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The Old Man & The Gun Interview mit David Lowery: „Robert Redford ist am ikonischsten als Verbrecher.“
Am Zurich Film Festival sprachen wir mit Regisseur David Lowery über seinen neusten und Robert Redfords letzten Film Ein Gauner & Gentleman (The Old Man & The Gun), über Nostalgie, Bösewichte, Me-Too und natürlich Robert Redford.
Als Robert Redford mit seiner Filmidee für Ein Gauner & Gentleman (The Old Man & The Gun) auf Regisseur David Lowery zukam, wusste Lowery noch nicht, dass dies Roberts letzter Film sein würde. Wie Lowery uns am Zurich Film Festival verraten hat, war es für ihn als Fan von Redford, aber keine Frage, ob er das Angebot annehmen würde.
In The Old Man & The Gun spielt Robert Redford den Gangster Forrest Tucker, der für seine unzähligen Gefängnisausbrüche bekannt wurde. Und für sein höfliches Benehmen bei seinen letzten Banküberfallen im hohen Alter, woraus Lowery den Schwerpunkt des Filmes gemacht hat. Ihm auf der Spur ist Casey Affleck als Polizist John Hunt. Sissy Spacek spielt Cindy, die vom mysteriösen Gentleman Tucker fasziniert ist.
Blogbusters: Mit Casey Affleck haben Sie bereits mehrere Male zusammengearbeitet. Hatten Sie Bedenken erneut mit ihm einen Film zu drehen, nach den Vorwürfen gegen ihn im Rahmen der „Me Too“-Bewegung*?
David Lowery: Wir haben Casey Affleck engagiert bevor die Anschuldigungen herauskamen. Die Frage war also eher: Wollen wir ihn weiterhin im Projekt behalten?
Ultimativ habe ich mich dafür entschieden, auch wenn es eine gewisse Unbehaglichkeit kreiert hat, die ich nie erwartet hätte. Die Sache ist schwierig, aber gleichzeitig produktiv. Sie zwingt uns alle, ungemütliche Diskussionen zu haben. Ich glaube, dass Affleck so zukunftsorientiert denkt, wie er kann. Im Stil von: „Okay, ich bin nun in dieser Position, ob ich will oder nicht, wie kann ich nicht nur die Industrie, sondern die ganze Kultur zu einem besseren Platz für Frauen, für alle, machen.“ Es war schön zu sehen und dabei zu sein, wie er Schritte in diese Richtung macht.
Müssen Sie jetzt als Regisseur für alle Schauspieler Vergangenheits-Checks durchführen?
Das ist etwas worüber wir nachdenken. Während wir The Old Man & The Gun gemacht hatten, war dies nicht etwas worüber wir nachgedacht haben. Aber im vergangenen Jahr haben wir realisiert, dass wir dies nun berücksichtigen müssen, dass jemandes Vergangenheit eine Rolle spielt. Dies wird in Zukunft nicht nur in der Filmindustrie Routine werden. Ich glaube nicht, dass jemandes Vergangenheit ihm immer automatisch angelastet werden sollte, aber man sollte definitiv davon Kenntnis davon haben. Man sollte von Dingen wissen, die in Gesprächen aufkommen könnten. Oder wenn jemand etwas Schlechtes getan hat, ob er bewiesen hat, dass er sich als Person verändert hat. Das ist ein sehr heikles, aber absolut wichtiges Thema.
David Lowery: „Ich kann keine Bösewichte schreiben.“
Der Film ist überraschend fröhlich für einen Film über einen Verbrecher.
Ich liebe Kriminalfilme, aber ich habe Mühe sie zu schreiben. Ich mag meine Charaktere zu sehr und will nicht, dass sie schlechte Dinge tun. Wenn sie es tun, muss ich einen Weg finden ihnen zu vergeben. Dies führt zu einer gewissen Zärtlichkeit gegenüber allen Figuren. Ich finde es nicht okay, was Forrest Tucker im Film macht. Ich glaube nicht, dass Banken auszurauben etwas Gutes ist, aber ich respektiere Tuckers Leidenschaft.
Warum haben sie auf die letzten Jahre von Forest Tucker fokussiert und nicht auf seine mehrfachen Ausbrüche aus dem Gefängnis?
Frühere Versionen des Drehbuchs enthielten mehr Gefängnisausbrüche. Aber am Ende fand ich es viel interessanter Tucker dabei zuzusehen, wie er in einem Restaurant mit einer Frau redet, die sich vielleicht oder vielleicht auch nicht auf ihn einlässt. Wenn ich schon Robert Redford und Sissy Spacek in einem Film habe, will ich so viele Szenen als möglich mit beiden haben. Das fand ich viel interessanter als jede Anzahl von Gefängnisausbrüche.
Sissy Spacek und Redford haben eine unglaubliche Chemie im Film.
Ich war schockiert herauszufinden, dass die beiden sich vor diesem Film kaum begegnet sind. Beide haben sie auf Bauernhöfen gelebt und beide hatte immer mit Pferden zu tun, sie haben sogar separat mit denselben Regisseuren gearbeitet. Spacek war die einzige Person, die mir beim Schreiben in den Sinn kam, die sich gleichzeitig glaubwürdig in Redfords Charakter verlieben kann, während sie ihn trotzdem auf Trab hält.
Wunderbar ist auch Casey Afflecks Charakter, der für einmal mit dem klassischen Klischee des frustrierten Ermittlers bricht.
Ich wollte ein Paar zeigen, dass sich gegenseitig unterstützt. Es gibt keine Szene, in der die Frau sagt: „Wieso investierst du so viel Zeit in diesen Fall, weshalb bringst du Arbeit mit nach Hause?“ Ich gebe zu, ein Teil davon kommt gewissermassen von der Beziehung zu meiner Frau. Ich wollte unsere Beziehung auf der Leinwand sehen.
Ein Genrefilm kommt zudem mit gewissen Erwartungen. Man erwartet, dass der Polizist zu hart arbeitet, dass seine Frau frustriert ist und dass er einen wirklichen Tiefpunkt erreicht, bevor er endlich den bösen Gangster fassen kann. Ich wollte dieses Klischee mit Wärme durchbrechen.
Ein beindruckender Moment im Film ist, wenn wir all die alten Bilder von Robert Redford sehen.
Ja, es war gar nicht so einfach die Lizenzen für alle zu finden. Was mich wirklich überrascht hat, ist wie die Jahre manchmal von Robert wegfallen. Wir drehten diese Szene mit ihm und Sissy, und die Jahre fielen einfach von seinem Gesicht ab, glitten über seine Schultern hinab und plötzlich stand er da, wie er einmal war. Wie unsere Eltern und Grosseltern ihn auf der Leinwand gesehen haben. Ein atemberaubender Moment.
Wie haben Sie dieses Nostalgie-Element in den Film eingewebt? Sie habe auch auf 16mm gedreht.
Wir versuchten den Film zu kreieren, als ob er 1981 gemacht worden wäre. Unser ästhetisches Ziel war: „16mm und ohne genügend Zeit und Geld“. Wir haben nie gewartet, bis das Licht genau perfekt war, wir haben keine Autospuren auf dem Feld ausgebessert. Als Resultat ist der Film sehr nostalgisch, aber gleichzeitig sehr unsentimental. Anders als meine früheren Filme
David Lowery: „Die Jahre fielen von Robert Redford ab.“
Sie schreiben die Drehbücher für ihre Filme jeweils selbst. Hilft es Ihnen, eine tiefere Verbindung zum Film zu kreieren?
Ich weiss nicht wie ich Regie führen soll, wenn ich das Drehbuch nicht selbst geschrieben habe. Ich habe einmal bei einer TV-Folge Regie geführt, ohne das Drehbuch geschrieben zu haben und es fühlte sich so seltsam an. Ich kannte nicht all die Antworten, ich musste zum Drehbuchautoren gehen und ihn fragen: „Was meinst du damit genau?“ Wenn ich das Drehbuch selbst geschrieben habe, weiss ich wenigstens, dass ich selbst dafür verantwortlich bin.
Alle ihre Charaktere sind immer auf irgendeine Weise sympathisch. Können Sie überhaupt einen wirklichen Bösewicht schreiben?
Bis jetzt nicht. Sogar in Pete’s Dragon (2016) habe ich versucht einen Bösewicht zu schreiben, aber am Ende habe ich ihn einfach zu sehr gemocht. Er wurde ein Typ, der im Grunde okay ist, aber einfach schlechte Entscheidungen trifft.
Sie haben bereits Drehbücher in den unterschiedlichsten Genres geschrieben. Gibt es eines, dass sie in der Zukunft bearbeiten möchten?
Horror ist mein Lieblingsgenre als Zuschauer.
Dafür brauchen Sie aber einen guten Bösewicht.
Ja, das brauche ich wohl (er lacht laut). Irgendwas Richtiges, etwas Richtiges, Uraltes, Böses.
Pferde scheinen in Ein Gauner & Gentleman eine grosse Rolle zu spielen. Eine bewusste Anspielung auf Western-Filme?
Ja. Ich finde, dass Redford am ikonischsten ist, wenn er einen vogelfreien Verbrecher spielt, wenn er mit seinem Hut auf dem Rücken eines Pferdes in den Sonnuntergang reitet. Das ist einfach Redford.
Die ganze Verfolgungsjagd mit den Autos bis zu diesem Punkt basiert auf der wahren Geschichte von Tucker, dann wollte ich die Realität der Geschichte hinter mir lassen und Forrest Tucker in Robert Redford transformieren.
Der Film basiert auf einem Artikel von David Lowery, der Forest Tucker getroffen hat. Haben Sie mit David Grann über Tucker gesprochen?
Ja. Eines der Dinge, die mir Grann über Tucker erzählt hat, ist, dass Tucker sich selbst als Filmversion eines Verbrechers sah. Tuckers Idee eines Verbrechers kam von den Gangsterfilmen, die er als Kind sah. Im Gefängnis hat er seine Lebensgeschichte an Clint Eastwood geschickt, mit der Hoffnung, dass ihn dieser in einem Film spielt. Ich glaube er, er wäre sehr glücklich, dass Robert Redford am Ende die Rolle angenommen hat.
The Old Man & The Gun läuft ab dem 6. März 2019 in den Schweizer Kinos und ab dem 28. März 2019 auch in Deutschland und Österreich.
*Zwei Frauen haben Affleck offiziell angeklagt, dass er sie auf seinem Filmset sexuell belästigt hat. Affleck hat zugegeben sich in gewissen Situation unprofessionell verhalten zu haben, stimmt aber nicht allen Vorwürfen zu. Weitere Frauen äusserten Vorwürfe der sexuellen Belästigung.
Kurz-Bio David Lowery
David Lowery kam am 26.12.1980 in den USA auf die Welt. Im Alter von 19 Jahren drehte er seinen ersten Kurzfilm St.Nick (2009). Sein erster Langfilm Ain’t Them Bodies Saints folgte 2013 und feierte am Sundance Filmfestival Premiere. Weitere Langfilme von ihm als Regisseur sind Pete’s Dragon (2016) und A Ghost Story (2017). Für alle seine Filme, hat er auch das Drehbuch geschrieben. Dazu schrieb er das Drehbuch für The Yellow Birds (2017).
David Lowery: Forrest Tucker sah sich als Filmversion eines Gangsters
The Old Man and the Gun (Kurzinhalt)
Wenn der über 70-jährige Forrest Tucker gut gekleidet und mit der Manier eines Gentlemans in eine Bank spaziert, möchte er in der Regel kein Bankkonto eröffnen, auch wenn er das zunächst behauptet. Tucker ist einer der meistgesuchten Bankräuber weit und breit – und möglicherweise der charmanteste. Nicht zum ersten Mal ist er eingebuchtet worden und nicht zum letzten Mal auf wundersame Art und Weise ausgebrochen. Dieses Mal heftet sich der ambitionierte Detective John Hunt an seine Fersen, der dem unermüdlichen Gauner und seinen Raubüberfällen ein für alle Mal ein Ende setzen will. Doch Tucker lässt sich davon nicht so schnell aus der Ruhe bringen, bandelt mit seinem neuen Date Jewel an und tut das, was er am besten kann. Die Kriminalkomödie THE OLD MAN & AND THE GUN beruht auf einer wahren Begebenheit. Robert Redford, Sissy Spacek und Casey Affleck brillieren in einem nostalgischen 70er- Jahre-Setting. (Quelle: DCM)