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Ein neues E-Mail im Posteingang. Ethan Sebastian (44) hofft, dass die Begriffe «Zukunft» und «Erfolg» nicht im Text vorkommen: «Solche Ausdrücke benutzen die Personalabteilungen, wenn sie mir absagen.»
Der gebürtige Jamaikaner scrollt durch mehrere Hundert Mails der letzten Jahre – allesamt Absagen. Im Oktober 2011 war er in die Schweiz gekommen, seitdem sucht er eine Stelle. In den USA hatte er Englische Literatur studiert und gute Jobs bei Verlagen. Zuletzt arbeitete er in England, dann kam die Krise. Sebastian beschloss, mit seiner Familie in die Schweiz zu ziehen. Doch er hatte nicht damit gerechnet, dass der Start hier so schwer sein würde.
«Es liegt an meiner Hautfarbe»
«Lange habe ich mich gewundert, warum ich keinen Job finde. Jetzt weiss ich, dass es an meiner Hautfarbe liegt.» Im letzten Jahr tauschte er das Foto in seiner Bewerbungsmappe aus. Aus dem Jamaikaner wurde Ron Emler, das Bild nahm Sebastian von seinem verstorbenen Götti. Den Text liess er gleich und verschickte das Schreiben an 20 Firmen, die ihm zuvor abgesagt hatten. «17 von ihnen luden mich in die nächste Runde ein.» Darunter eine Hotelkette aus den USA, Kommunikationsfirmen und Werbeagenturen. Das war für ihn der Beweis: «Ich werde aus rassistischen Gründen abgelehnt.»
Experten stützen seine Feststellung: «Ganz sicher haben es die Schwarzen schwerer als die Weissen, eine Stelle zu finden», sagt Celeste Ugochukwu (47), Präsident des Afrika-Diaspora-Rats Schweiz. «Einige Arbeitgeber denken, dass die Schwarzen nur Musik machen und tanzen können. Andere, dass sie Kriminelle sind und man ihnen nicht vertrauen kann.»
«Es ist deprimierend», sagt Sebastian. Den ganzen Tag sitze er herum, fühle sich nutzlos. «Das Geld ist so knapp, dass mein Sohn weder zu Weihnachten noch zum Geburtstag ein Geschenk erhielt.» Sozialhilfe will der Jamaikaner nicht. «Ich will arbeiten. Aber man lässt mich nicht.» Längst sucht er nicht mehr nur bei Verlagen. Aber auch Putzfirmen und Restaurants lehnen ihn ab. Er machte ein Deutschdiplom. «Perfekt spreche ich nicht. Aber zum Tellerwaschen würde es reichen.»
Mit dem Projekt «Swiss Tour» förderte der Diaspora-Rat den Dialog zwischen Afrikanern und der Privatwirtschaft. Der Bund steuerte Gelder bei. «Leider nur bis 2013», sagt Ugochukwu, Mitglied der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). Er beantragte eine Studie über die Diskriminierung von Schwarzen am Arbeitsplatz.
Die Resultate sollen 2016 veröffentlicht werden. Auf die 17 Einladungen, die Sebastian aufgrund des falschen Fotos erhielt, reagierte er nicht. «Spätestens beim Vorstellungsgespräch hätten alle gemerkt, dass ich beim Foto getrickst habe.» SonntagsBlick kontaktierte betroffene Unternehmen – kein einziges von ihnen wollte Stellung nehmen. Juristisch haben sie nichts zu befürchten: «Unsere Rechtsprechung bietet wenig Handhabe», sagt Michele Galizia (59), Leiter der Fachstelle für Rassismusbekämpfung (FRB).
An rechtliche Schritte denkt Ethan Sebastian ohnehin nicht. «Ich wollte nur beweisen, dass Schwarze bei der Jobsuche im Nachteil sind.» Wieder ploppt ein Mail vor ihm auf. Er überfliegt die Zeilen, schüttelt den Kopf: «Da ist es schon wieder: Sie wünschen mir alles Gute für die Zukunft!»Publiziert am 07.02.2016 | Aktualisiert am 06.04.2016