Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03405.jsonl.gz/2016

28.09.18
Wer hat gesagt, dass der Islam und Europa nicht kompatibel sind? Albanien wäre diesbezüglich ein interessantes Beobachtungsfeld. Da leben Muslime, Christen und Atheisten seit Jahrhunderten friedlich miteinander, oder nebeneinander.
Hier beobachten wir einen weitgehend säkularisierten Islam, der schon in den 1920er Jahren weitgehende Reformen erfahren hat – unter anderem wurde der Schleierzwang für die Frauen abgeschafft.
Historisch war es ja mehrmals so, dass der Islam in Europa von den Christen gewaltsam angegriffen wurde – beispielsweise im 15. Jh. In Spanien, in den 1990er Jahren in Bosnien – und nicht immer umgekehrt.
Tirana ist eine relativ grosse, lebendige und spannende Stadt. Die Stadt zusammen gerechnet mit seiner unmittelbaren Agglomeration zählt nach Wikipedia 825000 EinwohnerInnen. Das bedeutet, dass zwischen 1/3 und ¼ der Bevölkerung Albaniens in der Hauptstadt oder in ihrer Nähe lebt. Wie in allen Metropolen des Südens sind hier die sozialen und kulturellen Gegensätze sichtbar gross. Spannend ist das Nebeneinander von einer globalisierten, westlich orientierten Elite, die sich in amerikanisch aussehenden Lokalen trifft, und den ärmlichen, traditionell orientierten Unterschichten. Dazu kommt ein ‚Touch Post-Kommunismus‘.
27.09.18
Albanien ist vielleicht das letzte Land auf der Welt, in dem Italien einen guten Ruf geniesst. Italien ist hier ein bisschen wie der grosse Bruder: grösser, eben, reicher, technisch und gesellschaftlich weiter entwickelt.
Die Leute in Albanien sind freundlich und hilfsbereit. Auf dem Weg von Saranda nach Tirana hat uns ein jüngerer Mann in einem Restaurant die Getränke bezahlt. Ich weiss nicht warum; vielleicht aus Freude darüber, dass wir Albanien schön und interessant finden.
24.09.18
In Albanien sind viele Männer ab 30 sichtbar – nach unseren Kriterien, zumindest – übergewichtig. Es sind vor allem die verheirateten Männer, vermute ich. Der vom Fitness-Ideal diktierte westliche Schlankheits- und Gesundheitswahn scheint sich hier noch nicht durchgesetzt zu haben (ausser vielleicht in Tirana, wie ich später bemerken werde). Die männliche Ästhetik gehorcht anderen Regeln als bei uns: wenn die Armut nicht weit weg ist, muss der Familienernährer gut ernährt sein. Der relative Wohlstand muss am männlichen Körper sichtbar sein.
Roma sotto la pioggia – das erste Mal so richtig nass, seit ich da bin.
Wenn man an Italien denkt, kommen einem zuerst die unzähligen Probleme in den Sinn – davon gibt es gewiss mehr als genug. Es gibt aber auch relativ unauffällige Dinge, die wir einfach als gegeben anschauen, die hier jedoch nicht selbstverständlich sind. Rom ist relativ sauber, der öffentliche Verkehr funktioniert, man kommt im alltäglichen Leben relativ gut durch – solang man es nicht direkt mit dem Staat und mit seiner Bürokratie zu tun hat.
Manchmal bricht zwar ein Kirchendach zusammen (August), oder ein Bus geht in Flammen auf (wie im Frühling in den Zeitungen zu lesen war), aber davon merke ich im Alltag nicht all zu viel.
Dies ist offenbar auch zahlreichen freiwilligen Organisationen zu verdanken, die Gratisarbeit leisten, um beispielsweise Velowege und Pärke sauber zu halten. Eine davon ist «Retake Roma», die heute in «La Repubblica» vorgestellt wird. «La città che resiste», titelt die Zeitung.
Ein wichtiges Zeichen für das Bestehen einer Zivilgesellschaft, denke ich.
Und jetzt Ferien, ohne computer und ohne Blogs. Zuerst Albanien, dann Süditalien. Bin am 6. Oktober wieder zurück (Inchallah).