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Man liest von Alan Turing, doch der Name Ada Lovelace ist in Vergessenheit geraten. Man hört von John Presper Eckert und John William Mauchly, doch Grace Hopper wird selten genannt. Die Informatik ist eine männerdominierte Welt. Sie wurde unbewusst, aber teilweise auch sehr bewusst zu einer solchen gemacht – denn noch vor 80 Jahren fanden sich überwiegend Frauen im Beruf des Programmierens. Frauen hatten individuell, aber auch als Gruppe, einen bedeutenden Einfluss auf die historische Entwicklung der Informationstechnik. Viele Frauen haben zur IT-Geschichte und deren Entwicklung beigetragen. Doch die meisten von ihnen sind in Vergessenheit geblieben – überschattet von männlichen Wissenschaftlern.
Männer haben gebaut, Frauen programmiert
Einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung der Informatik leistete die Mathematikerin Ada Lovelace.
Sie gilt als die erste Programmiererin der Welt. Doch die Geschichte der Frauen in der Informatik reicht weiter in die Tiefe.
Während des Zweiten Weltkrieges war Programmieren unter den Frauen besonders beliebt – vor allem in den USA. Viele Männer wurden in den Krieg berufen und Frauen mussten die Arbeit übernehmen. Da die Tür zur Jobwelt für das weibliche Geschlecht in vielen Gebieten noch immer verschlossen war, nahmen sie den Zugang zum Berufsfeld dankbar an. Der enorme Rechenbedarf während des Krieges veranlasste die USA unter anderem zum Bau des ersten elektronischen Universalrechners "Electronic Numerical Integrator and Computer" (ENIAC).
Nach dem Krieg änderte sich erstmal wenig. Damals waren Männer eher in der Hardware-Entwicklung tätig – also in der physischen Produktion. Weibliche Bürokräfte hingegen stemmten die Softwareentwicklung. Die Arbeit galt allerdings als gering angesehen und minderwertig, der soziale und gesellschaftliche Status war tief. Das bedeutete auch: Das Programmieren blieb bis auf Weiteres ein Frauenberuf. Man bezeichnete die Programmiererinnen damals auch als "moderne Sekretärinnen".
Eine bedeutende Entwicklerin dieser Zeit war Grace Murray Hopper, Doktorin der Mathematik und Informatikerin. 1944 programmierte sie den ersten in Amerika gebauten Computer Mark I, war Erfinderin des Compilers und Schöpferin von Cobol. Die afroamerikanische Mathematikerin Katherine Johnson arbeitete als sogenannte human computer unter anderem an den Apollo-Weltraumprogrammen mit.
Katherine Johnson, Mitarbeiterin der NASA, Mathematikerin und Physikerin, im Jahr 1966. Foto: Wikipedia / Lizenz: Gemeinfrei
Nach dem Zweiten Weltkrieg nistete sich der Computer in der Privatwirtschaft ein, was eine rapide wachsende Nachfrage an Fach- und Arbeitskräften zur Folge hatte. Die Arbeitgeber versuchten den Tech-Beruf deswegen den Frauen noch stärker als weiblich zu verkaufen: Das Programmieren sei perfekt für die "weiblichen Attribute und Fähigkeiten", hiess es damals.
In den 60er und 70er-Jahren änderte sich der Status Quo jedoch rasch: Der Beruf wurde "vermännlicht". Der Wandel zu einem stereotypisch männlichen Berufszweig sei ein wesentlicher Entstehungsgrund für das bestehende Geschlechterungleichgewicht, heisst es in einem wissenschaftlichen Paper
zu Frauen in der Tech-Branche. Doch wie konnte das überhaupt passieren?
Softwareentwicklung wurde wichtig und angesehen
Loredana Bevilacqua, Historikerin, Soziologin und Kulturwissenschaftlerin. Foto: Universität Luzern
Es passierte etwas, das für die Frauen fatal war. "Der Status des Berufs änderte sich, das Programmieren wurde ein angesehener und gut bezahlter Beruf", erklärt uns Loredana Bevilacqua in einem Gespräch. Sie ist wissenschaftliche Assistentin am historischen Seminar an der Universität Luzern. Die Historikerin, Soziologin und Kulturwissenschaftlerin schreibt ihre Doktorarbeit zurzeit über die Geschichte der Mikrocomputer in der Schweiz.
Das Augenmerk hätte sich plötzlich verändert: Statt Hardware wurde nun Software wichtiger und der Computer etablierte sich in verschiedenen Tätigkeitsbereichen. Wichtiges Wissen werde in unserer patriarchalen Gesellschaft stets vermännlicht, sagt auch die Professorin und Informatikerin Isabelle Collet in einem Interview mit der 'NZZ'
. Frauen in einem angesehenen Beruf hätten sich nicht mit den gesellschaftlichen Normen vertragen.
"Als die Software-Entwicklung lukrativ wurde, stellten Firmen zunehmend Männer ein, während Frauen ein Aufstieg innerhalb des Berufszweiges oft verwehrt blieb", so Bevilacqua. Mathematische Vorkenntnisse hatte man zu einer Voraussetzung und einer Pflicht für besser bezahlte Programmierjobs gemacht. Vorbildungen, die die "on the job" ausgebildeten Programmiererinnen oft nicht genossen. Die Stereotypen des technikaffinen Mannes festigten sich, das Bildungsungleichgewicht zwischen Mann und Frau wurde stärker.
Frauen werden in der Geschichte strukturell vergessen
Wichtige Entwicklerinnen und Erfinderinnen der Informatik gingen in der Geschichtsschreibung unter. Die Entstehung des ersten Universalcomputers, dem Electronic Numerical Integrator and Computer (ENIAC), war zum grossen Teil Frauen zu verdanken. Sie programmierten, bedienten und warteten den Rechner und waren auch als "Eniac Girls" bekannt – als eigene Individuen hat man sie meistens jedoch nicht anerkannt. Ihre Namen waren Patsy Simmers, Gail Taylor, Milly Beck und Norma Stec. Die Frauen programmierten den Rechner, indem sie temporäre Kabelverbindungen umsteckten. Für jedes Mathematikproblem mussten sie eine Lösung finden und schliesslich die Drähte umstellen.
Patsy Simmers, Mrs. Gail Taylor, Mrs. Milly Beck und Mrs. Norma Stec (v.l.n.r.), die den ENIAC halten. Foto: Wikipedia / Lizenz: Public Domain
Im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft gibt es nur wenige bis gar keine Erinnerung dieser Vorläuferinnen der Informatik. Ein solches Phänomen wird als strukturelles Vergessen bezeichnet, erklärt eine Studie
der Universität Halle.
"Es ist eine vergleichsweise neue Entwicklung, dass Frauen in der Informatik-Historik berücksichtigt werden", sagt Bevilacqua. "Dies wurde grösstenteils durch die feministische Geschichtsschreibung angestossen."
Vorurteile bestimmen unser Verhalten
Heute bewegt sich der Frauenanteil in der Informatik auf einem konstant tiefen Niveau. Im Jahr 2021
lag dieser in der Schweiz bei 16,3%. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern ist das nicht gerade eine hohe Zahl.
Grafik: Ec.europa.eu / Eurostat
Das asymmetrische Geschlechterverhältnis in der Informatik hat ihren Ursprung in den bereits erwähnten Stereotypen, die tief in der Gesellschaft verankert sind. "Unsere Vorstellung von 'Informatik' und 'Frauen' passen oft nicht zusammen. Solche Vorurteile bestimmen unser Verhalten und werden auch an jüngere Generationen weitergegeben", schreibt Software Engineer und Consultant Iris Hunkeler in einer Kolumne
für inside-it.ch. Eine klischeehafte Einteilung der Geschlechter ist in der Gesellschaft noch immer weit verbreitet und beginnt meist schon bei der Geburt: Puppen sind eher für Mädchen, Autos und andere Technik für Jungs. So wird das Bild suggeriert, dass nur Jungs dazu geeignet sind, mit technischen Sachen zu werkeln.
Mädchen haben ausserdem oft grössere Selbstzweifel, wenn es um MINT-Fächer geht. Sie schätzen sich in der Schule schlechter ein als Jungs. "Das Interesse für Naturwissenschaften und Technik-Fächer ist da. Aber etwa der gewisse Wettbewerbsaspekt, der manchmal in Schulen vermittelt wird – zum Beispiel wer schneller rechnen kann – ist für junge Frauen unattraktiv, weshalb sie sich später von den Fächern abwenden", erklärt Historikerin Bevilacqua mit Verweis auf eine Studie
. Viele Mädchen glauben ausserdem, dass ihre Fähigkeiten den Anforderungen der MINT-Berufe nicht gerecht werden oder sie diese als männlich ein.
Ziel soll es laut der Schweizer Stiftung Projuventute
sein, ein gleichberechtigtes Lernumfeld zu schaffen. Nur so können Mädchen und Jungen ihre Kompetenzen, Interessen und Talente gleichermassen entwickeln.
Neben der gesellschaftlichen Sensibilisierungsarbeit gibt es einen weiteren Faktor, der eine wichtige Rolle spielt: die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik. "Wissenschaft und Politik müssen Hand in Hand gehen. Es gibt zahlreiche Studien über Bildung und wie man den Unterricht gestalten könnte, um diese Fächer für junge Mädchen attraktiver zu machen. Es liegt dann an der Politik, an dem anzuknüpfen – das ist eine Grundvoraussetzung", sagt Bevilacqua. Auf Stufe des Schulunterrichts und der Bildung(spolitik) gibt es also Handlungsbedarf.
Individuen oder Gruppen machten mit ihren Entdeckungen und Erfindungen Geschichte. Doch auch die Geschichtsschreibung selbst formt unsere Vorstellung, dokumentiert Veronika Oechtering, Wissenschaftliche Leiterin an der Universität Bremen, in dem Projekt
"Frauen in der Geschichte der Informationstechnik". Wenn beispielsweise wichtige Pionierinnen und einflussreiche Wissenschaftlerinnen bewusst vergessen und verschwiegen werden.
Deswegen spielt es laut Oechtering eine grosse Rolle, "die Vielfalt von Frauen wahrzunehmen, mit ihren Leistungen und in ihren Anteilen auf den verschiedenen Ebenen der technischen Entwicklungen: Sie zur Sprache kommen zu lassen, sie in Schrift, Bild und Ton festzuhalten, sie in Zusammenhänge anderer Entwicklungen zu setzen, über sie nachzudenken – positiv würdigend wie kritisch beurteilend."