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Die Geschäfte laufen gut. Mehrmals während des Gesprächs nimmt Pyongchin Han (45) telefonische Reservationen entgegen, mehrmals muss er Gäste von anderen Terminen überzeugen, weil das «Akaraka» am Wunschabend bereits ausgebucht ist.
Das Leben als Geschäftsführer ist hart: «Ich stehe von morgens um acht bis um Mitternacht im Restaurant in Zürich-Altstetten und bin oft auch sonntags hier für die Buchhaltung.» Für seine Frau und die zwei Kinder (12 und 10) in Buchs ZH bleibt kaum noch Zeit, geschweige denn für Freunde. «Aber ich wusste, was mich erwartet; die ersten zwei, drei Jahre sind hart für ein neues Restaurant, das haben alle gesagt.»
Dabei hatte er gar nie vor, ein Lokal zu führen. Han war 27, als er 1994 Seoul in Südkorea verliess und für ein künstlerisches Aufbaustudium an einer Musikhochschule nach Mannheim (D) kam. «Aber nach drei Semestern ging mir das Geld aus, und ich fing an, mich bei verschiedenen Theatern zu bewerben.» Als er zum Vorsingen nach Zürich kam, war das Opernhaus so angetan, dass sie ihn sofort unter Vertrag nehmen wollten. «Ich wusste damals nichts über das Zürcher Opernhaus und sagte, ich müsse mir das überlegen.» Wieder zurück in Mannheim, starrten ihn seine Freunde und Lehrerinnen an. «Bist du verrückt?, fragten sie mich. Weisst du, was das für ein Haus ist?» Am nächsten Tag rief er an und akzeptierte das Angebot; im August 1996 kam er nach Zürich und wurde Mitglied im Opernhaus-Chor.
Damals war das Ausländergesetz anders als heute, und Han musste erst mal zwei Jahre mit einem L-Ausweis vorliebnehmen. «Nur schon einen Telefonanschluss zu bekommen war schwierig; ich musste 800 Franken Depot zahlen.» Eine Arbeitsbestätigung des Opernhauses half bei der Wohnungssuche. Han hatte sich in Deutschland sehr wohlgefühlt, in der Schweiz war es nicht anders. «Man ist in Deutschland ziemlich direkt, in Korea ist das genauso. Und ich sehe keine grossen Unterschiede zur Schweiz. Wenn man sich korrekt verhält und seine Pflicht erfüllt, gibt es keine Probleme.»
Das Opernhaus war wie eine grosse, internationale Familie, im 60-köpfigen Chor waren nur gerade drei Schweizer, dafür vier Koreaner. Man sprach meist Englisch oder Hochdeutsch. «Schweizerdeutsch war für mich damals eine ganz harte, ungewohnte Fremdsprache. Wenn ich rausging auf die Strasse, verstand ich meist kein Wort.» Sprache sei wichtig für die Integration, sagt Han. «Aber es ist nicht alles. Wichtiger ist die Bereitschaft, sich anzupassen, und die hatte ich immer.» Dabei kommt es ihm entgegen, dass er die Effizienz und die Korrektheit in der Schweiz schätzt. «Ich habe Freunde in Italien, die müssen mehrere Tage investieren, wenn sie ihre Ausländerpapiere erneuern wollen. Hier gehe ich kurz zum Kreisbüro und bekomme den Ausweis dann ein paar Tage später mit der Post. Wunderbar!»
Von der Opernbühne in Zürich in die Kochschule nach Seoul
Han fühlte sich wohl in der Schweiz und in seinem Job. Dann kam der Unfall. Bei einer Probe auf der Opernhausbühne 2008 spielte ein Tontechniker einen Kanonenschuss ein – der Südkoreaner erlitt ein Knalltrauma und erhielt vom Arzt die Hiobsbotschaft, dass er nie mehr im Chor würde singen können.
Ein Dokumentarfilm über die indische Restaurantkette King’s Kurry inspirierte den Sänger, ein eigenes koreanisches Restaurant zu eröffnen. Einerseits war die koreanische Küche in Zürich kaum präsent, andererseits schwebte ihm etwas Günstigeres vor, als es hierzulande sonst bei ethnischer Küche üblich ist. Er reiste nach Seoul, besuchte erst eine Kochschule und schuftete dann in einem Restaurant. Wieder zurück in der Schweiz, investierte er das gesamte Geld, das er von der Versicherung wegen des Unfalls erhalten hatte, in das Lokal in Altstetten.
Im Restaurant kommt er mehr mit Menschen in Kontakt als im Opernhaus, was gut für die Integration ist. Aber als Unternehmer muss er mit einem viel grösseren Risiko leben. «Ich war fast 30 Jahre lang nur Musiker und angestellt, nun bin ich plötzlich selbständig, mache ganz viele verschiedene Dinge, von denen ich vor Kurzem noch keine Ahnung hatte. Alleine wäre das kein Problem, aber ich habe Familie.»
Han lebt nun seit 17 Jahren in der Schweiz und fühlt sich hier längst zuhause. Obwohl er ausländisch aussieht, hat er nicht den Eindruck, anders behandelt zu werden als die Einheimischen. Im Gegenteil. «Manchmal wäre ich froh, die Leute würden Hochdeutsch mit mir sprechen.» Hans Kinder wachsen zweisprachig auf, daheim sprechen sie Koreanisch, sonst Schweizerdeutsch. «Mir ist wichtig, dass sie etwas von der koreanischen Kultur mitbekommen.» Aber wenn sie nach Südkorea reisen, ist das für sie wie in die Ferien zu gehen. «Für sie ist die Schweiz die Heimat, Korea ist Ausland.»
Meine Schweiz
Schweizer sind... korrekt, pünktlich und fair.
Die Schweiz ist ... ein schönes Land, in dem ich immer leben wollte und will.
Integration bedeutet... gemeinsam mit anderen Menschen zu leben.
Heimat ist für mich... überall, wo ich schon gelebt habe.
Fremd fühle ich mich, wenn... ich meine Meinung oder Ansichten nicht äussern kann, zum Beispiel wegen der Sprache.
DIE GRAFIK ZUM THEMA (Folge 2)
Migrationsland Schweiz: Wie hoch ist die Einwanderungsquote im Verhältnis zur Bevölkerung? DIe Grafik mit dem internationalen Vergleich.
Fotograf: Annette Boutellier