Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03187.jsonl.gz/2567

Rimes letzte Herausforderung
Autor: URS HAENNI
Als erster Westschweizer übernimmt der Freiburger Nationalrat Jean-François Rime das Präsidium des Schweizerischen Gewerbeverbandes (SGV). Im Gespräch mit den FN äussert sich der 61-Jährige über Wahlkampagnen, Interessenkonflikte und persönliche Aspirationen.
Herr Rime, Sie sind vom Kongress des Gewerbeverbandes als einziger Kandidat präsentiert und zum Präsidenten gewählt worden. Hätten Sie nicht lieber eine richtige Wahl mit mehreren Kandidaten gehabt?
Ich glaube, in der Geschichte des SGV hat es am Kongress noch nie eine Wahl mit zwei oder drei Kandidaten gegeben. Wir hatten eine Wahl im Vorstand und eine im Parlament, der Gewerbekammer. Die Kammer entschied, dass es nur eine Kandidatur gibt. Wären es mehr Kandidaten, müsste sich jeder einzeln vorstellen, und das würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Ich kann gut damit leben, so wie es verlaufen ist.
Ist die Wahl zum Gewerbepräsidenten ein Trostpreis nach Ihren verlorenen Wahlen für den Ständerat und den Bundesrat?
Ich habe fünf Bedingungen als Gewerbepräsident erfüllt: Es muss ein Bundesabgeordneter sein mit einer starken Verankerung bei den kleineren und mittleren Unternehmen (KMU), der zwei Landessprachen spricht. Er muss SGV-Themen vor den parteipolitischen Themen Priorität geben und so wenig Leichen wie möglich im Keller haben.
Also doch kein Trostpreis?
Ich habe kein Burn-out durchgemacht, weil ich nicht Bundesrat oder Ständerat geworden bin. Als Ständerat wollte ich 2011 gar nicht kandidieren, habe aber mitgemacht aufgrund der Strategie unserer Partei zum Angriff aufs Stöckli. Wenn ich Ständerat hätte werden wollen, hätte ich gewartet, bis Berset Bundesrat ist, und dann im März kandidiert. Für den Bundesrat war es 2010 eine Kampfkandidatur und 2011 hat die Partei entschieden, Schneider-Ammann nicht anzugreifen.
Was ist das Reizvolle am Amt des Gewerbepräsidenten?
Es ist schon eine wichtige Stelle. Es gibt in der Schweiz vier grosse Wirtschaftsorganisationen: Economiesuisse, den Gewerbeverband, den Bauernverband und den Gewerkschaftsbund. Die haben alle mehr oder weniger Einfluss auf die Schweizer Wirtschaftspolitik. In diesem Sinn ist es eine grosse Freude, eine grosse Ehre, aber auch eine grosse Herausforderung.
Im Gewerbevorstand befinden Sie sich unter politisch Gleichdenkenden. Das Führen muss in diesem Gremium angenehm sein.
Ja, aber in einer Dachorganisation ist es nicht so klar wie in einer Branchenorganisation. Klar, über viele Themen sind wir uns einig, doch das bedeutet nicht, dass wir auf politischer Ebene nicht auch kämpfen müssen. Trotzdem: Es ist nicht das Gleiche wie in der Politik. Im Gewerbeverband müssen wir weniger Konzessionen machen.
Wird man einen anderen Gewerbepräsidenten Jean-François Rime erleben als den Freiburger Nationalrat Jean-François Rime?
Nein, ich glaube nicht. Eine Linie muss man haben. Es gibt gewisse Themen, wo ich ein bisschen aufpassen muss. Bei der Personenfreizügigkeit etwa werde ich nicht so hart sein wie innerhalb der SVP. Aber ich glaube, auch für Gewerbler gibt es Probleme mit der Freizügigkeit. Überhaupt sehen die Journalisten ja nur die Freizügigkeit als Thema im Gewerbeverband.
Welche Themen beschäftigen Sie und den Verband denn sonst noch?
Die Sozialwerke und deren Finanzierung, die Infrastruktur, die Energie und die Bildung. Das Dualsystem in der Ausbildung ist sehr wichtig. Wenn wir etwas retten müssen, dann ist es dieses Ausbildungssystem.
Könnten Sie bei einem der erwähnten Themen in Konflikt kommen mit der SVP?
Nein, da sind wir uns zu 90 Prozent einig.
Sehen Sie im Moment noch andere Themen, wo Sie in einen Interessenkonflikt zwischen Partei und SGV geraten könnten?
Nein, ich sehe im Moment kein anderes Gebiet. Es gab aber einmal einen Fall: die Teilzweckbindung der CO2-Abgabe. Wir haben entschieden, von 600 Millionen Franken 200 Millionen für energetische Gebäudesanierungen zu verwenden. Da war ich klar dafür, und sowohl meine Partei als auch der Gewerbeverband waren dagegen.
Wie werden Sie künftig damit umgehen, wenn wieder eine solche Situation entsteht?
Der Gewerbeverband ist ja eine demokratische Institution. Der Vorstand spricht eine Empfehlung aus, und die Parolenfassung geschieht in der Gewerbekammer. Ich werde wie bis jetzt mich im Vorstand engagieren, um meine Ideen durchzubringen. Als Präsident muss ich dann aber die Mehrheit unterstützen.
Wie stellen Sie sich die zeitliche Belastung als Gewerbepräsident vor?
Man spricht von 20 bis 30 Prozent. Aber es ist eine Aufgabe, für die ich jeden Tag etwas Zeit aufwenden muss. Ich werde so oft wie möglich mit dem Direktor sprechen. Und dann hängt der Aufwand auch davon ab, wie viele Einladungen an Versammlungen oder Jubiläumsfeiern ich annehme. Ich habe dafür schon ein paar Daten reserviert.
Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit dem Direktor, Hans-Ulrich Bigler?
Ich kenne ihn schon, seit er im Amt ist, und spreche regelmässig mit ihm. Jeder Direktor hat seine Vision und seine Prioritäten. Aber Bigler ist ein tüchtiger und guter Mann. Ich freue mich, mit ihm zusammenzuarbeiten.
Welche Ziele haben Sie sich für Ihr Amt gesetzt?
Ein Punkt ist sicher die Kommunikation in der Westschweiz. Als Westschweizer werde ich da Akzente setzen. Bisher waren die Westschweizer eher über ihre Organisationen im SGV involviert. Allgemein werde ich aber gewiss auf Kontinuität setzen. Die grossen Themen sind bekannt. Die für den SGV relevanten Themen sind die gleichen wie die wichtigen politischen Themen. Aber es gibt ein Thema, das vor zwei bis drei Jahren noch nicht geplant war: der starke Schweizer Franken.
Wie kann sich der Gewerbeverband zu diesem Thema einbringen?
Wir können beten, dass der Euro nicht noch schwächer wird. Aber dafür ist die Nationalbank zuständig. Doch klar ist: Der starke Franken betrifft nicht nur den Export und den Tourismus. Viele KMU sind auch Zulieferanten für Exportbetriebe.
Werden Sie als Nationalrat durch das Verbandspräsidium gestärkt?
Als Nationalrat hatte ich immer gute persönliche Beziehungen, zum Beispiel auch mit Paul Rechsteiner vom Gewerkschaftsbund. Aber die Beziehungen zu Verwaltung und Bundesrat werden sicher intensiver. Bisher musste man von einem Bundesrat einen Termin verlangen. Nun ist es der Bundesrat, der anruft, um uns zu treffen.
Welche persönliche Motivation bringen Sie für das neue Amt mit?
Ich suche nicht mehr Macht. Mein politisches Engagement richtet sich nach den KMU aus. Bei uns zuhause am Mittagstisch sprechen wir mehr über Investitionen, Kredite und Kunden als über Ferien. Ich bin überzeugt, dass ich die Bedingungen des Gewerbeverbandes erfülle, und hoffe, etwas für die KMU tun zu können. Für mich ist es bald die letzte Herausforderung. Viel mehr als Nationalrat und Präsident des Gewerbeverbandes kann man in der Schweiz fast nicht erreichen. Es ist ein bisschen wie beim Sport: Wenn man etwas erreicht hat, will man sich immer weiter verbessern.
Die Delegierten am Kongress des Gewerbeverbandes wählten ihren neuen Präsidenten mit viel Applaus.Bild Keystone
Gewerbeverband: Seit 2010 ein SVP-Präsident
Der Freiburger SVP-Nationalrat Jean-François Rime ist neuer Präsident der Schweizerischen Gewerbeverbands (SGV). Die Delegierten haben ihn gestern Vormittag an ihrem Gewerbekongress in Bern gewählt. Der 61-Jährige war einziger Kandidat und ist erster Romand an der Verbandsspitze.
Politiker mit «profunder Dossierkenntnis»
Jean-François Rime ist im Vorfeld der Wahl vom SGV als «weit über die Parteigrenzen hinaus angesehener Bundespolitiker» bezeichnet worden, der sich durch profunde Dossierkenntnis auszeichne. Zudem sei er ein eigenständiger Politiker, der sich als Präsident voll und ganz hinter die Anliegen des Gewerbes stellen werde. Der Freiburger ist Patron einer Grosssägerei und Präsident des Verbands Holzindustrie Schweiz. Er gilt als gemässigter, wirtschaftsnaher SVP-Vertreter.
Zweimal schickte ihn seine Partei ins Rennen um einen Bundesratssitz. Beide Male blieb er erfolglos: 2011, als das Parlament Alain Berset wählte, und 2010, als Simonetta Sommaruga und Johann Schneider-Ammann gewählt wurden.
Mit Rimes Wahl geht im SGV ein gut fünf Monate dauerndes Interregnum zu Ende, das nach dem Rücktritt des früheren Präsidenten Bruno Zuppiger im Dezember 2011 entstanden ist. Zuppiger war knapp zwei Jahre im Amt. Der Zürcher SVP-Nationalrat war wegen mutmasslicher Unregelmässigkeiten in einer Erbschaftssache zuerst in die Schlagzeilen und anschliessend ins Visier der Justizbehörden geraten. Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat im Januar ein Strafverfahren wegen Veruntreuung und ungetreuer Geschäftsführung gegen ihn eingeleitet. Das Verfahren dürfte noch einige Monate dauern, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft auf Anfrage sagte.
Die Drohung der SVP zeigte Wirkung
Vor Bruno Zuppiger hatte der Nidwaldner FDP-Nationalrat Edi Engelberger den Verband von 2004 bis 2010 präsidiert. Seiner Wiederwahl 2008 war eine Auseinandersetzung mit der SVP vorausgegangen. Diese forderte mehr Einfluss an der Verbandsspitze, nachdem die früheren Präsidenten einmal aus den Reihen der CVP und zweimal aus den Reihen der FDP gestammt hatten.
Die SVP drohte mit der Gründung einer Konkurrenzorganisation, und FDP-Mann Engelberger liess sich 2008 nur noch für zwei Jahre wiederwählen. Der SVP wurde das Präsidium ab 2010 in Aussicht gestellt.
Laut SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler gibt es keinen festen Turnus für die parteipolitische Herkunft des Präsidenten. Dieser müsse gut im Gewerbe verankert sein sowie einer bürgerlichen politischen Partei und einer Kammer des eidgenössischen Parlaments angehören.
300000 Unternehmen
Der Schweizerische Gewerbeverband vertritt laut eigenen Angaben 250 Verbände und gegen 300000 Unternehmen und ist damit die grösste Dachorganisation der Schweizer KMU-Wirtschaft.sda
Im Gewerbeverband
müssen wir weniger Konzessionen machen als in der Politik.
Wenn man etwas
erreicht hat,
will man sich
immer weiter verbessern.