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Hier sollte jetzt wohl eine Theaterkritik folgen, die zusammenfasst, was wir gesehen haben, interpretiert, was das alles bedeutet und beurteilt, ob die Darstellung gelungen war oder nicht etc. etc. Nicht ganz so einfach, denn: «Heute Abend kann alles passieren. Seid nicht zu verkopft, wir haben eigentlich keine Ahnung, was wir tun. Ihr könnt jederzeit die Halle verlassen.» Dies die Prämissen, die Korber, Wolfinger und Ramos gleich zu Beginn klarstellen. Alle drei haben angeblich unabhängig voneinander einen Teil vorbereitet und die anderen haben keine Ahnung, was sie erwartet. Echt jetzt? Umrahmt wird alles vom «zeitgenössischen Theater-Bingo», das Publikum mit Bingo-Blatt in der Hand kann 10 x 50 Franken gewinnen (gesponsert vom Nestlé-Kulturfonds (!)), wenn es fünf Dinge in einer Reihe ankreuzen kann, die Korber, Wolfinger und Ramos performen.
1. Teil: Daniel Korber singt ein Stück aus «Moulin Rouge», die anderen beiden müssen einen Autounfall mit Spielwagen vortäuschen und sich gegenseitig mit Leuchtstäben streicheln. 2. Teil: Daniel Korber rezitiert einen Text über das Publikum als Masse und die Künstlerschaft als Autorität, die sich der Masse bemächtigt. Dominik Wolfinger raucht dazu eine Zigarette im abgedunkelten Raum. 3. Teil: Korber und Wolfinger sind die Hauptfiguren aus «Mulholland Drive» und Korber muss – beide sind an ein Seil gebunden – ein Kissen erreichen (siehe Video unten). Bonusteil zum Schluss: Naira Ramos und Daniel Korber stellen die Silencio-Szene aus «Mulholland Drive» nach. [youtube]https://www.youtube.com/watch?v=ai4m4XKNpE0[/youtube] Verdammt. Jetzt weiss ich, woran mich das alles erinnert! Kennt ihr «The Big Lebowski»? Natürlich kennt ihr «The Big Lebowski». Erinnert ihr euch an den Vermieter des Dudes? Den Typen, der auch Theater spielt? Ja, an den hier.
Ich bin ein Performer – holt mich hier raus!
Daniel Korber pausiert das «Stück» in der Mitte und möchte reinen Tisch machen. Es ist ihm unwohl, weil das Bingo-Spiel die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht (die vorbereiteten Teile werden die ganze Zeit durch Bingo-Rufe unterbrochen). Korber vermutet im Publikum drei verschiedene Gruppen: diejenigen, die das Stück sehen möchten, diejenigen, die Bingo spielen wollen und diejenigen, die überhaupt nichts mit irgendetwas, was sich gerade auf der Bühne abspielt, anfangen können. Er halte die Stimmung nicht mehr aus. Eine schwierige Situation für die Performertruppe. Echt oder gespielt? Macht keinen Unterschied; der Erlebnisraum, den die Truppe hier eröffnet, ist der Wahnsinn! Alles, was sonst Sinn stiftet – die Inszenierung, die Künstlerinnen und Künstler, die Distanz des Publikums – beginnt zu bröckeln. Wie bei Lynchs Filmen, in denen Ideologien, Träume und Wünsche in ihre Bestandteile zerfallen.
Anything goes?
Wir sind das Biotop. Genau wie auch David Lynch mit dem Publikum spielt. Es gibt keine Erklärungen: Wir sind die Erklärung. Filme von David Lynch und Theaterstücke wie das heute Abend sagen uns mehr über uns selber als Zuschauer als über irgendetwas anderes. Korber, Wolfinger & Ramos: Wir lieben sie, wir hassen sie. Wir lachen mit ihnen, wir schämen uns fremd. Entweder ist das so genialisch wie Andy Kaufman, der in den 70er- und 80er-Jahren die halbe USA an der Nase herumführte, oder diese Truppe ist tatsächlich so unorganisiert und improvisierend, wie sie zu sein vorgibt.
Aber ist das dann nicht ein bisschen anything goes? Das kann doch jeder! Oder doch nicht? Ich bin verwirrt, aufgebracht, fühle mich um einen Theaterabend betrogen und gleichzeitig doch nicht. Und irgendwie habe ich das Gefühl, immer noch zu verkopft zu sein und irgendeinen Sinn hinter dem Ganzen zu finden. Ich liebe es, bitte mehr davon!
(Nach dem knapp zweistündigen Theater-Performance-Experiment gibt es eine kurze Pause und danach ein «langweiliges Publikumsgespräch», wo Daniel Korber, Dominik Wolfinger und Naira Ramos Fragen gestellt werden können. Ich bin nicht geblieben. Ich wollte keine Antworten. Die Fragezeichen sind mir lieber).
Die nächste, vierte «Expedition Hollywood Classics» findet am Samstag, dem 2. April um 20 Uhr im Südpol Luzern statt (Zum Film: «2001 – A Space Odyssey», Stanley Kubrick, USA 1968). Jede Episode ist einzigartig und der Besuch wird vom Autor dringend empfohlen; es ist jedesmal ein Gaudi. Idee & Künstlerische Leitung: Daniel Korber; Gastgeber & Performance: Daniel Korber, Dominik Wolfinger, Naira Ramos und diverse Gäste je Episode; Produktionsleitung: Kathrin Walde; Kamera: Savino Caruso; Praktikum: Naira Ramos; Ko-Produktion: Südpol Luzern.