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Alfred Vogel, der seit den 1950er Jahren immer wieder – sowohl in den USA als auch in Zentral- und Südamerika – auf den Spuren der Indianermedizin unterwegs war, wusste: «Im Allgemeinen hüten die Indianer ihre Geheimnisse auf dem Gebiet der Heilkunde sorgfältig und übermitteln sie bloss ihren Eingeweihten oder bewahren sie als wohlgehütetes Eigentum des Volkes.» Daher war es für Vogel ein bemerkenswertes Erlebnis, dass ihm der damalige Häuptling der Oglala Lakota-Indianer von der Heilkraft der Echinacea berichtete und ihm sogar einige Samen schenkte.
So gelangte eine der interessantesten und bekanntesten Heilpflanzen, der Rote Sonnenhut (Echinacea purpurea), in die Schweiz. Auch zwei andere Sonnenhut-Arten, Echinacea angustifolia (Schmalblättriger Sonnenhut) und Echinacea pallida (Blassblättriger Sonnenhut) stammen aus dem mittleren Westen und den südöstlichen Gebieten Nordamerikas. Unter den volkstümlichen Namen Kegelblume (Purple Coneflower) oder Schlangenwurzel (Kansas Snakeroot) wurde – je nach Herkunft der Indianerstämme – mal die eine, mal die andere Art häufiger verwendet. Sie wurden nicht nur bei Bissen von Klapperschlangen eingesetzt, sondern auch bei chronischen Wunden, Geschwüren, Blutvergiftung, Tollwut, Entzündungen, als Schmerzmittel und bei sämtlichen Symptomen, die mit einer Grippe oder Erkältung verbunden sein können.
Inzwischen haben wissenschaftliche Untersuchungen die Qualitäten der uralten indianischen Heilpflanze entschlüsselt.
Die Wirkstoffe des Echinacea-Extrakts stärken die körpereigene Abwehrkraft, bekämpfen sowohl Viren als auch Bakterien und regeln die Immunantwort positiv. Echinacea-Präparate helfen erwiesenermassen bei Infektionen und Entzündungen und beschleunigen die Genesung.
Der Kalifornische Goldmohn, auch Golden Poppy (Eschscholzia californica), ist die Staatsblume des Sonnenstaates an der Westküste der USA. Die Wildblume kommt von Mexiko bis zum Süden des Staates Washington vor, nach Osten bis Texas. Die Indianer verwendeten die tiefreichenden Pfahlwurzeln als Schlafmittel für Kinder und Erwachsene, frischer Wurzelsaft galt gar als mildes Betäubungsmittel. Auf Deutsch wird die schöne Pflanze daher auch Schlafmützchen genannt.
Einige Indianerstämme nutzten die entkrampfende und leicht schmerzlindernde Wirkung bei Verdauungsstörungen. Zur Hemmung der Milchsekretion rieben sich Indianerfrauen zerquetschte Fruchtkapseln auf die Brust oder nahmen dafür eine Abkochung aus den Samen.
Heute noch ist der schöne Goldmohn zusammen mit anderen Schlaf- und Beruhigungsmitteln Bestandteil einiger Fertigarzneien zur Linderung von Schlafstörungen, Schmerzen, Nervenleiden und Bettnässen bei Kindern.
Bild: Goldmelisse (lat. Monarda didyma), auch Indianernessel oder Scharlach-Monarde genannt.
In ihrer Heimat im Osten der USA ist sie bekannt als Scharlachrote Monarde oder Beebalm (Bienenbalsam). Bei uns kennt man die Indianernessel als Goldmelisse (Monarda didyma).
Im Osten der USA kommt sie wild in feuchten Wäldern, Flussauen und Gebüschen vor. Die traditionelle indianische Teepflanze galt als schleimlösend, fiebersenkend, magenstärkend, blähungshemmend und nervenstärkend. Die Blackfeet-Indianer erkannten die antiseptische Wirkung und nutzten Breiumschläge bei Hautinfektionen sowie kleinen Wunden; mit dem Tee behandelten sie Rachen-, Mund- und Zahnfleischentzündungen.
Als aromatisches und stimulierendes Getränk war Beebalm-Tee bei den Oswego-Indianern im Gebiet des Ontariosees und den Winnebago im heutigen Wisconsin und Illinois beliebt.
Ginseng (Panax ginseng) ist eine der bekanntesten asiatischen Heilpflanzen. Nur wenige wissen, dass es auch eine amerikanische Art gibt (Panax quinquefolius). Die auf direktes Sonnenlicht empfindlich reagierende Wildpflanze wuchs früher reichlich in den Bergwäldern im Osten und Zentrum der USA sowie in Kanada, wo unberührte Wälder und kalte Winter mit Schnee ideale Wachstumsbedingungen boten. Inzwischen ist wilder Ginseng in seiner amerikanischen Heimat so gut wie ausgerottet. Das langsame Wachstum der Pflanze (Wurzeln sollten frühestens nach vier bis sieben Jahren geerntet werden), die Gefährdung durch Frass von Rotwild und Schnecken und das exzessive Sammeln der begehrten Wurzeln, die übrigens dreimal so teuer sind wie kultivierte, haben dazu beigetragen, dass wilder Ginseng in den USA und Kanada kaum noch Überlebenschancen hat. Seit dem 18. Jahrhundert wird amerikanischer Ginseng in einigen Staaten unter künstlicher Beschattung kommerziell angebaut und vorwiegend nach Asien exportiert.
Ginsengwurzeln gehören zu den ältesten indianischen Heilpflanzen. Die Eingeborenen kannten die vielfältigen Wirkungen, die, zusammenfassend gesagt, darin bestehen, die Vitalität zu steigern und die körpereigene Abwehr bei Krankheit sowie Stress zu stärken. Die Heiler verordneten Kindern, Erwachsenen und Alten Wurzeltee vorbeugend und als Therapie bei zahlreichen Gesundheitsproblemen. Nicht nur die Cherokees glaubten, dass Ginseng den Alterungs- und Verschleissprozess deutlich verzögere und sämtliche Kräfte des Körpers belebe, inklusive die Potenz der Männer.
Die hellroten Beeren des Ginsengs.
Die immergrüne Thuja, in ihrer Heimat als Weisse Zeder bezeichnet, bekam den Namen Lebensbaum erst nach ihrem Export nach Frankreich Mitte des 16. Jahrhunderts. Die Weisse Zeder war und ist eines der wichtigsten indianischen Arzneimittel im östlichen Amerika. Zahlreiche Indianerstämme wandten Rinde, Blätter, Zweigspitzen und Zapfen verschieden an. Irokesen tranken Blättertee bei Erkältungen, Fieber und zur Blutreinigung. Erschöpft von Jagd- oder Kriegszügen, kauten sie Stückchen innere Zedernrinde als Stimulans. Viele Neuengland-Stämme bereiteten aus den pulverisierten Zapfen Breiumschläge bei heftigen Schmerzen und geschwollenen Gelenken. Doch schon die Indianerheiler wussten um die Gefährlichkeit des innerlich eingenommenen thujonhaltigen Öls und verwendeten es nur mit grösster Vorsicht und in starker Verdünnung.
Weit verbreitet war die Anwendung in Schwitzbädern, bei denen Thujazweige auf heissen Steinen ihr ätherisches Öl abgaben und gegen Fieber und Rheuma geholen haben sollen.
In der Indianermedizin zählte die Frauenheilkunde zu den Schwerpunkten. Prof. Daniel E. Moerman, Michigan, der sich mehr als 25 Jahre lang mit indianischen Pflanzen beschäftigte, zählt 462 Pflanzenarten auf, die bei mindestens einem nordamerikanischen Volksstamm in Gebrauch waren.
Die wildwachsende Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa, engl. black cohosh oder squaw root) gehörte zum Heilpflanzenrepertoire vieler Indianerstämme im Osten Nordamerikas. Sie verwendeten die getrockneten Wurzeln zur Anregung der Wehen und des Milchflusses, bei Menstruationsbeschwerden und zur Linderung von Hitzewallungen. Die Cherokee kurierten damit aber auch Rückenschmerzen, Rheuma, Verstopfung, Schwindsucht und Krebs.
Die Tabakpflanze fanden die Indianer wild in den Wäldern vor, kultivierten sie aber auch schon früh. Lange vor der Ankunft der Europäer waren mehrere Arten von Nicotiana als Genussmittel, als spirituelle Zutat und für medizinische Zwecke in Gebrauch. Mit gekauten oder pulverisierten Blättern behandelten die Indianer Zecken- und Schlangenbisse, desinfizierten Wunden, bekämpften Hautprobleme und allerlei andere Beschwerden.
Gerollte Blätter wurden geraucht, meist aber wurde der getrocknete Tabak kleingeschnitten in die Pfeife gestopft. Neben einfachen Alltagspfeifen gab es die kunstvoll verzierten Friedenspfeifen. Sie waren bei allen Indianerstämmen ein heiliger Gegenstand, der seinem Träger in feindlichen Gebieten Schutz gewährte, bei Verhandlungen und Vertragsabschlüssen als Bekräftigung diente und bei kultischen oder religiösen Handlungen zwischen Erde und Himmel vermittelte. Mit dem Rauch, der aus dem Pfeifenkopf stieg, wurden die Geister um Erfolg bei der Jagd angefleht, die Götter geehrt und Bitten oder Wünsche an die Unsichtbaren übermittelt.
Die Laufbahn des Tabaks als Genuss- und Suchtmittel neigt sich in Europa ihrem Ende zu. In der Heilkunde wird Nicotiana tabacum noch homöopathisch, anthroposophisch oder spagyrisch zubereitet und wirkt gegen Reiseerkrankungen und Ameisenlaufen in den Beinen, entkrampft die glatte Muskulatur, beruhigt ein angespanntes Nervenkostüm und fördert die Durchblutung.
Obwohl Pflanzen eine wichtige Stütze waren, darf die Bedeutung von Religion und Kultur in der indianischen Heilkunst nicht unterschätzt werden. Mögen die mystischen Komponenten fremd anmuten, hat die indianische Medizin doch viel zur internationalen Pflanzenkunde beigetragen, zumal das traditionelle Wissen mit Hilfe modernster wissenschaftlicher Methoden mehrfach bestätigt werden konnte.