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Alt ist relativ. In Kirgistan etwa liegt die Lebenserwartung für Männer bei 65 Jahren, für Frauen bei 73 – global gesehen nicht allzu hoch. Und viele dieser Leben verlaufen nicht so, wie es sich die Alten einmal vorgestellt haben, das wissen Angela Hett (51) und Roman Donà (47) ganz genau. Denn das Ehepaar aus Aarau unterstützt Lubov, Taisiya, Evdokiya und Jamil, vier kirgisische Pensionierte, jeden Monat mit 15 Franken pro Person.
Vermittelt hat dies das kleine Hilfswerk «Babushka Adoption» in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek, das 1999 mit der Unterstützung der schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) gegründet worden ist. Angela Hett und Roman Donà zählen zu einigen Dutzend Schweizerinnen und Schweizern, die eine Pensionierte oder einen Pensionierten in Kirgistan adoptiert haben.
Babuschka heisst auf Russisch Grossmütterchen. Die Stiftung unterstützt rund 1000 Menschen im Kampf gegen die finanzielle Not, aber auch gegen die weitverbreitete Einsamkeit: Sie organisiert Selbsthilfegruppen, ermöglicht den sozialen Austausch.
Zwischen den einstigen Hoffnungen und der heutigen Realität der Hilfsbedürftigen liegen ein in seine Einzelteile zerfallenes Riesenreich namens Sowjetunion, eine Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 1991 und zwei Volksaufstände. Viele Kirgisinnen und Kirgisen im Rentenalter haben früher in Kolchosen gelebt und gearbeitet, auf genossenschaftlich organisierten Grossbetrieben. Sie gingen davon aus, dass sie auch im Alter in der Gemeinschaft bleiben und man nach ihnen schauen würde. Heute leben sie in anonymen Plattenbauten, sind einsam und arm.
Jamil gehört zu den Pensionierten, die mit weniger als 50 Franken Rente im Monat nicht mehr über die Runden kamen. Eine Nachbarin hatte gesehen, wie er zusehends verwahrloste, und meldete ihn bei «Babushka Adoption» an. Als der kaufmännische Angestellte Roman Donà 2014 für die Stiftung in Bischkek arbeitete, während seine Frau dort eine Sprachschule besuchte, lernte er Jamil kennen. Acht Wochen lang kümmerte er sich um ihn – heute nennt der Kirgise den Schweizer seinen Freund.
Zweimal wöchentlich schaute Roman Donà bei Jamil vorbei, putzte, wusch, unterhielt sich mit ihm. Bis zum Zerfall der UdSSR hatte Jamil für das staatliche Fernsehen gearbeitet. Als es das Land plötzlich nicht mehr gab, von dem er einen Pass und eine Pensionskasse erhalten hatte, war auch seine Frau weg. Sie ging zurück nach Russland, wo sie und Jamil ursprünglich herkamen. Jamil braucht wegen seines Asthmas teure Medikamente. Was solle sie mit einem alten Kranken, habe sie gesagt, noch dazu mit einem, der am liebsten über Gravitation redet, über Lichtgeschwindigkeit und Frequenzen?
Im Herzen Nomaden geblieben
Roman Donà muss noch heute darüber lachen, wenn er an die Gespräche zurück- denkt, die er mit Jamil in rudimentärem Englisch geführt hat. Er klickt sich durch die Bilder von der Reise nach Zentralasien: gemeinsam mit Angela Hett auf dem Velo von Aarau nach Istanbul. Dann mit den öffentlichen Verkehrsmitteln die Seidenstrasse entlang, bis sie im Herbst in Kirgistan ankamen. «Wir haben uns auf Anhieb in dieses Land verliebt», erzählt Angela Hett, in diese unendliche Bergwelt, in die Leute. «In Kirgistan fragt dich niemand, woher du kommst oder wohin du gehst», ergänzt Roman Donà. Kirgisen sind im Herzen Nomaden geblieben. Eine Matte für Gäste und fertiges Essen trafen Donà und Hett in jedem Haus an, das sie betraten. Deshalb entschieden sie sich, ihre Reise zu unterbrechen und eine Zeit lang in Kirgistan zu bleiben.
Doch trotz der Grosszügigkeit, die sie antrafen, war nicht zu übersehen, wie wenig gewisse ältere Menschen zum Leben haben. Sie habe Frauen gesehen, die in der Warteschlange vor dem kleinen Hilfswerk weinten – aus Hilflosigkeit und auch ein wenig aus Scham, erzählt Hett. Vor allem russischstämmige Pensionierte sind von extremer Armut betroffen. Leute wie Jamil, die im Gegensatz zu den Kirgisen keine Familie im Land haben. Da bleibt nur noch die magere Pension von Väterchen Staat. Kommt hinzu, dass alte Menschen in Kirgistan, wo das Durchschnittsalter nicht mal 27 Jahre beträgt (in der Schweiz: 42 Jahre), keine Lobby haben.
Wer Altersarmut so hautnah erlebt hat wie Angela Hett und Roman Donà, macht sich unweigerlich auch Gedanken über das Alter im Allgemeinen und das eigene im Speziellen. Hett, die als Hausärztin auch oft mit älteren Menschen zu tun hat, fragt sich, was Würde im Alter bedeutet. Ist es Geld? Im Fall ihrer kirgisischen Schützlinge schon, findet sie. Genug zum Leben zu haben, darauf hätten ältere Menschen ein Anrecht.
Luxusgüter hingegen bedeuten ihr nichts, denn der grösste Luxus sei, Zeit zu haben. Angela Hett hat bereits zwei Enkelkinder und will, dass auch sie ein gutes Leben führen können, wenn sie alt sind. Und sie hofft, dass sie und ihr Mann bis ins hohe Alter reisen können, immer ihrer Nase nach. Und irgendwann, wünscht sich Angela Hett, «falle ich dann einfach um».