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Passend zum Festival-Thema «Psyche» haben wir den Dirigenten Daniel Harding um Auskunft gebeten, wie sich die Musik in sein Leben eingemischt hat, welche Werke ihn im Innersten bewegen und wie es mit der Psychologie des Musikerberufes aussieht. Die englische Originalfassung des Interviews finden Sie hier.
Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Ich erinnere mich daran, wie mein Vater in einer Aufführung von Händels Messias mit dem örtlichen Laienorchester mitwirkte: Ich nickte ein und wachte erst wieder auf, als «The Trumpet Shall Sound» begann. Anschliessend kündigte ich meiner Mutter an, dass ich das auch eines Tages spielen würde. Einige Jahre später war es dann so weit, als ich das Stück auf der Beerdigung eines älteren Verwandten vortrug – und zwar so schlecht, dass meine Mutter die Trauerfeier ganz bestürzt noch vor dem Ende verliess. Ich bin mir nicht sicher, ob es sich bei der Händel-Aufführung mit meinem Vater wirklich um meine früheste musikalische Erinnerung handelt, aber in Verbindung mit meinem späteren unglücklichen Auftritt ist es eine sehr prägende!
Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musiker zu werden?
Meiner Ansicht nach ist es pure Einbildung, wenn man frühen Erfahrungen rückblickend eine solche Bedeutung verleiht. Mein Wunsch, Musiker zu werden, war zwar schon in jungen Jahren sehr ausgeprägt, aber ich nehme an, dass er sich nach und nach entwickelte und durch viele Erlebnisse und Begegnungen bestärkt wurde. Viele Jahre lang träumte ich davon, ein Trompeter zu werden, dann wollte ich Komponist sein. Der Wunsch zu dirigieren kam erst etwas später.
Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig?
Mozarts Oper Così fan tutte.
Und welches erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
«Lebensfreude»: Das klingt mir fast ein wenig zu leichtgewichtig! Der Schlusssatz von Mozarts Jupiter-Sinfonie packt mich wahrscheinlich mehr als jedes andere Werk der Musikgeschichte. Das ist wirklich eine Eruption der Freude … und zugleich eine hochgradige Herausforderung des Intellekts!
Gibt es Musik, die Sie psychisch derart stark bewegt, dass Sie vor einer Aufführung zurückschrecken?
Ich erinnere mich daran, dass ich, als ich Janáčeks Jenůfa dirigierte, jedes Mal Angst davor hatte, in den Orchestergraben zu steigen – weil ich wusste, was für eine qualvolle Erfahrung vor mir lag.
Gibt es Musik, die bei Ihnen wie eine Medizin auf Leib und Seele wirkt?
Nein. Vielleicht kann man Musik mit einem Placebo vergleichen, doch scheint es mir gefährlich, wenn wir uns der Versuchung hingeben, der Musik magische Kräfte zuzuschreiben. Medizin ist Medizin und Musik ist Musik. Das Leben wäre zwar sehr viel schlechter ohne diese beiden Dinge, aber das heisst noch nicht, dass man sie vermischen müsste.
Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
Es gibt viele Komponisten und viele Werke, für die man sich Zeit nehmen muss, um sie zu verstehen. Ich tue mich zum Beispiel schwer mit vielem von Ravel und Schostakowitsch. Natürlich liegt das an mir, da bin ich mir sicher, aber man sollte so etwas ehrlich zugeben. Denn es ist sinnlos, Liebe und Verständnis für etwas vorzugeben, wenn das nicht der Fall ist. Es gibt viele Menschen, die diese Stücke lieben und verstehen – und diese Menschen werde sie auch viel besser aufführen als ich! Für ein Meisterwerk halte ich allerdings Schostakowitschs Vierte Sinfonie. Vielleicht ist das ja schon einmal ein Anfang …
Werden Sie von musikalischen Eindrücken verfolgt (der «Ohrwurm-Effekt»)?
Wenn ich Fieber habe, dann verfolgen mich oft kurze musikalische Phrasen. Und ausserdem muss ich natürlich manchmal mein Erinnerungsvermögen überprüfen. Es kann dann eine Ewigkeit dauern, bis ich diese Musik wieder hören möchte.
Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
Musik machen mit anderen, anderen dabei zuzuhören und auf sie einzugehen – das sind meines Erachtens sehr wichtige menschliche Erfahrungen. Aber wenn wir uns nur schon die Persönlichkeit einiger der bedeutendsten Komponisten in Erinnerung rufen, dann fällt es schwer zu behaupten, Musik wirke umfassend zivilisatorisch!
Alt und neu
Am 19. August ist Daniel Harding mit dem Mahler Chamber Orchestra bei LUCERNE FESTIVAL zu erleben – mit Dvořáks Sinfonie aus der Neuen Welt, die er mit Neuem aus der Alten Welt kombiniert: mit der Uraufführung von Wolfgangs Rihms Hornkonzert. Zudem dirigiert Harding die «musikalische Kriminalerzählung» Die Waldtaube, eine weniger bekannte Tondichtung Dvořáks.
Erste Eindrücke gibt’s am 18. August in unserer Reihe LUCERNE FESTIVAL 40min, wenn es heisst: «Ganz nah dran: Das Mahler Chamber Orchestra probt Dvořák»