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Murmeltiere haben verschiedene Strategien entwickelt, um den langen Winter zu überstehen. Zum Beispiel ein effizientes Energiesparen. Dazu gehört das Kuscheln in der Grossfamilie.
Noch liegt in den Bergen der Schnee. Wie eine wärmende Decke legt er sich über die Baue der Murmeltiere. Dort, in selbstgegrabenen, unterirdischen Schlafkesseln, verbringen die Murmeltiere eng aneinander gekuschelt den Winter. Seit September, spätestens aber seit Oktober, harren die Tiere bei eisiger Kälte im Untergrund aus. In dieser Zeit schalten sie auf «Energiesparmodus» um: Sie atmen kaum noch, das Herz schlägt extrem langsam (drei bis vier Mal pro Minute), Organe wie Magen oder Darm schrumpfen, die Körpertemperatur sinkt auf drei bis sechs Grad. Dies allein würde aber nicht reichen, um in langen und kalten Wintern zu überleben. Deshalb haben Murmeltiere verschiedene Strategien entwickelt, um die Wintermonate bis zum Frühling unbeschadet zu überstehen.
Murmeltiere überwintern im Schlafkessel
So überwintern Familienverbände stets gemeinsam in einem Bau. Selbst Grossfamilien von bis zu zwanzig Tieren teilen sich nicht auf, auch wenn in ihrem Wohngebiet durchaus mehrere zur Überwinterung geeignete Baue vorhanden wären. Der gemeinsame Schlafkessel wird mit Heu zu einem weichen und warmen Nest ausgepolstert. Eine Murmeltierfamilie schleppt im Herbst zwölf bis sechzehn Kilogramm trockenes Gras in ihren Bau. Ziehen sich die Murmeltiere zum Winterschlaf zurück, wird der Eingang zum Bau mit einem Meter langen Pfropfen aus Steinen und Erde verstopft, damit die Kälte weniger gut eindringen kann. Im Bau werden die Jungtiere in die Mitte genommen. Sie hatten nur drei Monate Zeit, um sich Fett anzufressen – dies reicht nicht aus, um ihren Energiebedarf während des langen Winterschlafs zu decken. Durch die Körperwärme der eng um sie herumliegenden erwachsenen Tiere wird der Energiespeicher der Jungtiere geschont und ihre Überlebenschance erhöht. Doch damit nicht genug: Sinkt die Temperatur im Bau unter fünf Grad, unterbrechen einzelne Familienmitglieder ihre energiesparende Starre, um mit ihrer wieder erhöhten Körpertemperatur den Schlafkessel zu wärmen. Für diese natürliche Heizung sorgen vor allem die Väter und älteren männlichen Geschwister. Sie hatten im Sommer am meisten Zeit, um Fett anzusetzen, während die Weibchen ihre Kräfte zum Austragen und Säugen der Jungen aufwenden mussten.
Doch nicht nur die männlichen Tiere unterbrechen ihren Schlaf. Auch die übrigen Familienmitglieder wachen regelmässig auf, und zwar alle gleichzeitig, ungefähr alle zwei Wochen. Diese kurzen Wachphasen werden genutzt für einen Gang zur Toilette, die sich in einer Nebenhöhle befindet. Neueren Untersuchungen zufolge, scheint dies jedoch nicht der Hauptgrund für das periodische Aufwachen zu sein. Murmeltierforscher vermuten, dass die Aufwachphasen zum Schlafen genutzt werden. Ein Widerspruch? Nur auf den ersten Blick. Denn in der Kältestarre, in der sich die Tiere befinden, können sie gar nicht schlafen, da die extrem niedrigen Hirntemperaturen während der Winterruhe einen Tiefschlaf verhindern. Erst wenn die Körpertemperatur über 34 Grad steigt, liegt ein erholsames Nickerchen drin. Der Ausdruck «schlafen wie ein Murmeltier» für einen tiefen langen Schlaf entspricht also nicht mehr ganz den neusten Forschungsergebnissen.
Frühling – Zeit, den Stoffwechsel hochzufahren
Jetzt, da der Frühling langsam Einzug hält, wird es für die Murmeltiere Zeit, ihren Stoffwechsel hochzufahren und den Untergrund zu verlassen. Wie aber können sie wissen, wann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist? Im Herbst, zu Beginn des Winterschlafs, gibt ihnen die kürzer werdende Tageslänge Auskunft darüber, wie weit der Herbst fortgeschritten ist. Im Winterbau hingegen sind sie von allen Informationen der Aussenwelt abgeschnitten – durch die Schneedecke und den Eingangspfropfen dringt kein Licht und die Temperaturen sind nach wie vor tief. Im Schlafraum deutet also nichts darauf hin, dass der Frühling vor der Tür steht. Und trotzdem erscheinen die Nager pünktlich im April wieder an der Oberfläche. Die Erklärung für dieses Phänomen: Murmeltiere verfügen über eine innere Jahresuhr, die mit der Tageslänge synchronisiert ist. Die innere Jahresuhr meldet zuverlässig, auch ohne äussere Information, wann es Zeit ist, den Winterschlaf zu beenden.
Wenn die Murmeltiere ihren Bau verlassen, haben sie einen Drittel ihres Herbstgewichts verloren und wirken sichtlich abgemagert. Kein Wunder, denn sechs bis sieben Monate lang haben sie keine Nahrung zu sich genommen und nur von ihren Fettreserven gezehrt. Logisch, dass nun Fressen angesagt ist. Auf dem Menüplan stehen ausschliesslich Pflanzen – Krokus, Alpenmassliebchen, Glockenblumen, Taubnessel, Disteln oder verschiedene Grasarten. Bei der Futtersuche erweisen sich die Murmeltiere als wahre Feinschmecker: Sie suchen sich die nahrhaftesten Futterpflanzen und Triebe aus. Besonders angetan haben es ihnen Alpenklee und Alpen-Mutterwurz, die besonders viel Linolsäure enthalten. Diese mehrfach ungesättigte Fettsäure baut ein Fettgewebe auf, das tiefere Körpertemperaturen toleriert und eine längere Phase der Erstarrung ermöglicht.
Futtersuche ist allerdings nicht die einzige Beschäftigung, für die sich die Murmeltiere nach dem Winterschlaf interessieren. Kaum sind die Lebensgeister erwacht, kommt es zur Paarung zwischen dem erwachsenen Männchen, dem «Bär», und dem erwachsenen Weibchen der Gruppe, der «Katze». Einen guten Monat später kommen zwei bis sieben Junge zur Welt – nackt, blind, zahnlos und nur wenige Gramm schwer. Die ersten Wochen nach der Geburt verbringen die Winzlinge im Schutz des Baus, wo sie dank der Muttermilch rasch an Grösse und Gewicht zulegen. In den ersten Julitagen dürfen sie den Bau verlassen und ihre Umgebung erkunden. Nun bleiben ihnen nur drei Monate Zeit, sich genug Winterspeck anzufressen, um den nächsten Winter zu überleben.
Beim Grasen im offenen Gelände sind die meerschweinchengrossen Jungtiere aber grosser Gefahr ausgesetzt, denn sie stellen für Steinadler eine leckere Beute dar. Steinadler decken im Sommer zwei Drittel ihrer Nahrung durch Murmeli. Ein Steinadlerpaar verfüttert seinen Jungvögeln rund siebzig Murmeltiere – pro Saison, wohlgemerkt. Andere Feinde schlagen nicht aus der Luft zu, sondern am Boden, wie etwa der Fuchs. Die potentiellen Opfer können sich nicht zur Wehr setzen, sondern müssen ihr Heil in der Flucht suchen. Das können sie aber nur, wenn ihnen dafür genügend Zeit bleibt. Deshalb warnen sich die Murmeltiere gegenseitig mit gellenden Pfiffen vor drohender Gefahr. Wobei es eigentlich falsch ist, von «Pfiffen» zu sprechen, handelt es sich doch um Laute, die in der Kehle erzeugt werden und daher korrekterweise als «Schreie» bezeichnet werden müssten. Doch «Pfiff» beschreibt die Lautqualität eindeutig besser.
Die Pfiffe werden nicht von einem «Wächter» ausgestossen, wie dies landläufig angenommen wurde. Vielmehr sind alle Mitglieder dauernd auf der Hut und schauen immer um sich, um mögliche Gefahren zu entdecken. Nimmt ein Tier eine Gefahr wahr, bringt es sich beim Baueingang in Sicherheit, macht das Männchen, um einen besseren Überblick zu bekommen, und pfeift dann. Die Murmeltierpfiffe sind jedoch nicht einfache Alarmsignale, sondern differenzieren zwischen verschiedenen Gefahrenstufen. Ein einzelner, scharfer Pfiff bedeutet: Achtung, grosse Gefahr aus der Luft. Meist handelt es sich dabei um einen Steinadler. Mehrere Pfiffe in rascher Folge machen auf eine geringere Gefahr am Boden aufmerksam, zum Beispiel auf Menschen, Gämsen oder einen Fuchs, der in sicherer Entfernung herumstreift.
Entsprechend der angezeigten Gefahrensituation reagieren die Murmeltiere unterschiedlich. Bei «Luftalarm» rennen sie raschmöglichst zum Bau oder zu einer eigens zu diesem Zweck gebauten Fluchtröhre. Auf eine Pfiffserie reagieren sie weniger heftig und bringen sich nicht sofort in Sicherheit, halten aber mit Fressen inne und beobachten die Umgebung aufmerksam. Trotzdem überlebt etwa ein Drittel der jungen Murmeltiere den ersten Sommer nicht. Weitere zehn Prozent sterben im Verlauf des ersten Winters. Wer das erste Jahr überstanden hat, hat gute Chancen, alt zu werden, das heisst, etwa 12 Bergsommer zu erleben. Der grössten Gefahr sind erwachsen gewordene Tiere ausgesetzt, die im Alter von drei bis sechs Jahren ihre Familie verlassen. Auf der Suche nach einer neuen Heimat begeben sie sich auf eine gefahrvolle Wanderschaft. In fremden Territorien sind sie den Gefahren aus der Luft schutzlos ausgeliefert. Gelingt es ihnen nicht, bis zum Wintereinbruch ein unbesiedeltes Territorium und einen Partner zu finden, stehen ihre Überlebenschancen schlecht. Denn ohne Familie kann ein Murmeltier den Winter nicht überleben. Und der nächste Winter, der kommt bestimmt.
Fotos Schweizerischer Nationalpark, Hans Lozza, Fotolia
Mensch und Mungg
Bergwanderer kennen sie – die Warnschreie der Munggen, wie die Murmeltiere in der Schweiz genannt werden. Auf ausgedehnten Weiden oberhalb der Waldgrenze sind sie häufig anzutreffen und lassen sich gut beobachten, besonders in den Morgen- und Abendstunden. An sonnigen Tagen wird es den Tieren über Mittag zu heiss und sie ziehen sich zu einer Siesta in den Bau zurück.
Eine der murmeltierreichsten Regionen der Alpen ist das Bergalgatal im bündnerischen Avers. Hier ist ein weltweit einmaliger Erlebnis- und Lehrpfad aus - geschildert: Auf dem drei Kilometer langen Weg erfährt man in elf Stationen viel Wissenswertes über das Leben der Murmeltiere und kann dem pelzigen Nager in seinem natürlichen Umfeld begegnen. Der Lehrpfad ist erfahrungsgemäss ab Juni begehbar. Am Start des Pfades bei Avers-Juppa (Postauto ab Thusis) befinden sich eine Grillstelle und ein Spielplatz.
Das verkehrsfreie Natursträsschen ist kinderwagengängig und weist nur wenig Steigung auf. Wanderzeit: 2–3 Stunden. Bei Avers Tourismus ist eine Broschüre erhältlich.
Murmeltiere und Orchideen im Nationalpark
Die Murmeltiere im Schweizerischen Nationalpark wissen genau, dass die Besucher die Wege und die markierten Rastplätze nicht verlassen dürfen. Deshalb bewegen sie sich ausserhalb dieser Zonen ohne grosse Scheu und können gut beobachtet werden. Als Logenplatz besonders geeignet sind die Rastplätze auf Alp la Schera, Alp Grimmels, in der Val da Stabelchod, Val dal Botsch und Val Trupchun.
An den Wegen zu diesen Beobachtungspunkten haben die Wanderer Gelegenheit, unscheinbaren Kleinoden zu begegnen – einheimischen Orchideen! Die zarten Pflanzen behaupten sich auf windexponierten Felskuppen oder auf trockenen Rutschhängen; sie besiedeln hochgelegene Bergwiesen oder verstecken sich zwischen Heidelbeersträuchern; sie führen ein Schatten dasein in Fichtenwäldern oder suchen nach Wärme an sonnenbeschienenen Plätzchen. Ein handlicher Naturführer beschreibt die im Nationalpark vorkommenden Orchideen und gibt Tipps, wann und auf welchen Wegen sie anzutreffen sind:
Claudia & Beat Wartmann: «Orchideenwanderungen im Schweizerischen Nationalpark», CHF 15.00, versandkostenfrei bei www.wartmann-natuerlich.ch