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Am Anfang war Christine de Pizan: Europas erste Berufsschriftstellerin, geboren 1364 und gestorben nach 1429, beendete 1405 «Das Buch von der Stadt der Frauen», die erste bekannte Schrift des Vorfeminismus. Konzipiert als Widerlegung der misogynen Schmähungen, die sich jahrhundertelang durch die Werke bekannter Dichter zogen, erfreute sich dieser literarische Einspruch zu Lebzeiten seiner Urheberin einiger höfischer Beliebtheit. Doch weil er noch vor Erfindung des Buchdrucks fertiggestellt worden war und lediglich in Abschriften zur Verfügung stand, geriet er in der Neuzeit weitgehend in Vergessenheit und wurde erst in den 1970er-Jahren im Zuge der Neuen Frauenbewegung wiederentdeckt, um in viele Sprachen übersetzt zu werden. Gleichwohl erreichte dieses Werk nie den Status, den es nicht nur aufgrund seines Erscheinungsdatums und seiner Entstehungsbedingungen, seines Gehalts und seiner Vision verdient.
Am Ende des Mittelalters verfasst, handelt das «Buch» davon, wie der Ich-Erzählerin, die von der kulturell tradierten Frauenfeindschaft ihrer Ära betrübt ist, plötzlich drei vornehme Damen erscheinen, die als Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit vorstellig werden. Sie beauftragen Christine, mit ihr eine Stadt zu erbauen, legen mit ihr das Fundament für diese, ziehen Gebäude hoch und räumen während dieser Tätigkeit mit dem Vorurteil auf, dass eine Hälfte der Menschheit dazu verdammt sei, nicht denken und nicht handeln zu können: «Wenn ein Mann Gefallen an der Beschimpfung des weiblichen Geschlechts findet, so liegt die Ursache hierfür in der gewaltigen Niedrigkeit der eigenen Gesinnung, handelt er doch wider die Vernunft und die Natur.» Als personifizierte Beweise für Würde und Innovationskraft tauchen etliche mystische und fiktive Frauen auf, so etwa die Königin von Saba; Debora, Judith und Rut; die Amazonenköniginnen Ortrere und Penthesilea; Circe und Kassandra; Isolde aus der Tristan-Legende oder auch Griselda aus Boccaccios «Decamerone»; aber auch viele reale Herrscherinnen und andere weltliche Gestalten, die es zu Einträgen in den historischen Chroniken gebracht hatten.
Mitte des «Buches» sind «unzählige Wohltaten, die der Welt durch Frauen zuteilwurden», in Erinnerung gerufen – und mehr. Denn 600 Jahre nach Fertigstellung dieses originellen Plädoyers werden Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit nicht nur als Allegorien kenntlich, mit denen Misogynie philosophisch und politisch zu kontern ist, sondern auch als drei wesentliche Pfeiler der Zivilisation. «Das Buch von der Stadt der Frauen» ist der beeindruckende Anfang des protofeministischen Bewusstseins in Europa und eine der unvergleichlichen frühen literarischen Arbeiten dieses Kontinents. Die hier errichtete Bastion gegen den Irrsinn inspiriert bis heute, immer wieder und stets aufs neue, was beweist, wie persistent sich manifeste Misogynie und Vorurteile halten.
Der Romanistin Margarete Zimmermann, die bereits in den 1980er-Jahren eine Übersetzung von Christine de Pizans bekanntester Schrift besorgte und das Werk nun nochmals und erneut hervorragend ins Deutsche übertragen hat, und dem AvivA-Verlag ist dafür zu danken, diesen Klassiker der Weltliteratur wieder verfügbar gemacht zu haben. Zu wünschen sind ihm viele neue Leserinnen, vor allem aber Leser – auf dass die Stadt in ihrem Geiste weiterwachse.