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Die lebhafte Debatte um die Bundesverfassungspräambel von 1999 erklärt Andreas Kley mit einem seit den 1990er Jahren stattfindenden Wertewandel in der Bevölkerung. Nun drängt sich die Frage auf, ob unterschiedliche Wertehaltungen tatsächlich die Ausgestaltung der Präambeln, insbesondere der Gottesanrufung, zu beeinflussen vermögen. In der Folge wird vermutet, dass unterschiedliche Wertehaltungen von der Ausprägung dreier Variablen abhängen: vom Urbanisationsgrad, der in einem Kanton dominierenden Konfession und dem Entstehungszeitpunkt der Verfassung. Untersucht wurden alle in Kraft stehenden Kantonsverfassungen.
Präambeln und Urbanisation
Dass sich die Wertehaltungen in städtischen Gebieten mit jenen in ländlichen Gebieten unterschieden ist nicht nur common sense, sondern wird auch von der Forschung bestätigt. Sind diese Unterschiede so gross, dass sie sich in der Verwendung von Gottesanrufungen niederschlagen?
Der in der Tabelle aufgeführte Urbanisationsgrad misst sich am Bevölkerungsanteil, der in Gemeinden mit mehr als 10’000 Einwohnern lebt. Der höchste Wert erreicht Basel Stadt. Den niedrigsten Wert und damit die ländlichsten Zonen der Schweiz finden wir in den Kantonen Uri, Appenzell Innerrhoden, Glarus und Obwalden. Im Vergleich der Invokationen zeigt sich, dass von den acht Kantonen mit überwiegend in ländlichen Gebieten lebender Bevölkerung nur zwei keine Gottesanrufung in der Kantonsverfassung verankert haben. Bei den Kantonen mit einem Urbanisierungsgrad von 50-80% sind die Gottesanrufungen nach wie vor die Regel. Ein verändertes Bild zeigt sich bei den stark urbanen Kantonen: Nur einer von sechs Kantone verankert die Gottesanrufung.
Präambeln und Konfession
Kommen in der Gottesanrufung unterschiedliche Wertvorstellungen der Konfessionen zum tragen? In den elf Kantonen mit überwiegend protestantischer Bevölkerung finden sich nur vier Kantonsverfassungen mit einer Gottesanrufung (Tabelle 2). Dagegen verankerten elf von fünfzehn katholischen Kantone die Anrufung Gottes in der Verfassungspräambel. Der Zusammenhang ist offensichtlich: Katholisch geprägte Kantone sind offenbar weniger bereit auf den Gottesbezug zu verzichten. Allerdings muss hier auch eine Interkorrelation mit dem Urbanisationsgrad vermutet werden. Die meisten stark urbanen Kantone sind protestantisch. Dadurch kann auch die Kausalität zwischen Konfession bzw. Urbanisation und Verwendung der Gottesanrufung nicht zweifelsfrei bestimmt werden.
Wertewandel
Die Schweiz und mit ihr die ganze Bevölkerung befindet sich in einem stetigen Wandel. Besonders deutlich fällt dies bei der Betrachtung der Parteienlandschaft auf. Gerade die Christlich-demokratische Volkspartei steht seit längerem unter enormem Druck. Als wertkonservative Partei will sie immaterielle, menschliche Werte bewahren. Kann, im Lichte der abnehmenden Nachfrage nach wertkonservativer Politik, auch eine Abnahme bei der Verwendung der Gottesanrufung festgestellt werden?
Die Betrachtung der Präambeln zeigt einen mehrfachen Wandel in deren Ausgestaltung. Während zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Gottesanrufung als Standard jeder Verfassung galt, änderte sich diese Praxis ab Mitte der 80er Jahre. Der Entscheid pro oder contra Gottesanrufung fiel seit damals ausgeglichen aus. Im Gegensatz zu früher, wird jedoch nach einer Ersatzformel gesucht. Eine ethische Fundierung und die Darlegung grundlegender Werte, wird weiterhin gewünscht. Als Transportmittel dieser Werte wird Gott jedoch von einigen Kantonen abgelehnt.
Fazit
Die Frage wieso die Gottesanrufung beibehalten wird, kann also auch auf eine wenig philosophische, strukturelle Komponente zurückgeführt werden. Die Analyse der Kantonsverfassungen zeigte, dass unterschiedliche Wertehaltungen eine enorme Rolle spielen. In den liberaleren städtischen Kantonen wird eher auf die Invokation verzichtet als in den ländlichen Teilen der Schweiz. Ebenso ist die Gottesanrufung in katholischen Kantonen stärker als in protestantischen Kantonen zu finden. Auch eine zeitliche Entwicklung konnte festgestellt werden. Die Besonderheit der Kantonsverfassungen der letzten dreissig Jahre ist weniger der Verzicht auf die Invokation, sondern eher dass bei Verzicht eine Ersatzformel gesucht wird. Insofern scheint das Bedürfnis nach Fundierung der Verfassungen ungebrochen.
Die Erkenntnisse aus der (sehr einfachen) Analyse der Kantonsverfassungen relativieren aber auch die philosophischen und rechtlichen Überlegungen zur Gottesanrufung. Denn: vielleicht sprechen sich Entscheidungsträgerinnen für die Gottesanrufung aus, weil sie nach dem Studieren von philosophischen und juristischen Abhandlungen zum Schluss gekommen sind, dass dieser Passus auch für Atheistinnen oder Polytheisten vertretbar ist. Vielleicht liegt es aber auch bloss daran, dass sie eine bestimmte Kultur in einem bestimmten Gebiet zu einer bestimmten Zeit repräsentieren.
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→ Dies ist der Folgebeitrag zu den Artikeln „Im Namen Gottes des Allmächtigen!“ und „Im Namen Gottes des Allmächtigen? Spannung zwischen der Invokation und der Religionsfreiheit“