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Gott, was für ein Fehlstart ins neue Jahr! Schon bald Ende Januar, und noch kein Post von der Velopflock-Redaktion. Was mich betrifft, so habe ich dafür eine plausible und äusserst leicht nachzuvollziehende Erklärung: Ich war mit den Vorbereitungen und mit dem Start zur Indoor-Cycling-Saison mehr als beschäftigt. Da muss ich nämlich jeweils Dinge erledigen wie: den Schnellspanner am Hinterrad wechseln, die Rolle in der Garage suchen, den Schweisslatz fürs Oberrohr in der Kommode suchen, die ideale Position der Rolle-Rennvelo-Installation vor dem Computerbildschirm suchen (weil ich die seit dem letzten Frühling wieder vergessen hab), das geeignete Unterhaltungsmedium suchen (DVDs abspielen? arte+7-Archiv durchstöbern? Live-TV? Oder doch nur Podcasts hören?), und schliesslich den geeigneten Moment erwischen, endlich mit dem Training zu beginnen. Das ist alles nicht so einfach, wie es klingt. Als Belohnung für meine Hartnäckigkeit habe ich dieses Jahr in einem Podcast eine merkwürdige Geschichte gehört, und die will ich nun erzählen. Sie handelt von Batman, aber nicht von Robin.
In Amerika lebt ein blinder Mann, der Velo fahren kann. Im US-Fernsehen ist er ein häufiger Gast. Die Geschichte geht so: Daniel Kish werden im Alter von 13 Monaten beide Augen entfernt, weil er sozusagen Augenkrebs hat. Seine Mutter beschliesst, statt ihn in Watte zu packen, ihn zur Selbständigkeit zu erziehen. Mit allen Risiken und Konsequenzen. Zu diesen gehört, dass Daniel, der auch nach der Amputation ein sehr aktives und agiles Kind ist, sich häufig stösst, irgendwo runterfällt oder etwas umschmeisst. Dafür kann er mit sechs Jahren seinen Schulweg zur Regelschule alleine bewältigen. Er orientiert sich unterwegs, indem er mit der Zunge am Gaumen Klicklaute erzeugt und sich anhand des Echos ein Bild seiner Umgebung macht. Man nennt das Echoortung, und Fledermäuse und U-Boote machen das auch so, wenn sie durch die Nacht fliegen oder durchs Wasser pfeilen. Wegen diesem Klicken will ihn die Regelschule erst gar nicht aufnehmen, das Klicken störe den Unterricht, und überhaupt machen Blinde sowas nicht, zur Regelschule gehen. Aber Daniels Mutter bläst dem Schulleiter den Marsch, und Daniel wird nicht nur aufgenommen, sondern sogar ein guter Schüler. Seine Klassenkameraden gewöhnen sich an seine Blindheit und an sein Klicken. Wenig später entdeckt Daniel das Velofahren und bringt es sich kurzerhand selber bei. Ist er mit dem Velo unterwegs, muss er einfach etwas hochfrequenter klicken. Die Nachbarn fragen Daniels Mutter, wieso sie ihm das nicht verbiete. Blinde machen doch sowas nicht! Sie ist sich solche Fragen gewohnt und fragt zurück: Wie soll ich ihm das verbieten, wenn er so glücklich ist dabei? Stürze bleiben nicht aus und auch nicht ohne Folgen, aber er fährt weiter. Als eines Tages ein zweiter blinder, aber viel ungeschickterer und unselbständigerer Junge in Daniels Klasse kommt, fallen die Mitschüler im Umgang mit Daniel in die verbreiteten gesellschaftlichen Muster zurück und behandeln ihn wieder wie einen Blinden, und nicht wie einen Jungen, der klickt. Das macht ihn enorm wütend, und er verprügelt gern den anderen blinden Jungen. Als Erwachsener wird er in Talkshows begrüsst und landesweit bekannt als Beispiel für die gelungene Integration Behinderter in die Gesellschaft. Wegen seiner unkonventionellen Navigationsmethode wird er naheliegenderweise „Batman“ genannt. Er lebt weitgehend selbständig, während die meisten Blinden spezielle Schulen besuchen und die meisten Wege begleitet zurücklegen. Auch Wanderungen in der Natur kann Daniel alleine unternehmen. Und er fährt eben Velo:
(Wäre es politisch unkorrekt, Daniel darauf hinzuweisen, dass sein Helm nicht optimal eingestellt ist?)
Daniel entwickelt heute Lernprogramme, um anderen Blinden zu helfen, sich in ihrer Umgebung alleine zurechtzufinden. Allerdings, so finden Neurologen heraus, braucht ein Mensch sehr viel Übung und auch etwas Talent, um die Echoortung anwenden zu können. Trotzdem sagen die Hirnforscher: Ein grosser Teil der Behinderung eines blinden Menschen ist die geringe Erwartungshaltung der Gesellschaft: Blinde tun sowas nicht. Daniel führt heute so ein selbständiges Leben, weil er im Alltag nicht dauernd unterstützt und überwacht wurde. Und natürlich hat er dabei sehr viel Glück gehabt.
Wieso erzähle ich das hier? Weil zahlreiche Verkehrsteilnehmer sich heutzutage aufführen, als seien sie zeitweise blind? Weil Velofahrer mit der Zunge klicken sollen, wenn sie in einen Kreisel einfahren? Weil an vielen Stellen in vielen Städten weit und breit keine Velo-Infrastruktur zu sehen ist? Alles falsch. Aber man kann sonst einiges lernen aus dieser Geschichte.
Zum Beispiel, dass man Kinder ihre Erfahrungen machen lassen und ihnen nicht ständig hinterherrennen soll, um sie vor allem und jedem zu beschützen (sind Sie eine Helicopter-Mum?). Das wird sie nämlich nicht unbedingt retten, sicher aber unselbständig machen, und das badet nachher, wenn die Eltern tot sind, die Gesellschaft aus, also Sie und ich. Das gilt nicht nur, aber auch, fürs Velofahren. In Umfragen geben nämlich erschreckend viele Schweizer Jugendliche als Grund an, weshalb sie nicht mit dem Velo zur Schule fahren, dass ihre Eltern sie nicht lassen. (In diesem Zusammenhang stelle ich mit Genugtuung fest, dass die Migros den GPS-Tracker mit Notrufknopf, den man an einem Kind befestigen und es anschliessend auf dem Computer verfolgen kann, nicht mehr bewirbt und möglicherweise aus dem Angebot genommen hat. Ich muss das überprüfen.)
Weiter: Es schadet nicht, zwischendurch zu prüfen, wie sehr das eigene Verhalten von den Erwartungen der Gesellschaft bestimmt wird. Das kann bei der Wahl der Kleider anfangen, muss aber sicher nicht bei der Wahl der Lieblingsmusik aufhören. Das geht nämlich weiter bis zur Wahl des Verkehrsmittels für den Weg zur Arbeit. Ausgedeutscht: Auch wenn das nicht jeder macht, kann man sehr wohl mit dem Velo zur Arbeit fahren. (Leute mit einem Bürojob machen sowas nicht: schwitzen auf dem Arbeitsweg!) An den Fussballmatch, ins Kino oder in die Oper. Zur IKEA, zur Post oder zum Herrenschneider. Zum Vorstellungsgespräch, zum RAV oder zur Vorstandssitzung. Zum Wocheneinkauf, zum Frisör oder ins Tierheim. Zum Blutspenden, zum Arzt oder zur Grossmutter im Altersheim. Zur Maniküre, zur Pediküre oder zur Walküre. Zur Albisgüetlitagung, ans Sechseläuten oder an die Street Parade. In den Urlaub, zum Haftantritt oder zum Makramée-Kurs. Zur Beichte, zur Hochzeit der Schwester oder zur Beerdigung (warum nicht auch an die eigene, das setzt nur ein wenig Planung voraus).
Und schliesslich: Eines kann man aus Daniels Geschichte nicht lernen. Dass Velofahren glücklich macht und unabhängig. Das wissen wir nämlich schon.
(Nun gebt schon zu: einen besseren Schlussatz hätte auch Rosamunde Pilcher nicht geschafft.)