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Eine Pforte ohne Wärter? Das ist in der Demokratischen Republik Kongo die Ausnahme. An jeder Tür, an jeder Schranke, an jeder Ecke steht ein Aufpasser, meist bewaffnet. Hier, auf 3700 Metern über Meer, steht keiner. Und diese Pforte besteht auch bloss aus dem bogenartig geformten Ast eines Heidebaums. Wer unter ihm hindurchgeht, betritt eine Lichtung, von der aus sich ein bizarres Panorama auftut: aus dem Nebel tauchen moosbehangene Riesenbäume auf, ringsum erheben sich Riesenlobelien und meterhohe Senezien, links und rechts spriesst violettes Riesenkreuz, gelbe Wildblumen und allerlei andere Pflanzenkunstwerke. Der Versuch, meinen Begleitern die visuelle Überforderung zu schildern, scheitert an den gewählten Vergleichen: Walt Disney, Alice im Wunderland oder Gulliver in Brodingnag – alles westliche Kulturprodukte, von denen meine drei kongolesischen Begleiter noch nie gehört haben. Der Reisende bleibt Gefangener jener Zivilisation, von der er sich reisend befreien wollte.
Viele kommen in den Virunga-Nationalpark, um frei lebende Gorillas zu bestaunen oder Vulkane zu besteigen. Doch der älteste Nationalpark Afrikas bietet auch Zugang zu einem schneebedeckten Hochgebirge, das auf dem Gebiet der Demokratischen Republik Kongo und Ugandas liegt. «Montes Lunae» (Mondberge) taufte der antike Geograph Ptolemäus das dritthöchste Gebirge des Kontinents. Während Jahrhunderten gehörten ihre Gletscher zu den bestgehandelten Kandidaten, wenn Abenteurer und Wissenschafter über die Nilquellen spekulierten. Heute wissen wir: der mächtigste Fluss Afrikas speist sich hauptsächlich aus Quellflüssen, die in Burundi und Ruanda entspringen und in den Victoriasee fliessen. Dort landet auch das Schmelzwasser des Rwenzori-Gletschers, das auf seinem Weg ein einzigartiges Ökosystem bewässert. Dauerfeuchtigkeit und Äquatornähe – dies ist der Stoff, aus dem die Pflanzen sind, die ich immer noch staunend betrachte.
Die Luft wird allmählich dünner, als wir uns über hüfthohe Tritte der nächstgelegenen Berghütte nähern. «Weniger reden», sagt Bergführer Esdras eindringlich. Er spricht akzentfreies Französisch. Esdras hatte das Glück, in einem Haushalt aufzuwachsen, den gestandene Europäer wohl «bildungsnah» nennen würden. Dies verhalf ihm zu einem Job. Und der ernährt heute seine Familie mit drei Kindern. Wer Ranger des Virunga-Nationalparks werden will, braucht eine abgeschlossene Schulbildung. Esdras war 19 Jahre alt, als er diese Hürde nahm und sich ausbilden liess. Das war vor 25 Jahren. Damals herrschte Mobutu Sese Soko. Der gerne in Leopardenmütze auftretende Diktator verwaltete als Spielfigur des Kalten Kriegs ein Gebiet, das knapp siebenmal so gross ist wie das heutige Deutschland. Den Nationalpark behandelte Mobutu als Quelle nationalen Prestiges: er erlaubte seinen Rangern, auf jeden zu schiessen, der sich illegal im Lebensraum der Berggorillas aufhielt.
In den letzten 20 Jahren wurde im Ostkongo viel geschossen. Oft auch auf die Wächter des Parks. Seit Ausbruch der kongolesischen Kriege bezahlten 140 Ranger ihren Einsatz im und für den Park mit ihrem Leben. Sie standen jenen Soldaten im Weg, die die dichten Wälder im Süden als Rückzugsgebiet für militärische Operationen nutzten. Unweit der Berggorillas wütete bis vor kurzem eine unter dem Namen M23 bekannte Gruppe. Sie setzte sich aus Rebellen zusammen, die mit ihrer Stellung innerhalb der kongolesischen Armee unzufrieden waren und taten, was sie gewohnt waren: ihre Interessen mit Waffengewalt durchzusetzen. Im November 2013 haben sie ihre Waffen niedergelegt. Seither leben die Menschen der Kivu-Region unter Aufsicht von knapp 20000 UNO-Soldaten in – fragilem – Frieden.
Nach dreieinhalb Stunden Aufstieg erreichen wir die Kiondo-Hütte. Dort empfängt uns ein Schild mit weisser Schrift auf hellblauem Hintergrund, so wie bei den anderen drei Hütten, die wir in den letzten Tagen passiert hatten: renoviert durch den WWF, finanziert durch die Europäische Union. Mit Ausnahme der kleinen Moraine-Hütte bieten die 1942 gebauten Anlagen auf kongolesischer Seite jeweils zwölf Schlafplätze. Einer davon wurde offensichtlich unlängst von deutschsprachigen Besuchern benutzt: ein unversehrter Aufkleber mit Beschriftung «schmerzlos.at» wirbt hier, auf 4200 Metern im afrikanischen Regenwald, für eine Zahnarztpraxis in Oberösterreich. Meine drei Begleiter kümmern sich nicht um mein Kopfschütteln. Sie legen schlotternd das beim Aufstieg gesammelte Holz in die Feuerstelle und erhitzen Regenwasser. Der Raum ist kaum 5 Grad warm, und je schlechter ihr Kleidungsmaterial, desto kürzer bald die Distanz meiner Begleiter zum Feuer.
Den Gipfel des Kilimandscharo erklimmen täglich bis zu 500 Leute, was Tansania nach Schätzungen der Weltbank jährlich 50 Millionen Dollar einbringt. Die Rwenzori-Berge erwandern laut Unesco gerade mal knapp sieben Besucher täglich – von Uganda aus. Auf der kongolesischen Seite wagt gar nur alle paar Wochen jemand den Aufstieg. Wer Kongo hört, denkt eher an Konfliktdiamanten und Massenvergewaltigungen als an gut erhaltene Berghütten und Steigeisen. Aber welche Bilder hatten wohl britische Adelige im Kopf, als sie vor 150 Jahren nach dem touristischen Potential der Schweiz gefragt wurden? Eher martialische Bauern als Matterhorn und Aletschgletscher. Es brauchte findige Unternehmer aus aller Welt, die die Berglandschaft Mitteleuropas zu idyllischen Reiselandschaften umgepflügt haben. Korruption, Vetternwirtschaft und schlechte Infrastruktur – all das spricht dafür, dass es der Tourismus im Kongo in absehbarer Zeit schwerer haben wird. Doch es gibt sie, die unternehmerischen Hoffnungsträger. Einer von ihnen ist Emmanuel de Merode. Der belgische Anthropologe übernahm 2008 inmitten der Bürgerkriegsunruhen das Direktorium des Virunga-Nationalparks, den wohl gefährlichsten Job, den sich ein Naturschützer aussuchen kann. Es überraschte auch niemanden, als am 15. April 2014 Unbekannte auf seinen Wagen schossen und ihn aus dem Weg räumen wollten. Mit viel Glück überlebte de Merode den Anschlag und ist heute wieder im Interesse der Berggorillas unterwegs. Und in meinem.
Trotz oder wegen bewaffneter Begleiter, die hier Vorschrift sind – ich fühle mich stets sicher während der elf Tage, in denen ich im Ostkongo unterwegs bin. Dabei ist klar: die Lage kann sich schnell ändern. Das ist an vielen Orten dieser Welt so, aber der Kongo erinnert einen mit jedem Tritt daran: Korrupte Beamte, Gauner und gefährlichere Vertreter der Schattenwelt sind stets darauf aus, die Müdigkeit ihrer Mitmenschen auszunutzen. Der täglich aufs neue entstehende Stress absorbiert viel Energie, schärft aber gleichzeitig die Wahrnehmung. Mehrere Personen des Virunga-Parks bestätigten mir kurz vor der Abreise, dass meine Route sicher sei. Ob Wasser- oder Matratzenqualität – die kompetenten und hilfsbereiten Berater des Parks beantworten per Mail jede noch so naive Frage in englischer und französischer Sprache. Wer es einfacher haben will, wählt einen der zahlreichen Reiseveranstalter, die eine Reise in die Rwenzori-Berge im Angebot haben (die beste Zeit: zwischen Ende Dezember und Ende Februar sowie Mitte Juni bis Mitte August).
Ich war der Empfehlung der Virunga-Leute gefolgt und hatte für meine Anreise zum Ausgangspunkt der Wanderung den Luftweg bis Beni gewählt. Von Zürich im Flieger bis Kigali, dann per Taxi ins kongolesische Goma, dann Inlandflug (Kostenpunkt: 220 US Dollar) mit einer tschechischen LET L-410. Diese verliess Goma mit vier Stunden Verspätung, um kurze Zeit später in der nördlichen Handelsstadt Butembu aufzusetzen, wo über die Hälfte der 18 Passagiere ausstiegen. Die nicht asphaltierte Landepiste lässt es nicht erahnen, aber Butembu ist eine der wichtigen Handelsstädte des Kongos. Von hier aus vertreiben Händler importierte Güter aus China und anderswo, die sie über Mombasa einschiffen und dann auf dem Landweg in den Kongo transportieren lassen. Nach der viertelstündigen Zwischenlandung landete die Maschine in der noch nördlicher gelegenen Stadt Beni. Dort drückte Alexi, mit dem ich zuvor einige Male telefoniert hatte, zur Begrüssung seine Stirn dreimal sanft gegen meine. Nach einer einstündigen Autofahrt passierten wir die Tore von Mutsora, dem nördlichen Zentrum des Virunga-Nationalparks. Das Basiscamp erschien wie eine Insel. WLAN, warmes Wasser, Strom – was im Wirtschaftszentrum Goma Glückssache ist, funktioniert hier einwandfrei.
«Das Geschäftsleben in Afrika stirbt nie, es wird nur unterbrochen», schreibt V. S. Naipaul in seiner Kongo-Erzählung «An der Biegung des grossen Flusses». Bergführer Esdras hofft, dass nach 20 Jahren Bürgerkrieg die Unterbrechung nun vorüber sei. Er will seine Gipfel mehr Touristen zeigen. So wie in der Zeit vor 1994, als Menschen aus aller Welt kamen, um Neugier oder Sehnsüchte nach Idylle und Läuterung zu stillen. Die Chancen? Zwiespältig. Wen korrupte Beamte an Grenzübergängen, schlechte Strassen und absurde Formalitäten nicht abhalten, wer die mühsame Anreise zum Ausgangspunkt der Wanderung nicht scheut, also wer die Vorbehalte und seine Zivilisationsängste abschütteln kann, der wird in Form von unvergleichlichen visuellen Eindrücken und Erinnerungen belohnt.
Das Feuer in der Kiondo-Hütte ist mittlerweile heiss genug, um das Wasser nahe an den Siedepunkt zu bringen. Der 22jährige Tembu rührt mit der Kelle im Kessel. Ihn haben wir im Dorf als Träger angeheuert. Langsam verfestigt sich das mit Regenwasser aufgekochte Maniokmehl zu einer zähen, klebrigen Masse. Das Schweinefleisch ist mittlerweile ausgegangen, also gibt es aus Uganda importierten Fisch. Weil man westlichen Touristen weder Fufu-Brei noch zähes Fleisch zumuten will, empfehlen die Organisatoren, neben eigenem Schlafsack und Klettermaterial eigene Nahrung mitzubringen. Der im Tal gekauften Teigwaren und Eier bin ich am vierten Tag der Wanderung überdrüssig, nicht aber des mitgeführten Bündnerfleischs, dessen Gewicht sich dank karnivorer Mithilfe meiner kongolesischen Begleiter von einem halben Kilo auf ein paar Dutzend Gramm reduziert hat.
Wir sind nicht die einzigen Fleischesser. Auf dem Weg zur Kiondo-Hütte hatte Ephrem, ein 30jähriger Biologe von kleiner Statur, auf mehreren Pfaden Kothaufen entdeckt, die er nicht richtig zu klassifizieren vermochte. «Vielleicht ein Leopard», spekulierte er, um gleich nachzuschieben, dass man ohne weitere Untersuchung natürlich keine verlässliche Aussage machen könne. Der zweite Teil des Satzes verhallte im Nebel, und ich notierte mir: «Spuren eines Leopards. Problem?»
Weitblick auf dem Wasuwamesu
Gestärkt verlassen wir bald darauf die Hütte, tauchen wieder in die Wunderwelt ein. Im Hintergrund taucht nun auf, was weder Ephrem noch Tembu jemals berührt haben: ewiger Schnee. Geschätzte 2000 Meter Luftlinie sind es bis zum Gletscherplateau. Über dieses führt der Weg zum Pic Marguerite, der mit 5109 Metern über Meer der höchste Gipfel des Bergmassivs ist. Wir begnügen uns an diesem Tag mit der Aussicht auf das Eisfeld und halten auf den Wasuwamesu, eine Art Hausberg der Kiondo-Hütte (Gehzeit: 1 Std.), zu. Theoretisch wäre es auch möglich, die Gipfel zu umrunden und über die ugandische Seite abzusteigen. Logistische und visatechnische Hürden schrecken jedoch davon ab.
Vor uns kriechen Nebelschwaden über die Gipfel, um dann wenige Minuten später wieder zu verschwinden. Zwischendurch erscheinen im Seitental drei kleinere Bergseen, die das Wasser des Gletschers sammeln. Sie sind gut zu sehen auf diesem letzten Teilstück der Besteigung. Tiefe Spalten erschweren das Vorankommen. Die Route sollte nur von Seilschaften begangen werden. Technisch ist der Aufstieg zu Pic Marguerite, Pic Alexandra oder Pic Albert kein Problem, aber gutes Material, eine gute Fitness und gesunden Menschenverstand muss man doch dabeihaben. Ein übermütiger Missionar, der 1973 alleine – und offenbar ohne diesen alpinistischen Dreiklang – aufbrach, kehrte nie zurück.
Der Weg nach unten führt über die gleichen Pfade und unter denselben nebelverhangenen Riesenbäumen hindurch, die wir einige Stunden zuvor gesehen hatten. Kurz bevor der Regen wieder einsetzt, erreichen wir die Mahangu-Hütte, wo wir schon die Nacht zuvor verbrachten. Esdras hängt seine triefenden Socken über die Leine und stellt seine acht Kilogramm schwere AK47 in die Ecke. Er erzählt, wie die Truppen von Laurence Kabila 1994 den Nationalpark als Einfallstor für die Invasion des damaligen Zaires nutzten. Ich habe längst aufgegeben, die Übersicht über die bewaffneten Fraktionen zu behalten. Im Gedächtnis geblieben sind mir aber die Mai-Mai. Diese spontan organisierten Milizen rekrutieren sich aus frustrierten und ungebildeten Menschen, deren Leben der Beschreibung gleicht, die Thomas Hobbes während des englischen Bürgerkriegs im 17. Jahrhundert prägte: «Einsam, arm, hässlich, brutal und kurz.» Die Probleme, die den rohstoffreichen Kongo in den Niederungen plagen, erscheinen in diesem Moment weit weg. Und nahe liegt in der Rückschau der Gedanke, in diese Berge zurückzukehren. Vielleicht noch, bevor die bizarre Schönheit der Rwenzori-Berge Hunderte oder Tausende von Reisenden anlockt.
Riesenpflanzen im Basiscamp des Virunga-Nationalparks. Photographiert von Florian Rittmeyer.
Mit europäischen Geldern finanzierte Wanderwege. Photographiert von Florian Rittmeyer.
«Weniger reden»: Bergführer Esdras (hinten) und ein Ranger des Virunga-Parks steigen zur Kalonge-Hütte auf. Photographiert von Florian Rittmeyer.