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Mars!
Als Giovanni Schiaparelli 1877 zum ersten Mal in seinem auf den Planeten Mars gerichteten Fernrohr Kanäle zu sehen glaubte, löste er damit so einiges aus. Einerseits eine verstärkte Beobachtung der Objekte, die sich um unsere Sonne drehen – so ist die Entdeckung von Pluto ein indirektes Resultat der Entdeckung der Marskanäle. Andererseits begann die Idee einer Möglichkeit intelligenten Lebens auf Mars in den Köpfen vieler Menschen zu spriessen und die Saga von den grünen Männchen auf Mars in einer breiten Bevölkerung Fuss zu fassen (nachdem bereits viel früher, aber praktisch unbemerkt, der ansonsten knochentrockene Kant in seinen astronomischen Vorlesungen schon von intelligentem Leben auf Mars, Venus, Jupiter geschwärmt hatte!).
Mars und seine Bewohner wurden sofort ein beliebtes Thema in der aufkeimenden Science Fiction. H. G. Wells’ The War of the Worlds wurde 1897 veröffentlicht; E. R. Burroughs’ erste Barsoom-Story erschien 1917. Wells’ Geschichte wurde im Radio durch Orson Welles noch einmal ‘gehypt’ und ist weltberühmt; Burroughs kennt man in Europa nur von seinen Tarzan-Stories. In den USA ist das anders, und noch Robert A. Heinleins Protagonisten in The Number of the Beast versuchten explizit, Burroughs’ Mars (oder eben Barsoom in der Sprache der Einheimischen) zu besuchen. Daneben kamen der Planet Mars und intelligentes Leben auf Mars in vielen andern Storys von Heinlein vor; die wohl bekannteste – neben ein paar Juveniles – ist Stranger in a Strange Land.
Und dann natürlich Ray Bradburys Martian Chronicles. Entstanden als Reihe von sich teils aufeinander beziehenden Short Stories unterschiedlicher Länge, 1950 erstmals in Buchform zusammengefasst. Im Grunde genommen ist Bradburys Buch nur ‘Science Fiction’, wenn man jede Form von Erzählung, die in einer Zukunft spielt, als ‘Science Fiction’ bezeichnet. Denn von ‘Science’ ist in Bradburys ‘Fiction’ nicht viel zu finden. Wohl existieren Raketen, mittels derer die Menschen von der Erde zum Mars reisen, aber wir erfahren nichts darüber, wie diese Raketen funktionieren, wie sie zum Beispiel gesteuert werden. Dass auch Privatleute Raketen zum Eigengebrauch horten können und sie zu steuern wissen, scheint beim heutigen Stand der Dinge äusserst unwahrscheinlich – immerhin sollen die Ereignisse, die Bradbury schildert, zwischen 1999 und 2026 stattfinden.
Ich habe die Martian Chronicles nun zum dritten Mal gelesen – einmal auf Deutsch, einmal auf Englisch in der gekürzten Version, und nun auf Englisch in der ‘Extended Version’. Eine Lektüre auf Englisch lohnt sich nur schon wegen der teilweise doch recht poetischen Sprache, die Bradbury anschlägt. Die ‘Extended Version’ hat mir vor allem eine Geschichte gebracht, in der Bradbury die Martian Chronicles mit Fahrenheit 451 verknüpft: Es baut sich nämlich ein wohlhabender Buchliebhaber eine Residenz auf Mars, die E. A. Poes alter Villa in The Fall of the House of Usher nachempfunden ist. Wie die Buchzensoren ihm auch auf den Mars folgen, lässt er die Villa automatisiert eben so zusammenfallen, wie die Villa bei Poe zusammenfällt – nicht ohne seine Widersacher in den Trümmern zu begraben.
Von diesem Ausflug in die literarische Satire abgesehen, ist Bradburys Werk aber eher melancholisch gefärbt. Thema ist die Tatsache, dass sich nicht einmal zwei Menschen zu verstehen vermögen, geschweige denn Mensch und Marsianer, und dass dieses Sich-nicht-verstehen-Können immer wieder Quelle von Gewalt auf der einen oder der andern Seite ist. Eine durchaus pessimistische Weltsicht, die dem Roman den Titel einer Dystopie voll und ganz verdient. Bradburys Liebe zum Leben in einer kleinen, überschaubaren Gemeinschaft kommt ebenfalls immer wieder zum Vorschein – bis dann am Schluss die letzten Menschen, die zugleich die letzten Marsianer sind, nur noch in Form einer einzigen Familie existieren.