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Auf Robert Müllers Namen bin ich zum ersten Mal bei der Lektüre von Hans Wollschlägers Essays zu Karl May gestossen. Müllers Bericht über Karl Mays Vortrag in Wien (den zu organisieren er mitgeholfen hatte) war der bei weitem beste Text in der Annäherung an den Silbernen Löwen und machte mich neugierig auf mehr von Müller. Ich habe unterdessen herausgefunden, dass Robert Müller zumindest in Wien kein ganz Unbekannter war. (Anton Kuh, in einem seiner Ausfälle gegen die zeitgenössische literarische Szene Wiens, erwähnt seinen Namen.) Ursprünglich wollte ich weitere Essays von Müller lesen; ich habe aber herausgefunden, dass ich, um an die heranzukommen, mehr Aufwand treiben müsste, als ich fauler Mensch im Sinne hatte. Ausserdem sollen die meisten davon in rassistisch-antisemitischer Hinsicht nicht ganz erquicklich sein. So habe ich mich an Müllers bekanntesten Text gehalten, seinen Roman Tropen.
Zu Tropen findet man im Internet sogar die eine oder andere Besprechung oder auch literaturwissenschaftliche Artikel. Was ich davon gelesen habe, zeigt, dass auch andere Leser Müllers Roman einigermassen ratlos gegenüberstehen. Der Inhalt ist rasch erzählt: Drei Weisse reisen einen tropischen Fluss hinauf; gemäss dem Ich-Erzähler befinden wir uns in Brasilien. Erklärtes oder nicht erklärtes Ziel der drei ist es, Gold zu finden. Sie halten sich einige Zeit in einem Indio-Dorf auf, wo sie in grösserem oder kleinerem Ausmass erotische Abenteuer mit Indio-Ladies erfahren. Wichtiger als die Abenteuer an sich ist aber dem Ich-Erzähler die Beziehung der drei Weissen untereinander, die durch diese Abenteuer recht angespannt wird. Schliesslich verlassen die drei das Dorf (unter Begleitung von – u.a. – einer der Indio-Ladies). Das Fieber, das schon zu Beginn den Ich-Erzähler geplagt hatte, packt nun alle drei. Man liegt längere Zeit am Ufer des Flusses still. Die Spannungen unter den Weissen steigen. Zum Schluss ist einer tot. Unfall? Mord? Selbstmord? Der Ich-Erzähler in seinem Fieber-Delirium kann das nicht entscheiden, nicht unterscheiden.
Ich habe unter den Interpretationen im Netz vorwiegend zwei Stossrichtungen gefunden. Da ist eine, die in Müllers Roman eine Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus findet. Nun stimmt es zwar, dass die drei auch einmal die Gründung einer Kolonie bzw. einer neuen Rasse von Mischlingen aus Weissen und Indios als eines der Motive ihrer Reise ansprechen; aber das ist Teil ihres immerwährenden, mehr oder weniger intelligenten Gewäschs, das die drei am Laufmeter von sich geben. Im Grossen und Ganzen werden jedenfalls die Indios als den Weissen körperlich wie geistig überlegenen Menschen dargestellt. Aber das alleine macht noch keine Auseinandersetzung mit dem Thema Kolonialismus aus. Und weshalb ausgerechnet ein Österreicher, ausgerechnet 1915, sich mit dem Kolonialismus auseinandergesetzt haben soll, leuchtet mir nicht ein.
Da man als Kritiker und Wissenschafter immer gerne erklärende Namensschildchen an einen Roman pappt (wie ich es selber ja auch tue), hat man – wohl auf Grund des Settings – Tropen auch dem Exotismus zugeordnet. Ich habe diesen Ausdruck vorher nie gehört und hege ein bisschen den Verdacht, dass er speziell für Tropen erfunden wurde. Sicher, Brasilien bzw. der Urwald und der Fluss spielen eine wichtige Rolle – insofern, als dass für Müller die Stimmung des Tropenfiebers und des Dschungels (er schreibt Jungle) Hauptbestandteil seines Romans ist. Die Diskrepanz zwischen der gelehrt-theoretisierenden Sprache des Erzählers, dem in die selbe Richtung weisenden Inhalt der Gespräche der Weissen unter sich einerseits, der wuchtig-unbarmherzigen Natur andererseits, der die drei ausgesetzt sind, konstituiert den Roman fundamental. Aber die exotische Kulisse ist genau das: Kulisse, die nie das Eigenleben erreicht, das sie z.B. bei Joseph Conrad hat. Man könnte mit dem grösserem Recht den oben genannten Karl May einem Exotismus zuordnen.
Am ehesten kann ich noch dem Epithet Expressionismus beistimmen, das man auch auf Tropen angewendet findet. Tatsächlich ist die streng stilisierte Sprache, die nicht Alltagssprache ist, im Expressionismus wie in Müllers Roman zu finden. Die Verwandtschaft zum Expressionismus bringt auch eine weitere Verwandtschaft ins Spiel: Nicht nur die Sprache (gelehrt, gymnasiallehrerhaft), die in völliger Diskrepanz steht zur geschilderten Umgebung und zu den Ereignissen; auch die Tatsache, dass hier drei Männer sich und ihre Sexualität in Gedanken und Worten, oft in sado-masochistisch anmutenden Ritualen, ständig umkreisen, ohne doch zu einer gültigen Selbsterkenntnis zu kommen, erinnert an Hans Henny Jahnns Fluß ohne Ufer – vor allem den zweiten Teil. Allerdings muss gesagt werden, dass Müller die archaische Wucht Jahnns nicht erreicht.
Alles in allem dennoch eine kleine Entdeckung – ein Roman, dem ein bisschen mehr Bekanntheit nicht schaden könnte.