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Coeln , den 8. Juni 1876.
Hochgeehrter Herr Präsident!
Im Besitze des mir gefälligst eingesandten confidentiellen Pro- gramms, sowie Ihrer sehr geehrten Zeilen vom 1. d. Mts. , beehre ich mich, darauf folgendes zu erwiedern.
Meines Dafürhaltens erschöpfen die drei im Programm entwickelten Alternativen so ziemlich alle irgend möglichen finanziellen Combinationen. Die Höhe der auf Grund der gegenwärtigen Sachlage von den Regierungen zu erwirkenden weiteren Subvention des Gotthardbahn-Unternehmens muß für die Wahl unter den drei Alternativen entscheidend sein.
Ich weiß diesen Combinationen, soweit sie zunächst zur Vorlage im resp. zur Verhandlung mit dem schweizerischen Bundesrathe und durch dessen Vermittelung zur Verhandlung mit den subventionirenden Regierungen bestimmt sind, Nichts zuzufügen. Je nachdem die Entscheidung über die eventuelle Erweiterung der Subvention durch Italien, deutsches Reich und, wie diesseits auf das Bestimmteste erwartet wird, vor allem der Schweiz selbst, fällt, können meines Erachtens noch folgende weitere Combinationen in den Bereich der Erwägungen gezogen werden: 1.) Uebertrag des Baues und Betriebes der Strecke Zürich–Fluelen an die Nordostbahn ; – 2.) Uebertrag der Beschaffung und des Betriebes der Traject-Anstalt Luzern- Fluelen an die Centralbahn ; – | 3.) Abtretung und Ausbau der Strecke Bellinzona bis zur italienischen Gränze an die italienische Regierung gegen Ersatz der von der Gotthardbahn- Gesellschaft auf diese Strecke verwandten Baukosten. Das Gotthard-Unternehmen würde in dieser Weise auf die Strecke Fluelen–Bellinzona beschränkt.
Die Nordostbahn sowohl wie die Centralbahn sind, wie ich glaube, ihrer finanziellen Lage nach vollkommen im Stande und auch durch ihr Interesse an dem Gotthardbahn-Unternehmen, genügend veranlaßt, den Bau und den Betrieb der Zufuhrstrecken zur Gotthardbahn so lange in die Hand zu nehmen, bis das vollendete Gotthardbahn-Unternehmen seine Rentabilität nachgewiesen und dadurch die eventuelle Rückerwerbung der Strecke Zürich–Fluelen resp. den Ausbau des Anschlusses von Luzern aus mittelst von der Gotthardbahn beschaffter Mittel ermöglicht haben wird.
Die italienische Regierung wird sich, wie ich glauben möchte, leichter dazu entschließen, die Strecken im Kanton Tessin von Bellinzona bis zur italienischen Gränze zu übernehmen resp. auszubauen, als weitere Subvention à fonds perdu zu gewähren. Die Station Bellinzona dürfte ohne Schwierigkeit so einzurichten sein, daß dieselbe als Ueber- nahme- resp. Uebergangs-Station für Güter und Personen genügen würde.
Mir scheint es vor Allem nöthig, Sicherheit und zwar größt- mögliche Sicherheit dafür zu beschaffen, daß die Hauptlinie der Gotthard- bahn wirklich zur Ausführung gelange. Nur unter dieser unum- | gänglichen Voraussetzung halte ich es für möglich, die Actionäre zur Einzahlung der restirenden 40% zu bestimmen, sowie weitere Obliga- tionen zu begeben. Daß während des Laufes der schwebenden Verhand- lungen alle Bauten sistirt bleiben müssen , mit einziger Ausnahme des Tunnelbaues, sowie daß auf möglichste Oekonomie und Vermeidung zu vielen Schreibwerks energisch hingewirkt werde, halte ich für selbstverständlich. Zinsen an die Actionäre werden, dem Vorgange fast aller anderen Gesellschaften entsprechend, nur in Anrechnung auf die noch zu leistenden Einzahlungen vergütet werden können. Die mit weiteren Einzahlungen im Rückstande bleibenden Actionäre werden auf Grund der Statuten zu präcludiren sein.
In Bezug auf das in Aussicht genommene durch neu zu emittirende hypothekarisch sichergestellte Obligationen zu beschaffende Kapital gilt das- selbe, was ich mir in Bezug auf die Rest-Einzahlung der Actienbeträge zu sagen erlaubte.
Nur dann, wenn die Vollendung der Gotthardbahn so sichergestellt wird, daß selbst die scharfe, durch die enorme Ueberschreitung des Voran- schlages für die Bahnen im Kanton Tessin und durch den generell so sehr erhöhten Voranschlag für die noch herzustellenden Strecken gewissermaßen berechtigte, Kritik diese Vollendung nicht mehr bezweifelt, wird es möglich sein, neue Obligationen zu begeben.
Sicher und leicht wäre die Emission neuer Obligationen, wenn die schweizerische Regierung eine Verzinsung derselben mit 4½% resp. 4% garantiren wollte. |
Ohne eine solche Garantie halte ich die Emission neuer selbst hypothe- karisch sichergestellter Obligationen unter den heute gegebenen Ver- hältnissen für sehr schwierig und namentlich eine Betheiligung des deutschen Kapitals bei dieser Emission nicht für wahrscheinlich. Kann die Schweiz zu einer Garantie der Obligationen bewogen werden, so stände meines Erachtens dem kein Bedenken entgegen, daß den Inhabern der bereits emittirten 48 Millionen frs. Obligationen angesonnen würde, in die Conversion dieser Titel, zur Hälfte in Prioritäts-Actien und zur Hälfte in garantirte Obligationen, einzuwilligen.
Bei der gegenwärtigen Lage der Gesellschaft werden die Inhaber der emittirten Obligationen froh sein, wenn ihnen gestattet wird, die Hälfte ihres nominellen Besitzes in ein sicheres zinsentragendes Papier zu convertiren und nur mit der anderen Hälfte die Chancen des Unternehmens zu laufen.
Auch die Schweiz dürfte sich vielleicht leichter zu einer Garantie der Obligationen als zu einer starken Betheiligung an einer weiteren Subvention (und ohne eine solche starke Betheiligung der Schweiz ist von Italien und Deutschland schwerlich etwas zu erwarten) entschließen. In der Uebernahme der Garantie läge zugleich der Ausdruck der Ueberzeugung der Organe der Regierung der Schweiz, daß das Gotthard-Unternehmen mit den der Gesellschaft neu zu eröffnenden Finanzquellen unter allen Um- ständen vollendet werden kann und vollendet werden soll. |
Durch eine Garantie der Schweiz wird das Vertrauen der Inhaber der Actien und der emittirten Obligationen neu gestärkt und die übel- wollende Kritik entwaffnet. Die Schweiz würde aller menschlichen Voraussicht nach kein wirkliches Risico bei dieser Garantie laufen, höchstens in den ersten paar Jahren des Betriebes einen Zuschuß zur Verzinsung der Obligationen zu leisten haben.
Ob der eine oder andere der vorstehend zusätzlich zu dem mir mitgetheilten Programm in Aussicht genommenen Wege zur Erlangung des weiter erforderlichen Kapitals durchführbar oder ob dieselben von vornherein als ungangbar bezeichnet werden müssen, werden Sie, verehrter Herr Präsident, besser und sachkundiger ermessen, als ich dies zu thun vermag.
Das mir übermittelte Programm halte ich in jeder seiner drei Alternativen nur dann für durchführbar, wenn eine weitere Subvention in ansehnlicher Höhe von den interessirten Regierungen bewilligt wird; und selbst unter dieser Voraussetzung dürfte eine Garantie neu zu emittirender Obligationen Seitens der Schweiz allein im Stande sein, das rasche und gute Placement derselben zu sichern.
Mit Rücksicht auf die zur Zeit noch bestehende Verbindlichkeit der Gesellschaft zur Verzinsung der emittirten Obligationen und mit Rücksicht auf die knappen der Gesellschaft noch zur Verfügung stehenden Mittel, halte ich vor Allem die möglichste Beschleunigung der Verhandlungen und eine rasche Entscheidung für geboten.
Mit ausgezeichneter Hochachtung!
G. Mevissen