Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03128.jsonl.gz/260

«Schweinereien» getrieben? – ab in die Zelle!
Am 14. Februar findet im Rahmen der Veranstaltungsreihe des «Institute of Queer Studies» ein weiteres Referat statt: Der Historiker Kevin Heiniger geht der Frage nach, wie in der Erziehungsanstalt Aarburg im 20. Jahrhundert mit der Sexualität der jugendlichen männlichen Insassen umgegangen wurde.
Das Bild zeigt eine grosse Gruppe von Zöglingen auf der Hochwacht der Festung Aarburg um 1920/25.
Kevin, der Gegenstand deines Referats ist eines der Themen, denen du deine Dissertation gewidmet hast. Wie bist du auf diese Fragestellung gekommen?
Sie hat sich nach und nach aus den Quellen ergeben. Vor rund sechseinhalb Jahren erfuhr ich, dass das heutige Jugendheim Aarburg über ein Archiv verfügt, das damals noch komplett unbearbeitet war. Ich erhielt vollen Zugang zu den Dokumenten und fand das Material unheimlich spannend! Ich merkte, dass das Thema der Sexualität in den Unterlagen ab den 1930er-Jahren immer präsenter wurde und in den Augen der Anstaltsleitung einen zunehmend wichtigen Stellenwert einnahm. In meiner Dissertation habe ich mehrere Sondierungspunkte bestimmt, anhand derer ich die Geschichte der Institution nachzeichne. Insofern stellt das Thema des Vortrags nur einen Teilaspekt eines grösseren Ganzen dar.
In der Ankündigung des Referats ist zu lesen, dass «der Sexualität der Jugendlichen im Rahmen von Nacherziehungsmassnahmen kein Raum geboten wurde». Mit welchen Mitteln wurden sexuelle Triebe unterdrückt?
Wenn dem Anstaltspersonal auffiel, dass Zöglinge miteinander intim waren, dann wurde in der Regel zuerst einmal ein Kontaktverbot verhängt. Die Betroffenen sollten also isoliert und voneinander getrennt werden. Wer gegen diese Auflagen verstiess, hatte in einem zweiten Schritt mit Disziplinierungsmassnahmen wie Zellenhaft oder Essensentzug zu rechnen. Im Extremfall wurden auch Zwangsversetzungen in andere Anstalten angeordnet.
Zöglinge beim Bockspringen, Mitte der 1920er Jahre.
Du thematisiert auch die Unterscheidung zwischen sogenannten «echten» und «unechten» Homosexuellen, wie sie von der Psychiatrie ab den Dreissigerjahren vorgenommen wurde. Wie wurde das unterschieden?
In den Akten ist sehr schön nachzulesen, wie die Insassen regelrecht analysiert und kategorisiert wurden. «Unechte» Homosexuelle waren zum Beispiel jene, die insgesamt als «ganz normal» galten, aber im Einzelfall – sozusagen aus einer «Notgeilheit» heraus – mal «über die Stränge schlugen» und etwas mit einem anderen Jugendlichen hatten. Andere hingegen wurden aufgrund ihres Äusseren oder wegen ihres allgemein «femininen» Verhaltens als «echte» Schwule klassifiziert.
Anhand konkreter Beispiele zeigst du auf, wie sich der Umgang mit der (Homo)Sexualität im Laufe des 20. Jahrhunderts in der Erziehungsanstalt veränderte. Wie kann man sich diesen Wandel vorstellen?
Die stärkste Veränderung war zuerst sicherlich einmal, dass man das Thema Sexualität ab den Dreissigerjahren überhaupt diskutierte. Zuvor waren solche Fragen ein grosses Tabu gewesen, in der Erziehungsanstalt wurde nicht darüber gesprochen. In den Dreissigern änderte sich das. Die Anstaltsleitung begann, mit den Jugendlichen darüber zu reden und sie dazu zu befragen. Teilweise missbrauchte sie die Sexualität der Insassen sogar als Druckmittel, indem sie innerhalb des Anstaltsbetriebs publik machte, wer mit wem verkehrte. So konnte sie die Jugendlichen demütigen. In den Sechzigerjahren fand wiederum ein Wandel statt. Den jungen Männern wurde mehr Autonomie gewährt und die Sexualität bekam im Rahmen von Nacherziehungsmassnahmen einen anderen Stellenwert. Die Vermutung liegt nahe, dass dies in Zusammenhang steht mit der sexuellen Revolution und damit verbundenen gesamtgesellschaftlichen Liberalisierungstendenzen, die sich in den Sechzigern vollzogen.
Wann und wo: Dienstag, 14. Februar, um 19 Uhr, Universität Zürich, Rämistrasse 71, Zürich, Raum K02 F 150
Interview: Markus StehleZurück