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Auf der Kanzel in der Kirche Lützelflüh, wo Gotthelf einst unter seinem bürgerlichen Namen Albert Bitzius predigte, steht noch das alte Stundenglas. Diese Sanduhr pflegte er zu drehen, um den Kirchgängern die Dauer der Predigt anzuzeigen. Noch heute zeugt das Relikt davon, dass hier in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der berühmte Schriftsteller als Pfarrer tätig war.
Bitzius sprach leise und mit hoher Stimme.
Was weniger bekannt ist: Seine Predigten kamen beim Volk weit weniger gut an, als man meinen könnte. Der als Schriftsteller der Ueli-Romane und vieler anderer Werke gefeierte Volksdichter brachte die Botschaft Gottes bei seinen Schäfchen nicht gut rüber.
«Bitzius sprach leise und mit hoher Stimme», sagt Gotthelf-Forscherin Manuela Heiniger von der Universität Bern. Er sei häufig für seine trockene Art kritisiert worden; das Volk klagte, dass man den Pfarrer kaum verstehe und er sich in Wiederholungen verliere. Gotthelf war zudem von einem Kropf geplagt, der ihm am sicheren Sprechen hinderte.
Pfarrer Bitzius sei stets bemüht gewesen, anschauliche, lebensnahe Beispiele zu finden, um daraus eine christliche Moral abzuleiten, sagt Heiniger, die sämtliche Predigten von Bitzius analyisert hat. Doch diese sprachliche Einfachheit, deren Ziel es gewesen sei, das Volk zu lenken und selber zur Einsicht zu bringen, sei von Zuhörern nicht immer verstanden worden.
Trotzdem: Gotthelf war leutselig. Die Türen im Pfarrhaus in Lützelflüh seien stets offen gewesen für Besucher. Er war in Bildung und Gemeinwesen politisch engagiert. Daneben - und hierfür ist er ja bekannt - war der Dorfpfarrer laut Heiniger von einer regelrechten schreiberischen Schaffenswut gepackt. In seinen Jahren als Pfarrer von Lützelflüh entstanden sämtliche seiner berühmten Romane und Erzählungen.
Gotthelf suchte die breite Masse
Seinen schriftstellerischen Erguss erklärte Gotthelf stets als «Ausbruch eines Bergsees», als «innere Nötigung», erzählt Heiniger. Andererseits habe Gotthelf als eifriger Schreiber eine breitere Masse an Zuhörern erreichen wollen - nicht zuletzt, weil er sich über die halbleeren Kirchenbänken ärgerte.
Er habe seine Gemeindemitglieder stets gerügt, dass sie zu wenig in die Kirche kämen, nicht zuhörten oder gar schliefen. In seinen Publikationen, Erzählungen und Romanen öffnete sich Gotthelfs Mitteilungsbedürfnis dann ein zusätzliches, weites und befriedigendes Betätigungsfeld.
(Regionaljournal Sommerserie, 07:32 und 17:30 Uhr)
Albert Bitzius
Er wurde am 4. Okt. 1797 in Murten geboren. 1833 heiratete er und hatte drei Kinder. Am 22. Okt. 1854 starb er in Lützelflüh.