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(Kolumne im «Tages-Anzeiger», 20.11.2012)
Es war im Spätherbst 2005: In den trostlosen, überwiegend von Immigranten bewohnten Pariser Banlieues flogen die Molotowcocktails, und die Nächte waren von brennenden Autos erhellt, als sich Markus Somm bei mir meldete. Der damalige Inlandchef der «Weltwoche» (und heutige Chefredaktor der «Basler Zeitung») wollte Zahlen. Zahlen, die belegen, dass es auch bei uns Ansätze für solch fatale Kreisläufe gibt: Ausländerquartiere, die sich zu Ausländerghettos entwickeln, weil sich die schweizerische Bevölkerung nicht mehr zu Hause fühlt und wegzieht aus Sorge, die eigenen Kinder würden in der Schule benachteiligt und im öffentlichen Raum schikaniert.
Ohne es explizit zu erwähnen, bezog sich Somm auf das Segregationsmodell des amerikanischen Wirtschaftsnobelpreisträgers Thomas Schelling. Dieses besagt, dass eine Kettenreaktion in Gang gesetzt wird, wenn der Anteil ethnischer Minderheiten oder Immigranten in einer Nachbarschaft einen gewissen Punkt überschreitet. Wer schon einmal mit der Hochbahn quer durch Chicago oder mit der U-Bahn durch New York gefahren ist, kennt das Phänomen: Fast von einer Station zur nächsten wechselt die Hautfarbe der Mitreisenden, von Weiss nach Schwarz und wieder zurück.
Von wegen Ghettos
Wie es bei uns in Bezug auf Ghettobildung aussieht, konnte ich damals mangels Datenmaterial nicht beantworten. Mit etwas Verspätung kann ich heute die Antwort auf Somms Frage nachliefern. Corinna Heye und ich haben im Auftrag der Zürcher Volkswirtschaftsdirektion die Daten der neuen Strukturerhebung ausgewertet* - mit überraschendem Ergebnis. Statt weiter zuzunehmen, ist der Ausländeranteil in den typischen «Ausländerbrennpunkten» fast durchs Band gesunken. Konkret haben wir den Kanton in hundert Meter mal hundert Meter grosse Zellen geteilt und untersucht, wie sich jene Zellen entwickelt haben, in denen im Jahr 2000 mehrheitlich ausländische Personen wohnten.
Fazit: In mehr als 80 Prozent dieser Zellen ist der Ausländeranteil gesunken. Eine Tendenz zur besseren räumlichen Durchmischung zeigt sich notabene auch dann, wenn die Einbürgerungen mitberücksichtigt werden. Thilo Sarrazins Albtraum einer Migrationsbevölkerung, die sich in eine Parallelgesellschaft verabschiedet, hat zumindest mit der hiesigen Realität nichts zu tun. Das gilt auch für die USA, das Mutterland der ethnischen Trennung. Neue Studien zeigen, dass auch dort die Entwicklung nicht Schellings Modell folgt. Der Grund ist hier wie dort derselbe. Wichtiger als die ethnische Zusammensetzung der Nachbarschaft ist die Standortqualität. So sind im Kanton Zürich die Ausländerzahlen etwa entlang der Verkehrsachsen im Limmattal sehr hoch oder in jenem Teil Opfikons, der in der sogenannten Alarmwertzone des Flughafens liegt. Dort also, wo Flugzeuge derart laut über die Dächer donnern, dass sich jeder Südschneiser zu Hause an der Goldküste wie im Paradies vorkommen müsste.
Was die Seefeldisierung bringt
So weit, so gut. Doch was hat zur Trendwende geführt? Es ist die Wiederentdeckung des urbanen Wohnens, die bewirkt, dass ehemals wenig begehrte Wohnlagen vermehrt nachgefragt werden. Häufig beklagt wird die damit verbundene Verdrängung und «Seefeldisierung». Nicht ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist dagegen die Tatsache, dass diese Trends insgesamt eine bessere soziale und ethnische Durchmischung mit sich bringen. Entgegen der verbreiteten Furcht ist ein Massenexodus von Schweizer Familien aus den Städten ausgeblieben - ihr Anteil ist stabil. Dafür verteilt sich die ausländische Bevölkerung breiter im ganzen Kanton.
New Yorks Stadtteil Harlem war einst der Inbegriff eines Schwarzenviertels und Symbol der ethnischen Segregation à l’américaine. In den letzten Jahren haben jedoch immer mehr Weisse das Viertel im Norden Manhattans entdeckt. Sie lassen sich nicht von der noch immer überwiegend schwarzen Bevölkerung beirren, was zeigt: Auch Nobelpreisträger mit ihren Modellen können manchmal irren.