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Auf den ersten Blick war die Sache mit der Kunst für Bruce Nauman immer ganz einfach. "Ich denke allgemein nicht über ein grosses Publikum nach. Ich denke, wem würde ich das gern zeigen? Wenn es diese Bedingung erfüllt, können es - denke ich - viele Menschen betrachten", sagte er 2001 dem TV-Sender PBS. Am Dienstag wird der Konzeptkünstler 75 Jahre alt.
"Im Lauf seiner Karriere hat Nauman uns geködert, kontrolliert, gelangweilt, erzürnt, verängstigt, beleidigt, geärgert, behindert, mit uns experimentiert und uns - seine Zuschauer - dahingehend manipuliert, seine Arbeit innerhalb seiner Parameter zu betrachten", schrieb Kurator Paul Schimmel über den in Fort Wayne (Indiana) geborenen Pionier der Video- und Performance-Kunst einmal.
Die Deutung seiner aus immer neuen Materialien zusammengesetzten Arbeiten hat der öffentlichkeitsscheue Nauman, der mit seiner Frau auf einer abgelegenen Farm in New Mexico lebt, meist anderen überlassen.
Hoffnungsloser Pessismist?
Zwei Sätze konnte ein Reporter ihm dort zuletzt aber doch entlocken: Seine Arbeit entstehe "aus Frust über die Bedingung des Menschseins. Und wie Menschen sich weigern, andere Menschen zu verstehen", sagte Nauman im September. Vielleicht erklärt das, warum Kritiker ihn gern als hoffnungslosen Pessimisten zeichneten, der etwa einen hilflos mit den Beinen strampelnden Clown auf sechs Bildschirmen gleichzeitig zeigt, der das Publikum mit "No, No, No"-Schreien malträtiert.
Das war es dann aber auch schon mit dem Versuch, Nauman wie andere Künstler des späten 20. Jahrhunderts mit einer eigenen "Handschrift" zu kategorisieren. Ob mit Zementblöcken, umgekehrten Treppenstufen, Neonröhren, Tier-Abgüssen oder einem Video von sich selbst: Nauman verstört und lässt sein Publikum meist nervös zurück. Der existenzialistische Dramatiker Samuel Beckett hat Naumans Werk geprägt. Es sind Alpträume und Sackgassen, in die Nauman die Menschen lockt.
Krönung mit dem Goldenen Löwen
In der Londoner Tate Modern zum Beispiel, als er für die Ausstellung "Raw Materials" 40 überdimensionale Lautsprecher in der Turbinenhalle aufstellte, aus denen sich körperlose Stimmen zu einem betörenden Ganzen verbanden. "Geh' aus meinem Verstand, geh' aus diesem Raum", flüsterte Nauman am Rand des Erstickens dort, japsend und knurrend schuf er eine klaustrophobische, einschüchternde Aura.
Dass Nauman 2009 für seine "Topological Gardens" bei der Biennale in Venedig den Goldenen Löwen gewann, war letztlich eine Bestätigung der in der Kunstwelt längst gereiften Einsicht, dass der frühere Student der Physik und Mathematik zu einem der einflussreichsten Künstler seiner Zeit avanciert war.
Warum der Sohn eines Ingenieurs sich damals entschied, anders als seine Kommilitonen abzubrechen und es mit der Kunst zu versuchen, weiss er selbst nicht so genau. "Vieles ist Unfall, Ergebnis billiger Ausrüstung", erklärte er seine Werke im Jahr 2001. "Dank der Unfälle bleibt es echt, ich mag das irgendwie."
Comeback
Nachdem sein Mix aus Skulpturen, Video, Ton, Installationen und Skizzen quer durch die Welt gereist war, wurde es ruhig um den Mann, der eine Liebe zu Pferden und dem Ranch-Dasein pflegt. Und dann plötzlich tauchte er mit einer Ausstellung im Philadelphia Museum of Art wie aus der Versenkung auf: In den "Contrapposto Studies, I through VII" sieht man Nauman im klassisch-griechischen Kontrapost gehen - vor- und rückwärts, im Positiv und Negativ, auf ewig.
Was erst simpel scheint, wird für den Betrachter über kurz oder lang zur Tortur. Der "Kunst-Provokateur" sei zurück, betitelte die "New York Times" ihr Porträt zur neuen Ausstellung. "Sind Sie bereit?"