Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03382.jsonl.gz/255

Man mag ja fragen, was denn der Sinn sei, sich längere Zeit in London aufzuhalten.
Arbeiten Sie hier? Sind Sie in den Ferien? Machen Sie einen Sprachaufenthalt?
Erkundigt man sich auch hier.
Nein, nichts dergleichen. Wir verbringen einfach die Zeit hier.
Mit langen Spaziergängen, Besuchen von Ausstellungen, mit Schreiben und Diskutieren, Kochen, Essen und Lesen.
Danach schauen wir uns auf BBC oder Netflix eine nicht allzu anstrengende Serie an.
Also ohne weiteren Nutzen für irgendjemanden.
Der Versuch, diesem Zustand einen Sinn zuzuschreiben, oder anderesherum, gar als sinnlos zu verurteilen, entspränge der geltenden Daseinsnorm vom für sich und die Gesellschaft nutzvollen Lebens.
Man könnte meine derzeitige Beschäftigung, um zumindest etwas guten Willen zu zeigen, als “Müssiggang” bezeichnen.
Aber ich will lieber einen neuen Gedanken einführen, der mir kürzlich über den Weg gelaufen ist und der mich seither beschäftigt: Die Eroberung der Sorglosigkeit.
Gemäss Sloterdijk ist das ein Zustand “erlesener Unbrauchbarkeit.”
Das könnte der Sinn dieses Zwischenstopps in London sein – ein unnützer Mensch zu werden.
Welch eine Provokation.