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Wenn eine Essstörung zum Alltag wird, bleibt kein Platz mehr für anderes. Ob in Form von Hungern oder Essanfällen: Die psychische Belastung ist überwältigend.
Der Verzicht auf Nahrung, selbst wenn das Herz irgendwann zu tief schlägt und der Körper nicht mehr mitmag. Es scheint unverständlich, doch für Anna* (19) war dies eine Realität, mit der sie täglich zu kämpfen hatte. Von 2019 bis 2021 litt sie unter der psychischen Krankheit Anorexia Nervosa, einer Form der Essstörungen. Anna durchlebte verschiedene Phasen: Von der Verleugnung der Schwere der Krankheit, zu ambulanter Behandlung, bis schliesslich zum Krankenhausaufenthalt. Dies ist ihre Geschichte, und doch sind mittlerweile 3.5 % der Schweizer Bevölkerung einmal im Leben von einer Essstörung betroffen. Zusätzliche Symptome wie Depressivität, das Gefühl, nicht verstanden zu werden und Selbstverachtung zählen zu den ständigen Begleitern der Betroffenen.
Schwieriger Start in die Pubertät
An den Beginn der Krankheit kann sich Anna nicht genau erinnern. Die Pubertät sei ein möglicher Auslöser gewesen, sagt sie. Ihr Zwillingsbruder und sie hatten in der Kindheit eine sehr enge Beziehung und beide waren sportlich. Später entwickeln sie sich in unterschiedliche Richtungen: «Er war plötzlich schneller, grösser und stärker als ich. Während er sich an der unteren Grenze des Normalgewichts befand, war ich eher im normalen Bereich. Das war für mich sehr stressig.»
Im Herbst 2019 entwickelt Anna depressive Symptome. Sie hat das Gefühl, im Vergleich zu ihrer Familie unsportlich zu sein und nicht dazuzugehören. Es kommt zu einem emotionalen Rückzug und zu Selbstverletzungen. Zu dieser Zeit will sie sich nicht eingestehen, wie krank sie ist – ein Problem, welches sie auch durch ihre Essstörung hindurch begleiten wird.
Bald darauf, im Frühling 2020, verbreitet sich das Coronavirus in der Schweiz und der Lockdown beginnt. Kurz davor ist Anna durch eine Grippewelle in einem Chorlager schwer krank geworden. «Ich fragte mich, ob ich durchs Kranksein abnehmen könnte. Die fehlende Alltagsstruktur des Lockdowns erlaubte mir, zum Beispiel das Frühstück wegzulassen.»
Auswirkungen auf das Familienleben
Dass Anna immer mehr Gewicht verliert, bemerken ihre Eltern damals nicht. Als sie jedoch in zwei ihrer Fussballtrainings einen Zusammenbruch erleidet, muss sie zum Arzt. Ihre Mutter sieht sie damals zum ersten Mal seit längerer Zeit ohne Kleidung. Dort bemerkt sie, wie viel ihre Tochter an Gewicht verloren hat.
Bis im Herbst 2020 folgt eine Zeit, in welcher Anna weiterhin ohne klares Ziel weniger Nahrung zu sich nimmt. Eine spezielle Diät steht damals noch nicht im Fokus. «Irgendwann haben mich meine Eltern darauf angesprochen. Nach einem Besuch bei einer Psychologin bekam ich die Diagnose Anorexie. Danach begann das Warten auf einen Therapieplatz.»
In dieser Zeit ist Anna zum ersten Mal bei einer Ernährungsberaterin. Was eigentlich als Stütze dienen sollte, wieder eine gesunde Essensstruktur zu entwickeln, geht bei Anna in die entgegengesetzte Richtung. Die Ernährungsberaterin ermuntert sie dazu, Kalorien miteinzuberechnen, um wieder Gewicht zuzulegen. Doch dieser Fokus führt bei Anna zur Entwicklung einer Obsession mit dem Kalorienzählen. Noch heute weiss sie von beinahe jedem Lebensmittel auswendig, wie kalorienhaltig es ist. Von da an geht es bergab.
«Zu dieser Zeit gab es zu Hause sehr viel Streit. Mein Essverhalten war das Thema Nummer eins am Familientisch. Meine Eltern und mein Zwillingsbruder verstanden nicht, wieso ich nicht essen wollte, und ich konnte es ihnen nicht erklären. Mein kleiner Bruder verschwand, wenn wir stritten. Er hielt es nicht aus.» Anna versteht, dass dies für Aussenstehende eine unverständliche Situation sein kann. «Wenn es dir so schlecht geht, wieso isst du nicht einfach, haben sich meine Eltern wahrscheinlich gedacht. Aber ich konnte nicht, es fühlte sich an wie eine Blockade.»
Die Zeit vor der Klinik
Während den wöchentlichen Terminen bei der Psychologin ist Anna abwesend: «Ich redete über die Essstörung, aber ich hätte nie etwas an meinem Verhalten geändert.» Der Versuch, die Krankheit ambulant zu bekämpfen, scheiterte.
Kurz vor ihrem Klinikeintritt im Frühling 2021 kommt sie am Tiefpunkt an. Das Gymnasium kann sie nur noch in Teilzeit besuchen, Sport ist durch das starke Untergewicht unmöglich geworden und ihr fehlt jegliche Energie. Beim Laufen habe sie sich konzentrieren müssen, einen Schritt nach dem anderen zu machen, um am Ziel anzukommen, erzählt sie.
In der letzten Aprilwoche überschlagen sich die Ereignisse. Ihre Grossmutter stirbt und am nächsten Tag wird Anna eröffnet, dass sie in die Klinik müsse. Der Grund dafür: Ihr Herz schlage zu langsam.
Wendepunkte
Aufgrund des tiefen Herzschlags verbringt Anna zuerst sechs Tage im Lory-Haus des Inselspitals Bern. Damals erlebt sie den ersten von zwei «Klickmomenten»: «Ich realisierte, dass ich eigentlich nicht sterben möchte.» Die Einweisung in die Klinik führt ihr vor Augen, wie krank sie ist. Viele Betroffene haben leider das Gefühl, nicht «krank genug» zu sein, erzählt Anna.
Ein weiterer Wendepunkt in ihrer Krankheitsgeschichte ist das Leben in der Klinik Wysshölzli. Der Tagesablauf weist eine klare Struktur auf: Es gibt strikte Essenszeiten, die jeweils genau eine halbe Stunde dauern. Anna beschreibt die Atmosphäre während dem Essen als angespannt: «Viele haben die Mahlzeit auf dem Teller nicht aufgegessen und ein paar waren am Weinen». Zudem sind die Patient:innen kreativ, was das Verstecken der Nahrung angeht: «Einige haben es im Ärmel versteckt, am Boden, in der Hosentasche oder unter der Serviette». Besonders bei neu eingetroffenen Patient:innen ist die Kontrolle streng. An deren Tischen sitzt jeweils eine Pflegekraft, die beobachtet und zum Aufessen ermuntert. «Diese Überwachung war am Anfang sehr stressig», meint Anna.
Ich frage, ob Konsequenzen folgen, wenn die Betroffenen den Teller nicht leer essen. Daraufhin erzählt mir Anna von «Belohnungen» und «Bestrafungen». Wöchentlich gibt es ein Zielgewicht, welches erreicht werden soll. Falls dies nicht der Fall ist – niemand wird zum Essen gezwungen – werden einem Freiheiten entzogen. Zum Beispiel darf man am Wochenende nicht nach Hause.
Annas zweiter Klickmoment findet in einer Gruppentherapiesitzung statt. In der Runde sitzen 30-Jährige oder ältere Frauen, welche zum wiederholten Mal in der Klinik sind. Für Anna ist klar, so ein Leben möchte sie nicht: «Ab dann fing ich an, meine Teller leer zu essen. Ich wollte zu meiner Familie zurück, die Schule beenden und normal leben. Dieser Gedanke hat mich in den drei Monaten in der Klinik begleitet». Sie betont, dass der Aufenthalt in der Klinik ihr enorm geholfen habe. Es sei gut gewesen, ein Umfeld zu haben, welches verhinderte, dass sie ihren essgestörten Verhaltensweisen nachgehen konnte.
Rückkehr ans Gymnasium
Drei Monate später, im Juli 2021, wird Anna aus der Klinik entlassen. Ihr Zielgewicht hat sie damals noch nicht erreicht, aber das wäre innerhalb von drei Monaten auch schwierig gewesen. Ihr Ziel ist es, ins nächste Schuljahr starten zu können und das Gymnasium gemeinsam mit ihrer Klasse abschliessen zu können. Die Hilfe, die sie benötigt, um gesund zu werden, ist nun eine andere: «Mit Menschen Zeit zu verbringen war meine neue Therapie und das war die richtige Entscheidung.» Eine wichtige Unterstützung ist ihre Klasse, die sie damals sofort wieder aufgenommen hat.
Heute geht es Anna deutlich besser. Es ist nun zwei Jahre her seit ihrem Klinikeintritt und sie arbeitet mittlerweile als Patientenmanagerin in einem Spital. Auch wenn die Essstörung ihr Leben nicht mehr bestimmt, gibt es Triggerpunkte, die sie an das Erlebte erinnern: «Wenn jemand schon nur das Wort Kalorien erwähnt, ist das für mich sehr schwierig.» Zusätzlich macht ihr der Gedanke Angst, eines Tages schwanger zu sein und wieder mit dem Thema Gewicht konfrontiert sein zu müssen. Manchmal würde sie sich wieder eine Therapie wünschen. Nicht jedoch wegen der Essstörung, sondern wegen den depressiven Verstimmungen, die sie noch immer vermehrt hat.
Zum Schluss des Interviews wünscht sich Anna, dass normalisiert werden würde, über die Krankheit zu reden. «Jeder sollte mal mit dem Thema in Kontakt kommen und sensibilisiert werden, weil es einfach so viele Menschen betrifft. Es gibt die Drogenprävention in der Schule, wieso nicht auch Aufklärung über psychische Krankheiten wie Essstörungen?»
Ausprägungen einer Essstörung
Nach der Schweizerischen Gesellschaft für Essstörungen gibt es fünf Hauptformen von Essstörungen. Zum einen die in der Einleitung erwähnte Anorexia Nervosa. Diese zeigt sich durch starkes Untergewicht, Angst vor dem Zunehmen und eigenständigem Herbeiführen des Gewichtsverlusts. Auch Symptome wie übermässigen Sport und Erbrechen können vorkommen. Die Bulimia Nervosa zeigt sich durch sich wiederholende Essanfälle und die andauernde Beschäftigung mit Essen. Gegenregulierende Massnahmen wie Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln, Hungerepisoden und Einnahmen von Appetitzüglern sind keine Seltenheit. Betroffene mit der Binge-Eeating-Störung leiden auch unter Episoden unkontrollierten Essens und erleben dadurch Ekel- und Schamgefühle. Es werden jedoch keine Kompensationsmassnahmen unternommen. Oft entwickeln Betroffene dadurch ein Übergewicht. Die Orthorexia nervosa beschreibt die zwanghafte Auseinandersetzung mit gesunder Ernährung. Adipositas hingegen ist eine Stoffwechsel- oder Ernährungskrankheit. Sie führt zu starkem Übergewicht. Die Folgen sind Herz-Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck und Diabetes.
Text Amélie Oberson
Illustration Emanuel Hänsenberger
* Name der Redaktion bekannt
Behandlungsprogramm I-BEAT für Essanfälle / unkontrolliertem Essen der Universität Freiburg
Hilfsangebot der Universität Freiburg