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Vierzig Jahre nach seinem Erscheinen liest sich Edward P. Thompsons Essay über Zeit und Arbeitsdisziplin wie eine Vorahnung des digitalen Kapitalismus.
«Blue Monday» von New Order ist die meistverkaufte Maxisingle der Popgeschichte, 1983 erschienen auf dem Label mit dem sinnigen Namen Factory Records. Ein paar Jahre später bricht in England der grosse Rave aus, die Signaturband des Ecstasy-beschleunigten Partyirrsinns sind die Happy Mondays, «24 Hour Party People» aus dem Bilderbuch. Wie New Order stammen die Happy Mondays aus der Stadt, die einer besonders rabiaten Spielart des Kapitalismus ihren Namen gab: Manchester.
Als Edward P. Thompson seinen Essay über Zeit und Arbeitsdisziplin im Industriekapitalismus schrieb, kannte er weder «Blue Monday» noch die Happy Mondays - allenfalls «Monday, Monday» von The Mamas & The Papas. Aber er hätte sicher seinen Spass gehabt an diesen Popmontagen, spielt doch der blaue Montag eine wesentliche Rolle in seiner Untersuchung. Im Jahre 1967, als diese erschien, kannte man weder Farbfernsehen noch Privatradio, es gab kein Internet und auch keine Uhren mit Digitalanzeige - lauter Erfindungen, die unseren Umgang mit der Zeit oder den Umgang der Zeit mit uns nachhaltig verändern sollten.
«Pissing While»
Daraus könnte man schliessen, dass bei Thompson keine Erkenntnisse über die komplexen Zeitregimes im digitalen Kapitalismus zu holen sind. Sind sie aber. Und das Lesen macht Freude, wie der irische Politologe John Holloway in seiner Einleitung zu Recht bemerkt. Zunächst unterhält der britische Sozialhistoriker mit Zeitgeschichten aus vorindustriellen Tagen. In Madagaskar etwa wurde die Zeit mit «einem Reiskochen» gemessen - etwa eine halbe Stunde. Oder mit «dem Braten einer Heuschrecke» - ein Augenblick. Im Oxford English Dictionary fand Thompson die «Pater Noster While» als Zeitmass, also die Dauer eines Vaterunsers. Die «Pissing While» hält er dagegen für «eine etwas willkürliche Masseinheit». Das leuchtet ein, eine Blase ist kein Schweizer Uhrwerk. Ausführlich schildert Thompson die Techniken der Disziplinierung, mit denen Unternehmer und Firmenchefs ihre Arbeitskräfte in ein möglichst effizientes Zeitkorsett pressen. Und er beschreibt den Widerstand gegen diese Massnahmen, schliesslich ist die Geschichte der Klassenkämpfe eine Geschichte der Kämpfe um Zeit. Arbeitszeit, Freizeit.
Interessant für die Gegenwart wird es, wenn Thompson fragt, wie die neue Zeitdisziplin von den Menschen internalisiert wurde. Mit welchen Mitteln wird Lohnabhängigen - aber nicht nur diesen - eine innere Uhr eingepflanzt?
Auf welche Weise geht die Gleichung «Zeit ist Geld» den Menschen buchstäblich in Fleisch und Blut über? Nach Thompson etabliert «die Vernunftehe von Puritanismus und Industriekapitalismus» das neue Arbeitsethos. Das belegen Schriften im heute wieder gängigen fundamentalreligiösen Sound: aus der Erweckungsbewegung, von Puritanern und Methodistinnen. Zudem enttarnt das Buch in Benjamin Franklin einen der Gründerväter der USA als entscheidenden Protagonisten und Propagandisten der protestantischen Arbeitsethik: «Ein Repräsentant nicht der Alten, sondern der Neuen Welt - jener Welt, die die Stechuhr erfand, Arbeitsplatzstudien einführte und deren Höhepunkt durch Henry Ford verkörpert wurde.»
Ford begann seine Karriere übrigens als Uhrenbauer. «Da Lokalzeit und standardisierte Eisenbahnzeit voneinander abwichen, erfand er eine Uhr mit zwei Zifferblättern, die beide Zeiten anzeigte.» Zwar steht der Fordismus 1967 noch in voller Blüte, doch im Swinging London, in Liverpool, Manchester und anderen Popmetropolen entstehen bereits Laboratorien künftiger Lebensstile und Gesellschaftsformen. Davon muss Thompson einiges mitbekommen haben, sein Text liest sich streckenweise wie eine Vorahnung. Wenn er betont, dass die neue Arbeitsdisziplin nicht nur mit äusserem Zwang durchzusetzen ist, sondern den Subjekten «ins Bewusstsein gebrannt» werden soll, dann scheint da schon der Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft auf.
Die digitale Boheme
In der Kontrollgesellschaft werden die Modi von Anpassung und Abweichung nicht mehr ausschliesslich durch die grossen Einschliessungsmilieus wie Schule, Militär und Gefängnis geregelt. Überwachen und Strafen allein hat ausgedient, in der Kontrollgesellschaft müssen die Subjekte Disziplin und Zeitregimes verinnerlichen - internalisieren. «Die voll ausgebildete Industriegesellschaft ist durch strenge Zeiteinteilung und die klare Trennung von ‹Arbeit› und ‹Leben› gekennzeichnet», schreibt Thompson. Unwillkürlich schreibt man den Satz in die Gegenwart fort: Die postfordistische Gesellschaft ist durch eine zwar deregulierte, aber dennoch strenge, dem Individuum überlassene oder besser: auferlegte Zeiteinteilung gekennzeichnet, in der die Grenzen zwischen Arbeit und Leben immer mehr verschwinden.
«Sie nennen es Arbeit», der kleine Berlin-Mitte-Bestseller von Holm Friebe und Sascha Lobo, versucht dem Rund-um-die-Uhr-Hamsterrad-Leben in selbst gewählter Armut seine schöneren Seiten abzugewinnen und ködert seine LeserInnen mit der Illusion, Teil einer (nicht mehr so jungen) Jugendbewegung zu sein: «Digitale Boheme» nennen sie das. Maurizio Lazzarato hat die neuen Beziehungen zwischen Zeit, Geld und identifikatorischem Investment schon ein paar Jahre früher betrachtet und für die neue Klasse einen weniger poetischen Namen gefunden: Intellektuelles Proletariat. «Hier finden sich kleine und kleinste produktive Einheiten, häufig nur eine Person, die sich zu Ad-hoc-Projekten organisieren und gegebenenfalls nur für die Dauer eines bestimmten Vorhabens existieren.»
Kommt uns das nicht bekannt vor? «Der Produktionszyklus selbst ist dabei abhängig von der kapitalistischen Initiative; sobald der ‹Job› erledigt ist, löst sich der Zusammenhang auf in jene Netzwerke und Ströme, die den produktiven Vermögen die Reproduktion und die soziale Ausdehnung ermöglichen.» Prekäre Beschäftigung, Hyperausbeutung, hohe Mobilität und hierarchische Abhängigkeiten kennzeichneten diese metropolitane immaterielle Arbeit, schreibt Lazzarato in dem 1998 erschienenen Band «Umherschweifende Produzenten, Immaterielle Arbeit und Subversion». «Unter dem Etikett ‹nicht abhängiger› oder gar ‹selbstbestimmter› Arbeit verbirgt sich tatsächlich ein intellektuelles Proletariat, das aber als solches höchstens von den Kapitalisten (an)erkannt wird, die es ausbeuten. Bemerkenswert ist noch, dass es unter den skizzierten Bedingungen zunehmend schwierig wird, freie Zeit von Arbeitszeit zu unterscheiden - in gewissem Sinn fällt das Leben mit der Arbeit in eins.»
In gewissem Sinn ist der Laptop die neue mobile und flexible Stechuhr. Edward P. Thompson hat da was geahnt, erleben musste er es nicht mehr, er ist 1993 gestorben. An einem Blue Monday.