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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1985 von Fritz Schwarzenbach
ANGEFANGEN HABEN DIE FRAUEN
Am 19. Januar 1877 bildeten sieben Frauen ein Komitee zur Schaffung einer Krankenanstalt. Den Anstoss dazu gab Fräulein Elisabeth Rellstab im Lehmhof. Sie hatte 1870/71 in einem Lazarett in der Nähe von Paris verwundete und kranke Soldaten gepflegt. In die Heimat zurückgekehrt, besprach sie mit ihrer Freundin, Frau Anna Schnyder im Morgenstern, den Gedanken der Schaffung einer Krankenanstalt für arme Frauen und Männer. Rasch bildete sich ein Kreis von sieben Frauen, die diesen Gedanken weiterverfolgten. Noch bevor der Plan eine feste Gestalt annahm, kamen 11‘000 Franken als Grundstock dafür zusammen.
Elisabeth Rellstab (1843−1904).
Anna Schnyder-Blattmann (1844−1924).
Zum Komitee gehörten
Frl. Elisabeth Rellstab als Präsidentin
Frau Pfarrer Adelheid Pfister als Aktuarin
Frau Anna Schnyder, zum Morgenstern, Quästorin
Frau Henrietta Baumann-Herdener, Luft
Frau Susanna Eschmann-Fleckenstein, Eidmatt
Frau Albertina Hauser-Landis, Freihof
Frau Marie Zinggeler-Pfenninger, Giessen
Im Armenhaus am Plätzli, dort wo heute die Sparkasse steht, stellte die Armenpflege entgegenkommenderweise den halben Wohnboden im ersten Stock zinsfrei zur Verfügung. Handwerker richteten drei Krankenzimmer ein, eines für die Frauen, eines für Männer und ein drittes für Kinder. Dazu kamen noch zwei kleine Zimmer für die Krankenschwester und eine Hausangestellte. Am 4. Juni 1877 wurde dieses Krankenasyl eröffnet. Als Arzt amtete der jeweilige Armenarzt mit einem Jahreshonorar von 300 Franken. Die Diakonisse Johanna Bucher besorgte die Krankenpflege. Pfarrer Jakob Pfister erschien jede Woche einmal zu einer kleinen Andacht und brachte an den hohen Feiertagen den Kranken das Abendmahl.
Bis 1896 wurden 497 Patienten gepflegt. Die Räume wurden zu eng.
Das Wädenswiler Armenhaus am «Plätzli», erbaut 1818, abgebrochen 1913. Aufnahme von 1908.
MÄNNER HELFEN
Im November 1881 wählten die Frauen eine Kommission von fünf Herren zur Prüfung der Frage, ob sich das Schützenhaus zum Ausbau als Asyl eigne. Baumeister Blattmann hatte einen Plan für den Umbau entworfen: Kosten 14‘000 Franken, dazu 15‘000 Franken für den Ankauf des Gebäudes. Die Männerkommission beurteilte diese Lösung als ein Provisorium und schlug einen Neubau vor. Am 1. April 1883 vereinbarte die Kommission mit der Witwe Knabenhans an der Leigass die Kaufbedingungen für ihr kleines Heimwesen an der obern Leigass. Man einigte sich auf 11‘000 Franken, worauf «die Besitzerin den Verkauf mit Handschlag bekräftigte». Zwei Tage später wurden die Abmachungen schriftlich bestätigt. Die notarielle Fertigung «nach unerquicklichen Prozessverhandlungen» erfolgte erst am 14. August 1884, die bezirksgerichtliche Besiegelung am 30. April 1885.
Am 9. April wählten die Frauen eine Baukommission:
H. Baumann-Herdener, Präsident Pfarrer Jakob Pfister, Aktuar Hans Blattmann, Seehof G. Hauser-Landis, Freihof J. Schnyder-Blattmann, Morgenstern J. Schoch-Widemann, Gerbe, als Vertreter des Gemeinderates A. Zinggeler-Pfenninger, Giessen.
Als A. Zinggeler im Februar 1885 zurücktrat, kam an seine Stelle A. Rüegg, Florhof.
Zugleich wurde die Kommission erweitert durch H. Blattmann, Grünenberg
A. Hauser-Streuli, Friedberg, als Quästor.
Von den Ärzten wohnte Dr. Robert Ganz den Sitzungen bei. Obschon das Land bereits gekauft war, wurden sechs Sitzungen für die endgültige Abklärung des Bauplatzes benötigt. Zwei Ärzte und einzelne Kommissionsmitglieder hätten das Krankenasyl lieber näher am Dorf gesehen. Drei Plätze kamen in Frage, der eine war nicht zu haben, der zweite, ob dem «Walfisch», zwar geeignet, aber zu teuer, der dritte an der Zugerstrasse schied aus, nachdem die Experten Prof. Dr. O. Wyss, Zürich, und Ingenieur Näf-Brupbacher, Wädenswil, den Platz an der obern Leigass als geeigneter empfohlen hatten. Der Bauplatz wurde durch kleinere Zukäufe auf 10‘050 Quadratmeter erweitert.
DIE BAUPLANUNG
Nach Besichtigungen und Abklärungen in Männedorf und Rüti ergab sich für das Gebiet von Wädenswil und Schönenberg ein Bedarf von mindestens zwanzig Krankenbetten. Alle Zimmer sollten auf der Südseite eines breiten Ganges liegen, auf die andere Seite kämen Küche, Badzimmer und Aborte. Architekt Karl Schweizer, Wädenswil, entwarf einen entsprechenden Plan mit sechs Krankenzimmern auf jedem Stock. Für den Innenausbau sorgten der Arzt und die Frauenkommission.
WOHER DAS GELD?
Das Vermögen von 86‘569 Franken sollte als Betriebskapital, nicht für den Bau verwendet werden. Ein Aufruf an die Bevölkerung und der Besuch von Mitgliedern der Asylkommission mit Sammellisten in allen Haushaltungen hatten unerwarteten Erfolg. Es kamen von 759 Gebern 109‘039.60 Franken zusammen, dabei ein Beitrag von 12‘000 Franken, einer von 10‘00 Franken, fünf von 5000 Franken, 11 von 1000 Franken, 51 von 100 Franken, 136 von 5 Franken, 15 von 1 Franken und einer von 80 Rappen. Pfarrer Pfister schrieb darüber im Jahresbericht 1985: «Manche schöne Erfahrung, die wir auf unsern Sammelgängen durch die Gemeinde machen durften, wird uns stets in freundlicher Erinnerung bleiben. Nicht nur die grossen Gaben haben uns gefreut, sondern auch die kleinen, ja diese oft in höchstem Masse, haben doch viele, die in bescheidenen Verhältnissen leben, wacker und freudig mitgeholfen» und im Protokoll des Asylvereins: «Eine Institution, durch freiwillige Bindung geschaffen, wird später viel eher von der Liebe getragen, als wenn sie mit Steuergeldern geschaffen wurde.»
DAS NEUE KRANKENHAUS WIRD GEBAUT
Schon am 27. Juni 1885 erfolgte die Ausschreibung der Maurerarbeiten. Die Wädenswiler Baumeister verlangten auch nach einer Reduktion ihrer Eingabe noch 8000 Franken mehr als Baumeister Meili in Wollishofen, so erhielt dieser die Arbeit. Die späteren Vergebungen gingen fast alle an Wädenswiler Handwerker. Am 1. August erfolgte der erste Spatenstich, am 17. September die mit einer kleinen Feier verbundene Grundsteinlegung, Anfang November war der Rohbau unter Dach, und die Arbeiten ruhten bis im Mai des folgenden Jahres. Am 6. November 1886 zeigte eine Rotkreuzfahne auf dem Dach die Fertigstellung an, und am 14. November fand die Einweihung in der Kirche statt. Der Bau kostete 131‘451.01 Franken.
DER BETRIEB IM NEUEN HAUS
Nach den Statuten wurden keine Patienten mit Krätze oder ansteckenden Krankheiten wie Pocken und Cholera aufgenommen, ebenso keine Frauen für Geburten. Bis 1928 blieben die Patientenzahlen pro Jahr meist unter 200, die Zahl der Pflegetage schwankte zwischen 5355 und 9576, das Defizit zwischen 55 und 12‘765 Franken; in sieben Jahren wurde ein Einnahmenüberschuss erzielt. Als Asylärzte amteten die Dorfärzte, bald nur für ein Jahr, dann wieder für mehrere aufeinanderfolgende Jahre.
Krankenasyl Wädenswil eingeweiht 1886. Postkarte von 1901.
Der Jahresbericht der Gesundheitsdirektion erwähnte 1888 die einzig in Wädenswil geltende vorbildliche Ordnung, dass der Betrieb durch die Frauen, Bau- und Finanzfragen durch die Männer besorgt würden.
Der Jahresbericht des Krankenhauses wurde bis 1917 in alle Haushalte vertragen, hielt so das Interesse der Wädenswiler am Krankenhaus aufrecht, und dies kam der Opferfreudigkeit in Form von Vergabungen und Schenkungen zugute.
DER WEG ZUM ERSTEN ALTERSHEIM
Schon 1890 bestand ein Altersheimfonds von 4003 Franken. Im Jahresbericht 1895 wurde die Hoffnung ausgedrückt, in absehbarer Zeit möge auch ein Altersheim entstehen. 1903 war der Fonds auf 87‘400 Franken angestiegen. Die Frage nach dem Bau oder der Miete eines Gebäudes für alleinstehende alte Männer und Frauen drängte sich immer stärker auf. 1904 fiel eine Entscheidung. Baumeister Dietliker baute auf der Anhöhe westlich der Rötibodenstrasse vor der Kreuzung mit der Fuhrstrasse ein Zweifamilienhaus und bot dieses der Asylkommission mietweise für ein Altersheim an. Diese fand das Angebot sehr günstig, zudem liessen sich während des Baues noch einige Anpassungen verwirklichen − zwei grössere und vier kleinere Zimmer im ersten Stock, dazu Zimmer im Dachstock − die Kommission zögerte nicht lange und mietete die Häuser für fünf Jahre zu einem jährlichen Mietpreis von 3200 Franken.
Altersheim «Fuhreck». 1905-1928.
Am 15. Mai 1915 zogen die ersten Bewohner ein, bis Mitte November waren es sechs Frauen und ein Mann. Aufgenommen wurden nach den Statuten alleinstehende Männer und Frauen, Wädenswiler Bürger oder Einwohner, die schon fünf Jahre im Dorf wohnten. Die Festsetzung der Kostgelder war nicht leicht, da man die voraussichtlichen Kosten nicht kannte und Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht stehen sollten. Anderseits musste Rücksicht auf die Vermögensverhältnisse der alten Leute genommen werden. So lagen die Ansätze für ein Jahr zwischen 400 und 800 Franken. 1908 wurde das erste Ehepaar aufgenommen, da der Mann blind war. Im selben Jahr schenkte Rudolf Steffan in München dem Altersheim zum Andenken an einen verstorbenen Freund 10‘000 Franken für einen Unterstützungsfonds und dem Krankenasyl ein Bild «Der Einsiedler» seines Vaters Johann Gottfried Steffan (1815–1905). Das Bild tauchte viel später stark beschädigt in einem Abstellraum des neuen Altersheims auf. Da eine Instandstellung kostspielig war, beschloss man, es zu verkaufen, doch wohin, ist nicht mehr zu ermitteln. Kurz darauf schenkte Rudolf Steffan dem Krankenhaus nochmals 5000 Franken als Beitrag für ein Absonderungshaus.
ALLERLEI PROBLEME FÜR DAS KRANKENASYL
Der Bau der Schlossbergstrasse gab 1908 allerlei zu reden, musste doch Land abgetreten und dafür gesorgt werden, dass das eigene Grundstück nicht durchschnitten würde im Hinblick auf spätere Bauten. Heikel war vor allem die Einmündung in die Schönenbergstrasse. Mit dem Aushub wurde das Mühlebachtobel neben dem Krankenhaus aufgefüllt.
1917 stellte das Notariat anlässlich einer Grundbucheintragung fest, die Asylkommission sei keine juristische Person, es solle heissen Asylverein. Die offizielle Namensänderung im Grundbuch erfolgte allerdings erst am 26. März 1925.
Im Krankenhaus forderte Dr. Florian Felix die Anschaffung eines Röntgenapparates. Nach Erkundigungen in Männedorf und Rüti entschloss man sich zum Ankauf, doch ergaben sich Platzschwierigkeiten. Die anfänglich vorgesehene Aufstellung im Operationssaal war wegen des zu kleinen Raumes nicht möglich, so kam er in einen unbenutzten Kellerraum zu stehen.
Nach 33 Jahren Mitarbeit, die meiste Zeit als Aktuar, trat Dekan Jakob Pfister aus dem Asylverein zurück, an seine Stelle folgte als Vertreter der Armenpflege Pfarrer Albert Schreiber. Ebenfalls 1919 gab Hans Blattmann-Wehrli sein Amt als Präsident des Asylvereins, das er 23 Jahre in ne hatte, an Franz Weber-Hauser weiter. Frau Fanny Hauser-Schwarzenbach übernahm 1921 das Quästorat des Krankenhauses
DER ASYLVEREIN SPÜRT DIE ABWERTUNG DER D-MARK
Der 1901 in Bozen verstorbene alt Oberrichter J. K. Hauser hatte einen beträchtlichen Teil seines Vermögens dem Altersheimfonds vermacht mit der Bestimmung, dass seiner Haushälterin Nathalia Jenkens (geb. 1860) aus den Zinsen eine jährliche Rente von 700 Mark auszuzahlen sei. 1923 teilte sie dem Asylverein mit, sie sei mittellos, da die Mark fast nichts mehr wert war. Die Männerkommission offerierte ihr eine Rente von 400 Schweizerfranken, doch bestand sie auf einer Summe, die den 700 Mark zu 1.25 Franken entsprach. Da der Asylverein ihre missliche Lage einsah kaufte er ihr bei der Rentenanstalt eine lebenslängliche Rente in dieser Höhe.
Im gleichen Jahr kam auch ein Gesuch von Rudolf Steffan, er und seine beiden Schwestern seien durch die Abwertung in einer sehr bedrängten Lage, ob man ihm nicht die Zinsen seiner Schenkungen überlassen würde, bis sich seine wirtschaftlichen Verhältnisse gebessert hätten. Doch noch vor der ersten Auszahlung berichtete er, es sei ihm nun wieder möglich, ohne diese Zinsen auszukommen.
DER ASYLVEREIN KOMMT ZU EINEM EIGENEN ALTERSHEIM
1921 bot E. Hauser in der Vorderen Fuhr dem Asylverein sein markante Haus als Altersheim an. Doch zeigte eine Besichtigung bald, dass es für ein Altersheim wegen der vielen Stockwerke und der hohen Eingangstreppe nicht geeignet war. Da die Gemeinde einen Fonds für den Ankauf von Land für ein Altersheim verwaltete, prüfte man die Frage, ob nicht vom Land von E. Hauser ein geeigneter Platz erworben werden solle. Die nähere Prüfung der Liegenschaft und der Einwand einiger Mitglieder, man habe ja neben dem Krankenhaus Boden genug für ein Altersheim, verhinderte einen Kauf.
Im Sommer 1925 boten die Erben von J. Hasler-Müller dem Verein Land für den Bau eines Altersheims auf der Terrasse nördlich der Einmündung der Fuhrstrasse in die Untermosenstrasse an, 4510 Quadratmeter für 60‘180 Franken. Der Preis schien zu hoch, und als die Erben keinen andern Käufer fanden, einigten sie sich mit dem Asylverein auf 40‘000 Franken. Heinrich Hauser auf der Hinteren Fuhr war bereit, für 10‘000 Franken noch ein angrenzendes Stück abzutreten. Im Asylverein war man geteilter Meinung über den Kauf, man hätte das Heim lieber näher am Dorfgehabt. Doch erkannte man bald, dass kaum ein Stück Land in ähnlich schöner und ruhiger Lage in Dorfnähe zu finden sei, so wurde der Kauf einstimmig beschlossen. Später kam dann noch von den Erben Hasler die Böschung gegen die Untermosenstrasse für 6500 Franken dazu. Der Gemeinderat gab den Fonds für die Landerwerbung in der Höhe von 61‘322.60 Franken frei. Der Asylverein wählte eine Baukommission mit Heinrich Blattmann im Grünenberg, Ernst Felber, Gemeindepräsident, und Dr. Florian Felix. Aus einem Wettbewerb unter sechs Architekten entschied sich das aus zwei auswärtigen Architekten und dem Präsidenten bestehende Preisgericht für das Projekt der Gebrüder Bräm, Zürich/Wädenswil, mit einem Kostenvoranschlag von 494‘500 Franken. Baumeister Dietliker übernahm den Rohbau, im Sommer 1927 wurde mit dem Bau begonnen, die Arbeiten schritten planmässig vorwärts. Am 28. April 1928 fand die Eröffnungsfeier mit den Mitgliedern des Asylvereins, der Sparkassegesellschaft, Vertretern von Behörden und des Diakonissenhauses Neumünster statt. Die Sparkasse schenkte 250‘000 Franken unter der Bedingung, dass drei ihrer Mitglieder im Asylverein vertreten seien, was ohnehin schon der Fall war, dazu kam eine Hypothek von 100‘000 Franken und der vorhandene Baufonds. Die Gesamtkosten, inklusive Inventar, beliefen sich auf 577‘493.85 Franken. Die Kostgelder wurden auf 800 Franken für die Bisherigen, auf 1000 Franken für Neueintretende angesetzt.
Altersheim «Fuhr», eingeweiht 1928.
Einige Tage später erklärte mir Ernst Felber, Vizepräsident des Asylvereins, bei einer zufälligen Begegnung auf dem Bahnhofplatz, die Hauskommission des Altersheims benötige zu den dafür bestimmten vier Frauen noch einen Mann und fragte, ob ich mitmachen würde. Da ich in der Nähe wohnte, sagte ich rasch zu, obschon ich nichts Weiteres vom Asylverein wusste. Ich erfuhr dann, dass sieben Männer und sieben Frauen ohne jede finanzielle Verpflichtung, aber mit der Bereitschaft zur Übernahme von allerlei Arbeit, ohne jede Entschädigung diese Gesellschaft bildeten.
Es wurde eine dankbare Zusammenarbeit mit der Kommission, Frau Blattmann zur Palme, Frau Kunz-Lochmann, Frau Pfarrer Hürlimann und Fräulein Brändli, dem Personal und den Insassen. Die Frauen sorgten für den Haushalt, machten Besuche bei den Bewohnern, mir oblag die Leitung der Sitzungen, der Verkehr mit Handwerkern und gelegentlich die Schlichtung von Unstimmigkeiten zwischen Personal und den alten Leuten. So gerieten bald zwei der alten Männer hintereinander, sie wurden sogar handgreiflich, bis schliesslich der eine, ein Alkoholiker, das Haus verlassen musste. Der andere besorgte die Heizung und einige Gartenarbeiten, schimpfte immer, dass er arbeiten und erst noch ein reduziertes Kostgeld zahlen müsse. Sein Vermögen hätte für über zwanzig Jahre ausgereicht, doch nach ein paar Jahren hielt eines Morgens ein Lieferwagen vor dem Haus, seine Möbel wurden aufgeladen, und er verliess das Heim ohne Kündigung, Abschied oder Angabe der neuen Adresse. Ein halbes Jahr später erfuhren wir, dass er sich auf ein Inserat hin bei einer Deutschen und ihrer Tochter in Zürich einlogiert hatte, die ihn kaum ins Freie liessen und es verstanden, ihm in dieser kurzen Zeit all sein Geld abzunehmen. Eine gerichtliche Untersuchung brachte nichts mehr zum Vorschein − so landete er bald darauf in der Nachbarschaft, im Bürgerheim. Doch das waren Einzelfälle, sonst war die Zusammenarbeit mit den Insassen eine dankbare Sache, man konnte Freude bereiten und erfuhr viel Freude. Und wenn gelegentlich eine spitze Zunge oder auch Misstrauen Unstimmigkeiten brachten, nahm man die Eigenheiten hin.
Von 1930 an war das Haus meist voll besetzt, soweit Platz war wurden auch einzelne Gesuche von auswärts berücksichtigt. Doch von 1937 an spürte man die Krise, einzelne Zimmer blieben leer.
1929 kam Frau Ziegler-Kühn anstelle der zurückgetretenen Frau Kunz in die Hauskommission, und bald spürten wir ihre Grosszügigkeit. Eine neue Nähmaschine kam ins Haus, und als etwas später in einer Sitzung der Wunsch nach einem Klavier in den Esssaal laut wurde und ich mich nach einem Gelegenheitskauf umsah, stand plötzlich ein neues Klavier dort. Und als ich Frau Ziegler am Telefon dankte und sagte, so sei es nicht gemeint gewesen, wehrte sie ab, es sei schon in Ordnung.
Im Krankenhaus machte sich Raumknappheit immer stärker bemerkbar, ein Neubau drängte sich auf. Am 17. April 1931 wurde eine Baukommission aus Heinrich Blattmann-Ziegler, Ernst Felber und Emil Hauser-Hottinger bestimmt. Diese besuchte einige andere Landkrankenhäuser und wandte sich für die Planung an Professor Salvisberg von der ETH in Zürich. Dieser entwarf ein Bauprogramm für 50 bis 60 Betten, wobei das bisherige Haus als Absonderungshaus und für Chronischkranke vorgesehen wurde. Hans Streuli, der spätere Bundesrat, damals Gemeindepräsident in Richterswil, erwog eine Zusammenarbeit zu einem Regionalspital für beide Gemeinden, doch die Stimmung bei den Richterswiler Behörden war nicht dafür. Als medizinischen Berater wählte man auf Vorschlag von Prof. Clairmont Dr. Ritter vom Spital Münsterlingen.
Ein Preisgericht mit Prof. Salvisberg und Dr. Frei, Direktor des Inselspitals in Bern, und den Architekten Leuzinger, Glarus, L. Pfister, Zürich, prüfte die Pläne der sechs eingeladenen Architekten. Wieder schwang das Projekt der Gebrüder Bräm obenaus.
Zwei Fragen beschäftigten den Asylverein nun längere Zeit: Wo finden wir die eineinhalb Millionen, die der Bau kosten wird? Als ich nach einer Sitzung im Krankenhaus mit dem Präsidenten meine Bedenken über die Mittelbeschaffung äusserte, erhielt ich zur Antwort: «Das Geld spielt keine Rolle, aber einen guten Arzt finden, das ist meine Sorge.» Die Finanzierung löste sich bald. Der Kanton sicherte 500‘000 Franken zu, die Sparkasse schenkte 300‘000 Franken und gewährte eine Hypothek von 500‘000 Franken; noch fehlten 200‘000 Franken. Der Präsident stiftete 100‘000 Franken mit der Bitte, dies nicht nach aussen bekannt zu geben, die Brauerei 50‘000 Franken; der Rest konnte vorhandenen Mitteln entnommen werden.
Schwieriger war die Arztfrage. Seit 1929 bestand auf Drängen der Ärzte hin freie Arztwahl. Jeder Arzt behandelte im Asyl seine Patienten selber. Dies hatte eine sprunghafte Steigerung der Patientenzahl zur Folge. Sollte dies im neuen Krankenhaus so weitergehen, oder sollte ein fest angestellter Chefarzt alle Patienten behandeln? Lange gingen im Asylverein die Meinungen auseinander. Die Ärzte drängten auf Beibehaltung der bisherigen Ordnung. Zwei befreundete Ärzte redeten mehrmals in diesem Sinne auf mich ein. Ein Vetter meiner Frau im Berner Oberland, dort Allgemeinarzt mit langer chirurgischer Erfahrung, sagte: «Bei der vorgesehenen Grösse kommt nur ein Chefarzt in Frage, obschon es mir hier oft schwerfällt, dass ich meine Patienten für Operationen ins Bezirksspital schicken muss.» Der Asylverein entschloss sich nach langen Beratungen in diesem Sinne. In Dr. Kaiser fand er eine Persönlichkeit, die als Arzt und als Mensch rasch das Vertrauen der Patienten und bald auch der Ärzte gewann.
Die Neuordnung hatte aber auch finanzielle Folgen. Die Patientenzahl stieg von knapp 400 rasch auf 1200 im Jahr an. Damit erhöhte sich auch das Defizit. Der Kanton zahlte 90 Prozent daran, der Anteil des Vereins erhöhte sich von unter 1000 Franken bald auf 10‘000 Franken und mehr. Die Anstellung von Assistenzärzten, später eines Oberarztes, die Anschaffung von neuen, den Fortschritten der Medizin angepassten Apparaten, ein hauptamtlicher Verwalter, vermehrtes Pflege- und Hauspersonal liessen die Ausgaben immer rascher steigen.
1955 wurde ein Personalhaus im Kostenbetrag von 353‘484 Franken gebaut, nach Abzug des Staatsbeitrags hatte der Asylverein 184‘142 Franken zu leisten. 1960 betrug das Defizit 357‘569 Franken, die Ausgaben überschritten wenige Jahre später eine Million.
Spital Wädenswil um 1960.
An der Jubiläumsfeier zum 75-jährigen Bestehen des Krankenhauses im festlich geschmückten Saal des Hotels Au schilderten Willi Bertschmann und Dr. Walter Weber der Festgesellschaft die Geschichte des Krankenhauses. Ein kleiner Chor und Musikfreunde, unter der Leitung von Rudolf Sidler, verschönerten den Abend.
Peter Ziegler schrieb zum Jubiläum eine Festschrift: «75 Jahre Krankenhaus Wädenswil», die mir eine grosse Hilfe war.
DIE AUSGABEN DES SPITALS ÜBERSTEIGEN DIE KRÄFTE DES ASYLVEREINS
Die finanziellen Lasten wurden Anfang der sechziger Jahre für den Asylverein untragbar. Die Gemeinde, die seit 1893 keine Beiträge mehr geleistet hatte, musste den jährlichen Defizitanteil übernehmen. Willi Bertschmann, damals Präsident des Vereins und als früherer Gemeindeschreiber vertraut mti dem Umgang mit den Behörden, führte die Verhandlungen. Der Gemeinderat war grundsätzlich bereit dafür, doch musste ein neuer Rechtsträger geschaffen werden in Form einer privatrechtlichen Stiftung des Asylvereins. Willi Bertschmann und Dr. Dieter Iselin entwarfen die Stiftungsurkunde, die nach einigen Änderungen am 26. November 1963 vom Asylverein angenommen wurde. Eine Gemeindeversammlung hatte vorher der Übernahme des nicht vom Kanton gedeckten Defizitanteils zugestimmt.
Damit übertrug der Asylverein der Stiftung
die Gebäude im
Schätzungswert von
Fr. 3 001 000.−−
14 263 m² Land
Fr. 422 200.−−
3 Fonds
Fr. 168 036.30
Fr. 3 591 236.30
Der Stiftungsrat setzte sich zusammen aus sechs Mitgliedern des Asylvereins, drei der Stadt Wädenswil, einem Vertreter der praktizierenden Ärzte, einem Vertreter der Krankenkassen. Später wurde er auf 13 Mitglieder erhöht durch einen Vertreter der Gemeinde Schönenberg und einen weiteren der Stadt. Präsident war Willi Bertschmann. 1952 wurde Dr. Kaiser als Chefarzt an das Stadtspital Waid in Zürich gewählt:
Ihm folgte in Wädenswil der Thurgauer Dr. Ernst Häberlin, der sein Amt als alleiniger Chefarzt bis zur Neuordnung von 1975 mit grosser Fachkenntnis und gutem menschlichem Verständnis für die Patienten versah.
REGIONALSPITAL W ÄDENSWIL-RICHTERSWIL UND BERGGEMEINDEN?
1971 drängte sich eine Erweiterung des Spitals auf, die auch die Anstellung von zwei Chefärzten ermöglichen würde, einem für Chirurgie und einem für Innere Medizin. Eine Vereinigung der Krankenhäuser von Wädenswil und Richterswil zu einem Regionalspital hätte dies ermöglicht, die Gesundheitsdirektion begrüsste eine solche Lösung. Gemeindeabstimmungen am 4. März 1972 ergaben in Wädenswil 2456 Ja gegen 1768 Nein, in Richterswil hingegen 822 Ja gegen 1285 Nein. Damit war dieser Plan gescheitert; die Stadt hatte den notwendigen Boden in der Eichweid schon vorher erworben.
DIE SCHAFFUNG VON DREI REGIONALSPITÄLERN
Nun griff die kantonale Gesundheitsdirektion ein und erreichte 1975 die Schaffung von drei Regionalspitälern, in Wädenswil für Innere Medizin und Radiologie, in Horgen und Richterswil für Chirurgie und Geburtshilfe. In Wädenswil amtet als Chefarzt für Innere Medizin Dr. Peter Möhr und für Radiologie Dr. Richard Binswanger. Der Stiftungsrat wird seit 1966 von Hans Schaltenbrand geleitet. Willi Bertschmann war bei seinem Rücktritt zum Ehrenmitglied des Asylvereins ernannt worden. Ende der siebziger Jahre begann ein Ausbau des Spitals durch Erweiterungs- und Umbauarbeiten, die erst 1983 zu Ende geführt wurden.
Über den heutigen Betrieb und die Kosten gibt der Jahresbericht 1984 folgende Zahlen: Zwei Chefarzte, zwei Oberärzte und fünf Assistenzärzte sowie 55 Schwestern bemühten sich um die 1173 Patienten mit 19‘042 Pflegetagen: für Reinigung, Wäscherei und Küche waren 22 Personen tätig. Kein Wunder, dass sich die Ausgaben auf 7‘652‘820 Franken beliefen, denen Einnahmen von 5‘166‘054 Franken gegenüberstanden. An das Defizit leistete der Kanton 1‘783‘970 Franken, die Vertragsgemeinden 1‘000‘260.80 Franken.
45 Jahre war die 1980 zurückgetretene Frau Fanny Hauser-Schwarzenbach Mitarbeiterin im Asylverein; lange hatte sie das arbeitsreiche und verantwortungsvolle Amt der Quästorin des Krankenasyls betreut.
WIE GING ES IM ALTERSHEIM WEITER?
Nach der Schaffung der Stiftung verblieb dem Asylverein das Altersheim als eigener Betrieb. Als 1963 die Warteliste für Neueintritte sich vergrösserte, entwarf Architekt Helbling eine Planskizze für eine Erweiterung auf der Ostseite. Eine Weiterverfolgung dieser Idee unterblieb in den nächsten Jahren, da unterdessen die Pläne der Stadt zum Bau der Alterssiedlungen «Bin Rääbe» und «Am Tobelrai» sowie der Ausbau des Bürgerheims reiften.
Dafür wurde eine Innenrenovation dringend notwendig. Der erste Kostenvoranschlag lautete auf 115‘000 Franken. Die Brauerei schenkte dafür 50‘000 Franken. Im Laufe der Ausführung kam eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen dazu, wie die Versorgung der einzelnen Zimmer mit fliessendem Wasser. So erhöhten sich die Kosten bis 1968 auf 400‘000 Franken. Um die nötigen Mittel aufzubringen, wurde der Fonds für Unbemittelte in der Höhe von 225‘000 Franken aufgehoben, trotz der Bedenken einiger Mitglieder, es könnte eine Zeit kommen, wo man froh wäre um den Fonds. Zugleich wurde die bestehende Hypothek von 100‘00 Franken auf 220‘000 Franken erhöht.
1967 trat Fräulein Agnes Glur nach 22 Jahren verantwortungsvoller Tätigkeit als Leiterin zurück. Ihr folgte nach einer kurzen Zwischenlösung Fräulein Theres Burkhardt, die heute noch amtende Hausmutter. Mit ihrem offenen und verstehenden Wesen hat sie mit Insassen und Personal ein vertrauensvolles Zusammenleben geschaffen.
1975 brachte Hans Helbling, seit 1970 Präsident der Hauskommission, erneut den Vorschlag für eine Erweiterung durch einen Anbau auf. Die Bettenzahl wäre damit um 27 gestiegen. Die Männer im Asylverein traten fast einstimmig dafür ein, die Frauen hingegen lehnten ihn mit allerlei ernsthaften Bedenken ab. So entschloss sich der Vorstand, vorläufig auf einen Ausbau zu verzichten.
Zum 50-jährigen Bestehen des Heims fand am 18. November 1978 eine Jubiläumsfeier statt; neben den Mitgliedern des Asylvereins nahmen Behördenvertreter und eine Reihe weiterer Gäste teil. Max Möhr gab im Jahrbuch der Stadt Wädenswil einen Abriss der geschichtlichen Entwicklung des Heims. Als 1980 Hans Helbling als Präsident der Hauskommission zurücktrat, übernahm Max Möhr diese Aufgabe.
Im Jahresbericht 1980 des Asylvereins schrieb Hans Jakob Furrer, seit 1978 dessen Präsident, auf dem Gebiet der Altersfürsorge wäre noch eine Lücke zu schliessen durch die Schaffung eines weiteren Altersheimes im «Rosenhof». Seine Erkundigungen beim Stadtrat hätten eine wohlwollende Prüfung dieser Frage ergeben. Die Planung eines Altersheims neben dem Bürgerheim durch die Stadt liessen diesen Gedanken vorübergehend etwas ruhen, doch wurde er im Stillen weiterverfolgt. An der Mitgliederversammlung vom 6. Juli 1983 lag eine Ausnützungsstudie des Rosenhofgeländes für einen Neubau von Architekt Hurter vor, mit einer Schätzung der Kosten auf 9‘000‘000 Franken. Im Gegensatz zum Projekt Frohmatt der Stadt mit einheitlichen Zimmern sollten etwas grössere Räume und auch Zweizimmerwohnungen geschaffen werden. Rudolf Bachmann, der gegenwärtige Präsident des Asylvereins, hofft auf eine Verwirklichung, wobei genauere Gestaltung und Finanzierung noch der Klärung bedürfen.
Spital Wädenswiler, Regionalspital für Innere Medizin und Radiologie. Luftaufnahme von 1985.
Im Dezember 1984 veranstalteten die Frauen der Heimkommission im Altersheim einen Bazar, der mit einem Reinertrag von 34‘200 Franken allerlei Verbesserungen im Heim ermöglichte.
Dankbar gedenke ich im Rückblick der Auswirkungen der AHV, die aus dem Bürgerheim ein Altersheim machte und die auch manchen Bewohnern des Altersheims auf der Fuhr eine grosse Hilfe ist. Dankbar ist der Asylverein aber auch den vielen, die durch Geschenke und Vergabungen die Werke zugunsten der kranken und alten Menschen in selbstloser Art förderten.