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«Globalisierung» und «Wissensgesellschaft» werden heute als die entscheidenden Herausforderungen der Politik wahrgenommen. Dieser Befund ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz neu und vor allem nicht ganz klar. Adam Smith, Wilhelm Röpke und Friedrich August von Hayek haben das Phänomen der internationalen Arbeits- und Wissensteilung schon analysiert, bevor es in den letzten Jahren zum Modethema wurde. Der heutige Diskurs wird von Vorurteilen und Mythen dominiert. Besonders im «alten Europa» glaubt man in der Regel an Variationen der folgenden Mainstream-Theorie:
– Globalisierung ist ein neuartiges Phänomen, eine spezielle «Herausforderung» unserer Tage und gleichzeitig ein unumkehrbares «Schicksal».
– Globalisierung produziert die weltweite Herrschaft des globalen Marktes, begleitet von der Ohnmacht der Politik und dem Rückzug des Staates.
– Globale Marktherrschaft ist schädlich oder zumindest moralisch minderwertig (weil profitgesteuert). Globalisierung nützt den Reichen und schadet den Armen.
– Eine politische Antwort auf die Globalisierung ist nötig oder zumindest moralisch überlegen (weil gemeinwohlorientiert). Politik zähmt die Starken und schützt die Schwachen.
– Weil die «Wirtschaft» global geworden ist, muss auch die Politik global werden, um Gemeinwohlimperative durchsetzen zu können.
Die beiden ersten Thesen sind bestenfalls Halbwahrheiten und die drei letztgenannten sind gefährliche Irrtümer.
Der erste Mythos beruht auf der Behauptung, Globalisierung sei etwas Neues. Dies trifft nicht zu. Schon im frühen 19. Jahrhundert gab es weltweit einen regen Handel, etwa mit Stahl, Eisen, Getreide und zahlreichen Konsumgütern. Er war nicht die Folge «globaler Initiativen», sondern basierte auf der Einsicht der damaligen Welthandelsmacht Grossbritannien, dass eine unilaterale Marktöffnung für sie selbst von Vorteil sei.
Auch diese Globalisierung wurde durch neue Technologien vorangetrieben: in der Produktion durch die Dampfmaschine, im Transportwesen durch die Eisenbahn, in der Kommunikation durch den Telegraphen. Die internationalen Arbeitsmärkte waren offener als heute. Ohne Globalisierung wären im 19. Jahrhundert in Irland Hunderttausende verhungert; die globalen Arbeitsmärkte ermöglichten jedoch die Auswanderung in die USA. Heute bedeutet Globalisierung für Irland etwas anderes: einen bemerkenswerten Erfolg im Standortwettbewerb um ausländische Direktinvestitionen, der im ehemaligen «Armenhaus Europas» innerhalb weniger Jahre ein höheres Pro-Kopf-Einkommen ermöglicht, als dies in Deutschland, Grossbritannien oder Frankreich erzielt wird.
Die Zunahme der internationalen Arbeits- und Wissensteilung ist jedoch kein naturgegebenes Schicksal. 1914 weicht diese Internationalisierung einem stark protektionistischen und neo-merkantilistischen Regime, das über 40 Jahre andauert. Die ersten Globalisierungsgegner waren kriegslüsterne Kaiser und Könige, später rückten Faschisten und Kommunisten nach. Auch nach 1945 fand die «Reglobalisierung» des Westens nur in bescheidenem Ausmass statt. Erst in den 1980er Jahren befreiten sich die Weltmärkte weitgehend vom Protektionismus der Kriegswirtschaft. Globalisierung ist also weder neu noch unumkehrbar.
Der zweite Mythos hängt mit dem Wohlfahrtsstaat zusammen, dessen taumelndes Be-harren nicht nur in Deutschland zu den brennendsten aktuellen Problemen gehört. Der Wohlfahrtsstaat verschlingt in Deutschland fast die Hälfte des insgesamt erwirtschafteten Geldes. Vor allem die Sozialbudgets vermelden jährlich neue Rekordstände. Gleichzeitig gilt als ausgemacht, der Staat habe zuwenig Geld und sei vor allem wegen der Globalisierung im ungeordneten Rückzug begriffen. Der Mythos von der Ohnmacht des Staates und der neuen Hegemonie des Marktes ist ebenso verbreitet wie verfehlt.
Schon im späteren 19. Jahrhundert ging Globalisierung mit einer Ausweitung der Staatsaufgaben einher: Sozialversicherungen und Fabrikgesetze schufen den Grundstein europäischer Sozialstaaten, ohne mit dem wachsenden Welthandel und der Migration in Konflikt zu geraten. Die Staatsquoten blieben freilich noch bescheiden. 1913, am Ende des goldenen Zeitalters des «Gladstone-Liberalismus», schwankten sie für Frankreich, Deutschland, Grossbritannien oder den USA zwischen acht und 18 Prozent.
Die Zahlen von 1938 (zwischen 20 Prozent in den USA und 42 Prozent in Deutschland) spiegeln die Folgen der Antiglobalisierungs- und Antikapitalismuspolitiken der Zwischenkriegszeit; doch auch die Marktöffnung nach dem Krieg führte nicht etwa zu einem Rückzug, sondern zu einem Fortschreiten des Fiskalstaates. 1973 hatte…