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Stillsitzen gehört nicht zu Emmis Stärken. Kommt Frauchen Bianca nach einem langen Arbeitstag nach Hause, will die Hündin richtig durchstarten: rennen, springen, Gassi gehen!
Die Leine holt der kleine Wirbelwind selbst aus dem obersten Regal. Emmi verschiebt einen Plastikhocker einige Zentimeter nach rechts, klettert darauf, stellt sich auf die Hinterbeinchen und stupst mit der Pfote so lange die Leine an, bis sie runterfällt.
Dann ab damit vor Biancas Füsse. Ziemlich intelligent, oder?
IQ-Tests für Tiere?
Was versteht die Wissenschaft überhaupt unter Intelligenz bei Tieren? Wie wird sie gemessen? Und sprechen wir bei Tieren und Menschen vom Gleichen, wenn wir sie als schlau bezeichnen?
«Intelligenz ist, was ein Intelligenztest misst», lautet die Definition des US-Psychologen Edwin Boring aus dem Jahr 1923. Bei uns Menschen ist das Messen vergleichsweise simpel: In IQ-Tests berechnen wir komplexe Gleichungen, knobeln an abstrakten räumlichen Denkaufgaben herum oder müssen grammatikalische Ungereimtheiten aufspüren. Wir lesen und schreiben. Für Tiere ist das unmöglich.
Hier braucht es andere Methoden, um Intelligenz – oder «kognitive Fähigkeiten», wie es Forschende in einer unverfänglicheren Formulierung nennen – zu testen. Da sind etwa die Experimente, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachten, wie Tiere Probleme in einer sich verändernden Umwelt lösen: Durchschaut das Tier den Öffnungsmechanismus eines Futterkastens? Wie lange braucht es dafür? Verwendet es Werkzeuge?
Im einen der Überflieger, im anderen überhaupt nicht
Zum Einsatz kommen auch Tests, in denen die Forschenden das tierische Arbeitsgedächtnis prüfen: In diesem Teil des Gedächtnisses werden neue Informationen aus der Umwelt mit im Langzeitgedächtnis gespeicherten Informationen verknüpft. Das visuelle Arbeitsgedächtnis wird etwa abgefragt, indem Forschende Tieren Bilder zeigen und später überprüfen, ob diese die Aufnahmen wiedererkennen.
Die verschiedenen Experimente haben allerdings einen Haken, erklärt der emeritierte Anthropologie-Professor Carel van Schaik: «Die Ergebnisse geben oft nur spezialisierte kognitive Teilfähigkeiten wieder. Das heisst: Im Experiment, das die sozial-kognitiven Leistungen zeigen soll, kann das Tier der absolute Überflieger sein. Im Kausalitäten-Experiment aber eine ziemliche Niete». Van Schaik beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem evolutionären Zusammenhang von Hirngrössen und Intelligenz.
Der Grips-Faktor
«Intelligent ist ein Tier aber vor allem dann, wenn die Leistungen verschiedener kognitiver Tests miteinander positiv korrelieren», so van Schaik. Das heisst: Wer in einem Experiment gut abschneidet, meistert auch die anderen. Für uns Menschen gilt das übrigens auch.
Der britische Psychologe Charles Spearman hat dieses Phänomen erstmals vor über 100 Jahren beschrieben. Er nannte es «positive manifold» oder den g-Faktor – den «Generalfaktor der Intelligenz». Wer ihn hat, hat Grips.
Genial dank «g»?
Folgende Fähigkeiten prüfen Forschende, wenn sie bei Tieren nach dem g-Faktor suchen:
- Gedächtnis und Umlernen: Kann sich das Tier merken, unter welchem Behälter das Futterstück versteckt ist? Sucht es unter einem anderen Behälter, wenn es plötzlich nicht mehr unter dem ersten liegt?
- Kausalverständnis: Versteht das Tier Zusammenhänge? Schaut es unter und nicht auf dem Tisch, wenn ein Futterstück runterfällt?
- Flexibilität: Wie löst das Tier eine ihm bekannte Aufgabe, wenn sich die Rahmenbedingungen (Lebensraum, Klima, Gruppenkonstellation) verändern?
- Selbstkontrolle: Kann das Tier seine Impulse kontrollieren? Entscheidet es sich für die Schüssel mit einem Futterstück, das gleich verfügbar ist? Oder wartet es und bekommt dann die Schüssel mit drei Stücken?
- Werkzeuggebrauch: Benutzt das Tier Hilfsmittel wie Stöcke, wenn es nicht an das Futterstück kommt?
Die Krux bei diesem Faktor: Es gibt kein Areal in unserem Kopf, in dem er sitzt. Der g-Faktor existiert nur in der Statistik. Umso reizvoller ist er für die Forschenden.
«Bei Affen, Hunden und Vögeln konnte er nachgewiesen werden. Bei Fischen bislang nicht», sagt van Schaik. Warum das so ist? «Es zeigt sich die Tendenz, dass die Grösse des Hirns mit der Anwesenheit und dem Ausmass von Intelligenz korreliert.»
Ein grosses Hirn allein reicht allerdings nicht aus, um intelligent zu werden. Genauso wichtig sind soziale Fähigkeiten. Ein Tier, das davon jede Menge hat, ist der Weissbüschelaffe. Insbesondere wenn es darum geht, sich um andere zu kümmern, lassen die kleinen wuscheligen Primaten andere Affenarten alt aussehen.
«Aussergewöhnlich nett»: Die Weissbüschelaffen
In einem idyllischen, grünen Hinterhof der Universität Zürich beobachtet das die Anthropologin Judith Burkart täglich: «Weissbüschelaffen sind besonders gut darin, voneinander zu lernen. Wenn sie eine Aufgabe lösen, dürfen andere aus der Gruppe zuschauen und ausprobieren.»
Burkart untersucht die ursprünglich in Brasilien ansässigen Affen seit Jahren. Sie beschreibt sie als «aussergewöhnlich nett».
Neugierige Flirt-Profis
Nett sind die 300 Gramm leichten Tiere wirklich – nicht nur zu Artgenossen: Schaut man ihnen in die Augen, neigen sie ihre Köpfchen und blicken neugierig zurück. «Wenn ein Mensch das bei Makaken machen würde, fühlten die sich angegriffen», sagt Judith Burkart.
Weissbüschelaffen sind also im Vergleich zu anderen Affen regelrechte Flirt-Profis. «Sie verstehen aber auch, was andere sehen und folgen ihren Blicken.»
Zu sehen gibt es bei ihnen einiges: Die Primaten leben in kleinen Familiengruppen, in denen sich alle Mitglieder an der Aufzucht der Jungen beteiligen. So wie bei uns Menschen. Und wie auch bei uns, braucht es dafür Kommunikation: Die Äffchen unterhalten sich rege miteinander.
Sie lauschen und interpretieren
Judith Burkart und ihr Team konnten in einer aktuellen Studie sogar nachweisen, dass Weissbüschelaffen die Gespräche von Artgenossen belauschen und zwischen Monologen und Dialogen unterscheiden können. Gezeigt haben das Wärmebildkameras, die emotionale Veränderungen in den Gesichtern während der Gespräche festgehalten haben.
Diese Unterhaltungen interpretieren die Äffchen, um zu entscheiden, mit wem sie sich anfreunden - wer also schlussendlich mitverantwortlich für den Nachwuchs ist.
Im Dienste der Anderen
Was die Weissbüschelaffen auszeichnet, nennt sich «prosoziales Verhalten»: Verhalten, von dem andere profitieren.
So machen die Affen jüngere Gruppenmitglieder auf Futterquellen aufmerksam oder geben ihnen etwas von ihrer Nahrung ab. «In Experimenten konnten wir ausserdem nachweisen, dass sie Artgenossen sogar dabei helfen, an Futter zu gelangen, ohne selbst etwas davon abzubekommen», erzählt die Anthropologin.
Judith Burkart würde die Weissbüschelaffen trotzdem nicht als ausserordentlich intelligent beschreiben: «Sie sind so intelligent, wie man das von einem Affen von ihrer Grösse erwarten würde.» Von der Einstein-Frisur sollte man sich also nicht täuschen lassen.
Putzerlippfische machen Geschäfte
Im Gegensatz zu den familienorientierten Äffchen steht beim Putzerlippfisch der Job definitiv über der Familie. Er hat sich ein gut laufendes Geschäft im tropischen Indopazifik aufgebaut – als Reinigungskraft.
Täglich kommen bis zu 2000 Fische an seiner Putzstation vorbei, um sich Zähne und Schleimhäute von Speiseresten und Parasiten befreien zu lassen. «Es gibt Kunden, die alle paar Minuten vorbeikommen», erklärt Verhaltensökologe und Professor für Biologie Redouan Bshary von der Universität Neuenburg.
Neben der Beziehung zu seinen Stammkunden und Anwohnern pflegt der «Service Provider», wie Bshary ihn nennt, auch die Akquise von Neukunden. «Bis zu 50 unterschiedliche Fischarten putzt er an einem Tag. Er kann sie alle auseinanderhalten.»
Der Fisch handelt emotional berechnend
Je nach Kundenart verhalte sich der Putzer anders. Fische, die zufällig vorbeischwimmen, bediene er schneller als Stammkunden – und bei Letzteren sei der Putzer nicht zimperlich: «Weil er weiss, dass sie ohnehin wiederkommen, beisst er ihnen ab und zu ein Stück Mucus ab», erzählt der Forscher. Auf diese Schleimschicht, die über den Schuppen liegt, hat es der Putzerlippfisch nämlich eigentlich abgesehen.
Der Fisch mit dem schwarzen Seitenstreifen kann auch generalisieren: Wenn er einen Anwohner mit einem Biss verärgert hat und zufälligerweise ein Raubfisch wie der Zackenbarsch vorbeikommt, schwimmt der Putzerfisch zum Raubfisch und interagiert mit ihm.
Dass der verärgerte Kunde den Putzerfisch nun noch bestrafen wird, da er unter dem Schutz eines Raubfisches steht? Unwahrscheinlich. «Der Putzerfisch schliesst daraus: Wenn das mit dem Barsch klappt, dann auch mit einer Muräne», so Bshary.
Die Sache mit dem Spiegelbild
Beurteilt die Wissenschaft das Verhalten des Putzerlippfisches als intelligent? «Er hat sicher enorm komplexe kognitive Fähigkeiten. Aber ob das schon Intelligenz ist, kann ich so nicht beantworten», sagt Bshary und lacht.
Erstaunlich sind seine Fähigkeiten aber allemal. Ganz besonders die, die ein Team der japanischen Osaka City University, des deutschen Max-Planck-Instituts und der Universität Konstanz im Jahr 2019 in einer Studie zeigen konnte: Der Putzerfisch besteht den Spiegeltest. Er erkennt sich selbst im Spiegel.
Spiegeltest
Ein Spiegel, Tiere und Markierungen: Das sind die Komponenten des Spiegeltests. Der US-Psychologe Gordon Gallup entwarf den Test in den 1970er-Jahren. Gallup ging davon aus, dass Tiere, die sich selbst erkennen, sich ihrer selbst bewusst sind. Dass Tiere denken können, war bis dahin kaum vorstellbar gewesen und sorgte in der Wissenschaft für heftige Diskussionen.
Der Ablauf des Experiments ist simpel: Ein Tier wird – meist in Narkose – mit einer Markierung versehen und vor einen Spiegel gestellt. Erkennt das Tier, dass die Markierung zu seinem Körper gehört und versucht sie zu entfernen, hat es den Test bestanden.
Bei Tieren ist diese Fähigkeit rar, die Forschenden einen Hinweis auf Intelligenz liefert: Nur Menschenaffen, Delfine und Elefanten können die farbige Markierung im Spiegel zuordnen, die Forschende ihnen unbemerkt auf die Körper malen.
Alle anderen Tiere schaffen das nicht. Sie fangen an, den fremden Typen im Spiegel zu beschnuppern, wollen mit ihm spielen oder werden aggressiv.
Erst Aggression, dann Erkenntnis
Auch die Putzer im japanischen Experiment hatten eine Aggressionsphase. Nach 5 bis 7 Tagen aber änderten sie das Verhalten. Und mehr noch: Als die Forschergruppe um Alex Jordan die Fische in einem Folgeversuch am Hals mit einer Markierung versahen, wollten sie diese abkratzen.
Für die Forschenden der Beweis: Auch der Putzerlippfisch erkennt sich selbst.
Jordan zweifelt daran, dass der Test ein «Selbst-Bewusstsein» belegt: «Dass der Fisch den Test besteht, heisst nicht zwingend, dass er ein Ich-Bewusstsein hat und über sein Leben und die eigene Sterblichkeit nachdenkt», resümiert Alex Jordan in seiner Studie.
Das Gehirn der Putzerlippfische ist sehr, sehr klein. Wie passt das mit der Korrelation zwischen Gehirngrösse und Intelligenz zusammen?
«Wir vermuten, dass das Fischhirn komplett anders organisiert ist als das Gehirn von Säugetieren. So, als würde das Verhalten der Fische nicht zentral, sondern durch verschiedene Areale gesteuert werden. Aber klar ist das nicht», so Bshary.
Emmi hat sich selbst trainiert
Was ist eigentlich mit Hündin Emmi, die selbst ihre Hundeleine holt? Wie intelligent ist sie? «Oft halten wir das für besonders intelligent, was wir auch toll oder nützlich finden», sagt die Verhaltenspsychologin Juliane Kaminski, die an der Portsmouth University in England die Intelligenz von domestizierten Tieren untersucht.
«Im Fall von Emmi vermute ich, dass sie das nicht vom ersten Tag an so gemacht hat. Wahrscheinlich war es ein über Tage, Wochen oder Monate hinweg gestalteter Lernprozess, in dem sie versucht hat, das Problem zu lösen.»
Irgendwann hat Emmi also die Verbindung zwischen «Wir verlassen das Haus», «Leine» und «Das geht mir zu lange» gemacht – und dann erkannt: Wenn ich die Leine in die Umgebung meiner Besitzerin bringe, klappt das schneller.
Emmi hat sich also selbst trainiert. Mit dem g-Faktor hat das nichts zu tun.
Intelligenz ist vielseitig
Intelligenz hat in der Tierwelt sehr viele Gesichter. Ob wir sie alle erforschen können, ist allerdings fraglich.
«Das, was wir bisher an Kognitionsleistungen messen können, scheint nur die Spitze des Eisbergs zu sein», meint Carel van Schaik. Es würden viele Dinge noch nicht gemessen, die uns diese Intelligenz besser erklären könnten.
Schlimm findet das van Schaik nicht: «An der menschlichen Intelligenz zweifelt doch auch niemand. Es geht meist darum, wie viel wir haben, ob wir damit Geld verdienen können und wie wichtig wir uns fühlen. Wir sollten aufhören, diese Bewertung bei Tieren anzuwenden. Denn das hat nichts mit Wissenschaft zu tun.»