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Als Mario Tronti 2021 kurz nach seinem 90. Geburtstag von der linken Tageszeitung «il manifesto» interviewt wurde, leistete er eine ungewöhnliche Selbstkritik. Wie andere Linke habe er zu viel Zeit damit verbracht, zu schreiben und zu denken – «machen, agieren, organisieren» wäre wichtiger gewesen, sagte er. Jüngeren Publizist:innen gab er zudem den ironischen Rat, mit dem Schreiben eines Bestsellers erst einmal zu warten. Sonst drohe ihnen das, was er selbst erlebt habe. Das Buch, das ihn berühmt machte, veröffentlichte er schon 1966, mit 35 Jahren: «Operai e capitale» («Arbeiter und Kapital»). Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt und von Linken in vielen Ländern diskutiert – ein Standardwerk des Operaismus.
Dessen zentrale These stammte von Tronti: «Auch wir haben erst die kapitalistische Entwicklung gesehen und dann die Arbeiterkämpfe. Das ist ein Irrtum. Man muss das Problem umdrehen, das Vorzeichen ändern, wieder vom Prinzip ausgehen: Und das Prinzip ist der proletarische Klassenkampf.» Demnach sei «die kapitalistische Entwicklung den Arbeiterkämpfen untergeordnet», eine Reaktion auf diese Kämpfe. Der Soziologe Sergio Bologna hebt hervor, dass Trontis Perspektive dabei nicht auf Fabrikkämpfe beschränkt blieb. Vielmehr habe er gezeigt, «wie die gesamte kapitalistische Gesellschaft und auch ihre Wirtschaftspolitik, ihre Stadtpolitik, ihre Gesundheitspolitik, ihre Kulturpolitik usw. vollständig dem Modell des Fabriksystems folgen und letztlich auf die Auspressung von Mehrwert ausgerichtet sind».
Philosoph im Parlament
Damit und mehr noch mit der Parole vom «Kampf gegen die Arbeit» entfernte sich der Operaismus von der Linie des Partito Comunista Italiano (PCI). Gleichwohl blieb Tronti PCI-Mitglied. Nach der Auflösung der Partei Anfang 1991 trat er deren sozialdemokratischem Nachfolger bei, dem Partito Democratico della Sinistra (PDS). Mehrfach kandidierte er bei Parlamentswahlen. Bis 2018 gehörte er als Mitglied des Partito Democratico (PD) dem Senat an, der zweiten Parlamentskammer. Dass er diese Flexibilität mit seinem Wahlspruch «Extrem denken, umsichtig handeln» rechtfertigte, konnte manche seiner langjährigen Genoss:innen allerdings nicht überzeugen.
Wichtiger als Trontis im engeren Sinne politische Aktivität war sein jahrzehntelanges Wirken als Dozent an der Universität La Sapienza in Rom und vor allem seine Arbeit als Philosoph und Theoretiker. Auch bürgerliche und sogar weit rechts stehende Denker beeinflussten seine Theorie, darunter Max Weber, Friedrich Nietzsche und der NS-Staatsrechtler Carl Schmitt, in dem er den «Lenin der Bourgeoisie» sah. Das Proletariat bezeichnete er unzimperlich als «rohe heidnische Rasse», die weder Glauben noch Ideale noch Moral habe. Personifiziert wurde es durch den unqualifizierten «Massenarbeiter» als revolutionäres Subjekt.
Oft hat er frühere Behauptungen zumindest relativiert, etwa die These von der «Autonomie des Politischen», so der Titel seines Buches von 1977, dem Jahr der Jugendrevolte in Bologna und anderen italienischen Grossstädten. Im Unterschied zur PCI-Führung, die gegen «pseudorevolutionäre Banden» hetzte, nahm er wahr, dass hier neue Akteur:innen am Werk waren: Feministinnen, «Stadtindianer», abgehängte Jugendliche.
Irren, aber richtig
Kommunist blieb Tronti bis zuletzt. Das belegen zwei Bücher, die vor knapp zwei Jahren erschienen sind. Das eine trägt den Titel «Die Weisheit des Kampfes» – eine kurze Zusammenfassung seiner Interpretationen des 20. Jahrhunderts. Der Sammelband «Die Revolution im Exil» enthält Beiträge von neunzehn Autor:innen, die sich mit Trontis Werk auseinandersetzen, und ein längeres Interview mit ihm.
Im eingangs zitierten «il manifesto»-Interview ist sein Nachlass knapp zusammengefasst mit der von Lenin übernommenen Überschrift «Was tun?». Das Interview richtet sich an Aktivist:innen, die auch «in finsteren Zeiten» (Tronti zitiert hier Brecht auf Deutsch) die Welt verändern wollen. Linke seien im eigenen Land «im Exil» und mit ihnen die Revolution. Zwar relativiert er die Gegenüberstellung von revolutionärer und reformistischer Politik, der gesellschaftliche Antagonismus dagegen bleibe. Die Frage «Was tun?» richte sich an ein «antagonistisches Subjekt», das aber derzeit fehle. Notwendig sei eine neue Beziehung von Partei und Bewegung, die zugleich Radikalität und Beständigkeit garantiere. Kommunismus hielt er für unverzichtbar, auch als Label. Das Wort «Sozialismus» mache zwar weniger Angst. Aber das, sagte Tronti, «ist kein Verdienst, sondern ein Mangel. Ich glaube, eines mit Sicherheit zu wissen: Nur die Kommunist:innen haben den Kapitalisten wirklich Angst gemacht» – und diese zu Reformen gezwungen.
Der knapp zwanzig Jahre jüngere Philosoph Alfonso Maurizio Iacono nennt Tronti einen «exzentrischen Kommunisten», der es verstanden habe, die Dinge «mit realistischem Weitblick» zu betrachten. Sein Nachruf endet mit dem Satz: «Ob wir mit ihm einverstanden waren oder nicht – von ihm haben wir alle gelernt.» Hinzufügen liesse sich: Wo Tronti falsch lag, weil er allzu apodiktisch formulierte, irrte er sich meist in die richtige Richtung.