Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03476.jsonl.gz/847

|Autor
||Nachricht

|esbe
Mod
Anmeldedatum: 25.02.2009
Beiträge: 18637
Wohnort: Schleswig-Holstein

| Verfasst am: 01.08.2011, 19:47 Titel:

Kapitel 46
Keanu schlief so fest, dass er nicht bemerkte, wie irgendwann in der Nacht die Tür geöffnet wurde. Erst als die Schwester, die Nachtdienst hatte, zweimal hintereinander laut niesen musste, schreckte er auf. Sein Kopf fuhr ruckartig in die Höhe und gleichzeitig versuchte er, sich etwas abzustützen. Aber sofort sprach die Frau ihn leise an:
"Entschuldigung, ich wollte sie nicht wecken."
"Das macht doch nichts" flüsterte Keanu zurück, als er erkannt hatte, wer sich im Raum aufhielt.
"Ich sollte sowieso wieder aufstehen. Wie spät ist es denn?"
"Kurz nach drei Uhr morgens. Aber bitte bleiben sie doch liegen. Ich habe nur die Werte kontrolliert. Aber alles ist gut. Ich würde sogar sagen, alles ist bestens. Miss Parker ist absolut entspannt." Hier machte sie eine kleine Pause.
"Ja, sie scheint zu schlafen" fügte sie dann etwas erstaunt hinzu und sah noch einmal auf die Papierstreifen, die aus zweien der Geräte heraus hingen.
"Oh, wirklich?" fragte Keanu und sah auf Jo herunter.
Ihr Gesicht sah in der spärlichen Beleuchtung nicht mehr ganz so blass aus, fand er. Aber das konnte auch täuschen.
"Ja. Aber nun gehe ich wieder. Versuchen sie auch noch etwas Schlaf zu bekommen. In gut zweieinhalb Stunden ist die Nacht hier zu Ende."
"Danke, ich versuche es" nickte Keanu.
Als die Schwester das Zimmer wieder verlassen hatte, legte er seinen Kopf auf das Kissen zurück und sah Jo wieder an. Die gedimmte Helligkeit reichte völlig aus, dass er sie genau betrachten konnte. Auch die leichten Schatten, die das Licht auf ihr schönes Gesicht zauberte, hinderten ihn nicht daran, sich noch einmal, wie schon so oft, jede Kleinigkeit genau einzuprägen. Und ganz unwillkürlich hob er seine rechte Hand und wollte gerade mit seinen Fingern ihre weiche Haut streicheln, als er sich dessen bewusst wurde. Und obwohl der Drang, sie zu berühren, fast unwiderstehlich war, hielt er sich zurück. Was, wenn er sie durch das Streicheln wecken würde? Hier musste er etwas grinsen. Denn das war es doch eigentlich, was er wollte. Dass sie endlich aufwachte. Aber vielleicht würde sie zwar aus ihrem Schlaf erwachen, aber trotzdem nicht aus ihrem Koma. Und das wollte er dann doch nicht. Sicher brauchte sie die Erholung genau wie er. Konnte so Kraft sammeln. Und daher legte er seine Hand wieder vorsichtig auf ihren Bauch zurück. Aber etwas konnte er sich doch nicht verkneifen. Er hauchte ihr ganz zart und liebevoll einen Kuss auf die Wange und schlief kurz danach wieder ein.
Das nächste Mal wurde Keanu wach, als von draußen bereits ein leichter grauer Schimmer durch das Fenster ins Zimmer viel. Schlaftrunken öffnete er die Augen. Noch immer lag er auf der Seite, so dass er Jo ansehen konnte. Sie hatte ihre Augen nach wie vor geschlossen und lag still da. Aber etwas hatte sich verändert. Etwas war anders. Keanu wusste nicht gleich, was es war. Er überlegte und bewegte sich dabei vorsichtig. Seine Schulter schmerzte leicht, weil er schon viel zu lange in derselben Position lag. Und dann bemerkte er es. Warum hatte er es nicht gleich gefühlt. Aber jetzt spürte er es übermächtig. Sein rechter Arm begann zu kribbeln und als es weiter zu seiner Hand und in seine Schulter kroch, schnappte er laut nach Luft. Schnell hob er seinen Kopf, um das zu sehen, was er längst fühlte:
Noch immer lag sein Arm auf Jo's Bauch. Aber ihr Arm lag nicht mehr einfach neben ihr. Nein, sie hatte ihren Unterarm angewinkelt und ihre Hand auf seinen Unterarm gelegt. Und diese Hand fühlte sich jetzt so gut an. Wieso nur hatte er sie nicht gleich bemerkt?
Und nun, was sollte er jetzt tun? Liegen bleiben? Bis die Schwester kam? Das würde er am liebsten tun. Aber war das auch vernünftig? War es nicht viel wichtiger, Jo jetzt gleich zu untersuchen? Vielleicht würde der Arzt es diesmal schaffen, sie aus ihrem Koma zu befreien. Ja, das war sicher viel besser. Ja, ganz bestimmt, dachte er noch einmal. Blieb aber trotzdem still liegen. Sein Körper schien seinem Willen nicht gehorchen zu wollen. Zu verlockend war es, noch bei Jo zu bleiben. Daher schloss er einmal kurz seine Augen, um sich zu sammeln. Und bemerkte dabei, dass die Geräte etwas schneller piepsten. Oder bildete er sich das nur ein? Schnell schlug er seine Augen wieder auf, zog in derselben Sekunde seinen Arm zurück und richtete sich etwas auf.
Als sein Blick dabei wieder zu Jo wanderte, wurden seine Augen groß. Sie sah ihn an! Sie sah ihn wirklich an. Vor lauter Schreck machte Keanu eine schnelle Bewegung und wäre dabei beinahe aus dem Bett gefallen. Im letzten Moment konnte er sich am Rahmen festhalten. Dann sprang er regelrecht aus dem Bett, drehte sich blitzschnell um und setzte sich auf die Kante neben Jo, um sie sofort wieder anzusehen.
Noch immer hatte sie sich nicht bewegt, aber ihre Augen blieben geöffnet. Keanu griff nach ihrer Hand, drückte sie sanft und beugte sich etwas vor. Er wollte etwas sagen, aber seine Stimme versagte. Er musste sich zweimal kräftig räuspern, bevor es klappte.
"Jo" flüsterte er dann. "Meine Güte Jo, du bist wach? Hörst du mich?"
Ganz langsam bewegte Jo ihre Lippen. Aber sie brachte keinen Ton hervor. Statt dessen schloss sie ihre Augen wieder.
"Nein, Jo. Bleib bei mir. Mach die Augen wieder auf, bitte" bat Keanu sie eindringlich und schüttelte leicht ihre Hand.
"Bitte, Jo" fügte er noch einmal hinzu.
Tatsächlich gehorchte Jo. Und sofort rollte ein Träne aus ihrem Augenwinkel. Sie hinterließ eine feuchte Spur auf ihrer Haut und sickerte dann in ihre Haare. Als gleich darauf eine zweite Träne folgte, hob Keanu seine Hand und wischte sie sanft mit seinem Daumen fort.
"Kannst du nicht sprechen, Jo? Möchtest du etwas trinken?"
Ein ganz leichtes, kaum wahrnehmbares Nicken war die Antwort.
"Ok, warte."
Keanu stand auf und füllte etwas Wasser in sein Glas. Mit der Hand fasste er unter ihren Kopf und hob diesen vorsichtig etwas an. Dann hielt er ihr das Glas an die Lippen, so dass sie trinken konnte. Was sie dann auch gierig tat. So gierig, dass etwas Wasser an den Seiten vorbei lief. Sofort nachdem Keanu das Glas wieder abgestellt hatte, zog er daher ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und tupfte die Feuchtigkeit sachte weg.
"Danke" brachte Jo nun krächzend und sehr leise hervor.
"Ach Jo" meinte Keanu glücklich. "Endlich bist du wach."
Wieder lief eine Träne an ihrem Gesicht herunter. Ihre Lippen hatte sie nun fest zusammengepresst. Trotzdem entwich ihnen ein leises Stöhnen, das so elend klang, dass sich Keanus Herz zusammen zog.
"Hast du Schmerzen?" fragte er daher ängstlich.
"Ja" war alles, was Jo antwortete. Dann schloss sie die Augen wieder.
Jetzt hielt Keanu nichts mehr auf. Jo litt. Sehr sogar. Das konnte er nicht mit ansehen. Schnell erhob er sich daher und rannte zur Tür. Mit Schwung riss er sie auf und rannte an dem verdutzten Polizisten vorbei, ein Stück den Gang entlang zu einer Art Tresen, hinter dem sich der Raum für die Schwestern befand. Und hier traf er auch tatsächlich die Frau, die vorhin schon bei Jo gewesen war. Sie hatte sich schon von ihrem Stuhl erhoben und kam auf ihn zu.
"Ist etwas passiert?" wollte sie wissen. "Meine Kontrollanzeigen sagen mir, dass etwas nicht stimmt."
"Sie ist wach" brachte Keanu atemlos hervor. "Und sie hat starke Schmerzen."
"Wie...tatsächlich? Ich rufe den Arzt und komme dann sofort."
"Gut" antwortete Keanu und lief dann zum Zimmer zurück.
Der Polizist, der eben noch auf einem Stuhl gesessen hatte, hatte sich erhoben, als Keanu aus dem Zimmer gestürzt war. Nun stand er neben der Tür und schaute hinein. Da er aber nichts ungewöhnliches erkennen konnte, hatte er ihn nicht betreten. Keanu drängte sich also an ihm vorbei und sprach ihn dabei an:
"Sie ist wach. Endlich."
"Wirklich? Sieht man gar nicht. Aber das ist schön. Ich werde sofort Meldung machen. Es wird meine Vorgesetzten sicher sehr interessieren."
"Tun sie das" stimmte Keanu zu und lief dann weiter zum Bett.
Sanft nahm er Jo's Hand wieder auf. Als sie seine Berührung spürte, öffnete sie ihre Augen. Und Keanu musste schlucken, so gequält war ihr Blick.
"Der Arzt kommt sofort, Jo. Gleich wird er dir helfen. Halte durch. Und bleib bitte wach."
Als wenig später der Arzt herein kam, saß Keanu noch immer dort und murmelte beruhigende Worte.
_________________
Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt. -Mark Twain-

|esbe
Mod
Anmeldedatum: 25.02.2009
Beiträge: 18637
Wohnort: Schleswig-Holstein

| Verfasst am: 14.08.2011, 22:09 Titel:

Kapitel 47
Der Doktor trat sofort an Jo heran und beugte sich vor. Als sie ihn ansah, richtete er sich gleich wieder auf.
"Bitte warten sie jetzt draußen, Mr. Reeves" wandte er sich dann an Keanu.
"Aber..."
"Nein, bitte. Wir werden Miss Parker genau untersuchen müssen, daher ist es diesmal nötig."
"Und besser für alle" setzte er hinzu, als Keanu noch immer zögerte.
"Ich möchte wirklich lieber bleiben. Ich werde nicht im Weg sein."
"Nein, das glaube ich ihnen. Dennoch bestehe ich darauf. Wir werden uns Miss Parkers Wunden ansehen, und sie dafür entkleiden müssen."
Sofort wollte Keanu dagegen halten, dass er Jo vor gar nicht langer Zeit schon nackt gesehen hatte. Aber er beherrschte sich. Das interessierte den Arzt sicher nicht. Auch wenn der es vielleicht vermutete. Andererseits...., überlegte er weiter, wusste er ja auch gar nicht, ob Jo es ihm überhaupt noch einmal erlauben wollte, sie so zu sehen. Verdenken konnte er es ihr wirklich nicht, wenn sie etwas dagegen hätte. Und außerdem hatte sie doch die Unterhaltung mitbekommen. Sie hätte nur ein einziges Wort sagen müssen. 'Bleib!' hätte genügt und er wäre um nichts in der Welt von ihrer Seite gewichen. Aber sie blieb stumm. Also seufzte er leise, aber überaus traurig und auch etwas frustriert auf und meinte:
"Gut, ich gehe" und stand dann auf.
Noch einmal drückte er sanft Jo's Hand und verspürte diesmal einen leichten Gegendruck. Und als er in ihr Gesicht blickte, sah auch sie ihn an und nickte. Also lächelte er sie aufmunternd an, schlüpfte dann schnell in seine Schuhe, die noch immer vor dem Bett standen, und verließ das Zimmer.
Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, überlegte er kurz, was er nun machen sollte. Er zog in Erwägung, in den Fahrstuhl zu steigen und in die Cafeteria hinauf zu fahren. Ein frischer, starker Kaffee kam ihm jetzt sehr verlockend vor. Oder noch besser, ein doppelter Whisky. Oder beides. Aber er verwarf diesen Gedanken sofort wieder. Was, wenn der Arzt wieder heraus kam? Was, wenn Jo ihn brauchte und er dann nicht hier war? Oder angetrunken? Denn zweifellos würde ihn Alkohol jetzt mehr oder weniger umhauen. Nein, undenkbar. Lieber wollte er in Reichweite ausharren. Und einen Kaffee konnte er immer noch trinken.
Also drehte er sich nach links und lief den Gang entlang, auf das große Fenster am Ende zu. Davor blieb er stehen und sah hinaus. Es war jetzt schon ziemlich hell. Das diffuse Grau, dass den Übergang zwischen Dunkelheit und Tageslicht bildete, war verschwunden. Von seinem Platz aus konnte er, wenn er seinen Blick an den Wänden des gegenüberliegenden Gebäudes entlang ganz nach oben richtete, sogar etwas blauen Himmel sehen. Es würde sicher wieder ein schöner, warmer Tag werden. Von dem er wieder nichts mitbekommen würde. Denn er hatte nicht vor, das Gebäude zu verlassen.
Aber jemand hatte das Krankenhaus verlassen. Und dieser jemand musste unbedingt wissen, dass Jo aufgewacht war. John. Schnell zog Keanu daher sein Handy aus der Hosentasche und klappte es auf. Dann jedoch fiel ihm ein, dass er die Telefonnummer gar nicht kannte. Und während ihm dies durch dem Kopf schoss, und er dabei auf das Telefon herunter sah, bemerkte er die blinkenden Symbole auf dem Display. Jemand hatte wiederholt versucht, ihn zu erreichen. Und außerdem waren diverse Textnachrichten eingegangen. Leicht genervt schüttelte Keanu den Kopf. Denn als er einige Tasten gedrückt hatte, konnte er auch sehen, wer das gewesen war. Kurz überlegte er, sein Handy einfach wieder zu zu klappen und in die Tasche zurück zu stecken. Dann aber seufzte er laut auf. Dadurch würde er die Sache nur aufschieben. Drum herum käme er auch keinen Fall. Und daher drückte er die Wahlwiederholung und lauschte auf das Freizeichen.
Gleich nachdem am anderen Ende abgenommen wurde, meldete Keanu sich mit seinem Vornamen. Zu mehr kam er dann nicht. Denn seine Gesprächspartnerin begann sofort eine lange Schimpftirade. Keanu versuchte zweimal, sie zu unterbrechen, schaffte es jedoch nicht. Erst als er lauf und sehr bestimmt:
"Cheryl, verdammt noch mal, jetzt ist es genug" ins Telefon rief, verstummte sie.
Dann aber setzte sie sofort wieder an:
"Nein, es ist nicht genug! Wo steckst du? Ich versuche seit Tagen, dich zu erreichen. Aber du bist wie vom Erdboden verschwunden. Keiner weiß wo du bist. Und ich sitze hier wie auf Kohlen. In knapp zwei Wochen beginnt deine Tour. Dann sollst du nach New York und ich habe ...."
"In zwei Wochen?" unterbrach Keanu sie erschrocken. "Wieso das? Ich dachte, ich hätte noch viel mehr Zeit! Und wieso New York?"
"Ja, siehst du! Genau deswegen kannst du nicht einfach frei machen. Ich versuche, meinen Job zu machen. Und das Gleiche erwarte ich von dir!"
"Du erwartest...du erwartest einfach so..." Keanu schnappte nach Luft und stieß sie zischend wieder aus.
"Ja Keanu, das tue ich. Was ist los mit dir? Sowas hat dich doch noch nie gestört. Die Änderung hat sich kurzfristig ergeben. Die Promotour beginnt früher und dort. Mit einigen Interviews und so weiter. Das normale Programm eben."
Keanu's Gedanken überschlugen sich nun. Keine zwei Wochen mehr. Das war zu kurz, viel zu kurz. Die Zeit würde niemals ausreichen, dass Jo wieder ganz gesund wurde. Und dann müsste er sie hier zurück lassen. Könnte ihr nicht mehr helfen. Sie nicht mehr beschützen. Er wäre einige Wochen unterwegs. In allen möglichen Teilen der Welt. Und noch etwas fiel ihm siedend heiß ein. Er würde SIE wieder sehen.
Hier fuhr er sich mit der flachen Hand durchs Gesicht und schloss die Augen.
Und er wollte sie nicht wieder treffen. Niemals. Er fühlte sich dem nicht gewachsen. Sie würde alles versuchen, um ihn wieder nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen, das wusste er. Und er war sich nicht sicher, ob er stark genug war, gegen sie zu kämpfen....
"Keanu? Bist du noch da?" hörte er nun an seinem Ohr und wurde so aus seinen Überlegungen heraus gerissen.
"Ja, ja ich bin hier."
"Und?"
"Weißt du, Cheryl, ich habe im Moment echt keinen Kopf dafür...."
Er hörte, wie sie entrüstet nach Luft schnappte und fuhr daher schnell fort:
"Ich bin überzeugt, dass du das alles ganz hervorragend planst. Wie immer. Und ich werde selbstverständlich rechtzeitig in New York sein. Ich bin aber nicht in meinem Haus. Wenn du mich erreichen willst, schreibe mir bitte eine SMS. Ich melde mich dann sofort bei dir. Unterlagen kannst du aber dort hin schicken. Die bekomme ich dann schon."
"Wo steckst du, Keanu?" wollte sie nun wissen.
Ihre Stimme klang jetzt viel freundlicher.
"Wie gesagt, ich melde mich, wenn du eine Nachricht hinterlässt" ging er nicht auf ihre Frage ein.
"In Ordnung" antwortete Cheryl.
Sie wusste, dass sie nichts aus Keanu heraus bringen würde, wenn er es nicht erzählen wollte. Dafür kannte sie ihn viel zu lange. Er war eben schon immer in gewisser Weise ein Eigenbrötler gewesen.
Als Keanu dann noch:
"Und...danke, Cheryl" hinzu fügte, war sie nicht ganz zufrieden aber immerhin etwas besänftigt und beendete das Gespräch nach einem kurzen Abschiedsgruß.
Langsam ließ Keanu die Hand, in der er das Telefon hielt, sinken. Ohne wirklich etwas zu sehen, starrte er aus dem Fenster.
So stand er noch immer dort, als eine Krankenschwester 15 Minuten später leise den Gang entlang auf ihn zu kam. Kurz bevor sie ihn erreicht hatte, zögerte sie und betrachtete ihn einen Moment. Er stand mit dem Rücken zu ihr, hielt aber seinen Kopf etwas seitlich, so dass sie neben seiner großen, schlanken, geraden Gestalt, auch noch ein kleines Stück von seinem Profil bewundern konnte. Das Licht, das jetzt durch das Fenster herein kam und ihn von vorn beleuchtete, ließ dieses Profil zwar im Schatten, trotzdem, oder gerade darum, war sie aber von seiner Schönheit gefangen. Sie war schon lange ein Fan von diesem Mann, und hätte zu gern mit ihm gesprochen und ihn nach einem Autogramm gefragt. Sie war sich aber durchaus bewusst, dass sie das auf keinen Fall tun würde und durfte. Dieser Ort und der Grund seines Hierseins verboten es ihr.
Also setzte sie sich wieder in Bewegung und machte nun die letzten Schritte auf Keanu zu. Jetzt bemerkte auch er sie, drehte sich zu ihr um und sah sie fragend an.
"Der Doktor hat die Untersuchung beendet. Sie können jetzt wieder hinein gehen wenn sie möchten, Mr. Reeves."
Und ob er wollte. Er nickte ihr dankbar zu und steckte dann endlich das Telefon zurück in seine Hosentasche. Er hatte vorher gar nicht bemerkt, dass er es noch immer in der Hand hielt. Dann eilte er den Gang entlang und betrat das Krankenzimmer durch die offen stehende Tür.
Sein Blick fiel sofort auf Jo. Sie lag ruhig im Bett und hatte die Augen geschlossen. Keanu bemerkte jedoch gleich, dass ihr Gesicht viel blasser war als noch vorhin. Oder täuschte er sich?
"Sie schläft jetzt" sprach der Arzt ihn nun leise an. "Ich habe Miss Parker genau untersucht. Die Wunden sehen in Anbetracht ihrer Schwere gut aus. Sie war ansprechbar und hat klare Antworten gegeben. Ich bin also recht zufrieden mit ihr. Ich weiß allerdings noch nicht, ob sie sich an alles erinnert. Sicherlich wird die Polizei sie deswegen aber unbedingt bald sprechen wollen. Und dann würde ich ihr auch einen Psychologen empfehlen, damit sie das Geschehene aufarbeiten kann. Aber nicht sofort. Sie hat von mir ein stärkeres Schmerzmittel bekommen, so dass sie sicher etwas benommen ist, wenn sie aufwacht. Wundern sie sich also nicht, Mr. Reeves."
"Ja, in Ordnung" meinte Keanu und wandte sich wieder Jo zu.
Hinter sich hörte er den Doktor auf die Tür zu gehen. Daher sprach er ihn noch einmal an, bevor er hinaus war.
"Ähm...eine Sache noch."
"Ja?"
"Ich habe die Telefonnummer von Mr. Parker nicht. Könnten sie bitte veranlassen, dass er angerufen wird. Er möchte sicherlich sofort herkommen."
"Ich denke, Miss Parker braucht noch etwas Ruhe. Und da es auch sehr früh am Morgen ist, sollten wir ihre Familie noch schlafen lassen. Ich werde mich aber bald darum kümmern."
"Danke" antwortete Keanu und setzte sich wieder in den Sessel.
Still und angespannt saß er dann dort. Nur auf der vorderen Kante, so dass seine Knie fast das Bett berührten. Die Unterarme auf den Oberschenkeln abgestützt und die Finger ineinander verflochten, blickte er hinunter auf seine Füße. Unschlüssig, ob er wieder Jo's Hand nehmen sollte. Als sie auf den Arzt gewartet hatten, hatte er sie ganz selbstverständlich gehalten, um sie damit zu beruhigen und zu trösten. Nun war er aber plötzlich unsicher, ob er es wieder tun durfte. Und so sehr er sich freute, dass sie endlich aus dem Koma erwacht war, so sehr fürchtete er sich vor dem Moment, in dem sie ihn vielleicht doch zum Teufel jagen würde. Gerade noch konnte er einen Seufzer unterdrücken, der sich seine Kehle hinauf schlich.
"Der Doktor irrt. Ich schlafe nicht" ließ ihn da eine leise Stimme neben sich ruckartig auffahren.
"Jo, du bist wach!"
"Ja."
"Wie geht es dir? Sind die Schmerzen besser?"
"Ja, viel besser. Danke, dass du daran gedacht hast, meinen Großvater anzurufen."
"Ist doch selbstverständlich. Deine Eltern sind auch bei ihm."
"Ja, ich weiß."
"Du weißt das? Dann hast du tatsächlich alles mitbekommen, was um dich herum geschehen ist?"
"Ich weiß nicht so genau."
Jo überlegte. "Da sind so viele Dinge in meinem Kopf. Keine Ahnung, was echt ist und was Traum."
"Aha. Aber du erinnerst dich, warum du hier bist?"
"Ja, ich weiß warum ich los gelaufen bin. Ich hatte nichts mehr zu trinken. Es ging mir schlecht. Ich hatte mich am Fuß verletzt. Puh...bin ich froh, dass ich mich wieder an alles erinnere. Denn dort bei der Hütte konnte ich es nicht. Ich habe angefangen, seltsame Sachen zu sehen und zu hören. Ich dachte, ich werde verrückt. Da wusste ich, dass ich Hilfe brauchte. Dringend. Und die wollte ich von meinem Großvater."
Hier machte sie eine kurze Pause. Und auch Keanu schwieg.
"Als ich dann hier wach wurde, wusste ich nicht sofort wo ich war. Meine Erinnerung endet am Haus meines Großvaters. Bis dahin ist alles klar. Aber danach ist es so verschwommen."
Keanu nickte nur, sagte aber noch immer nichts. Und Jo runzelte die Stirn.
"Ich kann mich an deine Stimme erinnern. Sie war fast immer um mich. Und an deine Berührung. Du hast meine Hand gehalten. Und da du jetzt tatsächlich hier bist, ist das wohl kein Traum gewesen. Oder?"
"Nein, das war kein Traum, Jo. Ich bin sofort hergekommen."
"Ich fühlte mich besser dadurch, Keanu. Daran erinnere ich mich auch. Und sicherer, irgendwie.." hier stockte sie.
"Sicherer...." murmelte sie dann. "Da ist aber auch..." fuhr sie dann lauter fort, "...hm...da war jemand...! Der hat sich bei mir entschuldigt und gesagt, dass er nicht anders könne. Und dann waren da Schmerzen, viel schlimmere Schmerzen als vorher. Ich habe keine Luft mehr bekommen...." hier griff sie sich an den Hals und rieb ihn vorsichtig.
Entsetzt starrte Keanu sie an. Auch das hatte sie also mitbekommen.
"Ja, Christopher hat einen Pfleger aus diesem Krankenhaus zu dir geschickt. Er sollte dich...er sollte..."
"Mich endgültig töten?" beendete Jo seinen angefangenen Satz.
"Ja, das sollte er. Den Polizisten vor der Tür hat er betäubt und ich war mit deinem Großvater in einem anderen Raum."
"Vor der Tür stand ein Polizist? Jetzt auch?"
"Ja."
"Aha. Und wieso hat der Kerl es nicht geschafft?"
"Du fragst das so nüchtern, Jo. Erschreckt es dich nicht?"
"Natürlich tut es das. Aber es interessiert mich auch? Warum sollte ich nach dem, was ich schon alles erlebt habe, lange drum herum reden?"
"Da hast du auch wieder Recht. Tja also, ich...wir...sind noch gerade rechtzeitig zurück gekommen und konnten ihn abhalten. Mark, dein Großvater und ich. Mark und sein Vorgesetzter glauben inzwischen übrigens, dass du nicht an dem Banküberfall beteiligt warst."
Jo verzog ihr Gesicht zu einem schiefen Grinsen und nickte.
"Ja? Das ist gut. Danke."
Keanu wollte sich gerade etwas anders, etwas bequemer, hinsetzen, als er mitten in der Bewegung erstarrte. Vor der Tür wurde es plötzlich laut. Unschwer konnte er die helle Stimme von Jo's Mutter erkennen. Dem Ton nach, schien sie wieder an irgendetwas was auszusetzen zu haben. Und auch Jo erkannte sie natürlich. Sie schloss einmal kurz die Augen und atmete tief ein. Genau in dem Moment, in dem die Tür mit Schwung aufgerissen wurde, schob Jo ihre Finger aus dem Bett, streckte sie zur Seite und ergriff Keanu's Hand. Der war von dieser hilfesuchenden Geste so überrascht, dass er Jo erstaunt ansah. Dann aber drückte er Ihre Hand fest und schüttelte sie dabei leicht. Und so sahen sie dem, was nun kommen würde, gemeinsam entgegen.
_________________
Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt. -Mark Twain-

|esbe
Mod
Anmeldedatum: 25.02.2009
Beiträge: 18637
Wohnort: Schleswig-Holstein

| Verfasst am: 28.08.2011, 18:51 Titel:

Kapitel 48
"Ich habe doch gleich gesagt, dass man uns ganz bestimmt nicht anrufen wird. Mir war klar, dass die Schwestern nur das Nötigste tun und lieber in ihrem Raum sitzen und Kaffee trinken. Habe ich es nicht gesagt?"
Jakob's Antwort war nur ein Brummen.
"Wer weiß, ob sie hier überhaupt die nötige Versorgung bekommt. Wären wir jetzt in London, dann könnte sie von Dr. Stevens behandelt werden."
"Ich bin sicher, man kümmert sich hier sehr gut um sie, Liebes" meinte Jakob nun. "Wenn es dir lieber ist, können wir sie aber auch in eine Privatklinik bringen."
"Privatklinik? Nein. Du denkst natürlich nicht daran, was das kosten würde, Jakob" kam es sofort tadelnd zurück.
Sie hatten jetzt den Raum betreten und Jakob schloss die Tür hinter sich und John.
"Wäre das nicht egal, Carol? Hauptsache, Jo wird wieder gesund."
Carol antwortete nicht darauf. Sie machte jetzt noch weitere Schritte ins Zimmer hinein. Keanu sah von ihr zu Jakob und dann zu John und konnte so sehen, dass der frustriert den Kopf schüttelte. Und außerdem konnte er fühlen, wie sich Jo's Hand in seiner etwas verkrampfte. Daher drückte er einmal kurz etwas fester, um sie so noch einmal wissen zu lassen, dass er ihre Gefühle erahnen konnte und ihr beistand.
Jetzt hatte Carol das Bett erreicht. Sie beachtete Keanu nicht im geringsten. Aber mit zusammengezogenen Augenbrauen und gerunzelter Stirn warf sie einen kurzen Blick auf ihre ineinander verschlungenen Hände. Dann beugte sie sich zu Jo herab und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn.
"Josephine. Kind. Dein Dad und ich sind so froh, dass es dir besser geht."
"Hi, Mom. Danke" antwortete Jo mit leiser Stimme.
"Weißt du überhaupt, was wir uns für Sorgen gemacht haben?"
"Entschuldigung" hauchte Jo.
"Wie hast du es nur wieder geschafft, dich in so etwas hinein ziehen zu lassen?"
"Aber ich habe doch gar nicht...." begann Jo unsicher, wurde aber gleich wieder unterbrochen.
"Denkst du denn gar nicht daran, dass du deinem Vater damit schaden könntest?
Keanu sah, dass sich Jo's Augen etwas weiteten. Sicher konnte auch sie kaum glauben, was sie dort zu hören bekam. Oder doch? Schließlich kannte sie ihre Mutter und hatte mit ihrer Reaktion vorhin gezeigt, dass sie so etwas zu erwarten schien. Er jedenfalls war richtig entsetzt. Aber bevor er etwas sagen konnte, drängte sich Jo's Vater nach vorn und schob seine Frau zur Seite.
"Jo, mein Schatz" seufzte Jakob, beugte sich vor, und küsste Jo auf die Wange.
"Hi, Dad."
Sofort konnte Keanu spüren, dass sich Jo's Hand in seiner wieder etwas entspannte.
"Wie geht es dir, mein Liebling?"
"Ich weiß nicht so genau."
"Hast du Schmerzen? Kann ich etwas für dich tun?"
Hier schüttelte Jo leicht den Kopf.
"Nein, du kannst nichts tun. Aber es ist schön, dass du...dass ihr...hier seid."
"Ja, es hat viel zu lange gedauert. Entschuldige bitte."
"Schon gut" antwortete sie und wollte dann an ihrem Vater vorbei sehen.
Dafür hob sie den Kopf etwas und versuchte dies auch mit ihren Schultern. Und zuckte sofort heftig zusammen. Scharf zog sie mit dem Mund die Luft ein und ließ sich wieder zurück sinken. Es tat Keanu in der Seele weh, zu sehen, wie Jo litt. Am liebsten wäre er aufgesprungen und hätte John nach vorn gezogen. Aber jetzt schien auch Jakob zu begreifen, was Jo wollte. Schnell trat er zur Seite und machte so den Weg frei.
John trat mit zwei großen Schritten ans Bett seiner Enkelin. In seinen Augenwinkel glitzerte es verdächtig und seine Mundwinkel zuckten etwas. Trotzdem aber blieb er stumm. Und auch er beugte sich dann, wie schon die beiden anderen vor ihm, vor und gab Jo einen Kuss. Diesmal jedoch reagierte sie anders darauf. Sie sagte nichts, ließ Keanu's Hand aber los, hob ihren Arm langsam an und schlang ihn dann um den Hals ihre Großvaters. Der legte sofort seine Hand auf Jo's Oberarm und strich ebenso vorsichtig wie liebevoll und beruhigend mit seinen Fingern wenige Zentimeter auf und ab. Bei dieser sehr vertrauten Geste durchzuckte Keanu augenblicklich ein völlig neues Gefühl. Jetzt, in diesem Moment brauchte sie ihn, Keanu, nicht. Ihren Großvater kannte sie viel länger und besser. Ihm war sie so viel näher. Auf ihn konnte sie sich verlassen. Er war immer für sie da. Über sich selbst erschrocken, schüttelte Keanu kaum merklich den Kopf, legte seine nun freie Hand in den Schoß und knetete sie so kräftig mit der anderen, dass es fast weh tat. So versuchte er das Gefühl der Kälte, das er an dieser Hand spürte, und das der Leere, das ihn plötzlich von oben bis unten durchströmte, zu vertreiben.
Er war tatsächlich eifersüchtig, schoss es ihm durch den Kopf. Ein Gefühl, das er schon ewig nicht mehr gehabt hatte. Sicher, damals, als er noch Kind war und seine Mutter...! Als er daran zurück dachte und sich bewusst wurde, dass es sich nun sogar noch schlimmer und intensiver anfühlte, als er es in Erinnerung hatte, erstarrte er mitten in der Bewegung. Konnte das sein? Wie konnte er auf Jo's Großvater eifersüchtig sein? Auf diesen netten, alten Herrn? Sofort fühlte er sich noch schlechter. Denn er machte sich klar, dass er wohl keinerlei Recht hatte, jemals auf irgend jemanden, dem Jo ihre Zuneigung und Liebe schenken würde, eifersüchtig zu sein.
Während er so seinen unguten Gedanken nachhing, hatte er jedoch trotzdem genau auf das geachtet, was um ihn herum vorging. Er bekam mit, dass Jo's Vater neben seine Frau trat und seinen Arm um ihre Schultern legte. Und sie sich dann tatsächlich an ihn lehnte und ihrem Arm um seine Hüfte schlang. Fast hätte er ihr solch eine weiche, vertrauensvolle Reaktion nicht zugetraut. Und John und Jo? Die sprachen noch immer nicht. Sie schienen sich auch ohne Worte zu verstehen. Hatte er das nicht auch schon mit Jo erlebt? Ja, sehr intensiv sogar. Und bevor das nagende, einengende, kalte Gefühl der Eifersucht ihn ganz zu überwältigen drohte, setzte er sich gerade hin, straffte die Schultern und holte tief Luft und sah Jo an. Da es beinahe still war im Raum, hatte Jo Keanu's Atemzug in dem Moment gehört, in dem John sich leise ächzend wieder aufrichtete. So wandte sie ihm das Gesicht zu und blickte ihm direkt in die Augen.
Waren Jo's Augen noch vor wenigen Minuten relativ klar gewesen, so sahen sie jetzt trübe zu ihm auf. Noch einmal hob sie ihre Hand ein wenig.
"Kann ich noch was zu trinken haben, Keanu?" fragte sie dann leise.
Ihre Stimme klang dabei so fremd, dass Keanu erschrak und nicht gleich reagierte. Rau, schleppend und undeutlich waren die wenigen Worte über ihre Lippen gekommen. Erst als Jo ein noch leiseres 'Bitte' nachschob, griff er schnell zur Wasserflasche und zum Glas und füllte es nach.
"Was ist mit ihr?" fragte jetzt Carol schrill in der Stille des Raumes, in dem nur das Piepsen des einen Gerätes, das noch nicht abgeschaltet worden war, und das Gluckern des Wassers zu hören waren.
Sie und Jakob waren nun auch wieder ans Bett herangetreten und drängten sich mit John an der einen Seite, während Keanu auf der anderen stand.
Und während Keanu Jo wieder etwas unterstützte, damit sie ihren Kopf soweit heben konnte, dass sie ohne zu kleckern trinken konnte, meinte er:
"Jo hat stärkere Schmerzmittel bekommen. Der Arzt meinte schon, dass sie davon benommen sein würde."
"So? Das hat er uns nicht erzählt" sagte Carol nun schnippisch und funkelte Keanu an.
"Nein" meldete sich nun John das erste Mal zu Wort. "Das ist auch kein Wunder. Du hast ihn ja gar nicht ausreden lassen."
"Ach, nun bin ich wieder schuld? Wir hatten extra noch einmal darum gebeten, dass man uns anruft wenn sie aufwacht. Und? Hat man das getan? Nein!"
"Das stimmt. Aber das kann man auch ordentlich sagen. Nur du natürlich nicht. Aber denk daran, du bist hier nicht in London. Dort zählt dein Name und deine Meinung vielleicht. Aber hier in LA, und speziell hier in diesem Krankenhaus, ist es nur wichtig, wie es Jo geht."
Carol zog scharf die Luft ein und wollte gerade etwas erwidern, da polterte Jakob laut dazwischen. So laut, dass Keanu ihn erstaunt ansah:
"Genau, nur Jo ist wichtig! Und sie braucht Ruhe. Das zumindest habe ich aus den Worten des Arztes heraus gehört. Und ganz bestimmt keine Mutter und keinen Großvater, die sich an ihrem Bett wieder mal streiten wie die Waschweiber. Wenn ihr jetzt nicht sofort damit aufhört, dann kann ich euch nicht davon abhalten. Aber dann verschwindet nach draußen. Alle beide. Da könnt ihr ungestört weitermachen, so lange ihr wollt!"
Keanu saß auf seiner Seite des Bettes und beobachtete die Szene wie ein Zuschauer in einem Theater. Niemals hätte er Jakob so viel Durchsetzungsvermögen zugetraut. Bisher hatte er nur angenommen, dass er, zumindest im privaten Bereich, unter dem Pantoffel seiner Frau stand. Nun war er sich dessen nicht mehr sicher. Das eben war ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass er durchaus auch anders konnte. Und da weder Carol noch John überrascht aussahen, sondern allenfalls verlegen, musste Jakob tatsächlich schon öfter so oder ähnlich mit ihnen gesprochen haben. Und um Jakob wissen zu lassen, dass er ihm zu 100 % zustimmte, suchte und fand er Blickkontakt mit ihm. Mit einem Zwinkern in den Augen nickte Keanu dann kaum merklich. Und an Jakobs leichtem Lächeln erkannte er, dass seine Botschaft angekommen war und sie sich auch ohne Worte verstanden.
Und auch bei Carol und John zeigten die Worte also Wirkung. Betreten sahen sie sich nun an.
"Jakob hat natürlich wieder einmal Recht. Statt uns anzugiften, sollten wir zusammen halten. Es tut mir leid, Carol" machte John den ersten Schritt.
Keanu konnte sehen, wie Jo's Mutter mit sich kämpfte. Sie war, im Gegensatz zu John, nicht so schnell bereit, nachzugeben. Ihr Gesichtsausdruck war verkniffen, und erst ein weiterer strenger Blick von Jakob brachte sie zum Einlenken.
"Ja, mir auch John" meinte sie dann jedoch leise.
Aber trotz ihrer Worte war Keanu sich nicht sicher, dass sie auch wirklich meinte, was sie sagte, denn ihre Gesichtszüge änderten sich dabei nicht. Erst als sie sich dann erneut zu Jo herunter beugte, wurden sie etwas glatter und weicher. Aber auch nur wenig.
"Dann ruh' dich jetzt aus, Josephine" meinte sie und strich ihrer Tochter über die Wange.
"Ja, Mom" antwortete Jo langsam.
Ihre Augen waren schon fast geschlossen, als sie sie noch einmal etwas mehr öffnete und ihren Kopf zu Keanu drehte.
"Bleibst du hier bei mir, Keanu?" fragte sie kaum hörbar.
Ihre rechte Hand hob sie dabei etwas in seine Richtung, ließ sie aber dann kraftlos wieder zurück fallen. Sofort griff Keanu danach und drückte sie sanft.
"Natürlich Jo, ich gehe nicht weg. Das verspreche ich dir."
"Danke" hauchte Jo und brachte sogar noch ein kleines Lächeln hervor.
Zu mehr war sie dann aber nicht im Stande. Ihre Augen schlossen sich nun endgültig und eine Sekunde später war sie eingeschlafen.
Die Gefühle, die Jo's kühle Hand in seiner bei ihm auslösten, waren für Keanu wieder einmal absolut überwältigend. Er liebte das inzwischen so bekannte Kribbeln, das sich nun erneut seinen Arm hinauf zog. Ja, gestand er sich ein, er war sogar regelrecht süchtig danach. Süchtig nach dem Adrenalinstoß, den er dabei jedes Mal bekam. Und danach, dass es, nein, verbesserte er sich, dass Jo scheinbar die Macht besaß, alle unguten Gedanken und Gefühle von ihm zu nehmen. Denn eben noch war er zutiefst frustriert und eifersüchtig gewesen. Nun hatte diese kleine Geste von ihr, diese sanfte Berührung und die eine kleine Frage, die sie an ihn gerichtet hatte, sein ganzes Universum mit einem Schlag wieder in Ordnung gebracht.
Aber leider hielt dieses Hochgefühl diesmal nur kurz an. Denn obwohl er sich jetzt in diesem Moment gerade ziemlich wohl fühlte, wurde ihm doch etwas sehr klar. Seine Gefühlsschwankungen, die er in Bezug auf Jo hatte, machten ihn fertig. Ob das begründet war oder nicht, wusste er ja immer noch nicht genau. War er sich doch noch immer nicht sicher, was Jo von ihm und seinem Verhalten in der jüngsten Vergangenheit hielt. Sicher, sie zeigte ihm, dass sie ihn jetzt brauchte. Aber danach? Was war dann? 'Verdammt!' Beinahe hätte er dieses eine Wort laut ausgesprochen. Verdammt, er fing ja schon wieder damit an, sprach er also in Gedanken zu sich selbst. Er grübelte einfach zu viel. So ging das nicht. Wieder einmal in Selbstmitleid zu versinken war nicht das, was er jetzt wollte, brauchte und durfte. Er war hier, um Jo beizustehen, nichts anderes. Und das wollte er tun. Außerdem war er definitiv zu alt für so ein heftiges Gefühlschaos. Und mit voller Wucht traf ihn ganz unvorbereitet die Erkenntnis, dass er sich nach Beständigkeit sehnte. Nach Sicherheit. Ja, er ging sogar noch weiter. Er sehnte sich nach einer festen Beziehung. Mit Jo. Denn mit ihr konnte er sich das sehr gut vorstellen.
Aber konnte sie das auch?
Und wieder war da eine leise, höhnisch lachende Stimme, die ihm unaufhaltsam zuflüsterte, dass Jo ihn niemals würde haben wollen. Dass sie sich sicher alles lieber vorstellte, als eine feste Beziehung mit ihm zu haben. Und er hasste diese Stimme dafür.
_________________
Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt. -Mark Twain-

|esbe
Mod
Anmeldedatum: 25.02.2009
Beiträge: 18637
Wohnort: Schleswig-Holstein

| Verfasst am: 18.09.2011, 17:53 Titel:

Kapitel 49
"Was ist mit dir, Keanu? Geht es dir nicht gut? Du bist total blass" sprach John Keanu jetzt an.
"Wie?" schrak der hoch und wurde so aus seinen Gedanken gerissen.
"Du brauchst Schlaf."
"Nein nein, es ist alles in Ordnung mit mir" meinte Keanu daraufhin kopfschüttelnd.
Jetzt bemerkte er auch, dass Carol sich inzwischen in den zweiten roten Sessel, der auf der anderen Seite von Jo's Bett stand, gesetzt hatte. John und Jakob standen daneben. Sofort besann Keanu sich auf seine guten Manieren und erhob sich schnell aus seinem Sessel. Jo's Hand lies er auch dabei nicht los.
"Möchtest du dich hier her setzen, John?" Und mit einem Blick zuerst in die Ecke des Zimmers und dann auf Jakob, fügte er hinzu: "Wir können uns die Stühle dort heran holen."
"Das ist nett von dir, Keanu. Aber nein. Ich denke, Jakob und ich werden uns dort auf die Stühle setzen."
"Wirklich?" vergewisserte Keanu sich.
"Ganz sicher. Es wird hier sonst viel zu eng. Und außerdem können wir uns dann leise unterhalten, ohne Jo zu stören" beteuerte John.
Jakob nickte bekräftigend und zusammen gingen sie zu den Stühlen und setzten sich. Daher nahm auch Keanu wieder Platz.
Lange blieb es in dem Raum ruhig. Nichts weiter war zu hören, als das Piepen des Gerätes und das leise Murmeln von John und Jakob. Die beiden schienen viel zu besprechen zu haben. Keanu und Carol sprachen jedoch nicht miteinander. Zwar bemerkte Keanu, wie Carol ihn immer wieder von der Seite musterte, aber es interessierte ihn nicht. Er hatte sich längst ein Bild über sie gemacht und verspürte keinerlei Bedürfnis, sich mit ihr zu unterhalten. Und er hätte auch gar nicht gewusst, worüber er hätte sprechen sollen.
So verging die Zeit und Keanu fühlte, wie die Müdigkeit sich wieder wie ein bleiernes, schweres Tuch über ihn legte. Seine Augen begannen zu tränen und vom Nacken zog wieder der bekannte Kopfschmerz herauf, breitete sich über den Kopf aus und sammelte sich hinter den Augen. Immer wieder senkte er leicht den Kopf, knetete dann mit Daumen und Zeigefinger seine Nasenwurzel und rieb so auch die Tränen weg. Aber es half nicht. Immer schwerer fiel es ihm, die schmerzenden Augen überhaupt offen zu halten. Er dachte daran, dass ein weiterer starker Kaffee ihm vielleicht etwas helfen könnte. Aber dafür hätte er sich bewegen müssen. Hätte aufstehen und gehen müssen. Und diese Energie brachte er jetzt einfach nicht auf.
Fast beneidete er Jo, die dort ausgestreckt lag und friedlich schlief. Aber auch wenn sein Gehirn nur noch langsam arbeitete, wurde ihm sofort bewusst, was er da gerade gedacht hatte. Mit gerunzelter Stirn schüttelte er den Kopf und zuckte dann gleich zusammen. Hinter seinen Augen schien etwas zu explodieren und er sah Sterne. Mit einem leisen Stöhnen schloss er schnell seine Augen und kniff sie fest zusammen. Als der Schmerz ein wenig abnahm, hob er leicht den Kopf, öffnete die Augen vorsichtig wieder, und blickte so direkt auf Carol. Und auch sie sah ihn an. Sicher hatte sie sein Stöhnen gehört und ihn beobachtet. Aber ihre Augen blickten nicht freundlich oder gar mitleidig. Nein, kalt sahen sie ihn an. Kalt und abschätzend. Sein erster Impuls war, sich abzuwenden. Aber er tat es dann doch nicht. Verärgert, aber ohne äußerlich auch nur eine Miene zu verziehen, starrte er zurück. Und schließlich war es Carol, die den Blick senkte und auf seine Hand, die noch immer Jo's hielt, herunter sah.
Obwohl Keanu eben eigentlich keine Freundlichkeiten von Carol erwartet hatte, war ihm dieser kleine Zwischenfall doch unangenehm. Immerhin war sie Jo's Mutter und viel lieber hätte er sich gut mit ihr verstanden. Das schien aber nicht möglich. Denn ihr Blick eben, kurz bevor sie ihre Augen abgewandt hatte, war, das musste Keanu leider zugeben, nicht nur kalt, sondern richtig feindselig gewesen. Warum dies so war, verstand er allerdings nicht. Bei ihr konnte es doch nicht daran liegen, dass sie Angst hatte, er würde ihr die Tochter weg nehmen. Was also hatte er getan, dass sie ihn so wenig mochte.
Und noch während er darüber nachgrübelte, stellte er fest, dass es ihm nun deutlich besser ging. Zwar war er noch immer sehr müde, aber nicht mehr so, dass es weh tat und er auf der Stelle hätte einschlafen können. Und als er sich auch noch etwas gerader hin setzte, lies sogar der Schmerz in seinem Nacken und hinter seinen Augen etwas nach. Tja, dachte er, das hieß dann wohl, wollte er wach bleiben, durfte er nicht so bequem sitzen und musste sich zudem irgendwie beschäftigen. Aber wie? Hilfesuchend sah er zu John und Jakob. Aber die waren noch immer in ihr Gespräch vertieft, so dass er dort nicht stören wollte. Was konnte er also dann tun? Vielleicht in Gedanken ein Gedicht aufsagen? Oder das große Einmaleins? Oder beides....?
Noch immer war er am Überlegen, wie er es am besten schaffen konnte, als zweimal kurz und energisch geklopft wurde. Vier Augenpaare wandten sich sofort der Tür zu und sahen, wie die Klinke heruntergedrückt, und die Tür dann langsam aufgeschoben wurde. Keanu hatte den besten Blickwinkel und sah daher als erster, dass Mark in der Tür stand und lächelte seinen Freund an. Carol und Jakob war Mark jedoch unbekannt. Die beiden sahen ihn also nur fragend an. Aber John stand sofort auf und ging ihm entgegen.
"Guten Morgen" begrüßte er ihn.
"Guten Morgen, Mr. Parker" erwiderte Mark, schüttelte die ihm entgegen gestreckte Hand und nickte ein:
"Hallo" in Keanu's Richtung.
Dann sah er Carol und Jakob an. John folgte seinem Blick und reagierte darauf.
"Das sind Jo's Eltern. Meine Schwiegertochter Carol und mein Sohn Jakob. Sie sind vor kurzem hier in LA angekommen."
Und zu den beiden meinte er:
"Dies ist Mark Spencer von der Polizei."
Nachdem die allgemeine Begrüßung abgeschlossen war, stellte Keanu als erster die Frage, die alle interessierte:
"Und?" begann er. "Habt ihr Christopher gefunden?"
"Nein, leider noch nicht. Tut mir leid. Der Kerl scheint vom Erdboden verschwunden zu sein."
Als er die enttäuschten Gesichter sah, fügte er hinzu:
"Aber ich werde ihn finden. Ganz sicher."
Und es hörte sich für Keanu wie ein Schwur an.
"Tja, also" räusperte Mark sich nun. "Ich habe gehört, dass Jo aus dem Koma aufgewacht ist?"
"Ja" stimmte Jakob zu. "Das ist sie. Aber sie hat stärkere Schmerzmittel bekommen und schläft jetzt."
"Nun, dann werde ich wohl warten müssen. Ich hoffe, dass sie mir so bald wie möglich einiges erzählen kann."
"Soll ich dich anrufen, wenn sie wieder aufwacht? fragte Keanu.
"Nein, ich habe jetzt eigentlich Feierabend und möchte daher lieber hier warten. Vielleicht dauert es ja nicht so lange."
"Ok, wie du willst" meinte Keanu schulterzuckend.
"Wieso braucht die Polizei denn so lange, um diesen...diesen Christopher zu finden?" wollte Carol nun wissen.
Und Keanu konnte bei ihrem schnippischen Tonfall nicht umhin, mit den Augen zu rollen.
"Ich kann ihnen versichern, Ma'am, dass wir unser Bestes tun."
"Na..." war alles, was Carol antwortete.
"Natürlich, das glaube ich ihnen. Und wir sind ihnen dankbar, dass sie sogar ihre Freizeit für Jo opfern" mischte Jakob sich ein und machte so die Aussage seine Frau wieder gut.
"Wir werden sehen" begann diese aber sofort wieder.
Schwieg jedoch kurz, als sie den Blick ihres Mannes auffing. Nur um dann erneut zu sprechen:
"Ich denke, dass es hier wirklich etwas voll wird, wenn sie sich nun auch noch dazu setzen. Wir brauchen doch nicht alle hier zu warten. Und Jakob und ich haben hier in LA noch einiges zu erledigen. Wir waren lange nicht in der Stadt und können ja auch nicht ewig bleiben. Da drängt die Zeit. Ich nehme an, sie brauchen uns hier nicht?"
"N..nein, im Moment wohl nicht, Mrs. Parker."
"Gut, können wir dann Jakob?"
Einen Moment überlegte Jakob und blickte dabei auf Jo. Dann stimmte er jedoch zu:
"Ja, in Ordnung. Wir kommen dann später wieder her."
Als sie wenig später den Raum verlassen hatten, nahm Mark sich einen der Stühle aus der Ecke und stellte ihn neben den roten Sessel auf die rechte Seite des Bettes. Nachdem sich alle gesetzt hatten, holte er einmal tief Luft.
"Hm...merkwürdig. Das kam ja jetzt fast einer Flucht gleich. Ich hätte eigentlich schon erwartet, dass Jo's Eltern bei ihrer Tochter bleiben. Gerade wenn ich, also die Polizei, sie verhören will. Und wo sie doch so lange verschwunden war. Ob die beiden etwas zu verbergen haben?"
"Ganz sicher nicht. Normalerweise kann man wohl auch erwarten, dass sie bleiben. Aber nicht bei meiner Schwiegertochter. Ich bin überzeugt, dass sie jetzt erst mal einige Freundinnen anruft und sich mit ihnen verabredet. Oder einkaufen geht. So ein Krankenzimmer" leicht erhob John seine Stimme "ist keine angemessene Umgebung für sie. Und meine Sohn...." hier schüttelte er kurz den Kopf. "...der weiß genau, wann es für ihn besser ist, nach zu geben, um dann an anderer Stelle seinen Willen durchsetzen zu können. So verstehen sich die beiden ganz gut. Und es hat auch überhaupt keinen Sinn, sich darüber lange Gedanken zu machen, glauben sie mir, Mark."
"Wenn sie es sagen, wird es wohl so sein" nickte Mark mit gerunzelter Stirn.
"Aber wie geht es Jo denn nun?" wollte er gleich darauf wissen. "Schmerzmittel hat sie bekommen, Keanu?"
"Ja, sie hatte sehr starke Schmerzen, als sie wach wurde. Daher hat der Doktor die Dosis erhöht. Und kurz danach ist sie wieder eingeschlafen. Aber ich habe vorher mit ihr gesprochen. Sie war voll da und kann sich an alles erinnern."
"Das wäre meine nächste Frage gewesen. Und es freut mich sehr" antwortete Mark.
"Ja, mich auch" meinte John.
"Und mich erst" stimmte Keanu aus vollstem Herzen zu und strich dabei sanft mit seinem Daumen über Jo's Handrücken.
_________________
Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt. -Mark Twain-

|esbe
Mod
Anmeldedatum: 25.02.2009
Beiträge: 18637
Wohnort: Schleswig-Holstein

| Verfasst am: 03.10.2011, 20:29 Titel:

Kapitel 50
Lange saßen die drei Männer schweigend beieinander. Dann jedoch erhob sich Mark mit einem lauten Seufzer.
"Gewöhnlich trinke ich, wenn ich Feierabend habe und nach Hause komme, erst mal einen guten Kaffee. Und von schönen Gewohnheiten soll man doch nicht abweichen, oder? Und da der Kaffee hier so schlecht nicht ist, werde ich mir jetzt erst mal welchen bringen lassen. Noch jemand?"
Fragend blickte er in die Runde und erhielt von John und auch von Keanu ein zustimmendes Nicken.
"Na prima" sagte er daher, öffnete eine Sekunde später die Tür und verschwand.
Mark brauchte länger, als Keanu erwartet hätte. Aber als er die Tür wieder öffnete, balancierte er nicht nur die Kaffeetassen und eine Thermoskanne auf einem Tablett, sondern hatte es auch noch mit belegten Brötchen, Kuchen und einigen Schokoriegeln so voll geladen, dass er Schwierigkeiten hatte, nichts an den Seiten herunter rutschen zu lassen. Vorsichtig stellte er das Tablett dann auf den kleinen Tisch in der Ecke und richtete sich danach mit einem Ächzen gespielt mühsam wieder auf. Keanu und John sahen sich daraufhin kurz zwinkernd an. Aber während Keanu grinsend sitzen blieb, erhob John sich aus seinem Sessel, um Mark zur Hand zu gehen.
"Was möchtest du, Keanu?" wollte Mark jetzt wissen.
"Für mich nur einen Kaffee, danke" antwortete Keanu und sah Mark dabei an.
"Keinen Kuchen, kein Brötchen?" hakte der nach.
"Nein, nur Kaffee."
"Wenn du schon keinen Schlaf bekommst, Keanu, solltest du wenigstens was essen" hörte Keanu nun eine leise Stimme neben sich.
Sofort fuhr sein Kopf herum.
"Jo, du bist wieder wach!"
"Ja."
Ein lautes Scheppern verriet, dass eine Tasse schnell und unachtsam abgestellt wurde. Keanu und Jo wandten ihre Gesichter dem Geräusch zu und dann stand auch schon Mark an Jo's Bett und blickte lächelnd auf sie herunter.
"Freut mich, sie endlich kennen zu lernen, Miss Parker. Sie haben mir ganz schön viel Kummer und Kopfzerbrechen bereitet, wissen sie das?"
"Hallo. Und das kann ich mir denken, ja. Es tut mir auch leid."
"Ach, jetzt haben wir sie ja zurück. Und nun können sie mir endlich helfen. Fühlen sie sich gut genug, um mir alles zu erzählen und meine Fragen zu beantworten?" fragte er dann hoffnungsvoll.
"Ja...ja, ich denke schon."
"Prima. Wenn sie wieder müde werden und es ihnen zu viel wird, sagen sie einfach Bescheid. Dann machen wir eine Pause, ok?"
"Ja gut."
"Wird es dir wirklich nicht zu viel, Jo?" mischte sich nun John ein.
"Nein, Grandpa. Ich möchte das alles endlich los werden."
"Natürlich, mein Liebling."
"Gut, verlieren wir keine Zeit und fangen also an" meinte Mark und holte aus seiner Jackentasche einen kleinen Block und einen Stift, um sich Notizen machen zu können. Der Kaffee und die Brötchen, die ihm eben noch so wichtig gewesen waren, waren nun vergessen.
"Ich nehme an, es macht ihnen nichts aus, wenn Mr. Parker und Keanu hier bleiben?"
"Nein, natürlich nicht" antwortete Jo und lächelte erst ihren Großvater an und sah dann hilfesuchend auf Keanu. Beruhigend drückte der einmal ihre Hand uns zeigte ihr damit, dass er an ihrer Seite bleiben würde.
"Also dann, fangen sie an zu erzählen. Ich möchte alles wissen. Jede noch so kleine Kleinigkeit, die ihnen aufgefallen ist. Auch wenn sie ihnen absolut unbedeutend erscheint. Was haben sie gerochen, haben sie irgendwelche Bewegungen beobachtet, häufig benutzte Worte gehört...alles!"
Kurz schloss Jo ihre Augen, um sich zu sammeln, und sich den Tag genau ins Gedächtnis zu rufen. Sofort stürzte mit solcher Wucht eine Fülle von Gefühlen, die sie so lange erfolgreich verdrängt hatte, auf sie ein, dass ein Zittern durch ihren ganzen Körper lief und sie leise aufstöhnen ließ. Die Bilder, die sich nun wieder glasklar vor ihrem inneren Auge abspielten, waren so intensiv, dass es ihr den Atem raubte.
"Jo?" hörte sie Keanu besorgt ihren Namen sagen und fühlte seine große, weiche, warme Hand, die ihre hielt. Ja, sie lag nur wenige Zentimeter von ihm entfernt, und doch kam es ihr vor, als hörte sie ihn leise von weit, weit her.
"Jo?" noch einmal versuchte er, zu ihr durchzudringen. Und diesmal wurde die Stimme klarer, verlor ihren gedämpften Klang und Jo öffnete wieder die Augen.
Zuerst langsam, begann sie sofort zu erzählen. Sie fing damit an, dass sie an jenem Tag ihren Wagen nur kurz im Halteverbot abgestellt hatte, um schnell in die Bank zu laufen und gleich wieder zu verschwinden, bevor überhaupt jemandem auffallen würde, dass sie dort stand. Und je weiter sie kam, desto schneller wurden ihre Worte. Mark unterbrach sie nicht. Seine Hand, die den Stift hielt, huschte über das Papier so schnell sie konnte. Schon immer hatte er Dinge, die er hörte, besonders gut aufnehmen können, wenn er sie gleichzeitig nieder schrieb. Diese Eigenheit hatte er bereits früh in der Schule erkannt und für sich genutzt. Und auch diesmal half sie ihm wieder, das, was Jo sagte, fast wortwörtlich zu behalten, und in seinem Gedächtnis zu speichern.
Nachdem Jo ihren langen Bericht beendet hatte und erschöpft die Augen geschlossen hatte, blieb Mark noch kurze Zeit still. Mit gerunzelter Stirn blickte er auf seine geschriebenen Wörter herunter, ohne sie wirklich zu sehen. Dann hob er den Kopf und sah Jo wieder an.
"Ich habe bisher nicht gewusst, dass sie Christopher und den anderen, der mit im Wagen gesessen hat, wirklich gesehen haben. Das eröffnet uns ungeahnte Möglichkeiten. Fühlen sie sich noch stark genug, sich Bilder anzusehen. Vielleicht erkennen sie den Kerl? Außerdem muss die Spurensicherung sich den Wagen noch mal vornehmen. Es kann doch nicht sein, dass die beiden nichts hinterlassen haben. Wenn sie sich die Masken im Auto vom Kopf gezogen haben, müssen Haare und so herunter gefallen sein."
"Meinst du nicht, Mark, dass Jo jetzt erst einmal eine kleine Pause gebrauchen kann?" mischte Keanu sich jetzt ein.
"Ja, sicher. Die soll sie haben. Ich benötige ja auch etwas Zeit, um einen Laptop mit den gespeicherten Bildern her zu bekommen. Himmel, es werden viele Bilder sein. Schließlich müssen auch die unserer Polizeibeamten, zusätzlich zu der anderen Kartei, darauf gespielt werden. Hoffentlich geht das überhaupt."
"Ich will mir die Bilder wirklich gerne ansehen. Ich tu alles, wenn es nur hilft, dass das ganze endlich ein Ende hat."
"Gut, dann mache ich mich jetzt auf den Weg" meinte Mark, klappte seinen Block zu, steckte ihn in die Jackentasche zurück und erhob sich.
"Zwei Stunden werde ich sicher brauchen. Dann sehen wir weiter."
Und mit einem sehnsüchtigen Blick auf das Tablett, das mit den noch immer unberührten Kaffeetassen auf dem Tisch stand, verabschiedete er sich mit den Worten:
"Schade drum. Na ja, ein Andermal. Bis später" und eilte dann zur Tür hinaus.
Die Tür war noch nicht ganz geschlossen, da wurde sie schon wieder geöffnet. Herein kam diesmal eine Schwester, die Keanu und John mit energischem Tonfall hinaus beförderte. 'Gründliche Untersuchungen', war auch hier wieder das Zauberwort, das beide, diesmal ohne zu murren, hinnahmen. Und so fanden sie sich wenig später draußen auf dem Flur wieder, wo sie aber nicht lange ausharren mussten, denn die Schwester rief sie schon bald wieder hinein.
"Ich habe die Wunden versorgt und neue Verbände angelegt" sagte sie.
Und mit einem Blick auf Jo fuhr sie fort:
"Miss Parker hatte dabei wieder starke Schmerzen. Sie hat sich aber geweigert, noch einmal eine höhere Dosis Schmerzmittel zu bekommen. Dagegen kann ich nichts tun. Ich werde aber den Arzt informieren."
"Warum weigerst du dich? Wenn du so starke Schmerzen hast, lass dir doch bitte helfen" meinte Keanu sofort erschrocken und blickte in das nun wieder sehr blasse Gesicht von Jo.
"Ich wäre dann aber wieder so benommen. Das möchte ich nicht. Ich will doch gleich die Bilder ansehen! Das müsst ihr verstehen. Das musst du verstehen, Keanu" antwortete die leise.
"Hm..." brachte Keanu hervor und dachte daran, dass er wohl nicht so viel Kraft besaß wie Jo. Er würde das Schmerzmittel an ihrer Stelle, ohne überlegen zu müssen, haben wollen. Ja, er würde jedem Mittel zustimmen, das ihm helfen würde, sich besser zu fühlen. Und das hatte er in der Vergangenheit auch schon oft getan. Zu oft, gestand er sich ein. Zu oft war er zu benebelt gewesen, um klare und richtige Entscheidungen treffen zu können. Und plötzlich verstand er Jo. Mit fahrigen Fingern fuhr er sich durch die Haare und kniff die Augen zusammen, als Jo noch einmal:
"Keanu" sagte. Diesmal sprach sie es aber fragend aus.
"Ja...ja, du hast Recht. Ich kann das gut verstehen."
Dann wandte er sich der Schwester zu.
"Miss Parker hat jetzt etwas Zeit, sich auszuruhen. Und ich werde aufpassen, dass sie es auch tut. Versprochen."
"Gut" nickte die Schwester und sah Jo wieder an. "Aber vermerken muss ich es trotzdem. Rufen sie mich, wenn sie es sich anders überlegen."
Und schon war sie zur Tür hinaus.
Als Mark nach knapp zwei Stunden wieder erschien, fühlte Jo sich etwas besser. Sie hatte noch einmal kurz geschlafen und die Schmerzen waren weniger geworden. Daher war sie bereit, die Bilder anzusehen.
"Ich denke, wir fangen mit den Bildern meiner Kollegen an. Auch wenn es mir nicht gefällt, ist das sicher sinnvoll. Und es sind auch viel weniger, als die der anderen Kartei.
"Ja, gut."
"Möchtest du dich etwas aufrichten, Jo? Damit du besser sehen kannst?" fragte Keanu.
"Ja, gerne. Hilfst du mir?"
"Natürlich."
Nachdem er das obere Teil des Bettes mit dem Schalter etwas hochgefahren hatte, schob er auch noch sanft seine Hände unter Jo's Schultern und hob sie vorsichtig an. John nahm daraufhin das Kissen, rollte es zusammen und legte es in Höhe von Jo's Kopf auf das Bett zurück. Als Keanu sie zurück sinken ließ, stieß sie erleichtert die Luft aus und Keanu schaute erschrocken auf ihren vor Schmerz verzerrten Mund. Er wollte schon etwas sagen, da schüttelte Jo den Kopf. Ihre Züge glätteten sich wieder und sie schaffte es sogar, ihn anzulächeln.
"Geht es wirklich?" flüsterte Keanu dicht vor ihrem Gesicht besorgt.
"Ja" war alles, was sie ebenso leise antwortete.
Dann wandte sie sich Mark zu.
"Los geht's...."
Über eine halbe Stunde sah Jo sich geduldig Bild für Bild an. Während dieser Zeit herrschte in dem Raum fast absolute Ruhe, und Mark konnte endlich den ersehnten Kaffee trinken und dazu Kuchen und Brötchen essen. Er schien geradezu ausgehungert zu sein, denn er verschlang Unmengen davon. Er hatte sich gerade das letzte Kuchenstück auf seinen Teller gelegt, und wollte eben hinein beißen, als er sich beobachtet fühlte. Langsam hob er den Blick und schaute direkt in Jo's weit aufgerissene Augen. Dann sah sie kurz auf den Bildschirm zurück und danach wieder zu ihm hoch. Ohne es eigentlich zu bemerken, stellte er seinen Teller zur Seite und stand auf. Wie ferngesteuert lief er auf das Bett zu, beugte sich vor und warf einen Blick auf den Laptop. Ohne sich aufzurichten sah er Jo noch einmal an. Sie hatte die Augen noch immer weit geöffnet und nickte nur leicht auf seine stumme Frage. Mit einem lauten Knall schlug Mark daraufhin den Deckel des Laptop zu. Dann ergriff er ihn, klemmte ihn sich unter den Arm und stürmte, ohne sich noch einmal umzusehen, zur Tür hinaus.
Zurück ließ er einen erstaunten John, einen erschrockenen Keanu und eine völlig aufgewühlte Jo.
_________________
Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt. -Mark Twain-

|esbe
Mod
Anmeldedatum: 25.02.2009
Beiträge: 18637
Wohnort: Schleswig-Holstein

| Verfasst am: 08.04.2012, 18:57 Titel:

Kapitel 51
"Wen hast du entdeckt?" wollte Keanu sofort wissen.
Als die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss gefallen war, war er aufgesprungen und sah nun von oben herab auf das sehr blasse Gesicht von Jo.
"Ja, Jo. Einen Polizisten nehme ich an. Aber wen?" fragte auch John.
Jo hob ungeduldig die Schultern und zuckte schmerzhaft zusammen. Nachdem sie einmal tief Luft geholt hatte, antwortete sie:
"Ich weiß es doch nicht. Es standen keine Namen bei den Bildern. Und selbst wenn, ich glaube nicht, dass ich die überhaupt gelesen hätte."
Jetzt schüttelte Jo vorsichtig den Kopf.
"Schrecklich, das Gesicht wieder zu sehen!"
"Das glaube ich dir" meinte John mitfühlend.
Keanu nickte bekräftigend und setzte sich zurück in seinen Sessel. Er ergriff Jo's Hand und drückte sie sanft.
"Ja, ich auch."
Leise seufzend fügte er hinzu: "Jetzt können wir wieder nur abwarten. Und ich hoffe sehr, Mark macht was draus."
Diesmal war es John, der zustimmend nickte.
"Könntest du das Kopfteil bitte herunterlassen, Keanu?" bat Jo nach einer kleinen Pause.
"Natürlich, warte" antwortete Keanu und sprang gleich auf.
Wenig später lag Jo endlich waagerecht und hatte die Augen erschöpft geschlossen. Jede noch so kleine Bewegung schmerzte am ganzen Körper und sie war froh, nun wieder still daliegen zu können.
Als sie die Augen erneut öffnete, fiel ihr Blick zum Fenster. Leicht runzelte sie die Stirn.
"Wie spät ist es eigentlich? Ich habe mein Zeitgefühl irgendwie total verloren."
"Es ist 7 Uhr."
Überrascht sah Jo ihren Großvater an: "Sieben? Echt? Das hätte ich nicht gedacht!"
"Du hast gerade noch einmal fast zwei Stunden geschlafen, Jo" meinte nun Keanu.
"Was? Wie kann das sein? Ich dachte, ich hätte meine Augen nur eine Sekunde zu gehabt."
"Es ist doch gut, wenn du viel schläfst. Und es zeigt auch, dass du es nötig hast. Wie fühlst du dich denn jetzt?" wollte John wissen.
"Wie ich mich fühle? Hm..." Jo musste erst überlegen. "Mir ist warm, sehr warm. Mein Fuß fühlt sich...komisch an. Und meine Schulter brennt. Ansonsten... " hier brachte sie ein schiefes Lächeln zustande "...ist alles bestens."
"Ich denke, dass deine Eltern auch gleich wieder auftauchen werden. Dann werde ich sie bitten, mich nach Hause zu bringen. Und du, oder besser ihr, habt Ruhe bis morgen früh."
"Ja, Mom und Dad....!" fing Jo an und ließ den Satz unvollendet.
Dann wandte sie sich an Keanu: "Willst du nicht auch gehen? Du brauchst auch Schlaf und..."
"Ich bleibe!" unterbrach Keanu Jo mit fester Stimme.
"Versuch es gar nicht erst, Jo" mischte sich John ein und sah zu Keanu. "Er wird nicht gehen."
"Nein, ganz sicher nicht!" nickte Keanu.
Wieder einmal fühlte Jo ganz deutlich, wie Keanu's weiche Hand die ihre umschlang. Spürte den leichten Druck und den sich sanft hin und her bewegenden Daumen.
"Aber..." begann sie, verstummte jedoch gleich, als sie in Keanu's entschlossenes Gesicht blickte. Die Worte ihres Großvaters klangen in ihren Ohren nach. 'Er wird nicht gehen'. Und wenn sie ehrlich war, wollte sie das doch auch gar nicht. Oder doch?
Keanu wiederum blickte in Jo's unentschlossene Augen. Wollte sie, dass er ging? Drückend stieg das nagende Gefühl der Ungewissheit in ihm hoch. Dieses Gefühl, das so gar nicht zu seiner überzeugten Stimme von eben passte. Um es zu vertreiben, räusperte er sich einmal kräftig und schüttelte dann noch kräftiger den Kopf.
"Kein Aber. Ich bleibe!"
Kaum hatte er diese Worte gesprochen, ging die Tür auf.
Als erste erschien Carol im Türrahmen und direkt hinter ihr Jakob. Der hielt diverse Tüten in den Händen. Keanu musste nur einen Blick darauf werfen um zu wissen, dass sie aus den teuersten Geschäften der Stadt stammten.
"So, da sind wir wieder" sagte Carol und sah sich um. "Ist der Polizist also wieder weg, ja?"
"Ich wüsste nicht, warum er so viele Stunden hier am Bett von Jo verbringen sollte. Er hat jetzt sehr viel zu tun und dies ist nicht sein Platz. Im Gegensatz zu deinem."
Dann blickte John zu seinem Sohn. "Und ihr wart also tatsächlich shoppen, ja?" meinte er traurig.
"Es hätte doch keinen Zweck gehabt, wenn wir hier auch noch gesessen hätten" antwortete Carol.
"Natürlich nicht, Carol" sagte John eisig.
"Du wieder" Carols Stimme klang jetzt beinahe trotzig. "Immer hast du etwas an mir auszusetzen."
"Na, das ist ja auch kein Wunder. Bei deinem Benehmen."
Jakob hatte sich bisher nicht in den Wortwechsel eingemischt. Statt dessen hatte er die Tüten abgestellt und war zu Jo's Bett geeilt. Hier setzte er sich auf die Kante und fragte sie leise, wie es ihr ging. Vorsichtig strich er mit dem Rücken seines Zeigefingers über ihre Wange und lächelte sie an.
"Mein Benehmen?" wetterte Carol im Hintergrund weiter. "Mein Benehmen?"
"Ja, du bist..." fing John an.
Ganz kurz lächelte auch Jo ihren Vater an. "Es geht" flüsterte sie.
Eine Sekunde später erhob sie jedoch so plötzlich und derart laut die Stimme, dass Jakob zusammenzuckte. Und auch Keanu starrte sie erstaunt an.
"Ruuuuhe...!"
Augenblicklich herrschte Stille.
"Ich kann euer ewiges Gestreite nicht mehr hören. Seit Jahren geht das schon so. Hört jetzt endlich auf damit! Ihr macht mich wahnsinnig" fuhr Jo nur wenig leiser fort.
"Meine Güte, Jo. Entschuldige" lenkte John sofort ein.
Und auch Carol sah Jo betroffen an.
"Natürlich mein Liebling, natürlich."
"Danke." Jo's Wangen glühten.
War ihr eben schon warm gewesen, schwitzte sie jetzt regelrecht.
"Ich bin so müde" wandte sie sich an ihren Vater. "Ich möchte nur schlafen. Bitte bring Grandpa nach Hause. Er muss sich auch ausruhen. Wenn ihr dann morgen wieder kommt, geht es mir sicher wieder besser."
Kurz sah Jakob seine Tochter fragend an. Dann gab er ihr einen Kuss auf die Stirn und erhob sich.
"Gut, ihr habt Jo gehört. Gehen wir."
Nachdem John sich noch einmal zu ihr herunter gebeugt und wiederholt "entschuldige" gemurmelt hatte, trat auch Carol endlich an ihr Bett.
"Gute Nacht, Liebling" war alles, was sie sagte. Nichts weiter. Keine Berührung, kein Kuss, keine tröstenden Worte. Nichts.
Nachdem die Männer sich noch einmal kurz zugenickt hatten, schloss sich leise die Tür und Keanu blickte erleichtert wieder zu Jo. Die hatte gerade die dünne Baumwolldecke zur Seite geschlagen und versuchte nun, sie mit langsamen und vorsichtigen Bewegungen ihrer Beine ganz von ihrem Körper zu ziehen. Sofort griff Keanu zu und half ihr.
"Ist dir so warm, Jo?"
"Ja, es ist furchtbar heiß hier drin. Kannst du bitte das Fenster öffnen?"
"Ich glaube nicht, dass das gut ist. Du schwitzt ja richtig. Du könntest dich erkälten."
"Na toll. Das würde mir zu meinem Glück noch fehlen" meinte Jo sarkastisch.
"Nein wirklich Jo. So warm ist es hier gar nicht."
Vorsichtig legte er seine flache Hand auf ihre Stirn.
"Du hast Fieber!" stellte er fest und drückte sofort auf den Notrufknopf. "Ich werde die Schwester rufen."
Diese erschien kaum zwei Minuten später. Aber trotz dieser kurzen Zeitspanne hatte sich Jo's Zustand total verändert. Jetzt hatte sie sich die Bettdecke bis zur Nase hochgezogen und fror trotzdem erbärmlich. Keanu musste hilflos zusehen, wie sie zitternd das dünne Baumwolltuch fest umklammert hielt und ihre Knöchel dabei weiß hervortraten. Die Schwester trat schnell an Jo heran und blickte ihr nur einmal in die fiebrigen Augen. Danach verschwand sie, um gleich darauf mit dem Arzt ins Zimmer zurückzukehren. Und Augenblicke später fand sich Keanu zum wiederholten Male allein und ängstlich wartend auf dem Flur wieder. Neben einem Polizisten, der ihn aus fast schwarzen Augen ansah.
_________________
Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt. -Mark Twain-

|esbe
Mod
Anmeldedatum: 25.02.2009
Beiträge: 18637
Wohnort: Schleswig-Holstein

| Verfasst am: 21.04.2012, 13:24 Titel:

Kapitel 52
"Ich hasse es wie die Pest, auf diesem verdammten Flur zu stehen und warten zu müssen" stieß Keanu zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor und lehnte sich genervt an die Wand. Wütend schoss er mit dem Fuß einen unsichtbaren Stein weg.
"Immer wieder werde ich einfach rausgeschmissen. Mist!"
Der mitfühlende Blick, mit dem der ältere Beamte ihn gemustert hatte, hatte ihn zu diesem ungewollten Ausbruch verleitet. Und sofort wurde er verlegen. Bevor er sich aber entschuldigen konnte, nickte der Polizist zustimmend und erhob sich von seinem Stuhl.
"Das kann ich verstehen, Sir. Möchten sie sich setzen und einen Schluck Tee trinken?" dabei wies er auf eine große grüne Thermoskanne, die neben ihm auf dem Boden stand.
"Danke nein. Aber es ist sehr freundlich von ihnen" sofort wurde Keanu ruhiger. "Doch bitte, behalten sie Platz. Ihnen geht es doch sicher auch nicht besser, oder?"
Schulterzuckend blieb der Mann stehen.
"Es ist mein Job. Manchmal ist er interessant und manchmal anstrengend oder langweilig. Aber immer wenn ich nach einer langen Schicht zu meiner Frau nach Hause fahre, bin ich stolz und froh, Menschen geholfen und meine Arbeit gut gemacht zu haben. Das allein zählt dann für mich."
"Ich wünschte, ich wäre so entspannt und mir meiner Sache so sicher."
"Ach, die Ungeduld ist oft eine Sache der Jugend. Ich weiß, wovon ich spreche. Mit zunehmendem Alter, und wenn man weiß wohin man gehört, also seinen Platz gefunden hat, wird man ruhiger. Sie werden sehen."
"Ich hoffe, sie haben Recht. Ich könnte so gut etwas Beständigkeit und Ruhe in meinem Leben gebrauchen."
"Das braucht jeder. Aber man muss auch etwas dafür tun. So etwas fällt einem nicht einfach in den Schoß. Man muss hart, sehr hart, daran arbeiten, kleine Rückschläge in Kauf nehmen und darf trotzdem niemals nachlassen. Niemals. Sonst geht es schief."
Die Stimme des Mannes klang so bestimmt, so wissend, dass Keanu keine Sekunde an seinen Worten zweifelte. Dieser ältere Herr hatte seinen Platz gefunden. Das merkte er. Und ja, er wollte das alles auch. Nur die Rückschläge machten ihm Angst. Denn er neigte dazu, sich dann schnell zurück zu ziehen und alles hinzuschmeißen, das wusste er ja inzwischen nur zu genau. Aber diesmal wollte er daran arbeiten. Hart arbeiten. Diesmal musste es einfach klappen.
"Wann haben sie denn Feierabend?" fragte Keanu nun.
Er wollte sich gern weiter mit dem Beamten unterhalten, denn er mochte die sympathische Stimme und seine besonnene Art.
"Oh, ich bin gerade eine viertel Stunde hier. Ich bleibe also bis morgen früh."
"Da haben wir beide wohl eine lange Nacht vor uns."
"Scheint so, ja."
"Wenn sie etwas brauchen, Kaffee, Brote oder etwas anderes, die Schwestern hier sind sehr freundlich und bringen es ihnen sicher sehr gerne."
"Ja, das sind sie sicherlich. Aber ich darf nichts annehmen. Strikte Anweisung. Und ich habe sowieso alles mit, was ich brauche" hier nickte er hinunter zu seiner Thermoskanne, neben der auch noch eine dunkelbraune Ledertasche stand.
"Daran habe ich jetzt nicht mehr gedacht" meinte Keanu betreten und dachte sogleich an den überwältigten und betäubten Polizisten.
"Wie geht es denn ihrem Kollegen? Ist er wieder wohl auf?"
"Bis auf einen gehörigen Brummschädel ist er wieder in Ordnung, ja. Er ist jetzt zu Hause und kuriert sich aus."
"Gut" nickte Keanu.
"Schlimme Sache, das ganze. Wirklich schlimm" meinte der Polizist nun und Keanu konnte in seinem Gesicht lesen, dass er wirklich betroffen war.
"Ja, allerdings. Und ich hoffe..." begann Keanu, als die Klinke heruntergedrückt wurde und die Tür neben ihm aufsprang.
Erwartungsvoll stieß er sich von der Wand ab und machte einen Schritt auf die Tür zu. Endlich! Es war so weit. Sofort jedoch stoppte er wieder. Denn die Tür war nicht geöffnet worden, damit er eintreten konnte. Statt dessen sah er nun den Rücken der Schwester und die zog Jo's Bett hinter sich her. Schnell aber vorsichtig manövrierte sie es so, dass die Stahlrohre nicht gegen den Rahmen stießen. Und am anderen Ende schob der Arzt. Gleichzeitig hatte er eine Hand an Jo's Tropf und passte auf, dass der so nebenher rollte, dass die Schläuche nicht straff gezogen wurden.
"Was ist passiert?" fragte Keanu lauter als nötig.
Die Schwester sah ihn nur kurz an und nickte jedoch nur in Richtung des Arztes. Während das Bett an ihm vorbei geschoben wurde, konnte Keanu in Jo's Gesicht sehen. Sie war unendlich blass, hatte die Augen weit geöffnet und blickte zu ihm auf. Ganz kurz verzogen sich ihre Gesichtszüge zu einem frustriertem Grinsen. Sie bewegte die Lippen. Und obwohl Keanu kaum hören konnte, was sie sagte, verstand er es trotzdem.
"Mist Keanu, oder? Mist, mist, mist...." wiederholte sie immer wieder.
"Ja, aber du schaffst das, Jo" versuchte er ihr mit seiner Stimme Mut zu machen so gut er konnte.
"Natürlich" antwortete sie auch sofort.
Noch einmal nickte er ihr zu. Danach blickte Keanu hilfesuchend zum Arzt. Aber auch der schien keine genaue Auskunft geben zu wollen.
"Der Fuß..." hörte er ihn nur murmeln. Danach: "....Infektion der Wunde..." und: "...erneut öffnen..." Schon waren sie an ihm vorbei und schoben schnell über den Gang zu einer anderen Tür, in der bereits eine weitere Schwester in einem grünen Kittel wartete.
"Oh nein!" stöhnte Keanu laut. "Ich dachte, sie hätte das Schlimmste endlich überstanden."
"Das hat sie doch vielleicht auch. Und wir, und auch alle anderen hier, werden mal schön dafür sorgen, dass es auch so bleibt. Also Kopf hoch" antwortete der Polizist dicht neben ihm und legte Keanu seine Hand warm und schwer und tröstend auf die Schulter.
"Ich muss Jo's Großvater anrufen. Er muss wissen, was mit Jo ist." fiel Keanu ein.
Bei diesen Worten sah er hinunter auf den Fußboden. Hektisch griff er in seine Hosentasche, in der das Handy steckte und zog es heraus.
Der Druck der Hand auf seiner Schulter verstärkte sich nun etwas.
"Ich denke nicht, dass sie das tun sollten."
Keanu hielt in der Bewegung inne und blickte auf.
"Nein?"
"Nein! Der alte Herr braucht Ruhe. Es bringt nichts, ihn zu diesem Zeitpunkt in Aufregung zu versetzen. Sicher würde er sofort herkommen. Sie sollten abwarten, ob es überhaupt nötig ist."
Einen Moment überlegte Keanu. Dann nickte er zustimmend und steckte das Telefon zurück.
"Ja, ok. Sie haben Recht."
_________________
Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt. -Mark Twain-

|esbe
Mod
Anmeldedatum: 25.02.2009
Beiträge: 18637
Wohnort: Schleswig-Holstein

| Verfasst am: 04.06.2012, 21:41 Titel:

Kapitel 53
Ungefähr eine dreiviertel Stunde musste Keanu warten. In dieser Zeit hatte der Beamte ihn doch noch zu einem Tee überredet. Dazu hatte Keanu seine Tasse im Waschbecken unter fließendem Wasser von den braunen, angetrockneten Kaffeeresten befreit und sich danach neben William, William Edwards, so hieß der Polizist, auf den Flur gesetzt. Schnell waren sie zum du übergegangen und William schaffte es tatsächlich scheinbar mühelos, Keanu abzulenken, indem er ihn in eine Unterhaltung verwickelte. Eine Unterhaltung, die so gar nichts mit dem zu tun hatte, was Keanu im Moment durchlebte, so dass er sie als wohltuende kleine Auszeit empfand.
Als jedoch die Tür erneut geöffnet wurde, war die Anspannung sofort wieder da und er sprang gleich auf und blickte Jo entgegen. Sie wurde mit ihrem Bett wieder über den Flur und zurück ins Zimmer geschoben. Keanu folgte ihr. Nachdem die Schwestern sie an ihren Platz zurück gestellt und Schläuche und Apparate gerichtet hatten, verließen sie den Raum und Keanu war mit Jo allein.
"So, da bin ich also wieder."
"Was haben die gemacht? Und wie fühlst du dich?"
"Puh Keanu, ich hoffe, dass es irgendwann mal keinen Grund mehr für diese Fragen gibt" meinte Jo und grinste Keanu an.
"Tja..." zuckte der mit den Schultern.
"Sie haben meinen Fuß betäubt und dann den genähten Schnitt wieder geöffnet und daran herumgestochert und -geschnippelt. Frag mich nicht, was sie genau gemacht haben. Es hat aber wohl ordentlich geblutet. Ich habe die roten Tücher gesehen. Sicher habe ich jetzt ein richtig schönes großes Loch unterm Fuß."
"Urgh..." brachte Keanu hervor und schüttelte sich.
Jo musste leise lachen.
"Ach, noch spüre ich nichts und das ist bestimmt auch gut so."
"Ja, wahrscheinlich. Und dein Fieber?"
"Dagegen wollen sie erst mal nichts tun. Sie beobachten nur. Aber es ist schon etwas gesunken."
"Aha."
Eine Weile herrschte Stille. Keanu hatte im Sessel Platz genommen und bemerkte wenig später, die gleichmäßigen Atemzüge von Jo. Sie war eingeschlafen.
Als Jo die Augen wieder aufschlug, saß Keanu natürlich noch immer neben ihr. Sein Blick ging jetzt jedoch ins Leere. Er schien nicht zu bemerken, dass sie wach geworden war, so weit weg war er. Er knetete abwesend seine Hände und Jo beobachtete ihn dabei.
Schließlich räusperte sie sich leise und sagte:
"Weißt du wo ich jetzt gerne wäre, Keanu?"
Der blickte sie schnell und ein wenig erstaunt wieder direkt an.
"Oh, du bist wach. Hm...ich denke da gibt es wohl ziemlich viele Orte, oder?"
"Stimmt, eigentlich ist alles besser als hier zu sein! Aber ich dachte tatsächlich nur an eine schöne Dusche."
"Du möchtest duschen?" fragte Keanu ungläubig.
Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Ihm war bei Jo's Worten sofort die sonnenbeschienene, stille Lichtung mit dem kleinen See und der gemütlichen Hütte in den Sinn gekommen. Er sah sie so deutlich vor sich, dass er meinte, die Sonne auf seiner Haut zu spüren und den Geruch in der Nase zu haben. Dort, genau dort wäre er jetzt gern. Mit ihr zusammen. Er sehnte sich so sehr danach, dass es fast weh tat. Aber er konnte wohl kaum erwarten, dass auch Jo sich dorthin zurück wünschte.
"Ja, ist das so merkwürdig?" wollte Jo nun wissen und riss ihn aus seinen Gedanken..
"Nein, das ist es nicht. Im Gegenteil. Es ist toll" Keanu setzte sich gerader hin. "Denn dann scheint es dir doch langsam besser zu gehen."
"Ich glaube auch. Und ich habe etwas Hunger."
"Hunger? Ich dachte" Keanu zeigte auf den Tropf, "ich dachte das Ding da versorgt dich mit allem."
Jo folgte seinem Finger mit den Augen und zuckte die Schultern.
"Hm...tja, ich weiß auch nicht. Ich könnte trotzdem was essen. Immer nur so dünnes Zeug macht auf Dauer eben nicht satt. Mich zumindest nicht."
"Super" lächelte Keanu. "Was möchtest du? Pizza? Ich könnte dich zu meinem Lieblingsitaliener ausführen."
"Das ist eine klasse Idee. Meinst du jemand wird sich daran stören, wenn ich im Krankenhauskittel erscheine? Meine Sachen sind bestimmt unbrauchbar."
"Nein, das stört nicht. Und der hübsche weiße Verband über deinem Auge passt auch prima dazu" kicherte Keanu.
Auch Jo musste grinsen und befühlte vorsichtig ihre Stirn.
"Ja, der ist sehr dekorativ, nicht wahr? Da bist du sicher etwas neidisch, weil du auch gerne so einen hättest."
"Ja, unbedingt" lachte Keanu.
"Und mein Fuß macht das ganze Bild komplett. Ah, weißt du was? Ich hab eine bessere Idee. Wir gehen zu einem Kostümball. Da falle ich nicht auf."
"Stimmt. Sicher bekommst du sogar den ersten Preis für das originalgetreueste Outfit."
"Cool. Lass uns also...." meinte Jo und tat so, als wolle sie aufstehen. "Nur ein Problem gibt es."
"Welches?" wollte Keanu wissen.
"Hin humpeln geht vielleicht noch. Aber ich kann dort nicht mit dir tanzen."
"Ja, schade. Aber ein Ball ohne Tanz, das geht nicht. Hm...ich müsste dich dabei tragen."
"Oh je...." brachte Jo gespielt erschrocken hervor.
Sie blödelten noch etwas herum. Bis Jo seufzte und sagte:
"Es ist schön, so herumzualbern. Aber jetzt bin ich total müde. Ich mache noch mal ein kurzes Nickerchen, okay? Willst du nicht doch lieber...?"
"Nein" unterbrach Keanu sie sofort. "Schlaf gut, Jo" fügte er noch hinzu.
Danach zog er fürsorglich ihre Decke zurecht und Jo schlief fast augenblicklich ein.
Keanu blieb noch lange an Jo's Bett sitzen. Auch er wurde langsam müde und sehnte sich danach, sich auszustrecken. Aber sich noch einmal zu Jo zu legen, das traute er sich nun nicht mehr. Jetzt, da sie aus dem Koma erwacht war und er immer noch nicht genau wusste, wie sie zu ihm stand, kam das nicht in Frage. Er überlegte kurz, ob er eine Schwester bitten sollte, ihm ein weiteres Bett in den Raum zu schieben. Verwarf diesen Gedanken jedoch genauso schnell wieder, wie er ihm gekommen war. Mit der Zeit begann sein Rücken erneut zu schmerzen und immer wieder und immer öfter rutschte er hin und her und versuchte so, eine angenehmere Haltung zu finden. Aber es gelang ihm nicht. Daher stand er endlich auf und lief kreuz und quer durchs Zimmer. Der Platz war sehr beengt, und Keanu konnte nur wenige Schritte in die verschiedenen Richtungen machen. Dabei kam er sich vor wie ein Tier in seinem Käfig. Wie der Eisbär im Zoo, über den er vor kurzem einen deprimierenden Bericht im Fernsehen gesehen hatte. Der war allein in seinem kargen, viel zu kleinen und nicht artgerechten Gehege immer dieselbe Strecke gelaufen. Immer und immer wieder.
Noch während Keanu über diesen bedauernswerten Bären nachdachte und weitere erschreckende Vergleiche mit sich selbst und seinem Leben zog, hörte er durch die Tür ein leises Husten. William! Kurz blieb er stehen und blickte auf Jo. Sicher hatte sie nichts dagegen, wenn er nach draußen auf den Flur ging und sich mit William unterhielt. So könnte er sich etwas beschäftigen und würde sie trotzdem hören, sollte sie wach werden. Eine Sekunde zögerte er noch. Dann nickte er kräftig und öffnete leise die Tür. William blickte ihm erwartungsvoll entgegen. Als Keanu auf den Flur trat und sich an die Wand lehnte, verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln. Er hatte Keanu's Absicht nun erkannt und auch er war froh über etwas Gesellschaft. Das konnte Keanu ihm genau ansehen.
_________________
Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt. -Mark Twain-

||Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde

Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.

Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.
Powered by phpBB © 2001, 2002 phpBB Group
Deutsche Übersetzung von phpBB.de