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Kurzfristige Klimaschwankungen und Stand der Alpengletscher
VON R. BILLWILLER, ZÜRICH
Die vierziger Jahre unseres Jahrhunderts brachten uns eine Reihe heiterer, warmer und trockener Sommer, so dass man vielfach von einer Klimaänderung zu sprechen begann. Der Klimatologe sah es anders an. Ihm war bekannt, dass, soweit zuverlässiges Beobachtungsmaterial vorliegt, im Klima Zentraleuropas relativ kurzfristige Schwankungen vorkamen, derart, dass auf eine Reihe von trüben, niederschlagsreichen und kühlen Sommern wieder eine Reihe Schönwetter-Sommer folgte. Die vierziger Jahre stellten offenbar die letztgenannte Phase einer solchen Schwankung dar.
Auf die Existenz dieser relativ kurzfristigen Klimaschwankungen war man nicht nur durch die nicht sehr weit zurückgehenden und vielfach nicht homogenen meteorologischen Beobachtungen, sondern noch viel mehr durch deren Auswirkungen aufmerksam gemacht worden. Der verdiente Geograph Professor E. Brückner, der den ersten Lehrstuhl für physikalische Geographie in der Schweiz ( in Bern ) bekleidete, hatte sie 1890 in seiner « Klimaschwankungen seit 1700 » nachgewiesen.
Mit grösster Sorgfalt war er den Niveauschwankungen des Wasserstandes in abflusslosen Seen nachgegangen, hatte die Eisverhältnisse der Flüsse, die Häufigkeit strenger Winter, das Datum der Weinernte und anderes untersucht und alle diese Erscheinungen in Beziehung gebracht zu den Schwankungen des Regenfalls, des Luftdruckes und der Temperatur. E. Richter hatte dann 1891 eine Nachprüfung der von Brückner gefundenen Klimaperiode am gesamten über die Gletscherstände im Alpengebiete vorliegenden Material durchgeführt und sie darin bestätigt gefunden.
Die Existenz der Brücknerschen Klimaperiode blieb nicht unbestritten. Ihre Kritiker beachteten zu wenig, dass Brückner zwar deren mittlere Dauer rechnerisch zu 35 Jahren gefunden, aber auch festgestellt hatte, dass ihre Dauer zwischen 20 und 50 Jahren schwanken kann. Diese relativ grosse Schwankungsbreite erschwerte ihre Erkenntnis. Sie macht auch deren prognostische Verwendbarkeit problematisch. Diese ist es übrigens nicht nur wegen der wechselnden Dauer der Periode, sondern auch wegen des Umstandes, dass innerhalb der warmen, trockenen und der kalten, feuchten Phase Jahre mit gegensätzlichem Verhalten auftreten. So fielen in die letzte mit 1909 beginnende und bis in die Mitte der zwanziger Jahre dauernde kühle und feuchte Periode die beiden unsern altern Generationen wohlbekannten ganz exzeptionnel trockenen und warmen Sommer von 1911 und 1921. Es blieb aber der Mittelwert der Sommertemperatur von 1909 bis 1926 wesentlich unter dem normalen. Die Amplituden der Schwankungen sind verschieden gross; neben sehr ausgeprägten negativen oder positiven Abweichungen kommen solche von kleinem Ausmasse vor.
Demjenigen, der sich unvoreingenommen mit dem Problem von kurzfristigen Klimaschwankungen beschäftigt, verbleibt der Eindruck, dass Brückner ein - trotz der erwähnten Einschränkungen - wirklich existierendes Phänomen aufgezeigt hat. So auch unserem um die Gletscherforschung hochverdienten A. Forel, der von einer tertiosäkularen Schwankung sprach. Uns Schweizern liegt es ja besonders nahe, den Verlauf der Klimaschwankungen am Stande der Alpengletscher zu verfolgen. Zeigen diese doch augenfällig die gegensätzlichen Phasen der Schwankungen. Sie sind hiefür besonders geeignet, weil der Gletscher die Wirkungen der seinen Stand beeinflussenden Faktoren aufeinanderfolgender Jahre summiert und ein allfällig darin vorkommendes Jahr mit gegensätzlichem Verhalten nicht zum Ausdruck bringt, wenn man vom Zungenende ganz kleiner Gletscher absieht.
Wie verhielten sich nun die Alpengletscher in der Zeit, aus welcher wir präzise Angaben über ihre Ausdehnung besitzen?
Um 1820 wiesen sie die maximale Ausdehnung auf. So bedeckte z.B. der Rhonegletscher die ganze, mehr als einen Kilometer lange und jetzt apere Talebene bis zum Brücklein von Gletsch. Und noch 1856 reichte er annähernd so weit. Eine zwischen die genannten Jahre fallende Periode wärmerer und trockener Jahre, die sich wegen noch fehlender meteorologischer Beobachtungen aus dem Alpengebiet nur aus den Beobachtungen weiter abliegender Stationen nachweisen lässt, hatte offenbar den Gletscherstand nicht wesentlich zu beeinträchtigen vermocht, so dass die um 1850 auftretenden feuchten und kühlen Sommer den Rückgang wieder annähernd aufzuholen vermochten.
Seit 1856 sind nun die Alpengletscher in auffällig starkem Rückgang begriffen. Leider fehlen auch für die ersten Jahrzehnte dieses Zeitraums noch meteorologische Beobachtungen aus den höheren Lagen des Alpengebiets. Erst vom Anfange der achtziger Jahre liegen solche vereinzelt vor. So setzen uns die Aufzeichnungen des Säntis-Observatoriums in den Stand, einen zu Ende dieses Jahrzehntes auftretenden leichten Rückgang der Sommertemperaturen zahlenmässig nachzuweisen. Aber er war zu wenig ausgeprägt und der vorangegangene Rückzug der Gletscher zu gross gewesen, um ein Anwachsen zu veranlassen; er brachte nur einen verminderten Rückzug und im Westen ( Mont-Blanc-Gebiet ) einen Stillstand der Zungenende.
Deutlicher zeichnete sich dann die mit 1909 beginnende nächste feuchte und kühle Periode der Sommerwitterung im Gletscherstande ab, für welche nun auch ausreichende Temperaturbeobachtungen aus den Höhenlagen vorliegen. Die Sommertemperaturen Juni bis September lagen auf dem Säntis von 1909 bis 1926 beträchtlich unter der normalen und dies trotz der in diesen Zeitraum fallenden extrem warmen Sommer von 1911 und 1921. Entsprechend rückten die Zungenenden der Gletscher merklich vor.
Nach 1926 lagen dann die Sommertemperaturen des Säntis über den normalen, und der Gletscherschwund ging weiter, besonders im warmen Jahrzehnt der vierziger Jahre. Er brachte die Gletscher auf einen in den letzten Jahrhunderten noch nie erreichten minimalen Stand ihrer Ausdehnung.
Nun scheint mit den anfangs der fünfziger Jahre einsetzenden sonnenarmen, kühlen und feuchten Sommern ein Wendepunkt erreicht zu sein. Man darf aber, selbst wenn die begonnene Phase der kühlen Sommer sich viel ausgesprochener entwickeln sollte als diejenige von 1909 bis 1926, nicht erwarten, dass in dieser unsere Alpengletscher eine viel grössere Ausdehnung erreichen werden. Denn der während einer kurzfristigen Klimaschwankung erreichte Stand ist wesentlich bedingt durch die zu seinem Beginn vorliegende Ausdehnung. Diese ist aber gegenwärtig kleiner als je in den letzten Jahrhunderten. Die Alpengletscher werden ihre einstige maximale Ausdehnung nur erreichen können nach mehreren, jeweilen mit einem Grössenzuwachs abschliessenden Schwankungen. Erst kommenden Generationen werden sie sich wieder in dem imponierenden Anblick präsentieren, den sie im neunzehnten Jahrhundert darboten.
Die Ursachen der aufeinanderfolgenden Reihen von trockenen, warmen und feuchten, kühlen Sommern kennen wir nicht, selbst wenn sie zurückgeführt werden können auf Änderungen in der allgemeinen Zirkulation der Luftströmungen und in der Luftdruckverteilung über der Erdoberfläche. Möglicherweise werden sie bedingt durch Änderungen in der Intensität der Sonnenstrahlung, der einzigen Kraft, welche die Atmosphäre in Bewegung setzt.
Bekanntlich zeigt die Erdgeschichte der jüngeren ( geologischen ) Vergangenheit, dem Diluvium, weit grössere und länger andauernde Klimaschwankungen. In den verschiedenen Eiszeiten be- deckten die Alpengletscher das ganze schweizerische Mittelland und einmal im Westen sogar den Jura. Auch die Ursachen dieser Vorstösse kennen wir nicht. Wir wissen nicht, wie gross die Unterschiede von Temperatur und Niederschlag gegen heute gewesen sind, welche diese langdauernden Vorstösse verursachten. Die Grössenordnung derselben abzuschätzen, dürfte aus der Beobachtung der die heutigen kurzfristigen Gletscherschwankungen bedingenden Änderungen von Temperatur und Niederschlag möglich sein. Einen ersten Versuch hat der Schreibende nach dem kleinen Vorstoss der Alpengletscher von 1909 bis 1926 gemacht 1. Vielleicht trägt das dazu bei, wenigstens nach dieser Richtung das Dunkel zu erhellen, das über den Eiszeiten liegt.