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Korallenriffe
[* 2] und Koralleninseln. Die Koralleninseln sind massenhafte Anhäufungen von Kolonien gewisser Geschlechter von Korallen [* 3] (Asträen, Mäandrinen, Madreporen, Milleporen) in sehr zahlreichen Arten, in der Gegenwart auf die wärmern Meere der Erde beschränkt, wo sie etwa zwischen 28° nördl. und südl. Br. über die Äquatorialzone verbreitet sind, da die Tiere zu ihrem Fortkommen eine Temperatur von wenigstens 18° C., zu ihrem rechten Gedeihen aber von 20° C. verlangen.
Nur an einzelnen günstigen Lokalitäten verbreiten sie sich weiter gegen die Pole hin, so im Roten Meer bis 30° nördl. Br., während sie auf der südlichen Hemisphäre nur an der Westküste Australiens bis 29° reichen, an andern Stellen bloß bis zum 25.°; gänzlich fehlen sie an den Westküsten Afrikas und Amerikas. Die Malediven und Lakadiven im Indischen Ozean, Hunderte von Koralleninseln im Stillen Ozean, die Bermudas und andre Inseln im Atlantischen Ozean, die Ostküste Australiens, namentlich aber die Torresstraße, deren Fahrwasser seit der Zeit der Entdeckung derselben so bedeutend durch Ausbreitung der Korallenbauten beschränkt wurde, daß man an ein gänzliches Sperren derselben denken darf, sind Beispiele besonders stark entwickelter Bauthätigkeit der Korallen.
Die Korallen siedeln sich familienweise auf dem Grunde des Meers an und bilden einzelne Höcker, zwischen denen sich Trümmer der Korallenstöcke, vom Meer zusammengespült, ausbreiten. Neue Generationen folgen, sich auf den alten Höckern aufsetzend, sie erhöhend und ihre Zwischenräume überwölbend. Das Wachstum ist verhältnismäßig rasch (s. Korallen). Die kalkreichen Exkremente zahlreicher die Korallenfelder abweidender Fische [* 4] und Spritzwürmer mischen sich mit den durch die Wellen [* 5] abgerissenen Korallentrümmern, die zu Sand zerkleinert werden und sich in allen Zwischenräumen ablagern.
Der so gebildete Kalk wird zu Kalkspat [* 6] oder zu festem, marmorartigem Stein (Korallenkalk), reich an Resten von Krebsen, Muscheln, [* 7] Seeigeln und von Bohrmuscheln durchbohrt. Bis an die Meeresoberfläche zur Ebbezeit bauen sich die Polypen empor, dann siedeln sich verkalkende Meerespflanzen, die eine Entblößung zur Ebbezeit vertragen, an; Wellen und Wind werfen abgerissene Trümmer von Korallen auf die Höhe des Riffs, und so hebt es sich im Verlauf der Zeit zuerst an einzelnen Punkten, endlich im ganzen Umfang über die höchste Flutlinie. Die Strömungen des Meers bringen Samen [* 8] und Früchte an das Riff, die Brandung wirft sie ans Land; die Kokospalme, der Pandanus, der Brotfruchtbaum und andre Pflanzen siedeln sich an. Darwin hat nicht nur die verschiedenen Formen der Korallenkolonien übersichtlich eingeteilt, sondern auch eine bis vor kurzem allgemein anerkannte Hypothese über den Bildungsvorgang für diese verschiedenen Formen aufgestellt. Er ¶
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unterscheidet: Saum- (Ufer-, Fransen-) Riffe, welche sich den Küsten direkt anschließen, Damm- (Wall-, Barriere-) Riffe [* 2] (Fig. 1), welche entweder Inseln einschließen, oder die Küsten der Festländer begleiten, so zwar, daß sie vom Lande durch einen breitern oder schmälern Meereskanal getrennt sind, dessen ruhige Wasserfläche mit der tosenden Brandung am Außenrand des Riffs stark kontrastiert, und endlich Atolle (Lagunenriffe, [* 2] Fig. 2 u. 3), niedrige, schmale, meist kreisrunde Inseln, die im Innern eine ruhige Wasserfläche (Lagune) einschließen.
Letztere sind die merkwürdigste Form, welche bei ihrer weiten Verbreitung im Indischen und noch mehr im Stillen Ozean schon seit Forsters Reise um die Welt die Aufmerksamkeit aller wissenschaftlichen Reisenden beschäftigt hat. Sie sind meist nur 300-400 m breit, bilden einen oft durch einen oder mehrere Kanäle, welche die Lagune mit dem Meer verbinden, unterbrochenen schmalen Ring von Land, gewöhnlich nur 0,5 m hoch über Fluthöhe. Manchmal erhebt sich auch das Riff nur in einzelnen, im Kreis [* 10] angeordneten Inseln über das Meer, deren Längsdurchmesser dann zwischen wenigen Metern und mehreren Kilometern schwanken kann.
Zur Erklärung der Entstehung dieser Formen geht Darwin vom Saumriff aus und nimmt allgemein verbreitete Senkungen des Meeresbodens an. Läuft der Küste parallel untermeerisch ein Höhenzug, so entstehen bei einer solchen Senkung Dammriffe; eine versinkende Insel mit ursprünglichen Saumriffen liefert ein Lagunenriff. Dabei muß sich aber die Senkung stets so langsam vollziehen, daß die Korallen durch Fortbau nach oben ersetzen können, was ihnen durch zu tiefes Eintauchen (Darwin gibt als untere Grenze der Lebenszone der Korallen die Tiefe von 35 m an) entzogen wird. Gegen diese früher ganz allgemein adoptierte Hypothese Darwins sind neuer-
[* 2] ^[Abb.: Fig. 1. Hohe Insel mit Wall- und Saumriff.
Fig. 2. Ansicht eines echten Atolles (nach Dana).
Fig. 3. Die Pfingstinsel (nach Darwin).] ¶
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dings mannigfaltige Bedenken seitens Dana, Jukes, Couthouy, Semper, besonders aber von Murray, dem Zoologen der Challenger-Expedition, erhoben worden, und zwar spitzen sich diese Einwürfe darin zu, daß das nahe Nebeneinandervorkommen der verschiedenen Formen der Korallenbildungen sich nach Darwin nur schwer erklären lasse, und daß dessen Hypothese die Existenz großer Senkungsgebiete an Stellen voraussetze, wo sich keine sonstigen Beweise für vorhandene Senkungen beibringen lassen, ja mitunter geradezu Hebungen nachweisbar sind.
Murray erinnert daran, daß das Hauptnahrungsmittel der Korallen der kohlensaure Kalk ist, der durch pelagische Organismen abgeschieden wird und nach dem Tode derselben dem Meer wieder anheimfällt. Wo aber, wie namentlich in größerer Tiefe, ein bedeutenderer Gehalt an Kohlensäure im Meerwasser vorhanden ist, verschwinden diese kalkigen Reste durch Auflösung, während sie sich an einzelnen Stellen, namentlich auf Erhöhungen des Meeresgrundes, welche meist vulkanischen Ursprungs sind, in großen Mengen aufhäufen.
Ragen solche Erhöhungen bis zur Lebenszone der Korallen empor, so bieten sie der Ansiedelung derselben ein ganz besonders günstiges Terrain. Bauen nun solche Polypen nach der Oberfläche zu, so werden die randständigen Individuen wegen der ihnen vom Meere reichlichst zugehenden Fülle von Lebensmitteln in bedeutendem Vorteil gegen die im Innern stehenden sein, eine Differenz, welche um so mehr ins Gewicht fällt, je größer das Riff ist, da ja bei quadratischer Zunahme der Fläche die Peripherie nur arithmetisch wächst.
Das führt zum Absterben der innern Individuen, die dann der lösenden Kraft [* 12] des Meerwassers anheimfallen, wodurch im Zentrum eine sich mehr und mehr vergrößernde Lagune entsteht, während das Riff meerwärts wächst. Ganz ähnliche Verhältnisse müssen sich bei jedem breitern Saumriff abspielen, bei welchem die landwärts stehenden Polypenstöcke die benachteiligten sind, und welches sich dadurch in ein Dammriff verwandelt. Alle diese Formen sind also von der Bewegung des Untergrundes unabhängig u. können sich ebensowohl auf stationärem, als sinkendem, als hebendem Boden ausbilden.
Daß sich in geologischer Vorzeit Riffbildungen zahlreich vollzogen haben, beweisen die mitunter vorzüglich
erhaltenen Korallenkalke der verschiedensten Formationen, schon mit der ältesten der petrefaktenführenden, der silurischen,
beginnend. Nur darf an das Auffinden solcher prähistorischer
Korallenriffe in andern als tropischen Gegenden nicht sofort
die Folgerung angeknüpft werden, daß zur Bildungszeit der Riffe auch an diesen Stellen ein tropisches
Klima
[* 13] geherrscht habe: handelt es sich doch bei diesen Korallen früherer Formationen nur um sehr entfernte Verwandte unsrer
heutigen riffbauenden Polypen, so daß der tropische Charakter der heutigen Korallen nicht auf
die frühern sofort übertragbar
ist.
Vgl. Darwin, The structure and distribution of coral-reefs (deutsch von Carus, 2. Aufl., Stuttg. 1876);
Dana, Corals and coral-islands (Lond. 2. Aufl. 1879).