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Etwas ungläubig schaute Giulia Steingruber zu ihrem Trainer Zoltan Jordanov, als sie ihren Wettkampf am Stufenbarren beendet hatte. Es schien, als ahnte sie, dass es zu einem Platz in den Top 8 wohl knapp nicht reichen würde. Wenige Minuten später wurde aus der Vorahnung Gewissheit. Als Zehnte und mit einem Total von 57,565 Punkten verpasste sie das angestrebte olympische Diplom um vier Zehntel.
“Die Punktzahl ist in Ordnung”, sagte Steingruber. “Aber eine gewisse Enttäuschung ist schon da.” Sie werde noch etwas Zeit brauchen, bis sie mit diesem Ergebnis zufrieden sein werde. Steingruber verfehlte damit auch die beste Mehrkampf-Klassierung einer Schweizerin an Olympischen Spielen. Romi Kessler hatte 1984 in Los Angeles an den von der Mehrheit der osteuropäischen Ländern boykottierten Spielen Rang 9 erreicht. Gegenüber den Spielen in London vor vier Jahren steigerte sich Steingruber um vier Plätze.
In den Wettkampf war Steingruber am Schwebebalken gestartet, ihrem Zittergerät, an dem sie in der Qualifikation das Gerät hatte verlassen müssen. Da ihr ein Sturz bereits an den Weltmeisterschaften im vergangenen Jahr in Glasgow sowie an den Europameisterschaften in Bern einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte, zeigte sie an diesem Gerät für einmal eine etwas einfachere Übung und brachte diese mit Ausnahme eines Wacklers sicher durch.
Danach spulte Steingruber ihr Programm wie gewohnt souverän ab. Am Boden bekam sie eine leicht höhere Wertung als in der Qualifikation, für den Einzel-Final am Dienstag hat sie bei den Landungen aber weiter Verbesserungspotenzial. Der Tschussowitina-Sprung gelang Steingruber wie gewohnt sicher und auch am Stufenbarren zeigte sie eine solide Leistung. Für die Wiederholung ihres Erfolgs der WM 2015 in Glasgow, als sie sehr gute Fünfte geworden war, reichte es ihr aber nicht. “Es war ok, aber sie hatte nicht den besten Tag ihrer Karriere”, sagte Jordanov. “Ein 10. Rang ist aber nicht schlecht.”
Gold sicherte sich die haushohe Favoritin Simone Biles, die einmal mehr in einer eigenen Liga turnte und mit dem Gewinn des wichtigsten Titels im Kunstturnen ihre Karriere krönte. Die 1,45 m grosse, sprungkräftige Texanerin legte wie in der Qualifikation einen perfekten Wettkampf hin und siegte mit mehr als zwei Punkten Vorsprung vor ihrer Landsfrau Alexandra Raisman und der Russin Aliya Mustafina, die wie 2012 Bronze holte. Bereits vor ihrer abschliessenden Bodenübung war klar gewesen, dass Biles siegen würde. Mit einem Lächeln im Gesicht wirbelte sie zum Abschluss des Wettkampfs noch einmal durch die fast ausverkaufte Rio Olympic Arena und riss die Zuschauer mit ihrer fantastischen Darbietung von den Sitzen.
Biles trat die Nachfolge ihrer Teamkollegin Gabrielle Douglas an, die als Dritte der Qualifikation aufgrund der Regel, dass nur zwei Athletinnen pro Nation im Final antreten dürfen, zum zuschauen verdammt war. Biles ist die vierte Amerikanerin in Serie und die fünfte der Geschichte, die Mehrkampf-Gold holte. Als erste Kunstturnerin seit der Ukrainerin Lilia Podkopajewa 1996 ist sie gleichzeitig Mehrkampf-Weltmeisterin und -Olympiasiegerin. “Sie ist die beste Turnerin, die es seit Jahrzehnten gegeben hat”, sagte Steingruber über die neue Olympiasiegerin, die als Dreijährige von ihrem Grossvater adoptiert worden war, da ihre leibliche Mutter unter Alkohol- und Drogenproblemen litt.
Mit dem Erklimmen des Turn-Olymps gelang Biles ein perfekter olympischer Zyklus, hatte sie doch im letzten Herbst als Erste den Titel-Hattrick an Weltmeisterschaften geschafft. Mit zehn Titeln ist sie die erfolgreichste WM-Teilnehmerin der Geschichte. Und auch in Rio wird Biles’ Goldjagd in den Gerätefinals weitergehen. Am Sprung, am Schwebebalken und am Boden ist sie erste Anwärterin auf den Olympiasieg. “Als wir gedacht haben, dass die physischen Grenzen der Sportart erreicht sind, kam Simone Biles”, sagte Mary Lou Retton, die erste amerikanische Mehrkampf-Olympiasiegerin von 1984, vor Beginn der Spiele gegenüber “ESPN”.
(SDA)