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Die dritte Bühnenarbeit über die Tätigkeit als Dolmetscherin für das Staatssekretariat für Migration im Asylbereich von Zarina Tadjibaeva weist eine ungemein gesteigerte Raffiniertheit auf.
Dreimal im Film, projiziert auf drei überdimensioniert wirkende Verbandsgazen, erscheint Zarina Tadjibaeva als Befragerin, Rechtsbeistand und Asylbewerberin und live vor Ort als Dolmetscherin. Ab dem ersten Augenblick von «Neutralisiert» manifestiert sich eine systemische Schieflage, die sämtliche Involvierte betrifft. Die Bewerberin spricht Tadschikisch, Dari, Farsi, Russisch und – fliessend – Deutsch. Auf die Frage, welche Sprache sie verdolmetschen solle, antwortet die Antragsstellerin, sie wechsle die Sprachen fliessend, weshalb das Gespräch gut auf Deutsch stattfinden könne. Allein, das Protokoll verlangt Gegenteiliges, also entsteht die erste schizophren wirkende Szene. Durch die kluge Auffächerung in die verschiedenen Perspektiven der involvierten Personen glückt es dem Stück eindringlich aufzuzeigen, dass sich letztlich alle davon in einem 360-Grad-Dilemma gefangen wiederfinden. Im Gegensatz zur sakrosankten Unschuldsvermutung in allen anderen juristischen Prozessen, ist der Asylprozess in einem «institutionellen Habitus des Misstrauens» verhaftet, was zugleich formuliert wie exemplarisch vorgeführt wird. Die Erinnerung an einen Raum, in dem die Bewerberin monatelang sexuelle Ausbeutung erlitten hatte, bei der x-ten Befragung wieder exakt gleichbleibend zu beschreiben etwa, ist als Einfallstor zur Beweisführung einer grundsätzlichen Inkongruenz der Aussage, was in der Folge zur Grundlage für eine generelle Skepsis jeder weiteren Schilderung genommen wird, letztlich nichts Geringeres als eine Falle. Über das eifersüchtige Bemühen, die geforderte Maxime von Neutralität, Ausgewogenheit, Korrektheit und weiteren übermenschlichen Erwartungen weist der Abend in die klandestine Privatheit etwa der Befragerin, die den konstant hohen Druck mit Übersprungshandlungen kompensiert und von ihrer Katzenliebe vorzuschwärmen beginnt. Die Bewerberin kapituliert letztlich vor der Unlösbarkeit ihrer Aufgabe, die der Quadratur des Kreises gleicht und legt Miranda Frickers Buch «Epistemisches Wissen. Macht und die Ethik des Wissens» mit den Begleitworten, «ich bin der lebende Beweis» vor, das die Protokollführerin während der Pause kopiert, weil das Originaldokument im Amt zu verbleiben hat. Die Musikspur flüstert «kein Fehler im System» in der Dauerschlaufe, während die Regisseurin Julia Skof Zarina Tadjibaeva einen von einer Wortkaskade begleiteten Tobsuchtsanfall auf die Bühne legen lässt, dass einen beinahe eine Furcht anheimsucht.
«Neutralisiert», bis 8.11., Fabriktheater, Rote Fabrik, Zürich.