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PaulBert und Kronecker haben nachgewiesen, daß die Gefahr sich nicht allein nach der Menge des aufgenommenen Chloroforms bemißt,
sondern daß es sich wesentlich auch darum handelt, die Konzentration der eingeatmeten Chloroformdämpfe
zu kontrollieren. Kronecker fordert, daß die Narkose nur mit Apparaten bewirkt werde, welche genaue Bestimmung des Verhältnisses
zwischen Chloroform und Luft gestatten. Die bisherigen Apparate sind ungenügend, doch konnte Vortragender mit einer Modifikation
des Junkerschen Apparates gute Erfolge erzielen.
Hierbei ist der äußerst geringe Chloroformverbrauch bemerkenswert. Auf 150 Narkosen kam ein durchschnittlicher Chloroformverbrauch
von 13,9 ccm für eine Narkose. Die Zeitdauer, bis zu welcher die Kranken durchschnittlich anästhesiert waren, betrug nur
8-8,5 Minuten. Starke Aufregungszustände wurden nur bei Trinkern, Erbrechen nur in 7 Proz. aller Fälle beobachtet. Behufs Aufstellung
einer brauchbaren Statistik fordert der Vortragende die Mitglieder des Kongresses zu einer Sammelforschung über diese Frage
aus. v. Bergmann, welcher diese Angelegenheit befürwortet, erklärt die Bereitwilligkeit des Büreaus, das Material zu sammeln
und zu bearbeiten.
Thiem - Kottbus teilt im Anschluß an den Vortrag mit, daß der leichte Grad der Bromäthylnarkose, den
man als eine Art Hypnose bezeichnen kann, bei geeigneten Personen und für kleine Operationen brauchbar, die eigentliche Bromäthylnarkose
aber durchaus verwerflich sei, weil sie sowohl während als nach der Anwendung große Gefahren für den Patientenin sich berge.
Bruns - Tübingen
[* 4] sprach hierauf über die Behandlung von tuberkulösen Gelenk- und Senkungsabscessen mit
Jodoforminjektionen.
Das Jodoform hat zweifellos eine antituberkulöse Wirkung. Besonders günstig wirkt es bei kalten Abscessen, wo das in den Hohlraum
eingespritzt Jodoform dauernd in innigem Kontakt mit den tuberkulösen Prozessen steht. Die Heilungsdauer ist freilich eine
lange, doch wurde in 100 Fällen 80mal Heilung erzielt. Auch 10 Fälle von Senkungsabsceß bei Wirbelkaries
heilten nach Jodoformeinspritzung dauernd. Relativ gute Erfolge geben auch die tuberkulösen Gelenkerkrankungen; es wurde
mehr als die Hälfte geheilt, zum Teil die schwersten Formen, in sehr zahlreichen Fällen trat wesentliche Besserung ein.
auf Exsudationen in erweiterte Bindegewebsspalten beruhen, sei unhaltbar, dieselben entstehen vielmehr durch chronisch entzündliche
Prozesse im Bindegewebe selbst; sie können sich daher auch ganz unabhängig von präformierten Bindegewebsspalten an jeder
beliebigen Stelle im Bindegewebe selbst entwickeln.
Die Berechtigung, eine tuberkulöse Niere zu exstirpieren, erkennt der Vortragende nur an, wenn bereits
der größere Teil der Niere zerstört ist und die Schmerzen, welche die Patienten erdulden, dem Chirurgen das Messer
[* 9] in die
Hand
[* 10] geben. Bei der relativen Ungefährlichkeit der Operation und der geringen Blutung, welche sie verursacht, wird sie auch
in vorgeschrittenen Stadien des Leidens gut ertragen. Allein berechtigt ist die Nephrektomie, die selbst
dann angezeigt ist, wenn bereits tuberkulöse Prozesse von einiger Ausdehnung
[* 11] in andern Organen bestehen.
Selbst in anscheinend hoffnungslosen Fällen kann noch Hilfe gebracht werden, auch ist es ohne Nachteil, bestehende Verlötungen
zwischen den Darmschlingen zu lösen. Auch chronische Fälle, bei denen man im allgemeinen geneigt ist, exspektativ zu verfahren,
können unter Umständen zur Operation auffordern. Namentlich die Amerikaner sind in dieser Hinsicht sehr weit
gegangen und haben sogar vorgeschlagen, den erkrankten Wurmfortsatz prophylaktisch zu entfernen. Zum Schluß sprach Herzog -
München
[* 13] über die feinern Vorgänge beider Bildung des Nabelringes und gelangt zu dem Schluß, daß die Bildung des Nabels weniger
als eine Narbenbildung, sondern wesentlich als die Umformung von embryonalem in geformtes Bindegewebe aufzufassen
ist.
In der dritten Sitzung sprach König - Göttingen
[* 14] über Darmresektion, über Diagnose und Operationstechnik. Der zweite Vortrag
von Mikulicz - Königsberg
[* 15] betraf den Hämoglobingehalt des Blutes bei chirurgischen Erkrankungen mit besonderer Rücksicht
auf den Wiederersatz nach Blutverlusten. Die Untersuchungen des Vortragenden beziehen sich auf 400 Fälle und umfassen über 4000 Einzelversuche,
welche vor derOperation und in bestimmten Zeiträumen nach derselben ausgeführt wurden.
Von den an keinen konstitutionellen Erkrankungen leidenden Personen
erreichten nur wenige den normalen Hämoglobingehalt des
Blutes; der Durchschnitt betrug 81,6 Proz.; der höchste Gehalt fand sich bei Individuen im 3. Lebensdezennium, der niedrigste
bei Kindern unter 10 Jahren. Frauen standen in jedem Alter auf einer niedrigern Stufe als Männer; der Unterschied
betrug 6-12 Proz. Noch auffallender waren die Unterschiede mit Bezug auf die Regeneration des vorher vorhanden gewesenen Hämoglobingehalts
nach Blutverlusten. Am schnellsten regeneriert sich das Blut bei Männern im 3. Lebensdezennium (10 Tage im Mittel),
am langsamsten bei alten Frauen, welche fast die dreifache Zeit gebrauchen.
Das Minimum des Blutgehalts tritt nicht sofort nach dem Blutverlust zu Tage, sondern es liegt ein Zeitraum dazwischen, der
von der Größe des Blutverlustes abhängig ist: je größer der Blutverlust, desto später tritt das Minimum ein. Die Zeit
schwankt zwischen 3 und 10 Tagen und ist bei Frauen größer als bei Männern, im spätern Alter größer
als im jugendlichen. Auch die Zeit des Wiedereintritts des frühern Hämoglobingehalts ist von der Größe des Blutverlustes
abhängig.
Auf einen Blutverlust, der 5 Proz. Hämoglobinverlust entspricht, kommen im Mittel etwa 5 Tage Regenerationszeit.
Das Maximum des Verlustes an Hämoglobingehalt des Blutes wurde in einem Falle beobachtet, in welchem derselbe von 70 auf 48 Proz.
sank. Ein Herabsinken des Hämoglobingehalts unter 20 Proz. überlebte keiner der Patienten. Man könnte daran denken, diese
Verhältnisse zum Ausgangspunkt einer Berechnung zu machen, wie weit die Chirurgie ihre Grenzen
[* 16] stecken
darf, indem man durch Erweiterung solcher Untersuchungen etwa das Minimum feststellt, welches Menschen in bestimmten Lebensperioden
und bei bestimmten Erkrankungen ertragen können, und dies mit dem ebenfalls berechneten Maximum an Hämoglobinverlust in
Parallele
[* 17] stellt, der bei dieser oder jener Operation beobachtet ist.
Bei Entnahme von 0,25 des Leberparenchyms wurde der Eingriff durchaus leicht ertragen. Bei Entnahme der Hälfte traten anfangs
Störungen ein, nervöse Symptome, Appetitlosigkeit, indes erholten sich die Tiere nach wenigen Tagen und
hielten sich monatelang gesund. Bei Entfernung von 0,75 der Leber waren die Tiere im Anfang sehr stark angegriffen, aber mehr
als ein Dutzend der Tiere hat die Operation vollkommen überstanden. Nach diesen Operationen trat nun eine unerwartet energische
Neubildung von Lebergewebe ein; es wurde alles Entnommene gedeckt, ja es kann sogar eine Vermehrung über
das normale Volumen hinaus stattfinden. In fünf Tagen wurden 80 Proz. der entnommenen Substanz neu gebildet; je radikaler der
Eingriff, desto rascher verlief die Rekreation.
Israel und Wolff berichteten über gelungene Züchtung des Strahlenpilzes (Actinomyces) außerhalb des tierischen Organismus
und Übertragung seiner Reinkultur aus Tiere. Die Kenntnis der Aktinomykose wies bisher eine Lücke aus,
da über die Reinkultur des Pilzes noch keine Übereinstimmung herrschte, namentlich war noch keine Impfinfektion gelungen.
Nun haben die Genannten eine solche erreicht. Sie kultivierten den Pilz
[* 23] anaerobisch auf Agar und in Hühnereiern und erzielten
zwei sehr verschiedene Formen, die aber, entsprechend auf das andre Nährmaterial gebracht, ineinander
übergingen.
Bei der Impfung
[* 24] auf Kaninchen
[* 25] entstand typische Aktinomykose. Lauenstein - Hamburg
[* 26] berichtete über sehr günstige Erfolge, die
mit Macewens Radikaloperation der Brüche erzielt worden sind, König - Göttingen über Klumpfußbehandlung. Die eine Zeitlang
angewandten blutigen Operationen zur Beseitigung von Klumpfuß
[* 27] haben sich so wenig bewährt, daß man wieder
zum Redressement (Zurechtbiegen des verkrüppelten Gliedes) zurückgekehrt ist. König hat letztere in einfacher Weise so ausgebildet,
daß jetzt kaum noch ein Klumpfuß derselben widerstehen dürfte.
Die Methode hat sich so gut bewährt, daß die GöttingerKlinik von Patienten jetzt förmlich überschwemmt
wird. Vor dem Redressement erleichtern zwei Schnitte dasselbe außerordentlich: die Tenotomie der Achillessehne und die Durchschneidung
der Plantaraponeurose. Der Fuß wird mit seiner stärksten Prominenz, wo dieselbe sich auch befindet, auf ein dreikantiges
Holz
[* 28] als Hypomochlion gelegt, und indem der Operateur den vordern und hintern Teil bis zum Unterschenkel
hinaus als eine Masse in die volle Hand nimmt und das Gewicht seines darübergelegten Körpers als Belastung auf die beiden Händehebel
wirken läßt, werden die verbogenen Knochen
[* 29] mit hörbarem Krachen auseinander gesprengt.
Der Knabe vermochte weder zu sprechen noch durch Gesten sich verständlich zu machen, obschon man deutlich merkte, daß er
verstand, was man von ihm wollte. Er schüttelte oder nickte mit dem Kopfe, wenn man ihm dies vormachte, selbständig aber
war er dazu nicht im stande. Es erwies sich, daß eine Eiterung an der verletzten, obenhin verheilten
Stelle vorhanden war. Die Entfernung mehrerer Knochensplitter und Reinigung der wiedergeöffneten Wunde führten schließlich
zur Heilung.
Zuerst gewann das Kind die mimische Ausdrucksfähigkeit, später auch die Sprache
[* 32] wieder. Der zweite Fall betrifft einen Mann,
der eine Verletzung des linken Seitenwandbeines durch Schlag erlitten hatte. Nach anscheinend erfolgter
Heilung stellten sich Anfälle epileptischer Art ein, die sich nach Zahl und Heftigkeit rasch steigerten, und bei denen
unter anderm sehr starke Krämpfe im rechten Bein zu beobachten waren. Die Untersuchung der Wundstelle ergab das Vorhandensein
eines feinen Fistelganges. Derselbe wurde bis in die Tiefe des Gehirns hinein verfolgt, wobei man auf
eine große, mit Eiter gefüllte Höhlung stieß. Nach Entfernung des Eiters heilte die Wunde aus, der Kranke ist völlig genesen
und Hoffnung auf dauernden Erfolg vorhanden.