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Baugeschichte der Klosteranlage
Die Geschichte Schaffhausens vor der Stadtgründung Mitte des 11. Jahrhunderts liegt noch weitgehend im Dunkeln. Verschiedene archäologische Funde und der Bau der heutigen Stadtkirche St. Johann um 1000 lassen bereits auf die Existenz einer bescheidenen Siedlung schliessen.
Die Entwicklung Schaffhausens vom Flecken zur Stadt ist eng mit den Grafen von Nellenburg verknüpft. Diese hatten die geographische Bedeutung des Areals als Umschlagplatz von Waren erkannt. Denn um den Rheinfall zu umgehen, mussten die auf dem Rhein transportierten Güter umgeladen und auf der Strasse bis unterhalb des Rheinfalls transportiert werden. Hier bestand die Möglichkeit, Abgaben und Zölle zu erheben.
Nachdem im Jahre 1045 der deutsche König Heinrich III. Graf Eberhard von Nellenburg das Münzrecht für die "villa Scâhusun" verliehen hatte, entwickelte sich Schaffhausen zu einer bedeutenden Siedlung.
Das Eigenkloster von Ita und Eberhard von Nellenburg (Allerheiligen I, 1049 bis 1064)
Als Gründungsdatum des Klosters gilt das Jahr 1049. Am 22. November weihte Papst Leo IX. den Bauplatz zwischen Stadt und Rhein samt einem Altar. 1064 war der Bau des nellenburgischen Eigenklosters vollendet. Es wurde dem Salvator, dem heiligen Kreuz, der Gottesmutter Maria und allen Heiligen geweiht. Als Baumeister ist der nellenburgische Hofkaplan Luitpald überliefert.
Die Kirche bestand aus einer dreischiffigen Basilika mit einem Dreiapsidenchor, einem Querhaus und einer Doppelturmfassade im Westen. Dort war dem Sakralbau ein Innenhof mit einem Tor vorgelagert, das von zwei Kapellen flankiert wurde. Über dieser Toranlage befand sich möglicherweise die nellenburgische Pfalz, einer der Wohnsitze der Familie. Vorbild waren Kirchenbauten aus dem cluniazensischen Burgund.
Gegen Süden angebaut befanden sich die Klosterbauten, die aus einem Kreuzgang, aus den zweiflügeligen, zweigeschossigen Konventsgebäuden sowie aus Ökonomiegebäuden bestanden. Von dieser Anlage sind als älteste bestehende Bauten Schaffhausens die Johanneskapelle und ein Teil der jetzigen Südwand des Kreuzganges erhalten, die früher die rheinseitige Aussenwand des Klosters bildete.
Blüte als Dynastenkloster (Allerheiligen II, 1064 bis vor 1090)
1067 stärkte Graf Eberhard seine Herrschaft in Schaffhausen: Er erhielt einerseits von Papst Alexander II. umfassende Schutz- und Herrschaftsrechte für das Kloster, andererseits bekam der Graf von König Heinrich IV. Jagd- und Fischereirechte. Allerheiligen wurde nunmehr (an Stelle der Reichenau) zur neuen Grablege der Stifterfamilie und erfuhr verschiedene Um- und Anbauten. So wurde die Klosterkirche um einen dritten, zentralen Turm im Westen, eine neue Chorpartie mit im Chorscheitel angebauter Aussenkrypta als Bestattungsraum und einen anschliessenden Kreuzhof erweitert. Zu diesen Ausbauten gehörte auch der Ostflügel der Konventsgebäude mit dem Kapitelsaal der Mönche im Erdgeschoss und einem Schlafsaal mit Latrinen im Obergeschoss. Im Westen, beim Klostertor, kam ein zweigeschossiges Haus für Gäste und Laienbrüder hinzu.
Eberhard trat nach 1075 in sein Kloster ein und starb dort 1078 oder 1079. Er wurde in der neuen Aussenkrypta bestattet.
Das fünfschiffige Münster wird geplant (Allerheiligen III, um 1090)
Im Investiturstreit, der zwischen 1075 und 1122 tobenden Auseinandersetzung zwischen Kirche und weltlicher Macht um das Recht der Amtseinsetzung von Geistlichen, verzichtete der papsttreue Graf Burkhard von Nellenburg, der Sohn und Erbe Eberhards, 1080 auf all seine Rechte. Das Kloster wurde direkt dem Papst unterstellt und erhielt den beträchtlichen Grundbesitz der Familie, die freie Abtwahl und das Markt- und Münzrecht der Stadt Schaffhausen. Der Abt wurde damit zum neuen Stadtherrn. Burkhard blieb weiterhin Klostervogt und bewegte den Hirsauer Abt Wilhelm, mit einigen Mönchen nach Schaffhausen zu kommen, um das Kloster nach dem Vorbild von Hirsau zu reformieren. Unter Abt Siegfried, einer der Stützen der Reformbewegung im Bodenseeraum, gewann Allerheiligen an Ansehen und erlebte mit der Stadt einen Aufschwung. Um 1090 wurde die nellenburgische Memorialanlage abgerissen, um einem grösseren Münster Platz zu machen. Der neue Kirchenbau kam neben der alten Anlage zu stehen, so dass diese bis zur Fertigstellung des Neubaus weiter benutzt werden konnte. Auf Grund von Konflikten innerhalb des Klosters wuchs der Kirchenbau allerdings nicht über die Fundamente hinaus.
Neubau als Hirsauer Reformkloster (Allerheiligen IV, nach 1090 bis frühes 12. Jh.)
Über den bestehenden Fundamenten wurde das heutige, verkleinerte Münster errichtet, das nur noch aus drei Schiffen und einem Querhaus bestand. Die Bauarbeiten begannen im Chor und waren 1095 fertig gestellt. In einer zweiten Etappe folgte das Schiff, das in den ersten Jahren nach 1100 vollendet wurde. Nach einem Bauunterbruch wurde unter dem 1099 gewählten Abt Adalbert von Messingen um 1105 das Münster mit seiner grossen Vorhalle errichtet. Auch die Arbeiten am Konventsgebäude, die um einen gegenüber dem ersten Kloster viermal grösseren Kreuzgang weitgehend neu erstellt worden waren, kamen zum Abschluss. An den Kapitelsaal wurde im Osten eine Marienkapelle (die heutige Münsterkapelle) angebaut, die als Friedhofskapelle für den vor dem Chor des Münsters gelegenen Mönchsfriedhof diente. Im Westen errichtete man die Alte Abtei als Wohnsitz des Abtes.
Spätromanischer Ausbau (Allerheiligen V, um 1150 bis um 1250)
Nach der Zeit der Nellenburger, Burkhard von Nellenburg war 1101/02 verstorben, erlebten Kloster und Stadt ein ruhigeres Wachstum. Um 1150 erhob Abt Ullrich eine Kollekte für den Bau des Münsterturms. Um den heutigen Kräutergarten entstanden die Gebäude des Spitals und des Noviziats. Der Alten Abtei wurde eine Loggia angefügt, die Johanneskapelle wurde eingewölbt, und in ihrem Obergeschoss entstand eine weitere Kapelle. Die kunstvoll verzierten halbrunden Bogenfelder (Lünetten), die sich ursprünglich an dieser Oberkapelle befanden, gehören zu den bedeutendsten Beispielen romanischer Bauplastik im Kloster und sind im Museum ausgestellt. Schliesslich erhielt die Abtei mit der Erhards- und Michaelskapelle zwei neue Sakralräume sowie ein Beginenhaus.
Spätgotisches Anknüpfen an die glanzvollen Anfänge (Allerheiligen VI, 15. Jh. bis 1524)
Nach Jahren des wirtschaftlichen und politischen Niedergangs des Klosters versuchten die Äbte im 15. Jh. wieder an die glorreichen Anfänge des Klosters anzuknüpfen. Unter Abt Berchtold Wiechser entstand 1465 das Bindhaus (die Küferei) über dem grossen Weinkeller. Abt Dettikofer liess 1484 die Neue Abtei über dem Klostertor errichten, die mit einem doppelstöckigen Gang zur Alten Abtei verbunden wurde. 1496 erneuerte Abt Heinrich Wittenhan den Südflügel der Konventsbauten, errichtete den noch heute bestehenden spätgotischen Saal des Winterrefektoriums und versah den dortigen Kreuzgangarm mit gotischen Masswerköffnungen. Michael Eggensdorfer schliesslich, der letzte Abt des Klosters, baute 1521/22 die alte Marienkapelle zur Annakapelle um. Zudem entstanden die kleine Friedhofskapelle nördlich der Annakapelle (die heutige Oswaldkapelle) und ein neues Konventshaus mit Mönchszellen anstelle des alten Spitals.
1524 wurde die Abtei in ein Chorherrenstift umgewandelt und die Münsterkirche zur zweiten städtischen Hauptkirche. 1529 setzte sich schliesslich auch in Schaffhausen die Reformation durch. Die funktionslos gewordenen Konventsgebäude wurden in der Folge als Wohnhäuser umgenutzt. Im Winterrefektorium quartierte man 1543 die deutsche Knabenschule ein. 1541 verlegte der Rat den städtischen Friedhof von der Stadtkirche St. Johann in den ehemaligen östlichen Klostergarten, und auch der Kreuzgarten wandelte sich 1577 bis 1874 zum Friedhof für die privilegierte Oberschicht.
Quellen:
Kurt Bänteli, Hans Peter Mathis: Das ehemalige Kloster zu Allerheiligen in Schaffhausen, Schweizerische Kunstführer GSK Nr. 76, Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (Hrsg.), Bern 2004
Kurt Bänteli, Rudolf Gamper, Peter Lehmann: Das Kloster Allerheiligen in Schaffhausen, Schaffhauser Archäologie Band 4, Baudepartement des Kantons Schaffhausen, Kantonsarchäologie, Schaffhausen 1999
Quelle: Kurt Bänteli, Hans Peter Mathis: Das ehemalige Kloster zu Allerheiligen in Schaffhausen, Schweizerische Kunstführer GSK Nr. 76, Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (Hrsg.), Bern 2004.