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Alpine Definitionen
Von G. E. Krusemann
( NAVDie einzige Einteilung der Erdoberfläche, der man einen Wert beimessen kann, ist jene in Ebenen, Hügel und Berge. Ebenen sind gekennzeichnet durch Horizonte und Kirchen. Sie dienen zu Feldschlachten und sonstigen Äusserungen der Masse.
Hügel sind durch das Fehlen dieser Kennzeichen charakterisiert. Sie haben keine besondere Bestimmung, es sei denn für Verliebte.
Berge gibt es nicht. Nur der Berg besteht. Ausser für Tunnels dient er ausschliesslich für Bergsteiger.
Der Gipfel dient zur Unterscheidung des Aufstieges und des Abstieges und zur Unterbringung eines Gipfelbuches.
Das Tal ist eine Aushöhlung zwischen Bergen. Touristen sind gewohnt, daselbst vor dem Aufstieg zu rasten, Lawinen nach dem Abstieg.
Wände dienen zur Unterstützung des Gipfels und des braven Bergsteigers. Abwärts sind sie steiler als aufwärts.
Der Grat bietet mehr Möglichkeiten als die Wand, indem man nach zwei Seiten abstürzen kann; übrigens wird er überwacht von Gendarmen. Wie gegenüber allen polizeilichen Personen ist ihnen gegenüber Vorsicht geboten, und Schlauheit verbürgt meistens mehr Erfolg als Gewalt.
Ein wahrhaftes Kamin wird gekennzeichnet durch zuwenig Stützpunkte und zuviel Glätte. Es gibt Touristen, welche, einmal darin verfangen, versuchen, den Berg zu spalten. Bisher scheint dies aber niemandem gelungen zu sein.
Gletscher fallen auf durch Spalten; je weniger die Spalten auffallen, um so interessanter ist der Gletscher.
Die Hütte dient zur Aufbewahrung des Hüttenwartes und zum Brauen der Suppe. Meistens kann man daselbst nächtigen und ausnahmsweise sogar schlafen.
Der Pickel ist ein Stock beilähnlicher Gestalt. Er dient dazu, ihn unter dem Arm zu tragen, Konservenbüchsen zu öffnen und beim Klettern zu behindern. Es gibt Leute, die Stufen damit hacken können.
Der Rucksack dient zur Erzielung einer gebeugten Haltung, die dem demütigen Bergsteiger geziemt und ihn kennzeichnet.
Steigeisen sind, auf dem Rucksack getragen, insbesondere nützlich im Gedränge.
Bergschuhe bedeuten Leid. Für die Füsse, solange sie neu sind, für das Herz, wenn sie alt geworden sind, und beim Schulterstand, wenn man der Unterste ist.
Karte, Kompass und Höhenmesser werden in der Regel benützt, nachdem man den Weg verloren hat. Sie dienen dann dazu, die Verwirrung zu vergrössern.
Die Laterne dient zur Erhöhung der Stolperungsmöglichkeiten bei stockfinsterer Nacht. Am vorteilhaftesten wird sie im Rucksack ( eines Reisegefährten ) getragen.
Die Feldflasche fällt speziell auf, wenn sie leer ist, ein Rucksack, wenn man ihn abgelegt hat, eine Hütte, solange man noch nicht dort ist. ( In dieser Hinsicht ist die Hollandiahütte 1 Dieses köstliche Bergwörterbuch bildet ein Kapitel der Schrift zum 50jährigen Jubiläum der Niederländischen Alpenvereinigung. Es wurde von H. G. Engelberts, Utrecht ( Mitglied der Sektion Bern SAC ), für die Schweizer Kameraden ins Deutsche übersetzt.
die auffälligste, wenn man ihr vom Lötschental aus naht. Sie scheint dann, ausgenommen für das Auge, gar keine Anziehungskraft zu haben. ) Das Seil dient zur Befestigung vieler Dinge, wie z.B. Zelte, Fensterläden einer Hütte bei Sturm, Wäsche und dann und wann auch Touristen. Aus eigenem Antrieb befestigt es sich an Felsspitzen und -spalten. Man kann damit nicht nur obengenannten Touristen, sondern auch einen Rucksack aufhissen. In beiden Fällen ist es empfehlenswert, diese Arbeit einem Gefährten zu überlassen. Ein Bergseil hat Charakter, insbesondere, wenn es nass ist. Es ist in diesem Falle zugleich ein Prüfstein für unsern Charakter. Man sagt, dass gewisse Bergsteiger es an Winterabenden streicheln. Im übrigen verdienen andere Gegenstände zur Befriedigung dieser Neigung den Vorzug; sie sind aber nicht immer vorhanden.
Die Berghose dient, wie jede andere Hose, zum Schütze des Gesässes. Sie zum Schütze dieses edlen Teiles beim Abwärtsgehen in den Felsen zu benützen, ist nicht empfehlenswert.
Man sagt, schlechtes Wetter sei des Alpinisten Feind. Mit Unrecht aber, denn der Feind ist der Wecker. Das schlechte Wetter ist nur dann feindselig, wenn es nach dem Wecker ausbricht, und es ist auch in diesem Falle in der Regel weniger bösartig als jener.
Der Bergführer ist ( bisher ) ein Mann mit einem Hut und einem Abzeichen, der führerlos Berge besteigt. Seine Diät besteht aus Käse, Salami und Pfeifentabak. Er ist ein Jäger, wenn nicht auf Touristen so auf Gemsen. Seine Augen sind demgemäss scharf. Beim ersten Schritt sehen sie, was der Tourist kann, und bis zum letzten - auch rückwärts - was er falsch macht. Das erste merkt sich der Führer, das zweite verschweigt er ( auch gegenüber andern ). Im Gegensatz zu andern « Führern » sind Bergführer « dienende Führer » 1. Die meisten sind grosse Kinder mit grossem Herzen.
Der Alpinist wird ausschliesslich durch seine Abweichung vom Normalmenschen charakterisiert. Er steht auf, wenn ein anderer sich schlafen legt, er trägt die wärmsten Kleider im Sommer, er meidet mit Sorgfalt gut gangbare Wege. Für ihn ist die gerade Linie nicht die kürzeste Verbindung zweier Punkte. Er geht mit Vorliebe auf Händen und Fussen. Er verweilt am längsten in der peinlichsten Situation. Er benützt seine Ferien, um sich zu ermüden. Er trägt sein Gepäck über einen Berg, statt es mit der Bahn zu schicken. Er zieht es vor, zu nächtigen, wo er nicht schlafen kann. Er entflieht den Menschen und verbindet sich mit ihnen durch Seile. Sein Ziel liegt immer halbwegs. Und er trinkt seinen Tee kalt.
Tatsächlich, der Alpinist hat eine vertikale Aberration. In dieser Ausnahmestellung wird er nur übertroffen von seiner Kollegin des sogenannt schwachen Geschlechtes, dem einzigen weiblichen Geschöpf, das die Hosen anhat und trotzdem am Schnürlein geht. Der weibliche Bergsteiger ist etwas derart Merkwürdiges, dass die holländische Sprache dafür kein Wort kennt; oder es müsste Rini Deelen 2 heissen.
Das Törichteste von allem ist allerdings die « Vereinigung Niederländischer Alpinisten ». Sie ist aber lebenskräftig wie die meisten Torheiten. Übrigens: Hat sie keine kühnen Schiffer 3 am Steuer?
PS. Die Liebe zu den Bergen wird verschieden betrieben, manchmal von unten und manchmal von oben. Liebe kennt nun einmal keinen anderen Maßstab als den, nach welchem das Herz daran beteiligt ist. Da entscheidet nicht die Haltung, sondern das Verhältnis, und nicht die Tat, sondern die Treue.
1 Wortspiel: Lijdsame Leiders.
1 Frau Deelen, eine bekannte holländische Bergsteigerin.
Wortspiel: Coen = Vorname des Präsidenten und Schippers = Name des Sekretärs der NAV.