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25.11.2019 - Laura Weidacher
25.11.2019
Laura Weidacher
Dialoge aus der Wunderkammer
Ein komponierendes Liebespaar, ein Festival und eine einzigartige Basler Institution, geeint in „Paul Sachers Wunderkammer“.
Wunderkammern nannte man in Spätrenaissance und Barock Sammlungen von Kuriositäten und Raritäten. Basel besitzt eine aus Musik. Sie befindet sich in einer blassrosa-grau getünchten Villa hoch oben am Basler Rheinufer und birgt unvorstellbare Schätze von Musik-Autographen des 20. und 21. Jahrhunderts: Die Paul Sacher Stiftung. Sie wurde vom Kunstmäzen und Dirigenten Paul Sacher im April 1986 mit einer grossen Ausstellung des Kunstmuseums Basel eröffnet. Seitdem sind geradezu ungeheure Schätze in die gepanzerten Tresore der Bibliothek gewandert, darunter die Nachlässe von Anton Webern, Frank Martin, György Ligeti, Edgar Varèse und Luciano Berio – um nur einige zu nennen – eine weltweit einzigartige Institution.
Martinůs letzte Reise
Einer dieser Nachlässe birgt das Vermächtnis des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů (1890-1959), den mit Paul Sacher und dessen Frau Maja nicht nur ein musikalisches, sondern darüber hinaus ein freundschaftliches Verhältnis verband.
Bohuslav Martinů auf einem Foto um 1942 / commons.wikimedia.org
Nach seinem Tode im Kantonsspital Liestal wollte seine Frau Charlotte mit ihm in Martinů’s Geburtsort Polička begraben werden, was im immer noch russisch besetzten Böhmen auf politische Widerstände stiess. Paul Sacher liess Martinů dann auf seinem eigenen Ansitz, der Villa am Schönenberg in Pratteln nahe Basel, begraben. Erst 1979 konnte Martinů, nach dem Tode seiner Frau Charlotte, die „Heimreise“ dann endlich antreten, um in Polička neben ihr begraben zu werden – die letzte von Martinůs zahlreichen Reisen. Er erhielt in Polička ein Staatsbegräbnis.
Vorher jedoch, als seine Musik von den Nationalsozialisten verboten worden war, hatte er emigrieren müssen. Mit seiner Frau Charlotte ging er zuerst nach Frankreich, später in die USA. Er kehrte erst 1953 nach Europa zurück. Seine letzten Lebensjahre ab 1956 verbrachte er in der Schweiz, hauptsächlich bei den Sachers am Schönenberg.
In Musik und Liebe verbunden
Während Martinůs Aufenthalt in Paris verliebte er sich 1938 in seine um 25 Jahre jüngere Kompositionsschülerin Vitizslava Kaprálová. Diese grosse und glückliche Liebe sollte sich auch nach dem krankheitsbedingten frühen Tode Kaprálovás 1940 in Martinůs Werk bis zuletzt niederschlagen, unter anderem in einer immer wieder eingesetzten Akkordfolge, welche als „Giulietta-Akkord“ in die Musikgeschichte eingegangen ist.
Unter dem Vorzeichen „Dialoge“ organisierte das Theater Basel zusammen mit dem Basler Sinfonieorchester ein Konzert, welches unter anderem die beiden Liebenden in meist kleinen, kurz aufleuchtenden musikalischen Episoden in Dialog treten liess. Unter der Leitung des höchst engagierten und alle Ausführenden anfeuernden Pianisten Stephen Delaney machten die Ensemblemitglieder Sarah Brady und Kristina Stanek und Mitglieder des Basler Sinfonieorchesters das kleine, aber feine Konzert zu einem Erlebnis, in welchem die Spuren einer grossen Liebe nachvollziehbar aufblitzten.
Sitz der Paul Sacher Stiftung / commons.wikimedia.org
Die Paul Sacher Stiftung in Basel hütet und erforscht Nachlässe der wichtigsten modernen Komponisten. Nun erweckt sie ihre Schätze zum Leben.
Martinů Festtage Basel
Dieses Konzert war einer der Schlusspunkte der nun seit 25 Jahren im Herbst stattfindenden Basler Martinů Festtage, welche 1995 vom Pianisten Robert Kolinsky gegründet worden sind und zunehmend hochkarätige Künstler nach Basel holt. Es kann sich auch auf angesehene Patronatsmitglieder stützen, so die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright und Bundesrat Alain Berset.
Komponistinnen in der Wunderkammer
Das Konzert machte aber auch wieder neugierig auf die Weiterführung der „Wunderkammer“-Reihe im Theater Basel. Als nächstes steht unter dem Titel „Russisches Gebet“ am 26. Januar 2020 ein Konzert fest, welches sich den beiden großartigen Komponistinnen Sofia Asgatowna Gubaidulina und Galina Ustwolskaja (gest. 2006) widmet. Die Tatarin Gubaidulina, allgemein berühmt geworden durch ihr Violinkonzert, welches von dessen Widmungsträgerin Anne-Sophie Mutter eingespielt worden ist, lebt zwar noch, hat aber ihren sogenannten „Vorlass“ bereits in der Paul Sacher-Stiftung deponiert. Glückliches Basel!
Titelbild: Sinfonieorchester Basel im Musiksaal des Stadtcasinos Basel (Ausschnitt). Foto: Benno Hunziker / commons.wikimedia.org