Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03174.jsonl.gz/440

Autorin: Stephanie Kaudela-Baum
Kreativitätsdiagnostik ist unter den »P«-Aspekten von Kreativität (problem, person, process, product, press oder place) jeweils unterschiedlich zu sehen und mehr oder weniger operationalisierbar. In der relativ jungen Entwicklung von Kreativitätstests stehen vor allem Tests zum divergenten Denken im Vordergrund.
Kreativität ist kein einheitlich verstandenes Konzept, in der Literatur existieren unzählige verschiedene Definitionen und theoretische Erklärungsansätze. Im Grunde hat jede psychologische Richtung ein eigenes Verständnis von Kreativität entwickelt. Es gibt psychoanalytische, kognitionspsychologische, gestalttheoretische, kulturtheoretische oder humanistische Ansätze. Folglich leiten sich aus diesen Ansätzen ganz unterschiedliche empirische und psychologisch-diagnostische Fragestellungen und Verfahren ab (wenn überhaupt). Die Ansätze unterscheiden sich in Bezug auf den Allgemeinheitsgrad, den Komplexitätsgrad und es sind sehr verschiedene Aspekte von Kreativität betroffen, z. B. Verhaltensweisen oder Leistungen, Produkte oder Fähigkeiten, Eigenschaften oder Prozesse – die nur sehr begrenzt direkt beobachtbar, bewertbar oder ableitbar sind.
Diagnostik
Trotz der Vielfalt der theoretischen Ansätze werden immer wieder vier bzw. fünf Aspekte genannt, unter denen Kreativität evaluiert werden kann:
Bei der Dimension »Produkt« geht es um die Anfertigung und Beurteilung von Werkstücken (z. B. Zeichnungen, Aufsätze, Konstruktionen).
Bei der Dimension «Person» werden Persönlichkeitsfragebogen und -inventare, Einstellungsskalen und Interessenfragebogen eingesetzt.
Die mögliche Rolle von «Kontextfaktoren» wird mit Hilfe biographischer Inventare erfasst.
Der Dimension »Prozess« sind verbale und nonverbale Leistungstests zugeordnet, die im Unterschied zu klassischen Intelligenztests in der Regel auf die Produktion möglichst vieler freier, aber angemessener Antworten, d.h. auf »divergentes Denken« zielen. Dabei spielen jedoch gleichzeitig sowohl der Aspekt des Problems (Aufgabentypus) als auch der des Produkts (Bewertung) sowie (kognitionsbezogene) Merkmale der Person eine Rolle. Diese Verfahren haben inzwischen eine über 50-jährige Geschichte.
Im Vergleich zur Intelligenztestforschung begann die Entwicklung von Kreativitätstests sehr viel später und traditionell standen Tests des divergenten Denkens im Vordergrund. Bei psychologisch-diagnostischen Verfahren zum divergenten Denken (Tests) ist, im Unterschied zu Intelligenztests und also Tests zum konvergenten Denken, die Anzahl möglicher Lösungen offen, deshalb kommt hier neben der Aufgabenstellung vor allem den Auswertungstechniken und -kategorien die zentrale Rolle zu. Die Antworten werden nach verschiedenen Aspekten ausgewertet und klassifiziert, meist nach Richtigkeit/Angemessenheit, Quantität, Inhalt(skategorien), Originalität, Elaboration.
Die Beurteilung nach Richtigkeit bzw. Falschheit einer Antwort ist in diesem Zusammenhang sehr schwierig, weil nicht eindeutig zu bestimmen ist, ob eine Lösung schon oder noch in Bezug auf eine bestimmte Problemstellung angemessen ist oder nicht. Quantität bestimmt sich durch die Anzahl der jeweils (richtigen) Lösungen und wird als Maß für die «Flüssigkeit» der Ideen (»fluency«) betrachtet. Je weniger die einzelnen Ideen und Lösungen einer einzigen Inhaltskategorie zugeordnet werden können, je häufiger ein Kategorienwechsel zu beobachten ist, desto höher ist das Ausmaß an »Flexibilität». Die «Originalität» eines Einfalls hängt davon ab, wie entlegen (»remote«) oder wie selten, vor allem auch in statistischem Sinne, er ist.
Problematisch ist dabei die Festlegung eines Grenzwertes für die Seltenheit eines Einfalls, aber auch die Frage der Sinnhaftigkeit eines sehr entlegenen Gedankens.
Die Kategorie »Elaboration« bezieht sich auf die Ausführung und Ausarbeitung einer Lösung, die entweder sehr allgemein, oder aber sehr detailliert und phantasiereich sein kann.
Lange Jahre wurde die Messung divergenten Denkens mit Kreativitätsdiagnostik gleichgesetzt. Insbesondere quantitative Auswertungsaspekte fanden Berücksichtigung und dabei insbesondere der Aspekt «Flüssigkeit». Dies wird mit den teilweise sehr hohen Korrelationen zwischen Flüssigkeit, Flexibilität und Originalität begründet.
Selbsteinschätzung vs. Fremdeinschätzung?
Selbsteinschätzung: Gerade im beruflichen Umfeld wird häufig die Verfälschbarkeit der Selbsteinschätzung unter Begriffen wie Beschönigungstendenz, Faking oder soziale Erwünschtheit diskutiert. Zudem unterliegen Selbsteinschätzungen einem Alterseffekt: Der Umfang der Datenbasis, auf die zur Selbsteinschätzung zurückgegriffen, werden kann, steigt mit zunehmender Lebenserfahrung. Der Einsatz von Selbsteinschätzungsverfahren bei jungen Führungskräften ist daher kritisch zu beurteilen.
Das sicherlich größte Manko von Selbsteinschätzungen ist aber der geringe Zusammenhang mit objektiven Kreativitätsleistungsmaßen. Ursache könnte sein, dass Personen bei der Einschätzung ihrer kreativen Fähigkeiten ein bereichsspezifisches Selbstbild (z.B. Konzentration auf kreative Hobbys oder Ausblenden des kreativen Umgangs mit Sprache) aktivieren, damit aber das berufsbezogen relevante Spektrum außer Acht lassen. Mit der Erbringung tatsächlich kreativer Leistungen hängt das Kreativitätsselbstbild nicht in ausreichendem Maße zusammen, als dass es als Verfahren zur Messung kreativer Leistungsfähigkeit geeignet ist. Einen wertvollen Beitrag kann die Erfassung des kreativen Selbstbilds jedoch insofern leisten, als es ein Maß für die Motivation zu kreativem Verhalten zu sein scheint.
Weitaus vielversprechender zur Vorhersage kreativer Leistungen ist hingegen das Einholen von Fremdurteilen über das kreative Potenzial einer Person. So können z.B. Vorgesetzte, Trainer oder Kolleginnen und Kollegen gebeten werden, die kreativen Fähigkeiten einer Person zu bewerten. Sofern Kreativität als Anforderung an Führungspersonen gestellt wird und damit (z.B. im Kompetenzmodell) als Beurteilungsgrundlage verankert ist, können auch Leistungsbeurteilungen herangezogen werden. So ist eine treffende Einschätzung von Fähigkeiten oder gar Eigenschaften erst nach einer Zeit des Kennenlernens möglich; ein zu gefestigter, evtl. langjähriger Umgang wiederum mag den Blick auf Veränderungen seitens des zu Beurteilenden verstellen.
Die beruflichen Anforderungen fliessen aktuell leider kaum in die Entwicklung von Testdesigns mit ein. Das lässt berechtigte Fragen hinsichtlich Prognosen für zukünftiges kreatives Verhalten in verschiedensten Arbeitsbereichen oder Führungstätigkeiten aufkommen. Die (prognostischen) Validität von Kreativitätstests ist aktuell für viele Berufsfelder und -gruppen doch sehr begrenzt.
Hinzu kommt, dass es sich bei einem kreativen Produkt oder einer kreativen Dienstleistung eben nicht um etwas direkt Vorhersagbares handelt und es fast nie eine einzige, objektiv beste Lösung gibt, tragen neben anderen die genannten Probleme dazu bei, dass die statistisch überprüften Kennwerte für die klassischen Gütekriterien (Objektivität, Reliabilität, Validität) in aller Regel niedriger ausfallen, als man dies z. B. von Intelligenztests gewohnt ist (Palmer 2016; Urban 2011).
Eine Einschätzung kreativer Fähigkeiten von Führungspersonen kann also nur a) multidimensional, d.h. basierend auf einem Mix an Testverfahren, b) mit der Integration von Fremdurteilen und c) mit Kontextbezug vorgenommen werden. Dies bedingt eine engere Kopplung von individuellen, teambezogenen und organisationalen Kreativitätsfaktoren.
Quellen:
Palmer, C. (2016). Berufsbezogene Kreativitätsdiagnostik. Wiesbaden: Springer.
Urban, K. K. (2011). Möglichkeiten und Grenzen von Kreativitätsdiagnostik. In Ch. Koop, O. Steenbuck [Hrsg.]: Kreativität: Zufall oder harte Arbeit? (S. 18-27). Frankfurt, M.: Karg-Stiftung (Karg-Hefte. Beiträge zur Begabtenförderung und Begabungsforschung; 2).