Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03473.jsonl.gz/3019

Die Anlaufstelle für Sans-papiers Basel hat zusammen mit der GBI eine Studie über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von über 100 Sans-papiers gemacht. Die Studie kann unter: <email-pii>, angefordert werden. Sie beschreibt die lokale Ausprägung eines globalen Phänomens: Den unsichtbaren Teil der globalen Arbeitsmigration in einer Schweizer Stadt. In der Schweiz bestehen erst wenige Studien dazu, nicht weil die irreguläre Arbeitsmigration ein unbedeutender Wirtschaftsfaktor wäre, sondern weil die Datenerfassung ausserordentlich schwierig ist. Die gesamthaft auf 70'000 bis 300'000 in der Schweiz lebenden Sans-papiers – Personen ohne Aufenthaltsbewilligung [1] – sind nicht registriert. Mit dem Faktoren der ILO geschätzt wären es in Basel rund 5'500 – 8'000 Sans-papiers [2]. Erste vergleichbare Schweizer Studien bestehen in Genf und in Lausanne [3] und ergeben interessante Übereinstimmungen und Differenzen mit der vorliegenden Studie. Diese ist die erste Untersuchung über Sans-papiers in der Deutschschweiz.
Sans-papiers: fester Bestandteil moderner Produktionssysteme
Die globale Arbeitsmigration ist Teil der internationalen Arbeitsteilung. In den Wirtschaftszentren, den strategisch zentralen Orten der globalen Wirtschaft, finden die Organisation und das Management eines weltweit vernetzten Produktionssystems und Finanzmarktes statt. Diese Produktion beruht einerseits auf einem spezialisierten Dienstleistungssektor, aus Wissenschaftlern, Analysten, Marketing- und Consulting-Fachleuten, Informatikern, Treuhändern, Designern, Rechtskonsulenten, Managern und Finanzspezialisten. Dieser Beschäftigungsbereich wirft riesige Gewinne ab, und die Löhne sind ausserordentlich hoch. Andererseits sind aber auch die schlecht bezahlten Angestellten fester Bestandteil der hochmodernen Produktion: Sie erledigen die nicht auslagerbare billige Arbeit für das Wohlbefinden der gut Entlöhnten sowie für den Unterhalt von Betrieben. Diese schlecht bezahlten Dienstleistungen werden hauptsächlich von Frauen, Migrantinnen und Migranten geleistet. Die Dienstleistungen in den Wirtschaftszentren werden am einen Ende laufend entwertet, am anderen Ende überbewertet. Sans-papiers leisten vor allem Dienste im Reproduktionsbereich: in der Betreuung von Menschen, im Sexgewerbe, in der Herstellung von Malzeiten und im Unterhalt von Wohnungen, Gebäuden, Transportmitteln und Pflanzenanlagen. Im Industriesektor sind sie hauptsächlich in den nicht auslagerbaren Branchen beschäftigt, wie im Bausektor.
Exilgemeinschaften
MigrantInnen bilden in den Wirtschaftszentren internationale Gemeinschaften. Sie lassen sich vor allem in den Wirtschaftszentren nieder, wo bereits verschiedene Angehörige aus der Herkunftsgemeinschaft oder -region wohnen und arbeiten und ihnen beim Finden einer Erwerbsarbeit oder Unterkunft behilflich sind. So bilden sich in den Städten Exilgemeinschaften aus bestimmten Herkunftsländern. Jedes Wirtschaftszentrum beherbergt, neben einer Vielfalt von Staatsangehörigen, einige dominierende Herkunftsgruppen. Die moderne Wirtschaftsweise der Zentren zerstört die autonomen Überlebensstrukturen in den Herkunftsländern und schafft damit gleichzeitig ein Überangebot an billigen, erpressbaren Arbeitskräften für den Dienstleistungssektor in den Zentren. Die Auflösung der traditionellen, autonomen Überlebensstrukturen erschwert eine Rückkehr der Ausgewanderten, da eine Versorgung unabhängig von der Lohnarbeit nicht mehr möglich ist [4].
Internationale Arbeitsteilung
Während die hochbezahlte Arbeit der modernen Produktionsweise in den Wirtschaftszentren konzentriert ist, ist die Nachfrage nach billiger Arbeit am anderen Ende des Lohnspektrums sowohl in den wirtschaftlichen Randregionen wie auch in den Wirtschaftszentren angesiedelt. In den letzten Jahrzehnten ist ein Grossteil der Industrie- und auch der Dienstleistungsbetriebe aus den Wirtschaftszentren in kostengünstigere wirtschaftliche Randzonen verlagert worden. In den Zentren ist nur die standortgebundene Produktion verblieben. Die schlecht bezahlte wird zunehmend von Menschen der Südländern ausgeführt. Es gibt jedoch nicht nur eine Arbeitsteilung zwischen den Angehörigen der„Nord- und Südlander“, sondern auch eine nach Geschlecht. Frauen tragen weltweit immer noch die Hauptverantwortung für die Familien- und Hausarbeit - eine gesellschaftlich notwendige Arbeit, die im offiziellen Wirtschaftssystem gar nicht als Arbeit wahrgenommen wird. Frauen nehmen zunehmend – aus verschiedenen Gründen – am Erwerbsleben teil und stehen damit unter stressiger Mehrfachbelastung. Die ausländischen Hausangestellten erleichtern den Frauen in den Wirtschaftszentren den Zugang zum Arbeitsmarkt, indem sie ihnen zu tiefen Löhnen Haus- und Familienarbeiten abnehmen. Die Ausbeutung der Frauen aus den Südländern im Bereich der Reproduktion ist die Antwort der Männer aus den Nordländern auf die Weigerung ihrer Frauen, allein die Mehrfachbelastung und ungeteilte Verantwortung für die Reproduktionsarbeit zu tragen. Dadurch entsteht eine internationale Arbeitsteilung, die nicht nur Männer und Frauen teilt, sondern auch die Frauen des Nordens und des Südens spaltet. Den Frauen aus Südländern werden zunehmend die Reproduktionsarbeiten nicht nur des Südens sondern auch des Nordens aufgebürdet [5].
Die Erwerbstätigkeit der Frauen hat in den letzten dreissig Jahren stark zugenommen. Die Erwerbsquote der Frauen in der Schweiz betrug 1971 nur 32,9%, ungefähr die Hälfte derjenigen der Männer (64,4%); sie lag 1988 immer noch unter 40%. Im Jahr 2002 betrug sie 58,8%; allerdings arbeiten die Schweizerinnen zu 58,9% Teilzeit (die Ausländerinnen nur zu 41% /Ende Juni 2002) [6]. Die Hausarbeit wird durch die Aufwertung der externen Berufsarbeit von Frauen nicht nur entwertet sondern auch der Wahrnehmung entzogen; sie wird „verüberflüssigt“. „Nur-Hausfrauen“ gelten heute als überholt [7]. Es sind die Frauen der Migration, die den einheimischen Frauen unsichtbar geholfen haben, den Spagat von Berufs- und Familienarbeit zu vollbringen. Der private Haushalt ist der Sektor, der nach dem Gastgewerbe und noch vor dem Baugewerbe die meisten ausländischen Arbeitskräfte beschäftigt [8].
Unbezahlte Hausarbeit wird zudem von ausländischen Ehefrauen geleistet: Beinahe jeder dritte Schweizer heiratet eine Frau ohne Schweizer Pass, bei den Schweizerinnen ist es bloss jede siebte Frau, die einen Migranten heiratet. Binationale Ehen liegen im Trend, vor allem bei den Männern [9]. Die Heirat ist, neben dem Sexgewerbe, für Migrantinnen aus den Nicht-EU Ländern fast die einzige Zuwanderungsmöglichkeit. Einwanderungsbewilligungen für hochqualifizierte Frauen aus Nicht-EU-Ländern sind eher die Ausnahme. Für sie ersetzt vor allem der Heiratsmarkt den fehlenden Zugang zum Arbeitsmarkt. Das heisst aber: arbeiten ohne Lohn, Aufenthalt abhängig von der Zufriedenheit des Ehemannes über die geleisteten Gratisdienste im Haushalt und im Bett. Frauen aus Nicht-EU-Ländern ersetzen immer häufiger die wenig heiratsfreudigen Schweizerinnen, die ein selbstbestimmtes Leben mit Beruf vorziehen. Migrantinnen nehmen somit nicht nur als Haushaltsangestellte, sondern auch als Ehefrauen den SchweizerInnen einen grossen Teil der unbezahlten Reproduktionsarbeit ab. Die gesetzlichen Bestimmungen zwingen ausländische Ehefrauen in traditionelle Frauenrollen.
Sans-papiers als EntwicklungsherlferInnen
Den Gewinn aus den tiefer bezahlten Arbeitsleistungen der Sans-papiers streichen die ArbeitgeberInnen des Zuwanderungsland ein. Aber auch das Herkunftsland profitiert erheblich. Die regelmässigen Geld- oder Lohnüberweisungen von EmigrantInnen in die Heimat, die Remissen (oder Migradollars), sind für viele Herkunftsländer eine der wenigen bedeutenden Einnahmequellen, die Zuwachs verzeichnen. Sie stellen in vielen sogenannten ‚Entwicklungsländern' einen beträchtlichen Teil des Volkswirtschaftseinkommens dar, der den Angehörigen der EmigrantInnen direkt zugute kommt.
So stellt die Arbeitsemigration eines der wichtigsten Exportprodukte vieler ärmerer Länder dar, dessen Ertrag die offizielle „Entwicklungshilfe“ weit übersteigt. 83% des Lohntransfers von WanderarbeiterInnen flossen gemäss IWF-Statistik im Jahr 2000 in die sogenannten Entwicklungsländer (1994 waren es noch 75%) [10].
Über die ökonomischen Folgen von Remissen im Empfängerland streiten sich die WissenschaftlerInnen, doch überwiegt die Einschätzung, dass sie die lokale Wirtschaft beleben. In einer Untersuchung über die wirtschaftlichen Auswirkungen von „Migradollars“gelangten die Autoren Durand, Parrado und Massey 1996 zum Schluss, dass die jährlichen zwei Milliarden nach Mexiko überwiesenen Migradollars eine Produktion von sechseinhalb Milliarden US\$ auslösten und das Bruttoinlandprodukt um 5,8 Milliarden US\$ (3% des BIP) erhöhten. Die Remissen können somit, da sie in die unteren und mittleren Gesellschaftsschichten fliessen, die Nachfrage nach einheimischen Gütern und Dienstleistungen (Nahrungsmittel, Bekleidung, Hausbau, Möbel, medizinische und schulische Leistungen) stimulieren [11].
Der informelle Geldüberweisungs-Sektor, der zunehmend wichtiger wird, bietet nicht nur günstigere Überweisungsgebühren an, sondern hat auch den Vorteil, dass Identitätsüberprüfungen entfallen. Er eignet sich daher für die Transaktionen von Sans-papiers weit besser. Der informelle Geldüberweisungssektor etwa über Reiseagenturen und Buschauffeure sowie die Übermittlung durch Vertrauenspersonen ist kaum erforscht; alles deutet jedoch darauf hin, dass auf diesem Weg riesige Geldsummen transferiert werden. Zudem erfolgen Remissen auch in Form von Naturalien, d.h. von im Zuwanderungsland gekauften Waren, wie Landwirtschaftsmaschinen, Computern, Lastwagen und anderen Produktionsmitteln, aber auch von Geschenken, welche die Arbeit im Haushalt erleichtern.
Neben ihrer wirtschaftlichen Bedeutung haben Remissen aber auch soziale Funktionen: Einerseits erhöhen sie die Kaufkraft und den sozialen Status der begünstigten Angehörigen, ermöglichen wirtschaftliche Projekte an Ort und dienen als Alters- und Gesundheitsvorsorge. Andererseits halten sie die familiären Beziehungen trotz räumlicher Trennung aufrecht und integrieren die Familienangehörigen im Herkunftsland in ein transnationales Beziehungsgeflecht. Remissen an Familienangehörige seien, so Manuel Orozsco, für die wirtschaftliche und soziale Integration grosser Bevölkerungsteile von sogenannten Entwicklungsländern in das Netzwerk der Globalisierung ein Schlüsselfaktor [12]. Der seit den 70er und 80er Jahren zu beobachtende Emigrationsprozess habe zu einem weltumspannenden „Diaspora-Herkunftsland“-Geflecht geführt (siehe dazu oben: Exilgemeinschaften), das sich von den früheren Diasporas deutlich unterscheide, schreibt Marc-Antoine Pérouse de Montclos [13]: Die neuen EmigrantInnen lebten mit einer Rückkehrperspektive und pflegten deshalb engsten Kontakt mit ihrem Herkunftsland. Dadurch finde ein enger Austausch zwischen den ausgewanderten und zurückgebliebenen Gemeinschaftsmitgliedern statt. Gerade dieses Beziehungsgeflecht, so ist demgegenüber einzuwenden, kann aber MigrantInnen einer engen sozialen Kontrolle aussetzen. Sie stehen unter grossem Druck der Angehörigen, unter oft prekärsten Bedingungen die erwarteten Geldbeträge zu erwirtschaften. Migrantinnen sind aufgrund ihrer Frauenrolle oft besonders eng an familiäre Verpflichtungen gebunden.
Sans-papiers bilden einen wichtiger Wirtschaftsfaktor – sowohl im Herkunfts- wie im Zuwanderungsland. Eine der gesellschaftlichen Realität zuwiderlaufende Gesetzgebung führt zu vermehrten Verstössen dagegen und damit auch zu einer zunehmenden Kriminalisierung der Arbeitsmigration aus Nicht-EU-Ländern.
Solidarité sans frontières
Anni Lanz
Sozialforum in Freiburg (Brsg)
24.4.04
Fussnoten:
1 Piquet Etienne, Losa Stefano: Travailleurs de l'ombre?, Seismo, Zürich 200. Aufgrund einer Umfrage bei über tausend ArbeitgeberInnen in der Schweiz über die geschätzte Anzahl der irregulär beschäftigten AusländerInnen in der jeweiligen Branche ermittelten Etienne Piguet und Stefano Losa eine irreguläre Beschäftigung von 70'000 bis 180'000 AusländerInnen. Diese Zahl umschliesst zwar auch Asylsuchende ohne Arbeitsbewilligung, nicht aber die irregulären Aufenthalterinnen, die in den Haushalten und im Sexgewerbe aebeiten; nicht erfasst sind zudem die nichterwerbstätigen Sans-papiers, wie Kinder, Kranke etc.. Die Schätzung liegt daher mit Sicherheit zu tief. Efionayi-Mäder Denise und Cattacin Sandro in: „Illegal in der Schweiz. Eine Übersicht zum Wissensstand“ (2001) verweisen auf Schätzungen von 150'000 – 300'000 Sans-papiers in der Schweiz. Eine Studie der Stadt Lausanne (siehe Fussnote 3) schätzt die Anzahl der Sans-papiers in Lausanne auf 4'000-6'000 Personen.
2 Die ILO schätzt, dass die Anzahl der Sans-papiers etwa 10-15% der ausländischen Bevölkerung ausmacht. Basel-Stadt mit 54'286 BewohnerInnen ohne Schweizer Pass (Ende 2002) hätte somit 5'400 – 8'100 Sans-papiers.
3 Marcello Valli: Les migrants sans permis de séjour à Lausanne. Rapport rédigé à la demande de la Municipalité de Lausanne, März 2003
4 Siehe dazu: Saskia Sassen: Metropolen des Weltmattes, Campus Verl.N.Y. 1996 sowie: Ansätze zu einer feministischen Analyse der globalen Wirtschaft; in Olympe, Heft 7
5 Silvia Federici: Reproduction et lutte féministe dans la nouvelle division internationale du travail ; in Women, Development and Labor of Reproduction... Ed. Mariarosa Della Costa and Giovanna F. Dala Costa, Africa World Press, Asmara, Erytrea 1999
6 SAKE-News, Bundesamt für Statistik
7 Brigitte Young: Die Herrin und die Magd, Widerspruch Nr. 38; Genderregime und Staat in der globalen Netzwerkökonomie, PROKLA 111
8 Prozentuale Anteile des von - registrierten! - ausländischen Erwerbstätigen Arbeitsvolumens: Gastgewerbe: 50,6%, Private Haushalte: 41,4%, Baugewerbe: 33,5%; SAKE-News 2/03
9 Interessengemeinschaft Binational: Bericht zur Situation binationaler Partnerschaften und Familien in der Schweiz, 2003, Bestelladresse: IG Binational, Postfach 3063, 8021 Zürich, www.ig-binational.ch
10 Balance of Payments: Statistics, Yearbook, IMF 2001
11 Durand Jorge, parrado Emilio, Massey Douglas: Migradollars and Development: A Reconsideration of the Mexican Case; 1996, in International Migration Review 30:423-444
12 Orozco Manuel: Globalization and Migration: The Impact of Family Remittances in Latin America, July 2001
13 Pérouse de Montclos Marc-Antoine: African Diasporas, Remittances, Politics and Development. a decisive Impact ? In : Migration – European Journal of international Migration and Ethnic Relations Nr. 33/34/35