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Diese Irin ist die Verkörperung des Amerikanischen Traums. Vor 40 Jahren mit 300 Dollar, nach Los Angeles gekommen, hat Geraldine Gilliand heute über 70 Angestellte und geht diversen Geschäftsfähigkeiten nach, die, wie sie sagt, allesamt ungeplant gewesen seien. Sie besitzt mehrere Restaurants, darunter das in Santa Monica bekannte mexikanische Lula sowie ein Irish Pub namens Finn McCool’s, dessen Interieur sie aus Irland einschiffen liess. Auf ihrer wunderbaren authentischen mexikanischen Ranch in den Malibu Canyons veranstaltet sie Charity Events, Hochzeiten, beherbergt Airbnb Gäste und kümmert sich um vom Tode bedrohte Hunde. Auf der Ranch lebt ein älteres Ehepaar sowie ein Restaurant Mitarbeiter, die ihre Häuser verloren hatten. Im Pub arbeiten irische Studenten, die sie mittels Sponsoring zum Austausch holt und ihnen eine bessere Zukunft ermöglicht. Zurückzugeben sei nötig für den Erfolg, sagt sie. Für all das brauche man aber überhaupt nicht gut in der Schule zu sein. „Street Smart“ reiche da völlig aus. Worauf sie besonders stolz ist? 2015 wurde sie von der vorherigen irischen Präsidentin Mary Mc Aleese zur „Irishwoman Of The Year“ ausgezeichnet. Überreicht würde ihr die Auszeichnung am St. Patrick’s Day an der grossen Gala des irischen Konzils.
Wieso bist du vor 40 Jahren in die Staaten gekommen?
Ich war in den 70ern Hauswirtschaftslehrerin in Irland. Es war Winter und eiskalt wie immer, die Wände waren schimmlig. So sassen wir herum: Zwei andere Lehrerinnen und ein Musiker, wir sagten uns: „Wir müssen nach Amerika diesen Sommer“. Wir sparten genug Geld für einen zweimonatigen Greyhound Bustrip durch die Staaten. Ich kam in Santa Monica an und wusste, dass ich bleiben wollte. Das Wetter, die Happy Hours mit Gratisessen und Gratisdrinks (lacht). Die anderen flogen nach unserem amerikanischen Abenteuer zurück, aber ich blieb. Dazu muss ich noch sagen: Im damaligen Irland hatte eine Frau genau vier Möglichkeiten im Leben: Hausfrau, Lehrerin, Nonne, Krankenschwester. So wollte ich aber nicht sein.
Wie waren deine Anfänge in Kalifornien?
Ich blieb also mit fast keinem Geld und einem Rucksack in Santa Monica. Da ich niemanden kannte hier, keine Bekannten oder Familie hatte, musste ich an Türen klopfen um Jobs zu bekommen. So briet ich Hamburger in einem Fast Food Laden, schöpfte Eis, arbeitete in irischen Bars und Shops. Irgendwann bekam ich meinen ersten Job als Kochlehrerin für indische Küche. Ich unterrichtete in Kaufhäusern und wurde dann von vielen damals in LA aufkommenden Gourmet-Kochschulen angefragt um dort zu unterrichten. Ich entschied so hart wie möglich zu arbeiten und machte mir innerhalb von zwei Jahren einen Namen als gute Lehrerin und Köchin. Bis 1984 unterrichtete ich und machte Catering.
Dann kam das erste Restaurant.
Es war so, dass meine Kochschüler gesagt hatten, dass sie, falls ich je ein eigenes Restaurant eröffne, investieren würden. Und sie taten es. Ich hatte 20 Investoren und eröffnete mit einem Startkapital 200.000 Dollars, was auch damals nichts war, mein erstes Restaurant. Theodor, mein verstorbener Mann, den ich kurz davor kennengelernt hatte, führte 20 Jahre lang einen Antiquitätenladen an der Main Street in Santa Monica. Er kannte dieses Gebiet gut und fand meine erste Lokalität.
Was magst du an den USA? Und was nicht?
Man ist frei. Frei im Geschäftemachen, frei persönlich zu sein wie man möchte. Wenn man Mut, Ideen und Arbeitswillen hat, gelingt einem hier alles. Gleichzeitig haben wir ein „Nanny Country“. Uns wird vorgeschrieben welche Glühbirnen wir zu benutzen haben und welche Flaschengrösse von Softdrinks wir kaufen dürfen.
Woher kommt deine Passion für Mexiko? Du hast eine authentische mexikanische Ranch, dann das populäre mexikanische Restaurant LULA Cocina Mexikana?
Ich habe in den 90ern in einem Kochmagazin über zehn der einflussreichsten mexikanischen Köchinnen gelesen. Dies waren allesamt wohlhabende Frauen, die zurück in die Gesellschaft wollten und deshalb eine Organisation gegründet hatten, die jungen, armen Frauen das Kochen beibrachte, damit diese in Restaurants arbeiten durften. Frauen wurden damals nämlich nicht so gut ausgebildet wie die Männer. Besonders Lula Bertran hatte mich in ihren Bann gezogen. So flog ich dorthin um ihr Handwerk der wahren mexikanischen Küche zu erlernen. Sie wurde meine Mentorin. Du siehst sie hier auf dem grossen Bild. (zeigt auf grosses Gemälde, in der Mitte Lula, rechts Geraldine, links der Chefkoch von Lula Cocina Mexicana) Ich flog dann oft nach Mexico um auch bei anderen Köchen zu lernen und entwickelte so immer mehr eine Leidenschaft für Essen, Land, Leute. Besonders die Kultur hatte es mir angetan mit ihrer Integration der Toten, der Mystik, die eng verbunden ist mit dem Katholizismus aber auch das Heidentum. Die Kruzifixe und Totenköpfe, die ganze Chicano Art. So etwas ist doch einmalig. „Dia de los muertos“. Statt einer Trauerverantstaltung, ein farbenprächtiges Volksfest. Fantastisch.
Hattest du jemals eine Vision für deine Geschäfte?
Nein. Ich habe immer getan was ich mochte und habe genommen, was sich mir angeboten hat. Es war eine Aneinanderreihung von Zufällen und unsere Wahrnehmung dieser, die mich hier hingebracht haben. Und die Bereitschaft Risiken einzugehen.
Bei all den Tätigkeiten, denen du nachgehst, brauchst du auch ein grosses Team, das dich unterstützt. Wie findet man vertrauenswürdige Mitarbeiter?
Ich hatte unehrliche Leute, keine Frage. Meistens sind es die Menschen mit guten Positionen, denen man am Meisten vertraute, die einen betrügen. Im Grossen und Ganzen hatten wir Glück, wenige Wechsel und viele langjährige Mitarbeiter. Wie etwa die drei Chefköche, die über 25 Jahre dabei sind. Früher war es ein Cash Business, heute mit all den technologischen Mitteln, ist es schwieriger geworden zu klauen. Ich kriege zum Beispiel eine Benachrichtigung auf meinem Mobiltelefon, wenn etwas Ungewöhnliches passiert. Wie etwa, wenn ein Trinkgeld von 100 Dollars gegeben wird bei einer Rechnung von 10 Dollars. Es gibt viele Wege unehrlich zu sein in einem Restaurant, aber ich würde sagen wir haben grossartige Systeme und können den Schaden minimieren.
Wie kam die Idee eine Ranch zu bauen und Hunde zu retten?
Ich wohnte mit meinem Mann im Topanga Canyon. Wir hatten drei Hunde. Eines Tages kam ich nach Hause und sah diese kleinen Beagle Welpen, die überall herumrannten. Sie waren dreckig und nass und hatten kein Namensschild, eines hatte ein gebrochenes Bein. So brachten wir es zum Tierarzt, der uns sagte, dass meine Nachbarn schon dagewesen waren, die Summe von 180 Dollars nicht bezahlen wollten um das Bein einzugipsen. Also nahmen wir die Welpen zu uns und hatten ab da ein Platzproblem. Das Weibchen mit dem gebrochenen Bein tauften wir Chiquita und benannten unsere Ranch Rancho de Chiquita, die ab da unter anderem als Tierheim für vom Tode bedrohte Hunde fungierte seit mich eine Freundin darauf aufmerksam gemacht hatte, dass Beagles oft in Tötungsstationen landen.
Wovor sind die Hunde bedroht?
Was viele nicht wissen: In Kalifornien werden Beagles für kosmetische Tests benutzt. Sobald sie ausgemerzt und krank sind, werden sie getötet. Man benutzt bevorzugt Beagles weil sie schnell verzeihen und bedingungslos lieben, somit einfacher zu handhaben sind. Ich arbeite mit dem ARME’s Beagle Freedom Project. Unser Ziel ist es Hunde aus den Tötungsstationen zu befreien und gegen das Gesetzt zu kämpfen, sodass sie nicht mehr umgebracht werden dürfen. Das Beagle Freedom Project hat auch eine kostenlose App namens „Cruelty Cutter“, mit der man während des Einkaufs mittels Barcode einfach herausfinden kann ob Kosmetikprodukte an Tieren getestet wurden.
Als ihr die Ranch zu einem Teil gebaut hattet, starb dein geliebter Mann.
Es war Weihnachten 2003. Am Weihnachtsabend fühlte er sich nicht gut, weshalb wir einen Arzt aufsuchten. Man brachte ihn sofort in das Krankenhaus, wo man ein Computer Tomographie seiner Arterien und seines Herzens machte. Ich blieb bis Mitternacht. Weil es stark regnete und niemand bei den Tieren war, ging ich nach Hause. Um 3.00 Uhr morgens erhielt ich die Nachricht, dass er verstorben war. Einfach so. „Er hatte noch zu mir gesagt: „Babe, ich habe das Gefühl, dass ich heute sterben werde.“ Und ich sagte: „Sei nicht albern, es ist nur ein CT.“ Er hatte eine Kardiomyopathie, ein vergrössertes Herz. Man hatte nichts mehr tun können.
Wie macht man weiter nach dem Tod eines geliebten Menschen? Wie findet man Sinn darin das Business weiterzuführen? Du wirkst heute sehr glücklich. Dafür lohnt es sich wohl wieder aufzustehen.
Den ersten Monat war ich völlig taub und benebelt. Ich war zu nichts fähig. Aber dann holen dich die Papiere ein. Das unfertige Haus, die Restaurants, die Verträge, die Mitarbeiter, die auf dich zählen und von dir abhängig sind. Ich hatte keine andere Wahl als weiterzumachen. Ich fokussierte mich also auf all meine Kraft und stand auf.
Was ist der „Key To Happiness“?
Immer etwas zurückgeben, egal wie erfolgreich man ist. Alltägliche, kleine Dinge wahrnehmen. Gestern war einer meiner langersehnten freien Tage. So sass ich auf der Terrasse meines wundervollen Hauses mit meinen Hunden und einem wunderbaren Buch, einer Flasche Wein und ich dachte: Es stimmt alles. Alles ist an seinem Platz.
Was hältst du von den Bio-vegan-glutenfrei-Rohkost Trends?
Ich glaube dass sich der Veganismus bleiben wird. Auch als nicht-Veganerin mag ich die neuen Geschmäcker, die Diversität und Ideen, die die Vegane Küche mit sich bringt. Immer mehr Menschen werden Veganer. An Rohkost glaube ich nicht, da für die Meisten schwierig durchzuziehen. Der glutenfrei Trend hat seine Spitze erreicht. Hat man keine ernsthafte Erkrankung, ist das doch lächerlich. Es handelt sich bloss um ein Protein im Weizen. Bio wird sich auch halten. Die Menschen achten immer mehr auf die Qualität des Essens und sind auch bereit mehr dafür zu bezahlen.
Was gibst du jungen Unternehmern mit auf den Weg?
Mein Onkel und mein Grossvater waren erfolgreiche Geschäftsmänner. Sie sagten immer: „Egal wie viel Geld du auf der Bank hast – arbeite hart, keep your friends close and your enemies closer, sei nicht naiv, egal was du verkaufst, du verkaufst immer auch dich selbst. Andere teilhaben lassen am Erfolg, Gutes tun, helfen. Man muss auch verzichten können. Es erstaunt mich immer wieder, wie diese jungen Kids denken im Leben kriege man alles geschenkt. Wir haben beispielsweise 356 Tage offen und brauchen Mitarbeiter, die hier sind. Die Kids gehen dann lieber an ein Konzert statt zuverlässig zu sein und verlieren dann halt ihren Job. Kurzfristiges Denken und Erfolg gehen nicht Hand in Hand. Noch was: Ihr müsst nicht zwingend gut sein in der Schule. Ich war nicht gut. Meine beste Freundin Maraid Whyskers übrigens auch nicht, die heute die erfolgreichste irische Designerin ist. „Street Smart“ sein reicht vollkommen aus.
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