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1600 - Sex auf der Waage
Die Selbstexperimente von Sanctorius beschäftigten auch die Handwerker im italienischen Padua. Der Arzt liess in seinem Haus Tisch, Bett und Stuhl an Seilen an die Decke hängen, die zu Gegengewichten führten. So konnte er die Veränderungen seines Gewichts beobachten. Kein Mensch dürfte länger auf Waagen gelebt haben als Sanctorius. Dabei stiess er auf die erstaunliche Tatsache, dass der Mensch nur einen kleinen Teil des Gewichts dessen, was er isst, als Urin und Stuhl wieder ausscheidet: Sanctorius hatte entdeckt, dass der Mensch Ausdünstungen produziert. Leider hat er die Vorgehensweise bei den Experimenten nirgends genau geschildert.
Es bleibt der Fantasie des Lesers überlassen, wie sein Versuch «Über den Geschlechtsverkehr» ausgesehen haben mag. Das Resultat schilderte Sanctorius so: «Bei masslosem Geschlechtsverkehr wird etwa ein Viertel der üblichen Menge der Ausdünstungen blockiert.»
1802 - Eine eklige Doktorarbeit
Medizinstudenten, die sich über die Mühseligkeit ihrer Doktorarbeit beklagen, sollten einen Blick in die Dissertation von Stubbins Ffirth werfen. Dieser war gerade achtzehn Jahre alt, als er mit einer Serie von ekelhaften Selbstversuchen bewies, dass Gelbfieber nicht einfach so von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Am 4. Oktober 1802 schnitt er sich in den Unterarm und gab Erbrochenes eines Gelbfieberpatienten in die Wunde. Nichts geschah. Dann träufelte er sich Erbrochenes in die Augen, stellte Erbrochenes aufs Feuer und atmete den Dampf ein, schluckte Pillen aus getrocknetem und gepresstem Erbrochenem und schluckte es schliesslich unverdünnt. Dann nahm er sich Blut, Speichel, Schweiss und Urin vor.
Doch seine heroischen Versuche hatten wenig Einfluss auf die Medizin. Sie zeigten vor allem, wie sich Gelbfieber nicht verbreitete, doch die Frage war vielmehr: Wie verbreitet es sich? Erst hundert Jahre später wurde klar, dass Mücken das Virus übertragen.
1882 - Erwürgen oder Genick brechen?
Es gibt Fragen, von denen man eigentlich annehmen muss, dass sie sich grundsätzlich nicht mittels eines Selbstversuchs beantworten lassen. Dazu gehört: Wie fühlt es sich an, wenn man erhängt wird? Doch da unterschätzt man den Wissensdurst gewisser Mediziner.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts stritten Experten darüber, welche Art des Erhängens am schnellsten zum Tod führe: das sofortige Brechen des Genicks durch den Fall in die Schlinge oder der Unterbruch der Blut- und Luftzufuhr durch gleichmässigen Druck am Hals? Anders als viele seiner Kollegen war Graeme M. Hammond vom Medical College New York der Meinung, dass das «schnelle Erwürgen» dem «Brechen des Halses» nicht nur in Sachen Geschwindigkeit überlegen sei – es sei auch völlig schmerzlos. Um diese Behauptung zu belegen, liess er sich ein Handtuch um den Hals legen und von einem befreundeten Arzt langsam zudrehen. Ein zweiter Arzt stand vor ihm und prüfte seine Schmerzempfindlichkeit. Zuerst fühlte Hammond ein Kribbeln im Körper, konnte zeitweise nichts mehr sehen und hörte ein starkes Rauschen. Nach 1 Minute 20 war er schmerzunempfindlich. «Ein Stich mit dem Messer, so tief, dass meine Hand blutete, war mit überhaupt keiner Empfindung verbunden.»
1889 - Meerschweinchenhodensaft
An 15. Mai 1889 zermalmte Charles-Edouard Brown-Séquard in seinem Labor am Collège de France in Paris die Hoden eines jungen, kräftigen Hundes, fügte etwas destilliertes Wasser hinzu und spritzte sich den Saft in den linken Unterarm. Er wiederholte die Injektion an den zwei darauffolgenden Tagen, und als ihm der Hundehodensaft ausging, stieg er auf zerkleinerte Meerschweinchenhoden um.
Brown-Séquard glaubte, dass «die Schwäche des Alters zum Teil auf die verschlechterte Hodenfunktion» zurückzuführen sei. Schon am zweiten Tag des Versuchs glaubte Brown-Séquard die Wirkung zu spüren. Er konnte wieder Treppen hochrennen, lange am Labortisch stehen und abends an Artikeln arbeiten. Auch an seinem Urinstrahl ging die Behandlung nicht spurlos vorbei: «Was die Distanz betrifft, die er zurücklegte, bis er im Pissoir zu Boden kam» – eine seiner seltsamen Messgrössen –, stellte er einen Zuwachs von mindestens einem Viertel fest.
Es dauerte nicht lange, bis die Zeitungen vom «Lebenselixier» schrieben und halbseidene Ärzte Behandlungen damit anboten. Die führten, wenn auch nicht zu einem längeren Leben, so doch in vielen Fällen zu einer Blutvergiftung. Brown-Séquard starb fünf Jahre nach dem Experiment, am 2. April 1894, im Alter von sechsundsiebzig Jahren in Paris. Sein kruder Versuch gilt heute als der Anfang der Hormontherapie.
1898 - Das Ausreissen von Schamhaaren
Am Abend des 24. August 1898 spritzte Chefarzt August Bier seinem Assistenten August Hildebrandt an der Königlichen Chirurgischen Klinik zu Kiel Kokainlösung in den Wirbelkanal. Wie sich das auswirkte, kann man im Protokoll lesen:
Nach 10 Minuten wurde eine grosse gestielte Nadel bis auf den Oberschenkelknochen eingestossen, ohne den geringsten Schmerz zu erzeugen. Nach 13 Minuten: Eine brennende Zigarre wird an den Beinen als Hitze, aber nicht als Schmerz empfunden. Nach 20 Minuten: Ausreissen von Schamhaaren wird als Erhebung einer Hautfalte, von Brusthaaren oberhalb der Warzen dagegen als lebhafter Schmerz empfunden. Starkes Überbiegen der Zehen ist nicht unangenehm. Nach 23 Minuten: Starker Schlag mit einem Eisenhammer gegen das Schienbein wird nicht als Schmerz empfunden. Nach 25 Minuten: Starkes Drücken und Ziehen am Hoden ist nicht schmerzhaft. Nach drei Viertelstunden kehrte das normale Schmerzempfinden zurück, und die beiden Männer gingen essen, tranken Wein und rauchten Zigarren. Das war mehr, als gut war, wie Bier später schrieb. Hildebrandt erbrach sich, hatte unerträgliche Kopfschmerzen, Blutergüsse und Schmerzen am ganzen Körper.
Heute ist die Spinalanästhesie eine wichtige Betäubungsmethode in der Medizin.
1928 - Ohne Beilage, bitte
Als Vilhjalmur Stefansson am 28. Februar 1928 mit seinem Experiment begann, sagten Experten voraus, dass er nicht mehr als vier bis fünf Tage durchhalten würde. Bei früheren Versuchen seien die Versuchspersonen bereits nach drei Tagen zusammengebrochen. Stefansson war aber sicher, dass ein Mensch nur von Fleisch leben konnte – ob in der Arktis, wo er es bei seinen Expeditionen zu den Eskimos bereits praktiziert hatte, oder in der Abteilung B 1 des Bellevue-Spitals in New York, wo das Experiment stattfinden sollte.
Stefansson und einer seiner früheren Expeditionskollegen ernährten sich ein Jahr lang nur von Fleisch und Fisch. Zu Beginn wurden sie Tag und Nacht überwacht. Niemand sollte ihnen vorwerfen können, sie hätten heimlich Salat oder einen Apfel genascht. Selbst telefonieren durften sie nicht mehr ohne Aufsicht. Am Ende des Experiments waren nicht nur beide bei bester Gesundheit, sondern auch zwei Kilo leichter.
Das Experiment wäre wohl im Kuriositätenkabinett der Medizin gelandet, wäre 1972 nicht der amerikanische Herzspezialist Dr. Atkins aufgetaucht, der der Überzeugung war, dass nicht zu viel Fett in der Nahrung zu Übergewicht führe, sondern zu viel Kohlenhydrate. Ob und unter welchen Umständen die Atkins-Diät wirkt, ist bis heute unklar.
1954 - Der grosse Bremser
Als 1947 der erste Mensch schneller als der Schall flog, beschäftigte den Militärarzt Colonel John Paul Stapp die Frage, wie es einem Piloten wohl erginge, wenn er bei solchen Geschwindigkeiten sein Flugzeug im Schleudersitz verlassen müsste. Das gewagteste Experiment dazu unternahm er am 10. Dezember 1954. Stapp setzte sich auf den Schlitten «Sonic Wind», der nicht viel mehr war als ein auf Schienen geführter Stuhl mit neun Raketen im Rücken. Sie beschleunigten ihn so stark, dass das Blut aus seiner Netzhaut wich: 1,5 Sekunden nach dem Start wurde ihm schwarz vor Augen. 3,5 Sekunden später – Stapp war jetzt mit 1017 km/h unterwegs – setzten die Bremsen ein und brachten den Schlitten in 1,4 Sekunden zum Stillstand; es war wie mit 100 km/h in eine Mauer zu fahren – bloss dauerte es 18 Mal länger.
Am Anfang des Bremswegs kam das Augenlicht für einen grellen Moment zurück. Doch die Gefässe hielten dem Druck, mit dem das Blut wieder in die Augen schoss, nicht stand und platzten. Stapps Sicht färbte sich lachsrot, seine Augen rissen an Muskeln und Sehnerv. Sie schmerzten, «wie wenn ein Zahn ohne Betäubung gezogen wird». Nachdem der Schlitten zum Stillstand gekommen war, glaubte Stapp erblindet zu sein. Doch auf dem Weg ins Spital kam das Augenlicht langsam zurück. Der Versuch zeigte, dass ein Pilot viel höhere Belastungen aushalten konnte als angenommen. Stapp war auch massgeblich für die Einführung der Sicherheitsgurte im Auto verantwortlich.
1968 _ Acht flogen übers Kuckucksnest
Wie lange dauert es, bis ein psychisch völlig gesunder Mensch aus einer psychiatrischen Anstalt entlassen wird? Diese einfache Frage beantwortete der Psychologe David Rosenhan 1968, indem er in der Notaufnahme von psychiatrischen Kliniken um Aufnahme bat unter dem Vorwand, Stimmen zu hören. Nach der Einweisung hörte Rosenhan sofort auf, die Symptome zu spielen. Durchschnittlich dauerte es drei Wochen, bis er und sieben Teilnehmer seines Seminars, die sich ebenfalls am Versuch beteiligten, entlassen wurden. Nicht etwa als geheilt, sondern meistens mit der Diagnose «Schizophrenie in Remission».
Ironischerweise waren es die Patienten, die das Spiel durchschauten. «Sie sind nicht verrückt. Sie sind ein Journalist oder ein Professor. Sie überprüfen das Krankenhaus», sagte einer.
Das Experiment entlarvte die Macht des Schubladendenkens in der Psychiatrie. Was auch immer die Anfangsdiagnose war, der Patient wurde sie nie mehr los.
1984 - Ein befriedigendes Resultat
Wenn es eine Auszeichnung für den angenehmsten Selbstversuch gäbe, dann würde ihn definitiv Ann Carol Schulster gewinnen. Die Ärztin am Royal Victoria Hospital in Montreal musste im Februar 1984 in einer Fachzeitschrift lesen, dass die Gesundheit eines ungeborenen Kindes durch einen Orgasmus seiner Mutter bedroht sein könnte. Das schlossen die Autoren aus einem früheren Versuch, bei dem der Puls des Babys beim Höhepunkt der Mutter sank.
Schulster, selbst schwanger, konnte das nicht glauben. In der 38. Woche ihrer Schwangerschaft schloss sie sich an einen Smith-Kline-Pulsmonitor an und brachte sich zum Orgasmus. Die Messung zeigte keine Verlangsamung des Pulses beim Baby. Zwei Wochen später brachte sie eine gesunde Tochter zur Welt.
1984 - Ein verdienter Nobelpreis
Als Barry Marshall am 10. Juli 1984 im Fremantle Hospital im australischen Perth eine Bakterienbrühe trank, die er aus dem Mageninhalt eines Patienten gemischt hatte, konnte er nicht ahnen, wie reich er für den ekligen Versuch belohnt werden würde. Marshall wollte seine Vermutung überprüfen, dass Bakterien Magengeschwüre auslösen können. Bisher hatte man psychologische Probleme und Stress für ihre Ursache gehalten. Dass Bakterien im Magen längere Zeit leben können, war undenkbar. Magensaft besteht zu einem grossen Teil aus Salzsäure und kann einen Nagel auflösen.
Aber die Untersuchung nach zehn Tagen zeigte, dass die Bakterien bei Marshall tatsächlich zu einer Magenschleimhautentzündung geführt hatten. Für diese Entdeckung wurde er 2005 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Heute empfehlen Gesundheitsbehörden, Magengeschwüre mit Antibiotika zu behandeln.Reto U. Schneider
ist stellvertretender Redaktionsleiter des NZZ-Folio und Autor von «Das Buch der verrückten Experimente» (Bertelsmannm, 2004).
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