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Vor fünfzig Jahren, 1968, wurde Max Frischs Theaterstück Biografie: Ein Spiel am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Doch bis zur Premiere war es ein steiniger Weg.
Hauptproben mit Leopold Lindtberg, Ullrich Haupt und Peter Frankenfeld, Januar 1968 (Com_A0911-02-02)
Noch im Juni 1967 schien die Welt für Max Frisch in Ordnung. Im Herbst sollte sein neues Stück im Zürcher Pfauen Premiere feiern. Dort waren alle seine bisherigen Stücke uraufgeführt worden. Zwar konnte oder wollte der von ihm favorisierte DDR-Regisseur Benno Besson die Regie nicht übernehmen, doch mit Rudolf Noelte schien ein adäquater Ersatz gefunden. In einem Interview äusserte sich Frisch hoffnungsvoll:
Er gehört zu den allerbesten Regisseuren, die wir heute im deutschen Sprachgebiet haben. Wir arbeiten zum ersten Male zusammen, und ich verspreche mir sehr viel davon.[1]
Noelte war berühmt für seine Genauigkeit in der Inszenierungsarbeit, aber auch berüchtigt für seinen schonungslosen Umgang mit seinen Schauspielerinnen und Schauspielern. Er galt als „der grosse Schwierige“ unter den deutschen Theatermachern.[2] Hinter den Kulissen entstanden auch zwischen Max Frisch und ihm bald die ersten Spannungen. Ohne Rücksprache zu halten, ging Noelte ein Engagement in Hamburg ein, weshalb der Zürcher Premierentermin von Oktober auf September 1967 vorverlegt werden sollte. Frisch behagte die damit verbundene Kürzung der Probenzeit nicht – zumal sich auch die Proben selbst als zunehmend schwierig erwiesen. Noelte nahm weitreichende Eingriffe im Text vor, die Frisch nicht akzeptieren wollte. An die Leitung des Schauspielhauses schrieb er:
ich habe mich der Kritik zu stellen, aber ich habe meine Arbeit nicht den Intentionen eines Dritten zu unterwerfen. Ich kann es nicht. Ich habe Mitarbeit geleistet bis an die Grenze des Selbstverrats.[3]
Aus dem Typoskript zum Tagebuch 1966-1971 (© Max Frisch-Stiftung, Zürich)
Frisch hätte sich wohl einen Neustart des ganzen Projekts gewünscht – so wie die Hauptfigur seines Stückes ihr ganzes Leben noch einmal neu beginnen und dadurch die eigene Biografie verändern möchte. Zumindest ein Wechsel des Regisseurs war unabdingbar und so wurde die Premiere vorerst abgesagt. Biografie: Ein Spiel kam erst im Februar 1968 auf die Bühne. Die Regie übernahm schliesslich der Intendant des Schauspielhauses, Leopold Lindtberg.
Doch die Sache sollte ein Nachspiel haben. Rudolf Noelte reichte eine Klage ein und versuchte damit, die Verbreitung der Buchfassung, die der Suhrkamp Verlag herausgebracht hatte, zu verhindern. Er behauptete, an der Bearbeitung massgeblich beteiligt zu sein und verlangte deshalb entsprechenden Schadensersatz. Das Kammergericht Berlin gab dem Kläger zunächst recht, doch der Suhrkamp Verlag legte Revision ein. Im Oktober 1970 reflektierte der Verleger Siegfried Unseld die Situation:
Das Kammergericht Berlin hat nach meinem Urteil einen entscheidenden Fehler darin gemacht: es nahm als Unterlage die von Noelte korrigierte Manuskriptfassung. Diese Manuskriptfassung ist in der Tat eine tiefgreifende Bearbeitung; das hat Max Frisch auch „anerkannt“, d. h., seine gesamten Briefe, die immer wieder jetzt als Zeugnis gegen ihn zitiert werden, beziehen sich auf diese Fassung. Nur: diese Fassung wurde nicht realisiert, und nur ein Bruchteil der Noelteschen Änderungen sind in die Buchfassung übernommen worden.[4]
Bis vor den Bundesgerichtshof, die letzte Instanz für Zivil- und Strafsachen in Deutschland, ging die Auseinandersetzung. Das Urteil wurde am 19. November 1971 verkündet: Das Gericht wies Noeltes Klage ab.
Zu der gescheiterten Zusammenarbeit resümierte Max Frisch in einem Interview:
Rudolf Noelte, gerühmt als hervorragender Regisseur, hat das falsche Stück gewählt. Dass wir beide es zu spät gemerkt haben, kommt von der gegenseitigen Hochschätzung.[5]
Max Frisch und das Recht
Ausstellung im Max Frisch-Archiv, bis 12. April 2019
Vernissage: 24. Oktober 2018, 18 Uhr
Weitere Informationen auf der Website des Max Frisch-Archivs
Quellen
[1] Rainer Litten: Sein neues Stück. Was Max Frisch darüber im Gespräch verriet, in: Christ und Welt, 30. 6. 1967.
[3] Max Frisch an Leopold Lindtberg, Eduard Zellweger und Sigmund Widmer, 24. 9. 1967, Max Frisch-Archiv, Zürich.
[4] Siegfried Unseld: Chronik, Bd. 1: 1970. Mit den Chroniken Buchmesse 1967, Buchmesse 1968 und der Chronik eines Konflikts 1968, hg. von Ulrike Anders, Raimund Fellinger, Katharina Karduck, Claus Kröger, Henning Marmulla und Wolfgang Schopf, Berlin: Suhrkamp 2010, S. 310.
[5] Dieter E. Zimmer: Noch einmal anfangen können. Ein Gespräch mit Max Frisch, in: Die Zeit, 22.12.1967. Zit. nach: Max Frisch: „Wie Sie mir auf den Leib rücken!“. Interviews und Gespräche, hg. von Thomas Strässle, Berlin: Suhrkamp 2017, S. 71 f.