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Ein Funkgerät aus dem Dritten Reich wurde mitten in Zug in einer geheimen Dachkammer versteckt. Klingt nach einer Räuberpistole? Dachten wir auch. Ist es aber nicht. Wir machen uns in einer Artikelreihe auf die Suche nach dem Spion hinter dem Funkgerät, und tauchen tief ein in die Zeit des Zweiten Weltkriegs in Zug. Luft holen. Los geht's.
Plötzlich sieht er die Schrauben in der Decke. Eine der Täferplatten ist anders als alle anderen. Wir schreiben die frühen Achtzigerjahre, Aldo Caviezel ist noch nicht Leiter des Amts für Kultur, sondern ein Zuger Teenager, vierzehn Jahre alt.
Er sitzt in seinem Zimmer im Chalet Alpina, im Turm, direkt unter dem Dach. Draussen Aussicht auf das alte Landis & Gyr-Gebäude, das Theilerhaus, in jedem Fenster hängt weisse Wäsche der italienischen Einwandererfamilien, die das Haus damals bewohnen, wie ein Schiff sieht es aus, das gleich davonfährt.
Und dann fällt ihm die Kachel in der Decke auf. Und er kombiniert schnell: Über seinem Zimmer gibt es eines kleines Turmdach. Ein kleiner zierlicher Abschluss des Turms. Kommt man vielleicht durch sein Zimmer da hinauf?
Caviezel holt den Vater zur Hilfe, zusammen schrauben sie die Platte ab. Und bezahlen ihre Neugier schwer: Eine Staubwolke taucht herab und füllt Caviezels Zimmer und eine Masse toter Fliegen ergiesst sich über seinen Kopf. Zumindest ist es so in seiner Erinnerung, sagt Caviezel, und lacht. «Und dann musst du dir vorstellen», sagt er, «dann fällt eine Strickleiter nach unten.» Wie im Film.
Und der Film wird noch besser. Caviezel, ungeschreckt durch die Fliegen und den Staub, holt eine stabilere Leiter und steigt hinauf. Er gelangt in ein kleines, rundes Turmzimmer, eine Art Miniatur-Estrich, mit kleinem Fenster. «Noch mehr tote Fliegen», sagt Caviezel. Ganze Generationen davon, der Aufstieg und Fall einiger Fliegenvölker, immerhin, sie hatten Zeit. Und an der Wand des Zimmers stehen: Zwei Funkgeräte, ein Kopfhörer hängt am Nagel an der Wand, und eine Draht-Antenne ist bis ins Dach des Turms gezogen.
Was ist hier geschehen?
Zwei fixe, schwere Geräte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, sagt Caviezel heute, ein Sender und ein Empfänger. Immerhin war er im Militär Funker, er weiss sowas. Der junge Caviezel schleppt die Geräte in sein Zimmer und schraubt sie auf, und das Hakenkreuz auf den elektronischen Bauteilen fasziniert ihn so fest, dass er heute, 25 Jahre später, immer noch daran denkt. Ein Nazi-Funkgerät, versteckt in einem Zuger Turmzimmer! Fantastische Geschichte.
Ermöglicht durch Förderfonds M.M.V.
Diese vierteilige Recherche wurde unterstützt durch den Verein M.M.V. Der als gemeinnützig anerkannte Verein setzt sich für die Förderung der Medienvielfalt in Luzern und Zug ein. Nebst dem regionalen Bezug sollen die geförderten Artikel Einblicke bieten, die über das journalistische Tagesgeschäft hinausgehen. Interessierte finden hier weitere Informationen.
Denken wir auch und stürzen uns in die Recherche. Wem das Gerät gehört hat, haben wir nicht herausgefunden. Aber wir haben einen ziemlich starken Verdacht. Willkommen in einer besonderen Welt. In einer Kleinstadt, in der der Zweite Weltkrieg nur leise zu hören war, in Form von Bomben auf Schaffhausen, und auch mal zu sehen, in Form eines amerikanischen Bombers, der im Zugersee notwasserte.
Eine Stadt, in der noch viel mehr stattfand als das; in der Spione ihrem Handwerk nachgingen, in der schweizweit bekannte Nationalsozialisten Reden hielten, in der sich nationalsozialistische Vereine gründeten und über Jahre bestehen blieben, aus der Menschen in den Krieg zogen und umkamen. Und in der offenbar jemand ein Funkgerät in einem Turmzimmer installierte, zu uns noch gänzlich unbekannten Zwecken.
Fragen über Fragen stellen sich: Was ist hier geschehen? Und wieso war es noch da, das Gerät? Hätten Spione es nicht beseitigt, um ihre Spuren zu verwischen? Und was könnte hier gefunkt worden sein? Hat hier jemand nach Nazi-Deutschland Nachrichten geschickt, mit einer Enigma-Maschine verschlüsselt? Oder mitgehört, wenn andere funkten? Wir brauchen erst Mal einen Überblick.
Das Haus
Wir steigen also ins Archiv und graben uns durch alte Telefonbücher, Familiennachlässe, Stadtarchiv-Karten. Einmal tief Luft holen, liebe Leser, der Staub verzieht sich bald. Dahinter kommt uns ein Chalet Alpina aus einer anderen Zeit entgegen.
Es ist ein Kind der Jahrhundertwende. Von der Parquet-und-Chalet-Fabrik Interlaken vorgefertigt, mit der Eisenbahn nach Zug gebracht und da aufgebaut, im Jahr 1906. Das Haus diente dem Landis & Gyr-Mitgründer Heinrich Landis als Familiensitz. Ein schönes Haus, prächtige Jugendstil-Wohnungen, eine «opulente Holzburg», schreibt der Kunsthistoriker Heinz Horat.
Nun, kurz vor dem Krieg steht das Chalet reichlich heruntergekommen vor uns. Ein Wasserschaden in den 30ern hat das Haus nach Heinrich Landis' Tod unbewohnbar gemacht – seine Söhne wohnen nicht mehr dort. Zumindest suggeriert das ein Brief des Landis-Erben an das Zuger Kriegswirtschaftsamt 1942. Draussen ist Krieg, und drinnen, hier in Zug, herrscht Knappheit an allem – auch an Wohnraum.
Das Amt will das Chalet Alpina zwangsvermieten, weil es schon so lange leersteht. Das kommt der Erbengemeinschaft ungelegen – sie will das Haus loswerden, und das geht besser ohne Mieter. Man fügt sich: Kurz darauf vermieten die Landis-Söhne das Haus an einen Zuger Sekundarlehrer, allerdings nur für kurze Zeit.
Jetzt wird's spannend
Landis verkauft das Haus im Dezember 1943 an den Zuger Arzt Heinrich Hunziker, der es als Anlageobjekt erwirbt. Hunziker ist eine umtriebige Zuger Persönlichkeit: Er ist einer der Väter des Jodsalzes in der Schweiz, ein unermüdlicher Kämpfer gegen den Kropf und gegen die Pharma-Lobby, die statt dem jodierten Salz Jodtabletten mit Gewinn an die Bevölkerung verkaufen wollte. Hunzikers Nachlass ist Zeuge des jahrelangen Kampfes auf Bundesebene, aber das ist eine andere Geschichte.
Der Nachlass ist auch Zeuge des Schicksals des Chalet Alpina. Denn Hunziker wirft glücklicherweise nichts weg – keine Rechnung, keinen Zettel, keinen alten Brief. Stattdessen benutzt er die Rückseiten seines Altpapiers als Schreibfläche für seine Bücher übers Leben, den Kropf und sich selbst.
Wir steigen rein in den Nachlass und finden die richtige Spur. Hunziker wollte den Notmieter schnellstmöglich loswerden, um das ganze Haus zu renovieren – was er nach einem Gerichtsverfahren auch schafft. Und jetzt wird's interessant. Ein Hauptmann B. zieht in das frisch renovierte Chalet ein, zudem ein Direktor W., und kurz darauf, gegen Ende des Krieges, zieht eine Familie F. ein, im Herbst 1944.
Einer davon ist ganz besonders verdächtig. Das ist das potenzielle Personal für unser Theaterstück. Jetzt brauchen wir noch die Kulisse.
Teil 2 lesen Sie morgen auf zentralplus.ch