Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03142.jsonl.gz/1346

Beim Hochstapler-Syndrom ist das Selbstvertrauen kleiner als die tatsächliche Kompetenz. Menschen, die unter dem Hochstapler-Syndrom leiden, haben oft von sich das Gefühl, dass sie demnächst als Hochstapler auffliegen, weil sie sich selbst nicht zutrauten, was sie taten und glaubten, als Schwindler (bzw. Hochstapler) entlarvt zu werden. In Tat und Wahrheit können sie mehr, als sie sich selbst zutrauen.
Beim Besserwisser-Syndrom ist es umgekehrt. Hier ist das Selbstvertrauen grösser als die effektive Kompetenz. Klassische Beispiele sind die Selbsteinschätzung über das Autofahren (die Mehrheit der Autofahrer schätzt sich als überdurchschnittlich ein) oder die nationale Kompetenz beim Fussballspielen (praktisch alle Fussballzuschauer wissen besser als zum Beispiel der Nationaltrainer, wie die taktische Aufstellung ideal wäre oder wann der richtige Zeitpunkt für die Auswechslung eines Spielers ist).
In beiden Fällen stimmen Selbsteinschätzung und Kompetenz nicht überein. Theoretisch gehen Selbstvertrauen und Kompetenz Hand in Hand. Doch in der Praxis divergieren sie oft und wir sind uns dessen nicht bewusst. Aufgrund unserer anfänglich noch geringen Kompetenz können wir gar nicht wissen, was wir (noch) nicht wissen. David Dunning und Justin Kruger hatten aufgezeigt, dass diejenigen, die etwas nicht können, in vielen Situationen nicht wissen, dass sie es nicht können. Gemäss dem, was nun als Dunning-Kruger-Effekt bekannt ist, strotzen wir am ehesten dann vor übermässigem Selbstbewusstsein, wenn uns die Kompetenz fehlt. In Studien hatten Personen, die am schlechtesten abschnitten, die aufgeblähtesten Meinungen von ihren Fähigkeiten. Im Durchschnitt glaubten sie, besser abgeschnitten zu haben als 62 Prozent der anderen Studienteilnehmer:innen, während sie in Wirklichkeit nur besser als zwölf Prozent von ihnen waren.
Wenn ich von einer Sache überhaupt nichts verstehe, werde ich kaum in die Dunning-Kruger-Falle tappen. Besonders gefährlich wird es, wenn ich ein bisschen Wissen besitze. Dann nimmt die Selbsteinschätzung überproportional zum tatsächlichen Wissen zu. Ich befinde mich auf dem Gipfel des «Mount Stupid». Wer nicht auf dem Mount Stupid verharren möchte (oder gar nicht dorthin gelangen will) braucht eine gehörige Portion Demut. Sie erdet uns und wir verlieren die Bodenhaftung nicht. Diese Haltung entspricht dem Modus des Wissenschaftlers. Wissenschaftler:innen sind sich bewusst, dass sie in ihrem Fachgebiet viel wissen. Sie gehen dennoch davon aus, dass sie nicht alles wissen und es durchaus vorkommen kann, dass neue Erkenntnisse bestehende Fakten bedeutungslos machen. Mit dieser Haltung ist es möglich, die eigene Kompetenz laufend zu erweitern, ohne den Mount Stupid zu erklimmen.
Im Buchklub hat uns der Mount Stupid sehr amüsiert und gleichzeitig nachhaltig beschäftigt. Unsere wichtigsten Gedanken aus dem Austausch:
Und wie geht es Ihnen mit dem Mount Stupid?