Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03201.jsonl.gz/997

Biographie und Sammlung Hospinian
Leonhard Hospinian wurde zwischen um 1505 als siebter Sohn des Untervogts Hans Wirth im zürcherischen Stammheim geboren. Sein Vater wurde 1524 als Protestant hingerichtet. Hospinian studierte Theologie in Wien (1520), Zürich (1521), Freiburg i.Br. (1522) und danach in Wittenberg, wo er 1524 seine Studien abschloss. In Zürich war er in Pension bei Zwingli und begleitete ihn 1528 an die Berner Disputation. Zwischen 1534 und 1536 war Hospinian als Lateinlehrer in Kempten und Stein am Rhein tätig, daran schloss sich 1537 eine Professur für Latein in Basel an. Kurz darauf arbeitete er wieder als Lateinlehrer, dieses Mal im Elsass und in Brugg. 1542 erwarb Hospinian das Basler Bürgerrecht und kaufte sich in die Zunft zum goldenen Schlüssel ein.
Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Hospinian 1541 die vermögende Buchdruckerwitwe Anna Meyer, die ihrerseits eine kleine Büchersammlung in die Ehe brachte. Nach der Hochzeit mit Anna Meyer verbesserte sich die wirtschaftliche Situation des Gelehrten, der 1537 durch Vermittlung von Bonifacius Amerbach ein Erasmisches Stipendium erhalten hatte. 1564 starb Leonhard Hospinian und vererbte seine Bibliothek seinem Schwiegersohn, dem Berner Münsterpfarrer und Dekan Johannes Fädminger. Dieser vermachte die Sammlung nach seinem Tod 1586 der „Bibliothek auf der Schule“, der heutigen Universitätsbibliothek.
Die Sammlung Hospinians umfasst 243 Bände, darunter zahlreiche Sammelbände, so dass sich die Anzahl der Titel auf 435 beläuft. Hospinian verwendete mit einer einzigen Ausnahme in einem frühen Besitzvermerk stets die latinisierte Form seines Namens. Der älteste Besitzvermerk ist aus dem Jahr 1517 und findet sich in einem juristischen Werk von Sebastian Brant.
Die Mehrheit der Drucke ist in lateinischer Sprache verfasst (376), weitere liegen in Griechisch, Italienisch oder Hebräisch vor. Lediglich drei Werke sind in deutscher Sprache verfasst. Circa ein Drittel der Sammlung Hospinian stammt aus Basler Druckereien. Auch die meisten Einbände stammen aus Basler Werkstätten – Hospinian kaufte seine Drucke häufig ungebunden und liess sie nach 1541 binden, nachdem er durch die Heirat mit Anna Meyer zu Vermögen gekommen war. Die Einbände sind mehrheitlich aus weissem Schweinsleder, oft verziert mit Stempeln, Rollen und Streicheisen in Blind-, selten in Goldprägung.
Thematisch repräsentiert die Sammlung das Gelehrtenwissen ihrer Zeit: Das durch den Humanismus angeregte theologische Interesse Hospinians zeigt sich an einer Vielzahl von Bibelausgaben, -übersetzungen und -kommentaren. Die theologische Literatur wird ergänzt durch die grossen Kirchenväter und Streitschriften. Zum Themenspektrum der Sammlung gehören auch Philosophie, Geschichte, Rhetorik und Philologie sowie naturwissenschaftliche Werke aus der Botanik und der Medizin.
Zur Sammlung der Universitätsbibliothek zählen fünf lateinische Inkunabeln und eine griechische. Die Ptolemäus-Kosmographie, 1482 von Leonhard Holle in Ulm gedruckt, gehört als Pergamentdruck zu den kostbarsten Stücken der Sammlung. Eine weitere Inkunabel ist der Homiliarius doctorum in einem Druck von Peter Drach in Speyer. Die Complutenser Polyglottenbibel (6 Bde., Alcalá de Henares, 1514-1517) gehört zu den kostbar ausgestatteten Werken der Hospinian-Sammlung.