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1899-1984, geboren in Mergoscia
Bianconi war einer der vielfältigsten Intellektuellen der Schweizer Kunstszene. Nachdem er als Verkäufer in einem Stoffladen gearbeitet hatte, bildete er sich zum Primarlehrer aus und promovierte später an der Universität in Fribourg in französischer Literatur. Bevor er ins Tessin zurückkehrte, verbrachte er kurze Zeit in Florenz und Rom. Seine Werke reichen von Prosa über Kunstgeschichte bis hin zu Übersetzungen. Bianconis Gedichte erschienen, auf Deutsch übersetzt, auch im Asconeser „Ferien-Journal“ von Hans Roos. Peter Riesterer schrieb in seinen "Streifzügen durch das Tessin" vom Luganeser Winzerfest unter Beteiligung "ausländischer Majorettengruppen" und "mitunter Folklore aus Italien", die Bianconi "ein Dorn im Auge waren. Da konnte er noch in den siebziger Jahen in seinen Büchern zu Zeitungsartikeln wettern, vom Verlust der Masstäbe und Traditionen reden, von seiner 'blutdurchtränkten Erde der Vorfahren', die preisgegeben wurde an Spekulanten und vermögende Zugezogene ohne Sinn für echtes Tessiner Volksgut und Kultur". 1961 schrieb er einen Text über den Steinhauer Ettore Jelmorini. Bianconi starb an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Er war der Bruder von Giovanni Bianconi.
Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 121/3, vom 14. Juni 1969, Künstler im Tessin, Piero Bianconi – Tessiner Schriftsteller in Minusio, von Dr. Lars Pfenninger: „Nur wer selbst vielfältig ist, kann das vielfältige Wesen, das aus Myriaden Teilchen zusammengefügte, in unzähligen Farben und Schattierungen schillernde „Zusammensetzspiel“, welches in seiner Ganzheit Tessin heisst, erfühlen, verstehen und diese ganze Vielfalt beschreiben, um sie dem näher zu bringen, der sonst so vieles nicht entdecken würde und an so manchem unachtsam vorbeigehen würde.
Es gibt gegenwärtig wohl kaum einen berufeneren, kaum einen besseren Kenner des Tessins, seiner Bevölkerung und seiner Kultur als eben gerade Professor Piero Bianconi, der, selbst Tessiner, seine Heimat unvoreingenommen sieht, deren Licht- und Schattenseiten kennt und den Dingen, den ihnen gemässen Platz zuzuweisen versteht, sich an ihnen erfreut, sich von ihnen inspirieren lässt und ihnen nachspürt, um sie andern näherzubringen. Wenn man die stille, freundliche Persönlichkeit Piero Bianconis kennt, ist man versucht, ihn gewissermassen als Personifikation des echten, guten alten Tessinergeistes zu betrachten, als die Verkörperung dessen, was den so charakteristischen Flecken Erde für viele zu einem Paradies macht. Jedoch ist lange nicht alles vollkommen, denn gerade für den Tessin gilt das uralte Sprichwort: „Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten“ ganz besonders. Aber gerade die Schatten sind es, welche die besonnten Seiten unterstreichen und diese dadurch noch heller, freundlicher und strahlender erscheinen lassen. Was aber berechtigt uns zu dem Ausspruch, Piero Bianconi sei in gewissem Sinne die wahre Verkörperung des echten Tessinerwesens?
Als Antwort auf diese Fragen möchten wir in wenigen Strichen das Leben, wenigstens die wichtigsten Zügen dieses Mannes skizzieren, der nicht nur viele Jahre an der „Magistrale“, am Tessiner Lehrerseminar, gewirkt und vielen seiner Schüler ganz Wesentliches vermittelt hat, sondern sich daneben noch durch ein literarisches Schaffen einen Namen gemacht hat. Piero Bianconis Elternhaus steht in Minusio, unweit der lärmigen Hauptstrasse, welche immer mehr zur eigentlichen Schlagader des wirtschaftlichen Aufschwungs des ehemals so ländlichen Kantons geworden ist. Das Haus aber und seine nähere Umgebung haben jene Ruhe, jenen Atem des Friedens und eine liebenswerte Verträumtheit bewahrt. Das Tessin von gestern und das von heute geben sich in der typischen Pergola, welche von der Hauptstrasse zum Hauseingang führt, gleichsam die Hand, als Symbol dafür, dass das Heute ohne das Gestern gar nicht möglich gewesen wäre! Ein sauber gepflegter Garten mit blühenden Sträuchern in wohldurchdachter Ordnung und Harmonie angelegt, widerspiegelt die Wesensart seines Besitzers; jedes Ding an seinem Ort, aber nicht in sturer Kleinlichkeit, sondern in der sinnvollen Ordnung, die zur Freiheit führt. Alles ist natürlich, kaum dass man die leibend pflegende Hand dahinter erkennt, alles ist sauber und strahlt eine einladende Ruhe und Sinn für das Schöne, erhabene und Gediegene aus. Kein protziger Prunk, kein unschöner Misston stört die Harmonie des Anwesens, welches den Rahmen zu Piero Bianconis Persönlichkeit bildet.
Sein umfassendes Wissen hat siech Piero Bianconi unermüdlich mit viel Geschick und Ausdauer erarbeitet. „Ich habe in meinen jungen Jahren leider viel Zeit verloren“, sagt er mit einem Unterton des Bedauerns, während sein Blick über die Büchergestelle in seinem Arbeitszimmer und über seinen Schreibtisch, an welchem er so viel gearbeitet hat, hinweg glitt. Aber nicht wenige der Bücher auf den Gestellen tragen seinen Namen und beweisen, dass er es in späteren Jahren verstanden hat, seine „verlorene Zeit“ wieder aufzuholen. Sein beruflicher Weg führte ihn anfänglich in ein Büro, wo er mit der ihm eigenen Treue und Exaktheit seine Pflicht erfüllte, seine Arbeit tat, die seinen regen Geist jedoch nicht zu befriedigen vermochte. Er strebte nach mehr, nach einer Arbeit, in der alle seine vielfältigen Interessen und Fähigkeiten genutzt werden konnten. Mit zähem Fleiss bereitete er sich in seiner eher karg bemessenen Freizeit auf das Primarlehrerdiplom vor. – Kaum hatte er die recht schwierigen Prüfungen mit Erfolg bestanden, trieb es ihn weiter vorwärts, immer höhere Zielen zu. An der Universität Fribourg erwarb er sich die „Laurea“ in „Lettere italiane“, hielt sich zeitweise in Rom auf, wo er sein während den Studien erworbenes Wissen vertiefen und erweitern konnte. Mit der „verlorenen“ Zeit in Büros war es für ihn endgültig vorbei, als er als Professor ans Seminar berufen wurde, anfänglich für Französisch, dann für Italienisch und schliesslich auch für Kunstgeschichte. Aber seinem vielseitigen sprühenden Geist genügte das noch nicht, sondern neben seiner anstrengenden Lehrtätigkeit, der er viele Jahre hindurch oblag und durch die er seinem Heimatkanton als äusserst geschätzter Erzieher diente, schrieb er. Es seien hier nur seine Bücher „Ritagli“ und „Kreuz und Kornleiter“ und „Il cavallo Leopoldo“ angeführt. Alle seine Arbeiten sind von unvergleichlicher stilistischer Eleganz. Auch hat er mehrere Monographien zur Tessiner Kunstgeschichte veröffentlicht, die an Genauigkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Er wurde zu Anfang des zweiten Weltkrieges von der Kantonsregierung beauftragt, ein Verzeichnis der in den drei Haupttälern des Tessins, der Leventina, des Maggiatals und des Centovalli, vorhandenen Kunstschätze aufzustellen. Diese enorme und bestimmte sehr mühsame Aufgabe, führte Piero Bianconi in die entlegendsten Dörfer und in kaum bekannte Winkel, brachte ihn in Kontakt mit der Bevölkerung, führte ihn in Kirchen und Kapellen, in alte Patrizierhäuser und offenbarte ihm in alten Schriftstücken, einfache Gemälden, den ungeheuren Reichtum einer Kultur, die ganz aus dem Wesen des Tessiners heraus entstanden ist. Wohl konnte er da und dort fremde Einflüsse feststellen, denn mancher Tessiner war früher gezwungen, seine Heimat zu verlassen, um in fremden grossen Städten sein Brot zu verdienen. Einige machten im Ausland ihr Glück und kehrten nach vielen Jahren als wohlhabende Leute zurück. Oft verwendeten diese Heimkehrer einen Teil ihres in der Fremde erworbenen Vermögens dafür, ihr Heimatdorf zu schmücken und zu verschönern! Nicht nur behäbige Patrizierhäuser mit stolzen Familienwappen über dem Eingang zeugen davon, sondern vor allem die zum Teil durch namhafte Künstler mit Fresken, Stukkaturen und Statuen geschmückten Kirchen und Kapellen. Was irgendwie zu erfassen war, wurde von Piero Bianconi gewissenhaft aufgezeichnet, aber nicht nur als totes Archivmaterial eingereiht, sondern ans Licht gezogen, bekannt gemacht und studiert. Aber seine Dichterseele gab sich noch nicht zufrieden damit. Seine Publikationen erweckten all diese Dinge zu neuem Leben, schufen den Zusammenhang zwischen Geschichte und Gegenwart, und wiesen auf Künstler und Leute hin die ohne seine Arbeiten der Vergessenheit anheim gefallen wären.
Wie oft begegnete man Piero Bianconi in den Jahren seiner Lehrtätigkeit in einer alten Kirche, vor einem Fresko oder einer markanten Hausfront, umgeben von einer Schar Schüler, die seinen Worten lauschten und manch einer unter ihnen wurde ergriffen von der aufrichtigen Bewunderung und der Ehrfurcht vor den Kunstwerken der Malerei und Architektur, die in all seinen Erklärungen mitschwang. Piero Bianconi war nie ein nur wissenschaftlich dozierender Professor, sondern ein Mann, der ungeheuer viel weiss und zwar nicht nur aus Büchern, sondern aus eigenem Erleben, aus direktem Kontakt mit Land und Leuten, durch Teilnahme an deren Sorgen und Nöten. Aber auch mit den Freuden und dem reichen Brauchtum der Tessiner ist er vertraut, das von so vielen Dichtern besungen, Malern gemalt und sogar von Musikern vertont worden ist. All diesen Leuten hat Piero Bianconi jedoch etwas ganz Wesentliches voraus: Er kennt dieses Land und dieses Volk, seine Kunst und sein Leben nicht nur vom „Hörensagen“ oder von einigen schönen Ferientagen her, sondern er selbst ist ein Stück dieses Landes, dieses Volkes und in seinen Adern fliesst Tessinerblut. In allen seinen Arbeiten hat er nicht nur „festgestellt und notiert“, sonder „erlebt“, nachgefühlt und zu neuem Leben erweckt“. Piero Bianconi ist kein langweiliger Eigenbrödler, der weltfremd in verstaubten Aktenbündeln wühlt. Eigenes Erleben, persönliche Kontakt und vor allem die Liebe zur Sache, zu seiner Aufgabe dienen ihm noch heute als Kompass für sein Schaffen. Sein treues Fahrrad, welches ihm auf seinen Streifzügen durch seinen Heimatkanton und manches Jahr hindurch von Minusio zur Schule und wieder nach Hause getragen hat, wüsste sicher gar manches noch über seinen Herrn auszusagen, wenn es sprechen könnte. Unzählige Kilometer hat Piero Bianconi auf ihm zurückgelegt. Dass sich Professor Bianconi der neuen Zeit nicht verschlisst, zeigt auch die Tatsache, dass er, als sein treues Fahrrad nicht mehr mochte und der Rost an seinem Gestänge zu nagen begann, sich ein moderneres Vehikel angeschafft hat, ein Velosolex!
Gut beraten waren die Herren des Tessiner Erziehungsdepartements, als sie den ehemaligen Kunstgeschichtprofessor Piero Bianconi zum Autor des Jubiläumsbuches, welches sie zur Ehre des grossen Tessiner Architekten Francesco Borromini herausgeben wollten, erkoren. Mit diesem hervorragenden Werk hat sich der nun im verdienten Ruhestand lebende, vielseitige und feinfühlende grosse Tessiner ein weiteres bedeutendes Denkmal errichtet. Kein anderer hätte das Lebenswerk des grossen Tessinerarchitekten besser würdigen können, als Piero Bianconi, der es wie kaum einer versteht, die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen."