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Korruption und Heiterkeit
Oscar Wilde “Der ideale Mann” | Schauspielhaus, Zürich
Was dabei herauskommt, wenn Elfriede Jelinek Oscar Wilde interpretiert, kann derzeit am Schauspielhaus Zürich erlebt werden: Ein Abend voller Witz, Ironie und einschlagender Sprachgewalt.
Von Lisa Letnansky.
Oscar Wildes “An Ideal Husband“, eine Komödie über Politik und Intrigen in der Londoner High Society, wurde erstmals 1895 aufgeführt. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Thematik heutzutage langweilig und verstaubt anmuten würde, doch Elfriede Jelineks Übertragung des Stücks ins Deutsche und in die Gegenwart belehrt uns eines Besseren: Wildes Geschichte vom Aufstieg und Beinahe-Fall des überheblichen und redegewandten Politiker Sir Robert Chiltern ist heute aktueller denn je.
Intrigen stehen auf der Tagesordnung
Sir Chiltern, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, ist Politiker durch und durch und wird von seiner Gattin Lady Gertrude als „der ideale Mann“ gerühmt. Als eines Abends jedoch Mrs. Chevely auftaucht, die Gertrude noch aus der Schulzeit kennt, beginnt Sir Chilterns fester Stand zu wanken. Mrs. Chevely weiss nämlich von seinem lange gut gehüteten Geheimnis: Vor Jahren hat er einmal einem Börsenspekulanten Kabinettsgeheimnisse anvertraut und dadurch den Grundpfeiler für seinen Aufstieg und seinen Reichtum gelegt. Mit Hilfe eines kompromittierenden Briefes möchte Mrs. Chevely ihn jetzt dazu bringen, ein zum Scheitern verurteiltes Projekt zu unterstützen, in das sie selbst viel Geld investiert hat. Sir Chiltern ist verzweifelt: Was würden die Leute – allen voran seine Frau – von ihm denken, wenn er plötzlich etwas unterstützt, das er vorher vehement verteufelt hat? Aber was würde erst geschehen, wenn sie von seinem Insidertipp erfahren würden? Gott sei dank aber scheinen in dieser Gesellschaftsschicht Intrigen an der Tagesordnung zu stehen; Lord Arthur Goring, ein Lebemann und Sir Chilterns bester Freund, der selbst eine Vergangenheit mit Mrs. Chevely verbindet, schaltet sich ein und versucht, die Erpresserin mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Am Ende sind alle glücklich und die Politik läuft so heiter und korrupt weiter wie zuvor.
Damals wie heute
Es ist nicht viel, was Jelinek abändern musste, um “An ideal Husband“ in die Gegenwart zu übertragen. In den letzten über hundert Jahren scheint sich an den Gepflogenheiten in der Politik nicht viel geändert zu haben. Aus dem Suez-Kanal-Projekt wurde bei Jelinek der “Hyper-Alpenkanal“, ein Luftprojekt, bei dem auch nach langen Reden nicht klar wird, um was es sich dabei eigentlich handelt. Auch wurden Wildes Dialoge durch den hohlen Jargon der Politik und der Finanzbranche und eine breite Masse an Kalauern aufgefrischt. Das Grundgerüst und die Aussage bleiben aber die selben: So lange die Politiker noch Reden schwingen können, die im Grunde nur gut tönen, aber überhaupt nichts aussagen, und so lange jeder nur auf sich selbst und seinen eigenen Vorteil bedacht ist und dem Nachbar nicht ins Spiel pfuscht, so lange dreht sich die Welt friedlich und skandallos weiter und alle sind glücklich und zufrieden.
Grasser, Haider & Co.
Die Parallelen zu den aktuellen Missständen nicht nur in der österreichischen Politik- und Finanzwelt sind in Jelineks Bearbeitung nicht zu übersehen. Dem charmant-schleimigen Egomanen Robert Chiltern mag beispielsweise der ehemalige österreichische Finanzminister Karl-Heinz Grasser Pate gestanden zu haben, aber auch Assoziationen an Jörg Haider und weitere Personen aus der Welt der Politik und Finanzen scheinen beabsichtigt zu sein. Wie schon in „Die Kontrakte des Kaufmanns“ und in „Winterreise“ lässt Jelinek kein gutes Haar an ihren Zeitgenossen, schafft es aber auch hier wieder mit viel Witz und Ironie niemals borniert oder verbittert zu wirken.
Der hohle Geist der Politik
Diese Mischung aus Ernsthaftigkeit und Witz verkörpern die Darsteller des Stücks auf eine glaubwürdige und unterhaltsame Weise. Allen voran ist es Markus Scheumann, der als Sir Chiltern sich widersprechende Gefühle zwischen Interesse und Abscheu im Zuschauer hervorruft (und daher nicht nur aufgrund seines Sprachduktus an den TV-Antihelden Stromberg erinnert). Obwohl das eher dialogreiche und handlungsarme Stück (eine weitere Parallele zur Politik!) zuweilen etwas sehr statisch wirkt, ist es Tina Lanik, die mit “Der ideale Mann“ ihr Debüt am Schauspielhaus Zürich gibt, durchaus gelungen, den hohlen Geist der zeitgenössischen politischen Welt auf eine kurzweilige und erheiternde Weise auf die Bühne zu bannen.
Besprechung der Premiere am 9. Dezember 2011.
Weitere Vorstellungen bis am 27. Januar 2012.
Dauer: ca. 2 Stunden 20 Minuten.
Regie: Tina Lanik
Bühne: Stefan Hageneier
Kostüme: Su Sigmund
Musik: Rainer Jörissen
Licht: Frank Bittermann
Dramaturgie: Thomas Jonigk
Besetzung
Markus Scheumann (Sir Robert Chiltern), Ludwig Boettger (Lord Caversham), Patrick Güldenberg (Lord Goring, sein Sohn), Janina Schauer (Phipps, Lord Gorings Diener), Isabelle Menke (Lady Chiltern), Julia Kreusch (Mabel Chiltern), Susanne-Marie Wrage (Mrs. Cheveley), Miriam Maertens (Lady Markby).
Im Netz
www.schauspielhaus.ch