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Titel
Schœnenwerd
(Kt. Solothurn, Amtei Olten-Gösgen). 402 m. Gem. und Pfarrdorf, am rechten Ufer der Aare und im untersten Teil des Kantons (Niederamt), 8 km onö. Olten und 4 km sw. Aarau. Station der Linie Zürich-Aarau-Olten. Postbureau, Telegraph, Telephon. Gemeinde, mit Holz: etwa 400 Häuser, 1812 Ew. (wovon 908 Katholiken und 903 Reformierte);
Dorf: etwa 360 Häuser, 1536 Ew. Kathol. und reform. Kirchgemeinde. 1827 zählte der Ort blos 530 Ew. Die grosse Zahl der Reformierten rührt von der Einwanderung von Arbeitern aus den Kantonen Bern, Zürich und Aargau her.
Der untere, neuere Teil des Dorfes mit den vielen Fabrikgebäuden breitet sich in der Sohle des Aarethales aus, während die ältesten Siedelungen sich um den «Bühl», einen stark hervortretenden felsigen Bergvorsprung, auf dem die Stiftskirche steht, gruppieren oder am N.-Hang des Eppenberges, der ö. Fortsetzung des Engelberges, sich ins Holz hinaufziehen. Hier treffen wir noch das alte, mit Stroh ¶
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bedeckte alemannische Bauernhaus und daneben die moderne Villa. Ueber der «Halde», einem jähen Felsabhang, die sich vom Bühl weg bis gegen Roggenhausen hinzieht, liegt der Weiler Riedbrunnen. Schönenwerd hat durch die Einführung und die grossartige Entwicklung der Industrie seit einigen Dezennien eine völlige Umgestaltung erfahren. Bis in die Dreissiger Jahre des 19. Jahrhunderts bestand der Ort blos aus den Stiftsgebäuden, einigen Werkstätten für Handwerker und einer Anzahl von Bauernhäusern, während ihm heute zahlreiche neue Wohnhäuser und Villen, sowie die ausgedehnten Fabrikbauten ein ganz modernes, wohlhabendes und beinahe städtisches Aussehen geben.
Malerisch erhebt sich aus den Häusern von Schönenwerd der Bühl mit den mächtigen Linden vor der alten Stiftskirche (jetzt christkatholische Kirche), deren Turm 2 Kuppeln trägt. Auf dem Bühl ist auch die von Bildhauer Richard Kissling geschaffene Bronzebüste des Gründers der Schuhindustrie und durch sein gemeinnützig wohltätiges Wirken ausgezeichneten C. Franz Bally aufgestellt. Um die Kirche gruppieren sich die noch jetzt durch ihre Bauart auffallenden ehemaligen Wohnungen der Stiftsherren, von denen sich z. B. die einstige Kaplanei mit dem 1610 neu erbauten Kreuzgang direkt an die Kirche anschliesst.
Ebenfalls in der Nähe stehen das schöne, wohleingerichtete Primarschulhaus, das Gemeindehaus und die Bezirksschule (ehemalige Propstei). Die römisch-katholische Kirche wurde 1877 erbaut. Dem Ufer der Aare entlang ziehen sich die von Franz Bally aus ehemaligem Schachenland geschaffenen, weitausgedehnten und dem Publikum offenen Parkanlagen mit einer Nachahmung von Pfahlbauten. Eine gedeckte hölzerne Brücke über die Aare (1864 erbaut) vermittelt die Verbindung mit dem Gösgeramt.
Von der ursprünglich römisch-katholischen Pfarrgemeinde hat sich 1876 die christkatholische Gemeinde abgetrennt. Die während 20 Jahren von Aarau aus pastorierten Reformierten konstituierten sich 1899 mit denen der umliegenden Gemeinden als eigene Kirchgemeinde. In der christkatholischen Gemeinde Schönenwerd ist auch diejenige von Nieder Gösgen mit eigenem Gottesdienst eingepfarrt. Zu den betreffenden Kirchgemeinden von Schönenwerd gehören ferner noch die Bewohner von Eppenberg-Wöschnau.
Der ursprüngliche Lokaldialekt ist durch die überwiegende Einwanderung bereits verwischt worden. Die Landwirtschaft hat nur noch geringe Bedeutung, und nur ein kleiner Teil der Einwohner widmet sich ihr vollständig. Von den rund 400 Häusern des Ortes dienen 30 ausschliesslich dem Fabrikbetrieb. Von gewerblichen Betrieben sind zu nennen eine grössere Brauerei, eine Schlosserei und Storrenfabrikation. Was dem Ort aber seine Bedeutung und seinen Haupterwerb verschafft, das ist die grossartige Industrie, die, aus kleinen Anfängen hervorgegangen, heute zum Teil Weltruf erlangt hat.
1823 begann Peter Bally, dessen Vater als Tiroler Maurer eingewandert und als Hausierer von seidenen Bändern etc. zu einigem Wohlstand gelangt war, die Bandweberei, zu der später die Herstellung von elastischen Hosenträgern kam. Die heutige Bandfabrik mit grossem Neubau ist aus diesen Anfängen hervorgegangen. Etwas später begann Jost Brun (aus dem Kanton Luzern) die Kappenweberei, die sich zu der jetzigen, ebenfalls sich ausdehnenden Trikotfabrik weiterentwickelte. Der bedeutendste Schritt war aber die 1851 erfolgte Einführung der Schuhfabrikation durch C. Franz Bally, der bald die Elastiquesfabrikation folgte. Ausserordentliche Schwierigkeiten begleiteten den Anfang, sodass die ganze seltene Energie und zähe Ausdauer des Gründers nötig war, sie zu überwinden. Nach und nach begann das Geschäft zu blühen und nahm nach Vervollkommnung des Fabrikats, Einführung der neuesten amerikanischen Maschinen, Anknüpfung von ausländischen Handelsbeziehungen etc. später einen gewaltigen Aufschwung, so dass die Schuhfabrik Schönenwerd heute das grösste europäische Etablissement dieser Art ist. 1860 beschäftigte die Bandfabrik 150, die Trikotfabrik 100, die Schuh- und Elastiquesfabrik 500 Arbeiter. Erstere zwei und die vor beiläufig zwanzig Jahren hieher verlegte Chemische Fabrik zählen heute zusammen mehrere hundert Arbeiter, die Schuh- und Elastiquesfabrik dagegen deren etwa 2400, so dass jetzt etwa 3000 Arbeiter in Schönenwerd lohnenden Verdienst finden. Davon wohnen nur etwa 1/5 im Orte selbst, während der grösste Teil sich auf die umliegenden Ortschaften, bis auf ziemliche Entfernungen hin, verteilt. Die seit Jahren eingeführten Arbeiterzüge bieten hierin grosse Erleichterungen. Die Schuhfabrik (heutige Firma C. F. Bally Söhne) hat in der Umgegend und auch in andern Kantonen noch weitere Filialfabriken mit zusammen über 1000 Arbeitern errichtet, so in Aarau, Nieder Gösgen, Gränichen, Schöftland, Reitnau, Kulm, Kirchleerau.
Ueber 500 Personen werden mit Hausindustrie beschäftigt. Sämtliche Produkte kommen in die grossen Magazine in Schönenwerd, von wo aus der Versand stattfindet. Die Tagesproduktion beträgt gegenwärtig 8500 Paar Schuhe. Jährlich wandern etwa 500000 Paar Schuhe ins Ausland und zwar zu einem grossen Teil über London in die englischen Kolonien und nach Südamerika. Speziell erwähnt seien die zahlreichen Wohlfahrtseinrichtungen, die, meistens von C. F. Bally ins Leben gerufen, jedermann zugänglich sind, so die Kleinkinderschule, die Badanstalt, das Kosthaus, die Parkanlagen, die Wasserversorgung, die Kranken- und Sterbekasse, die Jugend- und Volksbibliothek. Von den rund 30 Vereinen seien besonders erwähnt der Leseverein, der Hilfsverein und der Konsumverein. Für Vereinsaufführungen und gesellige Anlässe ist jüngst ein prächtiges Konzertgebäude aufgeführt worden. Genannt seien auch das sehr reichhaltige Privatmuseum des Herrn Bally-Prior, die Pfahlbautensammlung in den Anlagen (Kapelle) und die wertvolle Münzsammlung des Herrn Bally-Herzog.
Geschichtliches.
Einzelfunde von Steinbeilen, Feuerstein-Artefakten und Bronzegegenständen weisen auf früheste Besiedelung hin. 2 keltische Goldmünzen und mehrere römische Münzen. Erste urkundliche Erwähnung 778, in welchem Jahr in einem Testament des Bischofes Remigius von Strassburg der Bischof Rupert als Erbauer des monasteriolum Werith genannt wird, das sich auf dem jetzigen vorspringenden Bühl erhob (Werd oder Wörth = Flussinsel, auch Halbinsel). Das Gebiet gehörte damals in die Einung Grechchinbach (= Gretzenbach).
Das Klösterlein wurde dem Domstift Strassburg einverleibt, gehörte aber zum Konstanzer Bistum. Um 1050 sprechen die Urkunden von einem Kollegiatstift unter Propst Rudolf. 1230 wurde auf dem gegenüberliegenden Felsvorsprung zu Bötzach (jetzt Nieder Gösgen) ebenfalls auf Stiftsgebiet die Burg Gösskon erbaut, worauf deren Erbauer, Gerhart I., die Schutzvogtei über das Stift an sich brachte. Daraus entstanden endlose Reibereien zwischen den Stiftsherren und den Rittern von Gösskon. Von letztern sind Marquard III. († 1343) und Johann III. in der Stiftskirche begraben, wo ihre Grabsteine heute noch erhalten sind.
Nach der Eroberung des Aargaues stand das Stift 1415-1419 unter bernischem Schutze. Dann ging die Kastvogtei an die Grafen von Falkenstein, die Nachfolger der Gösskoner, über. Das interessante spätgotische Grabdenkmal des Hans von Falkenstein befindet sich nebst demjenigen seines Sohnes Hans Friedrich in der 1427 ¶
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errichteten linken Seitenkapelle der Kirche. Nachdem 1444 die Burg Falkenstein von den Bernern und Solothurnern, um den Ueberfall von Brugg an Thomas von Falkenstein zu rächen, zerstört worden war, kam Werd (Dorf, Stift und Kastvogtei) mit der Herrschaft Gösgen 1458 durch Kauf an Solothurn. Zunächst stand nun Schönenwerd unter der Verwaltung der Landvögte von Gösgen, die zuerst auf Wartenfels und nach Wiederaufbau der Burg 1498 bis zu deren nochmaliger Zerstörung 1798 in Nieder Gösgen wohnten. 1521 verlor der Bischof von Strassburg sein Bestätigungsrecht des Propstes an Solothurn. 1623 wurde Werd mit dem rechtsufrigen Niederamt dem Schultheissenamt Olten zugeteilt. Im Bauernkrieg forderte General Werdmüller von Schönenwerd aus Olten zur Uebergabe auf.
Bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts war Schönenwerd nach Gretzenbach schulgenössig und bis 1859 dahin auch kirchgenössig. Bis 1798 war der Propst zugleich Vorsteher der Gemeinde, die sich im Korridor der Propstei versammelte. Im Dorfbrief von Schönenwerd aus dem Jahr 1410 (Staatsarchiv Solothurn) sind interessante Aufschlüsse über die einstigen Verhältnisse zwischen Stift und Gemeinde zu finden. Hervorragende Pröpste waren der Minnesänger Hesso von Rinach, Konrad und Gerhart von Gösskon (1323-1331), Hugo Bader (1388), Joh. Trüllerey (1399); Konrad Mürsel, der «Sänger zu Wert» (1472). Als Chorherr von Schönenwerd starb 1660 der gelehrte und einst berühmte Johannes Barzäus, der beste lateinische Dichter der Schweiz und guter Schulmann, bekannt durch seine Epistolae heroum helvetiorum.
Die Stiftskirche ist eine Sehenswürdigkeit; sie stammt aus dem 12. Jahrhundert und ist als romanische Basilika (dreischiffig, ohne Querhaus) angelegt. Durch mehrfache Umbauten und Restaurationen ist sie ihres ursprünglichen Charakters fast völlig beraubt worden, sodass sie nun in ihren einzelnen Teilen vom romanischen weg alle Stilarten zeigt. 1388 wurde das Gotteshaus von den Bernern und Solothurnern auf dem Kriegszuge nach Rapperswil verbrannt, dann aber von Propst Hugo Bader wieder aufgebaut. 1491 fand eine Neueinweihung statt, jedenfalls nach dem Bau der gotischen Seitenkapellen. 1586, 1610 und um 1666 nahm man umfassende Restaurationen vor. 1634 hatte der Bau noch 2 Türme, die nachher abgeschrotet und durch den jetzigen Turm ersetzt wurden.
Die wertvolle Kanzel stammt aus 1647, und aus eben dieser Zeit mögen auch der barocke Hochaltar und der Altar der Muttergotteskapelle, sowie die geschmackvolle Innendekoration datieren. Zu einem Marienbilde, das zur Reformationszeit aus der Aare aufgefischt worden sein soll, wurde bis zu der (am erfolgten) Aufhebung des Stifts von weither gewallfahrtet. 1889 fand die letzte durchgreifende Renovation statt. Ausser den bereits erwähnten Grabmälern ist bemerkenswert der mit den Insignien geschmückte Marmorsarkophag eines Prinzen aus dem Hause Luxemburg-Montmorency, der als Emigrant während der französischen Revolution in Aarau starb und als Katholik in Schönenwerd begraben wurde. Das Grabmal des Propstes Konrad Mürsel (1472) befindet sich im Landesmuseum, ebenso Gefässe etc. aus der Sakristei. Ein wertvolles Reliquiar aus dem 15. Jahrhundert wird im Museum und der Ofen der Stiftsschule im Steinernen Saal zu Solothurn aufbewahrt.
Bibliographie.
Rahn, J. R. Die mittelalterlichen Kunstdenkmäler des Kantons Solothurn (mit eingehenden Quellenangaben). Zürich 1893. - Gedenkschrift zur Einweihung des neuen Primarschulhauses. Schönenwerd 1890. - 50 Jahre der Firma C. F. Bally Söhne. Basel 1901 (elegantes Album mit reicher Illustration). - Aus eigener Kraft. Neuenburg 1906.