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Kanada wird zurzeit nicht nur durch die COVID-Pandemie durchgeschüttelt. Auch die koloniale Vergangenheit und ihre dunklen Kapitel sorgen für negative Schlagzeilen. Besonders die Funde von Kindergräbern auf den Geländen von ehemaligen Missionsschulen zeigen auf, wie früher mit den Ureinwohnern Kanadas umgegangen worden war. Nun hat Premierminister Justin Trudeau einen Schritt in Richtung Versöhnung und Anerkennung der indigenen Bevölkerung unternommen und zum ersten Mal in der Geschichte des Landes eine Inuit-Vertreterin zur Generalgouverneurin Kanadas empfohlen. Die Empfehlung wurde von Königin Elisabeth II angenommen.
«Heute Morgen kann ich bekanntgeben, dass aufgrund meiner Empfehlung Ihre Majestät Königin Elisabeth II. die Ernennung von Mary Simon als 30. Generalgouverneurin bestätigt hat.»Justin Trudeau, Premierminister von Kanada
An einer Pressekonferenz im kanadischen Museum für Geschichte gab gestern Dienstag der Premierminister die Ernennung der 64-jährigen Mary Simons als Repräsentantin der Queen und damit als kanadisches Staatsoberhaupt bekannt. Nach seinen Angaben wurde die Diplomatin und Inuit-Vertreterin aus rund 100 Kandidaten ausgewählt. «Kanada ist ein Land, das durch die Menschen definiert wird. (…) Offen gesagt, wir brauchen mehr Leader wie Frau Simon in Führungspositionen. Menschen, die verstehen, was bedeutet, echte Probleme anzugehen und positive Veränderungen herbeizuführen. Und das ist genau das, was uns heute hier zusammenbringt», erklärte Premierminister Trudeau vor den Medien. «Heute Morgen kann ich bekanntgeben, dass aufgrund meiner Empfehlung Ihre Majestät Königin Elisabeth II. die Ernennung von Mary Simon als 30. Generalgouverneurin bestätigt hat.»
Mary Simon ist keine Unbekannte in der kanadischen Politik und ihre Ernennung zur Generalgouverneurin nicht nur das Resultat ihrer Herkunft. Die Spitzendiplomatin, die aus einem kleinen Ort in Nunavik, dem arktischen Norden der Provinz Quebec, stammt, hatte bereits in der Vergangenheit zahlreiche Möglichkeiten, ihre ausserordentlichen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Sie war massgeblich an der Schaffung des Arktisrates beteiligt, jahrzehntelang Mitglied des Inuit Circumpolar Councils, trat als Vorsitzende der mächtigen Inuit-Organisation Makivik Corp und Inuit Tapiriit Kanatami für mehr Rechte der Inuit auf nationaler Ebene ein und war die erste kanadische Botschafterin für zirkumpolare Angelegenheiten und kanadische Botschafterin in Dänemark. Trotz ihrer Erfahrungen ist die neue Rolle als Repräsentantin der Krone in Kanada auch für sie etwas Aufregendes. In ihrer neuen Rolle repräsentiert sie nicht nur die Krone, sondern ganz Kanada. Ausserdem ist sie nun formell die Oberkommandierende der kanadischen Streitkräfte und hat auch überparteiliche Funktionen neben den zeremoniellen Aufgaben. Kanada ist, wie viele andere Commonwealth-Länder, eine parlamentarische Monarchie, bei der die politische Macht in den Händen des Parlaments und des Premierministers liegt. Gleichzeitig ist aber die Königin des Vereinigte Königreiches (i.e. Königin Elisabeth II.) die Königin von Kanada und damit das offizielle Staatsoberhaupt des Landes, die neue Generalgouverneurin ihre Stellvertreterin.
Die Ernennung von Mary Simon kommt zu einer Zeit, in der Kanada an einem Wendepunkt in Bezug auf die Verarbeitung seiner kolonialen Vergangenheit steht. Sie selbst sieht sich als Mittlerin und will die indigene Lebensweise und Kultur allen Kanadiern nahebringen, aber gleichzeitig alle Kanadier miteinander verbinden. Video: globalnews.ca
Die Ernennung einer indigenen Vertreterin in dieses hohe Amt ist für Kanada einmalig und kommt just zu einem Zeitpunkt, an dem Kanada sich mit der notwendigen Aufarbeitung seiner kolonialen Vergangenheit und seinem Umgang mit der indigenen Bevölkerung konfrontiert sieht. Die Entdeckung von hunderten von Kindergräbern auf den Böden von ehemaligen Missionarschulen, aber auch andere Vorgänge in der kanadischen Arktis hatten aufgeschreckt und gezeigt, dass auch Kanada seine Geschichte und seinen Umgang mit der Urbevölkerung aufarbeiten und auf eine neue Ebene stellen muss. Dies hat auch Premierminister Trudeau in seiner Rede klar gemacht. Er nannte die Ernennung Simons einen «historischen und inspirierenden Moment für Kanada» und einen wichtigen Schritt in Richtung Versöhnung mit der Vergangenheit.
Ich denke, wenn die Menschen sich so verstehen und respektieren, dann nennen wir dies Versöhnung.Mary Simon, Designierte Generalgouverneurin von Kanada
Zahlreiche Vertreter von Inuitorganisationen und Politiker begrüssten ebenfalls die Ernennung und sprachen von einem historischen Moment für alle Kanadier. Auch Mary Simon sieht ihre Aufgabe als Generalgouverneurin unter anderem darin, Brücken zu zwischen dem Norden und dem Süden zu bauen und so für eine echte Versöhnung der Kulturen innerhalb Kanadas zu sorgen: «Ich hatte das Gefühl, dass diese Position Kanadiern helfen würde, mit indigenen Völkern zusammenzukommen, zusammenzuarbeiten … Menschen zusammenzubringen, um unsere einzigartige Geschichte, unsere einzigartigen Kulturen und Lebensweisen zu verstehen. Und ich denke, wenn die Menschen sich so verstehen und respektieren, dann nennen wir dies Versöhnung.»
Dr. Michael Wenger, PolarJournal