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| Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen (Epistula ad Marcellinum)

Brief an Marcellinus
10.
Gemeinsam ist diese Gnade des Geistes und bei Allen sie nämliche, wie es die gestellte Aufgabe erfordert und der Geist es will. Denn keinen Unterschied macht das Mehr und Weniger in dieser gestellten Aufgabe, wenn Jeder den ihm zukommenden ganzen Dienst genau erfüllt. Das Buch der Psalmen hat aber auch in dieser Beziehung wieder eine besondere Gnade und eine hervorragende Eigenheit. Denn außer den übrigen Eigenschaften, in denen es mit den übrigen Büchern Verwandtschaft und Gemeinschaft bat, hat es noch diese wunderbare Eigenschaft, daß es die Bewegungen jeder Seele, ihre Umwandlungen und Besserungen in sich dargestellt und ausgeprägt enthält, so daß man, wenn man will, sie aus demselben wie aus einem Bilde entnehmen und begreifen und eine solche Gestalt sich aneignen kann, wie sie dort beschrieben ist. Denn in den übrigen Büchern vernimmt man nur das Gesetz, das befiehlt, was man thun soll, und was man nicht thun soll, man vernimmt Prophetien, so daß man nur weiß, daß der Heiland kommen wird, und daß man auf die geschichtlichen Darstellungen achtet, aus denen man die Thaten der Kö- [S. 343] ige und der Heiligen erkennen kann. Im Buche der Psalmen aber erkennt der Hörende, außerdem daß er hievon Kenntniß erlangt, auch noch die Bewegungen seiner Seele in ihr selbst und wird darüber belehrt. Und ferner kann er für seine Leiden und in dem, was ihn bedrängt, wieder aus demselben das Bild der Reden auslesen, so daß man nicht bloß hört und vorübergeht, sondern auch belehrt wird, durch welche Reden und Handlungen man das Leiden heilen soll. Denn es gibt auch in den übrigen Büchern verbietende Reden, die das Böse untersagen; in diesem aber ist ausgedrückt, wie man sich enthalten soll. So kommt z. B. eine Mahnung vor, seine Gesinnung zu ändern; die Änderung der Gesinnung aber besteht darin, daß man der Sünde entsagt, hier ist aber auch ausgedrückt, wie man seinen Sinn ändern soll, und was man bei der Sinnesänderung sagen muß. Und wieder hat Paulus gesagt: „Die Trübsal wirkt Geduld, die Geduld aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung, die Hoffnung aber macht nicht zu Schanden;“ 1 in den Psalmen aber steht geschrieben und ist ausgedrückt, wie man die Trübsale ertragen muß, und wie ein Jeder sich bewährt, und welches die Reden Derjenigen sind, die auf den Herrn hoffen. Ferner ist es ein Gebot, in Allem Dank zu sagen; aber auch was man beim Danksagen sprechen soll, lehren die Psalmen. Ferner, da wir von Andern vernahmen: „Alle, welche fromm leben wollen in Christus, werden verfolgt werden,“2 so werden wir von diesen belehrt, sowohl wie wir bei Ergreifung der Flucht denken, als auch welche Reden wir bei der Verfolgung, als auch was für Reden wir nach der Verfolgung, wenn wir gerettet sind, Gott vortragen sollen. Wir werden aufgefordert, den Herrn zu Preisen und vor dem Herrn zu bekennen. In den Psalmen aber werden wir angeleitet, wie man Gott Preisen muß, und welche Worte wir aussprechen müssen, um in [S. 344] geziemender Weise zu bekennen. Und in jedem Punkte wird man finden, daß die göttlichen Gesänge in diesem Verhältnisse zu uns, unseren Bewegungen und unseren Zuständen stehen.
1: Röm. 5, 3
2: II.Tim. 3,12