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Verantwortung: Francesca Falk / Barbara Lüthi
Referierende: Francesca Falk / Barbara Lüthi / Moritz Mähr
Moderation und Kommentar: Damir Skenderovic
Unter dem Paneltitel „Wie wird der Zusammenhang von Reichtum, Arbeit und Migration in der Schweiz in neueren Publikationen und Projekten thematisiert?“ plädierten zwei Historikerinnen und ein Historiker für neue Perspektiven auf die Migrationsgeschichte – insbesondere auch in der Schweizer Geschichte.
Im ersten Beitrag „Auf Magnetband gespeicherte Ausländer. Steuerung der Arbeitsmigration zur Sicherung des Wohlstands nach 1960“ präsentierte MORITZ MÄHR sein technikgeschichtliches Forschungsprojekt zur Geschichte der Automatisierung der Schweizer Ausländerstatistik. Dabei skizzierte Mähr zunächst den historischen Kontext von Wirtschaftswachstum und Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte während der 1960er Jahre und schilderte, wie die den Gastarbeiterinnen und -arbeitern zugesprochenen Rechte nicht nur den Diskurs der Überfremdungsangst befeuerten, sondern auch bei staatlichen Stellen Steuerungsphantasien aufkommen liessen, die sich schliesslich in einem zentralen Ausländerregister konkretisierten. Anschliessend schilderte Mähr die in die Technologisierung gesteckten Hoffnungen auf eine bessere Steuerung der Arbeitsmigration sowie die Widersprüche und technischen Probleme der ersten Pilotprojekte. Als allgemeine Beobachtung hob Mähr in seinem Beitrag hervor, dass die Automatisierung und Zentralisierung der Ausländerstatistik das Migrationsregime der Schweiz beeinflussten, und dass sich diese Art von Datenerhebung von einem statistischen Werkzeug mehr und mehr in ein auf viele Bereiche anwendbares Kontrollwerkzeug verwandelte.
FRANCESCA FALK präsentierte ihr 2019 erscheinendes Buch „Gender Innovation and Migration“, in dem sie die Verbindungen von Migration und sozio-politischen Transformationen in der Schweiz untersucht. Am Beispiel des Ausbaus der Kinderkrippen-Infrastruktur in der Schweiz zeigte Falk auf, dass dieser insbesondere als Antwort auf die Betreuungsbedürfnisse migrantischer Familien erfolgt war, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Einklang bringen mussten, lange bevor solche Fragen im Schweizer Mainstream diskutiert wurden. Ebenfalls schilderte Falk, wie durch die Existenz dieser Infrastrukturen im Laufe der Zeit die stark stigmatisierte Kinderbetreuung in Krippen eine Normalisierung erlebte. Damit widerspricht sie dem in der wissenschaftlichen Literatur vorherrschenden Argument, dass die Nachkriegsmigration die traditionellen Geschlechterrollen in der Schweiz verstärkt habe. Schliesslich plädierte Falk für eine Migrantisierung der Geschichtsschreibung, die davon ausgeht, dass Migration nicht lediglich in spezifischen Untersuchungsobjekten zu verorten sei, sondern sich in einem für Migrationsphänomene geschärften Blick auf die Welt finde. Ein solcher Blick zeige beispielsweise, dass Migration in der Schweiz dazu beigetragen habe, die Verhältnisse in der Arbeitswelt, Bildung und Politik zugunsten von Frauen zu verändern.
Im letzten Beitrag dieses Panels stellte BARBARA LÜTHI das von ihr und Damir Skenderovic, dem Moderator und Kommentator des Panels, herausgegebene Buch „Switzerland and Migration. Historical and Current Perspectives on a Changing Landscape“ vor. Die Publikation untersucht die Geschichte der Migration in der Schweiz seit dem späten 19. Jahrhundert aus einer transdisziplinären Perspektive. Migration wird dabei als Bestandteil von Prozessen der sozialen Transformationen und Globalisierung verstanden, und nicht, wie bisher oft getan, als ein Problem, das gelöst werden muss. Lüthi wies auf verschiedene Zugänge zum Thema der Migration hin: Zunächst müssten Migrationsphänomene als Interpretationsphänomene betrachtet werden, die Wissen produzieren. Ebenso seien die Prozesse der Governance, also die Migrationsregime sowie die transnationalen Verflechtungen von Migration zu beachten. Letztlich betonte Lüthi, dass Migration in der Schweiz ein überpolitisiertes Thema sei, jedoch die Perspektive der Migrantinnen und Migranten und die sogenannte migrant agency oft verloren gehe. Die Migrantinnen und Migranten, so das Argument, hätten eine Reihe von Strategien entwickelt, um mit den diskriminierenden institutionellen Rahmenbedingungen und politischen Entscheiden umzugehen.
Die drei thematisch sehr unterschiedlichen Beiträge des Panels bezogen sich nur sehr marginal auf Reichtum, das Hauptthema der Geschichtstage. Doch als vereinendes Element wurde aus den Präsentationen und der Diskussion deutlich, dass der Wunsch nach mehr Migrationsforschung besteht, in der die Migrantinnen und Migranten als historische Subjekte nicht weiter stumm bleiben, und die sich trotz Verortung in der Schweizer Geschichte auch vermehrt eine transnationale Perspektive aneignet.
Panelübersicht:
Mähr, Moritz: Auf Magnetband gespeicherte Ausländer. Steuerung der Arbeitsmigration zur Sicherung des Wohlstands nach 1960
Falk, Francesca: Buchpräsentation: „Gender Innovation and Migration in Switzerland“
Lüthi, Barbara: Buchpräsentation: „Switzerland and Migration. Historical and Current Perspectives on a Changing Landscape“
Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 5. Schweizerischen Geschichtstagen.