Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03356.jsonl.gz/2433

Während des Nationalsozialismus brachten jüdische Sammlerinnen und Sammler ihre Werke in Sicherheit – oft als Leihgaben an Schweizer Museen. Eine Tagung des Kunstmuseums Bern und des Zentrums Paul Klee nimmt die Beziehung von Museen, Sammlern und dem Kunstmarkt in der Schweiz genauer unter die Lupe.
Mitorganisiert hat die Tagung Nikola Doll: Sie forscht zur Herkunftsgeschichte von Kunstwerken und Kulturgütern und möchte herausfinden, wie Schweizer Museen während des Nationalsozialismus gehandelt haben.
Nikola Doll
Leiterin Provenienzforschung Kunstmuseum Bern
Nikola Doll ist Kunsthistorikerin und Historikerin.
Als Leiterin der Provenienzforschung widmet sie sich am Kunstmuseum Bern der Herkunftsgeschichte von Kunstwerken und Kulturgütern.
SRF: Bei den Deposita handelt es sich um Leihgaben jüdischer Sammler und Sammlerinnen in der Schweiz. Warum macht die Provenienzforschung eine Tagung dazu?
Nikola Doll: Es geht um die Geschichte der Sammlerinnen und Sammler, die ihre Kunstwerke während des Nationalsozialismus ins Ausland brachten, aber auch um die Geschichte der Museen, die diese Werke aufgenommen haben.
Wir versprechen uns von der Tagung, dass diese Form einer spezifischen Leihsituation historisch genauer bestimmt werden kann. Das heisst vor allem, dass das Wissen um das Agieren der Schweizer Museen während des Nationalsozialismus in Deutschland generell vertieft werden kann.
Was war das Interesse der Schweizer Museen, diese Deposita zu verwahren?
Die Motivation der Schweizer Museen war sicherlich die Unterstützung der Eigentümer. Auch befassen wir uns an der Tagung mit den Fragen, wie sich die Interessenslage im Zeitraum von 1933 bis 1945 verändert hat und was auf lange Sicht mit diesen Sammlungen passierte.
Da stellen sich etwa folgende Fragen: Wie arbeiteten die Museen mit diesen Sammlungen? Wie veränderten sich möglicherweise die Interessen einer Institution?
Gab es eine Einflussnahme von deutschen Stellen? Wurde ein angemessener Kaufpreis bezahlt?
Es handelt sich um Leihgaben. Inwiefern sind diese Deposita dennoch problematisch?
Das ist auch für uns die Frage: Welche Rolle haben die Museen gespielt, wenn es zu Verkäufen aus den deponierten Werken kam? Wie war der Austausch mit den Sammlerinnen und Sammlern – wie war der Austausch mit den Kunsthändlern, die mit dem Verkauf mitunter beauftragt wurden?
Das betrifft die schon erwähnten Interessen der Museen, aber auch, ob es eine autarke Entscheidung gab, wie die wirtschaftliche Situation der Verkaufenden war. Gab es eine Einflussnahme von deutschen Stellen? Wurde ein angemessener Kaufpreis bezahlt und konnte man frei über die Verkaufssummen verfügen?
Welchen Einfluss hatten diese deponierten Sammlungen auf die Geschichte der Schweizer Kunstmuseen?
Die Deposita hatten Einfluss auf die Ausstellungstätigkeit von Museen. Sie hatten natürlich auch Einfluss auf die Sammlungspolitik generell. Zum Beispiel wie die Sammlungen erweitert wurden und ob neue Schwerpunkte gesetzt wurden.
Auch interessant wäre die Frage, ob diese Deposita die Zusammenarbeit mit Sammlerinnen und Sammlern vertieften. Oder gab es wegen der historischen Entwicklung richtige Abbrüche; arbeiteten die Museen nicht mehr mit bestimmten Personen zusammen?
Zur Tagung
Zentrum Paul Klee Bern
«Deposita – Verfolgungsbedingte Kulturverlagerung und die Folgen für die Schweizer Museen».
Donnerstag, 09.09.2021, 14 – 18 Uhr
Freitag, 10.09.2021, 09:30 – 16:45 Uhr
Was geschah mit den Deposita nach dem Jahr 1945?
Zum Teil gingen sie an die Leihgeber zurück, zum Teil verblieben sie in den Institutionen. Diese veranstalteten Ausstellungen damit. Einige Deposita wurden den Institutionen nach einer gewissen Zeit geschenkt, ein Teil wurde aber auch verkauft.
Das Gespräch führte Sarah Herwig.