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Schulentwicklung
Zur Behandlung dieses Begriffs sollen zunächst die PraktikerInnen zu Wort kommen. Hierfür wurden diverse Lehrkräfte um eine subjektive Definition gebeten aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung mit dem Phänomen hinter der Begrifflichkeit. Es wurden LehrerInnen aller Schulstufen und Niveaus, mehrerer Kantone und unterschiedlichen Alters befragt. Im Folgenden eine Auswahl kritischer Begriffsbestimmungen.
Schulentwicklung ist:
- „Fortlaufende Reaktionen auf ständige Veränderungen. Wegen der Komplexität des Schulbetriebs gibt es keine perfekten Lösungen, weshalb stets von neuem an unterschiedlichen Stellschrauben gedreht wird.“ anonym
- „Wenn alles immer schlimmer wird.“ anonym
- „Durch den neuen Lehrplan ausgelöste Veränderungen und Tätigkeiten ohne Relevanz zum Unterricht.“ Anonym
„Zusätzliche Sitzungen, Konvente, Arbeitsgruppen und dergleichen zulasten der für die Unterrichtsvor- und -nachbereitung zur Verfügung stehenden Zeit.“
- „Befriedigung von Profilierungsbedürfnissen der örtlichen Schulverwaltung und lokalen Bildungspolitik. Nicht Teil davon ist die Evaluation bisheriger Schulentwicklungen und deren Wirksamkeit bezüglich Lernförderlichem Einfluss auf die Leistung der Lernenden und die daraus wissenschaftlich abzuleitenden erwünschten Wirkungen sowie der unerwünschten Nebenwirkungen, wie bei Medikamenten ansonsten üblich.“ anonym
- „Zusätzliche Sitzungen, Konvente, Arbeitsgruppen und dergleichen zulasten der für die Unterrichtsvor- und -nachbereitung zur Verfügung stehenden Zeit.“ anonym
- „Der Versuch, untaugliche Schulreformen so umzusetzen, dass niemand deren Untauglichkeit bemerkt.“ Jürg Wiedemann, Birsfelden
- „Schulentwicklung beinhaltet theoretische Konzepte und Prozesse zur Neuerfindung bereits bestehender Konzepte und Abläufe. Sie wird von einer übergeordneten, politischen Behörde angeordnet. Sie ist problemorientiert in dem Sinne, dass funktionierende Abläufe als problematisch dargestellt werden als Rechtfertigung für deren Umgestaltung.“ Urs Willin, Bättwil
- „Lass mich in Ruhe, ich kann es nicht mehr hören!“ anonym
Nach den subjektiven Stimmen aus der Praxis nun kommentierte Definitionen aus dem Bereich der Sozialwissenschaften:
- A) „Nach Peter O. Chott (2013) ist Schulentwicklung die gesteuerte und bewusst gestaltete Weiterentwicklung jeder einzelnen Schule unter Beteiligung möglichst aller Gruppen und Personen, welche die einzelne Schule besuchen bzw. in ihr arbeiten. Diese gestaltete Schulentwicklung umfasst stets die Verbesserung und positive Entwicklung der Organisation, des Personals und des Unterrichts.“[1]
Die Definition zeigt weder auf, worin die angestrebten Verbesserungen bestehen sollen noch was Entwicklung in Bezug auf eine Schule bedeutet.
- B) „Schulentwicklung bedeutet zum einen die Restrukturierung der Organisation durch menschliche Interaktion. Ziel ist die Veränderung der organisationstypischen Spiele und ebenfalls die Veränderung dieser Regeln und Ressourcen durch „Innovationsspiele (vgl. Altrichter & Posch 1996, S. 139).“[2]
Diese Definition weckt den Gedanken an ein Spielhaus.
- C) „Schulentwicklung kann als Kollektivum für eine Anzahl verschiedener Innovations- und Veränderungsstrategien verstanden werden, die auch den organisationalen Kontext berücksichtigen, auf den sie einwirken. (vgl. Eikenbusch 1998, S. 20).“[3]
Hier wird der Mangel an Klarheit mit beeindruckendem sprachlichen Duktus wettgemacht.
- D) „Schulentwicklung beschäftigt sich unter anderem mit der Weiterentwicklung des vorhandenen Bildungssystems, aber auch mit der Reformplanung, die sich mit grundsätzlichen inhaltlichen und strukturellen Änderungen des Bildungswesens beschäftigt (vgl. Roth 1976, S. 370).“[4]
Diese Definition findet ihren Widerhall insofern in den Wahrnehmungen der Lehrpersonen, als dass es bei der Schulentwicklung offenbar um die Umsetzung von Reformen geht. Ansonsten bleibt auch hier unklar, was genau unter dem Begriff zu verstehen ist.[5]
„An einem anderen Standort werden kollektiv Klöpfer gebraten.“
Die Definitionen sind eher verwirrend, als dass sie Klarheit verschaffen würden. Widmen wir uns folglich der praktischen Seite der Schulentwicklung.
In der Praxis beliebt sind immer wieder teambildende Aktivitäten wie beispielsweise gemeinsames Kochen und anschliessendes Essen. Ein Kollegium besucht eine zweitägige Weiterbildung zur Einführung in kooperative Lernformen mit Übernachtung, vier Mahlzeiten und zwei Kursleitern. An einem anderen Standort werden kollektiv Klöpfer gebraten. Ein weiterer Lehrkörper besichtigt gestaffelt sogenannte Vorzeigeschulen mit Lernlandschaften, die andernorts längst wieder umgepflügt wurden; zur Verhinderung von Stundenausfall springen Kollegen lohnwirksam ein. Eine andere Schule organisiert für ihre Belegschaft ein fröhliches Lama Trekking, wobei nicht klar ist, wer fröhlicher ist, die Lehrkräfte oder die Lamas. Andernorts wird in Teams während eines Arbeitstages nach einem Logo für die schuleigene Homepage gesucht, wobei am Ende keiner der Vorschläge berücksichtigt wird; die Lernenden haben währenddessen schulfrei. Wieder anderswo wird eine zweitägige schulinterne Weiterbildung unter externer Leitung zum Thema Teambildung absolviert. In Anbetracht der zahlreichen Schulstandorte, kommen hier je nach Aktivitäten erhebliche Geldsummen zusammen, die u.a. dort fehlen, wo eine tatsächliche Entwicklung stattfindet, der man allerdings Einhalt bieten müsste.
„Bei Lichte betrachtet, entsteht der Eindruck, dass Schulentwicklung eine kostenintensive Beschäftigung der Lehrpersonen darstellt zulasten der schulischen Infrastruktur, dem schulischen Angebot und des Lehrpersonals.“
Schulgebäude und schulische Infrastruktur unterliegen dem Zahn der Zeit mit einer eindeutigen Entwicklungsrichtung zum Schlechteren. Notwendige Sanierungen und Reparaturen werden jedoch aus Kostengründen nicht selten lange hinausgeschoben oder überhaupt nicht an die Hand genommen. Ebenfalls die Folge von Einsparungen sind beispielsweise die Streichung bzw. Reduzierung der Freifachangebote, des Schwimmunterrichts, der Klassenlager, die Ausweitung der Klassengrössen, Lohnsenkungen der Lehrkräfte oder die Reduzierung deren Pensionskassenleistungen. Bei Lichte betrachtet, entsteht der Eindruck, dass Schulentwicklung eine kostenintensive Beschäftigung der Lehrpersonen darstellt zulasten der schulischen Infrastruktur, dem schulischen Angebot und des Lehrpersonals.
Doch zur Schulentwicklung gehört noch ein weiterer Aspekt: Sie „…hat zum Ziel (…) die Qualitätssicherung an den Schulen zu verbessern.“[6]
[1] https://lexikon.stangl.eu/617/schulentwicklung/
[2] https://www.stangl.eu/psychologie/definition/Schulentwicklung.shtml
[3] https://lexikon.stangl.eu/617/schulentwicklung/
[4] https://www.stangl.eu/psychologie/definition/Schulentwicklung.shtml
[5] Wie der Mensch hat auch die Schulentwicklung eine vorgegebene Entwicklungsrichtung mit unterschiedlichen Entwicklungsphasen. Oft sind es deren vier. Phase 1: Die Bildungspolitik preist öffentlichkeitswirksam eine „wegweisende“ Reform an. Phase 2: Realisierung der Reform im Top-Down-Prinzip ohne vorgängige Evaluationen. Phase 3: Die Reform verursacht enorme Schäden. Phase 4: Man lässt sie versanden. Ein offizieller Abbruch einer Reform gibt es nie, da ein solcher einem Gesichtsverlust der Bildungspolitik gleichkäme. Die Basler Gemeinschaftsschule OS beispielsweise wurde nicht abgeschafft, vielmehr wurde sie mit einem neuen Schulmodell wegreformiert. Auch Passepartout wird nicht gestoppt, sondern mittels der Lehrmittelfreiheit ins Abseits manövriert. Passepartout ist Ursache und Ausdruck des systemischen Zusammenbruchs der Fremdsprachenvermittlung zugleich. Es wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis alle Folgeschäden behoben sind.
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Schulentwicklung
In der nächsten Folge beschäftigt sich Felix Hoffmann mit dem Begriff Quaslitätsmanagement