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Fleur Jaccard ist seit März 2022 Geschäftsführerin der Age-Stiftung. Vorher arbeitete die Ethnologin und diplomierte NPO-Managerin in der öffentlichen Verwaltung, der internationalen Zusammenarbeit und im Stiftungsmanagement. Grund genug zu fragen, woher sie kommt, wer sie ist, und was sie will.
Seniorweb: Frau Jaccard, wie sind Sie zu Ihrem Vornamen Fleur, zu Ihren Nachnamen Jaccard gekommen?
Fleur Jaccard: Mein Vorname stammt aus der Forsyte Saga, einer Familiensaga, die 1967 verfilmt wurde und die meine Eltern sahen, als sie in Amerika lebten. Dort taucht eine Fleur auf, die ihrer Zeit voraus ist, gern flirtet, humorvoll und eigenwillig ist. Da entschieden meine Eltern sich für den Vornamen Fleur, falls sie eine Tochter bekämen. Als ich von meiner Mutter die Forsyte Saga zum 16. Geburtstag geschenkt bekam, konnte ich die Charaktereigenschaften der Fleur der Saga mit mir vergleichen. Gewisse Ähnlichkeiten gab es schon… Jaccard ist der Name einer Hugenottenfamilie, die aus religiösen Gründen gegen Ende des 17. Jahrhunderts aus Frankreich geflüchtet war.
Und wie haben Sie es mit der Religion?
Ich bin zwar protestantisch getauft worden, habe mich aber nie konfirmieren lassen und fühle mich religiös frei, obwohl ich immer noch brav die Kirchensteuer zahle.
Was waren Ihre Hobbies in der Kindheit?
Mein sieben Jahre älterer Bruder hatte eine Bubengang. Wenn ich mit ihnen als kleines Mädchen im Wald im Zollikerberg herumstreifen konnte, war ich glücklich. In der Kindheit interessierten mich Gleichaltrige kaum, ich traf sie nur in der Schule. Später war ich in der Pfadi, spielte Wasserball, schwamm sehr gerne und nahm auch an Wettkämpfen teil.
Nach welchen Werten wurden Sie von Ihrem Vater, von Ihrer Mutter erzogen?
Für meinen Vater war es wichtig, dass man ehrlich im Leben unterwegs ist. Von meiner Mutter wurde mir soziales Denken und Engagement vorgelebt, zudem wollte sie, dass wir selbständig und autonom werden. Für beide war es wichtig, dass wir unsere Persönlichkeit und unsere Talente gut entwickelten und auch beruflich das wählten, wo uns das Herz aufgeht.
Das ist wunderbar!
Ja, das stimmt, eine schöne Grundlage.
Sie haben an den Universitäten Zürich und Basel Ethnologie studiert? Was haben Sie sich von diesem Studium erhofft. Wurden Ihre Erwartungen erfüllt?
Ich wollte interdisziplinär studieren, mit natur-, geistes- und sozialwissenschaftlichen Zugangsweisen zu Themen. Enttäuscht war ich, dass von den Professoren Interdisziplinarität aber nicht gelebt wurde, das musste ich mir selbst zusammensuchen. So studierte ich Ethnologie, Biologie und das damals neue Fach an der Uni Basel «Mensch, Gesellschaft und Umwelt». In meiner ethnologischen Feldforschung in Bali über das «Betelkauen» wurde mir trotz den schönen Begegnungen mit den Einheimischen klar, dass zwischen Forschenden und «Erforschten» eine sehr ungleiche Beziehung besteht. Da habe ich gemerkt, Feldforschung ist nicht meine Berufung und da kann ich keine Veränderung bewirken. So wurde ich nicht Ethnologin. Viel gelernt habe ich in meinen Studentenjobs, etwa im Museum der Kulturen, in der Bibliothek des ethnologischen Instituts und bei meinem Praktikum bei der Jugendanwaltschaft Basel-Stadt.
Bis im Februar 2022 waren Sie Mitglied der Geschäftsleitung und Leiterin der Abteilung Soziales der Christoph Merian Stiftung in Basel, seit März 2022 Geschäftsführerin der Age-Stiftung. Was fasziniert Sie daran, in Stiftungen zu arbeiten?
Mich fasziniert, dass ich in Stiftungen gestalten und prägen kann. Stiftungen sind agil, unabhängig und können schnell und wirksam handeln. So lässt sich der gesellschaftliche Wandel beeinflussen, indem Stiftungen Impulse für gesellschaftliche Veränderungen geben können. Die Wirkung ist umso grösser, wenn dies in Stiftungskooperationen und in Zusammenarbeit und Abstimmung mit dem Staat, der Wirtschaft, mit Non-Profit-Organisationen und der Zivilgesellschaft umgesetzt wird.
Das Haus der Stiftungen in Zürich, in welchem auch die Age-Stiftung ihren Sitz hat. (Foto Hannes Heinzer)
Ich nehme an, all Ihre Projekte gelingen. Oder ist Ihnen auch schon mal was misslungen? Was haben Sie daraus gelernt?
Es klingt vielleicht seltsam, aber bisher ist mir kein Projekt wirklich «misslungen». Zwar beginnen viele Projekte anders, als sie enden. Ich konnte aber immer mit fachlicher Begleitung und Steuerung dazu beitragen, dass sie sich erfolgreich entwickelten.
Wie schützen Sie sich vor Burn-out? Was gibt Ihnen Kraft?
Der bewusste, achtsame Umgang mit belastenden Situationen hilft. Dazu gehören innehalten, durchatmen und Batterien aufladen. Kraft hole ich mir in der Natur, beim Reisen, beim gelegentlichen Tapetenwechsel. Auch Bewegung tut immer gut. Und akzeptieren, wenn’s mal nicht so richtig läuft, also Pause machen, Abstand gewinnen und am nächsten Tag den Faden wieder aufnehmen.
Wie praktizieren Sie «innehalten»?
Zwischendurch mal auf «Sendepause» schalten, sich aus dem Alltagsgeschäft ausklinken, ruhig werden, sich fragen, was mache ich gerade, was braucht es wirklich? Das tut gut und gibt neue Kraft, gewissermassen neuen Sauerstoff im Gehirn.
Was wollen Sie in der Age-Stiftung bewirken? Was sind Ihre Visionen?
Ich bin jetzt seit 10 Monaten bei der Age-Stiftung und habe einen ersten Überblick erhalten. In den letzten 20 Jahren war die Stiftung stark präsent in der Förderung von innovativen Projekten im Bereich Wohnen und Älterwerden. Die Projekte sind sehr vielfältig. Darunter sind beispielsweise bauliche Projekte zum Mehrgenerationenwohnen, Projekte zur Nachbarschaftshilfe, zu Robotik oder Angebote für Menschen mit Demenz. Mit dem Age Report und dem Age Dossier liefert die Stiftung solide fachliche Grundlagen zum guten Älterwerden, während das Programm «Socius» Gemeinden und Regionen begleitet, Unterstützungssysteme für zuhause lebende ältere Menschen zu gestalten.In diesem Jahr werden wir die neue Strategie für die kommenden fünf Jahre entwickeln.
Werden Sie beim Stiftungszweck allenfalls neue Akzente setzen?
Der Stiftungszweck beinhaltet die Vorgaben des Stifterwillens und kann nicht verändert werden. Das Vermögen der Stiftung muss für eine «zeitgemässe und kostengünstige Altersversorgung in der deutschsprachigen Schweiz» eingesetzt werden. Nun gilt es diese Aufgabe in die heutige Zeit zu übertragen und daraus die künftige Strategie abzuleiten. Je nachdem, was die Resultate der internen und externen Analysen zum Bedarf und zum Marktumfeld ergeben, kann es zu neuen Akzenten und einer Profilschärfung der Age-Stiftung kommen.
Im Leitbild der Age-Stiftung vom November 2018 steht unter anderem: «Wir handeln nachhaltig. Projekte für ältere Menschen müssen sozial, finanziell und ökologisch nachhaltig konzipiert sein und auch beim Einsatz von personellen Ressourcen die längerfristige Machbarkeit im Auge haben. Als Stiftung leitet uns die Nachhaltigkeit nicht nur in der Projektauswahl, sondern auch in der Anlage des Stiftungsvermögens.» Wird die Age-Stiftung in Zeiten des Klimawandels vermehrt auch auf nachhaltige Nutzung des Bodens, auf energiesparendes Bauen, auf Minimierung des Energieverbrauchs beim Wohnen und auf Energieproduktion etwa mittels innovativer Solaranlagen setzen?
Es ist in der heutigen Zeit selbstverständlich, dass wir uns mit Nachhaltigkeit auf verschiedenen Ebenen auseinandersetzen. Dabei spielt ein ausgewogener Einsatz der Ressourcen in Bezug auf Aufwand und Wirksamkeit eine grosse Rolle. Wir werden uns aber weiterhin nach dem Stiftungszweck richten und keine Nachhaltigkeitsprojekte im engeren Sinne fördern können. In der Vermögensanlage berücksichtigen wir heute schon Nachhaltigkeitskriterien.
Fleur Jaccard, besten Dank für das Gespräch!
Titelbild: Fleur Jaccard vor einem Landschaftsgemälde und neben einem Bücherregal mit Publikationen der Age-Stiftung im Haus der Stiftungen in Zürich. (Foto bs)
Website der Age-Stiftung unter https://www.age-stiftung.ch