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Rebel Video
[…] Insbesondere die Jugendbewegungen Nordamerikas und Europas haben das Video benutzt, um neue Formen autonomer, kollektiver, ikonoklastischer und basisdemokratischer Medienarbeit zu entwickeln.
[…] Heinz Nigg hat einige Ausschnitte der Interviews mit den VideoaktivistInnen und Fachtexte ausgewählt sowie eine essentielle Bibliographie erstellt und somit ein schönes Beispiel populärer Wissenschaft aufgebaut.
Es lohnt sich, die aktuelle Ausstellung im Landesmuseum Zürich zu besuchen. In einem einzigen Saal finden die BesucherInnen bis Mitte Oktober bürgerliche Sessel und Diwane, aufeinander gestapelte Holzpalette als Kaffeetische sowie aneinandergrenzende analoge Bildschirme, schwere Monitore und Vintage-Fernsehapparate. Diese minimale aber faszinierende Einrichtung ist das wichtigste Schau-Dispositiv der Ausstellung «Rebel Video - Generation in Bewegung», die verschieden spannende Produkte aus der Videoszenen der 1970er- und 1980er-Jahre in London, Basel, Bern, Lausanne und Zürich präsentiert.
Am Ende der 1960er kam die Videotechnik auf den Markt und in wenigen Jahren entstand eine Vielfalt an sozialen, künstlerischen und politischen Experimenten mit dieser neuen Technologie. Insbesondere die Jugendbewegungen Nordamerikas und Europas haben das Video benutzt, um neue Formen autonomer, kollektiver, ikonoklastischer und basisdemokratischer Medienarbeit zu entwickeln.
Die europäische Avantgarde dieser Bewegung war in London aktiv. Die Ausstellung ist einigen AktivistInnen dieser Stadt gewidmet. Deren Videos zeigen eine gewisse Sensibilität für die Probleme der ethnischen Minderheiten, der urbanen Communities oder präsentieren sich als «Kanäle des Widerstands». Unter vielen Titeln lohnt es sich, The Big Red Van (1974) zu zitieren. Dieses Video porträtiert ein medienaktivistisches Experiment der Inter-Action Trust, eine von Ed Berman gegründeten Organisation für die Stadtentwicklung: Der Inter-Action Medien-Kleinbus. Dieser rote Kleinbus war mit Monitor, Leinwand, Kopiermaschine, Lautsprecheranlage und mit einer kleinen Theaterbühne umgebaut worden. Als Spezialität verfügte der Bus sogar über eines der ersten Funktelefone in England, mit dem die Politiker angerufen werden konnten, um sich den Fragen der versammelten Anwohnerschaft zu stellen. Der Film wurde von Ed Berman selber produziert, um andernorts ähnliche Initiativen zu fördern. The Big Red Van zeigt in der Tat ein sehr erfolgreiches Experiment in «doorstep democracy» und gilt als sehr repräsentativ in einer Periode von sozialer und politischer Kreativität.
Die Politik ist aber nicht die einzige Protagonistin dieser Videos. Einige Titel sind auf ästhetischer Ebene sehr interessant. In Hyper-TV (1981) beispielsweise spielt der in Bern aktive Johannes Gfeller mit der Videotechnik und komponiert visionäre Collagen durch verformte Bilder, deren Referent oft unerkennbar bleibt. Samirs Morlove (1987) stellt auch ein sehr präzises ästhetisches Projekt dar. In seinem ersten Langespielfilm nutzt Samir Videoeffekte, die nicht mit dem Film realisierbar waren und kreiert eine sehr beeindruckende Bildsprache, die noch heute fasziniert.
Die Zürcher Videokultur spielt eine wichtige Rolle in dieser Ausstellung. Die ZuschauerInnen können einige bekannte Titel wie Opernhaus-Krawall (1980), Gwalt (1981) oder Züri brännt (1981) anschauen und Interviews mit einigen ProtagonistInnen von damals hören – wie Samir, Christian Schmid, Thomas Krempke und Margrit Bürer. Die Ausstellung folgt einer Serie von Publikationen und Filmen (wie zum Beispiel Klaus Rozsa. Staatenlos; siehe Filmexplorer review), welche das steigende Interesse für die jugendliche Bewegung Zürichs der 1980er beweisen.
Heinz Nigg, Forscher der Jugendbewegungen und der Videokultur und selber Protagonist der Zürcher Videoszene von damals, hat «Rebel Video» kuratiert und eine kreative Videocollage verschiedener Videos zusammengeschnitten und im zweiten Saal der Ausstellung gezeigt. Zusätzlich hat er auch die begleitende Publikation «Rebel Video. Die Videobewegung der 1970er- und 1980er-Jahre» im Verlag Scheidegger und Spiess herausgegeben. Es handelt sich nicht um einen Katalog der Ausstellung sondern um seine Ergänzung. Heinz Nigg hat einige Ausschnitte der Interviews mit den VideoaktivistInnen und Fachtexte ausgewählt sowie eine essentielle Bibliographie erstellt und somit ein schönes Beispiel für vermittelbare Wissenschaft aufgebaut. Die raffinierte Gestaltung des Buches ähnelt in seine Grösse einer Videokassette. Als digitale Integration des Buches gibt es eine Webseite, auf welcher einige im Buch verzeichnete Videos eingesehen werden können.
Text: Mattia Lento
First published: September 19, 2017