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Wer Naomi Watts sieht, denkt nicht gleich an Prinzessin Diana. Die Schauspielerin und die 1997 verstorbene Königin der Herzen gleichen sich nur auf den zweiten oder dritten Blick. Und doch schafft es Watts, die meistfotografierte Frau der Welt auf der Leinwand wieder zum Leben zu erwecken.
L'Illustré: Naomi Watts, haben Sie in dieser Rolle etwas über Diana entdeckt, was Sie noch nicht wussten?
Naomi Watts: Ja, und zwar, dass sie sehr humorvoll war. Das sagen alle, die mit ihr zu tun hatten. Diese Art Humor bedeutet Intelligenz. Sie war auch eine echte Rebellin. Am besten zu ihr passt aber, wie sie von Hasnat Khans Grossmutter im Film genannt wird: «eine Löwin». Das ist ein herrliches Bild.
Aber manipulierte sie nicht auch gern? Im Film scheint es, als würde sie mit den Medien ebenso spielen wie diese mit ihr. Etwa wenn sie einen Paparazzo anruft, damit er sie zusammen mit Dodi Al-Fayed auf der Jacht fotografiert.
In einer Welt leben zu müssen, in der man von den Medien so sehr verfolgt wird, dass Tag für Tag jede kleinste Tätigkeit und Bewegung beachtet werden muss, ist eine schreckliche Vorstellung. Ich denke, bei einem derart vereinnahmenden Phänomen versucht man einfach, die Kontrolle zu bewahren. Bei ihr hat das manchmal geklappt und manchmal nicht.
Sie sehen Lady Di nicht ähnlich. Wie haben Sie das kompensiert?
Dies war eine der ersten Fragen, die ich mir stellte. Kann ich glaubwürdig in ihre Persönlichkeit schlüpfen, obwohl ich nicht ihre Doppelgängerin bin? Mich physisch verändern, um zu versuchen, einer der berühmtesten Frauen der Welt zu gleichen, von der alle ein so klares Bild haben? Es wurden einige Tricks angewendet, um ihr Wesen stärker als die physische Ähnlichkeit hervorzuheben.
Wie haben Sie an Ihrer Gestik, Ihrer Stimme, Ihrer Haltung gearbeitet?
Zunächst habe ich sechs Wochen lang Dianas Stimme studiert. Ich habe mir auch das berühmte Interview mit Martin Bashir fast obsessiv angehört. Danach habe ich mir diese Szene auf meinem iPad ohne Ton angesehen und mich dabei auf ihren Gesichtsausdruck konzentriert.
Ich bin derart in die Rolle geschlüpft, dass ich mehrmals von Diana geträumt habe
Will man der internationalen Presse Glauben schenken, hat Ihnen Prinzessin Diana im Traum ihr Einverständnis für die Übernahme dieser Rolle gegeben. Das klingt reichlich mystisch…
Das ist völlig lächerlich. Ich habe nie ein esoterisches Gespräch mit Diana geführt. Aber ich bin derart in diese Rolle geschlüpft, dass ich mehrmals von ihr geträumt habe. Das war allerdings ziemlich abstrakt. An einer Pressekonferenz hat Regisseur Oliver Hirschbiegel wohl etwa gesagt: «Wenn Naomi von ihr geträumt hat, ist Diana vielleicht ein wenig bei uns und hilft uns auf ihre Art.» Aber das war scherzhaft gemeint und wurde dann überall völlig verdreht.
Der Kommentar des ehemaligen Liebhabers von Diana, des Kardiologen Hasnat Khan, der an Ihrer Seite von Naveen Andrews gespielt wird, ist vernichtend. Er sagt, die Geschichte sei eine «Lüge», die «auf Klatsch beruht». Wie sehen Sie das?
Ich nehme an, er hat den Film gar nicht gesehen. Jedenfalls ist er jemand, der nicht gern im Rampenlicht steht. Und so wird er im Film auch beschrieben. Ich glaube, es ist ihm peinlich. Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Wenn er den Film eines Tages sieht, wird er sich hoffentlich positiver dazu äussern. Wir haben allerdings keinen Dokumentarfilm gedreht. Wenn Sie einen Film drehen, müssen Sie sich gewisse Freiheiten nehmen dürfen. Dies ist ja nicht der Literatur oder den Schriftstellern vorbehalten, sondern gilt auch für Drehbuchautoren und Darsteller.
Sie haben erklärt, Sie seien entsetzt über die Reaktion der Königsfamilie, speziell der beiden Söhne von Diana, Harry und William. Haben Sie sich mit ihnen getroffen?
Ich habe sie nicht getroffen. Falls sie sich entschliessen sollten, den Film zu sehen, was ich allerdings nicht für sicher halte, werden sie ihn hoffentlich mögen. Aber darauf haben wir nun keinen Einfluss mehr. Ich glaube, wir versuchten, die Geschichte respektvoll und einfühlsam zu behandeln. Ich wollte damit nichts und niemanden ausnützen. Ich versuchte ganz einfach, Diana mit einer gehörigen Dosis Mitgefühl und Menschlichkeit zu spielen, jemanden darzustellen, der das Glück erlebt hat und gezwungen war, sich nach einer schmerzhaften Trennung neu zu erfinden. Es wäre schön, wenn dies von ihren Kindern Harry und William anerkannt würde.
Haben Sie schon mal überlegt, was Lady Di heute tun würde, wenn sie nicht verunfallt wäre?
Sie hat immer versucht, ihre Berühmtheit zu nutzen, um auf Anliegen im Dienste der Gerechtigkeit aufmerksam zu machen. Ich gehe davon aus, dass sie dies auch heute noch tun würde. Dass sie eine Botschafterin wäre.
Wir alle erinnern uns noch, was wir an jenem 31. August 1997 getan haben. Womit waren Sie beschäftigt?
Ich war in Kanada bei Dreharbeiten. Ich sass im Restaurant, als uns jemand über den Unfall informierte. Wir kehrten ins Hotel zurück und erfuhren dort, dass Diana tot war. Ich war geschockt und wütend.
Was sind Ihre Filmprojekte nach so dramatischen Rollen wie in «Diana» oder «The Impossible»?
Ich habe eine kleine, viel weniger tiefgründige Rolle in «Birdman» von Alejandro González Iñárritu. Und dann spiele ich noch eine Striptease-Tänzerin in «St. Vincent de Van Nuys» mit Bill Murray. Für einmal eine echte Komödie.
Was hat sich für Sie seit der Rolle Ihres Lebens im Film «Mulholland Drive» von David Lynch vor zwölf Jahren verändert?
Je älter Sie werden, desto tiefgründiger wird alles. Sie haben Misserfolge erlebt, schwierige Momente mit Ihren Kindern, Scheidungen oder was weiss ich. Und ich glaube, dass die späteren Rollen diese Komplexität und diese Intensität widerspiegeln. Unter der Regie von David Lynch habe ich sehr gern gespielt. Diese Erfahrung würde ich sofort wiederholen. Aber er ist nicht jemand, der sich auf Befehl inspirieren lässt. Er schreibt, wenn es kommt.
«Diana» - der Film mit Naomi Watts in der Hauptrolle, ab 9. Januar in den Deutschschweizer Kinos.