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Die Basler Fotografin Pia Zanetti erzählt von Vorbildern, von der Liebe und wie man früher als Reportagefotografin zu Aufträgen und zu einer Wohnung in Zürich kam.
WOZ: Frau Zanetti, herzliche Gratulation zur Retrospektive in der Fotostiftung und zu Ihrem Buch. Sie eröffnen beides mit einer Fotografie von 1960, da waren Sie gerade mal siebzehn.
Pia Zanetti: Die Fotografie entstand während der Basler Herbstmesse, ein Ort, wo man einfach hingehen und beobachten kann. Ein Konzentrat aus Menschen, die irgendetwas machen. Das Bild zeigt ein Karussell. In der Mitte spielt eine Band. Alles dreht sich, Menschen tanzen und versuchen, dabei ihr Gleichgewicht nicht zu verlieren. Meine Vorbilder waren die Magnum-Fotografen, und bei diesem Bild hatte ich so das Gefühl: Das könnte jetzt ein Bild von Magnum sein.
Wie konnten Sie sich mit siebzehn überhaupt eine Kamera leisten?
Mein fünfzehn Jahre älterer Bruder war Fotograf. Er hat mir einen Apparat ausgeliehen, und bei ihm habe ich auch die Lehre gemacht.
Ist das Bild von der Herbstmesse während dieser Lehrzeit entstanden?
Ja. Oder nein, das stimmt ja gar nicht. Ich mache immer ein Durcheinander mit den Jahreszahlen. Das war noch während der Handelsschule. Meine Mutter wollte, dass ich diese mache, weil sie Angst hatte, ich könne mir das Leben nicht verdienen mit Fotografie. Danach bin ich zu meinem Bruder in die Lehre, bis ich neunzehn war. Ich wäre extrem gerne in die Fotoklasse nach Vevey gegangen, aber wir hatten kein Geld. Wir mussten am Abend schauen, ob wir irgendwo noch ein paar Pfandflaschen zum Zurückbringen fanden, um ein Brot zu kaufen. Ich weiss, was es heisst, nichts zu haben.
Trotzdem konnten Sie eine Fotografinnenlehre absolvieren. Wie sah Ihre Ausbildung aus?
Ich musste während der Lehre frühmorgens mit einem Stapel Fotos los und versuchen, die Abzüge an die Redaktionen zu verkaufen – so Symbolfotos, «Mutter mit Kind» oder «Vater mit Hund». Das heisst, ich habe gelernt zu verkaufen. Dabei habe ich auch Gerardo, meinen späteren Mann, kennengelernt. Er arbeitete als Journalist beim «Basler Volksblatt».
Und in der Berufsschule?
Dort lernten wir etwas Kunstgeschichte, Chemie und Zeichnen sowie Fototechnik. Das Technische hat mich zwar schon interessiert, aber es war nicht meine Begabung. Ich habe deshalb vieles wieder vergessen, jeder Amateur weiss da mehr. Mir gings wirklich um die Fotografie, ganz fest, Geschichten erzählen mit den Menschen. Wer ist das? Woher kommen die? Wohin gehen die? Ich wollte mit diesem Beruf Geld verdienen und nicht einfach Tulpen fotografieren für mich. Nichts gegen Tulpen! Das sage ich einfach, weil sie neben uns auf dem Tisch stehen.
Sie wussten also schon damals sehr genau, was für Projekte Sie fotografieren wollten?
Als die Fotostiftung mich für diese Ausstellung gefragt hat: Was hast du für Projekte gehabt? Da habe ich gesagt: Ich habe keine Projekte gehabt. Ich wollte mit diesem Beruf Geld verdienen. Zusammen mit Gerardo. Wir waren verliebt. Also beschlossen wir, nach Rom zu gehen. Er als Korrespondent, ich als freischaffende Fotografin.
Und dann sind Sie beide einfach nach Rom ausgewandert?
Ich ging zuerst nach Florenz und habe Italienisch gelernt, während Gerardo für den Film «Siamo italiani» Interviews und Übersetzungen gemacht hat. Danach waren wir zwei Jahre in Rom, vier Jahre in London und nochmals zwei Jahre in Rom. Wir haben früh geheiratet, aber unter der Bedingung, nicht gleich Kinder zu haben, und ich brauchte ja auch noch die Unterschrift meiner Mutter. Aber am Ende unserer Londoner Zeit beschlossen wir, Kinder zu haben. Die Betreuung haben wir halb-halb aufgeteilt. Wer einen Auftrag hatte, trug ihn in die Agenda ein, der andere blieb dann zu Hause. Gerardo wäre auch bereit gewesen, ganz Hausmann zu sein. Aber ich hatte den Mut nicht, allein so viel Geld anzuschleppen.
Und wie kamt ihr von Rom nach London?
Mit dem Cinquecento hin und dem englischen Taxi zurück! Zuerst wollten wir nach Polen. Uns interessierten die sozialistischen Länder. Aber wir merkten: Hier können wir nicht wirklich arbeiten und glücklich werden. Wir hätten im Hotel wohnen müssen, jeder Text wäre zensuriert worden, und es war mörderisch kalt. Wir sind aber schon ins Land gegangen und haben mit den Leuten gesprochen. Früher hat man auch noch öfter Reportagen gemacht, in denen ein Land vorgestellt wurde. Mit Bildern von der Schule, dem Theater, von der Strasse, von den Verkehrsmitteln.
Wie sind Sie und Gerardo zu Ihren Aufträgen gekommen?
Früher konnte man den Redaktionen einfach Vorschläge machen. Zum Beispiel Grenzarbeiter in Mexiko/USA. Dann sagten sie: Ja, das ist interessant, geht mal hin. Es war so viel Geld da. Und wir haben uns relativ schnell einen guten Namen gemacht, wir haben ein Paket abgeliefert, Bildlegenden, Auswahl, Text, alles hat gestimmt. Wir wurden sehr verwöhnt. Das ging so weit, dass die Zeitschrift «Die Woche» eine kleine Wohnung oben beim Kreuzplatz gemietet hat, damit wir in Zürich schön wohnen konnten und unsere Zahnbürste hier hatten. Ein Pied-à-terre, unglaublich.
«Wenn du ein Foto zeigst, musst du begeistert sein davon», sagt Pia Zanetti (77). Und erzählt im nächsten Teil von ihrem Arbeitsalltag in der männerdominierten Welt der Fotografie.