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Unser Geschichtslehrer an der Bezirksschule, P. Z., hatte die Angewohnheit, Prüfungen mit vier oder fünf Fragen zu gestalten. Zu Beginn eines Schuljahres fragte er uns einmal nach unseren Wünschen bzw. nach Kritik. Ich erinnere mich speziell daran, dass wir ihn baten, er möge doch bei Prüfungen mehr Fragen stellen. Bei vier oder fünf Fragen war das Risiko einfach hoch, dass ein Kind zwei oder drei Fragen nicht oder ungenügend beantworten konnte und schon war die Note ungenügend.
Er werde uns in Zukunft auch Prüfungen mit zehn Fragen vorlegen, versprach er uns.
Prüfung um Prüfung kam und ging vorbei, ohne dass unser Geschichtslehrer sein Versprechen eingelöst hätte. Wir sprachen ihn nochmals darauf an. Die nächste Prüfung würde zehn Fragen enthalten, sicherte er uns zu. Es verging Woche um Woche, Prüfung um Prüfung. Alles blieb beim alten.
Heute gibts keine schönen Bilder. Den Bäumen gehts nicht gut. Das Foto zeigt die Bäume auf der Nordseite des Hauses, in dem ich eine Wohnung gemietet habe. Bäume in
diesem Zustand habe ich bei uns zuletzt in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gesehen, als wir sie mit dem Dreck, den wir in die Luft entliessen, den Abgasen, mit saurem Regen bedrohten.
Und ich erinnere mich noch sehr gut an die Bilder von Wäldern im Osten, der damaligen Tschechoslowakei z.B. Viele Quadratkilometer weit ragten nur noch Baumskelette in die Höhe.
Damals hat mensch bei uns relativ rasch reagiert. Die Katalysatortechnik wurde vorangetrieben. Auf manchen Autobahnabschnitten um Städte herum wurde eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 90 km/h eingeführt. Stammt nicht auch die 120er-Beschränkung auf Schweizer Autobahnen aus dieser Zeit? Ich glaube ja. Die SBB erfand das Halbtax-Abo, so dass mehr Leute auf den Zug umstiegen, statt mit dem Auto zur Arbeit zu fahren.
Ich dachte, ich würde früher wieder schreiben. Doch die Tage waren auch ohne gefüllt. Acht geben, dass ich all die Medikamente über den Tag verteilt rechtzeitig einnehme, ein bisschen aufräumen, abwaschen, Spitex-Pflege erwarten, für die Steuererklärung die ganzen Unterlagen zusammenstellen, einkaufen, Therapie oder Ärztin, kochen, essen, ruhen mit Wickel, Therapie, die Spitex erwarten, kochen, essen, einen Film schauen, Leberwickel vorbereiten, schlafen ... Und nebenher aufpassen, dass die Moral nicht flöten geht. Es ist unglaublich, wie viel dieses krank sein zu tun gibt.
Ich lese zur Zeit die Autobiographie von Hansjörg Schneider „Kind der Aare“. Das Buch hat mich zum einen angezogen, weil ich ihn als Autor des Hunkeler schätze, zum anderen, weil auch ich ein Aarekind bin. Aare und Suhre waren von meiner Kindheit an nah und wichtig. Später kamen der Rhein und der Inn dazu. Als Erwachsene wohnte ich während vieler Jahre 50 m von der Aare entfernt. Ein grosser Teil meines Lebens spielte sich damals an diesem Fluss ab, der mir Trost und Heimat war. In der Suhre bin ich zweimal gelandet. Einmal, mit sechs, kam ich selber raus, mit acht konnte eine Spielkameradin mich gerade noch rausziehen. (NB. hatte ich mir ein Jahr zuvor, als 7jährige, verzweifelt überlegt, wie ich der Gewalt entkommen könnte. Der Vergewaltigeronkel wohnte zwar nicht mehr bei uns, doch die Mutter verprügelte mich immer noch mehrmals die Woche. Ich weiss noch, wie ich meine Stirn an die Glasscheibe der Balkontür in meinem Kinderzimmer drückte und mir die Suhre als Ausweg in den Sinn kam. Das kleine Mädchen hat es nicht getan. Und manchmal frage ich mich, ob zum Glück oder leider.)
Im Abschnitt, in dem Hansjörg Schneider von der Literatur seiner Jugend erzählt, sehe ich mich in Erinnerungsbildern erneut in meine Kindheit versetzt. Was für ein Glück hatte ich doch, als meine Eltern im Sommer 1967 mit mir nach Sent im Unterengadin fuhren auf der Suche nach einem Ort, in dem wir die nächsten Winterferien verbringen konnten. Schneesicher sollte das Gebiet sein, nachdem Les Rasses im Februar sehr wenig Schnee zu verzeichnen gehabt hatte.
Seit Thamiams Tod vor zwei Jahren konnte ich nur noch selten gut kochen. Nicht für mich und für andere noch weniger. Alle paar Monate mal gelang es mir aus dem kreativen Küchendesaster auszubrechen (Bild links). Als dann auch noch die schlimmen Schmerzen dazu kamen, konnte ich fast nur noch gebratenen Reis mit Ei, Pasta pur oder eine Bouillon zubereiten. Grad noch, dass ich so würzen konnte, dass es einigermassen schmeckte.
Nach dem Spitalaufenthalt auf der Inneren in Arlesheim, wo wirklich wunderbar für uns gekocht wurde und mit leicht zunehmenden Energiereserven hat sich das in den letzten Wochen zum Glück wieder gewandelt.
Unter dem Motto "Selbstfürsorge - lustvoll kochen, schöner essen" habe ich die Speisen meistens fotografiert. Und weil ich mich darüber freue, dass die Kreativität sich nicht wie so oft zuvor gleich wieder in ein Loch verkrochen hat, teile ich heute ausnahmsweise Foodporn.
Als ich gestern der Ärztin erzählte, es stimme mich unzufrieden bis unglücklich, dass ich vor lauter Schrecken immer wieder verstumme und mein literarisches Schreiben zu kurz komme, meinte sie, wie es denn wäre, wenn ich mir vornähme, jeden Tag einfach nur fünf Minuten zu schreiben. Und es dabei bewenden lassen würde, z.B. nur ein Blümchen zu beschreiben.
So einfach.
Eine lange Pause wurde notwendig. Die akute, neue Autoimmunerkrankung Polymyalgie brauchte alle Energie und Aufmerksamkeit, um einen Umgang mit ihr und mit der Medikation finden. Zu Beginn geriet ich in eine Art Cortisonrausch. Das Cortison sagt: „Mach, mach, mach. Und das geht noch und das auch noch und jenes auch noch und ach, das wolltest du doch auch schon längst erledigen und wäre es nicht schön, wenn …“, während Körperchen schon längst die Grätsche macht und die Arme sowieso nicht mehr als ein paar Sekunden oder Meter mehr ein halbes bis anderthalb Kilo zu tragen vermögen. Aber du wirst getrieben, innerlich zittert „es“. Du kannst nicht still sitzen. Musst dich bewegen.
(For English speaking people I'm really sorry, but I've not the energy to translate.)
In der deutschsprachigen Schweiz gibts einen Nationalrat, Angehöriger der sogenannten Schweizerischen Volkspartei, vormals Mitglied der vom deutschen Verfassungsschutz beobachteten und inzwischen aufgelösten rechtsradikalen Bürgerbewegung pro Köln, der alle paar Monate seine politische Reichweite auf Facebook dazu
missbraucht, Menschen - in der Regel Frauen!! - an den Pranger zu stellen. Dieses Mal hat es eine junge Lehrerin getroffen,
die die Eltern und ihre Schüler*innen korrekt über eine Schulverordnung zu einem religiösen Feiertag informiert hatte. Er postete öffentlich ihre Telefonnummer und rief dazu auf, sie
anzurufen. Seine Anhänger fühlen sich jeweils durch dessen Machenschaften legitimiert, ihr übelstes Menschsein zu demonstrieren und auf die Opfer seiner Propagandamaschinerie draufzuhauen. Es
dauert anschliessend ein paar Tage, bis der mobbende Nationalrat sich mit vielen "aber" etwas abringt, was er anständigen Menschen als Entschuldigung zu verklickern versucht. Ich kann gar nicht
so viel erbrechen, wie mir schlecht ist
Ich wünsche diesem Herren, dass er alles, was er aussendet zurücknehmen muss. Am liebsten
doppelt und dreifach. Doch der Typ ist ja ein solcher Jämmerling, dass er nicht mal in einfacher Form einstecken kann, was er selbst austeilt.
Ich muss mal kurz ein bisschen jammern, weil ich wieder derart in den Seilen hänge, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann. Die letzten zwei Wochen zu Hause zeigen sich nun als eine einzige körperliche Überforderung. Reha nach dem Spital wäre offenbar sinnvoll gewesen. Doch zum einen hat niemand daran gedacht und ich wollte ja unbedingt zu meinem Garten. Und seis nur, um Erde unter den Füssen zu spüren. Doch nun ists gut und ich habe zwei Tage frei. Und hab mir vorgenommen, mich die nächsten Tage so zu verhalten, als sei ich tatsächlich ausserhalb in einer Reha. Also viel ruhen, wenig tun, schreiben, lesen, nachdenken, fühlen. Ein bisschen Yoga, beim Physio zehn Minuten aufs Velo, ein bisschen Kraft mit 1 kg-Zug, rhythmische Massage, evtl. Akupunktur, Wickel, ein bisschen zeichnen oder malen, ohne Erwartungsdruck ein tolles Resultat erzielen zu wollen oder müssen.
Was für ein Tagesanfang. Um zwanzig nach sieben lag ich gefangen am äussersten Rand meines Bettes. Nix mit x shades of grey oder ähnlich prickelndem. Ich hatte ganz einfach meinen Arm unter der Bettstatt eingeklemmt. Dabei hatte ich nur eine Kapsel mit Schilddrüsenhormonen einfangen wollen, die unters Bett gerollt war. Nach einem kurzen Blick unter das tief liegende Bett, dachte ich, das sei einfach. Schliesslich tun die Arme im Moment nicht mehr so weh und sind wieder etwas beweglicher. Aber offenbar spielte mir die Gleitsichtbrille einen optischen Streich. Ich schob meinen Arm immer weiter nach hinten und immer noch fehlten gefühlte zwei Zentimeter. Ok, dann stehe ich halt auf. Oo. Nein, das geht nicht, der Ellenbogen steckt fest, ich bekomme ihn nicht mehr unter der Bettstatt hervor. Ziehen, zerren, nochmals runter schieben, wieder ziehen. Und von vorn. Oh là là. Da geht ja nix. Und der Arm schwillt oberhalb des Ellenbogens bereits an. Scheibenkleister. Was mach ich jetzt?
Zunächst von der Bauchlage auf dem Bett in die Bauchlage am Boden. Es sind nur ca. 30 cm Höhenunterschied. Nun liege ich auf dem Bauch am Boden. Da fällt mir ein, dass ich eine Nachbarin oder den Spitex-Notruf anrufen könnte. Von dieser Position aus liegt das Handy jetzt allerdings 20 cm zu weit entfernt. Abgesehen davon, was bringts. Die können gar nicht rein. Der Schlüssel steckt innen im Schloss. Bis jemand hier ist und der Schlüsseldienst aufgeboten, drehe ich wenn möglich am Rad. Au weia. Gedanken rasen. Irgendetwas checkt meine Lage im Raum und beschliesst, dass Beine und Füsse schliesslich frei sind, im Moment kaum schmerzen und mit dem Adrenalin, das durch meinen Körper schiesst, genügend Kraft entwickeln können, die Bettstatt ein wenig anzuheben.
Der Wärmehaushalt scheint etwas durcheinander geraten zu sein. Winterlich dicke Wolljacke für oben, Socken an die Füsse. Zum Glück habe ich letzten Herbst nach 26 Jahren Abstinenz eine Serie Socken gestrickt. Weise Voraussicht? Vorahnung? Ich gehe seit 1993 barfuss in die Schuhe und Winterstiefel. Ich hatte zuvor immer eiszapfenkalte Füsse und im Herbst 93 in einem Buch von Luisa Francia schon gelesen, wie sie das macht. Sie vertrat die Meinung, dass die Füsse sich die Wärme selber holen können. Als ich sie dann mitten im Dezember zu Lucia in Damvant in der Villa Kassandra barfuss in Halbschuhe schlüpfen und spazierengehen sah, beschloss ich, es auszuprobieren. Wichtig waren mir Stulpen, um die Knöchel warm zu halten. Die ersten drei Wochen zog ich die bis knapp vor die Zehen, wenn ich Kälte verspürte. Zwei, drei Minuten später waren die Füsse wieder warm. Nach drei Wochen war das Thema kalte Füsse Vergangenheit, bis auf die Ausnahme während der schlimmsten drei Winter vor der Hashimoto-Diagnose 2009. Mit der anschliessenden Substitution von Schilddrüsenhormonen ergab sich auch das wieder. Später musste ich merkwürdigerweise einen Winter lang dünne Strümpfe anziehen, als ich aus unerfindlichen Gründen in Winterstiefeln, in denen ich drei Winter lang schon wie mit Pantoffeln so bequem unterwegs gewesen war, plötzlich Blasen bekam.
Mein Gehrekord gestern waren 400 m. Den Berg runter gings noch gut. Langsam, sehr langsam, aber energiesparend. Ich war gesalbt mit antroposophischer Pflanzenheilkraft. Solum uliginosum für die Muskeln, Spiraea für die Gelenke, Aesculus für die Schultern*. Die Pflegefachkraft der Spitex hatte mir zusätzlich eine Spritze in den Nacken geben können, so dass der Muskeltonus etwas gemildert wurde. Nach leichtestem Training beim Physiotherapeuten (20 kg Beinpresse und 2x15 rudern mit 1 kg) und Massage der Beine dauerte es fast 25 Minuten, um die 400 m wieder nach Hause zu kommen.
* Vorsicht, passt nicht grundsätzlich für alle gleich und wird individuell auf die Person abgestimmt.
9:15. Aufgewacht um 7:20. Nach all den Verrichtungen ist die Energie schon wieder draussen. Aufstehen, in die Küche gehen, die Medikamente richten, ein feines Reissüppchen mit Algen und Koriander aufsetzen (oder Brei/Müesli an anderen Tagen) und so weit zubereiten, dass es nur noch zu ziehen braucht. Mit den Medis zurück ins Bett. Alles schön langsam und besonnen zu mir nehmen, ganz nebenbei und unspektakulär in Kommunikation mit den Pflänzchen sein. Wieder aufstehen. Frühstücken. Um halb neun das Cortison einnehmen. Einen Teil der Wäsche, der noch rumliegt versorgen, zumindest mal die drei Oberteile an Bügel hängen und die fünf Trainingshosen versorgen. Die wenigen Balkon- und Fenstersimspflänzchen wässern. Eine SMS schreiben an Gartennachbarn und fragen, ob sie sich auch weiterhin um den Hopfen kümmern würden, damit er über das Gerüst wächst, wo er hinsoll, um den Teich zu beschatten, statt die Beerensträucher zu umgarnen. Und raus ist die Luft.
10:40 Eben war die Pflegefachfrau der Spitex hier. Als ich ihr erzählte, ich würde heute Abend so gerne baden, weil ich mich im warmen Wasser besser entspannen
könnte, schlug sie vor, ich solle versuchen, trocken in die Wanne rein und raus zu kommen, solange sie dabei sei. Was für eine gute Idee. Rein kam ich problemlos. Hinlegen war schon schwieriger.
Und raus war so anstrengend, als müsste ich einen 50 kg Kartoffelsack hochhieven. Also kein baden heute Abend. Es ist grad zum schreiend Davonlaufen und Heulen. Ich bin nicht 90, erst
63.
Früh um halb fünf wach. Derzeit Normalzustand. Waren es Schmerzen in den Muskeln, das noch ungewohnte Cortison im Körper? Ist es der Cortisonspiegel, der morgens früh in den Keller geht? Alles zusammen? Ich weiss es noch nicht. Jetzt, jedenfalls, dreieinhalb Stunden später, nach ein bisschen Wäsche zusammenlegen, lesen um nochmals einschlafen zu können - erfolglos, Medikamente richten, Frühstückssüppchen kochen, Rechnungen bezahlen schlägt die Erschöpfung zu. Die letzten zwei Monate waren nochmals extrem Kräfte zehrend. Erst die Muskelschmerzen, die mich an die Grenze der Immobilität brachten, dann der Aufenthalt im Spital. Am 27. Mai nach Hause entlassen nach 14 Tagen, weil die Fallpauschale, die die Krankenkasse übernimmt, bei körperlicher Erkrankung nicht für mehr reicht.
Tja, und jetzt muss ich halt schauen. Gestern dachte ich noch, ich bräuchte nicht so viel Hilfe von der Spitex. Doch wenn packen im Spital, auspacken zu Hause, die
wenigen Kleider waschen, in die ich schmerzfrei reinkomme, kochen, ein Physiotermin, ein Minimum an Lebensmitteln
einkaufen und mit Taxi nach Hause bringen innert zweier Tage alle Reserven aufbrauchen, wird es doch wohl gescheiter sein, Hilfe in Anspruch zu nehmen, damit dann wieder Kraft für Genesung
bleibt.
Die Muskelschmerzen sind leider nicht vorbei, sondern weiten sich in Spitzen alle paar Tage aus. Es scheint, es gibt neben der Unterfunktion noch eine andere Ursache, doch haben wir die noch nicht herausgefunden. Nun steht also Spital mit interdisziplinärer Diagnostik an und hoffentlich wirksamen Schmerzmitteln. Drück mir doch bitte mal die Daumen, dass ein brauchbares Resultat herauskommt aus dem Genesung resultiert.
Zu Ostern schrieb mir eine Frau aus Bern, sie würde mich am Samstag gerne besuchen. Ich freute mich, weil ich sie schätze und sie gerne ausserhalb des Vereins näher kennenlernen möchte. Andererseits hatte ich massive Schmerzen, konnte mich kaum bewegen und fühlte mich sozial unverträglich. Ausserdem war es kurz nach Thamiams zweitem Todestag – auch jetzt wieder, da ich das schreibe, im Hinterkopf die Frage: „Ist das wirklich wahr?“. Also schrieb ich ihr zunächst, ich könne ihr nicht viel versprechen, vielleicht Kaffee und Kuchen und einen Spaziergang – ich bin manchmal wirklich sehr optimistisch. Aber ich glaube, ohne diesen Optimismus und den Glauben oder das fast sichere Wissen, dass irgendwann alles mal gut wird, würde ich schon lange nicht mehr leben.
Jedenfalls ging es mit den Muskeln in der Woche täglich bergab, die starken Schmerzmittel wirkten nur zu einem kleinen Teil, es war zum Schreien. Am Freitag schrieb ich ihr, ich müsse absagen. Sie antwortete, es sei ok, wenn ich niemanden sehen möchte, aber falls sie etwas für mich tun könne, solle ich es sie wissen lassen. Auch kurzfristig. Ob sie mir was einkaufen könne, für mich kochen. So lieb.
Für den vergangenen Donnerstag, Thamiams zweiten Todestag, hatte ich geplant draussen in der Natur für Thamiam und mich mit einem Ritual einen Herzensort zu gestalten. Ich musste absagen, weil ich mich kaum bewegen konnte. Aber es ist ok. Ich kann das noch machen, wenn es mir wieder besser geht.
I'm really sorry for English speaking readers, but at the moment I can't translate.
Es war in den ersten vielen langen einsamen Monaten nach Thamiams Tod äusserst schwierig, dem Trauerprozess zu folgen. Zum einen waren da die abgrundtiefe Ohnmacht und die schreiende Verzweiflung darüber, dass ihm lebensnotwendige medizinische Massnahmen verweigert worden waren und sein Tod so unausweichlich geworden war. Und Schmerz und Wut darüber, dass die heteronormative Gesellschaft es ermöglichte, eine lesbische Mama nicht nur auszuschliessen, sondern zur Nichtexistenz zu verdammen.
Heute vor zwei Jahren sah ich Thamiam das letzte Mal lebend. Er hatte tags zuvor seine Kamera bei mir vergessen. Er machte uns Espressi, danach spazierten wir ein
Stück dem Rhein entlang. Wir gingen zusammen noch in die Schmiedenhof-Bibliotheke, weil er sich Musik für die Reise holen wollte und ich Bücher abzugeben hatte. Er stellte fest, dass sein Abo
nicht so viel hergeben würde, wie er bräuchte. Ich schrieb ihm nachher, mir sei leider erst hinterher eingefallen, dass er auch mein Abo hätte nutzen können. Und er solle doch ein ander Mal bitte
auch einfach fragen.
Zu seinem 22. Burtseltag hatte ich in den alten Fotoalben geschmöckert und ihm ein paar Bilder von März bis Juni 1995 geschickt.
Die Jahrestage folgen sich derzeit nah aufeinander. Heute vor zwei Jahren feierten Thamiam und ich unsere Geburtstage nach. Meinen vom 22. und seinen vom 26. März. Wir wussten es nicht. Es war das letzte Mal. Es war sehr warm. An den ungeschützten Sonnenplätzchen wurde es schnell zu heiss. Am Schluss sassen wir unter dem Walnussbaum, der mit ein paar frischen Blättchen ein wenig Schatten spendete.
Thamiam war geschwächt. Ich bat ihn, die Woche drauf, wenn er von Wien zurück sei, unbedingt ein grosses Labor machen zu lassen. Dazu kam es nicht mehr.