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"Das Damengambit" von Walter Tevis
In der Bibliothek verfügbar unter der Signatur TEVI.
Der ergreifende Roman «Das Damengambit» des fast vergessenen US-Autors Walter Tevis schildert Beth Harmons Weg zum Schachgenie.
Beth ist acht Jahre alt, als sie im Keller des Waisenhauses den Hauswart beim Schachspielen trifft. Sie kennt das Spiel nicht und ist doch fasziniert davon. Und sie weiss, sie will es lernen. Das ist der Beginn der grossen Geschichte eines Waisenkinds, das zum Wunderkind wird. Schon als junges Mädchen schafft es Beth, in der Schachwelt Fuss zu fassen. Unaufhaltsam wird sie zu einer grossen Meisterin – in einem von Männern dominierten Umfeld.
Das Leben hat es nicht gut gemeint mit dem Mädchen. Früh zur Waise geworden, wächst Beth Harmon in den 1950er-Jahren in einem Heim in Kentucky auf, wo die Kinder mit Pillen ruhiggestellt werden. Es ist Zufall, dass sie über den Hauswart ihr Talent fürs Schachspielen entdeckt und ihre Karriere nach der Adoption durch die wankelmütige, alkoholkranke Mrs. Wheatley vorantreiben kann.
Beth selber kämpft ebenso mit Suchtproblemen. Trotz grossen Erfolgen stürzt sie immer wieder ab – mit Alkohol und ihren «grünen» Pillen, die schon damals im Heim dafür sorgten, dass sie im Kopf ganze Schachpartien durchspielen konnte. Und doch rappelt sie sich jeweils wieder auf, getrieben vom Drang, das Spiel auf dem Brett für sich zu entscheiden.
Der 1928 in San Francisco geborene Autor Walter Tevis schrieb etliche Romane und Kurzgeschichten. Darin verarbeitete er sein Kindheitstrauma, griff aber auch wiederholt das Thema Sucht auf. Tevis litt als kleiner Junge an einer Herzerkrankung und lebte deshalb lange Zeit in einem Genesungsheim für Kinder, wo ihm starke Medikamente verabreicht wurden.
Das Thema Sucht ist auch in «Das Damengambit», Tevis letztem Roman vor seinem Tod 1984, präsent. Die Gefühlswelt von Beth Harmon ist ambivalent. Sie ist oft hin- und hergerissen zwischen Selbstbewusstsein und Selbsthass, bewegt sich zwischen Spiel und Sucht. Beths Abstürze beschreibt der Autor distanziert, fast emotionslos, die akribisch geschilderten Schachpartien hingegen versetzen auch nicht Spielkundige in höchste Spannung. Bei so einer Buchvorlage erstaunt es wenig, dass die millionenfach gestreamte gleichnamige Netflix-Serie so erfolgreich wurde.
Renata Schmid, Kulturtipp, 5.8.2021