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Ihre Nachmittagspause wollte Sonja ohne Beljadras Gesellschaft verbringen. Um das sicherzustellen hatte sie sich mit einem Kaffee auf die Dachterrasse verzogen. Beim Blick über die Stadt atmete Sonja tief durch. Beljadra ahnte ja nicht, wie sehr ihre Worte die Arbeitskollegin verunsicherten. Bisher waren Sonjas Abend mit Marcello von Leidenschaft geprägt gewesen. Meist erwartete sie ihn bei sich zu Hause - er arbeitete abends oft lange. Unwillkürlich lächelnd strich sie sich über die Hüften. Etwas zu essen vergass sie an diesen Tagen oft. Doch vergangenes Wochenende hatten sie bei Marcello verbracht. Sonja fand die chaotische Junggesellenbude romantisch. Und als er im Bad war, sah sie sich genauer um. Die Tür des Kleiderschranks stand offen und Sonja fiel zwischen den zahllosen Sneakers-Schachteln eine Holzbox auf. Sie kniete sich vor den Schrank und zog die Schatulle heraus. Ungewöhnlich für einen Mann, dachte Sonja. Sie hob den Deckel und sah in ihr eigenes Gesicht. Sie lächelte geschmeichelt, doch schon im nächsten Moment erstarrte sie. Das zweite Bild in der Box war das Portrait von Melanie aus der Lebensmittelabteilung. Die nächsten zehn Frauen kannte sie nicht. Und als wäre die Situation nicht schon schlimm genug, war auf dem elften Foto Matilda zu sehen. Sonja erschrak. Marcello war hinter sie getreten, hatte ihr die Hände auf die Schultern gelegt und küsste ihr Haar am Hinterkopf. "Hast du die Sünden meiner Jugendzeit gefunden?" Sie seufzte: "Sieht wohl so aus." "Sonja", er drehte sie zu sich um. "Ich habe meine wilden Jahre hinter mir. Solche Frauen...", er wies mit dem Kopf in Richtung Schatulle. "...sind keine Konkurrenz für dich." "Und warum bewahrst du die Bilder auf?" "Ich hatte sie schlicht vergessen." Er küsste sie. "Komm lass uns den Abend nicht mit Gesprächen über die Vergangenheit verschwenden." Sonja hatte zwar genickt und den Kopf an Marcellos Schulter gelegt. Doch die Fotos vergass sie nicht. Seltsamerweise war ihr Melanie, das Rehlein aus der Lebensmittelabteilung egal. Marcellos Zeit mit ihr war bestimmt Bequemlichkeit gewesen. Sie versorgte seinen Haushalt, während er an ihr seine erotischen Spielereien testen konnte und dafür den Applaus erhielt, mit dem er rechnete. Aber wieso hatte er ein Bild von Matilda. Sie war nach Sonja ins "Wunderland" gekommen. Hätte sie nicht hören müssen, wenn da ein Techtelmechtel gewesen wäre. Schliesslich informierte die Gerüchteküche des Kaufhauses zuverlässiger als jede Zeitung. Was verband Marcello und Matilda? Der Glockenschlag des Kirchturms holte Sonja in die Gegenwart zurück. "Scheisse, zehn Minuten zu spät." Trotz Pumps verliess Sonja die Dachterrasse im Galopp.