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Schweizer Literatur und Lachen – keine einfache Beziehung. Zwar sprechen wir fast selbstverständlich von «britischem Humor», ungeachtet der Frage, ob sich darin Schotten oder Waliser gut aufgehoben fühlen. Die Schweiz aber zerlegen wir ebenso selbstverständlich in kleine sprachliche und kulturelle Regionen, die dann auch noch eher Gegenstand und weniger Heimat des Witzes sind – man denke an die Freiburger und Berner Witze. Gesamthelvetisch werden allenfalls negative Vorurteile geteilt: Der «Schweizer an sich und überhaupt» gilt als trocken, wortkarg und humorlos. Somit wäre die Schweizer Identität wieder einmal dadurch definiert, was sie nicht ist: «nicht deutsch», «nicht französisch», «nicht italienisch» – und jetzt auch noch «nicht humorvoll». Diese Auffassung wäre nicht nur eine schlechte Ausgangslage für eine Suche nach Schweizer Literaturhumor, sie wäre vor allem auch zu einfach. Interessanter ist die Gegenthese, dass die Schweiz eine vielfältige und reiche komische Literatur bietet, die ganz eigene Traditionen ausgebildet hat.
Doch zur Begründung dieser These sollten wir zunächst das Verhältnis von Literatur zu Humor, Komik und Lachen klären. Soll man denn über Literatur eigentlich lachen? Peter Stamm hat zum Beispiel in einem unterhaltsamen Beitrag über die bedenklichen Schattenseiten des Lachens darauf hingewiesen, dass «ohnehin zu viel, über zu vieles gelacht» werde («entwürfe», 1999). Wenn man sich die Physiologie des Lachens vor Augen führt, möchte man beipflichten: Beim Lachen senkt sich der Unterkiefer, der reisst den Mund auf; Muskeln in der Backe ziehen die Mundwinkel nach hinten aufwärts; die beiden ringförmigen Muskeln um die Augen verengen sich; die Haut in den Augenwinkeln wirft Falten («Krähenfüsse»); heftige explosive Atembewegungen erzeugen das typische Lachgeräusch; der Puls erhöht sich. In schweren Fällen treten auf: tränende Augen, Kraftlosigkeit in den Extremitäten, Schwierigkeiten bei der Bewegungskoordination.
Ungeachtet solcher ästhetischer Bedenken interessieren mich hier die handfesten Heiterkeitsanreize der literarischen Komik. Es gibt diverse Erklärungsmodelle für das Funktionieren von Komik. Manche konzentrieren sich auf die Bildung und Abgrenzung von sozialen Lachgemeinschaften, andere heben psychologische Aspekte von der befreienden Kraft des Komischen (Freud) bis zu den Beklemmungen der «Lachangst» (Gelotophobia) hervor. Für die Literatur bewähren sich immer wieder Inkongruenztheorien. Schon bei Kant und Schopenhauer wird der Heiterkeitsanreiz auf die erlebte Unstimmigkeit (Inkongruenz) zwischen Erwartung und Erfüllung zurückgeführt. Formal-semantisch elegant hat der russisch-amerikanische Humorforscher Victor Raskin diesen Umstand beschrieben: Inkongruent komisch ist eine Aussage dann, wenn sie mit zwei verschiedenen semantischen Scripts (so nennen wir ein Bündel von Wissen und Erwartungen, die wir mit Begriffen verbinden) kompatibel ist und dabei beide Scripts zueinander in Opposition stehen. Als Beispiel Franz Hohlers kürzeste «Wegwerfgeschichte»: «Es war einmal ein Zwerg, der war 1,89 m gross.»
Jenseits aller formal-semantischer Beschreibung stellt sich nun aber die Frage, wie diese Scripts eingeführt und miteinander in Konflikt gebracht werden. Denn in Anlehnung an Robert Gernhardts Dictum, dass der komische Dichter «von den Konventionen» lebe, «da er von der Regelverletzung lebt» («Feldtheorie der Komik»), sind Ausdrucksformen des Komischen dort interessant, wo sie sich an Schweizer Traditionen reiben. Damit rückt die Frage nach allenfalls besonders schweizerischen Ausdrucksformen des Komischen in den Vordergrund. Um die Subjektivität und Unvollständigkeit der folgenden Ausführungen…