzer spricht deshalb von Bounded Rationality, der begrenzten Rationalität, denn diese mag in der Theorie objektiv und logisch zwingend funktionieren, kann in der Realität aber selten bis nie so eingesetzt werden.
Warum das Ganze?
Schließlich stellt sich beim Skeptizismus auch die Frage nach dem «Warum». Zum einen ist die Frage, warum der Fokus darauf liegen sollte, sein Urteil möglichst zurückzuhalten, um ja kein falsches Urteil zu fällen. «Durch Unentschlossenheit geht mehr verloren als durch eine falsche Entscheidung», meine etwa Philosoph Marcus Tullius Cicero. Das lässt sich sicherlich nicht zum allgemeingültigen Gesetz erheben, ist aber eine Überlegung wert.
Der «Gläubige» möchte im Gegensatz zum Skeptiker möglichst hohe Chancen haben, die Wahrheit auch wirklich zu erwischen, und riskiert es dafür auch, eine falsche Idee zu erwischen. Der Skeptiker hingegen möchte so sicher sein, dass es sich bei seinen Ideen auch wirklich um die Wahrheit handelt, dass er diese im Zweifel lieber verpasst. Wie leicht ist es hier, die überlegene Grundhaltung zu bestimmen?
Und weiter stellt sich die Frage: Warum so sicher sein wollen, die Wahrheit zu glauben? Ist Wahrheit ein intrinsischer Wert? Oder gehen Skeptiker davon aus, dass die Wahrheit uns zu etwas Erstrebenswertem führen wird? Was, wenn jemand «unskeptisch» ein gutes Leben lebt – kann das gar nicht sein, oder könnte man das akzeptieren?
Die Grenzen des Skeptizismus
Grundsätzlich gilt es festzuhalten: Wir alle haben Momente, in denen wir sehr skeptisch sind, und Momente, in denen wir eher leichtgläubig sind oder vielleicht auch sein müssen. Studien haben gezeigt, dass Intuition in manchen Situationen die bessere Wahl ist, und dass Skeptizismus teils extrem stark von unseren Präferenzen abhängt, besonders etwa in politischen Fragen.
Unter Skeptikern kursiert der Spruch: «Sei offen, aber nicht so offen, dass dein Hirn rausfällt.» Im Grunde ist der Spruch zu begrüßen – nur dient er auch sehr leicht als Vorwand für übertriebene Verschlossenheit. Es gilt besonders auch die Kehrseite der Skeptizismus-Medaille zu berücksichtigen: Konsequenterweise bemüht sich ein Skeptiker nicht nur darum, Ideen nicht vorschnell anzunehmen, sondern auch darum, sie nicht vorschnell abzulehnen. Wer bloß möglichst nichts glauben will, ist womöglich näher am Zynismus als am Skeptizismus.