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Die andere Seite Chinas
Leichtfüssige romantische Komödien, opulente Kostümschinken, Dramas um schlagkräftige Kämpfer, Geschichten, in denen am Ende die Bösen bestraft werden und die Guten zueinander finden: Die inländische Filmproduktion in China bringt nur selten Filme hervor, die vom Schablonenhaften abweichen. Mit der technischen Entwicklung der letzten Jahre lassen sich jedoch auch persönliche filmische Ideen viel einfacher umsetzen.
So floriert die unabhängige Filmszene Chinas, selbst wenn sie vor der Zensur scheitert. Oft bleibt nur der Weg über internationale Filmfestivals oder das Internet, um den Film bekannt zu machen. Gerade auch der 2010 erschienene Animationsfilm Piercing I würde keinesfalls das Gütesiegel der Zensoren erhalten, gilt jedoch als Meilenstein innerhalb seines Genres.
Kino abseits des offiziellen Glanzes
Piercing I von Liu Jian 刘健 (Citong wo 刺痛我, 2010) erzählt die Geschichte von Zhang Xiaojun und seinem Freund Da Hong. Zhang stammt vom Land nahe der Stadt Nanjing, kam irgendwie durch die Uni und landete in einer Schuhfabrik. Doch es ist das Jahr der Finanzkrise, 2008, die Firma schliesst und Zhang wird entlassen. Dabei möchte er eigentlich nur weg von der Stadt, um wieder ein Leben auf dem Land als Bauer zu führen. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, als Zhang einer alten Frau zur Hilfe eilt, die angefahren wurde. Statt auf Dankbarkeit zu stossen, wird er fälschlicherweise zum Täter erklärt. In einer kalten, mondbeschienenen Nacht eskaliert die Geschichte in einem abgehalfterten Teehaus.
Piercing I, der als der erste unabhängige Animationsfilm Chinas gilt, erzählt von einem China, dem das glanzvolle offizielle Kino keine Sekunde widmet. Es erzählt von einem Land voller Gaunereien, in der sich jeder möglichst auf Kosten anderer bereichert, wo Löhne nicht ausbezahlt werden und Machtpersonen ihre Position gnadenlos ausnutzen. Ehrliche Menschen, die sich darin behaupten wollen, gehen daran zugrunde. Der Film verwebt zahlreiche Ereignisse zu einer Geschichte, die sich tatsächlich in China ereignet haben. Wer in den letzten Jahren die Debatten in China verfolgte, wird zahlreiche bitterböse Anspielungen erkennen.
Minimales Budget, grosse Wirkung
Liu Jian, Regisseur, Drehbuchautor, Zeichner und Animator in einer Person, brauchte drei Jahre für seinen Erstling. Der 1969 geborene Liu schloss an der Kunstakademie Nanjings in klassischer chinesischer Malerei ab und sammelte vor Piercing I bereits erste Erfahrungen in der Filmanimation. 2005 entschloss er sich, einen von ihm selber verfassten Roman zu verfilmen und ihn selber zu finanzieren. Die Zeichnungen erstellte er ihn mühseliger Kleinstarbeit auf einem Wacom-Tablet. Seine Herkunft aus der klassischen chinesischen Malerei lässt sich oft noch etwas im Setting und der Linienführung entdecken. Trotzdem folge er vielmehr einer modernen Malerei, wie Liu Jian gegenüber der Xinjingbao ausführt.
Wer sich Surround-Sound-Ohrenschmaus gewohnt ist, merkt dem Film sein kleines Budget an: Die Stimmen klingen etwas verloren auf der Tonspur, Hintergrundgeräusche und Musik sind minimal. Statt professionellen Sprechenden engagierte Liu Jian seine ebenfalls zeichnenden Freunde; er selber spricht die Figur des Zhang Xiaojun gleich selber. Der Film wurde erstmals am Annecy Animation Film Festival 2010 gezeigt und zog danach von Festival zu Festival, und war etwa auch am Fantoche 2010, dem internationalen Festival für Animationsfilm in Baden (Schweiz). Der Erfolg scheint Liu zu inspirieren: Mittlerweile sitzt er bereits an seinem nächsten Werk, «Die Universitätsstadt» (Daxuecheng 大学城), das 2013 beendet werden soll.
Das Filmpodium Zürich führt den Film innerhalb der «China Independent Movie»-Reihe auf, und zwar am 27. März. Die Reihe zeigt unabhängige Filme Chinas vom 16. Februar bis zum 31. März 2013.
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