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Wenn man von den Poeten des Kinos redet, dann gehört Tsai Ming-Liang aus Taiwan, bzw. Malaysia dazu – allerdings zu den Pop-Art-Poeten. Wer an seinen Berlinale-Beitrag The Wayward Cloud (Tian bian yi duo yun) von 2005 erinnert, redet unwillkürlich vom „Melonenfilm“, die wilde Kombination von Sex und Wassermelonen ist schlicht nicht aus dem Gedächnis zu löschen. Aber auch sonst sind dem unglaublich produktiven Regisseur einige der stärksten Bilder des letzten Jahrzehnts gelungen. Wären seine Filme nicht dermassen poetisch verrätselt und l_a_n_g_s_a_m, wäre er wohl längst ein Popstar. Was also war zu erwarten, wenn Tsai Ming-Liang eine Einladung des Louvres annimmt, im Auftrag des grössten Kunstmuseums der Welt absolut frei einen Film zu entwickeln? Auf keinen Fall das, was hier in Cannes zu sehen war – andererseits: Warum denn nicht?
Visage ist eine deutlich über zwei Stunden lange Assoziationskette zum Louvre-Projekt, man könnte sagen, es sind die Bilder, die dem Regisseur durch den Kopf gegangen sind, als er sich überlegte, wie er die Sache angehen könnte. Als roter Faden dient ihm das persönliche Dilemma des Filmemachers Hsiao-Kang (gespielt von Tsai Ming-Liangs alter ego Lee Kang-Sheng), der im und um den Louvre einen Film drehen soll, mit Laetitia Casta und Jean-Pierre Léaud, und Fanny Ardant als Produktionsleiterin. Weil aber die Mutter des Regisseurs zur gleichen Zeit stirbt, verfällt er in einen Zustand, der ihn ziemlich orientierungslos lässt – und seine Protagonisten mit ihm.
Die schönsten Sequenzen des Films spielen in einem Wäldchen in den Tuilerien, im schaumigen Filmschnee, zwischen Dutzenden von Spiegeln. Da singt Laetitia Casta im Playback ein schmachtendes spanisches Liebeslied, da irrt Jean-Pierre Léaud zwischen Bäumen und Spiegeln umher, spielt mit einem kleinen Vogel, erklärt diesen dem Regisseur gegenüber zum grössten Regisseur aller Zeiten. Da tanzen plötzlich Models in irren Klamotten, da taucht ein Hirsch auf, den man dank der raffiniert aufgestellten Spiegel immer wieder wo anders vermutet, und da verliert die Produzentin Fanny Ardant einen hochhackigen Schuh im Schaum/Schnee. Tsai Ming-Liang spielt mit all seinen Obsessionen, seiner Liebe zum Kino von François Truffaut (dessen alter ego Jean-Pierre Léaud in diesem Film unter der Regie von Tsai Ming-Liangs alter ego Lee Kang-Sheng spielt) und mit einem witzigen, minimalistischen Fokus auf den Louvre. Er hat sich nämlich ein einziges Bild aus der unermesslichen Sammlung des Museums ausgesucht, Johannes der Täufer von Leonardo Da Vinci. Vor diesem Bild soll Jean-Pierre Léaud den Herodes spielen, Fanny Ardant dessen Frau und Laetitia Casta die schleiertanzende Salome, die von Herodes den Kopf des Täufers fordert. Dazu kommt es aber auch nicht, weil sich die Figuren in den Katakomben, den Kühlräumen, den Heizkellern und den Wasserreservoiren unter dem Louvre verirren. Erst in den allerletzten Minuten des 149 Minuten langen Films bricht Jean-Pierre Léaud direkt unter Leonardo Da Vincis Bild durch die Marmorleiste an der Wand des Saals im Louvre.
Dass Tsai-Ming Liang nach dem bombastischen globalen Louvre-Werbeclip von The Da Vinci Code darauf verzichtet hat, ebenfalls in den Gängen des Museums zu filmen, dass er das mit der Wahl des kleinen Da Vinci Bildes deutlich macht, und dass er einen ganz persönlichen, überschäumenden Tableau-Film gemacht hat, überrascht so gesehen nicht wirklich. Überraschend wäre es allerdings, wenn die Verantwortlichen des Louvres, der als Koproduzent beteiligt ist, mit dem Film völlig glücklich wären. Denn was sie hier erhalten haben, ist ein weiteres zeitloses Kunstwerk (von denen sie schon Tausende haben), nicht aber den wohl erhofften Werbeeffekt. Andererseit sind diese Leute Franzosen, damit cinéphil, und sie haben Tsai Ming-Liang ausgewählt und damit eine bewusste Entscheidung getroffen. Und mit einer goldenen Palme heute Abend währen dann eh alle glücklich. Ausser Lars von Trier, dem sie meiner Meinung nach trotz allem weiterhin zu steht.