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Ein Beitrag von Yara Walther
Der Verlust von fruchtbarem Boden ist eine der zentralen Herausforderungen der Landwirtschaft.1 Gründe dafür finden sich in nicht nachhaltigen Landwirtschaftspraktiken der konventionellen Monokulturen, dem Erschliessen neuer Landwirtschaftsflächen oder der witterungsbedingten Erosion. Eine grossflächige Umstellung auf alternative Produktionssysteme ist unvermeidbar. Dabei gilt die syntropische Agroforstwirtschaft als vielversprechender und kostengünstiger Lösungsansatz, um einerseits Böden zu regenerieren und gleichzeitig eine vielseitige Lebensmittelproduktion zu gewährleisten.
Unter einem syntropischen Agroforst, versteht man ein agroökologisches System, welches sich an der Struktur und der Dynamik von natürlichen Wäldern orientiert. Als Ergänzung zu anderen Agroforstsystemen wie beispielsweise einem silvopastralem Agroforst, findet eine Inklusion des Zeitfaktors statt. Ernst Götsch, der Begründer der syntropischen Landwirtschaft, bezieht den Verlauf einer natürlichen Sukzession in den Aufbau eines Agroforstsystems mit ein und beschleunigt diesen mit den unten aufgeführten Methoden. Entsprechend dem Lebenszyklus der Pflanzen und den unterschiedlichen Nährstoff-, Platz- und Lichtbedürfnissen werden sie in drei Systeme unterteilt: Pioniersystem, Akkumulationssystem und Abundanzsystem. 1
Planungsablauf
Pflanzen mit einem kurzen Lebenszyklus und tiefem Nährstoffbedürfnis stehen am Anfang einer Pflanzung. In der Ökologie werden solche Pflanzen als Pionierarten bezeichnet. Sie sind wiederum namensgebend für den ersten Anbauschritt– dem Pioniersystem. So zum Beispiel schnellwachsende Gräser, Gemüsearten oder Leguminosen.2 Diese werden sehr dicht angesät und sind angepasst an intensive Sonneneinstrahlung. Auch bedecken sie den Boden, was Bodenverdunstung verhindert, das Bodelebewesen fördert und Nährstoffe mobilisiert. Diese Pionierpflanzen leisten wichtige Vorbereitungsarbeit für Pflanzen, aus einem späteren Sukzessionsstadium. Um degradierte Böden aufwerten zu können und ein syntropisches Agroforstsystem zu beginnen, ist es unumgänglich dem Boden organisches Material zuzuführen. Dieses wird von den Pionierarten gewonnen.
Im Anschluss können Pflanzen der nächsten Sukzessionsstufe angepflanzt werden und der Übergang ins Akkumulationssystem beginnt. Pflanzenarten aus Sekundärwäldern lösen die Pioniere ab und nun können Frucht-, Nuss- oder auch Wertholzbäume gepflanzt werden.3 Als Sekundärwald wird der Waldtyp verstanden, der sich nach der Zerstörung eines Urwaldes natürlich ansiedelt.4 Im Gegensatz zum Pioniersystem weisen diese Arten ein höheres Nährstoffbedürfnis auf und ihre Lebensspanne beträgt bis zu 300 Jahren.5 Es entsteht ein mehrschichtiges Waldsystem, dass auf die unterschiedlichen Lichtbedürfnisse der einzelnen Pflanzen eingehen kann. Gepflanzt werden die Kulturbäume in Baumreihen. Zwischen diesen Baumreihen wachsen weiterhin Gräser, die zur Biomasseakkumulation und somit zum Humusaufbau beitragen.6 Ist genügend Licht vorhanden, können auch diverse Gemüsearten gepflanzt werden.
Das am Schluss stehende Abundanzsystem wird durch das Auftreten von Primärwaldarten , auch genannt Klimaxarten, geprägt und zeigt den Betreibenden, dass das Ökosystem und der Boden regeneriert wurde und nun seine natürliche Funktion wieder übernehmen kann. Sowohl der Nährstoffhaushalt, das Wasserrückhaltevermögen als auch ein aktives Bodelebewesen sind Zeiger dieses Stadiums.
Praktische Anwendung der Syntropischen Landwirtschaft
Um den obigen sukzessionalen Ablauf beschleunigen zu können, werden in der syntropischen Landwirtschaft das selektive Jäten und jährliche Stutzarbeiten durchgeführt.5 Götsch konnte beobachten, wie seine Kulturpflanzen in Kombination mit der natürlich auftretenden Flora besser gediehen und entwickelte daraus die Methode des selektiven Jätens.1 Dabei werden natürlich auftretende Pflanzen während ihrer juvenilen Phase im System belassen und nur entfernt, wenn diese beginnen die Kulturpflanzen räumlich zu stören. Zudem sollten sie gestutzt oder entfernt werden, bevor sie beginnen Samen oder Früchte auszubilden. Dadurch kann die natürliche Bodenfauna des Ökosystems gefördert werden, was den Kulturpflanzen zugutekommt.
Bei bereits etablierten Bäumen wird jährlich auf rund die Hälfte der Krone gestutzt, bevor diese in die Fruchtentwicklung gehen. Dadurch werden Verjüngungsimpulse im System ausgelöst, welche in einer erhöhten Wachstumsrate der Pflanzung resultiert.5 Auch kann so genügend Licht für die Pflanzen der unteren Schichtungen ins System eingelassen werden. Das entstehende Material wird dabei grob zerkleinert und so dem Boden zugefügt.
Obwohl der Aufbau einer solchen Anlage sehr komplex ist und ein tiefes Verständnis für Pflanzen und Ökosysteme voraussetzt, sehe ich ein enormes Potential in der syntropischen Landwirtschaft. Gerade für kleinbäuerliche Strukturen im globalen Süden stellt sie eine kostengünstige Alternative zu konventionellen Anbauweisen dar. Bodenregeneration kommt mit diversifizierten Produkten und einer hohen Resilienz gegenüber Schwankungen des Klimas.
Dieser Blog-Beitrag entstand im Rahmen des Bachelormoduls «Welternährungssysteme» des Studiengangs Umweltingenieurwesen am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der ZHAW im Frühlingssemester 2023.
Literatur
- Götsch, E. (1992). NATURAL SUCCESSION OF SPECIES IN AGROFORESTRY AND IN SOIL RECOVERY. https://www.agrofloresta.net/static/artigos/agroforestry_1992_gotsch.pdf, Heruntergeladen, 28.03.2023
- Hiß, C. (2019). Was leistet die Landwirtschaft wirklich? Ökologisches Wirtschaften – Fachzeitschrift, 1, Article 1. https://doi.org/10.14512/OEW340111, Heruntergeladen, 20.03.2023
- Schulz, J. (2010). I MITATING NATURAL ECOSYSTEMS THROUGH S UCCESSIONAL A GROFORESTRY FOR THE R EGENERATION OF D EGRADED LANDS – A C ASE S TUDY OF S MALLHOLDER A GRICULTURE IN N ORTHEASTERN BRAZIL [CASE STUDY]. https://www.naturefund.de/fileadmin/pdf/Studien/DAF/Schulz_2011_Imitating_natural_ecosystems_Brazil.pdf, Heruntergeladen, 28.03.2023
- Spektrum. (1999). Sekundärwald. Spektrum, Lexion der Biologie. https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/sekundaerwald/60855, 16.07.2023
- Young, K. J. (2017). Mimicking Nature: A Review of Successional Agroforestry Systems as an Analogue to Natural Regeneration of Secondary Forest Stands. In F. Montagnini (Hrsg.), Integrating Landscapes: Agroforestry for Biodiversity Conservation and Food Sovereignty (Bd. 12, S. 179–209). Springer International Publishing.
- dos Santos Rebello, J. F., & Sakamoto, D. G. (2021). Agricultura sintrópica segundo Ernst Götsch. Editora Reviver 2021. http://www.ecoagri.com.br/sdm_downloads/principios-de-agricultura-sintropica-segundo-ernst-gotsch/, Heruntergeladen, 25.08.2022
Bildquelle:
- https://www.shutterstock.com/image-photo/agroforestry-fruits-vegetables-1245506659?irclickid=XAkUrcVeFxyNR4K0-Lw1QVHwUkAQRdSWeX%3AP2M0&irgwc=1&utm_campaign=Eezy%2C%20LLC&utm_content=1636534&utm_medium=Affiliate&utm_source=38919&utm_term=www.vecteezy.com, Heruntergeladen 16.03.2023