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Privatjet, Familie, Beatlessongs
immer Ärger mit Jimmy
eindrückliches Dokument
Wiederentdeckung
die Archive Collection Wiederveröffentlichung 2013
Rezeption und Statistik
John Bonham, der Drummer von Led Zeppelin, besuchte fast jedes der amerikanischen Konzerte, wie Paul im Kommentar zur Videosammlung «The McCartney Years» erzählt. Bonham hatte recht, sechs Jahre nach der Trennung der Beatles war Paul mit den Wings nicht mehr aus dem Rockolymp wegzudenken: Jedes neue Album erklomm die Chartspitze, jede neue Single wurde ein Hit und die Wings schienen sich als Band gefunden zu haben.
Wings MK V gilt als die beste und definitive Wingsbesetzung: Paul souverän wie schon lange nicht mehr, Linda McCartney beherrschte die Tasten, Dummer Joe English und Multiinstrumentalist Denny Laine waren in Spiellaune und der junge Jimmy McCullogh schliff die Songs als feuriger Leadgitarrist. Von 1974–1977 hatte diese Formation bestand und veröffentlichte drei Nummer 1 Alben. Ergänzt wurde sie auf der «Wings Over The World Tour» 1975/76 von der Wings Horn Section mit Thaddeus Richard, Howey Casey, Steve Dorsey und Steve Howard. Es sollte die einzige Tour sein, bei der Paul über die Rockband zusätzliche Instrumentalisten mitgenommen hatte. Seit 1989 begleitet ihn Keyboarder Paul «Wix» Wickens als Einmann-Brassband und Orchester.
Privatjet, Familie und Beatlessongs
Den ersten Flügelschlag um die Welt machten die Wings am 9. August 1975, am 21. Oktober 1976 landete die Band wieder. Die Tour führte in 66 Konzerten um die Welt, 31 Shows fanden in den USA statt, 17 in England, 9 im restlichen Europa und 9 in Australien. Zwischen den einzelnen Tourabschnitten lagen mehrere Wochen Pause, nicht zuletzt, weil die McCartneys mit ihren Kindern Mary, Heather und Stella reisten. Um den Stress für die Kinder zu reduzieren, mieteten sie während der US-Tour in New York, Dallas, Chicago und Los Angeles je ein Haus und flogen nach den Konzerten mit einem Privatjet zum nächstgelegenen Haus.
Ungefähr in der Mitte der Shows gab es ein akkustisches Set, worin Paul u.a. «Yesterday» spielte.
Wie hatte sich die Welt in den vergangenen zehn Jahren seit dem letzten Beatleskonzert verändert? Die Leute gingen nicht mehr an Konzerte, um extatisch zu schreien, sondern um die Musik zu hören, Big Business war in die Rockszene eingebrochen, die Hippiebewegung und die grossen Festivals waren ebenso Geschichte wie neue Bands und Genres Bahn gebrochen hatten, allen voran Progrock mit Pink Floyd oder Hard Rock mit Led Zeppelin. Die Beatles waren Geschichte, Ringo Starr begann nach 1973 in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, John Lennon hatte 1971 seinen Biss verloren und mutierte nach der Geburt seinens Sohns Sean 1975 für fünf Jahre zum Hausmann und George Harrison hatte mit seiner «Hari’s On Tour» 1974 und mediokren, zum Teil religiös inspirierten Alben Schiffbruch erlitten.
Paul machte weiterhin Musik, erfolgreicher als seine drei Freunde zusammen, da er wie die Rolling Stones zwei Generationen erreichte, alte Fans aus den Sechziger Jahren und Jugendliche, die die Beatles nicht selber erlebt hatten. McCartney war mit den Wings durchgestartet und wollte seine Band nie als blosse Beatles-Nachfolgeband verstanden wissen. Sowohl bei der Universitätstour im Frühjahr 1972 als auch der im Sommer folgenden Europatour (die in Montreux und Zürich Halt machte), hatte Paul keine Beatlessongs im Repertoire. So sollte es ursprünglich auch bei dieser Tour sein, was Paul schlussendlich dazu bewog, dennoch eine Handvoll zu spielen, ist offen. Mit «I've Just Seen A Face», «Lady Madonna», «Blackbird», «The Long And Winding Road» und «Yesterday» fiel ihm kein Stein aus der Krone und das Publikum dankte es ihm.
immer Ärger mit Jimmy
Einer, der zu Pauls neuen Fans hätte gehören können, war Gitarrist Jimmy McCullogh, der bevor er 1974 nur gerade 21-jährig zu den Wings stiess, bereits ein eindrückliches Palmarès u.a. mit John Mayalls Bluesbreakers vorweisen konnte. Jimmy spielte die Gibson SG und Les Paul (wie Angus Young von AC/DC) hart, aber vom Blues inspiriert. der mit dem verstorbenen Jimmy Hendrix, den Allman Brothers und Eric Clapton zu den wichtigsten Stile der 70er-Jahre gehörte. Während den Aufnahmen der Wings zu «Junior's Farm» und dem 75er «Venus And Mars Album» in den USA, prägte Jimmys erdiger Stil massgeblich die Songs. Es gehört mit zu seinem Verdienst, dass die Wings live eine Hardrock Band waren, die den Vergleich mit Led Zeppelin nicht zu scheuen brauchte.
Tourposter für das Wings-Konzert vom 1. November in Perth. Man beachte die Ticketpreise von 6 australischen Dollar. Das Posterdesing lehnt sich an das aktuelle, 75er-Album «Venus And Mars» an.
Die Wings traten kaum nüchtern auf und so fiel Jimmys Hang zu den Drogen nicht weiter auf. Wegen Pauls Marihuanakonsum verweigerten die japanischen Behörden den Wings zu spielen. 1980 sollte Paul bei der Einreise zu einer weiteren geplanten Japantour am Flughafen von Tokyo wegen Marihuanaeinfuhr verhaftet werden. Nicht bloss die Drogen, auch der Erfolg stieg Jimmy zu Kopf, was die Beziehung zu den Bandmitgliedern erschwerte. Zur Eskalation kam es in XX, als Jimmy sich weigerte, auf die Bühne zu gehen. Paul stürmte wutentbrannt in die Garderobe und prügelte seinen Gitarristen auf die Bühne. Nichts dafür konnte Jimmy jedoch, dass die Konzerte im Frühjahr 1976 verschoben werden mussten, da er in Paris hinter der Bühne gestürzt war und sich den Daumen gebrochen hatte.
eindrückliches Dokument
Wie der Titel des Albums verrät, wurden für «Wings Over America» die besten Takes von verschiedenen Konzerten der US Tour 1976 so abgemischt, dass es klingt, als wäre es ein einziges Konzert. Ursprünglich hatte Paul ein Doppelabum geplant, doch der äusserst erfolgreiche Bootleg «Wings From The Wings», der das Konzert vom 23. Juni im L.A. Forum umfasste, liess Paul umdenken. In der Folge hörte er sich während sechs Wochen im September und Oktober 1976 durch 90 Stunden Aufnahmen, um eine komplette Show zusammenzustellen. Das Rolling Stone strich in seiner Besprechung 1977 heraus, dass das Publikum starkt in den Hintergrund gemischt wurde. Ebenfalls erhielten einige Songs Overdubs, wohl um Fehler zu korrigieren, und nicht, wie Drummer Joe English erklärte, weil das Publikum falsch mitgegrölt habe.
Ebensowenig, wie Paul die Wings als Beatlesnachfolge Band verstanden wissen wollte, wollte er sie als reine Begleitband von ihm (was ironischerweise genau dem Beatleskonzept entsprochen hatte). Denny Laine steuerte auf jedem Wings Album seinen Song und Leadvocals bei. Auf «Venus And Mars» hatte Jimmy McCullogh den Antidrogensong «Medicine Jar» beigesteuert, auf «Wings At The Speed Of Sound» «Wino Junko». «Wings At The Speed Of Sound» hatte Paul als Fullband Album geplant, Denny Laine steuerte Songs bei und jedes Bandmitglied übernahm bei mindestens einem Song die Leadvocals. So präsentierten sich die Wings auch Live als homogeneband. Jimmy spielte «Medicine Jar», Denny «Time To Hide», «Spirits Of Ancient Egypt», «Go Now», das er mit den Moody Blues eingespielt hatte, und das Simon & Garfunkel Cover «Richard Corey».
Das Poster, das dem Originalalbum beigelegt wurde. Für die CD Erstveröffentlichung wurde ein daraus ein Booklet gestaltet.
«Wings Over America» ist nicht nur in seinen Umfang ein eindrückliches Dokument über die Tour, sondern enthält ein paar der besten Songversionen: «You Gave Me The Answer» könnte direkt vom Mardi Gras kommen, «Letting Go» ist rockiger als das bluesige Original, «Beware My Love» und «Hi Hi Hi» sind in der Hardrock-Liveversion stringenter als in der Studioversion und deshalb als die definitve Variante zu betrachten. Dennys «Time To Hide» mit dem flammenden Harmonikasolo vermag noch immer zu verzaubern, und der bis heute sonst unveröffentlichte Rocker «Soily» ist gemäss Rolling Stone die perfekte Klimax.
Wiederentdeckung
Im Set enthalten waren auch die Megahits «My Love», «Live And Let Die», «Band On The Run», «Silly Love Songs» und «Jet», letzterer im Medley mit «Venus And Mars» und «Rockshow». Songs aus der turbulenten Anfangsphase der Wings waren 1975 vier enthalten, 1976 wurden «Little Woman Love» und «C Moon» gestrichen, so dass nur noch «Soily» und «Hi Hi Hi» verblieben. Ab «Ram» fand sich kein Song im Set. Nicht jedoch ab «McCartney»: Das bezaubernde «Maybe I'm Amazed» war ein fester Bestandteil der Show und wurde im Februar 1977 als Single mit der B-Seite «Soily» aus dem Album augekoppelt. Nicht zuletzt der Charterfolg der Liveversion führte zur Rehabilitierung des Songs und Albums, so dass er auf der europäischen Doppel LP von «All The Best» (1987) als Single aufgeführt wurde, wenn auch dort die Studioversion verwendet worden war.
1976 wurde auf mehreren Fernsehstationen die Dokumentation «Wings Over The World» ausgestrahlt. Paul liess einige Konzerte filmen, es dauerte aber bis zum November 1980, bis der Film «Rockshow» in New York Premiere hatte. 1981 wurde er als Video veröffentlicht. In der 2001er-Dokumentation «Wingspan» geht Paul ebenfalls auf die Tour ein. «Wings Over America» zeigt die Wings auf dem Zenit und belegt, dass Paul McCartney ein Leben nach den Beatles hatte. Im Gegensatz zu Pauls späteren Livesets, die ein Beatlesrevival mit Solobeigaben waren, zeigt «Wings Over America» explizit auf, dass Paul durchaus mehr Solosongs spielen könnte, als er es aktuell tut.
die Archive Collection Wiederveröffentlichung 2013
Weniger, dafür umfangreicher, gilt für die Wiederveröffentlichung in der Archive Collection. Es ist das fünfte ReIssue. Wie bei den früher erschienenen Alben «McCartney», «Ram», «Band On The Run» und «McCartney II» erscheint das Originalalbum auf Vinyl, CD und Download. Da «Wings Over America» bereits eine Doppel CD war, gibt es keine Bonus CD. Wer die Aufnahmen von San Francisco hören möchte, muss auf die Deluxe Box zurückgreifen. Doch diese ist ihr Geld wert.
Tourposter für die Wings-Konzerte vom 13. und 14. Juni im Cow Palace in San Francisco. Teile davon sind auf der Bonus CD in der Archive Collection erstmals veröffentlicht.
Rezeption und Statistik
«Wings Over America» erreichte trotz seines umfangreichen Formats als Tripple-Vinyl und des teureren Verkaufspreis in den USA die Chartspitze. Somit ist es eines der wenigen Livealben, das sich auf Rang 1 platzieren konnten. Und das einzige Tripplealbum, das es bis zuoberst in der Hitparade geschafft hat. «Wings Over America» verkaufte sich aber auch äusserst gut, alleine in den USA wurden 4 Millionen Exemplare verkauft. Es war das fünfte Nummer 1 Album in Folge für Paul. In England klasssierte sich das Album auf dem 8 Rang. Weitere Topten Plätze gab es in Neuseeland (3), Norwergen (7), Deutschland (9) und Holland (10), nicht platziert hat sich das Album in der Schweiz. Edelmetall gab es in Kanada und den USA (je Platin) und England mit einer goldenen Schallplatte. Die Singleauskoppelung von «Maybe I'm Amazed» erreichte in den USA Rang 10, in England Platz 28, in der Schweiz klassierte sich die Single ebenfalls nicht. Die Deluxe Version der Archive Collection wurde 2014 mit dem Grammy für das Best Boxed Or Special Limited Edition Package ausgezeichnet.
Auf der 2007er-Kollektion «The McCartney-Years» ist ein Auszug der Konzertdokumentation «Rockshow» enthalten. Der ganze Konzertfilm ist im Juni 2013 erstmals auf DVD veröffentlicht worden.
Das Originalalbum erschien in einem Klappcover wie en Doppelalbum. Hier ist das Innencover abgebildet..