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Prozessionen der Karwoche von Mendrisio
Alte und lebendige Traditionen, seit über 400 Jahren
Die Prozessionen finden jedes Jahr am Gründonnerstag und Karfreitag in Mendrisio statt. Ein unverzichtbares und einzigartiges Ereignis, bei dem die Geschichte zu einem Spektakel in der Fortführung der Tradition wird. Wenn man durch die Strassen des Ortskerns geht, strahlt das gedämpfte Licht der «Transparente», durchsichtige Gemälde auf Leinwand, die auf von innen beleuchtete «Rahmen» gespannt sind. Die in einer speziellen, auf das 18. Jahrhundert zurückgehende Technik ausgeführten «Transparente» sind typisch für die Prozessionen und stellen ein zentrales Element der Kandidatur dar. Die Gründonnerstagsprozession ist der Passion und dem Kreuzweg Christi gewidmet und wird von rund 270 Darstellern durchgeführt. Die Freitagsprozession ist strenger und feierlicher mit über 700 Darstellern. Immaterielles Kulturerbe seit 2019.
Geschichte
Prozessionen
Mit grosser Wahrscheinlichkeit sind die Prozessionen der Karwoche in Mendrisio älter als ihre erste Erwähnung zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Die Prozession am Donnerstag ist eine «heilige Darstellung» mit populärem Charakter, bei der etwa 20 Gruppen oder Menschen nicht wie üblich einen Text vortragen, sondern durch die Strassen des Dorfes ziehen und den Kreuzweg nachstellen. Die einzigen, die sich äussern, sind die Juden, die Beschimpfungen und das Todesurteil Christi ausrufen, weshalb die Prozession auch als «Funziun di Giüdee» bekannt ist. Mindestens drei Jahrhunderte lang wurde sie von der Sakramentsbruderschaft organisiert.
Die feierliche Freitagsprozession ist eine Erweiterung des Rituals der Beerdigung Christi, weshalb sie ursprünglich von Geistlichen durchgeführt wurde. Mit der Unterwerfung der benachbarten Lombardei an Spanien im sechzehnten Jahrhundert verbreitete sich die Tradition, sie «Entierro» (spanisch: Begräbnis) zu nennen. Es stellt das nächtliche Begräbnis Christi dar, das gewöhnlich von der trauernden Mutter begleitet wird.
Neben den beiden Abendveranstaltungen in Mendrisio sind weitere Traditionen der Karwoche erhalten geblieben.
«Sepolcri» (Gräber)
Bei den «Sepolcri» (deutsch: Gräber), die seit mindestens tausend Jahren im gesamten Mittelmeerraum weit verbreitet sind, handelt es sich um mehr oder weniger reiche oder komplexe Bauten von Katafalken für den verstorbenen Christus. Sie werden rege von Gläubigen besichtigt.
Theatralisches Bühnenbild
In Mendrisio wurde bis zum Abschluss der Restaurierungsarbeiten im Jahr 2014 in der im Dorf gelegenen Kirche Santa Maria ein theatralisches Bühnenbild inszeniert.
«Settenario» (Abendgottesdienst)
Viel seltener und daher heute aussergewöhnlich, aber von der Bevölkerung von Mendrisio gern besucht, ist stattdessen der «Settenario» in der Kirche San Giovanni. Damit sind Abendgottesdienste gemeint, die jeweils einem der sieben Schmerzen Maria’s gewidmet sind, mit besonderen Gebeten und dem Gesang des Stabat Mater (Jacopone da Todi zugeschrieben) in Form einer Antiphon. Zu einer Musik unbekannter Herkunft stimmen die Männer im Kirchenchor abwechselnd eine Strophe an, und die Frauen antworten vom Kirchenschiff aus mit der nächsten.
Statue der schmerzhaften Muttergottes
In der Apsis der Kirche San Giovanni steht die Statue der schmerzhaften Muttergottes. Diese wird für die Prozessionen in festliche Kleidung gehüllt (aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts) und auf einen Tisch mit reicher Bemalung und vergoldeter Trage (um 1780) platziert.
Historische Dokumente
Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts erlaubten die sozio-ökonomischen Umstände des Kantons schliesslich eine beträchtliche Investition in die Restaurierung und Erneuerung der Prozessionen. Bei dieser Gelegenheit beschloss das neu gegründete Komitee, das Jahr 1898 als den ersten hundertsten Jahrestag der Reorganisation festzulegen. Dies aufgrund eines von wenigen historischen Dokumente, das noch erhalten ist und den Landvogt zitiert, der an der Spitze des Bezirks vom 16. Jahrhundert bis 1798 stand.
Wussten Sie?
• Die Rolle der drei Madonnen in der Gründonnerstagsprozession wurde einst Männern anvertraut, die mit völlig verhüllten Gesichtern herumliefen.
• Die Kinder und Erwachsenen, die an der Prozession teilnehmen, sowie alle, die an der Organisation beteiligt sind, arbeiten ehrenamtlich. Insgesamt sind es fast 1000 Leute.