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Geboren am 7. Januar 1992 – nur drei Monate vor dem Ausbruch des Bosnienkriegs – erlebte Damir Mehidic einen unruhigen Start ins Leben; seine Familie war gezwungen, nach Tuzla zu flüchten, wo sie ein neues Zuhause fand. Als Sohn eines Amateurfussballers zog es ihn zum NK Tuzla, einem kleineren Verein in der mittelgrossen Industriestadt. Dort durchlief er alle Juniorenstufen, gefolgt vom Übertritt ins drittklassige Fanionteam. Nach einem halben Jahr zog es Mehidic eine Stufe nach oben (Prva Liga), wo er nach einer Saison beim Vorortclub FK Sloga Tojsici zum traditionsreichen Zweitligisten FK Sloboda Tuzla wechselte. «Ich habe immer versucht, Schritt für Schritt vorwärts zu gehen», erklärt Mehidic. Dies sei der richtige Weg für ihn gewesen. Immer an sich zu glauben, war ebenso zentral, um den Traum vom Profi-Fussballer (später) leben zu können – fernab von den Leistungszentren grosser Clubs.
«Ich habe sehr viel Vertrauen gespürt und von seinen Erfahrungen profitieren können»
Im Fall von Damir Mehidic ist diese Entwicklung sehr eng mit dem Namen Miroslav Blazevic verknüpft. Der kroatische Trainerfuchs hatte einst auch den FC Sion (Cupsieger 1974) und den Grasshopper Club Zürich (Meister 1984) zu Erfolgen geführt. Im Januar 2014 übernahm er den vakanten Trainerposten in Tuzla. Auch im hohen Alter sollte Blazevic (Jahrgang 1935) noch Erfolg garantieren – mit sechs Zählern Rückstand in die zweite Saisonhälfte gestartet, stürmte Tuzla unter der Leitung des früheren Schweizer Nationaltrainers in die Premijer Liga. Aus 15 Spielen resultierten 40 Punkte, sechs Mal traf auch Mehidic innert wenigen Wochen ins Schwarze.
«Dies war die beste Phase in meiner bisherigen Karriere. Ich habe sehr viel Vertrauen von Blazevic gespürt und von seinen Erfahrungen profitieren können», so Mehidic über seinen bekannten Förderer. Auch der Club wurde durch Blazevics Ankunft aus seinem langen Dornröschenschlaf geweckt. Viele Jahre im Schatten der erfolgreicheren Abteilungen Basketball und Handball stehend, fanden sich nun bis zu 300 Fans bei Trainingseinheiten ein. Am finalen Spieltag, der den ersehnten Aufstieg brachte, platzte das Stadion Tusanj mit 7500 Zuschauern aus allen Nähten, nachdem in der Vorrunde noch dreistellige Besucherzahlen als trauriger Dauerzustand in Tuzla gegolten hatten.
Die Promotion ins bosnische Oberhaus war gleichbedeutend mit einem weiteren Schritt auf Mehidics Karriereleiter, denn der Aussenläufer vermochte zum ersten Mal von seinem Beruf zu leben. Zuvor musste sich der gelernte Logistiker mit kleinen Entschädigungen begnügen, wobei er sich dank der Unterstützung seiner Familie dennoch auf den Traum, sich als Profi zu etablieren, fokussieren konnte. Bei Sloboda (dt. Freiheit) ging es nach dem Aufstieg ohne Blazevic weiter, aber nicht minder erfolgreich. Auch in der Premijer Liga behauptete sich Mehidic in der Startelf. Der Klassenerhalt gelang ohne Zittern – und im zweiten Jahr setzte Tuzla zum Höhenflug an.
Unerfüllte Titelträume
«Die Stadt wurde zu einer Einheit. Alle haben für den Club gelebt», blickt Mehidic zurück, «umso enttäuschender war, dass wir die Leute nicht mit einem Titel beschenken konnten.» In der Meisterschaft stand Sloboda über längere Zeit an der Spitze, ehe sich Zrinjski Mostar auf der Zielgeraden knapp durchsetzte. Im Pokal bezwang Tuzla zwar nach Celik Zenica auch beide Top-Clubs aus der Hauptstadt Sarajevo, doch das grosse Finale – ebenso in Hin- und Rückspiel ausgetragen – gipfelte in einer klaren Niederlage gegen Radnik Bijeljina, das die zwei Direktduelle in der Liga noch verloren hatte.
Zum fünften Mal im Endspiel, zum fünften Mal verloren – auch im 98. Vereinsjahr setzte sich die Titellosigkeit von Sloboda Tuzla fort. «Im ersten Moment war es brutal. Das Double war zum Greifen nahe, und plötzlich stehst du mit leeren Händen da», sagt Mehidic. Inzwischen kann er aber auch mit positiven Gefühlen auf die erfolgreichste Saison in der Vereinsgeschichte zurückblicken. Umso spezieller war es für den 25-jährigen Linksverteidiger, dass er seinen Teil zum Aufschwung des Heimatclubs beitrug. «Als kleiner Bub träumst du davon, einmal im Trikot des Stadtvereins aufzulaufen. Es gibt nichts Schöneres und erfüllt dich mit Stolz», so Mehidic, der es auch als enorme Verantwortung betrachtete, «seine» Stadt als Fussballer zu repräsentieren. Dennoch zogen im Erfolg des letzten Sommers auch dunkle Wolken auf.
«Ich bin froh, dass sich alles so perfekt ergeben hat»
Als Vizemeister war Mehidic in den Europa-League-Duellen mit Beitar Jerusalem eingesetzt worden, in der Liga blieb ihm aber öfters nur die Zuschauerrolle. «Ohne dass mir ein Grund genannt worden wäre», sagt Mehidic. Im Club kam es zu gewichtigen Umstrukturierungen, so erklärte Vereinspräsident Azmir Husic seinen Rücktritt. Allgemein waren die Erwartungen viel zu hoch, um den Exploit der Vorsaison bestätigen zu können. Eine «negative Energie», wie es Mehidic nennt, machte sich breit. Er wollte weg aus der Heimat, «weil ich ohne Einsätze an Qualität und Selbstvertrauen verliere.» Ein Wechsel zu Zeljeznicar scheiterte, über Luka Mijatovic, dessen Sohn Marko im Team Aargau U-18 spielt, ergaben sich Kontakte zu Aarau.
«Mit Händen und Füssen»
Auf ein erstes Probetraining im letzten November folgte eine erneute Einladung im Hinblick auf die Vorbereitung zur Rückrunde. Im Trainingslager kam es zur Vertragsunterzeichnung, vorerst bis zum Saisonende. Zuvor war Mehidic – unabhängig von der sportlichen Zukunft – bereits mit seiner in der Schweiz aufgewachsenen Frau Rijalda in die erste gemeinsame Wohnung nach Recherswil (bei Solothurn) gezogen. Bislang hatten sie eine sechsjährige Fernbeziehung geführt, im April werden sie seit zwei Jahren verheiratet sein. «Es mag ein glücklicher Zufall sein, aber ich bin froh, dass sich alles so perfekt ergeben hat», so Mehidic.
Auch in der Mannschaft sei er sehr gut aufgenommen worden, nur die Sprache bereitet ihm noch Schwierigkeiten. Dann hilft Zoran Josipovic bei der Verständigung, während es «andere Spieler mit Händen und Füssen versuchen», lacht Mehidic. Er möchte sich in naher Zukunft für einen Deutschkurs einschreiben. Auf dem Rasen sieht er ebenso noch Potenzial, obwohl er sich schon im dritten Pflichtspiel (4:2 gegen Le Mont) als Torschütze und Vorlagengeber feiern liess. Es mangle noch an den Automatismen. Ausserdem ist er nach eigener Aussage defensiv noch nicht so weit wie er es einmal war.
Dennoch fühle er sich als linker Verteidiger, seiner gelernten Position, am wohlsten; seinen ausgeprägten Offensivdrang teilt er sich mit seinem Vorbild aus Kindertagen, dem holländischen Flügelflitzer Marc Overmars. Dieser trug das Trikot von Mehidics Lieblingsverein FC Barcelona zu dessen Jugendzeit.
Am Konzept der kleinen Schritte hält Mehidic auch in seiner neuen Heimat fest: «Wichtig ist, dass ich gesund bleibe, alles andere ergibt sich von allein.» Irgendjemand werde bemerken, wenn er weiter hart an sich arbeite. Dieser Einsatz werde mit dem nächsten Schritt auf dem langen Weg nach oben belohnt werden – wie es in der bisherigen Karriere von Damir Mehidic immer wieder vorgekommen ist, denn der Glaube kann bekanntlich Berge versetzen.
Matchzeitung Nr. 15 (2016/17) lesen
Dieser Artikel ist am 19. März 2017 in der Ausgabe Nr. 15 (Saison 2016/17) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den Servette FC erschienen.