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Menschen mit einer ähnlichen Biografie gab es im wilhelminischen Berlin viele – und doch gab es nur einen Paul Lincke! Dieser wurde 1866 als Sohn eines musikliebenden Magistratsdieners, der sein Salär nebenbei als Aushilfsgeiger in Musikkapellen aufbesserte, im Herzen Berlins geboren.
Als der kleine Paul noch keine fünf Jahre alt war, starb der Vater. Trotzdem erhielt der Sohn eine gute Schulbildung (mit Französisch als Fremdsprache) und ersten Instrumentalunterricht auf der Geige. Ehemalige Musikerkollegen des Vaters erkannten das besondere musikalische Talent des Jungen und empfahlen der Mutter, ihren Sohn zur Ausbildung in die "Stadtpfeiferei" (Stadtkapelle) von Wittenberg zu schicken.
Nach drei Jahren, in denen der junge Paul nahezu alle nur vorstellbaren Instrumente öffentlich spielte und einen guten Überblick über die gebräuchliche Musik seiner Zeit erhielt, erfolgte die Rückkehr in seine Heimatstadt. Für eine Laufbahn in einer Militärkapelle war der junge Mann nach Meinung der Ärzte zu schmächtig, weshalb Lincke an verschiedenen Privattheatern anzuheuern begann - zuerst als Orchestermusiker, dann auch als Repetitor und anschliessend als Kapellmeister.
Entscheidend für Linckes Theaterkarriere wurde seine Verpflichtung ans Apollo-Theater, wo er als eleganter Dirigent mit Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart ebenso Aufsehen erregte wie als Komponist kleiner Einakter, die am Ende der Varieté-Programme gespielt wurden. Nach dem grossen Erfolg von VENUS AUF ERDEN wurde Lincke 1897 sogar an die Pariser "Folies Bergère" verpflichtet. Nach seiner Rückkehr 1899 gelang ihm sein grösster Erfolg: FRAU LUNA. Weitere, ähnlich gestrickte Einakter folgten an diesem und anderen Theatern.
Der erfolgreiche Komponist konzentrierte sich bald auf Gastdirigate und seinen mit einem Partner gegründeten Apollo-Musikverlag. Bei einer Amerika-Tournee wurde Lincke als Komponist des international bekannt gewordenen "Glühwürmchen"-Songs gefeiert, während in Berlin und ganz Deutschland sein Schlager "Das macht die Berliner Luft" am berühmtesten wurde.
Mit den immer rasanter werdenden musikalischen Entwicklungen seiner Zeit konnte er irgendwann nicht mehr Schritt halten und kam ebenso wenig mit den grossen politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der 1920er Jahre klar. Obwohl die nun abendfüllend gewordene und dafür mit erfolgreichen Nummern aus seinen anderen Bühnenwerken angereicherte FRAU LUNA erfolgreich gespielt wurde, galt Lincke als Komponist von gestern. Zu grossen Ehren kam er erst wieder im "Dritten Reich", wo viele seiner Operettenkollegen wegen ihrer jüdischen Abstammung nicht mehr gespielt werden durften. Der sich nie einer Partei zugehörig fühlende Monarchist Paul Lincke liess sich die Ehrung durch die Nationalsozialisten, die in einer gross inszenierten Neuaufführung seiner FRAU LUNA zu seinem 75. Geburtstag gipfelten, gerne gefallen. Dies ist aus Sicht des gealterten Komponisten zwar nachvollziehbar, schadete ihm und seinem Nachruhm jedoch, obwohl die Popularität seiner Musik noch einige Jahrzehnte nach seinem Tod (1946 im Harz) ungebrochen blieb.
Seinen Platz in der Musikgeschichte hat Lincke als "Gründervater" der Berliner Operette sicher, zudem werden seine beliebtesten Schlager und seine berühmteste Operette FRAU LUNA noch lange aktuell bleiben, während viele seiner anderen Kompositionen und Bühnenwerke längst vergessen sind.