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Was ist Personen mit Migrationshintergrund im Beruf wichtig?
Nimmt der kulturelle Hintergrund Einfluss auf arbeitsbezogene Werte? Und wenn ja, wie unterscheiden sich die Prioritäten bezüglich Arbeit, Karriere und Bildung? Mit diesen Fragen befassten sich Studien der Hochschule Luzern und zeigen auf, was das für die HR-Praxis bedeuten könnte.
Wie eine Person Prioritäten setzt, kann sich je nach Herkunft und Kultur unterscheiden. (Bild: iStock)
Als arbeitsbezogene Werte verstehen wir die Aspekte, die Arbeitnehmende in Bezug auf ihre Arbeitstätigkeit wichtig sind. In ihrer einfachsten Form werden zwischen intrinsischen und extrinsischen arbeitsbezogenen Werten unterschieden. Bei den intrinsischen Werten handelt es sich um Aspekte, die durch die Arbeitstätigkeit an und für sich erfüllt werden, wie das Erleben von Autonomie oder Abwechslung. Bei den extrinsischen Werten geht es um die Aspekte, für welche die Arbeit bloss Mittel zum Zweck ist, wie beispielsweise das Erhalten eines guten Salärs, die Sicherheit der eigenen Stelle oder das durch die Tätigkeit oder den Beruf erhaltene Prestige.
Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen messen den spezifischen arbeitsbezogenen Werten nicht dasselbe Gewicht bei. Eine Ursache stellen zum einen kulturelle Unterschiede dar, so ist es naheliegend, dass Arbeitnehmende aus kollektivistischeren Gesellschaften Aspekte der zwischenmenschlichen Beziehungen und Altruismus höher gewichten. Zum anderen – und dieser Aspekt scheint noch wichtiger zu sein – ist die unterschiedliche Bedeutung arbeitsbezogener Werte auf die jeweilige Arbeitsmarktsituation im Land zurückzuführen
In Ländern, in denen es schwierig ist, eine sichere Stelle zu finden, die soziale Absicherung schwach, die Arbeitslosigkeit hoch und/oder die Saläre tief sind, nehmen Individuen extrinsische arbeitsbezogene Werte wie Salär, Sicherheit und Prestige in der Regel als wichtiger wahr im Vergleich zu Individuen in Ländern, in denen diese Situation nicht vorliegt. So gibt es beispielsweise Befunde, dass Arbeitnehmende in skandinavischen Ländern mit ihrem grosszügigen Schutz vor Arbeitslosigkeit im Vergleich höhere intrinsische arbeitsbezogene und tiefere extrinsische arbeitsbezogene Werte berichten im Vergleich zu Arbeitnehmenden aus dem Vereinigten Königreich und Deutschland.
Forschung aus den USA konnte zudem aufzeigen, dass im Arbeitsmarkt benachteiligte Personen mit tiefem sozioökonomischem Status und Afroamerikaner Jobsicherheit und ein gutes Salär als wichtiger bewerten. Erklärt wird dieser Befund mit einem Mangelmechanismus: Wenn ich das Risiko wahrnehme, dass ein bestimmtes Bedürfnis für mich nicht oder nur schwer zu erfüllen sein wird, messe ich diesem Aspekt eine höhere Wichtigkeit zu.
Arbeitsbezogene Werte in der Schweiz
Forschungsbefunde an der Hochschule Luzern stützen dies. In einer Erhebung mit Studierenden der Wirtschaftswissenschaften aus der Schweiz und aus einer Region in Südspanien mit sehr hoher Jugendarbeitslosigkeit beurteilten die spanischen Studierenden die extrinsischen Werte Salär, Sicherheit und Prestige im Durchschnitt als deutlich wichtiger im Vergleich zu den schweizerischen Studierenden. Die intrinsischen Werte Autonomie und Abwechslung wurden hingegen von den schweizerischen Studierenden als wichtiger eingeschätzt.
Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit an der Hochschule Luzern hat die Studentin Ilirida Rechi Alasani die arbeitsbezogenen Werte von Personen mit albanischem Migrationshintergrund sowie einer vergleichbaren Stichprobe von Schweizern und Schweizerinnen ohne Migrationshintergrund erhoben. Während die intrinsischen Werte Autonomie und Abwechslung in beiden Gruppen ähnlich bewertet wurden, haben die albanischstämmigen Studienteilnehmende genau wie die spanischen Teilnehmenden in der oben berichteten Studie die Aspekte Salär, Sicherheit und Prestige als bedeutend wichtiger beurteilt.
Diese Unterschiede lassen bei Personen mit Migrationshintergrund, die länger in der Schweiz leben, mit der Zeit möglicherweise nach. So berichtet die Forscherin Anat Bardi und Ihre Kollegen und Kolleginnen, dass Migranten und Migrantinnen ihre Wertvorstellungen immer mehr an den Mainstream ihres Wohnortes angleichen. Hinweise darauf finden sich auch in den Daten der Hochschule Luzern: Vergleicht man Studierende ohne Migrationshintergrund nur mit den Secondos und Secondas, die ebenfalls in der Schweiz aufgewachsen sind, dann findet man bezüglich den Arbeitswerten keine Unterschiede zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund mehr.
Was bedeutet das für die HR-Praxis?
In Branchen und Firmen, in denen Personen mit und ohne Migrationshintergrund arbeiten, ist Folgendes wichtig: Migrantinnen und Migranten haben oftmals die Erfahrung gemacht, dass es schwierig und somit wichtig ist, ein gutes Salär und eine sichere Stelle zu erhalten. Entsprechend dürften diese Aspekte in Stellenausschreibungen, bei Bewerbungsgesprächen und auch im regelmässigen Kontakt mit Vorgesetzten eine grössere Rolle spielen als bei Personen ohne Migrationshintergrund. Bei Personen ohne Migrationshintergrund dürften intrinsische Werte wie Autonomie bei der Arbeit oder Abwechslung, zumindest im Verhältnis, oftmals von grösserer Bedeutung sein. Gleichzeitig gibt unsere Forschung Hinweise darauf, dass es möglicherweise umso wichtiger sein dürfte Arbeitnehmenden mit Migrationshintergrund zu vermitteln, dass ihr Job sicher und die Entlöhnung fair ist – denn wenn extrinsische Werte erfüllt werden, erlaubt das diesen Mitarbeitenden womöglich eine grössere Fokussierung auf intrinsische Aspekte der Arbeit zu setzen, was am Ende auch für das Unternehmen von Nutzen sein dürfte. Dieser Frage müsste in künftiger Forschung noch genauer nachgegangen werden.
Es ist wichtig zu betonen, dass es sich bei den berichteten Befunden um Mittelwertsunterschiede zwischen Stichproben handelt. So wie es viele Migrantinnen und Migranten gibt, die einen stärkeren Fokus auf intrinsische arbeitsbezogene Werte legen, gibt es auch Schweizerinnen und Schweizer ohne Migrationshintergrund, denen vor allem extrinsische Belohnungen wichtig sind. Es ist zudem wichtig nicht zu vergessen, dass trotz der berichteten Unterschiede fast jedem Arbeitnehmenden sowohl intrinsische wie extrinsische Aspekte der Arbeit insgesamt wichtig sind und lediglich die Verhältnisse sich je nachdem unterscheiden.
Die Unterschiede zwischen Migrantinnen und Migranten und Schweizerinnen und Schweizern ohne Migrationshintergrund dürften gering sein, wenn es sich um Personen mit einem privilegierten Bildungshintergrund handelt sowie wenn die Herkunftsländer einen robusten Arbeitsmarkt mit geringer Arbeitslosigkeit aufweisen. Eine angemessen entlohnte und sichere Arbeit zu erlangen dürfte für diese Personen in ihrer beruflichen Sozialisierung nicht als Schwierigkeit wahrgenommen worden sein – womit die wahrscheinlichste Ursache für die hier berichteten Unterschiede in den arbeitsbezogenen Werten entfällt.