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In den USA investieren neben Hedgefonds auch Neureiche in traditionelle Medienunternehmen. Unter anderem der Schweizer Milliardär Hansjörg Wyss, der die «Chicago Tribune» kaufen will.
Am Ostermontag erklärte das «Wallstreet Journal» den in den USA lebenden Schweizer Milliardär Hansjörg Wyss und dessen Geschäftspartner, den Hotelunternehmer Stewart Bainum, zu vorläufigen Siegern in der Übernahmesaga der Tribune Publishing Company. Die beiden Privatinvestoren überboten die 635-Millionen-Dollar-Offerte des Hedgefonds Alden Global Capital für den drittgrössten Medienkonzern der USA, zu dessen Portfolio auch die «Chicago Tribune» gehört.
Die JournalistInnen vor Ort hoffen, dass der Handel mit Newslight, dem neuen Medienunternehmen von Wyss und Bainum, zustande kommt. Denn sie kennen und fürchten die Alternative. Eine Übernahme durch Alden Global heisst Profitmaximierung ohne Rücksicht auf Verluste. Rund siebzig Tageszeitungen hat Aldens Media News Group bisher erworben. In den meisten Redaktionen strichen die neuen Besitzer 75 Prozent oder mehr der Stellen und verzichteten meist ganz auf den kostenintensiven Lokaljournalismus.
Jeff Bezos als Vorbild
Die Mediensituation in den USA ist alles andere als rosig. Über 2000 Zeitungen sind in den vergangenen fünfzehn Jahren eingegangen. Die Zahl der JournalistInnen ist um die Hälfte geschrumpft. «Wir brauchen einen lokalen Besitzer oder eine lokale Besitzergruppe mit Bürgersinn», schrieben verzweifelte JournalistInnen der «Chicago Tribune» im Januar 2020 in einem offenen Brief, als bekannt wurde, dass Alden Global auch ihre Zeitung aufkaufen und rationalisieren wollte. Lange Zeit geschah nichts. Erst Ende März 2021 meldete sich der 85-jährige Wahlamerikaner Wyss mit seinem Überraschungsangebot. Er wolle nicht, dass in den USA eine weitere seriöse Zeitung den Bach runtergehe, sagte er der «New York Times». Amazon-Gründer Jeff Bezos habe die «Washington Post» finanziell wieder auf die Beine gebracht, und zwar ohne deren redaktionelle Linie zu kompromittieren. Etwas Vergleichbares wolle er für die «Tribune» tun.
Hansjörg Wyss ist zwar ein Medienneuling, jedoch ein gestandener Mäzen. Sein Privatvermögen von schätzungsweise 8,7 Milliarden Dollar ist wohl mit ein Grund dafür, dass er den US-Bundesstaat Wyoming, ein Steuerparadies für Superreiche, als Wohnsitz angibt. Das ganz grosse Geld machte Wyss 2012 mit dem Verkauf der von ihm gegründeten Medizinaltechnikfirma Synthes an das US-amerikanische Pharmaunternehmen Johnson & Johnson. Seither spendet der Philanthrop für unzählige gute Zwecke, die meisten davon links und grün. In der Schweiz unterstützte Hansjörg Wyss 2015 die Initiative «Raus aus der Sackgasse» und eine höhere Erbschaftssteuer. Seither wird er zuweilen als «Anti-Blocher» gehandelt. In den USA spricht man eher von einem zweiten George Soros. Im Herbst 2018 versprach Wyss öffentlich, eine Milliarde Dollar für die Rettung des Planeten zu spenden. Jetzt will er tief in die Tasche greifen, um die US-Medienlandschaft zu bewahren.
Neue Pressebarone
In den letzten Jahren sind auffallend viele altehrwürdige US-Medien von neureichen Privatleuten «gerettet» worden: 2013 erwarb Jeff Bezos die «Washington Post» (Gründungsjahr 1877). Vier Jahre später kaufte Laurene Powell Jobs, die Witwe des 2011 verstorbenen Apple-Gründers Steve Jobs, das Monatsmagazin «The Atlantic» (1857). Kurz darauf übernahm der südafrikanisch-amerikanische Transplantationschirurg Patrick Soon-Shiong die «Los Angeles Times» (1881). Sollte Newslight der Erwerb der Tribune Publishing Company gelingen, will Wyss’ Partner Steve Bainum die «Baltimore Sun» (1837), den «Orlando Sentinel» (1876) und die «New York Daily News» (1919) übernehmen. Hansjörg Wyss hat für sich die «Chicago Tribune» (1847) ausgesucht.
Die bald 200 Jahre alte Geschichte der US-Presse samt ihrem viel beschworenen öffentlichen Auftrag ist in den Händen einiger weniger vermögender Privatpersonen angekommen. Zeitungstitel wechseln die Hand wie prestigeträchtige Auktionsstücke einer Antiquitätensammlung.
Was können ein Onlinehändler, ein Chirurg, eine Erbin, ein Hotelier und ein Medtech-Milliardär dem Tageszeitungsgeschäft auf Dauer schon abgewinnen? Nicht allzu viel, meint das internationale Nachrichtenmagazin «The Economist» in der neusten Ausgabe. Die Begeisterung der neuen Medienmäzene kühle in der Regel schnell ab. Denn: «Die Finanzen einer Zeitung zu verwalten, macht viel weniger Spass, als sich als Pressebaron aufzuspielen.»