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In den vergangenen Jahrzehnten machte die Missions- und Entwicklungsarbeit der Heilsarmee eine Wandlung durch. In Afrika übernahmen immer mehr Einheimische die Leitung von Spitälern, Schulen und Heimen.
Salutisten und Offiziere aus dem Norden sind noch immer zugegen, ihre Rolle hat sich aber gewandelt. Im „modernen“ Ansatz liegt der Schwerpunkt viel stärker darauf, Wissen zu vermitteln, die lokale Bevölkerung zu ermächtigen und zu beraten, anstatt Einrichtungen wie ein Spital aufzubauen. Nach wie vor fühlen sich die Missionare aber von Gott zu ihrem Dienst berufen. Sie verzichten auch wie früher auf Komfort und gute Bezahlung zu Hause, um das Reich Gottes in weniger privilegierte Weltgegenden zu tragen.
Markus und Iris Muntwiler verbrachten rund sieben Jahre in Papua-Neuguinea, um der Bevölkerung im Hochland die Kleintierhaltung näherzubringen.
Die Heilsarmee führt in Papua-Neuguinea nach eher traditionellem Missionsverständnis Gesundheitszentren im Auftrag der Regierung. Ein grosses Problem, mit dem die Ärzte zu tun haben, ist die Fehlernährung unter der Bevölkerung des Hochlands, vor allem der Kinder. 2002 offenbarten Datenerhebungen in den Gesundheitszentren eine moderate bis starke Unterernährung von Kindern unter 5 Jahren (bis zu 65% der Kinder waren in gewissen Dörfern betroffen), die vor allem auf fehlende Proteine zurückzuführen war. Die Ernährung der Hochländer war zu einseitig.
Legehennen gab es im Hochland Papua-Neuguineas zwar seit langem, doch die Einheimischen hielten sie auf einer sehr grossen Fläche. Das Projekt, das den Agronomen Markus Muntwiler und dessen Familie nach Papua-Neuguinea führte, zielte darauf ab, die Proteinversorgung der Bevölkerung zu verbessern, indem sie Kleintiere halten und nutzen sollten. Zuerst versuchte es Markus mit Kaninchen. Er leitete Einheimische an, wie sie Ställe bauen konnten und wie sie die Kaninchen halten mussten. „Das funktionierte aber nicht“, sagt Markus heute. Die Leute waren es nicht gewohnt, Tiere regelmässig zu füttern. Deshalb eigneten sich Tiere besser, die sich die Nahrung auch selbst suchen konnten, wenn eine Familie einmal für eine Woche verreiste.
Enten hätten diese Bedingung erfüllt, doch für sie war die Gegend zu hoch gelegen. Schweine hielten die Leute bereits, sie galten aber als Sparkonto für harte Zeiten oder wurden für besondere Anlässe geschlachtet. Die Wahl fiel auf Hühner. Ihre Eier sind hoch proteinhaltig.
In Kainantu konnte die Heilsarmee ein interessiertes Dorf kontaktieren. Dieses kam – gegen einen Unkostenbeitrag – in den Genuss eines Kurses in Hühnerhaltung. Markus Muntwiler gab die Kurse nur anfangs selbst, bildete dann lokale Lehrer aus, so dass das Wissen in der Gesellschaft verankert wurde. Ein Kurs bestand aus zwei Modulen: Zuerst wurde gemeinsam ein Hühnerstall gebaut. „Dafür verwendeten wir Material, das wir vor Ort fanden”, sagt Markus. In einem zweiten Teil brachten die Lehrer die Hühner und zeigten den Dorfbewohnern, wie sie sie halten mussten und wie sie zu den Eiern kommen. Innerhalb eines Jahres mussten die Lehrer das Dorf noch zweimal besuchen, um sicherzustellen, dass alles funktionierte.
„Die Menschen im Busch lernen über das Nachmachen”, erklärt Markus. Deshalb gab es keinen Frontalunterricht. „Man musste ‚etwas vormachen’, dann versuchten es die Schüler und Schülerinnen automatisch auch.“ Wichtig war auch der Umgang mit den Menschen: Markus stellte für seine Lehrer die Regel auf, dass ein Besuch nie nur ein paar Stunden dauern durfte. „Wenn man mit den Leuten isst und nach der Arbeit mit ihnen Zeit verbringt, lernt man sie erst richtig kennen.“ Wenn er selbst in ein Dorf ging, lehnte er es immer ab, auf einer Matratze zu schlafen und verbrachte die Nacht wie alle anderen auf dem Boden. Das habe ihm Glaubwürdigkeit und Wertschätzung verschafft. „Und das ist das Kapital, um in dieser Gesellschaft Veränderung zu bewirken.“
Mit der Zeit führte Markus das grösste Zuchtzentrum für Kleintiere im Hochland. Wer Hühner, Enten oder Kaninchen kaufen wollte, kam nach Kainantu. Es entwickelte sich ein reger Kontakt mit anderen landwirtschaftlichen Forschungsstationen. Diese waren interessiert, was sich in der Praxis mit Kleintieren im Hochland machen liess.
Und die Mission? Das Erzählen von Gott? Vom Ansatz ihres Einsatzes her waren Muntwilers keine traditionellen Missionare. Dennoch kam diese Komponente nicht zu kurz, denn für sie war klar, dass Gott der Grund für ihre Anwesenheit war. „Wir wollten den Menschen vermitteln, dass wir bei ihnen lebten, weil Gott uns liebte und durch uns auch sie lieben möchte”, sagt Iris Muntwiler. Papua Neuguinea ist eine zutiefst geistlich geprägte Welt. Wenn jemand stirbt, suchen die Angehörigen stets nach einem Schuldigen, beispielsweise nach einem bösen Geist. Einen natürlichen Tod gibt es für sie nicht. Wegen dieser tiefen Spiritualität seien die Menschen aber auch empfänglich für die Lehre der Bibel gewesen, sagen Muntwilers.
Iris ging nicht für ein konkretes Projekt nach Papua-Neuguinea. Nach kurzer Zeit bot sie aber nach dem gleichen Prinzip wie ihr Mann Nähkurse für Frauen an. Sie bildete Lehrerinnen aus den Dörfern aus. Wichtiger Bestandteil der Nähkurse, aber auch aller anderen Kurse, waren ausführliche Andachten. Selbst Angehörige der Heilsarmee konnten häufig nicht lesen. Zusammengefasst bezeichnen Markus und Iris Muntwiler ihren Einsatz als Entwicklungshilfe mit missionarischem Hintergrund.
Es gab immer wieder schwierige Zeiten im Hochland: Bei einem Raubüberfall wurde beispielsweise eine ihrer Töchter mit einer Machete schwer verletzt. „Zwar lief am Ende alles glimpflich ab, doch das hat den Entscheid zur Rückkehr erleichtert“, sagt Markus.
Stefan Trachsel
Wie so viele Missionare ist auch Peter Hauri einer, der keinen Zweifel lässt, dass er „Missionar aus Überzeugung“ ist. Mit viel Freude und Enthusiasmus blickt der dreifache Familienvater auf seine Zeit als Missionar in Ecuador in Südamerika zurück. Wäre es nicht wegen der Ausbildung der Kinder, die Familie wäre wohl immer noch in der Mission.
Als Peter und seine Frau Katharina 1999 nach Ecuador gingen, gab es dort nur drei oder vier Korps. Sechs Jahre später waren es schon zehn. „Eine Gemeinde zu eröffnen, das ist das Grösste“, sagt Peter. Der Distriktoffizier sei ein expansionsfreudiger Mann gewesen, er wollte die Heilsarmee im Land unbedingt vergrössern. Diese Einstellung sei ansteckend gewesen: „Das hat den Pioniergeist in uns geweckt: Ecuador für Christus!“
Es können simple Dinge sein, mit denen man als Missionar helfen kann: Konfitüre machen, etwa. Die Leute hätten viele Früchte, aber wüssten nicht, wie haltbar machen, erzählt Peter. Seine Frau zeigte deshalb den Frauen, wie sie Konfitüre machen können. Die Frauen verkauften die Konfitüre auf dem Markt. Eine Frau konnte kaum glauben, dass sie damit in einem Monat 40 Franken verdienen konnte; ein Monatsgehalt lag damals bei etwa 130 Franken.
Man müsse den Menschen die richtigen Mittel geben, sagt Peter. Er vergleicht das mit dem Leben Jesu, der sich den Menschen auch als Mittel präsentiert habe, damit sich in deren Leben etwas ändern könne.
„Entwicklungshilfe muss ganzheitlich geschehen“, lautet Peters Credo. „Wir wollten die Leute befähigen, ganz im Sinne des ‚capacity building‘ in der Theorie der Entwicklungszusammenarbeit. Aber wir wollten ihnen auch unser Christsein vorleben. Damit waren wir ein Werkzeug für Gott, wir wollten die Leute ermutigen und ihnen Christus sichtbar machen.“ Das Wichtigste sei für sie gewesen, sich in die Gesellschaft einzufügen, das Leben mit den Einheimischen zu teilen, sie wertzuschätzen.
Vier Jahre lang leiteten die Hauris von 1999 an ein Kinderheim in Cayambe, 60 Kilometer nördlich von Quito, der Hauptstadt Ecuadors. Was danach kam, bezeichnet Peter als Höhepunkt, aber auch als eine der härtesten Erfahrungen während der Missionszeit: Nachdem sie mit einem Team zusammen eine Gemeinde gegründet hatten, bauten seine Frau und er in der Küstenstadt Manta ein Heim für unter häuslicher Gewalt leidende Frauen und delinquenzgefährdete Mädchen auf. Vorher hatte es nichts Vergleichbares gegeben. Das Projekt entstand auf der grünen Wiese, auf Initiative der Schweizer Familie, die die Kraft für den Aufbau aus einer tiefen Berufung zog. „Unsere Nachfolger nahmen im Heim beispielsweise Frauen auf, die von ihren Familien verkauft worden sind“, sagt Peter.
Leider wird das Frauenheim bald wieder schliessen müssen. Ohne staatliche Unterstützung kann es nicht überleben. „Das würde ich heute anders machen: Ich würde von Anfang an versuchen, den Staat mit ins Boot zu holen und gemeinsam mit den Menschen vor Ort noch intensiver darüber nachdenken, wie ein kontextent-sprechendes und funktionierendes Selbstfinanzierungskonzept auszusehen hat“, sagt Peter.
Er will unbedingt wieder zurück in die Mission. „Sobald wir es verantworten können wegen der Ausbildung der Kinder, werden wir uns wieder für die Mission zur Verfügung stellen.“ Peters Herz schlägt für den Süden.
Stefan Trachsel