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Unser Gebiet
VON PETER FRICKER
Geographische Lage Ein Blick auf den Atlas zeigt uns, dass Peru an der Westküste des südamerikanischen Kontinentes sich vom 18. südlichen Breitengrad bis zum Äquator erstreckt. Während im Westen der Pazifische Ozean eine natürliche Grenze bildet, wird Peru auf der Landseite von fünf Staaten umgeben, von Ecuador und Kolumbien im Norden, von Brasilien im Osten und von Bolivien und Chile im Süden. Mit einem Flächeninhalt von 1 285 215 km2 ist Peru rund 31 mal grösser als die Schweiz.
Oberflächengestaltung Peru weist eine ausgesprochene Längsgliederung auf. Von Westen gegen Osten können drei Abschnitte unterschieden werden: der westliche Küstenstreifen, der andine Gebirgsteil und ein ausgedehntes Urwaldgebiet, die Selva. Im Bereich des wüstenhaften Küstenstreifens haben Flüsse mit unregelmässiger Wasserführung zahlreiche kleine, scharf profilierte Taleinschnitte geschaffen. Vor allem vom Flugzeug aus lassen sich dort auch häufig eigentliche Dünenlandschaften erkennen; die vielgestaltigen Formen dieser Sandanhäufungen werden von der vorherrschenden Windrichtung bestimmt.
Auf der Ostseite des schmalen Küstensaumes steigt das Andengebirge schroff empor. Nur 100 bis 200 km von der pazifischen Küste entfernt, verläuft hier die Hauptwasserscheide zwischen Atlantischem und Pazifischem Ozean. Den pazifisch gerichteten Flüssen mit ihrem kurzen Verlauf stehen die grossen Flußsysteme der östlichen Abdachung gegenüber, welche dem Amazonasbecken zuströmen.
Im Gegensatz zu den nördlich und südlich angrenzenden Kordilleren von Ecuador und Bolivien fehlt dem peruanischen Andenteil eine durchgehende Längs- oder Quergliederung. Nur ganz im Süden, in der Umgebung des Titicacasees, tritt die interandine Hochfläche von Bolivien auf peru-anisches Gebiet über und trennt dort eine östliche von einer westlichen Kordillere ab. Häufig wird zwar auch weiter im Norden zwischen einer westlichen, einer zentralen und einer östlichen Kordillere unterschieden, doch vermag diese künstliche orographische Unterteilung nicht zu überzeugen. Die peruanischen Anden bilden, gesamthaft gesehen, eine geschlossene Einheit ohne durchgehende Depressionszonen.
Hauptziel der Andenexpedition des SAC war die Cordillera Vilcabamba im südöstlichen Andenteil. Diese Bergkette erhebt sich im NW der alten Inkahauptstadt Cuzco bis auf über 6000 m Meereshöhe. Die zweite Expeditionsphase der Alpinisten wickelte sich dagegen in Nordwestperu, in der bekannten Cordillera Blanca, ab. Unter den zahlreichen Sechstausendern dieses markanten Gebirgszuges befindet sich auch der Huascarân, welcher mit 6767 m die höchste Erhebung von Peru darstellt.
Die östliche Abdachung des Andengebirges leitet allmählich über in die subandinen Bergketten und in das eigentliche Tiefland. Infolge der dichten Bewaldung und der schlechten Zugangsmöglichkeiten ist der obere Teil des Amazonasbeckens geographisch grossenteils noch wenig bekannt.
Klima Die Oberflächengestalt von Peru wird durch grosse Höhendifferenzen charakterisiert; so sind auch ganz verschiedenartige Klimatypen vertreten. Wie in Chile steht auch in Peru der Küstenstreifen und der westliche Andenabfall im Einflussbereich einer mächtigen, kalten Meeresströmung, des Humboldt- oder Peru-Stroms, welcher eine ganz bedeutende Abkühlung bedingt. Lima weist beispielsweise eine mittlere Jahrestemperatur von nur 19° C auf, während in Bahia, an der Ostküste Südamerikas, auf gleicher Breite ein Jahresmittel von 24,8° C gemessen wird.
Der westliche Küstensaum bildet einen Teil des grossen Trockengürtels, welcher Südamerika von Ostpatagonien bis fast an den Äquator durchzieht. Diese Zone liegt einerseits im Osten in einer kalten Meeresströmung und anderseits im Regenschatten der Anden, so dass die feuchten, passa-tischen Ostwinde abgehalten werden.
Nur gerade in unmittelbarer Umgebung des Pazifiks fällt an der peruanischen Westküste eine geringe Niederschlagsmenge. Die Süd- und Südwestwinde, welche von wärmeren Partien des Ozeans herstammen, werden über dem Humboldt-Strom abgekühlt, was eine ständige Nebelbildung zur Folge hat. Während nun im Sommer die intensivere Sonnenbestrahlung die Landmasse erwärmt und damit der Nebel weitgehend aufgelöst wird, besteht im Winter, vor allem von Juni bis September, stellenweise eine dichte, undurchdringliche Nebelschicht. So betrachtet dann etwa in Lima der ahnungslose Gringo sorgenwoll den grauverhängten Himmel und erwartet jeden Augenblick einen ausgiebigen Regenguss. Zu seinem Erstaunen wird er aber nur ein leichtes Nebelrieseln verspüren; der Niederschlag steigert sich höchstens zu einem feinen Sprühregen, hier Garüa genannt. Dieser Sprühregen benetzt jährlich die äusserte Küstenzone bis zum 11. Breitengrade. Weiter nördlich tritt der Sprühregen nur noch periodisch auf oder setzt sogar vollständig aus. Landeinwärts folgt der eigentliche Wüstenbereich; dort werden auch zur Winterszeit die heranziehenden Nebelschwaden sofort verdampft.
Weiter im Osten, am westlichen Steilabfall der Anden, setzt allmählich die Zone der regelmässigen Sommerregen ein. Auch in den übrigen Teilen des Andengebirges fallen die Niederschläge vorwiegend zur Zeit des höchsten Sonnenstandes, vor allem zwischen November und April. Im Andengebirge ist die Niederschlagsmenge je nach Lage bedeutenden Schwankungen unterworfen. Regen-exponierte Partien wechseln ab mit Gebietsteilen, welche im Regenschatten liegen.
Die Wintermonate, d.h. die Monate Mai bis September, zeichnen sich dagegen durch eine trockene, sonnige Witterung aus, eine wichtige Voraussetzung auch für das Gelingen einer Expedition.
Die tiefergelegenen Regionen des Andengebirges weisen häufig ein subtropisches Hochland-klima auf, d.h. ein warmes Klima mit trockenem Winter und regenreichen Sommern, welches überdies durch geringe, jahreszeitliche Temperaturschwankungen charakterisiert wird. Mit der Höhenzunahme nimmt die Temperatur ab; in den höchsten Lagen, in der Vilcabamba-Kette z.B., über etwa 5000 m, herrscht ein eigentliches Schneeklima vor.
Die östlich angrenzenden subandinen Ketten und vor allem das dicht bewaldete Tiefland liegen dagegen im Bereiche eines regenreichen Tropenklimas. Die Niederschläge fallen dort hauptsächlich zwischen Oktober und Mai, also vorwiegend im Sommer. Im Laufe des Jahres stellen sich nur geringe Temperaturdifferenzen ein. So weist Iquitos, in Nordostperu am oberen Amazonas gelegen, im November ein Monatsmittel von 26,9° C auf; im Juli beträgt der entsprechende Wert 25,2° C. Infolge der aufsteigenden, warmen und feuchten Luft sind auch im Winter die östlich gelegenen Anden teile häufig in Wolken gehüllt, wie z.B. die Pantagruppe in der Vilcabamba-Region.
Vegetation, landwirtschaftliche Produkte Die klimatischen Gegensätze spiegeln sich auch in der wechselvollen Vegetation wider.
Mit Ausnahme der Garüa-Zone, welche im Winter teilweise ergrünt, gedeihen an der wüstenhaften Westküste Pflanzen nur an Flüssen oder bei künstlicher Bewässerung. Es bestehen dort hauptsächlich Baumwoll- und Zuckerrohrfelder. Lokal werden auch Reben ( Ica ) angepflanzt.
Die tieferen Lagen des Andengebirges zeichnen sich, vor allem zwischen 1500 m und 2500 m, häufig durch Trockencharakter aus, weil die feuchten Winde vom Gebirge abgehalten werden. Deshalb fristen oft nur Dornbüsche, Kakteen oder Steppengras ein kümmerliches Dasein. Das ist auch der Fall in den tiefeingeschnittenen Tälern des östlichen Andenabschnittes, wo z.B. im Talgrund der oberen Apurimac-Schlucht wüstenähnliche Verhältnisse herrschen. Dank intensiver Bewässerung konnten auch in diesen tieferen Regionen Zuckerrohrfelder und Fruchtkulturen sowie Tee-und Kaffeeplantagen angelegt werden. Diese Kulturpflanzen bleiben auf ganz bestimmte Gürtel beschränkt. So kommt in der weiteren Umgebung der Vilcabamba-Kette Zuckerrohr nur bis auf etwa 1500 m Meereshöhe vor, Bananenpflanzungen gedeihen dagegen bis auf ungefähr 2000 m.
Über 2500 m liegt das eigentliche feuchte Ackergebiet, wo vorwiegend Weizen, Mais, Gerste und im oberen Teil auch Kartoffeln angebaut werden. Die obere Grenze der Ackerbauzone liegt auf ungefähr 4000 m; darüber folgt die Puna, welche mit ihren ausgedehnten Weideflächen das Hauptgebiet für die Viehzucht bildet. Es werden hauptsächlich Schafe, Rinder sowie Lamas und Alpacas gehalten. Über der Puna, d.h. über etwa 4600 m, folgt schliesslich die vegetationsarme Fels- und Schneeregion.
Unter dem Einfluss des feuchten Ostwindes erreicht der Wald im östlichen Andenteil stellenweise eine obere Grenze von 3500 m. Dieser dichte tropische Wald der höheren Region ist auch in der Vilcabamba-Kette vertreten durch Farngewächse, Bambusse usw.
Die subandinen Ketten werden wie auch das eigentliche Tiefland von tropischem Urwald bedeckt. An begehrten Produkten liefert diese Gegend Kakao, Kaffee, Tee, Koka, ferner Harze und tropische Hölzer.
Bevölkerung Peru zählt 8 315 000 Einwohner ( Bol. Soc. Geografico 1956 ), was einer Bevölkerungsdichte von 6,5 Einwohner pro km2 entspricht. Allein in der Hauptstadt Lima leben 900 000 Einwohner, also. 8 annähernd 1/9 der Gesamtbevölkerung. Weitere bedeutende Städte sind Callao im Westen von Lima ( 82 000 Einw. ), Arequipa ( 45 000 Einw. ) und Iquitos am oberen Amazonas ( 42 000 Einw. ).
Die Bevölkerung besteht zu 47% aus Eingeborenen, zu ungefähr 40% aus Mestizen, zu etwa 13% aus Weissen und schliesslich zu ca. 1 % aus Negern und Negermischlingen des Küstengebietes.
Die Eingeborenen sind hauptsächlich vertreten durch die Quechua-Indianer des Hochlandes. Nur in der Umgebung des Titicacasees existieren noch die letzten Nachkommen der Aymaras. Die Zahl der Salvajes, der « wilden » Indianer in der Urwaldzone des Ostens, wird mit etwa 50 000 angegeben.
Peru gehört zum spanischen Sprachbereich, doch wird im Hochland auch heute noch hauptsächlich Quechua gesprochen.
Geschichte Peru und Inkareich, diese Begriffe sind eng miteinander verbunden. Man vergisst darob leicht, dass bereits vor der Entstehung des Inkareiches blühende Kulturen, z.B. bei Paracas und Ancón an der Küste und bei Chavin im Hochland, bestanden haben. Diese Kulturen liegen bis 3000 Jahre zurück und sind namentlich auf keramischem Gebiet an Formschönheit der Geschirre den späteren Inkaerzeugnissen häufig überlegen.
Erst um 1100 n. Chr. brachte der Quechua-Stamm der Inkas das Tal von Cuzco und die umliegenden Gebiete unter seine Herrschaft. Zum Schütze des neuentstandenen Reiches wurde im 13. Jahrhundert eine schlagkräftige Armee geschaffen. Dank einer erfolgreichen Expansionspolitik umfasste der Inkastaat im 15. Jahrhundert, unter Huayna Capac, das heutige Peru und Ecuador sowie grosse Teile von Chile und Argentinien. Dieses Riesengebiet zerfiel in 4 Teilreiche; Zentrum und Hauptstadt des gesamten Landes war Cuzco. Als offizielle Umgangssprache wurde Quechua bestimmt.
Das Inkareich stellte ein grosses Agrarland mit rein theokratischer Staatsform dar, d.h. einen Staat, dessen Geschicke direkt durch die höchste Gottheit gelenkt wurden. Der oberste Inka als personifizierter Sonnengott war zugleich auch unbeschränkter weltlicher Herrscher, dem zur Erledigung der Regierungsgeschäfte eine adelige Oberschicht zur Seite stand. Neben der Sonne wurden u.a. noch der Mond, der Donner und die Jahreszeiten als Götter verehrt.
Die einzigartige, soziale Organisation war weitgehend durch diese totale Theokratie bestimmt und ist nicht - wie vielfach angenommen - Ausdruck eines Sozialstaates. Die Grundlage der sozialen Organisation bestand in der Besitzlosigkeit des Einzelnen, dem auch jede individuelle Freiheit abging. Es gab, abgesehen von der dünnen Oberschicht, weder arm noch reich, jedoch ein ausgesprochen hierarchisches Beamtentum. Alles Land war entweder Tempelgut, Staats- oder Gemeindegebiet. Sämtliche Einwohner waren verpflichtet, jährlich neun Monate für den Staat zu arbeiten und in den restlichen drei Monaten für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen. Müssig-gänger wurden streng bestraft.
Der Ackerbau wurde häufig durch künstliche Bewässerung gefördert und stand wie auch die Viehzucht ( Alpaca, Lama und Vicuna ) auf hoher Stufe. Als wichtiges Verbindungsmittel wurde ein gut ausgebautes Strassennetz angelegt. Die monumentalen Bauten beeindrucken mehr durch ihre Wucht als durch Schönheit; sie bestehen aus mächtigen Steinquadern, welche genau aufeinander abgestimmt und ohne Mörtel zusammengefügt wurden. Zur Herstellung von Werkzeugen diente hauptsächlich Bronze, während Gold und Silber meist als Tempelschmuck verwendet wurden.
Der Goldreichtum wurde dem Inkareich zum Verhängnis. Mit nur 183 Mann und 37 Pferden landete der spanische Abenteurer Pizarro im Januar 1531 in Nordperu. Innert vier Jahren vermochte er mit Tollkühnheit, List und unerhörter Grausamkeit das gesamte Inkareich, welches allerdings durch Bürgerkrieg zerrüttet war, gänzlich zu zertrümmern. Es gelang den spanischen Eroberern, ungeheure Schätze zu erbeuten. Atahualpa, der letzte Inkaherrscher, wurde hingerichtet.
Nachdem Peru jahrhundertelang unter spanischer Herrschaft gestanden war, trat es 1821 mit einer Unabhängigkeitserklärung hervor. Aber erst nach langen, erbittert geführten Kämpfen mussten 1826 die Spanier das letzte Bollwerk, den Hafen von Lima, räumen.
Peru bildet heute eine repräsentative, demokratische Republik. Die Legislative wird durch die Senats- und Abgeordnetenkammer ausgeübt, die Exekutive dagegen durch den Präsidenten der Republik und seine Minister. Das Land zerfällt in 24 Departemente, welche ihrerseits wieder in verschiedene Provinzen unterteilt werden.
Die relativ stabilen politischen Verhältnisse dürften es Peru ermöglichen, verschiedene Projekte, wie die Verbesserung des Schulwesens, die Entwicklung des Bergbaus usw., in den nächsten Jahren mindestens teilweise zu verwirklichen.
Verkehr Als gewaltiges Verkehrshindernis türmt sich die Andenkette auf. Die wenigen Autostrassen, welche das Gebirge überqueren, führen über Pässe von 4000-5000 m Meereshöhe. Der geplante Ausbau dieser Andenstrassen wird zweifellos riesige Aufwendungen erfordern.
Eine ausgezeichnete Nord-Süd-Verbindung stellt die panamerikanische Strasse dar, welche dem Verlauf des westlichen Küstenstreifens folgt.
1950 bestanden in Peru total 34 700 km Fahrstrasse, welche besonders von Lastwagen benützt werden. Das Eisenbahnnetz hat dagegen eine Gesamtlänge von nur 4400 km. An der Küste spielt der Schiffsverkehr eine wichtige Rolle, und auch im Osten, am oberen Amazonas, bilden Schiffe und Flosse ein wichtiges Verkehrs- und Transportmittel. Das Flugwesen hat in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen; die wichtigsten Zentren von Peru ( Lima, Cuzco, Iquitos usw. ) können heute regelmässig mit Kursflugzeugen erreicht werden.
Unberührt von diesem technischen Aufschwung werden aber im unwegsamen Hochland, auf den abschüssigen Pfaden, die Maultierkolonnen dahinziehen wie bisher. Von diesen anspruchslosen, ausdauernden Lasttieren und von ihren häufig weniger anspruchslosen Besitzern hängt auch das Gelingen einer Expedition ab.
Literaturhinweise:
Atlas del Peru, 22a Edicion, Lima 1952 ( Editor: A. Lopez Dominovich ). Heim, Arnold ( 1957 ): Wunderland Peru ( Zweite, gekürzte Auflage ). Troll, C. ( 1930 ): Peru. Handbuch der geographischen Wissenschaften.