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Was genau ihm vorgeworfen wird, weiss der Thurgauer Primarlehrer Ernst Giger bis heute nicht. Sicher ist nur eines: dass die Primarschulbehörde der Gemeinde Kradolf-Schönenberg TG ihn nicht mehr weiter beschäftigen will. «Über die Gründe kann ich nur mutmassen», sagt Giger, «ich stochere im Nebel.»
Seit 16 Jahren unterrichtet der Lehrer in der Gemeinde. In dieser Zeit hat er ein Schülerorchester gegründet, engagierte sich stark für den Einsatz von Computern an der Schule und hat viel Lernmaterial und Schülerarbeiten ins Internet gestellt. Im August 2003 muss Giger auf Anordnung der Schulbehörde neu eine sechste Klasse übernehmen. Sie gilt als schwierig – Giger weiss nicht, ob er der Belastung standhalten kann.
«Die Schulbehörde war einstimmig der Meinung, dass Lehrer Giger die richtige Person für diese Klasse sei», sagt Rolf Höneisen, der damalige Präsident der Schulbehörde. Giger fügt sich.
Der Wind dreht sich, als Primarlehrer Giger an einem Freitag Anfang März 2004 die Empfehlungen für die Sekundarschule ausspricht. «Die Empfehlungen haben Wellen geworfen», teilt ihm Roland Lichtensteiger am Sonntag per Mail mit und kündigt einen Schulbesuch an. Lichtensteiger ist der neu gewählte Präsident der Schulbehörde, Höneisen hat sein Amt zum Jahreswechsel abgegeben.
Als Giger am nächsten Tag eine anonyme – wie er heute weiss, von einem Schüler geschriebene – E-Mail erhält, mit einem Totenkopf und dem Begleittext «Das sind Sie, Herr Giger», erleidet der damals 61-Jährige, wohl auch als Folge des kräfteraubenden Unterrichts, einen Zusammenbruch und wird krankgeschrieben.
Anonyme Vorwürfe und keine Antwort
Zum angekündigten Treffen mit dem Schulpräsidenten wenige Tage später rafft sich Giger trotzdem auf. Lichtensteiger konfrontiert ihn da mit Vorwürfen von Eltern: Er sei ein schlechter Lehrer, korrigiere falsch. Giger kann die summarischen Vorwürfe nicht im Einzelnen widerlegen, denn die Schulbehörde gibt die Namen der Eltern, die reklamiert haben, nicht preis. Eigenwillig ist auch das übrige Verhalten der Behörde: Sie überweist, entgegen Gigers Empfehlung, vier Schüler in die Sekundarstufe. Es sind zum Teil die Schüler jener Eltern, die Gigers Unterricht bemängelt hatten, wie der Schulpräsident auf Nachfrage bestätigt.
Das Thurgauer Volksschulgesetz bietet Eltern, die mit einem Überweisungsentscheid nicht einverstanden sind, die Möglichkeit, ihre Kinder zu einer kantonalen Aufnahmeprüfung anzumelden. Die betreffenden Schüler aber haben diese nie absolviert, sondern lediglich eine schulinterne so genannte Vergleichsprüfung. Die Schulbehörde habe diesen Entscheid «in Absprache mit dem DEK, der Oberstufe Sulgen und aufgrund von zusätzlichen Abklärungen von Lehrkräften» getroffen, schreibt der Schulpräsident in einer schriftlichen Stellungnahme.
Das Departement für Erziehung und Kultur (DEK) relativiert das allerdings: «Zwischen der Schulbehörde und dem Schulinspektorat hat es zu dieser Frage Kontakte gegeben. Von einer eigentlichen Absprache aber kann man nicht sprechen», sagt Markus Dörig, Leiter des DEK-Rechtsdienstes. Und der Schulleiter der Oberstufe, Hannes Bär, sagt: «Ausschlaggebend für die Empfehlung in die Sekundarstufe sind gemäss geltender Promotionsordnung einzig die Primarlehrer.»
Auch wenn es darum geht, die Dauer von Gigers gesundheitsbedingter Auszeit festzusetzen, interessiert sich die Schulbehörde von Kradolf-Schönenberg wenig für Reglemente und Empfehlungen von Fachpersonen. Gigers Ärztin beurteilt seinen Genesungsverlauf jeden Monat neu, die Behörde aber entscheidet im Juni, dass der Lehrer bis zum Ende der Sportferien 2005 krankgeschrieben bleibt. Offiziell informiert wird Giger nicht, er erfährt die Neuigkeit zufällig aus einem Brief, den Lichtensteiger an alle Eltern, nicht aber an den Betroffenen selber verschickt.
Im Herbst 2004 ist Gigers Zustand wieder so weit hergestellt, dass er ein Teilpensum übernehmen will. Seine Bitte um einen Gesprächstermin in diesem Zusammenhang bleibt sechs Wochen ohne Antwort. An einer Sitzung im Dezember lässt die Schulbehörde die Katze aus dem Sack: «Die Behörde sieht jedoch keine Möglichkeit mehr, dass E. Giger in den Schuldienst zurückkehren wird», heisst es in der Gesprächsnotiz der Sitzung.
Schulbehörde «unprofessionell»
Giger, so lauten nun plötzlich die Vorwürfe, sei nicht fähig, eine Klasse zu führen, stelle Knaben vor der ganzen Klasse bloss, mache sexuell gefärbte Äusserungen gegenüber Mädchen. Und immer wieder hätten sich Eltern in Gesprächen nicht ernst genommen gefühlt. Giger weist die Vorwürfe vehement zurück, entkräften kann er sie nicht, denn wieder werden ihm die Namen der Eltern nicht mitgeteilt. «Lehrer Giger war krank. Wir wollten ihn nicht zusätzlich belasten», begründet der Schulpräsident dieses Vorgehen.
Inzwischen hat sich auch der Verband Lehrerinnen und Lehrer Thurgau (LTG) eingeschaltet, der die Interessen der Lehrkräfte wahrt. Der LTG stellt der Behörde ein schlechtes Zeugnis aus: «Ernst Giger wurde mit anonymen Vorwürfen von Eltern konfrontiert, ohne über deren Inhalt oder Urheber informiert zu werden. Das Vorgehen der Schulbehörde ist in hohem Masse unprofessionell», sagt Mette Baumgartner vom LTG.
Es ist die Absicht der Schulbehörde, Giger zu kündigen, sobald er vollständig gesundgeschrieben wird. Immerhin: «Wir werden in Zukunft das Gespräch mit Ernst Giger suchen», sagt jetzt der Schulpräsident. Vielleicht kann er dann auch erklären, was er meinte, als er vor seiner Wahl einem Journalisten des «St. Galler Tagblatts» sagte, es sei unerlässlich, «dass eine Schulbehörde ihren Lehrkräften den Rücken stärkt, wenn sie von Eltern nicht ernst genommen werden» – und es ihn nachdenklich stimme, «dass es auch in der Schulgemeinde Schönenberg-Kradolf nur noch wenige Lehrer über 50 Jahre gibt».