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Faktoranalytische Studien zeigen, dass selbsteingestufter Zorn, wie er in naturalistischen Szenarien erlebt wird (am Arbeitsplatz, in der Familie, im Umgang mit der Behörde), auf Temperamentmarker lädt, die zusammen mit Angst und Sorge einem Vermeidungsverhalten entsprechen. Wird Zorn aber in Laborsituationen unter kontrollierten Bedingungen experimentell induziert (etwa durch persönlich beleidigende Aussagen oder Konfrontation mit Fotografien Andersdenkender), zeigt er gemäss Einstufung der Probanden alle Zeichen eines Annäherungsverhaltens. Dieses scheinbare Paradox lässt sich im Rahmen des Spontaneitätsmodells affektiven Handelns auflösen. Das Modell besagt, dass spontane Emotionalität phylogenetisch übereinstimmend rechtshirngesteuert ist und damit zum linken Halbraum ausgerichtet. Aufgesetzte Emotionen hingegen sind linkshirngesteuert und werden nach rechts hin exprimiert. (Dementsprechend zielen nur spontan zornige, nicht aber sich bloss zornig gebende Penaltyschiesser den Ball statistisch vermehrt in die linke Torhälfte; echt aufgebrachte Paviane beissen in freier Wildbahn links stehende Artgenossen heftiger als rechts stehende, während der spielerische Biss nicht lateralisiert ist; die Kröte zeigt zorniges Spontandrohen durch linksgerichtetes Ausstrecken der Zunge, konditioniertes durch ungerichtetes oder gar rechtslastiges.)
Zusätzlich zu dieser Dichotomie spontan – aufgesetzt beschreibt die Verkörperte Linguistik eine Polarität in der sprachlichen Beschreibung emotionaler Valenzen. Negative Emotionswörter (Wut, Zorn, Hass, Ekel) sind generell kürzer als positive (Liebe, Hoffnung, Zuneigung). Dies, weil negative Emotionen entlang der limbischhypothalamischen Achse nur kurze Aufbauzeiten benötigen, positive aber neokortikal und tonisch angesteuert werden. Im Fall von Zorn: Augen zukneifen, Nasenflügel weiten, Lippen rechteckig öffnen und Zähne fletschen, Faust ballen – all diese psychophysiologischen Vorgänge müssen, einmal getriggert, verzögerungslos ablaufen, wenn sie ein Gegenüber überzeugen wollen. Auf linguistischer Ebene bildet sich diese Instantaneität in einer Tendenz zu Einsilbigkeit ab. Der emotionale Wortlängeneffekt wird wie der Spontaneitätseffekt von einer funktionellen zerebralen Hemisphärenspezialisierung getragen: die rechte Hirnhälfte ist zwar spontaner als die linke, zeigt aber gleichzeitig auch eine wenig entwickelte linguistische Kompetenz. Spontan Dahingesagtem fehlt es daher oft an Aussagentiefe, während wohlüberlegten Worten, den sprachsensitiven Arealen der linken Hirnhälfte entspringend, bisweilen die Spontaneität abgeht.
Hier setzt nun die Entzürnungsmethode nach John Zorn ein; die erwähnten Beobachtungen integrierend, bietet sie die einfache Strategie an, jegliches Aufkommen von Zorn im Keime zu ersticken. Sobald Sie auf eine Provokation hin spüren, wie sich Ihre Augen verengen und die Hand sich zur Faust ballt, initiieren Sie jäh einen Entschleunigungsprozess: Unterdrücken Sie den auf der Zunge liegenden Kurzausruf (etwa «f***!») und lenken stattdessen Ihre Zunge behutsam der rechten Wangeninnenwand entlang nach vorne, stets an die Kröte denkend, die ihren Primitivzorn durch linguale Linksausrichtung aufrechterhält. Der Rechtsdrall erzeugt eine tonische Aktivierung des linken Frontalkortex und erleichtert Ihnen damit das Formulieren einer sprachlich anspruchsvollen Äusserung (etwa «Nun gut, aber…»). In dyadischen Personeninteraktionen wird Ihr zornauslösendes Gegenüber die Äusserung wegen der Rechtshaltung der Zunge nur schwer verstehen und sich zur Nachfrage gezwungen sehen. Kennt die Person die Zorn’sche Entzürnungsmethode selber nicht, nützen Sie diesen Umstand aus und sprechen elaboriert, aber weiterhin undeutlich artikuliert weiter; damit schieben Sie Ihren Restzorn vollständig auf das Gegenüber ab und können, sich der aufkommenden Häme erfreuend, Ihre Zunge wieder zentrieren. Falls Ihr Interaktionspartner selber entzürnungstechnisch erfahren sein sollte, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder die Situation eskaliert – hierzu sind in der Literatur noch wenig und widersprüchliche Angaben zu finden – oder sie schlägt in eine beide Interaktionspartner simultan überkommende Aktivierung von je mehr als 650 Muskeln um, die von erleichternder Freude begleitet ist.