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Bristol ist ein verschlafenes Städtchen im Süden der USA. Nördlich der State Street, der Hauptstrasse, ist man in Virginia, südlich davon in Tennessee. Zwei verschiedene Stadtverwaltungen, zwei verschiedene Steuersysteme. Wer die State Street entlangschlendert, kommt an vielen geschlossen Geschäften vorbei. Sogar der Thrift Shop, das Brockenhaus, ist zu verkaufen. Aber da gibt es auch diese riesige Wandmalerei, die Bristol als «Birthplace of Country Music» anpreist. Das Bild zeigt die Carter Family, Jimmie Rodgers und die Jahreszahl 1927. In diesem Jahr fanden die berühmten Bristol Sessions statt, die Johnny Cash «den wichtigsten Moment in der Geschichte der Country Music» nannte.
Mountain Music
Trotzdem ist es heute Nashville, Tennesse, das mit Country in Verbindung gebracht wird, nicht Bristol. Und wer möchte mit dem, was sich heute Country nennt und aus Nashville kommt, überhaupt in Verbindung gebracht werden? Viele Leute assoziieren mit Countrymusik oft grosse Cowboyhüte, Truckerfestivals, konservative Gesinnung und eine Art volkstümlichen Schlager mit Westerneinschlag. In der Schweiz wurde diese Richtung von Leuten wie John Brack repräsentiert, was die Sache nicht besser machte.
Country ist aber eine Genrebezeichnung, die enorm vieles umfasst. Spätestens seit dem Film «O Brother, Where Art Thou» von Joel und Ethan Coen (USA 2000) sind aber dem urbanen Publikum die Ohren für die ursprüngliche Art dieser Musik wieder aufgegangen. Für den Soundtrack zu «Cold Mountain» (Anthony Minghella, USA 2003) spielt denn auch Jack White von den White Stripes seine Version der traditionellen Songs, aus denen sich die vielen unterschiedlichen Stilrichtungen wie Bluegrass, Blues, Western Swing, Hillbilly und wie sie alle heissen entwickeln haben.
Natürlich wurde diese Musik nicht in Bristol erfunden. Bristol liegt in den Blue Ridge Mountains, die ihrerseits Teil der Appalachen bilden, eine hüglige, neblige, einsame, eher unwirtliche Gegend. Die EinwanderInnen, die hier hängen blieben, waren Deutsche, Französinnen, Schottinnen und Iren, die einen Teil ihrer Musik mitbrachten. Diese mischte sich mit der Musik der afrikanischen SklavInnen. Zur Urformation der Mountain Music, wie sie auch genannt wird, gehörte Geige und Banjo. Das Banjo kommt ursprünglich aus Westafrika und wurde vor allem von SklavInnen gespielt. Der Grund, warum es heute praktisch keine schwarzen BanjospielerInnen mehr gibt, sind die Minstrels.
Ende des 19. Jahrhunderts traten Weisse mit schwarz angemalten Gesichtern auf, spielten Banjo und Geige und machten sich aufs Übelste über die Schwarzen lustig. Diese Shows waren ein Erfolg und trugen als Erste die Musik der Appalachen in die Welt hinaus. In New York lachte man genauso begeistert wie in London oder Paris. Die besseren Kreise konnten es sich dann auch leisten, modernere und bessere Instrumente herstellen zu lassen. Daraus entwickelte sich die heutige Form des Banjos.
Die Geige war von den weissen EinwanderInnen mitgebracht worden. Sie war handlich und im Gegensatz zu Pianos oder Kirchenorgeln einfach zu transportieren. Die ganz strengen BaptistInnen und MethodistInnen erblickten in der Fidel jedoch bald das Instrument des Teufels.
Die Carter Family
Die Bristol Sessions waren nicht einmal die ersten Aufnahmen dieser Art von Musik. Was sie so bedeutend macht, ist der Umstand, dass innert weniger Tage die Carter Family und Jimmie Rodgers hier ihre ersten Aufnahmen machten. Beide wurden Fixsterne am Musikhimmel und repräsentieren die bis heute gültigen beiden Weltsichten des Genres. Hier die tief christliche Familie, die vom einfachen Leben, von Liebe und Glauben singt, dort der Rambling Railroad Man, der vom unsteten Leben, vom Scheitern, von Alkohol und Frauen singt.
Die Verlockungen des Fleisches kreuzen die Wege des Herrn. Die Diskrepanz zwischen den Freuden des Samstagabends und der Reue des Sonntagmorgens ist offensichtlich. Wie lebendig dieser Gegensatz immer noch ist, zeigt der Film «Searching for the Wrong-Eyed Jesus» von Andrew Douglas (USA 2003), der ein Vertreter der neueren, düsteren Countrylinie ist. Neben ihm treten darin auch Johnny Dowd, Jim White, die Handsome Family, Cat Power oder David E. Edwards von 16 Horsepower auf, die mit Nashville-Country so viel gemein haben wie Attwenger mit Maja Brunner.
Das Countrymuseum
In Bristol erinnert nur noch ein Gedenkstein an die legendären Sessions, die auch «The Big Bang of Country Music» genannt werden. Das Gebäude, in dem Ralph Peer die Aufnahmen für das Label Victor machte, ist längst abgebrannt. 2011 soll aber ein Museum fertiggestellt werden, das Bristol wieder mehr ins Bewusstsein des Publikums rückt. Und hoffentlich etwas Geld generiert.
Dass sich gerade hier, im Süden der USA, diese zeitlosen Lieder über Schmerz, das harte Leben, Niederlagen und Hoffnung entwickelten, ist kein Zufall. Der Süden hatte den Bürgerkrieg verloren und war wirtschaftlich ruiniert. Es gab nur Landwirtschaft, die Eisenbahn, Holzabbau und Kohlebergwerke. Davon zeugt unter anderem das Lied «Sixteen Tons», das seither von unzähligen MusikerInnen aller Stilrichtungen gecovert wurde.
Das Leben war für Schwarze und Weisse hart, ihre Lieder ähnelten und beeinflussten sich. Die Musik diente auch zur Verbreitung von Neuigkeiten. Folklegenden, in denen es meist um Mord und Totschlag ging, wurden von Schwarzen und Weissen gesungen, von Leadbelly etwa oder von Bill Monroe: «Stagger Lee», «Tom Dooley», «Frankie and Johnny».
Ohne Blues ist Bluegrass nicht denkbar, und die Schwarze Musik war mehr vom Gospel beeinflusst. Jimmie Rodgers spielte zusammen mit Louis Armstrong Platten ein, was damals, als die Rassentrennung strikt angewendet wurde, unerhört war. Der Süden war der letzte Teil der USA, in dem es weder Strom und Wasser noch Radio gab. So musste man sich eben selbst unterhalten, und die Musik wurde ein wichtiger Teil des täglichen Lebens. Diese Tradition ist in den Blue Ridge Mountains bis heute erstaunlich lebendig geblieben. Kaum ein Dorf, in dem es nicht am Wochenende Jamsessions, Tanz- und Musikwettbewerbe gibt. Die meisten MusikerInnen arbeiten die Woche über in anderen Jobs. Gespielt wird anschliessend in Tanzsälen, Lagerhäusern, Barbiersalons oder gar Fastfood-Lokalen.
Als es nach der Grossen Depression von 1929 wieder etwas aufwärtsging, die Leute in den Kohlebergwerken, Sägereien und Möbelfabriken Arbeit fanden, investierten sie ihr Geld in Musikinstrumente und kauften sich Radioempfänger und Plattenspieler. So erlebte die Musik einen Boom. Einige wurden ProfimusikerInnen, weil sie damit an einem Abend mehr verdienten als in einer Woche harter Arbeit in den Fabriken und Minen.
Bis heute werden an einigen Orten wie dem Rex Theater in Galax wöchentlich live Radioshows aufgenommen und übertragen. Der Moderator liest die Werbung, unter anderem eines Cafés, in dem er einem dann nach dem Konzert gleich selbst die Sandwichs serviert, da es seiner Familie gehört.
Musik war immer auch Geschäft. Ralph Peer, der 1927 per Inserat MusikerInnen suchte, war auf der Suche nach neuen Talenten und beanspruchte die Hälfte der Urheberrechte für sich.
Bis die Hütte wackelt
Auf dem Sender von A. P. Carter laufen nicht weniger als 350 Lieder, von denen viele auf alte Balladen zurückgehen, die er in ein radio- und aufnahmetaugliches Dreieinhalb-Minuten-Format gebracht hatte. Trotzdem wurde er nicht reich damit. In den siebziger Jahren musste sich seine Tochter, Janette Carter, die als Köchin arbeitete, etwas einfallen lassen, um das heimische Anwesen in Hiltons, Virginia, auf dem sich das Geburtshaus von A. P. Carter befand, voller Leben zu erhalten. Ihr Bruder Joe zimmerte eigenhändig eine grosse hölzerne Tanzhalle, wo seither jeden Samstag um halb acht eine Band aufspielt und Leute aller Schichten und Altersklassen, jedoch fast nur Weisse, ihre mit Eisen beschlagenen Tanzschuhe anziehen und ein paar Stunden die Hütte wackeln lassen. Selbst wenn berühmte Bands spielen, ist der Eintritt niedrig, zwischen sieben und zwölf Dollar.
Hier hat auch Johnny Cash, der wie seit dem Film «Walk the Line» (James Mangold, USA 2005) allgemein bekannt, mit einer anderen Enkelin von A. P. Carter, June Carter, verheiratet war, seine letzten beiden Konzerte gegeben.
Hier sind viele der Lieder entstanden, die er berühmt gemacht hat und die ihn berühmt gemacht haben. Aber es war ein langer Weg bis dahin. Dieser führt zuerst über Stars wie Ernest Tubbs oder die Louvin Brothers, Letztere sind heute noch aktiv. Ihr seltsamer Hit «Knoxville Girl» handelt von einem Mann, der seine Geliebte erschlägt. Das Lied ist über 350 Jahre alt, über seinen Ursprung gibt es nur Spekulationen. Es wird heute noch gesungen, wie andere, noch ältere Lieder. Es ist eine Tradition, die so alt ist wie die Musik von Mozart und von EurozentrikerInnen, die den Schwachsinn «Amerika hat keine Kultur» verbreiten, gerne ignoriert wird.
Immer wieder «John Henry»
Es ist eine der Besonderheiten dieser Musik, dass die Lieder immer wieder neu interpretiert werden. Neue Versionen von «Blue Moon of Kentucky» oder «John Henry» oder «Single Girl, Married Girl» werden immer wieder entstehen, jeder neue Stern muss sich auch an den alten Nummern beweisen, die auch schon von Tom Waits, Bob Dylan, Nick Cave oder Billy Childish interpretiert wurden.
Der ganz grosse Durchbruch für diese Musik kam aber mit einem Mann aus Georgina, Alabama. Er war so etwas wie der erste Rockstar, der das Motto «Live fast, die young» verkörperte und eine Menge unsterblicher Lieder hinterliess, die bis heute im Repertoire von Country-, Jazz-, Rock- und PunkmusikerInnen sind. Er war mit zehn Jahren bereits Alkoholiker, nahm Morphintabletten und starb mit neunundzwanzig Jahren auf dem Rücksitz eines Autos: Hank Williams. Aber das ist eine andere Geschichte.