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Abrechnung nach Mitternacht
«Weil du jetzt alles weisst, wollen wir darauf anstossen», sagte der Kerl überfreundlich. Er brachte zwei Becher heran, die er in einer dunklen Ecke gefüllt hatte. «Ein ganz besonderes Tröpfchen, das du trinken sollst», sprach er lächelnd. «Halt, ich habe noch etwas vergessen», unterbrach er sich und ging zur Kochstelle.
«Gift?», durchzuckte es Jacques beim Blick in seinen Becher und er vertauschte heimlich die beiden Trinkgefässe: Er stellte seinen Becher an Babous Platz. Dann überlegte er, wie er unerkannt flüchten könnte. Gegenwehr war zwecklos, denn sein Gewehr lehnte immer noch aussen an der Hüttenwand. Hätte er es doch nur mitgenommen, dachte Jacques. Er schaute auf die Taschenuhr: Mitternacht. Es regnete noch immer und in der Ferne blitzte es. Ein Gewitter zog auf.
Nun kam der Riese zurück und stellte zwei gefüllte Lederbeutel auf den Tisch: «Nachher will ich mit dir spielen. Aber lass uns zuerst trinken.» Sie prosteten einander zu. Babou hob den Becher und leerte ihn in einem Zug. Jacques tat so, als würde er ebenfalls austrinken.
Babou ergriff nun beide Beutel und schüttete zwei Haufen funkelnde Geldstücke auf die Tischplatte. Seine Augen glänzten. «Hier habe ich zwei Beigen Geld», erklärte er, «die eine gehört mir und die andere dir. Wenn du herausfindest, welche dir ist, schenke ich dir die Freiheit. Wenn nicht, sollst du auf ewig mein Knecht sein. Einverstanden?» Jacques, der nichts mehr zu verlieren hatte, spielte mit.
«Welchen Haufen nimmst du jetzt?», fragte Babou ungeduldig.
«Ich nehme beide, damit auch meiner dabei ist», sagte Jacques und umschlang mit seinen Armen das ganze Geld.
Sein Gegenüber riss ungläubig beide Augen auf und rief: «Nein, das geht nicht! So haben wir nicht gewettet!» Er schlug mit der Faust auf den Tisch und wollte seinen Mitspieler packen. Doch der duckte sich weg. Während der Riese zu einem Schlag ausholte, hielt er plötzlich inne und griff sich an den Hals. «Was ist denn das?», keuchte er. «Ich kann nicht mehr atmen.»
«Du hast den Becher getrunken, den du mir hast geben wollen», spottete der Uniformierte.
«Nein! Du hast mich vergiftet!», schrie Babou. Mit letzter Kraft öffnete er die Türe und wankte ins Freie. «Es ist aus!» In diesem Moment donnerte es fürchterlich und ein Blitz durchfuhr Babous Körper. Durch den Knall verlor Jacques das Bewusstsein und fiel zu Boden.
Zurück nach Goumois
Als er wieder zu sich kam, schien bereits die Sonne. Jacques setzte sich auf und überlegte, wo er war. Hatte er alles nur geträumt? Und wo war Babou? Der Grenzwächter erhob sich. Vor der Tür, wo der Blitz eingeschlagen und seinen Widersacher getroffen hatte, lag jetzt ein Felsbrocken, darunter schaute Babous Lederhut mit angebrannter Krempe hervor. Jacques suchte mit scharfem Blick die Umgebung ab. Er wollte sich vergewissern, dass der Riese verschwunden war. Doch nichts rührte sich. Es war totenstill. Nun fasste Jacques Mut und zog den Hut unter dem Stein hervor In der Hütte suchte er an Schmuggelware zusammen, was er tragen konnte. Auch die beiden Geldbeutel und den Hut nahm er mit. Den Rest musste er zurücklassen. Nun marschierte er los. Der Grenzwächter war erst ein paar Schritte weit gekommen, als die Erde zu beben begann. Es grollte dumpf und eine dichte Staubwolke begann sich auszubreiten. Nachdem sie sich gelegt hatte, schaute Jacques zurück: Haus und Höhle waren verschwunden, begraben unter einem riesigen Haufen Geröll.
Als Jacques gegen Mittag Goumois erreichte, erwartete ihn der Postenchef bereits unter der Türe des Zollhauses. «Warum erscheinst du erst jetzt zum Dienst?», brummte er verärgert, «Und wie kommst du überhaupt daher?!» Jacques legte die mitgebrachten Dinge auf den Postentisch und erzählte, was er in der vergangenen Nacht erlebt hatte. Der Wachtmeister schaute ihn misstrauisch an und fragte: «Kannst du beweisen, dass Babou weg ist?»
«Ja, das kann ich», entgegnete Jacques und streckte seinem Vorgesetzten den angesengten Hut hin.
«Nun denn», meinte der Postenchef, «so streichen wir den Namen von der Fahndungsliste und verbuchen den Betrag als aufgefundenes Geld. Und dann kannst du gleich den Rapport schreiben.»
Schon bald verbreitete sich im Jura die Kunde, dass Jacques Babou vertrieben habe. Männer aus den Freibergen machten sich mit Pickeln und Schaufeln auf, um im Wald nach dem Schatz zu graben. Vergebens, der Ort blieb unauffindbar. Von den Schmugglern aber wagte es lange Zeit keiner mehr, den Doubs zu durchwaten, wenn sie Jacques im Dienst wähnten.