Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03238.jsonl.gz/469

Was haben die sogenannten «Hill Stations» in Holländisch-Ostindien (heutiges Indonesien) mit den Höhenkurorten in der Schweiz gemeinsam?
Die Tropen galten früher für Europäer und Europäerinnen, aufgrund von spezifischen Krankheiten wie Malaria oder Typhus, als «ungesunde» Orte. Kolonialmächte wie die Niederlande suchten deshalb nach Möglichkeiten, die an Tropenkrankheiten leidenden Personen in den Kolonien zu behandeln.
Als besonders vielversprechend galten die sogenannten «Hill Stations». Diese militärischen Höhenkurorte wurden im gebirgigen Hinterland Holländisch-Ostindiens errichtet. Sie sind vergleichbar mit den Kurorten in der Schweiz, welche während der Belle Epoche in Bergdörfern erbaut wurden. Das gemässigte Klima und die frische Luft sollten zur Erholung von kranken Europäern und Europäerinnen beitragen.
Die Idee, dass frische Bergluft heilende Wirkung habe, wurde besonders von Schweizer Ärzten und Ärztinnen vor rund 150 Jahren bekannt gemacht. Sie trugen entscheidend dazu bei, dass abgelegene Dörfer in den Schweizer Bergen, wie Davos oder Arosa, zu weltbekannten Kurorten wurden.
Carl Schröter, Professor für spezielle Botanik am Polytechnikum Zürich, besuchte einen dieser Höhenkurorte in Holländisch-Ostindien.
Das Bild zeigt Carl Schröter auf seiner Weltreise am 14.12.1898 (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Koene & Comp. / Portr_06723 / Public Domain Mark)
1927 schreibt Carl Schröter in seinem fünfseitigen Reisebericht über seine Exkursion von Kediri zum Höhenkurort Sarangan (auf der Insel Java):
«Mein sorglicher Gastfreund, darauf bedacht, mir alle Sehenswürdigkeiten seiner interessanten Gegend vorzuführen, hatte auf den 27. – 31. Mai eine 3 tägige Excursion in’s Gebirge auf’s Program gesetzt. Sie combinirte sich mit einem Aufenthalt von Frau Doctor und dem Töchterchen in dem 1500 m. ü. M. gelegenen Höhenkurort Sarangan, am Abhang des Vulkans Lawue ob Madiuen gelegen. Sie hatten dort ein Häus’chen gemiethet, das aber erst ausgestattet werden musste. So wurde der Hausrat per Bahn nach Madiuen geschickt, um von dort durch Kulis auf die Höhe geschafft zu werden. Uns führte das Auto früh morgens nach Madiuen. […] Dann führte uns das Auto bis zu der Stelle, wo man den steilen Anstieg nach Sarangan beginnt, zu Pferd oder im Tragstuhl. Das Dörfchen liegt am Hang des Vulkans Lawue bei 1500 m und ist durch einen grossen See mit Badgelegenheit, durch prächtige Spaziergänge im Casuarinawald und in einem angepflanzten Cypressenwald ein sehr beliebter Kurort.»
(ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETH Zürich, Dienstnachlass Carl Schröter, Hs 398:37, Excursionen von Kediri aus: Nach dem Höhenkurort Sarangan, 5 Bl.)
Die Beschreibung Schröters erinnert an ein Schweizer Bergdörfchen mit Bergsee und der «Casuarinawald» ähnelt vom Aussehen den Föhrenwäldern, die in der Schweiz vorzufinden sind. Die angenehme Durchschnittstemperatur in Sarangan von nur 13 Grad Celsius ist ebenfalls mit der frischsommerlichen Bergluft der Schweizer Berge zu vergleichen.
Die Reiseberichte Schröters sind immer wieder gespickt mit Beschreibungen der Umgebung – und im Besonderen von Beschreibungen der Pflanzenwelt. Gleichzeitig ergänzt er diese mit wissenschaftlichen Ausführungen wie folgendes Beispiel zeigt:
«Eine Allee stattlicher Tamarinden begleitet hier überall die Strasse, auf denen – auch eine Sehenswürdigkeit von Kediri! – ein epiphysisches Farnkraut, der Hirschgeweihfarn (Platycerium alicicorne) massenhaft sich angesiedelt hat.»
(ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETH Zürich, Dienstnachlass Carl Schröter, Hs 398:37, Excursionen von Kediri aus: Nach dem Höhenkurort Sarangan, 5 Bl.)
Dienstnachlässe, wie jener von Carl Schröter, bestehend aus Manuskripten, biographischen Dokumenten sowie Fotografien von Reisen und Exkursionen können die kolonialen Verstrickungen der Schweiz exemplarisch aufzeigen. Die holländisch-ostindischen Höhenkurorte zeigen, wie beispielsweise Ideen von Schweizer Ärzten und Ärztinnen bis in die Peripherien der Kolonien vordringen konnten.
Weiterführende Literatur
Krauer, Philipp: Vom Tropen- zum Kurarzt: ein Stück Gersauer Globalgeschichte, URL: https://www.sz.ch/public/upload/assets/58047/Artikel_Vom%20Tropen%20zum%20Kurarzt_PUB_20211215.pdf?fp=1 (zuletzt: 26.04.2022).
Schürer, C.: Mythos «Höhenkur» und die Gründung der Lungenliga, URL: https://saez.ch/journalfile/view/article/ezm_saez/fr/bms.2003.10152/2f2822032b4320995bbcf7ba7991349e78d1a396/bms_2003_10152.pdf/rsrc/jf (zuletzt: 26.04.2022).
Universität Zürich: Badekur im Alpenland, URL: https://www.uzh.ch/blog/hbz/2019/09/30/badekur-im-alpenland/#:~:text=Die%20grosse%20Zeit%20der%20Schweizer,an%20den%20mond%C3%A4nen%20ausl%C3%A4ndischen%20Vorbildern. (zuletzt: 26.04.2022).
ETH Zürich: Carl Schröter (1855-1939), URL: https://library.ethz.ch/standorte-und-medien/plattformen/kurzportraets/carl-schroeter-1855-1939.html (zuletzt: 26.04.2022).