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Der vorliegende Band ist das Ergebnis der gleichnamigen Tagung, die die Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung (AkG) – ein Zusammenschluss kritischer TheoretikerInnen – im Dezember 2013 an der Humboldt-Universität zu Berlin veranstaltete. Ausgangspunkt der Tagung war Hrsg. zufolge ein Artikel von Oliver Nachtwey in der FAZ vom 18.01.2012, „der die These entwickelt, dass sich der Marxismus in einer Phase der Rekonvaleszenz nach seinem Missbrauch durch den Stalinismus befinde“ (10). Die zentralen Weiterentwicklungen der marxschen Theorie können Nachtwey zufolge im angelsächsischen und nicht im deutschsprachigen Raum gefunden werden. Diese These war und ist provozierend.
Offenbar so sehr, dass Hrsg. konstatieren, kritische Gesellschaftstheorie sei „in vielfältiger Hinsicht produktiv und quicklebendig“ (21). Dennoch wird Nachtwey konzediert, dass „sich eine Art poor man’s Marxismus“ in linken Zusammenhängen beobachten lässt, „der auf einen naturalistischen Materialismus und primitiven Ökonomismus zurückfällt“ (13). Auch eine Überforderung der Theorie sei festzustellen, wenn mit Marxismus der Anspruch verbunden ist, „auf viele oder alle Probleme, die die kapitalistische Gesellschaftsformation aufbringt, eine systematisch ableitbare Antwort geben [zu müssen]“ (17). Damit ist kritische Theorie nicht nur im Feld gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse verortet, sondern auch auf die mit ihr verbundenen Praktiken befragt.
Zwei Beiträge können im engeren Sinn als historisch angelegte bezeichnet werden. So schildert Frank Deppe das ‚Austrocknen‘ kritischer Hochschulfächer und akademischer Zusammenhänge im Neoliberalismus (71). Die Lektion aus dieser Entwicklung besteht für Deppe in der engeren Vernetzung emanzipatorischer (Theorie-)Bestrebungen. Ihm kommt dabei das Verdienst zu an das heterogene Feld von marxistischen Zeitschriftenprojekten in der BRD zu erinnern (73). Ganz andere Schlüsse zieht Lutz Brangsch aus den Erfahrungen in der DDR; diese hätten gezeigt, „dass ein akademischer Marxismus unmöglich ist“ (104). Brangsch selbst relativiert diesen Befund, wenn er verschüttete Traditionen der Marx-Rezeption in der DDR erwähnt (B. Gehrke, T. Klein) und schließlich zur These kommt, eine emanzipatorische Marx-Rezeption brauche geeignete organisatorische Bedingungen (119). Dies umso mehr als in der DDR gerade die Akademisierung des Marxismus zu Ausschlüssen und fehlender Selbstreflexion geführt habe – ersteres zumindest gelte auch für einige Marx-Schulen im Westen (105).
Eine Diagnose, der sich auch Michael Heinrich anschließen könnte. Mit dem foucaultschen Begriff des Macht-Wissen-Komplexes wird der von Altvater so genannte ‚kurze Sommer des akademischen Marxismus‘ zu einer „Scheinblüte“ erklärt, „die auf diskursiven Machteffekten beruhte“ (128). Deshalb insinuiert Heinrich das Projekt eines Marxismus, den er weitgehend als Marxismus-Leninismus denkt, sei zugunsten einer Rückkehr zu Marx aufzugeben (122f.). Heinrich könnte sich hier zum Teil auf Max Horkheimer berufen, für den die Begriffe von Marx bei seiner Formulierung einer kritischen Theorie der Gesellschaft zentraler Bezugspunkt waren – nicht ohne diese kritisch zu prüfen. Anders als bei Heinrich ist dieser Bezug aber nicht durch eine bloße Rückkehr zum marxschen Erkenntnisobjekt gekennzeichnet, vielmehr ging es für Horkheimer um eine Aktualisierung der marxschen Begriffe vor dem Hintergrund veränderter historischer Bedingungen. Das führte die Kritische Theorie zu einer auch die Psychoanalyse umfassenden kritischen Gesellschaftstheorie. Heinrich aber bleibt die Antwort schuldig, wie der ausschließliche Bezug auf Marx die Theorie auf die Höhe der Zeit heute bringen kann.
Nur vermeintlich an den Rändern der marxschen Begriffe bewegt sich der Beitrag von Silvia Kontos. Sie kritisiert, dass Marx Hausarbeit (und vergeschlechtlichte Reproduktionsarbeit als solche) als wertproduzierende Arbeit nicht denken kann: „Auch im Haushalt des Lohnarbeiters wird Mehrarbeit geleistet, die durch die Senkung der Reproduktionskosten dem Kapital zufließt“ (82). Doch bestimmt Kontos nicht nur die bei Marx nicht berücksichtigten Momente, die zur Bestimmung der Ware Arbeitskraft notwendig sind – eben die Reproduktionsarbeit im Haushalt –, sondern verortet dort auch ein widerständiges Moment. Hausarbeit habe einen eigensinnigen Charakter, der darin besteht, „das Leben und Lieben gegen eine völlige Vereinnahmung durch die kapitalistische Produktionsweise zu verteidigen“ (80).
Was eigentlich kritische Gesellschaftstheorie bedeutet, wird in den Beiträgen von Alex Demirović, Klaus Dörre, im E-Mail-Gespräch zwischen Pia Garske, Inga Nüthen, Benjamin Opratko und Katharina Pühl sowie im Beitrag von Ingo Stützle verhandelt. Letzterer behauptet, dass der systematische Ort der Klassentheorie nicht am Ende des 3. Kapital-Bandes sei (130), vielmehr gehe es Marx um die Form, die der Klassenkampf annimmt. Dieser nimmt bei Marx einen „Kampf um oder gegen die Form“ (135) an. Ähnlich wie Dörre (50) nimmt Stützle an, dass die Klassentheorie das zentrale Element der marxschen Theorie ist.
Katharina Pühl kritisiert den Ausschluss feministischer und postkolonialer Diskussionen aus dem Marxismus. Wobei sie anmahnt, daraus dürfe keine Pseudopluralität resultieren (159). Obgleich solche Fragen in der E-Mail-Diskussion nur angerissen werden, ist damit doch das Problem verbunden, wie sich (queer-)feministische und postkoloniale Begriffe in einen systematischen Zusammenhang zu marxschen Begriffen bringen lassen.
Klaus Dörre bezieht sich in seinem Beitrag auf M. Burawoys Konzept eines ‚sociological marxism‘ (43), den Dörre in seinen 8 Thesen vor allem als pluralen versteht (vgl. Th. 1 und 3). Demnach habe Marx die umfassendste Analyse der kapitalistischen Produktionsweise geliefert (Th. 2), die den Blick für die „Wirkungsmöglichkeiten“ (Th. 4) der sozialen Reproduktion schärft.
Mit Rückgriff auf Gramsci versteht Alex Demirović in seinem Beitrag die marxsche Theorie als eigene Kraft auf dem Feld gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse: „[S]ie bereitet den Konsens für eine Veränderung vor“ (26). Marx vollzieht seine wissenschaftliche Revolution „durch eine Kritik der ‚objektiven Gedankenformen‘ der bürgerlichen Gesellschaft und damit verbunden der sie vollziehenden Praktiken“ (27). Von hier aus zieht er den Schluss, es gehe um das Verständnis der „Auseinandersetzung auf dem Feld der Erkenntnis und Wahrheit“ (29). Gerade weil Demirović Begriffe als „soziale Praktiken und Verhältnisse“ versteht, kann er den Ausschluss kritischer Intellektueller aus den Hegemonieapparaten (wie der Hochschule) als Versuch von Seiten der hegemonialen Kräfte verstehen, den kritischen Gedanken niederzuhalten.
Wer sich abschließend fragt, was eigentlich nun der ‚Stand des Marxismus‘ ist, kann mindestens vier Themenfelder ausmachen: 1. Marxismus als Theorie des gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs (13), 2. als Theorie, die sowohl sozialen Wandel erklären (20) als auch emanzipatorische Kämpfe vorbereiten und begleiten kann (34), 3. als Theorie sozialer Kämpfe und Kräfteverhältnisse (vgl. Stützle 130ff.) und 4. als selbstreflexive Theorie, die Begriffe (‚objektive Gedankenformen‘) als verallgemeinerte soziale Praktiken verstehen und kritisieren kann (27).
Der Band regt zu einer längst überfälligen Diskussion an: Nämlich welche Folgen eigentlich die Verdrängung kritischer Wissenschaft von deutschsprachigen Universitäten für die Produktion dieses Wissens selbst zur Folge hat. Gerade bei der Frage nach dem Bezug auf die marxsche Theorie und die Möglichkeit einer kritischen Gesellschaftstheorie heute wäre eine Bezugnahme der Beiträge untereinander sicher produktiv gewesen. So werfen die Beiträge von Heinrich und Demirović die Frage nach der theoretischen Praxis der an Marx anschließenden Theorie auf, scheinen aber im Hinblick auf die Konzeption einer gegenwärtigen kritischen Theorie durchaus unterschiedliche Position zu haben. Obwohl der Band nur einen Ausschnitt der deutschsprachigen Marx-Diskussion abbildet, ist diese, aufgrund der thematischen Breite der Beiträge, offenbar besser aufgestellt als Nachtwey polemisch vertreten hat.
Alex Demirović, Sebastian Klauke, Etienne Schneider (Hrsg.): Was ist der „Stand des Marxismus“? Soziale und epistemologische Bedingungen der kritischen Theorie heute Münster: Westfälisches Dampfboot, 2015.
Hinweis der Redaktion: Siehe auch die auf theoriekritik.ch veröffentlichte Eröffnungsrede von Elmar Altvater vom 13. Dezember 2013, «Das Kapital und das Kapitalozän. Warum und zu welchem Ende beschäftigen wir uns mit Marx und dem Marxismus?», die im Band zur Tagung nicht berücksichtigt wurde.