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Die sogenannten Doc.CH-Stipendien des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) ermöglichen jungen Forschenden in der Schweiz, eine Dissertation zu einem selbstgewählten Thema in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu verfassen. Die Beiträge decken die Projektkosten und den eigenen Lohn der Doktorierenden. Die Gesamtsumme für die drei Projekte beläuft sich auf 666'000 Franken.
Hochschulzugang für Flüchtlinge
In seiner Dissertation "Flüchtlinge als Student*innen an Schweizer Hochschulen, 1946-1975" untersucht Marino Ferri die Bedingungen des regulären Hochschulzugangs für Flüchtlinge nach dem zweiten Weltkrieg. Einerseits stehen dabei die Netzwerke von Akteuren im Mittelpunkt, die diese Bedingungen aushandelten und andererseits werden Erfahrungen von Betroffenen in die Arbeit einfliessen. Die Flüchtlingsgeschichte der Schweiz während des 2. Weltkriegs ist heute wissenschaftlich gut erschlossen. Für die Zeit danach bestehen jedoch Forschungslücken. Marino Ferri möchte mit seiner Dissertation zur Schliessung dieser Lücken beitragen. Durch die Untersuchung sowohl ungarischer und tschechoslowakischer wie auch algerischer und chilenischer Studierenden kann das noch immer dominierende Bild eines bipolaren "Ost-West"-Konflikts um Nord-Süd-Dimensionen ergänzt werden.
Für die Dissertation werden zum Grossteil noch nicht erschlossene Archivquellen verwendet. Sie stammen aus dem Bundesarchiv Bern sowie aus diversen Staats- und Universitätsarchiven in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz. Für die Einflechtung der persönlichen Erinnerungen von Flüchtlingen sind (auto-) biographische Texte sowie die mündliche Befragung lebender Zeitgenossen, sogenannte "Oral-History-Quellen", von Bedeutung. Wie Marino Ferri erklärt, gründet sein Interesse am diesem Thema auf dem Bedürfnis, "die Geschichte(n) jener Menschen zu erforschen und zu erzählen, die abseits der breiten öffentlichen Wahrnehmung stehen." Er möchte mit seiner Arbeit für die Komplexität historischer und gesellschaftlicher Situationen sensibilisieren. Damit soll eine Diskussionsgrundlage für gegenwärtige Problemstellungen geschaffen werden. Marino Ferri erhält für sein Projekt 178'000 Franken für die Dauer von 36 Monaten.
Pränatale Chirurgie als neuer Standard
Sandra Gratwohl untersucht die Etablierung der pränatalen Chirurgie bei Spina bifida in der Schweiz. Es handelt sich dabei um ein Verfahren, das mit einer Öffnung der Bauchdecke der schwangeren Frau und deren Gebärmutter einhergeht. Dieser Eingriff, der am Körper einer gesunden Frau zugunsten des Fötus vorgenommen wird, gilt als "novel standard of care" – als neuartiger Behandlungsstandard. Sandra Gratwohls besonderes Interesse gilt den Standards. Diese seien im Alltag allgegenwärtig, "selten wird aber die politische Dimension von Standards reflektiert".
In ihrer ethnografischen Studie mit dem Titel "Das 'System of Care' der fetomaternalen Chirurgie bei Spina bifida. Zur Etablierung eines klinischen Standards und einer gesellschaftlichen Norm" diskutiert sie, was Standard in der Medizin bedeutet, wie dieses System konkret funktioniert und welche Akteure daran beteiligt sind. Dazu wird sie als teilnehmende Beobachterin in einem Schweizer Zentrum im Bereich der pränatalen Medizin forschen. Ergänzend werden leitfadengestützte Experteninterviews mit Akteuren aus Medizin, Politik, Recht und Gesellschaft sowie Gespräche mit Schwangeren und dem familiären Umfeld durchgeführt. Die Studie will am Beispiel der pränatalen Chirurgie bei Spina bifida aufzeigen, wie Standards hergestellt sowie ausgehandelt werden und welche Konsequenzen mit dieser Entwicklung einhergehen. Ferner diskutiert die Arbeit, wie eine Behandlungsmöglichkeit in eine gesellschaftliche Normalität übersetzt wird. Der Beitrag für Sandra Gratwohls Dissertationsprojekt beträgt 243'000 Franken, ausgelegt auf vier Jahre.
Austausch-Netzwerke philippinischer Migrantinnen und Migranten
Clara Kollers Dissertation trägt den Titel "Balikbayan Boxes and Bank Accounts: An Anthropological Account of Exchange Networks between Switzerland and the Philippines". Philippinische Migrantinnen und Migranten in der Schweiz schicken oftmals Geld in ihre Heimatländer. Diese Geldtransfers sind wissenschaftlich gut erforscht. "Die Bedeutung der damit verbundenen Lebensweise wird dabei jedoch ausser Acht gelassen", erklärt Clara Koller. Deshalb möchte sie herausfinden, was es für philippinische Familien bedeutet "transnational" zu leben. Dafür wird sie vier Monate auf den Philippinen und zehn Monate in der Schweiz am Leben von Filipinas und Filipinos teilhaben. "Als Ethnologin möchte ich möglichst nah an der Lebensrealität meiner Informantinnen und Informanten sein", erzählt die Doktorandin. Deswegen begleitet sie diese Personen zu verschiedenen Terminen, zum Beispiel zur Post oder in den Supermarkt, um die Austauschnetzwerke zu analysieren.
Durch die zugesprochene Summe von 245'000 Franken für zwei Jahre kann sich Clara Koller ganz auf ihre Forschung konzentrieren. Der Aufenthalt auf den Philippinen ermöglicht ihr zudem, die Austauschnetzwerke von beiden Seiten zu untersuchen. Ihr Antrieb sei es, die Perspektiven von philippinischen Migrantinnen und Migranten in der Schweiz besser zu verstehen und diesen Menschen eine Stimme zu geben.