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Br. Marie-Bernard Farine ist seit 60 Jahren als Seelsorger tätig. Im Gespräch mit Marie-Andrée Beuret, wo er über sein langes Leben berichtet, wird klar: Marie-Bernard’s Lebensmotto ist Zuhören und auf die Menschen zugehen, nicht mit fixfertigen Vorstellungen arbeiten.
Br. Marie-Bernard, was kannst du von deiner Kindheit sagen?
Ich bin 1933 geboren und auf dem Hof Peignières in der Nähe von Montfaucon im Jura aufgewachsen. Ich war das neunte von zehn Kindern. In unserer Familie übernahm jedes Mitglied seinen Teil an Arbeit. Im Alter von sechs Jahren besuchte ich die Primarschule. Wir gingen zu Fuss zum Schulhaus – und das bei jedem Wetter. Das Mittagessen nahmen wir von zu Hause mit. Im Winter war der Boden oft schon auf dem Hinweg zur Schule gefroren – im Sommer tranken wir das Wasser aus den Brunnen, die für das Vieh da waren.
Was bedeutete es für dich, in die Schule zu gehen?
Ich ging nur ungern zur Schule. Ich versuchte, alle Hausaufgaben schon im Schulzimmer zu erledigen, damit ich zu Hause nichts mehr tun musste. Bei schönem Wetter machte ich «Schule im Freien»: Ich beobachtete die Natur, bewunderte die Blumen, hörte den Vögeln zu und ass Waldbeeren. Zur Zeit der Jagd war es oft ungemütlich: Ich hatte Angst, dass die Jäger mich für ein Wildtier hielten.
Du hast deine Kindheit während des Weltkrieges verbracht. Hast du daran besondere Erinnerungen?
Eigentlich hat mich der Krieg nicht berührt. Wir fürchteten uns manchmal vor dem Kanonendonner, den wir aus der Ferne hörten. Als am Chaumont ein Flugzeug abstürzte, ging der Lehrer mit uns dorthin, damit wir das Wrack sehen konnten. Mit anderen Kindern fanden wir einmal eine nicht-explodierte Granate. Wir wussten nicht, was das war, und haben versucht, sie aufzubrechen. Zum Glück ist uns das nicht gelungen.
Wann hast du gemerkt, dass du Priester werden wolltest?
Wir waren eine fromme Familie – beteten zusammen, am Morgen, Abend und bei den Mahlzeiten. Als Kinder gingen wir jeden Morgen vor der Schule in die Messe. Am Sonntag machten wir uns mehrmals auf den Weg zur Kirche: für die Kommunion, die Messe, die Vesper, und von Mai bis Oktober zu den Marienandachten. Ich sah, dass der Pfarrer eine wichtige Person war. So wie er hätte ich gerne zu den Gläubigen gesprochen. Ich liebte die Liturgie, mit Weihrauch, Kerzen und Gesängen.
Und wie haben deine Eltern reagiert, als du ihnen sagtest, du möchtest Priester werden?
Mit 12 Jahren sagte ich meinen Eltern, dass ich Kapuziner werden wollte. Ich bewunderte Bruder Gélase, ein guter Prediger, und Pater Josef, einen Redemptoristen, der die Leute bald zum Lachen und bald zum Weinen brachte. Bei verschiedenen Einkehrtagen bot sich Gelegenheit, mit Kapuzinern in Kontakt zu kommen. Ich wollte Priester werden, aber nicht Pfarrer. Denn ich sah, dass die Pfarrer allein lebten, ich aber brauchte für mich ein Leben in Gemeinschaft. Die Kapuziner kamen mir vor wie eine grosse Familie. Der Kontakt des hl. Franziskus zur Natur, zu den Tieren und zum Leben auf dem Hof gefiel mir. Meine Eltern waren einverstanden; schliesslich gab es in unserer Verwandtschaft bereits mehrere Priester und Ordensleute.
Du hast also deine Familie früh verlassen müssen, um studieren zu können?
Mit 12 Jahren bin ich in das Internat der Kapuziner in St-Maurice eingetreten und zwei Jahre später ins Kollegium der Abtei. Das Internat war eine echte Gemeinschaft. Neben der Schule spielten wir Theater, Fussball, pflegten miteinander die Gebetszeiten, sassen gemeinsam am Tisch. Ich hatte keine Sehnsucht nach zu Hause, eher sehnte ich mich zu Hause nach meinen Kameraden.
Und wie ging es dann weiter?
Im Jahr 1953 habe ich meine Matura gemacht. Daran schloss sich das Noviziat in Luzern an, ein Jahr Philosophie in Stans, vier Jahre Theologie in Sion. Im Juni 1958 weihte mich Bischof Adam von Sitten zum Priester und ich feierte dann in Montfaucon Primiz gefeiert. Nach einem Jahr Studium in Fribourg wurde ich in die Brüdergemeinschaft von Delémont versetzt.
Mit welchen Aufgaben hat man dich betraut?
Die jungen Leute aus dem ländlichen Milieu, die Mitglieder der Katholischen Bauernjugend (JRC) waren, wollten ihre Treffen auch im Erwachsenenalter weiterführen und sich miteinander darüber austauschen, wie sie sich als Christen, als Ehepaare, als Familien und im Berufsleben bewähren könnten. Ich erhielt die Anfrage, mich als geistlicher Begleiter der ACAR (Katholische Aktion für Land und Landwirtschaft) zur Verfügung zu stellen. Ich sollte dieser Bewegung in der Westschweiz zum Durchbruch verhelfen. Während der Woche war ich jeden Abend zwischen Jura, Fribourg und Genf unterwegs, um mich mit den verschiedenen Equipen zu treffen. Als Priester gefiel es mir in dieser bäuerlichen Welt. Studieren füllt einem den Kopf, die Bauern drücken dir die Nase mitten in die Wirklichkeit. Ich habe ihnen gerne zugehört und ihr Vertrauen gewonnen, wie der hl. Franziskus, der sich klein gemacht hat.
Die franziskanische Spiritualität ist immer aktuell.
Der hl. Franziskus wollte der Bruder aller Dinge, auch aller Menschen sein. Wenn du dich vor einer Blume klein machst, dann kannst du nicht ein gewalttätiger Mensch sein. Ich liebe den Sonnengesang des hl. Franziskus ganz besonders. Wenn der Tod als Schwester bezeichnet wird, dann kann er nicht unser Feind sein. Erstaunlich ist es, dass Franziskus in der Natur Gott selber entdeckte. Respekt vor der Natur, vor allem Leben, spricht die Leute heute an. Das biblische «Über die Erde herrschen» meint ein Herrschen nach dem Vorbild Gottes: dienen, sich sorgen, alles tun, was der Erde gut tut, sich um die anderen kümmern.
Wie beurteilst du heute die Entwicklung der Kirche?
Parallel zum Wandel in der Gesellschaft leeren sich die Kirchen und die Leute gehen zumindest zur Kirche als Institution auf Distanz. Gleichwohl bleibt das Evangelium aktuell: das Bedürfnis nach Verzeihen, nach Angenommen- und Geliebtsein bleibt. Gastfreundschaft ist sehr gesucht. Die Kapuziner gelten noch immer als volksnaher Orden. Die Leute kommen in unsere Klöster, um zu beichten, oder sie rufen an, um mit jemanden sprechen zu können. Aber ich habe den Eindruck, wenn einem in der Kirche nichts mehr einfällt, dann beschäftigt man sich mit den Strukturen. Alle diese Strukturen bewirken, dass man auf die Leute mit fertigen Lösungen zugeht; dabei sollte man zunächst einfach zuhören. Man hat keine Zeit mehr, um mit den Leuten zu sein, miteinander aufzubauen, ihnen eine Chance zu geben, Christus zu begegnen. Ich träume von einer Kirche, in der man nicht ständig alles umbaut, sondern in der man in kleinen Equipen von Familien lebt und sich von Dorf zu Dorf, von Quartier zu Quartier trifft und miteinander teilt und betet. Vielleicht machen uns die Erfahrungen mit der aktuellen Pandemie offener, uns in diese Richtung zu bewegen. Ich hoffe es.
Marie-Andrée Beuret