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von Pierre Günzburger
Vorbemerkung: Dieser Text stellt meine eigene Sicht dar und muss nicht der Sichtweise des Feld-Teams oder einzelner seiner Mitglieder entsprechen, auch wenn das durchaus der Fall sein kann. Zudem habe ich diesen Text erst jetzt, also lange nach der Redaktion des Textes für den Einladungs-Flyer, verfasst. Er ist somit nicht eine Grundlage für den Inhalt des Flyers, sondern vielmehr eine nachträgliche Reflexion dazu.
Der Titel auf dem Flyer, “DIE IP IST WAS SIE IST“, mag Erstaunen hervorrufen oder sogar irritieren, denn aus dem Lead-Text des Flyers geht hervor, dass es an diesem Treffen um den Diskurs rund um die Begriffe Partei, Bewegung, Politik und Spiritualität geht, was Kernfragen der IP sind und damit ein Thema aus der letzten Mitgliederversammlung aufgenommen wird.
Doch wer im Inneren des Flyers genauer hinsieht, entdeckt in der blauen Box als Hinweis den letzten Vers des Gedichtes von Erich Fried „Was es ist“. Vollständig lautet es:
Es ist Unsinn, sagt die Vernunft
Es ist was es ist, sagt die Liebe
Es ist Unglück, sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst
Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht
Es ist was es ist, sagt die Liebe
Es ist lächerlich, sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung
Es ist was es ist, sagt die Liebe
In diesem Gedicht sind zwei Wörter zentral: einerseits das Wort „ist“, eine Form des Verbes „sein“ und anderseits das Wort „Liebe“. Warum das? Ein wesentlicher Aspekt des Feld-Treffen ist die zu entwickelnde zukünftige integrale Kultur und Lebensweise. Für mich beschreiben die beiden Wörter wesentlich das, was diese Kultur ausmacht.
„Sein“ wird im philosophischen oder sozialpsychologischen Kontext als Gegensatz zum „Haben“ betrachtet, wie im bekannten Buches von Erich Fromm von 1976 mit dem Titel „Haben oder Sein“. Fromm nennt darin Gemeinsamkeiten derjenigen Denkweisen, die sich vom Gedanken des Habens gelöst haben und sich der Sicht des Seins verpflichtet fühlen. Dieser Geist des Seins ist charakterisiert durch[*]:
- die Produktion hat der Erfüllung der wahren Bedürfnisse des Menschen und nicht den Erfordernissen der Wirtschaft zu dienen
- das Ausbeutungsverhältnis der Natur durch den Menschen wird durch ein Kooperationsverhältnis zwischen Mensch und Natur ersetzt
- der wechselseitige Antagonismus zwischen den Menschen ist durch Solidarität ersetzt
- oberste Ziele des gesellschaftlichen Arrangements sind das menschliche Wohlsein und die Verhinderung menschlichen Leids
- maximaler Konsum ist durch einen vernünftigen Konsum (Konsum zum Wohle des Menschen) ersetzt
- der einzelne Mensch wird zur aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben motiviert
Wir erkennen in den obigen Sätzen eine starke Übereinstimmung mit den Grundlagen der Integralen Politik, was der Untertitel von Fromms Buch – „Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“ – bestätigt.
Im spirituellen Kontext beschreibt „Sein“ eine Eigenschaft des letztlich Unbeschreibbaren, des Absoluten, des Göttlichen, der Seele.
„Sein“ wird auch als Gegensatz zu „Tun“ angesehen und hat dann die Bedeutung von „Nicht-tun“, wie etwa im Tao-Te-King, wo es im Vers 48 heisst: „Wahre Meisterschaft kann erlangt werden, indem man den Dingen ihren eigenen Lauf lässt. Sie kann nicht erlangt werden durch Einmischung.“
Im menschlichen Bereich wird „Sein“ als eher weibliche Qualität angesehen, als intuitiv, während „Tun“ als eher männlich gilt und mit einer Haltung des Planens und Handelns einhergeht. Wir tun, weil wir wissen, was zu tun ist und wie das geschehen soll. „Sein“ nimmt auch die Haltung des Nicht-Wissens ein, was nicht heisst, dass wir uns nur von äusseren Einflüssen treiben lassen, sondern dass wir offen sind für das, was sich uns hier und jetzt zeigt.
In allem dem erkennen wir die Verbindung zum Ziel des diesmaligen Treffens des Feldes für Transformation: in einem konstruktiven Prozess scheinbar Unvereinbares – Gegensätze, Pole – in Beziehung bringen, sodass fruchtbare Synthesen – Bogen, Brücken, Tore – entstehen können.
An der Mitgliederversammlung am 17. Mai 2014 entstand eine konfrontative Diskussion um die Begriffe „Partei“ und „Bewegung“. Sie wurden zu unvereinbaren Gegensätzen gemacht, es ging um richtig oder falsch oder eben um das, was jede und jeder schon immer gewusst hat. Ein „sowohl-als-auch“ im integralen Sinne, aus der die geltende Formulierung möglicherweise hervorgegangen war, erwies sich als eine scheinbare Kompromiss-Lösung. Und nebenbei ging auch unter, dass der Antrag lautete, beide Begriffe aus den Statuten zu entfernen. Es ist offensichtlich, dass eine wirkliche Lösung sich nur zeigen kann, wenn wir uns öffnen für alles Denkbare und alles noch-nicht-Gedachte, nichts ausschliessend, wie immer es auch zum „Gegebenen“ stehen mag und unserem aus dem „Sein“ kommenden inneren Wissen vertrauen.
Das zweite Wort – „Liebe“ – weist auf die Kultur der Liebe hin, über die ich bereits in einem Blog im März 2014 geschrieben habe unter dem Titel: Das neue ALPHABET unserer Zeit. Die Kultur der Liebe ist die Alternative zur gegenwärtig in unserer Gesellschaft dominierenden Kultur der Angst, in welcher das vorherrscht, was im Gedicht von Erich Fried als Vernunft, Berechnung, Angst, Einsicht, Stolz, Vorsicht oder Erfahrung genannt wird, wobei diese Wörter m.E. noch genauer umschrieben werden müssten, etwa so: eine urteilende Vernunft, eine resignierte Einsicht, ein falscher Stolz, eine ängstliche Vorsicht, eine enttäuschte Erfahrung. In der Kultur der Angst leben die Menschen in einer Haltung des Nicht-Genügens und der Angst vor dessen Folgen, verbunden mit der Ohnmacht in Anbetracht der grossen Probleme der Welt.
In der Kultur der Liebe ist die Grundhaltung die des Vertrauens, in der sich das zeigen kann, was aus dem „Sein“ kommt und das wir dann aus tiefster innerer Kraft heraus umzusetzen beginnen. Wenn wir einzeln und kollektiv ein immer integraleres Bewusstseins entwickeln wollen, das die Grundlage einer integralen Gesellschaft ist, so geht das nur auf dem Weg der Kultur der Liebe.
Am Treffen des Feldes für Transformation am 15./16. März 2014 haben wir bereits Ansätze zur Entwicklung einer solchen Kultur erprobt und am kommenden Treffen soll das wieder so sein. Es geht nicht primär darum, die Frage zu beantworten, ob die IP eine Partei und/oder eine Bewegung ist, denn es ist offen, ob es eine einfache, klare Antwort dazu gibt. Die Antwort wird sich möglicherweise daraus ergeben, wenn die Mitwirkenden im Laufe des Prozesses erkennen werden, wohin ihre Liebe fliessen möchte – auf dem Weg, der das Ziel ist.