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Peter Streckeisen
aus Debatte Nr. 27 – Winter 2013
Die «Krisentheorie» war in der marxistischen Tradition immer eine «Königsdisziplin». Ein «richtiger Marxist» zeichnete sich nicht zuletzt durch seine Fähigkeit aus, «die Krise» zu analysieren und deren politische Bedeutung aufzuzeigen. Heute ist die Krisendiskussion wieder «in» und es lohnt sich, aus falschen Prophezeiungen der Vergangenheit zu lernen.
Gegen Ende seiner Schrift zur Lage der arbeitenden Klassen in England schrieb Friedrich Engels: «Ich glaube nicht, daß das Volk sich noch mehr als eine Krisis wird gefallen lassen. Wahrscheinlich bringt schon die nächste, 1846 oder 1847 eintretende Krisis die Abschaffung der Korngesetze und die Charte. Was die Charte für revolutionäre Bewegungen veranlassen wird, steht zu erwarten. Aber bis zur dann folgenden Krisis, die nach der Analogie der bisherigen 1852 oder 1853 eintreten müßte, (…) bis zu dieser Krisis wird es das englische Volk wahrlich überdrüssig sein, zum Vorteil der Kapitalisten sich ausbeuten zu lassen und, wenn die Kapitalisten seiner nicht mehr bedürfen, zu verhungern. Wenn sich bis dahin die englische Bourgeoisie nicht besinnt – und das tut sie allem Anschein nach gewiß nicht –, so wird eine Revolution folgen, mit der sich keine vorhergehende messen kann.»1
Und Engels fügte an: «Das sind alles Schlüsse, die mit der größten Bestimmtheit gefolgert werden können, Schlüsse, deren Voraussetzungen unbestreitbare Tatsachen, einerseits der geschichtlichen Entwicklung, andrerseits der menschlichen Natur sind. Das Prophezeien ist nirgends so leicht als gerade in England, weil hier alles so klar und scharf in der Gesellschaft entwickelt ist.»
Der Marxist als Prophet
Das war 1842. Heute, also 171 Jahre später, muss sich das englische Volk gerade wieder mal Einiges gefallen lassen. Aber die gewaltige Revolution steht noch aus. Solche Prophezeiungen haben grosse (und kleinere) Marxisten tausendfach zum Besten gegeben. Etwa Ernest Mandel, der 1967 zum 100. Geburtstag des Kapital von Marx voraussagte, der Kapitalismus werde das Ende des 20. Jahrhunderts kaum überleben.2 Mandel hat für die englische Ausgabe des Kapital bei Penguin Books umfangreiche Vorworte geschrieben, die auf eine ausgefeilte Zusammenbruchtheorie hinauslaufen.3 Wer wie ich in einem politischen Zusammenhang «politisiert» wurde, der durch seine Theorie der «langen Wellen»4 beeinflusst war, ging davon aus, dass sich der Kapitalismus seit den 1970er Jahren in einer tief greifenden Strukturkrise befindet, deren Ausgang entweder in die Barbarei oder in den Sozialismus führt, um die ebenso tausendfach zitierte Formel Rosa Luxemburgs zu verwenden. Die letzte «lange Welle» hatte jedenfalls in Faschismus und Zweitem Weltkrieg geendet.
Ich fand Mandels Texte eine Zeit lang faszinierend, ja geradezu überwältigend (allen voran seinen Spätkapitalismus). Aber irgendwann verstand ich, dass es nur scheinbar um Analyse des Kapitalismus geht. Genauer gesagt: Die Analyse ist Mittel zum Zweck und wird für ein Ziel eingesetzt, das zum Vornherein feststeht. Marxistische Krisentheorie dieser Art erfüllt eine politische Doppelfunktion: Sie soll beweisen, dass der Kapitalismus notwendig untergehen muss. Und sie soll den Ernst der Lage vor Augen führen und die «revolutionären Marxisten» dazu anspornen, mit aller Kraft in stets gerade bevorstehende, entscheidende Kämpfe zu steigen. Das heisst auch: Wer zögert oder skeptisch ist, wird als «Reformist», «Akademiker» oder «Weichei» diffamiert.
Einseitig und kurzsichtig
Uns hat diese Brille der marxistischen Krisentheorie öfters dazu gebracht, dynamische und innovative Aspekte der kapitalistischen Entwicklung zu unterschätzen, das heisst die Fähigkeit des Kapitalismus, sich immer wieder neu zu erfinden. Zudem lenkte der Fokus auf Ausbeutung und Krise die Aufmerksamkeit weg von der Vielfalt des menschlichen Elends. Frauenunterdrückung, Rassismus oder Umweltzerstörung finden nicht nur in Zeiten wirtschaftlicher Krisen statt. Sie sind mit Krisen verknüpft, weisen aber eine Eigendynamik auf, welcher der Marxismus wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. In einer Diskussion zu Beginn der 1980er Jahre zwischen Ernest Mandel und zwei anderen prominenten Linken (Rudolf Bahro und Peter von Oertzen) über das gerade begonnene Jahrzehnt kommen zum Beispiel Frauen als historische Subjekte gar nicht vor, während Mandel darauf bedacht ist, die Bedeutung der ökologischen Krise herunterzuspielen und zu betonen, dass die Kämpfe in der Peripherie nicht viel erreichen können, wenn nicht die Arbeiterklasse in den Zentren des Kapitalismus das Ruder herum reisst.5 Zudem war keiner der drei grossen Propheten in der Lage vorauszusehen, dass es im Osten recht bald zum Zusammenbruch des «real existierenden Sozialismus» kommen würde.
Warum über Krise diskutieren?
Es geht mir hier nicht darum, die Analyse wirtschaftlicher Krisen als nebensächlich oder sogar unnütz abzutun. Vielmehr will ich zu einem Zeitpunkt, in dem die Krisendiskussion in linken Zusammenhängen Hochkonjunktur hat, auf mögliche «Risiken und unerwünschte Nebenwirkungen» hinweisen. Dieser kleine Beitrag6 erfüllt also bestenfalls die Funktion einer Packungsbeilage, wenn es darum geht, heute mit Bezug auf Marx oder marxistische Ansätze über «die Krise» zu diskutieren. Das Ziel solcher Debatten sollte nicht sein, den Untergang des Kapitalismus vorauszusagen und die Genossinnen und Genossen auf Teufel komm raus auf die Barrikaden zu treiben, sondern zu verstehen, unter welchen historisch besonderen Bedingungen wir heute wie politisch aktiv sein können. Dabei macht der Bezug auf Marx vor allem dann Sinn, wenn wir darauf verzichten, bei ihm nach einer fertigen und umfassenden Krisentheorie zu suchen oder seine Krisentheorie so zu vollenden, dass sie auf alles eine eindeutige Antwort gibt.
Krisentheorie bei Marx
Meines Erachtens lassen sich im Kapital von Marx vier krisentheoretische Elemente finden, die allesamt von Interesse sind, um gewisse Aspekte zu verstehen, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen. Da ist erstens seine Beobachtung im Kapitel über das «allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation» (Band 1), die Produktion einer «Überschussbevölkerung» oder «industriellen Reservearmee» und die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen seien die Kehrseite der Anhäufung des kapitalistischen Reichtums: Je mehr das eine zunimmt, umso mehr auch das andere, und das lässt sich heute im Weltmassstab beobachten. Zweitens rückt Marx im zweiten Band die zyklische Zeit der Kapitalkreisläufe ins Zentrum der Aufmerksamkeit und weist darauf hin, dass Krisen immer dann auftreten (können), wenn diese Kreisläufe nicht wie erforderlich ineinandergreifen, wenn es also zu einer Discordance des Temps kommt, wie Daniel Bensaïd so treffend formuliert hat.7 Drittens finden wir im dritten Band das berühmte «Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate», das auf die steigende «organische Zusammensetzung des Kapitals» verweist und gewisse Parallelen zu jenen Passagen in den Grundrissen aufweist, in denen Marx andeutet, das Kapital hebe sich selbst als die Gesellschaft beherrschende Form auf. Hier gilt es allerdings den Hinweis von Marx auf die diesem «Gesetz» entgegenwirkenden Ursachen nicht zu übersehen. Schliesslich sind auch die oft nur fragmentarischen Ausführungen zum «fiktiven Kapital» (ebenfalls Band 3) von Interesse, sie helfen die Bedeutung der «Finanzmärkte» zu verstehen: Diese eröffnen dem Kapital einen Raum, in dem Krisentendenzen verschoben oder hinausgezögert werden können. Später brechen diese Tendenzen dafür in umso höher gesteigertem Mass auf und wirken gewaltig auf das gesamte Gefüge von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zurück.
Ein umgekehrter Ökonomismus
Marx ist bekanntlich als «Kritiker der politischen Ökonomie» angetreten. Wir folgen seiner Absicht, wenn wir die ökonomistische Vorstellung kritisieren, der Kapitalismus funktioniere frei von grossen, über einfache Konjunkturzyklen hinaus reichenden Krisen, so lange Markt und Wettbewerb nicht verzerrt werden etc. Aber die Ironie der Geschichte besteht darin, dass Marxisten wie Ernest Mandel einem «umgekehrten» Ökonomismus8 das Wort geredet haben, demzufolge die kapitalistische Ökonomie von selbst in die Krise führt und nur «politisch» wieder aus der Krise kommt (oder eben abgeschafft wird). Das ist genau die Pointe seiner Theorie der «langen Wellen» und macht deren Reiz für überzeugte Revolutionäre aus. Doch in einer Zeit des «ökonomischen Imperialismus», in der alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens ökonomisch betrachtet und bewertet werden, tun wir gut daran, auf Distanz zu jedem «Ökonomismus» zu gehen und wie Marx daran zu erinnern, dass die Ökonomie ein von Menschen gemachtes gesellschaftliches Gebilde ist, das nur scheinbar durch wirtschaftliche Naturgesetze gelenkt wird.
Es ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung, heute auf den Zusammenhang einer Vielzahl von Krisen hinzuweisen9 und damit die Ökonomie gesellschaftlich «einzubetten». Aber wir kommen nicht daran vorbei, uns mit der Frage auseinanderzusetzen, wie und warum «die Krise» zum marxistischen Fetisch geworden ist, zu einem Zauberwort, das den Untergang des Kapitalismus und die «Revolution, mit der sich keine vorhergehende messen kann» (Engels), im selben Atemzug ankündet.
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1 MEW 2, S. 504. Engels bezog sich auf die Chartistische Bewegung, die damals für eine Charta von politischen Rechten für die arbeitende Bevölkerung und gegen Importzölle auf Nahrungsmittel (Korngesetze) kämpfte.
2 Ernest Mandel: The Centenary of Marx’ Capital. International Socialist Review, 1968.
3 Auf Deutsch 1991 erschienen im Dietz Verlag unter dem Titel «Kontroversen um Das Kapital.»
4 Ernest Mandel: Die langen Wellen im Kapitalismus. Eine Marxistische Erklärung. ISP Verlag 1983.
5 R. Bahro, E. Mandel & P. von Oertzen: Was da alles auf uns zukommt. Perspektiven der 80er Jahre. Berlin, 1980 (2 Bände).
6 Er beruht auf einem Vortrag, den ich am 17. Oktober 2013 in Bern gehalten habe (im Debatte Forum).
7 Daniel Bensaïd: La discordance des Temps. Essais sur les crises, les classes, l’histoire, Paris 1995.
8 Mit «Ökonomismus» oder «ökonomistisch» sind Erklärungen gemeint, die nicht nur alles auf die Ökonomie zurückführen, sondern auch die Ökonomie als ein rein ökonomisches Phänomen betrachten und damit die Bedeutung von Geschichte, Gesellschaft, Politik und/oder Kultur unterschlagen.
9 Alex Demirovic, Julia Dück, Florian Becker & Pauline Bader: Vielfachkrise im finanzmarktdominierten Kapitalismus, VSA Verlag 2011.