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Unsinnig finde ich jedoch: "Der qualitativ wichtigste Tier-Mensch-Unterschied ist die Existenz von Bewußtsein und damit der Fähigkeit, sich selbst als Subjekt von seiner Umwelt zu unterscheiden." - Mir wäre neu, daß andere Tiere (bei Affen ohnehin nicht) kein Bewußtsein aufwiesen oder keine Selbsterkenntnisfähigkeit besäßen, was mir die Grundlage für Subjektbewußtsein zu sein scheint.
Zitat:
Darwin und die »Affenfrage«
Vor 150 Jahren erschien das epochemachende Buch »Die Entstehung der Arten« des bedeutendsten Naturforschers des 19. Jahrhunderts. Teil 1: Wer ist unser nächster (tierischer) Verwandter?
Von Volker Schurig
Mit dem Namen Charles Darwin sind in diesem Jahr gleich zwei Jubiläen verbunden: sein 200. Geburtstag am 12.Februar 2009 und der 150. Jahrestag der Veröffentlichung seines bahnbrechenden Buches »On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life«. »Die Entstehung der Arten«, wie der Band in der deutschen Übersetzung heißt, erschien am 24. November 1859 mit einer Auflage von zunächst nur 1500 Exemplaren. Die Lebendigkeit der bald einsetzenden Diskussionen um die biologische Evolutionstheorie zeigt sich an der Auflagenfolge: 1860 erscheint die 2., 1861 die 3., 1866 die 4., 1869 die 5. und 1872 die 6. Auflage.
Was man in all diesen Auflagen bis 1872 überraschenderweise – jedenfalls aus heutiger Sicht – nicht findet, ist der Begriff »Evolution«. Dieses Fehlen läßt erahnen, daß die Evolutionstheorie sich seit 1859 in einem ständigen Umbau befindet und revolutionäre Umbrüche erfahren hat: als Neodarwinismus durch den Zoologen August Weismann (1834–1914) und mittels einer synthetischen Verknüpfung mit der Genetik durch den deutsch-amerikanischen Taxonomen Ernst Mayer (1904–2005).
Nach 1859 firmiert die heutige Evolutionstheorie zunächst unter den verschiedenen Bezeichnungen »Deszendenztheorie« (Abstammungslehre), »Mutations-/Selektionstheorie«, »Synthetische Evolutionstheorie« und für eine kurze Zeit nach 1859 in der Öffentlichkeit als »Affentheorie«. Durch Darwins Evolutionstheorie wurde das bis 1859 herrschende Bild vom Affen radikal umgestoßen und die Begründung der stammesgeschichtlichen Verwandtschaft mit den fünf »großen« Menschenaffenarten Orang-Utan, zwei Gorilla- und zwei Schimpansenarten immer präziser. (Die »kleinen« Menschenaffenarten sind die Gibbons.) Der Tier-Mensch-Unterschied ist seit Darwin einer der wichtigsten Themenbereiche der Evolutionstheorie, da man seither immer wieder und immer genauer wissen will: Wie verwandt sind wir wirklich mit den Affen?
Heftiger Widerstand
Affenbilder, im wahrsten Sinne des Wortes, waren als zeichnerische Darstellung von Beginn an ein Bestandteil der seit 1859 einsetzenden Darwin-Debatten – sein Mitstreiter Alfred Wallace (1823–1913) bezeichnete diese Diskussionen 1889 als »Darwinismus« und hat so den bis heute gebräuchlichen Begriff geprägt. Berühmt wurde eine 1861 in der Zeitschrift Punch erschienene Abbildung eines Gorillas, dem ein Bild mit der Inschrift »Am I a Man and a brother?« (Bin ich ein Mensch und ein Bruder?) umgehängt war. Der Gorilla war in seinem Gesichtsausdruck und der Körperhaltung dabei so gezeichnet, daß ihn niemand zum Verwandten haben wollte oder sollte.
Darwin hat auf diese Angriffe auf seine Naturentwicklungstheorie erst über ein Jahrzehnt später, 1872, in seinem Buch »The expression of the emotions in man and animals« (Ausdruck der Gemütsbewegung des Menschen und bei Tieren) in subtiler Weise reagiert, indem er einen lachenden Makaken abgebildet hatte. Diese Abbildung sollte zeigen, daß unsere stammesgeschichtlichen Verwandten freundliche Tiere sind.
Darwins Tierzeichnung hat damit Ergebnisse der später entstandenen vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie) vorweggenommen, die zeigen kann, wie menschliches Ausdrucksverhalten phylogenetisch entsteht: Das Zähnezeigen ist zunächst eine Aggressions- und Verteidigungsgeste, indem das Waffenarsenal, bei Pavianen und Menschenaffen die starken Eckzähne, demonstriert wird. Beim Menschen haben sich die Eckzähne zurückgebildet, und das Zähnezeigen ist zu einer Verhaltensweise geworden, die der Annäherung und Kommunikation dienen kann. Dennoch können wir verbal und mimisch noch jemandem »die Zähne zeigen«. Wenn eine Frau ihre Lippen rot schminkt, kann darunter ethologisch eine kulturelle Verhaltensweise verstanden werden, die ein Schimpansenerbe darstellt, da Schimpansenweibchen während der Brunst einen rotgefärbten Genitalbereich ausbilden, der auf Männchen attraktiv wirkt. Die Farbe rot besitzt deshalb nicht zufällig auch im menschlichen Sexualverhalten eine besondere Bedeutung.
Während 1859 die Diskussion über die Gültigkeit von Darwins Annahmen über die Entstehung der Arten ein auf die Biologie begrenzter Problembereich war, wurden die von ihr ausgelösten Wertdebatten, darunter das sich aus der Evolutionstheorie ergebende Affenbild als unser nächster Verwandter, sofort ein Thema öffentlicher Diskussionen, an denen sich jeder beteiligen konnte. Während zu Darwins Zeit Hunde dem Menschen im Gesichtsausdruck zwar als unähnlich, aber im Verhalten durch ihre Anhänglichkeit und Intelligenz dem Menschen nahestehend galten, waren die Menschenaffen dem Menschen im Gesichtsausdruck zwar unübersehbar ähnlich, im Verhalten galten sie aber als listig, falsch und heimtückisch. Ihnen wurden also vor allem schlechte Eigenschaften zugeordnet, und in der Öffentlichkeit stießen Affen in ihrer neuen Position als nächste Verwandte zunächst auf heftigen Widerstand.
Dazu kam der theologische Affront, daß eine Erklärung der Vielfalt biologischer Arten (aus heutiger Sicht schätzungsweise zwei bis dreißig Millionen) als Schöpfungsakt nicht mehr plausibel zu begründen war.
Eine Konsequenz der Darwinschen Evolutionstheorie war außerdem, daß unter den Tieren die verachteten Affen mit ihren schlechten Eigenschaften unabweisbar unsere nächsten Verwandten sind. Obwohl 1859 nur wenige Menschen einen Menschenaffen gesehen hatten, gehörte der Begriff »Affe«, seit dem 9. Jahrhundert als Wortstamm »affo« nachweisbar, in den Redewendungen wie »Affenhitze« und den Bildern »Affentempo« oder »Affentanz«, mit denen wir uns selbst karikieren, zu den verbreitetsten Tiermetaphern.
Charakteristisch für das Affenbild nach 1859 ist, daß es nicht auf Darwins Ausführungen in »Die Entstehung der Arten« beruht, sondern eine Erfindung der Gegner Darwins und einer interessierten Öffentlichkeit war. Es gehört zu den auffälligsten »Leerstellen« in seinem epochemachenden Buch, daß keinerlei Angaben und Ausführungen über die phylogenetische Verwandtschaft tierischer Primaten, die Systematik der Menschenaffen und die Abstammung des Menschen enthalten sind. Das bedeutet nicht, daß Darwin dieses zentrale Problem der Abstammungslehre übersehen hätte. Er war vielmehr ein öffentlichen Debatten abgeneigter seriöser Wissenschaftler, der Ausführungen über das Verhältnis von Menschenaffen und Mensch aus nachvollziehbaren Gründen vermied. Einer davon war, daß Darwin, wie alle Biologen dieser Zeit, nur unzureichende Kenntnisse über Verhalten, Lebensweise und Systematik der Menschenaffen hatte.
Medien bestimmen Diskussion
Die Entdeckung der Menschenaffen vor und nach Darwin ist vor allem eine Geschichte von Irrtümern, Zufällen und Mißverständnissen. So wurde der erste 1641 nach Europa eingeführte Menschenaffe von dem holländischen Anatomen Nicolaes Tulp als Orang-Utan beschrieben, war aber ein Schimpanse. Die von dem Londoner Arzt Edward Tyson 1699 vorgenommene Sezession brachte erstmals den Nachweis, daß der von Tyson als »Pygmäe« bezeichnete Schimpanse anatomisch in 48 Punkten dem Menschen ähnlicher als tierischen Primaten ist, und der »Pygmäe« deshalb von ihm als Bindeglied zwischen den Affen und dem Menschen angesehen wurde.
Ein weiterer Grund Darwins, das »Affenproblem« zu meiden, war die wissenschaftliche Reputation Richard Owens (1804–1892) als führende Kapazität der Primatenanatomie. Owen hatte 1835 ein Schimpansenskelett mit dem eines Orang-Utans verglichen und wurde, was Darwin ahnte, nach 1859 einer der profiliertesten wissenschaftlichen Gegner Darwins mit nachvollziehbaren Argumenten. Owen bestritt zwar nicht die anatomischen Ähnlichkeiten im Skelett, die aber in einem auffälligen Kontrast zu den kulturellen und geistigen Unterschieden stehen würden.
Das eigentliche Umwertungsproblem im Tier-Mensch-Verhältnis und damit in der »Affenfrage« war aber die sich aus der Theorie der Artenentstehung durch natürliche Auslese ergebende Unmöglichkeit, die Genesis des Menschen als einmaligen Schöpfungsakt zu erklären. Das war Darwin, der auch einige Semester Theologie studiert hatte, nur zu bewußt. Genau diese theologische und kulturelle Wertedebatte, die sich mit Sicherheit am Begriff des Affen festmachen würde, wollte Darwin vermeiden, und doch wurde sie sofort zu dem Thema, in dem die christliche und politische Elite des viktorianischen Englands gegen Darwin Stellung bezog. Benjamin Disraeli (1804–1881), nach 1868 zweimal britischer Premierminister, formulierte 1864 seine Position jedenfalls deutlich: »Wir stehen vor der Frage ›Ist der Mensch Affe oder Engel?‹ Ich, Mylord, bin für den Engel« und sprach damit vielen Darwin-Gegnern aus dem Herzen.
Die Vermeidung des »Affenproblems« in »Die Entstehung der Arten« hatte Darwin nicht geholfen, die sich aus der Evolutionstheorie ergebende enge Verwandtschaft von Menschenaffe und Mensch aus der Diskussion um die Evolutionstheorie herauszuhalten, die erwartungsgemäß weniger als rationaler Diskurs, sondern als emotionalisierte Wertedebatte geführt wurde. Einmal in Gang gekommen, schenkten sich beide Seiten nichts. Als der Zoologe Thomas Huxley (1825–1895), der als die »Bulldogge Darwins« in die Biologiegeschichte einging, 1860 auf einer wissenschaftlichen Tagung von Bischof Samuel Wilberforce gefragt wurde, ob er großmütterlicher- oder großväterlicherseits vom Affen abstammen wolle, antwortete Huxley, daß, wenn er die Wahl hätte zwischen einem von Natur reich bedachten einflußreichen Menschen, der wissenschaftliche Diskussionen ins Lächerliche zieht, und einem Affen, er sich für den Affen entscheiden würde.
Seit 1859 nahmen sich Zeitschriften mit hoher Auflagenzahl und Karikaturisten in Satirezeitschriften der unerschöpflichen »Affenproblematik« an. Bekannt wurde das Gemälde des Malers August Allebé mit dem Titel »Zwei Orang-Utans beschauen ein Buch – Die Doktrin Darwins« –, ebenso Sketche, in denen ein Gorilla sich darüber beschwert, daß er einen so häßlichen Verwandten wie den Menschen habe.
Im viktorianischen England herrschte unter den künstlerischen, kirchlichen und politischen Eliten eine durchgängige, aber nur teilweise witzige antidarwinistische Stimmung. In bösartigen Karikaturen wurde der Evolutionsforscher als Zirkusaffe dargestellt, der durch einen Dressurreifen springt, den ein zeitgenössischer Positivist als Vertreter der Wissenschaft hochhält. Nichts zeigt die zentrale Stellung des »Affenproblems« in der öffentlichen Wahrnehmung und seine metaphorische Symbolik in der Darwinismus-Debatte des 19. Jahrhunderts deutlicher als das Herunterlassen eines in einen Talar gekleideten Äffchens während eines Festaktes der Universität von Cambrigde zur Verleihung der Ehrendoktorwürde an Darwin. Die weltanschauliche Debatte um Darwins Bild vom Affen, das gar nicht seines war, vollzog sich nicht als wissenschaftlicher Diskurs, sondern in Zeichnungen, Abbildungen und Symbolen.
Theologische Attacken
Die Wissenschaftsdebatte über die Grundannahmen der Evolutionstheorie verlief dagegen mit dem Austausch rationaler und nachprüfbarer Argumente sachlicher. Owen, seit 1836 Professor am Royal College of Surgeons, eröffnete 1860 mit einem unfreundlichen Artikel in der Edingburgh Review die Kontroverse mit Darwin. In den USA übernahm der gläubige Zoologe Louis Agassiz (1807–1873), Gründer des Museums für vergleichende Zoologie in Boston, diese Rolle. Huxley, gewissermaßen der Stellvertreter des schweigenden Darwins, publizierte 1860 das Buch »Evidence as to Man’s Place in Nature« (Zeugnisse für die Stellung des Menschen in der Natur). Huxley vertrat neben der im allgemeinen richtigen Position, daß unter den Primaten die in der Familie Pongidae zusammengefaßten Menschenaffen die dem Menschen stammesgeschichtlich nahestehendste Tiergruppe sei, die im Detail aber falsche Position, daß unter den Menschenaffen der Gorilla dem Menschen am ähnlichsten sei– eine später korrigierte Auffassung, die zunächst aber alle Darwinisten von Darwin bis Haeckel vertraten. Darwin begrüßte jedenfalls Huxleys Buch erleichtert mit dem Kommentar »Hurra! Das Affenbuch ist da – die Bilder sind großartig«. Zu den Zeitgenossen, die die Bedeutung der »Entstehung der Arten« sofort erkannten, gehörte auch Karl Marx (1818–1883), der Darwin ein Exemplar des »Kapital« schickte (siehe jW-Thema vom 12.2.2009).
Zum Zeitpunkt der Publikation von »Die Entstehung der Arten« herrschte im allgemeinen Bewußtsein ein durchgängig niederes Bild vom Affen, das aus mehreren Quellen gespeist wurde und das rege Interesse an Darwins Buch und der Evolutionstheorie in der Öffentlichkeit erklärte. Der Tier-Mensch-Unterschied, und hier speziell das Verhältnis von Menschenaffe und Mensch, war im Gegensatz zu der christlichen Schöpfungslehre eine empirisch überprüfbare neue Sichtweise.
In der Theologie galt der Affe als Untier. Er war durch seine schlechten Eigenschaften ein Tier des Teufels und Inkarnation des Niedrigen und Bösen. Die auffällige Fähigkeit, menschliche Verhaltensweisen nachzuahmen, wurde nicht als Intelligenz ausgelegt, sondern als Unfähigkeit, von sich aus selbständig etwas zu tun, so daß der Affe zum Affen Gottes als dessen Nachäffer und zu einem Symbol für dessen Gegenspieler Satan wurde. Die äffische Eigenschaft, vieles nachzuahmen, wurde als vergeblicher Versuch erklärt, sich als Mensch zu vervollkommnen. Im abwertenden Begriff »nachäffen« hat sich diese niedrige theologisch geprägte Sichtweise, also etwas nur in unzureichender Weise nachzuahmen, was andere leisten, in der Umgangssprache erhalten. Als teuflische Kreatur wurde der Begriff »Affe« auch zu einer Allegorie von Unmoral. Der Mythos einer sexuellen Zügellosigkeit des Affen führte dazu, daß seit dem 15. Jahrhundert Affenweibchen zum Symbol leichtfertiger Wesen wurden und Affe und »affengeil« zum Symbol sexueller Sündhaftigkeit.
In der Renaissance wurde das niedere theologische Affenbild etwas aufgehellt, erhielt heitere Züge, blieb aber insgesamt abwertend. Der Affe wurde nun zum Narren, bekam den Ruf eines fröhlichen Zechers oder galt, wie der nach ihm benannte »Lackaffe«, als eitel. Da betrunkene Menschen sich albern und unvernünftig wie ein Affe benehmen, hat sich die Redewendung »einen Affen haben« oder »sich zum Affen machen« eingebürgert. Der Affe wurde als Parodie menschlichen Tuns bei Clowns und Spaßmachern beliebt. Affen sprangen gelegentlich auf Zuschauer über, um diese zu lausen, so daß der Ausdruck »mich laust der Affe« zu einer Metapher für plötzliche Überraschungen wurde. Die Karriere des Affen als Spaßmacher geht auf den römischen Naturforscher Plinius zurück, der festgestellt hatte, daß Affen im Gegensatz zu Haustieren nutzlos seien und sich deshalb gefallen lassen müßten, verspottet zu werden.
Darwin hatte erkannt, daß die Evolutionstheorie gegen diese geballte Ladung von Vorurteilen und Wertungen nicht angehen konnte, was nicht heißt, daß er sich mit dieser Frage nicht auseinandergesetzt hätte. 1868 entwickelte er einen Stammbaum der Primaten, publizierte ihn aber nicht; er wurde erst später im Nachlaß gefunden. 1871 nahm er auch zur Frage der Abstammung des Menschen öffentlich Stellung, vermied aber Details. Darwins Versuch, durch Ausklammerung der »Affenfrage« einer Diskussion über die Abstammungsverhältnisse innerhalb der Primatenordnung zu entgehen, erwies sich als vergeblich. Der Begriff »Affe« war prädestiniert, die phylogenetische Verwandtschaft von Tier und Mensch und die phylogenetische Herkunft des Menschen in einem Fall zu debattieren, die jeder verstand und die jeden betraf.
Veränderung des Affenbildes
Darwins beredtes Schweigen, im Kontrast zur öffentlichen Debatte um die Reichweite der Evolutionstheorie in der »Affenfrage«, gehört zu den auffälligsten Eigenarten in der Darwinismus-Debatte – die im übrigen keineswegs beendet ist, sondern seit der Entstehung der Ethologie (Verhaltensforschung) mit der Publikation ethologischer Bestseller ihre Fortsetzung findet. Eingeleitet wurde diese Fortsetzung mit dem Buch »The Naked Ape« (»Der nackte Affe« von Desmond Morris, 1967), in dem auf die Haarlosigkeit des Menschen als ein anatomischer Tier-Mensch-Unterschied verwiesen wird. Diesem folgt ein Buch mit dem Gegenbild »Unsere haarigen Vettern« (Frans B. M. de Waal 1983). Es geht nun aber nicht mehr um Erkenntnis oder Akzeptanz der phylogenetischen Verwandtschaft, die als selbstverständlich gilt, sondern um Unterhaltung, um Kommerzialisierung des Affenbildes. Titel wie »Der Affe in uns« (de Waal 2006) oder Wortungetüme wie »Menschentier« sollen jeden ansprechen und zum Käufer machen.
Die »Affenfrage« machte die Evolutionstheorie in der Öffentlichkeit sofort populär, konnte aber wissenschaftlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch nicht beantwortet werden. Sie wirft auch ein markantes Licht auf die Logik biologischer Erkenntnisgewinnung als eine Geschichte nicht nur des Erkenntnisfortschritts, sondern auch als eine Kette von Irrtümern und Fehlern.
Die Auffassung Darwins, daß der Gorilla der dem Menschen phylogenetisch am nächsten stehende Menschenaffe sei, war ein zeitgemäßer Irrtum, der auf der Unkenntnis von Anatomie, Ökologie und Lebensweise der Flachland- und Berggorillas beruhte. 1847 erschien vom Missionar Thomas S. Savage (1804–1880) in einem Bostoner Magazin eine erste Charakterisierung eines Gorillas unter dem Titel »Beschreibung der äußeren Erscheinung und des Verhaltens des Troglodyten-Gorillas, einer neuen Spezies des Orang vom Gaboon River«. Wie gering die Kenntnisse über Menschenaffen zu Darwins Zeiten waren, zeigt sich auch daran, daß der erste lebende Gorilla, der 1855 nach England kam und von Schaustellern vorgeführt wurde, für einen Schimpansen gehalten wurde. Auch in der Taxonomie wurde der Gorilla durch seine Körpergröße und sein bis zu 250 Kilogramm hohes Körpergewicht (in Gefangenschaft 350 Kilogramm) zunächst als »Riesenschimpanse« (Troglodytes gorilla) eingeordnet. 1861 hatte der US-amerikanische Forschungsreisende Paul du Chaillis (1835–1903) eine Beschreibung vermeintlich freilebender Gorillas verfaßt und wurde im selben Jahr von der Royal Geographical Society zu einem Vortrag nach London eingeladen. Du Chaillis bezeichnete sich als ersten Weißen, der einen Gorilla im Freiland beobachtet und auch erlegt haben will. Folgenreich wurden seine und Savages Beschreibung des Gorillaverhaltens als ein wildes, bösartiges Tier, das sehr gefährlich sei. Er stoße bei einer Begegnung gellende Schreie aus, lege den behaarten Nasenrücken in Falten und biete so ein Bild unbeschreiblicher Wildheit. Heute kann man einschätzen, daß Savage und du Chaillis wahrscheinlich nie Gorillas begegnet sind.
Das niedere theologische Bild vom Affen blieb auch nach der Entstehung der Evolutionstheorie zunächst erhalten und wurde durch den Gorilla als Bestie zwar säkularisert, blieb aber als Inbegriff einer dämonischen Wildheit nicht weniger wirksam.
In der künstlerischen »King Kong«-Figur wurde das Gorillabild mit Sex und Machtphantasien aufgeladen. Auch Darwin blieb von der Gorilla-Debatte nicht unbeeinflußt und ordnete ihn 1868 in seinem unveröffentlichten Primatenstammbaum als unseren nächsten tierischen Verwandten ein, was jedoch weder für die Gültigkeit der Evolutionstheorie noch für die Abstammungslehre entscheidend war.
Wissenschaftliche Freilanduntersuchungen an Gorillas, auch dies ein weiteres Jubiläum im Darwin-Jahr 2009, wurden erst seit 1959 von dem US-amerikanischen Primatologen George Schaller durchgeführt.
In der Primatenforschung galt dann zunächst die Schimpansenart (Pan troglodytes) als nächster Verwandter. Mit den 1917 durchgeführten berühmten Experimenten des Gestaltpsychologen Wolfgang Köhler (1878–1967) auf der Primatenstation der Preußischen Akademie der Wissenschaften auf Teneriffa, in denen es Schimpansen gelang, durch Stockeinsatz Bananen zu angeln, entstand das Bild des »intelligenten Affen«, was die phylogenetische Verwandtschaft schon angenehmer machte. Allerdings erwies sich auch dieser Verwandte taxonomisch nur als ein weiterer Irrtum.
1929 hatte der deutsche Anatom Ernst Schwartz in einem Brüsseler Museum das Skelett eines »Zwergschimpansen« oder Bonobo (Pan paniscus) beschrieben und damit eine neue Menschenaffenart entdeckt, die phylogenetisch gegenwärtig als unser nächster Verwandter gilt. Eine der menschenähnlichen Verhaltensweisen des Bonobo ist die Kopulation »face to face«, so daß Sex auch bei Menschenaffen bereits von Individualität und Emotionalität begleitet wird. Die taxonomischen Verschiebungen des nächsten Verwandten vom Gorilla über den Schimpansen zum Bonobo sind keine Widerlegungen, sondern zeigen den 150jährigen Erkenntnisprozeß in der »Affenfrage« als eine immer stabilere Bestätigung der von Darwin aufgestellten evolutionstheoretischen Grundsätze und eine Zunahme ihrer Erklärungstiefe.
Lob der Arbeit
Naturwissenschaft. Vor 150 Jahren erschien Darwins epochemachendes Buch »Die Entstehung der Arten«. Teil 2 (und Schluß): Die Stellung des Menschen in der Evolutionstheorie
Von Volker Schurig
Charles Darwin hatte sich in »Die Entstehung der Arten« nicht zum Verhältnis von Affe und Mensch geäußert, die Faktenlage war zu gering. Doch die Eliten des viktorianischen Englands folgerten aus Darwins Überlegungen richtig, daß mit den neuen Erkenntnissen der Glaube an die göttliche Schaffung des Menschen bedroht war. Die damaligen Medien überboten sich mit Boshaftigkeiten gegenüber dem Evolutionstheoretiker.
Die weltanschauliche Bedeutung der evolutionstheoretischen Begründung einer stammesgeschichtlichen Verwandtschaft zwischen Affe und Mensch kann daran abgelesen werden, daß sie zu den drei großen »Kränkungen des Menschen« gerechnet wird.
Die erste »Kränkung« betrifft das kopernikanische Weltbild, in dem nicht mehr die Erde mit dem Menschen den Mittelpunkt des Kosmos bildet, sondern die Sonne – und auch diese ist nur eine unter Millionen weiteren Sonnen. Die zweite »Kränkung« des menschlichen Selbstverständnisses ist der Nachweis der Existenz eines Unterbewußtseins durch die Psychoanalyse Sigmund Freuds, das dem scheinbar souveränen Ich als Regulativ zugeordnet ist und wir deshalb gelegentlich nicht Herr unserer Sinne sind. Und drittens ist es die Entstehung des Menschen aus äffischen Vorformen in einem von dem Anthropologen Gerhard Heberer – im Faschismus Rassenforscher und Mitglied der Forschungsgruppe SS-Ahnenerbe – 1958 als Tier-Mensch-Übergangsfeld (TMÜ) bezeichneten Zeitraum. Mit Darwins 1859 veröffentlichtem Buch »Die Entstehung der Arten« wurde die Menschwerdung (Hominisation) zum zentralen Thema der Evolutionsbiologie, Paläoanthropologie und Primatologie und endet gegenwärtig mit dem über DNA-Analysen nachgewiesenen Fazit: Der Schimpanse, Pan troglodytes, und der Mensch sind zu 98,4 Prozent genetisch identisch. In den Kapiteln 2 und 5 des Buches »Genesis« in der Bibel wurde dagegen Adam von Gott aus dem Lehmboden erschaffen und ihm dann Lebensatem eingehaucht sowie aus einer Rippe Eva geschaffen; beide wurden Stammeseltern aller Menschen. Die »Krone der Schöpfung« mußte seit Darwin entsprechend seiner phylogenetischen Herkunft in das Tierreich eingeordnet werden und findet sich infolgedessen in der zoologischen Hierarchisierung auf einer überraschenden Position wieder.
Mensch im zoologischen System
Der (Jetzt-)Mensch, als biologische Art von dem schwedischen Systematiker Carl von Linné (1707–1783) als Homo sapiens (lateinisch: sapiens: weise) bezeichnet, wurde von ihm 1758 in dem »Systema naturae« mit den Menschenaffen in die Gattung »Anthropomorpha« (Menschenähnliche) und diese in die Säugetierordnung der Primaten (lateinisch: primatus, der erste Rang; übertragen: Herrentiere) eingereiht. Die taxonomisch schmeichelhafte Bezeichnung »weise« in der Ordnung der »Herrentiere« ändert aber nichts daran, daß die biologische Art »Homo sapiens sapiens« und die Primatenordnung in der zoologischen Systematik eher »weit unten« stehen. Die »dritte Kränkung« des Menschen, in der christlichen Schöpfungslehre noch das Ebenbild Gottes, ergibt sich aus der Evolutionstheorie und Systematik nicht durch eine Ableitung seiner Vorfahren aus tierischen Primatenarten, sondern die Ordnung der »Herrentiere« wird zwischen Fledermäusen, Flughunden und Faultieren, also Säugetierordnungen, eingegliedert, die wohl kaum jemand zu unseren näheren Verwandten rechnen würde.
Unser Selbstverständnis ist es trotz Darwin, uns weiter als höchstentwickelte biologische Art zu bezeichnen, die deshalb als »Mensch« allen Tieren gegenübergestellt wird oder wenigstens ihnen gegenüber eine Sonderstellung beansprucht – die er naturwissenschaftlich aber nicht besitzt. Der Homo sapiens sapiens ist eine biologische Art wie alle anderen 200 Primatenarten auch, allerdings mit gegenwärtig 6,5 Milliarden – 2050 mit geschätzten neun Milliarden – Individuen die erfolgreichste, während 70 Prozent der 200 Primatenarten aufgrund der Milliardenpopulation des Menschen vom Aussterben bedroht sind.
Eine Sonderstellung besitzt der Mensch nur auf der Verhaltensebene, die aber für seine systematische Einordnung kein Kriterium ist. So gilt im Besitzverhalten für die meisten Vogel- und Säugetierarten, daß Ressourcen (z. B. Nahrung) an den Ranghöheren fallen. Bei Menschenaffen wird Besitz bereits zurück- oder abgegeben sowie durch Betteln erworben. Das menschliche Besitzverhalten zeichnet sich dadurch aus, daß der Besitzanspruch in der Regel auch bei Abwesenheit des Besitzers respektiert wird. Ein anderer Tier-Mensch-Unterschied existiert im Sozialverhalten. Bei sozial organisierten Primatenarten erfolgt die Kontaktaufnahme zweier Individuen einer Art durch ritualisierte Begrüßungsgesten, aber nur der Mensch besitzt die Fähigkeit, sich auch zu verabschieden.
Für die Evolutionstheorie sind alle derartigen ethnologischen und psychologischen Begründungen einer Sonderstellung des Menschen – die Fähigkeit zu Denken, Selbstbewußtsein, das Operieren mit Symbolen, Sprechen, Verschönerung des eigenen Körpers und von Gegenständen, sein Wertebewußtsein – aber bedeutungslos. Noch Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Primaten, um ihre Sonderstellung samt Mensch zu verdeutlichen, entweder an den Anfang oder das Ende des Tierreiches gestellt. 200 Jahre nach Linné setzte sich die Einsicht durch, daß Primaten keineswegs Höhepunkt, Anfang oder Ende der progressiven Säugetierevolution darstellen, sondern Raubtiere und Huftiere, so daß, pointiert formuliert, Kühe evolutionsbiologisch gesehen höher, da spezialisierter als der Mensch, entwickelt sind. Grundlage der zoologischen Systematik ist nicht die psychologisch begründete, allgegenwärtige Vorstellung einer Höherentwicklung vom Affen zum Menschen, sondern der Spezialisierungsgrad verschiedener Körpermerkmale. So besitzen Fledermäuse, Flughunde und der Mensch gleichermaßen ursprüngliche (primitive), fünfstrahlige Extremitäten, die spezialisierteren Rinder eine zweigliedrige und Einhufer (Pferde) eine einstrahlige Extremität. In der Primatenevolution repräsentiert das TMÜ einen revolutionären Funktionswechsel: die Entwicklung des aufrechten Gangs im Zeitraum von zirka zwei bis zehn Millionen Jahren aus kletternden Vorfahren als anatomische Grundlage weiterer Körperanpassungen, die ihrerseits die Grundlage der Entstehung von Bewußtseinsfunktionen in der Hominisation werden. Die empirische Basis der wissenschaftlichen Hypothesenbildung sind Funde fossiler (lateinisch: fossilis, ausgegraben, übertragen: ausgestorben) Menschenarten.
Mensch als »dritter Schimpanse«?
Darwin hatte sich 1859 als vorsichtiger Mensch zur Frage einer Abstammung des Menschen von tierischen Primaten nicht geäußert. Erst 1871 erschien, sofort zweibändig, »The descent of man, and selection in relation to sex« (Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl) mit der prophetischen Aussage: Licht wird auf die Entstehung des Menschen fallen. Die Kenntnis der Anatomie der Primaten und deren Systematik sowie die Kenntnis fossiler Funde von Frühmenschen war in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts noch äußerst spärlich. Der Teufel liegt – auch im Erkenntnisprozeß der Menschwerdung – im Detail, da mit der Entdeckung von Fossilien unsere Vorstellungen seit 1859 nicht nur genauer wurden, sondern auch neue und schwierigere Probleme entstanden, so daß der Erklärungsbedarf stetig stieg.
Dazu kommt die Korrektur von Irrtümern. So ist der nächste Verwandte des Schimpansen nicht, wie der Begriff »Menschenaffe« und die bisherige Gattung Pongidae suggeriert, der Gorilla. Von dem Gorilla unterscheidet sich der Schimpanse zu 2,6 Prozent, die Differenz gegenüber dem Menschen beträgt aber nur 1,6 Prozent, so daß Schimpanse und Mensch sich phylogenetisch und genetisch näherstehen. In der zoologischen Systematik wird deshalb gegenwärtig die Familie »Menschenaffen« (Pongidae) aufgegeben und der Mensch nicht mehr den Menschenaffen gegenübergestellt, sondern bildet mit dem Schimpansen und dem Bonobo zusammen eine phylogenetische Verwandtschaftsgruppe. Ob der Mensch dadurch zu einem »dritten Schimpansen« wird, so 2006 der US-amerikanische Anthropologe Jared Diamond, oder die Arten »Schimpanse« und »Bonobo« den Gattungsnamen »Homo« bekommen, zeigt, daß die Fortschritte der Evolutionstheorie auch nach 150 Jahren immer noch unser Selbstverständnis berühren.
Seit 1859 hat sich der Blick auf unsere nächsten Verwandten außerdem grundsätzlich gewandelt. Darwin konzentrierte sich auf das Finden anatomischer und phylogenetischer Hinweise für die nahe Verwandtschaft und die Ähnlichkeit von Schimpanse und Mensch. Der modernere Blick gilt dagegen den Unterschieden zwischen Schimpanse/Bonobo und Mensch. Eine der wichtigsten Neuanpassungen fossiler Hominiden des TMÜ ist z.B. der Abstieg des Kehlkopfes in eine tiefere Position am Hals sowie Mutationen im Kehlkopfbereich, wodurch differenzierte Sprachlaute möglich wurden. Schimpansen können zwar averbale Sprachen (z.B. Gebärdensprachen) lernen, mit Symbolen kombinieren und averbale Werthaltungen ausbilden, aber das Abstraktionsergebnis nur motorisch zeigen. Psychologisch gesehen können Schimpansen denken und besitzen, wie Spiegelversuche zeigen, ein Ich-Bewußtsein, aber sie können nicht sprechen.
Der erbarmungslos objektive Blick der Evolutionstheorie auf die Gruppe der Menschenaffen kommt, allen derartigen experimentell und im Freiland nachgewiesenen psychischen Leistungen zum Trotz, außerdem zu einem Ergebnis, das der populären Vorstellung einer linearen »Höherentwicklung« vom Affen zum Menschen widerspricht: Evolutionsbiologisch sind die Menschenaffen keine besonders erfolgreiche Tiergruppe, sondern im Gegenteil, ihre Artenzahl ist seit dem Miozän vor zirka 20 Millionen Jahren mit der fossilen Gattung »Proconsul« phylogenetisch zurückgegangen, die Artenzahl der vermeintlich niederen Tieraffen dagegen gestiegen. Der Neocortex des Gorillas ist auch nicht größer als der eines Pavians, und im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht haben unter den Primaten nicht die Menschenaffen, sondern die südamerikanischen Kapuzineraffen das größte Gehirngewicht.
Der »Südaffe« Australopithecus
Die Debatten um das seit 1859 gesuchte fossile »missing link« zwischen Menschenaffe und Mensch begann bereits zu Darwins Zeiten mit einem Fehlstart. 1856 hatte der Gymnasiallehrer Johann Carl Fuhlrott (1803–1877) im Neandertal bei Düsseldorf ein Schädeldach und Extremitäten der heute berühmtesten fossilen Menschengruppe, des Neandertalers (Homo nenderthalensis), gefunden. Der Anatom Rudolf Virchow (1821–1902), anatomische Kapazität und führender Pathologe seiner Zeit, interpretierte die Fossilien aber als durch Gicht und Rachitis verformte Knochen.
Das gesuchte Übergangsglied zwischen Affe und Mensch, das vor 800000 Jahren gelebt hatte und eine Gehirnkapazität von 800 Kubikzentimetern aufweisen konnte, wurde 1891 in Trinil auf der Insel Java ausgegraben. Heute ist dieser fossile Frühmensch Homo erectus erectus (lateinisch: erectus; aufgerichtet, geradestehend) eine Artgruppe, deren Vertreter vor etwa zwei Millionen bis vor zirka 150000 Jahren lebten. Zu ihnen gehören der Pekingmensch (Homo erectus pekinensis), dem erstmals eindeutig Feuergebrauch nachgewiesen werden konnte.
In Mitteleuropa vertritt die Homo-erectus-Gruppe der Heidelbergmensch (Homo erectus heidelbergensis), der vor 500000 bis 300000 Jahren lebte. Als älteste Hominidengattung gelten aber die 1924 vom australischen Paläoanthropologen Raymond Dart in Taung in Südafrika entdeckten Australopithecinen (lateinisch: australis, südlich; lateinisch: pithecus, Affe – zusammengefaßt: Südaffe), die in dem Zeitraum von vor 4,4 Millionen bis eine Million Jahre in Afrika lebten und als Praehominae eine eigene Unterfamilie bilden. Sie sind die typischen Repräsentanten des TMÜ. Gegenwärtig werden sieben bis zehn Australopithecinenarten unterschieden.
Ihre Zuordnung zur Familie der Menschenartigen (Hominidae) beruht auf mehreren anatomischen Merkmalen der Skelettfunde und des Gebisses. Ein anatomischer Tier-Mensch-Unterschied im Gebiß ist die »Affenlücke«. Bei Kieferschluß können bei Menschenaffen die dolchartig vergrößerten Eckzähne in eine weite Zahnlücke des gegenüberliegenden Kieferbogens aufgenommen werden. Die »Affenlücke« ist bei Australopithecinen reduziert und beim Menschen nur als Atavismus in der Milchzahnreihe erhalten.
Innerhalb der Australopithecinen-Gruppe kam es ökologisch und anatomisch zur Aufspaltung in zwei Entwicklungslinien: einen im Körperbau robusten Typ, der als Pflanzenfresser mit zunehmender Trockenheit ausstarb, während die grazileren Australopithecus-Formen Kommunikationsformen flexibler nutzten und neue Verhaltensweisen entwickelten, um andere Nahrungsquellen zu erschließen. Obwohl bisher kein zeitliches und räumliches Vorkommen von grazilen Australopithecinen und fossilen Homininae der Gattung Homo nachgewiesen werden konnte, bilden sie wahrscheinlich die phylogenetische Vorformen des Menschen.
Der Erwerb der Zweibeinigkeit
Das wichtigste anatomische Merkmal der Australopithecinen, das sie anatomisch als Vertreter der Hominidae ausweist, ist der aufrechte Gang. Die Zweibeinigkeit kann aus der Lage des Hinterhauptslochs (wo Rückenmark und Gehirn zusammenkommen), dem Bau des Beckens und der Oberschenkelknochen erschlossen werden. Ebenso fand man 3,8 Millionen Jahre alte Fußspuren.
Der Erwerb der zweibeinigen Fortbewegung, unter den Primaten einzigartig, ist in der Säugetierevolution kein Spezifikum des Menschen, sondern auf evolutiv unterschiedlichem Organisationsniveau mehrmals entstanden. Bei Känguruhs, als Beuteltiere Vertreter einer primitiven Säugetiergruppe, ist die Bipedie eine hochspezialisierte Fortbewegungsweise, mit der durch Sprünge hohe Hindernisse überwunden und große Geschwindigkeiten erreicht werden. Auch der Mensch ist mit seiner bipeden Fortbewegung physiologisch und funktionell zahlreichen Säugetierarten überlegen. Er kann ausdauernd laufen, klettern, springen und schwimmen. Entscheidend für seinen Evolutionserfolg ist aber nicht diese universelle Lokomotionsfähigkeit, sondern eine Folgeanpassung, da mit der Aufrichtung der Körperachse die Vorderextremitäten für die Fortbewegung funktionslos wurden und damit frei für eine revolutionäre Neuerung: der instrumentellen Manipulation von Gegenständen.
Unter den Menschenaffenarten existieren mehrere Fortbewegungsweisen als Anpassungen an ihren spezifischen Lebensraum. Während Gibbon und Orang-Utan Schwinghangler sind, die sich im Baumbereich über die Vorderextremitäten zwischen den Ästen schwingend fortbewegen, sind Gorillas durch ihr Körpergewicht Stemmgreifkletterer mit Knöchelgang. Zunächst dominierte in der Forschung die Vorstellung, die Zweibeinigkeit des Menschen sei vor zirka 15 Millionen Jahren aus dem Schwinghangel-Klettern abzuleiten, heutzutage wird der Erwerb des aufrechten Gangs der Frühmenschen als überlebenswichtige Anpassung der Fortbewegung an die terrestrische Lebensweise in baumbestandenen Savannen angesehen.
Ursache dieses folgenreichen ökologischen Wechsels des Lebensraums, der zur Aufgabe der ursprünglich baumbewohnenden Lebensweise zwang, sind Klimaänderungen, die zu einer radikalen Anpassung führten, um ein Aussterben zu verhindern.
Durch die im TMÜ entstandene Zweibeinigkeit kam zu einer folgenreichen Umpolung der funktionslos gewordenen Vorderextremität zu einem Greiforgan: Werkzeuggebrauch und schließlich die Arbeit wurden funktionell wichtige Tier-Mensch-Unterschiede. Schimpansen können Gegenstände instrumentell benutzen, aber sie arbeiten nicht. Im TMÜ entstand die Hand als basales Organ erster elementarer Arbeitsprozesse. Für das Ergreifen war die Opponierbarkeit des Daumens wichtig, während gleichzeitig die für Menschenaffen typische Opponierbarkeit des Großzehs verlorenging. Die Kausalkette »Zweibeinigkeit – Aufrichtung des Körpers – Gebrauch der Hände als Arbeitsorgan – Gehirnvergrößerung« ist, anatomisch betrachtet, die plausibelste Linie der Menschwerdung im TMÜ. Andere in dieser Phase entstandene Neuanpassungen (Verlust des Haarkleides, Zurückweichen des Oberkiefers, Herausbildung von Nase und Kinn als typisch menschliches Gesicht) sind weniger bedeutsam.
Gehirn, Werkzeug und Bewußtsein
Der qualitativ wichtigste Tier-Mensch-Unterschied ist die Existenz von Bewußtsein und damit der Fähigkeit, sich selbst als Subjekt von seiner Umwelt zu unterscheiden. Weder Zahnbildung, der Körperbau, bipede Fortbewegung noch die evolutive Gehirnvergrößerung auf durchschnittlich 1250 Kubikzentimeter liefern sichere Beweise, sondern machen die Entstehung des Bewußtseins nur plausibel. Hominidae besitzen Gehirngrößen von etwa 400 Kubikzentimetern, bei den Australopithecinen bleibt die Gehirnkapazität unter 500, und die ersten fossilen Hominiden besaßen eine Gehirnkapazität von ungefähr 650 Kubikzentimeter. Wann aber erreichten die in der biologischen Terminologie als hominid bezeichneten Menschen einen als human bezeichneten gesellschaftlich-kulturellen Status? Der sicherste Nachweis phylogenetisch erster Bewußtseinsfunktionen ist die Werkzeugherstellung – Beginn und Ursprung einer kulturellen Evolution.
Werkzeuggebrauch ist in der Evolution unabhängig voneinander mehrmals in zahlreichen Tiergruppen entstanden. Unter den Vögel ist der Werkzeuggebrauch der sogenannten Darwin-Finken (taxonomisch sind es Ammern), die mit abgebrochenen Stacheln in Löchern stochern, um Insektenlarven aus ihren Bohrlöchern zu holen, das berühmteste Beispiel. Unter den Menschenaffen entwickelten vor allem Schimpansen verschiedene Formen des Werkzeuggebrauchs. Sie verwenden Stöckchen als Zahnstocher, zerkaute Blätter als Schwamm zum Aufsaugen von Wasser aus Löchern, Grashalme, um Termiten aus ihrem Bau zu angeln, und Steine als Hammer und Amboß zum Aufschlagen von Palmnüssen. In Freilandversuchen ergreifen Schimpansen Stöcke aus ihrer Umgebung, um damit auf eine Leopardenattrappe einzuschlagen, und lernen in Laborversuchen Werkzeuggebrauch durch Nachahmung und Einsicht.
Trotzdem ist der Begriff »Werkzeug« irreführend, da Menschenaffen Gegenstände ihrer Umgebung lediglich instrumentell benutzen. Der Gebrauch von Objekten nur als Instrument und die Herstellung von ersten Steinwerkzeugen bei frühen Hominiden, die Bearbeitungsspuren aufweisen, bleibt ein enormer Entwicklungssprung. 1964 beschrieben die Anthropologen Louis Leakey, John Napier und Phillip Tobias einen 1,9 bis 1,6 Millionen Jahre alten fossilen Hominiden, dem erstmals Werkzeuggebrauch nachgewiesen werden konnte und der deshalb als »Homo habilis« (lateinisch: habilis, geschickt) bezeichnet wird. Die Funde aus der Oldoway-Schlucht in Kenia sind behauene Steine, Hackmeser, Schaber und Steinhämmer. Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, wie sie bereits Friedrich Engels (1820–1895) beschrieb, ist damit das wichtigste Kriterium im TMÜ, mit dem die Existenz erster Bewußtseinsformen durch deren Vergegenständlichung nachgewiesen werden kann. Die ältesten Steinwerkzeuge – Geröllgeräte, Abschlaggeräte – wurden in der Omo-Schlucht in Äthiopien gefunden und sind zwischen 2,3 und 2,6 Millionen Jahre alt.
Die Entstehung erster Werkzeugkulturen wirft aber auch Fragen auf. Wenn die Herstellung von Werkzeugen und damit erste elementare Formen von Arbeit phylogenetisch der entscheidende Durchbruch zu einem humanen Entwicklungsstatus waren, warum blieben Faustkeile dann über zweieinhalb Millionen Jahre, also praktisch während des gesamten Prozesses der Menschwerdung, nahezu unverändert das Universalwerkzeug, obwohl gleichzeitig sich das Gehirn um 600 Kubikzentimeter auf 1250 Kubikzentimeter vergrößerte? Erst vor zirka 10000 Jahren, mit der einsetzenden Domestikation mehrerer Wildtierarten und einer seßhaften Lebensweise, kam es zu einer Beschleunigung der kulturellen Evolution. Das Ende der Steinzeit war durch diese »neolithische Revolution« besiegelt.
Werden und Vergehen
Wenn jemand 1859 die Frage gestellt hätte, wie viele Menschenarten es gibt, wäre, erstaunt über diese scheinbar absurde Frage, die Antwort gekommen: eine Art, der Jetztmensch. 150 Jahre nach dem Erscheinen von »Die Entstehung der Arten« wird diese Frage von der Paläoanthropologie differenzierter beantwortet: Es existieren acht bis zwölf verschiedene fossile (und damit ausgestorbene) Menschenarten. Darunter befindet sich der bis vor 35000 Jahren in West- und Mitteleuropa lebende Neandertaler sowie der Homo sapiens, die einzige diesen Selektionsprozeß überlebende Menschenart. Das Aussterben des Neandertalers trotz einer Gehirnkapazität zwischen 1145 und 1795 Kubikzentimetern zeigt, daß große Gehirnkapazitäten, kulturelle Traditionen und Werkzeuggebrauch allein kein absoluter Schutz im Selektionsprozeß sind. Die Evolutionstheorie ist deshalb auch keine neue Heilslehre, die erneut die Sonderstellung des Menschen als »Krone der Evolution« naturwissenschaftlich begründet. Die Evolutionstheorie schreibt immer zwei Kapitel: eines über die Entstehung neuer Arten und ein zweites über ihr Aussterben. Diese Naturgesetzlichkeit gilt auch für den Prozeß der Menschwerdung einschließlich der rezenten Art »Homo sapiens«, die hoffentlich weise genug ist, dies zu verstehen.
Volker Schurig lehrt im Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung (ZHW) an der Universität Hamburg Wissenschaftstheorie der Biologie.
http://www.jungewelt.de/2009/11-21/048.php
http://www.jungewelt.de/2009/11-23/013.php