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Die Abkürzung «LNG» taucht aktuell häufig in den Medien auf, wenn es um die kurzfristige Sicherstellung der Energieversorgung in Europa geht. LNG bedeutet in Englisch «Liquefied Natural Gas», zu Deutsch: «verflüssigtes Erdgas». Aufgrund der geopolitischen Lage suchen derzeit viele europäische Länder nach Alternativen für leitungsgebundenes Erdgas aus Russland. Aufgrund der Kurzfristigkeit kann der Bedarf nicht mit erneuerbaren Energien abgedeckt werden. LNG-Importe wären eine kurzfristige Alternative, die es Europa ermöglichen würde, flexibler bei der Energiebeschaffung zu werden und damit unabhängiger von einzelnen Erdgasbezugsquellen.
Die jährliche Gasnachfrage in der EU beläuft sich derzeit auf rund 400 Milliarden Kubikmeter (Mrd. m³), was etwa ein Viertel des Gesamtenergieverbrauchs der EU ausmacht. Etwa 26 Prozent dieses Gases werden in der Stromerzeugung und etwa 23 Prozent in der Industrie verwendet. Der Rest entfällt auf den Haushalts- und Dienstleistungssektor, hauptsächlich für die Wärmeversorgung von Gebäuden. Etwa 10 Prozent des Gasbedarfs der EU wird derzeit durch die heimische Produktion gedeckt. Der Rest wird importiert, hauptsächlich aus Russland (41 Prozent), Norwegen (24 Prozent) und Algerien (11 Prozent). Für die Schweiz weist die «Schweizerische Gesamtenergiestatistik 2020» des Bundesamts für Energie, einen Anteil von rund 15 Prozent Erdgas am Energiemix der Schweiz aus. Die Herkunft der Schweizer Gasimporte verteilt sich ähnlich wie in der EU.
Wie wird LNG hergestellt und transportiert?
Heutzutage kann Erdgas nicht nur über Pipelines geliefert werden, sondern auch per Schiff. Für einen effizienten Transport wird das Erdgas zunächst verflüssigt, um das Ladevolumen zu reduzieren. Dafür wird das geförderte Erdgas per Pipeline zu einer Verflüssigungsanlage in einen Hafen transportiert. In der Verflüssigungsanlage wird das Erdgas von Schwefel, Stickstoff und Kohlendioxid gereinigt und auf etwa -162 Grad Celsius heruntergekühlt. Durch die Verflüssigung reduziert sich das Volumen um den Faktor 600. Anschliessend wird das verflüssigte Erdgas (LNG) in die Isoliertanks eines speziellen LNG-Tankschiffs gepumpt und in den Zielhafen transportiert. Die charakteristische Kugelform der LNG-Tanks dient der optimalen Wärmedämmung und Druckbelastung. Das übliche Ladevolumen eines LNG-Tankers liegt zwischen 125.000 bis 147.000 m³, es gibt aber bereits Pläne für Schiffe mit bis zu 250.000 m³ Tankinhalt. Im Zielhafen angekommen, wird das LNG an einem LNG-Terminal aus dem Transportschiff abgepumpt, erwärmt und in das Erdgasnetz eingespeist. In dieser Form kann es von allen Erdgasanwendungen genutzt werden. Eine direkte Nutzung des verflüssigten Erdgases ist in der Mobilität möglich. Es kann als Treibstoff für LNG-Lastkraftwagen und Schiffe mit LNG-Antrieb eingesetzt werden. In der Schweiz ist die LNG-Mobilität im Schwerverkehr kein Thema – es gibt hier lediglich drei LNG-Tankstellen. In der Branche setzt man stattdessen auf erneuerbaren Wasserstoff als alternativen Treibstoff. LNG-Lieferungen können weltweit von einer Vielzahl von Ländern bezogen werden. Katar ist derzeit mit rund 170 Mrd. m³ pro Jahr der mit Abstand grösste LNG-Exporteur der Welt. Weitere grosse Lieferanten (> 20 Mrd. m³) sind Australien, die Vereinigten Staaten, Nigeria, Malaysia, Russland und Indonesien.
LNG und die Klimaschutzziele
Erdgas ist und bleibt ein fossiler Brennstoff, bei dessen Verbrennung CO2 freigesetzt wird. Betrachtet man die Treibhausgasemissionen (THG-Emissionen) entlang der Prozesskette für den Import von LNG, so fallen diese höher aus als bei Pipeline-Gas. Die höheren THG-Emissionen werden überwiegend durch den Energieaufwand für die Verflüssigung und die Kompression während des Transports verursacht. Zu diesem Schluss kommen die Ersteller einer deutschen Studie aus dem Jahr 2019, zum Thema «Wie klimafreundlich ist LNG? Kurzstudie zur Bewertung der Vorkettenemissionen bei Nutzung von verflüssigtem Erdgas (LNG)»
Weiterhin erklären sie: «Trotz der Vorkettenemissionen von LNG sind die Gesamtemissionen in der Regel niedriger als die von erdöl- und kohlebasierten Energieträgern, so dass in einzelnen Anwendungsbereichen der Einsatz auch langfristig zweckmässig sein kann. Aus klimapolitischer Sicht und unter Energieeffizienzaspekten ist ein verstärkter Einsatz von LNG, insbesondere im Vergleich zu per Pipeline transportiertem Gas, nicht begründbar. Zur Diversifizierung der Exportländer insbesondere hinsichtlich eines zukünftigen Marktes für strombasierte erneuerbare Gase, verbesserter Versorgungssicherheit sowie mehr Wettbewerb kann ein Ausbau der LNG-Infrastruktur im Zuge der Energiewende hingegen beitragen.»
LNG und die ISO-Normung
Die internationale Normung (ISO) befasst sich seit sieben Jahren mit dem Thema LNG. Das Normenkomitee ISO TC 67 SC 9 «Liquefied natural gas installations and equipment»
wurde im Jahr 2015 gegründet und hat seitdem 14 internationale ISO-Normen entwickelt. Die ISO-Normung deckt die LNG-Versorgungskette vom Einlass bis zum Auslass der Erdgas-/LNG-Anlagen ab und umfasst sowohl Onshore- als auch Offshore-Anlagen. Zu diesen Anlagen gehören auch die schwimmenden Speicher- und Wiederverdampfungseinheiten, die sogenannten «FSRUs» (en: Floating Storage and Regasification Units), die in Deutschland entstehen sollen. Ein FSRU ist ein schwimmendes LNG-Terminal, an dem das LNG aus dem LNG-Tanker abgepumpt und gespeichert wird oder als Erdgas in das Erdgasnetz eingespeist wird. FSRUs können permanent oder zeitweise als Teil einer LNG-Anlage in einem geschützten Hafen, in Küstennähe oder auf See vertäut oder verankert werden.
Das Normenkomitee ISO TC 67 SC 9 hat in den letzten beiden Jahren zwei neue ISO-Normen zum Thema schwimmende LNG-Terminals publiziert:
Aktuelle Normenprojekte des ISO TC 67 SC 9:
Entwurf ISO DIS 6338:2022 «Method to calculate GHG emissions at LNG plant»
Entwurf ISO AWI 5124:2022 «Installations and equipment for LNG - LNG railcar applications»
Aktuelle Normenprojekte im europäischen Normenkomitee CEN TC 282 «Installation and equipment for LNG»:
Entwurf prEN ISO 20519:2022 «Schifffahrt und Meerestechnik - Spezifikation für das Bunkern von mit Flüssigerdgas betriebenen Schiffen (ISO/DIS 20519:2020)»
Quellen:
Europäische Kommission | Liquefied natural gas
Bundesamt für Energie | Gesamtenergiestatistik
Verband der Schweizerischen Gasindustrie | Herkunft von Erdgas
Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft | Factsheet
NGVA Europe | Stations map
Umwelt Bundesamt | Kurzstudie: «Wie klimafreundlich ist LNG?»
Normenkomitee | ISO TC 67 SC 9 «Liquefied natural gas installations and equipment»
ISO und CEN
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