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Die Grenzen des Wachstums
Bereits Anfang der 1970er Jahre wurde mit Elektrobussen und alternativen Treibstoffen wie Wasserstoff (H2) experimentiert. Im Jahr 1972, also ein Jahr vor der «Erdölkrise», erschien die Studie des ««Club of Rome»» zur Lage der Menschheit.
Der 1968 gegründete Club of Rome sieht sich als Thinktank für eine nachhaltige Zukunft. Durch Forschung, Veröffentlichungen und ein weltweites Expertennetzwerk werden dringende globale Probleme wie Klimawandel und soziale Ungleichheit angegangen.
Die Studie zur Weltlage und deren nahe Zukunft wurde am Massachusetts Institute of Technology erstellt und von der Volkswagenstiftung mit beachtlichen 800’000 US $ finanziert. Sie ist bis heute wegweisend und wurde 2005 in aktualisierter Form nochmals veröffentlicht. Auftraggeber war der ««Club of Rome»», einem Zusammenschluss von Experten verschiedener Disziplinen aus mehr als 30 Ländern. Er wurde 1968 in New York von Aurelio Peccei, Alexander King und David Rockefeller gegründet. Die gemeinnützige Organisation setzt sich für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit ein.
Wegweisend
Deren Studie wurde unter dem englischen Originaltitel «The Limits to Growth. A Report for the «Club of Rome»’s Project on the Predicament of Mankind» veröffentlicht. Sie wollte zeigen, dass das damalige individuelle und lokale Handeln aller Menschen globale Auswirkungen auf das Leben auf der Erde hat, welche jedoch nicht dem Zeithorizont und Handlungsraum der Einzelnen entsprechen.
Der Bericht wurde Anfang 1972 auf zwei internationalen Konferenzen vorgestellt und in Buchform veröffentlicht. Eine Konferenz fand an der «Smithsonian Institution» in Washington und eine zweite am «St. Gallen Symposium, 3. Internationales Management-Gespräch» statt. Die Studie erschien danach in über 30 Sprachen und vom entsprechenden Buch wurden über 30 Mio. Exemplare verkauft. 1973 wurde der ««Club of Rome»» mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.
Fortschrittliche Computersimulation
Die Autoren Donella und Dennis Meadows waren mit ihrem 17-köpfigem Team am Jay Wright Forresters Institut für Systemdynamik tätig. Für ihre Studie nutzten sie eine Computersimulation. Grundlage war dabei eine Systemanalyse verschiedener Szenarien. Das simulierte Weltmodell diente der Untersuchung von fünf Tendenzen mit globaler Wirkung: Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Ausbeutung von Rohstoff-Reserven und Zerstörung von Lebensraum. So wurden Szenarien mit unterschiedlich hoch geschätzten Rohstoffvorräten der Erde berechnet und eine unterschiedliche Effizienz von landwirtschaftlicher Produktion, Geburtenkontrolle oder Umweltschutz angesetzt.
Tatsächlich war es nicht das Ziel der Studie, Prognosen für die Zukunft zu geben. Vielmehr wollten die Forschenden verstehen, welche Dynamiken sich durch exponentielles Wachstum und die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Trends ergeben könnten. Dazu entwickelten sie zehn Szenarien, die auf jeweils differierenden Annahmen beruhten. Nach den ersten Hochrechnungen wurde schnell deutlich, dass es mit dem westlichen, auf bedingungslosem Wachstum basierenden Wirtschaftssystem kaum ohne massive Krisen weitergehen kann.
Globale Umweltkatastrophe
Man erkannte bereits vor 50 Jahren: Wenn die Menschheit unverändert weiterleben würde wie bisher, wäre zum einen mit einem starken Anstieg der Weltbevölkerung zu rechnen. Zum anderen würden die Rohstoffvorräte innert weniger Jahrzehnte zur Neige gehen, oder ihre Förderung würde so kostspielig werden, dass sich der Abbau nicht mehr lohnt. Die nach dem 2. Weltkrieg stark gewachsene Industrie würde dann einbrechen und eine globale Umweltverschmutzung den Zusammenbruch weiter beschleunigen. Bis spätestens 2100 wäre eine globale Katastrophe unvermeidbar.
Eine solche Entwicklung könne auch nicht durch technischen Fortschritt aufgehalten werden, sagte die Studie. Dieser könnte zwar die Zeit bis zum Zusammenbruch verlängern, würde die Grenzen des Wachstums aber höchstens um einen Zeitabschnitt verschieben und keinesfalls aufhalten. Technische Innovationen, folgerte der Bericht an den «Club of Rome», müsse zwingend mit sozialen und politischen Massnahmen verbunden werden, um weltweit zu einem ökologischen wie sozialen Gleichgewicht zu kommen.
Der Faktor Mensch
Die Meadows und ihr Forscherteam arbeiteten völlig transparent. Sie legten die Grenzen ihrer Hochrechnungen offen und betonten die Lückenhaftigkeit ihrer Berechnungen. Damit öffneten sie eine breite Angriffsflanke für Kritiker, deren Reaktionen teils massiv ausfielen. So sei das menschliche Verhalten als wichtiger Faktor eines solchen Modells nicht genügend mit einbezogen worden. Wirtschaftskreise sprachen gar von purer Schwarzmalerei, was sich später in anderen Fragen wiederholte.
Der erste Bericht an den «Club of Rome» von 1972 wurde in den Jahren 1992 und 2012 jeweils aktualisiert und weiterentwickelt. Allen Kritikern zum Trotz wurde die Grundausrichtung der Studie seit 2008 mehrmals wissenschaftlich als richtig bestätigt, zuletzt 2020. Die Studie bildete zudem den Auftakt für weitere wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit den Folgen des Wachstums innerhalb der planetaren Grenzen.
Grundlagen für Nachhaltigkeit
So analysiert Christian Berg vom deutschen «Club of Rome» in seinem 2020 erschienenen Buch "Ist Nachhaltigkeit utopisch?" viele Hürden für nachhaltiges Handeln wie falsche Marktanreize, Politikversagen, moralische Defizite oder die Trägheit des Wirtschaftssystems. Berg entwickelt Ideen, wie solche Hemmnisse durch andere Denk- und Verhaltensweisen überwunden werden könnten. Andere Ansätze greifen Teilaspekte der ersten Studie auf und analysieren spezielle Probleme wie die prekäre Lage der Ozeane und Wälder.
In der allgemeinen Volkswirtschafts-, aber auch in der Soziallehre haben sich die Möglichkeiten und Bedingungen einer Postwachstumsgesellschaft längst etabliert. Basierend auf den Gedanken des Berichts von 1972 fragen sich aber nicht nur Umweltschützer, ob es überhaupt noch Wachstum geben darf und ob nicht auch wirtschaftliches Nullwachstum oder gar dessen Rückgang ein vernünftiges Leben in immer noch akzeptablen Grenzen ermöglichen kann.
Stetiges Wirtschaftswachstum ist kritisch
Weitere Überlegungen kreisen um die Frage, welche Teile der Wirtschaft ohne Auswirkungen auf unseren Planeten überhaupt noch wachsen dürfen und welche nicht. Fossile Energien wie Erdgas, Erdöl und Kohle gelten zwar als Auslaufmodelle, zeigen bis in die Gegenwart aber immer noch Wachstumsraten, besonders in China, Nordamerika oder Indien. Erneuerbare Energien oder Wasserstoff gelten zwar als zukunftsträchtig, haben sich auf breiter Front aber noch nicht durchgesetzt.
Der Bericht von Meadows kam unmissverständlich zum Ergebnis, dass es Wachstum nur noch innerhalb klarer nachhaltiger Grenzen geben darf. Er traf damit den Zeitgeist der 1968er Bewegung, wo Unmut und Skepsis gegenüber dem ungebremsten Wirtschaftswachstum auf Kosten von Umwelt und menschlichen Lebensgrundlagen gestiegen waren. Somit kam der Bericht 1972 genau zur richtigen Zeit, fundierte den Unmut in der Gesellschaft wissenschaftlich und bestärkte den bis heute anhaltenden Wunsch, eine Änderung unseres Verhaltens zu bewirken.
Neue Bewegung
So ist es kein Zufall, in den 1970er-Jahren Organisationen wie Greenpeace und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) entstanden. Ab 1972 wurde der Arten- und Klimaschutz sogar innerhalb der Vereinten Nationen (UN) auf internationaler Ebene thematisiert. Das führte 1983 zur Weltkommission Umwelt und Entwicklung, später zu den Millenniums-Entwicklungszielen der UN oder zum Pariser Klimaabkommen. Ohne Zweifel klingen die damalige Empfehlungen immer noch aktuell. Doch warum ist seither so wenig passiert?
Das Wirtschaftswachstum gilt immer noch als sakrosankt für das Fortbestehen der westlichen Länder – 50 Jahre und unzählige Umweltkonferenzen sowie den Engagements etwa von Al Gore oder Greta Thunberg zum Trotz. Um eine globale Katastrophe zu verhindern, so es mit Blick auf das Weltklima überhaupt noch möglich ist, müsste ein ökologisches und wirtschaftliches Gleichgewicht existieren. Somit ist eine nachhaltigere Wirtschaftsordnung gefragt, für die es aber keinerlei Anreize zu geben scheint. Meadows und sein Team war bereits vor 50 Jahren klar: Je früher die Menschheit das begreift und handelt, desto wahrscheinlicher könnte sie einen Kollaps verhindern.