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Nestlé kämpft gegen Sklaverei-Gesetz
In Australien prüft zurzeit der Senat, das Oberhaus des Parlaments, eine Gesetzesvorlage gegen moderne Sklaverei. Unternehmen, die in Australien über 100 Millionen Dollar pro Jahr erwirtschaften, sollen verpflichtet werden, über die Risiken der modernen Sklaverei, des Menschenhandels, der sexuellen Leibeigenschaft und der Kinderarbeit in ihren Betrieben sowie Lieferketten zu berichten – so der Vorschlag. Ausserdem müssten sie nach Annahme des Gesetzes jedes Jahr Massnahmen zur Bewältigung der Probleme und Risiken aufzeigen.
Während der parlamentarischen Debatte wurden Änderungen zur Einführung von Geldstrafen, zur Einsetzung eines unabhängigen Kommissars und zur jährlichen Verkündung der Resultate vorgeschlagen.
«Nestlé» interveniert
Dass die vorgeschlagenen Massnahmen für die Unternehmen Aufwand bedeuten würden, bestreitet niemand. So ist etwa «Nestlé» in 189 Ländern präsent und greift auf eine riesige Menge an Produzenten und Lieferanten zurück, die kontrolliert werden müssten.
Trotzdem würde der Gesetzesvorschlag gut zu «Nestlé» passen. Immerhin schreibt sich das Unternehmen seit Jahren soziale Verantwortung auf seine Fahnen. So steht zum Beispiel auf der Internetseite von «Nestlé Schweiz», das Unternehmen wolle «das Auskommen von 30 Millionen Menschen verbessern, deren Gemeinschaften in einem direkten Bezug zu unserer Geschäftstätigkeit stehen». Getreu diesem Satz müsste «Nestlé» den australischen Gesetzesvorschlag gegen moderne Sklaverei nicht nur gutheissen, sondern tatkräftig unterstützen.
Aber es bleibt bei den Lippenbekenntnissen des Konzerns. Statt sich zu engagieren und den eigenen Leitbildern zu folgen, warnt «Nestlé» gemäss einem Artikel im «Sydney Morning Herald» vor den Auswirkungen der Gesetzesvorlage, da diese am Ende den Geldbeutel der Konsumenten treffen könnten. «Nestlé» ging aber noch einen Schritt weiter und teilte einem australischen Senatsausschuss mit, die obligatorischen Berichtspflichten würden den Unternehmen und Lieferanten Kosten einbringen und Zeit rauben. Kosten, die «irgendwo getragen werden müssen».
Weiter verwies «Nestlé» auf den «Modern Slavery Act 2015», der im Vereinigten Königreich gilt. Dieses Gesetz gilt für England und Wales und soll unter anderem die moderne Sklaverei bekämpfen. «Nestlé» brachte das Beispiel, um darauf hinzuweisen, dass die von Australien vorgeschlagenen Berichtspflichten obligatorisch und damit deutlich schärfer als im Vereinigten Königreich wären, wo Konzerne nur zum Erstellen von Berichten ermuntert werden.
«Während wir der Ansicht sind, dass die verbindlichen Anforderungen sinnvoll sind, bedeutet der Unterschied in der Praxis, dass multinationale Unternehmen massgeschneiderte Berichte für jedes Land, in dem sie meldepflichtig sind, erstellen müssten», werden Vertreter des «Nestlé»-Konzerns im «Sydney Morning Herald» zitiert. Dann folgt das Totschlagargument: «Nicht alle Lieferanten können diese Kosten selbst tragen, einige müssten sie an die Kunden weitergeben.»
Üblicher Weg der Gross-Konzerne
Mit den Hinweisen auf den Geldbeutel der Konsumenten und auf weniger scharfe Gesetze, geht «Nestlé» denselben Weg, den der Konzern schon oft gegangen ist und der auch immer wieder bei anderen multinationalen Unternehmen beobachtet werden kann: Der Hinweis auf den Geldbeutel zielt auf die Kunden, die so mit ins Boot geholt werden sollen. Das Beispiel eines weniger griffigen Gesetzes dient der Abschwächung der ursprünglich geplanten Gesetzesvorlage.
Multinationale Konzerne verändern die Lage in Bezug auf Umweltschutz oder Menschenrechte selten von sich aus. Drohen plötzlich griffige Gesetze, kämpfen sie für eine Abschwächung und präsentieren nicht selten eigene, abgeschwächte Varianten der Vorlagen.
Trotz dieses Gebarens werben die Unternehmen fleissig mit Umweltschutz und sozialem Engagement, ein PR-Trick aus der untersten Schublade.
Problematische Lieferketten
Im Bereich der Kinderarbeit und der modernen Sklaverei sieht sich «Nestlé» immer wieder massiver Kritik ausgesetzt. Nachdem die Non-Profit-Organisation «Verité» im Jahr 2015 beauftragt wurde, sechs Produktionsstätten in Thailand zu untersuchen, anerkannte «Nestlé» schliesslich ernsthafte Probleme in seiner Lieferkette. «Verité» fand heraus, dass die Arbeiter aus Kambodscha und Myanmar unter falschen Vorwänden nach Thailand gelockt und dann gezwungen wurden, unter gefährlichen und gewalttätigen Bedingungen zu arbeiten.
Im Jahr 2015 klagte eine US-Kanzlei gegen «Nestlé», «Hershey’s» und «Mars». Die drei Produzenten würden nicht offenlegen, dass ihre Kakao-Lieferanten an der Elfenbeinküste auf Kinderarbeit und Zwangsarbeit setzten, hiess es in einer Mitteilung. «Nestlé» wehrte sich und sagte, man würde Massnahmen ergreifen, um Kinderarbeit stufenweise auszumerzen, indem man jeden einzelnen Fall untersuche und das Problem an der Wurzel packe.
Zwei Jahre später stellte der Bericht «A matter of taste» der NGO «Stop the Traffik» dem «Nestlé»- Konzern ein gutes Zeugnis für seine Bemühungen zur Vermeidung und Bekämpfung von Kinderarbeit sowie Menschenhandel aus. Dass die Bemühungen aber nicht ausreichen, beschreibt zum Beispiel der Dokumentar-Filmer Miki Mistrati. In einem Interview mit der «Aargauer Zeitung» berichtet er von der aktuellen Lage in der Elfenbeinküste: «Meine Quellen vor Ort sagen, es hat sich nichts geändert. Wir besuchten eine zufällig ausgewählte Plantage. Sie war voller Kinder aus Burkina Faso. Es war 40 Grad heiss und sie ernteten Kakao.»
Für Mistrati, der bereits mehrmals in der Elfenbeinküste drehte, ist der Fall klar: «Die grossen Kakaoverarbeiter versuchen, den Plantagenbesitzern mit Geld zu helfen. Aber die Beträge sind zu klein. Besonders wenn man schaut, wie viel sie verdienen.»
Sklavenähnliche Arbeitsbedingungen kommen im Übrigen nicht nur auf Kakao-Plantagen vor. Auch bei der Produktion von Palmöl und Rohzucker sind Kinderarbeit, ausbeuterische Verhältnisse und Zwangsarbeit häufig anzutreffen.
«Nestlé» wächst nicht schnell genug
Der Schweizer Lebensmittel- und Getränkegigant «Nestlé» ist nicht nur irgendein Lebensmittelproduzent, er ist der grösste der Welt. Gemäss Mitteilungen lief es dem Konzern im Jahr 2017 nicht sonderlich, die Unternehmensleitung zeigte sich mit dem Geschäftsjahr nur mässig zufrieden. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass das multinationale Unternehmen Verluste schrieb – sondern nur, das die Gewinne unter den Erwartungen blieben: Im Jahr 2017 verbuchte das Unternehmen demnach «nur» einen Gewinn von 7.2 Milliarden Franken.
Im Vergleich zum Vorjahr ist der Gewinn damit um knapp 16 Prozent eingebrochen. Grund dafür war eine Abschreibung im Haut-Gesundheitsgeschäft. Eine weitere Ursache liegt in Nord- und Südamerika: Hier verkauft «Nestlé» am meisten seiner Produkte, aber der Absatz ging zurück. Die Konsumenten konsumierten weniger «Nestlé»-Produkte.
Um endlich wieder schneller wachsen zu können, zückte «Nestlé»-Chef Mark Schneider den Rotstift. Er will 700 Millionen Franken einsparen und den Konzern umbauen: weg von künstlichem Essen, hin zu natürlichen und gesunden Lebensmitteln.
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Weitere Infosperber-Artikel zur Thematik finden Sie im Dossier «Konzerne».
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
keine
5 Meinungen
Die Regierungen können zur Verbesserung sozialer Verhältnisse vorschlagen was sie wollen, Société Anonymes (SA), wie Nestlé & Co werden immer dagegen kämpfen, Wachstum und Gewinn auf Gedeih und Verderb, schön reden und perfide handeln.0 0
Sich nationalen Gesetzen entziehen und übernationales Macht-Vakuum ausnützen, das ist ihre erklärte Strategie. Ohne übernationales neues Aktienrecht wird das so weitergehen, bis zum Untergang.
Wie kann man das Stoppen. Die Sklaverei ist zurückgekehrt. Nicht Staaten, sondern die Multinationalen Konzerne sind die Sklavenhändler. Es ist so beschämend, dass ausgerechnet ein Schweizer Konzern solche Methoden anwendet.0 0
Roland Ruckstuhl, Adliswil
Es ist offenkundig: Die Konzernverantwortung-Initiative ist dringend nötig. Die Gegner im Parlament sind bekannt: FDP und SVP. Denken wir im Oktober 2019 daran.0 0
@Jürg Schmid: Richtig erkannt! Nur wird dieses perfide «dadurch wird alles teurer» wohl auch die Mehrheit der stimmenden Schweizer Konsumenten davon abhalten, ein Ja zu dieser bitter nötigen Initiative einzulegen. Die kläglich gescheiterten Agrarinitiativen haben es ja gerade gezeigt.0 0
Ekelhaft. Nestlé nennen sich sozial, Nestlé finden sie wachsen nicht genügend, Nestlé benutzen alle Tricks der grossen Konzerne, um jegliche Verantwortung für das, was sie anrichten, von sich zu weisen – und Nestlé sind Schweizer. Ich schäme mich für sie, schon seit vielen Jahren. Walter Schenk hat völlig recht mit seiner Analyse der Nestlé- Strategie. Sie werden es tun solange wir es zulassen!0 0
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