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Tanzeinlagen im Unterricht gelten in der Regel als Ausdruck von Unaufmerksamkeit, sie werden teilweise sogar als ein Anzeichen für ADHS pathologisiert. Durch den besonders im Bereich Schule vorherrschenden Negativblick auf Populärkultur bleiben jedoch die Traditionen und Inhalte von solchen Formen der Zerstreuung unverstanden. Am Beispiel der Adaption des Harlem Shake durch Berliner Hauptschüler*innen schildert Stefan Wellgraf die genrespezifischen Muster, die kulturelle Komplexität und die eigenwilligen Adaptionsweisen eines besonders erfolgreichen Tanz-Memes.
9.7.23
«Dem muss aber langweilig gewesen sein» – mit Bemerkungen solcher Art kommentierten Schüler*innen während meiner Feldforschung in Berlin-Neukölln[i] deviante Verhaltensweisen ihrer Mitschüler*innen, die von «Herumblödeln» bis zur scheinbar grundlosen Zerstörung der Schuleinrichtung reichten. Gelegentlich fügten sie noch ein besonders akzentuiertes «sehr langweilig» hinzu, um das beträchtliche Ausmass des Normbruchs aus der negativen Wahrnehmung des Schulbetriebes heraus verständlich zu machen. Die Grenzen zwischen Langeweile und Kurzweile, zwischen der Aufmerksamkeit und der Zerstreuung in der Schule werden seit dem 19. Jahrhundert in pädagogischen Diskursen mithilfe wertender Zuschreibungen markiert, doch erweisen sie sich in der schulischen Praxis immer wieder als fliessend und brüchig.[ii] In dieser Zeit entstand mit dem «Aufstieg der Massenkultur»[iii] ein Gegenmodell zum strengen Disziplinarregime der Schule, das gleichsam auf der sich allmählich durchsetzenden zeitlichen Differenzierung zwischen Arbeitszeit und Freizeit basierte. An der von mir untersuchten Berliner Schule – ich nenne sie Galilei-Schule – wurde diese Trennung beständig unterlaufen: Auch aufgrund eines Übermasses an Langeweile wurde die untersuchte Schule zur Arena populärkultureller Formen der Zerstreuung.
Dazu gehörte unter anderem der Harlem Shake, ein Tanz-Meme, das Anfang des Jahres 2013 unter Jugendlichen kursierte. Die Bezeichnung Harlem Shake bezog sich ursprünglich auf eine im gleichnamigen New Yorker Stadtteil zu Beginn der 1980er Jahre entstandene Variante des Breakdance. Harlems Ruf als legendäres kulturelles Zentrum und musikalische Innovationsstätte afro-amerikanischer Kultur und Musik reicht von der «Harlem Renaissance» der 1920er und 30ern über den «Cool Jazz» der 1940er und 50er bis zur Entstehung der Hip-Hop-Kultur in den 1970er und 80er Jahren. Gleichzeitig galt Harlem lange als Inbegriff des US-amerikanischen «Ghettos» und steht somit symbolisch sowohl für Prozesse sozialräumlicher Ausschliessung als auch für afro-amerikanische Solidarität und «Black Power». Diese Traditionen schwingen untergründig auch im Harlem-Shake-Meme noch mit, sie ermöglichen vor allem (post)migrantischen Jugendlichen in Berlin eine imaginäre Verbindung zu Harlem in Form einer kulturellen Wahlverwandtschaft herzustellen.
Das Tanz-Meme wurde durch ein etwa eine halbe Minute langes Video ausgelöst, welches der Internetkomiker Filthy Frank im Februar 2013 auf YouTube veröffentlichte.[iv] Darin wurden Auszüge aus dem Song «Harlem Shake» des amerikanischen DJs Baauer verwendet und um eigentümliche Tanzbewegungen ergänzt. Vier junge Männer in knalligen Ganzkörperkostümen führten dabei einen durch rhythmisches Zurückreissen der Schultern und gleichzeitige Stossbewegungen der Hüften gekennzeichnete Tanzbewegungen vor, die nur noch lose an den afro-amerikanisch geprägten Harlem Shake der 1980er Jahre erinnerten. Tatsächlich kopiert wurde aber weniger dieses Video, sondern eine Videoreaktion australischer Jugendlicher auf Filthy Franks Version. Das sich daraufhin verbreitende Harlem-Shake-Meme basiert auf einer relativ festen, jedoch an diverse Umstände und Räumlichkeiten anpassbaren Grundstruktur. In der Regel befindet sich eine Gruppe von Menschen für 15 Sekunden in einer scheinbar banalen Alltagssituation, häufig in Büros oder Arbeitsumgebungen, manchmal jedoch auch an ungewöhnlichen Orten und in schrillen Kostümen. Mit dem Einsetzen des Basses und der programmatischen Textzeile «do the Harlem Shake» beginnen sie dann plötzlich «auszuflippen», indem sie für weitere 15 Sekunden zappelnde und hüpfende Tanzbewegungen aufführen.
Bis zum 15. Februar 2013, also nur zwei Wochen nach der Veröffentlichung von Filthy Franks Version, kursierten bereits 40.000 Versionen des Harlem Shake online. Eine Grandma Edition erhielt innerhalb von drei Tagen mehr als eine Million Aufrufe. Aufmerksamkeit fanden zudem Adaptionen von US-amerikanischen Celebrities, von Homer Simpson, über CNN-Redakteure bis zu Basketball- und Footballteams. Eine besonders prominente Parodie des Harlem Shake präsentierte Justin Timberlake während der TV-Show Saturday Night Live. Spätere Interpretationen des Harlem Shake waren also nicht notwendigerweise von der Originalversion inspiriert, sondern von einer Vielzahl intertextuell miteinander verknüpfter Adaptionen. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb kam es zu juristischen Auseinandersetzungen ums Urheberrecht. Mittlerweile hat sich durch den Aufstieg von Tiktok nicht nur das Genre des Tanz-Memes in der digitalen Ökonomie etabliert, auch deren kulturelle Bedeutung und mediale Verbreitung hat dadurch weiter zugenommen.
Der Harlem Shake und ähnliche Tanzeinlagen, wie der damals beliebte Gangnam Style, wurden von Berliner Hauptschülern zu zahlreichen Gelegenheiten aufgeführt. Das akustische, semantische und gestische Potenzial der popkulturellen Vorlagen wurde zur eigenmächtigen Unterhaltung und zu trotzigen Boykottierungen des Schulbetriebs eingesetzt. Zwei Versionen des Harlem Shake wurden von den Schülern der zehnten Klasse aufgenommen und zwischenzeitlich auf Videoplattformen hochgeladen. Die erste Version spielt in der Jungen-Umkleidekabine der Schulturnhalle: Die Schüler sitzen zunächst demonstrativ unbeteiligt herum, doch die anschwellende Musik und die Hüftstossbewegungen eines auf eine Bank gekletterten Jungen mit einer Gesichtsmaske deuten bereits das Inferno der kommenden 15 Sekunden an, bei dem die Schüler wild herumtanzen und sich dabei teilweise ihre T-Shirts vom Körper reissen. Ähnlich ist auch die zweite Version aufgebaut, die auf der Schultoilette aufgenommen wurde. Die Jungen stehen dort zunächst in einer Reihe an den Pissoiren, nur einer von ihnen macht bereits Stossbewegungen mit der Hüfte und greift sich dabei lasziv an den Hintern. Nach 15 Sekunden startet auch hier plötzlich eine obszön wirkende Party mit verschiedenen Rollen: einer führt eine Art Masturbationstanz auf, andere steigen auf die Pinkelbecken oder bespringen sich gegenseitig. Die Schüler hatten eine speziell für die Produktion von Harlem-Shake-Adaptionen ausgerichtete Handy-App verwendet, sie folgten durch dieses technische Mittel den populärkulturellen Konventionen der Harlem-Shake-Memes. In ihrer ausgestellten Freakhaftigkeit wirkten die Tanzbewegungen dennoch präzise vorbereitet und die Teilnehmer sorgsam choreografiert.
Die Schüler – es nahmen nur junge Männer teil – wählten nach eigenen Angaben bewusst Orte innerhalb der Schule, die provokant, auffallend und ungewöhnlich waren, an denen man aber auch «ungestört Spass haben» konnte. Zwei als beliebt geltende Jungen waren die Hauptinitiatoren, sie machten in den Tagen zuvor auf den Hofpausen heimlich Werbung für die anvisierte Performance, waren dann nach eigenen Angaben aber selbst überrascht, wie viele Schüler mitmachten und wie gut die spontane Darbietung funktionierte. Die Handy-Aufnahmen der beiden Performances kursierten zunächst unter den Schüler*innen und wurden wenig später auf YouTube veröffentlicht, wo sie zahlreich kommentiert wurden. Insgesamt überwogen zustimmende Kommentare in Form eines allgemeinen Gelächters, der Würdigung von besonders gelungenen Einzeldarbietungen oder dem Bedauern, die Performance verpasst zu haben. Dazwischen fanden sich auch einige kritische Stimmen, diskutiert wurde beispielsweise, ob man die Aufnahmen überhaupt teilen und so häufig kommentieren sollte. Bedenken dieser Art führten möglicherweise dazu, dass die Filmsequenzen mittlerweile nicht mehr online verfügbar sind.
Solche populären Formen der Zerstreuung unterlaufen die schulische Ordnung, auch wenn sie in den Unterrichtspausen angefertigt wurden. Sie sind der Albtraum von Schulleitungen, die immer wieder versuchen, die Benutzung von Handys im Schulgebäude zu reglementieren. Im wissenschaftlichen Diskurs zur Technik- und Mediennutzung werden jugendliche Handyvideo-Praktiken oftmals mit Vorstellungen des Oberflächlichen, Obszönen und Gewalttätigen sowie einem drohenden Verlust an kognitiver Aufmerksamkeit verknüpft.[v] Sie gelten als minderwertig gegenüber am bürgerlichen Kunstverständnis ausgerichteten Konzepten ästhetischer Erfahrung, die mit intellektueller Tiefe, notwendiger Fokussierung und sinnlicher Verfeinerung assoziiert werden. Der französische Philosoph Bernard Stiegler beklagt beispielsweise eine gesellschaftliche «Aufmerksamkeitszerstörung» und eine durch neue Medien hervorgerufene «Zerstörung des jugendlichen psychischen Apparats», infolgedessen es zu einer Infantilisierung der Gesellschaft und einem Verlust der Kritikfähigkeit komme.[vi] In einem ähnlich alarmierenden Tonfall diagnostiziert auch der deutsche Philosoph Christoph Türcke eine Aufmerksamkeitsdefizitkultur, die besonders im Bereich der Schule katastrophale Auswirkungen habe.[vii] Diese kulturpessimistischen Einschätzungen von neuen Medien beruhen auf bildungsbürgerlichen Idealvorstellungen von Tiefe und Innerlichkeit, von Konzentration und Kontemplation. «Aufgedrehtes» Verhalten aufseiten der Schüler wird demgegenüber häufig mittels sich selbst bestätigender Diagnose-Schleifen als krankhaftes Verhalten fehlgedeutet. «Unaufmerksamkeit», «Überaktivität» und «Impulsivität» sind die drei Leitsymptome für ADHS-Diagnosen.[viii]
Durch die besonders im Bereich Schule dominanten Diagnose von Defiziten sind die Traditionen, Inhalte und Stossrichtungen von Formen der Zerstreuung in schulischen Kontexten weitgehend aus dem Blick der Öffentlichkeit geraten. Auch eine von der bürgerlichen Hochkultur geschulte und am klassischen Kunstbegriff orientierte Kulturkritik muss vor solchen Pop-Phänomenen kapitulieren oder kann sie lediglich als minderwertig abkanzeln.[ix] Tanz-Memes wie der Harlem Shake folgen jedoch genrespezifischen Mustern, deren kulturelle Komplexität und soziale Situierung ich zumindest angedeutet habe. Während in der ästhetischen Theorie das Ästhetische klassischerweise mit dem Kunstschönen identifiziert wird, handelt es sich bei solchen Tanzeinlagen um populäre Ästhetiken, die von Körperlichkeit und Expressivität, von Vulgarität und Derbheit, von Zerstreuung und Abschweifung gekennzeichnet sind. Das Anfertigen der Videos diente zugleich der Gruppenbildung unter den männlichen Schülern, im Kontext der counter school culture stand der Harlem Shake sowohl für deren schulische Devianz als auch deren aufreizende Coolness. Die ethnografisch-kulturwissenschaftliche Herausforderung besteht darin, solche populären Formen der Zerstreuung in ihrer sozialen Sinnhaftigkeit darzustellen, ohne sie zu romantisieren und zu überhöhen, aber auch ohne sie als oberflächlich und nebensächlich abzutun.
[i] Im Folgenden handelt es sich um Auszüge aus meinem Buch Schule der Gefühle. Zur emotionalen Erfahrung von Minderwertigkeit in neoliberalen Zeiten, Bielefeld 2012, S. 57-87. [ii] Vgl. Noah Sobe: Attention and Boredom in the 19th-Century American School: The «Drudgery» of Learning and Teaching and the Common School Reform Movement, In: Sabine Reh / Kathrin Berdelmann / Jörg Dinkelaker (Hg.) Aufmerksamkeit. Geschichte – Theorie – Empirie, Wiesbaden 2015, S. 55-70. [iii] Vgl. Kaspar Maase: Grenzenloses Vergnügen. Der Aufstieg der Massenkultur 1850-1970, Frankfurt/Main 1997. [iv] Vgl. <https://en.wikipedia.org/wiki/Harlem_Shake_%28meme%29> (Stand: 1. April 2023). [v] Vgl. Ute Holfelder / Christoph Ritter: Handyfilme als Jugendkultur, Köln 2015; Sabine Reh / Kathrin Berdelmann / Jörg Dinkelaker (Hg.): Aufmerksamkeit. Geschichte – Theorie – Empirie, Wiesbaden 2015. [vi] Vgl. Bernhard Stiegler: Die Logik der Sorge. Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien, Frankfurt/Main 2008. [vii] Vgl. Christoph Türcke: Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeits-Defizit-Kultur, München 2012. [viii] Vgl. Nicole Becker: Abwesenheit und Störung als Ausdruck von Unaufmerksamkeit. Erzählungen von Eltern und Darstellungen in Klassifikationssystemen, In: Sabine Reh / Kathrin Berdelmann / Jörg Dinkelaker (Hg.): Aufmerksamkeit. Geschichte – Theorie – Empirie, Wiesbaden 2015, S. 307-329; Allen Frances: Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen, Köln 2013. [ix] Vgl. Kaspar Maase (Hg.): Die Schönheiten des Populären. Ästhetische Erfahrung der Gegenwart, Frankfurt/M. 2008; Sianne Ngai: Our Aesthetic Categories, Cambridge 2012.