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Im Spätwinter 1903 trennen sich die Wege der geflohenen Geschwister: Luise ist mit ihrem sechsten Kind hochschwanger, während Leopold mit seiner Geliebten Wilhelmine in Montreux absteigt. Luise kommt in der «Villa Toskana» in Lindau am Bodensee unter und leidet: «Ich durchkostete alle bitteren Qualen», schreibt sie später, weil sie sich eingesperrt fühlt.
Schliesslich bringt sie am 5. Mai 1903 die Tochter Anna Pia Monica zur Welt. Das Pikante daran: Es ist unklar, wer der Vater des Babys ist: ihr Ehemann Friedrich August III. von Sachsen, der zukünftige König? Oder doch eher ihr Geliebter André Giron, der ehemalige Sprachlehrer ihrer älteren Kinder?
Eine ganze Delegation von Fachleuten und Vertrauenspersonen wohnt deshalb der Geburt bei: ein Arzt und eine Hebamme aus Lindau, zwei Fachärzte aus Dresden sowie Luises Mutter Alicia aus Salzburg. Die Spezialisten aus Dresden sind angehalten, gleich nach der Geburt eine fachliche Begutachtung des Kindes vorzunehmen. Im Zeitalter vor DNA-Proben müssen sie sich mit der Überprüfung äusserlicher Merkmale begnügen.
Die Doktoren schliessen aufgrund der Haarfarbe und der Gesichtsform auf Thronfolger Friedrich August als Vater. Diesen Befund übermitteln die Ärzte nach Dresden, wo sich Friedrich August III. sehr erleichtert zeigt. Er telegrafiert seine Glückwünsche nach Lindau, was Luise zur Feststellung bringt: «Er ist doch nicht aus Stein.»
Währenddessen lässt es sich Leopold am Genfersee gutgehen. Er bewohnt mit seiner Geliebten, der Ex-Prostituierten Wilhelmine Adamovic, das noble Hotel Continental in Montreux und sie wollen nun endlich heiraten. Am 25. Juli 1903 geben sie sich in Veyrier, an der Südwestseite des Lac Léman, das Ja-Wort. Es ist an diesem Sommertag mit einer Maximaltemperatur von 19 Grad verhältnismässig kühl.
Dem Wetter und den weiteren Umständen entsprechend verläuft die Zeremonie sehr bescheiden ab, «in grösster Zurückgezogenheit», heisst es später in Wiener Zeitungen. Dies ist wohl kaum «der schönste Tag im Leben», wie man sonst Hochzeiten zu nennen pflegt. Wilhelmine und Leopold sind einfach gekleidet, sie trägt ein zurückhaltendes, grau-seidenes Kleid, also kein klassisches weisses Hochzeitskleid mit Schleier und Schleppe; er einen schwarzen Anzug.
Kaum verheiratet, packt Leopold das nächste Vorhaben an. Er beantragt die dauernde Niederlassung im Kanton Genf und will in Zug wohnen. Damals ist die Innerschweizer Kleinstadt weder steuergünstig noch besonders gefragt bei der internationalen Community. Zum einen kennt Leopold die Gegend von früheren Reisen in die Schweiz. Zum anderen ist die Stadt Zug katholisch geprägt, was seinem Geldgeber und Vater Ferdinand von Toskana gefallen haben dürfte. Ausserdem will sich Wilhelmine nicht am Genfersee niederlassen, wo die Leute eine Sprache sprechen, derer sie nicht mächtig ist.
Schon nach kurzer Suche finden Leopold und Wilhelmine Wölfling in Zug eine passende Villa mit Seeanstoss: die Villa Seeburg an der Artherstrasse (heute Nummer 38) mit parkähnlichem Garten. Leopold Wölfling und seine Wilhelmine richten sich wohnlich ein und er bemüht sich mit Erfolg um die Schweizer Staatsbürgerschaft. Aus dem Erzherzog Leopold Ferdinand von Österreich-Toskana wird Leopold Wölfling, der Bürger von Stadt und Kanton Zug.
Fortan besucht Leopold Vorlesungen an der ETH und studiert am Zugersee meteorologische Daten. Er macht sogar eine Erfindung, nämlich einen Sturmmesser. Dagegen langweilt sich Wilhelmine. Sie müht sich im Haushalt ab, was ihr gar nicht liegt. Auch die Bildungsversuche, die Leopold ihr angedeihen lässt, fruchten wenig: Das Schreiben fällt ihr schwer, die Fremdsprachen sind ihr zu anstrengend, das Klavierspiel hat sie sein lassen.
Da ist es eine willkommene Abwechslung, als Leopold und Wilhelmine ins Tessin reisen. Dort treffen sie auf dem Monte Verità einen ehemaligen Offizierskollegen von Leopold, der jetzt wallendes Haar und einen struppigen Bart trägt und unkonventionelle Ansichten vertritt; er verfolgt die «naturgemässe Lebensweise», isst nur sehr wenig und verzichtet ganz auf Fleisch, kleidet sich mit einfachsten Tüchern, lebt ohne Hilfe von Personal und wohnt in einer selbst gebauten Hütte.
Wilhelmine ist fasziniert von dieser primitiven Lebensweise. Diese Naturmenschen hausen in einfachsten Lehmhütten und experimentieren mit freier Liebe, naturgemässer Ernährung, selbstgemischten Drogen, fantastischen Alternativreligionen, mystischen Sitzungen und tiefschürfender Psychoanalyse. Ascona entwickelt sich zu dieser Zeit zu einem richtigen Sammelbecken für Reformer und Revoluzzer. Wilhelmine zeigt sich davon ganz angetan und pilgert fortan immer häufiger auf den Monte Verità; sie fühlt sich inmitten des bunten Haufens von Anarchisten, Intellektuellen und Weltverbesserern sehr wohl und akzeptiert.
Mehr noch: Frau Wölfling zeigt sich von der Befreiung aller Zwänge so begeistert, dass sie selbst die naturgemässe Lebensweise annimmt. Sie legt ihre aufwändigen und massgeschneiderten Kostüme ab und hüllt sich stattdessen in simple Leinenfetzen, sie geht nicht mehr zum Friseur und kämmt ihre Haare nicht, sie verzichtet auf Unterwäsche, Seifen und Parfüm, trinkt keinen Alkohol und isst nur noch Pflanzliches.
Für Leopold ändert sich dadurch einiges. Er hat bald einen Vollbart, auch seine Haare lässt er zu einer wilden Mähne wuchern. Doch nach ein paar Wochen ohne Seife stösst ihn der eigene Körpergeruch ab, das lange Kauen auf Hülsenfrüchten und Gemüse widert ihn an, er vermisst die deftige, österreichische Kost und verspürt eine Abneigung gegen die groben, handgewobenen Leinengewänder. Es kommt zwischen den Ehepartnern immer wieder zu Streit.
Für eine Reise nach Florenz schneidet Leopold Wölfling die Haare, rasiert sich den Bart ab und kleidet sich wieder wie früher. Nach seiner Rückkehr im Dezember 1906 ist er komplett verändert. Offensichtlich ist ihm die alternative Lebensweise endgültig zu bunt; er will sich von seiner Frau trennen. So übergibt er den Kleinkram seinen Anwälten, die sich um die Scheidung kümmern sollen.
Die WHO warnte in der vergangenen Woche: In den kommenden sechs bis acht Wochen könnten sich mehr als die Hälfte der Europäer mit Omikron infizieren. Was kommt da auf uns zu? Studien aus Kalifornien und Südafrika geben Aufschluss.