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Goethes Briefe aus der Schweiz, 1779
Von Joh. Wolfgang Goethe. Zum Gedächtnis an seinen Tod im März 1832.
Auf der Dôle.
Genf, den 27. Oktober.
Den 26. ward beim Frühstück überlegt, welchen Weg man zurück nehmen wolle. Da wir hörten, dass die Dôle, der höchste Gipfel des Jura, nicht weit von dem obern Ende des Tals liege, da das Wetter sich auf das herrlichste anliess und wir hoffen konnten, was uns gestern noch gefehlt, heute vom Glück alles zu erlangen, so wurde dahin zu gehen beschlossen. Wir packten einem Boten Käse, Butter, Brot und Wein auf und ritten gegen 8 Uhr ab. Unser Weg ging nun durch den obern Teil des Tals in dem Schatten des noir Mont hin. Es war sehr kalt, hatte gereift und gefroren; wir hatten noch eine Stunde im Bernischen zu reiten, wo sich die Chaussee, die man eben zu Ende bringt, abschneiden wird. Durch einen kleinen Fichtenwald rückten wir ins französische Gebiet ein. Hier verändert sich der Schauplatz sehr. Was wir zuerst bemerkten, waren die schlechten Wege. Der Boden ist sehr steinig, überall liegen sehr grosse Haufen zusammengelesen; wieder ist er einesteils sehr morastig und quellig; die Waldungen umher sind sehr ruiniert; den Häusern und Einwohnern sieht man, ich will nicht sagen Mangel, aber doch bald ein sehr enges Bedürfnis an.
Der erste Sprengel heisst le Bois d' Amont, durch den wir in das Kirchspiel les Rousses kamen, wo wir den kleinen Lac des Rousses und les sept Anmerkung: Goethe hat die Schweiz viermal besucht. Die erste Reise führte ihn im Juni 1775 von Frankfurt über Schaffhausen nach Zürich, von Richterswil über die Schindellegi nach Einsiedeln, über den Haken nach Schwyz, über den Rigi nach Vitznau, über den See nach Altdorf und das Reusstal hinan auf den Gotthard, zurück an und über den See nach Küssnacht, Zug und über den Albis nach Zürich, dann durch den Aargau nach Basel.
Die zweite Reise im Oktober und November 1779 brachte ihn von Basel durch den Jura nach Biel, Bern, Thun, Unterseen, Lauterbrunnen, auf den Tschingelgletscher und zurück über Unterseen nach Grindelwald, über die Grosse Scheidegg nach Meiringen, zurück nach Bern mit einem Abstecher nach Langnau, dann nach Lausanne, Vevey, Chillon, wiederum in den Jura auf die Dent de Vaulion, auf die Dôle und hinab nach Nyon, von Genf nach Chamonix, auf Montanvert und Mer de glace, über den Col de Balme nach Martigny, das Rhonetal hinan zum Fuss der Gemmi, das Goms hinauf über die Furka ins Urserental, abermals auf den Gotthard und das Urnerland hinunter, über den See nach Luzern und wiederum nach Zürich, dann über Winterthur, Frauenfeld, Konstanz nach Schaff haus en.
Die dritte Reise lenkte ihn von Italien her Ende Mai 1788 über den Splügen, durch die Viamala nach Chur, Vaduz, Feldkirch. Näheres weiss man nicht.
Die vierte Reise im Herbst 1797 berührte Schaffhausen, Zürich, Stäfa, die Schindellegi, den Haken, Brunnen, den Urnersee, das Reusstal, den Gotthard, Stans, Küssnacht, Zug, Stäfa, Zürich und Schaffhausen.
Diese Briefe sind dem 16. Band von Goethes Werken, Ausgabe letzter Hand 1828, entnommen.E. J.
VIII10 Moncels, sieben kleine, verschieden gestaltete und verbundene Hügel, die mittägige Grenze des Tals, vor uns sahen. Wir kamen bald auf die neue Strasse, die aus dem Pays de Vaud nach Paris führt; wir folgten ihr eine Weile abwärts und waren nunmehr von unserm Tale geschieden.
Der kahle Gipfel der Dôle lag vor uns, wir stiegen ab, unsre Pferde zogen auf der Strasse voraus nach St-Cergue, und wir stiegen die Dôle hinan. Es war gegen Mittag, die Sonne schien heiss, aber es wechselte ein kühler Mittagswind. Wenn wir, auszuruhen, uns umsahen, hatten wir les sept Moncels hinter uns, wir sahen noch einen Teil des Lac des Rousses und um ihn die zerstreuten Häuser des Kirchspiels, der noir Mont deckte uns das übrige ganze Tal, höher sahen wir wieder ungefähr die gestrige Aussicht in die Franche-Comté und näher bei uns, gegen Mittag, die letzten Berge und Täler des Jura. Sorgfältig hüteten wir uns, nicht durch einen Bug der Hügel uns nach der Gegend umzusehen, um derentwillen wir eigentlich heraufstiegen. Ich war in einiger Sorge wegen des Nebels, doch zog ich aus der Gestalt des obern Himmels einige gute Vorbedeutungen.
Wir betraten endlich den obern Gipfel und sahen mit grösstem Vergnügen uns heute gegönnt, was uns gestern versagt war. Das ganze Pays de Vaud und de Gex lag wie eine Flurkarte unter uns, alle Besitzungen mit grünen Zäunen abgeschnitten wie die Beete eines Parterres. Wir waren so hoch, dass die Höhen und Vertiefungen des vordem Landes gar nicht erschienen. Dörfer, Städtchen, Landhäuser, Weinberge, und höher herauf, wo Wald und Alpen angehen, Sennhütten, meistens weiss und hell angestrichen, leuchteten gegen die Sonne.Vom Lemanersee hatte sich der Nebel schon zurückgezogen, wir sahen den nächsten Teil an der diesseitigen Küste deutlich; den sogenannten kleinen See, wo sich der grosse verenget und gegen Genf zugeht, dem wir gegenüber waren, überblickten wir ganz, und gegenüber klärte sich das Land auf, das ihn einschliesst. Vor allem aber behauptete der Anblick über die Eis- und Schneeberge seine Rechte.
Wir setzten uns vor der kühlen Luft in Schutz hinter Felsen, liessen uns von der Sonne bescheinen, das Essen und Trinken schmeckte trefflich. Wir sahen dem Nebel zu, der sich nach und nach verzog, jeder entdeckte etwas oder glaubte, etwas zu entdecken. Wir sahen nach und nach Lausanne mit allen Gartenhäusern umher, Vevey und das Schloss von Chillon ganz deutlich, das Gebirge, das uns den Eingang ins Wallis verdeckte, bis in den See, von da, an der Savoyer Küste, Evian, Ripaille, Thonon, Dörfchen und Häuschen zwischen inne; Genf kam endlich rechts auch aus dem Nebel, aber weiter gegen Mittag, gegen den Mont crédo und Montvauche, wo das Fort l' Ecluse inne liegt, zog er sich gar nicht weg. Wendeten wir uns wieder links, so lag das ganze Land von Lausanne bis Solothurn in leichtem Duft. Die nähern Berge und Höhen, auch alles, was weisse Häuser hatte, konnten wir erkennen; man zeigte uns das Schloss Chanvan blinken, das vom Neuenburgersee links liegt, woraus wir seine Lage mutmassen, ihn aber in dem blauen Duft nicht erkennen konnten.
Es sind keine Worte für die Grosse und Schöne dieses Anblicks, man ist sich im Augenblick selbst kaum bewusst, dass man sieht, man ruft sich nur gern die Namen und alten Gestalten der bekannten Städte und Orte zurück und freut sich in einer taumelnden Erkenntnis, dass das eben die weissen Punkte sind, die man vor sich hat.
Und immer wieder zog die Reihe der glänzenden Eisgebirge das Aug und die Seele an sich. Die Sonne wendete sich mehr gegen Abend und erleuchtete ihre grössern Flächen gegen uns zu. Schon was vom Schnee auf für schwarze Felsrücken, Zähne, Türme und Mauern in vielen Reihen vor ihnen aufsteigen! Wilde, ungeheure, undurchdringliche Vorhöfe bilden! Wenn sie dann erst selbst in der Reinheit und Klarheit in der freien Luft mannigfaltig daliegen; man gibt da gerne jede Prätension ans Unendliche auf, da man nicht einmal mit dem Endlichen im Anschauen und Gedanken fertig werden kann.
Vor uns sahen wir ein fruchtbares bewohntes Land; der Boden, worauf wir stunden, ein hohes, kahles Gebirge, trägt noch Gras, Futter für Tiere, von denen der Mensch Nutzen zieht. Das kann sich der einbildische Herr der Welt noch zueignen; aber jene sind wie eine heilige Reihe von Jungfrauen, die der Geist des Himmels in unzugänglichen Gegenden, vor unsern Augen, für sich allein in ewiger Reinheit aufbewahrt. Wir blieben und reizten einander wechselweise, Städte, Berge und Gegenden, bald mit blossem Auge, bald mit dem Teleskop, zu entdecken, und gingen nicht eher abwärts, als bis die Sonne im Weichen, den Nebel seinen Abendhauch über den See breiten liess.
Wir kamen mit Sonnenuntergang auf die Ruinen des Fort de St-Cergue. Auch näher am Tal, waren unsre Augen nur auf die Eisgebirge gegenüber gerichtet. Die letzten, links im Oberland, schienen in einen leichten Feuerdampf aufzuschmelzen; die nächsten standen noch mit wohl bestimmten roten Seiten gegen uns, nach und nach wurden jene weiss, grün, graulich. Es sah fast ängstlich aus. Wie ein gewaltiger Körper von aussen gegen das Herz zu abstirbt, so erblassten alle langsam gegen den Mont Blanc zu, dessen weiter Busen noch immer rot herüberglänzte und auch zuletzt uns noch einen rötlichen Schein zu behalten schien, wie man den Tod des Geliebten nicht gleich bekennen und den Augenblick, wo der Puls zu schlagen aufhört, nicht abschneiden will. Auch nun gingen wir ungern weg. Die Pferde fanden wir in St-Cergue, und dass nichts fehle, stieg der Mond auf und leuchtete uns nach Nyon, indes unterwegs unsere angespannten Sinnen sich wieder lieblich entfalteten, wieder freundlich wurden, um mit frischer Lust aus den Fenstern des Wirtshauses den breitschimmernden Wiederglanz des Mondes im ganz reinen See geniessen zu können.
Col de Bahne. Martinach im Wallis, den 6. November. Abends.
Glücklich sind wir herübergekommen, und so wäre auch dieses Abenteuer bestanden. Die Freude über unser gutes Schicksal wird mir noch eine halbe Stunde die Feder lebendig erhalten.
Unser Gepäck auf ein Maultier geladen, zogen wir heute früh gegen 9 Uhr von Prieuré aus. Die Wolken wechselten, dass die Gipfel der Berge bald erschienen, bald verschwanden, bald die Sonne streifweise ins Tal dringen konnte, bald die Gegend wieder verdeckt wurde. Wir gingen das Tal hinauf, den Ausguss des Eistals vorbei, ferner den Glacier d' Argentière hin, den höchsten von allen, dessen oberster Gipfel uns aber von Wolken bedeckt war. In der Gegend wurde Rat gehalten, ob wir den Stieg über den Col de Balme unternehmen und den Weg über Vallorcine verlassen wollten. Der Anschein war nicht der vorteilhafteste; doch, da hier nichts zu verlieren und viel zu gewinnen war, traten wir unsern Weg keck gegen die dunkle Nebel- und Wolkenregion an. Als wir gegen den Glacier du tour kamen, rissen sich die Wolken auseinander, und wir sahen auch diesen schönen Gletscher in völligem Lichte. Wir setzten uns nieder, tranken eine Flasche Wein aus und assen etwas Weniges. Wir stiegen nunmehr immer den Quellen der Arve auf rauhen Matten und schlecht berasten Flecken entgegen und kamen dem Nebelkreis immer näher, bis er uns endlich völlig aufnahm. Wir stiegen eine Weile geduldig fort, als es auf einmal, indem wir aufschritten, wieder über unsern Häuptern helle zu werden anfing. Kurze Zeit dauerte es. so traten wir aus den Wolken heraus, sahen sie in ihrer ganzen Last unter uns auf dem Tale liegen, und konnten die Berge, die es rechts und links einschliessen, ausser den Gipfel des Mont Blanc, der mit Wolken bedeckt war, sehen, deuten und mit Namen nennen. Wir sahen einige Gletscher von ihren Höhen bis zu der Wolkentiefe herabsteigen, von andern sahen wir nur die Plätze, indem uns die Eismassen durch die Bergschrunden verdeckt wurden. Über die ganze Wolkenfläche sahen wir, ausserhalb dem mittägigen Ende des Tales, ferne Berge im Sonnenschein. Was soll ich Ihnen die Namen von den Gipfeln, Spitzen, Nadeln, Eis- und Schneemassen vorerzählen, die Ihnen doch kein Bild, weder vom Ganzen noch vom Einzelnen, in die Seele bringen. Merkwürdiger ist 's, wie die Geister der Luft sich unter uns zu streiten schienen. Kaum hatten wir eine Weile gestanden und uns an der grossen Aussicht ergötzt, so schien eine feindselige Gärung in dem Nebel zu entstehen, der auf einmal aufwärts strich und uns aufs neue einzuwickeln drohte. Wir stiegen stärker den Berg hinan, ihm nochmals zu entgehn, allein er überflügelte uns und hüllte uns ein. Wir stiegen immer frisch aufwärts, und bald kam uns ein Gegenwind vom Berge selbst zu Hilfe, der durch den Sattel, der zwei Gipfel verbindet, hereinstrich und den Nebel wieder ins Tal zurücktrieb. Dieser wundersame Streit wiederholte sich öfter, und wir langten endlich glücklich auf dem Col de Balme an. Es war ein seltsamer, eigener Anblick. Der höchste Himmel über den Gipfeln der Berge war überzogen, unter uns sahen wir durch den manchmal zerrissenen Nebel ins ganze Tal Chamonix, und zwischen diesen beiden Wolkenschichten waren die Gipfel der Berge alle sichtbar. Auf der Ostseite waren wir von schroffen Gebirgen eingeschlossen, auf der Abendseite sahen wir in ungeheure Täler, wo doch auf einigen Matten sich menschliche Wohnungen zeigten. Vorwärts lag uns das Wallistal, wo man mit einem Blick, bis Martinach und weiter hinein, mannigfaltig über-einandergeschlungene Berge sehen konnte. Auf allen Seiten von Gebirgen umschlossen, die sich weiter gegen den Horizont immer zu vermehren und aufzutürmen schienen, so standen wir auf der Grenze von Savoyen und Wallis. Einige Konterbandiers kamen mit Mauleseln den Berg herauf und erschraken vor uns, da sie an dem Platz jetzt niemand vermuteten. Sie taten einen Schuss, als ob sie sagen wollten: damit ihr seht, dass sie geladen sind, und einer ging voraus, um uns zu rekognoszieren. Da er unsern Führer erkannte und unsre harmlosen Figuren sah, rückten die andern auch näher, und wir zogen, mit wechselseitigen Glückwünschen, aneinander vorbei. Der Wind ging scharf, und es fing ein wenig an zu schneien. Nunmehr ging es einen sehr rauhen und wilden Stieg abwärts, durch einen alten Fichtenwald, der sich auf Felsplatten von Gneis eingewurzelt hatte.Vom Wind übereinandergerissen, verfaulten hier die Stämme mit ihren Wurzeln, und die zugleich losgebrochenen Felsen lagen schroff durcheinander. Endlich kamen wir ins Tal, wo der Trientfluss aus einem Gletscher entspringt, liessen das Dörfchen Trient ganz nahe rechts liegen und folgten dem Tale durch einen ziemlich unbequemen Weg, bis wir endlich gegen 6 Uhr hier in Martinach auf flachem Wallisboden angekommen sind, wo wir uns zu weitern Unternehmungen ausruhen wollen.
Am Fusse der Gemmi.
Leakerbad, den 9. November.
In einem kleinen bretternen Haus, wo wir von sehr braven Leuten gar freundlich aufgenommen worden, sitzen wir in einer schmalen und niedrigen Stube, und ich will sehen, wieviel von unserer heutigen sehr interessanten Tur durch Worte mitzuteilen ist. Von Seyters stiegen wir heute früh drei Stunden lang einen Berg herauf, nachdem wir vorher grosse Verwüstungen der Bergwasser unterwegs angetroffen hatten. Es reisst ein solcher schnell entstehender Strom auf Stunden weit alles zusammen, überführt mit Steinen und Kies Felder, Wiesen und Gärten, die denn nach und nach kümmerlich, wenn es allenfalls noch möglich ist, von den Leuten wieder hergestellt und nach ein paar Generationen vielleicht wieder verschüttet werden. Wir hatten einen grauen Tag mit abwechselnden Sonnenblicken. Es ist nicht zu beschreiben, wie mannigfaltig auch hier das Wallis wieder wird; mit jedem Augenblick biegt und verändert sich die Landschaft. Es scheint alles sehr nah beisammen zu liegen, und man ist doch durch grosse Schluchten und Berge getrennt. Wir hatten bisher noch meist das offene Wallistal rechts neben uns gehabt, als sich auf einmal ein schöner Anblick ins Gebirg vor uns auftat.
Ich muss, um anschaulicher zu machen, was ich beschreiben will, etwas von der geographischen Lage der Gegend, wo wir uns befinden, sagen. Wir waren nun schon drei Stunden aufwärts in das ungeheure Gebirge gestiegen, das Wallis von Bern trennet. Es ist eben der Stock von Bergen, der in einem fort vom Genfersee bis auf den Gotthard läuft und auf dem sich in dem Berner Gebiet die grossen Eis- und Schneemassen eingenistet haben. Hier sind oben und unten relative Worte des Augenblicks. Ich sage, unter mir auf einer Fläche liegt ein Dorf, und eben diese Fläche liegt vielleicht wieder an einem Abgrund, der viel höher ist als mein Verhältnis zu ihr.
Wir sahen, als wir um eine Ecke herum kamen und bei einem Heiligen-stock ausruhten, unter uns am Ende einer schönen grünen Matte, die an einem ungeheuren Felsschlund herging, das Dorf Inden mit einer weissen Kirche ganz am Hange des Felsens in der Mitte von der Landschaft liegen. Über der Schlucht drüben gingen wieder Matten und Tannenwälder aufwärts, gleich hinter dem Dorfe stieg eine grosse Kluft von Felsen in die Höhe, die Berge von der linken Seite schlössen sich bis zu uns an, die von der rechten setzten auch ihre Rücken weiter fort, so dass das Dörfchen mit seiner weissen Kirche gleichsam wie im Brennpunkt von so viel zusammenlaufenden Felsen und Klüften dastand. Der Weg nach Inden ist in die steile Felswand gehauen, die dieses Amphitheater von der linken Seite, im Hingehen gerechnet, einschliesst. Es ist dieses kein gefährlicher, aber doch sehr fürchterlich aussehender Weg. Er geht auf den Lagen einer schroffen Felswand hinunter, an der rechten Seite mit einer geringen Planke von dem Abgrunde gesondert. Ein Kerl, der mit einem Maulesel neben uns hinabstieg, fasste sein Tier, wenn es an gefährliche Stellen kam, beim Schweife, um ihm einige Hilfe zu geben, wenn es gar zu steil vor sich hinunter in den Felsen hinein musste.
Endlich kamen wir in Inden an, und da unser Bote wohl bekannt war, so fiel es uns leicht, von einer willigen Frau ein gut Glas roten Wein und Brot zu erhalten, da sie eigentlich in dieser Gegend keine Wirtshäuser haben. Nun ging es in die hohe Schlucht hinter Inden hinauf, wo wir denn bald den so schrecklich beschriebenen Gemmiberg vor uns sahen und das Leukerbad an seinem Fuss, zwischen andern hohen, unwegsamen und mit Schnee bedeckten Gebirgen, gleichsam wie in einer hohlen Hand, liegen fanden. Es war gegen 3 Uhr, als wir ankamen; unser Führer schaffte uns bald Quartier. Es ist zwar kein Gasthof hier, aber alle Leute sind so ziemlich wegen der vielen Badegäste, die hierher kommen, eingerichtet. Unsere Wirtin liegt seit gestern in den Wochen, und ihr Mann macht mit einer alten Mutter und der Magd ganz artig die Ehre des Hauses. Wir bestellen etwas zu essen und liessen uns die warmen Quellen zeigen, die an verschiedenen Orten sehr stark aus der Erde hervorkommen und reinlich eingefasst sind. Ausser dem Dorfe, gegen das Gebirg zu, sollen noch einige stärkere sein. Es hat dieses Wasser nicht den mindesten schwefeligen Geruch, setzt, wo es quillt und wo es durchfliesst, nicht den mindesten Ocker noch sonst irgend etwas Mineralisches oder Irdisches an, sondern lässt wie ein anderes reines Wasser keine Spur zurück. Es ist, wenn es aus der Erde kommt, sehr heiss und wegen seiner guten Kräfte berühmt.
Wir hatten noch Zeit zu einem Spaziergang gegen den Fuss der Gemmi, die uns ganz nah zu liegen schien. Ich muss hier wieder bemerken, was schon so oft vorgekommen, dass, wenn man mit Gebirgen umschlossen ist, einem alle Gegenstände so ausserordentlich nahe scheinen. Wir hatten eine starke Stunde über heruntergestürzte Felsstücke und dazwischengeschwemmten Kies hinaufzusteigen, bis wir uns an dem Fuss des ungeheuren Gemmibergs, wo der Weg an steilen Klippen aufwärts geht, befanden. Es ist dies der Übergang ins Berner Gebiet, wo alle Kranken sich müssen in Sänften heruntertragen lassen. Hiesse uns die Jahreszeit nicht eilen, so würde wahrscheinlicherweise morgen ein Versuch gemacht werden, diesen so merkwürdigen Berg zu besteigen: so aber werden wir uns mit der blossen Ansicht für diesmal begnügen müssen. Wie wir zurückgingen, sahen wir dem Gebräude der Wolken zu, das in der jetzigen Jahreszeit in diesen Gegenden äusserst interessant ist.
Über das schöne Wetter haben wir bisher ganz vergessen, dass wir im November leben; es ist auch, wie man uns im Bernischen voraussagte, hier der Herbst sehr gefällig. Die frühen Abende und Schnee verkündende Wolken erinnern uns aber doch manchmal, dass wir tief in der Jahreszeit sind. Das wunderbare Wehen, das sie heute Abend verführten, war ausserordentlich schön. Als wir vom Fuss des Gemmiberges zurückkamen, sahen wir, aus der Schlucht von Inden herauf, leichte Nebelwolken sich mit grosser Schnelligkeit bewegen. Sie wechselten bald rückwärts, bald vorwärts, und kamen endlich aufsteigend dem Leukerbad so nah, dass wir wohl sahen, wir mussten unsere Schritte verdoppeln, um bei hereinbrechender Nacht nicht in Wolken eingewickelt zu werden. Wir kamen auch glücklich zu Hause an, und während ich dieses hinschreibe, legen sich wirklich die Wolken ganz ernstlich in einen kleinen artigen Schnee auseinander. Es ist dieser der erste, den wir haben, und, wenn wir auf unsere gestrige warme Reise von Martinach nach Sitten, auf die noch ziemlich belaubten Rebengelände zurückdenken, eine sehr schnelle Abwechslung. Ich bin in die Türe getreten, ich habe dem Wesen der Wolken eine Weile zugesehen, das über alle Beschreibung schön ist. Eigentlich ist es noch nicht Nacht, aber sie verhüllen abwechselnd den Himmel und machen dunkel. Aus den tiefen Felsschluchten stiegen sie herauf, bis sie an die höchsten Gipfel der Berge reichen; von diesen angezogen, scheinen sie sich zu verdicken und, von der Kälte gepackt, in Gestalt des Schnees niederzufallen.
Es ist eine unaussprechliche Einsamkeit hier oben, in so grosser Höhe doch noch wie in einem Brunnen zu sein, wo man nur vorwärts durch die Abgründe einen Fusspfad hinaus vermutet. Die Wolken, die sich hier in diesem Sacke stossen, die ungeheuren Felsen bald zudecken und in eine undurchdringliche öde Dämmerung verschlingen, bald Teile davon wieder als Gespenster sehen lassen, geben dem Zustand ein trauriges Leben. Man ist voller Ahnung bei diesen Wirkungen der Natur. Die Wolken, eine dem Menschen von Jugend auf so merkwürdige Lufterscheinung, ist man in dem platten Lande doch nur als etwas Fremdes, Überirdisches anzusehen gewohnt. Man betrachtet sie nur als Gäste, als Streichvögel, die, unter einem andern Himmel geboren, von dieser oder jener Gegend bei uns augenblicklich vorbeigezogen kommen; als prächtige Teppiche, womit die Götter ihre Herrlichkeit vor unsern Augen verschliessen. Hier aber ist man von ihnen selbst, wie sie sich erzeugen, eingehüllt, und die ewige innerliche Kraft der Natur fühlt man sich ahnungsvoll durch jede Nerve bewegen.
Über die Furka.
Realp, den 12. November. Abends.
Mit einbrechender Nacht sind wir hier angekommen. Es ist überstanden und der Knoten, der uns den Weg verstrickte, entzweigeschnitten. Ehe ich Ihnen sage, wo wir eingekehrt sind, ehe ich Ihnen das Wesen unsrer Gast- freunde beschreibe, lassen Sie mich mit Vergnügen den Weg in Gedanken zurückmachen, den wir mit Sorgen vor uns liegen sahen und den wir glücklich, doch nicht ohne Beschwerde, zurückgelegt haben. Um 7 Uhr gingen wir von Münster weg und sahen das beschneite Amphitheater der hohen Gebirge vor uns zugeschlossen, hielten den Berg, der hinten quer vorsteht, für die Furka; allein wir irrten uns, wie wir nachmals erfuhren; sie war durch Berge, die uns links lagen, und durch hohe Wolken bedeckt.
Der Morgenwind blies stark und schlug sich mit einigen Schneewolken herum und jagte abwechselnd leichte Gestöber an den Bergen und durch das Tal. Desto stärker trieben aber die Windweben an dem Boden hin und machten uns etlichemal den Weg verfehlen, ob wir gleich, auf beiden Seiten von Bergen eingeschlossen, Oberwald am Ende doch finden mussten. Nach 9 Uhr trafen wir daselbst an und sprachen in einem Wirtshaus ein, wo sich die Leute nicht wenig wunderten, solche Gestalten in dieser Jahreszeit erscheinen zu sehen. Wir fragten, ob der Weg über die Furka noch gangbar wäre? Sie antworteten, dass ihre Leute den grössten Teil des Winters drüber gingen; ob wir aber hinüberkommen würden, das wüssten sie nicht. Wir schickten sogleich nach solchen Führern; es kam ein untersetzter starker Mann, dessen Gestalt ein gutes Zutrauen gab, dem wir unsern Antrag taten: Wenn er den Weg für uns noch praktikabel hielte, so sollte er 's sagen, noch einen oder mehr Kameraden zu sich nehmen und mit uns kommen. Nach einigem Bedenken sagte er zu, ging weg, um sich fertig zu machen und den andern mitzubringen.
Wir zahlten indessen unserm Mauleseltreiber seinen Lohn, den wir mit seinem Tiere nunmehr nicht weiter brauchen konnten, assen ein wenig Käs und Brot, tranken ein Glas roten Wein und waren sehr lustig und wohlgemut, als unser Führer wieder kam und noch einen grösser und stärker aussehenden Mann, der die Stärke und Tapferkeit eines Rosses zu haben schien, hinter sich hatte. Einer hockte den Mantelsack auf den Rücken, und nun ging der Zug zu fünfen zum Dorfe hinaus, da wir denn in kurzer Zeit den Fuss des Berges, der uns links lag, erreichten und allmählich in die Höhe zu steigen anfingen.
Zuerst hatten wir noch einen betretenen Fusspfad, der von einer benachbarten Alpe herunterging, bald aber verlor sich dieser, und wir mussten im Schnee den Berg hinaufsteigen. Unsere Führer wanden sich durch die Felsen, um die sich der bekannte Fusspfad schlingt, sehr geschickt herum, ob gleich alles überein zugeschneit war. Noch ging der Weg durch einen Fichtenwald, wir hatten die Rhone in einem engen unfruchtbaren Tal unter uns. Nach einer kleinen Weile mussten wir selbst hinab in dieses Tal, kamen über einen kleinen Steg und sahen nunmehr den Rhonegletscher vor uns. Es ist der ungeheuerste, den wir so ganz übersehen haben. Er nimmt den Sattel eines Berges in sehr grosser Breite ein, steigt ununterbrochen herunter bis da, wo unten im Tal die Rhone aus ihm herausfliesst. An diesem Ausflusse hat er, wie die Leute erzählen, verschiedene Jahre her abgenommen; das will aber gegen die übrige ungeheure Masse gar nichts sagen. Obgleich alles voll Schnee lag, so waren doch die schroffen Eisklippen, wo der Wind so leicht keinen Schnee haften lässt, mit ihren vitriolblauen Spalten sichtbar, und man konnte deutlich sehen, wo der Gletscher aufhört und der beschneite Felsen anhebt. Wir gingen ganz nahe daran hin, er lag uns linker Hand.
Bald kamen wir wieder auf einen leichten Steg über ein kleines Bergwasser, das in einem muldenförmigen unfruchtbaren Tal nach der Rhone zufloss. Vom Gletscher aber rechts und links und vorwärts sieht man nun keinen Baum mehr, alles ist öde und Wüste. Keine schroffen und überstehenden Felsen, nur langgedehnte Täler, sacht geschwungene Berge, die nun gar im alles vergleichenden Schnee die einfachen ununterbrochenen Flächen uns entgegenwiesen.
Wir stiegen nunmehr links den Berg hinan und sanken in tiefen Schnee. Einer von unsern Führern musste voran und brach, indem er herzhaft durchschritt, die Bahn, in der wir folgten. Es war ein seltsamer Anblick, wenn man einen Moment seine Aufmerksamkeit von dem Wege ab und auf sich selbst und die Gesellschaft wendete; in der ödesten Gegend der Welt, und in einer ungeheuren einförmigen schneebedeckten Gebirgswüste, wo man rückwärts und vorwärts auf drei Stunden keine lebendige Seele weiss, wo man auf beiden Seiten die weiten Tiefen verschlungener Gebirge hat, eine Reihe Menschen zu sehen, deren einer in des andern tiefe Fussstapfen tritt, und wo in der ganzen glatt überzogenen Weite nichts in die Augen fällt als die Furche, die man gezogen hat. Die Tiefen, aus denen man herkommt, liegen grau und endlos in Nebel hinter einem. Die Wolken wechseln über die blasse Sonne, breitflockiger Schnee stiebt in der Tiefe und zieht über alles einen ewig beweglichen Flor.
Ich bin überzeugt, dass einer, über den auf diesem Weg seine Einbildungskraft nur einigermassen Herr würde, hier ohne anscheinende Gefahr vor Angst und Furcht vergehen müsste. Eigentlich ist auch hier keine Gefahr des Sturzes, sondern nur die Lawinen, wenn der Schnee stärker wird, als er jetzt ist, und durch seine Last zu rollen anfängt, sind gefährlich. Doch erzählten uns unsere Führer, dass sie den ganzen Winter durch drüber gingen, um Ziegenfelle aus dem Wallis auf den Gotthard zu tragen, womit ein starker Handel getrieben wird. Sie gehen alsdann, um die Lawinen zu vermeiden, nicht da, wo wir gingen, den Berg allmählich hinauf, sondern bleiben eine Weile unten im breitern Tal und steigen alsdann den steilen Berg gerade hinauf. Der Weg ist da sicherer, aber auch viel unbequemer.
Nach viertehalb Stunden Marsch kamen wir auf dem Sattel der Furka an, beim Kreuz, wo sich Wallis und Uri scheiden. Auch hier ward uns der doppelte Gipfel der Furka, woher sie ihren Namen hat, nicht sichtbar. Wir hofften nunmehr einen bequemern Hinabstieg, allein unsere Führer verkündigten uns einen noch tiefern Schnee, den wir auch bald fanden. Unser Zug ging wie vorher hintereinander fort, und der vorderste, der die Bahn brach, sass oft bis über den Gürtel darin. Die Geschicklichkeit der Leute und die Leichtigkeit, womit sie die Sache traktierten, erhielt auch unsern guten Mut; und ich muss sagen, dass ich für meine Person so glücklich gewesen bin, den Weg ohne grosse Mühseligkeit zu überstehen, ob ich gleich damit nicht sagen will, dass es ein Spaziergang sei.
Es kam ein Lämmergeier mit unglaublicher Schnelle über uns hergeflogen; er war das einzige Lebende, was wir in diesen Wüsten antrafen, und in der Ferne sahen wir die Berge des Urserentals im Sonnenschein.
Unsere Führer wollten in einer verlassenen, steinernen und zugeschneiten Hirtenhütte einkehren und etwas essen, allein wir trieben sie fort, um in der Kälte nicht stille zu stehen. Hier schlingen sich wieder andere Täler ein, und endlich hatten wir den offenen Anblick ins Urserental. Wir gingen schärfer und, nach viertehalb Stunden Wegs vom Kreuz an sahen wir die zerstreuten Dächer von Realp. Wir hatten unsere Führer schon verschiedentlich gefragt, was für ein Wirtshaus wir in Realp zu erwarten hätten. Die Hoffnung, die sie uns gaben, war nicht sonderlich, doch versicherten sie, dass die Kapuziner daselbst, die zwar nicht, wie die auf dem Gotthard, ein Hospitium hätten, dennoch manchmal Fremde aufzunehmen pflegten. Wir schickten einen deswegen voraus, dass er die Patres disponieren und uns Quartier machen sollte. Wir säumten nicht, ihm nachzugehen, und kamen bald nach ihm an, da uns denn ein grosser ansehnlicher Pater an der Tür empfing. Er hiess uns mit grosser Freundlichkeit eintreten.