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Was denn unter „Sinnproduktion“ zu verstehen sei, wurde ich im Anschluss an meinen letzten Beitrag hier gefragt. Ich antwortete etwa so: Im Unterschied zu Lebewesen, die ihrem Instinkt hingegeben sind, bei aller Fähigkeit zu - limitierten - Kalkülen, vermag es der „Mensch“, Bedeutungen jenseits des Instinktiven herauszubilden, an Bedeutungsträgern festzumachen und zu kombinieren.
Den „Menschen“ habe ich - durch Betonung auch in der Rede - in Anführungszeichen gesetzt, um anzuzeigen, dass ich bei solchen Überlegungen hinter die Grundannahmen des sogenannten „humanistischen“ Diskurses zurückgehen will, z. B. hinter die Annahme, es gäbe real so etwas wie „den Menschen“. Dieser ist in der Disposition der hier angestrengten Überlegungen und Betrachtungen nichts mehr als eine Hypothese. Nennen wir „Tiere“ jene Lebewesen, die schlicht ihrem Appetit und dessen Gegenstück, der Repulsion, gehorchen, und „Menschen“ jene, die über diesen Gehorsam hinaus noch über die Fähigkeit verfügen, diese Bezüge von ihren Trägern zu lösen und auf andere Träger zu übertragen. Das, was dabei vom ursprünglichen Träger abgelöst und übertragen wird, nennen wir „die Bedeutung“, das Zusammenspiel der dadurch freigesetzten Bedeutungen nennen wir „Sinn“. Übrigens: „Wir“, das sind hier ich selbst sowie allfällige Lesende, die diese Schreibe innerlich zu sich redend mitmachen.
Ich füge hinzu, dass es hier nicht darum geht, etwas „Neues“ zu sagen, sondern nur etwas Durchdachtes.
Einige werden nun denken: „Zusammenspiel der freigesetzten Bedeutungen“, aha, wir sind im Reich der Freiheit: Sinnproduktion als freies Assoziieren, „l’imagination au pouvoir!“ Dessen bin ich mir nicht so sicher. L'imagination, d'accord, mais l'imagination collective, sans sujet. Unserem dem Tier abgerungenen „Menschen“ gegenüber führen die genannten Bedeutungen nämlich in ihrem Zusammenspiel durchaus ein Eigenleben, wie die Erfahrung zeigt: erstens und hauptsächlich dadurch, dass sie sofort in einen vergesellschafteten Raum fallen und so der Verfügung des Individuums entzogen werden. Denn der gesellschaftliche Raum ist - bei allem humanen Anstrich (ich nenne das hier "anthropoform") - im Prinzip subjektlos (und daher gespenstisch) - die verschiedenen Gesellschaftsformen erzeugen dann in diesem Vakuum verschiedene illusionäre Subjekte, vom Ich des Monarchen bis hin zum Wir der Volksabstimmung. Die von diesen Personalpronomina bezeichneten Träger haben den Status von Gespenstern. Sie erscheinen zwar in menschlicher Gestalt und üben Macht aus, aber es gibt sie nicht, sie sind nicht anzutreffen. Ihre Macht gewinnen und entfalten sie kraft des Fallens der Sinnproduktion, also des Zusammenspiels der freigesetzten Bedeutungen, in den öffentlichen Raum. Die Gespenster sind Figuren der Pseudo-Aneignung der im öffentlichen Raum entzogenen Sinnproduktion durch „Menschen“, das privilegierte Medium dieses Geschehens ist die Sprache.
Die Sprache ist das über eine lange Tradition hin elaborierte Zusammenspiel der durch sie für ihre Sprechenden jeweils relevant gemachten Bedeutungen. Für das Individuum, nun als ursprüngliches gedacht, bedeutet sie eine Enteignung, nämlich die Vorwegnahme der Ablösung der Bedeutung von ihrem ursprünglichen Träger. Diese vorweggenommenen Bedeutungen hausen im vergesellschafteten Raum, den wir als im Prinzip subjektlos, aber anthropoform und deshalb gespenstisch bezeichnet haben. Wer spricht, scheucht Gespenster auf und wird von diesen für immer umgeben. René Descartes Meditationes können gelesen werden als der Versuch, diesem Raum zu entrinnen. Eine Verzweiflungstat, wie jeder Versuch, sich die Sprache anzueignen, um zum Subjekt der Sinnproduktion zu werden. Die Sprache ist ein Gefängnis, als dessen Draussen sich nur das Unmittelbare anbietet, das wir deshalb so begehren und um dessentwillen wir gerne wieder die sprachlosen Tiere werden, die wir auch noch sind, aber nicht mehr voll sein können. Was wir, wären wir es voll und ganz, nicht mehr bewusst erleben könnten, denn wir müssen es verloren haben, um es bewusst zu haben und zu lieben. Ich rede hier vom totalen Verfallen an den unmittelbaren sinnlichen Lebensgenuss. Lassen Sie mich Don Juan im Ungefähren aus dem Gedächtnis zitieren, wie er in der Chinesischen Mauer von Max Frisch sagt: „Man müsste nicht mehr aufwachen müssen nach einer solchen Nacht, man müsste einfach verdämmern.“