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Gerhard Falkner und Nora Matocza ist erstmals eine konsequente Übersetzung von Rilkes „Quatrains Valaisans“, der Walliser Vierzeiler, gelungen. Rainer Maria Rilke hatte die Walliser Quartette im Spätsommer des Jahres 1924 auf Schloss Muzot ob Sierre zu Papier gebracht. Erstmalig hat es nun das profilierte Übersetzerpaar Falkner / Matocza geschafft, eine Übertragung ins Deutsche zu realisieren, die auch Rilkes charakteristischen Endreim mit einbezieht.
Realisierung des Reims in der Übertragung. Bisherige Rilke-Übersetzungen hatten es nicht geschafft, dessen charakteristisches Reimschema einzubeziehen. Rilkes grossartige und subtile Sprachmeisterschaft ist jedoch vor allem im Reim präsent. Rilkes Walliser Quartette ohne Reimschema zu betrachten, das käme einer gravierenden künstlerischen Einschränkung gleich. Rilke selber ist es nämlich, der in seinen Briefen offenherzig zugibt, dass die Walliser Vierzeiler für ihn „wie Kuchenbacken“ waren, es fehlt ihnen die dichterische Tiefe und Ausgefeiltheit der Duineser Elegien oder der Sonette an Orpheus, welche die bisherigen Grenzen der Dichtkunst sprengten mit „der dichterischen Imagination und Sprachmagie„, wie Gerhard Falkner im Nachwort schreibt. Die Quatrains Valaisans hingegen kommen doch etwas „hausbacken“ daher, sie weisen ein „trockenes Vokabular“ auf und sind wohl allzu konservativ verfasst und auf das katholische Element des Wallis fixiert. Erst an der Realisierung des Reims lässt sich Rilkes dichterisches Künstlertum festmachen, an seinem Kreuzreim, an seinem umarmenden Reim. Wie darf man sich das vorstellen? Nora Matocza nahm sich die Zeit, mir das in einer Privataudienz zu erklären.
Am Beispiel gezeigt. Wie liest sich nun eine konsequente und originalgetreue Übersetzung von Rilkes „Quatrains Valaisans“? In der Leuker Spycher Wohnung durfte ich einer Privatlesung von Nora Matocza beiwohnen. Am Beispiel des Gedichts Petite Cascade liest sich eine Übertragung in die deutsche Sprache folgendermassen:
Nymphe, se revêtant toujours / de ce qui la dénude, / que ton Corps s’exalte pour / l’onde ronde et rude.
Najade, immerzu bekleidet / mit dem, was dich zugleich umhüllt, / voll Überschwang, wie ihn die Welle dir bereitet, / die an dir ihr rundes rüdes Spiel erfüllt.
Das Reimschema ist abab, das heisst, die erste Zeile reimt sich mit der dritten, und die zweite Zeile reimt sich mit der vierten.
Im Château de Muzot. Eigentlich ist es ja eher ein mittelalterlicher Wohnturm, den sich Rilke im Sommer des Jahres 1919 zu seinem Dichterstübchen auserkoren hatte. Fasziniert von der Walliser Landschaft, schrieb er hier Les Quatrains Valaisans in französischer Sprache. Dies wohl deshalb, weil er während des Ersten Weltkriegs die Provence und Spanien bereist hatte. Die dortige Landschaft prägten sich dem Dichter Rilke ein als „Sehnsuchtslandschaften“. Nun versuchte er sich also auch in französischer Sprache, dies auch ein Tribut an das Wallis, dessen Landschaften er in langen Wanderungen und Spaziergängen erkundete. Auch das Übersetzerpaar Gerhard Falkner und Nora Matocza verbrachte einige Tage in Rilkes Schlösschen, um der Atmosphäre und der Stimmung nachzuspüren, in der die Walliser Quartette entstanden sind.
Das Inventar der Quatrains Valaisans. Gerhard Falkner schreibt: „Sobald man durch das etwas düstere, eiserne Tor auf die Route du Moulin hinaustritt, eröffnet sich mit einem Schlag fast das gesamte Inventar der Quatrains Valaisans. Die Geräumigkeit des gewaltigen Trogtals, das einmal ganz der Rhône gehörte und von ihr hingerissen war, überspannt von einem unvergleichlichen Himmel mit seinen über Talschaften wandernden Wolkenschatten, das unaufhörlich Sich-Übersteigen und Übertrumpfen der Berge bis ins Hochgebirge, die imposanten Vertikalen der Pappeln, für die Rilke eine grosse Bewunderung hegte…“ (Die Walliser Vierzeiler, S. 48).
Wanderungen und Spaziergänge unternahm Rilke bis hinauf ins alte Dorf Miège, hinüber ins trutzige Leuk oder hinunter ins städtische Sion. Was er sah, schlug ihn in seinen Bann und faszinierte ihn als Dichter: „Überall wird er begrüsst von alten Türmen, stolzen Pappeln, Weingärten und den Glockenspielen der Kirchen. Überall entfaltet sich ihm die Staffelung dieser geräumigen und von ihrer Transluzidität durchleuchteten Landschaft.“ (Walliser Vierzeiler, S. 47). Rainer Maria Rilke verstieg sich zu den wunderbarsten und zauberhaftesten Metaphern, wenn er von seinen Wanderungen und Spaziergängen zurückkehrte. Voller Inspiration und Faszination verglich er die Walliser Landschaft mit dem Schlusssatz einer Beethoven-Symphonie.
Text und Fotos: Kurt Schnidrig