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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

11. Buch
23. Der Irrtum in der Lehre des Origenes.
Aber merkwürdig, auch unter denen, die mit uns einen einzigen Urgrund aller Wesen annehmen und jegliches Wesen, das nicht ist, was Gott ist, seinem Ursprung nach auf Gottes Schöpfung zurückführen, haben manche diesen Grund der Weltschöpfung, so schlicht und recht er ist, nicht schlicht und recht glauben wollen, nämlich daß Gottes Gutheit Gutes erschaffe und daß in Unterordnung unter Gott Wesen existieren, die nicht sein sollten, was Gott ist, jedoch gute Wesen, die nur der gute Gott erschaffen konnte. Sie sagen vielmehr, die Seelen — nach ihrer Ansicht nicht Teile Gottes, sondern erschaffen von Gott — hätten gesündigt durch Abkehr vom Schöpfer und hätten in verschiedenen Abstufungen je nach Maßgabe ihrer Sünden verschiedene Körper, von himmlischen bis herab zu irdischen, gleichsam als Fessel verdient, und diese Fessel sei die Welt, und darin liege der Grund für die Weltschöpfung, durch die also nicht Gutes ins Dasein gerufen, sondern Böses eingedämmt werden sollte. Daraus macht man mit Recht dem Origenes einen Vorwurf. Er hat nämlich in der Tat in seinem Werk, das er peri arcwn, d. h. über die Ursprünge, betitelt hat, diese Anschauung vertreten und sie schriftlich niedergelegt. Unsagbar muß ich mich wundern, wie hier ein Mann, der in den Büchern der Kirche so außerordentlich unterrichtet und bewandert war1 , nicht beachtet hat, zunächst, wie sehr eine solche Auffassung der Absicht dieser in so hohem Ansehen gehaltenen Schrift zuwiderläuft, die doch, indem sie bei den einzelnen Werken Gottes beifügt: „Und Gott sah, daß es gut sei“ und nach Vollendung des Ganzen sagt: „Gott sah alles, was er gemacht, und siehe, es war sehr gut“, damit als Grund der Weltschöpfung nichts anderes dem Verständnis nahelegen wollte, als daß Gutes von der Gutheit Gottes erschaffen werde. Hätte niemand darin gesündigt, so2 wäre die Welt nur mit guten Wesen geschmückt und erfüllt. Andrerseits ist deshalb, weil die Sünde eintrat, nicht alles mit Sünden erfüllt, da ja in den himmlischen Sphären eine weit größere Zahl von Guten die ihrer Natur zukommende Ordnung bewahrt. Und dazu entgeht der böse Wille, weil er die Ordnung der Natur nicht bewahren will, deshalb ja doch nicht den Gesetzen des gerechten Gottes, der alles gut zu ordnen weiß. Denn wie ein Gemälde mit schwarzen Schatten an ihrem Platz, so ist das Weltall, wenn man es zu betrachten versteht, auch mit den Sündern schön3 , obgleich diese, in sich selbst betrachtet, durch ihre eigene Häßlichkeit besudelt sind.
Sodann hätte Origenes und sein Anhang sehen sollen, daß, wenn diese Meinung richtig wäre, wonach die Welt erschaffen worden, um den Seelen je nach dem Mißverdienst ihrer Sünden Körper zu geben als eine Art Gefängnis, worin sie zur Strafe eingeschlossen werden sollten, und zwar für geringere Schuld höher geartete und feinere Körper, für größere Schuld dagegen niedrigere und schwerfälligere, daß alsdann die Dämonen als die allerschlechtesten Wesen, nicht aber die Menschen, da sie sogar noch gut waren, irdische Körper als die niedrigsten und schwerfälligsten hätten erhalten müssen. So aber hat — woraus wir erkennen mögen, daß die Schuld der Seelen nicht nach der Beschaffenheit der Körper abzuwägen sei — der ganz verdorbene Dämon einen luftartigen Körper, der Mensch hingegen, der auch jetzt, obwohl sündig, in weit geringerem und milderem Grade böse ist, hat, und zwar bestimmt schon vor der Sünde4 , gleichwohl einen Leib aus Lehm erhalten. Die ganze Widersinnigkeit dieser Lehre aber tritt darin zutage, daß sie sagen muß, der göttliche Bildner habe die Anordnung einer einzigen Sonne für die eine Welt nicht mit Rücksicht auf Schönheit und Zier noch auf die Wohlfahrt der körperlichen Wesen getroffen, sondern das habe sich vielmehr deshalb so gemacht, weil nur eine Seele in der Weise sündigte, daß sie in einen solchen Körper eingeschlossen zu werden verdiente. Wenn es sich demnach begeben hätte, dass nicht eine, sondern zwei oder gar zehn oder hundert in ganz gleicher Weise gesündigt hätten, so hätte diese Welt hundert Sonnen! Daß dieser Fall nicht eintrat, dafür sorgte nicht etwa zur Wohlfahrt und Zier der körperlichen Wesen des Schöpfers wunderbare Vorkehr, sondern es lag lediglich an dem Grade der Abkehr, dem eine sündigende Seele frönte, daß sie allein sich einen solchen Körper zuzog. Wahrlich, nicht die Abkehr von Seelen, über die sie reden, sie wissen selbst nicht was, sondern ihre eigene Abkehr gar weit von der Wahrheit muß nach Verdienst in Schranken gewiesen werden.
Da man nun also bei jeglicher Kreatur stets nach den drei oben erwähnten Punkten fragt, wer sie erschaffen, wodurch und weshalb, worauf die Antwort lautet: „Gott, durch das Wort, weil sie gut ist“, so erhebt sich die weitere Frage, ob uns dadurch in mystischem Tiefsinn die Dreifaltigkeit selbst, d. i. der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, angekündigt werde oder ob etwas einer solchen Auffassung der betreffenden Schriftstellen hindernd im Wege steht; allein diese Frage kann nicht mit ein paar Worten erledigt werden, und man soll uns nicht drängen, alles in einem Abschnitt zu erörtern.
1: Hier. ep. ad Pammach. et Ocean.
2: Zu ergänzen ist dem Sinne nach: „würde die sichtbare Welt gleichwohl bestehen und“.
3: Vgl. oben XI 18.
4: Origenes bezog Gen. 3, 21 auf die Erschaffung der Leiber.