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In Lucens, einem 4000-Seelen-Dorf im Waadtland, stand einst das erste stromproduzierende Atomkraftwerk der Schweiz.
In den 1960er-Jahren wurde hier ein Versuchs-AKW gebaut – mit dem Ziel, einen eigenen Schweizer Reaktortypen zu entwickeln. Aus Sicherheitsgründen war das AKW in Felskavernen untergebracht und nur durch einen Tunnel mit der Aussenwelt verbunden.
Schweizer Atomreaktor Marke Eigenbau
Der Reaktor funktionierte mit Natur-Uran. Angereichertes Uran, wie es in heutigen AKWs verwendet wird, konnte man damals nur in den USA erwerben. Die Schweiz wollte zur Zeit des Kalten Krieges aber unabhängig sein und setzte auf ihr eigenes System.
Die Schweizer Industrie hoffte, künftig Atomkraftwerke nach dem Muster des Reaktors von Lucens zu bauen und Reaktorteile in alle Welt zu exportieren. Atomkraft galt in den 1950er- und 1960er-Jahren als Energie der Zukunft.
Eine krasse Fehleinschätzung
Wilhelm Bänninger von der Arbeitsgemeinschaft, die das AKW in Lucens baute, betonte damals: «Die Atomenergie für friedliche Zwecke ist nicht zu vergleichen mit einer Atombombe. In einem Atomkraftwerk kann nichts explodieren.»
Eine Fehleinschätzung: Das AKW hatte zwar einige Monate testweise ein wenig Strom erzeugt. Nach Pannen und einer Revision sollte es am 21. Januar 1969 für den definitiven Betrieb hochgefahren werden.
Da geschah es, wie Historiker Michael Fischer erzählt: «Es kam plötzlich zu einer automatischen Schnellabschaltung.» Kurz darauf hätten die Operateure im Kontrollraum eine Explosion gehört.
Weil das Kühlsystem versagt hatte, erhitzten sich die Brennstäbe und fingen Feuer. Es kam zu einer Teil-Kernschmelze. Schliesslich explodierte der Reaktor. Radioaktives Material wurde durch die Kaverne geschleudert und gelangte durch undichte Stellen bis in den Kontrollraum.
Laut Michael Fischer haben die AKW-Mitarbeiter rechtzeitig das Notabluftsystem eingeschaltet. Auch die Sicherheitsschleusen funktionierten. Es gelangte kaum Radioaktivität nach draussen, niemand wurde verstrahlt.
Doch der Reaktor war zerstört, das AKW im Berg stark verstrahlt. Der damalige AKW-Direktor Jean-Paul Buclin sagte 2003 in einem Dokumentarfilm, dass man unter dem Reaktor 2000 Röntgen pro Stunde gemessen habe. Zugelassen waren fünf Röntgen pro Jahr.
Der Atomunfall von Lucens gilt als einer der schwereren weltweit. Auf der INES-Skala zur Bewertung von nuklearen Ereignissen wird er auf Stufe 5 von 7 angesiedelt und als «ernster Unfall» bewertet.
Trotzdem warf der Vorfall in Lucens vor 50 Jahren kaum Wellen. Nicht einmal die Anwohner protestierten, nachdem sie einen Tag danach aus dem Radio davon erfahren hatten.
Bald war der Unfall vergessen. Das liegt laut Historiker Michael Fischer daran, dass die Atomenergie damals noch nicht hinterfragt wurde.
Spuren des Vorfalls bis heute messbar
Heute ist das Versuchs-AKW von Lucens längst dekontaminiert und zum Teil zubetoniert. Nachweisen lässt sich der Atomunfall aber noch immer.
«Wir können im Drainagewasser, das direkt aus der Kaverne kommt, noch Spuren von Tritium messen», erklärt Philipp Steinmann vom Bundesamt für Gesundheit. «Das ist radioaktiver Wasserstoff aus dem ehemaligen Kühlwasser.» Der Wert liege aber weit unter den Grenzwerten.