Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03267.jsonl.gz/2808

4. März 2014
1. Die Frauen sind die Geheimagenten der Liebe.
2. Oft will Journalismus gar nicht berichten, sondern nur blossstellen.
3. Man hat, was man will. Will man das nicht, was man hat, so muss man sein Wollen ändern.
4. Es gibt Menschen, die benehmen sich gern schlecht und nennen das dann Humor.
5. Findet man ihren Humor nicht so lustig, bezeichnen sie einen konsequenterweise der Überempfindlichkeit.
6. Bloss weil es »die Firma« heisst und Firmennamen umgangssprachlich oft einen weiblichen Genus haben, ist die Swisscom keine »Anbieterin«, sondern immer noch ein »Anbieter« von Telekommunikations-Dienstleistungen.
7. Besonders begabt ist der Mensch vor allem im Maskieren seiner seelischen Not.
8. Wer keine Argumente mehr hat, fängt an, jene des Gegenübers zu relativieren; meist mit einem absurden gegenteiligen Extrem.
9. Belastende Dinge muss man sich von der Seele sprechen, sonst bleiben sie da liegen.
10. Wenn jemand über belastende Dinge spricht, ist ihm durch Schweigen am besten geholfen.
11. Es müsste realistischerweise einen Plural von Liebe geben.
12. Anstatt das Hässliche zu bekämpfen, beschönigt es der Mensch, ob bei sich selbst oder bei anderen, und lässt es damit gewähren.
13. Man glaubt, den Charakter des Gegenübers mit einem einzigen Satz ändern zu können.
14. Wahrhaftigkeit führt zu Trennung.
15. Der Abgrund, das sind immer die anderen.
13. Februar 2014
1. Je geringer die Leidensfähigkeit, je angenehmer das Leben.
2. Der Rassist hat stets gute Argumente für seinen Rassismus und will daher auch nicht Rassist genannt werden, sondern Realist.
3. Demselben Mechanismus folgt der Paranoide, der für seine Einbildungen ebenfalls überall Beweise sieht.
4. Jeder ist sensationsgeil.
5. Jeder wähnt sich im Recht.
6. Erziehung wird überschätzt. Die Umstände, in denen ein Mensch heranwächst, sind allenfalls begünstigend oder hinderlich für das, was er am Tag seiner Geburt bereits ist.
7. Hierbei erweist sich das vermeintlich Hinderliche später nicht selten als begünstigend.
8. Gleichgültig heisst nichts anderes als gleich gültig.
9. Die typische Beziehungsdiskussion besteht darin, den anderen vom eigenen Wertesystem überzeugen zu wollen.
10. Dies ist auch der Grund, warum die typische Beziehungsdiskussion ebenso erfolg- wie endlos ist.
11. Der Mensch macht sich zuviele Gedanken um unwichtige Dinge und zuwenige um die wichtigen.
12. Angesichts des Masses an Intimität, das Sex mit sich bringt, müsste er viel seltener stattfinden.
13. Dämonen lieben Menschen, die Alkohol trinken.
14. Wer andere kleinmacht, tut dies nur, um nicht nicht länger zu ihnen aufblicken zu müssen.
15. Auswärts benutzt man die Klobürste nie.
31. Januar 2014
22. Januar 2014
Es gibt zwei Motive, jemanden zu verlassen: Weil man nicht mehr will oder weil es nicht geht.
Das erste Motiv ist relativ eindeutig, weil der Partner nicht mehr genügend Anziehung auf einen ausübt. Es ist schwierig genug, sich dies einzugestehen, dem Partner mitzuteilen und schliesslich die Beziehung aufzulösen. Doch die Zweifel sind in diesem Fall meist gering.
Im Gegensatz zur erloschenen Liebe generiert die unmögliche Liebe wesentlich grössere Mühsal, da in ihr zwei ultimativ gegensätzliche Erkenntnisse herrschen: 1. Ich liebe diesen Menschen, und 2. Dieser Mensch tut mir nicht gut.
Ein derartiger Widerspruch ist fast nicht auszuhalten. Der Betroffene versucht verständlicherweise, ihn aufzulösen. Dabei stehen ihm folgende Möglichkeiten zur Auswahl:
a) Er löst die Situation auf, die den Widerspruch erzeugt, beendet also die Beziehung.
b) Er leugnet den einen Pol, die Liebe.
c) Er leugnet den anderen Pol, das Leiden.
Die erste Möglichkeit erfordert Mut – vor allen jenen zum Alleinsein. Die zweite Möglichkeit führt ebenfalls zur Trennung. Die dritte Möglichkeit aber, das Leugnen des eigenen Leidens, kommt dem Menschen entgegen. Darin ist er, im Gegensatz zum Beenden von Beziehungen, ungemein talentiert.
Der Betroffene redet sich also ein, dass die Person, die er liebt, ihm – weil er sie ja liebt – zwingend gut tun muss; er sich also geirrt haben muss in seinem Verdacht, an ihrer Seite nicht glücklich zu sein. Anders gesagt: Er leidet, findet dafür aber gute Gründe.
Hierzu zählen die sogenannt schwierige Phase, also die vermeintlich unglückliche Temporärkonstellation, die es zu überstehen gilt (und wer es nicht tut, ist ein Egoist; egal, wie lange sie schon dauert), wie auch das einmalige Missverständnis (er bzw. sie hat es nicht so gemeint) und natürlich die Selbstzweifel (bin ich ein Egoist?).
Diesen Relativierungsbemühungen hilft der Umstand, dass Leiden niemals konstant verläuft, sondern – meist übrigens durch Entkräftung der Teilhabenden – sich immer wieder abmildert, was jeweils sofort zur Besserung der Situation umgedeutet wird. In dieser Phase schöpft man wieder Kraft für die Weiterführung der unmöglichen Liebe.
Doch was heisst das überhaupt, »dieser Mensch tut mir nicht gut«? Diese Formulierung ist nicht als Vorwurf zu verstehen, geschweige denn einzusetzen. Sie beschreibt lediglich eine energetische Dynamik, wie sie oben schon angedeutet wurde: Wer einem nicht gut tut, hindert einen daran zu wachsen, sich zu entfalten, sich selbst zu sein und in seiner Kraft und Mitte sein zu können.
Daran erkennt man den Menschen, der einem nicht gut tut: Er lässt einen sich nicht gut fühlen. Ein Treffen mit ihm kostet Kraft und erzeugt Zweifel, Verwirrung und Angst. Menschen hingegen, die einem gut tun, schenken Kraft. Trifft man sie, erfährt man Leichtigkeit, Zuversicht und Freude, was nur andere Wörter für Liebe sind.
Die nichtliebende Behinderung des Partners geschieht jedoch nicht vorsätzlich und bewusst, sondern sie ist die Konsequenz davon, dass derjenige, der einem nicht gut tut, sich selbst nicht gut tut, da er die Verantwortung für sein Leben und seine Gefühle nicht übernehmen will.
Die zugrundeliegende verbale Mechanik lautet: Ich kann mich nicht retten, also musst du mich retten, schliesslich liebst du mich; du hast mich nicht gerettet, also bist du ein schlechter Mensch und liebst mich nicht.
Das ist das zweite Indiz, es mit jemandem zu tun zu haben, der einem nicht gut tut: die ständigen Vorwürfe. Ein Mensch, der einem nicht gut tut, sieht sich als Opfer – und umgekehrt. Will man ihn verlassen, bietet er alles an Argumenten auf, dies zu unterbinden, wobei das Universalwerkzeug des schlechten Gewissens auch hier zuverlässige Dienste verrichtet.
Ironischerweise behindern sich Menschen, die in einer unmöglichen Liebe zueinander stehen, letzlich gegenseitig. Derjenige, der nicht die Verantwortung für sich selbst übernehmen will und sich ständig als Opfer sieht, zieht seinen Partner permanent in sein Elend hinein, doch wer dies zulässt, gibt seinem Gegenüber auch keine Möglichkeit, erwachsen zu werden. Wer sich immer wieder verantwortlich fühlt für jemanden, der sich nicht für sich selbst verantwortlich fühlt, erklärt ihn für unmündig. Die Fortführung der unmöglichen Liebe ist also wechselseitig gewalttätig.
Die Trennung aber von einem Menschen, den man eigentlich liebt, ist etwas vom Schwierigsten, was das Zwischenmenschliche zu bieten hat. Sind Kinder im Spiel, steigert sich dies ins Unermessliche. Aus reiner Hilflosigkeit wünscht man sich die gleiche Eindeutigkeit wie bei der erloschenen Liebe, aber sie ist ja nicht erloschen, sondern, wenn man so will, lediglich sinnlos.
Wer jemanden liebt, der ihm nicht gut tut, darf nicht sein Leiden leugnen und muss auch nicht seine Liebe zerschlagen. Er muss vielmehr in sich den Raum schaffen für diese gegensätzlichen Empfindungen. Das heisst: Man muss mit jemandem, den man liebt, nicht zusammensein, und man darf jemanden, von dem man sich getrennt hat, weiterhin lieben.
Am Ende steht die Erkenntnis, dass all dies gar nie ein Widerspruch war, sondern nichts anderes als eine zutiefst menschliche Wahrheit, mit der man sehr gut leben kann. Einfach nicht unbedingt in derselben Wohnung.