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Wie steht es zu Beginn des 22. Jahrhunderts mit dem Rätoromanischen, dieser Kleinstsprache inmitten der europäischen Alpen?
Zum Abschluss dieses Dossiers haben wir zusammen mit unseren rätoromanischen Gesprächspartnerinnen und -partnern ein wenig Sciencefiction betrieben. Hier ein Auszug.
Nach der administrativen Restrukturierung des Landes im Jahr 2054 hat die Schweiz nur noch 7 Kantone, auch Regionen genannt.
In diesem Jahr ist Arthur Federer Präsident. Er ist Nachkomme eines berühmten Tennisspielers, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts Furore machte. Federer ist der einzige Mann im Bundesrat, der Regierung, die aus 9 Mitgliedern besteht, davon wie gesagt 8 Frauen.
Wie sieht in diesem Zusammenhang die Situation des Rätoromanischen aus?
Bernard Cathomas, RTR-Direktor, Chur
"Die Situation des Rätoromanischen ist die gleiche wie jene aller anderen kleinen Sprachen – Deutsch, Italienisch, Französisch. Wir sehen, wie sich Französisch bereits heute gegen den Einfluss des Englischen wehren muss. Ich bin deshalb sicher, dass dem Rätoromanischen, das eine sehr kleine Sprache ist, das gleiche Schicksal beschieden ist wie diesen anderen 'kleinen' Sprachen! Dagegen werden die grossen Sprachen noch grösser: Chinesisch, Hindi, Englisch, Spanisch. Meine Grosskinder sprechen dann zwar diese Sprachen, aber ich glaube, dass sie auch Rätoromanisch – oder Französisch – weiter pflegen. Die kleinen und sehr kleinen Sprachen wird es noch immer geben, und sie werden auch in hundert Jahren noch unseren Reichtum ausmachen – hoffe ich."
Andrea Rassel, Lia Rumantscha, Chur
"Die Bündner Täler werden zweisprachig sein, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie vollständig 'rätoromanisiert' werden: Wir leben vom Tourismus und Handel, mit vielen Interaktionen. Ich hoffe, dass der Tourismus die rätoromanische Kultur und Sprache im lokalen Rahmen bewahrt. Und ich hoffe, dass es kein 'rätoromanisches Disneyland' gibt. Aber so wie die Leute zum Beispiel wegen der Architektur oder der Museen in bestimmte Städte reisen, könnten sie nach Laax oder Flims nicht nur zum Skifahren kommen, sondern um auch etwas über die rätoromanische Sprache und Kultur zu erfahren."
Constantin Pitsch, Bundesamt für Kultur, Bern
"Rätoromanisch wird in gewissen Gebieten noch gesprochen werden. Aber das hängt stark von den Schulen ab, denn sie sind der wichtigste Faktor in Bezug auf Sprachförderung. Es wird auch stark vom sprachlichen Bewusstsein der Menschen abhängen und davon, wie dieses Bewusstsein entwickelt werden kann. Es ist sehr schwierig, neue Anwendungsgebiete für das Rätoromanisch zu finden oder verlorenes Terrain wieder gut zu machen."
Ursin Lutz, Chefredaktor des Monatsmagazins "Punts", Chur
"Ich glaube, dass Rätoromanisch noch existieren wird, aber es wird noch schwächer sein als heute. Schon jetzt müssen wir sehr dafür kämpfen. Es ist also gut vorstellbar, dass es in hundert Jahren wegen der logischen natürlichen Entwicklung der Sprachen ein wenig problematisch sein wird."
Lüzza Rausch, Direktor der Stiftung Heimatmuseum Unterengadin, Scuol
"Ich fürchte, dass in hundert Jahren kein Rätoromanisch mehr gesprochen wird, denn die Zahl der Leute, die diese Sprache heute sprechen, ist so klein, dass Rätoromanisch kaum mehr erhalten werden kann. Das ist wie jedes biologische System: Wenn das Gewicht auf einer Seite der Waage grösser ist, wird das Gleichgewicht beeinflusst. So wird es zum Beispiel für die Lokalbehörden, von denen die meisten Deutsch sprechen, schwierig sein, die rätoromanische Sprache zu bewahren."
Sascha Cahenzli, Hardrock-Fan, Ilanz
"In hundert Jahren wird es keine rätoromanische Sprache mehr geben. Schon heute leben immer mehr Junge in Zürich, und dort sprechen sie Deutsch. Sogar hier sprechen die Jungen lieber Deutsch, auch wenn sie in der Schule Rätoromanisch lernen. Auch kommen die meisten Bücher aus Deutschland."
Annemieke Buob, Präsidentin der "Uniun dals Grischs", Celerina
"Wenn die Schulen dank 'Rumantsch Grischun' nicht schlechter werden, wird auch die Gesamtsituation nicht schlechter, sie könnte sich sogar verbessern. Die nächste Generation wird über die Schule mit Rätoromanisch in Kontakt kommen, könnte sich vielleicht sogar damit identifizieren und daraus eine Art Muttersprache machen."
Chasper Pult, Sprachwissenschafter und Lehrer, Chur
"In hundert Jahren wird es eine Weltregierung geben, daneben eine Weltregion, die sich Europa nennt, und darin Regionen – nicht mehr Staaten. Eine dieser Regionen sind die Alpen, und innerhalb der Alpen wird es verschiedene Minderheiten geben, die weiter mit ihren Sprachen leben, denn diese hängen mit dem natürlichen Umfeld zusammen. Das natürliche und das kulturelle Umfeld werden eine Einheit sein."
swissinfo-Interview: Isobel Leybold-Johnson und Bernard Léchot
(Übertragung aus dem Englischen und Französischen: Charlotte Egger)
Fakten
"Il Transformatur" ist eine Skulptur des Bündner Künstlers Michel Pfister aus Vuorz, der zur Zeit in Basel lebt.
Sie hängt im Innenhof von RTR (Radio e Televisiun Rumantsch).
Sie ist 14 Meter lang und wiegt 2,2 Tonnen.