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Hintergrund
13.03.2013
Moralische Konflikte lassen sich oftmals durch das Abwägen von Gründen lösen. Doch ist gar nicht immer klar, ob es sich bei den betreffenden Situationen tatsächlich um echte moralische Konflikte handelt, sagt Philosophie-Professorin Susanne Boshammer.
Von Sandra Flückiger
Was sind moralische Konflikte und Dilemmata? Gibt es solche überhaupt? Und wie kann ich sie lösen? Diese Fragen sind komplex und beschäftigen Ethiker und Philosophinnen seit jeher. Je nach Theorie, mit der argumentiert wird, fallen die Antworten unterschiedlich aus. Eine Einführung in das breite Thema gab Susanne Boshammer, Assistenzprofessorin für politische Philosophie, im Institutskolloquium Philosophie. Der Titel ihres Vortrags lautete: «How to make (non-sense) of moral conflict – Moralische Dilemmata und ihre moralphilosophische Bewältigung».
«Moralische Konflikte sind Situationen, in denen zwei Handlungen auf den ersten Blick moralisch geboten sind, sich aber ausschliessen», definiert Boshammer. «Was soll ich tun?», sei in solchen Momenten die entscheidende Frage. Zum besseren Verständnis führt sie das bekannte Waffenbeispiel von Platon an: Ein Freund leiht mir seine Waffe, und ich verspreche, sie zurückzugeben. Als er wieder kommt, ist er in aufgelöstem Zustand und kündigt an, seine Frau töten zu wollen. Nun sollte ich ihm eigentlich die Waffe geben, weil ich es versprochen habe. Gleichzeitig sollte ich dies nicht tun, weil ich dann indirekt für einen Mord verantwortlich bin.
«Die Lösung ist in diesem Fall einfach: Wer die konfligierenden Pflichten mit moralischen Argumenten gegeneinander abwägt, kommt schnell zum Schluss, dass die Verhinderung des Mordes schwerer wiegt als die Einhaltung des Versprechens», erklärt die Philosophin. Doch was, wenn eine solche moralische Gewichtung nicht möglich ist?
«Wenn die Verpflichtungen unvergleichbar oder aus moralischer Perspektive gleich gewichtig sind, spricht man von unlösbaren Konflikten oder moralischen Dilemmata», erläutert die Professorin. Das wohl prominenteste Beispiel dafür sei «Sophie’s Choice» des Autors William Styron: Sophie wird im Konzentrationslager gezwungen, eines ihrer beiden kleinen Kinder, Jan und Eva, zur Vergasung auszuwählen. Weigert sie sich, eine Entscheidung zu treffen, verliert sie beide. Sophie kann somit nicht verhindern, dass eines ihrer Kinder sterben wird, aber sie kann eines retten. «Die Rettung der Tochter hat in diesem Fall keinen moralisch begründeten Vorrang vor der Rettung des Sohnes und umgekehrt. Es gibt zudem keine valable dritte Option. Was immer Sophie tut, sie wird, so scheint es, eine moralische Pflicht verletzen müssen», so Boshammer.
Moralphilosophen weisen die Möglichkeit solcher Dilemmata traditionell zurück. Spontan und intuitiv geben wir ihnen recht: Es kann ja nicht sein, dass Sophie ihre Tochter oder ihren Sohn retten soll und zugleich genau dies nicht darf. «Der Konsequentialismus kann diese Intuition zunächst gut einfangen», sagt Boshammer. Denn eine Handlung ist aus konsequentialistischer Sicht nur dann geboten, wenn ihre Konsequenzen besser sind als diejenigen ihrer Alternativen. Erlaubt ist jede Handlung, zu der es keine bessere Alternative gibt. In Sophies Fall wäre also keine der beiden Handlungen geboten, aber beide erlaubt, also: Solange sie nur eine Entscheidung trifft und eines der Kinder vor dem Tod bewahrt, macht sie alles richtig. Mehr geht nicht.
Diese Überlegung sei zwar korrekt, sie habe aber trotzdem Bedenken gegenüber dem konsequentialitischen Umgang mit Dilemmata, sagt Philosophie-Professorin Boshammer, und übt Kritik: «Konsequentialisten haben keine angemessene Idee des Problems moralischer Konflikte, sie vereinfachen zu stark.»
Als Beispiel dafür führt die Referentin den Picknick-Konflikt an: Ein Vater verspricht seinen Kindern für den Nachmittag eine Bootsfahrt mit Picknick in Oxford. Dann taucht jedoch sein alter Freund aus Australien auf, der nur noch an diesem Tag da ist, und möchte eine Führung durch die dortigen Colleges. Der Vater sollte nun seinen Kindern gegenüber Wort halten, aber auch der Bitte seines Freundes nachkommen.
Konsequentialisten, denen es häufig um die Maximierung der Befriedigung von Präferenzen geht, sehen darin gemäss Boshammer einzig ein Wissens-Problem: Das Problem des Vaters besteht demnach darin, dass er nicht weiss, welche Präferenzen hier schwerer wiegen. Das aber ist unplausibel und deckt sich weder mit unserer Konflikterfahrung noch mit erprobten Lösunggstrategien: Wenn der Vater die Kinder fragt, ob sie einverstanden sind, den Ausflug zu verschieben, holt er nicht einfach Informationen über ihre Präferenzen ein, sondern bittet um Erlaubnis und anerkennt, dass die Kinder moralische Ansprüche und nicht bloss Präferenzen haben. «Der Konsequentialismus», so Boshammer, «hat kein sinnvolles Konzept moralischer Konflikte, weil es ihm nicht gelingt, die Perspektive des Akteurs und die der Betroffenen angemessen zu berücksichtigen.»
Die Philosophie-Professorin schlägt daher vor, eine differenzierte Typologie von Konflikten zu bilden. «Dies scheint möglich, wenn man moralische Konflikte als Situationen versteht, in denen die Ansprüche oder berechtigten Erwartungen anderer an uns, unsere Fähigkeiten übersteigen, ihnen zu entsprechen.» Das Waffenbeispiel wäre demnach ein «scheinbarer moralischer Konflikt» – denn hier hat der Freund exakt denselben Anspruch wie seine Frau: Dass ich verhindere, dass ein Mord geschieht. «Lösbare moralische Konflikte» wie das Picknick-Beispiel seien hingegen durch Kooperation aufzulösen: «Einer der Beteiligten hat moralische Gründe uns zu erlauben, seinen Anspruch zu verletzen», erklärt Boshammer. Wo das nicht der Fall ist – wie bei Sophies Entscheidung – handle es sich um einen «stabilen moralischen Konflikt». «Dies soll ein Ausblick sein», sagt die Philosophin zum Schluss, «ob und wie sich solche Konflikte lösen lassen, ist nach wie vor eine offene Frage.»