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Die Raiffeisen Schweiz ist mit den Liebesaffären ihrer obersten Köpfe ab der Rolle geraten. Aufräumen soll ab morgen Guy Lachappelle. Doch der Mann hat selbst eine Geschichte.
Seine erste Frau war Sekretärin bei der Credit Suisse. Lachappelle war in einer Abteilung daneben Assistent eines hohen Leiters. Kein Problem, sagt ein Lachappelle-Mann: Man lernt sich im Betrieb halt kennen.
Mit der Frau hat Lachappelle Kinder. 2003 verliebt er sich in eine neue Frau. Diese ist Kundin bei der Bank Cial, der heutigen CIC. Dort ist Lachappelle in der obersten Führung.
Lachappelles Helfer sagen, dass 2001 Lachappelle und dessen Chef, der damalige CEO der Cial, wegen eines gefährdeten Immobilienkredits mit der Kundin verhandelten. Zuständig sei der CEO gewesen.
Lachappelle trennt sich von seiner ersten Frau und der Mutter seiner Kinder, um mit seiner Geliebten, die schon Kinder hat, eine neue Beziehung zu starten. Die beiden heiraten, haben ein Kind zusammen.
„Patchwork“, nannte dies die Basler Kantonalbank, als sie Lachappelle vor 5 Jahren zu ihrem operativen Chef kürte. Das Communique mit dem Wort ist heute nicht mehr online.
In der Zeit, als sich Lachappelle ohne Wissen seiner ersten Frau in eine Neue, die Kundin von ihm bei der Cial war, verliebte, war der Banker auch immer wieder in St.Gallen.
Von dort her rühren andersartige Treffen. An der dortigen Hochschule absolvierte Lachappelle einen Master of Business Administration. Einer seiner damaligen Professoren war Pascal Gantenbein, der Noch-Präsident der Raiffeisen.
Ebenfalls im Kurs war Priscilla Leimgruber. Sie und Lachappelle haben zusammen die MBA-Arbeit geschrieben. Ein kollegiales Duo.
2017 wurde Leimgruber in den Bankrat – das ist der Verwaltungsrat – der Basler Kantonalbank gewählt. Lachappelle habe dabei keine Rolle gespielt, heisst es aus dessen Umfeld.
Small World.
Lachappelle will morgen an der Delegiertenversammlung mit grosser Mehrheit das Steuer bei der Raiffeisen Schweiz übernehmen. Wenn das nicht klappe, werde er im Pflegeheim seiner Frau in Deutschland aktiv.
Dies sei sein Plan B, meinte er auf seiner Vorstellungsrunde bei den Raiffeisenverbänden draussen im Lande. Bei diesen Auftritten bestritt Lachappelle, dass er selbst ein Problem haben könnte wegen eines grossen, vor Gerichten noch hängigen Betrugsfalls aus der Zeit bei der Basler KB.
Die Rede ist von ASE, dem Madoff der Schweiz. Hunderte von Anlegern, darunter viele Kleine, haben ihr Erspartes im Ponzi-Konstrukt verloren. Gesamtschaden: 170 Millionen. Haupttäter: mehrere Jahre Gefängnis.
Die 164 Delegierten der Raiffeisen Schweiz müssen morgen in Brugg im Kanton Aargau im Wissen um all das entscheiden, ob Lachappelle vom Charakter und von seinem Berufs-Werdegang her der Richtige für den Neuanfang ist.
Geben sie Lachappelle ihre Stimme, dann stehen sie in der Verantwortung. Bei Pierin Vincenz konnten sie noch sagen, sie hätten nichts von dessen Eskapaden und Privatdeals gewusst.
Unterlagen aus der Basler KB und von der Finanzmarktaufsicht Finma zeigen, dass Lachappelle viel tiefer im ASE-Morast steckt, als dieser nach aussen zugibt.
Lachappelle übernahm im Oktober 2010 das Steuer als neuer Kreditchef der Basler KB. Bei der damals bereits umstrittenen Kundin ASE, eine externe Vermögensverwalterin, die mit Devisen ihren Kunden weit über 10 Prozent Jahresrenditen versprach, galt Alarmstufe rot.
Lachappelles Vorgänger Urs Genhart hatte nach intensiven Abklärungen während den Sommermonaten Anfang September 2010 in einem „Antrag“ scharfe Sofortmassnahmen gefordert.
Es dürfe keine ASE-Kunden mehr geben, die bei der Basler KB mit Krediten auf Währungen spekulieren würden, ohne dass es dafür einen Kreditvertrag zwischen den Endkunden und der Basler KB gebe.
Zudem müsse jeder Kunde „mind. CHF 50’000 Nettovermögenswerte“ bei der Basler KB haben. Also mehrere Zehntausend Franken Deckung, sonst gebe es keine Spekulation mehr.
Klare Forderungen mit engen Terminen: So der Antrag von Kreditchef Genhart. Diese wurden in einem Beschluss der obersten Führung umgesetzt.
Das war im Oktober 2010. Ein wichtiger Moment: Damals übergibt Genhart, der krank wurde, das Steuer an Guy Lachappelle.
Nun wirds spannend. Lachappelle schreibt rasch eine Email mit der Frage, ob die Basler KB in Zürich die ASE-Position „noch im Griff“ habe. Das war offensichtlich nicht der Fall.
Doch statt dann hart durchzugreifen, lässt Lachappelle die Zügel schleifen. Er macht nichts, ausser dass er immer mal wieder fordert, endlich den Beschluss von Oktober 2010 umzusetzen.
Alle sehen, dass es mit der ASE in die falsche Richtung geht. Über den Jahreswechsel 2010/11 springt die offene Position der ASE bei der Basler KB auf 120 Millionen Franken hoch.
Ein Grossrisiko. Lachappelle lässt dies zu. Noch schlimmer: Er schwächt nun den Beschluss seines Vorgängers vom Oktober 2010 ab.
Statt dass Lachappelle wie von seinem Vorgänger beschlossen darauf beharrt, dass alle ASE-Endkunden einen Kreditvertrag mit der Basler KB haben und dass jeder mindestens 50’000 Franken Deckung bei der Bank aufweist, ist plötzlich nur noch die Rede von 250 Franken.
So viel soll jeder ASE-Kunde der BKB zahlen – für deren Umtriebe. Deckung für die Kredite? Null.
Im Oktober 2011 sind die Forderungen des Beschlusses von Oktober 2010 immer noch nicht erfüllt. 12 Monate Lachappelle sind ins Land gestrichen – passiert ist fast nichts.
Erst Ende 2011 liegen dann für alle ASE-Endkunden Kreditverträge vor. Da ist es schon zu spät. Im März 2012 explodiert die ASE-Geschichte.
In einer Einvernahme bei der Finma von Sommer 2013 sagte Hans Ringger, der in der heissen ASE-Phase mitverantwortlich war, weil die ASE bei Ringgers BKB in Zürich Kundin war, Erstaunliches über die Rolle von Guy Lachappelle.
Er, Ringger, habe damals nicht durchgegriffen, weil die ASE eine Kundin gewesen sei, die „so vernetzt war mit der Bank, mit Herrn Lachappelle mit den Limiten, mit Herrn Greminger (BKB-Handelschef, die Redaktion) mit den Devisengeschäften, dass es so ausgeartet ist, dass sie mich jedes zweite Mal gar nicht auf das E-Mail genommen haben“.