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Wenn es nach Samuel Bernstein gegangen wäre, dann hätte die Musikwelt 2018 ein Jubiläum weniger zu feiern gehabt. «Mein Sohn ein Klezmer – ein armseliger Bettelmusikant? Nie und nimmer», empörte sich der Kaufmann aus Lawrence in Massachusetts, als sich die musikalischen Ambitionen seines eigensinnigen Filius abzeichneten. Hatte er dafür so hart gekämpft, sich vom völlig mittellosen jüdischen Einwanderer aus der Ukraine zu einem gewissen Wohlstand als Inhaber einer Firma für Friseurbedarf emporgearbeitet? Und nun das!
Doch Leonard, der damals offiziell noch Louis hiess (den Namen, unter dem er berühmt werden sollte, liess er erst als 16-Jähriger ins amtliche Register eintragen), wusste es natürlich wieder besser. Schuld daran hatte seine Tante, Samuels jüngere Schwester, eine überzeugte Vegetarierin und Nudistin, die von der Verwandtschaft nur «Crazy Clara» genannt wurde. Nachdem sie eines Tages ihr altes Klavier im Haus des Bruders «entsorgt» hatte, war der kränkliche, blasse Junge plötzlich wie ausgewechselt und völlig verrückt nach «dem Ding». «Als ich zehn Jahre alt war, passierte das mit dem Klavier», erzählte Leonard Bernstein später. «Plötzlich fand ich meine Welt. Ich wurde innerlich stark, ich wuchs, […] trieb Sport, gewann Medaillen und Pokale, war der beste Taucher. Es geschah alles gleichzeitig und veränderte mein Leben. Das Geheimnis, die Erklärung ist, dass ich ein Universum entdeckte, in dem ich sicher war: die Musik.»
Wer als Zehnjähriger erst mit dem Klavierunterricht beginnt, dürfte selten eine Pianistenkarriere machen. Bei «Lenny» aber, wie ihn die Freunde von Anfang an nannten, muss es sich um eine erstaunliche Begabung gehandelt haben. Nach wenigen Monaten schon spielte er Chopin-Nocturnes und brachte damit seine Mutter Jennie zum Weinen; mit elf beherrschte er die Grundlagen der Harmonielehre und verstand es, rasant zu improvisieren. Klar, dass er seine Klavierlehrerin Frieda Karp bald überflügeln sollte: «Ich kann nicht mehr mit ihm mithalten», musste sie den Eltern gestehen und empfahl, den Dreizehnjährigen zur weiteren Ausbildung aufs New England Conservatory nach Boston zu schicken.
Dass dort für jede Klavierstunde drei Dollar zu zahlen war, führte jedoch zu einem ernsten Konflikt mit Vater Samuel, der sich weigerte, so viel Geld in unnützes Zeug zu investieren. Leonard löste das Problem kurzerhand selbst, indem er Kindern Klavierunterricht gab oder mit einer Jazzband auf Hochzeiten und anderen Festen auftrat. «Das Klavier musste die fehlenden Klarinetten, Trompeten und Posaunen ersetzen», erzählte er. «Mit Tremoli imitierte ich die Streicher, mit Blue Notes die Trompeten. Durch die Jazzband lernte ich auf einmal populäre und schwarze Musik kennen, wie ich sie im Radio noch nie gehört hatte, und das wurde zu einem Teil meines musikalischen Lebensstroms, genauso wie Chopin und Tschaikowsky. Es war sehr anstrengend, aber gleichzeitig wunderschön, denn es machte mich unabhängig von meinem Vater.»
Keine Frage: Schon der junge Bernstein war besessen von der Musik. Nachdem er als 12-Jähriger erstmals Ravels Boléro gehört hatte, liess er kaum mehr ein Konzert des Boston Symphony Orchestra aus, für das er sich ein Abonnement gönnte, 24 Konzerte für 25 Dollar. Und er war ehrgeizig. Das Klavier allein genügte ihm bald nicht mehr: Als 15-Jähriger kam Leonard auf die Idee, mit Freunden Opern aufzuführen. Also richtete er eine Kurzfassung von Bizets Carmen ein, führte Regie und übernahm sogar die Titelrolle gleich noch mit dazu … Schon als Teenager muss er über eine Aura verfügt haben, die nicht unmassgeblich zu seinem Erfolg beitrug. «Lenny hatte einen natürlichen Hang, sich zu exponieren, er stellte sein Licht nie unter den Scheffel», erinnerte sich seine Jugendfreundin Mildred Spiegel. «Er war magnetisch und extrovertiert, amüsierte sich gern, umgab sich mit vielen Freunden.» Und immerzu suchte er nach Abwechslung, «musste ständig mehrere Vorhaben gleichzeitig verfolgen».
Weshalb es nur ganz folgerichtig ist, dass er später als musikalischer Tausendsassa triumphieren sollten: als Komponist höchst unterhaltsamer Musicals, aber auch als Schöpfer ernster Werke; als extrovertierter Dirigent, der die Musik am Pult ekstatisch auslebte, dabei mittanzte, entfesselt in die Höhe sprang oder wie vom Fallbeil getroffen zusammensackte; als glänzender Pianist, als Fernsehmoderator und auch als Erfinder viel imitierter Education-Projekte. All diese Facetten seiner Karriere hatte er schon in der Kindheit oder spätestens in der Jugend angelegt. Auch wenn seinerzeit noch nicht jeder von seinen musikalischen Exerzitien begeistert war, wie seine Mutter zu berichten wusste: «Die Nachbarn pflegten mich damals anzurufen: ‹Würden Sie Ihrem Sohn ausrichten, er soll aufhören, auf dem Klavier herumzuhämmern. Wir können nicht schlafen›. Aber wissen Sie, was ich erwiderte? ‹Eines Tages werden Sie Geld bezahlen, um ihn zu hören!›» Und genau so sollte es bekanntlich auch geschehen.
Susanne Stähr
Sie können sich alle «Kinderszenen» auch vorlesen lassen – als Podcast: bit.ly/Serie-Kinderszenen
Leonard Bernstein bei LUCERNE FESTIVAL:
Am 11. September bringt Sir Simon Rattle Bernsteins Zweite Sinfonie The Age of Anxiety zur Aufführung – gemeinsam mit Krystian Zimerman, der den Solopart noch unter Bernsteins eigener Leitung interpretiert hat. Tags darauf, am 12. September, interpretieren Baiba Skride und Andris Nelsons Bernsteins Violinkonzert Serenade.