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Als allerletzter Läufer biegt Albert Stricker in die Zielgerade des Swiss City Marathon Luzern ein. Er läuft vornüber gebeugt, den Blick in sich gekehrt, die Schritte unregelmässig. Er hat für die 42,195 Kilometer 6 Stunden, 48 Minuten und 55 Sekunden benötigt. Die meisten Zuschauer sind an diesem regnerischen Tag Ende Oktober 2013 längst wieder zu Hause – und haben damit einen Weltmeister verpasst.
Albert Stricker hat Jahrgang 1923. Er ist 90 Jahre alt. Gemäss der Weltbestenliste von World Masters Athletics hat noch nie jemand in diesem hohen Alter einen Marathon gefinisht. Im Gegensatz zum Inder Fauja Singh, der bisher als ältester Marathonläufer der Welt Schlagzeilen geschrieben hat, verfügt der St. Galler über eine Geburtsurkunde.
Unbändiger Wille und hohe Frustrationstoleranz
Albert Stricker kam erst spät zum Wettkampf. «Als Ausgleich zur Arbeit habe ich schon immer etwas Sport getrieben, aber als ich noch jung war, nach dem Krieg, waren andere Dinge wichtiger.» Der ehemalige Maschineningenieur war fast während seines ganzen Berufslebens in Führungspositionen tätig, zog gemeinsam mit seiner Frau zwei Kinder gross und engagierte sich nach der Pensionierung für Behinderte und Arbeitslose.
2009 qualifizierte sich Albert Stricker über zehn Kilometer überraschend für die Europameisterschaft, holte sich in seiner Altersklasse der über 85-Jährigen in Aarhus, Dänemark, den EM-Titel und stellte mit einer Zeit von 58 Minuten und einer Sekunde gleich einen neuen Europarekord auf. Nur zwei Tage nach dieser Leistung gewann er auch noch den Halbmarathon.
Der 90-Jährige läuft ins Ziel (Quelle: Youtube).
2010 musste Albert Stricker zwei Operationen an der Bandscheibe über sich ergehen lassen. Ausserdem erlitt er bei einem «blöden Sturz auf einer Treppe» einen Sehnen- und Muskelriss. Während andere Hochbetagte nach Unfällen oder operativen Eingriffen nicht mehr aus dem Spital kommen, erholte sich Stricker relativ schnell und verteidigte 2011 seinen EM-Titel im französischen Thionville souverän.
Was unterscheidet Albert Stricker von anderen Senioren? Sein Hausarzt Beat Knechtle, ebenfalls passionierter Langstreckenläufer, nennt drei Faktoren für die aussergewöhnlichen Leistungen des 90-Jährigen: «Gute genetische Voraussetzungen, ein unbändiger Wille und eine hohe Frustrationstoleranz.» Albert Stricker weiss, dass er an Wettkämpfen immer als Letzter ins Ziel kommt – und trotzdem die Goldmedaille gewinnt. Denn in seiner Kategorie M90 gibt es keine Konkurrenz.
Fragt man Albert Stricker nach seinem Erfolgsrezept, nennt er das gute Essen seiner Luise, die ihn stets unterstützt habe, obwohl sie selber schon lange nicht mehr gut auf den Beinen sei. Auch schwärmt er von den «intensiven Naturerlebnissen» auf seinen Laufrunden, der «Sauerstoffdusche im Wald» oder von der «inneren Ruhe und Zufriedenheit» nach dem Joggen. Laufen tue ihm einfach gut, darum müsse er sich gar nicht zum Trainieren überwinden.
Von Pulsuhren und anderen Leistungsmessern hält Albert Stricker nichts. «Ich kenne meinen Körper und vertraue meinem Gefühl.» Er merke, wenn er zu langsam oder zu schnell unterwegs sei. Auch bei der Ausrüstung bleibt er bei den Basics. Anstatt jedes Jahr das jeweils neuste Modell Laufschuhe zu kaufen, vertraut er seit mehr als zehn Jahren auf den mit 79.90 Franken günstigen Nike Revolution.
Gesundes Essen, die richtige Einstellung und ein paar passende Schuhe: Braucht es nicht mehr, um mit 90 die Marathondistanz zu bewältigen? Albert Stricker wird verlegen, druckst herum und holt schliesslich ein Buch aus einem Regal der Wohnwand: «Die Selbstbemeisterung durch bewusste Autosuggestion» von Émile Coué, 1. Auflage 1924.
Das Ziel vor Augen, die Gedanken unter Kontrolle
«Dieses Buch habe ich vor 20 Jahren entdeckt. Seither mache ich jeden Tag 30 Minuten Kopftraining.» Eine Art Selbsthypnose, in die er sich auch während des Laufens versetze. Nach Émile Coué ist jeder Gedanke in uns bestrebt, wirklich zu werden. Das gilt auch für negative Gedanken. Darum sollte man sich immer das Ziel vor Augen halten und seine Gedanken kontrollieren.
Schmerzen die Muskeln oder weicht die Kraft, stellt sich der Marathon-Methusalem vor, wie sich seine Füsse bewegen, Schritt für Schritt. Immer wieder wiederholt er in einem inneren Monolog sein Mantra: «1, 2, 3, 4. Gott ist mit dir. Ich kann, ich kann, ich kann.» Der nach katholischen Werten Erzogene betont: «Ich bin kein Frömmler.» Vielmehr betrachtet er die Heilige Schrift als Philosophie, die eine Anleitung fürs Leben bietet und zwischen den Zeilen viel zur Kontrolle des Unterbewussten enthält.
Eigentlich hatte Albert Stricker vor, den Luzern-Marathon unter sechs Stunden zu laufen. Doch er erlitt auf halber Strecke einen Einbruch. Ausreden wie das schlechte Wetter lässt er nicht gelten. «Ich muss noch eine höhere Stufe erreichen in der Beeinflussung meines Unterbewusstseins.» Im Herbst wird er einen neuen Anlauf nehmen, um die Sechs-Stunden-Marke zu knacken.
Autor: Andrea Freiermuth
Fotograf: Daniel Ammann