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Sami: Kritik
Filmbeschreibungen
Lappland, hoch oben im Norden Schwedens: endlose Nadelwälder, Seen, Grasland, Rentiere. Die Touristen aus Småland bestaunen die urgewaltige, idyllische Polarlandschaft durch die Panoramafenster ihres vom Kaminfeuer erwärmten Hotels. Sie stören sich jedoch am Krach, den „die“ da draußen auf ihren Motorrädern verursachen. Nur Christina, eine pensionierte Lehrerin, hält sich zurück. Schweigsam sieht sie hinaus, mit einem Blick, der neugierig sein könnte, wehmütig, in jedem Fall aber nachdenklich wirkt.
„Die“ da draußen, das sind die Samen, die Ureinwohner Lapplands, die wie ihre Vorfahren von der Rentierzucht leben und zum Teil noch immer in Koten hausen. Dass Christina, die ältere Dame aus dem Süden, einst zu ihnen gehörte, weiß man zu diesem Zeitpunkt bereits. Gemeinsam mit ihrem Sohn und ihrer Enkeltochter ist sie zur Beerdigung ihrer Schwester in den Norden zurückgekehrt.
Warum sie sich von dieser Region abgewandt hat, erfährt man in einer langen Rückblende. In den 1930er-Jahren besucht die 14-jährige Elle Marja zusammen mit ihrer Schwester Njenna eine Internatsschule für Sámi. Die Lehrerin aus Småland ist jung und streng, registriert jedoch wohlwollend, wie motiviert sich Elle Marja am Unterricht beteiligt. Das Mädchen träumt davon, ihrem Schicksal als Rentierzüchterin zu entfliehen und in Uppsala zu studieren. Als eine Abordnung aus der Stadt eintrifft, um die rassisch vermeintlich minderwertigen Sámi-Kinder im Zuge physiognomischer Studien zu vermessen und nackt zu fotografieren, sieht die bewunderte Lehrerin dem entwürdigenden Prozedere ungerührt zu. Als Elle Marja sie einige Zeit später um ein Empfehlungsschreiben für die Universität bittet, verweigert sie das mit dem Argument, dass die Sámi erwiesenermaßen nicht in der Lage seien, in der Stadt zu leben; auch Elle Marja würde dort nur unglücklich werden.
Dass die Lehrerin trotz ihrer rassistischen Überzeugungen nicht als Unmensch gezeichnet wird, sondern als kultivierte, selbstbewusste junge Frau, die für Elle Marja anscheinend nur das Beste möchte, spricht für die differenzierte, subtile Erzählweise der Inszenierung. Zugleich unterstreicht es, wie tief der Rassismus in den Köpfen verankert ist. Elle Marja aber hat es satt, ständig verspottet und gedemütigt zu werden. Heimlich legt sie ihre Tracht ab, schlüpft in ein Sommerkleid und schleicht sich auf ein Fest der schwedischen Dorfjugend. Prompt verliebt sie sich in einen Jungen aus Uppsala und beschließt, ihm auf eigene Faust zu folgen. Von ihrer Schwester, ihrer Mutter und ihrem alten Leben will sie fortan nichts mehr wissen. Statt Elle Marja nennt sie sich jetzt Christina, wie ihre Lehrerin aus Småland.
Die schwedische Regisseurin Amanda Kernell schlug bei ihrem Spielfilmdebüt gleich mehrere Ratschläge in den Wind, die man ihr auf der dänischen Filmschule in Kopenhagen mit auf den Weg gegeben hatte: keinen Historienfilm zu drehen, nicht mit Kindern zu arbeiten und auch nicht mit Tieren. Dass Kernell bei der Inszenierung nie überfordert scheint, verdankt sich wohl auch der intensiven Vorbereitung. Schon ihr mehrfach prämierter Kurzfilm „Stoerre Vaerie“ (2014) entpuppt sich im Nachhinein als eine Art Vorfilm zu „Das Mädchen aus dem Norden“, als „Suche nach einer Form“, wie es Kernell in einem Interview formulierte. Das Resultat ist ein sehr zurückhaltender, unaufgeregter, geradezu reifer Stil, der sich keinem nostalgisch oder folkloristisch eingefärbten Zeitkolorit ergibt, sondern den Fokus auf die einzelnen Charaktere, ihre Erfahrungen, Empfindungen und Entwicklungen legt.
Noch wichtiger als der lange Atem und die Sorgfalt bei der Inszenierung dürfte das persönliche Bedürfnis der Filmemacherin gewesen sein, diese Geschichte zu erzählen. Kernell hat eine schwedische Mutter und einen samischen Vater. Vieles von dem, was in ihrem wunderschönen, ebenso leichthändig-unterhaltsamen wie tiefgründigen Film vorkommt, kennt sie aus Erzählungen von Verwandten und Bekannten. Manches hat sie in abgewandelter Form am eigenen Leib erfahren. Vor allem das Ringen um Identität, die Gefahr der Selbstverleugnung, aber auch der latente Rassismus sind ihr wohlvertraut.
Ohne diesen persönlichen Zugang wären ihr wahrscheinlich auch die Türen zur Sámi-Gemeinde verschlossen geblieben, in der ihr Vater aktiv ist, und in der sie die vielen wunderbaren Laiendarstellerinnen gefunden hat, allen voran die beiden Schwestern Cecilia und Erika Sparrok. Insbesondere Cecilia Sparrok entpuppt sich dabei als der entscheidende Glücksfall des Films. Ihre Darstellung ist schlichtweg überwältigend. Sie geht so selbstverständlich in ihrer Rolle auf, als müsse sie gar nichts darstellen, um sich auf sanft-behutsame Weise einer ebenso zerbrechlichen wie facettenreichen Figur anzunähern.
Stefan Volk, filmdienst