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Als erklärtes Nationaldrama der DDR avancierte Goethes „Faust“ zu einem der wichtigsten Bausteine des „Kulturellen Erbes“, doch erst im Zuschauerraum wurde sein angeblich sozialistisches Potenzial zur sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit. Nirgendwo sonst wurden „Faust“-Aufführungen für gesellschaftlich relevanter erachtet und als transmediale Erziehungsinstrumente aufwendig realisiert. Oppositionelle „Faust“-Bilder an den ostdeutschen Theatern, etwa in den Arbeiten von Bertolt Brecht, Adolf Dresen, Christoph Schroth oder Wolfgang Engel, untersuchten hingegen kontinuierlich und vital die Utopie einer anderen DDR. Die kulturgeschichtliche Aufarbeitung dieser Epoche wird hier von 1945 bis 1990 umfassend mittels vielfältiger Quellenanalysen durchgeführt. Bisher unausgewertete Archivmaterialien, Bühnenbilder Heinrich Kilgers, Ernst- Frieder Kratochwils Notate zum Berliner „Faust“ von 1968 sowie Akten der Staatssicherheit, die die Überwachung der Theater in Berlin, Leipzig oder Weimar dokumentieren, werden erstmalig offengelegt.
Portrait
Guido Böhm studierte Theaterwissenschaft, Film- und Fernsehwissenschaften und Neuere Deutsche Literatur von 1998 bis 2003 an den Universitäten in Bochum und Glasgow. Er arbeitete als Regieassistent und Spielleiter im Musiktheater u. a. für Christine Mielitz’ Walküre und Zhang Yimous Stadionoper Turandot in Paris sowie am Deutschen Nationaltheater Weimar, wo er 2006 seine selbstgeschriebene Farce Die Rache der Organmafia inszenierte. Als Spielstätten- und Produktionsleiter ist er seit 2009 für die Internationalen Filmfestspiele Berlin und die Berliner Residenzkonzerte tätig. Er promovierte an der Universität Leipzig zu Faust-Aufführungen des DDR-Theaters als Konfliktfeld ostdeutscher Identitätskonstruktion.