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Über die Anden ins Lugnez
1983, im Alter von 61 Jahren, hat Annemarie Anderhub, Dr. phil. und Dr. med., im Pfarrhaus von Vrin im bündnerischen Lugnez ihre Allgemeinpraxis eröffnet, in der sie auch jetzt noch Patienten betreut. Zuvor war sie während 17 Jahren in Kolumbien tätig, gemeinsam mit Sur Giusep Alig, dem heutigen Pfarrer von Vrin.
Dr. Anderhub: Ja, das ist eine romantische Geschichte. Denn als ich 1965 einen Militäreinsatz als Rotkreuzärztin im Bleniotal hatte, sass ich zum Essen jeweils am gleichen Tisch mit den beiden Feldpredigern - dem protestantischen und dem katholischen. Und dieser, Pater Giusep, erzählte mir bald einmal von seinen Plänen, eine Missionsstation in Kolumbien zu übernehmen. Und weil ich schon lange den Wunsch hatte, mich für etwas Besonderes zu engagieren, war ich schnell bereit, mich Sur Giusep anzuschliessen. Und so kam es, dass wir uns schon kurze Zeit später im kolumbianischen Hochland befanden, in San Sebastian-Canca, einem Bergbauerndorf am Rande des Dschungels, 2200 Meter über Meer.
Und da haben Sie sich eine Arztpraxis eingerichtet?
Dr. Anderhub: Nein, nein, da habe ich bald gesehen, dass eine Praxis nicht ausreichen würde, da es weit und breit keine medizinische Versorgung gab. Deshalb haben wir den Entschluss gefasst, ein Spital zu gründen. Dafür mussten wir aber zuvor ein Gebäude, von dem erst der Rohbau vorhanden war, entsprechend um- und ausbauen. Das heisst, ich hatte erst einmal Pläne zu zeichnen und natürlich auch Geld zu sammeln, bis wir unsere kleine Klinik mit Hilfe der Dorfbewohner einrichten konnten - natürlich mit den einfachsten Mitteln. Immerhin verfügten wir schliesslich über eine Geburts- und Kinderstation, eine allgemeine Abteilung sowie über ein Labor und einen kleinen Operationsraum - insgesamt gab es etwa 15 Betten.
Und woher kamen die Krankenschwestern? Und die Medikamente?
Dr. Anderhub: Die Medikamente liess ich vor allem aus der Schweiz kommen - wobei ich gar nicht so viel davon brauchte. Krankenschwestern gab es natürlich in dieser einsamen Gegend keine, sodass ich sie - nachdem ich einigermassen Spanisch gelernt hatte - selber ausbilden musste. Doch weil die jungen Indiofrauen, die sich für die Spitalarbeit interessierten, meistens weder lesen noch schreiben konnten, hatte die Schulung beim Elementarsten zu beginnen - nicht nur was das Alphabet betrifft, sondern zum Beispiel auch punkto Hygiene. Ein WC etwa, wie wir es im Spital hatten, kannten nur die allerwenigsten. Aber die Anstrengungen haben sich gelohnt - bald einmal waren einige tüchtige Krankenschwestern und Hebammen ausgebildet, die später zum Teil auch an anderen Orten Arbeit fanden. Mit zwei oder drei von ihnen bin ich bis heute in Kontakt.
Wie war denn die Zusammenarbeit zwischen dem Seelsorger und der Ärztin?
Pfarrer Alig: Diese Zusammenarbeit ergab sich auf eine sehr selbstverständliche Weise. Denn durch die einseitige Ernährung und durch die schlechten hygienischen Verhältnisse bedurften viele Kinder und Erwachsene, die ich zu betreuen hatte, auch der medizinischen Hilfe. Und umgekehrt gab es natürlich auch Spitalpatienten, die eine seelsorgerische Unterstützung benötigten.
Und wie sind Sie zu den Leuten gekommen, die ausserhalb des Dorfes lebten?
Pfarrer Alig: Das war - für uns beide - in diesem unwegsamen Hochland nur mit dem Pferd möglich. Was uns zunächst ziemlich zu schaffen machte, da wir beide zuvor keine Ahnung vom Reiten hatten.
Dr. Anderhub: Zu schaffen machten uns am Anfang sehr verschiedene Dinge. So war es zum Beispiel ein Problem, den Patienten, die nicht lesen konnten, klarzumachen, wann und wie viel sie von einem Medikament einnehmen mussten. Ich habe es dann so versucht, dass ich auf die Medikamentenpackung zum Beispiel eine Sonne und zwei Tabletten gezeichnet habe oder eine Suppenschüssel oder einen Mond, was bedeutete, dass die Pillen am Morgen oder eben am Mittag oder Abend zu schlucken waren.
Waren Sie denn, von Ihrer Ausbildung her, auf solche Verhältnisse überhaupt vorbereitet?
Dr. Anderhub: Da mein beruflicher Werdegang alles andere als geradlinig verlief, war ich auf Überraschungen eigentlich ganz gut vorbereitet. Denn bevor ich mich der Medizin zuwenden konnte, die mich, solange ich zurückdenken kann, schon immer leidenschaftlich fasziniert hat, habe ich in Neuenburg eine Handelsschule absolviert. Erst danach machte ich am Institut Minerva in Zürich die Eidgenössische Matura um anschliessend in Bern ein Studium anzufangen - allerdings kein Medizin-, sondern ein Philologiestudium, das ich dann auch mit dem Doktorat abschloss. Und nun endlich konnte ich mit der Medizin beginnen - zunächst an der Zürcher Universität, anschliessend in Mailand, wo ich auch promoviert habe ...
... auf Italienisch?
... ja, ja, natürlich auf Italienisch. Das habe ich während des Studiums gelernt.
Und dann?
Dr. Anderhub: Dann habe ich in verschiedenen Krankenhäusern gearbeitet, in Visp, St. Gallen, Montana, Mendrisio. Bis ich 1964 als Rotkreuzärztin nach Dharamsala, am Fusse des Himalaja, gereist bin, in ein grosses Lager für tibetanische Flüchtlingskinder. Hier hatte ich, als einzige Ärztin, zeitweise über 1000 kranke Kinder zu betreuen, die wir auf engstem Raum unterbringen mussten. Das waren Erlebnisse und Erfahrungen, die mir in Kolumbien sehr zugute gekommen sind, nicht zuletzt auch deshalb, weil sich dieses Lager in einer Gegend befand, in der man draussen durchaus einem Rudel Affen oder auch einem Bären begegnen konnte ...
... was Sie in Angst und Schrecken versetzte?
... in Angst und Schrecken hatten mich viel eher die Mäuse versetzt, die in meinem Schlafraum herumflitzten.
Und Sie, Herr Pfarrer, wie haben Sie sich auf Ihre Aufgabe im Ausland vorbereiten können?
Pfarrer Alig: Ich war, nach dem Studium und einer Zeit in der Bischöflichen Kanzlei in Chur, während zehn Jahren als Kaplan auf den verschiedenen Baustellen der Kraftwerke Vorderrhein tätig, wo insgesamt etwa 2000 Arbeiter beschäftigt waren. Von diesen Erfahrungen habe ich in Kolumbien immer wieder profitieren können.
Wie kam es denn, dass Sie schliesslich vom Hochland der Anden zur Hochebene von Greina gezogen sind?
Pfarrer Alig: Dass wir uns 1983, nach einem immerhin siebzehnjährigen Aufenthalt, entschlossen haben, in die Schweiz zurückzukehren, lag daran, dass das Leben in San Sebastian durch den zunehmenden Guerillakrieg einfach zu gefährlich geworden war, um unsere Arbeit weiterzuführen. Sowohl das Spital wie auch die Missionsstation haben wir damals schliessen müssen - sie konnten später aber wieder geöffnet werden und existieren auch heute noch. In Vrin niedergelassen haben wir uns, weil dies mein Heimatdorf ist und weil man damals gerade einen Pfarrer brauchte ...
... und einen Zeichnungslehrer?
... nein, keinen Zeichnungslehrer. Das Zeichnen ist für mich eine Freizeitbeschäftigung. Allerdings erläutere ich auch den kirchlichen Unterricht mit farbigen Skizzen, da ich festgestellt habe, dass man die jungen Leuten auf diese Weise besser erreichen kann als nur mit Worten.
Und Sie, Frau Dr. Anderhub, wie ging das mit Ihrer Übersiedelung von San Sebastian nach Vrin?
Dr. Anderhub: Obwohl ich Vrin überhaupt nicht kannte, hat es mir hier sofort gut gefallen - sowohl die Leute wie auch die Landschaft. Zudem erlaubte mir der für die Gemeinde zuständige Talarzt, eine kleine, aber feine Praxis einzurichten - der ehemalige Kartoffelkeller unseres zweihundertjährigen Pfarrhauses eignete sich allerbestens dafür.
Wie sind Sie denn von den Einheimischen aufgenommen worden?
Dr. Anderhub: Auch wenn die Menschen hier eher verschlossen sind, hatte ich von Anfang an das Gefühl, willkommen zu sein. Wobei ich mich natürlich auch angestrengt und sofort Romanisch gelernt habe. Während 15 Jahren gab ich dann sogar in der Scuola Reala von Vrin Religionsunterricht auf Romanisch.
Und wie sehen Sie die Zukunft Ihrer ärztlichen Praxis?
Die sehe ich - trotz dem Tarmed - durchaus positiv. Vor allem dank der Ärztekasse, die bereits seit zwanzig Jahren meine beste und treuste Mitarbeiterin ist!
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