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The Punch: »Die Geschichte einer kurzen Ehe« ist in der letzten Phase des sri-lankischen Bürgerkriegs situiert und zeigt die psychische Verfassung und die Lebensumstände des Flüchtlings Dinesh. Erzählen Sie uns mehr über die Entstehung des Romans.
Anuk Arudpragasam: Im Internet bin ich auf etliche Bilder und Videos gestoßen, die von Überlebenden in den letzten Tagen des Genozids 2008/2009 aufgenommen worden waren. Diese Entdeckung hat mich erschüttert. Da ich nicht wusste, was ich sonst hätte tun können, begann ich, Szenen, Momente und Gedanken aufzuschreiben, die später zu zentralen Teilen meines Romans wurden. Ich hatte damals mehrere Fotos eines jungen Tiger-Kaders gesehen, der vor, während und nachdem er getötet wurde an eine Palme gefesselt war. Er sah mir sehr ähnlich, und ich hatte das Gefühl, dass es genauso gut mein Körper hätte sein können, der da hing. Der Gedanke, dass alles, was den Menschen in Vanni damals geschah, auch mir hätte geschehen können (wenn ich weniger Glück gehabt hätte und weniger privilegiert gewesen wäre), war einer der Gründe, warum der Körper im Roman so stark im Fokus steht. Ich habe sehr physisch und unmittelbar auf die Bilder und Videos reagiert.
Der Krieg ist Inspiration für viele Romane aus Sri Lanka, in Ihrem Roman geht es jedoch nicht um Politik oder die Hintergründe des Konflikts. Warum?
Ich habe den politischen und historischen Kontext des Romans bewusst kaum thematisiert. Ich kenne den Kontext und jeder andere in Sri Lanka auch. Warum also meine Zeit verschwenden, indem ich all das wiederkäue? Mir war es viel wichtiger, das Innenleben meiner Figuren zu beschreiben, statt Politik, Geschichte oder Gesellschaft. Politische, historische und soziale Fragen spielen natürlich hinein, aber nur indirekt.
Warum haben Sie die Verheerung des Krieges mit der Intimität der Ehe verknüpft?
Ich habe damals nicht viel darüber nachgedacht, aber rückblickend hat es dabei geholfen, die Verbindung zwischen Dinesh und Ganga hervorzuheben. Sie sind eben nicht nur durch die Ehe, sondern auch durch ihre unsichere Zukunft miteinander verbunden, geeint in der Unmittelbarkeit ihrer Sterblichkeit und ihrer Verletzlichkeit inmitten des Blutbads. Ich denke nicht viel über den Plot nach, ich sehe ihn eher als ein Gefäß für den Roman, als eine notwendige Struktur, die dem Roman erlaubt, das stattfinden zu lassen, von dem ich will, dass es stattfindet. Zu viel über den Plot nachzudenken, lenkt mich von dem eigentlichen Grund ab, aus dem ich schreibe. Natürlich habe ich den Text oft überarbeitet, aber weniger Form und Struktur als eher einzelne Sätze.
Sie sind in Colombo aufgewachsen und haben auch Zeit in Vanni verbracht, ein Teil der Nordprovinzen Sri Lankas, der zu den von der Gewalt am stärksten betroffenen Gebieten zählte. Hat das Schreiben Ihnen geholfen, mit den Dämonen der Vergangenheit Ihres Landes fertig zu werden?
In Colombo habe ich ein sehr privilegiertes Leben geführt. Zu gewissen Zeiten fielen viele Bomben und ich lebte mit der Empfindung, dass jeden Moment etwas geschehen könnte. Ich war jedoch nie in der Nähe, wenn eine Bombe explodierte, deshalb habe ich auch nie einen der blutigen und entstellten Körper gesehen, die auf den Bildern im Internet zu sehen sind. Ich bin natürlich mit Bildern des Kriegs aufgewachsen, in den Zeitungen und im Fernsehen. Als ich im Internet auf die Bilder stieß, war das jedoch ein viel größerer Schock für mich. Das Schreiben war ein Weg, mich mit dieser Gewalt auseinanderzusetzen.
Sie studieren Philosphie. Haben Sie beim Schreiben davon profitiert?
Die analytische Philosophie hält konzeptionelle Werkzeuge bereit, die dabei helfen, innere Zustände zu beschreiben. Mein Studium hat mir also eine gewisse Sicherheit gegeben in dem, was ich tue. Mein Schreiben an sich, das Schreiben über den Geist, über das Seelenleben, hat es aber nicht beeinflusst. Hierbei haben mir vor allem europäische Schriftsteller wie Robert Musil und Proust geholfen. Beim Schreiben bin ich immer wieder zu den zentraleuropäischen Romanen des 20. Jahrhunderts zurückgekehrt. Mich faszinieren diskursive, grübelnde Werke, die sich so sehr auf die inneren Zustände ihrer Figuren konzentrieren, dass die Außenwelt fast wegzufallen scheint: Nathalie Sarraute, Thomas Bernhard, Peter Handke, W. G. Sebald, Péter Nádas. In letzter Zeit habe ich auch viel von Javier Marías und László Krasznahorkai gelesen. Erst seit ein paar Jahren lese ich auch tamilische Literatur. Hier haben mich Rudhramoorthy Cheran, Dominc Jeeva und Shobasakthi inspiriert.
Dieses Interview wurde aus dem Englischen übersetzt und erschien erstmals am 30.11.2017 auf thepunchmagazine.com.