Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03218.jsonl.gz/2645

(grch.), das Wandern der weißen Blutkörperchen
[* 3] durch die unverletzte Wandung der feinsten Blutgefäße
hindurch, worin nach den Untersuchungen von Cohnheim das eigentliche Wesen der Entzündung (s. d.) beruht;
bei abnorm gesteigertem
Blutdruck können auch die roten Blutkörperchen durch die intakten Gefäßwandungen hindurchwandern und so Anlaß zu mehr
oder minder umfangreichen parenchymatösen Blutungen geben.
Das Blut zeigt bei den verschiedenen Tierklassen große Abweichungen; das der Wirbeltiere besitzt eine rote Farbe (nur der auf
der niedersten Stufe der Entwickelung stehende Amphioxus lanceolatus hat farbloses Blut), das der Wirbellosen hingegen zeigt nur
in wenigen Abteilungen einen ähnlichen Farbstoff, in der Regel ist es farblos oder gelblich (sogen. weißes
Blut). Das Blut der Wirbeltiere ist eine rote, alkalisch reagierende Flüssigkeit, welche selbst in den dünnsten Schichten undurchsichtig
ist und welche aus einer farblosen, klaren Flüssigkeit (plasma sanguinis) und zahlreichen mikroskopischen Körperchen, Blutkörperchen,
besteht. Das frische hat meistens einen eigentümlichen Geruch, der je nach den Tiergattungen verschieden
und für einzelne, z. B. Katze,
[* 6] Hund, Schaf,
[* 7] Ziege, ziemlich charakteristisch ist. Das spezifische Gewicht des Bluts schwankt
zwischen 1,040 und 1,075.
Die Blutkörperchen.
Man unterscheidet zwei Arten von Blutkörperchen, nämlich die roten und die farblosen; die letztern sind im B. gesunder Wirbeltiere
nur in spärlicher Menge enthalten. Die roten Blutkörperchen oder Blutscheiben (1658 von Swammerdam entdeckt)
bilden beim Menschen
[* 3]
(Fig. a) und bei den Säugetieren runde, in der Mitte verdünnte (bikonkave) Scheiben, während sie bei
den übrigen Wirbeltieren
[* 3]
(Fig. b-e) eine elliptische Form besitzen. Der Gehalt des Bluts an Körperchen beträgt normal 30-40
Proz. seines Gesamtvolumens. Die Größe der roten Scheiben schwankt auch bei einem und demselben Individuum,
wie sich das aus folgender Tabelle ergibt:
Neben diesen Blutscheiben werden noch besonders kleine, mehr rundliche, nicht scheibenförmige Körperchen angetroffen. Man
bezeichnet sie als Mikrocyten. Bei erwachsenen gesunden Individuen finden sie sich nur spärlich, reichlicher bei jugendlichen
Individuen sowie bei anämischen Erkrankungen.
Die roten Blutscheiben sind so zahlreich vertreten, daß z. B. 1 cmm
Menschenblut ca. 5 Mill. dieser Gebilde enthält. Trotz der geringen Größe eines einzelnen Blutkörperchens repräsentieren
die sämtlichen im Organismus vorhandenen Scheiben eine ganz enorme Oberfläche. Schätzt man die Blutmenge eines Menschen auf 440 ccm,
und veranschlagt man mit Welcker die Oberfläche eines jeden Blutkörperchens auf 0,00012 qmm,
so beträgt diejenige der gesamten Blutkörperchen 2816 qm oder eine Quadratfläche, welche auf kürzestem Weg zu durchschreiten 80 Schritt
kostet. Die roten Blutscheiben erteilen dem Blut seine Farbe und machen es zugleich undurchsichtig. Einzeln unter dem Mikroskop
[* 8] betrachtet, erscheinen sie
¶
mehr
blaßgelb, mehrfach übereinander geschichtet aber rot. Von oben gesehen, erscheinen sie als runde Scheiben
[* 9]
(Fig. a 1), welche
in der Mitte ihrer Oberfläche eine Vertiefung zeigen und von einem dickern Rand umgeben sind. Von der Kante gesehen
[* 9]
(Fig.
a 2), erscheinen sie biskuitförmig, woraus ihre bikonkave Gestalt erkannt ist. Im mikroskopischen Präparat
findet man zahlreiche geldrollenähnliche Aggregate von Blutscheiben
[* 9]
(Fig. a 3). In der Gestalt der roten Scheiben sind zwei
mechanische Grundformen repräsentiert, nämlich diejenige der Scheibe und die des Ringes. Letztere tritt uns in der Peripherie
entgegen. Diese Kombination ist die denkbar günstigste, um bei Anwendung einer möglichst geringen Masse
eine große Oberfläche und zugleich eine bedeutende Festigkeit
[* 10] zu erzielen.
Die roten Blutkörperchen sind im frischen Zustand außerordentlich geschmeidig und beweglich und deshalb im stande, schon
bei sehr mäßigem Druck Öffnungen zu passieren, welche geringern Durchmesser als sie selbst haben. So ist man z. B. nicht
im stande, die Blutscheiben durch Filtration mittels Fließpapiers von dem Plasma zu trennen; die frischen
Blutkörperchen vermögen vielmehr selbst die engen Poren des Papiers zu passieren. Hat man aber die Körperchen durch Glaubersalzlösung
gehärtet, so bleiben sie jetzt auf dem Filter zurück, und es fließt ein fast farbloses Filtrat ab. Neben der großen Geschmeidigkeit
kommt den frischen Blutkörperchen eine bedeutende Elastizität zu, vermöge deren sie sofort in ihre alte Form zurückkehren,
sobald sie durch Schleudern gegen die Gefäßwand oder beim Durchpressen durch die Kapillaren die absonderlichsten Gestalten
angenommen haben.
Die farblosen Blutkörperchen (weiße Blutkörperchen, Lymphkörperchen, Wanderzellen, Leukocyten,
[* 9]
Fig. f g) wurden 1770 von
Hewson entdeckt. Sie bestehen aus leicht beweglichen Protoplasmamassen, die in den verschiedensten Gestalten erscheinen,
und denen nur im Zustand starker Reizung oder nach dem Absterben eine bestimmte Form, die sphärische,
zugeschrieben werden kann. Die Gebilde sind ohne jede Umhüllungshaut und bergen in ihrem Innern einen, mitunter auch mehrere
Kerne und zahlreiche kleine, stark lichtbrechende Körnchen.
IhreGröße schwankt innerhalb weiter Grenzen, doch sind sie im B. der Säugetiere fast stets größer als
die roten Blutscheiben. IhreMenge ist nur gering, unter normalen Verhältnissen dürfte ein farbloses Körperchen auf 350-500
rote Scheiben kommen. Der chemische Bau und die Lebensthätigkeit der farblosen Blutkörperchen sind uns nur sehr mangelhaft
bekannt. Besonders in die Augen springend ist die Fähigkeit der Körperchen, ihre Gestalt zu verändern
und Bewegungen auszuführen. In passenden Nährflüssigkeiten und bei Temperaturen von 30 bis 40° kann man beobachten, wie
das Körperchen einen oder mehrere Fortsätze ausschickt, die allmählich an Umfang zunehmen und sich derartig flächenhaft
ausbreiten, daß sie nach einiger Zeit der übrigen Zellmasse an Umfang nicht nachstehen.
Bald erblickt man die ganze Zelle
[* 15] da, wo früher nur ein schmaler Fortsatz beobachtet wurde. Indem Protoplasmafäden
sich bald hier, bald dahin ausbreiten und den übrigen Körper nachfließen lassen, kommen Ortsveränderungen zu stande, welche
lebhaft an diejenigen der auf der niedersten Stufe der Lebensformen stehenden Amöben erinnern, und welche man deshalb als
die amöboiden Bewegungen der farblosen Blutkörperchen bezeichnet hat. Die Körperchen vermögen auch feste Partikelchen
ihrem Zellleib einzuverleiben, indem dieselben zunächst von Protoplasmafortsätzen umfaßt werden.
Kraft
[* 16] ihrer amöboiden Bewegungen vermögen die farblosen Blutkörperchen selbst die anscheinend ganz impermeabeln Wandungen
der feinsten Blutgefäße zu durchbohren, ein Vorgang, den man als Auswanderung der farblosen Blutkörperchen
bezeichnet hat, und der zuerst von Waller, später von Cohnheim beobachtet worden ist. Der nähere Vorgang bei dieser Auswanderung
(Diapedesis) gestaltet sich folgendermaßen: Die farblosen Blutkörperchen haben im allgemeinen die Eigentümlichkeit, sich
nicht im Achsenstrom fortzubewegen, sondern längs der Gefäßwandung in ruhigerer Bewegung dahinzugleiten;
oftmals sieht
man, wie ein farbloses Blutkörperchen gar nicht mehr vom Strom fortgerissen wird, sondern wie es sich
der Wandung des Gefäßes fest anlegt. Es verliert nun bald die bis dahin mehr oder weniger sphärische Gestalt und beginnt
aktive Bewegungen auszuführen.
(Zinnober)
[* 18] gefüttert, so sieht man nach einiger Zeit sehr deutlich, wie es den Protoplasmafortsätzen des Körperchens gelungen
ist, sich durch die Gefäßwand hindurchzubohren. Bald erscheint außerhalb des Gefäßes eine unregelmäßig gestaltete Protoplasmamasse,
welche nach und nach an Umfang zunimmt, während in demselben Verhältnis der im Innern des Gefäßes noch rotierende
Teil des Körperchens an Masse einbüßt. Schließlich ist innerhalb des Gefäßes nur noch ein kleiner, runder Punkt anzutreffen,
endlich wird auch dieser von dem außerhalb des Gefäßes liegenden Zellleib angezogen, und das Blutkörperchen liegt jetzt
außerhalb des Gefäßes in den Lymphspalten oder in den Maschen des Bindegewebes, um von hier aus weiter
zu wandern.
Welche Bedeutung die Diapedesis für die Physiologie hat, ob das farblose Blutkörperchen bei seiner Wanderung den Geweben Ergänzungs-
oder Nährmaterialien bestimmter Art zuträgt, oder ob es bei seiner WanderungFunktionen andrer Art ausübt, ist noch völlig
dunkel. Wie die farblosen, so vermögen auch die roten Blutkörperchen die Gefäßwandung zu durchwandern;
indessen ist die Diapedesis dieser Gebilde innerhalb der physiologischen Grenzen nur unbedeutend. Übrigens wird die Diapedesis
der roten Blutkörperchen immer erst nach dem Austritt der farblosen angetroffen.
Die von den Blutkörperchen befreite Blutflüssigkeit bildet das Blutplasma. Die Gewinnung desselben hatte früher mit großen
Schwierigkeiten zu kämpfen, ist aber seit der Entdeckung, daß man durch Injektion
[* 19] kleiner Mengen von Pepton in die Blutbahnen
eines lebenden Tiers dem Blut seine Gerinnungsfähigkeit vorübergehend vollständig zu rauben vermag, außerordentlich einfach.
Sammelt man peptonhaltiges in Cylindergläsern auf, so senken sich die Blutkörperchen, und es sammelt sich oben
eine Schicht einer ganz klaren Flüssigkeit von mehr oder weniger bernsteingelber Farbe an, welche reines Plasma darstellt.
Kurze Zeit nach dem Aufsammeln des Bluts erstarrt es nämlich zu einer weichen, roten Gallerte. Dieser Prozeß
beruht darauf, daß gewisse Eiweißkörper in den festen Zustand übergehen, wodurch das Fibrin (Faserstoff) gebildet wird.
Nach einiger Zeit beginnt das Gerinnsel sich zusammenzuziehen und fester zu werden, wobei es eine völlig klare Flüssigkeit,
das Blutwasser (Serum), austreibt. Der feste, rote Kuchen heißt Blutkuchen (placenta sanguinis), er besteht aus vielfach
sich durchkreuzenden, mikroskopisch seinen Fäden von Faserstoff (Fibrin), in dessen Zwischenräumen Nester von Blutkörperchen
angetroffen werden.
Reiner als auf diesem Weg erhält man das Fibrin durch Quirlen von frisch gelassenem Aderlaßblut mit einem Glas- oder Holzstäbchen
(Defibrination des Bluts); der Faserstoff scheidet sich hierbei in Form langer, elastischer Fäden aus,
die, von eingeschlossenen roten Blutscheiben durch längeres Auswaschen völlig befreit, weiß und im feuchten Zustand höchst
elastisch sind. Der Fibringehalt des Bluts ist überraschend gering; er beträgt höchstens 7, meistens
aber nur 2 pro Mille.
Die Schnelligkeit und Vollständigkeit der Gerinnung wird durch zahlreiche Einflüsse vielfach modifiziert.
Völlig aufheben läßt sich die Gerinnung während des Lebens durch Injektion von Pepton in die Blutbahn, bei Aderlaßblut
durch genaues Neutralisieren des angesäuerten Bluts mit Ammoniak oder durch andauernde Einwirkung von Ozon. Beschleunigen läßt
sich die Gerinnung durch Erwärmen des Bluts über seine normale Temperatur hinaus. Eine eigentümliche
Modifikation im Vorgang der Blutgerinnung ist die Bildung der sogen. Speckhaut (crusta phlogistica, Entzündungshaut) im Aderlaßblut.
Wenn nämlich die Ausscheidung des Faserstoffs aus irgend welchen Gründen sehr verzögert wird, so haben die Blutkörperchen
Zeit, sich zu senken, bevor die Gerinnung eintritt. Erfolgt die letztere endlich, so wird die obere Schicht
des Faserstoffs keine Blutkörperchen einschließen, also weißgrau erscheinen und sich stärker zusammenzieht. Diese weißgraue,
über dem Cruor liegende Gerinnselschicht nennt man Speckhaut. Früher legte man der Erscheinung der Speckhaut große Bedeutung
bei, indem man sie als pathognomonisches Zeichen einer im Körper bestehenden Entzündung auffaßte und darin
eine Aufforderung sah, den Aderlaß vorzunehmen.
Neuerdings hat man sich allgemein davon überzeugt, daß die Speckhautbildung von gar keiner praktischen Bedeutung ist. In der
Schnelligkeit, mit der das den Gefäßen entnommene Blut bei den verschiedenen Säugetieren gerinnt, bestehen übrigens so große
Verschiedenheiten, daß z. B. beim Pferde
[* 20] die Bildung einer umfangreichen Crusta ein durchaus physiologischer
Vorgang ist. Hinsichtlich der Ursachen der Blutgerinnung hat erst die neuere Zeit ermittelt, daß der Faserstoff nicht als
solcher in dem zirkulierenden Blut vorhanden sei, sondern aus einem gelösten Eiweißkörper (Fibrinogen) hervorgeht sobald
ein zweiter Eiweißkörper, die fibrinoplastische Substanz, und ein dritter Körper, das Fibrinferment, zugegen
sind.
Das Serum enthält alle Stoffe des Plasmas mit Ausnahme des Fibrins. Es stellt eine alkalische Flüssigkeit dar, die bei nüchternen
Tieren völlig durchsichtig erscheint und schwach gelblich gefärbt ist. Nach reichlichem Fettgenuß nimmt das Serum
eine mehr oder weniger starke milchige Trübung an; es enthält alsdann zahlreiche feine Fettkörnchen, die sich bei ruhigem
Stehenlassen aus der Oberfläche in Form einer mehr oder weniger starken Rahmschicht absetzen. Von den gelösten Stoffen des
Serums sind die Eiweißkörper in erster Linie zu nennen. Wir kennen als solche: Serumalbumin,
¶