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Ab der Jahrtausendwende interessierte sich der Schweizer Heimatschutz vermehrt für jene Gebiete, in denen sich die drängendsten Fragen der Siedlungsentwicklung stellen: die Agglomerationen und Regionalzentren. Nachdem in Graubünden zuvor drei Berggemeinden mit dem Wakkerpreis ausgezeichnet worden waren, kam 2010 mit Fläsch eine Gemeinde im nördlichsten Zipfel des Kantons zu Ehren. Zum ersten Mal würdigte der Heimatschutz damit die ortsplanerischen Leistungen einer Bündner Gemeinde, die nicht mit Abwanderungs-, sondern mit Wachstumsproblemen konfrontiert ist.
Fläsch ist das nördlichste Dorf Graubündens. Es liegt an klimatisch begünstigter Lage am Fusse des Fläscherbergs. Jahrhunderte lang hatten die Fläscher Bäuer:innen auf zahlreichen kleinen und weit verstreuten Gütern wenig effizient sowohl Ackerbau wie Viehwirtschaft, Wein- und Obstbau betrieben. Im Zuge der Gesamtmelioration zwischen 1966 und 1975 wurden die zerstückelten Parzellen zusammengelegt, umgebaut, mit Strassen erschlossen und neu verteilt. Der radikale Befreiungsschlag zugunsten einer rationalisierten Landwirtschaft schuf die Grundlage für spezialisierte Bauernbetriebe. Folgenreich war vor allem die grossflächige Erweiterung der Rebberge. Vor der Melioration bestanden in Fläsch drei Weinbaubetriebe, danach 14. Erst jetzt begann der Weinbau eine tragende Rolle zu spielen. Heute geniessen die Fläscher Weinproduzenten:innen Beachtung über die Kantons-, ja Landesgrenzen hinaus.
Die Winzer:innen wirtschafteten grossmehrheitlich vom Dorf aus, während die vergrösserten Bauernhöfe für Vieh- und Ackerbau in die Rheinebene ausgesiedelt wurden. Im Dorf blieben über 40 mächtige Ställe leer zurück.
Etwas abseits der grossen Transitachse zwischen Nord und Süd gelegen, war Fläsch vom Verkehr im Rheintal seit je her isoliert. Die 1968 erbaute Rheinbrücke band das Dorf an die Autobahn und den Bahnhof Bad Ragaz an. Die Brücke war von der Schweizer Armee errichtet worden zur Erschliessung des Waffenplatzes auf der Luzisteig und für die Bauern als Verbindung zur Vilterser Au, wo sie Ersatzland erhielten für Gebiete, die sie dem Militär auf der Luzisteig überlassen hatten. Dass daraus eine eigene Erschliessung des Dorfes resultierte, stand nicht im Vordergrund, wurde jedoch in der Folge zur entscheidenden Bedingung für die siedlungsbauliche Entwicklung von Fläsch.
Bis Ende der 1970er-Jahre veränderten sich Grösse, Form und Struktur des Dorfes kaum. Fläschs Siedlungsmuster wird geprägt durch die dichte, geschlossene Anlage von Reihenhäusern und Ställen sowie die Gruppierung von Hofensembles mit Wohnhaus, Stall, Torkel und weiteren Nebenbauten. Wichtige prägende Elemente des Dorfbildes sind die Gartenmauern und die zahlreichen Brunnen. Den eigentümlichen Charme des Ortes machen jedoch nicht nur die Bauwerke aus, sondern mindestens ebenso sehr die Obst- und Weingärten, die sich weit in den Dorfkern hinein erstrecken.
Fläsch figuriert im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung ISOS. Die Fläscher ISOS-Aufnahme wurde 1983 erstellt, in einer Zeit, als der historische Siedlungskern noch nahezu unverändert in Erscheinung trat. Es bestanden noch keine eigentlichen Neubauquartiere rund um den Dorfkern, doch begann die Siedlung am südlichen Rand bereits auszufransen: «Die Neubauten konzentrieren sich auf das Gelände südlich der Kirche. Die Art der Bebauung ist sehr chaotisch; eine Struktur ist nicht erkennbar.»
Aufnahmeblätter von 1983
Mitten im Dreieck zwischen Sargans, Vaduz und Chur gelegen, sonnig und mit der Autobahn bestens erschlossen, entwickelte sich Fläsch ab den 1970er-Jahren allmählich zu einem beliebten Wohnort für mobile Pendler und wurde Teil der wachsenden Agglomeration im Bündner Rheintal. Bis 2010 sollte sich die Bevölkerung auf 600 Einwohner:innen verdoppeln. Um den Dorfkern begann sich ein Gürtel von locker bebauten Quartieren mit wenig ansehnlichen Neubauten ohne Bezug zur bestehenden Bausubstanz zu legen. Neu-Fläsch unterscheidet sich nicht von der baulichen und räumlichen Beliebigkeit anderer Einfamilienhaus-Agglomerationen landaus, landein.
Vereinzelt entstanden in Fläsch in jener Zeit aber auch qualitätsvolle Einzelbauten, die über die Gemeinde hinaus Beachtung fanden. Die Schulhauserweiterung (1998/99) von Pablo Horváth etwa, oder das Einfamilienhaus Meuli (2001) von Bearth & Deplazes; beide wurden sie bei der Auszeichnung Gute Bauten Graubünden 2001, einem vom Bündner Heimatschutz mit getragenen Bauherrenpreis, prämiert. Die Auszeichnung des Hauses Meuli begründete die Jury vor allem auch mit städtebaulichen Argumenten: «Der monolithische, aus einem Guss hochgezogene, turmartige Baukörper aus tragfestem Dämmbeton erfüllt zunächst eine wichtige, stabilisierende Funktion an einer zur Auflösung tendierenden Ortsgrenze. Er markiert eindrucksvoll den Übergang von einer verdichteten Bebauungsstruktur zur Landschaft.»
Bei der Auszeichnung Gute Bauten Graubünden 2013 wurde die «Casascura» (2007) des ortsansässigen Architekten Kurt Hauenstein, eine Transformation eines Bauernhofs aus dem 18. Jahrhundert, aufs Podest gehoben: «Gewürdigt wird das sorgfältige Zusammenfügen von Alt und Neu und das rücksichtsvolle Weiterbauen in einem mehrheitlich gut erhaltenen Dorf.» Hauenstein hatte sich 1988 in Fläsch niedergelassen und sollte dort im Laufe der Jahre zum eigentlichen «Dorfbaumeister» avancieren. 27 Projekte hat er mit seinem atelier-f bislang allein in Fläsch realisiert: in der Mehrzahl subtile Interventionen im Bestand. Vor allem für das Problem des nicht mehr gebrauchten Stalls hat er differenzierte, zeitgemässe Antworten gefunden. Wie Gion A. Caminada in Vrin führt Hauenstein in Fläsch meisterhaft vor, wie hochwertiges Weiterbauen am historischen Dorfkörper geht. An der mit dem Wakkerpreis 2010 geehrten Ortsplanungsrevision hat er entscheidend mitgewirkt.
2004 gaben sich die Fläscher:innen ein Leitbild, das ihr Dorf als «Schmuckstück der Bündner Herrschaft» definiert. Darin spiegelt sich ein Bekenntnis zur Baukultur und der Wunsch, nicht im Siedlungsbrei, der am Alpenrhein zwischen Chur und dem Bodensee quillt, zu verschwinden.
Nur ein Jahr später sollte der im Leitbild formulierte Anspruch auf die Probe gestellt werden. Mitten in einem Wingert im innersten Dorfkern sollte ein beliebiges Mehrfamilienhaus samt unterirdischer Garage entstehen. Mit der Gesamtmelioration war auch die Bauzone von Fläsch erheblich ausgeweitet worden, konzeptlos und viel zu gross. Der betreffende Weinberg befand sich in der Bauzone, wie alle übrigen Rebflächen und Baumgärten (Böngert) im Dorfkern auch. Das an sich zonenkonforme Bauprojekt liess schlagartig erkennen: Würden im historischen Dorf solche Bauten bewilligt, wäre dessen einmaliger Charakter binnen Kürze zerstört. Die Gemeinde handelte: Nur sechs Jahre nach Abschluss der letzten Ortsplanung erliess sie einen Bau- und Planungstopp, um eine grundsätzliche Neuorientierung zu ermöglichen.
Wie kann Fläsch seine Identität als Weinbauerndorf erhalten und sich dennoch weiterentwickeln? Oder anders gefragt: Wie lässt sich der Spagat zwischen Winzerdorf und Agglomeration schaffen? Verschiedene Forschungsprojekt der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW in Chur unter Federführung des Architekturprofessors Christian Wagner, selbst Bauberater der Gemeinde Fläsch, sollten Antworten auf die Frage liefern, wie die Charakterwahrung des alten Dorfteils mit einer baulichen Weiterentwicklung in Einklang gebracht werden kann. An diesen Studien war neben der Gemeinde und dem Kanton auch der Bündner Heimatschutz sowohl inhaltlich wie finanziell beteiligt.
Das aus den Erkenntnissen der Studienprojekte erarbeitete Raumentwicklungskonzept sah vor, die charakteristischen Obst- und Weingärten, die fingerartig bis ins Dorfzentrum führen, auszuzonen und das Dorf am Rande verdichtet und bauberaterisch kontrolliert weiterzubauen. Auf dieser Basis wurde eine umfassende Ortsplanungsrevision in Angriff genommen, die Ende 2008 von den Fläscher:innen angenommen und 2009 vom Kanton genehmigt werden sollte.
Dass die für die Siedlungsanlage von Fläsch typischen Grünräume im Dorfkern als zusammenhängende Freiflächen zu wahren sind – zu diesem Schluss war 1976 bereits Peter Zumthor gekommen, der als Mitarbeiter der kantonalen Denkmalpflege das erste Siedlungsinventar von Fläsch verfasste.
1983 hatte das ISOS diesbezüglich «spezielle Erhaltungshinweise» formuliert: Die «verhältnismässig grossen Freiräume» im Dorfkern «dürfen nicht mit Neubauten ausgefüllt werden, da sonst der klare strukturelle Aufbau des Ortes rasch unkenntlich wird.» Das ISOS empfahl, die Siedlungserweiterung «ausschliesslich» auf das Neubaugebiet am südlichen Dorfrand zu «konzentrieren» und «die übrigen Umgebungen des Ortes unverbaut» zu lassen. Im Neubaugebiet sollte «eine dichte Bebauung mit klarer Struktur» angestrebt und die «Zersiedelung, wie sie bis heute stattgefunden hat» aufgegeben werden. In den Ortsplanungsrevisionen des ausgehenden 20. Jahrhunderts fanden diese an sich verbindlichen Empfehlungen allerdings keine Umsetzung.
Die Auszonungen politisch tragfähig gemacht zu haben, ist eine der grossen Leistungen der ausgezeichneten Fläscher Ortsplanungsrevision. 50 Grundeigentümer mussten überzeugt werden, Bauland in der Dorfmitte gegen Bauland am Rand einzutauschen – eine Herkulesarbeit, die Dank dem planerischen Fingerspitzengefühl und der Diplomatie des Gemeinderats, allen voran des Gemeindepräsidenten Lieni Kunz, schliesslich gelang.
Bungert und Wingert. Wie mit der neuen Ortsplanung ein Dorf geschützt wird
in: Das grüne Dorf. Warum die Gemeinde Fläsch den Wakkerpreis gewinnt (Beilage zu Hochparterre Nr. 6–7/2010)
Mit der Revision der Fläscher Grundordnung wurden die Obst- und Weingärten im Dorfkern der «Zone für Reben und Obstbäume» zugewiesen und damit dem Baugebiet entzogen. Die ausgezonten Flächen gingen teilweise in Gemeindeeigentum über. Die Eigentümer erhielten dank Landumlegungen Realersatz am Ost- und Westrand des Dorfes. Hier wurden Bauzonen mit höherer Überbauungsziffer definiert, um eine dichte Bauweise zu ermöglichen. Areal- und Quartierplanpflichten sollen in den neu ausgeschiedenen Zonen für Ensemblewirkung und gestalterischen Zusammenhalt sorgen. Um die Kontinuität zu gewährleisten, wurden vor allem auch hinsichtlich der Umgebungs- und Aussenraumgestaltung verbindliche, am Bestand orientierte Leitlinien formuliert. Und um die architektonische Qualität der Bauprojekte zu fördern, wurde dem formellen Baubewilligungsverfahren eine fest geregelte Bauberatung vorgeschaltet.
Ortsplanung und Landumlegungen Fläsch
Geomatik Schweiz: Geoinformation und Landesmanagement 10/2009
Mit dem Wakkerpreis anerkannte der Schweizer Heimatschutz die vorbildlichen Bemühungen der Gemeinde Fläsch, dem Siedlungsdruck mit einem Konzept zu begegnen, das aus einer sorgfältigen Güterabwägung zwischen dem Wert des Bestandes und den Chancen der baulichen Entwicklung entstand. Fläsch hat das Thema der Siedlungsentwicklung mit einer «aktiven Bodenpolitik» geschickt neu interpretiert und es geschafft, die Bevölkerung und die Grundeigentümer für die ungewöhnliche Idee der Baulandkompensation zu gewinnen. «Dieses gezielte Umzonen zugunsten einer qualitätsvollen Entwicklung des Ortsbildes ist für die Schweiz einmalig», urteilte der Verband und strich desweitern die pionierhafte Zusammenarbeit der Gemeinde mit einer Hochschule und das innovative Baugesetz, mit dem Fläsch der baulichen Banalisierung entgegentritt, heraus.
Fläsch erhält Wakkerpreis
Schweizer Fernsehen, 18.6.2010
Wakkerpreis 2010 an Fläsch. Auszeichnung für innovative Ortsplanung und gute zeitgenössische Architektur
Heimatschutz 1/2010
Baukultur entdecken: Fläsch, Wakkerpreis 2010
hrsg. vom Schweizer Heimatschutz, Zürich 2010