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Anton Mitryushkin heisst der Mann, der bei Sion den Stammgoalie Andris Vanins ablöste. Seither ist der 20-Jährige gesetzt und spielt abgeklärt wie ein alter Fuchs. So will er heute auch den FC Basel ärgern.
Allmählich drängt die Zeit. Seit einer Stunde sitzt Anton Mitryushkin schon auf seinem Sessel in der Lobby des Teamhotels in Martigny und beantwortet Fragen. Warum spielen Sie ausgerechnet beim FC Sion? Weshalb haben Sie Spartak Moskau verlassen? Wie beurteilen Sie Ihre Chance, bei der WM 2018 das russische Tor zu hüten?
Obwohl der 20-Jährige ordentlich Englisch spricht, hat die Presseabteilung des FC Sion verlangt, dass beim Interview eine Dolmetscherin eingesetzt wird. So zieht sich das Ganze in die Länge und Mitryushkin befürchtet, er könnte im Fernsehen den Anstoss in Rostow verpassen. Dort sind in der Champions League die Bayern zu Gast. «Mein Herz schlägt für Rostow. Das ist meine Stadt. Dort habe ich mit dem Fussball begonnen und leben meine Eltern», sagt Mitryushkin.
Auf die Welt gekommen war er aber in Krasnojarsk in Sibirien, wo er die ersten sechs Jahre seines Lebens verbrachte, ehe die Familie 4500 Kilometer westwärts nach Rostow am Don übersiedelte. Als er dann 14 Jahre alt und ein grosses Goalietalent war, konnte er ein Angebot von Spartak Moskau nicht ausschlagen. «Das ist die beste Akademie in ganz Russland», sagt Mitryushkin. In der Hauptstadt wurde der Rohdiamant geschliffen, auch von der Torhüterlegende Rinat Dassajew, der die Sowjetunion bei der EM 1988 in den Final gehext hatte. «Ihm hörte ich besonders gut zu, wenn er mir einen Rat gab», sagt Mitryushkin.
Er wurde besser und besser. Er wehrte 2013 im Final der U17-EM gegen Italien drei Penaltys ab und sicherte Russland den Titel. Er gab unter Trainer Valeri Karpin im März 2014 als 18-Jähriger sein Debüt in der Premier Liga und führte 2015 die U19-Nati in den EM-Final gegen Spanien (0:2). «Doch der Weg ins Tor von Spartak war blockiert, Stammgoalie Artem Rebrov gesetzt», sagt Mitryushkin.
Auch Trainer Murat Yakin hatte auf den erfahrenen Rebrov gebaut, Nachfolger Dimitri Alejnitschew ebenfalls. Insgesamt kam Mitryushkin nur in drei Erstligapartien zum Einsatz. «Ich brauchte Spielpraxis», sagt der Keeper.
So landete Mitryushkin schliesslich im Wallis. «Ich sah beim FC Sion die besten Perspektiven», sagt der 1,89-m-Mann. Sittens Präsident Christian Constantin, selber einst Goalie, sagt voller Stolz, man wolle aus Mitryushkin den «neuen Dassajew» machen. 380'000 Euro hatte sich Constantin diesen Transfercoup kosten lassen und den Neuankömmling mit einem Vertrag bis 2019 ausgestattet.
Nach der Akklimatisierung hätte Mitryushkin ab Sommer 2016 die neue Nummer 1 des FC Sion sein sollen. Doch schon nach sechs Partien in der Promotion League und hervorragenden Trainingseindrücken kam Trainer Didier Tholot nicht darum herum, die langjährige Nummer 1 Andris Vanins abzulösen.
«Der Fussball in der Schweiz ist viel offensiver als in Russland. Ein Unterschied ist auch, dass hier weit mehr Wert darauf gelegt wird, dass ein Goalie mit dem Fuss stark ist», sagt Mitryushkin. Was er besonders schätzt: «Die Reisen zu den Auswärtsspielen sind ein Katzensprung. In Russland sassen wir stundenlang im Flugzeug. Einmal spielten wir in Chabarowsk und waren neun Stunden im Flieger. Für die Fahrt vom Trainingszentrum in unser Stadion benötigten wir jeweils anderthalb Stunden.»
In der Schweiz fühlt sich Mitryushkin wohl. «Ich lebe mit meiner Freundin Daria in Martigny, auch ihr gefällt es sehr. Im Gegensatz zu Rostow und Moskau ist es so ruhig hier, dass wir uns wie in den Ferien fühlen», sagt Mitryushkin. Apropos: In früheren Jahren war er mit seinen Eltern – der Vater war elfmal sowjetischer Meister im Bandy (Eishockey auf Grossfeld mit Ball) − wiederholt in der Schweiz im Urlaub; als Sportler mit dem Snowboard in St.Moritz, als Tourist in Luzern.
Vor zwei Wochen hat Mitryushkin mit der U21-Nationalmannschaft in Malaga gegen die Schweiz gespielt und 2:3 verloren. Vom neuen Coach des A-Teams, Stanislas Tschertschessow, hat er indes noch nichts gehört. «Ich weiss aber, dass er die jungen Spieler beobachtet. Ich hoffe, auch mich», sagt Mitryushkin.
Wie gross ist denn seine Hoffnung, bei der WM in Russland dabei zu sein? «Daran denke ich nicht. Das ist kein realistisches Ziel, denn wir haben in Russland gute Goalies. Und überhaupt, wenn ich in die Nationalmannschaft will, muss ich in der Bundesliga oder in der Premier League spielen.» Ist dies sein grosser Traum? «Nein», sagt Mitryushkin, «das ist mein Ziel!»
Als Nächstes aber will er mit Sion dem FC Basel und Marek Suchy die erste Niederlage beifügen. «Marek war in Moskau ein Teamkollege. Ein toller Kerl, perfekt russisch sprechend», sagt Mitryushkin. Mit dem Basler Assistenztrainer Markus Hoffmann kommt gleich noch ein zweiter Bekannter aus Spartak-Zeiten zu Besuch.
Dieser war Yakins Assistent und erinnert sich bestens an Mitryushkin. «Er ist Russlands grösstes Goalietalent, dank einem sensationellen Reaktionsvermögen unglaublich stark auf der Linie und auch gut im 1:1», spricht Hoffmann in Superlativen über Mitryushkin. Dazu sei er ein offener Mensch. «Ich bewundere seinen Mut, in so jungen Jahren ins Ausland zu gehen. Das wagen russische Fussballer sonst nicht so oft.»