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Der Zug verlangsamt, als er in den Bahnhof einfährt. Dann gibt es einen Ruck und er steht still, so als würde die Lokomotive ausschnaufen. Maria beobachtet die Regentropfen auf der Aussenseite der Scheibe, die nun wieder gerade nach unten kullern, sich vereinen, schneller werden und aus ihrem Blickfeld verschwinden.
Auf dem Bahnsteig sind kleine Menschentrauben, die sich im Dämmerlicht in den Zug drängen. Es riecht nach nassen Mänteln und Jacken. So wie der Hund meiner Mutter, geht es Maria durch den Kopf und sie kräuselt unwillkürlich ihre Oberlippe. Oder wie die Handtücher im Bad ihrer Grossmutter, kurz bevor sie ins Altersheim umziehen musste.
Die Scheiben beschlagen nach und nach. Maria wischt mit dem Ärmel ihrer Jacke einen Streifen frei, um wieder freie Sicht auf die Regentropfen zu haben.
„Ist da noch frei?“ Eine bekannte, krächzende Stimme schreckt Maria auf. Sie blickt schräg nach oben in das teigige Gesicht eines mittelalten Herrn. Auch heute trägt er die beige Cordhose mit dem kaputten Reissverschluss. Maria nickt knapp und beobachtet den Mann aus den Augenwinkeln, der sich schräg gegenüber hinsetzt, seine braune Ledermappe öffnet, die Regionalzeitung herauszieht und diese umständlich aufschlägt. Dann rückt er seine eckige 80er-Jahre-Brille zurecht, streicht über sein knappes Haupthaar und seufzt. Anschliessend ist nur noch ab und an Zeitungsgeraschel zu vernehmen, manchmal ein leises Stöhnen.
Seit fast zwei Jahren geht das nun so. Maria hat bereits in Erwägung gezogen, einen früheren oder späteren Zug zur Arbeit zu nehmen. Oder sich in einen anderen Waggon zu setzen. Doch letztlich steht sie jeden Tag zur selben Zeit auf dem Perron und freut sich, in den noch leeren Zug einzusteigen und sich im immer gleichen Viererabteil über dem Speisewagen niederzulassen. Schräg hinter ihr sitzt an zwei Tagen pro Woche ein schwarz gekleidetes Mädchen mit langen dunklen Haaren und vielen Piercings. Es hat stets ein Croissant und einen Energydrink auf dem kleinen Tischchen vor sich stehen und öffnet die Dose knackend und zischend, sobald der Zug losfährt. Im gegenüberliegenden Viererabteil sitzt meist ein dicklicher junger Mann, der Kaugummi kaut und Kopfhörer über die Ohren gezogen hat, die Maria an Prinzessin Leias Haartracht im ersten Star-Wars-Film erinnern.
Beim ersten Halt steigt immer der Cordhosen-Mann ein und setzt sich zu Maria. Er könnte sich doch auch zum Jungen mit den Kopfhörern setzen, denkt Maria manchmal grummelnd. Will er aber offenbar nicht.
Sobald der Mann die Regionalzeitung gelesen hat, was meistens fünf Minuten vor Ankunft in der grossen Stadt der Fall ist, faltet er sie ordentlich zusammen. Nicht nur zweimal in der Mitte, so wie sie morgens im Briefkasten liegt, sondern viermal. Maria hat sich angewöhnt, innerlich mitzuzählen. Sie schaut dabei aus dem Fenster und hört anhand des Raschelns und Streichens, dass die Zeitung nun die gewünschte Grösse hat und wieder in der Ledermappe verstaut wird. Dann steht der Mann auf, blickt auf seinen Sitz, verabschiedet sich mit einem Kopfnicken und verlässt das Abteil – viel zu früh. Maria gehört zu der Sorte Menschen, die im Zug bis zuletzt sitzen bleiben. Im Gang herumzustehen, während der Zug bei der Einfahrt in den Bahnhof schaukelnd die Gleise wechselt, findet sie unsinnig. Sobald sie auf dem Perron steht und ihren Reissverschluss bis unters Kinn zuzieht, hat sie den Mann in der Cordhose vergessen. Zumindest bis zum nächsten Morgen.
Doch eines Tages – Maria weiss es noch genau, es war ein Donnerstag – taucht er nicht auf. Am Freitag auch nicht. Am Montag hält Maria nach der beigen, abgetragenen Cordhose Ausschau, sobald sie in den Bahnhof einfahren. Ohne Erfolg. Vielleicht hat er Urlaub, schiesst es Maria durch den Kopf. Doch die Unruhe bleibt. Auch an den folgenden Montagen fehlt er im Zug. Andere Menschen setzen sich zu ihr, sie lesen, surfen, telefonieren, kauen, schlucken, seufzen. Doch der Mann bleibt verschwunden.
Maria beginnt, sich in andere Waggons zu setzen, andere Züge zu nehmen. Sie fragt sogar das Mädchen mit den Piercings und dem Energydrink nach dem Mann. „Hä? Nie gesehen“, sagt es und schaut Maria unter ihren schwarzen Haaren an, als wäre sie eine Irre.
Jahre vergehen, Maria fährt weiterhin Zug, beobachtet Regentropfen und hört Podcasts. Bis sie eines Tages ein bekanntes, krächzendes „Ist da noch frei?“ vernimmt. Sie blickt auf und strahlt. Er ist es! Er trägt eine schwarze Jeans und eine moderne Brille, sein Haar ist noch spärlicher geworden, aber er ist es, eindeutig. Maria nickt eifrig, lächelt den Mann an. Dann beugt sie sich vor und berührt den Mann mit der Hand am Knie. „Wo bist du gewesen?“ Dieser schaut irritiert von seiner Zeitung auf und rutscht ein Stück zurück. „Kennen wir uns?“ fragt er und zieht die Augenbrauen hoch.
Maria zuckt zusammen. „Entschuldigung, ich habe Sie verwechselt“, murmelt sie und spürt, wie ihre Wangen heiss werden. Dann drückt sie ihre Ohrstöpsel wieder in die Muscheln und stellt ihr Handy lauter. Um das Viererabteil über dem Speisewagen macht sie seither einen grossen Bogen. Es gibt im Zug noch einen Haufen andere Sitzplätze.