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Lange wagte ich es nicht, in aller Öffentlichkeit zu erklären, dass ich gelegentlich Pinotage trinke, ja, dass ich ihn sogar immer mehr zu schätzen weiss. Ich fürchtete mich vor dem vernichtenden
Urteil der Weinliebhaber: Banause! Bin ich wirklich ein Wein-Banause, nur weil ich einen schlechten Ruf nicht weiterplappere; ja, sogar gestehe, dass ich richtig Spass habe an einem Wein, der
nach „Sprühfarben und angebrannten Reifen“ duften soll und der nach Jancis Robinson (Oxford Weinlexikon) „einen bananenähnlichen Geruch“ verströmt (flüchtige Ester)?
Soll ich trotzdem eine Lanze brechen für den Pinotage oder ganz einfach schweigen und meine geheime Liebe für mich behalten? Soll ich zugeben, dass Weine auch Moden unterworfen sind, und diese sprechen im Augenblick ganz und gar nicht für den Pinotage?
Pinotage, der Geliebte
Hier mein w(st)einiger Weg vom „Saulus“ zum „Paulus“ (oder geht der Weg in diesem Fall andersrum?). Auch ich habe behauptet, was die meisten sagen, jahrelang: „Pinotage ist kein guter Wein“. Bevor es überhaupt zur sensorischen Auseinandersetzung kam, wurde er mit Rufmord überschüttet und (wenn wo immer es ging) verbannt. Dann ging es nicht mehr. Meine Frau begann vom Pinotage zu schwärmen, noch lange bevor wir zum ersten Mal in Südafrika, in seiner Heimat, waren. Da musste ich mich – wohl oder übel – mit ihm auseinandersetzen. Er wandelte sich allmählich vom Unbekannten zum Bekannten. Wurde er aber auch mein Geliebter?
Das war einmal ganz anders: 1997 erzielte „Pinotage von alten Reben Südafrikas höhere Preise als jede andere Sorte“, und dies so lange, bis Anfang der 2000er Jahre das aktuelle Modediktat den Pinot, den Shiraz, den Cabernet und andere Rebsorten begünstigte und den Pinotage fast ganz vergessen liess. Pinotage sei entweder Südafrikas eigene Handschrift bei den Rotweinen oder dann Südafrikas schlimmster Weinbotschafter, verkündet das neuaufgelegte Weintrauben-Kompendium von Jancis Robinson, Julia Harding und José Vouillamoz.
Vielleicht geniesse ich die Gnade der späten Begegnung, denn jenen Pinotage, der „ein schwerer, richtig zäher und uncharmanter Brocken“ war, habe ich nie angetroffen. Das sei, so sagt man mir, bis vor etwa 20 Jahren aber die einzige Art von Pinotage gewesen. Offensichtlich lebt der schlechte Ruf weit länger als die Realität. „Meine“ Pinotages sind trotz ihrer Kraft und Dichte elegant, nobel, saftig, pfeffrig und – dies ist mir besonders wichtig – eigenständig.
In einer Zeit, in der autochthone Rebsorten wiederentdeckt werden und damit auch das Andere, das Eigenständige, das Individuelle zur Mode wird, bekommt vielleicht auch der ungeliebte Pinotage
eine Chance. Die Farbe zeigt sich heute heller, die Frucht ist frischer, das Erdige leichter, das Pfeffrige gemildert, und doch – so scheint mir – ist sein leicht bitterer, leicht salziger,
leicht pflaumiger Charakter geblieben: eben unverkennbar Pinotage.
Pinotage war lange Zeit auch der billigste und populärste Wein Südafrikas, den man sich in der Unterschicht gerade noch leisten konnte. Dies änderte sich in den späten 1980er Jahren, als sich das Land allmählich von den Privilegien der Weissen lösen musste und die Politik der Apartheid eingestellt wurde. Der allmächtige Verband der Weinproduzenten verzichtete auf die bisher starken Einschränkungen und gab die Förderung der Massenproduktion auf. Erst da begann man, Erträge zu reduzieren, neue Produktionsmethoden einzuführen, die Weinberge besser zu pflegen, neue Rebsorten anzupflanzen.
Es wurde beim Pinotage ein Stil entwickelt, der schon fast mehrheitsfähig ist, der „Schokoladenwein“. Der Weinkritiker und -autor Sigi Hiss spricht von „Mokka und Räucherspeck“ und von einer „überfallartigen Invasion von Espresso,“ die den Pinotage mit seinem schokoladenen Anstrich einem breiten Publikum näher bringen kann. Es gibt bereits so etwas wie Prototypen für verschiedene Stile, die sich in den letzten Jahren beim Pinotage herauskristallisiert haben. Den „schokoladigen“ Pinotage habe ich zum Beispiel im „Carpe Diem“ („Geniesse den Tag“) vom Weingut Diemersfontei gefunden.
Den eher klassischen, aber modernen, vom Pinot Noir inspirierten Wein bietet das Weingut Kanonkop an; er gehört zu den beliebtesten (wenn man das schon so sagen kann) Pinotages aus Südafrika,
wohl weil er auch viel französischen Charme hat. Für mich aber ist der „traditionelle“ Pinotage – modern gemacht – von Kleine Zalze ein Mass aller Pinotage-Dinge. Und – auf der Südafrikareise vor
ein paar Monaten – habe ich (vorläufig) meinen Lieblings-Pinotage kennen gelernt, den „Pionier Lanzerac Pinotage“, eine Hommage an die Rebsorte, die 1959 hier erstmals vinifiziert wurde. Ein Wein
von tiefer Farbe, mit sortentypischen Aromen wie reife, rote Pflaume, viel Frucht, einem ausgeprägten wohligen Mundgefühl und einem lange anhaltendem Abgang. Der einstige Saulus freut sich, zum
Paulus geworden zu sein.
Peter Züllig
(Einen Teil dieser Gedanken habe ich bereits am 2. April 2013 in meiner Kolumne im Magazin von Wein-plus.eu veröffentlicht.)
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