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Von Piratinnen und Wagenführerinnen. Oder: Inklusion ohne Unsichtbarmachung
Bei der Überarbeitung der Texte stellte sich eine Frage immer wieder: Wie war das Geschlechterverhältnis? An einer Stelle ist beispielsweise von Piraten die Rede. Wie viele weibliche Piratinnen gab es zu dieser Zeit an diesem Ort? Wenn Frauen Ausnahmen waren, wie bilden wir sie sprachlich ab? Solche Fälle erfordern historische Recherche und Kontextualisierung. Die Empfehlung für gendersensible Sprache lautet, Begriffe zu neutralisieren. Es darf jedoch nicht passieren, dass dadurch Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten aufgehoben werden, wie es der Begriff «neutralisieren» bereits impliziert. Neutralisierte Begriffe können eine Gleichheit und Gleichberechtigung suggerieren und damit strukturelle Diskriminierungen unsichtbar machen. Ein Beispiel: Von «Wagenführer:innen» in der Schweiz Anfang des 20. Jahrhunderts zu sprechen, würde unsichtbar machen, dass es Frauen verwehrt blieb, diesen Beruf auszuüben. Auch wenn es bestimmt Ausnahmen gab. Das Dilemma: Den Eindruck von Gleichheit erwecken oder Ausnahmen und Minderheiten vernachlässigen.
Gewisse Wörter, Bezeichnungen und Formulierungen bedürfen einer Kontextualisierung, beispielswiese «das Fräulein vom Amt». Heute gilt diese Bezeichnung als abwertend, sie deshalb zu streichen, bedeute jedoch Geschichte unsichtbar zu machen. Wichtiger ist es, den Begriff in den historischen Kontext zu setzen. Wie wurde der Begriff ursprünglich benutzt? In welchem gesellschaftlichen Kontext wurde er gebraucht? Wie hat sich der Begriff über die Jahre gewandelt?
Es wurde deutlich: Das Gendern von Ausstellungstexten ist eine komplexe und nuancierte Angelegenheit. Jeder Fall muss individuell betrachtet werden, eine allfällige Anpassung muss recherchiert und überlegt erfolgen. Ausserdem machte uns die Diskussion historischer Inhalte ein Dilemma bewusst: Wir wollen mit gendersensibler Sprache vermeiden, dass die Binarität von Mann und Frau verfestigt wird; stattdessen möchten wir eine Sprache, die alle Geschlechter miteinbezieht. In gewissen Diskussionen, besonders historischer Inhalte, ist es jedoch unvermeidlich von Männern und Frauen zu sprechen, weil das gesellschaftlich relevante Kategorien waren (und auch heute teilweise noch sind). Und solange Mann und Frau gesellschaftlich relevante Kategorien bleiben und Sexismus weiter existiert, können die binären Begriffe «Männer» und «Frauen» nicht verbannt werden. Auch wenn diese Erkenntnisse im Nachhinein banal erscheinen mögen, brauchten wir den Prozess und Diskussionen, um das Unbehagen, welches wir bei den sprachlichen Anpassungen verspürten, in Worte fassen zu können. Unterstützend dabei war ein anregender und aufschlussreicher Austausch mit Bettina Stehli von «Die Historikerin».
Arbeit im Zwischenraum
Im generischen Maskulinum in der deutschen Sprache steckt die Ideologie, dass der Mann die Norm ist. Dies soll durch die gendersensible Sprache verändert werden. Das erneute, fokussierte Lesen der Ausstellungstexte sechs Jahre nach Eröffnung der Kernausstellung machte diese Ideologie nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich deutlich - es wurden Leerstellen und Ungerechtigkeiten sichtbar. Ein Beispiel: Frauen, die auf Fotografien abgebildet sind, werden in den Legenden seltener namentlich genannt als Männer. Oder ein weiteres Beispiel, das wir eingehend diskutierten: In einem Text stehen vier Beispiele für Persönlichkeiten, die auf Briefmarken abgebildet wurden – ausschliesslich Männer. Nach einer kurzen Recherche war klar: es gab auch Frauen, die auf Briefmarken abgebildet wurden, doch es bestand zahlenmässig eine starke Ungleichheit im Vergleich mit Männern. Was nun? Bilden wir diese Ungleichheit ab? Wenn ja, wie? Wir entschieden uns für eine pragmatische Lösung: zwei Männer, zwei Frauen, ohne Anspruch auf zahlenmässige Repräsentation.