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Das Dao ist weniger deskriptiv, weniger beschreibend zu verstehen, und mehr deskriptiv oder vorschreibend. Die antike chinesische Philosophie im Allgemeinen und die daoistische im Besonderen ist auf Erfolg ausgerichtet, sie ist wirkungszentriert und nicht wahrheitszentriert. Es ging in der Hauptsache um die Entwicklung von effektiven Strategien und Verhaltensweisen. Nicht die Frage, was etwas ist, stand letztlich im Vordergrund, sondern die Frage, wie etwas am besten zu erreichen ist.
Dabei waren, wie das Daodejing beweist, zunächst gesellschaftliche Themen wie die Organisation der Familie, der Sippe und des Staates von besonderer Wichtigkeit.... Über den sozialen Rahmen hinaus verband man die Ordnung im Staat zusätzlich mit der Ordnung der Natur oder des Kosmos. Die Welt der Kultur oder der Zivilisation war unmittelbar eingebunden in die natürliche Welt, oder besser, es wurde überhaupt keine feste Grenze zwischen Natur und Kultur gezogen. Anstelle einer solchen Unterscheidungsdurchzog der gleiche Ordnungsentwurf den Raum der Gesellschaft und den der Himmelskörper...
Das Dao war in diesem auf Ordnung und Effektivität ausgerichteten Denken der Ausdruck für den bestgeordneten und den effektivsten Wirkungszusammenhang. Dementsprechend gab es eine Vielzahl von " Daos": das Dao des Himmels, das Dao der Erde, das Dao des Menschen, aber auch das Dao der Herrschaft oder das Dao der Kriegsführung.
Neben diesen spezifischen Vorstellungen eines idealen Weges, gab es auch das Dao als solches, also die Vorstellung einer effektiven Ordnung für jegliche Vorgänge, eine Art Weg aller Wege, eine Methode aller Methoden, ein Muster aller Muster.
Das Dao - der Weg - zeigt, wie etwas optimal "läuft". Das Dao der Daoisten folgt dabei einer spezifischen Struktur. Der daoistische "Weg" besteht aus einer besonderen Verschränkung von Sein und Nichts, oder besser von Fülle und Leere, von Gegenwart und Nichtgegenwart, von Präsenz und Nichtpräsenz.
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Das dao ist somit sozusagen überall und nirgends: es ist nicht allein nirgends (wie die leere Nabe), sondern auch überall, wie das ganze Rad, das den ganzen Raum des Geschehens von Speichen und Nabe umfasst.
Aus dieser Perspektive auf das Bild des Rades als Zusammenhang von leerer Mitte und "voller" Peripherie lassen sich die vielen Paradoxien, mit denen die daoistischen Texte spielen, besser verstehen.
Die bekannteste dieser Paradoxien ist sicherlich die Formel
"wu wei er wu bu wei": " Nicht-Handeln und nichts bleibt ungetan" (Laozi 37,48). Während die Nabe unbewegt bleibt, können sich gerade deswegen die Speichen ständig weiter drehen. Das heißt, während das Dao, identifiziert man es mit der Nabe, stillsteht, dreht es sich doch gleichzeitig unablässig, insofern man es als Ganzes sieht.
Man kann das Bild des Rades nun nicht allein hinsichtlich der es konstituierenden Elemente betrachten, sondern auch hinsichtlich der an es geknüpften Assoziationen und der mit ihm verbundenen Motive. Dann treten zwei andere Begriffe hervor, die für den Daoismus von herausragender Bedeutung sind:
die Dauer (chang,heng) und
das "Von-selbst-so-sein" (ziran).
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"Dem Dao ist der eigene Lauf Gesetz" (Laozi 25). Dieser eigene Lauf, das „Von- selbst-so-sein“ entspringt der Tatenlosigkeit des Herrschers im effektiven Staatswesen, der Ruhe der Nabe inmitten der Drehung des Rades. Das leitende Element greift nicht ein: es lässt die Dinge geschehen, und gerade deshalb können die Dinge, weil sie von keiner bestimmten Anstrengung, von keinem bestimmten Anstoß abhängig sind, „von selbst“ laufen.
Wären sie von einem Anstoß oder eine Anstrengung abhängig, so wären sie mit der Erschöpfung dieser Anstrengung auch selbst am Ende. Das daoistische Herz oder die daoistische Radnabe sind gerade deshalb keine "ersten unbewegten Beweger", weil sie selbst nichts bewegen. Die Nabe bewegt nicht die Speichen, sondern die Speichen drehen sich im Lauf der Bewegung wie "von selbst" um sie herum.
Die Permanenz des optimalen Funktionszusammenhangs beruht sozusagen auf einer Art Autopoiesis: die Geschlossenheit des Mechanismus sichert seine Unabhängigkeit von einem externen Ursprung. Der perfekte Mechanismus ist sich selbst der Ursprung.
Dao
Daoismus
Hans-Georg Möller