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Weitaus der grösste Teil der Bevölkerung lebt im Mittelalter auf dem Land, wo sich ein nicht ganz einheitlicher Bauernstand herausbildet. Die meisten Bauern sind Leibeigene (Hörige) eines Grundherrn. Für diesen müssen sie seit dem frühen Mittelalter vor allem die Felder bestellen (Hand- und Spanndienste, auch Frondienste genannt). Mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft werden bis zum 14. Jahrh. aber die Frondienste vielfach durch Abgaben ersetzt. Für das Stück Land, die Mühle, die Fischereirechte oder Ähnliches, die ihm der Grundherr überlässt, muss der Hörige diesem beträchtliche Natural- oder Geldabgaben leisten. Abgaben sind auch zu entrichten, wenn ein Höriger heiratet oder stirbt, und auch die Kirche fordert ihren Zehnt (ursprünglich ein "Zehntel" der Erträge).
Vom 11. bis 14. Jahrhundert steigt die Bevölkerungszahl rasch an. Grosse Flächen werden durch Rodung und Trockenlegung landwirtschaftlich nutzbar gemacht. In dieser Zeit entstehen aus Waldflächen und Mooren das Kulturland, das wir heute noch sehen.
Eine Möglichkeit, sich der Abhängigkeit zu entziehen, bietet seit dem 11. Jahrhundert die Auswanderung in neue Rodungsgebiete (vor allem im Osten). Die Herren, die in diesem Raum herrschen, versprechen den Bauern hier die Freiheit und vererbbares Pachtland. Die Bauern können sich auch der Leibeigenschaft entziehen, indem sie in eine Stadt gehen, denn hier gilt der Rechtssatz, "Stadtluft macht frei". Wenn der Grundherr nicht innerhalb von "Jahr und (einem) Tag" seine Rechte auf den Hörigen geltend gemacht hat, ist dieser frei.
Die Vergrösserung der Anbauflächen ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Ernährung der Bevölkerung, die vom 7. bis zum 14. Jahrhundert auf das Dreifache angestiegen ist. Andere wichtige Voraussetzungen sind der verbesserte Pflug (Räderpflug), eine neue Art der Anschirrung von Zugtieren (Kummet beim Pferd, Stirnjoch bei den Ochsen). Vermehrt werden an Stelle der Ochsen die kräftigeren und ausdauernderen Pferde als Zugtiere eingesetzt. Dazu kommen eine neue Art von Sense, die Entwicklung von Düngemethoden (Mist, Kalk, Mergel, Torf) und die seit karolingischer Zeit aufkommende Dreifelderwirtschaft. Während man vorher den Boden immer nur jedes zweite Jahr bebaut hat, wechselt man jetzt zwischen Sommer-, Wintergetreide und Brache (unbebautem Acker, wo sich der Boden „erholen“ soll; er wird höchstens als Weide benutzt).
Armut, Seuchen, Raubüberfälle und Arbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, dazu erdrückende Forderungen des Lehnsherren: Das bäuerliche Leben im Mittelalter ist alles andere als leicht. Aber dennoch arbeiten acht bis neun von zehn Leuten in der Landwirtschaft. Mit 40 Jahren ist man schon alt, da die Arbeit sehr hart ist. Viele Bauern im Mittelalter sind im Alter krank. Nur wenige Leute erreichen das damals hohe Alter von 50 Jahren. Die Durchschnittsgrösse der Menschen liegt bei ca. 1,60 Meter.
Die meisten Bauern sind sauer auf die Kirche, da sie sonntags keine notwendigen Arbeiten verrichten dürfen. Und sie sind sauer auf die Grundherren, die sie derart bedrücken. Mit dem wachsenden Selbstbewusstsein der Bauern im späten Mittelalter kann es für einen Grundherrn gefährlich werden, einem Bauern alleine auf freiem Feld zu begegnen.
Die Lehnsherren verlangen horrende Abgaben. Ist die Ernte gut, kann auch der Bauer anständig leben, fällt sie aber schlecht aus, reicht es kaum zum Überleben. Weil die Äcker der Bauern keine eigenen Zufahrten haben, kann ein Bauer nicht dann pflügen, eggen, säen und ernten wann er will. Beginn und Ende müssen vielmehr von der Dorfgemeinde beschlossen werden. Die Dorfgemeinde des Mittelalters ist ein in sich geschlossener und erstaunlich weit entwickelter Wirtschaft- und Sozialbetrieb mit beachtlichen Selbstverwaltungsaufgaben, bei denen jedes Mitglied seine Rechte und Pflichten hat.
Weil die Bevölkerung seit dem 10. Jahrh. stark zunimmt, roden Bauern Urwälder und legten Sumpf- und Moorgebiete trocken. Ein Haus besteht im Mittelalter i. d. R. aus einem einzigen Raum (für Mensch und Tier). Ein Loch (Eulenloch) in der Decke dient als Rauchfang für den offenen Herd.
Praktisch alle Arbeiten werden von der Hand ausgeführt, lediglich zum Beackern des Bodens benutzt man Geräte, die von Tieren gezogen werden. Das ist zum Beispiel im Hochmittelalter der Räderpflug. Er besitzt ein Eisenmesser und eine hölzerne Pflugschar. Gezogen wird er von Pferden oder Ochsen, die wesentlich kleiner und weniger kräftig sind als die heute. Gras und Getreide mäht der Bauer nicht mehr mit Sicheln, sondern mit Sensen. Zum Dreschen benutze er einen Dreschflegel aus Holz. Neben den heute noch üblichen Getreidearten Roggen, Gerste und Hafer bauen die Bauern im Mittelalter Dinkel und in manchen Regionen auch Grünkorn an. Generell ist damals der Ertrag erheblich geringer als bei modernen Zuchtformen (ca. 1 : 2,5). Viele Bauern beschränken sich deshalb darauf, Vieh zu züchten. Doch immer wieder vermindern Seuchen den Viehbestand.
Wein, ursprünglich von den Römern importiert, wird praktisch in allen Gegenden des mittelalterlichen Deutschland angebaut, fast jeder Bauer hat eigene Weinreben. Die Qualität des Weins kann aber nicht mit heutigen Weinen verglichen werden. Oft wird er mit Zusätzen (Kräuter, Honig) "geniessbar" gemacht, was aber i.d.R. nach Weingenuss einen gewaltigen Brummschädel zur Folge hat. Wein wird i. d. R. mit Wasser verdünnt. Der Alkoholgehalt des Weins bringt mit sich, dass auch nicht ganz einwandfreies Wasser ohne Gefahr einer schweren Erkrankung (Typhus, Cholera, Ruhr, Hepatitis...) geniessbar wird.
Als Nutztiere halten die Bauern Schweine, Geflügel und Bienen, denn Honig wird zum Süssen der Speisen dringend gebraucht. Zucker ist noch unbekannt.
Die Bevölkerung kann sich zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert mehr als verdoppeln, es ist keine Ausnahme, dass ein Bauer und seine Ehefrau 12 Kinder haben, aber oft sterben über die Hälfte schon bei der Geburt oder in den Kleinkinderjahren. Um das Jahr 1000 mögen in Deutschland ca. 5 Millionen Menschen gelebt haben, gegen Mitte des 14. Jahrhunderts sind es schon ca. 11,5 Millionen.
Die Dreifelderwirtschaft
Aufgaben und Recherchen
Beschreibe auf einem separaten Blatt, was du auf diesem Grundriss einer bäuerlichen Dorfsiedlung siehst, wie vor dieser Zeit angebaut wurde, wie die Dreifelderwirtschaft funktioniert und was sie - neben anderen Errungenschaften der mittelalterlichen Gesellschaft - gebracht hat!
Nenne die Neuerungen und Verbesserungen, die die Landwirtschaft im hohen und späten Mittelalter durchgemacht hat und schildere die Auswirkungen auf Lebenserwartung und Entwicklung der Gesellschaft!
Die Bauernstände
Obwohl man glauben könnte, dass im Mittelalter Bauer gleich Bauer ist, gibt es wesentliche Unterschiede im Stand der Bauern. Es gibt drei verschiedene Bauernstände.
Leibeigene Bauern
Der am niedrigsten gestellte Stand ist der der leibeigenen Bauern. Die Leibeigenen gehören mit Haut und Haar ihrem Herren. Sie sind sozusagen die Sklaven am Hof und sind weniger wert als das Vieh. Der Grundherr gibt den leibeigenen Bauern ein Stück Land, das der bearbeiten muss. Es gibt jedoch einige Einschränkungen, z. B. dürfen sie nur Getreide anbauen. Sie habe ganz normale Abgaben zu leisten und die anstehende Arbeit des Herren zu erledigen. Ist jemand Leibeigener, ist er es eigentlich auf Lebenszeit. Die Kinder, die die Bauern bekommt, werden in den Stand der Leibeigenschaft hineingeboren und sind somit auch Eigentum des Grundherren.
Hörige Bauern
Den nächsten Stand der Bauern bilden die hörigen Bauern. Sie besitzen genauso wie die leibeigenen kein eigenes Land. Sie „mieten“ (pachten) das Land, das sie bestellen. Sie besitzen mehr Rechte als die Leibeigenen und dürfen z. B. auf dem Markt ihre Waren verkaufen und auf ihren Feldern mehrere verschiedene Sachen anbauen. Aber auch sie müssen in regelmässigen Abständen dem Grundherren dienen. Diese Dienste heissen Frondienste. Zum Teil werden sie auch zum Heerdienst herangezogen.
Freie Bauern
Die freien Bauern sind von niemandem abhängig als vom König. Ihm müssen sie Gefolgschaft als Fusssoldaten leisten. Manche von ihnen besitzen grosse Höfe; diese Bauern sind es auch meist, die den Dorfschulzen stellen. Der Dorfschulze ist eine Art Bürgermeister. Alle freien Bauern besitzen ein Mitspracherecht bei Dorfangelegenheiten. Obwohl man denken könnte, dass freie Bauern ein schönes Leben führen, geht es einigen freien Bauern schlechter als einigen hörigen. Dies ist immer dann der Fall, wenn der freie Bauer zu wenig eigenes Land besitzt und dieses dann nicht ausreicht, um seine Familie zu ernähren. In solch einem Fall muss der Bauer Land vom Herren dazupachten -, wenn er kann.
Die Zahl der freien Bauern nimmt seit dem 8. Jahrhundert ständig ab. Oft geraten sie aus Not in Abhängigkeit von einem Grundherrn und werden den Hörigen oder gar den Leibeigenen gleichgestellt. Die Ursache dieser Entwicklung ist in den zahlreichen Kriegen zu suchen. Ein Freier (Bauer), der Jahr für Jahr während des Sommers im Gefolge des Königs in den Krieg ziehen muss, vernachlässigt zwangsläufig seinen Hof. Oft nützten die Grafen, die den Heerbann (= das Heer) aufbieten, diese Situation aus, um die Freien in Abhängigkeit zu bringen. Später treten an die Stelle des zu Fuss kämpfenden Bauernkriegers vermehrt gepanzerte Reiterkrieger, deren langwierige Ausbildung und teure Ausrüstung sich nur der reiche Grundherr leisten kann...
Aufgaben und Recherchen
Beschreibe die drei Bauernstände und benenne die Eigenheiten jedes Standes!
Wie konnte ein höriger Bauer (Leibeigener) frei werden?
Wie war das Verhältnis Grundherr - Bauer? Was versteht man unter Frondienst? Was sind Naturalabgaben?
Arbeiten des Bauers
Jahreszeitenkalender nach einem Manuskript von de Crescentiis (1306; Museum Condé, Chantilly F).
Aufgaben und Recherchen
Welche Tätigkeiten erkennst du auf diesem mittelalterlichen Tafelbild? Nummeriere die Bilder und schreibe eine Legende der Tätigkeiten!
Welche Werkzeuge erkennst du auf den Bildern?