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Er ist bekannt wie kein anderer bunter Vogel, doch die wenigsten haben das Glück, ihn in freier Natur zu bestaunen. Der seltene Eisvogel.
Seine einzigartige und leuchtende Färbung und seine Seltenheit haben ihn bekannt gemacht. Zahlreiche Sagen und Mythen begleiten ihn. Wegen seines halsbrecherischen Einstürzens in die Fluten glaubten die alten Griechen, der Eisvogel (Alcedo atthis) baue ein schwimmendes Nest auf dem offenen Meer. Eisvogelfedern wurden gegen Blitzschläge eingesetzt und der König von England bot demjenigen einen Sack voll Gold, der ihm ein aus feinen Fischknochen gefertigtes Eisvogelnest bringe. Auch soll der einst graue Vogel seine Farbenpracht erhalten haben, weil Noah ihm den Auftrag gab, nach festem Land Ausschau zu halten, und ihn fliegen liess. Die Sage sagt, dass der Eisvogel wegen eines heftigen Sturms so hoch fliegen musste, dass die Sonne unter ihm lag. So hat die Oberseite die Farbe des blauen Himmels und die Unterseite die Glut der Sonne angenommen. Wie er zu seinem Namen kam, ist nicht ganz klar. Manche gehen davon aus, dass er vom althochdeutschen Wort «eisan» für «schillern» oder «glänzen» abgeleitet ist. Andere, es liege an der blauen Färbung, weiche wie Eisen aussieht. Oder weil er in der kalten Jahreszeit über eisbedeckten Seen sitzend gesehen wurde.
Der Eisvogel ist ein geübter Wasserjäger
Auf jeden Fall darf man sich glücklich schätzen, wenn man einen Eisvogel in freier Natur erblicken darf. Der in allen Blautönen schillernde Vogel mit orangem Bauch und roten Füssen ernährt sich vor allem von kleinen Fischen. Geduldig hockt er auf einem Ast, bis er seine Beute erspäht. Blitzschnell stürzt er sich mit angezogenen Flügeln ins Wasser und bremst durch deren Öffnen die Geschwindigkeit gekonnt ab. Ein schnelles Zupacken mit seinem langen Schnabel, und schon startet er mit dem kleinen Fisch aus dem Wasser. Auf dem Ast zurück, wird der Fisch mit ein paar gezielten Schlägen auf den Ast getötet und verspeist. Damit der Fisch dem Eisvogel nicht im Halse stecken bleibt, wird er Kopf voran in einem Stück verschlungen.
Der lange Schnabel ist aber nicht nur zur Jagd optimal geeignet, sondern auch für den Nestbau. Wobei er sich eher ein Nest gräbt. Denn der Eisvogel braucht als optimalen Lebensraum nicht nur naturbelassene Seen und Teiche, sondern auch eine senkrechte Uferböschung aus Lehm oder festem Sand. Solche von der Natur geschaffenen Lebensräume sind durch den menschlichen Eingriff sehr selten geworden. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb der kleine schillernde Eisvogel selten gesehen werden kann und der aktuelle Bestand gemäss BirdLife Schweiz nur gerade bei 400–500 Paaren liegt.
Der Eisvogel ist grundsätzlich ein Einzelgänger, aber im Frühling, wenn die Temperaturen wieder milder werden, spüren auch sie die Hormone, bevor sie ab dem Herbst und Winter wieder ihre einzelgängerischen Wege gehen. Aber das Zusammenkommen ist gar nicht so einfach, denn manche Balzrituale sehen eher aus wie Verfolgungsflüge als wie ein Liebesspiel. Und es braucht durchaus einige Tage, bis sich die beiden aneinander gewöhnt haben.
Der Eisvogel baut seine Nester in der Erde
Wie bereits angedeutet, dient der lange Schnabel nicht nur zur Jagd, sondern für die Schwerarbeit des Baus der Bruthöhle. Während der eine die Höhle mit gezielten Schlägen bearbeitet, hält der andere Wache. Die leicht ansteigende Röhre geht über 40 Zentimeter, meist bis 80 Zentimeter tief in den Hang hinein.
Während dieser intensiven Bautätigkeit finden zahlreiche Balzfütterungen statt und auch später laufende Begattungen. Meist legt das Weibchen sieben reinweisse Eier ab, und während der Brutzeit verhalten sich die Vögel ziemlich unauffällig, auch mit ein Grund, weshalb man im Frühjahr und Sommer die schillernden Vögel selten sieht. Nach ca. 21 Tagen schlüpfen die nackten und blinden Jungvögel, und die Eltern beginnen mit der Nahrungsbeschaffung.
Nach einigen Tagen wachsen den Jungvögeln die ersten Federkiele und sie öffnen ihre Augen. Spannend ist, dass die Fütterung, gegenüber anderen Vogelarten, strikt organisiert ist. Das heisst, hat ein Nestling in der Reihe seine Nahrung erhalten, geht er zuhinterst in die Reihe. Es wird also in Reih und Glied gefüttert.
Die jungen Eisvögel brauchen ein eigenes Revier
Nach knapp 23 Tagen wird es Zeit, dass die jungen Eisvögel die sichere Höhle verlassen. Meistens verlassen alle am gleichen Tag ihr Nest, um die ersten Flugversuche zu absolvieren. Die nun flüggen Jungvögel werden aber nicht allzu lange im Revier geduldet und von den Eltern vertrieben. Sie fliegen dann in alle Richtungen los und suchen unbesetzte Gewässer und eigene Reviere. Ein Revier kann sich über einen 2 bis 7 Kilometer langen Fluss abschnitt ziehen, ja sogar um einen oder mehrere Teiche. Die jungen Eisvögel müssen relativ schnell ohne die elterliche Fürsorge auskommen, denn Eisvögel brüten zwei-, manchmal sogar dreimal im Jahr. Und bei jeder Brut fliegen auch meistens vier bis sechs Junge aus.
Das ist ein beachtlicher Bruterfolg, und es stellt sich die Frage, weshalb die Eisvögel dennoch selten sind und gefährdet. Es liegt einerseits daran, dass geeignete Lebensräume durch Flussbegradigungen und -bebauungen fehlen. Auch gibt es Jahre, in welchen die Seen und Bäche zufrieren und damit die für den Eisvogel wichtigen Nahrungsquellen wie kleine Fische unter der Eisschicht liegen. Und auch seine weiteren Nahrungsquellen wie kleine Frösche und Insektenlarven fehlen. Als treuer Standvogel fehlt ihm damit die Nahrungsgrundlage, und viele überleben einen starken und kalten Winter nicht. Es erstaunt daher auch nicht, dass die schillernd-schönen Eisvögel keine lange Lebenserwartung haben.
Den Eisvogel in der Schweiz beobachten
Mit einer Länge von 16–17 Zentimeter und einer Flügelspannweite von 24–26 Zentimeter wiegt der schöne und farbige Singvogel nur gerade 40–45 Gramm. Ein schönes Leichtgewicht. Sein Lebensraum sind vor allem Seen, Feuchtgebiete und Fliessgewässer und gebrütet wird in Erdhöhlen. Die Brust des Eisvogels ist orange gefärbt. Die Schulterfedern und Flügeloberseiten sind blau bis türkis und wirken je nach Lichteinfall auch mal hellblau. Unterhalb des Schnabels an der Kehle und auf den Seiten liegen weisse Federn. Die Männchen unterscheiden sich von den Weibchen nur durch die Schnabelunterseite. Diese ist beim Weibchen orange gefärbt und nimmt mit dem Alter zu.
Gegen den Spätsommer und Anfang Winter sind die Chancen am grössten, Eisvögel zu sehen. Denn zu diesem Zeitpunkt hat es am meistens Eisvögel, welche am Ufer von Flüssen, Seen und Teichen nach Nahrung suchen.
So zum Beispiel:
- am Klingnauer Stausee im BirdLife- Naturzentrum am Uferweg bei Kleindöttingen
- im Naturschutzgebiet am Nordostufer des Neuenburgersees.
- am Flachsee: Der geschützte Reuss-Abschnitt zwischen Rotten- und Hermatschwil mit Vogelbeobachtungshütte
- Ergolzmündung – Naturschutzgebiet mit gut einsehbarer Brutwand in Kaiseraugst
- Neeracherried – nördlich von Zürich gelegenes Naturschutzgebiet zwischen Dielsdorf und Bülach mit Vogelbeobachtungshütten
- Nuoler Ried – am oberen Zürichsee zwischen Noulen und dem Flugplatz Wangen-Lachen gelegenes Naturschutzgebiet
- im BirdLife-Naturzentrum «La Sauge» am Südufer des Neuenburgersees zwischen Cudrefin und Ins mit Beobachtungshütten und Brutwand.
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NATURZYT Ausgabe Dezember 2021, Text Michael Knaus, Fotos AdobeStock