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Als im Jahr 2000 der Animationsfilm «Die letzten Glühwürmchen» in die Kinos kam, war man erstaunt: Keine Laser-Gewehre, keine Monster, Roboter oder Fabelwesen standen im Zentrum der Handlung. Sondern die beiden Geschwister Seita und Setsuko, die im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs im zerbombten Kobe ums Überleben kämpfen.
Die herzzerreissende Geschichte zählt heute nicht nur zu den traurigsten Filmen überhaupt, sondern auch zu den besten. Nie zuvor gab es einen Animationsfilm von solch emotionaler Kraft.
US-Luftangriff überlebt
Isao Takahata kannte die Leiden des Kriegs. Im Alter von neun Jahren, am 29. Juni 1945, geriet er in der Präfektur Okayama selbst in einen grossen Angriff der US-Luftwaffe. Takahata überlebte.
Nach einem Studium der Französischen Literatur begann er bei «Toei Animation», dem Animationsstudio eines Freundes, als Assistenzregisseur. Dort traf er auch Hayao Miyazaki, mit dem er in den 1970er-Jahren die TV-Serie «Heidi, das kleine Mädchen aus den Alpen» produzierte, die in 20 Sprachen übersetzt und auf der ganzen Welt geschaut wurde – auch in der Schweiz.
Als Miyazaki das Zeichentrickstudio Studio Ghibli gründete, nahm er Takahata mit ins Boot. «Die letzten Glühwürmchen» war nach «Das Schloss im Himmel» der zweite Film des damals noch jungen Zeichentrickstudios.
Heute ist das Studio Ghibli – weltweit bekannt für Filme wie «Chihiros Reise ins Zauberland» oder «Prinzessin Mononoke» – nicht mehr aus der Zeichentrickwelt wegzudenken.
Die animierte Realität als bessere Realität
Takahata selbst blieb immer im Schatten von Grossmeister Hayao Miyazaki, dessen Fantasie keine Grenzen zu kennen schien. Takahatas Geschichten waren ruhiger, melancholischer. Es sind Geschichten über Gefühle und Einsamkeit.
Man stellt sich unweigerlich die Frage: Warum will Takahata diese Geschichten unbedingt durch Animation erzählen, wenn man sie genauso gut mit einer Kamera filmen könnte?
Die Antwort ist einfach: Takahata glaubte nicht daran, dass die Zuschauer Spielfilme wirklich aufmerksam schauen. Sein Ziel war es, «uns durch Zeichnungen die Realität in Erinnerung zu rufen – anstatt die Zeichnungen selbst als Realität zu betrachten», wie er einmal sagte. Die animierte Realität war für ihn die bessere Realität.
Liebe zur Bewegung
Seine Liebe zu Details war in seinen Filmen allgegenwärtig. Den kleinsten Bewegungen gibt er eine Wichtigkeit, wie man sie kaum in Filmen oder Trickfilmen sieht.
Takahata war diesbezüglich selbst sein grösster Kritiker: In einer Szene in «Die letzten Glühwürmchen» schneidet Seita eine Melone für seine kleine Schwester. Es sieht aus, als ob er durch Butter schneiden würde – so leicht gleitet das Messer durch die harte Schale der Frucht.
Takahata nervte sich noch Jahre später über diesen Fehler. Für eine ähnliche Szene in seinem letzten Film «Die Legende der Prinzessin Kaguya» liess er sich darum verschiedene Messer und Melonen bringen. Zusammen mit seinen Mitarbeitern studierte er genau, wo das Messer in die Melone eintritt und wie schnell es schneidet, damit die Szene dann auch so echt wie möglich aussieht.
Er brachte Emotionen zum Leben
Um den Zeichentrickfiguren möglichst realistische Gesichtszüge zu geben, zeichnete er die Schauspielerinnen und Schauspieler beim Einsprechen der Dialoge auf Video auf und liess bestimmte Merkmale dann in die Charaktere seiner Filme einfliessen – eine Technik die heute weit verbreitet ist, vor allem in 3D-Filmen.
Eine seiner Stärken war auch das geschickte Zusammenspiel zwischen Abbild und Abstraktion, zwischen dem, was man sieht und dem, was man fühlt. In seinen Filmen kommen Gefühle oft als Metaphern zum Ausdruck. Szenen, die man nur schwer vergessen kann.
Zum Beispiel im Drama «Tränen der Erinnerung – Only Yesterday» (1991), als sich die kleine Taeko zum ersten Mal verliebt, die Strasse entlang rennt und plötzlich wie auf Stufen in den Himmel steigt und durch die Luft schwimmt, als wäre es das Normalste der Welt.
Oder in «Die Legende der Prinzessin Kaguya», als Kaguya, bedrängt von allen Männern, die über ihr Schicksal entscheiden wollen, einfach nur fliehen will. Das Bild wird dunkel. Sie rennt davon, durch Wände, Türen und schliesslich nach draussen über Wiesen und durch Wälder.
Dabei scheinen auch die einzelnen Bilder den Zeichnern entfliehen zu wollen. Die Linien werden immer unruhiger und verzerrter, springen umher. Emotionen, wie man sie nur im Animationsfilm erleben kann.
Takahata arbeitete im Schneckentempo
Aber manchmal machte Takahata auch genau das Umgekehrte: Er schloss uns absichtlich aus der Gedankenwelt seiner Figuren aus. Wenn Setsuko in «Die letzten Glühwürmchen» in ihre Fantasiewelt flieht und mit einem Tuch umwickelt lachend umherrennt, kann man als Zuschauer nur den Tränen nahe zuschauen, weil man in ihrer tragischen Realität zurückgeblieben ist.
Auch Isao Takhata lebte offenbar auch in seiner eigenen Welt. Für seine Filme liess er sich gerne Zeit, arbeitete im Schneckentempo. In 25 Jahren machte er bei Studio Ghibli sechs Filme. Man wusste nie genau, wann seine Filme fertig gestellt waren.
Bei der Pressekonferenz zu «Die Legende der Prinzessin Kaguya» liess Produzent Toshio Suzuki vor versammelten Journalisten verlauten, Takahata habe noch nie einen Film rechtzeitig abgeliefert. «Herr Takahata ist nur schwer zu begreifen. Will er seine Filme überhaupt fertigstellen?», fragte Suzuki sich frustriert.
Takahata war dies bewusst. «Ich tue mein Bestes, dass ich noch lebe, wenn dieser Film zu Ende gebracht ist», sagte er einmal in einem Meeting lachend zu seinem Team. Als läge es nicht in seiner Macht, seine Geschichten zu Ende zu erzählen. Alle lachten. Nun hat seine eigene Geschichte ein Ende gefunden.
Sendung: Kultur-Nachrichten; Radio SRF 2 Kultur, 6. April 2018, 06.01 Uhr