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Thomas Mann (in der Mitte) war mit seinem Roman «Zauberberg» Wegbereiter für Davos als Kurort. (Foto: Dokumentationsbibliothek Davos)
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war in Europa die Tuberkulose weitverbreitet und Freiluftkuren im Höhenklima spielten zwischen 1870 und 1950 eine wichtige Rolle. In der Hoffnung auf Heilung reisten Menschen aus aller Welt zur Kur in die Bündner Berge. Durch den Einfluss der Krankheit und der Gäste entwickelten sich die Kurorte zu wirtschaftlichen und kulturellen Zentren. Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller prägten mit ihrem Wirken die Kurorte und machten sie weltweit bekannt. Der Davoser Landarzt Alexander Spengler hatte bereits um 1865 die heilende Wirkung des Höhenklimas bei Lungenkrankheiten entdeckt. 1869 schrieb er in seinem Buch über die Lungenschwindsucht: «Interessant ist nun die Tatsache, dass unter den 1600 Einwohnern der Landschaft seit 14 Jahren mir kein einziger Fall von chronischer Tuberkulose der Lungen oder von Lungenphthise zur Beobachtung kam.» Bereits vor ihm, im Jahr 1841, hatte sich der Landschaftsarzt an den Sanitätsrat des Kantons gewandt mit einem Gesuch um die Erlaubnis zur Einrichtung einer Heilanstalt für Kinder. Er soll sie zeitweise in einem Stall untergebracht haben. Allerdings galt zu dieser Zeit das Ammoniakgas der Ställe als heilsam für
Erkrankungen der Lungen und Bronchien. Noch früher, nämlich im Jahr 1806, berichtete der Landammann Jakob Valär von einem guten, wohl eingerichteten Bad im Sertig, das bei einem Hochwasser zerstört wurde. Die Quelle wurde weiter benutzt und es entstanden in mehreren Häusern Badeeinrichtungen. In Clavadel fasste ein Bauer Ende der 30er-Jahre des 19. Jahrhunderts eine schwefelhaltige Quelle und errichtete Badehäuschen. Rund 40 Jahre später wurde das Bad Clavadel mit Hotel und Pension erbaut. Es brannte schliesslich nieder.
Spengler setzte aber nicht auf die Heilquellen, sondern er war überzeugt, dass das Hochgebirgsklima der Weg zur Gesundung war. Mit dem Holländer Jann Willem Holsboer – er baute 1890 die erste RhB-Strecke von Landquart in den Luftkurort – liess er 1866 eine erste Kuranstalt errichten. Er nannte sie Curhaus Kuranstalt Spengler-Holsboer.
Das Alexanderhaus in Davos zur Zeit der Anfänge der Kuraufenthalte. (Foto: Dokumentationsbibliothek Davos)
Die ersten Gäste reisten bereits im Februar 1865 an und begannen zum Erstaunen der Einheimischen auf improvisierten Pritschen «Kur zu machen». Sie bestand in den Anfängen, nebst dieser Liegetherapie, vor allem aus kalorienreicher Ernährung, Spaziergängen, Milchtrinken und Kaltwasserduschen und – die Kranken wurden gesund. Bereits wenig später verbrachten 150 bis 200 Kurgäste den Sommer und einige von ihnen auch den Winter in Davos. Das liess natürlich auch die Einheimischen aufhorchen. Ein wahrer Bauboom setzte ein. In nur wenigen Jahren zwischen 1866 und 1885 wurden zahlreichen Hotels und Kurhäuser gebaut. So unter anderen das Hotel Schweizerhof als Sanatorium, das Hotel Buol, Sanatorium und Kurgarten sowie auch das Grand Hotel Belvedere. Die Patienten blieben oft über lange Zeit. Um ihnen Abwechslung zu bieten, spielten Kurkapellen und Theatergruppen in den Sanatorien auf. Die morbide Stimmung in den Krankenzimmern kontrastierte mit luxuriösen Festen, Tanzanlässen und Spielabenden. Es erschienen sogar Patientenzeitungen mit Wochenschau und Veranstaltungskalendern. Nicht alle aber fanden diese Art von offenem Kururlaub der Gesundheit förderlich. Es gab Ärzte, die nach strenger Disziplin riefen. Einer von ihnen war der deutsche Lungenfacharzt Karl Turban. Er zeigte sich 1889 wenig erfreut über die Zustände in Davos: «Fiebernde und blutspuckende Patienten werden auf Bergspaziergänge geschickt. Bei den regelmässigen Bierkonzerten im Kurhaus singen Kehlkopfkranke die Trinklieder nach Kräften mit. Bei Festlichkeiten in den Hotels tanzen schwerkranke Herren und Damen in betrunkenem Zustand – und die Ärzte schauen zu», ärgerte er sich. Mit der Eröffnung des Privatsanatoriums Turban, dem späteren Parksanatorium, setzte er sich durch. Es gelang ihm, eine Synthese von Sanatoriumsbehandlung mit strenger Liegekur und einer Hochgebirgskur umzusetzen.
Turban war es auch, der die Anregung zum Schweizerischen Institut für Allergie- und Asthmaforschung SIAF gab. Während zu seiner Zeit die Tuberkuloseforschung im Vordergrund stand, beschäftigt sich das SIAF heute mit immunologischen Zusammenhängen allergischer Erkrankungen, insbesondere mit dem Asthma und den atypischen Hauterkrankungen.
Die Schatzalp ist heute noch eines der führenden Kurhäuser in Davos. (Foto: Dokumentationsbibliothek Davos)
Der Glaube an die Heilbarkeit der Tuberkulose löste damals in Davos einen weiteren Bauboom aus. Volksheilstätten und Privatsanatorien entstanden. 1910 wurden rund 25 000 Patienten jährlich gepflegt. Unter ihnen auch Katia Mann, die Frau von Thomas Mann. Der Schriftsteller kam im Jahr 1912 erstmals nach Davos, wo er sich zu seinem Roman «Der Zauberberg» inspirieren liess. Wirksame Medikamente gegen die Tuberkulose machten Ende der 1940er-Jahre die klimatische Kur überflüssig. In den Luftkurorten schlossen viele der Sanatorien oder wurden mit dem aufstrebenden Wintertourismus in Sporthotels umfunktioniert. Nur wenige Heilstätten blieben bestehen und widmeten sich als Mehrzweckkliniken der Rehabilitation, der Allergie- oder Asthmabehandlung.
Eine davon ist das Zürcher RehaZentrum Davos mit hundert Betten. Die Stiftung Zürcher RehaZentrum wurde Ende des 19. Jahrhunderts gegründet. Im Laufe der Jahrzehnte wandelten sich die beiden Häuser in Wald und Davos Clavadel von Volkssanatorien zu modernen Rehabilitationskliniken für komplexe Funktionsdefizite. Die Kliniken haben einen Leistungsauftrag der Gesundheitsdirektionen der Kantone Zürich und Graubünden und stehen auf den Spitallisten mehrerer Kantone. In Davos beträgt der Anteil der Zürcher Patienten rund zwei Drittel. «Die Bettenbelegung konnte in den beiden letzten Jahren gesteigert werden und wird auch in Zukunft auf dem hohen Niveau von gut 93 Prozent gehalten werden können», ist im Geschäftsbericht 2016 nachzulesen.
Gilt als Erfinder der TuberkuloseKur in den Bergen – Alexander Spengler. (Foto: Dokumentationsbibliothek Davos)
Eine andere ist die Hochgebirgsklinik Davos. Eröffnet wurde sie bereits während der Hochblüte der Luftkuren, im Jahr 1901 mit 80 Tuberkulosepatienten. Nach dem Ersten Weltkrieg erholten sich deutsche Kinder im Haus. Im Laufe der Jahre erfuhr sie wesentliche Ausbauten und Anpassungen an jeweils neueste medizinische Erkenntnisse, nahm auch Jugendliche, Eltern mit Kindern auf, integrierte eine Allergieklinik und eine Dermatologieabteilung. Später wurde sie auch um eine Station zur Langzeitpflege älterer Menschen erweitert. Vor drei Jahren kam die Einführung des Angebots für kardiologische Rehabilitation inklusive einer ambulanten Sprechstunde dazu. In diesem Jahr steht sie ein weiteres Mal im Umbau und erhält zusätzliche Patientenbetten. «Früher waren nur deutsche Patienten hier, mit welchen dann aber die Kosten nicht mehr zu decken waren», erklärt
Georg Schäppi, seit Mai 2017 Direktor der Hochgebirgsklinik Davos. «Die Klinik war lange in einem schlechten Zustand. Ihr drohte der Untergang. Wir konnten aber das Steuer herumreissen», hält er weiter fest. Heute stammen 60 bis 70 Prozent der Patienten aus der Schweiz. «Ich bin überzeugt, dass wir es hinkriegen», ist er sich sicher. Die Tendenz zeige steil aufwärts, was die Belegung, aber auch die Positionierung betreffe. Er sieht positiv in die Zukunft. Auch sieht er Potenzial für Davos als Gesundheitsdestination. Aber: «Es braucht Geduld. Man muss zusammenspannen und es muss Geld in die Hand genommen werden.»