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Kein Land der Welt hat so weit reichende Arbeiten über die Morphologie, Anatomie, Chemie, Toxikologie und nicht zuletzt über die klinischen Applikationen seiner natürlichen Materia Medica produziert wie China. Eine überwältigende Vielzahl von Wissenschaftlern, Anwendern, wissenschaftlichen Institutionen, wissenschaftlichen chinesischen und in neuerer Zeit auch englischen Fachzeitschriften und Fachbüchern dokumentiert diese Tatsache. In jüngster Zeit hat die Intensität und Qualität der Publikationen dabei noch zugenommen. Trotzdem finden sich in der neuesten englischen Ausgabe der chinesischen Pharmakopöe ein paar Fehler oder Mängel, die im untenstehenden Text festgehalten werden. Man hofft, damit einen kleinen Beitrag zu deren weiterer Verbesserung zu leisten.
Die Chinesische Pharmakopöe 2005 (PPRC) ist ein Werk, das wegen seines offiziellen Status von schweizerischen Behörden als Referenz anerkannt ist. So akzeptiert beispielsweise Swissmedic die darin enthaltenen Mittel grösstenteils und sie befinden sich auf der sog. TAS (Traditionelle Asiatische Stoffliste). Was nicht in diesem Sammelwerk steht, muss aufwändig dokumentiert werden, damit es Chancen hat, in die TAS aufgenommen und somit verkehrsfähig zu werden.
Gegenüber der zweitletzten PPRC (englische Ausgabe von 1995) wurde die Anzahl Druckfehler, besonders in lateinischen Namen von Produkten und Arten bzw. Gattungen, bereits in der PPRC 2000 (e) stark gesenkt. Diese Korrektheit der wissenschaftlichen, mehrheitlich lateinisch-griechischen Namen blieb in der PPRC 2005 (e) erhalten und wurde punktuell nochmals marginal verbessert. Andererseits wurden einige der wenigen Druckfehler, die schon in der PPRC 2000 (e) vorhanden waren, offenbar weiter unkorrigiert belassen (so z.Bsp. auf S. 204 Gentiana ringescens, korrekt wäre Gentiana rigescens, auf S. 282 Draxonis Sanguis, statt korrekt Draconis Sanguis).
Taxonomisch ist die Pharmakopöe 05 (e) in kritischen Fällen nicht auf dem neuesten Stand. Auf S. 194 steht, statt korrekt Astragalus mongholicus Bunge, Astragalus membranaceus (Fisch.) Bge. Auch die Autorennamen werden nicht immer in der Standardform des International Plant Names Index (IPNI) geschrieben, so steht z.B., statt korrekt Bunge, lediglich Bge.
Weitere systematisch taxonomische Fehler halten sich ebenfalls noch hartnäckig. So wird Schisandra immer noch als zur Familie der Magnoliaceae zugehörig beschrieben (S. 109), dies aufgrund des in China seit Jahrzehnten hochgehaltenen Engler'schen Systems aus dem Jahre 1900, dem mehrere neuere Systeme folgten, die mit Ausnahme der neuesten chinesischen Floren selten Niederschlag in der chinesischen pharmakologischen Literatur gefunden haben. So wird Schisandra schon seit mindestens 40 Jahren in eine eigene, wissenschaftlich absolut zweifelsfreie Familie, die Schisandraceae gestellt.
Mängel bestehen auch in den englischen Übersetzungen der lateinischen Namen. So wird Fructus Schisandrae chinensis als Chinese Magnoliavine Fruit bezeichnet (S. 109), obwohl der heutzutage gebräuchlichste englische Name Chinese Schizandra Fruit wäre.
Ebenfalls nicht modern ist die Schreibweise von grossen Pflanzenfamilien als Leguminosae (statt Fabaceae) oder Compositae (statt Asteraceae).
Für zahlreiche Arten fehlen die mikroskopischen Monografien, obwohl die Produkte auf dem Markt oft klein geschnitten angeboten werden (exemplarisch Herba Siegesbeckiae, S. 154).
Der grösste Mangel der PPRC 05 besteht aber darin, dass nach wie vor ein grosser Teil der Monografien zu wenig detailliert ist, um eine Bestimmung auf dem Niveau der zugelassenen Arten zu erlauben (so exemplarisch die ungenügende makroskopische Monografie von Herba Cistanchis, wo ebenfalls eine mikroskopische Monografie fehlt, S. 128). Es werden, wie zwar allgemein in Pharmakopöen üblich, keine Merkmale von Verfälschungspflanzen aufgeführt. Dies kann sich ein Standardwerk nur leisten, wenn die Zahl der nahen Verwandten einer Pflanze klein ist. In der Schweiz, wo es nur gerade etwa 4000 Pflanzenarten gibt, mag das in Ordnung sein, aber in einem Land wie China mit circa 30'000 Pflanzenarten stellt das einen entscheidenden Nachteil dar.
Was bedeutet dies alles für unsere Praxis? Beruft sich ein Importeur oder Distributeur in der Schweiz auf dieses anerkannte Werk und hat er seine Ware gemäss diesem untersucht, so hat der Verschreiber oder Konsument von TCM-Drogen in den meisten Fällen keine Garantie, dass Etikett und Inhalt übereinstimmen. Aber es ist alles völlig legal.
Und es wurde nun ein Zustand zementiert, gegen den man seit bald 20 Jahren ankämpfte.
- Und alle Pflanzen ausserhalb der PPRC, also etwa 12'500, die in der Materia Medica stehen, müssen extra und teuer registriert werden. Für die Magistralrezeptur gelten diese Bestimmungen aber nicht. Da ist der Arzt oder die Ärztin frei zu verschreiben, was er/sie für gut befindet. Nicht-ärztlichen TCM-Therapeuten steht der Begriff der Magistralrezeptur und damit letztlich deren praktische Verwendung nicht zur Verfügung. Gemäss den eidgenössischen und kantonalen Bestimmungen dürften TCM-Therapeuten lediglich aus dem Repertoire der TAS schöpfen. Dieser Zustand ist unbefriedigend. Gut ausgebildeten Heilpraktikern fehlt dadurch ein Segment der verfügbaren Mittel. Behördenseits ist die Durchsetzung dieser Bestimmung aber wohl unmöglich zu erfüllen und mittlerweile sucht man nach Wegen, den nicht-ärztlichen Therapeuten eine Möglichkeit zu geben, weiterhin verschreiben zu können, was ihnen beliebt, womit, abgesehen von einigen bürokratischen Umwegen, dann wahrscheinlich letztlich alles beim Alten bleibt.