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Wenn Kasachstans Präsident Kassym-Jomart Tokajew die Mitgliedstaaten des «Vertrags über kollektive Sicherheit» (OVKS) um militärische Hilfe bittet, muss die Lage ernst sein. Dann sind die Sicherheitskräfte des 2,7 Millionen Quadratkilometer grossen Landes in Zentralasien nicht mehr fähig, die Lage zu beruhigen, dann braucht das Regime Hilfe vor allem von Russland, dem gewichtigsten Teilnehmer des Vertrags, und nimmt auch Unterstützung aus Armenien (das derzeit den Vorsitz des OVKS innehat) an. Dann kann es sich aber, so muss man schlussfolgern, bei den jetzigen Unruhen auch nicht nur um Proteste wegen der Preiserhöhung für Flüssiggas (mit dem die meisten Autos betrieben werden) handeln.
Kasachstan ist eines jener Länder, von denen schwer zu sagen ist, ob sie im Reichtum schwelgen oder mausarm sind. Fährt man durch das unendlich weit wirkende Land, dominiert der Eindruck von Land-Armut. Erreicht man dann die Hauptstadt Nur-Sultan, wird man von architektonischem Protz förmlich erschlagen. Da scheute der frühere Präsident, Nursultan Nasarbajew, keine Kosten, um aus einer verschlafenen Alt-Hauptstadt ein modernes Wunderland zu machen, mit Bauwerken weltweit prominenter Architekten wie beispielsweise Norman Foster oder Jean Nouvel. Bereits für eine dieser Konstruktionen (aus einiger Distanz sieht sie aus wie ein riesiges Nomadenzelt) wurden 290 Millionen Dollar aufgewendet. In der Aussichtsplattform eines anderen, einem etwa 150 Meter hohen Turm, kann der Besucher dem Alt-Präsidenten die Hand reichen. Wie das? Nun, Nasarbajew liess den Abdruck seiner eigenen Hand vergolden, und da liegt sie nun, bereit, alle Besucher der Hauptstadt Kasachstans zu empfangen. Hat man Nasarbajew einmal auf diese Weise die Hand gereicht, soll man sie, diesen Rat bekommt man direkt vor Ort, möglichst lange nicht mehr waschen …
Personenkult
Um den 2019 zurückgetretenen Präsidenten herrscht ein Personenkult, der höchstens noch von Kim Jong-Un in Nordkorea oder Berdymuchamedow im benachbarten Turkmenistan übertroffen wird. Dafür verantwortlich ist wesentlich der Neue, also Tokajew. Er forderte gleich nach der «Inthronisierung» das kasachische Parlament auf, Astana in Nur-Sultan umzubenennen, und später schlug er auch noch vor, allen grossen Strassen der Stadt Namen zu geben, in denen sich «Nur Sultan» spiegeln konnte. Kam hinzu, dass er versprach, sämtliche Nur-Sultan-Nasarbajew-Denkmäler «für alle Zeiten» zu erhalten.
Weshalb handelte Tokajew so? Es gibt viele Anzeichen, dass er, der immer als gediegener Diplomat auftritt (er war ja auch zwei Jahre lang, von 2011 bis 2013, Generaldirektor des Büros der Uno in Genf), nur über eingeschränkte Macht verfügt – im Hintergrund blieb Nur Sultan Nasarbajew auch nach seinem Rücktritt einflussreich. Das kann als Erklärung dafür dienen, dass sich in dem riesigen Land – trotz all seiner Rohstoff-Reichtümer – strukturell nichts Erkennbares ändert: eine Glanz-und-Gloria-Hauptstadt, fern von ihr die mit wenig staatlichen «Spritzen» bedachte frühere Metropole Almaty – und sowohl fern als auch nah die vernachlässigte Beinahe-Leere mit den zerfallenden Dörfern und Kleinstädten.
In manchen Bereichen kann man die Probleme Kasachstans noch immer auf den Zerfall der Sowjetunion (1991) zurückführen. In den Jahren und Jahrzehnten davor wurde der Mehrheit der zentralasiatischen Staaten die Bürde aufgeladen, für die von Moskau gesteuerte Planwirtschaft Baumwolle zu produzieren. Daher liessen die Sowjet-Herrscher unter anderem grosse Kanäle errichten – ohne Rücksicht auf die Ökologie. Die grossflächige Austrocknung des Aral-Sees und damit verbunden die Versteppung weiter Gebiete im Südwesten Kasachstans waren einige der Folgen.
Steigender Druck
Als die Staaten in Zentralasien (Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Kirgistan, Tajikistan) 1991 eigenständig wurden, wollten die so genannten Eliten (alle Neu-Mächtigen entstammten der alten Sowjet-Nomenklatura) der eigenen Bevölkerung und der Welt beweisen, dass sie nun alles besser machen konnten. Wie? Die einen, wie Kasachstans Nasarbajew, durch Protz in der von Almaty nach Astana verlegten Hauptstadt, die anderen, die Usbeken, durch einen Herrschaftskult, der sich auf den mittelalterlichen Brutalo-Herrscher Timur berief. In Turkmenistan schaffte es Türkmenbashi, um seine eigene Person sogar eine spezifische Wissenschafts-Richtung zu etablieren: Er schrieb in sechs Bänden das Werk «Ruhname» (in dem unter anderem zu lesen ist, dass die Turkmenen alles für die Menschheit Wichtige erfunden haben) und begründete in der Universität von Ashghabad eine Ruhname-Fakultät – noch heute, in der Nachfolge-Tyrannei unter Präsident Berdymuchamedow, können Turkmenen und Turkmeninnen in «Ruhname» einen Doktortitel erlangen.
Auch in Turkmenistan wurde die Hauptstadt so lange mit Denkmälern und anderen nutzlosen Bauwerken «aufgeplustert», bis sie zum Schaukasten (einem etwas Disney-World-ähnlichen Schaukasten) für die Aussenwelt wurde. Und auch in diesem Land gelang es nicht (auch Turkmenistan ist fast unendlich reich an Bodenschätzen), das breite Land auch nur marginal von den Ressourcen profitieren zu lassen. Turkmenistan wird früher oder später in einen ähnlichen inneren Konflikt geraten wie jetzt Kasachstan. Es fragt sich nur, wie lange das Regime, wie lange die verschiedenen Regime den Druck von unten aushalten.
Irgendwie erinnert das alles an den sprichwörtlichen Dampfkochtopf: Der Druck steigt, die Alarmpfeife ertönt lauter und lauter – und je bedrohlicher die Lage wird, desto weniger wagt sich der Besitzer in die Nähe des Kochtopfs. Bis dieser dann wirklich explodiert.