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Museo Castello San Materno
4. Juni - 10. September 2023
"Stilliegende Sachen, heißen in der Mahler-Kunst und Architectur mancherley unbewegliche Dinge, als Blumen, Früchte, Speisen, todte Thiere, Kupfferstiche, verschiedene Instrumente, Bücher, Briefschafften und dergleichen, welche auf einem Tisch, oder sonst wo, nach gefälliger, doch in angenehmer Ordnung liegende vorgestellet, und nach dem Leben abgebildet werden."
Johann Heinrich Zedler, Grosses vollständiges Universal-Lexikon, Halle, Leipzig 1744
Die diesjährige Sonderausstellung im Museo Castello San Materno – Fondazione per la cultura Kurt e Barbara Alten ist der Gattung des Stilllebens gewidmet. Der Begriff leitet sich vom niederländischen still leven (stilles Leben) ab und bezieht sich auf Bilder, die vorwiegend unbelebte Objekte darstellen, in der Regel alltägliche, von Menschenhand geschaffene Gegenstände wie Porzellan, Trinkgläser, Musikinstrumente, Münzen, Pfeifen und Ähnliches oder aber Dinge aus der Natur wie Früchte, Tiere, Blumen oder andere Pflanzen.
Das Stillleben im Wandel der Zeit präsentiert Werke aus einer bedeutenden Schweizer Privatsammlung und der Sammlung der Kulturstiftung Kurt und Barbara Alten. Ausgewählten Gemälden von Meistern der italienischen, flämischen und deutschen Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts werden Werke des 20. Jahrhunderts zur Seite gestellt. Formale wie inhaltliche Gemeinsamkeiten, aber auch zahlreiche Unterschiede sollen so deutlich gemacht werden.
Als das früheste bekannte, signierte und datierte Stillleben gilt ein Gemälde des venezianischen Malers Jacopo deʼ Barbari Totes Rebhuhn mit Eisenhandschuhen und Armbrustbolzen aus dem Jahr 1504, doch finden sich erste Darstellungen bereits lange zuvor im Alten Ägypten und in der Antike: als Fresken in ägyptischen Grabkammern oder Mosaike beziehungsweise Wandmalereien in den herrschaftlichen römischen Villen von Pompeji oder Herculaneum.
Im Mittelalter sind Stillleben in religiösen Gemälden oder im Hintergrund von Figurendarstellungen zu finden, wo sie jedoch nur als Beiwerk dienen. Erst im 17. Jahrhundert – im Zeitalter des Barock – entwickelt sich besonders in den Niederlanden, aber auch in Italien, die Stilllebenmalerei zum eigenständigen Genre und erlebt ihre erste Blüte.
Hohes Ansehen und Wert wurden in jener Zeit vor allem der Historienmalerei und dem herrschaftlichen Porträt zugesprochen. Doch wenngleich das Stillleben neben der Landschaftsmalerei und dem Tierstück zu den niederen Rängen in der Malerei zählte, erfreuten sich diese Werke grosser Popularität.
Bei den Künstlern war das Stillleben beliebt, weil es zahlreiche Freiheiten in der Komposition liess und sie ihre Kunstfertigkeit unter Beweis stellen konnten, bei den Auftraggebern, weil die kostbaren oder exotischen Bildgegenstände ihren Reichtum oder ihr Interesse an den Wissenschaften repräsentierten.
Die flämischen und niederländischen Stillleben des 17. Jahrhunderts sind jenseits ihrer malerischen Bravour aber auch als Memento mori, als Allegorien der Vergänglichkeit, als Mahnung zu einem massvollen Leben zu verstehen, während eine entsprechende Symbolik bei den italienischen Meistern oder den Werken der Klassischen Moderne meist keine Bedeutung mehr hat.
Natürlich ist den Künstlern auch weiterhin die vielfältige Symbolik einzelner Blumen oder Früchte bekannt, doch gilt ihr Interesse nun vor allem der formalen Gestaltung oder der Bravura in der Darstellung der Dinge – der Schönheit etwa eines Apfels und nicht mehr seiner christlichen Bedeutung als Symbol der Sünde.
Im 18. Jahrhundert verliert das Stillleben bei Künstlern und Auftraggebern seine Faszination, erlebt im 19. und 20. Jahrhundert bei den Malern der Avantgarde aber eine Wiederentdeckung. Es wird zum neuerlichen Experimentierfeld, nicht nur, weil die einfachen Dinge des alltäglichen Gebrauchs leicht verfügbar sind, sondern auch, weil selbst ein prunkloser Gegenstand, malerisch ideenreich umgesetzt, zum bildwürdigen Motiv werden konnte.
Die Präsentation Das Stillleben im Wandel der Zeit zeigt anhand ausgewählter Gemälde den Reiz und die Vielfalt des Genres auf. Im ehemaligen Salon des Castello San Materno sind Küchen-, Obst- und Musikalienstillleben aus der Zeit des Barock und der Klassischen Moderne zu sehen, der ehemalige Kapellenraum des Castello ist den zahlreichen Blumenstillleben vorbehalten.
Die Ausstellung möchte Sie aber auch dazu ermuntern, auf Entdeckungsreise zu gehen. Denn ein Schwerpunkt der Sammlung der Kulturstiftung Kurt und Barbara Alten ist – neben der Landschaftsmalerei – das Stillleben. Im ersten Stock des Castello können Sie weitere Werke von Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn sowie Erich Heckel, Alexej von Jawlensky, Emil Nolde und Christian Rohlfs entdecken.
Die Ausstellung, kuratiert von dem Kunsthistoriker Harald Fiebig, ist ein Projekt der Kulturstiftung Kurt und Barbara Alten, Solothurn, in Kooperation mit dem Museo Comunale dʼArte Moderna und der Gemeinde Ascona.
Samstag, den 3. Juni, um 17.00 Uhr
Jacob van Hulsdonck │ Stillleben mit Früchten in chinesischer Schale │ o.J. │ Öl auf Holz │ 53 x 74 cm │ Privatsammlung, Schweiz │ Foto: Peter Schälchli, Zürich
Giovanni Giacometti │ Stillleben mit Äpfeln und Krug │ um 1929 │ Öl auf Leinwand │ 30 x 39 cm │ Privatsammlung, Schweiz │ Foto: Peter Schälchli, Zürich
Georg Flegel │ Stillleben mit Äpfeln │ o.J. │ Öl auf Holz │ 20.5 x 28.5 cm │ Privatsammlung, Schweiz │ Foto: Peter Schälchli, Zürich
Hendrik van der Borcht der Ältere oder Hendrik van der Borcht der Jüngere │ Eine Sammlung antiker Gegenstände │ o.J. │ Öl auf Kupfer │ 25.4 x 21.3 cm │ Privatsammlung, Schweiz
Cornelis Norbertus Gijsbrechts (zugeschrieben) │ Trompe-lʼoeil │ o.J. │ Öl auf Leinwand │ 76 x 61 cm │ Privatsammlung, Schweiz │ Foto: Peter Schälchli, Zürich
Fèlix Vallotton │ Blumenkrug mit blauer Tischdecke │ 1924 │ Gouache auf Karton │ 35.5 x 24.5 cm │ Privatsammlung, Schweiz │ Foto: Peter Schälchli, Zürich
Frans Francken der Jüngere │ Galerieinterieur mit ânes iconoclastiques │ o. J. │ Öl auf Holz │ 53 x 78 cm │ Privatsammlung, Schweiz
Samstag, den 3. Juni 2023, um 17.00 Uhr, Museo Castello San Materno, Ascona
Samstag, den 10. Juni 2023, um 10.30 Uhr, Museo Castello San Materno, Ascona
Die Führung findet in deutscher Sprache statt.
Die Führung ist für alle AAMA-Mitglieder kostenlos, während Nicht-Mitglieder gebeten werden, den reduzierten Eintrittspreis zu bezahlen.
Die Anmeldung ist bis Donnerstag, 8. Juni, erforderlich, die Teilnehmerzahl ist auf maximal 20 Personen beschränkt: <email-pii>; Tel. 091 759 81 40.
AAMA