Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03569.jsonl.gz/1437

Freiwillig oder nicht?
Die Maschine mit dem Kennzeichen SP+CM war in Italien zu einem Testflug gestartet. Mit zwei Mann Besatzung und einem angeblich ausgefallenen Triebwerk landete sie in Magadino.
Am 26. Juli 1944 erhielt der Unteroffizier Hans Lemmens den Auftrag, eine werkrevidierte Caproni Ca 148P einzufliegen. Lemmens trat erst am 22. Juli 1944 in den Caproni-Werken in Gallarate bei Varese ein, um als Abnahmepilot Dienst zu tun. Da an diesem Tag ein ausgebildeter Bordmechaniker fehlte, sprang der Obergefreite Franz Nadler ein, welcher im Februar 1944 als bedingt kriegsdiensttauglich der Caproni-Abnahme Gruppe zugeteilt worden war. Nadler war Fallschirmjäger in Frankreich und Russland und bei einem Fluchtversuch aus einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager am Knie verletzt worden. Um 16.20 Uhr startete Lemmens zu einem Dreiecksflug von Gallarate nach Vicenza, Bozen zurück zum Werksflugplatz nahe der Schweizer Grenze. Die Ca 148 war eine aus etwa dreissig unter deutscher Kontrolle gebauten Einheiten.
Für den Prüfflug erhielt die Maschine die Kennzeichen SP+CM. Funkausrüstung und Sauerstoffanlage fehlten für diesen Prüfflug. Um 17.17 Uhr sichteten die Soldaten auf dem Flugplatz Locarno-Magadino bei fast wolkenlosem Himmel die Caproni Ca 148. Die Maschine flog mit voll laufenden Motoren auf einer Höhe von etwa 500 Metern über den Monte Ceneri mit direktem Kurs auf den Flugplatz. Als Lemmens den Platz umkreiste, schossen die Schweizer zum Zeichen der Landefreigabe eine grüne Rakete ab. Der erste Anflug war zu lang und Lemmens musste durchstarten. Um 17.24 Uhr setzte die Caproni beim zweiten Anlauf sicher auf und kam nach etwa 550 Metern zum Stehen. Die sofort ausgerückten Soldaten nahmen beide Besatzungsmitglieder fest und brachten sie im Flugplatzgebäude in getrennten Zimmern unter.
In einer ersten Vernehmung durch Schweizer Nachrichtenoffiziere wurden den Angaben der Besatzung Glauben geschenkt. Das militärisch äusserst korrekte Auftreten des Piloten muss die Offiziere bestärkt haben, die Aussagen der Besatzung in keiner Weise anzuzweifeln. Unteroffizier Hans Lemmens gab an, dass ein falsch eingestellter Kompass sowie ein defekter rechter Motor der Grund für die Landung auf einem, wie er glaubte, italienischen Flugplatz war. Eine genaue technische Überprüfung des Flugzeuges durch Schweizer Spezialisten förderte aber keinen vom Piloten beschriebenen Fehler zutage. Während der Obergefreite Franz Nadler wieder nach Italien zurückkehren konnte, zog Lemmens die Internierung in der Schweiz vor.Kurz nach der Landung wurde die Maschine zu einem Standplatz geschleppt und unter Bewachung gestellt. Die weitere Untersuchung ergab, dass noch 200 Liter Treibstoff in den 1600 Liter fassenden Tanks vorhanden waren. Ausser einem defekten Drehzahlmesser wurde das Flugzeug für in Ordnung befunden. Noch am gleichen Tag wurden die Hoheitszeichen abgedeckt. Wenige Tage später wurden die Kennzeichen der Fliegertruppe angebracht, worauf die Maschine von Oberst Högger nach Dübendorf überflogen wurde.
Am 5.August wurde die Caproni von Oberst Högger und Wachtmeister Schraner nach Kloten überführt und in einem Hangar eingelagert. Nach einer Besichtigung durch Brigadegeneral Alberto Roda wurde am 16. Mai 1946 verfügt, die Ca 148 mit der Bahn nach Italien zu transportieren. Am 23. und 25.Januar 1947 verliessen drei Eisenbahnwagen mit der zerlegten Caproni Kloten Richtung Lecce in Süditalien. Bei der Fahrt durch den Gotthard lösten sich die drei Piaggio-Motoren aus der Verankerung und wurden erheblich beschädigt.
Unteroffizier Hans Lemmens, welcher in der Schweiz interniert wurde, sorgte noch für einigen Wirbel. Überprüfungen der zuständigen Wehrmachtdienststellen hatten nämlich gezeigt, dass ein Soldat mit dem Namen Lemmens nirgends registriert war. Nach und nach kam eine wilde Geschichte zutage. Hans Lemmens war in Wirklichkeit ein geflohener Sträfling mit dem Namen Johannes Schneider, im Zivilberuf Coiffeur. Flieger Schneider wurde am 22. Juni 1944 vom Feldgericht des Kommandierenden Generals und Befehlshabers im Luftgau VII wegen Urkundenfälschung zu drei Monaten Gefängnis und gleichzeitiger Dienstgradherabsetzung verurteilt. Am 12. Juli gelang ihm auf dem Weg zum Strafantritt die Flucht. Auf abenteuerlichen Wegen erreichte Johannes Schneider die Caproni-Werke, wo er sich als neuer Abnahmepilot ausgab. Auf sich trug er ein gefälschtes Soldbuch auf den Namen Hans Lemmens. Da in dieser Zeit alles aus den Fugen geraten war und Caproni tatsächlich einen Abnahmepiloten brauchte, wurden an Lemmens oder Schneiders Aufrichtigkeit keine Zweifel gehegt. Den ersten ihm befohlenen Abnahmeflug nutzte Schneider zur Flucht in die Schweiz. Als er Ende 1944 hätte ausgetauscht werden sollen war Schneider spurlos verschwunden. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.
|Ereignissdatum||26.7.1944|
|Ereignisszeit||17.24|
|Ort||Magadino|
|Kanton||TI|
|Ereignis||Landung|
|Nation||Italien|
|Flugzeugart||Transporter|
|Flugzeugtyp||Caproni Ca 148|
|Flugzeugbezeichnung||Caproni Ca 148|
|Basis||Varese (I)|
|Auftrag||Testflug|
|Rückkehr||Übernahme durch die Schweiz|
|Werknummer||CM 61180|
|Kennzeichen||SP+CM|
|CH Archiv Nr.||D042|
|Besatzung||Pilot: Johannes Schneider, Unteroffizier (alias Hans Lemmens)

Mechaniker: Franz Nadler, Obergefreiter, konnte die Schweiz wieder verlassen
|Quelle||Fremde Flugzeuge in der Schweiz|
|Autor||Theo Wilhelm|