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Jeden Tag behandelt Indira Gandhi in Mamallapuram, einer Kleinstadt an Indiens Südostküste, Scharen von Patientinnen und Patienten. Der Ärztin geht es dabei nicht um Geld, sondern um Erfüllung. Dafür erbringt sie grosse Opfer, gerade im Privatleben.
Im Takt des Busfahrplans strömen die Patienten ins Suradeep Hospital in Mamallapuram – hinein zur vollen, hinaus zur halben Stunde. Das Personal steht unter Druck, wollen doch die Buschauffeure nicht zu lange warten.
Auf Anraten eines weisshaarigen Mannes bemühe ich mich im Warteraum um ein Ticket. Ich erhalte die Nummer 11, die auf einen Fetzen einer Medikamentenschachtel gekritzelt ist.
Als die in einen Sari gekleidete Ärztin merkt, dass ich keine Kranke, sondern eine gesunde Journalistin bin, bittet sie mich, am Abend wieder zu kommen. Als ich wiederkomme, hat es weniger Patienten, dafür mehr Fliegen. An der Decke summt ein Ventilator. An den Wänden sind Poster angeschlagen, die über Tollwut, Schweinegrippe oder Haarausfall informieren.
"Vorbelastet"
Die Ärztin leitet das Spital mit 20 Betten seit 20 Jahren. Als sie mir ihren Namen sagt, ist sie auf meine Verblüffung vorbereitet. "Ich wurde am selben Tag geboren, als Indira Gandhi zur Premierministerin gewählt wurde. Mein Vater war Politiker und hat mich nach ihr benannt in der Hoffnung, ich werde mich als Ärztin oder Politikerin für die Allgemeinheit einsetzen", sagt die Frau lachend.
Gandhi hat die Hoffnungen ihres Vaters voll erfüllt. In all den Jahren hat sie nie Ferien genommen, sondern sich zusammengezählt höchstens 30 Freitage gegönnt. Am Suradeep Hospital ist sie die einzige Ärztin, auch einen männlichen Kollegen gibt es nicht.
Das zweigeschossige Gebäude nimmt Patienten von 8 Uhr morgens bis Mitternacht auf. Gandhi wohnt gleich nebenan, so dass sie zumindest für Essenspausen rasch nach Hause gehen kann.
Privat vs. öffentlich
Suradeep ist ein Privatspital, das leicht teurer ist als ein öffentliches Spital der Regierung, aber immer noch billiger als andere Spitäler in Mamallapuram.
"Patienten wählen das Spital aufgrund ihres sozio-ökonomischen Status und der angebotenen Behandlungen aus", erklärt Gandhi. "Mein Spital ist anders als etwa die Privatspitäler in Chennai. Dort muss man als Patient schon nur für die Registrierung eine Gebühr bezahlen, die zwischen 50 und 500 Rupien (1 bis 10 Franken) beträgt.
In den öffentlichen Spitälern der Regierung sind selbst Operationen meist gratis. Dagegen müssen laut der Ärztin Diagnosen wie Computertomographien (CT) bezahlt werden.
Das Suradeep Hospital ist auf Grundversorgung, einfachere Laboranalysen und Physiotherapie spezialisiert. Die meisten Leute, welche die Ärztin behandelt, sind Fischer oder Händler. Jährlich versorgt sie auch rund 500 Touristen, die meistens über Magen- sowie Hautprobleme klagen.
"Ich verrechne den Patienten, was sie bezahlen können. Fahrende behandle ich gratis, aber sie müssen die Medikamente bezahlen. Oder sie kriegen Gratismuster, die ich von den Pharmaunternehmen erhalte", berichtet sie.
Im Wartzimmer fällt auf, dass Patienten nur kleine Dosen der Medikamente erhalten statt eine ganze Packung, die dann teilweise weggeworfen werden muss, wie es bei uns oft geschieht.
"Wir bemühen uns, nur Originalmedikamente abzugeben", fährt Gandhi fort. Diese seien zwar teurer als Generika, aber sie wolle den Patienten die beste Qualität bieten. Und sie legt Wert auf vollständige Behandlung, besonders, wenn Antibiotika im Spiel sind. "Da darf man keinen Tag auslassen", sagt sie.
Medikamente für Arme
Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt in Indien rund 50'000 Rupien (875 Franken). Mehr als 40% der 1,2 Milliarden Inderinnen und Inder leben aber von weniger als 1,18 Franken pro Tag.
Eine Schachtel mit zehn Schmerztabletten kostet zwischen 4 und 43 Rappen. Teurere Medizin kostet dagegen bis 4 Franken für dieselbe Menge.
Medizin wird meist bar bezahlt. Andere verfügen über eine private Krankenversicherung, welche die Kosten der verschriebenen Medikamente übernimmt.
In einigen Bundesstaaten können sich Bedürftige auf Kosten des Staates behandeln lassen, Medikamente eingeschlossen.Infobox Ende
Zu teuer?
Obwohl sich einige keine Medikamente leisten können, ist Gandhi der Überzeugung, dass Medikamente generell nicht zu teuer sind.
"Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Medizin in Indien definitiv erschwinglich." Was die lokale Bevölkerung betreffe, sei die Regierung bei der Bezahlung der Rechnungen behilflich. "Die Preise in Indien sind vernünftig“, findet Gandhi.
In Bundesstaaten wie Tamil Nadu, wo Gandhi lebt, sind Medikamente für arme Patienten gratis, die an Diabetes, Herzerkrankungen und anderen chronischen Krankheiten leiden. Aufgabe der Ärztin ist es auch zu entscheiden, wer in den Genuss dieser Regelung kommt.
"In den Beratungen erkläre ich den Leuten, dass sie möglicherweise für den Rest ihres Lebens jeden Monat 300 Rupien für Medikamente bezahlen müssen. Falls dies ein Problem darstellt, verweise ich sie an ein staatliches Gesundheitszentrum."
Es gebe aber Kollegen, welche die Patienten nicht auf diese Möglichkeit aufmerksam machten. Dochder Vielarbeiterin ist es nie ums Geld gegangen. "Wir müssen unsere Aufgaben mit dem Herzen erledigen, es geht um Befriedigung, Hilfeleistung und Opfer, besonders bei uns Ärztinnen: Wir bringen grosse Opfer, gerade was das Familienleben angeht. Mein 20-jähriger Sohn hat oft gesagt, ich sei eine sehr gute Ärztin, aber eine schlechte Mutter."
Es ist 22 Uhr geworden. Auf die Frage, ob es sicher ist, um diese Zeit alleine zurück ins Hotel zu gehen, nickt sie. "Frauen können sich hier bis spät abends draussen aufhalten. Aber Vorsicht vor Hunden! Sie beissen manchmal Touristen, und wir haben hier ein Tollwut-Problem."
(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch