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Herbert Büttiker, Der Landbote (29.01.2008)
Wenn im Opernhaus Zürich einmal eine Uraufführung ansteht, ist die Erwartung gross. Dass Edward Rushtons neue Oper einen Nerv der Zeit getroffen hätte, lässt sich nicht sagen, ob es eine «Oper für Kinder» ist, muss sich weisen.
Einmal sagt Wim zu den Mädchen, die ihn hänseln, «Ihr seid doof.» Das muss als Beleg genügen, dass wir es mit einem Jungen von heute zu tun haben. Dieser drückt sich sonst nämlich in rätselhaften Zählversen aus: «Eins ist das Dunkel / Zwei Funk – Gerät / Drei Mama, Papa / Vier niemand da ...» Der seltsame Junge ist denn auch in eine poetische Welt verpflanzt worden. Stoffquelle der Oper ist ein Märchen aus China: «Unter dem Schatten des Maulbeerbaums». Der Besitzer des Maulbeerbaums will den Fremden, der sich in seinem Schatten ausruht, vertreiben, lässt sich von ihm dann aber den Baumschatten abkaufen. Er glaubt ein gutes Geschäft zu machen und denkt nicht daran, dass der Schatten wandert und sich der Fremde deshalb zu gewissen Tageszeiten sogar im Haus niederlassen darf. Peinlich ist das besonders, wenn hoher Besuch ins Haus steht.
Den blamablen Geschäftsmann hat die Librettistin Dagny Gioulami (*1970) in ihrem teilweise krausen Text zum Vater des Jungen gemacht – kein Wunder, findet dieser im Fremden einen weisen Freund und besseren Erzieher. Er hat ihn umso nötiger, als die Mutter den Vater punkto Wohlstandsdebilität noch übertrifft.
Ein weiteres Museumsstück
Wie schon die erste im Opernhaus 2005 uraufgeführte Oper zeigt auch das zweite Auftragswerk von Edward Rushton (*1972) ein Familienbild. In «Harley» war dies konkret auch ein zum Leben erwachendes Bild in einem Museum, die Oper in dieser «Kunstanlage» somit auf originelle Weise museal im doppelten Sinn. Hier, «Im Schatten des Maulbeerbaums», blicken wir nun ohne doppelten Rahmen auf Sechzigerjahre-Klischees, auf das sterile Haus, die Lifestyle-Mama, den Wirtschaftswunder-Papa, den mit Knigge erzogenen Mustersohn: eine doch etwas abgestandene Satire, an der die Gegenfigur des weisen Wanderers eben auch nicht grossartig wachsen kann.
Freilich sind Aglaja Nicolet (Inszenierung), Martin Kinzelmaier (Bühnenbild) und Dorothea Nicolai (Kostüme) mit Fantasie und Handwerk an die Sache gegangen, sodass sich die eineinhalbstündige Aufführung auch mit einiger Kurzweil füllt. Valeriy Murga als Herr Bim und Margaret Chalker als seine Frau geniessen ihre schablonenhaften Elternrollen, Sen Guo und Rebeca Olvera chargieren lustvoll und koloraturenhysterisch als rotzige Gören, als Seidenraupen und Glühwürmchen, und Rolf Haunstein gibt komödiantisch trocken den markigen Gemeindepräsidenten. Morgan Moody verleiht dem mysteriösen alten Mann die noble baritonale Sanftmut und ein geheimnisvolles Lächeln, und Andreas Winkler findet sich mit feinem Gespür in die Kinderrolle, dies notabene mit stabilem, wenn auch hellem Tenor jenseits aller Pubertät.
Auf der Drehbühne, die immer wieder neue Perspektiven auf das Haus eröffnet und einiges an auch surrealer Stimmung vorüberziehen lässt, verbinden sich alle im bunten Treiben, und dieses erreicht mit dem Empfang des Gemeindepräsidenten in der zweitletzten von sieben Szenen genüsslich seinen chaotischen Höhepunkt.
Die breite Farbpalette
Fantasie und Handwerk zeichnet auch die Musik aus. Rushton verwendet eine breite Farbpalette mit viel Bläsereinsatz, mit Klavier, Celesta und Harfe und mit Schlagzeug und reichlich Geräuschinstrumenten. Die überraschende Streicherbesetzung mit drei Violinen und drei Kontrabässen favorisiert den Klangbereich irrealer Höhen und grummelnder Tiefen. Diese charakterisieren die patzigen Auftritte des Vaters, gläserne Klänge begleiten die Mutter, die Trompete spielt schimmernd solo zum «Sonnengesang» des Alten, die virtuose Solovioline die Glühwürmchenszenerie – es gibt kostbaren Klangzauber in dieser Musik, auch schmissigen Swing zum Abendessen, dann auch eruptiv Dunkles und unheimliche Stimmen hinter der Bühne in Wims Alptraumszene, und alles wird von Ralf Weikert und den 21 Instrumentalisten prägnant dargeboten.
Dennoch haben wir es mit einer Musik zu tun, die das Geschehen mehr koloriert, als überwölbt oder sich einverleibt. Mag sein, dass die vordergründige Inszenierung zu diesem Eindruck beiträgt. Vor allem kommt aber von den deklamatorischen Gesangsstimmen (gerade was die Hauptfigur Wim betrifft) wenig unmittelbarer szenischer Ausdruck. Man vermisst die pulsierenden Emotionen, die diese Musik als Sprache aus der Zeit und für die Zeit aktuell machen und aus dem Opernmuseum hinausführen würden. Und müsste das nicht gerade eine Oper für die Kinder, denen Opernhäuser schon mit der «Zauberflöte» reichlich viel zumuten?