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22. 05. 2015 Valeria Verdolini
Eine Gemeinschaft, die ein schöneres Europa denken lässt
Valeria Verdolini von der Crew des Dokumentarfilms «Auf der Seite der Braut» über ihren Besuch an der ASZ
Foto: Lorenz Troll
Valeria Verdolini hat diesen Text nach ihrem Besuch in der ASZ anlässlich der Präsentation des Dokumentarfilm «Auf der Seite der Braut» auf ihrem Facebook-Profil veröffentlicht. Im Film geht es um eine Gruppe von syrischen und palästinensischen Flüchtlingen, die sich von Italien nach Schweden durchschlagen wollen. Dazu inszenieren sie zusammen mit Freunden aus Italien eine Hochzeitsgesellschaft und reisen so durch Europa. (Red.)
Kürzlich war ich in Zürich für die Präsentation des Films Io sto con la sposa. Die Veranstaltung war organisiert von der Autonomen Schule Zürich, einer informellen Schule, die von einer Gruppe von Aktivist_innen mit und ohne Papiere gegründet wurde, um Migrant_innen und Asylsuchenden der Stadt Zürich Raum, Deutschkurse und Unterstützung zu geben. Circa 500 Kursteilnehmende pro Woche kommen zur Schule, es gibt Kurse, aber auch eine Küche, eine Zeitung, einen Internetraum, ein Kino.
Die ASZ ist ein wichtiges Projekt, weil man in diesen Korridoren, in diesen Zimmern eine Gemeinschaft findet, die an ein mögliches Europa, an ein schöneres Europa denken lässt. Wir haben über alles gesprochen, in allen Sprachen, von meinem hingeworfenen Deutsch bis zum Französisch von Bah, der aus Guinea im Land der Uhren gelandet ist, vom Italienischen mit zwei Biologinnen auf der Flucht bis zu Englisch und Spanisch.
Während wir einige Worte auf Spanisch wechselten, kam ein Junge aus Ecuador zu uns, in Overall und mit sympathischer Miene. Er fragte mich viele Dinge. Zum Beispiel: Wie wir nur so viele Sprachen sprechen können, was für eine Arbeit wir machen, damit wir reisen können, oder ob es einen Ort gibt, der einem Zuhause ähnelt.
Ich antwortete: «Ja, in Mailand gibt es ein Haus, und die Forschung an der Universität erlaubt es zu reisen und Sprachen zu lernen.» Wir stellten uns vor: «Valeria, sehr erfreut.» – « Estalin, sehr erfreut.» Ich schaute ihn bestürzt an: «Stalin?» Auch zwei türkische Frauen und Lukas, ein Lehrer aus der Schweiz, grinsten. Er schaute uns überrascht an und lächelte: «Warum? Was ist los? Gefällt euch Rambo nicht?»
Ein falscher Stalin
Ich sagte ihm, dass ich nicht an Rambo gedacht hätte, sondern an Russland. Er begann zu lachen und entgegnete: «Russland? No Rusia! Meinem Vater gefiel Rambo sehr, deshalb wollte er sich an Stallone orientieren, aber da ich ein Neugeborener war, nannte er mich mit der Verkleinerungsform von «Estallone» «Estalin». Wir lachten alle, weil der Witz in allen Breitengraden zu verstehen ist, ebenso wie die Fantasie seiner Eltern in Quito.
Ein Aktivist der ASZ hat mich in seinem Haus beherbergt, wo ich zwei Frauen aus der Türkei kennen gelernt habe. Eine, die Frau des Schweizers, ist aus politischen Gründen aus der Türkei geflüchtet und arbeitet jetzt auf dem informellen Arbeitsmarkt als Kinderbetreuerin. Die andere, eine Freundin von ihr, ist eine Bankangestellte aus Istanbul und ist nach den Gezi-Park-Repressionen geflüchtet. Sie will sich hier ein Leben aufbauen, vielleicht als Bankangestellte oder vielleicht als etwas anderes. An diesem Morgen frühstückten wir zusammen im kalten und kristallenen Licht der Küche mit den verschneiten Fenstern und assen Oliven, Feta und Himbeermarmelade, tranken Tee und sprachen ein Esperanto, dass sich teils aus Englisch, Deutsch und Türkisch zusammensetzte. Wir sprechen über Tspiras, Matarella, über die Schweizer Politik, über Erdogan und über das sich verändernde Europa. Und wir diskutieren, wie eine Alternative für Europa zu denken ist.
Das, was wir uns in unseren Bars erzählen, sind nicht nur lokale Probleme, sondern europäische Themen – vor allem die Migration –, über die zusammen nachgedacht werden muss.
Und in diesem Licht, in dieser kleinen Wohnung, die wegen des Thai-Restaurants im Stock darunter nach Cashewnüssen roch, mit den Biskuits, dem renovierten Dach und der tropischen Heizung, hatten die Dinge einen Sinn: seien es die vorgetäuschten Ehefrauen, die durch Europa spazieren geführt werden, oder die echten, die auf der Suche sind nach Aufenthaltspapieren und einer Zukunft, oder ihre politische Meinung und Gedanken frei äussern wollen. In diesem Licht, in der äquidistanten, kalten und neutralen Schweiz, waren wir wieder ein Wir, diese mediterrane Identität, die es erlaubt, die Distanzen zu verringern, das Meer abzukürzen, mit der Ehefrau zu sein.