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Schlagfluß
(Hirn
schlagfluß, Apoplexia cerebri), ursprünglich jede plötzlich eintretende
Lähmung des
Gehirns. Am
häufigsten erfolgt eine solche durch eine
Gehirnblutung (A. sanguinea), seltener durch einen serösen Erguß in die Hirnhöhlen
oder in das
Gewebe
[* 2] des
Gehirns (A. serosa), und außerdem hat man auch noch eine Art von S. aufgestellt,
bei welcher sich keine Texturerkrankung des
Gehirns nachweisen läßt (A. nervosa). Im folgenden soll nur von dem am häufigsten
vorkommenden, mit einem Blutaustritt in das
Gehirn
[* 3] einhergehenden S. die
Rede sein.
Die Gehirnblutungen erfolgen fast immer aus feinen Arterien und Kapillaren; sie sind teils durch Texturerkrankung der Gefäßwände oder der sie umgebenden Gehirnsubstanz, teils durch verstärkten Druck des Bluts gegen die Gefäßwand bedingt. Die Texturerkrankungen sind a) einfache Verfettungen bei chronischer Arterienentzündung oder b) Berstungen durch embolische Pfröpfe, d. h. Blutgerinnsel, welche sich von erkrankten Stellen der Herzklappen abgelöst haben und in die Gehirnarterien hineingefahren sind.
Der Druck des Bluts wird z. B. verstärkt durch Zunahme der gesamten Blutmenge infolge reichlicher Zufuhr von Speisen und Getränken, zumal von Spirituosen und ähnlichen exzitierenden Getränken. Deshalb tritt der S. so häufig während langer und üppiger Mahlzeiten oder kurz nach denselben ein. Ebenso wird der Blutdruck in den Gehirngefäßen erhöht durch energische Ausatmungsbewegungen bei geschlossener Stimmritze, Bedingungen, welche beim Stuhlgang, zumal bei Hartleibigen, sowie beim Heben schwerer Lasten, beim Spielen von Blasinstrumenten etc. gegeben sind.
Der S. kommt zu allen Jahres- und Tageszeiten vor; doch häufen sich die Fälle zuweilen ohne bekannte Veranlassung in auffallender Weise an, besonders im Frühjahr. Am häufigsten kommt der S. im vorgeschrittenen Lebensalter vor, Männer werden häufiger vom S. befallen als Frauen. Die Blutungen, welche in das Gehirn erfolgen, bestehen bald aus zahlreichen, sehr kleinen und ganz dicht bei einander stehenden Ergüssen (kapillare Blutungen, die zur roten Gehirnerweichung führen), bald bilden sie eine mehr oder weniger umfangreiche Blutlache (hämorrhagischer Herd).
Bei umfangreichern Blutergüssen wird die Gehirnsubstanz zertrümmert, die nicht zertrümmerten Hirnpartien werden durch den Blutaustritt auseinander und gegen die Schädelwandung hingedrängt. Gewöhnlich ist nur ein hämorrhagischer Herd da, selten mehrere. Der häufigste Sitz der Blutung sind die Streifenkörper, innere Kapsel u. die großen Marklager der Hemisphären des Großhirns, überhaupt also die Umgebungen der Seitenventrikel. Stirbt der Mensch nicht während des Schlaganfalls, so wird das ergossene Blut allmählich resorbiert, und an Stelle der Blutlache bildet sich schließlich eine gelblichbraune Narbe.
Der S. tritt bald ohne alle Vorläufer ein, bald sind Vorboten vorhanden. Als solche gelten ein festsitzender Kopfschmerz, schmerzhaftes Ziehen im Nacken und in den Gliedern, Rötung des Gesichts, Hitze und Blutandrang nach dem Kopf, ungewöhnliche Heiterkeit oder Zeichen der Geistesabwesenheit, Gedächtnisschwäche, unvollkommene Beherrschung der willkürlichen Muskeln, [* 4] Verstimmung, Ohrensausen und andre Sinnestäuschungen, Schwindel, Kriebeln und Taubwerden der Hände und Füße.
Alle die genannten Symptome sind teils abhängig von der dem S. vorangehenden Blutüberfüllung des Gehirns, teils sind sie bereits das Zeichen einer langsam vor sich gehenden Blutung. Der Schlaganfall selbst (Insultus apoplecticus) tritt entweder blitzschnell ein, oder er beginnt mit starkem Schwindel, Dunkelwerden vor den Augen, heftiger Beklemmung der Brust, Angstgefühl und Schwere der Zunge mit stotternder, lallender Sprache [* 5] oder gänzlicher Sprachlosigkeit. Dabei schwinden die Sinne und das Bewußtsein;
der Kranke fällt plötzlich, ohne sich helfen zu können, zu Boden, er hört, sieht und fühlt nichts mehr;
alle Glieder [* 6] oder nur die einer Seite sind schlaff, das Atmen geschieht mühsam und schnarchend oder rasselnd und röchelnd;
das Gesicht [* 7] ist anfangs rot oder ¶
mehr
blaurot gefärbt, oft einseitig verzerrt, die Augen stier und glotzend, die Pupille erweitert, die Augenlider lähmungsartig erschlafft, der Mund oft schief nach abwärts gezogen und mit Speichel und Schaum bedeckt; die Pulsadern des Halses und Kopfes klopfen heftig. Bei den verhältnismäßig häufigsten Blutaustritten innerhalb der Großhirnhemisphären wird der Kranke halbseitig gelähmt (Hemiplegia) und stürzt nach der gelähmten Seite zu Boden. Auf der gelähmten Gesichtsseite schlottert die Wange, und das Augenlid hängt herab.
Meist sind auch die Schließmuskeln des Afters und der Blase gelähmt, so daß Stuhlgang und Harn unwillkürlich abgehen. Bei leichtern Schlagflüssen kann ein großer Teil obiger Symptome fehlen, so daß zuweilen nur eine kurze Unterbrechung des Bewußtseins, Schwerfälligkeit einzelner Muskeln, der Zunge, Behinderung der Sprache etc. vorhanden sind. Bisweilen erstreckt sich die Lähmung auch auf innere Teile, z. B. auf die Schlingwerkzeuge, häufig auf die Schließmuskeln, manchmal auf die Sinnesorgane; in andern Fällen dagegen bleiben Sinneswahrnehmung, Überlegung, willkürliche Bewegung etc. unversehrt.
Bei sehr kleinen kapillaren Blutungen im Gehirn sind die Symptome oft ganz unscheinbar. Die Dauer eines solchen Schlaganfalls ist verschieden. Er tötet bisweilen in wenigen Sekunden oder Minuten, zieht sich andre Male auf mehrere Stunden hinaus und führt dann entweder unter Hinzutreten nervöser Erscheinungen, kalter Schweiße und gänzlich verfallener Gesichtszüge ohne Wiederkehr des Bewußtseins zum Tod, oder geht unter allmählich wiederkehrenden Sinnes- und Seelenkräften in relative Genesung über, welche in den meisten Fällen durch Lähmung verschiedener Teile getrübt ist.
Diese Lähmungen müssen bald, wenige Stunden oder Tage nach dem Anfall, verschwinden, wenn man ihre völlige Beseitigung hoffen soll. In den meisten Fällen sind sie unheilbar, wenn sie sich auch nach einiger Zeit erheblich bessern können. Der Schlaganfall wiederholt sich bisweilen im Verlauf der nächsten Tage noch ein- oder einigemal und vermehrt dann die Lähmungen oder führt den tödlichen Ausgang herbei, oder er kehrt erst nach Monaten und Jahren wieder. In der Zwischenzeit befindet sich der Kranke manchmal anscheinend wohl, in andern Fällen verraten sich die Spuren der an der kranken Stelle im Gehirn vor sich gehenden Entartung der Hirnsubstanz durch verändertes Aussehen und Benehmen, durch verminderte geistige Fähigkeit, mürrisches Wesen, dumpfe Kopfschmerzen, Schwindel, Schlaflosigkeit, partielle Schmerzen, Gefühl von Einschlafen der Glieder, unsichern Gang [* 9] und ähnliche Symptome, welche nun ihrerseits wieder als Vorläufer eines neuen Schlaganfalls angesehen werden können. Oft folgt schon in den nächsten Tagen nach dem Anfall eine entzündliche Reaktion mit Fieber, Kopfschmerz, Delirien, Schlafsucht, Zuckungen und andern Zeichen der Hirnreizung, welche unter Betäubung töten oder ebenfalls in scheinbare Genesung ausgehen kann.
Die Prognose des
Schlagflusses ist ungünstig, besonders bei ältern Leuten, bei schon anderweit geschwächten und herabgekommenen
Personen (Säufern), bei kranken Arterien (auf welche man bei stärkerer Schlängelung und Härte der Schläfenarterien schließen
darf) und bei sehr fettreichem Körper (vgl. Gehirnerweichung, am Schluß). Die Behandlung des
Schlagflusses
ist folgende: Man bringe den Kranken nach möglichst schneller Lösung aller einigermaßen fest anliegenden Kleidungsstücke
(Halsbinde, Kniebänder, Schnürleiber, Beinkleider)
in eine ruhige und gemächliche, mehr sitzende als liegende, gut unterstützte
Lage mit erhöhtem, unbedecktem Kopf und herabhängenden, warm eingehüllten Füßen.
Das Zimmer sei kühl und ruhig, mit frischer, reiner Luft versehen. Bei starker Rötung des Gesichts und
bei vollem, stark gespanntem Puls werden örtliche und allgemeine Blutentziehungen gemacht. Nach Umständen schreitet man
außerdem zu kalten Anspritzungen des Gesichts, kalten Umschlägen über den Kopf, zu reizenden Klystieren (Essig), heißen Fußbädern,
legt Senfteige auf die Waden etc. Wenn der Kranke schlucken kann, gibt man ihm Eisstückchen in den Mund
oder reicht auch ein kühlendes Abführmittel (Glaubersalz). In einzelnen Fällen dienen aber auch Belebungsmittel, namentlich
Ätzammoniak u. dgl. Nach dem Anfall halte
man streng auf Vermeidung aller der Schädlichkeiten, welche Ursache des
Schlagflusses sein können.
Die Kost sei mäßig und leichtverdaulich, wenig gewürzt. Erhitzende Getränke sind ganz zu vermeiden. Man sorge für ein angemessenes Verhältnis zwischen Ruhe und Bewegung des Körpers, für gemütliche Ruhe, Vermeidung aller anstrengenden Geistesthätigkeit, für zweckmäßige Lagerung im Bett, [* 10] warme Fußbekleidung, leichten und regelmäßigen Stuhlgang. Gegen die zurückbleibende Lähmung muß eine richtig geleitete, schonende Gymnastik der betreffenden Teile unter Zuhilfenahme des galvanischen Apparats angewendet werden.