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Während Arbeiten im Swiss Camp ist der international bekannte Schweizer Polarforscher und Direktor der WSL, Konrad Steffen, in Grönland tödlich verunglückt. Ein Nachruf von Thomas Stocker.
Konrad Steffen war ein Weltbürger: Er fühlte sich im Bauernhaus in Hausen am Albis ebenso wohl wie auf Gletschern in Chile, Grönland und der Antarktis. Sogar in Tibet bildete Koni, wie er von seinen Freunden genannt wurde, junge Menschen darin aus, Wetterstationen zu bedienen und Daten zu sammeln. Schnee und Eis waren die verbindenden Elemente und der Kern seiner Forschung seit seiner Diplomarbeit, die er 1977 an der ETH Zürich verfasst hatte. Seinen akademischen Weg setzte er in den USA fort, wo er von 1991 bis 2012 als Professor an der University of Colorado wirkte; ab 2005 führte er das Cires, ein grosses Umweltforschungsinstitut. Durch seine Persönlichkeit und die Kombination aus zähem Polarforscher, erfolgreichem Wissenschafter und gewandtem Diplomaten konnte er sich im harten Wissenschaftswettbewerb der USA durchsetzen.
1990 startete Koni Steffen ein langfristig angelegtes Programm zur Messung von Temperatur, Wind, Sonneneinstrahlung und Niederschlag mit dem Ziel, die Energiebilanz auf der Eisoberfläche von Grönland zu bestimmen. Dazu richtete er mit einfachsten Mitteln das Swiss Camp nordöstlich von Ilulissat ein, das er jedes Jahr mit seinen Studenten besuchte. Es sei keine «rocket science», wie er selber sagte. Doch moderne Elektronik in der harschen polaren Umgebung am Laufen zu halten, verlässliche Messdaten zu liefern, und dies über dreissig Jahre, ist eine grosse Leistung. Was früher verächtlich als «Monitoring» bezeichnet wurde, gehört heute zum einzigartigen Datenschatz, der einen Eckpfeiler der modernen Klimawissenschaft bildet.
Bereits 2002 konnte er mit seinen Daten das sich beschleunigende Abschmelzen des Eises nachweisen. Das war ein Warnsignal, lange bevor anhand von Satellitendaten klarwurde, dass der gesamte Grönländische Eisschild immer schneller an Masse verliert. Mit der globalen Erhitzung steuert Grönland auf einen Kipp-Punkt zu. Wird dieser überschritten, ist mit einem Abschmelzen des Eises und einem langfristigen Meeresspiegelanstieg bis zu sechs Metern zu rechnen. Der Feldforscher Konrad Steffen hat uns immer wieder eindringlich davor gewarnt.
Steffens Interessen waren umfassend. Wie und wohin das Wasser in Eisschilden und Gletschern fliesst, hat ihn ebenso interessiert wie die physikalischen Prozesse am Felsbett, die bestimmen, ob ein Eisblock rutscht oder gleitet. Auch auf dem Larsen-C-Schelfeis in der Antarktis hat Koni Steffen mit einem internationalen Team die Massenbilanz genauer bestimmt. Diese Arbeiten sind fundamental zur Abschätzung der Stabilität dieser Eismassen unter der menschengemachten globalen Erhitzung.
2012 kehrte Konrad Steffen in die Schweiz zurück und übernahm die Führung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), die heute 550 Mitarbeitende zählt und zum ETH-Bereich gehört. Er war ein Direktor mit grosser Begeisterung, Vorausschau und Inspiration. Koni entwickelte die WSL in den letzten acht Jahren konsequent als international anerkannte Forschungsinstitution weiter. Er hat die Schnittstellen zwischen Wald, Biodiversität, Landschaft, Schnee und Eis und Naturgefahren gestärkt und immer das Systemverständnis gesucht, vor allem im Hinblick auf die Auswirkungen der Übernutzung der Natur durch den Menschen und den fortschreitenden Klimawandel.
Das Ganze vor Augen
Koni Steffen war ein leidenschaftlicher Polarforscher, der anpackte. Die Arbeit in extremen Umgebungen hat ihn geprägt. Er war ein Motivator und ein Optimist mit einer grossen Ausstrahlung. Seine Lösungen waren immer pragmatisch und gelenkt von einer grossen Menschlichkeit. Das machte ihn zu einem respektierten Direktor von Forschungsinstitutionen, einem überzeugenden Wissenschafter bei Hearings vor dem US-Kongress oder in Sitzungen des ETH-Rats und zu einem inspirierenden Camp-Leader in Grönland. Aber vor allem war Koni Steffen ein grosszügiger Kollege, der immer das grössere Ganze in Wissenschaft und Forschung vor Augen hatte und sich dafür engagierte.
In den letzten Jahren war er die treibende Kraft beim Aufbau des Swiss Polar Institute. Mit seinem internationalen Netzwerk, grossem diplomatischem Geschick und besten nationalen Kontakten hat Koni der Schweizer Polarforschung einen neuen Schub gegeben, von dem heute ganz besonders Nachwuchsforschende profitieren.
Während seiner ganzen Karriere blieb aber das Swiss Camp auf Grönland die Herzensangelegenheit von Konrad Steffen; er hat die Weiterführung der Messungen mit dem geologischen Dienst Dänemarks vereinbart. Auf dem Eis legte er immer selber Hand an, reparierte die Wetterstation, baute die GPS-Verbindungen zu Satelliten auf, verhandelte mit den Helikopterpiloten oder kochte für die Mannschaft. Er nutzte das Swiss Camp aber auch geschickt als eindrückliches Mahnmal für den Klimawandel. Zahlreiche Minister, Mitglieder des US-Kongresses, der frühere US-Vizepräsident Al Gore, die ehemalige Bundespräsidentin Doris Leuthard und viele mehr haben das Swiss Camp besucht, sind auf die Plattform gestiegen und haben die Verletzlichkeit der Eisfläche von Grönland mit eigenen Augen gesehen.
Espresso, Schokolade und Wissen für die Gäste
Seit einigen Jahren verwandelt sich die Umgebung des Swiss Camp im Sommer zu einer Seenplatte, Flüsse verbinden die tiefblauen Perlen, reissende Schmelzbäche ergiessen sich in sogenannten Moulins und verschwinden in der Tiefe des Eisschildes. Mit Espresso und Schokolade hat Konrad Steffen seine Gäste jeweils im Zelt gestärkt und dabei immer wieder die wissenschaftlichen Fakten des Klimawandels vermittelt. Wer nach einigen Stunden von der Plattform herunterstieg, hatte verstanden, was das Abschmelzen beim Swiss Camp für Grönland und die ganze Welt bedeutet. So wurde jeder Besucher zu einem Botschafter für den Klimaschutz.
Am letzten Samstag, auf dem schmelzenden und löchrig werdenden Eisschild, ist Koni in eine Gletscherspalte gestürzt. Wir trauern um einen hervorragenden Forscher, einen internationalen Wissenschaftsbotschafter, einen visionären Direktor, einen grosszügigen Kollegen und guten Freund.
Thomas Stocker ist Klimaforscher an der Universität Bern. Er leitet dort die Abteilung für Klima- und Umweltphysik und ist Präsident des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung. Über die Jahre hat er als Präsident und engagiertes Mitglied mitgeprägt.
Dieser Artikel erschien am 12. August 2020 in der NZZ.