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Akklimatisation.
Die mehrfach behauptete absolute
Akklimatisationsfähigkeit des
Menschen ist durch keine
Thatsache
erwiesen. Gegenüber der
Hypothese vom einheitlichen Ursprung des Menschengeschlechts, welches sich von Einem
Punkte der
Erde über deren ganze Oberfläche verbreitet haben soll, stehen die
Erfahrungen, daß das körperliche Befinden
und noch mehr die Leistungsfähigkeit des
Menschen sich am günstigsten gestalten in demjenigen
Klima,
[* 2] in welchem das
Individuum
erzeugt oder geboren worden ist.
Alle
Völkerwanderungen aus historischer Zeit betreffen nur eine sogen. kleine
Akklimatisation, d. h. eine Ansiedelung in einem
Lande, dessen
Klima dem der
Heimat der Auswanderer ähnlich ist. Anderseits haben die
Erfahrungen
bei Auswanderern in tropische Gegenden, besonders
Afrikas, gelehrt, daß der
Europäer unter günstigen Verhältnissen und
bei genügender Vorsicht zwar eine Zeitlang dort aushalten kann, daß aber von einer wirklichen
Akklimatisation keine
Rede ist. Selbst für subtropische Gebiete ist der
Beweis einer vollen
Akklimatisation des Nordländers noch nicht erbracht.
Der Deutsche [* 3] gedeiht in Algerien [* 4] so gut wie irgendwo in der Olivenregion, und doch überwiegt selbst in den kühlern Gebieten die Zahl der Todesfälle die der Geburten bedeutend. Betrachtet man das Schicksal der dritten Generation als entscheidend, so ist zu bemerken, daß es selbst in Ägypten [* 5] nicht gelang, ein paar südeuropäische Familien von längerer Dauer aufzufinden. Die seit 1821 in Chile [* 6] eingewanderten Familen sind, soweit sie sich unvermischt erhalten haben, fast sämtlich ausgestorben. Diese Thatsache kann erklären, warum Vandalen, Ost- und Westgoten so schnell zu Grunde gingen, nachdem sie sich in der Olivenregion angesiedelt, warum die Langobarden nur nördlich des Apennin dauerten, und warum von der Normannenaristokratie in beiden Sizilien [* 7] nach so kurzer Zeit jede Spur verschwunden ist. - Der Haupteinfluß, welchen das Klima auf den Organismus auszuüben pflegt, wird gebildet durch die Höhe der Temperatur in Verbindung mit dem Feuchtigkeitsgehalt der Luft. Trockne Hitze beschleunigt Atmung und Puls, sie regt die Hautthätigkeit zu den höchsten Leistungen an, vermindert das Bedürfnis nach stoffersetzenden ¶
forlaufend
Nahrungsmitteln, während sie gleichzeitig Durst und Gallenabsonderung erhöht. Die Muskelenergie setzt sie ebenso herab wie die geistige Schaffensthätigkeit, steigert dagegen die empfindenden Funktionen bis zur Überempfindlichkeit und führt endlich durch Überreizung zur Apathie. Feuchte Hitze verhindert Kohlensäure- und Wasserabgabe, erschwert das Atmen bei erhöhter Zahl der Atemzüge, beschleunigt den Puls, vermindert den Appetit, macht träge zu jeder Arbeit und setzt die Nervenerregbarkeit herab.
Trockne Kälte macht die Atemzüge seltener und tiefer, den Herzschlag bei verminderter Häufigkeit kräftiger, sie macht die Haut [* 9] zusammenschrumpfen und beschränkt die Abgabe von Wärme [* 10] und Wasser durch dieselbe. Gleichzeitig erhöht sie bei Steigerung der sonstigen Wasserabgabe das Bedürfnis nach substantieller Nahrung, regt die Blutbildung bei verminderter Gallenabsonderung stark an und begünstigt die volle Entfaltung der Muskelkräfte. Feuchte Kälte erleichtert zwar die Sauerstoffeinfuhr und die Ausscheidung der Kohlensäure, wirkt aber durch Behinderung der Wasserausscheidung aus den Lungen wie durch die Haut ungünstig auf die Herzthätigkeit. Da hierbei der Wassergehalt des Bluts unvermeidlich gesteigert wird, werden auch die Aufnahme der Nahrungsstoffe, die Energie der Muskeln [* 11] und des Nervenlebens ungünstig beeinflußt.
Bei Verminderung des Luftdrucks, also mit steigender Höhe, nimmt der Pulsschlag zu, wächst die Wasserausscheidung durch Haut und Lungen, während die anderweite Wasserabgabe sich vermindert. In großen Höhen kommt es zu stärkster Füllung der oberflächlichen Blutgefäße, selbst zur Berstung derselben, Kopfschmerz, Übelkeit, Schwere und Schläfrigkeit treten bei fortdauernder Bewegung ein. Beim Steigen und bei freier Transpiration sinkt die Körpertemperatur, es entstehen Unbehagen und Brustbeklemmung, während bei Nahrungsaufnahme auf kurze Zeit Linderung erfolgt. Winde [* 12] wirken hauptsächlich Wärme entziehend, namentlich vermehren trockne, heiße Winde die Wasserausscheidung durch die Haut und die Lungen. - Am einfachsten liegen die Verhältnisse gegenüber dem Kälteeinfluß, bei welchem die Wärmeproduktion des Organismus vor allem in Betracht kommt.
Individuen mit guter Verdauung und leicht beweglicher Konstitution gewöhnen sich am leichtesten an ungewohnte Kälte, viel
schwerer Kinder, Greise, schwächliche Frauen und an substantielle Nahrung nicht gewöhnte Südländer, die
ungemein leicht und nachhaltig erkranken. Eine kräftige Unterstützung erhält die
Akklimatisation an kalte Klimate
durch die Möglichkeit, den Schutz durch die Kleidung sehr erheblich erhöhen zu können. Viel schwieriger gestaltet sich die
Akklimatisation an heiße Klimate.
Anfangs scheint der Einwanderer in keiner Weise belästigt zu werden, sein Aussehen und Gebaren bilden
einen auffallenden Gegensatz zu der äußern Erscheinung der schon lange an dem tropischen Wohnort weilenden Landsleute. Aber
allmählich, nach Wochen oder oder Monaten, sinken die Leistungsfähigkeit und die Kräfte, es tritt Abspannung ein, die Funktionen
der Haut und der Leber steigern sich, während Ernährung und Blutbereitung an Energie verlieren. Sehr günstig
wirkt eine zeitweise Unterbrechung der
Akklimatisation, sei es durch Eintritt kühlerer Jahreszeit, durch eine Seereise oder durch Aufenthalt
an hoch gelegenen Punkten.
Tritt solche Unterbrechung nicht ein, so steigern sich die angedeuteten Störungen, und es treten wahre
Krankheitszustände ein. Unter günstigen hygienischen und individuellen Verhältnissen machen sich erheblichere Gesundheitsstörungen
wohl erst
nach mehrjährigem Aufenthalt bemerkbar, oder sie bilden Übergänge zur Gewinnung einer neuen, etwas verschobenen
Gleichgewichtslage des individuellen Gesundheitszustandes, womit die
Akklimatisation erreicht ist.
Bei der Beurteilung aller dieser Vorgänge muß man die Bedeutung des klimatischen Moments als Krankheitsursache in gemäßigten Himmelsstrichen in Betracht ziehen. Der Frühling wird wohl durch allzu schnelle Steigerung der Blutfülle, der Sommer durch Verminderung der Eßlust, der Herbst durch relativen Blutmangel und der Winter durch große Anforderungen an die Atmungswerkzeuge und an die Organe des Blutumlaufs kränklichen oder schadhaften Körperkonstitutionen gefährlich; indes gibt es doch nur wenige Krankheiten, die thatsächlich als Witterungskrankheiten aufzufassen sind, und namentlich erzeugen auch die extremsten Wetterschwankungen niemals Epidemien in der seßhaften und ihrem Klima angepaßten Bevölkerung. [* 13]
Ist aber die Bewohnerschaft größerer oder kleinerer Bezirke noch anderweitigen gemeinsamen krankmachenden Lebensbedingungen unterworfen, so zeigt sich die Einwirkung der Witterungsschwankung oft mit enormer Heftigkeit. So widersteht der Soldat am Anfang des Feldzugs, solange Entbehrungen, Strapazen etc. noch nicht die Blutmischung und Zirkulation, die Widerstandsfähigkeit der sonstigen Körperorgane verändert haben, den Schwankungen und Unbilden des Wetters vortrefflich, während selbst kleine atmosphärische Schwankungen die Entstehung zahlreicher Krankheiten veranlassen, sobald das Gleichgewicht [* 14] der Ernährung wirklich gestört ist.
Dann treten auch nicht mehr leichte Katarrhe und Rheumatismen, sondern heftige Lungen- und Herzbeutelentzündungen, schwere
epidemische Dysenterien, massenhafte Typhen, tödliche Hirnhautentzündungen auf, die nach einem einzigen Nachtfrost, einem
starken Regenguß ausbrechen und eine vorher jedem Wetter
[* 15] Trotz bietende Truppe dezimieren können. Die Beurteilung der
Akklimatisationsprozesse
ist noch eine sehr unsichere und hat mit dem Wechsel der pathologischen Anschauungen geschwankt. In allen
Tropenklimaten und bei jedem dort lebenden Europäer tritt aber eine Verminderung der Blutbildung mit ihren Folgen hervor,
und diese nach einem, sicher nach einigen Jahren sich zeigende Anämie ist um so ausgebildeter, je mehr positive
Schädlichkeiten (Überarbeitung, schlechte Pflege, ernste Krankheiten, besonders Ruhr) vorhanden sind.
Fahle, wachsartige Blässe, Hervortreten der Knochen, [* 16] Verlust jeder lebhaften rosigen Färbung, allmähliches Eintrocknen des Fettpolsters unter der Haut findet man auch bei Personen, welche gar nicht von wirklichen Krankheiten heimgesucht wurden. Während aber diese Erscheinungen nur die Folge eines Rückganges der Blutbereitung mit gleichzeitiger Herabsetzung des Wassergehalts im Blut und entsprechender Entlastung des Herzens und des Lungenkreislaufs sind, gibt es auch anämische Zustände, hinter denen als Wesen der Krankheit eine wirklich fehlerhafte Blutmischung steht, die unaufhaltam zur tiefen Zerrüttung und zum Zerfall des Körpers führt. Geht die Bildung derartiger Anämien noch mit direkten Blutverlusten einher (wie bei der Ruhr), so tritt bald direkte Lebensgefahr ein. Hier handelt es sich aber um tropische Krankheiten und nicht um eine um den Preis derselben gewonnene da von einer Steigerung der Widerstandsfähigkeit nordeuropäischer Einwanderer in die Tropen gegen deren spezifische Krankheiten, in erster Reihe Malaria und Ruhr, nicht entfernt die Rede sein kann, im Gegenteil ¶
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die Geneigtheit zu Erkrankungen sich mit dem Aufenthalt in den Tropen steigert.
Akklimatisation kann stets nur erreicht werden als Erfolg
einer schützenden, die Lebenskraft voll erhaltenden Lebensweise, und in diesem Sinn ist die
Akklimatisation eine erworbene Fähigkeit,
welche auf die Kinder des akklimatisierten Fremden übertragbar ist. Ausschließlich die regelmäßige Erzeugung
und die Aufziehung von Kindern unter den Einflüssen des neuen Klimas sind die Beweise, daß eine
Akklimatisation im eigentlichen Sinn geglückt
ist. Ansiedelungsversuche, welche mit dem Rückzug eines Restes Kranker und Invalider nach der Heimat ihren Abschluß finden,
kommen für das Studium der
Akklimatisation nicht in Betracht.
Zur Erreichung der
Akklimatisation hat man vor allen Dingen auf Vermeidung der tropischen Malaria zu achten. Absolutes
Fernhalten vom Bodenanbau mittels eigner Körperanstrengung, Errichtung der Wohnung auf fieberfreiem Baugrund, eventuell Herstellung
eines solchen durch Aufhöhung und Drainage,
[* 18] Fernhaltung ungekochten Wassers aus der Nahrung, Ersatz desselben durch präparierte
Getränke (ohne oder mit nur leichtem Alkoholgehalt), Vermeidung ungewohnter, mangelhaft gekochter
Speisen, Regelmäßigkeit in der Lebensweise, große Mäßigung im Geschlechtsgenuß, prophylaktischer Gebrauch von Chinin in der
Fiebersaison sind besonders ratsam.
Die Kleidung hat sich in bekannter Weise den tropischen Verhältnissen anzupassen. Anfangs tritt selbst bei vollkommener Ruhe Transpiration ein, mit der Abnahme des Blutwassers aber wird die Haut der des Eingebornen ähnlicher, und selbst anhaltende körperliche Anstrengung wird nach einiger Zeit ohne übergroße Hautthätigkeit ertragen, wenn die Haut nicht dauernd verweichlicht, sondern nach und nach mehr exponiert wird. Bäder sind empfehlenswert, doch dürfen sie nicht zu häufig genommen werden, und das Gleiche gilt für Abreibungen und Übergießungen.
Die Nahrung soll allmählich von der stickstoffreichern zur stickstoffarmen übergehen. Anfangs ist den heimischen Gemüsen
und Früchten gegenüber Vorsicht geboten, später aber sollten sie immer mehr das Fleisch ersetzen. Starke geistige Getränke
sind schädlicher als alkoholärmere. Neben geistiger Thätigkeit und geistigen Vergnügungen sind mit vor schreitender
Akklimatisation Körperbewegungen
und selbst Körperanstrengungen im Freien in immer größerm Maß vorzunehmen. Überall verbürgt die allmähliche
Steigerung den besten Erfolg, ganz verwerflich hat sich dagegen die Methode erwiesen, vor dem Betreten der Tropen zunächst
mehrere Monate in subtropischen Gegenden zu verweilen. Der Effekt dieser »acclimatation par étappes« ist nur der, daß der
Ankömmling bereits durch klimatische Anforderungen erschöpft am Bestimmungsort anlangt und nun dem
eigentlichen tropischen Klima um so schneller erliegt.