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Er las das Wetter aus dem Ameisenhaufen. Im Alter von 79 Jahren ist er verstorben.
Nach der Legende, die er selbst erzählte, begann Martin Horat schon am fünften Tag nach seiner Geburt, über das Wetter nachzudenken. Am vergangenen Samstag verstarb er, im Alter von 79 Jahren, als fast weltbekannter Wetterschmöcker.
Lange lebte er ein ganz normales Leben in Rothenthurm, Kanton Schwyz. Er war ein Händler und lebte in einem Haus mit einem Schild davor: «Martin Horat, landw. Artikel». Er hörte Volksmusik aus einem Radio mit einem TCS-Kleber drauf. An der Wand hinter dem Küchentisch hingen das holzgeschnitzte Wappen seiner Familie und ein Autogramm von Toni Brunner. In seinem Subaru fuhr er auf die Bauernhöfe, um den Bauern eine Schneeschaufel oder eine Mistgabel zu verkaufen. Das war der Lauf der Zeit. Bis er irgendwann auf die Idee kam, ein Wetterprophet zu werden.
Horat spezialisierte sich für seine Prognosen auf die Ameisen. Bevor der Winter begann, setzte er sich in den Ameisenhaufen und sagte: «Verreckte Chaib, die haben Oberschenkel wie eine Skirennfahrerin, das heisst nur eins – bei uns in der Schweiz gibt es einen verreckt schönen Winter, mit viel Schnee und viel Sonne.» Als der Winter langsam vorüberging, ass er vom Schnee und sagte: «Verreckte Chaib, der huere Schnee, der süesselet richtig.» Daraus las er das Wetter für den Sommer ab.
Altes Wetter
Über viele Jahre seines Lebens war das Wetter ein unverfängliches Smalltalk-Thema. Wenn zwei beisammenstanden und ihnen sonst nichts einfiel, fragte jemand: «Ob die Sonne je zurückkehrt?» Die Menschheit, die in den Jahrhunderten davor wegen der Landwirtschaft vom Wetter abhängig gewesen war, hatte sich mit der Industrialisierung weitgehend davon unabhängig gemacht. Im klimatisierten Büro hat das Wetter keine existenzielle Bedeutung mehr. Was jetzt interessierte, war das Wanderwetter.
Das war die grosse Zeit der Muotathaler Wetterschmöcker. Sie ergründeten das Wetter nicht mit Messungen und Grafiken, sondern mit Gefühl und «mit Fantasie», wie Horat einmal erklärte. Um seine Prognosen nicht nur auf die Ameisen abzustützen, schaute er in einem Ordner nach, ob er in alten Überlieferungen etwas für die Gegenwart ablesen konnte. Aber wenn er falschlag, «dann haben mich halt die Waldameisen verseckelt». Ein Weltuntergang war das nicht. Horat sagte einmal, er mache den Leuten mit seinen Prognosen gerne «eine Freude».
Irgendwann stiess ein Werber auf Martin Horat. Er wurde Werbeträger des schweizerischen Tourismus, seine Prognosen wurden auf Französisch synchronisiert und englisch untertitelt. So stellte man sich im Ausland vielleicht die Schweiz vor: Ein Mann sitzt in einem Ameisenhaufen und prognostiziert einen sonnigen Winter. «Chömid zuenis, mier bissed nid», sagte Martin Horat.
Neues Wetter
Irgendwann veränderte sich das Klima. Einmal erklärte Martin Horat, die Ameisen verdrehten die Augen, es gebe einen nassen Sommer. Für den gleichen Sommer prognostizierten Klimawissenschafter rekordhohe Temperaturen. «Ich traue den Ameisen mehr», sagte Martin Horat. «Die Ameisen zeigen überhaupt nichts an vom Klimawandel.» Er zog an seiner Pfeife und sagte: «Ein Mensch kann dem Klima überhaupt nichts antun.» Dafür wurde er in den Medien in Zürich als «Klimaleugner» bezeichnet.
Das Wetter ist politisch geworden. Wenn es im Sommer heiss ist, werden Badi-Bilder problematisiert. Die Temperaturgrafiken im Fernsehen sind dunkelrote Heat-Maps geworden. Die Journalisten rufen nicht mehr einen Wetterschmöcker, sondern eine Klimatologin an. Mit Martin Horat ist die Zeit gestorben, als das Wetter unpolitisch war.