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Das Jahrhundert des Bildes: die Ablehnung des Ästhetizismus
Wie hat die Photographie das Jahrhundert wiedergegeben? Mit welchen Werkzeugen, welchen Tricks? Das fünfte der zwölf vom Musée de l'Elysée in Lausanne ausgewählten Bilder: "Parade - Hoboken, New Jersey" (1955) von Robert Frank... aber ohne Bild.
"Robert Frank möchte seine Arbeit nicht mehr in den elektronischen Medien veröffentlicht haben", hiess es auf unsere Bitte hin. Frank will also seine Werke nicht im Netz sehen. Ist das ein Grund, nicht von ihm zu sprechen? Wir glauben nicht.
""Parade, Hoboken, New Jersey"... Ein Schwarzweissbild aus dem Buch "Die Amerikaner", das der bekannte Zürcher Photograph 1958 veröffentlicht hat. Die Backsteinmauer eines Gebäudes. Links ein Fenster, in dem die massive Silhouette einer Frau zu sehen ist, das Gesicht liegt im Schatten. Rechts ein weiteres Fenster und eine weitere Silhouette, hier wird der Kopf von einer amerikanischen Fahne abgeschnitten, die im Vordergrund flattert. Aber auch das Sternenbanner selber ist nur zur Hälfte im Bild.
Genau die Art Photo, die Sie nach den Ferien ungerührt wegwerfen: Schlechte Bildeinstellung, schlechte Belichtung. Nur: das Buch "Die Amerikaner", mit einem Vorwort des amerikanischen Autors Jack Kerouac, ist nicht ein Album mit Familienphotos! Robert Frank hat das Bild "Parade - Hoboken, New Jersey" unter Tausenden von Photographien ausgewählt.
1955 konnte Robert Frank durch die Vereinigten Staaten reisen, dank eines Stipendiums der Guggenheim Stiftung, das er für seine gute, bisher eher klassische Arbeit erhalten hatte. Das Werk, das aus dieser Reise entstand, stiess auf grosse Verblüffung. Es war ein Schock, ebenso sehr wegen der Form wie wegen des Inhalts.
Einfache Symbole lehnte er ab. Ebenso Clichés und Schönheit, oder was als solche galt. "Er wollte mit der photographischen Ästhetik aufräumen", erklärt Konservator Daniel Girardin. "Interessant ist dabei, dass diese Nicht-Ästhetik nach der Veröffentlichung der 'Amerikaner' und deren Erfolg zu einer Ästhetik als solcher geworden ist, einer Schule der Photographie".
"Er hat etwas Grundlegendes erfasst: die Leere, die spirituelle Leere", findet Direktor William Ewing. "Und die Amerikaner waren schockiert, dass erst ein Ausländer das nötige Gespür hatte, dies zu zeigen. Aber mit der Veröffentlichung der 'Amerikaner' hat er etwas ausgelöst: er gilt heute als Vater der amerikanischen Photographie, oder zumindest als einer der Gründer."
Wir durften also leider die besprochene Photo nicht veröffentlichen. Aber besuchen Sie doch einmal das Museum und lassen Sie sich überraschen!
Bernard Léchot
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