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Seit sein Vater abgehauen und die Mutter nach Paris ausgewandert ist, lebt der etwas zurückgebliebene junge Iraner Hassan bei seinem Onkel Kazem in der Provinzhauptstadt Gorgan an der iranisch-turkmenischen Grenze. Hassans Tage bestehen darin, mit seinem Esel und einem Kassettenrecorder den Gleisen entlang durch die Steppe zu ziehen, Dörraprikosen zu kauen und Nummernschilder von schrottreifen Autos zu sammeln.
Obwohl sich Onkel Kazem an der Tatenlosigkeit seines Neffen stört, ist sein eigenes Leben in keiner Weise tatenreicher: Jeden Tag steht er in seinem unrentablen Kleidergeschäft, zieht die Schaufensterpuppe um (eines von zwei weiblichen Wesen im Film) und wartet meist erfolglos auf Kundschaft. Schliesslich verpasst Kazem seinem Neffen gegen dessen Willen einen Job in der nahe gelegenen Hühnerfarm. Dort arbeitet auch der 28-jährige Turkmene Alam, die einzige Figur in diesem Film, die versucht, eine Lebensperspektive zu entwickeln. Sein Plan ist es, die junge Perserin Ana zu heiraten und mit ihr ins aserbeidschanische Baku auszuwandern. Dazu lernt er Englisch – mit Hilfe einer Sprachkassette und mit zweifelhaftem Erfolg.
Und dann ist da noch der türkische Balladensänger Minstrel, dessen Frau mit dem Schafhirten in einem dunkelgrünen Mercedes durchgebrannt ist. Er verbringt seine Tage damit, zusammen mit vier Buben für einen Fotografen aus Teheran zu posieren. Ungeachtet der Realität, inszeniert dieser Bilder für einen folkloristisch verklärten Fotoband über das stolze Reitervolk der Turkmenen.
Friedliche Perspektivlosigkeit
Mit seinem Regiedebüt «Frontier Blues» ist dem jungen iranischen Regisseur Babak Jalali, der seit zwei Jahrzehnten in London lebt, eine lakonisch-ironische Dokumentation des absoluten Stillstands in seiner Geburtsstadt gelungen. Die statisch gefilmten, künstlich anmutenden Sequenzen, die mit viel schwarzem Humor und in ästhetischen Endlosschlaufen den Alltag seiner Protagonisten dokumentieren, lassen an Regisseure wie Aki Kaurismäki und Jim Jarmusch denken.
Hängen geblieben, am Südzipfel des Kaspischen Meeres, im Niemandsland zwischen Küste und endlosen Steppen, zwischen Tradition und Moderne, vegetieren die Männer in Gorgan vor sich hin. Die kleinen Absurditäten ihres Alltages meistern sie mit einem Fatalismus, der so abschreckend wie faszinierend ist – und wohl die logische Konsequenz für Menschen einer Gesellschaft, in welcher die individuelle Selbstbestimmung dem politischen oder religiösen System geopfert wurde.
Und doch ist es diese Perspektivlosigkeit, die das friedliche Zusammenleben im kulturellen Schmelztiegel dieser Grenzregion überhaupt ermöglicht. Denn wo kaum jemand Besitz und Ambitionen hat, fehlt dem Kampf um Materie und Macht der Nährboden. Ein Gespräch zwischen Hassan und Alam bringt es auf den Punkt: «Wie heisst dein Esel?» «Er hat keinen Namen.» «Wieso nicht?» «Weil er ein Esel ist.» «Und wie rufst du ihn dann?» «Esel.»
Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Mai 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion