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Das Große Werk (Teil 3)
Die Leiter des Weisen
Das Große Werk besteht aus verschiedenen Stadien und Prozessen. Diese Prozesse, welchen die Materie unterworfen wird, werden oft mit einer Leiter oder Stufen in Verbindung gebracht, welche zu einem Tempel führen. Die Stadien werden fast ausnahmslos als Laborprozesse dargestellt, die sowohl verbal als auch graphisch in hoch komplexen Bildern beschrieben werden.
Sieben ist die gängigste Anzahl Stufen im Großen Werk. Die Prozesse und begleitenden Symbole können auf viele verschiedene Weisen interpretiert werden. Wollen wir den Emblemen (die auf den folgenden Seiten beschrieben werden) erlauben, für sich selbst zu sprechen.
Kalzinierung
All unsere Reinigungen werden im Feuer, vom Feuer und mit Feuer vollzogen. (Mysterium der Kathedralen)
Eine Substanz zu kalzinieren bedeutet, sie so lange zu verbrennen, bis alles kalkweiß geworden ist. Wenn dieses Stadium erreicht ist, dann kann die Substanz nicht mehr weiter vom normalen Feuer verändert werden. In der Alchemie wird Kalzinierung immer als ein Reinigungsprozess verstanden. Sie stellt das geheime Feuer dar, das alle Aspekte der falschen Persönlichkeit zerstört.
Ein Löwe verschlingt eine Schlange. Der Löwe ist das Sulfur, das rohe, innere Feuer der Seele. Die Schlange ist ungeläuterter Merkur, der unsaubere, falsche Geist, der die Seele aushungern lässt und das Ego mit Selbstsucht vergiftet. Die reinigenden Feuer sind erbarmungslos, doch nur die Falschheit stirbt.
Die Asche enthält das Salz des Steines, den Schlüssel für den nächsten Schritt, der von den beiden Blumen dargestellt wird, die aus dem Schmelztiegel auf dem Tisch wachsen. Am Tisch sitzen die Sonne und der Mond. Auch sie sind Sulfur und Merkur, jedoch geläutert, erhaben und harmonisch. Sie sind die himmlische, unsterbliche Seele und der Geist. Sie tragen eine Rüstung, welche das wahre Selbst des Alchemisten beschützt, der niemand anderes als der geflügelte Hermes ist.
Auflösung
Auflösung ist die zweite Hauptarbeit in der alchimistischen Transformation. Sie ist das solve des alchemistischen Gesetzes solve et coagula – „Löse (den Körper) auf und gerinne /fessle/fixiere (den Geist)“. Wenn wir eine Pflanze kalzinieren, dann bleibt nichts weiter als bloße Asche. In dieser Asche jedoch befindet sich das sal salis, das Salz der Erde, die Matrix des wahren Selbst. Dieses Salz ist stark feuchtigkeitsbindend und saugt aus der Luft die Feuchtigkeit, die es braucht, um aufzulösen, wobei es eine mächtige zersetzende Lösung wird. Das Wasser enthält das Feuer, das dem Salz zu brennen erlaubt.
Dame Natur zeigt auf das Wasser, das aus einem Felsen unter den Füßen des Löwen entspringt. Der Grüne Löwe springt gierig auf die Sonne zu. Er hat nun die Macht, Gold aufzulösen.
Der auferstandene Mann deutet auf das mutterschoßähnliche Gefäß, das destilliertes Wasser aus dem Brennofen erhält. Er hat vom Strahl getrunken und strahlt Stärke und Freude aus.
Der Grüne Löwe ist unser Merkur, der noch in einem unvollkommenen Zustand ist. Er ist der Eingeweihte, der vom Feuer geprüft wurde und nach mehr solarem Bewusstsein verlangt, dem hellen Licht der Erleuchtung.
Trennung
Die Trennung tritt auf, wenn unser Geist und unsere Seele (oder Wille) nicht in Harmonie sind. Auf die Kapitulation der Auflösung folgend, fühlt sich der Geist gereizt und greift den Willen an. Die Lösung, zu der wir geworden sind, ist korrosiv und ist so scharf wie das Schwert eines Mannes und der Schnabel eines Adlers. Sie ist ätzend und greift alles an, worin sie enthalten ist. Aber die Schlacke, die verbrannt wurde, ist unauflöslich. Sie muss getrennt, gefiltert werden.
Das Feuer der Kalzinierung macht den Weg frei für das Wasser der Auflösung. Nun übernimmt das Element Luft die Führung. Ein Mann und eine Frau stehen in Konflikt zueinander. Der Mann verteidigt sich mit einem Schwert und einem Schild, während die Frau einen Adler auf ihrem Arm hat, der bereit ist, den Mann anzugreifen. Hermes trennt das polarisierte Paar. Er ist mit dem Caduceus in beiden Händen bewaffnet und erinnert sie daran, dass sie beide verantwortlich sind, die Polaritäten in sich auszugleichen.
Trennung kann ein äußerst schmerzhafter Prozess sein, aber das Emblem zeigt uns, wie wir damit umgehen können. Wir müssen uns mit dem Hermes in uns selbst identifizieren und ausgeglichen wie der Caduceus werden. Das Schwert und der Adler sind beides Symbole für das Element Luft, das dem Intellekt, der kognitiven Imagination und dem Atem entspricht. Hermes warnt uns hier davor, dem Denkvermögen zu erlauben, uns zu quälen. Durch den Gebrauch des Atems und der Imagination können wir unseren inneren Konflikt lösen.
Verbindung
Das kämpfende Paar, das von einem jugendlichen, bewaffneten Hermes getrennt wurde, wird nun von einem reifen Hermes im heiligen Ehebündnis vereint. Sulfur und Merkur sind in Harmonie versöhnt. Der Dreizack Neptuns durchsticht die Wolken und ein Regenschauer reinigt das königliche Paar. Sol und Luna, Feuer und Wasser, verbinden sich, um einen Regenbogen zu erschaffen, der über den Liebenden einen Bogen bildet, und das Treffen von Himmel und Erde und Versöhnung symbolisiert. Die sieben Farben des Regenbogens stellen die sieben Planeten in harmonischer Ordnung, sowie die Dreiheit und die Elemente dar. Bei der alchemistischen Arbeit mit den Mineralen bedeutet der Regen, dass die Materie vor dem Auftauchen des Schwanzes des Pfaus gewaschen wird, die cauda pavonis, mit seiner Darstellung der Farben. Der doppelköpfige Brennofen ist das innere Feuer, das die Essenz destilliert, die sowohl Geist als auch Seele nährt.
Der Eingeweihte hat einen Zustand inneren Gleichgewichts erreicht, ist sich der sich gegensätzlichen Prinzipien in seinem Innern bewusst und ist fähig, sie auszugleichen und auszusöhnen. Diese Entwicklung im Bewusstsein wird durch die Kronen auf den Köpfen des Paares dargestellt. Der Eingeweihte hat einen gewissen Grad an Macht erreicht, aber die Unsterblichkeit der wahren Erleuchtung ist noch nicht gewonnen.
Fermentierung (Vergärung)
Der Prozess der Fermentierung, oder Fäulnis, ist des Eingeweihten „lange, dunkle Nacht der Seele“, der Abstieg in die Dunkelheit, der metaphysische Tod. Dieses „schwarz, das schwärzer ist als schwarz“ (nigrum nigrius nigrat) wird durch einen Raben symbolisiert. Dieses nigredo, die schwarze Phase, ist der Tod des Schamanen, eine gefährliche und Furcht einflößende Feuerprobe, die der Eingeweihte nur überleben kann, wenn er genügend ausgeglichen ist. Wenn der Eingeweihte seine Spuren abverdient hat, dann wird die Belohnung eine mystische Palingenese, eine Wiedergeburt sein, bei der die Seele wahrhaftig mit der Chance der Unsterblichkeit wiedergeboren wird.
Sol und Luna werden nun durch ihre eigene Konjunktion verdunkelt. Ihre vom Regen voll gesaugte Leidenschaft hat das Paar vergären lassen. Dies erzeugt einen Geist, einen philosophischen Merkur, der den Körper auflöst, der sie begrenzt hat. Indem sie durch ihre Vereinigung etwas Größeres werden, verlieren sie ihre Identität, hören aber nicht vollständig auf zu sein: sie sind tot, aber nicht im Grab. Das Skelett steht über dem verdunkelten Paar. Obgleich fleischlos und anonym, hat sich der Tod bereits erhoben. Die Engel wachen über den Prozess, indem sie die Heiligkeit selbst dieser höchst höllischen Szene ehren. Ein Baum wurde gefällt, doch es gibt noch Leben in ihm und ein neuer Zweig sprießt aus dem Baumstumpf hervor. Auf dieser Seite des Flusses ist alles stygisch schwarz, aber am anderen Ufer scheint die Sonne, eine Kirchturmspitze erhebt sich und alles ist voller Leben.
Destillierung
Der Alchemist in rot und seine soror mystica („mystische Schwester“) in weiß benutzen einen vornehmen Destillierapparat in der Form des Caduceus des Hermes, um das aqua vitae („Lebenswasser“) zu destillieren.
Destillierung ist einer der Schlüsselprozesse der Alchemie. Im Großen Werk ist die Destillation ein Umlauf, ein Prozess, der innerhalb des hermetisch verschlossenen Destilliergefäßes geschieht. Mit jedem Umlauf wird die Materie weiter veredelt, wobei „die Macht von oben und unten miteinander verbunden werden.“ Durch sanftes Erhitzen werden die flüchtigen Elemente in Luft verwandelt. Sie kondensieren an der Spitze des Gefäßes, werden zu Wasser und gleiten wieder wie Tränen herab, um sich erneut durch die Tätigkeit des Feuers zu erheben und den Prozess zu wiederholen. Durch Destillierung können wir Geist und Seele reinigen.
Koagulation (Gerinnung)
Die Herrlichkeit des Makrokosmos wird im irdischen Paradies des Mikrokosmos widergespiegelt. Der Baum des Lebens stellt alle Früchte zur Verfügung, die nötig sind, um das Elixier zu erzeugen. Diese prächtige Gravur feiert die Vervollkommnung des legendären Aurum potabile („Trinkgold“), verkörpert durch eine vereinte Sol und Luna, die in ihrer nackten Herrlichkeit vor Hermes, dem Alchemisten, erscheinen.
Das letzte Stadium des Großen Werkes ist erreicht, wenn keine Veränderungen mehr beobachtet werden können, die sich innerhalb der Materie ergeben. Der Stein der Weisen wurde vollendet. Er unterliegt keiner Veränderung mehr, sondern ist unveränderlich und unbestechlich. Er ist von einer wachs-, aber puderartigen Konsistenz und kristalliner Qualität. Er ist hell aber nicht durchsichtig. Seine Farbe vereint alle Farben der Sonne. Er besitzt das Gewicht von Gold. Er hat einen feinen, aber durchdringenden, mysteriös anziehenden Duft.
Das Wunder ist geschehen: Der Eingeweihte wurde zum Adepten, der seine eigene Sterblichkeit und sein Geschlecht überwunden hat. Der Wille des Eingeweihten ist nun eins mit der Trinität und in seinen Händen hält er die Macht des Universums.
Auszüge aus:
Melville, Francis: The Book of Alchemy. Fair Winds Press 2002.
Zusammengestellt von Simone Anliker.
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