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Kuno Roth ‹AUSSICHT VON DER EINSICHT› – Gegen-Sätze und Aphorismen.
Reihe Poesie 21, 97 S., Verlag Steinmeier, Deiningen, 2017.
Rezension von Marianne Mathys Ennetbürgen
In seinen Aphorismen und Gegen-Sätzen spiegelt Kuno Roth den heutigen Zeitgeist wieder, den er pointiert unter die Lupe nimmt, und seine Leser mit Geistesblitzen trifft, noch eh diese die Aussage in ihrer komplexen Bedeutung begriffen haben. Kuno Roth stellt fest, hinterfragt, kehrt um, widerspricht und verblüfft mit Schlussfolgerungen, auf die man so, gerade nicht gekommen wäre. Es sind Statements zu Gesellschaft und Individuum, in einer Welt voller sozialer, ökologischer, und ökonomischer Fragwürdigkeiten. Er tut dies mit kurzen und präzisen Formulierungen, und einer Dringlichkeit die aufmerken lässt. Seine Untertitel haben etwas Manifestes wenn er etwa vermeldet: «Bekannt ist, wer die Welt abschafft», oder: «Der Planet wird vergoogelt».
Kuno Roth betrachtet seine Aussichten und Einsichten aus vier verschiedenen Blickwinkeln, die er thematisch in vier Kapitel gliedert. In ‹Lebens-Weisen› (I), beispielsweise, schreibt er: «Erst die Kopie macht ein Vorbild zum Modell». Unter ‹Psychologisches› (II), findet sich als zentrales Motiv: «Rückwärts blickend rudere ich vorwärts». In ‹Politisches› (III), kommt das Absurde auf den Plan, wenn er etwa sagt: «In einer wahnsinnig gewordenen Welt vernünftig zu sein, wirkt selbst wahnsinnig». Und schliesslich ist da noch der ‹Small-Sense› (IV), wo der Autor dunkelste Ecken ausleuchtet, mit Äusserungen wie: «Den Teufel an die Wand zu malen, kann ein himmlisches Vergnügen sein». In jedem Kapitel findet sich zudem eine Rubrik ‹Gegen-Sätzliches›, wo jeweils auf eine Feststellung im ersten Satz, dessen unvereinbare Gegenüberstellung im zweiten Satz erfolgt, wie etwa: «Der erste Schritt ist immer der schwerste. Deshalb bleiben viele stehen», oder: «Es läuft alles wie am Schnürchen. Bis der Faden reisst».
Fundstücke gibt es viele, in diesem aufwirbelnden, dennoch klar strukturierten Gedichtband. Und immer wieder überraschen die Bilder und Motive, die der Autor zusammenbringt; beispielsweise: «Du bist mein Boden, Schatz!», oder: «Wer die Raupe nicht ehrt, ist des Schmetterlings nicht wert». – Eine Lektüre insgesamt, die nachdenklich stimmt, und zum Schmunzeln bringt.
Das Bild auf dem Buchumschlag, mit dem Titel ‹Homenaje› (Hommage), verdient noch ein besonderes Augenmerk. Es ist ein Foto eines Werks des Plastikers Lukas Ulmi, und kann als Metapher verstanden werden, etwa zum Gedicht: «Auf dem See meiner Erinnerungen rudere ich rückwärts blickend vorwärts». Die schwerelos wirkende Komposition im Raum erinnert an ein Mobile. Ins Auge fällt zunächst ein rostiger Bügel, der in der Bildmitte zu schweben scheint. Sein Bogen erstreckt sich durch drei schwarze Eisendraht-Rechtecke, oder Fenster, die in kleinen Abständen hintereinander angeordnet sind, und je an einem feinen, kaum wahrnehmbaren Faden hängen. – Drei Fenster, drei Zeiten. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Bügel, oder Bogen als Ruder (oder Uhrzeiger), mit dem ausgeholt wird, aus der Gegenwart in die Vergangenheit, um sie heranzuziehen, und mit deren Wissen voraus zu steuern in die Zukunft. – «Weil sich der Mensch nur wenig ändert, kann sich Geschichte wiederholen», heisst es an einer Stelle. Würden die Menschen die Geschichte herbeiziehen um aus ihr zu lernen, würde sie sich vielleicht nicht länger wiederholen, oder doch weniger häufig.
Der Aufruf zu Verantwortung und Weitsicht, in einer Welt die zunehmend aus den Fugen gerät, ist überall spürbar in Kuno Roths Texten. «Hoffnungslos, die Welt verändern zu wollen. Verantwortungslos, es nicht zu versuchen», sagt er. Dem Einzelnen empfiehlt er, auf sich selber zu achten, und zu sich selber Sorge zu tragen. Er tut dies nicht moralisierend, sondern lustvoll, schon fast verführerisch, wenn er schreibt: «Lebe deinen Traum! Bleibe aber wach» oder, «Heute in den sauren Apfel beissen, kann morgen das Leben versüssen», was zumindest wie ein süss-saures Versprechen klingt.
Kuno Roth, *1957, lebt in Bern und Solothurn (CH). Der promovierte Chemiker arbeitet als Programmverantwortlicher für Mentoring bei Greenpeace und ist Verfasser von Aphorismen, Glossen, Kolumnen und Gedichten. ‹Aussicht von der Einsicht› ist seine fünfte Publikation. In der Reihe Poesie 21 erschien bereits sein Band ‹Im Rosten viel Neues. Gedichte für den Alltag›.
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M.M., 11.5.2017, PRO LYRICA