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Vorgeschichtlich lebten Menschen in Sippen und Stämmen und mit ewiggleichen Regeln, die über Jahrtausende das Überleben sicherten. Überschüsse gab es keine, folglich auch keine wirtschaftliche und damit kulturelle Entwicklung. Die Kompetenzen der Häuptlinge gingen in der Erfüllung ihrer Aufgaben auf, und eine individuelle Entfaltung der Mitglieder war nicht vorgesehen. Rituale und Kulte erstickten allen Gestaltungsfreiraum, und die beste Position, die einer einnehmen konnte, war jene des perfekten Bewahrers. Jacob Burckhardt: «Ihre Barbarei ist ihre Geschichtslosigkeit und vice versa.»
Anonyme Gesellschaften
Entwicklung trat erst ein, als sich grössere Aggregate von Sippen bildeten, die sich als existenzielle, unter anderem kriegführende, Einheiten organisierten. Dies verwandelte individualisierte in anonyme und zunehmend arbeitsteilige Gesellschaften. Diese Transformation störte die als unabänderlich geltende soziale Kontrolle und das Gleichgewicht von Kompetenzen und Aufgaben; insbesondere bedurfte es der Führung auf einer Abstraktionsebene, für die die genetisch fixierte Intuition allein keine Basis mehr bot (pro memoria: der genetische Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse ist nicht grösser als zwischen Löwe und Tiger). Die Führung brauchte Macht, um die menschlichen Kräfte auf die Zwecke des neuen Ganzen zu fokussieren – und missbrauchte sie umgehend für ihre eigenen Zwecke. Die Geschichte präsentiert sich als Protokoll eines permanenten Ausbeutens und Bevormundens: Eine Oberschicht von einem Prozent der Bevölkerung konsumierte von der Antike bis in die Neuzeit die Hälfte aller Güter.
Jedoch kann dem verdorbenen Herrscher kein guter entgegengestellt werden, weil dieser im Augenblick, da er die Macht erhält, selbst zu verderben beginnt (was beweist, wie weltfremd Platons Idee eines Philosophenkönigs war). Die Folge von Bevormundung und Ausbeutung war und ist Unmündigkeit, und deren Folge bleibt Bevormundung und Ausbeutung. Dieser Zyklus kulminierte im Absolutismus, doch konnten sich die Nachfolger von absoluten Herrschern wie Louis XIV (1638 – 1715) bei aller verfügbaren Macht nicht halten – warum nicht?
Der Kristallisationskern für politische Entwicklung liegt im Zusammentreffen von Aufklärung, Selbstbestimmung und Vielstimmigkeit – gleichgültig, in wie geringen Dosen. Individuen beginnen, ihr Leben in die Hand zu nehmen und das Zusammen-leben zu gestalten. Die erste Gesellschaft, in der sich Freiraum in Rechtssicherheit auftat, war die englische. Seit Elizabeth I (1533 – 1603) herrschte ganz oben Mehrstimmigkeit (Königin, Parlamente von hohem Adel und niedrigem Adel), zunehmend sicherte Recht den Raum für Selbstbestimmung, und grosse Philosophen wie John Locke (1632 – 1704) und David Hume (1711 – 1776) brachten das Geschehen auf den Begriff. Der Erfolg war überwältigend und ermöglichte England kulturellen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und militärischen Vorsprung von weit über hundert Jahren – bis 1914.
Repräsentative Demokratien
Viele in ihrem Kern analoge, wenn auch weniger spektakuläre Entwicklungen erfolgten in der Neuzeit, beschleunigt im 20. Jahrhundert, zuletzt in den vom Kommunismus befreiten Ländern. Stets war es das Volk selbst, das die Entwicklung in Gang setzte und sich Rechte erkämpfte, meist allerdings ungleich blutiger als in England. Das Ergebnis weltweit sind repräsentative Demokratien – aus meiner Sicht allerdings ein blosses Zwischenergebnis. Dies, weil letztlich die Teilnahme der Bürger auf die Wahl einer Kaste beschränkt ist, deren eigene Ziele von Selbstinszenierung und Wiederwahl oft dringlicher erscheinen als die gesellschaftlichen Ziele. Die Machthaber führen ihre Länder mit Aktivismus und überdimensionierten Staatsquoten dem Abgrund horrender Verschuldung und Arbeitslosigkeit entgegen und suchen Rettung in internationalen Zusammenschlüssen, wo das Treiben auf höherer Stufe fortgesetzt wird.
Gegen ihre inhärenten Mängel ist nur ein Kraut gewachsen: die Bürger selber. Dies gesagt, melden sich sofort Bedenken: Hat das deutsche Volk nicht Hitler zugestimmt, ritten die Kalifornier nicht ihren Staat in den finanziellen Notstand, und wäre die Zustimmung in manch einem Land nicht gross, wenn die Bürger gefragt würden: «Wollt ihr die Steuern abschaffen?», ganz zu schweigen von den nicht funktionstüchtigen demokratischen Regimes in Entwicklungsländern. Nun, der zweckmässige Staat funktioniert nur mit mündigen Bürgern; und der mündige…