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Der Komplex aus 16 Wasserrädern konnte Schätzungen zufolge täglich bis zu 25 Tonnen Mehl produzieren, ausreichend für die Ernährung von 27'000 Menschen. Eine neue Studie zeigt, dass solch riesige Mengen Mehl wohl kaum der Versorgung der Bevölkerung im nahen Arles dienten, wie bisher vermutet wurde. Vielmehr wurde das Mehl wahrscheinlich zur Herstellung von Schiffszwieback für die Häfen der Region genutzt. "Die Wasserräder standen regelmässig für zwei bis drei Monate im Jahr still, meistens im späten Sommer und Herbst", erklärt Cees Passchier von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). "Das deckt sich mit den Zeiten des römischen Schiffsverkehrs, der typischerweise im Spätherbst eingestellt wurde." Die Wissenschaftler um Passchier analysierten mit modernsten Techniken die Kalkablagerungen aus den Wassermühlen, die Ende der 1930er Jahre in einem Museum eingelagert und bislang nie untersucht wurden. Passchier hat die Mühlen im Rahmen einer Studie mituntersucht. Die Studie wurde im Rahmen einer Kooperation von Wissenschaftlern der JGU, der Universität Aix-Marseilles, der Universität Rennes 1 in Frankreich sowie dem Institut für Geologie der Universität Innsbruck erstellt und ist im Wissenschaftsjournal "Science Advances" veröffentlicht worden.
Die Mühlen von Barbegal sind schon länger bekannt, sie sind zwischen 1937 und 1939 ausgegraben worden. Allerdings sind bis heute viele Fragen bezüglich der Anlage unbeantwortet. Während von den Mühlgebäuden noch einiges sichtbar ist, blieb von den eigentlichen Mühlwerken aus Holz nichts erhalten. "Heute können wir dank moderner Labortechnik und interdisziplinärer Zusammenarbeit zahlreiche offene Fragen beantworten", so Erstautorin Gül Sürmelihindi.
Aufschlussreiche Kalkablagerungen
Die Wissenschaftler hatten die Möglichkeit, Kalkablagerungen aus den in Arles eingelagerten Fragmenten mit modernsten Techniken zu analysieren. Diese Karbonate, die sich ehemals auf Mühlrädern oder in Wasserrinnen abgelagert hatten, konnten die Jahrhunderte überdauern, während sich die Holzkomponenten zersetzt haben. Die Kalkablagerungen wurden makro- und mikroskopisch sowie durch Isotopenanalyse untersucht. Die Isotopenverhältnisse von Sauerstoff und Kohlenstoff liefern den Geowissenschaftlern Informationen über die Dauer der Nutzung und Angaben über das Klima, die Wassermenge der Quellen und deren Variation.
Damit sind die einzigartigen Erkenntnisse über die Verwendung der Mühlen, ihren Unterhalt und die schlussendliche Dekonstruktion der industriellen Anlage möglich. "Zum Beispiel sehen wir an den Fragmenten, dass sie nicht das gleiche Alter haben. Das heißt, einzelne Holzteile sind zur Reparatur ersetzt worden. Wir können jetzt sagen, wann genau das erfolgt ist", teilte Passchier mit. So stellte die Forschergruppe anhand der Isotopenanalyse fest, dass die Mühlen wie erwähnt nicht kontinuierlich während des gesamten Jahres in Betrieb waren, sondern alljährlich im Spätsommer und Herbst angehalten wurden.
In der Antike wurde das Getreide üblicherweise lokal vermahlen – zu Hause, in Bäckereien oder in kleineren Wassermühlen. Mehl wurde in der Nähe des Endverbrauchers erzeugt, weil es nicht so lange haltbar war wie die Getreidekörner. Wenn die Grossproduktion von Barbegal aber nicht für den baldigen Verbrauch einer größeren Stadtbevölkerung diente, dann deutet die Nähe zu den Häfen von Arles und Fossae Marianae vielleicht auf eine andere Bestimmung hin. Aus dem Mehl wurde, so die Vermutungen, Schiffszwieback hergestellt. Zweimal gebackenes Brot konnte in grossen Mengen produziert, gelagert und über lange Strecken transportiert werden und war außerdem nicht so leicht verderblich. Dass die Römer ihre Schifffahrt üblicherweise im späten Herbst einstellten, was im Spätsommer zu einem temporären Erliegen des Bedarfs an Zwieback führte, erklärt auch den zyklischen Betrieb der Wassermühlen von Barbegal.
"Die Untersuchung zeigt, wie mit einfachen Kalkablagerungen aus antiken Wassersystemen weitreichende Hinweise über die Archäologie von Bauwerken und historische Ereignisse gewonnen werden können", erklärt Cees Passchier. Die Studie wurde in Kooperation mit Wissenschaftlern der Universität Aix-Marseilles und der Universität Rennes 1 in Frankreich sowie dem Institut für Geologie der Universität Innsbruck erstellt. Deren Veröffenlichung erfolgte im Wissenschaftsjournal Science Advances. (mai/mgt)