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Dass Musik nicht einfach referenzlos im Raum schwebt, sondern immer auch geprägt ist von historischen, soziologischen, sozialanthropologischen Vorgängen, beweist nichts besser als das indische Harmonium. Christliche Missionare brachten das Instrument ins Land, weil sie ihre Hymnen mit Melodien und Akkordbegleitung damit im Haus spielen konnten. Weil das Harmonium relativ einfach zu spielen ist, adaptierten es findige Handwerker rasch für einheimische Bedürfnisse. Es wurde verkleinert, so dass es tragbar wurde und im Sitzen gespielt werden konnte. Die Luftzufuhr wurde von da an nicht mehr mit den Füssen geregelt, sondern mit der linken Hand. Voilà! Fertig war das fast neue Instrument.
Besonders interessant ist dabei die Tatsache, dass das Instrument wohltemperiert gestimmt ist, was eigentlich überhaupt nicht zur klassischen indischen Musik passt. Weder die 22 indischen Mikrotöne („shruties“) noch „Meends“ – Slides zwischen den Noten – sind auf dem Harmonium umsetzbar (hier sehr gut erklärt). Es gab deshalb viel Kritik für das Instrument. Von 1940 - 1971 durfte es im indischen Radio überhaupt nicht gespielt werden, und noch heute gibt es Stimmen, die das Harmonium als schädlich für das Gehör bezeichnen.
Unterdessen gibt es allerdings ein Harmonium, auf dem sich die 22 erforderlichen Töne umsetzen lassen. Der Grundton und die Quinte sind gesetzt, aber für alle anderen Töne lassen sich Register ziehen, so dass der jeweilige Raga richtig gespielt werden kann.
... und hier ein zufälliger Fund:
Jedenfalls. Sylvie Schneuwly, eine Teilnehmerin an einem Vignettes On Stage-Projekt, und sehr interessante, vielseitig begabte und authentische Frau, kaufte sich während dem Lockdown ein Harmonium. Als ich sie an einem Treffen für Unternehmerinnen in Bern zufällig traf, fragte ich sie, ob ich es einmal ausprobieren dürfte. Sie bejahte und stellte es mir heute grosszügigerweise für etwa eine halbe Stunde zur Verfügung. Sie selber liebt das Instrument, weil es ihr erlaubt, stundenlang damit zu improvisieren, mit Stimme und Melodie, und sie nutzt es auch, um Yogastunden zu beginnen und zu beenden. Für mich eine sehr interessante Erfahrung, wie immer, wenn ich ein neues Instrument in den Händen halte. Es ist ein bisschen demütigend, weil die ganzen Parameter, die man vom bekannten Instrument intus hat, neu erlernen muss. Es liegt anders in den Fingern, man ist rhythmisch unsicherer. Beim Harmonium ist die Reduktion der linken Hand auf die Luftzufuhr – und die Vorahnung, dass sich damit dynamisch und rhythmisch eine ganze Menge machen liesse, wenn man mehr Übung hätte – eine besondere Herausforderung.
Und PS: es ist nie zu spät dafür, ein (neues) Instrument zu erlernen, meint zum Beispiel das amerikanische National Public Radio (NPR). Das Hirn sei fähig dazu, wenn auch mit 65 eventuell etwas langsamer als mit 5 Jahren. Häufig gehe es aber zuallererst um die Angst davor, in einer Sache inkompetent zu sein, während man doch sonst alles so gut im Griff habe. Lesson learned.