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Funfzehnter Abschnitt.
Von der Isländischen Poesie.
So besonders als auch manchem der Gedanke einiger Gelehrten vorkommen dürfte; dass man in Europa eher in gebundener als in ungebundener Schreibart geschrieben habe, so wahrscheinlich wird doch derselbe bey genauerem Nachdenken. Die Dichter waren auch bey den Griechen und Römern weit älter, als die Geschichtschreiber und berühmtesten Redner. Man kann die Zeit ziemlich genau angeben, wann die ersteren angefangen haben, Prose zu schreiben, aber es ist fast unmöglich, das Alter ihrer Gedichte zu bestimmen, das weit höher heraufgeht, als Trojas Belagerung und die Olympische Spiele. Eben so kennt man bey den Römern keine ältere in Prosa verfasste Schrift, als Appii Caegii Rede an den Rath und das römische Volk in der CXXV. Olympiade, worinn er ihnen anräth, die vom Pyrrhus angebotene Friedensbedingungen nicht anzunehmen; da man doch weis, dass die Poesie bey ihnen lange vorher bekannt gewesen und getrieben worden ist.
Man darf sich darüber nicht wundern, wenn man sich erinnert, dass, ehe die Buchstaben in Europa bekannt geworden sind, manche That doch für würdig angesehen werden konnte, im Gedächtniss behalten und für die Nachwelt aufbewahret zu werden. Und was war es da nicht für das Gedächtniss für eine Hülfe, wenn eine Sache, die man der Vergessenheit entreissen wollte, in einigen nach einem gewissen Tact so zusammengesetzten Worten verfasst ward, dass man sogar blos durchs Gehör erkennen konnte, ob ein Wort ausgelassen oder vewechselt war, oder nicht. Daher waren auch die Gesetze der alten Teutschen in Versen geschrieben, und behalten eben desfalls noch den Namen Gesetze oder Strophen bey, indem die Lieder, worinn solche verfasst waren, gewöhnlicherweise abgesungen wurden: Dieses war auch das Mittel, einem werk bey der Nation mehrern Beyfall zu verschaffen, und die veranlasste Ludwig den Frommen, die Bibel in neunten Jahrhundert in Versen übersetzen zu lassen, und Ottfrid, einen Benedictiner Mönch im Elsas, in eben dem Seculum die vier Evangelisten in teutsche Verse zu übersetzen.
Die Dichtkunst ist also bey allen Völkern ungemein alt, und wir können solche in Schweden als einen Nachlass Odins ansehen, mit welchem sie dahin gekommen war (*).
*) Hr. Prof. Thunmann in Halle, ein nach Teutschland verpflanzter Schwede hat von ihm eine andere Meinung: Odin, sagt er in Nr. 32 der Hall. Anzeigen v. J. 1775 und in einer daselbst eingerückten Abhand. über die Nordische Dichtkunst; Odin, (Wodan) ein uralter Gott aller Germanier, hatte wohl nie den Skandischen Boden betreten. Nebst einem grossen Theil ihrer übrigen Mythologie, hatten die Nordischen Völker wohl ganz gewiss eine Erzählung von Odins Ankunft aus Godheim (dem Himmel, dem Sitz der Götter) nach Manheim (der Erde, dem Sitz der Menschen,) mit sich aus Teutschland gebracht. Aber ihrer ersten Geschichtsforscher fanden dieses Manheim in Schweden, und Godheim an dem schwarzen Meer, und der Mäotis, wo vormals Gothen gewohnt hatten. Nun wurde der Gott Odin ein Heerführer, ein Stammvater der Nordischen Könige, und aus einer unrecht verstandenen Mythologie, erwuchs ein historisches System, welches auf Sturlesons Glauben von allen Nordischen Geschichtschreibern angenommen worden.
Es war in den ältern Zeiten kein König, kein Hauptmann oder sonst irgend jemand von Ansehen, der nicht seinen eigenen Skald oder Dichter hatte. Dieser musste bey allen wichtigen Verrichtungen nothwendig zur Stelle seyn, um alles zu bemerken, was Aufmerksamkeit verdiente, und solches in Liedern zu verfassen. In der Schlacht war er mit in der Sköldborg, oder mitten unter der tapfersten Mannschaft, damit er die Thaten, die gelobt werden sollten, mit eigenen Augen ansehen konnte; und bey Gastmahlen musster er die Gesellschaft durch gute Einfälle und poetische Lobgesänge auf ihre verstorbene Helden aufmuntern. Ein solcher Dichter stand allenthalben in grosser Achtung, er leistete dem Könige beständig Gesellschaft, und war oft beydes sein General und Minister. Sie hiessen Skaldr, welches Hr. Kanzleyrath Ihre von Skiäl, Vernunft, Klugheit ableitet. Sie hiessen auch Spekingr von Speke Weisheit, davon das englische Wort to speak, reden, seinen Ursprung hat.
Den Liedern derselbem, haben wir das erste Licht in der Schwedischen Geschichte zu danken, und können ihnen also nicht die Ehre absprechen, die ihnen Tacitus giebt, da er sie antiquissimum annalium genus nennt. Unsere alten Sagen sind auch daher ganz voll von solchen Liedern, deren Werth wir nicht so gänzlich verwerfen können, ob sie gleich grösstentheils für uns unbegreiflich sind. Der Grund davon liegt darinn: Erstlich setzten die Skalden ihre Lieder mit Fleiss so künstlich zusammen, dass nicht allein das unwissende Volk den Innhalt derselben, ohne Erklärung nicht begreifen konnte, sondern es konnten auch oft selbst grosse Poeten sie nicht verstehen.
Zweytens waren sie gewohnt, die Worte in ihren Liedern, so ausser aller Ordnung zu versetzen, dass dadurch nothwendig die Undeutlichkeit vermehrt werden musste. Ich will nur ein Exempel davon aus Renhjelm anführen, wo die Worte nach der natürlichen Ordnung so hätten folgen sollen, wie die von mir darüber gesetzte Zahlen anzeigen:
Drittens hatten sie ihre besondere Dichtersprache, welche sehr reich war, und die blos in poetischen Schriften, nicht aber im gemeinen Leben gebraucht werden konnte. Diese hat vermuthlich damals eins der vornehmsten Stücke ihrer gelehrten Studien ausgemacht, da deren Annehmlichkeit und Kunst ihnen ohne Mühe ins Gehör fiel. So findet man zum Exempel in Resenii gerdruckter Edda einige funfzig Synonyme des Wortes bölja (Wasserwoge), und Hr. Kanzleyrath und Ritter Ihre, führt aus Lopt Guttormsons Lyodalykil, einem Liebesliede verschiedene Benennungen an, womit das Wort Frauenzimmer ausgedruckt werden konnte. Ich entlehne aus ebendemselben einige Reihen, welche in der der Edda unter den hringaheiti vorkommen, und zeigen, wie weit die Dichter in ihren Antonomasien giengen:
Heingi eg hamri kringdan
Hang a riupu tangar.
Grimnis fylgs a galga
Gynnung bruar linna.
Die natürliche Ordnung dieser Worte ist: Eg heingi hamri kringdan linna gynnung a hang riupu bruar tangar, a Grymnis fylgs galga, d. i. ich hänge die rund gehämmerte gaffende Schlange am Ende der Brücke des Berghuns am Galgen des Schildes Odens. Um hier den Verstand zu finden, bemerkt Hr. Ihre, dass durch den Galgen des Schildes Odens der Arm angedeutet werde, an welchem der Schild gleichsam aufgehangen, pflegt getragen zu werden. Unter dem Wort Ripa, wird der Falk gemeynt, denn der Skald hat die Erlaubniss, ein Genus für das andere zu setzen. Die Brücke des Falken aber ist die Hand, worauf ihn der Jäger setzt, und deren Ende oder tong, (Zunge) ist der Finger. Die gaffende oder das Maul aufsperrende rund gehämmerte Schlange, bedeutet einen Ring; und will also dies alles nichts anderes sagen, als ich stecke den Ring an den Finger.
Viertens nahmen sie sich, um etwas noch unverständlicher zu machen, die Freyheit, wenn zwey Worte einerley Laut hatten, die Periphrase des einen für das andere zu setzen, als z. E. das Wort hof bedeutet eine Pferdehufe, Pferdefuss; eben das Wort hof bedeutet aber auch so viel als Erbarkeit, Mässigung, Verstand, und nun gebrauchte man den Pferdefuss, um dadurch auch das letzere anzudeuten.
Das grösste Hinderniss bey Erklärung solcher alten Poesien, rühret doch fünftens daher, dass die Handschriften von unsern alten Sagen, besonders was die Verse anbetrift, ungemein fehlerhaft sind; so dass sie ohne die grösste Schwierigkeit nicht richtige gelesen werden können. Und dis ist die Ursache, woher die mehresten Verse, in denen sowohl in Island selbst als in Schweden gedruckten Isländischen Sagen nicht zu verstehen sind. Nur wenige können daher auch damit fertig werden; dass es sich aber doch thun lasse, davon zeugen die neuen Auflagen von Kristnis Saga, Landnamabok u.m., und es hat sich besonders der Probst Gunnar Paulsen in Island, wegen seiner grossen Einsicht in dieser Sache bekannt gemacht und Ruhm erworben.
Die Schwürigkeit, den rechten Verstand der alten Poesie ausfündig zu machen, ist auch die Ursache, woher einige diese von den Alten uns übrig gebliebenen Proben des Witzes mit solcher Verachtung ansehen. Ich will gerne zugeben, dass man unter ihnen kein Gedicht antrift, das man als ein Muster des Witzes und Geschmacks ansehen kann, allein desfalls kann man nicht läugnen, dass nicht bisweilen erhabene Ausdrücke und Gedanken, und sehr glückliche Gleichnisse darinn vorkommen sollten, und man kann des sterbenden Lodbroks Biarkamal, Eigils Hofud, Lausn und Ejvindrs Haconarmå, nebst andern nicht ohne Vergnügen lesen.
Der Gegenstand ihrer Poesien waren allerhand Dinge, die im gemeinen Leben vorfielen. Allein am mehresten beschäftigten sich solche doch mit Lobgesängen auf die Thaten grosser Männer, wobey sie beschuldiget werden, es mit ihren Schmeicheleyen nicht so genau genommen zu haben. Man hat also von ihnen allerhand Lieder aufzuweisen, worunter ein nicht schlechtes episches Gedicht auf Karl und Grim, imgleichen auf Hialmar befindlich ist. So sieht man auch oft einige satyrische Stücke, allein von theatralischen Arbeiten findet man nicht, dass sie einmal einen Begriff gehabt haben.
Aus dem, was bisher gesagt worden, sollte man glauben, keine Sprache erlaube dem Dichter so viele Freyheiten als die Isländische. Es ist auch gewiss, dass keine Sprache einen so reichen poetischen Sprachschatz aufweisen kann, als eben sie. Desfalls muss man aber doch nicht glauben, als sey solche an gar keine Regeln gebunden gewesen. Ja, ich zweifle sogar, ob irgend eine Poetik so weitläuftig als die Isländische gewesen ist, da nach Angabe der Edda, nicht weniger als 136 Versarten, auf Isländisch hattur, dahin gehören, welche alle ihre besonderen Regeln haben.
Die Edda ist beynahe eins der berühmtesten Ueberbleibsel des Alterthums, und doch ist solche bisher so wenig oder gar nicht recht bekannt gewesen. Man hat solche fast überall für die Götterlehre der Alten gehalten, und hat ihr die Voluspa und das Havamal als ein Paar Theile derselben aufgedrungen, welche doch gar nicht dazu gehören. Endlich hat Herr Kanzleyrath und Ritter Ihre, in dieser Sache völliges Licht angezündt, da er sein schon vorher angeführtes Schreiben an den Herrn Kanzleyrath Lagerbring drucken liess, worinn er die auf der Bibliothek Upsala befindliche Handschrift der Edda untersucht, und beweiset, dass die Edda nichts anders als eine Anleitung zur Isländischen Dichtkunst ist, welche aus drey Theilen bestehe. Der erste, Daemisagor, ist ein Auszug aus der historia mythica veterum; der andere, Kenningar, ist ein blosses aerarium poeticum; und der dritte Liods Greiner enthält die Isländische Prosodie u. s. w. Die sogenannte Daemisagorne sind grösstentheils doch sehr unvollständig und mit wenig Sorgfalt von Goranson, in Schwedischer Sprache ans Licht gestellt. Resenius hat solche, nebst den Kenningarne Lateinisch herausgegeben (*).
(*) Edda Islandorum an. Ch. MCCXV Islandiae conscripta per Snorronem Sturlae - nunc primum Islandice, Danice, et Latine ex antiquis Codicibus MSS. opera et Studio Pet. Ioh. Resenii. I. V. D. - Havniae 1655. in 4. Der Uebers.
Der dritte Theil aber, welcher nicht weniger Aufmerksamkeit verdient, ist gar noch nicht ans Licht gekommen, und es wäre sehr zu wünschen, dass Hr. Kanzleyrath Ihre dem Publikum damit ein Geschenk machen mögte, da so wenige, ausser ihm im Stande sind, solchen in Ordnung zu bringen.
Eben so, wie man sich in Ansehung des Innhalts der Edda geirrt hat; so hat man es auch in Ansehung des wahren Verfassers derselben gethan. Die mehresten halten dafür, Sämundr Sigfuson, welcher 1133 starb, habe ein sehr weitläuftiges Werk unter dem Namen der Edda geschrieben, das viele grosse und wichtige Sachen enthalten habe, und gleichsam eine Schatzkammer aller menschlichen Weisheit gewesen sey, wovon aber kaum ein Drittel auf un sgekommen, und in unserer bekannten Edda aufbewahrt sey. Herr Kanzleyrath Ihre aber behauptet, die Edda, die wir haben, sey nie aus einer ältern vorhanden gewesenen Edda ausgezogen, sondern zuerst von Snorre Sturleson zusammengesetzt worden. Die Schwierigkeiten, welche sowohl der gelehrte Arnas Magnäus anführt, als die Einwürfe, welche neulich von Hrn. Prof. Schlözern wider diese Meynung gemacht sind, können leicht gehoben werden; denn vermuthlich hat der Mönch Gunlaug wie Björn zu Skardsaa glaubt, oder vielmehr Olafr Hvitaskald, Sturlesons Edda fortgesetzt, und dann darf man sich nicht wundern, dass etwas zu Sturlesons Ruhm mit eingerückt ist, und kann es leicht erklären, wie der Verfasser den König Waldemar in Dänemark seinen Herrn nennen kann.