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Wer sich schwer verletzt – sei es durch einen Autounfall oder einen schweren Sturz, landet meistens in der Notaufnahme. Wie schnell man danach von einem Arzt oder einer Ärztin behandelt wird, hängt primär vom Schweregrad der Verletzung ab.
Das ist aber nicht der einzige Faktor. Auch das Geschlecht spielt bei der Erstversorgung eine Rolle. Darauf deutet eine US-amerikanische Studie hin, die im Fachmagazin «Jama Surgery» publizierte wurde. Die Studienautoren untersuchten die Behandlung von 28'332 Patientinnen und Patienten auf der Traumastation. Also jene Station, die Schwer- und Schwerstverletzte als Erstes versorgt.
Über 70 Prozent der rund 28'000 Patienten waren Männer. Und sie warteten im Durchschnitt zwei Stunden und 52 Minuten auf eine Versorgung. Die Frauen mussten durchschnittlich zwölf Minuten länger ausharren.
Besonders bei der Versorgung von Oberschenkel- oder Beckenfrakturen kam es zu Verzögerungen und Frauen wurden, im Vergleich zu Männer, danach eher in Langzeitpflegeeinrichtungen geschickt, anstatt nach Hause entlassen.
Warum Frauen verzögert und anders behandelt wurden, konnten die Studienautorinnen nicht abschliessend beantworten. Sie stellten aber Vermutungen an. «Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass weibliche Verletzungen häufiger unterschätzt werden», heisst es im Paper.
Einerseits verweisen die Studienautorinnen dabei auf eine niederländische Studie von 2021, die ebenfalls geschlechterspezifische Unterschiede in der medizinischen Versorgung nachweisen konnte. Dabei zeigte sich, dass Frauen mit einem leichten Schädel-Hirn-Trauma seltener in die Intensivstation eingewiesen wurden.
Andererseits zeigte auch eine kanadische Studie aus dem Jahr 2012, dass das Personal von Rettungsdiensten Männer mit einer 2,75 Mal höheren Wahrscheinlichkeit als höchste medizinische Priorität einstuften als sie dies bei Frauen taten.
Lassen sich diese Untersuchungen auch auf die Schweiz übertragen? Müssen auch hierzulande Frauen länger auf eine Erstversorgung warten?
Eine klare Antwort erhält man von der Notfallstation des Zürcher Universitätsspital (USZ). Jährlich werden dort 45'000 Patientinnen und Patienten behandelt. 2021 betrug die durchschnittliche Wartezeit bei Männern 19 Minuten, bei Frauen 20 Minuten, so USZ-Sprecherin Martina Pletscher. «Es besteht also kein Unterschied in den Wartezeiten zwischen den Geschlechtern.»
Beim Berner Inselspital heisst es: «Wir stellen fest, dass wir im Notfall mehr Männer mit schwerwiegenden Verletzungen und Krankheiten behandeln, als Frauen.» Wartezeiten seien aufgrund der aktuell grossen Auslastung generell länger, zumal ein Zentrumsspital in Zeiten überlasteter Gesundheitssysteme als erster Puffer Versorgungsengpässe abfange.
Das medizinische Fachpersonal im Notfall arbeite mit einem vierstufigen Triagesystem, das eine Ungleichbehandlung verhindere. «Wer mit einer akut lebensbedrohlichen Verletzung in den Notfall kommt, wird prioritär behandelt gegenüber jemandem mit einer vergleichsweise leichten Verletzung. Das Geschlecht spielt bei der Beurteilung der Dringlichkeit keine Rolle», so Plaschy.
Kritischer klingt es vonseiten der Wissenschaft. «Diese US-Studie überrascht mich nicht. Es ist bekannt, dass es bei der medizinischen Behandlung von Frauen immer wieder zu Verzögerungen kommt», sagt Elena Osto. Sie ist Professorin, Kardiologin und Präsidentin der Kommission Sex and Gender an der Universität Zürich.
Osto nennt als Beispiel den Herzinfarkt. Bei kardiovaskulären Notfällen seien die Symptome von Frauen häufig nicht die gleichen wie bei Männern. «Frauen kommen eher mit Übelkeit, Rücken- oder Bauchschmerzen in den Notfall. Dann wird zuerst Magen oder Rücken untersucht, bevor man zum Herz kommt. Dabei verstreicht wertvolle Zeit. Und bei Notfällen ist Zeit Gold», erklärt Osto.
Die Unterschiede, auf die die US-Studie aufmerksam machte, erklärt sich Osto einerseits medizinisch – andererseits soziokulturell. «Frauen und Männer nehmen Schmerz unterschiedlich wahr. Das ist wissenschaftlich erwiesen.»
Nicht zu unterschätzen sei aber auch, wie Frauen sozialisiert wurden. «Viele versuchen, den Schmerz eher zu ertragen und landen später im Notfall, weil sie zu Hause viele Verpflichtungen haben – sich beispielsweise um die Kinder kümmern müssen», sagt Osto.
Überwinden könne man diese Unterschiede nur bessere Kenntnisse, gekoppelt mit personalisierter Medizin. «Wir dürfen uns nicht nur auf die biologischen Unterschiede beschränken. Sondern müssen auch die soziokulturellen Gegensätze verstehen, um die beste medizinische Versorgung für alle Menschen zu garantieren.» Das sei letztlich auch das Ziel der universitären Kommission «Sex and Gender in Medicine».
Die Verleihung der Ehrendoktorwürde an den italienischen Faschistenführer Benito Mussolini durch die Universität Lausanne (UNIL) im Jahr 1937 stellte laut einer Arbeitsgruppe einen «schweren Fehler» dar. Ihre Experten empfehlen jedoch nicht, dem Duce den Ehrentitel posthum abzuerkennen. Stattdessen schlagen sie vier Massnahmen vor.