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Das R., das sich von den ersten Jahrhunderten der Republik bis zur späten Kaiserzeit entwickelt hatte, wurde im Auftrag des Ks. Justinian in einem Sammelwerk zusammengetragen. Die 528-534 erstellte Kompilation setzt sich aus einem Anfängerlehrbuch (Institutiones oder Institutionen), einer Sammlung rechtswissenschaftl. Texte (Digesta oder Digesten, auch Pandekten genannt) sowie den kaiserl. Gesetzen (Novellae constitutiones oder Novellen, auch als Codex bezeichnet) zusammen; vermehrt um anderweitig überlieferte, zusätzl. Novellen, die Justininan bis zu seinem Tod erliess, bildet sie das "Corpus Iuris Civilis" (diese Bezeichnung kam allerdings erst im MA auf). Dieses stellt das wichtigste Sammelwerk des R.s und das vollständigste Corpus jurist. Texte, das aus der Antike erhalten ist, dar. Namentlich über die grossen europ. Kodifikationen des 19. und 20. Jh. beeinflusste es die meisten der heutigen Rechtsordnungen sowohl in Kontinentaleuropa als auch in Lateinamerika und teilweise sogar in Asien. Es hinterliess auch einige Spuren im angelsächs. Recht.
Auch nach der Völkerwanderung und dem Untergang des Röm. Reichs verschwand das R. nicht abrupt. Auszüge davon finden sich namentlich in der "Lex Romana Burgundionum" (Burgunderrechte) und in der "Lex Romana Curiensis". Es verblasste jedoch weitgehend vor dem Gewohnheitsrecht und wurde erst einige Jahrhunderte später wiederentdeckt.
Im Gebiet der heutigen Schweiz wie überall in Europa übte das R. seinen Einfluss hauptsächlich über vier Wege aus: die universitäre Ausbildung, die gelehrte Doktrin, die Gesetzgebung und die Rechtswissenschaft. Nach der Wiederentdeckung des "Corpus Iuris Civilis" in Italien gegen Ende des 11. Jh. strömten Studenten aus ganz Kontinentaleuropa in die ab Anfang des 12. Jh. gegründeten nordital. Rechtsschulen (u.a. Bologna, Pavia, Padua, Siena und Perugia), an denen röm. und kanon. Recht gelehrt wurde. Zurück in ihrer Heimat, verbanden diese jungen Juristen ihre Kenntnisse des R.s mit dem örtl. Recht, oft einem Gewohnheitsrecht, so dass das R. im 13. und 14. Jh. als subsidiäres Recht galt, welches das örtl. Recht ergänzte. Gegen Ende des 15. Jh. wurde das R. sogar als subsidiäres ius commune betrachtet, gemeinsam für jene Länder, die in der romanist. Tradition standen. V.a. durch die Rechtswissenschaft und die Rechtslehre floss das R. unmerklich ins regionale Regelwerk ein.
Trotz des Westfäl. Friedens (1648), der die Eidgenossen vom Reich trennte und den Weg für eine unabhängige Entwicklung des Rechts frei machte, blieben Spuren des R.s in der Gesetzgebung der eidg. und der zugewandten Orte bestehen. Namentlich in Bern und in Basel, aber auch in Genf galt das R. weiterhin bis ins 18. Jh. als subsidiäres Recht, auch wenn sein Einfluss geringer war als im Reich, das über ein Appellationsgericht und Juristen mit solider Ausbildung in R. verfügte.
Die Rechtslehre entwickelte sich in den höheren Schulen der Schweiz v.a. ab dem 16. Jh. Bedeutende hugenott. Juristen gelangten als Glaubensflüchtlinge in die Schweiz. Von der Genfer Akademie strahlte das R. dank François Hotman, Denys Godefroy und dessen Sohn Jacques auf ganz Europa aus. Die Humanisten der Rechtsfakultät in Basel trugen ebenfalls zu dieser neuen Rezeptionswelle bei (Bonifacius Amerbach, Samuel Grynaeus, Ulrich Zasius, Basilius Amerbach und Hotman. Sie forderten eine Rückkehr zum klassischen R., das mit den vom Humanismus entdeckten philolog. Methoden aus der justinian. Kompilation herauszuarbeiten sei (Rechtsquellen).
Ab dem 17. Jh. besetzten die Theoretiker des Naturrechts das Thema des materiellen R.s, dem sie eine neue Form zu geben suchten. Diese mächtige Strömung prägte im kontinentalen Westeuropa die 2. Hälfte des 17. Jh. und das 18. Jh. und legte die Basis für die grossen Kodifikationen des 18. und des 19. Jh. Jean Barbeyracs Übersetzungen der wichtigsten Werke von Hugo Grotius und Samuel Pufendorf bewirkten eine grosse Verbreitung der ins Naturrecht aufgenommenen röm. Rechtssätze und verschafften der Akad. Lausanne, an der Barbeyrac 1711-17 lehrte, zeitweilig europaweites Renommee. Der Genfer Jean-Jacques Burlamaqui und der Neuenburger Emer de Vattel trugen ebenfalls zur Verbreitung des materiellen R.s in der Schweiz, in Frankreich, Spanien, Italien, England und Amerika bei.
Trotz der hohen Qualität der Arbeit an den Akademien sank der Ausbildungsstandard der Rechtspraktiker nach der Trennung vom Reich. Obwohl das Studium des Naturrechts den Unterricht dominierte und die Institutionen und Digesten Justinians in den Rechtsschulen von ihrer Gründung an praktisch ohne Unterbrechung gelehrt wurden (Basel 1460, Genf 1566, Bern 1679, Lausanne 1708, Freiburg 1763), verlor das materielle R. bis zum Beginn des 18. Jh. einen Teil seines Einflusses auf die jurist. Praxis, v.a. wegen des Mangels an Anwälten, die mit den röm. Quellen genügend vertraut waren. Aber auch wenn sich das anwendbare Recht und der Grad seiner Nähe zum R. von Kanton zu Kanton unterschieden, so kann im 18. Jh. doch von einer Form gemeinsamen Privatrechts der Eidgenossen, vervollständigt durch das gelehrte oder R., gesprochen werden.
Die kant. Kodifikationen des 19. Jh., namentlich das "Civil-Gesetzbuch für die Stadt und Republik Bern" (1825-31) und das Zürcher "Privatrechtl. Gesetzbuch" (1854-56), entstanden im Zeichen einer eindrückl. Rückkehr des R.s. Dieses war zwar v.a. in Deutschland wichtig, doch es war auch in der Schweiz mit dem Zürcher Friedrich Ludwig Keller glänzend vertreten. Mehr noch als die kant. Gesetzbücher sind das Zivilgesetzbuch (ZGB) und das Obligationenrecht (OR) der Schweiz vom R. geprägt. Wie der franz. "Code civil", der nach dem Vorbild der Institutionen des Rechtsgelehrten Gaius (2. Jh. n.Chr.) in vier Teile gegliedert ist, übernahm das ZGB formal die Unterteilung in vier (Personenrecht, Familienrecht, Erbrecht, Sachenrecht) bzw. fünf Bücher, wenn das Obligationenrecht dazugezählt wird. Bezüglich des materiellen Rechts wurden Walther Munzinger beim alten Obligationenrecht von 1881, Eugen Huber beim Zivilgesetzbuch von 1907 und dem neuen Obligationenrecht von 1911 von den dt. Pandektisten beeinflusst, die, im Bestreben, eine neue Gesetzgebung auf der Basis des R.s auszuarbeiten, detaillierte Analysen der antiken Quellen vornahmen. So hat das R. sowohl den schweiz. als auch den grossen europ. Gesetzbüchern die grundlegende jurist. Grammatik geliefert, die noch heute unsere Vorschriften bestimmt, v.a. im Sachenrecht und in einem wesentl. Teil des Obligationenrechts. Ebenso werden auch neuere Rechtscorpora wie die Unidroit-Grundregeln für internat. Handelsverträge oder die Lando-Prinzipien für das Europ. Vertragsrecht, die deutlich vom R. geprägt sind, die Rechtsprechung des Bundesgerichts und die zukünftige Gesetzgebung beeinflussen.
An den Schweizer Universitäten wird an allen Rechtsfakultäten weiterhin R. gelehrt. Es macht die Studierenden mit den fundamentalen Rechtsregeln vertraut und führt sie in die jurist. Argumentation sowie in die Grundregeln der Geometrie des Rechts ein, die in allen Rechtsordnungen Kontinental- und Westeuropas Gültigkeit haben. Das R. ist auch systematisch in das Studium des Europ. Zivilrechts integriert, das auf einer sowohl komparatist. als auch hist. Analyse der zeitgenöss. Rechtsbegriffe fusst (Rechtswissenschaften). Und schliesslich wird das R. seit einigen Jahren eingehend von den Gesetzgebern konsultiert, um die neue europ. Rechtsordnung zu vervollkommnen, deren gemeinsame Wurzeln im Wesentlichen römisch sind.
Literatur
– S. Stelling-Michaud, L'Université de Bologne et la pénétration des droits romain et canonique en Suisse aux XIIIe et XIVe siècles, 1955
– F. Elsener, «Geschichtl. Grundlegung», in Schweiz. Privatrecht 1, 1969, 1-237
– C. Bergfeld, «Die Schweiz», in Hb. der Qu. und Lit. der neueren europ. Privatrechtsgesch. 1, 1973, 289 f.; 2, 2. Tl., 1976, 436-467
– F. Elsener, Die Schweizer Rechtsschulen vom 16. bis zum 19. Jh., unter besonderer Berücksichtigung des Privatrechts, 1975
– «Zur Wirkungsgesch. des Corpus Iuris Civilis», in Corpus Iuris Civilis: Text und Übersetzung, hg. von O. Behrends et al., Bd. 2, 1995, XIII-XXII
Autorin/Autor: Bénédict Winiger / AHB