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April-Mai 2022
Wenn du dich beim Meditieren ganz zu Hause fühlst, ist das eine wunderbare Erfahrung. Wenn du einmal in der Lage bist, in Stille zu sitzen und zu meditieren, stellen sich Harmonie, Ruhe, Ganzheitlichkeit und Zweifellosigkeit von selber ein. Du spürst ganz persönlich, dass du da bist – absolut da. Weil du dich von Kleinlichkeiten und Wunschdenken zu befreien vermagst, beginnst Du, grössere Dimensionen der Freiheit zu geniessen.
Die Praxis sollte ein Gefühl der Freude mit sich bringen. Sie ist ganz real, weder religiös noch fromm. Wenn der Gong ertönt und man mit der Meditation beginnt, kommen automatisch Vorstellungen auf von „Sollen“ oder „Nicht-Sollen“; „Können“ oder „Nicht-Können“; Vorstellungen von Bestrafung oder davon, ein „guter Junge“ oder ein „gutes Mädchen“ zu sein. Solche Vorstellungen müssen vollkommen losgelassen werden. Du musst ganz normal sein und das, was du tust, nicht mit Religion in Verbindung bringen.
Das Problem mit dem Festhalten an einer religiösen Einstellung ist, dass man sich schuldig fühlt, wenn man eine schlechte Körperhaltung hat, eine Zusammenkunft verpasst oder denkt, dass man nicht richtig meditiert hat. Dadurch baut man negative Gefühle auf und ist folglich nicht in der Lage, das Dharma zu hören. – Und deshalb macht das Praktizieren des Buddha-Dharma keine Freude.
Das Praktizieren könnte tatsächlich Freude bereiten. Freude zu haben ist keine Sünde. Eine gute Sitzhaltung aufrechtzuerhalten mag sehr schwierig erscheinen und sogar schmerzhaft sein; trotzdem könnte dies mit Freude und Erhabenheit einhergehen. Das Sitzen kann etwas Festliches sein. Man könnte sich zum Beispiel daran erfreuen, anständig zu sein, das Beste, was ein Mensch sein kann. Obwohl man sich das immer erhofft, ist es einem gewöhnlich wichtiger, zu trinken und zu essen, schöne Kleider zu tragen, sich die Zeit mit Partys und anderen Vergnügungen zu vertreiben und im Dreck zu liegen.
Aber mit der Praxis des Sitzens könntest du echte Festlichkeit entwickeln. Du könntest spüren, dass du ein Mensch bist, der wunderbare Dinge tun kann, nur weil du so sein kannst, wie du bist. Diese Freude scheint ein zentraler Punkt zu sein. Deshalb wird der Buddha als Sugata bezeichnet, als „derjenige, der freudig auf dem Pfad gegangen ist“. Der Buddha gilt nicht als „derjenige, der schmerzhaft gesessen hat“ oder „derjenige, der mit sich hadert“ oder „derjenige, der es geschafft hat, seinen Schmerz zu überwinden und nun die Buddhaschaft erlangt hat“. Er wird als freudvoll bezeichnet.
Der Weg ist freudvoll!
Ein Mensch zu sein, du selbst zu sein. Ein Mitglied der Sangha zu sein, ist freudvoll. Du solltest dich wirklich freuen. Freude kommt von dem Gefühl, dass die Dinge wahrhaftig so sind, wie sie sind. Das bringt grosse Freude, und es bringt noch grössere Freude, die Buddhanatur zu entdecken, deine angeborene Fähigkeit zum Erwachen. Daraus entwickelt sich ein Sinn für Humor. Du fühlst dich gesund, hast weniger Erkältungen und weniger Schmerzen. Du beginnst, dich vital und stark zu fühlen, weil du einheitlich bist und nicht in die verschiedenen schizophrenem Zustände des Seins zersplittert. Du bist ein Ganzes, ein vollständiges Wesen. Gleichzeitig beginnst Du auch, enorme Kraft und Stärke zu entwickeln, um anderen zu helfen, was herrlich und wunderbar ist. – Das ist ein wahres Wunder.The Path of Individual Liberation – Chögyam Trungpa