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Ein Festtag
Graham Swift
übersetzt von Susanne Höbel
dtv Verlagsgesellschaft
Taschenbuch, 142 Seiten
Im Original heisst diese Novelle «Mothering Sunday», ein Vorläufer unseres Muttertags. An diesem Feiertag der Church of England haben traditionell alle Dienstboten frei, viele besuchen ihre Mutter. Auch Jane Fairchild, Dienstmädchen bei den Nivens, hat frei, aber als Findelkind hat sie keine Mutter. Sie will Mr. Niven schon um Erlaubnis fragen, ihren freien Tag im Haus verbringen zu dürfen, während sich die Altvorderen mit zwei anderen Familien auswärts treffen. Da klingelt das Telefon. Es ist ein Sonntag im März 1924, als Paul, der Sohn der wohlhabenden Nachbarn, Jane zu sich einlädt, denn auch er hat ein leeres Haus. Die beiden haben seit sieben Jahren ein Verhältnis, aber das heutige Treffen wird ihr letztes sein, denn Paul wird in zwei Wochen «gut» heiraten. Deshalb ist dieser Tag für die beiden ein Festtag, Jane darf an diesem Tag die Vordertür benützen, ihr Fahrrad muss sie nicht verstecken, und Paul holt sie sogar in sein Zimmer, in sein Bett.
Dass Jane kein gewöhnliches Dienstmädchen ist, wird bald klar. «Du bist klug», erkennt selbst Paul. Sie hat ein Faible für Wörter, hat im Waisenhaus lesen gelernt und bekam von Mr. Niven die Erlaubnis, seine Bibliothek zu benutzen. Und so beginnt sie, Wörter zu sammeln. «Damals kannte sie nicht so viele Wörter», heisst es da etwa, oder «Neuerdings fielen ihr solche Ausdrücke ein» oder «Das war ein Ausdruck, den man in Büchern las». Immer wieder stellt sie sich «Was wäre, wenn»-Szenarien vor und malt sich Szenen aus; etwa jene, wie Pauls Verlobte sich verhält, als er zu ihrem Treffen an diesem Tag zu spät kommt, weil er sich zwar vor Janes Augen herausputzt, aber auffällig langsam, obwohl er schon lange hätte unterwegs sein müssen. So verwundert es nicht, dass Jane später in ihrem Leben Schriftstellerin wird. Als alte Frau blickt sie auf diesen schicksalshaften Tag zurück.
Wie feine Pinselstriche
In feinen, treffend leichten Worten und gefühlvollen Reflexionen erschafft Swift eine ganz besondere Atmosphäre. Die Wunden aus dem ersten Weltkrieg, die sich anbahnenden Umbrüche in der Gesellschaft werden als kleine Bruchstücke des Alltags in den Herrenhäusern nur leicht skizziert. Sparsam und mit einem raffiniert konstruierten Plot, der behutsam Vergangenes und Gegenwärtiges verwebt, erschliesst sich dem Leser das Gefühlsleben der Figuren. Die strengen Grenzen zwischen den Gesellschaftsschichten weichen sich da und dort für ganz kurze Momente ein wenig auf, die etablierten Rollen verschieben sich.
Graham Swift erzählt flüssig, klar und poetisch. Dabei lässt er sich Zeit, kostet aus, statt voranzutreiben und wird doch nie langfädig. Ein Festtag erzählt von einer unmöglichen Verbindung, einer Frau, die ihren Platz in der Welt verdient hat und davon, wie schnell sich alles im Leben ändern kann. Es erzählt von der Gesellschaft im England der 20er Jahre, von Literatur und dem Schreiben. Es erzählt von Geheimnissen, Geschichten und Möglichkeiten. Und von der Liebe, natürlich auch von der Liebe.