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He Gans! meint Samir in der Nacht und gibt mir zu verstehen, dass wir jetzt wieder das Abteil wechseln müssen, weil Neueinsteigende auf ihrem Abteil beharren. Das H können die Russen kaum aussprechen und Hans-Jürg finden sie auch ziemlich schwierig, ich bin also meist „Gans“. Und Gans zügelt natürlich bereitwillig auch mitten in der Nacht seine Siebensachen ins nächste Coupé.
Wenn sich das Licht im Abteil verändert und ich erwache, ist das meist, weil wir einen langen Containerzug kreuzen. Computer und andere Waren aus China auf dem Weg nach Europa. Diesen Weg muss vor einigen Monaten auch mein iPad von China in die Schweiz genommen haben (vgl. das interessante Feature der New York Times über die New Silk Road)
Novosibirsk, die Hauptstadt Sibiriens empfängt mich am Morgen mit Schneetreiben und Schneematsch. Die Stadt zählt rund 1.5 Mio Einwohner. Sie wurde beim Bau der Transsibirischen Eisenbahn westlich des Ob‘ gegründet, weil man das Gebiet als für die Brücke über den Ob‘ geeignet ansah. Östlich hätten, wie mir heute Ivan, ein Indigener aus Nordsibirien erzählt, schon immer „Ureinwohner“ („ja, wir nennen uns so“) gewohnt.
Untergebracht bin ich bei Lisa, Deutschlehrerin und Fremdenführerin, in einem der letzten kleinen Holzhäuser im Zentrum von Novosibirsk. Ivan wohnt auch hier, er studiert an der hiesigen Technischen Universität Elektroingenieur, hat kürzlich ein jähriges Praktikum in Regensburg abgeschlossen und spricht besser Deutsch als ich.
Seine Mutter ist Direktorin einer Schule in Yakutsk, vier Flugstunden entfernt, im Norden Sibiriens. Er kennt Hochschulwesen und Volksschule bestens, begleitet mich den ganzen Tag und gibt mir unermüdlich Auskunft.
Mit Metro und Bus fahren wir Richtung Akademgorodok, übersetzt dem „Städtchen der Wissenschaft“.
Auf dem Weg sehen wir uns aber noch das Eisenbahnmuseum an, in dem Lokomotiven und Rollmaterial aus allen Zeiten der russischen Eisenbahngeschichte stehen.
Auch ein Gefängniswagen ist zu sehen, mit dem bis 1969 Gefangene in den Gulag transportiert wurden.
Danach bringt uns der Bus nach Akademgorodok. Es ist weit mehr als ein Städtchen, sondern eine Universitätsstadt, etwas Dreiviertelstunden von Novosibirsk entfernt. Wenn man sich die – nie höher als die Birken gebauten – Plattenbauten wegdenkt und Backsteingebäude hinzu, könnte man auch an einer Ostküstenuni der USA sein.
Akademgorodok entstand 1957 als sibirischer Standort der Akademie der Wissenschaften. Hier sind unterdessen vierzehn wissenschaftliche Institute und die Novosibirsker Universität angesiedelt. Der Campus steht in einem Birkenwald am Rand des riesigen Stausees, der Obsker Meer genannt wird. Etwa 70’000 Einwohner leben in diesem Wissenschaftsstädtchen, das eine offene, internationale Atmosphäre mit vielen Kaffees mit WiFi, kulturellen Veranstaltungen, studentischen Treffpunkten ausstrahlt. Die Institute und die Uni hier haben einen guten Ruf, man spricht vom Silicon Valley des Ostens.
Ivan erklärt mir das Hochschulsystem aus seiner Sicht. Mit 17/18 Jahren endet die für alle obligatorische 11-jährige Schulzeit mit einer Schulabschlussprüfung, auf die man sich die zwei Jahre vor Abschluss in der Schule und mit Nachhilfestunden intensiv vorbereitet. Die Abschlussprüfung entscheidet darüber, an welche Hochschulen man zugelassen wird und vor allem auch, ob man die Hochschule gebührenfrei besuchen kann oder eine für viele prohibitive Studiengebühr bezahlen muss. Sie beträgt etwa 500 Euro pro Semester, ist für die meisten Einkommen also sehr hoch. Die Elitehochschulen wie die Lomonosov-Universität in Moskau haben das Privileg, diese Schulabschlussprüfungen nicht anzuerkennen (weil die Lehrpersonen ja geholfen haben könnten, abschreiben möglich ist usw.), diese Unis dürfen eigene Aufnahmeprüfungen durchführen. Neben den Hochschulen kann man auch eine „Mittelhochschule“ absolvieren, die z.B. Krankenpflegende, Handwerker/innen usw. ausbilden und von denen Passerellen in die Universitäten bestehen.
Bei den Zwischenprüfungen an der Uni besteht immer die Gefahr, dass man sein Stipendium (das mit der Gebührenbefreiung einhergeht) oder im schlechtesten Fall sogar die Gebührenbefreiung verliert. Man kann die Zwischenprüfungen aber wiederholen, die Professoren legen den Wiederholungstermin jeweils autonom fest. (Solche Wiederholungen, davon sagt Ivan nichts, können natürlich eine Eingangstüre für an Korruption grenzende Nachhilfestunden sein, die dann zur Vorbereitung der Wiederholungsprüfung genommen werden müssen).
Interessant ist, dass die Ergebnisse der Zwischenprüfungen in der Regel einen Tag später bekannt sind. Ivan konnte es in Deutschland kaum glauben, dass die Korrekturen drei bis vier Wochen dauerten.
Momentan werden auch in Russland ECTS- und Bolognasystem eingeführt. An der Technischen Uni wurde der Diplomstudiengang zu Gunsten von Bachelor- (4 Jahre) und Masterstudiengängen (2 Jahre) abgeschafft.
Bologna heisst aber nicht, dass ein dreistufiges System von Studienabschlüssen eingeführt würde, das vierstufige System mit dem Titel „Kandidat“, für den auch 3 – 5 Jahre investiert werden müssen und erst dann dem Doktorat soll beibehalten werden.
Die Lehrpersonen werden an Pädagogischen Universitäten ausgebildet. Nach dem Mittelschulabschluss dauert das in der Regel 5 Jahre. Weil auch in Russland eher Lehrpersonenmangel herrscht, könne man „nicht richtig streng sein“. Schon in den unteren Klassen gibt es ein Fachlehrersystem. In den Naturwissenschaften ist es sehr schwierig, überhaupt Lehrpersonen zu finden, man macht deshalb bei den Anstellungen verschiedenste Kompromisse.
Besondere Schwierigkeiten haben die ländlichen Gebiete wie z.B. Nordsibirien, man versucht deshalb die Lehrpersonen mit Prämien in solche Gebiete zu ziehen und sie dort zu halten. Es gibt z.B. einen „nördlichen Koeffizient“, d.h. je schwieriger die Lebensbedingungen, desto höher der Lohn. Zusätzlich gibt es weitere Prämien, wer es z.B. 5 Jahre als Lehrerin oder Lehrer in Nordsibirien ausgehalten hat, bekommt einen erheblichen Zuschuss, um sich dort eine Wohnung zu kaufen.
Auch in anderen Berufen ist es schwierig, die Leute auf dem Land zu halten. Obwohl z.B. Fachleute für „Mining“ gesucht sind (Kohle, Gas, Erdöl, Diamanten) findet eine Wanderbewegung Richtung grosse Städte wie Novosibirsk statt.
Nach unserer Besichtigungstour durch Akademgorodok trinken wir einen Kaffee. Ivan erzählt, wie schwierig es mit der Bürokratie an seiner Uni gewesen sein, bis er das Praktikum in Deutschland habe machen können. Und dann erzählt er auch noch ein Müsterchen über die Schweiz. Er hätte auch noch die Möglichkeit eines Praktikums in einer Firma in Basel gehabt. Dort hätte er freie Unterkunft gehabt und 500 Franken pro Monat verdient. Um die Stempel der kantonalen und eidgenössischen Migrationsbehörden zu bekommen, hätte er aber 2000 Franken verdienen müssen. Er habe dann die Firma angefragt, ob sie ihn bei den Ämtern unterstützen könnten, damit er die Bewilligung trotzdem bekomme. Die Auskunft lautete: Nein, wir setzen auf Eigeninitiative. Es ist ihm dann gelungen, den Nachweis zu erbringen, dass er über genügend Mittel verfügt, aber jetzt hätte die Firma gemäss einem Stagiere-Abkommen beweisen müssen, dass sie keinen gleichwertigen Kandidaten aus dem Inland (bzw. damals wohl aus dem EU-Raum) hatte. Ivan hat sich dann für das Praktikum in Bayern entschieden, er hat dort mehr verdient und wurde in jeder Beziehung von Firma und Ämtern bestens unterstützt. Unser Bild im Ausland gibt mir schon zu denken, die einen lachen, wenn sie Schweiz hören und sagen „Oh, Bank, Bank“ oder „Milliarda“, die anderen machen solche Erfahrungen.
Anschliessend sehen wir uns das Obsker Meer an, das Kraftwerk generiert zwar viel Strom, aber das Ökosystem wurde durch viele Überschwemmungen, Klimawechsel usw. gehörig durcheinander gebracht.
Interessant auch die russische Tagesschau – für einmal übersetzt durch Ivan. Es ist eine fast hundertprozentig andere Geschichte, die über die Ukraine erzählt wird als diejenige, die ich in den Schweizer Zeitungen lese. Ivan, der auch denkt, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt, versteht nicht, dass die westlichen Sender so personifizieren. Man höre immer nur Putin, Putin, Putin. Es sie aber überhaupt nicht nur der Präsident, der so denke und die Richtung vorgebe.