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Yehuda E. Safran
ERZÄHLUNG IN FRAGMENTEN.
GEDANKEN ZUM WOHNUNGSBAU
Yehuda E. Safran
Ohne das Leben in der Vorstellung zu wiederholen, können wir nie ganz im Leben stehen. Wenn wir uns unsere Handlungen nicht im Voraus vorstellten, wie könnten wir überhaupt handeln?
Wenn wir uns unsere Handlungen nicht im Voraus vorstellten, wie könnten wir überhaupt handeln? Es wird im Allgemeinen gesagt, dass die Wirklichkeit das ist, was wirklich existiert, oder dass nur das, was existiert, auch wirklich ist. Tatsächlich ist aber genau das Gegenteil der Fall: Die wahre Realität ist, was wir kennen und was es nie wirklich gegeben hat. Das Ideal ist die einzige Sache, die wir mit Bestimmtheit kennen, und es hat mit Sicherheit nie existiert. Nur dank diesem Ideal können wir überhaupt irgendetwas wissen; folglich ist dies der Grund, weshalb nur das Ideal uns — einzeln oder im Kollektiv — durch das Leben führen kann. Und an welchem Ort, wenn nicht in der imaginierten Realität der Architektur, kann dies erprobt werden?
Es ist ein besonderes Ereignis, nach Zürich zu reisen, um einige neuere Bauten zu betrachten. Mit diesem Plan bin ich in Zürich angekommen, um die Arbeiten von Yvonne Rudolf und Andreas Galli zu sehen. Ihre zurückhaltenden, programmatisch ausgereiften Interventionen geben dem Besucher ein Gefühl von Absicht und Bestimmung. Es ist also keine Überraschung, dass sie im Wohnungsbau so viel Wertvolles erreichen konnten.
RHYTHMUS UND SEQUENZ
In einer Zeit, die sich gegenüber einem breiten Spektrum an möglichen Typologien geöffnet hatte, konnten Yvonne Rudolf und Andreas Galli eine Reihe unkonventioneller Wohntypen schaffen. Auf dem sogenannten Färbi-Areal, dem Grundstück einer früheren Textilfärberei in Schlieren, haben sie die von den Nachbarbauten inspirierte industrielle Typologie der grossen Volumen mit konventionelleren hochgezogenen Wohnhochhäusern kombiniert — dies in solchen Rhythmen und Sequenzen, dass alle im Gebäudekomplex angebotenen Wohnungskategorien davon profitieren [vgl. Abb. Färbi-Areal «Am Rietpark», Baufeld A2, Schlieren]. Mittels einer Anordnung von Innenhöfen und Terrassen in angemessener Höhe über dem Erdgeschoss entstand eine Raumfolge, die im Kontext weniger formal wirkt und so einen offensichtlichen Kontrast zu den bestehenden Aussenräumen und auch ein Gegengewicht zu den in sich schlüssigen Einheiten bildet. Diese Gestaltung steigert die Möglichkeiten einer ganz anderen, ungewohnten Auslegeordnung der Wohneinheiten. Um die Vielfalt, die Einfachheit, die Oberflächenstrukturen und die Farben der einzelnen Baukörper zu betonen, floss viel Aufmerksamkeit in die Materialwahl.
Zweifellos bietet das städtebauliche Gesamtkonzept für dieses Quartier im Limmattal mit seinen Parks und Strassen, für das allgemeine Parameter für Höhen und Proportionen bestimmt wurden, eine neue Möglichkeit städtischen Lebens im kleinen Massstab. Der Masterplan aus innovativen Gebäudetypen unterwandert den konventionellen Blockrand radikal. Mit ihrer Wahl der L-Figur für vier Baukörper artikulieren Galli Rudolf Architekten die Volumen durch ihr jeweiliges Programm, für das sie viele Möglichkeiten aufgezeigt haben. Als Resultat dieser Strategie haben die Architekten für sich und für andere die Möglichkeit geschaffen, ausserhalb einer Grossstadt in städtischer Dichte und in differenzierten Konfigurationen zu wohnen, was unsere Vorstellung eines städtischen Lebens tief greifend verändern kann.
Ähnlich wie in Italo Calvinos Geschichte Wenn ein Reisender in einer Winternacht ist in diesem Wohnkomplex die Erzählung fragmentiert und deshalb zu mancher Überraschung imstande. (1) Unerwartete Grundrisse, Aufrisse und Schnitte fordern ständig unsere Sehgewohnheiten heraus. Die Voraussetzungen städtischer Dichte erlaubten keine grossen Abstände, so konnte der Entwurf nicht auf solche setzen. Vielmehr hat der einst industriell genutzte Landstreifen die Komplexität und die längs gedehnte Figur des gesamten Entwurfs inspiriert. Die Variation von Höhen und Massen wiederum ist von der andersartigen Typologie motiviert. Die Möglichkeit einer neuen Form von Urbanität ist mit dem gegenüberliegenden Park und mit den zahlreichen kommerziellen und öffentlichen Nutzungen im Erdgeschoss gegeben. Diese immer noch vorhandene Heterogenität ist eine einzigartige und wesentliche Eigenschaft dieses Projekts.
All dies liegt innerhalb der strikten Vorgaben der Stadtentwicklungsgremien, der lokalen Behörden und der Entwicklergesellschaft — hier konnten die Architekten ihre Erkenntnisse und Wunschvorstellungen zu Ende führen. Sie haben regelrecht in ein Wespennest gestochen, indem sie keine steife geometrische Umrisslinie — oder ein anderes Regime — vorschrieben. Es scheinen sich grosse Teile dieser Anordnung wie von selbst zusammengefunden zu haben. Auch wenn hier viele rationale Entscheidungen getroffen wurden — es gibt jedenfalls zahlreiche Hinweise darauf —, so werden diese nicht zur Schau gestellt. Dies ist an sich schon eine Errungenschaft.
EIN WIRKUNGSVOLLER IMPULS
Nach dieser eindrücklichen Erfahrung im verstädterten Limmattal, knapp ausserhalb der Zürcher Stadtgrenze, kamen wir in einem Randbezirk von Winterthur an, auf dem Gelände der Giesserei, einer früheren Metallfabrik. Dort bot der neue Gebäudekomplex des Mehrgenerationenhauses für die Genossenschaft Gesewo einen denkwürdigen Anblick. [vgl. Abb. Mehrgenerationenhaus «Giesserei» Winterthur] Die 155 Wohnungen verschiedener Grössen, mit bis zu 13 Zimmern für Wohngemeinschaften, und gemeinschaftliche sowie einige kommerzielle Einrichtungen im Erdgeschoss bieten nicht nur Wohn-, sondern auch Lebensraum. Das Projekt erscheint besonders dann ausserordentlich, wenn man bedenkt, dass eine einzige Person, der Winterthurer Architekt Hans Suter, die Initiative startete und mit einer Zeitungsanzeige gleichgesinnte Familien und Einzelpersonen suchte, die an einer alternativen Wohnlösung interessiert wären — ohne eine Ahnung zu haben, wie gross das Projekt am Ende werden könnte.
Im letzten Jahrhundert gab es etliche architektonische Projekte, die durch ihre soziale und politische Programmatik zu etwas Einzigartigem geworden sind. Das Theater und Fun Palace in Londons East End, das Cedric Price zusammen mit der Theaterregisseurin Joan Littlewood entwickelt hatte, [vgl. Abb. Fun Palace, promotional brochure, 1964] und das Kulturzentrum SESC Pompeia in São Paulo von Lina Bo Bardi sind herausragende Beispiele dieser Art. Wenn es genügend innovative Elemente im Programm gibt, treibt eine grössere Kraft als der Formwille das Projekt an. Oder anders gesagt: Der Formwille löst einen wirkungsvolleren Impuls aus, als es ohne ein solches Programm der Fall wäre. Glanzleistungen sind ebenso selten wie schwierig. In diesem Projekt, das fast ganz aus Holz gebaut ist, lässt sich eine räumliche Ordnung ausmachen, die vom Kollektiv einer heterogenen Gruppe inspiriert ist, welche sich für den Bau einer grossen Arche Noah zusammengetan hat.
Dieser politische Wunsch, Raum gemeinsam zu nutzen, ist in der Konfiguration der Wohnungen offensichtlich: im Arrangement der einzelnen Zimmer für Gäste und grosse Familien oder auf den Balkonen, die so frei wie die inneren Korridore und Treppenhäuser begangen werden können. In diesem Sinn bildet der grosse Gemeinschaftsraum für Konzerte, Theateraufführungen und Diskussionen im Erdgeschoss das Herz des Projekts. Erwähnt werden soll auch die rund um die Uhr geöffnete «Pantoffelbar» mit einer grossen Dachterrasse im obersten Geschoss, wo Apéros und spontane Treffen stattfinden können, und von wo aus die Beteiligten eine Aussicht über die weite Landschaft um die Anlage herum geniessen können.
Diese entspannte und glückliche Atmosphäre beruht zu grossen Teilen auch auf der Präsenz endloser Rhythmen von vertikalen und horizontalen Holzstreifen in Rot und Grün, Grau und Weiss. Die Farben wurden sorgfältig von Produzenten ausgewählt, die eine natürliche Herkunft ohne chemische oder synthetische Zusätze garantieren. Solche Farben wurden sowohl für die Fassadenelemente wie auch für die Linienzeichnungen des Künstlers Pascal Seiler in den Treppenhäusern verwendet. Die verschiedenen Farbtöne der Fassade in Tiefrot und die nuancierten Grüntöne der beweglichen Paneele bezeichnen die unterschiedlichen statischen Funktionen und bilden ein Relief aus Überlappungen und Tiefenstrukturen. Hier triumphieren Einfallsreichtum und Erfindergeist. Die verhältnismässig einfachen Elemente sind so gestaltet, dass sie ein komplexes Muster der Repetition anbieten. Es ist Musik für die Augen. Es gibt Bewegung, ohne dass sich etwas bewegt, und Spielereien sind willkommen. Dies zeigt sich auch auf dem Spielplatz im Zentrum des Projekts und in den Hauseingängen und Treppenhäusern, die ungezwungene Kontakte ermöglichen. Der verschmitzte Humor und die Prise Ironie steigern den grossartigen Zauber des Ensembles noch mehr.
Wenn der Mathematiker und Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz über die Musik sagte, sie sei ein Zählen, aber ein unbewusstes, dann erklärt das Verhältnis von Zählen und Erzählen das so entstehende Muster, welches nahelegt, dass eine lokale Sprache eine «Anziehungskraft» auf die Struktur menschlicher Aktivität, von der Musik bis zur Architektur, ausübe. Wahrhaftig, der imaginierte Klang einer rhythmischen Bewegung des Körpers bestimmt im Innersten den Gebrauch der Sprache, wie auch sonst fast alles. Es ist ebenso schwierig wie selten, ein neues Konzept für Raum zu bestimmen. Architektur siegt mit ihrem Stolz über die Schwerkraft und verkörpert damit den Willen zur Macht. Es ist die Tendenz, dieser Schwerkraft zu widerstehen, die so viel von der Qualität einer architektonischen Intervention bestimmt. Selbstverständlich gibt es in dieser Kunst einen laufenden Austausch mit anderen Kulturen und Sprachen.
Es ist schwierig zu sagen, ob die Genossenschafter wussten, was sie bekommen würden, als das Projekt begann; es wäre für sie wohl schwierig gewesen, mit ihrem geistigen Auge in die Zukunft zu blicken. Nachdem sie aus nächster Nähe verfolgen konnten, wie das Projekt gebaut wurde, scheinen sie ihr zukünftiges Zuhause in höchstem Mass verinnerlicht und veräusserlicht zu haben — sie haben es offensichtlich sehr lieb gewonnen. Es bot ihnen eine erschwingliche Alternative, mit der sie sich identifizieren konnten. Es ist schwer zu glauben, dass all das mit einer kleinen Annonce in einer Lokalzeitung begann.
Nur selten entwickeln sich Projekte wie dieses hier im Lauf der Zeit zu solcher Reife. Es war sozusagen ein Akt der entwerferischen Voraussicht im Sinne von Cedric Price, da es ja kaum Vorbilder für diese spezifische Typologie gab. In jeder Hinsicht verdienen der Entwurf und das reale Projekt unsere Bewunderung. Cedric Price schrieb:
«Ein grösseres Bewusstsein von Architekten und Planern über ihren wirklichen Wert für die Gesellschaft könnte in der heutigen Zeit zu dem seltenen Vorgang führen, dass die Lebensqualität sich aufgrund eines architektonischen Vorhabens verbessert.»(2)
Man könnte die Errungenschaften von Yvonne Rudolf, Andreas Galli und ihren Mitarbeitern nicht treffender in Worte fassen.
Auf ihre eigene Art haben Yvonne Rudolf und Andreas Galli, zusammen mit ihren Mitarbeitern, eine eloquente Analogie oder, anders formuliert, einen «Locus Solus» geschaffen, indem sie eine neue Typologie und eine räumliche Ordnung eingeführt haben, die uns in einigen Interieurs an Adolf Loos’ «Raumplan» erinnert und so eine Möglichkeit für zeitgemässes Wohnen anbietet. Erinnerungen und die Geschichte unterstützen dies, und doch bleibt der Entwurf verhältnismässig autonom. Indem die Architekten ihre Erfindergabe in dieser Art einsetzen, tragen sie in bedeutender Weise zu unserer architektonischen Umwelt bei.
ERFINDUNG INNERHALB DER KONVENTION
Nicht nur an Wohnbauten, auch an Schulen haben Galli Rudolf ihre typologischen und programmatischen Eingriffe erprobt. Im Fall des grossen Baukörpers der Technischen Berufsschule Zürich aus den 1960er Jahren wurde die bestehende Struktur so umgebaut und renoviert, dass die ursprünglich eher undifferenzierte Struktur schliesslich in ein komplexeres und bedeutungsvolleres Verhältnis zum Innen- und Aussenraum wie auch zwischen Unten und Oben gesetzt wurde [vgl. Abb. Erneuerung Technische Berufsschule Zürich]. Im Erdgeschoss, wo die einstige Eingangssituation wenig einladend auf Studierende und Besucher wirkte, konnten die Architekten den Innenhof mit einer neu platzierten Kantine und einem Vorlesungs- und Aufführungssaal verbinden. In den öffentlichen Bereichen befinden sich raumhohe Wandzeichnungen des Künstlers Ingo Giezendanner, durch die rhythmische Verbindungen hergestellt werden. Die Oberflächen und Möblierungen wurden mit an die heutigen Bestimmungen adaptierten Glasbausteinen und dem originalen Stil des Baus nachempfundenen Sitzbänken aus Stein komplett erneuert. Sie schaffen eine ruhige Stimmung in den Schulräumen und Korridorzonen, wie sie für ein solches Schulhaus ideal ist. Es sind wohl der geschickte Umgang mit den Materialien und der wirtschaftliche Einsatz der Mittel, die diesem Projekt seinen Charakter geben, der durch das Spiel angemessener Intervalle von soliden Elementen und Zwischenräumen inmitten der emsigen Zürcher Innenstadt definiert ist.
Galli Rudolf Architekten haben sich in all diesen Projekten entschieden der schwierigen Aufgabe gestellt, mit dem architektonischen Entwurf eine innovative Antwort auf die Konventionen der Städteplanung zu geben. Auch wenn es nie ihre bewusste Absicht war, wird ihr Büro zunehmend mit experimentellen hybriden Typologien in Verbindung gebracht — eine allgegenwärtige Herausforderung auf dem Gebiet der Architektur. Es ist bewundernswert, dass sie dies mit so bescheidenen Mitteln und so bemerkenswerten Ergebnissen erreicht haben.
Yehuda E. Safran lebt zurzeit in New York, wo er das Potlach Lab und die gleichnamige Zeitschrift für Kunst und Architektur leitet und an der GSAPP der Columbia University lehrt. Sein Lebenslauf weist eine rege, internationale Lehr- und Vortragstätigkeit aus. Safran ist der Autor zahlreicher Aufsätze und Bücher, und er kuratierte Ausstellungen über Adolf Loos und Frederick Kiesler, zuletzt Adolf Loos: Our Contemporary, welche am CAAA Guimaraes in Portugal, am MAK in Wien und in der GSAPP Ross Gallery der Columbia University gezeigt wurde.
(1) Italo Calvino, If on a Winter’s Night a Traveler, San Diego, CA: Hartcourt Brace & Company 1982.
(2) Cedric Price, «Life-Conditioning», in: The Square Book. West Sussex: John Wiley & Sons 2003, p. 19 (originally published in Architectural Design, October 1966).