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Talgarten, Geschäftshaus (ehemals Kinohaus)
Am 9. April 2007 wurde der Kinobetrieb im alt ehrwürdigen Talgarten eingestellt. Seit dem 18. Dezember 1926 sind ununterbrochen tausende von Filmen aller Art abgespult worden. Das ehemalige Varieté- und Kino-Theater war in die Jahre gekommen. Das einst Glanz und Gloria versprühende Haus ist mehr und mehr verkommen. So blieb schlussendliche nur noch die Aufhebung des legendären Winterthurer Kinos.
Winterthurer Kinogeschichte
Stumm, mit Musikbegleitung und in ausgewählten Szenen koloriert, so muss man sich das Kino nach der Jahrhundertwende vorstellen. So beginnt auch die Winterthurer Kinogeschichte mit einem Kinomatografen. Als Kinematographen (griech. kinematos = Bewegung und griech. graphein = schreiben) bezeichnet man die erste funktionierende Filmkamera der Welt. Sie wurde 1981 von Thomas Alva Edison konstruiert und 1894 in den USA patentiert. In dieser Kamera wurden 35-mm-Filme aus Zelluloid mit 16 bis 30 Bildern pro Sekunde in einer intermittierenden (zeitweise aussetzenden) Bewegung an einem Objektiv vorbeigeführt und dabei belichtet. Der belichtete Filmstreifen wurde fotochemisch entwickelt. Als Wiedergabegerät diente das Kinetoskop. Mit einem solchen Gerät wurden im Haus „Zum Merkur“ und im „National“ unter der Woche einige Filmvorführungen durchgeführt. Da in Winterthur per Gesetz ein eigentliches Kino verboten war, dauerte es bis 1911, um einen ständigen Kinemathographen zu erhalten. Im National an der vorderen Stadthausstrasse wurde er eingerichtet. Ein Jahr später wurden dann das „Central“ und der „Palace“ etabliert. Das Central befand sich im Saalbau des Arbeiterzentrums „Helvetia“ am Archplatz (heute „Chässtube). Am 2. August 1912 wurde dieses Kino eröffnet.
Nur eine Woche später ging im Cinema Palace an der Untertorgasse 33 der erste Film über die Leinwand. Wegen des Beginns des 1. Weltkrieges kamen die Kinos nicht über die Runden. Für einen Neubeginn dauerte es Jahre. Bis dann am 18. Dezember 1926 das „Lichtspielhaus Talgarten“ seine Tore öffnet. Der erste Winterthurer Kino war in einem markanten Rundgebäude am Bahnhofplatz untergebracht. Die Architekten Rittmeyer und Furrer haben es entworfen. Das Gebäude, aber insbesondere der Innenausbau war beeindruckend in Raum- und Farbgebung, mit Logen und breiten Treppenaufgängen zum Balkon. Für den Kinobetrieb waren vorerst die Hausbesitzer Gebrüder Bock verantwortlich, später (1983) übernahm die Liag Capitol AG den Kinobetrieb. Das Gebäude blieb aber in anderer Hand. Weil diese Interessen nicht immer gleich gelagert waren, verkam der Glanz früherer Jahre leider immer mehr. Nach dem der Kinobetreiber seine KIWI-Betriebe am Neumarktplatz erweitert und der Neuzeit angepasst hatte, war das Aus für den Talgarten gegeben.
Der marode, nicht unter Denkmalschutz stehende Rundbau wurde 2007/08 abgerissen und durch einen Geschäftshaus-Neubau ersetzt, der in Aussehen und Grösse mit dem vormaligen Gebäude nahezu identisch ist. Fassade und Struktur sollen sich stark ans Bestehende anlehnen, erläuterte der zuständige Architekt Jozsef Kisdaroczi. So werden etwa die angedeuteten Säulen auf der Aussenhülle wie auch das lang gezogene Foyer weiterhin an vergangene Kinozeiten erinnern.
Von Anfang an war im Talgarten die Technik vorhanden, Tonfilme vorzuführen. Dennoch liefen noch viele Stummfilme, die durch die eigene Kapelle, Pianisten oder spezielle Gastformationen musikalisch untermalt wurden. So wurde im März 1930 der Film «Die Spielereien einer Kaiserin» gezeigt, der vom russischen «Ural-Kosaken-Chor» live begleitet wurde. Einen Monat später flimmerte das Werk «Atlantik» über die Leinwand, das mit dem Werbetext «100 Prozent Sprech- und Tonfilm» angepriesen wurde. Populär war ein Kinobesuch damals nicht. Bei den „Besseren“ war das Kino als reine Unterhaltung verpönt und die anderen konnten es sich nicht leisten.
Weitere Kinos entstanden. 1958 wurden sieben Kinos betrieben: das Kino Arch, später „Revolverchuchi“ genannt, das Kino City und Kino Neumarkt, heute das KIWI-Kinocenter, der Kino Eden in Töss, das neue Kino Palace an der Technikumstrasse, das Kino Rex in Veltheim und der Kino Talgarten. Der Talgarten wurde später zur ersten Adresse für Actionstreifen in Winterthur. Um das Action-Publikum trotz zunehmender TV-Konkurrenz bei der Stange zu halten, musste das Talgarten immer wieder technisch auf den neusten Stand gebracht werden. Breitwandverfahren hielten Einzug und moderne Tontechnik. In den 70er-Jahren habe er den Film «Earthquake» im Talgarten in Surround-Sound erlebt. Dieses Filmerlebnis blieb nachhaltig, vor allem in den Ohren, in Erinnerung. Da sich das Publikum immer stärker in verschiedene Interessengruppen aufsplitterte, ging der Trend hin zu kleineren Sälen. So musste 1982 der grosse, 680 Plätze fassende Saal vier kleineren Sälen mit insgesamt 484 Sitzplätzen weichen. 1991 kamen im Kulturhaus Loge drei Studiokinos hinzu. Daneben bestanden 2007 noch zwei Kinos, nämlich das Palace und das KIWI, die allerdings je mehrere Säle haben und somit als Mehrfachkinos betrieben werden. Sie sind alle im Besitz der Liag Capitol AG bzw. sie werden (Loge) durch diese betrieben.
Talgarten heute - Geschäftshaus Bahnhofplatz 18
Wo in Winterthur jahrelang das Kino Talgarten war, entstand 2008 ein modernes Geschäftshaus. Die gerundete Fassade blieb erhalten und wurde in eine top-moderne Glasfassade umgestaltet. So bleibt das Haus, 1926/27 durch die Architekten Rittmeyer & Furrer als nördlicher Abschluss der Blockrandüberbauung "Talgartenhof" erstellt, auch weiterhin ein Blickfang. Es entstand ein dreigeschossiges Geschäftshaus, das sich ins architekturhistorisch bedeutende Ensemble einbindet. Vom Bahnhofplatz her betritt man die Empfangshalle, in der der Charme des alten Kinos in etwa noch weiterlebt. Äussere und innere Schaufenster beleben die Kommunikation im Hause. Lift und Treppenhaus fürhen offen in die oberen Geschosse. Auf drei Geschossen befinden sich repräsentative Geschäftsräume mit viel Tageslicht und Rundumsicht.
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