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Das interdisziplinäre Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen musikalischen und visuellen Bewegung im Musiktheater des 19. Jahrhunderts. Welche Emotionen Musik hervorruft, ist schon oft untersucht worden. Kaum thematisiert wurde dagegen, dass Musik ebenso oft visuelle Bewegungsassoziationen hervorruft. Gerade im dramatischen Gesamtkunstwerk Oper werden diese zwei Seiten musikalischer Wirkung gezielt eingesetzt. Während die Synthese von Musik und Bewegung beim Ballett nahe liegt und spezialisierte Forschungsarbeiten hervorgebracht hat, sind im Bereich der Oper die weniger virtuosen, aber dennoch gestisch standardisierten Spiel- und Bühnenbewegungen in ihrem Verhältnis zur Musik wissenschaftliches Neuland. Die aktuelle Forschung zur musikalischen Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts soll hier erstmals um die von der Musik hervorgerufenen Bewegungsmuster und -assoziationen erweitert werden, denn das stark wachsende Interesse von Publikum und Dramaturgie an historischer Bühnenpraxis bedarf dringend einer gesicherten Basis.
Da musikalisch kodierte Bewegungen – ähnlich wie die Einzelheiten des musikalischen Vortrags – damals nicht hinreichend notiert werden konnten, nähert sich das Forschungsvorhaben dem Gegenstand durch das Befragen historischer Quellen: einerseits Quellen, die dem historischen Darsteller als Ausgangspunkt für seine Bewegungsorganisation dienten (Libretto, Partitur, traditionelle Gestik-Ausbildung), und andererseits Quellen, die besondere Szenen aus Meyerbeers Opern und die in der Inszenierung gefundene Bewegung schriftlich (in livrets de mise-en-scène) beziehungsweise bildlich festhalten (Opernikonographie).
Aus der Erfahrung eines von der Berner Fachhochschule (BFH) finanzierten interdisziplinären Vorbereitungsprojektes heraus erweist es sich als sinnvoll, die Untersuchung zunächst auf den deutschen Opernkomponisten Giacomo Meyerbeer (1791–1864) zu beschränken, der gerade durch seine in Musik gesetzten Bewegungsbilder ab 1831 für die neue französische Grand opéra und die traditionsreiche Opéra comique innovativ wirkte und damit so unterschiedliche jüngere Komponisten wie Giuseppe Verdi und Richard Wagner stark beeinflusste. Erst die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Musikforschung, Tanzforschung, Bildforschung und Theaterforschung ermöglicht es, musikgezeugte Bewegung als ein wesentliches Merkmal von Meyerbeers Opernstil zu beschreiben und praktisch wiederzubeleben.
Der Begriff der „Pathosformel“ (einer wiederkehrenden, emotional konnotierten Gebärde), den der Hamburger Kulturhistoriker und Begründer der modernen Ikonologie Aby Warburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägte, bildet den theoretischen Ausgangspunkt, um musikgezeugte Bewegung auf der Opernbühne wissenschaftlich zu fassen. Dabei konzentriert sich der interdisziplinäre Ansatz auf historische Quellen, die auch eine konkrete inhaltliche Beschreibung des Formelhaften mit historischen Begriffen ermöglichen. Insofern grenzt sich dieser Ansatz von den bildtheoretisch beziehungsweise semiotisch orientierten ‚turns‘ der neueren Kulturwissenschaft ab und ist geeignet, Grundlagen bereitzustellen für ein breites Spektrum von weiterführenden oder parallelen Forschungen und nicht zuletzt für historisch informierte Regieansätze in diesem Repertoire.