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Onna Maria Tumera oder Die Vorfahren
Übersetzt von Peter Egloff
1. Aufl., April 2004
Originalausgabe: «Onna Maria Tumera ni Ils antenats»
978-3-85791-453-9
"Mit anarchischer Frechheit wird an Morschem im heimatlichen Tal gerüttelt." Neue Zürcher Zeitung.
Eingeflochten sind Geschichten wie die der einhändigen Veza Canetti oder des Portugiesen Fernando Lopez, der verstümmelt wurde. So ist das Buch gleichzeitig eine Hommage an Menschen, denen Glieder fehlen. Alles in allem: ein karnevaleskes Spiel zwischen literarischer Fiktion, Zitaten und kritischer Reflexion der «realen» Umgebung.
© Ayse Yavas
Leo Tuor
Leo Tuor, geboren 1959, wuchs in Rabius und Disentis auf, wo er die Schule im Benediktiner-Kloster besuchte und 1979 mit der Matura B abschloss. Anschliessend studierte er Philosophie, Geschichte und Literatur in Zürich, Fribourg und Berlin. Während des Studiums war er Redaktor der streitbaren rätoromanischen Zeitschrift «la Talina».
Leo Tuor schreibt Erzählungen, Essays, Kolumnen, Kurzgeschichten und Beiträge für Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien. Daneben arbeitet er für Radio und Fernsehen. Viele Jahre verbrachte er den Sommer als Schafhirt auf der Greina und den Herbst als Jäger auf Carpet. Als sein Hauptwerk kann die Surselver Trilogie Giacumbert Nau (1988), Onna Maria Tumera (2002), Settembrini (2006) bezeichnet werden.
Peter EgloffPeter Egloff, 1950 in Zürich geboren, ist freier Journalist und lebt in Zürich und Sumvitg. Autor und Herausgeber mehrerer Bücher zu Graubünden und zur Surselva, zuletzt «Der Bischof als Druide». Seine Übersetzung von Leo Tuors «Giacumbert Nau» wurde vom Kanton Zürich mit einem Anerkennungspreis ausgezeichnet, die Übersetzung von «Settembrini» war für den Paul-Celan-Übersetzerpreis nominiert.
Die Alte döste in ihrem Stuhl ...
Die Alte döste in ihrem Stuhl, mummelte an einem Apfel. Onna Maria Tumera, genannt Oria, war meine Urgrossmutter. Sie liebte Hunde, hatte die Tundra gesehen, spielte drei Instrumente. Ich kann mich noch erinnern, wie sie mit trockenen Spinnenfingern ein schreckliches Cembalo schlug, dass es zum Davonlaufen war. Dieses Herunterrasseln des Johann Sebastian Bach auf ihrem Instrument hatte zur Folge, dass alle – ausser ihr – eine heftige Abneigung gegen Bach hegten. Ich besonders gegen dessen weisse Büste, die neben dem Metronom ihren Platz hatte. Dieses, einmal aufgezogen und in Gang gesetzt, war etwas Absolutes, kannte kein Pardon. Und aufgezogen war das Metronom immer. Grossvater machte morgens die Runde, zog die Stubenuhr auf, die Kuckucksuhr, zog seine Taschenuhr auf, kam am Metronom vorbei, zog auch dieses auf, nicht ohne bösen Blick auf Bach.
Grossvater war eine Art Hauswart, aber ohne Befehlsgewalt. Die Frauen regierten. Zum Ausgleich musste er auch nicht putzen wie ein Hauswart. Er hatte nur die Herrschaft über die Schlüssel inne, über jene zum Aufziehen und jene zum Abschliessen. Abend für Abend punkt halb zehn hörte ich vor dem Einschlafen – pum, pum, pum – die bedächtigen Schritte die Treppe runter. Dreimal drehte sich das Kabaschloss, zweimal senkte sich die Klinke – traute er dem Schloss nicht? traute er sich selber nicht? – und im selben Rhythmus gingen die Schritte wieder die Treppe hoch. Als Grossvater tot war, waren die Schritte noch eine Weile zu vernehmen. Eines Tages hörten sie auf.
Onna Maria Tumera, die Menschewikin, wusste was sie wollte, wollte was sie sagte, sagte was sie dachte. Sie trug einen langen, schwarzen Urgrossmutterrock, aus dem sie immer weisse Kugeln hervorkramte und sagte: «Da Bub, ein feffermin.» Ich stellte mir vor, dass es zwischen diesen vielen Falten eine Tasche geben musste, welche weit in dunkle Tiefen hinunterreiche und einen unerschöpflichen Vorrat an Pfefferminzbonbons enthielt, eine Tasche, in der mit Ausnahme der Hand der alten Tumera noch niemand gewesen war. Und wenn das De profundis gebetet wurde, sprach ich in sonorem Ton den Männern nach: «Dalla profun dil tat», aber eine innere Stimme sagte mir, dass das mit dem tat, mit Grossvater nichts zu tun hatte, denn die Wörter begannen sofort weiss nach jenen Pfefferminz zu riechen, die aus der Profundität, aus der tiefsten Tiefe von Urgrossmutters Rock kamen.
Selber mummelte Oria Gabas, flache kleine Rhomben aus schwarzem Zucker, die sie einen nach dem andern aus einer blauen Blechschachtel holte. Deren Deckel liess sich einen knappen Zentimeter zurückschieben und gab so ein Blech mit einem kleinen dunklen Loch in einer Ecke frei, aus dem dann jeweils ein Gaba aufs Mal kam, wenn sie die Schachtel auf den Kopf drehte und mit dem Finger an die Seite klopfte.
B.Magazin, 21. April 2004
Neue Luzerner Zeitung, 18. Mai 2004
buch 2000, Mai 2004
Club-Ticket Nr. 14, Mai 2004
DRS aktuell, 14. Juni 2004
«Reflexe», Schweizer Radio DRS 2, 14. Juli 2004
Neue Zürcher Zeitung, 2. September 2004
Buchjournal, Herbst 2004
Programmzeitung Basel, Januar 2005
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. August 2005
zalp Nr. 16, September 2005
«Die Erhabenheit der alpinen Landschaft ist das eine; man kann sich ihrem betörenden Zauber hingeben und wird vielleicht gerade darum in die Irre geleitet. Hingegen die Magie der Namen, die Melodie der Sprache und ihr Rhythmus sind das andere: Sie lassen in Leo Tuors Prosa aus der realen eine imaginäre Welt hervorgehen.
(…) Die Erinnerungen an die Verstorbenen und ihre Geschichten - davon erzählt Leo Tuor in ‹Onna Maria Tumera›, indem er die Toten noch einmal bei ihren Namen nennt. Und so erfüllt sich denn auch hier die Poesie dieser Sprache in der Magie der Namen: Man braucht die Menschen und ihre Gegend nicht zu kennen, so wenig wie man unter der gewaltigen Gaglinera gestanden haben muss, um vom Zauber der Namen angerührt zu werden. Leo Tuor weiss, dass die Welt nicht innehalten wird, dass kein Tod abzuwenden sein wird. ‹Keiner kommt zurück›, heisst es in ‹Onna Maria Tumera›. Allein die magische Kraft der Worte lässt alles - die Toten und ihre verschwundene Welt - für Augenblicke vor unserem inneren Auge auferstehen. Doch am Trauerrand der Totenbilder sieht keiner vorbei.» Neue Zürcher Zeitung
«Die Fabulierfreude in diesem Buch ist grenzenlos und bereits der Umschlag von Steivan Liun Könz ist ein Kunstwerk für sich.» zalp
«Seine Familiensaga ist ein kunstvolles Geflecht aus Rückblenden, Einschüben, Reflexionen, Kontemplationen. Ein Bilderbogen zwischen Kälte und Glut, zu der nicht nur Wüstenhitze und Schmelzöfen gehörten, sondern auch das Dekolleté von Grossvaters geliebter Französin. Ein Kaleidoskop von Geschichten, Sentenzen, Anekdoten, Versen, Miniaturen, Flunkereien. Verspielt, heiter, skurril. Zauberhaft.» Bouchjournal
«Die Leser haben ein in jeder Beziehung ausserordentliches Vergnügen: Sprache, Plot, Kultur und Dorfleben, alles zusammen ergibt eine bestrickende Mischung und einen neuartigen Beitrag aus der rätoromanischen Ecke der Schweiz. Ein Geheimtipp für gepflegte Schweizer Bestände.» Schweizer Bibliotheksdienst
«Leo Tuor schreibt kaum bequem hinter dem warmen Specksteinofen. Bereits der Umschlag — ein wildes Aquarell des ‹Stiermalers› Steivan Liun Könz, eines Freundes des Autors — signalisiert Unbequemes und lässt etwas erahnen von der aufbegehrenden und kaum zu bändigenden Anarchie, die in diesen Texten herrscht. Genährt werden sie von einer farbigen, aus- und mitunter abschweifenden Fantasie des Autors, von seiner höchste sensiblen Wahrnehmungs- und Erlebnisfähigkeit und von seiner genuinen Begabung, seinen Vorstelllungen mittels einer vielschichtigen, oft zärtlich-einfühlenden, oft heftig zupackenden Sprache Gestalt zu geben.» Neue Luzerner Zeitung
«Eine wundersame Mischung aus Geflunker und Wahrheit, aus Sprachspielerei und poetischem Ernst legt der Bündner Schriftsteller Leo Tuor mit seinem neuen Roman vor. ‹Onna Maria Tumera oder Die Vorfahren›, eben in deutscher Übersetzung erschienen, erzählt die Geschichte einer Familie, deren Herkunft sich zwar ganz konkret von einem Bündner Dorf herleitet, die aber dennoch ganz und gar in den Sternen steht.» Schweizer Radio DRS 2
«Leo Tuor schildert eine Kindheit in einem abgesteckten Gelände und die anarchistische Geschichte von vier Generationen. Seine knappe und doch reichhaltige Sprache zieht einen sofort in die Geschehnisse hinein und lässt die Bilder intensiv aufleuchten.» 20 minuten
«Ein Gnom steht auf der ersten Seite der Fibel, die der Ich-Erzähler zum Schuleintritt bekommt. Beim Lesenlernen trifft er hier noch einmal auf den bedrohlichen Hüter aus dem Märchen, bevor er das Reich des Erzählens in Richtung Schrift verläßt. Es ist diese Schwelle von unsystematisierter Oralität und geordneter schriftlicher Überlieferung am Anfang des Lesens, an die Leo Tuor immer wieder zurückkehrt und die seine Erkundung des Verhältnisses zwischen Vor- und Nachfahren leitet.
In seinem zweiten Buch erzählt der 1959 im schweizerischen Graubünden geborene, rätoromanisch schreibende Tuor in losen Fragmenten aus der Geschichte einer Bergfamilie. Auf deutsch zugänglich ist der Band nun in der verdienstvollen Übersetzung von Peter Egloff, die mit rätoromanischen Einsprengseln einen Weg gefunden hat, Klang und Rhythmus der Originalsprache auch in der Übertragung durchscheinen zu lassen.» Frankfurter Allgemeine Zeitung
«Eine eindringlich erzählte Familien-Sage, traurig und lustig zugleich.» Club-Ticket
«Tuor erzählt einfach, unsentimental und tiefsinnig zugleich – es ist eine Art Poesie der rauen Wirklichkeit. Zwischen heimatlicher Bergwelt und ferner Fremde, zwischen Bündner Granit und imaginären Welten, begleitet von einer leisen Melancholie, lässt er seinen ‹Bub› gross werden. Letztlich ist dieses Grosswerden auch ein Zurückschauen des Erwachsenen auf eine, seine Zeit, die es so nicht mehr gibt. Doch die Berge bleiben. Stoisch. Freilich, nach diesen muss man sich nicht sehnen, um dieses wundersame und kluge Buch zu mögen.» Programmzeitung Basel
|Wann||Was||Wo|
|30. Juli 16

10:45 Uhr

Landschaft lesen IV

Literaturwanderung mit Leo Tuor

ab Kirche Avers-Cresta

7447 Avers-Cresta
|1.9.2016 - 3.9.2016||
Sigls da lingua: Poetiken literarischer Mehrsprachigkeit in Graubünden

Öffentliche Tagung mit Vorträgen und Lesungen

Hotel Waldhaus

7514 Sils-Maria
|01. Okt. 16

19:00 Uhr
|Lesung mit Leo Tuor||
BSINTI Lesecafé & Kulturbar

8784 Braunwald