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Im Rennen um Ruhm und Pokale greifen die Tennis-Spieler regelmässig zu Schmerzmitteln.
Es sind dramatische Szenen am Donnerstag auf Platz 17. Bei einem Sturz verdreht sich Bethanie Mattek-Sands das Knie auf fürchterliche Art und Weise. «Bitte helft mir, bitte helft mir», schreit sie vor Schmerzen und unter Schock stehend. Doppel-Partnerin Lucie Safarova, die im Publikum sitzt, weint. Ebenso ihre Gegnerin, Sorana Cirstea, die sofort übers Netz steigt und zu helfen versucht. Vor der Überführung in ein Spital wird Mattek-Sands mit Sauerstoff und Schmerzmitteln stabilisiert. Erste Prognose: Kreuzbandriss. An eine Fortsetzung der Partie ist nicht zu denken.
In weniger gravierenden Fällen hätte vielleicht ein Mittel geholfen, das im Spitzensport seit Jahren auf dem Vormarsch ist: Schmerzstiller. Zu Beginn der Woche haben bei den Männern sieben Spieler ihr Erstrundenspiel aufgegeben, was eine Kontroverse ausgelöst hatte. Der Verdacht: Die Athleten wollten die horrenden Preisgelder abholen, obwohl sie gar nicht einsatzfähig gewesen wären. Unbeantwortet bleibt die Frage, wie viele Verlierer ihre Partien nur mit Schmerzmitteln überstehen. Es ist in London immer wieder zu beobachten. Erst wird der lädierte Körperteil mechanisch behandelt, dann eine Pille verabreicht.
Andy Murrays Geheimnis
Während bei Spielern in den hinteren Regionen der Weltrangliste existenzielle Fragen zur Verschiebung der Schmerzgrenze führen, geht es bei Athleten wie Andy Murray in erster Linie um sportliche Meriten. 2013 gewinnt er als erster Brite seit Fred Perry 1936 in Wimbledon. Erst später wird bekannt: Schmerzmittel halten seinen Rücken zusammen. Im Herbst darauf ist eine Operation wegen eines Bandscheibenvorfalls unumgänglich. «Oft habe ich schon vor dem Spiel ein Schmerzmittel eingenommen», sagt er nach der Rückkehr.
«Schmerzfrei? Was meinen Sie damit? Ich bin nicht verletzt, aber schmerzfrei? Das ist schon lange her», beantwortet Rafael Nadal im Januar die Frage nach seinem Befinden. Seines Spielstils wegen prophezeien ihm Beobachter schon vor einem Jahrzehnt eine kurze Karriere. Tatsächlich fehlt Nadal immer wieder für mehrere Monate. Einmal lässt er sich Stammzellen in den Rücken spritzen. Seine chronisch entzündeten Knie bekämpfen seine Ärzte mit Plasma-Injektionen, die den körpereigenen Heilungsmechanismus in Gang setzen.
Manchmal sind es die Beine, manchmal das Knie. Manchmal der Rücken. Aber du musst Schmerzen akzeptieren. Wer zu den Besten gehören will, muss das Leiden fast schon geniessen.Stan Wawrinka
«Sie wären überrascht, wie viele entzündungshemmende Mittel ich nehme», sagt Richard Gasquet. Viele würden das machen. Schmerzen werden inzwischen als unumgängliche Nebenwirkung betrachtet. «Manchmal sind es die Beine, manchmal das Knie. Manchmal der Rücken. Aber du musst Schmerzen akzeptieren. Wer zu den Besten gehören will, muss das Leiden fast schon geniessen», sagt Stan Wawrinka in Paris. In Wimbledon verliert er in der Startrunde, behindert von einer Knieblessur.
Wegen eines verhärteten Muskels greift in Paris auch Timea Bacsinszky zur Pille. «Ein stechender Schmerz, aber dann bekam ich Schmerzmittel», sagt die 28-Jährige. Roger Federer hat in seiner Karriere weit über 1300 Spiele bestritten und noch nie eine Partie aufgeben müssen. Aber selbst er hat schon zu Schmerzmitteln gegriffen. Es ist die Nacht des 14. Novembers 2014 nach dem Halbfinal bei den World Tour Finals gegen Stan Wawrinka, bei dem der Rücken blockiert. Aber selbst der eigens aus der Schweiz eingeflogene Davis-Cup-Teamarzt Roland Biedert kann die Final-Absage nicht verhindern.
Damals nahm ich Pillen wie Süssidkeiten. Wenn der Arzt gesagt hat, ich solle zwei Pillen nehmen, nahm ich fünf, so sehr habe ich den Schmerz gehasst.Goran Ivanisevic
Exzessives Pillen-Roulette betrieb Goran Ivanisevic, der 2001 mit einer Wildcard Wimbledon gewann. «Damals nahm ich sie wie Süssigkeiten. Wenn du die Chance hast, Wimbledon zu gewinnen, nimmst du alles. Wenn der Arzt gesagt hat, ich solle zwei Pillen nehmen, nahm ich fünf, so sehr habe ich den Schmerz gehasst», erzählte der Kroate nach dem Ende der Karriere. Das Unumgängliche, den operativen Eingriff, zögert der Pillenkonsum nur hinaus. Schmerzstillende Mittel unterdrücken Warnsignale und kappen die Verbindung des Athleten zum eigenen Körper.
Schmerzmittel wie Vitamin C
Die regelmässige Einnahme kann Nierenversagen, Bluthochdruck, Magengeschwüre oder Schlaganfälle verursachen. Die Profi-Vereinigung der Frauen, die WTA, klärt die Spielerinnen über mögliche Langzeitfolgen auf, die ATP, das Pendant der Männer, weist Ärzte an, Medikamente nur dann zu verschreiben, «wenn deren Einsatz angezeigt ist». Doch ob das hilft, ist fraglich. Mark Philippoussis, Federers Gegner im Wimbledon-Final 2003, sagte einst: «Du tust alles, um auf den Platz gehen zu können. Für Athleten sind Schmerzmittel wie Vitamin C, ein Teil des Lebens.» Und so dreht das Pillen-Roulette munter weiter.