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Was wird bei der Hirntod-Diagnostik festgestellt?
Martina Jäggi: Durch eine Verletzung wie eine Hirnblutung oder ein Schädel-Hirn-Trauma dehnt sich das Hirn aus. Der Druck im Hirn wird dadurch zu gross, weil der Platz im Schädel beschränkt ist. Die einzige Öffnung vom Hirn ist gegen unten, Richtung Wirbelsäule. Dort befindet sich der Hirnstamm, der nun mehr und mehr gequetscht wird, wenn sich das Hirn durch die Verletzung weiter ausdehnt. Nach und nach setzen die Hirnstammreflexe aus. Diese werden bei einer Hirntoddiagnostik gemessen. Sind die Hirnstammreflexe ausgefallen, ist der Mensch hirntot.
Wann erleiden Menschen einen Hirntod?
Martina Jäggi: Hirntod werden im Normalfall Menschen, die primär ein Hirnproblem haben. Zum Beispiel nach einem Verkehrsunfall haben sie eine schwere Hirnverletzung, sie haben ein Schädel-Hirn-Trauma, eine Hirnblutung oder einen schweren Schlaganfall. Oder sie wurden nach einem Kreislaufstillstand wiederbelebt, das Herz hat wieder zu schlagen begonnen, aber das Hirn hat einen schweren Sauerstoffmangel erlitten, sodass es stark angeschwollen ist.
Was passiert bei einer Organspende nach Kreislaufstillstand?
Martina Jäggi: Es gibt eine Organspende nach Hirntod («Donation after Brain Death DBD») und eine Organspende nach Kreislaufstillstand («Donation after Cardiocirculatory Death DCD»). Bei beiden gilt, dass Organe erst dann entnommen werden dürfen, wenn zwei unabhängige Fachärzte den Tod festgestellt haben. Die Organspende nach Kreislaufstillstand betrifft einen kleinen Teil unserer Patienten, bei denen die Prognose infaust ist, von denen wir also wissen, dass sie versterben werden – allerdings schlägt ihr Herz noch und auch der Hirntod ist noch nicht eingetreten. Im Operationssaal werden dann die Medikamente gestoppt, die den Kreislauf unterstützen, sodass der Tod eintritt. Innerhalb kurzer Zeit können dann Organe entnommen werden.
Können jedem Menschen, der versterben wird, Organe entnommen werden?
Martina Jäggi: Nein. Es ist schlussendlich ein minimaler Anteil an Menschen, bei denen eine Organentnahme in Frage kommt, nämlich effektiv nur jene, die auf einer Intensivstation versterben. Die Organe müssen mit Sauerstoff versorgen werden und dazu müssen Patienten künstlich beatmet sein. Tritt der Hirntod ein, atmet der Mensch nicht mehr und stirbt innerhalb von fünf bis zehn Minuten, weil das Herz zu schlagen aufhört. Die Atmung und der Kreislauf müssen also bereits vor dem Hirntod von aussen unterstützt und aufrechterhalten werden. Sonst geben auch die Organe ihre Funktion auf und sterben, bald nach dem Hirntod. Viele wissen das nicht und denken, dass in der Schweiz ja jeden Tag viele Menschen versterben, also müssten auch viele Organe zur Verfügung stehen.
Können allen Menschen, die auf der Intensivstation sterben, Organe entnommen werden?
Martina Jäggi: Nein, auf der Intensivstation versterben viele Patienten, die nicht hirntot sind, sondern ein Mehr-Organ-Versagen haben. Da setzen Herz und Lunge oder die Nieren schon aus, bevor der Hirntod einsetzt. Diese Menschen kommen als Organspender nicht in Frage, weil die Organe bereits ihre Funktion aufgegeben haben.
Können Organe unabhängig vom Alter der Spenderin und des Spenders brauchbar sein?
Martina Jäggi: Ja. Allerdings scheinen viele Menschen zu denken, wenn sie einmal 70 Jahre alt gewesen seien, würden sie für eine Organspende nicht mehr in Frage kommen. Das ist nicht so. Es gibt keine obere Altersgrenze, obwohl gewisse Organe schon sensibler sind. Die Nieren, die Leber und die Hornhaut können je nach Gesundheitszustand mit hoher Wahrscheinlichkeit bis ins hohe Alter transplantiert werden.
Werden auch im Fall eines Suizids Angehörige nach einer Organspende gefragt?
Martina Jäggi: Wir sind gesetzlich verpflichtet, den Angehörigen aller Patienten, die hirntot werden, die Frage nach einer Organspende zu stellen.
Stimmt es, dass Organe so etwas wie ein Gedächtnis haben: Wenn ich also das Herz einer Marathonläuferin bekäme, würde ich womöglich beginnen, gerne zu laufen?
Martina Jäggi: Das wüsste ich nicht. Wenn ein Herz eines Marathonläufers transplantiert wird, dann hat das Herz wohl tatsächlich eine breitere Muskelmasse. Einen Effekt auf den Empfänger hat das wohl kaum, weil dieser zumindest zunächst meist noch sehr geschwächt ist und sich erst daran gewöhnen muss.
Können Frauen Organe von Männern bekommen und umgekehrt?
Martina Jäggi: Ja, das macht keinen Unterschied. Es wird allerdings auf die Grösse der Organe geachtet, damit das Verhältnis in etwa stimmt.
Muss der Empfänger eines Organs dauerhaft und ein Leben lang Medikamente nehmen?
Martina Jäggi: Ja, das ist so.
Ist es nicht ein hoher Preis, ein Leben lang Medikamente nehmen zu müssen?
Martina Jäggi: Wir transplantieren keine Organe in gesunde Menschen, sondern in Menschen, die bereits schwerst eingeschränkt sind. Zum Beispiel eine Lunge in einen jungen Menschen, der zystische Fibrose hat, vielleicht knapp 100 Meter laufen kann, jeden Tag inhalieren und mehrere Therapien machen muss. Natürlich wird dieser Mensch auch mit einem neuen Organ nicht so leistungsfähig, wie ein gesunder. Aber er bekommt eine ganz andere Lebensqualität. Die Lebensqualität ist immer relativ zu der Stufe, auf der sich der Patient vor der Transplantation befand. Viele führen nachher ein annähernd normales Leben. Ein anderes Beispiel ist ein Dialyse-Patient, der jede Woche dreimal für jeweils vier Stunden in die Dialyse gehen muss und in dieser Zeit maximal 50 Prozent arbeitsfähig ist. Wenn er eine Niere transplantiert bekommen hat, kann er womöglich wieder annähernd zu 100 Prozent arbeiten und muss seine Ferien nicht danach auswählen, wo ein Dialysezentrum in der Nähe ist.
Mit Immunsuppressiva wird die Funktion des Immunsystems unterdrückt. Ganz oder nur zum Teil?
Martina Jäggi: Das Immunsystem wird auf einem tiefen Niveau gehalten, damit das Organ nicht abgestossen wird. Man kann Immunsuppressiva nicht stoppen, aber nach und nach in der Menge reduzieren. Auch braucht es nicht für jedes transplantierte Organ gleich viel davon. Bei gewissen Organen wie bei der Niere oder der Leber kann man sie deutlich mehr reduzieren als zum Beispiel nach einer Lungentransplantation.
Welches Organ ist am komplexesten zu transplantieren?
Martina Jäggi: Die Lunge. Durch das Ein- und Ausatmen ist sie auch am gefährdetsten für Infektionen, deswegen bleibt die Situation auch nach einer Transplantation anspruchsvoll.
Welche Organe lassen sich entnehmen?
Martina Jäggi: Herz, Leber, Lunge, Nieren, der Dünndarm – obwohl das in der Schweiz wegen des mangelnden Bedarfs kaum gemacht wird – die Bauchspeicheldrüse, die Hornhaut und Herzklappen.
Was hat es mit dem Transplantieren von Hornhaut auf sich?
Thomas Hissen: Die Hornhaut ist ein Gewebe und sie kann nach Zustimmung bei jedem Verstorbenen entnommen werden, nicht nur bei jenen, die auf der Intensivstation versterben. Wir haben eine Augenbank, in der Patienten vermerkt sind, die Schäden an der Hornhaut haben, zum Beispiel nach einem Infekt der Hornhaut. Der Bedarf ist relativ gross, wird aber aktuell überwiegend mit Hornhaut aus dem Ausland gedeckt. Die Transplantation der Hornhaut ist verhältnismässig einfach, weil die Blutgruppe oder ähnliches keine Rolle spielen.
Wie viel Zeit darf zwischen der Entnahme und der Einsetzung des Organs maximal vergehen?
Thomas Hissen: Das ist je nach Organ unterschiedlich. Immer gilt natürlich, möglichst schnell. Bei den Nieren haben wir am meisten Zeit, bis zu 24 Stunden. Herz und Lunge müssen am schnellsten transplantiert werden: in 4 Stunden das Herz, in 6 Stunden die Lunge. Deswegen werden Herz und Lunge auch mit dem Hubschrauber transportiert, während die Nieren zum Beispiel mit dem Taxi fahren.
Lässt sich ein Lager für entnommene Organe anlegen?
Martina Jäggi: Das kann man leider nicht, es können tatsächlich immer nur jene Organe entnommen werden, die sofort passend transplantiert werden können. Wenn in der Schweiz niemand gefunden wird, dann wird via Eurotransplant geschaut, ob es im nahen Ausland Patientinnen und Patienten gibt, die qualifizieren würden.