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Er ist die letzte Bastion der Berggorillas, die Heimat der Okapis und einer der wichtigsten CO₂-Speicher im Kampf gegen den Klimawandel – der Regenwald im Kongobecken. Doch jetzt muss ein Teil des Regenwalds weichen, damit internationale Investoren Erdöl und Erdgas in der Demokratischen Republik Kongo abbauen können.
Die Auswirkungen für Mensch und Umwelt sind nicht absehbar.
Im Kongobecken befindet sich das zweitgrösste zusammenhängende Tropenwaldgebiet der Erde: Es umfasst 1,7 Millionen Quadratkilometer – was einem Viertel des weltweit verbliebenen Tropenwaldes entspricht. Zudem beherbergt der Regenwald im Kongobecken das grösste tropische Torfgebiet der Welt.
Die Wälder erstrecken sich über Teile von sechs Ländern in der Grossregion Zentralafrika: Kamerun, Gabun, die Republik Kongo, die Demokratische Republik Kongo (DRK) sowie die Zentralafrikanische Republik.
Der Regenwald im Kongobecken beherbergt über 10'000 Pflanzenarten, von denen 30 Prozent nur dort vorkommen. In den Wäldern leben rund 1000 einheimische Vogelarten und rund 700 Fischarten. Über 400 Säugetierarten hausen dort, darunter Afrikanische Waldelefanten. Das Okapi ist in den nordöstlichen Wäldern endemisch. Im Kongobecken leben mehr Primaten als an jedem anderen Ort der Welt, darunter Schimpansen oder Berg- und Flachlandgorillas.
Der Präsident der DRK, Félix Tshisekedi, sagte am 28. Juli:
Und so wurden von der Regierung Leasing-Ausschreibungen für 3 Gas- und 27 Ölparzellen veröffentlicht. Unter diesen Parzellen werden etwa 22 Milliarden Barrel Erdöl und 66 Milliarden Kubikmeter Gas vermutet, wie «The Africareport» schreibt. Die Parzellen sollen bei einer Auktion an den Meistbietenden versteigert werden.
Bei der Ankündigung der Auktion im Mai erklärte der Minister für Kohlenwasserstoffe, Didier Budimbu, dass das Land aktuell täglich 25'000 Barrel Öl fördere. Der Boden gäbe allerdings eine Million Barrel pro Tag her – das Vierzigfache. Bei den derzeitigen Preisen entspräche dies einem Gegenwert von 32 Milliarden Dollar pro Jahr.
Sous le haut patronage du chef de l'État,son Excellence Monsieur le Président de la RDC,@fatshi13 le ministre des hydrocarbures, @DidierBudimbu lance les appels d'offres des 16 blocs pétroliers sur les 32 que possèdent le pays. @TotalEnergies @Chevron @AppoSecretariat pic.twitter.com/d83QZm0maK— Ministère des Hydrocarbures RDC (@Min_HydroRDC) May 2, 2022
Budimbu führt aus:
Tatsächlich stammen derzeit nur etwa 6 Prozent der Staatseinnahmen der DRK aus fossilen Kohlenwasserstoffen. Dies soll jetzt geändert werden: Die Behörden planen zukünftig den Anteil des Sektors auf 40 Prozent zu erhöhen – und das Land so auf das Niveau der grossen Erdölproduzenten zu hieven. Erreicht werden soll dies, indem mit Investoren Verträge zur gemeinsamen Nutzung der Fördermengen unterschrieben werden.
Allerdings: Wie viel Geld die DRK tatsächlich aus den Verträgen erwirtschaften kann, wird man erst wissen, wenn seismische Untersuchungen durchgeführt werden.
Das Auktionsverfahren startet ab August. Die Behörden planten sogar Reisen in die USA, die Vereinigten Arabischen Emirate sowie die Schweiz, um bei möglichen Investoren direkt für den Reichtum der Parzellen zu werben, schreibt «The Africareport».
Der Entscheid der DRK, die Öl- und Gasdepots freizugeben, ist eine Kehrtwende: Noch vor acht Monaten unterschrieb Tshisekedi auf dem Weltklimagipfel in Glasgow ein 10-Jahres-Abkommen zum Schutz des Regenwaldes im Kongobecken. Das Abkommen beinhaltete finanzielle Zusagen über 500 Millionen Dollar innert den ersten fünf Jahren für die DRK.
Doch seither haben sich die Prioritäten der Weltöffentlichkeit verschoben: Russlands Einmarsch in der Ukraine liess die Öl- und Gaspreise explodieren. In Europa wird zum Sparen von Erdgas aufgerufen. Gleichzeitig erhöht Norwegen die Ölproduktion mit Plänen für weitere Offshore-Bohrungen. Und US-Präsident Joe Biden machte bei seiner Nahostreise in Saudi-Arabien auf die Notwendigkeit von Ölförderungen aufmerksam.
Der Kongo habe jedes dieser globalen Ereignisse zur Kenntnis genommen, sagte Tosi Mpanu Mpanu, der Berater des Ministers für Kohlenwasserstoffe, der «New York Times».
Und er erklärt, dass das einzige Ziel sei, mit den fossilen Kohlenwasserstoffen genug einzunehmen, um gegen die Armut im Land anzukämpfen. Dem widerspricht die Leiterin der Greenpeace-Waldkampagne im Kongobecken, Irene Wabiwa. Sie sagt, dass die Einnahmen aus den Öl- und Gasbohrungen die Armut im Land niemals lindern werden, sondern nur einige wenige viel Geld einnehmen würden.
Die Aktion der DRK wirft ein Licht auf eine Doppelmoral, die von vielen politischen Führern auf dem afrikanischen Kontinent immer wieder angeprangert wird und die sich etwa so zusammenfassen lässt: Westliche Länder haben ihren Wohlstand auf fossilen Brennstoffen aufgebaut. Wieso können gerade diese Länder nun verlangen, dass Afrika auf den Abbau seiner Kohle-, Öl- und Gasreserven verzichtet, um alle anderen zu schützen? Und wenn die afrikanischen Länder das tun, was bekommen sie dann im Gegenzug?
Diesen Diskurs bemühend, sind viele kongolesische Beamte der Meinung, ihr Land habe nun Vorrang vor den Bedürfnissen der Welt. Mpanu formuliert dies gegenüber der «New York Times» so:
Mpanu ist der Meinung, dass die DRK seine «Klimagebühren» bezahlt habe. Denn das Land habe den Abbau von Mineralien und seltenen Erden erlaubt, die für die Industrie der erneuerbaren Energien wichtig sind. Und so sagt er der «New York Times»:
Die Öl- und Gasparzellen, die nun versteigert werden, erstrecken sich über feuchte Torfböden sowie den Virunga-Nationalpark – das wichtigste Gorillaschutzgebiet der Welt.
Feuchte Torfböden sind wichtige Pfeiler im Klimaschutz, denn sie binden riesige Mengen an klimaschädlichem Kohlenstoffdioxid (CO₂).
Bei den Ölbohrungen würden die Torfgebiete allerdings entwässert und so letztlich zersetzt – was zur Freisetzung des darin gebundenen Kohlenstoffdioxids führte. Darum sagt Irene Wabiwa, die für Greenpeace in Kinshasa die Waldkampagne im Kongobecken leitet, gegenüber der «New York Times»:
Das Zentrum für Internationale Waldforschung (Cifor) schätzt für die «Washington Post» ein, dass die Menge des gespeicherten Kohlenstoffdioxids in den Torfböden des Kongobeckens den CO₂-Emissionen der USA während 20 Jahren entspreche.
Wenn diese enormen Mengen an Kohlenstoffdioxid innerhalb von kürzester Zeit in die Atmosphäre gelangten, könnte eine Art Kipp-Punkt für das globale Klima erreicht werden, warnt Susan Page, Professorin für Geografie an der Universität Leicester, in der «New York Times».
Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen sind entsprechend verärgert über die Entscheidung der DKR, die Öl- und Gasparzellen zu versteigern. Sie betonen, dass die Ölbohrungen ein erhebliches Risiko für Afrika mit sich brächten – da der Kontinent bereits heute vergleichsweise hart von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen ist.
Neben der Freisetzung von Kohlenstoffdioxid droht auch die Zerstörung von weitläufigen Regenwaldgebieten, da diese dem Strassenbau weichen müssten. So würde der Lebensraum der Gorillas stark dezimiert – und auch Menschen wären bedroht: Angehörige des Mbuti- und des Baka-Stammes, die in den Wäldern des Kongobeckens leben, könnten verdrängt oder vertrieben werden.
Tropische Regenwälder gelten als «Lungen der Erde», denn ihre feuchten Torfböden binden nicht nur Kohlenstoffdioxid, sondern die Wälder «schlucken» viel klimaschädliches Methan (CH₄), indem sie Lachgas (N₂O) freisetzen, das Methan bindet. Neue Daten der ETH Zürich zeichnen für das Kongobecken allerdings ein anderes Bild.
Von 2016 bis 2020 haben Forschende im Kongobecken Gasflüsse gemessen – und sind zum Schluss gekommen, dass die bekannten Modelle nicht auf das Kongobecken anwendbar sind: Zwar gelte das bekannte Prinzip für die Berg- und Tieflandregenwälder des Kongobeckens, doch die Sumpfwälder würden während der periodischen Überschwemmungsphase Methan freisetzen und somit die Senkleistung der Berg- und Tieflandregenwälder zunichtemachen. So «scheint der kongolesische Tropenwald als Ganzes betrachtet eine Methanquelle zu sein», resümiert die ETH.
Für Präsident Tshisekedi ist die Bedeutung seines Landes als Bollwerk gegen die globale Klimaerwärmung zurzeit nur zweitrangig. Denn die nächsten Präsidentschaftswahlen in der DRK sind bereits in 18 Monaten – Tshisekedi kandidiert für eine weitere Amtszeit. Und was macht sich besser als Wahlversprechen, denn den maroden Staatshaushalt endgültig zu sanieren? Denn die Gorillas füllen nun mal keine Wahlzettel aus.