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Es ist kurz vor Mitternacht und dunkel im Zimmer. Wir haben das Fenster mit Kissen zugestopft, um das Licht der Mitternachtssonne auszusperren. Ich schaue nach, ob Heiðdís, unsere 16 Monate alte Tochter, gut zugedeckt ist. Sie liegt vornübergebeugt auf ihren Beinen, als wäre sie mitten in einer Yoga-Übung eingeschlafen. Behutsam bette ich sie aufs Kissen und decke sie zu. Dabei seufzt Heiðdís, als wäre ihr soeben die Endlichkeit des Seins bewusst geworden.
Ich schleiche mich aus dem Gästehaus, steige über den 66. Breitengrad, auch Polarkreis genannt, und wandere bis zum nördlichsten Punkt der Insel. Da will ich die Mitternachtssonne bestaunen. Doch es sieht nicht gut aus. Schwere Wolken haben sich über die Insel bis zum Horizont geschoben. Es ist zwar taghell, doch die Mitternachtssonne hält sich versteckt. Ich ziehe mir die Wollmütze weit über die Ohren. Vielleicht hätte ich mich beim Packen doch für die Winterjacke entscheiden sollen.
Es ist kurz vor Mitternacht und dunkel im Zimmer. Wir haben das Fenster mit Kissen zugestopft, um das Licht der Mitternachtssonne auszusperren. Ich schaue nach, ob Heiðdís, unsere 16 Monate alte Tochter, gut zugedeckt ist. Sie liegt vornübergebeugt auf ihren Beinen, als wäre sie mitten in einer Yoga-Übung eingeschlafen. Behutsam bette ich sie aufs Kissen und decke sie zu. Dabei seufzt Heiðdís, als wäre ihr soeben die Endlichkeit des Seins bewusst geworden.
Rostige Öltanks im Garten
Auf den ersten Blick ist Grímsey eine schrecklich deprimierende Insel. Schon als wir mit der Fähre in den Hafen einfahren, stellen wir fest: Hier gibt es keinen einzigen Baum. Hier gibt es keine schnuckeligen Häuschen in allen möglichen Farben, wie sie in jedem isländischen Fischerdorf zu finden sind. Hier hat jedes Haus einen rostigen Öltank im Garten stehen, denn auf Grímsey gibt es keine geothermalen Bodenschätze wie sonst fast überall in Island.
In der Dorfmitte dröhnt ein graues, fensterloses Haus. Ununterbrochen. Es ist der Generator, welcher Grímsey mit Strom versorgt. Dahinter gibt es einen Teich mit einer Insel und darauf liegt ein von Vögeln verschissener Traktorreifen. Die Inselbewohner scheinen nicht bemerkt zu haben, dass Grímsey von jährlich fast 10 000 Touristen, meist Tagesausflügler und Hobby-Ornithologen, besucht wird. Alle Informationstafeln, Öffnungszeiten, Warnungen, selbst der Begrüssungsfilm auf der Fähre, sind auf Isländisch.
Nach der dreistündigen Überfahrt ist meine Frau Kristín – eine Isländerin notabene – etwa so wackelig auf den Beinen wie Heiðdís, die erst seit einigen Wochen laufen kann. Kristín wirft mir einen Blick zu, als wir im Hafen auf unseren Shuttle zum Gästehaus warten. Sie braucht nicht einmal den Mund zu öffnen. Ich verstehe.
Aber immer schön positiv bleiben. Wir lassen uns den Ferienspass nicht verderben! Wir haben genug Lesestoff dabei, wir wollen schlafen – tief und lange – und spazieren, das tut gut. Endlich einmal abschalten, über das Leben nachdenken und philosophieren. Deshalb sind wir doch hierhergekommen, auf diese winzige Insel, wo es keine Ablenkungen gibt, keine Kinos und Pubs, keine Fussgängerstreifen und Einkaufsstrassen. Dafür viel Natur.
Und wirklich. Tags darauf sind die Wolken wie weggeblasen, um uns herum glitzert das Meer, die Fischerboote brummen träge zurück in den Hafen; sie sind bis zum Rand mit Meeresschätzen gefüllt. Wir entscheiden uns für einen Spaziergang zur Kirche aus Schwemmholz. Ich nehme Heiðdís huckepack auf die Schultern und sie quietscht und zappelt vor Freude.
«Das ist keine sehr gute Idee», meint Kristín, die noch immer etwas durch den Wind ist. Sie weist auf die empörten Küstenseeschwalben hin, die sich immer wieder mit fürchterlichem Gekreische auf uns stürzen und so tun, als wollten sie uns ihre spitzen Schnäbel auf die Köpfe hacken. Heiðdís missversteht das Gekreische, winkt einer Küstenseeschwalbe hinterher, die nur wenige Millimeter über ihrem Kopf vorbeigeflogen ist, und ruft: «Bai, baiii!»
Gleichberechtigungsquatsch
Wir sind hungrig und erschöpft, als wir zurück ins Gästehaus kommen – und sonnenverbrannt. Wir Anfänger haben den Sonnenschutz vergessen. Zum Glück haben wir Heiðdís Babysonnencreme, Lichtschutzfaktor 30, mit dabei. Das kleine Fläschchen muss übers Wochenende für drei Erwachsene und ein Kleinkind herhalten.
Gerade, als wir uns nach dem Mittagessen etwas hinlegen wollen, fängt uns Halla, unsere Gästehausmutter, in der Küche ab. Sie verkündet feierlich, dass das kleine Hallenbad extra für uns geöffnet habe! Es wird nicht das letzte Mal sein, dass uns Halla Ausflüge und Tätigkeiten aufbindet, bis jeder unserer drei Tage in die letzten Winkel ausgefüllt ist. Sie organisiert für uns eine Bootsfahrt, stellt sicher, dass auch der Schleckwarenladen ausserplanlich für uns geöffnet hat, sie schickt uns in die Schulausstellung und in die Galerie und sagt uns, was wo auf der Insel los ist. Wer hätte gedacht, dass es auf einer so kleinen Insel so viel zu sehen gibt. Wir hätten all unsere Bücher und Zeitschriften ruhig zu Hause lassen können. Zeit, um zu lesen, finden wir nämlich keine. Halla setzt alles daran, dass wir nichts verpassen. Dabei hat sie genug zu tun an diesem Wochenende: Unnur, ihre Schwester, feiert den vierzigsten Geburtstag. Und wir sind eingeladen.
Statt am überfüllten Strand braten, Weite und Natur geniessen – nur wir drei.
Die rund einhundert Inselbewohner haben sich in einem Festzelt versammelt und behandeln uns, als wären wir entfernte Verwandte. Auf einer so kleinen Insel gehört man dazu, ob man nun will oder nicht. Ich beginne zu realisieren: In dem Moment, wo man einen Fuss auf die Insel setzt, wird man Teil davon.
Alle möchten unsere Heiðdís persönlich begrüssen, ihre Nasenspitze berühren, über ihre Wangen streicheln «und sie am liebsten gleich mit nach Hause nehmen», wie uns ein junger Seemann offeriert. Wir lehnen höflich ab. Heiðdís schaut ganz böse, was die Leute nur noch mehr entzückt.
Die Stimmung ist schon ziemlich ausgelassen, als ich bemerke, wie unsere Fotografin Bjargey ins Kreuzfeuer zweier Inselbewohner geraten ist. «Redet irgendwer in der Fischerei von der Frauenquote?», fragt eine kleine, runde Frau mit lauter Stimme und antwortet gleich selber. «Nein! Es gibt eben Jobs, die wir Frauen nicht machen wollen. Zum Beispiel Politik!» Der dritte in der Runde, ein in die Jahre gekommener Herr, poltert, dass er von diesem ganzen Gleichberechtigungsquatsch nichts mehr hören wolle! Er steht schon etwas schief. Bjargey, die für gewöhnlich nie um ein Gegenargument verlegen ist, besonders wenn es um die Gleichberechtigung der Frauen geht, bleibt für einmal die Spucke weg.
Lagerfeuer der Götter
Die Inselbewohner mögen zwar konservativ bis ins Knochenmark sein; doch wer geglaubt hat, die Frauen hockten den ganzen Tag zu Hause, täuscht sich. Die Insel wird regelrecht von Frauenhand geführt – die Männer fahren alle zur See. Die Frauen managen den Dorfladen, das Restaurant, die Bank, die zwei Gästehäuser und die Galerie. Die Frauen meistern den Hafen, den Flugplatz, den Golfplatz, den Kindergarten und die Schule. Und dazu schmeissen sie auch noch die zwei Dutzend Haushalte – nicht vergessen.
Ich überlasse Bjargey ihrem Schicksal und komme ins Gespräch mit einem Seemann, der in der Brusttasche seiner Jeansjacke ein Päckchen Camel stecken hat. 1977 sei er nach Grímsey gekommen, um seinen Bruder für drei Tage zu besuchen, erzählt er. Jetzt sei er noch immer da. Er erklärt mir auch, dass wegen des Salzwassers, das bei stürmischem Wetter über die Insel fege, kein Baum und kein Busch wachsen können. Mein Respekt für die frohmutigen Inselbewohner wächst. Hier lässt sich nur mit einer Portion Lebenslust überleben. Und die Lebenslust der Insulaner ist ansteckend.
Ich bin alleine, als ich die Party nach Mitternacht verlasse. Frau und Kind schlafen schon. Mein Nachhauseweg führt am Teich mit der Insel und dem Traktorreifen vorbei. Das Wasser im Teich glitzert zauberhaft in der Mitternachtssonne. Auf dem Traktorreifen sitzen Möwen und es sieht aus, als wäre alles genau an seinem Platz. Der Wind trägt den Gesang der Festgesellschaft, die uns aufnahm, als gehörten wir dazu, hinter mir her. Der Himmel vor mir ist wolkenzerfetzt, glüht rot wie ein gigantisches Lagerfeuer der nordischen Götter. Unglaublich schön.
Ich will noch nicht heim!
Am nächsten Tag sonnen wir uns zum letzten Mal an der Küste und blinzeln verträumt aufs Meer. Ein warmer Wind streicht durchs Gras. Es bleiben uns noch ein paar Stunden; die Fähre geht um vier. Heiðdís pflückt eifrig Butterblumen, hält sie uns vor die Nase, riecht selber daran, und knabbert heimlich an den gelben Blütenblättern. Plötzlich ist sie da, diese Ruhe, dieser Seelenfrieden, auf den wir seit unserer Ankunft gewartet haben. Kristín sagt: «Weisst du was? Ich will noch überhaupt nicht zurück.» Sie, die eingefleischte Städterin, sucht nach einer Erklärung, erwähnt die Nähe zur Natur, das saubere, kristallklare Wasser, wo man bis auf den Meeresboden sieht, und die Wärme der Inselbewohner.
Ich scherze, es werde uns noch gleich ergehen wie dem Seemann mit dem Zigarettenpäckchen: Wir kamen für drei Tage – und sind dreissig Jahre später noch immer da! Kristín findet das nun aber doch nicht so lustig, und so stehen wir an der Reling der Fähre, als sie um vier Uhr ablegt.
Joachim B. Schmidt, 31, lebt und arbeitet in Islands Hauptstadt Reykjavík. Sein Erstlingsroman «In Küstennähe» ist kürzlich beim Landverlag erschienen.
www.landverlag.ch