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theater
Bilder: Schauspielhaus Zürich/T+T Fotografie, Toni Suter
«Das Theater der Gegenwart ist eine hierarchisch strukturierte, tendenziell diktatorische Kunstform»
Das Theater ist ein Ort, an dem gesellschaftliche Missstände in Frage und Gegenwelten in Aussicht gestellt werden. Zugleich aber ist das Theater ein traditionell hierarchisch strukturierter Kulturbetrieb, in dem es, anders als in der freien Wirtschaft, weder starke Gewerkschaften noch andere Formen der Selbstkontrolle gibt. Die auf der Bühne angeprangerte soziale Ungerechtigkeit kann hinter der Bühne ungebremst fortschreiten. Und so muss man leider feststellen, dass all die emanzipatorisch aufgerüsteten Frauenbilder, die aufbegehrenden, Widerstand leistenden, an einer männlich dominierten Welt sich aufreibenden Noras, Penthesileas und Antigones ihren Kampf verloren haben. Denn in Sachen Geschlechtergerechtigkeit hat das Theater einen noch grösseren Nachholbedarf als jene Dax-Unternehmen, die per Gesetz zu einer 30-prozentigen Frauen-Quote in den Aufsichtsräten verpflichtet werden mussten.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nur 22 Prozent der deutschsprachigen Theater werden von Frauen geleitet, darunter das Hamburger Schauspielhaus und das Schauspielhaus Zürich, deren Intendantinnen Karin Beier und Barbara Frey dort seit vier beziehungsweise neun Jahren erfolgreich das Zepter in der Hand halten. Mehr als 70 Prozent aller Inszenierungen entstehen unter männlicher Regie. Nur in den dienenden, zuarbeitenden Theaterberufen können sich Frauen zumindest zahlenmässig behaupten, Dramaturginnen und Regieassistentinnen sind genauso häufig am Theater beschäftigt wie ihre männlichen Pendants. Und der Beruf der Souffleuse ist ohnehin eine Frauendomäne.
Doch bei der Bezahlung hört die Gleichberechtigung schliesslich endgültig auf: Während in der freien Wirtschaft Frauen 21 Prozent weniger verdienen als Männer, sind die Regie-Gagen von Frauen im Theater sogar um 46 Prozent geringer als die der männlichen Regisseure. Das muss man sich einmal vor Augen halten: In einer Zeit, in der die Frauenemanzipation scheinbar längst zur etablierten gesellschaftlichen Realität geworden ist, verdient eine Theaterregisseurin gerade einmal halb so viel wie ihr männlicher Kollege – für die gleiche Arbeit.
Dass das Theater noch immer eine Männerwelt ist, zeigt sich an der noch immer unangefochtenen Dominanz des Regie-Theaters: Aufführungen, die von der Autorität des Regisseurs geprägt sind, tragen unverkennbar männliche Züge. Das Theater der Gegenwart ist eine hierarchisch strukturierte, tendenziell diktatorische Kunstform – Herrschaft und Willkür spielen hier eine wesentliche Rolle und gelten als künstlerisch wertvoll.
Die Theaterarbeit von Frauen dage- gen ist demokratisch grundiert, auf Zu- sammenarbeit und Verständigung ausgerichtet. Der absolutistische Machtanspruch, der der männlichen Deutungshoheit entspringt, ist ihr fremd. Weibliche Regisseure nähern sich einem Stoff oder Text mit der Intention, ihn mit handwerklicher Sorgfalt und Achtsamkeit zu entfalten, während die männliche Regiearbeit in der Regel ein egozentrischer Geniestreich ist und als solcher gewürdigt wird: ein Akt der Unterwerfung und Aneignung, ein potenzieller Gewaltakt – wobei die Gewalt nicht nur auf eine Vereinnahmung des Textes ausgerichtet ist, sondern auch auf eine Instrumentalisierung der Schauspieler.
Welche dieser beiden Arbeitsweisen die aufsehenerregenderen Ergebnisse liefert, lässt sich alljährlich an der Best-of-Auswahl des Berliner Theatertreffens ablesen: Von Frauen inszenierte Arbeiten erfüllen eher ausnahmsweise das Nominierungs-Kriterium «bemerkenswert» – und das, obwohl die Jury seit einigen Jahren kategorisch paritätisch besetzt ist.
Als Frank Castorf jüngst in einem Interview gefragt wurde, warum in den 25 Jahren seiner Intendanz keine einzige Regisseurin an der Volksbühne arbeiten durfte, antwortete der berüchtigte, notorisch unter Sexismus-Verdacht stehende Regie-Chauvi, der seine Schauspielerinnen bevorzugt nackt und hysterisch kreischend über die Bühne stöckeln lässt, äusserst ungeniert: Das sei für ihn im Theater wie beim Fussball – Männerfussball fände er einfach interessanter als Frauenfussball.
Ganz offenkundig ist er nicht der Einzige, der so denkt. Das Theater ist ganz eindeutig eine Männer-Trutzburg, in der Frauen keineswegs offene Türen einrennen. Deshalb fordert das im Herbst 2017 gegründete Bündnis «Pro Quote Bühne» die Einführung einer Frauen-Quote von 50 Prozent und damit die Durchsetzung des im deutschen Grundgesetz verankerten Anti-Diskriminierungsanspruches. Das Badische Theater Karlsruhe kommt dieser Forderung radikal entgegen, indem es in dieser Spielzeit nur Inszenierungen von Frauen zeigt.
Es ginge aber nicht darum, Männer auszuschliessen, betont Shermin Langhoff, die als einzige Frau eines der fünf grossen Berliner Theater leitet, das Maxim Gorki Theater. Der Gleichheitsgedanke des Grundgesetzes müsse für alle gelten, oder um es mit Tina Turner zu sagen: «We don‘t need another hero.» Wenn Frauen an die Macht kämen, dann nur, um «die Gesellschaft für alle zu öffnen». Für das Theater sei es wichtig, das etablierte Konzept des männlichen Genius‘ zu überwinden.
Dass in einer gesellschaftlichen Institution, wie dem Theater, das für freiheitliches, fortschrittliches Denken steht, für eine gesellschaftsverändernde, weltverbessernde Kunst, die weibliche Emanzipation auf der Strecke geblieben ist, liegt nicht nur am männlichen Herrschaftsanspruch. Ruth Berghaus, in ihrer Generation neben Ida Ehre die einzige etablierte Bühnenkünstlerin, hat es so formuliert: «Die Selbstzensur der Frau verhindert die Auflehnung, drängt das Aufbegehren in die Träume zurück.» Um diese verschreckte, unterdrückte künstlerische Kraft in die Realität des Kunstbetriebes zurückzuholen, bedarf es möglicherweise auch einer Korrektur unserer Erwartungshaltung als Zuschauer, einer modifizierten Rezeption. Die etablierte, «bemerkenswerte» Theaterkunst der Gegenwart ist laut, aufsehenerregend, rampenfixiert, eigenwillig auf eine exhibitionistische, auftrumpfende Art und Weise, mit anderen Worten: Das Theater heute ist potenziell männlich. Es ginge zu weit, von einer explizit männlichen oder weiblichen Ästhetik zu sprechen, aber die Theatersprache der Frauen ist eindeutig leiser, vielleicht auch menschlicher, weniger kunstwillig und dafür lebensnäher. Vielleicht müssen wir lernen, genauer hinzuhören und konzentrierter wahrzunehmen, um die weiblichen Stimmen in dieser Männertheaterwelt besser zu verstehen und angemessener würdigen zu können. Und das gilt nicht nur im Theater. ■
«Nur in den dienenden, zuarbeitenden Theaterberufen können sich Frauen zumindest zahlenmässig behaupten»