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Er arbeitet während des Tages als Taxifahrer, nachtsüber an der Reception eines Hotels. Wenn er einmal zu ein paar Stunden Schlaf kommt, so verbringt er diesen auf der Couch in der kleinen Wohnung, die er mit der Türkin Senay (Audrey Tautou) teilt. Fragt man ihn, woher er käme, antwortet er mit Nigeria. Sein früherer Beruf: Arzt. Sein heutiger Status: Illegaler Immigrant in London, England. Sein Name: Okwe (Chiwetel Ejiofor).
Eines Nachts entdeckt Okwe eine verstopfte Toilette in Hotelzimmer 510. Okwe will sich das genauer ansehen und macht einen grausigen Fund: Ein menschliches Herz wollte man hier runterspülen. Hotelbesitzer "Sneaky" (Sergi Lopez) bittet Okwe, die Sache zu vergessen, doch Okwe kanns nicht lassen. Würde er sich jedoch bei der Polizei melden, würde er deportiert werden. So muss er mit Hilfe seiner Freunde Senya und Gup Yi (Benedict Wong), beides ebenfalls illegale Immigranten, den Fall selbstständig lösen. Dabei kommen sie auf die Spur von - das darf ich ohne schlechtes Gewissen preisgeben - skrupellosen Organhändlern...
Dirty Pretty Things ist ein Film über die Menschen, welche unsere Leichen waschen, unser Hotelzimmer putzen und die Taxis fahren. Menschen im Hintergrund, denen man nur durch Zufall oder gar nie begegnet und die man schnell wieder vergisst. Menschen, die nicht existieren, weil sie es nicht dürfen oder können oder einfach nicht wahrgenommen werden. Menschen ohne Chance. Ihre Geschichte spielt in London, könnte aber in jeder beliebigen Grossstadt passieren. Die vielen brilliant agierenden Schauspielerinnen und Schauspieler aus fernen und weniger fernen Ländern geben diesem Milieu eine wirkungsvolle Authentizität.
Der illegale Organhandel, den Sergi Lopez als schmieriger Menschenfeind im Film aufzieht, ermöglicht nicht nur das Schicksal von mehreren illegalen Flüchtlingen zu verknüpfen, sondern eröffnet auch den Thrillerplot, der einen erst so richtig in die Geschichte hineinzieht. Chiwetel Ejiofors Okwe ist wie Simon Abkarian in Sally Potters Yes ein Arzt, der am neuen Aufenthaltsort seinen ursprünglichen Beruf nicht ausüben kann. Ein hochanständiger Mann mit zwei Jobs, der gerne hilft, es aber wegen seines Status nicht immer so gut kann, wie er will. Die perfekte Identifikationsfigur für den Zuschauer, der selber wohl auch nicht weiss, wie er reagieren würde, fände er ein menschliches Herz in der Toilette.
Ihm zur Seite steht die wunderbare Audrey Tautou als Türkin Senay. Noch vor Amélie für diesen Film engagiert, fällt es auch hier schwer, sich ihrem Charme zu entziehen. Zu lachen haben Senay und Okwe nicht viel, aber die beiden haben ein sehr herzliches Verhältnis zueinander, das ansteckend ist - auch auf Sophie Okonedos Figur der Prostituierten. Diese Wärme tut dem Film gut. Explizit ekelerregende Bilder sind zwar nur beim fehlgeschlagenen Organhandel zu sehen, aber das Leben der Flüchtlinge und deren Kampf um Würde wird nicht geschönt dargestellt. Da dreht es einem manchmal schier den Magen um.
Dirty Pretty Things ist trotzdem unbedingt empfehlenswert. Er ist vieles zugleich: Thriller, Sozialdrama, Liebesgeschichte. Ein schön-trauriger oder traurig-schöner Film, der einem nicht so schnell wieder aus dem Kopf geht.
Regisseur Stephen Frears sagt auf dem Audikommentar der DVD gleich selber, dass er kein Mann mit Visionen ist. Ihm geht es vor allem um die Menschen. Deshalb hat er zu all seinen Akteuren eine Anekdote. Weil es Menschen aus ganz verschiedenen Ländern sind, sind ihre Geschichten auch ziemlich interessant. Über technische Aspekte, zum Beispiel die sehr elegante Farbwahl des Films, erfährt man von ihm nichts. Für vertiefte Hintergrundinfos hätte sich besser auch noch der Drehbuchautor Steven Knight dazugesetzt. Das zweite Extra auf der DVD ist ein sehr kurzes Making-of direkt aus dem elektronischen Presskit. Schade. Für Dirty Pretty Things wäre vor allem mehr politischer und sozialer Background als Zusatzmaterial auf der DVD erwünscht gewesen.
Roland Meier [rm]
Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.
Stephen Frears hat schon ein paar wirklich gute Filme präsentiert. Man erinnere sich an "Mein wunderbarer Waschsalon" oder "Dangerous Liaisons". Dirty Pretty Things hat 'was von seinen früheren Werken. Underdogs, die in der Gesellschaft irgendwie zu überleben haben, sind die Protagonisten dieser Geschichte. Illegale Einwanderer, die miese Jobs machen und sich dauernd auf die Kappe scheissen lassen, denn wer aufmotzt hat mehr als nur seine Arbeit zu verlieren. In dieser Ambience versteht es Frears, einen wilden Genre-Mix zusammenzubasteln, der berührt, hinterfragt und auch spannend ist und trotzdem nicht als Flick-werk erscheint. Zwei Daumen hoch für dieses kleine Filmjuwel aus Englands Unterschicht.