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Ende September 2011 versammelte sich die Führungsspitze der Grossbank UBS in Singapur für eine Reihe wichtiger Treffen. Eine Woche davor hatte die Schweizer Bank einen Verlust von 2,3 Mrd. Dollar entdeckt, verursacht von einem "Schurkenhändler" in London. Die UBS-Spitze stand unter starkem Druck, zu reagieren.
Unter den Führungskräften der Bank, die nach Singapur flogen, befand sich Sergio Ermotti, der die UBS-Geschäfte in Europa, im Mittleren Osten und Afrika leitete.
Bis zum Ende jener Woche würde der damalige UBS-Konzernchef Oswald Grübel nach einem Streit mit dem Verwaltungsrat über die strategischen Antworten auf die Krisen zurückgetreten sein. An seine Stelle folgte Sergio Ermotti. Ein ziemlicher Aufstieg für jemanden, der erst fünf Monate zuvor zur UBS gestossen war.
"Natürlich hatte ich, als ich in jener Woche von Zürich nach Singapur reiste, nicht gedacht, dass ich als Konzernchef zurückkehren würde", erinnert sich der elegante Ermotti bei einem Gespräch im vornehmen UBS-Hauptquartier an der schicken Bahnhofstrasse in Zürich. "Es war eine Mischung aus toll, OK, ein Gefühl der Zufriedenheit. Ich realisierte aber auch, dass es nicht einfach sein würde."
Das ist wahrscheinlich eine Untertreibung. Ganz abgesehen vom Händler-Skandal in London erbte Ermotti eine Investmentbank, die immer noch mit den Folgen der Finanzkrise kämpfte, in der sie mehr als 50 Mrd. Dollar hatte abschreiben müssen. Darüber hinaus war die Abteilung bereits in die Libor-Untersuchung hineingezogen worden, die der Bank letztlich eine Busse von 1,4 Mrd. Franken bescheren würde.
Stärker zurückkommen
Doch trotz den Herausforderungen war Ermotti zuversichtlich, dass die Bank die Wende schaffen würde.
"Wenn ich Ihnen sagen soll, was meine Mission war und ist: Ich denke, dass die UBS zu Apple oder IBM der Bankenindustrie werden kann, Unternehmen, die bewundert wurden, später unter grossen Schwierigkeiten litten und schliesslich stärker zurückkamen als zuvor", sagt er.
Im Oktober 2012 schickte sich Ermotti an, dies zu erreichen: Er präsentierte einen Plan, das UBS-Personal um einen Sechstel zu verringern und aus einem grossen Teil des Geschäfts im Handel mit festverzinslichen Papieren auszusteigen, um der UBS eine kleinere, aber stärker fokussierte Investmentbank zurückzulassen.
Die radikale Strategie gefiel den Investoren, und sie überraschte auch langjährige UBS-Angestellte, die an schrittweise Richtungsänderungen gewöhnt waren.
Ermotti sagt, der Plan habe seinen Ursprung in den schärferen Regulierungen und dem Skandal im Handelsgeschäft. Er räumt aber ein, dass die Umsetzung einfacher gewesen sei, weil weder er noch Axel Weber, der im Mai 2012 UBS-Verwaltungsratspräsident wurde, und der nach Ansicht gewisser Investoren die Strategie stark beeinflusst hatte, ihr Berufsleben lang bei der UBS gewesen seien.
Magisches Geschäft
In der Tat hätte Ermotti genauso gut auch nicht in der Bankenbranche landen können. Geboren im Kanton Tessin, hatte er die Schule im Alter von 15 Jahren verlassen und wollte ursprünglich Sportlehrer werden.
Doch nachdem er bei der Cornèr Banca, einer kleinen Privatbank in Lugano, eine Bankenlehre begonnen hatte, änderte er bald einmal seine Meinung. "Ich arbeitete in der Börsenabteilung... und ich begann, das zu sehen, was ich als Magie dieses Geschäfts bezeichne, seine globale Natur, wie es von internationalen Ereignissen beeinflusst wird", sagt der mehrsprachige Banker mit seinem charakteristischen, italienischen Akzent. "Ich stellte also fest: Das ist nicht so langweilig, wie ich gedacht hatte."
Nach einem Abstecher zur Citibank wurde er 1987 von Marcel Ospel für Merrill Lynch angeheuert, wo er die nächsten 16 Jahre verbrachte und sich im Aktien- und Kapitalmarktgeschäft der Bank an verschiedenen Orten der Welt nach oben arbeitete. 2005 übernahm er die Leitung der Investmentbank bei Unicredit, bevor er 2007 stellvertretender CEO der Bank wurde.
Nachdem er bei einer Umbildung der Unternehmensführung übergangen worden war, verliess er die italienische Bank 2010. Noch am Tag, als sein Abgang dort bekannt wurde, erhielt er einen Anruf von Grübel. Angesichts der Litanei von Problemen und der angeschlagenen Marke UBS hätte sich 2011 nicht jede Führungskraft entschieden, zu dieser Bank zu stossen. Für Ermotti jedoch war es eine Chance, nach Hause zurückzukehren.
"Als Schweizer aus der italienischsprachigen Region, der immer für ausländische Banken gearbeitet hatte, war da eindeutig ein Element von Stolz, zu meinen Wurzeln zurückzukehren und für die grösste Bank in meinem Land zu arbeiten", erklärt der 53-Jährige, der bis heute ein begeisterter Skifahrer ist. Er rennt auch regelmässig, um fit zu bleiben, ohne es jedoch besonders zu geniessen.
CV
Geboren: Lugano, Schweiz, 1960
Ausbildung: Schweizer Diplom als Bankfachexperte, Advanced Management Programme (Oxford)
Karriere: Banklehre bei der Cornèr Banca
1987: Wechsel zu Merrill Lynch, wo er im Aktien- und Kapitalmarktgeschäft arbeitet
2001: Co-Leitung Globale Aktienmärkte
2005: Wechsel zu Unicredit
2007-10: Stellvertretender CEO von Unicredit
April 2011: Wechsel zur UBS als Präsident und CEO für Wirtschafstraum Europa, Naher Osten und Afrika
September 2011: Ernennung zum interimistischen CEO nach dem Rücktritt von Oswald Grübel
November 2011: Wird CEO auf dauerhafter Basis
Familie: Verheiratet, zwei Kinder
Interessen: Skifahren
(Quelle: The Financial Times Limited)Infobox Ende
Den Ball flachhalten
Als er als UBS-Konzernchef begann, war das letzte Wort noch nicht gesprochen – sowohl, was die Zukunft der Bank anging, als auch zu Ermotti selber, da dieser unter Investoren noch kein hohes Profil hatte.
Doch der dynamische Banker war überzeugt, dass die UBS die Zutaten zum Erfolg hatte, nicht zuletzt angesichts der Macht ihres Geschäfts mit der Vermögensverwaltung, das – auch nach dem Abfluss von 200 Mrd. Franken während der Finanzkrise – zu den grössten der Welt gehört.
Seine neue Strategie war darauf ausgerichtet, dass sich die UBS auf ihre Stärken konzentrieren konnte, indem die kapitalintensiven, riskanten Bereiche der Investmentbank, die nie richtig erfolgreich gewesen waren, zurückgestutzt wurden. In einer ironischen Wendung brauchte es einen Ex-Merrill Lynch Banker, um den grossen Plan eines anderen – des ehemaligen UBS-CEO Marcel Ospel – endgültig zu begraben, die Schweizer Bank in die Top Liga der Investmentbanken zu katapultieren.
Eineinhalb Jahre später hat Ermotti die meisten Investoren überzeugt, indem er die risikogewichteten Aktiva (RWAs) der UBS rascher schrumpfte als ursprünglich geplant; eine Massnahme, die letztlich bestimmt, wie viel Kapital eine Bank halten muss.
"Sie haben gute Fortschritte gemacht", erklärt Chris Wheeler, Analyst bei Mediobanca. "Doch wenn man ihre Altlasten und das Nicht-Kerngeschäft betrachtet, machten diese Ende 2013 noch immer 28,2% der gesamten RWAs der UBS aus. Das ist offensichtlich teilweise zurückzuführen auf den fantastischen Job, den sie beim Zurückschrauben der RWAs in anderen Geschäftsbereichen gemacht haben. Es zeigt aber auch, dass noch Arbeit ansteht."
Der Fortschritt bei der UBS hätte noch schneller erfolgen können. Doch letzten Herbst hatte die Schweizer Finanzmarktaufsicht die UBS mit der Forderung schockiert, als Schutz gegen Rechtsstreitigkeiten und andere operationelle Risiken müsse die Bank ihre Kapitalunterlegungen erhöhen.
Die Forderung war eine Erinnerung daran, dass eine der schwierigsten Aufgaben, vor denen Ermotti steht, die Bewältigung einer Fülle von Rechtsstreit-Risiken ist, nicht zuletzt die einsetzende Untersuchung über allfällige Manipulationen im Forex-Markt. Diese Untersuchung ist eine potenziell dornige Angelegenheit, da gewisse der angeblichen Missetaten passiert sein könnten, nachdem Ermotti das Steuer übernommen hatte.
Risiko-Management
Ermotti räumt ein, dass weitere Arbeit ansteht, besteht aber auch darauf, dass Banken – realistischerweise – nur hoffen könnten, solche Mängel zu entschärfen.
"Kann eine Bank, die Teil dieser Gesellschaft ist, sicher sein, dass sie keine schlechten Äpfel hat? Nein. Weil es wie in allen anderen Industrien und Unternehmen um Menschen geht. Was wir sehen, ist die Reflexion des Guten und Bösen in der Gesellschaft", sagt er. "Sie beschäftigen Leute, von denen Sie denken, dass sie ehrlich sind. Aber man muss sie mehr und mehr mit einem Blick auf Fehltritte führen."
Neben der Beschäftigung mit diesen Risiken, sagt er, liege sein Hauptaugenmerk darauf, sicherzustellen, dass die UBS die weltweit herausragende Vermögensverwalterin sei. Obschon das Geschäft weiterhin substantielle Zuflüsse verzeichnet, hatte die Profitabilität im Zuge der Finanzkrise unter einem Einbruch der Kundenaktivität gelitten.
Ermotti sagt, er erwarte nicht, dass sich die Stimmung verbessere, bis die politischen Entscheidungsträger – vor allem in Europa – handeln würden, um das geopolitische und wirtschaftliche Umfeld zu verbessern.
Für den Moment aber scheinen Investoren mit dem Fortschritt, den die UBS macht, zufrieden zu sein. Die Aktien der Bank werden 1,6 Mal so hoch gehandelt wie ihr materieller Buchwert, ein Massstab für die Aktiva einer Bank. Dies ist besser als der branchenspezifische Durchschnitt von 1,3.
Ermotti sagt jedoch, es gebe Raum für weitere Verbesserungen. "Ich würde sagen, im Moment sind wir was die Aktieneinschätzung angeht, auf halbem Weg. "Wir sind entweder die teuerste Investmentbank, oder, wie ich glaube, eine sehr billige Vermögensverwalterin."
Copyright The Financial Times Limited 2014
(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), Financial Times