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«Abwaschen oder nicht abwaschen?», sinniert die Protagonistin in Kira Muratowas Film «Kurze Begegnungen» (1967) vor einem Berg schmutzigem Geschirr. Lieber geht sie ins Bett: So folgen wir Valentina (gespielt von der Regisseurin selbst), wie sie im Nachthemd barfuss durch die geräumige Beamtenwohnung trippelt. Aber an Schlaf ist nicht zu denken. Die schlaflose Valentina greift zum Telefon und beklagt sich bei ihrem Geliebten Maxim (gespielt vom legendären russischen Liedermacher Wladimir Wyssozki), dass sie einmal mehr die Nacht allein verbringen muss. Und als dann Nadja, eine junge Frau vom Land, an der Tür klingelt und sich als Haushaltshilfe anerbietet, breitet sich vor unseren Augen eine dichte, für damalige sowjetische Verhältnisse ungewöhnlich fragmentarisch inszenierte Dreiecksgeschichte über Abwesenheit und Begehren aus.
Die Zensurbehörde sah sich von «Kurze Begegnungen» herausgefordert, der Schwarzweissfilm landete im Regal, wie später auch Muratowas zweiter Spielfilm «Langer Abschied» (1971). Die sowjetische Zensur qualifiziert ihre Filme als zu «damenhaft» und erlegt der Regisseurin ein mehrjähriges Berufsverbot auf. Muratowa muss im Filmmuseum von Odessa Aufsicht schieben, erst gegen Ende der siebziger Jahre darf sie wieder als Regisseurin arbeiten.
Entdeckt wird sie im Westen erst 1987: Marco Müller, der spätere Festivaldirektor von Locarno, zeigt die beiden inzwischen freigegebenen frühen Filme, die die Regisseurin selber als «provinzielle Melodramen» bezeichnet, am Filmfestival in Pesaro. Im gleichen Jahr wird die inzwischen 53-Jährige nach Locarno in die Jury berufen. Sieben Jahre später erhält sie dort den Ehrenleoparden. In New York (2005) und in Rotterdam (2013) wird sie mit viel beachteten Retrospektiven gewürdigt.
Mit ihrer Kompromisslosigkeit geht Kira Muratowa neben Andrei Tarkowski, Aleksei German, der früh verstorbenen Larissa Schepitko und Aleksandr Sokurow als eine der bedeutendsten RegisseurInnen in die sowjetische Filmgeschichte der Periode nach dem Tauwetter ein. Den letzten ihrer über zwanzig Spielfilme, «Ewige Rückkehr», hat sie 2012 in Odessa realisiert, wo sie auch den grössten Teil ihres Lebens verbracht hat. Am 6. Juni ist Kira Muratowa dort mit 83 Jahren gestorben.