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Zeugnisse geben die Kompetenzen der Lernenden wieder. Kompetenzen, die sie an den summativen Prüfungen zeigen, die ich an ihren Lernwegen erkennen kann und die ich in meiner subjektiven Professionalität prognostisch einschätze. Wie aber soll dies alles in einer einzigen Note widergegeben werden? Was sagt die Note genau aus? Wie gewichte ich die unterschiedlichen Komponenten einer Kompetenz? Diese Gedanken begleiten mich, wenn ich die Mathematiknote für die Zeugnisse meiner Schülerinnen und Schüler festlege.
Daneben begleitet mich ebenfalls die Frage, wie das Zeugnis für Eltern und abnehmende Schulen lesbar sein kann. Dies sowohl in meiner Rolle als Lehrperson, als auch in der Rolle als Geschäftsleitungsmitglied des LCH und Präsident des Lehrerinnen- und Lehrerverbands Glarus (LGL). Was entnimmt die Öffentlichkeit einer 5 oder einer 4-5 in Mathematik? Mit der Einführung des Lehrplans 21 geriet diese Frage wieder einmal in den Fokus der Diskussionen. Was bedeutet eine 5 bei einem kompetenzorientierten Lehrplan? Woran wird die 5 in Relation gesetzt – am Klassenschnitt, an dieser zufälligen sozialen Norm? An einer absoluten Norm? An meiner Norm?
Vielleicht gibt es für mich in naher Zukunft andere Wege, mit diesen Dilemmata umzugehen, zumal eine Arbeitsgruppe sich der Beurteilung im Rahmen der Einführung des Glarner Lehrplans angenommen hat, was wahrscheinlich in jedem Kanton nun auch geplant ist: Ein mögliches Szenario könnte zum Beispiel sein, dass die Zeugnisse in die Kompetenzbereiche aufgeteilt und separat ausgewiesen werden. Dies jedoch nicht mit der heute erforderlichen Zahlnote, sondern mit einem Bericht dazu. Den Aufwand, den wir dazu betreiben müssten, würde viel Arbeitszeit binden und die Pflichtlektionen müssten in der Folge stark gesenkt werden.
In einem zweiten Szenario könnte es sein, dass wir nur noch Jahreszeugnisse ausstellen, die sehr minimal ausgestaltet sind. So zum Beispiel: Die Schülerin M. Muster erfüllt die Kompetenzziele der Jahrgangsstufe 10 oder der Schüler M. Muster übertrifft die Jahrgangsziele in Mathematik. Dafür würde in jedem Semester ein Elterngespräch durchgeführt werden, an dem man bespreche, wo das Kind steht. Wahrscheinlich würden an diesem Gespräch Lernziele definiert werden, die festhalten, woran im nächsten Semester gearbeitet werden soll. In der Folge müssten die Lehrmeisterinnen und Lehrmeister dann vermehrt das Gespräch mit uns Lehrpersonen suchen, um zu wissen, wie es um die Lernenden schulisch steht.
So oder so sind und werden Zeugnisse Produkte von subjektiven, professionellen Entscheidungen sein und bleiben. Den «objektiven» Checks, die nur ein sehr kleines Spektrum des Lehrplans und der Kompetenzen der Lernenden abbilden und zur Zeit als aussagekräftiger denn unsere Zeugnisse betrachtet werden, müssen wir aktiv begegnen. Einerseits mit Information: Was bilden diese Checks ab? Was sagen sie aus? Und was sagen sie nicht aus! Anderseits müssen wir sie einbinden, sie als einen Teil der Beurteilung aufnehmen. Damit entkräften wir ihren absoluten Wert, der ihnen attestiert wird, aber den sie nicht haben.
Lehrpersonen werden ausgebildet zu Expertinnen und Experten im Steuern und Beurteilen von Lehr- und Lernprozessen. Diese subjektiven Entscheidungen spielen in einem Bewertungsprozess eine zentrale Rolle. Auch in anderen Situationen vertraut die Gesellschaft dem subjektiven Urteil mehr als standardisierten Tests. So verzichtet beispielsweise kein Kanton nach der abgelegten theoretischen Verkehrskundeprüfung auf die praktische Fahrprüfung mit einem Experten, einer Expertin, um einen Fahrausweis zu vergeben. Dabei vertraut man, wie uns Lehrpersonen, der subjektiven Einschätzung des Prüfers, der Prüferin. Er respektive sie entscheidet abschliessend, ob wir den Fahrausweis erhalten sollen oder noch nicht.