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Ein Buch wie ein Quilt
Von Irene Widmer, sfd
Marius Daniel Popescus "Les couleurs de l'hirondelle" hat 2012 den Eidgenössischen Literaturpreis gewonnen, dieser Tage erscheint der Roman auf deutsch: ein Buch wie ein Quilt, genäht aus den verschiedensten Stoffen und Formaten, von der Gebrauchsanweisung übers Gedicht bis zur Prosa, von hyperrealistisch bis absurd.
Zwei Frauen stehen im Zentrum. Die eine ist nicht mehr, die andere ist noch nicht ganz. Der Erzähler reist in sein Herkunftsland, um seine Mutter zu beerdigen. In seinem anderen Land hat seine Tochter soeben ihre erste Periode bekommen und tritt ins Erwachsenenleben ein.
Es scheint, als hätte die Grossmutter des Kindes den Stafettenstab an die Nächste weitergegeben. "Begrabe deine Mutter und kehre zu deiner Tochter zurück", heisst es kurz vor Schluss. Aber im Falle des Erzählers ist mit der Stabübergabe mehr verbunden: "Du hast das Gefühl, dass du deine Mutter und deine Kindheit und dein Land zu Grabe trägst." Nun tritt "das Land der Tochter" - der Ausdruck "Schweiz" fällt nur ganz selten - an die Stelle des "Landes der Einheitspartei" - die Bezeichnung "Rumänien" fällt sogar nur zwei Mal.
Die zähflüssige Beschreibung des langen Wegs vom Spital auf den Friedhof wird aufgelockert durch heitere Episoden, hauptsächlich über die heranwachsende Tochter des Erzählers. Sie ist ein naseweises, verspieltes Kind, das sich gegenüber dem Vater gern als Autoritätsperson gebärdet. Dieser wiederum schwelgt in der eigenen Kindheit, den Spielen etwa, die er im "Land der Einheitspartei" spielte.
Stückwerk im positiven Sinn
Zwischen die Erzählprosa schiebt sich hin und wieder eine andere Textsorte, Gebrauchstexte, welche den Erzähler faszinieren - von der Gebührenordnung der Bibliothek bis zur Gebrauchsanweisung für ein Rubbellos. Obwohl der Realität geschuldet, wirken sie so absurd, dass man sich als Leser fragt, wie man das bisher übersehen konnte? Ein ähnliches Gefühl beschleicht einen bei Textpassagen, die detailgetreu und quasi in Zeitlupe Handreichungen schildern, etwa bei der Zubereitung eines Kartoffelsalats.
Weitere Spezialitäten des Buchs sind Gedichte, die ein bisschen an Lautgedichte erinnern und absurde Geschichten, die einer Art Traumlogik folgen: Da reist der Erzähler beispielsweise mit seinem Alter Ego "Du" und allerhand sinnlosem Sperrgut beladen über die Grenze nach Frankreich und sinniert über die vielen Bedeutungen des Worts "Land": "Für dich ist sogar ein Mensch ein Land".
"Du selbst bist der Text-Embryo"
Popescu überschüttet seine Leser nicht einfach nur mit all den Textsorten, er erklärt auch die Notwendigkeit dieses Prozesses: "Du selbst bist der Text-Embryo und du bemühst dich, wie viele andere es getan haben, es tun und noch tun werden, diesen Embryo in Worte zu verwandeln, mit Hilfe der Wörter genau zu bestimmen, was dieser Embryo alles vor den Wörtern, ohne die Wörter darstellt".
Literatur ist also ein Mittel der Selbstvergewisserung, in den Wörtern erkennt sich der Mensch. Er fasst sich in Worte. Der Erzähler etwa spricht abwechselnd von sich als Ich, Er oder Du: Er beobachtet sich von innen, aussen und von weit weg.
So hirnlastig, wie das tönt, kommt "Die Farben der Schwalbe" aber ganz und gar nicht daher. Bei all den Abschieden, von der Mutter, dem Land, der eigenen Kindheit und der Kindheit der Tochter bleibt der Text im Grundton heiter und locker. Erst nachdem man das Buch geschlossen hat, quillt sein Inhalt im Hirn. Der Text-Embryo gedeiht gleichsam weiter im Denken des Lesers.
Marius Daniel Popescu: "Die Farben der Schwalbe", Verlag Brotsuppe 2017, 181 Seiten, 28 Franken (UVP)
(20.4.2017 © sda/sfd)