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Historic Performances: Rafael KubelíkShop now
Und plötzlich wirkt Vergangenes ganz gegenwärtig: Liest man sich durch die Kritiken zum Abschlusskonzert der Internationalen Musikfestwochen Luzern 1968 (wie Lucerne Festival einst hiess), dann drängen sich die Parallelen zur aktuellen Lage, dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine, geradezu auf. Was war geschehen? Für den «Schlussspurt» des Sommer-Festivals 1968 hatten die Luzerner Verantwortlichen das Philharmonia Orchestra aus London eingeladen (das damals kurzzeitig unter dem Label New Philharmonia Orchestra firmierte). Am Pult standen Otto Klemperer, Claudio Abbado sowie, beim dritten und letzten Auftritt, Rafael Kubelík. Programmiert hatte Kubelík neben Schönbergs Klavierkonzert und einer von Haydns Londoner Sinfonien auch Tschaikowskys Vierte Sinfonie.
Doch dann marschierten wenige Tage vor dem Konzert die Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei ein, um den «Prager Frühling», die sozialistischen Reformbemühungen unter Alexander Dubček, gewaltsam zu beenden. Und sofort stellte sich die Frage – eine seit dem russischen Überfall auf die Ukraine vom 24. Februar bestens bekannte Diskussion –, ob in dieser Situation die Aufführung russischer Musik noch angebracht sei. Das Luzerner Tagblatt etwa bedauerte «angesichts der tragischen Ereignisse in Kubelíks Heimat, dass der Künstler nicht ein Werk seines Herkunftslandes vorgestellt hat». Zumal Rafael Kubelík, der die Tschechoslowakei 1948 verlassen und in Luzern eine Wahl-Heimat gefunden hatte, für einen Abbruch der künstlerischen Beziehungen mit der Sowjetunion plädierte: Seinen Aufruf unterzeichneten Musiker wie Claudio Arrau, Daniel Barenboim, Yehudi Menuhin, Arthur Rubinstein, Sir Georg Solti oder Igor Strawinsky. Auch gründete Kubelík eine «Stiftung für die tschechoslowakischen Emigranten nach dem 21. August 1968», um deren Unterstützung er die Luzerner Konzertbesucher*innen bat.
Doch Kubelík hielt am ursprünglich geplanten Programm fest. Und wie! Seine dramatisch zugespitzte Lesart von Tschaikowskys Vierter Sinfonie fesselt mit frappierend abrupten Wechseln in Tempo und Tonfall und steigert die orchestrale Virtuosität im Finale zum Furor. «Kubelik setzt sich für die Tschaikowsky-Sinfonie ein, als gelte es, ein Bekenntnis für den Sieg des Geistes, der Freiheit über alle Schicksalsgewalten abzulegen», urteilte Fritz Schaub im Luzerner Tagblatt: «Wem wären nicht solche Parallelen zu den aktuellen Ereignissen in der Tschechoslowakei in den Sinn gekommen?» Und einer seiner Kritikerkollege war von den «ungeheuren dynamischen Intensitäten» und «wahrhaft welterschütternden Steigerungen» der Aufführung derart ergriffen, dass er mit dem Pathos des Kalten Krieges vermerkte: «Kubelík, der Tscheche, wendet sich an Tschaikowsky, den grossen Russen einer noch nicht kommunistisch korrumpierten Aera.» Nun ist der fesselnde Mitschnitt des damaligen Konzerts aus den SRF-Archiven auferstanden und nachzuhören: in der neuesten Folge unserer CD-Serie «Historic Performances», wie immer klanglich sensibel restauriert von Ludger Böckenhoff.
Ein weiteres Highlight neben Tschaikowskys Vierter Sinfonie: der einzige Auftritt der britischen Klavierlegende John Ogdon bei Lucerne Festival, den man glücklicherweise auf Band bannte. Ogdon stand damals nicht nur auf dem Gipfel seiner Kunst. Er avancierte nach dem unwahrscheinlichen Gewinn des Tschaikowsky-Wettbewerbs 1962 in Moskau, also beim «Klassenfeind», auch zu einer Celebrity in der klassischen Musikszene. Ja, er war – so Ogdons Biograph Charles Beauclerk – in seiner britischen Heimat «so berühmt wie die Beatles auf dem Gebiet der Popmusik». Und weil Ogdon das Rare und Gegenwärtige liebte, stellte er sich dem Luzerner Festspielpublikum nicht mit einem der «pianistischen Schlachtrösser» von Tschaikowsky, Rachmaninow & Co. vor. Sondern mit Arnold Schönbergs Klavierkonzert (einem Herzensstück übrigens von Rafael Kubelík), das er textgenau und mit viel Gespür für die schroff wechselnden Charaktere dieser Musik interpretierte. Und das er sonst nie eingespielt hat – ein diskografisches Desiderat also.
Malte Lohmann | Redaktion