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„Ich fühle, dass das Leben Wallungen verlangt, nicht Überlegungen.“ Die Wörter von Robert Walsers Entwicklungsroman Jakob von Gunten wurden von Benjamin Schweitzer in eine fesselnde Kammeroper verwandelt. „Ich kann mich erinnern, dass der Tonfall von Walsers Prosa sofort elektrisierend musikalisch auf mich wirkte“, schrieb Schweitzer über seine erste Begegnung mit Walsers Roman. Die Kombination der Möglichkeiten des Theaters und der Musik wurde auf die Geschichte des jungen Jakob hervorragend angewandt.
Aus eins mach zwei
In der Umsetzung des Tagebuchromans wird der Protagonist in zwei Figuren aufgeteilt: Jakob von Gunten (James Cleverton) und sein Alter Ego (Michael Ransburg), das die Stimme von Jakobs Tagebuch vertritt. Das Zusammenspiel der beiden Figuren schafft einen erfrischenden Kontrast; während Jakob handelt, schaut er sich auch selber beim Handeln zu. Diese Gegenübersetzung des Protagonisten zu sich selber wird auch akustisch wiederspiegelt: während Jakob singt, spricht die Verkörperung seines Tagebuchs. So erlebt man die Handlung und Jakobs gesprochene Reflexionen zur Handlung gleichzeitig.
In Schweitzers Oper handelt es sich hauptsächlich um die Erfahrungen, die der junge Jakob an der Dienerschule macht. Die Entwicklung der Hauptfigur wird dabei von Cleverton und Ransburg eindrucksvoll auf die Bühne gebracht. Sehr spannend ist es zuzuschauen, wie die beiden Teile des Protagonisten aufeinander wirken, und auch wie sie von den anderen Figuren beeinflusst werden. Es entfalten sich zwischen der Hauptfigur und deren beiden Lehrern, Herrn Benjamenta (Matteo de Monti) und dessen Schwester, Frau Lisa Benjamenta (Terhi Kaarina Lampi), etwas seltsame erotische Beziehungen. Diese ausserordentlichen Beziehungen zu seinen beiden Autoritätsfiguren an der Dienerschule und die Freundschaft zu seinem Mitschüler Kraus (Sven Fürst) prägen die Entwicklung des Protagonisten sehr.
Ton folgt Stimmung
Das Tempo der Musik verlangsamt sich in jedem Akt, was mit der Entwicklung der Gemütszustände der Hauptfigur übereinstimmt; er wird mit jedem Akt auch etwas weniger rastlos. Jeder Figur wurde ein eigenes Instrument zugeteilt, ähnlich wie beim musikalischen Märchen Peter und der Wolf, was die akustische Präsenz der Figuren umso interessanter macht. Man kann jedoch sagen, dass trotz hervorragender Leistungen der musikalischen Leitung (Christian Schumann), des Sinfonieorchesters St.Gallen und aller Mitspieler die instrumentale Musik nicht immer ganz mit dem Gesang einig war. Dies kann aber auch dadurch erklärt werden, dass sich die Handlung und die Gefühle von dem etwas in sich gefangenen Jakob zum Teil auch widersprochen haben.
Fremde Vergangenheit
„Unterzeichneter, Jakob von Gunten, Sohn rechtschaffener Eltern, den und den Tag geboren, da und da aufgewachsen, ist als Eleve in das Institut Benjamenta eingetreten, um sich die paar Kenntnisse anzueignen, die nötig sind, in irgendjemandes Dienste zu treten.“ Für den etwas verlorenen Jakob, der in seinem Lebenslauf behauptet „den und den Tag geboren“ und „da und da aufgewachsen“ zu sein, scheint die Vergangenheit nicht mehr der Wahrheit zu entsprechen. Er fühlt sich verloren, doch er schafft es im Laufe seiner Zeit am Institut Benjamenta, ein Geheimnis hinter den „Nichtigkeiten und Lächerlichkeiten“ zu entdecken, nämlich dass man nicht nur nachdenken, sondern handeln muss, um ins Leben hinauszutreten.