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Pierre Bessard, Mitglied des Stiftungsrates und Direktor des Liberalen Instituts
Fotolegende: Pierre Bessard führt und entwickelt schon im 10. Jahr das Liberale Institut, das ein gesamtschweizerischer Ideenschmied für die Freiheit geworden ist.
Ideen haben Konsequenzen. Diese relativ banale Erkenntnis veranschaulicht keine andere Realität besser als die (relativ) freiheitliche Schweiz. Obwohl sich die Schweizer gerne als «pragmatisches Volk» zelebrieren (und Pragmatismus ist tatsächlich eine Tugend, um in der realen, pluralistischen Welt zu leben und zu handeln), ist die zeitgenössische Schweiz ein weitgehend intellektuelles Eliteprodukt des 19. Jahrhunderts.
Die damalige liberale Bewegung setzte sich nicht nur in den Revolutionen in den Kantonen und im Bürgerkrieg von 1847 durch, sondern vor allem im Krieg der Ideen. Die Liberalen gründeten Zeitungen und Zeitschriften, Gelehrten- und Bürgergesellschaften, sie förderten freiheitliche Werte in der Kunst und der Literatur – und in den Schulen. Wäre es nicht zu diesem bewussten ideellen Einsatz gekommen, gehen Historiker davon aus, dass der Liberalismus wie in anderen Ländern eine Randerscheinung geblieben wäre.
Die Reformation im Zusammenspiel mit der fruchtbaren Aufnahme der Denker der schottischen, französischen und deutschen Aufklärung durch Schweizer Praktiker waren hier entscheidend. Wie der Lausanner Theologe Alexandre Vinet (1797-1847), der schon 100 Jahre vor Ludwig von Mises den Sozialismus als «eine Familie ewig minderjähriger Kinder» lächerlich machte, fragte: «Ist denn der Protestantismus etwas Anderes als der ständige Protest gegen jede Form von Obrigkeit?» Liberale, staatskritische Protestanten schufen Freikirchen und setzten sich für die Religionsfreiheit auch der Katholiken ein.
Dass solche Denker auch politische Akteure waren, zeigt, dass es keinen inhärenten Widerspruch zwischen ideellem und politischem Engagement gibt. Das war übrigens auch bei den geistreichen Gründern der «Schwesterrepublik» der Schweiz, den Vereinigten Staaten von Amerika, der Fall.
Denken soll idealerweise vor dem Handeln erfolgen: In der politischen Geschichte kommt das nicht so häufig vor. Die Schweiz und Amerika waren Glücksfälle, die stark mit der protestantischen Ethik und der aufklärerischen Vernunft verbunden waren.
Nach dem «liberalen Fenster» der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich das Engagement gegen kollektivistische Ideologien in der Schweiz fort. Das 1936 gegründete Redressement National (Vereinigung für Freiheit, Föderalismus und Recht) beispielsweise vereinte bürgerliche Politiker und Denker und galt als «bürgerlicher Stosstrupp» gegen linke und rechte Totalitarismen sowie den unbegrenzten Staat. Zusammen etwa mit der Gesellschaft zur Förderung der schweizerischen Wirtschaft war es ein Garant der liberalen politischen Kultur des Landes und der freien Marktwirtschaft. Dieses bewährte Modell geriet allerdings unter erheblichen Druck mit der zunehmenden Sozialdemokratisierung der Parteiliberalen nach dem Zweiten Weltkrieg und später mit der (vorübergehenden) Bejahung eines zentralisierenden EU-Beitritts.
Diese Fehler entfremdeten die Parteiliberalen von den liberalen Intellektuellen und störten nachhaltig die bürgerliche Zusammenarbeit.
Die ideelle Verwirrung der Bürgerlichen in Sachen Sozialstaat und EU führte dazu, dass die innenpolitische Initiative von der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Publizistik – nicht ganz mit dem erhofften Erfolg – übernommen wurde: mit dem Weissbuch «Mut zum Aufbruch» des Neuenburger Industriellen David de Pury 1995 und der Gründung des Think Tanks Avenir Suisse 1999, der die ehemalige bürgerliche Meinungsbildungsarbeit zu professionalisieren versuchte.
Meine eigene Erfahrung mit der Welt der Ideen folgte diesem Muster. 1995 trat ich mit 20 Jahren dem Redressement National bei (dessen Nachfolgerin, die Liberale Aktion, 2016 in das Liberale Institut eingebracht wurde). Ich engagierte mich auch politisch, war aber von der Einflussnahme durch Positionspapiere mehr angetan. 1996 publizierte ich mein eigenes 32-seitiges Manifest «Pour une Suisse heureuse et prospère», das ich im Bekanntenkreis verbreitete. Ich folgte damit einer natürlichen Besorgnis und einem praktischen Bedürfnis. In der Lausanner Liberalen Partei beispielsweise wagte man sich nicht mehr, von den Sozialausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt zu sprechen. Und meine Ideen für die Privatisierung der Universitäten oder der Altersvorsorge stiessen kaum auf Begeisterung.
Die Deutschschweiz kannte damals dank einer intensiveren Parteienkonkurrenz und einem grösseren Medienmarkt eine lebendigere Diskussionskultur. Wie Louis Guisan (1911-1998), wohl der letzte wirklich liberale Politiker (er war unter anderem Regierungsrat, Nationalrat, Ständerat und Präsident der Liberalen Partei der Schweiz – und hatte Benjamin Constants Principes de politique eingehend gelesen), entwickelte ich daher eine Vorliebe für Zürich. Louis Guisan fand weit mehr Gemeinsamkeiten zwischen Lausanne und Zürich als mit der französischen Seite des Genfersees, was das Wesen der Schweiz als Wertegemeinschaft (und nicht als «Nation») unterstrich (als echter Liberaler nannte er Sozialpolitik «ein zu minimierendes Übel»). Die Neue Zürcher Zeitung, vor allem der Wirtschaftsteil, wurde damals zu einer meiner Lieblingslektüren, während die ehemaligen liberalen Westschweizer Blätter unter dem Einfluss der Alt-Achtundsechziger, die sie kaputtwirtschafteten, endgültig verloren schienen.
Ich brauchte aber etwas mehr Distanz, zumal ich die gesprochene Zürcher Sprache nicht verstand…
Während vier Jahren in New York konnte ich die geistigen Grundlagen einer freien Gesellschaft vertiefen, sowohl an der Foundation for Economic Education (damals in Irvington-on- Hudson, nur 45 Minuten vom Grand Central), wo ich unzähligen Wochenendseminaren für Studenten und Abendkonferenzen beiwohnte, als auch am Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama, wo ich 1999 an der Sommeruniversität teilnahm. Diese amerikanische Erfahrung prägte mich wie keine zweite. Ich lernte posthum alle grossen, meist europäischen Liberalen kennen, beginnend mit der grossartigen französischen Laissez-faire- Tradition sowie selbstverständlich Mises, Hayek, Röpke, Frédéric Bastiat, Henry Hazlitt, Ayn Rand und viele andere. Die intellektuelle Atmosphäre war so anregend, dass ich mich an viele der Vorlesungen noch erinnern kann, als ob sie gestern gehalten wurden. Am Mises Institute beeindruckte mich der Historiker Ralph Raico (1936-2016) am meisten: Als er von meiner Herkunft erfuhr, sprach er mich auf Constant und Madame de Staël an. Er empfahl zudem zwei Bücher, die ich sofort bestellte: Why the West Grew Rich, von Nathan Rosenberg und L.E.Birdzell, und The Noblest Triumph: Property and Prosperity Through the Ages, von Tom Bethell. In diesen Jahren wuchs meine Bibliothek rasant.
Im selben Umfeld hörte ich vom grossen französischen Ökonomen Pascal Salin, der als «Austrian in France» galt und 2000 sein Buch Libéralisme publizierte. Als ich mit 27 für die politische Redaktion der Westschweizer Wirtschaftstageszeitung L’Agefi verantwortlich wurde, publizierte ich ein schriftlich geführtes 3-seitiges Interview über 3 Tage mit Pascal Salin, das in anderen Zeitungen (selbstredend negativ) kommentiert wurde. Mit meinem Einstieg in den Journalismus hatte ich zwei
Ziele: das sozialdemokratisierte Meinungsklima etwas aufzumischen, und der urliberalen
Westschweiz wieder eine Stimme zu geben. Der Verwaltungsratspräsident von L’Agefi war der Genfer Rechtsanwalt und frühere liberale Nationalrat Charles Poncet: Seine Politikskepsis war mindestens so stark ausgeprägt wie meine Staatsskepsis. Wir setzten uns für freie Märkte und eine gesunde Verachtung der politischen Institutionen ein.
Wohlgemerkt: ich hatte nie Journalismus studiert. Mein Hintergrund ist Betriebswirtschaft und Finanzwissenschaft. Ich absolvierte Praktiken bei Bloomberg in New York und Credit Suisse First Boston (heute Credit Suisse Investment Banking) in Zürich. Während eines Semesters in Schanghai studierte ich internationales Finanzmanagement und globales Unternehmertum. Meine sozialwissenschaftliche Ausbildung erfolgte in privaten, nicht-universitären Institutionen. Formell habe ich Abschlüsse einer Privatschule und einer Privatuniversität: Wie der Neuenburger liberale Intellektuelle Denis de Rougemont (1906-1985) empfand ich die Volksschule als eine Art Gefängnis.
Ein staatliches Bildungswesen ist mit einer freien Gesellschaft grundsätzlich unvereinbar (genauso wenig wie der obligatorische Wehrdienst, zwangsfinanzierte Medien oder «Sozialversicherungen»). Als junger Journalist begleitete ich – wohl mit etwas Übereifer – die überschaubare europäische liberale Szene – vor allem die liberale Sommeruniversität in Aix-en- Provence, die während vieler Jahre zeitgenössische europäische und amerikanische Geistesgrössen zusammenbrachte, sowie das Liberale Institut in Zürich, das ich ab 2002 besuchte. Mit dem ehemaligen Strategieverantwortlichen Bernhard Ruetz nahm ich am Juniorenkreis Publizistik der Friedrich August von Hayek-Gesellschaft in Deutschland teil. 2004 folgte in Hamburg auf Robert Nefs Einladung mein erstes Treffen der Mont Pèlerin Society, wo mich der Mannheimer Ökonom Roland Vaubel mit seiner Geschichte des interstaatlichen Wettbewerbs am meisten beeindruckte. 2005 gründete ich das Institut Constant de Rebecque in Lausanne. Ende 2007 übernahm ich mit einem neuen Team die Leitung des Liberalen Instituts, das neue Statuten, einen erneuerten Stiftungsrat und eine gesamtschweizerische Strategie mit ausgebauten inhaltlichen Ansätzen erhielt. Dieses Revival hat in die heutige Struktur gemündet.
All dies wäre nicht erfolgt, wenn es nicht einem inhärenten Bedürfnis entsprochen hätte: Die Notwendigkeit echter liberaler Ideen und die Pflege der liberalen Kultur im Meinungsklima. Es ist der bürgerlichen Schweiz objektiv besser gegangen als jedem anderen Land. Es ist selbstverständlich, dass die Merkmale der Freiheit vor sozialdemokratischen oder staatssozialistischen Angriffen (auch aus parteibürgerlicher Seite) geschützt werden müssen, und dass die Freiheit wieder zurückgewonnen werden muss, wo sie im Lauf der Jahrzehnte verloren gegangen ist.
Die Kraft der – schlechten wie guten – Ideen sollte man nicht unterschätzen. Sie potenziert das Wirken eines kleinen Instituts wie des Liberalen Instituts um ein Vielfaches – umso mehr in einem kleinen Land. Wenn wir Meinungsartikel publizieren, die weitere Kolumnen inspirieren, wenn Journalisten unsere Arbeit rezensieren, wenn Parlamentarier unsere Bände lesen (seien es nur deren Titel), wenn Studenten und Jungpolitiker unsere Angebote konsumieren, wenn Bürger unseren Vorträgen zuhören oder unsere Studien lesen, wenn Freunde und Mitstreiter uns weiterempfehlen, wenn ein breit verwendetes Lehrbuch für Wirtschaftsgymnasien, für Hochschulen und Universitäten sowie für Weiterbildungslehrgänge das Liberale Institut als Referenz für Marktwirtschaft erwähnt, dann hat das sehr wohl einen Einfluss auf das Meinungsklima.
Ideelle Arbeit ist keine exakte Wissenschaft, sondern – wie die Politik selbst – ein Handwerk. Ihr Erfolg hängt von vielen Faktoren ab. Nach Jahrzehnten von Indoktrinierung durch öffentliche Schulen, öffentliche Medien und staatlich finanzierte Forschung, stehen liberale Ansätze zwar vor einem uphill battle. Wenn sie allerdings gänzlich aus der Debatte verschwinden, werden sie sicher keine Fortschritte machen.
Wir kommen nicht darum herum: Bevor es zu liberalem politischem Handeln kommt, braucht es ein liberales Meinungsklima. Das zeigt eindeutig die Schweizer oder die amerikanische Erfahrung.
Gleichzeitig wäre es verfehlt, wenn liberale Think Tanks ideelle Kompromisse aus Rücksicht auf das «politisch Machbare» eingehen würden. Damit verlören sie gerade ihre Daseinsberechtigung.
Vielmehr braucht es mehr oder weniger bewusste Verbindungsleute und politische Handwerker, die aus innerer Überzeugung unsere Botschaften weitertragen, sei es nur ansatzweise, solange die Richtung stimmt – oder auch ehrgeiziger, wenn das Gesamtpaket überzeugt. Dabei sind die Parteietiketten oder Affiliationen und Quellenangaben unwichtig.
Ob jemand in einer Partei oder rein publizistisch aktiv ist oder als möglichst grosszügiger Förderer des Liberalen Instituts mitwirkt, hängt letztlich auch von der Persönlichkeit, den Fähigkeiten und den Präferenzen jedes Einzelnen ab. Einen Widerspruch zwischen dem ideellen und dem politischen Weg gibt es a priori nicht. Wir brauchen auch Politiker, welche die Steuern senken, Schuldenbremsen umsetzen und Gesetze abschaffen. Der geistige Einsatz für die individuelle Freiheit darf nicht zu einer vertraulichen Angelegenheit einiger Prediger verkommen, denn er ist die Bedingung nicht nur von höherem Wohlstand für alle sondern auch von echter Gerechtigkeit und einer wirklich humanen Gesellschaft.
Pierre Bessards Essay «Liberale in der Politik: Erst denken, dann handeln» in Anlehnung an die Weisheiten des grossen Schweizer liberalen Politikers Louis Guisan kann auf www.libinst.ch heruntergeladen werden.