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Die aus Bulgarien stammende Historikerin Maria Todorova lehrt an der Universität von Illinois zur Geschichte Ost- und Südosteuropas. Im Rahmen des Festivals Culturescapes Balkan 2013 in Basel sprach sie über Facts und Stereotype als Grundlage der Politik.
WOZ: Frau Todorova, in deutscher Übersetzung heisst Ihr Hauptwerk «Die Erfindung des Balkans». Vor kurzem haben Sie in Basel einen Vortrag im Rahmen der Culturescapes-Ringvorlesungen zum Thema «Les Balkans n’existent pas» gehalten. Gibt es den Balkan gar nicht?
Maria Todorova: Klar existiert der Balkan. Es geht mir nicht um eine Gegenüberstellung von Fakt versus Einbildung. Alles ist ein soziologischer Fakt. Es geht mir darum, aufzuzeigen, auf welche Weise wir über Realität denken, und darzustellen, wie unsere Wahrnehmung ihrerseits neue Realitäten kreiert. So zum Beispiel die Vorstellung des Balkans als einer «ewigen» Kriegsregion. Dieses blutrünstige Image, das der Balkan hat, ist tatsächlich eine Erfindung. Es entwickelt sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vorher existiert es schlicht nicht.
Was geschah denn damals?
Die «Orientalische Frage», der Niedergang des Osmanischen Reiches und das Entstehen von Nationalstaaten auf dem Balkan, stand damals im Zentrum der europäischen Diplomatie. Es gab in Europa zwischen dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 eine lange Friedensperiode. Nur in der südöstlichen Ecke des Kontinents war es wirklich turbulent. Der Kulminationspunkt waren die Balkankriege von 1912/13, als Bulgarien, Griechenland und Serbien zuerst gemeinsam gegen die Türkei und dann untereinander um Mazedonien kämpften. In Europa und Amerika lebten die Menschen mit der Illusion, es würde für immer Friede herrschen. Plötzlich waren da diese Typen, die sich gegenseitig massakrierten. Die Balkankriege waren entsetzlich – auch, weil die Armeen der Balkanstaaten von westlichen Waffenlieferanten gut ausgerüstet wurden. Den Menschen im Westen graute ob dieser Gegend. Doch wer hätte es gedacht: Schon 1914 übertrafen sie mit dem Ersten Weltkrieg die Kriegsgräuel des Balkans um ein Tausendfaches.
Sie nennen den Komplex an Stereotypen über den Balkan, der sich in dieser Zeit entwickelt hat, «Balkanismus», in Anlehnung an Edward Saids «Orientalismus». Wie entwickelte sich dieser Balkanismus weiter?
Nach dem Ersten Weltkrieg klang er ab, die Leute sprachen nicht mehr über den Balkan. Allerdings kam – im Zusammenhang mit dem Zerfall des Habsburgerreichs nach Kriegsende – erstmals der Begriff der «Balkanisierung» als Metapher für die Desintegration von Staatsgebilden auf. Das Wort hat sich bis heute gehalten, obwohl kaum jemand weiss, was dahintersteckt: Während des Shutdowns der US-Regierung sprachen die Journalisten etwa von einem «balkanisierten Kongress». Bis zum Ende des Kalten Kriegs lag jedoch der Balkan nicht mehr im Zentrum strategischer Interessen der Europa- und der Weltpolitik. Man sprach über den Balkan, jedoch auf eine neutrale Art und Weise. Nach Ausbruch der Jugoslawienkriege in den neunziger Jahren begannen die Leute plötzlich von einem neuen Balkankrieg zu sprechen. Es ging zwar um Jugoslawien, doch irgendwie schien es schicker, von Balkan zu sprechen, da man auf bereits existierenden Stereotypen aufbauen konnte. Nun sind Stereotype ja nicht zwangsläufig falsch: Sie basieren auf konkreten Beobachtungen, und manchmal sind sie sehr treffend und scharfsinnig. Nicht einverstanden bin ich jedoch, wenn diese Stereotype als das einzige Wissen um eine Region oder ein Phänomen verkauft werden und wenn dann auf dieser Grundlage Politik gemacht wird.
Inspirierten Sie zu Ihrem Buch also die Berichterstattung über die Bürgerkriege in Jugoslawien und die Reaktion der internationalen Politik?
Der emotionale Ausgangspunkt waren 1993 Samuel Huntingtons Artikel «Kampf der Kulturen», Robert D. Kaplans Buch «Balkan Ghosts» und die Neuauflage eines Berichts der Carnegie-Stiftung über die Balkankriege von 1913, die suggerierte, dieser Bericht reiche aus, um den aktuellen Konflikt zu verstehen. Ich hatte mich bereits zuvor damit auseinandergesetzt, wie Historiker wissenschaftlich mit Regionen, ihren Traditionen und ihrem historischen Vermächtnis umgehen sollen. Auch hatte ich zu Reiseberichten über den Balkan gearbeitet. Ich kannte die Literatur, und als dann all diese blöden Stereotype aufkamen, dachte ich: Das ist Quatsch! Ich entschloss mich, die langfristigen Entwicklungen der Wahrnehmungen des Balkans darzustellen und zu zeigen, dass dieses Balkanbild eine Erfindung ist.
Hat sich seit Ende der jugoslawischen Bürgerkriege das Image des Balkans verbessert?
Ich denke, der Balkanismus ist seither deutlich abgeflaut – was nicht heisst, dass er unter anderen Umständen nicht wieder aufflammen kann. Interessant ist ja, dass man heute nicht mehr über den Balkan, sondern über den Westbalkan spricht, was total idiotisch ist. In den Neunzigern, als die Leute über den Balkan sprachen, rechnete sich Jugoslawien nicht zum Balkan. Nun ist plötzlich Jugoslawien der Westbalkan – und der Rest nicht einmal mehr Balkan, sondern Europa. Mich überrascht etwa, dass sich unter der Menge an teilweise sehr ausfallenden Artikeln über die Krise in Griechenland sehr selten solche finden, die Griechenland als balkanisch darstellen. Der Balkan ist heute begrenzt auf das ehemalige Jugoslawien, zwar nicht in einer beleidigenden Art, jedoch herablassend.
Betrachten sich denn die Menschen vor Ort heute als balkanisch?
Heutzutage spielen sie eigentlich alle mit der Idee – bis auf die Kroaten, die vehement verneinen, dass sie zum Balkan gehören: Die Serben kokettieren damit, die Mazedonier lieben die Vorstellung. Es ist jedoch ein veredelter, multikultureller und lebendiger Balkan. Erstmals seit langer Zeit besteht auch ein genuines Interesse der Balkanstaaten untereinander. Seit einigen Jahren gibt es einen fantastischen, hoffnungsvollen Austausch zwischen Kulturschaffenden in der Region. Es gehen viele interessante Dinge vor auf dem Balkan, die bei uns aber gar nicht reflektiert werden. In der Berichterstattung geht es immer um die Konflikte. Bulgarien und Rumänien sind nie in den europäischen Nachrichten, ausser es geht um Roma oder um Korruption. Korruption gibt es dort, wohlgemerkt, doch sehr viel weniger als in Westeuropa oder den USA. Auf dem Balkan ist sie einfach weniger versteckt, weil die Leute weniger wohlhabend und weniger «zivilisiert» in ihrem Benehmen sind. Die Frage ist weniger, inwiefern diese Bilder die Realität widerspiegeln – sie widerspiegeln immer Realität. Aber weshalb werden immer nur bestimmte Bilder herausgegriffen?
Musikalisch scheint der Balkan schon lange in Westeuropa angekommen zu sein. In Schweizer Städten vergeht kaum ein Wochenende ohne «Balkan-Party» …
Auch in den USA entwickelten Ethnomusikologen schon vor Jahren eine grosse Obsession über den doch ziemlich einzigartigen «Balkan beat» mit seinen synkopierten, jazzigen und sehr tanzbaren Rhythmen. Diese Exotisierung des Balkans über die Musik erzeugt durchaus ein positives Image. Ich persönlich mag diese ganze Folklore allerdings nicht. Ich hatte auch schon eine Auseinandersetzung mit einer befreundeten US-amerikanischen Musikerin, die meinte, ich würde meine Wurzeln verleugnen. Ich hielt ihr entgegen, dass sie «ihre» Country- und Dixiemusik ja auch nicht möge. Als ich als junge Studentin in London war, sagten meine Freunde enttäuscht: «Du bist ja englischer als die Engländerinnen.» Sie wollten wohl, dass ich exotisch bin und auf der Strasse herumtanze. Wenn man etwas nicht genau kennt, ist es normal, dass man vorgegebenen Bildern folgt und erwartet, dass sich die Leute diesen Bildern entsprechend verhalten. Nur wer sich interessiert und langsam mehr Wissen über einen Gegenstand akkumuliert, sieht, dass die Sache komplexer ist.
Die Veranstaltungen von Culturescapes Balkan finden in Basel und dreizehn weiteren Schweizer Städten statt und dauern noch bis zum 13. Dezember 2013. www.culturescapes.ch