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Er war eher unbekannt, der kürzlich im Alter von 95 Jahren verstorbene Fotograf André Melchior (1926-2021): Seine Bilder gingen jedoch um die Welt.
«Bring mir Bilder von Churchill auf dem Münsterplatz.» Diesen Auftrag erhält Melchior, gerade 20 Jahre alt geworden und Fotografenlehrling, 1946 von seinem Lehrmeister Hans Peter Klauser. Melchior lässt an diesem Donnerstagmorgen Mitte September die Berufsschule sausen, studiert den Ablauf von Churchills Auftritt und postiert sich als Einziger mit der Kamera vor dem Rathaus statt in der Menge auf dem Platz, wo der britische Staatsmann einige Sätze aus dem Stegreif an die Bevölkerung richten sollte.
Dieses Bild von Winston Churchill ging um die Welt
Und so tritt Churchill nach dem Aussteigen aus der Limousine direkt vor Melchiors Linse. Der angehende Fotograf drückt ab, die Nahaufnahmen von Churchill in Zürich sind im Kasten. Bis heute gehören sie zu den bekanntesten und gefragtesten Aufnahmen von Churchills Besuch in Zürich.
«Wir verlieren mit André ein geschätztes Ehrenmitglied des SBF, einen der bekanntesten berufskundlichen Fotografen der Schweiz und einen wunderbaren Menschen. Seine eindrücklichen Bilder werden überdauern», schrieb der Berufsverband der Fotografen auf ihrer Website.
Schon während der Lehrzeit entstanden erste Fotoreportagen. Danach war er als Werkfotograf bei der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon tätig (1947/48). Er fotografierte 1948/49 für das Kinderdorf Pestalozzi und von 1959 bis 1963 für die Schweizerische Flüchtlingshilfe sowie für das Werkjahr der Stadt Zürich.
Nebst der Reportagefotografie in der Schweiz und im Ausland arbeitete André Melchior zudem ab 1950 als Industrie-, Architektur- und Werbefotograf. Fotoreportagen von André Melchior erschienen unter anderem in der «Neuen Zürcher Zeitung» und in «Die Woche».
Seit 1998 arbeitete er mit experimenteller Fotografie, insbesondere mit Glasreflexionen. In einem Video-Interview während seiner Ausstellung in Zürich erzählte er über sein Leben, wie er zur Fotografie gefunden hat und wie er Bilder in Amsterdam gemacht hatte.
Der gebürtige Bündner ist in Zollikon aufgewachsen. Bei einem Dorffotografen durfte er im Labor erleben, wie ein Bild entsteht. «Man sieht, wie das Bild geboren wird. Das hat mich fasziniert und da beschloss ich Fotograf zu werden», sagte er aus. Während seiner Berufszeit stand er im Schatten berühmter Fotografen wie Jakob Tuggener, Theo Frei und Werner Bischof. Da beschloss er seine Motive während der Ferienzeit im Ausland zu suchen.
Und er wusste, dass die Grachten in Amsterdam im Winter zugefroren sind. Er bat die Swissair ihm mitzuteilen, wann es denn soweit war. Dann fuhr er mit der Bahn nach Amsterdam und fotografierte die Menschen auf dem Eis. André Melchior erinnerte sich: «Ich war froh überhaupt ein Restaurant gefunden zu haben. Es war alles zu. Ich erhielt nur zwei Spiegeleier. Ich bin dann während zwei Tagen auf den Grachten herum spaziert und habe fotografiert. Die Leute haben mich angestaunt und sie waren glücklich, dass ich sie überhaupt fotografiert habe.»
Das Volk vergnügt sich auf den zugefrorenen Grachten in Amsterdam
Die Mentalität des Abfotografierenden habe sich geändert. «Früher waren die Menschen froh, wenn man sie fotografiert hat. Heute ist das eine Belästigung, ausser der Betreffende wünscht das.» Man müsse zuerst eine Bewilligung einholen und die Leute fragen, ob sie einverstanden sind, fotografiert zu werden. Das nehme jede Spontanität. Nicht zuletzt wegen dieser Veränderung habe er sich auf die experimentelle Fotografie konzentriert. Aber auch, weil sich die Technik rasant entwickelt hat.
André Melchior’s experimentelles Bild: Ofen
Die Grundlage seiner neusten Bilder erklärte er so: «Das Grundlegende ist die grafische Gestaltung. Dann kommen die Farben dazu und dann der Ausschnitt. Dann kommen Zufälligkeiten wie kleine Reflexe dazu, die man erst nach der Aufnahme entdeckt. Den Ausschnitt und die grafische Gestaltung muss man sehen.
Viele Bekannte haben anfänglich den Kopf geschüttelt und gesagt, die Reportagebilder seien ausdrucksvoller gewesen.»
Bilder: André Melchior/ Screenshots: Josef Ritler