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Radiopirat wird Staatsgründer: Von einer Plattform in der Nordsee aus drehte Paddy Roy Bates der BBC eine lange Nase. Vor knapp 50 Jahren gründete er gar seinen eigenen Staat. Seither kämpft Sealand um Anerkennung und Einnahmequellen.
Die Geschichte des kleinsten Staates der Welt beginnt mit einem Mann namens Paddy Roy Bates, der das Piratendasein ernst nahm. Der ehemalige Major der britischen Armee verhandelte nicht, sondern riss sich unter den Nagel, was er haben wollte. Und im September 1965 wollte er das Fort Knock John.
Er enterte die Festung – eine verrostete Plattform auf zwei grossen hohlen Betontürmen, mitten in der Themsemündung – und zwang das Personal des dort residierenden Radio City nach einer kurzen Konfrontation, das Fort zu verlassen. Die dreiste Eroberung fand auf dem Höhepunkt der britischen Radiopiraterie statt. Und Bates, der spätere Prinz von Sealand, war der verwegenste aller Freibeuter.
Musik aus internationalen Gewässern
In den frühen 1960er-Jahren gab es in Grossbritannien nur einen Rundfunksender, nämlich die öffentlich-rechtliche BBC. Kommerzielle Radiostationen waren nicht zugelassen – die Behörden befürchteten, dass diese dem kulturellen Fortschritt nicht zuträglich seien. Doch das Monopol geriet zunehmend in die Kritik. Angeführt wurde der Widerstand von einer Reihe libertärer Unternehmer, die im Verbot des kommerziellen Radios eine skandalöse Einschränkung ihrer Freiheit sahen. Diese Geschäftsleute kämpften nicht nur an der intellektuellen Front – Friedrich von Hayeks Polemiken gegen staatliche Knechtung dienten ihnen als Arsenal –, sondern wollten gleich selbst Tatsachen schaffen.
So machten sie sich daran, Boote mit Sendeanlagen, Antennen und Plattenspielern auszustatten. Dann navigierten sie in Gewässer ausserhalb des britischen Hoheitsgebiets und sendeten von dort aus aufs Festland. Mitte der 1960er-Jahre gab es rund ein Dutzend dieser «Piratensender», die Jazz, Popmusik und Rhythm’n’Blues spielten – Musik, die den nüchternen BBC-Chefs zu unkultiviert war. Etta James und Nat King Cole hörte man etwa auf Radio Caroline, dazu Country-Musik und natürlich die Beatles und Rolling Stones. Insbesondere bei jungen Leuten waren die Sender ein Hit, Millionen von Teenagern lauschten lieber den nautischen DJs als dem faden Angebot der öffentlich-rechtlichen «Beeb».
Paddy Roy Bates (3. von links) und seine Radiopiraten nach der Invasion. (Bild: privat)
Das Modell funktionierte, weil die Hoheitsgewässer Grossbritanniens damals noch gemäss der 300 Jahre alten Kanonenkugel-Regel definiert waren: Da man im 17. Jahrhundert rund drei Seemeilen weit schiessen konnte, umgerechnet etwa 5,5 Kilometer, endete an diesem Punkt das Hoheitsgebiet des Staates. Das Meer dahinter war Terra nullius, Niemandsland.
Auch die Maunsell Forts, eine Verteidigungsanlage aus dem Zweiten Weltkrieg, lagen im Niemandsland der Themsemündung. Sie waren 1942 errichtet worden, um deutsche Kampfflugzeuge abzuschiessen, die der Themse entlang nach London fliegen wollten. Nach dem Krieg standen sie verlassen, eines sank nach einer Kollision mit einem Schiff, ein anderes wurde durch einen Sturm zerstört. Doch Knock John blieb wie einige andere bestehen und bot den Radiopiraten einen perfekten, wenn auch nicht besonders komfortablen Stützpunkt.
Nach der erfolgreichen Eroberung sendete Roy Bates‘ Radio Essex von Knock John aus bis Ende 1966 rund um die Uhr Musik, obwohl das Signal seiner veralteten Sendeanlage kaum bis nach London reichte. Als die britische Regierung schliesslich versuchte, die Piratensender zu schliessen und deshalb die gesamte Themsemündung zu britischem Hoheitsgewässer erklärte, suchte Bates nach einer Alternative.
Piraten machen Staat
Weit draussen im Meer, zwölf Kilometer vor der Küste der Grafschaft Suffolk, liegt Roughs Tower, der nördlichste Ableger der alten Verteidigungsanlage. Wie Knock John besteht die Konstruktion lediglich aus zwei hohlen Betontürmen und einer Plattform, darauf ein flaches Gebäude. Aber Roughs Tower lag unbestreitbar in internationalen Gewässern, zumindest damals. Also packte Bates seine gesamte Radioausrüstung in sein Boot und zog um.
Erneut war er nicht der erste Radiopirat auf Roughs Tower, aber der erfahrene Eroberer schaffte es auch diesmal, die Konkurrenten von Radio Caroline von der Plattform zu vertreiben. Brenzlig wurde es erst, als er einen Versuch der Rückeroberung nur mit Hilfe von Schusswaffen und Molotow-Cocktails abzuwehren vermochte.
Bates sah bald ein, dass die Zeit der Piratensender zu Ende ging und änderte seine Pläne kurzerhand: Er erklärte die Unabhängigkeit. Am 2. September 1967 wurde Roughs Tower zum Fürstentum Sealand, Bates wurde als Roy of Sealand zum Alleinherrscher und seine Frau – es war ihr Geburtstag – Prinzessin. Um seinem Staat internationale Anerkennung zu verschaffen, schrieb der Regent 1975 eine Verfassung.
Ein halbes Jahrhundert später stehen die zwei Türme von Sealand noch immer in der Nordsee, und der Herrscher der 0,02 Quadratkilometer grossen Plattform sieht sich als das Oberhaupt des kleinsten Staates in internationalen Gewässern. Für einen Besuch beim heutigen Prinzen muss man sich jedoch nicht in ein Boot setzen. Michael of Sealand residiert nur 20 Minuten vom Bahnhof von Leigh-on-Sea entfernt, einem Städtchen an der Küste der Grafschaft Essex. Vor dem Haus steht ein knallroter Pick-up, ein Schild am Fenster warnt vor dem Rottweiler. Der Hund sei jedoch harmlos, versichert Michael Bates sogleich, als er die Tür öffnet.
Vierschrötig, mit einem breiten Nacken und kurz geschorenen Haaren, sieht der Prinz eher aus wie ein Seemann als wie ein Staatsoberhaupt. Wenn er lacht, entblösst er eine grosse Lücke zwischen den Schneidezähnen. Der heute 62-jährige Michael Bates, Sohn des Staatsgründers, übernahm 1999 als Prinzregent das Zepter von Sealand, und seit dem Tod von Paddy Roy Bates im Jahr 2012 ist er der neue Machthaber.
Er kennt sein Reich: Michael half von Anfang an beim Staatsaufbau mit. Nachdem viele Mitarbeiter nach der Schliessung des Radiosenders das Fort verlassen hatten, benötigte sein Vater Hilfskräfte. So kehrte Michael nach den Frühlingsferien 1968 einfach nicht mehr in die Schule zurück. Im gleichen Jahr wurde der rechtliche Status der Mikronation erstmals geprüft. «Ich und meine Schwester waren allein auf Sealand, und ein paar Mitarbeiter von Trinity House, der Leuchtturmbehörde, näherten sich in einem Boot», erzählt Michael. «Sie machten gegenüber meiner Schwester obszöne Kommentare, also holte ich eine Schrotflinte und schoss ihnen vor den Bug.»
Prompt wurde er vor Gericht gezerrt. Doch bevor die Legitimität des Schusswaffengebrauchs geprüft werden konnte, musste man die Zuständigkeit klären. Ein Richter in Essex urteilte, dass Sealand ausserhalb seiner Gerichtsbarkeit liege und er somit nicht zuständig sei. Laut Michael war dies die De-facto-Anerkennung seines Staates durch die britische Regierung. Offiziell hält Westminster hingegen stets an der Bezeichnung Roughs Tower fest, und auch sonst anerkennt kein Staat die Mikronation.
Putschversuch des Premierministers
Noch kniffliger als das Problem der Legalität ist die Frage, wozu das Fürstentum eigentlich da ist. Schliesslich sind die Möglichkeiten eines Staates, der aus einer stählernen Plattform besteht, eher beschränkt. Für Paddy Roy Bates war die Unabhängigkeit in erster Linie ein riesiges Abenteuer, aber selbstverständlich wollte er mit seiner Nation auch Geld verdienen. Nach dem Ende seines Piratenradios unternahm er deshalb Vorstösse in verschiedene Wirtschaftszweige – Sealand als Steueroase, Sealand als Casino, Sealand als Touristenhotel. Keine dieser Visionen konnte er umsetzen, aber Bates gab nicht auf.
Ende der 1970er-Jahre sei ein deutscher Unternehmer namens Alexander Achenbach mit «allerhand interessanten Ideen» zu ihm gekommen, erzählt Michael. Achenbach wurde Bürger von Sealand und dazu Premierminister, aber die Zusammenarbeit nahm ein böses Ende. Der Unternehmer lud den Prinzen von Sealand nach Salzburg ein, um ihm eine Geschäftsidee zu unterbreiten – den Aufbau eines Freizeitzentrums. Vater Paddy Roy wies den Vorschlag zurück. «Da entschieden sich Achenbach und seine Leute zu einem Putschversuch», sagt Michael.
Sogar den britischen Staat unterstützt er. «Queen and country» sind Werte, die ihm etwas bedeuten – ein Paradox, wie er zugibt. Zwar wohnte er in den 1970er- und 1980er-Jahren zuweilen mehrere Monate am Stück auf Sealand, aber er hatte immer ein Zuhause auf dem Festland und fühlt sich deshalb nicht als lupenreiner Separatist.
Während er erzählt, sieht Michael auf der Überwachungskamera, dass seine zwei Söhne vorgefahren sind. James und Liam, beide Ende 20, sind im gleichen Geschäft wie ihr Vater – kommerzielle Fischerei. Sealand ist für sie nur ein Hobby, aber ein wichtiges. Zurzeit sind die drei dabei, ihrem Staat einen neuen Sinn zu verleihen. Ein wenig Geld machen die Bates mit dem Verkauf von Adelstiteln – für 199,99 Pfund kann man beispielsweise Gräfin oder Graf werden. Sonst ist auf der Insel nicht viel los, obwohl dort immer mindestens zwei Wächter wohnen und oft Reparaturarbeiten anfallen.
Aber Pläne für die Zukunft gibt es: «Wir wollen die Insel für andere Leute öffnen, eine selbstversorgende Gemeinschaft aufbauen und den Rest der Welt in unser Projekt einbeziehen», sagt James. Eine Fisch- und Hummerfarm ist geplant, dazu eine Kleinlandwirtschaft, die Erde dafür soll aus Fischexkrementen gewonnen werden . «Kein Hippie-Zeug», fügt Michael schnell hinzu. Ihm schwebt eher eine exklusivere Gemeinschaft vor. Auch mehr «Land» soll rund um die künstliche Insel gebaut werden. Ein Besuch auf Sealand sei allerdings auf keinen Fall möglich, erklärt er. Triftige Gründe dafür kann er nicht nennen. Vielleicht hat er einfach Angst, dass ein Gast ihm seinen Staat wegnehmen könnte. Es wäre schliesslich nicht das erste Mal.
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Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch «Unabhängigkeit! Separatisten verändern die Welt», das am 7. Oktober im Christoph Links Verlag erscheint. Die bibliografischen Angaben zum Buch finden Sie hier.