Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03433.jsonl.gz/704

Alexander Solschenizyn war ein russischer Schriftsteller und Systemkritiker. 1970 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. In seinem Hauptwerk «Archipel Gulag» beschrieb er aus eigner Erfahrung das System der Verbannung und Verbrechen zur Zeit des Stalinismus. Nach dessen Veröffentlichung wurde er 1974 aus der Sowjetunion ausgewiesen. 1994 kehrte er nach Russland zurück und wurde zu einer Leitfigur der neuen Politik seines Heimatlandes.
Alexander Issajewitsch Solschenizyn wurde am 11. Dezember 1918 in Kislowodsk in der Oblast Terek geboren. Sein Vater, ein Kosak, starb vor Alexanders Geburt. Weil seine Mutter sehr krank war, wuchs er hauptsächlich bei seinen Grosseltern auf, die ihn mit dem orthodoxen Glauben sowie russischen Sitten und Gebräuchen vertraut machten.
1924 zog seine Mutter nach Rostow am Don, wo Alexander die Schule besuchte. Bereits mit neun Jahren hatte er den Wunsch, Schriftsteller zu werden. 1936 schloss er die Schule ab und studierte an der Universität von Rostow Mathematik und Physik, weil er sich ein Literaturstudium in Moskau nicht leisten konnte. Von den Anschauungen und politischen Orientierungen Lenins war Solschenizyn begeistert und diese prägten seine späteren Einschätzungen des Stalinismus.
Am 7. April 1940 heiratete er die Chemikerin Natalja Alexejewna Reschetowskaja.
1941 wurde er zum Kriegsdienst einberufen. Er nahm als Batteriechef einer Artillerieeinheit in einer Schallmesstruppe im Juli 1943 an den Schlacht bei Kursk, 1944 an der Operation Bagration und 1945 und der Weichsel-Oder-Operation in Ostpreussen teil. Seine Erlebnisse als Offizier während der Eroberung Ostpreussens verarbeitete er in Gedichtform im Band «Ostpreussische Nächte» und als Erzählung in «Schwenkitten ’45». Für seine Verdienste wurde er mit dem Orden des Grossen Vaterländischen Krieges und dem Orden des Roten Sterns ausgezeichnet.
Im Februar 1945 wurde Alexander Solschenizyn an der Front durch die militärische Spionageabwehr verhaftet und in das Moskauer Lubjanka-Gefängnis überstellt, weil er in Briefen an einen Freund Kritik an Stalin geübt hatte. Ohne Gerichtsverhandlung wurde er zu acht Jahren Haft und «ewiger Verbannung» verurteilt. Zunächst wurde er in einem Sonderlager des Gulag für Wissenschaftler untergebracht, wo er den ebenfalls inhaftierten Lew Kopelew kennenlernte. Seine Erfahrungen in diesem Sonderlager verarbeitete er 1968 in dem Roman «Der erste Kreis der Hölle». Da er sich weigerte, die Arbeitsauflage zu erfüllen, sich mit vorgegebenen wissenschaftlichen Themen zu beschäftigen, wurde Solschenizyn in das Lager Ekibastus in Kasachstan verlegt, wo politische Gefangene inhaftiert waren. Dort arbeitete er in der Giesserei.
Der ehemalige Atheist und Anhänger des Kommunismus, beschrieb in seinem Roman auch die eigene geistige Entwicklung durch die Leiden und Erfahrungen mit Hunger, Aufständen, Schikanen und unerfüllbaren Arbeitsnormen in dieser Zeit und bekannte sich später nachdrücklich zum orthodoxen Christentum.
1951 erkrankte Solschenizyn ein erstes Mal an Krebs. Die Operation verlief erfolgreich und es bestand Hoffnung auf eine vollständige Genesung. Metastasen gebildet hatten. 1952 liess sich seine Frau Natalja, zunächst im gegenseitigen Einverständnis, von ihm scheiden, um weiteren staatlichen Repressionen zu entgehen. Danach wandte sie sich aber von ihm ab und ging eine Verbindung mit Wsewolod Somow, dem neuen Assistenzprofessor ihres Institutes, ein.
Im Februar 1953 wurde Solschenizyn aus der Lagerhaft entlassen und trat die Verbannung an. Als Verbannungsort war ihm das Dorf Berlik im Rajon Terek in Kasachstan zugewiesen. Kurz nach seiner Ankunft dort erfuhr er vom Tod Stalins am 5. März 1953. Trotz seiner Freude hielt er sich aber bedeckt. Nachdem er anfangs als politischer Häftling keine Anstellung finden konnte, erhielt er schliesslich eine Stelle an der Dorfschule, wo er Mathematik, Physik und Astronomie unterrichtete.
Im Dezember des gleichen Jahres musste er sich einer erneuten Krebsoperation unterziehen, weil sich in seiner Bauchhöhle ein faustgrosser Tumor gebildet hatte. Die Bestrahlungen in Taschkent zogen sich bis 1955 hin und trotz einer Chance von weniger als 30 % überlebte er die Behandlung. Seine Erfahrungen verarbeitete er im Roman «Krebsstation».
1957 wurde die Verbannung aufgehoben und Solschenizyn wurde offiziell rehabilitiert. Er zog nach Rjasan, einer Stadt rund 200 km südöstlich von Moskau am Fluss Oka, wo er als Lehrer an der regionalen Oberschule tätig war. Seine ehemalige Frau Natalja und er näherten sich wieder an und heirateten ein zweites Mal. Die Jahre waren von grossem Arbeitseifer geprägt. Solschenizyn sah es als seine Aufgabe an, den zum Schweigen Gebrachten eine Stimme zu geben und sie so vor dem Vergessen zu bewahren. Oft zog er sich in die Einsamkeit zurück, um ungestört zu schreiben. Seine Frau unterstützte ihn dabei und ermöglichte es ihm, seine berufliche Tätigkeit als Lehrer zugunsten seiner literarischen Arbeit zu reduzieren.
1962 verfasste er eines seiner bekanntesten Werke, die Novelle «Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch» über den grausamen Lageralltag eines Gefangenen in einem sowjetischen Arbeitslager und eine Auseinandersetzung mit dem stalinistischen System. Er begann, hauptberuflich als Schriftsteller zu arbeiten und wurde im September 1962 vom damaligen sowjetischen Machthaber Nikita Chruschtschow, der das System reformieren wollte, in dessen Datscha am Schwarzen Meer eingeladen. Chrustschow erlaubte Solschenizyn, das Buch «August 14» über die Geschichte Russlands zur Zeit des ersten Weltkriegs zu veröffentlichen.
1967 lancierte Solschenizyn am 4. Schriftstellerkongress der UdSSR einen Aufruf zur Abschaffung der Zensur. Er wurde daraufhin mit der Begründung aus dem Verband ausgeschlossen, weil er ohne Genehmigung im Ausland publiziert habe. In den Folgejahren arbeitete er weiter am Thema «Archipel GULAG». Ende der 1960er Jahre wurde er von seinem Freund, dem berühmten Cellisten Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch, in dessen Datscha grosszügig aufgenommen. Rostropowitsch, der Solschenizyn auch durch offene Briefe an Zeitungen wie die Prawda zu verteidigen suchte, fiel schliesslich selbst in Ungnade und musste die Sowjetunion 1974 verlassen.
1970 wurde Alexander Solschenizyn mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, was in offiziellen Kreisen der Sowjetunion vor dem Hintergrund der damals aufgeladenen politischen Stimmung zwischen «Ost» und «West» als Provokation empfunden wurde.
1972 liessen sich Solschenizyn und seine erste Frau Natascha zum zweiten Mal scheiden und 1973 heiratete er Natalja Dmitrijewna Swetlowa, eine Mathematikerin, die einen Sohn aus einer früheren Ehe mitbrachte. Das Paar bekam drei Söhne: Jermolai (* 1970), Ignat (* 1972) und Stepan (* 1973).
Noch vor der Veröffentlichung des ersten Bandes von «Archipel Gulag» über das Lagerssystem der Stalinzeit gelangte der sowjetische Geheimdienst KGB durch eine «Vertraute» in Solschenizyns Arbeitsumfeld an ein Exemplar des Manuskripts. Daraufhin wurde das Buch im «Samisdat», einer damals gängigen Form der Verbreitung systemkritischer Schriften in Form von Kopien, die über nichtoffizielle Kanäle weitergegeben wurden, veröffentlicht.
Am 13. Februar 1974 wurde Solschenizyn verhaftet, wegen Landesverrats angeklagt und am nächsten Tag aus der Sowjetunion ausgewiesen und nach Deutschland ausgeflogen. Dort wurde er von Heinrich Böll aufgenommen. Nach kurzer Zeit zog er in die Schweiz, wo er in Sternenberg im Ferienhaus des damaligen Zürcher Stadtpräsidenten Sigmund Widmer lebte. Während dieser Zeit erschien der zweite Band der Trilogie «Archipel Gulag» und weitere Schriften. 1976 siedelte die Familie nach Cavendish im US-Bundesstaat Vermont über und es erschien der dritte Band.
Nach seinem Amtsantritt im März 1985 stiess Michael Gorbatschow Glasnost und Perestroika an. Ab 1986 wurden viele Oppositionelle teils postum rehabilitiert. Solschenizyn wurde 1989 wieder in den sowjetischen Schriftstellerverband aufgenommen und bekam seine sowjetische Staatsbürgerschaft 1990 zurück. Am 27. Mai 1994 kehrte Alexander Solschenizyn nach Russland zurück und wurde zu einem entschiedenen Befürworter der neuen Politik und zu einer Leitfigur der national denkenden Kräfte Russlands. 1997 wurde er in die Russische Akademie der Wissenschaften aufgenommen.
Obwohl er im Ausland aufgenommen worden war, blieb Russland seine geistige Heimat und er war immer davon überzeugt, eines Tages in sein Vaterland zurückzukehren. Darum bemühte er sich auch nicht, die englische Sprache zu lernen und in den USA heimisch zu werden. Von politischen Kräften fühlte er sich im Rückblick eingenommen. Dieses Thema nahm er in seinem Werk «Zwischen zwei Mühlsteinen» auf.
Die moralische Erneuerung in Russland kritisierte er als zu langsam voranschreitend. Gorbatschow kritisierte er wegen des «sinnlosen Machtverzichts» als politisch naiv, unerfahren und verantwortungslos. Die Entwicklung unter Jelzin lehnte er ab, weil er diesen für die damals desolaten Verhältnisse verantwortlich machte. Durch die Begeisterung des Westens fühlte er sich bestätigt und verarbeitete die Kritik in seinem Buch «Russland im Absturz».
Den Einfluss der USA sah Solschenizyn als verhängnisvoll an und kritisierte den «zynischen Pragmatismus», der zum Verlust des Vertrauens in die demokratischen Ideale beitrage. Als besonderes, Russland nachhaltig prägendes Ereignis bezeichnete er die völkerrechtswidrigen Angriffe von NATO-Staaten auf Jugoslawien im Krieg um Kosovo im März 1999. Mit besonderer Sorge betrachtete er die Entfremdung zwischen Russland und den mit Russland früher verbundenen Ländern, insbesondere der Ukraine. Er kritisierte den spaltenden und schädigenden Einfluss des Westens 2007 im deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel»: «Dazu kamen die Versuche der NATO, Teile der zerfallenen UdSSR in ihre Sphäre zu ziehen, vor allem – was besonders schmerzlich war – die Ukraine, ein mit uns eng verwandtes Land, mit dem wir durch Millionen familiärer Beziehungen verbunden sind. Diese könnten durch eine militärische Bündnisgrenze im Nu zerschnitten werden.“
Mit Präsident Wladimir Putin traf sich Alexander Solschenizyn einige Male – letztmals 2007 - zu Gesprächen über das Schicksal und die Grösse Russlands sowie aktuelle Entwicklungen.
Alexander Solschenizyn starb am 3. August 2008 im Alter von 89 Jahren in seinem Moskauer Haus und im Kreis seiner Familie an den Folgen eines Schlaganfalls. Er hinterliess seine Witwe und die drei Söhne. Die Beisetzung fand am 6. August 2008 im Moskauer Donskoi-Kloster statt.
Felix Werner

Alexander Solschenizyn nach der Entlassung aus der Lagerhaft (1953)
Alexander Solschenizyn auf einem Spaziergang mit Heinrich Böll (1974)
Präsident Wladimir Putin zu Gast bei Alexander Solschenizyn (2000)