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Einen «Klassiker», einen «kanonischen» Text, erkennt man unter anderem an seiner Zitierfähigkeit. Seine Kenntnis wird vorausgesetzt. Man kann auf den Text anspielen und damit rechnen, dass die Anspielung erkannt und bestenfalls genossen wird. Das zeigt die Parodie besonders deutlich. Als «Gegengesang» verbindet sie das Zitat mit kritischer Variation. Zum Beispiel so:
Der Mond ist aufgegangen.
Ich, zwischen Hoff- und Hangen,
rühr an den Himmel nicht.
Was Jagen oder Yoga?
Ich zieh die Tintentoga
des Abends vor mein Angesicht.
Peter Rühmkorfs Variation auf ‹Abendlied› von Matthias Claudius (1962) kündigt seinen Bezugstext im Titel ausdrücklich an. Und der eröffnende Vers folgt auch noch treu dem Original. Das Ohr der Lesenden wird gewissermassen angewärmt, damit die Überschreibung, die im folgenden Vers einsetzt, ihre volle Wirkung entfalten kann. Wo der Mond bei Claudius Anlass zu Überlegungen zu den letzten Dingen gibt, will Rühmkorfs Ich ausdrücklich nicht an den Himmel rühren und gibt eine horizontale Bearbeitung irdischer Nöte.
Rühmkorfs Variation des Gedichts ist nur eine von vielen. Auch wenn die quantitative Regel «Je öfter zitiert, desto klassischer» sicher nicht stimmt, muss man im Fall des Abendlied doch zur Kenntnis nehmen: Es kann nicht nur gefühlt, sondern gezählt als «das berühmteste deutsche Gedicht» gelten. Das hat eine statistische Auswertung von zweihundert Anthologien deutschsprachiger Lyrik gezeigt. Goethe mag mit Abstand der «berühmteste deutsche Dichter» sein, das Gedicht, das in diesen Sammlungen nachweislich am meisten vertreten ist, stammt eben von Matthias Claudius (gefolgt von Goethes Erlkönig auf Platz zwei). Selbst Karl Kraus, gefürchtet als Kritiker, zollte dem Gedicht mit Superlativen Respekt: «[N]ie stand ein Wald so schwarz und still, nie stieg der weisse Nebel so ‹wunderbar› wie in dem ‹Abendlied›».
Man sollte sich aber hier wie generell nicht auf Rankings verlassen. Da sie am Mehrheitsverhalten ausgerichtet sind, bedeuten sie immer auch fatale Kanonisierungen; sie gehen mit Ausschlüssen Hand in Hand. Und gerade «Berühmtheit» kann, wie unzählige Beispiele zeigen, eine ziemlich leere Auszeichnung sein. Anders gesagt: Dass Claudius’ Gedicht zum Kanon gehört, verpflichtet niemanden dazu, es besonders zu schätzen. Weshalb man es allenfalls schätzen und für ein gutes Gedicht halten kann, möchte die folgende Kommentierung in aller Kürze zeigen. Da die Bekanntheit des Textes in starker Spannung steht zur Unbekanntheit seines Autors, aber zunächst eine kurze Erinnerung an Claudius.
«Matthias Claudius, der wackere Wandsbecker Bote, der zwischen Diesseits und Jenseits unermüdlich auf- und abgeht und von allem, was er dort erfahren, mit schlichten und treuen Worten fröhliche Botschaft bringt.» Nicht allen haben Claudius’ schlichte und treue Worte so gut gefallen wie Joseph von Eichendorff. Erscheint er in dessen Literaturgeschichte als geradezu engelgleicher Autor, nennt ihn Goethe einen «Narr[en], der voller Einfaltsprätensionen» stecke. Und Wilhelm von Humboldt hielt ihn schlicht für «eine völlige Null». Die kontroversen Wertungen, die Claudius seitens seiner Zeitgenossen zuteil wurden, setzen sich fort in der Wissenschaft. Was hier Kopfzerbrechen bereitet, ist weniger die ästhetische Wertung seiner Texte als eine befriedigende literaturgeschichtliche Einordnung. Unter keine der etablierten Etiketten – Sturm und Drang, Klassik, Romantik – will er recht passen, und auch die gängigen zeit- und theologiegeschichtlichen Kürzel treffen nie das Ganze seines widerständigen Charakters. Wer ihn einen lutherischen Pietisten nennt, wird ihn wenigstens auch als aufgeklärten Aufklärungskritiker bezeichnen müssen. Zu dieser Position zwischen den Stühlen scheint zu passen, dass Claudius fast sein ganzes Leben in einer kulturgeographischen Randposition verbracht hat: in Holstein.
Hier, im damals noch dänisch regierten Untertanenland, kommt er 1740 als Pfarrerssohn zu Welt. In Jena studiert er Theologie und anderes mehr, kehrt 1762 aber ohne Abschluss in seine Heimat zurück. Nach einer wenig bedeutenden Veröffentlichung verkehrt er kurze Zeit als Sekretär des Grafen Holstein am dänischen Hof, wo er etwa auch die Bekanntschaft seines späteren Trauzeugen macht: Klopstock. Nach einigen Jahren redaktioneller Tätigkeit bei den Hamburger Adress-Comptoir-Nachrichten wird er 1771 Redakteur des Wandsbecker Boten, einer ländlichen Zeitung, zu der nicht nur er, sondern auch seine Bekannten beitragen, unter ihnen Klopstock, Lessing und Herder. Dennoch sind die Verkaufszahlen gering. Nachdem der Bote 1775 eingestellt wird, übernimmt Claudius eine Anstellung als Redakteur in Darmstadt. Der Versuch einer reformerischen Landzeitung bleibt aber nur eine Episode. 1777 kehrt er wieder nach Wandsbek zurück, wo er bis zu seinem Tod 1815 bleibt. Ab 1775 erscheinen in regelmässigen Abständen Claudius’ Sämmtliche Werke (acht Bände bis 1812). Die ersten Bände umfassen, in einem bewussten Neuarrangement, seine Beiträge zum Wandsbecker Boten, wobei der Name der Zeitschrift – siehe Eichendorff – zugleich zu seinem eigenen wird.
Wie angedeutet war Claudius’ Neigung zum Schlicht-Volkstümlichen nicht unumstritten. Wenn er diesem den Vorzug gibt, dann sicher nicht, weil er «eine völlige Null» war. Goethes Rede von einer «Einfaltsprätension» scheint eher zuzutreffen; er wählt bewusst einen «naiven launigten Ton» (Claudius). Liest man seine Schriften, so wird schnell deutlich, dass er immer auch mehr wollte als das nur Populäre. Claudius stapelt offensichtlich tief, wenn er in seinem Valet für meine Leser behauptet, er sei ein «einfältiger Bote», der «nichts Grosses bringen wolle […], sondern nur etwas Kleines, das den Gelehrten zu wenig und zu geringe ist». Seite an Seite mit «naiven» Gedichten, Hinweisen auf bemerkenswerte Unglücksfälle und wundervoll trivialen Nachrichten («26. April 1775: «Gestern hat hier die Nachtigall zum erstenmal wieder geschlagen») finden sich nämlich auch Stellungnahmen zu staatstheoretischen Problemen, zu den Streitigkeiten zwischen orthodoxen und aufklärerisch gesinnten Theologen oder Besprechungen philosophischer Schriften. Das Launige kann aber auch nicht Überhand nehmen durch das Leitthema des Todes. Claudius widmet seine Schriften dem Sensenmann; er – «Freund Hain» genannt – steht «als Schutzheiliger und Hausgott vorn an der Haustür des Buchs».
Was beim Blättern überdies ins Auge springt: Claudius war «mondsüchtig», sein Abendlied ist nur einer von vielen Mond-Texten. Unter ihnen findet sich etwa eine Folge zärtlicher, ja erotischer Briefe an den Mond, da ihm dieser (wohl den romanischen Sprachen folgend) als weiblich gilt: «Stille glänzende Freundin, Ich habe Sie lange heimlich geliebt; als ich noch Knabe war pflegt ich schon in den Wald zu laufen und halbverstohlen hinter’n Bäumen nach Ihnen umzublicken, wenn Sie mit blosser Brust oder im Negligé einer zerrissenen Nachtwolke vorübergingen.» Doch sind es, wie deutlich werden wird, auch ernstere Themen, die Claudius’ Faszination für gerade diesen Himmelskörper begründen. Dass seine ebenso gerühmte wie kritisierte Einfachheit so einfach nicht ist, lässt sich auch am Abendlied zeigen.
Der Mond ist aufgegangen
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weisse Nebel wunderbar.
Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.
Seht ihr den Mond dort stehen? –
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder,
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste,
Und suchen viele Künste,
Und kommen weiter von dem Ziel.
Gott, lass uns d e i n Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Lass uns einfältig werden,
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!
*
Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Lass uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!
So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und lass uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!
Matthias Claudius: Ausgewählte Werke. Hg. v. Walter Münz, Stuttgart 1990, S. 137f.
Das Gedicht, 1778 in Voss’ Musen-Almanach erstmals erschienen, ist vielen durch die Vertonung von Johann Schulz (1790) geläufig. Es ist noch heute ein Volkslied. Genauer: Es ist teilweise ein Volkslied, wenigstens dann, wenn man dem Experten Johann Gottfried Herder folgt. Als dieser 1778/79 seine bedeutende Volksliedsammlung erscheinen lässt, nimmt er das Abendlied zwar als einzigen zeitgenössischen Text mit auf, doch verzichtet er auf die letzten beiden Strophen. Was ihn zu dieser Entscheidung bewogen hat (Claudius ist ihr durch die nachträgliche Einfügung eines absetzenden Sternchens interessanterweise gefolgt), erhellt ein genauerer Blick auf den Text.
Im Stil der reformatorisch-barocken Gattungstradition des Abendliedes beginnt das Gedicht mit einem beschreibenden Natureingang, dem stärker reflektierend-belehrende Abschnitte folgen. Die erste Strophe setzt, indem sich der Blick vom Himmel zur Erde bewegt, ein eindrückliches nächtliches Naturschauspiel in Szene. Anders als in der genannten Tradition hat es jedoch nicht Bedrohliches an sich. Das zeigt sich bereits an den gewählten Adjektiven und wird in der zweiten Strophe ausdrücklich benannt: In der Abenddämmerung findet der Mensch eine «Hülle» und «stille Kammer», die Schutz und Erholung bietet nach des ‹barocken› «Tages Jammer». Die Adressaten der Rede, die bereits diskret eingeführt wurden, werden in der dritten Strophe direkt angesprochen. Der in der ersten Strophe aufgegangene Mond ist, wie nun deutlich wird, ein Halbmond. Und genau dies regt das Ich, das in der Rolle des Hausvaters auftritt, der zur abendlich versammelten Gemeinschaft spricht, zu weit reichenden Überlegungen an: Das Wissen um die Ganzheit auch des Halbmondes bietet Anlass zu grundsätzlicher Skepsis gegenüber dem menschlichen Erkenntnisvermögen. Das Sichtbare ist nicht das Ganze, weshalb auch die Künste (die artes im Sinne der Wissenschaften), wenn man sie für die einzigen Wahrheitslieferanten hält, nur vom «Ziel» wegführen. Durch eine erneute Zäsur in der fünften Strophe wird dann präzisiert: Nicht die begrenzte menschliche Erkenntnis führt zum «Heil», sondern Gott, der dieses schauen lässt. Diese Demut wird aber nicht nur sachlich eingeklagt, sondern durch den gebethaften Anruf zugleich praktiziert. Die Wissenschaftskritik, die von der Betrachtung des Halbmondes ihren Ausgang nimmt, mündet, an Mt 18 anschliessend («Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …»), in die Bitte um kindlich-fromme Einfalt.
Nicht von ungefähr hat Herder das «Volkslied» an dieser Stelle enden lassen. Was auf das Sternchen folgt, geht noch einen gewichtigen Schritt über dessen thematisches Repertoire hinaus. Die zeitliche Nähe des bereits angesprochenen Schlafes geht – noch immer im Modus des Gebets – über in eine Besinnung auf «Schlafes Bruder», den Tod. Erst auf die Bitte, dass dieser ein sanfter sein möge, folgt die Aufforderung an die Gemeinschaft, sich nun «in Gottes Namen» hinzulegen. All das wird in einer grandiosen Schlichtheit dargestellt, die den Kunstcharakter des Gedichts fast vergessen macht. Wenig erstaunlich, hat man erst spät bemerkt, dass der Text «fast eine Komposition aus Zitaten» (G. Kaiser) ist.
Fest steht: Der Bote kam beim Anblick des Mondes nicht nur auf mancherlei Gedanken – erotische, philosophische, tieffromme –, er hat es auch verstanden, sie in prägnante Worte zu kleiden. Vielleicht gefällt das Gedicht, weil die Welt- und Gotteserfahrung, die sich in ihm ausspricht, mit der eigenen übereinstimmt. Vielleicht gefällt es, weil die eigenen Erfahrungen gerade sehr anders aussehen. Diese zweite Haltung hat ein anderer Ausleger seinerseits prägnant formuliert. Als «Ungläubiger» könnte man in dem Gedicht, so Dieter Lamping, «schöne Gefühle besichtigen, die es einmal gegeben hat – oder von denen man wünscht, dass es sie gegeben habe. […] Auf jeden Fall gibt es sie im Gedicht, wie vieles, was besser ist als die Wirklichkeit.»
Für Thea