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Die globale Erwärmung bringt die Gletscher zum Schmelzen. Das hat Folgen für die Wasserkraft. Wie diese aussehen, welche Fragen sich für die Zukunft stellen und wieso wir uns gut überlegen müssen, wo wir bei Wanderungen picknicken.
Salomé Karlen freut sich grundsätzlich über viel Wasser. Sie und ihre Teamkollegen führen und betreuen als Asset Manager die Wasserkraftwerke von der BKW. Viel Wasser bedeutet viel Strom. «Unser oberstes Ziel ist es, im Sommer unsere Speicherseen zu füllen, damit wir im Winter, wenn Preise und Nachfrage steigen, mehr Strom produzieren können», sagt sie.
Wenn das viele Wasser in ihren Stauseen aber daher kommt, dass die globale Erwärmung die Gletscher schwinden lässt, wird sie nachdenklich. «Kurzfristig hat die Gletscherschmelze positive Auswirkungen für uns, weil wir das zusätzliche Schmelzwasser nutzen können, um Strom zu produzieren. Es würde keinen Sinn ergeben, es ungenutzt ins Tal fliessen zu lassen», sagt Karlen. «Doch dieser Effekt ist nicht nachhaltig, denn das Eis der Gletscher kann nur einmal abschmelzen.»
Gemäss wissenschaftlichen Vorhersagen werden unsere kleineren Gletscher bis 2050 verschwunden sein, bis 2100 soll es auch die grösseren in höheren Lagen nicht mehr geben. «Viele nehmen das immer noch auf die leichte Schulter», sagt Salomé Karlen. «Die Folgen sind jedoch nicht zu unterschätzen.»
Die Alpen mit ihren Gletschern und Seen sind das Süsswasserschloss Europas. Ihr Wasser speist unter anderem Donau, Rhein, Po und Rhone und ermöglicht dadurch die Bewässerung weiter Teile Europas sowie den Transport von Gütern auf dem Wasserweg. Auch das Trinkwasser, das sie liefern, ist existenziell.
Eis ist verlässlich
Gletscher bieten einen weiteren Vorteil: Ist das Wasser in Form von Eis gespeichert, ist es berechenbar. Man weiss, dass es in den Sommermonaten schmilzt, kann es lenken und wie erwähnt in den Stauseen für den Winter speichern. «Gäbe es keine Gletscher mehr, würde es anders aussehen», sagt Salomé Karlen. Dann wären wir beispielsweise darauf angewiesen, dass Regenwasser unsere Stauseen füllt und die Flüsse speist. Doch selbst die besten Prognosen können Regen nicht genau voraussagen. Schwierig, unter solchen Konditionen verlässlich Strom zu produzieren und damit zu handeln.
Kommt dazu, dass Regen zunehmend im Übermass fällt. Das kann zu Überschwemmungen und Murgängen führen, gerade wenn Gestein und Geröll nicht mehr vom Permafrost zusammengehalten werden. Das bedeutet eine Gefährdung für Siedlungsgebiete, Verkehrswege und die Landwirtschaft. «Wir legen deshalb grossen Wert darauf, dass bei grösseren Kraftwerken, bei denen wir Partner sind, die Bodenbewegungen genau untersucht und beobachtet werden, zum Beispiel durch die ETH Zürich», sagt Karlen.
Die Bodenbeschaffenheit hat auch Einfluss darauf, wie schnell unser Eis in den Bergen schwindet. «Ist der Fels, auf dem ein Gletscher liegt, steil, dann ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass er noch schneller schmilzt und die Zunge abrutscht», erklärt Salomé Karlen. Vergleichbar ist das mit etwas Dickflüssigem, das sich auf eine Fläche ergiesst. Steht diese waagerecht, breitet die Flüssigkeit sich langsam und ebenmässig aus. Steht sie schräg, läuft die Flüssigkeit davon. Dabei wird das Rinnsal ausgedünnt, bis schliesslich ein Teil wegtropft.
Durch den Klimawandel können aber nicht nur Teile von Gletschern zu Tal stürzen und Überschwemmungen auslösen, wenn sie in Gewässer fallen: Es bilden sich auch viele Schmelzwasserseen. Mittelfristig werden es in der Schweiz Hunderte sein.
«Wir arbeiten seit mehreren Jahren mit Experten zusammen. Schauen mit Hilfe von Computersimulationen, wo Gletscherseen entstehen könnten und überlegen uns, ob und wie wir dieses Wasser fassen und in bestehende Stauseen führen können», erklärt Karlen. Klar: Wenn das Wasser schon da ist, ist es sinnvoll, es auch zu nutzen.
Planen für übermorgen
Bei BKW macht man sich jedoch noch sehr viel langfristiger Gedanken. «Unsere Konzessionen für die Kraftwerke sind auf 80 Jahre befristet. Wir fragen uns jetzt schon: Was ist, wenn sie auslaufen? Was wollen wir in Zukunft? Wie müssen wir die Nutzung anpassen?», sagt Salomé Karlen. Wichtig sei es, künftig noch viel enger mit den Kantonen und Berggemeinden zusammenzuarbeiten, betont sie. Entscheidend werden die Jahre rund um 2040 sein. Dann enden viele Konzessionen.
Und wie ist die Lage in der Gegenwart? Wie entwickelt sich das Jahr 2020, zum Beispiel bei den Kraftwerken Oberhasli im Grimselgebiet, bei denen die BKW zu 50 Prozent beteiligt ist? Unter anderem sammelt man dort Schmelzwasser vom Oberaar- und Unteraargletscher sowie vom Triftgletscher. «Bisher läuft das Jahr ganz normal», sagt Salomé Karlen. «Im April und Mai hatten wir tendenziell mehr Wasser durch die Schneeschmelze, aber das ist immer so.»
Auf die Frage, ob es Möglichkeiten gebe, Prognosen für die restlichen Monate zu stellen, sagt sie lachend: «Brauchbare Vorhersagen gibt es nicht. Das Wetter ist das Wetter. Genaues weiss man da immer erst im Nachhinein.»
Apropos Wetter: Ein Anliegen hat sie noch, das mit schöner Witterung zu tun hat. Diese lädt Wanderer nämlich oft dazu ein, ihre Picknickdecke am Ufer von Bächen und Flüssen auszubreiten, um zu pausieren und sich im seichten Gewässer bei einem Bad abzukühlen. Geschieht das unterhalb von Wasserkraftwerken, kann das gefährlich werden.
«Im Kraftwerk sammelt sich laufend Sand und Kies an, deshalb müssen die Wasserfassungen immer wieder mal durchgespült werden. Zudem turbinieren wir das Wasser aus den Stauseen bei hoher Nachfrage und guten Preise», sagt Karlen. In der Folge kann es vorkommen, dass Gewässer im Abflussbereich unvermittelt und sehr stark anschwellen, «selbst bei schönstem Sommerwetter!» Sie rät deshalb dringend: «Wer Corona-Ferien in der Schweiz macht, sollte unbedingt auf die Tafeln achten, die vor Schwallwasser warnen.»