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In der Schweiz entwickelte sich die Ethnologie erst sehr spät zu einer eigenständigen akademischen Disziplin. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde das Fach meist als Teil der Geografie behandelt. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerade weitgereiste Geologen waren, welche fremde Völker in ihren Reisenotizbüchern und Publikationen ausführlich studierten, beschrieben und bildlich darstellten. Einer dieser Geologen war Arnold Heim. Er wuchs als Sohn von Albert Heim, Ordinarius für Geologie an der ETH Zürich, bereits mit der Pike in der Hand auf. Nach Studium und Promotion in Zürich sowie Anstellungen als Privatdozent an der ETH Zürich entschied sich Arnold Heim zur grossen Enttäuschung seines Vaters gegen eine Karriere an der ETH Zürich und für eine Laufbahn im Ausland als Petrogeologe. Zuvor folgte er jedoch 1929 einem Ruf an die Sun-Yat-Sen-Universität in Kanton (China), wo er für drei Jahre den Lehrstuhl für Geologie und die Leitung des Geologischen Instituts inne hatte.
Tagebuch VIII, China, 17.9.1930-20.2.1931, S. 55-56 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494: 254)
Fotoalbum Szechuan-Tibet Expedition 1930-1931, Bild 394-401 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494b: 25)
Ebenfalls 1929 berichtete der US-amerikanische Forschungsreisende Joseph Rock von einem Berg von über 9000 Metern Höhe im Westen der Provinz Szetschuan. Dass der Minya Gongkar den Mount Everest überrage, wurde jedoch von vielen Fachleuten bezweifelt. Um dies zu überprüfen, übertrug die Universität von Kanton 1930 Arnold Heim zusammen mit dem schweizerischen Kartographen Eduard Imhof die Leitung einer chinesisch-schweizerischen Expedition. Der offizielle Auftrag bestand darin, den Minya Gongkar und seine Umgebung zu vermessen und zu kartieren. Trotz widriger Umstände – die Expedition war nur mangelhaft ausgerüstet, in China herrschte Bürgerkrieg, die Expedition wurde mehrmals von Banditen überfallen – gelang es ihnen das Gebirge zu vermessen und die Höhe des Gipfels auf 7600 m.ü.M. zu bestimmen.
Im Verlaufe dieser Expedition studierte Heim auch die regionalen Sitten und Gebräuche. Seine ethnographischen Beobachtungen beschrieb er minutiös in seinen Reisetagebüchern und dokumentierte sie mit umfangreichem Bildmaterial. Arnold Heim war seit Jugendjahren ein begeisterter Fotograf. Foto- und Filmkamera waren auch auf den beschwerlichsten Expeditionen immer mit dabei. So auch am 2. Januar 1931, als Heim die Gelegenheit erhielt, eine tibetanische Bestattungszeremonie zu beobachten. In seinem lebhaften Tagebucheintrag ist die Aufregung, die Zeremonie miterleben zu dürfen und seine Sorge um die Qualität der Aufnahmen förmlich zu spüren:
„Aber ich will die Möglichkeit nicht verpassen, den Totenkult zu sehen, und frage Edgar, mir ein Pferd und Führer zurückzulassen. Mit 9×12 und Kinokamera beladen gehe ich auf den kahlen Hügelrücken, wo ich mit dem Feldstecher die Geier sehe. In der Nähe – 1/4 Stunde zu Fuss – welcher Anblick – eine lange Reihe roter Lamas im Gebetsang, dirigiert von einem Oberlama. Links eine rote Reihe sitzender Lamabuben, und dahinter die Geier sitzend, über 50 gewaltige Tiere, meist bèche [sic] mit weissem Schwanenhals, einige vollkommen schwarz – riesige Tiere, grösser als die jungen Lamas. Ich schiesse Kinofilm los – leider habe ich bloss 3, und das Wellington Pack streikt – hoffentlich nicht alles kaput [sic]. Nun verziehen sich die grossen Lamas, während die jungen auf mich zustürzen, neugierig das photographieren verfolgend, aber anständig.
Nun sehe ich vor mir auf einem runden Platz von ca. 5 m Durchmesser, ringsum mit Steinen markiert, einen Toten Leib, der von einem Chines [sic] in verschiedene Abschnitte mit grossem Messer, auf d. Rücken liegend, zerschnitten und geskalpt wird. Mit d. Füssen wird der Tote an einem Pflock mit einem roten Band angebunden. Wie er sich entfernt, stürzen die Geier wütend darauf – einen Knäuel bildend, so dass man vom Leichnam nichts mehr sieht, bis alle Weichteile entfernt sind. Die Tiere sind rasend, zanken sich, fauchen und zischen, lassen mich bis auf wenige Meter mit aufgestelltem Stativ herankommen. Nach etwa 10-15 Minuten ist nur noch der abgetrennte Schädel, Becken und Wirbelsäule vorhanden. Die Geier haben blutrote Köpfe und Hälse. Nun tritt ein Lama mit dem Stock vor und verjagt die Geier. (Die bleibenden Knochen sollen noch verstampft, mit Tsamka und Butter nachträglich verfüttert werden). Hauptsache ist, dass das Herz gefressen wird, sonst ist es für den Toten und seine Angehörigen ein böses Zeichen. Diese Bestattung ist etwas vom Schauerlichsten, was ich je gesehen. Wenn nur meine Photos gut sind!“
Literatur:
Links:
Daniel Speich. Der Minya Konka. Ein Berg als umstrittenes Objekt. In: ETHistory 1855-2005: Zeitreisen durch 150 Jahre Hochschulgeschichte: Eine Web-Ausstellung des Instituts für Geschichte der ETH Zürich