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Die ukrainische Fotografin Julia Wimmerlin hat ukrainische Flüchtlingsfrauen fotografiert: In einer Ecke ihrer heutigen Wohnung in der Schweiz. Die eindrückliche Porträtserie ist in der Berner Kornhausbibliothek zu sehen.
Julia Wimmerlin ist eine ukrainische Fotografin aus Kiew, die schon länger in der Schweiz lebt. Nachdem Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine überfallen hatte und viele Frauen geflohen waren, begann die Fotografin ihr Projekt. Sie fotografierte in die Schweiz geflohene Frauen in derselben Kleidung, in der sie die Ukraine – in der Regel ohne Ehemann oder Partner – verlassen hatten. Ort der Aufnahme war stets eine Ecke der Wohnung, in der die Frauen heute leben. Zudem bat die Fotografin jede Frau, ihr einen Gegenstand zu zeigen, den sie ausser dem Allernötigsten mitgenommen hat. Dieser Gegenstand wird in einem zweiten Bild gezeigt. Zusammen mit Textbeschreibungen sind so eindrückliche Einblicke in das Seelenleben geflüchteter Ukrainerinnen entstanden. Die Gegenstände wurden für die Frauen zu einem Symbol und zu einer Erinnerung an ihr früheres Zuhause.
Alesia (42) floh zusammen mit ihrem an Autismus leidenden Sohn. In den schwierigsten Momenten ihres Lebens wurde der leuchtend rote Lippenstift zu ihrem Talisman. Abgesehen von der Spezialnahrung für ihren Sohn war der Lippenstift fast das Einzige, was Alesia mitnahm. Von Beruf Psychologin, kümmert sie sich um ihre Familie sowie ihr Umfeld, um die Zeit in der Fremde zu überstehen.
Tetiana (34) verliess ihre Heimatstadt mit zwei kleinen Koffern und einem Glücksbringer, einer alten Stoffmaus. In der Schweiz suchte Tetiana nach Möglichkeiten, die ukrainische Armee zu unterstützen. Mit Hilfe von Freiwilligen kaufte sie einen Geländewagen und brachte diesen zurück in die Ukraine. Während sie in der Schweiz nach Arbeit suchte, setzte sie ihre Freiwilligenarbeit fort.
Olena (40) war zu Beginn des Krieges dank einer Hormontherapie gerade schwanger geworden. Ihr Zuhause verliess sie in der 14. Schwangerschaftswoche mit einem Hund. Zu überwältigend waren der tägliche Stress und die Angst vor einer Einnahme der Hauptstadt Kiew durch die Russen. Da sie in der Schweiz, wo sie ihr Kind gebar, ihre zu grosse Fluchtkleidung nicht mehr tragen konnte, benutzte sie diese während dem Fototermin als Decke.
Die vierfache Mutter Svitlana (41) war bei Kriegsausbruch mit dem 5. Kind schwanger. Wegen der ständigen Luftangriffe floh sie zuerst in die Westukraine und dann von dort im 8. Schwangerschaftsmonat in die Schweiz. Hier brachte sie ihr fünftes Kind zur Welt. Ihr Lieblingsfoto ist das Ultraschallbild des Kindes, das sie während ihrer Flucht unter dem Herzen trug.
Die Bankangestellte Viktorya (40) floh mit ihrer fünfköpfigen Familie und einer sechs-Liter-Wasserflasche im überfüllten Zug in den Westen. Als Andenken an ihre 2021 verstorbene Mutter nahm die Urkainerin das geerbte Kristallschmuckkästen mit, ein Gegenstand, der sie an ihre Kindheit erinnert. Die Wasserflasche erwies sich als unverzichtbar. Die Zugfahrt dauerte rund einen Tag. Zwischenstopps gab es keine. Frisches Wasser auch nicht.
Viktoriia (37) verliess ihre Heimatstadt am zweiten Kriegstag zusammen mit ihrem Kind. Da die Zahnärztin in Prag keine Arbeit fand, kam sie mit Hilfe von Freunden in die Schweiz. Das Wichtigste, was Victoriia von zu Hause mitnahm, war ihr Zahnärztinnen-Diplom. Heute findet sie neben ihrer Arbeit Zeit, um Freiwilligen sowie Landsleuten zu helfen. Ihre äussere Ruhe und ihr Lächeln verbergen die ständigen Sorgen um ihren Mann, der in der Ukraine bleiben musste.
Daria (31) floh zusammen mit Tochter, Mutter und einem Hund im Auto nach Deutschland und von dort in die Schweiz. Beim Packen ihrer Koffer nahm sie zwei Ikonen mit, die sie und ihre Familie schützen sollen. Als sie in Deutschland nach dem richtigen Weg suchte, wandte sie sich im Geiste an die Ikonen, die ihr halfen, die Flucht erfolgreich zu bewältigen und sicher ans Ziel zu gelangen.
Vita (37) nahm ein kleines Sofakissen mit, auf dem die Lieblingsfiguren ihres jüngsten Sohnes abgebildet waren. Dieser drückte das Kissen während der Flucht an sich und fand dadurch Beruhigung. Vita floh zusammen mit ihrer Schwester und zwei Söhnen. Gemeinsam hoffen die Frauen auf eine baldige Rückkehr zu ihren Ehemännern.
Titelbild: Die porträtierten Flüchtlingsfrauen lassen sich nicht in eine Ecke drängen, obwohl sie bewusst in einer Ecke fotografiert wurden. Fotos: Julia Wimmerlin.
Die Ausstellung «(Nicht) in die Ecke gedrängt» ist noch bis zum 13. August 2023 in der Kornhausbibliothek Bern und in der Volkshochschule Bern zu sehen. Sie entstand in Zusammenarbeit mit der Organisation «Ukraine Schweiz Bern» und dem Verein «Ukraine Hilfe Bern».
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