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Wenn Sebastião Donato Thurler durch die Fabrikhalle von Thurlerflex läuft, dann kommen die Angestellten auf ihn zu und umarmen ihn innig. Donato Thurler ist heute 93-jährig, hat sich vor drei Jahren aus dem operativen Geschäft der Firma zurückgezogen, zeigt sich aber immer noch ein bis zwei Mal die Woche in der Fabrik. Der Gründer von Thurlerflex ist ein Patron alter Schule: Er schaut den Angestellten an den Maschinen über die Schultern und wacht auch darüber, dass sie sich gut ernähren. Für einen Real oder umgerechnet 30 Rappen am Tag erhalten die Angestellten am Morgen Kaffee und Brot sowie am Mittag eine rechte Mahlzeit. Donato Thurler selber ist seit 30 Jahren Vegetarier, hat nie geraucht oder Alkohol getrunken.
Ärger über Steckdosen
«Ich habe den Beruf des Elektrikers gelernt und Leitungen montiert. Aber ich ärgerte mich über die damaligen Steckdosen und dachte, das kann ich besser», so Donato Thurler. «Ich habe mir dann eine Maschine gekauft und selber Steckdosen hergestellt.»
So begann 1964 die Geschichte der Firma Thurlerflex in Nova Friburgo. Beim Fabrikeingang steht heute noch die erste Maschine, die Donato Thurler in gebrauchtem Zustand mit seinem eigenen Kapital in Rio de Janeiro kaufte. Mittlerweile stehen die Maschinen auf einer Länge von rund 70 Metern in einer Reihe. 80 Mitarbeiter sorgen für einen 24-Stunden-Betrieb, sieben Tage die Woche.
Acht Söhne, acht Direktoren
Donato Thurler hat acht Söhne. Jeder von ihnen arbeitet heute in der Firma als Direktor. Seit dem Kürzertreten des Patrons vor drei Jahren bestimmt vor allem Reynaldo Thurler die Geschicke der Fabrik; er ist mit 67 Jahren der älteste der acht Brüder. Seine Funktion ist die des kommerziellen und industriellen Direktors von Thurlerflex.
«Wir produzieren heute rund 300 Produkte aus Plastik», so Reynaldo Thurler. «Die Produkte von Thurlerflex findet man in keinem Laden», erklärt er. «Vielmehr liefern wir die Plastikteile, die unsere Firmenkunden in ihre Produkte einbauen.» So werden beispielsweise die Plastikknöpfe für Schindler-Lifte in ganz Brasilien bei Thurlerflex in Nova Friburgo hergestellt. Auch die Plastik-Trittflächen bei Bockleitern oder die Plastikhebel der Orangensaftautomaten bei Frühstücksbuffets stammen von Thurlerflex. Zudem verkaufen Kunden der Firma Schwimmflossen oder Caipirinha-Becher aus Nova Friburgo. All diese Produkte zeichnen sich durch die Elastizität des Thurlerflex-Plastiks aus.
Als 13-Jähriger in der Fabrik
Reynaldo Thurler half seinem Vater schon als achtjähriger Junge bei der Montage von elektrischen Leitungen. Als die Fabrik 1964 eröffnete, sass der damals 13-Jährige schon für handwerkliche Arbeiten an einer Maschine. Nach einem abgebrochenen Kurs als Buchhalter sowie einer Ausbildung als Maschinenmechaniker trat er vor 50 Jahren offiziell in die Firma ein.
«Ich kümmerte mich von Beginn weg um die kommerziellen Kontakte», sagt Reynaldo Thurler. So beliefert seine Firma heute Kunden in Rio de Janeiro, São Paulo, Minas Gerais und seit kurzem auch in den südlichen Bundesstaaten Paraná, Santa Caterina und Rio Grande do Sul.
Und Exporte? «Bis jetzt noch nicht», so Reynaldo Thurler. «Doch Abnehmer in Europa sind schon ein Ziel. Vielleicht helfen ja die Kontakte zu den Schweizern bei der jetzigen 200-Jahr-Feier unserer Stadt.» Angesprochen auf das Plastics Innovation Competence Center in der Freiburger Blue Factory, wird er hellhörig: Er schreibt sich gleich die Kontaktdaten auf.
Kopfzerbrechen wegen Steuern
Wie überall führt bei Thurlerflex die Marktposition über den Preis. «Wir kaufen Maschinen in China ein. So können wir Preise senken und mit dem gleichen Geld mehr produzieren», sagt Reynaldo Thurler. Die wirtschaftliche Situation von Thurlerflex bezeichnet der Direktor als stabil. «Wie bei einem kleinen Flugzeug wirken sich bei unserer kleinen Firma Turbulenzen weniger stark aus.»
Sorgen macht Reynaldo Thurler vor allem eines: die Steuern. «Wir müssen auf die Produkte und auf die Löhne Steuern entrichten, und diese sind enorm hoch.»
Bei Thurlerflex kümmert sich heute Reynaldos Sohn um den Bereich Steuern. Als einziger Sohn des ältesten Sohns des Firmengründers hat dieser in der Firma beste Perspektiven. Für einen Generationenwechsel könnte die Zeit schon bald reif sein. «Ich will nicht so lange in der Firma bleiben wie mein Vater», sagt Reynaldo Thurler.
Thurler
Erde vom Jauner Friedhof mit nach Brasilien genommen
Sowohl Sebastião Donato Thurler als auch sein Sohn Reynaldo haben die Heimat ihrer Vorfahren im Kanton Freiburg schon mehrfach besucht. «Wir waren schon in Jaun», sagt Reynaldo Thurler. «Mein Vater hat dort etwas Erde vom Friedhof mit nach Nova Friburgo genommen.»
Das Geschlecht der Thurlers ist in Nova Friburgo eines der häufigsten. Von den Freiburger Geschlechtern sind bloss Folly und Overney heute ähnlich zahlreich.
Die Familienmitglieder rund um das Unternehmen Thurlerflex sind Nachkommen von Pierre-Antoine Thürler, der 1819 nach Nova Friburgo auswanderte. Dessen Frau stammte vom Greyerzer Politiker und Offizier Pierre-Nicolas Chenaux ab, zu dessen Ehren in Bulle eine Statue steht. Dieser Zweig der Thurlers in Nova Friburgo befinde sich mittlerweile in der neunten Generation und umfasse 66 Familienmitglieder, erklärt Reynaldo Thurler.