Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03216.jsonl.gz/353

Ein Reitunfall passiert. Das Pferd ist verletzt oder muss gar erlöst werden. Hohe Kosten entstehen. Doch wer kommt dafür auf? Und was für Möglichkeiten gibt es, wenn die Zusatzversicherung der Privathaftpflicht «Reiten fremder Pferde» nicht greift?
Im vergangenen November erschien im «Bulletin» 9/21 der Artikel «Zusatzversicherung ‹Reiten fremder Pferde›: Segen oder Fluch?». Der im Artikel beschriebene Fall gab sogar Anlass zu einem ausführlichen Beitrag im «Kassensturz» am 14. Dezember 2021. Kurz zusammengefasst: Der Reiterin brennt das Pferd durch, sie fällt runter, und das Pferd rutscht auf dem Asphalt aus, bricht sich das Becken und muss euthanasiert werden. Die Zusatzversicherung «Reiten fremder Pferde» der Reiterin weigert sich, die Kosten zu übernehmen. Der Grund: Die Reiterin trifft keine Schuld und ist somit nicht haftbar. Nur wenn sie einen Fehler gemacht hätte, würde diese Zusatzversicherung der Privathaftpflicht zum Zuge kommen. Pferde sind aber nun mal Fluchttiere, und da kann auch beim sorgfältigsten Umgang mal etwas passieren. Um das Pferd für Krankheit oder Unfall bzw. allfällige Tierspital- oder Operationskosten zu versichern, besteht die Möglichkeit, eine Tierversicherung abzuschliessen. Diese funktioniert ganz ähnlich wie die Krankenversicherung bei uns Menschen.
Versicherung oder Genossenschaft
In der Schweiz gibt es diverse Anbieter solcher Pferdeversicherungen, wobei zwischen den Versicherungen im klassischen Sinn und den Genossenschaften unterschieden werden muss. Das Prinzip einer Versicherung beruht auf dem Solidaritätsprinzip. Eine grosse Anzahl von Personen oder Firmen, die den gleichen Risiken ausgesetzt sind, zahlt ihre Prämien in eine gemeinsame Kasse ein. Klassische Versicherungen sind der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (FINMA) unterstellt. Genossenschaften funktionieren ebenfalls nach dem Solidaritätsprinzip, sind aber der FINMA nicht unterstellt.
Als klassische Versicherung gibt es in der Schweiz die ABES-Pferdeversicherung sowie die Epona, die der Vaudoise angeschlossen ist. Zu den Genossenschaften zählen beispielsweise die Zürcher Pferdeversicherungsgenossenschaft oder die Nordostschweizer Pferdeversicherungsgenossenschaft. In allen Fällen kann man den Todesfall eines Pferdes versichern, und zusätzlich kann je nach Anbieter und Versicherungssumme des Pferdes auch eine Deckung der Spital- und Operationskosten mit eingeschlossen werden.
Aufnahme nicht in jedem Fall
Jedoch wird nicht jedes Pferd von jeder Versicherung angenommen. Dazu muss man bei den meisten einen Antrag stellen. In einigen Fällen ist das relativ einfach und unbürokratisch, und es reicht ein Gutachten vom Tierarzt, bei anderen werden Röntgenbilder oder weitere Untersuchungen verlangt.
Einige Punkte sollte man bei der Suche nach einer passenden Pferdekrankenversicherung unbedingt beachten. Zum einen sind da natürlich die zu zahlenden Beiträge. Hier gilt es, das Preis-Leistungs-Verhältnis nüchtern zu betrachten und sich klarzumachen, ob die zu erwartenden Leistungen die zu zahlenden Beiträge wert sind.
Wartefristen für Rückerstattungen
Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Wartezeiten für die jeweiligen Leistungen, das heisst, wie lange es dauert, bis die angefallenen Kosten rückerstattet werden. Diese Angabe ist im Versicherungsvertrag festgehalten und liegt normalerweise bei drei bis sechs Monaten. Bei längeren Wartefristen sollte man bedenken, dass in diesem Zeitraum die Kosten von der Pferdebesitzerin bzw. vom Pferdebesitzer getragen bzw. vorgestreckt werden müssen.
Es lohnt sich, verschiedene Pferdeversicherungen zu vergleichen und auch das Alter des zu versichernden Pferdes im Hinterkopf zu behalten. Es gibt Versicherungen, die grundsätzlich nur Tiere bis zu einem gewissen Alter versichern. Andere wiederum können ein Mindestalter vorschreiben, da die Risiken in der frühen Lebensphase eines Fohlens am höchsten sind. Bei gewissen Pferdeversicherungen kann auch eine spezifische Disziplin oder ein gewisses Leistungsniveau ein Ausschlusskriterium darstellen.
Es ist sinnvoll, sich im Vorfeld eines Vertragsabschlusses sehr genau zu informieren, Vergleiche anzustellen und der Versicherung unbedingt alle aufkommenden Fragen zu stellen. Es schadet sicher auch nichts, wenn man gedanklich den einen oder anderen Fall ganz konkret mit dem Versicherungsanbieter durchgeht und sich im Bekanntenkreis nach entsprechenden Erfahrungen umhört. Auf den Websites der verschiedenen Anbieter ist jeweils sehr genau beschrieben, innerhalb welcher Fristen was geschehen muss, also bis wann ein Schaden spätestens gemeldet werden muss und welche Dokumente oder Gutachten einzureichen sind.
Prämie online ausrechnen
Ebenfalls bieten heute fast alle diese Pferdeversicherungen einen Online-Prämienrechner an. So kann man schon mal seine gewünschte Versicherungssumme und anderweitige Informationen eingeben und die Prämie ungefähr berechnen lassen. Wie bei allen Versicherungen lohnt es sich, sich das Ganze gut zu überlegen, die Angebote genau zu prüfen und vor allem durchzurechnen. Der Entscheid, eine Versicherung abzuschliessen, basiert immer auf sehr individuellen Bedürfnissen. Jeder Pferdehalter sollte sich dessen bewusst sein, was beispielsweise eine Kolikoperation oder ein Tierspitalaufenthalt auch ohne Operation je nach Krankheitsverlauf im Durchschnitt kostet.
Im besten Fall soll eine Pferdeversicherung den Pferdehalter vor unverhältnismässig hohen Kosten auf dem Gebiet der Gesundheitsvorsorge und der Behandlung seiner Pferde bewahren. Wer bereits im fortgeschrittenen Fohlenalter eine solche Versicherung für sein Pferd abschliesst, wird einen verhältnismässig günstigen Tarif ergattern können. Dann gilt es, Leistungen zu vergleichen und zu prüfen, welcher Leistungskatalog den individuellen Bedürfnissen am besten entspricht.
Nicole Basieux