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© Foto by Aurel Schmidt, OnlineReports.ch
"Oft provokativ und anstössig": Courbet-Landschaft Puits-Noir
Auf den Spuren des Malers Gustave Courbet in seiner eigenen Umgebung
Der grosse realistische französische Maler hat immer wieder Ornans, das Tal der Loue und die französische Jura-Landschaft gemalt
Von Aurel Schmidt
Der französische Maler war eng mit seiner Heimat, dem französischen Jura, verbunden. Am besten nähert man sich seinem Werk bei einem Besuch in der Gegend, die er gemalt hat. Von Basel aus ist es ein Katzensprung.
Das Tal im französischen Jura, durch das die Loue fliesst, beginnt unterhalb Pontarlier und endet bei Besançon, wo der Fluss in den Doubs mündet. Man kann es also entweder durch das Val de Travers oder auf der französischen Autobahn über Mulhouse und Belfort erreichen.
Die Loue entspringt in einer Felsenhöhle im obersten Talabschnitt, ein eindrucksvolles Naturschauspiel, stürzt in Katarakten talabwärts und fliesst im mittleren Abschnitt breit und ruhig durch eine behagliche grüne Landschaft weiter. Viele Orte und Themenparks erinnern an die frühe Industrialisierung des Tals mit Mühlrädern und Nagelschmieden.
Ornans, eine kleine Stadt, durch die sich der überbordende Verkehr zwängt, ist der Hauptort des Tals. Vor allem ist Ornans bekannt als Geburtsort des Malers Gustave Courbet (1819-1877), dessen Werk im Museum des Orts präsentiert wird. 2011 wurde das Haus erweitert und modernisiert, so dass man Courbet heute mitten in der tiefsten französischen Provinz besuchen kann: einfach und doch würdig.
Courbet war einer der überragenden Maler Frankreichs im 19. Jahrhundert. Er hat die Juralandschaft auf höchst anschauliche Art und Weise wiedergegeben, mit den charakteristischen Felsenformationen, die sich auf den Gipfeln aus den Wäldern erheben. Seine Frauenakte sind von überwältigender Sinnlichkeit. Nicht alle, aber viele. Courbet war ein Alleskönner, und manchmal geben seine Werke einen Hinweis auf seine kommerziellen Absichten. Ein grosser Künstler und ein guter Geschäftsmann, das scheint genau das zu sein, was die Kulturmanager heute gern erwarten.
Ein "anstössiger Künstler"
Courbet war ein Maler für Sammler, der sich bedenkenlos nach deren Kaufinteressen richtet. Winterlandschaften, das Meer (und den Genfersee), Akte, Blumen, viele Jagdszenen, alles hat er gemalt, und alles mit der gleichen Emphase, Überzeugung und Selbstgewissheit. Von "autocélébration" (positiv: Selbstfeier, negativ: Selbstverherrlichung) hat Jörg Zutter zutreffend gesprochen, als er 1999 im Musée Cantonal des Beaux-Arts in Lausanne eine grosse Courbet-Ausstellung zeigte.
Vor allem sein Gemälde "La Naissance du monde", die überlebensgrosse Darstellung einer Vagina, heute im Musée d‘Orsay in Paris ausgestellt, hat viel zu reden gegeben. Nicht minder berühmt sind seine beiden grossen, sechs auf drei Meter messenden allegorischen Gemälde seines Ateliers sowie einer Beerdigung in Ornans; die landschaftliche Umgebung ist zu sehen und Courbets Zeitgenossen darauf genau wiederzukennen.
Courbet war ein anstössiger Maler. Er hat Anstoss erregt in dem Sinn, dass er wegen der Hässlichkeit oder Provokation vieler seiner Motive abgelehnt wurde. Die Freundschaft mit dem Philosophen Pierre-Joseph Proudhon, den er gemalt hat und von dem der Satz "Eigentum ist Diebstahl" herkommt, hat immer wieder dazu geführt, seine Malerei in eine vermeintlich sozialistische Ecke zu rücken, wo sie nicht hingehört. Dazu war sie viel zu heftig, viel zu vielseitig. Viel zu widerständig. Die Karikaturen aus der Zeit über Courbet geben aber gut zu verstehen, wieviel Abneigung, wieviel Entsetzen dem Künstler entgegen schlugen. Ausserdem meint der Ausdruck "anstössig", dass Courbet viele Impulse gegeben hat. Das ist die andere Seite des Künstlers.
Das Problem des Realismus
Als 1855 seine Teilnahme am Salon, der grossen jährlichen Kunstausstellung in Paris, abgelehnt wurde, liess er kurzerhand einen eigenen Pavillon errichten, um seine Werke auszustellen. "Salon du réalisme" nannte er das Provisorium, von dem man auf alten Fotografien eine Ahnung bekommt.
Realismus heisst nicht Abbildung der realen Welt, sondern das Erfassen ihrer Essenz. Er war die Antwort auf den Klassizismus in der Malerei (zum Beispiel Ingres'). Zur gleichen Zeit wie Courbet stellten die ersten Maler im Wald bei Barbizon in der Nähe von Fontainebleau ihre Staffeln im Freien auf und malten, was sie vor sich sahen, weil sie nicht in die Falle des pompösen Stils der damaligen Salon-Malerei verfallen wollten. Im diesem Geist war für Courbet ein nackter Körper kein mythologisches Ersatz- oder Ausweichthema wie für die Salon-Künstler, etwa William Bouguereau, sondern das, was er schlicht und einfach ist, nämlich ein nackter Körper. Unter anderem durch diese Einstellung erklärt sich Courbets enorme Wirkung auf seine Zeit.
Während der Commune 1871 war Courbet Delegierter der Kommunarden für das Erziehungswesen. Er wurde bezichtigt, den Sturz der Vendôme-Säule in Paris mitveranlasst zu haben, musste eine Gefängnisstrafe absitzen und war am Ende seinen Ruf und sein Vermögen los. Er malte die Forelle an der Angel, die im Kunsthaus Zürich zu sehen ist, Äpfel, die Flecken bekommen (in der Neuen Pinakothek in München ausgestellt) – innere Selbstporträts.
Gestorben ist Courbet 1877 im schweizerischen Exil in La Tour-de-Peilz. Zu dieser Zeit befand sich der Impressionismus in voller Expansion. So kann an Courbet die Entwicklung der Kunst in Frankreich zwischen 1840 und 1880 beispielhaft verfolgt werden.
Courbet an Ort und Stelle
Soll man sich also mit Courbet befassen? Warum nicht? Und soll man sich nach Ornans begeben? Das ist die beste Möglichkeit, um sich mit seinem Werk vertraut zu machen. Eine Reise nach Ornans ist eine Reise zu den Quellen von Courbets Kunst.
Als allererste Sehenswürdigkeit in Ornans ist das Courbet-Museum zu nennen. Das alte Museum im Hotel Hébert (Courbets Geburtshaus) mit den schiefen Treppen und der Unbeholfenheit der Einrichtung war bisher beinahe die Karikatur eines Museums. Das ist nun anders.
Mit dem Umbau und der Erneuerung sind die zwei angrenzenden Gebäude (die Hotels Borel und Champereux) miteinbezogen worden und ist das Museum zu einem jetzt würdigen, mässig modernistischen Ort für den berühmten Sohn des Städtchens umgestaltet worden. Die Besucherhilfen sind immer noch rudimentär, aber die Räume hell, gut ausgeleuchtet, auch wenn sie labyrinthisch verwinkelt sind. Zum Teil führen die durchsichtigen Fussböden direkt über das Wasser der Loue (das Museum steht direkt am Fluss). Vor allem jedoch beherbergt das Haus eine Courbet-Sammlung, die ungefähr 40 Originale des Meisters umfasst. Hinzu kommen 30 Originalwerke von zeitgenössischen Künstlern und Freunden von Courbet – ein beachtlicher Bestand.
Die neu gewonnenen Räumlichkeiten erlauben es auch, regelmässig Sonderausstellungen und jedes Jahr eine grossem Sommerausstellung zu veranstalten. In diesem Sommer wird es eine über das Verhältnis von Kunst und Fotografie sein ("À l'Epreuve du réel. Les peintres et la photographie au XIXe siècle", vom 30. Juni bis 1. Oktober). Unbedingt sollte man sich im voraus über Öffnungszeiten und Programm erkundigen (die etwas chaotische Web-Adresse ist unten angegeben).
Auf Courbets Spuren
Der Conseil général du Doubs hat die Gelegenheit des neuen
Museums benützt, um gleich die ganze Region zum"Pays de Courbet, pays d‘artiste" zu erklären und alle Spuren, die zu Courbet führen, zu verfolgen. Zehn Minuten mit dem Auto von Ornans entfernt liegt nach Saules und vor Charbonnières (beim Parkplatz rechts, wenn man von Ornans her kommt) der Saut de la Brême, ein kleiner Wasserfall, den Courbet verschiedene Male gemalt hat.
In Flagey, in der anderen Richtung von Ornans gelegen, steht das ehemalige Bauernhaus, das der Familie Courbet gehörte. Es ist heute in ein Café und ein Kulturzentrum umgebaut und vermietet drei Zimmer, von denen in einem Courbet geschlafen hat – falls das eine Empfehlung ist. Ein Garten gehört zum Anwesen. Mit Flagey verbindet sich eine Eiche, die Courbet gemalt hat (aber heute nicht mehr steht, auch der alte Standort ist nicht mehr bekannt), sowie das Gemälde der Bauern, die (offenbar etwas beschwipst) vom Markt nach Hause nach Flagey unterwegs sind.
Auf dem Friedhof von Ornans ist Courbets Grab zu besichtigen, mit dem Hintergrund, der auch auf Courbets Monumentalgemälde des gleichen Orts zu sehen ist.
Das Atelier, das er benutzte, wenn er sich in Ornans aufhielt, wird zur Zeit (oder scghon seit langem) umgebaut. Aber bis zu einer möglichen Eröffnung kann es noch eine Weile dauern.
Der "salon du peintre" im Tal der Brême
Unbedingt zu empfehlen ist auch der Besuch der Quelle der Loue. Von Mouthier-Haute-Pierre führt ein angenehmer Fussweg durch das tief eingeschnittene, unberührte, wilde Tal zum spektakulären Schauspiel der Quelle.
Und dann ist da noch ein Ort, den man unbedingt aufsuchen sollte, falls man einen kleineren Fussmarsch nicht scheut. Auf der Strasse von Ornans in Richtung Besançon kommt man nach etwa fünf Kilometern zu einer Brücke, die über den Fluss La Brême (mit dem erwähnten Wasserfall weiter oben) führt. Es gibt dort einen Parkplatz. Ein Weg über die Brücke biegt rechts in das Tal ein, folgt dem Gewässer auf der rechten Seite flussaufwärts und führt durch Dickicht. Nach etwa 20 Minuten gelangt man in eine moosbewachsene, von der Natur zugewilderte Schlucht, ein verwunschener Ort, zu dem kaum ein Sonnenstrahl dringt.
Man ist angekommen. Es ist der "salon du peintre", der in Erinnerung an Courbet so genannt wird. Der Künstler hat ihn immer wieder gemalt, im Werkverzeichnis wird er "Puits-Noir" genannt.
Als Motiv für einen Künstler sei die Stelle im Tal ein Un-Ort, ist oft gesagt worden. Viel Natur in ihrer Natürlichkeit, nichts Auffälliges weit und breit. Bäume, Felsen, Moos. So sieht es aus. Nichts ist falscher. Die wechselnden Farben, Licht und Schatten, die Bewegungen des Flusses, die Wasserspiegelungen bilden ein geheimnisvolles Ensemble. Ungefähr 50 Gemälde hat der Künstler von diesem unberührten, fast mystischen Ort hinterlassen, der doch nichts weniger ist als ein Weltort.
Den Abend und die Nacht verbringt man im "Hotel de France" in Ornans. Vielleicht bei einem Glas Côtes du Jura oder Vin jaune. Beide Weine der Region, abgesehen von ihrer Qualität, tragen dazu bei, den Tag in Courbet-Land in unvergesslicher Erinnerung zu behalten.
Informationen bei www.musee-courbet.fr
20. Mai 2012