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Die russische Inselgruppe Franz-Josef-Land liegt weiter östlich und nördlich als Spitzbergen. Die 191 Inseln sind eines der letzten, weitgehend unberührten Paradiese der Arktis und werden nur ganz selten angefahren. Ein Besuch ist ein echtes Privileg.
Um 1870 herrscht eine rege Reisetätigkeit in den Norden. Zahlreiche Expeditionen starten mit dem Ziel, neue Länder und neue Wege nach China zu entdecken. Auch einen See- und Landweg zum Nordpol hofft man zu finden.
Die österreichisch-ungarische Expedition unter den Kommandanten Carl Weyprecht und Julius Payer startet 1872 auf dem Segelschiff «Admiral Tegetthoff» von Spitzbergen aus zu einer Entdeckungsfahrt ins Nordpolarmeer. Als sie im Eis stecken bleiben, werden sie mit der Eisdrift in unbekannte Regionen abgetrieben und entdecken dabei am 30. August 1873 eher zufällig eine Inselgruppe, welche sie zu Ehren ihres Kaisers Franz Joseph I. benennen.
Die Geschichten der frühen Expeditionen zeugen von entbehrlichen und lebensgefährlichen Fahrten. Zwei Winter verbringt die Expedition von Weyprecht und Payer an Bord ihres eingeschlossenen Schiffes. In dieser Zeit kartografieren sie grosse Teile der Inseln, denn sie halten sie für Vorposten eines riesigen neuen Territoriums.
Als sie ihr Schiff im Eis aufgeben müssen, wagen sie mit Schlitten und fünf Booten den Rückmarsch über das Packeis. Eine Norddrift trägt die Eismassen und die Mannschaft aber wieder zurück, so dass sie sich nach vier Wochen Wanderschaft wieder auf der Höhe des von ihnen verlassenen Schiffes befinden. Panik und Verzweiflung machen sich breit. Doch mit der Bibel in der Hand motiviert Weyprecht die ausgelaugte, hungernde und demoralisierte Mannschaft zum rettenden Weitermarsch in Richtung Süden. Nach einem weiteren Monat Marsch erreichen sie das offene Meer und können sich mit den Booten retten.
Zahlreiche weitere Entdeckungsfahrten zu den neu entdeckten Inseln folgen. 1881 überwintert die britische Expedition unter Benjamin Leigh Smith am Kap Flora. Ein Jahr später folgt die Jackson-Expedition.
Später überwintern auch die Polarforscher Fridtjof Nansen und Hjalmar Johansen nach ihrem gescheiterten Versuch, den Nordpol zu erreichen. Einige der Holzhütten dieser Expeditionen haben sich im polaren Klima gut gehalten und sind auch heute noch in gutem Zustand zu besichtigen.
Eines der wichtigsten Hilfsmittel eines Kapitäns, um eine geeignete Route im Nordmeer festzulegen, ist die Eiskarte. Sie zeigt auf, wo dichtes Packeis eine Durchfahrt versperrt und wo das Meer eisfrei ist. Jeden Tag um 16:00 Uhr übermittelt das norwegische Polarinstitut via Satellit eine aktualisierte Karte.
Im Jahre 2011 weiht Russland einen neuen «Arktis-Nationalpark» ein, der ein riesiges Gebiet von Franz-Josef-Land bis nach Nowaja Semlja umfasst. Die Natur und die Tiere sind seither bestmöglich geschützt.
Zahlreiche Vogelarten nehmen im Sommer den langen Flug bis zum 81. Breitengrad auf sich, um im hohen Norden zu brüten. Dreizehenmöwen, Dickschnabellummen, Krabbentaucher und Eissturmvögel übersommern hier in grosser Zahl. Der grösste Vogelfelsen auf Franz-Josef-Land ist der «Rubini Rock» auf Hooker Island.
Das einzige echte Landsäugetier ist der Polarfuchs. Die anderen Säugetiere leben im oder auf dem Wasser: Robben und Eisbären. Auf dem Packeis und an den Küsten leben eine grosse Anzahl Eisbären. Die Chance, den «König der Arktis» live zu sehen, ist auf Expeditionsfahrten im Juli und August besonders hoch.
Grosse Walrossherden bevölkern die Inseln. Nach dem Seeelefanten ist das Walross die grösste Robbenart der Erde. Es kann ein Körpergewicht von 1½ Tonnen erreichen, Bullen werden drei Meter lang. Die urtümlichen Tiere tauchen nach Muscheln und ruhen sich auf dem Eis oder an flachen Sandstränden aus.
Die Tiere verfügen über bis zu 60 Zentimeter lange Stosszähne. Diese Zähne benutzen sie aber nicht zum Erbeuten ihrer Nahrung. Die mächtigen Stosszähne dienen dem Walross als Stütze, um sich vom Wasser an Land begeben zu können, indem es sich damit auf eine Eisscholle oder einen Felsen wuchtet. Zudem sind sie ein wirksames Verteidigungsinstrument bei Angriffen von Eisbären. Oft tragen Eisbären nach einem Kampf mit einem Walross schwere Stichwunden davon, die zu ihrem Tod führen können. Der Eisbär greift deshalb das Walross nur an, wenn er wirklich hungrig ist.
Im Nordmeer leben 30 Walarten, darunter Grönlandwal und Buckelwal. Seltener sind auch Weisswale (Belugas) und Narwale zu finden.
Der weisse Eisbär ist eigentlich ein schwarzer Bär. Das weisse Fell dient lediglich als Tarnung. Die Haut des Eisbären ist schwarz, um die spärliche Wärme der Sonne zu speichern – gut zu sehen an der Nase und den Tatzen.
Ein Wunder der Natur
Auf Champ Island findet sich eine interessante geologische Besonderheit: kreisrunde Steine in jeglicher Grösse. Ein Wunder der Natur? Oder doch eher «Spielbälle des Teufels», wie frühere Expeditionen vermuteten?
Bei diesen «Konkretionen» handelt es sich um Steine, die sich über Jahrtausende um ein Fossil herum gebildet haben. Sie stammen aus der Trias-Zeit und sind oft von perfekter Kugelgestalt. Die grössten Steine haben einen Durchmesser von drei Metern.
Die Mitternachtssonne scheint auf Franz-Josef-Land von Anfang April bis Ende August. Wegen der um einige Grad schräg gestellten Erdachse taucht während dieser Zeit die Sonne auch nachts nicht mehr unter den Horizont und es bleibt 24 Stunden lang hell.
Franz-Josef-Land liegt etwas nördlicher als Spitzbergen. Der Einfluss der warmen Gewässer des Golfstromes ist in der Barentssee nicht mehr so ausgeprägt. Ein dicker Eisgürtel liegt deshalb zehn Monate im Jahr um die Inseln. Nur im Juli und August zieht sich das Meereis so weit zurück, dass eine Fahrt bis zum 81. Breitengrad möglich wird. Die Temperaturen liegen dann zwischen 0° und + 5° Celsius.