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Episode 19
Jäger
Sie jagen nach Schürzen, nach Schurken oder Klicks. Doch langsam dreht sich der Wind.
Anwalt Marc Burri duckte sich hinter die Hortensien. Beinahe hätte er die Vase umgerissen. Seine Hände wurden feucht, das Blut schoss ihm in den Kopf. «War ich zu direkt?» fragte die Blumenverkäuferin ihren neuen Stammkunden und beugte sich noch etwas mehr über den Verkaufstresen, «bitte entschuldige, ich sage so etwas halt nicht so gerne durch die Blume.» Die Blumenverkäuferin lachte über ihren eigenen Spruch. Anwalt Burri blieb unten, in Deckung. «Nein, nein», antwortet er, aber seine Stimme klang einiges dünner als noch vor einer Minute. «Mir ist nur der Schuh aufgegangen.» Burri sank aufs rechte Knie und zog am Schürsenkel. Er nahm sich alle Zeit der Welt, den Schuh wieder zu binden. Am liebsten hätte er sich in Luft aufgelöst. Was zum Teufel tat seine Verlobte hier unten beim Haupteingang? Die müsste doch oben auf dem Zimmer liegen! Burri machte sich noch kleiner. Er konnte nur beten, dass Estelle für einmal so schlechte Augen hatte wie sie sang. Was war das überhaupt für ein Lied? Burri hatte der Blumenverkäuferin gerade tief in die Augen und noch tiefer in den Ausschnitt geschaut, als er die Stimme seiner Verlobten vernahm. Nur eine konnte so singen! Es fuhr ihm durch Mark und Bein. Nicht auszudenken, Estelle würde ihn hier im Blumenladen entdecken. Es würde höchst peinlich werden. Natürlich konnte er behaupten, er habe einen Überraschungsbesuch machen wollen und kaufe gerade Blumen für sie. Das würde für Estelle wohl plausibel klingen. Trotz des Streits, den sie beim letzten Besuch hatten. Jedoch würde dann die Lüge, die er Monika aufgetischt hatte, auffliegen. Er hatte die Blumenverkäuferin nun drei Tage hintereinander besucht. Einmal sogar zweimal am Tag. Und hatte Hortensien für seine sterbende Mutter gekauft, die oben liege. Und hatte deutliche Signale gesendet, dass er einsam war. Und hatte deutliche Signale empfangen. Nein, diese Lüge durfte nicht auffliegen. Es lief gerade zu gut mit Monika. «Jetzt schau dir die an», sagte die Blumenverkäuferin, «was ist das denn? Ein Polterabend?» Burri blieb unten und drehte den Kopf nur ganz wenig zur Seite. Er konnte gerade noch sehen, wie Estelle singend und in ihrem Ketchup-Kostüm am Laden vorbei tänzelte, dahinter folgte eine Teenagerin, die ein Rollbett schob. «Zeigst du mir deinen Materialraum?» fragte Burri und stand auf. Er musste sich schleunigst verstecken, bevor Estelle, was auch immer sie gerade tat, zurückkam. «Du bist aber auch nicht durch die Blume», sagte die Blumenverkäuferin und zog Burri mit, «gefällt mir. Gefällt mir sogar sehr. Ich hoffe einfach, du stehst nicht nur auf Blümchen…» dann fiel die Tür zu.
Die Kantonspolizisten Hitz und Frunz rüttelten gerade an einer verschlossenen Tür, irgendwo im Untergrund des Kantonsspitals, als gleichzeitig ihre Handys klingelten. Sie checkten das Display und sahen sich irritiert an. Synchron nahmen sie ab. Es war ihr Chef. Und er sprach noch ruhiger als sonst. Er flüsterte beinahe. Hitz schluckte, Frunz schloss die Augen. Der «Pate», wie sie ihren Chef heimlich nannten, flüsterte nur, wenn er bis zum Zerplatzen aufgebracht war. Das wussten sie aus Erzählungen anderer Kollegen, die allesamt nicht mehr im Polizeidienst tätig waren.
Er begrüsse sie herzlich zu dieser spontan einberufenen Telefonkonferenz und könne ihnen versichern, es werde nicht lange dauern, flüsterte der Pate, seine Stimme und seine Stimmung würden das gar nicht zulassen. «Fragen soweit? HITZ? FRUNZ?» Die beiden Kantonspolizisten verneinten im Chor. «Besser ist es» zischte der Chef. Aber er habe eine Frage. Er sitze hier in seinem Büro vor dem Computer und habe eben als…Moment…25’597er Betrachter, ein Video gesehen, das…Moment…25’598..Moment..99…es höre nicht mehr auf, dieses Video verbreite sich schneller als die Pest…25’600!
«Chef», unterbrach Frunz den Paten, und Hitz schaute seinen Kollegen entgeistert an, «was wollten sie uns fragen?» Der Pate verstummte. «Sie meinten doch, sie hätten eine Frage, aber sie haben noch gar keine gestellt…» Totenstille. Dann zischte es aus dem Telefon. «Herkommen. Alle beide. Sofort.» Die Leitung wurde getrennt.
«Was war die Frage?» wandte sich Estelle an Marina. Sie hatte sich gerade das Ketchup-Kostüm über den Kopf gezogen und warf es nun auf das leere Rollbett. Die frische Luft tat ihr gut. Sie standen draussen, direkt vor dem Haupteingang und schauten dem schwarzen Ford Mustang nach, in dem Roberto und Marinas Bruder davon ruckelten. «Was wolltest du wissen?» hakte Estelle nach. Aber Marina starrte bloss auf ihr Handy. «25’600 views! In nur zwanzig Minuten!» Estelle verstand nicht. «Mein letztes Video», sagte Marina «vom tanzenden Polizisten», sie blickte auf, «es bricht alle Rekorde.»