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Geschichte
Ökonomisches Denken vor ein paar hundert Jahren
Gab es ökonomisches Denken im frühen Mittelalter? Dieser Frage nimmt sich die am Frankfurter Max-Planck Institut für europäische Rechtsgeschichte entstandene Dissertation von Bettina Emmerich an. Anhand von Rechtstexten sowie hagio- und historiografischer Quellen untersucht die Autorin, ob es ein solches Denken in der Zeit zwischen 730 und 840 n.Chr., die Zäsur ist der guten Quellenlage für diesen Zeitraum geschuldet, gegeben hat.
Bevor Bettina Emmerich in medias res geht, steckt sie zunächst den methodischen Rahmen ihrer Arbeit ab. Denn anders als der Titel vermuten lässt, greift Emmerich nicht nur auf den ökonomischen Ansatz der modernen Wirtschaftstheorie zurück, sondern bedient sich auch der Ideengeschichte. Dieser transdisziplinäre Ansatz erweist sich als äußerst fruchtbar. Auch wenn "Austauschgerechtigkeit, Vertragsgerechtigkeit und Fürsorgepflicht" die drei wichtigsten Parameter des wirtschaftlichen Denkens im o.g. Zeitraum sind, werden diese nicht nur ökonomisch untersucht. Emmerich kann nachweisen, dass stets eine soziale Teleologie vorhanden war: Neben wirtschaftlichen Absichten ging es Herrschern wie Karl dem Kahlen oder Ludwig dem Frommen immer auch um die "Kurskorrektur" der sündigen Menschen.
Bettina Emmerich folgt in großen Teilen der These vom Wirtschaftsdirigismus. Danach sind alle Maßnahmen auf herrschaftliche Verordnungen zurückzuführen. Pluralismus sei nicht erkennbar. In den von der Autorin vielfach untersuchten "Capitulare de Villis", fälschlicherweise als "Reichsgüterordnung" bezeichnet, konnten die politischen Rahmenbedingungen des wirtschaftlichen Handelns herausgearbeitet werden. Störend wirken die z.T. überlangen lateinischen Quellenzitate in den Fußnoten. Eine Übersetzung wäre an dieser Stelle wünschenswert gewesen, gerade um vielleicht nicht ganz exakte Translationen bzw. Schwerpunktsetzungen ausmachen zu können. Was bleibt als Ergebnis festzuhalten? Die mittelalterlichen Klöster waren nicht autark, wie oft angenommen, sondern ihrer Umwelt stark zugewandt "und strebten nach einer effizienten Nutzung dieser Ressource". Tätigkeiten sollten mit Hilfe der ökonomischen Effizienz stetig gesteigert werden. Andererseits darf man daraus nicht schließen, dass es eine Gewinnmaximierung gemäß der modernen Ökonomie gegeben hat. Dagegen sprechen die stets religiösen und jenseitsorientierten Bezüge der wirtschaftlichen Tätigkeiten. So hatte "jeder Umgang mit materiellen Gütern immer auch soziale und religiöse Botschaften". Es ging den Herrschern und den wirtschaftlich Handelnden im Grund genommen darum, "Habgier zu begrenzen und dennoch ökonomische Aktivität, Handel und Schenkungen zu fördern."
Die hervorragende Studie von Bettina Emmerich hat viel dazu beigetragen, dass mehr Licht ins Dunkel der Wirtschaftsgeschichte des frühen Mittelalters gebracht wurde.