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Beobachter: Eine Dolmetscherin hilft uns, dieses Gespräch zu führen. Könnten Sie meine Fragen auch von den Lippen lesen?
Peter Hemmi: Eigentlich schon. Aber Lippenlesen ist manchmal schwierig. Nicht alle reden klar und deutlich.
Beobachter: Was ist besonders schwierig?
Hemmi: Wörter, die auf den Lippen identisch aussehen, wie Mutter und Butter. Auch jene, die konsonantenreich sind. Wir Gehörlosen verstehen beim Lippenlesen rund zwei Drittel. Den Rest kombinieren wir aus dem Zusammenhang.
Beobachter: Und wenn Sie angesprochen werden?
Hemmi: Gehörlosigkeit ist ja unsichtbar. Ich bitte die Leute, hochdeutsch zu sprechen und ihre Frage zu wiederholen. Es gibt aber immer solche, die schockiert weglaufen - aus Angst, sie könnten nicht mit uns kommunizieren.
Beobachter: Hören Sie denn rein gar nichts mehr?
Hemmi: Als ich klein war, konnte ich die Vögel noch hören. Jetzt fast nur noch laute, hohe Geräusche wie das Quietschen der Bremsen eines Zuges.
Beobachter: Erinnern Sie sich heute noch an den Gesang der Vögel?
Hemmi: Ja, auch an das Rauschen von Wasser. Das habe ich geliebt.
Beobachter: Und die Gebärdensprache - haben Sie die immer schon so selbstverständlich
benutzt?
Hemmi: (lacht) Nein, nein. Früher lachte man über die Gebärdensprache. Ich schämte mich gar dafür und hatte das Gefühl, es sei dumm, sie zu benutzen, eine Affensprache. Die heutige Generation ist da viel selbstbewusster. Man weiss weltweit, dass die Gebärdensprache eine vollwertige Sprache ist.
Beobachter: Fühlen Sie sich als Behinderter?
Hemmi: Nein. Wir Gehörlosen können ja alles ausser hören. Es ist die Gesellschaft, die uns zu Behinderten macht. Wenn beispielsweise im Fernsehen Sendungen weder untertitelt noch in die Gebärdensprache übersetzt werden, werden wir ausgeschlossen.
Beobachter: Gibt es auch in der Gebärdensprache verschiedene Dialekte?
Hemmi: Ja, je nach Gehörlosenschule. Es gibt fünf in der Schweiz, aber wir verstehen einander.
Beobachter: Können Sie auch mit Finnen oder Franzosen kommunizieren?
Hemmi: Das geht, obwohl es verschiedene nationale Gebärdensprachen gibt. Um uns gegenseitig zu verstehen, gebärden wir bildhafter. Nur bei Chinesen und Japanern habe ich Mühe.
Beobachter: Und die Grammatik?
Hemmi: Wenn ich zum Beispiel sagen will, dass eine Katze auf den Tisch springt, gebärde ich erst den Tisch, dann die Katze und schliesslich, dass die Katze auf den Tisch springt. Es ist wie im Theater: Zuerst sieht man auch die Kulisse, dann kommen die Schauspieler und schliesslich die Handlung. Aussage und Frage unterscheiden sich lediglich durch die Mimik und den Oberkörper. Sind die Schultern beispielsweise nach vorn gebeugt und die Augenbrauen hochgezogen, ist es eine Frage.
Beobachter: Was würden Sie sich für die Gebärdensprache wünschen?
Hemmi: Dass sie in allen Gehörlosenschulen schon ab dem Kindergarten unterrichtet wird. Es wäre auch schön, wenn die Sprache für hörende Kinder als Freifach angeboten würde, damit die beiden Welten von Hörenden und Gehörlosen näher zusammenrücken.
Gebärden«Ich hielt sie für eine Affensprache»
In einer immer geschwätzigeren Welt haben die Gehörlosen ihre eigene, stille Sprache: die Gebärden. Peter Hemmi, 64, gehörlos, über seine Art der Kommunikation mit der Umwelt.
Veröffentlicht am 08.01.2008
Beobachter: Eine Dolmetscherin hilft uns, dieses Gespräch zu führen. Könnten Sie meine Fragen auch von den Lippen lesen?