Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03282.jsonl.gz/2051

Verantwortung: Angela Müller / Felix Rauh
Referentinnen: Wolfgang Fuhrmann / Jens Jäger / Angela Müller / Felix Rauh / Jürg Schneider
Die Relevanz von Vorstellungen über das aussereuropäische „Andere“ für europäische Identitätskonstruktionen gehört zu den derzeit intensiv beackerten historischen Forschungsfeldern – was nicht zuletzt in der Durchführung mehrerer einschlägiger Panels an den Dritten Geschichtstagen Ausdruck fand. Die Visual History, die sich ebenfalls einer ansprechenden Konjunktur erfreut, scheint für die Erkundung des Themenfelds insofern gut geeignet, als die Konstruktion des Fremden in bildlichen Darstellungen oft besonders greifbar wird. Die These, dass europäische Vorstellungen von aussereuropäischen Menschen und Lebenswelten wesentlich visuell geformt wurden, bildete denn auch die Klammer für die fünf Beiträge im Panel „Globale Bilder – lokale Wirkung“.
JÜRG SCHNEIDER (Basel) beschrieb die „Moments of Unease“, die sich in der gemeinsamen Geschichte von Anthropologie und Fotografie einstellten. Die Erfindung des Mediums Fotografie eröffnete der ethnographischen Anthropologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neue Optionen in der angestrebten systematischen Erfassung menschlicher ‚Rassen‘. In ihrem Bemühen, mit Hilfe der Fotografie die wissenschaftliche Vergleichbarkeit verschiedener Menschengruppen zu ermöglichen, hatten deutsche Anthropologen indes immer wieder Widerstände zu überwinden – wie Schneider anhand von zwei Beispielen zeigte. Der Arzt und Fotograf Julius Falkenstein bekundete 1873 auf einer Expedition in Äquatorial-Afrika Probleme, seine menschlichen Objekte dazu zu bewegen, sich fotografieren und vermessen zu lassen. Die Völkerkundler, die 1896 an der Kolonialschau der Berliner Gewerbeausstellung die rund 100 aus deutschen Kolonien herbeigeschafften Menschen zu Studienobjekten erkoren, stiessen ebenfalls auf verbreiteten Unwillen. Während im Falle Falkensteins die Vermessungen grössere Widerstände provozierten, wehrten sich die Berliner „Ausstellungsobjekte“ stärker gegen das Fotografiertwerden.
Der Beitrag von JENS JÄGER (Köln) thematisierte den Umgang mit dem „Unease“, der sich im deutschen Kaiserreich um 1900 fand, weil das Vorhandensein deutscher Kolonien offensichtlich im Widerspruch zur Fiktion einer homogenen deutschen Nation stand. Eine Methode des Umgangs mit – hier nicht erwünschter – Differenz bestand darin, Bilder des kolonialen Aussereuropa zu schaffen, die den kolonialen Raum als der Metropole ähnlich präsentierten. Jäger demonstrierte diese Differenzreduktion etwa am Beispiel von Postkarten, auf denen sich Kirchen oder andere europäische Kolonialinfrastrukturen abgebildet fanden, die frappierende Ähnlichkeit aufwiesen zu Gebäuden in der Metropole. Durch die Herstellung eines ästhetischen Wiedererkennungswerts wurde der koloniale Raum ent-exotisiert – und so als integraler Bestandteil der Nation dargestellt. Die zentrale Kategorie, um die Jägers Überlegungen kreisten, war der Begriff der „Heimat“. Indem die Kolonien in den ästhetischen Kategorien von „Heimat“ visuell repräsentiert wurden, konnten sie gleichsam „normalisiert“ werden.
Mechanismen der Selbstvergewisserung spielten auch im Vortrag von WOLFGANG FUHRMANN (Zürich) eine wichtige Rolle. Im Unterschied zu Jens Jäger richtete Fuhrmann den Fokus nicht auf Bildinhalte, sondern – am Beispiel früher Kinobilder aus deutschen Kolonialgebieten – auf das Verhältnis von Publikum und Gezeigtem. Fuhrmann suchte dabei zu belegen, dass es sich beim Kinopublikum der Anfänge, anders als oft angenommen, nicht um ein überwiegend proletarisches gehandelt hatte. So konnte sich beispielsweise nur ein zahlungskräftiges Publikum die hohen Eintrittspreise für die „optische Berichterstattung“ im internationalen Variété, einer der ersten Formen der Filmaufführung um 1900, leisten. Die optische Berichterstattung sollte über aktuelle Ereignisse aus aller Welt informieren und gleichzeitig für eine Weltsicht werben, welche die Grösse und Stärke des Deutschen Reichs betonte. Kriege waren ein beliebtes Thema in der Berichterstattung und der Ausbruch des Hererokriegs in Deutsch-Südwestafrika 1904 stellte ein willkommenes Sujet dar für die „nationale Nabelschau“ des gutsituierten Variété-Publikums. Der Hererokrieg verschwand auch dann nicht aus deutschen Kinosälen, als er nach Ablauf seines Neuigkeitswerts kein Gegenstand mehr war in der aktualitätsgebundenen optischen Berichterstattung. Die Deutsche Kolonialgesellschaft (DKG) suchte den seit Beginn des Jahrhunderts schwindenden Kolonialenthusiasmus neu anzufachen, indem sie für ihre – ebenfalls tendenziell gut betuchten – Mitglieder Filmvorstellungen durchführte.
Die Beiträge der beiden Panelorganisatoren ANGELA MÜLLER (Luzern) und FELIX RAUH (Luzern) rundeten schliesslich das aufgespannte Panorama ab. Angela Müllers Paper „Südasien verewigen oder weshalb Buddhisten keine Armbanduhren tragen“ zeigte – wiederum in einer Weiterführung von Jens Jäger – wie die deutschsprachige Reisefotografie koloniale Prägungen des Raums ausblendete. Grossformatige Bildbände und Illustrierte entwickelten sich nach 1900 zu beliebten Medien für die Verbreitung visueller Darstellungen Aussereuropas. Fotografien aus Südasien erfreuten sich dabei nach dem Ersten Weltkrieg besonderer Popularität. Indien wurde in diesen Abbildungen als eigentliches „Wunderland“ mit einer dem Lauf der Zeit enthobenen Kultur repräsentiert; aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen hingegen hatten keinen Platz in dieser Darstellungsweise. Exemplarisch festmachen konnte Müller das Funktionieren dieser „Imaginationsfabrik“ des Pittoresken an der Fotografie eines tibetanischen Mönchs: Der Zürcher Reisefotograf und Bildautor Martin Hürlimann hatte per Retusche eine Armbanduhr vom Handgelenk des Mönchs entfernt – naheliegenderweise, weil das Tragen einer modernen Uhr nicht kompatibel schien mit zeitgenössischen europäischen Vorstellungen des entsagungsvollen Daseins eines buddhistischen Mönchs.
Während Angela Müller visuelle Kontinuitäten aufgezeigt hatte, betonte Felix Rauh in seinem Beitrag den Wandel in der Repräsentationsweise aussereuropäischer Kulturen: Anhand von Dokumentarfilmen, welche in Sammelkampagnen der Schweizer Hilfsorganisation Brot für Brüder zum Einsatz gelangt waren, illustrierte Rauh die Veränderungen des Verständnisses von „Entwicklung“ zwischen Anfang der 1960er- und Mitte der 1970er-Jahre. Im Fokus standen dabei die Darstellungen religiöser Praxis: Der Reiseschriftsteller und -filmer René Gardi präsentierte 1965 in „Nous les autres“ ekstatisch verzückte kongolesische Männer und Frauen als fremde Wesen, deren vormoderne Verhaltensweisen durch die zivilisatorische Tätigkeit der europäischen Entwicklungshelfer noch nicht abschliessend unterbunden waren. Trotz neuer Ansätze im Entwicklungsdenken hielten sich paternalistische Darstellungsformen im Dokumentarfilm hartnäckig. Einen deutlichen Bruch mit bisherigen Repräsentationsmustern bedeutete erst das Aufkommen politisierter Entwicklungsfilme in den 1970er-Jahren. In Peter von Guntens „El Grito del Pueblo“ von 1976 waren die befreiungstheologischen Ideen peruanischer Landarbeiter nicht mehr Symptom von Rückständigkeit, sondern Ausdruck emanzipatorischen Potentials. Vor allem porträtierten Filme wie „El Grito del pueblo“ ihre Charaktere nicht mehr als passive Empfänger, sondern als eigenständig agierende Subjekte.
Die Schlussdiskussion des Panels, das als gelungenes Panoptikum zahlreiche Facetten und Mechanismen der Verbildlichung Aussereuropas in den letzten rund 150 Jahren sichtbar gemacht hatte, trug zur weiteren Differenzierung des Gegenstandes bei: So erhellten Kommentare beispielsweise die Bedeutung der jeweiligen Medien und Bildträger in der Repräsentation aussereuropäischer Lebenswelten zusätzlich; die Relevanz des jeweils adressierten Publikums wurde ebenfalls betont. Auch der abschliessende Appell, die Bedingtheit des eigenen Blicks auf visuellen Quellen immer wieder zu reflektieren, fand willkommene Aufnahme.
Wolfgang Fuhrmann: Kolonialismus im frühen Kino als „Infotainment“ für gehobene Kreise. Die Rezeption früher kolonialer Filme im Deutschen Reich
Jens Jäger: Verschmelzungen. Visionen eines "deutschen" Afrika
Jürg Schneider: Almost there. Menschen und Fotografien im atlantischen Bildraum
Angela Müller: Südasien fotografisch verewigen oder warum Buddhisten keine Armbanduhren tragen (1920-1940)
Felix Rauh: Audiovisuelle Repräsentationen der "Dritten Welt". Dokumentarfilme im Entwicklungseinsatz, 1960-1980