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Alfred Ziltener, Die Südostschweiz (26.04.2009)
Das Theater Luzern inszeniert die Oper «La Bohème» in der fast in Vergessenheit geratenen Fassung von Ruggero Leoncavallo. Der Einsatz für das kaum gespielte Werk hat sich gelohnt.
Es mag seltsam klingen, ist aber so: Die Oper «La Bohème» wird kaum gespielt. Zumindest nicht jene des italienischen Komponisten Ruggero Leoncavallo (1857-1919), die im Schatten der gleichnamigen - und ungleich populäreren - Oper von Giacomo Puccini (1858-1924) steht. Das Theater Luzern setzt dennoch auf Leoncavallos «Bohème», und das zu Recht: Die von Mark Foster dirigierte und von Nelly Danker inszenierte Produktion ist ein gelungenes Plädoyer für das unterschätzte Stück, wie sich bei der Premiere am Freitagabend zeigte.
Von Anfang an in Konkurrenz
Schon die Entstehungsgeschichte der beiden «Bohème»-Opern zeigt, wie sehr die Werke miteinander in Konkurrenz stehen. Es war Leoncavallo gewesen, der Puccini auf den Roman «Scènes de la vie de Bohème» des Franzosen Henri Murger aufmerksam gemacht hatte. Doch Puccini war nicht interessiert, und Leoncavallo entschloss sich, den Stoff selber zu vertonen. Als Puccini es sich dann anders überlegte, war dies das Ende einer wundervollen Freundschaft.
Puccinis Oper wurde 1896 in Turin uraufgeführt, jene Leoncavallos 1897 in Venedig. Doch gegen das zündende Melos, die emotionale Direktheit und die straffere Handlungsführung von Puccinis «Bohème» hatte das neue Stück trotz seiner hohen Qualitäten kaum eine Chance.
Glanz und Elend der Bohème
Auch Leoncavallo erzählt die Geschichte der beiden Paare Mimi/Rodolfo und Musetta/Marcello. Doch er rückt die Beziehung Musettas und Marcellos ins Zentrum. Sie lernen sich an Weihnachten kennen. Musetta aber hält das Elend der Künstler ebenso wenig aus wie Mimi; beide Frauen verlassen die Männer, obwohl sie sie immer noch lieben. Wieder an Weihnachten kehren sie zurück. Musetta ist wohlhabend geworden, Mimi an Tuberkulose erkrankt. Sie hat alles verloren und sucht, bereits vom Tod gezeichnet, ein Obdach. Wie bei Puccini stirbt sie am Schluss der Oper.
Leoncavallo hat seine «Bohème» quasi didaktisch zweigeteilt. Die ersten beiden Akte zeigen beim Weihnachtsmahl und einem nächtlichen Fest im Hinterhof Freiheit und Lebensfreude der Bohémiens; die Schlussakte enthüllen die Not hinter der glänzenden Fassade.
Dem entspricht die Partitur. Für den ersten Teil hat der Komponist eine quirlige Komödienmusik geschrieben, mit vielen parodistischen Anklängen an Verdi, Rossini und Gounod, aber auch mit weit schwingenden Melodien für die Liebenden. Im zweiten Teil werden die Klänge herber, Eifersucht und Verzweiflung explodieren in hinreissenden Kantilenen.
Gekonnt inszeniert
Foster und das Luzerner Sinfonieorchester servieren den ersten Teil in Luzern mit Schwung und Gusto, im zweiten entwickeln sie packende Dramatik. Auf der Bühne agiert ein stimmiges Ensemble. Tanja Ariane Baumgartner singt Musetta mit ebenmässigem Mezzosopran und schöner Phrasierung. Madeleine Wibom, mit leuchtendem Sopran, gestaltet eindrücklich Mimis Ende.
Tobias Hächler ist ein Rodolfo mit kernigem Bariton. Jason Kim, an der Premiere als indisponiert angesagt, sang Marcellos Kantilenen sauber und mit dem nötigen Höhenglanz.
Die Inszenierung in Werner Hutterlis einfachen Bühnenbildern versucht zunächst, dem Humor der Musik mit manieristischen Mätzchen zu begegnen. Die Besucher der nächtlichen Party werden wie Doubles berühmter Künstler des letzten Jahrhunderts kostümiert, was eine zeitlose Bohème schafft - das hat Witz. Im zweiten Teil führt ein enges, nüchternes Gelass auf der Bühne die Ausweglosigkeit der Künstlermisere deutlich vor Augen. Das Premierenpublikum reagierte begeistert auf diese Rehabilitation eines zu Unrecht vernachlässigten Werks.