Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03159.jsonl.gz/1195

Als am 14. April 1912 die Titanic einen Eisberg rammt, bangt Richard Norris Williams II um sein Leben. Er hat Glück und wird gerettet, doch ein Arzt empfiehlt, die Beine zu amputieren. Mit Willen kämpft er sich zurück – und wird ein legendärer Tennisspieler.
Richard Norris Williams II ist nicht ohne Grund ein Mitglied der Hall of Fame des Tennis-Weltverbands. Der Amerikaner gewann die US Open, in Wimbledon und den Davis Cup. In Genf geboren und aufgewachsen war Williams massgeblich dafür verantwortlich, dass der Genève LTC 1911 die erste Interclub-Meisterschaft für sich entscheiden konnte. Keinen einzigen Satz gaben die Genfer in den Gruppenspielen und im Final gegen Basel ab. Williams habe die Zuschauer mit seinem Spiel zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Er galt als erster Star des Schweizer Tennis.
Ein Jahr später war er nicht mehr dabei, als Genf den Titel verteidigte. Gemeinsam mit seinem Vater Charles Duane reiste der 21-Jährige in die USA. Er sollte in Harvard studieren und in der Heimat der Eltern weiter Tennis spielen. Eine für den Februar geplante Überfahrt kam nicht zustande, weil Richard an den Masern erkrankt war.
Es ist April, als die Reise in Angriff genommen wird. Vier Tage, nachdem die zwei Erstklass-Passagiere im französischen Cherbourg an Bord der Titanic gestiegen sind, essen Vater und Sohn Williams mit dem Captain, Edward Smith, zu Abend. Sie liegen im Bett, als das Kreuzfahrtschiff zwanzig Minuten vor Mitternacht einen Eisberg rammt.
Vater Charles beruhigt den Sohn. Drei Jahrzehnte zuvor hatte er schon einmal ein Schiffsunglück überlebt. Die Titanic, so seine Prognose, würde selbst bei einem schweren Treffer noch mindestens zwölf bis fünfzehn Stunden über Wasser bleiben.
Aber die Vorhersage ist falsch. Während die beiden Williams sich um Frauen, Kinder und ältere Passagiere kümmern, beginnt der Luxusdampfer zu sinken. Als eine in ihrer Kabine eingeschlossene Person um Hilfe ruft und ein Steward die Türe nicht öffnen kann, drückt Richard Williams sie mit der Schulter ein.
Dass der Steward ihn wegen Beschädigung fremden Eigentums belangen will, verkommt zur Nichtigkeit. Denn mittlerweile bricht das Schiff auseinander. Charles und Richard Williams, die so vielen anderen in Rettungsboote geholfen haben, erkennen: Jetzt sind alle weg. Für sie ist keines mehr da.
Das Wasser in der finsteren Nacht ist eiskalt, unter Null Grad. Aber dem Tennisspieler und seinem Vater bleibt keine andere Wahl mehr, als zu springen, wenn sie ihr Leben noch irgendwie retten wollen. Aber noch bevor sie springen können, kracht ein grosser Schornstein des Schiffs zusammen. Er begräbt mehrere Passagiere unter sich. Richard Williams muss miterleben, wie die Trümmer auch seinen Vater erschlagen. Seine Leiche wird nie gefunden werden. Charles Williams ist eines von rund 1500 Todesopfern.
Richard Williams kämpft ums Überleben. Es gelingt ihm, zu einem umgekippten Rettungsboot zu schwimmen. Er kann sich wie andere Passagiere daran festklammern. Aber von der Hüfte an abwärts ist er im Wasser. Seine Körpertemperatur sinkt.
Da endlich naht Rettung. Die RMS Carpathia, ein anderes Passagierschiff, trifft knapp zwei Stunden nach dem Untergang bei der Titanic ein. Die Besatzung rettet Williams und die anderen, die sich mit letzter Kraft über Wasser halten können. Seine Beine spürt Richard Williams da schon lange nicht mehr, wie zwei gefrorene Klötze hängen sie an seinem Rumpf.
Der Schiffsarzt der Carpathia empfiehlt, was damals üblich ist: eine Amputation der Gliedmassen. Die lehnt Williams ab. Er gedenke, seine Beine auch künftig noch zu brauchen. Mit aller Kraft setzt er einen Fuss vor den andern, versucht das Blut in den Beinen wieder in Bewegung zu bringen. Williams bittet darum, seinen Flachmann auffüllen zu können. Whiskey, so hofft er, hilft von innen zu wärmen. Aber die Kellner bescheiden ihm, dass die Bar geschlossen sei. So bleibt der Flachmann leer.
Doch auch ohne Alkohol gelingt es dem jungen Mann aus Genf, wieder Leben in seine «tiefgefrorenen» Beine zu bringen. Als die Carpathia am 18. April, drei Tage nach dem Unglück, in New York einläuft, geht es Richard Norris Williams II schon wieder besser. Er nimmt sein Studium an der Harvard University auf und setzt seine Tennis-Karriere wie geplant fort.
Bloss drei Monate, nachdem er beim Untergang der Titanic beinahe sein Leben verloren hatte, nahm Williams an einem Turnier in Boston teil. Dort traf er – und jetzt wird es skurril – auf einen Gegner, der wie er von der Carpathia gerettet wurde und den er dort kennengelernt hatte: Karl Howell Behr. Eine grosse Nummer: Er spielte im amerikanischen Davis-Cup-Team und stand 1907 in Wimbledon im Doppel-Final. Später wurde auch Behr in die Ruhmeshalle des Tennis in Newport (Rhode Island) aufgenommen. Williams verlor diesen ersten Vergleich der beiden Titanic-Überlebenden vor 1500 Zuschauern. Dem «Boston Globe» war die Tatsache, dass die zwei Spieler erst kurz zuvor dem Tod von der Schippe sprangen, übrigens keine Zeile wert.
Williams Aufstieg ging weiter. Noch im gleichen Jahr gewann er an den US Open gemeinsam mit Mary Browne die Mixed-Konkurrenz. Und 1914, zwei Jahre nachdem er beinahe sein Leben im eiskalten Wasser des Atlantiks verloren hatte, stand Richard Norris Williams II im Final der US Open. Dort, wo sich heute die Hall of Fame befindet, traf er auf Maurice McLoughlin, der in den zwei Jahren zuvor den Titel errungen hatte. In einem epischen Final siegte Williams 6:3, 8:6 und 10:8. Es war sein grösster Erfolg.
Die «New York Times» schwärmte vom brillanten Spiel des Herausforderers, von einem «völlig überforderten Titelverteidiger» und nannte Williams Erfolg «eine der grössten Überraschungen seit Ewigkeiten». Er hatte den Ruf, ein unberechenbarer Spieler zu sein, der den Ball so hart wie möglich schlug und stets auf Winner aus war. Wenn es ihm wunschgemäss lief, war er mit dieser Spielweise nahezu unschlagbar.
Zwei Jahre später gewann der 1,80 m grosse Rechtshänder noch einmal die US Open, ehe er im Ersten Weltkrieg Dienst leistete. Nachdem dieser vorbei war, konnte Williams wieder zum Schläger greifen. 1920 gewann er im Doppel in Wimbledon, 1925 und 1926 siegte er in der Doppel-Konkurrenz der US Open. Dazwischen, 1924, wurde er in Paris an der Seite von Hazel Wightman Olympiasieger im Mixed. Und er gehörte fünf Mal dem US-Team an, das den Davis Cup in die Höhe stemmen durfte.
Ein ziemlich eindrückliches Palmarès für einen, dem noch wenige Jahre zuvor geraten wurde, die Beine zu amputieren. Williams, ein Ururenkel des amerikanischen Gründervaters Benjamin Franklin, wurde nach seiner Sportlerkarriere zu einem erfolgreichen Investmentbanker in Philadelphia.
Der Titanic-Überlebende, Grand-Slam- und Olympiasieger Richard Norris Williams II starb 1968 im Alter von 77 Jahren. Hollywood klopfte vergeblich bei der Familie an, um die aussergewöhnliche Biografie zu verfilmen. Sein Vater sei ein bescheidener Mann gewesen und keiner, der die Öffentlichkeit gesucht habe, begründete sein Sohn.