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Die erste Ersteigung des Finsteraarhorns und der Königsspitze
( Fortsetzung und Schluss. )
Von J. Lüders ( Sektion Basel ).
II. Die erste Ersteigung der Königsspitze.
Zwischen den Bergfahrten der Gebrüder Meyer in den Jahren 1811-1812 und Steinbergers führerloser Besteigung des Großglockners und der Königsspitze im Jahre 1854 liegt ein Zeitraum von reichlich 40 Jahren, in dessen letztem Drittel sich in der Schweiz die Ausbreitung des Alpinismus rasch fortschreitend vollzogen hatte. In den Ostalpen hat der Alpinismus sich zwar, wie es in der Natur der Sache lag, in ähnlicher Weise wie in der Schweiz entwickelt, aber seine Ausbildung und Ausbreitung verzögerte sich um etwa 10 Jahre, wiewohl Saussures Mont Blanc-Besteigung eher als in der Schweiz Nachahmung fand 1 ). Der Fürstbischofvon Gurk, Graf Salm, ein Freund und Förderer der Naturwissenschaften, plante die Ersteigung des Großglockners, und unter seinen Augen wurde 1799 der Kleinglockner, die 1 ) Vergleiche in dem 1893-1894 von dem Deutschen und Österreichischen Alpenverein herausgegebenen Sammelwerke „ Die Erschließung der Ostalpen " die allgemeine Einleitung und die Einleitungen zu den einzelnen Abschnitten.
vordere niedrigere Spitze des doppelgipfligen Berges, und 1800 seine von dieser durch die sogenannte Glocknerscharte getrennte höchste Spitze ( 3798 m .) erreicht. Dem Beispiele Salms folgend, ließ der geschichtlich bekannte Erzherzog Johann ( 1782-1859 ), bis an sein Ende ein begeisterter und auch tätiger Freund der Berge, den Ortler ( 3902 m .) durch den Gemsjäger Josef Pichler ersteigen, der den Gipfel 1804 und 1805 auf zwei verschiedenen, schwierigen Wegen, beziehungsweise über die „ hinteren Wandln " von Südwesten und auf dem „ hinteren Grat " von Südosten her erreichte. Weitere Besteigungen fanden 1826 und 1834 i ) auf Pichlers erstem Wege und 1857, 1860, 1861 und 1863 auf dem leichteren Wege durch die „ stickle ( steile ) Plais ", eine meistens mit Schnee bedeckte Eisrinne in der Westwand, statt2 ).
Der Großglockner und das an seinem östlichen Fuße liegende Dorf Heiligenblut haben in kleinerem Maßstabe in den Ostalpen eine ähnliche Rolle gespielt wie Mont Blanc und Chamonix in der Schweiz. Ihr Besuch wuchs allmählich, wenn auch der Besuch anderer Berge lange Jahre hindurch kaum zunahm. Erst von 1840 an begann in den Ostalpen ein regeres Leben sich zu zeigen, übrigens ziemlich unabhängig von den gleichzeitigen schweizerischen Bestrebungen. Davon spürte man aber beim Ortler nichts, und die vereinzelten Besteigungen desselben führten keinen Besuch der Ortlergruppe herbei. Es galt von ihr noch um 1863 das, was Schaubach 3 ) 1845 von ihr gesagt hatte: „ Dieser mächtige Gebirgsstock ist wohl der dem Geographen und besonders dem Reisepublikum unbekannteste Teil der Alpenwelt, ob er gleich wegen seiner erhabenen Pracht mehr als irgend eine Gegend besucht zu werden verdient. " Erst 1864 änderte sich dieses. Unvermittelt, ohne daß ein Übergangszustand eingetreten wäre, nahmen von da ab die Ortleralpen an dem allgemeinen Aufschwung des Alpinismus teil, wobei freilich die neuen Eisenbahnverbindungen mitwirkten. In jenem Jahre durchzogen einerseits die Engländer Tuckett und die Gebrüder Buxton mit den Schweizer Führern Chr. Michel und Fr. Biner, und anderseits der junge Wiener Geologe von Mojsisovics ( t 1908 ), einer der Stifter des 1863 gegründeten Österreichischen Alpenvereins, die Ortleralpen. Jene erstiegen am 30. Juli den Monte Confinale, überschritten am 1. August die am Südrande des nördlichen Teiles des Hauptkammes der Ortlergruppe liegenden, einst von Steinberger durchwanderten Gletscher, erstiegen dann am 3. August auf dem jetzt üblichen Wege von der Schulter herdie Königsspitze und endlich von Trafoi aus den Ortler, und zwar zum erstenmal über die Firnfelder seines nördlichen Abhangs, die sie durch die „ hohe Eisrinne " erreichten. Mojsisovics dagegen erstieg mit dem einheimischen Führer Seb. Holzknecht vulgo Janiger den Cevedale ( 3774 m .), die dritthöchste Spitze der Ortleralpen zum erstenmal und im folgenden Jahre ( 1865 ) den Ortler auf dem Wege durch die Tabarettawände, welcher sich oberhalb derselben an den Weg Tucketts anschließt und mit ihm den seitdem von Tausenden betretenen heutigen Suldnerweg bildet. Zu Tuckett und Mojsisovics gesellte sich von 1865 ab der Oberlieutenant Jul. Payer, der spätere Nordpolfahrer, der eine Karte der Ortleralpen aufnahm. Er förderte hauptsächlich die Kenntnis ihres südlichen italienischen Teiles, dessen Gipfel übrigens teilweise auch von Tuckett betreten wurden, der die Ortleralpen auch in den Jahren 1866 und 1867 besuchte. Die Beschreibungen, die jene drei Männer von ihren Fahrten gaben, verbreiteten auf einmal helles Licht über die Ortleralpen2 ).
Als Mojsisovics 1864 von Tirol nach Wien zurückreiste, erfuhr er in Meran, daß in dem „ Hausbuche für christliche Unterhaltung von Dr. Fr. Lang, Augsburg 1859 ", sich die Beschreibung einer früheren Ersteigung der Königsspitze fände 3 ). Er verfolgte die Spur und brachte dann 1865 in dem damals von ihm redigierten Jahrbuche des Ö.A.V. gleichzeitig mit Tucketts Aufsätzen und den dazu gehörigen Panoramen, den unter dem Namen Traunius pseudonym veröffentlichten Fahrten- bericht Steinbergers und bezeichnete diesen als den ersten Ersteiger der Königsspitze.
Steinbergers Persönlichkeit ist schon im ersten Abschnitte dieser Abhandlung besprochen worden. Man wird aber hier zu erfahren wünschen, was ihn gerade zur Königsspitze hingeführt hat. Leider ist darüber nur das bekannt, was er im Anfange seines Berichtes sagt, nämlich daß er sie einer Besteigung sehr wert gehalten habe. Da er nun den Großglockner nur deshalb führerlos bestiegen hat, weil er die geforderten Führerlöhne nicht bezahlen konnte, so kann er die führerlose Ersteigung der Königsspitze nicht von vornherein geplant haben, auch deutet das im Berichte Gesagte auf einen rasch gefaßten Entschluß hin. Ich möchte-annehmen, daß er die weite Reise vom Großglockner zum Ortler mit dem Plane gemacht hat, diesen zu besteigen, daß er aber seine Ersteigung aufgab und nun an die der Königsspitze dachte. Auf der Höhe des Stilfserjoches angelangt, entschloß er sich dann, sie zu versuchen.
Steinbergers Ersteigung der Königsspitze ist 35 Jahre lang niemals — wenigstens nicht öffentlich — bezweifelt worden. Erst im Jahre 1894 hat Louis Friedmann, ein bekannter österreichischer führerloser Bergsteiger, dieses getan. In der von ihm für das Werk „ Die Erschließung der Ostalpen " verfaßten Ersteigungsgeschichte der Ortlergruppe liât er den Bericht Steinbergers wie ein Gemisch von bestenfalls ein wenig Wahrheit und viel Dichtung behandelt und behauptet, daß Steinberger niemals den Gipfel der Königsspitze betreten habe. Er gründete seine Verdammung teils auf den Bericht Steinbergers, teils auf die Ergebnisse seiner Wiederholung der Fahrt desselben, die er aber unter wesentlich andern Umständen, als Steinberger die seinige, angestellt hatte. Eine Nachprüfung der Erörterungen Friedmanns fand zunächst nicht statt, und sie sind, wie es scheint, für begründet gehalten worden, bis im Jahre 1906 das Kartenhaus der Anklage auf den ersten Anstoß hin zusammenfiel. Es wurde nachgewiesen, daß Friedmann in wichtigen Punkten von Annahmen ausging, die das Gegenteil des Berichteten waren, daß er bei nicht miteinander übereinstimmenden Angaben statt den Wert der einzelnen zu prüfen, die nach richtigen kritischen Grundsätzen minderwertigen, aber Steinberger ungünstigen berücksichtigt hatte und überhaupt tatsächlich mit der größten Parteilichkeit verfahren war. Alles dies ist aber so handgreiflich, daß schon deshalb die böse Absicht ausgeschlossen ist. Die Erklärung des somit Unbegreiflichen ist, daß Friedmann, als er seine Kritik abfaßte, nicht mehr den Bericht im Österreichischen Jahrbuche, sondern nur den Auszug daraus vor sich hatte, der jetzt den ersten Abschnitt seiner Kritik bildet und den er vor seiner Probefahrt abgefaßt hatte, als er, wie es scheint, noch halb und halb an Steinbergers Fahrt glaubte. Dieser Auszug genügte allenfalls, wenn die Ersteigung nicht angezweifelt wurde. Da aber eine Reihe der wichtigsten Angaben Steinbergers in ihm fehlt, so mußte er geradezu verhängnisvoll werden, als er gegen denselben benutzt wurde. Als nämlich die Probefahrt die schon gehegten Zweifel zu bestätigen schien, scheint in Friedmann der Trieb, kritische Lorbeeren den bergsteigerischen hinzuzufügen, übermächtig geworden zu sein und gestützt auf seine unrichtigen Annahmen schlug er in blinder, ikonoklastischer Begeisterung auf Steinberger ein, der sich erdreistet haben sollte, einem Bergsteiger ersten Ranges, einem Meister der alpinen Gilde vorzugreifen und die Königsspitze, wie man heute sagt, im Vorübergehen mitzunehmen1 ). Es wäre aber um'echt, Friedmann mit Hugi zusammenzustellen. Daß jener gerecht sein wollte, beweist die angestellte Probefahrt. Auch ist zu bedenken, daß Friedmann kein persönliches Interesse verfolgte, während Hugi aus persönlichen Beweggründen gegen Meyer vorging. Aber der furor criticus kam über ihn und ließ ihn das mangelhafte Material in mangelhafter Weise benutzen, obgleich es bei ruhiger Erwägung genügt hätte, um Verdacht zu erregen und so zur Prüfung der Quellen zurückzuführen. Allerdings hat Friedmann dann das Gegenteil von dem, was er beweisen wollte, bewiesen. Zunächst würden diese Verwicklungen mehr zur Heiterkeit als zum Zorne reizen; leider war aber ihr Ergebnis so ernst wie möglich: ein jeder Achtung werter Mann wurde unumwunden zum verlogenen Schwindler gemacht und öffentlich für alle Zeiten an den Pranger gestellt. Für die Frage nach der Wirklichkeit der Steinbergerschen Ersteigung der Königsspitze kommen folgende Schriften in Betracht:
1. Steinbergers Schilderung seiner führerlosen Ersteigung des Großglockners, enthalten im Hausbuche für 1858. Sie bringt zwar nichts auf die Besteigung der Königsspitze unmittelbar Bezügliches, aber einzelnes in ihr ist wichtig für das Verständnis des anderweitig über die Ersteigung Berichteten; sie hier mitzuteilen ist indessen unnötig.
2. Steinbergers Bericht über seine Ersteigung der Königsspitze im Hausbuche für 1859 und der im Jahrbuche des Österreichischen Alpenvereins von 1865 enthaltene, etwas gekürzte Abdruck desselben. Es fehlen in letzterem Anfang und Ende des Berichtes und ein Teil der Beschreibung der auf dem Gipfel genossenen Aussicht, sowie eine religiöse Betrachtung. Hier konnte der Anfang, der eine Schilderung der auf der Stilfserjochstraße sich bietenden Aussicht enthält, und das Ende, das die Erlebnisse Steinbergers bei der Durchwanderung des schweizerischen Münstertales bespricht, auch fortbleiben, dagegen mußten die Beschreibung der Gipfelaussicht und die religiöse Betrachtung unverkürzt aufgenommen werden, da die aus jener weggelassenen Stellen als Beweismittel für die Wirklichkeit der Ersteigung wesentlich sind und die Betrachtung für eine auf der Persönlichkeit Steinbergers fußende Beurteilung seiner Wahrhaftigkeit Bedeutung hat.
3. Ein im Jahrbuche des Österreichischen Alpenvereins für 1865 zusammen mit Steinbergers Berichte abgedruckter Brief, den er am 25. Januar 1865 an Mojsisovics richtete. Er gibt darin die erbetenen Erläuterungen zu dem Berichte und schildert, wie er zum Bergsteiger wurde. Es genügt hier, aus dem Briefe das auf die Ersteigung Bezügliche zu geben. Das Wesentliche aus den persönlichen Nachrichten wurde schon im ersten Teile dieses Aufsatzes mitgeteilt.
4. Die Kritik, die Friedmann in der „ Erschließung der Ostalpen " an Steinbergers Bericht ausgeübt hat 1 ). Es braucht daraus nur derA. a. O., II, pag. 106 u. ff.
/. Lüders.
eigentlich kritische Teil, nicht aber der Tatbestand hier gegeben zu werden. Was dieser aus den Angaben der Quellen bringt bezw. nicht bringt, erhellt aus der unten folgenden Besprechung der Kritik.
5. Ein Brief, den Steinberger nach der Veröffentlichung der Kritik Friedmanns an den Herausgeber der „ Erschließung der Ostalpen " richtete. Steinberger weist darin dem Aussprüche Friedmanns gegenüber, daß die Ersteigung der Königsspitze die Grenzen der Möglichkeit überschreite, unter Anführung neuer bezüglicher Tatsachen wiederum nach, daß er ein durchaus geübter Bergsteiger gewesen sei, und betont, daß seine, von Friedmann nicht angezweifelte, bei schlechtem Wetter und schlechten Verhältnissen — blankes Eis auf dem steilen Hange unterhalb des Kleinglockners — ausgeführte Ersteigung des Großglockners unvergleichlich schwieriger gewesen sei, als die bei schönstem Wetter und den günstigsten Verhältnissen ausgeführte Ersteigung der Königsspitze. Dennoch erklärte er sich schließlich bereit, seinen Anspruch auf die Ersteigung der Königsspitze aufzugeben, da ja ein Irrtum vorliegen könne, während er den Anspruch, eine der höchsten Spitzen in der Nachbarschaft der Königsspitze, von der man rechts oder links am Ortler vor-übersehen könne, unbedingt forterheben müsse. Diese Nachgiebigkeit zeigt, daß Steinberger 1893 weder der Einzelheiten seiner früheren Äußerungen sich erinnerte, noch daß er sich jemals später mit den an sie geknüpften Fragen beschäftigt hat. Es ist unmöglich, daß er einen andern Gipfel als die Königsspitze erstiegen hat. Hätte er es getan, so wären seine Erzählungen auch nur ein einziges großes Lügengewebe.
6. Die Erwiderung Friedmanns auf Steinbergers Brief 1 ). Er wiederholt darin seine früheren Erörterungen, die er noch weiter ausführt und bleibt dabei, Steinberger habe die Königsspitze nicht erstiegen. Er tut dieses leider, obgleich ihm damals nicht nur sein Auszug aus dem von Mojsisovics veröffentlichten Berichte Steinbergers, sondern dieser selbst und also die richtigen Angaben vorgelegen haben müssen. Die Briefe Steinbergers und Friedmanns hier mitzuteilen ist unnötig.
7. Ein ohne Unterschrift erschienener Aufsatz in den „ Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins " für 1906 2 ), der, wie sich aus seiner Fassung allenfalls entnehmen läßt, auf Veranlassung des Zentralausschusses ( Vorstandes ) des genannten Vereins entstanden ist. Weshalb er ohne offene Angabe seines offiziellen Charakters und, trotz der Stellung seines Urhebers, des Zentralausschusses, und der Wichtigkeit seines Inhaltes, nicht an der Spitze des ihn bringenden Heftes erschienen ist, ist nicht bekannt ' ). Leider ist die dergestalt erfolgte scliließliehe Anerkennung der Wahrhaftigkeit Steinbergers nur ein ungenügendes Gegengewicht gegen die ihm in der sozusagen amtlichen Schrift des Vereins, der „ Erschließung der Ostalpen- zugefügte schwere Ehrenkränkung, die für die Zukunft bestehen bleibt, während die in den ephemeren „ Mitteilungen " halb vergrabene Ehrenerklärung leicht übersehen werden konnte und vielleicht bald vergessen sein wird. Die Mitteilung des beregten Aktenstückes ist hier zwecklos, ebenso die Besprechung derjenigen Punkte desselben, die abzuändern wären * ).
Steinbergers Bericht im Hausbuche0 ).
... Ich hatte früher nie von einer Besteigung der Königsspitze gehört, auch habe ich bis jetzt trotz eifriger Nachforschungen nichts von einer solchen erfahren können. Es ist leicht möglich, daß die Nähe und der berühmtere Name ihres Nachbarn das Augenmerk der Bergsteiger von ihr abgezogen hat. Allein ich war der Ansicht, daß sie keineswegs diese Vernachlässigung verdiene, und versprach mir von ihrer Ersteigung einen noch nie erlebten Hochgenuß. Was mich zu dieser Exkursion vorzüglich bewog, war der Umstand, daß die Gletscherregion, die bei andern hohen Schneebergen oft so viele Gefahren und Schwierigkeiten bietet, schon auf gebahnter Straße durchwandert war. Ferner stellte sich der ewige Firn, an dessen Fuß ich stand, und der alle Gipfel und Hochflächen ringsum bis zur Jochhöhe herab mit seiner blendend weißen Decke überzogen hatte, so gefahrlos und anlockend dar, daß ich nicht mehr widerstehen konnte. Da die Oberfläche hart gefroren war, wurden flugs die Steigeisen angeschnallt; auch wird, um das Auge vor dem blendenden Schneeglanze zu bewahren, ein schwarzer Flor vor das Gesicht gebunden. So vorbereitet und dem Schütze des Himmels mich empfehlend, trat ich allein die Schneewanderung an.
Es war ein prachtvoller Sommertag, kein Wölkchem trübte des Himmels Blau, und rein und heiter war die Morgensonne soeben über die Schneeberge im Osten emporgestiegen. Zuerst ging es an einer ziemlich hohen Schneewand auf die Hochfläche des Ebenferners J ) empor. Ein ungeheures Schneefeld lag vor meinen staunenden Augen. Gegen Ost und West begrenzen es sanft überwölbte Schneekuppen, während es gegen Nordeneine schauerliche Gletscherschlucht vom Ortler trennt. Kein Strauch oder Fels ist sichtbar, alles nur eine schimmernde Schnee- und Eisdecke. Wahrlich buchstäblich ein Monte Cristallo, aus Billionen funkelnder Kristalle zusammengesetzt! So groß war das Glitzern und Funkeln, daß selbst hinter dem Schleier die Augen noch sehr empfindlich litten. Eine feierliche Stille war über das Ganze ausgegossen, bis von Zeit zu Zeit der dumpfe Donner einer Eislawine das Schweigen brach. Auf diese Weise ging es immer mäßig ansteigend über zwei Stunden fort.
Vor mir2 ) erhob sich jetzt eine ziemlich steile Schneespitze, die den höchsten Punkt der Trafoier Ferner ( richtiger: meiner damaligen Umgebung ) bildet. Dahinter vermutete ich die Königsspitze. Um mich in dieser Eiswüste zu orientieren, beschloß ich, dieselbe zu erklimmen. Sie mag an Höhe dem Großvenediger gleichkommen, der 11,600 Fuß mißt. Nur vom Sturmwinde etwas belästigt, drang ich über eine steile Schneewand glücklich bis zum Gipfel ( hintere Madatschspitze 3432 m .) empor. Diesen bildet ein sehr schmaler vom Sturm aufgebauter Schneegrat in einer Länge von beiläufig zwanzig Schritten. Gegen den Ortler zu ist er so überhängend, daß ich durch eine Öffnung, die ich mit dem Bergstocke machte, auf die fast 4000 Fuß unter mir liegende Gletscherschlucht ( Oberer Trafoiferner M. ) hinabsah. Von Osten her winkte schon ganz nahe die firnbedeckte Königsspitze. Ein ziemlich breiter, oft sich verflachender Schneerücken verbindet sie mit dem Trafoiferner. Nur einen flüchtigen Blick auf das unvergleichliche Panorama werfend, eilte ich in südöstlicher Richtung an der Schneewand hinab, um meinen Weg gegen Osten fortzusetzen.
Fortwährend auf der Südseite des Schneerückens mich haltend, gelangte ich nach Umgehung einiger Eisklüfte ohne Unfall bis an den Fuß der Königsspitze, die in scharfen Kantenlinien als tausend Fuß hohe Pyramide vor meinen Augen kühn in die Luft stieg. Jetzt erst stieß ich auf ein bedeutendes, unüberwindlich scheinendes Hindernis. Eine breite Kluft gähnte mir entgegen und versperrte mir den Aufgang auf die Spitze. So nahe am Ziel und unverrichteter Dinge jetzt umkehren, dieser Gedanke war mir unerträglich. Zum Glück zeigte sich bald eine Möglichkeit, die Kluft zu umgehen. Hart an ihrem Rande hinsteigend, kam ich bald zu dem Punkte, wo sie sich an dem Schneegrate verlor, der von der Königsspitze herab südwärts zum Monte Confinale zieht. Diesen Grat suchte ich zu gewinnen, um dann auf ihmzur Spitze empor zu steigen. Vom Grate aber setzt sich eine steile Schneewand auf die bereits umgangene Kluft nieder und macht darum das Hinaussteigen höchst gefährlich, da auf den ersten Fehltritt der unvermeidliche Sturz in den finstern Eisschlund folgt. Mit Anwendung aller nur möglichen Vorsicht erreichte ich jedoch wohlbehalten die Höhe des Grates. Auf allen Seiten scharf abgerissen, schwingt sich dieser als steile Kante zum Gipfel empor * ). Der Sturmwind, der in so hohen Regionen fast nie ruht, hob wirbelnd die Schneekörner in die Lüfte und drohte mich über die Kante hinauszu-schleudern. Endlich waren nach sechsstündiger Schneewanderung alle Hindernisse überwunden und ich stand auf dem höchsten Punkte " der Königsspitze, den vielleicht noch kein Sterblicher betreten hatte. Allein augenblicklich zwang mich die Heftigkeit des Sturmes, ein wenig hinabzusteigen und mich bis zur Leibesmitte herauf in den Schnee zu stecken. Jetzt erst konnte ich ohne Gefahr nach allen Seiten frei ausblicken.
Die ganze Alpenwelt vom Mont Blanc im Westen bis zum Großglockner im Osten und von dem schwäbisch-bayerischen Hochlande bis zur lombardischen Ebene war in einem unübersehbaren Umkreise um mich herum gelagert. Alles wimmelte von Schneespitzen und Felshörnern in allen nur möglichen Formen. Das Ganze glich einem im Sturme erstarrten Meere, worin eine Woge die andere überstürzt, und unabsehbar neue Wogen wieder emportauchen. Wahrlich ein wirklicher Meeressturm muß vor diesem Schauspiele verschwinden. Dort steigen ja die Wellen höchstens haus- und turmhoch auf, während sie hier buchstäblich bergeshoch gegen den Himmel anbranden. Welch ein Standpunkt, selbst auf den höchsten Wogen zu stehen und in das furchtbare Berggewimmel ringsum zu schauen! Mein Herz bebte vor Freude und ich wußte nicht, wie mir geschah. Der erste Eindruck war niederschlagend, aber bald gewann die Seele die rechte Fassung wieder. Im Fluge ihrer Gedanken beherrscht sie das ganze Gebiet und fühlt, daß sie eigentlich zur Herrscherin darüber geschaffen.
Gegen Norden zweigt sich der Ortler ab, der so nahe zu sein scheint, daß man ihn mit einem Sprunge zu erreichen glaubt. Seine Höhe, die vorhin über alles dominierte, hat bedeutend nachgelassen und der Rund- schauer glaubt, in gleicher Höhenlinie mit ihm zu stehen. Es ist auch der Höhenunterschied von 150 Fuß ( genauer 45 m .) so gering, daß er auf so erhabenem Standpunkte ganz verschwindet. Freilich ist die optische Täuschung nirgends größer, als gerade in diesen hohen Regionen des Luftraumes. Auf der entgegengesetzten Seite, nämlich gegen Süden, macht sich jener Grat los, der mich auf die Spitze geführt und der schon ganz auf lombardischem Boden mit dem schneebedeckten Monte Confinale in ein Seitental des Veltlins abfällt. Dieses bleibt jedoch vom Monte Confinale bedeckt. In westlicher Richtung zieht der schon einmal genannte Schneerücken zu den Trafoifernern hinüber, setzt von dort über den Monte Cristallo auf das Stilfserjoch nieder, um dem bündnerischen Bernina den Arm zu reichen. Östlich läuft ein Schneekamm auf die Zufallspitze ( Cevedale ), von der wieder die Laaserferner, die Venezia-spitze und die lange Kette der Sulzberger Schneeberge sich abzweigen ( nicht ganz richtig M. ). Der westliche und der östliche Arm bilden die Grenzlinie, weshalb das ganze Gebiet, das ich vom Stilfserjoche her durchwanderte, der Lombardei angehört. Zwischen den genannten Gräten und Rücken lagern weitausgedehnte Schneefelder, deren Ende die prachtvollsten Gletscher umsäumen. Darunter nimmt der Zufallferner ( wohl der Suldenferner gemeint M. ) den ersten Rang ein.
Einen Augenblick schweift jetzt das Auge zu den menschlichen Wohnungen hinab, die in fast unerreichbarer Tiefe liegen. Nur zwei bewohnte Täler sind sichtbar, nämlich das Martelltal ( es ist das Suldental M., die Schuld an dem Versehen hat die alte Generalstabskarte L. ), dessen Hintergrund die Königsspitze bildet, und rechts am Ortler vorüber das obere Etschtal. Aus diesem schwingt sich der Blick zu dem nahen ötztaler Eisstocke hinan. Eine Schneespitze über die andere baut sich in diesem umfangreichen Bergreviere auf. Daran kettet sich der lange und gipfelreiche Zug der eisigen Tauern, vom berühmten Großglockner im Osten geschlossen und weit überragt. Lange ließ ich das Auge auf diesem wohlbekannten Berge haften. Von ihm weg richtete ich das Fernrohr auf das wildgezackte Dolomitgebirge, das in weitem Umkreise das Fassatal umlagert. Nirgends sieht man so wilde, so zerrissene und phantastische Berge. Drohend starren ihre rötlichen Dolomitfelsen zum Himmel auf, als wollten sie ihn erstürmen; ein Kofel türmt sich über den andern, alle scheinen an Wildheit und Schroffheit miteinander zu wetteifern. Am gewaltigsten tritt darunter die schneebedeckte Marmolata hervor, an die sich der zackenreiche Langkofel und Zangenberg und der berühmte Schiern mit dem Rosengarten anschließen. Gern verläßt das Auge diese unheimlichen Gestalten, um an den zwar höheren, aber viel sanfteren Schneebergen auszuruhen, die südlich von der Königsspitze auf der Grenze von Tirol und der Lombardei bis Judikarien hinabziehen.
Die Westhälfte des Panoramas wird fast ganz von den Schweizer -gebirgen eingenommen, nur an den beiden Enden stehen die lombardischen und die Vorarlberger Alpen. Unzählige Schneespitzen in den mannigfaltigsten Formen ziehen wimmelnd über das Feld des Fernrohres. Eine Kette übergipfelt die andere, aber immer erscheinen wieder höhere, bis endlich der Mont Blanc als würdiger Schlußpunkt das ganze Gemälde schließt 1 ). Im Vordergrunde erhebt sich der mächtige Berninastock, aus dem der Monte d' Oround der Disgrazia dominierend hervorragen. Dahinter zeigt sich der vielgipflige Monte Rosa und der unersteigliche Mont Cervin, an seiner braunen, schneeentblößten Pyramide leicht erkenntlich. Zuletzt erglänzt in weiter Ferne das ehrwürdige Schneehaupt des Mont Blanc. Rechts vom Bernina lagern die zahlreichen Schneeketten der Graubündner Alpen, nördlich von diesen der Rhätikon, von der schneeigen Scesaplana beherrscht. Über diese hinaus erscheinen die Schneegebirge, die westlich und östlich vom Gotthard auslaufen. Es sind die Alpen des Berner Oberlandes, von Schwyz, Uri und Unterwaiden. Nur das Finsteraarhorn, die Jungfrau, den Tödi und Säntis kannte ich, alle übrigen blieben mir unbekannte Größen.
Eine auffallende Erscheinung zeigte sich an der lombardischen Ebene und dem schwäbisch-bayerischen Hochgebirge. Obwohl nämlich beide in die Sehweite der Königsspitze fallen, konnte man doch nichts auf ihnen unterscheiden. In jenem Lande, wo hinter dem dunkeln Laube die Goldorange glüht, war bei dem höchsten Stande der Sonne und ganz heiterem Himmel alles düster und dunkel, wie bei einbrechender Nacht. Dieses ist vielleicht durch die Annahme zu erklären, daß die zu grelle und intensive Beleuchtung der ganz in Schnee starrenden nächsten Umgebung alles Schneelose und matter Beleuchtete in Schatten stellte. Es bleibt daher auch alles, was lieblich ist und Leben hat, von einer Fernsicht auf so erhabenem Standpunkte ausgeschlossen. Denn überall, wohin das Auge blickt, sieht es nur nackte, kahle Wände und ein weites Feld des Todes, von Pflanzen, Tieren und Menschen unbewohnt, gleichsam ein Stück Polarland mitten in das Herz Europas versetzt. Nur selten erfreut sich der Blick am Grün der Matten oder dringt zu den Wohnungen der Menschen hinab Aber wegen der zu großen Entfernung ist nichts zu unterscheiden und so geht auch hier der Charakter des Sanften und Lieblichen verloren. Ferner ist eine solche Rundschau nur als Ganzes betrachtet großartig, während das Einzelne für sich allein einen schwachen Eindruck macht. So erscheint jeder Schneeberg, auch der Mont Blanc nicht ausgenommen, bloß als kleine zuckerhutförmige Schneespitze, und verlieren die niedrigeren Gebirge sogar den Charakter der Berge. Mag darum der Ersteiger anfangs noch so sehr über das entzückende Rundgemälde entzückt gewesen sein, so fühlt er sich auf so schwindelnder Höhe doch nicht recht heimisch, sondern empfindet bald eine Kälte des Herzens. In dem Gefühle, daß hier oben seines Bleibens nicht sei, steigt er wiederum gerne in jene Regionen, wo alles Leben atmet, hinunter.
Die Sonne stand noch hoch an dem tiefblauen Himmel, als ich nach einem höchst genußreichen Aufenthalte von dreissig Minuten den Gipfel der Königsspitze wieder verließ. Zwar hatte der Sturmwind sich gelegt, aber dennoch blieb der Rückweg noch äußerst gefahrvoll, denn es war mir nichts übrig gelassen, als an der scharf abgerissenen Schneekante hinabzusteigen, links und rechts von den schauerlichsten Abgründen umstarrt und jeden Augenblick vom Untergange bedroht. Den jähen Absturz stets vor Augen und die Spitzen des Bergstocks sowie der Steigeisen so tief wie möglich in das Firneis treibend, stieg ich langsam und vorsichtig an jenem Schneegrate hinab, der südwärts zum Monte Confinale zieht. Es gehörte volle Schwindellosigkeit dazu, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren und nicht in den grausigen Schlund hinabzustürzen. Doch gelangte ich glücklich bis zu jenem Punkte, wo ich die Schneide verlassen und westwärts an der steilen Schneewand hinabsteigen sollte, welche fast senkrecht auf jene Eiskluft niederstürzt, die in einem weiten Halbkreise den Fuß der Königsspitze umzieht und gleich einem riesigen Ungetüme jeden zu verschlingen droht, der es wagt, das von ihr bewachte Gebiet zu betreten. Unwillkürlich bemächtigte sich da meiner ein banges Zagen, doch kehrten zum Glücke Mut und Besonnenheit bald wieder. Kaltblütig und an keinem Nerv erbebend, schwang ich mich vom Grate auf die Schneewand hinab, die durch einen schmalen Spalt von ihm abstand. Allein schon nach ein paar Schritten merkte ich, daß es aufwärts viel leichter gegangen und ich gar nicht geahnt, welche Gefahren beim Hinabsteigen meiner harrten. Damals kehrte ich nämlich der grausigen Kluft unter mir den Rücken, das Antlitz dagegen der Wand zu. Jetzt ging es gerade umgekehrt. Den gräßlichen Schlund gerade vor mir, mußte ich mich oft zweimal bedenken, ehe ich einen Schritt tat, da ja schon der kleinste Fehltritt den Tod bringen konnte.
Unterdessen hatte der Schneeglanz den höchsten Grad erreicht, alles ringsherum funkelte und blitzte, als wäre es lauter Kristall. Die Augen fingen an aufs schmerzlichste zu brennen, ein leises Flimmern trat ein, es ward immer stärker und stärker und endlich so stark, daß alles in einem weißen Nebeldufte schwamm und selbst die nahe Kluft dem Auge entschwand. So hing ich nun da zwischen Tod und Leben in Mitte einer unabsehbaren Eiswüste, von jeder menschlichen Hülfe fera und unver- mögend, einen Schritt vorwärts zu tun ' ). In solchen Augenblicken des Unglücks und der Not ist der Mann gerade so rat- und hülflos wie das schwache und unmündige Kind, das eine ruchlose Hand in eine menschenleere Öde ausgestoßen hat. Unwillkürlich findet man sich zu dem Gebete angetrieben, um Beistand und Trost da zu suchen, von wo er allein kommen kann. Wer nie in seinem Leben recht gebetet hat, den wird gewiß die Not beten lehren. Und ich glaube sogar, daß ein Gottesleugner in solchen Momenten der äußersten Hülflosigkeit wie von selbst und gleichsam unwiderstehlich zum Gebete seine Zuflucht nehmen wird. Denn da zeigt sich jeder in der wahren Menschennatur, jede Unnatur muß verschwinden, die Täuschung der Wahrheit Platz machen, ja der Schein-grund gegen Gottes Dasein in nichts zerfallen und siegreich die angeborene Gottesidee, die sich unterdrücken, aber nicht austilgen läßt, im Herzen des Ungläubigen triumphieren2 ).
Es waren bereits etliche Minuten verflossen, seit ich in diesem Zustande der Blendung, die Augen geschlossen haltend und jedem Licht-strahle den Eingang verwehrend, dagestanden, als ich zum größten Schrecken wahrnahm, daß die Zinken der Steigeisen zu lockern anfingen und jeden Augenblick auszureißen drohten. Es war also die höchste Zeit, daß eine Änderung in meiner schrecklichen Lage eintrat. Da das Brennen fast ganz nachgelassen, wagte ich, die Augen halb zu öffnen und spärliches Licht zwischen den Lidern eindringen zu lassen. Und sieh! Ich vermochte ganz deutlich die Gegenstände wieder zu unterscheiden. Allmählich an immer größere Lichtfülle mich gewöhnend, durfte ich die Augen ohne Schaden zu nehmen in kurzer Zeit wieder ganz öffnen.
Unbeschreiblich sind die frohen Dankgefühle, die jetzt mein Inneres erfüllten. Mir war es, als ob mir von neuem das unschätzbare Licht der Augen geschenkt worden wäre; ich hatte ja die ernstliche Befürchtung gehegt, ich möchte für eine Zeitlang ganz erblinden und so unrettbar in dieser furchtbaren Eiswüste dahinsterben. Jetzt konnte ich meinen gefährlichen Weg wieder fortsetzen und erreichte ohne Unfall den obern Rand der Eiskluft. Schwarze Finsternis lag auf ihrem Grunde und ein eiskalter Luftstrom drang daraus hervor und durchschauerte alle meine Glieder. Nachdem ich glücklich diesen Ort des Schreckens umgangen, stand ich endlich wieder auf jener unabsehbaren, aber fast ganz gefahrlosen Schneefläche, die sich zwischen den einzelnen Gipfeln der Ortleralpen hinzieht.
Obwohl das genannte Schneefeld, das größtenteils mäßig und nur selten steil sich senkt, nirgends von Klüften durchzogen wird und desDas folgende bis: Es waren bereits, fehlt in dem Jahrbuche des Ö.A.V. 2 ) Ich möchte hierbei darauf aufmerksam machen, daß „ Traunius " taktvoll nicht ausspricht, daß er selbst gebetet habe.
halb auch ohne Gefahr durchwandert werden kann, so war doch meine Lage keineswegs beneidenswert. Noch trennte mich eine fünf Stunden lange Schneewüste von der nächsten menschlichen Wohnung, und lag nicht die Befürchtung nahe, es möchte sich das kaum gestillte Augenübel neuerdings und in noch höherem Grade einstellen und jedes weitere Fortschreiten unmöglich machen? Mit bangem Herzen setzte ich darum die Schneewanderung fort, doch ging es besser, als ich je zu hoffen gewagt hätte. Es scheint, daß die Augen eine Art Eeinigungsprozeß durchgemacht, die Schneeprobe glücklich bestanden und von nun an nichts mehr zu leiden hatten, wie ja auch diejenigen, welche einmal die Seekrankheit an sich erfahren, in der Regel von ihr in Zukunft verschont bleiben.
Interessant war es zu beobachten, wie fast mit jedem Schritte der Gesichtskreis sich verengte, und ein Berghaupt um das andere unter den Horizont hinabtauchte. Es war mir, wie wenn tausend Freunde von mir schieden und vor dem Verschwinden mir noch freundlich aus der Ferne zuwinkten.
So hatte nach Und nach die ganze Osthälfte des Panoramas von mir Abschied genommen, hinter den immer höher ansteigenden Ortler und Königsspitze sich verbergend. Aber auch die Westhälfte des Rundgemäldes zog sich mehr und mehr zusammen, und als ich vollends über einen sehr steilen Schneeabhang pfeilschnell hinabglitt, war die ganze Fernsicht nur mehr auf die nächste Umgebung beschränkt. Bald hatte ich auch das Ende des Schneefeldes erreicht und durfte nach mehr als zehnstündiger Schneewanderung den Fuß wieder auf die sichere Bahn der Stilfserjochstraße setzen. Nur noch einen flüchtigen Blick auf den gegenüberliegenden Ortler werfend, verließ ich unaufhaltsam den höchsten Punkt des Joches, um an seiner Südseite hinabzusteigen. In kurzem war die vierte Kantoniera erreicht, wo ich von meinen Strapazen auszuruhen gedachte l ).
Steinbergers Schreiben an Mojsisovics von 1865.
Ihre sehr geschätzte Zuschrift vom 15. d. M. habe ich am 18. richtig erhalten und ich beeilte mich, sobald es die Zeit mir erlaubte, und soweit nach Verlauf von zehn Jahren das Gedächtnis noch reichte, die von Ihnen gewünschten Aufschlüsse über meine Fahrt auf die Königsspitze zu Papier zu bringen.
Der Tag der Besteigung war der 24. August 1854. Der Ausgangspunkt Trafoi. Von dort brach ich um zwei Uhr morgens auf und er- reichte ungefähr um fünf Uhr die Höhe des Stilfserjoches. Nach kurzer Umschau auf der westwärts vom Joche ansteigenden Höhe betrat ich in der Nähe des Grenzsteins die Firnregion. Dabei kam es mir sehr zu statten, daß die Firnoberfläche liart gefroren war und auch untertags beständig fest blieb, ein Umstand, der zur Beschleunigung der Exkursion außerordentlich beitrug. Nach mehr als zweistündigem Marsche verließ ich auf kurze Zeit die gerade östliche ( südöstliche ) Richtung, die ich bisher von der Paßhöhe eingehalten, um gegen Nordost ( Ost ) mich wendend auf dem Gipfel einer leicht ersteigbaren Schneespitze mich zu orientieren. Ob dieselbe mit Punkt I in Skizze A ( Tucketts Ansicht vom Madatschjoche aus ) identisch sei, kann ich mit Sicherheit nicht entscheiden, ebensowenig vermag ich anzugeben, wie viel Zeit dieser Abstecher in Anspruch nahm. Ihre im Hausbuche angegebene Höhe ist offenbar viel zu hoch gegriffen. Nur das ist mir noch lebhaft in Erinnerung geblieben, daß auf ihr der Blick nach Westen schon ganz frei war, während ostwärts die gewaltigen Schneemassen des Ortlers und der Königsspitze noch alles verdeckten. Meine Absicht war jedoch erreicht, ich sah mein Ziel, das mir bereits um ein Drittel des Weges, von der Paßhöhe aus gerechnet, näher gerückt und nur noch durch ein paar vorstehende Schneegipfel von mir getrennt war, deutlich vor mir und konnte mit den Augen die Linie ziehen, die mich dahin führen sollte.
Mit frischen Mute erfüllt, glitt ich in südöstlicher Richtung an der steilen Schneewand rasch hinab, um den Kars nach Osten unverdrossen wieder fortzusetzen. Fortwährend auf der Südseite des Kammes mich haltend, gelangte ich ohne Unfall bis an den Fuß der Königsspitze. Der Weg, den ich nahm, möchte mit der auf Skizze B ( Tucketts Panorama vom Monte Confinale ) gezogenen Linie im wesentlichen übereinstimmen, einige bald größere, bald kleinere Umwege abgerechnet, zn denen der in solchen Schneewüsten Wandernde durch Felsen oder Firnklüfte gar oft genötigt wird. Darüber jedoch, wann ich an dem Fuße der eigentlichen Spitze anlangte und wie viel Zeit ich zu ihrer Ersteigung brauchte, gibt mir das Gedächtnis keinen Aufschluß. Auch entsinne ich mich nicht, ob ich auf dieser letzten Strecke auf Fels gestoßen. Auf dem Gipfel selbst waren damals hohe Schneewehen angehäuft. Um darauf den heftigen Windstößen sicheren Widerstand leisten zu können, grub ich mich in halbliegender Stellung so tief wie möglich in den Schnee hinein.
Als ich nach einem nur halbstündigen, äußerst genußreichen Aufenthalte die höchste Spitze wieder verließ, hatte die Sonne ihre Mittagshöhe schon bedeutend überschritten. Die bald vorübergehende Blendung der Augen abgerechnet, ging der ganze Rückweg glücklich von statten. Über jeden steilen Schneehang schnell abfahrend, kehrte ich auf der oben beschriebenen Linie wieder zurück, gelangte wohlbehalten auf das Stilfserjoch und erreichte um die Zeit der Abenddämmerung das italienische Posthaus Santa Maria, unmittelbar ( 30 Minuten etwa ) unter der Paßhöhe.Von Trafoi an gerechnet möchte somit die ganze Tour etwa achteehn Stunden erfordert haben.
Diese vielfach mangelhaften Angaben über meine Fahrt, deren Lücken die Länge der seither verflossenen Zeit erklären und auch wohl entschuldigen dürfte, möchten aber ihre volle Beweiskraft erst noch durch folgende zwei ganz einfache Argumente erhalten. Die Königsspitze liegt bekanntlich ein wenig südöstlich vom Ortler, so daß man z.B. in der Gegend von Nauders im Obervi i tschgau sie auf der Ostseite dieses Bergriesen, und zwar etwas weiter rückwärts stehend, erblickt. Demnach mußte sich mir — und so war es in der Tat — von meinem damaligen Standpunkte aus an derselben Seite des Ortlers vorüber, der Blick in das obere Etschtal öffnen. Was sodann die Höhe anbelangt, so darf in der ganzen Ortlergruppe die stolze Königsspitze allein es wagen, mit ihrem ehrwürdigen Oberhaupte zu wetteifern. Eben diesen Wettstreit zwischen zwei gewaltigen Nebenbuhlern habe ich damals mit eigenen Augen geschaut, denn ich bin Zeuge gewesen, wie alle Bergspitzen rings um mich her, vor meinem erhabenen Standpunkte sieh beugen mußten, während einzig und allein der breitschultrige Ortler als ebenbürtiger Gegner sich behaupten konnte. Hieraus scheint mir nun als unwider-legbar hervorzugehen, daß der Berg, den ich am 24. August 1854 bestiegen habe, kein anderer war, ja nicht einmal sein konnte, als die bis zu jenem Zeitpunkte noch unerstiegene Königsspitze.
Die Kritik Friedmanns,
... Die Steinbergersche Tour ist seither fast zur Legende geworden und man gewöhnte sich daran, an diese erste überlieferte Ersteigung als eine der großartigsten Leistungen, welche ein Alleingänger ausführen konnte, zu glauben. Mit Hinsicht auf die enormeDistanz und die eigentümlichenVerhältnisse, unter denen die Wanderung geschah, schüttelte zwar mancher ungläubig das Haupt, wenn Steinberger genannt wurde, aber nach und nach konsolidierte sich sozusagen der Ruf seiner Ersteigung.Um klarzulegen, inwieweit jene Leistung der Grenze des Möglichen sich nähert oder sie überschreitet, verließ der Verfasser mit seinem Führer J. Pichler den 26. Juli 1892 abends Trafoi, in der Absicht, die Steinbergersche Tour zn wiederholen und zu ermitteln, ob dieser nicht etwa die Königsspitze mit einem andern, dem Stilfserjoche näher gelegenen Gipfel verwechselt habe.
Die beiden verließen am 27. Juli um 1 Uhr 15 Min. nachts die Jochhöhe und erreichten um 3 Uhr 15 Min. den Gipfel der Geisterspitze, auf dem bis 3 Uhr 40 Min. verweilt wurde. Dann wieder etwas zurück und stufenschlagend auf das steile Madatschjoch 5 Uhr. Über sanfte Schneehänge abwärts auf die Vedretta di Campo, und zum Passo dei Camosci, der um 5 Uhr 35 Min. erreicht wurde, wo sie bis 5 Uhr 50 Min. rasteten. Nach Überschreitung der von der Thurwieserspitze entsendeten, die Vedretta dei Camosci von der Vedretta del Zebru trennenden Felsrippe wurde der Zebrugletscher um 6 Uhr 15 Min. betreten und in der Richtung nach Osten gequert, der Gipfel der Cima dei Minieri um 7 Uhr 30 Min. genommen und nach einer halbstündigen Rast dem Col Pale rosse zugesteuert, der um 8 Uhr 20 Min. betreten wurde. Man steht jetzt am Fuße der Königsspitze, und es gibt nun zwei Wege, um ihren Gipfel zu erreichen: entweder man steigt nach Osten ab gegen den Firn der Vedretta di Cedeh, um von dort aus die „ Schulter " zu betreten und so auf die Spitze zu kommen, der leichtere, von unserem Standpunkte aus jedoch längere Weg; oder man erklettert die gerade vor dem Beschauer liegenden Südhänge der Königsspitze.
Welchen Weg, so lautet nun die Frage, ist Steinberger gegangen, wenn er überhaupt an den Fuß des Berges gelangt ist? Es erscheint kaum zweifelhaft, daß er in diesem Falle den letztern Weg gewählt hat. Der Anstieg über die Schulter ist vom Col Pale rosse nicht ganz zu übersehen und zu beurteilen, er ist länger und scheint es noch mehr. Der Weg über den Südhang ( genauer: Westsüdwest ) dagegen ist überaus einladend. Die Neigung ist im Anfange mäßig, die ganze Strecke scheint kurz und ist von keinerlei Spalten durchzogen. Daß der Anstieg in seinem obern Teile infolge von Vereisung zeitraubend und tückisch ist ( richtiger: sein kann ), läßt sich von unten nicht beurteilen. Friedmann und Pichler entschieden sich daher für den Anstieg über die Südseite, stiegen eine halbe Stunde lang den guten harten Firn schnell aufwärts und standen nach weiterer anderthalbstündiger, angestrengter Stufenarbeit um 10 Uhr 30 Min. auf dem Gipfel.
Der ganze Anstieg erforderte also vom Stilfserjoche, ohne die Rasten, 7 Stunden 55 Minuten. Die Schneeverhältnisse waren sehr günstig, der Firn überall hart und das Marschtempo überaus rasch. Die Strecken auf sanfteren Neigungen nach abwärts wurden teilweise im Laufschritte zurückgelegt, und es ist anzunehmen, daß Steinberger wie Friedmann zur Strecke Stilfserjoch bis Col Pale rosse nicht weniger als 6 Stunden gebraucht hat.
... Wie hätte Steinberger nun ohne Eisbeil die in ihrem obern Teile immerverglasten Südhänge überwinden können? Jede Partie, welche die Köriigsspitze über diese Hänge erstiegen hat1 ), benötigte längere, angestrengte Stufenarbeit, und die besten Führer erklären die Ersteigung der Südhänge mit einem Bergstöcke allein für unmöglich. Aber selbst unter der Annahme, daß Steinberger den Südhang ohne Pickel und in zwei Stunden, einer Zeit, welche gute, im Stufenhauen geübte Führer als ein Minimum bezeichnen, erklettert hat, ergäbe dieses einen Zeitaufwand von acht Stunden für die Strecke Stilfserjoch bis Königsspitze2 )... Nun gibt aber Steinberger für diese Strecke eine Zeit von sechs Stunden an, was man also schlechterdings als eine Unmöglichkeit bezeichnen muß.
Als die Partie Friedmann-Pichler um 11 Uhr 30 Min., eine Zeit, zu welcher Steinberger den Gipfel ebenfalls hätte verlassen müssen, den Abstieg zur Schulter antrat, zeigte sich der Schnee bereits so erweicht, daß der Plan, über den Col Pale rosse und die andern Pässe zum Stilfserjoch zurückzukehren, aufgegeben werden mußte.
Da Steinberger seine Tour ohne Zweifel nur bei schönem Wetter ausführen konnte, so hatte gewiauch er. mit dem erweichten Schnee zu kämpfen und hätte er somit den ganzen Rückweg noch vor Einbruch der Nacht nicht zurücklegen können.
Geht man auf die Beschreibung Steinbergers näher ein, so muß es vor allem auffallen, daß er die verschiedenen Pässe nicht erwähnt, die er auf seinem Wege hätte überschreiten müssen; auch ist seine Schilderung so vage und dort, wo Tatsachen angeführt werden, wie der Grat, welcher sich von der Königsspitze zum Confinale hinzieht und auf welchem er den Gipfel erreicht haben will, die große Kluft, die sich nach seiner Beschreibung bis an diesen Grat erstreckt haben soll, mit der Wirklichkeit so wenig übereinstimmend, daß man mit Zuversicht behaupten kann: Steinberger ist wohl nicht am Fuße der Königsspitze gestanden und hat gewiß nie ihren Gipfel betreten.
Der Nachweis, daß Steinberger die Königsspitze erstiegen hat, läßt sich nur aus seinen eigenen Berichten führen. Niemand hat ihn oben gesehen. Wer aber jene Ersteigung anzweifelt, müßte ebensogut die des Großglockners und schließlich alles anzweifeln, was Steinberger über seine alpine Tätigkeit berichtet hat. Man kann in einem solchen Falle die Unmöglichkeit und somit die Unrichtigkeit des Behaupteten erweisen, aber anderseits nur seine Möglichkeit und nicht auch seine Wirklichkeit, für die dann die Persönlichkeit des Gewährsmannes bürgen muß. An der Glaubwürdigkeit des jungen Mannes, der im Hausbuche seine Erlebnisse beschrieb, zu zweifeln, liegt aber kein Grund vor. Daß Steinbergers geistlicher Stand, seine ernste Lebensauffassung, die sich durch seinen Eintritt in den Franziskanerorden kundgab, die Achtung endlich seiner Standesgenossen, die sie ihm durch Wahl zum Guardian des angesehenen Klosters Altötting bezeugt haben, eine erhöhte Gewähr für seine Wahrhaftigkeit bieten, muß anerkannt werden, wenn man auch geneigt sein sollte, noch größeres Gewicht auf die Anschauung zu legen, die seine Schriften von seiner Persönlichkeit gewinnen lassen. Alles Sensationelle liegt ihm fern l ), er sucht nichts herauszuputzen. Von dem Wege hin und zurück zur Königsspitze weiß er, das Abenteuer mit der vorübergehenden Blendung ausgenommen, nichts zu berichten, weil er eben nichts Besonderes dabei erlebt hat. Als er aber seine Glocknerfahrt schilderte, wobei er am Fuße des Kleinglockners erhebliche Schwierigkeiten fand, beschreibt er diese auch. Die Überschreitung der Glocknerscharte wird dagegen von ihm nur flüchtig berührt; sie hatte für ihn nichts Bedenkliches, obgleich sie damals gewiß schwieriger war2 ), als irgend ein Punkt an seinem Wege über die Südwand der Königsspitze, von der er technisch nur sagt, daß sie volle Schwindelfreiheit erfordere. Allerdings schildert er den schwindelnden Gang an der Wand in etwas lebhafteren Ausdrücken, als heute gebräuchlich ist, doch ist dabei zu bedenken, daß ähnliche Äußerungen früher häufiger waren und also vielleicht natürlicher sind, als die jetzige kalte Gleichgültigkeit. Es ist ferner zu bedenken, daß bei Steinberger jeder Grund fehlte, den Lesern des Hausbuches ein Märchen aufzubinden. Kühnen Bergsteigern wurden damals noch keine Lorbeerkränze gewunden, wenigstens nur von einer sehr kleinen Gemeinde, der er ferne stand. Er suchte überhaupt keinen persönlichen Ruhm, denn er schrieb pseudonym als „ Traunius ". Wäre aber trotz alledem der Bericht eine Robinsonade, so dürfte man deshalb Traunius noch nicht allzu scharf beurteilen. Ganz anders wäre dann freilich Steinbergers späteres Verhalten einzuschätzen. Ein gereifter Mann, der eben die Kutte des Mönches angelegt hatte, schrieb er an Mojsisovics als Bergsteiger dem Bergsteiger, wiederholte seine früheren Flunkereien und suchte sie, so gut er konnte, als wirkliche Tatsachen zu erweisen, um so sich zum Erstersteiger der Königsspitze und nicht etwa einer andern Spitze zu machen. Und als er fünfunddreißig Jahre später als Greis auf Friedmanns Angriffe antwortete, ließ er jetzt zwar die Möglichkeit zu, einen andern Berg als die Königsspitze erstiegen zu haben, behauptete aber noch immer, eine große Ersteigung ausgeführt zu haben!
Glücklicherweise wird die Prüfung der Berichte Steinbergers auch nicht den geringsten Anhalt dafür geben, daß er irgendwie die Unwahrheit gesagt hat; freilich ist damit die Wirklichkeit seiner Erzählung nur wahrscheinlich gemacht, wenn auch vielleicht im höchsten Grade. Es lassen sich indessen bei Steinberger einige Angaben über die Beschaffenheit von Örtlichkeiten finden, die nur der, welcher sie aus eigener Anschauung kannte, machen konnte, und die somit positive Beweise dafür bilden, daß Steinberger diese Orte betrat. Dem Zweifler steht dann freilich immer noch frei, zu sagen, daß das Richtige erraten worden ist. Jene Indizien mögen vor den Angriffen Friedmanns hier besprochen werden.
Hat Steinberger die Firnfelder vom Stilfserjoch überhaupt betreten? Seine Äußerung, daß der Firn gefahrlos sei, spricht dafür und für die Wirklichkeit seiner Glocknerfahrt, denn auf dieser brach er zweimal in die Spalten des Leitergletschers ein, durchschritt aber anstandslos die Firnregion, die er damals zuerst betrat. Im übrigen beweist die richtige Schilderung der Aussicht, die ihm die Hintere Madatschspitze, die „ ziemlich steile Schneespitze " des Berichtes bot, daß er sie über die Firnfelder weg erreicht hat. Er sah von ihr wirklich auf den obern Trafoierferner links hinunter und erblickte über mehrere Schneegipfel hinweg sein Ziel, die im Hintergrunde sich erhebende Königsspitze. Auf deren Gipfel grub er sich dann halbliegend in den zusammengewehten Schnee ein. Der Gipfel ist nun in der Tat keine scharfe Schneide, sondern eine ebene, langgezogene Fläche, deren Breite mehr als genügt, um sich ruhig auf ihr zu lagern.
In der Beschreibung, die Steinberger von der Gipfelaussicht gegeben hat, sind die Hauptpunkte, daß nur der Ortler seinen Standpunkt überragte und daß das Etschtal rechts am Ortler vorbei bis in sein oberstes Ende sichtbar wäre. Auf diese Punkte berief er sich auch in dem Briefe von 1805, um nachzuweisen, daß er auf der Königsspitze und nicht etwa auf einem andern Gipfel gestanden habe. In der Tat sieht man auf dem Zebru das Etschtal überhaupt nicht und von der Thurwieserspitze nur seinen untern Teil, und zwar links vom Ortler. Leider beweisen aber beide Punkte an sich nichts, denn sie waren 1854 schon bekannt und es war damals auch ziemlich sicher, daß die Königsspitze nur niedriger als der Ortler sei. Auch Steinbergers eingehende Beschreibung der von der Königsspitze aus angeblich genossenen Aussicht beweist im allgemeinen nichts. Sie könnte aus Thurwiesers Beschreibung der Ortleraussicht* ) hergestellt sein, dagegen hätte dazu wohl kaum der dürftige Auszug aus dieser Beschreibung genügt, den Schaubach2 ) gibt, dessen Buch Steinberger jedenfalls gekannt hat.
Indessen läßt sich kein Anhalt dafür finden, daß Steinberger Thurwiesers Aufsatz gekannt und benutzt hat. Zwar sind bei beiden einige Ausdrücke ungefähr dieselben, aber sie könnten bei Steinberger auch von Schaubach entlehnt sein; anderseits benennt Thurwieser erheblich mehr Gipfel als Steinberger, der dafür aber einige namentlich anführt, die Thurwieser nicht erwähnt, z.B. in der Schweiz den „ Dodi " und in Tirol die Marmolata. Steinberger nennt ferner den Cevedale: Zufallspitze. Thurwieser dagegen: Zufallferner 3 ). Als vermutlich sichtbar führt Thurwieser das ;,ehrwürdige Haupt des Mont Blanc " an, und berechnet, daß er vom Ortler aus recht gut zu sehen sei. Er meint, daß „ Weißhorn, Mont Cervin und der gewaltige Eisstock des Monterosa rechts, der große Combin aber links " lägen, und kommt so zu dem Ergebnisse, daß eine „ noch entferntere Reihe von Gletschern " wohl der Mont Blanc sein könne. Steinberger sagt, daß in weiter Ferne das „ ehrwürdige Schneehaupt des Mont Blanc erglänze ", während vor ihm „ der vielgipflige Monterosa und des unersteiglichen Mont Cervin braune, sclmec-cntblößte Pyramide11 sich zeigen. Nun ist allerdings das Matterhorn 4505 m. in der Lücke des Adlerpasses 3798 m. von der Königsspitze aus sichtbar4 ) und somit Steinbergers Äußerung ebenso wie der Umstand, daß er sich auf dem erreichten Gipfel ruhig lagern konnte, ein positiver Beweis dafür, daß er auf der Königsspitze stand. Auch der Umstand, daß er das sozusagen Unmalerische des auf einem hohen Gipfel sich bietenden Panoramas erkannt und beschrieben hat, spricht dafür, daß er die Königsspitze betreten hat, denn auf dem Großglockner ist er im Nebel gestanden. Daß er ebenso, wie Meyer, den dunkeln Gürtel am Horizonte wahrgenommen haben will, ist dagegen an sich kein Beweis, denn Thurwieser hat ihn auch beschrieben. Mag nun auch Steinberger die Beschreibungen der Ortleraussicht gekannt haben oder nicht, so macht seine Beschreibung1 der Aussicht von der Eöjiigsspitze durch ihre Einzelheiten und als Ganzes den Eindruck, daß sie auf eigener Anschauung beruht.
Friedmann spricht von der „ enormen Distanz und den eigentümlichen Verhältnissen ", unter denen Steinbergers Wanderung erfolgt sei. Beides habe ihn bewogen, sie zu wiederholen, um klarzulegen, „ inwieweit jene Leistung sich den Grenzen der Möglichkeit nähere, oder sie überschreite ".
Steinberger ging von Trafoi aufbrechend zum Stilfserjoche, von da über den Firn zur Hinteren Madatschspitze, von ihr an der Südseite des Hauptkammes entlang zum Fuße der Königsspitze und dann zu ihrem Gipfel und ging auf demselben Wege, wahrscheinlich aber die Madatschspitze nach links umgehend, über das Tuckettjoch zurück. Die senkrechte Entfernung zwischen Trafoi 1541 m. und der Königsspitze 3857 m. beträgt einschließlich 150 m für die Ersteigung der Madatschspitze vom Gletscher aus 2466 m. Die horizontale Entfernung beider Punkte beträgt auf der Karte möglichst in der Richtung des Weges gemessen, die Kehren der Stilfserjochstraße größtenteils abschneidend, etwa 18 Kilometer. Die entsprechenden Zahlen für Zermatt 1620 m. und das Breithorn 4171 m. sind bezw. 2551 m. und etwa 16 Kilometer. Von einer enormen Leistung kann also füglich nicht die Rede sein. Allerdings hätte weicher Schnee die Fahrt recht mühsam machen können und Friedmann, der am 27. Juli 1893 schon gegen Mittag durchweichten Schnee antraf, hat angenommen, daß es Steinberger am 24. August 1854 ebenso ergangen sein müsse, und daß dieser bei seinem Rückwege die Jochstraße erst in der Nacht würde haben erreichen können, wenn er anders wirklich auf der Königsspitze gewesen wäre. Diese Annahmen widersprechen geradezu den Tatsachen: Steinberger gibt im Berichte an, daß zu seinem großen Vorteile den ganzen Tag über der Schnee hart geblieben sei; Friedmann hat aber in seinen Auszug nichts über Wetter und Schnee aufgenommen und dann das vermutet, was für seine Beweisführung am ersprießlichsten war1 ).
Steinberger hat nichts über die Beschaffenheit des Weges gesagt, den er von dem Fuße der Hinteren Madatschspitze bis zum Fuße der Königsspitze zurücklegen mußte, obgleich er dabei die Gräte überschreiten mußte, die vom Hauptkamm in südlicher Richtung gegen die Val Cedeh ziehen. Friedmann erklärt in seiner Kritik dieses Schweigen für ungemein auffallend und sagt in seinem Briefe von 1893: „ Die lange mühsame Strecke von der Geisterspitze — soll heißen: Hintere Madatschspitzekonnte einem Pfadfinder von dem Range Steinbergers nicht derart in Vergessenheit geraten, daß er schon nach vier Jahren den ganzen Weg mit folgenden wenigen Zeilen abtut: „ Nur einen flüchtigen Blick usw. " Steinberger wollte aber nicht, wie Tuckett, eine Topographie der Ortlergruppe schreiben, ebensowenig konnte eine solche seine Leser interessieren. Da er nun unterwegs nichts Bemerkenswertes erlebte, hat er auch nichts mitgeteilt. Es kommt dabei übrigens der von Friedmann übersehene Umstand in Betracht, daß Steinberger seine Fahrt machte, als der Hochstand der Gletscher, der etwa um 1848 am größten gewesen ist, noch andauerte, und deshalb viel mehr Schnee vorgefunden haben muß, als jener 40 Jahre später. Aus Tucketts Skizzen ist auch ersichtlich, daß um 1864 mehr Schnee auf seiner bezw. Steinbergers Route lag, als es heute der Fall ist. Daß auch Steinbevger unterwegs Höhenunterschiede vorfand, geht aus seinen Äuße- rangen hervor, daß das Schneefeld sich gelegentlich stark senkte und daß er — auf dem Rückwege — über jeden steilen Schneeabhang rasch abgefahren sei. Friedmann bezweifelt endlich Steinbergers Fahrt auch deshalb, weil die von ihm beschriebene, unterhalb des Südgrates der Königsspitze befindliche große Firnkluft nicht mehr existiere. Es genügt, einen solchen Grund anzuführen.
Nachdem Friedmann Steinbergers Fahrt im allgemeinen als unwahrscheinlich hingestellt hatte, suchte er aus den Zeitangaben Steinbergers zu erweisen, daß sie nicht stattgefunden haben könne. Was diese Angaben betrifft, so sind sie im Berichte allerdings etwas sorglos gemacht und haben dadurch Friedmanns Angriffe ermöglicht. Steinberger hat sich keine Notizen über seine Fahrt gemacht und dann, als er nach vier Jahren sie schilderte, ihm gerade plausibel erscheinende Zeitangaben hineingesetzt. Ein heutiger Bergsteiger würde anders handeln, aber Steinberger war kein Sportsmann und schrieb nicht für Sportsleute. An bestimmten Zahlenangaben finden sich nun folgende im Berichte. Er sagt, daß er nach reichlich zweistündigem Marsche vom Joche aus zum Fuße der Hinteren Madatschspitze gelangt sei, was der dazu erforderlichen Zeit entspricht. Er sagt weiter, daß er nach sechsstündiger Schneewanderung, die zweifellos auch vom Joche aus zu rechnen ist, den Gipfel der Königsspitze erreicht habe, wo er eine halbe Stunde blieb. Ferner, daß ihn am Fuße des Südgrates der Königsspitze noch „ eine fünf Stunden lange Schneewüste von der nächsten menschlichen Wohnung getrennt habe ", und schließlich, daß er nach mehr als zehnstündiger Schneewanderung den Fuß wieder auf die Jochstraße gesetzt habe. Diese letzte Angabe ist, wenn man das „ mehr als " nicht sehr weit ausdehnen will, von -icmherein auszuscheiden. Die Summe der einzelnen Zeiten beträgt schon 11 l/s Stunden, zu denen noch die zum Abstiege von dem Gipfel erforderliche Zeit tritt. Von den beiden andern Angaben ist die: fünf Stunden vom Fuße des Südgrates bis zur Straße recht wohl möglich, dagegen sind die sechs Stunden von der Straße zum Gipfel zu wenig, und zwar nach Friedmanns Probefahrt, wenn richtig berechnet, um eine Stunde, nach Steinbergers sonstigen, gleich zu besprechenden Angaben um anderthalb Stunden.
Nun gibt aber der Bericht noch zwei aus dem Stande der Sonne abzuleitende Zeitangaben, die selbstverständlich weit zuverlässiger sind, als nachträglich geschätzte Stundenzahlen, und die in der Tat unanfechtbare Wegzeiten liefern. Steinberger betrat den Firn, als „ die Sonne eben über den Schneebergen im Osten emporgestiegen war ", und verließ den Gipfel, als „ die Sonne noch hoch am tiefblauen Himmel stand ". Die Sonne geht am 24. August für das Stilfserjoch um 5 Uhr 11 Min. auf; nimmt man dann an, daß Steinberger um 1 Uhr nachmittags vom Gipfel aufbrach, so hatte er, da er eine halbe Stundeoben geblieben war, sieben und eine halbe Stunde vom Joche bis zum Gipfel gebraucht, was den Verhältnissen entspricht. Nehmen wir dann an, daß der Rückweg abwärts eine Stunde weniger erforderte als der Aufstieg, so dauerte er 6Va Stunden, und mithin die ganze Fahrt einschließlich der Gipfelrast 1412 Stunden. In dem Briefe von 1865 hat Steinberger die Angaben des Berichtes dahin ergänzt, daß er Trafoi um 2 Uhr früh verlassen und die Paßhöhe etwa um 3 Uhr erreicht habe, von der aus er nach einem kurzen Abstecher seine Gletscherwanderung antrat. Er sagt dann wie im Berichte, daß er nach halbstündiger Rast den Gipfel verlassen habe, als „ die Sonne ihre Mittagshöhe schon bedeutend überschritten hatte ", und außerdem, daß er die etwa eine halbe Stunde unter der Paßhöhe liegende Cantoniera Santa Maria um die Zeit der Abenddämmerung erreicht habe, so daß die ganze Reise von Trafoi aus etwa 18 Stunden erfordert habe. Da nun die Sonne am 24. August um 6 Uhr 49 Min. unterging und die Abenddämmerung eine Stunde dauerte, so traf er bei achtzehnstündiger Marschzeit allerdings bei einbrechender Dunkelheit ( um 8 Uhr ) in der Cantoniera ein. Von Trafoi zur Jochhöhe hatte er drei Stunden gebraucht, von da zum Gipfel und zurück, wie oben berechnet, 147a Stunden, ein halbe Stunde endlich zur Cantoniera, also im ganzen achtzehn Stunden, wie der Brief schätzt.
Friedmann hat von den Zeitangaben Steinbergers die der sechs Stunden Aufstieg, der halbstündigen Gipfelrast, des Standes der Sonne beim Aufbruch und der achtzehnstündigen Dauer der ganzen Fahrt in seine Kritik aufgenommen, er hält sich aber nur an die sechs Stunden, und da er bei seiner Probefahrt acht Stunden vom Joch bis zum Gipfel brauchte, so hat er, vor allem hierauf fußend, die Besteigung Steinbergers kurzerhand für ein Märchen erklärt, obgleich die beiden andern Zeitangaben schon genügten, um ein ganz anderes Ergebnis abzuleiten. Die sonstige Unvollständigkeit seines Auszuges hat ihm nun bei der Probefahrt einen bösen Streich gespielt. Da er in jenem nicht fand, welche Schneespitze Steinberger zur Kundschaftung erstieg, ging er auf die südlich gelegene Geisterspitze, statt auf die Hintere Madatschspitze, und mußte dann von jener erst zum Madatschjoch mit 1 Stunde 20 Min. Zeitaufwand gehen, um von da aus die Vedretta di Campo zu erreichen. Dieser Zeitverlust fällt für Steinberger fort, der von der Madatschspitze gleich auf den Gletscher abfuhr; da er indessen bis zur Madatschspitze etwa 2Y2 Stunden gebraucht haben muß, während Friedmann in 2 Stunden auf die Geisterspitze ging, so sind nur 50 Minuten verspielt worden. Immerhin hat Friedmann die Dauer der Steinbergerschen Fahrt auf Grund seiner Probereise um 50 Minuten zu lang angeschlagen. Vom Madatschjoche ( 3340 m ) zum Col Pale rosse ( 3347 m ), dem Punkte des Slidgrates, auf dem der eigentliche Anstieg zur Königsspitze beginnt, brauchte Friedmann ohne Rasten 2 Stunden 35 Min., Steinberger hätte also vom Stilfserjoch zum Col in 5 Stunden 5 Min. kommen können. Für den Rückweg hätte er bis zum Madatschjoche, beziehungsweise zum Tuckettjoche ( 3349 m ), das er, seinem Wege von vormittags folgend, betreten haben wird, nichts ausgewinnen können, wohl aber von da aus zur Straße ( 2760 m ), und zwar etwa eine Stunde, gleich zwei Fünfteln des Hinweges. Der Rückweg würde mithin reichlich vier Stunden beansprucht haben. Es mag hier eingeschaltet werden, daß der Zeitaufwand vom Madatschjoche bis zum Col Pale rosse keineswegs so ungemein gering ist, wie Friedmann meint. Die wagrechte Entfernung beider Punkte beträgt dem Wege folgend etwa 7 Kilometer. Es würden also 3 Kilometer in der Stunde zurückgelegt, wobei allerdings die von dem Hauptkamme auslaufenden Rippen überstiegen werden müßten. Vom Col Pale rosse bis auf die Spitze brauchte Friedmann zwei Stunden, in welcher Zeit Steinberger, wie sogleich dargelegt werden wird, sie auch erreichen konnte. Dieser konnte somit die Ersteigung von der. Straße aus in 5 Stunden 5 Min.j- 2 Stunden = 7 Stunden 5 Min. ausführen und den Rückweg, da er den Abstieg vom Gipfel zum Col gewiß in l1/ » Stunden hat machen können, in 4 Stunden 5 Min.1 Stunde 30 Min. = 5 Stunden 35 Min. Für die ganze Fahrt, einschließlich der halben Stunde auf dem Gipfel, würde er also auf Grund der Erfahrungen Friedmanns 13 Stunden 10 Min. gebraucht haben, oder " mit Einrechnung von 3'/2 Stunden von Trafoi zur Cantoniera 16 Stunden 40 Min. gegen 18 Stunden nach seiner eigenen Schätzung. Friedmanns Probefahrt hat also Steinbergers Bericht nicht ad absurdum geführt, sondern ihn in glänzender Weise bestätigt.
Friedmann hat in seiner Kritik und auch noch in seinem Briefe von 1893 unter Berufung auf die Meinung der „ besten Führer " die Möglichkeit bestritten, daß Steinberger vom Col Pale rosse aus den Gipfel durch die Südwestwand erreicht habe, weil er nur einen Bergstock und keinen Pickel hatte. Friedmann hat dabei immer übersehen, daß Steinberger Steigeisen benutzte — sie sind im Auszuge erwähnt — und in ihrem Gebrauche geübt war. Er selbst stieg eine halbe Stunde lang ohne weiteres im Schnee aufwärts, dann mußten bis zum Gipfel l1/* Stunden lang Stufen geschlagen werden. Die zu überwindende senkrechte Höhe betrug 510 m.; rechnet man für die erste halbe Stunde 200 m ., so bleiben 310 m. für die Stufenarbeit übrig, also etwa 200 m. in der Stunde. Wo ein so rasches Aufwärtskommen möglich ist, kommt ein Cristallospitzen Große Schneeglocke Thurwieserspitze Zebru KönigsspitzeKönigsjoch Madatschjoch hintere Madatschspitze Geisterspitze Langenfernerjoch Vedretta di Cede/i Vedretta dei Camosci Vedretta di Campo
( IV &*.« t
ickétts & Gen.iVeg über das Madatschjoch
St. Steinbergers Weg auf die Königsspitze bis zum Col Pale rosse.
Tuckettspitze Hintere Mndatschspitzc Thurwieserspitze Trafbier Eiswand Ortler Königsspitze SAC44Ansicht VOm MadatSChjOChe S. Aufgenommen durch F. F. Tuckett, bez. 30. VI. u. 1. VII. 1864.
geübter Steiger mit Steigeisen in derselben Zeit hinauf. Steinbeißer erwähnt mit keiner Silbe Schwierigkeiten, die er unterwegs getroffen habe. Er sagte im Briefe von 1865, daß er sich nicht erinnere, ob er oben am Grate außer Schnee auch Fels angetroffen habe. Hätte er blankes Eis vorgefunden, so würde er diesen Umstand ebensogut, wie er es bezüglich seiner Besteigung des Großglockners getan hat, erwähnt haben. Im übrigen deutet der Umstand, daß er den Hauptkamm als eine Keihe von Schneegipfeln und als Schneerücken bezeichnet, darauf hin, daß er alles von neuem festem Schnee bedeckt gefunden hat.
Der einzige Punkt in Steinbergers Bericht, der. einen Widerspruch zwischen der Schilderung und der Wirklichkeit enthält, ist die Beschreibung der Örtlichkeit, in der sich seine Ersteigung des Gipfels vollzog. Es kann als sicher angenommen werden, wie auch soeben geschehen ist und wie auch Friedmann tut, daß Steinberger nicht den Umweg über die Schulter gemacht hat, sondern vom Col aus in der der Längenaxe des Berges parallelen breiten Südwestwand nach rechts hin schräg aufstieg, und daß er etwas unterhalb des Gipfels zum Südostgrate, d.h. der ziemlich südlich verlaufenden Kante der nach Südosten gerichteten schmalen Seite des annähernd eine gestreckte Pyramide bildenden Berges gelangte, und auf ihm den Gipfel erreichte. Steinberger sagt aber, daß er an der Wand des Grates, der von der Königsspitze südwärts zum Monte Confinale ziehe, also des niedrigen Grates, in dem der Col Pale rosse liegt, so lange aufwärts gestiegen sei, bis er dessen Rücken erreicht, und dann auf ihm zur Spitze gegangen sei. Allerdings war er, nachdem er die große Spalte am Fuße des Südgrates umgangen hatte, an dessen Wand bis zum Col aufgestiegen, hatte aber dann in der Wand des Berges seinen Weg fortsetzen müssen. Er hat mithin den Charakter seines Weges richtig geschildert, ihm aber eine unrichtige Gestaltung der Örtlichkeit untergelegt. Sein Gedächtnis hat ihn hier im Stiche gelassen, weil er während seiner Wanderung nur auf den zu begehenden Weg, aber nicht auf die Örtlichkeit, durch die dieser führte, acht gegeben hat. Ein Grund, seine Ersteigung anzufechten, dürfte, da alles andere stimmt, in diesem Umstände nicht zu erblicken sein, und zwar um so weniger, als die Schwierigkeit, ein Gelände — und besonders aus der Erinnerung — deutlich zu beschreiben, viel größer ist, als gewöhnlich angenommen werden dürfte. Friedmann hat im Anfange seiner Kritik auch geäußert, er habe seine Probefahrt auch deshalb angestellt, um zu sehen, ob Steinberger vielleicht auch einen andern Berg als die Königsspitze erstiegen habe. Begreiflicherweise ist er später auf diesen Punkt nicht zurückgekommen. Wenn Steinberger auf dem Hinteren Madatsch gestanden hatte, so konnte er nicht mehr im Zweifel sein, welcher Berg die Königsspitze sei, und er hat mit triftigen Gründen zu beweisen versucht, daß er den gesehenen Berg und keinen andern bestiegen habe.
Vergleicht man die Anklagen, die in den Fällen des Finsteraarhorns und der Königsspitze erhoben wurden, so wird man folgendes finden.
Die gegen die behauptete Ersteigung des Finsteraarhorns gerichteten Angriffe waren tatsächlich nichts als eine einfache Leugnung der berichteten Tatsache, für deren Wahrheit die Person Meyers genügende Bürgschaft gab. Dieses gilt auch von der Erreichung der höchsten Spitze durch die Führer, denn wenn Meyer auch nicht ausdrücklich gesagt hat, daß er sie oben sah, so hat er doch die von ihnen aufgerichtete Stange später gesehen. Eine sichere Nachprüfung seines Berichtes ist nur bis zu dem von ihm erreichten Punkte auf dem Grate möglich, und so wenig Tatsachen sein Bericht auch enthält, so genügt das Wenige doch zu seiner Bestätigung. Will man Meyers Zeugnis für ungenügend erachten, so ist mit der Ersteigung des Finsteraarhorus ein großer Teil der alpinen Geschichte zu streichen, der auch nur auf den nicht strenge zu erweisenden Aussagen Einzelner beruht.
Im Falle der Königsspitze ist versucht worden, die Unwahrheit des Berichteten aus seinem Inhalte in Verbindung mit anderweitig Bekanntem zu erweisen, ein Weg, der bei der großen Zahl der berichteten Tatsachen und also vorhandenen Angriffspunkte sich von selbst ergab. Die Prüfung der Anklagen zeigt, daß mit Ausnahme eines unwesentlichen Punktes alle Indizien für die Wahrheit des Berichteten sprechen, und einzelne sogar die Wirklichkeit des Berichteten strenge erweisen. Auch hier muß die Wahrheit des berichteten Tatsächlichen von vornherein mit Ausnahme natürlich des schließlichen Ergebnisses zugegeben werden.
Zum Schlüsse mögen die wichtigeren Fälle, in denen Besteigungen ernstlich angezweifelt wurden, kurz erwähnt werden. Wenn ich nicht irre, ist eine der ersten Besteigungen des Ararat längere Zeit hindurch irrtümlich angefochten worden. In der Schweiz ist nach Hugis Angriffen Ähnliches kaum vorgekommen, dagegen wurde in den Ostalpen die 1872 ausgeführte erste Ersteigung der Thurwieserspitze ( 3641 m ) und ebenso die 1874 ausgeführte des den Zillertaler Bergen angehörenden Turnerkamps angezweifelt. Im ersten Falle wiederholte der Erstersteiger Harpprecht sofort die Besteigung. Im zweiten Falle war die Ansicht, daß die Ersteiger B. Pendlebury und Genossen mit dem Tiroler Führer G. Spechtenhauser von dem einheimischen Führer, einem Strahler, namens G. Samer, auf einen andern als den gewünschten Berg gebracht worden seien, so wenig wahrscheinlich, daß wohl nur einzelne ihr beigepflichtet haben werden. Als dann schon 1876 der von Pendlebury eingeschlagene, für unmöglich angesehene Weg wiederholt worden war, blieben keine Zweifel mehr möglich. Interessanter als diese zwei Fälle ist der dritte 1)> bei dem es sich um die halbschweizerische Drusenfluh ( 2835 m ) im Rhätikon handelt. Der Schrunser Führer Chr. Zuderell bestieg sie 1870 und beschrieb seine Fahrt in der Zeitschrift des D. & Ö.A.V. III, pag. 223. Nach seinen Zeitangaben würde er nun zur eigentlichen Ersteigung nur 30 Minuten, zum Abstieg aber zwei Stunden gebraucht haben, wenn anders die Frühmesse, die er nach seiner Erzählung am Morgen besucht hatte, wirklich bis 8 Uhr gedauert hat. Seine Ersteigung ist dann in seiner Heimat sehr stark bezweifelt worden, bis Dr. Blodig, der bekannte Ausführer und Erzähler so vieler ernster und schwierigster, aber auch mancher leichtem und heitern Bergfahrten, mit E. Sohm die Drusenfluh im Jahre 1888 erstieg und oben den Namen Zuderells eingemeißelt fand. Blodig hatte versucht, auf dem Wege, den er für den von Zuderell beschriebenen hielt, den Gipfel zu erreichen, mußte aber unterwegs die beabsichtigte Richtung ändern, was ihn, nach seinen Andeutungen zu schließen, in ungewöhnlich unangenehme Lagen brachte. Als Ursache seiner Irrfahrt sah er Zuderells Wegebeschreibung an. Er hat ihm aber diese Verschuldung nicht nachgetragen, was um so besser gewesen ist, als Zuderell keine Schuld trifft. Dieser hat nämlich von Westen her, im wesentlichen auf dem 1890 von Imhof eingeschlagenen Wege 2 ) den Berg angegriffen, während Blodig am östlichen Ende anstieg. Das Sprüchlein vom mitunter schlummernden Vater Homer gilt also auch in den Bergen. Im übrigen freut es mich, den alpinen Ehrenschild des wackeren Zuderell von dem seit fast 20 Jahren auf ihm lastenden Flecken befreit zu haben. Hoffentlich wird ein anderer auch die Frage nach der Frühmesse zu seinen Gunsten lösen.