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Mastitis
Anatomie (Aufbau) des Kuheuters
Das Euter der Milchkuh enthält vier eigenständige Komplexe (Viertel), die je aus einem Euterkörper (Milchdrüse und Euterzisterne) und einer Zitze (Zitzenzisterne und Strichkanal) bestehen. In den sogenannten Alveolen der Milchdrüse wird die Milch gebildet und gelagert. Nur ein kleiner Teil davon gelangt bereits in der Zwischenmelkphase via ein Kanalsystem in die Euter- oder Zitzenzisterne. Nach einer mechanischen Stimulation der Zitzen kommt es, vermittelt durch das Hormon Oxytocin, zum sogenannten Milcheinschuss. Durch Muskelstränge wird dabei die Milch aus den Alveolen gepresst und die Euter- und Zitzenzisternen füllen sich. Der Ausfluss der Milch erfolgt durch einen feinen Kanal (Strichkanal). Dieser ist mit einer speziellen Keratinschicht ausgestattet und die “Öffnung“ wird durch einen ringförmigen Schliessmuskel „kontrolliert“.
Ein gesundes Euter hat ein weiches und, ohne Schmerz auszulösen „knetbares“ Drüsengewebe von einer Grösse, welche dem Laktationsstadium entspricht. Die Wärme der Euterhaut entspricht derjenigen der übrigen Haut. Die ermolkene Milch ist schmackhaft, weiss und ohne Beimengungen wie Fetzen oder Blutbestandteilen. Die Zellzahl in der Milch von gesunden Eutervierteln ist < 100'000 Zellen pro ml.
Euterentzündung
Euterentzündungen (Mastitiden) sind eine Entzündung des Drüsengewebes. Sie sind das Resultat einer „unerwünschten“ fremden Einwirkung auf das Drüsengewebe. Am wichtigsten sind dabei Mikroorganismen (Bakterien, Hefen, Algen) und deren Giftstoffe. Weit weniger häufig sind offene oder stumpfe Verletzungen, mechanische Reizungen durch das Melken oder chemische Reize. Das „Euter“ reagiert darauf mit vermehrter Durchblutung und „Öffnung“ der Blut-Milchschranke. Dadurch erhöht sich die Zellzahl und die Zusammensetzung der Milch verändert sich. In schweren Fällen schwillt das Euter an, verursacht Schmerzen und das abgegebene Sekret (Fetzen, blutig, wässerig, salziger Geschmack usw.) verliert seinen typischen Milchcharakter. Es kann zu Allgemeinstörungen wie Fieber, Fressunlust oder gar Festliegen kommen.
Diagnostik
Diagnose beim Einzeltier
Die Zellzahlmessung ist die genaueste Messmethode und daher auch (Gold-) Standard für die Diagnosestellung. Die Milch aus einem gesunden Euterviertel besitzt, international anerkannt, eine Zellzahl ≤ 100'000 pro ml. Oberhalb von diesem Grenzwert spricht man von einer Euterentzündung, wobei dies noch lange nicht bedeutet, dass sie behandelt werden muss.
Euterentzündungen werden in erster Linie aufgrund ihrer klinischen Erscheinung eingeteilt. Können wir, trotz erhöhter Zellzahl mit unseren menschlichen Sinnen keinerlei Veränderungen am Euter oder an der Milch feststellen, so bezeichnet man diese als subklinische Euterentzündungen. Für deren Diagnosestellung benötigen wir Hilfsmittel. Neben der direkten Zellzahlmessung ist der Schalmtest ein geeignetes Werkzeug dafür. Dieser misst semiquantitativ (= relativ ungenau) die kernhaltigen Zellen in der Milch. Um aussagekräftige und reproduzierbare Resultate zu erhalten, sollte er korrekt, sprich nach einem gewissen Standard durchgeführt werden (siehe unten).
1. Die ersten Milchstrahlen verwerfen
2. Probeentnahme nachdem der Milcheinschuss erfolgt ist
3. gleiche Menge CMT-Lösung beifügen wie Milch im Schalenbecher ist
4. Mischen durch leichtes Schwenken
5. Abgiessen der Flüssigkeit bis auf ein Volumen von 2ml in jedem Schalenbecher
6. Ablesen des Testes innerhalb von 20 Sek. bei guten Lichtverhältnissen
7. Nur eine 2-stufige Skala verwenden
- a) Negativ = keine Schlierenbildung
- b) Positiv = Schlierenbildung
Für die Entscheidung Euterentzündung ja (Zellzahl > 100'000) oder nein genügt eine zweistufige Skala: jede Schlierenbildung bedeutet ja. Die Messung der elektrischen Leitfähigkeit wird in vielen automatisierten Melkanlagen zur (Früh-) Erkennung von Euterentzündungen eingesetzt. Sie beruht auf der Tatsache, dass sich bedingt durch die Entzündung und Oeffnung der Blut-Milch-Schranke die Ionenkonzentrationen in der Milch verändern. Da die individuellen Unterschiede gross sind und es noch weitere Ursachen für diese Veränderung gibt (Brunst, Alter, etc.), sollte der individuelle Verlauf das Entscheidungskriterium sein und Computermodelle müssen die weiteren Faktoren wegkorrigieren. Subklinische Euterentzündungen treten viel häufiger auf als klinische.
Bei einer klinischen Euterentzündung sind das Euter (Schwellung, schmerzhaft, vermehrt warm, gerötet, etc.) und/oder die Milch (Fetzen, wässerig, verfärbt, etc.) verändert. Zusätzlich kann es zu Allgemeinstörungen, wie Fieber, Fressunlust, steifer Gang, etc. kommen.
Eine bakteriologische Untersuchung einer Milchprobe von erkrankten Vierteln auf die am häufigsten vorkommenden Mastitiskeime ist in den meisten Fällen sinnvoll (Anleitung zur Milchprobeentnahme (PDF, 94KB)). Bei subklinischen Euterentzündungen dient dieses Resultat als Grundlage für den Therapieentscheid, bei klinischen für eine eventuelle Nachbehandlung.
Diagnose im Bestand
Euterentzündungen können zu einem Bestandesproblem werden. Die Berechnung der primären Kennzahlen der Eutergesundheit
- theoretische Tankzellzahl,
- Anteil Kühe mit einer Zellzahl über definiertem Schwellenwert,
- Abgänge wegen Eutergesundheit,
- Anzahl klinische Euterentzündungen
zeigen auf, ob ein Problem existiert, die sekundären helfen das Problem einzugrenzen. Aus dem Prinzip der Bestandesmedizin heraus (Prophylaxe ist wichtiger als behandeln) ist es unabdingbar speziell die Neuerkrankungsraten tief zu halten oder zu senken.
Für die Beurteilung des Bestandesproblems ist es bedeutsam zu wissen, welche Keime im Betrieb eine wichtige Rolle für das Mastitisgeschehen spielen. Dazu werden alle Resultate von bakteriologischen Milchuntersuchungen der letzten Zeit (1 Jahr) zusammengefasst. Eventuell wird auch allen Kühen oder auch nur einer Risikogruppe eine Milchprobe entnommen und bakteriologisch untersucht. Die Definition der Risikogruppe könnte folgendermassen aussehen: alle Kühe mit erhöhter Zellzahl in der aktuellen oder in den letzten 2 Laktationen.
Die Keime werden entsprechend ihren Eigenschaften in 2 Gruppen eingeteilt. Das wichtigste Kriterium ist dabei ihr Reservoir.
- Kuhassoziierte Keime haben ihr Reservoir hauptsächlich im Euter der Kuh.
- Umweltassoziierte Keime haben ihr Reservoir hauptsächlich in der Umwelt.
Die Keime der ersten Gruppe werden hauptsächlich von Kuh zu Kuh übertragen und dies während dem Melken. Als Vektoren dienen Melkmaschinenteile oder der Melker selber. Wichtige Vertreter dieser Gruppe sind Streptococcus agalactiae (Gelb Galt) und Staphylococcus aureus.
Die Keime der zweiten Gruppe gelangen von der Umwelt (Läger, Stroh, Kot, etc.) ins Euter. Gleichwohl ist es häufig die ungenügende Melkygiene, welche dazu führt, dass diese Keime ins Euter eindringen können. Wichtige Vertreter davon sind Streptococcus uberis und e. coli.
Risikofaktoren/Ursachen
Die Risikofaktoren für die Entstehung einer Euterentzündung lassen sich in 5 Hauptgruppen einteilen: Melktechnik, Melkarbeit, Umwelt, kuheigene Faktoren, sowie die Präsenz von stark krankmachenden kuhassoziierten Mastitiskeimen im Betrieb.
Die häufigsten und wichtigsten Abweichungen zur korrekten Melkarbeit:
- Das Entscheidungskriterium Eutergesundheit wird für die Melkreihenfolge gar nicht oder zu wenig berücksichtigt.
- Kein oder nicht korrektes Vormelken.
- Ungenügende Zitzenreinigung.
- Ungenügendes (= zu kurzes) Anrüsten.
- Blindmelken zum Start oder am Ende des maschinellen Melkens.
- Ansetzen der Melkzeuge mit zuviel Lufteinbruch.
Die häufigsten und wichtigsten Fehler bei der Melktechnik:
- Ungenügende Reinigung der Melkanlage, insbesondere von Zitzengummis.
- Zu spätes Wechseln der Zitzengummis.
- Ungenügende Kapazität der Vakuumpumpe.
- Milchleitungen mit zu kleinem Durchmesser im Verhältnis zu den benutzten Melkeinheiten.
In der Gruppe Umwelt werden sehr viele und sehr unterschiedliche Faktoren zusammengefasst. Im Zentrum steht sicherlich die Hygiene im Liegebereich der Tiere:
- Ungenügender Kuhkomfort (zu harte Liegeflächen, ungenügend Platz, schmutzige Einstreu, ungeeignete Einstreu).
- Zu hohe Besatzdichte (im Laufstall mehr als 1 Tier pro Liegeplatz und Fressplatz).
- Ungenügende Kuhläger- oder Liegeboxenpflege.
- Fehlender Warteraum vor dem Melkstand (beispielsweise Liegehalle als „Warteraum“).
- Ungenügende Reinigung der Laufflächen.
- Keine leistungsgerechte Fütterung.
- usw.
Zu den kuheigenen Faktoren gehören insbesondere anatomische Eigenheiten, aber auch diverse Krankheiten:
- Hohes Minutengemelk.
- Schlechte Euterform (Stufeneuter, Euterboden zu tief).
- Schlechte Zitzenform (zu dicke oder zu dünne Zitzen, Trichterzitzen).
- Zubildungen (Warzen) oder Wunden an den Zitzen.
- Andere Krankheiten wie Gebärmutterentzündung, Lungenentzündung, subakute Pansenazidose, Ketose usw.
Bei der Präsenz von euterkrankmachenden Keimen im Betrieb stehen die kuhassoziierten Keime im Vordergrund:
- Staphylococcus aureus
- Streptococuss agalactiae
- Mycoplasmen
Prophylaxe
Für die Prophylaxe kann man sich an den Risikofaktoren orientieren.
Korrekte Melkarbeit:
- Was eine korrekte Melkarbeit bedeutet, wurde für die Schweiz in Zusammenarbeit von verschiedenen Fachstellen definiert.
- Das Entscheidungskriterium für die Melkreihenfolge muss die Eutergesundheit sein. Zwei Kriterien sind wichtig: die Zellzahl und der Infektionsstatus.
Optimal funktionierende und saubere Melktechnik:
- Reinigung der Melkanlage nach Vorgabe des Herstellers. Alkalische und saure Reinigung im vorbestimmten Rhythmus (häufig alternierend) konsequent durchführen.
- Alljährliche Wartung der Melkanlage durch einen Spezialisten. Werden einzelne Zielwerte im Service-Protokoll nicht erreicht, so müssen Massnahmen ergriffen werden, um diese zu erfüllen.
- Die Wartungsarbeiten, welche selber durchgeführt werden, müssen nach Vorgabe des Herstellers regelmässig gemacht werden.
- Beim Melken stets die wichtige Kontrollpunkte beachten: Vakuumhöhe, Vakuumstabilität, Milchfluss in den Milchabscheider.
- Bei Abweichungen vom Sollwert geeignete Massnahmen ergreifen (Vakuumpumpe warten, weniger Melkzeuge benutzen, Servicetechniker rufen etc.)
Umwelt optimieren:
- Liegeflächen mit gutem Kuhkomfort (weiche Liegefläche, genügend Platz, geeignete Einstreu) und guter Sauberkeit zur Verfügung stellen.
- Besatzdichte der Stallgrösse anpassen.
- Gute Kuhläger- oder Liegeboxenpflege bedeutet, mehrmals täglich den Kot entfernen und eventuell neu einstreuen.
- Laufflächen mehrmals täglich reinigen.
- Warteraum vor dem Melkstand einrichten, damit die Kühe stehend auf das Melken warten müssen.
- Nach dem Melken frisches Futter vorlegen, damit die Kühe mindestens 1/2 Stunde stehen bleiben.
- leistungsgerechte Fütterung.
- usw.
Zu den kuheigenen Faktoren gehören insbesondere anatomische Eigenheiten, aber auch diverse Krankheiten:
- Kühe mit sehr hohem Minutengemelk sowie schlechter Euter- oder Zitzenform von der Zucht ausschliessen.
- Zitzenwunden adäquat behandeln, eventuell einzelne Viertel vorzeitig trockenstellen.
- Andere Krankheiten wie Gebärmutterentzündung, Lungenentzündung, subakute Pansenazidose, Ketose etc. behandeln.
Präsenz von euterkrankmachenden Keimen im Betrieb
- Strategisches und betriebsspezifisches Handeln ist gefordert, um entweder den Keim aus der Herde zu eliminieren oder die Neuinfektionsrate möglichst tief zu halten. Ein Sanierungsplan sollte in Zusammenarbeit mit ihrem Tierarzt erarbeitet werden.
- Regelmässige Milchprobeentnahmen.
- Melkreihenfolge aufgrund der Eutergesundheit.
- Behandlung oder Merzung von infizierten Tieren.
- Zwischenspülen der Melkzeuge.
- usw.
Therapie
Therapie beim Einzeltier
Die Milch von einem gesunden Euterviertel besitzt eine Zellzahl unterhalb 100'000 pro ml. Darüber spricht man bereits von einer Euterentzündung. Verschiedene Kriterien müssen aber darüber entscheiden, ob, wann und welche Behandlung sinnvoll ist.
Bei klinischen Mastitiden, insbesondere beim Vorliegen von Allgemeinstörungen, raten wir stets zu einer Behandlung. Verschiedenste Medikamente können dazu eingesetzt werden. Sie werden entweder direkt ins Euter appliziert und/oder systemisch verabreicht (in die Blutbahn, in die Muskulatur, eingeben ins Maul). Ihr Tierarzt wird Sie beraten und auch die Therapie durchführen. Vor dem Start der Behandlung ist es sinnvoll, eine Milchprobe zu entnehmen, damit man bei ungenügendem Ansprechen der Medikamente reagieren kann.
Bei subklinischen Euterentzündungen empfehlen wir dringend, zuerst eine Milchprobe untersuchen zu lassen. Dieses Resultat wird dann ein wesentliches Kriterium bei der Entscheidung sein, ob, wie und wann behandelt werden soll. Weitere Kriterien für die Therapiewürdigkeit sind das Laktationsstadium (je früher desto eher behandeln), die Dauer der Euterentzündung (je jünger desto eher behandeln), die Heilungschancen (besser während der Trockenstehzeit, besser bei frischen Entzündungen) und der Schweregrad der Entzündung (bei geringer Zellzahlerhöhung nicht behandeln).
Werden keine Keime nachgewiesen, ist eine (antibiotische) Behandlung nicht angebracht. Wärmende Eutersalben können helfen, die Reizungen zu stoppen. Wenn es trotzdem zu keiner Heilung kommt, ist es sinnvoll, die Milchprobe zu wiederholen.
Die diagnostizierten Keime werden grob in zwei Gruppen eingeteilt: stark krankmachende Keime (Bsp: Streptococcus uberis, Streptococcus dysgalactiae, etc.) und schwach krankmachende Keime (Bsp: andere Staphylococcen, Corynebacterium bovis, etc).
Bei der ersten Gruppe raten wir in der Regel zu einer schnellen Behandlung, bei der zweiten kann abgewartet werden. Entweder kommt es bei diesen Keimen zu einer spontanen Heilung oder die Behandlung wird zum Trockenstellen mit einem Euterschutz durchgeführt.
Bei einem nachgewiesenen (stark krankmachenden) Keim soll die Therapie in Bezug auf den Wirkstoff und die Behandlungsdauer angepasst werden.
Therapie bei einem Bestandesproblem
Strategisches Vorgehen ist angezeigt. Eine gründliche Abklärung der Risikofaktoren ist notwendig, um einen betriebsspezifischen Sanierungs-Plan erstellen zu können. Dieser soll alle Aspekte für gute Eutergesundheit berücksichtigen. Die adäquate Behandlung von Euterentzündungen stellt dabei nur eines von mehreren Standbeinen dar. Schafft man es nicht, durch prophylaktische Massnahmen die Neuinfektionsrate zu senken, wird man auf Bestandesebene nie zu einem befriedigendem Resultat kommen.
Je nach „Leitkeim“ (der am häufigsten gefundene Keim und bei mehr als 20% aller Proben diagnostiziert) ändert sich der Schwerpunkt der vorgeschlagenen Massnahmen. Bei Staphylococcus aureus beispielsweise steht die Verhinderung von Neuinfektionen im Vordergrund. Dies wird durch eine konsequente Melkreihenfolge erreicht, welche auf dem Infektionsstatus der Kühe beruht. Therapeutische Massnahmen können durchgeführt werden, sind jedoch wegen der mässigen Heilungsrate von geringerer Bedeutung. Kontrolle ist bei diesem Keim besonders wichtig.
Sanierungsschema für Staphylococcus aureus (Elimination aus dem Betrieb)
Administrative Einteilung der Kühe in fünf Gruppen aufgrund des Infektionsstatus. Prinzipiell entsprechen diese Gruppen auch der Melkreihenfolge. Aus praktischen Gründen werden jedoch 1 und 2A sowie 2B und 2C häufig zu einer Melkgruppe zusammengefasst.