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In seine Wohnung auf dem roten Backsteinhaus, zehn Gehminuten von seinem Geburtshaus entfernt, am Bahngeleise zu seinen Lebensorten erbaut, gelegen beim fünftgrössten Bahnhof der Stadt, vielleicht von ihm gewählt als ein unbewusst steinernes Sinnbild seiner erbitterten Kämpfe um das Bild der Schweiz, seiner Schweiz – in diese Wohnung also, so erinnerte sich der Solothurner Freund in einer Biografie, kam man unten rein und ging die Treppe hoch. Er wirkte jeweils wie ein Kapitän, wenn er auf dem Geländer aufgestützt lachte, die Hand an die unsichtbare Mütze hob und sein typisches «Salü!» sprach.
Ein rabiater Mieter soll der Kapitän gewesen sein, der jeweils mit der Bemerkung, er müsse arbeiten, einen Eimer Wasser auf die Pendler hinab geschüttet hatte, wenn sie ihm zu laut gewesen waren, erinnerte sich der Vermieter zum hundertsten Geburtstag des Kapitäns.
Diese Wohnung war sein letzter Hafen, die Welt hatte er bereist, viel gesehen, beobachtet, analysiert, gestritten und gelobt. Hier besuchte sie ihn auf Knopfdruck. Die Auseinandersetzung mit den Forderungen des Tages noch immer kritisch. Scharfsinnig hinterfragte er noch immer sich selbst und damit das alternde Menschsein. Vor angehenden Ärzten hielt er vor Jahren eine Rede über die letzte Reise: Das Todesbewusstsein, so der Kapitän, wäre aus der Gesellschaft weitgehend verdrängt, auch die Schreckensbilder, die jeden Tag das Fernsehen zeige, trügen zu dieser Verdrängung bei. Der Tod wäre ein inszenierter Sonderfall, befand damals der Kapitän weise.
Wenige Jahre später, das legendäre Klack, Klack, Klack seiner Schreibmaschine war unterdessen verstummt, vermachte der Kapitän dem Regisseur der Verfilmung seines Erfolgsromanes während der Visionierung des Rohschnittes seinen silbernen Jaguar. Fotos aus diesen Tagen zeigen einen kleinen Mann im hellblauen Seidenpyjama, der in viel zu grossen Kissen gebettet ist. Fröhlich wäre er bis zu letzt gewesen, erinnerte sich der gute Freund, gefasst hätte der Kapitän den Lotsen erwartet. Als dieser an einem frühen Apriltag die Brücke betrat, hatte der Kapitän einen neuen Plan geschmiedet:
«Ich plane ein Schiff, ein Kapitänsschiff», sagte er zum guten Freund, der bei ihm Gesellschaft geleistet hatte. Ob er dessen Kapitän sein würde, fragte dieser.
«Nein,» antwortete der Kapitän, «die Leute müssen nun für sich selbst sorgen.»
Wenige Stunden später verliess er mit dem Lotsen die Brücke über die Rutschbahn ins Nichts. Nachdem er gegangen war, verliess der gute Freund diese Wohnung im roten Backsteinhaus, direkt an den Bahngeleisen zum vollendeten Leben, um die vom Kapitän bis ins Detail inszenierte Gedenkfeier zu St. Peter zu organisieren.
die Crew des Kapitänsschiffes
der Kapitän: Max Frisch
der Solothurner Freund: Peter Bichsel
die Wohnung: Stadelhoferstrasse 28, Zürich
der Regisseur: Volker Schlöndorf
der Erfolgsroman: Homo Faber
der Freund: Michel Seigner
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