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Mit mehr als 18% des gesamten CO2-Ausstosses liefert die moderne Viehzucht einen der grössten Beiträge zum Treibhauseffekt. Das ist mehr als der gesamte Transportsektor und sollte daher zu bedeutenden Änderungen in unserem Konsumverhalten führen. Die Grundlage für eine veränderte Ernährungsstrategie ist die Kenntnis über den Einfluss des Produktionsprozesses auf verschiedene Lebensbereiche.
Fleischkonsum und Landbedarf
Unsere Ururgrosseltern hatten vermutlich noch einen eigenen Bauernhof, hielten dort ein paar Hühner, eine Kuh und ein Schwein und liessen diese auf den nahegelegenen Wiesen weiden. Dieses romantische Bild der Landwirtschaft steht in extremem Kontrast zu den Bildern, die wir von der modernen Massentierhaltung vor Augen haben. Waren die damaligen Betriebe noch sehr stark lokal beschränkt, so ist die heutige Viehzucht ein globaler Markt, auf dem die verschiedenen Produktionsschritte an den verschiedensten Orten der Welt stattfinden. In den letzten Jahren sind die eigentlichen Viehzuchtbetriebe nahezu landunabhängig geworden, da der Futteranbau separat stattfindet. Eine Kuh in einem argentinischen Betrieb frisst möglicherweise Soja aus Indien und ihr Fleisch landet auf einem Schweizer Grill. Diese Entwicklung war geradezu unausweichlich angesichts der Vervierfachung des weltweiten Fleischverbrauchs innerhalb der letzten 40 Jahre, der durch die eher ineffiziente traditionelle Viehzucht nicht mehr zu decken ist. Landwirtschaftsbetriebe wurden und werden aus dichtbesiedelten Gebieten verbannt um neuen urbanen Lebensraum zu schaffen, wo immer dies aus finanziellen Gründen möglich ist. Gerade in Europa wäre der Landbedarf zur Erzeugung von Futtermitteln für die Viehzucht kaum zu decken. Bei gleichbleibendem Konsum ist der Sojaanbau im Amazonasgebiet daher eine nahezu unausweichliche Konsequenz und wird von Seiten der Industriestaaten umfangreich subventioniert.
Ein Grossteil der gesamten weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche wird für Tierhaltung genutzt, wobei damit hauptsächlich die Futterversorgung gewährleistet wird. Jedes Kilogramm Rindfleisch zieht eine Fläche von 300 m2 für den Futteranbau nach sich. In der Schweiz werden beispielsweise 66% des angebauten Getreides als Futtermittel eingesetzt, stehen daher also nicht direkt zur Ernährung des Menschen zur Verfügung. Stetig wachsende Produktionszahlen führten in den letzten Jahrzehnten auf globalem Niveau zu starker Desertifikation und Bodenerosion als Folge von Überweidung und Rodung. Diese Eingriffe sind direkt Verursacher von Treibhausgasemissionen und somit des Klimawandels.
Fleischkonsum und Wasser
Zur Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch werden mindestens 13 000 l Wasser eingesetzt (zum Vergleich: 1kg Kartoffeln benötigt 400 l). Diese Menge entspricht dem Inhalt von 6 durchschnittlichen Badewannen. Nur ein Bruchteil dieses Volumens wird in der eigentlichen Viehhaltung aufgewendet, der überwiegende Teil wird für die Futterproduktion verbraucht. Das entspricht ca. 7% des gesamten weltweiten Wasserverbrauchs.
Der internationale Handel mit Fleisch ist also vielmehr als blosser Nahrungsmittelaustausch – immense Wassermengen werden virtuell über den Globus umverteilt. Die Herausforderung, vor der wir in Zukunft stehen werden, ist es, das Potential wasserreicher Regionen zu nutzen um die Knappheit in anderen Gebieten abzufangen. Gegenwärtig ist der Trend allerdings ein anderer – reiche Industrienationen minimieren ihre landwirtschaftlichen Nutzflächen immer weiter und importieren die entsprechenden Produkte aus Entwicklungsländern, deren Wasserressourcen deutlich knapper sind.
Die Verarmung von unbelasteten Wasservorkommen wird durch die Einwirkung von Düngemitteln und die starke Nitratbelastung durch Jaucheausbringung beschleunigt. Selbst in der Schweiz müssen einige Seen künstlich beatmet werden und das Grundwasser erreicht den Trinkwasserstandard nicht mehr überall.
Fleischkonsum und Gesundheit
In der durch Viehzucht belasteten Umwelt können wir auch unsere Gesundheit immer weniger sicherstellen. Verknüpft mit der Massentierhaltung ist beispielsweise eine erhöhte Seuchengefahr. Dies wurde in den letzten Jahren vermehrt offenbar mit dem Auftreten von Vogelgrippe, Schweinegrippe & Co.
Der Einsatz von mastfördernden Medikamenten ist in der modernen Viehzucht Standard. Für den Menschen kann die Aufnahme von Antibiotika und Hormonen über Fleischprodukte aber direkt Krankheiten verursachen, bzw. Resistenzen gegen Medikamente hervorrufen. Seit 1989 wird vor der Welthandelsorganisation ein Disput über die Einfuhr von hormonbehandeltem Fleisch aus den USA und Kanada nach Europa geführt. Auslöser war ein Einfuhrstopp für Rindfleisch, dessen Werte hormoneller Rückstände weit über den europäischen Richtlinien lagen. Nach Überprüfungen seitens der WTO wurden Sanktionen gegen die EU verhängt, die teilweise bis heute gelten. Unstimmigkeiten wie diese zeigen, dass der enorme Einfluss des Viehzuchtsektors auf die globale Wirtschaft inzwischen so gross ist, dass es kaum mehr erlaubt auf Qualität statt Quantität zu achten.
Fleischkonsum und Ethik
Durch die ökologischen und ökonomischen Entwicklungen, die mit der modernen Viehzucht einhergehen, ergeben sich auch für die Ethik interessante Fragestellungen. „Nenne mir ein stichhaltiges Argument, dass es moralisch vertretbar macht, Tiere zu essen“, wurde Peter Singer 1970 von einem seiner Studienkollegen während des Mittagessens aufgefordert. Heute sind beide Vegetarier, Professoren für Philosophie und Singer ist einer der Vorstreiter im Bereich der Tierethik. Er bewertet die Problematik nach den Prinzipien des Utilitarismus, wägt also das Wohl der beiden Seiten gegeneinander auf. Zugrunde liegt die These, dass alle Lebewesen, die Leid empfinden können, gleich behandelt werden müssen. Das Glück, welches wir Menschen beim Fleischgenuss empfinden, kann somit nur schwer das Leid oder den Tod eines Tieres rechtfertigen. Vertritt man diese Sichtweise, so verbietet sich die heute grösstenteils praktizierte Massentierhaltung von selbst.
Fleisch und Nicht-Fleisch
Ist der Mensch nun ein Allesfresser und benötigt damit Fleisch als Nahrungsmittel oder nicht? Diese Diskussion wird sich wohl so lange aufrechterhalten wie die Menschheit Fleisch konsumiert. Fest steht aber, dass sich unsere frühesten Vorfahren von Sammlern zu Jägern & Sammlern entwickelt haben. Einige Wissenschaftler machen die Erweiterung des Speiseplans auf Fleischprodukte sogar für die Entstehung der menschlichen Intelligenz verantwortlich.
Wenn man nun von der Möglichkeit der Rückbildung unserer Gehirnkapazität absieht, so ist der Verzicht auf Fleisch aus ernährungswissenschaftlicher Sicht aber unbedenklich. Die umfassende Versorgung des menschlichen Körpers lässt sich mit vegetarischer Kost ebenso erreichen. Viele Inhaltsstoffe muss sich ein Vegetarier allerdings aus verschiedenen Nahrungsmitteln holen. Ein Stück Fleisch dagegen enthält sowohl Aminosäuren, Vitamine und Mineralstoffe und stellt daher viele wichtige Nahrungsbestandteile in konzentrierter Form zur Verfügung. Trotzdem gilt aber auch hier, wie überall: Mass halten! Denn die Dosis macht das Gift.
Fleischkonsum und Zukunft
Obwohl die Auswirkungen der heutigen Fleischindustrie auf verschiedenste Lebensbereiche unumstritten gross sind, werden von Seiten der Politik nahezu keine Restriktionen veranlasst. Im Gegenteil werden die wahren Kosten für Fleisch durch hohe Subventionen vertuscht. Die Steuerzahler übernehmen diesen Anteil unfreiwillig, werden aber durch die vermeintlich niedrigen Preise im Laden nicht zu einem veränderten Fleischkonsum angehalten. Es liegt sicher zu einem grossem Teil an der Politik, das Bewusstsein für die Problematik in der Gesellschaft auszuweiten, aber auch unsere Stimme als Verbraucher ist gefragt.
„Am Donnerstag gibt’s von nun an kein Fleisch mehr!“ Dieses Motto hat sich die belgische Stadt Gent auf ihre Fahnen geschrieben und wird ihren Angestellten nunmehr einmal wöchentlich vegetarische Kost servieren. Vielleicht kann die selbsternannte Vegetarierhauptstadt Europas damit als Vorbild dienen und jeden Einzelnen zu einem überlegteren Fleischkonsum anregen.
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