Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03641.jsonl.gz/2123

- Waffe nach Typ
- Waffen nach Land
- Highlights der Sammlung
Achtkantlauf mit Schwanzschraube (Länge 91 cm), gebüchst, Kaliber 10,5 mm, signiert
«A. Bellmond in Stans», auf der Laufunterseite Besitzerangabe, «1850 ZULLY», Laufbefestigung mittels Schiebern, Diopter und Nadelkorn. Vorliegendes Kettenschloss, Haken¬sicherung, Schlossplatte signiert, «M. Furrer Su.[rsee]». Abzug und Stecher werden von einem gefingerten Abzugbügel mit verstellbarer Distanzfeder geschützt. Messinggarnitur, Nussbaumschaft, Kolben mit Backe, auf der Kolbenunterseite Besitzerangabe, «ZULLY SURSEE». Ladestock ergänzt.
Gesamtlänge: 127 cm, Gewicht: 8879 g
Provenienz: Slg. Stadt Sursee.
Schon vor dem Einmarsch der französischen Truppen, 1798, verschwanden in der Schweiz im Verlaufe des 18. Jahrhunderts die eidgenössischen Gesellenschiessen. Das erste eidgenössische Freischiessen von 1452, aber auch der letzte Anlass dieser Art im Jahre 1683, fanden in Sursee statt. Für das Schützenfest vom 14. Oktober 1683 hatte der Surseer Schützenmeister Jost Göldlin die Nachbarstädte und die Vertreter des reformierten Aargaus eingeladen. Als Preise winkten damals ein Stier und ein Silbergeschirr.
Erst im 19. Jahrhundert, nachdem die Schweiz wieder ihre Unabhängigkeit erlangt hatte und der Bundesvertrag 1815 in Zürich beschworen worden war, erhielt das Schützenwesen seine nationale Bedeutung. Im Kampfe gegen die französischen Invasoren hatten sich die Schützen, insbesondere die Scharfschützen, bewährt. Diese Erfahrung mochte die zu neuem Leben erwachten Schützengesellschaften bewogen haben, vor allem das Schiessen mit Stutzern zu fördern und zu pflegen. Zur Bevorzugung dieser Waffen trugen auch kantonale und nationale Schützenfeste bei, deren Wettkämpfe bald einmal nur noch mit gezogenen Präzisionswaffen ausgetragen werden konnten. Obschon die Truppe bis 1859 mehrheitlich mit glattläufigen, grosskalibrigen Steinschloss-, später Perkussionsgewehren ausgerüstet war, wurde der Umgang mit diesen Waffen bestenfalls im Rahmen militärischer Übungen gepflegt. Die rege Schützentätigkeit sowie die individuellen Bewaffnungswünsche verschafften in der 1. Hälfte de19. Jahrhunderts einer stattlichen Zahl von Schweizer Büchsenmachern ein wirtschaftliches Auskommen.
Von der handwerklichen Fertigkeit des in Sursee tätigen Büchsenmachers Micheal Furrer (25.12.1804 – 3.5.1885), zeugt ein Perkussionsstutzer, der um 1840 hergestellt wurde. Dieser fand als Schützenwaffe oder sogenannter «Standstutzer» hauptsächlich im Schützenstand Verwendung. Als Ladung dienten Schwarzpulver und Rundkugeln aus Blei; die Zündung erfolgte mittels Kupferhütchen, deren Fulminatsatz durch den Schlag des Hahns, die «Perkussion», zur Explosion gebracht wurde. Das Präzisionsschloss mit vorliegendem Kettenmechanismus trägt die Signatur «M. Furrer Su. (rsee)». Der Abzug verfügt über einen Stechermechanismus und wird von einem gefingerten Abzugbügel geschützt, der eine verstellbare Distanzfeder aufweist.
Furrer heiratete am 3. Februar 1834 in Sursee Rosa Meyer und bewohnte das Haus an der Mühlegasse 96 (heute Nr. 9), wo er auch eine Werkstatt unterhielt. An der ersten luzernischen Industrie- und Gewerbeausstellung im Sommer 1852 beteiligte er sich mit Exponaten, zwei Standstutzern im Wert von Fr. 121.43 und Fr. 165.71. Auch sein lokaler Konkurrent, der Büchsenmacher Josef Lang, präsentierte mehrere Waffen: einen Standstutzer (Fr. 200.-), eine Stockflinte (34.29), ein Paar Pistolen (Fr. 85.71) und eine Armbrust (Fr. 50.-).
1850 wurde der Stutzer vom Stanser Büchsenmacher Anton Bellmond (24.11.1809 - 17.5.1852) modernisiert. Anstelle des bisherigen grosskalibrigen Laufes stattete er, wie die Signatur «A. Bellmond in Stans» belegt, die Waffe mit einem schweren, gezogenen Lauf (Länge 91 cm) vom Kaliber 10,5 mm aus. Gleichzeitig erhielt die Waffe ein Diopter und ein Nadelkorn, das von einer kleinen Röhre geschützt wird. Die Messinggarnitur sowie der Nussbaumschaft blieben sich gleich. Möglicherweise erhielt der Kolben zu jener Zeit auch seine Bleifüllung, um über das Gewicht die ruhige Lage der Waffe und damit die Zielgenauigkeit zu erhöhen.
Seit 1848 experimentierte man auf kantonaler und eidgenössischer Ebene mit kleineren Stutzerkalibern und neuen Geschossformen. Das herkömmliche Kaliber der für Stutzer gebräuchlichen Rundkugeln betrug zu jener Zeit 14 bis 17 mm. Mit den 1850 in Versuchen erprobten kleinkalibrigen Geschossen von 9,6 bis 12,15 mm wurden überraschende Ergebnisse erzielt. Der Besitzer des Standstutzers, der in Sursee ansässige Goldschmied, Scharfschützenmajor und Schützenmeister Michael Zülly (11.2.1801 – 3.3.1876), liess, von den Vorzügen kleinkalibriger Stutzer beeindruckt, seine eigene Waffe entsprechend abändern. Die eingeschlagenen Besitzervermerke «1850 ZULLY» und «ZULLY SURSEE» befinden sich auf der Laufunterseite und auf der Unterkante des Kolbens. Diese Besitzerzeichen dürfte Bellmond auf Geheiss von Zülly angebracht haben. Anlässlich grosser Schützenfeste, wie zum Beispiel des eidgenössischen Schützenfestes vom 3. bis 11. Juli 1853 in Luzern, das am 7. Juli auch von einer Schützendelegation aus Sursee besucht wurde, kam es zu Verwechslungen von Waffen; manche Schützen «vergassen» nach einem Umtrunk oder ausgedehnten Tafelfreuden ihre Waffen. An besagtem 7. Juli 1853 tafelten mit den Surseern ca. 2200 Besucher in den verschiedenen Festzelten. Gerade bei solchen Anlässen erwies sich das Kennzeichen der persönlichen Waffe als ausgesprochen nützlich.
Unter den Surseer Schützenfestteilnehmern vom 7. Juli befand sich auch der Goldschmied Michael Zülly, der bei den Prämien für die Stichscheiben mit 5 Nummern als 14. Schütze aufgeführt wird. Das Maximum bei Stichscheiben betrug 9 Nummern verbunden mit einem Preisgeld von Fr. 200.-. Geschossen wurde auf eine Distanz von 550 Fuss (165m). Für seine 5 Nummern erhielt Zülly eine Prämie von Fr. 10.-. Die Kosten des Festbesuches liessen sich, einen sparsamen Umgang mit Geld vorausgesetzt, immerhin decken.
Die Herstellung von kleinkalibrigen, mit speziellen Zügen versehenen Läufen erforderte einige Kenntnisse, über welche der ursprüngliche Hersteller des Stutzers, Furrer, anscheinend nicht verfügte. Dies hatte zur Folge, dass Zülly seinen Auftrag dem bekannten Stanser Büchsenmacher Bellmond erteilte, dessen hochwertige Erzeugnisse sogar den Weg in die Rüstkammer des Königs Viktor Emmanuel II. (1820 – 1878) in Turin gefunden haben.
Mit der Einführung des eidgenössischen Scharfschützenstutzers Modell 1851 endete die bisherige kantonale Stutzervielfalt, die vielen Landbüchsenmachern eine Verdienstmöglichkeit geboten hatte. Die militärische Stutzerproduktion wurde nach 1851 bei wenigen Herstellern konzentriert, wobei vermehrt industriell gefertigte Teile zur Verwendung kamen. Ein Opfer dieser Entwicklung war auch der Surseer Büchsenmacher Furrer, der 1856 in Konkurs ging und sein Haus verkaufen musste. Später amtete er zeitweise als Nachtwächter und erhielt von der Gemeinde Unterstützung.
Literatur: vgl. Slg. Carl Beck, Katalog 1998, S. 39/43, Nr. 7, Farbtafel.