Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03256.jsonl.gz/1474

Sand ist zu einem knappen Gut geworden. In Singapur droht ein Streit um eine künstlich aufgeschüttete Insel zu eskalieren.
Im Juni 2014 wurden Autofahrer auf einer Brücke zwischen Singapur und Johor Bahru auf eine merkwürdige Begebenheit aufmerksam: Aus der Meerenge begann plötzlich eine schmale Sandbank emporzuwachsen. Über die Brücke, die den Stadtstaat mit dem malaysischen Festland verbindet, verkehren täglich tausende Pendler. In den darauffolgenden Wochen wurden immer mehr Baufahrzeuge gesichtet. Bagger luden Geröll und Schutt von Transportern ab und schütteten tonnenweise Sand ins Meer. Die Sandbank ist Teil eines gigantischen Projekts: Forest City.
Ein chinesisch-malaysisches Konsortium plant eine 2000 Hektar grosse künstliche Insel mit Luxusapartments zu errichten. 49 Hektar, eine Fläche so gross wie 70 Fussballfelder, müssen dem Meer im ersten Bauabschnitt abgerungen werden. Das Projekt wurde schnell zu einem Politikum. Der Grund: Die Sandbank ragt in singapurisches Staatsgebiet. Premierminister Lee Hsien Loong forderte die malaysische Regierung umgehend auf, die Bauarbeiten einzustellen. Singapur befürchtet eine Verschlammung der Wasserstrasse und Auswirkungen auf seine Küstenlinie. Das Projekt Forest City zeigt wie unter einem Brennglas die Problematik: Der Streit um Land und Sand.
Wenn etwas «wie Sand am Meer» vorhanden ist, deutet das zumindest im Volksmund auf Überfluss hin. Sand scheint es ohne Ende zu geben. In Wüsten, an Stränden, im Meer. Doch Sand wird zu einem knappen Gut. Jedes Jahr, so schätzt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), werden zwischen 47 und 59 Milliarden Tonnen Material abgebaut, hauptsächlich Sand und Kies. Vor allem die Bauwirtschaft braucht Sand für Zement als Bausubstanz. Für eine Tonne Zement benötigt man etwa sechsmal so viel Sand und Kies. 2012 wurden nach Angaben des UNEP zwischen 25,9 und 29,6 Milliarden Tonnen Zement produziert. Damit könnte man eine 27 Meter hohe Mauer um den Äquator bauen.
Hinzu kommt der Strassenbau. In China wurden allein 2013 146'000 Kilometer Strassen asphaltiert. Auch die High-Tech-Industrie benötigt Sand für Prozessoren. Und schliesslich – die Landgewinnung. Konservative Schätzungen gehen von jährlich 40 Milliarden Tonnen Sand und Kies aus. Das ist die zweifache Menge an Sedimenten, die in Flüssen abgelagert werden.
Für The Palm Jumeirah, die spektakuläre Sandinsel in Dubai, benötigte man allein 186,5 Millionen Kubikmeter Sand und nochmals 10 Millionen Kubikmeter Gestein. Weil die eigenen Sandbänke erschöpft waren, musste Dubai Sand aus Australien anliefern lassen, u.a. auch um den Wolkenkratzer Burj Khalifa aus dem Boden zu stampfen. Es ist schon grotesk: Ein Wüstenland muss Sand importieren. Für ihre megalomanen Projekte brauchen die Scheichs das gelbe Gold. Das 13 Milliarden-Dollar-Projekt «The Palm Jebel Ali», dessen 300 künstliche Inseln eine Weltkarte markieren, verschlang weitere 450 Millionen Tonnen Sand.
Die Folgen für die Umwelt sind dramatisch. Das Abtragen grosser Mengen Sand in Seen und Flüssen etwa führt zu Veränderungen des Flussbetts und der Biodiversität. Im indischen Vembanad Lake, wo jährlich 12 Millionen Tonnen Sand abgebaut werden, sank das Flussbett um fast 15 Zentimeter. Es kommt zu anderen Gezeiten und Dürreperioden. Darüber hinaus beeinträchtigt der Maschinenlärm die Kommunikation der Fische. Tausende Schwimmbagger durchkämmen die Ozeane und saugen kleine Meerestiere mit auf. Die Entnahme von Meeressand führt überdies zur Erosion der Strände.
In Miami muss der Sand aus dem Meer gepumpt werden, um die Strände zu erhalten. Ein bizarrer Kreislauf. In Indonesien sind ganze 20 Inseln verschwunden. In Marokko stammt die Hälfte des Sandes, gut 10 Millionen Kubikmeter, aus illegalen Sand-Minen. Sand-Schmuggler haben einen Strandabschnitt bei Essaouira in ein Bergwerk über Tage transformiert. Wo eigentlich Urlauber in der Sonne am Strand liegen, stehen nun Lastwägen, die mit Sand beladen werden. Das Geschäft blüht, auch weil die Nachfrage nach Sand stetig steigt. In den USA, wo Sand zum Fracken benötigt wird, ist die Nachfrage nach dem Rohstoff im Jahr 2014 um 30 Prozent gestiegen. In Minen in South Dakota wird tonnenweise Sand abgetragen.
Die hohe Nachfrage treibt den Preis in die Höhe. Kostete eine Tonne importierter Sand in Singapur zwischen 1995 und 2001 noch durchschnittlich 3 Dollar pro Tonne, stieg der Preis zwischenzeitlich auf über 190 Dollar. Inzwischen hat er sich bei rund 60 Dollar eingependelt. Was immer noch eine Menge Geld ist. Um einen halben Hektar Land in Singapur zu gewinnen, schätzen Experten, benötigt man etwa 37,5 Millionen Kubikmeter Sand. Kostenpunkt: Rund 300 Milliarden Dollar.
In Singapur ist der Zugang zu Sand zum Objekt nationaler Sicherheit geworden. Sand wird in riesigen Reservoiren gelagert. Die Speicher werden besser bewacht als manches Kaufhaus. Auf Karten tauchen sie erst gar nicht auf – die Lagerstätten sind militärisches Sperrgebiet.
Singapur ist im wahrsten Sinne des Wortes auf Sand gebaut. Viele Attraktionen wie etwa die Marina Bay oder «Gardens by the Bay» wurden auf künstlichen Inseln gebaut. Die Fläche des Stadtstaates ist seit den 1960er Jahren um 22 Prozent gestiegen. Singapur wächst – horizontal und vertikal. Zum Ärger seiner Nachbarn. Malaysia liefert seit 1997 keinen Sand mehr nach Singapur, und auch Indonesien hat einen Lieferstopp verhängt.
Die Medien stilisieren die Streitigkeiten bereits zu einem «Sand War» – den, je nach Standort der Zeitungen, entweder Singapur oder Malaysia vom Zaun gebrochen hat. Das Projekt Forest City führt indes zu weiteren diplomatischen Verwerfungen zwischen Malaysia und Singapur. Wie die «New Straits Times» berichtet, befürchtet Malaysia «Vergeltung».
Singapur könnte auf seinen Inseln Pulua und Tua weiter Landgewinnung betreiben und in malaysischem Territorium wildern. Der Streit droht zu eskalieren. Der Fall könnte erneut vor dem Internationalen Seegerichtshof (ISGH) in Hamburg landen, der zuletzt 2003 angerufen wurde, aber keine Streitbeilegung zwischen den Parteien herbeiführen konnte. Ein Ende des Konflikts ist nicht in Sicht.