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Im Laufe der Corona-Pandemie werden Verschwörungstheorien beliebter. Wie stark ihnen Menschen tatsächlich zustimmen, hat ein Forschungsteam der Universität Basel untersucht.
Krisenzeiten haben oft die Entstehung und Verbreitung von Verschwörungstheorien begünstigt, so auch die Covid-19-Pandemie. Ein Forschungsteam um Sarah Kuhn und Thea Zander-Schellenberg von der Universität Basel hat untersucht, wie gross die Zustimmung zu Coronavirus-bezogenen Verschwörungstheorien in der deutschsprachigen Schweiz und Deutschland ist, und welche psychologischen Faktoren damit zusammenhängen. An der anonymen Online-Umfrage im Juli 2020 nahmen über 1600 Personen teil, davon 554 aus der Schweiz. Die Befunde sind nun im Fachjournal «Psychological Medicine» erschienen.
Rechts Protest von Demonstranten gegen die Coronaschutzmaßnahmen und links Gegenprotest am Rand der Strecke in Berlin. Collage und Fotos Leonhard Lenz
Erfasst wurden neben demographischen Angaben auch die Zustimmung zu mehreren Coronavirus-bezogenen Aussagen, die eine Verschwörung hinter der Entstehung der Pandemie oder der Kommunikation dazu vermuten. Zudem wurden in der Befragung momentan empfundener Stress, Paranoia-ähnliche Erfahrungen sowie verschiedene Denkverzerrungen erhoben. Unter letztere fallen beispielsweise die Tendenzen, systematisch auf der Basis unzureichender Informationen Schlüsse zu ziehen oder auch Informationen, die der eigenen Haltung widersprechen, weniger in eigene Schlussfolgerungen zu integrieren.
Rund ein Zehntel
Im Durchschnitt stimmten knapp zehn Prozent aller Befragten einer Verschwörungsaussage stark, weitere 20 Prozent wenig oder mässig und ungefähr 70 Prozent gar nicht zu. Diese Verteilung war sowohl innerhalb der schweizerischen Befragtengruppe als auch der deutschen Befragtengruppe festzustellen. Den grössten Anklang fanden Aussagen, die nahelegten, dass das Virus menschengemacht oder dass die offizielle Erklärung zu der Ursache des Virus anzuzweifeln sei.
Teilnehmende, die den präsentierten Aussagen stärker zustimmten, waren im Durchschnitt jünger, gestresster und berichteten über mehr Paranoia-ähnliche Erfahrungen, zum Beispiel «Fremde und Freunde schauen mich kritisch an». Sie wiesen ausserdem eine politisch extremere Haltung sowie ein geringeres Bildungsniveau auf. Die Zustimmungswerte unterschieden sich nicht zwischen Geschlechtern.
Ein weiteres Ergebnis zeigte, dass schweizerische Befragte einigen spezifischen Aussagen geringfügig stärker zustimmten als deutsche Befragte; einige der stärker unterstützten Aussagen bezogen sich auf biologische Aspekte und den Zweck von Covid-19-Impfstoffen , zum Beispiel «Big Pharma schuf das Coronavirus, um von den Impfstoffen zu profitieren». Die gefundenen Unterschiede sind, obgleich statistisch bedeutsam, jedoch gering ausgeprägt. Dieser Befund ergänzt bestehende Forschungsergebnisse, die zeigen, dass die Impfakzeptanz in der Schweiz geringer ist als in anderen westeuropäischen Ländern wie Deutschland.
«Da wir nur eine Momentaufnahme zu den Zustimmungswerten im vergangenen Sommer gemacht haben, müssen nun weitere Studien zeigen, ob die Zustimmung stabil geblieben ist oder sich über die Zeit bereits verändert hat», so Thea Zander-Schellenberg.
Verzerrtes Denken
Das Studienteam fand zudem Hinweise darauf, dass mit der Zustimmung zu Verschwörungstheorien Besonderheiten in Denkprozessen einhergingen. Teilnehmende, die Verschwörungsaussagen zum Coronavirus für plausibel hielten, trafen Schlussfolgerungen vorschneller und unter grösserer Unsicherheit als Teilnehmende, die diese Aussagen für weniger plausibel hielten. Informationen, die ihre Meinung widerlegten, schenkten sie zudem weniger Beachtung.
In einer vertieften statistischen Analyse fanden die Forscherinnern und Forscher ausserdem, dass der Zusammenhang zwischen Verschwörungstheorien und Denkverzerrungen nicht so linear sein könne, wie oft angenommen. «Diese Befunde waren für uns überraschend, da in der psychologischen Forschung bisher eher davon ausgegangen wurde, dass Verschwörungstheorien mit Eigenschaften wie einem geringeren analytischen Denkvermögen oder vorschnellem Schlussfolgern einhergehen,» sagt Sarah Kuhn, und weiter: «Dass bei manchen Personen genau das Gegenteil der Fall sein könnte, mahnt einerseits zur Vorsicht bei Pauschalisierungen über die Anhängerschaft von Verschwörungstheorien, andererseits birgt es aus Forschungsperspektive auch das Potenzial, in Zukunft die kognitiven Mechanismen von Verschwörungstheorien noch genauer zu untersuchen.»
Bei der Studie handelt es sich aufgrund des Befragungsansatzes per Definition nicht um eine bevölkerungsrepräsentative Befragung, jedoch setzte sich die Befragtenstichprobe im Hinblick auf Alter und Geschlecht ähnlich zusammen wie die schweizerische und deutsche Allgemeinbevölkerung.
Titelbild: «Die Pandemie ist ein Schwindel»: Verschwörungstheorien haben in Krisenzeiten Hochkonjunktur. (Symbolbild: The Blowup, unsplash)