Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03469.jsonl.gz/518

Während ich diese Zeilen schreibe, befinde ich mich gerade in Singapur, zusammen mit meinem Sohn. Heute Nachmittag haben wir einen buddhistischen Tempel besucht. «Warum ist da ein Elefant?», fragt er. «Ganesha, der Elefanten-Gott», erkläre ich. «Ihr Gott ist ein Elefant? Ich glaube nicht, dass es den gibt!» – «Aber an ‹unseren Gott› glaubst du?» – «Ja, den gibt es.» – «Woher willst du das wissen? Und woher weisst du, dass es Ganesha nicht gibt?»
Er zuckt die Achseln. «Ich weiss, dass es Jesus gibt. Hab ich in einem Film gesehen.» Na, super! Ich, ganz Mutter, die erpicht darauf ist, dass ihr Kind möglichst viel Wissen von seiner Reise mit nach Hause nimmt, will ihm gerade erklären, dass Glauben eben Glauben heisst, weil man glaubt, und nicht weiss, und dass man niemals über jemanden urteilen darf, der etwas anderes glaubt, und ...
In dem Tempel befindet sich der Legende nach ein Schrein mit einem Zahn Buddhas.
«Schau», sagt er und zeigt auf eine Statue. «Buddha», sage ich. Darauf er, leicht gelangweilt: «Buddha heisst Erwachen oder auch der Erleuchtete. Er fand seine Erleuchtung unter einem Baum, nachdem er weggelaufen war, weil sein Vater wollte, dass er König wird.» Und: «Buddha hat es auch richtig gegeben. Hab ich in einem Film gesehen.» Auch wenn ich mich wohl irgendwann nochmal mit ihm über Film und Realität unterhalten muss, bin ich doch relativ beeindruckt. Und er auch, denn in dem Tempel befindet sich der Legende nach ein Schrein mit einem Zahn Buddhas.
Geschichte zum Anfassen
Mit meinen Kindern zu reisen ist mir etwas vom Liebsten auf der Welt. Es muss nicht immer so weit sein. Vor kurzem waren wir alle übers Wochenende in Berlin. Wir haben einen ganzen Tag rund um den Checkpoint Charlie verbracht (dies, nachdem wir die Musts meiner Tochter, einen K-Pop-Store und das Hardrock Cafe abgehakt hatten). Nicht, weil ich das wollte, sondern weil meine Grosse uns tatsächlich von Museum zu Museum schleppte.
Ich glaube, es war das erste mal, dass Geschichte für sie wirklich greifbar wurde.
Die Geschichte dieser geteilten Stadt fasziniert sie unendlich, und der Ort, an dem die Mauer stand, übte fast schon eine magische Anziehung auf sie auf. Ich glaube, es war das erste mal, dass Geschichte für sie wirklich greifbar wurde – das Schulfach hatte sie bisher vor allem als etwas sehr Theoretisches, das weit weg und lange her ist erlebt.
Mit dem Trabbi durch Chemnitz
«Du warst ja schon auf der Welt, als diese Mauer stand», stellte sie erstaunt fest. «Ja», sagte ich. «Während meiner Kindheit war Deutschland zwei Länder. Ich war etwa so alt wie du, als die Mauer fiel.» Und ich erzählte ihr, wie wir kurz nach dem Mauerfall Freunde meiner Eltern in Chemnitz besuchten und im Trabbi durch die Stadt fuhren. Ich war knapp14 und werde nicht nur diese Trabbi-Fahrt niemals vergessen, sondern auch die Atmosphäre in dieser Stadt, irgendetwas zwischen aufgeregt, atemlos, ungläubig und auch ein bisschen ratlos.
Nach Hause kommt nur, wer ab und zu unterwegs ist.
Wer lebt, sieht viel. Wer reist, sieht mehr, sagt ein arabisches Sprichwort. Ich geniesse es sehr, dass meine Kinder in einem Alter sind, in dem man mit ihnen reisen kann, dass sie sich für die Länder und ihre Geschichte interessieren. Heute Abend reise ich weiter (meinen Sohn lasse ich ein paar Tage bei unseren Freunden in Singapur) nach Australien, wo ich als Teenager ein Jahr lang lebte.
Der Ort, der mich gelehrt hat, dass Reisen bildet. Aber auch, dass zu Hause zwar durchaus ein Ort sein kann – aber eben vor allem auch ein Gefühl. 15 Jahre war ich nicht mehr da. Und ich weiss, dass es ein Nachhausekommen sein wird. Und nach Hause kommt nur, wer ab und zu unterwegs ist.