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Matthieu Gillabert ist Historiker und Spezialist für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. Er hat sich unter anderem mit Fragen der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der 1960er-Jahre befasst. Auch für ihn ist das Epochenjahr 1968 ein Thema. Gillabert bezieht sich in seinen Ausführungen auf einige interessante Fotos, die zur Sammlung Mülhauser gehören und im Online-Archiv der Kantons- und Universitätsbibliothek Freiburg abrufbar sind.
In Anzügen
«Interessant ist ein Blick auf ein Foto von einer der ersten Freiburger Studentendemonstration im Jahr 1965», sagt er. Lange Haare und Hippie-Kleider waren damals offensichtlich noch kaum ein Thema. «Schaut man sich die Fotos an, so bemerkt man, dass die überwiegende Mehrheit der Studenten immer noch Anzüge trug.» Es habe an der Universität eine immense Mehrheit an Männern gegeben.
«Mit der Ausnahme der polytechnischen Hochschulen war die Universität Freiburg in den 60er-Jahren die männlichste Hochschule der Schweiz», so Gillabert. «Der Männeranteil unter den Studierenden betrug 82 Prozent.»
Auf der anderen Seite sei die Universität damals auch sehr international gewesen, mit fast einem Drittel der Studenten, die ausländischen Ursprungs gewesen sei. «Damit lag Freiburg klar über dem damaligen schweizerischen Mittel», bemerkt Gillabert dazu.
Diesen internationalen Charakter erklärt er sich mit dem Katholizismus, der bis in die 1970-er Jahre mit der Studierenden-Organisation «Pax Romana» in der Saanestadt präsent gewesen sei – aber auch mit der Organisation des Vorbereitungskurses für Stipendiaten der Eidgenossenschaft. Dieser Kurs sei 1968 auch für Nicht-Stipendiaten geöffnet worden.
Studentenproteste von 1968
«Im Jahr 1968 erfuhr die Universität Freiburg ein wichtiges Wachstum mit einer Verdoppelung der Belegschaft», so Gillabert weiter. «Allerdings wuchs sie ein bisschen weniger schnell als andere Universitäten in der Schweiz, etwa diejenigen in Zürich, Lausanne oder Neuenburg.»
Die Zahl der Studierenden in Freiburg sei von 1500 im Jahr 1960 auf 3000 im Jahr 1968 gestiegen. Dieses Wachstum sei die Ursache jener «Malaise des Studententums» gewesen, von dem auch die Zeitung «La Liberté» in einem Artikel über ein Studententreffen im April 1968 geschrieben habe (siehe Kasten). Bei diesem Treffen sei es um das Bedürfnis nach mehr Mitbestimmung gegangen, aber auch um die Weigerung, zusätzliche Gebühren zu bezahlen, solange der finanzielle Rahmen nicht der Belegschaft angepasst werde.
«Als Reaktion darauf spielte das Rektorat die Bevölkerung gegen die Studenten aus», ist sich Gillabert sicher. «Wenn die Studenten demonstrieren würden, könnte sich die Stimmung in der Bevölkerung gegen die Universität wenden, hiess es seitens deren Autorität.»
Drogen in Freiburg
Ein anderes wichtiges Thema in den Hippiezeiten waren vor allem in den USA die Drogen – wovon zahlreiche Songs von damals berühmten Musikern wie Jimi Hendrix oder Jim Morrison künden. «In Freiburg aber werden Drogen erst etwa im Jahr 1970 ein Thema», bemerkt Gillabert, «noch nicht 1968.» Erst zwei Jahre nach dem Epochenjahr seien mehrere Dutzend Drogenfälle in Freiburg registriert worden. In diesem Zusammenhang sei es auch zu einer entsprechenden Interpellation des radikalen Kantonsparlamentariers Jean Nordmann im Grossen Rat gekommen. «Gemäss den Autoritäten war Freiburg damals aber vor allem ein Ort des Drogenkonsums und im Unterschied zu Zürich, Genf und Neuenburg kein Ort des Drogenhandels», so Gillabert.
1968
50 Jahre danach
Ein halbes Jahrhundert ist seit dem Schicksalsjahr 1968 vergangen. Die FN zeigen in einer Serie auf, wie Freiburg dieses Jahr erlebte, was es für Auswirkungen hatte und was heute von den «68ern» übrig geblieben ist.
«La Liberté»
Studiengebühren: Studenten lancierten Petition
«Die Studenten werden ihre erhöhten Gebühren bezahlen, richten sich aber mit einer Petition an den Staatsrat», titelte «La Liberté» am Donnerstag, den 25. April 1968. Den Studenten sei es dabei «um das Überleben der Universität» gegangen, heisst es im Artikel. Hintergrund war eine Debatte um die Studiengebühren gewesen (die FN berichteten).
Während dreier Stunden hätten die Studenten an einer Sitzung über die Gebührenerhöhung diskutiert. Doch schliesslich habe das Votum des Rektors Edgardo Giovannini für eine «kalte Dusche bei den erhitzten Köpfen» gesorgt. Denn wenn die Studenten mit ihrem Boykott der Semestergebühren weitermachen würden, würden sie sich in die «Illegalität» begeben. Daraufhin entschieden sich die Studenten für den sanfteren Weg einer Petition. In dieser forderten sie eine paritätisch aus Vertretern des Staats und der Studentenschaft zusammengesetzte Kommission, die sich des Problems annehmen sollte.