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Die Oktoberrevolution stellte auch für die Kunst in Russland einen Bruch dar. Die bürgerliche Kultur der vorrevolutionären Elite wurde explizit als ‘elitär’ abgelehnt und eine proletarische Kulturbewegung gefördert. Vielfältige proletarische Künstlerorganisationen schossen aus dem Boden, wobei Richtlinien für sozialistische Kunst nur vage definiert waren. Die Kunst an sich wurde als Hilfsmittel im Aufbau des Sozialismus betrachtet und sollte die Bevölkerung leiten. Daher erwartete man von sowjetischen Künstlern Loyalität zum Parteikurs und ein Gefühl der Verpflichtung gegenüber dem Proletariat.((Vgl. Röhrl, World History of Realism, S.257.)) Die Künstler genossen zu Beginn noch grosse Freiheiten, und es entstand eine vielfältige Kunstlandschaft.((Vgl. Dobrenko, Socialist Realism, S.270.)) Innerhalb der Kommunistischen Partei herrschte zunächst Uneinigkeit darüber, welchen Stil die sozialistische Kunst haben sollte. Während Lenin sich sehr konservativ äusserte, unterstützte der Volkskommissar für Bildungswesen Anatoli Lunatscharski unter anderem Künstler der Avantgarde. Mit der voranschreitenden Machtfestigung der Partei und dem gleichzeitigen Aufstieg Stalins geriet diese Vielfalt arg in Bedrängnis.
Vielfältige sozialistische Kunst
Die anfängliche Unentschlossenheit hinsichtlich der künstlerischen Tätigkeit hatte zur Folge, dass Künstler der verschiedensten Kunstrichtungen gefördert wurden, solange sie den Sozialismus proklamierten. Die Künstler der Avantgarde waren ihrerseits den Ideen des Sozialismus auch keineswegs abgeneigt, sondern erhoben den Anspruch, als «Ingenieure der neuen Welt» durch Manipulation des Unbewussten den neuen Sowjetmenschen zu erschaffen. Dieser wurde dann auch Teil künstlerischer Inszenierungen. Damit gebärdete sich die Avantgarde letzten Endes sogar als Konkurrenz zu den Bolschewiki.((Vgl. Groys, Gesamtkunstwerk Stalin.)) Doch vorläufig hatten sie Erfolg. Denn im Pluralismus der 1920er-Jahre waren verschiedene Formen des Realismus, aber auch abstrakte avantgardistische Konzepte wie Symbolismus, Futurismus, Konstruktivismus und Suprematismus erfolgreich vertreten. Proletarische und zeitgenössische Kunstorganisationen beteiligten sich rege am Diskurs über die Zukunft der sozialistischen Kunst.((Vgl. Röhrl, World History of Realism, S.270.))
Lenin über die Kunst im Gespräch mit Clara Zetkin
Man soll Schönes erhalten, zum Muster nehmen, daran anknüpfen, auch wenn es ‚alt‘ ist. Warum sich von wirklich Schönem abkehren und es als Ausgangspunkt weiterer Entwicklung ein für allemal verwerfen, nur weil es ‚alt‘ ist? Warum das Neue als Gott anbeten, dem man gehorchen soll, nur weil es ‚das Neue‘ ist? Das ist Unsinn, nichts als Unsinn. Übrigens ist auch viel konventionelle Kunstheuchelei dabei im Spiele und der Respekt vor der Kunstmode im Westen. Selbstverständlich unbewusst. Wir sind gute Revolutionäre, aber wir fühlen uns verpflichtet zu beweisen, dass wir auf ‚der Höhe zeitgenössischer Kultur‘ stehen. Ich habe den Mut, mich als ‚Barbar‘ zu zeigen. Ich kann die Werke des Expressionismus, Futurismus, Kubismus und anderer Ismen nicht als höchste Offenbarungen des künstlerischen Genies preisen. Ich verstehe sie nicht. Ich habe keine Freude an ihnen.
Aber wichtig ist nicht unsere Meinung über Kunst. Wichtig ist auch nicht, was die Kunst einigen Hundert, ja einigen Tausend von einer Bevölkerung gibt, die nach so vielen Millionen wie die unsrige zählt. Die Kunst gehört dem Volke. Sie muss ihre tiefsten Wurzeln in den breiten schaffenden Massen haben. Sie muss von diesen verstanden und geliebt werden. Sie muss sie in ihrem Fühlen, Denken und Wollen verbinden und emporheben. Sie muss Künstler in ihnen erwecken und entwickeln.
Zetkin, Clara: Erinnerungen an Lenin, in: Sozialistische Klassiker 2.0.
Mit der Unterstützung der Sowjetführung entfaltete sich eine qualitativ breite Palette an proletarischen Kunstschaffenden, die nicht nur in der Sowjetunion Anerkennung genossen, sondern weltweit Erfolg hatten, sich aber teilweise – auch durch fehlende Vorgaben – der Einflussnahme der Partei entzog. Mit der Beendigung der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) sah sich auch die Kunst mit einem zunehmenden staatlichen Eingriff in ihre Freiheit konfrontiert. Die Kollektivierung und der «forcierte Klassenkampf» wurden auf die Kunst übertragen und die Zensur verschärft.((Vgl. Röhrl, World History of Realism, S.276.)) Am 23. April 1932 erliess das Zentralkomitee (ZK) den Beschluss «Über den Umbau der literarisch-künstlerischen Organisationen». Damit wurden die existierenden proletarischen Künstlerorganisationen jeder Kunstgattung zusammengeführt und unter staatliche Kontrolle gestellt. Als Begründung verwies das ZK auf den Vorwurf, dass sich die Künstlerorganisationen «von einem Instrument zur maximalen Mobilisierung sowjetischer Schriftsteller und Künstler für die Ziele des sozialistischen Aufbaus zu einem Instrument der Kultivierung zirkelartiger Abgeschlossenheit sowie der Entfremdung von den politischen Aufgaben der Gegenwart und von bedeutenden Gruppen der Schriftsteller und Künstler, die mit dem sozialistischen Aufbau sympathisieren, [zu wandeln drohten].»((Beschluss des CK VKP(b) “Über den Umbau der literarisch-künstlerischen Organisationen”, 23. April 1932.))
Konsequenterweise wurden die Russische Assoziation Proletarischer Schriftsteller (RAPP) und weitere kulturelle Gewerkschaften liquidiert und «alle Schriftsteller, die die Plattform der Sowjetmacht unterstützen und bestrebt sind, am sozialistischen Aufbau mitzuwirken, in einem einheitlichen Verband sowjetischer Schriftsteller mit einer eigenen kommunistischen Fraktion [vereinigt].»((Beschluss des CK VKP(b) “Über den Umbau der literarisch-künstlerischen Organisationen”, 23. April 1932.)) Dieses Vorgehen betraf alle Kunstrichtungen bzw. Organisationen (Maler, Musiker, Komponisten und Architekten). Als Leitlinien wurde schliesslich der «Sozialistische Realismus» zur alleinigen Kunstrichtung erkoren.
Sozialistischer Realismus und die Realität
Das Konzept des Sozialistischen Realismus entstand nicht erst im Stalinismus, sondern wurde in Debatten von sozialistischen Kreisen des 19. Jahrhunderts entwickelt. Es hat seine Wurzeln im Realismus, der Mitte des 19. Jahrhunderts unter anderem in Frankreich entstand. In Russland wurde die Oktoberrevolution von der AKhRR als Befreiung der Kreativität gefeiert. Doch bereits in ihrer Gründungsdeklaration von 1922 proklamierte die AKhRR den «Heroischen Realismus», der noch keine grosse Anhängerschaft fand und als Vorläufer des Sozialistischen Realismus gesehen werden kann.((Vgl. AKhRR, Declaration, 1922)) Die avantgardistische, pluralistische Kunstlandschaft hatte mit dem Volkskommissar für Bildungswesen Anatoli Lunatscharski einen bemerkenswerten Verfechter. Doch mit Beginn der «Kulturrevolution» 1929, die ganz im Zeichen des Sozialistischen Realismus stand, verlor er seinen Ministerposten, hatte aber weiterhin leitende Funktionen im Bereich der Kultur inne.((Vgl. Lobanova, Lunačarskij, 2016.)) In seinen Reden war die sozialistische Ästhetik häufig Thema – so auch am 12. Februar 1933, als er dem 2. Plenum des Komitees der Schriftstellerunion der UdSSR die offizielle Richtung vorgab.((Vgl. Röhrl, World History of Realism, S.257.)) Zentrale Aspekte waren die Verständlichkeit der Kunst (dostupnost’) – was die abstrakte Kunst der Avantgarde ‘per se’ ausschloss –, die Verwurzelung in der Gesellschaft (narodnost’) und die Darstellung von Inhalten auf der Parteilinie (partijnost’).((Vgl. von Geldern, Socialist Realsim, 2020.)) Vor allem was Erstgenanntes betrifft, scheint Lunatscharski auf die Linie der Partei eingeschwenkt zu sein. Ein mögliches Indiz für den aufkommenden Stalinismus.
Am 1. Kongress der sowjetischen Schriftsteller von 1934 legte dann Andrej Schdanow in seiner Rede detailliertere Richtlinien für alle Künstler des Sozialistischen Realismus fest: Die Kunst solle die ‘Wahrheit’ darstellen, womit die ‘Realität der revolutionären Entwicklung‘ – also die Wahrheit vom Standpunkt der sozialistischen Gesellschaft aus gesehen und nicht eine objektive Wahrheit – gemeint war. Die Darstellungen sollten ‘schön’ sein und optimistisch der Zukunft entgegenblicken.((Vgl. Röhrl, World History of Realism, S.258.))
Bereits 1936 verkündete Stalin in seiner Rede zur neuen Verfassung schliesslich sogar, dass der Sozialismus und die sozialistische Gesellschaft im Wesentlichen verwirklicht seien.((Vgl. Altrichter, Die Sowjetunion, S.262.)) Dieser Argumentation folgend, stellte also auch der Sozialistische Realismus nun die tatsächliche «Realität» dar.
Auch Klassiker der vorrevolutionären Zeit blieben von der Politik nicht verschont; sie wurden auf ihren sozialistischen Gehalt geprüft und entweder verboten oder kanonisiert. Viele Künstler, die am pluralistischen Diskurs der 1920er-Jahre beteiligt waren, fügten sich in der neuen Ästhetik. Da die Künstlerorganisationen die Kontrolle über die Publikation hatten, entschieden sie darüber, wer als Künstler oder Künstlerin ein Auskommen hatte und wer nicht. Sie führten über Zeitschriften wie die Pravda Kampagnen gegen ‘Formalisten’ und ‘Kosmopoliten’, die verfolgt, zur ‘inneren Emigration’ gezwungen, ins Exil geschickt oder zur Zwangsarbeit in den Arbeitslagern (Gulag) verurteilt wurden.
Künstlerische Schicksale im Stalinismus
Der Stalinismus bedeutete für Kulturschaffende nicht nur ein Ende des Individualismus, sondern im Zuge des aufkommenden Grossen Terrors, häufig auch Verfolgung und Tod, wie im Falle von Ossip Mandelstam oder Isaak Babel – um nur zwei Beispiele zu erwähnen. Trotzdem bedeutete ein Verbot nicht zwangsläufig das Ende einer Karriere oder des Lebens. Stalin, der in jungen Jahren selbst als Dichter auffiel, soll Michail Bulgakows Werke gerne gelesen haben, verwehrte dem Autor aber zeitweilig Veröffentlichungen.((Vgl. Bulgakow, Die Weisse Garde, Einleitung.))
Ein anderes Schicksal hatte der international beachtete Komponist Dmitri Schostakowitsch. Dessen Musik wurde in der Sowjetunion häufig verboten, nur um wieder hochgejubelt zu werden – oder umgekehrt. Seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wurde anfänglich hochgelobt, bis Stalin im Dezember 1935 eine Aufführung vorzeitig und empört verliess. Kurz darauf erschien in der Pravda der Artikel «Chaos statt Musik», in dem es hiess: «Der Komponist bediente sich der nervösen, verkrampften und hysterischen Jazzmusik, um die ‘Leidenschaften’ seiner Helden zu zeigen. In einer Zeit, in der unsere Kritiker um den sozialistischen Realismus kämpfen, stellt das Werk von Schostakowitsch einen vulgären Naturalismus dar. […] Unsere Theater haben sich viel Mühe gegeben, um Schostakowitschs Oper sorgfältig vorzubereiten. Im Kampf mit dem Chaos, Geschrei und Missklang des Orchesters haben die Sänger ihr überaus grosses Können bewiesen. […] Das wohlgelungene Spiel verdient Anerkennung, die vergebliche Mühe aber Mitleid.“(( Hinter dem Artikel wurde Stalins Handschrift vermutet. Das folgende Verbot des Stücks hatte aber weniger negative Auswirkungen auf Schostakowitschs Karriere, als man erwarten könnte. So wurde er ein Jahr später zum Professor für Komposition am Leningrader Konservatorium berufen, und später folgten renommierte Preise, unter anderem mehrfach der Stalinpreis. Die 7. («Leningrader») Symphonie, die er während der Leningrader Blockade im Zweiten Weltkrieg schrieb, sollte seinen Ruhm sowohl in der UdSSR wie auch ausserhalb zementieren. Dennoch blieb Schostakowitsch in der Nachkriegszeit nicht von weiteren Verboten oder Anfeindungen verschont.((Vgl.
7. "Leningrader" Sinfonie
Fazit
Die Revolution bedeutete für die Kunst den Aufbruch in eine sozialistische Zukunft. Mit der Euphorie entstand eine Kulturlandschaft, die zunächst von avantgardistischer Diversität geprägt war. Dieser Umstand war auch der anfänglichen Unklarheit hinsichtlich einer Richtungsvorgabe in der bolschewistischen Führung zu verdanken. Erlaubt war, was sich in den Dienst des Sozialismus stellte. Mit dem Aufkommen des Stalinismus ging schliesslich eine Vereinheitlichung und Monopolisierung der Kunst bzw. der Verbreitung von Kunst einher. Die für den Sowjetbürger schwer fassbare Avantgarde erfuhr in der Folge ihren Niedergang. Nur wer sich auf die künstlerische Parteilinie einliess, also sich dem Sozialistischen Realismus unterwarf, konnte Erfolg haben. In diesem Sinne drängt sich die Frage auf, inwiefern der Sozialistische Realismus als Kunst bezeichnet werden kann. Kunst lebt von Individualität, die unter Stalin – und nicht nur im Bereich des künstlerischen Schaffens – arg in Bedrängnis geriet. Trotzdem gab es eine gewisse Flexibilität hinsichtlich der Konformität, wie das Beispiel Schostakowitschs anschaulich zeigt.
von Florian Hunziker
Überarbeitung: Florian Wiedemann
Titelbild: Skulptur „Arbeiter und Kolchosniza“ in Moskau; russian7.ru.
Altrichter, Helmut: Die Sowjetunion. Von der Oktoberrevolution bis zu Stalins Tod, Band 1 Staat und Partei, München 1986.
Beschluss des CK VKP(b) “Über den Umbau der literarisch-künstlerischen Organisationen”, 23. April 1932: in 100(0= Schlüsseldokumente zur russischen und sowjetischen Geschichte, <https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_ru&dokument=0008_ssp&object=pdf&st=UMBAU&l=de> [Stand: 16.10.2020].
Bulgakow, Michail: Die Weisse Garde. München 1990.
Dobrenko, Evgeny: Socialist Realism. In: Dobrenko, Evgeny / Balina, Marina (Hg.): The Cambridge Companion to Twentieth-Century Russian Literature, Cambridge 2011.
Gojowy, Detlef: Šostakovič, Dmitrij Dmitrievič. In: MGG Online 2016, < https://www.mgg-online.com/article?id=mgg12217&v=1.0&rs=mgg12217> [Stand: 01.01.2022].
Groys, Boris: Gesamtkunstwerk Stalin. Berlin 2008.
Lobanova, Marina: Lunačarskij, Anatolij Vasil’evič. In: MGG Online 2016, <https://www.mgg-online.com/article?id=mgg08388&v=1.0&rs=mgg08388> [Stand: 01.01.2022].
Röhrl, Boris: World History of Realism. In Visual Arts 1830–1990, Naturalism, Socialist Realism, Social Realism, Magic Realism, New Realism and Documentary Photography, Hildesheim 2013.
von Geldern, James: Socialist Realism, in Seventeen Moments in Soviet History, <http://soviethistory.msu.edu/1934–2/socialist-realism/> [Stand: 08.11.2020].
Zetkin, Clara: Erinnerungen an Lenin, in: Sozialistische Klassiker 2.0, <https://sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/zetkin/zetkin-1921-1924/clara-zetkin-erinnerungen-an-lenin-i> [Stand: 01.01.2022].