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Ich bin Übersetzerin, und mein Arbeitstag sieht jeden Tag anders aus. Es kommen immer wieder andere Texte von unterschiedlichen Kunden. Texte, die an unterschiedliche Zielgruppen gerichtet sind, Texte, die unterschiedliche Herausforderungen mit sich bringen. Ich behaupte, es gibt keinen Text, der einfach zu übersetzen ist. Wie bitte? Wenn es zum Beispiel nur ein Wort zu übersetzen gibt, kann das ja wohl nicht so schwer sein? Und ob! Vor allem, wenn der Kontext fehlt.
Kontext beim Übersetzen! Wo ist der Zusammenhang?
Wie wichtig Kontext beim Übersetzen ist, zeige ich an einem simplen Beispiel. Ich nehme das Wort «Hocker». Je nachdem, welchen Zweck dieser Gegenstand hat, wird der Begriff auf Französisch mit «pouf», «tabouret» oder «repose-pied» übersetzt. Was heisst das für mich als Übersetzerin? Ich brauche ein Bild oder eine Produktnummer, mit der ich nach genau diesem Hocker suchen kann. Erst wenn ich weiss, wie der Hocker aussieht, kann ich eine treffende Übersetzung vorschlagen. Das ist ein einfaches Beispiel. Gleich kommt ein weiteres.
Es ist doch nur ein Satz
Ein Kunde schickt einen Satz zum Übersetzen. Ganz fröhlich sagt er mir dazu: «Es ist nur ein Satz» (Code für – «es ist einfach»). Ich öffne das Dokument und staune: «Erhältlich ab April 2020», lautet der einfache Satz. Aber worauf bezieht er sich? Das muss ich schon allein deshalb wissen, damit ich auf Französisch entscheiden kann, ob «disponible(s)» im Singular oder im Plural stehen soll. Für den grammatikalischen Bezug brauche ich Kontext. Ideal wäre es natürlich auch, zu wissen, ob es sich um einen Nachtrag zu einem anderen Auftrag handelt und ob wir den Rest des Textes schon übersetzt haben. Wenn nicht, brauche ich diesen Text als Referenz, damit sich die Ergänzung optimal einfügt. Also: Kontext kann auch mit Referenzen abgedeckt werden.
Hier, ein Slogan!
Kreative Aufträge mag ich besonders gerne. Ich darf meiner Fantasie (mehr oder weniger) freien Lauf lassen. Zunächst schreibe ich alles auf, was mir durch den Kopf geht, und treffe eine Vorauswahl, indem ich nur die (in meinen Augen) besten Vorschläge behalte. Dann bespreche ich mich mit dem zweiten Übersetzer, und wir stellen unsere Top 3 zusammen. So weit, so gut. Aber je nach Kontext sehen die Top 3 ganz anders aus: Was ist die Zielgruppe? Was möchte der Kunde mit dem Slogan bewirken? Wo wird der Slogan erscheinen? In Print- oder Onlinemedien? Duzt der Kunde seine Leser, oder siezt er sie? Gibt es Wörter, die ich nicht verwenden darf? Gibt es Wörter, die unbedingt in die Übersetzung einfliessen sollen? Gibt es eine Zeichenbeschränkung? Gibt es bereits ein Layout, in das die Übersetzung passen muss? Je mehr Informationen ich habe, desto treffender ist meine Übersetzung.
Untertitel ohne Kontext?
Auch wenn es um Untertitel geht, ist Kontext beim Übersetzen wichtig. Das bedeutet im Idealfall, dass ich den Film oder das Video zu sehen bekomme. Erhalte ich nur eine Word-Datei, wird es schwierig. Denn Kontext ist nicht nur etwas Statisches wie Bilder oder eine Präsentation, Kontext kann auch etwas Dynamisches sein. Der Film ist bei der Untertitelung wichtig. Ich muss beispielsweise wissen, ob eine Frau oder ein Mann bzw. ein Mädchen oder ein Junge spricht. Und oft gibt es genderneutrale Vornamen, die sich nicht leicht zuordnen lassen. Auch werden im Französischen Adjektive und Partizipien an die Person angeglichen. Da Französisch (in fast allen Fällen) länger als Deutsch ist, weiss ich auch anhand des Films, wie viel Lesezeit zur Verfügung steht, sprich, welche Füllwörter ich bei der Übersetzung weglassen kann.
Kontext, Kontext und noch einmal Kontext
Jede Textart birgt Herausforderungen. Dank Kontext kann ich zielsicher übersetzen. Je mehr Informationen ich vom Auftraggeber bekomme, desto besser. Man kann sich das auch so vorstellen: Ich habe ein Navi und möchte ein Ziel eingeben, kenne aber nicht die präzise Adresse. Mein Navi wird mir schon etwas vorschlagen, aber ich werde nicht ganz genau an den Ort geführt, zu dem ich fahren will. Gebe ich aber die genaue Adresse an, so berechnet mein Navi sofort die exakte Route, und ich komme direkt an mein Ziel. Genau das passiert auch mit einer Übersetzung. Habe ich genug Kontext, so entspricht meine Übersetzung den Erwartungen des Kunden.
Natacha Szkudlarek, Französischteam
Foto: Pixabay