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Vor einigen Tagen, als ich meine Facebookseite öffnete, fand ich sämtliche Wörter in chinesischen Schriftzeichen geschrieben. Das Foto stimmte, mein Eigenname und die der Freunde waren auf Deutsch lesbar, ebenso die Botschaften in ihrer jeweiligen Sprache, alles Übrige aber war Chinesisch, Überschriften, Hinweise, Statusleisten, Menus, Anleitungen. Wenn ich ein chinesisches Menu aufrief, kam ein chinesisches Untermenu zum Vorschein, in dem verschiedene chinesische Posten darauf warteten angewählt zu werden und wiederum mehrere chinesische Auswahlmöglichkeiten anboten.
Das Meer chinesischer Zeichen, durch die mein europäischer Verstand navigierte, war schön und geheimnisvoll, aber weitläufig und ohne rettendes Ufer. Die Zeichen verrieten nicht, auf welche Weise es ihnen gelungen war sich meiner Facebookseite zu bemächtigen – der Überfall war in einer meiner langen Abwesenheiten auf dem social media lanciert worden –, ob eingeschleppt mit dem Gruss eines Freundes, ob gesteuert von einem eingedrungenen Trojaner. Die Bekannten, die ich per Telefon anrief, um sie um Hilfe zu bitten, hatten keinen Facebook-Account oder waren nicht zu Hause.
Ich besuchte die Ratgeber-Community, zuallererst die Facebook-Ratgeberseite, die mich in freundlichem Chinesisch empfing. Die übrigen Blogs beschrieben in wünschbarer Ausführlichkeit, wie man die Sprache neu einstellt, indem man zu Freunde finden geht und dann mit dem Cursor nach rechts fährt oder indem man Allgemeine Kontoeinstellungen anwählt. Einige lieferten dazu auch ein Bild. Aber welche der chinesischen Überschriften hiess Freunde finden oder Allgemeine Kontoeinstellungen?
Jemand hatte die Idee gehabt ein Video mit den einschlägigen Cursorbewegungen zu posten, welche ich, so gut es bei der Geschwindigkeit der Vorlage ging, nachzuahmen suchte. Geriet ich von einem chinesischen Schlagwort zum anderen, von einem Zeichenrätsel ins nächste, so war ich dem Ziel doch näher. Es war nur noch eine Frage der Geduld, was mir, nachdem es lange genug eine der Verzweiflung gewesen war, als Wohltat erschien. Als meine Seite vom chinesischen Zauber befreit war, befürchtete ich einen Rückfall, aber die deutschen Zeichen hielten meinem Zweifel stand und ich konnte endlich die neuen Nachrichten abrufen. Sie enthielten wie immer nichts Wichtiges. Ich las sie mit Andacht.