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Der Gliedstaat im nördlichen Mittelwesten ist eines der Schlachtfelder der Präsidentschaftswahlen 2020. Das Zünglein an der Waage könnten die Bergbauanhänger – oder deren Gegner – in der Iron Range spielen.
The iron ore poured as the years passed the door
The drag lines an’ the shovels they was a-humming
’Till one day my brother failed to come home
The same as my father before him
aus «North Country Blues» von Bob Dylan, 1963
Jedes Land, jeder Gliedstaat hat seinen Wirtschaftssektor, der früher einmal glänzte, Boom-und-Bust-Phasen erlebte und politisch stets über der eigenen Gewichtsklasse boxt(e). Fast überall ist es die Landwirtschaft, in Pennsylvania ist es die Stahlindustrie, in West Virginia sind es die Kohleminen. In Minnesota ist es der Bergbau, genauer gesagt die Eisenerzförderung.
Ab Ende des 19. Jahrhunderts verschaffte der Abbau üppig vorhandener Erzvorkommen in der sogenannten Iron Range im Nordosten des Gliedstaats mehreren Generationen ein gutes Auskommen. Der Industriezweig half den USA, Kriege zu gewinnen, Wolkenkratzer zu errichten und Autos zu bauen. In ihrer mythenumrankten, von Blut, Schweiss und Tränen geprägten Geschichte stand die Bergbauindustrie aber auch immer wieder still. Es gab Zeiten, da die Minen während der Wintermonate schlossen und die Kumpel eisfischen gingen. Noch jedes Mal sei der Aufschwung gekommen oder mindestens der Frühling, heisst es. Das macht den politischen Reiz der Branche aus.
Der nächste Aufschwung kommt bestimmt
Auch die Präsidentschaftskandidatin aus Minnesota, die Demokratin Amy Klobuchar, spielt geschickt auf der Nostalgieklaviatur. Ihre Urgrosseltern väterlicherseits waren aus Slowenien in die USA gekommen und landeten in den Minen von Ely, nahe der Grenze zu Kanada. Die Grosseltern mütterlicherseits stammten aus der Schweiz, und Grossvater Martin Heuberger arbeitete als Confiseur in Milwaukee.
Als Klobuchar vor einem Jahr in Minneapolis inmitten eines Schneesturms ihre Kandidatur lancierte, war klar, was sie sagen würde: «Ich stehe vor euch als Enkelin eines Eisenerzkumpels.» Ihr Grossvater Mike Klobuchar habe das harte Leben der Minenarbeiter verkörpert, schreibt sie auch in ihrer Autobiografie: «Rotes Gestein, schwere Arbeitsstiefel, Essensbehälter mit Fleischpastete, eiskalte Fussmärsche zur und von der Arbeit, Saufgelage am Samstagabend und Messe am Sonntagmorgen.»
Die in der Regel gewerkschaftlich organisierten Minenarbeiter der Iron Range werden hart umworben, obwohl heute nur noch wenige Beschäftigte im Sektor tätig sind, der knapp 3% der Wirtschaftsleistung ausmacht. Selbst im Nordosten Minnesotas und im achten Wahlkreis, wo der Sektor konzentriert ist, macht der Bergbau nur etwa 4% der Beschäftigung aus. Aber: Ein Minenarbeiter verdient 90 000 $ im Jahr, während das mittlere Haushaltseinkommen in Minnesota 68 000 $ beträgt. Die Jobs in den Minen sind begehrt.
Einst eine Bastion der Demokraten, schaffte es der Republikaner Pete Stauber 2018 mit einer dezidierten Pro-Mining-Kampagne, den Demokraten den Sitz im US-Kongress abzuluchsen, nachdem bereits Donald Trump 2016 den Wahlkreis, nicht aber den Gliedstaat für sich hatte entscheiden können. Trumps Antipodin im Wahlkampf von 2016, die Demokratin Hillary Clinton, hatte dagegen wegen ihrer Kampfansage an die mit der Erzförderung verwandten Kohleindustrie («Wir werden die Kohleminen ausser Gefecht setzen») in der Iron Range nie eine Chance; sie hatte sich in Minnesota auch nie sehen lassen und gewann den Gliedstaat nur knapp.
Lange war Minnesota der Erzlieferant nicht nur des Landes, sondern der ganzen Welt. Im historischen Durchschnitt dürfte der Anteil der Iron Range an der gesamtamerikanischen Erzproduktion bei 75% liegen. Die Minen sind aber einem ständigen Auf und Ab ausgesetzt. Auf die Boomphase rund um den Ersten Weltkrieg folgten die Roaring Twenties, worauf die US-Eisenerzproduktion im Jahr 1932 im Zuge der Grossen Depression auf gerade einmal 9,5 Mio. t absackte. Der Zweite Weltkrieg brachte einen neuerlichen Boom, aber auch eine Zäsur in zweierlei Hinsicht.
Einerseits begannen sich die Vorkommen hochgradiger Erze zu erschöpfen. Die Minen in und um Ely, in denen Grossvater Klobuchar unter Tage den Grossteil seines Lebens verbrachte, schlossen in den 1950er und 1960er Jahren, und Klobuchar wechselte in die Forstwirtschaft. Anderswo in der Iron Range garantierte dagegen die Taconite-Revolution dem Minnesota-Bergbau den Fortbestand. Der Abbau von Takonit, einem Gestein mit geringem Eisengehalt, und dessen Verarbeitung zu Erzpellets als Rohstoff für Eisen und Stahl war wirtschaftlich geworden.
In einer offenen Mine bei Hibbing wird Takonit abgebaut, welches Eisenerz als Rohstoff für Eisen und Stahl weitgehend abgelöst hat.
Anderseits erwachte die Eisenerzproduktion im Ausland. 1945 stammten 56,5% der globalen Produktion aus den USA, der Grossteil davon aus Minnesota. Über die Jahrzehnte ist dieser Anteil auf heute noch knapp 2% geschrumpft. Für die Iron Range war die ausländische Konkurrenz lange kein Problem, weil die globale Nachfrage nach Eisen und Stahl und damit Erz stark wuchs. Gerade die Zeit von 1965 bis 1979 gilt dank der Taconite-Revolution als Boomperiode. Per Ende der 1970er Jahre ersetzte Takonit das natürliche Eisenerz als Rohstoff für Eisen und Stahl praktisch vollständig.
Auch in der Krise von 1982 spielten Importe von Erzen oder Stahl noch eine untergeordnete Rolle. Die Iron Range und die von ihr belieferten Stahlwerke litten damals unter der scharfen Rezession im Land, welche die Fahrzeugindustrie besonders stark traf. Waren 1979 auf dem Höhepunkt noch rund 16 000 Arbeiter in den Minen von Minnesota beschäftigt, betrug die Beschäftigtenzahl 1982 vorübergehend nur noch einen Bruchteil davon. Sieben von acht Minenoperationen stellten den Betrieb ein.
Die unerklärliche Krise von 2015
Die Erholung kam allmählich, aber die Produktion pendelte sich auf einem niedrigeren Niveau ein und brauchte dank technologischen Fortschritten permanent weniger Personal. Die 1990er waren dann wieder recht gute Jahre, bis 2001 LTV Mining in Hoyt Lakes schloss und 1400 Minenarbeiter den Job verloren. Die Jahresproduktion von Eisenerz stabilisierte sich in der Folge auf etwa 40 Mio. t pro Jahr und erlebte in der Rezession 2009 nur einen kurzen, wenn auch heftigen Einbruch.
Die Krise von 2015 und 2016 fühlte sich anders an, weil sie in einer Zeit des allgemeinen Aufschwungs kam. Eine Schwemme von ausländischem Stahl drückte die Erzpreise Mitte 2015 auf ein Zehnjahrestief. Der Marktanteil der Stahlimporten stieg auf 29% und liess die Auslastung der amerikanischen Stahlhütten auf 70% sinken. Sieben von damals elf Iron-Range-Minenoperationen stellten den Betrieb ein. Es kam zu 2000 Entlassungen.
Rufe nach Schutzzöllen wurden laut, trotz schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit. Der republikanische Präsident George W. Bush hatte bereits 2002 vorübergehend flächendeckende Zölle auf Stahlimporten angeordnet. Diese Massnahmen kosteten aber mehr Amerikaner (200 000) den Job, als damals in der gesamten Stahlindustrie (187 500) beschäftigt waren. Darüber hinaus waren über die Jahrzehnte Dutzende verschiedene US-Antidumping- und -Ausgleichszölle auf Eisen- und Stahlprodukten aus aller Welt in Kraft, ohne dass der Branche damit je nachhaltig geholfen war.
Treibende Kraft hinter den Schutzbegehren war stets der Konzern US Steel, der mit Minntac in Mountain Iron und Keetac in Keewatin in der Iron Range nicht nur zwei Eisenerzoperationen, sondern landesweit mehrere Stahlhütten betreibt. Und Politiker hatten stets Gehör für die Anliegen.
Populäre Zölle
So auch die heutige Präsidentschaftskandidatin Amy Klobuchar, die Minnesota seit 2006 im amerikanischen Senat vertritt. In ihrem Buch schreibt sie, dass die lokale Metallgewerkschaft in der Iron Range eine der ersten Organisationen überhaupt war, die damals ihre Kandidatur für den Senat unterstützten. Es erstaunt nicht, dass Klobuchar für die Avancen von US Steel empfänglich ist. Sie brachte Vertreter der Regierung Obama Ende 2015 dazu, die Iron Range zu besuchen, und trug unter anderem dazu bei, dass im März 2016 die Regierung Antidumpingzölle von 266% auf gewalztem Stahl aus China und von 71% auf Produkten aus Japan verhängte.
Ein solches Engagement ist bei den betroffenen Minenarbeitern populär. Die Erholung der Erzproduktion seit 2017 in der Iron Range wird denn auch eher Obama und Klobuchar zugeschrieben als Donald Trump. Dessen flächendeckende Sonderzölle auf Stahl und Aluminium traten erst im Frühling 2018 in Kraft und waren nicht primär als Geste für die Erzförderer, sondern als Schutzmassnahme für die Stahlproduzenten gedacht. Wer die Iron Range im Jahr 2016 «gerettet» hat, darüber werden sich Demokraten und Republikaner in diesem Jahr noch trefflich streiten.
Die Demokratin Amy Klobuchar, Präsidentschaftskandidatin aus Minnesota, bedient nostalgische Gefühle der Minenarbeiter.
2020 wird in Minnesotas Bergbaumilieu aber nicht nur mit Subventions- oder Schutzversprechen Wahlkampf gemacht. Profilieren kann man sich vor allem auch mit einer klaren Haltung zu zwei neuen Minenprojekten, die nach der Taconite-Revolution der Iron Range einen neuerlichen Boom versprechen. Das Problem: Es geht nicht um den Abbau von Eisenerz, mit dem man in Minnesota über hundert Jahre Erfahrung hat, sondern um die erstmalige Förderung von Kupfer-Nickel.
Für hitzige Diskussionen sorgen dabei vor allem Umweltbedenken. Der Prozess zur Gewinnung von Kupfer-Nickel setzt Schwefelsäure frei und kann umliegende Gewässer enorm belasten. Im Fall der beiden geplanten Projekte sind die Bedenken besonders gross. Dies, weil die eine, als Untergrundmine vorgesehene Twin-Metals-Operation in der Rainy-River-Wasserscheide zu liegen käme, die in die Boundary Waters Canoe Area Wildnerness (BWCA) ausserhalb Ely und in die Hudson Bay entwässert. Die andere, Polymet genannte Anlage würde dagegen im Quellgebiet des St.-Louis-Flusses errichtet, des wichtigsten Zuflusses zum Lake Superior.
Umweltschützer gegen Minenfans
Die Risiken gelten als hoch, die Chancen auch. Die Iron Range sitzt auf mehr als 4 Mrd. t Kupfer, Nickel und anderen wertvollen Metallen und hat weltweit eines der grössten noch unerschlossenen Mineralvorkommen. Twin Metals hat 650 direkte und 1300 indirekte Jobs versprochen, Polymet will 360 direkte und 1000 indirekte Jobs schaffen. Angesichts von derzeit noch höchstens 4000 bis 5000 in der Eisenerzförderung verbleibenden Beschäftigten wäre das ein willkommener Stimulus für die Iron Range.
Gegner der Kupfer-Nickel-Minenprojekte trauen den Beteuerungen der hinter den beiden Projekten stehenden multinationalen Konzerne, dass dank technologischen Fortschritten ein umweltfreundlicher Abbau der Mineralien möglich sei, nicht. Hinter Twin Metals steckt der umstrittene chilenische Konzern Antofagasta und hinter Polymet der Schweizer Multi Glencore. Glencore war lange an Polymet beteiligt, stockte aber seinen Anteil erst Mitte 2019 von 29 auf 72% auf. Dass plötzlich ein globaler Player mit kaum einwandfreiem Ruf in der beschaulichen Iron Range das Sagen hätte, sorgt in Minnesota für Unbehagen.
Polymet hat im Prinzip alle nötigen Bewilligungen, um die Mine zu erstellen. Inzwischen sind aber Unregelmässigkeiten im Bewilligungsprozess und in den Umweltverträglichkeitsprüfungen aufgetaucht, so dass sich nun die Gerichte mit dem Fall beschäftigen. Twin Metals steht dagegen noch am Anfang. Der Ableger von Antofagasta will seinen Operationsplan für die Mine noch dieses Jahr einreichen, was einen jahrelangen Bewilligungsprozess auslösen wird.
Gegner kritisieren auch, dass die Minen nur rund zwanzig Jahre betrieben würden. Einen dauerhaften Boom werde es nicht geben. Stattdessen wird befürchtet, dass die Operationen und ihre Emissionen dem Tourismus, dem zweiten wirtschaftlichen Standbein der Iron Range, Schaden zufügen. Ein Ort wie Ely, der seine Gründung der Eisenerzförderung schuldet, heute aber vom Tourismus und von der anderen natürlichen Ressource, dem Wildnisgebiet BWCA lebt, ist wegen des Konflikts zwischen Umweltschützern und Minenarbeitern tief gespalten. Wer durch die Gegend fährt, sieht deshalb nicht Wahlplakate mit Kandidatennamen von Demokraten oder Republikanern. Stattdessen heisst es entweder «we support mining» oder «save the fish».
Das Schlachtfeld Minnesota
Am 3. März finden in Minnesota die Vorwahlen der Demokraten statt. Bei einem Augenschein Ende Januar ist die Hafenstadt Duluth, die den 8. Kongressbezirk verankert und der Iron Range als Tor zur Welt dient, tief verschneit. Von Wahlaufregung ist noch nichts zu spüren, und zwei Gesprächspartner sagen unabhängig voneinander, die Vorwahlen seien eh nur für Spinner. Als Einheimische hat Amy Klobuchar aber gute Chancen, die meisten der immerhin 75 Delegiertenstimmen abzuholen. Sie gewann 2018 ihren US-Senatssitz mit 60,3% der Stimmen gegen einen republikanischen Herausforderer mit 36,2% der Stimmen. Klobuchar erreichte dabei in den meisten von Minnesotas 87 Bezirken eine Mehrheit, auch in solchen, die Donald Trump 2016 klar für sich entschied. Sie gewann auch den 8. Kongressbezirk, der den nordöstlichen Teil von Minnesota und damit die Iron Range umfasst, klar mit 10 Prozentpunkten Vorsprung. Die 59-Jährige, die vierzehn Jahre als Anwältin im Privatsektor gearbeitet und zwei Amtszeiten als Staatsanwältin des urbanen, bevölkerungsreichen Hennepin County absolviert hat und seit 2006 als Senatorin den Gliedstaat Minnesota in Washington vertritt, ist keine Ideologin, sondern sucht den parteienübergreifenden Kompromiss. Wer in einem Swing State wie Minnesota eine Wahl nach der anderen gewinne, werde auch auf nationaler Ebene Erfolg haben, argumentiert die zähe Politikerin mit slowenischen und Schweizer Wurzeln.