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Die Presse - Ärger in Belgrad 27.06.2010 13:17

Der serbische Wirtschaftsminister Mladan Dinkic fordert den deutschen Medienkonzern WAZ * wegen dubioser Machenschaften zum Rückzug aus Serbien auf.
Es könne nicht angehen, daß sich die WAZ mit zweifelhaften »Hinterzimmergeschäften« die Kontrolle über eine der wichtigsten Tageszeitungen des Landes verschaffe, erklärt Dinki? nach Bekanntwerden eines Deals, der dem Essener Konzern eine marktbeherrschende Stellung in Serbien verschaffen sollte. Dabei versuchten die WAZ und WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach (SPD), sich mit Hilfe eines Strohmannes stückweise in den Besitz der Anteilsmehrheit an Vecernje Novosti, der auflagenstärksten Tageszeitung des Landes zu bringen. Der Strohmann, ein serbischer Oligarch, will die bei ihm zwischengeparkten Anteile nun offenbar nicht herausrücken. Hintergrund des Deals ist, daß die WAZ zunächst wegen kartellrechtlicher Bedenken Vecernje Novosti, ein in Serbien meinungsbildendes Blatt, nicht kaufen konnte - und deshalb die Dienste des Strohmannes in Anspruch nahm. Der Essener Medienkonzern ist das stärkste westeuropäische Unternehmen auf dem Pressemarkt in Südosteuropa und hält in mehreren Staaten eine durch beste Beziehungen zum politischen und wirtschaftlichen Establishment abgefederte marktbeherrschende Position von bis zu 70 %.
Hinterzimmergeschäfte
Der WAZ-Konzern hat die dubiosen Geschäfte am 23. 6. in einer ausführlichen Erklärung eingestanden. Demnach hat sich ein nicht genannter ›Vertragspartner‹, Bodo Hombach nennt ihn einen ›serbischen Oligarchen‹, im Dezember 2008 dazu verpflichtet, drei Gesellschaften mit den Namen Ardos (Österreich), Trimax (Österreich) und Karamat (Zypern) an die WAZ zu verkaufen. Die drei Gesellschaften halten insgesamt fast zwei Drittel der Anteile an Novosti AD, dem Verlag, der Vecernje Novosti, die Abendnachrichten herausgibt. Als Novosti AD vor einigen Jahren privatisiert wurde und die WAZ wegen möglicher kartellrechtlicher Einwände nicht selbst zum Zuge kam - sie besitzt bereits 50 % an Politika, der zweiten meinungsbildenden Zeitung des Landes, da hatte der ›Oligarch‹ die Anteile übernommen und damit den Verkauf des Verlages an einen anderen serbischen Investor verhindert. Das Bekanntwerden des Deals ruft ernsten Ärger in Belgrad hervor. Es könne nicht angehen, dass die WAZ sich mit Hinterzimmergeschäften in den Besitz eines Markenzeichens wie Vecernje Novosti bringe, erklärt der Wirtschaftsminister Serbiens, Mladan Dinki?.
Die in diesen Tagen auf Grund ihrer Machenschaften für Unmut in der serbischen Hauptstadt sorgende Essener Mediengruppe WAZ, die neben Deutschland in Oesterreich, Albanien, Bulgarien, Kroatien, Mazedonien, Rumänien, Rußland, Serbien und Ungarn vertreten ist, hatte beispielsweise schon 1987 50 % der Kronen Zeitung, die mit einer Reichweite von gut 3 Millionen Lesern eine singuläre Stellung im Land besitzt, und 49,4 % an der Wiener Tageszeitung Kurier (Auflage: 200.000) übernommen. »Damit haben wir uns das Tor nach Südosteuropa geöffnet«, urteilte Anfang 2007 der einige Jahre für Südosteuropa zuständige WAZ-Mitarbeiter Andreas Ferlings. 1990 übernahm die WAZ die ungarische Verlagsgruppe Pannon Lapok Társasága, deren 5 Regionalblätter der WAZ zufolge in 4 Komitaten von der österreichischen Grenze bis vor die Tore Budapests erscheinen - Gesamtauflage: 225.000 Exemplare.
Große Schlagzeilen, knappe Sprache
Größeren Unmut hatte die Südostexpansion der WAZ erstmals in Bulgarien hervorgerufen, wo der Konzern 1996 tätig wurde. Zunächst übernahm sie die zweitgrößte Tageszeitung des Landes, 24 Tschassa, danach zusätzlich auch die größte, Dneven Trud. Dabei wurde der WAZ nicht nur vorgeworfen, sich mit Dumpingpraktiken eine monopolartige Stellung verschafft zu haben; in der Tat beläuft sich der Marktanteil des Unternehmens, das sich in Kartellprozessen in Sofia mit Erfolg behaupten konnte, in Bulgarien heute auf gut 70 % . Dazu erklärte der ehemalige WAZ-Mitarbeiter Ferlings im Januar 2007: »Eine unserer Strategien ist es, in Länder zu gehen, in denen das Kartellrecht nicht so weit entwickelt ist«, man versuche Marktanteile aufzukaufen, bevor das Kartellrecht verschärft werde 1. Bis heute werden daneben Vorwürfe laut, die die qualitative Entwicklung der von der WAZ übernommenen Zeitungen kritisieren. So sei das Potential, die bulgarischen Leser an höhere Qualitätsstandards heranzuführen, von der WAZ damals nicht genutzt worden, sagt ein Medienwissenschaftler in Sofia.
Exklusive Kontakte
Seit Februar 2002 verfügt die WAZ über einen Geschäftsführer mit herausragenden Beziehungen nach Südosteuropa, Bodo Hombach (SPD). Dieser hatte zwischen 1998 und 2001 exklusive Kontakte knüpfen können, zunächst als Kanzleramtschef bei der Vorbereitung des Kosovokriegs und während der NATO-Bombardements, ab Mitte 1999 als Sonderkoordinator der EU für den sogenannten Südosteuropa-Stabilitätspakt. Der ›Stabilitätspakt‹, der Kooperation und Aufbaumaßnahmen in Südosteuropa fördern sollte, brachte den EU-›Sonderkoordinator‹ mit dem politischen und ökonomischen Führungspersonal in ganz Südosteuropa in direkten Kontakt. Hombach hatte bereits mit seinen Aktivitäten in Deutschland zuweilen ernsthaften Unmut erregt; ein Landespolitiker in Nordrhein-Westfalen, wo Hombach bis zum Herbst 1998 tätig war, wurde 1999 mit den Worten zitiert, »die Zahl der Intrigen in Nordrhein-Westfalen« habe mit Hombachs Wechsel in das Bundeskanzleramt »signifikant abgenommen« 2. Hombachs Tätigkeit für den WAZ-Konzern in Südosteuropa verlief ebenfalls nicht ohne Konflikte.
Positive Berichterstattung
Schlagzeilen gemacht hat vor allem ein Streit mit der Redaktion der rumänischen Tageszeitung România Liber? in der zweiten Jahreshälfte 2004. Der Streit entzündete sich an Vorgaben seitens der WAZ, die in der Öffentlichkeit unterschiedlich interpretiert wurden. Die WAZ habe România Liber?, eine konservative Zeitung, die zu 70 % dem deutschen Medienkonzern gehörte, von kritischer Berichterstattung über die sozialdemokratische rumänische Regierung abhalten wollen, klagte die Redaktion des Blattes; sie brachte das mit Hombachs SPD-Vergangenheit und mit den engen Kontakten zwischen der deutschen und der rumänischen Sozialdemokratie in Verbindung. Man habe sich nur für Qualitätsstandards und für eine »positive Berichterstattung« eingesetzt, hieß es hingegen bei der WAZ. Einige Wochen lang beschäftigte der Streit um die Einmischung des deutschen Pressekonzerns in die redaktionelle Arbeit die europäische Öffentlichkeit. Heute wäre dies wohl nicht mehr der Fall. »Hatte die WAZ sich früher rein kommerziell und politisch streng neutral gegeben«, urteilte im Frühjahr 2006 ein Kenner, »so rutscht sie mit ihren Balkan-Blättern jetzt in ein betont liberales, pro-westliches Segment.« Damit werde »der Konzern auf dem Balkan seiner zunehmend politischen Rolle gerecht«. Aufmerksamkeit erregt dies heute nicht mehr.
Vom Außenminister zum Zeitungsmann
Ein herausragendes Beispiel für die engen Verbindungen der WAZ zu den politischen Eliten der Staaten Südosteuropas bieten die Konzernaktivitäten in Mazedonien. Dort kaufte die WAZ im Mai 2003 die drei auflagenstärksten Tageszeitungen des Landes: Dnevnik, Utrinski Vestnik und Vest. Nur wenig später faßte sie ihre Mazedonien-Aktivitäten in der Firma Media Print Mazedonien (MPM) zusammen - wie sie betont, mit der Genehmigung des Kartellamts. Das muß hervorgehoben werden, denn MPM bündelt nicht nur die vollständige Wertschöpfungskette vom Druck bis zum Vertrieb, sondern kontrolliert mit den drei Zeitungen auch mehr als 70 % des Printmarktes in Mazedonien. Begünstigt werden die mazedonischen Konzernaktivitäten jedenfalls durch beste Beziehungen zum politischen Establishment. Als die WAZ in Skopje einstieg, engagierte sie Srgjan Kerim als Geschäftsführer von MPM. Kerim kennt Deutschland unter anderem aus seiner Zeit als Botschafter seines Landes in der Bundesrepublik (1994 bis 2000), arbeitete im Jahr 2000 kurz als Sonderbeauftragter für Regionalfragen des Südosteuropa-Stabilitätspaktes unter Bodo Hombach und amtierte als mazedonischer Außenminister (2000 bis 2001), bevor er im Jahr 2003 den Vorsitz in der Deutsch-Mazedonischen Wirtschaftsvereinigung übernahm - und für die WAZ zu arbeiten begann.
Noch ärmer
Kein anderer westeuropäischer Verlag ist in Südosteuropa so präsent wie die WAZ Mediengruppe, urteilt der Essener Medienkonzern über sich selbst 3. Angesichts der Tatsache, daß das deutsche Unternehmen inzwischen 40 % seines Umsatzes und 70 % seines Erlöses im Ausland erzielt, bilanzieren südosteuropäische Kritiker die Aktivitäten der WAZ etwas anders. Beispielhaft hierfür steht der Chefredakteur der heftig umkämpften Tageszeitung Vecernje Novosti, Manojlo Vukoti?. »Sie sind aufgebrochen, um die Medienszene auf dem verarmten Balkan zu erobern«, sagte Vukoti? kürzlich auch mit Blick auf die Hinterzimmergeschäfte der WAZ mit zum Teil dubiosen Oligarchen, »und sie schaffen es, den Balkan noch ärmer zu machen«.
Anmerkung d.a.: Im Prinzip hätte es der Bürger durchaus in der Hand, Vorgehen dieser Art entgegenzuwirken, indem er einfach zumindest einmal für ein halbes Jahr auf sämtliche Zeitungen verzichten wollte. Als Ersatz bieten sich zahlreiche, von verlässlichen Sachverständigen publizierte politische Werke an.
Quelle:
http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57841 24. 6. 10 Meinung bilden (II)
1 Wir grasen den Markt ab"; www.medien-monitor.com 30. 1. 2007
* www.waz-mediengruppe.de Essen
2 Schröders play-back; Der Freitag vom 25. 6. 1999
3 Das internationale Engagement der WAZ Mediengruppe; www.waz-mediengruppe.de