Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03515.jsonl.gz/2194

Goodreads rating 3.76. An inquiry into language and personal experience.
Bieri analyzes notions of free will, their basis or vacuousness, and their consequences. A powerful dissection of language and experience.
- Wille ist bedingt durch Historie.
- Ein unbedingt freier Wille wäre nicht der Wille der Person; er wäre unberechenbar und zufällig — nicht das, nach dem sich Verfechter eines unbedingt freien Willens sehnen. Freier und unfreier Wille sind bedingt.
- Bedingt freier Wille hat nichts mit Zwang oder Ohnmacht zu tun, denn die Beweggründe liegen nicht aussen; die Person entscheidet.
- Bedingt freier Wille rechtfertigt daher auch nicht Fatalismus. Nicht Vorherbestimmtheit ist ein Übel, sondern allenfalls das, was vorherbestimmt ist.
- Verantwortung, Strafe und Moral? “In moralischen Dingen kommt es einzig und allein auf den Inhalt des Denkens an und nicht auf seine Herkunft.” (357) Der moralische Standpunkt ist zumindest eine Konvention, denen Abweichler unterworfen werden. Wir fühlen Reue, daher macht auch Verantwortung intuitiv Sinn.
Some reviews etc.:
- Sonja Rinofner-Kreidl: Phänomenologische Genauigkeit ist das Ziel, auf das die philosophische Disziplin des Erzählens hinarbeitet (377). Immer wieder ﬁndet Bieri prägnante Formulierungen, um die Ergebnisse seiner Überlegungen zu resümieren. Etwa diese: “Ein Wille ist ein Wunsch, der handlungswirksam wird, wenn die Umstände es erlauben und nichts dazwischenkommt.” (41) “Die Freiheit des Willens liegt darin, daß er auf ganz bestimmte Weise bedingt ist: durch unser Denken und Urteilen.” (80) “Wir brauchen kein reines Subjekt, um die Erfahrung von Freiheit und Unfreiheit zu beschreiben.” (272) Bieri betont das Moment der Selbstdistanzierung, welches er zu recht als einen nichtmysteriösen und essentiellen Bestandteil unserer Erfahrung von Freiheit ausweist. Es ist dieses Moment, das die Ausbildung von Wünschen zweiter Ordnung ermöglicht (71, 103f), und uns damit in die Lage versetzt, zu unseren eigenen Wünschen Stellung zu nehmen: nicht Getriebene unseres Wollens zu sein, vielmehr als Urheber und Verantwortliche unserer Handlungen aufzutreten. … Der Wille ist Wille einer bestimmten Person, welche über bestimmte Charakterzüge verfügt und unter bestimmten Umständen denkt und handelt (49ff). Dieser Leitgedanke der Untersuchung ist nicht durch Phänomenbeschreibung gewonnen. Er liegt in der begrifflichen Einsicht, daß ein Wille stets nur bestimmter Wille sein kann (239). Andernfalls wäre er ein leerer Wille, also gar kein Wille. Wer mit diesem Gedanken anfängt, kann nicht dahin gelangen, den Willen als in den Lauf der Welt eingreifend zu denken, ohne diesem selbst unterworfen zu sein, mithin als einen Willen, “der von nichts abhinge: ein vollständig losgelöster, von allen ursächlichen Zusammenhängen freier Wille. Ein solcher Wille wäre ein aberwitziger, abstruser Wille.” (230) … Die Idee eines unbedingten Willens ist, entgegen der Intention ihrer Verfechter, gar keine stimmige Idee. Ein unbedingter Wille, wenn es ihn denn gäbe, wäre ein unfreier Wille — ein sich selbst aufhebender willenloser Wille. … Die Einsicht, daß ein freier Wille nur inmitten von Bedingtheiten wirksam werden kann, eröffnet nach Bieri einen Ausweg aus dem klassischen Dilemma der Willensfreiheitsdebatten: der scheinbaren Unvereinbarkeit von Freiheit und durchgängiger kausaler Bedingtheit alles natürlichen Geschehens (23).
- Sabine Klomfaß: Bieri zieht mit seinem Konzept des Willens und des Urteilens gegen den Determinismus und einer daraus folgenden Resignation zu Felde. Gebetsmühlenartig legt er dar, dass der Wille “von innen” nur in pathologischen Fällen (wie beim zwanghaften Handeln des Spielers) oder “von außen” erpresst (wie beim Zwang zwischen zwei Übeln zu wählen) wirklich unfrei sei. Im Normalfall aber kommt der zukünftige Wille, so Bieri, “nicht auf dich zu wie eine Lawine. Du führst ihn herbei, du erarbeitest ihn dir, indem du von freier Entscheidung zu freier Entscheidung fortschreitest, bis du bei ihm angekommen bist.” Dabei betont der Philosoph insbesondere die Funktion des Denkvermögens: “In dem Maße, in dem die Aneignung des Willens auf Artikulation und Verstehen beruht, handelt es sich um einen Erkenntnisprozess. Wachsende Erkenntnis bedeutet wachsende Freiheit. So gesehen ist Selbsterkenntnis ein Maß für Willensfreiheit.” Denn erst das Wissen um die Möglichkeiten, die man haben könnte, und dann das Durchdenken und Bewerten dieser Möglichkeiten, formen einen Willen, der wirklich als eigener und verantwortbarer erkannt werden kann.
- Michael Springer: Freiheit existiert nur als bedingte Freiheit. Unser Wille agiert in einem strukturierten Feld; er hat eine Vorgeschichte. Das enthebt uns nicht der Verantwortung für das, was wir tun – selbst wenn es im Nachhinein aussieht, als ob “alles so kommen musste”.
- Iris Morad.
See also this on a related book by Julian Baggini.