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Niemand wird es glauben: Das bedeutendste Sprechtheater der Schweiz, das Schauspielhaus Zürich, war bis 1938 ein Privattheater. Dessen Leiter und Eigentümer, Ferdinand Rieser, bot im selben Jahr das Schauspielhaus zum Verkauf an, denn er wollte in die USA emigrieren. Um es mit seinem Ensemble vor dem sicheren Untergang zu retten, wurde eine einmalige Aktion gestartet. Auf Initiative des Verlegers Emil Oprecht, des Dramaturgen Kurt Hirschfeld und unter der couragierten Unterstützung des damaligen sozialdemokratischen Stadtpräsidenten Emil Klöti wurde die „Neue Schauspiel AG“ ins Leben gerufen. „Es war eine Gründung der Sozialdemokratie mit dem Kapital liberaler Bürger“, schreibt Peter Löffler, Direktor des Schauspielhauses in der Spielzeit 1969/70.
Doch zurück zu den Anfängen dieses Theaters. An der Stelle des heutigen Schauspielhauses liess der Gastwirt Heinrich Hürlimann 1892 ein erstes festes Theater mit Kuppelbau und kleiner Bühne bauen: Das „Volkstheater am Pfauen“. In diesem Bau, der in den äusseren Umrissen noch heute erhalten ist, wurden die Zuschauer während der Vorstellung an langen Tischen bewirtet. „Berliner Possen“ und frivole „Pariser Schwänke“ standen ebenso auf dem Programm wie Schlangentänzerinnen und Fakire: ein Amüsiertempel in der Zürcher Vorstadt.
1901 mietete der damalige Direktor des Opernhauses, Alfred Reucker, das „Volkstheater am Pfauen“, um eine Spielstätte für das Sprechtheater zu gewinnen. Er räumte die Biertische und Wackelstühle aus und eröffnete das Haus mit Goethes „Mitschuldigen“. Das Publikum war zunächst dem neuen, anspruchsvollen Spielplan keineswegs freundlich gesinnt, trotzdem wagte es der Direktor, erstmals ein ganzjähriges festes Ensemble zu engagieren. Es ist sein Verdienst, dass dieses Theater, dessen Architektur für das moderne Schauspiel eigentlich ungeeignet war, immer mehr Strahlkraft entfaltete. Dennoch wurden 1920 das Ensemble und zugleich dessen Direktor entlassen, denn die Defizite nahmen zu. Nachdem sein Nachfolger Ferdinand Rieser das Schauspielhaus gekauft und 1926 umfassend umgebaut hatte, setzte er gegen zahlreiche Anfeindungen des Publikums einen zeitgenössischen Spielplan durch – und er war erfolgreich. International freilich fand das Zürcher Theater bis 1933 kaum Beachtung.
Mit Hitlers Machtergreifung änderte sich die Situation grundlegend. Viele Emigranten, Schauspielerinnen und Schauspieler aus Deutschland, wurden von Rieser ins Ensemble aufgenommen, alle waren sie ausdrückliche Gegner des Nationalsozialismus, sie waren Juden und/oder politisch radikale Linke. Hier können nicht alle jene berühmten SchauspielerInnen und Regisseure genannt werden, die damals – und z.T. bis 1945 – in Zürich arbeiteten: Therese Giehse, Grete Heger, Albert Bassermann, Ernst Ginsberg, Wolfgang Langhoff, Kurt Horwitz, Leonard Steckel, Leopold Lindtberg u.v.a.. Neben Klassikern spielte Rieser in seinem Theater zahlreiche Zeitstücke, er brachte Uraufführungen so renommierter Autoren wie Else Lasker-Schüler, Ödön von Horváth, Ferdinand Bruckner, Georg Kaiser und Friedrich Wolf heraus. Es war ein kritischer, z.T. kämpferischer Spielplan mit einer explizit antifaschistischen Stossrichtung. Die „Frontisten“ in der Schweiz, die die Hitlersche Ideologie des Antisemitismus und Nationalismus übernahmen, entfesselten gegen das Schauspielhaus einen eigentlichen Kulturkampf. Ihre Kampfverbände scheuten vor gewalttätigen Aktionen nicht zurück, so dass bestimmte Aufführungen nur unter Polizeischutz über die Bühne gehen konnten.
Nicht nur der sich abzeichnende Konkurs, sondern diese tägliche Bedrohung führte 1938 Ferdinand Rieser zum Entschluss, sein Theater zu verkaufen. Dieses Jahr war damit für das Fortbestehen des Schauspielhauses von existentieller Bedeutung. Und ohne den Mut und das Engagement von Oprecht, Klöti, Hirschfeld und privater Geldgeber hätte es sicherlich seine Pforten schliessen müssen. Sie gründeten eine AG mit einer Aktienbeteiligung der Stadt Zürich, die somit Einfluss nehmen konnte auf den Betrieb des Theaters. Als neuen Direktor wählte man den Basler Regisseur und Autor Oskar Wälterlin, der die Bühne bis 1961 leitete. Wälterlin verstand es, die unterschiedlichen Individualitäten im Zürcher Ensemble zu fördern wie auch die politischen Gegensätze klug zu vermitteln, so dass das Schauspielhaus während der ganzen Zeit des zweiten Weltkriegs ein Sammelbecken des Antifaschismus blieb. Zu den bereits unter Rieser engagierten Emigranten holte Wälterlin u.a. Maria Becker, Anne-Marie Blanc und Heinrich Gretler ins Ensemble.
Mehrere der grossen Stücke Bertolt Brechts hatten hier ihre Uraufführung: „Mutter Courage und ihre Kinder“, „Der gute Mensch von Sezuan“, „Leben des Galilei“, „Herr Puntila und sein Knecht Matti“. Einer der prägendsten Regisseure dieser Zeit war Leopold Lindtberg. In den 50er Jahren entdeckte Wälterlin zusammen mit seinem Dramaturgen Kurt Hirschfeld die damals noch gänzlich unbekannten Dramatiker Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt – viele ihrer Stücke wurden hier uraufgeführt. Nach Wälterlins Tod kam es zu einem häufigen Wechsel der Direktoren.
Zum ersten Mal in seiner Geschichte wurde das Zürcher Schauspielhaus unter seinem Direktor Christoph Marthaler in den Jahren 2002 und 2003 zum „Theater des Jahres“ gewählt. Und seit September 2000 – Marthalers Beginn als künstlerischer Direktor – besitzt dieses Theater drei Bühnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zum einen das traditionsreiche Haus am Pfauen und ausserdem zwei flexibel bespielbare Theaterräume – die Schiffbauhalle und die Box im Schiffbau – die in der kurzen Zeit ihres Bestehens europaweit bekannt wurden. Auch zahlreiche Einladungen zum Berliner Theatertreffen – zwischen 2003 und 2009 betraf dies Inszenierungen von Christoph Marthaler, Stefan Pucher, Frank Castorf, Johan Simons, Jan Bosse und Jürgen Gosch – sprechen für sich. Nach Marthalers politisch aufsehenerregenden Abgang wurde das Haus in der Spielzeit 2004/05 von Andreas Spillmann geführt; von Saison 2005 bis 2009 durch den Künstlerischen Direktor Matthias Hartmann. Seit der Spielzeit 2009/2010 leitet Barbara Frey als erste Intendantin das Schauspielhaus Zürich.
Verfasser: Bruno Hitz, ehemaliger Dramaturg des Schauspielhauses