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Nach wie vor ringen die Sachverständigen um eine Erklärung für die seltsame Naturerscheinung, die in der unansehnlichen schottischen Kleinstadt Plockton an der Küste der Grafschaft Broomshire ihren Anfang genommen hat. Seitdem verbreitet sich das seltsame Phänomen der plötzlichen Apothekerverdopplung wie ein Lauffeuer von Nord nach Süd über die britischen Inseln. Zurzeit wird im Wochenrhythmus über neue aufgetretene Verdopplungsfälle berichtet, wonach aus jeweils einem Apotheker urplötzlich zwei Individuen entstanden sind, die völlig identisch aussehen und sich ebenso verhalten.
Die entstandenen Duplikate ähneln gewissermassen eineiigen Zwillingen, nur mit dem Unterschied, dass sie spiegelbildlich verkehrt sind; einer ist ein Rechtshänder, der andere ein Linkshänder. Wo vorhanden, ist auch der jeweilige Scheitel der Pharmazeuten spiegelbildlich umgekehrt gezogen. Ein weiteres, besonderes Charakteristikum dieser Erscheinung ist, dass sie ausschliesslich bei pakistanisch-stämmigen Apothekern auftritt, und darunter auch nur solche betrifft, die mindestens seit zehn Jahren ihren Beruf ausüben.
Ob das Ganze etwas mit irgendwelchen pharmazeutischen Substanzen zu tun hat, mit denen die Betroffenen hantierten, oder gar übernatürliche Mechanismen im Spiel sind, ist reine Spekulation. Selbst der allwissende Pfarrer der Gemeinde, der für absonderliche Epiphanien im Zusammenhang mit dem benachbarten Loch wohlbekannt ist, weiss diesbezüglich keine passende Erklärung, zumal die wundersame Leibesvermehrung bisher ausschliesslich bei moslemischen Apothekern beobachtet wurde.
Am besten kennt man noch den ersten Fall, der sich – wie aus heiterem Himmel – im eingangs erwähnten Plockton ereignet hatte. Er betraf Ghulam Mussafar, den 58-jährigen Apotheker des kleinen, beschaulichen Ortes. Dieser ging eines Tages auf Geheiss seiner Frau in den Keller hinunter, um eingemachten Orangengelee zu holen. Kurze Zeit später kam er in zweifacher Ausführung wieder an die Oberfläche – in beiden Varianten jeweils mit einem Marmeladeglas in der Hand.
Der unerwartete Anblick der doppelten Gatten-Erscheinung liess Fatima Mussafar, die Herrin des Hauses, zuerst an ihrem Verstand zweifeln. Aber nachdem sie beiden Männern flüchtig in die Augen sah, sank sie kurzerhand bewusstlos in sich zusammen. Daraufhin rannten beide Apotheker in den angrenzenden Lagerraum der Apotheke, um Riechsalz zu holen, und der zu Tode erschrockenen Ehefrau wieder auf die Beine zu helfen. Dies war die einzige einträchtige Zusammenarbeit der beiden Apothekervarianten, bevor sie sich in die Haare gerieten.
Fatima wachte aus ihrer kurzfristigen Ohnmacht auf und überzeugte sich handgreiflich über die Realität der phantastischen Erscheinung. Dabei kam sie zur Schlussfolgerung, dass sie sich offensichtlich in einer bigamistischen Beziehung befand, was in ihrem Kulturkreis erst recht nicht toleriert würde. Von der Aussicht auf Ächtung durch ihre strengen Eltern und obendrein vom soeben Erlebten geradezu überwältigt, lief die nur mit ihrem Morgenrock bekleidete Frau in die highländische Kälte hinaus, schnurstracks zu ihrer Freundin, der Ärztin des Ortes, um sich Rat und Zuspruch zu holen.
Es war besagte praktische Ärztin, Dr. Lilian McAuliffe, die, als erste wissenschaftlich geschulte Person mit der neuartigen Apothekerverdopplung konfrontiert wurde und darüber die Öffentlichkeit informierte. Ihr knapper und wissenschaftlich eher unsystematischer Bericht, den sie zuhanden des Lokalreporters Henry Bigelow vom Kyle of Lochalsh Traritrara verfertigte, beschrieb, in der bekannt sparsamen schottischen Art, den Ablauf der Ereignisse mit ausgesprochen kurzen Sätzen. Demzufolge entstand die Verdopplung des Apothekers Ghulam Mussafar innerhalb weniger Augenblicke, als dieser sich kurz im Keller des Hauses aufhielt um die erwähnte Marmelade zu holen. Beim Griff nach dem Einmachglas habe es einen kurzen Knall gegeben, gefolgt von einem grellen bläulichen Lichtblitz. Danach sei Stille eingetreten, jedoch sei ein stechender Geruch die Kellertreppe emporgestiegen, der entfernt an verbrannte Wollsocken erinnerte. Anschliessend waren zwei völlig identische Kopien des zwar verwirrt aussehenden, aber ansonsten unversehrten Apothekers in Erscheinung getreten, beide Kopien gleich gekleidet und sich auch sonst gleichartig verhaltend.
Nach einer kurzen, zielgerichteten Zusammenarbeit der beiden Mussarafkopien zur Wiederbelebung der in Ohnmacht gefallenen, gemeinsamen Gattin, begann eine Auseinandersetzung um die Rechte an der Identität der ursprünglichen Person, gefolgt von Streitigkeiten um den Besitz von Haus, Hof, Garten, dem geleasten Aston Martin und der Apotheke. Beide Mussarafs bestanden darauf, der rechtmässige Apotheker des Ortes zu sein und über die fachlichen Kenntnisse zu verfügen, die zur Ausübung des pharmazeutischen Berufs erforderlich waren. Eiligst kramten sie in den Schubladen des Bürotischs nach der Identitätskarte sowie offiziellen Nachweisen und Diplomen, die sie sich gegenseitig unter die Nase hielten.
Aufgrund der völligen Übereinstimmung in allen Belangen liess sich auch aufgrund der vorgelegten Dokumente keinerlei Einigung erzielen, wer nun von ihnen der „richtige“ Ghulam Mussaraf wäre. Beide bestanden vehement darauf, der rechtmässige Eigentümer der Persönlichkeitsrechte zu sein und beschuldigten den jeweils anderen, nur eine Kopie zu verkörpern, die augenblicklich zu verschwinden habe. Insbesondere konnten sich die zwei Streithähne nicht um das Vorrecht einigen, wer von ihnen nun bei der Dame des Hauses im Doppelbett nächtigen dürfte. Fatima wiederum lehnte es entschieden ab, in der Mitte zwischen den beiden Gatten zu liegen. Allein schon ihres Rückens wegen könnte sie es nicht auf der Besucherritze aushalten, vom zu erwartenden doppelten Schnarchkonzert ganz zu schweigen.
Unnötig zu sagen, dass die zwei Kopien des Apothekers keine definitive Einigung darüber finden konnten, wer von ihnen nun der rechtmässige Besitzer und Bewohner des Hauses und des darin befindlichen Inventars war. Als sie einsehen mussten, dass keiner von ihnen nachgeben würde, fanden sie zumindest einen zeitweiligen Ausweg. Als provisorisches modus vivendi vereinbarten sie, sich bei der Arbeit und im privaten Bereich im Wochenturnus abzuwechseln. Während der eine, sagen wir Mussaraf A, sich in der Apotheke aufhielt und die Geschäfte führte, verblieb der andere im Haus und widmete sich dem Privatleben und der Pflege der ehelichen Beziehung. In der darauffolgenden Woche übernahm Mussaraf B den Laden und sein alter ego besorgte die häuslichen Pflichten und Angelegenheiten. Letzteres geschah insbesondere aus wohlverstandener Rücksicht gegenüber der sensiblen Fatima, die auf diese Weise einigermassen beruhigt zu ihrem geordneten Lebensumständen zurückfinden konnte.
Mit der Zeit ergab es sich – nicht ganz zur Unzufriedenheit der nervlich und auch sonst etwas überstrapazierten Gattin – dass Haushalt und Geschäftsführung ungefähr doppelt so schnell und effektiv erledigt wurden wie vor der Einführung des unerwarteten ménage a trois. Auch das Liebesleben der Apothekerinnenfrau verbesserte sich um den Faktor 2, so dass die Dame des Hauses sich recht zügig mit der neuen Situation anfreundete. Zurzeit ist es allerdings noch unklar, ob es bei den drei Mussarafs weiterhin so harmonisch zugeht.
Die sich einstellende Routine beruhigte einstweilen die Gemüter, und bis jetzt (toi-toi-toi!) hört man kein Gezeter aus dem kleinen Haus am Ortsrand von Plockton. Glücklicherweise befinden sich die Kinder der Familie seit dem Auftreten dieser Ereignisse bei ihren Grosseltern in Karatschi, so dass ihnen der Schock der väterlichen Verdopplung vorerst erspart bleibt. Wie es mit den doppelten Ghulams inzwischen weiterging, entzieht sich der allgemeinen Kenntnis, aber ähnlich gelagerte Fälle wiederholten sich rund ein Dutzend Mal in Schottland und im nördlichen England, allesamt ausschliesslich pakistanisch-stämmige Apotheker betreffend. Die einzige Gemeinsamkeit, welche von findigen Sachverständigen als irgendwie ursächlich für die mysteriösen Apothekerverdopplungen verdächtigt wird, war der Umstand, dass alle diese Pharmazeuten nach alten Rezepturen mit selbstgemachten Kräuterpasten für orientalische Hautausschläge hantiert hatten. Das scheint eine ehrwürdige Tradition dieses Berufsstandes vom asiatischen Subkontinent zu sein, allerdings sind keinerlei ähnlich gelagerten Fälle aus Indien oder Pakistan bekannt geworden. Manche Bevölkerungsstatistiker haben allerdings auf auffällig häufigere Mehrlingsgeburten bei Familienmitgliedern dieses Berufsstandes hingewiesen.
Nun befassen sich namhafte Chemiker, Biologen und Zwillingsforscher mit dem seltsamen Phänomen und suchen nach einer plausiblen Erklärung. Hinter vorgehaltener Hand werden Vermutungen über ungeahnte Interaktionen zwischen altindischen Tinkturen mit Kräuteressenzen von der Atlantikküste angestellt. Allerdings gibt es bisher noch keine überzeugenden Hinweise. Natürlich hat sich die Boulevardpresse der Sache angenommen und schlachtet die sensationellen Ereignisse mit marktschreierischen Schlagzeilen aus. Wochenlang belagerten mehrere in- und ausländische Fernsehteams das kleine Haus am Ortsrand von Plockton, um wenigstens ein Bild zu erhaschen, auf dem beide Apotheker gleichzeitig zu sehen sind. Allerdings haben sie damit keinen Erfolg gehabt und konnten immer nur den einen der beiden Apotheker hinter dem Schaufenster oder auf dem Weg erspähen, wenn dieser unterwegs war, um Besorgungen zu erledigen. Auf keinem der Bilder oder Filmsequenzen konnte man erkennen, ob es sich um Ghulam Mussaraf A oder B handelte. Manche enttäuschten Berichterstatter reisten nach und nach wieder ab und einige zogen die doppelte Ausführung des Plocktoner Apothekers sogar in Zweifel. Dann hiess es, dass es sich lediglich um einen PR-Stunt gehandelt habe, um dem verschlafenen Ort zu einer gewissen Bekanntheit, und dem Tourismusbetrieb zu einem Aufschwung zu verhelfen. Allerdings spricht das sporadische Auftreten von Apothekerverdopplungen andernorts gegen diese Hypothese. Immerhin verzeichnete die einzige Gaststätte des Ortes einen sprunghaften Anstieg des Umsatzes, das einzige zu vermietende Fremdenzimmer war von da an kontinuierlich belegt, und der umtriebige Bürgermeister gab umgehend eine nah gelegene Schafsweide als Autobusparkplatz frei.
Nun ist abzuwarten, wie sich die Sachlage entwickelt, und ob, wann und wo es zu weiteren Apothekerverdopplungen kommen wird, beziehungsweise was die schlussendliche Erklärung für dieses ungewöhnliche Phänomen ist. Man darf gespannt bleiben. ♦
Diese Geschichte widme ich meinem seligen Vater Ladislaus Biro (1915-2010), der zeitlebens ein einzelner Apotheker war, und dem es nie gelang sich zu verdoppeln. Im Gegenteil.
Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN von Peter Biro auch die Satire Schreibblockade
Nach langem Überlegen und scharfsichtigem Analysieren der Situation, in der sich die Einwohner seines Kleinstaates befanden, verkündete seinem Volk der schwarze König Bohemund IV, im Volksmund auch King Black genannt, dass der Auszug vom angestammten Schachbrett eine Notwendigkeit sei…
Nach langem Überlegen und scharfsichtigem Analysieren der Situation, in der sich die Einwohner seines Kleinstaates befanden, verkündete seinem Volk der schwarze König Bohemund IV, im Volksmund auch King Black genannt, dass der Auszug vom angestammten Schachbrett eine Notwendigkeit sei. Der besonders nachdenkliche King Black kam nach kurzer Introspektion zum Schluss, dass diese Maßnahme unumgänglich und somit eigentlich bereits eine beschlossene Sache sei. Die Entscheidung war ihm gar nicht leichtgefallen, aber der heimliche Abgang vom Schachbrett sei nun mal die einzige Möglichkeit, aus der quadratischen Enge des Spielfelds auszubrechen und die seit langem ersehnte Freiheit zu erlangen.
Lange Abende an verrauchten Spieltischen
Mit dramatischen Worten erläuterte er seinen in vier Reihen aufgestellten schwarzen und weißen Landsleuten die tragische Leidensgeschichte seines unterdrückten Volkes. Er sparte nicht mit bildreichen Schilderungen der elend langen Abende an verrauchten Spieltischen, an denen er und seine Kameraden sich von wahren oder vermeintlichen Geistesgrößen herumschieben lassen mussten und zu grausamen Gladiatorenkämpfen gezwungen wurden. Bei diesen Wettkämpfen wurden jedes Mal etliche seiner Untertanen vom Brett gefegt und bis auf weiteres in den Figurenkasten gesperrt. Je nach Vermögen der Spieler blieb bestenfalls nur der siegreiche König mit einigen wenigen Getreuen als Überlebende des jeweiligen Spiels übrig. Mit anderen Worten, viele seiner Landsleute wurden Opfer eines allabendlich stattfindenden Massakers.
Melania von Ohrensausen
Dieses wehrlose Ausgeliefertsein musste um jeden Preis beendet werden, und gerade jetzt sei dafür die Zeit gekommen. Seine Partnerin, die schwarze Königin Melania Carlotta III (eine geborene Herzogin von Ohrensausen und Schlyck) war zunächst ebenso wenig begeistert vom plötzlichen Freiheitsdrang ihres Gatten wie ihre weiße Gegenspielerin, welche bekanntlich die heimliche Geliebte King Blacks war.
Obendrein wusste Melania von Ohrensausen nicht so recht, was im Falle einer Flucht anzuziehen wäre. Im Gegensatz zu ihrer weißen Gegenspielerin haderte sie ständig mit der Garderobe – denn guter Kleidergeschmack war nun mal ihre Sache nicht. Aber ein finales Machtwort des vierten Bohemunds tat seine Wirkung, und sie fügte sich nicht nur gehorsam in ihr Schicksal, sie begann sogar die Idee der Befreiung bei den anderen Figuren zu propagieren.
Gemeinsame Flucht…
Damit war bald die Mehrheit des Klans, namentlich die schwarzen Gefolgsleute mit der vom Herrscher verordneten Aktion einverstanden. Nur sein linker Läufer blieb irgendwie unbeeindruckt, denn dieser hatte bei einem früher ausgetragenen Kampf seinen komplementärfarbigen Kopf verloren. Jene als Haupt fungierende weiße Kugel ruhte nun unbenutzt in der Figurenschachtel und wartete darauf, von einer barmherzigen Hand wieder auf den zylindrisch schlanken Torso aufgeleimt zu werden. Aber so kopflos wie er nun mal war, konnte der behinderte Läufer nicht an den hitzigen Debatten um Verbleib oder Gehen teilnehmen, und blieb weitgehend über die sich entfaltenden Ereignisse im Dunkeln – eben in jener der kleinen, mit Samt ausgelegten Holzkiste am Rande des Spielbretts.
Ein weit größeres Problem als der ratlose, linke Läufer war es, den gegnerischen Klan, das heißt die weiße Mannschaft, von der Notwendigkeit einer gemeinsamen Flucht zu überzeugen. Ihr Anführer, der weiße König Wenzeslaus II, im Volksmund auch Ol` King White genannt, war für seine eher zaudernde Haltung bekannt, so dass beim Versuch ihn zu überreden mit vehementem Widerspruch zu rechnen war. Aber der schwarzbärtige Bohemund hatte dafür noch einen Trumpf in der Hand: er veranlasste seine Geliebte, die weiße Königin Bianca Liposuccta IX (geborene Fürstin von Schlagobers de Saan), ihrem Gatten die Notwendigkeit einer baldigen Flucht subtil einzuflüstern.
Gemäß kolportierter Gerüchte aus den Reihen der schwatzhaften Höflinge, gab diese ihr Bestes (was immer das auch gewesen sein mag), um ihren weißbärtigen Gemahl zu überzeugen, seinen anfänglichen Widerstand gegen einen Exodus der Figuren aufzugeben. Trotz gutem Zureden und einiger hier nicht weiter zu erläuternder Tricks und Kniffe der geschickt agierenden Bianca von Schlagobers de Saan bestand Ol` King White, alias Wenzeslaus II, wenigstens auf einen ritterlichen Zweikampf als Entscheidungshilfe. Er vertrat den Standpunkt, dass eine Meinungsverschiedenheit zwischen gekrönten Häuptern, grundsätzlich mittels eines Duells zu regeln ist, so wie es sich nach höfischer Art geziemt und vom einfachen Bauernvolk auch erwartet wird. Dies gilt sogar trotz der unwiderlegbaren Tatsache, dass nicht nur die einfachen Figuren, sondern auch die royalen Würdenträger aus nichts anderem als aus gewöhnlichem Kleinholz gefertigt sind.
… in die große weite Welt
Das vom Ol` King White, dem zweiten der Wenzelslaeuse geforderte Duell musste sich in Form eines Turniers, oder besser gesagt eines ritterlichen Schlagabtauschs inmitten des Schachbretts abspielen und von den Besten der Besten beider Volksgruppen ausgefochten werden. Deshalb führten beide Herrscher je einen Turm, einen Springer und drei Bauern ins Feld, um eine endgültige Entscheidung in Sachen Flucht oder Verbleib zu erwirken.
Die Kombattanten trafen sich symmetrisch angeordnet entlang der Kampflinie zwischen D4\F4 und D5\F5, und begannen sogleich aufeinander einzuschlagen. Als erstes kickten sich die vorgeschickten Bauern gegenseitig vom Feld, dann umsprangen sich die Rösser eine Weile ergebnislos, bis der schwarze Springer dem weißen Turm zum Opfer fiel, und dieser wiederum von seinem schwarzen Gegenüber gefällt wurde. Der übrig gebliebene, siegeiche schwarze Turm stand triumphierend auf E5 und winkte seiner jovial lächelnden Königin zu, um den Sieg der schwarzen Partei und somit des eigenen Anliegens zu signalisieren. Auf diese Weise wurde entschieden, dass während der kommenden Nacht die gesamte Truppe unter der Führung des schwarzen Königs vom Spielbrett türmen und in die große, weite Welt aufbrechen würde.
Das Wetter war den Flüchtenden gewogen, denn es war ein mondscheinloser, regnerischer Dienstagabend. King Black rechnete richtigerweise damit, dass es diesmal kein Schachturnier geben und deswegen die Luft im unbewachten Spielzimmer rein bleiben würde. Eine derart günstige Gelegenheit zum unbemerkten Abschleichen durfte nicht verpasst werden. Zwar hatte keine der 32 Figuren eine Ahnung davon, was auf sie da draußen wartete, aber alle hatten genug vom ständigen Herumexerzieren, das ewige Rumstehen in Reih und Glied, das aggressive Vorrücken gegen ihresgleichen, das sich gegenseitig Bedrohen müssen und vor allem vom anschließenden Gemetzel während der allwöchentlichen Schachpartien.
Erste Vorbereitungen…
Bohemund, der blacke King gab das Zeichen, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Die Figuren kontrollierten ein letztes Mal die Filzsohlen, auf denen sie leise davonschleichen sollten. Neugierig und mit einer gewissen Portion Neid betrachtete die dunkle Melanie ihre hellhäutige Konkurrentin am gegenüberliegenden Brettrand, die wieder einmal eleganter als sie angezogen war. Bianca stand kerzengerade in ihrem besten Reisekostüm, vom weißen König und einem ebensolchen Berittenen auf D8 eingerahmt. Die vier Rösser wieherten bereits ungeduldig und sprangen regelkonform in L-förmigen Schrittfolgen tänzelnd umher.
Derweil hetzten die drei intakten Läufer diagonal in der Gegend herum, um eventuelle Hindernisse auf dem vorgesehenen Fluchtweg auszukundschaften. Nur der kopflose linke Läufer der schwarzen Partei hatte keine Ahnung davon, was da vor sich ging, und auch keine weiteren Bedürfnisse außer dem einen: wohlverleimt endlich wieder mit seinem Haupt vereinigt zu werden. Er wurde behutsam von seinem vorangestellten Bauern an der Hand geführt, während der abgeschlagene Kopf natürlich auch mitkam, und zwar in der Obhut des rechten weißen Turms, der gleichzeitig die Nachhut anführen sollte.
Mehr pro forma und ohne große Hoffnung auf Zustimmung lud Bohemund die 24 Damen des gleichnamigen Brettspiels ein, sich seinem Tross anzuschließen. Aber wie erwartet wiesen die ängstlichen Figürchen auch nur den bloßen Gedanken an eine Flucht weit von sich, und der zutiefst bohemundete König Black bedauerte bereits, sie überhaupt gefragt zu haben. Stattdessen stapelten sich die 24 flachbrüstigen Damen ängstlich in vier Reihen in einer Ecke des Figurenkastens und beobachteten sorgenvoll die Abmarschvorbereitungen der Schachkollegen beiderlei Couleur.
… und mitternächtlicher Abmarsch…
Voller Erwartung schauten alle auf die Stoppuhr am Rande des Spielbretts, und als diese Mitternacht schlug, marschierte die erste Kolonne unter den aufmerksamen Blicken Bohemunds ab, der am Spielfeldrand stehend, der Prozession aufmerksam zusah und jeder Figur ermutigend auf die kreisrunde Schulter klopfte. Die erste Gruppe, gewissermaßen die Vorhut, bestand aus dem treuen linken schwarzen Turm, einem weißen Läufer und fünf Bauern beiderlei Farben. Anschließend folgte die Hauptmacht unter der Führung von König Wenzeslaus und der beiden Königinnen, die sich unentwegt gegenseitig beäugten und ihre Garderoben abschätzten. Im Zentrum marschierte unmittelbar dahinter die königliche Leibgarde bestehend aus zwei Türmen, flankiert von den zwei Springern Dexter und Linky, ihrerseits gefolgt von neun gemischten Bauern einschließlich desjenigen mit dem kopflosen Läufer an der Hand. Als letzter der Hauptstreitmacht gesellte sich Bohemund hinzu und winkte der etwas zurückbleibenden Nachhut, ihm baldmöglichst zu folgen. Diese ging anschließend unter der Führung des rechten, weißen Turms zusammen mit den restlichen Offizieren und Bauern, die große Mühe drauf verwendeten, die Spuren des Auszugs zu verwischen.
… über den Vorhang…
Vorsichtig seilten sich die Schachfiguren eine nach der anderen an einer Falte des Vorhangs, der direkt an den Spieltisch grenzte, zum Teppichboden herunter. Die ganze Aktion dauerte ungefähr eine halbe Stunde, bis alle sich in einer langen Reihe zu Füßen des nächsten Tischbeins zum Zählapell aufstellten. Lediglich die zuoberst gestapelten Domino-Steine im benachbarten Regal hatten etwas von der Aktion mitbekommen und gaben die aufregende Nachricht vom Auszug der Kollegen ihren zahlenmäßig passenden Nachbarn weiter. So war es bald eine ausgemachte Sache unter den Bewohnern des Spielzimmers, dass eine große Fluchtbewegung angelaufen war.
Man war sich einig, dass wenn anderntags das Fehlen der Schachfiguren bemerkt würde, ein ziemlicher Aufruhr ausbreche. Der Besitzer des Spielzimmers und dessen Inhalts, ein gewisser Herr Michael Faraon, seines Zeichens Aktuar des örtlichen Schachklubs, sei bekanntermaßen sehr jähzornig und nachtragend. Das wusste man schon von früher, nachdem Herr Faraon einmal eine Kreuz-Sieben mit Kaffee befleckt und damit unbrauchbar gemacht hatte. Daraufhin zerriss er wutentbrannt die Karte und schleuderte das ganze Pack nutzloser Kanasta-Karten in den Kamin. Sowohl die Dominosteine, als auch die danebenliegenden Pokerkarten hofften inständig, dass der zu erwartende Wutanfall des Herrn Faraon sich nicht gegen sie richten würde. Der Herzkönig vom Kartenstapel überbrachte den Abrückenden die Abschiedsgrüße der versammelten Spielwaren und winkte seinen scheidenden Kollegen traurig hinterher.
… und das Treppenhaus …
Nach einem abschließenden Zählapell blies Bohemund Black zum endgültigen Abmarsch aus dem Spielzimmer. In geordneter Reihe marschierte die Kolonne an Tisch und Stühlen vorbei, passierte in einem strategisch geschickt angelegten Umgehungsmanöver das Kanapee und ein niedriges Kartentischchen, und durch die nur leicht angelehnte Tür erreichten alle Figuren wohlbehalten das Treppenhaus. Zwei Läufer wurden ausgeschickt, um die beste Abstiegsmöglichkeit auszukundschaften, und sie kehrten mit der Meldung zurück, dass man jede Stufe am besten entlang der Teppichkante herunterklettern könnte. Dies würde für die gesamte Truppe mehrere Stunden dauern.
… durch die Katzentür …
Ein dritter Läufer blieb etwas zurück und linste durch den Türspalt zurück, um eventuelle Verfolger rechtzeitig auszumachen. Gesagt, getan, mit der Vorhut voran kraxelten alle Figuren in einer überfigürlichen Anstrengung die Treppe bis zum Flur hinunter, was fast bis zum Morgengrauen dauerte. An mehreren Stellen führten die beiden Könige einen Zählapell durch, um die Mannschaft auf Vollständigkeit und Fahnenfluchtfähigkeit zu prüfen. Am Treppenabsatz angekommen, wurde eine kleine Abschiedszeremonie mit Trompetenklang und Einrollen der Fahnen abgehalten, und anschließend entwich der gesamte Schachfigurensatz durch die Katzentür.
… in den Maulwurfsbau
Den ersten Tag campierte die Truppe im improvisierten Biwak eines Maulwurfsbaus im Garten des Faraon-Hauses, denn allen Geflüchteten war klar, dass man sich bei Tageslicht besser nicht blicken lassen sollte. Ansonsten könnte ein verräterisches Haustier die Deserteure erkennen, ausbuddeln und Herrn Faraon Bericht erstatten. Das konnte böse enden, z.B. damit, dass man einem Strafbataillon zugeteilt würde, was wiederum eine mehrjährige Fronarbeit beim Mühlespiel bedeutete oder gar schlimmeres: zu Feuerholz degradiert zu werden. In der Tat machte Faraons getigerte Hauskatze Annabella Schnurrdibus wiederholt Kontrollgänge durch Haus und Garten, aber sie bemerkte die sich eng aneinander duckenden Figuren im Maulwurfshügel nicht. So blieben die Geflohenen unentdeckt und konnten in der zweiten Nacht ihre Flucht fortsetzen.
Letzter diagonaler Erkundungsgang
Um einen improvisierten Kartenkiesel versammelt, beugten sich die beiden Könige bei einer Lagebesprechung über eine grob gezeichnete Skizze der Umgebung, welche die Läufer von ihrem letzten, diagonalen Erkundungsgang mitgebracht hatten. In Gegenwart von je einem weißen und einem schwarzen Turm sowie der drei Läufer studierten King Black und Ol` King White die in Frage kommenden, weiterführenden Fluchtrouten. Zwar versperrte eine große Pfütze den einzig gangbaren Weg zur Straße, aber der weiße Wortführer der Läufer meinte, man könnte sie durchwaten, wenn die Sonne lang genug darauf geschienen und sie wenigstens teilweise ausgetrocknet haben würde. Dann genüge es, wenn der Anführer der Truppe, also King Black, auf die seichteste Stelle des verbleibenden Wassers zeigen würde, wo sich die Truppe in die Fluten wagen könnte.
Zurück zu den Anfängen
Als älteste aller Figuren meldete sich der weiße Turm zu Wort und erinnerte die Anwesenden an jene Schreinerwerkstatt, aus der er und die anderen ursprünglich stammten. Jenes Atelier gehörte einem gewissen Meister Astalosh, der die altertümliche Drehbank betrieb, an der seinerzeit sie alle – außer den Springern – in ihre zylindrische Form gedrechselt worden waren. Dort, so behauptete der weiße Turm, könnte man sich unauffällig unter die unfertigen Bauteile und den herumliegenden Holzabfall aus der laufenden Produktion verstecken.
Da die Schreinerwerkstatt nur eine Tagereise vom Maulwurfshügel entfernt war, wurde beschlossen, dass sich die Figuren dorthin über die folgenden vier Nächte in getrennt vorstoßenden Gruppen durchschlagen sollten. Jede Gruppe würde unter der Führung eines gekrönten Hauptes, also eines Königs oder einer Königin stehen und aus jeweils einem Turm, einem Springer, einem Läufer und vier Bauern bestehen. Außerdem wurde vereinbart, dass falls eine Gruppe auf der Flucht von der gemeingefährlichen Schnurrdibus oder gar von Herrn Faraon persönlich ertappt werden sollte, kein Wort über die anderen verloren werden durfte; nicht einmal unter einem peinlichen Verhör mittels Schraubzwinge oder Fuchsschwanzsäge.
Erfolgsgekrönter Exodus
Bis auf die letzte Gruppe, welche den kopflosen Läufer transportierte, erreichten alle Figuren planmäßig den schützenden Abfallhaufen neben der Schreinerei. Die letzte Gruppe war zwangsläufig langsamer unterwegs und wurde von einem streunenden Hund aufgehalten, der fast die gesamte Nachbarschaft wach kläffte, als er der ungewöhnlichen Prozession gewahr wurde. Aber bereits unter dem ersten, blendenden Strahl der Morgensonne erreichten auch die letzten Figuren den schützenden Holzhaufen und konnten sich im Sägemehl von Astaloshs Werkstatt endlich von den Strapazen ihrer abenteuerlichen Flucht ausruhen. So geschah es, dass dem waghalsigen Exodus der Schachfiguren ein krönender Erfolg beschieden war.
Epilog
Der Schreinermeister Astalosh durchsuchte regelmäßig den Abfallhaufen nach noch brauchbarem Material, denn hie und da benötigte er Kleinteile für eine Verzierung oder Ergänzung irgendeines Möbelstücks. So stieß er auf die verstreut herumliegenden Schachfiguren, die ihm irgendwie bekannt vorkamen. Da er aber nicht alle auf einmal erblickte, dachte er nicht daran, diese wieder einem Schachspiel zuzuführen, zumal damit kaum mehr etwas zu verdienen war. Stattdessen fand er für die nach und nach aufgeklaubten Figuren unterschiedliche Verwendungen, die dazu führten, dass die Gruppe definitiv auseinandergerissen wurde:
• Neun Bauern endeten als Schubladen-Griffe für die Schlafzimmerkommode eines jungen Brautpaares und wurden zwangsläufig Augenzeugen von deren intensiver Familienplanung. • Die verbleibenden sieben Bauern wurden als Kegel in einem Miniaturbowling-Spielkasten für Kinder verbaut und landeten auf dem Gabentisch eines stark kurzsichtigen Jünglings namens Hubert. • Mit den vier Türmen verlängerte Herr Astalosh die Beine eines kleinen Beistelltisches, welches – welch eine Ironie des Schicksals! – von Herrn Faraon für sein Spielzimmer bestellt wurde. Nach Auslieferung des fertigen Kleinmöbels und nach Einbruch der Nacht kam es im Spielzimmer zu einer unerwarteten Wiedersehensfeier unter Beteiligung der Dame-Figuren, der Pokerkarten und der Dominosteine, welche die vier immobilisierten Rückkehrer nach deren Erlebnissen während ihrer Flucht ausfragten. Umgekehrt berichteten sie den bodenständigen Türmen, dass Herr Faraon während der verzweifelten Suche nach den verschwundenen Schachfiguren einen kurzen und heftigen Wutanfall erlitten, das Schachbrett zerbrochen und die beiden Stoppuhren in den Müll geworfen hatte. • Dexter, der rechtsstehende, weiße Springer endete als Verzierungen im Rahmen eines Garderobenspiegels, welcher Jahre später zu einem Zahnarztstuhl umgearbeitet wurde. In diesem wiederum wurde er zu einem Griff umfunktioniert, welchen die Patienten kräftig drücken konnten, wenn der Schmerz unter der Behandlung überhandnahm. Linky gelangte auf verschlungenen Umwegen nach Österreich und wurde als symbolisches Dekorationselement in einer Menütafel verbaut, und zwar über dem Tresen des „Weißen Rössl“ am Wolfgangsee. • Die zwei schwarzen Springer (Nero und Misericordius) wurden zu Regenschirmgriffen umgestaltet. Als solche gingen sie mit anderen Haushaltsartikeln in den Export. Nero endete im norwegischen Stavanger als unentbehrliches Accessoire eines Seiltänzers, der jeden Sonntagnachmittag mit einem Matjeshering in der einen und dem Schirm in der anderen Hand zwischen den beiden Türmen der Kathedrale balancierte. Der Schirm mit Misericordius wurde zum Sonnenschutz einer malaysischen Lehrerin, die in einem abgelegenen Urwalddorf verwaiste Makaken zu Stenotypisten und Fluglotsen ausbildete. • Die drei intakten Läufer blieben zurück und versteckten sich unter einem Werkzeugschrank. Um verirrten Kameraden beizustehen, gingen sie sporadisch auf Erkundungsmissionen, die sie diametral in sämtliche Ecken des Raumes unternahmen. Sie trafen aber keine Verirrten mehr aus dem alten Figurensatz an. Ansonsten blieben Sie jahrelang unter dem Gestell versteckt, bis eines Tages die Werkstatt abgerissen und einem Waschsalon weichen musste. Wahrscheinlich wurden sie mit dem Schutt aus dem Abbruch entsorgt, jedenfalls hörte man seitdem nichts mehr von ihnen. • Der kopflose Läufer, den man unter großen Mühen mitgeschleppt hatte, wurde sehr bald nach seiner Ankunft durch Herrn Astalosh als unbrauchbar erkannt und verschreddert. Kopflos wie er war, endete er als Holzpellet in einer Heizanlage. Sein Haupt machte indes Karriere als hübsch gemaserte, besonders leichte Murmel in der Kugelsammlung von Astalosh Junior. • Die beiden Königinnen blieben weiterhin schicksalhaft zusammen und hatten somit die Möglichkeit sich weiterhin gegenseitig anzukeifen. Sie wurden als Handgriffe auf ein Paar hübsch dekorierten Cocktailspießen angebracht, auf die man Oliven oder Zitronenscheiben aufzog. Dergestalt kamen sie in ihrer neuen Eigenschaft als Besteck in einer Karaoke-Bar zum Einsatz. Aus Cocktailgläsern ragend, musterten sie sich weiterhin gegenseitig mit unfreundlichen Blicken und warfen sich gelegentlich beleidigende Bemerkungen betreffend ihrer Garderoben zu. • König Wenzeslaus II alias Ol` King White endete als dekorativer Knauf am oberen Wendepunkt eines barocken Treppengeländers, von wo er jahrzehntelang die auf- und absteigenden Hausgäste der vornehmen Villa beobachten und daraus seine ganz persönlichen Schlüsse ziehen konnte. Seine Memoiren erschienen Jahre später unter dem Titel `Vom Thron zur Zierfigur – Erinnerungen eines aufgestellten Königs` bei Klappezu & Affetot 2009, Wien, London, Buxtehude. • Bohemund IV, oder King Black, der initiative schwarze König, der die ganze Fluchtaktion geplant, befohlen und angeführt hatte, wurde an die Spitze einer Standartenstange montiert, die bei Aufmärschen der Heilsarmee der Blaskapelle vorangetragen wurde. Auf diese Weise konnte er, standesbewusst wie er nun mal war, an feierlichen Zeremonien lange Jahre an vorderster Stelle teilnehmen und sich am Tschingderassabum und dem ganzen Tamtam um ihn herum erfreuen. Dabei glaubte er felsenfest, dass der Jubel der freudig am Straßenrand zuschauenden Menschen ihm alleine galt und der ganze Aufmarsch ihm zu Ehren abgehalten wurde.
Moral der G’schicht: Süß ist die Freiheit selbst dann, wenn sie einem nur zu einem zeitweiligen und banalen Weiterleben verhilft! ♦
Geb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, schreibt kulturhistorische Essays und humoristische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH
„Sapiens ist eher wie ein aufgeplusterter Diktator, der dauerhaft Angst hat, seine Macht zu verlieren“ (S. 37)
Fans der Graphic Novel (die von Harari sowieso) dürfen sich freuen. Endlich mal wieder ein popkulturelles Werk, das Freude macht. Klug und kurzweilig, dabei anspruchsvoll und durchaus fordernd in Inhalt und Dialogen, zugleich graphisch ansprechend, packt einen „Sapiens – Der Aufstieg“ von Anfang an. Insofern darf man gespannt auf die weiteren drei Teile sein, in denen das Trio Yuval Noah Harari, David Vandermeulen (Co-Autor) sowie Daniel Casanave (Zeichnungen) hoffentlich weiterhin so glänzend unterhält und zugleich aufklärt.
In der graphischen Umsetzung dieser seiner gezeichneten/getexteten „Geschichte über die Menschheit“ gelingt es Harari und Co., einen sofort in den Bann des Konzeptes zu ziehen. Egal, ob mit Vorwissen oder blutiger Laie auf dem Gebiet der thematischen Graphic Novel: „Sapiens“ weiß zu unterhalten, einen zum Nachdenken anzuregen.
Abriss der Evolution
Mit großem Sachverstand gelingt hier scheinbar mühelos ein Abriss epochaler Stadien in der Evolution des Homo Sapiens. Hierzu zieht Harari zur Freude von Filmfans immer wieder Klassiker wie z. B. Chaplins „Modern Times“ heran – inklusive kühle Komplementärkontraste, ein ansprechendes, leicht der ligne claire verhaftetes Zeichenschema, und sonstige virtuose Kniffe, die einen ob der erzählerischen Raffinesse sowie des enormen Wissens staunen lassen. Das Buch hat alles, was eine gelungene Graphic Novel braucht.
Zuweilen bemüht witzig
Und doch gibt es Teile, die abfallen. Der dicke Schinken ist zwar schön fürs Regal, aber unhandlich für die gemütliche Lektüre auf der Couch oder sonst wo. Und auch wenn „Sapiens“ über weite Strecken überzeugt, es Freude macht, im Streifzug allerlei Neues oder auch Altbekanntes passend verpackt zu sehen, überfordert Harari zuweilen bzw. erzeugt eine gewisse leserische Kurzatmigkeit. Vor allem im popkulturellen Kapitel „Rebellen der Savanne“ will er zu viel, setzt dies bemüht witzig um. So erschafft man durch all die kurzen Einschübe eine gewisse nervige Überfrachtung, eine gewisse popkulturelle Anbiederung durch eine vordergründig recht witzige, aber zugleich mitunter flache Präsentation. Ganz im Gegensatz zu Glanzpunkten wie beispielsweise dem Kapitel „Meister der Fiktion“, das uns das, was wir als gegeben hinnehmen, nochmals als reine Schöpfung der menschlichen Evolution in Erinnerung ruft.
Homo Sapiens nach New York transferiert
Ähnlich holprig wie der Anfang ist leider auch der Abschluss, der den Untergang vieler Arten der Megaflora und -fauna beleuchtet – anhand eines aktuellen Falles. Ein durchaus geschickter Griff in die Inszenierungskiste, der dem Leser die Thematik nahebringen soll, dabei aber letztlich doch übers Ziel hinausschießt. Hier sitzen dann eben Steinzeitmenschen, verkörpert durch Cindy und Bert Sapiens, und sollen den New Yorker Cops Rede und Antwort stehen.
Klug und pointiert gegen Rassismus
Alles in allem aber absolut ein Buch mit Mehrwert. Denn klug und pointiert bringen Harari und sein Team die Entwicklung, das Auf und Ab – kurz: alles, was das große Feld des Aufstiegs und der Ausbreitung des Homo Sapiens eben begleitet – spielerisch herüber. Und die Quintessenz ist hochaktuell und sollte gerade in Zeiten eines wiederauflebenden Rassismus von einigen endlich begriffen werden: Es gibt keine verschiedenen Rassen. Wir sind alle Homo Sapiens, und – so schnell (Ironie) wie die Sapiens sich verbreitet und weiterentwickelt haben, so schnell können sie am Ende wieder untergehen. Ergo: Rassismus ist eine per se widersinnige Sache, und Toleranz sollte nicht vor der Haustür haltmachen.
Kurzum, ein sehr kluges Buch, mit gelegentlichen Längen, das aber ein epochales Thema kurzweilig und heiter umsetzt. Dabei wird mit treffenden Seitenhieben die moderne Gesellschaft seziert, die sich gar nicht so maßgeblich von der Wildbeutergesellschaft unterscheidet…♦
Dichter der Nähe,
der einen Stein aufhebt und ihn wie ein Kind
an sein Ohr hält, um der Stille zu lauschen,
der seinen Weg mit Muscheln säumt,
der einen Fuss vor den anderen setzt,
um die Welt zu erkunden und sich dabei
manchmal verirrt.
Bei seinem Fürsten Esterhazy pflegte Haydn sich zuweilen nach einer gelungenen Opernaufführung mit den Sängern und Musikern für ein üppiges Backhendl-Essen zu Tische zu begeben.
Vor einem dieser Mahle erklärte er vergnügt, genüsslich die erste leckere Hühnerkeule zum Munde führend: „Seht, liebe Kinder, sonst geht Händel über den Haydn, jetzt aber kommt Haydn über Hendel!“
Senesino
Zu den berühmtesten Opernsängern des 18. Jahrhunderts zählte der italienische Kastrat und Koloratur-Virtuose Senesino. Ein Hüne von fülliger Gestalt, war er zugleich als eitel und feige bekannt.
Als er einmal in London die Titelrolle in Händels „Julius Cäser“ sang, krachte plötzlich ein Versatzstück mit Getöse auf die Bühne. Senesino erschrak zu Tode, der Fleischkoloss fiel heulend und schlotternd zu Boden.
Das Publikum fiel allerdings in Lachkrämpfe, denn er hatte soeben die stolze Arie begonnen: „Cäsar kennt keine Furcht…“
Wolfgang A. Mozart
Mozart wurde von einem jungen Mann gefragt, wie man eine Sinfonie zu schreiben habe.
Mozart: „Sie sind noch jung, beginnen Sie doch mit Liedern!“
„Aber Maestro, Sie selber haben doch schon mit zwölf Jahren Sinfonien komponiert!“
„Ja“, antwortete Mozart, „aber ich habe nie gefragt, wie man das anstellen soll.“
Jules Massenet
1892 wurde an der Wiener Hofoper die elegante Oper „Werther“ von Jules Massenet uraufgeführt, unter Beteiligung der RingStrassen-Publikumslieblinge Marie Renard und Ernest van Dyk mit grösstem Erfolg.
In seinem Kollegen Josef Hellmesberger, einem wegen seiner spitzen Zunge berüchtigten Komponisten und Geiger, hatte Massenet allerdings einen scharfen Kritiker. Dieser kommentierte die Uraufführung: „Bei der Oper von Massenet is‘ a Masse net von Massenet.“
Gioacchino Rossini
Ein Frau aus Bologna belästigte den grossen Meister Rossini mit dem Ansinnen, er möge sich doch einmal ihre Tochter anhören, diese sei ja so begabt für Klavier und Gesang.
Die junge Dame spielte ihm also vor, sang, spielte, sang, und schliesslich fragte die Mutter stolz: „Nun, Maestro, machen wir eine Pianistin aus ihr? Oder eine Sängerin?“
Rossini erwiderte: „Machen wir lieber eine gute Mutter aus ihr!“
David Popper
Ein Kollege des berühmten Cellisten David Popper kam von einer Tournée zurück und fragte Popper: „Raten Sie, wieviel ich verdient habe!“
Popper: „Die Hälfte.“
„Wovon die Hälfte?“ fragte verdutzt sein Kollege.
„Von dem, was Sie mir erzählen werden.“
Christoph W. Gluck
Der geniale Opern-Schöpfer und-Erneuerer Christoph W. Gluck zeichnete sich nicht gerade durch übermässige Bescheidenheit aus.
Als seine „Alceste“ in Paris durchgefallen war, triumphierte ihm gegenüber ein Neider in deutscher Sprache: „‚Alceste‘ ist gefallen!“
Gluck darauf gelassen: „Gewiss – vom Himmel.“
Edward Grieg
Grieg komponierte in seinen späten Jahren nur noch wenig und begründete das so: „Wenn Pegasus nicht traben will, ist er störrischer als ein Maulesel. Je mehr man ihn schlägt, desto unwilliger ist er. Und da ich Mitglied des Tierschutzvereins bin, gehe ich mit gutem Beispiel voran.“
Gustav Mahler
Probe in der Wiener Hofoper, am Dirigentenpult Gustav Mahler. Eine Sopranistin, offensichtlich völlig indisponiert, kämpft mit heftigen Intonationsproblemen.
Eine Zeitlang hört sich das Mahler ruhig an, doch dann klopft er ab, fixiert die Unglückliche mit strafendem Blick und verbeugt sich mit sarkastischer Höflichkeit: „Gnädigste, würden Sie die Güte haben, uns Ihr A anzugeben!“
Guiseppe Verdi
Das Opern-Genie Verdi hatte in seinen jüngeren Jahren durchaus Zeiten des Hungerns und Darbens. Doch mit jeder neuen Komposition wuchs seine Berühmtheit – und sein Portemonnaie. Der alte Verdi lebte als reicher Mann und als freigebiger Mäzen.
Verdi’s lächelnde Antwort auf die Frage eines Reporters, welches seiner Werke er für sein bestes halte: „Mein Altersheim für Musiker in Mailand.“
Hans Pfitzner
In einer Gesellschaft antwortete Pfitzner einmal auf die Frage, was paradox sei:
„Wenn ein Sopran bass erstaunt ist, dass ein Tenor alt wird!“
Oscar Hammerstein
Der bekannte New Yorker Opern-Impresario Hammerstein wurde gefragt: „Warum zum Teufel schlagen Sie sich mit diesem Operngeschäft herum? Steckt da denn überhaupt Geld darin?“
„Natürlich steckt Geld darin“, antwortete Hammerstein, „mein eigenes…“
Richard Strauss
Einem unerfahrenen, aber gleichwohl selbstbewussten Taktschläger, dem man in der Provinz die „Ariadne auf Naxos“ zum Dirigieren anvertraut hatte, gab Strauss den kollegialen Tip: „Herr Kapellmeister, heut‘ müssen S‘ aber höllisch aufpassen. Die Sängerin da droben is‘ nämlich ekelhaft musikalisch!“
Sergei Kussewizki
Bostons Chefdirigent Sergei Kussewizki war bei den Musikern berüchtigt wegen seiner oft fahrigen, schwierig interpretierbaren Dirigierbewegungen.
Ein Mitglied des Bostoner Sinfonieorchesters wurde mal gefragt: „Wie bringt ihr Burschen es bloss fertig, alle gleichzeitig einzusetzen – bei diesem Dirigenten?“
„Kein Problem“, entgegnete der Orchestermusiker, „wir beobachten ihn scharf, lassen ihn acht oder zehn einleitende Verrenkungen machen, und wenn er am ersten Jackenknopf angelangt ist, wissen wir, dass es Zeit zum Anfangen ist.“
Leopold Stokowski
Leopold Stokowski war einer der ersten Pultstars, die ihre Konzerte ganz ohne Partitur leiteten. In Philadelphia hörte er eines Tages zufällig ein Gespräch zwischen zwei Damen mit, die sich über sein letztes Konzert unterhielten.
„Der arme Stokowksy“, sagte die eine, „ist es nicht eine Schande?“
„Was ist eine Schande, meine Liebe?“ fragte die andere zurück.
„Na ja,“, kam die Antwort, „ist es nicht eine Schande, dass er keine Noten lesen kann! Stell dir vor, was für eine Karriere er machen könnte, wenn er das verstünde!“
Arturo Toscanini
Der wichtigste Vertreter des italienischen Oper-Verismo Giacomo Puccini pflegte als Weihnachtsgruss jährlich einen Panettone-Kuchen an seine Freunde zu verschicken.
Einmal sandte er diesen Gruss irrtümlich auch an Dirigent Toscanini, mit dem er heillos zerstritten war. Prompt sandte Puccini seinem Kuchen ein Telegramm nach: „Panettone aus Versehen abgesandt.“
Toscanini antwortete postwendend: „Panettone aus Versehen aufgegessen.“
Artur Schnabel
Der Ausnahme-Pianist Artur Schnabel war bei der Probe eines Beethoven-Konzertes absolut unzufrieden mit Klemperers Tempi. Also gab er hinter dem Rücken des Dirigenten dem Orchester ein Zeichen, seinen Führer zu ignorieren und ihm zu folgen.
Klemperer erbost, seinen Taktstock hinwerfend: „Der Dirigent ist hier, Herr Schnabel!“
Schnabel mit nachdenklicher Miene: „O ja, ich weiss, Klemperer ist hier – Schnabel ist dort – aber wo ist Beethoven?“
Anton Bruckner
Dem österreichischen Sinfoniker Anton Bruckner war extreme Schüchternheit eigen. Einmal wurde er von den Wiener Philharmonikern eingeladen, seine „Romantische“ zu dirigieren. Bruckner kam zur Probe, wurde herzlich begrüsst und feierlich ans Pult geleitet. Dort griff er zum Taktstock und – wartete.
Der Konzertmeister ermunterte ihn: „Nun, Herr Doktor, wir wären dann soweit, wollen Sie nicht anfangen?“
„O nein, Herr Professor“, sagte Bruckner, „ich wage es nicht – nach Ihnen, meine Herren, nach Ihnen!“♦
Die Mainzer Schriftstellerin und Künstlerin Simone Frieling stellt im Glarean Magazin jeweils einen „Kopf des Monats“ in Form von Scherenschnitten vor.
Diesmal: Franz Kafka, den berühmten Autor von „Der Prozess“, „Das Schloss“, „Der Verschollene“, „Die Verwandlung“ u.v.a.
Vor 50 Jahren erschien der Weltroman „Hundert Jahre Einsamkeit“
Die Mainzer Schriftstellerin und Künstlerin Simone Frieling stellt im Glarean Magazin jeweils einen „Kopf des Monats“ in Form von Scherenschnitten vor.
Diesmal: den kolumbianischen Journalisten und Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez und seinen „Magischen Realismus“.
Die Mainzer Schriftstellerin und Künstlerin Simone Frieling stellt im Glarean Magazin jeweils einen „Kopf des Monats“ in Form von Scherenschnitten vor. Diesmal: Den bedeutenden Schweizer Maler Ferdinand Hodler und seine Muse…