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Bau des Monats 04/2023 Römerstrasse
Für die Umnutzung ehemaliger Industriegebäude in Baden werten Michael Meier und Marius Hug Architekten vier Pavillons durch volumetrische Anpassungen und die Öffnung der Stirnseiten auf. Die neue Fassade referenziert die Bauten des benachbarten ABB-Areals.
Welches Ziel bezweckte das Bauvorhaben?
Das Ensemble aus dem Jahr 1959 im ehemaligen Industrieareal war sanierungsbedürftig, und der vormalige Besitzer ABB hatte schon lange keinen Eigenbedarf mehr und auch kein weiterführendes Interesse an der Vermietung. Daher wurde die Anlage an die SGI verkauft und im Rahmen einer Verdichtung und Aufwertung als Renditeobjekt mit Eigentumswohnungen entwickelt.
War ein Abbruch jemals ein Thema? Wenn ja, weshalb wurde er verworfen?
Gemäss den Überlegungen der Bauherrschaft war im Gesamtleistungswettbewerb auch das Szenario Abbruch enthalten und wurde als Variante entsprechend berücksichtigt. Im Rahmen der Jurierung wurde dieser Ansatz aufgrund der baurechtlichen Situation, welche den Neubau in Gewässerschutzzonen und im Waldabstand grundsätzlich verbietet, verworfen.
Gibt es Qualitäten im Bestand, inkl. Aussenraum, die das Projekt beeinflusst haben?
Die horizontale Gliederung der Fassade, mit geschlossenen Brüstungsbändern und filigranen Fensterbändern, spiegelt die dahinterliegende Struktur der massiven Brüstungen mit dem engen Raster der Fassadenstützen wider. Die frei spannenden Rippendecken ermöglichen die flexible und offene Grundrissgestaltung und situative Unterscheidung fünf spezifischer Wohnungstypologien. Eine durchgehende lichte Raumhöhe von etwa drei Metern und der dadurch erhöhte Lichteinfall relativieren die mangelnde Belichtung aufgrund kleiner Gebäudeabstände.
Die Gestaltung des Aussenraumes basiert auf der reizvollen Gegenüberstellung von Stadtraum, Gartenlandschaft und Naturlandschaft des Limmat-Raumes.
Wie gross war die Eingriffstiefe? Welche Bauteile wurden wie instandgesetzt, ertüchtigt oder ersetzt?
Die Grundfigur der Pavillons mit ihrer pragmatischen Reihung wurde beibehalten. Die Gebäude wurden bis auf den Rohbau zurückgebaut, ebenso die kleine, hangseitig offene Parking-Passage im Untergeschoss, welche nicht normkonform erweitert werden konnte. An deren Stelle wurde eine normkonforme, grössere Einstellhalle erstellt, die das Sockelgeschoss mit Öffnungen zum bewaldeten Limmattal architektonisch neu interpretiert. Die bestehenden Treppenhäuser zur südlich gelegenen Strasse wurden abgebrochen und durch einen neuen Kopfbau mit vorgelagerter Balkonschicht ersetzt. Entlang der Hangkante zur Limmat wurden die Gebäudevolumen um ein Attikageschoss aufgestockt.
In den Gebäuden wurden neue Treppenkerne und ein komplett neues Tragwerk erstellt. Dieses verbindet sich mit dem bestehenden Betonrohbau, der bei den Geschossdecken als verlorene Schalung diente und nunmehr als sinnliche Oberfläche die Atmosphäre der Innenräume prägt. Im Rahmen der Altlastsanierung wurde auf dem gesamten Areal das Bodenmaterial ausgehoben, teils bis unter die bestehende Fundation. Im Bauprozess musste das Tragwerk mehrfach «umgebaut» werden.
Worin bestand die grösste Herausforderung?
Grundsätzlich hat die Überführung der rohen Struktur in ein architektonisch hochstehendes Projekt, welches heutigen Standards und Anforderungen gerecht werden kann und die einzigartigen Standortqualitäten miteinbezieht, alle Planer stark gefordert. Ein wesentlicher Aspekt davon waren die umfangreichen Massnahmen zur Qualifizierung und zum Erhalt des Bestands. Beispielsweise stellte die räumliche Überlagerung der neuen Wohnungsgrundrisse mit der bestehenden Rippendecke hinsichtlich Geometrie und Anschlussdetails technisch eine grosse Herausforderung dar. Darüber hinaus ist der obere Wandabschluss als Verjüngung ausgebildet, welche die Wände und die geschosshohen Türen als umlaufendes «Fries» nobilitiert und den Übergang zur Rippendecke aufwertet.
Welche Erkenntnisse haben Sie bei der Arbeit an diesem Projekt gewonnen?
Für die Stadtentwicklung von Baden stellt die Umnutzung, Aufwertung und Verdichtung des ehemaligen Industrieareals die langfristige Nutzung der städtischen Landreserven sicher. Zudem sind Umbauten aus architektonischer Sicht eine reizvolle Bauaufgabe. Die erhebliche Eingriffstiefe in Boden und Bestand führte hier jedoch ― ähnlich einem Neubauprojekt ― zu deutlich grösserem Materialeinsatz sowie erheblichem Schneide-, Schalungs- und Regieaufwand, um das komplette Tragwerk gleich einer Orthoprothese in den Bestand einzupassen und in den Baugrund abzustützen. Dies alles drückt die Nachhaltigkeitsbilanz, sodass ein Fazit zur Nachhaltigkeit möglicherweise gegen den Umbau sprechen würde.
Welche Vorarbeiten wurden geleistet, bevor das Vorprojekt beauftragt wurde?
Auf der Basis eines Gesamtleistungswettbewerbs wurden in mehreren Überarbeitungsschritten unterschiedliche Umbaustrategien der Pavillons an der Römerstrasse geprüft. Dabei kristallisierten sich zwei mögliche Umbauszenarien heraus, Umnutzung und Anbau, welche in einer Zwischenstufe detailliert ausgearbeitet wurden. Die Variante Anbau mit gezieltem Auffüllen der Zwischenräume zwischen den Pavillons hätte das Erscheinungsbild der bestehenden Gewerbebauten stark beeinflusst. In den weiteren Zwischenbesprechungen wurde letztlich die Variante Umnutzung als die städtebaulich adäquate Haltung eingeschätzt und weiterverfolgt.
Gab es Vorbilder/Referenzobjekte, an denen Sie sich orientiert haben?
Uns haben die Industriebauten des benachbarten ABB-Areals Baden inspiriert. Wir haben den architektonischen Ausdruck und die Materialisierung der neuen Fassade als Referenz an diese für Baden wichtige Zeit entwickelt.
Was würden Sie oder die Bauherrschaft rückblickend anders machen/angehen?
In Anbetracht der grossen Komplexität der Bauaufgabe stellte für uns Architekten die zusätzliche Berücksichtigung von teils weitreichenden Käuferwünschen eine mitunter unverhältnismässige Belastung dar. Auf dem Weg zu einem für alle Beteiligten möglichst guten Endergebnis hätten wir uns manchmal seitens Bauherrschaft und Generalplanung ein entsprechendes Problembewusstsein und eine moderatere Erwartungshaltung betreffend Flexibilität in der Planung und bautechnischen Möglichkeiten gewünscht, ebenso eine grössere Sensibilität hinsichtlich Ausweitung des Planungsrisikos bzw. der Planerhaftung.
Kennwerte der Römerstrasse
|Mengen, nach SIA 416||vorher||nachher|
|Gebäudevolumen (GV), m³||ca. 34'400||62'872|
|Geschossfläche (GF), m²||ca. 10'750||16'541|
|Hauptnutzfläche (HNF), m²||ca. 8'875||8'855|
|Funktionale Einheiten (FE), Stk.||― (Büronutzung)||78|
|BKP 1 Vorbereitungsarbeiten||57'100|
|BKP 2 Gebäude||39'839'800|
|BKP 4 Umgebung||1'474'400|
|BKP 5 Baunebenkosten||1'352'000|
|BKP 9 Ausstattung||7'696'700|
|BKP 1-9, CHF||50'420'000|
|BKP 2, CHF/m³ GV||630|
|BKP 2, CHF/m² HNF||4'500|
|BKP 2, CHF/Stk. FE||510'770|
|BKP 1-9, CHF/m³ GV||800|
|BKP 1-9, CHF/m² HNF||5'690|
|BKP 1-9, CHF/Stk. FE||646'410|
|Energiebezugsfläche EBF, m²||k.A.||12'295|
|Heizwärmebedarf Qh, kWh/m²a||31|
|Grenzwert Qh,li für Umbauten, kWh/m²a||35|
|Heizwärmebedarf Qh, in % des Grenzwertes||88|
|Elektrizität, kWh/m²a||7|
|Gesamtenergiebedarf (Heizwärmebedarf + Elektrizität), kWh/m²a||38|
|Energieerzeugung||Fernwärme||Fernwärme|
|Lüftungskonzept: |
Keller: Adsorptionsentfeuchter im Umluftbetrieb.
Einstellhalle: Abluft über CO/NO, Nachströmung durch offene Fassade.
|Luftschallschutz Decke Di, dB |
(mind. ≥ 52.0 dB nach SIA 181)
|k.A.||55|
|Trittschallpegel Boden L', dB |
(max. ≤ 55.0 dB Umbau gemäss SIA 181)
|52|
|In welchem Umfang sind Bauteile ertüchtigt worden?|
|Musste eine massgebliche Reduktion beantragt werden?||Nein.|
|Erfüllungfaktor αeff nach SIA 269/8 oder gem. Merkblatt SIA 2018||k.A.||s. Anmerkung*|
|Nachhaltigkeitslabel||Minergie|
|Wohnungszugänglichkeit gem. BEHIG?||100% der Whg.|
|Wohnungen vollständig behindertengerecht anpassbar?||100% der Whg.|
Eckdaten
|Bauwerkname||Umnutzung Römerstrasse Baden|
|Ort||Römerstrasse 36a–h|
5400 Baden
|Auftragsart||Wettbewerb|
|Jahr der Fertigstellung||2023|
|Baujahr Bestand||1959 (Architektur: unbekannt)|
|Bauweise||Tragwerk in Massivbauweise, Decken, Stützen, Treppenkerne und tragende bzw. aussteifende Wände in Stahlbeton, Schachtrückwände in Mauerwerk, restliche Wände in Trockenbauweise als doppelt beplankte Metallständerwände|
|Bauherrschaft||SGI Schweizerische Gesellschaft für Immobilien AG, Zürich|
|Architektur||Michael Meier und Marius Hug Architekten, Zürich|
Marius Hug, Michael Meier
Viola Richard (Projektleitung Vorprojekt), Caroline Bock (Projektleitung Bauprojekt bis Fertigstellung),
Pavo Andelic, Remo Baumgartner, Kirstine Bojsen, Kirsten Eisenhuth, Darragh Farrell, Carlos Garcia, Monika Godlewska, Corina Haertsch, Archibald Hänny, Stephanie Klein, Simon Knaus, Matthias Marbes, Michael Meyer, Laura Micheli, Jamila Scotoni, Shi Shengyu, Jürg-Andreas Riedl, Valentina Valera, Marine Wyssbrod
|Bauleitung||befair partners AG, Zürich|
|Fachplaner||Müller Illien Landschaftsarchitekten GmbH, Zürich|
Construktur AG, Baden AG (Bauingenieur)
Concept-G AG, Winterthur (HLK- und Sanitär-Planung)
HKG Engineering AG, Baden AG (Elektro-Planung)
|Spezialisten||Durable Planung und Beratung GmbH, Zürich (Bauphysik)|
Proteq GmbH, Schaffhausen (Brandschutz)