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Erfahrungsbericht Oktober 2019
Seit einigen Wochen bin ich nun schon wieder in unseren Projekten vor Ort. Erst besuchte ich unser Dorf in Nepal, Ghole Tole. Die Projekte gehen gut voran, jedoch hatten wir einige Probleme zu meistern, bezüglich der Unterdrückung und Gewalt an Frauen. Zum Beispiel die junge Mutter Anuska hatte eine sehr schwere Zeit. Wie es die Kultur vorsieht, lebt Anuska mit ihrem Mann und seinen Eltern in einer Hütte. Das Paar hatte zwei Töchter. Dann wurde Anuska zum dritten Mal schwanger und gebar ihre dritte Tochter. Damit begann die tragische Geschichte.
In Indien, wie auch in Nepal, haben Familien ein höheres Ansehen und fühlen sich für die Zukunft abgesichert, wenn sie einen Sohn haben. Der Sohn und seine Frau werden sich dann um die Eltern kümmern, wenn diese nicht mehr arbeiten können. Was natürlich in der Realität nicht immer so ist. Die Mädchen werden verheiratet und wohnen mit der Familie ihres Ehemannes, die sie im Alter pflegen werden. Aus diesem Grund werden Frauen, die Mädchen auf die Welt bringen, beschuldigt, ausgegrenzt und teils bestraft. So auch Anuska. Die Schwiegereltern beschuldigten die junge Mutter, eine schlechte Frau zu sein, da sie keinen Jungen zur Welt brachte. Sie wollten das dritte Mädchen nicht. Auch auf die Unterstützung ihres Mannes konnte Anuska nicht zählen, denn er ist stark alkoholabhängig und morgens bis abends betrunken. Die Schwiegereltern der jungen Mutter trafen eine schreckliche Entscheidung; Anuska und ihr Baby sollen keine Nahrung mehr erhalten. Die junge Mutter hatte keine Möglichkeiten, auf andere Weise an Nahrungsmittel heranzukommen, als von Zuhause. Denn niemand möchte sich in eine Familienangelegenheit einmischen…
…als uns zu Ohren kam, dass Anuska und ihr Baby verhungern sollten, haben wir uns sofort mit der Familien-Tragödie auseinandergesetzt. Der erste Schritt war, der Mutter Nahrung zu ermöglichen, so dass sie ebenso ihr Baby versorgen kann. Wir entschieden uns Anuska tagsüber Essen zu bringen und am Abend konnte sie ins Kids Care kommen, um mit unseren Kindern zu essen. Dann begannen die Gespräche mit den Schwiegereltern von Anuska. Doch die Kommunikation war sehr schwierig. Die Schwiegereltern wollten uns glaubhaft machen, dass sie verstehen, dass ihre Entscheidung nicht gut war. Sie erzählten uns, dass sie ihrer Schwiegertochter von nun an wieder Essen geben werden. Jedoch hielten sie sich nicht an die Abmachung. Somit veranlassten wir die Essenabgabe für Anuska erneut und suchten regelmässig das Gespräch mit den Schwiegereltern, leider ohne grossen Erfolg. Dann geschah etwas Unerwartetes. Durch unser Handeln fühlten sich die Dorfbewohner von Ghole Tole dazu ermutigt, ebenso etwas zu unternehmen. Sie sprachen über die Ungerechtigkeit und statt Anuska auszugrenzen, was in einer solchen Situation normal wäre, fingen sie an, die junge Mutter zu unterstützen. Immer wenn die junge Frau ins Dorfzentrum kam, sprachen ihr andere Frauen Mut zu und gaben ihr zu Essen. Weiter vermittelten sie Anuska kleinere Arbeiten mit Verdienstmöglichkeiten, die es ihr ermöglichten, für ihr eigenes Essen aufzukommen. Diese Wandlung ist, in einer Gemeinschaft in der sich niemand traut, sich in andere Familienangelegenheiten einzumischen, ein sehr grosser Erfolg. Es verhilft den Dorfbewohnern über Recht und Unrecht (Ethik) nachzudenken und ebenso zu handeln, auch wenn es nicht die eigene Familie ist. Wir hoffen, dass sich in Zukunft im Dorf eine solche Geschichte nicht mehr wiederholt, da sich die Gemeinde durch die Unterstützung der Frau, gegen die Handlung der Schwiegereltern gestellt hat. Die Familien wissen nun, dass die Mehrheit des Dorfes, diese Form von Gewalt an Frauen nicht mehr unterstützt.
Nach einigen Tagen in Nepal war es für mich an der Zeit, die Projekt-Orte in Indien zu besuchen. Ich war enorm gespannt zu sehen, wie der Bau des Theler Kids Cares vor sich ging und ebenso wie es dem Team und den Kindern im Kids Care House of Hope erging, das wir anfangs letzten Juni eröffnen durften.
Im House of Hope angekommen, wurden wir von den Kindern und dem Team herzlich empfangen. Es war eindrücklich, was das Team in dieser kurzen Zeit erreichen konnte. Es war ersichtlich, dass sich die Kinder im House of Hope schon zuhause fühlen. Die Struktur im House of Hope ist etwas anders als im Thomas Kids Care in Nepal. Da die Kinder in der staatlichen Schule eine sehr, sehr schlechte Bildung erhalten, ist es unsere Hauptaufgabe, die Kinder auf den schulischen Stand zu bringen, auf dem sie sein sollten. Auch die Nahrung spielt hier eine grosse Rolle. Familien in diesen Dörfern sind teils so arm, dass sie ihre Kinder nicht ernähren können. Somit ist das House of Hope eine sehr wichtige Anlaufstelle für die Kinder, um stark und gesund zu bleiben.
Das Theler Kids Care nimmt nun so richtig Gestalt an. Alle vier Wände sind erstellt und man sieht wie das Endresultat aussehen wird. Im Dorf können die Kinder die Eröffnung des Kids Care’s kaum erwarten und wir hoffen alle, dass es ganz bald soweit ist!
Nicht nur die Kids Care’s erwarteten uns. Auch vier Mütter mit ihren Kindern kamen aus anderen Dörfern angereist, um uns um unsere Hilfe zu bitten. Die Kinder Subhalaxmi, Bibek, Amosh und Mousumi benötigten und benötigen alle unsere Unterstützung. All diese Kinder brauchen medizinische Behandlung um zu überleben. Subhalaxmi und Bibek konnten wir gleich an ein Spital überweisen, wo sie sehr gut versorgt und betreut werden. Amosh und Mousumi werden sich anfangs November in Behandlung begeben. Voraussichtlich benötigen all diese Kinder eine konstante Betreuung und Unterstützung von Hope is life auch in ferner Zukunft, um ohne Schmerzen und in Würde leben zu können.
Ganz lieber Gruss aus Indien
Andrea