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Keine Finanzkrise mehr zu unseren Lebzeiten?
Zehn Jahre sind seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise vergangen. Im Frühjahr 2007 frassen sich erste Verluste aus dem amerikanischen Subprime-Hypothekenmarkt durch die Bankenwelt, im August 2007 kam es zu einem ersten dramatischen Liquiditätsschock im Finanzsystem. Ein gutes Jahr später, im September 2008, stand die Finanzwelt – und mit ihr die gesamte Weltwirtschaft – am Abgrund.
Zehn Jahre sind ein guter Zeitpunkt, um sich zu fragen, ob eine derartige Katastrophe wieder geschehen könnte. Und wenn ja, wann.
Eine überaus gewichtige Stimme gibt nun Entwarnung. Janet Yellen, die Vorsitzende der US-Notenbank (Fed), äusserte am Dienstag an einer Konferenz in London folgende Worte:
Would I say there will never, ever be another financial crisis? You know probably that would be going too far but I do think we’re much safer and I hope that it will not be in our lifetimes and I don’t believe it will be.
Auf Deutsch also ungefähr:
Würde ich sagen, dass es niemals wieder eine Finanzkrise geben wird? Das würde wohl zu weit gehen, aber ich denke, wir sind heute viel sicherer, und ich hoffe, dass es zu unseren Lebzeiten nicht mehr geschehen wird. Ich glaube auch, das wird es nicht.
Das sind starke Worte. Keine Finanzkrise mehr zu unseren Lebzeiten.
Dabei bleibt freilich einiges offen: Wie definiert Janet Yellen den Begriff Finanzkrise? Und was ist ihre zeitliche Definition von «unseren Lebzeiten»? Was meint sie genau, wenn sie sagt, das Finanzsystem sei heute viel sicherer?
Trotzdem ist es eine unfassbar dumme Aussage. Wieso? Drei Gründe sollten stutzig machen:
- Erstens, weil es unmöglich ist, mit einem derartigen Grad an Gewissheit zu sagen, was an den Finanzmärkten in Zukunft geschehen wird.
- Zweitens, weil Finanzkrisen in der Vergangenheit viel häufiger geschehen sind, als sie in einer statistisch normal verteilten Welt eigentlich sollten.
- Drittens, weil sich Yellen einer Reihe von Bankern, Ökonomen und Notenbankern anschliesst, die mit trügerischer Gewissheit Aussagen zur Stabilität der Finanzmärkte machten – und die wenig später wie Trottel aussahen.
Schauen wir uns die Argumente etwas genauer an.
Zum ersten Punkt: Der Verlauf an den Finanzmärkten ist schlichtweg nicht prognostizierbar. Das ist deshalb so, weil die Finanzmärkte ein hoch komplexes, adaptives System sind. Dieses System besteht aus Millionen einzelner Marktteilnehmer, die jeden Tag von ihren Emotionen und von anderen Marktteilnehmern beeinflusst werden. Diese Marktteilnehmer handeln nicht wie Maschinen, sondern sie pendeln dauernd zwischen Gier und Angst.
In derartig komplexen, adaptiven Systemen entstehen Abhängigkeiten, Bruchlinien und Fragilitäten, die oberflächlich – sozusagen im ungeschockten Zustand – kaum erkennbar sind, die aber jederzeit aufbrechen können.
Wer hätte zum Beispiel geahnt, dass vor fast exakt zehn Jahren eines der ersten Opfer des amerikanischen Subprime-Problems – von Krise war zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede – die Landesbank Sachsen sein würde?
Zum zweiten Punkt: Finanzkrisen sind Extremereignisse. Würde die Preisentwicklung an den Finanzmärkten einem statistisch normal verteilten Muster folgen, wären Extremereignisse extrem selten. Doch dem ist nicht so. Nur schon ein Blick auf die letzten dreissig Jahre zeigt, wie oft die Weltwirtschaft von übernationalen Finanzkrisen heimgesucht wurde:
- Die Subprime-Krise von 2008
- Das Platzen der Technologieblase kurz nach der Jahrtausendwende
- Die Asienkrise von 1997/98, der sogleich die Russlandkrise sowie der Zusammenbruch des Hedgefonds LTCM folgte
- Die Tequila-Krise von Mexiko von 1994
- Der Börsencrash an der Wallstreet im Oktober 1987
- Die Schwellenländer-Krise von 1982
Nationale Finanzkrisen wie in der Schweiz, in Schweden, Kanada, Finnland oder Japan – wo Ende der Achtzigerjahre ein Monster von Finanzblase platzte – sind in dieser Aufzählung noch nicht mal aufgeführt. Die meisten dieser Finanzmarktkrisen zogen auf die eine oder andere Weise jeweils das nationale oder globale Bankensystem in die Tiefe.
(Am Rande bemerkt: Wer sich für das Thema Spekulationsblasen und Finanzkrisen interessiert, findet in diesem FuW-Dossier eine Übersicht über die 25 spektakulärsten Fälle seit der Tulpenmanie von 1636.)
Der Blick in die Historie zeigt also: Es braucht schon eine grosse Portion Chuzpe, um die Worte zu äussern, dass wir zu unseren Lebzeiten keine Finanzkrise mehr sehen würden.
Kommen wir damit zum dritten Punkt, den «Famous Last Words». Hier nur eine kleine, bei weitem nicht vollständige Auswahl:
Ben Bernanke, Vorsitzender der US-Notenbank, am 17. Mai 2007 an einer Konferenz in Chicago: «Wir erwarten, dass die Probleme im Subprime-Sektor kaum Auswirkungen auf die übrige Wirtschaft oder das Finanzsystem haben werden.»
16 Monate später stand die Welt am Abgrund.
Charles Prince, Chairman des Bankenkolosses Citigroup, am 9. Juli 2007 in der «New York Times»: «Solange die Musik spielt, muss man aufstehen und tanzen. Wir tanzen immer noch.»
Zu diesem Zeitpunkt, genau wie bei den Worten von Ben Bernanke, hatten die Verluste aus den Subprime-Krediten schon längst begonnen, sich in fataler Weise durch die Bankbilanzen zu fressen.
Alan Greenspan, Vorsitzender der US-Notenbank, im Juni 1999 vor dem Wirtschaftsausschuss des US-Kongresses: «Spekulationsblasen sind erst erkennbar, nachdem sie geplatzt sind.»
Zu diesem Zeitpunkt hatte der amerikanische Aktienmarkt im «New Economy»-Boom bereits ein Bewertungsniveau erreicht, das alle bisherigen Rekorde in den Schatten stellte. Gut acht Monate später platzte die Blase.
Der US-Ökonom Irving Fisher am 14. Oktober 1929: «Die Aktienkurse haben, so scheint es, ein permanent hohes Niveau erreicht.»
Nur zwei Wochen später, am 28. Oktober 1929, erschüttert der «Schwarze Montag» die Märkte, und weitere drei Jahre später litt die Weltwirtschaft unter der Grossen Depression.
Aussagen dieser Art sind symptomatisch für Boomphasen an den Finanzmärkten. Menschen haben die Angewohnheit, die gefühlte Stabilität der unmittelbaren Vergangenheit in die Zukunft zu extrapolieren. Weil in der letzten Woche, im letzten Monat, im letzten Jahr nichts Schlimmes passiert ist, wird auch in den kommenden Jahren nichts Schlimmes passieren.
Das führt zu einem Gefühl der Sicherheit, das viele Marktteilnehmer dazu bewegt, ihre Vorsicht abzulegen. Spekulanten nehmen Schulden auf, die Banken gewähren freimütig Kredit, die Preise an den Märkten steigen, alle sind glücklich und optimistisch. Die Banker auf der Kommandobrücke von Lehman Brothers, Bear Stearns, UBS oder Royal Bank of Scotland fühlten sich noch wenige Wochen vor dem Kollaps völlig sicher; sie rasten blind auf den Abgrund zu.
Es ist oft während dieser Phase des Optimismus und der Euphorie, in der die Saat für die nächste Krise gelegt wird. Wie der grosse amerikanische Ökonom Hyman Minsky gesagt hatte: Stabilität führt zu Instabilität an den Finanzmärkten.
Kommen wir daher zurück zur Aussage von Janet Yellen: Wir werden zu unseren Lebzeiten keine Finanzkrise mehr sehen. Sowohl das Wissen über die Funktionsweise der Finanzmärkte, der Blick auf die Historie als auch die schmerzhaften Erfahrungen ihrer Vorgänger müssten die Chefin der mächtigsten Notenbank der Welt eigentlich eines Besseren belehren.
Wir massen uns in diesem Blog nicht an, wir wüssten, was geschehen wird.
Vielleicht platzt dereinst die kolossale Kreditblase in China und weitet sich über das Bankensystem von Hongkong und Singapur auf den Rest der Welt aus. Vielleicht kommt es zu einem Dollar- und Zinserhöhungsschock in den Schwellenländern. Vielleicht krachen die Immobilienmärkte in Kanada und Australien. Vielleicht kommt es zu einem Beben am amerikanischen Markt für Studenten-, Auto- oder Unternehmenskredite.
Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass sich die Geschichte nicht reimt und wir über Jahrzehnte keine neue Finanzkrise mehr erleben werden. Doch darum geht es nicht. Es geht darum, dass wir uns nie zu viel Wissen über die Funktionsweise und die Prognostizierbarkeit der Finanzmärkte einbilden sollten. Das gilt ganz besonders für Leute wie Janet Yellen, die an den obersten Schalthebeln der finanziellen Macht sitzen.
Denn wenn sie ihre Demut verlieren und sich zu viel Wissen anmassen, dann werden sie selbst zur grössten Gefahr für die Stabilität der Finanzmärkte.