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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

16. Buch
36. Bescheid und Segen, den Isaak, geliebt um seines Vaters willen, erhielt im gleichen Sinne wie sein Vater.
Auch dem Isaak wurde ein Ausspruch zuteil von der Art, wie ein solcher an seinen Vater einigemal ergangen war. Über diesen Ausspruch lesen wir in der Schrift1 : „Es brach aber eine Hungersnot aus im Lande, eine andere als die, die vorher schon zu Abrahams Zeiten ausgebrochen war. Da begab sich Isaak zu Abimelech, dem König der Philister in Gerara. Und es erschien ihm der Herr und sprach: Steige nicht hinab nach Ägypten, sondern nimm Aufenthalt in dem Lande, das ich dir angeben werde, und wohne dort. Denn dir und deinem Samen werde ich dieses ganze Land geben, und es sollen in deinem Samen gesegnet werden alle Völker der Erde, darum daß dein Vater Abraham auf meine Stimme gehört und beobachtet hat meine Vorschriften und meine Befehle und meine Gerechtsame und meine Verordnungen“. Dieser Patriarch hatte weder eine weitere Gemahlin noch irgendeine Beischläferin, sondern begnügte sich mit der Nachkommenschaft der „aus einem Beilager“2 hervorgegangenen Zwillinge. [Wohl fürchtete auch er Gefahr von der Schönheit seines Weibes3 , als er unter Fremden weilte, und machte es wie sein Vater, bezeichnete sie als seine Schwester und verschwieg ihre Gattineigenschaft; sie war ihm auch wirklich blutsverwandt von Vater und Mutter her; aber auch sie blieb von den Fremden unberührt, da man in Erfahrung brachte, daß sie seine Frau sei.] Doch dürfen wir ihn deshalb nicht über seinen Vater stellen, weil er außer seiner einzigen Frau von keinem Weibe wissen wollte. Denn die Glaubens- und Gehorsamsverdienste seines Vaters waren ohne Zweifel bedeutender, so sehr, daß Gott, wie er ausdrücklich sagt, im Hinblick auf den Vater dem Sohne sich gnädig erweist. „In deinem Samen werden alle Völker der Erde gesegnet werden“, sagt er, „darum, daß dein Vater Abraham auf meine Stimme gehört und beobachtet hat meine Vorschriften und meine Befehle und meine Gerechtsame und meine Verordnungen“; und wiederum in einem anderen prophetischen Ausspruch4 heißt es: „Ich bin der Gott deines Vaters Abraham, fürchte dich nicht; denn ich bin mit dir und habe dich gesegnet und werde deinen Samen vermehren um deines Vaters Abraham willen“; daraus mögen wir erkennen, wie keusch Abraham gehandelt hat „bei dem, was er in den Augen unkeuscher und für ihre Schlechtigkeit in der Heiligen Schrift Deckung suchender Leute aus Begierlichkeit getan hat; wir mögen ferner daraus auch lernen, die Menschen nicht nach einzelnen Vorzügen miteinander zu vergleichen, sondern bei jedem die Gesamthaltung in Betracht zu ziehen. Leicht ja kann jemand in seinem Wandel und seine in sittlichen Verhalten etwas aufweisen, wodurch er einen andern übertrifft, und kann dies weit vorzüglicher sein als die Eigenschaft, worin er hinter dem andern zurücksteht. Nach gesundem und richtigem Urteil ist daher, obschon die Enthaltsamkeit höher steht als die Ehe, doch ein gläubiger verheirateter Mensch besser als ein enthaltsamer ungläubiger. Ja, ein ungläubiger Mensch ist nicht nur weniger preiswürdig, sondern sogar im höchsten Grade zu verabscheuen. Aber nehmen wir an, es handle sich um zwei gute Menschen; auch da ist ohne Zweifel ein Verheirateter, der Gott in treuestem Glauben und Gehorsam ergeben ist, besser als ein Enthaltsamer von schwächerem Glauben und geringerem Gehorsam. Wenn jedoch alles übrige auf beiden Seiten gleich ist, wird man ohne Besinnen den Enthaltsamen über den Verheirateten stellen.
1: Gen. 26, 1-5.
2: Röm. 9, 10.
3: Gen. 26, 7.
4: Ebd. 26, 24.