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| Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Himmlische Hierarchie (De caelesti hierarchia)

15. Kapitel: Was bedeuten die bildlichen Gestalten der Engelmächte, die Feuergestalt, die Menschengestalt u. s. w..
§ 1.
Was bedeuten die bildlichen Gestalten der Engelmächte, als da sind die Feuergestalt, die Menschengestalt, die Augen, die Nase, die Ohren, der Mund, der Tastsinn, die Augenwimpern, die Brauen, die Jugendfrische, die Zähne, die Schultern, die Ellbogen and die Hände, das [S. 74] Herz, die Brust, der Rücken, die Füße, die Flügel, die Nacktheit, die Bekleidung, das lichtweiße Kleid, das priesterliche Kleid, der Gürtel, die Stäbe, die Speere, die Beile, die Meßschnüre, die Winde, die Wolken, das Erz, das Elektron, die Reigen 1, das Händeklatschen 2, die Farben der verschiedenartigen Steine, die Löwengestalt, die Stiergestalt, die Adlergestalt, die Pferde und der Unterschied in den Farben der Pferde, die Flüsse, die Wagen, die Räder, die sogenannte „Freude“ der Engel.
§ 1.
1) Nach der anstrengenden Betrachtung über Wesen und Ordnungen der Engel folgt eine leichtere Studie über die bildlichen Formen, unter denen sie dargestellt werden.
2) Aber auch die bunte Vielheit, die sich hier entfaltet, führt wieder zur Einfachheit der Engelnatur zurück.
3) Es ist kein Widerspruch, wenn die Schrift ein und dieselbe Ordnung der Engel bald als aktiv-hierarchisch, bald als passiv-hierarchisch erkennen läßt und bei jeder Hierarchie erste, mittlere und letzte Mächte unterscheidet. Denn ein und dieselbe Hierarchie verhält sich gegenüber einer andern nicht zugleich aktiv-hierarchisch und passiv-hierarchisch, sondern aktiv immer nur gegen die tieferstehende, passiv gegen die höhere.
4) Mit Recht wird aber allen Ordnungen zugeschrieben, daß sie nach oben streben, konstant sich um sich selbst bewegen und an der Fürsorge für die tieferstehenden teilnehmen, allerdings mit Wahrung der Gradunterschiede.
Wohlan, nun erübrigt noch, daß wir, wenn es gut scheint, das geistige Auge von der Anstrengung, die bei den erhabenen Betrachtungen über die Engel am Platze war, ruhen lassen und in die breite Fülle von vielteiligen Einzelheiten herabsteigen, welche in der vielgestaltigen Buntheit der bildlichen Engeldarstellungen uns entgegentritt. Dann aber wollen wir hinwieder von diesen aus als Bildern zur Einfach- [S. 75] heit der himmlischen Geister auf analytischem Wege uns emporwenden. Es sei von dir aber im vorhinein klar erkannt, daß die Aufschlüsse, welche uns die heiligen bildlichen Darstellungen gewähren, bisweilen die gleichen Ordnungen der himmlischen Wesen hierarchisch tätig und dann wieder hierarchisch leidend offenbaren und zwar die letzten Ordnungen in hierarchischer Tätigkeit und die ersten in hierarchischer Passivität und, wie bereits gesagt worden, ebendieselben Ordnungen im Besitze von ersten, mittlern und letzten Mächten, ohne daß ein Widerspruch begangen wird, wenn eben nur der folgende Modus der Erklärung eingehalten wird. Wenn wir nämlich behaupten wollten, daß irgendwelche Ordnungen von den höheren hierarchisch geleitet würden und dann hinwieder diesen zugleich auch hierarchisch vorständen und daß die höheren Ordnungen, welchen die Leitung der tiefern zukommt, von eben diesen tiefern, dem Gegenstand der hierarchischen Leitung, selbst wieder geleitet würden, dann wäre tatsächlich die Sache absurd und voller Verwirrung. Wenn wir aber sagen, daß ein und denselben Ordnungen allerdings eine aktive und passive hierarchische Führung eigen ist, nicht aber seitens der gleichen und über die gleichen, sondern daß vielmehr eine jede einzelne Ordnung von den höheren hierarchisch geleitet wird, die tiefern aber leitet, so dürfte man wohl ohne Widerspruch behaupten, daß man ebendieselben Gestalten, welche die heilige Schrift in heiligen Bildern vorführt, gelegentlich sowohl den ersten, wie den mittleren und letzten Mächten zutreffend und wahrheitsgemäß zuteilen kann. Und allen himmlischen Wesen wird mithin unfehlbar zukommen, daß sie sich zum Höheren hinwenden und emporschwingen, daß sie beharrlich unter Wahrung der ihnen eigentümlichen Kräfte sich um sich selbst bewegen und daß sie durch mitteilsames Heraustreten zu der tiefern Ordnung auch Anteil an der fürsorgenden Kraft gewinnen 3. [S. 76] Allerdings wird das den einen im überragenden und vollen Maße, (wie bereits oft gesagt worden,) den andern aber nur teilweise und in abgeschwächtem Grade zuteil.
1: Die „Reigen“ und das „Händeklatschen“ finden in der nachfolgenden Erklärung keine Berücksichtigung. Ist dem Verfasser über der grossen Masse ein Versehen begegnet ?
2: Die „Reigen“ und das „Händeklatschen“ finden in der nachfolgenden Erklärung keine Berücksichtigung. Ist dem Verfasser über der grossen Masse ein Versehen begegnet ?
3: Eine ähnliche dreifache Bewegung der seligen Geister schildert D. d. d. n, 4, 8. Die eine Bewegung um Gott nennt er die kreisförmige, die zweite um sich selbst eine spiralförmige, die dritte auf Fürsorge für die tiefern Wesen abzielende eine gerade. Näheres bei Koch a. a. O. S. 83 ff.