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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
In einem Fernseh-Interview wurde eine griechische Journalistin befragt, ob sich die Griechen für die Wahlen in England interessieren. Ihre Antwort war kurz und bündig: „Nein.“
Das alles hat sich seit dem Mittwoch, 28. April, schlagartig verändert. Nicht allein in England, sondern weltweit schlachten die Medien den groben Verstoss von Gordon Brown gegen die Regeln des Anstands aus: Er hatte die 65-jährige Witwe und Grossmutter Gillian Duffy grundlos als „eine bigotte Frau“ beleidigt, kaum hatte er sich von ihr verabschiedet und seinen Platz im Jaguar zur Weiterfahrt eingenommen. Das Mikrophon am Kragen seines Anzugs blieb dummerweise angeschaltet, und innert Minuten machte sein Lapsus das Lauffeuer durch die Presse. Obendrein wollte der Prime Minister wissen, wer sein Gespräch mit dieser Dame angezettelt hatte. Die Schuldige war Sully Nye, seine langjährige Mitarbeiterin – zuständig für die Auswahl seiner Gespräche mit der Bevölkerung während seiner Propagandatour, diesmal in Rochdale im Nordwesten von England.
Frau Duffy war bloss ausgegangen, um einen Laib Brot zu kaufen, als sie zufällig dem Premier begegnete. Als Gordon Brown sie einlud „come and talk with me“ befragte sie ihn u. a. über seine Wirtschaftspolitik allgemein („Wie verhelfen Sie uns aus dem Schuldenberg?“). Er beantwortete auch ihre Frage, wie er die Studenten zu unterstützen gedenke, doch ihre knifflige Frage: „Sie können nichts über die Immigration sagen. Alle diese Leute aus Osteuropa, die hier auftauchen …“ wurde zu seinem Stolperdraht, weil Brown ganz nach Art der Politiker einer klaren Antwort fadenscheinig auswich.
Doch das Gespräch endete gut. Nach dessen Ende verabschiedete sich Gordon Brown mit dem grosszügigen Hinweis, dass sie „aus einer guten Familie stamme“ und sagte abschliessend: „It’s very nice to see you. Take care.“
Die gute Dame unterstützte die „Labour Party“ schon seit vielen Jahren, und sie versicherte ihm, dass sie ihren Stimmzettel bereits zu Gunsten der „Labour Party“ ausgefüllt habe. Zerknirscht und reumütig fuhr Gordon Brown nach Rochdale zurück, um sich persönlich bei ihr zu entschuldigen. Frau Duffy, die übrigens in der lokalen Behörde gearbeitet hatte, war aufgebracht und wunderte sich „was bigott gewesen war, in dem, was ich sagte (sic)?“ Sie hat inzwischen ihren Wahlzettel zerrissen.
Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Gordon Brown ein feuriges Temperament hat und immer wieder sein eigenes Versagen auf Sündenböcke abwälzen will. Auch diesmal. Am Abend des 29.04.2010 werden zum 3. und letzten Mal vor dem Wahltag am 06.05.2010 die 3 Parteiführer öffentlich im Fernsehen (BBC1, 20:30 Uhr Ortszeit) zum Gefecht antreten.
Alle 3 Parteien verschweigen tunlichst, wo und wie sie die Kostenschere ansetzen wollen, um den Schuldenberg abzutragen. Die radikale Abmagerungskur beginnt erst nach dem Wahlkampf. Wird Grossbritannien wie Griechenland, gefolgt von Spanien und Portugal, im Schlamassel versinken? Nein, soweit als möglich wird die USA-hörige Ratingagentur „Standard & Poor’s“ die Bewertung der Kreditwürdigkeit von AAA des Landes aufrecht erhalten, und schlimmstenfalls ein A abzwacken. Aha!
Den Wahlkampf habe ich als Auslandschweizer eher am Rande verfolgt. Aber jetzt werde ich ihn wieder am Fernseher anknipsen – doch sobald Plattitüden aufgetischt werden, wieder ausschalten.
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