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Der diesjährige Deutsche Buchpreis 2022 geht an Kim de l'Horizon für den Roman «Blutbuch». Kim de l'Horizon ist in der Schweiz geboren. Wir sprechen aber dennoch nicht von einem Schweizer Schriftsteller. Und auch nicht von einer Schweizer Schriftstellerin.
Kim de l'Horizon sieht sich weder als Mann noch als Frau und thematisiert das auch im Roman. Die Erzählfigur steht zwischen den Geschlechtern und bedient sich dabei auch konsequent einer geschlechtsneutralen Sprache.
Die deutsche Sprache zwingt den Sprecher oder die Schreiberin immer wieder, sich für eines der beiden Geschlechter zu entscheiden, was aber die ausgrenzt, die sich geschlechtlich anders definieren. Der Verein für geschlechtsneutrales Deutsch ist seit zwei Jahren daran, geschlechtsneutrale Sprachlösungen auszuarbeiten. Marcos Cramer hat diesen Verein zusammen mit anderen initiiert.
Marcos Cramer
Forschere in der Wissensverarbeitung
Marcos Cramer arbeitet für die Professur für Wissensverarbeitung an der Technischen Universität Dresden und hat den Verein für geschlechtsneutrales Deutsch mitgegründet.
SRF News: Wie könnte der Buchpreis 2022 geschlechtsneutral vermeldet werden?
Marcos Cramer: Der Deutsche Buchpreis geht an «de» Schweizer Schriftstellere Kim de l'Horizon. «En» wird für «ensen» Roman «Blutbuch» ausgezeichnet.
Analysieren wir Ihre Änderungsvorschläge. Aus «Schriftsteller» haben Sie «Schriftstellere» gemacht. Ein «e» hinten angehängt. Warum ein «e»?
Wir haben verschiedene Möglichkeiten ausprobiert. Es gab zum Beispiel auch die Vorschläge «Schriftstelli» oder «Schriftstellens». Jedoch wird «Schriftstelli» von vielen als verniedlichend aufgefasst und ist daher nicht für alle Kontexte geeignet.
Schriftstelli wird von vielen als verniedlichend aufgefasst.
Die Endung «e» hingegen ruft keine derartigen problematischen Assoziationen hervor und ist zudem leicht aussprechbar. Dadurch denken wir, dass «e» gut funktioniert und sich durchsetzen könnte.
Sie haben das Pronomen «en» anstatt «er» oder «sie» benutzt. Warum «en»?
Hier sind noch zwei Optionen bei uns im Rennen: «en» oder «hen». Wir führen zurzeit eine Umfrage durch, bei der unter anderem dieses Detail festgelegt werden sollen. Diese beiden Formen, «en» oder «hen», haben sich als praktikabel erwiesen. «En» hat den Vorteil, dass es ähnlich gebildet ist wie «er» und «es», also einfach ein «e» und danach ein Konsonant.
Deutsch hat mit «es» bereits ein drittes Geschlecht und wird von non-binären Personen teils auch verwendet. Warum schlagen Sie «en» oder «hen» vor?
Das Neutrum «es» hat den Nachteil, dass es von manchen Personen als entmündigend wahrgenommen wird. Viele nicht-binäre Personen lehnen «es» ab.
Ist die deutsche Sprache besonders schwierig?
Hinsichtlich geschlechtsneutraler Sprache ist Deutsch schwieriger als das Englische, die skandinavischen Sprachen oder das Niederländische. Bei den romanischen Sprachen ist insbesondere das Spanische diesbezüglich sehr leicht: Hier funktioniert die Endung «e» gut.
Durch die Deklination gibt es nochmals extra Schwierigkeiten.
Klar ist, dass es durch die Deklination nochmals extra Schwierigkeiten gibt. Es muss aber auch nicht der Anspruch sein, dass von Anfang an alles perfekt umgesetzt wird.
Man könnte auch sagen, Sprache hat Tradition, Geschichte und Kultur. Soll man sie überhaupt derart stark verändern?
Ein grosser Teil der Gesellschaft ist so weit, dass diese Geschlechts-Binarität nicht mehr akzeptiert wird. Wichtig zu betonen ist, dass diese sprachlichen Mittel, die wir vorschlagen, sozusagen ein Zusatz der deutschen Sprache darstellen. Wir wollen niemanden zwingen, diese zu verwenden.
Das Gespräch führte Roger Brändlin.