Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03210.jsonl.gz/2757

Der Erste Zionistenkongress im Stadtcasino BaselVeröffentlicht am 26.8.2020, zuletzt geändert am 3.10.2023 #Moderne und Neuzeit
Das Stadtcasino gilt als das wichtigste Musik- und Kongressgebäude Basels. Hier findet im August 1897 der erste Zionistenkongress statt. Zionismus meint die Verwirklichung der Idee eines jüdischen Staates. Auf dem Kongress wird die “Zionistische Weltorganisation” gegründet. Diese schafft die organisatorischen Strukturen, um einen jüdischen Staat zu gründen. Man könnte also sagen, der Staat Israel wurde in Basel gegründet.
Herzl und der Zionismus
Die bedeutendste Figur der “Zionistischen Weltorganisation” ist Theodor Herzl, ein Journalist aus Wien: Er gründet diese Organisation und nach seinen eigenen Worten auch gleich den passenden Staat dazu. Unter Zionismus versteht man die im 19. Jahrhundert in Europa entwickelte Idee, einen Nationalstaat für das jüdische Volk zu schaffen.
Der Ort dieses Staates sollte Palästina sein, das Heilige Land für das Judentum. Theodor Herzl wird der wichtigste Vertreter des Zionismus am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Herzl erachtet die Eingliederung der Jüdinnen und Juden in die europäischen Gesellschaften als gescheitert. Nur eines könne helfen: ein eigener Staat für die Juden. Dies schreibt er in seiner 1896 erschienenen Schrift “Der Judenstaat – Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage”.
Ein Kongress für alle
Nun ist Herzl nicht der Erste, der eine solche Idee äussert. Seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts sind immer wieder Schriften erschienen, die eine Rückkehr der Juden nach Palästina fordern. Herzl kennt diese Texte nicht, was nicht erstaunt, da die meisten schnell wieder in Vergessenheit geraten. Auch gibt es seit 1882 kleine landwirtschaftliche Kolonien in Palästina, die von ausgewanderten Juden aus Osteuropa gegründet worden sind.
Zwar kennt Herzl die Kolonien aus Zeitungsberichten, trotzdem ist er überzeugt, eine völlig neue Idee aufs Tapet zu bringen. Umso überraschter ist er, als sich Leute bei ihm melden, die schon fast 20 Jahre für den Zionismus arbeiten. Für diese frühen Zionisten ist Herzl ein Geschenk: Der richtige Mann mit dem richtigen Text zur richtigen Zeit.
Herzl lässt sich überzeugen, es nicht beim Schreiben eines Buches zu belassen. Er organisiert einen Kongress, an dem alle am Zionismus Interessierten teilnehmen sollen.
Wohin mit dem Kongress?
Eigentlich soll der Kongress in München stattfinden, aber dort regt sich Widerstand. Herzl muss ausweichen. Aber wohin? Schliesslich erhält er einen Brief von David Farbstein aus Zürich. Farbstein ist Anwalt, und später der zweite jüdische Nationalrat der Schweiz. In seinem Brief schlägt er die Schweiz, speziell Basel, als Ort für den Zionistenkongress vor. Zürich habe aufgrund der vielen russischen Sozialisten zu viel russische Geheimpolizei, aber Basel sei geeignet, wenn auch nicht ganz frei von Antisemitismus.
Farbstein hat Recht. Zwar gibt es in Basel einen latenten Antisemitismus, aber die basel-städtische Regierung verfolgt eine liberale, offene Politik. Sie unterstützt die Zionisten sogar, indem sie ein Kongressbüro in der Freien Strasse zur Verfügung stellt. Und die jüdische Gemeinde Basel erweist sich als höchst interessiert und offen. Rabbiner Arthur Cohen nimmt selbst als Zuschauer an den Verhandlungen des ersten Kongresses teil.
Bis zur Gründung Israels finden 22 Kongresse statt, 14 davon in der Schweiz, zehn in Basel. Die Stadt am Rheinknie erhält einen festen Platz auf der Landkarte des Zionismus.
Der erste Kongress 1897
Herzl ist begeistert von Basel und vom Stadtcasino, entspricht dies doch genau seiner Idee, dem Zionismus einen seriösen Rahmen zu geben. Am ersten Kongress vom 29.-31. August 1897 finden sich 196 Interessierte in Basel ein, unter ihnen auch 14 Frauen. Es gibt keine Beschränkung, wer nach Basel kommt, kann teilnehmen und ist wahlberechtigt. Für die teilnehmenden Frauen gilt das Wahlrecht allerdings erst ab dem zweiten Kongress 1898.
Der erste Zionistenkongress trifft zwei richtungsweisende Entscheidungen: Die Teilnehmer gründen erstens die “Zionistische Weltorganisation”, die von da an den Zionismus in eine organisatorische Bahn lenkt. Und zweitens formulierte der Kongress das Ziel des Zionismus, das als “Baseler Programm” bekannt wird: “Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.” Dabei ist den Teilnehmenden klar, dass Palästina nicht ein menschenleeres Gebiet ist, sondern dass dort zu diesem Zeitpunkt rund 500 000 Araber und 50 000 Juden leben.
Wie gründet man einen Staat?
Der Zionistenkongress, der zunächst jährlich, ab 1901 dann alle zwei Jahre stattfindet, ist der zentrale Ort des Zionismus, hier laufen mit grosser Intensität die wichtigsten Diskussionen. Im Fokus stehen dabei immer die Fragen, wie eine solche Staatsgründung überhaupt vor sich gehen und wie ein solcher Staat aussehen solle.
Die Entwicklungen der Nahost-Politik der europäischen Länder schlagen sich daher auch in den Kongressen nieder. 1939 findet in Genf der letzte Kongress vor dem Zweiten Weltkrieg statt, schon überschattet von den späteren Ereignissen. Der Kongress 1946 in Basel ist der erste nach dem Zweiten Weltkrieg und der Shoa – und es ist der letzte auf europäischem Boden. 1948 wird der Staat Israel ausgerufen, seitdem finden die Kongresse dort statt.
Weltgeschichte im Stadtcasino
Und wie ist das nun mit der These, bereits in Basel sei 1897 der Staat Israel gegründet worden? Nach dem ersten Kongress schrieb Herzl in sein Tagebuch: “Fasse ich den Baseler Congress in einem Wort zusammen (…) so ist es dieses: In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. In fünf, jedenfalls in fünfzig Jahren wird es jeder einsehen.”
50 Jahre nach diesen Sätzen entscheidet die UNO, Palästina zu teilen und einen jüdischen sowie einen arabischen Staat einzurichten. Ein Stück Weltgeschichte beginnt also tatsächlich im Stadtcasino Basel.
Quellen
Abbildungen
Abb. 1 (Slider): Das Stadtcasino am Steinenberg vom Kohlenberg aus gesehen. Aufnahme vor 1895: Staatsarchiv Basel-Stadt, AL 45, 4-71-4.
Abb. 2 (Slider): Das Stadtcasino am Steinenberg. Aufnahme vor 1895: Staatsarchiv Basel-Stadt, AL 45, 4-84-2.
Abb. 3: “Theilnehmer-Karte” Eva Cohen, 1897: Central Zionist Archives, Jerusalem, DD1\1-8.
Abb. 4: Einladung an Regierungsrat Kanton Basel-Stadt: Staatsarchiv Basel-Stadt, Kirchen Q 1, 1897 August 27 r.
Abb. 5: Theodor Herzl auf dem Barfüsserplatz, 1897: Central Zionist Archives, Jerusalem, PHG\1010462.
Abb. 6: Tagungsprogramm 29. August 1897: Central Zionist Archives, Jerusalem, H1\748-3.
Abb. 7: Delegierte aus dem Kaukasus auf dem Barfüsserplatz, 1903: Central Zionist Archives, Jerusalem, PHG\1012341.
Abb. 8: Herzl bei der Eröffnungsrede Zweiter Zionistenkongress 1898, Central Zionist Archives, Jerusalem, PHG\1001313.
Abb. 9 (Slider): Tagebuch-Eintrag Theodor Herzl, 3. September 1897: Central Zionist Archives, Jerusalem, 5. Diarypage 49 H1-76 und 5. Diary page 50 H1-76.
Autor
Erik Petry ist Professor für “Neue Allgemeine und Jüdische Geschichte” am Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel. Seit 22 Jahren in Basel, interessiert ihn besonders die Lebenswelt der Stadt in ihrer Verknüpfung mit der Geschichte der Jüdinnen und Juden in Basel. Die Ambivalenz städtischen Handelns zieht sich vom Mittelalter bis in die Gegenwart und kann fast exemplarisch für den Umgang schweizerischer Gemeinwesen mit der jüdischen Bevölkerung gesehen werden. Als bekennenden Fussballfan interessiert ihn selbstredend auch der FC Basel.