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© 1992 Markus Kappeler
Åland
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)
Steinerner Irrgarten im Meer
Einen guten Eindruck von Aland erhält, wer mit einer der lokalen Fähren von einer Ecke des Archipels in eine andere fährt. Ungezählte kleine und kleinste Eilande säumen die Route. Hinter jeder Felsnase öffnet sich der Blick auf neue Inseln, ragen andere sturmpolierte Felsen wie Buckel von Walen aus dem Wasser. Seevögel kurven um die Klippen. Von Zeit zu Zeit taucht aus dem Grün der bewaldeten Inseln ein einzelnes Holzhaus auf. Hier und dort erkennt man an der Küste weissgetünchte Steintürme, Orientierungspunkte der Fischer in dieser verworrenen Inselwelt.
Mehrere tausend Inseln und Schären - das sind die für die skandinavischen Küsten so typischen, von urzeitlichen Gletschern buckelartig abgeschliffenen Felsinseln - gehören zu Aland. Rund 6500 von ihnen sind grösser als 0,3 Hektaren; keine 100 sind ständig bewohnt. Das gesamte Areal des Archipels umfasst offiziell 6739 Quadratkilometer, wovon allerdings nur 1552 Quadratkilometer oberhalb des Meeresspiegels liegen. «Wasserland» - die deutsche Übersetzung von «Aland» - ist ein überaus treffender Name für die Inselgruppe, die sich zwischen Schweden und Finnland in der nördlichen Ostsee befindet.
Obige Zahlen gelten allerdings nur vorübergehend, denn Aland wächst konstant. Das hat damit zu tun, dass der Archipel geologisch gesehen noch sehr jung ist: Erst vor gut 7000 Jahren tauchten die ersten Inseln in diesem Bereich der Ostsee aus dem Wasser auf. Damals hatten sich die eiszeitlichen Gletscher nordwärts zurückgezogen und Skandinavien von ihrer gewaltigen Last befreit, was zur Folge hatte, dass sich die ganze Region allmählich anhob. Ungefähr um 4000 v. Chr. bestand Aland erst aus jenen Gebieten, die heute mehr als 60 Meter über dem Meeresspiegel liegen. Und der Prozess ist keineswegs abgeschlossen: Noch immer wachsen jedes Jahr an die 10 Quadratkilometer Schären aus dem Meer.
Das Klima Alands ist aufgrund der Lage innerhalb der wärmespeichernden Ostsee zwar deutlich milder als auf dem benachbarten skandinavischen Festland, und die Statistik verzeichnet auch mehr Sonnenstunden. Doch ist hier wie dort der Winter lang und kalt. Erst im Mai schmilzt der letzte Schnee. Der Frühling kommt spät, dafür umso heftiger.
Seinen mineralreichen Böden und seinem verhältnismässig milden Klima verdankt Aland eine überraschend artenreiche Vegetation. Allein 650 verschiedene Blütenpflanzen haben die Botaniker auf der Inselgruppe festgestellt. Es dominiert der Nadelwald mit Fichten und Kiefern, aber auch Birken, Erlen, Espen und andere Laubbäume sind verbreitet. Besonders prächtig sind im übrigen die bizarren «Felsgärten», die in den Rissen, Spalten und Mulden des vielerorts zutagetretenden Granits wachsen und sich aus Wacholderbüschen und Farnwedeln, Moospolstern und Heidekraut, Pilzen und Gräsern, Buschwindröschen und dürren Ästen zusammensetzen.
Reich ist auch die Vogelwelt auf Aland. Neben allerlei Seevögeln nisten auf dem Archipel einige auffällige Landvogelarten wie Habicht, Uhu und Birkhuhn. Ferner drängen sich ganze Spatzenvölker auf Telefondrähten, Elsternpaare fliegen um graue Granitkirchen, Krähenschwärme fallen auf abgeerntete Kartoffeläcker ein. Im übrigen ist die Inselgruppe ein wichtiger Rastplatz für hochnordische Zugvögel.
Erst schwedisch, dann russisch, jetzt finnisch
Die frühe Besiedlung der Aland-Inseln ist aufgrund archäologischer Ausgrabungen recht gut dokumentiert. Die ersten Menschen scheinen sich bereits um 4000 v. Chr. auf dem Archipel niedergelassen zu haben. Überreste ihrer Wohnplätze wurden vor allem in der Nähe des heutigen Langbergsöda (Gemeinde Saltvik) freigelegt. Verschiedene Fundgegenstände deuten darauf hin, dass sie aus dem Osten gekommen waren und vom Fischfang und von der Jagd auf Ringelrobben und Seevögel gelebt hatten.
Ungefähr um 2500 v. Chr. wurden sie abgelöst durch andere Siedler, welche aus dem Westen stammten. Diese betrieben ebenfalls Jagd und Fischfang, begannen aber zudem, den Boden auf dem Archipel zu bestellen. Wie ihre Vorgänger siedelten sie in Küstennähe, doch liegen ihre Wohnplätze heute 30 bis 35 Meter über dem Meeresspiegel. Eine der bekanntesten archäologischen Fundstellen aus dieser Epoche befindet sich beim heutigen Jettböle (Gemeinde Jomala).
Während der Wikingerzeit, zwischen 800 und 1200 n.Chr., entwickelte sich Aland zu einem bedeutenden Handelszentrum, denn der Archipel lag nun mitten auf den neuentdeckten Handelswegen vom nördlichen Europa durch Russland in den nahen und fernen Orient. Dadurch geriet Aland, das damals fest zu Schweden gehörte, allerdings auch ins Spannungsfeld der verschiedenen westlichen und östlichen Mächte, die damals im Wettstreit miteinander lagen. Ein Netz von granitenen Wehrtürmen und Wehrkirchen, die teilweise gut erhalten sind, entstand in jener Epoche. Erst nachdem Schweden im Verlauf des 12. Jahrhunderts Finnland zu erobern vermochte und sich zur Grossmacht entwickelte, kehrten auf Aland ruhigere Zeiten ein.
1714 erlitt die friedvolle Entwicklung Alands einen jähen Rückschlag. Damals besetzten die Russen vorübergehend die strategisch wichtigen Inseln und nutzten sie als Ausgangsbasis für ihre Angriffe auf das schwedische Reich. Diese unglückselige Episode, während der viele Aländer nach Schweden flohen, fand zwar 1721 ein Ende. Doch 1809 besetzten die Russen abermals die Inseln, und diesmal gelang es ihnen, Schweden zur Abtretung der Inseln zu zwingen. Für über 100 Jahre wurde Aland nun - ebenso wie Finnland - Teil des Zarenreichs.
Überraschenderweise liess Zar Alexander II. die Aländer nicht unterdrücken, sondern gewährte ihnen im Gegenteil weitreichende Handelsrechte und Gewerbefreiheiten. Damals begann auf Aland der Aufschwung der Handelsschiffahrt, welche bis zum heutigen Tag die Grundlage der aländischen Wirtschaft bildet. 1853 entstand in Godby (Gemeinde Finström) eine berühmte Seefahrtsschule; 1861 wurde die Hauptstadt Mariehamn mit ihren beiden bedeutenden Häfen gebaut; 1865 überquerte das erste aländische Segelschiff den Atlantik. Das Seefahrtsmuseum in Mariehamn (das so angelegt ist, dass man den Eindruck erhält, man befinde sich auf einem Grosssegler) gibt einen umfassenden Überblick über die Seefahrtsgeschichte Alands von den frühen Anfängen bis zur Moderne.
Der Erste Weltkrieg brachte Aland dann erneut eine andere Herrschaft: Kurz nach dem Niedergang des russischen Zarenreichs anlässlich der sozialistischen Oktoberrevolution im Herbst 1917 erklärten sich die Aländer für unabhängig. Und eine alsbald durchgeführte Volksbefragung ergab, dass 95 Prozent der überwiegend schwedischstämmigen Bevölkerung für den Wiederanschluss an Schweden waren. Die aländischen Gemeindevertreter beschlossen daraufhin, sich an die schwedische Regierung zu wenden, um die Wiedervereinigung zu erreichen. Dem widersetzte sich jedoch Finnland, das sich 1917 ebenfalls von Russland gelöst hatte, und erklärte die Inseln kurzerhand zu einem Teil seines Hoheitsgebiets. Die Aländer wurden in der Folge mit ihrem Anliegen beim Völkerbund (Vorläufer der Vereinten Nationen) vorstellig. Der aber beschloss 1921 überraschenderweise zu ungunsten Alands: Er verfügte den Anschluss der Inselgruppe an Finnland. Die strategische Überlegung der westlichen Staatengemeinschaft, Finnland gegenüber dem neugebildeten, bedrohlichen Sowjetstaat im Osten möglichst zu stärken, dürfte hierbei eine entscheidende Rolle gespielt haben.
Auf Aland wurde der Schiedsspruch verständlicherweise mit grosser Enttäuschung aufgenommen, doch gab es keinerlei rechtlichen Mittel mehr, dem ungeliebten Schicksal zu entrinnen. Immerhin wurden die Finnen vom Völkerbund dazu verpflichtet, den Inselbewohnern die Selbstverwaltung zuzugestehen und ihnen die Erhaltung ihrer schwedischen Sprache und Kultur zu gewähren. So stimmte Aland im Sommer 1922 dem von Finnland erarbeiteten Selbstverwaltungsgesetz widerwillig zu und akzeptierte damit offiziell seine Zugehörigkeit zu Finnland.
Fragt man heute einen Aländer, ob er sich als Schwede oder als Finne fühle, so antwortet er mit Sicherheit: «Als Aländer!» 1951 wurde das alte Selbstverwaltungsgesetz Alands nämlich nochmals erweitert und dabei wurde eine Art aländischer Staatsangehörigkeit, das sogenannte «Heimatrecht», geschaffen. Dieses berechtigt unter anderem dazu, auf Aland zu wählen, gewählt zu werden, Handel zu treiben und Grundbesitz zu erwerben. Und es schliesst die Befreiung vom finnischen Wehrdienst ein; Aland ist neutrales, entmilitarisiertes Gebiet.
Aland hat heute neben einem eigenen Parlament («Landstinget») und einer eigenen Verwaltung («Landskapsstyrelsen») auch eine eigene Flagge (seit 1954) und eigene Briefmarken (seit 1984). Gesundheitswesen, Erziehungssektor, Kulturpflege, Polizeiwesen, Wirtschaftsförderung und vieles mehr sind rein aländische Angelegenheiten. Ferner ist Schwedisch, das von über 90 Prozent der Bevölkerung als Muttersprache gesprochen wird, Alands erste Amtssprache. Die Autonomie Alands geht sogar so weit, dass es allen internationalen Vereinbarungen, die Finnland abschliesst, seine ausdrückliche Zustimmung erteilen muss, bevor sie in Kraft treten können.
Die farbigen Holzhäuser stehen kreuz und quer
Aland wird in 16 Gemeinden unterteilt. Zum sogenannten «festen Aland» gehören neben Mariehamn mit der gleichnamigen Hauptstadt noch Eckerö, Hammarland, Jomala, Finström, Saltvik, Geta, Sund, Lemland und Lumparland. Sie alle sind zumindest durch Brücken miteinander verbunden und werden von insgesamt rund 21 500 Personen bewohnt. Die weiter östlich gelegenen, in Tausende von Inseln zersplitterten Gemeinden des Schärengebiets heissen Vardö, Föglö, Sottunga, Kumlinge, Brändö und Kökar. Sie sind die Heimat von etwa 2000 Personen.
Mariehamn ist die einzige wirkliche Stadt der Inselgruppe. Sie war - wie bereits erwähnt - gegründet worden, als Aland zum russischen Zarenreich gehörte, und trägt ihren Namen nach Maria, der Gattin des damaligen Zaren. Mariehamn liegt auf einer schmalen Landzunge, gewissermassen zwischen West- und Osthafen eingebettet, und ist aufgrund seiner verkehrsgünstigen Lage das unbestrittene wirtschaftliche, gesellschaftliche und administrative Zentrum Alands. Rund 11 000 Einwohner, also fast die Hälfte aller Aländer, wohnen und arbeiten in der freundlichen Villenstadt mit den breiten Strassen und den vielen Grünflächen.
Wichtiger Wirtschaftszweig der Einwohner von Mariehamn ist zum einen der internationale Handel. Mehr als 60 Schiffe (mit insgesamt rund 750 000 Bruttoregistertonnen Rauminhalt) umfasst die aländische Flotte derzeit; das entspricht mehr als einem Drittel der gesamten finnischen Handelsflotte. Zum anderen ist der Fremdenverkehr von grosser wirtschaftlicher Bedeutung: Mehr als eine Million ausländischer Besucher verzeichnet Aland Jahr für Jahr. Entsprechend sind die Einkaufsmöglichkeiten in Mariehamn: Das Angebot ist weit grösser, als man es von einer Stadt mit 11 000 Einwohnern erwarten würde.
Ausserhalb Mariehamns unterscheidet sich die aländische Siedlungsstruktur wesentlich von der in Mitteleuropa: Die Aländer wohnen nicht in Dörfern und Ortschaften, sondern bauen ihre gelben, grünen, roten und blauen Holzhäuser mit den weissen Fensterrahmen weit verstreut im Gelände - dort, wo es ihnen gerade passt: zwischen Granitfelsen, hinter Birkenhainen, an stillen Buchten. Vielfach befinden sich die Wohnhäuser weitab von der nächsten Strasse, so dass häufig nur die am Strassenrand aufgestellten Briefkastenbatterien zeigen, wie dicht eine Gegend besiedelt ist.
Während es den Aländern auf dem festen Aland und besonders im Bereich der Hauptstadt Mariehamn dank Schifffahrt, Handel und Fremdenverkehr wirtschaftlich recht gut geht, kämpfen die abgelegeneren Schärengemeinden diesbezüglich mit grösseren Problemen. Die traditionellen Erwerbszweige Fischerei, Land- und Forstwirtschaft sind auf dem nordischen Archipel mit viel Arbeit verbunden und der Verdienst aufgrund der langen Winter dennoch gering. Zwar ist die Landwirtschaft durch den Betrieb von grossen Treibhäusern nicht mehr dermassen saisongebunden wie früher. Auch sind die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen dank maschineller Hilfe heute einfacher zu bestellen. Trotzdem verlieren die äusseren Inseln ihre jungen Leute zunehmend an Mariehamn, wo das Geschäft mit den Touristen blüht, oder gar an Finnland und Schweden mit ihren breit gefächerten Betätigungs- und Unterhaltungsmöglichkeiten. So besteht heute leider die Gefahr, dass sich der aländische Archipel besonders in den peripheren Gebieten mehr und mehr entvölkert und allmählich zur reinen Feriengegend «verkümmert».
Ruhiges Dasein auf Kökar
Wohl noch am meisten der Tradition verhaftet ist das ganz im Südosten des aländischen Schärengebiets liegende Kökar. Schon die Fahrt dorthin ist ein unvergessliches Erlebnis, denn die Fähre muss auf einer genau festgelegten Fahrtroute durch ein Gewirr von Schären kurven, die teilweise noch knapp unter der Wasseroberfläche liegen und erst in ein paar Jahrhunderten durch die Landhebung hervortreten werden.
Ein Strassennetz von knapp 20 Kilometern verbindet die drei Hauptinseln von Kökar und damit alle besiedelten Gebiete der kleinen Schärengemeinde. Nur noch rund 200 Menschen leben heute ständig auf diesem Archipel im Archipel. 1950 waren es 700, 1980 noch 300 Personen gewesen. Zwei bescheidene Läden gibt es hier, eine Bank, eine Schule, eine Kirche, keine Kneipe. Frägt man einen der wenigen Jugendlichen, was denn los sei auf Kökar, antwortet er unweigerlich: «Nichts!»
Einer, der dennoch auf keinen Fall von Kökar weg will, ist Sune Jansson. Er stammt aus einer alten Fischerfamilie. Hauptberuflich ist er Spezialist für Betonfundamente, selbständig, und kann über mangelnde Arbeit nicht klagen. Fischen geht er nurmehr «nebenbei». Mit seinem motorisierten Holzkahn fährt er dann frühmorgens, noch vor seiner eigentlichen Arbeit, in die Schären hinaus. Dort setzt er jeweils seine 100 Meter lange Netzwand mit den geflaggten Bojen und holt sie anderntags wieder ein. Manchmal zieht er über drei Zentner Heringe und Sprotten in sein Boot. Sunes 70jähriger Vater Albin ist es dann, der die Fische in kleinen Fässern einlegt und würzt, so dass sie später in Helsinki verkauft werden können. Die Leute auf dem Festland, sagt Sune, seien auf diese Spezialität, die ihnen schon seit vielen Jahrzehnten von den Männern und Frauen aus Kökar gebracht wird, ganz versessen.
Sune hatte früher, als er noch jung war, ein paar Monate in Stockholm gelebt, war aber bald nach Hause zurückgekehrt, weil er es in der hektischen Grossstadt nicht mehr ausgehalten hatte. Ihm gefällt das Leben auf Kökar, das so stark von den Jahreszeiten geprägt wird. Im Sommerhalbjahr seien sie fröhliche Menschen, sagt er. Dann würden sie häufig zu ihren Geigen und Ziehharmonikas greifen, und es würde bis in den frühen Morgen hinein gelacht, gesungen und getanzt. Im Herbst sei es damit jedoch vorbei. Dann sässen die Männer abends vor dem Fernseher, die Frauen bei der Handarbeit. Dann erwarten sie den Winter, der die Temperaturen nachts unter minus 30°C sinken und nicht nur das Wasser in den Schären, sondern auch das ganze Inselleben vorübergehend gefrieren lässt.
Das ist die Zeit, in der Maria Holmström, deren Mann für eine Reederei in Mariehamn zur See fährt, viel Arbeit bekommt. Maria ist die Hebamme von Kökar, aber sie muss im Jahr höchstens noch ein oder zwei Babys zur Welt bringen. Dafür ersetzt Maria den Apotheker, die Krankenschwester und den Arzt, die es auf Kökar nicht gibt. Und zudem betreut sie die alten Menschen von Kökar und bringt ihnen Trost, wenn die Einsamkeit und Schwermut sie an den dunklen Wintertagen in ihren abgelegenen Häusern überfällt. «Wir Jungen», sagt Maria, «zehren von den Freuden des Sommers, setzen uns zusammen und tratschen viel. So helfen wir uns gegenseitig über den Winter. Die Alten haben es da schwerer.»
Es geschieht auf Kökar zwar selten, aber wenn, dann meistens im Winter: Dass jemand übermässig zur Flasche greift und dass es Streit gibt. Den zu schlichten ist dann von Amts wegen Henrik Gustavsson zuständig. Henrik ist der Polizist von Kökar, trägt aber seine Uniform nur selten, schliesslich kennt ihn hier jedes Kind. Gummiknüppel und Handschellen hat er irgendwo in einer Schublade; beides hat er in den zehn Jahren, die er hier schon Dienst tut, nie gebraucht.
Respektsperson ist im übrigen Pfarrer Eero Sepponen, Vater von sieben Kindern. Er weiss, dass seine Schäfchen keine eifrigen Kirchgänger sind, aber damit kann er leben, solange sie gute Christenmenschen sind. Eero ist gebürtiger Finne, und das ist auf dem schwedischsprachigen Aland allemal ein Handikap. Eero glaubt zwar, dass er dennoch auf Kökar viele Freunde gefunden hat. Allerdings bleibe da immer eine gewisse Distanz. Zum Beispiel sei er erst zweimal nach einer Konfirmation zu Kaffee und Kuchen eingeladen worden, so wie er es aus seiner finnischen Heimat kennt. «Die Aländer», sagt er, «sind wie Füchse: Wenn man ihnen zu nahe kommt, verkriechen sie sich in ihren Bau.»
Bildlegenden
Mehrere tausend Inseln und Schären gehören zu Aland, das in der nördlichen Ostsee, am Eingang des Bottnischen Meerbusens, liegt. Recht kurvenreich gestaltet sich denn auch die Fahrt mit den lokalen Fähren von einem Zipfel des zersplitterten Archipels zu einem anderen. Politisch gehört Aland zu Finnland; die historischen und kulturellen Bindungen an Schweden sind aber wesentlich stärker.
Aländer sind Individualisten. Das spiegelt sich in der aländischen Siedlungsstruktur wider: Dörfer im mitteleuropäischen Stil sind den Inselbewohnern zu eng; sie bauen ihre farbigen Holzhäuser lieber etwas abseits im Gelände - zwischen Granitfelsen, hinter Fichtengruppen, an stillen Buchten (oben). Aufschluss über die örtliche Siedlungsdichte geben vielfach einzig die an der Strasse aufgereihten Briefkästen (unten).
Die beiden tragenden Säulen der aländischen Wirtschaft sind heute die Schiffahrt und der Fremdenverkehr, während die traditionellen, arbeitsintensiven Erwerbszweige Fischerei Land- und Forstwirtschaft immer mehr in den Hintergrund treten. Noch lässt sich aber hier und dort beobachten, wie das Holz beim Transport von den Schnittflächen zu den Sägereien nach alter Väter Sitte geflösst wird.
1959, mit der ersten Autofährverbindung zwischen Schweden und Aland, begann für den nordischen Archipel das Zeitalter des Tourismus. Heute verzeichnet Aland mehr als eine Million ausländischer Besucher im Jahr. Im Hochsommer kann es deshalb besonders in Alands Hauptstadt Mariehamn etwas eng werden - dies aber keineswegs zum Leidwesen des (blühenden) Andenkenhandels.
In der zum «festen Aland» gehörenden Gemeinde Sund befindet sich das sehenswerte Freilichtmuseum «Karlsgarden». Es umfasst ein typisch aländisches Fischerhaus, eine alte Schmiede, eine Backstube, ein Gasthaus, eine Windmühle und noch manches mehr. Kernstück der Anlage aber ist ein prächtig restaurierter aländischer Bauernhof aus der Mitte des 19. Jahrhunderts mit originalgetreuer Einrichtung (Bild: Kinderzimmer).
Ein hübsches Haus und ein gepflegtes Boot - das sind die Symbole eines zufriedenen Fischerdaseins auf Aland. Wer auf die nervöse, lärmende Betriebsamkeit verzichten kann, die für uns Mitteleuropäer so kennzeichnend ist, der lebt auf den nordischen Inseln mit den federnden Moospolstern, den gerundeten Granitfelsen und den verschwiegenen Birkenhainen wie im Paradies.
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