Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03248.jsonl.gz/450

Verteilung des Weltwirtschaftswachstums
Nach einer Durststrecke zu Beginn des neuen Jahrtausends erholte sich die Weltwirtschaft in den letzten beiden Jahren auf breiter Ebene. Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) wuchs die Weltwirtschaft in den letzten Jahren so stark wie seit Beginn der Siebzigerjahre nicht mehr. Im Jahr 2004 betrug das globale Wirtschaftswachstum 5,3% und 2005 noch 4,9%. Im laufenden Jahr rechnet der IWF wieder mit einer leichten Beschleunigung auf 5,1%. Das hohe Wachstum war indes nur teilweise den westlichen Industrienationen zu verdanken. Vor allem die Emerging Markets der Bric-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) trugen einen beachtlichen Anteil zum globalen Wachstum bei.
Globale Tendenzen der letzten Jahre
Beinahe während des gesamten letzten Jahrhunderts wurde die Entwicklung der Weltwirtschaft vor allem durch die grossen Industrienationen Europas und Nordamerikas bestimmt. Erst gegen Mitte der Achtzigerjahre gewannen aufstrebende ostasiatische Nationen – allen voran Japan und Südkorea – an Gewicht und schafften insbesondere durch die Besetzung von Schlüsselindustrien den Wandel von Agrarzu Industriestaaten. Während jedoch Japan zu Beginn der Neunzigerjahre aufgrund des Platzens der «Bubble-Economy» in eine tiefe Krise rutschte, begann der nach wie vor anhaltende Aufschwung von China und Indien.
China auf dem Vormarsch
Bei einer Betrachtung der Anteile einzelner Länder an der Weltwirtschaft eröffnen sich interessante Aspekte. Während der Beitrag der Schweiz zum globalen BIP im letzten Jahr lediglich 0,4% betrug, steuerten die USA beachtliche 19,7% bei. Beiden Ländern ist jedoch gemeinsam, dass ihr Anteil an der Weltwirtschaft seit 1980 nicht mehr gewachsen ist. Dies ist vor allem auf die stark gestiegene Bedeutung der Volkswirtschaft Chinas zurückzuführen: Das Land, das 1980 nur gerade 3,5% zum Welt-BIP beitrug, verzeichnete 2005 bereits einen Anteil von 16,8%. Nach Marktwechselkursen gilt die Volksrepublik China momentan noch als sechstgrösste Volkswirtschaft der Welt. In der kaufkraftbereinigten Rangliste rangiert sie aber bereits auf dem zweiten Platz und könnte, sofern das bisherige Wachstumstempo beibehalten wird, die US-Wirtschaft bereits in vier Jahren überholen!
Europa verliert an Boden
Fasst man einzelne Länder zu Gruppen zusammen, werden die globalen Veränderungen deutlich (siehe Grafik 1). Während sich der Anteil des nordamerikanischen Wirtschaftsraums (USA und Kanada) nur leicht verringerte, verlor Europa massiv an Gewicht: 1980 wurden noch etwas mehr als 28% des globalen BIP in Europa erwirtschaftet; 2005 waren es noch 22%. Die in den Achtzigerjahren aufstrebenden asiatischen Länder (ohne China) konnten zwar ihre Anteile bis Mitte der Neunzigerjahre ausweiten, verloren diese jedoch im Zuge der Asienkrise wieder und befanden sich im letzten Jahr erneut auf dem Niveau von 1980. Als beeindruckend erweist sich die Expansion der Bric-Staaten, welche sich in den letzten Jahren zur bedeutendsten Ländergruppe entwickelt haben. Da viele der bisher führenden Industrienationen in den letzten Jahren mit einem tiefen Wachstum zu kämpfen hatten, wandten sich die Investoren vermehrt dieser heterogenen Staatengruppe zu. Während Brasilien und Russland vor allem als Rohstofferzeuger auftraten, entwickelten sich Indien und China zu konkurrenzfähigen Industrienationen. Unterstrichen wird die wachsende Bedeutung der Bric-Staaten auch mit einer Betrachtung der Direktinvestitionen: 2003 flossen bereits 15% der weltweiten Direktinvestitionen in die Bric-Staaten; 1980 waren es erst knapp 4%. Quelle: Unctad.
Entwicklungsländer profitieren von hohen Rohstoffpreisen
Einige afrikanische Länder – allen voran Nigeria und Angola – verzeichneten dank den stark gestiegenen Rohstoffpreisen (Rohöl, Erdgas, Uran, Kupfer, Gold und Kaffee) in den letzten Jahren das stärkste Wachstum seit über 30 Jahren. Ähnliches gilt auch für die gas- und ölexportierenden Länder Lateinamerikas. Insgesamt war jedoch Südamerika in den letzten Jahren die am schwächsten wachsende Region unter den Entwicklungsländern. Trotz der momentanen Rohstoffpreis-Hausse gelingt es vielen Entwicklungsländern Afrikas und Südamerikas nach wie vor nicht, ihre weltwirtschaftliche Bedeutung markant zu steigern.
Regionale Konzentration des Wachstums – der Gini-Index
Neben der Höhe des weltwirtschaftlichen Wachstums ist auch die Ausprägung der regionalen Konzentration von Interesse. Um festzustellen, wie breit das Wachstum auf verschiedene Länder abgestützt ist, lässt sich ein so genannter Gini-Index bilden. Diese Masszahl, welche definitionsgemäss zwischen 0 und 1 liegt, gibt Aufschluss über die Verteilungsgleichheit des Wachstums. Je näher der Wert des Gini-Index bei 1 liegt, desto einseitiger konzentriert sich das globale Wachstum auf einzelne Länder. Ein Gini-Index nahe bei 0 bedeutet dagegen eine ausgewogene Verteilung; d.h. alle Länder tragen – gemessen an ihrer Wirtschaftskraft – ähnlich viel zum gesamten Wachstum des Welt-BIP bei. Grafik 2 zeigt einen negativen Zusammenhang zwischen dem Gini-Index und dem weltwirtschaftlichen Wachstum. In weltwirtschaftlich schwachen Jahren erleiden viele Länder eine Rezession und tragen nicht oder sogar negativ zum Wachstum bei. Die positiven Wachstumsraten konzentrieren sich nur auf wenige Länder, was einen Anstieg des Gini-Index zur Folge hat. In expansiven Phasen partizipieren jedoch die meisten Länder am Aufschwung und tragen damit positiv zum Wachstum bei, so dass die Konzentration – und entsprechend der Gini-Index – gering ist. Auch für die derzeitige Phase (2004 bis 2007) gilt dieses Muster: Da viele Länder momentan einen Aufschwung erleben, ist das Weltwirtschaftswachstum sehr breit abgestützt und der berechnete Gini-Index entsprechend klein.
Hoher Beitrag der Bric-Staaten
Wie aus der Entwicklung der Anteile am Welt-BIP bereits zu vermuten war, verbergen sich hinter der insgesamt niedrigen weltwirtschaftlichen Konzentration wesentliche Wachstumsverschiebungen (siehe Grafik 3). So tragen die vier grössten europäischen Länder (Deutschland, Frankreich, Italien und Grossbritannien) bereits seit Jahren immer weniger zum weltwirtschaftlichen Wachstum bei, während die Emerging Markets der Bric-Staaten ihren Wachstumsbeitrag beständig erhöht haben. Die USA konnten ihren Beitrag zum Weltwachstum weit gehend behaupten. Die drei Gruppen (Bric, USA, EU4) zusammengenommen sind für rund zwei Drittel des Weltwirtschaftswachstum verantwortlich, was in etwa auch ihrem Anteil am Welt-BIP entspricht.
Ausblick
Im Sommer 2006 haben sich die Anzeichen gemehrt, dass das bislang ausgesprochen lebhafte Weltwirtschaftswachstum leicht an Schwung einbüssen wird. Insbesondere in den USA dürfte sich das Wirtschaftswachstum im Zuge der Abkühlung am Immobilienmarkt spürbar abschwächen. Nach einer Prognose für 5,1% im laufenden Jahr prognostiziert der IWF jedoch nur eine geringe Abschwächung auf 4,9% im Jahr 2007. In den kommenden Jahren scheinen vor allem die Industrienationen Europas und Nordamerikas weiter an Terrain gegenüber den Bric-Staaten einzubüssen. Obwohl bereits als gewichtigste Ländergruppe im globalen BIP vertreten, besitzen die Bric-Staaten – gemessen am durchschnittlichen Einkommen – nach wie vor einen massiven Aufholbedarf. So beträgt deren Pro-Kopf-BIP immer noch lediglich ein Bruchteil dessen (im Durchschnitt ca. 20%), was in den westlichen Industrienationen pro Kopf verdient wird.
Grafik 1 «Anteile von Ländergruppen an der Weltwirtschaft, 1980 und 2005»
Grafik 2 «Weltwirtschaftswachstum und Gini-Index, 1981-2007»
Grafik 3 «Wachstumsbeiträge von Ländergruppen zum Welt-BIP, 1981-2007»
Kasten 1: Berechnung des Welt-BIP zu Kaufkraftparitäten Um ein Weltwirtschaftswachstum zu berechnen, muss das BIP aller Länder in eine globale Währung (häufig in US-Dollar) umgerechnet und aggregiert werden. Dazu stehen vor allem zwei unterschiedliche Konzepte zur Verfügung: Einerseits können die Aggregate zu Marktwechselkursen umgerechnet werden (z.B. Jahresdurchschnitte); andererseits findet die Methode der Kaufkraftparitäten Anwendung. Verwendet man Marktwechselkurse, so wird vernachlässigt, dass sich die Kaufkraft in verschiedenen Ländern zum Teil markant voneinander unterscheidet. Vor allem Entwicklungsländer mit einer unterbewerteten Währung weisen ihr BIP gemessen in US-Dollar tendenziell tiefer aus. Internationale Organisationen – wie die OECD und der IWF – bevorzugen die Methode der Kaufkraftparitäten und korrigieren daher die Wechselkursumrechnung um die empirisch geschätzte Kaufkraft, um die Wirtschaftsleistung von verschiedenen Ländern angemessen vergleichen zu können.
Kasten 2: Literatur – Gulde, Anne Marie und Schulze-Ghattas, Marianne (1993): Purchasing Power Parity Based Weights for World Economic Outlook, IWF Staff Studies for the World Economic Outlook, Dezember, S. 106-123 ( www.imf.org/external/pubs/ft/wefs/1993/eng/studies/pdf/93WEOss3 .pdf).- IWF (2006): World Economic Outlook. Financial Systems and Economic Cycles, September ( www.imf.org/external/pubs/ft/weo/2006/02/pdf/weo0906 .pdf).- Unctad (2005): World Investment Report 2005, Transnational Corporations and the Internationalization of R&D ( www.unctad.org/en/docs/wir2005_en .pdf).
Zitiervorschlag: Simon Jäggi (2006). Verteilung des Weltwirtschaftswachstums. Die Volkswirtschaft, 01. November.