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Ein Seelendrama
Tschaikowskys Sinfonie Nr. 4
Auf der neuerschienenen CD unseres Tschaikowsky-Zyklus mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter Paavo Järvi erklingt Tschaikowskys vierte Sinfonie. Ein Blick ins Innere dieses Werkes – inklusive erstem Höreindruck:
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Es mag Schicksal sein oder nicht – Tschaikowskys Vierte erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Sogar der selbstkritische Tschaikowsky wähnte «kein mittelmässiges Werk», sondern «das Beste» seiner bisherigen Karriere komponiert zu haben. Mit der Erstaufführung am 21. Januar 1908 unter der Leitung des Chefdirigenten Volkmar Andreae fand sie früh schon ihren Weg ins Repertoire des Tonhalle-Orchesters Zürich. Seither ist sie nicht mehr wegzudenken.
Das Werk in Kürze:
- Besetzung: Piccolo, 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 4 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba, Pauken, Schlagzeug, Streiche
- Entstehung: 1877/78
- Uraufführung: 10. Februar 1878 in Moskau, unter Nikolai G. Rubinstein
- Widmung: Nadeshda von Meck, «Für meinen besten Freund»
Als «Schicksalssinfonie» ist sie bekannt, entstanden ist sie im unmittelbaren Kontext privater Schicksalsschläge. Gerne hört man aus diesem Grund auch die Leidensgeschichte Tschaikowskys mit, die sich 1877 abspielte: seine Beziehung zum Geiger Iosif Kotek, die Heirat «ohne Liebe» mit der ehemaligen Schülerin Antonina Miljukowa, Suizidversuch und Flucht aus Moskau. Obwohl Tschaikowskys Musik oft auf die emotionalen Gesten reduziert wird, hat sich der Komponist in seiner Vierten keineswegs nur die persönlichen Erlebnisse vom Leib geschrieben.
Mit einem Wort, der Künstler lebt ein Doppelleben: das allgemein menschliche und das künstlerische, wobei die beiden Bereiche durchaus nicht miteinander übereinstimmen müssen.
Tschaikowsky an Nadeshda von Meck, 24. Juni / 7. Juli 1878
Für Tschaikowsky ist die Sinfonie trotzdem «Programmmusik». Sie beruft sich dabei nicht auf konkrete Erlebnissen, sondern suggeriert innere Stimmungen. Ein Seelendrama, das man unmöglich versprachlichen kann. Musik habe ungemein «mächtigere Mittel», um «die tausend verschiedenen Augenblicke des seelischen Erlebens auszudrücken». Gegenüber seiner Gönnerin Nadeshda von Meck meint er, es könne höchstens ein «Widerhall» dessen sein, was ihm persönlich widerfahren sei.
Ich schaudere bei der Vorstellung, was aus mir geworden wäre, wenn mich das Schicksal nicht mit Ihnen zusammengeführt hätte.
Tschaikowsky an Nadeshda von Meck, September 1879
Drängte Antonina Tschaikowsky mit Briefen zur Heirat, gab ihm die neugewonnene Brieffreundschaft mit Frau von Meck nebst finanziellem vor allem seelischem Halt. Auf ihren Wunsch hin – er möge ihr nach vergangener Premiere das Programm «unserer» Sinfonie schildern – versucht Tschaikowsky entgegen seiner Vorsätze dennoch «musikalische Gedanken und musikalische Bilder in Worte und Sätze» zu übertragen. PS.: Selbstverständlich müsse dieses Vorhaben aber «unklar und unvollkommen» bleiben.
Im berühmt gewordenen Brief vom 17. Februar / 1. März 1878 lesen wir denn auch aus Tschaikowskys Feder: das «Fatum», das Schicksal sei der Hauptgedanke der Sinfonie. Die «Schicksalssinfonie» ist, spätestens seit Beethoven, kein unbeschriebener Topos mehr. Tschaikowskys selbst stellt denn auch seine Vierte in direkten Bezug zu Beethovens Fünfter. Er schreibt:
Im Grunde ist meine Sinfonie eine Nachempfindung der Fünften von Beethoven, allerdings nicht in Bezug auf deren einzelne musikalische Gedanken, sondern auf deren Grundidee.
Tschaikowsky an Sergej Tanejew, 27. März 1878
Hinter der Widmung «unserer» Sinfonie versteckt sich – elegant aber unmissverständlich – Tschaikowskys Gönnerin Frau von Meck:
«Halten Sie mich für Ihren Freund? Falls Sie diese Frage mit Ja beantworten können, so würde ich mich sehr freuen, wenn die Widmung der Sinfonie ohne Namensnennung einfach lauten könnte: Meinem Freunde gewidmet»
Tschaikowskys widmet die Vierte
«à mon meilleur ami»,
«meinem besten Freunde»
1. Satz: Das ist das Fatum
Eine bedrohliche Bläserfanfare in f-Moll eröffnet den Kopfsatz. Diese Einleitung, schreibt Tschaikowsky an Frau von Meck, sei «das Samenkorn der ganzen Sinfonie und zweifellos der Hauptgedanke». Die Fanfare bestimmt nicht nur den Verlauf des ersten Satzes, sondern wirft ihren Schatten auch über das festliche Finale.
«Das ist das Fatum, die verhängnisvolle Macht, […] die wie ein Damoklesschwert über unserem Haupte schwebt»
Zweierlei Stimmungen kontrastieren sich: die «Hoffnungslosigkeit» im Thema des Hauptsatzes, ausgedrückt in den chromatischen Abwärtsbewegungen des unsteten "Walzers" im Neunachteltakt, und der «süsse und zarte Traum», der sich im Thema des Seitensatzes manifestiert. Folglich sei «das ganze Leben ein unentwegter Wechsel harter Wirklichkeit mit flüchtigen Träumen vom Glück…»
2. Satz: Schmerzlich und süss
Eine Oboenkantilene in b-Moll – «semplice ma grazioso», einfach aber elegant – gibt den Grundton an für den zweiten Satz. Quart- und Quintfälle in der Melodie mögen an russische Volkslieder erinnern. Mit Klarinetten und Fagotten wechselt der Mittelteil des «Liedsatzes» kurzzeitig ins beschwingtere F-Dur.
«Der zweite Satz der Sinfonie drückt eine Trauer anderer Art aus: die Schwermut, die einen umfängt, wenn man abends, von der Arbeit erschöpft, allein sitzt, ein Buch in der Hand, das einem plötzlich entgleitet. […] Schmerzlich und süss ist es, sich in die Vergangenheit zu versenken»
3. Satz: Kapriziöse Arabesken
Virtuos wird es im Scherzo: «Pizzicato ostinato» verordnet Tschaikowsky den Streichern. Alles wird gezupft und nicht mit dem Bogen gestrichen – es soll klingen wie auf einer russischen Balalaika gespielt. Im zweiten Teil stossen die Bläser dazu, mittendrin ein «berüchtigter» Piccolo-Lauf.
«Der dritte Satz drückt keine bestimmten Gefühle aus. Es sind kapriziöse Arabesken, unfassliche Gestalten, die, von der Phantasie geschaffen, vorbeischweben, wenn man Wein getrunken und einen kleinen Rausch hat. […] Dann ziehen in der Ferne Soldaten vorbei. Das sind zusammenhanglose Gebilde, wie von Träumen eingegeben, wenn man einschläft. Sie haben nichts mit der Wirklichkeit gemein»
4. Satz: Freue dich am Glück der anderen
Furiose Tonleiterläufe weichen einem ukrainischen Volksliedzitat («Im Felde stand eine Birke»). Ebendieses unscheinbare Liedthema steigert sich vor dem satzbeschliessenden «lärmigen» Refrain in die ominöse «Schicksalsfanfare» und schlägt den Bogen zurück zum Beginn der Sinfonie.
«Die Heiterkeit eines Volksfestes umfängt dich. Doch kaum hast du dich im Anblick fremder Freuden selbst vergessen, erscheint das unerbittliche Schicksal von neuem. […] Freue dich am Glück der anderen. Das Leben kann erträglich werden»
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Text: Tiziana Gohl
Quelle für Partiturabbildung: https://www.culture.ru/catalog/tchaikovsky/ru/item/archiv/simfoniya-no-4