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Herzlichen Dank an Christian Jenny, der uns mit Freude historische Bilder wie auch Studio-Bilder seines E-Types zur Verfügung stellt
(© Fotostudio Zumbrunn)
Der erste Jaguar E-Type: Chassis Nr. 885005 ist der erste Jaguar E-Type welcher als Weltpremiere anlässlich des Salon International de l’Automobile, am 15. März 1961 erstmals der Presse und der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde. Als am Genfer Salon 2005 die Tore geöffnet wurden, sah ein erstauntes Publikum dasselbe Auto erneut auf dem Stand von Jaguar. Gleichsam sollte 885005 daran erinnern, dass neben dem dieses Jahr erstmals gezeigten und sicherlich sensationellen „Lightweight Prototype“ und der daneben aufgestellten letzten Version des XKR, bereits 44 Jahre früher die Marke Jaguar durch eine der sensationellsten Neuankündigungen der Automobilgeschichte geschrieben hatte.
An der Vorstellung in Genf wurden zwei Coupés vorgestellt, das eine davon ist 885005, jenes Auto das am Dienstag, 15. März 1961 für eine besonders ausgesuchte Gruppe von geladenen Gästen und Presseleuten im Restaurant du Parc des Eaux Vives aus einer Kiste herausgeschält wurde. Ein zweiter E-Type, 885002 (besser bekannt als 9600 HP, heute im Besitz von Philip Porter), wurde gleichzeitig ausserhalb des Restaurants auf den Gehwegen des Parc des Eaux Vives aufgestellt und diente dort als Modell für die Linsen der überaus eifrigen Photographen. Während die eingeladenen Journalisten sich um jenen Wagen scharten, wurde 885005 abtransportiert und ins Ausstellungsgebäude (damals noch am alten Ort mitten in der Stadt) auf den Jaguar Stand verschoben, um rechtzeitig für die am 16. März stattfindende Saloneröffnung bereit zu sein. Später sollte dann 9600 HP als Demonstrationsfahrzeug für den Ansturm von potentiellen Kunden dienen und zusammen mit dem eilends herbeigebrachten Cabriolet RW 77 während überaus lebhaften Probefahrten für Aufregung und Erstaunen sorgen.
Ablauf der Vorstellung im März 1961
Ab 6. März 1961 erfolgte der Abtransport von 885005 vom Experimental Shop der Jaguar Werke in Coventry. Die Anlieferung beim lokalen Jaguar Vertreter in Genf, der Garage Place Claparède, erfolgte vermutlich am Abend des 8. oder am Morgen des 9. März 1961. Die Ankunft ist durch uns heute bekannte Augenzeugen belegt. Bei Claparède erfolgten die letzten Vorbereitungen „touch-ups“ vor Beginn der Präsentationen. Das Schwestermodell, 885002 (siehe oben) wurde in nebliger Nacht am 14./15. März von Bob Berry von Coventry nach Genf gefahren, dort bei Claparède gereinigt, die Räder gewechselt und dann direkt zum Parc des Eaux Vives gebracht und dort ausgeladen. RW 77 wurde erst in der Nacht vom 16. auf den 17. März durch Norman Dewis von Coventry nach Genf gefahren, wo es kurz vor 10.00 Uhr des 17. März eintraf.
Der feierliche Vorstellungsanlass im Restaurant du Parc des Eau Vives Genf, war auf den späteren Vormittag (ca. 16.30 Uhr) angesetzt. Eine Besonderheit dabei war, dass die Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT) die gesamten Kosten für die Veranstaltung übernommen hatte – ein Sponsoring-Arrangement, das sicher typisch für William Lyons gewesen ist – Kosten bildeten stets ein Schlüsselargument in allen Jaguar Entscheide. Im rechten Teil des Hauptraumes des Restaurants war 885005 in einer Holzkiste „eingepackt“ aufgestellt worden, die eine soeben eingetroffene Seefracht oder ein Geschenkpaket darstellen sollte. Nachdem Sir William und einige seiner Vorstandskollegen u.a. F.R.W. „Lofty“ England, William Heynes, sowie eine ganze Reihe von Gästen u.a. Graf Berge von Trips, und Jacques Bonnier, zusammen mit ausgesuchten Presseleuten, eingetroffen und von Sir William Lyons begrüsst worden waren, wurden feierlich der Deckel gehoben und die Seitenteile der Holzkiste heruntergeklappt. Ein Augenblick lang soll staunendes Schweigen geherrscht haben. Dann begannen sich die Gäste vorsichtig dem Auto zu nähern, die Presseleute zückten ihre Notizbücher und die Kameras fingen an zu blitzen.
Nach einigen kurzen Ansprachen zu den technischen Gegebenheiten seitens der Jaguar Leute und einer Runde ausgiebigen Bestaunens, ging man ins Freie wo das andere E-Type Coupé, 885002 (9600 HP) auf der Weggabelung gerade vor dem Gebäude für die Photographen aufgestellt worden war. Bob Berry, für kurze Zeit Formel 1 Rennfahrer und derzeit PR Manager, hatte das Auto von der Browns Lane nach Genf gefahren, und traf gerade noch rechtzeitig ein. Es braucht nicht hervorgehoben zu werden, in welcher Form die Genfer Sensation von 1961 in den folgenden Tagen in der Presse beschrieben worden war. Die veröffentlichten Photos taten das ihre; auffallend besonders, wie niedrig das Auto erschien, wenn Lyons in seiner Grösse von beinahe 1m 90 neben dem Coupé gezeigt wurde.
Nach seiner Eröffnungsansprache wurde Bundespräsident Dr. Traugott Wahlen durch den Salon geführt und auf die besonderen Neuheiten aufmerksam gemacht. Emil Frey sen. stand bereit und als Dr. Wahlen sich dem Stand näherte, ergriff er die Gelegenheit ihn anzusprechen und ihm persönlich das Auto zu zeigen. Während die ebenfalls anwesenden Mitglieder der Jaguar Geschäftsleitung eifrig über seine Schulter blickten, gelang es offensichtlich Herrn Frey die Aufmerksamkeit des Bundespräsidenten für längere Zeit zu fesseln. Insbesondere wurde der Motorraum bestaunt und sicherlich entging es dem Bundespräsidenten nicht, welch fortschrittliche Technik hier zu einem überaus günstigen Preis angeboten wurde. Erst kürzlich wurde mir dies im Detail beschrieben von dem damals in seinen jungen Jahren ebenfalls anwesenden Walter Frey, heutiger Präsident der Emil Frey Gruppe.
er weitere Verlauf der Ausstellung war denn auch so, dass Jaguar einen noch nie da gewesenen Besucherandrang feststellen durfte, insbesondere auch bei den Probefahrten, die auf einem dazu vorbereiteten Standplatz ausserhalb des Haupteinganges ihren Anfang nahmen. Nachdem am 16. März auch das Cabriolet RW 77 eingetroffen war, liessen sich hunderte von potenziellen Käufern auf der vorgeschriebenen Route die Vorzüge des völlig neuen Autos demonstrieren. Die Fahrer, Bob Berry und Chef Testingenieur Norman Dewis, erlaubten sich dabei den Spass, mit den gerade neben den E-Type aufgestellten Ferrari um die Wette zu fahren, oftmals zu versuchen, nach den Ferrari zu starten und vor ihnen wieder auf ihren Standplatz zurückzukehren.
Nachdem der Salon seine Pforten geschlossen hatte, blieb 885005 bei der Garage Claparède in Genf. Neben Demonstrationszwecken wurde das Auto für die schweizerische Typenprüfung und das Einlösen vorbereitet. Erst im November 1961 wurde es dann auch eingelöst. Ein halbes Jahr zuvor, am 16. Mai 1961 war es an die “CAP Rechtsschutz-Versicherung” verkauft worden. Obschon nicht belegt, wurde es bestimmt von deren CEO gefahren, Herrn Filippinetti, der sich mit der Scuderia Filippinetti einen Namen gemacht hatte.
Die weitere Geschichte verbleibt etwas im Dunkeln. Zur Zeit der Niederschrift dieser Zeilen wissen wir, dass der E-Type während seiner ganzen Lebenszeit immer in der Schweiz eingelöst war. Sicher ist, dass er 1964 im Kanton Solothurn vorgeführt worden war, am 12. September 1974 im Kanton Basel-Stadt. Am 27. Feb. 1975 wurde es von einem Herrn Johann Stucki, eingelöst. Laut einem Entlebucher Polizeirapport wurde das Auto am 18. Juni 1975 wegen mangelnder Handbremse als verkehrsuntauglich deklariert und am 8. August desselben Jahres vom Kanton Luzern konfisziert. Anschliessend finden wir 885005 in Yverdon in einer Garage Stucky (keine Verwandschaft mit Stucki).
1999 erschien eine Annonce im Gratisanzeiger des Kt. Waadt, in der ein E-Type Coupé zum Verkauf ausgeschrieben worden war. Herrn Pierre Pittet, Lausanne, setzte sich mit dem Verkäufer in Verbindung und suchte zu seiner Beratung den Kontakt zu Herrn Urs Haehnle, ausgewiesener Jaguar Kenner und früherer Präsident des Jaguar Drivers’ Club Switzerland. Haehnle war in der Lage, ihm aufzuzeigen, welche Bedeutung die Chassis Nummer hatte und über welch geschichtliche Wichtigkeit das Auto verfügte. Auf sein Anraten kaufte Pittet das Auto.
Im Jahre 2002 verkaufte Pittet den E-Type 885005 an Herrn Georg Dönni, GB Classic Cars Dönni, in Roggliswil. Es war Dönni von allem Anfang an klar, dass es sich hier um ein grosses Restaurationsprojekt handeln würde, nach dem Prinzip: Entweder man tut es richtig, exakt und aufwendig wo immer Authentizität und Originalität es erfordern, oder man rührt es nicht an. Irgendetwas dazwischen wäre falsch. Nachdem Georg Dönni den Aufwand einigermassen abgeschätzt hatte, war ihm klar, dass er einen Käufer brauchte, der gewillt sein würde, den erheblichen Restaurationsaufwand zu übernehmen. Vor allem sollte dieser auch bereit sein, eine dem Auto angemessene einwandfreie Arbeit zu bewilligen und zu bezahlen. Nur wer die Rückkehr zum ursprünglichen Zustand nicht scheuen würde, könnte überhaupt in Frage kommen. Nur eine kleine Gruppe von Leuten könnte in Frage kommen. Dazu Georg wörtlich: „Zaghaft stellte ich Christian’s Nummer ein. Und war erleichtert, als er sich gerade einen Tag Bedenkfrist ausbedingte. Pünktlich rief er mich zurück. Keine langen Worte, nur ein knappes ‚Ja’.“
Die Restauration kam zügig vonstatten. Grosse Schwierigkeiten entstanden dadurch, dass über die Jahre sehr viele Veränderungen an Karosserie und Technik vorgenommen worden waren. Diese mussten allesamt rückgängig gemacht werden. Zudem gab es immer wieder jene Frage der automobilen Archäologie, wie denn die Dinge an diesem Prototype bei der Entstehung 1960- 61 ausgeführt worden waren und wie sie von den ersten Serien-Produkten abwichen (hier nachfolgend eine Auflistung). Mit einigem Erstaunen wurden die Restauratoren inne, dass das Auto ursprünglich als Cabriolet vorgesehen worden war und offenbar erst nachträglich als Coupé karossiert wurde. Die Anzeichen wurden ersichtlich, sobald einmal die Rohkarosserie von allen Anbauten und Ausrüstungen befreit worden war. Was bereit in der Literatur da und dort ersichtlich gewesen war, bestätigte sich hier in aller Form. Umso wichtiger ist es darum, dass ein sehr genaues Protokoll der Restaurationsarbeiten geführt und in extenso in fortlaufender Folge in der JAGUAR TRIBUNE des JDCS von 2004 und 2005 von Georg Dönni publiziert wurde.
Im Jahre 2005 waren es 100 Jahre her, seit der erste Genfer Autosalon erstmals seine Tore geöffnet hatte. Aus diesem Grunde bat Herr Claude Sage, Präsident des Salons, die Aussteller, doch ihre interessantesten Exponate mit Bezug auf die Genfer Ausstellung wieder auf ihren Ständen auszustellen. So kam es, dass Jaguar den heutigen Besitzer von 885005 darum bat, seinen E-Type für Genf zur Verfügung zu stellen. An sich eine grosse Ehre, aber auch eine ungemeine Herausforderung für das Restauratoren Team. Zeit wurde zur knappsten Ressource. Nur die sorgfältigste Planverfolgung könnte das beinahe unmöglich Erscheinende möglich machen. Für alle Beteiligungen eine beständig neue Quelle der Anspannung, musste doch der Forderung nach höchster Qualität ebenso nachgelebt werden.
Genf brachte dann aber den krönenden Erfolg, liess alles in bestem Lichte erstrahlen. In einer eigens hergerichteten Absperrung, vor dem XK Prototype Lightweight Coupé und neben der letzten Version des XKR Cabriolets stehen, stand 885005 da, wo bereits 44 Jahre früher seine Präsenz der Marke Jaguar einen kaum da gewesenen Ausstellungserfolg beschieden hatte. Nicht unerwartet bestaunte dann am Eröffnungstag neben tausenden von Besuchern auch der Schweizer Bundespräsident, Herr BR Samuel Schmid das Auto und vertiefte sich in eine eifrige Diskussion zu seiner Bedeutung. Mit Freuden liess er sich daran erinnern, dass bereits einst sein einstiger Amts- und Parteikollege, BR Dr. Traugott Wahlen, dasselbe Auto im ausgedehnten Gespräch bestaunt hatte.
Zum 50. Jubiläum der Weltpremière des Jaguar E-Type im Parc des Eaux Vives in Genf wurde 885005 auch im März 2011 am Salon International de l’Auto, Genève, auf dem Stand von Jaguar ausgestellt und fand ein geradezu unbeschreibliches Echo von den Besuchern und in den Media.