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Biels Sportchef Martin Steinegger hat den Mut, einen Titanen durch einen Zauberlehrling zu ersetzen. Beim SC Bern ist das «Experiment Schlegel» gescheitert. In Biel wird das «Experiment van Potelberghe» nicht scheitern.
Welch eine Ironie der Geschichte. Arno Del Curto vertraute Joren van Pottelberghe im Herbst 2018 nicht mehr und setzte ihm und Gilles Senn (jetzt in der Organisation der New Jersey Devils) einen ausländischen Lottergoalie (Anders Lindbäck) vor die Nase. Diese Fehleinschätzung beschleunigte das Ende einer über 20-jährigen Ära enorm.
Und nun ist Joren van Pottelberghe (22) ausersehen, nächste Saison mit Jonas Hiller (37) einen unserer grössten Torhüter unserer Geschichte zu ersetzen. Eine Herausforderung, die mindestens so gross ist wie der Versuch von Niklas Schlegel (25) in Bern der Nachfolger von Leonardo Genoni (32) zu werden. Inzwischen ist Schlegel nach Lugano abgeschoben und durch Tomi Karhunen (30) ersetzt worden.
Wie gross ist die Gefahr, dass es nächste Saison in Biel so endet wie in Bern? Gering. Natürlich hat auch Martin Steinegger die Option eines ausländischen Goalies. Aber davon spricht er nicht. Muss er auch nicht. Dass es so ist, weiss ja jeder Fan in und ausserhalb des Stadions.
Aber Biel ist nicht Bern. Joren van Pottelberghe ist talentierter, hat das bessere Stellungspiel und die grössere Ausstrahlung als Niklas Schlegel. Das hat auch mit der Postur zu tun. Biels neuer Torhüter ist ein sanfter Riese (191 cm/85 kg). Berns gescheiterter Zauberlehrling vergleichsweise ein Zwerg (178 cm/65kg). Grosse Torhüter decken eine grössere Fläche ab, strahlen mehr Präsenz und Sicherheit aus und haben es einfacher. Kommt dazu, dass Joren van Pottelberghe mental belastbarer ist als Niklas Schlegel. Obwohl er erst 22, strahlt er eine erstaunliche Gelassenheit und Ruhe aus und vermag Fehler wegzustecken.
Die Erwartungen sind in Biel hoch. Aber nicht so hoch wie in Bern. Auch das wird dem Nachfolger von Jonas Hiller helfen. Die Frage ist natürlich: warum verzichtet der HCD auf Joren van Pottelberghe und behält als zweiten Torhüter neben Robert Mayer (kommt nächste Saison mit Vertrag bis 2025) Sandro Aeschlimann (25) und verlängert mit ihm gleich bis 2023? Will das nicht heissen, dass er besser ist? Nein. HCD-Sportdirektor Raeto Raffainer sagt: «Was, wenn Joren im Sommer von seiner Ausstiegsklausel für die NHL Gebrauch gemacht hätte?» Eben. Nun hat er Planungssicherheit.
Der Vertrag in Davos ist aufgelöst worden und Joren van Pottelberghe hat in Biel einen neuen Zweijahresvertrag ohne Ausstiegsklausel unterschrieben. Auch Martin Steinegger hat eine gewisse Planungssicherheit. Mit Elien Paupe (24), der Nummer 2, hat er bis 2022 verlängert. Nummer 2? Ja. Joren van Pottelberghe wird sich als Nummer 1 durchsetzen.
Das ist vorerst alles Zukunftsmusik. Vorerst muss Biel die Gegenwart bewältigen. Acht Niederlagen in Serie. Oder, wenn wir die Cup-Pleite in Ajoie und die Niederlage in der Champions League gegen Göteborg mitzahlen, sogar zehn. Beim SCB ist Antti Törmänen in einer weniger kritischen Situation gefeuert worden. Biel ist nicht Bern.
Auch deshalb ist Antti Törmänen nach wie vor im Amt. Am 22. November 2013 hatte sich SCB-Manager Mark Lüthi nach einer 1:4-Heimpleite gegen Biel höchstpersönlich in die Kabine begeben und den Finnen gefeuert. Obwohl Antti Törmänen den SCB ein halbes Jahr zuvor im Frühjahr 2013 zum Meistertitel geführt hatte.
Ein solches Szenario ist in Biel unvorstellbar. Obwohl die Situation eigentlich kritischer ist als damals in Bern. Zumindest statistisch. Antti Törmänen hatte mit dem SCB zwei der letzten acht Partien vor seiner Entlassung gewonnen. Aber eben: Biel ist nicht Bern. Der Trainer wird nicht in Frage gestellt. Das will zwar wenig heissen. Noch jedem Trainer ist vor der Entlassung das Vertrauen ausgesprochen worden. Sportchef Martin Steinegger tappt nicht in diese Falle. Er sagt auch nicht, der Trainer sei kein Thema – was ja in solchen Fällen sonst der Brauch ist. Er hat für die Situation seiner Mannschaft eine treffende Formulierung: «Acht Niederlagen sind eine Krise. Aber wir spielen kein Krisenhockey.»
Das tönt doch schon mal gut. Und stimmt ja auch: die Mannschaft zeigt keinerlei Zerfallserscheinungen, die auf einen Autoritätsverlust des Trainers hindeuten. Sie spielt schnelles, gut strukturiertes Tempohockey. Der Vorwurf «kein System» wäre pure Polemik. Martin Steinegger sagt, die Mannschaft habe einen «GamePlan» und der werde befolgt.
Die Situation seit auch nicht vergleichbar mit der Krise damals unter Kevin Schläpfer, die im November 2016 nach einer Serie von nur einem Sieg in zehn Spielen mit der Trennung endete. Eigentlich ist alles soweit in Ordnung. Nur die Resultate nicht. «Nun entscheiden oft Kleinigkeiten in knappen Spielen gegen uns und nicht mehr für uns wie am Anfang der Saison.» Davos gewann am Sonntag gegen Biel durch einen Treffer zwei Sekunden vor Ende der Verlängerung. Die Ausgeglichenheit ist tatsächlich gross wie nie: diese Saison sind bereits 54 Partien erst in der Verlängerung oder nach Penaltys entschieden worden. Während der ganzen letzten Qualifikation waren es bloss 38.
Als grösstes Problem sieht Martin Steinegger die vielen verletzungsbedingten Ausfälle. Gegen Davos fehlten erneut sechs wichtige Spieler. «Wir haben die Saison mit 16 Stürmern und 10 Verteidigern begonnen. Und doch reicht es jetzt nicht.» Er stehe da, sehe das Problem, aber helfen könne er nicht. «Der Markt gibt nichts her, da ist nichts zu machen und diese Hilflosigkeit ist frustrierend.» Um eine breitere Basis zubekommen, sei auch schon das Projekt eines Farmteams diskutiert worden. «Aber eine Umsetzung ist nicht realistisch.»
Martin Steinegger ist kein Romantiker. Ihm ist klar, dass es so nicht mehr lange weitergehen darf. Und doch wird er vorerst keine Massnahmen treffen. «Wenn wir in Aktionismus verfallen, wissen wir bald nicht mehr, warum etwas funktioniert oder eben nicht funktioniert.» Eine vernünftige Analyse sei nur dann möglich, wenn die Linie eingehalten werde. Was man auch so formulieren kann: Spiele verlieren, aber nicht den Kurs. Es gibt ja immerhin auch eine gute Nachricht: Biel ist vor Meister Bern und Langnau nach wie vor die Nummer 1 im Kanton.