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Ausgewählte Klettertouren in den Waadtländer Alpen
Michel Ziegenhagen, Lausanne
Die amerikanischen Routen an der Sphinx d' Aï Seit mehr als einem Jahrhundert wird an den Tours d' Aï geklettert. In seinen ( Traditions et légendes de la Suisse romande ) ( 1872 ) berichtet Alfred Céresole von dem ersten Aufstieg zur Grotte aux Fées, die mit Hilfe selbstgemachter Leitern geschah: Zwei Sennen suchten dort den Schatz der Besitzer. Layton Kor, dem für das Klettern mit künstlichen Hilfsmitteln unwahrscheinlich begabten Amerikaner, gelang es 1965, das Dach der Grotte, zuckrig-brüchigen überhängenden Fels, zu überwinden, was beweist, dass Nerven ihm völlig fehlten. Hat Kor den Schatz entdeckt? Wenn meine Informationen stimmen, hat er sich nach der Rückkehr in die Heimat der Verbreitung des Wortes Gottes gewidmet und Bibeln vertrieben. Doch seine Leistungen vermitteln eine Vorstellung, was in Amerika als A4 und A5 eingestufte Passagen bedeuten können, eine gute Antwort an jene, für die das Klettern mit künstlichen Hilfsmitteln etwas Verächtliches ist.
Harlin-Robbins-Route und die rechte Route des Couloir, die im Ruf steht, die schwierigsten Passagen der Waadtländer Alpen zu bieten.
Erste Begegnung mit der Harlin-Robbins-Route: Jean-Luc entdeckt am Fuss der einen Haken, meint, er sässe etwas zu hoch, und beschliesst, Stand zu machen. Der ( Statist ) kommt und zieht ein Gesicht: Zum Teufel, ein alter, schlecht angebrachter Nagel in miesem Fels als Sicherung! Durch seine unbeschwerte Art zerstreut Jean-Luc schnell meine Bedenken und erreicht den richtigen Stand. Dieser in Klemmtechnik zu bewältigende Riss gefällt mir nicht sehr. Mit meinen harten Schuhen - ich habe noch keine Kletterschuhe in meiner Grösse gefunden -ziehe ich es vor, links, mitten in der Wand, an kleinen Griffen und Tritten emporzuklimmen. Das geht beinahe leicht - als Seilerster wäre ich allerdings anderer Meinung gewesen! -, bis ein Griff, der schlecht mit der Wand verbunden ist, plötzlich ausbricht. Ich muss also doch zu diesem Riss überwechseln. Er hat übrigens eine Besonderheit: Kaum hat man ihn in Angriff genommen, meint man, es wäre vorzuziehen ihn in genau umgekehrter Position anzugehen. Nachdem ich diese trügerische Überlegung mehrmals angestellt habe, empfinde ich die Möglichkeit, einen Überhang ( in den Führern ist er grosszügig als ( Dach ) bezeichnet ) zu erklimmen, als Befreiung. Jean-Luc lächelt: Er meint, das härteste Stück sei geschafft. Irrtum, das nächste ist noch schwieriger, so dass beim folgenden Stand die Helden etwas müde sind und beschliessen, nach links auszusteigen. Für den Rob-bins-Ausstieg werden wir ein andermal wiederkommen, das steht fest.
Eine Woche später nehmen wir die rechte Route des Couloir in Angriff. Es beginnt mit einer schönen Wand, die feines, mehr technisches Klettern bietet, dann folgt ein überhängender Riss in kompaktem und goldgelbem Fels, eine Dülferpassage, um sich zum Himmel aufzuschwingen! Unglücklicherweise ruiniert eine Folge von Holzkeilen die Eigenart dieses Aufstiegs und führt zu der gewohnten Unentschiedenheit: freies Klettern oder Klettern mit künstlichen Hilfsmitteln? Diese ( Ausrüstung ) scheint das Werk eines Waadtländer Bergführers zu sein, eine unbestreitbar gründliche Arbeit - wir begegnen ihr später auch beim Robbins-Ausstieg -, aber wenig erfreulich für die Anhänger des Freikletterns. Gemäss deren Vorstellungen wird die Ausrüstung in einigen Jahren wohl wieder anders aussehen. Der Ausstieg ist übrigens derselbe wie bei der vorigen Route.
Wieder eine Woche später nehmen wir noch einmal die Harlin-Route in Angriff und beenden sie mit dem Robbins-Ausstieg. Bis dahin hat mich die Felsqualität der Sphinx begeistert, der Robbins-Ausstieg bringt mir in dieser Hinsicht aber eine noch grössere Befriedigung als ich es je erhoffte. Zunächst eine vollkommen kompakte Platte, leicht reliefiert vom Wasser, das wenige kleine, mit Spitzen und schneidenden Kanten gespickte Vorsprünge geschaffen hat. Die Haftung grenzt hier ans Wunderbare, aber Vorsicht mit den Fingerspitzen! Leider ist diese Passage in letzter Zeit durch einen Bohrhaken entschärft worden: Die Sphinx inspiriert nicht alle ihre Besucher in gleichem Masse!
Einige Meter vor dem Ausstieg hält Jean-Luc in schwieriger Lage an und macht sich an eine mühsame Arbeit: Der letzte Haken ist so ungünstig angebracht, dass er zunächst mit einer Reepschnur versehen werden muss. Mit nur einer Hand scheint mir das mit der Nylonschnur, die sich windet wie ein eben ausge-grabener Regenwurm, sehr gewagt. In Erwartung des drohenden Sturzes bringe ich mich in die richtige Stellung und beobachte die Seile. Jean-Luc hält unerschütterlich stand. Er wird fallen, das ist sicher! Doch die Reepschnur ist endlich eingefädelt. Allerdings muss sie noch verknotet werden - weiterhin mit einer Hand! -, der Karabiner schnappt zu, ein befreiendes Geräusch, nur nicht für das Seil, das dadurch ( eingefangen ) wird. Mein Führer steigt entspannt weiter, für mich bleibt nur der kalte Schweiss!
Er sollte, wenn auch mit höherer Temperatur, im Aufstiegsriss wiederkehren, der, in einer athletischen Dülferpassage, einen Haken nach links schlägt. Hände und Füsse gerieten mir durcheinander, und es fehlte nicht viel, dass ich alles losgelassen hätte. Ernsthaft: Ich würde nichts dagegen einwenden, wenn man diese Passage wieder als VI + einstufte.
In der kleinen Wirtschaft von En Mayen neigten sich zwei lachende Gesichter über ein Fondue. Es war genau die richtige Atmosphäre, um neue Pläne zu schmieden.
Ä..J Sphinx an der Tour d' Aï Die Paroi du Diamant an der Tour de Mayen In dieser Wand im Sockel der Tour wurde 1960 die , die erste Route des V. Grades in den Tours und dazu eine der allerersten überhaupt in ihren Wänden, durch den Franzosen Gilles Bodin und den Schweizer Claude Perrin eröffnet. Man findet Gilles Bodin übrigens an den verschiedensten Orten im Einsatz: bei der ebenso erfolgreichen wie umstrittenen Rettung zweier deutscher Kletterer, die in der Westwand des Petit Dru blockiert waren, einem Unternehmen, das René Desmaison handfeste Feindschaft von seiten Cha-monix'eintrug; als Mitglied einer Mannschaft, die Sylvain Saudan bei der Ausführung einiger seiner Unternehmungen unterstützte; ja sogar in der Erinnerung meiner jüngeren Schwester, bei der er vorübergehend Unterschlupf gefunden hatte, als ihm der französische Boden -aus militärischen Gründen, wenn ich nicht irre - zu heiss wurde.
Ende November 1981 bin ich mit Yves am Fuss der Wand. Wir wollen drei Routen in einem Zug aneinanderreihen. Zunächst die ( Diagonale ), eine eigenartige Route, die von der zweiten Seillänge an schräg nach links emporführt und vom Seilzweiten erhöhte Selbständigkeit fordert. Es beginnt ausgezeichnet in gutem Fels, mit Ausnahme einer Passage, wo man - unglücklicherweise - sich an zweifelhaften Schwarten hochziehen muss. Dann kreuzt man die . Yves benutzt die Gelegenheit und lässt sich am Seil zurückgleiten. Dabei räumt er einen grossen Block fort.
der sich in eine Staubwolke auflöst: auch eine Art Putzfrauenarbeit!
In ein paar wenigen, leichten Kletterschritten erreichen wir wieder den Wandfuss. Mit Überraschung entdecke ich dabei, dass ich vor 25 Jahren schon einmal über diesen Weg abgestiegen bin, als ich allein, als einfacher Tourist, ins Land meiner Kindheit zurückgekehrt war. Zur gleichen Zeit hatte mich auf dem Pfad der Tour d' Ai in solchem Masse Schwindel gepackt, dass ich die mir am gefährlichsten erscheinende Passage nur noch auf allen Vieren zu bewältigen vermochte. Die Angst vor dem Abgrund hat mich nach meiner ersten alpinistischen Saison verlassen - ich habe sie 1969 auf dem Gipfel des Rasoir des Ecandies verloren -, um nie wiederzukehren, ausser in jenen Alpträumen, die in einen unendlichen Sturz münden; doch auch sie sind seit langem vorbei.
Die ( Voie Centrale ): Ein eher harter Beginn mit einem Dach, das nach rechts überstiegen werden muss. Yves bewältigt die Strecke in freier Kletterei - es wurde schliesslich die erste Rotpunktbegehung dieser Route -, meine Ermutigungen sind ihm dabei zweifellos eine wirksame Unterstützung. Verfrühte Glückwünsche. ( Noch bin ich nicht oben !) schnauft mein Vordermann, während er mit dem Fels kämpft, um den nächsten Schritt tun zu können.
Das Beispiel ist ansteckend. Bis zum ersten Haken des Dachs halte ich mich an die Spielregeln, aber mir erlahmen die Arme, und den zweiten Haken muss ich buchstäblich anspringen. Ich werde mich hier wohl damit begnügen müssen, mich teilweise an den Haken emporzuziehen. Nach diesem etwas grimmigen Einstieg wird die - übrigens sehr schöne -Route mit dem gleichen Schwung bewältigt.
Zwei Kletterer nehmen die ( Voie Centrale ) in Angriff, als wir die
Begegnung mit den beiden, vorhin kurz entdeckten Kletterern und Vorstellung. Wirklich, die bescheidenen Wände der Tours ziehen auch bekannte Namen an! Es sind Yvette Vaucher und Stéphane Schaffter. Plötzlich fühlt sich der ehemalige Ormonan zum Gastgeber berufen und macht sich das Vergnügen, in sein Reich zu einer Flasche auf die gute Heimkehr einzuladen.
Sommet Centrale der Argentine, der Grand Dièdre In den Westalpen kam zur Vorkriegszeit der « Geist des VI. Grades ) nur verhältnismässig selten zum Ausdruck. Die traditionsverwurzel-ten Vorstellungen haben, ebenso wie die gesellschaftlichen und - sehr verständlichen -politischen Vorurteile sicher zu diesem Stand der Dinge beigetragen. In den Waadtländer Voralpen zeugen auf jeden Fall zwei Routen von der Tätigkeit von Pionieren, von Leistungen, denen man höchste Achtung bezeugen muss. Wie durch Zufall führten beide auf den Sommet Central der Argentine: Zum einen die
Mitte Juli 1982 waren die Cheminées Noires absolut trocken, nur der stellenweise wirklich schlechte Fels erforderte Geschick. Es geht kurz über die Grande Vire bis an den Fuss der Route der ( Bons Gazons ). Eine kurze Mauer am Anfang hat zum Ruf dieser Route beigetragen. Yves erledigt sein Teil schnell und steigt ungefähr 20 Meter aber zugleich stark links haltend empor um dort Stand zu machen. Das schräg nach oben verlaufende Seil ist für mich ziemlich unbequem. Seitlicher Seilzug mitten in der Kletterstelle: Der Ort ist schlecht gewählt für solche Scherze. Ich würde es vorziehen, an der Spitze der Seilschaft zu gehen, denn drei Meter tief auf den Boden zu fallen scheint mir weniger Ungewissheit zu enthalten als ein langer Pendler, der Gott weiss wo endet. Doch da steigt mein Führer in voller Geschwindigkeit ab, wobei er sich entschuldigt - welche Höflichkeit! -, er habe vergessen, einen Haken einzuhängen. Wohlverstanden erlaubt mir diese Massnahme, plötzlich für nahezu leicht zu halten, was mir noch einen Augenblick vorher praktisch unmöglich schien.
Zwei Seillängen in den ( Bons Gazons » ( mit einer Variante nach rechts ) machen mir klar, dass auch diese Route nicht wenig interessante Felspassagen aufweist. Dann folgt eine grosse Traverse nach rechts von ungefähr drei Seillängen, und dies in einer so steilen und wilden Wand, wie man es sich nur wünschen kann. Jedoch steht man am Ende kaum höher als der Ausgangspunkt. Aber deswegen sind wir ja auch gekommen, und wir werden uns nicht zu beklagen haben. In zwei Abschnitten steigt der Seilerste empor, dessen Scharfsinn mittlerweile die zahlreichen Tücken der Routenführung überlistet hat. Dann folgt ein dritter wegen eines Fehlers des Nachfolgenden, der plötzlich seinen Sohlen nicht mehr traute und darum vergass, das beim letzten Haken belassene Material mitzunehmen. Aufsteigende, absteigende, horizontale Querungen wechseln sich ab; Passagen des Kletterns mit künstlichen Hilfsmitteln, von denen wir uns vorgenommen hatten, sie frei zu machen, und die wir nun mit der doppelten Behinderung durch stellenweise unsicheren Fels und durch eine Ausrüstung, die es verdienen würde, erneuert zu werden, im ( AO-Stib bewältigen ( die Strickleitern sind tatsächlich im Keller geblieben ). Doch verbleiben zwischendrin Freiklet-terpassagen im VI. Grad, wenn man auf die Haltepunkte verzichtet, die alte und lange, an schlecht sitzenden Haken hängende Reep-schnurschlingen möglich machen würden.
All das beansprucht unsere Aufmerksamkeit bis das Gewitter im Augenblick, als wir die eigentliche Verschneidung erreichen, überraschend auf uns niedergeht. Nach zwei kurzen Hagelschauern ist alles, was nicht senkrecht ist, weiss. Eine Winterbesteigung im Juli? Welch schlechter Scherz. Zum Glück ist der letzte Teil der Klettertour klassischer Natur und ermöglicht uns, bei trockenem Fels einen schönen letzten Aufstieg 500 Meter über dem Fuss des Berges.
Auf dem Gipfelgrat verkündet Yves ein bei ihm seltenes Urteil. ( Diese Route ist zu tief eingestuft !) Das ist, in eine trockene technische Formel gekleidet, eine aufrichtige Ehrung für jene, die vor mehr als 40 Jahren diese Route eröffnet haben.
Aus dem französischen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern.
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