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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Neunundzwanzigste Homilie
III.
Ist also auch die Gabe verschieden, so ist es doch nicht der Geber; denn ihr schöpfet beide aus der nämlichen Quelle.
3. Und Vertheilungen der Dienste gibt es, jedoch es ist derselbe Herr.
Um die Tröstung zu erhöhen, nennt er auch den Vater und den Sohn. Er gibt also den Gnadengaben wieder einen anderen Namen und ersinnt somit einen neuen Trostgrund, weßbalb er spricht: „Und Vertheilungen der Dienste gibt es, doch es ist derselbe Herr.“ Denn wer von einer Gnadengabe hört und weniger empfangen hat, der dürfte sich vielleicht grämen, wer aber einen Dienst überkam, nicht also; denn Dieses deutet auf Schweiß und Anstrengung. Was kränkt es dich nun, will er sagen, wenn Gott einem Andern mehr Arbeit auflegt, dich aber verschont?
6. 7. Und Vertheilungen von Wirkungsweisen gibt es, jedoch es ist derselbe Gott, welcher wirket Alles in Allem. Jeglichem aber wird gegeben die Offenbarung des Geistes zum Frommen.
Was ist nun eine „Wirkungsweise“, wird man fragen, was eine Gnadengabe, was ein Dienst (Amt)? Dasselbe, nur unter einem andern Namen. Gnadengabe, Dienst (Amt) und Wirkungsweise besagen Dasselbe. „Fülle dein Amt aus!“ heißt es.1 „Ich rechne mir mein Amt [S. 501] zur Ehre.“2 Und an Timotheus schreibt er: „Darum erinnere ich dich, wieder anzufachen die Gnadengabe Gottes, welche in dir ist durch die Auflegung meiner Hände.“3 Und in seinem Briefe an die Galater sagt er wieder: „Denn Derjenige, welcher wirksam gewesen für Petrus zum Apostolate (der Beschneidung), ist wirksam gewesen auch für mich unter den Heiden.“4 Siehst du, daß er keinen Unterschied macht zwischen den Gnadengaben des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes? daß er die Personen durchaus nicht vermischt, sondern ihnen als gleichen Wesens gleiches Ansehen zuschreibt? Denn er sagt, daß der Vater und der Sohn Dasselbe wollen und verleihen, was der heilige Geist in Gnaden verleiht.5 Wäre aber das Eine weniger als das Andere, so würde er sich nicht auf diese Weise ausgedrückt und den Gekränkten nicht so getröstet haben. Hierauf tröstet er noch auf eine andere Art, nämlich mit der Bemerkung, daß die Gnadengabe, wenn auch in geringerem Maße gespendet, ihm dennoch Nutzen gewähre. Denn nachdem er gesagt, daß es Ein und derselbe Geist, ein Herr, ein Gott sei, so setzt er hinzu: „Jeglichem aber wird gegeben die Offenbarung des Geistes zum Frommen.“ Damit etwa Niemand sage: Was soll es mir, daß es ein Herr, ein Geist und ein Gott ist, wenn ich weniger empfangen habe? so spricht er, daß ihm Dieses fromme. Unter der Offenbarung des Geistes versteht er die Zeichen und zwar mit Recht; denn mir, als einem Gläubigen, ist Derjenige kenntlich, welcher den hl. Geist hat, weil er getauft ist; dem Ungläubigen aber ist Dieses nicht offenbar, der kann es nur aus den Zeichen erkennen; also auch von dieser Seite ist die Sache recht tröstlich. Denn obschon die Gnadengaben verschieden sind, so gibt es doch nur ein Zeichen; du bist kennbar, magst du mehr oder weniger empfangen haben. [S. 502] Willst du beweisen, daß du den Geist hast, so hast du hinreichende Kennzeichen. Da es nun ein und derselbe Geber, und die Gnadengabe ein Geschenk, und dieses sichtbar ist, so gräme dich nicht, als wärest du zurückgesetzt! Denn Gott hat Dieses nicht gethan, um dich zu kränken oder um dich Andern nachzusehen, sondern aus Schonung und in der Absicht, dein Bestes zu fördern. Denn empfängt Jemand mehr, als er zu ertragen vermag, so ist Dieses nicht nur unnütz, sondern auch schädlich und benimmt ihm den Muth.
8. 9. Dem Einen nämlich wird durch den Geist gegeben das Weisheits-Wort, dem Andern aber das Wissenschafts-Wort nach demselben Geiste; dem Einen Glaube in demselben Geiste, einem Andern Gnadengaben zu Heilungen in dem einen Geiste.
Siehst du, wie er überall denselben Zusatz macht: „in demselben Geiste,“ „nach demselben Geiste“? Denn er weiß, daß Dieses sehr tröstlich ist.
10. Einem Andern aber Wirkung von Wunderkräften, einem Andern Weissagung, einem Andern Geister-Unterscheidung, einem Andern Sprachen-Arten, einem Andern Sprachen-Auslegung.
Weil sie sich darauf viel einbildeten, darum nennt er diese Gnadengabe zuletzt und fügt bei:
11. Dieß alles aber wirkt der eine und derselbe Geist.
Der allgemeine Trostgrund besteht darin, daß aus derselben Wurzel, aus demselben Schatze, aus derselben Quelle Alle empfangen. Aus dieser schöpft er nun fortwährend [S. 503] und sucht die scheinbare Ungleichheit zu heben und den Gram darüber zu mildern. Oben hatte er gezeigt, daß der Geist und der Sohn und der Vater die Gnadengaben vertheilen; hier begnügt er sich, nur den Geist zu nennen, damit du daraus ihre gleiche Würde erkennest. Was ist aber das „Rede der Weisheit“? Paulus besaß es, Johannes, der Sohn des Donners, besaß es. Was ist aber das „Rede der Erkenntniß“? Diese Gnadengabe besahen die meisten Gläubigen, die zwar Kenntniß hatten, aber nicht so recht lehren, noch Andern erklären konnten, was sie wußten. „Dem Einen Glaube,“ — nicht der Glaube in Bezug auf die Dogmen, sondern der Wunderglaube, und von diesem Glauben sagt Christus: „Wenn ihr einen Glauben haben würdet wie ein Senfkorn und sagen werdet zu diesem Berge: Hebe dich von da fort, so wird er sich dorthin erheben.“6 Um diesen Glauben baten die Apostel, indem sie sprachen: „Vermehre uns den Glauben!“7 Denn dieser Glaube ist die Mutter der Wunder. Die Gnadengabe aber zu Heilungen (Kranke zu heilen) und die Kraft, Wunder zu wirken, sind nicht einerlei. Denn wer nur die Gabe der Krankenheilung besaß, der heilte bloß; wer aber die Kraft der Wunder besaß, der strafte auch; denn diese Kraft kann sowohl heilen als strafen, wie denn Paulus mit Blindheit, Petrus mit dem Tode bestraft haben. „Einem Andern aber Weissagung, einem Andern Geister-Unterscheidung.“ Was will Das sagen: „Geister-Unterscheidung“? Erkennen, wer geistig sei, und wer nicht; wer ein Prophet, und wer ein Betrüger sei; — was Paulus auch an die Thessaloniker schrieb: „Weissagungen verschmähet nicht; Alles aber prüfet; was gut ist, behaltet!“8 Denn damals zeigte sich das große Verderbnis9 der falschen Propheten, indem sich [S. 504] der Teufel bemühte, die Lüge an die Stelle der Wahrheit zu setzen. „Einem Andern aber Sprachen-Arten, wieder einem Andern die Gabe der Sprachen-Auslegung.“ Denn der Eine wußte, was er sagte, konnte es aber keinem Andern erklären; der Andere besaß beide Gaben oder wenigstens die eine derselben.
1: II. Tim. 4, 5.
2: Röm. 11, 13.
3: II. Tim. 1, 6.
4: Gal. 2, 8.
5: Χαρίζεται.
6: Matth. 17, 19.
7: Luk. 17, 5.
8: I. Thess. 5, 20. 21.
9: Διαφθορά; eine andere Leseart hat: διαφορά (Unterschied).