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Mehr als 83'000 Schweizer Staatsangehörige leben in Lyon. Darunter Henri Rusconi, ein Rentner, der politisch rechts steht, und Cécile Emery, eine junge Frau, die links wählt.
Beide verfolgen die Wahlkampagne aufmerksam. swissinfo hat sich mit ihnen unterhalten.
"Mein Vater kam 1923 aus Chiasso zu seinem Onkel in Lyon. Er war Uhrmacher, und zu jener Zeit war das Leben im Tessin sehr, sehr schwer. Er hatte keine andere Wahl", erzählt Henri Rusconi.
Rusconi kam 1926 auf die Welt, seine Mutter war Französin. Die Ferien verbrachte er bei seinen Grosseltern in Chiasso. Dort lernte er auch den Dialekt, den er noch heute spricht. Rusconi besuchte die Uhrmacherschule in Lyon, bildete sich zwei Jahre in La Chaux-de-Fonds weiter und übernahm dann das elterliche Geschäft.
"Ich kam 1981 in Genf auf die Welt, mein Vater ist Schweizer, die Mutter Französin. Zur Schule ging ich im französischen Annemasse." Nach der Matur im Jahr 2000 schrieb sich Cécile Emery an der Universität Lyon ein.
"Ich musste mich zuerst eingewöhnen, aber nun fühle ich mich wohl in Lyon, mein Leben ist jetzt hier." Nach dem Abschluss ihres Studiums arbeitete sie für das Festival Hors Ecran in Lyon. Jetzt sucht sie eine Vollzeitstelle. Sie lebt mit ihrem Lyoner Partner zusammen.
Und die Schweiz?
"Nach dem Krieg gab ich meine französische Staatsbürgerschaft auf, um nicht wie meine Freunde nach Deutschland geschickt zu werden". 1946 und 47 blieb Rusconi in der Schweiz blockiert, da die französische Botschaft ein Jahr brauchte, um ihm ein Visum auszustellen. "Danach änderte ich nichts mehr."
Rusconi ist Präsident der Association Pro Ticino in Lyon. Sein Vater war Vizepräsident. "Ich verfolge alles, was in der Schweiz läuft und stimme regelmässig." Rusconi ist auch Delegierter der Auslandschweizer-Organisation (ASO).
Die ganze Familie verbringt die Ferien in der Schweiz. Einer seiner Enkel hat sich sogar da niedergelassen. "Heute kehren viele Junge dorthin zurück, denn die Konjunktur ist besser."
Emery dagegen ist Doppelbürgerin, hat aber etwas Distanz gewonnen, vor allem zur Schweizer Mentalität. "Ich gebe zu, dass man dort besser lebt, aber ich fühle mich nicht sehr wohl. Ich finde, in Lyon sind die Leute viel offener, und mein Leben ist jetzt eben hier. Es kommt der Moment, da man sich entscheiden muss."
Bei wichtigen Vorlagen reist sie nach Genf, um dort abzustimmen. Aber da ihr Hauptwohnsitz nun in Lyon ist, interessiert sich Emery mehr für die französische Politik. "Es ist schwierig, an der Präsidentschaftswahl vorbei zu kommen. Ich stelle fest, dass man sogar in der Schweiz viel davon spricht."
"Sarkozy steht mit beiden Beinen auf der Erde"
"Meine Frau ist Doppelbürgerin und kann in Frankreich wählen. Ich verfolge die französische Politik und natürlich die Wahlkampagne genau", erklärt Rusconi, der sich selber politisch eher rechts einstuft. "Nicht extrem rechts, das nicht, aber rechts", präzisiert er und fügt bei, dass er mit seinen Freunden viel über Politik diskutiert.
"Ehrlich gesagt, Ségolène fantasiert ein wenig. Sie verspricht das Blaue vom Himmel, dabei muss man mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Ich setze eher auf Sarkozy, er sieht die Dinge realistischer."
Zum Beispiel in der Frage der Pensionierung: "In allen Ländern, auch in der Schweiz, arbeitet man immer länger. Und dann sieht man, dass Frankreich das Gegenteil tut – da stellt man sich schon gewisse Fragen", erklärt Rusconi. "Das Problem ist, dass man allzu oft Soziales mit Sozialismus verwechselt. Ich finde, man kann sehr gut sozial sein, ohne Sozialist zu sein."
Wählen die Leute in Lyon rechts? "Sie sind konservativ, haben es gerne bequem und haben Angst vor Unbekanntem", antwortet Emery, deren Herz links schlägt. "Ich habe den Eindruck, die Jungen möchten schon etwas anderes, aber wenn es gilt, etwas zu tun, stehen sie wirklich eher rechts. Vielleicht glauben sie das, was am Fernsehen gesagt wird, zu sehr."
"Ich möchte Ségolène glauben"
2002 hat Cécile Emery nicht gewählt. "Nach dem, was mit Lionel Jospin passiert war, schämte ich mich schon, dass ich mich nicht eingeschrieben hatte. Das machte mir dann zu schaffen. Ich weiss, dass meine Stimme nicht viel geändert hätte, aber dieses Mal gehe ich wählen!"
Ganz am Anfang war sie noch für Dominique Strauss-Kahn, aber dann wurde Ségolène Royal nominiert.
"Ich versuche, mich nicht beeinflussen zu lassen. Mir schien, in ihrer Rede im Februar ging sie konkret auf wirkliche Erwartungen ein. Ich hatte den Eindruck, dass man sich ausnahmsweise wirklich an mich als Person wandte. Es stimmt, es gab viele Fragen zum Budget. Wo nimmt sie das Geld her, um all das zu finanzieren? Nun, ich möchte wirklich daran glauben", schliesst Emery.
swissinfo, Isabelle Eichenberger in Lyon
(Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)
SCHWEIZER IN FRANKREICH
Ende Dezember 2006 lebten von den 645'010 Schweizer Staatsangehörigen im Ausland 171'732 in Frankreich.
Das ist die grösste Auslandschweizergemeinschaft der Welt.
142'672 von ihnen haben die Doppelbürgerschaft.
83'656 leben in Lyon.
LYON
Lyon ist die drittgrösste Stadt Frankreichs.
Lyon liegt am Zusammenfluss von Rhone und Saône und ist der Hauptort der Region Rhône-Alpes.