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Sex und Liebe auf Gedeih und Verderb: Napoleon (Joaquin Phoenix) liess seine Kaiserin Josephine (Vanessa Kirby) fallen, als sie ihm nicht den Thronfolger gebar. (Sony)
Napoleonische Schlachtenplatte
Wie bannt man eine Ikone der Geschichte, einen genialen Schlachtenlenker, selbst ernannten Kaiser und weitsichtigen Staatsmann auf die Leinwand? Ridley Scott («Blade Runner», «Gladiator») packte drei Jahrzehnte (von 1793/Erstürmung Toulons bis 1821/St. Helena) in zweieinhalb Kinostunden. Damit hat er viel Pulver verschossen – im wahrsten Sinn des Wortes. Vor allem mit Kanonen, denn damit kannte sich der korsische Artillerist Napoleone Buonaparte bestens aus. Scotts wuchtiges Epos setzt mit der Französischen Revolution und der Hinrichtung Antoinettes 1793 ein. Der junge Napoleon wird Augenzeuge (im Film), war aber in Wirklichkeit mit der Eroberung Toulons beschäftigt. Fortan wechselt das Geschehen zwischen höfischem Leben und Lieben und Feldzügen.
Napoleon (Joaquin Phoenix) lernt Joséphine de Beauharnais (Vanessa Kirby) kennen, geschiedene Frau des hingerichteten Alexandre de Beauhairnais. Er heiratete sie 1796, ein glühender Briefeschreiber und Verehrer. Er macht radikal Karriere, macht sich und sie 1804 zum Kaiser bzw. Kaiserin der Franzosen. Sein sehnlichster Wunsch nach einem Erben erfüllte sich indes nicht. So liess sich der Kaiser 1809 scheiden und ehelichte 1810 Marie-Louise von Österreich, die älteste Tochter Kaiser Franz I. Wie ein roter Faden zieht sich das Verhältnis Joséphine – Napoleon durch Scotts Monumentalwerk. Eine Liebschaft ohne Zärtlichkeit und Feuer. Er «bumst» sie regelrecht im Film, rüde und herrisch. Kein Wunder, dass Joséphine fremdgeht, sich bei anderen Männern vergnügt. Napoleons Akt der Eifersucht wirkt geradezu lächerlich, als er Hals über Kopf sein Heer in Ägypten verlässt, um seine Frau zur Rechenschaft zu ziehen. Napoleon war, so wissen die Historiker, auch kein Kostverächter, «beglückte» zahlreiche Mätressen und zeugte nicht nur Thronfolger Napoleon II., sondern ein halbes Dutzend unehelicher Kinder.
Krieg und Liebe – das sind die zwei Gleise, auf denen Ridley Scott fährt. Einige Schlachten wie auch sein verheerender Russlandfeldzug werden grandios inszeniert. Besonders die Niederlage bei Austerlitz 1805, wo Napoleon die russischen und österreichischen Armeen aufs Eis lockte, die im wahrsten Sinn des Wortes einbrachen, zeigt Scott spektakulär. Ein Meister der Action. Einige wichtige Ereignisse werden vorgeführt, andere bleiben Randerscheinungen wie die Völkerschlacht bei Leipzig 1813, der Wiener Kongress oder die Auseinandersetzungen mit Spanien.
Fiktion und Wahrheit – Das Monumentalepos «Napoleon» ist als Geschichtswerk ungenügend und mangelhaft. Die Beschiessung der Pyramiden ist schlicht eine Farce. Der grosse Schlachten- und Staatenlenker wirkt seltsam plump, teilweise bieder, etwa im Gespräch mit dem britischen General Duke of Wellington (Waterloo), das tatsächlich nie stattgefunden hat. Vor allem fehlt der historisch-politische Hintergrund – etwa die Klärung der europäischen Lager samt wechselnden Koalitionen. Staatliche und zivile Reformen und Neuordnungen wie der Code Civil werden nicht erwähnt, ebenso wenig Napoleons Heiratspolitik und mehr. Das Drama mag als Kinoereignis stimmig sein, stimmt aber im Detail oft nicht. Es bleibt der Eindruck einer Schlachtplatte, die mit dem Kaiser steht und fällt, wobei man den Hauptdarstellern Joaquin Phoenix und Vanessa Kirby Respekt zollen kann. Doch die 158 Minuten Kino sollen es ja nicht gewesen sein. In Reserve hält Scott eine viereinhalb-stündige Filmfassung, die von Apple TV+ ausgestrahlt werden soll.
USA/GB 2023
158 Minuten
Regie: Ridley Scott
Buch: David Scarpa
Kamera: Dariusz Wolski
Darsteller: Joaquin Phoenix, Vanessa Kirby, Ludivine Sagnier, Tahar Rahim, Rupert Everett
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