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Und der Regenwald? Viel gehört, noch nie gesehen (nur im Film) und noch nie dort gewesen. Dort? Die grössten Regenwälder sollen in Brasilien, im Kongo, in Indonesien und Malaysia sein. Also in Südamerika, Afrika, Asien... Jetzt weiss ich, nördlich von Cairns hat es auch Überreste von Regenwald, sie sind geschützt, also Naturschutzgebiet.
„Rettet den Regenwald“, der Slogan macht immer wieder die Runde. Bruno Manser ist verschollen, im Regenwald. Sein Tagebuch liegt mir noch schwer in den Knochen: „Ein Leben für den Regenwald“. Doch dies alles passierte im Dschungel von Borneo. Nicht in Australien. Die Ureinwohner wurden hier schon viel früher (fast) ausgerottet.
Ein weit angenehmeres Versatzstück taucht auf: Crocodile Dundee, eine australische Filmkomödie, Paul Hogan auf den Leib geschrieben. Ich hoffe seine hübsche Partnerin, Linda Kozlowski, taucht auf. Doch Linda kommt natürlich nicht, sie ist längst mit Paul Hogan verheiratet. So spielt eben das Leben.
Schon nach den ersten Schritten im Regenwald vermisse ich Tarzan, der sich von Liane zu Liane schwingt. Doch der ist in Afrika zuhause, im Dschungel. Auch Liane, das Dschungelmädchen, verführerisch, langhaarig, fast nackt, ist tot, Marion Michel, im Alter von 66 Jahren vor drei Jahren gestorben. Jugendträume.
Jetzt sehe ich den Regenwald, zuerst gondelschwebend von weit oben, unten ein Dickicht mit Schlingpflanzen, Lianen, Epiphyten, Würgefeigen, Palmen, riesigen Farnen , die so hoch sind wie Urwaldbäum. Alle die Pflanzen wollen ans Licht. Beethoven - Gefangenenchor: „O welche Lust! In freier Luft den Atem leicht zu heben!“ Am Boden des Waldes muss es dunkel sein.
Der Wald scheint immergrün - Blüten, Früchte, Blätter, Wurzeln, die wie grosse Netzwerke aussehen. Kein leiser Wald: dauernd Geräusche von raschelnden Tieren, fallenden Blättern und Ästen, knackenden Bäumen, kreischenden Vögeln.
Zu sehen sind Tiere kaum, jedenfalls nicht auf den kurzen Wegen über die sicheren Stege im Regenwald. Trotzdem ist das Urwaldgefühl da, weil die Natur hier so anders ist, echt. Jede Pflanze, jedes Tier kämpft um seinen Platz.
Die meisten Tiere leben im oberen Stock, man hört sie mehr, als dass man sie sieht. Am Boden raschelt es – meist sind es Eidechsen, Warane, die Krokodile suchen wir im Tümpel, Neugier und Angst mischen sich. Bis wir – irgendwo – nur schemenhaft eines dieser Tiere sehen. Wir sind halt keine Crocodile Dundees.
Pflanzen, die auf Bäumen wachsen, Schmarotzer ohne Schmarozer zu sein. Sie leben vom Humus des herabfallenden Laubs. Sie leben vom Abfall anderer. Brutaler sind da die Würgefeigen. Sie wachsen nicht von oben nach unten. Ihr Leben beginnt in der Krone anderer Bäume, bis sie unten auf der Erde sind, ist der Gastbaum tot, hohl, erstickt.
Alles was ich bisher über den Regenwald gelesen und gehört habe ist zwar da: eigentlich aber nur zu erahnen, zurückgebunden, damit sich der staunende Tourist nicht verletzt, nicht auf giftige Schlangen tritt und vor Spinnen nicht zu fliehen braucht. Ich spüre immer mehr, der Regenwald findet nur in meiner Phantasie seine Vollendung.
Seit ich dem Regenwald begegnet bin, hasse ich botanische Gärten. Sie sind zwar wunderschöne Lehrstücke der Natur. Doch die Natur ist anders, die Stämme nicht schön grad, geordnet, in sich ruhend, sogar beschriftet. Jeder ein Zeuge seiner Art. Dies gilt für alle Pflanzen, auch für die seltensten, exotischsten. Im Regenwald aber sind sie in ihrem Element, sie kämpfen um ihre Existenz, um ihr Leben. Sie suchen Licht, Schutz, Nahrung… Jede Pflanze, jedes Tier, scheint allein zu sein, von der Natur ausgerüstet für einen existenziellen Kampf: Widerhaken, Gifte, brennende Säfte, messerscharfe Blätter.
Etwas lullt die bizarre Welt ein: der Regen, der immer wieder – oft abwechselnd mit Sonnenschein – herunter prasselt und Feuchtigkeit bring. Es ist heisss, die Nässe dringt überall ein, in den Wald, in die Pflanzen, in die Tiere. Es ist warmfeucht, nein heissfeucht. Ich befürchte, irgendwelche Samen beginnen auf meiner feuchten Haut zu spriessen. Der Franzose würde sagen: „Il pousse partout dans la forêt tropicale“. Wo er Recht hat, hat er Recht, auch der Franzose…