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Julio Pinedo ist ein echter König, aber will gar keiner sein. Er lebt mit seiner Frau als Kokabauer in den bolivianischen Yungas und schaut abends gern Seifenopern. Sein Titel ist ihm eine Last.
König Julio I. hat eine Krone, aber keinen Palast. Er hat ein Gewand, aber keine Untertanen, er hat einen Titel, aber keine Lust darauf. Don Julio Pinedo y Pinedo ist das Oberhaupt der afro-bolivianischen Gemeinschaft und direkter Nachfahre von Prinz Uchicho, der 1820 als Sklave von Westafrika nach Südamerika verschleppt wurde.
Der letzte König von Amerika trägt diese Würde wie eine Bürde. Denn der schweigsame und sperrige Mann trägt die Krone nur, weil andere es so wollten. Aber dazu später.
Rund 16'000 Nachfahren der schwarzen Sklaven leben laut der letzten Volkszählung von 2012 in Bolivien. Die spanischen Kolonialherren holten sie aus Afrika, um die Silberminen auszubeuten und die Männer in den Münzprägereien zu knechten.
Heute sind die Afro-Bolivianer eines von 37 Völkern in dem weitgehend von indigenen Ureinwohnern dominierten Andenstaat. Und sie sind froh, dass es König Julio I. gibt. «Er ist vor allem eine symbolische Figur», sagt die Fotografin Susana Girón. Ihr König gebe den Afro-Bolivianern eine kulturelle Identität und Sichtbarkeit in dem «plurinationalen Staat». Girón hat das scheue Oberhaupt aufgespürt und porträtiert.
Der Afro-König ist 73 Jahre alt und wohnt in dem Weiler Mururata in den bolivianischen Yungas, einer Region zwischen andinem Hochland und tropischem Tiefland. Etwas mehr als 400 Menschen teilen sich in dem Ort auf knapp 60 Familien auf. Zwei Drittel gehören zum Volk der Aymara, ein Drittel sind Afro-Bolivianer. Hier in Mururata wurde Pinedo geboren, hier ist er geblieben. Von hier ist er höchstens bis zum Regierungssitz La Paz gekommen, gerade mal 96 Kilometer entfernt.
An der Seite des Königs lebt Angélica Larrea, «Königin Angélica», wie Fotografin Girón sagt. Das Paar bewohnt einen einstöckigen Ziegelbau, innen nagt die Feuchtigkeit an den blauen Wänden. Das königliche Paar betreibt einen Gemischtwarenladen, wo in besseren Zeiten Nudeln, Öl, Mehl, Butter, Zucker und Konserven zu kaufen waren. Früher backten die Pinedos sogar Brot, aber mittlerweile sei das Mehl so teuer geworden, dass es sich kaum noch lohne, sagt Susana Girón.
Don Julio ist ein armer König. Kein verarmter, denn er war nie wohlhabend. Er ist sein Leben lang Bauer. Mandarinen und Apfelsinen baut er an. Aber da man die nur ein Mal im Jahr ernten kann, ist der König vor allem «Cocalero», Kokabauer, so wie die meisten Menschen hier in den Yungas.
Die grünen, fruchtig duftenden Blätter gehören in Bolivien zur Tradition und werden vor allem in den schönen und rauen Yungas angebaut. Drei Ernten pro Jahr werfen sie ab. Umgerechnet kaum 2000 Euro bleiben König Julio I. am Jahresende durch den Verkauf der Kokablätter in der Kasse.
Und dafür sechs Tage die Woche die gleiche Routine: Morgens geht er raus auf die Felder, macht den Rücken krumm, isst Reis, Kochbanane und Dörrfleisch. Wenn er abends nach Hause kommt, ruht er aus. Seine Schwäche sind Telenovelas, Seifenopern aus mexikanischer, kolumbianischer oder brasilianischer Produktion; immer geht es um Liebe und Leidenschaft, die Menschen sind reich und schön und fast immer weiss.
Zweimal hat Fotografin Girón den König in den vergangenen Jahren in Mururata besucht, mehrere Wochen mit ihm verbracht, sein Vertrauen gewonnen. «Er ist sehr schüchtern, spricht nicht gern – und wenn, dann lieber über Landwirtschaft als darüber, König zu sein.»
Die Ablehnung mag auch damit zu tun haben, dass es vor mehr als 20 Jahren die Idee eines Touristikmanagers war, Pinedo zum König zu machen.
Martín Cariaga, Präsident der Internationalen Tourismusmesse Boliviens, hatte die Hacienda geerbt, auf der einst die Vorfahren Pinedos arbeiteten. Er überredete ihn dazu, sich wie sein Grossvater Bonifacio zum König krönen zu lassen. Bonifacio war demnach Enkel von Prinz Uchicho, dem verschleppten Sklaven. Pinedo willigte ein. Und so fand die erste Krönung 1992 vor der kleinen Kirche der Hacienda in Mururata statt.
Seit dem 3. Dezember 2007 ist Pinedo offiziell «Rey Afroboliviano». Die Königswürde hat ihm der Gouverneur des Departements La Paz verliehen.
Obwohl Pinedo vor dem Parlament die Interessen seiner Gemeinschaft vertreten könnte, tut er es nicht: «König Julio könnte viel erreichen für die Afro-Bolivianos, aber er ist verzagt und hält höchstens mal eine Rede, wenn er zu Veranstaltungen eingeladen wird», sagt Fotografin Girón. Die Interessen der afrikanischen Nachfahren vertrete vielmehr der «Nationale Rat des afrobolivianischen Volkes».
Der Historiker Juan Angola geht in seiner Kritik noch weiter. «Julio Pinedo hat kein Charisma, man hat ihn zu einem dekorativen Element gemacht», sagt Angola, der sich seit Jahren der Geschichte der afrikanischen Sklaven in Bolivien widmet. «Er nimmt seine Aufgabe nicht wahr, er tut nichts für die kollektiven Rechte unseres Volkes.» Julio Pinedo kenne nicht mal die Wurzeln der bolivianischen Afros genau. Die beiden Krönungen seien eine Show gewesen, ärgert sich Angola.
Dabei hat Pinedo bei seiner formellen Krönung 2007 noch einen grossen Satz gesagt: «Es ist eine Ehre, die Afro-Bolivianer vertreten zu dürfen. Ich werde diese Aufgabe stolz wahrnehmen, so wie unser Volk es verdient.»
Daran geglaubt hat Pinedo wohl selbst nicht. Der Königsposten, so erzählt Fotografin Girón, ist ihm eine Last.