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Der deutsche Dichter Durs Grünbein hat die dritte Satire des Römers Juvenal übersetzt und mit einem packenden Essay eingeleitet. In der Übersetzung verwendete er die adverbiale Formel «eines Tages», schrieb sie aber, dem Auge und Ohr ungewohnt, «einestags», worauf der gewissenhafte Sekretär, der das Manuskript prüfen musste, einen Bleistift ergriff und mit drei beschwörenden Ausrufezeichen an den Rand setzte: «!!Auch im Gedicht möglichst Regeln beachten!»
Wo stehen diese Regeln? Im Rechtschreibwörterbuch. Das heute weitestverbreitete und einflussreichste hat seinen Namen vom Gymnasiallehrer Konrad Duden (1829–1911), der im Jahre 1880 erstmals sein «Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache» herausgab. Es ist im Laufe seiner Geschichte immer wieder als Gesetzbuch missverstanden worden. Walter Heuer aber, einst Chefkorrektor der NZZ und Verfasser der Sprachschule «Richtiges Deutsch», stellte ihm ein anderes, treffenderes Zeugnis aus und nannte es «ein sehr nachsichtiges, oft wohl zu nachsichtiges, den Entwicklungen der lebendigen Sprache weit offenes Regelbuch». Mit dieser Nachsicht und Offenheit war vor vierzehn Jahren Schluss, als der Duden die sogenannte neue Rechtschreibung mit all ihrem Höllen- und Regelzwang übernahm.
Man tat es widerwillig; der Leiter der Dudenredaktion, Günther Drosdowski, schrieb 1996 dem Reformkritiker Theodor Ickler: «Mir erlegten Anweisungen der Kultusministerien und die Verlagsräson auf, dass ich die Reform mit trage, aber es ist nicht meine Reform.» Drosdowski hätte die zahlreichen Fehler der Reform öffentlich kritisieren müssen, anstatt sie zu verbreiten. Die folgenden langen Jahre waren gezeichnet von heissblütigen Auseinandersetzungen und halbherzigen Verbesserungen – den bisher letzten Versuch legte der Rat für deutsche Rechtschreibung im Jahre 2006 vor. Und heute?
Heute müssen die Dichter ihre Texte vor untauglichen Rechtschreibregeln schützen. Das hat die Interessengemeinschaft österreichischer Autorinnen und Autoren getan, indem sie mit den Schulbuchverlagen einen Vertrag aushandelte, der Eingriffe in die Gestalt der Texte verbietet: «Im Rahmen der Freiheit der Kunst nehmen Autorinnen und Autoren das Recht in Anspruch, eine vom verordneten Standard abweichende Rechtschreibung zu verwenden. Dieses Recht auf Integrität eines Kunstwerkes schließt ausdrücklich die Ablehnung ganzer Orthographiereformen oder bestimmter Teile davon ein.» Abgelehnt wird die Reform inzwischen auch von ihren Auftraggebern, den Kultusministern Deutschlands, wie einer Stellungnahme der Ministerin Wanka, die im Jahr 2005 Präsidentin der Kultusministerkonferenz war, zu entnehmen ist: «Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war. Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.»
Aus dem Privatgebiet des Handschriftlichen in die
Öffentlichkeit des Drucks
Ob in einem Text die ungewohnte Bildung «einestags» steht, das entscheidet nicht der Duden oder ein Korrekturprogramm. Es geht hier vielmehr um Möglichkeiten des Ausdrucks und Stils, die ein sprachbewusster Lektor mit dem Autor klärt. Der Lektor steht an der Grenze zwischen dem «Privatgebiet des Handschriftlichen» und der «Öffentlichkeit des Drucks», um Begriffe zu verwenden, die Christian Morgenstern, der auch Lektor war, in einem Brief an Robert Walser prägte. Diese Grenze überschreitet der Autor von Berufs wegen, und dabei beugt er sich bei aller künstlerischen Freiheit einer Gegebenheit: da er gelesen und verstanden werden will, will er für seine Texte die bestmögliche Form; er beugt sich, oder besser fügt und neigt sich dem Sprachgefühl und den Lesegewohnheiten der Sprachgemeinschaft. Hie und da wagt er etwas Neues, und wenn seine Neubildung aufgenommen und weiterverwendet wird, so findet sie schliesslich einen Platz im Wörterbuch. Was im Wörterbuch steht, bestimmt also letztlich die Sprachgemeinschaft, und Regeln sind tauglich, wenn sie aus dem allgemein Üblichen abgeleitet werden. Mit Beginn der Rechtschreibreform aber stellte sich eine Kommission des Staates über die Sprachgemeinschaft und entzog ihr zahllose Wörter. So stand im Duden des Jahres 1996 plötzlich statt «greulich»: «gräulich», statt «wohlbekannt»: «wohl bekannt», statt «wiedersehen»: «wieder sehen».
Die Willkür, mit der die…