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Wer Musik der Beatles gehört hat, erinnert sich an das Cover von «Sgt. Pepper» von 1967. Darauf sind 70 Helden der Stunde vereinigt: neue freie Menschen aus aller Welt. Sie wissen die Widersprüche des Lebens so zu nutzen, dass sich das Bewusstsein verändert. Musik ist neben LSD, Mescalin und Psilocybin eine ebenfalls wirkungsmächtige Droge.
Er war immer dabei, gehörte aber nie so richtig dazu
Unter den Helden der Beatles findet sich auch der deutsche Avantgarde-Komponist Karlheinz Stockhausen. Er posiert neben Erscheinungen wie Albert Einstein, Marlene Dietrich, Aldous Huxley und Marilyn Monroe.
Das Porträt fällt aus dem Rahmen des Kunterbunts aus Blumenkindern, Stars und Pappgesichtern. Stockhausen stützt das Kinn in die Hand und schaut mit ernster Miene auf das Treiben. Ist er hier richtig?
Stockhausen war unter den Avantgardisten stets zuvorderst
Mit «Kreuzspiel» (1951) eroberte er sich einen Platz neben Komponisten wie Pierre Boulez und Luigi Nono. Sein erstes Tonbandstück «Gesang der Jünglinge» (1956) glich einem Quantensprung der elektronischen Musik. «Gruppen» transferierte die serielle Orchesterpolyphonie ins Räumliche.
«Telemusik» sollte in den 1960er-Jahren «die ganze Erde, alle Länder und Rassen» einbeziehen. Ab 1977 flog Stockhausen in Richtung seines eigenen Sterns und hob zum Riesen-Opus «Licht» ab. Der 29-stündige Opernzyklus schreitet die sieben Tage der Woche ab und untersucht dabei das Verhältnis des Menschen zu Gott.
Nicht ganz von dieser Welt
Der Komponist bezeichnete sich als katholischer Christ und stellte sein Schaffen in den Dienst eines «universalen Friedens». Seine Musik sollte ein Beitrag zur Sphärenharmonie sein und Teil jener musikalischen Vollkommenheit werden, wie sie auf Sirius herrsche: «Dort wurde ich ausgebildet und dort will ich wieder hin.»
Solche Aussagen waren ernst gemeint und stiessen bei rational orientierten Menschen auf Ratlosigkeit. Stockhausen formte einerseits seine Musik aus intellektuell anspruchsvollen Verfahren, wandte technologisch stets modernste Mittel an und blieb bis zum Schluss dem Neuen auf den Fersen.
Andererseits erschuf er sich eine Privatreligion, die aus der Zeit fiel. Die mystische Verwurzelung seines Glaubens wirkte vormodern, seine von einer Mission getriebene Kunst war ein Gegenpol zur Postmoderne.
Lennon, Stockhausen und der Underground
John Lennon stiess in den in den 1960er Jahren erstmals auf Musik von Stockhausen – ob durch Yoko Ono, den Freundeskreis oder das Radio, ist nicht belegt. Jedenfalls übersprang damals die Avantgarde-Musik den Klassengraben. Die Klänge eines Stockhausen und Varèse galten als Teil der Underground-Kultur und gaben neue Standards vor.
Stockhausens «Gesang der Jünglinge» inspirierte Lennon zu «Tomorrow Never Knows», «Hymnen» beatmete offensichtlich «Revolution 9». John Lennon telefonierte in der Zeit dieser Experimente mehrmals mit Stockhausen. Er musste die Bewilligung für das Porträt-Foto auf dem Plattencover einholen, ausserdem versuchte er ein Treffen zu vereinbaren. Dazu kam es nie, trotz der Weihnachtskarte, die Lennon und Yoko Ono geschrieben hatten.
Stockhausens Einfluss
«Revolution 9» führt weiter als alle anderen Experimente der Beatles. Es setzt auf Overdubbing, Loops, Echos, Verzerrungen und Raumwirkungen ausserhalb des Mehrheitsfähigen. Mit über acht Minuten Länge ist «Revolution 9» der längste und unbequemste Song der Beatles.
Dass sich Popkultur und Avantgardeklassik die Hand gaben und auch Bands wie The Who, Kraftwerk und Jefferson Airplane für progressive Strömungen aus dieser Ecke offen waren, wirkt bis in die Gegenwart. Und es ist ein Stück weit der Verdienst des herausragenden Avantgarde-Komponisten Karlheinz Stockhausen.