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Wahrscheinlich ist der Bücherberg über den Mont Blanc höher als der Höhepunkt der Alpen selber. Schon vor 150 Jahren waren es sagenhafte 250 Titel und eben ist ein gewichtiger dazu gekommen – nicht frei von «brüchigen Stellen», wie unser alpinliterarisches Adlerauge bemerkt hat. Hauptsache, der Mont Blanc selber bleibt noch eine Weile stehen.
«CUIDET, ce brave homme qui l’année précédente avoit accompagné M. BOURRIT & étoit allé avec Marie COUTTET, presque jusques à la cime du Mont-Blanc.»
Eine kurze Notiz des Genfers Horace Bénédict de Saussure, des Übervaters des Alpinismus – sein Porträt und seine Mont-Blanc-Besteigung von 1787 zieren die 20-Schweizer-Franken-Note der sechsten Serie von 1976 bis 2000. Im zweiten Band seines Standardwerkes „Voyages dans les Alpes“ von 1786 schreibt de Saussure über die verschiedenen Besteigungsversuche des Mont Blanc und erwähnt in Paragraph 1115 die beiden Chamoniarden François Cuidet und und Jean-Marie Couttet, die beinahe bis auf den höchsten Gipfel der Alpen gegangen seien. Tatsächlich erreichten sie nur den Dôme du Goûter (4304 m) im langen Nordwestgrat des Mont Blanc (4810 m). Aber was heisst da „nur“? Immerhin wurde am 17. September 1784 erstmals ein 4000 Meter hoher Gipfel in den Alpen bestiegen. Ob der Dôme du Goûter damals auch schon als eigenständiger Gipfel angesehen wurde, bleibt dahingestellt. Jedenfalls zählt er heute zu den offiziellen 82 Viertausendern der Alpen, wovon sich 28 im Mont-Blanc-Massiv befinden.
Mont Blanc also. Höhepunkt der Alpen, Höhepunkt des aktuellen wie historischen Alpinismus. Diese Sonderstellung schlägt sich im dazugehörigen Bücherberg nieder. Wie hoch er ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Allein die Zusammenstellung „Mont Blanc. The Early Years. A Bibliography of Printed Books from 1744 to 1860“ von Eugene P. Meckly aus dem Jahre 1995 umfasst rund 250 Werke, und seit 1860 sind ja noch ein paar dazugekommen. Eines der jüngsten erschien in den Éditions du Mont-Blanc und heisst schlicht „Mont-Blanc. Premières ascensions“. Ein üppig und wunderbar illustrierter, 336 Seiten starker Bildband, herausgegeben von Jacques Perret und Michel Jullien. Nach der Einführung von Pierre-Henry Frangne werden in elf Kapitel die ersten Besteigungen wichtiger Gipfel in Wort und Bild beschrieben, vom Mont Buet bis zur Aiguille de la République, und zwar immer mit Texten eines der Protagonisten von damals. Also zum Beispiel Edward Whymper über die Aiguille Verte, Albert Frederick Mummery über die Aiguille du Grépon oder der Einheimische Jean-Estéril Charlet-Straton über die Aiguille du Petit Dru. Spannende Berichte, für die man ein paar Seilknoten Französisch beherrschen sollte. Sonst hält man sich einfach an den Bildern fest.
Allerdings gibt es auch ein paar brüchige Stellen zu vermelden. Warum der Dent du Géant (4010 m), dieser vielleicht spektakulärste Gipfel im Mont-Blanc-Massiv mit einer ebensolchen Besteigungsgeschichte, nicht ausgewählt wurde, weiss ich nicht. Dass aber die Skizze vom Mont-Blanc-Erstbesteiger Michel Gabriel Paccard – eines der wichtigsten Dokumente überhaupt zu dieser Jahrhunderttour vom 8. Augst 1786 – nur klein statt doppelseitig abgedruckt wurde, ist ein echter Fauxpas. Und dass die première ascension du Dôme du Goûter fehlt, sogar bei der Chronologie im Anhang, kann kaum goutiert werden. In T. Graham Browns Aufsatz „Bourrit’s attempt on Mont Blanc by the Aiguille du Goûter in 1784, and the first ascent of the Dôme du Goûter by his guides“ aus dem „Alpine Journal“, volume 57 von 1951, ist alles ganz detailliert erklärt, auch die miese Rolle, die der Genfer Marc-Théodore Bourrit dabei spielte. Und der „Guide Vallot“, so etwas wie die Bibel für Touren im Mont-Blanc-Massiv, nennt als Erstbesteiger dieses eisigen Viertausenders Jean-Marie Couttet und François Cuidet.
Mont-Blanc. Premières ascensions. Introduction de Pierre-Henry Frangne. Édition établie par Jacques Perret und Michel Jullien. Les Èditions du Mont-Blanc, Paris 2012. 55 €