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Die oben abgebildete Grafik zeigt die Verkäufe von Schallplatten in den USA von 1972 bis 2014 (Quelle: RIAA). Man kann sich getrost auf LP's konzentrieren (dunkelgrün). Der vielgepriesene Vinyl-Boom ist grafisch kaum zu erkennen und ist weit entfernt von den 400 Mio USD von 1976.
Die zweite Grafik (Quelle: Nielsen Soundscan) akzentuiert das Wachstum der vergangenen Jahre, ausgehend vom absoluten Tiefpunkt 2005 und 2006. Diese Grafik bekommt man heutzutage meistens zu Gesicht. Nielsen erhebt die Verkäufe der US-Amerikanischen Vinyl-Händler und bezieht den On-Line-Handel mit ein. Meines Wissens werden auch gebrauchte Schallplatten einbezogen (man macht keinen Unterschied) und ich vermute, dass Verkäufe ins Ausland auch nicht abgegrenzt werden.
Über die Mengen gibt es keine Information. Nimmt man aber einen Durchschnittspreis pro LP von 10 USD an (sinnvoll bei altem Vinyl und Neupressungen), dann dürfte man bei 900'000 Schallplatten landen, von denen längst nicht alle neu hergestellt wurden.
Kapazität ausgeschöpft
Trotzdem ist die Produktionskapazität der noch funktionierenden Presswerke in den USA nahezu ausgeschöpft. Die Pressen sind uralt und Neuinvestitionen werden hinausgezögert. Vermutlich gibt es kaum mehr Hersteller für die spezifische Prozess-Automatisierung. Die Nachfrage kann kaum befriedigt werden und die Lieferzeiten steigen.
Ein weiterer Engpass ist die die Produktion der Lackfolien mit den Schneidköpfen, genannt Lathe. Für diese hochpräzisen Werkzeuge gibt es keinen Hersteller mehr. Alle stammen sie aus längst vergangenen Zeiten, werden penibel gewartet, nutzen sich aber dennoch ab. Dringender Handlungsbdarf.
Werden die Engpässe zum "Boom-Breaker"? Das kommt darauf an, in welchem Mass die Absätze auf neues Vinyl entfallen. Gebrauchtes Vinyl ist in grossen Mengen verfügbar. Gerade jetzt werden auf ebay.com über 3 Millionen Schallplatten angeboten, überwiegend gebrauchte.
Undank ist der Welt Lohn
Die Leidtragenden sind vor allem die Independent-Labels (Indies), welche gerade in der Hip Hop-Szene Vinyl am Leben erhielten. Ihre Kunden waren auch oder vor allem DJ's. Heute werden sie von den Major Labels bedrängt, die Vinyl als Tonträger wieder entdecken und einen grossen Teil der Fertigungskapazität beanspruchen. An ihnen wäre es, nun zu investieren.
Zum Beispiel in neue Fertigunstechnologie, das vorsichtige Stichwort heisst 3D-Drucker (funktioniert noch nicht) oder einfach in genügend Produktionskapazität.
Diffuse Rolle der Major Labels
Dass es die Major Labels ernst meinen, ist mehr als fraglich, verhielten sie sich doch die letzten 20 Jahre mehr als opportunistisch. Sie verschliefen den Download-Boom, klammerten sich an CD und SACD und verdingten sich dann an Apples iTunes, weil sie es selbst nicht schafften, ihre Musik effizient an die neuen Kunden mit neuen Konsumgewohnheiten zu bringen. Heute verdienen sie ihr Geld mit den Streamingdiensten, denen sie die Rechte teuer verkaufen, ohne selbst in dieses Geschäft einzusteigen.
Mit Vinyl kopiern sie nun die kleinen Labels nach, welche von Hip Hop- bis audiophiler Kundschaft kleine Nischen bedienen. Sie lassen uns den Vinyl-Boom durch das Vergrösserungsglas betrachten und schauen mal, ob das wirkt und ob es Geld bringt.
Die Aussichten werden positiv beurteilt. Die Schallplatte ist ein Tonträger für den der Konsument bereit ist vergleichsweise viel Geld zu bezahlen, was sich schon bei bescheidenen Stückzahlen bezahlt macht. Vinyl kann man nicht kopieren, teilen (sharing) oder posten. Dazu kommt der Reiz des haptischen.
Wann ist der Vinyl-Boom ein Boom?
Es braucht mehr dazu. Viel mehr. Nach meinen Informationen wissen 70% der Leute auf der Strasse nicht, dass Vinyl heute wieder hergestellt wird. In der Schulklasse meines 18 jährigen Sohns hört niemand Vinyl, ausser der Lehrer. Die Plattenläden in der Schweiz können sich nicht über deutlich höhere Umsätze freuen, wie Umfragen anlässlich des Record Store Days zeigten.
Das Analog HiFi Forum in Basel am 15.11.2015 wird viele vinylbegeisterte Musikhörer zählen. Hoffentlich auch viele Neue!