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| Palladius von Helenopolis († vor 431) - Leben der Väter (Historia Lausiaca)

4. Didymus der Blinde.1
Sehr viele von all den Männern und Frauen, die in der alexandrinischen Kirche den Lauf vollendet haben, [S. 329] sind wert, das Land der Friedfertigen zu besitzen;2 darunter Didymus, der blinde Schriftsteller, zu dem ich innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren viermal in Beziehung trat. Er starb nämlich im Alter von fünfundachtzig Jahren. Aus seinem eigenen Munde weiß ich, daß er als vierjähriges Kind das Augenlicht verlor und weder Lesen noch Schreiben lernte noch sonstigen Unterricht genoß. Er hatte jedoch von Natur einen tüchtigen Lehrmeister, den eigenen Verstand, und besaß eine solche Gelehrsamkeit, daß an ihm das Schriftwort in Erfüllung ging: "Weise macht der Herr die Blinden".3 Verstand er doch alle Stellen des Alten und Neuen Testamentes zu deuten und war in den Glaubenslehren so wohl bewandert, daß er in scharfsinniger Begründung und tiefer Kenntnis die Alten insgesamt übertraf. Als er mich eines Tages aufgefordert hatte, in seinem Zimmer mein Gebet zu verrichten, ich aber nicht wollte, da erzählte er mir folgendes: "Zum dritten Male war der selige Antonius in diese Zelle gekommen, mich zu besuchen; als ich ihn zum Gebete mahnte, kniete er unverzüglich nieder, ohne mich die Aufforderung wiederholen zu lassen; so lehrte mich Antonius durch sein Beispiel den Gehorsam. Willst Du also nach seinem Vorbilde fremd und einsam leben um der Tugend willen, so darfst Du nicht rechthaberisch sein."
Auch dies hat er mir berichtet: "Einst quälte mich Kummer über das Leben Julians4 des unglücklichen Kaisers, der uns verfolgte und damals selber in Bedrängnis war. So aß ich einmal nichts in meiner Traurigkeit bis zum späten Abend. Da begab es sich, daß ich auf meinem Stuhle sitzend vom Schlaf überwältigt ward, und ich sah ein Gesicht: weiße Rosse rannten einher und die Reiter riefen: "Sagt dem Didymus, heut' um die siebte Stunde ist Julian gestorben." Und zu mir: "Steh auf und iß, dann mach' es kund dem Bischof Athanasius!" Und ich teilte das diesem mit, auch Stunde, Monat, Tag und Woche, und es stellte sich heraus, daß alles genau so war."
1: Didymus der Blinde, geb. um 310, nach Hieronymus (Chron. ad a. Abrahae 2388) im 6. Lebensjahr erblindet, über ein halbes Jahrhundert hochangesehenes Haupt der alexandrinischen Katechetenschule, war Laie und verheiratet, starb um 395, ward als Origenist (Präexistenz, Apokatastasis) auf dem 5. Konzil mit dem Banne belegt.
2: Vgl. Mt 5,4 (Ps 37,16).
3: Vgl. Ps 145,8.
4: Julian, der Apostat reg. 361-363.