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Zum Zusammenhang zwischen Verschuldung, Wachstum und Zinsniveau in einem Land gibt es bereits viele Studien. Noch intensiver behandelt wurde das Thema insbesondere, nachdem die US-Wirtschaftswissenschaftler Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff 2010 ihren bekannten Artikel «Growth in a Time of Debt»[1] veröffentlicht hatten. Die Autoren plädierten darin für eine drastische Senkung der Staatsschuldenquote, um das Wachstum anzukurbeln. Der Artikel hatte beträchtliche Auswirkungen und führte dazu, dass weltweit verschiedene staatliche Sparprogramme aufgegleist wurden. Doch zahlreiche Nachfolgestudien haben die Schlussfolgerungen der Autoren bereits wieder relativiert.
Die Schweiz mit ihrer hohen politischen Stabilität hätte grundsätzlich als gute Fallstudie dienen können, um die Auswirkungen der Staatsverschuldung zu analysieren. Doch es gibt nur wenige Studien zur Schweiz, und die sind oftmals mangelhaft. Bislang ist nur eine empirische Studie verfügbar, die sich speziell mit der Schweiz befasst, aber auch sie bezieht sich nur auf einen kurzen Zeitraum.[2] Diese unbefriedigende Ausgangslage ist zu einem grossen Teil auf ein typisch schweizerisches Problem zurückzuführen. Denn hierzulande ist es besonders schwierig, die Gesamtverschuldung der öffentlichen Hand zu berechnen: Wegen der föderalistischen Struktur der Schweiz müssen zur Verschuldung des Bundes auch die Schulden der zahlreichen Kantone und Gemeinden hinzuaddiert werden. Doch in fast allen Studien, die sich mit der Schweiz befassen, werden nur die Schulden des Bundes berücksichtigt. Damit wird ein wesentlicher Teil der öffentlichen Verschuldung vernachlässigt, wodurch die Ergebnisse wenig aussagekräftig sind.
Neue Zeitreihe zur Verschuldung der Schweiz
Ein Artikel[3], der letztes Jahr in der «Schweizerischen Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik» veröffentlicht wurde, dürfte helfen, diesen statistischen Mangel zu beheben. Denn er enthält eine Zeitreihe zur Staatsverschuldung in der Schweiz. Diese Zeitreihe hat drei Vorteile: Erstens umfasst sie einen langen Zeitraum von 1894 bis 2014. Zweitens umfasst sie in grossem Umfang auch die sogenannte interne Verschuldung, d. h. die Verwaltungsschulden von Bund, Kantonen und Gemeinden bei Institutionen wie der Post, bei den Pensionskassen der Staatsangestellten und bei den Sonderfonds. Und drittens lässt sich mit der Aggregation der Schulden auf den Ebenen Bund, Kantone und Gemeinden die gesamte Bruttoverschuldung der öffentlichen Gemeinwesen in der Schweiz abschätzen.
Hinsichtlich der Bruttoverschuldung zeigt die Zeitreihe, dass der Anteil der Bundesschulden an der Gesamtverschuldung im Laufe der Zeit stark schwankt: 1910 betrugen die Bundesschulden noch 8,8 Prozent, 1925 stiegen sie auf 40,5 Prozent und 1950 bereits auf 61,5 Prozent. 1975 betrugen sie dann nur noch 27,3 Prozent, ehe sie 2000 wieder auf 49,8 Prozent anstiegen. Die Verschuldung von Bund, Kantonen und Gemeinden entwickelt sich somit weder im gleichen Rhythmus noch in die gleiche Richtung (siehe Abbildung). Daher führt jede Studie zur Schweiz, die ausschliesslich die Bundesschulden berücksichtigt, zwangsläufig zu stark verzerrten Schlussfolgerungen.
Bruttoschulden von Bund, Kantonen und Gemeinden in der Schweiz, in Milliarden Franken (1894–2014)
Anmerkung: Die einzelnen Werte entsprechen jeweils der gesamten Bruttoverschuldung des Bundes, der Kantone und der Gemeinden, einschliesslich der internen Verschuldung. Doppelerfassungen wurden bis 1989 nicht abgezogen. Die Werte wurden zu konstanten Preisen von 1990 berechnet.
Quelle: Guex und Guex (2018) / Die Volkswirtschaft
Die Theorie auf dem Prüfstand
Dank der Zeitreihe können zwei Annahmen der vorherrschenden Wirtschaftstheorie überprüft werden. Die erste Hypothese besagt, dass sich die Staatsverschuldung negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirkt. Laut der zweiten Hypothese hat eine Staatsverschuldung langfristig höhere Zinsen zur Folge.
Die erste dieser Hypothesen wird in der Regel überprüft, indem die Korrelation zwischen der Verschuldungsquote und der Wachstumsrate des Bruttoinlandprodukts (BIP) eruiert wird. Die Verschuldungsquote misst das Verhältnis zwischen dem gesamtstaatlichen Bruttoschuldenstand und dem BIP. Der zeitliche Abstand zwischen diesen beiden Zeitreihen zeigt ausserdem, in welche Richtung ein Kausalzusammenhang besteht.
Die zweite Hypothese testet man, indem der gesamtstaatliche Bruttoschuldenstand mit der durchschnittlichen jährlichen Rendite von Obligationen des Bundes oder der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) verglichen wird. Die Obligationen der SBB gelten üblicherweise als bester Indikator für die langfristigen Zinssätze in der Schweiz.
Erweiterte Methodik
Die beiden Hypothesen wurden mit drei statistischen Methoden überprüft (siehe Tabelle), in aufsteigender Reihenfolge der Komplexität und der Aussagekraft. Zunächst untersuchten die Autoren die Korrelationskoeffizienten zwischen der Verschuldungsquote und der Wachstumsrate sowie zwischen der Verschuldungsquote und den Zinssätzen. Dabei wurden die Zeitreihen unter sich über ein Zeitfenster von ungefähr fünf Jahren verschoben. Eine solche Methode kann sicherlich kritisiert werden. Denn das BIP wird für die Berechnung der Verschuldungsquote und der Wachstumsrate verwendet, sodass die Korrelationen möglicherweise künstlich erhöht wurden. Doch diese Methode ist nach wie vor sehr verbreitet und eignet sich deshalb für den Vergleich mit anderen Forschungsstudien zu diesem Thema.
Mit dem zweiten Ansatz wird diese Verzerrung beseitigt: Die Residualwerte der verschiedenen Variablen werden verglichen, nachdem alle Informationen bereinigt sind, die sich mit univariaten Arima-Modellen erklären lassen (autoregressive gleitende Durchschnittsmodelle). Bei dieser Methode vergleicht man also die Abweichungen von den Tendenzen, die zwischen der Verschuldung, dem BIP und den Zinsen bestehen. Ein Beispiel: Will man etwa überprüfen, ob sich die Verschuldung negativ auf das BIP auswirkt, wird mit diesem Ansatz untersucht, ob ein Anstieg der Verschuldung über dem üblichen Niveau im Durchschnitt zu einem BIP-Wachstum führt, das unter den Prognosen liegt.[4]
Die dritte Methode beruht auf dem Kausalitätsbegriff des britischen Ökonomen Clive Granger.[5] Sie ist für diese Art von Studie der relevanteste Ansatz. Dabei werden lineare autoregressive Modelle entwickelt mit dem Ziel, den Wert einer Variable in einem bestimmten Jahr mit den eigenen Vergangenheitswerten und mit den Vergangenheitswerten einer anderen Variable zu «erklären». Mit der Granger-Kausalität misst man also, wie relevant die Existenz einer zweiten Variable im Modell ist. Mit dieser Methode wird beispielsweise untersucht, ob das BIP ausschliesslich mit seinen früheren Werten «erklärt» werden kann oder ob die Prognosen zuverlässiger werden, wenn man zusätzlich Vergangenheitswerte der Staatsverschuldung hinzufügt.
Die Zusammenhänge zwischen öffentlicher Verschuldung, BIP und langfristigem Zinssatz
|Zeitabstand (in Jahren)||Methode 1: Korrelation zwischen Verschuldung und BIP (Hypothese 1)||Methode 2: Korrelation zwischen Residualwerten der Verschuldung und Residualwerten des BIP (Hypothese 1)||Methode 1: Korrelation zwischen Verschuldung und Zinssatz (Hypothese 2)||Methode 2: Korrelation zwischen Residualwerten der Verschuldung und Residualwerten des Zinssatzes (Hypothese 2)|
|-5||-0,112||0,056||0,025||0,064|
|-4||-0,129||0,015||-0,003||0,027|
|-3||-0,118||-0,012||-0,028||-0,016|
|-2||-0,105||0,125||-0,050||0,252*|
|-1||-0,084||-0,461*||-0,092||0,106|
|0||-0,006||0,039||-0,146||-0,121|
|1||0,145||0,031||-0,203*||-0,142|
|2||0,131||0,021||-0,241*||-0,011|
|3||0,123||0,050||-0,271*||-0,108|
|4||0,116||-0,077||-0,303*||0,100|
|5||0,153||-0,097||-0,338*||0,041|
|Methode 3: Kausalität Verschuldung → BIP (Hypothese 1): 1,031||Methode 3: Kausalität Verschuldung → Zinssatz (Hypothese 2): 1.194|
|Methode 3: Kausalität BIP → Verschuldung (Hypothese 1): 16,241*||Methode 3: Kausalität Zinssatz → Verschuldung (Hypothese 2): 3,928*|
Anmerkung: Der Zeitabstand zeigt die Dauer zwischen dem Erhebungszeitpunkt des BIP oder des Zinssatzes und dem Zeitpunkt der Verschuldung.
* Signifikante Ergebnisse (5-Prozent-Signifikanzniveau)
Quelle: Guex G. und Guex S. (2018)
Wachstum beeinflusst Verschuldung
Was die erste Hypothese – den Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und BIP – betrifft, führen die Ergebnisse aller drei Analysen zu ähnlichen Schlussfolgerungen: Das BIP wirkt sich auf die Verschuldung aus und nicht umgekehrt. Zudem besteht zwischen den beiden Variablen ein negativer Zusammenhang. Mit anderen Worten: Ein Anstieg des BIP führt tendenziell zu einem Rückgang der Verschuldung. Umgekehrt hat eine Abnahme des BIP tendenziell einen Anstieg der Verschuldung zur Folge.
Die Ergebnisse zur zweiten Hypothese sind hingegen nicht schlüssig. Besteht ein Zusammenhang zwischen der öffentlichen Verschuldung und dem langfristigen Zinssatz? Die mit der ersten Methode durchgeführte Analyse zeigt zwar eine starke Korrelation, aber der Zusammenhang ist negativ. Das heisst: Eine hohe Verschuldungsquote hat tendenziell tiefere Zinsen zur Folge. Dieser Zusammenhang steht im Widerspruch zur Hypothese. Auch die Analysen mit den anderen beiden Methoden widersprechen der vorherrschenden Theorie: Gemäss ihnen beeinflusst das Zinsniveau tendenziell die Höhe der Staatsverschuldung – und nicht umgekehrt. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Zusammenhänge zwischen Staatsverschuldung und Zinsniveau komplex sind und dass alle übermässig vereinfachten Hypothesen zu diesem Thema mit Vorsicht zu geniessen sind.
Doppelter Beitrag
Der Artikel in der «Schweizerischen Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik» leistet zwei wesentliche Beiträge: Erstens legt er eine neue Zeitreihe zur öffentlichen Verschuldung in der Schweiz vor, die viel zuverlässiger ist als die bisherigen Zeitreihen und einen langen Zeitraum von 1894 bis 2014 abdeckt.
Zweitens verdeutlicht er, dass angesichts der sozioökonomischen und politischen Auswirkungen der Thematik mit höchster methodischer Stringenz vorgegangen werden muss: und zwar in Bezug auf die Länge des gewählten Zeitraums, den Umfang der berücksichtigten Verschuldung sowie die Vielfalt und die Robustheit der verwendeten statistischen Tests. Ausserdem zeigt der Artikel, dass sich die Staatsverschuldung nicht negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirkt – zumindest in der Schweiz nicht. Dieses Ergebnis sollte uns veranlassen, die in der Wirtschaftstheorie vorherrschende Auffassung, dass eine Sparpolitik der Verschuldung vorzuziehen ist, infrage zu stellen. In verschiedenen Ländern hat diese Auffassung zur Einführung einer Schuldenbremse geführt.
- Reinhart und Rogoff (2010).
- Schwab (1996).
- Siehe Guex und Guex (2018).
- Bei dieser und der nächsten Methode werden die Logarithmen der Verschuldung und des BIP untersucht. Damit lassen sich ihre Tendenzen linearisieren.
- Granger (1969).