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Obwohl ich das Buch nach 24 Stunden zum ersten Mal und nach drei weiteren Tagen zum zweiten Mal durchgelesen hatte, liess es mich seither nicht mehr los.
[ A Slow Death: 83 Days of Radiation Sickness ] erzählt auf eine trockene, sehr japanisch und medizinisch starkt vereinfachte und dafür verständliche Art und Weise vom langsamen Strahlentod des 35 Jahre jungen Herrn Hiroshi Ouchi, der im September 1999 Opfer eines des Kritikalitätunfalls in Tokaimura wurde. Das Sachbuch beschreibt Ouchis Leidensweg vom dem Moment, an dem er Morgens zur Arbeit ging bis zu einem Jahr nach seinem Tod und meistert dabei trotzdem die schwierige Gratwanderung zwischen Nuklearlobby und Anti-Atomkraft-Bewegung meisterhaft.
Das Buch rief mir nicht nur wieder schmerzhaft in Erinnerung, wie wenig man eigentlich bis dato über den Umgang oder die Behandlung radioaktiver Strahlung weiss, sondern versetzte mich auch zurück in meine Kindheit, in der ich unzählige Bücher über den zweiten Weltkrieg, vor allem über Atombomben, verschlang.
Damals hielt ich in der Schule auch Vorträge über die Explosion des Kernkraftwerks in Tschernobyl. Ich erinnere mich auch, dass ich in der Sekundarschule einen Vortrag im LK Chemie damit schloss, dass bis 2007 (den Vortrag hielt ich in dem Fall 2006) die schützende Ummantelung um die Kraftwerküberreste einer Nuklearkatastrophe von 1986, das „New Safe Confinement“, fertig gestellt sein soll.
Was ist eigentlich daraus geworden?, fragte ich mich jetzt nach dem wiederholten Lesens des Buches über Tokaimura.
Nun.
Gute Neuigkeiten!
Der neue Sarkophag ist fertig.
Schlechte Neuigkeiten:
Das Kraftwerk ist dadurch so schwer, dass die gefährlichsten Brennpunkte (pun intended) in die Erde und ins Grundwasser absickern können.
Ganz, ganz schlechte Neuigkeiten:
Waldbrände.
Aber eins nach dem anderen.
Am 26. April 2016 jährt sich die Nuklearkatastrophe in der Nähe der russischen Metropole Pripyat zum 30. Mal. Damals bevölkerten rund 50.000 Menschen die Stadt, die erst in 20.000 Jahren wieder längerfristig bewohnbar wird. Das kommt daher, dass 1986 Reaktor Nummer 4 des Reaktors in Tschernobyl schmolz und explodierte Tonnen um Tonnen radioaktives Material in die Außenwelt beförderte.
Innendrin floss geschmolzenes [ Corium ] wie Lava. Als es sich abkühlte, bildete es den berühmten [ Elefantenfuß ], der die Liste der von menschenhand geschaffenen Gefahren anführen dürfte. Der Fuß war damals so tödlich, dass man starb, wenn man ihm 30 Sekunden ausgesetzt war. Zehn Jahre später brauchte es schon 300 Sekunden. Heute muss man sich für einen schnellen und extrem unangenehmen Tod (siehe „83 Days“) schon eine Stunde in seiner Nähe verbringen, aber er ist super creepy, also lassen wir das.
Es dauerte einen Monat, bis mit der Konstruktion des Sarkophags begonnen wurde. Nach 200 Tagen war er fertig und verschloss erfolgreich die Überreste von Reaktor 4 in 300.000 Kubikmetern Beton, die von 7.000 Tonnen Metallgerüst gestüzt werden. Klingt sicher? Ist es nicht.
Eine langfristige Lösung, das „New Safe Confinement“ (das 2015 fertig sein soll – oh, wir haben 2015? So ein Zufall!) wurde erst 2011 angestoßen und befindet sich seit 2012 im Bau, denn die 2011 bei der Geberkonferenz zugesicherten 550 Millionen Euro sind schon aufgebraucht und für die aufgelaufenen zusätzlichen Kosten in Höhe von 615 Millionen Euro fand am 29. April dieses Jahres eine erneute Geberkonferenz statt, die weitere 530 Millionen Euro zusicherte. Rechnet gerne zusammen, wieviel das NSC bis zum Abschluss gekostet haben wird. Oder lasst es. Es ist viel. 2017 soll der neue Sarkophag jedenfalls fertig sein.
ABER.
Problem:
Seit 30 Jahren sickert radioaktives Material in russischen Boden und dadurch, dass das ganze Gelände ganz einfach immer schwerer wird, wird die Bedrohung der nächsten Katastrophe immer größer: Was passiert, wenn radioaktives und radioaktiv verseuchtes Material ins Grundwasser gerät?
Rund um die [ Sperrzone von Tschernobyl ] lieben Menschen. Viele arbeiten im Tourismus, der in der Ukraine boomt – über 10.000 Personen bereisen die Umgebung jährlich. Manche der Touristen, die zum größten Teil aus benachbarten Ländern stammen, fischen sogar in den radioaktiven Flüssen und Seen.
Das Betreten der Sperrzone ist aus Gründen verboten, was viele trotzdem nicht daran hindert, sie zu erkunden. Sogar der TV-Sender „Animal Planet“ schickte ihre Sendung „River Monsters“ in Tschernobyl nach Killer-Mutanten-Raub-Fischen fischen. Sie fanden auch mutierte Fische, mussten zu deren Entäuschung aber feststellen, dass sich diese einfach nur an eine Umgebung mit erhöhter Radioaktivität angepasst hatten. So wie der Rest der Natur.
Nach 30 Jahren erscheint die Sperrzone wie ein Naturparadies, obwohl es die Menschheit für die nächsten 200 Jahrhunderte ruiniert hat. Viele Tiere leben in der Umgebung, gehen ihren alltäglichen Tier-Geschäften nach, vermehren sich, jagen und fressen als wären sie vom Menschen unbeeinflusst.
Da gibt es nur das kleine Problem, dass nichts so ist, wie es sein sollte.
Im Inneren des Kraftwerks wächst schwarzer Pilz. Dieser verzehrt Strahlung, in dem er enorme Mengen von Melanin produziert. Das klingt nach einer coolen Sache, da man ja melaninreiche Pilze super gut zur beseitigung radioaktiver Verseuchung wie in Tschernobyl oder Fukushima benutzen könnte. Dummerweise ist schwarzer Schimmel tödlich für Menschen.
Neben dem Pilz stellten Wissenschaftler in der Sperrzone auch das folgende Phänomen fest:
Während die Strahlung an Fauna und Flora förmlich abprallt, haben sich Mikroorganismen und wirbellose Lebewesen aus dem Staub gemacht. Oder sind zu Staub geworden, besser gesagt. Das klingt jetzt nicht sonderlich gefährlich und die wenigsten Menschen empfinden eine emotionale Bindung für die beiden Lebewesen, aber sie sind leider ein wichtiger Teil der Nahrungskette. Ohne Mikroorganismen, Pilz und Wirbellose wird der Naturkreislauf unterbrochen.
Klingt nach einer Katastrophe? Könnte eine werden. Blätter, die von Bäumen fallen und tote Pflanzen werden nicht zersetzt und von der Umwelt weiter verarbeitet. Das führt dazu, dass Tonnen an Material auf dem Boden rumliegt. Ist ja eigentlich nicht sooooooo schlimm, ist ja nur in der Sperrzone so… Wäre diesen April nicht [ DAS HIER ] passiert.
Jedes Jahr nähern sich riesige Waldbrände dem vertrockneten, gewaltigen Nicht-Kompost-Haufen. Dieses Jahr verschlangen sie sogar ein verlassenes Dorf in der Nähe der Sperrzone. Die Flammen haben es bisher nicht geschafft, aber die Tatsache, dass sie immer näher rücken, sind Grund zur Sorge.
Tja, ich würde diesen netten kleinen Beitrag gerne mit etwas Positivem schliessen, aber mir fällt nichts dazu ein.
Buch auf Deutsch:
[ 83 Tage: Der langsame Strahlentod des Atomarbeiters Hisashi Ouchi ]