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Das erste Hotel d’Angleterre wurde bereits 1765 ausserhalb der damaligen Stadtmauern im Vorstadtquartier Sécheron erbaut und beherbergte vorwiegend Engländer. Das heutige Hotel d’Angleterre am Quai du Mont-Blanc stammt aus dem Jahr 1872. Nach einer umfassenden Renovation 2004 durch die englische Red-Carnation-Collection glänzt es wieder in seinem Originalzustand. Das eher kleine Haus wird als Boutiquehotel betrieben und wirkt sehr vornehm. Einziger Nachteil, die Leopard Bar öffnet erst abends. Dafür kann man sich im Windows-Restaurant von Küchenchef Philippe Audonnet verwöhnen lassen. Er kocht im Hotel d'Angleterre seit 1998 und wird im Gault-Millau-Führer 2007 mit 16 Punkten aufgeführt. Die marktfrische Küche bietet immer auch ein vegetarisches Menu. Die Ehre der höchsten Temperatur am heissesten Tag des Jahres 2009 fiel mit 36,2 Grad am 20.August Genf zu.
An diesem Tag die Leopard Room Bar des Hotel d'Angleterre zu besuchen, braucht einigen Mut. So sind wir um acht Uhr auch die einzigen Besucher. Die angenehm klimatisierte Bar kann ihren Standort im Keller des Hotels nicht verschweigen. Mit viel Holz und Leder wird trotzdem eine gemütliche Atmosphäre geschaffen. Dass zwei grosse TV-Bildschirme eingeschaltet sind, stört. Dafür beruhigen die vielen Bücher in den Gestellen. Mit unseren Drinks sind wir zufrieden.
Die Gemüsestangen zum Dippen erinnern uns an das Milestone Hotel in London, das wie das Hotel d'Angleterre zur The Red Carnation Hotel Collection gehört. Selbst die Bücher und ein laufender Fernseher waren in der Stables Bar des Milestone anzutreffen. Während die Bar in London zum Hotel passt, will die Léopard Bar nicht so recht zum übrigen, sehr vornehmen Hotel d'Angleterre passen. Der zurückhaltende Bartender bestätigt uns, dass die Bar eher eine After-Diner-Bar ist.
Bereits im 16.Jahrhundert steht in Sécheron ein Gasthaus, das sich Logis-Neuf nennt. Im 18.Jahrhundert wird daraus ein stattliches Steinhaus, das sich auf L’Auberge de Sechéron tauft und nicht den besten Ruf geniesst. Die Gastwirtin Madame Mallet fördert nicht nur die Prostitution, was sie vorübergehend ins Gefängnis bringt, sondern sie ist auch im Tabakschmuggel engagiert, was ihr eine Busse einträgt.
1765 erwirbt das Haus Antoine-Jérémie Dejean, der es in Hôtel d’Angleterre umtauft. Dejean absolvierte mit siebzehn Jahren eine Lehre bei seinem Onkel Barthélemy Janton, dem das Hotel de l’Ecu de Genève gehörte. Mit 33 Jahren erwirbt er die Auberge du Coq d’Inde, danach das Hôtel des Trois Rois, beide in der Stadt Genf. Seinen Traum vom Hotel an ruhiger Lage mit Blick auf den See kann er mit dem ausserhalb der Stadtmauern gelegenen Hôtel d’Angleterre verwirklichen.
Von nun an gilt Antoine-Jérémie Dejean als erster Hotelpionier der Schweiz. Er organisiert für die englischen Gäste eine Postkutschenlinie von Calais über Paris nach Genf. Charles-Augustin Meurice wird seine Postkutschenlinie zwischen Calais und Paris erst ab 1771 betreiben. In diesen Jahren ist das Hôtel d’Angleterre nicht nur in Genf eines der besten Häuser, sondern in der ganzen Schweiz. Es kann eine illustre Gästeschar beherbergen:
So weilt im Juni 1777 inkognito der Bruder von Marie-Antoinette und spätere Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Joseph II. im Angleterre. Nachdem 1785 Antoine-Jérémie Dejean stirbt, übernehmen seine Söhne Jean-Jacques und Antoine Jérémie II die Leitung des Hotels. 1805 kaufen die Beiden Land dazu, um das Hotel mit einem grossen Garten und einer Terrasse zu bereichern. Nachdem Antoine Jérémie II 1829 stirbt, ist sein Bruder Jean-Jacques alleine für das Hotel verantwortlich. Die Eröffnung des Hotel des Bergues 1834 löst die touristische Ausdehnung der Stadt Genf auf die rechte Rhôneseite aus. Bald werden die Stadtmauern fallen und der neue Quai du Mont-Blanc werden angelegt. Somit sind die Tage des Hôtel d’Angleterre in Sécheron gezählt.
Die ersten Besitzer des 1865 am Quai du Mont-Blanc eröffneten Hotel Beau-Rivage heissen Jean-Jacques Mayer und Charles-Gustave Kunz. Beide stammen aus der Gegend um Baden-Württenberg, angrenzend an den Schwarzwald. Schon bald entschliessen sie sich, auf einem benachbarten Grundstück ein zweites Hotel zu erstellen. Während sich Mayer auf das Beau Rivage konzentriert, wird Kunz erster Besitzer des neuen Hotel d’Angleterre. Mit der Eröffnung 1872 wird der bekannte Name aus Sécheron wieder aktiviert.
Gebaut wird das Haus vom selben Architekten wie das Hotel Beau-Rivage: von Antoine (Antony) Krafft (1831-1910). Zur Eröffnungszeit stand das Gebäude nur am Quai du Mont-Blanc, während sich auf der Rückseite ein Innenhof für die Pferde und Kutschen der Gäste befand. Der Erfolg des Hauses liess Charles-Gustave Kunz 1910 einen Annex-Flügel an der Rue de Monthoux erstellen, der die Zahl der Zimmer verdoppelte.
Nachdem das erste Hotel d’Angleterre in Sécheron mit seinem Besitzer, dem Hotelpionier Antoine-Jérémie Dejean, schon einmal Schweizer Hotelgeschichte geschrieben hat, kommt das neue Hotel d’Angleterre am Quai du Mont-Blanc mit der Obwaldner Hoteldynastie Bucher, die die erste internationale Hotelkette schuf, noch einmal mit Schweizer Hotelgeschichte in Berührung. So sind es Franz Josef Bucher (1834-1906) und sein Kompagnon Josef Durrer (1841-1919), beide aus Kerns stammend,
die zuerst eine Parkettfabrik in Kägiswil bauen, um dann 1873 das Grand Hotel auf dem Bürgenstock zu erstellen. 1888 folgt die Einweihung der Drahtseilbahn auf den Bürgenstock und die Eröffnung des Park Hotels. 1895 trennt sich das sehr erfolgreiche Duo. Bucher konzentriert sich nun auf den Bau und Kauf von Hotels. So gehört neben den Bürgenstock Hotels das Palace und das Europe in Luzern, das Euler in Basel, das Grand Hotel in Lugano, das Palace in Mailand, das Quirinal in Rom und das Semiramis in Kairo zu seinem Imperium.
In Genf nun ist es der Enkel von Franz Josef Bucher, Otto Bucher (1884-1991), der 1938 das Hotel d’Angleterre mietet und dann 1951 kauft. Noch bevor er das Hotel mietet, lässt er den Haupteingang an die Rue de Monthoux verlegen, um am Quai du Mont-Blanc eine Terrasse und einen Speisesaal zu erstellen. In den 1960er Jahren überlässt Otto Bucher, der erst 1991 mit 107 Jahren stirbt, die Führung des Hauses seinem Sohn Robert, um selbst mehr Zeit für den Golfsport zu haben.
Als auch Robert Bucher ins Pensionsalter kommt, verkauft er das Hotel d’Angleterre 1989 an die französische Compagnie des Eaux, die das Haus bis 1994 als Sofitel weiterführt. Dann übernimmt der damalige Musikkonzern Vivendi Universal das inzwischen denkmalgeschützte Haus und lässt es umfassend renovieren. Aus 60 Zimmern werden 45 Zimmer und Suiten. Danach steigen viele bekannte Musiker im Angleterre ab. So weilt Michael Jackson gleich zwei Mal im Hotel. Den zweiten Aufenthalt verbringt er mit seinen Kindern drei Monate inkognito. Auch Hans Erni mit seiner Frau wohnte im Hotel d’Angleterre und hinterliess im Gästebuch eine Pferde-Zeichnung.
Im Oktober 2001 kommt das Hotel in englische Hände. Die Red-Carnation-Collection übernimmt das Haus und lässt es zwischen 2003 und 2004 renovieren und neu einrichten. Es wird das Gourmet-Restaurant Windows hinzugefügt. Auch heute zieht das Hotel die Engländer an. So finden beispielsweise jeweils die Bespoke der englischen Herrenausstatter von der Savile Row im Hotel d'Angleterre statt.
Restaurant: Windows Restaurant - 16 Gault-Millau-Punkte, Leopard Room Bar; Zimmer: 39 Zimmer & 6 Suiten; Adresse: Hotel d'Angleterre, Quai du Mont-Blanc 17, CH-1201 Genève / http://www.dangleterrehotel.com/