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Kirchstrasse 4
Das tägliche Brot
(PVo/HPS) Die Bäckerei Vogel ist ein für die Kirchstrasse typisches Wohn-und Geschäftshaus. Der südliche Teil mit einem gewölbten Keller soll aus dem Jahr 1789 stammen. Sein jetziges Aussehen erhielt das Haus durch den nördlichen Anbau und die Aufstockung 1844/45. Ursprünglich eine Hafnerei, wurde hier seit etwa 1864 eine Bäckerei geführt. Eleganter Bau unter zeittypischem Mansartdach mit geschweifter Ründi. Im Ober-und Dachgeschoss gepflegte Riegkonstruktion, Holzteile graugrün gefasst. Trauflauben (Balkon unter dem Dachvorsprung) mit gefelderter Brüstung. Das Erdgeschoss wurde tiefgreifend umgebaut: giebelseitig mit Laden und Schaufensterfront und nach Süden eingeschossig erweitert (Backstube). Das Mehrzweck-Nebengebäude (heute: «Chez Fleur») stammt wohl aus der ersten Hälfte des 19. Jh. Ehemals eine Wagnerei (W4) mit Schweineställen und Holzbühne; Nutzung auch als Remise, Wasch- und Holzhaus.
1867 übernahmen Niklaus (gest. 1897) und Rosina Vogel-Baumann die bis dahin von Jakob Vogt (W11) betriebene Bäckerei an der Kirchstrasse 9. 1874 kaufte Niklaus Vogel dann das heutige Haus, wo bereits seit 1864 eine Bäckerei geführt worden war. Rosina war bekannt für ihre Blätterteigsachen und ihre in Spritzglasur ausgeführten Torten-und Lebkuchengarnituren. Die Brot-und Zuckerbäckerei bot neben Torten, Desserts, Berner Lebkuchen und Diessbach-Leckerli auch Glas, Porzellan-und Spezereiwaren an.
1897 übernahmen Gottfried und Anna Vogel-Stettler die Teigkelle. Ab 1898 lieferte das Kraftwerk in Stalden Strom für Licht und Kraft. Es kam zu zahlreichen Neuerungen: Wasserversorgung (1902) und Abwasserleitung (1917), Knetmaschine (1908) und elektrische Kaffeemühle. 1928 wurde der Backofen erstmals mit Öl geheizt, aber noch 1956 wechselweise mit Holz. Anna röstete schon frühmorgens Kaffee und machte das Haus weitherum als Kaffee-Spezialgeschäft bekannt. 1935 wurde die Bäckerei von Niklaus und Helene Vogel-Gerber übernommen. Während des zweiten Weltkrieges musste Leni auch in der Backstube anpacken. Die Leitung des Ladens und der Buchhaltung übernahm ihre Schwägerin Greti Vogel. Die meisten Waren konnte man offen beziehen, sie wurden einzeln abgefüllt. Zu den angebotenen Lebensmitteln gehörten auch Frischgemüse, Früchte und Getränke; neben der Glas-und Geschirrwarenabteilung gab es ein umfangreiches Angebot an Seifen und Raucher-waren. Niklaus hatte sich schon um 1933 die Spezialität «Diessbacherli» ausgedacht. Er begründete den Ruf des Hauses als Feinbäckerei und Konditorei. 1956 erfolgte die Einrichtung eines elektrischen Ofens, 1964 wurde der Laden umgebaut.
Mit Walter und Vreni Vogel-Grau kam 1971 schliesslich die vierte Generation ans Ruder. 1975 wurde ein vierstöckiger Backofen eingerichtet und die Leistungsfähigkeit vervielfacht. Nur so konnte das immer breiter werdende Angebot an Brotsorten und Patisserie bereitgestellt werden. Die «Diessbacherli» wurden schweizweit, ins Ausland und vereinzelt nach Übersee geliefert. 1986 wurde der Laden nach modernen Gesichtspunkten umgestaltet. Nach der Pensionierung von Walter ging der Betrieb 2008 an Herbert und Ulrike Brunner, 2010 übernahmen Beatrice und Samuel Steiner. 2015 wurde der Laden zu einer Filiale der Bäckerei Galli aus Steﬃsburg. Im Jahr 2017 kam die Geschichte der Bäckerei dann an ihr Ende.
Als älteste bekannte Bäckerei darf wohl das Bäckerstöckli an der Thunstrasse 3 bezeichnet werden. Ursprünglich als Walke und Färberei zum Tuchladen im Siegfriedstock gehörend (W8), beherbergte es später eine Bäckerei. 1875 kaufte die 23-jährige Katharina Zaugg das Haus und führte es auch nach der Heirat mit Amtsnotar Johann Hofer weiter, bis zu ihrem Tod 1921. Ihr Sohn Hugo Hofer (1882-1959) eröffnete 1905 dann die neue Bäckerei gegenüber an der Thunstrasse 2 (W3). Lina Zaugg, die Nichte von Katharina Hofer-Zaugg, übernahm 1921 die bisherige Bäckerei im Stöckli. Sie galt als starke Persönlichkeit. Sie war beliebt, wie auch ihr Brot und Kleingebäck – namentlich bei der Schuljugend. Lina Zaugg starb 1943. Und ihre Bäckerei wurde geschlossen.
Mit der Bäckerei-Konditorei Wegmüller ist zur Zeit noch eine einzige Bäckerei in Betrieb. Das Haus an der Schulhausstrasse 8 wurde wohl 1848 gebaut, das heutige Erscheinungsbild erhielt es 1947. Johannes Wegmüller (geb. 1880) betrieb neben einer Landwirtschaft die Bäckerei in der ersten Generation. Diese Kombination führte ab 1937 mit Walter Wegmüller vorerst auch die zweite Generation weiter. Aus gesundheitlichen Gründen musste er die Landwirtschaft aber aufgeben. Hans Wegmüller (geb. 1943) übernahm den Betrieb 1972 in dritter Generation. Und seit 2004 führt mit Walter Wegmüller (geb. 1969) die vierte Generation die heutige Bäckerei-Konditorei. Seit Generationen lässt man hier den Teig noch 24 Stunden reifen. Zu den heutigen Spezialitäten gehören u.a. Torten in 22 Aromen. Und seit einigen Jahren wird auch die Oberdiessbacher Nusstorte angeboten.