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Life: Herr Sigg, bei Testosteron denkt man direkt an Aggressionen und wilde Stiere. Die richtigen Assoziationen?
Christian Sigg: Testosteron ist wohl das Hormon, das am stärksten mit Vorurteilen belastet ist. Doch normale oder auch hohe Testosteronwerte machen nicht aggressiv. Nur in Fällen, in denen das Hormon exzessiv von aussen zugeführt wurde, gibt es einzelne Berichte über erhöhte Aggressivität. Studien existieren bis heute aber nicht. Als erwiesen gilt dagegen, dass ein massiv zu tiefer Wert die Belastbarkeit und Durchsetzungsfähigkeit abnehmen lässt.
Dann stimmt also immerhin der Umkehrschluss: Zu wenig macht sanft?
Durchaus! Wenn man bei zu tiefen Werten Testosteron zuführt, heisst es plötzlich: «Er war doch so pflegeleicht, was ist plötzlich mit ihm los?» Dabei setzt sich der behandelte Mann einfach wieder vermehrt durch.
Welche Rolle spielt Testosteron im Sport?
Die Muskulatur braucht Testosteron. Extreme Trainingsleistungen führen zum Abbau. Ausdauersportler haben also nach dem Training eher tiefe Werte. Hier in der Erholungsphase geringe Mengen zuzuführen, kann ihre Leistungen verbessern. In der Bodybuilder-Szene werden allerdings gerne höhere Mengen an Testosteron zugeführt. Ohne diese wären derart extreme Muskelpakete auch gar nicht möglich. Doch genau dies ist gefährlich, da Testosteron verschiedene Wirkungen hat. So hat ein Bodybuilder etwa nicht nur mehr Muskeln, sondern plötzlich auch Akne oder zu viele rote Blutkörperchen. Letzteres kann Thrombosen begünstigen und zu Schlaganfällen führen. Solche massiv zu hohen Werte kommen aber nur bei Missbrauch oder seltenen Krankheiten vor.
Was ist die eigentliche Funktion des Testosterons im Körper?
Testosteron braucht man für drei Phasen im Leben: Die erste Phase betrifft die sexuelle Differenzierung. Ein bestimmtes Gen bewirkt, dass ein Embryo anfängt, Testosteron zu produzieren und ein Knabe zu werden. Die zweite Phase betrifft die Pubertät: Hier braucht es Testosteron, um aus einem Jungen einen Mann zu machen. Es geht dabei um Hodenwachstum sowie um Erektions- und Zeugungsfähigkeit, aber auch um Stimmbruch, Bartwuchs und Muskulatur. In der dritten Phase steht die Aufrechterhaltung verschiedenster Funktionen im Zentrum: Neben der Sexualität sind dies Wirkungen auf die Muskulatur, die Knochen, das Hirn, die Haut, die Leber und andere Organe. Selbst die Nieren brauchen Testosteron, das an der Bildung der roten Blutkörperchen beteiligt ist.
Was, wenn die Werte zu tief sind?
Das erste Symptom ist meist ein Libidomangel, d. h. Frauen sind für diesen Mann plötzlich uninteressant. Dann können Beschwerden wie Schwitzen, Schlafstörungen, Müdigkeit, Muskel- oder Gelenkschmerzen, später auch Osteoporose dazukommen. Die Männer sind zudem reizbar, nervös und leiden unter Stimmungsschwankungen.
Das hört sich nach männlichen Wechseljahren an ...
Die Symptome entsprechen tatsächlich den Wechseljahren der Frauen. Da gibt es siebzigjährige Männer, die plötzlich im Kino heulen. Allerdings nimmt das Testosteron erst ab dem vierzigsten Lebensjahr jährlich um rund ein Prozent ab. Etwa 12 bis 15 Prozent aller Siebzigjährigen, so schätzt man, haben einen zu tiefen Wert. Es ist also ein langsamer, aber stetiger Sinkflug. Die klassischen Wechseljahre gibt es damit beim Mann eben nicht: Die Beschwerden treten – anders als bei Frauen – graduell auf. Äusserlich sind grosse Bäuche und dünne Beine typisch. Jedoch kann auch Übergewicht eine Rolle spielen: Wer an Bauchfett zunimmt, produziert weniger Testosteron. Und wer weniger Testosteron produziert, hat eher Übergewicht. Es ist ein Teufelskreis in beide Richtungen. Die ganzen Beschwerden sind übrigens nicht nur lästig, sondern ziehen Folgeerkrankungen wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Störungen nach sich. Heute weiss man, dass der Testosteronspiegel mit der Lebenserwartung zusammenhängt.
Heisst das, Testosteronmangel verkürzt das Leben?
Am blossen Libidomangel ist noch niemand gestorben. Aber neuste Erkenntnisse weisen darauf hin, dass die Folgeerkrankungen von Testosteronmangel zumindest teilweise die im Vergleich mit den Frauen kürzere Lebenserwartung von Männern erklären. Und dass es positiv für Herz und Kreislauf ist, wenn der Testosteronwert normalisiert wird. Dabei hiess es früher immer: Wer Testosteron nimmt, bekommt einen Herzinfarkt. Heute weiss man: Das Gegenteil ist der Fall, und zu tiefe Werte müssen ausgeglichen werden. Auch den Zusammenhang zwischen Testosteron und Prostatakrebs konnten Studien definitiv widerlegen.
Dennoch gibt es Fachleute, die die Gabe von Testosteron ablehnen.
Ja, vor allem jüngere Kollegen finden, ein Mangel gehöre im Alter halt dazu. Inzwischen gibt es jedoch Hunderte von Studien, welche die Vorteile von normalisierten Testosteronwerten belegen. Allerdings sind auch noch Schwachstellen in der Forschung zu verzeichnen: So kennen wir noch keinen eindeutigen Normwert. Auch können wir nur die Testosteronwerte selbst messen. Dabei hängt die Wirkung auch mit den Abbauprodukten sowie mit den entsprechenden Rezeptoren im Körper zusammen. Zugeführtes Testosteron wirkt zudem auf allen Ebenen, d. h. wir können die Wirkungsbereiche noch nicht gezielt trennen.
Wie wird das Hormon zugeführt?
Wenn per Blutmessung ein zu tiefer Wert ermittelt wurde, gibt es heute zwei Wege: In Europa zugelassen sind ein Gel, das man auf die Haut aufträgt, und Depot-Spritzen, die man alle 6 bis 12 Wochen verabreicht. In den USA wurde letztes Jahr ein Nasenspray zugelassen. Dieser war einfach anzuwenden. Leider wurde es aus Marketing-Gründen vorerst stillgelegt.
Kann man einem Mangel vorbeugen?
Nein. Und übrigens gibt es auch 90-Jährige mit Top-Werten. Sie haben aber einfach Glück. Picasso, Charlie Chaplin oder auch Louis Trenker waren entsprechende Beispiele: Ihnen wird nachgesagt, dass sie bis ins hohe Alter an Frauen interessiert waren, zum Teil sollen sie sogar noch Kinder gezeugt haben ...
Apropos Frauen ...
Frauen haben auch Testosteron, einfach erheblich geringere Werte. Bei den Männern wird das Testosteron in erster Linie in den Hoden produziert. Bei Frauen übernehmen dies die Eierstöcke und die Nebennieren. Ein Mangel wirkt sich ebenfalls auf ihre Libido, die Stimmung, Energie, Knochen und Blutgefässe aus. Bei den Frauen gleicht man aber in erster Linie das Östrogen aus, damit das Verhältnis von Östrogen und Testosteron wieder stimmt. Wenn eine Frau genügend Östrogen hat, kann sie auch wieder selbst Testosteron produzieren.