Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03556.jsonl.gz/986

Sind Protestanten fleissiger?
Gibt es einen Zusammenhang zwischen einer «protestantischen Ethik» und einem «Geist des Kapitalismus»? Die konfessionell gespaltene und kleinräumig gestaltete Schweiz ist wie geschaffen für die Prüfung der berühmten These von Max Weber. Gegen den preussischen Soziologen hat der Basler Historiker Herbert Lüthy, Autor von «Die protestantische Bank in Frankreich», die Ansicht vertreten, die Ursache für das konfessionelle Wirtschaftsgefälle liege in der katholischen Gegenreformation. Diese habe die vorreformatorische Dynamik blockiert.
Die zwei Thesen sollen hier am Beispiel der beiden Appenzell, des konservativ-katholischen Zug und des liberal-katholischen Solothurn geprüft werden.
«Im Schoss des Müssiggangs»
Während die Bevölkerung im katholischen Innerrhoden zwischen 1530 und 1730 um lediglich 30 Prozent zunahm, wuchs sie im protestantischen Ausserrhoden um spektakuläre 500 Prozent. Die Verdienstmöglichkeiten dank der Textilproduktion machten Ausserrhoden Ende des 18. Jahrhunderts zu einer der dichtest bevölkerten Regionen Europas. Fremde Besucher beschrieben die Innerrhödler als Menschen, die «im Schoss der Ruhe und des Müssiggangs» das Leben geniessen. Die «reformierten Appenzeller» seien «zu Industrie und Handel mehr geneigt».
Der Unterschied zwischen den beiden politisch ähnlich organisierten Halbkantonen lässt sich nur konfessionell erklären. Und er ist so gross, dass man wohl von beiden Thesen ausgehen muss. Weber hat recht für Ausserrhoden: Der Protestantismus regte zu modernerem Wirtschaften an. Lüthy hat recht für Innerrhoden: Der Katholizismus bremste die Dynamik. Hier kommt ein Faktor dazu, der allgemein unterschätzt wird: das Söldnerwesen. Dieses hatte für Innerrhoden eine viel grössere Bedeutung als für Ausserrhoden. Die Reisläuferei hatte ähnliche Folgen wie es heute der Rohstoff-Fluch für die Dritte Welt hat. Die Erträge wurden verschleudert oder immobilisiert statt innovativ investiert.
Vom Theologensohn zum Industriellen
Zug war der erste katholische Kanton, der sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts stark industrialisierte. Allerdings wurden praktisch alle Fabriken von Zürcher Protestanten gegründet – in Zusammenarbeit mit einheimischen Liberalen. Die meisten Fachkräfte waren ebenfalls Zugewanderte aus dem reformierten Nachbarkanton.
Für die Weber-These sprechen hier zwei starke Symbole: Die erste protestantische Kirche wurde 1867 in Baar mithilfe der Spinnerei an der Lorze auf deren Gelände erbaut; die Spinnerei war damals der grösste Textilbetrieb der Schweiz. Zuvor hatten die reformierten Gottesdienste in der grössten Fabrikhalle, dem Packsaal, stattgefunden. Der neben seinem Schwiegervater Karl H. Gyr wohl wichtigste Zuger Industrielle des 20. Jahrhunderts war der Landis&Gyr-Direktor Andreas C. Brunner. Er war der Sohn des bekannten Schweizer Theologen Emil Brunner.
Allerdings ist auch beim Zuger Fall die Weber- mit der Lüthy-These zu verbinden. Die klerikale Industriefeindlichkeit hätte damals die protestantische Industrialisierung verhindern können, hätte diese nicht auf eine liberal-katholische Rückendeckung zählen können.
Protestantische vor katholischen Kantonen
Zug mit einer starken liberalen Minderheit und Solothurn mit einer liberalen Mehrheit ab 1831 hatten eine Gemeinsamkeit, die ein wichtiges Element der Weber-These infrage stellt: die Behauptung vom protestantischen Bildungsvorsprung. Eine Auswertung der umfassenden «Helvetischen Schulumfrage von 1799» ergab laut dem Berner Geschichtsprofessor Heinrich Richard Schmidt, «dass in den Gebieten ein katholischer Bildungsvorsprung zu beobachten ist, die Schulreformen im Sinne der katholischen Aufklärung eingeleitet hatten». Dazu gehörten insbesondere Solothurn und Zug.
Die Rekrutenprüfungen von 1875–1882 bestätigten diesen Befund. Die beiden ersten katholischen Industriekantone nahmen im Durchschnitt den 7. und 8. Platz ein. Allerdings lagen vor ihnen lauter Kantone mit protestantischen Mehrheiten. Auf den letzten Plätzen rangierten fünf ehemalige Sonderbundskantone sowie Innerrhoden.
Trotz einer relativ guten Bildung und einer liberalen Regierung kam die Industrialisierung Solothurns später in Gang als in Zug. Zürich war weiter weg. Und das mit dem Söldnerwesen verbundene Patriziat bildete ein grösseres Hindernis. Bereits 1666 hatte ein Chronist geschrieben, die Elite verlege sich «mehr auf militärische als die Kaufhändel». Später wurde moniert, «es fehlt der Aristokratie an Unternehmergeist».
Vergesst nicht die Aufklärung!
Erst nachdem 1856 die etatistischen Radikalen die Laissez-faire-Liberalen entmachtet hatten, schaffte Solothurn seinen Sprung nach vorn. Die sogenannten «Rotliberalen» betrieben im Unterschied zu den «Grauliberalen» eine aktive Industrie- und Infrastrukturpolitik und zogen systematisch Kapital an, vor allem protestantisches. Dabei wurden sie unterstützt von Unternehmern wie dem Schönenwerder Schuhfabrikanten Franz C. Bally oder dem Grenchner Uhrenpionier Josef Girardet, beides antiklerikale Anhänger der Aufklärung.
Wer die vielfältigen Gefälle in der Schweizer Industrie-Geschichte verstehen will, darf neben der protestantischen Askese und dem katholischen Barock die innovative Kraft der Aufklärung nicht vergessen. Von allen drei Faktoren ist sie der relevanteste.