Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03555.jsonl.gz/2159

Mehrwert entsteht, wenn jemand etwas produziert, so dass nachher auf der Welt bezifferbar mehr Werte da sind.
Im engen (marxistischen) Sinn bezog sich "Mehrwert" auf die Veredelung von Rohstoffen zu Gütern, die der Mensch zum Leben braucht, also Nahrung, Werkzeuge, Bauten, auch Kulturgüter. Die Differenz vom Wert der Rohwolle zum Wert des Pullovers war der Mehrwert, der durch menschliche Arbeit entstanden ist.
Auch im traditionellen Sinn Mehrwert produzierend sind erbrachte Dienstleistungen wie ärztliche Gesundheitspflege, Schulung, Transporte etc.
Neu wird auch die Arbeit einer Hausfrau als bezifferbarer Wert betrachtet; auch die Arbeit einer Prostituierten unterliegt zwar nicht der Mehrwertsteuer, wohl aber der Einkommenssteuer, womit eine gesellschaftliche Anerkennung dieser Arbeit gegeben scheint. Privates Küssen, Kämmen, Baden, Essen etc schafft keinen Mehrwert.
Tendenz:
Immer mehr Dinge, die man nicht als bezifferbaren Wert betrachtete, werden
heute als kommerzielle Ware behandelt, z.B. Naturschönheiten, Wasservorkommen,
Land, bald Luft; Diese Werte werden nicht vom Menschen gemacht, aber von ihm
erkannt ("entdeckt"), möglicherweise auch gehegt und gepflegt.
Börsengewinne unterliegen nicht der Einkommenssteuer, schon gar nicht der Mehrwertsteuer, sind also schon darum nicht einmal im Kapitalismus als Mehrwertproduktion zu betrachten. Die reine Vermehrung des Gelds schafft keinen Mehrwert, denn Geld ist nur ein Äquivalent zum Wert, nicht ein Wert selbst (ausser Goldmünzen, Papierwert der Banknoten usw...)
Die Frage stellt sich, ob Produkte und Dienstleistungen, die nicht der Allgemeinheit zur Verfügung stehen, als Mehrwert schöpfend betrachtet werden können. Wenn ich mir in meiner Phantasie ganz privat etwas Prachtvolles vorstelle, ist das kaum als Mehrwert anerkannt. Wenn ich das am Radio bringe oder in einem Buch veröffentliche, dann schon. Wenn ich mir ein Glas Wasser einschenke, schaffe ich keinen Mehrwert; wenn das der Kellner im Café macht, wird nach geltender Auffassung Mehrwert produziert.
Mehrwert entsteht also durch zielgerichtete menschliche Arbeit zuhanden eines Nutzens für die Allgemeinheit ( [2] ?!) .
Nach Marx entsteht Mehrwert immer durch menschliche Arbeit.
Aber: Wer erbringt eigentlich den Mehrwert,
Da der Begriff Ökonomie / Wirtschaft sich immer nur auf Menschen bezieht, gehen wir davon aus, dass nur der menschliche Eingriff Mehrwert schafft.
Eine andere Betrachtensweise, z.B. die Frage, ob bei unseren Aktivitäten Mehrwert für Tiere und Natur entsteht oder ob sie die Mehrwert schaffenden "Arbeiter" sind (Wieviel Lebensraum von wertvollen / wertlosen (?!) Tieren zerstören wir mit unserer Mehrwertproduktion? Was ist überhaupt ein Nutzen für die Natur, was ein Schaden? Und: Hat eine Pflanze, ein Tier, ein Berg Anrecht am Ertrag (Mehrwert), den sie produzieren? In welcher Form?) setzte eine total anders konzipierte Wirtschaftswissenschaft voraus, die mehr Fragen als Antworten liefern müsste.
Geld und Mehrwert
Egal, wie eng oder wie weit wir den Begriff Mehrwert definieren:
Die Menge der Werte (produzierter Mehrwert, innere Werte) auf der Welt ist begrenzt, wenn auch je nach Definition sehr unterschiedlich
Ähnliches galt im Prinzip für das Geld, das Äquivalent zum Wert. Neben den Goldmünzen, die selbst ein Wert sind, gibt es sehr viel mehr Banknoten, die nur als Äquivalent einen Wert haben. Noch viel grösser sind die Geldmengen, die rein rechnerisch existieren.
Verhängnisvoll
ist, dass die Werte und die Geldvermehrung unabhängig voneinander wachsen.
Dank der nicht kontrollierbaren Expansion der rechnerischen Geldmenge wächst
die Geldmenge viel schneller als die Produktion der Werte. In
der Weltwirtschaft wird der Tauschwert, d.h. das Verhältnis von Geldmenge
und Wertmenge, immer wieder neu eingestellt (Angebot und Nachfrage), d.h.
bei wenig Geld und viel Wert bekommt man für einen Dollar mehr als bei
relativ wenig Werten und viel Geld (Inflation).
Wer die Geldmenge vergrössert, ohne für die Vergrösserung der entsprechenden Werte zu sorgen, sorgt also für eine Verteuerung der Werte (resp. eine Entwertung des Gelds), nimmt also allen anderen etwas weg, indem er dafür sorgt, dass das Geld in ihren Händen weniger wert wird.
Wer sehr viel Geld hat, begrenzt damit gleichzeitig die Möglichkeiten der anderen, denn Reichtum an Geld ist nur in Relation zum gesamten Wertevolumen definierbar.
Börsengewinne sind folglich nur eine Umverteilung von der Geldbörse der meisten Menschen in die Tasche der Börsengewinnler.
Im Kapitalismus versucht man das kaum kontrollierte Wachstum der Geldmenge (und damit den Zerfall des Geldwerts) dadurch zu bremsen oder zu verschleiern, indem man vieles, was die Welt bietet und die Menschen machen, zu kommerzialisieren versucht, das heisst als neue Wertmenge deklariert.
So war das Land, das Wasser, die Luft ursprünglich einfach eine Gegebenheit der Natur, kein bezifferbarer Wert. Schon in der europäischen Antike wurde das Land zum tauschbaren Wert; heute bemühen sich verschiedene internationale Konzerne (z.B. Vivendi) im grossen Stil, das Wasser (die Quellen) weltweit als Handelsware zu etablieren. Wie lange gilt die atembare Luft noch als Allgemeingut?
Durch
die Kommerzialisierung bisherigen Allgemeinguts scheint der aufgeblähten
Geldmenge ein vergrösserter Mehrwert gegenüberzustehen. Diese Fehlrechnung
wird von jenen bezahlt, die bisher gratis von der Natur profitiert haben.
[3]
. ch
. ch
[1] Heute verhindert die Globalisierung (die sich Marx anders vorgestellt hat) zunehmend den Kampf der Arbeitenden für gerechte Löhne und zwingt die arbeitsintensive Produktion ins Ausland. Die Gewinne werden aber meist von Kapitalisten aus reichen Ländern eingestrichen.)
[2]
Allerdings: Wer ist das genau?
[3] An der HSG St. Gallen gibt es Wirtschafts-Professoren, die (in Radiointerviews als Antwort auf die Frage, wer die Gewinne bezahlt) behaupten, dass spekulative Kapitalgewinne (konkret: Börsengewinne infolge Firmenfusionen) eine „Win-Win-Situation“ darstellen. Das ist ideologische Blindheit, die den Kapitalisten nützt (wenn es nicht eine bewusste zynische Lüge war).