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Aktualisiert: Apr 10
Zur Zeit verbringe ich einige Tage in meiner alten Heimat.
Ich bin in der Schweiz im Emmental aufgewachsen. In der Nähe von Burgdorf, einer für Schweizer Verhältnisse mittelgrossen Stadt mit etwa 16 000 Einwohnern (Stand 2018), die als Tor zum Emmental gilt mit seinen lieblichen Hügeln und den wunderschönen, alten Bauernhäuser mit seinen Giebeldächern. Nach aussen hin noch ein Stück heile Welt. Hinter den Fassaden gibt es auch dort Dramen verschiedenster Art. Wie heisst es so schön? "Unter jedem Dach ein Ach".
Burgdorf ist eine alte Stadt, 1175 das erste Mal in einer Schenkungsurkunde der Zähringer erwähnt, also noch vor der offiziellen Gründung der "Ur-Schweiz" durch die Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden, die auf das Jahr 1291 zurück geht.
Burgdorf hat eine sehr schöne Altstatt, gebaut aus Sandstein, der im Emmental zur genüge vorhanden ist. Die Altstadt liegt auf zwei Hügeln. Auf dem höchsten Punkt steht eine alte Burg, die der Stadt auch den Namen gibt, aber von allen "Schloss" genannt wird und auf dem gegenüberliegenden Hügel die alte Kirche. Dazwischen schmiegen sich Haus an Haus die Häuser der Altstadt. Die Häuser führen bergabwärts Richtung Schützenmatte, die am Fuss der Flühen, 4 imposanten Sandsteinfelsen liegt, an deren Füssen die Emme sich den Weg sucht, nach der das Emmental benannt ist.
Unterhalb der Kirche befindet sich das ehemalige Waisenhaus, gegründet von Pestalozzi, das heute eine Musikschule ist, in der ich alles gelernt habe, bevor ich an die Hochschule in Berlin ging. Gegenüber der Musikschule befindet sich die Gebrüder Schnell Terrasse. Im Sommer spielen dort viele in der Milde des Abends Boulle/Boccia.
Und vis à vis befindet sich das Geburtshaus von einer grossen Opernsängerin:
Lisa della Casa.
Sie kam am 2.2.1919 als 2. Kind von Francesco und Elsa della Casa zur Welt. Francesco war Augenarzt in Burgdorf und ein leidenschaftlicher Theatermacher, der selber viele Stücke auf die Bühne stellte als Regisseur und darin selber als Protagonist mitwirkte. Schon früh setzte er auch Lisa als Schauspielerin ein. Francesco della Casa sang selber sehr gerne und hatte eine sonore Baritonstimme. Ihm entging die schöne, klare Singstimme seiner Tochter nicht. So kam es, dass Lisa della Casa in Begleitung ihres Vaters mit dem Zug nach Bern fuhr zu einer sehr guten Gesangspädagogin: Marget Haeser. Sie befand die damals 14-Jährige als sehr begabt und wollte sie ausbilden unter der Bedingung, dass es ein Beruf würde und nicht zum Hausgebrauch.
Die Ausbildung dauerte 8 Jahre. Lisa della Casa lernte mit grosser Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit. Nach 8 Jahren empfahl Frau Haeser ihre Schülerin an die Oper in Zürich, damals noch ein Stadttheater, wo sie ins Ensemble aufgenommen wurde. Zu Beginn sang sie das Koloraturrepertoire und die leichteren lyrischen Partien: Gilda, Königin der Nacht und in der erst Aufführung von Richard Strauss` Oper Arabella die Zdenka. Maria Cebotari sang die Arabella. Der betagte Komponist war zur Generalprobe anwesend und meinte "Das Zdenkerl wird mal meine Arabella". Seine Prophezeiung sollte sich bewahrheiten.
Durch die Empfehlung der Cepotari kam della Casa zu den recht jungen Salzburger Festspielen. Von dort wurde sie an die, nach dem Krieg gerade wiedereröffnete, Wienerstaatsoper weitergereicht...eine beispiellose Karriere begann.
In Zürich wurde in der neuen Saison "Ariadne auf Naxos" neu inszeniert, mit Lisa della Casa in der Titelpartie. Die Entscheidung des Operndirektors und des Regisseurs stiess anfangs auf grosse Skeptik und viele zweifelten am Erfolg. Wie sich bei der Première herausstellte unbegründet. Durch die übernahme der Ariadne auf Naxos setzte bei Lisa della Casa ein Stimmfachwechsel ein vom Koloratursopran zum lyrisch dramatischen Sopran. Rolle für Rolle eroberte Lisa della Casa alle grossen lyrisch dramatischen Partien von Richard Strauss (Arabella, Capriccio-Gräfin, Ariadne, Marschallin, Sophie, Octavian und Annina in Rosenkavalier, Salome) und auch von Wolfgang Amadeus Mozart (Pamina, Figaro-Gräfin, Fiordiligi, Donna Elvira u.a.) und feierte damit weltweit Erfolge.
Man sagt oft, dass hinter erfolgreichen Menschen meistens auch ein stärkendes Umfeld beteiligt ist. Bei Lisa war es nicht anders. Sie lernte zu Beginn ihrer jungen Karriere ihren späteren Ehemann Dragan Debljevic kennen und lieben. Einen jugoslawischen Flüchtling und Student, der in der Schweiz Asyl gefunden hatte.
Als sich Lisas Karriere abzeichnete, stellte Dragan seine journalistischen und übersetzerischen Tätigkeiten ein und begleitete seine Frau auf jeder Reise und bei jeder Probe. 1951 kam die gemeinsame Tochter Vesna Rajka zur Welt. Das Familienglück war komplett. Wann immer möglich reiste Lisa mit ihrer Familie zusammen von einem Auftrittsort zum nächsten. In den 60er Jahren war sie viele Jahre an der Metropolitan Opera in New York engagiert unter der Intendanz von Rudolf Bing.
Mit ihrer Arabella feierte Lisa della Casa ihre grössten Erfolge und setzte Massstäbe, die bis heute gültig sind.
Trotz ihrer grossen Karriere blieb Lisa della Casa immer zurückgezogen und bescheiden. Smalltalk, Premièrenfeiern waren ihr unangenehm und fremd. Nach den Vorstellungen kannte sie immer irgendwelche Seitenausgänge um dem wartenden Publikum zu entgehen. Das nahmen ihr viele übel und unterstellten ihr Arroganz. Von ihrem Mann darauf angesprochen meinte Sie nur "Herrgott, ich bin eine Sängerin und keine Animierdame!" Sie brauchte ihre Ruhe, ihr stabiles Umfeld. Diven-Allüren jeder Art waren ihr fremd. Lisa liebte Probearbeiten und arbeitete perfektionistisch bis ins kleinste Detail. Gegen Ruhm und Erfolg war sie immun. Sie las auch keine Kritiken, das übreliess sie Dragan. Ihr eigenes Gefühl war ihr Massstab und der war sehr hoch.
Im Theater führte sie der erste Gang meistens in die Schneiderei, wo sie die Schneiderinnen zu ihren Gunsten beeinflusste, damit die Kostüme wirklich perfekt und Bühnentauglich sassen. Die Kostüme sollten die Sängerin weder an den Bühnengängen, tanzen oder singen hindern und dürfen auch nicht einengen. All das kann sich negativ auf das Singen auswirken und Lisa gab sich nur mit ihrer besten Leistung zufrieden und versuchte alle Voraussetzungen, die dafür notwendig waren sich zu schaffen. Sie war in vielen Schneiderein gefürchtet, weil sie selber grosses Fachwissen und handwerkliches Geschick im schneidern besass. Viele ihrer Konzertkleider und Kostüme hatte sie selbst entworfen und genäht.
Als ihre Tochter Vesna mit Anfang 20 schwer erkrankte und intensive Pflege brauchte, beendete sie 1974 ihre sehr erfolgreiche Karriere von einem Tag auf den anderen. In München sang sie ihre letzte Vorstellung: Arabella.
Leider gab Lisa della Casa nie Meisterkurse, unterrichtete nicht. Sie lebte mit ihrer Familie zurückgezogen in ihrem Schloss am Bodensee und zeitweise in Spanien. Zu ihrem 90. Geburtstag gab sie nach sehr vielen Jahren ein Interview. Den Rat den sie an junge Sänger*innen gab: "Mach es ganz oder lass es sein. Lass es besser sein, es ist sehr schwierig es ganz zu machen." Sie starb am 10.12.2012.
Ich glaube, dass diese "ganz oder gar nicht" Mentalität in meiner Heimat nach wie vor verbreitet ist. Hier ist ein Wort noch ein Wort, auf das man sich verlassen kann, egal in welcher Branche. Auch für mich gilt dieselbe Maxime: Das Beste aus mir herauszuholen.
Noch vor wenigen Jahren schienen mir Arabella oder Ariadne unerreichbar. Ich hätte nie geglaubt, dass ich diese Partien studieren würde und nun wachse ich Stück für Stück in fast dasselbe Repertoire wie Lisa della Casa hinein. Es gibt vieles zu lernen und zu entdecken.
Dieses Jahr hatte ich dadurch die Möglichkeit an Lisa della Casas 101. Geburtstag am 02.02.2020 in der Kirche Heimiswil eine Hommage an die grosse Künstlerin zu singen mit Stücken aus ihrem Repertoire. Es war ein wunderbarer Abend und ein grosser Erfolg und zum Glück noch vor der Pandemie.
Lisa della Casa ist mir in vielen Dingen ein Vorbild: Ich schätze ihre Sorgfalt, ihre Musikalität, ihre sorgfältige technische Stimmbehandlung, ihr Streben nach Perfektion und auch ihre Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit von anderen Menschen und Meinungen.
Ich hoffe, dass ich durch die Hommage etwas dazu beitragen konnte, Lisa della Casa in der Erinnerung der Menschen zu halten. Sie hat es mehr als verdient!