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cash: Herr Professor Phelps, wie beurteilen Sie die Stimmung am diesjährigen WEF in Davos?
Edmund Phelps: Mir ist nichts besonderes aufgefallen. Die Stimmung ist weder sehr pessimistisch noch sehr zuversichtlich.
Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Entwicklung in Europa? Seit einigen Monaten macht man sich Deflationssorgen.
Diese Entwicklung habe ich verfolgt. Trotz der Bemühungen von Mario Draghi ist es der EZB nicht gelungen, der Inflationsrate einen Riegel nach unten zu schieben. Deflationstendenzen wären natürlich eine weitere Schwierigkeit für die Eurozone, um sich wirtschaftlich völlig erholen zu können. Aber sehen Sie: Deflationszahlen vorauszusehen ist eine der schwierigsten Dinge für einen Ökonomen.
Wie sehen Sie die Entwicklung von Europa in den letzten Jahrzehnten als US-Bürger und Nobelpreisgewinner? War die Krise vorhersehbar?
(überlegt lange) Die Probleme speziell in Griechenland und Italien waren offensichtlich. Sie hätten Anlass zur grosser Sorge geben müssen. Die Verwundbarkeit Spanines war subtiler. Die Probleme der französischen Wirtschaft konnten ebenso nicht so deutlich vorhergesehen werden. Europa leidet seit Jahrzehnten unter einem grossem strukturellen Fehler. Bis in die 1970er Jahre lief alles gut, vor allem wegen des Technologietransfers aus der US-Wirtschaft. Als sich die US-Innovationskraft um 1972 verlangsamte, waren die Tage Europas gezählt. Anfang der 80er Jahre gabs Schwierigkeiten, von denen sich Europa bis Ende der 1990er Jahre erholte. Aber dann stoppte das Wachstum. Und man sah: Es gibt in Europa keine hausgemachte Innovation, Europa hat keinen Motor. Seither hat Europa ein Arbeitslosenproblem, verlangsamtes Wirtschaftswachstum, verlangsamtes Produktivitätswachstum. Da ist das Fundamentaproblem Europas.
Aber es gibt Ausnahmen wie Deutschland.
Ja, dank der Exportwirtschaft.
Wie geht es weiter in Europa?
Die Europäer müssen sich entscheiden, was sie tun wollen. Ich glaube, die grosse Gefahr besteht darin, dass viele junge Leute Europa verlassen werden, falls die europäischen Politiker keine wirtschaftliche Dynamik mehr herstellen.
Hat die Eurozone das Schlimmste der Krise hinter sich gebracht?
Das ist wahrscheinlich. Allenfalls könnten Probleme bei der Etablierung der Bankenunion den einzelnen Volkswirtschaften einen Schock bescheren.
In den USA muss die Zentralbank in diesem Jahr die Geldschwemme eindämmen, dabei aber die Entwicklung der Wirtschaft nicht abwürgen und die Börsen nicht kollabieren lassen. Ein delikater Seiltanz.
Klar. Die Fed hat schon im letzten Jahr erkannt, dass sie an den Börsen eine Art Blase produziert hat. Im Zuge des Tapering, oder sogar am Anfang, wird es an den Aktienmärkten zu einem Umdenken kommen auch bezüglich der Wirtschaftsentwicklung. Aber ich glaube nicht, dass die Auswirkungen gross sein werden. Die Leute werden weiter konsumieren. Unternehmen könnten Investitionsprojekte aufschieben, aber nicht stoppen. Sehen Sie, in den USA besteht die unglaubliche Tendenz, alle finanz- und geldpolitischen Änderungen aufzublähen.
Weshalb?
Ich habe keine Erklärung. Bei der Diskussion um die Kürzung der Staatsausgaben waren Weltuntergangsprophezeiungen in den USA nicht unüblich. Aber was geschah? Die Aktienmärkte feierten dann die Kürzung der Staatsausgaben. Vielleicht wird es beim Tapering ähnlich verlaufen. Nach vier oder fünf Monaten wachen die Leute auf und merken: Die Wirtschaft ist noch immer da, sie funktioniert, und manche Dinge sind sogar besser als vorher.
Sie rechnen also mittelfristig mit weiter steigenden Aktienmärkten, unterbrochen von Rückschlägen, die einige Monate dauern könnten?
Ja.
Überhaupt keine Sorgen?
Doch. Ich mache mir Sorgen wegen der massiven Aktienrückkäufe der Unternehmen. Viele Investoren sehen das als Signal für gute Anlagemöglichkeiten. In Tat und Wahrheit erhöht sich wegen der Reduktion der ausstehenden Aktien die Bewertung der Titel.
Wann wird die Fed die Zinsen erhöhen?
Ich kann Ihnen natürlich keine Jahreszahl nennen. Aber ich wäre überrascht, wenn dies zeitlich allzu weit entfernt wäre.
Edmund Phelps, geboren 1933 und Direktor des "Center on Capitalism and Society" an der Columbia University in New York, erhielt 2006 den Nobelpreis für Ökonomie für seine Analyse "intertemporaler Zielkonflikte in der makroökonomischen Politik". Er hatte mit Milton Friedman gezeigt, dass eine geringere Arbeitslosigkeit durch höhere Inflation nur so lange erkauft werden kann, als sich noch keine Inflationserwartungen gebildet haben. Sein letztes Buch trägt den Namen "Mass Flourishing".