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Die Corona-Pandemie spaltet die Schweiz. Romandie und Deutschschweiz sind sich bezüglich Pandemiebekämpfung selten einig. Doch auch zwischen Stadt und Land scheint es Differenzen zu geben.
Der Stadt-Land-Graben ist eine Konstante in der schweizerischen Politik. Das zeigt sich immer wieder an den Abstimmungssonntagen. Jüngstes Bespiel in einer langen Reihe ist das Scheitern der Konzernverantwortungsintitative. Sie wurde in ländlich geprägten Gebieten abgelehnt. In den grossen Städten ist das Anliegen hingegen auf viel Zustimmung gestossen. Aktuelle Studien zeigen, dass sich die Differenzen zwischen Stadt und Land akzentuieren und die Schweiz mittlerweile tiefer spalten als der „Röstigraben“. [1]
Während der Corona-Pandemie ist viel über die Unterschiede zwischen den Sprachregionen geschrieben und diskutiert worden. Gegenseitige Vorwürfe und Schuldzuweisungen waren im Herbst beinahe an der Tagesordnung. Der Stadt-Land-Graben fand weit weniger Beachtung. Eine Studie der Universität Basel zeigt aber, dass es zumindest in der ersten Phase der Pandemie in puncto Arbeitssituation Unterschiede zwischen Stadt und Land gegben hat. Die Kurzfassung: je städtischer die Region, desto verbreiter ist Homeoffice unter den Arbeitnehmenden.[2] Eine Auswertung der Bevölkerungsumfragen von Sotomo legt den Schluss nahe, dass es auch Unterschiede bezüglich Akzeptanz der vom Bundesrat beschlossenen Corona-Massnahmen gibt.
Versammlungsverbote werden auf dem Land kritischer gesehen
Grundsätzlich stossen die politischen Massnahmen zur Pandemiebekämpfung in ländlichen Gebieten auf weniger Zustimmung als in den grossen Städten. Anfang Juni wurden Einschränkungen der Bewegungsfreiheit in ländlichen Gemeinden von 27 Prozent der Befragten als übertrieben wahrgenommen. In den grossen Städten wie Zürich, Basel oder Bern teilten nur 21 Prozent diese Ansicht. Konkret ging es um das Verbot von Menschenansammlungen mit mehr als dreissig Personen in der Öffentlichkeit. Dieses wurde erst mit den grossen Lockerungsschritten vom 21. Juni gekippt. Es folgte die trügerische Sicherheit im Sommer, bevor die Fallzahlen Anfang Oktober stark zugenommen haben.
Am 18. Oktober reagierte der Bundesrat auf die anrollende zweite Welle der Pandemie. Per 19. Oktober wurde wieder ein Verbot von Menschenansammlungen, diesmal mit mehr als 15 Personen, beschlossen. Diese Verschärfung der Massnahmen empfand wiederum ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung als zu weitgehend. Auch die unterschiedliche Wahrnehmung zwischen Stadt und Land blieb bestehen.
Nicht nur die Versammlungsverbote gingen vielen zu weit, sondern auch die Einschränkung von Geschäften und Dienstleitungsangeboten sowie das Verbot von grossen Events. Im Juni fanden in ländlichen Gebieten knapp 30 Prozent der Befragten, dass der Bundesrat mit solchen Massnahmen übertreibe. In den grossen Städten waren es 22 Prozent. Dasselbe Bild zeigt sich in der zweiten Welle der Pandemie. Mitte Oktober beschloss der Bundesrat einschneidende Massnahmen für Clubs, Bars und Restaurants. Essen und Trinken war nur noch sitzend erlaubt. Solche Vorschriften wurden im ländlichen Raum wiederum kritischer gesehen, als in den Städten.
Zustimmung zu Massnahmen bröckelt in der zweiten Welle
Betrachtet man auch Personen, denen die Massnahmen zu wenig weit gehen, zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Befragungszeitpunkten. Die Zustimmung zu den politischen Massnahmen hat mit Beginn der zweiten Welle der Pandemie stark gelitten. Im Vergleich mit den geltenden Massnahmen im Juni, wurden die im Oktober beschlossenen Massnahmen nur noch von halb so vielen Befragten als angemessen eingeschätzt.
Die zweite Welle der Pandemie führte offensichtlich zu einem starken Stimmungswandel in der Bevölkerung. Der Ruf nach strengeren Massnahmen wurde lauter. Gleichzeitig gingen die Massnahmen immer noch vielen Menschen zu weit. Dieser Trend zur Polarisierung zeigt sich sowohl in städtisch als auch in ländlich geprägten Gebieten und gleichermassen in den Agglomerationen.
Besonders bezüglich der Abfederung von Lohnausfällen nahm der Druck aus der Bevölkerung zu. In den Städten war Ende Oktober erstmals eine Mehrheit der Meinung, dass der Bundesrat in dieser Hinsicht zusätzliche Massnahmen ergreifen müsste. Etwas weniger stark war diese Forderung in ländlichen Gebieten. Die Polarisierung zeigt sich aber auch hier deutlich. Es scheint, als hätte die Landesregierung über den Sommer viel Vertrauen verspielt.
Die obersten Krisenmanager verlieren überall an Vertrauen
Eine Auswertung der Daten zeigt tatsächlich, dass die zunehmende Polarisierung mit schwindendem Vertrauen in den Bundesrat einherging. Der Vertrauensverlust zwischen Juni und Oktober ist beidseits des „Röstigrabens“ markant. Auf einer Punkteskala von 1 bis 5, wobei 5 „sehr grosses Vertrauen in den Bundesrat“ bedeutet, sank das Vertrauen in der Romandie um fast einen Punkt. Etwas weniger ausgeprägt ist dieser Einbruch in den Deutschschweizer Kantonen. Dort startete der Bundesrat allerdings zu Beginn der Pandemie mit weit grösserem Vertauensvorschuss als in der Romandie. Interessant ist, dass der Bundesrat im Juni in den grossen Deutschschweizer Städten mehr Vertrauen genoss, als auf dem Land. Über den Sommer hat er gerade in diesen städtischen Gebieten besonders viel Vertrauen verspielt. Im Oktober sind die Vertrauenswerte in den Städten gar niedriger als auf dem Land.
Ein Blick auf die Zahlen aus dem März zeigt, dass der Bundesrat zu Beginn der Pandemie in der Deutschschweiz weit mehr Vertrauen genoss als in der Romandie. Die Unterschiede zwischen den Sprachregionen wurden dann von Monat zu Monat kleiner. Im Juni hat sich das Verhätnis umgekehrt. Ab diesem Zeitpunkt war in der Romandie das Vertrauen in den Bundesrat höher als in der Deutschschweiz. Über den Sommer haben sich die Werte dann angeglichen. Im Oktober sind die Unterschiede zwischen den Sprachregionen kaum mehr ausgeprägt. Am meisten Vertrauen genoss die Landesregierung im Herbst noch in den grossen Städten der Romandie. Am kritischsten gegenüber der Politik des Bundesrats waren zu diesem Zeitpunkt die Bewohner der grossen Deutschschweizer Städte.
Daten, Validität und Methoden
Daten und Methodik:
Grundlage für den Blogbeitrag bilden die Daten des Corona Monitorings von sotomo. Für die Einteilung der Gemeinden nach Stadt/Land Typologie wurde auf bereits bestehende Kategorisierungen des Bundesamts für Statistik zurückgegriffen. Eine Kombination aus zwei unterschiedliche Typisierungen erlaubt eine genauere Einteilung. Verwendet wurden die Einteilung nach Räumen mit städtischem Charakter (7 kategorien) und die Agglomerationsgrössenklassen (6 Kategorien). Daraus ergeben sich folgende fünf Gemeindetypologien: grosse Kernstädte, kleine Kernstädte, grosse Agglomeration , kleine Agglomerationen und ländlicher Raum. Die genaue Einteilung der Gemeinden in die verschiedenen Kategorien ist im Code ersichtlich.
Validität:
Befragugnsteilnehmer aus Gemeinden, die durch Fusionen erst nach 2015 entstanden sind, wurden für die Auswertungen der Differenzen zwischen Stadt und Land nicht berücksichtigt. Die Gemeindenummern dieser Gemeinden sind in den Einteilung in städtische und ländliche Gemeinden des bfs nicht vorhanden. Es handelt sich um 2’048 von insgesamt 142’335 Beobachtungen.
Quellen:
SRF, 03.06.2019,
https://www.srf.ch/news/schweiz/politische-landschaft-differenzen-zwischen-stadt-und-land-spalten-tiefer-als-sprache
Christian Rutzer, Matthias Niggli und Thomas Gerber, April 2020,
https://cieb.shinyapps.io/HomeOffice_CH/
Informationen zum Blog
Autor: Patrick Baumann, 10-740-264, <email-pii>
Titel: Skepsis und Polarisierung: Auf dem Land sieht man die Corona-Massnahmen kritischer
Modul: Forschungsseminar Politischer Datenjournalismus (HS20)
Dozenten: Alexandra Kohler, Bruno Wüest, Fabrizio Gilardi
Abgabedatum: 03.01.2021
Anzahl Wörter: 751