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Gab es in der Sowjetunion mehr als Einheitsgrau und Plattenbau? Durchaus, wie Frédéric Chaubin mit seinem Bildband "CCCP - Cosmic Communist Constructions Photographed" belegt. Darin versammelt der Franzose seine Aufnahmen spektakulärer Bauwerke, die er vor allem an den Rändern der ehemaligen Sowjetunion entdeckt hat.
Als Frédéric Chaubin im August 2003 zwei beeindruckende Bauwerke in Tiflis fotografierte, wusste er noch nicht, dass dies der Anfang eines mehrjährigen Fotografieprojektes sein sollte. Sieben Jahre verbrachte der Franzose anschließend damit, durch die Satellitenstaaten der ehemaligen Sowjetunion zu reisen und außergewöhnliche Bauwerke zu fotografieren, die meist während der Perestroika entstanden sind. Die Architektur, die er dabei entdeckte, gleicht einer Sensation. Sie ist revolutionär, wild, gewagt, imposant, extravagant, gewaltig - schlichtweg utopisch. Nicht umsonst trägt der Bildband in seinem Titel das Wort kosmisch. Die in dem Fotoband "CCCP - Cosmic Communist Constructions Photographed" dokumentierte Architektur erzählt vom Traum einer besseren und luxuriöseren Welt. Einer Welt, die das ausstrahlt, was man gemeinhin als futuristisch bezeichnete, als man mit futuristisch noch etwas Physisches verbinden konnte. Heute liegt die Zukunft nur noch im Virtuellen.
Während seiner zahlreichen Reisen gen Osten stieß Chaubin auf eine Struktur. Ordnet man den Bauwerken, die er entdeckte, einen Knotenpunkt zu, dann gleicht diese Struktur einem Netz, welches an den Rändern dichter wird und sich im Zentrum nahezu auflöst. Denn abseits der politischen Aufmerksamkeit, an den Ausläufern des sowjetischen Imperiums, wagten Architekten Außergewöhnliches. Mehr als zwanzig Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion in ein buntes Staatenmosaik mit mehr oder weniger russlandaffinen Staaten lässt Chaubin noch einmal die Gestalt des künstlichen Sowjetimperiums als Idee entstehen.
Die Bauwerke, die Chaubin entdeckte, entstanden nahezu alle zwischen dem Ende der Breschnew-Ära und dem Ende der Sowjetunion. Ob sie als Ausdruck eine gesellschaftlichen Befreiung nach Stalin, Chruschtschow und Breschnew oder vielmehr als architektonische Protestnoten in der totalitären Repressionssymphonie der sowjetischen Geschichte zu werten sind, bleibt dem Urteil des Betrachters überlassen. Etwa beim Bestauen des Konzertsaals in Tadschikistans Hauptstadt Duschanbe, einem gigantischen, betonierten Zirkuszelt, dessen Außenmauern wie eine Wasseroberfläche nach einem Steinschlag zu vibrieren scheinen. Faszinierend auch das Lenin-Museum in Taschkent (Usbekistan), ein massiver Würfel aus der Ferne betrachtet, der sich in spielerischen Elementen nahezu auflöst, tritt man nah an ihn heran. Das Schauspielhaus Fjodor Dostojewski im russischen Weliki Nowgorod lässt wiederum entfernt an die spielerischen Verrücktheiten von Friedensreich Hundertwasser denken.
Als glänzende Werkstätten der Zukunft wurden vor allem einige Wissenschaftszentren inszeniert, etwa die prunkvoll mit Spiegelglas in Szene gesetzte russische Akademie der Wissenschaften in Moskau oder der Solarschmelzofen "Solzne" in Parkent (Usbekistan), der in seiner geschwungenen Form wie eine frühe Form des Burj al Arab Hotels in Dubai erscheint. Letztlich verrät die glänzende Architektur dieser Zukunftsfabriken, was sie waren: Zum großen Teil Blendwerk.
Insbesondere in den zentralasiatischen Staaten klingt auch immer wieder die orientalische Tradition an. Einmal mehr der Beweis, dass die Gleichmacherei aus Moskau ihre Grenzen fand. Eindrucksvolle Belege sind zum Beispiel die Kuppel der Markthalle in Taschkent oder der Palast der Pioniere in Almaty (Kasachstan).
Für fast alle Werke gilt, dass sie wie in die Zeit (nicht aus der Zeit!) gefallen wirken. Wie Fremdkörper liegen sie in den oft kargen Landschaften, unwirklich, den Blick einfangend. Man ist geneigt, von UBOs zu sprechen. Unbekannte Bau-Objekte - in Anlehnung an die fliegenden Untertassen, die zahlreiche der abgebildeten Bauwerke ins Gedächtnis rufen.
Architektonische Höhepunkte sind zweifelsohne der an eine Rakete erinnernde Fernsehturm in Taschkent, das massive georgische Ministerium für Autobahnen, der quallenartig geschwungene Ausstellungspavillon in Weißrusslands Hauptstadt Minsk, ein an Bienenwaben erinnerndes, nicht näher benanntes Wintersporthotel im Kaukasus, die linsenförmigen Arenen von Kasan oder Taschkent und nicht zuletzt das den Titel zierende Erholungsheim Druschba in Jalta (Ukraine), welches einem im bewaldeten Hang verankerten Zahnrad gleicht, dass über dem Schwarzen Meer thront. Diese Aufzählung könnte man noch eine Weile fortsetzen und dabei von einem Spektakulum zum nächsten Kuriosum wechseln.
Um in ein Wort zu fassen, was Chaubin geleistet hat, muss man sich kommunistischer Terminologie bedienen: Pionierarbeit. Nach anfänglich wildem Suchen begann er, die Archive der russischen Fachzeitschrift Architektura SSSR zu durchforsten, um seine Recherche zu strukturieren. So ist ihm ein Katalog sowjetischer Bau-Futurologie gelungen, dessen Einzelstücke er vortrefflich in Szene zu setzen wusste. Vor allem hat er teilweise in letzter Sekunde Gebäude abgelichtet, die schon als zerstört galten oder über denen bereits die Abrissbirne schwebte. Einige der architektonischen Kolosse stehen heute nicht mehr. Sie sind die stillen Opfer eines Bildersturmes geworden, dessen Ziel es ist, die sichtbaren Überreste der Moskauer Diktatur auszuradieren.
Insbesondere diese Werke betreffend ist Chaubins fotografisches Werk nicht hoch genug einzuschätzen, denn er hat ein bildhistorisches Gedächtnis für jenen Teil der Architekturgeschichte geschaffen, die vor allem in den ehemaligen Satellitenstaaten heute nur noch jeder vergessen will. Doch Geschichtsvergessenheit war noch nie eine gute Lösung.
Interpretiert man die sozialistische Plattenbauweise als Ausdruck eines unter dem Zweckrationanismus erstarrenden Wohnkomforts, dann sind die von Chaubin entdeckten Objekte Denkmäler einer bewussten, allem Funktionalismus entgegen gesetzten Verschwendung der Baukunst. Man muss diese Bauwerke deshalb nicht schön finden, aber man muss ihren Architekten Respekt zollen. Respekt für den Mut, sich von der aschgrauen Einheitsplatte der sozialistischen Zweckarchitektur losgesagt und unübersehbare, einzigartige Bauwerke geschaffen zu haben, die nicht selten revolutionären Geist in sich tragen.
Und was sagt der Fotograf? "Es gibt eine ansehnliche Zahl dieser Bauwerke mitten im Nirgendwo, außerhalb aller Kontexte und Normen, Sonderlinge ohne offensichtliche Existenzberechtigung, entstanden unter Missachtung jeglicher architektonischer Lehren. Gewissermaßen verwaiste Gebäude, ausgesetzt auf dem kollektivistischen Planeten." Diese Ausgesetzten wurden bislang ignoriert. Ihr Randdasein hat ihnen zunächst die Existenz gesichert und nun gefährdet sie sie. Denn wer weiß schon vom Schicksal dieser Bauten. In dem Bildband "CCCP - Cosmic Communist Constructions Photographed" sind sie nun erstmals versammelt und können, vom Westen bisher nicht beachtet, endlich entdeckt werden. Es ist zu hoffen, dass dies auch zu ihrer Erhaltung beitragen kann.