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Fichte widmet sich dem Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre (1797/98), die er immer wieder umarbeiten wird; Schelling legt die Darstellung meines Systems der Philosophie (1801) vor, die er alsbald durch Fernere Darstellungen aus dem System der Philosophie (1802) ergänzt. Hegel stellt seine Phänomenologie des Geistes (1807) unter die methodischen Vorzeichen einer „spekulativen Darstellung“. Auf den ersten Blick scheint das wenig aufregend, weil ‚Darstellung’ heute ein Allerweltswort ist. Um 1800 galt ‚Darstellung’ aber als markanteres Wort und es war offenbar en vogue, Philosophie als Darstellung zu verstehen.
Was ist damit aber gesagt? Um diese Frage zu beantworten, ist es notwendig, die Geschichte dieses philosophischen Begriffs einzubeziehen. Es ist Kant, der den Begriff in die Philosophie einführt und ihm ein ganz spezifisches Profil verleiht. In einer Erörterung des Vorgehens der Geometrie, spricht er ihr die Fähigkeit zu, ihre Begriffe ‚darzustellen’, und meint damit folgendes: Ein Geometer verfügt mit dem Begriff des Dreiecks beispielsweise über die Regel, Dreiecke zu konstruieren. Es ist aber nicht sein Ziel, beliebige Dreiecke zu konstruieren. Vielmehr will er Erkenntnisse über Dreiecke im Allgemeinen und also ihren Begriff gewinnen. Er kann sich dabei aber der Anschauung einzelner Dreiecke bedienen, so Kant, indem er sie konstruiert, um zugleich auf die Regel ihrer Konstruktion zur reflektieren und damit Wissen über den Begriff des Dreiecks im Allgemeinen zu gewinnen. Anders gesagt bedient sich der Geometer einzelner Anschauungen derart, dass er sich in ihnen seine allgemeinen Begriffe vor Augen führt, d.h. „das Allgemeine im Besonderen, ja gar im Einzelnen“ (KrV, B 742; AA 03: 469.28–29) darstellt.
Bei Kant bezieht sich der Begriff der Darstellung also auf die geometrischen Beweise durch Konstruktion. Genauer steht sie aber im Kontext einer Reflexion auf die Grenzen der Philosophie. Denn die Philosophie will wie die Mathematik Erkenntnis von Begriffen gewinnen. Anders als die Geometrie kann sie, laut Kant, ihre Begriffe aber nicht in der Anschauung darstellen. Ihre Erkenntnis fällt daher gegenüber der Mathematik ab, womit sich Kant gegen die rationalistische Tradition der Philosophie richtet. Es ist jedoch diese Grenze, die die Deutschen Idealisten überwunden glauben, wenn sie ihre Philosophien als ‚Darstellungen’ verstehen: Sie behaupten nichts weniger, als im Einzelnen das Allgemeine darstellen zu können und über eine der Mathematik ebenbürtige oder gar sie übertreffende Erkenntnis zu verfügen. Dieser Anspruch ist keineswegs nur Ausdruck des spekulativen Überschwangs des Deutschen Idealismus. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich nämlich, dass er einhergeht mit eingehenden Reflexionen auf das Vorgehen der Philosophie im Vergleich zu wissenschaftlichen wie künstlerischen Praktiken. Kant hatte den Begriff mit Bezug auf den geometrischen Beweis durch Konstruktion eingeführt, um der Philosophie Grenzen zu setzen. Unter dem Eindruck der bahnbrechenden Entwicklungen in der Chemie oder der Biologie der Zeit entwickeln die nachkantischen Philosophen den Begriff dagegen zum einen mit Bezug auf deren experimentelle Verfahren weiter. Zum anderen nehmen sie die resultierenden Darstellungsbegriffe selbst für die Philosophie in Anspruch. Das Selbstverständnis der Philosophie ist so verbunden mit wissenschaftstheoretischen Überlegungen auf der einen Seite wie ästhetischen Diskussionen über künstlerische Praktiken auf der anderen Seite.
Was ist es jedoch, das der Darstellungsbegriff an wissenschaftlichen Praktiken hervortreten lässt und den philosophischen Optimismus anzustiften scheint? Es ist die erstaunliche Leistung, am Einzelnen allgemeine Strukturen anschaulich und fasslich zu machen. Der Mathematiker beweist via Konstruktion an einem einzelnen Dreieck Theoreme, die für alle Dreiecke gelten; der Chemiker stellt in einem Experiment einen Stoff dar, der, wie z.B. Wasser, vielleicht seit langer Zeit bekannt ist, nun aber als ein Element oder als eine Verbindung erklärt wird und in einer entstehenden Ordnung der Stoffe und ihrer Reaktionen begriffen werden kann. In der geometrischen Konstruktion oder dem chemischen Experiment wird also etwas hervorgebracht, um die allgemeinen Gesetze oder Strukturen vor Augen zu führen, die es bestimmen oder definieren.
Diese Rolle der Verfahren geht einher mit einem neuen Modell der Repräsentation. Prozesse der Darstellung beziehen Einzelnes und Allgemeines aufeinander, um das Einzelne zu begreifen und allgemeinen Gesetze am Einzelnen zu erforschen. Dies gelingt weder über eine Vorstellung oder Idee von einem einzelnen Dreieck oder von Wassertropfen noch durch eine Analyse des Begriffs des Dreiecks oder unseres Worts ‚Wasser‘. Es bedarf vielmehr der Ausführung von Verfahren, ihres Vollzugs am Einzelnen und gleichzeitig ihrer Reflektion auf das, was sich an diesem Einzelnen zeigt. Ansonsten haben wir lediglich ein Dreieck konstruiert oder etwas Wasser hergestellt oder eben Begriffe und Worte analysiert, die vielleicht unser Alltagsverständnis widerspiegeln, aber ohne Konstruktion oder Experiment an einzelnen Phänomenen nicht von der Sache her bestimmt werden. Damit letzteres gelingen kann, kann das Einzelne auch nicht als Zeichen für den Begriff fungieren. Denn dieses einzelne Dreieck oder diese Wasserprobe bezeichnen keine allgemeinen Begriffe, sie instanziieren und verkörpern vielmehr die Gesetze, die sie definieren oder bestimmen. Aus der Sicht des Darstellungsbegriffs rücken daher die Vollzüge und Prozesse der Konstruktion oder des Experiments in den Blick, kurz, die Praktiken des Forschens – und Philosophierens.
Denn auch die Philosophen um 1800 nehmen sich ähnliches vor, wenn sie an ihren ‚Darstellungen‘ der Philosophie arbeiten. Sie erörtern weder Vorstellungen noch Begriffe, über die wir vermeintlich verfügen. Sie versuchen vielmehr, Verfahren zu entwickeln, die sich einzelner Vorstellungen, Anschauungen oder Erfahrungen bedienen, um Begriffe zu behandeln, die dieses Einzelne ebenso begreiflich machen, wie sie nur an ihm zu bestimmen sind. Welche Verfahren dabei die richtigen sind, welche Vorstellungen, Anschauungen und Erfahrungen das Einzelne liefern sollen, auf dessen Gesetze oder Strukturen die Philosophie abzielt – diese Fragen beantwortet jeder Philosoph aber anders. Was in den philosophischen Texten Fichtes, Schellings oder Hegels jedoch stets im Zentrum steht, sind der Vollzug und der Nachvollzug. Die Systeme, auf die die Deutschen Idealisten abzielen, sind nur auf diesem Wege zu haben, im Vollzug und Nachvollzug der philosophischen Verfahren sollen sie sich vor den Augen der Leserin am Einzelnen entfalten.
Weiterführende Literatur
Folgende Publikationen sind im Rahmen des dargestellten Projektes entstanden und führen die im Blogbeitrag angedeuteten Gesichtspunkte detaillierter aus.
Arno Schubbach, Kants Konzeption der geometrischen Darstellung. Zum mathematischen Gebrauch der Anschauung, in: Kant-Studien 108.1 (2017), 19-54.
Jelscha Schmid, Schelling’s method of Darstellung. Presenting nature through experiment, in:
Studies in History and Philosophy of Science, Part A, 69 (2018), 12-22.
Arno Schubbach, Der 'Begriff der Sache'. Kants und Hegels Konzeptionen der Darstellung zwischen Philosophie, geometrischer Konstruktion und chemischem Experiment, in: Hegel-Studien 51 (2018), 121-162.