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Das erste Mal, dass ich mit Scotch Whisky zu tun hatte, war ich ungefähr 11 oder 12 Jahre alt. Ich war damals ein Bücherwurm und habe praktisch alles gelesen, was mir zwischen die Finger gekommen ist. Unter den Büchern meines Vaters habe ich ein vergilbtes Buch mit dem Titel „Scotch – The Whisky of Scotland in fact and story“ (1951) von einem gewissen Sir Robert Bruce Lockhart mit den beeindruckenden Buchstaben K.C.M.G. unter seinem Namen gefunden.
Das Buch hat mich magisch angezogen. Ein Grund war sicher, dass wir keinen Tropfen Alkohol im Haus hatten und mein Vater als gläubiger Moslem weder Whisky noch sonst irgendwelche Alkoholika trank. Als ich es aufschlug und anfing zu lesen, erlag ich sofort dem Bann des Autors. Der gute Sir Robert hatte einen Schreibstil, dessen damalige Faszination ich heute etwas besser verstehe.
Es war in meiner Fantasie die Sprache eines Briten, der in klassischem Tweed gekleidet in einem üppig ausgestatteten Arbeitszimmer, vielleicht einem Raucherzimmer oder einer persönlichen Bibliothek, an einem grossen Mahagoni-Schreibtisch sass, neben sich ein Glas Scotch, und seinen Blick durch grosse Fenster über die neblige schottische Heide schweifen liess und seine Gedanken über Scotch, Schmuggler und den Freiheitsgeist der Schotten zu Papier bringt.
Es hatte etwas Romantisches, Abenteuerliches und hat mich wohl auch mit einer Art Sehnsucht erfüllt. Mich hat die kultivierte Haltung, dieser ausschweifende Stil, den ich heute als „Rambling“, als eine Art schwelgendes Referieren eines Mannes bezeichnen würde, der die Welt gesehen hat, damals unheimlich beeindruckt.
Sehnsucht nach Schottland
Ein paar Jahre später kam es, dass ich mit meiner Familie Verwandte in Schottland besuchen gegangen bin. – Auch wenn mein Name das nicht verrät, habe ich tatsächlich Cousins, die zu feierlichen Anlässen einen Kilt tragen. – Aber das nur nebenbei.
Meinem Vater wurde das Familientreffen vermutlich zu viel. Er ist mit mir daraufhin ein paar Tage alleine in Schottland herumgereist. Unser Ziel waren die Äusseren Hebriden, eine Inselgruppe im Nordwesten. Ich war überwältigt: Die Landschaft dort sah genau so aus, wie ich es mir beim Lesen des Whisky-Buchs von Sir Robert vorgestellt hatte.
Ich war da ungefähr 14 und hatte keine Ahnung, dass Oban mehr als eine Hafenstadt ist und dass ich an der Destillerie von Tobermory vorbeifuhr und dass etwas im Süden die Inseln Jura und Islay lagen mit den Destillerien von Ardbeg, Bowmore, Bruichladdich, Caol Ila, Isle of Jura, Lagavulin und Laphroaig. Die Namen der Whiskys hatten mich am Buch von Lockhart damals weniger interessiert als die Schmugglergeschichten und der Widerstand der Schotten gegen die Zentralmacht in London.
Single Malt entdecken und wieder entdecken
Das kleine Buch habe ich danach an mich genommen und immer wieder durchgeblättert. Zwischendurch habe ich es fast vergessen. Das hat sich erst wieder geändert als ich mit rund 25 Jahren Single Malt Whisky entdeckt habe. Damals kam er langsam in Mode und junge Menschen wie ich gingen an Degustationen oder in Lokale, die Single Malts im Angebot hatten und den damals jungen Trend förderten, indem sie die Gäste zu einem Fixpreis vier Whiskys probieren liessen.
So kam ich auf den Geschmack. Die erste Flasche Single Malt, die ich mir gekauft habe, war ein Glendronach. Für mich damals der perfekte Einsteiger-Single-Malt. Nicht zu rau, etwas süsslich. Vermutlich im Sherry- oder Rum-Fass gelagert. (Es ist schon lange her.) Dann habe ich mir Michael Jacksons „Complete Guide to Single Malt Scotch“ gekauft, um meinen Horizont zu erweitern und um mit meinen Freunden zu fachsimpeln.
Dieses Hobby habe ich einige Jahre eher nebenbei gepflegt. Für mehr hat damals mein Geld schlicht nicht gereicht. Aber das war kein Problem. Mit der Zeit schlief mein Interesse am Thema Whisky wieder etwas ein. Ich habe nur noch sporadisch, wenn sich die Gelegenheit ergab, einen Scotch getrunken.
Das hat sich erstmals geändert, als mir ein Freund vor einigen Jahren das Buch „Raw Spirit: In Search of the Perfect Dram“ des schottischen Autors Iain Banks in die Hand drückte. Das war für mich ein absoluter Glücksfall. Einerseits entdeckte ich dadurch einen Autor, dessen Bücher ich alle weiterempfehlen kann und andererseits habe ich Single Malt für mich wieder entdeckt.
Iain Banks war zum Zeitpunkt, als er das Buch verfasst hat, bereits ein etablierter Autor. Sein Verlag ist auf die geniale Idee gekommen, ihn durch Schottland reisen und Destillerien besuchen zu lassen, um den perfekten Whisky zu suchen. Was dabei herauskam, ist eine Reisegeschichte – und ein Buch, das in mir die Bilder aus meiner Kindheit wieder wachwerden liess und sie in die Gegenwart holte. Schottland und Scotch hatten mich wieder.
Glenfiddich: Dufftown und die Familie Grant
Als ich dann letzte Woche von Glenfiddich an einen Anlass mit dem verheissungsvollen Namen „Whisky and Dine“ eingeladen wurde, musste ich keine Sekunde überlegen. Ich bin hin – und habe es nicht bereut. Wir durften vier Whiskys aus dem Hause Glenfiddich verkostigen, die absolut unglaublich waren.
Aber eins nach dem anderen. Unsere Gastgeber waren ausgewiesene Whisky-Kenner. Da war zum einen Markus Heinze, der Glenfiddich Brand Ambassador, zum anderen der bekannte Whisky-Experte Christian H. Rosenberg.
Vor jedem Gang wurde uns ein Whisky serviert, der zum Essen passte. Markus Heinze hat über die Tradition von Glenfiddich gesprochen und über die Familie Grant, die seit über 1887 in Dufftown in der Region Speyside ein Handwerk pflegt, das unglaubliche Whiskys hervorbringt.
Der erste Whisky, den wir probieren durften, war ein 21-jähriger Reserva Rum Cask Finish, dessen süssliche Geschmacksnoten auf seine zweite Lagerung im Rum-Fass verwies. Er passte bestens zum Salat, der Zitrusfrüchte enthielt.
Markus Heinze erzählte uns von der Familien-Tradition der Grants und vom Gründer William Grant, der seine sieben Söhne in den Anfangsjahren in andere Destillerien sandte, damit sie das Handwerk lernen – und um Werkspionage zu betreiben. So erlangten die Grants nach und nach das Wissen, das ihnen bei der Gründung ihrer eigenen Destillerie half.
William Grant selbst war in der ersten legalen Whiskey-Brennerei Dufftowns, der Mortlach Destillerie, bereits zwanzig Jahre tätig gewesen, bevor er das Gefühl hatte, genug über das Handwerk zu wissen und den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Profundes Wissen und eine solide Bildung waren ihm auch bei seinen Söhnen wichtig.
Robert Bruce Lockhart berichtet, dass der Vertreter der britischen Steuerbehörde bei seinem ersten Besuch von Glenfiddich erstaunt war, dass Latein- und Mathematik-Bücher in der Destillerie herumlagen. Auf die Frage, wer so etwas lese, wurde ihm gesagt, dass sie dem Stillman (Brenner), dem Maltman (Mälzer) und dem Tunman (Küfer) gehörten, alles Söhne von William Grant. Der Stillman und der Maltman doktorieren sogar: Es waren Dr. Alexander Grant und Dr. George Grant. Der dritte aber, Charles Grant, wurde später Besitzer der Glendronach Destillerie. Für mich persönlich ist das bedeutsamer als die Titel seiner Brüder.
Der nächste Whisky, der uns serviert wurde, war ein 26-jähriger Glenfiddich Excellence, der in amerikanischer Eiche gelagert worden war. Trotz längerer Lagerung war er von klarer Farbe. Obwohl das im ersten Moment widersprüchlich erschien, klärte uns Markus Heinze auf. Die Farbe sei keine direkte Folge der Lagerzeit, andere Faktoren, wie die Holzart und die Vorgeschichte des Fasses (das heisst, ob Bourbon, Sherry oder Rum vorher darin gelagert wurden) seien entscheidender. Im folgenden Video erklärt Glenfiddichs Malt Master Brian Kinsman, wie dieser Whisky zu seinem Geschmack kommt:
Die leichten Vanille-Noten des Whiskys und sein würziger Geschmack passten bestens zum Weissweinrisotto mit gebratener Krevette und Kräutern. Obwohl heute sehr viele Whiskys mit sogenannten Tasting-Notes versehen werden, haben sowohl Heinze wie Rosenberg die Subjektivität des Geschmacksempfindens betont. Es gibt kein „richtiges“ Geschmacksurteil, nur ein persönliches. Das sehe ich genauso, obwohl einen die professionellen Tasting-Notes der Experten mit ihren Beschreibungen sicher auf die Sprünge helfen können.
Der dritte Whisky, der uns eingeschenkt wurde, kam in einer schmucklosen Flasche daher. Es war eine spezielle Abfüllung von Brian Kinsman für unseren Anlass. Ein 23-jähriger Cask Sample der Destillerie, also ein Whisky in Fassstärke mit einem Alkoholgehalt von 50,9 Prozent. Es war eine wahre Geschmackexplosion. Wer etwas Wasser hinzufügte, dem eröffneten sich noch einige Nuancen mehr.
Das darauffolgende Schweinfilet vom Schweizer Bierschwein war meine Rettung. Die Tatsache, dass ich eine Viertelstunde still am Tisch sass und darüber sinnierte, was ein Bierschwein sei, ob mit Bier aufgezogen oder im Bier gegart, sagte mir einiges über meinen Zustand. Ich blickte auf die Gläser meiner Tischnachbarn und sah, dass ich als Anfänger entlarvt war. Ihre Verkostigungs-Gläser hatten noch Whisky drin. Meine waren alle leer.
Und das Beste hatte ich noch vor mir. Der 36-jährige Rare Collection 1979 Glenfiddich, von dem es weltweit genau 186 Flaschen gab. – Ja, gab. Sieben schafften es in die Schweiz. Eine an unser Dinner. Dazu und zum letzten Gang möchte ich nichts sagen. Unter dem Porträt von William Grant in seinem Londoner Büro stand früher gemäss Lockhart ein Spruch, der besser fassen kann, was er in mir auslöste:
Lord grant guid luck tae a‘ the Grants
Likewise eternal bliss,
For they should sit among the sa’nts
That make a dram like this.
Aus dem schottischen Englisch übersetzt:
Herr, gewähre gutes Glück allen Grants
Und ebenfalls ewige Seligkeit,
Denn jene sollen unter Heiligen ihren Platz finden,
Die einen solchen Whisky machen.
In diesem Sinne: slàinte mhath!