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Was ist ein Trauma und wie hilft «TRE»?
Judith Biberstein
10. Mai 2022
Als Trauma-Therapeutin nehme ich gerne die Chance wahr, etwas zum Trauma-Begriff zu sagen. In diesen Tagen, in denen tatsächlich Krieg herrscht, ist es gut sich das in Erinnerung zu rufen.
Ich erinnere mich daran, wie er sich nach dem Luxor-Attentat 1997 blitzartig verbreitete. Ich hatte gerade mein Psychologie-Studium begonnen und wusste intuitiv, dass mich das Thema auf irgendeine Weise selbst betraf. Und woran ich mich auch erinnere ist, wie hilflos meine Disziplin reagierte. Sie wurde für sogenannte Debriefings gerufen, man sprach mit den Menschen, allein und in Gruppen, über ihre schrecklichen Erlebnisse, weil man dachte,
dass die kognitive Verknüpfung den Opfern bei der Verarbeitung helfen würde. Die Untersuchungen zeigten jedoch, dass die Methode das Gegenteil bewirkte, die Symptome von Schock vertieften sich, Beschwerden chronifizierten.
Die Folge von Luxor war nebst dem öffentlichen Interesse am Trauma-Thema eine Vulgarisierung des Trauma-Begriffs, überall gab es nun Traumatisierte, alles war ein Trauma. Aufgrund der unklaren Definition der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) setzte sich die Idee fest, Trauma sei ein Ereignis oder eine belastende Situation, ich zitiere (…), «die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde». Es ist, als würde diese Definition die Hilflosigkeit spiegeln, die Traumatisierte erleben. Indem man Ereignisse nach dem Grad der Schrecklichkeit einteilte (manmade, naturemade, single, multiple…) vertiefte sich die Ansicht, Trauma sei etwas ausserhalb der Menschen. Zum Glück brachte mein Lehrer Markus Fischer in meiner Weiterbildung zur Psychotherapeutin über Autoren wie Johann Caspar Rüegg, Joseph LeDoux, Candace Pert und dann Peter Levine sowie noch später Stephen Porges die physiologische Sichtweise ein, die uns eine Trauma-Definition im engeren Sinn erlaubt.
So verstehen wir heute unter Trauma eine physiologische, autonome Reaktion des Nervensystems, welche die Kontinuität im Erleben auf körperlicher, emotionaler und oder kognitiver Ebene unterbricht. Sie wird in der Tierwelt als Totstell-Reflex bezeichnet und ist ein Notprogramm, das aus dem Stammhirn ausgelöste wird. Sie kann den Übergang in den Tod erleichtern oder ist bei vielen Tieren eine Taktik die sie vor dem Gefressenwerden schützt. Bei Gefahr oder Bedrohung mobilisiert der Organismus zunächst sympathikoton initiierte Aktivierung (der Sympathikus befindet sich im Brustbereich). Mittels Adrenalinausschüttung (im Nebennierenmark) stellt er jene Voraussetzungen her, welche sogenannte «Flight or Fight»-Reaktionen ermöglichen.
Für kurzzeitige Stress-Situationen ist die blitzartige Mobilisation durchaus sinnvoll. Zum Beispiel für den Sprint auf den Zug. Der Organismus wird körperlich leistungsfähig und die Sinneswahrnehmungen fokussiert, die Verdauung wird eingestellt, die Durchblutung / Herzfrequenz erhöht. Wenn jedoch die Stress-Situation andauert bzw. weder Flucht noch Kampf aussichtsreich scheinen, initiiert der dorsale Teil des 10. Hirnnervs – er heisst Vagus – über die sogenannte Hypothalamus-Hypophyse-Nebennierenrinde-Achse mithilfe des Neurotransmitters Kortisol eine Immobilisierungs-Reaktion. Hier lokalisieren wir das eigentliche Trauma. Emotional kündet es sich an mit Ohnmacht und Resignation, dann folgen Gefühllosigkeit, Sprachlosigkeit und Abspaltung, die als Dissoziation bezeichnet wird. Dissoziative Zustände sind sehr vielfältig und werden oft habituell, so dass sie nicht immer erkannt werden. Typisch sind Wahrnehmungen von Blockiertheit und Erstarrung. Es ist in chronifizierter Form für den Organismus ungut und hat eine Reihe somatischer Symptome als Folge.
Im Tierreich ist zu beobachten, dass Säugetiere die Fähigkeit haben, die Starre im Körper aufzulösen, viele Menschen tun dies auch, ganz spontan. Denen, die zuerst lernen müssen, die Kontrolle loszulassen helfen die sieben Übungen der Trauma Release Exercises (TRE) den Prozess des neurogenen Zitterns zu initiieren. Dann kehrt der Organismus in einen regenerativen Zustand zurück, in dem Sympathikus und Parasympathikus in einem situationsangepassten dynamischen Gleichgewicht sind. Wir wissen schon länger, dass dafür der vordere Teil des Vagus zuständig ist, er sorgt für Regeneration, lässt Blutdruck und Puls sinken, die Atmung vertieft sich, die Verdauung setzt sich in Gang. Stephen Porges hat herausgefunden, dass wir in diesem Modus nicht nur mit uns selbst in Verbindung sind, sondern auch herzoffene Verbindungen eingehen können, weshalb er ihn als «social engagement system» bezeichnet. Ziel der Traumatherapie ist die Aktivierung dieses «ventralen Vagus», doch auch der Welt, der Politik, der Gesellschaft würde es gut tun, Aktivierung zu modulieren und Verbindendes gegenüber der Spaltung zu fördern.