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Len Lye
Individual Happiness Now
Er zählt zu den wichtigsten Experimentalfilmern der 1930er- bis 1950er-Jahre und gilt als Erfinder des «Direct-» oder «Handmade-Films». Für seine berühmten Musik-Animationen und Propagandafilme im Auftrag der britischen Post, von Airlines und später des britischen Informationsministeriums brauchte Len Lye (1901–1980) nicht unbedingt eine Kamera. Er zeichnete, stempelte, kratzte und färbte seine Ideen direkt auf das meist gefundene Filmmaterial – synchron zu seiner Lieblingsmusik. Zunächst in Neuseeland und Australien, ab 1926 in London und ab 1944 in New York City schuf der grosse Filmemacher, Maler, Bildhauer und Theoretiker ein faszinierendes, alle künstlerischen Disziplinen umfassendes Werk. In einer Kooperation mit dem Museum Tinguely und als Teil von dessen Ausstellung «Len Lye. Motion Composer», die vom 23. Oktober 2019 bis 26. Januar 2020 zu sehen ist, präsentiert das Stadtkino Basel sein verspieltes filmisches Schaffen – eingeführt und kommentiert von den beiden Len-Lye-Experten Roger Horrocks und Paul Brobbel.mehr
Man kann nicht aufhören, Len Lye zu entdecken. Auch wenn der Neuseeländer seine berühmten Musik-Animationen schon in den 30er-Jahren schuf, inspirierte er auch nachfolgende Generationen. Mit der Hand zeichnete er seine berühmtesten Filme auf das Material, er stempelte, kopierte und kolorierte in wildesten Pop-Farben. Aber eine Pop-Art gab es damals ja noch gar nicht, und auch nicht den künstlerischen Videoclip, als dessen Pionier er gilt: Der Musiksender MTV verbeugte sich immer wieder vor Lye, indem er seinen Klassiker A Colour Box oder Rainbow Dance in den «Flow» der aktuellen Popclips schmuggelte – mitreissende Tänze aus Farben, Formen und überarbeiteten Filmfundstücken, vertont mit exquisitem Latin-Jazz. Während des Zweiten Weltkriegs stellte er seine Montagetechnik in den Dienst von Dokumentar- und Propagandafilmen, um schliesslich im Alter zum handgemachten Film zurückzukehren. Seinen letzten Film Particles in Space soll er buchstäblich auf dem Sterbebett ins Zelluloid gekratzt haben. Seiner persönlichen Lebensphilosophie, die er in seinen umfangreichen Schriften «Individual Happyness Now» nannte, blieb er bis zuletzt verbunden: Sein gleichnamiges, 1941 gemeinsam mit den Schriftsteller Robert Graves verfasstes Manifest verteidigt den Wert des individuellen Glücks gerade in Zeiten des Krieges und als Antithese zum Faschismus.
Auch die Kinetische Kunst, die bewegliche Skulptur, hatte noch nicht den Weg in den Kanon der Moderne gefunden, als Lye sich in den frühen 20er-Jahren erstmals mit ihr befasste. (jetzt ist sie im Museum Tinguely zu entdecken). Später dann war er ein multimedial operierender Künstler, als es das Wort noch nicht gab. Und noch immer kann man Neues entdecken in den Arbeiten dieses grossen Filmemachers, Malers, Bildhauers und Theoretikers. Sein Werk scheint immer jünger zu werden und seit Lyes Tod im Jahre 1980 auch stetig bekannter – erst recht in der digitalen Gegenwart, wo die nicht reproduzierbaren Wunder des analogen Films kostbarer denn je erscheinen.
Dass sein filmisches Schaffen äusserst überschaubar ist und in weniger als drei Stunden Vorführzeit gesehen werden kann, steht seinem Rang nicht entgegen. Der Filmhistoriker Paul Rotha erinnerte sich, wie er einmal 1937 zwei Stunden zu spät zu einem Vortrag im Museum of Modern Art erschien und sein Publikum dennoch in bester Laune antraf: Man hatte die Gäste mit Getränken versorgt und ihnen dreimal hintereinander Len Lyes A Colour Box vorgeführt.
Diese Qualität unerschöpflicher Wiederholbarkeit verbindet seine Arbeiten mit der Musik und der Dichtung. Das Wort «visuelle Musik», das sich die Protagonisten des Absoluten Films, Walter Ruttmann, Viking Eggeling, Hans Richter und Oskar Fischinger auf ihre Fahnen schrieben, passt besonders gut auf Lyes Filme, obwohl er selbst nie diesem Kreis angehörte. Die einzige Kunsttradition, der sich der Neuseeländer, der in London und New York wirkte, verpflichtet fühlte, war die der Ureinwohner des Südpazifik und der Aborigines.
In seiner Kindheit hatte Lye einige Jahre neben einem Leuchtturm gelebt, eine Prägung, auf die er später seine lebenslange Liebe zum bewegten Licht zurückführte: Nie kam das Meeresschauspiel ohne Klang daher, ohne das Tosen der See oder das Prasseln des Regens auf dem Blechdach. In einer entsagungsvollen Arbeit entstand Lyes erster, allein gezeichneter Animationsfilm Tusalava (1929), angeregt gleichermassen von Spontanzeichnungen und der Kunst der Ureinwohner seiner Heimat am Südpazifik. Wie in seinem berühmten Spätwerk von 1958, Free Radicals, verweist das rhythmisch pulsierende Gefecht grob gekratzter Linien auf innere Kräfte: Unter dem aus Samoa stammenden Wort Tusalava verstand Lye den lebenslangen Kampf im Innern des menschlichen Körpers, in dem sich ewige Prozesse von Werden und Vergehen permanent wiederholen. Als Thema seines Lebenswerks inspirierte es ebenso mitreissende wie meditative Meisterwerke.
Daniel Kothenschulte
Wir danken dem Museum Tinguely und dem neuseeländischen Archiv für Film, Fernsehen und Ton, Ngā Taonga Sound & Vision, für die schöne Zusammenarbeit und Unterstützung.
Internationales Symposium on motion composing
Mittwoch bis Donnerstag, 23.–24. Oktober 2019
Ein internationales Symposium, veranstaltet vom Museum Tinguely in Zusammenarbeit mit dem Seminar für Medienwissenschaften der Universität Basel, beleuchtet das Schaffen von Len Lye. Referenten und Referentinnen aus Neuseeland, Kanada, Australien, Deutschland und der Schweiz diskutieren Lyes Einfluss auf die Avantgarden des 20. Jahrhunderts.
Die Konferenz ist öffentlich, Sprache Englisch, Eintritt frei.
Veranstaltungsort: Eikones Forum Basel und Seminar für Medienwissenschaften, Basel
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