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Traumdeutung
Anhand eines Traumes eines Mannes möchte ich Ihnen zeigen, wie ich in der Traumdeutung arbeite:
Er erzählt: "Ich bin in der Stube meines Elternhauses. Die Eltern sind nicht da. Ich will mir am Fernsehen einen Porno anschauen. Aber das gelingt mir nicht. Es erscheint nur ein weisslich-grauer Bildschirm. Mir ist unheimlich zumute. Als ich zur Stubentür gehe und merke, dass diese abgeschlossen ist, bin ich sicher, dass ein Einbrecher da ist. Ich verlasse die Stube über die Terrassentür. Nun sehe ich, dass die Haustür weit offen steht. Ein seltsames Gefühl: 'Einerseits positiv, da kann jeder herein. Andrerseits negativ: Auch jeder ungebetene Gast kann da hinein!' Ich betrete das Haus und steige in den Keller hinab. Unterwegs sehe ich ein Messer. Es steht in einem Krug in einer Nische. Ich denke: 'Das hat der Einbrecher sicher gesehen und wird es bei Bedarf holen wollen.' Ich bin nun im unteren Stock. Überall liegt Gerümpel auf dem Boden. Immerzu denke ich: 'Hier muss der Einbrecher sein, hier muss der Einbrecher sein.' Ich erwache mit Angst."
Ich (Daniel Gauer) höre mir den Traum aufmerksam und geduldig an und erkundige mich nach unklaren Details. Oftmals frage ich danach: "Wie deuten Sie den Traum?" So spiele ich den Ball erst einmal zurück zur Träumerin/ zum Träumer. Diese(r) hat nun Gelegenheit, das herauszugreifen, was ihn/sie am meisten beschäftigt.
Der Träumer: "Ich glaube, es geht um die Angst ... Ich fürchte eine Aufgabe, die ich gerade anpacken will. Ich schiebe sie immer wieder hinaus... Diese Angst ... sie könnte verbunden sein mit meinem Elternhaus, eine angelernte Angst ... Angst zu versagen oder mich hinterher schämen zu müssen. Ich glaube, der Einbrecher steht für diese Angst..."
Ich: "Können Sie das genauer erklären?"
Er: "Ja ... der Einbrecher macht mir zwar Angst ... genauso wie ich als Kind Angst vor Einbrechern hatte, wenn die Eltern abends weg waren ... aber er zeigt auch Mut: Er bricht ein in ein fremdes, neues Gebiet. Genau dieser Mut, den der Einbrecher hat, der fehlt mir noch."
Ich: "Aber ist das nicht ein übles Verhalten des Einbrechers? Er dringt doch in ein fremdes Haus ein, gewiss um etwas zu stehlen."
Er: "Darum geht es ja gerade in meiner Angst. Ich möchte etwas tun, das ein Risiko ist. Meine Eltern haben eine ablehnende Haltung dazu. Wenn ich diese Aufgabe in Angriff nehme, dann tue ich in ihren Augen etwas Schlechtes. Ich fühle mich schuldig, weil ich etwas tue, das für sie unangenehm ist. Das ist doch in gewissem Sinn etwas Unmoralisches..."
Ich: "Da haben Sie allerdings recht ... Mir gefällt Ihre Deutung trotzdem sehr - wie sind Sie darauf gekommen?"
Er: "Als ich mit Angst aufgewacht bin, dachte ich: 'Das ist ein Warntraum. Das Unbewusste will mich warnen, dieses Risiko auf mich zu nehmen. Dann setzte ich mich hin und schrieb den Traum nieder. Dabei liess meine Angst nach - und plötzlich war dieser Einfall da.'"
Der Zürcher Verkehrsverbund ZVV wirbt mit dem Slogan: Einsteigen - weiterkommen! So ist es auch mit den Träumen. Es kann sehr wichtig sein, Träume nicht nur zu träumen, sondern sie auch aufzuschreiben und nach ihrem Sinn zu forschen. Sonst besteht die Gefahr, dass ein Traumgefühl uns lähmt statt dass es uns weiterbringt.
Dieser Mann, von dem der Traum stammt, kommt schon einige Zeit in die Stunde. Aus seiner Erfahrung dürfte der gute Einfall stammen. Ich kenne die Aufgabe, die er sich schon lange vornimmt. Auch ich glaube, dass er sie nun anpacken sollte und bin froh um diesen Traum.
Ich frage nun weiter: "Wieso liegt im unteren Stockwerk, da wo der Einbrecher hingeht und wohin Sie ihm folgen, soviel Gerümpel? Was glauben Sie?"
Träumer: "In meinem Elternhaus ist dort ein Abstellraum für allerlei. Im Traum ist allerdings der ganze Boden belegt."
Ich: "Was könnte das bedeuten, was meinen Sie? Im Traum ist es ja anders als in der äusseren Realität."
Träumer: "Hm ... weiss nicht... "
Ich frage nun den Träumer nach seinen Eltern, nach seiner Beziehung zu ihnen. Oft habe ich eine Vermutung und stelle dementsprechende Fragen. Oder aber ich tappe völlig im Dunkeln. Dann frage ich nach Assoziationen zu Traumsymbolen. Für die Antworten lasse ich viel Zeit. Mir ist wichtig, dass Sie, wenn Sie zu mir in die Traumdeutung kommen, am meisten Raum zum Reden haben. Es geht ja um Sie, Ihre Entwicklung und um Ihren Traum... Meine Vermutung ist, dass im Untergeschoss, wo Unordnung herrscht, noch Werte der Eltern liegen, die der Mann jetzt gut für seine Aufgabe brauchen könnte.
So geht das Gespräch hin und her. Manches wird dabei klar, anderes weniger. Zum Beispiel das Messer. Meint es Abnabelung von den Eltern? Zunehmende Bewusstheit aufgrund von scharfem Denken? Ein Bild für Sexualität, wobei das Messer männlich, der Krug weiblich wäre?
Der Träumer fragt mich: „Zu Traumbeginn wollte ich ja einen Porno schauen auf dem Fernseher meiner Eltern, aber es ging nicht. Es kam kein Bild. Können Sie sich einen Reim darauf machen?“
Ich: „Wie stehen Sie zum Thema Sexualität? Wie war es um dieses Thema in Ihrem Elternhaus bestellt?“
Er: „Für meine Wahrnehmung war das ein sehr schambesetztes Thema. Ich kann mittlerweile mehr oder weniger schamfrei darüber reden, aber nicht mit meinen Eltern. Da kommt mir etwas in den Sinn: Die Stubentür, die der Einbrecher abgeschlossen hatte - als ich sie öffnen wollte, fühlte es sich gleich an wie dazumal, als ich noch ein Kind war und das Schlafzimmer meiner Eltern betreten wollte. Immer wenn dort abgeschlossen war, wusste ich, was sie dahinter machten, und ich schämte mich.“
Ich: „Warum?“
Er: „Das Thema Sexualität war einfach schamhaft. Und ich überraschte meine Eltern dabei - wenn auch ungewollt.“
Ich: „Können Sie eine Entsprechung sehen zwischen dem Einbrecher und der Sexualität?“
Er: „Ja, klar, der Einbrecher dringt ein in einen fremden Raum - allerdings verbotenerweise.“
Ich: „Kennen Sie die Märchen vom verbotenen Zimmer? Wo gesagt wird: ‚In alle Zimmer darfst du schauen, nur nicht in eines, sonst musst du sterben?“
Er: „Ja...“
Ich: „Es geht in diesen Märchen immer darum, dass der Held oder die Heldin in dieses verbotene Zimmer eindringt. Es wird dann zwar gefährlich, aber nur so kann er/sie sich entwickeln... Der Einbrecher in Ihrem Traum - er ist doch eigentlich wie hinter der verbotenen Tür im Märchen?“
Er: „Ja...“
Ich: „Und Sie folgen ihm dabei! Das find' ich etwas sehr Positives! Das zeigt, dass Sie bereit sind für Ihre Entwicklung, auch wenn Sie Ihnen Angst macht.“
Er: „Aber meine Anfangsfrage ist noch ungeklärt. Wieso will ich einen Porno schauen, aber es kommt kein Bild?“
Ich: „Nun, ich könnte es mir so vorstellen: Der Porno, das ist nur gespielte Sexualität. Aber Sie sollen nun dem Beispiel des Einbrechers folgen und sich auf wahre Sexualität einlassen. Ich meine: Wahre Sexualität im übertragenen Sinn. Die gibt es nur hinter der verbotenen Tür. Sexualität bedeutet loslassen und mich einlassen auf einen Partner, der mir vertraut werden kann, aber zuletzt doch immer auch ein Stück weit fremd bleibt, ja fremd bleiben soll. Sexualität ist das Codewort für Entwicklung...
Sie sagten doch am Anfang, der Einbrecher stehe für Ihr Projekt, das Sie nun anpacken wollen und das Ihnen grosse Angst macht. Einverstanden! Die Angst vor dem Einbrecher ist auch Ihre Angst vor dem Erwachsenwerden. Aber Sie folgen ja dem Einbrecher. Sie betreten den Raum erwachsener Sexualität. Was Sie dabei aushalten müssen, ist Angst, Scham und Schuld. Aber es lohnt sich, darauf zuzugehen!“
Was haben nun Sie, liebe Leserin/ lieber Leser, davon, wenn Sie sich auf das Gespräch und die suchende und forschende Deutung Ihrer Träume mit mir einlassen?
Die Welt hat eine Innen- und eine Aussenseite. Beide Seiten sind miteinander verbunden. Der Mann, der hier seinen Traum erzählt hat, sieht darin zunächst eine Aufgabe, die ihm Angst macht und die ihm in der Aussenwelt gestellt ist. Schon indem er seinen Traum aufschreibt, weicht sein Schrecken und wendet sich in eine Ermutigung. Im Traumgespräch unterstütze ich seine Deutung, wir setzen uns mit seinem Thema im Gespräch auseinander und erreichen eine weitere Klärung.
Wenn wir unsere Innen- und Aussenseite verbinden wollen, ist es gut, auf die Innenseite zuzugehen. Ich verachte die Aussenwelt nicht - im Gegenteil. Aber ein wichtiger, vielleicht zu wenig beachteter Ort der Seele ist innen. Wenn Sie auch diesen Ort besser kennenlernen und hilfreiche Impulse bekommen wollen, dann ist Traumdeutung eine gute Möglichkeit.