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Val Camonica – Capo di Ponte – Lago d’Iseo
Grösste Fundregion prähistorischer
Petroglyphen (Unesco-Weltkulturerbe)
Sibylle Heimgartner
Das Val Camonica ist ein aussergewöhnliches Tal. Es ist ca. 70 km lang, befindet sich in der Lombardei (Provinz Brescia) und erstreckt sich ziemlich genau von Norden nach Süden. Mindestens 300'000 Petroglyphen (prähistorische, in Stein gearbeitete Felsbilder) kamen bis jetzt an den glatten Felswänden links und rechts des Tales zum Vorschein und stammen aus einer Zeitspanne vom späten Paläolithikum bis ins Mittelalter. Es scheint, dass das Tal Teil einer wichtigen Handelsroute vom Süden in den Norden und umgekehrt war. Der Name des Tales stammt von den eisenzeitlichen BewohnerInnen, den Camunii.
Häufige frühe Darstellungen sind Adoranten/Adorantinnen, verschiedene Tiere wie Elche, Hunde, Hirsche, „Dolche“, Häuser, ab der Bronzezeit Reiter, Waffen. Es finden sich auch Labyrinthe, Fussabdrücke und die Rosa Camuna, als Wahrzeichen des Valcamonica und Symbol der Lombardei. Sie ist nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet und deutet mit ihren Bögen um 4 Punkte vermutlich auf den Sonnenlauf im Jahresrad hin (Derungs, Augen der Alpen, S. 74). Sehr interessant ist eine Ritualszene von Frauen, vermutlich ein Begräbnisritual. Die liegende Frau ist direkt in eine Wasserrinne eingraviert und wird, wenn es regnet vom hinabfliessenden Regenwasser bedeckt.
CAPO DI PONTE eignet sich sehr gut als
Ausgangsort für Erkundungen der Petroglyphen. Ganz in der Nähe des
Anati-Museums, wo auch Bücher gekauft werden können, befinden sich die
eindrücklichen Felsen CEMMO 1 und CEMMO 2. Gleich daneben befindet sich das
Museum von Ausilio Priuli, einem Ethnoarchäologen, der viele Bücher zum Thema
verfasst hat. In Capo di Ponte befinden sich drei archäologische Parks: SERADINA,
RONCO FELAPPI und BEDOLINA, wo sich die berühmte (Orts-)Karte von Bedolina
befindet.
Ebenfalls sehr interessant ist die Kirche SAN SIRO, die sich direkt
über dem Fluss OGLIO befindet. Leider ist sie nur zu gewissen Zeiten offen.
Einen Schlüssel zu verlangen ist lohnenswert. Es ist ein uralter Wasser- und
Steinkultplatz, worauf die Sirenen und sonstigen Wasserwesen an den Säulen, das
grosse Taufbecken und der grosse Felsen im Untergeschoss der Kirche hindeuten. Man
könnte meinen, dass das Wasser ursprünglich einmal durch die Kirche geflossen
war.
Sehr interessant ist auch das Bildnis der „Madonna delle arti e dei
mestieri“ (Madonna der Künste und des Gewerbes), die von Arbeitsgeräten und
Werkzeugen umgegeben ist. Sie erinnert an die Göttin Minerva, die zur römischen
Zeit als Beschützerin der Handwerker und des Gewerbes betrachtet wurde
(wikipedia) und der etwas weiter südlich, in Breno, ein Heiligtum geweiht war
(siehe unten).
Als Übernachtungsort eignet sich das Casa Visnenza (Via San Faustino 7, 25044 Cemmo die Capo di Ponte; http://www.casavisnenza.it/html/engl/eeventi.html) sehr. Es ist ein uraltes Haus – ehemals eine Seidenmühle - das vom Betreiberpaar Marzia und Massimo liebevoll restauriert und in ein B&B umfunktioniert wurde. Die Zimmer sind geschmackvoll mit alten dunklen Holzmöbeln ausgestattet, man fühlt sich wie in eine andere Zeit versetzt. Es gibt ein feines Frühstück und die Gastfreundschaft der beiden ist bezeichnend.
Auf der gegenüberliegenden Seite von Capo di
Ponte (ca. 10 Autominuten entfernt) befindet sich der archäologische Park von NAQUANE,
der ebenfalls mit unzähligen interessanten Felszeichnungen ausgestattet ist.
Die Parks sind gut gepflegt und die wichtigsten Darstellungen hervorgehoben und
beschriftet. Ein bisschen weiter befindet sich der FOPPE DI NADRO, der gut zu
Fuss in einem Rundgang erschlossen werden kann. Im letzten Drittel ist ein
paläolithischer Abri zu sehen. Ebenfalls in Nadro befindet sich ein kleines
Museum. Von der Kirche gleich daneben hat man eine wunderbare Sicht auf die CONCARENA,
den „weiblichen“ Berg.
Zweimal im Jahr zu den Äquinoktien (Tag-und-Nacht-Gleichen) zeigt sich ein aussergewöhnliches Naturphänomen: Die Sonne geht hinter dem PIZ BADILE auf und wirft einen enormen Schatten in den Himmel. Dieses Lichtphänomen wird als „il Spirito“ (der Geist, das Gespenst) bezeichnet. Der Sonnenuntergang auf der gegenüberliegenden Seite ist ebenso eindrücklich. Die Sonne geht direkt in einem Felsschlitz der CONCARENA unter und wirft einen enormen Schatten in den Himmel (Derungs, Augen der Alpen, S. 75).
Das Museo Nazionale della Preistoria della Valle Camonica (MUPRE) wurde im Mai 2014 neu eröffnet und ist sehr empfehlenswert. Es gibt wunderschön bearbeitete Steine zu besichtigen. Interessant ist insbesondere die Einbettung der Fundstücke in eine sakrale Landschaft. Es gibt ausführliche Informationstafeln zu verschiedenen Heiligtümern des Tales wie beispielsweise zum Brandopferplatz in Spinera und zu den Kultstätten (santuario) von Ossimo und Cemmo. Italienische Sprachkenntnis ist von Vorteil, da alles nur auf Italienisch beschriftet ist.
Leider reichte die Zeit nicht mehr für einen Besuch des MINERVA HEILIGTUMS bei Spinera in Breno. Es liegt auf einem Felsvorsprung des Flusses Oglio vor einem natürlichen Höhleneingang, wo sich eine Quelle befindet. Ein römischer Tempel befindet sich auf einem älteren Kultplatz (s. o. Brandopferplatz).
Südlich des Tales befindet sich der
wunderschöne LAGO D’ISEO (mit dem Zug von Brescia Richtung Edolo fährt man
daran vorbei), der unbedingt zu einem Besuch einlädt. Inmitten des Sees
befindet sich die Insel MONTE ISOLA, wo sich zuoberst auf dem Berg eine
Marienwallfahrtskirche (Il Santuario della Madonna della Ceriola) befindet. Sieht der See mit der Insel nicht aus wie eine schwangere Landschaftsgöttin?
Die Wanderung ist wunderschön und die
Aussicht fantastisch.
Der Überlieferung nach soll der Ort von einer von vier Schwestern im 12. Jh. gegründet worden sein. Die drei anderen Schwestern siedelten sich auf weiteren Plätzen an. Alljährlich zündeten sie grosse Feuer an, um sich ihr Überleben mitzuteilen (Broschüre „Il santuario della Madonna della Ceriola in Monte Isola (Lago d’Iseo)“, S. 24).
Quellen
Anati, Emmanuel: Capo di Ponte. Studi Camuni. Bd 1. 3. Deutsche Auflage.Capo di Ponte 1987.
Derungs, Kurt: Augen der Alpen. Das Phänomen der Sonnenlöcher. Grenchen bei Solothurn 2014. S. 72-75.
Kirchenheft: Il Santuario della Madonne della Ceriola in Monte Isola (Lago d’Iseo).
Links
Sibylle Heimgartner