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Schon in der Antike beobachtete man die unterschiedlichen Handschriften und machte sich Gedanken über diese Feststellung. Verschiedene griechische und römische Autoren hielten dazu ihre Schlüsse und Theorien fest.
Durch viele Jahrhunderte des Mittelalters hindurch war das Schreiben gehobeneren Bevölkerungsschichten vorbehalten. Manche Geistliche, Adelige und Kaufleute beherrschten diese Kunst, jedoch längst nicht alle. Interessant ist, dass bei den Vornehmen mehr Frauen schreiben konnten als Männer und die Frauen hatten auch wesentlich persönlichere Schriften. Bei der Erziehung der Jungen hatten kriegerische Disziplinen wie Reiten, Jagen, Fechten einen viel höheren Stellenwert als kulturelle Fertigkeiten, wozu das Schreiben gehört.
So überrascht es uns heute, wie ungelenk manche Herrscher unterschrieben haben.
Als Beispiel die Unterschrift von Louis XV, König von Frankreich (1710-1774):
Eine besondere Rolle spielte das Schreiben in den Klöstern. In sorgfältigen Schriften wurden religiöse Texte und Musik abgeschrieben, häufig mit kunstvoll verzierten Initialen (Anfangsbuchstaben) und Illustrationen.
Die Kalligraphie (Schönschreibkunst) wurde und wird von vielen Völkern gepflegt. Kalligraphische Kunstwerke sind vielen aus China bekannt und im Islam erhält die Schönschreibkunst einen ganz besonderen Stellenwert. Kalligraphie spielte auch in Europa ausserhalb der Klöster immer eine gewisse Rolle und noch heute wird diese Kunst von vielen ausgeübt:
In der Renaissance interessierten sich die massgeblichen weltlichen Kreise für die Kultur der Antike, für Kultur ganz allgemein. Lesen und Schreiben bekamen einen höheren Stellenwert im Humanismus, sowohl für Adelige als auch für das Bürgertum.
Zunehmend wurde das Schreiben eine alltäglichere Tätigkeit, die Handschriften wurden damit persönlicher und von den Schreibvorlagen unabhängiger.
Die Renaissance als geistige Einstellung nahm ihren Anfang in Italien und so ist es nicht verwunderlich, dass in Bologna die erste Publikation über die Interpretation von Handschriften erschien: Der Arzt Camillo Baldo publizierte 1622 ein kleines Werk mit dem Titel Trattato come da una lettera missiva si conoscano la natura e qualità del scrittore (Abhandlung wie aus einem Brief Natur und Eigenheiten des Schreibers erkannt werden können).
In der Aufklärung bemühten sich humanistische Persönlichkeiten wieder vermehrt um Menschenkenntnis aufgrund von persönlichen Äusserungen - freilich mit unterschiedlichem Erfolg.
Der reformierte Geistliche Johann Kaspar Lavater(1741-1801) veröffentlichte in den Jahren 1772-75 in Zürich sein Werk Physiognomische Fragmente zur Förderung der Menschenkenntnis und der Menschenliebe. Darin enthalten ist ein Kapitel mit dem Titel Von dem Charakter der Handschriften.
Lavater stand in regem schriftlichem Austausch mit Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), von dem bekannt ist, dass er eine umfangreiche Sammlung von Handschriften angelegt hat. Er regte den Zürcher an, seine physiognomischen Studien auch auf die Erforschung der Handschrift auszuweiten.
Auch der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt (1769-1859) beschäftigte sich mit der Erforschung der Zusammenhänge zwischen Handschrift und persönlichen Eigenheiten der schreibenden Person.
Nach der Französischen Revolution wurde die Bildung von möglichst allen, also auch von den einfachen Leuten wie Handwerker und Bauern, ein Anliegen. In der Folge wurden Volksschulen gegründet, im Kanton Zürich beispielsweise 1832. Jedes Kind sollte lesen und schreiben lernen. Sowohl die Anzahl der Schriftstücke als auch die Variationsbreite der Handschriften nahm damit sprunghaft zu. Parallel dazu stieg auch das Interesse an der Deutung der Handschrift als Ausdruck von persönlichen Fähigkeiten und Eigenheiten.
Es ist bekannt, dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Nähe von Paris eine Schule für Handschriftendeuter bestanden hat - es waren vor allem Geistliche, die sich mit dieser Studienrichtung befassten. Besonders hervorgetan hat sich Abbé Jean-Hippolyte Michon (1806-1881). Sein Werk Système de Graphologie; l'art de connaître les hommes d'après leur écriture (System der Graphologie; die Kunst, Menschen aufgrund ihrer Handschrift zu kennen), erschien 1875 und legte den Grundstein zur Entwicklung der modernen Grafologie. Zum einen hat Michon der jungen Disziplin einen Namen gegeben: Die Bezeichnung Graphologie stammt aus dem Griechischen: graphein = schreiben, logos= Wort, Lehre. Zum andern hat Abbé Michon unzählige Schriftmerkmale beobachtet, beschrieben, katalogisiert, systematisiert und mit persönlichen Merkmalen ergänzt. Damit hat er die Basis für weiteres wissenschaftliches Arbeiten gelegt.
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