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«Rubinieren» ist das Gegenteil von «ruinieren». Unter «rubinieren» versteht man im Pop die Veredelung durch Reduktion. Erfinder des Rubinierens ist der US-amerikanische Produzent Rick Rubin. Er hat sich darauf spezialisiert, ältere und mehr oder weniger abgehalfterte KünstlerInnen so in Szene zu setzen, dass ihre ureigenen Qualitäten zum Vorschein kommen, ohne dabei Rücksicht zu nehmen auf aktuelle Soundgepflogenheiten oder Radiotauglichkeit. Rubin reisst die Staffage herunter und enthüllt – im Businessjargon: den Markenkern.
Er hat den Lebensabend von Johnny Cash rubiniert und den Country-Veteran einem Publikum nahegebracht, das mit Indierock oder in der Grossraumdisco gross geworden ist. Nicht ganz so erfolgreich lief das Rubinieren bei Donovan und Neil Diamond; soeben haben sich Black Sabbath von Rubin re-essenzialisieren lassen.
Eine Familiensaga
Nun könnte man auf die Idee kommen, dass Jeff Tweedy die grosse Soulsängerin Mavis Staples rubinieren soll, wenn er als Produzent ihres neuen Albums «One True Vine» fungiert. Als Kopf der Vintage-Rockband Wilco hat Tweedy sich in zwei Jahrzehnten den Ruf eines Connaisseurs erworben, der die Tradition zu würdigen weiss, aber nicht mit Scheuklappen herumläuft. Mit seinen 45 Jahren ist er alt genug, um den klassischen Soul in sein musikalisches Koordinatensystem zu integrieren, und jung genug, neue Soulentwürfe zu kapieren, von Frank Ocean bis zu den Dirty Projectors.
Er ist der richtige Mann, um die imposante, demnächst 74 Jahre alte Mavis Staples einer neuen Zielgruppe zuzuführen. Die «Tweedyfizierung» der Mavis Staples – das dürfte das Kalkül gewesen sein, für das zweite gemeinsame Album nach «You Are Not Alone» von 2010. Der Masterplan hinter «One True Vine» liegt auf der Hand. Wie Rubin bei Cash hat Tweedy den Sound heruntergestrippt, um der warmen, tiefer gewordenen Stimme von Staples Raum zu geben. Ein Gospelchor, feierliche Bläser, ansonsten «family affair»: Sohn Spencer Tweedy spielt Schlagzeug, Vater Jeff den Rest, darunter ein Instrument mit dem schönen Namen Marxophone.
Familiär ist auch die Vorlage: «Ich wollte die Songs eigentlich nur mit Tweedy und seiner Gitarre aufnehmen», erzählt eine aufgekratzte Mavis Staples am Telefon, «so haben wir damals gesungen, nur mit Pops an der Gitarre, ohne Rhythmusgruppe, das hat mir gefallen. Es war Mavis unplugged.» Pops war der Patriarch der Gospelfamilie Staples und die gravitätische Männerstimme. Ein bisschen Strom hat Tweedy dann doch noch gegeben, und manchmal hat man den Eindruck, dass der alte Pops von ganz oben Regie führt.
Der Gospelstandard «What Are They Doing in Heaven Today» oder die Tweedy-Komposition «My Lord Knows Every Step of the Way» sind nah am Jenseits gebaut, einem Jenseits, von dem die am Telefon äusserst vitale Staples ein ganzes Stück weiter entfernt zu sein scheint als der gebrechliche Cash zu Rubins Zeiten. Aber vielleicht kann man eine solche Platte nicht ohne die Spekulation mit der Sterblichkeit vermarkten: «Whatever the product, death sells» (Was immer das Produkt ist, Tod verkauft sich).
Von Qualität und Distinktion zeugt auch die Songauswahl: eine Handvoll Tweedys, drei Traditionals, ein Staple-Singers-Klassiker revisited, die Lagerfeuerrekonstruktion einer Funkadelic-Nummer, ein «Holy Ghost» der Alt-Country-Dunkelmänner von Low. Nick Lowe, der britische Aristokrat der 2-Minuten-30-Sekunden-Pop-Perle, steuert «Far Celestial Shore» bei, das direkt ins Basement eines pinkfarbenen Holzhauses in den Catskill Mountains führt, wo dereinst The Band auf die Blaupause einer Musik stiessen, die wir heute als Americana kennen, wenn auch meist als Americana light, lighter, lightest.
Immer wieder schielt Tweedy auf das «All American Songbook». In «Every Step» rekonstruiert seine Gitarre den düsteren Voodoo, mit dem die Baptistenfamilie Staples vor fünfzig Jahren Bob Dylans «Masters of War» eine teuflische Note gab und nebenbei die Themenpalette der Bürgerrechtsbewegung um den Krieg in Vietnam erweiterte. Apropos Dylan: Mit dem hat Staples nicht nur gearbeitet, er soll auch um ihre Hand angehalten haben. Stimmt das? «Ja, er hat Pops gefragt, ob er mich heiraten darf …», der Rest der Antwort geht im kehligen Lachen unter. Das klingt, als sei der junge Bobby nicht satisfaktionsfähig gewesen.
Von den Beatles zu Obama
Auch die Beatles covert Staples auf dem neuen Album. «Revolution» ist dummerweise nicht auf der Promo-CD. Ob sie sich an der Version von Nina Simone orientiert habe, die den politisch uneindeutigen Song des 68er «Weissen Albums» militant umformuliert hatte, will ich wissen. «Nein, ich habe mich an die Vorlage der Beatles gehalten. Aber Revolution ist nach wie vor ein Thema, es gibt immer noch diese Bigotterie, jeden Tag. Wenn eine schwarze Familie in eine weisse Gegend zieht, dann wird sie immer noch angefeindet.»
Die gut gelaunte Mavis wird plötzlich ernst und sagt dann ungefragt: «George Bush war der schlechteste Präsident, den wir je hatten.» Und Barack Obama? «Er hat gute Ideen, aber er hat noch nicht viel erreicht. Wir hätten gern bei seiner Amtseinführung gespielt. Wir haben bei Carter und Clinton gespielt, aber diesmal nicht, schade. Aber er hat ja Aretha Franklin eingeladen, wenigstens eine von der ‹old school›.»
Mavis Staples: «One True Vine». Anti/TBA.