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Palmesel aus Steinen
Anonym, um 1055
Holz, Textilien, Metall, L. 176,5, H. 135 cm
Schweizerisches Nationalmuseum: Inv. LM 362.
Der Steiner Palmesel wurde 1893 durch das Schweizerische Nationalmuseum aus Steinen im Kanton Schwyz angekauft und gilt als ältestes erhaltenes Exemplar dieses handelnden Bildwerks. Die Figurengruppe ist aus Fichten-, Tannen- und Buchenholz gearbeitet und stellt Christus dar, wie er am Palmsonntag, dem letzten Sonntag vor Karfreitag, in die Stadt Jerusalem einzieht. Der Einzug Christi ist in allen vier Evangelien beschrieben und leitet liturgisch die Karwoche ein.
Christus sitzt weniger in reitender, als in thronender Haltung mit dem gütig anmutenden Blick geradeaus gerichtet auf dem Reittier.1 Hinter den leicht abstehenden Ohren Christi lassen sich hochrechteckige Aussparungen ausmachen, die eventuell zur Aufnahme eines Nimbus gedient haben. Seine verlorene rechte Hand ist wohl zum Segensgestus erhoben, mit der Linken hält er ein Buch in einer Gewandschleife fest an sich gedrückt. Christus trägt eine Tunika und einen roten Mantel, der über seine linke Schulter gelegt ist und in unbewegten parallelen Falten bis an seine schlaff am Körper des Esels herabhängenden Füsse reicht. Der Esel bewegt sich im Passgang. Seine Hufe sind auf einen fahrbaren Untersatz aus einem Brett und vier gross dimensionierten hölzernen Speichenrädern gezapft.
Der Oberkörper der Christusfigur und der Körper des Esels sind jeweils aus einem Hauptwerkblock vollrund gearbeitet, Letzterer ist gehöhlt. Die Beine und der rechte Unterarm Christi sind mittels Dübel am Hauptwerkblock befestigt. Hals und Kopf des Esels sind aus mehreren Teilen zusammengesetzt und wie die Brustpartie an den Hauptwerkblock angestückt. Auch die Läufe des Esels sind mit Hilfe von jeweils zwei Dübeln an den Körper geblattet. Sie stecken in Aussparungen des Bodenbrettes und sind an der Unterseite durch Keile gesichert. Die Achsen der grossen Speichenräder sind an der Unterseite des Bretts auf der Höhe der Beine befestigt. Mit Ausnahme der vorwiegend buchenen Räder, sind sowohl die Christusfigur als auch der Esel fast ausschliesslich aus Nadelhölzern gefertigt.2 Die freigelegte ursprüngliche Farbfassung der Christusfigur ist auf ein Leinengewebe aufgetragen, das zuvor auf das Holz aufgebracht worden ist (Restaurierungsbericht SNM).
Die Literatur erwähnt umfangreiche Restaurierungsarbeiten zwischen 1974 und 1976.3 Dabei sind einzelne spätere Zutaten, wie eine Ergänzung am Bart und die rechte Hand der Christusfigur entfernt worden. Weiter konnte die ursprüngliche Polychromie unter bis zu vier späteren Farbfassungen freigelegt werden. Zudem wurde das rechte Ohr des Esels rekonstruiert. Andere nicht originale Teile wurden an Ort belassen. So sind weder die Speichenräder, noch die Beine des Esels zum ursprünglichen Werk zu zählen. Sie sind wie die beidseitigen Ergänzungen an der Satteldecke und das linke Ohr des Esels dem 19. Jahrhundert zuzurechnen. Haar- und Barttracht Christi sind wohl im 17. oder 18. Jahrhundert durch Nachschnitzungen in Form von Kerben verändert worden. Der Torso und die Extremitäten der Christusfigur, sowie der Körper, der Hals und der Kopf des Esels sind als ursprünglich zu betrachten.4
Der Steiner Palmesel wurde aufgrund der stilistischen Merkmale bis vor kurzem in die Zeit um 1200 datiert. Seit einigen Jahren nimmt man gestützt auf die Radiokarbonmethode und kunsttechnologische Befunde eine Entstehungszeit um 1055 an.5 Unklar bleibt, ob der Palmesel für Steinen geschaffen worden ist, oder ob er zu einer späteren Zeit aus einem anderen Ort, wie Schwyz oder Einsiedeln in das Dorf gelangt ist. Einzelne Autoren vermuten, dass der Palmesel erst zur Zeit der Reformation in katholisches Gebiet transferiert worden sei.6 Sicher ist, dass Steinen als Grosspfarrei und Etappenort auf dem Weg über den Gotthard bis in die Neuzeit von überregionaler Bedeutung gewesen ist. Im mittleren 11. Jahrhundert waren in Steinen sowohl die wirtschaftlichen als auch die religiösen Voraussetzungen für die Stiftung eines solchen Bildwerks in Steinen erfüllt.
Palmsonntagsprozessionen mit zwei- oder dreidimensionalen Bildern Christi auf dem Esel sind in Quellen seit dem ausgehenden 10. Jahrhundert fassbar und mehrheitlich im deutschsprachigen Raum und in Norditalien belegt. Der letzte Sonntag vor dem Karfreitag bildete das erste von zahlreichen christlichen Festen um Ostern, die durch theatralische Aufführungen das biblische Geschehen der Passion und Auferstehung Christi veranschaulichten und miterlebbar machten. Die Prozessionen am Palmsonntag waren meist zweiteilig: Nach der Segnung der „Palmzweige“ aus immergrünen Ästen zog der Klerus aus der Kirche und der Siedlung, wo sie auf das Bildwerk Christi auf dem Esel trafen.7 Im Zürcher Ordo von 1260 war der Ort des Zusammentreffens mit Christus beim ehemaligen Kastell auf Lindenhof. Auf dem Weg zurück in die Kirche stiess der Klerus auf das Volk, das wie in den Evangelien beschrieben die gesegneten Palmzweige vor dem einreitenden Christus zu Boden warf. Begleitet wurde die Prozession durch Texte und Gesänge. In der Annahme, dass der Palmesel nicht von Klerikern oder Geistlichen gezogen wurde, sah man in der Figurengruppe des Palmesels lange eine volkstümliche Zutat zur liturgischen Prozession.8 Dennoch waren das Zusammentreffen von Klerus und Volk sowie der gemeinsame Einzug mit dem Bild in die Stadt und in die Kirche die zentralen Elemente der Prozession, sodass die Initiative und Durchführung nicht allein beim Laienvolk gelegen haben kann. Der Brauch des Mitführens eines Palmesels blieb in katholischen Gebieten bis teilweise ins 19. Jahrhundert weit verbreitet.9
Obwohl sich die Ergänzungen und Überarbeitungen an der Christusfigur und dem Esel in keinem Fall genau datieren lassen, ist es dennoch naheliegend, dass der Steiner Palmesel lange Zeit in Verwendung stand. Die Restauratoren des Landesmuseums nehmen an, dass die jüngste Schicht einer monochromen Farbfassung aus dem 19. Jahrhundert stammte. Während keine näheren Angaben zu den beiden darunter liegenden Farbfassungen gemacht werden können, datieren sie die erste Übermalung ins späte Mittelalter. Die Nachschnitzungen an Bart und Haupthaar Christi werden dem 17. oder 18. Jahrhundert zugewiesen. Der in den 1970er Jahren entfernte Spitzbart muss noch später dazugekommen sein. Die Beine des Esels und die Speichenräder stammen wohl aus dem 19. Jahrhundert. Anhand dieser stetigen Anpassung des Bildwerks kann beim Steiner Palmesel eine Benützung des Bildwerks bis ins 19. Jahrhundert postuliert werden.
Literatur
Dietrich 2006: Barbara Dietrich, Der Triumph des Messias, Der Steiner Palmesel, in: Markus Riek / Markus Bamert (Hrsg.): Meisterwerke im Kanton Schwyz Bd. 1, von der Frühzeit bis zur Gegenreformation, Bern 2006. S. 70-75.
Flühler-Kreis/Wyer 2007: Dione Flühler-Kreis/Peter Wyer, Die Holzskulpturen des Mittelalters. Katalog der Sammlung des Schweizerischen Landesmuseums Zürich, Bd. 1: Einzelfiguren, Zürich 2007, S. 176-179, Nr. 75: Christus auf dem Palmesel aus dem Beinhaus in Steinen.
Lehmann 2012: Julius Lehmann, Bildwerk und Ereignis. Eine performanztheoretische Betrachtung der mittelalterlichen Palmeselfigur im Kontext der Prozession. Blogeintrag vom 24.09.2012, artefakt, Blog für Kunst und Kritik, URL: http://www.artefakt-sz.net/wissenschaftliche-aufsaetze/bildwerk-und-ereignis-eine-performanztheoretische-betrachtung-der-mittelalterlichen-palmeselfigur-im-kontext-der-prozession 10.
Reinle 1988: Adolf Reinle, Die Ausstattung deutscher Kirchen im Mittelalter, Eine Einführung, Darmstadt 1988.
Tripps 2000: Johannes Tripps, Das handelnde Bildwerk in der Gotik, Forschungen zu den Bedeutungsschichten und der Funktion des Kirchengebäudes und seiner Ausstattung in der Hoch und Spätgotik, 2. Auflage, Berlin 2000.