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Der 50. Todestag von Le Corbusier gibt in Frankreich Anlass zur grossen Enthüllung seiner Beziehungen zum Vichy-Regime. Drei Bücher werfen ein grelles Licht auf den schweizerisch-französischen Architekten, während das Pariser Centre Pompidou in einer Schau darauf verzichtet, dessen dunkle Seiten auszuleuchten.
Die Polemik hat in den letzten Wochen ein derartiges Ausmass angenommen, dass gewisse französische Medien bewusst die von Charles-Edouard Jeanneret, so Le Corbusiers bürgerlicher Name, 1930 erworbene französische Nationalität auslassen, um ihn allein als "Schweizer Architekten" darzustellen.
"Ich habe das tatsächlich bemerkt. Wenn es gewissen Leuten passt, wird er wieder zum Schweizer", sagt Xavier de Jarcy mit einem Hauch Ironie. Der Journalist von Télérama ist Autor des Buches Le Corbusier, un fascisme françaisexterner Link (Le Corbusier, ein französischer Faschismus). Dieser Titel, vor dem Hintergrund einer Trikolore, lässt für Unklarheiten keinen Raum.
"Er fühlte sich mehr als Franzose denn als Schweizer", schreibt der Autor über Le Corbusier. Es stimmt, dass der Architekt lange angespannte Beziehungen zu seinem Heimatland hatte, vor allem zu La Chaux-de-Fonds im Kanton Neuenburg, der Stadt, in der er 1887 geboren wurde.
Le Corbusiers dunkle Seite
"In der Schweiz hat man viel früher über seine dunkle Seite gesprochen", erklärt Xavier de Jarcy. In Frankreich, dem Land, das Charles-Edouard Jeanneret adoptierte und seinem Werk einen internationalen Resonanzboden gab, hatte es viel länger gedauert, bevor diese Debatte begann. Doch dann nahm sie derartige Ausmasse an, dass sich die Stiftung Le Corbusier Ende Mai veranlasst sah, die Dinge in einem Communiquéexterner Link klarzustellen.
Sie ruft in Erinnerung, dass es die Stiftung selber gewesen sei, welche die Korrespondenz Forschern zur Verfügung gestellt habe, ohne dabei zu versuchen, irgendetwas zu verstecken. Sie ist der Ansicht, "das Erbe von Le Corbusier am Leben zu erhalten, darf nicht dazu führen, gewisse Charakterzüge oder Verhaltensweisen des Architekten zu unterschätzen oder zu maskieren". Gleichzeitig appellierte die Stiftung für eine "ausgewogene und wissenschaftliche Herangehensweise an einen besonders komplexen Zeitraum".
Es stimmt, dass der Architekt kaum jemanden je gleichgültig liess. "Er irritierte immer", erklärt Michel Richard, Direktor der Stiftung Le Corbusier, die sich in einer adretten Sackgasse im XVI. Arrondissement in Paris befindet. "Entweder man ist klar für oder klar gegen ihn. Auf beiden Seiten wird übertrieben", räumt er ein.
Und dann, gab es da nicht auch André Malraux, der den Architekten bei dessen Beerdigung 1965 in den höchsten Tönen gelobt hatte: "Le Corbusier hatte grosse Konkurrenten [...]. Doch keiner stand mit solcher Kraft für die Revolution der Architektur, kein anderer wurde derart lange, derart ausgiebig beschimpft", erklärte der intellektuelle Gaullist, ein Mann, der in Spanien gegen den Faschismus gekämpft hatte, dessen Thesen der Architekt im gleichen Zeitraum verteidigt hatte.
Erfolgreiche Ideen... nach der Befreiung
Dies ist das Paradox des Architekten aus La Chaux-de-Fonds: Nach der Befreiung, während der Zeit des Wirtschaftswunders, als Frankreich auf dem Schlachtfeld des Zweiten Weltkriegs wieder aufgebaut wurde, konnte Le Corbusier sich mit seinen architektonischen Ideen durchsetzen. Vergessen sind seine Beziehungen zur extremen Rechten, auch sein Aufenthalt im besetzten Vichy, im Zentrum des Pétain-Regimes, wurde unter den Tisch gewischt. Bei seiner Beerdigung wird Le Corbusier in Frankreich verehrt. Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, bis seine Vergangenheit ans Licht gebracht wird, bis seine von der Stiftung Le Corbusier zugänglich gemachte Korrespondenz die verborgene Seite des Architekten aufdeckt.
Seine Schriften legen davon Zeugnis ab. "Die militärische Niederlage erscheint mir wie ein wunderbarer französischer Sieg", schreibt er seiner Mutter im Sommer 1940, nur wenige Monate nachdem sich die Franzosen gegenüber den Truppen Hitlers geschlagen geben mussten. Noch schlimmer, in seiner Privatkorrespondenz finden sich auch antisemitische Aussagen: "Das Geld, die Juden (teils verantwortlich), die Freimaurerei, alles wird dem gerechten Gesetz unterworfen werden. Diese schändlichen Festungen werden geschleift. Sie beherrschten alles", schreibt er.
Einige Zeit später, in den ersten Monaten der Nazi-Okkupation, räumt er ein, dass "die Juden einen schwierigen Moment durchleben", fügt jedoch auch an, es scheine, dass "ihr blinder Hunger nach Geld das Land verdorben hatte". Aussagen, die Xavier de Jarcy in seinem Buch aufführt.
Während Le Corbusiers Cousin Pierre Jeanneret sich rasch dem Widerstand anschliesst, lässt sich der Architekt im Januar 1941 in Vichy nieder. Niemand hatte ihn dazu gezwungen. Er habe diese Wahl selber getroffen, versichert Xavier de Jarcy.
Lust auf Zusammenarbeit mit Vichy-Regime
"Le Corbusier landete nicht zufällig in Vichy. Mit seinen kleinen Kameraden ist er der Ansicht, der so lang erwartete Moment sei nun gekommen. Sie sagen klar und deutlich, dass sie schon 15 Jahre darauf gewartet haben, ihr Programm umzusetzen, das in den Zeitschriften 'Plans' und 'Prélude' definiert worden war", erklärt der Journalist. "Die Revolution, die sie umsetzen wollten, wurde vor allem verkörpert durch den Urbanismus, mit dem sie eine Ideologie materialisieren wollten, die auf einer Rückkehr zu patriarchalen Werten wie Arbeit und Familie fusste", fügt er hinzu.
Für Xavier de Jarcy "ist klar", dass Le Corbusier, als Marschall Pétain die Macht übernahm, "Lust hatte zur Zusammenarbeit" hatte. Aber das Vichy-Regime ist nicht wirklich interessiert an seinen architektonischen Plänen. "Das Regime hatte seine eigenen Ideen, die nicht unbedingt übereinstimmten mit denen Le Corbusiers" sagt er.
Und unterscheidet zwischen dem Architekten und jenen "Kollaborateuren", die unter der Besatzung Denunziation betrieben hätten. "Es gab viel schlimmere Leute als ihn. Er kollaborierte nicht mit Deutschland", unterstreicht er.
Nach der Befreiung kam Le Corbusier ungeschoren davon. "Die Säuberung traf nur die schlimmsten Fälle", ruft der Journalist in Erinnerung, der auf den ersten Seiten seines Buches auch schreibt, dass "der Faschismus Talent nicht verhindert", indem er ein anderes kontroverses Beispiel, den Schriftsteller Charles-Ferdinand Céline, anführt.
Ausstellung in den Schatten gestellt
Gleichzeitig mit dem Buch von Xavier de Jarcy erschienen zwei weitere kritische Werke über den Architekten: Le Corbusier, une froide vision du mondeexterner Link (Le Corbusier, eine kalte Vision der Welt) von Marc Perelman, und Un Corbusierexterner Link von François Chaslin. Diese massierte Enthüllung der dunklen Seiten des Architekten hat die Ausstellungexterner Link im Centre Pompidou, die bis zum 3. August zu sehen ist, praktisch in den Schatten gestellt.
Das gilt auch für weitere Aktivitäten, die an verschiedenen Orten in Frankreich geplant sind, vor allem in Ronchamp, nur wenige Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt, wo Le Corbusier eine Kapelleexterner Link baute. Ungeachtet aller Polemik wurde jedoch Anfang Mai in Zürich eine Holzskulpturexterner Link von Le Corbusier bei einer Auktion für 3,12 Millionen Franken verkauft.
Die Ausstellung im Centre Pompidou spricht die umstrittene Vergangenheit des Neuenburger Architekten nicht an. Die Organisatoren riefen in Erinnerung, dass seine Aktivitäten unter dem Vichy-Regime in der umfassenden Retrospektive von 1987 thematisiert worden seien. In der aktuellen Ausstellung werde ein anderer Aspekt ausgeleuchtet. Unter dem Titel "Mesures de l'homme" (Menschliches Mass) umfasst die Schau Gemälde, Skulpturen, Modelle, Möbel, Architektur-Zeichnungen und Plastiken.
Zeit für neues Kapitel
Xavier de Jarcy bedauert, dass die Schau im Centre Pompidou die Schattenseiten Le Corbusiers nicht erwähnt. "Ich denke, es gibt eine direkte Verbindung zwischen seinen Ideen und seinen urbanistischen Projekten. Und dies kann man nicht einfach unbeachtet lassen." In seinem Buch geht er noch weiter. Er schliesst mit der Forderung, dass in Frankreich keine Strasse mehr den Namen von Le Corbusier oder von anderen Künstlern tragen dürfte, die Verbindungen zum Vichy-Regime hatten. "Es ist endlich an der Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen", sagt der Autor.
(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch), swissinfo.ch