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[* 2]
Erschütterungen der Erdoberfläche, je nach der
Stärke
[* 3] bald nur ein Erzittern oder schwaches, wellenförmiges
Schwanken, bald heftige
Stöße, welche Gebäude vernichten, und mit welchen unterirdisches Getöse, Spaltenbildungen,
Bergstürze,
Hebungen ganzer Landstriche, Wogenbildungen an der Meeresküste, plötzliches Zurückweichen des
Meers und springflutartiges
Eindringen in das Land, Hervortreten von
Wasser und Schlamm aus neuentstandenen
Spalten verbunden sein
können. Die
Erde als
Ganzes betrachtet, sind die Erdbeben eine alltägliche
¶
mehr
Erscheinung (man ist berechtigt, jährlich mehrere Tausend einzelner Stöße anzunehmen), nur sind sie ungleichmäßig verteilt,
insofern sie in gewissen Gegenden sehr häufig sind, andre nur selten betreffen, doch ohne daß man annehmen dürfte, es
gebe eine für Erdbeben vollkommen intakte Gegend. In Berücksichtigung, daß Nachrichten über den Eintritt von Erdbeben uns
nur aus einem verhältnismäßig kleinen Teil der Erde zukommen können und unter diesen Orten sicher gerade solche fehlen,
an denen nach aller Analogie die Erdbeben häufig sein dürften, muß eine Statistik der Erdbeben(Perrey,Kluge, Schmidt, Falb u. a.) durchaus
unvollständige Resultate liefern.
Wenn daher Perrey und Falb ihre Zusammenstellungen über die Häufigkeit der Erdbeben benutzen, um nachzuweisen,
daß das Maximum des Eintritts der Erdbeben mit bestimmten Jahreszeiten
[* 5] oder gewissen Konstellationen der Gestirne, namentlich des Mondes
und der Sonne,
[* 6] zusammenfalle, so ist eine solche Hypothese schon wegen der mangelhaften statistischen Begründung hinfällig.
Ebenso entbehrt die Behauptung des Zusammenhanges der Erdbeben mit barometrischen Minima der Begründung durch
Beobachtungen.
Die Beobachtung unterstützen sollen besondere Instrumente, die Seismometer (Bewegungsmesser), teils elektrische
Registrierapparate,
[* 17] bei welchen der Schluß des Stroms durch den Stoß veranlaßt wird, teils einfache Vorrichtungen, deren Erwerbung
und Beobachtung jedem ermöglicht ist (vgl. Seismometer). Durch die Arbeiten der Neuzeit und einige wenige brauchbare Beschreibungen
älterer Erdbeben ist ein gutes, aber immerhin noch sehr bescheidenes Material zu einer wissenschaftlichen Behandlung
der Erdbeben allmählich gewonnen worden; es bleibt aber die Häufung brauchbarer Beobachtungen die nächste Hauptaufgabe in der
Erdbebenfrage. - Untrügliche Anzeichen der Erdbeben gibt es nicht, und alles, was ältere Arbeiten über solche berichten, ist irrtümlich
und bezieht sich auf zufälliges Zusammentreffen ursachlich fremdartiger Erscheinungen. Die neuerdings
namentlich von Falb geübte Prophezeiung von Erdbeben auf bestimmte Daten beruht, wie namentlich Hörnes behauptet hat, auf einer
unhaltbaren Hypothese.
Hier kann die Erschütterung nur noch zum Teil sukkussorisch sein, zum Teil wird sie in seitlicher Richtung
verlaufen (undulatorische Bewegung). Hierzu kommen aber für alle diese Orte auch seitlich vom Epizentrum ausgehende undulatorische
Schwingungen,
welche um so mehr den Charakter der ganzen Erschütterung bestimmen werden, je weiter die betreffenden Orte vom
Epizentrum entfernt liegen, während das Vorwiegen sukkussorischer Bewegung auf die Nähe des Epizentrums hinweist, welches selbst
rein sukkussorisch erschüttert wird. In einzelnen Fällen und an einzelnen Objekten kann sich auch eine drehende (rotatorische)
Bewegung erzeugen, dann nämlich, wenn die undulatorische auf Gegenstände stößt, welche aus mehreren untereinander
nicht genau in der Schwerpunktsachse befestigten Teilen bestehen.
Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Erdbebenwelle ist eine verschiedene, von der Qualität und der Heftigkeit des Stoßes
sowie von dem Gesteinsmaterial, in welchem sie sich abspielt, abhängige. Durch einen jähen Wechsel des Gesteins, etwa beim
Auftreten fester Felsen, umgeben von lockern Sanden, können inselartige Ruhepunkte innerhalb eines erschütterten
Gebiets entstehen. Experimentell hat Mallet die Fortpflanzungsgeschwindigkeiten bei Erschütterungen gefunden: für Sand zu
251,5 m, für gelockerten Granit zu 398 m, für festen Granit zu 507,5 m in der Sekunde, Zahlen, welche sich, wie ein Vergleich
mit der unten gegebenen Tabelle zeigt, nicht allzuweit von den bei Erdbeben beobachteten Fortpflanzungsgeschwindigkeiten
entfernen. - Liegt das Epizentrum im Meer, so entstehen Wasserbeben, welche von Schiffen, die sich über dieser Stelle oder doch
in der Nähe derselben befinden, als sukkussorische Stöße, als Erzittern der Wasserfläche empfunden werden. Zu unterscheiden
davon sind die Flutwellen, welche durch Übertragung der Erdbeben auf die Meere entstehen, und von denen namentlich
die an das südamerikanische Erdbeben vom sich anknüpfende durch Hochstetter gut studiert ist. Die folgende Tabelle stellt
die Resultate hinsichtlich des Wegs, welchen die Welle durchlief, und der Geschwindigkeit der Fortpflanzung zusammen:
Flutwellen sind ferner durch das Erdbeben von Iquique 1877 (Geinitz) erzeugt worden sowie durch das Erdbeben, welches auf die furchtbare
Eruption des Krakatoa 1883 zurückführbar ist. Bei dem letztgenannten Erdbeben wurde auch
erstmalig die Mitleidenschaft der Atmosphäre in einer die ganze Erde mehrmals umziehenden Luftwelle nachgewiesen (Forster,
Lockyer). Von besonderer Wichtigkeit, namentlich auch bezüglich der Frage nach der letzten Ursache der Erdbeben, ist die Untersuchung,
von welchem Ort innerhalb der Erbe die Erdbeben ausgehen.
Dezember 1857 hinterließ, konstruktiv verband und den Durchschnittspunkt innerhalb der Erde berechnete. v. Seebach hat versucht,
die Tiefe des Ausgangspunktes aus guten Zeitbestimmungen des Eintrittes der Erdbeben auf der Erdoberfläche abzuleiten, eine Methode,
welche namentlich von v. Lasaulx ausgebaut und mehrfach angewandt, allerdings von mehreren in der Natur wohl nicht
zutreffenden Voraussetzungen (punktuelles Zentrum, gleichförmige Fortpflanzungsgeschwindigkeit u. a. m.) ausgeht, aber in
ihrer leichten Anwendbarkeit, namentlich auch auf weniger schwere Erdbeben, die keine oder doch nur wenige Risse erzeugen, große
Vorteile besitzt. In der folgenden Tabelle sind die gewonnenen Tiefenzahlen zugleich mit den Fortpflanzungsgeschwindigkeiten
für sieben gut untersuchte Erdbeben gegeben:
Auffallend ist das Resultat (bei der geringen Anzahl der untersuchten Erdbeben freilich kein für alle Erdbeben zwingender
Beweis), daß das Zentrum ziemlich flach unter der Erdoberfläche liegt.
In der Frage nach den Ursachen der Erdbeben ist als größter Fortschritt, welchen die Neuzeit gebracht hat,
anzusehen, daß man sich mehr und mehr gewöhnt hat, in den Erdbeben nur ein Symptom zu erblicken, welches verschiedene, ihrem Wesen
nach weit auseinander liegende Ursachen haben kann. Die meisten der Geologen, welche sich neuerdings mit der Erdbebenfrage
beschäftigt haben, unterscheiden drei Arten von Erdbeben: 1) Einsturzerdbeben, Folgen unterirdischer Auswaschungen.
StarkeWirkungen an den betreffenden Orten, aber, dem gewöhnlich ganz flach liegenden Zentrum entsprechend, kein großes Erschütterungsgebiet
sind der allgemeine Charakter dieser Erdbeben. Obgleich in einer sehr vulkanischen Gegend sich abspielend, werden auch die Erdbeben, welche
Ischia
[* 22] 1881 und 1883 betroffen haben, auf Unterwaschungen durch Thermen zurückgeführt (Palmieri, v. Lasaulx).
Volger, Mohr u. a. erblicken im Einsturz von Hohlräumen die einzige Ursache aller Erdbeben 2) Den vulkanischen Erdbeben erkennt die neuere
Schule nur eine geringe Bedeutung und einen durchaus lokalen Charakter zu, ausnahmslos geknüpft an erumpierende Vulkane
[* 23] und
ihre nächste Umgebung, während in frühern Zeiten von allen Geologen, neuerdings immer noch von einigen,
auf den Vulkanismus alle oder doch die größte Anzahl der Erdbeben zurückgeführt wurden.
Man sah in den Erdbeben die »Reaktion des Erdinnern gegen die schon erkaltete Kruste« (v. Humboldt), und namentlich Falb hat neuerdings
die Hypothese eines innern glutflüssigen Meers mit Gezeiten, durch die Konstellationen der Sonne und des
Mondes mitunter zu Springfluten gesteigert, ausgebaut. Daß die Fundierung dieser Hypothese durch die Statistik der Erdbeben eine mangelhafte
sei, wurde schon oben betont; auch ist bei wirklich gut untersuchten Erdbeben, wie wir sahen, der Ausgangspunkt überaus flach
liegend gefunden worden, so daß man, in Verfolgung
der Falbschen Hypothese, der Erdkruste eine sehr unwahrscheinliche
geringe Stärke zuschreiben müßte, weil nur an der Grenze zwischen fester Kruste und flüssigem Kern der Anschlagspunkt der
Flutwellen und damit der Herd der Erdbeben liegen könnte.
3) Die weitaus meisten Erdbeben mit den größten Erschütterungsgebieten werden neuerdings als tektonische
bezeichnet. Süß hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, und zahlreiche Beobachtungen haben seine Sätze
bestätigt, daß sich Erdbeben längs bestimmter Linien (Erdbebenlinien) zahlreicher abspielen, und daß diese Linien großen Kettengebirgen
entweder parallel liegen (Longitudinal-Erdbeben), oder zu der Gebirgslängsachse rechtwinkelig verlaufen (Transversal-Erdbeben). In Übereinstimmung
mit den neuern Ansichten über die Gebirgsbildung
[* 24] (s. Gebirge) werden diese Erdbeben als Signale einer an die
fortdauernde Gebirgsstauung geknüpften Zerreißung und Verschiebung der gespannten Teile der Erdkruste gedeutet und stehen
in weitaus den meisten Fällen mit alten Dislokationslinien in Verbindung, so daß sich an tektonischen Erdbeben reiche Gegenden
(Schüttergebiete) unterscheiden lassen, denen an Erdbeben arme Gebiete gegenüberstehen, in welchen
sich keine Erdbeben oder doch nur kleine Einsturzerdbeben abspielen.
Die mit verschiedenen Seismographen beobachteten Wirkungen gestatteten, wichtige Folgerungen in Bezug auf die Bodenbewegungen
zu ziehen. In weichem, feuchtem Boden kann man Schwingungen von großer Amplitude und langer Dauer erzielen,
in lojem, trocknem Boden ruft eine Dynamitexplosion eine Störung von großer Amplitude, aber kurzer Dauer hervor. Die Phasen
der normalen und transversalen Bewegung sind vom Abstand des Seismographen vom Erschütterungszentrum abhängig.
Zwei Punkte des Bodens, die nur wenige Meter voneinander entfernt sind, sind nicht synchronisch in ihrer
Bewegung, die Erdbebenbewegung ist also wahrscheinlich keine einfach harmonische. Die Art der Bewegung, ob nach innen oder
nach außen gerichtet, hängt wahrscheinlich von der Intensität der ursprünglichen Störung und von der Entfernung der Beobachtungsstation
vom Zentrum der Erregung ab. Die Amplitude der normalen Bewegung verhält sich umgekehrt wie der Abstand
vom Erschütterungszentrum.
seits rührt wohl voll der Natur des Gesteins her,! Erzeugung des Schallphänomens ist nach G. Knott der Intensität der ursprünglichen
Erschütterung und ,, eine hinreichend ausgeprägte vertikale Bewegung der Art der Welle, die beobachtet wurde. Milnefand, mit
äußerst kurzer Periode, die seiner Ansicht nach daß die vertikale freie Oberflächenwelle die schnellste
^^ stets vorhanden ist, wenn sie auch vom Seismogra-Geschwindigkeit habe, dann die normale, und ain ^^ phen nicht innner verzeichnet
wird, während I.Milne langsamsten war die transversale Bewegung.
Von den beiden Bewegungskomponenten wird die vertikale am seltenstell bemerkt, da sie nur dann wahrnehmbar ist, wenn der
Ursprung der seismischen Störung in der Nähe der Beobachtungsstation liegt. Dieselbe ist jedesmal kleiner als
die horizontale Komponente; im Mittel ist das Verhältnis beider wie 1:6. Ein Gleiches gilt von der Periode und Dauer der vertikalen
Bewegung im Verhältnis zur horizontalen. Durch Zusammensetzung der drei rechtwinkeligen Komponenten eines vom Seismographen
gelieferten Erdbebendiagramms läßt sich die Bewegung eines Erdpartikels an einem Modell darstellen.
[* 36]
Fig. 1-3 geben eine Vorstellung von dem Weg, den derBoden bei einer Erde rschütterung beschreibt. Das Erdbeben beginnt
mit leichten Erzitterungen, während der 3. Sekunde tritt zuerst eine ziemlich bedeutende horizontale Bewegung zusammen mit
einer beträchtlichen vertikalen hervor. In der 9. Sek. erreicht die vertikale Bewegung ihr
größtes Ausmaß: l, :ium, die
horizontale hingegen 5 mm, bei einer Schwingungsperiode von 1,5 Sek. für beide. Die
größte horizontale Bewegung von 7,3 mm erscheint von der 33.-34. Sek. mit einer vollen Periode von 2 Sek. Nach der 71. Sek.
hört die vertikale Bewegung völlig auf, die Störungen beschränken sich ganz auf die horizontale Ebene.
Aus diesem Modell taun man zugleich die gewöhnliche Reihenfolge der Phänomene bei einem typischen Erdbeben entnehmen; es beginnt
mit einer Reihe von leichten Erbitterungen,
[* 36]
Fig. 1-3. Bewegung einer Erdpartikel während des Erdbebens zu Tolio.
dargestellt durch einen Kupferdraht nach den drei rechtwinkeligen Komponenten des Vrdbebendiagramms. Die Zahlen
geben die Sekunden an von l)-72. Nach S. Sekiya (viermalige Vergrößerung der vertikalen und horizontalen Bewegung). riode
haben, als daß sie von den Instrumenten wiedergegeben werden könnten.
Das Ergebnis ihrer Untersuchungen war, daß der Boden, auf dem wir leben, sich in unaufhörlichen leisen Vibrationen befindet.
Am besten sind wir durch Bertelli und de Nossi mit dem mitroseismischen Zustand Italiens
[* 41] bekannt; zu den Apparaten, welche von
beiden angewandt worden, gehören außer dem Mikroseismograph und dem Normaltromometer auch das Mikrophon.
Die mikroseismischen BewegungenItaliens zeigen Perioden hoher Aktivität, die ca. zehn Tage dauern. Solche Perioden heißen seismische
Stürme.
Dieselben sind durch Perioden relativer Ruhe getrennt. Im W. zeichnen sie sich durch große Regelmäßigkeit aus, ausgeprägte
Maxima lassen sich im Frühjahr und Herbst erkennen. In der Mitte oder am Schluß einer solchen Periode tritt
gewöhnlich ein Erdbeben ein. Wegen der engen Beziehungen dieser Stürme zu barometrischen Depreisionen werden zum Unterschied von
denen, welche bei hohem Luftdruck eintreten, diese letztern baroseismische" Stürme genannt, die erstern »vulkanoseismische«.
Die gegenteilige Ansicht vertreten A. Forster und I. Milne. Ersterer spricht der mikroseismischen Bewegung überhaupt den Wellencharakter
ab
und weist auf die Beziehung zwischen der Intensität der mikroseismischen Bewegung und der Windstärke hin. Ebenso
läßt Milne nur eine Beziehung zu den Luftdruckschwankungen, dem barometrischen Gradienten und vor allen: dem Wind gelten.
Sehr nützlich können Untersuchungen dieser Art noch für die Bergwerke werden; in denjenigen von Anzin verwendet man Tromometer
und Mikroseismographen, um dem Eintreten schlagender Weiter rechtzeitig vorbeugen zu können.
Was die Intensität und Art des submarinen Erdstoßes anbetrifft, so ist es bald nur ein leises Zil tern,
welches dieselbe im Schiff
[* 48] hervorbringt, und welches auch wohl als Erschütterung bezeichnet wird, die jedoch nicht stärker
ist, als wenn die Ankerkette ausläuft oder ein schwerer Gegenstand über Deck gerollt wird;
Nach
dem Gefühl und Effekt kann man auch bei Seebeben undulatorische und sukkussorische Bewegungen unter scheiden. Letztere vermögen
das Schiff je nach der Richtung, in der dasselbe zu ihnen steht, emporzuheben, auf die Seite zu stoßen oder in der
Fahrt aufzuhalten. Bei den meisten und gerade den heftigsten Seebeben wird weder in der eigentlichen Tiefsee noch in flachen
Meeren das Wasser in irgend einer Weise affiziert, oder es werden nur eigentümliche Wasserstrahlen bis zu geringer Höhe emporgeworfen.
In einigen Fällen sind Seebeben mit einer ungewöhnlichen Wellenerregung des Meers verbunden und von einer
einzelnen hohen See begleitet. Temperaturveränderungen des Wassers deuten auf unterseeische vulkanische Ausbrüche. Magnetische
[* 50] Störungen sind sowohl bei denjenigen Seebeben beobachtet, in deren Gefolge Flutwellen auftraten, als auch bei solchen, welche
von denselben nicht begleitet waren. Von andern Erscheinungen stehen sicher nnr die
¶
[* 2] Die Seismologie als Wissenschaft ist erst wenige Jahrzehnte alt. Alle frühern Untersuchungen über Erdbeben hatten
den Zweck, auf statistischer Grundlage die zeitliche und örtliche Verbreitung der Erderschütterungen nachzuweisen. Gegenwärtig
sind weniger die Erdbeben in ihrer Gesamtheit als jede einzelne Erschütterung Gegenstand eines besondern Studiums,
indem man die Grundsätze der Dynamik und physikalische Untersuchungsmethoden zu Grunde legt; indem man in den mechanischen Charakter
einer Erdbebenwelle immer tiefer eindringt, steht zu hoffen, daß es gelingen wird, die Natur der Erdbeben aufzudecken und in jedem
einzelnen Fall die Ursache derselben aus den besondern Verhältnissen der Erde darzulegen.
Die Bedeutung der experimentellen Untersuchungen für das Erdbebenstudium dargethan zu haben, ist das Verdienst von Mallet,
wenn es ihm selber auch noch nicht gelang, ein geeignetes Instrument zu konstruieren. Begründet wurde die experimentelle
Erdbebenkunde erst vor etwa 10 Jahren durch die seismologische Gesellschaft, welche sich auf Veranlassung
von JohnMilne in Tokio
[* 51] (Japan) bildete. Es gibt wohl nur wenig Länder, in denen die Gelegenheit zum Studium aller Erdbebenphänomene
so günstig ist wie gerade in Japan. Da die Untersuchungen von Milne nicht bloß ein wissenschaftliches Interesse boten, sondern
auch in ihrer Anwendung praktische Zwecke verfolgten, so wurde von Staats wegen ein seismologisches Institut
gegründet, in welchem die Experimente in größerm Umfang und mit geeigneten Mitteln fortgesetzt werden konnten.
Bei der ungeheuern Ausdehnung des staatlichen Gebietes und der relativ geringen Anzahl von Erdbeben kann die
Beobachtung solcher nicht eine so intensive sein wie in Japan. Die vom Direktor der geologischen Aufnahme der Vereinigten Staaten
eingesetzte Erdbebenkommission hat in anbetracht der genannten Umstände vorgeschlagen, von der Aufstellung von Seismometern
und Seismographen abzusehen, dafür aber eine große Anzahl von kleinern Stationen über das ganze Gebiet
hin zu errichten, die mit Seismoskopen ausgerüstet sind. Man ging dabei von der Ansicht aus, daß es im Interesse der geologischen
Untersuchung und beim gegenwärtigen Standpunkt der Seismologie am wünschenswertesten ist, für ein gegebenes Erdbeben das Epizentrum,
die Tiefe
¶
untergeordneter Bedeutung umgeben werden. Die Beobachtungen erstrecken sich nicht bloß auf die seismischen Erscheinungen,
sondern umfassen in gleicher Weise die eruptiven Vorgänge wie alle Veränderungen, welche an den Thermalquellen sich bemerkbar
machen. Als erste Frucht dieser erneuten Thätigkeit ist die Übersicht zu verzeichnen, welche Taramelli von der Verbreitung
der Erdbeben in Italien geliefert hat. Auf Grund derselben ist es möglich, das ganze Gebiet in bestimmte seismische
Provinzen zu zerlegen; die beigedruckte Karte
[* 59]
(Fig. 1, S. 267) läßt in sechs verschiedenen Schattierungen die seismische Intensität
der verschiedenen Gegenden erkennen.
Die Westküste der Halbinsel wird von Gneis- und Granitmassen umsäumt, die zum Meer steil abgebrochen sind. Im N. ist es der
Monte Cocuzzo, der landeinwärts vom Längenthal des Crati von der Gebirgsmasse der Sila getrennt wird.
Gegen S. sind die aus Gneis bestehenden Höhen des Kap Vaticano und die granitischen Klippen
[* 61] der Scylla abgesunkene Bruchstücke
des Aspromonte, welcher sich mit schroffem Abfall über dieselben erhebt. Aus Granit besteht auch die Nordostspitze von Sizilien,
alles Trümmer eines einst zusammenhängenden Gebirgskerns, dessen hauptsächlichster Bruchrand gegen die Liparischen Inseln
gerichtet ist.
Dieser Bruchrand war 1783 einige Monate hindurch der Sitz einer heftigen seismischen Thätigkeit; die Erschütterungen pflanzten
sich gegen S., W. und N. fort, aber nur
wenig gegen O. über den Bruchrand hinaus. Diese Zone ist jedoch
nur ein Teil einer großen Kurve, welche fast im Kreisbogen die Liparischen Inseln gegen S. und O. umgibt. Dieselbe verläuft
östlich vom Monte Cocuzzo durch das Cratithal, dann längs der Dislokation des Aspromonte und jenseit der Straße von Messina
[* 62] zum Ätna.
Außer dieser peripherischen Linie ist in derselben Gegend eine Anzahl andrer Stoßlinien bekannt, welche
strahlenförmig von den Liparen ausgehen, und auf denen die Erschütterungen meistens von den Liparen nach außen, und zwar
bis an oder auch über die peripherische Linie gerichtet sind. Der Schnittpunkt dieser Stoßlinien südlich von Stromboli,
der gleichzeitig als Mittelpunkt der peripherischen Erdbebenlinie angesehen werden kann, fällt nun mit
einer Gruppe von kleinen Inseln innerhalb der Liparen zusammen, welche die Trümmer eines einzigen mächtigen Kraters ausmachen.
Von dieser Gruppe gehen drei radiale Linien aus, die mit Ausbruchsstellen der Liparen besetzt sind. Es liegt nahe, diese radialen
Vulkanlinien mit den radialen Stoßlinien in Verbindung zu bringen, und zwar in der Weise, daß man annimmt,
der von der peripherischen Linie abgegrenzte Raum sinkt schüsselförmig ein, dabei entstehen radiale Sprünge, welche gegen
die Liparen konvergieren und in der Nähe des Zentrums mit vulkanischen Ausbruchsstellen besetzt sind.
[* 2] Erschütterungen des Erdbodens, die ihre Ursache unter der Erdoberfläche haben. Nach der Verschiedenartigkeit
dieser ihrer Ursachen teilt man die Erdbeben ein in: 1) Einsturzbeben, entstanden durch Zusammenbruch
unterirdischer Hohlräume; sie sind selten und lokal und resultieren aus der gesteinsauflösenden Thätigkeit des Wassers;
2) vulkanische Erdbeben oder Explosionsbeben werden durch Stöße erzeugt, die durch die aus Vulkanenschlünden entweichenden Gase undDämpfe hervorgebracht werden und sind auf die Umgebung der Vulkane beschränkt;
3) tektonische Erdbeben oder Dislokationsbeben sind die Äußerungen der fortdauernden
Stauung und Faltung der Schichten zu Gebirgen. Dadurch werden Spannungen erzeugt, die dann Verschiebungen, Brüche und Reißungen
erzwingen, mit denen weithin fühlbare Erschütterungen und die verheerendsten Erdbeben in Verbindung stehen. Die Risse und Brüche,
von denen sie ausgehen, nennt man Stoß- oder Schütterlinien, auch seismische Linien. Die Art der Bewegung,
in welche die Erdoberfläche durch Erdbeben versetzt wird, ist entweder eine wellenförmige (undulatorische E.)oder
eine stoßförmige (succussorische Erdbeben). Die unterseeischen Erdbeben werden Seebeben genannt.
Die Verbreitungsform der Erdbeben ist bald eine centrale, indem sich die Erschütterungen gleichmäßig nach allen
Seiten hin fortpflanzen, oder dies geschieht nur nach einer Richtung, wodurch lineare Erdbeben entstehen. Das
Gebiet der erstern nennt man Erschütterungskreis, das der letztern Erschütterungszone. Der oberflächliche Mittelpunkt
eines centralen Erdbeben heißt Epicentrum; die Lage desselben kann gefunden werden vermittelst der Homoseisten, d. h. der Verbindungslinien
aller der Punkte, wo das Erdbeben gleichzeitig gespürt wird.
Die Homoseisten haben bei centralen Erdbeben Kreisform. Die Dauer der Erdbeben schwankt zwischen weiten Grenzen.
[* 63] Manche der verheerendsten
Erdbeben waren das Werk weniger Sekunden, andere hielten monate-, ja jahrelang an und bestanden dann aus Tausenden
von Stößen (z. B. das phokische Erdbeben 1870-73, über 50000 Stöße). Die meisten Erdbeben sind von unterirdischem
Donner, Rollen,
[* 64] Klirren, Krachen begleitet, andere mit Spaltenbildung, Schlamm-, Wasser- und Gasausbrüchen, Senkungen oder
Horizontalverschiebungen des Bodens verknüpft. Daß größere Erdbeben die Zerstörung ganzer Städte und die Vernichtung Tausender
von Menschen im Gefolge haben können, ist bekannt. Zur Beobachtung der Fortpflanzungsrichtung und des Zeitpunktes der Erdbeben dienen
die Seismometer (s. d.).
In neuester Zeit haben einige bedeutende Erdbeben in erhöhtem Maße das Interesse auf diese Erscheinung gelenkt. Es war dies zunächst
das Erdbeben oder in diesem Falle besser gesagt Seebeben von Iquique in Peru
[* 65] bei dem es gelang, die Fortpflanzung der
wellenförmigen Bewegungen namentlich im Stillen Ocean zu verfolgen. (S. nachstehende
[* 2]
Figur, in der die
punktierten Linien, Isorachien genannt, den gleichzeitigen Eintritt der Flutwelle darstellen; s. auch Gezeiten.)
Von noch größern Wirkungen verschiedener Art war der vielgenannte überaus heftige Ausbruch des Krakatau (s. d.) in der
Sundastraße begleitet, der in der Nacht vom 26. zum erfolgte. Zu nahe gleicher Zeit wurden
auch in Nordamerika mehrfache Erdbeben wahrgenommen, sodaß es scheint, als ob dieses Ereignis das weitverbreitetste
der bis jetzt beobachteten Erdbeben gewesen sei. Von großem Interesse ist auch hier die Verfolgung der Flutwelle
gewesen, und zwar wurden bei dieser Gelegenheit mehrere solcher Wellen an den Flutmessern in Indien, Südgeorgien
u. s. w. wahrgenommen.
Das Auftreten der Erdbeben ist nicht gleichmäßig auf der ganzen Erde. Am zahlreichsten sind sie in Gebieten mit
jungen Schichtenstörungen, besonders an den Bruchrändern der Gebirge. In Europa
[* 66] sind am meisten von Erdbeben heimgesucht die drei
südl. Halbinseln, Ungarn
[* 67] und die Gegend des Mittelrheins. In Asien
[* 68] sind Erdbeben am häufigsten im Westen, dann
im Indus- und Gangesgebiet, in
¶
Bei Gelegenheit des Erdbeben an der Riviera hat sich auch wieder die Frage über Schutzmittel gegen Erdbeben und
über den Wert der Vorhersagungen solcher Ereignisse in den Vordergrund gedrängt. Was die erste Frage anlangt, so kann natürlich
nur die Rede sein von Mitteln zur Sicherung des Lebens und der Gebäude. Was jedoch die zweite anlangt,
so sind die Ansichten darüber sehr geteilt. Die größere Anzahl der Forscher glaubt, daß solche Vorhersagungen von Erdbeben im
allgemeinen nicht mit irgendwelcher Zuverlässigkeit gegeben werden können, soweit sich dieselben über das hinaus erstrecken,
was durch die Beobachtungen etwa an thätigen Vulkanen ermittelt werden kann. (Solche Observatorien besitzen
bis jetzt der Vesuv und der Ätna.) Die Anhänger der entgegengesetzten Richtung, deren HauptvertreterRud. Falb (s. d.) ist, sind
der Meinung, auf Grund gewisser kosmischer Vorgänge, unter denen namentlich die Stellung von Sonne und Mond zur Erde die größte
Rolle spielt, bestimmte Perioden und Zeitpunkte vorher bezeichnen zu können, an denen eine große Wahrscheinlichkeit
für das Auftreten der Erdbeben vorhanden sei.
Wenn auch zuweilen ein Erdbeben zu einer von dieser Seite vorhergesagten Zeit eintrifft, so kann dies noch nicht als
Beweis für die an und für sich nicht ganz stichhaltige Theorie gelten. Im wesentlichen beruht dieselbe
nämlich auf der Ansicht, daß der noch feuerflüssige Kern der Erde ähnlichen Schwankungen unterworfen sei, wie man dieselben
an den Oceanen als Ebbe und Flut wahrnimmt, und daß dann durch die mittelbare
oder unmittelbare Wirkung dieser Flutwelle
die Erdbeben hervorgebracht würden, noch unterstützt durch auf dieselben kosmischen Ursachen zurückzuführende
Vorgänge in der Atmosphäre.
Wollte man einen solchen Zusammenhang endgültig entscheiden, so müßte bei der Geringfügigkeit der wirkenden Kräfte eine
sehr große Anzahl von Fällen der Betrachtung unterworfen werden, was bis jetzt noch nicht geschehen ist und sich auch kaum
in dem erforderlichen Umfange wird ermöglichen lassen. Indes haben gerade einige der zuletzt erwähnten
Erdbeben für die Falbschen Ansichten viele Gläubige geworben, da sie mit einer Vorhersagung Falbs zusammentrafen, was ebenso der
Fall war mit einigen geringen Erderschütterungen, welche 23. und in einigen Orten Österreichs stattfanden.