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Es gibt bei ihr diese eine typische Phrasierung, die sich anfühlt, als würde man unter Strom gesetzt. Es klingt wie ein Wiehern, wenn sie kurz in die Kopfstimme wechselt und ihre Stimme zittern lässt. Zu hören ist das etwa in der ersten Strophe eines Covers von Marvin Gayes «I Heard It Through the Grapevine», das sie mit ihrer Band eingespielt hat. Doch das war nur einer ihrer Tricks – zu einer herausragenden Sängerin machten sie auch die Dynamik und Impulsivität ihres Gesangs. Sie schlenderte und schlingerte zwischen punkiger Schnoddrigkeit und animalischer Ekstase – scheinbar völlig befreit und sorglos, aber eben auch, ohne je die Kontrolle zu verlieren. Die Sängerin war bei jener Aufnahme noch nicht einmal volljährig, doch war sie bereits eine Hauptakteurin einer popmusikalischen Revolution.
Geboren wurde sie in München, ihre Familie hatte gute Kontakte zum Musikbusiness: Die Mutter war mit Jimi Hendrix befreundet, ihre Paten waren Jon Anderson, Sänger der Band Yes, und Udo Jürgens. Mit vierzehn gründete sie zusammen mit einer Schlagzeugerin aus Spanien in London eine Band, in deren Namen sich die Musikerinnen selber als Geschlechtsteile bezeichneten. Dass ihre Musik auch heute noch so frisch und radikal klingt, hat viel mit dem eigenwilligen Gesang zu tun. Der Sängerin waren auch die Einflüsse aus Reggae und Dub zu verdanken, die den Sound der Band so stark prägten.
Neben ihrer musikalischen Intuition war sie vor allem für ihre schrägen Outfits und extravaganten, unerschrockenen Auftritte bekannt. Während eines Konzerts in London zog sie ihre Leggings herunter und pinkelte vor dem Publikum auf die Bühne. «Typische Mädchen sorgen sich um Pickel, Fett und natürliche Gerüche», sang sie in einem berühmten Song ihrer Band. Tatsächlich schienen sie solche Ängste oder Hemmungen in Bezug auf ihren Körper nicht zu kümmern. In ihrer Autobiografie schrieb ihre Bandkollegin Jahre später: «Kein Mädchen hatte zuvor auf der Bühne gepisst, aber sie tat es nicht, um eine Rebellin zu sein oder um zu schockieren, es war viel subversiver als das: Sie musste einfach pissen.»
In der Katerzeit des Punk Anfang der achtziger Jahre zog sie sich erst nach Indonesien, dann nach Belize und Kingston zurück. Erst Jahre später sang sie wieder in Bands, nun vor allem jamaikanische Musik. Welche Punklegende suchen wir, die auch darum schon mit 48 an Krebs starb, weil sie diesen lieber mit Hexerei als mit einer Chemotherapie behandeln wollte?
Wir fragten nach Ariane Forster alias Ari Up, Sängerin der Band The Slits. Die 1976 in London gegründete Band trug zur Entstehung des Post-Punk bei und war trotz ihrer kurzen aktiven Zeit enorm einflussreich. Dass bei den Slits zunächst nur Frauen spielten, wirkte radikal und irritierend – immer wieder erlebten die Musikerinnen wegen ihres provokativen Verhaltens und Aussehens auch körperliche Gewalt. Forsters Künstlerinnenname geht auf ihren deutschen Akzent zurück, in dem «Hurry up» klang wie «Ari Up».