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Prinzipien für Kopie und Restaurierung
Die Schweizerische Nationalphonothek erstellt aus archivistischen Gründen von den gefährdeten oder von Benutzern verlangten Tonträgern Sicherheits- und Arbeitskopien. Wenn es die Zeit und die Mittel erlauben, werden von allen originalen Tonträgern Sicherheitskopien erstellt und an einem anderen Ort aufbewahrt.
Kopieren
Vor dem Archivieren und dem Kopieren wird jede Platte, sofern es ihr Zustand erlaubt, gewaschen. Die Art und Weise des Waschens wird anhand des Plattenzustandes, des Plattentyps und der Menge der zu reinigenden Platten bestimmt. Es stehen zwei Keith Monks Geräte mit Bürsten für die Reinigung einzelner Platten oder eine Ultraschallwaschanlage für das gleichzeitige Waschen von mehreren Platten zur Verfügung. Im selben Arbeitsschritt wird die meist sehr schlechte originale Innenhülle durch eine neue aus säurefreiem Papier mit einer Polyethylenfolie und einer Aussenhülle aus ebenfalls säurefreiem Karton ersetzt.
Alle Materialien, die für das Waschen und Verpacken der Platten benutzt werden, sind von der Nationalphonothek sorgfältig ausgewählt und danach von der EMPA getestet worden, um deren Tauglichkeit für eine Langzeitarchivierung zu garantieren.
Nach der Reinigung kommt die Platte ins Tonstudio, wo als erstes unter dem Mikroskop die Dimension und Form der Rille sowie der physische Zustand der Oberfläche untersucht werden. Auf Grund dieser Messungen wird die am besten geeignete Nadel für das Abspielen gewählt. Mit Hilfe der Angaben auf der Etikette (Marke, Bestell- und Matrizennummer) werden die Entzerrung und die korrekte Drehgeschwindigkeit festgelegt. In schwierigen Fällen wird zusätzlich die Form des Tonarms reguliert, um ein noch besseres Resultat zu erzielen.
Das Signal aus dem Plattenspieler wird von analog zu digital konvertiert und so nivelliert, dass man die bestmögliche Dynamik und das beste Verhältnis zwischen Tonsignal und Geräusch erzielt.Das Digitalsignal ist als WAV-Datei in hoher Auflösung gespeichert. Eine WAV Datei soll nur den Inhalt eines einzigen Dokumentes (eine Platte oder ein Plattenset) aufbewahren und wird als «Archivkopie» der ersten Generation bezeichnet. Jede weitere Kopie oder Bearbeitung wird von dieser Archivkopie aus gemacht.
Alle Arbeitsschritte sowie die verwendeten Geräte und Regulationen werden dokumentiert, um auch in Zukunft den genauen Kopierprozess rekonstruieren zu können. Die Zeit, die notwendig ist, um eine 78-Touren-Platte zu kopieren, beträgt etwa das 4-fache der Klangdauer der Platte: Im Mittel also - ausgehend von etwa 8 Min. für die beiden Seiten - etwa 32 Min. Arbeitszeit.
Das Vorgehen entspricht dem für die Schellack-Platten, ist jedoch etwas einfacher. Die Platten können ausnahmslos gewaschen werden und bei der Verpackung wird nur die Innenhülle ersetzt; die Aussenhülle (Karton) trägt oft viele notwendige Informationen zum betreffenden Tonträger. Die Nadel, die Entzerrung und die Drehgeschwindigkeit sind standardisiert. Die notwendige Arbeitszeit entspricht etwa der zweifachen Klangdauer der Platte.
Jedes Tonband wird als erstes geprüft und physisch untersucht. Wenn nötig, d.h. wenn das Band besonders schmutzig und/oder zerbrechlich ist, wird es mit einer schmierenden Flüssigkeit behandelt. Danach wird es einmal ab- und wieder aufgespult, um den Kopiereffekt (Echoeffekt) zu vermindern und ihm wieder die nötige Spannung zu geben. Dann wird die Konfiguration der Spuren sowie die Entzerrung und die Wiedergabegeschwindigkeit festgestellt. Um jede Art von Tonband behandeln und abspielen zu können, sind verschiedene Tonbandmaschinen mit unterschiedlichen mechanischen und elektronischen Eigenschaften nötig. Ist die am besten geeignete Maschine einmal ausgewählt, muss diese zuerst geeicht werden; dann kann das Band eingespielt und das Signal von analog zu digital konvertiert werden. Wenn nötig, werden die Bänder auf neue Spulen aufgezogen, die keine elektrostatische Ladung aufweisen und den archivistischen Bedingungen entsprechen. Die Berechnung der Arbeitszeit entspricht jener für Vinylplatten, also etwa das 2-fache der Klandauer; in schwierigen Fällen kann diese aber auch ein Mehrfaches ausmachen.
Der Tonträger wird von Auge geprüft und wenn nötig mit einem weichen Lappen gereinigt; unter Umständen muss dazu eine Mischung aus Wasser und Isopropylalkohol verwendet werden. Die Platte wird direkt auf eine Reihe WAV-Dateien digital kopiert. Was nicht nur zeitlich sehr schnell geht, sondern auch die Konsistenz der Informationen garantiert. Um Fehler bei der Quantelung durch die Verwendung von digitalen Wandlern in der Kopierkette zu vermeiden, wird beim Kopieren von digital hergestellten Tonträgern das Originalformat beibehalten.
Normalerweise benötigen diese Formate keine physischen Eingriffe, sodass sie direkt kopiert werden können. Auch in diesen Fällen ist der Kopiervorgang vollständig digital.
Als die Schweizerische Nationalphonothek ihre Arbeit aufnahm, wurde die damals neu auf dem Markt erschienene professionelle DAT-Kassette für die zu erstellenden Sicherheitskopien ausgewählt. Unsere Techniker testen die DAT-Kassetten regelmässig. DAT-Kassetten sind heute noch das Beste, was im Bereich von Sicherheitskopien geboten wird. Im Jahre 2007 verschwanden dennoch, so wie es bereits manch anderen Formaten erging, die DAT-Kassetten vom Markt. So mussten neue Lösungen entwickelt werden. 2005 wurde ein neues Massenlagersystem eingeführt, das die DAT-Kassetten ersetzte. Verschiedene Punkte sprechen für eine solche Lösung: Es wird z.B. möglich sein, alle möglichen Ausgangsformate in ein File-Format zu kopieren; mehrere Benutzer können gleichzeitig und auch online mit den gleichen Dokumenten arbeiten. Es wird auch leichter sein, die Konservierung der Information auf längere Sicht zu garantieren, da die Mittel der Informatik infolge der technischen Entwicklung eine eventuelle Migration auf neue Systeme erleichtert.
Die Vorgehensweise bei der Restaurierung von Tondokumenten ist bei allen Formaten ähnlich. Ein erster Schritt besteht im Anhören des Tondokuments und dem Festlegen der notwendigsten Eingriffe. Danach wird das Dokument in ein digitales «high definition»-Format kopiert und einer spektroskopischen Analyse unterzogen. Für die Bearbeitung des Signales stehen verschiedene (halb-)automatische Module zur Verfügung, um die üblichen Nebengeräusche (Rauschen, Knacken, usw.) zu vermindern oder aufzuheben. Weitere Korrekturen erfolgen manuell, so das Ausschneiden von Transienten, die Aufhebung nicht linearer Tonkomprimierung oder -expansion und die Anwendung verschiedener Filter und Entzerrer. Diese Eingriffe liegen im Gutdünken des Tontechnikers oder des Kunden und können ein mehrfaches an Zeit beanspruchen (so kann die Korrektur von 1 Minute Aufnahmeton bis zu einer Stunde für dessen Bearbeitung benötigen).
Die Schweizerische Nationalphonothek bleibt jedoch bei solchen Arbeiten koherent zu ihrem Mandat, auch wenn es darum geht, Dokumente für kommerzielle Zwecke aufzuarbeiten. Ihr Grundprinzip ist es, den bestmöglichen Ton vom Originaltonträger mittels der geeignetsten Abspielgeräte zu erhalten. Die nachfolgende (nur wenn nötige) Bearbeitung besteht darin, den Ton so nah und getreu wie möglich an den Moment seiner Aufnahme zu bringen. Alle weiteren Eingriffe sind zwar machbar, gehören aber nicht in den Aufgabenbereich der Schweizerische Nationalphonothek.