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Der Wald gehört zur Lebensgrundlage der Zivilisationen; zum Überleben der Menschen und zur Entwicklung ihrer Existenz ist er unabdingbar.
Der Historiker Richard Feller 1 schreibt in seiner «Geschichte Berns» über den Wald und die Jagd seit dem 16. Jahrhundert im Bernbiet:
❝Der Wald war das Stiefkind des Staates. Die Obrigkeit hatte schon im 16. Jahrhundert aus Furcht vor Holzmangel Schutzmandate erlassen. Sie wurden nie streng gehandhabt, weil der Staat nicht die nötige Aufsicht führte. Ihm gehörten die meisten Wälder auf den Höhen und Hängen, den Gemeinden gewöhnlich die Wälder in der Tiefe. Hochwald bedeutete Staatswald. Da die entlegenen Gehölze nicht genügend durch Wege erschlossen waren, warfen sie dem Staat nicht den Nutzen ab, der ihrem Umfang entsprach. Darum öffnete die Obrigkeit die Staatswälder den anstossenden Dörfern. Die Gemeindewälder lichteten sich, weil sie leichter zugänglich waren und oft ohne Rücksicht ausgebeutet wurden, besonders, wenn die Bevölkerungszunahme es gebot. An verschiedenen Orten unterstanden die Gemeindewälder dem Obereigentum des Twingherrn. Der Wandel der Verhältnisse, die Ansprüche der wachsenden Siedlungen nötigten ihn zu Zugeständnissen, die sein Recht unterhöhlten. Die Obrigkeit hatte die Gesetzgebung auch über die Gemeindewälder.❞
Diese Situation trifft auch für das obere Gürbetal zu.
Blick vom Tannebüel
hinüber zum Gurnigelwald.
Foto: Forum Wattenwil, 20.03.2024.
1855 kommt die Wattenwiler Burgergemeinde durch einen Ausscheidungsvertrag 2 mit der Wattenwiler Einwohnergemeinde in den Besitz des Waldes und der Allmenden. Im Gegenzug übernimmt die Burgergemeinde Holzlieferpflichten gegenüber Kirche, Pfarrhaus und Schulen sowie finanzielle Abgeltungen und Armenbeiträge.
Der im Jahr 1866 gegründete Gemeinnützige Verein Wattenwil unternimmt es noch im gleichen Jahr, die «burgerliche Behörde von Wattenwyl auf die Notwendigkeit einer rationelleren Waldwirtschaft aufmerksam zu machen»:
Pfarrer Werner Glur 3 als Sekretär des Vereins schreibt: ❝Ein populäres Referat des tüchtigen Fachmannes [Förster und ETH-Absolvent und Gründungsmitglied des Gemeinnützigen Vereins] Johann Simon über diesen Gegenstand wurde auf Kosten des Vereins durch den Druck veröffentlicht und dem hiesigen Burgerrate in einem besonderen Schreiben zur Berücksichtigung empfohlen. Ohne Zweifel gab diese Schrift den Anlass, dass die Burgergemeinde die Vorteile eines Waldwirtschaftsplanes begriff, wie ihn das Gesetz vom Jahre 1860 verlangte, und ihn in den folgenden Jahren zur Ausführung brachte.❞
Zu diesem Zeitpunkt sind die Gürbeverbauungen im Gebirge bereits im Gang 4. Über lange Zeit werden nun die Waldarbeiter der Burgergemeinde und die Arbeiter der Schwellengemeinde an der Gürbe ihre Aufgaben wahrnehmen.
Ja, die Gürbe und ihre Nebenbäche: Seit jeher eine Bedrohung in unserer Gemeinde.
Pfarrer Jacob Rubin 5 erzählt in seinem Bericht von 1692: «Grad umb die Zeit als man am Thurn gebauen [1692], hat es ein erschreckliches Ungewitter geben auff den allernächsten Bergen. Als auf Blattenheid, Neunenen, Oberwirtheren, dass die Gürben gar vil Güter überschwembt hat; ist in der Mittlen hinein und daselbst durch alle Güter geloffen, hat viel Kraut und auch Gewächs verderbt und etlich Tag hernäch als die Gemein hat Schwellen wollen ist die Gürben einmals daher kommen und hatt ihnen die Schwelli unter den Händen weg genommen also dass man hat fliehen müssen. Ist wohl ein gefährlich Wasser, Gott wolle dasselbe einschränken, dass es keinen Schaden mehr thüe.»
Fortsetzung folgt.
Quellen:
1 Feller Richard, Ausschnitt aus «Geschichte Berns», Band 3, VI. Kapitel, 5. Der Wald und die Jagd, Seite 534ff, 1955.
2 Bachmann Peter, «Wald und Wasser», Kapitel 1, 1.3 Entwicklungen im Gemeindewald, 2009.
3 Glur Werner, «Thätigkeits-Bericht des Gemeinnützigen Vereins Wattenwyl, 1866-1896», 1896.
4 Melanie Salvisberg, «Die unzähmbare Gürbe», 2017.
5 «Bilder aus der Geschichte von Wattenwil im Knopf des Kirchturms deponiert». Text verfasst von Rubin Jacob, Pfarrer in Wattenwil 1686-1730. Transkription: Hans Niederhauser.
In der Berner Chronik von 1701-1761 1 steht für das Jahr 1757 zu lesen:
«In der Gemeind Wattenwyl ist ein Wald, der Jungwald, mit schönen, jungen Tannen eingesunken, da die Erd sich aufgethan und eine schreckliche Kluft aufgemacht, darinnen die Tannen übereinander liegen und lang niemand sich hat unterstehen dürfen, das Holz aufzumachen. Der Schaden dieser Gemeind wird auf 10 000 Gulden geschätzt.»
Walter Zimmermann 2 vermerkte zum Geschehnis: «Das Gebiet im Burgerwald liegt zwischen der Gold- und Steinegg.»
Seit jenem Ereignis sind Jahrhunderte vergangen. Seit jeher erinnern uns Gebietsnamen wie Riselbruch, Leimbruch, Schmidenbruch, Gurnigelbruch an das enorme Rutschpotential am Gurnigel.
Denken wir an die Allmid – auch sie muss einmal auf die uns nun bekannte Art und Weise entstanden sein.
Die aktuellen Erdbewegungen rufen uns brutal in Erinnerung, wie labil die geologischen Verhältnisse hangseits von der Holiebi bis zur Obernünenen effektiv sind.
Mit wasser- und waldbaulichen Massnahmen an der oberen Gürbe, den Nebenbächen und im übrigen Wattenwiler Wald, hat man seit dem 19. Jahrhundert gegen Rutsche angekämpft. Unwetter machten hin und wieder die Bemühungen zunichte. Aber man stemmte sich immer wieder neu gegen die Gewalten.
Forum Wattenwil, Arbeitsgruppe "Gürbe, Nebenbäche, Hochwasserschutz; Rutschungen"
Quellen:
1 «Blätter für bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde», Heft 4: «Berner Chronik von 1701-1761», mitgeteilt und mit Anmerkungen versehen von a. Oberlehrer J. Sterchi, Bern, Dezember 1913.
2 Zimmermann Walter, «Prähistorische Streifereien in der weiteren Umgebung von Thun» in «Bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde», März 1927; ETH-Bibliothek, Zürich.