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Die südafrikanische Trade Winds Corporation hat am 7. Januar 2022 offiziell das für den Bau von bis zu 100 Villen vorgesehene Land in der Region Horse Pasture vom bisherigen Eigner Solomons übernommen. Die Region Horse Pasture ist eine der abgelegensten Regionen auf St. Helena. Man benötigt rund 3/4 Stunden mit dem Auto, um das nur vier Kilometer Luftlinie entfernte Jamestown zu erreichen. Die Trade Winds Corporation ist aber davon überzeugt davon, dass ihr Projekt alle weiteren Hürden auch nehmen wird. Gemäss der Lokalzeitung "St. Helena Independent" habe deshalb das Unternehmen alle anderen Unternehmensteile veräussert. Musterwohnungen wurden bereits 2018 in der Region von Alarm Forest gebaut. Da können zukünftige Bewohner sich ein Bild machen, wie es sich in den voraussichtlich zwischen CHF 650'000.-- und CHF 1'000'000.-- teuren Häuser wohnen lässt.
Bis aber die ersten Bagger auffahren werden, wird es so oder so noch länger dauern. Bevor nicht alle Reiserestriktionen auf St. Helena aufgehoben werden - speziell die aktuell nötige Quarantäne - geschehe gar nichts.
Ab dem 26. März 2022 wird AIRLINK alle zwei Wochen wieder ab Johannesburg nach St. Helena fliegen. Einmal im Monat wird das Flugzeug zudem einen Shuttleflug nach Ascension Island durchführen. Es ist geplant, die Frequenz zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf die früher üblichen wöchentlichen Flüge auszudehnen mit Zusatzflügen ab Kapstadt während der Hochsaison.
Freitag und Samstag Abend ist in Lower Jamestown die Party in vollem Schwung. Donny's, die Mule Yard und verschiedene Take-away-Stände um die Grand Parade sowie die Restaurants in Jamestown und Half Tree Hollow sind offen. Die Kalorienaufname in flüssiger oder fester Form ist problemlos möglich.
48 Stunden später, Montag Abend, Jamestown: Der Magen knurrt und der suchende Blick streift hilflos über "Closed"-Schilder. Lower Jamestown is ausgestorben. Wir sprechen hier nicht von zwei Uhr morgens, sondern von sechs Uhr abends, nur damit kein Missverständnis entsteht. Das Consulate Hotel, geschlossen, Anne's Place geschlossen, das Restaurant im Mantis aufgrund der Pandemie sowieso, das Blue Lantern geschlossen, die Take-Away-Stände weg oder verriegelt. Nur die Bars The Standard und The White Horse bedienen ihre traditionelle Stammkundschaft seit Stunden mit der täglichen Ration an südafrikanischem oder namibischem Bier.
Haben sich alle Verpflegungslokale dem süssen Nichtstun verschrieben an diesem Montagabend? Nein, ein kleines Restaurant leistet noch Widerstand! Das in einer Arkade etwas zurückversetzte Orange Tree, ein asiatisches Restaurant und Take-away neben dem Mantis Hotel, hat tatsächlich seine Tür geöffnet und ich komme noch zu einer guten Portion "Fried noodles with vegetables".
Zufrieden trotte ich anschliessend zurück zu meiner Unterkunft in Upper Jamestown. Glück gehabt - für dieses mal. Eine Woche später versuchte ich es wieder - dann war auch diese Tür geschlossen. Zum Glück gab es auf dem Nachhauseweg noch den kleinen Lebensmittelladen "Benji's"...
PS: Dieses Erlebnis war während der COVID-Pandemie. Unter normalen Umständen, wenn (mehr) Touristen auf der Insel sind, ist das Verpflegungsangebot am Abend vor allem in den Hotels auch während der Woche gewährleistet. Es empfiehlt sich aber in jedem Fall zu reservieren, da unter der Woche primär für die Hotelgäste gekocht wird.
Um 6:30 holt mich Billy, einer meiner zwei Taxifahrer auf St. Helena, pünktlich von meiner Unterkunft in Jamestown ab zur knapp halbstündigen Fahrt quer über die Insel zum Flughafen von St. Helena. In der Abflughalle wird zuerst der Rollkoffer sowie mein Handgepäck gewogen. Obwohl mein Koffer zwei Kilo zuviel und mein Handgepäck gut 1,5 Kilo über dem Limit ist, werde ich nach einem Kurzen zögern von der Dame hinter der Waage durchgewunken zum Check-in-Schalter. Mein Glück, dass der Flug nicht ausgebucht ist, denn das Startgewicht für die nach London eingesetzte Boeing 757 ist begrenzt und es gab schon Flüge, wo das Gewicht auf von 20 auf 15 Kilo für das Hauptgepäck reduziert wurde - und dies striktest umgesetzt werden musste.
Das Check-in verläuft nach einem kurzen Anstehen problemlos. Die Gepäcketikette wird - ganz niedlich - tatsächlich von Hand ausgefüllt. Wenn man bedenkt, dass dies einer der neusten internationalen Flughäfen der Welt ist, eine eher unerwartete Praxis. Aber da im Moment sowieso nur alle drei Wochen ein Passagierflieger die Insel St. Helena anfliegt, hat man die Zeit dazu ja.
Die Sicherheitskontrolle und die Abflughalle sind modern, sauber und so, wie sie auf vielen kleinen Flughäfen der Welt sind. Als der Flug aufgerufen wird, heisst es auch Abschiednehmen von der maskenfreien Zeit. Da die Insel St. Helena dank rigorosen Einreisebestimmungen bisher von der COVID-Pandemie verschont blieb, bestehen auf der Insel auch keine Einschränkungen wie Social Distancing und Maskentragpflicht. Ab dem Betreten des Flugfeldes, ist diese maskenfreie Herrlichkeit vorbei.
Die eingesetzte Boeing 757 von der Chartergesellschaft Titan Airways fliegt im Auftrag der Regierung bis Anfang März 2022 alle drei Wochen zwischen London und St. Helena. Auf unserem Flug befinden sich ungefähr 60 bis 70 Passagiere, was knapp die Hälfte der möglichen maximalen Passagierkapazität bedeutet. Aufgrund der kurzen Landebahn kann die Boeing 757 nie ganz ausgelastet werden (deshalb eben auch die strengen Gepäckkontrollen). Die Sitzplatzkonfiguration auf diesem Flug bevorzugt die zuerst eingestiegenen Fluggäste. Da keine Sitzplätze zugeteilt wurden (man kann nur Economy reisen), kann jeder sitzen, wo er möchte. Und auf diesem Flug sind die ersten zehn Reihen mit breiteren Business-Klass-Sitzen ausgestattet, während die restlichen Reihen mit der gewohnten 3er-Bestuhlung aufwarten können. Da der Flieger aber nur schwach ausgelastet ist, hat jeder der will, drei Sitze für sich zur Verfügung.
Der Start erfolgt pünktlich kurz nach 9 Uhr morgens: Kräftig Gas geben und ab geht es in Richtung Wolkendecke für den ruhigen, rund dreistündingen Flug nach Accra in Ghana. Da werden rund 15 Passagiere aussteigen und von dort ihre afrikanischen Endziele wie Simbabwe und Südafrika erreichen. Der Hauptgrund für den gut einstündigen Stopp ist aber das nötige Auftanken für den Flug über Afrika bis nach London.
Die sechs Stunden Flug über Afrika verbringen wir über der Wolkendecke. Da es in der 21-jährigen, ursprünglich für IBERIA im Einsatz gewesenen Boeing 757 kein bordeigenes Unterhaltungssystem gibt, dösen die verbliebenen Passagiere vor sich hin oder ziehen sich auf ihrem Laptop einen Film oder ein Game rein. In der Mitte des Flugzeuges wird eine kleine Selbstbedienungs-Snackbar aufgestellt und das Licht wird für die nächsten Stunden auf Nachtmodus umgestellt.
Nach einem schönen Sonnenuntergang über der Sahara wird rund zwei Stunden vor der Landung in London Stansted noch ein Abendessen serviert. Wie auf dem gesamten Flug gibt es auch dazu nur alkoholfreie Getränke, denn die Regierung von St. Helena hat nur das für die Fluggäste bestellt. Nach einem kurvenreichen Anflug auf den von Rynair dominierten Flughafen Stansted stehen wir Passagiere aus der einsamen Insel im Südatlantik dann sehr schnell wieder in den Myraden von zurückkehrenden Ferienrückkehrern von den Mittelmeerinseln an der Reisepasskontrolle an. Wie so üblich, hat einem der Alltag wieder sehr schnell im Griff und man hetzt nach der Zollkontrolle zum Flughafenbahnhof, um möglichst den nächsten Zug ins Zentrum von London zu erreichen. Man müsste ja sonst maximal 30 Minuten auf den nächsten Zug warten. Das gemächliche Inselleben im Südatlantik, das war einmal...vor nicht allzu langer Zeit.
Die Regierung von St. Helena verkündete diese Woche, dass ab ca. Ende März 2022 die Flüge mit der südafrikanischen Fluggesellschaft AIRLINK von Johannesburg nach St. Helena wieder aufgenommen werden. In einer ersten Phase ist ein Flug alle zwei Wochen geplant.
Die Flüge ab Südafrika wurden im März 2020 aufgrund der COVID-Pandemie eingestellt und durch Charterflüge der Regierung ab London ersetzt. Diese London-Flüge wurden in einer ersten Phase alle sechs Wochen durchgeführt und in einer zweiten Phase und noch bis Anfang März 2022 alle drei Wochen. Für viele Saints und Expats ging mit den Direktflügen England - St. Helena ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Die Charterflüge nach/von England kosten den immer klammen Schatzmeister der Insel jedoch viel Geld, so dass diese Flugverbindung ab März 2022 eine Fussnote in der Geschichte der Insel St. Helena sein wird.
Ob im Zusammenhang mit der wieder hergestellten Flugverbindung von Südafrika auch die zehntägige Quarantänefrist auf St. Helena aufgehoben wird, ist noch nicht bekannt.
Die regulären Airlink-Flüge ab Südafrika nach St. Helena sind seit mehr als 1 1/2 Jahren suspendiert. Im Moment ist die einzige direkte Verbindung zwischen Südafrika und St. Helena mit dem Frachtschiff HELENA. Während meines Aufenthaltes auf St. Helena erhielt ich die Gelegenheit, das Schiff während seiner Liegezeit an der Kai in Ruperts Bay zu besuchen. Der südafrikanische Kapitän Rudolph van Schalkwyk begrüsste mich an der Gangway und führte mich zur auf dem Hauptdeck gelegenen Passagierkabine. Die helle Kabine besteht aus insgesamt vier Etagenkojen, einer kleinen Sitzecke mit Schreibtisch und Dusche/WC. Die Kabine wirkt sehr hell und in einwandfreiem Zustand. Gemäss Kapitän van Schalkwyk nutzen im Moment vor allem Südafrikaner, die einen temporären Arbeitsvertrag auf St. Helena haben, die Möglichkeit, mit dem Frachtschiff nach oder von St. Helena zu reisen. Gemäss den lokalen Nachrichten war auf dieser Reise Major Wendy von der Salvation Army als Passagierin an Bord.
Die HELENA ist ein kleines Frachtschiff, deshalb sind auch die öffentlichen Räume beschränkt. Die ebenfalls auf dem Hauptdeck gelegene Messe, wo die Mannschat wie auch die Passagiere die Mahlzeiten einnehmen, wirkt ebenfalls sehr gepflegt und hell. Ich bin positiv überrascht, da auf kleinen Frachtschiffen, diese Räume oft relativ wenig Tageslicht zulassen. Der Kapitän führt mich auf den Aussentreppe noch in Richtung Kommandobrücke. Wie heutzutage üblich sind die Aufbauten ohne übermässig grosse Decksflächen ausgestattet. Trotzdem gibt es auf jedem Deck etwas Platz um sich die Beine zu vertreten. Sogar ein Fitnessfahrrad war bei meinem Besuch auf einem Deck sicher verstaut, falls ein Passagier sich sportlich betätigen will. Von einem der Nocks hat man einen guten Blick über das Frachtdeck und - wenn auf See - auf die unendliche Weite des Südatlantiks.
Der Kapitän wie auch die Crew war zuerst etwas skeptisch als er hörte, dass die HELENA Passagiere akzeptieren wird. Aber die Erfahrungen seien durchwegs positiv meint er. Er verstehe es zwar nicht, was die Passagiere an einer Frachtschiffreise so faszinierend finden. Aber das versteht eigentlich kein Frachtschiffkapitän, wieso man sich das freiwillig antut, auf einem Frachtschiff mitzureisen. Aber für Landratten ist es eine neue Welt, in die man sonst kaum Einblick erhält. Die HELENA fährt alle paar Wochen ab Kapstadt nach St. Helena und - je nach Bedarf - weiter nach Ascension Island. Die einfache Fahrt nach St. Helena dauert ca. sechs Tage, eine gesamte Rundreise inkl. Ascension ungefähr drei Wochen. Da auf St. Helena zum Zeitpunkt dieses Beitrags eine zehntägige Quarantäne gilt ist ein besonderer Vorteil der HELENA dieser, dass die Seetage an die Quarantänezeit angerechnet wird und man normalerweise nur noch vier Tage in Quarantäne muss, bevor man sich auf St. Helena frei bewegen kann. Weitere Informationen zur Frachtschiffreise mit der HELENA erhalten Sie von unserem Schiffsreisepartner Ship'N'Train Travel.
Mein Quarantäne-Quartier ist inkl. Veranda rund 60 Quadratmeter gross und hat alles, was man braucht. Ich platziere das obligatorische Quarantäneschild gut sichtbar beim Eingang und beginne meine 10 Tage Einsiedlerei.
Meine zweitgrösste Sorge, ob der Kühlschrank/das Tiefkühlfach mit den bestellten Einkäufen gefüllt war, war grundlos. Auch meine grösste Sorge, dass der bestellte Internetanschluss nicht funktioniert, zerstreute sich schnell. Einzig mit meiner E-Mail-Adresse hatten sie Mühe und dachten wohl, dass mein Vorname "Urs" entweder ein Titel oder ein Verschrieb war und liessen diesen ganz einfach weg. Aber ich kann auch mit nur meinem Nachnamen in der temporären Mailadresse gut leben.
Während den zehn Tagen habe ich mich strikt an meine Tagesroutine gehalten, eine Art "Home office light", einfach in einer anderen Umgebung, etwas späterem Arbeitsbeginn, einer längeren Mittagspause fürs Kochen und ein Nickerchen, und pünktlichen Feierabend um 17 Uhr. Jeden Tag zwischen 9 und 12 rief die Gesundheitsverantwortliche an um nachzufragen, ob ich irgend welche Symptome habe und ob alles ok war. Pünktlich um 17 Uhr gab es dann auf der Veranda mein Feierabendbier.
Am Tag 2 klingelte das Telefon und ich wurde ultimativ aufgefordert, mich vor dem Bungalow zu zeigen. Von der Veranda der Vermieterin winkte mir dann ein Sicherheitsbeauftragter des Gesundheitsamtes zu und gab mir ein "Daumen hoch", als er mich bei seinem Kontrollbesuch pflichtbewusst vor meinem Häuschen sah. Anschliessend wurde ich anscheinend als vertrauenswürdig eingestuft und es folgten keine weiteren Kontrollbesuche mehr.
Das kulinarische Fazit nach zehn Tagen darf als "zufriedenstellend" taxiert werden: kein dramatischer Gewichtsverlust (zugegebenermassen allerdings auch keine Zunahme). Es gab nicht nur Spaghetti sondern, im Rahmen der verfügbaren Lebensmittel, eine - sagen wir es mal so - nicht komplett ungesunde Ernährung. Die guten Ansätze, auch Kartoffeln zu essen und gewisse Gänge mit Zwiebeln zu verfeinern scheiterten nicht am guten Willen, sondern an der fehlenden Verfügbarkeit auf der Insel. Diese kamen erst wieder mit dem nächsten Schiff von Kapstadt nach meiner Quarantäne.
Nachdem ich am 9. Tag wieder von einem Fahrer in voller Pandemiemontur zu einem weiteren Test in die zentrale Quarantänestation gefahren wurde und der Test negativ ausfiel, wurde mir am 10. Tag mitgeteilt, dass ich um 19 Uhr aus der Quarantäne entlassen sei. Als die zwei Damen vom Gesundheitsamt, die mir die "Entlassungsurkunde" übergaben, mich mit meinem Kurzhaarschnitt und doch eher maskulinen Aussehen entdeckten, mussten sie sich dafür entschuldigen, dass ich im Brief als "Mrs Urs Steiner" angesprochen werde. Ein weitere Spätfolge meines von meinen geschätzten Eltern gutgemeinten Vornamen-Wahl.
Und wie war Tag 11, der erste Tag meiner neu gewonnen Freiheit, ohne Maske, ohne Social Distancing, ohne die dauernde Präsenz von COVID-19? Nach einem Rasiereinsatz, den mein Rasierapparat nach zehn Tagen Ferien an sein Limit brachte, ging es präsentabel auf zum ersten Einkauf ins Zentrum von Jamestown. Erstaunlicherweise gewöhnt man sich sehr schnell wieder daran, sich ohne Einschränkungen/Vorschriften bewegen zu können, wohl auch darum, weil wir in der Schweiz verhältnismässig lockere Einschränkungen hatten im Vergleich zu anderen Ländern. Ein während des strengen Lockdowns in England lebender Bekannter brauchte nach seiner Rückkehr auf die Insel eine gute halbe Stunde nach seiner Ankunft in Jamestown, bevor er sich traute, loszumarschieren, wo er während seines Einkaufs wie im "old normal" von seinen zahlreichen Bekannten herzlichst und ohne social distancing begrüsst wurde.
Überall, wo die Konversation über einen Satz hinaus ging, war die zweite Frage meistens, ob man gerade aus der Quarantäne kam. Und dass St. Helena mit 4'500 Einwohnern ein Dorf ist wurde mir spätestens im Postamt klar, wo ich mir eine Landkarte kaufte. Als ich für die Quittung meinen Namen buchstabierte kam aus der zweiten Reihe die Frage, ob ich derjenige sei, der jeweils um 17 Uhr sein Feierabendbier geniesse.
Am 13. Oktober 2021 wurde auf St. Helena nicht nur eine neue Regierung gewählt, nein, auch ein neues Regierungssystem mit verantwortlichen Minister wird das aktuelle Gemeinschaftsgremium "Executive Council" (ExCo) ablösen. So wird jeder Minister neu für einen Teilbereich innerhalb seiner Budgetrahmens eigenständig verantwortlich sein und nicht mehr nur die "ExCo" als gesamtes. In einem ersten Schritt wurde das gesetzgebene "Legislative Councel" gewählt, aus dessen Reihen dann die Minister und der oder die Ministerpräsident/in gewählt wird.
Die Wahlbeteiligung von 60 % war die Höchste seit langem. Aus 29 Kandidaten und Kandidatinen wurden 12 in das gesetzgebende "Legislative Council" gewählt. Wie die lokale Wochenzeitung The St. Helena Independent feststellt, ist das Geschlechterverhältnis mit sieben Männern und fünf Frauen ausgewogener als vorher, das Durchschnittsalter etwas tiefer und die praktische Erfahrung aus Anstellungen im privaten Sektor ist stärker vertreten. Das, so der Independent, nähre die Hoffnung, dass die neue Regierung effizienter, kommunikativer und volksnaher sei als die bisherige.
Dass in der Bevölkerung ein gewisser Unmut über die lokale Regierung herrscht ist daran abzusehen, dass nur drei wieder zu Wahl antretende Räte wieder gewählt wurden und vier abgewählt wurden. Die Hoffnung, dass mit der neuen Regierungsform und zum Teil neuen Kräften, die Regierung in diesen für St. Helena schwierigen Zeiten schlagkräftiger wird, ist gross.
Die Regierung von St. Helena (SHG) hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt, so soll die Energie schlussendlich zu 100 % aus erneuerbarer Energie lokal produziert werden. Verschiedene Regierungsstellen geben dazu Auskunft:
Inselwelten: Im 10-Jahres-Plan 2017-2027 erklärt die Regierung von St. Helena, dass eines der Ziele darin besteht, grüner zu werden, indem der CO2-Fussabdruck verringert, Fauna und Flora besser geschützt, Abfall reduziert und die Wasserversorgung für die Zukunft gesichert wird. Wie zufrieden ist die Regierung insgesamt mit den Fortschritten des Projekts "Grüner werden" nach vier Jahren des 10-Jahres-Plans?
Regierung St. Helena: Wir machen stetige Fortschritte bei der Verringerung unseres CO2-Fussabdrucks, aber eine Herausforderung bleibt die Koordinierung grüner Initiativen, die für St. Helena geeignet sind und mittel- und langfristig zu nachhaltigen CO2-Reduktionsgewinnen für die Insel führen werden, sowie die Beschaffung angemessener Finanzmittel für deren Umsetzung.
Wichtige Entwicklungen der letzten Jahre:
- St. Helena-Klimaschutzstrategie, die 2019 angenommen wurde, um die Massnahmen zur Reaktion auf Klimaschwankungen und -veränderungen auf der Insel in eine Gesamtstrategie einzubinden.
- St. Helena-Aktionsplan zum Klimawandel), der 2020 angenommen wurde und Anpassungs- und Abschwächungsmassnahmen für die nächsten fünf Jahre enthält
- Unterzeichnung eines Vertrags mit Connect / PASH über erneuerbare Energien im Jahr 2020
- St. Helena Government Garage Pilotprojekt zur Umstellung der regierungseigenen Fahrzeuge auf eine elektrische Flotte.
- Umstellung der Abfallentsorgungsdienste auf emissionsfreie, lithiumbetriebene Kleinmaschinen im Jahr 2020.
- SHG-Netto-Null-Emissions-Scoping-Studie wird in Kürze vorgelegt. SHG wird gemeinsam mit der jetzt im Oktober gewählten Regierung prüfen, welche Massnahmen auf der Grundlage dieser Studie ergriffen werden können.
- Das von der Uk Conflict Stability & Security (CSSF) finanzierte Abfallbewirtschaftsprojekt zur Entwicklung einer kommerziellen Recyclinganlage auf der Horse Point Deponie wurde 2021 begonnen, um die gegenwärtigen und zukünftigen Abfallmengen zu reduzieren, die nicht mehr deponiert sondern recylet werden müssen.
- Das CSSF-finanzierte Projekt "Umwelt, natürliche Ressourcen und Planung" zur Installation einer Fotovoltaik-Anlage und von Sonnentunneln im Hauptquartier der Umweltbehörde wird 2021 in Angriff genommen.
- Die Abfallbewirtschaftsdienste beschaffen 2021 einen emissionsfreien Elektrostaubsauger, um den Übergang der SHG zu emissionsfreien Kleinmaschinen zu unterstützen, wo dies sinnvoll ist.
2021 wurde eine Wasserressourcenstrategie verabschiedet.
Inselwelten: Das sind ganz viele Studien, die der Regierung nun bei der Entscheidungsfindung helfen. Ist der Energieverbrauch auf der Insel in den letzten Jahren übrigens gestiegen oder gesunken?
Regierung St. Helena: Der Verbrauch ist in den letzten drei Jahren konstant geblieben.
Inselwelten: Eines der Hauptziele im Kapitel "Grüner werden" ist es, sich zu 100 % mit erneuerbaren Energien selbst zu versorgen. Das ist ein grosses und anspruchsvolles Ziel. Wie hoch ist der derzeitige Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtenergieverbrauch?
Regierung St. Helena: Der derzeitige Anteil der aus erneuerbaren Quellen erzeugten Energie liegt bei etwa 25 %.
Inselwelten: Das ist schon beachtlich. Bis zu welchem Jahr hoffen Sie, das Ziel zu erreichen, die Insel zu 100 % mit erneuerbarer Energie zu versorgen?
Regierung St. Helena: Ursprüngliches Zieldatum war 2022. Dieses Ziel wird derzeit aufgrund der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie überprüft.
Inselwelten: Alles, was auf St. Helena importiert werden muss, ist für den Verbraucher teuer. Ich nehme an, das gilt auch für die Einfuhr von Brennstoffen für den Betrieb der Generatoren zur Stromerzeugung. In den meisten Ländern ist erneuerbare Energie immer noch teurer als Energie, die mit Benzin oder Kohle erzeugt wird. Werden die Kosten für Energie - aufgrund der besonderen geografischen Lage von St. Helena - mit der Umstellung auf erneuerbare Energien steigen, stabil bleiben oder sogar im Vergleich zu den heutigen Preisen sinken?
Regierung St. Helena: Die Strompreise auf der Insel haben sich seit 2016 nicht verändert, obwohl sie als sehr hoch empfunden werden. Mit der Umstellung auf erneuerbare Energien sollen die Einheitspreise stabilisiert und die Kosten für den Verbraucher hoffentlich im Laufe der Zeit gesenkt werden können.
Inselwelten: Ich gehe davon aus, dass die beiden wichtigsten Quellen für die Erzeugung erneuerbarer Energie auf St. Helena Solarenergie und Windkraftanlagen sind. Wie wird Ihrer Meinung nach der Mix aus Solarenergie und Windturbinen letztendlich aussehen?
Regierung St. Helena: Ja, der Vertrag über erneuerbare Energien ist so konzipiert, dass Wind- und Solarenergie genutzt werden. Es ist vorgesehen, dass die Solarenergie etwa 1,5 MW erzeugt und der restliche Bedarf durch Windenergie gedeckt wird.
Inselwelten: Zurück zu den Windkraftanlagen: In Europa wehren sich Umweltgruppen und Anwohner von geplanten Windkraftanlagen oft jahrelang gegen die Projekte, weil sie sich über Lärm, den Tod von Vögeln durch die rotierenden Flügel und die Verschandelung der Landschaft Sorgen machen. Gibt es einen starken Widerstand gegen die Errichtung von Windturbinen oder werden sie im Allgemeinen von den Betroffenen gut angenommen?
Regierung St. Helena: Die Öffentlichkeit wurde zu den Plänen für den Bau von drei grösseren Windturbinen auf der Insel konsultiert. Die Baugenehmigung wurde erteilt. Die Öffentlichkeit wartet sehnsüchtig darauf, dass diese Anlagen gebaut werden, weil sie für sie Vorteile bringen werden.
Inselwelten: Themenwechsel zu den Finanzen. Vor zwei Jahren haben Sie den Zolltarif für Kraftfahrzeuge dahingehend geändert, dass sich der Zoll nicht mehr nach dem Wert des Fahrzeugs richtet, sondern nach dem CO2-Ausstoss des importierten Fahrzeugs. Wie hat sich das auf die Einfuhr von Neu- und Gebrauchtwagen ausgewirkt?
Regierung St. Helena: Es gab einige Verhaltensänderungen: Es wurden mehr Fahrzeuge der mittleren Klasse eingeführt, für die ein niedrigerer Zollsatz galt. Man hatte gehofft, dass mehr Fahrzeuge mit niedrigeren Emissionen und sogar mehr Elektrofahrzeuge importiert würden, aber es ist bekannt, dass wir mehr unterstützende Infrastrukturen wie Ladestationen benötigen, um letztere zu unterstützen. Im Rahmen der neuen Regelung wurden mehr neuere und sparsamere Fahrzeuge eingeführt, für die nach der vorherigen Regelung ein höherer Zollsatz gegolten hätte. Diese Entwicklung wird weiter beobachtet.
Inselwelten: Ein Aspekt ist die Energieerzeugung, ein anderer die Energieeinsparung. Eine 30 Jahre alte Waschmaschine braucht mehr Energie für einen Waschgang als eine moderne (das Thema graue Energie, die für den Bau/Entsorgung benötigt wird, blenden wir hier mal aus). Wie können Sie den Menschen auf St. Helena helfen, den Strombedarf zu senken?
Regierung St. Helena: Die Entwicklungsstrategie unterstützt die Einführung und Platzierung von Fotovoltaik- und Solarprojekten für Unternehmen und Haushalte auf der ganzen Insel. Es gibt ermässigte Einfuhrzölle für Haushaltsgeräte der Klasse A+.
Inselwelten: Es geht immer ums Geld, auch bei der letzten Frage. Es ist kein Geheimnis, dass die Regierung von St. Helena ein sehr knappes Budget hat und stark von Subventionen der britischen Regierung abhängig ist. Wie werden all die notwendigen Schritte finanziert, um eine Insel zu werden, die zu 100 % erneuerbare Energie nutzt?
Regierung St. Helena: Der Stromabnahmevertrag, den Connect Saint Helena (Anmerkung Inselwelten: der Strom- und Wasserversorger der Insel) mit dem Investor Sustainable Energy One unterzeichnet hat, bedeutet, dass weder für SHG noch für Connect Saint Helena Kapitalkosten anfallen. Diese werden vom Investor finanziert werden.
Inselwelten: Wir danken Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Fragen zu beantworten, und wünschen Ihnen alles Gute bei der Verwirklichung Ihres ehrgeizigen Ziels.
Ein Meilenstein für ein schnelleres Internet auf der Insel St. Helena wurde am 29. August 2021 erreicht, als der Kabelleger TELIRI das Ende des Glasfaser-Unterwasserkabels in der Bucht von Ruperts Bay an Land brachte. Von da aus fuhr das Schiff mit durchschnittlich 2 bis 4 Knoten die 717 Seemeilen bis zur Verbindungsstelle zum Hauptkabel, das von Südafrika nach Portugal läuft. Während das Hauptkabel von Google finanziert wird unterstützt die EU die Verzweigung nach St. Helena mit 21,5 Millionen Euro. Am 1. Januar 2023 wird (vielleicht) ein neuer Provider die Internetdienstleistungen auf der Insel St. Helena übernehmen und dann mit neuen, attraktiveren Bedingungen die Insel St. Helena internettechnisch ins 21. Jahrhundert befördern.
Also alles gut? So einfach ist das nicht. Der aktuelle Provider SURE South Atlantic ist ein kommerziell denkendes Unternehmen und das bestehende Kupfernetzkabel auf St. Helena durch ein Glasfasernetz zu ersetzen rechnet sich für die 4'500 Bewohner von St. Helena wirtschaftlich nicht. Laut einem Artikel im St. Helena Independent vom 3. September habe die Regierung von St. Helena mit SURE einen äusserst unvorteilhaften Vertrag abgeschlossen, der anscheinend gravierende finanzielle Konsequenzen vorsieht, sollte der Vertrag mit SURE am 1. Januar 2023 nicht verlängert werden. Die Gefahr ist also gross, dass mit dem Glasfasernetz von Google grosse Datenmengen bis zur Ruperts Bay gelangen, dieses Datenmengen aber nicht mehr mit hoher Geschwindigkeit durch das Kupfernetzkabel auf der Inseln verteilt werden können. Ob die Hoffnung der Regierung von St. Helena erfüllt wird, mit dem Google-Glasfaserkabel die Insel internettechnisch konkurrenzfähig machen zu können und so auch der Wirtschaft Impulse zu geben, darf zum aktuellen Zeitpunkt bezweifelt werden.
Alle Details zur Ankunft des Glasfaserkabels und ein kritischer Kommentar von Kolumnist Vince Thompson im St. Helena Independent findet man hier

Author
Urs Steiner
Archives
Januar 2022
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