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Das Diamant-Sutra
Für einen kommenden Zazentag habe ich einen Vortrag mit dem Titel "Das Diamant-Sutra" ausgewählt. In diesem Sutra unterrichtet der Buddha seinen Schüler Subhuti über seine tiefsten Erkenntnisse. Subhuti ist nicht nur Zuhörer, sondern teilt auch sein eigenes Verständnis mit dem Buddha. Ich halte dieses Sutra für sehr wertvoll, da seine Aussagen sehr herausfordernd sind. Das Sutra fordert unser gewöhnliches, unterscheidendes Denken heraus. Die Erkenntnisse sind eine passende und geeignete Quelle für die persönliche Denkarbeit (reflektierendes Denken).
Bedeutung des Sutra
Leerheit
Dieses Sutra ist eine der wichtigsten Schriften des Mahajana-Buddhismus. Sein Hauptthema ist die Leerheit aller Phänomene, d.h. alle Phänomene besitzen kein eigenes, selbstständiges Sein. Auch das Herz-Sutra, welches wir einmal am Tag in einem Sesshin rezitieren, hat die Leerheit als Grundthema mit der bekannten Formulierung: Form ist Leere, Leere ist Form.
Dieses Sutra ist eine der wichtigsten Schriften des Mahajana-Buddhismus. Sein Hauptthema ist die Leerheit aller Phänomene, d.h. alle Phänomene besitzen kein eigenes, selbstständiges Sein. Auch das Herz-Sutra, welches wir einmal am Tag in einem Sesshin rezitieren, hat die Leerheit als Grundthema mit der bekannten Formulierung: Form ist Leere, Leere ist Form.
Nicht-Anhaften
Um zu einer persönlichen Erfahrung der Leerheit bzw. der umfänglichen Einheit allen Seins zu kommen, ist das Nicht-Anhaften an unseren Vorstellungen, unserem selbstgebauten Weltbild und letztendlich unseren tief verankerten Illusionen der entscheidende Schlüssel.
Boddhisattva-Ideal
Das Sutra spricht ausführlich über das Bodhisattva-Ideal. Ein Bodhisattva ist ein Erleuchteter, der sein Erwachen nutzt, um andere auf dem Weg zur Befreiung zu unterstützen.
Diamant
Und warum heisst es nun Diamant Sutra? Der Diamant ist der härteste natürliche Stoff, bestehend aus Kohlenstoff, der oktaederförmig angeordnet ist. In der Literatur findet man zwei Deutungen dazu: Thich Nhat Hanh sagt: "Der Diamant, der alle Illusionen durchschneidet." Eine andere Deutung besagt Folgendes: "Die erleuchtete Weisheit, die Leere, unsere Dharmanatur ist unzerstörbar. Die wahre Natur bleibt völlig unberührt von den Unbeständigkeiten der Welt, ähnlich wie ein Diamant unbeschadet alle möglichen Schläge übersteht."
Schön, dass es hier gleich zwei Deutungen gibt. Das zeigt mir die Unwichtigkeit des Namens "Diamantsutra" auf. Es ist ja eben nur ein Name. Und es macht so wenig Sinn, sich laufend über richtig und falsch auseinanderzusetzen. Und gleichzeitig ist es wichtig, nicht nachlässig mit Worten und Namen umzugehen.
Subhuti
Subhuti ist der Lieblingsschüler des Buddha. Er wird gerne als Lehrer der Leere bezeichnet, er verfügte über ein tiefgründiges Verständnis der Leere. Und warum wurde er dann nicht der Nachfolger vom Buddha? Mahakasyapa wurde ja der erste Nachfolger, das lag wohl auch daran, dass Mahakashyapa auch über ein entsprechendes Organisationstalent verfügte.
Aufbau des Sutra
Das Sutra besteht aus 32 kürzeren Abschnitten. Wie gesagt besteht jeder Abschnitt dann aus einer Frage und Antwort zu verschiedenen Aspekten rund um die Leerheit, Nicht-Anhaften und das Bodhisattva Ideal.
Kommen wir jetzt zum Thema des Vortrages! Wir reden ja in Teishos und Dharmavorträgen immer und immer wieder über die gleichen Themen, also über Leerheit, Nicht-Anhaften, die Einheit allen Seins. Nur die Art und Weise, darüber zu reden, ist unterschiedlich. Das Diamantsutra verfügt über seinen eigenen Stil - seiner Dialektik, also der Fähigkeit etwas wirkungsvoll anderen mitzuteilen.
Nr. 1: Der Bettelgang
Als an diesem Tag die Zeit der Almosenrunde gekommen war, legte der Buddha seine Mantelrobe an, nahm seine Schale und ging in die Stadt Sravasti. Dort schritt er von Haus zu Haus und bettelte um Almosen. Danach kehrte er zum Kloster zurück, um sein Mittagsmahl einzunehmen. Schliesslich legte er seine Mantelrobe ab, stellte die Schale beiseite, wusch seine Füsse, richtete sein Kissen und setzt sich wieder.
Mir fällt die Achtsamkeit der Ausführung der gewöhnlichen Tätigkeiten im Leben eines Möches dazu ein. Es hat den Charakter der Samu-Arbeit, also Arbeit in Achtsamkeit. Thich Nhat Hanh schreibt dazu in einem Kommentar, dass das Erbetteln der Almosen ein Weg ist, den Geist der Nicht-Unterscheidung zu pflegen. Es bietet die Möglichkeit, mit den unterschiedlichsten Menschen in Berührung zu kommen und sie in den Lehren und Übungen des Buddha zu unterweisen. Um nicht zu unterscheiden, geht der Mönch dabei von einem Haus zum nächsten, auch dann wenn er weiss, dass im nächsten Haus unfreundliche Menschen anzutreffen sind. Er unterscheidet halt nicht!
Wie handeln wir an dieser Stelle - mich eingeschlossen?
Wir machen unsere Erfahrungen, konservieren diese, selbst auch dann noch, wenn aus dem Saulus bereits ein Paulus geworden ist. Und dann wenden wir diese Erfahrungen an. So hilfreich diese Erfahrung im Kontext des Überlebens sein kann, auf der anderen Seite wird diese Erfahrung uns einschränken. Wir haben es hier mit einer anspruchsvollen Ambivalenz zu tun, d.h. es sind zeitgleich zwei Wahrheiten vorhanden: Die Erfahrung kann nützlich für mich sein und gleichzeitig schränkt sie mich ein. Ein jeder muss selber entscheiden, was im gegenwärtigen Moment den Vorrang haben soll! Erfahrung oder Freiheit. Vorsicht ist immer dann geboten, wenn diese Erfahrung zementiert wird. Das Leben fordert von uns in jedem Moment, die passende Antwort zu geben!
Ein persönliches Beispiel dazu: Als junger Projektleiter hatte ich damit experimentiert, mich bewusst direkt neben einem mir feindlich gesonnenen Kollegen zu setzen und dies mit einem friedlichen Geist. Sitzen zwei Personen nebeneinander blicken sie in die gleiche Richtung und haben damit schon mal etwas Gemeinsames. Ich hatte dies mal als Empfehlung gelesen. Die Experimente damit waren für mich hilfreich. Neben dem Sitzen auf dem Kissen halte ich das reflektierende Denken für eine sehr wertvolle Ergänzung in unserer Praxis. Sitzen allein ist für mich persönlich nicht ausreichend.
Nr. 3: Der erste Blitzstrahl
Anmerkung: Der Titel "der erste Blitzstrahl" ist eine Formulierung von Thich Nhat Hanh.
Im zweiten Abschnitt fragt Subhuti den Buddha was jemand, der nach dem vollkommen erwachten Geist sucht, machen soll, um das zu erreichen. Wie soll man sein Denken beherrschen?
Mit anderen Worten für uns heute Praktizierende formuliert: "Was kann ich neben der Zazen-Übung machen, um zu erwachen? Wie soll ich mit meinem Denken umgehen?"
Zitat: "Auf diese Weise beherrschen die Bodhisattva-Mahasattva ihr Denken: 'Wie viele Arten von Lebewesen es auch geben mag - ob aus einem Ei oder einem mütterlichen Schoss geboren, aus Feuchtigkeit entstanden oder aus sich selbst heraus; ob diese Wesen nun Form haben oder keine Form, Wahrnehmungen haben oder keine Wahrnehmungen; oder ob von ihnen nicht gesagt werden kann, ob sie Wahrnehmungen haben oder nicht - wir müssen all diese Wesen zum endgültigen, vollständigen Nirvana führen, damit sie Befreiung finden.'
Warum ist dies so? Wenn, Subhuti, ein Bodhisattva an der Vorstellung festhält, dass ein Selbst, eine Person, ein Lebewesen oder eine Lebenspanne existiere, dann ist er kein echter Bodhisattva."
Erste Aussage
Dieser Abschnitt enthält zwei Aussagen. Die erste betrifft das Bodhisattva-Ideal. Ein Bodhisattva setzt sich dafür ein, anderen auf dem Weg zur Befreiung zu helfen. Und gemeint sind hier wirklich alle und Alles. Dies erinnert mich an das erste Versprechen, welches wir morgens und abends in einem Sesshin rezitieren. Es lautet: "Die Lebewesen sind zahllos und ich gelobe sie alle zu retten. Shu jo muhen sei gan do."
Hui Neng, der sechste Patriach, kommentiert dieses Versprechen folgendermassen: Mit den Lebewesen sind unsere Gedanken und Vorstellungen gemeint. Nach buddhistischer Auffassung, ist ein jeder Gedanke ein solches Lebewesen. Es kommt, wirkt und geht auch wieder. Sehr gut und sehr konkret. Unser erstes Versprechen ist damit auch eine erste und wichtige Übung. Achte auf deine Gedanken, denn aus Gedanken werden Taten und Gewohnheiten. Je öfter gedacht, umso härter und widerstandsfähiger sind sie. Und sie engen uns ein, machen uns unfrei. Wir leben nicht mehr unser Leben, sondern folgen den Regeln und Absichten unserer Verhärtungen. Wie Schade. Gerne führe ich an dieser Stelle die Geschichte vom Hammer von Watzlawik an. Ich lese sie euch vor:
Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar ihm den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er ihn nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen ihn. Und was? Er hat ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von ihm ein Werkzeug borgen wollte, er gäbe es ihm sofort. Und warum sein Nachbar nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen ausschlagen? Leute wie der Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet der Nachbar sich noch ein, er sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s ihm aber wirklich. Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er „Guten Morgen“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“
Diese Geschichte übertreibt und macht sie dadurch lustig. Wir können darüber lachen. Beobachten wir uns jedoch selbst, so werden wir viele, vielleicht auch subtile und kaum erkennbare Hammergeschichten bei uns finden. Haben wir sie gefunden und identifiziert, wird uns auch das zugrunde liegende Muster auffallen und wir haben dann die Voraussetzung für die Arbeit mit ihnen geschaffen. Thich Nhat Hanh sagt dazu, dass wir die nützlichen und hilfreichen Gedanken pflegen und willkommen heissen sollen und fördern sollen. Die schädlichen Gedanken, so sagt er, sollen wir behutsam ins Allbewusstsein zurückschicken, auf alle Fälle sie nicht weiter fördern und nicht weiter lebendig halten.
Zurück zum Sutra: der Buddha schliesst die Gedanken-Lebewesen in seiner Aussage mit ein, aber er beschränkt sich nicht darauf. Ihm geht es darum, dass ALLE und ALLES zur Befreiung geführt wird.
Zweite Aussage
Die zweite Aussage betrifft die Vorstellungen eines Bodhisattvas. In seiner Vorstellung hat ein Selbst, eine Person, ein Lebewesen oder eine Lebensspanne keinen Platz. Ein Bodhisattva ist erwacht und er hat erkannt und erfahren, dass es in der Einheit allen Seins, also in unserer Grundlage, kein Selbst, keine Person, kein Lebewesen und keine Lebensspanne gibt.
Ein Selbst grenzt sich von anderen ab. Eine Person grenzt sich von Tieren, einem Hund oder einer Katze ab. Ein Lebewesen grenzt sich von sogenannter toter Materie, einem Stück Eisen oder einem Fels ab. Ja und die Lebensspanne unterscheidet zwischen Leben und Tot.
Mit diesem ersten Blitzstrahl werden wir über alle Massen gefordert und zwar, dass wir unsere Vorstellung über unsere eigene Person als Illusion erkennen und sie überwinden. Und damit berauben wir uns unserer Sicherheit und zerstören unseren Boden, auf dem wir fest zu stehen glauben. Ist dieser Boden weich und brüchig geworden, so befinden wir uns im freien Fall. Das macht natürlich Angst.
Vor kurzem habe ich hierzu eine schöne Anmerkung gehört. Es gibt eine schlechte und eine gute Nachricht: die Schlechte ist, du befindest dich in diesem freien Fall und die Gute lautet: es gibt keinen Boden auf dem du aufschlagen könntest. Als ich dies hörte, dachte ich spontan daran, was dazu heute die notleidenden Menschen sagen würden, namentlich die vom Krieg, von der Zerstörung und vom Hunger über alle Massen gebeutelt sind. Naja, zumindest Trost würde diese Feststellung ihnen nicht bringen, das steht für mich fest. Sie brauchen ja etwas anderes.
Wer sich also darauf einlässt, dass die Vorstellung einer Person nur ein Illusion ist, begibt sich direkt in ein Dilemma. Aus dem Wikipedia: Ein Dilemma, auch Zwickmühle, bezeichnet eine Situation, die zwei Möglichkeiten der Entscheidung bietet, die beide zu einem unerwünschten Resultat führen. Es wird durch seine scheinbare Ausweglosigkeit als paradox empfunden.
Unser Dilemma besteht darin, dass wir unsere Sicherheiten, unsere Orientierung und Verankerungen in unserer Welt aufgeben müssen. Was für ein Verlust? Was erwartet mich dann? Wie soll das funktionieren? Wer sich ersthaft mit dem Zen auseinandersetzt, versteht, dass unserer Leben paradox ist. Unser Leben ist Form und es ist Leere zugleich. Freunden wir uns also mit dieser Paradoxie an und vermeiden es, von richtig und falsch zu sprechen und im Sinne von richtig und falsch zu handeln. Es gibt nur passendes Verhalten und passendes Denken. In diesem Moment ist das Leben so wie es ist, es zeigt sich immer genau so. Egal was du denkst, egal, wie deine Sicherheiten und deine Orientierung aussehen. Lass dich ganz und gar auf das Leben ein und der freie Fall wird zum Fluss des Lebens.
Ich selber (ursprünglich wollte ich persönlich schreiben) verstehe es heute so: ich gebe meine Sicherheit nicht leichtsinnig auf. Ich verschenke sie nicht, um mittellos ein besserer Mensch zu werden. Gedanklich kann ich mich fragen, was wäre, wenn ich meine Wohnung nicht mehr hätte. Und die Antwort ist einfach: du hast die dann nicht mehr. Es ist Vergangenheit und was zählt, ist das, was sich jetzt in diesem Moment zeigt. Das ist das, was ist. Die Gedanken an deine Wohnung sind nur Erinnerungen - vergangen, verblasst, ohne Beständigkeit. Das Leben dagegen ist ewig fliessend und sich ewig verändernd.
Und damit möchte ich den heutigen Vortrag auf dem Zazentag abschliessen. Im Diamantsutra gibt es weitere Abschnitte, die gut zu einem Teisho passen. Dazu gehört die Aussage des Buddha zum Verdienst eines Bodhisattvas, falls er alle befreit hat. Sehr interessant ist dann die Stelle im Diamantsutra im 10. Abschnitt. Zitat: "Sie sollten einen Vorsatz fassen aus dem Geist heraus, der nirgendwo verweilt." Mit diesem Satz aus dem Diamantsutra erlangte der sechste Patriarch seine erste tiefe Erfahrung und das Hören dieser Worte führt ihn zum 5. Patriarchen.
Ich wünsche euch allen einen Geist, der nirgendwo verweilt.
Klaus-Peter Wichmann (Hoshi)
09. März 2024
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