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Einst wollte er Pflanzenzüchter in Australien werden, doch dann führte sein Weg in die Insektenforschung und damit für fast 30 Jahre nach Afrika: Hans Rudolf Herren, 63, gilt als einer der Pioniere der biologischen Schädlingsbekämpfung. Sein Meisterstück vollbrachte der Walliser in den 1980er Jahren in Afrika, wo er als Leiter eines grossen Forscherteams innert weniger Jahre ein Mittel gegen die Maniok-Schmierlaus fand, die das Grundnahrungsmittel von Millionen von Menschen zu zerstören drohte. Für diese Pioniertat wurde er 1995 mit dem Welternährungspreis ausgezeichnet.
Mit dem Preisgeld gründete der Insektenforscher 1998 die Stiftung Biovision, die sich für ökologische Schädlingsbekämpfung und nachhaltige Landwirtschaft in Afrika einsetzt. Mit «The Organic Farmer» («Der ökologische Landwirt») vertreibt Biovision in Kenia eine eigene Zeitschrift, die sich speziell an Kleinbauern richtet.
Seit 2002 amtet Herren als Direktor des in Arlington ansässigen Millennium Institute, einer Nichtregierungsorganisation, die sich die Ausarbeitung von Instrumenten für eine nachhaltige Entwicklung auf die Fahne geschrieben hat. Hans Rudolf Herren war zudem Co-Autor des im Auftrag von Unesco und Weltbank erstellten, 2008 erschienenen Weltagrarberichts.
BeobachterNatur: Herr Herren, Sie kommen direkt aus den USA …
Hans Rudolf Herren: Fast. Ich habe am Wochenende noch meine Mutter im Unterwallis besucht.
BeobachterNatur: Aber Sie wohnen in Arlington bei Washington. Sind Sie Afrika untreu geworden?
Herren: Ich verbringe nur etwa eine Woche pro Monat in Arlington. In der übrigen Zeit reise ich zu Sitzungen, halte Vorträge und suche Geld für meine Projekte. Das ist meine Arbeit für das Millennium Institute. Eigentlich ist das bereits ein Vollzeitjob, aber ich habe daneben noch ein paar andere Aufgaben: einerseits die Stiftung Biovision, die sich für nachhaltige Landwirtschaft in Afrika einsetzt, anderseits auch die Arbeit am Weltagrarbericht. Diesen haben wir 2008 abgeschlossen, jetzt geht es um die Umsetzung. Und das braucht sehr viel Überzeugungsarbeit bei den politischen Entscheidungsträgern.
BeobachterNatur: In Afrika sind Sie demnach kaum mehr anzutreffen?
Herren: Oh doch, ich war im Dezember letzten Jahres dort und habe unter anderem einen Film gedreht über nachhaltige und ökologische Landwirtschaft, wie wir sie bei Biovision, aber auch im Weltagrar-bericht propagieren. Ich bin noch immer sehr stark in Afrika engagiert.
BeobachterNatur: Sie haben als Insektenforscher fast 30 Jahre lang in Afrika im Feld geforscht. Vermissen Sie diese Arbeit nicht?
Herren: Doch, immer mehr. Manchmal bin ich fast neidisch auf Kollegen, die einfach forschen, publizieren und zusammen mit den Einheimischen etwas produzieren können. Da bin ich ganz froh, dass ich mich in ein paar Jahren auf meinen Rebberg in Kalifornien zurückziehen und mich wieder als Bauer betätigen kann.
BeobachterNatur: Man sagt, Sie hätten mit Ihrer biologischen Bekämpfung der Maniok-Schmierlaus 20 Millionen Menschen in Afrika vor dem Hungertod bewahrt. Wie fühlt sich das an?
Herren: Es freut mich, dass ich etwas Gescheites tun konnte. In erster Linie ging es mir aber darum, ein Problem zu lösen: den Befall des Manioks durch die Schmierlaus. Ich hatte nicht einfach beschlossen, 10 oder 20 Millionen Menschenleben zu retten, ich wollte den Bauern im afrikanischen «Maniok-Gürtel» die Möglichkeit geben, weiterhin ihr Grundnahrungsmittel zu produzieren.
BeobachterNatur: Den Einsatz von Chemie haben Sie dabei nicht in Erwägung gezogen?
Herren: Die Maniok-Schmierlaus befindet sich geschützt unter einer weissen, wachsartigen Masse. Wenn man Gift auf die Oberfläche spritzt, nützt das überhaupt nichts. Es braucht ein Insektizid, das in die Pflanze eindringt und dann von der Schmierlaus mit dem Saft aufgesogen wird. Da Maniok aber nicht in einer einzigen grossen Ernte, sondern in kleinen Mengen für den täglichen Bedarf geerntet wird, wäre das Insektizid direkt auf die Menschen übergegangen und hätte ihnen geschadet. Eigentlich hatte man deshalb gar keine andere Möglichkeit als die biologische Kontrolle des Schädlings.
BeobachterNatur: Das klingt nach einer einfachen Lösung.
Herren: Als wir mit unserer Arbeit anfingen, wussten wir nicht, wo die Schmierlaus herkommt. Weil wir sehr systematisch suchten, fanden wir aber zum Glück schon nach anderthalb Jahren den ersten Nützling in Afrika – eine südamerikanische Schlupfwespenart. Danach ging es schnell wie der Blitz. Wir konstruierten mit einer Schweizer Firma ein spezielles Flugzeug, mit dem wir über den Maniokfeldern Millionen von Larven abwerfen konnten. Nach vier Jahren hatten wir das Problem gelöst.
BeobachterNatur: Wünschen Sie sich manchmal, dass sich alle Probleme so rasch lösen liessen?
Herren: Ja, das wäre schön, denn Probleme haben wir noch viele. Aber was dieses Programm auszeichnete, war, dass wir damals alle unsere Ressourcen auf die Lösung dieses einen Problems fokussierten. Als die Geldgeber feststellten, dass unser Ansatz funktionieren könnte, sprachen sie auch Gelder dafür. So etwas gibt es heute leider nicht mehr.
BeobachterNatur: Warum? Weil die Probleme komplexer sind – oder weil man nicht mehr bereit ist, alles auf eine Karte zu setzen?
Herren: Man fokussiert schon, aber auf das falsche Ziel. Ich spreche jetzt vor allem vom Pflanzenschutz und von der Nahrungsmittelproduktion. Dort investiert man fast das gesamte Geld in die Biotechnologie, weil man irrigerweise davon ausgeht, man müsse einfach ein wenig «schräubeln» und die Sache sei damit erledigt. Das ist genau die gleiche Richtung, die man früher bei Insektiziden und Herbiziden einschlug. Da hat man das Problem immer nur temporär gelöst. Wenn man ein gebrochenes Bein hat, kann man zwar Aspirin schlucken. Das hilft auch ein wenig gegen die Schmerzen, aber das Bein wird dadurch nicht geheilt. Man muss immer schauen, wo das Problem herkommt, und es dann an den Wurzeln bekämpfen. Aber heutzutage fehlen dafür die Geduld und das Geld.
BeobachterNatur: Woher kommt eigentlich Ihre tiefe Skepsis gegenüber der Biotechnologie?
Herren: Es gibt bessere Lösungen als die Biotechnologie. Klar, bei einer Heuschreckenplage muss man vielleicht mit Chemie intervenieren, aber das kann man sehr punktuell machen. Bei Pflanzenkrankheiten lassen sich sicherlich 90 Prozent aller Probleme mit ökologischen Methoden und Mitteln lösen, ohne dass man wie bei der Biotechnologie neue Probleme, etwa Insektizidresistenzen, kreiert. Pflanzenschutz mit Biotechnologie das ist, als würde man einen Vorschlaghammer benutzen, um eine Fliege zu töten: Das Werkzeug passt einfach nicht zum Problem.
BeobachterNatur: Nun sagen uns aber die grossen Biotechkonzerne, dass man dank ihrer Technologien das Hungerproblem auf der Welt lösen könne – etwa durch schädlingsresistente oder an bestimmte klimatische Bedingungen angepasste Pflanzen. Ist das für Sie kein gangbarer Weg?
Herren: Nein, denn die Firmen können das zwar behaupten, aber vorweisen können sie nichts. Was haben wir nach 20 Jahren Biotechnologie erreicht? Ein paar insektenresistente Pflanzen und eine Resistenz gegen Herbizide. Das bedeutet letztlich nichts anderes, als dass die Industrie noch mehr Herbizide verkaufen kann. Heute gibt es so viele Herbizidresistenzen, dass man auf die ganz giftigen Mittel zurückgreifen muss, weil die schwächeren nicht mehr wirken.
BeobachterNatur: Und wie wollen Sie das weltweite Hungerproblem lösen?
Herren: Ich finde es zum Beispiel überhaupt nicht richtig, dass die ganze Welt nur noch Mais essen soll und man dafür riesige Monokulturen aufbaut. Mais ist eine Pflanze, die sehr viel Wasser und Dünger braucht. Stattdessen müssen wir das System neu aufbauen und es mit einer Vielfalt von Pflanzensorten wieder komplexer machen: Dann kann nicht einfach ein Insekt oder eine Krankheit das ganze System gefährden. Und mit einer grösseren Pflanzenvielfalt hat man auch eine ausgewogenere Ernährung. Ich setze deshalb grosse Hoffnungen auf die Push-Pull-Methode, die wir auch in Projekten der Stiftung Biovision mit Erfolg anwenden.
BeobachterNatur: Und wie funktioniert diese Methode?
Herren: Zuerst einmal bringt man die Tiere wieder auf das Land zurück, statt sie getrennt zu halten. Dann baut man nicht nur eine einzige Pflanzenart an, sondern jeweils mehrere Arten zusammen. Ganz wichtig ist zudem, dass man eine gute Boden-bedeckung hat – also zum Beispiel ein Bohnengewächs, das den Stickstoff fixiert. So muss man keinen stickstoffhaltigen Dünger zugeben, denn die Pflanze entnimmt den Stickstoff der Luft und transportiert ihn in den Boden. Durch die Bodenbedeckung entsteht ausserdem weniger Erosion, und der Wasserhaushalt ist besser geregelt. Je nachdem, was man anbaut, können die Schädlinge gezielt an den Rand der Felder gelockt werden, damit sie die Kul-turen nicht mehr befallen: Wir operieren zwischen den eigentlichen Pflanzenreihen zusätzlich mit anderen Pflanzen, die die Schädlinge durch ihren Geruch abstossen und gleichzeitig die Nützlinge anziehen. Rund um die Felder bauen wir wiederum Pflanzen an, die Schädlinge anlocken. Sie werden dann abgemäht und den Kühen verfüttert. Und deren Mist gelangt zurück auf die Felder, womit sich gleichzeitig auch wieder der Kohlenstoffkreislauf schliesst.
BeobachterNatur: Das ist eine äusserst arbeitsintensive Methode und damit so ziemlich das Gegenteil dessen, was heute praktiziert wird.
Herren: Stimmt, die Methode ist arbeitsintensiv und sie ist wissensintensiv. Das ist ein wichtiger Punkt. Mit Leuten, die nicht das nötige Wissen haben, kann man keine Landwirtschaft betreiben. Was die grossen Konzerne machen, ist Folgendes: Sie geben den Bauern einen Sack mit Samen, Dünger und Pestiziden und sagen: Mach mal. Aber so geht das nicht. Landwirtschaft erfordert gut ausgebildete Bauern und eine angepasste Technologie.
BeobachterNatur: Wie lange würde es denn Ihrer Ansicht nach dauern, bis die Landwirtschaft in Afrika umgestellt wäre?
Herren: Wenn man jetzt wirklich anfangen würde, hätte man das innerhalb von 15 bis 20 Jahren im Griff.
BeobachterNatur: Sie sprechen im Konjunktiv. Wie gross schätzen Sie die Chance ein, dass dieser Wandel tatsächlich eintritt?
Herren: (Schweigt lange.) Wenn ich sehe, was mit dem Agrarbericht passiert, in dem wir eine Umstellung postulieren Es tut sich etwas, zumindest in gewissen Kreisen. Es braucht jedoch noch viel mehr – vielleicht eine Katastrophe, damit die Menschen reagieren und man eine ökologische Agrarrevolution in Angriff nimmt. Die Menschheit spricht leider nicht auf kleine Ereignisse an.