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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1991 von Marlies Bayer-Ciprian
Elisabeth Rellstab, 1843−1904, Im Unteren Lehmhof
Eine Zeitgenossin von Elisabeth Weber-Hauser ist Elise Rellstab, welche 1843 auf dem Unteren Lehmhof geboren wurde. Sie erlebte auf dem elterlichen Hof eine glückliche Kindheit. Ihr Vater war Landwirt, Gemeindepräsident und Scharfschützenhauptmann. In der Schule zeichnete sich Elise durch Begabung und Fleiss aus. Gerne hätte sie eine höhere Schule besucht, was ihr aber nicht ermöglicht wurde. Sie musste der kränklichen Mutter bei der Führung des Haushaltes auf dem Hof beistehen. Ihr Lerneifer aber war so gross, dass sie sich immer ein Viertelstündchen in einer stillen Ecke zu gönnen wusste, um sich dem Selbststudium fremder Sprachen zu widmen. Weil die Arbeit auf dem Hof nie unter diesen Studien zu leiden hatte, durfte sie 1863, zu ihrem zwanzigsten Geburtstag, nach Frankreich reisen. In der Champagne wurde sie von Ihrem Grossonkel Johannes Rellstab beherbergt, damit sie an Ort und Stelle ihr Französisch verbessern konnte und Erholung von ihren Pflichten bekam.
Das eigentliche Entscheidungsjahr aber wurde 1870, der Beginn des Deutsch-Französischen Krieges. Als Nachrichten nach Wädenswil kamen, dass die Preussen gegen das Gut ihres Grossonkels stiessen, reiste sie auf der Stelle auf eigene Faust über Genf nach Monneaux, um ihrem Onkel beizustehen.
Elisabeth Rellstab, 1843−1904.
Daraus wurde erst einmal nichts, denn sie bedurfte selber der Pflege, da sie mit hohem Fieber ankam. Kaum genesen, begann sie im Dorf den deutschen Soldaten im Lazarett auf die verschiedenste Weise beizustehen: tröstete, verband Wunden, vermittelte Nachrichten an die Angehörigen, versuchte die überarbeiteten Lazarettdiener zu entlasten. Vieles belastete sie bei dieser Arbeit. All die Leiden der Soldaten, der Platzmangel, die fehlende medizinische Ausrüstung, die schrecklichen Ausdünstungen. Daneben wurde es ihr schwer angekreidet, dass sie Arbeit tat, die sich für eine Bürgerstochter nicht gehörte, noch dazu für eine unverheiratete. Wenn es wenigstens französische Soldaten gewesen wären. Nächstenliebe ist gut und recht, aber bitte am richtigen Ort! Nach langen Strapazen meldete sich ihr eigener Körper mit Fieber und Kopfschmerzen. Sie war gezwungen, nach Hause zu fahren.
Aber ihre Berufung hatte sie gespürt. In ihrer Heimatgemeinde setzte sie sich dafür ein, dass ärmere Kranke eine Krankenanstalt hätten, wo man sich um sie kümmern und sie pflegen konnte. Im Armenhaus am Plätzli schlug man ein paar Betten zu diesem Zweck auf. Bei ihrem Werk halfen ihr manche Frauen, die auch in anderen Belangen wieder mit Hand anlegten, teils mit Geld, teils mit Arbeit oder gar mit beidem. Ob diese Berufung, den kranken, bedürftigen Menschen beizustehen, der alten Berufung ebenbürtig war? Ob ihr Werk sie genauso glücklich gemacht hat, wie eine höhere Schulbildung sie hätte machen können? Wir jedenfalls verdanken ihr die Gründung des Krankenasyls.