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Der Begriff Genossenschaft kann sich auf einen seit dem MA bestehenden Typus einer Vergesellschaftungs- und Herrschaftsform oder auf eine wirtschaftl. Organisationsform der Selbsthilfe beziehen. Wenn von der G. die Rede ist, wird auf die zweite Bedeutung Bezug genommen. Dabei sind versch. Typen zu unterscheiden wie Produktionsgenossenschaften, Konsumgenossenschaften (Konsumvereine), Landwirtschaftliche Genossenschaften, Wohnbaugenossenschaften (Wohnungsbau), Kredit- und Spargenossenschaften (Raiffeisenkassen, Spar- und Leihkassen), Nutzungsgenossenschaften, Verwertungs- und Absatzgenossenschaften und schliesslich allg. Genossenschaften öffentl. Rechts.
Der Begriff G. umfasst alle genossenschaftl. Bestrebungen, die jedoch weder eine einheitl. Struktur noch eine gemeinsame Zielsetzung aufweisen müssen. Die G. ist im 19. Jh. aus versch. Wurzeln entstanden. Sie berief sich auf die Tradition öffentl.-rechtl. Körperschaften wie Talschaften oder Alpgenossenschaften. Genossenschaften entwickelten sich ausserdem aus philanthroph.-paternalist. Gründungen und aufgrund sozialreformer. Bestrebungen. Auch Konzepte genossenschaftl. Selbsthilfe als Mittel auf dem Weg zu einer sozialist. Gesellschaft waren bedeutend.
Grosse volkswirtschaftl. Bedeutung erlangten insbesondere die Konsumgenossenschaften. Ihr Aufstieg in der 2. Hälfte des 19. Jh. beruhte nicht zuletzt auf der geringeren Versorgungs- und Preiseffizienz der lokalen Detaillisten auf dem freien Markt. Vorläufer der Konsumgenossenschaften waren Brot- und Fruchtvereine, in denen sich Arbeiter, Handwerker oder Bauern, bisweilen unterstützt von Fabrikanten, zum billigen Einkauf von Korn, anderen Nahrungsmitteln oder Brennstoffen und zur Herstellung von Brot zusammenschlossen (1837 Boulangerie mutuelle in Genf, 1839 Aktienbäckerei Schwanden). Oft blieben solche Selbsthilfeaktionen auf einzelne Produkte, akute Notsituationen und den lokalen Rahmen beschränkt. Die Gründung des Konsumvereins Zürich (1851) durch Karl Bürkli und Johann Jakob Treichler führte in der 2. Hälfte des 19. Jh. zu einer Ausweitung des Sortiments und zu Versuchen, die Bewegung zu koordinieren. An der ersten Konferenz der schweiz. Konsumvereine 1853 in Zürich nahmen 104 Delegierte aus 34 Genossenschaften teil. Zur erfolgreichen Verbandsgründung kam es aber erst 1890 mit dem Verband Schweiz. Konsumvereine (VSK), der 1970 in Coop umbenannt wurde. Mitte der 1860er Jahre erfolgte ein weiterer Aufschwung, nachdem die Konsumgenossenschaft Schwanden 1863 die Grundsätze der engl. Genossenschaftspioniere von Rochdale adaptiert hatte und ein Jahr später der Allg. Consum-Verein Basel (ACV) gegründet worden war. In der ital. Schweiz verbreitete sich die Genossenschaftsidee dank radikalen Intellektuellen aus der Arbeiterbewegung schon um die Mitte des 19. Jh. Die wirtschaftl. Rückständigkeit des Tessins verhinderte jedoch deren Umsetzung. Obwohl für die positive Entwicklung der G. verschiedenste Einflüsse aus England (Robert Owen, Rochdale), Frankreich (Charles Fourier) und Deutschland (Victor-Aimé Huber, Hermann Schulze-Delitzsch) eine Rolle spielten, beriefen sich schweiz. Promotoren der G. wie Karl Bürkli und Johann Friedrich Schär vom ACV Basel immer wieder auf die genossenschaftl. Tradition der Eidgenossenschaft. Daraus ergab sich auch die Nähe der G. zum grütlian. Flügel (Grütliverein) der Arbeiterbewegung. Die Genossenschaft als Rechtsform wurde 1881 im Obligationenrecht festgeschrieben.
Ende des 19. Jh. setzte die Blütezeit des Genossenschaftswesens ein. Die Zahl der Genossenschaften stieg massiv an (1883 373; 1890 1'551; 1910 7'113); ab dem 1. Weltkrieg wuchs sie noch schwach von ungefähr 11'000 auf etwas über 12'000 (1957). Bei knapp der Hälfte handelte es sich um landwirtschaftl. Genossenschaften. Die G. verbreitete sich nach 1900 auch in neuen Dienstleistungsbereichen (Elektrizitätswirtschaft, Wasserversorgung, Genossenschaftl. Zentralbank). Zur gleichen Zeit entstanden die ersten Raiffeisenkassen mit Schwerpunkt im Spar- und Hypothekargeschäft. Bau- und Wohngenossenschaften vermehrten sich v.a. nach dem 2. Weltkrieg. Im 20. Jh. erfuhr die G. die nachhaltigste Ausdehnung durch die 1941 erfolgte Umwandlung der Migros in eine Genossenschaft durch Gottlieb Duttweiler. Ausschlaggebend war dabei nicht der Aspekt der Selbsthilfe, wohl aber die Orientierung am Interesse der Konsumenten und am "sozialen Kapital" sowie die Nutzung von Steuervorteilen. Diese Entwicklung zeichnete sich auch bei den traditionellen Konsumgenossenschaften ab.
Als polit. Konzept, das die Umwandlung der kapitalistischen in eine gemeinwirtschaftlich organisierte Gesellschaft bezweckte, erlangte die G. nie einen starken Einfluss, obwohl die Arbeiterbewegung das Dreisäulenmodell von "Partei, Gewerkschaften und Genossenschaften" aufnahm. So hatten die Gewerkschaften durchaus einen gewissen Einfluss auf die Konsumgenossenschaften und unterstützten die Bildung von Produktionsgenossenschaften. Die Sozialdemokratische Partei nahm die Förderung der Genossenschaften von Anfang an ins Programm auf. 1895 scheiterte eine vom Baselbieter Genossenschaftspionier Stefan Gschwind motivierte Programmrevision, welche die Vergesellschaftung durch Genossenschaften anstelle der Verstaatlichung zum zentralen Instrument des Übergangs zum Sozialismus bestimmen wollte. Nach dem 1. Weltkrieg wurden den Genossenschaften ausser von religiös-sozialen Kreisen um Leonhard Ragaz kaum mehr eine System überwindende Funktion zugewiesen. Die Förderung des Genossenschaftswesens blieb jedoch Bestandteil des Programms der Sozialdemokrat. Partei. Umgesetzt wurde sie v.a. im Bereich des sozialen Wohnungsbaus, wofür in den Wirtschaftsartikeln von 1947 (BV Art. 34sexies) eine verfassungsmässige Grundlage geschaffen wurde.
Neue Impulse erhielt die G. erst wieder ab den 1970er Jahren mit den Diskussionen um Selbstverwaltung und alternatives Wirtschaften, die sich im Programm der Sozialdemokrat. Partei von 1982 niederschlugen. Ausgangspunkt waren neben Modellen im Ausland (Jugoslawien) auch neu entstandene Genossenschaften und Kollektivbetriebe im Dienstleistungs- und Baubereich, deren gesamtwirtschaftl. Bedeutung jedoch marginal blieb. 2002 waren in der Schweiz 12'975 Genossenschaften eingetragen. Die Genossenschaft wurde mehrheitlich zu einer blossen Rechtsform, deren Wahl nur selten gesellschaftspolit. Präferenzen entspringt.
Quellen
– HistStat
Literatur
– L. Rosenfeld, Stefan Gschwind, ein Genossenschaftspionier, 1968
– Genossenschaftswesen in der Schweiz, hg. von E.-B. Blümle, 1969
– A. Lasserre La classe ouvrière dans la société vaudoise, 1973, 413-420
– Inseln der Zukunft?, hg. von T. Holenweger, W. Mäder, 1979
– F. Poli, Nascita e sviluppo del movimento cooperativo di consumo in Ticino (1853-1920), Liz. Freiburg, 1982
– J.-F. Steiert La coopération de consommation et de production en Suisse de 1850 à 1890, Liz. Freiburg, 1989
– V. Winkler, Coop und Migros, 1991
– Das Genossenschaftswesen in der Schweiz, hg. von R. Purtschert, 2005
Autorin/Autor: Ruedi Brassel-Moser