Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03374.jsonl.gz/1868

Robert Musil hat nicht nur einen Vortrag «Über die Dummheit» gehalten, dessen Neuauflage kürzlich eine verschärfte Aktualität bekommen hat,[1] sondern hat sich, als ausgebildeter Ingenieur, immer viel darauf zugute gehalten, etwas von Technik und Naturwissenschaften zu verstehen und damit jene Kluft zu überbrücken, die sich zwischen den damals so bezeichneten Polen von Geist und Verstand zunehmend auftat. Seine Kenntnisse hat er gelegentlich auch auf den Sport angewandt, aufs Tennis oder Schwimmen, wobei es ihm gerade darum ging, Sport sowohl als kulturelles wie naturwissenschaftliches Phänomen zu verstehen.
Seither hat der Zugriff der Naturwissenschaften auf den Sport in einer Dialektik der Aufklärung geradezu gewalttätige Formen angenommen, von «gesunder» Ernährung bis zu den vielfachen Ingredienzien, die alle jene Sportler, die mysteriöserweise unter Asthma leiden, mit Ausnahmegenehmigungen zu sich nehmen dürfen. Weiterhin aber bleiben einfache naturwissenschaftliche Gesetze in Kraft, zum Beispiel das der Reflexion, also: Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel, ein Gesetz, das sogar jedem Anschein einleuchtet, anders als etwa die spezielle Relativitätstheorie, von der allgemeinen zu schweigen.
Die klassische Sportart, in der dieses Gesetz zur Anwendung kommt, ist Snooker: Man stosse eine Kugel mit der Spielkugel in einem solchen Einfallswinkel an, dass sie, im Ausfallswinkel weggestossen, im Loch verschwindet und die Spielkugel, ebenfalls im Ausfallswinkel abgestossen, an einen Platz rollt, von dem sich der Spielzug erfolgreich fortsetzen lässt. Bei Fernsehübertragungen wird gelegentlich, wenn ein Spieler gesnookert ist, sein Spielball also den Ball, den er als nächsten spielen sollte, nicht auf direktem Weg erreichen kann, vom Kommentator ein möglicher Ausweg via die Banden auf dem Bildschirm vorgezeichnet, und was dabei mit Hilfe des computer-animated designs vorgeführt wird, spielt sich beim Spieler in Elektronenschnelle im Kopf ab. Ebenso kann oder sollte im Curling ein Double-Take-Out genau vorausberechnet werden. Auch im Eishockey wird ja zum Beispiel, wenn mit der Bande gespielt wird, auf die unverbrüchliche Kraft der Reflexion vertraut, oder beim Volleyball kann der Ausfallswinkel, in dem der Ball von den Händen des Blocks abspringt, zu einem Punktgewinn oder einem -verlust führen, je nachdem ob der Ball ins Aus oder ins Feld des Angreifers zurückspringt. Ja, das Gesetz kann, so unerwartet das tönen mag, selbst beim Fussball eine Rolle spielen.
Wozu es allerdings besonderer Umstände bedarf. Nehmen wir an, hypothetisch, dass einer, der lange Zeit sich nicht mehr aufzuraffen vermochte, seinen Körper schweisstreibend und muskelverzerrend zu quälen, plötzlich wieder auftaucht und in die Halle stolpert, wobei ihm der Ball, ja der eigene Körper, als fremd erscheinen mögen.
Also hetzt dieser Mensch, rein hypothetisch, auf dem Spielfeld umher, sucht den Ball, der sich freilich als widerspenstig und flüchtig erweist, so dass der Ball mehr ihn als er den Ball findet, etwa wenn der Schuss eines Mitspielers, der knapp links am Tor vorbeizischen würde, seine Wade in einem spitzen Einfallswinkel von zehn Grad streift, also in einem spitzen Ausfallswinkel von zehn Grad nach rechts abgelenkt wird und so den Weg ins Tor findet. Einfacher mag es scheinen, wenn ein Prellball im rechten Winkel ins Tor spritzt; doch in höhere, aber immer noch einsichtige Sphären wagen wir uns vor, wenn ein Pass, der hart vors Tor geschlagen wird, in einem Winkel von zwanzig Grad vom Verteidiger abprallt und in einem Winkel von achtzig Grad ans Schienbein jenes vor dem Gehäuse verirrten und verwirrten Spielers auftrifft, und so die Kugel den Weg glücklicher- und dennoch erklärlicherweise ins Tor findet. Zuweilen kann sich die Reflexion – die hier höhnisch mit dem Sprachgebrauch in den Gefilden des Geistes spielt – auch auf die andere Seite auswirken, etwa wenn der Spieler mit dem Gesicht zum eigenen Tor auf einen Pass wartet, der auch kommt, ihm aber vom Schienbein abprallt zu einem gegnerischen Spieler, der, unfairerweise, gerade eben auf einen solchen Ball gelauert hat und ihn nur noch ins Tor zu schieben braucht.
Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel gilt aber nicht nur für Ball versus Fuss oder Schienbein, sondern ebenso für andere Begegnungen zweier Objekte. Nehmen wir, wiederum rein hypothetisch an, in einem Kampf um den Ball werde, unabsichtlich natürlich, ein Ellenbogen ausgefahren und treffe dabei in einem Winkel von sechzig Grad auf die Oberlippe eines ahnungslosen Gegners, von wo er – der Ellenbogen, nicht der Gegner – in einem Winkel von sechzig Grad weiterrutscht und so, mit abgeschwächter Gewalt, auf einem Nasenrücken lande, um dort nicht gerade gravierende aber doch unübersehbare Spuren zu hinterlassen.
Nun gibt es dazu eine schöne Anekdote des Baron von Münchhausen[2], der einst, in Eile, mit seinem Nasenrücken so heftig gegen einen Türbalken knallte, dass ihm Funken aus den Augen stoben, und als er wenig später auf der Entenjagd den Feuerstein vergessen hat, er sich an den Vorfall erinnert, sich auf den Nasenrücken schlägt und mit den so entstandenen Funken seine Lunte entzündet, worauf er mit einer erklecklichen Anzahl von erlegten Enten nachhause zurückkehrt, was im aktuellen Fall allerdings aus diversen Gründen nicht der Fall gewesen ist.
Beim Fussball-Snooker spielten mit: Adi, Adrian1, Adrian2, Küde, Silvano, Max, Sämi, David, Tino, Phiwe, Stefan
[1] Siehe die Besprechung in der WOZ Nr. 6 vom 9.2.2017 unter http://www.woz.ch/1706/essay/die-vernunft-vor-den-affekten-retten
[2] Siehe den neuen, wunderschönen im Frankfurter Stromfeld Verlag erschienenen Band «Münchhausens Abenteuer» von Rudolf Erich Raspe, übersetzt von Stefan Howald und herausgegeben zusammen mit Bernhard Wiebel.