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Auch Karl Giehlow, der sich in der erwähnten Untersuchung insbesondere mit dem Dürer-Stich im Zusammenhang mit der Lehre der vier Temperamente, also des Sanguinikers, des Phlegmatikers, des Cholerikers und eben des des Melancholikers, beschäftigt, gesteht allerdings ein:
Sicher trifft es zu, daß der Eindruck eines Kunstwerkes nicht von der Kenntnis des gegenständlichen Inhaltes abhängt. Aber wie vertieft sich das Verständnis für seinen Schöpfer, wenn es gelungen ist, die ihn bewegenden Gedanken aufzuspüren, sowohl die Hindernisse kennen zu lernen, die sich seiner Künstlerphantasie entgegenstellten, als die Kräfte, welche sie wieder zu beflügeln vermochten! [1]
Sowohl was die Kenntnis überlieferter mythologischer und allegorischer Traditionenn betrifft als überhaupt auch das Motiv an und für sich und damit die „Erklärung“ des Kunstwerks, wird Fidus die Position von Valentin Scherer von der „allgemeinverständlichen Sprache, die ein Kunstwerk stets reden soll“ bevorzugt haben.
Im Vortrag Theosopohie und Kunst, den er während der Arbeit an den Illustrationen für die Günther Wagner in Zürich geschrieben oder zumindest fertiggestellt hat, erklärt er, dass „reine Kunst“ in erster Linie „natürliche, d. h. ohne begriffliche Hintergedanken zu verstehende Bilder“ verwenden würde, denn „sie will ja nicht zum Grübeln aufstacheln, sondern eher eine Klarheit geben über das im Leben scheinbar chaotische, wie ja auch eine schematische Zeichnung das Getriebe einer complizierten Maschine leichter erklärt als der Anblick der Maschine selbst oder auch eine blosse Wortschilderung derselben.“ [2]
Und Fidus präzisiert:
Wenn bei solcher Kunst Sinnbilder sich an das Begriffsvermögen wenden, so sind sie nicht lediglich traditionell, sondern lebendig (wenn auch vielleicht uralt), also einfach und direkt verständlich, nicht erst auf dem Umwege irgendwelcher Gelehrtheit. Jedermann weiss, was die einfachen Gegenstände des irdischen Lebens bedeuten, und welche Beziehungen sie zum Seelenleben haben; was z. B. ein ergriffenes oder fortgeschleudertes Schwert, ein zitternd nackter Körper in Winterkälte, ein Wanderstab neben einem Ruhenden und dergl. andeuten sollen, nämlich Kampf- und Friedens-Bereitschaft, Frost leiden, Wanderschaft etc. Was sollen erst abgedroschene mythologische Traditionen dabei, wie z. B. so eine erlogene „Göttin“ des Winters, die trotz ihrer koketten Entblössungen nicht friert, eine Hirte, der mit seinem Stab nicht wirkliche Schafe hütet, eine amazonische Dirne mit unmöglichem Hofstaat, die „den Krieg“ darstellt, und nun gar derartige Simulanten und Symbole, losgelöst aus ihrem lebendigen Zusammenhange dekorativ gehäuft!
- Dürers Stich Melencolia I und der maximilianische Humanistenkreis. In: Mitteilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst, Nr. 4, S. 78. [↩]
- Johan van Manen (Ed.): Transactions of the First Annual Congress of the Federation of European Sections of the Theosophical Society. Held in Amsterdam June 19th, 20th and 21st, 1904. Amsterdam 1906. S. 363-367. [↩]