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Kein kanadisches Team spielt um den Stanley Cup. Dieses nationale Unglück ist nicht einfach eine Laune der Sportgötter. Es ist auch ein bisschen logisch.
Elf Spieltage vor dem Ende der Qualifikation haben als letzter kanadischer Klub nun auch die Ottawa Senators keine Chance mehr, einen der 16 Playoffplätze zu erreichen. 1969/70 war es das letzte und zugleich einzige Mal, dass ohne eine kanadische Mannschaft um den Stanley Cup gespielt worden ist. Damals umfasste die NHL 12 Teams, Toronto und Montréal waren die kanadischen Vertreter.
Stanley-Cup-Playoffs ohne eine Mannschaft aus Kanada – das ist weitaus schlimmer als für uns eine Ski-WM ohne Medaille. Denn Eishockey ist in diesem Land viel mehr als ein Spiel. «It’s our game» heisst für Kanada: Wir spielen Eishockey, also sind wir. Es ist das Spiel, das der rauen Natur dieses Landes entspricht und etwas von der Gründerzeit bewahrt hat. Al Purdyn (1918 – 2000), Kanadas Dichterfürst, ist auch wegen seiner wunderbaren Novellen über Eishockey so berühmt und beliebt geworden.
Eishockey ist eben auch eine Form des kanadischen Imperialismus: Die Kanadier haben dieses Spiel in die Welt hinausgetragen und verstehen es nach wie vor meisterhaft, die Hockeykulturen anderer Länder zu infiltrieren und zu manipulieren. Wir erleben es in diesen Tagen auch bei uns schmerzlich: Beim Katz-und-Maus-Spiel der kanadischen Investoren der Kloten Flyers, die uns kanadische Arroganz und Ignoranz gegenüber unserer Hockeykultur eindrücklich aufzeigen. Wenn es um Eishockey geht, sollten wir uns vom freundlichen Wesen und Wirken der Kanadier nie täuschen lassen: Sie sehen sich als «Herren der Welt» und tun und lassen, was ihnen beliebt.
Folgende Worte erklären uns, warum Eishockey für die Kanadier so wichtig ist und warum sie Eishockey (und sich selbst im Eishockey) so wichtig nehmen:
«Her Majesty, by and with the advice and consent of the Senate and House of Commons of Canada, enacts as follows: The game commonly known as ice hockey is hereby recognized and declared to be the national winter sport of Canada.»
Eishockey ist in der kanadischen Verfassung als Nationalsport verankert. So weit haben es bei uns nicht einmal die Schwinger gebracht. Eishockey sei, so sagen nicht nur Zyniker, in Quebec die stärkste Kraft neben der Katholischen Kirche – und die stärkste an Spieltagen der Montreal Canadiens. Auch wenn am Sonntag gespielt wird.
Wie sehr sich die Kanadier als Nabel der Hockeywelt sehen, hat ein Kolumnist in Montreal 2007 in Worte gefasst. Damals hüteten David Aebischer und Cristobal Huet das Tor der Canadiens und der Chronist notierte: «Ein Schweizer und ein Franzose im Tor der Canadiens – das Ende der Welt ist nahe.»
Bis 1993 ist die Welt in Kanada in Ordnung. Die National Hockey League (NHL), die wichtigste Liga der Welt, ist eine kanadische Institution und besteht aus 24 Teams. In den USA sind zwar mehr Mannschaften beheimatet, aber regiert wird die NHL von Kanadiern. Sportlich geprägt von Kanadiern, die 90 Prozent aller Spieler stellen. Die kanadischen Teams spielen auf Augenhöhe mit den US-Teams um den Stanley-Cup.
Im Laufe der 1990er-Jahre gibt die NHL vorübergehend sogar ihr Büro in New York auf und zügelt nach Montreal. Das Durchschnittssalär steht bei 120'000 Dollar. 1993 gewinnen die Canadiens ihren 24. Stanley-Cup. Die «Habs» sind das erfolgreichste Sportunternehmen Nordamerikas. Niemand ahnt, dass es bis heute der letzte Triumph eines kanadischen Teams ist.
Mittlerweile verdienen die Spieler in den 30 NHL-Unternehmen durchschnittlich rund zwei Millionen Dollar. Nur noch rund die Hälfte der Millionäre hat einen kanadischen Pass. Längst hat die NHL ihren Hauptsitz in Manhattan und ein Anwalt aus New York ohne jeden Bezug zur Hockeykultur (Gary Bettman) ist NHL-Geschäftsführer. Er ist in Kanada der meistgehasste Sportfunktionär.
Das FBI hat Alan Eagleson, Kanadas mächtigsten Hockey-Funktionär und Träger der höchsten kanadischen Orden, in den Knast gebracht. Und noch schlimmer: Die kanadischen Teams (heute Vancouver, Edmonton, Calgary, Winnipeg, Ottawa, Montreal und Toronto) haben seit 1993 keinen Stanley-Cup mehr gewonnen.
Kanadas Nationalsport wird von US-amerikanischem Geld regiert und von US-Teams dominiert. Amerikanisches Geld regiert Kanadas Seele. Ein Albtraum.
Anfänglich hat die Dominanz des grossen Geldes, der höhere Wert des US-Dollars gegenüber der kanadischen Währung, die kanadischen Teams geschwächt. Sie konnten sich die teuren Spieler einfach nicht mehr leisten. Die Stars, die Edmonton zum dominierenden Team der 1980er-Jahre gemacht hatten, zügelten alle in die USA, nach Los Angeles und nach New York. Der harte Kern des Stanley-Cup-Siegerteams der Rangers von 1994 sind Helden aus Edmonton, angeführt von Mark Messier.
Inzwischen sind die Saläre limitiert worden. Wirtschaftlich haben die sieben kanadischen NHL-Unternehmen gleich lange Spiesse wie ihre Konkurrenten in den USA. Die jahrelang so wohlfeile Ausrede des fehlenden Geldes gilt nicht mehr. Woran scheitern die Kanadier also?
Allein die Statistik sagt, dass die Wahrscheinlichkeit, den Stanley-Cup zu gewinnen, für die Amerikaner grösser ist: 23 von 30 Teams sind in den USA beheimatet. In den nächsten Jahren wird die NHL auf 34 Teams erweitert und mindestens eines davon wird aus Kanada kommen. Aber die Chancen auf den Stanley-Cup werden dadurch nicht grösser.
Was also macht den Unterschied? In erster Linie scheitern die Kanadier seit 1993 an der besser gecoachten und gemanagten US-Konkurrenz. Die Schwäche der Kanadier ist ihre Neigung zu «Rudelbildung», sich zu «Bruderschaften» («Old Boys Network») zusammenzuschliessen.
Wir sollten uns vom Glanz und Geld der NHL nicht blenden lassen: Das Bestreben, die Freunde und die Freunde der Freunde zu fördern und ihnen die Jobs zuzuhalten, zeigt sich immer wieder in schönster Blüte. Und wer mit den Teambesitzern befreundet ist, kann beinahe machen was er will. Gute Beziehungen sind gerade bei kanadischen NHL-Unternehmen auch heute noch beinahe so wichtig wie Fachkompetenz.
Dass jetzt keine kanadischen Mannschaften um den Stanley Cup spielen, ist gewiss auch eine Laune der Hockeygötter. Aber der Trend ist nicht zu übersehen: Die in den USA beheimateten NHL-Unternehmen sind sportlich erfolgreicher, weil sie besser, aggressiver, «amerikanischer» gemanagt werden. Oft von Kanadiern zwar, aber eben in einem viel härteren Sportmarkt.
Eishockey ist in den USA hinter Football, Baseball und Basketball nur Sportart Nummer 4. «Fette Katzen» können in diesem Markt nicht überleben. Anders als in Kanada sind am Ende des Tages Leistung und Geschäftsergebnis wichtiger als gute Beziehungen. Die Vorstellung, dass die US-Amerikaner Hockey besser können, ist für die Kanadier fast unerträglich.