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Das Märchen
Hänsel und Gretel von den Gebrüdern Grimm (1819)¹
Es war einmal ein armer Holzhacker, der mit seiner Frau und seinen zwei Kindern, Hänsel und Gretel, vor einem grossen Wald lebte. Weil die Familie nicht genug zu essen hatte, drängte die Mutter ihren Mann, die Kinder im Wald auszusetzen, sodass sie nicht wieder nach Hause fänden. Zufällig erfuhren die Kinder von dem Plan, woraufhin Hänsel vom Hof Kieselsteine einpackte, mit denen er heimlich den Weg legen wollte. Am nächsten Morgen gaben sich die Geschwister ahnungslos und liessen sich in den Wald führen. Dabei liess Hänsel in regelmässigen Abständen einen Kieselstein fallen. Tief im Wald angekommen, sollten die Kinder Holz sammeln, während sich die Eltern unter dem Vorwand, weiteres Holz zu hacken, entfernten. Stattdessen liessen sie die Kinder allein im Wald zurück.
Die Kinder mussten nun aber bloss den Steinen folgen, um nach Hause zu finden. So standen sie am nächsten Morgen wieder vor ihren Eltern. Nachts hörten die Kinder, wie die Mutter vom Vater verlangte, die Kinder am nächsten Tag noch tiefer in den Wald zu führen. Wieder wollte Hänsel kleine Steine holen – doch in dieser Nacht war die Türe verriegelt. Als sie am nächsten Tag loszogen, erhielten beide Kinder ein Stück Brot, und Hänsel liess nun statt der Steinen Brotkrumen fallen.
Nachdem die Eltern sie wieder zurückgelassen hatten, mussten die Kinder feststellen, dass die Vögel die Brotkrumen weggepickt hatten. Obwohl Hänsel der aufgelösten Gretel versicherte, dass sie den Weg zurück schon finden würden, gelang dies den beiden auch nach langer Suche nicht.
Irgendwann gelangten sie zu einem kleinen Lebkuchenhäuschen, von dem sie – hungrig wie sie waren – assen. Da trat eine kleine, alte Frau aus dem Haus, die die Kinder zu sich einlud und ihnen Essen und ein Schlafzimmer anbot. Hänsel und Gretel fühlten sich wie im Himmel, wussten jedoch nicht, dass die Frau eine böse Hexe war. Am nächsten Morgen sperrte die Hexe Hänsel hinter ein Gitter. Sie zwang Gretel, zu arbeiten und ihren Bruder zu mästen. Um zu prüfen, ob Hänsel schon bereit zum Schlachten sei, befühlte die fast blinde Hexe jeden Tag Hänsels Finger. Um die Hexe zu täuschen, hielt ihr Hänsel immer einen mageren Knochen entgegen. Da Hänsel nicht zunahm, beschloss die ungeduldige Hexe, ihn trotzdem zu schlachten. Sie heizte den Ofen an und befahl Gretel, hineinzukriechen, um nachzusehen, ob der Ofen heiss genug sei. Gretel ahnte, dass die Hexe auch sie darin braten wollte und gab vor, nicht zu wissen, was sie tun solle. Da kroch die Hexe laut schimpfend selbst in den Ofen. Gretel gab ihr einen kräftigen Stoss und schloss die Ofentür. Sie befreite Hänsel und gemeinsam nahmen sie so viele wertvolle Dinge aus dem Häuschen der Hexe mit auf den Weg, wie sie tragen konnten.
Irgendwann kam ihnen der Weg wieder bekannt vor und sie fanden nach Hause. Dort angekommen fiel ihnen der Vater um den Hals, der keine ruhige Minute mehr gehabt hatte, und berichtete, dass die Mutter inzwischen gestorben sei. Dank der mitgebrachten Schätze lebten die drei fortan unbeschwert in dem kleinen Häuschen am Waldrand.
Lügen: Der Zweck heiligt die Mittel?
«Wir wollen Holz holen», begründet die Mutter den Ausflug in den Wald. Dies ist jedoch eine eiskalte Lüge, um die Kinder im Wald auszusetzen. Untersuchen wir das Märchen gezielt auf Lügen, stellen wir fest, dass sich diese wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehen: Jeder der Akteure lügt im Verlauf des Märchens.
Die Mutter lügt, der Vater verschweigt sein Wissen gegenüber den Kindern, Hänsel lügt bzw. täuscht, indem er der Hexe statt seines Fingers ein mageres Knöchlein entgegenstreckt und vielleicht auch, als er Gretel versichert, dass sie den Weg schon finden werden, auch wenn die Vögel das Brot weggepickt haben. Hier stellt sich auch die Frage, ob er womöglich gar sich selbst belügt, um sich zu beruhigen. Die Hexe lügt den Kindern etwas vor, um sie einzufangen und schliesslich lügt auch Gretel, als sie vorgibt, nicht zu wissen, was sie tun solle.
Betrachten wir die Lügen nun im Hinblick auf unsere emotionalen Reaktionen. Vermutlich verurteilen die meisten von uns die Lüge der Mutter sowie der Hexe und möglicherweise auch das Schweigen des Vaters. Dass die Kinder die Hexe belügen, um sich aus ihrer Gefangenschaft zu befreien, finden die meisten von uns wahrscheinlich moralisch vertretbar. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie unterschiedlich wir Lügen bewerten. Der Bewertungsmassstab orientiert sich dabei an dem Motiv für die Lüge. Höflichkeit, eine Notsituation oder persönliche Vorteile sind nur einige der Gründe, warum jemand nicht die Wahrheit spricht. Die Grenzziehung zur Lüge ist dabei nicht immer eindeutig – beispielsweise bei einer Übertreibung oder dem Zurückhalten von Informationen.
Die meisten Menschen lügen immer wieder. Was wir aus unserer persönlichen Alltagserfahrung heraus bestätigen können, wurde auch von Forschern systematisch untersucht. So fand zum Beispiel Turner² heraus, dass nur ca. 38 Prozent der verbalen Aussagen, die Versuchspersonen im sozialen Miteinander tätigten, absolut der Wahrheit entsprachen. Die restlichen Aussagen waren nicht eindeutig gelogen, aber unterlagen irgendeiner Form der Informationskontrolle (zum Beispiel der Zurückhaltung oder Übertreibung).
Und die Moral ...
Warum konnten sich im Zuge der Evolution sowohl beim Menschen als auch bei vielen Tierarten, die Täuschungsmanöver beherrschen, Lüge und Schwindel als eher negativ bewertetes Verhalten etablieren, bei denen immer auch die Gefahr besteht, dass sie auffliegen? Forscher zeigten mithilfe einer Simulation, die auf mathematischen Modellen beruht, dass Lügen als «sozialer Klebstoff» fungieren könnte, um die Gruppe zusammenzuhalten³.
Dabei gehe es jedoch nicht um egoistisch motivierte Intrigen und Lügen – sondern zum Beispiel um kleine Flunkereien, die zum psychischen Wohlbefinden der Belogenen beitragen. Auch wenn es sich hierbei nur um eine Simulation handelte, so ist es doch plausibel, dass wir häufig lügen, um die Harmonie einer Gruppe aufrechtzuerhalten, und dass genau dieses Verhalten den Menschen früher einen evolutionären Vorteil erbrachte. Die Simulation ergab aber auch, dass chronische Lügner schnell ins soziale Abseits geraten.
Hänsel und Gretel wären ohne ihre Notlügen wohl im Wald verhungert oder von der Hexe verspeist worden. Die Geschichte kann uns die Geschichte dazu anregen, uns Gedanken zum Thema Lügen zu machen:
- Dürfen wir lügen, um ein ehrenwertes Ziel zu verfolgen?
- Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, dass wir immer auch mit einer Lüge rechnen müssen?
- Ist Verschweigen auch Lügen?
- Was passiert, wenn wir uns selbst belügen, um uns zum Beispiel eine bestimmte Situation schönzureden?
Es war einmal ...
Quellen:
- ¹Grimm, J., & Grimm, W. (1819). Kinder- und Haus-Märchen, gesammelt durch die Brüder Grimm: Große Ausgabe (Bd. 1, 2. Aufl.). Berlin: G. Reimer.
- ²Turner, R. E., Edgley, C., & Olmstead, G. (1975). Information control in conversations: Honesty is not always the best policy. Kansas Journal of Sociology 11, 69–89.
- ³Barrio, R. A., Govezensky, T., Dunbar, R., Iñiguez, G., & Kaski, K. (2015). Dynamics of deceptive interactions in social networks. Journal of The Royal Society Interface 12, 20150798.
Buchtipp
Dieter Frey (Hrsg.): Psychologie der Märchen. 41 Märchen wissenschaftlich analysiert – und was wir heute aus ihnen lernen können.