Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03596.jsonl.gz/950

Leicht macht es der Zürcher Militärhistoriker dem Leser nicht gerade. Rudolf Jauns geschichtswissenschaftliche Habilitationsschrift kommt sehr szientistisch daher, in einer unnötig komplizierten Sprache. Zu fragen wäre, was mit einem universitären Wissenschaftsbetrieb los ist, der eine Wortakrobatik hervorbringt, die doch mehr verdunkelt als erhellt und die
- in diesem Falle - selbst den militärhistorisch interessierten Leser verstört? Zu fragen wäre auch, ob es politische Gründe gibt, die es geraten erscheinen lassen, gleichsam die Flucht in den Elfenbeinturm und in eine elitäre Terminologie anzutreten?
Für einen Rezensenten, der selbst kein Schweizer ist, der aus eigener Erfahrung aber sehr wohl weiss, dass die Militärgeschichtsforschung in den meisten Ländern in einem Spannungsverhältnis zum politischen Umfeld steht, sind hier einige eher beiläufige Bemerkungen Jauns von Interesse. Er schätzt sein Thema als brisant ein und begründet dies folgendermassen: Sozialgeschichtliche Untersuchungen des Militärs bewegten sich in der Schweiz in einem «politisch polarisierten Umfeld». Die Truppenführung erwarte vom Militärhistoriker, dass er deren Perspektive einnehme, und strafe ihn andernfalls mit dem Diktum der Inkompetenz ab. Gleichzeitig erwarte eine zunehmend militärkritisch gewordene Öffentlichkeit von den Historikern entsprechende Unterstützung (5). Jaun distanziert sich von beiden Forderungen und definiert sich in der Weise, dass seine Untersuchung zu einer - in der Schweiz noch eher in den Kinderschuhen steckenden - «Sozialgeschichte des Militärs» beitragen solle. Dieses lobenswerte Vorhaben versucht er einzulösen, indem er sich an Deutungsmustern der deutschen Gesellschaftsgeschichte orientiert. So überprüft er beispielsweise, ob es in der Schweiz eine Analogie zur «Feudalisierung» des preussischen Offizierskorps gab oder nicht. Schnell stellt sich heraus, dass es andere Faktoren waren, die auf die schweizerische Entwicklung einwirkten.
Das Thema wird folgendermassen umrissen: «Die vorliegende Arbeit macht es sich zur Aufgabe, auf dem Hintergrund der langen militärischen und sozialen Entwicklung des schweizerischen Offizierskorps die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einsetzende Adaption preussisch-deutscher Disziplinierungs- und Führungsformen in der schweizerischen Milizarmee zu rekonstruieren und zu analysieren.» (13) Dazu muss man Folgendes wissen: In der Zeit zwischen 1890 und 1914 stand die Entwicklung des schweizerischen Offizierskorps im Zeichen beträchtlicher Veränderungsprozesse. Es gab damals in der Alpenrepublik ernsthafte Bestrebungen, das eigene Militär gleichsam zu preussifizieren, das heisst, spezifisch preussische Vorstellungen von Disziplin und Führungsstil zu übernehmen. Der Sachverhalt selbst - dass es solche Tendenzen zu einer Verpreussung der Schweizer Armee gegeben hat - wurde in der Forschung häufig ausgeklammert oder verschleiert. Wenig bekannt ist, in welchem Ausmass sich diese Tendenzen durchzusetzen vermochten und dass sie noch vor dem Ersten Weltkrieg zur dominanten Strömung wurden. Schliesslich sind diese Bestrebungen aus heutiger Sicht - besonders vor dem Hintergrund unseres Wissens um die Folgen des preussisch-deutschen Militarismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - nicht ohne weiteres verständlich und daher erklärungsbedürftig. Warum hatten einflussreiche Offiziere der Schweizer Milizarmee um die Jahrhundertwende ausgerechnet «Preussen vor Augen»? War doch Preussen der Militärstaat par excellence, der Hort des Militarismus, ein traditionell von einem Militäradel beherrschter Obrigkeitsstaat, dem alles Republikanische fremd war!
Rudolf Jaun ist sich der strukturellen Unterschiede zwischen der mächtigen preussisch-deutschen Militärmonarchie und dem republikanischen Kleinstaat Schweiz im Prinzip bewusst: «In Deutschland kommandierte ein möglichst aus dem Adel rekrutiertes Offizierskorps ein aus rechtsunterworfenen Staatsangehörigen [...] gebildetes Heer.» In dem liberal-demokratischen Verfassungsstaat Schweiz dagegen gab es eine Milizarmee, in der Staatsbürger unter der Führung von Offizieren dienten, die sich selbst ebenfalls als Staatsbürger begriffen - und nicht als Angehörige einer politischen Herrschaftsschicht wie in Preussen-Deutschland. Die Schweiz verfügte über kein stehendes Heer und über kein Berufsoffizierskorps. Die Milizarmee diente ausschliesslich dem Landesschutz, und die Motivation der Milizsoldaten war insofern eindeutig. Andererseits war das preussisch-deutsche Militär eben nicht auf die Funktion der Landesverteidigung beschränkt. Die Reichsgründung war durch drei - nur mühsam als «Verteidigung» kaschierte - Offensivkriege zustande gekommen, und im Zeitalter des Imperialismus ab 1890 bildete der Aggressionskrieg zur Erkämpfung eines «Platzes an der Sonne» eine ständige Option der deutschen Politik. Diesen grundlegenden Unterschied beachtet Jaun zu wenig. Möglicherweise haben ihn auch jene Offiziere verkannt, die seinerzeit das preussische Vorbild auf die Schweizer Armee übertragen und der «gemütlichen Milizarmee» den Garaus machen wollten.
Jaun legt im 1. Hauptteil seiner Arbeit die Entwicklung des Schweizer Milizsystems im 19. Jahrhundert dar, besonders den Wandel der Funktion der Offiziere. Im II. Teil analysiert er jene neuen Tendenzen im schweizerischen Offizierskorps, die einer Hinwendung zum preussisch-deutschen Militärgeist das Wort redeten und die mit dem Namen des späteren Generals Ulrich Wille untrennbar verbunden sind. Im III. Teil wird untersucht, wie sich dieser «Neue Geist» im Truppenalltag einerseits und in der schweizerischen Zivilgesellschaft andererseits auswirkte. Schliesslich prüft der Autor im IV. Teil seiner Untersuchung, wie sich die Übernahme des preussisch-deutschen «Militärgeistes» in der fraglichen Zeit (1875-1914) auf die Rekrutierung des schweizerischen Offiziersnachwuchses auswirkte. Das heisst also, ob die «Verpreussung» einen tief greifenden, auch die schweizerische Zivilgesellschaft einbeziehenden Wandel hervorgerufen hat.
Die von Ulrich Wille angeführte «Neue Richtung» im schweizerischen Offizierskorps wollte die preussischen Erziehungs- und Führungsgrundsätze auf die Schweizer Milizarmee übertragen. Sie begründete dieses Erfordernis mit einem ideologischen Argument, das ebenfalls aus der deutschen Szene übernommen wurde: Es sei gleichsam das Wesen des Staates, kriegsfähig zu sein. Darin bestehe seine eigentliche Funktion. Das Militär müsse daher mit den modernsten und effektivsten Mittel kriegstauglich gemacht werden, auch im Hinblick auf die Einstellung der Soldaten. Des Weiteren wurde die heroisierende Deutung des Krieges als Medium der gesellschaftlichen Regeneration übernommen. In der Summe handelte es sich nicht nur um ein militärisches Reformprogramm, sondern zugleich um ein Programm zur Militarisierung von Staat und Gesellschaft. Diese Tendenz zeigte sich nicht zuletzt in einem gewandelten Männlichkeitsideal. Der männliche Mann sollte kriegerisch sein. Nun meint Jaun, es habe sich bei diesem Prozess nicht bloss um eine Übernahme von Ideologie gehandelt, die dem «Zeitgeist» entsprach. Vielmehr lasse sich der Rekurs auf das preussische Vorbild, so eine seiner zentralen Thesen, auch auf rein militärische Entwicklungen zurückführen, nämlich «auf die Gefechtsfeldrevolution des späten 19. Jahrhunderts» (25). Damit meint er die neuartige Form des technisierten Krieges, in dem die Kriegsmaschinen eine bislang so nicht da gewesene Rolle spielen würden. Sie habe einerseits eine Professionalisierung der Offiziere erforderlich gemacht, andererseits ein strikt an dem Grundsatz von Befehl und Gehorsam orientiertes militärisches Herrschaftsprinzip. Die Vertreter des «Neues Geistes» verlangten daher ein Abgehen von der traditionellen, nunmehr als romantisch verspotteten Vorstellung, dass der Milizsoldat aus staatsbürgerlicher Einsicht seinen Gehorsam leiste.
Damit hätte eigentlich klar sein müssen, dass eine Kopie des preussischen Vorbilds für die kleine Schweiz sich nicht auf den innermilitärischen Sektor der Disziplinierungs- und Führungsgrundsätze beschränken lassen würde. Sie musste vielmehr die republikanische und zivilgesellschaftliche Verfasstheit der Schweiz insgesamt tangieren. So wundert es denn nicht, bei Jaun als schwerwiegendes Fazit zu lesen, dass General Ulrich Wille «bereit war, wenn nötig die liberal-demokratische Staatsform für eine militärkonformere Staatsform fallen zu lassen» (210). Und weiter: «Aus dieser rein militärischen Position bekämpfte er alle politischen und sozialen Hindernisse der ÐKriegstauglichkeitð, die sich aus dem schweizerischen Föderalismus, der politischen und militärischen Milizverwaltung und der schweizerischen Gesellschaftsformation ergaben. Aus militärischer Perspektive war er nicht bereit, den Bürger als Staatsbürger anzuerkennen, sondern glaubte, den Bürger mit soldatischer Männlichkeit kampftauglich machen zu müssen. Im weitgehend erfolgreichen Versuch, die Autorität der Milizoffiziere zu heben und die reflexhafte Disziplin der Milizsoldaten zu stärken, zeigten sich aber auch die Grenzen der Leitbilder Ulrich Willes.» (446)
Sein Erfolg blieb somit partiell. Es gelang ihm und seinen Anhängern, «auf die Mentalität und den Führungshabitus der Schweizer Offiziere einen erheblichen Einfluss auszuüben und mehrheitlich ein autoritäres Dienst- und Führungsverhältnis zwischen Milizoffizieren und Milizen durchzusetzen» (447). Das zeigte sich unter anderem im Schweizer Militärorganisationsgesetz von 1907. Allerdings wurde seine Wirkung durch die republikanischen Standards in der politischen und gesellschaftlichen Sphäre des Landes in Schranken gehalten. Die föderalistische Organisation der Schweiz verhinderte auch eine grundlegende Änderung der Rekrutierungsgrundsätze für die Milizoffiziere. Die Frage, weshalb die «Neue Richtung» Willes dennoch so erfolgreich sein konnte, beantwortet Jaun damit, dass sie modernere militärische Führungsleitbilder vertrat und dass sie mit den Idealen «Herrentum und Männlichkeit» Statussymbole anbot, die Männern aus aufsteigenden sozialen Schichten attraktiv erschienen.
Während das schweizerische Milizheer im 19. Jahrhundert keine eigene, von der Gesellschaft separierte staatliche Institution darstellte, sondern wie alle anderen Bereiche auch der Selbstverwaltung unterworfen war, entwickelte sich nun auch das Schweizer Militär ansatzweise zu einer eigenständigen staatlichen Institution. Aber ihr Einfluss blieb, anders als in Preussen, begrenzt. So kann Jaun zum Abschluss seiner voluminösen Habilitationsschrift feststellen: «Die bürgerlich-föderalistische Gesellschaftsformation der Schweiz erwies sich als resistenter Wellenbrecher gegen rein militärische Vorstellungen.» (453) Eine Zeit lang stand dem Schweizer Militär «Preussen vor Augen», aber die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die sich die Schweiz gegeben hatte - und dazu gehörte auch ihr Status als neutraler Kleinstaat -, verhinderten letztlich, dass sich daraus ein militaristisches System wie in Preussen-Deutschland entwickeln konnte.
Wolfram Wette (Freiburg i. Br.)
traverse - Zeitschrift für Geschichte - Revue d'historie 2001 / 01