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Man stelle sich ein Land vor, in dem Bekleidungsarbeiter:innen in Fabriken schaffen, die ein sicheres und angenehmes Arbeitsumfeld mit Grünflächen für die Pausen bieten, dazu hochmoderne Maschinen, kostenlose Krankenversorgung und Kinderbetreuung, einen Lebensmittelladen mit fairen Preisen, integrative Maßnahmen für Arbeitnehmer:innen mit Behinderungen, Empowerment-Schulungen für weibliche Beschäftigte und Initiativen, die der gesamten Gemeinschaft zugute kommen.
Zu schön, um wahr zu sein? Oder eine Szene aus einem Disney-Film? Weder noch - die Bekleidungsfabriken in Bangladesch haben einen langen Weg zurückgelegt, um all das und mehr zu bieten. Es ist kaum zu glauben, dass dies dasselbe Land ist, das vor genau zehn Jahren mit dem Brand bei Tazreen Fashion in Ashulia, in der Nähe von Dhaka, Schlagzeilen machte, der 117 Bekleidungsarbeiter:innen das Leben kostete, und einige Monate später mit dem Einsturz des Rana Plaza Gebäudes in Savar, in der Nähe von Dhaka, der mehr als 1.000 Bekleidungsarbeiter:innen das Leben kostete und viele weitere verletzte. Diese Vorfälle beleuchteten mangelhafte Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen, fehlende oder blockierte Brandschutztüren und -ausgänge, gravierende strukturelle Probleme und ein insgesamt unbefriedigendes Arbeitsumfeld, in dem Arbeitnehmer:innen kein Mitspracherecht hatten.
Nur zehn Jahre später wurde am 17. November 2022 im Rahmen der Made in Bangladesh Week der Sustainability Leadership Award an 18 herausragende Fabriken in Bangladesch verliehen. Zum dritten Mal veranstalteten die Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters Association (BGMEA) und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH gemeinsam die Preisverleihung.
Parlamentspräsidentin Shirin Sharmin Chaudhury, BGMEA-Präsident Faruque Hassan und GIZ-Projektleiter Michael Klode nahmen an der Veranstaltung teil, während BGMEA-Direktor Abdullah Hil Rakib die Begrüßungsrede hielt. „Deutschland steht an erster Stelle der EU-Importeure von in Bangladesch hergestellten Textilien und hat sich verpflichtet, zusammen mit unseren Partner:innen, von denen viele heute Abend in diesem Raum anwesend sind, weiterhin konforme Fabriken zu unterstützen. Unsere Preisträger:innen des Sustainable Leadership Awards, die Vorreiter:innen eines florierenden Sektors, weisen den Weg in die Zukunft“, kommentierte Klode.
In drei Hauptkategorien - „Social Excellence“, „Environmental Excellence“ and „Innovation Excellence“ - und jeweils drei Unterkategorien, bewertete eine Jury insgesamt 254 Bewerbungen von 84 teilnehmenden Fabriken auf der Grundlage von Parametern wie Fabrikgestaltung, Brandschutz- und Sicherheitsmaßnahmen, Stärkung von Frauen, soziale Initiativen für die Gemeinschaft, Wasserverwaltung und mehr. FashionUnited besuchte die Veranstaltung und stellt im Folgenden die bemerkenswertesten Leistungen der einzelnen Fabriken vor.
Social Excellence
In der Hauptkategorie „Social Excellence“ wurde Echotex in Gazipur zum Zweitplatzierten in der Unterkategorie „Überzeugendste Fabrikgestaltung“ gewählt, unter anderem wegen des Gesamtlayouts der Fabrik, des Treppenhauses und der Notfalleinrichtungen sowie der sozialen Standards. Als Gewinner wurde Vintage Denim Studio in der Ishwardi Export Processing Zone (IEPZ) in Paksey gekürt. Der Jury gefielen die Gesamtanordnung der Produktionsräume und Maschinen, die Klimatisierung aller Produktionsetagen, das Belüftungs-, Kühl-, Beleuchtungs- und Lärmsystem, der Brandschutz, das Chemikalienmanagement, die allgemeine Abfallwirtschaft, die Begrünung, das Covid-Management der Fabrik sowie das allgemeine Wohlbefinden und die Sicherheit der Arbeiter:innen.
In der Unterkategorie „Stärkung der Rolle der Frau am Arbeitsplatz“ erhielt Pacific Jeans in Chittagong als Zweitplatzierter Punkte für seine allgemeine Gleichstellungspolitik, die Analyse des Lohngefälles, das Schulungsprogramm für weibliche Beschäftigte, die Integration von Frauen mit Behinderungen und die Anzahl von Frauen in höheren Positionen (derzeit vier). Gewinner war Ananta Garments Ltd. in Dhaka, das neben anderen Pluspunkten 60 Prozent weibliche Mitarbeiter beschäftigt und ein Lohngefälle von nur 1,25 Prozent aufweist.
In der Unterkategorie „Bestunterstützte soziale Initiativen in der Umgebung einer Fabrik“ belegte Flamingo Fashion Ltd. in Gazipur den zweiten Platz für die Einrichtung einer Mini-Feuerwache sowie einer Schule und eines Colleges in der Nachbarschaft, außerdem für Gemeinschafts- und Bildungsprogramme. Auch ein Baumpflanzungsprojekt sowie ein Wissensaustauschprogramm und ein Schönheitssalon überzeugten die Jury. Epyllion in Gazipur war der Gewinner dieser Unterkategorie und punktete mit einem Gesundheitszentrum mit kostenloser Versorgung für die Gemeinde, der Versorgung mit reinem Trinkwasser an verschiedenen Orten in der Umgebung, einem Stipendienprogramm, der Einrichtung einer Schule, eines Colleges und einer Online-Schule sowie eines Ausbildungszentrums und eines Sportplatzes mit Spielplatz und Bibliothek.
Environmental Excellence
In der nächsten Hauptkategorie, „Environmental Excellence“, punktete der Zweitplatzierte Zaber & Zubair Fabrics Ltd. in Tongi mit seinem Wasserkontrollsystem, einer Laugenrückgewinnungsanlage, einem Economiser, einem energieeffizienten Generator, einem Wärmeregler, einem Regenwassersammelsystem sowie einem Abgaskessel und Solarzellen. Gewinner Envoy Textiles aus Dhaka, der als „Umweltchampion des Jahres“ bezeichnet wurde, überzeugte die Jury unter anderem mit seinem System zur Entsorgung chemischer und toxischer Abfälle, seinem umfassenden Recycling, seiner Ressourceneffizienz und seiner Luftreinhaltung.
In der Unterkategorie „Verringerung des Wasserverbrauchs im Jahresverlauf“ punktete der Zweitplatzierte Universal Jeans Ltd. aus Chittagong unter anderem mit seiner isometrischen Ansicht, seinem Wassersparsystem, seiner nachhaltigen Abfalltechnik, seiner Prozessoptimierung und der Vermeidung von Gefahrenstoffen. Der Gewinner Color City Limited aus Kashimpur überzeugte die Jury vor allem mit seinem Regenwassersammelsystem, das einen 12.000-Liter-Tank umfasst und zu Einsparungen beim Wasserverbrauch führt, sowie mit seinem gesamten Wassermanagement und der Rückgewinnung von Warmwasser und Kondenswasser.
In der Unterkategorie „Recycling von Textilabfällen“ wurde Karupannya Rungwal Ltd. in Rangpur City für seine Gesamtabfallverwendung, das Recycling von Produktionswasser und Textilabfällen und den Gesamtproduktfluss als Zweitplatzierter bekannt gegeben. In dieser Unterkategorie gab es zwei Gewinner, Cyclo & Simco Plc aus Dhaka und Matin Spinning Mills aus Gazipur, die insbesondere durch ihr Garnrecycling und die Wiederverwertung von Abfallstoffen zu hochwertigen Fasern und Garnen überzeugten.
Innovation Excellence
In der Hauptkategorie „Innovation Excellence“ schließlich wurde J.M. Fabrics in Mirzapur in der Unterkategorie „Beste Innovation aus unternehmerischer Sicht“ für seine erstklassige nahtlose Anlage auf den zweiten Platz gewählt. Gewinner Tarupanna Rongpur ist für sein Web- und Strickhandwerk bekannt sowie für seine Produkt- und Designinnovationen, zum Beispiel mit Jute. Das Unternehmen ist ein wichtiger Ikea-Lieferant und überzeugte auch in Sachen Technologie und Prozessinnovation.
In der nächsten Unterkategorie, „Beste Innovation für die Zukunft“, überzeugte der Zweitplatzierte Jinnat Knitwears Ltd. aus Gazipur die Jury unter anderem mit der Einrichtung einer Mini-Feuerwache. Gewinner Beximco wurde für seine Kreislaufwirtschaft, die Integration von Solarzellen, die Wiederverwendung von Wasser, die Verwendung von biologisch abbaubarer Biobaumwolle und die Herstellung menschenfreundlicher Produkte und Stoffe mit den geringsten Umweltauswirkungen ausgezeichnet.
In der Unterkategorie „Beste Innovationen für das Wohlergehen der Arbeitnehmer:innen” punktete der Zweitplatzierte SQ Celsius aus Maona mit seinem allgemeinen Gesundheitsbewusstsein, der Nutzung der App/Software Wagely und der digitalen Plattform Kinship, seiner Partnerschaft mit Agroshift und der Einbeziehung der Arbeitnehmer:innen auch außerhalb ihrer Arbeit durch Feierlichkeiten. Gewinner Square Fashion Ltd. aus Bhaluka überzeugte die Jury mit Vorteilen wie der Bereitstellung kostenloser Mahlzeiten für alle Beschäftigten und kostenlose Busdienste. Die Fabrik verfügt auch über ein Wohnheim auf dem Gelände, in dem derzeit 2.700 Angestellte und Arbeiter:innen untergebracht sind. Die Beschäftigten erhalten außerdem kostenlose Kinderbetreuung, kostenlose medizinische Versorgung und subventionierte Damenbinden (mit 25 Prozent Rabatt auf den regulären Preis) und können einen Laden mit fairen Preisen nutzen. Es handelt sich auch um eine integrative Fabrik, die körperlich behinderten Arbeitnehmer:innen Arbeit bietet. Viele der ausgezeichneten Fabriken sind zudem LEED-zertifiziert.
Ausblick
Könnten bereits alle Bekleidungs- und Textilfabriken in Bangladesch an diesen hohen Standards gemessen werden? Sicherlich nicht - bei einigen von ihnen muss noch viel verbessert werden, aber man sollte sagen „noch nicht”. Die Branche hat sich auf jeden Fall aufgerappelt und enorme Verbesserungen erzielt: 48 von 100 umweltfreundlichen Fabriken befinden sich derzeit in Bangladesch. Eine große Veränderung ist auch geografischer Natur: Bekleidungs- und Textilfabriken sind aus den Wohngebieten in spezielle Industriezonen umgezogen.
Was die Welt vor zehn Jahren, als sie mit dem Finger auf Bangladesch zeigte, nicht erkannte, war, dass nicht alle Bekleidungsfabriken unter so schrecklichen Bedingungen arbeiteten. Tatsächlich gab es damals schon nicht wenige, die ihre Arbeiter:innen schätzten und sich gut um sie kümmerten. Viele der hier genannten Gewinner und Zweitplatzierten wurden ebenfalls zu dieser Zeit gegründet und begannen gleich nachhaltig. Aber sie waren nicht diejenigen, die Schlagzeilen machten, zumindest bis jetzt. Der Sustainability Leadership Award ändert dies und ist eine hohe Auszeichnung für Unternehmen, die sie verdient haben.
„Das Hauptziel dieses Preises ist es, die Besten der RMG-Industrie auszuzeichnen und sie einem weltweiten Publikum zu präsentieren, um die Einhaltung der Vorschriften zu fördern. Ich glaube, ein solches Programm wird das Image unserer Bekleidungsindustrie im In- und Ausland enorm verbessern. Gleichzeitig wird es uns zu einer weiteren nachhaltigen Entwicklung ermutigen”, sagte Hassan.
Zweifellos ist es eine enorme Leistung für ein Land, in nur wenigen Jahren etliche nachhaltige Fabriken zu errichten, die den Standard für diejenigen hoch ansetzen, die in Bangladesch und anderswo noch hinterherhinken. Weitere Informationen zu den einzelnen Fabriken finden sich auf der Website Mapped in Bangladesh, die sich bemüht, einen Großteil der Bekleidungs- und Textilfabriken des Landes aufzulisten, sowie auf der BGMEA-Website und auf den Websites der einzelnen Unternehmen.