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Chancengleichheit in der Gesundheitsförderung und Prävention mit Health at Every Size (HAES®)
Deutschsprachige Ressourcen zu HAES sind leider nach wie vor eine Mangelware. Im Rahmen meiner Abschlussarbeit für den CAS Gsundheitsförderung und Prävention habe ich eine Zusammenfassung der Health at Every Size Prinzipien und der wichtigsten Informationen verfasst. Die gesammte Arbeit und die Quellen stelle ich im Dokument zur Verfügung.
Quellen-Angabe: Bitte geben Sie meinen Namen und den Titel meiner Arbeit an wenn Sie Ausschnitte davon verwenden.
Health at Every Size® (HAES®)
Das HAES-Modell basiert auf einem holistischen Verständnis von Gesundheit und verfolgt Prinzipien sozialer Gerechtigkeit. Es bietet eine Grundlage sowohl für die individuelle als auch die politische Entscheidungsfindung. Der HAES-Ansatz wurde von der Association for Size Diversity and Health (ASDAH) in den USA erarbeitet und ist das Ergebnis von Diskussionen zwischen Gesundheitsfachpersonen, Konsumenten und Konsumentinnen sowie Aktivistinnen und Aktivisten. HAES wurde durch die ASDAH mit einem Trademark geschützt, um einen Missbrauchs des Begriffs zu verhindern (ASDAH, 2020). Wortwörtlich übersetzt bedeutet HAES „Gesundheit bei jedem Gewicht“ (Schaffer & Buchinger, 2019).
Der HAES-Ansatz ist ein gewichtsinklusiver Ansatz, welcher, im Gegensatz zum gewichtsnormativen Ansatz, nicht darauf abzielt, das Gewicht zu reduzieren (Tylka et al., 2014). Die Verwendung des Gewichts oder des BMI als Indikatoren für Gesundheit wird abgelehnt (ASDAH, 2020).
Gesundheitsverständnis von HAES®
Die ASDAH formuliert eine ganzheitliche Definition von Gesundheit, die nicht als die blosse Abwesenheit von körperlicher oder geistiger Krankheit oder als fehlende Einschränkungen verstanden wird. Gesundheit existiert auf einem Kontinuum, das sich für jedes Individuum mit der Zeit und seinen entsprechenden Umständen verändert. Gesundheit sollte gemäss HAES als eine Ressource oder Fähigkeit verstanden werden, die allen zur Verfügung steht – unabhängig von ihrem Gesundheitszustand oder ihren Fähigkeiten, und nicht als Ergebnis oder Ziel des Lebens.
Gemäss ASDAH ist das Streben nach Gesundheit weder eine moralische noch eine individuelle Pflicht. Der Gesundheitszustand sollte niemals dazu benutzt werden, den Wert eines Menschen zu bestimmen, zu beurteilen oder gar zu unterdrücken (ASDAH, 2020).
Die fünf Health at Every Size®-Prinzipien
Die ASDAH (2020) hat fünf Prinzipien formuliert, auf denen der HAES-Ansatz beruht. Sie wurden für die vorliegende Arbeit sinngemäss auf Deutsch übersetzt und werden im Folgenden kurz erläutert.
Gewichtsinklusivität
Gewichtsinklusivität meint die uneingeschränkte Akzeptanz und Respekt für die vorhandene Vielfalt von Körperformen und des Körpergewichts. Die Idealisierung oder Pathologisierung von bestimmten Körpergewichten wird abgelehnt.
Gesundheitsfördernde nachhaltige Verhaltensweisen und Verhältnisse
Gesundheitsfördernde nachhaltige Verhaltensweisen und Verhältnisse sollen erreicht werden durch eine Gesundheitspolitik, die allen den Zugang zu Informationen und Dienstleistungen ermöglicht und diesen stetig verbessert. Dies wird unterstützt durch die Förderung von Verhaltensweisen, die das Wohlbefinden verbessern und individuelle körperliche, wirtschaftliche, soziale, spirituelle, emotionale und andere Bedürfnisse berücksichtigen.
Essen für das Wohlbefinden
Das Prinzip Essen für das Wohlbefinden beschreibt ein abwechslungsreiches, flexibles Essverhalten, das Hunger, Sättigung, Genuss und Zufriedenheit berücksichtigt. Dabei werden Ernährungsbedürfnisse wie Allergien und Unverträglichkeiten beachtet. Auf von aussen regulierte Essenspläne, welche sich auf die Gewichtskontrolle konzentrieren, wird verzichtet.
Respektvolle medizinische Versorgung
Ein sehr wichtiges Prinzip von HAES fordert und fördert respektvolle medizinische Versorgung frei von Diskriminierung, Stigmatisierung und Vorurteilen.
Durch das Erkennen der eigenen Vorurteile und durch die aktive Arbeit an der Reduktion von Gewichtsstigmatisierung soll hier eine Veränderung erreicht werden. Informationen und Dienstleistungen werden aus dem Verständnis heraus bereitgestellt, dass sozioökonomischer Status, Herkunft, Ethnie, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Alter und andere Identitäten einen Einfluss auf die Gewichtsstigmatisierung haben.
Bewegung, die Lebensqualität fördert
Menschen werden bei der Ausübung von körperlichen Aktivitäten, die ihnen Freude bereiten und zu denen sie Zugang haben, unterstützt.
HAES® Interventionen
HAES kann als Ansatz verstanden werden, welcher verschiedene Interventionen und Konzepte beinhaltet. Der HAES-Ansatz kann sowohl für die individuelle Gesundheit als auch in Gesundheitsförderungsmassnahmen auf der Ebene des Einzelnen, einer Gruppe, Organisation oder der Gesamtbevölkerung angewandt werden.
Auf der individuellen Ebene umfasst der HAES-Ansatz ein Gesundheitsverhalten mit intuitivem Essen, freudvolle, Lebensqualität-fördernde Bewegung, die Reduktion verinnerlichter Gewichtsstigmatisierung, ein positives Körperbild und Aufbau von Resilienz gegenüber externer gewichtsbezogener Unterdrückung. Der HAES-Ansatz geht über die individuelle verhaltensorientierte Ebene hinaus und adressiert die sozialen, ökonomischen, politischen und umweltbedingten Determinanten von Gesundheit und Wohlbefinden im Zusammenhang mit Essen, körperlicher Aktivität,
Körperpositivität und Gewichtsstigmatisierung (O’Hara et al., 2021).
O’Hara et al. (2021) unterscheidet zwischen HAES-informierten Interventionen, welche die
Gesundheit und das Wohlbefinden von Individuen fördern und HAES-basierten Interventionen, welche umfassende Aktionen auf der sozialen Ebene sowie der Umweltebene beinhalten.
Wirksamkeit von HAES® Interventionen
Es ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, den kompletten aktuellen Forschungsstand aufzuführen. Einige wichtige Ergebnisse werden im Folgenden jedoch kurz skizziert.
6In den vergangenen 15 Jahren haben mehrere Studien die Auswirkungen von HAES-informierten Programmen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Personen untersucht. Zwei systematische Reviews (Bacon & Aphramor, 2011; Clifford et al., 2015) und eine anschliessende randomisiert-kontrollierte Studie (Mensinger et al., 2016) zeigten, dass der HAES-informierte Ansatz effektiver war bei der Verbesserung verschiedene Aspekte physiologischer, psychologischer und verhaltensbezogener Faktoren, als der übliche gewichtszentrierte Ansatz der Gewichtsreduktion. Diese Evidenz legt nahe, dass der HAES-informierte Ansatz in der Verbesserung einer breiten Palette von individuellen Gesundheitsparametern den getesteten Alternativen überlegen ist (O’Hara et al.,
2021).
Eine geringere Anzahl von Studien hat sich mit Interventionen auf Verhältnisebene befasst, unter anderem mit der Entwicklung von Massnahmen und Prüfung der Auswirkungen von Schul- und Universitätslehrplänen. Diese Studien zeigten, dass HAES-informierte Lehrplaninitiativen zu einem verbesserten Körperbild, Selbstwertgefühl und Einstellung zum Essen bei Kindern führten. Ebenso zu intuitivem Essen, Körperzufriedenheit und einer Reduktion der Anti-Fett-Einstellungen sowie Diätverhalten bei Universitätsstudentinnen. Die Lehrplaninitiativen führten zudem zu HAES-bezogenem Wissen, Einstellungen, Überzeugungen und Fähigkeiten bei Lehrpersonen. (O’Hara et al., 2021).
In einigen Studien wurde auch die Wirksamkeit von Interventionen zur Reduktion von Gewichtsstigmatisierung erforscht. Eine interaktive audiovisuelle PowerPoint-Präsentation von 60 Minuten zur Reduktion der Gewichtsstigmatisierung bewirkte, dass explizite stigmatisierende Einstellungen signifikant abnahmen und das diesbezügliche Wissen signifikant anstieg. Ebenso reduzierte sich die Überzeugung, dass das Körpergewicht kontrollierbar sei. Die Intervention beinhaltete Selbstreflektion, die Vermittlung von Wissen über die Bedeutung der genetischen Faktoren in Wechselwirkung mit Umweltfaktoren, Sensibilisierung bezüglich Gewichtsstigmatisierung und thematisierte den gesellschaftlichen Druck, schlank zu sein (Hilbert, 2016).
Es gibt verschiedene Konzepte, welche einen Teil von HAES abdecken und als HAES-informiert bezeichnet werden können. Ein in den USA und zunehmend weltweit sehr bekanntes Konzept ist das Intuitive Essen „Intuitive Eating – A Revolutionary Anti-Diet Approach“ von Tribole und Resch, welches 2020 bereits in der vierten Ausgabe erschien.2
Häufig wird das HAES Prinzip „Essen für das Wohlbefinden“ mit dem Konzept „Intuitives Essen“ gleichgesetzt. Das Intuitive Essen basiert auf 10 Schritten, die sich mit den HAES-Prinzipien „Essen für das Wohlbefinden“, „Bewegung, die Lebensqualität fördert“ und „Gewichtsinklusivität“ decken. Letzteres wird beim Intuitiven Essen durch den Grundsatz „Respect your body“ repräsentiert. Intuitives Essen wurde über die Jahre immer mehr HAES-informiert. Dieses mit HAES synonym zu verwenden ist hingegen nicht korrekt.
Ein systematisches Review zeigte, dass Intuitives Essen mit weniger Essstörungen, einem positiveren Körperbild, einer besseren emotionalen Funktionsfähigkeit und einer Reihe anderer psychosozialer Faktoren assoziiert ist, die jedoch weniger umfangreich untersucht wurden (Bruce & Ricciardelli, 2016).
In der Realität lassen sich HAES-informierte Interventionen, welche die Gesundheit und das Wohlbefinden von Individuen fördern, einfacher in die Praxis umsetzen und erforschen, als HAES-basierte Interventionen, welche umfassende Massnahmen auf sozio-ökologischer Ebene beinhalten. Es wird angenommen, dass die Verbesserung der Körperpositivität und die Reduktion verinnerlichter Gewichtsstigmatisierung eines Individuums dazu beitragen kann, dass sich diese durch die internen Ressourcen für strukturelle Veränderungen einzusetzen. (O’Hara et al., 2021).
HAES behauptet nicht, dass alle Menschen über das gesamte Gewichtsspektrum automatisch gesund sind, sondern dass alle Menschen es verdienen, mit Wertschätzung und Respekt behandelt zu werden und unabhängig von ihrem Körpergewicht einen fairen Zugang zu Möglichkeiten und Umweltbedingungen erhalten sollen, die ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden fördern. Dieser Ansatz der Gewichtsgerechtigkeit steht im Einklang mit dem Recht auf Gesundheit, wie es in der Erklärung der Menschenrechte steht (ebd.).