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Als im Louvre in Paris noch Könige regierten, fand im Salon carré regelmässig eine prestigeträchtige Ausstellung statt: der Salon de l’Académie Royale. Die gut besuchte Veranstaltung lockte Tausende in den Palast und animierte das Publikum, über Kunst zu debattieren. Immer wieder lösten die ausgestellten Gemälde kleinere oder grössere Skandale aus, so auch das 1783 präsentierte Portrait der Königin Marie Antoinette gemalt von Louise Élisabeth Vigée-Le Brun.
Das Portrait zeigte die Königin in einer sogenannten Gaulle, einem leichten Baumwollkleid aus Mousseline, ungeschminkt und mit offenem Haar, Rosen pflückend. Dies ist ist ein bewusster Kontrast zu den üblichen Darstellungen in steifen Seidenroben und hochgestecktem Haar, wie es am französischen Hofe Tradition war. Stattdessen zeigte es eine Marie Antoinette, wie man ihr in ihrem privaten Schlösschen, dem Petit Trianon ausserhalb Versailles, hätte begegnen können. Sie und ihre Hofdamen zelebrierten dort eine gepflegte, ländliche Einfachheit, das Schäferidyll Arkadiens, fern vom steifen Pomp des Hofes.
Die Reaktionen des Publikums auf das Gemälde waren harsch. Stein des Anstosses war insbesondere ihr Kleid. Es ziemte einer Königin nicht, die Klassengrenzen zu überschreiten und sich – in der Vorstellungswelt der Aristokratie zumindest – als einfache Hirtin zu geben. Das Kleid verletzte auch die Anstandsregeln, denn Baumwollmousseline wurde oft für Unterkleider verwendet. So stand die Königin gewissermassen im Unterrock da. Die ohnehin schon unbeliebte Königin zeigte in den Augen ihrer Kritiker wenig Gefühl für die Würde ihres Amtes. Als Königin der Franzosen hätte sie französische Seide wählen müssen. Die Mousseline hingegen kam aus den britischen Kolonien, und verletzte somit auch die patriotischen Gefühle des Publikums.
Allerdings war feine Mousseline alles andere als schlicht, sondern äusserst exquisit. Der Stoff bekleidete die Mogule Indiens und die Haremsfrauen der Sultane des Orients. Legenden knüpften sich an das leichte Tuch. Gewobener Wind, Morgennebel und Mondhaut waren andere Namen für den Stoff. Der britische Autor William Bolts schreibt über die feinste Mousseline, sie sei auf einer feuchten Wiese kaum sichtbar. Ferner erzählt er die Geschichte, dass die Tochter des Kaisers Aurangzeb den Missmut ihres Vaters geweckt habe, weil ihre Haut durch ihr Kleid schimmerte, worauf sie sich verteidigte, dass es aus sieben Lagen Stoff gewirkt sei.[1]Bolts, William. Considerations on India Affairs. London, 1772. S. 206 Die Mogule selbst trugen auch Mousseline, wie die Abbildung rechts zeigt.
Mousseline ist im Prinzip ein äusserst simpler Stoff, weiss, ungemustert und mit einfacher Webbindung. Aber mit der Dicke des Garns und der Straffheit des Gewebes konnten auch bei dieser simplen Webtechnik unterschiedliche Effekte erzielt werden. Der bengalische Historiker Sindha nennt über ein Dutzend verschiedenste Mousseline-Sorten, die von Dhaka exportiert wurden.[2]Sinha, Narendra Krishna. The Economic History of Bengal. Calcutta: Mukhopadhyay, 1961. S. 177f. Nicht nur an den Höfen der Moguls fanden sie Gefallen, sondern auch in Europa, wie das Kleid von Marie Antoinette zeigt. Als St. Gallen und Appenzell Mitte des 18. Jahrhunderts die Stickerei einführten, benutzten sie als Böden Mousseline aus Bengalen.[3]Tanner, Albert. Das Schiffchen fliegt, die Maschine rauscht: Weber, Sticker und Unternehmer in der Ostschweiz. Zürich: Unionsverlag, 1985. S. 26. Die Nachfrage der Stickerei-Industrie gab dann den Anreiz, eine eigene Mousseline-Produktion aufzubauen. Die Appenzellerinnen spezialisierten sich auf die feinen Garnsorten, die sie in Heimarbeit spannen. Mousseline war ab 1770 auch eines der Hauptprodukte der Appenzeller Weberei. Der St. Galler Historiker Hermann Wartmann behauptet sogar, dass die st.-gallische-appenzellische Mousseline gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Europa ein Monopol hatte.[4]Wartmann, Hermann. Industrie und Handel des Kantons St. Gallen auf Ende 1866. St. Gallen: Fehr, 1875. S. 158.
Doch schon bald wurde Grossbritannien mit seiner Textilindustrie zum wichtigsten Mousselineproduzenten. Das hat mit maschineller Produktion zu tun, aber nicht nur. Die Stoffe aus Bangladesch hätten in den hohen Qualitäten vermutlich ihre Position halten können, hätte die britische Ostindien-Kompanie der Produktion in Bangladesch nicht Fesseln angelegt. Im Jahr, als das Gemälde von Marie Antoinette sich im Salon in bengalischer Mousseline präsentierte, erschien in London ein parlamentarischer Bericht über die Zustände in Bengalen. Dieser gab ziemlich unumwunden zu, dass die Politik der East India Company in Bengalen geeignet sei, die dortige Industrie zu zerstören und das Land zu einem Lieferanten von Roh-Baumwolle zu machen. Gleichzeitig begann die Region Manchester den Markt mit billiger, industrieller Mousseline zu überschwemmen. Die ehemals so hochstehende Weberei in Bangladesch begann stetig zu schwinden. Die spezielle Baumwollsorte (Gossypium arboreum var. neglecta), welche die feinsten Mousseline hervorbrachte, wurde vernachlässigt und ist heute verschwunden.
Marie Antoinettes Auftritt hingegen hatte in Europa einen nachhaltigen Einfluss auf die Mousselineproduktion. Sie selbst sorgte für die Verbreitung des Stils, indem sie einigen Freundinnen eine ‚chemise à la reine‘ schenkte. Darunter war auch die britische Stilikone Georgina, Gräfin von Devonshire.[5]Waugh, Norah, and Margaret W. Weston. The Cut of Women’s Clothes, 1600-1930. New York: Theatre Art Books, 1985. S. 123. Die Fashionistas des späten 18. Jahrhunderts entwickelten aus Mousseline einen neuen Stil, die Mode à la grèque, weite weisse Tunikas, die in der Zeit Napoleons im Schwang waren.
Noch bis weit ins 19. Jahrhundert blieben die weissen Baumwollkleider populär bei Damen der Gesellschaft. Sie unterstrichen die Unterschiede zur arbeitenden Klasse und vermittelten die Idee von Reinheit. Da die leichten Kleider jedoch wenig wärmten, wurden sie oft von einem Kaschmir-Schal begleitet, über den man eine ähnliche Geschichte erzählen könnte wie über den Mousseline-Stoff. In Bangledesh findet seit einigen Jahren ein Mousseline-Revival statt. Das Interesse für den feinen Stoff zeigte sich unter anderem in einer grossen Ausstellung in Dhaka von 2016. Die Personen dahinter – Historiker, Künstler, Modedesigner, Textilexperten – versuchen dem ehemals so verbreiteten Handwerk wieder neues Leben einzuhauchen.
Vertiefen
- Die BBC Serie „A Stitch in time“ hat dem Kleid Marie Antoinettes eine Folge gewidmet (auf Curiosity Stream mit paywall).
- Impropriety, Informality and Intimacy in Vigée Le Brun’s Marie Antoinette en Chemise: Ein wissenschaftlicher Artikel, der den Skandal um das Portrait der Königin beleuchtet.
- The Marie Antoinette dress that ignited the slave trade: Der Artikel schlägt zwar einen kühnen Bogen zum Sklavenhandel, verpasst aber die kolonialen Bezüge zum Handel mit bengalischen Muslins.
- Fashion History Timeline, Muslin: Ein Blick auf Mousseline aus der Modegeschichte.
- Muslin Revival in Bangladesh: Die Website zur Ausstellung
Referenzen
|↑1||Bolts, William. Considerations on India Affairs. London, 1772. S. 206|
|↑2||Sinha, Narendra Krishna. The Economic History of Bengal. Calcutta: Mukhopadhyay, 1961. S. 177f.|
|↑3||Tanner, Albert. Das Schiffchen fliegt, die Maschine rauscht: Weber, Sticker und Unternehmer in der Ostschweiz. Zürich: Unionsverlag, 1985. S. 26.|
|↑4||Wartmann, Hermann. Industrie und Handel des Kantons St. Gallen auf Ende 1866. St. Gallen: Fehr, 1875. S. 158.|
|↑5||Waugh, Norah, and Margaret W. Weston. The Cut of Women’s Clothes, 1600-1930. New York: Theatre Art Books, 1985. S. 123.|