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Die bunten Kathedralen des Selbst
- Ist der Körper im 21. Jahrhundert der ultimative Ort unserer Auseinandersetzung mit dem Selbst?
- Das Buch «Tattoo & Religion» versammelt religiöse Tätowierungen von Nahost über Loreto, Santiago de Compostela, Fatima, Köln bis in den Pazifik.
Die Tätowierung ist jedenfalls mehr als ein entblösstes Spiel von Tinte und Leib. Sie ist ein unauslöschliches Zeichen. Von der abstrakten geometrischen Form über den verspielten Schmetterling bis hin zur Madonna oder dem Rosenkranz ist alles denkbar, tätowierbar. – Zeige ich dir, wer ich bin? Wie will ich wahrgenommen werden? Wie verhält sich meine Gestalt zu meinen Gedanken? Auf Körpern werden in der Tätowierung Bildnisse, alle Zeichen, Inschriften und Formen zusammengebracht wie in einem Bildprogramm der Kathedrale.
Eine existenzielle Entscheidung
Tätowiererinnen und Kunsthistoriker, eine Journalistin, ein Jesuit, ein Tankstellenbesitzer, der Tätowierer von Lady Gaga, eine Ethnologin und viele mehr berichten über das Verhältnis von Religion und der Kunst des Tätowierens. Wassim Razzouk erzählt von der 700-jährigen Tradition seiner Familie, in Jerusalem Pilger zu tätowieren. Tätowierer von Berlin über Amsterdam und London schildern ihre spirituellen und religiösen Erfahrungen. Der Kunsthistoriker Ole Wittmann entwickelt eine Motivgeschichte der Tätowierung. Der Tätowierer Mikael de Poissy aus Paris spricht über sein Projekt, die Glasmalerei französischer Kathedralen grossflächig unter die Haut zu bringen. Die Kunsthistorikerin Jennifer Daubenberger ist im Gespräch zur Aufnahme von Tätowierungen in der zeitgenössischen Kunst. Die Tätowierer Chaim Malchev und Alex Binnie diskutieren die existenzielle Entscheidung, die mit dem Akt des Tätowierens einhergeht.
So sehr auch die Tätowierung in den vergangenen Jahren zum Mainstream und Massenphänomen geworden ist, so sehr bleibt sie widerspenstig und renitent: Sie lässt sich nicht austauschbar konsumieren, wie ein Kleidungsstück, die Tätowierung ist permanent.
Paul-Henri Campbell
Paul-Henri Campbell ist 1982 in Boston in den USA geboren, schreibt Lyrik sowie Prosa in englischer und deutscher Sprache. Studium der katholischen Theologie und der klassischen Philologie in Frankfurt am Main sowie an der National University of Ireland, Maynooth, derzeit Promotion. 2017 erschien bei Wunderhorn sein viel beachteter Gedichtband «nach den narkosen» für den er im selben Jahr den Bayerischen Kunstförderpreis und 2018 den Herman-Hesse-Förderpreis erhielt.
Um an der Verlosung dieses Buches teilzunehmen, schreiben Sie bis Sonntagabend, 16. Juni, ein E-Mail mit Namen und Postadresse an <email-pii>
Viel Glück!