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In schwierigen Zeiten ist in der Familie und im Freundeskreis, in der Schule und während der Weiterbildung oder des Studiums sowie in Unternehmen, das faire Handeln eine seltene Kompetenz. Anstelle ganzheitliches partizipatives Denken herrscht eine Atmosphäre der Dominanz, der Besserwisserei und der Verachtung. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen, die sich schlecht ausdrücken, vor ihren Problemen davonlaufen und trotzdem das Bedürfnis haben, Raum zu besetzen. Die Lebendigkeit ist in ihnen verschüttet, die Sprache ist lediglich ein einseitiges Informationsinstrument mit Frage und Antwort, ohne Zwischenstufen der menschlichen Interaktion.
Je nach Veränderungen in der Gesellschaft, Epidemien, Umweltkatastrophe sowie weitere Veränderungen wird plötzlich eine Kehrtwende notwendig: anklagen, sich verändern, Machtverhältnisse zum eigenen Vorteil nutzen oder schweigen und den Dingen ihren Lauf lassen oder Lösungen finden. Sprach- und/oder Sprechbarrieren rücken plötzlich in den Mittelpunkt. Menschen, die nur eine Sprache sprechen, beurteilen andere, die mehrsprachig sind und idealisieren diese oder werten sie ab: Sie können keine Sprache korrekt sprechen. Eine Sprache beinhaltet nicht nur Wortschatz und Grammatik, sondern eine kulturelle unterschiedliche Absicht. Individuelles Denken mag bei Fachleuten oder Meinungsbildern von wissenschaftlichen Hintergründe geprägt sein, was nicht heisst, sie sei allgemeingültig ist. Gespräche führen und Dialoge pflegen fordern eine innere Haltung, die viel Empathie und Zurückhaltung abverlangen. Leider, wie schwieriger sie sind, anstatt die Quelle zu analysieren, sind Etiketten, Kategorien und Barriere aufgestellt, damit «man» sich schützen/abgrenzen, respektive fein daraus fliehen kann.
Ich gebe Ihnen einige Beispiele: Meine Muttersprache ist Französisch. Ich spreche und verstehe gut Deutsch. Dennoch verstehe ich gewisse Wörter in «Baseldytsch und Zürichdütsch» oder in weiteren Dialekten, nicht. Wenn ich die Person auffordere, ob sie wiederholen kann, was sie gesagt hat, um Wörter im Kontext zu verstehen, habe ich mehrere Male folgendes Verhalten erlebt:
Der Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin
- zeigt Ungeduld und schaut auf die Uhr,
- vermittelt das Gefühl, ich sei eine schwierige Person,
- behauptet ungeniert: «Natürlich verstehen Sie, Sie sprechen perfekt Deutsch»,
- geht davon aus, ich könne Englisch.
Nur wenige zeigen Verständnis und sind in der Lage das Wort oder den ganzen Satz in der französischen Sprache zu übersetzen oder zumindest im Kontext anders definieren. Sei es in Deutsch oder Französisch.
Es ist kaum zu glauben und doch wahr. Wie ist es dann möglich in diesem Rahmen zu argumentieren, wenn der andere besser als ich weiss, welches Wort ich zu verstehen habe?
Derart Verhalten verursacht Hemmungen, Wut und Unsicherheit. Das ist der Grund, weshalb viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene die Lust verlieren, ihre Muttersprache, Französisch oder eine andere Sprache zu lernen oder überhaupt sich auszudrücken, geschweige denn sich eine Meinung zu bilden. Erwachsene, die ähnliche Erfahrungen in der Kindheit erlebt haben, setzen dann andere unter Druck, um sich zu entlasten: Englisch sei sowieso die globale Sprache und Französisch sei eine unmögliche Sprache zum Lernen. Auch in der Muttersprache eignen wir uns bestimmte Denkmuster an, die wir subtil auf andere Sprache projizieren. Sie beeinflussen unser Leben auf überraschende Weise. Erst wenn wir diese wahrnehmen und verstehen, sind wir in der Lage, uns nicht einschüchtern zu lassen und eine echte Kommunikationsstärke daraus zu machen. Im folgenden Beispiel zeige ich den Mechanismus, den ich in meiner Laufbahn als Französischlehrerin und Erwachsenenbildnerin am häufigsten beobachte. Es gilt für alle Berufskategorien:
Ein junger Mann wird von einer strengen Mutter erzogen, der Vater passt sich seiner Ehefrau an und befürchtet ihre Wutanfälle. Der Sohn kann es den beiden nie recht machen. Er ist intelligent, wird jedoch andauern erniedrigt. In der Schule lernt er Französisch. Die Lehrerin in der Sekundarschule nimmt sich wenig Zeit, um die Kommunikation in der Klasse zu fördern, die Grammatikregeln einfach und spannend zu vermitteln. Sie zeigt wenig Empathie und scheint Französisch nicht gerade zu mögen. In dieser Konstellation kann der junge Mann kein gutes Selbstwertgefühl aufbauen. Später studiert er Medizin in Kalifornien, wo er Englisch zugleich verbessert. Als er 40-jährig in die Schweiz zurückkommt, befürchtet er Personen, die Französisch sprechen, da sie ihn an seiner Jugend erinnern. Er übt die gleiche strenge, wie seine Mutter und seine Lehrerin in der Schule. Er duldet keine transversalen Fragen, die ihm Patienten stellen und führt einseitige Dialoge, übt Machtspiele, wo er kann. Obwohl er fachlich sehr kompetent ist, boykottiert er seine eigene Leistung. Patienten und MitarbeiterInnen befürchten ihn, wie er seine Mutter und Lehrerin befürchtet hat. Sein strenges Verhalten hat er auf allen Gebieten verbreitet. Erst in der psychoanalytischen Auseinandersetzung wird ihm bewusst, wie er sich arrangiert und damit sein eigenes Denksystem aufgebaut hat. Es fällt ihm schwer zu glauben, dass er die Zusammenhänge lange Zeit selbst nicht herstellen konnte. Er merkte nur, dass er schnell von Emotionen überwältigt war, sich schlecht fühlte und oberflächliche Beziehungen lebte. Mit der Zeit konnte er seine Patienten auf Augenhöhe begegnen. Er lernte spontan Französisch und wurde immer mehr für seine Empathie gelobt.
Ein weiteres Beispiel: Ein Patient – weder depressiv noch Hypochonder – sagt in der ärztlichen Konsultation: «Hier tut’s weh» und zeigt der Ort. Der Arzt oder die Ärztin antwortet: Das ist unmöglich, dass Sie Schmerzen spüren.
Genauso ist es mit dem Sprachverständnis.
Es tönt irreal und doch passieren tagtäglich derart Machtdemonstrationen in Dialogen. Viele schweigen darüber, aus Angst erniedrigt oder ausgelacht zu werden und verlieren die Lust, sich mitzuteilen. Verletzlichkeit, Ohnmacht und Unterwerfung – das Ausgeliefertsein an andere – werden zu den chronischen Krankheiten von morgen.
Neue Wege finden
Im Bildungsbereich ist der personenzentrierte und humanistische Ansatz von Carl G. Jung in Verbindung mit Sprachausbildung und Lernen ein spannender praktischer Weg. Ist in der digitalen Wirklichkeit Kreativität und Veränderung eine Selbstverständlichkeit, liegt es auf der Hand, dass sprachlich und humanistisch sowie relational eine enorme Lücke besteht.
Selbstkritik üben und mehrdimensional denken
Es gilt, mit den Fähigkeiten und den Ressourcen des Menschen zu arbeiten und nicht in den komplexen, unbeantwortbaren Fragestellungen, wie Menschen miteinander leben zu verharren. So oder so ist jedem seine Nationalität, in seiner Haltung, in seiner Sprache inhärent. Es liegt an jedem einzelnen von uns, den Kommunikationskodex zu entschlüsseln. Wir werden merken, dass wir Europäer im Denken und Handeln gar nicht so weit von der fremden Person entfernt sind, wenn es darum geht, unseren täglichen Unterhalt zu verdienen. Anders ist es, wenn es darum geht, den Fremden nur für den eigenen Nutzen zu missbrauchen. Das Interesse an diesem vernetzten Denken wird zeigen, ob wir in Europa fähig sind, «partizipativ» zu handeln. Es geht darum, neue Hürden des Einander-Verstehens zu überwinden.