Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03153.jsonl.gz/2088

Von Andrew C. R. Cobb

Der Sandtigerhai (Carcharias taurus).
Trotz seines Aussehens ist er harmlos.
© D. Perrine / Hai-Stiftung
50 km südlich von Durban, an der Küste von Kwazulu in Natal, Südafrika, liegt der kleine Ort Umkomaas,
Ausgangspunkt für eine faszinierende Reise zu den Sandtigerhaien (Carcharias taurus) der «Aliwal
Shoal» - Riffe.
Aliwal Shoal entstand vor etwa 80 000 Jahren aus einer
Düne. Durch die Verschiebung der Kontinentalplatten stieg der Meeresspiegel des indischen Ozeans an
und überflutete die Sanddüne. Über die Jahrtausende hinweg entstand so durch Muscheln und andere
Riffbildner ein massiver Sandsteinkern.
Heute ist Aliwal Shoal die Heimat vieler Fische und anderer
mariner Lebewesen. Es finden sich in dieser Region nicht nur Meeresschildkröten, Delphine und auch
Buckelwale ein, sondern auch die berühmten Sandtigerhaie, die in Südafrika auch liebevoll «Raggies»
genannt werden («Raggie» ist ein Kürzel für ragged-tooth shark, die englische Bezeichnung für
Sandtigerhaie, Anm. der Red.).

Die Agulhas Strömung.
© Shark Info
Die Sandtigerhaie unternehmen in
südafrikanischen Gewässern jährliche Wanderungen und finden sich zwischen Ende Juni und Ende November
in der Aliwal Shoal ein. Ende November verlassen sie die Regionen und schwimmen rund 300 km nördlich
nach Cape Vidal, wo sie sich paaren. Die trächtigen Weibchen schwimmen danach bis hinauf nach
Mozambique, wohin die Männchen jedoch schwimmen, ist ungeklärt. Der Agulhas-Strom (siehe Karte) bringt
sie dann wieder nach Süden, wo sie nach rund 9 Monaten ihre Jungen vor Port Elisabeth und Plettenberg
Bay zur Welt bringen. Dann beginnt die Wanderung von neuem.
Es ist nicht einmal 20 Jahre her, als die ersten Taucher sich, trotz der Hai-Warnungen der lokalen
Bevölkerung, in diese Gewässer wagten. Ich war Teil dieser ersten Gruppen und muss zugeben, dass auch
ich damals erwartete, den «Weissen Hai» zu erleben. Doch entgegen unseren Befürchtungen kam es zu
keinem Zwischenfall mit diesen Tieren.
Ich war damals Polizeitaucher und berichtete danach in unseren
monatlichen Gruppentreffen über die Sandtigerhaie und ihr Verhalten. In dieser Gruppe war auch Graham
Carter, der zu dieser Zeit der stellvertretende Direktor des NSB - Natal Shark Board -
(halbstaatliches Institut für Haifragen, Anm. der Red.) war. Das NSB untersuchte zu jener Zeit bereits
Sandtigerhaie, doch war ihnen Aliwal Shoal mit seinen Sandtigerhaien nicht bekannt. Entsprechend wurde
1984 beschlossen, eine Gruppe von Tauchlehrern auszubilden und sie Daten für das NSB sammeln zu
lassen.

Umkomaas und Aliwal.
© Shark Info
Die Aliwal Shoal ist ein Paradies für viele Arten, nicht nur für
Sandtigerhaie, doch musste lange für dessen Erhalt gekämpft werden, und der Kampf ist noch nicht
vorbei. Die Region von Aliwal Shoal lief in der Anfangszeit unserer Untersuchungen Gefahr, durch die
Umweltverschmutzung, die die gesamte Südküste Natals beeinträchtigte, zerstört zu werden. Das
Hauptproblem war die Zellulose-Fabrik SAICCOR in Umkomaas, die ihre gesamten Abwässer ungeklärt ins
Meer entliess. Die Schwebestoffe reduzierten die Sichtweite auf weniger als einen Meter und der Schaum
machte ganze Badestrände unbenutzbar. Doch auch regelmässige Massensterben von Fluss- und
Meeresfischen war nichts Ungewöhnliches. Eine Lösung musste gefunden werden.
Der öffentliche Ärger
über die Verschmutzung der Küsten Natals fand nach dem Regierungswechsel von 1994 ein offenes Ohr und
das «Südküsten Pipeline Forum» wurde gegründet. Dieses Forum war einzigartig in der Geschichte
Südafrikas, denn neben Vertretern der Behörden und der Industrie sassen die betroffenen Parteien mit
am Tisch. Transparenz war angesagt. Zum ersten Mal war die Öffentlichkeit in einem derartigen Forum
vertreten. Dies ist erstaunlich, denn unter der alten Regierung wurden sämtliche Emissionen von
Fabriken hinter verschlossenen Türen behandelt.
Das Pipeline Forum gab Sozial- und
Umweltverträglichkeits-Studien in Auftrag. Die Studie über den sozialen Aspekt der Umweltverschmutzung
vom geographischen Institut der Universität Natal zeigte deutlich, dass der Wert sauberer Küsten
wesentlich wichtiger ist, als die Gewinnoptimierung der betroffenen Industrien. Schlussendlich mussten
die Eigentümer der drei grössten Meerespipelines Natals Millionen von Rand (mehrere hunderttausend
Dollar) zahlen, um den Ozean und die Küsten zu reinigen. SAICCOR, die Zellulose-Fabrik von Umkomaas,
musste ihre Pipeline von 3 auf 6 km verlängern und wurde gezwungen, ein spezielles Klärwerk
einzurichten, das mindestens 50 000 der jährlich insgesamt 460 000 Tonnen Lignolsulfat, ein
Nebenprodukt der Zellulose Verarbeitung, aus den Abwässern entfernt.
Die Massnahmen, vor allem die
Verlängerung der Pipeline, zeigten schnell Wirkung. Die Strände vor Umkomaas sind jetzt wieder
schaumfrei, das Meer wieder blau und auch in Aliwal ist die Sicht wesentlich besser geworden. Doch
wäre es ein Irrtum, Entwarnung zu geben, denn es werden immer noch über 400 000 Tonnen Lignolsulfat
jährlich ungeklärt ins Meer gepumpt.
Ich wies damals in vielen Vorträgen auf das
Problem in Aliwal Shoal hin und konnte eine Gruppe Gleichgesinnter dazu bewegen, die «Aliwal Rescue
Action Group» (Aliwal Rettungsaktionsgruppe) zu bilden. Diese Gruppe war sehr aktiv und erreichte
Anfang 1994 eine Anhörung bei den verantwortlichen Regierungsstellen. Sowohl der afrikanische
Umweltminister, als auch der damalige Direktor der marinen Fischereibehörde stimmten zu, dass diese
Region geschützt werden müsse. Doch leider kam es anders als erhofft, denn 1994 kam der
Regierungswechsel und der Umweltminister wurde ersetzt. Dies bedeutete das Ende der Initiative und
eine neue Lösung musste gefunden werden. Wir einigten uns, dass ein Unterwasserpark gegründet werden
müsse, der gleichzeitig alle verschiedenen Interessensgebiete abdeckt. Mit einem solchen Plan sprach
ich bei der südafrikanischen Tourismusbehörde vor, worauf ein Workshop stattfand, der sich mit diesem
Problem befasste. Eine entsprechende Initiative geht seither durch die Mühlen der Bürokratie.
Doch
obwohl die Initiative bis heute nicht gutgeheissen ist, brachte der Regierungswechsel durchaus auch
Positives. Der neue Umweltminister Kadar Asmal verhalf unter anderem der Behörde für Wasserbelange zu
einer neuen, glaubhafteren Stellung. Dies war auch die Voraussetzung für den Erfolg des Südküsten
Pipeline Forums.
Durch all die Verbesserungen der
Wasserqualität ist es nun wieder attraktiv in den Riffen von Aliwal Shoal mit den Sandtigerhaien zu
tauchen. Das wurde schnell von gierigen Tauchanbietern erkannt. An einem Wochenende sind bis zu 20
Tauchboote direkt um Aliwal Shoal versammelt, einige der Taucher sind sogar mit Harpunen ausgerüstet.
Es ist ein Rennen gegen die Zeit, bis diese Region endlich unter Schutz gestellt wird, denn die
permanenten Einbrüche der Taucher in die Ruhezonen der Sandtigerhaie werden diese Haie früher oder
später vertreiben.
Es ist ein absolut faszinierendes Erlebnis, im Einklang mit dem Meer und
den Sandtigerhaien zu tauchen. Wird man zum Teil ihrer Welt, kann man sie ungestört studieren und mit
ihnen interagieren. Um zu gewährleisten, dass dies aber auch für spätere Generationen noch möglich
sein wird, müssen wir zusätzliche Massnahmen fordern, die Aliwal-Shoal vor der Umweltverschmutzung und
dem überbordenden Tauchtourismus zu schützen. Wir müssen Aliwal für die Sandtiger und uns erhalten.
Wir dürfen uns nicht mit dem Erreichten zufriedengeben, sondern wir müssen weiter handeln, bevor es
dafür zu spät ist.
* Andrew C. R. Cobb
ist eine führende Persönlichkeit im Haischutz in der
KwaZulu-Region und in Südafrika. Er war der erste, offiziell von der südafrikanischen Tourismusbehörde
akkreditierte, Hai-Tauchlehrer und Hai-Führer.
Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Andrew C. R. Cobb