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Serie «Zwei Welten»: Rae Paprotta besitzt den Schweizer und den kanadischen Pass
Aufgewachsen ist sie in Calgary, Alberta. Ihre Grosseltern stammen aus Schottland. Seit 15 Jahren lebt Rae Paprotta nun schon in Muri. Obwohl sie im Herzen Kanadierin ist, möchte sie nicht mehr dorthin zurück. «Ich bin hier angekommen», meint sie.
Susanne Schild
Als die Tür aufgeht, ist das Erste, was man wahrnimmt, ein strahlendes Lächeln. Die 54-jährige Murianerin scheint mit sich und der Welt im Reinen zu sein, ihr Glück gefunden zu haben, obwohl sie fast 8000 Kilometer von ihrer Familie in Kanada trennen.
Geboren wurde sie in Calgary. Calgary liegt im Süden von Alberta in der Prärie und ist die grösste Stadt dieser Provinz vor Edmonton, der Provinzhauptstadt, welche sich etwa 300 Kilometer nördlich befindet. Damit ist Calgary gleichzeitig die grösste Stadt zwischen Vancouver im Westen am Pazifik und Toronto im Osten an den Grossen Seen. Etwa 80 Kilometer westlich erstrecken sich die Rocky Mountains. Berge sind also nichts Ungewohntes für sie. Und auch das Auswandern scheint ihr im Blut zu liegen. «Die Eltern meines Vaters sind vor langer Zeit aus Schottland nach Kanada gekommen und meine Grosseltern mütterlicherseits stammen aus der Ukraine.»
Vieles war Schicksal
In Calgary wuchs sie zusammen mit ihren Eltern und zwei älteren Brüdern auf. Nach der Highschool machte Rae Paprotta ihren Bachelor in Zoologie. «Eigentlich hätte ich Medizin studieren wollen, aber dafür war ich nicht gut genug», räumt sie lachend ein. Wie wenn es das Schicksal so gewollt hätte, fand Rae Paprotta nach ihrem Abschluss keinen Job als Zoologin und begann eine zweite Ausbildung zur Massagetherapeutin. Sie eröffnete ihre eigene Praxis und arbeitete ehrenamtlich bei der Bergrettung.
Durch Zufall erfuhr sie, dass auf einer Heliski-Lodge noch eine Massagetherapeutin gesucht wurde. Kurzerhand verkaufte sie ihre Praxis und lebte von da an abgeschieden von jeglicher Zivilisation in einer Lodge in den Bergen. «Das Leben dort war sehr einfach, wir hatten kein Telefon, ein Generator erzeugte den Strom und drei Schweine frassen die Abfälle. Alles, was sie nicht fressen konnten, wurde mit dem Heli entsorgt. Dort oben verbrachte ich die besten drei Jahre meines Lebens.»
Ein Heiratsantrag nach der Velotour
Im zweiten Jahr auf der Lodge lernte sie ihren Mann Michael kennen. «Er kam mit dem Heli vom Himmel», meint sie lachend. Obwohl er nur eine Woche blieb, blieben die beiden in Kontakt, telefonierten über das Funkgerät und schrieben sich Briefe. «Im Sommer 1996 lud er mich nach New York ein, wo er damals arbeitete, und dann im Herbst hierher nach Muri, wo er aufgewachsen ist. Nach einer Velotour auf dem Furkapass machte er mir einen Heiratsantrag und ich sagte Ja.»
Europa war Rae Paprotta nicht fremd. In Wien verbrachte sie ein Jahr als Au-pair-Mädchen. «Daher konnte ich die Sprache ein wenig, war mit der Kultur und Architektur vertraut. Nach Muri zu kommen, war wie ein Homecoming für mich, alles kam mir irgendwie bekannt vor.»
Im Herbst 1997 war es dann so weit und die beiden heirateten. «Nach unserer Hochzeit lebte ich noch vier Jahre in London, um meine Ausbildung zur Hebamme abzuschliessen.» Michael kehrte bereits früher in die Schweiz zurück, da er ein Jobangebot der Schweizer Nationalbank in Bern erhielt, das er nicht ablehnen konnte. «Ein Murianer aus dem Klosterdorf, der in Muri bei Bern lebt, darüber mussten viele schmunzeln», erinnert sie sich zurück.
In der Welt zu Hause gewesen
Fast genau neun Monate nachdem sie London den Rücken gekehrt hatte und in Muri bei Bern ihre erste Heimat in der Schweiz gefunden hatte, kam ihre Tochter zur Welt. 2005 folgte dann Kind Nummer zwei. Ein Jahr später zog sie mit ihrem Mann und ihren Kindern dann nach Muri. «Ich war in der Welt zu Hause, bin viel umgezogen und habe viel erlebt.» Dennoch sei es nicht immer einfach gewesen, immer wieder neu anzufangen, neue Freundschaften zu schliessen und sich zu integrieren. «Jeder muss sein eigenes Glück suchen», ist Rae Paprotta überzeugt. Man muss offen sein, auf die Leute zugehen, sich im Dorfleben engagieren. Sie trat in den Tennisclub ein und arbeitete ehrenamtlich in der Ludothek. Daneben besuchte sie Deutschkurse, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. «Ich muss zugeben, selbst nach zwanzig Jahren meisterte ich die Sprache immer noch nicht», meint sie mit einem Augenzwinkern.
Zu Hause sprechen die beiden mit ihren Kindern nur Englisch. «Wir haben uns in dieser Sprache kennengelernt. Hier können wir eindeutig besser miteinander kommunizieren», ist sie überzeugt. Träumen tut sie in beiden Sprachen. «Doch das kam wirklich erst nach einigen Jahren, als ich die Sprache richtig verstanden habe.»
Im Herzen Kanadierin geblieben
Obwohl sie hier angekommen ist, sich integriert fühlt, bleibt sie im Herzen Kanadierin. «Ich vermisse meine Familie und meine Herz-Freundinnen.» Kanada ist ein relativ junges Land im Gegensatz zur Schweiz. «Wir haben anders als in Europa keine grosse Kultur und durch die vielen Auswanderer dennoch einiges mit Europa gemeinsam. Mit den USA teilen wir die Liebe zu Steaks und Hamburgern.» Die Frage, ob sie jemals wieder nach Kanada zurückkehren möchte, beantwortet sie mit einem klaren Nein. «Es gefällt mir in Muri, ich bin zufrieden. Ich müsste wieder ganz von vorne anfangen, das wäre mir ein zu grosser Aufwand. 15Jahre an einem Ort zu leben, ist eine lange Zeit.»
Den Schritt, ihre Heimat zu verlassen und der Liebe wegen irgendwo neu anzufangen, bereut sie keinen Moment. «Ich würde es wieder genauso machen. All das hat mein Leben interessant gemacht und es bereichert.»
Dennoch, ein Ferienhaus in ihrer alten Heimat zu besitzen, könnte sie sich durchaus vorstellen.