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Am 1. September des Jahres 2660 steht der Welt ein grosses Ereignis bevor: Ralph 124C 41+, einer der grössten Wissenschafter des Jahres 2660 und einer der zehn Menschen auf der Erde, denen es erlaubt ist, das «+»-Zeichen ihrem Namen anzuhängen, hat sein grosses Experiment beendet und ein Verfahren ersonnen, mit dem sich Tote wieder zum Leben erwecken lassen. Als er seinem Freund Edward über den Telephoten das Resultat seiner Forschung präsentieren will, wird die Verbindung für einen kurzen Moment unterbrochen. Kaum ist sie wiederhergestellt, erscheint auf dem Bildschirm nicht mehr Edward, sondern ein wunderschönes Mädchen im Abendkleid. Die fremde Schöne spricht Französisch; entgegen der anfänglichen Vermutung des New Yorkers Ralph handelt es sich bei Alice – so heisst das Mädchen – jedoch um keine Französin, sondern um eine Westschweizerin, die in einer Hütte am Monte Rosa im Schneesturm von der Aussenwelt abgeschnitten wurde.
So beginnt die Romanze zwischen der Helvetia und der Science-Fiction, die freilich eine Trash-Romanze ist. «Ralph 124C 41+», 1911/12 als Fortsetzungsgeschichte von Hugo Gernsback in seinem eigenen Magazin «Modern Electronics» veröffentlicht, ist der erste grosse Fortsetzungsroman des «SciFi-Pulp». Dem Genre entsprechend wird die fraugewordene Allegorie der Schweiz hier von einer Phantasmagorie omnipotenter Männlichkeit durch die Zukunft geschleift, vor Lawinen und zudringlichen Anwärtern gerettet, durch die Wunderwelt der amerikanischen Technik und schliesslich bis auf den Mars geführt. Dort fällt Alice dem Attentat eines Marsianers zum Opfer, doch Ralph vermag sie mit Hilfe seiner neuen Erfindung wiederzubeleben. Noch auf dem Untotenbett verspricht sie ihm, künftig seinen Namen tragen zu wollen: «124C 41: One to foresee for one» (eine, die für einen anderen die Zukunft voraussieht).
Tatsächlich unterhält die Schweiz seit dieser ungeschlachten Liebschaft ein auffällig enges und passioniertes Verhältnis zur Zukunftserzählung. Und umgekehrt: die Zukunftserzählung braucht die Schweiz. Für jemanden wie Gernsback ist sie noch williges und begehrtes Opfer der Ingenieursphantasien, ein reizvoller Störfall, der für das Morgen der technophilen Männer erst noch gerettet und zurechtmalträtiert werden muss, bis er in ihm leben darf. 80 Jahre später – in Kim Stanley Robinsons «Red Mars» (1993) – bringt die Schweiz (und nur die Schweiz) hingegen gerade diejenigen Typen hervor, die man in den kommenden Welten zu brauchen scheint: Nüchterne Pragmatiker, die sich nicht viel aus Theorie machen und stattdessen auf dem Mars die Verkehrswege anlegen und die diplomatischen Beziehungen zwischen den Kolonisten regeln. John Boone, einer der Leiter des Terraformingprojekts, wünscht sich dementsprechend «that everyone on the planet was Swiss, or at least like the Swiss». Begründet wird dieser Wunsch nach einer Helvetisierung des Mars mit Blick auf eine bestechende Qualität dieser Wesen: Wo die Kolonisten anderer Provenienz lange noch Fremdlinge auf dem Roten Planeten bleiben, haben die Schweizerinnen und Schweizer nach kürzester Zeit schon ihr irdisches Gepäck abgeworfen und sind Marsianer geworden. Sie können ihr Leben vorbehaltlos dem Unbekannten, der Zukunft widmen, gerade weil sie wissen, dass ihre Herkunft keine Identitäten bereithält, in denen man im Morgen noch leben kann. Die «maladie suisse» ist nicht mehr als ein Gerücht aus der Vergangenheit.
Sind die Räume der Zukunft demnach helvetische Räume? Und ist die Schweiz vielleicht tatsächlich ein Zukunftsland, ein Land, ohne das die Zukunft nicht gedacht werden kann und das umgekehrt nur aus und in der Zukunft lebt?
Die Zukunft der Schweiz
In kaum einem Land hat das Zukunftsdenken so viel Raum wie in der Schweiz. Es gibt nur wenige Aspekte der Schweizer Lebenswirklichkeit, die nicht bereits einer Zukunftsanalyse unterzogen wurden. Von Mikroelektronik und Uhrenindustrie über Verkehrsmilchproduktion und Erdölforschung, Gletscherskitourismus bis hin zu den Schweizer Direktorenkonferenzen: Alles hat eine Zukunft, die bereits durchgespielt, vorgedacht oder auch perhorresziert wurde – von eigens dafür eingesetzten Expertenkommissionen, vom Schweizerischen Aufklärungs-Dienst (einst) oder auch von der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung Swissfuture (heute), vom Gottlieb-Duttweiler-Institut, von Think Tanks wie W.I.R.E., im Auftrag des Bundes, einzelner Parteien und Interessenverbände oder vielleicht sogar ganz und gar ungefragt und selbstberufen. Ob visionär oder eher konsolidierend, je nach vermutetem Zustand der Volksseele, keine der hier rund alle 25 Jahre stattfindenden Landesausstellungen liess es sich bisher nehmen, die neuesten Errungenschaften der Technik, der Kunst und der Architektur zu präsentieren. Und keine verzichtete darauf, über diese futuristisch anmutenden Versatzstücke die Ahnung einer Gesellschaft und einer Lebenswirklichkeit der Zukunft anklingen zu lassen. Darüber hinaus schafft schon das politische System in seiner direktdemokratischen Praxis Raum für kollektives Zukunftsdenken. Gewisse Abstimmungsvorlagen, wie jüngst zum bedingungslosen Grundeinkommen, sind nichts weniger als gesellschaftliche Möglichkeitsmodelle, die, politisch umgesetzt, die Gesamtbevölkerung in den Prozess des Zukunftsdenkens miteinschliessen. Die Beschäftigung mit der Zukunft ist in der Schweizer Gesellschaft strukturell eingebettet.
Die Literatur dieser Gesellschaft lässt sich bisweilen durchaus von diesem gesellschaftlichen Möglichkeitsdenken in Anspruch nehmen. Dann formuliert sie Hypothesen, die über einen totalisierenden Anspruch hin zur Imagination eines neuen sozialen Entwurfs führen. (Das wäre, nebenbei bemerkt, eigentlich eine recht hübsche Definition von «Science-Fiction».) Der in dieser Hinsicht produktivste Schweizer Autor ist zweifelsfrei P.M. (Hans Widmer). Von Überlegungen zum kollektiven urbanen Wohnen auf der Basis genossenschaftlicher Organisationsformen ausgehend, entwickelte der Zürcher Autor, der sich nach wie vor aktiv in politischen, sozialtheoretischen und urbanistischen Diskursen engagiert, seit 1980 breit angelegte Visionen alternativer Gesellschaften. Für Aufsehen sorgte allem voran seine 1983 publizierte Sozialutopie «bolo’bolo», die über das Konzept des «bolo» – einer kollektiv verwalteten autonomen, sozialen wie städtebaulichen Grundeinheit – zu einer Weltgemeinschaft als antikapitalistischem Gegenentwurf führt. In P.M.s Erstlingswerk «Weltgeist Superstar» (1980) folgt der Protagonist hingegen einer heissen Spur vom Zürcher Hauptbahnhof aus dem kulturgeschichtlichen Panorama von kritischen intellektuellen Linken, russischem Untergrund, zentralasiatischen Rebellen und amerikanischem Geheimdienst, durch den mythologischen Kosmos von Marx-Forschung, moderne Glossen, Kryptologie und Agenten-Spiel hindurch, um schliesslich, seinen Blick von einem Raumschiff aus, der Erde und der Zeit entrückt, auf die Dynamiken sozialer Entwicklungen und Konflikte zu richten. Auf fernen Planeten entdeckt er alternative Gesellschaftsformen, virtuelle Lebensräume, die zunächst unerreichbar scheinen, die dem Erzähler aber schlussendlich zugänglich werden, als sich ihm, zurück auf der Erde, auf dem von einer Aussteiger-Kommune geführten Bauernhof «Abendruh» das Tor zur kosmischen Transzendenz auftut.
Dieses enzyklopädische Ausbrechen der sozialen Imagination, das rastlose Nachverfolgen aller galaktischen Optionen, die uns noch zur Verfügung stünden, und ihre Rückbindung in die Schweizer Provinz machen P.M.s Texte zu einem grandiosen Extremfall helvetischer Zukunftsfiktion. Das politische Denken wird phantastisch, dringt zu radikalen, ja ausserirdischen Alternativen vor und spielt diese wieder in den zeitgenössischen Gesellschaftsdiskurs zurück. Natürlich besitzt ein solches Erzählverfahren kein nationales Patent, sondern liesse sich vielleicht am ehesten mit dem von Darko Suvin geprägten Begriff des cognitive estrangement als einer der Science-Fiction grundsätzlich innewohnenden funktionalen Logik beschreiben. Gleichwohl entspricht es in seiner ganzen Anlage, im Import über das Weltall verstreuter Ideen in den geschützten Raum der Provinz einem historisch wie kulturell mit der Schweiz verwachsenen Szenario: dem Labor.
Laboratorium helveticum
Labor für die direkte Demokratie, Labor für den dualen Bildungsweg, Labor für Populisten: Das Labor wird im Kontext der gegenwärtigen Debatten um das helvetische Selbstverständnis immer wieder aufgegriffen. Seit der napoleonischen Mediation von 1803, in welcher der Eidgenossenschaft die föderalistische Verfassung diktiert worden war, hat sich das Land zu einem dezentralen Experiment auf neutralem Boden verselbständigt. Der Modellstaat Schweiz hat sich seine Gründungsintention verinnerlicht, bildet damit den Raum gesellschaftlichen Zukunftsdenkens und liefert jenen, die ihre Simulationen hier installieren, greifbare Resultate eines möglichen Verlaufs ihrer Versuchsanordnung. Die Schweiz ist sozusagen das CERN der Gesellschaftsforschung: ein gesonderter Raum mitten in Europa, der dem Kontinent dient, ohne integraler Bestandteil von ihm zu sein.
Die wahre Bestimmung der Schweiz ist also die Fiktion, das «Als ob», und deswegen kann man das helvetische Labor auch wiederum nur aus der Fiktion heraus verstehen. Etwa durch Stanisław Lems «Lokaltermin» (1982), in dem der «kosmonautische Entdecker» Ijon Tichy einen Blick hinter die Kulissen der Alpenidylle wagt. Zu seinem Erstaunen entdeckt er dort – P.M. lässt grüssen – das «Ministerium für extraterrestrische Angelegenheiten», eine Institution, die für die Aufrechterhaltung diplomatischer Beziehungen zu den ausserirdischen Zivilisationen, also für Exo-Politik, zuständig ist. Dabei ist sie mit dem Problem der interplanetarischen Distanzen konfrontiert: Jede Information über die fremden Welten ist in dem Moment, in dem sie auf der Erde eintrifft, bereits hoffnungslos veraltet. Um dennoch den Datenbestand aktuell zu halten, hat man im Ministerium sogenannte «Geschichtsmaschinen» entwickelt, die mit den überholten Informationen gefüttert werden und aus ihnen den gegenwärtigen Zustand des betroffenen Planeten errechnen. Die Schweiz avanciert so zu einer monumentalen Produktionsstätte von möglichen Zukünften.
Alfred Escher on Speed
Damit liegt Lem gar nicht mal so falsch. Die Frage bleibt jedoch, welche kulturelle Funktion, ja welchen mentalen Wert das helvetische Laboratorium für diejenigen besitzt, die in ihm leben und arbeiten müssen. Man muss nicht Baudrillard gelesen haben (aber man könnte), um zu begreifen, dass die Substitution der Geschichte durch die Simulation nicht unproblematisch sein kann. Wie lebt es sich in einem Experiment? Und wie erzählt man es sich? Anderen?
Auf der einen Seite lässt sich sicherlich so etwas wie eine Immunität gegenüber dem Unheil, gegenüber der katastrophischen Zukunft konstatieren. Nirgends wird dieses Phänomen vielleicht so scharf analysiert wie im Herzen der neueren Schweizer Lyrik, in Mani Matters «zündhölzli». Da sitzt einer zu Hause und will sich eine Zigarette anstecken, doch das Hölzchen spickt auf den Teppich und… Was sich nun entspinnt, das ist der schlimmstmögliche Lauf der Dinge, ein Unheil in Folgen – und im Konjunktiv. «We me ned ufpasst mit Füür», dann hätte erst das Haus, dann das Quartier, die Stadt und irgendwann die ganze Welt gebrannt. Das Lied endet jedoch mit der Aufhebung des Kalküls: «Gott sei Dank dass i’s/ vom Teppich wider furt ha gno!» – und kehrt vom Konjunktiv zurück in den Indikativ. Wer die Katastrophe vorausberechnen kann, der wird bemüht sein, es nicht so weit kommen zu lassen. Als kulturelle Schranke zwischen der Potentialität der aufflackernden Leidenschaft und der Fatalität globaler Vernichtung fungieren die von Matter ebenso besungenen «hemmige» als eine Schweizer Tugend, dank der das Szenario eine Simulation bleibt und der Möglichkeitsraum nicht zum Ausgangspunkt einer atomaren Selbstauslöschung wird.
Die Schweiz, das steckt hinter dem «zündhölzli», lebt im Zustand der Dauerprävention, einer angstvollen Suche nach möglichen Bruchstellen im sozialen Gefüge, deren rechtzeitige Abdichtung in einem triumphalen Gestus erfolgt. Dem steht auf der anderen Seite nun die Lust am Zusammenbruch des Systems gegenüber – und diese Lust gehört der literarischen Phantasie, die, auf der Suche nach einer wunderbaren, unberechenbaren Schweizer Zukunft, sich ebenfalls im Labor herumtreibt und wild an den Knöpfen dreht. Manchmal scheinen das nur Spielereien zu sein, wie im Fall von François Höpflingers Zweiteiler «Silvans Reise» («Die Stadt der Gnomen», 1982, und «Reise zu den Neidgenossen», 1988) oder Ulrich Kägis «Der zweite Auszug der Helvetier» (1983), die beide sich der Zukunft über das Verfahren einer kulturellen Fragmentierung nähern. Bei Höpflinger ist die Schweiz bereits untergegangen und wir begegnen auf ihrem Terrain den Relikten unseres Alltags, die sich nun zu einer ganz neuen archaischen Kultur zusammenfügen. Kägi hingegen experimentiert mit dem Gedanken einer von den Schweizern freiwillig Richtung Südfrankreich verlassenen Eidgenossenschaft, in der etwa die Sozialsysteme, Kultureinrichtungen und Behörden verwaist weiter vor sich hinfunktionieren.
Die Imagination der Schweizer Zukunft als einer dynamischen Verselbständigung ihrer Funktionsstrukturen erreicht ihren Höhepunkt dann in Günter Hacks «ZRH» (2009). Das gesamte gesellschaftliche Leben wird bestimmt durch die Organisationsformen der Zürcher Wirtschafts- und Finanzwelt, unterliegt einem Kalkül von Nutzen und Profit. Kantone, die mit diesem Kalkül nicht Schritt halten können, unrentabel sind, werden aus der Eidgenossenschaft ausgeschlossen; der Kanton Zug wiederum ist ein schwarzes Loch geworden, das nur noch Maschinen zugänglich ist, die jetzt dort die Geschäfte führen. Es ist eine Welt, in der wir auf seltsame Weise unsere Zeit mit Dingen zubringen, von denen wir nicht wissen, wozu sie gut sind und warum uns eigentlich jemand so viel Geld dafür bezahlt, sie zu tun. Sie ist damit eigentlich gar nicht so weit weg von unserer Gegenwart, aber konsequenter als diese: Um in diesem sich immer schneller drehenden Alfred-Escher-Kosmos irgendwo zwischen ETH, Swiss Bank und Swiss Life noch existieren zu können, darf man sich nicht an so Nebensächlichkeiten wie dem eigenen Körper festhalten. Nach und nach wird die Schweizer Bevölkerung deswegen durch «Softies» ersetzt, in umweltfreundlich entsorgbare Instant-Ersatzkörper, die sich auch mieten lassen. (Es gibt auch sogenanntes «Körper-Asylantentum», also die Vermietung in ZRH zugelassener Körper an Flüchtlinge aus den vormals zur Schweiz gehörenden Kantonen.)
Sucht Hacks Roman somit sein Heil in der radikalen Beschleunigung eines stadt- und landgewordenen Kapitalismus mit «Swissness»-Gepräge, so nutzen andere das Zukunftslabor dafür, aus den Bildern des Kommenden auch eine neue Vergangenheit zu destillieren. Bereits der erste Text, der eine Schweizer Zukunft ausführlich fingiert, nämlich Samuel Burys «Histoire de la prise de Berne et de l’annexion de la Suisse à l’Allemagne» (1872), verfährt auf diese Weise: er schildert eine von Bismarck besetzte und folglich politisch inexistente Schweiz aus der Ex-post-Perspektive. (Die Veröffentlichung ist auf das Jahr 1921 nachdatiert.) Zur Revanche für diese Geschichtsklitterung kommt es erst in unserem Jahrtausend, in dem die expandierende Schweizerische Sowjetrepublik Deutschland den Krieg erklärt. Christian Krachts «Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten» (2008) evoziert eine Zukunft, die nachgerade die Negation der helvetischen Laborexistenz darstellt: Die Schweiz wird zur aggressiv nach aussen gewendeten Geschichtsmacht, für die auch Soldaten aus den afrikanischen Kolonien zur Waffe greifen. Die Übernahme globaler historischer wie politischer Verantwortung, das Umschlagen von der Simulation politischer Ideen in die rauhe Wirklichkeit ihrer Umsetzung ist die Wurzel dieser Zukunft. In Krachts Welt hat die Schweiz 1917 das Labor geschlossen: Lenin hat nicht den Zug nach Russland genommen, sondern die Revolution im Land seines Exils gestartet. Und daraus resultiert dann nicht nur irgendeine «alternative» Zukunft der Schweiz hundert Jahre später, sondern eine Welt, in der das «Zukunftmachen» selbst nicht mehr als Simulation, als folgenlose Fiktion gedacht werden kann. Wer in Krachts Roman die Zukunft denkt, der erzeugt sie auch bereits. Die Wurzel dieser seltsamen Wandlung, die sogenannte «Rauchsprache», in der Wort und Sache eins sind, stammt aber – wie könnte es anders sein – aus dem Weltall.
Quarantäne
Mit Kracht scheint sich der Kreis zu schliessen: Die Literatur hat im Laboratorium der Schweiz zu Ende gespielt. Sie hat experimentiert, Versuchsaufbauten mit einer Hand wieder vom Tisch gewischt, die Geschichtsmaschinen heisslaufen lassen und irgendwann zu einer Sprache gefunden, in der die Zukunft aufhörte, Fiktion zu sein. Alles scheint damit gesagt. Doch die Literatur war nie allein im Labor und ihre Einsicht, dass allein die Zukunftserzählungen eines Landes dessen Identität bestimmen, wird längst nicht von allen geteilt. Während sie die Werkstätten verlässt, verbleiben andere dort, unbeaufsichtigt. Die Folgen ihres Tuns sind schon bald zu besichtigen: Eine unheimliche Wolke mit Ursprung in Schwyz dehnt sich immer weiter über das ganze Land aus und droht sich in einem immensen Unwetter über ganz Helvetien zu ergiessen. Der 2015 produzierte Kollektivfilm «Heimatland», der mit der Ankündigung «La Suisse n’existe plus» aufwartete, inszeniert in zehn Erzählsträngen den Zusammenbruch der Schweiz infolge einer meteorologischen Katastrophe. Die vor dem Chaos Fliehenden werden an den Grenzen zur EU abgewiesen, die Türen des Labors bleiben verriegelt. Quarantäne ist die notgedrungene Lösung: Die vom Betriebsunfall Infizierten müssen sich nun im hermetisch abgeschlossenen Raum ihrer prekären Lage stellen.
Doch was ist hier eigentlich geschehen? «Heimatland» analysiert treffend, dass die nun unversehens über Helvetia hereinbrechende Katastrophe ihren Ursprung in einer fehlerhaft programmierten Identität hat. In der Verkopplung der Erzählung vom GAU mit der Inszenierung jenes grassierenden Gesellschaftsphänomens, das viel zu höfliche Menschen heute «Rechtspopulismus» nennen, vermag der Film der Vorstellung vom laboratorium helveticum wieder Aktualität zu verleihen. Wenn von jenem Ort, an dem wir einst visionäre Kollektiventwürfe produzieren konnten, an dem sich uns lustvoll besetzte Räume auftaten, wenn von jenem Ort also nun eine alles zerstörende, uns erdrückende Gewalt ausgeht – dann waren hier offensichtlich Menschen am Werk, die nicht verstanden haben, für was das Labor Schweiz eigentlich geschaffen wurde und genutzt werden soll. Menschen, die ihre nationale Zukunftsfiktion an eine erratische, eine reine Vergangenheitsvorstellung koppeln wollten und denen nicht klar war, dass die Schweiz immer nur von den Mythen des Kommenden, nicht aber von den Rückprojektionen heroischer Zeiten leben konnte. Diese identitären Rückprojektionen waren, genau genommen, selbst immer nur Möglichkeitsräume, verworfene Möglichkeitsräume wohlgemerkt, lässt sich in ihnen Zukunft doch weder denken noch gestalten. In ihnen hat die Schweiz kein Werden. Und kein Sein.