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Interview | Stefan Jäger
Dieses Interview entstand in Kooperation mit der Tessiner Zeitung. Die Tessiner Zeitung ist die deutschsprachige Wochenzeitung des Tessin, sie existiert seit 1894, bis 1986 hiess sie «Die Südschweiz». Ein Porträt von Stefan Jäger erscheint in der Sonderausgabe der Tessiner Zeitung vom 5. August, die gratis am Filmfestival Locarno aufliegt. Geri Krebs schreibt seit 1998 regelmässig für die Tessiner Zeitung über das Filmfestival Locarno.
Welche persönlichen Erinnerungen verbinden Sie mit dem Locarno Film Festival?
2001 konnte ich letztmals einen Film von mir am Festival präsentieren. Es handelte sich um das Freundschaftsdrama «birthday», der Film lief im Rahmen des «Panorama Suisse», es war also keine Premiere. Zwei Weltpremieren hatte ich dagegen in den Jahren 1994 und 1995. Im Wettbewerb von «Pardi di domani» konnte ich zwei meiner Kurzfilme zeigen, die ich damals noch als Student der Filmakademie Baden-Württemberg realisiert hatte. Und einige Jahre davor, 1989, war ich als 19-jähriger filmbegeisterter Seminarist im Rahmen von «Cinema e Gioventù» ans Festival eingeladen worden. Ich erinnere mich noch gut, dass damals im Hauptwettbewerb der südkoreanische Spielfilm «Warum Bodhi Dharma in den Orient aufbrach» lief; von Bae-Yong-kyun – ein Werk, das mich durch seine Spiritualität und seine grossartige Ästhetik begeisterte, das für mich bis heute zu meinen wichtigsten Kinoerfahrungen gehört.
Kannten Sie damals schon den Monte Verità und seine Geschichte?
Ich habe den Monte Verità 1989 das erste Mal besucht und war sofort fasziniert von seiner Historie. Wenn Sie mich jetzt fragen, ab wann ich die Idee gehabt hatte, hier einmal einen Film zu drehen: Sie entstand ungefähr um 2001, als ich zum wiederholten Male auf dem Monte Verità war. Doch wenn man im Filmgeschäft bestehen will, muss man ohnehin immer mehrere Ideen und Pläne nebeneinander verfolgen, man darf sich nicht zu stark nur auf ein einziges Projekt konzentrieren. So hat es eben seine Zeit gedauert, bis ich mein Herzensprojekt verwirklichen konnte. «Monte Verità» ist ja von meinen bisherigen neun Spielfilmen der mit Abstand aufwendigste, ich hatte zuvor noch nie ein so grosses Projekt, eine Koproduktion zwischen der Schweiz, Deutschland und Österreich, gestemmt – und vor allem hatte ich noch nie einen historischen Film realisiert.
Die Erzählung beruht im Wesentlichen auf wahren Begebenheiten, die sich so im Jahr 1906 auf dem Monte Verità ereigneten, die Personen im Film – etwa der Psychiater Otto Gross (gespielt von Max Hubacher), die Mitgründerin und Frauenrechtlerin Ida Hofmann (Julia Jentsch) oder Hermann Hesse (Joel Basmann) – sie haben real existiert. Eine Ausnahme bildet dagegen die Hauptprotagonistin, die junge Mutter Hanna Leitner. Erzählen Sie uns von dieser Figur…
Bei den wenigsten Fotos, die vom Monte Verità überliefert sind, weiss man, wer sie gemacht hat. Dieses Mysterium inspirierte Drehbuchautorin Kornelija Naraks zur Kreation der Kunstfigur Hanna Leitner, die von der österreichischen Schauspielerin Maresi Riegner verkörpert wird. Sie kommt vom klassischen Theater, hat aber auch Filmerfahrung. So war sie etwa eine der Hauptdarstellerinnen in «Egon Schiele – Tod und Mädchen» von Dieter Berner und sie hatte eine wichtige Rolle in dem im 18. Jahrhundert spielenden Kostümdrama «Licht» von Barbara Albert. In beiden Filmen verkörperte sie Frauen, die, in einer von äusserst rigiden Normen beherrschten Gesellschaft, für ihre Selbstbestimmung kämpfen. Maresie Riegner brachte also ideale Voraussetzungen mit, um diese schwierige Rolle bravourös zu spielen.
Welche weiteren Herausforderungen brachte die Rolle noch mit sich?
Etwas vom Schwierigsten war es, die zunehmende Begeisterung der fiktiven Figur Hanna Leitner für die Kunst des damals noch jungen Mediums Fotografie adäquat zu vermitteln. Das war überhaupt für das ganze Filmteam eine grosse Herausforderung, denn wir wollten unbedingt die Entstehung dieser Fotos und den Umgang mit den damaligen Fotoapparaturen sowie den Entwicklungsprozess so authentisch wie möglich zeigen. Gleichzeitig geht es um die Faszination, der Hanna dabei erliegt.
Sie konnten nicht auf dem realen Monte Verità drehen…
Ja, aber das ist bei fast allen historischen Filmen so, da die Originalschauplätze heute ganz anders aussehen und man entsprechend an andere Orte ausweichen muss. In unserem Fall haben wir im Maggiatal die Casa Centrale und die Lichtlufthütten des Monte Verità nachgebaut, in Cannobio haben wir die Szenen gedreht, die im damaligen Ascona spielen und im Studio in Köln die Innenszenen des Casa Centrale sowie in Wien die Anfangsszenen des Films.
Wie Sie erwähnten, stammt das Drehbuch zu «Monte Verità» nicht von Ihnen – dabei sind Sie selber an der ZHdK seit über zehn Jahren Dozent für Drehbuch. Hatten Sie nicht Lust, bei Ihrem bis anhin grösstes Projekt das Drehbuch selber zu schreiben?
Ich bin Regisseur, die Arbeit mit Schauspieler*innen ist das, was mich beflügelt. Und Filmemachen ist sowieso immer Teamwork, ich bin kein Einzelkämpfer. Zudem hat Kornelija ein instinktives Verständnis für Figurenentwicklung, das ich sehr bewundere. Und ja, ich unterrichte schon seit einiger Zeit Drehbuchschreiben und ich habe selber auch schon für andere Regisseure Drehbücher geschrieben, so etwa für Xavier Koller das Drehbuch zu «Schellen-Ursli». Ausserdem setze ich mich in der Schweizer Filmszene dafür ein, dass dem Drehbuchschreiben mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird und dass die Autor*innen bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen erhalten. Regie zu führen und Drehbücher zu schreiben, das sind zwei komplett unterschiedliche Berufe, die auch sehr unterschiedliche Talente bedingen. Nur die wenigsten beherrschen beides auf einem so hohen Niveau, dass ihre Filme als wirkliches Autorenkino eine Dringlichkeit haben, die einzigartig ist. Ich selber kann das nicht. Und diesem Gedanken der unterschiedlichen Ansprüche wird in der Schweiz leider nur selten Rechnung getragen, weshalb Autor*innen, die sich nur auf das Drehbuchschreiben spezialisieren wollen, zu wenig Unterstützung und Möglichkeiten finden, um vom ausschliesslichen Schreiben leben zu können.
Interview: Geri Krebs