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Ist die Stromerzeugung aus Erdgas in der Schweiz unumgänglich?
Nein, nicht unbedingt! Die Schweiz könnte auf Gaskraftwerke verzichten, wenn sie sich dazu entschliessen würde. Sie müsste sich dazu aber die Mittel geben, d.h: Sie müsste einerseits den Ausbau der erneuerbaren Energien und andererseits die Verbreitung der Technologien, mit denen unsere Energieeffizienz gesteigert werden kann, stark beschleunigen. Tut sie das nicht, muss für unsere Stromversorgung auf Gaskraftwerke zurückgegriffen werden, zumindest übergangsweise. Was ein Verzicht auf Gaskraftwerke für die Schweiz wirtschaftlich und strategisch bedeutet, hängt im Wesentlichen vom Schiefergas in Europa und in der Schweiz und von der Preisentwicklung für die CO2-Emissionen ab.
Wie es ihr Name besagt, produzieren Gaskraftwerke Strom aus Wärme, die durch die Verbrennung von Erdgas entsteht (welches sich v. a. aus Methan zusammensetzt). Sie stellen eine der Optionen für den Ersatz eines Teils der Stromproduktion von Kernkraftwerken nach deren Stilllegung dar. Diese Anlagen haben den Vorteil, dass sie relativ rasch – innerhalb von 2 bis 3 Jahren – gebaut werden können. Aber sie haben auch gravierende Nachteile: Sie erhöhen unsere Importabhängigkeit (das Erdgas kommt heute aus dem Ausland) und stossen etwa 50-mal mehr CO2 pro kWh als Kernkraftwerke aus.
Wenn es der Schweiz gelingt, ihr gesamtes Potenzial für die Produktion von Strom aus erneuerbaren Energien zu nutzen, müsste sie keinen bzw. fast keinen Strom importieren. Je länger sie aber mit der Nutzung dieses Potenzial zuwartet, desto mehr wird sie auf Importe zurückgreifen müssen, was unsere Versorgungssicherheit schwächt. Wären wir gezwungen, stark auf Importe setzen, dann wäre es besser, anstatt Strom Gas zu importieren, aus dem wir selbst in Gaskraftwerken Strom erzeugen [→ F88]. Das ist ganz klar der Weg, den wir eingeschlagen haben: Unsere Anstrengungen im Bereich der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz sind bis dato zu zaghaft. Wenn wir unsere diesbezüglichen Anstrengungen nicht kräftig hochfahren, werden wir zwingend auf Gas zurückgreifen müssen, zumindest in einer Übergangsphase. Es sei denn, wir entschliessen uns, unsere Kernkraftwerke 60 Jahre laufen zu lassen, um diese Übergangslösung zu vermeiden [→ F16].
Aus Sicht der Versorgungssicherheit ist die Option der Gaskraftwerke zwar Stromimporten vorzuziehen, aus wirtschaftlicher Sicht sieht es aber anders aus – zumindest kurzfristig gesehen. Im derzeitigen Umfeld tiefer Preise und einer Überkapazität der Stromerzeugung in Europa, ist es unmöglich, Gaskraftwerke in der Schweiz rentabel zu betreiben. Daher hat derzeit (und wahrscheinlich auch in den kommenden Jahren) niemand die Absicht, in solche Anlagen zu investieren. Deshalb könnte sich die Schweiz wegen ihrer Versorgungssicherheit in einer absurden Situation wiederfinden, in der sie die Gaskraftwerke subventionieren müsste, damit sie gebaut werden! Ein solches Szenario erscheint plausibel, weil man das heute schon für kleine Wärmekraftkopplungsanlagen in der Schweiz beobachtet [→ F28].
Dennoch ist eine von einem (grossen oder kleinen) Gaskraftwerk produzierte kWh heute immer noch billiger als eine kWh erneuerbarer Strom. Darum würde die Förderung von Gas der Schweiz kurzfristig gesehen weniger kosten als eine massive Subventionierung der erneuerbaren Energien. Mittelfristig ist nicht mehr so sicher, ob diese Schlussfolgerung stimmt, weil die Preise des aus Gas produzierten Stroms wohl in Verbindung mit der Erhöhung des Preises der CO2-Emissionen steigen werden [→ F83] et [→ F90], während die Kosten der erneuerbaren Energien weiter sinken werden [→ F64]. Gleichwohl könnte die breit angelegte Förderung von unkonventionellem Gas in Europa die Situation zu Ungunsten der erneuerbaren Energien verändern [→ F25].
Ausserdem ist es wahrscheinlich finanziell gesehen nicht klug, Gaskraftwerke als Überbrückung bis zum Ausbau einheimischer Lösungen (Erneuerbare und Energieeffizienz) zu errichten, weil diese Anlagen dann mit dem Aufschwung der Erneuerbaren und der Erneuerbaren nach und nach weniger genutzt werden. Insgesamt wird die Rentabilität von Gaskraftwerken für die Stromerzeugung durch eine ganze Reihe von Faktoren beeinträchtigt.
Es ist wichtig, die verschiedenen Herausforderungen gut zu verstehen, um rasch jenen Weg zu wählen, den wir verfolgen möchten, und ihn auch entschlossen einzuschlagen. Je zögerlicher wir uns entscheiden, desto weniger Spielraum haben wir, die vorteilhaftesten Lösungen für die Schweiz zu wählen.
Quellen
- Swiss ENERGYScope (2019)
- Swiss ENERGYScope (2019). Swiss-energyscope. [Online]. Available at: https://www.energyscope.ch/.