Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03104.jsonl.gz/1927

Geistige Quelle
Jean Gebser (1905-1973)
Jean Gebser ist einer der originellsten Kulturphilosophen des 20. Jahrhunderts, obwohl, oder vielleicht gerade darum, er nie in ein Gymnasium, noch auf eine Universität gegangen ist. In Deutschpolen geboren, hat er dann in Berlin eine Banklehre gemacht. Seine Eltern hatten kein Geld für das Gymnasium. Er verfasst schon als 20jähriger wunderbare Gedichte. Da sie niemand verlegen will, gründet er die Rabenpresse. Nun macht er eine Buchhändlerlehre in Berlin und ist bald in Italien in einem Antiquariat und lernt Italienisch.
1931 ist er im Bürgerkrieg in Spanien und lernt dort den spanischen Dichter Frederico Garcia Lorca(1898 – 1936) kennen. Er übersetzt Lorca in die deutsche Sprache. Dort ist Gebser zufälligerweise nicht erschossen worden. Noch in Spanien hatte er während ein paar Sekunden eine Intuition: Er findet eine Weltformel, die er dann in seinem restlichen Leben dokumentiert. Er sieht die Menschheit im Großen als eine Entwicklung von Bewusstsein zu Bewusstsein. Er beschreibt ein archaisches Urbewusstsein, eine Art paradiesischer Zustand, der dem Menschen die Grundexistenz gibt, ihn sein Sein zu erleben. Durch einen Mutationssprung bricht ein neues Bewusstsein hervor, nämlich das magische Naturbewusstsein, wo Mensch und Natur noch eine Totalität sind. Dieses Bewusstsein wird aber mit der Zeit defizient. Das ist das Zeichen, dass ein neues Bewusstsein im Anzug ist. Es ist das mythische. Hier erlebt der Mensch die Welt in der Zeit zwischen Tag und Nacht. Der Mensch gibt den Naturphänomenen wie Sonne, Mond und Sterne mythologische Namen und Geschichten. In der klassischen griechischen Kultur(500 vor Christus) wird das mythologische Bewusstsein defizient. Das neue Bewusstsein ist mental und später rational. Es ist das (natur)wissenschaftliche Bewusstsein, das erst in der Renaissance ganz zum Tragen kommt und heute nach Gebser schon wieder defizient ist. Das wiederum neue zukünftige Bewusstsein, das Gebser postuliert, ist das integrale, ein ganzheitliches Bewusstsein. Unser krankes, an den Universitäten gelehrtes Bewusstsein, zerstört Mensch und Natur, denn das nur Mental-Rationale schliesst die anderen früheren Bewusstseine aus und okkupiert sie als das einzig Wahre. Das ganzheitlich umfassende integrale Bewusstsein hat die Möglichkeit alle Kräfte des Menschen zu aktivieren.
Vor dem 2. Weltkrieg ist Gebser in Paris und lernt dort die Künstler-Avantgarde kennen, u.a. Pablo Picasso. Kurz vor Beginn des 2. Weltkrieges reist er in seine Wahlheimat Schweiz. Zuerst lebt er im Tessin, dann in Bern, wo er in Wabern 1973 stirbt.
Sein Hauptwerk ist Ursprung und Gegenwart. Seine Gedichte sind eine Weiterentwicklung der rilkischen Lyrik. In Asien lächelt anders zeigt er das subtile Verständnis asiatischer Kultur.
Was hat Jean Gebser mit der Schlösslipädagogik zu tun? Dieses gebserische Kulturverständnis ist ein historisches und zeigt die Entwicklung der Menschheit, was Steiner auch ähnlich tut. Doch diese beschriebene Menschheitsentwicklung zeigt sich auch in der Individualentwicklung des Menschen: Der Mensch wird aus einer vorgeburtlichen, paradiesischen und archaischen Welt geboren. Dort ist auch sein existentielles sinnstiftendes Schicksal begründet. Im ersten Jahrsiebt sind für das Kind vor allem alle magischen Naturkräfte wichtig. Rudolf Steiner spricht von den Äther- oder Bildekräfte. Im zweiten Jahrsiebt steht die Mythologie im Mittelpunkt. Das Kind erlebt die Engeln, Zwergen, mythischen Schöpfungsgeschichten des Alten Testaments, der Germanen, der alten Inder, Perser, Aegypter und Griechen. Es taucht in die mittelalterliche Welt der christlichen Klöster und Ritter ein. Erst jetzt, etwa vierzehn Jahre alt, entwickelt das Kind hauptsächlich die mental rationalen Kräfte. Es hört in der Schule die Entwicklung der Menschheit von der Renaissance bis in die Gegenwart.
Wenn ein Mensch die Entwicklung in diesem Sinne durchmachen kann, hat er alle Bewusstseinsebenen, das magische Bauchbewusstsein, das mythische Herz/Lungenbewusstsein, das mental/rationale Kopfbewusstsein in sich kultiviert und kann versuchen sie alle mit sich selbst zu integrieren. Denn das Zukunftsziel, das die Schlösslipädagogik im Sinne hat, ist ein integraler Mensch, der ebenso mit den elementaren Naturkräften umgehen kann, wie auch mit Gott, den Engeln, mit Mythen, mit Mathematik und Naturwissenschaften, mit den moralischen Kräften in sich selbst, mit der Beziehungsfähigkeit zu Mensch und Natur.