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Während bei der deutschen Sprache stets ein Subjektersatz notwendig ist, muss im Chinesischen kein Subjekt stehen.Die Sinneswahrnehmung kann auch ohne Wer-Bezeichnung zum Ausdruck gebracht werden. Dadurch lassen sich bestimmte Phänomene der Situation, Naturerscheinungen und sinnliche Vorgänge viel eindringlicher und lebendiger als in der deutschen Sprache darstellen.
Des Weiteren gibt es im Chinesischen sogenannt subjektoffene Sätze, in denen ein Geschehen verlustlos ohne Subjekt oder subjektoffen präsentiert wird, wodurch der Sachverhalt in einer anderen Qualität zum Ausdruck kommt. Die klassische philosophische Sprache der Chinesen ist mehr an der Unterscheidung von verschiedenen Geschehensqualitäten interessiert als an der Feststellung ewiger Wahrheiten.
Sätze, in denen das Subjekt ausfällt, weil es im Satz zuvor genannt worden ist, sind im Chinesischen häufig. Lässt sich vergleichend für das Altchinesische sagen “Je weniger Subjekte in einem Satz auftreten, desto schöner wirkt der Stil”, so gilt für das Deutsche, dass die Aussage umso klarer ist, je eindeutiger die Subjekte bestimmt sind. Sofern es die Sprache zulässt, kann die Subjektlosigkeit von Sätzen als Sprachstil kultiviert werden, wodurch bestimmte Phänomene viel deutlicher zum Ausdruck gebracht werden können.
Die grammatische Form in den europäischen Sprachen bewertet das Subjekt im Rahmen einer Aussage demzufolge höher als das Geschehen, das mit dem Verb ausgedrückt wird.
Anders reden, anders denken
Diese Bewertung wird durch die Sprachform nahegelegt und lenkt das Denken in eine bestimmte Richtung. Subjektlose Sätze erschweren im Deutschen erheblich das Verständnis, weshalb sie weder im Alltag noch in der klassischen Philosophie häufig in Erscheinung treten. Dieses subjektbezogene Denken kennzeichnet auch die Philosophie. Von Aristoteles stammt die einfache Unterscheidung wahr oder falsch für ein Urteil. Demzufolge muss im Rahmen des Philosophierens jeder Satz eine Aussage enthalten, die als wahr oder falsch beurteilt werden kann. Aristoteles ordnet den Substantiven einen Ding-Charaker zu, der auch für sich allein bestehen kann – ganz im Gegensatz zu den Verben, die nur im Zusammenhang mit Substantiven einen Sinn erhalten. Damit muss ein Substantiv und darüber hinaus auch das Satz-Subjekt – in seiner Notwendigkeit, zu einem Substantiv zu werden – für eine sinnvolle Aussage im Satz enthalten sein. Aristoteles räumt zwar ein, dass es noch ganz andere Arten des Sprachgebrauchs geben kann, schliesst diese aber aus der Philosophie aus, weil sie nicht mit den Werten wahr oder falsch verbunden werden können.
Anders als in der Bewertung von Aristoteles, der vor allem das Nomen als Substantiv und Subjekt in den Vordergrund seiner Sprachinterpretation gerückt hat, steht in der chinesischen Sprache das Verb im Vordergrund. Im Altchinesischen wird ein Satz über ein Ding (Subjekt) und nicht über eine Aussage (Prädikat) gemacht. Der Sprachgebrauch des Denkens wird im Altchinesischen häufig in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Vollzügen und Konstellationen entwickelt.
Im Vergleich zeigt sich hier deutlich, dass in den Haupttraditionen der Philosophie in Europa und China jeweils verschiedene Sprachformen in den Vordergrund des Denkens getreten sind. Beiden Traditionen werden durch die Struktur der jeweiligen Sprache bestimmte Sprachformen nahegelegt. Und dadurch konzentriert sich das Denken jeweils besonders auf spezifische Sprachverhalte.