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Die Erlösung
Manchmal tauchen unverhofft Erinnerungen auf, unangekündigt und scheinbar ohne Grund, Fetzen von Geschichten, Mantelsäume aus der Vergessenheit, welche weg huschen, sobald man ihr Auftauchen wahr zu nehmen begonnen hat. Am meisten geschieht mir das am Kleinbasler Rheinufer zwischen der Münsterfähre und der Treppe zur Mittleren Rheinbrücke hinauf. Manchmal muss ich lachen oder schmunzeln, sehr oft bin ich aber auch traurig; zu viele verpasste Gelegenheiten.
Ich war kein vom Schicksal bevorzugtes Kind. Mein Vater war zwar begabt, aber faul, und meine Mutter war einfach schön ... das reichte ihr. Es gibt heute noch Fotos von ihr mit mir als hellblondes gelocktes Buschi. "Jööö", sollen die alten Frauen gesagt haben, "jööö, ist das aber ein herziger Bub." Ich habe nichts begriffen und mich in die Wäsche des Babywagens gekuschelt.
Einmal ging ich von der Rheinbrücke herkommend resoluten Schrittes in Richtung auf die Riehentorstrasse zu. Ich hatte dort ein Schreibbüro und wollte mich an meine schwarze Hermes Baby setzen und wichtige Dinge hinein tippen. Da kam mir mit festem Tritt eine junge Frau entgegen, deren Erscheinung mir den Atem verschlug. Sie war mittelgross, trug ihr blondes Haar sehr kurz, hatte ihre Lippen rot geschminkt und lächelte mich auf eine Weise mit den himmelblausten Augen an, dass meine Atmung ins Stocken geriet.
"Hallo", sagte sie und dämpfte ihren Schritt.
"Hallo", erwiderte ich und blieb wie von der Verblödung gepackt stehen. "Kann ich Ihnen helfen?" stotterte ich.
"Es ist so schön hier." Sie machte eine ausladende Bewegung, welche beide Rheinufer umfasste. "Ich möchte hier irgendwo übernachten und am Morgen die gro-sse Kathedrale sehen können." Sie deutete auf das Münster.
"Das freut mich", sagte ich und deutete rheinabwärts in Richtung auf die Hotels Krafft und Hecht.
"Ja, das könnte mir gefallen." Fröhlich nickte sie mir zu.
"Soll ich Ihnen die Gasthöfe vorstellen?"
"Würden Sie das tun?"
"Mit grosser Freude" sagte ich. Ich fühlte mich wie verwandelt. Die Wichtigkeit meines Vorhabens an der Schreibmaschine war entschwunden. Ich hörte plötzlich die Vögel singen.
"Ich heisse Britta" sagte das Mädchen, "ich komme aus Dänemark."
Ich schätzte sie auf knapp unter zwanzig; ich selbst war schon einiges darüber und fühlte mich vom Pech verfolgt, weil ich es noch nicht geschafft hatte, weltberühmt zu werden.
"Ich bin René." Sie hängte sich bei mir ein und schmiegte sich an mich.
"René", sagte sie, "es ist schön, dass wir uns getroffen haben."
"Ja, sehr schön."
Wir gingen die paar Schritte bis zur Rheingasse und stiegen die Stufen zur Rezeption des Hotels Krafft hinauf. Ein hagerer Mann in typischer Rezeptionistenuniform stand hinter dem Pult.
"Guten Tag", sagte ich, "das Fräulein hier ist zu Besuch aus Dänemark und würde gerne die Nacht in Ihrem Hotel verbringen, falls Sie noch ein Bett frei haben."
"Guten Tag", grüsste der Mann sachlich, "mal sehen ... mit Blick auf den Rhein?"
"Ja, sie möchte beim Frühstück das Münster sehen."
Er lächelte. "Hier ist noch was im zweiten Stock - leider auf die Strasse, nicht auf den Fluss."
"Wollen Sie es sich ansehen?" fragte ich.
Sie lächelte. "Ich nehme es", sagte sie, "wenn ich schlafe sehe ich eh nichts..."
"Wollen Sie Ihre Tasche nach oben bringen? Danach könnten wir einen Bummel machen, wenn Sie Lust haben. Oder eine Fahrt auf der Fähre zum Münster hinüber."
"Gut", sagte sie, "ich bin gleich wieder da." Der Rezeptionist überreichte ihr den Schlüssel, und sie huschte die Treppe hoch. Das Telefon klingelte. "Kommen Sie einfach bitte rasch beim Empfang vorbei, ehe Sie das Haus verlassen - wegen der Formalitäten", sagte er zu mir, ehe er den Hörer abnahm.
Ich ging die paar Schritte zur Fensterfront und betrachtete das Grossbasler Ufer. Wie klein doch die alte Universität war. Dort hatten der blutjunge Nietzsche unterrichtet und Jacob Burckhardt und später Adolf Portmann. Und hier - vielleicht an exakt dem Ort, an dem ich jetzt stand - hatte der junge Hesse über den Rhein geschaut und sich seine Gedanken gemacht.
Kaum hatte ich mich ein bisschen in meine inneren Bilder vertieft, wirbelte Britta herbei und zog mich die Stufen hinunter in die Rheingasse. Die Formalitäten hatte sie schon erledigt. Sie hakte mir unter und zog mich mit verschmitztem Jungmädchenblick das Schafgässlein hoch. Neugierig warf sie einen Blick durch die geöffneten Fenster des Restaurants zum Schafeck und sagte: "Komm, hier gehen wir rein. Ich habe Durst." Ich folgte ihr und begrüsste beim Hereinkommen die Wirtin, den Wirt und die wenigen Stammgäste.
"Ich will ein ganz grosses Bier", sagte Britta mit ihrem bezauberndsten Lächeln, als Achim nach unseren Wünschen fragte.
"Zwei Grosse", sagte ich.
Als die Humpen kamen, stiessen wir wie zwei Pfadfinder auf Urlaub an und liessen die kühle Flüssigkeit die Kehle hinunter rauschen.
"Wie hat es dich eigentlich hierher verschlagen", fragte ich und merkte, dass ich au-tomatisch vom Sie zum Du übergegangen war.
"Ach, eine Art Business", wehrte sie ab, "ist jetzt nicht von Belang."
Nach zwei weiteren Bieren sagte Britta: "Ich möchte gerne ins Hotel zurück."
"Schon?"
"Natürlich."
Ich bezahlte, und wir rannten das Gässlein zurück zum Hotel.
Sie riss den Schlüssel vom Brett, und beide stürmten wir wie von der Tarantel gestochen in den zweiten Stock.
"Moment", rief sie, "ich geh schnell ins Bad."
Ich setzte mich an den Tisch und legte den Kopf in meine Hände. Ich hatte Angst, Angst vor dieser wunderbaren Energie und der Zukunft, die mir diesen Engel wieder entführen könnte. Aber was sollte ich tun? Die Gelegenheit verpassen und ein Leben lang griesgrämig daran zurück denken? Ich gab mir einen Ruck.
"Geniesse das Leben, Du Idiot, gewähre ihm sein Recht."
Als sie zurück kam, war sie frisch geduscht. Sie trug ein Badetuch um ihren herrlich schlank gebauten weissen Körper.
"Ich komme gleich" sagte ich und ging auch ins Bad. Während das Wasser der Dusche rauschte, sang ich:
"Well, it's one for the money,
two for the show,
three to get ready,
now go, cat, go.
But don't you step on my blue suede shoes.
You can do anything but don't touch my blue suede shoes.
Well, it's one for the money,
two for the show,
three to get ready,
now go, cat, go.
But don't you step on my blue suede shoes.
You can touch anything but don't touch my blue suede shoes."
Als ich zurück kam, grinste sie über ihr ganzes Gesicht. Ich warf mich neben sie auf das Bett, während mein Badetuch seinem eigenen Trägheitsgesetz gehorchte und zu Boden fiel. Sie schrie auf vor Begeisterung, drehte sich zu mir, und gemeinsam gaben wir uns dem uralten Tanz der Jugend hin.
Bis hierher geht der Text fürs Projekt Zimmer 21 der Studentin Anna Ackermann. Das Folgende ist Weiterführung:
Wir genossen Stunden der reinen Freude. Der schwarze Nebel meiner Kindheit verflog. Dahinter leuchtete das Paradies. Manchmal sang ich "Well, it's one for the money, two for the show, three to get ready. Now go, cat, go." Britta schrie dann auf und trommelte den Beat auf meiner Brust. Ich schnappte fast über vor Glück.
Plötzlich fragte sie: "Kennst du Island?"
"Nein, nur Mailand."
"Ich muss in ein paar Tagen in Island sein." Sie schmiegte sich an mich. Ich fuhr ihr durch ihren hellblonden Wuschelkopf. Sie hob ihren Kopf und schaute mir prüfend in die Augen: "Ich weiss, wer du bist", sagte sie.
Sie lächelte. Ich erstarrte.
"Ich will nichts wissen", sagte ich abwehrend.
"Ich bin gekommen, um dir zu helfen."
"Endlich!" sagte ich. Ein Fels war mir vom Herzen gerollt.
Wir schwiegen lange.
"Was war denn los?" fragte ich schliesslich.
"Es ist viel schwieriger, als wir es uns vorgestellt hatten."
"Man hätte mich wenigstens kontaktieren können. Ich war oft so allein, dass ich fast den Verstand verlor."
"Du bist immer beobachtet worden. Wir wussten, wie es dir geht."
"Ich fühlte mich wie ein Schiffbrüchiger auf einer schmelzenden Eisscholle. Ich habe in den Himmel geschrieen: Ich bin hier! Gebt mir wenigstens ein Zeichen!"
"Es war riskant; die Mission hätte in Gefahr geraten können."
"Wie geht es weiter?"
"Ich erfahre es in Island."
"Ich ertrage diese Welt fast nicht mehr", sagte ich mit tonloser Stimme.
"Sie ist doch sehr, sehr schön."
"Sie foltern und ermorden sie. Manchmal muss ich mich übergeben."
"Du bist der Einzige, der die Katastrophe verhindern kann."
"Katastrophe? Eine Welt von Nichtsnutzen weniger, wenn sie unterginge."
"Sie soll nicht untergehen. Dazu ist sie zu schön, zu zart und lieblich."
Plötzlich löste sie sich von mir, erhob sich und kleidete sich an.
"Was machst du?" fragte ich.
"Ich gehe spazieren. Ich will in den Kreuzgang."
"Allein?"
"Willst du mich begleiten?"
Schleunigst zog ich mir die Klamotten über.
Wir gingen zum Rhein hinunter und spazierten Hand in Hand zur Münsterfähre. Das Schiff lag am gegenüber liegenden Ufer.
"Willst du die Glocke bedienen?" fragte ich.
Sofort ergriff Britta den Lederriemen, der am Schwengel hing und riss ihn energisch hin und her. Der Fährmann hob den Arm. Er hatte die Glocke gehört.
In der Mitte des Flusses wehte ein Lüftchen. Ich liess den rechten Arm am Bootsrand hinunter baumeln und berührte mit den Fingerspitzen das Wasser. Es war nicht kalt. Die lange Treppe zur Pfalz hinauf war anstrengend. Es wurde mir klar, dass ich zu-viel trank und mich zu wenig bewegte.
"Oh, ist das schön hier", sagte Britta, als sie vom Rand der Pfalz auf das Kleinbasler Ufer schaute.
"Als Kind bin ich sehr nah von hier zur Schule gegangen", erzählte ich. "Wir waren fast jeden Tag hier."
"Hast du damals schon gewusst, weshalb du auf der Erde bist?"
"Mit fünf oder sechs hatte ich mal eine Vision. Da wusste ich alles. Sie hat sich dann aber verflüchtigt."
"Komm, wir gehen in den Kreuzgang", drängte Britta.
Ich legte meinen Arm um sie; sie den ihren um mich. Während wir gingen, dachte ich: "Wir sind ein Liebespaar." Mir fiel Hannah aus Jerusalem ein, die ich verlassen musste, weil ich von der Interpol gejagt wurde. Als hätte Britta meine Gefühle ge-spürt, drückte sie ihren Kopf an meine Schulter. "Es wird alles gut werden", sagte sie. Ich schwieg.
Im Kreuzgang schritten wir langsam und ehrfürchtig über die uralten, abgetretenen Steinplatten und lasen die Inschriften auf den Gräbern längst Verstorbener. Dann machten wir kehrt und gingen zurück. Sie zog mich in eine dunkle Ecke und schaute sich verstohlen um. Sie hauchte: "Wir haben das Wort gefunden."
"Das Wort?" flüsterte ich aufgeregt.
"Es ist ein Begriff aus vier einzelnen Wörtern. Er soll alle Kriterien erfüllen."
"Und jetzt?"
"In Island werden sie ihn mir übergeben. Komm doch mit."
"Ich muss es mir überlegen."
"Tu das."
"Was denkst du?"
"Das musst du wissen."
"Ich werde darüber schlafen."
"Du könntest dich dort innerlich auf die Zeit der Action einstellen."
"Wir werden sehen", sagte ich. "Ich mache jetzt einen Spaziergang durch die Stadt. Vielleicht bin ich in einer oder zwei Stunden wieder im Hotel Krafft." Ich ging in Rich-tung Münsterberg davon. Beim Brunnen in der Freien Strasse hatte ich ein Problem. Sollte ich zum Marktplatz hinunter schlendern oder mich in der Rio Bar an die Theke setzen und einen doppelten schottischen Malt Whisky bestellen? Die Wahl fiel mir leicht.
Da sie aber nichts wirklich Exklusives im Sortiment hatten, bestellte ich einen dop-pelten irischen Jameson und ein Glas Wasser. Der erste Schluck wirkte genau so, wie ich es erwartet hatte. Alles Störende verschwand aus Hirn und Herz, und ich konnte darüber nachdenken, was mir in den vergangenen Stunden passiert war. Mit Hilfe einer schönen Frau hatten sie mich aufgespürt und wollten mich jetzt dazu brin-gen, den Auftrag zu erfüllen, für den ich offenbar auf die Erde gekommen war. Ich atmete tief ein und aus, leerte den Rest Whisky in die Kehle und spülte mit Wasser nach. "Bringen Sie bitte nochmals dasselbe", sagte ich.
"Einen doppelten Jameson und ein Glas Wasser?"
Ich lächelte und nickte. Als der neue Drink vor mir stand, nahm ich ihn in die Rechte und schaute mich im Lokal um. Ich kannte niemanden der anwesenden Gäste.
"Kennen Sie die Plejaden?" fragte ich die Frau hinter der Theke aus Übermut.
"Ist das eine Spaghetti-Marke?"
"Ja, ich kann sie hier in Basel nirgends finden."
"Waren Sie im Globus?"
"Natürlich, auch in dem Spezialladen neben dem Café Huguenin."
"Fragen Sie mal bei Donati."
"Gute Idee. Mögen Sie etwas trinken?"
"Gerne ein Glas Prosecco."
"Gut."
Ich stiess mit ihr an, kippte meinen Whisky runter und bezahlte.
"Danke und noch einen schönen Nachmittag", sagte ich im Hinausgehen.
In der Bodega zum Strauss neben der Rio Bar genehmigte ich mir zwei doppelte Carajillos. Jetzt hatte ich meinen Wohlfühlpegel. Vielleicht bin ich verrückt, dachte ich, einem Wahn verfallen. Ich spazierte über den Marktplatz zum Globus und die sem entlang zur Mittleren Rheinbrücke. Kurz vor dem Käppeli Joch blieb ich stehen und stütze mich auf die steinerne Brüstung. Was würde wohl geschehen, wenn ich mich jetzt ins Wasser stürzte, überlegte ich? Wie hoch war die Brücke? Es lockte mich. Vielleicht wäre dann alles zu Ende. Würde der Aufprall aufs Wasser schmer-zen? Könnte ich mir die Knochen brechen und zum Krüppel werden? Ein nicht ersoffener Krüppel. Ich wandte mich ab und setzte meinen Weg über die Brücke fort. Nicht einmal auf den Rhein konnte ich mich noch verlassen, dachte ich. Statt in die Rheingasse ging ich geradeaus in die Greifengasse und setzte mich vor dem Alte Schluuch in einen Sessel.
"Willst du ein Grosses?", fragte Daniela, die Kellnerin.
Ich grinste. "Nein, heute nehme ich ausnahmsweise mal einen doppelten Gin Tonic."
"Oh", sagte sie und zwinkerte mir vielsagend zu.
Ich schaute die Menschen hinter den Scheiben der vorbei fahrenden Trams an. Sie fuhren zielgerichtet irgendwo hin, und ich hatte keine Ahnung, worum es in meiner Existenz ging.
Der Gin Tonic schmeckte. Das nahm ich wahr. Er hatte eine angenehme Wirkung auf mein Befinden und vernichtete die depressiven Gedanken.
Ich kramte in meiner Brusttasche nach einem Zettel, auf den ich etwas notiert hatte, das mich plötzlich interessierte. In klar lesbaren Buchstaben stand da: "Jetzt ist die Zeit gekommen, dass auf dem Planeten eine Bewegung entsteht - eine mutige Schar, die dem Ruf nach dem Zweck der Erde folgt und sich erheben wird. Ihr werdet neue Pfade und Wege dafür öffnen, was durch harmonische Zusammenarbeit mit der Erde möglich ist." Und darunter stand: "Denkt daran, dass Liebe eine Frequenz ist und dass Licht eine Frequenz ist. Beide existieren als elektromagnetische Aussendungen von Energie." Die Texte stammten aus dem Buch "Plejadische Schlüssel zum Wissen der Erde" von Barbara Marciniak, einem Medium.
Was sollte ich mit diesen Sätzen? Ich war ein Greenhorn des Lebens. Ich konnte zwar Geschichten so erzählen, dass manche Leute schreiend zusammenbrachen. Aber lässt sich so ein Planet retten? Ich würde eh lieber der Route des Guide Michelin folgen und täglich die besten Speisen, Weine und Schnäpse geniessen. Ich konnte kein Projekt konzipieren und keine Leute motivieren. Alles was ich konnte, war ein Publikum unterhalten. Und ich hatte überhaupt kein Verantwortungsbewusst-sein.
Plötzlich stand Britta da. "Habe ich dich aufgespürt, du Schlingel!" Sie setzte sich auf meinen Schoss und küsste mich ab.
"Wie geht es dir?" fragte ich.
"Ich habe dich vermisst."
"Tatsächlich?"
"Ja."
Ich gab ihr den Zettel mit den Notizen. Sie las ihn durch. "Deshalb bin ich hier", sagte sie und bestellte bei der Kellnerin ein grosses Bier.
"Cardinal oder Kronembourg?" fragte diese.
"Ein Kronembourg, bitte." Britta drehte den Kopf zu mir hin. "Wie ist es dir ergangen, grosser Bruder, hast du Klarheit in deiner Birne schaffen können?"
"Ich hab's versucht."
"Und wie steht's mit Island?"
"Kann man in Geysir-Wasser baden?"
"Soviel du willst."
"Gibt es auch Meerwasser-Geysire?"
Sie grinste und schüttelte ungläubig den Kopf.
Ich griff zu meinem Gin Tonic-Glas.
"Wir müssen eine Firma gründen", sagte sie. "Etwa ein Dutzend gut ausgebildete junge Leute."
"Wozu?"
"Aus Spass. Diese Welt ist eine Glanzidee. Sie muss zum Strahlen gebracht werden."
"Es irrt der Mensch, solang er strebt."
"Goethe!"
"Oh."
"Er lebte im Achtzehnten Jahrhundert, wir im dritten Jahrtausend."
"Was geht das mich an?"
"Es ist an der Zeit, das jemand deine Quellen öffnet."
"Die sind längst versiegt, verödet und zugeklebt. Nur das hier", ich hob das Glas, "bringt Trost und Ruhe in die Eingeweide."
Britta näherte ihren Kopf. "Man hat dich nicht gut behandelt", flüsterte sie mitfühlend.
"Man hat mich ignoriert, völlig auf mich allein gestellt gelassen."
"Das gehört zu Ausbildung. Du bist ein plejadischer Eliteagent. Es gibt kein härteres Training." Sie machte eine Pause und dachte nach. "Aber wenn du willst, werde ich das abklären und dich dann umfassend informieren."
Ich kippte den Rest Tonic ins Glas. "Tu das. Ja, bitte, tu das."
***
Zwei Tage später flog Britta nach Isand. Ich blieb in Basel und verschanzte mich in meiner Wohnung. Mit meinem Freund Toni zusammen ging ich bei Manor einkaufen: Champagner, Rot- und Weisswein, Bier, Whisky, Mineral, Cola light, Rivella blau, Crevetten, kaltes Roastbeef, San Daniele-Schinken, fünf verschiedene Käsesorten, zwei Rinderfilets, ein Châteaubriand, Eier und lauter Dinge, von denen wir dachten, dass ein einsamer, verlassener und verzweifelter Junggeselle sie haben musste, wenn er seine Liebste entbehrte und die Zeit allein am Fernsehapparat und im Bett totzuschlagen versuchte.
Vier Tage blieb sie weg. Zweimal musste ich Toni anrufen und um Getränkenach-schub bitten. Er tat das ohne Murren, blieb jeweils für eine gute Stunde bei mir und half mit, der Köstlichkeiten Herr zu werden.
Am vierten Tag klingelte das Telefon.
"Ich bin im Hotel Krafft", sagte Britta, "und sehne mich nach dir."
"Ich bin völlig runtergesoffen und zu nichts zu gebrauchen", stöhnte ich.
Ihr glockenhelles Lachen liess meine Lebensgeister erwachen. Ich sah mich alten Sack durch ihre humorvollen Augen und konnte nicht dagegen ankommen.
"Ich könnte eine Dusche nehmen und in zirka einer Dreiviertelstunde bei dir sein", sagte ich mit etwas festerer Stimme.
"Ich setze mich auf die Terrasse am Rhein und werde Campari trinken, bis du kommst."
Jetzt wurde es schwierig. Ich musste sofort unter die Dusche, wenn ich es in der an-gegebenen Zeit schaffen wollte. Von einem kleinen Whisky zur Einstimmung in das Abenteuer Rückkehr in die Wirklichkeit konnte keine Rede sein. Ich goss mir stattdessen ein Glas Champagner ein, trank einen Schluck und stellte es auf das Lavabo, während ich mich entkleidete. Als ich das endlich mit zittrigen Fingern geschafft hatte, stieg ich in die Wanne, stand auf die Gummimatte und stellte den Wasserdruck und die Temperatur des Duschestrahls ein. Ah, tat das gut. Ich hatte zwar eine Mundhöhle wie eine Kloake, aber das würde ich nachher noch ändern, wenn ich mir die Zähne nach der berüchtigten Gygax-Methode putzen würde, denn das wollte ich unbedingt. Vorerst beugte ich mich zum Lavaborand und leerte den Champagner. Plötzlich packte mich das Leben, und ich sang:
"Well, it's one for the money,
two for the show,
three to get ready,
now go, cat, go.
But don't you step on my blue suede shoes.
You can do anything but don't touch my blue suede shoes."
Ich trocknete mich sorgfältig ab, schmierte meinen Oberkörper mit der Juckreiz stillenden Optiderm Lotion ein, rasierte mich, tätschelte ein Trussardi-After Shave auf meine Wangen, kämmte mich und kleidete mich ein. Ich suchte unter dem verblei-benden kläglichen Rest an sauberer Unterwäsche das Beste aus, wählte ein blaues Hemd, schwarze Jeans und Schuhe und stellte noch kurz ein bisschen Wasser für eine gesunde Tasse Grüntee auf. Nachdem ich alle meine Tabletten fürs Herz und den Blutdruck geschluckt und die Asthmamittel inhaliert hatte, spülte ich meinen Mund zuerst mit Odol, putzte die Zähne dann mit Sensodyne nach der Gygax-Methode und machte mich auf den Weg ins Hotel Krafft. Meine Wohnung lag ja höchstens zweihundert Schritte davon entfernt. Die Sonne lachte, ich freute mich auf die schöne Frau und dachte keine Sekunde daran, dass es eigentlich um meinen Einsatz als Umgestalter der Welt ging. Von weitem schon sah ich sie dasitzen. Ihr hellblondes Haar leuchtete in der Sonne, und dieser Anblick erfüllte mein Herz mit Wonne.
Ich versuchte mich von hinten anzuschleichen, aber das war ein unmögliches Unterfangen. Sie verfügte tatsächlich über so etwas wie den sechsten Sinn und drehte sich lachend um, als ich noch mindestens vier Meter entfernt war. Ich musste auch lachen. Sie erhob sich und umarmte mich mit einer verstehenden Wärme, dass mei-ne Haltung in sich zusammenbrach. Ich schluchzte wie ein Kind, das von der Mutter aus den Klauen seiner Entführer befreit worden ist.
"Du bist so lieb", sagte Britta. "Komm, setzen wir uns." Ich folgte ihr und liess mich in ein Sesselkissen plumpsen.
"Haben Sie Taittinger?" fragte sie den Kellner, den sie herbei gewinkt hatte.
"Ich bin mir nicht sicher", sagte er.
"Schauen Sie nach. Wenn nicht, bringen Sie eine Flasche vom Besten, den Sie im Hause haben, Roederer oder Krug."
Ich staunte.
"Wir feiern", sagte Britta, "ich habe das Wort."
"Das Wort? Tatsächlich?"
"Du hättest dabei sein sollen. Alle haben dich vermisst."
"Auf einmal!"
"Es tut ihnen leid, dass sie dich nicht besser behandelt haben, aber es gehörte zu den Vorbereitungen, zur Ausbildung. Du musstest da durch, um bereit zu werden."
"Ich bin eine Ruine. Sie haben mich zum Alkoholiker verkommen lassen."
"Ach, Mumpitz. Du bist bloss schlecht aufgelegt, weil du in den letzten Tagen minderwertige Qualität getrunken hast. Nach zwei Gläsern Taittinger sieht die Welt wieder anders aus. Es geht los, mein Held. Du wirst aktiv."
Der Kellner brachte lächelnd den Taittinger.
"Von einer Geschäftsfeier übrig geblieben", sagte er.
"Wunderbar", freute sich Britta, "haben Sie auch eine weitere Flasche?" Sie zwinkerte mir zu.
"Zwei Schachteln", triumphierte der Kellner.
"Das dürfte genügen", sagte ich sarkastisch.
Britta probierte. Der Saft war in Ordnung.
"Zu ihrem Wohl", sagte der Kellner, nachdem er unsere beiden Gläser gefüllt hatte.
"Ja, das wünsche ich Dir auch", sagte Britta, während sie ihren Kopf zu mir hin drehte.
"Skol", sagte ich und führte den Kelch zum Mund. Oh Gott, war das eine Flüssigkeit. Sie füllte jede Zelle meines Körpers mit neuer Lebensenergie.
"Ein grossartiger Tropfen" sagte ich.
"Taittinger!" lachte Britta mit Betonung jeder einzelnen Silbe.
Wir leerten die Gläser rasch, und der Kellner goss sofort nach.
Die Sonne wärmte uns, majestätisch ruhig strömte der Rhein vorbei, und grossartig thronte das alte Münster auf der Pfalz.
"Also leg los", forderte ich Britta auf.
"Ich bin nicht in Stimmung, das ganze Prozedere zu schildern. Nur soviel: Das Wort heisst Der Happy End Express."
Ich runzelte die Stirn und überlegte. "Grossartig", sagte ich leise, "damit lässt sich etwas anfangen."
"Finde ich auch", sagte Britta, "besser als alles andere ..."
"Ja, das könnte hinhauen", bestätigte ich.
"Jetzt benötigen wir bloss noch die geeigneten Talente."
"Haben wir finanzielle Mittel?"
"Das ist nicht das Problem", winkte Britta ab, "bei diesem Projekt nicht. Es überzeugt durch den Klang und seinen Inhalt; es regt die Phantasie allgemein an."
"Der Happy End Express", sagte ich langsam und liess mein Gehirn seine Bedeutung ausloten, "wie fangen wir an?"
"Spontan! Du bist der Experte."
"Hör auf!"
"Du bist unser Mann auf Terra." Sie lachte.
"Ich habe weder Ideen noch Energie. Die Warterei hat mich ausgebrannt und ausgelaugt."
"Du wirst Helferinnen und Helfer haben. Das gibt automatisch Kraft. Ich bin dein Kontakt zur Zentrale und deine Assistentin. Hier trink." Sie streckte mir ihr Glas hin. Ich nahm es.
"Man wird uns in die Klinik einweisen."
"Vielleicht der richtige Ort", lachte Britta augenzwinkernd.
"Vielleicht ... wo ist der Kellner?"
Britta wusste es und winkte ihn herbei.
"Entschuldigen Sie", sagte er, nachdem er herbei geeilt war, "ich war zu wenig aufmerksam." Er schenkte erneut unsere Gläser voll.
"Du hast immer noch deinen Ruf und deinen Namen", sagte Britta und zuckte mit den Schultern.
"Was soll das wert sein?" wollte ich wissen.
"Das werden wir sehen. Für die Experten bist du der ideale Agent für diesen Job."
"Die sind alle inzwischen vergreist."
"Man altert nicht auf den Plejaden", sagte sie in einem Ton, der bei kleinen Kindern angemessen ist. Und nach einer Pause ungewohnt ernst: "Du bist gezielt auf diese Aufgabe vorbereitet worden. Man hat dich aus sehr vielen ausgewählt. Vergiss das bitte nicht. Du bist übrig geblieben. Und zwar weil du diese vielen Talente in dir vereinst. Du bist Schauspieler, Schriftsteller, Humorist. Von dir erwartet niemand irgend etwas Ernsthaftes. Du bist die Inkarnation des Schabernacks."
"Welche Ehre."
"Du hast Millionen zum Lachen gebracht und einen Kongress über die Heilkraft des Lachens initiiert. Du hast den Ruf eines Kobolds, von dem man nie weiss, was er im Schilde führt. Und das genau braucht die Welt!"
Sie brachte ihr Gesicht ganz nah an das meine heran: "Hast du das verstanden?"
"Okay, wenn du meinst", sagte ich.
Sie runzelte ihre faltenlose Mädchenstirn und betrachtete die Grossbasler Ufersilhouette.
"Der Happy End Express ist genial", überlegte sie. "Und nur ein Narr bringt die Voraussetzungen mit sich, ihn zu pilotieren, denn nur ein Narr hat das, was es dazu braucht."
"Mag sein. Ich werde aber nur für kurze Zeit aktiv sein."
Britta lächelte vielsagend und hob ihr Glas.
"Du bist meine Assistentin. Du kannst die Arbeit erledigen."
"So ist es vorgesehen", pflichtete sie bei.
"Von der Vorsehung?" fragte ich ironisch lachend.
"Von den Planern."
"Ich bin jedenfalls gespannt, was noch alles auf mich zukommen wird."
"Du weißt ja, dass in jedem Wort Magie steckt. Aber die Beginnt nicht von selbst ihre Wirkung zu entfalten. Man muss sich ihr stellen, sie anrufen und sich für sie öffnen. Der Happy End Express besitzt viel und starke Magie. Leider haben wir sogenannt Zivilisierten es verlernt, mit Magie umzugehen. Wir halten das für Kinder-, Indianer- oder Negerzeug. Unsere inneren Empfänger sind tot, die Leitungen seit den Ideen der Aufklärung gekappt. Wenn wir uns durch einen sonnendurchfluteten Nebel bewegen, ziehen wir die Kapuzen ins Gesicht und spannen die Schirme auf. Dabei sollten wir uns dem Naturereignis hingeben, dann würden wir die Kraft spüren, die uns umhüllt und die wir anzapfen und in uns hinein strömen lassen können. Wir müssen eine Allianz der Generationen aufbauen. Die Jungen und die Älteren zusammen. Der Happy End Express als verbindender Begriff, der die einzelnen bestehenden positiv geladenen Projekte zusammen bringt und wie die Einzelteile einer Mauer miteinander verschmilzt, Stein für Stein, Projekt für Projekt. Dazu brauchen wir ein Signet, ein verbindendes Symbol. Vielleicht sollten wir einen Wettbewerb auf die Beine stellen, an dem Jung und Alt ihre Ideen vorstellen können. Am besten beginnen wir im Kleinen."
"Im Kleinbasel!"
"Genau. Nicht zu Beginn schon klotzen, sondern bescheiden sich der magischen Kraft annähern und nach und nach den Umgang mit ihr erlernen."
"Es gibt wahre Meister."
"An die müssen wir uns wenden."
"Magie und Rock'n'roll."
"Magie, Rock'n'roll und Champagner."
"Don't you step on my blue suede shoes."
Wir lachten wie zwei soeben vom Wahnsinn Gestreifte.
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