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UZH News: Herr Roeck, wie präsent ist Englisch in Ihrem Alltag?
Bernd Roeck: Nicht sehr präsent. Ab und zu führe ich ein Telefonat mit englischsprachigen Kollegen, oder ich reise für einen Vortrag in Länder, wo man nur mit Englisch weiterkommt.
Nein, das kann ich nicht. Ich habe nie im englischsprachigen Raum gelebt. Aber ich kann mich in meinem Fach ausreichend gut ausdrücken. Eine Sprache kann man jedoch erst dann gut, wenn man weiss, was das Wort Wäscheklammer oder Kotflügel heisst. Da müsste ich sehr schnell kapitulieren.
Englisch wird als Wissenschaftssprache auch in den Geisteswissenschaften wichtiger. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Nachvollziehbar und sinnvoll, weil man dadurch tatsächlich eine Scientific Community wird. Wir brauchen eine Lingua franca, denn wir reden ja nicht nur Englisch mit Kollegen aus der englischsprachigen Welt, sondern auch mit Kollegen aus China oder Osteuropa. Ein Austausch wäre unmöglich, wenn es nicht diese Brücke gäbe, die das Englische darstellt.
Wenn ich eine Fachdiskussion auf Englisch führen muss, kann ich zwar nicht so differenziert argumentieren wie in meiner Muttersprache. Das spricht aber nicht gegen die Sache als solche. Es ist besser die Diskussion mit Mängeln zu führen, als sie gar nicht zu führen.
Humboldt sagte: Die Sprache ist das bildende Organ des Gedankens. Sind mit Sprachen unterschiedliche Denkstile verbunden?
Ich bin überzeugt, dass es unterschiedliche Denkstile gibt. Wenn man in Frankreich, Italien oder Amerika Tagungen besucht, stellt man fest, dass sie ganz unterschiedlich verlaufen. Das hat jedoch nicht primär mit der Sprache zu tun, sondern mit verschiedenen intellektuellen Kulturen.
Die gedankliche Vielfalt schwindet also nicht, wenn die sprachliche Vielfalt schwindet?
Indirekt kommt es vielleicht sogar zu einer Bereicherung. Wenn ich Vorträge auf Englisch halte, muss ich sie vorher übersetzen. Ich reflektiere dabei das eigene Denken.
Beim Wiederdenken kann es auch zu veränderten Argumentationsgängen kommen. Das Übersetzen ist kein Verlust, wenn man es ernsthaft betreibt. Das ursprüngliche Werk muss dabei nicht verloren gehen. Die Umsetzung ist jedoch ein Problem.
Inwiefern?
Es gibt wenige Möglichkeiten, Übersetzungen zu finanzieren. Man wundert sich, wie gering die Auflagen sind, mit denen Verlage kalkulieren können, wenn Sie etwa auf den amerikanischen Markt mit einem hierzulande interessanten Buchthema gehen. Das bedeutet, dass Übersetzungen für einen Verlag kaum wirtschaftlich sind.
Sind deutschsprachige Wissenschaftler systematisch benachteiligt, weil sie den Umweg über die Übersetzung machen müssen, um global wahrgenommen zu werden?
Nein. Wir haben eine reiche, wunderbare Muttersprache, das Deutsche, und ich pflege sie gerne und viel. Deutsch hat gerade noch die kritische Grösse, um als Wissenschaftssprache neben dem Englischen zu bestehen.
Lebt man aber zum Beispiel in Polen, ist es klar, dass die Kollegen dort auf Französisch oder Englisch publizieren, weil in der Welt nicht viele Leute Polnisch sprechen.
Wie umgrenzen Sie den geografischen Echoraum, in dem deutschsprachige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehört werden?
Primär arbeiten wir in den Geisteswissenschaften im eigenen Sprachraum, in der eigenen Kultur. Aber es gibt darum herum eine Vielfalt von weiteren Lektüren und Bezügen; meine Bücher wurden auch ins Koreanische, Japanische und Englische übersetzt. Aber der wirkliche Austausch ist auf die deutsch-europäische Situation zentriert.
Welchen grundsätzlichen Stellenwert hat die Sprache in den Naturwissenschaften im Vergleich zu den Geisteswissenschaften?
In den Naturwissenschaften ist Sprache eher ein Darstellungsinstrument von Ergebnissen. Die Texte haben oft mehrere Autoren, sie sind stärker kodifiziert, es gibt ein Set an Termini technici, vieles lässt sich grafisch darstellen.
In den Geisteswissenschaften hingegen ist Sprache das primäre Arbeitsinstrument, und es gibt einen alten Streit, inwieweit Geisteswissenschaften Wissenschaft sind und inwieweit Literatur. Es gibt jedenfalls gute Forschung, die einen literarischen Anspruch hat.
Welchen Wert hat denn «schönes» Schreiben?
Ich bin überzeugt, dass es gerade in den Geisteswissenschaften viele Fächer gibt, die ein grosses Publikum erreichen könnten, wenn sie sich ohne das Imponiergehabe des Fachjargons verständlich machten.
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