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Neigen Frauen ab 40 eher zu lesbischen Beziehungen?
Stimmt es, dass Frauen ab 40 eher zu lesbischen Beziehungen neigen? Weil das Bindungshormon geringer wird?
Einmal lesbisch, immer lesbisch: So präsentiert sich das gängige gesellschaftliche Credo. Wer einmal Sex oder eine Beziehung mit einer Frau hatte, muss sich gleich mit einem Coming-out zu einer homosexuellen Identität verpflichten. Dabei belegen viele Studien, dass die sexuelle Orientierung nicht ein für alle Mal festgelegt ist, sondern beträchtliche Fluidität zeigt. So bewegt sich ein nicht unerheblicher Anteil von Menschen im Laufe ihres Lebens auf einem Kontinuum von «homosexuell» bis «heterosexuell» mit Veränderungen in beiden Richtungen, obgleich weit mehr von homosexuell zu heterosexuell wechseln als umgekehrt. Zudem scheint diese Fluidität bei Frauen ausgeprägter zu sein als bei Männern.
Studien, welche konkrete Zahlen zu dieser Stabilität oder Fluidität der sexuellen Orientierung liefern, sind selten und die Resultate inkonsistent. Das hat verschiedene Gründe. Einer davon ist die Frage nach der Definition von Homosexualität und dessen, was man genau erfasst. Dies ist auch einer der Gründe, wieso die Schätzungen zur Häufigkeit in Bezug auf Homosexualität so stark variieren. Geht es um die eigene sexuelle Erfahrung mit Gleichgeschlechtlichen, die schlichte Neigung unabhängig des eigenen Verhaltens – oder um die Selbstidentifikation als «homosexuell»? Geht es um ein repetitives Muster von Interaktionen oder ein einmaliges «Ich habe es mal versucht» oder «Ich habe mich einmal verliebt»? Zur Verdeutlichung: In einer gross angelegten Studie in Grossbritannien gaben 13 Prozent der Briten an, irgendeine Form des gleichgeschlechtlichen sexuellen Kontakts gehabt zu haben, aber nur 6 Prozent definierten sich auch als «homosexuell». Es ist heute gängig, die sexuelle Orientierung als multidimensionales Konzept zu verstehen, in welchem neben dem Verhalten auch kognitive und emotionale Aspekte berücksichtigt werden wie etwa Fantasien, romantische Gefühle, sexuelle Anziehung.
Veränderungen durch neue Lebensumstände
Was unsere sexuelle Orientierung beeinflusst oder was die Gründe für diese Fluidität sind, bleibt nach wie vor relativ unerforscht. Wissenschaftler favorisieren hauptsächlich biologische Theorien wie den Einfluss pränataler Hormone auf die Entwicklung bestimmter Gehirnzentren oder genetische Komponenten, streiten aber auch die Bedeutung anderer psychosozialer Faktoren nicht ab. Interessanterweise glaubt rund ein Drittel der Bevölkerung nach wie vor, dass Homosexualität eine bewusste «Lifestyle-Wahl» darstellt – eine Meinung, welche sich jedoch in der Fachwelt nicht behauptet. Dass es aufgrund hormoneller Wechsel im Laufe des Lebens zur Veränderung der sexuellen Orientierung kommt, ist unwahrscheinlich. Vielmehr geschehen diese Veränderungen oft durch neue Lebensumstände. Nicht selten werden bei mir Frauen vorstellig, welche sich – endlich befreit von den sozialen Ketten – dem hingeben können, was sie schon lange fühlen oder sich gewünscht haben. Aufgrund der Lebensumstände und der sozialen Barrieren war ihnen das zuvor nicht möglich.
Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri beantwortet freitags eine Leserfrage zum Thema Sexualität und Liebe. Diese wird vertraulich behandelt und ohne Namensnennung publiziert. Schreiben Sie uns auf <email-pii>.