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Im zweiten Band des Vierteilers setzt Wallerstein nicht nur seine historische Erzählung fort, indem er die politisch-ökonomischen und kulturellen Verschiebungen innerhalb der Weltwirtschaft zwischen 1600 und 1750 darstellt. Er leistet auch eine Konkretisierung seiner „Theorie kapitalistischer Entwicklung“ (S. 7). Der zweite Teil ist „in vielerlei Hinsicht der entscheidende Band dieses Werks, da er eine bestimmte Vorstellung und Definition des Kapitalismus als historisches System darlegt“ (S. I), innerhalb dessen sich einzelne Hegemoniezyklen herausbilden. Der erste hegemoniale Staat der europäischen Weltwirtschaft, deren „politischer Überbau“ im Gegensatz zu einem Weltreich aus einem internationalen System „angeblich souveräner Staaten“ (S. XI) besteht, waren die Niederlande.
Die niederländische HegemonieIm Gegensatz zur Auffassung vieler Historiker, die Krise des 17. Jahrhunderts sei eine letzte Krise des Feudalismus gewesen, meint Wallerstein, es habe sich vielmehr um eine ökonomische Kontraktion „innerhalb einer funktionierenden (…) kapitalistischen Weltwirtschaft“ (S. 18, Herv. i. O.) gehandelt. Deren Entwicklung verlaufe dem Autor zufolge seit ihrer Entstehung in Zyklen: auf Perioden ökonomischer Expansion (A-Phasen) folgten Perioden der Kontraktion (B-Phasen). In der B-Phase zwischen 1600 und 1750 sei die Wirtschaft allerdings nicht geschrumpft – Wallerstein spricht vielmehr von Stagnation bei gleichzeitiger Verschärfung des wirtschaftlichen Ungleichgewichts.
Das verlangsamte Wirtschaftswachstum habe so eine „Konzentration und erweiterte Akkumulation des Kapitals“ erlaubt (S. 19). Das gilt einerseits für die Entwicklung innerhalb von Staaten: Die bereits überwiegend kapitalistische Agrarwirtschaft durchlief einen starken Konzentrationsprozess. Andererseits wurden auch zwischen den Staaten die ökonomischen und politischen Disparitäten verstärkt. Zu den führenden Staaten entwickelten sich diejenigen Mächte des Zentrums, die auch ökonomisch dominierten: zuvorderst die Niederlande, dann England und Frankreich. Holland kam allerdings nicht friedlich empor. Das Land ging als Hegemonialmacht aus dem Dreissigjährigen Krieg hervor, der „sowohl politische Konsequenz als auch Symptom“ (S. 23) der ökonomischen Kontraktion gewesen sei.
Die Basis des Aufstiegs der Niederlande zum ersten Hegemon des kapitalistischen Weltsystems war ihr kohärenter „landwirtschaftlich-industrieller Produktionskomplex“ (S. 47). Dieser machte Holland um 1600 zum „wichtigsten Produktionszentrum der europäischen Weltwirtschaft“ (S. 48). Mit der Erfindung der Büse stach Holland England im Heringsfang aus und beherrschte den Schiffbau. Mit den charakteristischen Windmühlen habe sich das Land zudem zum „Zentrum des hölzernen Maschinenzeitalters“ (S. 41) entwickelt.
Die Trümpfe in der Produktion bescherten Holland nacheinander auch die Vorherrschaft im Handel und im Finanzbereich. Mitte des 17. Jahrhunderts entwickelten sich die Niederlande zum „Lagerhaus der Welt“ (S. 48) und dominierten den globalen Handel. Entscheidend blieb aber die Kontrolle des „traditionellen Warenaustauschs zwischen Nord- und Westeuropa“ (S. 59). Als Zwischenhändler des englischen Tuchs verschaffte sich Holland wiederum neue Produktionsvorteile: Seine Unternehmer übernahmen mit der Tuchfärbung den wertschöpfungsintensivsten Teil der Warenkette. Hollands produktive und kommerzielle Stärke ermöglichten schliesslich die Verschiebung des geographischen Zentrums „der internationalen Finanzwelt“ (S. 124) nach Amsterdam, dessen Börse zur „Wallstreet des 17. Jahrhunderts“ (S. 62) avancierte.
Jene Situation, in der eine Zentrumsmacht ihre Überlegenheit zugleich in Produktion, Handel und Finanzwesen ausspielen kann, bezeichnet Wallerstein als den „kurzen Höhepunkt“ der Hegemonie, welche ein notwendiges wiederkehrendes Moment kapitalistischer Entwicklung ist. „Im Falle Hollands fiel dieser Moment wahrscheinlich in den Zeitraum zwischen 1625 und 1675“ (S. 39).
Die ökonomische Macht des Hegemons erlaubt diesem, dass er „im zwischenstaatlichen System seine Regeln durchzusetzen kann und so eine politische Weltordnung schaffen kann, die ihm sinnvoll erscheint“ (S. XII). Sie wird von einem starken, im Falle der Niederlande dezentralen Staat getragen, der politisch wie militärisch in der Lage ist, interne und externe Bedrohungen für seine Dominanz zu minimieren. Auch das gelang den Niederlanden im 17. Jahrhundert: Erstens sorgten das Übergewicht Hollands gegenüber den anderen niederländischen Provinzen und die gemeinsame Aussenpolitik für eine Reduktion der Konflikte innerhalb der herrschenden Klasse.
Ebenso brachten die Wohlfahrtseinrichtungen „relativen sozialen Frieden“ (S. 70) zwischen den Klassen. Zweitens hatte Holland sich militärisch zur stärksten Seemacht entwickelt. Schlussendlich verfügten die Niederlande als Hegemon auch über die Fähigkeit, eine über seine Grenzen hinaus dominante Kultur zu etablieren. Sie konnten es sich als einzige im Zeitalter des Merkantilismus, d.h. in einer Periode des „ökonomischen Nationalismus“ (S. 38), herausnehmen, die Ideologie des mare liberum (freien Meeres) zu propagieren. Gleichzeitig boten sie „nationale Souveränität“ und „Glaubensfreiheit (cuius regio, eius religio)“ (S. XVI).
In umgekehrter Reihenfolge des Aufstiegs verliert eine Hegemonialmacht, „weil andere aufholen“ (S. 39) und Hegemonen durch die Unterstützung von Verbündeten tendenziell ihre eigenen Vorteile untergraben, zuerst seinen Produktions-, dann den Handels- und zuletzt seinen Finanzvorteil. Hegemoniezyklen verlaufen in vier Phasen: Auf die Zeit der unangefochtenen Macht folgt der langsame Abstieg, währenddessen der ehemalige Hegemon politisch und militärisch noch das stärkste Land bleibt. In der anschliessenden Phase des „Mächtegleichgewichts“ (S. XII) streben zwei andere Zentren die Nachfolge an. Im 17. Jahrhundert waren das England und Frankreich. Eines der wichtigsten Mittel ihres Kampfes um die Hegemonie war nach Wallerstein der Merkantilismus. Während ihre protektionistisch begünstigten und aufgrund dort billigerer Lohnkosten aufs Land verlagerten Industrien bald florierten, geriet die Industrie Hollands nach 1650 in die Krise. Zunehmend scharfe Auseinandersetzungen führten schliesslich in der dritten Phase zum Zusammenbruch der hegemonialen Ordnung. In der vierten und letzten Phase eines Hegemoniezyklus' kann sich eine neue Hegemonialmacht etablieren.
Verschiebungen in Peripherie und SemiperipherieWährend in Nordwesteuropa der Kampf um die Hegemonie tobte, verschlechterte sich die ökonomische Situation in der Peripherie des kapitalistischen Weltsystems in Osteuropa und Spanisch-Amerika: Die dort herrschenden Klassen verloren gegenüber dem Zentrum an ökonomischem Vorteil, stärkten jedoch ihre Position gegenüber den beherrschten Klassen der Peripherie. Der ökonomische Druck aus den Zentren wurde zunächst in Form verschärfter Ausbeutung der unmittelbaren Produzenten und der Ressourcen weitergegeben, dann durch Rückzug vom Weltmarkt und eine stärkere Ausbildung regionaler Märkte gemildert. Auch in der Peripherie wurden die Textilproduktion ruralisiert, Grundbesitz konzentriert und die Position der ArbeiterInnen insgesamt geschwächt. Ferner wurde der erweiterte karibische Raum von Nordostbrasilien bis zu den südlichen Festlandkolonien Britisch-Nordamerikas als Peripherie in die Weltwirtschaft eingegliedert. Den „wirtschaftlichen Gewinn“ aus der dortigen Zucker- und Tabakproduktion teilten sich die drei Staaten des Zentrums.
Zahlreiche semiperiphere Gebiete verloren im 17. Jahrhundert angesichts der erfolgreichen merkantilistischen Politik der Zentren an Macht: „Spanien, Portugal, das alte 'Rückgrat' von Europa (von Flandern über West- und Süddeutschland bis Norditalien)“ (S. 205). Den Niedergang Spaniens und dessen Deindustrialisierung nennt Wallerstein als „spektakulärstes Phänomen des 17. Jahrhunderts“ (S. 182). Die Zentren bemühten sich allerdings nicht, die Kolonialmächte jenseits des Atlantiks abzulösen, sondern vielmehr „mitzuschmarotzen“ (S. 183).
Einigen Regionen wie Schweden, Brandenburg-Preussen und Britisch-Nordamerika gelang es zwar, „angesichts der heftigen Rivalitäten“ zwischen Holland, England und Frankreich „ihre relative Position“ (S. 282) im kapitalistischen Weltsystem zu verbessern. Die Semiperipherien blieben jedoch fremdbestimmte „Förderbänder“ (S. 183), mit denen der Mehrwert in die Zentren transferiert wurde. Aufgrund seiner drei „Beinahe-Monopole“ (S. 244) auf Kupfer, qualitativ hochwertiges Eisen und Teer sowie wegen seines vergleichsweise starken Staates stand Schweden an der Spitze der „Aufwärts-Semiperipherisierung“ (S. 232). Als Schwedens Entwicklung ins Stocken kam, wurde Brandenburg-Preussen, abhängig vom Goodwill der Zentrumsmächte, zu einer semiperipheren Macht in Mitteleuropa.
Der Aufstieg Englands zum HegemonAm Ende der Phase „ununterbrochener englisch-französischer Rivalität“ (S. 284) zwischen 1689 und 1763 hatte sich England gegenüber Frankreich trotz ähnlicher wirtschaftlicher Strukturen durchgesetzt und das niederländische Erbe angetreten. Die geringfügigen ökonomischen Unterschiede, so Wallerstein, seien „politisch zu jenen markanten Unterschieden ausgeweitet“ (S. 89, Herv. i. O.) worden, die sich später ökonomisch verfestigten. Dazu gehört, dass England auf expansive Politik und die Stärkung des Aussenhandels angewiesen war, während Frankreich im eigenen Land periphere Regionen entwickelte. England war zudem aufgrund der eigenen Knappheit an Rohstoffen darauf angewiesen, Nordamerika ökonomisch zu erschliessen und an sich zu binden. Das „Dilemma, innerhalb seiner Grenzen über keinen ausreichenden Markt zu verfügen“, verwandelte sich langfristig „in einen Vorteil“ (S. 118) für England.
Der französische Staat hingegen sei schlussendlich politisch nicht stark genug gewesen, um ähnliche ökonomische Grundvoraussetzungen in einen eigenen Vorsprung zu verwandeln. Grundsätzlich sei ein starker Staat bestrebt, definiert Wallerstein, „ausreichend starke Strukturen zu schaffen, um im Rahmen der Weltwirtschaft die Interessen einer Gruppe von Eigentümer-Produzenten gegen andere Gruppen von Eigentümer-Produzenten (und natürlich auch gegen die Arbeiter) zu verteidigen“ (S. 130). Die Bildung eines hegemonialen Blocks, also ein Interessenausgleich innerhalb der herrschenden Klasse, war in Frankreich aber schwieriger durchzusetzen als in England. England hatte sich infolgedessen Mitte des 18. Jahrhunderts sowohl zum stärksten ökonomischen Zentrum als auch zum stärksten Staat herausgebildet.