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Homeschooling braucht bessere Qualitätskontrollen
Ein Gastbeitrag von Marianne Binder-Keller*
Schulpflicht bedeutet nicht Schulbesuchspflicht. In Ergänzung zu den öffentlichen und den privaten Schulen kann der Unterricht in der Schweiz auch zu Hause abgehalten werden. In den kantonalen Gesetzestexten nennt sich das «private Schulung» oder «Unterricht zu Hause», «nicht öffentlicher Unterricht», «l’enseignement au milieu privé» … Einmal mehr ordnet ein englischer Begriff das föderale Babylon: Homeschooling! (Lesen Sie dazu auch das Posting «Kinder brauchen keine Schule».)
Homeschooling ist nicht etwa gleichzusetzen mit dem Unterricht durch Hauslehrer, der in der Vergangenheit dem Nachwuchs einer ausschliesslich privilegierten Gesellschaftsschicht vorbehalten war mit mitunter eindrücklichem Lehrpersonal wie Hegel, Novalis, Fichte, Hölderlin oder Mörike. Gemäss dem Schriftsteller Pirmin Meier bildete diese Lehrform im 18. und 19. Jahrhundert denn auch einen Höhepunkt in Sachen Begabtenförderung.
Homeschooling heute heisst, die Eltern unterrichten ihren Nachwuchs selber, es sei denn, sie lassen ihren Nachwuchs sich gleich selbst unterrichten, aber das wären dann keine «Homeschooler», sondern «Unschooler». Diese wiederum unterscheiden sich in Nuancen (oder auch nicht) von den «Deschoolern», den «Entschulern», denen das «Schooling» grundsätzlich suspekt ist, weil dies mit Schulung zu tun hat. Also der Vermittlung eines heimlichen Lehrplanes, eines bestimmten Gesellschaftssystems im Dienste derer, die gerade Macht im Staat haben. Geprägt hatte den Begriff der ehemalige New Yorker Pfarrer Ivan Illich im Zuge der 68er-Bewegung in seinem 1971 erschienenen Buch «Deschooling Society», das wie «Summerhill» zur reformpädagogischen Pflichtlektüre gehörte.
Wie auch immer; eines gilt für alle: Die Kinder gehen aus unterschiedlichen Gründen nicht in die Schule. Manchmal machen Krankheiten einen privaten Unterricht nötig, ein nur vorübergehender Aufenthalt einer Familie in der Schweiz oder ein längerer im Ausland. Über weitere Motive gibt es in der Schweiz einen schlechten Überblick. Anders in den USA, wo das Homeschooling verbreitet ist. Studien nennen an erster Stelle die grundsätzliche Schulkritik, religiöse Gründe spielen eine grosse Rolle, ideologische, der Wunsch, das Kind vor schlechten und vor allem fremden Einflüssen zu schützen. Die Eltern sind überzeugt, ihren Kindern selber die beste Bildung zu vermitteln.
Nach dieser Überzeugung können sie auch bei uns leben. Doch da Kindern das verfassungsmässige Recht auf Bildung verbunden mit obligatorischem Grundschulunterricht zusteht, haben die Kantone Qualitätsgarantien für den Heimunterricht zu leisten.
So verlangen denn die meisten auch ein Lehrpatent, und beinahe überall ist ein Gesuch erforderlich für Eltern, die ihre Kinder selber schulen. Lockerer nimmt es die Westschweiz und ausserordentlich locker der Kanton Aargau. Da dürfen alle, die über irgendeinen Lehrabschluss verfügen, ihre Kinder selber unterrichten. Sie melden das zwei Wochen vor Schulbeginn und bekommen einmal im Jahr einen Besuch der Behörde. An kantonalen Leistungschecks lässt man die Kinder nicht teilhaben. Ich finde, das ist fahrlässig. Es geht nicht um mehr Kontrolle, sondern um mehr Qualität in der Kontrolle.
Auch im Interesse der Homeschooler, die sich oft über Vorurteile beklagen und über den dreisten Eingriff des Staates in die elterlichen Rechte. Doch was ist mit den Rechten der Kinder? An öffentlichen und privaten Schulen haben Kinder immerhin verschiedene Anwälte, wenn sich Qualitätsprobleme ergeben: Schulleiter, Eltern, Behörden, Schulkameraden. Kindern, die zu Hause geschult werden, bleiben nur ihre Eltern, bei denen sie sich ja wohl kaum wirkungsvoll über den Unterricht beklagen können.
Homeschooling ist ein ausschliesslich elterliches Bildungsprojekt, das ich nicht zur Debatte stelle, doch das Kind selbst ist mehr als ein Projekt. Seine Interessen stehen im Zentrum.
*Marianne Binder-Keller ist Grossrätin des Kantons Aargau und Präsidentin der CVP Bezirk Baden.