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Wenn ich mir vorgestellt habe, wie der philippinische Schriftsteller und Augenarzt José Rizal über einen Obstmarkt in Leipzig spazierte, Anfang September 1886, dann zog sich mein Mund zusammen. Der Apfel erschien plötzlich als saures Mangelwesen im Vergleich zu den Mangos, die Rizal in seinem Dorf Kalamba gegessen haben muss – und die ich selbst in bester Erinnerung habe aus meiner Studienzeit, die ich in Manila verbrachte.
Während seines Aufenthalts in Deutschland unterhielt sich Rizal brieflich mit seinem Bruder Paciano. Weil dieser auf den Philippinen eine Zuckerhacienda führte, waren Handelsfragen ein Thema: Was ist von den Bestrebungen der Deutschen zu halten, die neu gezüchtete Zuckerrübe zu fördern? Ist das eine ernste Bedrohung für das Zuckerrohr aus den Tropen? Ist der Exportschlager, dem Rizal seinen Aufenthalt in Europa verdankt, gefährdet? Und woher kommt sie eigentlich, diese Sehnsucht nach Süsse?
Der historische Rizal ist nicht alt geworden, aber er hat eine Menge Dokumente hinterlassen: Briefwechsel, Tagebücher, Reisebeschreibungen, historische und politische Essays und zwei Romane. Weil er 1896 von der spanischen Kolonialmacht als angeblicher Anführer der philippinischen Revolution hingerichtet wurde, galt er fortan als Märtyrer der Ersten Republik, die für wenige Monate bestand. Abseits der Kämpfe zwischen Spaniern und Filipinos waren die USA in den Krieg eingetreten und hatten die Philippinen von den Spaniern abgekauft, sie setzten sich gegen die einheimischen Truppen militärisch durch und errichteten eine Kolonie. Ihr erklärtes Ziel war es, die Filipinos «zur Demokratie zu erziehen.»
Heute gibt es Dutzende von Biographien über José Rizal, Generationen von philippinischen und internationalen Historikern haben sich an ihm abgearbeitet, posthum ist er zum geistigen Begründer der Nation geworden, zum philippinischen Messias rizalistischer Freikirchen, man hat sozialistische, liberale, anarchistische, konservative, christliche Tendenzen in seinem Werk entdeckt und hervorgehoben. Mich interessierte ein bestimmter, selten besprochener Text des jungen Autors, der 1886 noch kaum politisch hervorgetreten war. Im Herbst dieses Jahres übersetzte er in Leipzig Schillers «Wilhelm Tell» vom Deutschen in seine Muttersprache Tagalog. Absatz für Absatz versuchte ich seine Arbeit nachzuvollziehen und war überrascht, wie sich die Geschichte des Schweizer Nationalhelden verwandelte. Der Apfel, den Tell vom Kopf seines Sohnes schoss, war eine importierte Frucht und erhielt einen spanischen Namen: «mansanas». Ansonsten vermied Rizal die spanischen Fremdworte. Für «Lawine» erfand er ein neues Wort – das tropische Vokabular seiner Sprache hatte dafür keinen Begriff. Er nannte sie «baha ng yelo», «Überschwemmung aus Eis». Der Hagel wurde ein Steinregen. In Rizals Worten verschoben sich Gotthardpass und Alpen auf eine tropische Insel –
tatsächlich sagt im «Wilhelm Tell» die Österreicherin Berta zu ihrem geliebten Rudenz:
«Wo wär die sel’ge Insel aufzufinden,
wenn sie nicht hier ist in der Unschuld Land?» –
schon hätte ich mich in den Schweizer Diskussionen über Wilhelm Tell verfangen können, im Streit über seine Wirkung auf das Schweizer Selbstverständnis, über das politisch verhängnisvolle Bild der «Insel der Unschuld». Aber Rizal hat nur Worte von einer Sprache in eine andere Sprache übersetzt. Eine Insel ist eine Insel, ein Stück Land im Meer, in einem südlichen Meer, sie spielt eine wichtige Rolle im aufblühenden Handel – sei es der Handel von Italien nach Nordeuropa oder der Galeonenhandel zwischen Mexiko und China. Beim Übersetzen und Rückübersetzen vermischten sich die Landschaften und ich begann, diese neue Landschaft im Zwischenraum der Sprachen zu beschreiben. Zu meiner eigenen Überraschung fand ich darin die Geschichte von Wilhelm Tell ausnehmend interessant.
Wenn es nun dem einen oder der anderen beim Lesen ähnlich geht, macht mich das glücklich.
Und jetzt, wo das Buch da ist und der Apfel, die Lawine, die Insel viel Platz gefunden haben, scheinen mir auch die politischen Diskussionen wieder interessant. An den Lesungen kommen sie regelmässig auf. Schliesslich geht es um einen Liberalen aus den Kolonien, der seine Gedanken mit deutscher Aufklärung unterfüttert, um gegen die spanische Kolonialmacht anzutreten. Es ist unmöglich, angesichts dieser Geschichte ganz Europa als Verkörperung von Demokratie und Freiheit, Asien dagegen als Inbegriff von dunklem Autoritarismus zu sehen. Aus den Dokumenten zum Leben Rizals treten einzelne Intellektuelle aus Europa und Asien hervor, die ähnliche Fragen stellen, obwohl sie ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Sehr selten ergibt sich ein Gespräch über die kolonialen Grenzen hinweg.