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Dieses Szenario kennt jede Reiterin und jeder Reiter: Man bummelt mit seinem Pferd durchs Gelände, die Zügel lang, die Gedanken ganz woanders. Plötzlich wirbelt ein Windstoss ein Blatt hoch oder ein Vogel flattert aus dem Gebüsch. Die Reaktion des Pferdes folgt prompt und für den Reiter, der den Auslöser vielleicht gar nicht wahrgenommen hat, überraschend: Es erschrickt heftig, reisst den Kopf hoch, springt zur Seite, macht einen Bocksprung oder will fliehen.
Das Pferd in diesem Moment für sein Verhalten zu bestrafen, wäre kontraproduktiv. Es war weder ungehorsam noch hat es etwas falsch gemacht. Es ist nur seinem Instinkt gefolgt. Als Flucht- und Beutetier hat das Pferd ein inneres Alarmsystem, das bei drohender Gefahr sofort anspringt und den Fluchtmechanismus aktiviert. Zeit, die potenzielle Gefahrenquelle zu erkunden und je nachdem besonnen zu reagieren, hat das Pferd nicht. Denn wenn das, was da geräuschvoll aus dem Gebüsch bricht, nicht ein harmloser Vogel ist, sondern ein hungriger Löwe, ist sein Leben bedroht. Im Verlauf der Evolution war der Fortbestand ihrer Art nur gewährleistet, wenn sich Pferde vorsichtig verhielten und lieber einmal zu viel als einmal zu wenig flüchteten.
Das natürliche Verhalten des Pferdes wird sich auch mit der geduldigsten Ausbildungsmethode nicht vollständig wegtrainieren lassen. Es ist zwar möglich, die Persönlichkeit eines ängstlichen und unsicheren Pferdes zu stärken. Gewisse Ängste kann man ihm nehmen, indem man eine vertrauensvolle Beziehung aufbaut und das Tier mit einer Vielzahl von Situationen, Geräuschen, Bewegungen und optischen Reizen vertraut macht. Es wird jedoch immer Momente geben, in denen das Pferd seinem Urinstinkt folgt.
Die Atemtechnik ist wichtig
Weitere Abklärungen sind nötig, wenn ein Pferd wiederholt ohne ersichtlichen Grund zusammenzuckt, sich widersetzlich verhält, buckelt oder durchbrennt. Angst und Stress können auch durch Bewegungsmangel oder Überforderung entstehen oder durch Schmerzen wegen schlecht sitzender Ausrüstungen oder schliesslich durch medizinische Ursachen wie Augen-, Zahn- oder Rückenprobleme. Die Heftigkeit einer Reaktion hängt in der Regel von Alter und Rasse ab. Das junge, unerfahrene, hoch im Blut stehende Pferd neigt eher zu dramatischen Aktionen als der abgeklärte vierbeinige Senior mit kaltblütigerer Abstammung.
Unsicherheit, Nervosität oder Ängstlichkeit übertragen sich auf das Tier und provozieren brenzlige Situationen. Damit sich weder Pferd noch Reiter verletzen, lautet die wichtigste Regel für Schreckmomente: Ruhe bewahren! Der Reiter darf sich von der Panik seines Pferdes nicht anstecken lassen, sondern muss die Nerven behalten und besonnen handeln. Fürchtet sich der Reiter, spürt das Pferd diese Angst, sieht seine eigene bestätigt und wird erst recht flüchten wollen. Übernimmt der Reiter hingegen die Rolle des Anführers, kann er seinem Pferd so aktiv helfen, die vermeintliche Gefahrensituation ohne Eskalation zu überstehen und sich zu beruhigen.
Reitern, die noch nicht ganz so unerschrocken und souverän sind, helfen ein paar Notfallstrategien. Wer dazu neigt, nervös oder hektisch zu werden, sollte sich in heiklen Momenten auf und neben dem Pferd auf seine Atmung konzentrieren. Diese ist eng mit der Psyche verknüpft: Wer ruhig und entspannt atmet, kann nicht gleichzeitig aufgeregt sein. Eine ruhige Atemfrequenz lässt sich erreichen, indem man zum Beispiel tief in den Bauch hinein einatmet und dabei auf drei zählt. Das Ausatmen sollte doppelt so lang sein, man zählt dabei auf sechs. Dabei lässt auch die Anspannung in der Muskulatur nach, was für das sensible Pferd ein spürbares Zeichen ist, ebenfalls zu relaxen.
Absteigen, falls nichts hilft
Starrt es dann immer noch wie gebannt auf ein vermeintlich gefährliches Objekt, kann der Reiter das Tier mit seinem Blick beeinflussen. Schaut er bewusst am Traktor oder am bellenden Hund vorbei und richtet seine Augen in die Ferne, orientiert sich auch das Pferd an dieser neuen Richtung und bekommt die innere Sicherheit, um weiterzugehen.
Ablenkung erfüllt bei manchem Pferden den gleichen Zweck: Reitet man an der vermeintlich gefährlichen Holzbeige mit Schenkelweichen oder im Schulterherein vorbei, konzentriert sich das Pferd auf die Hilfen des Reiters und die gestellte Aufgabe – und vergisst im besten Fall, was ihm Angst machte.
Führt keine dieser Methoden zum Ziel und steigert sich das Pferd in eine Panik hinein, kann der Reiter auch absteigen, bevor die Situation ausser Kontrolle gerät. Viele Pferde beruhigen sich, sobald sie ihren ranghöheren Anführer sehen können. Geht dieser dann gelassen und entspannt an der Gefahrenzone vorbei, wird ihm das Pferd am Zügel folgen. Hat man das Pferd zwei, drei Mal durch den problematischen Bereich geführt, wird das auch vom Sattel aus klappen. Nach jedem Schreckensmoment sollte sich der Reiter bewusst mit dem Erlebnis auseinandersetzen, um es zu verarbeiten, daraus zu lernen – und beim nächsten Mal noch besser und noch souveräner zu reagieren.