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Es war einmal in Aserbaidschan: In einem Vorort Bakus führen die Bahngleise so dicht den Häusern entlang, dass Lokführer Nurlan (Pedrag «Miki» Manojlović) seinen Güterzug praktisch durch die Vorgärten lenkt.
Ein Junge mit einer Trillerpfeife warnt die Anwohner jeweils, wenn der Zug anrollt. Wegen der Kurzfristigkeit des Signals schaffen es die Frauen oft nicht rechtzeitig, die übers Gleis gespannten Wäscheleinen zu entfernen.
So kommt es, dass die Lok am letzten Arbeitstag vor Nurlans Pensionierung einen BH mitreisst.
Daraufhin setzt sich der rüstige Junggeselle in den Kopf, das hellblaue Wäschestück seiner rechtmässigen Besitzerin zurückzubringen. Doch das ist gar nicht so einfach.
Das vielsagendste Zitat
«…»
Da Veit Helmers Film ganz ohne Dialoge auskommt, gibt es nichts zu zitieren.
Der Schauspieler
Pedrag «Miki» Manojlović kam 1950 als Kind einer Schauspielerfamilie in Belgrad zur Welt. International bekannt wurde er durch die Filme seines Landsmanns Emir Kusturica.
1985 arbeiteten die beiden Serben erstmals zusammen. Das turbulente Familiendrama «Papa ist auf Dienstreise» wurde in der Kategorie «Bester fremdsprachiger Film» für den Oscar nominiert. Dies, nachdem es in Cannes die Goldenen Palme gewonnen hatte.
Auch die Jugoslawienkrieg-Groteske «Underground» (1995), die zweite Zusammenarbeit von Manojlović und Kusturica, holte die Goldene Palme.
Die Freunde drehten noch drei weitere Filme zusammen, darunter den Kultfilm «Schwarze Katze, weisser Kater» (1998). In dieser skurrilen Geschichte über eine Zigeunerhochzeit mimt Manojlović einen Priester.
Fakten, die man wissen sollte
Als Veit Helmer «Absurdistan» (2008) drehte, fiel ihm ein sehr spezielles Viertel in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku auf. Dieses hat ihn zu «The Bra» inspiriert.
«Dort wurden Häuser so eng an Eisenbahngleise gebaut, dass sie zuweilen auch als Fussweg, Strassen und Spielplatz herhalten müssen», erklärt Helmer.
Mehrmals am Tag fahren riesige Ölzüge durch das Viertel. «Deshalb kam mir die Idee zu einer Geschichte über einen einsamen Lokführer», erinnert sich der Regisseur und Co-Autor.
Nach Feierabend bringt dieser Lokführer den Bewohnern die Dinge zurück, die seine Lok zuvor mitgerissen hat. Zum Beispiel eben einen BH.
Das Urteil
Der stets zarte und poetische Witz transzendiert die malerischen Bilder von «The Bra» ins Märchenhafte. Trotzdem wirkt der Film nicht abgehoben.
Wegen der fehlenden Dialoge erinnert der Humor an den Slapstick der Stummfilme. Er ist indes nie grob oder plump. Ähnlich wie die grossartigen Filme Jacques Tatis.
Wer sich auf diese stille Geschichte einlassen kann, wird verzaubert und verlässt das Kino mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
Kinostart 16.07.2020