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Lifestyle
Carlos Henriquez: Ich nehme gerne Klischees auf
Der Comedian Carlos Henriquez hat eine Luzerner Mutter, ist in der Romandie aufgewachsen und tritt als Solokünstler in der Deutschschweiz auf. Beste Voraussetzungen, den Humor über die Sprachgrenze hinweg zu transportieren. Der Name? Ach ja. Spanische Wurzeln hat er auch noch.
Interview
Coopzeitung:
Montag, kurz nach Mittag: Um diese Zeit gehört eine 20-jährige Studentin eigentlich an die Uni.
Carlos Henriquez: Ich muss heute noch arbeiten, deshalb trinke ich keinen Alkohol.
Aber Sie sind doch Romand?
(lacht) Ich merke, worauf Sie anspielen. Ja, ich weiss, ich arbeite viel mit Klischees in meinem Programm und sage, alle Westschweizer sind Säufer. Aber ich verwende auf beiden Seiten Klischees. Romands und Deutschschweizer bekommen ihr Fett weg.
Funktioniert der Humor gleich? Lachen die Romands über die gleichen Scherze wie die Deutschschweizer?
Im Prinzip ja. Aber ich habe beobachtet, dass die Deutschschweizer am meisten lachen, wenn ich bös zu ihnen bin, wenn ich also sage, die Romands hassen alle Deutschschweizer. Für die Romands ist das schon fast zu viel. Wenn ich umgekehrt auf dem Klischee der ständig saufenden Romands herumreite, ist es den Deutschschweizern eher unangenehm und in der Romandie bekomme ich dafür die meisten Lacher. Die Leute sind also nachsichtiger, als ich dachte, und amüsieren sich sehr über die Klischees, die man von ihnen hat auf beiden Seiten der Sprachgrenze.
Sie sind durch Ihre Herkunft ja ein Fachmann. Gibt es wirklich so grosse Unterschiede zwischen Deutschschweiz und Romandie?
Ja. Wenn man in der Pendlerzeitung 20 Minuten das Kreuzworträtsel richtig löst, könnt ihr Deutschschweizer 300 Franken als Hauptpreis gewinnen, wir nur 50 Franken.
Das war jetzt ein Scherz.
Nein, das ist so. Aber Spass beiseite. Ich glaube, die Unterschiede sind kleiner, als wir denken. Und das will ich mit meinem Programm vermitteln. Wir lachen zum Beispiel über das Gleiche.
Wirklich? Könnten Sie Ihr Programm I bi nüt vo hie, das das Verhältnis Romands-Deutschschweizer thematisiert, auch in der Romandie spielen?
Natürlich. Das mache ich schon. Ich spiele es in der Westschweiz auf Deutsch und oben auf einem Display sind die Texte auf Französisch eingeblendet.
Und das funktioniert?
Sehr gut. In Fribourg bin ich vor 300 Leuten aufgetreten. Wir planen nun sogar, das Programm auch im Tessin zu spielen.
Machen Sie nur Comedy oder haben Sie auch eine Botschaft? Zum Beispiel: Seht her, eigentlich sind wir Romands doch ganz sympathisch.
Es geht mir weniger ums Sympathischsein, sondern ich möchte zeigen, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben im Guten wie im Schlechten. Romands werfen den Deutschschweizern gerne Sturheit vor. Dabei gibt es auch in der Westschweiz einen Lémanozentrismus. Und der ist nicht leicht zu überwinden.
Die Unterschiede sind kleiner, als wir denken.»
Sind Sie politisch?
Ich will niemanden anklagen, aber gewisse Dinge möchte ich sagen. Und ich versuche es mit Humor. Deshalb erzähle ich unter anderem die Geschichte von der Uni Bern, die wirklich so passiert ist. Die Professoren haben immer gefragt, ob jemand nicht Schweizerdeutsch verstehe, dann könnte man sich ja einigen, Hochdeutsch statt Schweizerdeutsch zu sprechen. Ich habe jedes Mal aufgestreckt, obwohl ich Schweizerdeutsch verstanden hätte. Aber es war so schön, als einziger Romand alle Deutschschweizer zu überstimmen.
Sie sprechen Französisch, Spanisch und Schweizerdeutsch. Warum treten Sie überhaupt in der Deutschschweiz auf?
Eher aus Zufall. Ich bin auf der offenen Bühne Bern mit einem Kurzprogramm aufgetreten und habe gemerkt, dass mein Humor ankommt. Da habe ich den Mut gefasst, ein Programm auf Deutsch zu schreiben. Ich
habe daraufhin Emil Steinberger angefragt, ob er mich ein wenig coachen würde. Und anstatt mir zu antworten, ich solle ihn nicht länger belästigen, hat er spontan zugesagt. Er fand mein Programm gut.
Können Sie von diesem Programm leben?
Noch nicht. I bi nüt vo hie ist ein Hobby, in das ich aber sehr viel investiere. Ich lebe von vielen anderen Dingen, vor allem von Theater: Improvisationstheater, ich schreibe für andere, mache Regie.
Woher nehmen Sie Ihre Ideen? Sind Sie oft in der Deutschschweiz?
Das meiste kommt aus meiner Erinnerung, was mir am meisten Mühe gemacht hat. Zahlen, die verschieden ausgesprochen werden etwa. Klischees nehme ich gerne auf. Und natürlich bin ich sehr sensibel im Umgang mit der Sprache. Auch meine Erfahrungen als Kind auf dem Bauernhof der Grosseltern im Luzernischen sind ein Fundus. Ich dachte damals wirklich, alle Deutschschweizer Kinder sähen jeden Tag ein Kalb auf die Welt kommen.
Steckbrief
Carlos Henriquez
Geboren: 16.Oktober 1969 in La Chaux-de-Fonds
Aufgewachsen: in Biel
Studium: in Neuchâtel (Französisch, Spanisch, Journalismus)
Wohnhaft: in Lausanne
Karriere: Carlos Henriquez begann während des Studiums mit Improvisationstheater. Er ist Mitglied der Compagnie Le Caméléon (Präventionstheater). 1995 gründete er die Gruppe Peutch, mit der er in der Romandie sehr erfolgreich auftrat und bis nach Paris und Kanada tourte. Ende März wurde Peutch Schweizer Meister im Improvisationstheater auf Deutsch.
Aktuell: Henriquez hat ein zweisprachiges Kinderbüchlein geschrieben, das sich mit dem Thema Fremdsprache befasst (Henriquez, Droz, Bertschy: La rivière de Julien/Lilly und der Fluss). Mit I bi nüt vo hie ist Henriquez derzeit in der Deutschschweiz zu sehen. Der nächste Auftritt: 2.Mai in Bern (Theater Käfigturm).
Mehr Infos über Carlos Henriquez unter: www.carlos.li
Nachgefragt
Welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch?
LAppel du Coucou vonRobert Galbraith (in Wahrheit geschrieben von J.R. Rowling, der Autorin von Harry Potter). Ich bin erst am Anfang des Buches, und wenn jemand mir das Ende erzählt, töte ich ihn.
Welches Buch müsste jeder gelesen haben?
Mein eigenes: Lilly und der Fluss ;-) natürlich, so lernen sie einige französische Wörter... Ansonsten Nains de Jardin von Jacques-Etienne Bovard, der die Schweizer sehr gut beobachtet hat. Ich weiss leider nicht, ob es auf Deutsch erhältlich ist. Und natürlich Les Misérables von Victor Hugo.
Wer ist für Sie ein Vorbild (oder könnte es sein)?
Emil Steinberger, der so souverän über den Röstigraben gesprungen ist. Er ist ein Beispiel für Toleranz und im Leben so sympathisch wie auf der Bühne.
Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
Ouch... Im Moment habe ich sehr wenig Zeit, um ins Kino zu gehen. Und Fernsehen mag ich gar nicht. Also das letzte war The Wolf of Wall Street, und ich habe die drei Stunden total genossen.
Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
Django Unchained, Pulp Fiction, Love Actually
Was für Musik hören Sie gerade?
Rap auf Französisch. Seit ich in der Deutschschweiz herumreise, habe ich auch die Deutschschweizer Rapper kennengelernt. Ich mag Greis sehr, der in zwei Sprachen singen kann!!!
Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
NTM (SUPREME NTM) ohne Zweifel...
Mit welcher Person würden Sie gerne einmal einen trinken?
Vielleicht mit Stress. Er ist auch ein Welscher, der in der Deutschschweiz gut ankommt. Aber sicher würden wir mehr als einen Trinken unter Welschen...
Was kochen Sie selbst?
Ich mag die spanische Küche sehr. Leider ist es sehr olivenöl-haltig. Aber ich habe nicht so viel Zeit zu kochen, darum behalte ich meine Linie.
Ihre Lieblingsspeise?
Löwenzahn-Salat im Frühling. Im Moment kann ich nicht aufhören damit. Aber ich würde es nicht das ganze Jahr essen wollen. Sonst mag ich alles ausser Melonen.
Ihr Lieblingsgetränk?
Rotwein (Priorat), Whisky (Single Malt), Bier (London Special), aber am meisten doch Wasser.
Mit wem essen Sie am liebsten?
Mit Leuten! Ich hasse es, allein zu essen. Aber ich habe sehr viele Freunde, die wie ich sind. Und natürlich liebe ich die soupers aux chandelles mit meiner Freundin.
Und wo essen Sie am liebsten?
Im Café de Grancy, Rond point 1, 1006 Lausanne (genaue Adresse, so sind die Chefs jetzt gezwungen, mir ein Menu zu schenken!)
Mac oder PC?
HAHAHAHAH. Was ist PC?
Auto oder Zug?
ZUUUUUUUGGGG ! Ich arbeite so gerne im Zug ! Aber manchmal muss ich doch mit dem Auto reisen und sollte dabei nichts anderes machen als fahren. Aber das ist unmöglich.
Wein oder Bier?
Je älter desto mehr Wein. Aber ich mag auch die Pub-Biere ohne Kohlensäure.
Pasta oder Fondue?
Eine Frage: Essen die Deutschschweizer Fondue MIT Pasta? Nichts würde mich erstaunen, ihr isst ja Macaroni du chalet mit Apfelpüree.
Joggen oder Walken?
Joggen! Walken finde ich langweilig. Walken mache ich nur gerne, wenn ich Texte lernen muss.
Berge oder Meer?
Meer. Ich bin ursprünglich aus Las Palmas und muss noch immer einmal pro Jahr nach Gran Canaria gehen, sonst fühle ich mich nicht wohl.
Wann haben Sie zuletzt geweint?
Vor einigen Tage bei Love Actually. Manchmal fühle ich, dass ich gerne weinen möchte, und dieser Film rührt mich jedes Mal zu Tränen.
Wie bringt man Sie zum Lachen?
Das ist recht einfach! Ich bin sehr gutes Publikum.
Welches Tier wären Sie am liebsten?
Ein Bio-Tier, das ein schönes Leben gehabt hat und das mit einer grünen Etikette im Coop verkauft wird. Oder besser ein Kobe-Rind. Jeden Tag massiert werden, wow.
Wovon träumen Sie?
Von einer grossen Tournee durch die Deutschschweiz mit I bi nüt vo hie
Was ist für Sie das grösste Glück?
Mein Leben! Ich stehe jeden Tag auf und freue mich auf den Tag. Es könnte nicht besser sein.