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Berichte
Mikrofilm und Digitalisierung: Segen oder Unheil?
Zu Nicholson Bakers Buch "Der Eckenknick. Oder wie die Bibliotheken sich an den Büchern versündigen" (2001, dt. 2005)
Von Peter Stocker, Historisch-Kritische Gottfried Keller-Ausgabe (HKKA)
Januar 2006
Papier
Bücher bestehen aus Papier, und Zeitungen ebenso. Die Papierherstellung wurde im 19. Jahrhundert industrialisiert. Statt Lumpen wurde nun Holz als Rohstoff verwendet. Und auch die Leimung, die das Papier reissfest macht und imprägniert, so dass die Druckerschwärze nicht auf die Rückseite durchschlägt, veränderte sich.
Statt das Papier am Ende des Herstellungsprozesses durch einen Leim aus Tierknochen zu ziehen, wurde schon dem Holzbrei ein Leim beigemischt. Dieser Leim bestand bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts häufig aus einem Harz, der wesentlich für das spätere Vergilben verantwortlich ist. Säurefreies Papier, das diesen Effekt verhindern soll, wird erst seit kurzem verwendet.
Was das für Bibliotheken bedeutet, ist klar: Ein grosser Teil ihrer Bestände stammt aus der Zeit der Harzleimung. Wie lassen sich diese erhalten?
Bibliotheken tragen auch künftigen Benutzern gegenüber eine Verantwortung. Deshalb bemühen sie sich zunächst um gute Lagerbedingungen. Ferner schränken sie die Benutzung bestimmter Bücher teilweise ein.
Mikrofilme
Auch Mikrofilme stellen für Bibliothekare ein nützliches Instrument der Bestandeserhaltung dar. Für Benutzer dagegen sind sie in der Regel eine Qual.
Man sitzt vor einem Kasten, den ihre Erfinder als "Lesegerät" bezeichnen. Dieses Gerät verfügt über einen Filmtransportmechanismus, ein Objektiv, eine Projektionslampe und eine Mattscheibe, und es ist meistens an einen Drucker angeschlossen. Selten funktionieren alle Komponenten optimal und stimmen mit den technischen Parametern des Mikrofilms überein, den man benutzen möchte. Ist es gelungen, den Film einzulegen, kann die Arbeit beginnen. Man lässt den Film laufen, und merkt schnell: Die über die Mattscheibe stotternden und schlingernden Einzelbilder zu fixieren, verursacht Kopfschmerzen und Brechreiz. In einer amerikanischen Bibliothek sollen Tüten für Menschen, die sich übergeben müssen, angebracht gewesen sein.
Wer durchhält, kann feststellen, wie schlampig die Mikrofilme in vielen Fällen hergestellt wurden: ganz oder teilweise unscharfe Bilder, fehlende oder vertauschte Seiten, Belichtungs- und Entwicklungsfehler machen viele Filme wertlos.
Die USA spielten bei der Entwicklung der Mikrofilm-Technologie eine Pionierrolle. Schon in den 1960er Jahren wurden in gross angelegten Programmen ganze Zeitungsbestände systematisch verfilmt. Später wurden auch Buchbestände erfasst. An der Spitze der Bewegung stand die Library of Congress.
Nicholson Baker
Zur Geschichte dieser Programme schrieb der amerikanische Romanautor Nicholson Baker ein polemisches Buch. Ausser dem Witz von den Speibeuteln und vielen weiteren Kuriosa dieser Art stehen darin Fakten und Hypothesen, bei denen einem das Lachen vergeht.
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Die Originalbände wurden vor der Verfilmung oft 'guillotiniert', da Einzelblätter sich schneller und billiger verarbeiten lassen.
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Nach der Verfilmung wurden die bei der Verfilmung benutzten Originale oft entsorgt, und zwar auch dann, wenn sie nicht guillotiniert worden waren.
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Diese Entsorgungsaktionen fanden statt, ohne dass wenigstens zuerst die Mikrofilme einer Qualitätskontrolle (Vollständigkeit, Lesbarkeit) unterzogen worden wären.
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War eine Zeitung oder ein Buch einmal verfilmt, wurden auch Dubletten und selbst Exemplare in anderen Bibliotheken entfernt.
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Das Ziel der Mikrofilm-Programme war also in Wirklichkeit, überfüllte Magazine frei zu räumen.
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Um diese Bestandesvernichtung legitimieren zu können, wurde behauptet, die betroffenen Zeitungsbände und Bücher seien ohnehin zum Untergang verdammt.
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Der sogenannte 'Säurefrass', der in kurzer Zeit grosse Teile der Altbestände hätte zu Staub zerfallen lassen sollen, war eine Erfindung, die dem Zweck diente, Gelder für prestigeträchtige Technologie-Projekte zu organisieren.
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In Wirklichkeit erhält sich auch schlechtes Papier (vor allem unter akzeptablen Lagerbedingungen) sehr viel besser, als behauptet wurde. Die Alterung verlangsamt sich, und sie scheint an einem Punkt zu stoppen, an dem die meisten Bücher noch immer benutzbar, wenn auch fragil sind. Die vollständige spontane Auflösung von Papier kam bisher kaum vor.
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Klassische Formen der Bestandespflege (Restauration) sowie das Erstellen von Erweiterungsbauten wurden zugunsten von Mikrofilmprogrammen und der kostspieligen Entwicklung anderer technischer Verfahren (Laminierung, Entsäuerung) vernachlässigt.
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Durch Laminierungs- und Entsäuerungsversuche entstand weiterer Schaden.
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Vollständig übersehen wurde vor allem die Tatsache, dass auch Mikrofilme einer Alterung unterworfen sind und dass diese sogar schneller voranschreitet als der prophezeite Säuretod des Papiers.
Fasst man diese Hypothesen zusammen, ergibt sich ein haarsträubendes Resultat: Grosse historische Buch- und Zeitungsbestände wurden in den USA während der Mikrofilm-Ära irreversibel zerstört oder liquidiert - nicht durch die inhärenten Eigenschaften von Holzbreipapier und nicht durch den Einfluss von Krieg oder Katastrophen, sondern durch die offizielle Politik staatlicher Bibliotheken.
Europa
Sicher hat die Mikrofilm-Euphorie in Europa nie amerikanische Ausmasse erreicht. D. h., dass wohl viel weniger verfilmt und dass schonender vorgegangen wurde. In Deutschland war eventuell der Schock über die Bestandesverluste des 2. Weltkrieges noch zu gross, als dass die amerikanische Praxis bedenkenlos hätte übernommen werden können. Wenigstens kann man das hoffen.
Zu glauben, in Europa würden nicht auch wertvolle Bestände beseitigt, wäre dennoch naiv. Dies zeigt das Beispiel der British Library, die noch in den 1990er Jahren vollständige Ausgaben wichtiger ausländischer Zeitungen abstiess.
(Baker versuchte erfolglos, sie daran zu hindern, und kaufte schliesslich einen Teil dieser Bestände auf.)
Ausserdem gibt es zwei Faktoren, denen jede wichtige Bibliothek heute ausgesetzt ist, unabhängig davon, auf welchem Kontinent sie steht:
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das permanente Wachstum der Buchbestände, das zu chronischer Platznot führt
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die zunehmende und durchgehende Elektronisierung moderner Bibliotheken, die nicht nur beträchtliche finanzielle Mittel ausserhalb der Bestandespflege bindet, sondern auch dazu verführen könnte, auf die Digitalisierung als einen tauglichen Ersatz für den Mikrofilm zu hoffen
Digitalisierung
In jüngster Zeit konkretisiert sich zunehmend die Vision des Internets als Medium einer universalen Bibliothek. Im Google Print Library Project wird beabsichtigt, 15 Millionen Bücher aus fünf amerikanischen Partnerbibliotheken zu scannen und digital verfügbar zu machen. Das Gegenprojekt europäischer Nationalbibliotheken ist unter dem Namen "The European Library" online. Unbestreitbar liegt hier ein faszinierendes Potential.
Doch wer sich blindlings auf die Digitalisierung einlässt, richtet mit Sicherheit neues Unheil an. Auch den Mikrofilm hat man einst für die Schlüsseltechnologie der 'Bibliothek der Zukunft' gehalten.