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Benedikt Meyer
Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.
Nicht nur Heidi sehnte sich nach der Natur, auch Baronin Antoinette de St. Léger hatte genug von den verrussten Städten des Industriezeitalters. Also kaufte sich die Russin die zwei vor Brissago gelegenen Inseln im Lago Maggiore. Dort richtete sie mit ihrem dritten Mann (einem anglo-irischen Offizier) ein opulentes Gästehaus und einen botanischen Garten ein und liess ihn mit exotischen Blumen und Gewächsen aus aller Welt bepflanzen. Ein kleines Paradies im See.
Während sich der Herr Baron bald mehrheitlich in Neapel aufhielt, blieb Antoinette auf den Inseln, tüftelte an aus Torf gebranntem Schnaps herum und betrieb für sich allein eine eigene Post. Sie beherbergte Künstler wie Segantini, Joyce, Rilke oder Leoncavallo, mit denen ihr rauschende Feste und noch einiges mehr nachgesagt wurden. Die Künstler residierten für Tage oder Wochen auf den Inseln, schufen Kunstwerke und genossen die Ruhe und Abgeschiedenheit des Tessins. Und Antoinettes Gäste waren nicht allein: Seit der Eröffnung des Gotthardtunnels suchten immer mehr Künstler, Adelige, Industrielle und Intellektuelle den Ausgleich zur Hektik des Alltags an den Küsten der Tessiner Seen.
Die dortigen Gemeinden investierten viel Geld in Gondel- und Strassenbahnen, Spazierwege und Promenaden.
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Im Tourismus trafen Welten aufeinander. Das Tessin war ein ärmlicher Landstrich und in diesen strömten nun wohlhabende Künstler, Theosophen, Anarchisten, Naturisten, Antroposophen und Anhänger von Sonnenkulten und mystischen Sekten. 1900 kaufte ein Amsterdamer Investor einen Hügel bei Ascona und verpasste ihm die Bezeichnung «Monte Verità». Auf diesen strömten Utopisten von weit her, lebten eine Art Sozialismus, pflanzten ihr eigenes Gemüse und blieben, so oft sie konnten, nackt. Manche Einheimische hielten das für harmlose Spinnereien, andere waren ernsthaft irritiert.
Die Baronin de St. Léger betrachtete das Treiben auf dem Berg aus sicherer Distanz. Sie selbst hatte ganz andere Sorgen: sie hatte sich mit Aktien der «Transkaukasischen Eisenbahn» verspekuliert. 1927 musste sie ihre Inseln verkaufen, konnte ihre finanzielle Lage damit aber nur kurzfristig verbessern. Antoinette de St. Léger zog nach Ascona, kam in einem Armenheim unter und starb 1948 völlig mittellos im Altersheim von Intragna. Die Brissago-Inseln kamen in den Besitz eines schillernden deutschen Kaufmanns. Heute sind die schwelgerischen Inseln mit ihren exotischen Gärten im Besitz der Öffentlichkeit – und frei zugänglich.