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Mein Name ist Dolma, ich komme aus Tibet. Meine Heimat ist seit über siebzig Jahren von China besetzt. In einem kleinen Dorf in West-Tibet bin ich geboren und aufgewachsen. Ich bin die Mutter von zwei Kindern, einer Tochter und einem Sohn. Sie leben in Tibet und ich habe sie seit fast acht Jahren nicht gesehen und nichts von ihnen gehört. Ich hoffe und bete, dass sie gesund sind. Wegen einem politischen Problem und chinesischer Folter musste ich meine Heimat Tibet verlassen.
Im Jahr 2013 bin ich in die Schweiz gekommen und fand mich wieder in einer total fremden Welt. Das erste Jahr war extrem schwierig, denn ich konnte nichts verstehen, nicht was die Leute sprachen. Beim Einkauf konnte ich nicht lesen, was auf den Lebensmitteln stand, statt Mehl und Öl, bemerkte ich zuhause, dass ich Puderzucker und Essig gekauft hatte.
2014 durfte ich für 3 Lektionen pro Woche den Deutschunterricht besuchen, zuhause habe ich noch 4 bis 5 Stunden täglich gelernt. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort. Ich wusste, dass es wichtig ist, diese Sprache zu lernen.
2016 wurde mein Asylgesuch abgelehnt und ich durfte nicht mehr zur Schule gehen, auch nicht arbeiten. Ich sollte die Schweiz verlassen und nach Tibet zurückkehren. Das war für mich ein grosser Schock. Ich war sehr traurig und habe viel geweint. Leider ist es für mich unmöglich, nach Hause zu reisen, ich habe keine Ausweispapiere. Für die Reise in die Schweiz hatten mir Schlepper einen falschen Ausweis besorgt, der mir gleich nach der Ankunft wieder abgenommen wurde. Bei einer Rückreise würden mich die chinesischen Beamten sogleich ins Gefängnis bringen.
Damals war ich ganz alleine in der Schweiz, ich kannte niemanden. Durch meine frühere Deutschlehrerin lernte ich Ursula kennen. Sie fand für mich einen Freiwilligen-Einsatz in der Tagesschule der Oberstufe, dort habe ich viele nette Leute kennengelernt. Eine Kollegin hat mich weiter in Deutsch unterrichtet, schliesslich konne ich mit dem Zertifikat im Niveau B1 abschliessen.
Unterdessen habe ich eine weitere Freiwilligen-Aufgabe im Altersheim. Ich liebe diese Aufgabe mit den alten Leuten, meine Leiterin und die Teamkolleginnen sind hilfsbereit und nett.
Nach fünf Jahren habe ich ein Härtefallgesuch gestellt, welches abgelehnt wurde. Das Antwortschreiben wurde mir als eingeschriebener Brief zugestellt, den ich jedoch bei der Post ohne Ausweispapiere gar nicht abholen konnte.
Nun lebe ich illegal in der Schweiz.
Wir sind etwa 300 abgelehnte Tibeter und Tibeterinnen in der ganzen Schweiz.
Zur Zeit leben weniger als 50 tibetische Sans-Papiers im Kanton Bern.
Wir alle sind seit mehr als 7Jahren in der Schweiz.
Im Kanton Bern haben wir als abgelehnte Asylsuchende zwei Möglichkeiten: entweder finden wir eine private Unterbringung oder wir müssen in einem Rückkehrzentrum leben.
In der Covid-19 Krise ist es in diesen Zentren besonders schwierig, die nötigen Distanz- und Hygieneregeln einzuhalten.
Das Nothilfegeld von 8.- pro Tag wird gegen Unterschrift ausbezahlt, davon müssen alle Kosten ausser der Krankenkasse finanziert werden.
An privat Untergebrachte soll das Nothilfegeld nach einem Beschluss im Grossen Rat vom September 2020 zukünftig ebenfalls ausbezahlt werden. [Editorische Bemerkung: dies wird wohl erst ab 2023 der Fall sein.]
In unsere Heimat können wir nicht zurückkehren, in der Schweiz dürfen wir nicht bleiben.
Wir dürfen nicht arbeiten.
Wir dürfen keine Schule besuchen.
Wir dürfen nicht reisen.
Wir sind Menschen ohne Zukunft.
Trotzdem muss ich weiterleben, denn ich will unbedingt eines Tages meine Kinder wieder treffen.
Ich darf die Hoffnung nicht verlieren.
Hoffnung ist meine Kraft.
Herzlichen Dank, dass ich Ihnen meine Geschichte erzählen durfte
DOLMA, August 2020