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(Luftaufnahmen von Sion und Valère)
Valère vu depuis le château de Tourbillon
Sion par Krusi en 1870 (graphica-antiqua.ch)
Unter den mittelalterlichen Bischofsresidenzen der Schweiz nimmt Sitten gewiss eine Sonderstellung ein, den keine andere Stadt mit einem Bischofssitz ist heute noch so reich an Burgen und sonstigen mittelalterlichen Wehrbauten wie Sitten. Als eigentliche Wahrzeichen des Ortes erheben sich auf steilen Felsrücken hoch über der Stadt die festen Valeria und Tourbillon. Auf dem schmalen Grat, der sich von Tourbillon gegen die Unterstadt hin erstreckt, ragen die Burgen des bischöflichen Meiers (Majoria) und des Viztums, und auf einer Felsterrasse am Aufstieg gegen Valeria standen einst die Bauten der ursprünglichen Bischofsresidenz, nämlich ein Palast mit angebautem Turm neben der St.-Peters-Kirche und die Kurie, ein Wohnturm an der Stelle der heutigen Dreifaltigkeitskirche. Diese Kurie muss schon im Frühmittelalter bestanden haben, auch wenn der nachmalige Turm erst dem 12. oder 13. Jahrhundert angehört. Denn Sitten war Bischofsresidenz seit dem ausgehenden 6. Jahrhundert, als der Bischof sein ursprüngliches Domizil von Octodurus/Martigny weiter talaufwärts in das sicherer gelegene Sitte verlegte. Vom hochmittelalterlichen Bischofspalast haben sich noch ansehnliche Mauerteile im Gebäude des heutigen Theaters erhalten.
Die ursprüngliche Siedlung von Sitten lag vermutlich im gut geschützten Sattel zwischen Valeria und Tourbillon, hinter der bischöflichen Residenz. Inwieweit die heutige Stadt, die als Siedlung im 11. Jahrhundert bereits bestanden haben muss und sich westlich des Felsmassivs von Valeria und Tourbillon in die Ebene erstreckte, auf eine römische Niederlassung zurückgeht, wäre noch abzuklären. Eine erste Stadtbefestigung, welche eine kleine überbaute Fläche direkt unterhalb der bischöflichen Residenz umgab, dürfte schon im späten 11. Jahrhundert existiert haben, während die Ummauerung der ausgedehnten Siedlung rechts der Sitter mit der Kathedrale und den Stadtteilen Malacuria, Glaviney und Pratifori im ausgehenden 12. Jahrhundert angelegt wurde. Von diesem äusseren Mauerring haben sich nur noch wenige Reste erhalten. Den spektakulärsten teil bildet der so genannte Hexenturm, ein Wehrturm mit Pfefferbüchsendach an der Nordwestecke des ehemaligen Mauerrings. Ganz verschwunden sind die fünf Stadttore.
Über den frühsten Befestigungsanlagen von Sitten im ersten Jahrtausend fehlen uns zuverlässige Angaben. Die Möglichkeit, dass die beiden Felshügel von Tourbillon und Valeria schon im Frühmittelalter Wehrbauten getragen haben, darf einstweilen nicht ausgeschlossen werden, auch wenn archäologische Belege bis jetzt fehlen. Eine alte bischöfliche „Curia“ wird urkundlich bereits im Jahre 999 erwähnt. Über ihr Aussehen ist allerdings nichts bekannt. In jenem Jahr erhielt der Bischof von Sitten durch die Übertragung der Grafschaftsrechte im Wallis von König Rudolf III von Burgund formell das Recht, Befestigungen zu errichten. Wie rasch und wie intensiv er von diesem Recht Gebrauch gemacht hat, wissen wir freilich nicht.
In den Befestigungsanlage von Sitten spiegelt sich die wildbewegte Geschichte des Walliser Bistums im Mittelalter. Wiederholt ist der Ort angegriffen, erobert, geplündert und verwüstet worden. Bis in nachmittelalterliche Zeit hinein stand Sitten im Brennpunkt kriegerischer Ereignisse. Der permanente politische und kriegerische Druck, der auf der Stadt lastete und der eine Folge der Verstrickung des Bischofs in alle möglichen Konflikte bildete, sollte denn auch eine Emanzipation der Stadtgemeinde auf lange Sicht verhindern. Im Unterschied zu anderen Bischofsstädten, die sich im verlaufe des Spätmittelalters aus der Oberherrschaft des geistlichen Stadtherrn zu lösen vermochten, blieb für Sitten das Untertanenverhältnis bis ins 17. Jahrhundert bestehen, und der Bischof übte mit Hilfe seiner in den Burgen über der Stadt hausenden Beamten ohne nennenswerten Widerstand seine Herrschaft aus. Die Machtstellung des Bischof und die Präsenz seines aus weltlichen und geistlichen Herren bestehenden Hofstaates blieb nicht ohne Auswirkung auf das Stadtbild. Anstelle von städtischen Repräsentationsbauten, wie wir sie in anderen Orten als Ausdruck bürgerlichen Selbstbewusstseins antreffen, finden wir in Sitten als dominierende Bauwerke Burgen des Bischofs und seines adligen Hofstaates.
Als berühmteste Burganlage von Sitten darf wohl Valeria gelte, die gewaltige Kirchenburg auf ihrem schroffen Felsen hoch über der Stadt. Über ihren Ursprung ist nichts Sicheres bekannt. Vielleicht stand auf dem Platz der nachmaligen Kathedrale Unserer Lieben Frau von Valeria schon im frühmittelalterlicher Zeit eine Kirche, und wenn man an die Bedeutung des Platzes Sitten in frühmittelalterlicher Zeit denkt, kann selbst mit der Möglichkeit eines vorchristlichen Höhenheiligtums gerechnet werden. Gewiss reichen die Anfänge der Befestigungsanlagen auf Valeria bis in die Jahrtausendenwende zurück, denn bereits um 1050 wird der Wohnsitz der Sittener Domherren auf dem Burgfelsen erwähnt. Die heutige Kirchenburg besteht aus einem ausgedehnten Gebäudekomplex, der aus Ringmauern, Zwinger- und Toranlagen, aus Wohnbauten und Wehrtürmen zusammengesetzt ist und sich in unregelmässiger, den natürlichen Felsformen angepasster Anordnung um die auf höchster Felszinne thronende Kathedrale herum gruppiert. Diese majestätische Kirche, der Jungfrau Maria geweiht, ist in verschiedenen Bauetappen zwischen dem frühen 12. und dem ausgehenden 13. Jahrhundert entstanden und stellt eine eindrückliche Mischung von romanischen und gotischen, von sakralen und fortifikatorischen Bauelementen dar. Bietet sich das Innere als reiner Sakralraum dar, ist der gedrungene Glockenturm als wehrhafter Donjon gestaltet, und den oberen Chorabschluss bildet ein Wehrgang mit Zinnenkranz. Der äussere Burgbezirk, der die Wohn- und Repräsentationsräume enthält und von einer langen, der unregelmässigen Felskante folgenden Ringmauer umgeben wird, zerfällt in einen Vorburg- und einen Kernburgbereich. Der vom Satten zwischen Valeria und Tourbillon aus steil aufsteigende Zugangsweg führt zunächst zu einem äusseren Tor, durch das man in die Vorburg gelangt. An deren Ringmauer sind innen verschiedene Gebäude angelehnt. Im einen ist die „Caminata“ untergebracht, ein repräsentativer Empfangssaal aus dem 13. Jahrhundert. In einem etwas zurückgestaffelten, kleineren Gebäude befand sich die Wachstube, von der aus die Burghut betreut wurde. Ein inneres Tor, die „Porta ferrate“, bei der sich früher ein Wehrturm erhob, führte von der Vorbug in die Kernburg. Diese umfasste ausser der Kathedrale einen ausgedehnten Gebäudekomplex, in dem sich die Wohnräume des Dekans und der Domherren sowie der Sitzungssaal des Domkapitels („Kalendenhaus“) befand. Letzterer ist durch Fresken mit der Darstellung der Neuen Guten Helden geschmückt. Der weitläufige, aus Wohn-, Wehr- und Repräsentationsbauten zusammengesetzte Gebäudekomplex ist in zahlreichen Bauetappen entstanden. Die ältesten Partien mögen noch bis ins 11. Jahrhundert zurückreichen (Teile der Ringmauer), während die Wohngebäude mehrheitlich aus dem 13. und 14. Jahrhundert stammen. Um- und Ausbauten sind bis in nachmittelalterliche Zeit hinein vorgenommen worden. Die Wasserversorgung der Wehranlage ist durch eine grosse Tankzisterne in der Nähe des Kircheneinganges sichergestellt worden.
Als sakraler Mittelpunkt und als Wohnsitz der Domherren ist die Kirchenburg Valeria von den kriegerischen Verheerungen, die im Laufe der Jahrhunderte Sitten heimsuchten, weitgehend verschont geblieben. Ein um so bewegteres Schicksal hat dafür die benachbarte, auf noch höherem Felsmassiv gelegene Feste Tourbillon erlebt.
Ab 1883 erneuert, ist die Kirchenburg heute eines der ältesten historischen Museen in der Schweiz.
Wichtige, religiöse Kunstobjekte des Mittelalters (Skulpturen, Altaraufsätze, Goldschmiedekunst, Elfenbein und Möbel) bilden die Zeugen der Walliser Geschichte (Rüstungen und alte Waffen, Uniformen des Walliser Regiments in Fremdenlegionen).
Eine interessante Kollektion an ethnologischen Objekten dokumentiert das wirtschaftliche Leben, die Bräuche und die Kostüme der verschiedenen Täler des Kantons.
La Majorie vue depuis Valère
Vue depuis Valère
La Salle des Calendes
Bibliographie