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Heute ist der 18. Dezember, und es war am 18. Dezember 1919, als in Fiume – der Hafenstadt an der Kvarner-Bucht, die nach stürmischen historischen Ereignissen heute den Namen Rijeka trägt und in Kroatien liegt – über die Frage abgestimmt wurde, ob das Angebot der italienischen Regierung für einen modus vivendi angenommen werden sollte, um die Stadt aus der Besetzung durch Gabriele D’Annunzio und seine Freischärler zu befreien: Sollte es aus Gründen von internationalen Verstrickungen nicht gelingen, die Stadt an Italien anzuschliessen, werde ihr der Status einer «Freien Stadt» verliehen, womit der Kommandant und seine «Arditi» von ihrem Schwur, Fiume bis zu ihrem Tod zu halten, entbunden wären.
Seit den frühen Morgenstunden herrschte in der Stadt ein Klima der Angst, das der Durchführung der Abstimmung hinderlich war. Wähler wurden von Freischärlern eingeschüchtert und Plakate für die friedliche Lösung der italienischen Regierung beschlagnahmt. Trotzdem zeigte die Auszählung der Stimmen immer deutlicher, dass sich eine Mehrheit der Wähler gegen D’Annunzio ausgesprochen hatte. Kurzerhand brach der Dichter-Soldat die Abstimmung ab, wodurch es ihm gelang, die Kontrolle über Fiume ein weiteres Jahr zu halten.
Was war geschehen? Im September 1919 hatte der berühmte Dandy-Dichter und Kriegsheld Gabriele D’Annunzio unter dem Motto «Fiume oder der Tod» mit ein paar tausend Soldaten, die aus den regulären italienischen Truppen desertiert waren, die Stadt Fiume besetzt. Die Hafenstadt trug seit der Auflösung des Österreichisch-Ungarischen Reichs einen internationalen Status, welcher an der gleich nach dem Ersten Weltkrieg gehaltenen Friedenskonferenz von Paris Gegenstand von heftigen Debatten war. Das berühmte «Unternehmen von Fiume» des Dichter-Kommandanten und seiner Legionäre dauerte 16 Monate, die durch einen unglaublich dekadenten und exaltierten Geist geprägt waren und während denen D’Annunzio einen neuen, auf dem Kult der Nation gründenden Massenkommunikationsstil schuf. Die Hauptmerkmale dieses Kults der Nation bildeten eine Vielfalt von religiösen Metaphern und selber erfundenen Symbolen und Ritualen, die sowohl Elemente der Liturgie und des Kanons der katholischen Kirche wie auch die apokalyptischen Erfahrungen von vielen jungen Soldaten auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs aufnahmen. Vielen war es nicht gelungen, den Weg zurück ins zivile Leben zu finden, und sie schlossen sich daher jenem an, der später als «der erste Duce» bezeichnet wurde. Trotz der Feierlichkeit des immer wieder skandierten Schwures «Fiume oder der Tod» ergaben sich D’Annunzio und seine Legionäre schliesslich nach einem kurzen Artilleriebeschuss den regulären italienischen Truppen. Für den Hohepriester des Kultes der Nation bedeutete das Unternehmen Fiume schliesslich weder Fiume noch den Tod.
[Datum der Erstausstrahlung: Radiotelevisione Svizzera RSI, Rete Due, Dienstag 18. Dezember 2012, 07:05 Uhr]