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Der Mount Baden Powell raubte mir die letzten Kräfte. Ich war es nicht gewohnt, auf einen über 3’500m hohen Stein- und Sandhaufen zu klettern
Doch die Menschen, die ich auf diesem Weg kennen lernte, liessen mich den ganzen Krampf vergessen. Ich war bereits einen Monat unterwegs. Die letzten Tage war Marc mein Hiker Buddy. Marc war Kanadier und kam aus Toronto. Wir trafen uns jeweils abends an den abgemachten Standorten um gemeinsam unsere Zelt aufzuschlagen und zu übernachten.
Am Tag zuvor brachen wir in Wrightwood auf. Wir sassen in einem ‚Coffeeshop‘ und hofften auf einen ‚Ride‘ an den ‚Trailhead‘. Ich quatschte eine Frau mittleren Alters in meinem holprigen Englisch an. Aus den Augenwickeln sah ich den verdutzten Blick meines Hikerbuddys. Fragend schaute ich zu ihm hinüber. ‚You can’t do this!‘ Wenn ich so weitermachen würde, hätte ich in kurzer Zeit ein #metoo Problem. Die Lady, die ich angesprochen hatte, liess mich einfach stehen. Aus der Fahrt an den ‚Trailhead‘ würde nichts werden. Doch Marcs Warnung liess mich kalt, denn im selben Augenblick betrat eine weitere Lady den Raum, um an der Theke Backwaren zu kaufen. Ob sie denn Lust hätte, uns an den Trailhead zu fahren. Marc drehte sich unauffällig von mir weg, so unter dem Motto: ‚Ich kenne diesen aufdringlichen Typen nicht!‘ Doch die Frau strahlte mich an, meinte nur, sie würde schnell die Einkäufe erledigen und ‚in a couple of minutes‘ könnten wir starten. Marc setzte sich auf den Beifahrersitz und plapperte munter mit der Lady am Steuer. Ich schmunzelte! Von wegen #metoo!
Auf dem Pass angekommen, machten wir uns zügig auf den Weg. Bereits nach einigen Meilen kamen wir an einen Rastplatz. Wir setzten uns an einen der Picknick Tische, um eine kurze Rast zu machen. Da kam ein älteres Ehepaar auf uns zu. Ob wir auf dem Pacific Crest Trail wandern würden? Wir bejahten und wurden mit Gatorade, Chips und Sandwiches beschenkt. Heute war unser Glückstag. Strahlend wanderten wir weiter. Bald verschwand Marc, da er den schnelleren Schritt hatte als ich. Doch nach einigen weiteren Meilen schloss ich zu ihm auf und wir bauten unsere Zelte auf. Es war noch hell, doch wir wollten am nächsten Tag früh loswandern, um in der Kühle des Morgens den Mount Baden Powell zu besteigen.
Wie abgemacht wanderten wir im Schein unserer Stirnlampen mitten in der Nacht los. Es ging zuerst in engen Serpentinen steil den Berg hinab. Dann überquerten wir einen Highway. Auf einem Rastplatz standen einige Trailer und Wohnmobile. Dann begann der Aufstieg. Es war staubig, sandig und steil. Die Serpentinen wurden enger und der Weg noch steiler. Nach einigen Meilen stand eine Holzbank am Rand des Trails. Ich war mit ungefähr 20 Kilogramm auf dem Rücken unterwegs. Mein Atem ging schwer, denn wir starteten bei über 1’500 Metern über Meer. Eine kurze Rast würde mir guttun. So liess ich meinen Rucksack vorsichtig auf die Bank gleiten und setzte mich hin. In diesem Moment kamen vier Männer um die steile Kurve. Sie atmeten ebenfalls schwer und wie gewohnt hielten auch sie kurz an.
‚Are you a PCT Hiker?‘ ‚Yes, I am!‘ ,Are you a thru Hiker?‘ ‚Yes!‘ Ihre Augen wurden grösser und sie staunten mich an. ‚Du bist eine Inspiration für uns. Es ist unglaublich, was du leistest!‘ ‚Woher kommst du?‘ So ging es weiter und einer packte aus seinem Rucksack ein Stativ. Er montierte eine riesige Kamera, machte Selfies und Fotos. Wir tauschten die Instagram Adressen. Dann wanderten die Männer weiter. Wir verabschiedeten uns: ‚See you at the Summit!‘
Oben angekommen hatten sie sich bereits mit Marc angefreundet. Es wurden weitere Bilder geschossen. Dann schenkten sie uns ihren ganzen Proviant. Sandwiches, Cokes und Erdbeeren wechselten die Besitzer und wir fühlten uns im siebten Himmel.
Der Mount Baden Powell hat seinen Namen von Lord Baden Powell. Vor über hundert Jahren gründete der Lord die Boy Scout, in der Schweiz als Pfadfinder Bewegung bekannt.
Noch vor dem Mittagessen wanderten wir den Berg hinunter und konnten einige Meilen machen, bevor wir unsere Zelte in einer ‚Burning Area‘ aufschlugen.
Wir wollten wieder früh morgens weiter wandern.
Im Osten war der Himmel bereits fahl geworden und die Dämmerung kündete sich an, als ich durch das Rascheln aufgeweckt wurde. Marc war dabei, sein Zelt abzubrechen. Ich war spät dran. Doch nach fast einer Stunde machte auch ich mich auf den Weg. Ich gelangte wieder an den Highway. Wir mussten einen Umweg laufen. Der Trail war gesperrt. Die Ranger hatten den Umweg ausgeschildert, da auf dem Original Trail eine seltene Froschart ihren Laich gelegt hatte. Die Tiere würden so geschützt und könnten sich wieder vermehren.
Der Umweg bedeutete, dass wir über 12 Meilen auf dem Asphalt wandern müssten. Das war nicht wirklich lustig. Wieder einmal lag am Highway ein Rastplatz. Oft trafen wir Tage auf keine Sitzgelegenheit. So war ein Bank ein Luxus. Ein Tisch dazu war schon fast das Paradies. Doch wenn es noch eine Toilette gab hatten wir das Gefühl im siebten Himmel zu sein.
Als ich auf dem Rastplatz ankam, sah ich den Rucksack von Marc auf einem der Tische liegen. In diesem Moment kam er aus der Toilette und rief mir zu: ‚Ich gehe hinters Gebüsch, da ist es angenehmer…!‘ Ich lachte laut und Marc zog weiter! Ich setzte mich an einen der Tische und genehmigte mir einen Snack, als eine junge Frau auf mich zukam. ‚Are you Hans?“Yes, I am.‘ ‚Hoi, ich bi d’Sara!‘ In wunderschönem Bündner Dialekt begrüsste sie mich strahlend! Sara war einige Tage nach mir gestartet und hatte auf dem Trail erfahren, dass vor ihr ein Schweizer mit grünem Rucksack und riesigen Schuhen wandern würde. Nun hatte sie mich gefunden! Wir tratschten über Gott und die Welt und waren beide überglücklich, jemanden zum Quatschen – in Schweizerdeutsch – gefunden zu haben.
Wir sind beide in die Schweiz zurück gekehrt und haben auch hier Kontakt. Beide mit Sehnsucht nach dem Pacific Crest Trail!