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Die Volksrepublik China kann kein kreatives Land werden.
Die chinesische Regierung möchte, dass China ein Land der Erfindungen und der Innovation werde (NZZ 18.12.2012, Seite 25). Sosehr das im Interesse der Welt und besonders China läge, ist das unter den gegenwärtigen Umständen unmöglich. Ist diese Meinung Ausdruck westlicher Überheblichkeit, gar von Rassismus?
Ein Blick auf die Nobelpreisträger gibt die Antwort: In den 25 Jahren von 1986 bis 2011 erhielten 113 US Bürger Nobelpreise in den Wissenschaften (Physik, Chemie, Physiologie und Medizin). Darunter sind 5 ethnische Chinesen. Sie machen 4.4% dieser Preisträger aus. Aber nur rund 1% der US Bevölkerung sind ethnisch Chinesen (ohne Mischlinge). Mit anderen Worten, Chinesen sind in einem Umfeld, in dem sie frei denken und handeln können, überdurchschnittlich erfolgreich.
Bürger der Volksrepublik China haben bisher 4 Nobelpreise, nämlich 2 Friedens- und 2 Literaturnobelpreise, erhalten. Der eine Friedensnobelpreisträger sitzt in China für 11 Jahre im Gefängnis, der andere, der Dalai Lama, ist im Exil. Der eine Literaturpreisträger ist in China persona non grate und lebt in Paris im Exil, der andere lebt in China und hat soeben in Norwegen öffentlich die chinesische Zensur verteidigt. Er hält sie für so notwendig, wie die Sicherheitskontrollen am Flugplatz. Für diese Aussage wird er wohl Vizepräsident des von der kommunistischen Partei kontrollierten Schriftstellerverbandes bleiben dürfen. Auf der anderen Seite wirft der bekannte chinesische Filmregisseur Xie Fei, Professor an der Beijing Film Academy, (Goldener Bär, Berlin 1993) der chinesischen Zensur in einem gegenwärtig im Land zirkulierenden offenen Brief sinngemäss vor, sie töte die künstlerische Kreativität.
Wie der Verfasser vor einiger Zeit in einem in China veröffentlichen Artikel sagte, kann man zwar hunderttausenden von Menschen befehlen, im Kampf gegen Überschwemmungen Sandsäcke am Flussufer aufzuschichten, aber man kann ihnen nicht befehlen, Einsteins, Bill Gates oder Steve Jobs zu werden.
Erfindungen, Innovation brauchen Querdenker, Menschen, die Lösungen ausserhalb der ausgetretenen Pfade suchen und die deshalb oft auch mit politischen, wirtschaftlichen und akademischen Autoritäten in Konflikt geraten.
Vier Faktoren wirken in China zusammen, um unabhängiges Denken schon gar nicht entstehen zu lassen, bzw. um frische Gedanken schon im Keim zu ersticken:
- Das chinesische Bildungssystem beruht zum allergrössten Teil immer noch auf auswendig gelerntem Wissen, die Schlussexamen auf dem Abfragen dieses Wissens. Vordergründige Disziplin wird ganz gross geschrieben und an Schulen und Universitäten mit militärischem Drill auch noch sichtbar eingeübt. Die Lehrkraft sitzt vorne, doziert oder liest aus dem vorgeschriebenen Textbuch vor, oft ohne je in den Vorlesungssaal zu blicken. Schüler und Studenten sitzen mit ausdrucklosen Gesichtern im Unterricht, machen Notizen, stellen keine Fragen und debattieren nicht.
- Das autoritäre, in den letzten Jahren noch allumfassender repressiv gewordene politische System ist ein weiterer Faktor. Der Durchnittsbürger im Westen, selbst wenn er als Tourist oder Geschäftsmann China besucht hat, kann sich kaum vorstellen, wie weit die Kontrolle bereits geht. Ein falsches Wort im E-mail und schon steht nach Drücken des Knopfes zum Absenden die Mitteilung auf dem Bildschirm: „Diese Meldung kann nicht verschickt werden“. Nach löschen heikler Worte, z.B. in einer neutralen Meldung an die Söhne in der Schweiz, man habe den Tempel des Dalai Lama in Beijing besucht, geht es dann problemlos weg. Der Zugang zu allen internationalen Netzwerken ist gesperrt, darüber hinaus werden immer wieder auch die als Ersatz dafür geschaffenen chinesischen Netzwerke abgestellt, wenn dort Blogger eine nicht genehme Nachricht veröffentlichten. Selbst auf dem Tianan’men Platz , dem Herz Chinas, kann die chinesische Familie mit ihren Kindern am Sonntag in der Regel nur spazieren gehen, nachdem die Taschen, Kameras und Schirme durch den Scanner in speziell dafür geschaffenen Sicherheits-häuschen gegangen sind und Polizisten die Gruppe abgetastet haben. Dieses Einfrieren des Gedankenaustausches im Land und mit der Welt führt u.a. zu einer wachsenden stillen Wut in der modernen chinesischen Gesellschaft und angesichts der Unmöglichkeit, etwas zu verändern, zum weit verbreiteten Wunsch, das Land für immer zu verlassen.
- Das auf Konfuzius zurückgehend Konzept einer hierarchischen Gesellschaft, in der jede Stufe der als nächst höher definierten Gehorsam schuldet: Die Frau dem Manne, der Sohn dem Vater, das Volk dem Herrscher.
- Das zentrale Anliegen, das „Gesicht zu wahren“, ist ein anderes, riesiges Hindernis. Es bedeutet, dass das Wissen und die Erfahrung von Dutzenden von Millionen gut ausgebildeter Chinesen in den Betrieben, der Verwaltung und im akademischen Bereich nur zur Ausführung der vom Chef erhaltenen Befehle, aber nicht für Verbesserungen und Neuerungen zur Verfügung stehen. An Sitzungen, selbst grosser Verwaltungen und Unternehmen, an Universitäten, kann keine vom Chef abweichende Meinung vorgetragen, kein Fehlinterpretation korrigiert, keine neue Idee vorgelegt werden, dann dadurch verliert der Chef, der etwas anderes gesagt hatte, das Gesicht. Selbst Chinesen, die früher Manager in westlichen Firmen waren, dort an Sitzungen engagiert ihre Gedanken und Anregungen eingebracht und im Rahmen ihrer Kompetenzen viele Initiativen ergriffen hatten, sind jetzt – obschon selber Abteilungsleiter – zu stummen, und völlig passiven Befehlsempfänger geworden. Sie führen nur aus, was ihnen aufgetragen wurde. Sie machen den Chef selbst nicht auf grosse, für die Firma verheerende Fehler aufmerksam. Der würde den aufmüpfigen Mitarbeiter, der ihm einen peinlichen Gesichtsverlust beschert hat, wohl bald entlassen.
Selbstverständlich gibt es in dem riesigen Land Ausnahmen, die diesem Bild nicht entsprechen. Aber das hier geschilderte fundamentale Problem ist eines der vielen, das die neue Führung mit frischen Ideen angehen müsste, will sie China in ein langfristig stabiles, modernes und besonders in ein kreatives Land verwandeln
Gotthard Frick, Bottmingen