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Shadowman – Dolderweg in Basel, © 1984 Vera Isler
ProgrammZeitung aus dem Aprilheft 2022, S. 22
Keine Angst vor dem schwarzen Mann
Sabine Knosala
Das Artstübli widmet dem «Shadowman» Richard Hambleton eine dokumentarische Ausstellung
und eine Themenführung, integriert in die «Urban Art City Tour». Dabei greift die Basler Galerie auf Bildmaterial der Basler Fotografierenden Vera Isler und Thomas Christ zurück.
Shadowman – Richard Hambleton, Im Atelier in New York,
© 1982 Vera Isler
Der Amerikaner Richard Hambleton (1952–2017) gilt als «The Godfather of Street Art» und inspiriert bis heute renommierte Künstler wie beispielsweise Banksy, Blek le Rat und JR. Trotzdem ist er einer breiteren Öffentlichkeit nicht bekannt. «Dabei hätte er das Zeug gehabt, um ein ganz grosser Star der Kunstszene zu werden», ist Philipp Brogli überzeugt, der das Basler Artstübli leitet – einen Ausstellungs- und Projektraum für urbane Kunst und Kultur.
In den 80er Jahren verkehrte Hambleton nämlich in New York unter anderem mit Jean-Michel Basquiat, Keith Haring und Andy Warhol. Letzterer wollte ihn wiederholt porträtieren, was Hambleton jedoch ablehnte. Lieber wandte er sich seiner Kunst mit einem Hang zum Morbiden zu: Bereits in den 70er Jahren hatte er nachts mit Kreide Personenumrisse auf Trottoirs gezeichnet, die genauso aussahen wie diejenigen bei Mordopfern. Später begann Hambleton, in schwarzer Farbe menschliche Schatten an Hauswände zu malen und erreichte damit den Höhepunkt seiner Karriere: Der «Shadowman» (Schattenmann) war geboren. Seine ebenfalls in Schwarz gehaltenen Gemälde, die im Atelier entstanden, wurden zu jener Zeit sogar höher bewertet als die von Basquiat.
Nächtlich, hastig, unheimlich.
Doch nicht nur in New York tobte sich der Künstler aus, auch auf seinen Reisen hinterliess er Spuren: So besuchte Hambleton 1984 Basel und malte heimlich rund zwölf Schattenmänner im öffentlichen Raum. «Die schwarzen Männer gehen um», titelte damals die ‹Basler Zeitung› und ergänzte, «nächtlich hingeschmiert, hastig mit dem verbotenen Pinsel, unheimliche Schatten, Kleckse in der Altstadt.» Wer hinter den mysteriösen Malereien steckte, wusste die Tageszeitung jedoch nicht zu berichten.
Nichtsdestotrotz stachen die Werke zwei Basler Fotogra-fierenden ins Auge: Thomas Christ (geboren 1953) und Vera Isler (1931–2015). Beide hatten zuvor einige Zeit in New York gelebt und beschlossen, unabhängig voneinander die anonymen Kunstwerke in ihrem Kontext zu foto-grafieren und so für die Nachwelt zu erhalten. Bei Isler ging die Verbindung zu Hambleton jedoch deutlich weiter: Während ihrer New Yorker Zeit durfte die Baslerin, wahrscheinlich durch Vermittlung ihres Freundes Keith Haring, den medienscheuen Künstler in seinem Atelier fotografieren. So gehören Islers Fotos zu den wenigen Porträts, die es von Hambleton überhaupt gibt.
Vera Isler, die 1936 als Tochter jüdischer Eltern in die Schweiz gekommen war, war selbst eine bekannte Künstlerin: Nachdem sie in verschiedenen Bereichen tätig gewesen war, widmete sie sich ab 1980 ganz der Fotografie, wo sie sich einen Namen durch ihre Porträtaufnahmen machte.
Drogen statt Karriere.
Weniger glücklich verlief dagegen Hambletons Karriere: Durch seine Heroinabhängigkeit verlor er immer mehr den Bezug zur Realität. Er schuf Kunst nur noch, um seinen Drogenkonsum zu finanzieren und geriet in Vergessenheit. Erst vor etwa zehn Jahren wurden seine Werke von der Kunstwelt wiederentdeckt.
Etwa gleichzeitig, nämlich 2014, bezog Philipp Brogli mit seinem Artstübli einen festen Standort im Basler Markthalle-Komplex. Dort erhielt der Galerist öfters Besuch von einer älteren Dame namens Vera Isler, die in der Nähe wohnte und ihm von ihren «Shadowman»-Fotos erzählte. Leider verschied Isler, noch bevor sie die Fotos zeigen konnte und 2017 starb auch Hambleton am Höhepunkt seines Comebacks in New York an Krebs.
Jetzt erhält der «Shadowman» dank der Fotografien von Vera Isler und Thomas Christ in Basel posthum einen grossen Auftritt: Das Artstübli würdigt den Street-Art-Pionier mit einer dokumentarischen Ausstellung. Dabei arbeitet die Galerie eng mit dem Verein Blaue Blume zusammen, der den Nachlass von Vera Isler erschliesst und erhält. Im Artstübli werden Fotografien von Vera Isler und Thomas Christ ausgestellt, welche die Schattenmänner von Hambleton in Basel und New York zeigen. Zitate, Videosequenzen, Zeitungsausschnitte und Musik aus den 80ern lassen die damalige Zeit wiederaufleben.
Wer noch etwas tiefer in die Welt des «Shadowman» eintauchen möchte, kann zudem an einer anderthalbstün-digen «Urban Art City Tour» teilnehmen: Dabei führen die bewährten Artstübli-Guides maximal 15 Teilnehmende unter anderem an Orte, wo Hambleton in Basel gemalt hat. Zwar haben sich keine Originale des Künstlers im Stadtraum erhalten. Brogli plant aber, die Kunstwerke vor Ort sichtbar zu machen – beispielsweise auf dem iPad. Die Tour endet in der Ausstellung im Artstübli.
Ausstellung: Sa 9.4. bis Sa 25.6., jeweils Do/Fr 11–18 h, Sa 14–18 h (Vernissage Fr 8.4., 17–21 h), Artstübli, Steinentorberg 28, Basel
Rahmenprogramm:
– Buchvernissage: Mi 27.4., 18–20 h
– Thomas Christ im Gespräch mit Isabel Balzer,
Verein Blaue Blume: Fr 10.6., 18 h
– Filmscreenings «Shadowman» (2017) von Oren
Jacoby: Fr 13.5. und Fr 24.6., jeweils 19 h
Geführte Touren sowie weitere Infos: www.artstuebli.ch