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Tradition und Gegenwart
Die Gewinnung und Bearbeitung von Naturstein kann als Tessiner Tradition gelten. Vor dem 19. Jahrhundert wurden vor allem Gesteine abgebaut, die für die Errichtung von Gebäuden und Infrastrukturbauten, wie Strassen, Brücken und Stützmauern notwendig waren. Das Material dafür wurde vor allem lokal abgebaut.
Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht die «Granitindustrie». Sie steht im Zusammenhang mit dem Bau der Gotthardbahn, die 1881 eröffnet wurde. Die Materialien, die hauptsächlich für die Konstruktion von Viadukten und Stützmauern verwendet wurden, waren Gneise aus den Regionen Riviera und Leventina. Zu dieser Zeit grosser Abbautätigkeit, zwischen 1888 und 1910, lebten rund drei Prozent der im Tessin ansässigen Bevölkerung von der Gesteinsgewinnung.
Die Einführung neuer Baumaterialien wie Stahl und Eisenbeton zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte zu einem beträchtlichen Rückgang der Nachfrage für Werkstein. Seit den 1910er-Jahren erlebte die Tessiner Steinindustrie zahlreiche Krisen und Aufschwünge. Damit eine Tradition lebendig bleiben kann, muss sie sich im Bereich ihrer Aktivität entwickeln. Während der ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts vermochten Betriebe und Arbeiterschaft sich zu erneuern und sich neuen Technologien zu öffnen, wie etwa computergesteuerten Schneidetechniken. Die bestehenden Risiken stehen in Verbindung mit der Raumentwicklung, wo Wohngebiete mit Abbauzonen kollidieren. Hier Lösungen für ein Zusammenleben zu finden, ist eine der künftigen Herausforderungen.