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WOZ: Mina Hava, die Hauptfigur Ihres Debütromans heisst Seka. Das bedeutet im Bosnischen «Mädchen» oder «Schwesterchen», Sekas eigentlicher Name wird im Roman nie genannt. Was steht hinter dieser Namenlosigkeit?
Mina Hava: Es ist keine Namenlosigkeit, es ist ihr Name, eine Bezeichnung von aussen. Sie begegnet diesem Namen auf einem Briefumschlag, der an sie adressiert ist. Darauf steht «Für Seka». Der Name deutet auf eine Fremdbezeichnung hin und sorgt für einen Moment der Irritation, dem die Protagonistin, nun Seka genannt, auf die Spur geht.
Sie haben mir im Vorfeld des Interviews geschrieben, dass im Roman anhand der Figur von Seka eine «Suche nach der eigenen körperlichen und geistigen Integrität vollzogen» wird. Können Sie dies ausführen?
Ich verstehe den Roman als Dokument einer Recherche, die Seka als Antwort auf eine Art historischen Gedächtnisverlust durchführt. Diesen stellt sie nicht nur an sich fest, er scheint symptomatisch für das Leben in der Diaspora, in der die Fremdbetrachtung internalisiert wird und zu einer komplizierten Selbstwahrnehmung führt. So ist Seka nicht etwa bosnisch, sondern wird erst durch eine «deutsche» Linse bosnisch gemacht.
Können Sie diesen historischen Gedächtnisverlust etwas genauer beschreiben?
Ich weiss nicht genau, wie – aber die historische Amnesie ist stark gekoppelt mit der Fähigkeit des Sprechens über die eigene Geschichte: Inwiefern bin ich in der Lage, zu verstehen, was mir widerfahren ist? Und wie klar verstehe ich die Prozesse, die mir widerfahren, nicht nur als singuläre Ereignisse, sondern auch als solche, die über mich selbst hinausgehen? Das sind Fragen, die Seka in ihrer historischen Recherche leiten.
Gibt es diese historische Amnesie, weil die Elterngeneration nicht über die Geschichte spricht?
Die historische Amnesie rührt daher, dass die Geschichte in den Lehrplänen nicht vorkommt. Das führt zu einer Dissoziation. Das ist auch der Raum, in dem sich Seka bewegt und der sie so gleichgültig gegenüber der «geografischen» Herkunft macht. Ich denke, die Eltern stehen nicht in der Pflicht, ihre Kinder über ihre Geschichte aufzuklären, sondern die Schule. Welche Eltern hätten überhaupt Zeit, ihre Kinder über die Kriegsverbrechen aufzuklären? Akademiker? Was an die Stelle der Lehrbücher tritt, ist das Internet, sind Filme und Videoclips. Was Seka zunächst interessiert, ist, wie sie sich kleidet und wie sie nach aussen wirkt. Später geht es dann um die Fähigkeit der Artikulation und der Selbstbehauptung. Der postkoloniale Denker Frantz Fanon ist ein Vordenker dieses psychologischen Twists.
Wichtig für das Verständnis der eigenen Geschichte ist auch die Sprache, die Seka und auch Sie selbst, die beide in der Schweiz aufgewachsen sind, allerdings nur noch in bestimmten Kontexten sprechen.
Oder nicht mehr sprechen. Wir sprechen Mischsprachen. Das führt auch zu einem starken Sprachbewusstsein. Dieses Aufwachsen in der bosnischen Diaspora hat allgemein eine sehr starke Sprachsensibilität zur Folge.
Wie zeigt sich die?
Wenn man die Sprache nur übers Gehör lernt, weiss man nicht, was man für Fehler begeht. Erst später, wenn man älter wird, wird man sich bewusst, was für eine Fantasiesprache man eigentlich spricht. Dann kann es durchaus sein, dass man lieber schweigt.
Im Serbokroatischen kommt noch dazu, dass jede Betonung Rückschlüsse auf das Land und die Region erlaubt. Man bewegt sich in einer Sprache, die im Zuge des Krieges nationalisiert und politisiert wurde. Da kann es also schon vorkommen, dass man als Kind einen serbischen Ausdruck übernimmt, plötzlich die Sprache des «Feindes» annimmt und zu Hause dann dafür gerügt wird. Das würde die Annahme des französischen Soziologen Pierre Bourdieu stützen oder ergänzen, dass sich insbesondere auch in der Sprache die «feinen» Unterschiede zeigen.
Und wie verhält es sich mit der Suche nach der körperlichen Integrität im Roman?
Die körperliche Integrität steht auch im Zusammenhang mit Sekas Erkrankung und den Eingriffen in ihren Körper. Seka hat «Knoten in der Brust», wie es im Roman heisst, und weiss nicht, was das bedeutet. Durch die Erkrankung wird der Körper fremd, weil in ihn eingegriffen wird, dennoch hält er sie noch in der Welt und erschliesst sie ihr.
Der Vater schlägt die Mutter und bedroht die ganze Familie, die sich vor ihm fürchtet. Sekas Leben ist geprägt durch diese angedrohte Gewalt und durch die Erkrankung. Ich habe Sekas Recherche so interpretiert, dass sie sich darüber Klarheit verschaffen möchte, was ihr und ihrer Familie widerfährt, und dies, indem sie ihre Geschichte in einem grösseren, ja fast globalgeschichtlichen Kontext betrachtet.
Unbedingt, dem würde ich zustimmen.
Ein zentrales Thema des Romans, an dem dies aufgezeigt wird, ist der Bergbau: Sekas Grosseltern stammen aus Nordwestbosnien, aus der unmittelbaren Nähe des Bergwerks Omarska, in dem 1992 auch ein Konzentrationslager war. Seka beginnt, über diesen Ort zu recherchieren. Was fasziniert sie daran?
Der Bergbau hat Folgen nicht nur für die Umwelt, sondern vor allem auch für die arbeitenden Menschen. Er organisiert das soziale Leben neu. Dem Bergbau folgen Eisenbahnen, es herrscht Lastenverkehr hin und her, die Dörfer werden an den globalen Markt angebunden. Der Bergbau bringt aber auch Ungleichheiten hervor, so etwa im Hinblick darauf, an wen die Erlöse gehen. Der Boden wird zudem eine «Imaginationsfläche», im 16. und 17. Jahrhundert ranken sich Mythen darum, was sich im «Innern» eines Berges verbergen könnte – Höllen oder Schlunde.
Im Buch erkennt Seka den Bergbau als eine von vielen Verbindungen zu Omarska. Durch diesen extrem vielschichtigen Ort entdeckt sie die Präsenz des Nationalsozialismus in Bosnien, die sie nie vermutet hätte, und sie erfährt von den Verbrechen in Omarska während des Bosnienkriegs sowie den Umweltverbrechen, die heute dort begangen werden. Auch der Boden birgt Spuren von Verbrechen, die lesbar gemacht werden können.
Das Thema Bergbau steht auch in enger Verbindung zum Kolonialismus, das Graben kann aber auch im Zusammenhang mit dem Schreiben und Recherchieren verstanden werden.
Schreiben ist keine neutrale Tätigkeit – sie ist dem Graben nicht unähnlich. Beide Bewegungen begeben sich auf die Suche, wenden bestimmte Techniken an und bringen Gegenstände hervor. Die Frage, die sich mir gestellt hat, war: Gibt es Parallelen zwischen Landaneignung, Landbearbeitung, dem Zugriff auf Grund und Boden – und dem Schreiben? Bei Letzterem wird ja ebenfalls ein Stoff erschlossen. Man kann auch wissenschaftshistorisch herleiten, dass Schreiben ein Werkzeug ist, mit dem man sich Wissen erschliesst und darstellt. Es ist aber ebenso ein Tool, um Menschen zu regulieren und einzuordnen. Übrigens ist die ETH in Bezug auf den Kolonialismus aufschlussreich.
Inwiefern?
Weil die ETH entstand, um Tunnel zu bauen, um Mineralien aus dem Boden zu entwenden. Die kolonialen Wissenschaften wie Medizin, Geografie oder Geologie sind weitere Werkzeuge – wie auch die Sprache. Man denke an all die Klassifizierungen, die in den Kolonien angewandt wurden, um die Gegenstände, die man nicht verstanden hat, zu ordnen, zu benennen und um sie dann in einen europäischen Wissensdiskurs zurückspeisen zu können. Das hat man gemacht, um die Qualitäten, die zum Beispiel eine Pflanze hat, zu verwerten. Davon zeugen heutige «Tropenhäuser» in botanischen Gärten. Und es ist ja nicht nur die Flora erforscht worden, sondern auch Menschen. Man dachte, man blicke in die Vergangenheit, was natürlich falsch war, was aber die europäische Überlegenheit gerechtfertigt und zementiert hat.
Es gibt zudem interessante Verstrickungen zwischen dem Kolonialismus und dem Literaturkanon. Das prägendste Beispiel für mich ist die englische Schriftstellerin Virginia Woolf, deren Ehemann in den britischen Kolonien gearbeitet hat. Weitere Funde sind aber auch der polnisch-britische Autor Joseph Conrad und seine Tätigkeit im Kongo oder dass der frühromantische Autor Novalis ein Salinentechniker war. Das eröffnet Potenziale, neue Leseweisen; man könnte fragen, welche Analogien sich zwischen Novalis’ Sprachbildern und seiner Tätigkeit als Techniker zeigen.
Und es gibt zudem Verbindungen zwischen Kolonialismus und Bosnien, die im Roman aufgegriffen werden.
Ja, der jugoslawische Politiker Tito und seine Blockfreien-Bewegung stellen zum Beispiel so eine Verbindung dar. Er hat sich mit wichtigen Vertretern der Dekolonisation verbündet und so eine Politik entwickelt, die globalen Rang hatte. Die Zebras auf der istrischen Insel Brijuni, wo er eine Residenz hatte, sind ein Detail dieser globalen Verstrickungen. Die Tiere waren Gastgeschenke afrikanischer Präsidenten, die ihn besucht haben. Darüber hinaus könnte man auch darüber nachdenken, inwiefern der Begriff «Ethnie» – ein Konzept, das nach wie vor angewandt wird, um den Balkan zu «erklären» – ein koloniales Artefakt ist. Ethnien sind keine natürlichen Gegebenheiten, sondern zutiefst künstliche Erzeugnisse, die naturalisiert werden.
Das Bild der globalen Vernetzung, das Seka auch noch an anderen Beispielen aufzeigt, ist sicherlich kein gängiges für Bosnien. Plädieren Sie damit auch für ein anderes Bosnienbild?
Ich habe keine natürliche Verbindung zu Bosnien, sondern eine sehr artifizielle. Meine Sicht auf Bosnien ist sehr stark durch den deutsch- und den englischsprachigen Raum geprägt, weil ich mir Bosnien durch die Medien, durch Berichte und wissenschaftliche Paper erschliesse. Das verweist mich wiederum auf die Perspektive, von der aus ich Bosnien betrachte: nämlich von der Schweiz aus. Und wohl auch aus einem sehr intellektuellen Raum. Obwohl es durch meine Familie eine geografische Verortung gibt, heisst das nicht, dass ich dadurch eine natürliche Verbindung zu Bosnien habe, im Gegenteil.
Sie haben mir im Vorfeld geschrieben, «Für Seka» sei kein Buch über Bosnien.
Ich weiss nicht, inwiefern mein Buch mit Bosnien zu tun hat, weil das Interesse, das ich verfolge, ein historisches Interesse ist. Und dieses hätte genauso gut auf einen anderen Sachverhalt fallen können. Aber in diesem Buch ist es in der Figur von Seka mitunter auch Bosnien.
Befürchten Sie, dass ein solcher Text, geschrieben von Ihnen als Schriftstellerin mit familiären Verbindungen zu Bosnien, auf Bosnien und den Bosnienkrieg reduziert wird?
Ich bin mehr als mein Name. Als Autorin von literarischen Texten interessieren mich vorwiegend ästhetische Entscheidungen und Formfragen. Meine Arbeit sollte nicht nur auf ihren Inhalt, sondern auch auf ihre Form hin befragt werden, weil darin auch eine Antwort liegen könnte.
Aber ist es denn nicht auch ein Buch darüber, was der Krieg bis heute mit den Menschen macht?
Es ist vorwiegend ein Buch über das eigene und fremde Betrachten und über die Momente, in denen die Betrachtungen übereinstimmen und wieder voneinander wegführen. Natürlich hat der Krieg auch Konsequenzen für die Körper von Menschen. Was die Menschen insbesondere im Stich lässt, ist das Sprachvermögen. Die verschwiegene Vergangenheit wird zum körperlichen Symptom.
Sie haben gesagt, dass Sie sehr lange am Roman gearbeitet haben. Wie würden Sie Ihre Herangehensweise beschreiben?
Ich habe sehr lange Informationen gesammelt und mir selbst den Auftrag gegeben, diese Dokumente mit Seka in Verbindung zu bringen. Das ist ein Korpus, der über mehrere Jahre gewachsen ist und der anschliessend geschnitten wurde – es ist wirklich ein Schneiden verschiedener historischer Stoffe, die dann durch die Figur von Seka personalisiert und in weitere Recherchen eingebettet wurden.
Wie hängt diese Herangehensweise mit Ihrem Studium der Globalgeschichte und der Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich zusammen?
Das hatte natürlich einen Einfluss und ist deutlich spürbar im Roman. Ich hatte zum Beispiel auch eine Bibliografie, die hat es allerdings nicht ins Buch geschafft. Einige Quellen habe ich aber sichtbar gemacht und erwähnt. Andere habe ich lediglich als Zitat kenntlich gemacht, sie können aber schnell ergoogelt werden. Wer das Zitat sucht, findet es sofort.
Die Sprache des Romans ist keine Alltags-, sondern grösstenteils eine sehr lyrische Sprache, die ein langsames Lesen erzwingt.
Es ist eine sehr artifizielle Sprache, und das Buch ist kein Pageturner, sondern es widersetzt sich manchmal dem Lesen. Das liegt wohl auch daran, dass ich mehr Freude an Beobachtung als an Erzählung habe.
Die Form des Romans und auch Ihre Aussage, es handle sich um eine historische Recherche, erinnerten mich an Dorothee Elmigers Buch «Aus der Zuckerfabrik», das diese selbst als Recherchebericht bezeichnet hat.
Dorothee Elmiger ist grandios. Eine Autorin, bei der ich mich frage, wie sie das macht, wie bei ihr Zusammenhänge erschlossen werden. Ich bewundere ihre Arbeit sehr. Was mich grundsätzlich interessiert, ist eine Art des literarischen Dokumentarismus, eine Kreuzung zwischen Reportage, Kritik, Betrachtungen und Erfahrungsbericht.
Ein weiterer wichtiger literarischer Bezugspunkt im Roman ist die kanadische Dichterin Anne Carson, aus deren Werk «Anthropologie des Wassers» Seka mehrmals zitiert. Wie wichtig war dieses Werk für den Roman?
Anne Carson ist extrem virtuos. Sie hat eine schöne Häme, einen schönen Spott in ihren Texten und einen nüchternen Ton. Mich fasziniert bei ihr, wie sie ihren Texten diese Form verleiht. Und es gibt natürlich diese Verbindung zu Seka über das Wasser, da Seka oft schwimmen geht. Auch der deutsche Schriftsteller W. G. Sebald ist wichtig für mich, weil es bei ihm so viel zu entdecken gibt und es bei ihm auch darum geht, Vergessenes in eine Gegenwart zu überführen.
Im Roman beschreibt und thematisiert Seka auch zahlreiche Fotografien. Zum einen beschreibt sie Familienfotografien, die sie von ihrem Vater in einem Couvert mit der titelgebenden Aufschrift «Für Seka» erhalten hat, zum anderen beschreibt und thematisiert sie historische Fotografien zum Beispiel von Konzentrationslagern. Welche Funktion haben diese Fotografien im Roman?
Die Familienfotografien, die Seka beschreibt, sind übrigens nicht meine eigenen Fotografien. Das sind Fotografien, die in Umlauf sind, sagen wir es so, und die etwas tragen oder zeigen – und ausgehend von denen dann fabuliert wird. Ich habe diese Fotografien befragt: Was interessiert mich überhaupt daran, was zeigen sie mir, wo ist meine Verbindung zu diesen Fotografien? Gibt es überhaupt Verbindungen, oder sind dies nur Konstruktionen, die man als Antwort auf ein Fehlen einer eigenen Historie herstellt?
Im Roman erwähnt werden zum Beispiel auch die Fotografien des britischen Journalisten Ed Vulliamy, der das Lager in Omarska fotografiert und die ausgezehrten Körper gezeigt hat, die an die sogenannten Muselmänner aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern erinnerten. Durch die Publikation dieser Fotografien kam auch das Lager in die Weltöffentlichkeit. Diese Anklänge an bekannte Bilder wie die aus Auschwitz hatten eine grosse Wirkung. Was im Buch durchaus versucht wird, ist, nach Verbindungen zwischen Auschwitz und Omarska zu fragen. Und es ergaben sich ganz viele, zum Beispiel das Herstellen von Gütern, von sogenannten Rohstoffen oder auch die Vernichtung der Frauen in den nationalsozialistischen Arbeitslagern.
Im Roman wird immer wieder aus Texten von Turbo-Folk-Songs zitiert, und Seka selbst hört diese Musik. Was fasziniert Sie an diesen Sängerinnen und dieser Musik, die sehr konservative Rollenbilder transportiert?
Es ist eine Art Unversehrtheit, die die Frauen gegen aussen tragen, die Seka fasziniert. Es ist ja schon verwunderlich, wie viel Aufwand damit einhergeht, sich so herzurichten. Der Aufwand geht so weit, dass er sich sogar in den Körper einschreibt, durch Modifikationen, Vergrösserungen, was weiss ich alles. Das ist so sinnbildlich bei einer Sängerin wie Seka Aleksić.
Für die Seka im Roman haben diese Lieder ganz viel Bedeutung, und diese stellt sich her, wenn man glaubt, verbunden zu sein mit einem anderen Teil der Welt, der einen nicht umgibt. Anhand dieser Lieder wird auch ganz viel Zugehörigkeit ausgehandelt. Die Sender, die diese Musik schon früh spielten, wurden überall in der Diaspora rezipiert, wobei das Hören von Turbo-Folk wohl auch mit der Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse verknüpft ist. Vielleicht wurde dabei auch ein Gefühl der Verbundenheit über die eigene Welt hinaus vermittelt, weil bei den Sendern, die Turbo-Folk spielten, über ein Banner auf dem Bildschirm ständig Grüsse ausgerichtet wurden. Der Turbo-Folk beinhaltet zudem sehr viel Trash, und diese Trashkultur finde ich extrem gut.
Was genau gefällt Ihnen daran?
Sie bildet einen schönen Kontrast zur vermeintlichen Hochkultur und ist ein mögliches Tool, um eine eigene Ästhetik zu entwickeln, anstatt sich an gängigen Ausprägungen der Hochkultur zu orientieren und deren Ideale zu verfolgen.
Die Turbo-Folk-Sängerinnen führen uns zu einem weiteren wichtigen Thema des Romans, zu den Männer- und Frauenbildern. Die Männerfiguren kommen allgemein nicht sehr gut weg: Da ist der gewalttätige Vater oder Sekas Freund, der sich ein übergrosses Tattoo mit den Buchstaben «Ok» und einem Smiley im «O» über den ganzen Rücken tätowieren lässt.
Seka macht sich durchaus lustig über den Freund, aber sie hat auch sehr viel Sympathie für ihn. Eigentlich ist sie sehr empathisch, auch mit dem Vater. Das zeigen ihre ganzen Bemühungen, seine Geschichte zu verstehen und zu rekonstruieren. Sie ist angetrieben von der Frage, wie es zu dieser Situation mit dem Vater, vor dem sie sich verstecken muss, kommen konnte. Es hat aber im Buch auch andere männliche Figuren wie zum Beispiel Muhammed, aus dessen Brief aus dem Lager in Omarska an seine Frau zitiert wird.
Ihr Debütroman ist beim renommierten Suhrkamp-Verlag erschienen. Wie haben Sie das geschafft?
Dass der Text sich schlussendlich materialisiert hat, war ein kleines Wunder, und dass er jetzt als Buch erscheint, auch. Dass Suhrkamp zugesagt hat, hat mich ebenfalls erstaunt. Meine Agentin hat den Text drei Verlagen zu lesen gegeben, und ich hatte Glück, dass sie alle zugesagt haben. Ich durfte mich dann entscheiden.
Nun warten zahlreiche Lesungen auf Sie. Wie sehen Sie diesen entgegen?
Mit gemischten Gefühlen. Bücher schreiben und Autorschaft sind zwei verschiedene Dinge. Ich weiss nicht, wie das sein wird, wenn dieses Buch in die Öffentlichkeit getragen wird. Es ist immer eine Frage, welchen Themen man sich widmet, welchen Stoff man sich aneignet, welche Geschichten man erzählen will. Und ich glaube nicht, dass jeder die gleichen Möglichkeiten hat bei der Wahl, welche Geschichten er oder sie erzählt.
Das heisst, Sie mussten einfach diese Geschichte erzählen?
Ja, es war eine Entscheidung, die ich bewusst eingehen musste, deren Konsequenzen ich spüren werde. That’s a given. Aber es kommt gut.
Auf globaler Spurensuche
Seka, die Hauptfigur des Debüts von Mina Hava, ist eine junge Frau Anfang zwanzig, deren Grosseltern als jugoslawische «Gastarbeiter:innen» in den 1970er Jahren in die Schweiz kamen. Sekas Mutter folgte ihren Eltern einige Jahre später und studierte in Bern Wirtschaft. Ihr Vater kam erst als Geflüchteter aus dem Bosnienkrieg in die Schweiz.
Sekas Leben ist geprägt vom Vater, der seine Frau schlägt, bis diese versucht, sich das Leben zu nehmen. Die Tochter will ihre Familiengeschichte verstehen und beginnt eine Recherche, in der sie Familienfotografien analysiert und zum System der «Gastarbeiter:innen» und zum Bosnienkrieg forscht. «Für Seka» ist ein vielstimmiger und poetischer Roman, der auch autobiografische Züge zu tragen scheint. Ausgehend von der Geschichte Sekas, werden auch Themen wie «Kolonialismus» und «globale Ausbeutung» verhandelt.
Die Schweizer Autorin Mina Hava ist 1998 geboren, studierte Globalgeschichte und Wissenschaftsforschung an der ETH in Zürich sowie Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.
Mina Hava: «Für Seka». Roman. Suhrkamp Verlag. Berlin 2023. 278 Seiten. 34 Franken.
Die Autorin diskutiert und liest an den Solothurner Literaturtagen am Freitag, 19. Mai 2023, um 9 und um 12 Uhr, am Samstag, 20. Mai 2023, um 14 Uhr und am Sonntag, 21. Mai 2023, um 13 Uhr.