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Ordo Templi Orientis (O.T.O.)
1906 sprachen im Anschluss an schon früher erwogene O.T.O.-Gründungen die geistigen Erben des Industriellen und Okkultisten Carl Kellner (1850-1905) von einer ihrer Logen als O.T.O. 1912 wurde von Theodor Reuss (1855-1923), Sänger, Agent, Drogist und Zeitungskorrespondent, der O.T.O. neu konstituiert.
Zuerst der Symbolik des Kundalini-Yoga verpflichtet und als eine Art elitärer westlicher Form östlicher Mystik konzipiert, wurde O.T.O. später dank seiner sexualmagischen Ausrichtung und seinem Rückgriff auf angebliche Traditionen des im Hochmittelalter zerschlagenen Templerordens, dank seiner ausgefeilten Hierarchie der Einweihungsgrade und dank seiner ebenso bunten wie andeutungsschwangeren Ritualkunst zum populärsten Okkultorden des 20. Jahrhunderts.
1905 hatte Rudolf Steiner (1861-1925), später der Begründer der Anthroposophie, der sich damals für verschiedene Geheimgesellschaften interessierte, sich in den ebenfalls von Reuss verwalteten Orden Memphis Misraim einweihen lassen und sich einen entsprechenden Ordensrang zukommen lassen. Der Briefwechsel zwischen Reuss und Steiner zeigt aber auch eine deutliche Distanz zwischen den beiden. Memphis Misraim war in mancher Hinsicht eine Art Vorläuferorden zum O.T.O. Steiner gehörte aber nie zum O.T.O.
Der englische Okkultist Aleister Crowley (1875-1947) war als «Bruder Baphomet» seit 1912 im englischen O.T.O. aktiv. Nachem er von Reuss 1921 aus dem Orden verstossen wurde, ernannte sich 1925, zwei Jahre nach dem Tod von Reuss, selbst zum weltweiten Oberhaupt des O.T.O. Einige Ordensmitglieder akzeptierten diese «Selbsternennung». Crowley führte seinen O.T.O. bis zu seinem Tod 1947.
Crowley bestand in seinem Teil des Ordens – als «Anarchist mit Diktatorallüren» – auf rigider Hierarchie und Unterordnung unter die Ordensleitung. Crowley, der durch seinen jeder Norm abholden Lebensstil mit Erfolg sein Image als «das grosse Tier 666» pflegte, prägt den O.T.O. bis heute vor allem als Ritualkünstler. Seine detaillierten Angaben zu den einzelnen Einweihungsstufen in die vielen Grade des O.T.O. – sie entsprechen der absteigenden Reihe der Chakras der Kundalini-Meditation – und zur sog. gnostischen Messe der sog. gnostisch-katholischen Kirche sind für alle Teile des O.T.O. noch immer wegleitend.
Daneben bestand in Deutschland bis 1956 unter Heinrich Tränker ein von Crowley unabhängiger O.T.O.
Nach Crowleys Tod im Jahr 1947 – eine einzige aktive Loge seines O.T.O. in Kalifornien hatte den 2. Weltkrieg überdauert – stritten sich eine englische, eine brasilianische und eine schweizerische Gruppe und die O.T.O.-Gruppe in Kalifornien um die rechte Nachfolge. Schon Crowley hatte seine möglichen Nachfolger «Caliphen» genannt, auch in einem Wortstpiel mit der Abkürzung für Californien (Calif). Vom «Caliphat» in Kalifornien ausgehend breitete sich der Orden in den letzten Jahrzehnten über 17 Länder aus. Seit 1986 ist Frater Hymenaeus Beta (bürgerlich William Breeze, geb. 1955) sog. OHO (Outer Head of Order) und «Caliph».
Ausser in den USA hat sich der Orden in Kontinentaleuropa in mehreren Logen etabliert. Das Internationale Hauptquartier des O.T.O. ist erreichbar über eine Adresse in Berlin.
Getrennt vom «Caliphat», d.h. der kalifornischen Version des O.T.O. und dessen Verbreitung entwickelte sich die Schweizer Gruppe. Sie wurde bis zu seinem Tod 1990 vom ehemaligen Bäcker, Hypnotiseur und Exkommunisten Hermann-Joseph Metzger (1919-1990) geleitet. Metzger gründete die Abtei Thelema in Stein/CH, benannt nach dem «Kloster der Lebensbejahung», das Crowley seinerzeit auf Sizilien gegründet hatte. Metzger war aber kein unkritischer Crowley-Jünger. Er hat sich immer deutlich von der Person Crowleys und dessen Sexualmagie distanziert. Allerdings wurden gegenüber Metzger immer wieder Vorwürfe laut, er würde Frauen von sich abhängig machen und sexuell wie finanziell ausbeuten.
In der Abtei wurden Kurse über Philosophie, Alchimie, Psychologie und Magie angeboten. Ein Tempelraum diente Eingeweihten für ihre entsprechenden Rituale. Am gleichen Ort hatte auch die sog. gnostisch-katholische Kirche ihren Sitz, eine Art liturgische Schwesterorganisation zum O.T.O., die regelmässig Sonntagsgottesdienste durchführte.
Nach dem Tod von Hermann Metzger im Jahr 1990 übernahm Annemarie Aeschbach (1926-2008) die Leitung. Die Aktivitäten schliefen aber nach und nach ein. Im Jahr 2008 starb Annemarie Aeschbach, und 2009 wurde die Abtei Thelema in Stein aufgelöst, die Gebäude verkauft und teilweise abgerissen. Das Archiv der Gemeinschaft befindet sich heute in der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden in Trogen.
Den O.T.O. verbindet weniger eine einheitliche Ideologie oder Dogmatik als eine gemeinsame rituelle Praxis, besonders die sog. gnostische Messe. Dieses Ritual folgt in seiner Grundstruktur der katholischen Messe. Alle Teile der Messe werden aber – in traditionell christlicher Perspektive gesehen – «pervertiert», d.h. in ihr Gegenteil verwandelt, in gnostischer Perspektive werden sie ihrem wahren, ganzheitlich-gnostischen Sinn zugeführt. Sexualmagische Symbolik (eine Priesterin und ein Priester fungieren als Paar, Lanze und Kelch erzeugen in ihrer Verbindung neue mystische Wirklichkeit), okkultes Wissen um die Einheit von Licht und Finsternis (ein weissgekleidetes «positives» und ein schwarzgekleidetes «negatives» Kind assistieren bei der Messe) sowie esoterische Freude an altägyptischer und freimaurerischer Symbolik und am Auferstehungsgeheimnis antiker Mysterien (der Priester steigt aus einem Sarg, das Ritual führt durch den Tod in neues Leben) prägen die gnostische Messe.
Pantheistisches Empfinden für die Göttlichkeit aller Dinge, nicht zuletzt für die Göttlichkeit der Zelebrierenden, führen schrittweise zur magisch angestrebten Verwandlung der ganzen Wirklichkeit. Die mit symbolischen Anklängen überfüllte Messe endet im Wunsch, dass für alle Beteiligten sich in diesem Leben und darüber hinaus erfüllen möge, was immer sie sich wünschen. Ein konkretes allgemein akzeptiertes Diesseits- und Jenseitsbild wird nicht anvisiert.
Das Ritual wird zur mystischen Auswahlsendung. Jeder und jede findet in ihm, was sie in ihm finden und erleben möchten. In der gnostischen Messe werden u.a. folgende geistigen Väter und Autoritäten der gnostisch- katholischen Kirche als «Söhne des Löwen und der Schlange» angerufen: Laotse, Buddha, Krishna, Moses, Dionysos, Mohammed, Hermes, Pan, Herakles, Orpheus, Odysseus, Vergil, Rabelais, Simon Magus, Pythagoras, Parzival, Karl der Grosse, Friedrich von Hohenstaufen, Christian Rosenkreuz, Papst Alexander der Sechste, Paracelsus, Goethe, Wagner, Nietzsche, Gauguin, Carl Kellner, Theodor Reuss, Aleister Crowley.
Das Caliphat umfasst weltweit ca. 3’000 Mitglieder. In der Schweiz einzelne Mitglieder und Sympathisanten.