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Der Wagen kam auf ziemlich unspektakuläre Weise in einer Wiese zum Stehen. Eddy hatte geistesgegenwärtig das Steuer übernommen. Da sie bergauf gefahren waren und Dafflon keinen Druck mehr aufs Gaspedal hatte geben können, stand der Wagen bald still. Als Eddy zu seinem Freund hinübersah, blieb sein Blick zuallererst am Speichelfaden hängen, der dem reglosen Dafflon zum Mund heraushing. «Louis! Hörst du mich?» Eddy versuchte, am Handgelenk Dafflons Puls zu spüren. Tatsächlich fühlte er ihn noch schwach. Eddy wählte den Notruf und legte Dafflon auf der Wiese in Seitenlage, wie er es als Jugendlicher im Samariterverein gelernt hatte.
Als die Ambulanz am Unfallort eintraf, hatte das unruhige Herz des Theaterdirektors bereits aufgehört zu schlagen. Eddy, der Nationalrat, betete still ein Vaterunser auf Französisch, und noch während er sagte «… pour les siècles des siècles! Amen», tröstete ihn der Gedanke, dass sein Jugendfreund nahe der heimischen Scholle verstorben war.
Albert Leuenberger, der Zivilfahnder der Berner Kantonspolizei, der mit dem Todesfall Salerno betraut worden war, hörte am gleichen Nachmittag vom Ableben Dafflons. «Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten», sagte er zu sich selbst, «die zeitliche Nähe zwischen den beiden Todesfällen ist ein Zufall und tangiert meinen Fall nicht.
Oder sie ist kein Zufall, und mein Fall wird komplizierter.» Leuenberger wünschte sich, dass alles ein Zufall war. Seine Erfahrung sagte ihm jedoch, dass solche Zufälle eher selten vorkommen und der Fall nun wohl verzwickter werden würde.
Was bisher geschah
SI-Fortsetzungskrimi
Zur Tilgung seiner Schulden bei Mafioso Salerno organisiert Dafflon im Corona-Notstand illegale Comedy-Shows in seinem Kleintheater in Bern. Dabei hilft ihm sein Kollege Eddy, ein umtriebiger Nationalrat, der auch schon mit Salerno geschäftet hat. Doch dann wird Salerno tot aus der Aare geborgen, und auch Dafflon bricht zusammen, als Fahnder Leuenberger ihnen auf die Pelle rückt.
Der Montag nach Dafflons Ableben war ein wechselhafter Tag. Zuweilen schien es, als wollte der Wind alle Wolken hinwegfegen und Platz schaffen für einen strahlend blauen Himmel. Dann sah es wieder aus, als stünde ein heftiger Regen bevor. «Nein, nein!», brüllte Eddy den Beamten an, während die beiden im gebotenen Zwei-Meter-Abstand über die Berner Allmend spazierten. «Nein, es gibt keinen Grund anzunehmen, Dafflon sei umgebracht worden. Er hatte Herzprobleme, er rauchte viel, er hatte Stress, er hatte zu wenig Bewegung. Mehr als einmal habe ich ihm gesagt, er soll diese selbstmörderische Raucherei aufgeben! Die Gerichtsmediziner brauchen nicht weit zu suchen. Sie werden einen Infarkt feststellen. Dafflons Herz war kräftig, zäh und gross, aber auch das stärkste Herz hört einmal auf zu schlagen, wenn es derart lausig behandelt wird.»
Die ausserordentliche Session des Parlaments, die vom 4. und 7. Mai in einer Halle der Bernexpo stattfand, war in vollem Gang, aber Eddy hatte dem Fahnder versichert, es sei für ihn kein Problem, eine Weile der nationalrätlichen Debatte fernzubleiben. Er hatte vorgeschlagen, durch die nahe gelegene Allmend zu spazieren, um etwas frische Luft zu schnappen.
«Wissen Sie, was mich nervös macht?», fragte Leuenberger den Nationalrat, und als Eddy den Kopf schüttelte, sagte der Fahnder: «Sie sind ein respektierter Politiker, dem ich als Bürger dieses Landes vertrauen sollte. Aber ich neige dazu, Ihnen nicht zu vertrauen. Ihre Verwicklung in diesen Fall macht mich nervös!»
Eddy sagte zunächst nichts und fragte etwas später in ziemlich ironischem Tonfall: «Sie denken also, ich sei ein durchtriebener Doppelmörder? Sie trauen mir zu viel zu, Herr Leuenberger, viel zu viel. Und sagen Sie, sind Sie eigentlich verwandt mit Moritz Leuenberger, dem alt Bundesrat?»
Leuenberger antwortete mit stoischer Ruhe: «Sie brauchen mir nicht zu erklären, was ich denke. Es wäre mir lieber, Sie würden die Ermittlung unterstützen und mir sagen, wer am Tod von Salerno und von Dafflon interessiert sein könnte und warum. Und zu Ihrer Frage: Nein, der Bundesrat gehört zu den Leuenberger aus Rohrbach, meine Vorfahren sind von Eggiwil.»
Eddy behauptete weiter, nichts zu wissen. Er gab keinen Hinweis, der den Fahnder auf eine Spur hätte bringen können. Entweder wusste er tatsächlich nicht mehr, oder er war nicht interessiert an einer Lösung des Falls.
Leuenberger beschloss, den Nationalrat ein bisschen aus der Reserve zu locken: «Sie handeln unter anderem mit Lungenmaschinen für Notfallpatienten, mit Desinfektionsmitteln und mit Schutzmasken. Sie haben damit in den letzten Wochen in Italien sehr viel Geld verdient. In der Schweiz etwas weniger, weil es weniger schwere Covid-19-Fälle gab, als Sie wohl hofften. Sie haben Politiker und Spitaldirektoren in Italien und der Schweiz geschmiert. Salerno war Ihr Mann fürs Grobe. Er musste Ihren Angeboten Nachdruck verleihen bei denen, die sich nicht einfach bestechen liessen. Jetzt da Ihr Corona-Geschäftszweig allmählich schwächelt, mussten Sie Ihre Mitwisser loswerden.»
Eddy hatte für Leuenbergers Provokation nur ein müdes Lächeln übrig. «Herr Leuenberger, ich muss zurück in die Session. Ich will Ihnen wirklich nicht in Ihre Arbeit reinreden. Aber es wäre wohl ratsam, wenn Sie zuerst recherchieren und erst dann wilde Behauptungen von sich geben.»
Leuenberger ging zu Fuss zurück in die Innenstadt. Die Bewegung half ihm beim Nachdenken, und telefonieren konnte er auch im Gehen. Er beschloss, bei der Geschäftsstelle des Theaters Aarelauf anzurufen. Es meldete sich Isa von Greyerz.
«Guten Tag, mein Name ist Leuenberger. Ich rufe auf Empfehlung von Jeannette und Eddy an. Ich möchte ein Ticket für die Frühvorstellung von heute Abend reservieren.»
«Es tut mir leid, Herr Leuenberger. Heute und morgen Abend ist alles ausverkauft. Diese Woche kann ich Ihnen nur den Mittwoch anbieten.»
«Was läuft am Mittwoch?»
«‹Kalauer machen schlauer› von und mit dem Duo Dusel.»
«Kalauer machen schlauer? Ein Programm mit einem solchen Titel kann mir nicht gefallen, Frau von Greyerz. Aber vielleicht machen Sie mir in Ihrem Büro einen Kaffee, und wir reden ein wenig über die Nachfolgeregelung im Theater am Aarelauf. Man hat mir gesagt, Sie seien sehr schnell in die neue Rolle als Theaterleiterin hineingewachsen.»
«Wer sind Sie?»
«Mein Name ist, wie erwähnt, Leuenberger. Ich bin von der Kantonspolizei und untersuche den Todesfall Salerno.»
«Um welche Zeit möchten Sie vorbeikommen, Herr Leuenberger?»
«In zehn Minuten, ich bin bereits auf dem Weg. Sie können die Kaffeemaschine schon mal warmlaufen lassen.»
So gehts weiter
Was sind die wahren Absichten von Frau von Greyerz? Und was führt Fahnder Leuenberger im Schild?