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10. August 2016. Verständlicherweise liegt es im olympischen Geist, ausländische Gäste in Rio willkommen zu heissen und eine Kultur des Friedens zu fördern. Wirtschaftlich gesehen macht es ebenfalls Sinn, dass ein Grossteil der Planungen touristische Aspekte umfasst – die Olympischen Spiele sind ein internationales Event, das eine Chance für die Stadt ist, sich der Welt zu präsentieren. Nichtsdestotrotz sollten Politiker und Planer nicht die Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung vergessen. Studien haben gezeigt, dass das wirtschaftliche Erbe der Olympischen Spiele sehr ernüchternd ist. Gastgeberstädte sehen sich im Allgemeinen Verschuldung und grossen Schwierigkeiten, die umfassende Infrastruktur nach dem Ende der Spiele zu unterhalten, ausgesetzt. All dies sind weitere Gründe, um die einheimische Bevölkerung, die von dem Erbe profitieren möchte, an Entscheidungen über die Nutzung und Bestimmung von Ausrüstung und Infrastruktur, die nach Ende der Spiele abgebaut werden, mit einzubeziehen.
Der Bürgermeister von Rio, Eduardo Paes, hat erklärt, dass ein Teil der Ausrüstung Gemeinden gespendet und zwei Arenen Teil öffentlicher Schulen werden. Dennoch sind für die Unterhaltung der verbleibenden Einrichtungen im Olympiapark, die in ein modernes Trainingszentrum umgewandelt werden, rund 13 Millionen Brasilianische Real pro Jahr nötig. Entscheidungen stehen noch aus, doch der Bürgermeister sagt, dass die Verwaltung auf einem öffentlich-privaten Partnerschaftsmodell basieren wird, um die Kosten für die Unterhaltung dieser Sportstätten querzufinanzieren.
Einheimische haben gemischte Gefühle
In politisch und wirtschaftlich unruhigen Zeiten sehen die Einheimischen die Spiele und die damit verbundenen Versprechen der politischen Parteien mit sehr gemischten Gefühlen. Die Bevölkerung verbrüdert sich, trägt die nationalen Farben und verfolgt enthusiastisch den olympischen Fackellauf. Gleichzeitig sind die meisten irritiert angesichts unerfüllter Versprechen wie der Säuberung des verschmutzten Wassers der Guanabara-Bucht. Lediglich eine Kläranlage wurde fertiggestellt, um das Wasser zu säubern, das aus vier verschmutzten Flüssen ankommt. Diese Kläranlage hat noch nicht einmal den Betrieb aufgenommen.
Thereza, eine ehemalige Schullehrerin, sagt, dass sie stolz war, als die olympische Fackel vorbeizog. Sie bestätigt, dass mehr Besucher kommen und diese das Geschäft beleben. Allerdings ist sie sich auch der Tatsache bewusst, dass sich die Regierung auf dieses internationale Event konzentriert und der einheimischen Bevölkerung nur wenig Beachtung geschenkt hat. Die einfachen Menschen stehen weiterhin vor Problemen wie Verkehrsstaus und allgemein fehlenden Investitionen in Gesundheit, Bildung und die öffentliche Sicherheit.
Öffentliche Sicherheit und Ausgrenzung
Thereza betont, dass die öffentliche Sicherheit weiterhin ein zentrales Problem ist. Die nicht zu übersehende Präsenz von Sicherheitskräften kann man zwar als Verbesserung der Situation ansehen, doch es bleibt die Frage: Was passiert danach? Darüber hinaus beschweren sich viele darüber, dass die Polizei übermässige Gewalt anwendet und möglicherweise Vorurteile gegen die Armen hat. Einige nennen das Event sogar die «Olympischen Spiele der Ausgrenzung», eine Veranstaltung für Eliten, bei der die Armen und die hart kämpfende Mittelklasse aussen vor bleiben.
In der Diskussion über Gewalt, Favelas und Ausgrenzungen glaubt Daryl, Besitzer eines B&B, der in der Favela Babilonia lebt, dass die Beziehung zwischen der Strasse und der Favela ein Klassenproblem ist, etwas, das nicht durch die Präsenz der UPP, der «Friedenseinheiten» der Polizei, gelöst werden kann: «Es geht nicht um Repression, sondern darum, dass man erst in den vergangenen zehn bis zwölf Jahren damit begonnen hat, die ungelösten sozialen Probleme von 500 Jahren anzugehen.» Natürlich hatten diese Verbesserungen auch negative Auswirkungen wie die Gentrifizierung von Favelas. Ausländer haben dort die Armen ausgekauft, um die privilegierten Orte mit häufig atemberaubenden Ausblicken zu geniessen. Daryl äussert daher ernste Zweifel daran, dass die ärmsten Schichten der Gesellschaft von den Spielen profitieren werden können. «Positive Entwicklungen sind grösstenteils durch die politische (und die Haushalts-)Krise von 2013, die zu einer Beendigung zahlreicher sozialpolitischer Massnahmen führte, verloren gegangen – und zwar mit negativen Folgen für die ärmeren Familien.» Das Problem ist in erster Linie kein wirtschaftliches, sondern ein politisches.
Die Übergabe der politischen Fackel
Die politische Landschaft in Brasilien steckt mitten in einem Amtsenthebungsprozess und die Spannungen im Land können symbolisch mit den Olympischen Spielen verglichen werden. Im Mai nahm die ehemalige Präsidentin Dilma Rousseff die olympische Fackel entgegen. Sie sieht sich einem Amtsenthebungsprozess ausgesetzt und wurde von Interimspräsident Michel Temer, der die Olympischen Spiele offiziell eröffnete, abgelöst. Obwohl sie geteilter Meinung sind, was die politische Zukunft des Landes angeht, finden die Cariocas kreative Wege, ihren Frust auszudrücken und während der Zeremonie zu protestieren. Die Menschen wollen für und gegen die Amtsenthebung, für bessere städtische Dienste, für grössere Transparenz und grössere Verantwortlichkeit für die öffentlichen Ausgaben sowie für die Durchsetzung der Umweltgesetze demonstrieren (z. B. wurde der neue olympische Golfplatz in einem mittlerweile von der Staatsanwaltschaft hinterfragten Prozess angelegt).
Organisatoren gehen davon aus, dass bei den Eröffnungszeremonien Tausende von Demonstranten dabei waren. Als Gegenmassnahme wurde das grösste Sicherheitssystem in Gang gebracht, das jemals in Brasilien implementiert wurde. Der Umfang der Reaktion liegt jedoch eher an der internationalen Sichtbarkeit der Veranstaltung und der Anwesenheit führender internationaler Politiker als an der Anzahl von Demonstranten. Die offizielle Zahl der beteiligten Sicherheitskräfte einschliesslich der Guarda Municipal, der Militärpolizei, der Marine und der Armee wurde (aus Sicherheitsgründen) nicht bekannt gegeben, doch die Gesamtkosten sind bereits öffentlich bekannt. Die Zentralregierung hat zusätzlich 120 Millionen Brasilianische Real für die Sicherheit während der Eröffnungsnacht bereitgestellt. Entgegen aller Bemühungen der Regierung werden die sozialen Proteste wahrscheinlich weitergehen und sogar zunehmen, sobald die Spiele und ihre Euphorie verflogen sind. Die Proteste in Rio werden sich nicht nur auf die Probleme der Politik der Zentralregierung konzentrieren, sondern auch die Sorgen hinsichtlich des (Miss-)Managements der Hinterlassenschaft auf lokaler Ebene aufgreifen.
Trotz dieser ganzen Unruhen wird positiver Enthusiasmus bleiben. José, der Mate-Strassenverkäufer, bleibt hoffnungsvoll optimistisch, was die Zukunft und seine Liebe zu der Stadt angeht: «Ungeachtet der ganzen Probleme, die wir haben, würde ich Rio für keinen anderen Ort auf der Welt eintauschen. Ich bin zuversichtlich, dass wir alles in den Griff bekommen, was falsch läuft. Wir können hart arbeiten und werden nicht aufgeben.» Weit davon entfernt, das Image der Stadt zu gefährden, können wir die zunehmende soziale Mobilisierung auch als notwendigen Schritt einer noch immer jungen Demokratie auf dem Weg hin zu grösserer gesellschaftlicher Beteiligung und grösserer Verantwortlichkeit seitens der Stadtplaner und der öffentlichen Verwaltung ansehen.
Lesen Sie hier den ersten Teil dieser Serie.
Dr. Vanessa Boanada ist Academic Program Manager am Centro Latinoamericano-Suizo.
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