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«Würde man die Zunge rausstrecken, könnte man den Schnee ablecken.»
Kaum, dass ich laufen konnte, stand ich zum ersten Mal auf den Ski. Bereits als Zweijähriger kurvte ich über die schneebedeckten Hänge der Rigi, wo ich aufgewachsen bin und heute noch wohne. Ich brauche nur die Haustür zu öffnen, und schon stehe ich im Winter auf der Skipiste. Im Alter von vier Jahren war mir das Skifahren zu langweilig geworden und mein Grossvater brachte mir das Snowboarden bei. Von nun an holte er mich am Wochenende morgens um acht Uhr ab, und wir verbrachten Samstag und Sonntag zusammen im Pulverschnee. Ich begann, Freestyle-Wettkämpfe zu bestreiten und wurde in den Regio-Kader des Zentralschweizer Skisportverbandes aufgenommen. Schliesslich schaffte ich die Aufnahme in den Swiss Snowboard Rookie Kader, die Jung-Nationalmannschaft der Schweiz. Die Teilnahme an internationalen Wettkämpfen ist an strikte Trainingspläne und Präsenzpflichten gebunden, die ich mit meiner Lehre als Metallbauer nicht optimal vereinbaren kann. Ich nehme darum momentan nicht an internationalen Wettkämpfen teil, für die es einen offiziellen Startplatz der Schweiz braucht, sondern konzentriere mich auf sogenannte Jams. Das sind Wettkämpfe oder Events, die allen offenstehen – unabhängig von einer Mitgliedschaft in einem nationalen Verband. Unter Snowboardern sehen wir das locker: Wir sind eine grosse, durchmischte Szene, die jedem individuelle Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Ich zum Beispiel interessiere mich für Snowboard-Filme, die ein eigenes Genre auf Youtube oder Vimeo darstellen und von spezialisierten Produktionsfirmen realisiert werden. Bei den Filmen gilt: je steiler der Abhang, je schneller die Geschwindigkeit und je spektakulärer die Sprünge, desto besser. Das Ziel ist, besonders coole, sauber ausgeführte Sprünge über Hindernisse wie Bäume oder Gletscherspalten zu zeigen. Ebenso wichtig wie die perfekte Technik ist der Style.
Das Feeling beim Snowboarden ist einfach unglaublich, viel besser als beim Skifahren! Wenn der Schnee schön griffig ist, kann man Kurven fahren, während der Körper fast am Boden liegt, aber noch knapp vom Board gehalten wird. Würde man die Zunge rausstrecken, könnte man den Schnee ablecken. Während der Filmdrehs muss man stets abwägen, wieviel Risiko man eingehen soll. Am besten ist, wenn es super aussieht, in Wirklichkeit jedoch nicht so gefährlich ist, wie es scheint. Ich finde es richtig cool, wenn ich nach einem tollen Tag auf dem Snowboard die Fotos oder Videos anschauen und alles nochmals Revue passieren lassen kann. In diesem Augenblick erlebe ich die ganze Freude noch einmal. Mit den Fotos und Videos kann ich diese Begeisterung zudem an die ZuschauerInnen weitergeben. So gesehen haben die Snowboard-Filme eine viel stärkere Breitenwirkung als ein Wettkampf, der zwar ebenfalls aufregend, aber schnell vorbei ist.
Von schweren Verletzungen bin ich bisher verschont geblieben. Da war viel Glück, aber auch Verstand im Spiel, denn das Wichtigste bei diesem Sport ist, nie die Kontrolle zu verlieren. Gefährlich ist es, wenn man nicht fit ist oder wenn Nebel, Eis oder Wind die Bedingungen beeinträchtigen. Läuft alles gut, ist es faszinierend, die eigene Körperbeherrschung zu spüren. Man merkt intuitiv, wenn man bereit ist, einen neuen Trick zu üben und nach dem einfachen einen doppelten und dann einen dreifachen Salto zu wagen. Momentan pushe ich das One-Foot-Snowboarden. Dabei steht man mit nur einem Fuss in der Bindung, was nicht viele beherrschen und was deshalb zu reden gibt. Meine Koordination und meine Ausdauer trainiere ich das ganze Jahr über. Und ich gehe Gleitschirmfliegen: für mich der ideale Ausgleich zur Action im Schnee. Dort oben habe ich meine Ruhe und kann nachdenken. Mein Grossvater kommt manchmal mit. Er ist jetzt 80, aber immer noch voll dabei.
Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 12/19•1/20
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