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Freier Vers
Dies ist der Platz, um ein für allemal klar zu stellen, dass der freie Vers und sein Partner, der freie Rhythmus, keine Erfindung der Moderne sind. Seit frühester Zeit begleiten sie die Dichter, die erst im Aufdämmern der industriellen Revolution und der damit einhergehenden sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen zu begreifen begannen, dass sie mit Metrum, Reim und Vers einer Leier aufgesessen waren.
Der freie Vers – in welchem Jahrhundert er auch auftreten mag – kann als eine Befreiung aus dem Korsett des poetischen Regelwerks verstanden werden. Gleichzeitig aber, und gerade weil Sprache immer auch mit Prosodie zu tun hat, ist der freie Vers eine Rückbesinnung auf die Kraft des gesprochenen Worts: Menschen singen, wenn sie sprechen. (Hören Sie mal Eltern zu, die mit ihren Kindern reden!)
Die eigentliche Waffe (neben Syntax und Prosodie) des freien Verses ist der Zeilenfall: der Ort, wo der Vers entzwei bricht. Im freien Vers wird der Zeilenfall, wie bei Kafka der Punkt, zu einem tödlich-entscheidenden Moment im Atem eines Gedichts.
(Auf einem andern Blatt steht allerdings, dass mit dem freien Vers reichlich viel Schindluder betrieben wird. Der Zeilenfall eines freien Verses kann den Sprachfluss konterkarieren oder ironisieren, vom Auftrennen von Wörtern und Sätzen als durchgehendem Stilmittel ist jedoch abzuraten.)