Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03634.jsonl.gz/2209

“ [...] Das lange Haar, welches am Kopf nach hinten, übrigens aber von der Brust und dem Bauch nach dem Rücken gestrichen ist und hier einen Wirbel bildet, ist im Gesicht, am Kopf und im Nacken weiss gelblich auf dem Rücken, wo es sich gegeneinander sträubt, dunkler als auf der Unterseite, an der Brust, den Armen und auf den Schultern sowie an den Unterschenkeln olivenbraun [...]”
(Textmontage: “Brehm's Tierleben”, “Strauchgehölze erkennen & bestimmen”, “Zander-Handwörterbuch der Pflanzennamen”)
naturfilm is not a film but a live-performance that reconstructs a nature documentary film. Because of the movement of the camera, the editing and the use of sound and language, nature documentary films are highly artificial products, generating knowledge in a form of expertise over nature. By applying these cinematic methods and transporting them into a City green park naturfilm re-distributes knowledge by creating relations between the visible and the not visible, the artificial and the natural/cultural, between human, plants and animals. naturfilm is a concept for city green parks that took place for the first time in september 2010 at the Von-Bernus-Park in Frankfurt. There is a small lake, some trees and a big lawn with green, un-mown grass. The electric power supply of the performance functions through wiretapping the line of a neighbouring house. The park itself has no electric lightning, no flowerbeds and no memorials. In the background you can see Frankfurt's high-rise buildings. naturfilm begins in the evening, ten minutes before twilight. The daylight-floodlights (HMI-light) are switched on permanently. Consequently, the light of the park turns from natural to artificial but keeps the same wavelengths during the performance, apart from the surroundings that are turning dark. The audience is sitting outside the illuminated space. Loudspeakers amplify the sounds of the leaves of the trees or the ducks in the water via contact microphones. These sounds now blend with the ambient urban noises such as cars, trains and alarms. Botanical lexika are the sources of the text. A performer in a yellow raincoat constantly moves through the illuminated space and speaks.
concept : Agnes Fabich & Stefanie Knobel | texmontage, performance : Stefanie Knobel | technique: Jost von Harlessem | assistant collaborator: Anja Sauer
duration: 40min
Text in deutscher Sprache. Spoken word in german language.
Aufführung:
Von Bernus Park, Frankfurt am Main, 10. - 11.9. 2010
parallel exhibition:
naturfilm at Festival Junger Talente, Frankfurt am Main, 17. - 19.9. 2010
Kindly supported by the Kulturamt Gießen, the Hessische Theaterakademie and ID_Frankfurt / Independent Dance.
review:
Was heisst das, Ablaufen-Lassen? Die Performance Naturfilm schlägt Erkenntnis und Schönheit aus den Bewegungen im Landschafts- und Textraum Naturfilme prägen das Bild dessen, was wir Natur nennen. Naturfilm, eine Performance von Agnes Fabich und Stefanie Knobel, interessiert sich für den Film der Deutung (über) der Natur. Die Schicht, mit der wir uns alles plausibel machen, wird zerlegt in Text, Bewegungen, Stimme, Klang, Geräusche. Die Uraufführung im Frankfurter Von-Bernus-Park war ein gelungenes Spiel der Intensitäten vor leider allzu spärlichem Publikum.
Extreme schlagen ineinander um und bilden dadurch paradoxerweise eine Stabilität im Dazwischen aus. Ein systemtheoretischer Merkspruch, der für physikalische wie soziale und kulturelle Abläufe gleichermassen plausibel zu machen ist. 'Natur' ist eine Ansammlung extremster Unwahrscheinlichkeiten, permanenter Substanz- und Formverwandlungen, ein milliardenfaches Wachsen, Vergehen, Verschwinden, Auftauchen – und dem trägen menschlichen Augenschein nach doch die Ruhe selbst. Ein störungsfreies Hintergrundrauschen, ein Bild harmonischer Eleganz oder doch zumindest glückhafter Authentizität, wie es die Populärästhetik von „Blue Ocean“ bis zur biologisch endverwerterten Freilandhenne im Billigsupermarkt in immer neuen Erzählungen beliebt macht. Ein Bild, um dessen Bildhaftigkeit wir natürlich alle wissen, natürlich; das uns aber doch ein alltagsprobates Hilfsmittel abgibt, Kontemplation und Probiotik da zu suchen, wo der nächste Wald steht und das neueste Bio-Label glänzt. Avancierte Naturfilme sind dabei vielleicht zu den markanteren Umschlagpunkten zu zählen, an denen Konstruktion und 'Ablaufen-Lassen', die Vorstellung von Inszeniertheit und vollkommener Transparenz auf die sog. Wirklichkeit der Natur in einem unmittelbaren Verhältnis zueinander stehen: Als Produkte gesteigerter Technik und Filmkunst formen sie unseren 'reinen Durchblick' auf die Welt der Tiere und Pflanzen, die dadurch zu einem formvollendeten Spektakel der Farben, des Lichts, der Bewegung, des Lebens wird. Eines stummen Lebens allerdings, das der paternalistischen menschlichen Stimme bedarf, um den ästhetischen Genuss zum alltagspraktisch verwendbaren Wissen mitsamt gutem Gefühl über die Schönheit der – je nach Standpunkt – evolutionären oder göttlichen Schöpfung einzudampfen.
Agnes Fabichs und Stefanie Knobels Performance Naturfilm wirft diesen Bildervorrat in die Wagschale der Wahrnehmung, schraubt dabei aber an deren längst internalisierten Vorrichtungen: Schon das Setting schmiegt sich anzüglich an die verwunschene Märchenwelt (ein Park mit Teich und steinerner Brücke im Frankfurter Westend-Quartier) und kann doch mitten in der Stadt nicht von dem ununterbrochenen Laufen-Lassen der Jogger, Anflugschneisen und Polizeisirenen absorbieren. Der Traum ist ein gebrochener, immer schon – aber er hat, im Gegensatz zu den televisionären Bildern körperloser Perfektion einen eigensinnigen gattungstranszendierenden Körper, der sich durchs Gebüsch tastet, im Dreck schleift, den Bäumen entlanggeht, sich Blätter in den Mund steckt, torkelt, springt und sich zusammenzieht (Performerin: Stefanie Knobel). Intensiv ausgeleuchtet und mit Kontaktmikrophonen vollends durchgekabelt erhält sich der Flecken zur Vorführungszeit in der Abennddämmerung in einer Gleichzeitigkeit von schönem Schein (was auch die Naturfilme produzieren) und der gewagten Prognose von dessen plötzlichem, momentanen Zusammenbruch – seis durch einen Einfall der immer lauernden Geräuschquellen aus der Umwelt der Strassen und überraschten Parkgänger, seis 'innerhalb' der Performance durch die sublim choreografierten Störungen und Stauungen, die Bäumen und Büschen abgelauschte Geräuschkulisse oder den zurückhaltend eingesetzten Fremdkörper der Richard Strausschen Alpensymphonie, die in zerhackten Fragmenten zwei-, dreimal aufklingt. Die ausgestellte Künstlichkeit 'unserer' Natur, inszeniert durch einen massiven Technikeinsatz (Technik: Jost von Harlessem), deckt glücklicherweise aber nicht jeden erhabenen Schauer zu. Im Gegenteil: Wo die Naturfilme mittels 3-D-Technik auf eine 'Sinneslust' der visuellen Narkotika abheben und damit letztlich ihren Konstruktcharakter, ja ihre altbackene Ideologie umso weniger bestreiten können, erkundet Naturfilm das Relief und den Raum einer Mikro-Landschaft, in der Begriffe wie Natur, Kultur oder Technik von Beginn weg als inadäquate Deutungsgrössen verworfen werden können. Licht, Ton, Körper, Strauch, Baum, Gras, Teich, verstärkte Entenschreie, zufällige Passantenschritte auf dem Kies ergeben ein Ensemble an fragilsten Positivitäten, bei denen nie genau feststeht, wieviel (mehr) es davon noch erträgt, ab wo die so fein gestimmte Performance untergeht im Strudel der wahrnehmungsfixierenden Zufälligkeiten. Natur kann sich jeden Moment in Umwelt auflösen – in der infantilen Wunschwelt der Naturfilme nicht, im realen Prinzip des Laufen-Lassens hingegen sehr wohl. Die Performance Naturfilm hält diese Anfechtungen der Umgebung aus und verneint dabei das aktive Handlungsprinzip einer offensiven Choreographie trotzdem nicht. Eine lockerere und weniger gefährdete strukturierte Improvisation hätte sich Ort und Thema ebenso geschmeidig machen lassen können – ob dem Duo Fabich/Knobel der eigene Mut wirklich bewusstes Arbeitsinstrument war, lässt sich nicht endgültig entscheiden.
Auf jeden Fall hat er sich voll ausbezahlt. Was die innere Spannung der Performance über die äussere der Ein- und Zufälle eines städtischen Parks erhob, war jenes Flimmern zwischen Text und Bewegung, das exakt in die Mitte dessen stiess, wie Weltaneignung funktioniert. Nicht nur dem Gewächs und Getier wurde das (Zufalls-)Geräusch abgelauscht – auch die Performerin selbst begab sich in die Bricolage eines Textraums ohne feste Grenzen, mit An- und Abhüben. Elemente aus Pflanzen- und Tiersystematiken, geologischen Lehrbüchern oder Pilzbestimmungsfibeln wurden in Collagen zusammenmontiert und per Kopfhörer von der Perfomerin nachgesprochen. Das brachte streckenweise nicht nur einen schönen surrealistischen Zug ein, sondern demonstrierte in überzeugender Weise die Kontingenz, mittels der wir Wissen vom Anderen (hier vom Organischen) uns schön zurecht organisieren, ohne uns dieses dabei auch nur entfernt intelligibel machen zu können. Die intelligente Ineinanderfügung von Text- und Bewegungslandschaften (die ineinander umschlugen und dabei einmal mehr demonstrierten, wie im Deutschen der Raum die Sprache und die Sprache den Raum durchdringen) verdichtete diese knapp 45-minütige Performance ohne alle Mimesis- oder Katharsiseffekte zu einem anregenden Spiel zwischen Vorhandenem und Eingebrachtem – an der Grenze dessen, was früher einmal Natur und Kultur hiess.
(Fabian Saner)