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Sie schreit. Sie schreit den ganzen Tag. Von frühmorgens, wenn sie ihre Augen öffnet bis spät in die Nacht, wenn sie sie schliesst. Sie schreit in allen Sturmstärken und Orkandimensionen. Sie schreit sich fast bewusstlos, denn unbewusst schreit sie sich wahrscheinlich selbst an. Und natürlich schreit sie auch alle anderen an, die sich in Hördistanz befinden, und das kann gut im Nachbarshaus sein. Sie schreit, um die Welt nach vorne zu schieben, langsam wie Lava. Der einzige Moment von Frieden ist dann, wenn sie ihren Espresso trinkt. Und den klassischen Espresso macht sie genauso wie sie kommuniziert, sie bringt die Espresso-Maschine zum Schreien unter Höchstdruck. Sie stopft den Zwischenteil der Napoletana, der der aussieht wie ein Trichter mit einem inneren Sieb mit feinen Löchern, so fest mit Kaffeepulver voll bis das Pulver einen kleinen Hügel bildet. Dann dreht sie die Kaffeemaschine zu, indem sie den oberen Teil auf den unteren mit Wasser gefüllten schraubt, dazwischen das Kaffeesieb mit Hügel. Kompression! Es braucht viel Fingerfertigkeit um das zu schaffen. Denn die Rillen beider, umschliessender Teile müssen vollkommen sauber sein. Dann passiert über der Gasflamme lange gar nichts bis der schwarze Strahl von Koffein nach oben schiesst, ziemlich phallisch. Ich glaube Freud hat Hysterie entlarvt als eine Art Scheinsex und das kann ich nachvollziehen. Im Land des katholischen Zudeckens aller Skandale, ergiesst sich wenigstens der Espressostrahl in aller Öffentlichkeit. Und über allem thront der stille Vesuv Ein Bergkamm wie kein zweiter hier in einer Gegend, in der alle vom blauen Meer schwärmen und dabei so viele Berge verschweigen, die knapp Zweitausend Meter über Meer erreichen. Dieses Denkmal eines Berges besitzt einen Doppel-Gipfel und dazwischen multiple kleine Gipfel, wieder eine Sex-Metapher, um den es hier aber gar nicht geht. Es geht um das Miteinander reden. Vielleicht ist der unheimlich stille Vesuv so ruhig, weil sie so schreit. Oder weil er zu Zeiten von Pompejis Untergang alles ausgespuckt hat, was er musste. Sie schreit ständig und so bleibt das Leben im Fluss. Der Vesuv schweigt. Wie ich auch. Ich höre zu, mit einem halben Ohr, während ich lese oder schreibe, um mitzubekommen, ob sie etwas zu sagen hat. Manchmal nähert sie sich mir wie ein kleiner Fisch und sagt, komm zu mir, und ich sage nein, ruh dich alleine aus. Das kann sie nicht, denn dann muss sie an ihren Krebs denken, und das will sie nicht. Vielleicht sagt der Doktor am Donnerstag etwas zu ihr, dass definitiv ist, vielleicht schlägt er ihr eine Kur vor, eine weitere Kur, die sie ohne Worte schlucken muss. Vielleicht schreit sie deshalb so viel rum. Und mein Vater, meine Brüder und ich wir schweigen wie der Vesuv, weil wir wissen, dass ihr Schreien zu hören bedeutet, sie lebt noch.
28
Apr
20172