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In Istanbul hat die Cicek Pasaji, die Blumenpassage, eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Als der Orient–Express seine Hochblüte hatte, war sie die glamouröseste Einkaufsadresse im Stadtteil Beyoğlu. Heute ist die Passage von einer Flut von Restaurants bis auf den letzten Meter in Beschlag genommen. Auch der Kern des Grossen Basars im alten Konstantinopel hatte früher eine andere Bestimmung als heute.
von Anton Ladner
Alles begann mit einem Theater, und 200 Jahre später ist derselbe Ort immer noch von einer Art Theaterinszenierung beherrscht. 1839 entstand auf einem Grundstück der Familie Naum durch den Italiener Bartolomeo Bosco ein Theater im osmanischen Holzstil. Als es 1846 abbrannte, wurde ein neuer Theaterholzbau errichtet, der 1849 mit Giuseppe Verdis Oper Macbeth eröffnete. Das neue Theater wurde rasch zu einem Schwerpunkt für Opern von Gaetano Donizetti, Vincenzo Bellini und Gioachino Rossini, denn Betreiber Jospeh Naum besass in Istanbul die alleinigen Rechte zur Aufführung europäischer Opern und Theaterstücke. Doch auch dieses Theater fiel im Juni 1870 dem Feuer zum Opfer. Ein osmanisch-griechischer Bankier kaufte die Ruine und liess 1876 ein Gebäude im Jugendstil errichten, die Cité de Péra, genannt nach dem Stadtteil Péra, das heutige Beyoğlu.
Ab 1890 bot der Orient-Express, ein Luxuszug, der nur aus Schlaf- und Speisewagen zusammengesetzt war, Verbindung ab London via Paris und ab Wien nach Konstantinopel an. Das führte 1892 zum Bau des Luxushotels Pera Palace durch die belgische Wagons-Lits. Die luxuriöse Infrastruktur zog vermögende Reisende nach Istanbul, die das Fabelreich der Sultane mit Harems kennenlernen wollten. Für sie wurde die nahe gelegene Cité de Péra zur Anlaufstelle für noble Einkäufe. Doch mit dem Ende des Ersten Weltkrieges ging auch das Osmanische Reich unter, worauf die vermögenden Touristen fernblieben. Die Wagons-Lits stiessen das Pera Palace ab und aus der Cité de Péra wurde die Cicek Pasaji, die Blumenpassage. Denn die Frauen der verarmten russischen Bourgeoisie, die nach Istanbul geflohen war, verkauften in der Galerie Blumen. Und so wurde die Ladenpassage langsam zu einer Abfolge von Blumengeschäften. Mit dem Zweiten Weltkrieg erfuhr die Passage eine weitere Veränderung durch einfache Tavernen. Die Cicek Pasaji wurde zu einem lauten, rauchgeschängerten Treffpunkt für Männer. Nach einer umfassenden Renovation und einer neuen Glaskuppel 1998 ist die Blumenpassage Cicek Pasaji heute der Verpflegungsort bis tief in die Nacht. Denn Kneipen, Bars und Restaurants reihen sich aneinander und alle haben vor ihren Lokalen lange Tischreihen aufgestellt. In der Cicek Pasaji bekommt man einen fundierten Einblick, was die türkische Küche alles zu bieten hat, auch wen man nur durch die Passage schlendert. Und fast an jedem Abend spielt osmanische Musik auf.
Der Kapali Çarşi, der überdachte Markt im alten Konstantinopel, besser bekannt als Grosser Basar, ist ebenfalls eine Ladenpassage, allerdings eine gigantische, die zuvor eine andere Bestimmung hatte. Sie erstreckt sich über 31 000 Quadratmeter, auf denen heute 4000 Geschäfte Waren anbieten, zunehmend Fälschungen internationaler Marken. Gebaut wurde die Anlage im 15. Jahrhundert unter Sultan Mehmet Fatih nach der Eroberung von Konstantinopel. Zentrum ist die alte Tuchhalle, die ursprünglich als Schatzkammer geplant war. Sie war früher verschlossen und beherbergte die besonders teuren Waren. Später übernahm die Halle sogar die Funktion einer Bank, die von reichen Privatleuten als eine Art Tresorraum genutzt wurde. Der gesamte Basar war ursprünglich aus Holz gebaut, wurde dann aber nach mehreren schweren Bränden aus Stein wiederaufgebaut.