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Industrialisierung und Land-Stadt-Migration
Bangladesch ist eines der bevölkerungsreichsten Länder der Welt mit über 162 Mio. Einwohnerinnen und Einwohnern auf einer Fläche von nur 147’570 km2 (3.5 Mal die Fläche der Schweiz). Das Land hat eine Bevölkerungsdichte von ca. 1’319 Menschen pro km2 (Schweiz: 200). Früher war der Haupterwerbszweig in Bangladesch die Landwirtschaft. In den letzten drei Jahrzehnten hat sich die Wirtschaft gewandelt. Der Dienstleistungssektor und die Industrie gewinnen an Bedeutung, insbesondere die exportorientierte Textilindustrie und die Baunindustrie. Die industriellen Zentren bilden sich an den Peripherien der wachsenden Grossstädte. Viele dieser Arbeitsplätze werden durch unqualifizierte und halbqualifizierte Arbeitskräfte besetzt, ein Grossteil von ihnen Migrantinnen und Migranten aus ländlichen Gebieten. Mangels Alternativen landen Neuzuzüger vom Land oft in einem der unzähligen Slums – und bleiben dort, ohne Perspektiven auf eine Änderung der Situation.
Urbanisierung und Entstehen von Slums
In den städtischen Gebieten Bangladeschs lebten 2018 insgesamt 60 Mio. Menschen, mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung. In Dhaka leben 23’000 Menschen dichtgedrängt auf einem Quadratkilometer (Zürich oder Genf: etwa 1’000 pro km2) und die Bevölkerung wächst jeden Tag um 1'400 Menschen. Die Situation in anderen Städten wie Khulna ist ähnlich. Die Slums befinden sich oft an unattraktiven, unbenutzbaren Standorten, die in hohem Mass Naturgefahren ausgesetzt sind, so beispielsweise in Überschwemmungs- und Küstengebieten sowie geologischen Störungszonen. Daraus resultiert ein hohes Gefahrenpotenzial. Nebst Naturkatastrophen wie Hitzewellen, schweren Regenfällen mit Überschwemmungen, Wirbelstürmen und Erdbeben sind die Slums auch durch menschgemachte Katastrophen wie Feuer, Luftverschmutzung, Verkehrsunfälle sowie Gewalt und Vertreibung bedroht.
Die Lebensbedingungen der Slumbevölkerung
Das Dasein der Slumbewohnerinnen und -bewohner ist ein täglicher Kampf ums Überleben. Ein grosser Anteil leidet unter einer prekären Einkommenssituation und ist armutsbetroffen. Das Anrecht auf städtische Dienstleistungen und Grundversorgung wie beispielsweise Elektrizität und medizinische Versorgung bleibt diesen Menschen zumeist verwehrt. Angemessene Unterkunft, sanitäre Einrichtungen und andere grundlegende Bedürfnisse bleiben unbefriedigt. Für uns selbstverständliche Dienstleistungen wie Wasserversorgung und das Abfallwesen sind unterentwickelt oder gar nicht vorhanden. Diese Unzulänglichkeiten, gepaart mit einer schlechten Hygiene, machen die Slumbevölkerung sehr verletzlich; zusätzlich sind die schleichend voranschreitenden negativen Auswirkungen für die Betroffenen schwer und oft erst (zu) spät erkennbar.
Die rasante Urbanisierung in Bangladesch hat auch dazu geführt, dass der Wohnungs- und Infrastrukturbau von geringer Qualität und Kontrolle sind. Regierungsbehörden stehen vor der Herausforderung die Einhaltung der Landnutzungsvorschriften und Bauvorschriften zu gewährleisten. In Bangladesch leben somit mehr Menschen in katastrophengefährdeten und anfälligen Gebieten als je zuvor. Über 40 Millionen Menschen leben in seismischen Zonen. Schlimmstenfalls könnte ein Erdbeben der Stärke 7,5 der nahegelegenen Platten-Bruchzone «Madhupur Fault» zum Beispiel in der Hauptstadt Dhaka über 100‘000 Todesopfer und zahlreiche Verletzte fordern. Das Fehlen einer risikosensitiven Landnutzung kann Katastrophen zudem begünstigen.
Komplexe Herausforderungen
Die Risikoreduktion in Städten muss sich einer Vielfalt von Herausforderungen stellen, die sich aus dem Aufeinandertreffen von gebauten und natürlichen, sozioökonomischen und gesetzgebenden Faktoren ergibt. Je dichter gebaut wird und folglich die Bevölkerung lebt, desto höher ist das Risiko eines Dominoeffekts, wo ein Ereignis das nächste auslöst und oftmals in einer sich überproportional verschlimmernden Kettenreaktion resultiert.
Eine verstärkte Selbstverwaltung sowie das Fördern einer offiziellen Anerkennung von informellen Siedlungsgebieten sind Strategien, welche dazu beitragen, dass die Bevölkerung den Risiken mit mehr Widerstandskraft entgegentreten kann. Es gilt, unter Einbezug von Bevölkerung und Regierung in den Slums sowohl Ursachen wie Auswirkungen von Naturgefahren anzugehen sowie den Zugang zu Infrastruktur, Dienstleistungen und Einkommensmöglichkeiten zu verbessern.