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Noch klingt die Geschichte fast zu verrückt, um wahr zu sein. Trotzdem liegt der Verdacht nahe, dass Beyoncé bei Pipilotti Rist ein Stück Videokunst geklaut haben könnte. Doch der Reihe nach:
Am Samstag veröffentlicht Beyoncé wieder einmal vollkommen überraschend ihr neues Album über den Streamingdients Tidal ihres Mannes Jay Z. Das Album heisst «Lemonade», weil die Grossmutter von Jay Z einmal sagte, das Leben habe ihr bloss Zitronen angeboten, sie aber habe daraus Limonade gemacht. Das Leben, dieses ungerechte Biest. So, wie auch Beyoncés «Lemonade» das grosse Epos einer betrogenen Frau ist.
Sonntagnacht zeigt HBO den Film «Lemonade», einen 55-minütigen Video-Essay zum Album. Wir sehen: Beyoncé. Die kämpft. Um ihr Selbst- und Geschichtsbewusstsein als schwarze Frau. Ab der sechsten Minute tanzt sie gutgelaunt durch eine Strasse, schlägt mit einem Baseball-Schläger Autoscheiben ein und einen Hydranten kaputt. Alle haben Spass.
1997 tanzt eine andere Frau durch eine andere Strasse und schlägt mit einer Blume Autoscheiben ein. Natürlich ist die friedliche Blume, die zur Waffe der Frau wird, der Clou. «Ever Is Over All» heisst der legendäre Clip von Pipilotti Rist.
Natürlich haben eine Blume und ein Baseballschläger nichts miteinander zu tun. Doch Beyoncés Kritiker – allen voran der grosse amerikanische Kunstkritiker Jerry Saltz – wenden nun ein, der Gang der Frau, das leicht fliessende Kleid, die Kamera, das Tempo, kurz, die ganze Choreografie seien sich zu ähnlich, um ein Zufall zu sein.
Und: Wir erinnern uns an den März 2015. Da gewann der Basler Jazzmusiker Bruno Spoerri einen einjährigen Rechtsstreit gegen Jay-Z. Dieser hatte ein einminütiges Sample von Spoerri aus dem Jahr 1978 ohne zu fragen für sein Album «Magna Charta Holy» verwendet.
Und: Beyoncé ist bekannt dafür, sich bei anderen Künstlern und vor allem Künstlerinnen grosszügig Choreografien, Visuals, Textzeilen, Kostüme etc. zu leihen. Besonders, wenn die Werke schon ein paar Jahre zurück liegen. «Imitation statt Inspiration» wird ihr deswegen schon seit vielen Jahren immer wieder vorgeworfen.
Man könnte auch etwas netter sein und von «Interpretation statt Imitation» reden. Einige der Beklauten fühlen sich denn auch geehrt, andere klagen. Wir sind gespannt, wofür sich Pipilotti Rist nun entscheiden wird.
(sme)