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Er ist eine treue Seele. Seitdem ich ihn vor etwa einem Vierteljahr kontaktiert habe, schreibt er mir täglich, inzwischen mehrmals pro Tag, fünf bis sechsmal. Ganz persönlich. Wenn ich es nicht mehr schaffe, seine vielen Briefe zu öffnen, hakt er gleich nach. Oder zumindest einer seiner Gefolgsleute: «Freund, hast du die letzte Mail von Präsident Trump nicht gesehen? Er hat gefragt, warum Du nicht auf der Unterstützer-Liste bist.» Weil ich nicht antwortete, bohrte er weiter: «Hast du das gesehen?» Ja, inzwischen schon. Er hat eine knallrote Kappe signiert, extra für mich. Über seiner Unterschrift steht in grossen Buchstaben: MAGA – die Kurzform von «Make America Great Again». Dazu die Bitte, 25, 50, 100 oder mehr Dollar zu spenden.
Ich darf allerdings nicht dazu beitragen, Amerika wieder gross zu machen. Dazu wäre ein US-Pass notwendig, wie es im irgendwo im Kleingedruckten heisst. Verpasst habe ich leider die Chance, an seiner Rede in Alabama vom vergangenen Samstag mitzuwirken. Er wollte nämlich wissen, worüber er sprechen soll. So hätte ich etwa diese Themen ankreuzen können: Afghanistan, Immigration, Wirtschaft, nationale Sicherheit oder Coronavirus. Zu Letzterem äusserte er sich gemäss Medienberichten. Er empfahl den Zuhörern, sich impfen zu lassen, was offenbar nicht allen gefiel. Wen wundert’s.
Als Schweizer verzichtete ich auch auf eine Beantwortung der Frage, wie der Zustand der USA sei. Zur Auswahl standen diese Kurzbeschreibungen: «furchtbar», «entsetzlich», «sehr schlecht» oder «alles zusammen». Was für ein Miesepeter. Noch weniger Spielraum liess mir die Frage, ob er Amerika vor Joe Biden retten müsse: Ja oder Nein.
Trumps mit und ohne Schnauz
Kürzlich erhielt ich zudem die Ermunterung, mich bei Gettr einzuschreiben, dem sozialen Netzwerk, das so aussieht wie Twitter, wo Trump ein Sprechverbot erhalten hat. Seit kurzem bin ich dabei. Bei Gettr wimmelt es von Konten, die den Namen Donald Trump tragen. Einer heisst Il Donaldo Trumpo. Dazu steht: «Il best presidento. Ever». Im Bild sieht man Trump mit Schnauz. Das Konto verfügt für Gettr-Verhältnisse über eine grosse Anhängerschaft von mehr als 69 000 Followern. Fragt sich bloss, ob diese echt sind. Das Original, der abgewählte US-Präsident, ist indessen unter diesen zahllosen Trumps kaum auszumachen.
In diesem im Vergleich zu den grossen digitalen US-Plattformen recht überschaubaren Gettr-Universum sind vor allem Trump-Fans auszumachen. Etwa der Autor und Kommentator Dinesh D’Souza oder der von den grossen Medienbühnen wieder verschwundene Steve Bannon. Anzutreffen ist ferner ein selbstdeklariertes «Trump-Girl», das Jesus und die USA liebt und das seinen Hintern ins Bild streckt. Auf seinem Bikini-Unterteil steht: «Trump». Züchtigkeit und Konservativismus sind unübersehbar keine Zwillinge mehr.
Kommentare zum Tagesgeschehen
Wer hier den Überblick verliert, muss als Empfänger von Trumps täglichen Briefen nicht lange suchen. Seine Mails enthalten im leicht zitierbaren Kurzformat der einst berüchtigten Twitter-Botschaften Kommentare zum aktuellen Geschehen. Da heisst es etwa mit Blick auf Afghanistan: «Bidens grösster Fehler war es, dass er nicht verstand, dass das Militär nicht als erstes, sondern als letztes rausgeht.» Trumps Botschaft haben zahlreiche Twitter-Mitglieder eins-zu-eins gleich weiterverbreitet. Das geht ganz einfach. In den Mails ist ein direkter Link zu den grossen US-Plattformen integriert.
Der Verbannte hat sein Schlupfloch.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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