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Rathaus
Im Westfälischen Frieden 1648 erlangte Zürich die Unabhängigkeit vom Deutschen Reich und wurde zur Stadtrepublik. Zürich war damit völkerrechtlich mit den damaligen Grossmächten Venedig und Genua vergleichbar. Einen solchen Status genossen im 17. und 18. Jahrhundert nur wenige Städte nördlich der Alpen. Freiheit und Souveränität der zürcherischen Republik waren der Stolz der städtischen Aristokratie. Um die staatspolitische Vorzugsstellung gebührend zu manifestieren, beschloss die Obrigkeit trotz der wirtschaftlichen Krise der Jahre 1688–1693 den Bau eines neuen Rathauses.
Palmwedel und Schwert als Zeichen für den Frieden und die Staatsgewalt
Das Portal des Rathauses besteht aus schwarzem Richterswiler Malmkalk. Die beiden Löwen auf den korinthischen Säulen, die den Schild halten, tragen Palmwedel und Schwert als Zeichen für Frieden und Staatsgewalt.
Das dreigeschossige Repräsentativgebäude mit ornamental geschmückter Sandsteinfassade und Walmdach entspringt in seinen Grundzügen der Renaissance, weist aber auch barocke Stilelemente auf. Im Inneren des Rathauses haben seit dem 17. Jahrhundert noch weitere unterschiedliche Stilrichtungen ihre Spuren hinterlassen.
Insgesamt verkörpern die äussere und die innere Architektursprache des Rathauses einen spannenden Kompromiss zwischen staatlichem Repräsentationsbedürfnis und vornehmer zürcherischer Zurückhaltung und Sparsamkeit. Das Rathaus in der Limmat gehört damit zu den bedeutendsten historischen Politbauten der Schweiz.
Vor der ausserordentlichen Corona-Zeit sass das Zürcher Kantonsparlament, wie das obige Bild illustriert, im Ratssaal. Heute dient dieser den Kommissionen und der Geschäftsleitung des Kantonsrates als Sitzungsraum.
Im Ratssaal tagte auch der Gemeinderat der Stadt Zürich im Wochenrhythmus (jeweils am Mittwochabend, ausgenommen die Schulferien). Die Synoden der evangelisch-reformierten Landeskirche und der römisch-katholischen Kirche des Kantons Zürich führten ihre Sessionen ebenfalls im Rathaus durch.
Der Wandteppich entstand in fünfjähriger Arbeit unter der Leitung der international renommierten Zürcher Künstlerin Lissy Funk-Düssel. Seit dem denkwürdigen 8. Mai 1945, als die Glocken das Ende des Zweiten Weltkrieges verkündeten, schmückt er die Frontwand des Ratssaals.
Die Standesscheiben in den Fenstern sind ein Geschenk der Mitkantone an den Stand Zürich zum 600. Jahrestag des Zürcher Beitritts zur Eidgenossenschaft (1951). Anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Kantons Jura ist 2004 auch die Wappenscheibe des jüngsten Schweizer Standes hinzugekommen. Vergleichbare Wappenzyklen finden sich als Zeichen der Verbundenheit innerhalb der Schweizerischen Eidgenossenschaft auch in allen anderen kantonalen Parlamentsgebäuden.
Das heutige Erscheinungsbild des Ratssaals besteht seit 1938. Aus der Bauzeit des Rathauses sind das Portal und die Holzdecke in Nussbaum erhalten. 1833 ist die Raumhöhe durch Entfernung des Zwischenbodens verdoppelt worden.
Die Porträtbilder zeigen acht Bürgermeister aus der Zeit zwischen 1617 und 1768, die bis 1798 als höchste Stadtzürcher auch über das kantonale Untertanengebiet geherrscht haben.
Die Eingangshalle – Vestibül oder auch Entrée genannt
Diese Eingangshalle erschliesst alle Stockwerke und weiteren Räume des Rathauses. Dessen einziger offizieller Ein- und Ausgang ist nämlich das Portal, über welches das Gebäude betreten wird.
Das heutige Erscheinungsbild des 1698 errichteten Raumes besteht seit 1868, als die Stuckdecke und die grauen Stuckmarmorsäulen eingesetzt worden sind.
Über den Portalen der Eingangshallen sind Inschriften, sogenannte Portaldevisen, angebracht:
«Ne vigilet Deus» : Wenn Gott nicht über die Stadt wachte
«Ratio Deos et Diis» : Rechenschaft vor Gott und den Göttern
«Transit forma soli» : Es ändert sich die Gestalt der Erde
Büste von Gottfried Keller: Das bronzene Werk zu Ehren des international bedeutenden Zürcher Schriftstellers und Staatsschreibers (1819-1890) ist 1979 aus einem originalen Gipsmodell nachgegossen und hier aufgestellt worden.
Der aus Gottfried Kellers Bettagsmandat von 1862 übernommene denkwürdige Leitsatz ist 1938 hier angebracht worden. Der Leitsatz heisst:
«Lass unser Vaterland niemals im Streit um das Brot geschweige denn im Streit um Vorteil und Überfluss untergehen» (siehe Bild oben)
Südzimmer im Erdgeschoss
Den Namen verdankt das Südzimmer seiner Himmelsausrichtung. Vor der ausserordentlichen Corona-Zeit diente es vor allem als Sitzungsraum für einzelne Kommissionen des Kantonsrates sowie für den Kirchenrat der evangelisch-reformierten Landeskirche. Ergänzend stand es auch für informelle Besprechungen von Parlamentsmitgliedern und Fraktionen sowie für Gesprächsrunden mit Besucherinnen und Besuchern des Rathauses zur Verfügung.
Das heutige Erscheinungsbild des Raumes besteht seit dem Baujahr des Gebäudes, 1698.
Künstlerische Ausstattung
- Kachelofen von 1798.
- Kassettierte Stuckdecke mit reichem Hauptspiegel und geometrisch ausgerichteten seitlichen Medaillons, vollendet 1697. Die Ornamentik besteht aus Früchtearrangements, Knorpelwerk, Blattmasken und Muscheln.
- Nussbaumtäfer in dreizonigem Aufbau mit furnierten oktogonalen Hauptfüllungen von 1698.
Festsaal im Erdgeschoss
Der Festsaal diente vor der ausserordentlichen Corona-Zeit den im Rathaus tagenden Parlamenten als Empfangsraum. Vor allem die offiziellen Gastdelegationen des Kantonsparlaments wurden hier willkommen geheissen – sei es mit einem Pausenkaffee, einem Apéro oder einem Bankett. Darüber hinaus wurden in diesem Saal auch Sitzungen von parlamentarischen Kommissionen sowie Medienkonferenzen abgehalten.
Das heutige Erscheinungsbild des barocken Juwels ist seit der Fertigstellung des Rathauses im Jahr 1698 nicht verändert worden.
Künstlerische Ausstattung
- Decke: Prachtvolle, plastisch ornamentierte Stuckdecke. Im grossen zentralen Medaillon stehen sich gewissermassen das Gute und das Schlechte gegenüber: Die zentrale weibliche Symbolgestalt, welche die Gerichtsbarkeit und die Demokratie verkörpert, wird flankiert von der Justitia (Garantin der Gerechtigkeit) und der Abundantia, welche für den Überfluss steht. Am unteren Bildrand links die Avaritia (Geiz), rechts das Pferd, welches Diomedes zerfleischt.
- Die Eckmedaillons zeigen die Symbole der vier Kardinaltugenden: Mässigkeit (Messlatte und Zügel), Stärke (Löwe), Weisheit (Schlange) und Wachsamkeit (Kranich).
- Standestafel: Das 1567 vollendete Werk zeigt im Mittelteil die von Löwen gehaltenen Standesschilde von Zürich, überhöht mit dem bekrönten Schild des «Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation» als Symbol für die Stellung Zürichs als Reichsstadt.
- Porträtbilder: Sie zeigen 4 Bürgermeister aus der Zeit zwischen 1723 und 1813, die als höchste Stadtzürcher auch über die kantonalen Untertanengebiete geherrscht haben.
- Turmofen: Das 1753 durch die Zürcher Manufaktur von Leonhard Locher geschaffene Werk zeigt in blauer Farbe gehaltene Ruinenlandschaften. Seit 1938 steht der Ofen nicht mehr in Betrieb.
Foyer im 1. Obergeschoss
Das Foyer erfüllt als direkter Vorraum zum grossen Ratssaal die Funktion einer kleinen Wandelhalle. Während der Parlamentssitzungen stecken hier einflussreiche Protagonistinnen und Protagonisten aus den verschiedensten Parteien ihre Köpfe zusammen. In diesem Foyer sind schon zahlreiche wichtige politische Projekte auf den Weg gebracht und grosse politische Karrieren vorgespurt worden. Nicht von ungefähr wird das Foyer von Insidern als wichtigster Raum des Zürcher Rathauses bezeichnet. Seit der ausserordentlichen Corona-Zeit ist auch im Foyer Stille eingekehrt.
Das Foyer erschliesst auch den Zugang zum Sitzungszimmer des Regierungsrates. Sein räumliches Erscheinungsbild ist seit der Vollendung des Rathauses im Jahr 1698 weitgehend unverändert geblieben.
Früher wurde das Foyer auch «Ratslaube» genannt.
Es zeichnet sich durch eine reiche Stuckdecke mit drei von Rankenwerk umsäumten Medaillons aus, welche die Staatshoheit (Seite Limmatquai), die Fürsorglichkeit (Raummitte) und die Einsicht (Flussseite) symbolisieren.
Über den Portalen im Foyer sind Inschriften angebracht: «Pax et Justitia», Friede und Gerechtigkeit, oberhalb des Portals zum Ratssaal sowie «D.O.M. Numine et Lumine», Segen und Erleuchtung durch den höchsten Gott.
An der linken Längswand sind Tafeln angebracht. Diese wurden im Jahr 1709 gemalt und zeigen die damals wie offenbar auch noch heute im Zürichsee lebenden Fischarten mit Angabe ihrer Schonzeiten.
Porträtbild von Jonas Furrer (Winterthur), der im Jahr 1848 zum ersten Bundespräsidenten der Schweizerischen Eidgenossenschaft gewählt worden war. Das Werk wurde 1951 fertiggestellt.
Regierungsratssaal im 1. Obergeschoss
Wie der Name bereits verrät, befindet sich im Rathaus auch der Tagungsort der Zürcher Kantonsregierung. Früher wurde dieser Raum als kleiner Ratssaal bezeichnet.
Die sieben Regierungsratsmitglieder kommen hier mittwochs zur wöchentlichen Sitzung zusammen, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit abgehalten wird. Neben den Regierungsrätinnen und Regierungsräten nehmen die Staatsschreiberin und der Regierungssprecher an den Sitzungen teil. Bei Bedarf werden bei der Behandlung bestimmter Sachgeschäfte auch verwaltungsinterne oder externe Experten und Expertinnen angehört.
Das Erscheinungsbild des Saals ist seit der Einweihung des Hauses 1698 weitgehend unverändert geblieben. Neueren Datums sind – beim Betrachten des Raumes unschwer zu erkennen – einzig die Deckenbeleuchtung und die Drehstühle.
Künstlerische Ausstattung
- Turmofen: Prachtvolles, 1697 vollendetes Werk des berühmten Hafnermeisters David II. Pfau, farbenfroh bemalt von Hans Heinrich III. Pfau. Er trägt 72 Sinnsprüche sowie Leitsätze für die in diesem Haus ein und aus gehenden politischen Amtsträger. Seit 1938 ist der Ofen nicht mehr in Betrieb.
- Glasbilder: Standesscheiben mehrerer eidgenössischer Orte in einem 1895 letztmals ergänzten Zyklus.
- Porträtbilder: Sie zeigen vier Bürgermeister aus der Zeit zwischen 1590 und 1655.
- Wandtäferung: Lebhaftes Maserfurnier aus Nussbaum mit Einlagen aus Ahorn, original erhalten aus der Bauzeit des Rathauses (1698).