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In der 2. Paradenacht standen die letzten sechs Sambaschulen der “Grupo Especial“ in Rio de Janeiro am Start. Unter anderem die beiden traditionsreichsten Schulen Mangueira und Unidos da Tijuca, welche im Sambódromo Marquês de Sapucaí noch einmal für eine mitreissende, vibrierende und sensationelle Stimmung sorgten.
São Clemente eröffnet die 2. Nacht und kreiert den “Brasilianischen Broadway”
Mit einer Mischung aus Brasilien und Broadway begann die erste Paraden-Nacht der “Grupo Especial“ von Rio de Janeiro – berühmte Musicals, die auch dem brasilianischen Publikum lieb und wert sind, wurden präsentiert.
Mit dem Thema “Uma Aventura Musical na Sapucaí” (ein musikalisches Abenteuer auf der Sapucaí) setzte die Samba-Schule São Clemente ihre ganze Schaffenskraft ein für eine musikalische Reise, die von internationalen Musicals wie “Cats“ bis zur nationalen “Ópera do Malandro“ (Oper des Gauners) reichten – um zu beweisen, dass sie es verdienen, unter den Schulen der Samba-Elite Rio de Janeiros zu verbleiben. Welterfolge, wie “Cabaré“ – “My Fair Lady“ – “The Beauty and the Beast“ aber auch “A Noviça Rebelde“ (die rebellische Novizin) fanden sich im Show-Repertoire des Karnevalisten Fábio Ricardo, den sie liebevoll “Fabinho“ nennen.
Nachdem sie während einiger Jahre immer wieder von der Spitzengruppe in die Aufsteigergruppe und umgekehrt gependelt ist, konnte die “São Clemente“ sich in diesem Jahr in der “Grupo Especial“ behaupten, in die sie 2011 wieder aufgenommen worden war. Um nun endgültig das Abstiegsgespenst zu vertreiben, brachte die Schule in diesem Jahr 3.300 Komponenten auf die Avenida Sapucaí, unterteilt in 34 “Alas“ (Themengruppen) und 7 allegorische Wagen.
Elemente aus dem Theater-Milieu begleiteten die gesamte Parade. Die Perkussions-Gruppe war sogar mit Geigen besetzt, die in diversen Soli während der Marschpausen der 250 Komponenten der “Bateria“ glänzten – das Publikum war begeistert. Die Rhythmusgruppe wird von des Maestros Gilberto Almeida und Caliquinho dirigiert, die sich nicht der traditionellen Pfeifen bedienen, um mit ihren Musikern zu kommunizieren.
Der ansteckende Samba der “São Clemente“ wurde durchgezogen von dem jungen Igor Sorriso (24), den man den “Menino prodígio“ (den verlorenen Sohn) des Samba nennt. “Vai comigo, São Clemente“! (Geh mit mir, São Clemente) war der Schlachtruf, mit dem die Schule aus Rios Südzone sich beim Einmarsch in den Sambadrom ankündigte.
Die “Front-Kommission“ der São Clemente erschien mit Gauklern und Narren, die von ihren Karren aus das Publikum im Musical-Theater begrüssten. Sie Tanzten und verwandelten sich dann plötzlich in “lebende Statuen“ während ihrer Präsentation.
Die Choreographie trug die Unterschrift von Cláudia Mota, der Primaballerina des Teatro Municipal von Rio de Janeiro – mit ihrer mehr als zwanzigjährigen Karriere kennt sie das von der São Clemente präsentierte Ambiente gut: Sie stand zum Beispiel in Musicals wie “A Megera Domada“ – “Schwanensee“ und “Romeo und Julia“ auf der Bühne. Anlässlich des Karnevals assistierte sie den Front-Kommissionen der Schulen“Unidos do Viradouro“ und “Unidos da Tijuca“.
Neben der Darstellung des brasilianischen Musical-Theaters von Chiquinha Gonzaga und Arthur de Azevedo, wurde auch das Werk von Chico Buarque verschiedene Male im Lauf der Parade gewürdigt. Den vierten Wagen der São Clemente, betitelt “Roda Viva“ (lebendiges Rad) hatte die Schule zu Ehren des Komponisten und seiner ersten Arbeit fürs Theater ausgestattet – einem Stück, das zum Symbol des Widerstandes gegen die Militärdiktatur wurde.
Beim Ausmarsch der Perkussions-Gruppe gab es einen kurzen Zusammenstoss der Mitglieder mit den Sicherheitskräften der Sapucaí – sonst wurde aber kein grösseres Problem verzeichnet. Eine Neuheit, die alle Blicke des Publikums auf sich zog, war eine aufblasbare, gasgefüllte “Mulata gigante“ (riesige Mulattin), die über der Sapucaí schwebte, gehalten an Nylonschnüren.
Die Schauspielerin Bibi Ferreira, die in diesem Jahr 90 geworden ist, konnte wie vorgesehen, nicht an der Parade teilnehmen. Wie der Präsident der São Clemente, Renato Almeida Gomes, berichtete, war ihr vom Arzt abgeraten worden, auf der Avenida zu erscheinen. Geplant hatte man, sie in einem alten Auto, vor dem dritten Wagen, in die Parade einzubeziehen. Die “São Clemente“ brauchte für ihre Parade insgesamt 1 Stunde und 17 Minuten.
Die União da Ilha erzählt die Geschichte Englands im Samba auf der Sapucaí
“De Londres ao Rio: Era uma vez . . . uma Ilha” (Von London nach Rio: Es war einmal . . . eine Insel) – mit dieser Idee des Karnevalisten Alex Souza marschierte die Samba-Schule União da Ilha in die Avenida Sapucaí ein. Sie war die zweite Schule in dieser letzten Paradenacht der “Grupo Especial“ von Rio de Janeiro. Sie bewirbt sich um den Titel, nachdem sie ein Jahr zuvor einen Teil ihres Arbeitsschuppens durch den Brand in der “Cidade do Samba“ verlor.
Als Austragungsort der Olympiade 2012 widmete die “Ilha“ (Insel) ihren Samba und die Allegorien der Geschichte Englands. Die Ähnlichkeiten zwischen den Farben der englischen Fahne und denen des Pavillons der União da Ilha wurden mit viel Humor ausgeschlachtet.
Die Front-Kommission “Deus salve a Rainha“ (Gott schütze die Königin) präsentierte eine Parodie auf das englische Königshaus. Die Choreographie wurde von Sergio Lobato geschaffen, der bereits an der “Royal Ballet School“ des British Empire gewirkt hatte.
Fünf grosse silberne Köpfe am Abre-alas-Wagen der “União da Ilha“ repräsentierten die keltischen Stämme und ihre Eroberungen – der Wagen wurde mit “Londinium Augusta – A britânia romana“ (das römische Brittanien) betitelt.
Der zweite Wagen, “Sob a proteção do padroeiro” (Unter der Protektion des Schutzheiligen), zeigte auf einem stilisierten Schachbrett den Kreuzzug König Richards gegen die Muselmanen. Der dritte allegorische Wagen wartete mit einem riesigen Piratenschiff auf, kommandiert von Francis Drake, der die ersten Kolonien für England eroberte.
Gleich hinter den “Baianas“ folgte der Wagen Nummer vier, genannt “O Grande Império“ (Das grosse Imperium). Die Allegorie zeigte die territorialen Eroberungen Englands. Viviane Guapiassú galt in diesem Fall das besondere Interesse des Publikums, die als Mohnblume entzückte.
Der fünfte Wagen “O chá de Alice“ (Alices Tee) erinnerte an das klassische Buch von Lewis Carrol. Die Schauspielerin Letícia Spiller repräsentierte die zentrale Figur. Im sechsten Wagen “O suíngue de Londres“ (Der Swing von London) eine Referenz an die Stadt London, die auch in Mode und Musik viele Akzente gesetzt hat. Freddie Mercury, Amy Winehouse und Elton John wurden geehrt.
Der siebente Wagen, der die Parade der “União da Ilha“ abschloss, betitelt “Uma cidade ainda mais maravilhosa” (Eine noch wunderbarere Stadt) spielte auf die Verbindung zwischen der Olympiade in London 2012 und der kommenden in Rio 2014 an.
Wegen des schon erwähnten Brandes konnte die “Ilha“ beim Karneval im vergangenen Jahr nicht dabei sein. Diesmal marschierte wieder Bruna Bruno als Königin der “Bateria“ vor ihrer Percussion-Group, die von Maestro Riquinho kommandiert wird. Der Vorsänger und Samba-Interpret Ito Melodia vervollständigt das Team der “Ilha“.
Salgueiro besingt die Kordel-Literatur in einer aufwendigen Parade auf der Sapucaí
Elemente des “Forró, Baião“ und der gesamten Geschichte der “Kordel-Literatur“ (darunter versteht man eine Art Gibi-Literatur, die im brasilianischen Nordosten entwickelt wurde, um mit den vielen Analphabeten in Bildern statt in Texten zu kommunizieren) mischten sich mit dem von der Sambaschule Salgueiro präsentierten Samba – der dritten Schule, die auf der Marquês de Sapucaí in dieser zweiten Paradenacht der “Grupo Especial“ beim Karneval von Rio de Janeiro auftrat.
Die weiss-rote Schule aus der Nordzone brachte das Thema “Cordel branco e encantado“ (Weisse, magische Kordel) auf die Avenida, eine Kreation der Karnevalisten Renato und Márcia Lage.
Die Schule hatte mit Problemen hinsichtlich einiger besonders grosser Wagen zu kämpfen, die Mühe hatten, in die Avenida einzubiegen. Der Wagen “Pavão misterioso“ (Mysteriöser Pfau) bereitete die grössten Schwierigkeiten in der Kurve zur Sapucaí und führte zu einem “Loch“ innerhalb der wartenden “Alas“ zu Beginn der Parade. Die Schul-Equipe musste sich gewaltig ins Zeug legen, den Wagen innerhalb der Zeit anzuschieben, um keinen Punkteverlust von Seiten der Juroren hinnehmen zu müssen.
Wie immer, fehlte die “Handelsmarke“ der Salgueiro auch in dieser Parade nicht: Die Percussion-Königin Viviane Araújo mit ihrem Tambourin glänzte in ihrem luxuriösen Kostüm mit 1.100 Fasanenfedern und weiteren 60.000 Kristallen – der Schatz der “Bateria“. Die 270 Rhythmiker der “Furiosen Salgueiro-Batterie“ waren als “Räuberbande des Lampião“ kostümiert – die zahlreichen Gedichte und Erzählungen der Kordel-Literatur trugen dazu bei, Virgulino und seine Bande zu verewigen. Der Mestre der Perkussions-Gruppe ist Maestro Marcão, der seinen Musikern einen innovativen Glanz durch eine Mischung von Xote (nordöstlicher Tanz) und Baião (nordöstlicher Tanz) in dieser Parade verlieh.
Die Samba-Schule Salgueiro verschönte den Samba-Laufsteg Sapucaí mit einer gewichtigen Liste femininer Attraktionen: Milena Nogueira, Sophie Charlotte, Vânia Flor, Valesca Popozuda, Adriana Bombom und Milena Nogueira.
Die “Barca da Encantaria“ (Barke der Verzauberung), der zweite allegorische Wagen, präsentierte Wesen aus der Phantasiewelt des europäischen Mittelalters: Seeschlangen, Wassernixen und feuerspeiende Drachen.
Die Samba-Schule “Salgueiro“ (Salzstreuer) marschierte mit 3.800 Komponenten, unterteilt in 35 “Alas“ (Themengruppen) und 7 allegorische Wagen. Ihr letzter eroberter Titel stammt aus dem Jahr 2009, mit dem Thema “Tambor“ (Trommel).