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Vor 43 Jahren entstand einer der bekanntesten Rennsportfilme aller Zeiten. VECTURA zeigt bisher nie veröffentlichte Aufnahmen vom Set
Es gibt Bücher, die sich nur mit den Motorfahrzeugen beschäftigen, die er besass. Rassige Sportwagen von Siata, Porsche, Mercedes, Ford, Jaguar oder Ferrari, dazu kernige Offroader und über 200 Motorräder. Später kamen Flugzeuge hinzu. Steve McQueen ist eine Stilikone. Er war Schauspieler, Amateur-Rennfahrer, Charme-Bolzen. Und wurde nur 50 Jahre alt. Der 1970 am Originalschauplatz gedrehte Actionstreifen «Le Mans» geht allein auf seine Initiative zurück – als Gegenentwurf zum Formel-1-Streifen «Grand Prix», der 1966 entstand. Die grossen US-Studios wollten die ursprünglich geplante Rennsport-Dokumentation nicht unterstützen, und so fungierte McQueen gemeinsam mit Jack N. Reddish eben auch als Co-Produzent, nachdem beide eine eigene Firma dafür gegründet hatten – Solar Productions. Bis es endlich so weit war, vergingen allerdings fünf Jahre. Regie führte Lee H. Katzin; Drehbuchautor Harry Kleiner strickte um das Renngeschehen eine sehr dürftige Rahmenhandlung mit zwei Rivalen, einer trauernden Witwe und etwas Boxengeflüster. McQueen alias Michael Delaney mimt den tragischen, schweigsamen Helden – in den ersten 38 Minuten des Films wird kein einziges Wort gesprochen.
Das Rundstrecken-Epos zeigt neben den Schauspielern nicht nur Statisten, sondern auch einige Rennsport-Grössen jener Zeit, unter ihnen Derek Bell, Vic Elford, Herbert Linge, Herbert Müller, David Piper (der während der Aufnahmen verunglückte und dabei einen Unterschenkel verlor), Jo Siffert oder Rolf Stommelen. Dazu kam eine Schar von Mechanikern und Journalisten, zu denen auch VECTURA-Autor Adriano Cimarosti gehörte: «Ich verbrachte 14 Tage an der Sarthe, andere blieben mehrere Monate. Wir mussten auf Abruf verfügbar sein und wurden sehr anständig dafür bezahlt – rund 400 Franken pro Drehtag waren damals eine Menge Geld; bezahlt wurde mit druckfrischen Dollar-Noten.» Der Schweizer Motorsport-Spezialist war ohnehin vor Ort, um zu berichten – insgesamt sollte er über 40-mal live dabei sein. Die Filmarbeiten sind ihm heute noch sehr präsent: «Es war ein schwülheisser Spätsommer. Viele von uns, auch ich selbst, wohnten günstig bei Privatleuten. McQueen logierte im Hotel; ausserdem hatte er ein Wohnmobil am Set. Viele Szenen wurden durcheinander gedreht, weil die echten Piloten nicht so lange bleiben konnten. Gearbeitet wurde nur am Tage, auch wenn es im Film selbst nicht so aussieht: Die Nacht-Sequenzen fanden mit Kunstlicht unter Planen, die Regen-Szenen bei künstlicher Bewässerung statt.»
Trotz solcher Tricks, finanzieller Schwierigkeiten, Unstimmigkeiten zwischen McQueen und der Filmcrew sowie mehrfacher Verzögerungen der Dreharbeiten kommt die Atmosphäre auf der Leinwand recht authentisch rüber. Das liegt nicht zuletzt an dynamischen Szenen aus dem echten 1970er-Rennen. Als Kameraautos fungierten unter anderen Porsche 907, 908, 911 und ein aufgesägter Ford GT40; Letzterer kam allerdings nur bei den Zusatzaufnahmen zum Einsatz. So entstand das Bild einer Motorsport-Epoche, in der es noch lebensgefährlich war, an den Start zu gehen. Das Projekt soll McQueen angeblich in den finanziellen Ruin getrieben haben. Der französische Langstreckenklassiker hatte den Hollywoodstar ebenso in seinen Bann gezogen wie viele andere auch. Hier anzutreten, war ein Traum von ihm, den sich der 1,75 Meter grosse Blonde eben 1970 als Copilot von Jackie Stewart erfüllen wollte, doch es kam nicht dazu. Am fahrerischen Talent des Amerikaners bestand derweil kein Zweifel: Wenige Wochen zuvor fuhr er bei den 12 Stunden von Sebring und im Rahmen der Sportwagen-WM auf Porsche 908/02 einen sensationellen zweiten Platz nach Hause. Immerhin soll McQueen bei den Dreharbeiten in Le Mans mehrfach am Steuer des Kamerawagens gesessen haben, was Cimarosti aber nicht bestätigen kann. Nichts mitbekommen hat er auch von den privaten Frauen- und Drogen-Eskapaden des Hollywoodstars: «Ich habe ihn als netten Kerl empfunden, der uns ab und an freundschaftlich auf die Schultern klopfte.»
McQueen selbst bezeichnete die Dreharbeiten als «das Gefährlichste, was ich je gemacht habe» und war froh, unverletzt davongekommen zu sein. «Le Mans» wurde im Oktober 1971 uraufgeführt – wenige Tage nachdem Jo Siffert bei einem nicht gewerteten Formel-1-Rennen in Brands Hatch tödlich verunglückt war (siehe VECTURA #1). Der grosse Publikumserfolg blieb dem Film zwar verwehrt, doch heute gilt er als cineastischer Meilenstein des Rennsport-Genres. McQueen hat den «24 Stunden» ein Denkmal gesetzt. Er starb keine zehn Jahre später im November 1980 an Krebs. In seinen Actionfilmen lebt er fort – als einer der coolsten Hunde, die es je gegeben hat.