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Khothatso Tsooana träumt: Eines Tages wird er als Professor afrikanische Philosophie unterrichten und internationale Debatten mit dem Gedankengut seiner Landsleute verbinden. Oder er wird einen Job in der Regierung finden und sich am Aufbau seines Landes beteiligen. Vielleicht wird seine Familie dann verstehen, dass es nicht nutzlos ist, Bücher zu studieren.
Die Träume des 26-Jährigen, der in Jeans und Trainerjacke auf einer Holzbank in einem Büro des Universitätscampus sitzt und bereitwillig über seine Pläne Auskunft gibt, dürften sich kaum je erfüllen. Khothatso ist einer der knapp 6000 Studierenden, die an der National University of Lesotho (NUL) in Roma eingeschrieben sind. Die Aussichten, nach dem Studienabschluss eine Stelle zu finden, sind für viele alles andere als rosig. Laut offiziellen Angaben beträgt die Arbeitslosigkeit in Lesotho etwas über dreissig Prozent, inoffiziell ist von nahezu sechzig Prozent die Rede. Noch geringer ist die Chance,
an der NUL die für eine Hochschulkarriere notwendige Qualifikation zu erlangen. 2001 waren nur gerade zwei Prozent aller Studierenden in einem Master-Kurs eingeschrieben; die meisten studieren lediglich bis zum Bachelor-Diplom. Ob es gegenwärtig Doktorierende an der NUL gibt, ist unklar. Der Informationsbeauftragte Ntate Tsiu spricht von «einigen», fügt aber nach kurzem Zögern hinzu, es mangle an wissenschaftlichem Personal, den Nachwuchs zu betreuen.
Will Khothatso promovieren, wird er also gut daran tun, sein Land zu verlassen und einen Platz in einem Doktorandenprogramm in Südafrika oder sogar in Europa oder den USA zu ergattern. Doch zum einen vergibt die Regierung Lesothos kaum Stipendien an GeisteswissenschaftlerInnen. Deren gesellschaftlicher Nutzen scheint fragwürdig, wenn nicht sogar suspekt. Zum anderen ist es schwierig, wissenschaftlichen Erfolg zu erzielen und auszuweisen, wenn einem sowohl Bücher als auch Computer fehlen.
Handboek der Wijsbegeerte
«Information Officer» Tsiu zeigt sich zwar begeistert von seiner Bibliothek, doch Roman Meinhold, Lehrbeauftragter für Philosophie aus Deutschland, bezeichnet deren Ausstattung als «mittlere Katastrophe». Ein Augenschein vor Ort gibt Meinhold Recht: Während fünf Thomas-von-Aquin-Ausgaben vorrätig sind, die noch aus den katholischen Gründerzeiten stammen dürften, sind Kants Werke nur einmal und nur in Deutsch erhältlich. Sekundärliteratur dazu gibt es keine. Dafür findet sich ein «Handboek der Wijsbegeerte» von 1947 – Holländisch dürfte in Lesotho freilich niemand mehr verstehen.
Bei den wissenschaftlichen Zeitschriften sieht es nicht viel besser aus. Zwar erlässt eine wachsende Zahl von Verlagen den Entwicklungsländern die Abonnementskosten, doch nach wie vor sind viele Periodika kostenpflichtig und für arme Universitäten unerschwinglich. Einige Zeitschriften sind auf eine Online-Publikation der Artikel umgestiegen, was für die Studierenden vorteilhaft ist – jedenfalls, wenn die Computer auf dem Campus funktionieren. Bei unserem Besuch stehen die 21 Computer in der Bibliothek verlassen da. Das Internet inklusive Bibliothekskataloge ist nicht zugänglich – ausnahmsweise, wie Tsiu lächelnd betont. Zwei Tage später funktioniert allerdings nach wie vor keines der Geräte. Über einen eigenen Computer verfügt hier praktisch niemand, und die meisten Studierenden haben keine E-Mail-Adresse. Wozu auch: Der Zugang zum Netz ist ihnen ohnehin meist verwehrt.
Auch in den Naturwissenschaften sind die einschlägigen Studienbücher oft nicht vorhanden, oder es fehlen die Mittel, sich diese in Südafrika zu besorgen. Zwar vergibt die Regierung Stipendien in Form eines Darlehens, das nach Studienabschluss zurückerstattet werden muss – es sei denn, man käme dereinst bei der Regierung selbst unter. Ein Grossteil der Gelder wird zweckgebunden in Form von Bücher- und Essensgeld ausbezahlt. Da die Studierenden ihr Büchergeld einen Monat nach Semesterbeginn immer noch nicht erhalten hatten, gingen sie am 21. Oktober dieses Jahres auf die Strasse und demonstrierten in der Hauptstadt Maseru. Am Tag darauf war in der Landeszeitung «Public Eye» von gewalttätigen Aktionen gegenüber Regierungspersonen zu lesen – und von einem Teilerfolg für die Studierenden: Die Hälfte der Gelder wurde einen Tag später ausbezahlt.
Dies sei freilich nur die halbe Wahrheit, korrigiert David Ambrose, ein Engländer, der seit den sechziger Jahren in Roma lebt. Vor seiner Emeritierung lehrte er rund dreissig Jahre lang Mathematik an der NUL. Die Studierenden hätten ihr Büchergeld lieber für Alkohol und Partys ausgegeben, sagt Ambrose – mit dem Resultat, dass Lehrbeauftragte ihr Seminarprogramm gefährdet sahen, weil ein Grossteil der Studierenden die erforderlichen Bücher nicht besass, geschweige denn gelesen hatte. Die Dozierenden hätten deshalb jene, die sich die Bücher nicht besorgt hatten, kurzerhand vom Unterricht ausgeschlossen, was wiederum den Ärger der Studierenden provozierte. So habe die Regierung entschieden, die Gelder kollektiv an die Buchhandlung auf dem Campus zu überweisen mit dem Auftrag, die notwendigen Bücher zu besorgen. Doch seit der Privatisierung des Bookshops jagen sich hinter dessen Türen Korruptionsskandale, und die bestellte Ware trifft spät oder nie ein. Kein Wunder also, dass die Studierenden ihre Gelder lieber selber verwalten und im Notfall nach Bloemfontein in Südafrika fahren, wo es funktionierende Buchhandlungen gibt.
Brain Drain
Dass Studieren ohne die notwendige Infrastruktur wie Bücher oder technische Geräte unattraktiv, wenn nicht sinnlos ist, hat mittlerweile auch die Universitätsleitung eingesehen. Man hat deshalb entschieden, die Einführung eines Studiengangs in Humanmedizin auf bessere Zeiten zu vertagen. Zwar bedürfte Lesotho dringend einheimischer Ärzte, denn in den meisten Krankenhäusern herrscht akuter Personalmangel. Ausländische Ärzte – etwa aus Nigeria oder aus der Demokratischen Republik Kongo – nutzen Stellen in Lesotho vornehmlich als Karrieresprungbrett und kündigen oft über Nacht, sobald ihnen eine Stelle in Südafrika angeboten wird. Einheimische medizinisch auszubilden, wäre somit mehr als sinnvoll. Doch ein Studium anzubieten, das heutigen Wissenschaftsstandards genügt, ist für die NUL zu teuer. Also finanziert die Regierung sorgfältig ausgewählten KandidatInnen ein Medizinstudium in Südafrika oder Malawi. Eine Investition, die sich nicht auszahlt: Nur selten kehren die frisch gebackenen Ärztinnen und Ärzte aus der Fremde zurück. Die Löhne und Weiterbildungsmöglichkeiten sind im Ausland um ein Vielfaches attraktiver. Die Regierung versuchte deshalb, Anreize zur Rückkehr zu schaffen: Wer nach Studienabschluss nicht im Land arbeiten will, muss die Studiengelder zurückerstatten. Doch die Löhne im Ausland sind im Vergleich so hoch, dass die Rückerstattung in Kauf genommen wird.
Auch Sehlabaka Qhobosheane, den wir vor dem Physiklaboratorium treffen, träumt von der Fremde. Er will Astrophysiker werden, und er weiss auch schon wo: In Iowa in den USA gibt es ein Institut, das genau jene stellaren Zusammenhänge erforscht, die ihn interessieren. Das hat er per Internet herausgefunden. Am liebsten hätte sich Sehlabaka bereits fürs Grundstudium in Iowa beworben, aber der Bewerbung hätte er ein von der US-Regierung anerkanntes Englischexamen beilegen müssen. Die Prüfungsgebühren konnte sich der Studienanfänger nicht leisten.
Mittlerweile hat sich eine Menschentraube um uns gebildet. Alle wollen ihre Geschichte erzählen, und jeder Bericht endet mit der Frage, ob es nicht vielleicht dort, wo wir herkommen, einen Studienplatz für sie gebe. Sie alle würden ihre Heimat ohne Zögern verlassen, böte sich ihnen eine Chance. Ausser Mamosa Ralengau: Die knapp Vierzigjährige hat zwölf Jahre lang als Primarlehrerin gearbeitet, bevor sie entschieden hat, sich an der NUL für Development Studies einzuschreiben. «Ich bleibe – ich will an der Entwicklung meines Landes mitarbeiten», sagt Mamosa bestimmt.
Der Brain Drain macht es für Lesotho schwierig, Bildung als Investition in eine bessere Zukunft anzusehen. Zur besorgniserregenden Abwanderung der jungen Generation gesellt sich die HIV-Pandemie. Schätzungsweise dreissig Prozent der Bevölkerung sind positiv. Viele der Studierenden werden noch während des Studiums oder kurz nach dessen Abschluss sterben – für das ohnehin schon bitterarme Land eine ökonomische und soziale Katastrophe. An der NUL hat man auf die Pandemie mit der Etablierung eines Aids-Departements reagiert, das Aufklärungsarbeit leisten, Beratungen anbieten und die Studierenden zu Aidstests motivieren soll. Am Hauptgebäude der Universität prangen rote Aidsschlaufen, und am Eingang zum Campus hängen Plakate, die zum Gebrauch von Kondomen auffordern. Auf einem der Plakate steht der Slogan: «No CD, no party!», mit der Doppeldeutigkeit von CD als Tonträger und CD als Abkürzung für Kondom spielend.
Ängste und Mythen
Die Studierenden haben keine Scheu, über Aids zu reden – solange man sie nicht fragt, ob sie sich getestet haben. Sehlabaka erzählt, dass ein Krankenhaus am Erstsemestrigentag eine Blutspendeaktion durchgeführt hätte. Nur gerade zwei von dreihundertfünfzig Studierenden hätten sich gemeldet. Der Rest habe sich vor dem HIV-Test gefürchtet. Die Tests seien überdies nicht zuverlässig, sagt Sehlabaka. Eine Aussage, die wir noch mehrere Male zu hören kriegen werden – ebenso wie die Behauptung, Präservative übertrügen Aids. Beruhigend ist immerhin, dass die «Condomaten» auf dem Campus, die Präservative zum Nulltarif abgeben, jeweils rasend schnell geleert werden, sobald sie neu aufgefüllt worden sind.
Trotz der düsteren Zukunft, die auf Lesotho wartet, stecke in dieser Universität Potenzial, glaubt David Ambrose. Das grösste Problem der NUL sei freilich das Management, das von Bildungspolitik und Budgets keine Ahnung habe. Ein Umstrukturierungsprozess, an dem jahrelang gearbeitet worden sei, wurde vor ein paar Monaten von der Regierung gewaltsam abgebrochen. Die Umstrukturierungen seien illegal und obendrein zu teuer gewesen. Seit vier Jahren wurde überdies keine Buchhaltung mehr vorgelegt. Wie es ums Budget der Universität bestellt ist, weiss niemand so genau.
Wenn auch nicht in Sachen Budget, so hat uns Lesotho doch in Sachen Frauenförderung einiges voraus: In den Statuten ist festgehalten, dass weibliche Dozierende während des ersten Lebensjahres ihres Babys das Recht haben, täglich drei Stunden frei zu nehmen, um ihren Nachwuchs zu stillen. Ein Mutterschaftsurlaub von vier Monaten ist überdies gewährleistet – bei vollem Lohn notabene.