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Nach dem phänomenalen CHINATOWN und vor dem wundervollen TESS stand bei Roman Polanski der heute beinahe vergessene THE TENANT (im Original LE LOCATAIRE) auf dem Programm. In diesem mysteriösen Paranoiafilm spielt Polanski selber die Hauptrolle als polnischer Immigrant, der in Paris lebt. Als neuer Mieter einer Wohnung, in der sich die Vormieterin versuchte, das Leben zu nehmen indem sie sich aus dem Fenster stürzte, bemerkt er merkwürdige Vorkommnisse. Die Bewohner des Hauses begegnen Treikovsky eher feindselig und auch in seinem Apartment fühlt er alles andere als wohl.
THE TENANT fügt sich lose in eine Art «Trilogie» mit REPULSION und ROSEMARY’S BABY ein, die sich ebenfalls mit schauerlichen Geschehnissen in Häusern bzw. Wohnungen und bizarren Bewohnern auseinandersetzten. THE TENANT ist meisterhaft inszeniert und mit einem recht speziellen Ende ausgestattet, das damals nicht bei jedem Kinogänger ankam.
In der Filmmusikszene bekannt geworden sein dürfte LE
LOCATAIRE auf Grund einer Idee geworden sein, die Philippe Sarde aufgriff
nachdem Polanski bei einem Abendessen mit seinem Finger sein Weinglas zum
Klingen brachte: Sarde dachte sofort an die Glasharmonika.
Für den damals erst 26jährigen Sarde war es der erste Film für Polanski, zwei weitere sollten folgen, wobei TESS ein unbestrittenes musikalisches Meisterwerk des Franzosen ist, die Geschehnisse um PIRATES schliesslich aber zum Bruch der beiden Künstler führte.
LE LOCATAIRE erschien 2000 zum ersten Mal überhaupt auf Tonträger, damals gepaart mit TESS und mit einer Laufzeit von knapp 21 Minuten. Die Quartet Records CD enthält 25 Minuten Score aufgeteilt in 16 Tracks, dazu das wichtige Source Music Stück «Dance at Robert’s», fünf additional music Stücke und abschliessend fünf Tracks, die mit album versions betitelt wurden. Die CD erschien gleichzeitig mit dem von Andi Süess besprochenen GHOST STORY.
Sardes Musik beginnt ominös mit tiefen Klängen und dem B-Thema, das nicht unweit vom eigentlichen Hauptthema liegt, ehe dieses von der Klarinette gespielt zu hören ist («Main Title»). «The Church» ist ein erster deutlicher Hinweis darauf, in welche Richtung sich der Film bewegt. Auch in «The Tooth» beschreitet Sarde zunächst in unüberhörbar mysteriösen Bahnen mit einem avantgardistischen Klanggemisch, das er öfters in THE TENANT verwendet; das B-Thema zeigt sich hier länger ausgeführt ehe es langsam und gut gemacht ins Hauptthema übergeht. Es sind diese Ingredienzen, die die Komposition durchwegs als Hauptbestandteile ausmachen. «Delirium», «Empty Window», «The Bouncing Ball», «They’re after Him» oder «The Audience is Ready» sind durchkomponierte Horrormusik at it’s best, abseits jeglichen Sounddesigns oder Klangpaletten aus dem Synthie an die Wand klatschend. Wer diese Stücke hört, würde sie wohl, ohne zu wissen um welchen Film und Komponisten es sich handelt, weder einem Polanski noch Sarde zuschreiben.
In «To Stella» hören wir die Glasharmonika, Sardes Klarinettenthema begleitend, doch dauert es nicht lange und unheilvolle staccati aus dem tiefen Streicherregisters übernehmen, während in «Hotel Room» das Thema nun mehr und mehr in den Hintergrund rückt. Und wenn «I’ll Show You Blood» ertönt, kann man sich in die Gedankenwelt des unglücklichen Treikovsky richtig hineinfühlen, ehe Sarde in «The Final Scream» ein letztes Mal seine beiden Themen erklingen lässt.
THE TENANT hat, will man einen Vergleich anstellen, die hypnotische Kraft eines guten Howard Shore Thrillers (aus den 90ern!) – man höre sich beispielsweise «Running Away» an. Eine ganz starke, packende Philippe Sarde Musik, angesiedelt in einem Genre, das der Komponist, der sich selber stets mehr als Filmfreak denn als Musiker bezeichnet, nicht allzu oft besuchte (meisterhaft in GHOST STORY), obschon es seiner Klangwelt durchaus entsprochen hätte – und doch ist der Score mit einem klaren, musikalischen Hauptthema ausgestattet.
Phil, 7.10.2019
THE TENANT
Philippe Sarde
Quartet Records
46 Min.
27 Tracks
Limitiert auf 2000 Stk.