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Es gibt ein Indio-Volk im Norden von Amazonien, das seine besondere Geschicklichkeit in der Kultivierung von Dutzenden verschiedener Pfeffersorten unter Beweis gestellt hat – die meisten davon sind eigene Kreationen.
Die Zeremonien-Flöte ist ein Geschenk, welches der junge Baniwa von seinem Vater bekam, der ihr Spiel mit dem Grossvater gelernt hat, und dieser hat das uralte, hölzerne Instrument einst von seinen Ahnen erhalten. Jetzt versucht der junge Mann, zusammen mit seinem Freund, die Musik seines Volkes am Leben zu erhalten, zusammen mit zahlreichen traditionellen Utensilien innerhalb einer “Oca“ (traditionelle Behausung), die er mit eigenen Händen gebaut hat. In der Sprache seines Volkes erklärt er uns, dass die Erhaltung einer Musik, eines Liedes, einen Schritt zur Erhaltung einer ganzen Kultur bedeutet.
Ein brasilianisches Reportage-Team reiste bis zum “Hundskopf“, einem Gebiet im extremen Norden des Bundesstaates Amazonas, um mit eigenen Augen sehen zu können, wie ein Indio-Volk ein Juwel der brasilianischen Küche, den Pfeffer, nicht nur in den bekannten schwarzen und weissen Sorten kultiviert, sondern in unglaublich viele verschiedene Varianten genetisch verändert hat. Der erste Zwischenaufenthalt ist in São Gabriel da Cachoeira, einem kleinen Ort am Ufer des Rio Negro, mit 38.000 Einwohnern. Neben dem Flugzeug ist der Transport auf dem Wasserweg die einzige Möglichkeit, diesen Ort zu erreichen und auch wieder zu verlassen.
Nach den letzten Vorbereitungen für die Wildnis – an einem Tag, der mit einem fantastischen Sonnenuntergang zu Ende ging – hiess es am nächsten Morgen sehr früh aufzustehen, um in einem starken Motorboot des Militärs den Rio Içana hinaufzuschippern, einem der zahlreichen Nebenflüsse des Rio Negro, im Grenzgebiet zu den Nachbarländern Kolumbien und Venezuela.
Das Ziel war ein grosser Wasserfall des Rio Içana, der sich bereits im Territorium der Baniwa-Indios befindet – eine Bootsfahrt von sechs Stunden Dauer. Das brasilianische Militär unterhält entlang dieser Strecke einige Grenzposten, um Amazonien besonders gegen das Eindringen von Drogenhändlern abzusichern. In dieser Region bestehen die Grenztruppen fast ausschliesslich aus Indios, die in den lokalen indigenen Kommunen geboren wurden, welche man während der Fahrt am Ufer entdecken kann. Diese Männer kennen das Labyrinth der Wasserwege durch den dichten Dschungel genau.
Das Baniwa-Dorf am grossen Wasserfall besteht aus wenig mehr als dreihundert Personen. Der Eingang zur Kommune befindet sich in einer schönen, ruhigen Bucht, in der das Team eine Kinderschar empfängt, die sich hier im Wasser abzukühlen und zu spielen pflegt. Kinder und Jugendliche verbringen den Tag in der Dorfschule und auf einem Fussballfeld – die Erwachsenen arbeiten schwer auf ihren Feldern.
Im Dorf “Caatinga da Amazônia“ werden jeweils nur ein paar Pfefferschoten von jeder Pflanze geerntet. Vorsichtig werden sie in eine Hülle aus Blättern des Ambaúma-Baumes gelegt. “Sie schützt die Pfefferschoten. Damit sie keine Feuchtigkeit aufnehmen, werden sie auf diese Weise für drei bis vier Tage aufbewahrt“, erklärt einer der begleitenden Baniwa-Indios.
Jede Spezies ist der Stolz ihrer Besitzerin. Eine der Indios, die bei der Bearbeitung ihres Feldes ist, präsentiert die Namen ihrer Pfeffervariationen: “Ati itaperri“ und “Zacuite“. “Sie sind von unterschiedlichem Geschmack und Geruch“, erklärt der Begleiter. Auf den besuchten Feldern stammen die meisten Pfefferarten aus dieser Gegend, aber es gibt auch solche, die man aus anderen Regionen hierher gebracht hat.
Das Volk der Baniwa bewohnt diese Region seit mindestens dreitausend Jahren. Das weiss man aus dem archäologischen Register. Aber vielleicht ist ihre Präsenz sogar noch älter. Und, da der Pfeffer zu ihren primären Gewürzen gehört, ist es wahrscheinlich, dass sie im Lauf der Zeit all die vielen verschiedenen Pfefferarten gezüchtet haben, die man heute bei ihnen findet.
Die Mythologie der Baniwa erzählt, dass es zu Beginn ihrer Entstehung nur vorzeitliche Wesen gegeben hat – die waren weder Mensch noch Tier oder Pflanze. Bis eines Tages eine Gruppe dieser Wesen die Quelle der Macht über die anderen Spezies entdeckte. “In der Antike existierte ein grosser Baum, der in der Baniwa-Sprache “Cari catadapa“ genannt wird. Und an den Ästen dieses Baumes hingen verschiedene Früchte, eine davon war der Pfeffer. Damals gab es auch Wesen, die in Baniwa “Wacawene“ genannt werden. Unter ihnen gab es auch so ein Vorzeitwesen, das wir “Inhapculiqueu“ nennen, ihm ist Eroberung sämtlicher kulturellen Güter der Baniwa zuzuschreiben. Er benutzte die Pfefferfrucht, um damit seinen Körper unverwundbar zu machen und um mit ihr die Nahrung zu kochen“, erzählen die Baniwa.
Bei den Übergangsritualen ins Erwachsenenalter lernen die Jugendlichen, dass der Pfeffer ein Bakterizid ist, welches eine Kontaminierung der frisch verzehrten Nahrungsmittel verhindert. Während der Demonstration wird ein Vogel mit Fisch gefüttert und stirbt. Aber nachdem dieser Fisch in Pfeffer gekocht wurde, kann die Gruppe ihn sorglos verzehren. Von der mythologischen Pflanze bis zum heutigen Tag hat der Pfeffer seine Bedeutung bewahrt und seine Präsenz in den Dörfern hat zugenommen. In einer Untersuchung innerhalb des Programms “Junge Wissenschaftler Amazoniens“, das von einer NGO unterhalten wird, heisst es: “Wir haben nur im Becken des Rio Içana geforscht, von Nazaré bis Tucumã, und haben in diesem Gebiet bereits 57 Pfeffer-Varianten gefunden“.
Nach den Regeln der Baniwa darf eine Frau keinen Mann derselben Kommune heiraten. Diese Massnahme vermeidet Probleme einer Vereinigung zwischen Verwandten und trägt dazu bei, Zugang zu den Ressourcen anderer Regionen zu bekommen, wie zum Beispiel dem Pfeffer, ausserdem vereinfacht es die Zirkulation von Samen und die Erhaltung der Spezies. “Die Frauen, wenn sie heiraten, ziehen um in eine andere Kommune, in die Kommune ihres Ehemannes, und sie nehmen Pfeffersamen, sowie ein paar Artikel aus ihrem Haushalt, mit sich, die sind ihr Erbteil – und damit können sie beginnen, eine neue Familie zu gründen“, erklärt ein Ethnologe.
In ganz Amazonien wurden inzwischen mehr als 150 Pfefferarten katalogisiert, und ihre Kreuzungen bringen neue Varianten hervor. “Es existieren verschiedene neue Spezies, so viele, dass die Baniwa keine Namen mehr für sie finden. Die Vögel fressen viele davon – und dann nehmen sie die mit in andere Gegenden und pflanzen sie wieder bei anderen Personen“, sagt der eingeborener Begleiter.
Einige Dörfer haben sogar Pfeffer-Beschwörererinnen. Das ist stets eine alte Frau, die ihr geheimes Wissen von den Vorfahren geerbt und sich in vielen Ritualen während ihres Lebens weitergebildet hat. “Ábomi“ – die “Grossmutter“ in der Baniwa-Sprache – singt, um den Pfefferschoten Glanz zu verleihen. Sie erzählt, dass sie 75 Jahre oder älter sei, ihr genaues Alter weiss sie nicht, aber es scheint eher, dass sie jünger ist, ihr Gesicht ist noch erstaunlich glatt. Und sie ist von guter Gesundheit. Ihre Erklärung dazu ist: “Weil ich im Garten meiner Pfefferschoten lebe, die ich selbst kultiviert habe“!
Die Baniwa möchten den Rest des Landes würzen. In einer Ecke des Dorfes haben sie ihr “Aattipana dzoroo“ errichtet. Dieser Name muss erklärt werden: “Aatti“ ist der Pfeffer und “Pana“ heisst Haus – und “Dzoroo“ ist ein Käfer dieser Region, der eine Behausung baut, die aussen hässlich, aber innen spiegelglatt beschaffen ist. Das “Pfefferhaus“ der Baniwa ist simpel und klein, aber seine Konstruktion richtet sich nach einem von der “Nationalen Gesundheitsbehörde (Anvisa) vorgegebenen Qualitäts- und Sauberkeitsstandard. Im “Aattipana dzorro“ werden Dutzende Pfefferarten in frischer und in getrockneter Form gespeichert.
Ein Baniwa-Paar produziert im “Pfefferhaus“ das “Jiquitaia“ – den “Pfeffer mit Salz“. Der Prozess ist Handarbeit: Die Pfefferschoten verschiedener Arten werden von den Frauen des Dorfes herangeschafft – sie verkaufen ihre Ernte an die Beiden. Von ihnen werden dann die Pfefferschoten selektiert, gut gewaschen und in einen Ofen zum Trocknen gelegt. Der Mann ist für ihre Zerkleinerung in einem Mörser verantwortlich. Er verbringt Stunden stehend und stampfend, kann sich nicht setzen. “Wenn ich mich hinsetze, befindet sich meine Nase zu nahe am Mörser und atmet den Pfefferstaub ein – das halte ich nicht lange aus“, meint er grinsend.
Vom Mörser zum Sieb – der Pfeffer muss eine puderfeine, homogene Konsistenz annehmen. Dann, mit Hilfe einer Waage, wird eine Mischung vorgenommen: Genau 90% Pfeffer mit 10% Salz. Diese Produktion ist eher klein, aber Ziel ist es, sie so klein zu halten, um die Routine des Dorfes nicht zu verändern. Deshalb ist der “Jiquitaia-Pfeffer“ ein Gewürz, das man nur selten findet. Man kann ihn lediglich in einigen Geschäften von São Paulo kaufen.
Im Jahr 2010 wurde das Ackerbausystem der Baniwa, und anderer indigener Völker der Region am Rio Negro, zum “Kulturerbe Brasiliens“ erklärt.