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Arbeiterunion Winterthur
Mit dem Wandel zur Maschinenindustrie vermischten sich vermehrt qualifizierte und vermehrt männliche Berufsleute mit den Arbeitern. Ihre Erfahrungen aus der „Walz“ sowie ihre Herkunft aus dem Ausland ergab eine neue Zusammensetzung der Arbeiterschaft. Vorerst schloss man sich dem 1838 gegründeten Grütliverein an. 1871 wurde im früheren „Löwen“ zu Töss die erste Arbeiterunion gegründet.
Mitte des 19. Jhdt. war die Arbeiterschaft der Spinnereien und Weberein ihrem Schicksal ergeben. Unmenschliche Arbeitsbedingungen, 14 Stundentag, auch für Kinder, Nachtarbeit prägten das Leben zu einem kargen Lohn. Erst seit 1815 war es zum Beispiel verboten, Kinder unter 10 Jahren in den Fabriken zu beschäftigen und sie auch nicht mehr Nachtsarbeiten zu lassen. Einzelne Verzweiflungstaten fanden zwar statt -so wurde 1832 die Weberei Corrodi in Uster gestürmt und in Brand gesetzt. Veränderungen fanden jedoch keine statt. Mit dem Wandel zur Maschinenindustrie -1834 Eröffnung der Giesserei Gebrüder Sulzer- vermischten sich vermehrt qualifizierte und vermehrt männliche Berufsleute mit den Arbeitern. Ihre Erfahrungen aus der "Walz" sowie ihre Herkunft aus dem Ausland ergab eine neue Zusammensetzung der Arbeiterschaft. 1847 verkündigte Karl Marx und Friedrich Engels das "Kommunistische Manifest", das wie eine Bombe einschlug. 1850 wurde der Deutsche Arbeiterbildungsverein Winterthur gegründet und legte die Basis der späteren gewerkschaftlichen und politischen Gruppierungen. Die kantonale Verfassung von 1831 brachte wenig Veränderung, die Stadtzürcher behaupteten ihre Interessen. So entstand in der Landbevölkerung und besonders in der Bürgerschaft von Winterthur eine Opposition. Die volksfreundliche, demokratische Gegenbewegung fand im 1836 gegründeten Landboten ihren Verbündeten. Die um eine Verbesserung ihres Loses ringenden Arbeiter schlossen sich dem 1838 gegründeten Grütliverein an. 1869 kam es zur demokratischen Umwälzung im Kanton. Die neu beschlossene Verfassung brachte dem Zürcher Volk die politischen Rechte. In der Folge wurde sich die Arbeiterschaft auch ihrer politischen Macht bewusst, die sie hätten, wenn sie zusammenstehen würde. 1869 wurde in Zürich die sozialdemokratische "Tagwacht" gegründet, 1870 die Sozialdemokratische Partei der Schweiz, an deren Gründungskongress auch der Winterthurer Metallarbeiterverein teilnahm. 1871 wurde im früheren "Löwen" zu Töss die erste Arbeiterunion gegründet. Zum Beitritt entschlossen sich die Gewerkschaften der Metallarbeiter, der Schneider und der Schuhmacher, ferner der Grütliverein und der Deutsche Arbeiterbildungsverein. Schwacher Organisationsgrad, unterschiedliche Interessen, Wirtschaftkrise nach dem deutsch-französischen Krieg 1871, Nationalbahn-Konkurs prägten die bewegten folgenden Jahre.
1880 hörte die Arbeiterunion vorübergehen auf zu existieren. Bereits 1883 entstand eine neue Arbeiterunion. Ihr erstes Anliegen war die Durchsetzung des neuen Fabrikgesetztes von 1877. Am 1. Mai 1890 rief die Arbeiterunion erstmals zu einer Maifeier auf, an der Hermann Gräulich eine aufrüttelnde Rede hielt. Erstmals wurde der Achtstundentag gefordert, damals eine utopische Idee. In den 90-Jahren traten dann auch erste politische Erfolge ein. 1895 gelang es in das neue geschaffene Parlament "Grosser Stadtrat" (heute Grosser Gemeinderat) 15 Sozialdemokraten (von total 40 Sitzen) anzuordnen. Sekundarlehrer Heinrich Ernst zog als erster Sozialdemokrat in den engeren Stadtrat ein. Die Arbeiterschaft hatte an Gewicht und Bedeutung gewonnen. Am 1. Juli 1900 nach längerer Vorbereitungszeit nahm der erste vollamtliche Arbeitersekretär in der Person des früheren Pfarrers Paul Brandt seine Tätigkeit auf. Damit war die Schlagkraft der Arbeiterunion entscheidend verbessert. Unter seinen Nachfolgern befanden sich mehrere politisch und gewerkschaftlich bedeutete Köpfe, die auch in den städtischen und kantonalen Behörden aktiv mitwirkten.
Durch die politische Entwicklung lebten sich die Arbeiterunion und der "Landbote" auseinander. Das führte dazu das ab dem 1. Oktober 1903 eine Zeitung unter dem Namen "Winterthurer Arbeiterzeitung" erschien. Ab Mitte 1904 erschien es täglich und führte eine spitze Feder sowohl gegen den Landboten wie auch gegen das von Sulzer-Hirzel gegründete und finanzierte "Neue Winterthurer Tagblatt", das freisinnig geprägt war. Mit dem Arbeitersekretariat und der eigenen Zeitung war nun die Basis geschaffen, von der aus die Arbeiterschaft, die Arbeiterunion zu einer grossen Mitgliedschaft und damit zu Einfluss und ansehen kam. Im Herbst 1901 vereinigten sich auf der schweizerischen Ebene der Grütliverein und die Sozialdemokratische Partei. In Winterthur war dieser Zusammenschluss bereits 1896 vollzogen worden. Der erste Parteitag der neuorganisierten Schweizerischen Sozialdemokratischen Partei fand in Winterthur statt. Für die Arbeiterunion war die Wahl zum Tagungsort eine Anerkennung ihrer Tätigkeit.
Die Vor- und Kriegjahre des ersten Weltkrieges waren im Besondern für die Arbeiterschaft eine arge Zeit. Entlassungen wurden ausgesprochen und Löhne gesenkt. Die Gewerkschaften wurden in die Defensive gedrängt. Ein Begehren um Notstandarbeiten hatte Erfolg. 1913 wurde unter anderem auf diese Weise die Friedhofanlage Rosenberg gebaut. Die Wehrmänner im Grenzdienst hatten weder Lohn noch Lohnersatz. Die Einkommen wurden immer kleiner und die Teuerung stiegt unaufhaltsam. Forderungen diesem Geschehen zu begegnen fanden bei den Behörden kein Echo. Die Verbitterung stieg. Zählte die Union 1915 noch 1900 Gewerkschaftsmitglieder waren es 1919 über 8000. Der Proteststreik vom 9. November und der Generalstreik vom 11. bis 13. November 1918 drückte die bittere Notlage des kleinen Volkes aus und stärke die Überzeugung, dass es von den herrschenden Schichten im Stich gelassen worden ist. Die Arbeitsruhe war in Winterthur vollständig. Der Bahnhof lag still und verlassen da als sichtbarstes und eindrückliches Zeichen dieser Auseinandersetzung. Der Abbruchentscheid stiess bei den in Winterthur Streikenden auf keinen guten Boden und löste noch grösseren Unwillen auf. Zudem auch in Winterthur, gegen den Willen des Stadtrates, Militär aufmarschiert war. Reformen waren nicht mehr aufzuhalten. Der fabrikgesetzliche Achtstundentag wurde eingeführt und der Nationalratsproporz auf den Herbst 1919 eingeführt. Die schwierigen Nachkriegjahre und die Wirtschaftskrise der 30-Jahre verlängerten die schwierigen Zeiten der Arbeiterfamilien, obwohl hie und da ein gewerkschatlicher oder politischer Erfolg erzielt werden konnte.
Auch bei der Bekämpfung der braunen Gefahr aus dem Norden standen in erster Linie die Arbeiterorganisationen zu vorderst. Die Arbeiterunion wurde zum Zentrum der sozialdemokratischen-gewerkschaftlichen Abwehr gegen zahlenmässig kleinen, aber sehr aktiven Zellen rechtsradikalen Fröntlerschaft. Ihre Redner vertraten an Dutzenden von "Fronten-Versammlungen" des Standpunkt des Schweizer Arbeiters. Natürlich liess man sie nicht alleine an solche Versammlungen ziehen, weil die Fröntler aggressiv und oft mit Stahlruten bewaffnet waren. Dafür lagen auf dem Unionssekretariat immer eine grössere Zahl adressierte Kuverts bereit mit vorgedruckten Einladungen, auf denen nur noch Ort und Zeit der Frontenversammlung eingefügt werden musste. So kam es dann auch zu dem berühmten Fröntlerkrawall in Töss. Dies war eine spontane Abwehrreaktion der ganzen Bevölkerung auf eine zum Voraus geplante Fröntlerprovokation im damals "roten" Töss.
Ab 1937 wurden die Strukturen der Arbeiterorganisationen auf Druck von oben auch in Winterthur umgebaut. Die Gewerkschaften wurden lokal in Gewerkschaftskartelle zusammengefasst und die Verbindungen zur Partei gelöst. Der Unionsgedanke war in Winterthur aber derart verwurzelt und die Zusammenarbeit in der Dachorganisation so bewährt, dass man die Arbeiterunion nicht untergehen liess. Das Gewerkschaftskartell Winterthur und die Sozialdemokratische Bezirkspartei Winterthur schlossen sich wieder, aber als autonome Partner, zu einer neuen Arbeiterunion zusammen. Der Pflichtenkreis wurde natürlich enger. Dazu gehörten die alljährliche Organisation der 1. Maifeier, die Wahlen der Genossenschaftsbehörden und die Betreuung der noch bestehenden Hilfswerke. Das Sekretariat gingen an das Gewerkschaftskartell über, wobei der eine Sekretär nebenamtlich auch die Geschäfte der Partei besorgte. Neu eingeführt wurde der Bildungsausschuss, der alljährlich ein kulturell wertvolles Bildungsprogramm durchführte. Später wurde auch eine Rechtsauskunft angegliedert.
Im Rückblick auf die über 135 jährige Geschichte der Arbeiterunion, die in diesen Jahren eine unerhörte Entwicklung auf allen Gebieten menschlicher Aktivität fällt, darf festgehalten werden, dass sie auf lokalem Gebiet bei der Ausgestaltung des Arbeiterlebens massgeblich mitgewirkt hat. Noch immer sind Unterschiede zwischen Kapital und Arbeit vorhanden. Die Auseinandersetzungen darüber werden aber auf einem menschlicheren Boden ausgetragen. Und noch immer gibt es Arbeitnehmer die über 20 Millionen Schweizer Franken im Jahr verdienen und solche die mit 36000 auskommen müssen.
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