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Von Alex Tschäppät gibt es vermutlich viele Anekdoten in dieser Stadt. Und ich wünschte mir, ein Verlag käme auf die Idee, die Anekdoten zu sammeln und herauszugeben.
Es gibt sicher auch hämische und böse Anekdoten über ihn oder wenig schmeichelhafte. Die würde ich, glaube ich, nicht ins Buch aufnehmen, selbst wenn sie ihn menschlich zeichneten. Doch die Fülle an Anekdoten würde zumindest eines zeigen: Alex Tschäppät war einer, über den gesprochen wurde – nein, über den erzählt werden musste.
Alex Tschäppät war mehr als ein Stadtpräsident. Er war eine volkstümliche Figur. Er selber sagte von sich, er sei einer, den man anfassen könne. Pedro Lenz ist auch einer, den man anfassen kann. Oder Peter Bichsel. Beiden ist das Angefasst-Werden eher unangenehm. Aber sie müssen auch nicht wiedergewählt werden.
Alex Tschäppät mochte seine Rolle, er war gross in seiner Rolle, sie passte ihm ausgezeichnet. Und ja, er fasste auch selber an. Er hielt sich nicht immer an die Gepflogenheiten und forderte damit andere auf, sich ihrerseits nicht immer an die Gepflogenheiten zu halten. Das ist für einen Stadtpräsidenten ausserordentlich.
Wenn ich besagtem Buch eine Anekdote beisteuern sollte, wäre es folgende: «Bern ist überall» erhielt von der «Stiftung zur Förderung der Bernischen Mundartdramatik» einen grossen Preis. Genauer: Die Stiftung löste sich auf und vermachte uns das gesamte Stiftungskapital von Fr. 50'000.-
Die Stiftung war der Stadt Bern beigesellt und der Kultursekretär war von Amtes wegen Stiftungsratsmitglied. Für eine Preisverleihung reichte das Stiftungskapital nicht mehr aus, also wurde entschieden, uns den Preis bei einem sowieso geplanten Auftritt in der Stadt Bern zu überreichen. Ein solcher fand im Rahmen eines Jubiläums der Hochschule der Künste (HKB) statt. Leider waren bis auf Christoph Reichenau alle Stiftungsratsmitglieder an dem Abend verhindert. Dieser sollte nun als Kultursekretär den festlichen Akt vollziehen.
Vor dem Auftritt gab es, wegen des HKB-Jubiläums, ein Nachtessen, bei dem auch Alex Tschäppät zugegen war. Während des Essens erfuhr ich, dass Christoph Reichenau krankheitshalber ausfiel. Also ging ich zu Alex Tschäppät und fragte ihn, ob er es übernehmen könnte, uns diesen Preis zu überreichen. – Was er denn mache müsse, fragte er. – Er solle eine kleine Rede halten, sagte ich, wie er es ja gewohnt sei. – Aber er müsse uns doch auch was überreichen können, wendete er ein. Das überzeugte mich. Ich fragte einen HKB-Mitarbeiter, ob er mir einen Briefumschlag besorgen könnte, mit einem Stück Karton drinn, für den Stadtpräsidenten.
Nach unserem Auftritt stieg der Stadtpräsident auf die Bühne und stoppte den Schlussapplaus. Er freue sich, hier in diesem Rahmen eine freudige Botschaft überbringen zu können.
Alex Tschäppät war in Form. Er hielt eine Rede, zu der er sich im Moment auf der Bühne inspirieren liess. «Bern ist überall» kannte er, von der «Stiftung zur Förderung der Bernischen Mundartdramatik» hatte er bisher noch nicht allzu viel gehört. Am Schluss überreichte er uns diesen dicken Umschlag. Wir bedankten uns förmlich. Und schenkten ihm eine Zugabe.
Mit welcher Lockerheit und welchem Understatement die Stadt Bern Kulturpreise in der Höhe von Fr. 50'000.- verleihe, sei einzigartig, zeigten sich anschliessend einige HKB-Studierende beeindruckt. Das habe Stil.