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Wie klingt der Sieg?
Die 27-jährige Amerikanerin Jennifer Goebel gewann im Oktober 2009 den Milwaukee Lakefront Marathon in 3:02:50. Dies ist eine höchst respektable Zeit, aber nicht gut genug, um internationale Schlagzeilen zu machen. Trotzdem verursachte Goebel globale Aufmerksamkeit – allerdings erst mit ein paar Tagen Verspätung. Es tauchte ein Foto auf, das die ambitionierte Hobbysportlerin mit Kopfhörern im Ohr zeigte. Offenbar hatte sie während des Laufs Musik aus dem iPod gehört. Oder wie es die gestrengen Regelwächter interpretierten: sich von Musik antreiben lassen. Damit lief Goebel ins Offside. Der amerikanische Leichtathletikverband verbietet technische Hilfsmittel für Eliteläufer, die an nationalen Meisterschaften teilnehmen oder um Preisgeld laufen. Jennifer Goebel wurde wegen «Musik-Dopings» disqualifiziert und musste den Siegercheck von 500 Dollar zurückgeben. Mit ihrem Verstoss brachte Goebel Fragen aufs Tapet, die sich viele Läufer fast täglich stellen: Macht Musik schneller? Und wenn ja, welche Musik bringt die Läufer richtig in die Gänge?
1985 – noch im Walkman-Zeitalter – beschäftigte sich ein Forscherteam der Universität North Carolina mit diesem Thema und führte eine Befragung mit 16 Personen durch. Das Ergebnis war erstaunlich: Die schwächeren Läufer liessen sich auf hoher Intensitätsstufe von beschwingender Musik zu besseren Leistungen antreiben und hielten länger durch. Bei gut trainierten Athleten hatte die Musik dagegen keinen messbaren Einfluss auf die Leistung. Viele empfanden sie sogar als störend. Für Spitzenläufer hat normalerweise auch im Training die Kontrolle der Herzfrequenz und der Lauftechnik Priorität. Musikalische Ablenkung macht für die Besten nur dann Sinn, wenn es vor dem Wettkampf darum geht, die optimale Konzentration zu finden. Mehrere internationale Studien bestätigen diese Erkenntnisse und kommen zum Schluss, dass Musik vor allem bei schlecht trainierten Sportlern einen überproportional grossen Effekt besitzt. Der Grund liegt in der Psyche: Musik beflügelt und wirkt in harten Phasen motivierend. Ausserdem lenkt sie von der Körperwahrnehmung ab. So ist es möglich, dass ein schwächerer Läufer bei schneller Musik kurzfristig über seinen Verhältnissen rennt.
Der Frage nach der idealen Playlist für eine optimale Laufleistung ist man an der Brunel University in London nachgegangen. Die Studie führte zur Erkenntnis, dass Musikstücke mit einem Tempo von 120 bis 140 Schlägen pro Minute die Leistung positiv beeinflussen. Doch der Grat ist schmal. Eine zu hohe Frequenz kann auch Stresszustände auslösen. Der ideale Soundmix während eines Langstreckenlaufs bewegt sich alternierend zwischen sanft und hart. Gemäss der Brunel-Studie sind am Anfang eines Laufes weichere Klänge von Vorteil – um nicht mit einem Schnellstart die Kräfte zu verpuffen. Ist das Tempo gefunden, darf die Intensität der Musik zunehmen – gefolgt wieder von sanfteren Stücken. Mit anderen Worten: Der Klang des Sieges ist eine Mischung aus AC/DC und Francine Jordi – wer nur auf brachialen Schwermetal setzt, läuft in die Sackgasse. Aber bloss mit Schlager kommt man auch nicht ans Ziel.
Welche Musik treibt Sie an? Laufen Sie mit Kopfhörern im Ohr – oder bevorzugen Sie die Akustik der Natur?