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Ostern 1894, eine alte Skigeschichte
Von A. W. R.
( Basel ) Als am Weihnachtstage 1891 einige junge Männer in dem einst weltabgeschiedenen Schwarzwaldstädtchen Todtnau im oberen Wiesental den ersten Skiklub gründeten, der ausserhalb der nordischen Länder Finnland, Schweden und Norwegen geschaffen wurde, konnten sie nicht ahnen, welchen Aufschwung der Skilauf in der Folge nehmen würde. Wohl haben mitunter Nordlandreisende schon vor den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts Ski mitgebracht, doch sind solche Versuche der Einführung ohne Bedeutung geblieben. Als Pioniere des Skilaufes dürfen nur solche Anhänger des gleitenden Brettes gelten, die dem Ski treu blieben und durch ihr eigenes Vorbild Anhänger warben. Zu diesen Pionieren müssen wir einzelne der Gründer des Skiklubs Todtnau ( 1891 ) rechnen und im besonderen den letzten Überlebenden, den Bürstenfabrikanten Oskar Faller, der sich auch heute noch einer unermüdlichen Skibegeisterung erfreut und in dem wir auch noch den letzten Lebenden der ersten grösseren Skifahrt, die wir in nachstehenden Zeilen schildern wollen, ehren müssen. Die Einzelheiten der Ausbreitung des Skilaufes und die Verdienste der Todtnauer hiebei müssen wir hier übergehen und wollen nur die uns Alpinisten am meisten interessierende erste Begehung der Alpenpässe Gotthard-Furka-Grimsel-Brünig schildern, zu einer Zeit, wo der Skilauf noch in den Kinderschuhen stand und alpinistische Erfahrungen mit Ski noch nicht vorhanden waren.Eine erste Alpenfahrt war also ein sehr verantwortungsvolles Unternehmen, und Die Alpen - 1947 - Les Alpes8 der Anreger und Führer der Fahrt, Dr. W. Offermann, ein begeisterter Berggänger und bereits langjähriger Skifahrer, hatte die Verpflichtung, möglichst günstige Verhältnisse auszusuchen und alle nötige Vorsicht anzuwenden sowie auch eine Route auszuwählen, die eine gewisse Gewähr der Durchführbarkeit im voraus in Aussicht stellte. Schon 1893 wollte Dr. Offermann die Fahrt unternehmen, fand aber anscheinend nicht genügend Teilnehmer, und als er dann an Ostern 1894 an die Durchführung ging, konnte er sich über die Teilnehmer auch nicht genügend orientieren und deren Kenntnisse als Skifahrer nicht erproben. In der Person eines Arztes, Dr. Mehnert, und eines Studenten Mönichs ( welch letzterer übrigens am 1. Januar 1899 als erstes Lawinenopfer auf Ski mit Dr. Ehlert zusammen am Sustenpass verunglückte ) hat Dr. Offermann von Strassburg aus die Fahrt gestartet. In Flüelen trafen sie mit den drei Todtnauern Oskar und Eduard Faller und Rudolf Thoma zusammen, und gemeinsam wurde nun mit dem Gotthard-express nach Airolo gefahren. Ausser Dr. Offermann waren alle Teilnehmer ohne alpine Erfahrung, wenn auch die drei Todtnauer als tüchtige und geübte Fahrer bekannt waren. Die Teilnehmer mussten um geeignete Kleidung und Schuhwerk sowie um Mitnahme von Landkarten, Kompass, Schneebrille, Laterne, wollenen Handschuhen, von Stöcken, eventuell Pickel und von Proviant besorgt sein und jede Mannschaft um Mitnahme eines Gletscherseils. Die Strassburger Herren nahmen ausserdem noch ein Paar Kanadier Schneereifen mit, für den Fall, dass ein Paar Ski brechen sollte. Reparaturmaterialien für die Ski hatte man damals noch nicht. Die Ski waren von solidem Eschenholz, mit einer wenig stabilen Meerrohrbindung. Dazu kam ein über schulterhoher Eschen- oder Haselstock. Felle, Doppelstöcke, Metallkanten oder andere derartige Bequemlichkeiten der Neuzeit kannte man damals noch nicht, und es ist beinahe zu vermuten, dass auch die Ski noch keine Laufrinne hatten, da auch diese erst später aufkam.
Und so trafen sich die beiden Partien am Karfreitag 1894 in Flüelen, fuhren wie bereits erwähnt zusammen nach Airolo, und da der Schnee auf der Südseite der Alpen abgeschmolzen war, mussten die Ski vorerst getragen werden. In Begleitung des Wirtes Lombardi und eines Knechtes stieg die Gesellschaft, die Kehren abschneidend, zum Gotthardpass hinauf und zum Gotthardhospiz. Hier lagen gegen vier Meter Schnee. Abends traf noch, in Begleitung eines Bergführers, ein Photograph ein, der die Gesellschaft im Bild verewigte. Als Offermann die Absicht äusserte, nicht nur mit den Ski nach Hospental abzufahren, sondern auch noch nach Realp und auf die Furka weiterzuziehen, wurde das Ansinnen von Einheimischen als unsinnig, das Vordringen zum Furkapass als unmöglich und das ganze Unternehmen als ganz frevelhafter Leichtsinn bezeichnet, der gewiss unglücklich enden werde. Der Hinweis auf die damals noch ganz unbekannten Ski wurde mit Lächeln und Geringschätzung abgetan. Zuletzt wurden die Teilnehmer gewissermassen gezwungen, wenigstens den ortskundigen Führer anzustellen, dem es angenehm war, den Abstieg am anderen Morgen nicht allein durchführen zu müssen. Mit den Schneereifen, gegen zu starkes Einsinken gesichert, folgte der « Führer » nun der rasch zu Tal fahrenden Gesellschaft und traf etwa zwei Stunden nach derselben in Hospental ein. Um sich die Zeit bis zur Ankunft des Führers zu vertreiben, fuhren einige der Teilnehmer zur Belustigung der Jugend und der Bewohner über die zum Teil tief eingeschneiten Dächer niederer Häuser. Leider musste Dr. Mehnert wegen der ungewohnten Anstrengungen die weitere Teilnahme an der Fahrt aufgeben. Die übrigen fuhren nun nach Realp weiter und trafen dort mit den Winterknechten der Furka zusammen, die mit dem Führer den Aufstieg zu Fuss bewältigen mussten. Der Aufstieg war an den bekannten Lawinenhängen nicht ungefährlich und nur dank der zunehmenden Kälte durchführbar. Nach einem langen Tagesmarsch gelangten nun die Teilnehmer in der neunten Stunde zu den Wachtposten und mussten den übermüdeten Kameraden Mönichs hier zurücklassen, der später aber doch noch zum Furkapasshotel nachfolgte, wo genächtigt wurde. Am Ostersonntag hatte es 12° Kälte. Interessant ist hier zu erwähnen, dass nach einer persönlichen Aussage eines der Teilnehmer mir gegenüber die Wachtmann-schaften auf der Furka einige Paar Ski im Keller des Wachtlokales stehen hatten, mit denen sie aber nichts Rechtes anzufangen wussten und die eigenartigerweise den Stempel des Skiklub Todtnau 1891 trugen. Auch der verstorbene Leonhard Kost hat mir einmal erzählt, dass die Weiterverwendung von Ski um die gleiche Zeit herum vom Gotthardkommando sistiert wurde, was hier nur der Kuriosität wegen beigefügt sei, weil es zeigt, wie es eben noch an der nötigen Anleitung und Praxis fehlte. Es mag das auch dazu beigetragen haben, dass der Gesellschaft von Seiten des diensttuenden Wachtmeisters Schwierigkeiten bei der Abfahrt auf den Gletscher gemacht wurden, mit dem Hinweis, dass jede Annäherung an die Befestigungen verboten sei. Die Gesellschaft wurde nun zu einem grösseren Umweg genötigt und musste in der Richtung des Galenstockes ansteigen, was sehr anstrengend war, so dass Eduard Faller bergkrank wurde, den Weitermarsch aufgeben musste und mit einem Soldaten später zu Tal stieg, nach Realp. Die übrigen vier erreichten, vorsichtig fahrend, den Gletscher, der gut gedeckt und gefroren keine besonderen Schwierigkeiten bot, so dass nicht einmal angeseilt werden musste. In Serpentinen wurde nun weit gegen Norden ausholend über den Gletscher in die Höhe gestiegen, bis zwischen Gerstenhörner und Galenstock und hinüber zum Nägelisgrätli. Mit Entzücken konnten die Teilnehmer nun das Gipfelmeer des Wallis bewundern, das in voller Klarheit ausgebreitet vor ihnen lag. In zum Teil flotter Fahrt wurde geschwelgt, und der beste Fahrer der Gesellschaft, Rudolf Thoma, soll jeweils die beste Route angezeigt haben. Schwierig war das letzte Stück, das mit grosser Vorsicht befahren werden musste. Auf dem Grimselsee wurden die Skifahrer von den grossen Bernhardinerhunden des Grimselhospizes begrüsst, und im Hospiz selber kochte ihnen der 70 Jahre alte Winterknecht ein köstliches Mahl. Leider drängte die Zeit, weil noch am gleichen Tage der Weiler Im Hof erreicht werden sollte, was nur möglich war, wenn der telegraphisch nach Guttannen beorderte Schlitten rechtzeitig eintraf. Die Grimselstrasse existierte noch nicht, und nur ein schmaler Saumpfad OSTERN 1894, EINE ALTE SKIGESCHICHTE 1
führte damals am linken Steilhang abwärts. Rechts unten floss die Aare. Um einen unliebsamen Sturz in die Bachschlucht zu vermeiden, musste stark gekantet auf dem gefrorenen Schnee vorsichtig abgefahren werden. Einen grossartigen Anblick bot der Handeckfall, einer gewaltigen Orgel gleich, mit einzelnen Pfeifen aus Eisröhren, aus denen aus Schlitzen das Wasser hinabstürzte. Alles war von der hellsten Sonne beschienen und von silbern gefärbten Wasserdünsten umspielt und in glitzernder Pracht erstrahlend. Trotzdem die Skifahrer den vereisten Hang auf den Knien hinabrutschen mussten, genossen sie die stille Einsamkeit, die ihnen ganz neue Wunder der Natur eröffnete. Sie konnten sich kaum sattsehen. Erst bei Eintritt der Dunkelheit kamen sie in Guttannen an, wo sie übernachten mussten, weil der bestellte Schlitten vorwitzigerweise vom Gastwirt zurückgeschickt worden war, als die Besteller mittags nicht eintrafen. Mönichs war unterwegs in eine Schneekluft gefallen und kam etwas später an. Am Ostermontag musste nun nach Im Hof gelaufen werden, und von dort erfolgte dann der Anstieg zum Brünig, von wo eine schöne Abfahrt in der Richtung gegen Giswil die gut gelungene Fahrt abschloss. Per Bahn und Schiff fuhren sie nach Luzern. Der « Führer » wurde hier nach Hause entlassen. Leider hatte er wegen Abtretung seiner Schneebrille entzündete Augen bekommen. Zwischen Luzern und Basel klagte nun auch Rudolf Thoma über entsetzliche Augenschmerzen, und er musste dann in der Folge acht Tage lang in völlig dunklem Zimmer verweilen.
Mit dieser Skifahrt war der Beweis geleistet worden, dass sich die Ski für Alpenwanderungen eignen, und wenn auch Stimmen laut geworden sind, es handle sich hier um keine Hochtour im modernen Sinne des Skifahrers, so darf doch gesagt werden, dass die in vier Tagen vollbrachten Leistungen sich würdig an grössere Taten reihen und dass es sich hier um eine Ersttour handelt, die auch in unseren Kreisen volle Anerkennung verdient.Durch gutes Wetter war die Ausführung besonders begünstigt gewesen. In der Folge sind dann grössere Unternehmungen auf Ski gemacht worden, so 1896 eine Tour auf den Oberalpstock, eine Durchquerung der Alpen vom Berner Oberland ins Wallis und anderes. Das damals Erreichte darf nicht verwechselt werden mit den Taten unserer modernen Skifahrer, die weit besser ausgerüstet sind und schliesslich von den Erfahrungen der ersten alpinen Skifahrten Nutzniesser sind.