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Blauwale sind die größten Tiere, die jemals auf unserem Planeten gelebt haben. Da wundert es kaum, dass sie auch die lautesten Tiere der Erde sind. Und trotzdem können wir Menschen ihre 180-Dezibel-Gesänge — eine Lautstärke, vergleichbar mit einem Düsenflugzeug — kaum hören. Blauwale singen in so niedrigen Frequenzen, dass wir Aufnahmen ihrer Lieder mit mindestens doppelter Geschwindigkeit abspielen müssen, um sie gut hören zu können. Zwei Walforscher fanden nach Auswertung von alten Aufnahmen heraus, dass die Gesänge der Wale seit den 1960er Jahren sogar noch tiefer wurden. Aber was sind die Gründe dafür?
Die ungewöhnliche Abnahme der Tonfrequenzen entdeckten die beiden Forscher, eigentlich Physiker, John Hildebrand und Mark McDonald erstmals bei Blauwalen vor der Küste Südkaliforniens, bei denen die Frequenzen im Laufe von 40 Jahren um 30 Prozent gesunken waren. Daraufhin untersuchten sie auch Blauwalpopulationen in der Antarktis. Hier zeigte sich dasselbe Bild: Ihre Gesänge nahmen in der Frequenz ab.
Bei jüngeren Aufnahmen aus dem Nordostpazifik, die aus den Jahren 2006 bis 2019 stammen, lässt sich der derselbe Trend ablesen. Während die Frequenz eines sogenannten ‘B calls’ im Jahr 2006 zwischen 46 und 49 Hertz lag, sank sie bis 2019 auf 41 bis 45 Hertz ab.
Eine schlüssige Erklärung für die Veränderung der Tonlagen fanden die Forscher jedoch nicht. Die mit einer Länge von etwa 30 Metern und einem Gewicht von bis zu 200 Tonnen größten Tiere der Erde gaben den Wissenschaftlern eines der größten Rätsel der Blauwalforschung auf.
In den vergangenen Jahrzehnten haben Hildebrand, McDonald und weitere Forschende versucht, dieses Rätsel zu lösen und stellten mehrere Hypothesen auf: Schwankungen des Säuregehalts der Ozeane im Zusammenhang mit dem Klimawandel, mit dem Walfang zusammenhängende Verschiebungen der durchschnittlichen Walgröße und der Populationsdichte sowie zunehmender Unterwasserlärm. Doch keine dieser Hypothesen passte wirklich mit den entsprechenden anderen Daten zusammen.
Stattdessen wurde es noch rätselhafter, denn der Walforscher Alexander Gavrilov aus Australien stellte fest, dass die Frequenzen der Gesänge je nach Jahreszeit variieren. Sein Team entdeckte außerdem, dass auch die Gesänge der Südlichen Glattwale in der Frequenz abnahmen und dann wieder um einige Hertz anstiegen. Finnwale und Grönlandwale sollen weiteren Studien von anderen Forschenden zufolge ein ähnliches Sinken der Frequenz zeigen.
Laut einer aktuellen Studie von John Hildebrand, Ally Rice und weiteren Forschenden vom Scripps Institute of Oceanography aus diesem Jahr haben die Frequenzen der kalifornischen Blauwale ein Plateau erreicht, was möglicherweise für die Hypothese der Populationserholung sprechen könnte. Die Autoren sind sich darüber allerdings uneins. Vor allem, weil die unterschiedlichen Wachstumsraten der verschiedenen Populationen nicht mit den global linear sinkenden Frequenzen korrelieren.
Die Blauwalpopulationen in der Arktis wachsen beispielsweise noch recht schnell im Gegensatz zu der im Nordostpazifik. «Ich würde sagen, dass dies auf meiner Liste der unbeantworteten Fragen über Blauwale an erster Stelle steht, weil ich keine gute Erklärung dafür gefunden habe», sagt Trevor Branch von der University of Washington gegenüber der Plattform nautilus.
Falls sich die Theorie des Populationswachstums durch zukünftige Forschung doch als richtig erweisen sollte, hätte man eine Methode gefunden, um die Bestandsgrößen genauer schätzen zu können. Bisher beruhen die Bestandszahlen nur auf Extrapolationen aus Sichtungen, die sehr ungenau sind.
«Eine einfache Formel für die Schätzung der Walpopulationen zu haben, wäre wirklich beeindruckend», sagt McDonald. Er ist sich jedoch nicht sicher, ob die Frage, warum sich die Gesänge der Blauwale verändern, jemals beantwortet werden kann. «Das ist nicht mit der Quantenmechanik und der Teilchenphysik zu vergleichen, wissen Sie. Biologische Systeme sind einfach zu kompliziert. Physiker wollen, dass alles einen Sinn ergibt. Biologische Systeme können verrückt sein.»
Das Rätsel bleibt jedenfalls weiterhin ungelöst, was Rice nicht nur bedauert: «Mir gefällt, dass die Wale einige ihrer Geheimnisse behalten dürfen. Wir wissen nicht alles über sie.»
Julia Hager, PolarJournal