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Die grösste Boulevardzeitung des Landes kommentierte den Vorgang mit bemerkenswerter Häme: Als Nächstes, so meinte der «Blick», bringe die Schweiz wohl auch noch Emmentaler Käse aus Kamelmilch auf den Markt.
Das war im Herbst 1986; eben war ruchbar geworden, dass der ehemalige saudische Ölminister Scheich Ahmed Zaki Jamani die älteste Uhrenmarke der Welt kaufen wollte: Vacheron Constantin, die edle Manufaktur mit sagenhaft abenteuerlicher Geschichte, sollte in ausländische Hände geraten.
Um die Tragweite des Deals zu verstehen, muss man wissen, dass Vacheron Constantin zwischen Ende des Zweiten Weltkrieges und Beginn der Uhrenkrise in den siebziger Jahren zu den grossen drei gezählt worden ist. Zusammen mit Patek Philippe und Audemars Piguet verkörperte das Haus die Schweizer Haute Horlogerie und stand für feinste mechanische Komplikationen der obersten Liga.
Es passt zur bewegten Firmengeschichte der renommierten Uhrenmanufaktur, dass dem definitiven Verkauf an den Scheich ein spannender Übernahme-Krimi vorausgehen musste. Weil gemäss Lex Friedrich Firmenkäufe durch Ausländer nur erlaubt waren, wenn der Wert allfälliger Firmenimmobilien nicht mehr als ein Drittel der Firmenassets ausmachte, wurde dem ehemaligen Präsidenten der Opec der Kauf zunächst verwehrt.
Jamani hatte zwar drei Gutachten vorgelegt, die den Marktwert der Firmenimmobilien auf nur 8,9 bis 11,3 Millionen Franken bezifferten, was mithin den Kauf ermöglicht hätte. Die Schätzungen waren aber dem Genfer Baudirektor Jean-Philippe Maitre derart suspekt vorgekommen, dass er eine Gegenexpertise in Auftrag gab. Prompt wurde der vermutete Preis amtlich auf 20 Millionen Franken erhöht – auf mehr als das zulässige Drittel der Assets: Scheich Jamani wird Vacheron Constantin nicht kaufen können, schlussfolgerte schadenfreudig die Lokalpresse mit üppigen Ausrufezeichen.
Doch die Zeitungen waren kaum zu Altpapier gebündelt, als der Ex-Ölminister mit einem raffinierten Coup definitiv zuschlug. Die Immobilien waren nun plötzlich traumhafte 43 Millionen Franken wert; für diesen Preis gingen sie an den stadtbekannten Immobilienhai Jean-Pierre Magnin. Damit hatte Vacheron Constantin zwar keine eigenen Immobilien mehr, dafür durfte Jamani, übrigens ein leidenschaftlicher Uhrensammler, endlich zugreifen.
Hätte Jamani verzichtet, wäre die Manufaktur vermutlich hopsgegangen. Wie schon oft in der Vergangenheit stand Vacheron Constantin damals abgewirtschaftet am Abgrund.
Am 3. Februar dieses Jahres erinnert im noblen Genfer Mandarin Oriental Hôtel du Rhône nichts mehr an die schwierige Zeit der Marke. Als gut gelaunter CEO schaltet Claude-Daniel Proellochs vor internationalen Gästen das Mikrofon an. Proellochs, seinerzeit von Scheich Jamani als Chef zu Vacheron geholt, steht zweifellos auf dem bisherigen Höhepunkt seiner Karriere. Und zum 250-Jahr-Jubiläum des Brand lässt er nach und nach die verrücktesten Neuheiten in der Geschichte von Vacheron Constantin vorstellen.
Fünf neue Produkte werden präsentiert, alle uhrmacherisch vom Feinsten. Wie viel das teuerste Stück kosten wird, kann heute noch nicht gesagt werden. Es wird am 3. April von Antiquorum öffentlich versteigert. Die billigste der präsentierten Neuheiten kostet die Kleinigkeit von 30 000 Franken, das zweitbeste Stück etwas mehr als eine Million.
Dafür bekommt der Kunde laut Firma «ganz einfach» die komplizierteste Armbanduhr, die je auf diesem Planeten gebaut wurde: 10 000 Stunden wurden allein in die Forschung und Entwicklung gesteckt. Das Stück heisst «Tour de l’Ile» und ist aus 834 Teilen zusammengesetzt – keine andere Armbanduhr der Welt hat so viele. Auf Vorder- und Rückseite der Uhr sind 16 Komplikationen untergebracht, auch das ein Weltrekord.
Klar, dass die Uhr einen Tourbillon hat. Tourbillon nennt man eine Art kleinen drehenden Kasten, in dem die Unruh der Uhr untergebracht ist. Diese mechanische Komplikation hat zum Ziel, die Erdanziehungskraft auszugleichen. Denn diese beeinflusst die Genauigkeit einer mechanischen Uhr negativ.
Erfunden wurde der Tourbillon 1795, und heute bräuchte man das Teil eigentlich nicht mehr. Die hochwertigen Legierungen einer modernen mechanischen Uhr geben der Erdanziehung ohnehin keine Chance. Doch der Tourbillon gehört zu den anspruchsvollsten Herausforderungen der Uhrmacherei, darum findet man ihn immer wieder in besonders edlen Stücken. Die neue «Tour de l’Ile» begnügt sich nicht damit: Mitgeliefert werden ein Schlagwerk, die Himmelskarte und die Anzeige des Alters des Mondes. So viel feine Technik ist in der Branche eine kleine Sensation. Und man darf getrost davon ausgehen, dass Claude-Daniel Proellochs von solchen Meisterwerken nicht einmal zu träumen wagte, als der «Blick» seinen hämischen Kamelmilch-Kommentar publizierte. Nur knapp über 3000 Uhren wurden damals jährlich produziert, heute sind es fünfmal mehr. 360 mehr schlecht als recht zusammenpassende Modelle gab es, und die Presse rügte: «altertümliches Marketing» sowie «Führungs- und Nachfolgeprobleme in der Besitzerfamilie Ketterer».
«Wir fürchten nichts», hatte der damalige Merheitsaktionär Jacques Ketterer 1981 noch siegesgewiss und schier arrogant erklärt: «Unser Prestige baut auf mehreren Jahrunderten solider Uhrmacher-Erfahrung.» Nur wenige Jahre später seufzte Sohn Patrick kleinlaut und zerknirscht: «Es ist noch nicht zehn Jahre her, da teilte sich Vacheron Constantin mit Patek Philippe und Audemars Piguet den Weltmarkt. Mit der Erfindung des Quarzwerkes ist alles umgestürzt.»
Der Mann, der die Wende zum Guten bringen sollte, heisst Claude-Daniel Proellochs, und nur am Rande sei hier erwähnt, dass bei seiner Abwerbung von Eterna ein Herr seine Hand im Spiel hatte, der die Branche geprägt hat wie kein zweiter: Nicolas G. Hayek, dessen Firma Hayek Engineering von Scheich Jamani als Beraterfirma zugezogen worden war.
Seinen ersten Kontakt mit Vacheron Constantin hat Proellochs später gerne mit dem Fund eines alten Rolls-Royce verglichen, der vergessen in einer Scheune vor sich hingammelt. Um die Karosserie wieder zum Glänzen zu bringen, so seine Überlegung, genüge es wohl, ein bisschen Staub abzuwischen und die Hochglanzpolitur aufzutragen. Um den Wagen starten und durch den internationalen Verkehr steuern zu können, wäre hingegen einiges mehr zu tun. Die Reifen, um beim Bild zu bleiben, waren platt und brüchig, die Batterie war tot, und der Auspuff genügte den neuen Anforderungen nicht mehr. Aber das Potenzial, so viel erkannte Proellochs sofort, das Potenzial war da.
Was das konkret heisst, zeigt am 3. Februar 2005 im Mandarin Oriental Hôtel du Rhône der Vacheron-Constantin-Uhrmacher Hubert Hirner, als er das Modell «L’Esprit des Cabinotiers» enthüllt – flapsig gesagt, eine Materialschlacht edelster Komponenten, durch höchstes uhrmacherisches Können zu einer dreidimensionalen Skulptur zusammengefügt. Sämtliche Metiers der Uhrmacherei, das war die Vorgabe, kommen darin zum Ausdruck.
Draussen stehen Sicherheitsleute mit Knopf im Ohr, drinnen hat Hubert Hirner am teuren Stück einen geheimen Mechanismus gestartet. Lautlos öffnet sich eine fein ziselierte Goldkugel von 22 Zentimetern Durchmesser. Von Hand eingraviert ist darauf die Sternenkonstellation vom 17. September 1755. Wie Blütenblätter klappen acht Segmente der oberen Kugelhälfte auf, eine reich verzierte Pendulette schwebt herauf, im Herzen tickt ein altes Werk von 1934.
«Pendule mystérieuse» nennen Afficionados solche Stücke, die Liste der mechanischen Komplikationen braucht einigen Platz. Zur 12-Stunden-Anzeige gibt es eine 24-Stunden-Anzeige, Gangreserve, Wochentag-Anzeige, ewigen Kalender, Schlagwerk, Temperaturanzeige, astronomischen Kalender mit Sonnenposition gemäss gregorianischem Kalender und Sonnerie, die laufend oder auf Anfrage Stunden und Viertelstunden schlägt.
Scheich Ahmed Zaki Jamani ist am Anlass nicht zugegen, ohnehin gehört Vacheron Constantin inzwischen dem Richemont-Konzern, der Marken wie Cartier, Piaget, IWC, Lange & Söhne, Jaeger-LeCoultre unter einem Dach vereinigt. Besitzerwechsel haben immer wieder die Geschichte der Manufaktur geprägt – und mitunter für ätzende Nebengeräusche gesorgt.
19. April 1870. Der 24-jährige Charles Vacheron bittet darum, dass man ihm eine eben für Zar Alexander II. fertig gestellte Miniatur-Uhr ans Bett bringt, ein beeindruckendes Stück, das trotz dem rekordverdächtig kleinen Werk sogar mit einem ewigen Kalender ausgestattet ist. Noch am gleichen Tag stirbt der todkranke Charles Vacheron, der erst seit anderthalb Jahren die Geschicke der Firma führt, und seine Mutter muss das Zepter übernehmen.
Frauen, die ein Unternehmen führen, sind in jener Zeit ein mittlerer Skandal, und noch in der Jubiläumsschrift von 1955 wird der Name der Mutter nicht erwähnt. Dabei machen die 88-jährige Catherine-Etienne Vacheron und ihre Schwiegertochter Laure Vacheron-Pernessin einen guten Job und führen die Firma 1877 in eine Aktiengesellschaft über.
Der Weg zu den grossen drei im Land benötigt viele Väter – klar ist, dass etwa Georges Ketterer, der Senior der langjährigen Besitzerfamilie, grossen Anteil am Erfolg hat. Viel weniger bekannt hingegen ist, dass die Uhrenfirma Jaeger-LeCoultre, Herstellerin der weltberühmten Reverso, vor dem Zweiten Weltkrieg die Manufaktur Vacheron Constantin in letzter Minute vor dem Ende gerettet hat.
In Deutschland hatte Adolf Hitler die Macht übernommen, düstere Wolken zogen über Europa auf, und Schweizer Luxusuhren waren nicht sehr gefragt. Die Verkaufszahlen von Vacheron Constantin brachen ein, Entlassungen schienen unvermeidbar.
Bei Jaeger-LeCoultre, die zur Jaeger-Gruppe von Jaeger in Paris, London und den USA gehörte, boomte das Geschäft hingegen. Denn die Gruppe baute auch Bordinstrumente für Flugzeuge, und davon bekam die Rüstungsindustrie in diesen Zeiten nicht genug. Mit praller Kasse war es für Jaeger-LeCoultre kein Problem, Vacheron Constantin zu übernehmen. 1938 war der Deal perfekt, ein akkurat mit Handschrift ausgeführtes Protokoll der Aktionärsversammlung im Museum oder Patrimoine der Firma zeugt eindrücklich von der Übernahme. Wo früher die Anwesenheitsliste seitenlang war, steht plötzlich praktisch nur noch ein Name: Société Jaeger-LeCoultre.
«Man muss den Führungsleuten ohne Einschränkung gratulieren», applaudierte das Fachblatt «Journal Suisse d’horlogerie et de bijouterie». Und weiter: «Jaeger-LeCoultre und Vacheron Constantin haben eben einen Entscheid getroffen, der ein grosses Ereignis in der Uhrenindustrie sein wird und eines der wenigen Beispiele von Konzentration in diesem Bereich, wo beide Beteiligten eifersüchtig ihre Unabhängigkeit wahren können.» Wahr ist, dass die Werke nicht fusioniert wurden und beide Marken sämtliche Ateliers beibehielten. Später wird Vacheron Constantin an die Familie Ketterer gehen, zum Schluss an den Richemont-Konzern.
Die Marke, die seit 1880 das Malteserkreuz als Firmenlogo registriert hat, 1977 die teuerste Uhr der Welt baute und stolz eine lange Liste von Weltrekorden präsentieren kann, zeigte übrigens am 4. Februar 2005 neben den schier unbezahlbaren Jubiläumsstücken auch ein Modell, das für ein etwas breiteres Publikum gedacht ist.
Das Modell «Jubilée 1755» hat ein neues, ganz von Vacheron Constantin entwickeltes und gebautes automatisches Werk, wird nur im Jahr 2005 gebaut und rund 30 000 Franken kosten. 1750 Stücke werden verkauft, dazu sind fünf fürs Museum reserviert.
Das ergibt für jedes Jahr der Firma eine Uhr. Ein bisschen Sinn für Symbolik muss man als älteste Uhrenfirma der Welt doch schon beweisen können.
Schluss der Serie. Lesen Sie in der BILANZ 2/2005 auch den ersten Teil, «Seit Uhrzeiten die Zeit im Griff».