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Keine Time To Shame
Der Stromverbrauch in der Wiener Stadthalle interessierte am Donnerstagabend jemanden via Social Media. Eine gute Frage, aber nicht in Wien, einer Stadt mit niemals überwundener imperialer Vergangenheit, die trotz Spar-Anfällen des Bombastischen nie genug kriegen kann. Haupt-Stromfresserin war sicherlich die Windmaschine, welche die ganze heisse Luft des Anlasses in Bewegung brachte, dazu schöne, lange, frisch gewaschene und gefönte Haare sowie Chiffon um schöne, lange Beine wirbeln liess. Beobachter am Fernsehschirm durften sich auch fragen, wieso die Performer auf der Bühne nicht von derselbigen stürzten, geblendet von den perfekten, gigantischen Lichteffekten.
Das war also der zweite Halbfinal des Eurovision Song Contest (ESC) 2015. Für die Schweiz die bessere Hälfte, denn ihre Vertreterin trat dort auf, als Nr. 14 von 17 Bewerbungen. Die erste Halbausscheidung hatte bereits die ersten zehn Länder zugelassen. Und o Wunder: Etwa ein halbes Dutzend staatliche Abordnungen dürfen am Samstagabend ganz ohne Prüfung am Finale antreten, so ungefähr wie die Veto-Mächte im Sicherheitsrat der Uno in der Uno-Stadt Wien, und mit Grossbritannien und Frankreich die Hälfte der westalliierten Siegermächte 70 Jahre zuvor sowie dazu u.a. die damals besiegten Deutschland und Italien, welch Letzteres sich seither als eine Siegermacht des populären Gesangs etablierte. Russland allerdings gelangte aus eigener Kraft ins Finale, mit einer Sängerin, die alsbald das Attribut der schönsten Teilnehmerin gewann. Die USA dagegen durften nicht einmal als Hilfs-Europäer mitmachen, das ist dieses Jahr aus irgendwelchen Gründen nur Australien vergönnt.
Sie machte es gut, nicht schlechter als andere
Das Resultat vorweggenommen: Mélanie René, 24-jährig, Genferin mit elterlichen Wurzeln in Mauritius, Bachelor der Musikwissenschaften, hätte es genauso gut oder genauso wenig verdient, in der Endausscheidung zu landen. Weshalb musste sie über die sprichwörtliche Klinge der unbekannten Punktzahl springen und warum nicht andere Wiener Sängerknaben und -mädchen aus halb Europa? Im Gegensatz zu anderen hatte sie ihr Lied sogar selber getextet und vertont, wurde kommuniziert. Sein Titel lautet «Time To Shine» und handelt vom Weg aus der dunklen Schüchternheit hin zum strahlenden Selbstvertrauen. Für die Genferin war es keine Time To Shame, denn sie machte es gut, zumindest nicht schlechter als andere, mit wirbelndem nachtdunklem Chiffon-Cape zu Beginn und dann mit wirbelndem weissem Chiffon unterhalb eines glitzernden trägerlosen Oberteils, dem nicht genau anzusehen war, wie und woran es eigentlich festhielt. Besiegt wurde Mélanie René von Auftritten, die nicht besser waren als der ihre, mit Ausnahme vielleicht von Schweden, Israel und Montenegro.
Weshalb tun sich die europäischen Länder diese Ausscheidungen an, sofern sie überhaupt zugelassen werden? Die Schweiz durfte ein paar Mal nicht dabei sein, weil sie im jeweiligen Vorjahr ungenügend abschnitt («Switzerland zero points»). Natürlich heizen die nationalen Wettbewerbe die Förderung heimischen Talents an. Und es gibt Leute, die behaupten, aus der Teilnahme am ESC resultiere ein gewaltiges Business. Wirklich? Wer erinnert sich noch an die Schweizer Teilnehmer der letzten Jahre? Anna Rossinelli wird im Radio neuerdings etwas öfter gespielt, und es wäre noch immer die Enthüllung der geheimen Macht von Radio-Musikredaktionen von Interesse, die Sängerinnen und Sänger fördern oder befördern. Die meisten erinnern sich kaum mehr an die Sieger-Lieder der letzten Jahre. Nicht alle heissen «Waterloo», sondern bedeuten häufig eher das Waterloo ihrer Interpreten, sofern es keinen grossen einheimischen Markt gibt. Beispiel San Marino: Der Zwergstaat auf einem italienischen Berggipfel leistet sich jedes Jahr ein Lied von Ralph Siegel, gewinnt nie und verkauft zu Hause wohl nicht extrem viele Tonträger ihrer musikalischen ESC-Gesandten. Das wäre doch ein spannendes wissenschaftliches Thema, genau wie der Einfluss der Politik auf den ESC.
Den Sieg gegenseitig zujubeln
Eines von Mélanie Renés Problemen war vielleicht, dass es in Europa zu den verblichenen Zeiten, als der ESC noch Grand Prix Eurovision de la Chanson hiess, kaum ein Dutzend Staaten gab. Einige von ihnen zerfielen seither in viele Länder, und in allen gibt es Talente, die Lieder schreiben, singen und tanzen können, und zwar meist sehr gut. So war es nicht ganz einfach, an der 60. Austragung inmitten von knapp 40 Ländern einen der Slots zu gewinnen. Lettland kam übrigens weiter. Die Frage bleibt, ob die in seiner Hauptstadt Riga versammelten EU-Staatsmänner und Frauen sich die Zeit nahmen, die Show des Halbfinals anzuschauen. Lettland warf zusammen mit neun anderen Staaten die Schweiz aus dem Rennen, die zu Europa, aber nicht zur EU gehört. Mal sehen, ob sich die neuen Europäer am Samstagabend gemeinsam den Sieg im ESC 2015 gegenseitig zujubeln.