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Geschichte
Eine seltsam ferne Zeit
Der Kalte Krieg teilte die Erde über Dekaden hinweg in zwei unversöhnliche Lager. Mehr als einmal drohte aus dem Kalten ein Heißer zu werden. Doch mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus wurde auch dieser Konflikt Geschichte.
So viel sei vorweg genommen: John Lewis Gaddis legt mit seinem neuen Buch "Der Kalte Krieg" eine meisterhafte Darstellung zum Widerstreit der Systeme nach dem Zweiten Weltkrieg vor. Gaddis, Historiker an der Yale-Universität, gelingt es, die großen Linien einer 45-jährigen Auseinandersetzung knapp, verständlich und faktenreich nachzuzeichnen, ohne sich in den zahllosen Details der internationalen Politik zu verlieren.
Die Welt vor dem Super-Gau
Gaddis’ zentrale Frage lautet: Warum wurde aus dem Kalten Krieg nie ein offener, gewaltsamer Konflikt, obwohl die Welt mehrfach kurz vor dessen Ausbruch stand? Seine Antworten fallen - entlang der historischen Wegmarken - differenziert aus.
Schon kurz nach dem Weltkrieg war als Konsequenz zunehmender Entfremdung der ehemaligen Koalitionäre eine deutliche Verschärfung der Beziehungen zu beobachten, die im Rennen um die Atombombe und der Kommunistenjagd unter Senator Joseph McCarthy gipfelte.
In den 60 und 70iger Jahren, einer durch massive Aufrüstung gekennzeichneten Phase, erwies sich der Realismus der Regierenden als stabilisierendes Element, die die Funktionsfähigkeit des Gleichgewichts des Schreckens als Leitmotiv ihres Handelns akzeptierten und beförderten.
Der Autor schildert die Phasen des Konflikts als Auf und Ab zwischen Verhärtung und Entspannung. Die Tauwetter-Periode, der Helsinki-Prozess und Glasnost müssen zweifelsfrei als Beleg für Phasen des gegenseitigen Entgegenkommens dienen. Die Entspannung macht Gaddis ebenso an den Charakteren und Persönlichkeitsstrukturen der verantwortlichen Politiker fest, wie die zahlreichen Episoden der Verhärtung bzw. der drohenden kriegerischen Auseinandersetzung. Zu letzteren sind die Stellvertreterkriege in Korea und Vietnam, der Mauerbau und natürlich die Kuba-Krise zu zählen.
Gaddis (Bild links) arbeitet sich entlang der historischen Wegmarken von der Konferenz von Jalta bis zum Fall der Berliner Mauer und liefert zugleich umfassende Portraits der handelnden Akteure. In der Bewertung bekannter Ereignisse erwarten den Leser zwar kaum neue Interpretationen, aber die Faktendfülle, die intime Kenntnis historischer Beziehungen und der komplexe Stil beeindrucken.
Der Verfasser vertritt zudem die interessante Position, dass das Ende des Kalten Krieges ab Mitte der achtziger Jahre nur von einem ganz besonderen Typus Politiker eingeläutet werden konnte. Ronald Reagan, Michail Gorbatschow, Lech Walesa, aber auch Johannes Paul II. sieht Gaddis im wohlmeinenden Sinne als politische Schauspieler, deren unkonventionelle Art notwendig war, um die betonierten Strukturen aufzuweichen.
Wenn der Hund mit dem Schwanz wackelt
Eine bisher wenig beachtete Perspektive eröffnet Gaddis beim Blick auf die Blockfreien und die so genannten Satellitenstaaten der Supermächte, denen er ein eigenes Kapitel widmet.
Besonders die Satellitenstaaten verfügten über immense Möglichkeiten, die Politik der beiden Supermächte auch gegen deren ursprünglichen Willen nachhaltig zu beeinflussen. Alle Regierungen von Truman/Stalin bis Reagan/Gorbatschow waren gezwungen, umfangreiche finanzielle, personelle und militärische Ressourcen in den jeweiligen Konfliktgebieten zu binden, egal ob es sich um Korea, Vietnam, Südamerika oder zahlreiche afrikanische Staaten handelte. Deren jeweilige Machthaber vermochten es, mit durchschnittlichem politischem Geschick in Washington und Moskau umfassende Mittel zur Stärkung ihrer eigenen Position zu erhalten. Voraussetzung dafür war die plakativ vorgetragene, dabei jedoch kostengünstige ideologische Zustimmung zur Position der jeweils bevorzugten Seite.
Kluge Beobachtungen
Der Kalte Krieg endete mit dem Zusammenbruch des Ostblocks. Der Sozialismus hatte sich im Widerstreit der Systeme vor allem ökonomisch als unterlegen erwiesen. Auch wenn in jüngster Zeit wieder Großmacht-Ambitionen der Regierung Putin zu beobachten sind, ist die aktuelle Situation mit der vor 1990 nicht zu vergleichen.
Dass aus dem Kalten Krieg nie ein heißer Konflikt wurde, betrachtet nicht nur John Lewis Gaddis als großes Glück. Auch wenn die letzten Ereignisse noch keine 20 Jahre zurück liegen, erscheint diese höchst fragile Epoche der Menschheit doch mittlerweile seltsam weit entfernt.
Gaddis’ Neuschreibung der Geschichte ist sehr zu empfehlen. Der Band bietet zwar keine neuen Forschungsergebnisse, ist als Überblick aber unbedingt lesenswert.