Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03531.jsonl.gz/2463

Die schweizerische Wirtschaft ist schon lange auf ausländische Mitarbeitende angewiesen, deren Anteil an den Erwerbstätigen 27% ausmacht. Ohne sie würde unser Gesundheitswesen nicht mehr funktionieren; wir müssten auf weite Teile der Gastronomie- und Hotellerieleistungen verzichten, und auch die bauliche Infrastruktur der Schweiz läge im Argen. Dennoch ist in den letzten Jahren die Zuwanderung zum politischen Problemthema geworden, wobei die Diskussion vor allem anhand der Personenfreizügigkeit zwischen der Schweiz und der EU geführt wird. Kritiker dieser Arbeitsmarktöffnung benennen gerne ihre Nachteile bzw. Kosten, ohne ihre entscheidende Bedeutung für die Entwicklung der schweizerischen Wirtschaft anzuerkennen. Dabei übersehen sie, dass mit der stufenweisen Einführung der Personenfreizügigkeit eine «neue Zuwanderung» eingesetzt hat, welche sich deutlich von jener in früheren Jahrzehnten unterscheidet.
Die Bedeutung der neuen Zuwanderung lässt sich zunächst an der konjunkturellen Entwicklung ablesen. Die Schweiz litt in den 1990er-Jahren unter einer hartnäckigen Wachstumsschwäche, welche zu einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit führte. Nach einem kurzen Aufschwung zur Jahrhundertwende folgte nochmals eine Baisse, bis dann ab 2004 «die Post abging». Die Wachstumsraten erreichten lange nicht mehr gesehene Traumwerte, bevor auch die Schweiz von der Finanzkrise und der nachfolgenden Rezession erfasst wurde. Ohne die Personenfreizügigkeit, d.h. ohne die ab 2002 erleichterte und ab 2007 freie Rekrutierungsmöglichkeit der Unternehmungen in den EU-17/Efta-Staaten, wäre dieser Aufschwung mit einer Zunahme von ca. 350 000 Beschäftigten nicht möglich gewesen. In der Rezession wurden dann die vielen qualifizierten, gut verdienenden Zuwanderer mit ihrer Nachfrage nach Wohnraum und Konsumgütern zur Stütze für die Binnenwirtschaft. Der Einbruch blieb weniger heftig als befürchtet, und schon nach einem Jahr kehrte die Schweiz zu soliden Wachstumsraten zurück.
Stärkung des Standorts Schweiz
Es wäre aber falsch, die Zuwanderung nur im Lichte der Konjunkturzyklen zu beurteilen. Sie muss vielmehr als strukturelle Stärkung des Standorts Schweiz gesehen werden. Die gute Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften ist für unser Land und seine hochentwickelte Volkswirtschaft von entscheidender Bedeutung. Sie kann aber allein aus dem relativ kleinen schweizerischen Arbeitsmarkt nicht gewährleistet werden. Auch wenn wir das Potenzial der einheimischen erwerbsfähigen Bevölkerung mit Ausbildungs- und anderen Massnahmen bestmöglich ausschöpfen, fehlen uns genügend Fachkräfte, Forscher und Kader für unseren Denk-, Werk- und Finanzplatz. Wir brauchen also die ergänzende Rekrutierung im europäischen und – selektiv – im globalen Arbeitsmarkt. Die neue Zuwanderung entspricht diesem Bedürfnis in qualitativer Hinsicht, weil mit ihr auch gut und sehr gut ausgebildete Arbeitskräfte in die Schweiz kommen: Verfügten unter den zwischen 1986 und 1995 Zugewanderten 56% mindestens über einen Abschluss auf Sekundarstufe II, so lag der entsprechende Anteil von 2002 bis 2009 bei 83%. Die Quote der Abschlüsse auf Tertiärstufe nahm zwischen den beiden Immigrationsperioden von 20% auf 51% zu. Das Arbeitskräfteangebot erfährt so eine deutliche Aufwertung, was den Standort Schweiz attraktiver macht und sich positiv auf das langfristige Wachstum auswirken wird.
Strukturelle Notwendigkeit der Zuwanderung
Die strukturelle Notwendigkeit der Zuwanderung wird noch augenfälliger, wenn man sich die demografische Entwicklung in Erinnerung ruft. Bereits im nächsten Jahrzehnt ist mit einem Rückgang der einheimischen Bevölkerung im Erwerbsalter zu rechnen, und der bereits heute bestehende Mangel an Fachkräften wird sich weiter spürbar verschärfen. Ohne Zuwanderung würde der Arbeitsmarkt bald einmal kollabieren; die Wirtschaft verlöre ihre Leistungsfähigkeit, und die Sozialwerke wären nicht mehr finanzierbar. Die Erhaltung unseres Wohlstands liegt also buchstäblich in ausländischen Händen. Wir sind deshalb gut beraten, die Zuwanderer nicht als «geduldete Gäste», sondern als Bereicherung unserer Wirtschaft und Gesellschaft zu behandeln.Selbstverständlich dürfen die Begleiterscheinungen der Zuwanderung in der politischen Diskussion nicht unterschlagen werden. Wir müssen uns also ernsthaft mit der Wirksamkeit der flankierenden Massnahmen zur Personenfreizügigkeit, mit der zunehmenden Belastung des Immobilienmarkts und der Infrastrukturen sowie mit der Integration der Zuwanderer in unsere Gesellschaft auseinandersetzen. Geschieht dies auf der Basis von Fakten und mit dem Willen zu konstruktiven Lösungen, dann können die Begleiterscheinungen so abgefedert werden, dass die Gesamtbilanz der Zuwanderung deutlich positiv ausfällt.