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01.09.2013 Häusliche Gewalt und Alkohol treten oft gemeinsam auf
Neue Studie. Ein Ziel des Nationalen Programms Alkohol ist es, problematischen Alkoholkonsum und dessen negative Auswirkungen zu reduzieren. Auch das Umfeld kann von problematischem Alkoholkonsum betroffen sein, beispielsweise in Form von Gewaltausübung. Obwohl der Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt und Alkohol nicht vollständig klar ist, treten beide Problematiken oft gemeinsam auf. Doch wie stark ist dieses sogenannte Dualproblem eigentlich verbreitet? Nun liegt erstmals eine Studie vor, die sein Ausmass beziffert.
Kern der vom Bundesamt für Gesundheit in Auftrag gegebenen Studie war eine quantitative Erhebung bei zwei Gruppen: Frauen, die eine Opferberatungsstelle oder ein Frauenhaus aufsuchten, und gewalttätige Männer, die sich an eine Gewaltberatungsstelle wendeten. Insgesamt haben über 1500 Opfer (Frauen) und Täter (Männer) darüber Auskunft gegeben, ob es in ihrer Paarkonstellation neben dem Gewalt- auch ein Alkoholproblem gibt.
Dualproblematik in der Hälfte der Gewaltfälle
Bei gut der Hälfte der Paare, bei denen Gewalt an Frauen ausgeübt wird, haben Täter, Opfer oder beide ein Alkoholproblem. 43% der Frauen in den Opferberatungsstellen gaben an, dass ihr Partner oder Expartner einen problematischen Alkoholkonsum aufweist. Von den Männern in den Gewaltberatungsstellen gaben knapp 16% an, dass sie neben dem Gewalt- auch ein Alkoholproblem haben. Von «problematischem Alkoholkonsum» wird im Rahmen dieser Studie dann gesprochen, wenn durch das Konsumieren von Alkohol die eigene Gesundheit oder diejenige anderer Personen erheblich gefährdet wird und entsprechende Schäden in Kauf genommen oder verursacht werden. Bei einem kleinen Teil leiden sowohl Opfer als auch Täter unter einem Alkoholproblem (Opferberatung: 4%; Gewaltberatung: 10%). Am seltensten trat die Konstellation auf, in der nur die Frau, nicht aber der Mann einen problematischen Alkoholkonsum aufweist (Opferberatung: 1%; Gewaltberatung: 5%).
Ein Viertel der beratenen Frauen und Männer geben an, dass vor einer Gewaltsituation immer oder nahezu immer Alkohol getrunken wurde (Opferberatung: 25%; Gewaltberatung: 23%).
Ob und wie stark im umgekehrten Fall Gewalt bei Klientinnen und Klienten von Alkoholberatungsstellen vorkommt, hat die Studie nicht untersucht. Man kann davon ausgehen, dass es in diesen Einrichtungen ähnlich viele Fälle von Dualproblematiken gibt wie bei den Einrichtungen der Opfer- und Gewaltberatung Sicher ist aber: Die verschiedenen Beratungsstellen aus den beiden Bereichen häusliche Gewalt und Alkohol sind bisher nur schwach bis gar nicht auf Klientinnen und Klienten mit einem Dualproblem vorbereitet. Es gibt keine spezifischen Vorgehensweisen, keine Weiter- und Fortbildungen zum Thema und kaum Austausch zwischen den zwei betroffenen Beratungsbereichen. Erste interdisziplinäre Erfahrungen liegen auf kantonaler Ebene vor. Im Kanton
St. Gallen finden regelmässig runde Tische zur häuslichen Gewalt statt, die auch die regionalen Suchtberatungsstellen einbeziehen. Der Kanton Basel-Landschaft hat ein mehrwöchiges Trainingsprogramm für gewaltausübende Männer entwickelt, das gegebenenfalls auch den problematischen Alkoholkonsum thematisiert.
Sensibilisieren auf allen Ebenen
Die Studienautorinnen empfehlen, die Schlüsselpersonen auf allen Ebenen für die Thematik zu sensibilisieren, Aus- und Weiterbildungen zu entwickeln, die Zusammenarbeit zwischen den beiden Beratungsbereichen zu fördern und das Dualproblem auf die gesundheitspolitische Agenda zu setzen. Für Inspiration und Know-how im Umgang mit dem Dualproblem empfehlen die Autorinnen der Studie den Blick über den Ärmelkanal: England ist auf dem Gebiet häuslicher Gewalt und Alkohol führend und könnte für die Schweiz in diesem Bereich ein gutes Vorbild sein.
Zusammenarbeit der beteiligten Partner stärken
Das BAG fördert den Austausch unter den beteiligten Partnern und veranstaltete im Juni eine nationale Arbeitstagung für die Kantone und die in den beiden Beratungsbereichen tätigen Organisationen und Institutionen. Zudem sollen Projekte zur Prävention und Bekämpfung häuslicher Gewalt ab 2014 mit Beiträgen aus dem Nationalen Programm Alkohol unterstützt werden können.
Für das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann EBG, das mit der ständigen Arbeitsgruppe «Häusliche Gewalt» die Tätigkeiten in diesem Bereich auf Bundesebene koordiniert, sind Information, Vernetzung und Koordination unter allen beteiligten Partnern unerlässlich, um die Massnahmen aufeinander abzustimmen und ihre Wirkung zu verstärken. Deshalb führt das EBG jedes Jahr im November eine nationale Tagung zum Thema häusliche Gewalt durch, an der alle beteiligten Fachstellen teilnehmen.
Weiter prüft die Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) die Lancierung einer nationalen «Helpline Häusliche Gewalt» für Opfer und Tatpersonen. Das Projekt ist derzeit in der Vernehmlassung bei den Kantonen.
Kontakt
Tamara Bonassi, Sektion Alkohol, <email-pii>