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Weshalb setze ich mich für die Verbesserung der Ausbildung von gehörlosen Kindern ein?
… Weil ich ein gehörloser Mensch bin. „Weil ich gehörlos war, konnte ich kaum schreiben – wie alle anderen gehörlosen Menschen.“ Das war mein Verständnis gewesen – und ich glaubte sogar, dass Gehörlose von Natur aus nicht gut schreiben können. Erst nach Jahren und Kontakt mit Gehörlosen weltweit habe ich verstanden, dass die Ursache des tiefen Bildungsstandes von Gehörlosen mit der Konzentration auf das Mündliche verbunden ist. Dieser Ansatz setzt das Hauptgewicht auf Lippenlesen und Sprachtherapie – was für eine Person, die nie Töne gehört hat, sehr schwierig und zeitaufwendig ist. Wir wurden also nicht in unserer Muttersprache, der Gebärdensprache, unterrichtet – der Unterricht in der Gehörlosenschule zielte auf das Reden und das Lippenlesen. Zudem vernachlässigte die mündliche Erziehung die geschriebene Sprache. Deshalb waren alle unsere gehörlosen Schulabgänger nicht imstande, deutlich zu sprechen und erfolgreich am sozialen Leben teilzunehmen. Das war eine grosse Herausforderung, zumal ein gehörloser Mensch entscheidend angewiesen ist auf das Aufnehmen von Information über das Auge – wir sind als Gehörlose sehr beobachtungsorientiert.
Gebärdensprache ist meine Muttersprache
Sie beruht auf dem Sehen. Zum Erlernen der Gebärdensprache brauchen gehörlose Kinder Zugang zu Bildern und visuellen Hinweisen zu allen wichtigen Begriffen. Ich habe selber die traditionelle mündliche Gehörlösen-Ausbildung erlebt und möchte nicht, dass die junge Generation die gleiche Erfahrung machen muss, die ihre Integration in der Gesellschaft so schwierig macht.. Deshalb habe ich mich entschieden, dazu beizutragen, die mongolische Gehörlosen-Ausbildung zu verbessern. Die bilinguale Erziehung verfolgt den Ansatz, die Gebärdensprache mit der konventionellen, gesprochenen / geschriebenen Methode zu kombinieren. Obwohl der bilinguale Ansatz in vielen Ländern erfolgreich umgesetzt wird, bevorzugen weiterhin viele Schulen weltweit den „mündlichen“ Ansatz. Ich vertrete entschieden den Ansatz der bilingualen, bi-kulturalen Gehörlosen-Erziehung für die Mongolei. Seit dem Bestehen dieses Programms (2006) unterrichte ich gehörlose Kindergarten-SchülerInnen und habe festgestellt, dass ihre Erziehung in ihrer Muttersprache, also der Gebärdensprache, der wirkungsvollste Ansatz ist, den Kindern ein angemessenes Ausdrucksvermögen zu vermitteln.
Viele Menschen glauben, dass Gehörlose weniger Potential haben – und sogar sie selbst tendieren dazu, dies zu glauben. Aber gehörlose Menschen sind in der Lage, alles zu tun – mit der Ausnahme zu hören. Sie können Auto fahren, einen Job ausführen und erfolgreiche Beziehungen eingehen. So wie ich, sind viele junge Gehörlosen-ErzieherInnen überzeugt, dass gehörlose Menschen fähig sind und dieses soziale Stigma überwinden wollen. Zusammen sind wir Vorbilder für die nächste Generation der Gehörlosen.
Bis zu meinem dreissigsten Lebensjahr war ich sehr negativ eingestellt und hielt mich selbst für total wertlos, unfähig etwas zu unternehmen und meinte, keine Chance zu haben in dieser Welt. Das änderte sich, als L. Soyolmaa, die Koordinatorin des Programms „Developing Mongolian Deaf Education“ (Entwicklung der mongolischen Gehörlosen-Ausbildung) im Jahr 2006 begann, uns über die internationalen Erfolge in der Erziehung und Ausbildung von Gehörlosen zu informieren. Ich bin ihr aufrichtig dankbar für ihre Ermutigung, mich aufzuraffen und mir ein gutes, umfassendes Verständnis der zentralen Fragen und Fachbegriffe anzueignen. „Alles ist möglich durch Christus, der mir Kraft gibt.“ Dieser Spruch ist die Basis meines Lebens und Engagements in der mongolischen Gehörlosen-Schulung. Nach jeder erfolgreichen Aktion danke ich Gott – er verleiht mir und meinem Team die nötige Kraft. Wenn ich jetzt zurückschaue, kann ich ohne Zweifel sagen: Wir schaffen das.
Gehörlose Kinder sind ebenso imstande erfolgreich zu lernen und sich zu entwickeln wie hörende Kinder – vorausgesetzt, sie erhalten die ihnen entsprechende Ausbildung. Dazu gehören das Erlernen der Gebärden – ihre Muttersprache – als auch der geschriebenen Sprache.
Ihnen diese Voraussetzungen zu bieten, ist unsere Aufgabe und erstes Ziel; dazu bereiten wir u.a. die nötigen Schautafeln vor mit den Wort-Zeichen und dazugehörigen Bildern, das Gesamt-Verzeichnis der Wort-Zeichen und Wort-Bilder, ebenso wie weiteres Lehrmaterial für den Unterricht. Diese pädagogischen Materialien dienen auch der kognitiven, denkerischen Entwicklung der gehörlosen Kinder.
Einige Erfolge, die mit der grosszügigen Unterstützung unserer Schweizer Freunde erreicht wurden Als erstes Projekt wurde der Kindergarten Bambaruush im Rahmen des Programms „Developing Mongolian Deaf Education“ von 2006 bis 2009 aufgebaut. In dieser Zeit war ich Hilfs- und Hauptlehrkraft der Kindergartenklasse. Im Jahr 2009 wurde der Kindergarten in staatliches Eigentum überführt und wird nun offiziell Kindergarten 186 genannt.
In den Jahren 2012 bis 2014 kauften wir die nötige Einrichtung und das Material für den Schulraum und die Erstellung der Unterrichtsmittel für die Kindergarten und Primarschulstufe. Frau B. Byambasuren setzt sich als Designerin unermüdlich einf für die Herstellung der Unterrichtsmaterialien. Ulziitsetseg und ich (Baasanjav) absolvierten erfolgreich die universitäre Ausbildung als Vorschullehrerinnen.
Das Projekt stellte verschiedenste visuelle Hilfsmittel her und rüstete damit alle Klassen aus. Die Kinder lernten sehr erfolgreich durch diese Lehrmittel, was uns alle in der Bereitstellung der richtigen Materialien und im engagierten Unterricht sehr ermutigt hat.
Das Wörterbuch “Sign Language visual dictionary with 1000 words” (Gebärdensprache-Wörterbuch mit 1000 Wörtern) wurde sowohl als Buch wei auch als DVD herausgegeben.
Als staatliche Kindergarten-Lehrerin war ich früher mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert, insbesondere wegen fehlender Hilfsmittel für den Unterricht in der Gebärdensprache. Aufgrund der unterschiedlichen Kenntnisse und Fähigkeiten der Kinder in der Gebärdensprache war ich gezwungen, mit jedem Kind individuell zu arbeiten, ohne allerdings dafür die nötigen Hilfsmittel zur Verfügung zu haben. Da ich damals auch vollzeitig im staatlichen Kindergarten arbeitete, fehlte mir auch die nötige Zeit zur Entwicklung solcher Hilfsmittel; dazu kamen die Verpflichtungen in der Curriculum-Entwicklung, in Elternkontakten, Tagesschulbetreuung und in der Ausbildung von neuen Lehrkräften in der Gebärdensprache. Zunächst setzte ich Überstunden ein, um Unterrichts-Hilfsmittel bereit zu stellen, entschied aber dann, meinen Job aufzugeben und mich voll der Erstellung von Unterrichtshilfen für gehörlose Kinder zu widmen (Bilderbücher, Flyers, Poster, etc.).
2017 starteten wir ein Nachschul-Programm zur Fortsetzung der bilingualen Gehörlosen-Schulung. Dieses Programm soll die kommunikativen und intellektuellen Kenntnisse und Fähigkeiten der teilnehmenden Gehörlosen fördern. Zurzeit sind 15 Jugendliche beteiligt. Wir sind den Schweizer Freunden und Sponsoren für ihre langfristige Unterstützung und ihre wertvolle Investition in die Förderung der mongolischen Gehörlosen-Schulung und die damit verbundene Ermutigung unserer Arbeit sehr dankbar.