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Wie ethisch sind „ethische Investitionen"?
In den letzten Jahren sind viele Möglichkeiten für sogenannte „ethische Investitionen" geschaffen worden. Es gibt kaum ein grösseres Finanzinstitut, welches nicht eigene Fonds für ethische Investitionen geschaffen hat oder „ethische Aktien" vermittelt. Einige der Fonds werden mit Namen von bekannten „Vordenkern" der ökologischen Szene geschmückt, um die Ernsthaftigkeit der zu Grunde liegenden Ethik zu untermauern. Die Investitionen betreffen in der Regel Firmen, deren Produkte allgemein als nicht schädlich eingestuft werden. Verpönt sind insbesondere Waffen, Tabakwaren und Glücksspiele. In den meisten Fällen werden je nach Fonds zusätzliche einschränkende Kriterien zur Auswahl der Projekte berücksichtigt. Gleichzeitig überbietet man sich in den Prospekten der ethischen Anlagemöglichkeiten gegenseitig mit der angestrebten oder in der Vergangenheit realisierten Rendite. Ethische Investitionen werden somit als Mittel vermarktet, um auf dem investierten Kapital einen höheren Gewinn als bei traditionellen Investitionen zu erreichen. Mehr Gewinn dank ethischer Investition! Etwas Gutes tun und erst noch mehr verdienen!
Kann diese Rechnung aufgehen? Wer ist der Verlierer in diesem Spiel? Verfolgen wir zunächst einmal die Entstehung der Dienstleistung „jemandem Geld zur Verfügung stellen": Letztendlich lässt sich jede Wertschöpfungskette in unserer Wirtschaft auf ein Produkt oder eine Dienstleistung der Natur zurückverfolgen. Am Anfang steht immer die Natur, welche uns Naturprodukte (z.B. Öl, Holz, Pflanzen, Tiere, Wasser, Luft, Erde) oder Energien (z.B. Luftströmung, Erdanziehung, Feuer, Gezeiten, Bindekräfte in Molekülen und Atomen, Sonnenstrahlen) kostenlos zur Verfügung stellt. Solange wir damit nicht zuviel Unordnung anrichten, ist es sicher unser Recht als Mitbewohner der Erde diese Produkte und Dienstleistungen mit zu benutzen.
Wir stellen daraus mit dem Einsatz unserer Arbeitskraft die unterschiedlichsten Produkte her, welche wir danach zur Nutzung oder zur Weiterverarbeitung verkaufen können. Mit der Industrialisierung wurden immer häufiger auch teure Werkzeuge, Maschinen und Prozesse zur Weiterverarbeitung der Naturprodukte und Umwandlung der Energien eingesetzt, sodass sich der Wertzuwachs nicht allein durch den Einsatz von menschlicher Arbeitszeit, sondern in immer grösserem Masse durch den Einsatz von Kapital zur Bereitstellung der Arbeitsmittel erklären liess. Dieses Kapital wird häufig von Dritten (Investoren) zur Verfügung gestellt, als Gegenleistung erhalten sie in der Regel einen Zins oder bei Aktien eine Dividende.
Aus der Entstehung der Dienstleistung „Geld zur Verfügung stellen" lässt sich somit allenfalls ein Anspruch auf einen angemessenen Gegenwert, aber sicher nicht ein Anspruch auf eine Maximierung der Rendite rechtfertigen. Andererseits geht der Investor mit dem Ausleihen seines Geldes ein gewisses Risiko ein, welches bei der Bestimmung der Höhe der Dividende mitberücksichtigt werden muss. Da dieses Risiko, wie die Erfahrung zeigt, im Mittel sehr gering ist, lässt sich daraus ebenfalls kein Zwang zur Maximierung der Rendite ableiten. Aus Distanz betrachtet ist kein wesentlicher Unterschied zu sehen zwischen dem zur Verfügung stellen eines Kopierapparates und dem zur Verfügung stellen von Geld. Beides sind wichtige Hilfsmittel im Geschäftsleben. Im Falle des Kopierapparates wird eine monatliche Gebühr für die Benützung vereinbart und alle sind zufrieden. Im Falle des Geldes hingegen sucht der Geber die monatliche Gebühr zu maximieren! Dieser Unterschied kann nicht mit rationalen Argumenten erklärt werden.
Der Gewinn für den Investor kommt zudem aus 2 unterschiedlichen Prozessen zustande: Erstens durch die Ausschüttung einer Dividende aus dem Gewinn des Unternehmens und zweitens aus der Wertsteigerung, dem Kursanstieg der Aktien. Der Kursanstieg einer Aktie beruht auf einer Erwartung, auf der Zukunft. Man erwartet, dass die betreffende Firma in Zukunft mehr Gewinn erwirtschaften wird, dass sie ein Potential für Weiterentwicklung hat. Deshalb steigt bereits heute ihr Wert an der Börse. Dies erklärt auch, weshalb der Aktienkurs einer Firma zum Teil massiv steigt, wenn Entlassungen von Personal im grösseren Umfang bekanntgegeben werden: Man rechnet damit, dass derselbe Umsatz in Zukunft mit weniger Personal, also mit geringeren Kosten, erwirtschaftet werde. Dies würde somit in Zukunft einen höheren Gewinn ergeben. (Ob dies später auch eintreffen wird, spielt für die Börse zu diesem Zeitpunkt keine Rolle).
Deshalb sind für gewinnorientierte Investoren vor allem jene Firmen interessant, welche eine ständige Expansion, d.h. eine Vergrösserung des Umsatzes anstreben. Durch die Expansion wird der erwartete Gewinn der Firma immer grösser, was den Aktienkurs nach oben treibt und dadurch wie oben beschrieben hohe Gewinne für die Investoren beim Verkauf der Aktien ermöglicht.
Da wir bei der Entstehung der Dienstleistung „Geld ausleihen" keine triftigen Gründe für einen Zwang zur Maximierung der Rendite für den Investor finden konnten, wenden wir uns nun der Frage zu, welche Auswirkungen eine Strategie der Gewinnmaximierung durch den Investor auf die betroffenen Firmen hat:
Eine Firma, welche sich das Geld von einem gewinnmaximierenden Investor ausleiht muss ihrerseits den Gewinn maximieren. Sie muss sich deshalb wie folgt verhalten:
- möglichst wenige Mitarbeiter beschäftigen und eine möglichst hohe Arbeitsleistung vom Einzelnen verlangen.
- den vorhandenen Mitarbeitern möglichst tiefe Löhne bezahlen
- das Rohmaterial möglichst billig einkaufen. Häufig werden dadurch die Umstände und Bedingungen, wie dieses bereitgestellt worden ist ausser acht gelassen (z.B. Umgang mit den natürlichen Ressourcen, Behandlung und Entlöhnung der Mitarbeiter, usw.)
- möglichst geringe unproduktive Zusatzaufwendungen haben, z.B. für die fachgerechte Entsorgung der Abfälle, für den Schutz der Umwelt oder der Mitarbeiter
- die Waren dort produzieren, wo die Vorschriften in Bezug auf Umweltbelastung, soziale Sicherheiten, usw. am geringsten sind bzw. die geringsten Zusatzkosten verursachen
- die mögliche Lebenszeit der Produkte beschränken (z.B. durch zeitlich beschränkte Verfügbarkeit von Ersatzteilen), sodass die Kunden bald wieder neue Produkte kaufen müssen
- die Kunden abhängig von den eigenen Produkten machen, so dass der Kauf von ähnlichen Produkten der Konkurrenz nicht mehr attraktiv ist. (Beispiele: Schaffung von eigenen Standards bei den Schnittstellen in der Computer- und Kommunikationsindustrie, beifügen von süchtig machenden Komponenten in der Nahrungsmittel- und Tabakindustrie, usw.)
Auch wenn möglichst tiefe Produktionskosten nicht um jeden Preis angestrebt werden und mit den oben erwähnten Forderungen „massvoll" umgegangen wird, so kann das Ziel, die Lohnkosten niedrig zu halten nicht wegdiskutiert werden. Die Maximierung des Gewinnes der Firma führt in letzter Konsequenz zu einer Minimierung des Einkommens der Mitarbeiter der Firma.
Gemäss den Annahmen des Kapitalismus steht der oben erwähnten Tendenz das Ziel der Arbeitnehmer gegenüber, ihr Einkommen zu maximieren. Durch diese gegensätzliche Interessenlage soll in einer Art freien Markt ein gerechter Ausgleich geschaffen werden. Ein Markt kann jedoch nur zwischen etwa gleich starken Partnern regulieren. Sobald einer der beiden Partner viel stärker ist, wird er den anderen dominieren. Da bei schwach ausgebildeten Personen sowohl lokal als auch weltweit ein grosses Überangebot besteht, werden die schlecht ausgebildeten Personen und damit automatisch auch die sogenannten Entwicklungsländer zu Verlierern in diesem Spiel: Sie sind praktisch schutzlos und können ausgenützt werden.
Dies widerspiegelt sich natürlich auch in den Statistiken: Wir konstatieren Jahr für Jahr „ratlos", dass innerhalb einem Land eine reiche Schicht immer reicher wird und eine arme Schicht im Vergleich dazu immer ärmer wird. Die Unterschiede werden immer grösser, die sogenannte Schere zwischen Reich und Arm öffnet sich immer mehr. Genau dasselbe Bild finden wir auch zwischen den Nationen: Die Industrienationen werden im Vergleich zu den sogenannten Entwicklungsländern immer reicher, die Unterschiede zwischen reichen und armen Nationen werden immer grösser.
Verlassen wir nun die Konsequenzen der Gewinnmaximierung durch die Firmen. Als zusätzliche Folge der Gewinnmaximierung der Investoren haben wir oben den Zwang zur Expansion, zur ständigen Vergrösserung des Umsatzes der betroffenen Firmen genannt. Dieser Expansionsdruck hat ebenfalls Auswirkungen auf ein Unternehmen:
- Es muss in einem gegebenen Markt versuchen, seinen Marktanteil zu erhöhen. Je nach Branche wird dabei in einem regelrechten Kampf, welcher den Schlachten der grossen Kriege um nichts nachsteht, mit allen Mitteln um Marktanteile gerungen. Die Söldner in diesem Kampf sind die Arbeitnehmer. Sie haben letztendlich auch die negativen Folgen dieser Kämpfe zu tragen, deren Bandbreite von zahlreichen psychischen bis zu physischen Beschwerden reicht.
- Wenn ein gegebener Markt „ausgereizt" ist, muss das Unternehmen versuchen, in neuen Märkten tätig zu werden. Einerseits können bereits bestehende Produkte und Dienstleistungen in (geographisch) neuen Gebieten angeboten werden und/oder es müssen neue Produkte und Dienstleistungen geschaffen werden. Häufig werden dazu andere Firmen gekauft oder man fusioniert mit anderen Firmen.
- Als letzter Schritt bleibt schliesslich die künstliche Schaffung von neuen Bedürfnissen, welche danach durch das Unternehmen befriedigt werden können.
Der Zwang zur Expansion führt somit unter anderem auch zur Bildung von grossen multinationalen Unternehmen, welche einzelne Märkte in einem hohen Masse kontrollieren und zu eigentlichen Machtfaktoren werden. Dank ihrer Internationalität und ihrer Macht gegenüber den Nationalstaaten können sie die Gewinnmaximierung noch besser optimieren. Der erzielte finanzielle Gewinn kommt vorwiegend einer kleinen Gruppe von Investoren zu gute, während die grosse Masse leer ausgeht, was wiederum zur Vergrösserung der oben erwähnten Schere zwischen arm und reich führt.
Die Gewinnmaximierung durch die Investoren und dem sich daraus ergebenden Zwang zur Maximierung des Gewinn und zur dauernden Expansion der Firmen muss deshalb als die Hauptursache für sehr viele schwerwiegenden Probleme auf der Erde angesehen werden, unter anderen für die Arm/Reich Problematik innerhalb der meisten Länder sowie zwischen den sogenannten Entwicklungsländern und den Industrieländern.
Es ist deshalb unverständlich, wie Investitionen mit dem Ziel den Gewinn zu maximieren als ethisch bezeichnet werden können! Die zusätzlich formulierten Auswahlkriterien bei sogenannten ethischen Investitionen auf den ersten Blick ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Bei genauerem Hinsehen wird aber deutlich, dass damit nicht die Hauptursache der Probleme angegangen wird. Im Gegenteil: Mit den hohen Gewinnerwartungen werden sie sogar noch vergrössert! Ein Umdenken ist zwingend erforderlich!
Wir benötigen dringend Investoren, welche Firmen den notwendigen Freiraum ermöglichen, um höhere Ziele als die Gewinnmaximierung und Umsatzwachstum zu verfolgen. Umgekehrt benötigen wir aber auch Firmen, welche sich selber und den Menschen als ein Teil eines grossen Ganzen sehen. Andere Teile dieses grossen Ganzen (z.B. Tiere, Pflanzen, Erde, Kosmos, usw.) haben ebenfalls eine Daseinsberechtigung, sind uns Menschen gleichgestellt und nicht unterstellt.
Dies stellt allerdings wesentlich höhere Ansprüche an die Investoren und an das Management: Man muss sich Gedanken machen, welche Zielsetzungen man für sich selber und für das Unternehmen erreichen will als ein Teil eines Grossen Ganzen. Sind Sie nicht auch der Meinung, dass es wesentlich mehr geben müsste, als das blosse Sammeln von möglichst viel Geld?