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Mummenschanz, Altstätten SG
Freie Maskentheater-Gruppe, ohne eigene Spielstätte
Nach den ersten Auftritten zu dritt am Festival d’Avignon 1972 nannten sich →Andres Bossard, →Bernie Schürch und Floriana Frassetto "Mummenschanz". Die beiden angehenden Mimen Bossard und Schürch lernten sich 1967 während ihrer Ausbildung bei Jacques Lecoq in Paris kennen und arbeiteten seit 1969 zusammen. 1971 trafen die beiden bei einem Auftritt in Rom die Italo-Amerikanerin Floriana Frassetto, die sich ihnen 1972 in Paris anschloss. Frassetto hatte die Accademia Alessandro Fersen sowie die Pantomimenschule I Gesti von Roy Bosier in Rom besucht und ihre ersten Bühnenerfahrungen in der Compagnia i Gesti di Roma gesammelt. Nach dreimonatiger gemeinsamer Arbeit in der Schweiz erfolgreicher Auftritt zu dritt in Avignon. 1973 Tournee durch Europa, Nord- und Südamerika. Die Kunst der M. traf mit ihrer Verbindung von Pantomime und Pop den Nerv der Zeit: Die Zeichenhaftigkeit der Pantomime wurde – in Anlehnung an die Bewegung der Pop Art – mittels Requisiten reduziert, vereinfacht und verdeutlicht. Materialien wie Lüftungsröhren und Plastikfolien wurden zu Kostümen und lebenden Skulpturen, aus Toilettenpapierrollen und Plastilin entstanden verform- und veränderbare Masken. Die drei erzählten nicht mehr mit dem fein ziselierten Bewegungsvokabular der klassischen Pantomime, sondern mit grosszügigen Gesten. Ab 1974 folgten weitere Tourneen durch Europa, den damaligen Ostblock, Nord- und Südamerika. 1977–80 gastierte M. im Bijou Theatre am Broadway in New York. Der anhaltende Erfolg zwang die Gruppe, weitere Mimen in ihr Programm einzuarbeiten, um am Broadway weiterspielen und gleichzeitig Gastspiele in Europa, Nord- und Südamerika sowie im Fernen Osten geben zu können. 1980 nahmen sich Bossard, Frassetto und Schürch ein Jahr Auszeit. 1981 Entschluss zu einem neuen gemeinsamen Programm. Im Januar 1982 fanden sie in der →Roten Fabrik Zürich einen Arbeits- und Proberaum. Besonders viel Zeit verwendeten sie auf die Materialsuche für die selbst gefertigten Kostüme. Im Winter 1983/84 stiess →Elisabeth Oppliger dazu und leistete Mitarbeit bei der Choreografie. Im März 1984 Arbeitstournee durch die USA, auf der ein Teil des neuen Programms vor Publikum erprobt sowie öffentliche Proben und Workshops veranstaltet wurden. Im August 1984 Premiere des neuen Programms "The New Show" im Casino Zug (→Theater Casino Zug), anschliessend Gastspiele in der Schweiz und auf allen Kontinenten. 1988 auf Tournee mit dem Zirkus Knie, allerdings nicht in der Originalbesetzung: Die beiden stellvertretenden Darsteller waren Roger Reed und Jacob Bentsen. 1989 fünf Werbespots für die Kampagne "Stop AIDS" (Produzent: Schweizer Fernsehen DRS). Im Herbst zeigte M. in der Schweiz das Jubiläumsprogramm "Mummenschanz Encore. 1969–1989". Nach Bossards Tod 1992 folgte 1993 zunächst das Programm "Mummenschanz Parade", eine Art Hommage an Bossard mit älteren und einigen neuen Nummern, mit dem M. bis 1996 tourte. Als jeweils dritter Darsteller stiessen →Roger Zaneth und John Charles Murphy dazu. 1997 entstand der Film "Mummenschanz – The Movie" (Regie: Kamal Musale). Nach einiger Zeit im Alten Schlachthaus in Lugano stellte 1998 die Stadt St. Gallen der Gruppe Proberäume in der ehemaligen Färberei Sitterthal zur Verfügung. Gleichzeitig wurde die M.-Stiftung St. Gallen gegründet. Zusammen mit Raffaella Mattioli und Bentsen erarbeiteten Schürch und Frassetto ein neues Programm: Nach der Erprobung von "Next" in den USA Premiere im →Stadttheaer St. Gallen im März 2000, anschliessend Schweizer Tournee. 2002 wurde die Truppe an die Schweizerischen Landesausstellung Expo.02 eingeladen, wo sie im eigens errichteten Mummenschanz-Theater (mit 480 Plätzen) auf der Arteplage in Biel nebst "Next" die Uraufführung eines fünfzehnminütigen Kurzprogramms zeigte und Workshops gab. Nach dem Abbau der Expo.02 wurde das Mummenschanz-Theater nach Villars-sur-Glâne verlegt, als Teil des im Aufbau befindlichen Zentrums für zeitgenössische Bühnenkunst (Espace Nuithonie), und im Herbst 2003 mit "Next" eröffnet.
Auszeichnungen
unter anderem
- 1977 Ehrenurkunde der Stadt New York anlässlich der 200. Vorstellung am Broadway,
- 1980 Goldene Rose von Montreux für den Film "La Pomme", produziert von Schweizer Fernsehen DRS.
Literatur
- Bührer, Michel: M., 1984.
- Garduño, Flor/Lyr, Guyette: M. 1972–1997, 1997.
Autorin: Lilo Weber
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
Weber, Lilo: Mummenschanz, Altstätten SG, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 1292–1293, mit Abbildung auf S. 1292.