Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03414.jsonl.gz/247

Belvoir den 16 Februar 1857.
Mein lieber Freund!
Deine beiden Briefe1 sind mir richtig zugekommen. Ich verdanke dir dieselben bestens. Vor allem will ich mich über die Fusionsangelegenheit, beziehungsweise meine Reise nach Paris, um die ich nun auch durch dich angegangen werde, aussprechen.2 Obgleich mir zur Zeit meine persönlichen Verhältnisse, denen ich doch auch einmal etwelche Rechnung werde tragen dürfen, sowie meine öffentlichen Geschäfte es beinahe zur Unmöglichkeit machen, nach Paris zu reisen, so würde ich mich doch, wenn die Interessen der Nordostbahngesellschaft & des Schweizerischen Eisenbahnwesens überhaupt es erheischen sollten, bereit finden lassen, mich nach Paris zu verfügen. Es könnte aber nur für wenige Tage geschehen: denn eine längere Abwesenheit wäre für mich gegenwärtig etwas ganz Unthunliches. Ich erinnere dich nur an dasjenige, was dir am nächsten liegt, an die polytechnische Schule, die in dem Zeitpuncte vor Ostern die dauernde Abwesenheit des Präsidenten & Vicepräsidenten des Schulrathes nicht gestattet.3 Bevor ich mich aber zu der Reise nach Paris entschließe, erachte ich es für durchaus nothwendig, daß mir über mehrere der von mir aufgeworfenen Fragen bestimmtere Auskunft ertheilt werde. Es darf nicht aus dem Auge gelassen werden, mit wem wir es zu thun haben. Die Herren, die sich| an dich & an Herrn Abegg4 gewendet haben, sind dieselben, die uns bis anhin in unserm Schweizerischen Eisenbahnwesen immer entgegen traten.5 Ich will nicht bloß daran erinnern, daß sie die Patrone der Oronlinie sind: ich hebe namentlich hervor, daß sie & gerade sie den Fusionsvertrag von Baden-Baden6, der so günstig für die bekannten 3 Ostbahnen7 lautete, daß im Verwaltungsrathe der N.O.bahn später Zweifel über die Annehmbarkeit desselben geäußert worden sind, unter das Eis gebracht haben. Diesen Personen gegenüber bedarf es im Interesse der Sache Vorsicht & es darf nicht aus dem Auge gelassen werden, daß, wenn die Nordostbahngesellschaft, beziehungsweise ihr Vorstand sich allzusehr beeilen würden, auf die erste beste vage Anregung ihrer bisherigen Gegner hin sich nach Paris bestellen zu lassen, dieß der Stellung & den Interessen der N.O.bahngesellschaft kaum angemessen sein dürfte. Die Puncte, über die ich keine befriedigende Antwort erhalten habe, sind folgende:
1.) Betreffend die Frage, inwiefern der Vertrag über die sogenannte kleine Fusion8 als bindend zu betrachten sei, ist durchaus keine genügende Auskunft ertheilt. Dieß ist aber ein Cardinalpunct. Denn, abgesehen von andern Seiten, die hervorgehoben werden könnten, wird in jenem Vertrage davon ausgegangen, daß die Actien der geringsten Unternehmung pari taxirt werden sollen, was, wenn die N.O.- & die Centralbahn actien entsprechend angeschlagen werden wol| len, eine Taxation derselben bedeutend über pari & in Folge dessen die Bildung eines sehr großen fictiven Capitales bedingt. Und ferner enthält der Vertrag über die kleine Fusion die Bestimmung, daß alle Actien in 5prozentige Obligationen pari umgewandelt werden können. Muß an diesen Grundlagen bei einer weitern Fusion festgehalten werden, so stehen einer solchen kaum zu überwindende Hindernisse im Wege. Es ist also ein Punct, von fundamentaler Bedeutung, daß man wisse, ob die Herren der réunion financière an den Vertrag betreffend die kleine Fusion gebunden sind oder nicht & über diesen Punct wünsche ich jedenfalls vor einer Reise nach Paris klaren Aufschluß zu erhalten.
2.) Anlangend die Taxation der Actien erklären die Herren, «es werde der N.O.bahngesellschaft alle Rechnung getragen werden, das gebe keine Schwierigkeit.» Diese Sprache ist immer von dieser Seite her geführt worden & wenn es dann zur Taxation selbst kam, so hat man der N.O.bahngesellschaft nicht die gebührende Rechnung getragen & es hat Schwierigkeiten gegeben. Über diesen Gegenstand ist schon soviel verhandelt worden, daß man vollständig in dem Stadium der Zahlen angelangt ist & wenn man loyale Verhandlungen anstrebt, so kann man in Zahlen annähernd angeben, wie man die Sache sich etwa denkt.
3.) Die Zusicherung, daß die Mehrheit der Gesellschaftsbehörden aus Schweizern bestehen soll, klingt ganz schön. Wenn dieß aber auch der Fall wäre & dann etwa eine Bestimmung aufgenommen würde, dahin lautend, in den & den| wichtigsten Puncten bilden die Parisermitglieder des Verwaltungsrathes ein besonderes, in Paris deliberirendes Comité & es stehe diesem Comité ein Vetorecht zu, so würde dann jene schön klingende Bestimmung über die Zusammensetzung der Gesellschaftsbehörden keine große Bedeutung mehr haben. Du weißt aber, daß in dem sogenannten Vollziehungsvertrage zu dem Vertrage über die kleine Fusion ein derartiges Vetorecht von den Herren, die sich nun an uns wenden, einbedungen worden ist.
4.) Über die Dispositionen der Centralbahngesellschaft, mit den Herren der réunion financière einzutreten, haben sie, wie es scheint, auch nichts bestimmteres beibringen können.
Ich ersuche dich nun, über die hier herausgehobenen Puncte bei Bartholony & Cons. noch weitere & bestimmtere Aufschlüsse zu verlangen. Von dem Ergebnisse derselben wird es abhängen, ob ich für einige Tage nach Paris kommen werde oder nicht. Aber, wie gesagt, ich verlange klaren, bestimmten Aufschluß & habe keine Lust dazu, mich von diesen Herren an der Nase herumführen zu lassen.
Ich habe erwartet, daß von der réunion financière uns mit Concurrenzbahnen werde gedroht werden. Die Glattthalbahngesellschaft hat nun wirklich bei den hiesigen Behörden für eine Linie Wallisellen–Kaiserstuhl die Conzession verlangt & 150 /m Fr. Caution anerboten. Kein Zweifel, daß dieß ein Manöver der réunion financière ist, um uns zur Fusion zu nöthigen. Indessen wäre es mir doch erwünscht, wenn Du auch über diesen Punct nach genommener Rücksprache mit den H. Bartholony & Cie mir nähere | Auskunft geben könntest. Du kannst übrigens den Herren sagen, daß die Conzession für die fragliche Linie nicht so leicht werde erhältlich gemacht werden können & daß der N.O.bahngesellschaft eine Menge Wege zu Gebote stehen, um ihre Ausführung zu verhindern.9
Ich sehe also den weitern Mittheilungen, die Du mir zukommen zu lassen, die Gefälligkeit haben willst, entgegen & werde meine fernern Entschließungen darnach einrichten.
Was die Neuenburgerfrage anlangt, so hatte ich dir nichts zu melden, das dießfalls in der Schweiz wahrzunehmen gewesen wäre & nicht aus unsern Zeitungen, die dir ja zur Hand sind, hätte entnommen werden können. Darum habe ich dir auch bis jetzt nicht geschrieben. Ich begreife, daß die Dinge sich nicht so schnell abwickeln können, wie es vielorts hier gewünscht wird. Wenn nur das Endergebniß ein günstiges ist, so wird man sich über die Verzögerung leicht trösten können. Daran aber, daß die Sache ausgetragen werde, wie es der Bundesversammlung in Aussicht gestellt worden ist, muß uns, muß aber gewiß auch dem Auslande & namentlich Frankreich, viel liegen. Ich zweifle daran, daß das Ausland wünschen kann, die Partei Vogt10 in der Schweiz zu kräftigen. Du wirst diesen Gesichtspunct gewiß gebührend hervorheben.
Die Angelegenheiten der polytechnischen Schule werden gehörig besorgt, Du darfst deshalb ganz beruhigt sein. Ich werde ziemlich bald den Schulrath einberufen müssen. Stocker11 habe ich Deinen Auftrag, dir einen übersichtlichen Bericht zu erstatten, mitgetheilt.|
Grünenhof den 16 Febrr
Vormittags 11 Uhr.
Nachdem ich dir heute frühe obigen Brief geschrieben, fand ich nachher im Grünenhofe12 Dein Schreiben vom 14ten 13, für das ich dir bestens danke. Ungeachtet dieses letztern halte ich den Inhalt meines heute früh geschriebenen Briefes fest. Es ist bei den hier, wie Du weißt, immer noch obwaltenden Sympathieen für eine Fusion mit den Ostbahnen sehr wünschbar, daß nicht etwa gesagt werden könne, man habe günstige Bedingungen für eine Fusion mit den Ostbahnen abgewiesen. Man muß also wissen, welche Bedingungen in den Hauptpuncten der N.O.bahngesellschaft für den Fall einer Fusion der Ostbahnen gestellt werden wollen & es ist wohl um so nothwendiger, diese Bedingungen zu präcisiren, weil man nun aus den Äußerungen des Herrn Hottinger14 sieht, wie leichtfertig von Seiten der Herren der réunion financière Angaben über die Geneigtheit der Centralbahngesellschaft, zu einer Generalfusion Hand zu bieten, gemacht worden sind. Ich ersuche dich also im Einverständnisse mit unsern Collegen der Direction, dir über die herausgehobenen Puncte genauere & bestimmtere Aufschlüsse geben zu lassen & sie sodann mir zur Kenntniß zu bringen.
Was den Brief des H. Geigy an wen immer in Paris betrifft, so haben durchaus keine Unterhandlungen zwischen der N.O.- & Südostbahn betreffend eine Fusion bloß dieser beiden Unternehmungen Statt gefunden & ferner haben wir in keiner Weise an den Tag gelegt, daß wir die dir bekannten Ansichten betreffend eine Fusion mit der Centralbahn geändert haben: dagegen verwundern wir uns in hohem Grade darüber, daß das Directorium der Centralbahn uns gegenüber| betreffend die Fusionsfrage eine sehr zurückhaltende Stellung beobachtet. Es ist in dieser Beziehung seit Deiner Abreise genau geblieben, wie es vorher war. Es ist wohl angemessen, wenn Du an geeignetem Orte (bei Herrn Hottinger, Marquart15 us. f.) hievon Meldung thust.
Vielleicht hast Du Gelegenheit, den Inhalt dieses Briefes, soweit er sich auf die Fusionsfrage bezieht, Hrn. Abegg mit meinen freundlichen Grüßen mitzutheilen.
Deine confidentiellen Mittheilungen über die Neuenburgerfrage verdanke ich dir bestens & spreche meine herzlichen Wünsche für das Gelingen Deiner Mission aus.
Die Meinigen, zu denen ich selbstverständlich auch meine Braut rechne, grüßen dich bestens.
Herzlich
Dein
A Escher