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Die jüdischen Arbeiterunruhen in den nordwestlichen Gouvernements des Ansiedlungsrayons von 1881 bis 1907Sandrine Mayoraz
Im Ansiedlungsrayons (dem Gebiet des Zarenreiches, in dem die Juden dauerhaft wohnen und arbeiten durften) war der Anteil an jüdischen Arbeitern gross. Angesichts der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden immer mehr Juden gezwungen, in die Städte zu gehen, um Arbeit zu suchen. Viele fanden eine Anstellung in den Fabriken oder in der handwerklichen Industrie. Unter ihnen gab es auch zahlreiche jüdische Frauen. In den 1880er Jahren brachen erste grössere spontane Arbeiterunruhen aus. In den 1890er Jahren intensivierten sich diese Unruhen. Sozialistisch gesinnte jüdische Intellektuelle versuchten, Kontakte mit der Arbeiterschaft zu knüpfen. Schliesslich wurde im September 1897 der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund in Litauen, Polen und Russland (kurz Bund) gegründet.
In meinem Dissertationsprojekt möchte ich die vielschichtigen Auswirkungen der Arbeiterunruhen und der Entwicklung der Arbeiterbewegung in den nordwestlichen Provinzen des Ansiedlungsrayons zwischen 1881 und 1907 untersuchen. Im Zentrum stehen drei verschiedene Fragenkomplexe:
Der erste behandelt die Frage des Einflusses der Arbeiterbewegung und der sozialistischen Parteien auf den Alltag der jüdischen Arbeiterinnen und Arbeiter: Wie haben sich diese Arbeiterinnen und Arbeiter gegenüber den Unruhen und Veränderungen positioniert? Ab welchem Zeitpunkt und in welcher Konstellation haben einige angefangen zu rebellieren?
Im zweiten Fragenkomplex wird die Wahrnehmung dieser jüdischen Unruhen durch die Zentralmacht untersucht. Das betrachtete Gebiet stellte eine strategisch wichtige Region des Zarenreiches dar. Vor diesem Kontext überlappten sich mehrere Problemebenen. Die „jüdische Frage“ und die „Arbeiterfrage“ waren Teil eines grösseren Zusammenhanges, der auch die „religiöse“ und „nationale Frage“ (u.a. der Polen und Litauer) umfasste. Vor diesem Hintergrund sollen die jüdischen Arbeiterunruhen analysiert werden.
Im dritten Fragenkomplex soll auf die wechselseitige Wahrnehmung zwischen der jüdischer Arbeiterschaft und ihrem Umfeld eingegangen werden. Wie wurden jüdische Arbeiter und jüdische Arbeiterunruhen von anderen Personen (beispielsweise: nicht-jüdischen Revolutionären, Fabrikbesitzern...) vor Ort rezipiert?
Um diesen drei Aspekten ein Gesicht zu geben, möchte ich von konkreten Fabriken bzw. Werkstätten, sowie von bestimmten Ereignissen „auf der Strasse“ ausgehen, was mir erlauben wird, die unterschiedlichen Akteure, die daran beteiligt waren, zu erfassen, und die Zusammenhänge zwischen ihnen zu verstehen und zu analysieren. Die Vielfalt der Quellenarten reicht von Gouverneursberichten und Berichten der Fabrikinspektoren bis zu Flugblättern, Justiz- und Polizeiakten sowie Selbstzeugnissen.