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Frank Duwald hat mich netterweise eingeladen, zu diesem Thema, für das er in seinem Blog diverse andere Blogger eingeladen hat, etwas zu schreiben. Dabei bin ich so gar kein Leser von Liebesromanen – jedenfalls, wenn man darunter jene nachgerade „klassischen“ Trivialromane versteht, die tonnenweise in Heftchen namens Cora oder ähnlich an den Kiosken zum Verkauf ausliegen, und die schon mein Vater abwertend mit dem Begriff „O-Bein-Literatur“ bezeichnet hat, Geschichten also, die wie O-Beine damit beginnen, dass das Paar zusammen ist, sich trennt, um am Schluss wieder zusammen zu kommen.
Natürlich, kann man argumentieren, gibt es auch in der wirklich klassischen (oder Hoch-)Literatur Liebesromane – solche, die mehr als O-beinig sind. Madame Bovary wird man mir vorschlagen, den Glöckner von Notre-Dame oder Anna Karenina, aber auch Werke von Charlotte Brontë oder Jane Austen. Diese Romane enthalten alle Liebesgeschichten, das gebe ich zu. Da ich allerdings – zum Leidwesen meiner Frau – ein völlig unromantischer Mensch bin („romantisch“ hier im Alltagssinn genommen, nicht als literarische Epoche), habe ich die oben genannten Romane und auch weitere, die man mir vorschlage will, nie als ‚Liebesromane‘ gelesen. Bei Jane Austen zum Beispiel finde ich die Beschreibung der gut betuchten, aber nicht reichen oder adeligen Gesellschaft des beginnenden 19. Jahrhunderts viel interessanter als die Romanzen um Mr. Darcy. Austens Witz und Ironie tragen ihre Romane erst ins 21. Jahrhundert.
Welche Geschichten würde ich denn als ‚Liebesroman‘ empfinden und für interessant genug, einem Publikum vorgestellt zu werden? Da wollte ich zuerst Wilhelm Raabes Stopfkuchen vorschlagen, wo die Liebesgeschichte zwischen Heinrich Schaumann, genannt „Stopfkuchen“, und der Valentine Quakatz, eines aufgrund der Vernachlässigung durch den Vater verwilderten jungen Mädchens, breiten Raum einnimmt. Aber ich fürchtete, damit auf Widerstand zu stossen – sowohl bei der Fraktion der Liebesroman-Leser wie bei der der Klassiker-Leser. Aus ähnlichen Gründen habe ich auch verworfen, die Beziehung zwischen Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar zu nennen – aus heutiger Sicht eine klassische ‚Bromance‘: tiefste (und asexuelle!) Freundschaft zweier Männer.
Nun sind „Lieblings-„Dinger immer problematisch, da stark vom jeweiligen Moment abhängig. Was ich hier und heute als meine „Lieblings-Liebesromane“ bezeichne, kann es eventuell morgen schon nicht mehr sein. Auch dies soll bedacht sein.
Also denn:
N° 1 meiner liebsten Liebesgeschichten (ich dehne das Wort „Roman“ mal sehr weit) ist zweifelsohne Ligeia von Edgar Allen Poe. Die Liebe einer Frau, die über den eigenen Tod hinaus geht, der zweiten Frau des Geliebten ebenfalls den Tod bringt, um dann zu einer Auferstehung zu finden. Wenn das keine Liebesgeschichte ist!
Als N° 2 gehört Sie dazu – „Sie-der-man-gehorchen-muss“, jene grausame Eingeborenen-Königin im Herzen Afrikas, der der bisher so gesittete und brave viktorianische Brite Leo zum Opfer fällt. „Sie“ ist Sinnbild dessen, was der Mann fürchtet und zugleich liebt, die Schwester im Geist jener Venus im Pelz, deren Beschreibung ihrem Autor Sacher-Masoch die von ihm keineswegs gesuchte oder geliebte Ehre eintrug, Namenspatron einer sexuellen Ausrichtung zu werden. C. G. Jung hatte an ihr seinen Freud; er erblickte in Ayesha (so ihr ‚bürgerlicher‘ Name) die Verkörperung seines Prinzips der Anima, des Weiblichen-an-sich.
Last but not least dann jene wunderliche Verquickung von grosser Liebe und scholastisch-philosophischer Belehrung, die sich in Abealards Leidensgeschichte (Historia Calamitatum) und seinem Briefwechsel mit Heloisa demonstriert. Aber hier dehne ich das Wort „Roman“ wohl sehr weit, denn Abaelards Geschichte ist kein Roman, sondern war Realität, auch wenn Abaelard das eine oder andere in seinem autobiografischen Bericht ausgeschmückt oder geändert haben mag: Die Geschichte, des jungen Mönchs, der seine ihm anvertraute noch jüngere Schülerin verführt und schwängert, hat sich bekanntlich tatsächlich zugetragen, ebenso, dass der erzürnte Vater der jungen Frau den Schwängerer bestrafte, indem er ihn von gedungenen Highway-Men kastrieren liess. Dass der eigentliche Liebesroman erst danach einsetzt, hebt die Geschichte dann allerdings übers Langweilig-Gewöhnliche hinaus.
So, das wären drei. Gestern waren es zum Teil noch andere. Morgen werden es wohl wieder andere sein. So ist das Leben – und die Liebe. Jedenfalls die zu Büchern.
PS. – Und dieses PS ist nicht auf „Dandelion“ erschienen: Tatsächlich habe ich zuerst erwogen, Arno Schmidts Seelandschaft mit Pocahontas an Stelle von Petrus Abealard zu erwähnen. Ich habe dann festgestellt, dass meine Erinnerungen an die Seelandschaft zu gering waren, als dass ich auch nur zwei sinnvolle Sätze hätte dazu äussern können. Zum Schluss hat sich herausgestellt, dass Marius Fränzel Arno Schmidts Roman in seinem Beitrag aufs Kompetenteste besprochen hat. (Ich tendiere – nebenbei gesagt – nach der Lektüre von ca. ⅓ von ZETTEL’S TRAUM dazu, auch diesen Roman von Arno Schmidt als Liebesroman zu klassifizieren.)
Ebenfalls beinahe in die Liste der drei beliebtesten Liebesromane hätte es Mervyn Peake mit seiner Gormenghast-Reihe geschafft. Immerhin gibt es dort gar drei Liebesgeschichten – eine skurriler als die andere. Zwei davon enden tragisch, nur eine mit einer Heirat. (Sofern man das nicht ebenfalls als tragisches Ende klassifizieren will.)