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ALTIERO SPINELLI
Der Italiener (1907-1986) gilt als einer der Begründer der vertieften europäischen Integration seit dem Zweiten Weltkrieg. Sein Hauptwerk Vertragsentwurf zur Gründung der Europäischen Union (1984) ist denn auch hauptsächlich keine philosophische Erörterung von 'Europa' oder dessen Zusammenhalt, sondern eine nüchterne, nicht minder bedeutende Analyse für das Europäische Parlament (EP), welche Ziele Europa mit welchen politischen Mitteln erreichen kann und soll. Und zudem eine konsequente Fortführung seines grundlegenden Vorschlags für eine europäische Verfassung von ... 1941!
JÜRGEN HABERMAS
Der letzte grosse Doyen der Frankfurter Philosophieschule setzte sich wiederholt auch mit dem gefährdeten Zusammenhalt Europas auseinander, und mit der Frage aller Fragen: Wie viel institutionelle Mittel sollen überstaatlichen Gebilden zukommen, und wie stark gehen diese dann den einzelnen Ländern ab.
Zuletzt erschein von ihm der schonungslose Band Zur Verfassung Europas (2011, Download auf ExLibris.ch ), der den Realitäten von überforderten supranationalen Institutionen das Ideal einer Innenpolitik Europas gegenüberstellt.
HANS MAGNUS ENZENSBERGER
Der Doyen, ebenfalls schon klar älter als der Zweite Weltkrieg, mit weniger universitär-philosophischem, dafür mehr spielerisch-literarischem Hintergrund als Habermas publizierte mit Sanftes Monster Brüssel oder die Entmündigung Europas (2012, Download auf ExLibris.ch ) ein sehr kritisches und nüchternes Buch über die problematischen Tendenzen Brüssels: Statt politische Leitlinien und Eckpunkte der wirtschaftlichen udn sozialen Entwicklung aufeinander abzustimmen, ansonsten aber möglichst regionale und nationale Fragen auf ebendiesen politischen Ebenen zu belassen, zeichnet er ein ganz anderes Bild Europas: Jenes einer sich in einigen Bereichen wie eine Hydra ausbreitenden Maschinerie an Paragrafen und Vorgaben. Der ausgezeichnete Lyriker mit viel Humor entdeckt dabei auch nicht wenig Absurdes.
REGIS DEBRAY
Debray war lange Zeit Verfechter eines ausgeprägt linken, teils militantem Sozialismus, sass längere Zeit im Gefängnis, wurde 1970 begnadigt und übernahm danach hohe Staatsämter unter Präsident François Mitterand in den 80er-Jahren. Seither wurde er erst richtig zum grossen Theoretiker und politischen Philosophen mit Europa als einem seiner Hauptthemen. Er gebärdet sich denn auch in einigen Schriften als grosser Kritiker von militärischen und anderen Eingriffen grosser Staatengebilde im nahen Osten und anderswo. Vor allem die amerikanische Hegemonialmacht ist ihm ein Dorn im Auge, doch auch Machtpolitik eines Gebildes wie Europa ist ihm suspekt. Darin wurde er immer mehr zum Gegenspieler der beiden anderen wichtigsten politischen Philosophen Frankreichs: André Glucksmanns und Bernard-Henri Lévy (in Frankreich fast nur mit der Abkürzung genannt: BHL).
GYÖRGY KONRAD
Gibt es denn nur negative Neuigkeiten, Finanzkrisen und daraus resultierende Spannungen zwischen eher stabilen Nordeuropäern und kriselnden Südstaaten Europas? Der ungarische Schriftsteller Konrad wirft in Europa und die Nationalstaaten ( Download bei ExLibris.ch auf Deutsch) einen ganz anderen, ungleich positiver geprägten Blick auf Europas Integration und dessen Notwendigkeit. Der grosse Kritiker von Viktor Orbans zunehmend autoritärer Regierung in seinem Heimatland, das die Medien und die Intellektuellen immer mehr marginalisieren und behindern will, betont im Rückblick und in der Gegenwart die Chance, die Europa für ein Land wie Ungarn bietet: Ein gewisser politischer und teils auch wirtschaftlicher Druck bremst die Machtentfaltung der Orbans & Co. zumindest ein wenig. Sein Fazit zu Europa: Mindestens auf der West-Ost-Achse eine Erfolgsgeschichte.
ADOLF MUSCHG
Der 78-jährige Schriftsteller hatte in seiner Generation der Schriftsteller schon immer den stärksten Blick über die Schweiz hinaus. Und anders als viele Zeitgenossen, die die Welt- oder mindestens Europa-Sicht als Vergleich zur Schweiz nutzten oder umgekehrt gerade zur Flucht, entwickelte Muschg schon früh Visionen eines Heimatlandes im Herzen von Europa. Er suchte das Nützlich-Europäische für die Schweiz und daneben genauso das Nützlich-Schweizerische für Europa, ohne sich von einem der beiden zu lösen. Vor allem aber äusserte er sich speziell in Deutschland immer schon zu internationalen, meist europäischen Fragen, ohne diese gleich ausschliesslich durch die Schweizer Brille zu sehen. Und dies abgeklärt, mit Sympathie, auch auch manchen Kritikpunkten. Seit 2003 fungiert er als einer von wenigen Ausländern als Präsident der Berliner Akademie der schönen Künste. Zuletzt äusserte er sich in vielbeachteten Vorlesungen der Entstehung Europas aus dem Geist der Tragödie. Was überhaupt Europa sei, lautete die simple und nicht einfach zu beantwortende Hauptfrage ( NZZ-Artikel mit einführenden Ausführungen zu den Vorlesungen von Ende 2004).
Seine staatspolisitschen Ideale wurden früh mit von Jakob Burckhardts Weltgeschichtlichen Betrachtungen genährt.
Auf den kürzesten Nenner brachte Muschg das Dilemma der europäischen Integration in den oben erwähnten Vorlesungen mit folgender «Quadratur des Zirkels»: Es brauche «die Einrichtung eines Bündnisses, das einerseits nicht exklusiv, andererseits auch nicht beliebig ist (...)».
Das finanziell seit längerem kriselnde Griechenland zum Beispiel steht dabei zugleich für den internationalen Tourismus, die Erinnerung an die nazionalsozialistische Vergangenheit Deutschlands, und zur kultur- und sprachgeschichtlichen Bedeutung. Diese Geflechte zu entwirren falle nie einfach.
Muschgs letzte wegweisende Publikation zum Themengebiet hiess Was ist europäisch? Reden für einen gastlichen Erdteil.
Autor: Reto Meisser