Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03156.jsonl.gz/1221

Laut einer Umfrage, die man 1995 in Frankreich — also im Ursprungsland des für viele eigenartigen, in Badezimmern niedrig angebrachten Sitzwaschbeckens — durchgeführt hat, wird das Bidet außer in Italien und in Portugal, wo es sowohl in Hotels als auch in Privatwohnungen zur Standardeinrichtung der allermeisten Bäder gehört und in Italien seit 1975 sogar gesetzlich vorgeschrieben ist, im Rest Europas und der Welt kaum noch genutzt, falls es dort überhaupt je eine nennenswerte kulturelle Bedeutung gehabt hat.
Bidets werden im Allgemeinen dazu benutzt, sich die äußeren Geschlechtsorgane und das Gesäß mit Wasser zu reinigen. Darüber hinaus können auch andere Körperteile — insbesondere die Füße — bequemer gereinigt werden als etwa im Waschbecken, es sei denn, man habe das ausdrückliche Bedürfnis, die Fußpflege mit akrobatischen Dehngymnastik-Übungen zu verbinden.
Obwohl das Bidet dem Aussehen nach der Toilettenschüssel ähnelt, ist der Vergleich funktional mit dem Spülbecken oder mit der Badewanne wesentlich angebrachter. Das Wasser kann in das Bidet eingelassen und erst nach erfolgter Waschung wieder abgelassen werden, sodass, wenigstens die etwas größeren Modelle, durchaus auch dazu verwendet werden können, ein Sitzbad zu nehmen — insbesondere bei medizinischer Indikation, etwa für postoperative oder therapeutische Waschungen.
Was uns hier jedoch stärker interessiert als die Bauvorschriften verschiedener Länder und als die hygienische und praktische, reale oder vermeintliche Nützlichkeit und als die empfohlene, die obligatorische oder die fakultative Benützung der exotischen Badezimmerausstattung ist dessen historischer, insbesondere der sprachhistorischer Aspekt.
Das Bidet ist eine Erfindung französischer Möbelbauer des späten 17. oder frühen 18. Jahrhunderts. Ein genaues Datum und der Name des Erfinders sind nicht bekannt. Die früheste literarische Erwähnung des Bidets stammt aus dem Jahr 1710. Der italienische Historiker und Schriftsteller Roberto Zapperi nennt als früheste schriftliche Dokumentation des Bidets die ‹Memoiren des französischen Außenministers René Louis d’Argenson› aus dem Jahr 1726. Die früheste bekannte bildliche Darstellung eines Bidets ist hingegen erst fünfzehn Jahre später das Gemälde ‹La Toilette intime› von François Boucher von 1741, das sich im ‹Musée du Louvre› in Paris befindet. Einer der größten Fürsprecher des Bidets war der französische Kardinal und Gesandte in Venedig und in Rom François-Joachim de Pierre de Bernis, durch den das Bidet in Italien Einzug hielt.
‹La toilette intime›, François Boucher, 1741, Öl auf Leinwand, Musée du Louvre, Paris
Nun aber zum Wesentlichen: Was bedeutet ‹Bidet› eigentlich? — Das altfranzösische Verb ‹bider› bedeutete ‹traben›, so wurde im siebzehnten Jahrhundert ein Schaukelpferd ‹bidé› oder ‹bidet› oder — wenn das Kind es vorzog, eine Stute zu reiten — ‹bidette› genannt. Diese den wahren Zweck verschleiernde Bezeichnung für das Bidet kam wohl dadurch zustande und wurde durch den Umstand begünstigt, dass die frühen Formen des Beckens für intime Waschungen auf einem Gestell befestigt waren und man bei der Benutzung aufsteigen musste wie auf ein Schaukelpferd.
Das Bidet hat seine einstige Bedeutung verloren, als nach und nach komfortable Badezimmer in unserem heutigen Sinn gebaut wurden und die Intimpflege nicht mehr im Schlafzimmer durchgeführt werden musste. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts, als überall in Europa das Bidet als überflüssig angesehen wurde, galt es hingegen in Italien zunehmend als etwas Vornehmes, was man sich zugleich leisten konnte, weil ein zusätzliches Becken beim Ausbau und beim Einrichten eines Badezimmers keine wesentlichen Mehrkosten verursachte. Dadurch war das Interesse der Hersteller auch groß, in ganz Italien für das besondere Waschbecken zu werben und es schließlich durch das Parlament gesetzlich vorschreiben zu lassen (1975). — Wie die Entwicklung in Portugal war, habe ich leider nicht herausfinden können. — Dass das Bidet in allen Sprachen, auch in den nicht indoeuropäischen wie Finnisch, Estnisch, Ungarisch, Arabisch, Hebräisch und Baskisch mit geringfügigen phonetischen Anpassungen gleich heißt, liegt mit Bestimmtheit daran, dass das zweisilbige Wort sich erstens phonetisch in jede Sprache bequem einfügt, dass der Begriff in keiner Sprache sehr häufig verwendet wird und dass dessen Etymologie weder bekannt noch von allgemeinem Interesse ist.