Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03655.jsonl.gz/291

das endgültige Aufhören des Stoffwechsels und der sonstigen Lebensthätigkeiten in einem Individuum, zum Unterschied
von einem durch äußere Hindernisse, die sich wegschaffen lassen, erzwungenen zeitweisen Stillstand
(s. Anabiotisch und Scheintod). Da die ununterbrochene Aufnahme von Sauerstoff den hauptsächlichsten Lebensreiz darstellt, so
ergibt die Lähmung der Atmungs- und Blutumlaufszentren die nächste Todesursache bei den zusammengesetzten und höhern Tieren;
man sagt, jemand hat ausgeatmet, oder sein Herz steht still, um den Eintritt des Todes zu bezeichnen.
Ein solcher Tod tritt, wie Preyer bemerkt hat, niemals bei denjenigen niedersten Wesen ein, die sich durch beständige Zweiteilung
vermehren; der Tod wurde erst eine Notwendigkeit für zusammengesetzte Wesen, deren Organe sich abnutzen, und
die Begrenzung der Lebensdauer (s. d.) ist, wie schon Goethe ausdrückte, eine Zweckmäßigkeitseinrichtung: der Kunstgriff
der Natur, immer neues und frisches Leben zu haben. Man kann den örtlichen Tod, d. h. das Absterben einzelnerOrgane (s. Brand),
unterscheiden vom allgemeinen Tod. Auch beim allgemeinen Tod erfolgt das Absterben der sämtlichen Körperteile nicht
mit Einem Schlag, sondern mehr oder weniger allmählich; es gehen seinem Eintritt Zeichen voran, welche dessen Annäherung verkünden.
Aufregungssymptome, von welchen die Krankheit begleitet war, verschwinden nach und nach, das Denkvermögen
ist meist vermindert oder aufgehoben. Gegen die Umgebung zeigen sich Sterbende, selbst wenn sie noch bei Bewußtsein sind,
meist gleichgültig. Häufiger fehlt das Bewußtsein, manchmal kehrt dasselbe in den letzten Momenten wieder, und die relative
Ruhe nach den vorausgegangenen Schmerzen und Krämpfen wird vom Sterbenden als physisches Behagen empfunden.
Der erfahrene Beobachter erkennt in der Ruhe das Fortschreiten der Lähmung. Die verschiedenen Organe sterben in einer bestimmten,
ziemlich regelmäßigen Reihenfolge ab. War das Bewußtsein noch erhalten, so überlebt es die Sinne. Der Geruchs- und Geschmackssinn
scheinen zuerst zu verschwinden. Darauf erlischt meist der Gesichtssinn; die Sterbenden klagen nicht selten
über einen Nebel vor den Augen oder rufen nach Licht.
[* 4] Für Gehörseindrücke geben sie noch Zeichen des Verständnisses, wenn
das Auge
[* 5] schon von Dunkel umhüllt ist.
Der Gefühlssinn ist bald schon frühzeitig sehr verringert, bald verschwindet er erst zuletzt. Nicht selten fühlen Sterbende
die Kälte, welche von unten an aufwärts über den Körper fortschreitet. Allmählich verlieren die Muskeln
[* 6] die Fähigkeit, dem Willen zu gehorchen. Der Körper sinkt im Bett
[* 7] herab und streckt sich lang aus;
die Gesichtszüge werden hängend, der Unterkiefer fällt herab, und dadurch
öffnet sich der Mund;
die Augenlider sinken, ohne sich zu schließen.
Die Hornhaut des Auges wird glanzlos
und matt (gebrochenes Auge); das Auge wird starr und fixiert nicht mehr. Die Schläfe sinken ein, die Nase
[* 8] wird spitz und scheint
verlängert. Das ganze Gesicht
[* 9] erscheint länger, das Kinn spitzer und hervorragender; das Gesicht ist gelblich, mitunter bläulich
gefärbt, kühl, häufig mit kaltem Schweiß bedeckt (Hippokratisches Gesicht). Das Atmen geschieht langsam, selten und mühevoll,
die Atemzüge werden ungleich, auf mehrere oberflächliche folgt ein tiefer; kurz vor dem Tod werden sie immer seltener
und, einzelne Schluchzer oder Seufzer ausgenommen, immer leiser. Da die
¶
Die Wärme
[* 12] ist, wenn dem Tod Fieber vorausging, im Innern erhöht und steigt sogar über diejenige Höhe hinaus, welche sie während
des Lebens hatte. Dabei fühlen sich jedoch das Gesicht, besonders Nasenspitze und Ohren, sowie Hände und
Füße meist kühl an. Waren die Kranken während des Todeskampfes fieberlos, so sinkt die Wärme auch objektiv während desselben.
Es ist unmöglich, auf Minuten genau den Moment des Todes anzugeben. Gewöhnlich sieht man die letzte Atembewegung, welche
natürlich in einer Exspiration besteht, als Schluß des Lebens an; doch ist es sicher, daß zahlreiche
Organe des Körpers noch über diesen Moment hinaus eine Fülle von Lebenserscheinungen darbieten.
Das Herz arbeitet z. B. manchmal noch eine geraume Weile, die Muskeln kontrahieren sich noch auf direkte Reizung, die Baucheingeweide
bewegen sich noch längere Zeit, die auf der Oberfläche gewisser Schleimhäute sitzenden Flimmerzellen stellen ihre
sehr lebhaften Bewegungen oftmals erst 48 Stunden nach dem letzten Atemzug ein. Es handelt sich daher beim um einen allmählichen
Austritt der einzelnen Gewebe
[* 13] aus dem Lebensverband, eine Erscheinung, die dem Verständnis um vieles näher gerückt wird,
wenn man den Organismus als einen Zellenstaat auffaßt, in dem sämtliche Glieder
[* 14] ein gleichberechtigtes
Einzeldasein führen und erst durch das Aufhören des Blutumlaufs gewissermaßen einzeln verhungern, weshalb man sie auch
durch fernere Durchleitung sauerstoffhaltigen Bluts außerhalb des Körperverbandes längere Zeit zum Fortarbeiten veranlassen
kann.
Ein weiteres und sehr entscheidendes Zeichen des absoluten Todes ist die Toten- oder Leichenstarre, welche durch das Gerinnen
eines Blutbestandteils verursacht wird. Während die Leiche unmittelbar nach dem Tod völlig weich zu sein
pflegt, macht diese Biegsamkeit der Gliedmaßen allmählich einer von den obern nach den untern Teilen fortschreitenden Erstarrung
Platz. Sie beginnt immer an den Kinnladen und am Hals, geht dann am Rumpf abwärts auf die Arme und endlich auf die Beine, zuletzt
auf die innern Teile über und verschwindet auch wieder in derselben Reihenfolge.
In der Regel stellt sich die Totenstarre binnen 6-12, selten erst nach 24 Stunden, noch seltener bereits wenige Minuten nach
dem Tod ein, doch will man bei gewaltsamem Tod, z. B. auf Schlachtfeldern,
häufig eine augenblicklich eintretende und den Körper in seiner letzten Gliederanspannung festhaltende
Totenstarre beobachtet haben. Nachdem dieselbe 24-48 Stunden angehalten hat, verschwindet sie wieder; selten vergeht sie früher,
bisweilen währt sie 5-6 Tage. Mit dem Ende der Totenstarre fällt der Anfang der Fäulnis zusammen, welche sich weiterhin durch
den Leichengeruch, durch die grünliche Färbung der Haut und durch die Gasentwickelung im Körper verrät.
Alle diese Erscheinungen treten je nach der Temperatur und Feuchtigkeit des umgebenden Mediums, nach der Körperkonstitution,
nach der Art der vorausgegangenen Krankheit wenige Stunden bis eine Woche und länger nach dem Tod ein. Über die Unterscheidung
des Todes vom Scheintod s. d.