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Ein Gegengewicht zu den sonstigen meist negativen und marktschreierischen News.
«Dass seine Intelligenz überragend war, glaube ich nicht. Ich bin klügeren Vögeln begegnet. Was ihn so interessant und reizend machte, war die Fähigkeit, durch das Medium der ungewöhnlichen Umgebung seine Vogelnatur in einer Sprache auszudrücken, die ein menschlicher Verstand begreifen und an der er teilhaben konnte. Und darin war er vielleicht einzigartig.»
Clare Kipps über ihren Wunderspatz Clarence
Im eisigen Winter des Jahres 1940 warteten die Londoner in unheimlicher Stille auf Bomben, die nicht fielen. Es kam der Frühling und der Sommer, und sie fielen noch immer nicht.
Dafür war etwas anderes auf die Türschwelle von Clare Kipps Bungalow gefallen. Es war der 1. Juli 1940, als die verwitwete Dame von ihrer Schicht auf dem zivilen Luftschutzposten nach Hause kehrte, und ein winziges, blindes und nacktes Vögelchen vor ihrer Haustür vorfand.
Es schien, als hätte dieses Kleinwesen, kaum geboren, schon sein ganz frisch angebrochenes Leben ausgehaucht. Es musste aus seinem Nest gefallen, und dort, vor Mrs. Kipps Heim, seinem einsamen Sterben überlassen worden sein.
Mrs. Kipps wickelte es dennoch in Flanell ein und setzte sich mit dem Knäuelchen ans Kaminfeuer. Sie öffnete seinen weichen Schnabel behutsam mit einem angespitzten Streichholz und träufelte ein paar Tropfen Milch in seine winzige Kehle.
Der Körper des Spätzchens blieb kalt, doch irgendwann regte sich einer seiner Flügel. Mrs. Kipps schob ein paar Krümelchen eingeweichtes Brot nach, legte den Vogel in eine mit Wolle ausgepolsterte Puddingschüssel und stellte diese in den Trockenschrank.
Am Morgen wurde sie von einem ganz feinen Ton geweckt, der von einer Stecknadel hätte stammen können, würde diese sich dahingehend äussern können. Doch es war der Spatz. Sie öffnete den Schrank und da sass er in seiner Puddingschüssel, warm und munter – und verlangte danach, sich nun ausgiebig zurück ins Leben zu fressen.
Am dritten Tage erschien mitten in seinen Glotzäuglein ein Schlitz. Er sah zum ersten Mal. Und er sah Mrs. Kipps. Von diesem Moment an war sie seine Mutter.
Er wuchs zu einem kräftigen Nestling heran, doch als seine Schwungfedern sich zu bilden begannen, wurde die Tragödie offenbar: Sein rechter Flügel war verkrüppelt. Die grössten Federn hinter seinem Rücken stellten sich wie ein Fächer in die Höhe. Mit diesem winkte er Mrs. Kipps lustig zu, hoch genug zu fliegen, um sich in Sicherheit zu bringen, vermochte er damit jedoch nicht.
Ein Leben in Freiheit, so wie es sich Mrs. Kipps für ihn vorgestellt hatte, war so nicht möglich. Er würde das Draussen nicht lange überleben. Und so blieb er drin und wurde zu Mrs. Kipps Hausgenossen – und schon bald zu ihrem teuersten Freund.
Seine Welt war seine Besitzerin, auf deren Kopf er Sandbäder zu veranstalten pflegte. Sein grösstes Vergnügen aber bestand darin, mit ihr unter die Daunendecke zu schlüpfen. Niemals aber besudelte er das Bett, das ihm als Nest diente.
Ein Käfig war bloss nötig, damit er von Mrs. Kipps Besuchern nicht versehentlich zertrampelt würde. Den Baum nämlich, den sie zuvor angeschleppt hatte, fürchtete er wie der Teufel das Weihwasser, in den Käfig aber flog er augenblicklich, und setzte sich zufrieden zwitschernd auf die Schaukel.
Der kleine Spatz teilte fortan alles mit seiner Freundin: Wenn Mrs. Kipps kochte, dann kochte er mit, wenn sie las, dann las er mit, und wenn sie schlief, teilte er ihren Schlummer.
Nicht die geringste Furcht hegte er vor ihr, er legte sich sogar auf den Rücken, was ein Vogel in Freiheit bloss tut, wenn er in Schreckstarre verfällt oder tot ist. Dieser Spatz aber strampelte vergnügt mit den hoch in die Luft gestreckten Beinchen und liess sich von Mrs. Kipps am Bauch kitzeln.
Im September fielen die Bomben. Eine davon direkt hinter Mrs. Kipps Bungalow. Als sie von ihrer Schicht zurückkehrte, riss sie die Tür auf und schrie: «Lebst du?» Der Rauch verzog sich allmählich und bald sah sie, wie der kleine Vogel gänzlich ungerührt auf seiner Schaukel hin und her wippte. Rund um ihn herum war Zerstörung, nichts war ganz geblieben, unter ihm lagen Glasscherben und über ihm, auf dem eingedrückten Dach seines Käfigs, schwebte bedrohlich wie das Damoklesschwert ein Ziegelstein – nur zwei Zentimeter über seinem Köpfchen.
Auch die Bomben machten diesem furchtlosen Geschöpf keine Angst.
Mrs. Kipps bezog ein neues Haus und einen neuen Posten. Dort wartete sie nun gemeinsam mit Hausierern und Strassenarbeitern auf die deutschen Luftangriffe. Und wenn sie nicht kamen, zogen sich die Stunden wie zäher Gummi hin, und die Langeweile war bald so niederdrückend, dass Mrs. Kipps beschloss, ihren Spatzen zur Unterhaltung mit zur Arbeit zu bringen.
Und so begann die Schauspielkarriere des Clarence. Diesen englischen Prinzentitel würden die Kinder dem Vögelchen bald geben, denn nach der ersten Mauser war klar, welchen Geschlechts er war: Es tauchte unter seinem Kinn ein schwarzer Fleck auf – das Zeichen männlicher Würde bei einem Spatzen.
Er selbst nahm den Namen nie an, vielleicht hielt er ihn für allzu anmassend und reagierte deshalb bloss auf «Boy».
Clarence war zu einem wunderschönen Vögelchen herangereift. Und nachdem er verschiedene kleine Kunststücke erlernt hatte, begleite er Mrs. Kipps in seiner strahlend safrangelben Weste und den hübschen, primelgelben Hosen auf ihren Zivilschutzposten.
«Er lernte mit ausserordentlicher Leichtigkeit und Schnelligkeit, und bald begleitete er mich zu verschiedenen Posten oder Häusern, in denen ängstliche Menschen lebten, und vor allem zu einem Schutzraum, wo er immer ein grosses Publikum vorfand, besonders Kinder. Er bildete ihr grösstes Entzücken.
Ich kann wirklich sagen, dass in jenen schrecklichen Monaten kein Spatz seinem Vaterland so treu und brav diente. Menschen, die ihr Heim und all ihre Habe verloren hatten, vergassen ihren Kummer, wenigstens für einige Zeit; verängstigte Kinder wurden fröhlich und sorglos, und wer von ihnen sich zuerst eigensinnig geweigert hatte, sich die Gasmaske anlegen zu lassen, hielt mir nun sofort den Kopf hin, wenn ich dafür eine Spatzenvorstellung versprach.»
Clare Kipps
Die Vorstellung begann damit, dass er, frisch gefüttert aus seinem Puddingnapf tänzelte und sich sofort in den Kampf um eine Haarnadel begab, die er, sobald er sie aus Mrs. Kipps Fingern zu entreissen vermochte, triumphierend in seinen Käfig trug.
Pause.
Dann tauchte er als Zauberkünstler wieder auf, zupfte eine Karte aus dem Stapel, meist die vom Publikum «gedachte», weil Mrs. Kipps sie ein bisschen vorstiess oder vorher darauf gezeigt hatte.
Die Karte drehte er dann zehn bis zwölf Mal im Schnabel herum, ohne dass er ihr ein einziges Mal verlustig ging. Diesen Trick hatte Clarence selbst erfunden, wahrscheinlich deshalb mochte er ihn wohl am liebsten.
Das Publikum wiederum liebte seine Luftschutzkeller-Nummer: Auf den Ruf «Fliegeralarm!» rannte er los und sprang in Bunker, den Mrs. Kipps zu diesem Zwecke mit ihren Händen formte. Dort sass er mehrere Minuten lang still, bis er schüchtern das Köpfchen hervorstreckte, als wollte er fragen, ob das Zeichen der Entwarnung schon erklungen sei.
Nichts aber ging über Clarences Hitler-Rede: Auf einer Konservendose stehend, hob er seinen rechten, verkrüppelten Flügel dem Führer zum Grusse und begann, nach dem Geschwätz der Sperlinge in den Hecken zu plaudern. Bald aber gewann seine Rede eine feierlich eindrucksvolle Dimension, bis sie schliesslich in einem feurigen Crescendo mündete, einem stürmischen Gezeter, sodass er in seiner masslosen Furiosität von der Dose direkt in eine täuschend echte Ohnmacht fiel.
Im Frühjahr 1941 war Clarence des Lebens in der Öffentlichkeit und all seines Glanzes überdrüssig geworden. Mrs. Kipps schaltete also die Scheinwerfer aus, räumte die Spatzenbühne weg und schloss den Vorhang.
Sie hielt nichts von der Ausbeutung von Tieren, sie hätte ihren Spatzen niemals gezwungen, etwas gegen seinen Willen zu erlernen. Die Kunststückchen, die sie ihm beigebracht hatte, waren im Grunde Spielchen, nichts weiter als die Weiterentwicklung seiner natürlichen Instinkte. Ihr «Training» war eins mit ihrer Freundschaft und alles Gelernte zum Ausdruck von Clarences Wesen geworden.
Nun wendete er sich ausgiebig der Musik zu. Wenn Mrs. Kipps morgens eine Stunde auf ihrem Flügel spielte, zitterte sein ganzer kleiner Körper. Und sofort begann er damit, ihr in den Nacken zu picken. Vor Erregung, Ergriffenheit, Freude oder Qual, wer vermag das schon zu sagen. Vielleicht war es alles zusammen.
Dass Clarence aber eines Tages zu singen anfinge und sie auf dem Klavier begleite, dass hätte sich Mrs. Kipps niemals träumen lassen. Und es war viel mehr als das gemeine Tschilpen, es war ein richtiges Liedchen, bestehend aus einem Doppelschlag, einer kleinen melodiösen Klanggruppe gefolgt von einem hohen Ton, und vollendet mit einem kleinen Triller!
Letzteres, so ist sich Mrs. Kipps ziemlich sicher, habe er von Chopins Berceuse erlernt.
Von jenem Moment an übte er jeden Tag unermüdlich sein kleines Liedchen. Dabei änderte er bloss die Tonhöhe, niemals aber die Tonfolge.
«Kein Vogel kann härter gearbeitet haben als er, um seinem Sang Vollkommenheit zu verleihen. Er übte ständig, wiederholte jedes kleine Motiv wieder und wieder und biss vor lauter Qual, sich nicht vollendet ausdrücken zu können, in die Stangen seines Käfigs. Von solchem Stoff ist der wahre Künstler! Leiden ist die einzige Schule, in der er vorankommen kann!»
Clare Kipps
Mrs. Kipps hielt ihren Spatzen nicht für herausragend intelligent, aber sie war der Überzeugung, dass jedes Tier Erstaunliches zu leisten vermag, entsprechend dem Mass an Liebe und Freundschaft, das der Mensch ihm entgegenbringt.
Und Clarance liebte Mrs. Kipps. Allein ihr gehörte sein kleines Spatzenherzchen. Gegenüber der liebestollen und vollends übergeschnappten Blaumeise, die ihn eines Frühlings in seinem Käfig am Fenster erspähte und es hernach vom Morgengrauen bis in die Dämmerung hinein zu belagern pflegte, blieb er kalt. Selbst als Mrs. Kipps das Oberfenster öffnete und sie reinflog, um mit einem beispiellos wilden Herumgeschwirre seine Gunst zu gewinnen, ging Clarence demonstrativ in seine «Küche» und krachte Samenkörner auf.
Vögel blieben ihm sein Leben lang rätselhaft und nur ein einziges Mal schien es Mrs. Kipps, dass ihr Spatz sich seinen Artgenossen anzuschliessen wünschte: Als er nämlich sah, wie sie draussen ausgelassen durch die Büsche purzelten. Kleine Raufereien waren sehr nach seinem Geschmack und er war sich sicher, dass er gegen sie gewinnen könnte.
Eines Nachts, Clarance hatte bereits das stolze Alter von zwölf Jahren erreicht, fiel er von seiner Stange auf den Käfigboden, wo er noch kurz herumtorkelte, nur um dann mit geöffnetem Schnabel besinnungslos liegen zu bleiben.
Mrs. Kipps holte ihn nach einer halben Stunde mit warmer Milch zurück. Er hatte einen Schlaganfall mit teilweiser Lähmung erlitten. Sein Körper war dadurch schief geworden und auch sein Gleichgewicht war gestört, den einen Flügel konnte er überhaupt nicht mehr heben.
Fliegen war nun gar nicht mehr möglich, dennoch versuchte er beharrlich, sich in seinem Käfig nach oben zu kämpfen. Immer wieder fiel er herunter, was seinem Herz nicht bekam, aber wohl konnte er nicht gegen seinen Instinkt handeln, der ihm die höchste Stange als sichersten Platz anpries.
Um weitere Stürze zu verhindern, kaufte Mrs. Kipps ihrem Spatz einen niedrigen Käfig:
«Das war sein Altersheim. Wie mit einem Seufzer der Erleichterung bezog er es und wählte sich sofort eine Wohnung im Erdgeschoss. Schliesslich ist es, wie er bald herausfand, recht vorteilhaft, in der Nähe der Speisekammer zu schlafen, und die ganze folgende Woche, vielleicht auch noch länger, müssen im Schutze der Dunkelheit mitternächtliche Feste stattgefunden haben, die verdächtig an Schlafsaal-Fressereien erinnerten.»
Clare Kipps
Der vogelkundige Tierarzt Dr. Richardson schaffte es mit seinen wundersamen Medikamenten – Phthalylsulfathiazole und Champagner – das kleine Geschöpf wieder fit zu machen. Irgendetwas hatte zusätzlich seinen Organismus vergiftet, sodass ihm seine Federn büschelweise ausgefallen waren. Nun wuchsen sie allmählich nach, doch zu seiner jugendlichen Schönheit fand Clarence nicht mehr zurück, er blieb ein winziges Häufchen Knochen in einem zerzausten, zerlumpten Federkleid.
Sein Lebenswille aber war beachtlich. Seine Flugunfähigkeit stiftete ihn an, hüpfen zu lernen wie ein Frosch. Sein krankes Füsschen trainierte er täglich, dass er es am Ende gar vermochte, wie eine Ente zu watscheln. Dr. Richardson hatte noch nie so einen kleinen Vogel gesehen, der so einen heldenhaften Kampf gegen Alter und Gebresten führte wie Clarence. Ein Kanarienvogel, so sagte er, hätte längst aufgegeben und wäre gestorben.
«Er aber passte sich vielmehr, ohne zu murren, den wachsenden Beschränkungen an und kostete das ihm zugestandene Mass an Bewegungen und Freuden gründlich aus. Ich habe manche Lektion von meinem kleinen Spatz gelernt und hoffe, dass sie mich vernüftiger und zufriedener macht und sich nützlich erweist, wenn mir ein langer Lebensabend beschert werden sollte.»
Clare Kipps
Mit dem Alter schwand auch sein Stolz und seine einst so forsch eingeforderte Unabhängigkeit. Er war wieder zum Kind geworden, das darum bettelte, gefüttert und aufgenommen zu werden.
Als Mrs. Kipps den Fotografen einbestellte, hatte sie nicht viel Hoffnung. Sicher würde sich der Vogel ob der Kamera und der Scheinwerfer erschrecken und sich in ihrem Ausschnitt verkriechen. Doch stattdessen führte er alle seine alten Tricks vor, die er in der Kinderstube gelernt und seit über sechs Jahren weder geübt noch vorgeführt hatte. Und er krönte seine Vorstellung, indem er sich auf den Rücken legte, «für Königin und Vaterland zu sterben».
Trotz all seiner Zerzaust- und Gebrechlichkeit war jede seiner Bewegungen würdevoll, fast als wüsste er, dass die dabei entstehenden Bilder seine Unsterblichkeit sichern würden.
Als ihm die Federn wieder ausfielen, wuchsen sie nicht mehr nach. Und ihren Spatzen mit Hormontabletten zu behandeln, schien Mrs. Kipps wider die Natur. Sie wollte sein Leben nicht so weit verlängern, dass er es nicht mehr geniessen konnte.
Am 23. März 1952 vermochte sich der fast gänzlich erblindete Clarence nicht mehr aufrecht halten. Er lag für mehrere Stunden still in Mrs. Kipps Hand, bis er plötzlich den Kopf hob, sie in seiner altvertrauten Art rief und starb.
Er hatte zwölf Jahre, sieben Wochen und vier Tage gelebt.
Sein kleiner Körper ruht in einem ebenso kleinen Grab aus Hopton-Wood-Stein, Englands führendem Dekorativstein, der fast so fein ist wie Marmor und neben Clarences Ruhestätte auch die Fassaden der Houses of Parliament, der Westminster Abbey und das Grab von Oscar Wilde schmückt.
Geweiht dem Andenken von
CLARENCE
dem berühmten und geliebten
Spatz.
1980 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Pocken beim Menschen für ausgerottet. Man stoppte die flächendeckende Impfung und das Virus existierte offiziell nur noch in zwei Hochsicherheitslaboratorien in den USA und Russland. Nun sind die mit dem Virus verwandten Affenpocken auf dem Vormarsch – die Nachbarländer der Schweiz melden bereits erste Fälle und auch in der Schweiz ist das Affenpockenvirus bereits angekommen – es gibt zurzeit je einen bestätigten Fall in Zürich, Bern und Genf. Doch wie gefährlich ist das neuartige Virus? Alles, was du jetzt wissen musst: