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Emsy erwachte aus seiner tiefen Ohnmacht. Es war später Nachmittag und noch immer lag er mit grossen Schmerzen am Strassenbord. Wie gern wäre er doch jetzt unten, dort, wo seine Freundinnen arbeiteten. Es war ja eigentlich gar nicht so weit, nur etwa 100 Meter. Er versuchte aufzustehen, musste den Versuch aber sofort abbrechen. Höllische Schmerzen überzogen seinen ganzen geschundenen Körper. Er lag unter einem Busch. Der Boden war übersäht mit Tannennadeln und Blättern. Ueberall lag Müll herum, alte Büchsen und Plastiktüten, die Autofahrer im Vorbeifahren aus dem Fenster geworfen hatten. Es roch nach verfaultem Obst, über das sich Scharen von Ameisen hergemacht hatten. Ameisen krabbelten auch auf ihm herum. Sie kitzelten ihn, doch er konnte sich nicht wehren. Er hörte, wie die Fliegen um seinen Kopf surrten. Sie setzten sich auf sein offenes Hinterbein. Er verscheuchte sie. Mit seiner Zunge leckte er die Wunde, die sich über das ganze Bein zog. Pelz und Haut waren weg, der Knochen lag offen. Er leckte sich so lange, bis die Schmerzen etwas geringer wurden.
Er wusste, dass er an dieser Situation selber schuld war. Es war ja nicht das erste Mal, dass er von einem Auto angefahren wurde. Vor etwa eineinhalb Jahren passierte es das erste Mal. Damals hatte er sich zum Büro der DPD geschleppt. Die netten Frauen hatten ihn gepflegt und gefüttert. Bald war die kleine Schramme an seiner Stirn nicht mehr zu sehen.
Kaum dreiviertel Jahre später war er erneut unvorsichtig. Dieses Mal knallte er mit voller Wucht gegen eine Stossstange. Er brach sich dabei den Unterkiefer. Auch damals hatten die Frauen für ihn gesorgt. Er war ihnen sehr dankbar.
Ein bisschen ein schlechtes Gewissen hatte er schon, denn eigentlich war sein Zuhause bei Tina und ihrer Katzenfamilie. Doch seit dem Tag, an dem Emsy das erste Mal verletzt worden war, zog es ihn ins Büro der DPD. Es war wie ein Magnet, er konnte sich dagegen nicht wehren. Dies war seine Welt, dort waren seine Freundinnen.
Emsy wusste nicht, dass seine Freundinnen ihn vermissten. Sie kannten ihren kleinen Freund sehr genau und wussten, dass etwas nicht stimmen konnte. Emsy stand jeweils auf die Minute genau vor der Eingangstüre, punkt sechs Uhr in der Früh. Heute war er nicht erschienen, sehr eigenartig. Auch als man Tina anrief, ergab sich nichts Neues. Sie wusste auch nicht, wo Emsy war.
Gegen Abend beschlossen die Frauen, Emsy zu suchen. Sie gingen der ganzen Schnellstrasse entlang, schauten sich überall um. Sie riefen seinen Namen - nichts. Auch eine Suchaktion hinter dem Hause, wo die Eisenbahn fuhr, brachte nichts Neues. Emsy war verschwunden. Sie machten sich grosse Sorgen, denn sie kannten Emsys Zeitgefühl. Nie würde er ohne Grund ausbleiben. Schon vor einem Jahr gab es eine ähnliche Situation. Auch damals war ihnen unerklärlich, wo Emsy war. Sie erinnerten sich noch an die schreckliche Situation, als Emsy mit gebrochenem Kiefer zu ihnen kam. Er wurde damals operiert und musste einige Wochen mit einem verdrahteten Maul herumlaufen. Er verlor dabei auch einen Eckzahn. Alle hatten gehofft, dass Emsy gelernt hatte in Zukunft die Schnellstrasse zu meiden.
Nach diesem Unfall war der kleine Kater auch sehr vorsichtig geworden. Er hatte panische Angst vor Rädern. Wenn er ein Auto hörte, blieb er wie angewurzelt stehen. Er ging vorwiegend den Wänden entlang, dort, wo er geschützt war. Doch die Zeit heilt eben nicht nur Wunden, sie lässt auch schreckliche Ereignisse in einem besseren Licht erscheinen. Aengste verschwinden. Bald hatte Emsy vergessen, dass Autos für einen Kater seiner Grösse sehr gefährlich sind. Er war bereits wieder frecher geworden. Und genau das war ihm nun zum Verhängnis geworden. Seine "Tagesmütter" waren sich dessen sehr bewusst. Sie waren äusserst besorgt, doch sie mussten die Suche bei Einbruch der Dunkelheit aufgeben.
Emsy war müde und traurig. Er lag nicht weit weg von der Schnellstrasse und konnte nichts tun. Nicht einmal rufen konnte er, denn seine Lunge brannte wie Feuer. Er hörte die Autos, die mit einem zischenden Geräusch an ihm vorbeifuhren. Ab und zu fuhr ein Radfahrer nahe an ihm vorbei. Auch ihm konnte er kein Zeichen geben.
Allmählich wurde es dunkel. Es wurde wieder ruhig auf der Schnellstrasse. Er sah durch die Bäume den Mond am Himmel stehen. Er fühlte sich irrsinnig einsam. Dann, es war mitten in der Nacht, kam ein Hund. Er war mit seinem Herrchen auf einem nächtlichen Spaziergang. Emsy duckte sich, machte sich ganz klein. Er wusste, dass er gegen diesen Hund nichts ausrichten konnte. Angst stieg in ihm hoch. Er hörte die kleinen Füsse, die auf ihn zugingen. Bereits sah er zwischen den Blättern die grosse schwarze Nase, die seine Fährte aufgenommen hatte. Was sollte er nur tun? Wenn der Hund ihn entdeckte, wäre es um ihn geschehen. Das wäre sein Ende, der Hund würde ihn in Stücke reissen und er konnte sich nicht einmal wehren. Er war dem Katzenhimmel sehr nahe, stand an der Pforte des Gartens Eden. Noch vier Schritte und das tödliche Schicksal würde seinen Lauf nehmen. In Emsys Kopf ging nun alles sehr schnell. Sein Leben ging an ihm vorbei in rasendem Tempo. Er dachte über sich und seine Erlebnisse nach. Sein schlechtes Gewissen stieg in ihm hoch. Wie konnte er Tina nur den Rücken kehren? Er hatte sie hintergangen, war jedes Mal, wenn sie ihn nach Hause brachte, schnurstracks zu seinen Freundinnen zurück gelaufen.
Er fiel in einen tiefen, erholsamen Schlaf. In seinen Träumen sah er eine wunderschöne Insel..