Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03624.jsonl.gz/2051

Visperterminen
Das Hufeisen und die Haarflechte
Visperterminen
Eine halbe Stunde oberhalb des Dorfes Visperterminen steht die Waldkapelle. Unter den vielen Votivtafeln, die an der Wand hängen, fallen dem Besucher ein Hufeisen und eine Haarflechte auf. Von diesem Hufeisen und der Haarflechte handelt die Sage.
In der Nähe des Gebidempasses befindet sich die Alpe Rüspeck. Wo heute nur mehr eine Stallung und eine Sennhütte stehen, soll früher ein grosses Dorf gestanden haben. Die Bewohner des Dorfes Rüspeck mussten ihre Toten bis zur Kirche von Naters tragen. In Rüspeck lebte ein Schmied. Eines Morgens als der Schmied in seiner Werkstatt hämmerte, kam ein Fremder Reiter im vollen Galopp daher gesprengt und hielt bei der Schmiede an. "Meister, beschlage mir schnell das Pferd, ich habe noch einige Geschäfte im Dorf. In einer halben Stunde bin ich wieder da. Es eilt." Da holte sich der Meister vier neue Hufeisen und begann seine Arbeit. Als er die Hufe des Pferdes ergriff, röchelte und wieherte das Pferd in einer ihm bekannten Menschenstimme. "Schlage nicht zu hart, denn du schlägst auf dein eigenes Fleisch und Blut." "Was soll das!", schrie der Schmied erschrocken. "Ach", erwiderte das Pferd, "schnell, beendige deine Arbeit, damit ich eiligst entfliehen kann. Ich bin es, deine Tochter, die du verwünscht hast. Und der mich reitet ist der Teufel, dem du mich übergeben hast. Heute ist der letzte Tag, an dem noch Rettung möglich ist, sonst bin ich für ewig verloren." Der Vater antwortete: "Oh ich unglückseliger Vater, was kann ich für dich tun?" "Meine Rettung ist einzig möglich, wenn ich dem Teufel entlaufen und über neunundneunzig Friedhöfe springen kann." "Gott, rette dich mein Kind", seufzte der Vater, schlug die letzten Nägel ein und löste das Pferd vom Zaun. "Leb wohl mein Vater. Meine Brüder und Schwestern sollen für mich beten." Mit diesen Worten ritt das Pferd von dannen. Als der fremde Reiter zurückkam und sah dass das Pferd nicht mehr dort war, donnerte er den Meister an: "Wo ist mein Pferd?" Der Schmied antwortete: "Es muss hinaus auf die Weide gegangen sein." "Wie, du hast das Pferd losgebunden?" Der Meister erwiderte schlagfertig: "Bin ich denn der Hüter ihres Pferdes? Ich habe es beschlagen und dafür habt ihr zu bezahlen. Das Übrige gibt mich nichts an." Der Teufel grinste höhnisch und sprach: "Du sollst es bereuen, jetzt ist sie mein." Er warf das glühende Geld dem Meister vor die Füsse und suchte unter wildem Fluchen das Weite. "Heilige Jungfrau", bat der unglückliche Vater, "Rette doch mein armes Kind. Ich will den Frevel, den ich an ihm begangen habe wieder gutmachen." Und auch seine Söhne und Töchter fielen auf die Knie und beteten für die arme Schwester.
Beim neunundneunzigsten Friedhof ergriff er im letzten Sprunge den Schweif des Pferdes, nämlich den Haarschopf der Tochter. Voller Zorn warf der Satan die Hufeisen und die ausgerissene Haarflechte auf den Boden. Nach vielen Tagesreisen kam die Tochter mit den Hufeisen und der Haarflechte im Hause des Vaters wieder an. Dieser schmiedete die vier Hufeisen in eines zusammen und hing es neben der Haarflechte aus Dankbarkeit gegenüber der Muttergottes und zur ewigen Erinnerung an diese merkwürdige Begebenheit in der Waldkapelle auf.
Quelle:
- Guntern: Volkserzählungen aus dem Oberwallis ( S.227)
Rahel Vomsattel