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Im ausklingenden 18. Jahrhundert sah man, laut mündlichen Berichten der Enkel des Johann Jakob Lauber, der mit seiner Familie bei Zer Briggu (zur Brücke) wohnte, den Gornergletscher nur wie «eine weisse Ziege» hinter dem Riffelhorn hervorschauen. Dieser Hinweis ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen, denn die frühesten bekannten Bilddarstellungen weisen darauf hin, dass der Gornergletscher gegen Ende des 18. Jahrhunderts ausgedehnter war.
Mit einer Camera lucida unterwegs
Eine erste topografisch genaue Darstellung des Gornergletschers entstand. Die Bleistiftskizze ist gletschergeschichtlich ein äusserst wertvolles Dokument, weil sie die topografischen Verhältnisse und die damalige Ausdehnung des Gornergletschers präzise festhält. Die nahezu fotografische Genauigkeit erreichte John F.W. Herschel (1792–1871), indem er eine sogenannte Camera lucida verwendete. Es handelt sich dabei um eine Vorrichtung mit einem viereckigen Prisma zum Zeichnen von Gegenständen nach der Natur.
Der Basler Kleinkünstler Samuel Birmann (1793–1859) fertigte 1825 ein Aquarell an, das den sogenannten Bodengletscher zeigt und ausserhalb des heutigen Gletschervorfeldes entstanden ist. Birmann zeichnete mit fotografischer Präzision.
Der unerbittliche Vorstoss des Eisriesen hält an
Eine erste eindrückliche Beschreibung des vorstossenden Gornergletschers verdanken wir dem Strassburger Lehrer und Archäologen Christian Moritz Engelhardt, der von der gewaltigen, stark zerklüfteten Eismasse beeindruckt war. Er nimmt auch Bezug auf die zerstörerische Wirkung des in den vorangegangenen Jahren stark angewachsenen Gletschers.
Im selben Jahr weilte auch der spätromantische Landschaftsmaler Johann Rudolf Bühlmann (1812–1890) in Zermatt. Auf einer seiner aquarellierten Zeichnungen hat er ausser dem Gletscher auch die im flachen Talboden stehenden Gebäude des Weilers Zer Briggu miteinbezogen sowie die Holzbrücke, welche die beiden Ufer der Gornera miteinander verbindet. Abgebildet sind unter anderem ein zweistöckiges Wohnhaus sowie eine Stallscheune. Sehr wahrscheinlich handelt es sich beim Wohnhaus um dasjenige des Johann Jakob Lauber, der in der «Familien-Statistik» von Kronig erwähnt ist. Die Gebäude standen innerhalb des Gletschervorfeldes, ungefähr 50 Meter vom Hochstandswall von 1859 entfernt.
Eine Gletscherbeschwörung und das Ende der Alp Im Boden
Der Gornergletscher stiess auch in den 1840er-Jahren unvermindert vor und verbreitete Schrecken unter den Talbewohnern. Um die anhaltende Zerstörung und Bedrohung von Kulturland und Häusern abzuwenden, wurde in jener Zeit von Pater Johann Peter Schulzki eine Gletscherbannung vorgenommen. Der Gletscherbannung war jedoch kein Erfolg beschieden, denn der Gornergletscher dehnte sich Zeitzeugen zufolge in den darauffolgenden Jahren wie nie zuvor aus. Vermutlich verschwand die Alp Im Boden um 1842 endgültig unter den Eismassen. Jedenfalls ist belegt, dass die Alp 1848 nicht mehr existierte.
Das grosse Aufatmen – Der Gornergletscher steht still
Im Jahr 1859 ist der Eisstrom schlussendlich zum Stillstand gekommen. Laut Augenzeugenberichten ging damit die rund 60 Jahre dauernde Vorstossphase des Gornergletschers zu Ende. Der Gletscher stiess innerhalb dieses Zeitraumes um 580 bis 640 Meter vor.
Fakten
- Lage: südöstlich von Zermatt beim Monte Rosa Massiv
- Drittlängster Gletscher der Alpen
- Länge: ca. 12.9 km
- Zu sehen: vom Ausflugsberg Gornergrat
- Empfehlung: Themenweg über den Gornergletscher
Legende:
Schon früh lassen sich Touristen vom Vorstoss der gewaltigen Eismassen faszinieren, währenddem einfache Bergbauern um ihre Existenz kämpfen.
Vermerk:
Text und Abbildungen stammen aus dem Buch «Focus Matterhorn – Zermatter Geschichte und Geschichten», 2015, Rotten Verlags AG