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Stadt- oder Landschule, welche, soweit dies auf der Stufe der bildungsfähigen Kindheit (vom vollendeten 6. bis
zum vollendeten 14. Jahr) geschehen kann, diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten lehrt und zu derjenigen Bildung erziehend
mitwirkt, deren ein jeder Mensch auch in den niedern Lebensständen als Glied
[* 4] eines gebildeten Volkes bedarf. Schon
in dieser Begriffsbestimmung liegt angedeutet, daß die Volksschule weder in den aristokratischen Staaten des Altertums, wo die bürgerlichen
Rechte nur einer bevorzugten Minderheit gewährt, der Mehrheit der Unfreien aber versagt waren, noch auch im Feudalstaat
des Mittelalters gedeihen, sondern ihren wahren Lebensboden nur in dem neuern Staate, der rechtlich verfaßten
Volksgemeinde, finden konnte.
Demgemäß gehören die Anfänge der Volksschule den Jahrhunderten des Überganges (16. und besonders 17.) vom Mittelalter zur Neuzeit
an, und erst in unsrer Zeit begannen selbst die gebildeten Staaten nach dem Vorgang Deutschlands
[* 5] das Volksschulwesen durchgreifend
gesetzlich zuordnen. Vor der Reformationszeit war der Gedanke an eine allgemeine Volksschule nur von wenigen erleuchteten
Geistern geahnt worden; so dachte Karl d. Gr. an einen allgemeinen Volksunterricht durch die Priester, und ähnliche Pläne
faßten hier und da wohldenkende höhere und niedere Geistliche oder städtische Obrigkeiten des Mittelalters, ohne aber ein
rechtes Entgegenkommen für diese Ideen zu finden.
FriedrichWilhelm I. erließ 1736 Principia regulativa für das Landschulwesen, die den Grundsatz der allgemeinen Schulpflicht
gesetzlich feststellten, Friedrich H. 1763 das Generallandschulreglement. Beide Fürsten begünstigten
auch die freilich noch sehr dürftigen Anfänge des Seminarwesens, welches seitdem sich parallel mit der Volksschule fortentwickelt
hat. Von ihrem Beispiel oder auch vom Geiste der Zeit angeregt, der Aufklärung des Verstandes über alles galt, folgten nach
und nach die übrigen deutschen Fürsten, namentlich in Österreich,
[* 10] Bayern,
[* 11] Baden
[* 12] und in Württemberg,
[* 13] wo
die Volksschule schon früher verhältnismäßig hoch entwickelt war. In betreff der anregenden Einflüsse, welche
auch das Volksschulwesen von der philanthropischen Bewegung seit 1770 erfuhr, darf auf den Artikel »Pädagogik« erwiesen werden.
Vor allen andern ist in dieser
Beziehung der Domherr v. Rochow (s. d. 1) mit Ehren zu nennen.
Das Jahr 1848 erweckte große Hoffnungen für die in den Verdacht des Liberalismus gekommene und daher seit länger zurückgesetzte
Volksschule; um so empfindlicher war der Rückschlag der Reaktion, unter deren Einfluß der Minister v. Raumer im
Oktober 1854 die sogen. drei Regulative, für Seminar-, Präparanden- und Volksschulwesen, verfaßt vom Geheimrat Stiehl, erließ.
Diese offenbar einseitigen, aber von sachkundiger Hand
[* 17] zeugenden Vorschriften waren in den folgenden Jahren Gegenstand heftiger
Kritik, werden aber jetzt, nachdem sie durch die allgemein als vortrefflich anerkannten Bestimmungen
des MinistersFalk (Oktober 1872, entworfen vom Geheimrat Schneider) abgelöst sind, ruhiger und sachlicher beurteilt.
Seit 1872 ist sehr viel für die äußere und innere Hebung
[* 18] der in Preußen geschehen, aber auch die Größe des Bedürfnisses
erst recht zu Tage getreten, dem nach verschiedenen Richtungen hin noch lange nicht genügt ist. Das im
Artikel 26 der Verfassung von 1850 verheißene und lang ersehnte Unterrichtsgesetz, für welches schon 1817 von Süvern und
später unter den Ministern v. Ladenberg (1848-50) und v. Mühler (1862-72) Vorlagen ausgearbeitet waren, ist unter dem MinisterFalk (1872-79) abermals im Entwurf fertig gestellt, aber, wie man annimmt, wegen finanzieller und politischer Bedenken von der
Staatsregierung dem Landtag nicht vorgelegt worden.
Die Gemeinden üben ihre Rechte in Schulangelegenheiten durch ein gewähltes Kollegium (Schulvorstand, Schuldeputation etc.)
aus; der Staat führt seine Aufsicht durch Orts- und Kreisschulinspektoren und in höherer Instanz durch besondere Aufsichtsbehörden,
in welchen neben den rechtskundigen auch schulkundige Räte Sitz und Stimme haben (Schulabteilung der Provinzialregierungen,
Oberschulkollegium, selten noch die staatskirchlichen Konsistorien).
Doch gibt es in allen diesen Ländern neben der öffentlichen, staatlichen Volksschule noch ein mehr oder weniger umfangreiches privates,
namentlich kirchliches Volksschulwesen. Ein vergleichendes Urteil über die Leistungen der Volksschule bei den
verschiedenen Völkern ist im Augenblick schwer, wenn nicht unmöglich zu fällen. Noch bis 1870 und vielleicht bis 1880 konnte
man unbedenklich sagen, daß Deutschland mit dem germanischen Norden, der protestantischen Schweiz,
[* 35] den Niederlanden in dieser
Hinsicht den ersten Rang behauptete.
Auch ist anzunehmen, daß der Vorsprung von Menschenaltern, den Deutschland auf diesem Gebiet vor den
übrigen Nachbarn voraus hatte, von diesen nicht sprungweise eingeholt werden kann. Es stehen ferner sowohl im romanischen
Süden und Südwesten Europas als im slawischen Osten dem Wirken der Volksschule noch so überwiegende Hindernisse entgegen, daß in
diesen Ländern ein rascher und durchgreifender Fortschritt der Volksbildung nicht zu erwarten ist. Dagegen
wird in England und Schottland wie in
Frankreich mit solchem Nachdruck und mit so reichem Aufwand von Mitteln an der Hebung der
Volksschule gearbeitet, daß dort schon innerhalb der lebenden Generation eine wesentliche Verschiebung des allgemeinen Bildungsstandes
nicht ausbleiben kann.