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Auftakt zur Jubiläums-Serie: Aus heutiger Sicht gilt die Bäuerin Mina Hofstetter als Pionierin des biologischen Landbaus. Sie darauf zu reduzieren, würde ihr aber nicht gerecht. Trotz Hof und sieben Kindern schaffte sie es, mehrere Bücher und Schriften zu verfassen, deren Gedankengut ihrer Zeit weit voraus war – und eine Persönlichkeit durchschimmern lässt, die generell nicht vor unbequemen Fragen zurückschreckte. Kniefall vor einer Visionärin.
Von Carmen Hocker
Gehorsam sein und schweigen war Minas Sache nicht. In ihrem Buch* «Neues Bauerntum, altes Bauernwissen» von 1942 zitiert sie den Poesiealbum-Spruch einer Tante: «Wenn Deine Eltern Dir was untersagen, dann folge ihnen, ohne sie ‹Warum› zu fragen!» Ganz offensichtlich hat sich Mina nie daran gehalten. Sie schreibt, dass sie ihr Leben lang nach dem Warum gefragt habe, weil es sie weiter- und «dem Zustand des Gesunden und Harmonischen» näherbrachte.
* Alle nicht anders gekennzeichneten Zitate von Mina Hofstetter stammen aus diesem Buch.
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Beginnendes Aufbegehren
Im Jahr 1928 fand in Bern die erste Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) statt. Mina Hofstetter stellte dort aus und wollte ihr soeben unter dem Pseudonym Gertrud Stauffacher erschienenes Büchlein «Brot – die monopolfreie Lösung der Getreidefrage durch die Frau» verkaufen. Doch der damalige Bauernsekretär Ernst Laur verbot ihr dies. Ein grotesker Umstand. Denn Ziel der Ausstellungsmacherinnen war nicht nur, das weibliche Selbstbewusstsein zu stärken. Sie forderten auch das Recht auf Erwerbstätigkeit sowie die Anerkennung als Staatsbürgerinnen. Was nur bewog Ernst Laur zu diesem Verbot? Wahrscheinlich war es Mina Hofstetters freiwirtschaftliches Denken, das sie unverblümt zum Ausdruck brachte. Dabei prangerte sie auch die Macht der Grossbauern und die staatliche Prämienpolitik an: «Diese Prämien sind in Wirklichkeit Almosen, (…) Nach meiner Ansicht sollte eine Arbeit wie die des Bauern so bezahlt werden, dass man ihm nicht gnädig noch einen Zuschuss aus dem allgemeinen Volkseinkommen geben muss, um den Ertrag seiner Produkte zu erhöhen.»
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Impuls Lebensreform
Minas Gästebuch belegt ihre Kontakte in die ganze Welt. Belesen und aufgeschlossen wie sie war, sympathisierte sie auch mit den Vertreterinnen und Vertretern der Lebensreform-Bewegung auf dem Monte Verità. Als sie im Tessin Kurse zur natürlichen Bodenbearbeitung gab, musste sie auch die Pianistin und Frauenrechtlerin Ida Hofmann getroffen haben. Vielleicht war sie es sogar, die Mina zum Vegetarismus bekehrte. Fleisch war für die Mitgründerin der Lebensreform-Kolonie des Teufels. Seine «Leichengifte» würden beim Verzehr zu Schädigungen der Nerven und vieler Organe führen. Bevor Mina Hofstetter 1922 – im Alter von 39 Jahren – Vegetarierin wurde, war ihre Gesundheit so angeschlagen, dass sie sich eigenen Worten zufolge täglich den Tod wünschte. Nach einer Zeit der Umstellung fühlte sie sich wie neugeboren: «Ich sah blühend und jünger aus als vorher bei Fleischnahrung und allerlei guten Milcherzeugnissen.»
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Mina Hofstetter
1883: Geburt von Mina Lehner in Stilli AG
1907: Heirat mit Schreiner Ernst Hofstetter
1915 Ankauf des Bauernhofes in der Stuhlen bei Ebmatingen ZH
1922 Umstellung auf vegetarische Ernährung
1928 Verkauf des letzten Viehs; Teilnahme an der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) in Bern: Ausstellung über ihre Ackerbeetkulturen
1929 Beginn der Biolandbau-Kurse
1936 Einweihung der Lehrstätte für biologischen Landbau «Seeblick» in der Stuhlen, Ebmatingen ZH
1947 Gründungsversammlung der «Genossenschaft biologischer Landbau» (GBL)
1950 Letzter Biolandbau-Kurs und Übernahme des Betriebes durch Sohn Werner
1967 Tod von Mina Hofstetter
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Viehlose Landwirtschaft
Das letzte Vieh der Hofstetters wurde 1928 verkauft. Dafür nennt Mina drei Gründe: 1. Die unwürdige Tierhaltung, die sie auf dem eigenen Hof erlebt hatte. 2. Die «Versklavung» der Bauernfamilien durch die Milchwirtschaft, da sie sich täglich und rund ums Jahr um die Tiere kümmern mussten. 3. Die Überzeugung, dass weniger Fleischkonsum zur höheren Selbstversorgung der Schweiz führen würde: «Nun weiss man, dass Jahr für Jahr für viele Millionen Franken Gemüse eingeführt wird, das auch in der Schweiz wachsen könnte. Würde der Fleischverbrauch eingeschränkt oder aufgehoben, so würde entsprechend mehr Gemüse und Obst verbraucht und der Bauer hätte nichts anderes zu tun, als dieser Entwicklung Folge zu geben (…)» Liest man diese hundert Jahre alte Aussage, wird einem fast schmerzhaft bewusst, wie zeitlos sie ist. Ebenso gut könnte dieses Zitat auf einem Flugblatt heutiger Klimaaktivistinnen und -aktivisten stehen.
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Harmonischer Kreislauf
Bei allem Rebellischen kommt immer wieder auch Minas Gläubigkeit zum Ausdruck, wenn sie zum Beispiel davon spricht, dass es Gottes Gebot sei, sich von den Früchten des Feldes zu nähren, nicht aber Tiere zu töten: «Gärtner sein heisst (…) aus Gottes Hand hervorgegangene Geschöpfe hegen und pflegen und allenfalls hinaufentwickeln (…) damit die Harmonie gewahrt bleibt.» Und diese Harmonie besteht für Mina Hofstetter aus dem Dreiklang gesunder Boden, gesunde Pflanzen, gesunde Menschen und Tiere. Ihr war bewusst, dass die Erde keine tote Materie ist, sondern ein lebendiger Organismus mit Millionen von Lebewesen: «Wenn man unter dem Mikroskop eine Messerspitze voll Erde ansieht, wird man eine Wunderwelt von verschiedenen kleinsten lebenden Tierchen finden.» Existierten sie nicht, würde das grosse Leben über der Erde bald aufhören, war sie überzeugt.
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Permakultur vorweggenommen
Um die Bedeutung des Bodens wusste auch der österreichische Anthroposoph Rudolf Steiner, dessen Anschauungen die Basis der Demeter-Bewegung bilden. Die Grundsätze seiner biologischdynamischen Lehre bejahte Mina Hofstetter. Allerdings lehnte sie die Voraussetzung der Viehwirtschaft ebenso ab wie den Einsatz biodynamischer Produkte: «Wenn man die Kräuter und Unkräuter, die der Herrgott wachsen lässt, in den Kompost hinein verarbeitet (…), so ist es jedenfalls biologischer, als wenn man sie in Form von Präparaten mit geheimnisvollen Zeremonien in den Kompost tut.» Was für sie zählte, war eine pragmatische Bodenverbesserung und schonende Bearbeitung. Wörtlich schreibt sie, dass Bodenverbesserung auch Klimaverbesserung sei, die nicht mit Kahlschlag und Raubbau beginne, sondern eher mit Aufforstung: durch Anlegen von Obstgärten, Nuss- und Haselnusswäldern sowie Beerenplantagen. Auch wenn sie die Begriffe Permakultur oder Waldgarten nicht nennt, ist es doch genau dieses Prinzip, das sie bereits skizziert und damit vorwegnimmt.
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Pflanzenschutz gleich Vogelschutz
Ihr Kapitel über Pflanzenkrankheiten und Schädlinge beginnt Mina Hofstetter mit der Kritik, dass in Fachzeitschriften allzu leichtfertig chemische Pflanzenschutz- und Düngemittel angepriesen werden. Sie selbst verfolgt einen anderen Ansatz: Anstatt durch Rodung der Sträucher ein «sauberes» Anwesen zu schaffen, war es ihr Bestreben, artenreiche Hecken um ihr Grundstück zu ziehen, in denen Vögel Schutz und Lebensraum finden. Pflanzenschutz bedeutete für sie, natürliche Feinde der Schädlinge zu schonen und deren Brut zu begünstigen. Im Herbst liess sie den Bäumen ihre Blätter als natürlichen Dünger und Bodenschutz. Und auch im Gemüsebeet lag die Erde nie bloss da: «Mein Garten ist nicht, wie es hierzulande sonst üblich ist, im Herbst in guter Ordnung, umgegraben und kahl.» Sie sorgte dafür, dass bis in den Winter hinein Zwiebeln, Salat und späte Kohlarten geerntet werden konnten.
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Respekt und Aufklärung
Wie facettenreich Mina Hofstetter war, kommt auch in ihrem Verhältnis zum Mond zum Ausdruck. Alles in der Welt, alle Lebewesen, seien miteinander verbunden und sichtbaren und unsichtbaren Kräften unterworfen. Sie erwähnt den Rhythmus von Ebbe und Flut, den Monatszyklus der Frau und die Lehre des Paracelsus. Grosse Bedeutung schreibt sie den Pflanzensäften zu, die bei zunehmendem Mond nach oben steigen, bei abnehmendem Mond der Erde zustreben. Sie erklärt, wie sie dank eines Mondkalenders den günstigsten Zeitpunkt für Aussaat und Baumschnitt wählte, ohne jedoch auf eine Quelle zu verweisen. Heute erhältliche Mondkalender widersprechen sich in der Berechnung. Auch Mina verliess sich nicht blindlings auf ihren Kalender, sondern betonte, dass es für den biologischen Garten keine Rezepte zum Ablesen und Nachmachen gebe: «Es gibt nur einen denkenden, einfühlsamen, mit den Naturgesetzen sich nach und nach einig werdenden Menschen.» Sie plädierte auch für den Dialog zwischen Produzentinnen und Produzenten auf dem Land und Konsumentinnen und Konsumenten in der Stadt, um das gegenseitige Verständnis und Vertrauen zu fördern. Wäre es nach ihr gegangen, hätte Warenkunde einen festen Platz im Schullehrplan gehabt. Dann hätte auch niemand mehr im September sogenannte Winteräpfel gekauft, die gar nicht lagerfähig sind. «Und junge Menschen würden auf den Gehalt einer Frucht oder eines Gemüses achten und nicht darauf, ob es ein Monstrum ist», schreibt sie weiter. Mina Hofstetter wünschte sich auch Schulgärten, in denen Kinder die Pflanzenwelt in natura kennenlernen und pflegen, säen und ernten können. Materialkunde, die Liebe zur Natur und Achtung vor der Arbeit, die Hände beschmutzt, könnten damit vermittelt werden.
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Eine bessere Zukunft gestalten
Ihre Gedanken gehen weit über das Gärtnern und die Landwirtschaft hinaus. In ihrem Buch beschreibt sie, wie europäische Auswanderer Ende des 19. Jahrhunderts in Nordamerika rücksichtslosen Raubbau betrieben, um möglichst schnell wohlhabend zu werden. Anstatt das Land für sich selbst und ihre Nachkommen schonend urbar zu machen, hätten diese Siedler dafür gesorgt, dass Umweltkatastrophen unvermeidlich wurden: «Nachdem der beste Regulator der klimatischen Verhältnisse, der Wald, gerodet und zu Geld gemacht war, entstanden ungeheure Flächen ungeschützten Landes, welche verödeten und versandeten.» In ihren Augen sind die Überschwemmungen und Zyklone direkte Folgen dieses Raubbaus.
Angesichts dieser schonungslosen Kritik könnte man meinen, Mina Hofstetter sei desillusioniert und pessimistisch gewesen. Die Gedanken in ihrem Buch legen jedoch anderes nahe. Trotz ihrer Gläubigkeit fügt sie sich nicht ergeben ihrem Schicksal und ruft auch andere dazu auf, Missstände abzustellen: «Menschenwerk hat uns in Not gebracht, und Menschenwerk können wir ändern. Doch wir trauen uns so wenig zu, Gutes zu vollbringen, und warten immer auf den lieben Gott, dass er es tue. Wenn wir der Liebe Raum geben, dann werden Wunderkräfte in uns lebendig, die nicht Wundertaten vollbringen, sondern einfach die Erfüllung der Gottesgesetze.» Zu dieser liebevollen, respektvollen Lebenseinstellung passt auch, dass in ihrem Gästebuch Widmungen aus der ganzen Welt zu finden sind. Durch die Verbindung zur Lebensreform-Bewegung hatte sie über Grenzen hinaus Kontakte geknüpft und Besucherinnen und Besucher bei sich empfangen. So verwundert es nicht, dass sie Völkerhass, Ausbeutung und Zollschranken verurteilte: «Schauen wir einmal die Welt von oben an, als Flieger! Wo sind die Grenzen? Sie existieren nur in der Einbildung und sind gemacht aus Gewinnsucht, Hass und Neid! Was ist aber der Mensch, der jenseits unseres Grenzstrichs wohnt, anderes als der Nächste? Dass diese Denkart sich ausbreitet, dafür kann niemand besser sorgen und wirken als die Frau, die Mutter (…).»
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Jubiläums-Serie
Unser 75-Jahre-Jubiläum nehmen wir zum Anlass, unsere bewegte Geschichte zu reflektieren. In einer siebenteiligen Serie lassen wir jeweils rund ein Jahrzehnt Revue passieren. Dies bewusst etwas anders. Denn eine reine Ahnengalerie der Präsidentinnen und Präsidenten sollte es nicht werden. Auch von der Chronologie wollten wir uns nicht zu stark einschränken lassen. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, eine Auswahl an Menschen hervorzuheben. Menschen, die durch ihre Überzeugungen, Aktivitäten und Visionen das biologisch naturnahe Gärtnern gelebt und propagiert haben – oder dies noch immer tun. In allen Porträts spannen wir den Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart.