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«Liebesromane sind mir zu soft»
Seit sie überhaupt schreiben kann, schreibt sie. Von Gedichten bis hin zu Liebesromanen. Mit 20 Jahren hat sie ihren ersten Krimi geschrieben: Silvia Götschi hält eine Lesung am Sonntag, 30. Oktober im Krimi-Tram am «Zürich liest». Wir haben sie vor ihrer Darbietung getroffen.
Wie hat das Schreiben bei dir angefangen?
Geschrieben habe ich meinen ersten Krimi im Alter von 20 Jahren. 32 Jahre später, im Jahr 2010, wurde dann erstmals einer meiner Krimis herausgegeben. Vorher habe ich Liebesromane geschrieben, die aber bereits kriminelle Aspekte enthielten – es gab dort schon Tote (lacht). Ich habe eine sehr blühende Fantasie, schon immer gehabt.
Wieso Krimis und keine Liebesromane mehr?
Liebesromane sind mir zu soft. Ich brauche Action! Aber nicht James-Bond-Action. Für mich bedeutet Action psychologischer Tiefgang. Ich will erfahren, wieso ein Mensch einen anderen umbringt, wie es den Angehörigen dabei geht und wie sie reagieren.
Wenn du Action brauchst: Wieso dann kein Thriller oder Horror?
Ich habe vor einem Jahr ein Thriller-Drama veröffentlicht. Das wurde ein ziemlich dicker Schinken, an dem ich fünf bis sechs Jahre geschrieben habe. Thriller-Elemente verwende ich oft in meinen Krimis, ich schreibe nicht reine Polizei-Krimis mit einfacher Auflösung. Mir gefallen eher Detektiv-Krimis, in denen mehrere kriminelle Akte passieren.
Wie sieht dein Schreibprozess aus?
Ich fange immer von vorne an. Der Anfang ist meistens die grösste Hürde. Einen Krimi habe ich in ca. zwei Monaten geschrieben. Ein Jahr zuvor muss ich jedoch dem Verlag ein Exposé einreichen. Dabei muss ich grob erklären, worum es geht und welche Figuren vorkommen. Der Verlag weiss aber, dass es meistens doch anders endet, als ich im Exposé beschrieben hatte. Manchmal durchlaufen die Figuren eben während des Schreibens ihren eigenen Prozess und verändern sich plötzlich…
Wie schaffst du es, dass der Leser oder die Leserin das Buch nicht weglegt?
Ich schreibe zwei bis drei Sätze am Anfang, die den Lesenden packen. Irgendetwas, das man sieht oder erlebt. Es kann sein, dass ich aus der Sicht des Opfers schreibe oder aus der Sicht des Mörders selbst. Zusätzlich schreibe ich immer ein Vorwort und diesen Text greife ich irgendwo im Buch wieder auf.
Wie kommst du auf deine Ideen?
Ich schaue und höre sehr viel zu. Ich bin eine sehr gute Beobachterin. Hauptsächlich «schreibe» ich im Kopf. Ich bin oft mit dem Fahrrad unterwegs oder gehe wandern: Das bringt mich auf Ideen. Diese spielen sich dann wie ein Film im Kopf ab. Sobald ich mit dem Schreiben beginne, kann ich diese Bilder wiedergeben. Ich brauche dafür keine Notizblöcke oder Post-it’s. Jedoch kommen beim Schreiben dann die Logik-Fragen auf, wofür ich oft recherchiere. Während des Schreibprozesses muss ich an einem ruhigen Ort sein. Am liebsten bei mir zuhause im Büro, und dazu höre ich gerne klassische Musik.
Hast du Beispiele für deine Recherchen?
Ich habe beispielsweise Interviews mit Polizisten darüber geführt, wie der Polizei-Apparat funktioniert. Mittlerweile kenne ich sogar Anwälte, denen ich jederzeit Fragen stellen kann. Meine Tochter ist auch Anwältin. Die Recherchen mache ich, damit meine Geschichten Sinn ergeben und realistisch wirken.
Um «Tod an der Goldküste» geht es im Krimi-Tram. Auf welcher wahren Gegebenheit basiert dieser Krimi?
Vor ungefähr zwei Jahren kam ein Leser auf mich zu und erzählte mir von einer wahren Straftat, die sich am Zürichsee ereignete. Es ging um eine Frau, die es liebte, zu reisen. Sie erlitt jedoch einen Hirnschlag und wurde halbseitig gelähmt. Da sie viel Geld hat (sie lebt nämlich immer noch), ging sie trotzdem auf Reisen, hingegen mit Pflegebegleitung. Sie reisten in die Karibik, waren auf Kreuzfahrten und flogen sogar in der Business-Class. Die Frau hätte nie geahnt, dass sie am Ende des Urlaubs von ihrem eigenen Personal ausgeraubt und misshandelt werden würde. Sie musste sich von diesem Vorfall erholen, entschied sich jedoch nach einiger Zeit, eine weitere Reise anzutreten – mit neuem Personal. Und tatsächlich wiederholte sich derselbe Horror: Die arme Frau im Rollstuhl wurde erneut ausgeraubt und misshandelt. Da wusste ich, diese Story muss ich aufnehmen. Aber an dieser Erzählung fehlten mir die Toten (lacht). Um diese wahre Geschichte herum habe ich dann den Krimi «Tod an der Goldküste» geschrieben.
Wie gehst du mental damit um, dass du Mord und Totschlag so nahe bist? Hast du Alpträume?
Nein, habe ich nicht. Das Schreiben über dunkle Gegebenheiten ist für mich ein Aufarbeiten von dem, was mich beschäftigt. Es wandelt sich in mir zu etwas Positivem. Das macht wahrscheinlich auch einen zufriedenen Menschen aus mir.
Wie entwickelst du eine Figur?
Das ist kein Prozess. Die entstehen in meinem Kopf und sind einfach da. Wie die Charaktere ihre Entscheidungen treffen, ist immer unterschiedlich. Jedoch versuche ich mittels Psychologie herauszufinden, wieso die Figur so handelt. Die Psyche des Menschen ist sehr vielseitig und komplex. Ich male jedoch nie schwarz-weisse Bilder, es ist immer eine Geschichte hinter einem Mord.
Hast du ein Krimi-Vorbild?
Stephen King. Er hat auch eine blühende Fantasie, das gefällt mir sehr. Er schafft es, dass man ihm seine Geschichten abnimmt, obwohl klar ist, dass es so nicht wahr sein kann. Er hat einen tollen Mix aus Horror, Krimi und Thriller.
Und zum Schluss: Was erwartest du von deiner Lesung im Krimi-Tram?
Ich will natürlich nicht nur lesen, sondern auch das Publikum abholen, mal einen Witz machen (lacht). Wenn ich eine Stunde lang lese, schlafen die Gäste ein – erst recht beim Schaukeln des Trams. Ich werde mich gut vorbereiten und verschiedene Passagen lesen, bin jedoch spontan und mache das Beste draus.
Krimi-Tram im Rahmen vom «Zürich liest»
Silvia Götschi und weitere Krimi-Autor*innen lesen am 30. Oktober im Krimi-Tram.