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Fühlen Sie sich als Europäerin, als Europäer? Ändert sich Ihre Antwort auf diese Frage, je nachdem, wer fragt? Was, wenn jemand in der Beiz im Dorf fragt? Was, wenn jemand in einem tatsächlich fremden Land fragt, etwa in Indien oder Japan? Gegenüber einem Hindu würden sich wohl viele Leute als Christen bezeichnen, die innerhalb der Schweiz Wert legen darauf, konfessionslos zu sein. Für die Ostschweizer sind wir Oberländer, während wir gegenüber einem Thuner klarstellen, dass wir nicht aus Reichenbach sind, sondern aus Frutigen. Die Frage, wo man sich zugehörig fühlt, hängt immer auch davon ab, in welchem Rahmen sie gestellt wird.
Eine knappe Mehrheit der Briten hat entschieden, nicht zum organisierten Europa gehören zu wollen. Ich habe ein gewisses Verständnis dafür. Ich bin kein Fan der real existierenden EU. Sie hat zwar Krieg mit Waffen aus Europa verbannt, schützt aber im Zweifelsfall eher Banken und Grosskonzerne als die Menschen seiner Mitgliedstaaten. Aber nicht deswegen steigen die Briten aus. Viele glauben offenbar tatsächlich, ein Land könne aus der EU austreten, um sich dann in Zukunft zwar noch einen Handelsraum mit ihr zu teilen, aber nicht mehr die Probleme und die Verantwortungen, die dieser mit sich bringt. Die EU müsste schon sehr dumm sein, so etwas anzunehmen.
In der globalisierten Welt nehmen wir an vielem Teil, das weit entfernt begonnen hat. Wenn Sie genau jetzt an sich hinunterblicken: Wie viele Erdteile und Länder tragen Sie auf sich? Wo wurden Ihre Kleider genäht? Wo Ihre Schuhe geleimt? Wer hat Ihre Uhr zusammengeschraubt? Woher stammen die Metalle in Ihrem Telefon? Woher die Tomate, die Saucenflecken auf Ihrem Hemd hinterlassen hat?
Gehören wir als Kunden zu der Welt der Menschen, die unsere Produkte gemacht haben? Was können sie von uns erwarten, dafür, dass ihre Arbeit unseren Alltag gestaltet? Was sollen wir damit anfangen, dass unsere Welt so global verschlungen geworden ist?
Der Rückzug auf das regionale oder nationale scheint naheliegend: England first! Die Schweiz den Schweizern. Solche Sprüche. Aber das ist eben nicht fertig gedacht, wenn man es nicht auch auf die Wirtschaft und ihre Produkte bezieht. Der Wohlstand, den auch wir in der Schweiz mit einer gewissen Abschottung verteidigen wollen, wäre nicht haltbar, wenn wir auf günstige Produkte aus anderen Erdteilen verzichten müssten und nur einheimische Produktion kaufen. Er wäre auch nicht haltbar, wenn unsere Wirtschaft nicht exportieren könnte, wenn nicht viele Menschen aus ärmeren Ländern bei uns die Tieflohn-Jobs übernehmen würden.
Die Welt wird kleiner durch die Weltwirtschaft. Die Bedeutung der einzelnen Menschen schrumpft mit. Das fühlt sich nicht gut an. Vielleicht sind die Protestwahlen, die wir gerade vielerorts erleben in England, den USA oder Österreich Ausdruck davon, dass die BürgerInnen sich damit nicht abfinden wollen. Hoffentlich richtet sich der Unmut auch mal gegen das Wirtschaftssystem, und nicht immer wieder vor allem gegen die Menschen, die bei uns landen als Folgeerscheinungen dieser Weltwirtschaft.