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Ein Hafen in Zürich zu bauen war damals in den 1910er- und 1920er-Jahren eine mutige Vision. Wo würde man denn jetzt heute durchfahren, um von Zürich ans Meer zu gelangen?
Andreas Teuscher: Anfang des letzten Jahrhunderts hat man in Basel den Hafen gebaut. Das war damals nicht als Ende der schweizerischen Binnenschifffahrt gedacht, sondern eher als Anfang. Man wollte weiter rheinaufwärts fahren, in den Bodensee, von Koblenz aus hätte man die Aare hinauffahren können, weiter in die Limmat und um von dort nach Zürich zu gelangen. Alternativ gab es auch die Route via Glatt in den Raum Oerlikon. Und so fing man in den 1910er- und 1920er-Jahren an, Häfen zu planen. Man diskutierte gar nicht mehr darüber, ob es einen Hafen in Zürich braucht, sondern wohin er kommen sollte.
Wie hat man sich das vorgestellt? Und wieso musste man das unbedingt haben?
Die Schweiz hat zu dieser Zeit die grossen Wasserstrassen geplant. Man wollte einen transhelvetischen Kanalbau, gar ein transalpiner Kanalbau war im Gespräch. Einerseits ging es um die Vernetzung mit der Welt, die gefühlte Enge in der Schweiz wollte man mit einem Wasserstrassennetz in die Weltmeere ein bisschen auflockern. Und für Zürich war es speziell wichtig, da man Angst hatte, ins Hintertreffen zu geraten. Die «NZZ» stellte 1930 die Frage in den Raum, ob man nun Gefahr laufe, die internationalen Wege durch Zürich zu Seitenwegen zu degradieren, wenn man jetzt nicht auch an den Wasserstrassen mitbaue und auch einen Hafen in Zürich baue.
Man wollte die Wasserstrassen also zur Not auch durch den Berg durch, also transalpin. Wie hätte denn Zürich mit Hafen ausgesehen?
Der Hafen wäre nicht dahin gekommen, wo jetzt der Hafenkran steht. Geplant wurden Häfen in Schlieren, Altstetten oder auch in Oerlikon. Das Limmatquai wäre nach den meisten Plänen unberührt geblieben. Es gab in den 1930er-Jahren aber doch auch Pläne, die die Weiterführung der Schifffahrt in den Zürichsee vorsahen. Und dann wäre jetzt an der Stelle, wo der Hafenkran steht, eine riesige Schleuse mit Kraftwerk entstanden. Das wurde aber nie gebaut.
Muss man sich das als schön vorstellen? Das wäre ja schon ziemlich heftig für eine Stadt.
Man hat damals Fotomontagen gemacht. Aus heutiger Sicht wirkt es etwas befremdlich. Grosse Schiffe, Schleusen, bombensicheres Kraftwerk. Man hat dann auch Bilder gezeichnet von riesigen viermastigen Hochseeschiffen auf dem Zürichsee.
Also kein Baden und am See Schlendern?
In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts hat man auch gedacht, dass Baden völlig überbewertet sei. Und dass grosse Schiffe das Stadtbild nur aufwerten würden.
Zürich wäre aber nicht nur ein Ort für die Schifffahrt gewesen. Zürich mit Hafen wäre mehr gewesen.
Ja, es wurde natürlich dann immer mehr als nur der reine Warentransport damit verknüpft. Fridolin Becker, ein Geograf an der ETH und ein Verfechter der Schweizer Wasserwege der ersten Stunde, zeichnete Bilder von den Wurzeln des Schweizer Baumes, der seine Säfte aus den Weltmeeren saugt und damit die Früchte des Baumes nährt, die dann nicht nur für die Schweiz wirtschaftliche Blüte bringen, sondern auch zum Keimpunkt des Aufschwungs in ganz Europa werden sollten. Und dadurch hat er auch versucht, die Schweiz als kleine, heterogene Nation während den Krieg zu legitimieren.
Auf der Rückseite ihres Buches steht: «Wer an der See keinen Teil hat, der ist ausgeschlossen von den guten Dingen der Erde.» Das Meer bedeutet also die Lebendigkeit, der Fortschritt, der Aufschwung schlechthin?
Der Spruch stand als Bildlegende unter einer Fotomontage von diesem grossen Schiff auf dem Zürichsee, das dort eigentlich nichts verloren hat. Das war sozusagen der Kommentar dazu, dass man auch Schiffe brauche, um an den Schätzen der Weltmeere teilzuhaben.
Ist es ein Zufall, dass ihr Buch «Schweiz am Meer» gleichzeitig rauskommt, wie der Hafenkran in Zürich steht?
Wir haben schon geschaut, dass das Timing stimmt. Es ist ein sehr glücklicher Zufall, der ein bisschen gesteuert ist. Aber als ich mit dem Buch anfing, da war der Hafenkran noch kein grosses Thema.
Zu Andreas Teuscher
1980 in Zürich geboren, Historiker. Jahrelang hat er in Archiven gewühlt und dabei erstaunliches, bisher unveröffentlichtes Bild- und Textmaterial geborgen, das er zu einer überraschenden Geschichte verarbeitete.
Buchhinweis
Andreas Teuscher: «Schweiz am Meer», Limmat Verlag, 2014.