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Deutschland, England, USA – wie man es dreht und wendet, der Computer ist ein Ausländer. Doch einer seiner Vorfahren war ein echter Schweizer: das eigens für den Journalismus entwickelte tragbare Schreibsystem namens «Scrib».
Thomas Weibel
Thomas Weibel ist Journalist und Professor für Media Engineering an der Fachhochschule Graubünden und der Hochschule der Künste Bern.
Die beiden Herren, die sich 1976 an Bord einer Swissair-Maschine nach Boston kennenlernten, hatten sich auf Anhieb eine Menge zu sagen. Jean-Daniel Nicoud war Professor an der EPFL in Lausanne, Michel Bongard technischer Direktor der ebenfalls in Lausanne beheimateten Firma Bobst S.A. Beide waren Technikenthusiasten: Nicoud hatte über Algorithmen und Programmiersprachen promoviert und arbeitete an der Entwicklung von Computerhard- und Software, und Bobst, ursprünglich eine Verpackungsfirma, hatte sich erfolgreich in Richtung des neuartigen Fotosatzes für die Zeitungsproduktion diversifiziert. Der Flug nach Boston war lang, ein Wort gab das andere, und am Ende kamen Nicoud und Bongard überein, gemeinsam einen tragbaren Computer für Zeitungsredaktionen zu entwickeln, mit dem sich Artikel schreiben, speichern und per Telefon übermitteln liessen. Es war die Geburtsstunde des «Scrib», eines kompakten, tragbaren Textverarbeitungssystems aus Schweizer Produktion, des womöglich ersten Laptops der Welt.Zusammen mit der EPFL begann Bobst Platine, Prozessor, Speicher, Bildschirm und Tastatur eines Prototyps zu entwickeln. Schon ein Jahr später war es soweit: Der nur 16 Kilogramm schwere «Scrib» in seinem robusten Lederkoffer war eine kleine Revolution. Das in Olivgrün und Beige gehaltene Gerät mit seinen ergonomischen, 25 Millimeter hohen, Tasten sah aus wie eine elektrische Schreibmaschine und speicherte bis zu 8000 Zeichen lange Texte auf eine Mikrokassette; ein zweiter Kassetteneinschub ermöglichte ein rasches Zurückspulen des Bandes. Auf der rückwärtigen, vom Schreiber abgewandten Seite befand sich ein 7-Zoll-Bildschirm mit spiegelverkehrter Darstellung, den man nur mithilfe eines ausklappbaren und leicht vergrössernden Hohlspiegels sehen konnte und der in der Lage war, Zeichen sowohl in Normalschrift als auch fett, unterstrichen und mit doppelter Breite anzuzeigen. Ein integrierter Miniaturdrucker erlaubte es gar, die Artikel zur Kontrolle auf schmalen Spezialpapierrollen auszudrucken. War der Artikel satzfertig, wählte der Reporter in der Telefonzelle die Nummer seiner Redaktion, die Kollegin nahm den Anruf entgegen, und beide stülpten die dafür vorgesehenen Lautsprecher- und Mikrofonkappen des dazugehörigen Akustikkopplers über die Muscheln des Telefonhörers. Mit für diese Zeit geradezu atemberaubenden 300 Bit pro Sekunde (rund eine Zeitungszeile) wurden die in modulierte Töne umgewandelten Texte anschliessend übermittelt.Texte in Minutenschnelle per Telefon: Der «Scrib» war wie geschaffen für den Tagesjournalismus. Berichte und Reportagen, die es zuvor bestenfalls in die übernächste Tagesausgabe geschafft hatten, liessen auf einmal die Konkurrenz alt aussehen. Nur eines hatten die findigen Entwickler des «Scrib» nicht bedacht: Hatte die Reporterin nach der späten Pressekonferenz oder dem Fussballspiel erfolgreich eine der wenigen nahegelegenen Telefonkabinen ergattert und ihren Artikel gesendet, stellte sich heraus, dass der analoge Zeitimpuls des PTT-Münztelefons alle paar Zeilen die Journalistenprosa zu unleserlichen Zeichenfragmenten verstümmelt hatte. Längere, an den Sendevorgang anschliessende Korrekturgespräche mit der Satzabteilung waren die unausweichliche Folge.Dennoch war der «Scrib» ein Erfolg. 1000 Stück wurden hergestellt; 1978 erhielt der «Scrib» an der Western Electronics Show and Convention (Wescon) in San Francisco gar den «Design Award». Die Herstellerfirma Bobst jedoch geriet zunehmend in finanzielle Schieflage und wurde schliesslich vom US-amerikanischen Unternehmen Autologic übernommen. Eine kleine französische Firma kaufte die restlichen «Scrib»-Bestände auf und verkaufte die Geräte an Redaktionen, die begriffen hatten, dass die Zukunft des Journalismus von der Effizienz der Abläufe abhing. Volle zehn Jahre lang zählte der «Scrib», dieses erste, eigens für den Journalismus entwickelte portable Schreibsystem, zum Inventar fortschrittlicher Zeitungsverlage, bis die Geräte, eins ums andere, das Zeitliche zu segnen begannen: «Die letzten zwei, die’s auf der Redaktion gab», scherzte Daniel Goldstein, der frühere Auslandschef des Berner «Bund», «waren wie die Hilfspolizisten im Witz: Einer konnte schreiben, der andere lesen.»
Sirenengeheul!? Ein verunsicherter Blick auf die Uhr. Exakt 13:30. Aha, Sirenentest! Jeweils am ersten Mittwoch im Februar findet der jährliche schweizweite Sirenentest statt. Doch seit wann gibt es in der Schweiz überhaupt Sirenen und was hat dieses haarsträubende Kommunikationsmittel für eine Geschichte?