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"Die Sprache hat also offenbar mehr mit Ent- als mit Behauptungen zu tun. Mehr mit Zerreissen und Zerrissenwerden als mit Zusammenfügen, Zusammengehören oder -hörigkeit; mehr auch mit Schweigen als mit Ausplaudern."
"Es geht auch um eine Art sich umkehrende Transsubstantiation, eine Umkehrung der Wandlung: das Fleisch wird Wort, das Fleischgemisch verflüssigt sich und wird zum Wortschwall und mit ihm alles das, was sich im Lauf der Jahre und der Jahrzehnte aus der Bitternis, der Säure, der Wut kristallin, versteinert ins Fleisch eingekapselt hatte."
"Das Vorhaben eines sich so verstehenden Schreibens ist - im Unterschied zu der als ' Kunst des Nacheinander' definierten Dichtkunst - ein angeblich unmögliches: alle Schichten, über/unter/ineinander, Stimme werden zu lassen und sie doch zugleichin ihrer ihnen gehörenden, ihnen zustehenden Verschwiegenheit zu belassen."
Anne Duden schilderte in ihren Vorträgen Schreiben als eruptiven und nächtlich-monströsen, aber auch vielstimmigen und z. T. gar erlösenden (Gebär-)Prozess. Literatur als dessen Produkt versteht sie als einen Gedächtsniskörper, in dem das gesellschaftlich und persönlich Verdrängte Raum erhält. Doch das Erinnern sei zugleich auch ein Vergessen, ein "Dahintreiben und woanders Ankommen". Die Sprache falle den Schreibenden zwar zu, löse sich aber auch wieder von ihnen: Sie lebe, indem sie sich "veräussere".
Anne Duden (*1942) lebt seit 1978 in London und Berlin. Sie schreibt Prosa und Lyrik (u. a. Das Judasschaf 1985; Wimpertier 1995) sowie Essays, die von Bildern und Musikstücken ausgehen (Der wunde Punkt im Alphabet 1995). Ihre Zürcher Poetikvorlesungen sind in überarbeiteter Form in Zungengewahrsam (1999) veröffentlicht.