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Russland schätzt die guten Dienste der Schweiz im Georgien-Konflikt hoch ein. Die Beziehungen der beiden Länder bezeichnete Igor Bratschikow, der russische Botschafter in Bern, vor dem Besuch von Präsident Dmitri Medwedew als ausgezeichnet.Dieser Inhalt wurde am 08. September 2009 - 08:20 publiziert
swissinfo.ch: 2009 ist ein wichtiges Jahr in den schweizerisch-russischen Beziehungen. Auftakt war im Mai die Eishockey-WM in Bern, an der Russland gewann - wie schon 1990 in Bern. Bringt die Schweiz Russland Glück?
Botschafter Igor Bratschikov: Darf ich diese Frage als Vorschlag betrachten, die Eishockey-Weltmeisterschaften künftig nur noch in Bern auszutragen? (lacht).
Im Ernst: Es war natürlich ein grosses Ereignis, das wir im Mai miterlebt haben.
Ich hoffe aber auch, dass man in der Schweiz bedenkt, was Russland zum Glück dieses Staates beitrug. 1815 hat sich Russland am Wiener Kongress für die schweizerische Neutralität und Unabhängigkeit stark gemacht.
Und vor 64 Jahren gelang es dank dem Sieg der Sowjetunion und der Allierten über Hitlerdeutschland, diese Grundwerte der Schweiz aufrecht zu erhalten.
swissinfo.ch: In einigen Tagen besucht der Präsident der Russischen Föderation, Dmitri Medwedew, die Schweiz. Es ist die erste offizielle Visite eines russischen Präsidenten in der Schweiz. Was ist das Ziel des Besuchs?
I.B.: Es ist nicht nur der erste Besuch eines russischen Staatspräsidenten, sondern eines russischen Staatsoberhauptes überhaupt. Weder Zar, Generalsekretär noch Präsident waren je auf offizieller bilateraler Basis in der Schweiz.
Der Besuch hat zwei Ziele: Er soll erstens das ausgezeichnete Verhältnis der beiden Länder abbilden. Die Beziehungen, die auf der Grundlage der Gleichheit und des gegenseitigen Respekts basieren, entwickeln sich sehr dynamisch.
Zweitens soll der Besuch einen neuen Impuls für die Entwicklung der Beziehungen in den kommenden Jahren verleihen.
swissinfo.ch: Die geplante Visite Präsident Medwedews am Suworow-Denkmal in der Schöllenenschlucht im Kanton Uri unterstreicht, wie wichtig der russische General aus dem 18. Jahrhundert in Russland nach wie vor ist. Worin besteht der Symbolgehalt Suworows?
I.B.: Suworow ist wohl die wichtigste Figur der russischen Militärgeschichte; der General ist in Russland seit 200 Jahren sehr populär. Er verlor in seiner Karriere keine einzige Schlacht.
Wichtiger aber ist, dass er ein sehr volksverbundener Feldherr war, der das Leben der Soldaten sehr hoch einstufte. Auch war er sehr human im Umgang mit den Gegnern, die er besiegte. Wir sind dankbar, dass die Bevölkerung insbesondere in der Region, wo er die Alpen überquerte, die Erinnerung an ihn wach hält.
Suworow war auch ein grosser Militärtheoretiker. Bis heute ist er ein grosses Vorbild für die Soldaten und die Bevölkerung punkto Vaterlandsliebe.
swissinfo.ch: Zur politischen Bedeutung der Schweiz: Aktuell ist die Schweiz Vertreterin der politischen Interessen Russlands und Georgiens im Konflikt der beiden Länder. Wie wichtig ist diese Rolle für Russland?
I.B.: Die Russische Föderation ist sehr zufrieden mit der Rolle der Schweiz in Tiflis. Wir schätzen aber die schweizerische Erfahrung auf dem Gebiet der Diplomatie insgesamt sehr hoch ein. Wir betrachten die Schweiz als ein Land der grossen Diplomatie.
swissinfo.ch: In Russland wie auch im Ausland sind mehrere russische Menschenrechtsaktivistinnen und Journalisten unter nach wie vor ungeklärten Umständen ermordet worden. Die Schweizer Aussenministerin hat gegen diese Verbrechen protestiert und die schleppende Aufklärung kritisiert. Werden die Appelle aus Bern in Moskau ernst genommen?
I.B.: Selbstverständlich nimmt Moskau diese Fälle ernst. Aber nicht wegen der Kritik aus dem Ausland. Bevölkerung, Regierung und der Präsident betrachten es von sich aus als Herausforderung des russischen Staates. Ich bin nicht einverstanden damit, dass die Aufklärungen nicht vorankämen.
Im Fall Politkowskaja beispielsweise gibt es Fortschritte. Es wurden Verdächtige festgenommen, und der Prozess wurde wieder aufgenommen. Auch die anderen Fälle sind nicht ad acta gelegt.
swissinfo.ch: Was können das grosse Russland und die kleine Schweiz voneinander lernen?
I.B.: Unsere bilateralen Beziehungen sind ein Beispiel dafür, dass ein grossflächiges und ein kleines Land miteinander als gleichberechtigte Partner verhandeln und so die Positionen gegenseitig besser verstehen können.
Auf dem internationalen Parkett haben wir momentan keine oder nur ganz wenige Differenzen, weder in der Uno noch in Europa.
swissinfo.ch: Russland ist ein Vielvölkerstaat. Die Schweiz in gewissem Sinne auch, sie besteht aus vier Kulturen und einer fünften, derjenigen der Ausländer.
I.B.: Bestimmt. Wir können voneinander profitieren: Russland von der Schweiz, weil sie schon während langer Zeit positive Erfahrungen mit Multikulturalität und verschiedenen Religionen macht.
Aber auch Russland vereinigt seit 1000 Jahren verschiedene Kulturen und Religionen in einem Staat, in dem zum Beispiel Christen und Moslems gut zusammen arbeiten und miteinander auskommen. Diese Erfahrung dürfte einmalig sein.
swissinfo.ch: Die Schweiz ist stolz auf ihre Werte wie Freiheit, Demokratie, Unabhängigkeit...
I.B.: ...und Föderalismus!
swissinfo.ch: Richtig. Im Jahreskalender der russischen Botschaft zählen Sie Aufrichtigkeit, Vertraulichkeit und Leistungsorientierung als russische Werte auf. Teilen wir diese?
I.B.: Doch, doch! Und wir werden im nächsten Kalender noch viel mehr gemeinsame Werte aufzeigen (lacht). Föderalismus gehört auch zu unseren Werten, da ist die Erfahrung der Schweiz sehr wichtig.
swissinfo.ch: Bundesrat Couchepin hat im März 2009 in Moskau ein neues Kulturabkommen unterzeichnet. Wie wichtig ist die Kultur in den Beziehungen der beiden Länder?
I.B.: Sie gehört zu den wichtigsten Pfeilern unserer bilateralen Beziehungen, und das schon seit Jahrhunderten. Architekten wie Trezzini und Le Corbusier, Schriftsteller wie Frisch und Dürrenmatt, der Gelehrte Euler oder Reformatoren wie Zwingli und Calvin sind jedem kulturell gebildeten Menschen in Russland ein Begriff.
Ich hoffe, dass umgekehrt ein Tjutschew, Karamsin, Schukowski, Puschkin, Tolstoj etc. in der Schweiz keine Unbekannten sind. Kürzlich wurde ja in Luzern eine Gedenktafel zu Ehren von Leo Tolstoj enthüllt, weil er nach einem Besuch in dieser schönen Stadt eine Novelle mit dem Titel "Luzern" geschrieben hatte.
Wenn man bedenkt, wie viele russische Künstler gegenwärtig in der Schweiz in grossen Orchestern und auf der Bühne tätig sind, kann man sagen, dass wir so eng miteinander verflochten sind, dass man die beiden Länder in der Kultur nicht trennen kann.
Renat Künzi und Peter Schibli, swissinfo.ch
Der Staatsbesuch
Der Staatsbesuch des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew in der Schweiz ist auf den kommenden 21. und 22. September geplant.
Gemäss politischer Usanz wird der Bundesrat den Besuch eine Woche vorher offiziell ankündigen. Gleichzeitig gibt die Regierung das detaillierte Programm der Visite bekannt.
Medwedew wird wie bei einem Staatsbesuch üblich mit allen sieben Mitgliedern der Schweizer Regierung zusammentreffen. Traktandiert sind auch Treffen mit Vertretern der Schweizer Wirtschaft.
Daneben besucht Medwedew die Suworow-Gedenkstätte im Kanton Uri, die an die legendäre Überschreitung der Alpen 1799 durch den berühmten russischen General und seiner Soldaten erinnert.
SCHWEIZ-RUSSLAND
Bereits im 18. Jahrhundert gibt es intensive Kontakte zwischen den beiden Ländern. Russische Schriftsteller, Künstler und Gelehrte besuchen die Schweiz, während Schweizer Bürger nach Russsland emigrieren.
Besonders im Bereich der Architektur hinterlassen einige Schweizer Emigranten ihre Spuren.
Im 19. Jahrhundert gehört Russland zu den Grossmächten, welche die Schweizer Neutralität garantieren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts halten sich etliche Künstler, Studenten und russische Dissidenten in der Schweiz auf, darunter Lenin.
Im Zusammenhang mit den Revolutionswirren werden die diplomatischen Beziehungen 1918 abgebrochen und erst 1946 wieder aufgenommen.
Nach dem Ende des Kalten Kriegs haben sich die Beziehungen in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur schnell intensiviert.
Für die Schweiz ist Russland zu einem wichtigen Handelspartner geworden. Die Schweiz gehört zu den grössten ausländischen Investoren in der Russischen Föderation.
Russland ist das einzige ständige Mitglied des Uno-Sicherheitsrats, mit dem die Schweiz jedes Jahr gegenseitige diplomatische Besuche auf Ministerebene durchführt.
Seit 10 Jahren leistet die Schweiz technische und finanzielle Unterstützung sowie humanitäre Hilfe, namentlich im Nordkaukasus.
Die Schweiz vertritt seit 2009 die diplomatischen Interessen Moskaus in Georgien und umgekehrt die Interessen Georgiens in Russland.
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