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„Eine solche Sammlung meiner kleinen Schriften […] würde ohnedies gewiss nach meinem Tode von irgend einer Buchhandlung unternommen werden.“
Alexander von Humboldt an Johann Georg von Cottaam 30. April 1850
Alexander von Humboldts Werk entstand über sieben Jahrzehnte auf drei Kontinenten, in mehreren Sprachen, diversen Formen und zahlreichen Disziplinen. Es ist nicht nur überaus umfangreich, sondern auch extrem heterogen: thematisch, fachlich, sprachlich und generisch. Insgesamt lassen sich fünf Werkgruppen unterscheiden.
Alexander von Humboldt selbst hat nur eine Textsammlung herausgegeben, die ein Dutzend seiner Aufsätze enthält: Kleinere Schriften (1853). Damit wollte er einem nicht autorisierten Vorhaben von Julius Löwenberg zuvorkommen. Löwenbergs Plan wurde indes ebenso wenig verwirklicht wie die Fortsetzung von Humboldts eigenem: Der zweite Band der Kleineren Schriften wurde zwar angekündigt und vorbereitet, aber nicht veröffentlicht.
Die Berner Ausgabe von Alexander von Humboldts Sämtlichen Schriften ist die erste Edition dieses Corpus. Sie erschließt eine bisher unerschlossene Werkgruppe. Damit bildet sie die Grundlage für die Erforschung eines umfangreichen Teils von Humboldts Gesamtwerk. Quantitativ handelt es sichmit rund 3600 publizierten Texten um die größte Ausgabe seit Humboldts eigener 29-bändiger Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent (1805–1838).
Der folgende Editorische Bericht schildert ihre Entstehung entlang von fünf Fragen:
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1. Humboldt schrieb Tausende von Briefen, von denen mittlerweile mehr als 5.000 in rund 70 Ausgaben vorliegen. Insbesondere wurde an der Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle (1970–2014) der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) eine Reihe von Korrespondenzen ediert.
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2. Ebenfalls an der Humboldt-Forschungsstelle wurden bereits zu DDR-Zeiten die Reisetagebücher transkribiert. Die Journale von der amerikanischen Forschungsreise (1799–1804) wurden 1982 bis 2000 in vier Bänden herausgegeben. Die Aufzeichnungen vom Chimborazo (1802) erschienen 2006 in einer philologischen Edition, die Humboldts Schreibverfahren sichtbar machte, indem sie die Struktur des Materials mit eingetragenen Marginalien und eingeklebten Zusätzen berücksichtigte. Die Handschriften befinden sich seit 2013 im Besitz der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz. In einem Verbundprojekt zwischen Staatsbibliothek zu Berlin und Universität Potsdam wurden sie zusammen mit Humboldts Nachlass digitalisiert (2014–2017). Gegenwärtig werden sie an der BBAW in einem langfristigen Vorhaben (2015–2032) neu ediert.
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3. Alexander von Humboldt veröffentlichte rund 25 Bücher in 50 Bänden. Aber der amerikanische Reisbericht, die Relation historique du Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent (1814–1831), war im deutschen Sprachraum lange Zeit nur in Form von „Surrogaten und Extrakten“ verfügbar. Und bis heute ist er in deutscher Sprache nur in gekürzten Ausgaben erhältlich. Andere Buchwerke wurden seit 2004 ungekürzt und unbearbeitet herausgegeben: zunächst Kosmos und Vues des Cordillères (2004), anschließend Examen critique und Asie centrale (2009). Die Ansichten der Natur lagen bereits seit 1986 vor. Weitere Werke, insbesondere die der Jugendjahre vor der amerikanischen Reise, sind noch neu zu edieren.
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4. Die mehr als 1.500 Graphiken, die Humboldt veröffentlichte, wurden 2014 als Graphisches Gesamtwerk herausgegeben. Es folgten 2018 die Zeichnungen aus den amerikanischen Reisetagebüchern und 2019 die Zeichnungen aus dem Nachlass.
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5. Ein Desiderat blieb die Sammlung und Herausgabe der Aufsätze, Artikel und Essays, das heißt: der nicht selbständig in Buchform, sondern unselbständig in Zeitungen und Zeitschriften sowie in den Werken anderer Autoren oder Herausgeber erschienenen Schriften Alexander von Humboldts. Ihre Erschließung wurde 2009–2010 in Auswahlausgaben vorbereitet. Sie wurde von 2013 bis 2019 als sechsjähriges Projekt mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) an der Universität Bern durchgeführt. Das Ergebnis wurde 2019 in der Berner Ausgabe der Sämtlichen Schriften vorgestellt. Zwei Jahre später, 2021, folgte die digitale Ausgabe.
- 1. Konzeption: Welches Ziel hat die Ausgabe?
- 2. Corpus: Wie wurde das Textmaterial konstituiert?
- 3. Edition: Wie werden die Texte wiedergegeben?
- 4. Werkzeuge: Wie werden sie erschlossen?
- 5. Ausblick: Welche Perspektiven eröffnen sie?
Die Reichweite des Corpus entspricht Humboldts Lebzeiten (1769–1859, Publikationen 1789–1859). Berücksichtigt wurden sämtliche Erstdrucke sowie zeitgenössische Nachdrucke, Bearbeitungen und Übersetzungen von Humboldts Schriften. Die zeitliche Grenze markiert der Tod des Autors. Das heißt: Postume Wiederveröffentlichungen wurden nicht aufgenommen. Sie werden jedoch verzeichnet, um die Vollständigkeit der Bibliographie einschließlich der Nachdrucke zu gewährleisten. Postume Erstdrucke gehören dagegen weder zum Corpus noch zur Bibliographie.
Die Berner Ausgabe versteht sich als Archiv-Ausgabe. Ihr Ziel ist die vollständige, vorlagentreue Präsentation der Texte anhand der originalen Druckzeugen mit möglichst wenigen editorischen Eingriffen.
Diesem archivalischen Anspruch dokumentarischer Textwiedergabe entspricht ein editorisches Bewusstsein für die Historizität und Materialität des Corpus, seine Vielfalt, Mehrsprachigkeit und Kontextualität. Dies betrifft das Schriftbild, die Typographie und die Auszeichnungsmerkmale der Texte, die so weit wie möglich bewahrt werden. (Sie werden mit Faksimiles ausgewählter Textzeugen in den Textbänden, im Forschungsband und im Kommentarband der Druckausgabe sowie entsprechend in der Digitalausgabe veranschaulicht.)
Es handelt sich um eine Hybrid-Ausgabe, welche die edierten Texte sowohl in gedruckter, analoger als auch in elektronischer, digitaler Form zur Verfügung stellt. Die Berner Ausgabe besteht also aus einer Buchedition (in zehn Bänden) und einer Online-Ausgabe. Die Hybrid-Ausgabe wahrt den Referenzcharakter, die Nachweisbarkeit und die Dauerhaftigkeit konventioneller Buchausgaben und nutzt darüber hinaus die computerphilologischen Möglichkeiten digitaler Text-Editionen.
Es werden nur publizierte und keine handschriftlichen Vorlagen aufgenommen. Erhaltene Manuskripte werden jedoch als Textzeugnisse ausgewiesen und für die Kommentierung berücksichtigt.
Da die Berner Ausgabe keinen historisch-kritischen Anspruch hat, rekonstruiert sie nicht sämtliche Entstehungsstufen eines Textes vom Entwurf bis zum Druck. Es wird kein Fassungsvergleich mit erhaltenen Handschriften oder zwischen verschiedenen Fassungen eines publizierten Textes durchgeführt. Eine solche textgenetische Dokumentation wäre Aufgabe einer zukünftigen historisch-kritischen Ausgabe. Mithilfe der Volltexte der Online-Ausgabe sind solche Text-Vergleiche jedoch bereits individuell realisierbar.
Gesammelt wurden Alexander von Humboldts unselbständige Veröffentlichungen. Das heißt: seine Schriften, die nicht selbständig in Buchform erschienen, sondern als Aufsätze in Zeitschriften, Artikel in Zeitungen und Beiträge zu den Büchern anderer Autoren oder Herausgeber. Es handelt sich um Texte aus sieben Jahrzehnten (1789–1859), die bislang nicht annähernd vollständig erfasst waren.
Wie ist eine Werkgruppe zu edieren, die großenteils unbekannt war? Die vielleicht größte Herausforderung, vor der die Edition stand, ist die Konstitution ihres Corpus, also zuallererst die Recherche, Besorgung und Dokumentation der zu edierenden Texte. Als Pionierausgabe, die Humboldts Aufsätze, Artikel und Essays zum ersten Mal zugänglich macht, kann die Berner Ausgabe auf keiner Vorgänger-Edition aufbauen. Dieses Fehlen ist erklärungsbedürftig. Denn dass große Teile des Humboldtschen Œuvre nicht bekannt oder kaum zugänglich, dass sogar bibliographische Verzeichnisse bisher nur sehr unvollständig waren, erscheint angesichts der internationalen Prominenz des Autors verwunderlich – zumal die Werkgruppe der Sämtlichen Schriften mit Tausenden Drucken in mehr als 1240 Periodika auf allen Kontinenten sehr umfangreich und mit Übersetzungen in über ein Dutzend Sprachen international sehr präsent, also eigentlich unübersehbar ist.
Die merkwürdige Lücke in der Erschließung von Humboldts Werk ist historisch und ideologisch, kulturell, wissenschaftsgeschichtlich und werkintern zu erklären. Alexander von Humboldt wurde im deutschen Kaiserreich, im Nationalsozialismus und in der DDR politisch instrumentalisiert. Seine Indienstnahme setzte voraus, dass seine Texte nicht vollends verfügbar waren, weil sie verordnete Lesarten hätten konterkarieren können. Als mehrsprachiger, internationaler Schriftsteller schien Humboldt weder in die Zuständigkeit der Germanistik noch der Romanistik zu fallen. Für den fächerübergreifenden Forscher fühlte sich keine Disziplin verantwortlich. Und womöglich haben gerade der Umfang und die Diversität seines Werkes dessen Erforschung erschwert und verhindert, zumal im Fall der publizistisch besonders vielfältigen, lokal verstreuten und thematisch diversen Schriften. Alexander von Humboldt ist wahrscheinlich der deutsche Autor, dessen Prominenz lange Zeit im größten Missverhältnis zur Präsenz seiner Werke stand.
Die Recherchen der Texte begannen mit der Auswertung vorliegender Werkverzeichnisse. Humboldts unselbständige Veröffentlichungen wurden bislang in fünf Bibliographien berücksichtigt:
Die Angaben, die diese bibliographischen Quellen enthalten, wurden für die Berner Ausgabe vollständig ausgewertet, anhand der Original-Publikationen überprüft und vervollständigt. Neben der qualitativen Überarbeitung wurden durch eine Reihe von Recherchen und Forschungsarbeiten aber vor allem eine quantitative Erweiterung und Verifizierung gegenüber den bisherigen Bibliographien erreicht. So konnte zum Beispiel eine mutmaßliche erste Publikation von 1788 mit dem Titel „Schussermühlen“, die mit der Unterzeichnung „v. H…“ erschienen und in der BBAW-Bibliographie als zweifelhaft verzeichnet worden war, aufgrund von Archivrecherchen ihrem eigentlichen Autor Carl Wilhelm Benno von Heynitz zugeschrieben und damit aus dem Corpus der Humboldtschen Schriften ausgeschlossen werden. Andererseits sind viele neue Texte hinzugekommen.
Im Anschluss an diese Auswertung der bestehenden Werkverzeichnisse wurden zur möglichst umfassenden Konstitution und Validierung des Corpus folgende zusätzliche Maßnahmen durchgeführt:
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1. Julius Löwenberg erstellte eine erste Bibliographische Übersicht seiner Werke, Schriften und zerstreuten Abhandlungen, die 1872 als Teil von Karl Bruhns’ Humboldt-Biographie veröffentlicht wurde. Trotz der historischen Nähe, die eine Sammlung von Humboldts Veröffentlichungen eigentlich hätte erleichtern können, ist dieses erste Schriftenverzeichnis nach aktuellen bibliographischen Maßstäben in mehreren Hinsichten problematisch. Zunächst ist es durch seine geringe Reichweite geographisch begrenzt; es verzeichnet kaum außereuropäische Veröffentlichungen und selbst von den kontinentalen Publikationen nur einen geringen Teil. Des Weiteren ist es unsystematisch und inkonsistent, da es selbständige und unselbständige Veröffentlichungen vermengt und teilweise mehrere Publikationen unter derselben Eintragsnummer oder identische Drucke mehrfach an verschiedenen Stellen aufführt. Schließlich ist es durch fehlerhafte, fehlende und unvollständige Angaben unzuverlässig. Aus heutiger Sicht unterscheidet Löwenberg nicht klar zwischen Texten von Humboldt und solchen über ihn (wie Rezensionen, Würdigungen, Berichten etc.). Der Bibliograph Löwenberg hat noch keinen modernen, auf Verfasserschaft beruhenden Begriff von Autorschaft.
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2. An der Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, die sich auf Humboldts Tagebücher und Briefe konzentrierte, wurden auch unselbständige Veröffentlichungen gesammelt und in Form einer Online-Datenbank, betreut von Ulrike Leitner, zugänglich gemacht. Bis zum Beginn des Projekts der Berner Ausgabe handelte es sich dabei um die umfangreichste Dokumentation des Corpus. Sie hat rund 730 Drucke verzeichnet, also etwa ein Fünftel der rund 3600 Publikationen, welche die Berner Ausgabe ermittelt hat. Auch in Hinsicht auf die bibliographischen Daten und die Identifikation von Textabhängigkeiten innerhalb der Schriften entsprach die Datenbank der BBAW 2019 nicht mehr dem aktuellen Kenntnisstand.
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3. Ulrike Leitner war neben Horst Fiedler auch Mitautorin des bisher umfassendsten gedruckten Werkverzeichnisses zu Alexander von Humboldt, der Bibliographie der selbständig erschienenen Werke (2000). Für ihren Gegenstandsbereich, Humboldts Bücher, stellt sie das Standardwerk dar, das sämtliche Ausgaben, Auflagen und Übersetzungen aufführt und kommentiert. Dabei sind, bei Entsprechung mit Teilen von Buchwerken, punktuell auch einige unselbständig erschienene Auszüge oder Vorabdrucke verzeichnet.
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4. Mit Alexander von Humboldt in der russischen Literatur wurde 2014 eine „annotierte Bibliografie“ in überarbeiteter und aktualisierter Form wiederveröffentlicht, die Natal’ja Georgievnia Suchova bereits 1960 erstmals publiziert hatte. Es handelt sich dabei um ein geographisch und sprachlich auf Russland begrenztes Verzeichnis von Publikationen von und über Humboldt, hauptsächlich im Zusammenhang mit dessen Reise nach Zentral-Asien im Jahr 1829. Neben Übersetzungen von Buchwerken und Schriften Humboldts werden Würdigungen, Rezensionen und Berichte aufgenommen, außerdem Forschungsliteratur seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Etwa 50 der über 380 verzeichneten Titel sind als russisches Sub-Corpus für die Ausgabe der Schriften einschlägig. Weitere Drucke in russischer Sprache konnten darüber hinaus ermittelt werden.
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5. Eine vergleichbare Erfassung leistete Krzysztof Zielnica für polnische Publikationen von und über Alexander von Humboldt, aus der rund 20 Drucke in das Corpus der Sämtlichen Schriften fallen.
Die Recherchen zur Corpus-Konstitution haben deutlich gemacht, dass der Digitalisierungsgrad deutscher Zeitungen aus dem 19. Jahrhundert im internationalen Vergleich – vor allem gegenüber den englisch- und französischsprachigen – niedrig ist. Es ist ein wichtiges Desiderat nicht nur der Humboldt-Forschung, dies zu ändern und weitere deutschsprachige Quellen digital zu erschließen, zum Beispiel die Spenersche und die Vossische Zeitung. Eine umfassende Digitalisierung und Durchsuchbarkeit historischer Print-Medien wird neue Forschungsperspektiven der Medien-, Wissenschafts- und Literaturgeschichte eröffnen – und voraussichtlich weitere, bislang unbekannte Humboldt-Texte zutage fördern.
Sämtliche Neufunde wurden physisch oder digital besorgt, bibliographiert und in die Projekt-Datenbank eingepflegt. Aufgrund dieser Recherchen konnten Tausende Drucke identifiziert, transkribiert und kommentiert werden. So wurde nicht nur die Menge bekannter Humboldt-Texte deutlich vergrößert, sondern auch das thematische, disziplinäre, diskursive und publizistische Spektrum seiner Publikationstätigkeit entsprechend erweitert.
Im Ergebnis verschiebt die Berner Ausgabe den Stand der bibliographischen Erfassung von Humboldts Texten um mehr als 2800 Publikationen. Mit einem Umfang von rund 3600 Texten und einem Volumen von rund 35 Millionen Zeichen erbringt sie den größten Zuwachs edierter Humboldt-Texte seit den Lebzeiten des Autors.
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1. Zunächst wurde Humboldts veröffentlichtes Gesamtwerk nach Selbstzitationen durchsucht. Die selbständigen und bekannten unselbständigen Publikationen wurden als digitale Volltexte systematisch nach Erwähnungen eigener Schriften ausgewertet. So ließen sich nicht nur Texte ermitteln, die zuvor bibliographisch nicht erfasst worden waren, sondern es ließ sich auch die Autorschaft bekannter, aber zum Beispiel anonym erschienener Beiträge bestätigen. Da sich diese Recherche auf Humboldts eigene Nachweise stützte, ist die auf ihr beruhende Verifikation des Corpus besonders zuverlässig.
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2. Für die relevanten Erscheinungszeiträume wurden sämtliche Periodica durchsucht, aus denen die Veröffentlichung mindestens eines Beitrags von Humboldt bekannt war – in lückenloser Autopsie anhand physischer Originale oder zuverlässiger, vollständiger Digitalisate. Auf diese Weise wird gewährleistet, dass in den Periodica, in denen Humboldt bekanntermaßen publiziert wurde, keine Drucke übersehen worden sind. Sofern durch einen Text-Neufund ein Periodicum ermittelt wurde, in dem zuvor keine Veröffentlichung Humboldts bekannt gewesen war, wurde diese Sichtung entsprechend ausgeweitet.
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3. Sämtliche Briefausgaben, die Schreiben Alexander von Humboldts enthalten und deren Quellengeschichte dokumentieren, wurden nach Hinweisen auf Drucke zu Lebzeiten und auf postume Nachdrucke durchsucht. Es handelt sich dabei um rund 70 Ausgaben und Sammlungen, ediert nach Korrespondenzpartnern (zum Beispiel Humboldts Verleger, Berghaus, Cotta und Spiker, außerdem Forscher, Freunde und Reisebegleiter wie Bonpland, Darwin, Gauß, Goethe, Jefferson, Lichtenberg, Pictet und der Bruder Wilhelm von Humboldt) sowie nach periodischen Zusammenhängen (Jugendbriefe, Briefe aus Amerika, Briefe aus Russland).
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4. Die umfassendste Zunahme des Corpus wurde durch die Suche in den Metadaten und Volltexten von insgesamt rund 240 Periodica-Datenbanken erreicht. Ausgewertet wurden die Bestände internationaler Digitalisierungsprojekte und Bibliotheken, u. a. Gallica (Bibliothèque nationale de France), Chronicling America (Library of Congress), Münchener Digitalisierungszentrum (Bayerische Staatsbibliothek), Göttinger Digitalisierungszentrum (Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek), e-periodica (ETH Zürich), ANNO (Österreichische Nationalbibliothek), Hathi Trust Digital Library, America’s Historical Newspapers (Readex), JSTOR, 19th Century British Library Newspapers (Gale) , Hispanic American Newspapers 1808–1980 (Readex), Latin American Newspapers (Readex), New York Public Library Digital Collections, Hemeroteca Nacional Digital de México (UNAM), Biblioteca Digital Hispánica (Biblioteca Nacional de España), Litteraturbanken (Kungliga biblioteket, Schweden), tidsskrift.dk (Det Kongelige Bibliotek, Dänemark), Papers Past (National Library of New Zealand), Trove (National Library of Australia), ProQuest Historical Newspapers und Google Books. Je nach Erfassungstiefe und Suchoptionen der Datenbanken konnte gezielt nach von Humboldt verfassten Texten oder nach Nennungen im Autorenbereich von Publikationen gesucht werden. Wo nur eine unsystematische Volltext-Suche zur Verfügung stand, waren pro Datenbank fallweise mehrere Tausend Treffer zu prüfen, um die Mehrzahl bloßer Erwähnungen herauszufiltern.
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5. Online wurden charakteristische Textstellen aus allen aufgefundenen Drucken gesucht, um weitere Veröffentlichungen derselben Texte zu ermitteln (vor allem in Google Books). Neben der Suche in der Originalsprache der bereits bekannten Publikation (exact match search) wurden durch Übersetzung der Suchanfragen ins Deutsche, Französische und Englische auch anderssprachige Fassungen ermittelt. Auf diese Weise konnten auch Digitalisate abgedeckt werden, die nicht in den ohnehin ausgewerteten Datenbanken verzeichnet sind.
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6. Darüber hinaus wurden Humboldt-spezifische Verzeichnisse auf Druckhinweise hin ausgewertet – zum Beispiel Henry Stevens’ Katalog der postum zur Versteigerung vorgesehenen und dann durch ein Unglück verbrannten Humboldt Library oder die Zusammenstellung von Publikationen zu Alexander von Humboldt von Markus Breuning (Bern).
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7. Die zeitschriftenhistorische Forschung zu einzelnen Periodica, in denen Humboldt publizierte, wurde berücksichtigt, etwa Bernhard Fischers Studie zu Cottas Morgenblatt, die einschlägige Veröffentlichungen verzeichnet.
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8. Auf Grundlage des mit diesen Methoden konstituierten Corpus wurden schließlich auch handschriftliche Vorstufen der ermittelten Texte und Hinweise auf weitere unselbständige Veröffentlichungen in Humboldts Nachlass in der Staatsbibliothek zu Berlin und der Biblioteka Jagiellońska in Krakau einbezogen.
Die Schwierigkeiten enden jedoch nicht mit dem Auffinden der Texte. Zu prüfen ist des Weiteren ihre Autorschaft, denn neben authentischen, von Humboldt verfassten Texten kursierten auch zahlreiche unautorisierte, in unterschiedlichem Maße falsifizierende Fassungen – von nicht-genehmigten, aber vorlagengetreuen Raubdrucken über mehr oder weniger freie Referate und Paraphrasen bis hin zu schieren Fälschungen. Von Beginn seiner Laufbahn an hat sich Humboldt gegen solche Falsifikate und fehlerhafte Zuschreibungen zur Wehr setzen müssen, seinerseits in öffentlichen Richtigstellungen – die als gedruckte Publikationen in das Corpus der Berner Ausgabe eingingen. Schon in seinen Jugendjahren, Mitte der 1790er Jahre, sah sich Humboldt mit inkorrekten Autorschaftsattributionen durch Dritte konfrontiert. So schrieb er in einem Artikel im Jahr 1794: „In dem klassischen Werke meines Freundes, des Hn. D. Reuß, Min. Geographie von Böhmen 1793. bin ich mehrmals als Mitverfasser einer Abhandlung über das Mittelgebirge (Berg. Journ. 92. St. 3. 4.) rühmlichst erwähnt. So schmeichelhaft mir dieser Irrthum auch immer seyn könnte, so bin ich doch zur Steuer der Wahrheit schuldig ihn selbst anzuzeigen. Jene vortrefliche Abhandlung ist ganz die Arbeit des Hn. Freiesleben, dem wir bereits ähnliche geognostische Beobachtungen über das Elbthal, das Saalfelder und Kammsdorfer Gebirge, und die Thüringer Flözformation verdanken.“ In einem weiteren Fall erklärte er im folgenden Jahr: „Um unangenehme Mißverständnisse zu verhüten, muß ich anzeigen, daß ich nicht Verf. des Aufsatzes: über das Bergwesen im Oberlande (in der Anspacher Monatsschrift. B. 2. H. 5. S. 381.), bin und überhaupt nie eine Zeile über Bergbau habe drucken lassen.“
Konnte Humboldt den Wirkradius seiner Schriften zu Beginn seiner Karriere noch überblicken und etwaige Fehlzuschreibungen in Veröffentlichungen identifizieren, die ihm selbst zugänglich waren, so war er gegen Ende seines Lebens, als seine Bekanntheit auch in internationalen Medien und verschiedenen Sprachen Fälschungen anregte, mitunter auf die Hilfe von Bekannten angewiesen. So ließ er einen anonym bleibenden „American in Germany“ (so die Unterzeichnung des Schreibens) in seinem Namen an den Herausgeber der New-York Daily Tribune folgende Zeilen richten, die dieser kurz darauf in seinem Blatt veröffentlichte: „Baron von Humboldt called my attention a day or two since to a paragraph copied from some other paper into The Semi-Weekly Tribune of May 12, headed ‚A Huge Pile of Serpents,‘ and beginning thus: ‚Baron Humboldt says: In the savannahs of Izacubo, Guiana, I saw the most wonderful and terrible spectacle that can be seen,‘ &c. He smiled at the idea of this story being attributed to him, for he never was in the country mentioned, and certainly could never have given such a description of a sight which he never saw anywhere.“ Tatsächlich ist der von Humboldt beanstandete Text unter verschiedenen Titeln in der US-amerikanischen Tagespresse nicht weniger als rund 40 Mal veröffentlicht worden, so dass er bei der Corpus-Recherche als Kandidat für die Aufnahme durchaus hätte in Frage kommen können. Aufgrund von Humboldts eigener Richtigstellung musste er jedoch ausgeschlossen werden.
Solche Gegendarstellungen, in denen sich Humboldt öffentlich von Fremdpublikationen unter seinem Namen distanzierte, bilden indes die Ausnahme. Häufiger sind es inhaltliche Inkongruenzen, die den Verdacht einer Fälschung beziehungsweise einer unzulässigen Zuschreibung wecken. In etlichen Fällen bestanden so Zweifel, ob oder inwieweit ein Text wirklich von Humboldt stammt. Nicht alle zunächst ermittelten Drucke waren letztlich zum Corpus zu rechnen.
Umgekehrt erschienen – besonders in der Zeit vor der Amerikareise – zahlreiche Texte, die Humboldt zuzuschreiben sind, obwohl er nicht ausdrücklich oder nicht eindeutig als Autor genannt wird.
Bei der Bestimmung der Autorschaft ist der mediale, publizistische und juristische Kontext der Schriften zu berücksichtigen. Zu Humboldts Zeit gab es kein einheitlich geregeltes Urheberrecht; das Konzept geistigen Eigentums bestand nicht in der heutigen Form; der Begriff der Autorschaft beziehungsweise des Autors war vergleichsweise offen; und es existierten (wie auch heute noch) unterschiedliche disziplinäre Konventionen.
In der Publizistik der Zeit und entsprechend in Humboldts Schriften herrschte eine große Freizügigkeit im Umgang mit der Funktion „Autor“, die sich in verschiedenförmigen Nennungen im Paratext oder im Text selbst zeigt. Der Einsatz des Namens eines Autors ist, wie Gérard Genette dargelegt hat, eine „activité poétique“ in ihrem eigenen Recht. So bestand zu Humboldts Zeit nicht einmal Einigkeit über die Schreibweise seines Namens: In der Königlich privilegirten Berlinischen Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen erschien am 22. November 1796 sogar die Anzeige des Todes von Humboldts Mutter, Marie Elisabeth von Humboldt, mit einer auffälligen Schreibung: „Humbold“. Allein im ersten Jahrzehnt seiner publizistischen Tätigkeit, bevor ihn die Berichte von seiner amerikanischen Forschungsreise international bekannt machten, wurde Humboldt als Autor in durchschnittlich jedem zweiten seiner Artikel der Öffentlichkeit anders vorgestellt. Der Name „Alexander von Humboldt“ wurde kaum je so genannt, wie wir ihn heute angeben würden. Stattdessen findet sich eine Vielzahl verschiedener Arten von Nennungen: anonym, verschlüsselt oder namentlich, mit verschiedenen Varianten von Nachnamen und Vornamen, in diversen Abkürzungen, mit oder ohne Adelsprädikat oder Titel, übersetzt in mehrere Sprachen, zum Teil geographisch verortet oder versehen mit Berufsbezeichnungen.
Humboldt selbst pflegte sowohl in der Form wie auch in der Sache einen großzügigen Umgang mit seiner eigenen Autorschaft. So nahm er Aimé Bonpland als Mit-Urheber der Voyage auf („Par Al. de Humboldt et A. Bonpland; rédigé par Alexandre de Humboldt“), obwohl sein Reisebegleiter an der Niederschrift des Textes nicht beteiligt war; und er überließ es Gustav Rose, den Bericht der gemeinsamen russischen Reise zu verfassen, während er selbst sich auf die wissenschaftliche Auswertung der asiatischen Expedition beschränkte.
Gelegentlich schrieb Humboldt sogar von sich selbst in der dritten Person und ließ seine Autorschaft oder seine Beteiligung an Publikationen verschleiern. Der erste Bericht von seiner Amerika-Reise etwa, den Humboldt 1804 vor und nach seiner Rückkehr nach Europa in zwei Fassungen auf Englisch und Französisch in den USA und in Frankreich veröffentlichen ließ, ist in der dritten Person verfasst, gleichsam aus der neutralen Übersicht eines auktorialen Erzählers. Lange Zeit wurde der Text deshalb für nicht authentisch gehalten. Rex Clark, Mitherausgeber des entsprechenden Textbandes der Berner Ausgabe, konnte durch den Abgleich mit der in Philadelphia erhaltenen Handschrift jedoch belegen, dass es sich bei den Publikationen um Originale handelt. Sie werden deshalb als Teile des Corpus in der Berner Ausgabe wiedergegeben.
Fast 40 Jahre später datiert ein weiterer Fall, in dem Humboldt seine Urheberschaft zu verhehlen versuchte: 1842 schickte er das Manuskript eines Aufsatzes über den Guano an Samuel Heinrich Spiker, Redakteur der Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen
. In dem erhaltenen Begleitschreiben bittet er darum, bei der Publikation des Textes nicht zu erwähnen, dass er ihn selbst bei der Redaktion eingereicht habe: „Auf jeden Fall bitte ich nicht zu sagen, dass ich es eingesandt. Man darf eitel sein, aber man muss sich dessen zu schämen wissen.“ Entsprechend erschien der Text ohne Nennung seines Autors. Er ist, wie etliche weitere anonyme Veröffentlichungen, in die Berner Ausgabe erst auf der Grundlage von Selbstzeugnissen aufgenommen worden, in denen Humboldt sich zu seiner Verfasserschaft erklärte.
Ein noch kurioserer Fall verschleierter Autorschaft ist durch den Briefwechsel mit Heinrich Berghaus belegt, der erst nach Humboldts Tod veröffentlicht wurde und in dem Berghaus die gemeinsame Korrespondenz nachträglich kommentierte. Aus einer Serie von Schreiben von Januar bis April 1852 geht hervor, wie Humboldt und Berghaus sich über die Veröffentlichung einer Zentral-Asien-Karte des Generals A. von Bolotoff austauschten. Der schließlich im von Berghaus herausgegebenen Geographischen Jahrbuch publizierte Beitrag besteht neben Bolotoffs Karte aus einem Begleitwort, vorgeblich unterzeichnet von „B.“ (Berghaus), das wiederum einen Auszug aus der „Introduction“ zur zweiten Auflage von Humboldts Asie centrale rahmt. In seinem Kommentar zu dem Schreiben vom 17. Januar 1852, mit dem ihm Humboldt ein Manuskript zu der Ural-Karte geschickt hat, offenbart Berghaus jedoch, dass das Begleitwort gar nicht aus seiner Feder stammte, sondern von Humboldt vorformuliert war: „Der deütsche Theil der Begleitworte, in welchem H. mich, als Herausgeber des Jahrbuchs, sprechen läßt, lautet also: […].“ Mit dieser Information ergibt auch Sinn, was Humboldt selbst in seinem Brief erklärte: „Hier mein theurer Professor, haben Sie den Text, ohne den das Croquis vom Ural nicht erscheinen darf.“ Statt Berghaus tatsächlich, wie die Unterzeichnung vorgibt, den Kommentar zu Bolotoffs Ural-Karte zu überlassen, legte Humboldt offenbar Wert darauf, zu ihr selbst Stellung zu nehmen und sie ins Verhältnis zu seiner eigenen Karte aus Asie centrale zu setzen, allerdings unter fremdem Namen, also in maskierter Verfasserschaft. Die vorausgehende Verhandlung über die Autorschaft lässt sich im Briefwechsel genau nachvollziehen: Zunächst bittet Humboldt Berghaus, Bolotoffs Karte im Jahrbuch abzudrucken, worauf Berghaus vorschlägt, als Herausgeber einen erläuternden Text dazu zu verfassen. Humboldts Antwort lautet: „Nein, nein, ich will Ihnen diese Mühe abnehmen. Ich selbst werde ein Paar Begleitworte schreiben; ich denke, sie in zwei Abtheilungen zu zerlegen, davon ich die erste in deütscher, die andere in französischer Sprache abfassen werde. Die französische soll dann für die Einleitung meines Buchs über Central-Asien bestimmt sein; bei der deütschen werde ich mich stellen, als wäre ich der Herausgeber des ‚Jahrbuchs‘; ich will sie in Ihrem Namen schreiben; ich meine, Ihre Ausdrucksweise schon treffen zu können.“ Ersichtlich wird hier also, wie Humboldt absichtlich seine Autorschaft camoufliert und dies mit Berghaus abspricht, der dieser Publikation dann seinen Namen leiht. Der Grund dafür, dass Humboldt seine Autorschaft hier verhehlt, liegt wohl darin, dass seine eigene kartographische Forschung zu Zentral-Asien bei der Beurteilung von Bolotoffs Karte als Befangenheit hätte ausgelegt werden können.
Mit dem Hintergrundwissen um diesen Rollentausch zwischen Autor und Herausgeber klingt insbesondere der erste Satz des veröffentlichten Begleitworts im Jahrbuch schon fast aberwitzig: „Den freündschaftlichen Mittheilungen von Alexander v. Humboldt, von denen ich seit so vielen Jahren Gebrauch machen darf, verdanke ich die noch völlig unbekannte geographische Skizze des Theils von Asien […].“ Der anschließende Auszug aus Asie centrale wird dann entsprechend getarnt eingeleitet: „Herr von Humboldt hat mir noch erlaubt, zur Erlaüterung […] selbst einige Stellen auszuziehen und hier nach dem Originaltexte folgen zu lassen.“
Dass Berghaus diese Übernahme seines Autornamens nicht als ehrenrührig empfindet, sondern beiläufig als eine Nebensächlichkeit schildert, lässt vermuten, dass es sich hier nicht um den einzigen Fall solch eines Autorschaftstauschs handeln könnte. Dadurch stellt sich die Frage, ob nicht auch weitere vermeintliche Beiträge von Berghaus im Geographischen Jahrbuch oder darüber hinaus womöglich auch noch Beiträge anderer mit Humboldt verbundener Forscher eigentlich von diesem selbst verfasst sein könnten.
Zu fremder Autorschaft jedoch verhielt sich Humboldt skrupulös. Er war ein kooperativer Forscher und wies Zitate oder Beiträge anderer Autoren regelmäßig aus. Seine Schriften sind Ergebnisse und Zeugnisse interdisziplinärer und internationaler Zusammenarbeit. Sein weites Korrespondentennetzwerk bildet sich zum Beispiel in der Collage-Form des Kosmos ab, in dem die Auskünfte zahlreicher Fachleute, etwa der Brüder Grimm, einmontiert und entsprechend markiert sind; oder in Asie centrale, das ganze Aufsätze anderer Autoren enthält. Als Co-Autor publizierte Humboldt über die Zeit Aufsätze zusammen mit Vauquelin, Delamétherie, Goedeking, Biot, Gay-Lussac, Bonpland, Provençal, von Buch, Kastner, Boussingault, Lichtenstein, Ehrenberg, Arago und Caroline Möllhausen. Auch seine graphischen Werke sind grundsätzlich Gemeinschaftsprodukte, entstanden in Zusammenarbeit mit Künstlern, Stechern, Druckern und Kolorateuren, die im Paratext der Abbildungen genannt werden.
Mit Humboldts eigener Urheberschaft hingegen wurde durch Herausgeber und Redakteure häufig freier verfahren. In einer großen Zahl von Drucken wurden seine Texte durch Bearbeiter ausgezogen, gekürzt, neu arrangiert und mit anderen Texten des Autors oder auch Dritter zusammengefügt; sie wurden durch Herausgeber eingeleitet, kommentiert, mit Fußnoten versehen und rekontextualisiert; oder sie wurden durch Rezensenten oder andere Autoren umfangreich zitiert, ohne dass es sich deshalb um eine Publikation von Humboldt selbst handeln würde. Diese Unsicherheiten vergrößern sich mit räumlicher Distanz, etwa bei Publikationen in Sydney, Bombay, Curaçao oder Pietermaritzburg, von denen Humboldt wahrscheinlich gar keine Kenntnis hatte.
Um dieser historischen Publikationspraxis gerecht zu werden, liegt der Berner Ausgabe ein erweiterter Autorschaftsbegriff zugrunde. Für das bei der Corpus-Recherche gesammelte Material können neun Grade der Autorschaft unterschieden werden, in absteigender Reihenfolge der Authentizität und Unmittelbarkeit: 1. namentliche Autorschaft (angegeben vor oder nach dem Text); 2. verschlüsselte Autorschaft (unvollständige Namensnennung, Abkürzung, Antonomasie, Pseudonym); 3. anonyme Autorschaft; 4. mit Co-Autoren geteilte Autorschaft; 5. eingebettete beziehungsweise gerahmte Autorschaft (Humboldts Text ist umgeben vom Text eines anderen Autors oder ein Beitrag zu einem fremden Werk); 6. durch Dritte vermittelte Autorschaft (Vortragsmitschriften, Protokolle, Berichte über Humboldts Forschungen); 7. vermittelnde Autorschaft (Humboldt gibt Materialien, Informationen oder Manuskripte von Dritten weiter, übersendet sie an Redaktionen oder veranlasst ihre Publikation); 8. vorbereitende Autorschaft, in Form nicht-redaktioneller Beiträge zu fremden Werken, zum Beispiel zur Verfügung gestellte Untersuchungsgegenstände und -materialien (etwa botanische oder mineralogische Exemplare) oder Rohdaten (in Löwenbergs Terminologie handelt es sich bei dieser Autorschaftskategorie um „fremde Hülfsarbeiten“ ); und 9. fremde Autorschaft (Surrogate, Manipulationen, Fälschungen). Diese Klassifikation bildete eine wichtige Grundlage für die Entscheidung über die Aufnahme eines Textes in das Corpus.
Eine eindeutige Autorisation der Veröffentlichung durch Humboldt selbst oder von ihm Beauftragte liegt bei seinen unselbständigen Schriften, im Unterschied zu seinen Buchwerken, regelmäßig nicht vor. Dies gilt besonders für die Publikation von Briefen, bei denen die zeitgenössische soziale und publizistische Praxis die Zirkulation und (partielle) Veröffentlichung mit einschloss oder sogar unausgesprochen voraussetzte, sowie für Nachdrucke und Wiederveröffentlichungen, die aus heutiger Sicht Urheberrechtsverletzungen darstellen würden, gegen die sich Humboldt, solange sie den Sinn seiner Texte nicht entstellten, jedoch nie ausgesprochen hat. Weil sie ganz maßgeblich zur Multiplikation und, durch Übersetzungen, zur internationalen Verbreitung von Humboldts Arbeiten beitrugen – und in diesem Sinne von Humboldt gebilligt wurden –, wurden sie in die Berner Ausgabe aufgenommen. Durch sie erst lässt sich die weltweite Distribution und Rezeption von Humboldts Schriften dokumentieren.
Während explizite Druckgenehmigungen in der Regel also fehlen, können alternativ folgende Indizien als Beleg einer nachträglichen oder konkludenten Autorisation dienen: Briefe, mit denen Humboldt den Herausgebern seine Beiträge übermittelt (zum Beispiel im Briefwechsel mit Heinrich Berghaus, Herausgeber u. a. der Hertha) oder in denen er sich zur Autorschaft an anonymen Publikationen bekennt; nachträgliche Autorisierung durch Selbstzitation (sowohl in den Buchwerken als auch in anderen unselbständigen Veröffentlichungen); Zitation durch vertraute Autoren (zum Beispiel Goethe, der Humboldts „Physiognomik der Gewächse“ rezensiert hat ); Nachdruck in einem renommierten Publikationsorgan, in dem Humboldt regelmäßig veröffentlichte und dessen Herausgeber mit ihm in Kontakt stand (zum Beispiel in den Annalen der Physik, die mit Ludwig Wilhelm Gilbert und später Johann Christian Poggendorff zwei mit Humboldt gut bekannte Herausgeber hatten); sowie Autographen und Manuskriptvorstufen zum Beispiel aus Humboldts Nachlass, der zu diesem Zweck systematisch mit dem Corpus der Berner Ausgabe abgeglichen wurde.
Autorschaft und Autorisation
Bei allen ermittelten Funden musste zunächst also geprüft werden, inwiefern es sich tatsächlich um eine Schrift von Humboldt handelt und welche Abhängigkeiten mit anderen Texten des Corpus bestehen. Für die Entscheidung über die Aufnahme eines Textes ins Corpus wurden deshalb Richtlinien festgelegt, die auf dem aus der Analyse des Quellenmaterials gewonnenen erweiterten Autorschaftsbegriff beruhen und die historischen Publikationspraktiken berücksichtigen. Sie können als Fragen formuliert werden, deren positive Beantwortung die Aufnahme eines Texts rechtfertigt. Sie lauten, in absteigender Reihenfolge ihrer Relevanz:
Abgesehen von Humboldts Autorschaft oder Autorisierung wurde keines der Aufnahmekriterien als allein hinreichend erachtet. In zahlreichen Grenzfällen, bei denen einige der Richtlinien erfüllt waren, andere Aspekte jedoch gegen eine Aufnahme sprachen, war die Entscheidung über die Aufnahme ins Corpus eine Frage der Abwägung. Dies gilt zum Beispiel für eine Reihe von Auszügen aus Humboldts Briefen, die ihre Adressaten in Aufsätzen oder Büchern zitierten. Mitunter sind die handschriftlichen Originale dieser Briefe nicht bekannt oder nicht mehr erhalten, so dass einerseits die publizierten Auszüge nicht mit ihrer Vorlage abgeglichen werden können, andererseits die Erschließung und Bewahrung dieser sonst nicht zugänglichen Quellen wünschenswert erscheint. Ausschlaggebend war in solchen Fällen, ob Humboldt überhaupt als Autor des Briefes genannt wird, ob ein hinlänglicher Teil der Briefe ausgezogen wurde und ob die Publikation der Bekanntmachung der Briefe dient oder diese lediglich beiläufig zitiert werden. Mehrere Hundert solcher und ähnlicher Grenzfälle, die letztlich nicht in die Berner Ausgabe aufgenommen wurden, sind in der internen Projektdatenbank bibliographiert und auf diese Weise dennoch als Forschungsergebnis dokumentiert.
Fremdtextanteile wie Herausgebereinleitungen, Anmerkungen und Fußnoten von Bearbeitern, Übersetzern oder Vermittlern sind kein striktes Ausschlusskriterium. Sie werden zusammen mit Humboldts eigenen Texten wiedergegeben, um den ursprünglichen Publikationszusammenhang sichtbar zu machen. Sie sind sogar ein wichtiger Bestandteil von Humboldts Veröffentlichungen und tragen als Kontext oft wesentlich zum Verständnis seiner Texte bei. Sie geben Auskunft über den Hintergrund der Publikationen (wissenschaftliche Debatten, politische Zusammenhänge), Kommunikationswege (von Humboldts Briefen, die von Herausgebern veröffentlicht werden) und den Inhalt der Texte (Neuigkeitswert, thematische Schwerpunkte, disziplinäre Verortung). Indem sie Humboldts Publikationsabsichten mitteilen (wenn er brieflich um die Veröffentlichung eines Textes gebeten hat und der Herausgeber dies in seiner Einleitung kundtut), sind sie außerdem entscheidende Indizien für Autorschaft und Autorisierung der Texte. Und nicht zuletzt sind die Herausgeberbeiträge wichtige Rezeptionszeugnisse, welche die Aufnahme von Humboldts Texten seinerzeit mitbestimmten. (Diese Fremdtexte werden auch im Übersetzungsband der Druckausgabe beziehungsweise in den Übersetzungen der digitalen Ausgabe als Bestandteil der Originaltexte mitübersetzt.)
Wenn ein Druck den genannten Kriterien entspricht, wurde er ins Corpus der Berner Ausgabe aufgenommen und editorisch verarbeitet. Die Ermittlung von Textabhängigkeiten erweist, ob er der einzige Druckzeuge eines Textes ist oder innerhalb eines Textbündels entweder Erstdruck, Nachdruck, Bearbeitung oder Übersetzung. Mit der Aufnahme ins Gesamtschriftenverzeichnis der Berner Ausgabe ist die bibliographische Erfassung eines Drucks abgeschlossen.
Nicht-authentische Texte, die auch unserem erweiterten Autorschaftsbegriff nicht entsprechen, wurden nicht aufgenommen, so zum Beispiel pseudo-Humboldtsche Reiseberichte, die Fremde ohne sein Wissen verfassten. Prinzipiell auszuschließen sind Plagiate. Ein exemplarischer Fall eindeutig nicht-genehmigter Textübernahme ist das katholische Dictionnaire des Merveilles et Curiosités de la Nature et de l’Art von Jacques Paul Migne, dem notorischen ‚Plagiator Gottes‘. Ein Verschnitt aus Zitaten und Nacherzählung in der dritten Person sind William MacGillivrays The Travels and Researches of Alexander von Humboldt von 1832. Sie wurden aufgrund ihres Surrogat-Charakters ebenso ausgeschlossen wie Drucke von Texten, die unter Humboldts Namen erschienen, aber auf MacGillivrays Bearbeitung zurückgehen. Genauso verfahren wurde mit gekürzten oder anthologisierten Fassungen von Humboldts Buchwerken, etwa in nicht-autorisierten Sammlungen, die vorrangig unter dem Gesichtspunkt der Unterhaltung und zum Teil zusammen mit anderer Reiseliteratur herausgegeben wurden (zum Beispiel Die wichtigsten neueren Land- und Seereisen. Für die Jugend und andere Leser bearbeitet von Dr. Wilhelm Harnisch, Leipzig 1832; Anthologie aus den Werken von Alexander v. Humboldt in Meyer’s Groschen-Bibliothek der Deutschen Klassiker für alle Stände, ca. 1870).
Aus dem Corpus ausgeschlossen wurden schließlich auch, teilweise im Unterschied zur Bibliographie der BBAW, solche Texte, die zwar Informationen und Materialien aus Humboldts Texten enthalten und referieren, jedoch nicht von Humboldt verfasst sind. Ein Beispiel dafür ist der Guácharo-Text aus der Isis, der von der BBAW Humboldt zugeschrieben und noch in das Große Lesebuch (2009) aufgenommen wurde. Der Abgleich mit dem Erstdruck zeigt, dass dieser Text durchaus Humboldts Forschung wiedergibt, aber nicht verbatim von ihm geschrieben wurde und der Referat-Charakter insgesamt überwiegt. Aufgrund der strengeren Kriterien der Berner Ausgabe entfällt der Druck daher aus dem Corpus.
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1. Urheberschaft: Stammt der Text von Humboldt? Wird Alexander von Humboldt explizit als Autor ausgewiesen? Ist seine Autorschaft anonymisiert, durch Abkürzung seines Namens oder als Antonomasie verschlüsselt, mit Co-Autoren geteilt, durch Fremdtexte gerahmt oder, wie im Fall von Vortragsmitschriften oder Sitzungsprotokollen, durch Dritte vermittelt?
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2. Autorisation: Ist eine Publikation von Humboldt selbst autorisiert, eventuell auch erst nachträglich zum Beispiel durch eine Selbstzitation oder eine briefliche Äußerung? Hat er die Veröffentlichung beabsichtigt oder genehmigt? Gilt dies für weitere Drucke desselben Textes (Nachdrucke, Bearbeitungen, Übersetzungen)?
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3. Textquelle: Ist der Text aus einem der Buchwerke oder aus einem Brief Humboldts ausgezogen? Lässt sich eine handschriftliche Vorlage ermitteln?
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4. Autonomie: Wird Humboldts Text eigenständig veröffentlicht, mit eigenem Titel, Autornennung und abgesetzt von anderen Beiträgen? Oder ist er zwar Teil eines Konvoluts, vermischt mit Fremdtexten, aber als geschlossenes Zitat montiert in den Beitrag eines anderen Autors?
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5. Anlass: Bildet Humboldts Text (als Dokument oder als Zitat) den eigentlichen Gegenstand einer Publikation, der diese motiviert, auch wenn sie von einem Herausgeber veranlasst und durch eine Einführung oder einen Kommentar gerahmt wird?
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6. Texttreue: Wird Humboldts Text wörtlich wiedergegeben (beziehungsweise, sofern rekonstruierbar, vorlagengetreu)? Das heißt: Wird er erkennbar nicht nur referiert, paraphrasiert, bearbeitet?
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7. Texteinheit: Stellt der Text ein Ganzes dar? Das heißt: Handelt es sich nicht nur um ein Bruchstück?
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8. Markierung: Wird Humboldts Text im Titel der Publikation erwähnt (zum Beispiel „Extrait d’une lettre de Monsieur de Humboldt“) und damit als Anlass der Veröffentlichung hervorgehoben? Ist er, und sei es nur als Zitat, vom umgebenden Text abgesetzt, eingerückt oder auf andere Weise betont und dadurch als Dokument ausgewiesen?
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9. Umfang: Handelt es sich um einen zusammenhängenden Text von gewissem Umfang (sei es als eigenständige Veröffentlichung, als Auszug oder als Zitat), der als solcher dokumentiert wird und für sich selbst stehen könnte? Rechtfertigt sein Umfang die Berücksichtigung in einer Edition? Handelt es sich also nicht nur um wenige aus dem Zusammenhang gerissene Zeilen?
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10. Quellenwert: Stellt die Publikation den einzigen Textzeugen einer ansonsten nicht mehr greifbaren Quelle dar, die also weiterhin unerschlossen bliebe, wenn sie nicht in die Ausgabe aufgenommen würde?
Die Buchfassung der Berner Ausgabe konzentriert sich bei der Wiedergabe der Textzeugen auf die Erstdrucke. Nachdrucke werden zusätzlich aufgenommen (in sparsamerem Spaltensatz), wenn die Erstpublikation lediglich ein Fragment eines später vollständiger veröffentlichten Textes darstellt oder wenn sie fremdsprachig ist und eine deutschsprachige Fassung vorliegt. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass das Corpus von Humboldts Schriften möglichst vollständig und allgemein zugänglich zur Verfügung steht.
Die Buchausgabe verzichtet dagegen auf die Wiedergabe solcher Drucke, die bloße Varianten des gleichen Textes darstellen. (Zu unterscheiden wären dabei Lesarten mit identischem Wortstand von Fassungen mit stilistischen oder auch inhaltlichen Veränderungen.) Zahlreiche Texte des Corpus sind durch eine breite Rezeption und nahezu uneingeschränkte Weitergabe vor allem in der nordamerikanischen Presse sehr häufig nachgedruckt worden (vgl. die Gesamtbibliographie im Apparatband der Druckausgabe beziehungsweise auf der Startseite der digitalen Ausgabe). Oft unterscheiden sich diese Wiederveröffentlichungen vom Original beziehungsweise untereinander nur minimal (satzbedingt im Zeilenfall, im Detail der Orthographie und der Zeichensetzung). Selbst bei dem strengen Dokumentationsanspruch einer Archivausgabe tritt der Mehrwert eines vollständigen Abdrucks solcher Wiederveröffentlichungen gegenüber der Handhabbarkeit einer Buchausgabe in den Hintergrund.
Ohnehin sind alle Drucke in verschiedener Form dennoch in der Berner Ausgabe enthalten: Sämtliche Textzeugen werden bibliographisch verzeichnet. Sie werden in den Einführungskommentaren berücksichtigt. Und sie werden vollständig online in der Digitalausgabe zur Verfügung gestellt.
Gedruckte und digitale Ausgabe
In einigen Fällen sind handschriftliche Vorlagen der veröffentlichten Texte oder andere Zeugen des Entstehungs- und Veröffentlichungsprozesses
erhalten. Sie werden in den Kommentaren berücksichtigt und bibliographisch dokumentiert. Als edierte Texte werden Handschriften jedoch nicht wiedergegeben, sondern ausschließlich Drucke, die zu Lebzeiten des Autors publiziert wurden.
Mit Hilfe der Manuskripte lassen sich die Textgenese und die Publikationsgeschichte einiger Schriften exemplarisch beschreiben und Humboldts Arbeitsweise nachvollziehen. Folgende Stufen sind zu unterscheiden: handschriftliche Notizen als Ausgangs- und Rohmaterial, insbesondere Tagebuchaufzeichnungen aus dem Feld; die handschriftliche Ausformulierung eines Aufsatzes oder Briefes; eine Reinschrift, teilweise auch von fremder Hand (zum Beispiel von Humboldts Sekretär Eduard Buschmann); die Übermittlung mit Anschreiben an Redaktionen und Herausgeber; Korrekturabzug, Druck und Veröffentlichung; sowie zum Teil nachträgliche Korrekturen oder Ergänzungen auf der Grundlage des publizierten Drucks in Hinsicht auf eine spätere Wiederveröffentlichung (bekanntermaßen beim Chimborazo-Aufsatz von 1837, der leicht überarbeitet in die Kleineren Schriften 1853 einging).
Manuskripte und Materialien einiger unselbständiger Schriften sind vor allem in Humboldts Nachlass überliefert. Der größte Teil von ihnen befindet sich in den sogenannten Kollektaneen zum Kosmos in der Staatsbibliothek zu Berlin und dem Nachlass Alexander von Humboldt, der in der Biblioteka Jagiellońska in Krakau verwahrt wird. Weitere Handschriften liegen in kleineren Humboldt-Sammlungen, darunter denjenigen des Museums für Naturkunde in Berlin, der Handschriftenabteilung der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Archiv der American Philosophical Society in Philadelphia.
Die mehr als 60 in der vorliegenden Ausgabe berücksichtigten handschriftlichen Entwürfe decken nahezu den gesamten Publikationszeitraum der unselbständigen Schriften Humboldts ab. Die älteste bisher bekannt gewordene Quelle stammt aus dem Jahr 1798. Es handelt sich um eine Abschrift von Humboldts Bericht über die Funktion seiner Rettungsapparate, die er als Preußischer Bergbaubeamter zur Verbesserung der Grubenarbeit entwickelt hatte. Den jüngsten Entwurf verfasste er wenige Monate vor seinem Tod im Juli 1858. Dabei handelt es sich um eine Zeitungsnotiz, die über die letzten Lebenstage und den Tod seines früheren Reisebegleiters Aimé Bonpland informiert und in der Spenerschen Zeitung erstveröffentlicht wurde.
Neben Entwürfen zu eigenen publizistischen Arbeiten und vor allem zu Originalbeiträgen für diverse Zeitschriften sind Handschriften Humboldts von Vorworten für Werke anderer Autoren erhalten geblieben. In den meisten Fällen handelt es sich um Manuskripte, die zahlreiche Sofortkorrekturen und Randbemerkungen aufweisen. Einige Entwürfe integrierte Humboldt in Briefe an seinen Sekretär Eduard Buschmann. Dieser fertigte Abschriften an und legte sie Humboldt zur erneuten Korrektur vor. Unter den Dokumenten im Nachlass befinden sich auch mehrere Handexemplare von unselbständigen Schriften. Humboldt ergänzte sie zuweilen sehr viel später mit aktuellen Daten und weiteren Angaben, womit sie seine langjährige Auseinandersetzung mit den einmal publizierten Arbeiten belegen.
Über die genannten Archive hinaus erheben wir für die in der vorliegenden Ausgabe nachgewiesenen Handschriften keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Humboldts Hinterlassenschaft ist weltweit in zahlreichen Archiven verstreut. In vielen Fällen sind seine Manuskripte bis heute nicht identifiziert. Es ist daher zu erwarten, dass in Zukunft weitere Entwürfe Humboldts zu seinen unselbständigen Schriften aufgefunden werden.
Im Ergebnis seiner Konstitution lässt sich das Corpus inhaltlich und formal in groben Zügen beschreiben. Aus einem ersten Befund ergeben sich Ansätze für die quantitative und qualitative Erforschung des umfangreichen Materials.
In ihren Gegenständen und Themen berühren die Schriften zahlreiche Disziplinen: Hatte Humboldt in seinen Jugendschriften durchaus eher noch monodisziplinär in einschlägigen Fachjournalen (etwa der Botanik oder des Hüttenwesens) veröffentlicht, wurden seine Beiträge durch die Amerikareise tendenziell inter-, multi- oder transdisziplinär, bevor er bei zunehmender Prominenz immer häufiger publizistische Beiträge als public intellectual veröffentlichte. Als differenzierte Publikationsbiographie bieten die Schriften die Möglichkeit, Humboldts disziplinäre Entwicklung nachzuvollziehen.
Des Weiteren können wir sie als Zeugnisse wissenschaftlicher Kooperationen und Netzwerke betrachten. Die Autoren, in deren Werke Humboldts Beiträge aufgenommen wurden, waren vor allem deutsche, aber auch französische, englische und hispanische Wissenschaftler: François Arago, Carl Traugott Beilschmied, Johann Friedrich Benzenberg, Albert Berg, Heinrich Berghaus, Franz Arnold Cöllen, Zacharias Dase, Ernst Heinrich von Dechen, Adrien-Hubert Brué, Leopold von Buch, Andrés Manuel Del Río, Heinrich Wilhelm Dove, Friedrich Wilhelm Ghillany, Karl Haltaus, Wilhelm Heine, Siegmund August Wolfgang von Herder, Wilhelm von Humboldt, Frederick M. Kelley, Louise Kotz, Alexandre de Laborde, Aylmer Bourke Lambert, Balduin Möllhausen, Carl Nebel, Adalbert von Preußen, Waldemar von Preußen, Karl Caesar Ritter von Leonhard und Robert Hermann Schomburgk.
Formal gehören Humboldts Schriften verschiedenen Gattungen an: Es handelt sich um Aufsätze, Forschungsberichte und Rezensionen in wissenschaftlichen Zeitschriften; Artikel und Stellungnahmen in Zeitungen; Auszüge aus Büchern; Abdrucke von Briefen; Reisereportagen; Mitteilungen von Dokumenten oder Statistiken; Beiträge zu Buchwerken anderer Autoren oder Herausgeber beziehungsweise eigenständige Texte als Dokumente in Aufsätzen oder Artikeln anderer Verfasser. Die Schriften vermitteln ein Bild von Humboldts schriftstellerischem Repertoire.
Entsprechend erschienen Humboldts Texte in allen denkbaren Arten von Publikationen: von den autoritativsten Organen des szientifischen Diskurses seiner Zeit, den Akademie-Schriften und renommierten Fachjournalen, über die Leitmedien der gebildeten Öffentlichkeit, wie den Horen oder dem Morgenblatt, bis zu populären Massenmedien wie den Tages- und Wochenzeitungen, und nicht zuletzt in Schulbüchern und Prosa-Anthologien. Ein vollständiges Verzeichnis sämtlicher Periodica, in denen Veröffentlichungen von Humboldt ermittelt wurden, findet sich als Glossar im Apparatband der Druckausgabe beziehungsweise in der digitalen Ausgabe.
Die Orte der Publikation, insgesamt mehr als 440, verteilen sich über zahlreiche Länder auf fünf Kontinente: Deutschland (Berlin, Göttingen, Tübingen, Freiburg, Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf, Bonn, München, Nürnberg, Regensburg, Augsburg, Hamburg, Bremen, Hannover, Dresden, Leipzig, Jena, Erfurt, Weimar, Gotha, Halle, Freiberg, Ansbach, Helmstedt, Stettin, Posen, Breslau), Österreich (Wien, Salzburg, Innsbruck), Schweiz (Zürich, Genf, Lausanne), Frankreich (Paris, Évreux, Hendaye), Belgien (Brüssel, Lüttich), Niederlande (Amsterdam, Zutphen), Tschechien (Prag), Großbritannien (London, Edinburgh), Italien (Mailand, Bologna, Pavia, Neapel), Spanien (Madrid), Russland (Sankt Petersburg, Moskau), Venezuela (Caracas), Kolumbien (Bogotá), Mexiko (México) und Kuba (Havanna) sowie die USA (New York, Philadelphia, Boston u. v. a.). Es entsteht eine globale Topographie der Humboldtschen Publizistik.
Etwa ein Drittel der Schriften entspricht bestimmten Passagen in den Buchwerken. Diese Vorarbeiten oder Auszüge zeigen, wie Humboldt seine Monographien aus Aufsätzen entwickelte und wie sich die Buchwerke zum Teil aus kleineren Essays zusammensetzen. So haben nicht nur die Kleineren Schriften, sondern auch weitere Werke einen mehr oder weniger deutlichen Kompilationscharakter: etwa die Ansichten der Natur (1808, 1826, 1849) oder die Vues des Cordillères (1810–1813). Die Vielzahl an Auszügen und Teilabdrucken macht deutlich, in welchem Maß Humboldts Bücher auch im Medium kleinerer, unselbständiger Publikationen weltweit zugänglich gemacht wurden.
Aufgrund der unterschiedlichen Disziplinen, Gattungen, Organe, Orte und Zeitpunkte der Publikationen liegen die Drucke in sehr heterogener Textgestaltung mit diversen schriftbildlichen Merkmalen vor. Und auch ihr materieller Zustand unterscheidet sich stark: regionale, technische und klimatische Unterschiede in der Herstellungs- und Druckqualität sowie im Erhaltungszustand sind festzustellen (zum Beispiel zwischen stupenden Pariser Drucken und einfacheren Publikationen aus den spanischen Kolonien oder minderwertigen Frakturdruckereien, aber auch abhängig von der Aufbewahrung in Bibliotheken und Archiven, zum Teil in den Tropen).
Schließlich wäre auch der Stil von Humboldts Schriften zu analysieren – quantitativ in Corpus-Analysen und qualitativ in Einzelstudien. Mögliche Untersuchungsgegenstände wären zum Beispiel der Gebrauch rhetorischer Figuren oder die Veränderungen der Satzlänge und der Interpunktionsmuster im zeitlichen Verlauf. Als Schriftsteller jedenfalls ist Humboldt erst dann umfassend einzuschätzen, wenn neben seinen Büchern auch seine Aufsätze, Artikel und Essays berücksichtigt werden.
Die Editionslage von Humboldts unselbständig erschienenen Schriften war lange Zeit stark defizitär. Nicht nur lag bislang keine Gesamtausgabe der Schriften vor. Nur ein geringer Anteil der Texte wurde überhaupt jemals postum nachgedruckt: insgesamt lediglich fünf Prozent. 95 Prozent des Corpus der Berner Ausgabe sind also nach Humboldts Tod nie wieder gedruckt veröffentlicht worden.
Diese postumen Nachdrucke erschienen vor allem in den Auswahl-Ausgaben, welche die vorliegende Edition vorbereiteten (Das große Lesebuch, 2009; Anthropologische und ethnographische Schriften, 2009; Politische und historiographische Schriften, 2010); in Briefausgaben, sofern es sich um zu Lebzeiten publizierte Briefe handelte (Jugendbriefe, 1973; Briefe aus Amerika, 1993; Briefe aus Russland, 2009); sowie als vereinzelte Abdrucke (etwa in Ueber einen Versuch den Gipfel des Chimborazo zu ersteigen, 2006). Die Grenzen dieser Teil-Publikationen sind ihre Selektivität und Heterogenität (im Fall des Chimborazo-Bandes wurde der unselbständige Druck unter thematischen Gesichtspunkten mit anderen Textkategorien vermengt, insbesondere Handschriften und Auszügen aus selbständigen Publikationen).
Entsprechend ungleichmäßig ist der Forschungsstand. Bisher gibt es kaum Forschung zum Corpus der Schriften insgesamt, allenfalls zu einzelnen bekannteren Texten, etwa zum Chimborazo-Aufsatz oder zum Protest gegen die US-amerikanische Ausgabe des Essai politique sur l’île de Cuba. Aber auch viele weitere Schriften haben für die Forschung ein entsprechendes Potential.
Auf die Konstitution des Corpus folgte die Edition der Texte, die sich grob in vier Phasen gliedert: Transkription und Codierung, Kollation und Korrektur, Wiedergabe und Satz, Erschließung und Kommentierung.
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1. Die durch die Corpus-Konstitution versammelten Texte wurden zunächst transkribiert. Da die Berner Ausgabe als Hybrid-Edition ihre Volltexte auch digital im Netz zugänglich macht, wurden sie im XML-Format TEI-konform codiert. Diese Codierung richtete sich nach den Vorgaben des „Deutschen Textarchivs“ (DTA), die sich im deutschsprachigen Raum zur Auszeichnung von digitalen Editionen und XML-Corpora etabliert haben.
- 2. Bei der Kollation wurden im Abgleich mit den Originaldrucken etwaige Transkriptionsfehler korrigiert und Textfehler emendiert.
- 3. Indem bestimmt wurde, wie die Text- und Schriftbildmerkmale der Originaldrucke in den edierten Texten wiedergegeben werden, wurde der Satz für die Buchausgabe vorbereitet.
- 4. Zuletzt wurden die Texte jeweils für sich in Einführungskommentaren erläutert und insgesamt in Transversalkommentaren nach Themen und Fragestellungen zueinander ins Verhältnis gesetzt. Die Apparatierung in Verzeichnissen und Glossaren bietet weitere Werkzeuge zu ihrer inhaltlichen Erschließung.
Die originalen Druckzeugen wurden im double keying-Verfahren elektronisch erfasst. Das heißt: Sie wurden je zwei Mal durch unterschiedliche Erfasser transkribiert und die Ergebnisse anschließend digital verglichen, um Diskrepanzen zu beheben und eine besonders hohe Genauigkeit zu gewährleisten. Dass die Erfassung der Texte durch Nicht-Muttersprachler erfolgte, stellt sicher, dass unwillkürliche Korrekturen und Modernisierungen oder sonstige Anpassungen vermieden wurden. Nur die kyrillischen Texte wurden von einer Muttersprachlerin transkribiert und von einer Slawistin korrigiert.
Die Transkriptionen wurden in der Auszeichnungssprache Extensible Markup Language (XML) nach den Richtlinien der internationalen Text Encoding Initiative (TEI) formatiert. Die TEI-Version P5 von 2007 ist der aktuelle Standard elektronischer Textcodierung, der von führenden Forschungsinitiativen genutzt und weiterentwickelt wird (u. a. DARIAH, CLARIN, DTA). Als standardisiertes, interoperables und archivierbares Langfrist-Dateiformat ist sie für eine nachhaltige Datensicherung sowie für die frei zugängliche Online-Publikation open access) besonders geeignet.
In den XML-Volltexten wurden über den reinen Wortlaut hinausgehende Textmerkmale (Auszeichnungen, Sonderzeichen, Schriftbildelemente, Originalpaginierung) mit entsprechenden Formatierungen (markup tags) codiert, die dadurch dem Quellcode der Transkriptionen eingeschrieben sind. Die XML-Volltexte wurden gemäß dem Basisformat des DTA ausgezeichnet, um ein möglichst kompatibles Codier-Format und ein verbreitetes tag-set zu benutzen, das anschließende Forschungen erleichtert und die Übernahme der deutschsprachigen Texte in das Corpus des DTA erlaubt. In Form von Metadaten wurden bibliographische Informationen zu jedem einzelnen Text sowie Angaben zum Editionsprojekt in die Transkriptionen eingefügt.
Bei der Transkription ergaben sich folgende Herausforderungen:
Die historischen Vorlagen enthalten mitunter Korruptelen, also Stellen, die aufgrund von Schäden an der Druckseite, fehlerhaftem Druck oder mangelhaftem Erhaltungszustand nicht oder nicht eindeutig zu entziffern sind. Besonders schwierig ist dies in Fällen, wo einzelne Lettern nicht durch den Kontext erschlossen werden können, etwa bei numerischen Angaben. Hier ist nach Möglichkeit auf andere Exemplare der Publikation oder auf andere Drucke des Textes zurückzugreifen. Im Einzelfall konnte ein Abgleich mit Autographen vorgenommen werden.
Die Darstellung von Satzzeichen im Anschluss an ausgezeichnete Textpassagen – kursivierte, gesperrte oder in einer anderen Schrift gesetzte – ist in den Vorlagen sehr uneinheitlich: Teils sind die Satzzeichen in die Textauszeichnung einbezogen, teils von ihr ausgenommen. Die Transkription der Berner Ausgabe gibt diese Unregelmäßigkeiten nicht wieder, sondern schließt solche Satzzeichen generell von der Textauszeichnung aus – mit Ausnahme der Interpunktion am Ende vollständig ausgezeichneter Sätze. Satzzeichen innerhalb ausgezeichneter Textpassagen bleiben ausgezeichnet.
In Titeln und Überschriften sind Textauszeichnungen oft schwer auszumachen, da unterschiedliche Schriftgrade und Mittelachs-Satz den Vergleich zum Beispiel zwischen kompress und gesperrt gesetzten Wörtern erschweren. In Zweifelsfällen wurden solche Stellen ohne Textauszeichnungen erfasst. Bei der Textwiedergabe im Druck werden die Titel formal normalisiert.
Auf der Basis der elektronischen Transkriptionen und im Vergleich mit den Originaldrucken erfolgte die Kollation durch die Band-Herausgeber im Vier-Augen-Prinzip, also der nochmalige Abgleich zwischen den historischen Drucken und den digitalen Volltexten. Dabei wurden Fehlerfassungen korrigiert und nicht entzifferte Stellen ergänzt. Gängige Transkriptionsfehler (besonders Verwechslungen von lang-s/f, c/e, n/u und r/x in Frakturtexten) wurden zusätzlich elektronisch überprüft. Die Transkriptionen konnten überdies mit bereits publizierten Auswahl-Ausgaben aus dem Corpus (Lubrich 2009–2010) verglichen werden. In Zweifelsfällen und bei schwierigen Lesungen wurden verschiedene Exemplare der Originaldrucke konsultiert.
Bei Vorab- oder Nachdrucken aus selbständigen Werken wurde mit diesen kein systematischer Textvergleich vorgenommen. Denn ohne Selbstzeugnisse des Autors fehlt es an Kriterien, um die Qualität der verschiedenen Textzeugen zu beurteilen. Es ist fraglich, welche Fassung bei Abweichungen zu privilegieren wäre. Aufgrund seiner Arbeitsweise, welche die kontinuierliche Überarbeitung auch bereits publizierter Texte einschloss, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Humboldt selbst bei Nachdrucken aus selbständigen Werken noch Korrekturen vorgenommen hat (etwa bei Zahlen und Messergebnissen) und der Textstand der unselbständigen Publikationen gegenüber den Buchwerken daher vorzuziehen wäre.
Transkription und Codierung
Die Textwiedergabe folgt dem Grundsatz: Die Diversität der Originaldrucke soll nicht nivelliert werden, ihre unterschiedliche Herkunft soll erkennbar bleiben und die verschiedenen typographisch-schriftbildlichen Merkmale des heterogenen Corpus sollen bewahrt werden. Bei der Wiedergabe der Originale soll das Bewusstsein für ihre ursprüngliche Gestalt also sowohl dokumentiert als auch gefördert werden. Einige Merkmale der historischen Textzeugen, die im Folgenden vorgestellt werden, stellen die Umsetzung dieses Grundsatzes jedoch vor Schwierigkeiten, insbesondere ihre Uneinheitlichkeit. Würde diese Heterogenität vollständig bewahrt, würden auch die edierten Texte allzu unregelmäßig. Eine Faksimile-Ausgabe wäre dafür das geeignetere Format. Die möglichst umfassende Bewahrung der Originalgestalt kann daher nicht einfach in einer typographischen Imitation der Textzeugen bestehen. Stattdessen will die Berner Ausgabe als Neusatz-Edition die Möglichkeiten des modernen Textsatzes dazu nutzen, das bisher verstreute Corpus der Humboldtschen Schriften auch typographisch als zusammenhängende Werkgruppe zu konstituieren.
Sprachspezifische und regionale Typographie: Die sprachliche und mediale Vielfalt der Humboldtschen Schriften
bringt es mit sich, dass die Originaldrucke eine große Bandbreite typographischer Gestaltungen und technischer Realisierungen aufweisen: von Druckerzeugnissen des ausgehenden 18. Jahrhunderts bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, von prächtigem Buchdruck bis zu sparsamem Zeitungsdruck, von Fachjournalen zu Massenmedien. Insbesondere mikrotypographische Details unterliegen außerdem sprachspezifischen Konventionen, sie unterscheiden sich also in ihrer Umsetzung von einem Sprachraum zum anderen. So gibt es in den Drucken des Corpus unterschiedliche Formen von Anführungszeichen (Guillemets, Chevrons, inverted commas, Anführungszeichen der Antiqua und der Fraktur etc.), spationierte Interpunktion in französischen Texten, kompress gesetzte dashes in englischen, unterschiedlich lange Gedankenstriche, verschiedene Fußnotenzeichen, differierende Ligaturen, Sonderzeichen für regional gebräuchliche Maßeinheiten oder sprachspezifische Zahlzeichen (zum Beispiel das spanische calderón als Symbol für 1000).
Während es unter der Prämisse einer materialitätsbewussten Textwiedergabe zunächst wünschenswert erscheint, solche Unterschiede zu bewahren, sprechen zwei grundsätzliche historische Befunde dagegen, regionalen typographischen Usancen zu folgen: Zum einen sind die Satz-Regeln in der Humboldt-Zeit noch kaum kodifiziert, sie variieren selbst innerhalb derselben Sprache. Zudem verändern sie sich im Laufe der 70 Jahre, in denen Humboldt publiziert. (Selbst heute noch ist zum Beispiel die Spationierung von Semikola oder Fragezeichen in französischen Drucken nicht standardisiert.) Dieser typographische Wandel vollzieht sich zudem nicht überall in derselben Geschwindigkeit oder in dieselbe Richtung, in Spanien zum Beispiel anders als in den südamerikanischen Kolonien, die sich während Humboldts Lebzeiten von der europäischen Herrschaft emanzipieren.
Die historische deutsche Zweischriftigkeit verkompliziert eine einheitliche Wiedergabe deutschsprachiger Texte, die ursprünglich in zwei verschiedenen typographischen Systemen gesetzt wurden, erheblich. Darin liegt trotz materialitätshistorischem Bewusstsein ein grundsätzliches Dilemma aller nicht-faksimilierenden Editionen: Der Versuch, verschiedene historische beziehungsweise regionale Satzkonventionen zu unterscheiden, bei der Wiedergabe der Textzeugen innerhalb einer jeweiligen Sprache aber alle Texte gleich zu behandeln, d. h. in das Layout einer gegenwärtigen Edition einzupassen – und sei es sogar sprachspezifisch variiert –, sorgt im mikrotypographischen Detail nicht zwangsläufig für mehr historisch-schriftbildliche Authentizität als sprachspezifische Unterschiede gar nicht zu berücksichtigen. In anderen Worten: Wenn versucht würde, bei der Wiedergabe französischsprachiger Texte durch Spationierung von Interpunktion, bei der Wiedergabe englischsprachiger Texte durch kompress gesetzte Geviertstriche oder bei der Wiedergabe deutschsprachiger Texte durch die Unterscheidung zwischen rund-s und lang-s historische Konventionen der Humboldt-Zeit nachzuahmen, so würden die edierten Texte dabei immer nur einem Teil der Textzeugen gerecht, während andere diesen Usancen bereits in ihrer Originalgestaltung nicht folgten.
Zum anderen können die historischen Satzkonventionen der vielen unterschiedlichen Sprachen der Berner Ausgabe (auch des Ungarischen, Schwedischen, Portugiesischen etc.) auf Leser, die sie nicht kennen, wie Fehler wirken und dadurch Irritationen auslösen (zum Beispiel zusätzliche oder fehlende Leerräume bei Zeichensetzung). Satzeigentümlichkeit und Satzfehler werden ununterscheidbar. Quellentreue wird zur Fehlerquelle. Es ist folglich abzuwägen zwischen Konservierung und Aktualisierung, zwischen Vorlagenbewusstsein und Lesehemmnis, zwischen der editorischen Verantwortung gegenüber den historischen Originalen und der Rücksicht auf heutige Nutzer ihrer Edition. Die Vermittlung zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist eine grundlegende Herausforderung der Editionsphilologie. Noch vor ihrer möglichst authentischen Wiedergabe ist die Berner Ausgabe der möglichst barrierefreien Verfügbarmachung der Humboldtschen Schriften für eine nicht-exklusive Leserschaft verpflichtet. Aus diesem Grund verzichtet sie auf die sprachspezifische Unterscheidung mikrotypographischer Merkmale und gibt die Texte aller Sprachen einheitlich nach aktuell im deutschen Schriftraum üblichen Satzkonventionen wieder.
Das typographische Konzept der Berner Ausgabe legt die Wiedergabe der originalen Textmerkmale in den edierten Texten wie folgt fest:
Quellenangabe: Allen Texten wird ihre bibliographische Quellenangabe vorangestellt, so dass sie ohne den Umweg über die Band- oder Gesamtbibliographie jeweils für sich nach ihrer historischen Vorlage nachgewiesen werden können.
Textnummer: In der Druckausgabe wird jedem Text eine Nummer zugewiesen, die seine Position in der Textreihenfolge des jeweiligen Textbandes (d. h. in der jeweiligen Dekade) angibt und ihn im Verhältnis zu etwaigen Erst- oder Nachdrucken eines Textbündels einordnet (entsprechend der Bandbibliographie). In den Ergänzungsbänden wird die Textnummer als Verweissystem verwendet. (Die Referenz BHA II.33.2 zum Beispiel bezieht sich auf den zweiten Druck des Textes mit der Nummer 33 in Textband II der Berner Humboldt-Ausgabe.) Zur Konkordanz mit der Druckausgabe werden die Textnummern in der Digitalausgabe in der Bibliographie (als zuschaltbare Spalte) und in der Textanzeige verzeichnet.
Layout: Bei einem Umfang von 900 Drucken auf 5000 Seiten in sieben Textbänden stellen die Navigation durch die Edition und die Identifikation gesuchter Textzeugen in der Druckausgabe eigene Herausforderungen dar. Zur besseren Orientierung in den Textbänden und zur bibliographischen Differenzierung zwischen Erstveröffentlichungen und abhängigen Textfassungen wird im Layout unterschieden zwischen Erstdrucken und Nachdrucken, also Wiederveröffentlichungen, Bearbeitungen, Auszügen und Übersetzungen. Erstere werden einspaltig gesetzt, letztere doppelspaltig. Diese typographische Distinktion ist auch eine Reminiszenz an das originale Schriftbild der historischen Drucke, von denen sehr viele in Zeitschriften und Zeitungen in Spaltensatz erschienen.
Kolumnentitel: Die Kolumnentitel der Textbände erleichtern das Auffinden der Texte zusätzlich. Der linke Kolumnentitel nennt das Jahr. Der rechte Kolumnentitel gibt den Titel eines Textes beziehungsweise des Erstdrucks eines Bündels voneinander abhängiger Texte an, entsprechend dem Inhaltsverzeichnis und der Bandbibliographie. Längere Titel werden mit Auslassungszeichen abgekürzt.
Zeilenfall: Zeilenumbrüche und Worttrennung der Originaldrucke werden unmarkiert aufgelöst.
Paginierung: Die Paginierung der Originale hingegen wird markiert, um eine Konkordanz mit den Original-Publikationen herzustellen und die vergleichende Arbeit mit den historischen Vorlagen zu erleichtern. Ein kleines Dreieck in Schmuckfarbe zeigt in den edierten Texten der Druckausgabe den Seitenumbruch der Originale an, im Rand steht jeweils die Zahl der beginnenden Seite oder Spalte. In der Digitalausgabe sind die Seitenzahlen der Originale in den XML-Transkriptionen codiert.
Titel: Die Gestaltung von Titeln und Überschriften ist in den Originaldrucken extrem heterogen (Mittelachs-Satz und Aufteilung auf mehrere Zeilen, diverse Textauszeichnungen wie Fettungen und Kursivierungen, Schriftgradunterschiede, Zierschriften etc.). Sie wird in der Berner Ausgabe nicht nachgeahmt, sondern formal vereinheitlicht. Bei ursprünglich titellos erschienenen Drucken wird ein editorischer Titel in eckigen Klammern ergänzt (bei der Wiedergabe der Texte ebenso wie bei ihrer Bibliographierung). Punkte am Ende von Titeln, die zu Humboldts Zeit Konvention waren, inzwischen aber unüblich geworden sind, werden nicht bewahrt. Der Name des Autors, der zu Humboldts Zeit auf verschiedene Weisen in den Titel integriert wurde, wird in der Bibliographie der Berner Ausgabe nach Möglichkeit ausgespart, um Dopplungen der Verfasserangaben zu vermeiden.
Orthographie: Die Schreibung der Humboldtschen Texte ist hochgradig uneinheitlich. Sie variiert innerhalb der einzelnen Sprachen, u. a. nach Zeitraum, Erscheinungsort, Publikationsmedium und Setzerei. Wiederveröffentlichungen eines Drucks an anderen Orten unterscheiden sich orthographisch mitunter stark von ihrer Vorlage. Und selbst innerhalb ein- und desselben Textes kann erhebliche Varianz auftreten. Diese Heterogenität erschwert nicht nur editorische Arbeiten wie den Vergleich voneinander abhängiger Textfassungen, die elektronische Textanalyse (per Volltextsuche) und corpuslinguistische Forschungen. Aufgrund orthographischer Regionalismen und Anachronismen beeinträchtigt sie mitunter sogar das Verständnis, zum Beispiel bei der Kasus-Konkordanz oder veralteten Schreibweisen. Es stellt sich die Frage, wie mit dieser Uneinheitlichkeit editorisch umzugehen ist, zumal sie nur zum Teil auf den Verfasser der Texte selbst zurückzuführen ist und vor allem von Publikationsbedingungen abhängig ist, die außerhalb von Humboldts Kontrolle lagen, etwa von Bearbeitern, welche die Schreibungen von Humboldts Manuskripten oder Publikationen, die sie nachdruckten, willkürlich an ihre eigenen Gewohnheiten anpassten.
Korrektur und Vereinheitlichung der Humboldtschen Schriften nach heutigen orthographischen Standards, wie sie in Lese- und Schulausgaben mitunter erfolgen, würden dem Sinn einer Archiv-Ausgabe zuwiderlaufen und ein unzeitgemäßes Verständnis von Rechtschreibung und Textkorrektheit auf die historischen Textzeugen übertragen. Zu Humboldts Zeit gab es in keiner der Sprachen, in denen seine Schriften erschienen, kodifizierte und überregional verbindliche orthographische Regelwerke. Auch für eine Korrektur der Texte nach historischen Maßgaben fehlt also die Grundlage. Die Vereinheitlichung auf Grundlage von Humboldts persönlicher Schreibung, gleichsam seiner Ideographie, die aus seinen Handschriften zu rekonstruieren wäre, ist ebenfalls ausgeschlossen, denn zum einen ist Humboldts Rechtschreibung nicht vollkommen konsistent, sie wandelt sich über die Zeit, zum anderen würde auf diese Weise die Tatsache geleugnet, dass an der Herstellung und Veröffentlichung seiner Schriften eine Vielzahl redaktioneller und technischer Bearbeiter beteiligt war – vom Verleger, Herausgeber, Redakteur, Kompilator und Übersetzer bis hin zu Setzern, Korrektoren und Druckern. Diese publizistische Vielfalt ist ein Grundmerkmal der Humboldtschen Schriften und sollte in einer Archiv-Ausgabe anerkannt werden. Daher werden die originalen Schreibungen mit ihren Unregelmäßigkeiten nicht normalisiert, sondern vorlagengetreu wiedergegeben. Nicht zuletzt ist gerade diese Varianz für Studien zur historischen Orthographie und zur Herausbildung von Rechtschreibkonventionen von Bedeutung.
Errata: Errata-Verzeichnisse der Originalpublikationen werden bei der Textkonstitution berücksichtigt. Die Korrekturen, die bei Erscheinen vorgesehen waren, werden in den edierten Texten ausgeführt. Im Emendationsverzeichnis wird angegeben, welche Eingriffe auf Errata-Angaben in den Originalen beruhen.
Emendationen: Trotz archivalisch-dokumentarischem Anspruch sind Eingriffe in die Schreibung unumgänglich, wenn der Sinn der Texte infrage steht oder unkenntlich ist. Voraussetzung für solche Emendationen ist das Vorliegen eines Textfehlers im Sinne Hans Zellers, eines Fehlers also, der „im Zusammenhang seines Kontextes keinen Sinn zuläßt“. Ausschließlich in diesen Fällen sind editorische Korrekturen, welche die Bedeutung des Textes sicherstellen, nicht nur erlaubt, sondern geboten. Emendiert wird dabei nicht nur bei Schreibungen, die keinen Sinn haben („nnd“ statt „und“), sondern auch bei semantischer Uneindeutigkeit, wenn zum Beispiel durch fehlende Diakritika ein Wort zwar an sich einen Sinn hat, dieser aber nicht zum Kontext passt („ou“ / „où“ = oder / wo, „a“ / „à“ = hat / zu). Alle Emendationen werden in einem Emendationsverzeichnis am Ende jedes Textbandes dokumentiert. In der Digitalausgabe sind die Emendationen im XML-Code ersichtlich.
Eigennamen: Solange sie verständlich sind, greift die Berner Ausgabe in die Schreibung von Namen (Personalia, Geographika) nicht ein, da seinerzeit verschiedene Schreibweisen kursierten und diese Varianten von historischem Interesse sind. Neben „Monte Cavo“ wird daher auch „Monte-Cavo“ bewahrt, neben „Kasbek“ auch „Kasbegk“, neben „Säntis“ auch „Sentis“, neben „Adeje“ auch „Adexe“, neben „Jermolow“ auch „Yermolov“, neben „Frémont“ auch „Fremont“, neben „Willdenow“ auch „Wildenow“. Übersetzungen von Namen wie „Londres“ (London), „Moselle“ (Mosel) und „Lucques“ (Lucca) beziehungsweise regionale Varianten wie das gallizisierte „Joseph de Laborde“ (José de la Borda) werden ebenfalls vorlagengetreu übernommen, ebenso die Abwandlungen von Humboldts eigenem Namen (u. a. „Humbold“, „Hombold“, „Alexandre“, „Alejandro“ oder „Sándor“), die seine unterschiedliche Bekanntheit, aber auch seine Appropriation in verschiedenen Sprachräumen anzeigen. Alle Namensvarianten werden im Register berücksichtigt (jeweils unter einem gemeinsamen Eintrag beziehungsweise mit Verweisen, falls der Anfangsbuchstabe variiert). Nur wo eine offensichtliche Verschreibung einen Namen unkenntlich macht – zum Beispiel bei „Franlkin“ statt „Franklin“ oder „Lucar Ataman“ statt „Lucas Alamán“ –, wird emendiert. Solche Textfehler sind in der Regel darauf zurückzuführen, dass Herausgeber oder Setzer, insbesondere bei Übersetzungen und Wiederveröffentlichungen, mit dem umfangreichen Personal oder der weitläufigen Geographie von Humboldts Texten nicht vertraut waren und Namen oder Begriffe, die ihnen unbekannt waren, im Manuskript nicht gut entziffern konnten. Wenn sie erklärungsbedürftig oder Symptom unvollständiger Konventionalisierung oder unsicherer wissenschaftlicher Standards sind, werden unterschiedliche Schreibungen von Namen oder Fachbegriffen innerhalb ein- und desselben Textes im Einführungskommentar zu diesem Text erläutert.
Typographie: Die Berner Ausgabe ist grundsätzlich dem Bewusstsein für historische Schriftbildlichkeit und Textmaterialität verpflichtet. Sie baut auf Erkenntnissen der Schrift- und Typographie-Forschung auf, insbesondere zur Semantik von Text- und Druckgestaltung und zur typographischen Hermeneutik. Sie berücksichtigt dabei Textmerkmale und Bedeutungsdimensionen, die in der Literaturwissenschaft und Editionsphilologie bisher in der Regel vernachlässigt wurden. Als nicht-faksimilierende, transliterierende Neusatz-Edition muss sie sich gleichwohl der Schwierigkeit stellen, Schriftbildmerkmale der Originale aus technischen und schriftsystemischen Gründen nicht vollständig nachbilden zu können, insbesondere bei im Original in Fraktur gesetzten Texten. Die Maxime der Ausgabe, die sich aus einem materialitätssensiblen Umgang mit dem typographischen Befund der Originale und ihrer Übertragung in unsere Ausgabe ergibt, lautet daher: Wo möglich, setzt die Berner Ausgabe auf die Bewahrung der originalen Text- und Schriftbildmerkmale. Wo sie ein Lesehemmnis für heutige Leser darstellen oder nur mit unverhältnismäßigem Aufwand nachzubilden wären, werden die Textmerkmale normalisiert und in der heutigen Form realisiert.
Typographische hapax legomena (Einmalverwendungen von Textmerkmalen in einzelnen Drucken, etwa aufgrund mangelnden Typenrepertoires) werden nicht bewahrt, sondern normalisiert. So wird in „Sur les Gymnotes et autres poissons électriques“ anstelle geschwungener Tilden [ñ] waagerechte Striche verwendet, es handelt sich im gesamten Corpus um den einzigen Druck, in dem dieses Textmerkmal vorkommt. Diese ungewöhnlichen Tilden werden im edierten Text in ihrer heute üblichen Form wiedergegeben.
Schriften und Alphabete: Die Drucke der Berner Ausgabe erschienen im Original in verschiedenen Schriften: in gebrochenen Schriften (Fraktur und Schwabacher), in Antiqua, in kyrillischer, griechischer und hebräischer Schrift. Einzelne Texte weisen sogar Zeichen aus indigenen amerikanischen Schriftsystemen auf, zum Beispiel aus dem Cherokee. Die unterschiedlichen Alphabete werden in der Textedition bewahrt. In den Bandbibliographien und in der Gesamtbibliographie wird kyrillische und hebräische Schrift zusätzlich transliteriert, damit die Titel und Quellenangaben allgemein lesbar sind. Die Diakritika werden vorlagengetreu wiedergegeben, auch dort, wo sie heutigen orthographischen Regeln nicht entsprechen. Texte in lateinischer Schrift werden grundsätzlich in Antiqua wiedergegeben, die Unterscheidung zwischen ursprünglich in Fraktur oder Antiqua gesetzten Texten entfällt also, Fraktur wird in Antiqua transliteriert. Die originale Satzschrift jeden Drucks ist im typographischen Befund in den Einführungskommentaren dokumentiert.
Schriftwechsel: In Fraktur-Drucken war es Konvention, Wörter oder Wortbestandteile fremdsprachigen Ursprungs in Antiqua zu setzen. In deutschen Drucken kommen solche Schriftwechsel von gebrochener zu Antiqua-Schrift zum Beispiel bei französischen oder lateinischen Passagen, Eigennamen oder Werktiteln durchaus häufig vor. Seltener weisen auch französische Drucke Fraktur für deutsche Textelemente auf. In der Berner Ausgabe wird der originale Schriftwechsel zwischen Fraktur und Antiqua bewahrt und in den edierten Texten durch den Wechsel von Antiqua zu einer serifenlosen Schrift (Grotesk) wiedergegeben. Gelegentlich kommt es in Frakturdrucken sogar vor, dass innerhalb eines regulär gesetzten Wortes einzelne Antiqua-Lettern verwendet werden, zum Beispiel für Diakritika in Wörtern wie „Fé“, „Chimboraço“ oder „Illiniça“. Der Schriftwechsel dient hier nicht dazu, eine sprachliche Differenz kenntlich zu machen, sondern ist ausschließlich pragmatisch durch einen Mangel im Typenrepertoire der Fraktur bedingt. Solche Fälle eines punktuellen Schriftwechsels unterhalb der Wortebene werden nicht wiedergegeben.
Auszeichnungen: Kursivierung, Sperrung, Fettung und Kapitälchen werden bewahrt. Schwabacher wird als Fettung wiedergegeben. Die Vermischung von Fettung und Schwabacher ist gleichwohl ausgeschlossen, da Fettung nur in Antiqua-, Schwabacher nur in Frakturdrucken vorkommt.
Schriftgrad: In den Frakturdrucken der 1790er und 1800er Jahre kommt mitunter noch die Vergrößerung des Schriftgrads als frühere, im Verschwinden begriffene Form der Textauszeichnung vor, ähnlich der Betonung und Hervorhebung durch Schwabacher, Sperrung oder Kursive. Solche Schriftgradwechsel werden in den edierten Texten durch Versalien wiedergegeben.
Transliteration einzelner Lettern: Die Transliteration von gebrochenen Schriften in Antiqua erfordert Anpassungen einzelner Lettern. Lang-s [ſ] (das auch in frühen Antiqua-Texten des Corpus vorkommt) wird grundsätzlich durch rund-s [s] wiedergegeben, lang-s-s [ſs] durch ß. Rund-r [ꝛ] wird als [r] wiedergegeben, die lange Zeit in Frakturtexten übliche Abkürzung „ꝛc.“ als „etc.“. Ligaturen der Fraktur werden nicht bewahrt. Die I/J-Identität mancher früher Frakturdrucke des Corpus, die für beide Buchstaben nur eine Letter kennen, wird nach heutigem Sprachstand aufgelöst. Umlaut-Minuskeln mit superscript-e werden in heutiger Form mit Trema wiedergegeben. Getrennte Umlaut-Majuskeln der Fraktur – „Ae“, „Oe“ und „Ue“ – werden hingegen originalgetreu wiedergegeben. Denn die Bewahrung dieser aufgelösten Majuskel-Umlaute hat bibliographische Relevanz: Viele Titel des Corpus beginnen mit dem generischen „Ueber…“ („Ueber die gereitzte Muskelfaser“, „Über die Rindviehseuche als Nervenfieber behandelt“). Um die Schreibweise dieser Titel kompatibel mit der Literatur der Zeit und mit früheren bibliographischen Verzeichnissen von Humboldts Schriften zu halten, werden die originalen Umlaute bewahrt.
Anführung: Wie viele andere orthographisch-typographische Praktiken war auch die Anführung zu Humboldts Zeit nicht verbindlich reguliert, weder in Hinsicht auf die Art der Interpunktionszeichen noch in Hinsicht auf deren Verwendung und Platzierung. Sie variiert je nach Sprachraum, und die Vielfalt ihrer Verwendungsweisen reicht von der heute üblichen Praxis je eines öffnenden und eines schließenden Anführungszeichens am Beginn und am Ende der angeführten Passage über erneute öffnende Anführungszeichen am Beginn von Absätzen bis zu deren Wiederholung am Beginn jeder Zeile. All diese Praktiken sind für die Humboldt-Zeit durchaus konventionell. In einer Neusatz-Edition, die den originalen Zeilenfall auflöst, ist es jedoch nicht möglich, zum Beispiel wiederholte Anführung originalgetreu am Beginn der Zeilen wiederzugeben. Die Anführung wird daher insgesamt normalisiert und in der heute üblichen Weise wiedergegeben: Wiederholte öffnende Anführungszeichen entfallen, und die unterschiedlichen Formen historischer Anführungszeichen werden zu den im deutschen Schriftraum heute gebräuchlichen vereinheitlicht („ “).
Absätze, Einzüge, Einrückungen: Gliederung und Anzahl der Absätze werden originalgetreu bewahrt. Strukturelle beziehungsweise funktionale Abstände zwischen Absätzen, die gemeinhin eine stärkere inhaltliche Trennung anzeigen, bleiben ebenfalls erhalten. Die äußerst uneinheitliche Gestaltung unterschiedlich großer Einrückungen und Einzüge am Beginn von Absätzen sowie das Ausmaß der Abstände zwischen Absätzen werden hingegen normalisiert. Sie folgen in aller Regel eher Druck- und Satzkonventionen oder technischen Zwängen der historischen Publikationsorgane als inhaltlichen Beweggründen. Auf Tabellen folgen in der Druckausgabe nach Verlagsrichtlinien grundsätzlich stumpfe Absätze, auch wenn sie im Original in einen Absatz integriert waren. Zierrat und Sonderzeichen zur Absatzmarkierung (Asteriske, Aldusblätter, Ornamentlinien) werden zu Asterisken vereinheitlicht.
Drucktechnische Merkmale: Bogensignaturen und Kustoden, die in den historischen Drucken die korrekte Aneinanderreihung aufeinanderfolgender Druckbogen gewährleisteten, werden nicht wiedergegeben. Die Kustode steht jeweils am Ende eines Druckbogens und verzeichnet den Beginn des anschließenden, in der Regel die erste Silbe oder das erste Wort. In dem seltenen Fall, dass der Beginn eines Druckbogens fehlerhaft ist, wurde er bei der Textkollation nach der vorangehenden Kustode korrigiert.
Interpunktion: Gemäß dem Konzept einer dokumentarischen Archiv-Ausgabe wird die Zeichensetzung der Originale bewahrt, selbst wenn sie heutigen Rechtschreibregeln nicht entspricht. Nur bei sinngefährdenden Textfehlern (im Sinne Zellers) wird in die Interpunktion eingegriffen, dann also, wenn der Text durch fehlerhafte Zeichensetzung miss- oder unverständlich wäre. Solche Emendationen sind zum Beispiel bei fehlendem Punkt zwischen Sätzen oder bei fehlendem Komma innerhalb einer Aufzählung erforderlich. So fehlt im ersten Text des Corpus an zwei Stellen ein Komma in Aufzählungen, das jeweils ergänzt wird, zum einen bei der Aufzählung der Verbreitungsgebiete des besprochenen Giftbaums: „Le Boa-Upas croît principalement dans les Isles de Java, Sumatra, Borneo Baleija, & de Macassar.“ Und zum anderen bei jener der Körperteile, die es vor seiner giftigen Wirkung zu schützen gelte: „la tête les mains & les pieds“. Das fehlende Komma zwischen „Borneo“ und „Baleija“ ist besonders irreführend, da der Eindruck entstehen kann, es handele sich um einen zweiteiligen Namen, während tatsächlich von zwei verschiedenen Inseln die Rede ist. Die Emendation des fehlenden Kommas kann durch den Abgleich mit der Beschreibung von Thunberg bestätigt werden, die Humboldt hier referiert: „Crescit venenatissima arbor in variis Indiæ orientalis calidioris locis, præcipue insulis: Java, Sumatra, Borneo, Baleija & Macassaria […].“ Zur Beurteilung solcher Textfehler werden nicht nur die mehr oder weniger fest konventionalisierten Gebrauchsregeln von Interpunktionszeichen zur Humboldt-Zeit zugrundegelegt, sondern auch ihr möglicherweise abweichender Gebrauch in Rechnung gestellt, sofern er innerhalb eines Drucks eine systematische Binnenkonvention etabliert.
Die sehr unregelmäßige Auszeichnung der Interpunktion in den Originaldrucken (zum Beispiel der mal erfolgende, mal ausbleibenden Einbezug von angrenzender Interpunktion in gesperrte oder kursivierte Textabschnitte) wird, wie bereits ausgeführt, normalisiert: Grundsätzlich wird Interpunktion recte und unspationiert gesetzt, außer sie steht innerhalb eines gesperrten, kursiven oder gefetteten Abschnitts.
Auslassungszeichen: Die in den Originalen stark variierende Spationierung mehrteiliger Interpunktionszeichen (zum Beispiel des Dreipunkts, der teils kompress, teils mit großen Abständen gesetzt wird) wird normalisiert und heutigem Gebrauch angepasst.
Diakritika: Bei Akzenten, Apostrophen und anderen diakritischen Zeichen werden typographische Gestaltungsunterschiede zwischen unterschiedlichen Schriftarten und Drucktypen nicht abgebildet. Entscheidend ist in diesen Fällen die äquivalente Wiedergabe durch das heutige Zeichen mit derselben Funktion.
Sonderzeichen: Sonderzeichen zum Beispiel der Astronomie oder Mathematik werden vorlagengetreu wiedergegeben. Sofern kein standardisiertes Unicode-Zeichen existiert (etwa für die Zahlzeichen in „Über die bei verschiedenen Völkern üblichen Systeme von Zahlzeichen und über den Ursprung des Stellenwerthes in den indischen Zahlen“ ), werden die Sonderzeichen graphisch nachgebildet.
Brüche und Formeln: Mathematische Zeichen, Formeln und Brüche werden mithilfe der heute üblichen Zeichen wiedergegeben. Geschwungene Bruchstriche werden normalisiert.
Fuß- und Endnoten: Die Vielfalt der historischen Fuß- oder Endnotenzeichen und Anmerkungspraktiken könnte originalgetreu nur mit Hilfe von Faksimiles abgebildet werden. Nach dem Vorbild der Edition des Kosmos und der Ansichten der Kordilleren (2004) sowie von Zentral-Asien (2009) werden Fuß- und Endnoten in der Druckfassung der Berner Ausgabe jeweils durchgehend nummeriert. Asteriske, Kreuze und andere Notenzeichen werden dabei durch Ziffern ersetzt. Da die Fußnoten mit Asterisken in den Originalen in der Regel seitenweise und nicht textweise gezählt werden, die Kennzeichnung sich also von Seite zu Seite wiederholt, macht erst die durchgehende Nummerierung die Anmerkungen eindeutig identifizier- und zitierbar. Auf diese Weise ergibt sich außerdem eine Übersicht über Zahl und Dichte der Anmerkungen, die bei Humboldt regelmäßig eine eigene Textebene bilden. Die Originalgestalt der Fußnotenzeichen wird in den XML-Transkriptionen bewahrt.
Nur in einem Ausnahmefall wird von der durchgehenden Nummerierung abgewichen, nämlich wenn die Originalpublikation eine doppelte Fußnotenzählung aufweist: Im historischen Druck der „Briefe des Herrn Oberbergraths von Humboldt“ werden die Fußnoten des Herausgebers der Neuen Berlinischen Monatschrift, Johann Erich Biester, mit Asterisken gekennzeichnet, diejenigen Dietrich Ludwig Gustav Karstens, der Humboldts Briefe seinerseits einleitet und kommentiert, mit Kleinbuchstaben. Diese Unterscheidung zwischen den unterschiedlichen Autorschaften der Fußnoten wird in der Berner Ausgabe bewahrt, Biesters Fußnoten werden nummeriert und Karstens originalgetreu mit Buchstaben versehen.
Abbildungen: Die Abbildungen sämtlicher Texte werden vollständig wiedergegeben, jeweils im Anschluss an den Text, zu dem sie gehören. Ihre Größe wird bei der Reproduktion an das Druckformat der Berner Ausgabe angepasst. Die Originalblattgröße und die Herkunft (Bibliothek) der reproduzierten Exemplare sind in der Edition des Graphischen Gesamtwerks verzeichnet.
Tabellen: Komplexe und umfangreiche Tabellen (zum Beispiel demographische Statistiken oder Temperatur-Angaben zu zahlreichen Orten der Erde), die in ihren Ausmaßen und ihrer Vielschichtigkeit mitunter einen eigenen ästhetischen, illustrativen Charakter annehmen, werden in der Druckausgabe fallweise wie Abbildungen behandelt und als Faksimiles in die Texte integriert.
Digitale Textfassungen: Als Hybrid-Edition bietet die Berner Ausgabe neben der Buchausgabe als zweite Komponente eine elektronische Ausgabe: Das vollständige Corpus wird in Form digitaler Volltexte online zur Verfügung gestellt. In den XML-Volltexten sind die erfassten Textmerkmale der Originaldrucke – über die Darstellung in der Druckausgabe hinaus – vorlagengetreu transkribiert (bis hin zum Beispiel zu Kustoden und Bogensignaturen). Technische Voraussetzungen und editorische Rücksichten auf Einheitlichkeit und Eindeutigkeit gelten für die digitale Edition nicht im selben Maß wie für eine Buchausgabe. Denn im digitalen Medium der XML-Dateien kann die Gestaltung der Originale codiert beziehungsweise dokumentiert werden, ohne den materiellen Einschränkungen zu unterliegen, die mit ihrer Wiedergabe in einer Buchausgabe einhergehen (Wahl des Formats und der Schriftart, begrenzte Darstellungsmöglichkeiten und Ressourcen). Die digitale XML-Transkription eines Frakturdrucks ist gleichwohl nicht ihrerseits in Fraktur gesetzt oder einfach in Antiqua transliteriert, sondern sie enthält die Information über das ursprüngliche Schriftbild als Bestandteil ihres Codes. Viele der beschriebenen Normalisierungen und Vereinheitlichungen, die erst bei der Wiedergabe eines Textes im Druck erforderlich sind, betreffen die elektronischen Fassungen weniger stark oder gar nicht.
Die Kehrseite der digitalen Codierung besteht in Einbußen der Lesbarkeit. Der Code von XML-Dateien enthält neben der transkribierten Vorlage zahlreiche Steuer- und Auszeichnungselemente, die für ungeübte Leser kaum verständlich sind. Zur Wiedergabe als Klartext, auch wenn er digital als HTML- oder PDF-Datei verfasst ist, muss der XML-Text einen durchaus vergleichbaren Konvertierungsprozess durchlaufen wie ein historischer Textzeuge für die Wiedergabe in einer gedruckten Buchedition. Auch die im XML-Code virtuell enthaltenen Informationen über die Gestalt des historischen Originals müssen dann auf eine bestimmte Weise typographisch realisiert werden, die von der Vorlage mehr oder weniger abweichen kann. Als lesbarer Text unterliegt die elektronische Transkription also vergleichbaren materiellen Bedingungen wie der edierte Text einer Druckausgabe. Ihr Wert als Archivformat besteht darin, dass sie, um die Informationen über die zugrundeliegende Originalpublikationen zu bewahren und zu überliefern, keine physische Realisierung erfordert.
Die Anordnung und Reihenfolge der edierten Texten in den Bibliographien und entsprechend in den Textbänden der Druckausgabe folgt zwei Prinzipien: der Chronologie der Erstdrucke und der Bündelung der Nachdrucke und Wiederveröffentlichungen nach Textabhängigkeit. Auf eine mögliche Anordnung nach Disziplinen, Textsorten oder Sprachen wird verzichtet, weil sie jeweils eine nachträgliche Setzung bedeuten würde, die Humboldts Schriften mehr oder weniger willkürlich kategorisiert.
Textabhängigkeit: Die von einem jeweiligen Erstdruck abhängigen beziehungsweise diesem zugehörigen Texte, das heißt: Wiederveröffentlichungen, Erweiterungen oder Auszüge, Überarbeitungen durch den Verfasser, Bearbeitungen durch Dritte sowie Übersetzungen, werden direkt im Anschluss an den Erstdruck gebündelt (in der Druck- beziehungsweise in der Online-Ausgabe sowie in der Gesamtbibliographie). Gegenüber einer rein chronologischen Ordnung, die sämtliche Drucke strikt nach ihrem Veröffentlichungsdatum sortiert, hat diese Ordnung nach Textabhängigkeit pragmatische Vorteile: Der Zusammenhang eines Konvoluts untereinander abhängiger Drucke wird auf einen Blick erkennbar; Fassungsvergleiche können angestellt werden, ohne die möglicherweise mit großem zeitlichen Abstand erschienenen Nachdrucke zusammenzusuchen; und die Gesamtzahl der Publikationen (die Zahl der Erstdrucke, die Zahl der Nachdrucke) wird überschaubarer.
Datierung: Eine Reihe von medialen und kalendarischen Merkmalen der Humboldt-Zeit erschwert indes die präzise Datierung der Veröffentlichungen. Aufgrund der medialen Heterogenität des Corpus sind zur Bestimmung der Publikationschronologie unterschiedliche publizistische Zeitrechnungen beziehungsweise Datierungspraktiken zueinander ins Verhältnis zu setzen: die tages- oder wochengenaue Datierung von Zeitungsausgaben; die periodische Datierung von Zeitschriftenheften, üblicherweise im Monats-, Vierteljahres- oder Halbjahresrhythmus; und die in der Regel auf ein Jahr oder sogar einen Zeitraum von mehreren Jahren datierten monographischen Veröffentlichungen.
Historische Datierungen von Druckveröffentlichungen sind gleichwohl nicht vollkommen verlässlich. Insbesondere bei Monographien – so auch bei Humboldts eigenen – kommen Vor- oder Rückdatierungen und verzögerte Teillieferungen vor, die deutlich später erschienen sind, als das Titelblatt ausweist. Der Zeitpunkt, zu dem ein Buchwerk tatsächlich vollständig vorlag, wich nicht selten vom angegebenen Erscheinungsdatum ab (beim dritten Band von Humboldts Relation historique zum Beispiel beträgt die Differenz sechs Jahre). Auch die Ausgaben von Zeitschriften erscheinen nicht notwendigerweise genau innerhalb des ausgewiesenen Zeitraums. Die Reihenfolge nach angegebenen Publikationsdaten entspricht deshalb nicht zuverlässig der tatsächlichen Herstellung und Auslieferung der Texte. Die Reihenfolge der Texte in der Berner Ausgabe ist also nicht so zu verstehen, dass ein Text, der auf einen anderen folgt beziehungsweise in einem folgenden Jahrgang einsortiert wurde, zwangsläufig de facto später veröffentlicht wurde.
Offenkundig wird die Diskrepanz zwischen ausgewiesener Datierung und tatsächlichem Publikationszeitpunkt mitunter durch Hinweise
innerhalb der Texte und durch erklärte oder erschließbare Abhängigkeiten. Wenn in einer Fußnote zum Titel eines Textes oder in einer Herausgebereinleitung auf einen zugrundliegenden Druck hingewiesen wird, aus dem der Text übernommen wurde, muss dieser Druck früher erschienen sein, obwohl er womöglich später datiert ist.
Insbesondere innerhalb eines Jahrgangs kann deswegen keine mathematische Sicherheit über die Reihenfolge erreicht werden. Diese Schwierigkeit wirkt sich sogar auf die Bestimmung der Erstdrucke von Textbündeln aus. Weil Humboldt seine Texte mindestens auf Deutsch, Französisch und Latein verfasste, ist auch die Sprache nicht immer ein sicherer Hinweis auf die Priorität des Originals. Im Fall veröffentlichter Briefe kann im Zweifel deren Datierung, Adressat oder Sprache als Indiz für die Priorität eines Erstdrucks dienen, desgleichen unter Umständen die Autorität des Publikationsorgans. (Humboldts Akademiereden und größere Abhandlungen erschienen in der Regel zunächst in den Akademie-Publikationen oder renommierten Fachzeitschriften, bevor sie, zumal auszugsweise, in populäreren Formaten wiederabgedruckt wurden.) Wenn Hinweise gänzlich fehlen, wird der wahrscheinlichste Druck als Erstdruck gesetzt. Dabei wird in der Regel der vollständigste Druck priorisiert, da Auszüge oft auf nachrangige beziehungsweise abhängige Veröffentlichungen hindeuten. In solchen Fällen gibt der Einführungskommentar Auskunft über die Druckreihenfolge.
Eine weitere Schwierigkeit besteht in der Datierung vieler französischer Veröffentlichungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts nach dem französischen Revolutionskalender beziehungsweise dem republikanischen Kalender, der inoffiziell ab 1789 und offiziell von 1792 bis 1805 in Gebrauch war. Humboldts französische Zeitschriften-Publikationen dieser Zeit sind mehrheitlich entsprechend ausgewiesen. Da weder die Monats- noch die Jahresgrenzen des Revolutionskalenders denen des gregorianischen entsprechen, ist eine Umrechnung unumgänglich. Zu allen Daten des Revolutionskalenders werden deshalb in den bibliographischen Angaben der Berner Ausgabe in eckigen Klammern die gregorianischen ergänzt.
Textreihenfolge: Die Reihenfolge der Texte in der Berner Ausgabe beruht im Detail auf folgenden Regeln. Die Textbände der Druckausgabe sind nach Jahrzehnten unterteilt: sieben Bände von den 1790er bis zu den 1850er Jahren. (Weil Humboldts erste Veröffentlichung bereits 1789 erschien, umfasst Textband I genau genommen den Zeitraum von 1789 bis 1799.) Innerhalb eines Textbandes werden die Texte nach ihrem Erstdruck chronologisch in Jahrgängen geordnet. Maßgeblich für die Ordnung der Erstdrucke ist deren ausgewiesenes Publikationsjahr (auch bei publizierten Briefen, die nicht nach dem Briefdatum sortiert werden, sondern nach dem Zeitpunkt ihrer Publikation). Weil die exakte Chronologie der Veröffentlichungen innerhalb eines Jahrgangs nicht mit Sicherheit ermittelt werden kann, werden die Erstdrucke für jedes Jahr in alphabetischer Reihenfolge angeordnet.
Von einem Erstdruck abhängige Drucke werden im Anschluss an diesen gebündelt eingeordnet. Innerhalb eines Bündels wird chronologisch vom Erstdruck bis zum spätesten Druck zu Lebzeiten sortiert. Tagesgenau datierte Texte werden dabei vor solchen Drucken rangiert, die auf einen Zeitraum (Monat oder Jahr) datiert sind: Ein Zeitungsartikel vom 21. Juni 1805 wird also vor einem Zeitschriftenaufsatz vom Juni 1805 aufgeführt, dieser wiederum vor einem Journaldruck aus dem Zeitraum Juni bis Dezember 1805, anschließend folgen die weiteren Drucke aus dem Jahr 1805. Ergibt die Datierung keine eindeutige Reihenfolge innerhalb der abhängigen Drucke, wird auch hier auf alphabetische Reihung zurückgegriffen (anhand des Texttitels oder, bei Identität der Titel, anhand des Titels des Periodikums oder der Monographie). In der Online-Ausgabe kann die Bibliographie nach verschiedenen Kriterien gefiltert und sortiert werden.
Titelgebung: Die Grundeinträge der Bibliographie tragen den Titel des Erstdrucks. Sowohl bei Erst- als auch bei abhängigen Drucken wird, wenn sie titellos erschienen, ein editorischer Titel in eckigen Klammern eingesetzt. Bei Erstdrucken steht der editorische Titel in der Sprache des Textes, damit bereits anhand der bibliographischen Angaben ersichtlich wird, in welcher Sprache ein Text verfasst ist. Abhängige Drucke übernehmen, um ihre Zusammengehörigkeit anzuzeigen, den editorischen Titel des Erstdrucks, unabhängig von ihrer Sprache. Im Sinne historischer und inhaltlicher Authentizität orientieren sich die editorischen Titel der Erstdrucke, wenn möglich, an den Titeln von abhängigen Drucken gleicher Sprache, sie übernehmen also zum Beispiel den Titel des Zweitdrucks. Ist dies nicht möglich, weil keine Wiederveröffentlichungen existieren, diese ebenfalls keinen Titel tragen oder ihre Sprache nicht der des Erstdrucks entspricht, werden Titel gesetzt. Diese hinzugefügten Titel werden nicht mit mehr oder weniger komprimierten Inhaltsangaben überladen, wie dies in früheren Bibliographien der Fall war. Stattdessen bezeichnen sie in der Regel die Textsorte, zum Beispiel: „[Anzeige]“, „[Auszug aus…]“, „[Richtigstellung]“ oder „[Vorwort]“. Auf diese Weise werden die titellosen Drucke nach einem möglichst sachlichen, unzweideutigen Merkmal der Texte benannt. Und wiederkehrende Publikationsformate werden einheitlich verzeichnet, zum Beispiel: „[Brief an…]“.
Weil sie auf Veröffentlichungsdatum und alphabetischer Reihenfolge beruht, ist die Reihenfolge der Texte in der Berner Ausgabe nicht als Stemma beziehungsweise als Publikationsstrang zu verstehen. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass aufeinanderfolgende Texte eines Bündels jeweils linear von ihrem Vorgänger abhängig sind, ihrem Nachfolger zugrunde liegen und alle zusammen auf den ursprünglichen Erstdruck zurückgehen. In sehr umfangreichen Bündeln mit nicht selten mehr als 30, 50 oder 70 Veröffentlichungen – zum Beispiel bei den massenhaft nachgedruckten Auszügen aus Humboldts Buchwerken –, kann es sogar vorkommen, dass einzelne Texte untereinander gar keine textliche Überschneidung haben, sondern jeweils nur Fragmenten umfangreicherer Texte entsprechen, die ihrerseits Textabschnitte miteinander teilen. In solchen Bündeln hängen zwar alle Texte insgesamt miteinander zusammen, aber nicht jeder Text direkt mit jedem.
Während die Bandbibliographien in den Textbänden der Druckausgabe jeweils die Quellenangaben der in ihnen enthaltenen Drucke ausweisen, verzeichnet die Gesamtbibliographie (im Apparatband sowie in der Digitalausgabe) sämtliche rund 3600 Drucke des Corpus, also auch all jene Wiederveröffentlichungen, die nicht in den Textbänden der Druckausgabe, sondern in der elektronischen Edition wiedergegeben werden. Die Gesamtbibliographie der Humboldtschen Schriften ist ein wesentliches Forschungsergebnis und zugleich ein Forschungswerkzeug der Berner Ausgabe. Sie ordnet die Veröffentlichungen entsprechend den erläuterten Grundsätzen für die Textreihenfolge an: chronologisch nach Erstdrucken und gebündelt nach Textabhängigkeiten.
Die Erfassungstiefe der Bibliographie geht indes über einen reinen Drucknachweis hinaus. Hinzu kommen erweiterte Quellenangaben zum Erscheinen in Fortsetzung, zu Entsprechungen mit Humboldts selbständigen Werken und zu postumen Nachdrucken. So wird ersichtlich, zu welchem Grad Humboldts unselbständige Veröffentlichungen als Vorab- oder Nachdrucke in Beziehung zu seinen Buchwerken stehen. Und es wird deutlich, in wie geringem Maß die Schriften nach Humboldts Tod wiederveröffentlicht wurden.
Insgesamt macht die Gesamtbibliographie die Publikationsbiographie Alexander von Humboldts nachvollziehbar. Und anhand der Bündelungen stellt sie die Publikationsgeschichte jedes einzelnen Textes dar.
Die Druckgeschichte der Texte ist außerdem Bestandteil der Einführungskommentare („Zugänge“). Darüber hinaus bildet die Bibliographie einen Bestandteil der Online-Datenbank, die alle Texte nach weiteren durchsuchbaren Kategorien erschließbar macht (Sprache, Erscheinungsjahr und Erscheinungsort).
Die Berner Ausgabe umfasst in ihrer Druckausgabe sieben Textbände und drei Ergänzungsbände, deren Elemente in die digitale Ausgabe überführt wurden.
Die Textbände enthalten neben den Texten eines Jahrzehnts jeweils folgende Hilfsmittel zur Orientierung: eine editorische Kurzinformation (als ,Gebrauchsanleitung‘), ein Inhaltsverzeichnis, eine Bandbibliographie und ein Emendationsverzeichnis.
Der Apparatband enthält folgende Werkzeuge als Erschließungsmittel für Humboldts Texte: die allgemeine Einführung in die Berner Ausgabe, den vorliegenden Editorischen Bericht, die Gesamtbibliographie einschließlich postumer Nachdrucke und Entsprechungen mit Humboldts Buchwerken, das Gesamtinhaltsverzeichnis der Ausgabe (chronologisch und alphabetisch) sowie zusätzlich Glossare der Maße, Instrumente, Periodica und der zitierten Literatur sowie Register der Personen und Orte.
Die Glossare erschließen vier Dimensionen der Schriften. Die in Humboldts Texten vorkommenden Maße und Währungen in diversen Sprachen (zum Beispiel agatsch, braça, Florin, Gran, Quintal oder Werst) werden erläutert, zueinander ins Verhältnis gesetzt und in heute übliche Angaben übersetzt. Auf diese Weise werden die zahlreichen regionalen und historischen Einheiten bestimmt, die vor der internationalen Standardisierung in der wissenschaftlichen Literatur gebräuchlich waren.
Die von Humboldt erwähnten und verwendeten Instrumente und Medien (Beobachtungs- und Messgeräte) werden erklärt, damit verständlich wird, wie seine Messungen und Datenerhebungen durchgeführt wurden (mit Aräometer, Cyanometer, Deklinatorium, Hyetometer, Quadrant, Voltascher Säule etc.).
Darüber hinaus werden Informationen zu sämtlichen Periodica angeboten, in denen Humboldts Schriften erschienen sind (Titel, Ort, Erscheinungszeitraum, bei bedeutenden Journalen zudem Informationen wie Herausgeber, Verlag und Intervall der Veröffentlichung). Auf diese Weise wird mit über 1240 internationalen Zeitungen und Zeitschriften die sehr ausgedehnte publizistische Landschaft kartiert, in der Humboldts Schriften erschienen. Anhand der über 440 Publikationsorte der Periodica lässt sich die weltweite Verbreitung seiner Texte geographisch nachzeichnen.
Schließlich wird die von Humboldt zitierte Literatur bibliographiert. Die nach heutigen Maßstäben unvollständigen oder impliziten Literaturangaben, die sich in Humboldts Texten finden, werden, sofern rekonstruierbar, mit vollständigem Quellennachweis aufgeschlüsselt. (So wird zum Beispiel „Zoega, de Obeliscis“ übersetzt in: Georg Zoega, De origine et usu obeliscorum ad Pium Sextum, Pontificem Maximum, Rom: Lazzarini 1797). Auf diese Weise werden die Quellen erschlossen, soweit sie in den Schriften ausgewiesen sind, die Humboldt in seiner Forschung ausgewertet und angegeben hat.
Die Register der Personen und Orte versammeln alle Namensvarianten unter einem Eintrag. Solange eindeutig identifizierbar, werden dabei auch implizite Nennungen nachgewiesen (zum Beispiel „mein Bruder“ für Wilhelm von Humboldt). Biologische Taxonomien und Maßeinheiten, die Eigennamen enthalten (zum Beispiel Linné), werden nicht indexiert. Von historischen Personen erfundene oder hergestellte Instrumente (zum Beispiel Ramsden) werden hingegen namentlich aufgenommen. Um der Handhabbarkeit willen enthält das Register keine Nachweise für Personen gruppen (Akademien, Orden, Ethnien).
In den XML-Volltexten werden Personen- und Ortsnamen codiert. Alle Fundstellen lassen sich durch Volltext-Suche in der digitalen Ausgabe recherchieren.
Apparatband („Werkzeuge“)
Alexander von Humboldt verfasste seine Aufsätze, Artikel und Essays in deutscher und französischer sowie – in einzelnen Fällen – lateinischer Sprache. Sie erschienen darüber hinaus in englischen, spanischen, italienischen, portugiesischen, niederländischen, dänischen, schwedischen, norwegischen, polnischen, russischen, ungarischen und hebräischen Übersetzungen – insgesamt in 15 Sprachen. Dieses mehrsprachige Corpus soll auch für Leser angeboten werden, die nicht gleichermaßen polyglott sind wie Humboldt. Der Übersetzungsband präsentiert deshalb alle Texte, von denen bisher keine deutschsprachige Version verfügbar war – sei es als Original, in zeitgenössischer oder postumer Übersetzung oder als entsprechende Passage in einem selbständigen Werk – in neuen deutschen Übertragungen. In insgesamt rund 130 Texten, gut einem Sechstel des Corpus, wird Humboldt so zum ersten Mal auf Deutsch lesbar.
Übersetzungsband („Übertragungen“)
Alexander von Humboldt folgte seinen Interessen quer durch diverse Wissensgebiete. Seine Schriften verbinden zahlreiche Disziplinen. Der Forschungsband der Berner Ausgabe enthält 21 Transversalkommentare, die Problemstellungen und Forschungsfragen durch das gesamte Corpus hindurch verfolgen. Indem sie Sondierungen beziehungsweise Durchquerungen des sehr umfangreichen Materials unternehmen, eröffnen sie es für bestimmte Interessen, zum Beispiel für Ökologie oder Klimaforschung, Kolonialismus oder Kartographie. Die Transversalkommentare bieten so Navigationshilfen durch die sämtlichen Schriften. Sie geben Anregungen für die Lektüre und für die künftige Forschung. In der Digitalausgabe sind die Verweise zwischen den Transversalkommentaren und auf die Texte des Corpus als Links umgesetzt.
Forschungsband („Durchquerungen“)
Auf einen Stellenkommentar, der extrem aufwendig und stark redundant wäre, verzichtet die Berner Ausgabe zugunsten der genannten Werkzeuge (Glossare, Register, Bibliographie) sowie der Transversalkommentare zum gesamten Corpus. Darüber hinaus bietet sie einleitende Kommentare zu jedem einzelnen Text. Diese Einführungskommentare eröffnen Zugänge zu den verschiedenen Erstdrucken beziehungsweise den Textbündeln einschließlich der Varianten und Übersetzungen. Sie enthalten Informationen zur Publikationsgeschichte; Übersetzung, Nachweis und nötigenfalls Korrektur altsprachlicher Textanteile; textkritische Angaben und Informationen zur Autorschaft sowie zu den Adressaten; sie erläutern Entstehungs- und Publikationszusammenhänge; Debatten- und Diskurskontexte; sie geben Deutungsansätze; und ausgewählte Literaturhinweise. Die Einführungskommentare sind in den meisten Fällen die ersten Forschungsbeiträge zu Humboldts Schriften überhaupt. Sie bilden so eine Grundlage für deren weitere Erforschung.
Die Einführungskommentare erscheinen in drei Phasen: zunächst online, als passwortgeschützte Vorab-Publikation für ein Fachpublikum; anschließend, nachdem die ExpertInnen die Gelegenheit hatten, ihre Rückmeldungen zu geben, im Aisthesis Verlag im Druck; und schließlich, zwei Jahre später, frei verfügbar im Netz als Bestandteil der Digitalausgabe.
Einführungskommentare („Zugänge“)
Entsprechend den Konventionen der Wissenschaft und der höheren Bildung seiner Zeit, fügte Humboldt altgriechische und lateinische Begriffe und Zitate sowie selbstverfasste fachsprachliche Passagen in seine Schriften ein. Diese altsprachlichen Textanteile stellen heutige Leser aufgrund des Rückgangs allgemeiner altsprachlicher Kompetenzen vor Schwierigkeiten. Um den Zugang zu Humboldts Texten einem möglichst breiten Leserkreis zu ermöglichen, werden diese Textanteile in der Berner Ausgabe übersetzt.
Zitate von Autoren der Antike (Pindar, Herodot, Strabon; Cicero, Vergil, Horaz, Ovid, Seneca, Plinius, Tacitus, Pomponius Mela, Macrobius) und der Neuzeit (Petrus Martyr, Bacon, Spinoza, Linné) werden ggf. anhand von Referenzausgaben ausgewiesen, wenn nötig mit autoritativem Text. Sofern die Zitate bei Humboldt von ihrem Originalwortlaut abweichen, werden sie – nur im Kommentar, nicht im Text – emendiert und ggf. vervollständigt. Nicht übersetzt werden historische Werktitel und die zoologisch-botanische Taxonomie (Binomina, d. h. die binäre Nomenklatur aus Gattungsname und Art-Epitheton, für die es häufig keine vernakularsprachlichen Trivialnamen gibt oder die sich seit Humboldts Zeit geändert haben).
Diese Aufbereitung der altsprachlichen Textanteile in den Einführungskommentaren soll dabei nicht nur das Verständnis der Texte auch ohne altphilologische Kenntnisse erleichtern. Sie erschließt Humboldts Schriften darüber hinaus für philologische Forschungen, etwa zu Humboldts Antikenrezeption.
Neu-fremdsprachliche Textelemente innerhalb deutschsprachiger Texte werden dagegen nicht übersetzt, weil sie eher verständlich und allzu zahlreich sind.
Altsprachliche Textanteile
Die digitale Edition stellt innerhalb des Hybrid-Konzepts der Berner Ausgabe eine Ergänzung und Erweiterung der Druckausgabe dar. Sie ist frei zugänglich (open access) auf der Projektwebseite: www.humboldt.unibe.ch.
Die digitale Edition leistet im Wesentlichen zweierlei: die digitale Verfügbarmachung der elektronischen Volltexte sowie die Bereitstellung digitaler Werkzeuge zu deren Erschließung.
Die Wiedergabe erfolgt mittels herunterladbarer Einzel-Dateien sämtlicher Texte des Corpus in einer codierten XML- sowie in einer lesbaren Klartext-Fassung; mithilfe eines Viewers können die Texte online gelesen werden. Die digitale Archivierung ermöglicht es außerdem im Bedarfsfall, Korrekturen oder Ergänzungen (zum Beispiel der Codierung) vorzunehmen.
Der Zugriff auf die Texte erfolgt über eine Bibliographie, die der Abdruckreihenfolge der Buchausgabe entspricht und zusätzliche bibliographische Informationen zu jedem einzelnen Text umfasst (Sprache, Publikationsort, Erscheinungsort etc.). Die Metadaten der Bibliographie sind durchsuchbar, lassen sich filtern und sortieren. So lassen sich nach eigenen Kriterien erstellte Auswahlen aus dem Corpus erstellen, etwa für alle deutschsprachigen Drucke mit dem Stichwort „Brief“ im Titel oder für alle in Paris erschienenen Drucke.
Digitale Erschließungswerkzeuge sollen die Analyse der Texte ermöglichen, zum Beispiel die Volltextsuche aller lexikalischen Elemente, die Suche nach XML-codierten Merkmalen, die Indexierung/Referenzierung von Namen gemäß Normdatenbanken und deren statistische Erfassung und Auswertung. Durch die digitale Verfügbarmachung der Texte ermöglicht die Online-Edition computerphilologische Anschlussforschungen. Ausführlichere Erläuterungen zur Digitalausgabe enthält die Dokumentation.
Digitale Edition und Erschließungswerkzeuge
Die Berner Ausgabe macht Humboldts Schriften verfügbar, sie bietet Einführungskommentare zu den einzelnen Texten und Transversalkommentere zu leitenden Fragestellungen durch das gesamte Corpus, dazu weitere Werkzeuge wie verschiedene Verzeichnisse, eine Bibliographie und Übersetzungen. Darüber hinaus eröffnet sie Perspektiven für die weitere Erschließung von Humboldts Werk, von denen hier abschließend drei skizziert seien.
1. Als erste Archiv-Ausgabe einer Werkgruppe bereitet sie eine historisch-kritische Edition vor – idealerweise seines gesamten Œuvres. Eine solche liegt bislang noch für kein einziges von Humboldts Werken vor. Die Verzeichnisse und die Bibliographie sowie die Einführungs- und Transversalkommentare können dabei die Grundlage für eine extensive Stellenkommentierung bilden. Die Konstitution des Corpus und die Identifikation von Textabhängigkeiten (Erstdrucke und Nachdrucke) ermöglicht bereits jetzt Fassungsvergleiche, die in der Online-Edition digital durchgeführt werden können. Die Aufarbeitung der handschriftlichen Vorlagen ermöglicht deren Berücksichtigung in textgenetischer Perspektive in einer Handschriften-Edition.
2. Der Nachlass enthält aber nicht nur handschriftliche Vorlagen der veröffentlichten Texte, die nun in der vorliegenden Ausgabe ediert wurden, sondern auch unveröffentlicht gebliebene Entwürfe. Die Edition dieser ungedruckten Schriften, die in Form von Manuskripten oder auch unpublizierten Druckfahnen vorliegen, ist ein logisches Desiderat, das sich aus der Edition der publizierten Schriften ergibt. Humboldts ungedruckte Schriften behandeln Gegenstände aus seinen verschiedenen Lebensphasen und Forschungsgebieten, die sein öffentliches wissenschaftliches Werk ergänzen: die alten Ägypter, die Geographie Spaniens, die Vegetation der Kanarischen Inseln und die Geognosie Nordasiens, den Lämmergeier der Alpen, die Ameisen aus den Wäldern des oberen Orinoko und die Krokodile der ,Neuen Welt‘. In charakteristisch fächerübergreifender Manier präsentieren sie Forschungen zu Bergbau, Gebirgskunde, Geologie, Vulkanologie, Erdmagnetismus, Geographie, Pflanzengeographie, Klimaforschung, Anatomie, Archäologie, Mathematik und Photometrie.
Besonders bedeutend ist die Studie „Ueber die Meeresströmungen“, die für den nie verwirklichten zweiten Band der Kleineren Schriften vorgesehen war und sogar in mehreren Varianten beziehungsweise Textstufen erhalten ist. Dieser Text kann als exemplarisch für das Forschungspotential dieses noch nicht edierten Materials gelten: Humboldts Erforschung des später nach ihm benannten pazifischen Stroms vor der Westküste von Südamerika ist nicht nur wissenschaftsgeschichtlich relevant, sondern ökologisch hochaktuell.
3. Wenn die Berner Ausgabe der gedruckten historischen Schriften deren schriftbildlicher Materialität verpflichtet ist und wenn sie in einer Edition der ungedruckten Handschriften fortgesetzt werden soll, so ergibt sich in der Konsequenz dieses Interesses für die materielle Dimension der Humboldtschen Forschung noch ein weiteres Desiderat: die Erschließung der Objekte und Sammlungen von Humboldts Forschungsreisen. Diese materiellen Zeugnisse sind noch nicht systematisch aufgearbeitet: Die Objekte, die Humboldt nach Europa überführen ließ oder mitbrachte, sind heute, wenn sie nicht ohnehin als verschollen gelten, über diverse Museen dies- und jenseits des Atlantik verteilt, wo sie oft in die Bestände integriert wurden, ohne dass ihre Provenienz berücksichtigt oder festgehalten worden wäre. Exemplarisch dokumentiert sind die mineralogischen, botanischen, zoologischen, ethnographischen und philologischen sowie kartographischen Objekte und Zeugnisse, die Humboldt von seiner russischen Expedition mit Rose und Ehrenberg (1829) mitbrachte, aus dem Naturkundemuseum, dem Botanischen Museum und der Staatsbibliothek zu Berlin.
Die materiellen, physischen Zeugnisse von Humboldts Wissenschaft, die bisher nur ansatzweise erschlossen sind, wären in den Museen der Welt zusammenzusuchen, zu beschreiben und als illustrierte Datenbank über ein Online-Portal und zugänglich zu machen: Pflanzen und Herbarblätter, Tierpräparate, Häute, Steine und Mineralien, Handschriften, Bücher, Urkunden und Ethnographica an den verschiedensten Standorten. Gleichsam hinter der Menge der noch existierenden, aber verstreuten Objekte könnte man so auch die inzwischen verloren gegangenen Objekte von Humboldts Reisen (untergegangene Schiffslieferungen, Herbare und Ethnographica, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden) dokumentieren: als musée imaginaire. Auf diese Weise würde ein digitales Museum entstehen, global und interdisziplinär, das die Provenienz der Objekte nicht nur ausweist, sondern, indem die Gegenstände an ihren gegenwärtigen Standorten verbleiben, auch in ihren Kontexten würdigt. Ein solches Projekt würde potentiell einen ähnlichen Ertrag und eine ähnliche Erweiterung der Humboldt-Forschung erbringen wie die vorliegende Ausgabe für das Material der Schriften. Systematisch erfasst, könnten die Objekte neben den Briefen und den Tagebüchern, den selbständigen und den unselbständigen Publikationen sowie den Zeichnungen und Graphiken eine sechste Werkgruppe bilden.
Ein digitales Humboldt-Museum der Objekte und Sammlungen einzurichten, eine kritische Geschichte dieser Gegenstände zu schreiben und die Bestände virtuell zu rekonstruieren, wäre ein Beitrag zur material culture des Reisens und der Wissenschaften am Beispiel Alexander von Humboldts – und vielleicht eine Aufgabe für das neue Forum in Berlin, das seinen Namen trägt.
Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich
Bern 2019/2021