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Am nächsten Samstag ist die 25. Street Parade. Gründer Marek Krynski über die Anfänge und den anhaltenden Erfolg des Techno-Grossanlasses.
Marek Krynski war ein 23-jähriger Student, als er 1992 die erste Street Parade organisierte. Jetzt, da deren 25. Ausgabe ansteht, ist er vierfacher Vater und arbeitet im Risikomanagement einer Grossbank. Das Organisationskomitee der Street Parade hat er schon vor 20 Jahren verlassen. Doch an der Parade nimmt er immer noch Jahr für Jahr teil, so auch am kommenden Samstag.
Krynskis Locken sind ergraut, aber die Augen funkeln hellwach, als wir in einem Restaurant am Hauptbahnhof Zürich das Gespräch aufnehmen. Es beginnt mit einem Soundcheck:
Marek Krynski: «Test, eins, zwei, drei.»
Mts, mts, mts, mts. Herr Krynski, in einer Woche findet zum 25. Mal die Street Parade statt. 1992 reichten Sie das Bewilligungsgesuch für deren Erstausgabe ein. Was erwarteten Sie damals?
Eigentlich gar nichts. Ich wollte einfach die Parade machen. Wir rechneten mit 1000 oder 2000 Teilnehmern.
Was sollte daraus werden?
Das, was es jetzt ist.
Rechneten Sie im Ernst damit, dass es die Parade ein Vierteljahrhundert später noch geben würde – mit bis zu einer Million Teilnehmern?
Das nicht gerade. 1991 hatte ich einen Beitrag über die Berliner Love Parade gesehen. Das hat mich fasziniert. Irgendwann kam die Idee auf, das auch in der Schweiz zu machen. Die Hoffnung war, dass es so funktionieren würde wie in Berlin. Und das tat es.
Zürich war 1992 eine andere Stadt. Wie würden Sie das damalige Lebensgefühl beschreiben?
Man könnte es mit dem Mundartwort «schtier» zusammenfassen. Wenn wir als Jugendliche in den Ausgang gingen, war es ein ständiges Thema, dass Zürich einfach «schtier» sei. Man lief im Niederdorf hin und her, dabei kam etwas Nachtleben-Gefühl auf. Nur wenige Lokale durften Alkohol verkaufen. Es war schwierig, überhaupt eine Beiz aufzumachen. Es gab nur vier Clubs, die bis vier Uhr morgens offen haben durften – und sie durften nur Eis und Gläser servieren, keine Getränke. Der letzte Zug fuhr um Mitternacht. Rückblickend eine furchtbare Zeit.
Dann kam Techno...
Dann kam Techno oder House Music, New Beat. Eine Kollegin sagte mal: Dann hat irgendjemand ein Zauberpulver über Zürich ausgestreut, und alles wurde anders. Illegale Bars kamen auf, es wurde leichter, bis morgens um vier Party zu machen.
Welche Rolle spielte dabei die Street Parade?
Sie war ein Versuch, das, was wir Tolles erlebt hatten, an die Öffentlichkeit zu tragen. Das funktionierte gut und lockte schnell Leute an, die eigentlich nichts mit der Partyszene zu tun hatten. 1992 zogen wir durch die Bahnhofstrasse, und die Leute standen dort und staunten. Wenn man sich die Videos von damals ansieht, sieht man: Die Leute, auch die Polizisten, waren alle erstaunt, begeistert, happy.
Die Stadt war nicht nur happy mit der Parade. 1994 wollte der Stadtrat sie gar verbieten...
Ich weiss heute noch nicht, warum. Ende 1993 war ich beim damaligen Stadtpräsidenten Josef Estermann. Er sagte, er sehe kein Problem für die Bewilligung für 1994. Ich fiel aus allen Wolken, als der damalige Polizeivorsteher Robert Neukomm mir dann mitteilte, das Gesuch werde nicht bewilligt. Von links bis rechts hiess es: «Geht's noch?» Schliesslich musste der Stadtrat zurückkrebsen. Wir hatten stets eine gute Zusammenarbeit mit den Behörden, doch der Stadtrat stellte sich immer wieder mal quer. Für mich ist das unerklärlich.
Unterstützt die Stadt die Street Parade zu wenig?
Wir waren immer der Ansicht, dass die Street Parade den gleichen Status haben sollte wie das Sechseläuten oder Knabenschiessen, als sogenanntes A-Fest. Das heisst im Wesentlichen, dass die Stadt die meisten Kosten übernimmt, etwa für die Abfallentsorgung. Das wollte der Stadtrat nie. Und das sehe ich nicht als faire Behandlung an. Punkto Ausstrahlung ist die Street Parade durchaus vergleichbar mit dem Sechseläuten.
Aus der Parade, die einst eine im Untergrund entstandene Szene ans Tageslicht holte, ist längst ein Massenanlass für Krethi und Plethi geworden. Stört Sie das?
Nein, das war das Ziel. Was wir an den Technopartys erlebten, war Glück. Und das vergrössert sich mit mehr Teilnehmern. Die Stimmung ist immer noch unvergleichlich.
Sie besuchen die Street Parade regelmässig. Was bedeutet Sie Ihnen heute?
Ich amüsiere mich immer noch extrem gut. Es ist ein geiler Anlass. Die Parade hat ihren Spirit bewahrt.
Was macht diesen Spirit eigentlich aus?
Friedliche Stimmung. Die Leute sind gut drauf, alle strahlen.
Wie erklären Sie sich, dass die Street Parade so lange überlebt hat und so gross geworden ist?
Zum einen mit der Musik. House und Techno haben eine spezielle Kultur erzeugt. Schlägereien, Messerstechereien und Sachbeschädigungen waren, anders als etwa am Züri-Fäscht, lange kein Thema an der Street Parade.
Es gab auch mal einen Toten an der Street Parade...
Ja, ein geistig Verwirrter hatte jemanden erstochen. Es ist auch so, dass die Gewalt an der Parade zugenommen hat. Der Alkoholkonsum ist in den letzten fünf bis zehn Jahren gestiegen, und das führt zu Gewalt. Insofern ist ein Verlust zu beklagen. Doch zurück zur Frage, warum die Street Parade so gut funktioniert: Zum einen wegen der damit verbundenen Musikkultur, zum anderen, weil es ein Gratisanlass ist. Deshalb kommen die Leute nicht mit einer reinen Konsumhaltung, sondern tragen etwas bei.
Was für Entwicklungsperspektiven hat die Street Parade aus Ihrer Sicht noch?
Sie ist eigentlich perfekt. Solange die Leute Interesse an diesem Anlass haben, soll er stattfinden. Für mich ist er etwas sehr Organisches, das aus einem tiefen Bedürfnis der Leute entstanden ist. Dieses Bedürfnis ist immer noch da und wird auch bleiben.
Was ist das für ein Bedürfnis?
Menschen tanzen gerne. Und Menschen sind gerne glücklich.
Werden Ihre Kinder und Enkel auch noch hinter Lovemobiles hertanzen?
Ich wäre froh darüber. Jede Generation baut ja auf dem auf, was die Generationen davor gemacht haben. Ende der 1980er-Jahre war es für uns ein enormes Bedürfnis, ein richtiges Nachtleben in Zürich zu haben, so wie in Berlin oder New York. Das haben wir jetzt. Irgendwann wird etwas anderes in den Fokus rücken. Aber im Moment sehe ich nichts, was darauf hinweisen würde, dass die Street Parade dereinst nicht mehr erwünscht ist. Als wir damit anfingen, gingen wir von Zehnjahres-Rhythmen aus: 50er-Jahre, 60er-Jahre, Punk und die Unruhen im Zürich der 80er-Jahre und dann eben Techno. Um 2000 rechneten wir mit einer neuen Welle. Doch aus meiner Sicht hat das nicht stattgefunden.
(aargauerzeitung.ch)