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Im Kantonsratssaal thronte einst der Fürstabt. Hier rief aber auch Karl Müller-Friedberg 1803 den unabhängigen Kanton St.Gallen aus, und bald schon tagte im äbtischen Thronsaal der Grosse Rat, wie der Kantonsrat bis Ende 2002 hiess. Ursprünglich war der Raum mit spätbarocken Illusionsmalereien des Tiroler Meisters Josef Anton Pullacher ausgestaltet.
Tagungsort des Kantonsrates ist seit der Kantonsgründung das Regierungsgebäude, das auch «Pfalz» genannt wird. Pfalz (lateinisch «palatium») bedeutet im Mittelalter in St.Gallen Amts- und Gerichtssitz sowie Ort der Beurkundung und der äbtischen Verwaltung. Der heute unzutreffend als «Alte Pfalz» bezeichnete Südflügel wurde im Jahr 1666 für die Wohnung und Hofhaltung des Abtes errichtet und dient heute teilweise als Wohntrakt des Bischofs von St.Gallen. Der Mitteltrakt oder Ostflügel mit dem Durchgang zum äusseren Klosterhof entstand gegen 1770 und wird auch heute noch «Neue Pfalz» genannt. Die beiden noch vom Kloster St.Gallen errichteten Flügel gingen nach dessen Aufhebung im Jahr 1805 in das Eigentum des 1803 neugegründeten Kantons St.Gallen über. Der Nordflügel, auch als Zeughausflügel bekannt, schloss 1840 die gesamte Anlage ab. Nur dieser Teil ist vom Kanton gebaut worden. Zusammen mit dem Klosterhof, der Kathedrale und den übrigen Gebäuden des früheren Stiftsbezirks gehört die Pfalz seit 1983 zu den von der Unesco als Weltkulturerbe unter besonderen Schutz gestellten Objekten.
Der einstige Thronsaal des Fürstabtes mit seiner reichen barocken Ausstattung wurde im Jahr 1882 durch den Architekten Theodor Gohl in historisierendem klassizistischem Stil umgestaltet. Dabei erhielt er eine Bestuhlung in Form einer Arena, ausgerichtet auf die Tribüne des Präsidiums. Die Wände zieren Wappenmedaillons der historischen Herrschaften, die 1803 zum Kanton St.Gallen verschmolzen wurden: Alte Landschaft St.Gallen, Grafschaft Toggenburg, Stadt Rapperswil, Grafschaft Uznach, Herrschaft Windegg und Grafschaft Gaster, Stadt St.Gallen, Landschaft Rheintal, Freiherrschaft Sax, Grafschaft Werdenberg, Grafschaft Sargans. An der Decke stellen Frauengestalten die Eckpfeiler eines gut funktionierenden Staatswesens dar: Rechtsordnung, Fortschritt, Bildung und Kultur. Daneben erinnern Najaden die Parlamentarierinnen und Parlamentarier an die Kultur der politischen Debatte: Ruhe, Ausgleich, Mass und Milde.
Im Jahr 1980 wurde der Saal erstmals umfassend restauriert und mit technischen Einrichtungen ausgestattet. Im Jahr 2015 wurde die Audio-, Video- und Abstimmungsanlage ersetzt, welche die Bild- und Tonübertragung in Echtzeit zulässt. Die Zuschauertribüne im Hintergrund erlaubt es Besucherinnen und Besuchern, die Ratsverhandlungen aus nächster Nähe zu verfolgen. Darüber liegt eine besondere Tribüne für die Medienschaffenden, denen dahinter auch Arbeits- und Interviewräume mit der erforderlichen technischen Infrastruktur zur Verfügung stehen.
Im Regierungsgebäude selbst hat nur noch ein kleiner Teil der Staatsverwaltung Platz; die Mehrzahl der Departemente, Dienststellen und Gerichtsbehörden ist in anderen Gebäuden in der Stadt St.Gallen oder ausserhalb der Hauptstadt untergebracht. Geblieben jedoch ist der Kantonsratssaal im dritten Stock des Mitteltrakts.