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| Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen (Epistula ad Marcellinum)

Brief an Marcellinus
12.
Und ich glaube, daß diese dem Psalmensänger zu [S. 346] einem Spiegel dienen, daß auch er in denselben die Bewegungen seiner Seele erkennt und in dieser Wahrnehmung dieselben ausspricht. Denn auch wer sie vorlesen hört, nimmt den Gesang so auf, als würde er über ihn selbst vorgetragen, und er wird entweder von seinem Gewissen überführt von Reueschmerz ergriffen werden, oder er wird, wenn er von der Hoffnung auf Gott vernimmt und von der großen Gnade, welche die Gläubigen erlangen, von Freude erfüllt und beginnt Gott zu danken. Wenn Jemand zum Beispiel den 3. Psalm singt und dabei auf seine eigenen Bedrängnisse sieht, so nimmt er die Worte in demselben für seine Worte und drückt im 10, und 16. gleichsam sein eigenes Vertrauen und Gebet aus und spricht im 50. gleichsam selbst die Worte seiner Reue aus. Und wenn er den 53., 55., 56., 141, singt, so kommt er in eine Gemüthsstimmung, als ob nicht ein Anderer verfolgt würde, sondern als ob er selbst der Leidende wäre, und singt zu Gott, als ob diese Worte seine eigenen wären. Und überhaupt ist in dieser Weise jeder Psalm vom Geiste ausgesprochen und geordnet, daß in ihnen, wie vorhin gesagt, die Bewegungen unserer Seele erkannt werden, und daß sie alle wie über uns gesprochen und gleichsam unsere eigenen Worte sind, um die Bewegungen in unserm Innern auszudrücken und unser Leben zu bessern. Denn was die Psalmensänger gesprochen haben, kann auch uns Vorbild und Muster sein.