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Es gibt in der Philosophie eine Vorstellung von absolut harmonischen Freundschaften, die unter anderem bei Aristoteles, Cicero und Michel de Montaigne ausgearbeitet wirdi: Hier wird angenommen, dass Freundschaften auf einer so weitgehenden Übereinstimmung der Freundinnen und Freunde in ihren Interessen und Überzeugungen beruhen, dass wir eigentlich schon davon sprechen können, dass wir es hier nur noch mit einer Person zu tun haben, die sich eher zufällig in zwei Körpern wiederfindet. Wenn wir dieser Vorstellung folgen, dann ist Streit ein Phänomen, das nicht zur Freundschaft gehört. Sollte er dennoch vorkommen, müssen wir ihn als ein Zeichen mangelnder Qualität der Beziehung betrachten, als ein Anzeichen dafür, dass diese unserem Ideal der Freundschaft nicht gerecht wird.
Ich möchte im Folgenden die abweichende These vertreten, dass in zumindest einigen Fällen die Abwesenheit von Streit ein Anzeichen mangelnder Sorge um das Wohlergehen einer Freundin darstellen kann. Streit um zentrale Wertvorstellungen kann im Gegenteil in einigen Fällen als Ausdruck genau dieser Sorge verstanden werden – und damit auch als ein Merkmal echter Freundschaften.
Betrachten wir eine Beziehung zwischen zwei Personen, die sich selbst weder für fehlerlos noch ihre persönliche Entwicklung für abgeschlossen halten, sondern die danach streben, sich zum Guten weiterzuentwickeln. Nehmen wir weiterhin an, dass diese beiden Personen sich in zumindest einigen Hinsichten in ihren Interessen und Ansichten unterscheiden – wie könnte es anders sein, wenn wir es mit zwei Individuen mit einer je eigenen Lebensgeschichte zu tun haben, die in ihrem Leben notwendig unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben? Nehmen wir an, es kommt in dieser Beziehung nie zum Streit. Meiner Auffassung nach ist dieses Szenario nur dann plausibel, wenn sich die beiden in vielen Aspekten ihres Lebens mit Gleichgültigkeit begegnen. Positiv formuliert könnte man das Verhältnis der beiden Personen zueinander als ein Verhältnis der Toleranz beschreiben: Beide haben ihre eigenen Vorstellungen von einem guten Leben und akzeptieren, dass die andere Person eine andere Vorstellung von einem guten Leben verfolgt. Sie müssen sich nicht streiten, weil sie die Auffassung der jeweils anderen einfach als gültig akzeptieren, ohne sich deshalb in ihrer abweichenden Position angegriffen zu fühlen.
Ich bin mit Arne Johan Vetlesenii der Ansicht, dass wir in der hier dargestellten Beziehung eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Wohlergehen der anderen Person konstatieren müssen, die der Freundschaft nicht angemessen sein kann. Ich mag einige Auffassungen darüber haben, was für mich ein gutes Leben auszeichnet, ohne zu beanspruchen, dass diese für alle Menschen Gültigkeit besitzen. Sofern ich davon ausgehe, dass meine Freundin mir in einigen relevanten Hinsichten ähnelt, wäre es jedoch sehr plausibel anzunehmen, dass ähnliche Dinge auch ihr zu einem glücklichen Leben verhelfen würden. Umgekehrt wird es mir schwerfallen zu glauben, dass Ziele, deren Wert sich mir nicht erschließt, ihr Leben glücklich machen. (Vielleicht habe ich sogar Ansichten darüber, welche Aspekte des menschlichen Lebens ein Leben für alle oder zumindest für die meisten Menschen lebenswert machen.) Wenn in Bezug auf diese Ansichten in einer Freundschaft Differenzen auftreten, dann ist die Vermeidung einer Auseinandersetzung als ein Ausdruck von Gleichgültigkeit zu sehen, insofern sie von einem Mangel an Sorge um das Wohlergehen meiner Freundin zeugt. Sofern ich von meiner eigenen Auffassung tatsächlich überzeugt bin, und außerdem um das Wohlergehen meiner Freundin besorgt, so muss ich mich aus Sorge um ihr Wohlergehen darum bemühen, sie von der richtigen Sichtweise zu überzeugen, und ich werde erwarten, dass sie für mich dasselbe tut. Tut sie es nicht, so müsste ich schließen, dass ihr mein Wohlergehen nicht am Herzen liegt.
In einer guten Freundschaft müssen wir also damit rechnen, dass eine Freundin sich bemüht, uns im Hinblick auf unser eigenes Wohlergehen von ihren Ansichten zu überzeugen. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir Unnachgiebigkeit in Bezug auf unsere Wertvorstellungen als die für Freundschaften angemessene Haltung betrachten sollten. Zum Kern einer guten Freundschaft gehört es auch, eine Freundin in ihrer Perspektive auf die Welt ernst zu nehmen. Das bedeutet, ihr zuzusprechen, eine berechtigte Perspektive auf Geschehnisse in ihrem eigenen Leben zu haben, und gleichzeitig darauf zu vertrauen, dass sie uns diese Perspektive ehrlich und authentisch mitteilt.iii Insofern eine Freundin andere Erfahrungen gemacht hat als wir, und wir uns selbst in unserer Perspektive als begrenzt anerkennen, müssen wir die Möglichkeit zugestehen, dass ihre Perspektive in einigen Situationen treffender ist als unsere eigene. Wir müssen uns eingestehen, dass sie in einigen Urteilen im Recht sein mag, und wir im Unrecht. Daraus folgt nicht, dass wir jederzeit bereit sein müssten, unsere eigenen begründeten Auffassungen ohne Widerstand im Angesicht der abweichenden Meinung einer Freundin aufzugeben. Es bedeutet aber, dass wir ihre Überzeugungen hinterfragen sollten, in dem Versuch die dahinterliegenden Gründe zu verstehen, und gleichzeitig bereit sein sollten, unsere Überzeugungen ihr gegenüber darzulegen und deren Hintergründe zu erläutern. In diesem Sinne ist dann Streit, als eine ernstzunehmende und emotionale Auseinandersetzung in Bezug auf unterschiedliche Vorstellungen guten Lebens, ein Merkmal guter Freundschaften.
Sie können hier einwenden, dass wir uns nicht streiten müssen, um unterschiedliche Perspektiven auf ein gutes Leben zu hinterfragen. Ich möchte dem entgegenhalten, dass eine völlig ruhige und emotionslose Auseinandersetzung dem hier gezeichneten Anspruch nicht gerecht werden kann: Sofern wir uns ernsthaft sowohl um das eigene Wohlergehen als auch um das Wohl einer Freundin sorgen, sind wir auf eine Art und Weise emotional involviert, die ein völlig ruhiges Gespräch nicht zulassen dürfte. Wenn Streit ihrer Auffassung nach erst da anfängt, wo wir uns mit haltlosen Vorwürfen begegnen, dann erfordert eine gute Freundschaft in der Tat keinen Streit, mindestens aber hitzige Diskussionen.
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i Aristoteles, Nikomachische Ethik, hrsg. u. übers. von Ursula Wolf, Reinbek bei Hamburg 4. Aufl. 2013; Marcus Tullius Cicero, Gespräche über Freundschaft, Alter und die Freiheit der Seele, Stuttgart 2009; Michel de Montaigne, Essais nebst des Verfassers Leben. nach der Ausgabe von Pierre Coste 1, Zürich 1992. Bei allen drei Autoren ist von den Freunden nur im Maskulinum die Rede, den Frauen wurde die Fähigkeit zur echten Freundschaft lange abgesprochen. Um zu betonen, dass ich diese Perspektive nicht teile, gleichzeitig aber umständliche Ausdrucksweisen zu vermeiden, verwende ich im Folgenden überwiegend ein generisches Femininum.
ii Arne Johan Vetlesen, Freundschaft in der Ära des Individualismus, in: Axel Honneth u. Beate Rössler (Hrsg.), Von Person zu Person. Zur Moralität persönlicher Beziehungen, Frankfurt, M 2008, S. 168–207.
iii Genauer ausformuliert wird dieser Gedanke in Marilyn Friedman, Freundschaft und moralisches Wachstum, in: Axel Honneth u. Beate Rössler (Hrsg.), Von Person zu Person. Zur Moralität persönlicher Beziehungen, Frankfurt, M 2008, S. 148–167.