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Frauen-Nationaltrainer Colin Muller hat schon einiges erlebt in seiner Karriere. Nun will er die Schweizerinnen zur zweiten Olympia-Medaille nach Bronze 2014 führen.
Der in Toronto geborene Colin Muller kam mit 19 Jahren in die Schweiz und ist hier, anders als zunächst geplant, hängen geblieben. In der höchsten Liga spielte er für den EV Zug, mit dem er 1998 den Meistertitel holte, und Fribourg-Gottéron. Letztere funktionierten ihn mitten in seiner ersten Saison im Team vom Spieler zum Cheftrainer um – das war Anfang Dezember 1999.
Seither steht Muller an der Bande. Die grössten Erfolge feierte der 58-Jährige als Assistent von Sean Simpson. Die beiden führten die Schweiz 2013 in Stockholm zur WM-Silbermedaille, 2009 hatten sie mit den ZSC Lions die Champions Hockey League gewonnen. Seit Sommer 2019 ist Muller Headcoach des Frauen-Nationalteams – an der WM zuvor war er noch Assistent gewesen.
Sein erstes grosses Turnier in dieser Position, die WM im vergangenen August in Calgary, lässt für Peking hoffen. Die Schweizerinnen erreichten erstmals seit dem Gewinn von Bronze 2012 an diesem Anlass die Halbfinals. Das gibt Selbstvertrauen, auch wenn eine weitere Medaille verpasst wurde. Das Spiel um Rang 3 ging gegen Finnland 1:3 verloren.
«Für uns ist wichtig, dass alle spielen können»
«Ich habe mir das Spiel wieder angeschaut. So gross war der Unterschied nicht», sagt Muller im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. «Wenn alles gut läuft, sind wir mit den Finninnen auf Augenhöhe. Wir haben uns seit der WM weiterentwickelt.» Wohl weiter ausser Reichweite liegen die USA und Kanada, die sich bislang sämtliche Olympia- und WM-Goldmedaillen gesichert haben.
Noch mehr Zuversicht gibt die Tatsache, dass in Calgary in der entscheidenden Phase die im Schweizer Team unersetzbare Topstürmerin Alina Müller fehlte. Ohnehin ist die Breite bei den Frauen hierzulande noch nicht so gross, dass Ausfälle gut kompensiert werden können. Muller: «Für uns ist wichtig, dass alle spielen können, die aufgeboten sind.» Zumindest einmal schafften es alle in die strenge Olympia-Blase, was gerade in einem Mannschaftssport angesichts von Omikron eine grosse Herausforderung darstellt.
An der letzten WM galt der gesamte Fokus dem Viertelfinal, für den die Schweizerinnen als Mannschaft der Gruppe A schon vor dem Turnier qualifiziert gewesen waren. Nach dem 3:2-Sieg nach Verlängerung gegen das Team OAR (nach 0:2-Rückstand) «hatten wir keinen Saft mehr», blickt Muller zurück. Daraus sollen die richtigen Lehren gezogen werden. Denn auch in China sind die Schweizerinnen sicher in den Viertelfinals dabei. «Wir müssen nun als Mannschaft mental einen Schritt vorwärts machen», fordert Muller.
Ein unbeschwerter Start
Den speziellen Modus, die Gegner in der Vorrunde sind der Reihe nach Kanada (Donnerstag), Team OAR (Freitag), die USA (Sonntag) sowie Finnland (Montag), bezeichnet er als hilfreich: «Wir können zunächst ohne Angst antreten und an unserem Spielsystem feilen. Es bringt uns viel, gegen die Topmannschaften zu spielen, denn wir müssen lernen, auf diesem Niveau zu sein, schneller zu denken, schneller zu reagieren, schneller zu passen, physischer zu agieren. Deshalb wollen wir unbedingt in den Top 5 bleiben.»
Muller schätzt es sehr, die Frauen betreuen zu dürfen. Er hat grosse Hochachtung davor, was sie alles auf sich nehmen, um Eishockey auf diesem Level spielen zu können, denn die Bedingungen in der Schweiz sind bei weitem nicht optimal. Leben davon kann hier keine und die Trainings finden oft spät statt, was sich negativ auf die Erholung auswirkt. Nicht umsonst sind 13 der 23 Spielerinnen im Olympia-Team in Nordamerika oder Schweden tätig. Der beste Lohn für die Entbehrungen wäre die Wiederholung des Coups von Sotschi.
sda