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Vesuvianfunde bei Zermatt
Sancho Biner
St. Niklaus VS
An einem schönen Vormittag anfangs Sommer 1992 war ich allein über dem Gornergletscher unterwegs. Ich hatte das Gebiet schon früher ins Visier genommen, nun suchte ich die weiten, unübersichtlichen Felshänge systematisch nach Mineralfundstellen ab. Granat und Vesuvian mussten hier in guter Ausbildung vorkommen. Speziell achtete ich auf neugebildete Aufschlüsse, die immer wieder entstehen, wenn Tauwasser in Gesteinsfugen eindringt und durch Gefrieren den Fels zersprengt.
Dieses Mal hatte ich Glück. Gegen Mittag traf ich unversehens auf einen frischen Ausbruch, wo ich im Schutt und Dreck bald einzelne Kristalle fand. Das Gelände war abschüssig und verlangte grösste Vorsicht. Von unten grüsste der moränenbedeckte Gletscher herauf. Viel loses Material lag herum, instabile Felsblöcke und wassergetränkter Gesteinsgrus. In der lehmigen Erde fand ich einzelne abgebrochene Vesuviane, Granate und Titanit. In einer Spalte, die mit Lehm halb aufgefüllt war, entdeckte ich braunen Vesuvian auf ausgedehntem weissem Calcit.
Ein Teil des abgebrochenen Felses war auf ein darunterliegendes Schneefeld abgerutscht und dort liegengeblieben oder noch weiter gestürzt. Es war nicht möglich, die ganze Felsmasse zu untersuchen. Die Abbruchstelle befindet sich in einem kalksilikatischen Rodingit, einem dichten und zähen Gestein, das den verbreiteten Grünschiefern und Serpentinen eingelagert ist. Im Rodingit treten grobkristalline Adern auf, in denen sich da und dort schmale Spalten und kleine Taschen öffnen. Diese enthalten die begehrten, schön kristallisierten Kalksilikatmineralien, die ich im Folgenden zu beschreiben versuche.
Granat
Häufig wird hier Granat gefunden und zwar Grossular (in dieser rötlichen Abart auch Hessonit genannt). Wegen seiner scharfen Kristallform und leuchtenden Farbe fällt er auf und ist sehr geschätzt. Die grösseren Kristalle haben einen dunkelbraunroten Farbton, aber je kleiner sie werden, umso heller erscheinen sie, meist mit einem Stich ins bräunliche. In Zürich wurde eine Mikrosondenanalyse durchgeführt, die zeigte, dass dieser Granat ein almandin- und pyrophaltiger Grossular ist.
Kleine Granatkristalle können durchsichtig sein, eignen sich aber wegen der Kleinheit nicht zum Schleifen. Die grösseren sind rissig und nur kantendurchscheinend trotz dem guten Glanz. Bei Kristallformen herrscht das Rhombenoktaeder vor, dessen Kanten vom Ikositetraeder leicht abgestumpft werden. Dagegen überwiegt beim Granat der Täschalp, den mein Vater Peter Biner vor einigen Jahren fand, oft das Ikositetraeder, dessen Flächen man an der unscharfen, aber charakteristischen Streifung erkennt. Die Kristallgrösse erreicht einen Zentimeter, aber die Einzelindividuen stehen selten frei, häufig liegen sie flach auf und sind miteinander zu ganzen Lagen verwachsen.
Vesuvian
Zu den bemerkenswertesten Mineralien der Zermatter Gegend gehört neben Perowskit und Pennin (Chlorit) sicher der Vesuvian. Gesteinsbildend findet man Vesuvian relativ häufig in Kalksilikatfelsen und in Gangbildungen der Ophiolithe (Grünschiefer), aber ausgebildete Kristalle sind selten. Für solche ist das Gebiet Zermatt-Saas Fee zu Recht berühmt. Die Vesuviane haben eine dunkelolive bis grünlichbraune Farbe und oftmals hohen Glanz, besonders die kleineren Individuen.Ganz freistehende Vesuviane übersteigen kaum die Grösse von einem Zentimeter. Die Form sieht aus wie ein verkleinerter Grenzstein mit abgeschrägten Kanten. Allerdings ist der Querschnitt nicht immer quadratisch, sondern oft verzerrt und rechteckig. Die Basisfläche tritt oben als Abstumpfung immer auf; zugespitzte Kristalle, wie sie von saas Fee beschrieben sind, habe ich keine gesehen. Die seitlichen Prismenflächen sind wie oft bei Vesuvian vertikal
Diopsid
Man erkennt dieses Mineral an der hellen, gräulichgrünen Farbe und am ausgeprägt monoklinen Habitus der stengligen Kristalle. Diopsid ist neben Granat auch wesentlich am Aufbau des Kluftgesteins beteiligt. Die aufgewachsenen Kristalle sind gut durchscheinend, viel weniger intensiv gefärbt als der Vesuvian, und die gräuliche Farbe hebt sich deutlich vom Olivgrün des Vesuvians ab. Die Länge der Diopsidprismen kann bis zwei Zentimeter erreichen, bleibt aber meist kleiner. Die Kristallstengel sind etwas abgeflacht. Da Mineral ist nicht so häufig wie Granat und Vesuvian.
In Zürich wurde eine Mikrosondenanalyse des Diopsids durchgeführt, die unter 1 % Eisen und etwas mehr Aluminium offenbarte. Der Diopsid entspricht also fast reinem Calcium-Magnesium Pyroxen mit schwachen Einlagerungen von Al anstelle von Mg und i. Ähnliche Diopside kommen am Pollux (südlich Zermatt) vor und dann vor allem im Vl d'Ala Piemont, Italien). Die Vorkommen sind immer mit Kalksilikatfelsen als Einlagerungen in den Ophiolithen (Grünschiefer) vergesellschaftet.
Chlorit
Mineralparagenetisch ist der Chlorit sehr wichtig in der Zermatter Gegend, auch wenn das Mineral wegen seiner geringen Härte bei Sammlern nicht hoch im Kurs steht. Der Chlorit ist relativ aluminiumreich und eisenarm. Mit der Typenlokalität Zermatt wurde 1840 der Pennin (aus den Penninischen Alpen) als Cloritabart beschrieben, doch ist man heute bestrebt, die Vielzahl von Varietätennamen zu verringern und Pennin zu Klinochlor zu stellen. Der Chlorit von Zermatt bildet besonders grosse Kristalle (bis 10 cm nach Weibel, "Die Mineralien der Schweiz"). Die Fundstellen am Gornergletscher führen reichlich Chlorit in schuppigen, grünlichsilbrig schimmernden Ansammlungen und Aggregaten. Die Kristalle bilden pseudohexagonale Schichtpakete und Blättchen von mehreren Millimeter Durchmesser und bedecken so ganze Partien der Stufen als Rasen, aus dem die olivfarbenen Vesuviane, die roten Granate und die hellgrünlichen Diopside gesellig herausragen. Die verborgene Schönheit dieser Mineralien kommt unter dem Stereomikroskop voll zur Geltung, fasziniert uns dann aber immer wieder von neuem.
Dieser Erlebnisbericht erschien in der Zeitschrift "Mineralienfreund" 02 / 1994
Innere Rimpfischwäng (Zermatt VS)
Peter und Sancho Biner
St. Niklaus VS
Wieder ist Ferienzeit, und wieder sehnen uns nach dem Mineraliensuchen während zwei Wochen in den Zermatter Bergen. Der Zeltplatz befindet sich nicht wie vorhergehendes Jahr beim kleinen, idyllischen Fluhalpsee, sondern in der hinteren Region, wo Findeln- und Adlergletscher zusammentreffen.
Nach langem Säubern und Entfernen von Geröll lässt sich das Zelt doch noch befestigen, dafür kommt bereits Eis zum Vorschein. Auch ein Notstromaggregat darf diesmal nicht fehlen; denn mit der elektrischen Hilti-Bohrmaschine lassen sich die gewaltigen, sehr harten Kalksilikat- und Rodingitlinsen um einiges besser aus dem umhüllenden Serpentin spitzen. Kalksilikatrodingite enthalten die begehrten Mineralien Vesuvian, Diopsid, Grossular, Melanit, Demantoid, Andradit, Klinochlor und Pennin.
Am Samstag, 13. Juli 1996, ist die Begrüssung beim Schuttkegel durch anwesende "Kollegen" nicht unbedingt "strahlmännisch". Anscheinend haben einige Leute das Gefühl, dass Gott gewisse Gebiete für sie allein erschaffen hat.
Am Montag heisst es dann erst, das mit Helikopter eingeflogene Material sowie Brennholz 500 Meter im Schuttkegel aufwärts zum Zeltplatz zu schleppen.
Die folgenden zwei Tage nehmen wir uns Zeit, die bereits letztes Jahr bearbeiteten Blöcke näher zu untersuchen.
Nach langem Spitzen mit der Hilti müssen wir feststellen, dass die anvisierten Drusen und Bänder langsam auslaufen. Die maschinelle Bearbeitung ist somit ergebnislos. Dennoch haben wir Glück, wie wir gewisse Zonen inmitten des Bergsturzgebietes systematisch absuchen. Wir finden einige kleine, honiggelbe Andradite, zwei bemerkenswerte, grüne Vesuvianstüfchen mit Calcit und etwas weisslichen und farblosen Diopsid.¨
Als Nächstes wollen wir uns über dem Bergsturzgebiet oberhalb des Abbruchs etwas umsehen. Auch hier liegen Felsblöcke gross wie Häuser herum. Die Erosion arbeitet hier sehr wirkungsvoll, und man sieht allenthalben angewittertes Serpentingestein mit Magnetiteinsprenglingen.
Wir stossen auf einen grossen Felsen, der in einem Couloir mit anderen Blöcken verkeilt ist. Wie wir auf der Unterseite des Felsens drei vielversprechende Bänder im Serpentin entdecken, steigt eine Ahnung in uns auf.
Schon im Schutt lassen sich ein paar braune und grüne Vesuviangrüppchen sammeln, die sich offenbar von selbst gelöst haben. Dann wenden wir uns den Adern zu, die wir mit dem blossen Sackmesser bearbeiten können und denen wir fünf ausgezeichnete Vesuvianstufen entnehmen.
Unter dem Fundgut befinden sich zahlreiche kleine Vesuviangrüppchen, die praktisch kein Muttergestein aufweisen, so dass man sie leicht in Silber fassen kann. Sie eignen sich für aparten, sehr geschätzten Schmuck.
Die folgenden Tage verbringen wir damit, die ergiebige Stelle weiter zu untersuchen. Ineinander verkeilte Zehn-kubikmeter-Brocken spalten wir mit dem Handschlegel und räumen sie weg, harte "Chrampfarbeit"; aber die Mühe zahlt sich aus und wir können einige kleine, als Damenschmuck geeignete Vesuvianstüfchen bergen. Vier Meter tief zwischen den Blöcken treffen wir auf eine Druse von 5 auf 15 Zentimeter, wo uns ebenfalls einige hübsche Vesuviane beschieden sind.
Sohn, respektive Bruder Pascal ist diesen Sommer mit von der Strahlerpartie; anscheinend ist in ihm dieselbe Leidenschaft erwacht, die uns hier hinauftreibt. Ihm gelingen in der Nähe, ebenfalls nur mit Kriechen erreichbar, einige schöne Funde von langprismatischem Vesuvian neben Klinochlor.
Noch höher sammeln wir interessante Stüfchen mit Schweizerit (Edelserpentin) pseudomorph nach Olivin sowie eine Stufe mit oktaedrischem Magnetit und fleischfarbenem Titanit
Wir haben während der Touren und abends im Zelt öftes darüber nachgesinnt, ob man das Fundgebiet, das sich 300 Meter nach oben erstreckt, nicht auch von der Seite her betreten könnte. Trotz der Gefährlichkeit des Unternehmens zieht uns die Zone, die offensichtlich noch niemand vor uns abgesucht hat, unwiderstehlich an.
Nach langem Abwägen beschliessen wir, dass Sohn Sancho die steilabfallenden und instabilen Flanken über kleine Absätze und schmale Bänder auskundschaftet. Bald schon winkt das Glück. Besonders fällt uns ein Block mit einer ganzen Schar eingeschnürter Risse auf, die mit farblosen Diopsidnädelchen völlig gefüllt sind. Unter den Gesteinstrümmern erscheinen einzelne Melanitgrüppchen (schwarzer Andradit-Granat mit Titan), aber leider mit Chlorit überzogen.
Dieser Erlebnisbericht erschien in der Zeitschrift "Mineralienfreund" 04 / 1997
Täschalp (Nikolaital VS)
Sancho Biner
St. Niklaus VS
In der tektonischen Muldenzone, die sich von Zermatt nach dem Saastal hinüberzieht, bilden mesozoische Ophiolithgesteine die Träger bedeutender Mineralklüfte. "Ophiolith" steht oft identisch mit dem Begriff Grüngestein; das sind ursprüngliche Magmatite basischer bis ultrabasischer Zusammensetzung; sie sind durch die Alpenfaltung umgewandelt (metamorph) und stellen voralpine ozeanische Krustenfragmente dar, die in den Gebirgskörper eingebaut wurden.
Im Gebiet der Täschalp (südöstlich Täsch VS) umfassen die Ophiolithe hauptsächlich Serpentine (genauer: Serpentinite, da man mit "Serpentin" das Mineral meint, das die Serpentinite aufbaut), daneben mannigfaltige Grünschiefer wie Prasinite (albit, Chlorit, Epidot), Eklogite, Amphibolite, auch ungewöhnliche Glaukophangesteine (auffallend blau!) und metamorphe Gabbros.
Interesse verdienen die calciumreichen Gänge und Stollen, die in den Serpentiniten eingeschlossen sind und oft reich an Spalten, Klüften und Drusen sind.
Ihre Mineralgesellschaft umfasst: Pennin (Klinochlor, ein Chloritmineral), Andradit (ein Mineral der Granatgruppe); wenn grün durchsichtig als Demantoid bezeichnet), Hessonit (Grossular-Granat), Vesuvian, Diopsid, Epidot, Perowskit und Chrysotilasbest. Diese Mineralien bezeichnet man (Chlorit und Chrysotil ausgenommen) als Kalksylikatmineralien und die Nebengesteine als kalksilikatfelsen.
Den hier vorgestellten Fund verdanken wir meinem Bruder Pascal Biner, der erst vor zwei Jahren mit dem Strahlen begann. Mein Vater Peter Biner und ich haben das Gebiet der Täschalp seit Jahren begangen und immer wieder nach Kalksilikatschollen im Serpentinit Ausschau gehalten.
Die neu geöffneten, perlschnurartig aufgereihten Drusen lieferten: Hessonit, Vesuvian, Diopsid, Titanit, Apatit, Calcit und Klinochlor.
Es ist geplant, dem Bergführer- und Heimatmuseum St.Niklaus eine Mineralienabteilung anzugliedern und die schönen Funde der Region Zermatt - Saas Fee zusammen mit den eindrucksvollen Quarzgruppen des Nikolaitals auszustellen.
Provisorisch kann man auf Anmeldung schon jetzt einen Teil der Sammlung sehen. Ob die Mineralienschau zu einer permanenten Institution wird, hängt vom Interesse der Gemeinde ab. Der grosse Erfolg ähnlicher Museen (Urner Mineralien-Museum Seedorf, Kristallmuseum Guttannen, Bergeller Talmuseum Ciäsa Granda Stampa) würden unsere Initiative rechtfertigen.
Dieser Erlebnisbericht erschien in der Zeitschrift "Mineralienfreund" 04 / 2001