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«Scherben-Quartier», «Little Italy», «Sündenmeile» und «Drogenhölle»: Die Gegend rund um die Langstrasse trug inoffiziell bereits die verschiedensten Namen. Unser Nachtleben-Kolumnist Alexander Bücheli blickt auf die Geschichte zurück – und fragt sich, was die Zukunft bringt.
Die Langstrasse befindet sich in Aussersihl. Wie es der Name sagt, liegt dieser Stadtteil auf der anderen Seite der Sihl, früher gar ausserhalb der Stadtmauern Zürichs. Wie verfeindet diese beiden Gemeinden Anfang des 19. Jahrhunderts waren, zeigte sich darin, dass bei der Sihlbrücke am «Brügelmändig» Stadtzürcher und Sihlgemeindler Knaben gegeneinander kämpften.
1872 fand erstmals ein Grossevent im Langstrassenquartier statt.
Am 27. März 1787 wurde das Gebiet Aussersihl, welches zuvor politisch zu Wiedikon gehört hatte, eine selbstständige Gemeinde. Durch die Eröffnung der «Spanisch-Brötli-Bahn» wurde sie 1847 auseinandergeschnitten und aus den beiden Teilen wurden später die Kreise 4 und 5. Die Langstrasse war ihre einzige Verbindung und entwickelte sich rasch zur eigentlichen Lebensader. 1872 fand mit dem Eidgenössischen Schützenfest erstmals ein Grossevent im Langstrassenquartier statt. Der Schiessstand befand sich auf dem Areal des heutigen Kanzleischulhauses und die Festhütte mit mehr als 5000 Plätzen auf dem Helvetiaplatz. Etwa zur gleichen Zeit wurde mit dem Bau der Kaserne und der Zeughäuser begonnen.
Langstrasse um 1910 (Bild: Baugeschichtliches Archiv)
Der Ausbau der Eisenbahn und die rege Bautätigkeit im Quartier führten zu einer neuen Dynamik. Aussersihl entwickelte sich rasch zum Ort, an dem sich Neu-Zürcherinnen und -Zürcher sowie Migrantinnen und Migranten niederliessen. 1882 zählte Aussersihl 30’000 Einwohnende und war somit bevölkerungsstärker als die Stadt Zürich. Ein überaus grosser Anteil an Bewohnenden waren italienische Bauarbeiter. Diese meist jungen Männer, die ohne Familienanschluss in Zürich lebten, und die Rekruten in der nahen Kaserne legten den Grundstein für ein nächtliches Unterhaltungsangebot im Quartier. Dazu gehörten nicht nur Bars wie das Exer, das 1886 eröffnet wurde und bis heute existiert, sondern auch diverse Dancings.
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1928 kam der grosse Theatersaal im Volkshaus mit total 1600 Steh- und Sitzplätzen hinzu. Interessanterweise handelte es sich um das erste alkoholfreie Volkshaus der Schweiz – eine Reaktion auf den damals sehr verbreiteten Alkoholmissbrauch. Das Alkoholverbot im Theatersaal wurde erst 1979 aufgehoben.
Auf eine bewegte Geschichte blickt auch das Café Memphis: Bis in die 50er-Jahre war es noch ein Dancing, danach wurde daraus ein Jazz-Café und schliesslich ein Treffpunkt für Black-Music-Liebhaber. Ende 2010 war das Memphis temporär ein Thai-Restaurant, doch heute dreht sich dort wieder alles um Musik und alkoholhaltige Getränke. Oder das Kino Roland, wo seit 1913 Filme gezeigt werden – ab 1978 vor allem Pornos. Mittlerweile wird der Saal wieder häufiger für kulturelle Anlässe wie Konzerte, Partys oder Comedy Shows genutzt.
Das Volkshaus war alkoholfrei.
Volkshaus um 1910 (Bild: Baugeschichtliches Archiv)
In den 70er-Jahren verwandelte sich das Arbeiter- und Ausgangsquartier allmählich in ein Rotlichtquartier. Gründe dafür gab es viele. Wegen der zunehmenden Landflucht liessen sich gerade kleine Appartements, in denen Prostituierte ihre Dienste anboten, leicht vermieten und versprachen vor allem eine höhere Rendite als Wohnraum. Einen Einfluss auf diese Entwicklung hatte auch das damalige Gastgewerbegesetz, welches sehr restriktive Öffnungszeiten vorsah. Bemerkenswert ist, dass Strip-Lokale – im Gegensatz zu normalen Bars – auch unter der Woche bis 2 Uhr in der Früh geöffnet sein durften. Neben dem Rotlichtmilieu führte die damalige Vertreibungspolitik dazu, dass an der Langstrasse nicht nur Drogen gehandelt, sondern auch zunehmend konsumiert wurden. Dabei scheuchte die Polizei Drogensüchtige von einem Quartier zum anderen, in der Hoffnung, dass so keine offene Drogenszene entsteht. Damals war es nicht einmal in den kühnsten Träumen vorstellbar, das es zukünftig Fixerräume (Kontakt- und Anlaufstellen) für Drogenkonsumierende geben würde.
Langstrasse um 1950 (Bild: Baugeschichtliches Archiv)
Doch auch in dieser für das Quartier schwierigen Zeit blieb das Nachtleben der Langstrasse treu – nicht nur in den wenigen verbleibenden Traditionslokalen, sondern in den 70er-Jahren auch illegal im Bunker unter dem Kanzleiareal und in den 90er-Jahren in den vielen Kellerbars, die sich in der Nähe der Langstrasse ansiedelten. Teilweise gar, wie das Atelier Goldfinger, nur einen Steinwurf vom nächsten Polizeiposten entfernt.
Die Langstrasse auf Instagram
Die Grundsteine für eine Langstrasse, wie wir sie heute kennen, waren die Liberalisierung des Gastgewerbegesetzes 1998, die Veränderungen im «Sexbusiness» und vor allem das 2001 ins Leben gerufene Langstrasse-Plus-Projekt. Das Ziel dieses Projekts war die nachhaltige Verbesserung der Lebensqualität im Quartier. Sogenannte Rotlichtimmobilien wurden von der Stadt aufgekauft und ganz bewusst Bars, Restaurants und Boutiquen angelockt. Vorbote dieser Zeit war zum Beispiel das D33, welches kurz darauf vom Club Zukunft abgelöst wurde, der nun seit über 13 Jahren als «Home of Good Music» Musikbegeisterte aus der ganzen Schweiz anzieht. Oder das Longstreet, das von einem Striptease-Lokal zu einer angesagten Bar wurde. Heute prägen Gastronomieunternehmen und 24-Stunden-Shops zwischen der Unterführung und dem Helvetiaplatz das Bild der Langstrasse. In den Seitenstrassen haben sich kleine lokale Boutiquen angesiedelt, die eine urbane Käuferschaft ansprechen.
Müssen Bars und Clubs bald schliessen?
Doch wie wird das Bild der Langstrasse in Zukunft aussehen? Wie wird der stetige Wandel von einem Arbeiter- zu einem Place-to-be-Quartier die dort ansässige Nachtkultur verändern? Wird die Gastronomie wegen der Detailhandelskrise noch wichtiger für die Belebung des Quartiers sein? Müssen Bars und Clubs aufgrund von Nachbarschaftsklagen schliessen oder gibt es zukünftig mediterrane Nächte, in denen Terrassen länger geöffnet sind? Eines ist sicher: Die Langstrasse wird sich weiterhin im stetigen Wandel befinden und es ist davon auszugehen, ja zu hoffen, dass auch das Nachtleben der Strasse weiterhin treu sein wird.
8. Tag der offenen Bar und Club Tür
Wer sich ein aktuelles Bild über die Nachtkultur an der Langstrasse machen und sich von Insidern nächtliche Geschichten erzählen lassen will, sollte den 8. Tag der offenen Bar und Club Tür besuchen: An Samstag, 1. Februar 2020, stehen die Türen der Lokale rund um die Langstrasse ausnahmsweise bereits am Nachmittag offen. Das Programm umfasst dieses Jahr neben traditionellen Clubführungen und Degustationen auch einen Schall- und Insider-Rundgang. Auch der Pilot «Mediterrane Nächte für Zürich» wird im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema gemacht. Das detaillierte Programm ist hier einsehbar.