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Das Gebirge Nepals
Von Ton! Hagen
Mit 11 Bildern ( 95-105 ) und 4 SkizzenKathmandu und Lenzerheide ) V. Die Cho Oyu-Gruppe Der Cho Oyu ( 8200 m ) ist der westlichste der drei Achttausender des Solo-Khumbu-Gebietes. Er wurde im Jahre 1952 von den Engländern angegangen, aber erst 1954 durch die kleine österreichische Expedition unter Herbert Tichy - unter fast dramatischen Umständen - bezwungen. Obschon der Cho Oyu als « leichter Achttausender » in die Literatur eingegangen ist, so stellt seine Besteigung durch die kleine österreichische Equipe keine geringere Leistung dar als etwa der Sieg von Monstre-Expeditionen über höhere und schwierigere Gipfel!
Der Cho Oyu liegt an der nepalisch-tibetischen Grenze, einige Kilometer östlich des vielbegangenen Nangpa La ( 5806 m ), des Passes, der von Namche Bazar nach Tibet führt. Man könnte den Cho Oyu den « Wächter über dem Sherpaland » nennen. Nach der nunmehr abgeschlossenen Aufnahme von Gesamt-Ostnepal durch den Verfasser kann zum erstenmal das Verbreitungsgebiet der Sherpas umrissen werden. Aus diesem geht nämlich hervor, dass die Einwanderung der Sherpas von Tibet her vor einigen hundert Jahren hauptsächlich über den Nangpa La erfolgte; zum kleineren Teil durch das mehr westlich gelegene Rongshar-Tal. Durch das viel tiefere Arun-Tal im Osten dürften keine Sherpas nach Süden gewandert sein, denn an dessen Ostseite finden sich überhaupt keine Sherpasiedlungen und an dessen Westflanke nur vereinzelte kleine Dörfer in hohen Lagen. Das tiefst gelegene Dorf mit tibetischer Bevölkerung im Arun-Tal, Sempung ( 1600 m ), grenzt direkt an die hindu-istisch-nepalische Bevölkerungszone der Gurungs, Rais und Chetris.
Kern des heutigen Sherpagebietes ist einerseits das eigentliche Khumbu südlich Cho Oyu und Everest, mit den grossen Dörfern Namche Bazar, Thami, Khumjung und Chaunrikharka, deren religiöses Zentrum im grossen Kloster Thyangboche liegt; anderseits das Solu-Gebiet ( benannt nach dem Fluss Solu ) im Vorland des Himalayas, mit dem grossen Kloster von Phaphlu als Zentrum. Von hier aus nach Westen finden sich Sherpadörfer in Höhen über ca. 2000 m entlang der ganzen Südabdachung des Himalayas bis zum Sektor von Kathmandu. Tarke Ghyang, einige Kilometer nordöstlich Kathmandu, ist das westlichste Sherpadorf; weiter westlich konnten keine Sherpasiedlungen mehr festgestellt werden. Östlich des Dudh Kosi finden sich Sherpadörfer ebenfalls an der Südabdachung des Himalayas, aber nur bis zum Arun-Fluss. Von den beiden genannten Hauptzentren aus haben Sherpas sich zudem in einzelnen Siedlungen entlang den Handelswegen nach Darjeeling, Ilam, Dharan und Okhaldhunga niedergelassen.
Die Sherpas sind ein ausserordentlich sympathisches Volk. Besonders reizvoll gestaltet sich der Kontakt mit der frohmütigen und festfreudigen Bevölkerung in Dörfern, die abseits der Heerstrassen der grossen Expeditionen liegen. Ursprünglich tibetischer Abstammung, haben sie den tibetischen Buddhismus bewahrt, sprechen dagegen ihre eigene, mit dem Tibetischen verwandte Sprache. Sie haben ihren eigenen Haustyp, nämlich verputzten Steinbau mit Giebeldach, entwickelt, der sonst nirgends in Nepal anzutreffen ist. Die Häuser sind zweistöckig, mit Ställen und Vorratskammern im Erdgeschoss und dem einzigen grossen Wohnraum im ersten Stock. Die Wohnkultur mit den Bettstellen, den schönen geschnitzten Holztruhen, den schweren handgewobenen Decken und dem Holz- und Messinggeschirr ist Die Alpen - 1956 - Les Alpes14 DAS GEBIRGE NEPALS Leru Gang Prof. 2 Langtang A LANGTANO HIMAL Prof. 3 Dragpotse ^5^3 m KyangjinGnyang TUNG A HIMAL 7126 m ugyen Ganaa Deviku snisna Pangma Langst!isa PeaKj^ aoi3 m Proffi 4- Gangcnnenpo 6397 m JUGAL HIMAL Dorje Lakpa 6988X V Profil 5 Kdthmandu Becken ckb ) Khumbu -Becken ( Kuscnubfiâcne auarz/fe, Kalke rom. PanaKrlstaliin injekt. Miscngneisse vorw. Ortnokr/s/a/l/n Prâkarb. KalKeVerwerfung vorw. ParaKrlstail/n Tibetische Zone Parakrlst. m. Intruslonen vorw. Granite Präkarooniscne Kalke Shisha Pangma Khumbu Decken ( Kuì una Profil i Tibetische Zone 72S? m 6781 m Beding gìPang ou k KaiKe vorw Parakristallin Parakrist m. mtrusionen vorw Granite Kathmandu Becken ( KD ) Ptäkaroon. Kalke u Quarzitemkm vorn'Paraxristalli nr Numour ò363 m injections Misctigneisse tas^ vorw Orthokristailin Cho Oyu. 82oom Langmoche Khoia ennuie Gyanctiung Ka NawaKoi DecKen Karyo/ungKwangae ,b68i m Profil 3i.. ^ê^-N^vv
CA Cho Oyu ungefähr mit derjenigen unverdorbener Walliser Dörfer zu vergleichen. Sie ist somit ganz bedeutend höher als im hinduistischen Teil Nepals.
Die Sherpas sind eine selbstbewusste Rasse. Wenn der Verfasser für seine ethnologischen Studien nach der Art der Bevölkerung fragt, dann kriegt er von seinen Sherpas zuerst immer die stereotype Antwort ( sofern man sich unter 2000 m befindet ): « downpeople, Sir », was sie im vollen Umfange der Bedeutung des Wortes verstehen!
Geologie. Es gibt schönere und geologisch interessantere Berge als der Cho Oyu. Dagegen hat sein Zugangsweg von Süden her, vom Sherpadorf Thami, durch das Tal des Nangpa Bhote Kosi seine besonderen Reize. Es ist ein breites Talbecken, mit herben, nordischen Landschaftszügen. Im untern Teil ( 4000 m bis 4700 m ) erstrecken sich grosse Weiden. Im Hintergrund erheben sich schroffe, massige Gebirgsformen aus den gletscher-und schutterfüllten Tälern, wie z.B. der namenlose Gipfel 7257 m westlich des Nangpa La oder die Gipfel im Pangbuk. Bergformen, die sehr an den Karakorum erinnern!
Die Nordflanke des Cho Oyu wurde 1924 von Odell geologisch aufgenommen, die Südflanke 1952 erstmals von A. Lombard. Der Verfasser weilte im Herbst 1954 im Solo Khumbu. Der Anmarsch erfolgte von Kathmandu aus mit seitlichen Abstechern in alle Täler, welche zur tibetischen Grenze führen. Vom Gebiet des Gauri Sankars wurde durch das Rolwaling-Tal aufwärts marschiert, unterwegs in Beding ( 3600 m ) eine zweitägige Gömpa-Einweihung mitgefeiert ( mit viel Chang, versteht sich ) und nachher über den ca. 6000 m hohen, vergletscherten Pass des Tesi Lapcha das Gebiet Thami erreicht. Diese systematische Annäherung von Westen her, also von sicherer Ausgangslage, war in geologischer Hinsicht sehr nützlich und erleichterte die Beurteilung der geologischen Stellung des Cho-Oyu-Gebietes sehr.
Der Cho Oyu selbst ist vorwiegend aus Graniten und Gneisen gebaut, trägt aber eine Gipfelkappe von Paragneisen und Kalken, welche in Nordostrichtung fallen. Diese Kalke können wohl mit den Everestkalken verglichen werden, dürften ebenfalls permischen Alters sein und gehören zur tibetischen Zone. Die liegende Kristallinserie ist nicht einheitlich gebaut, sondern von Scherflächen und lokalen Verfaltungen durchzogen. Dies wird durch die Granitmassen und Granitgänge deutlich gemacht. Es handelt sich dabei um die üblichen randlichen Verschuppungen, welche sich am Übergang von den Deckenwurzeln zum tibetischen Plateau einzufinden pflegen. Auch der Granitgipfel ( 7257 m ) westlich des Nangpa La zeigt noch diese Schubflächen in den Gneisen. Die Senke des Nangpa La selbst ( 5806 m ) ist durch eine Nord-Süd verlaufende Antiklinale gekennzeichnet. Eine tektonische Trennungszone mit verschürften Paragneisen und Kalken konnte an der östlichen Talflanke des Nangpa Kosi, südlich Chhule, festgestellt werden, mit Nord-Süd-Streichen. Die überschobenen Serien sind zum Teil verfaltet. Bei Chhule biegt diese Schubfläche nach Westen ab und streicht durch das Pangbuk in das obere Rongshar-Tal, wo sie sich zu einer breiteren Sedimentzone zu öffnen scheint. Die Kristallinzone des Nangpa La dürfte in nordwestlicher Richtung - soweit man dies von Gipfeln weiter westlich feststellen konnte - ihren Überschiebungscharakter verlieren und in eine einfache, nach Nordwesten abtauchende Kristallin-Antiklinale ausklingen. Der namenlose Gipfel 23 092 Fuss ( 7038 m ), 40 km nördlich des Gauri Sankar, trägt zuoberst gerade noch eine Sedimentkappe, als Bedeckung der genannten Kristallinserie. Diese Zone entspricht der Khumbu-Decke 3, wie später festgestellt werden konnte.
Die südlich anschliessende Zone entspricht der Khumbu-Decke 2, wie schon im vorhergehenden Kapitel ( Shisha Pangma ) kurz erwähnt worden ist. Sie entwickelt sich aus der Shisha Pangma-Antiklinalen heraus und ist im vorliegenden Abschnitt ebenfalls durch grosse Granitmassen ausgezeichnet, wie sie z.B. den Menlungtse, 23 560 Fuss ( 7181 m ) auf- bauen und auch weite Gebiete nordwestlich Thami bedecken. Nach Osten nimmt der massige Charakter ab, und bei Thami weisen sie im allgemeinen antiklinale Struktur auf.
Die Überschiebungsfläche der Khumbu-Decke 2 über die Khumbu-Decke 1 wurde im Gebiet des Tesi Lapcha gefunden, gekennzeichnet durch zahlreiche Scherflächen in biotitreichen Paragneisen und Glimmerschiefern. Bemerkenswert an dieser Lokalität ist ein Abdrehen der allgemeinen Streichrichtung, aus dem bisherigen Südoststreichen westlich des Tesi Lapcha in ein Südsüdoststreichen östlich davon, was in Zusammenhang mit den im Everestgebiet auftretenden Querstörungen steht. Hierdurch streicht die Schubflächenzone vom Tesi Lapcha zunächst ins Thyangbo -Tal hinunter, um hernach den Grat zwischen den Punkten 21 850 Fuss ( ca. 6600 m ) und 21 720 Fuss ( ca. 6200 m ) in Ostsüdostrichtung zu schneiden.
Weiter südöstlich, im Gebiet des Kwangde 20 320 Fuss ( 6194 m ) sind die von Paragneis-bändern durchzogenen Granitgneisserien der Khumbu-Decke 2 durch auffallende Rück-faltungserscheinungen ausgezeichnet.
Besonders markant zeigt sich die Überschiebung der Khumbu-Decke 1 auf die Kath-mandu-Decken bei Nangaon im Rolwaling-Tal. Längs einer stark tektonisierten, verschürften Kalk- und Biotitgneiszone sind dort Granitgneise diskordant aufgeschoben. Letztere enthalten die für die Kathmandu-Decke 5 so charakteristischen, schiefen Pegmatit-dykes ( Kathmandu-Decke 5 im Westen ist identisch mit der Khumbu-Decke 1 im Osten ). Von Nangaon zieht die Überschiebungsfläche südlich am Numbur ( 6954 m ) und Karyolung ( 6680 m ) vorbei nach Ghat am Dudh Kosi, wo sie schon 1952 von A. Lombard festgestellt worden ist.
Bei der obigen Beschreibung des Cho Oyu und seiner südlich und westlich benachbarten Gebiete wurden schon Bezeichnungen und tektonische Gliederungen eingeführt, deren nähere Begründung z.T. erst im nächstfolgenden Aufsatz über den Everest folgen wird. Es sei vorderhand nur festgehalten, dass östlich des Gauri Sankars, aus dem tibetischen Plateau heraus, neue Decken - die Khumbu-Decken - mit ähnlichem Charakter wie die Kathmandu-Decken sich nördlich an die letzteren anschliessen. Von den Khumbu-Decken weist vor allem die unterste ( 1 ) ausgeprägte Deckenstruktur auf mit ihrem flachgelagerten Südteil.
Die Kathmandu-Decke 4 konnte östlich des Gauri Sankars nicht mehr ausgeschieden werden, und die Kathmandu-Decken 1 bis 3 nehmen nach Osten ganz allgemein an Mächtigkeit und Bedeutung ab. Östlich des Dudh Kosi beträgt die totale Mächtigkeit nur noch ca. 4 km. Die Kathmandu-Decken bauen hier auch nicht mehr die Hauptkette des Himalayas auf, sondern sie liegen an dessen Südabdachung. Die Hochgipfel der Hauptkette werden östlich des Gauri Sankars ausschliesslich von den Khumbu-Decken gebaut, und zwar von deren steilgestellten Wurzeln.
VI. Gruppe des Mount Everest-Lhotse Allgemeines. Der Mount Everest ist der besterforschte Achttausender. Zahlreiche Expeditionen massen ihre Kräfte an ihm, bis schliesslich im Sommer 1953 die britische Expedition unter Leitung von Col. J. Hunt den Gipfel erreichte.
Die Vorarbeit zur Erschliessung und Besteigung wurde hauptsächlich von den Engländern geleistet. Mehrere britische Expeditionen gingen den Everest zwischen den beiden Weltkriegen, als Nepal noch verschlossen war, von der tibetischen Seite her an. Die beglei- DAS GEBIRGE NEPALS tenden Geologen Wager und namentlich Odell haben dabei wertvolle wissenschaftliche Arbeit geleistet.
Als Nepal im Jahre 1950 für die Bergsteiger geöffnet wurde, waren es wiederum die Engländer, welche unter Shipton zum erstenmal die Besteigungsmöglichkeiten von Süden her erkundeten. Die beiden schweizerischen Expeditionen 1952 haben den Durchstieg durch y./.»— Antiklinalachse " JSynkiinalachse',.:.schubflàche:''/.20 HmTÏÏ5
Geologie. Die Südseite des Everest wurde zum erstenmal von A. Lombard, Mitglied der ersten schweizerischen Everest-Expedition, geologisch studiert ( 1952 ). Der französische Abbé P. Bordet, welcher die beiden Expeditionen an den Makalu 1954 und 1955 begleitete, hat zweimal von Osten her dem Everest einen Besuch abgestattet, und die Verbindung der geologischen Erforschung des Gebietes zwischen Makalu und Everest hergestellt.
Der Verfasser endlich weilte im Herbst 1954 im Solu Khumbu, reichlich spät allerdings. Am 23. November schlug er in den eisigen Winterstürmen im Basislager am Khumbu-Gletscher seine Zelte auf. Es war ihm vor allem darum zu tun, die Geologie des Everest-gebietes in den grösseren Rahmen der Nepal-Geologie zu stellen. Wertvoller für die Erreichung dieses Zieles war dann allerdings die Begehung des Arun-Makalu-Gebietes ein'Jahr später. Im engeren Everestgebiet konnte die grundlegende tektonische Gliederung von Lombard übernommen werden.
Um es vorweg zu nehmen: das Everestgebiet, namentlich die Südseite, ist geologisch nicht sehr interessant; ja, verglichen mit Annapurna und Dhaulagiri, sogar langweilig. Das Interesse der zahlreichen Geologen galt wohl mehr dem Nimbus des höchsten Berges der Erde als der Geologie als solcherWie Lombard schon feststellte, sind bei Ghat am Dudh Kosi die flach gelagerten Khumbu-Decken diskordant über die Kathmandu-Decken überschoben. Sie bestehen u.a. aus Biotitgneisen, Chloritglirnmerschiefern und Augengneisen mit mannigfachen Intrusionen und Granitisierungen. Der Verfasser konnte mit Sicherheit drei verschiedene Khumbu-Decken ausscheiden.
Die Schubfläche, welche die Khumbu-Decke II von der liegenden Khumbu-Decke I abtrennt, wurde in der Schlucht 1 km südlich Namche Bazar in Form einer tektonisierten Zone mit Paragneisen und Kalkschürf lingen gefunden. Infolge der sich hier überlagernden, normalen Nordwest-Südost-Strukturen mit den Nord-Süd verlaufenden Querstörungen zeigt sie einen sehr komplizierten Verlauf, nämlich um den Sporn von Namche herum in das kleine Tal von Khumjung ( wo der Sedimentzug zum erstenmal entdeckt wurde und deshalb den Namen Khumjung-Zug erhielt ), dann über Mande in den untern Teil der Nordost-und Ostflanke des Kwangde.Von der Dudh-Kosi-Brücke südlich Namche zieht er sich an den beiden Talflanken südwärts. Dieser merkwürdige Verlauf wird durch eine Antiklinale verursacht, welche durch das Dudh-Kosi-Tal nach Süden streicht, sowie durch das Einmünden der Nangpa-La-Antiklinalen in den Kessel von Namche.
Die Trennung zwischen Khumbu-Decke II und III wurde wenig westlich Pangboche in Form eines tektonisierten Kalkmarmorzuges, begleitet von biotitreichen Gneisen, entdeckt. Sie wird daher von nun an Pangboche-Zug genannt. Auch dieser weist infolge der sich kreuzenden Strukturen eine sehr komplizierte Form auf. Von Pangboche aus holt er weit ins Dudh-Kosi-Tal aus, während er nach Süden die Gipfelpartie der Kangtega abtrennt, um sich hernach durch das Mingbo-Tal nach Südosten zu ziehen. Die Khumbu-Decke III weist bei Dingboche-Lobuje, an den ausserordentlich steil geformten Gipfeln gut sichtbar, eine Nordwest-Südost verlaufende Antiklinale mit nördlich anschliessender Mulde auf.
Am Fuss des Nuptse ( 7827 m ) endlich ist der Nuptse-Granit über die Paragneise der Lobuje-Serie überschoben ( Nuptse-Schuppe von Lombard ). Am Lhotse- und Everest-gipfel erscheinen auf dem Nuptse-Granit mittels einer feinkörnigen Paragneisserie die Everest-Kalke permischen Alters weiter verschuppt, wie später an der Ostflanke des Everest festgestellt werden konnte. Das auffallende gelbe Band unter den Everest-Kalken dürfte wohl dem Karbon entsprechen. Bei Kabgeni ( N. der Annapurna ) wurden ähnliche, fossilbelegte Karbonschichten mit solchen Quarzitbändern gefunden.
In der Ostflanke des Mount Everest ist deutlich zu sehen, wie eine Überschiebungsfläche vom Süd-Col aus steil nach Norden fällt. Die liegende Serie - die Nuptse-Schuppe - weist im Westteil des Lhotse eine nach Süden gerichtete Antiklinalstruktur auf. Längs der genannten Schubfläche ist das höchste tektonische Element, nämlich die Everest-Schuppe, auf die Nuptse-Schuppe aufgeschoben. Die Everest-Schuppe enthält im Kern Granite. Diese sind von einer Hülle von Paragneisen umgeben, in welche Granitlagergänge intrudiert sind. Im Nordost-Col des Everest ( im Grat zwischen Rongbuk-Gletscher und Kang-shung-Gletscher ) herrscht in den Everest-Kalken Südfallen. Dies wird durch Rückfaltungs-erscheinungen verursacht, wie sie auch an anderer Stelle ( z.B. am Dhaulagiri und an der Annapurna ) charakteristisch sind für die Grenzzone zwischen den Deckenwurzeln und der tibetischen Zone. Dabei ist die ganze SO-NW verlaufende Synklinalstruktur in der Kang-shung-Flanke von einem beträchtlichen NW-Axialgefälle überlagert.
Weiter gegen Norden werden Struktur und Lagerung zunehmend ruhiger und flacher.
In der Südwand des Nuptse sind besonders gut die Nord-Süd verlaufenden Transversal-strukturen erkennbar. Der Nuptse-Granit bildet hier zwei Querantiklinalen ( östliche und westliche Nuptse-Antiklinale ), getrennt durch eine schmale Sedimentsynklinale ( Nuptse-Synklinale ), in welche die Lhotse-Sedimente bis gegen 6000 m hinunter reichen. Es ist auch deutlich sichtbar, wie Lagergänge von den beiden Granitantiklinalen ausstrahlen und gegen die zwischenliegende Sedimentsynklinale auskeilen, und wie die strukturformenden Kräfte von Osten und Westen konvergent gegen die in der Mitte sich befindliche Synklinale gerichtet waren. Der Gipfel des Everest liegt in dieser Synklinale. Die Nuptse-Querantiklinalen streichen beidseits des Imja Kholas und parallel zu ihm nach Südwesten und vereinigen sich südlich Namche Bazar mit der Nangpa-Antiklinalen zur Dudh-Kosi-Antiklinalen. Diese zeigt südliches Axialgefälle und verschwindet bei Ghat. Wichtig ist nun die Tatsache, dass die Deckenüberschiebungen ( Pangboche-Zug und Khumjung-Zug ) von den Nuptse-Dudh-Kosi-Querstörungen mit erfasst sind. Diese sind also bestimmt jünger als die Überschiebungen.
Noch weiter gegen Süden, nach Durchlaufen der Wurzeln der Kathmandu-Decken, macht sich die Everest-Nuptse-Querstörung wieder verstärkt bemerkbar. Die Antiklinalen in den Nawakot-Decken lagern sich in grossem Bogen um die Dudh-Kosi-Senke, letztere zu einer Mulde formend. Die letzten Ausläufer der Nuptse-Querstörung finden sich weit im Süden, in der Siwalik-Kette, in Form von Querbrüchen bei Tintale und bei Namje ( östlich und westlich Udaipur Garhi ) mit bedeutenden Transversalverschiebungen und Queraufwölbungen. Das dazwischenliegende Gebiet weist wiederum Synklinalen Charakter auf, indem die überschobenen Kathmandu-Decken bei Udaipur Garhi auffallend nach Süden in die Siwalik-Zone vorspringen. Auch hier ist somit das junge Alter der Nuptse-Everest-Querstörung erwiesen!
Die Quersynklinale des Everest setzt sich aber auch nördlich des Everest noch fort, und zwar in verstärktem Masse. Doch darüber soll im nächsten Aufsatz berichtet werden, da die betreffenden Beobachtungen anlässlich der Begehung des Arun-Makalu-Gebietes gemacht worden sind.
Zusammenfassend lässt sich nun die überraschende Feststellung machen, dass der Mount Everest, der höchste Berg der Erde, nicht in einer axialen Kulmination liegt, sondern synklinal gelagert ist in bezug auf das Längsprofil. Im Querprofil betrachtet ist er eine nördlichste, steilgestellte Schuppe in der Wurzelzone der Khumbu-Decke III, am Übergang zum tibetischen Plateau. Damit nimmt der Everest die gleiche geologische Stellung ein wie Dhaulagiri, Annapurna und Manaslu.
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