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| Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

5. Cap. Ob die Seele eine gewisse Körperlichkeit habe, darüber sind die Ansichten der Philosophen geteilt.
Plato wird nun wohl einen Eubulus, Kritolaus, Xenokrates und Aristoteles, der es in diesem Punkte mit ihm hält, zu Hilfe rufen. Vielleicht würden sie noch mehr herausgestrichen, um die Körperlichkeit der Seele zu beseitigen, wenn man nicht im Gegenteil und zwar in noch grösserer Anzahl andere sähe, die einen Körper der Seele behaupten. Und ich meine nicht bloss die, welche sie aus handgreiflich körperlichen Elementen bestehen lassen, wie Hipparchus und Heraklit aus Feuer, wie Hippon und Thales aus Wasser, wie Empedokles und Kritias aus Blut, wie Epikur aus den Atomen, insofern ja auch die Atome durch ihr Zusammentreffen sich zur Körperlichkeit verdichten — wie Kritolaus und seine Peripatetiker aus einer sonst unbekannten fünften Substanz, wenn nämlich auch sie ein Körper ist, da sie Körper einschliesst —, ja sogar auch die Stoiker ziehe ich herbei, die, obwohl sie, fast wie wir, die Seele einen Geist nennen, insofern sich ja Hauch und Geist ganz nahe stehen, doch gern für die Körperlichkeit der Seele sprechen werden.
Zeno endlich, der die Seele als verdichteten Atem definiert, legt sich die Sache so zurecht: dasjenige, nach dessen Austritt ein lebendes Wesen stirbt, ist ein Körper; wenn aber der verdichtete Atem austritt, so stirbt das lebende Wesen, folglich ist der verdichtete Atem ein Körper; der verdichtete Atem ist aber die Seele, also ist die Seele ein Körper.
Kleanthes behauptet, dass bei den Kindern eine Ähnlichkeit mit den Eltern vorhanden sei, nicht bloss in den körperlichen Umrissen, sondern auch in den Eigenschaften der Seele, im Spiegelbilde des Charakters, in den Anlagen und Neigungen, dass die Seele aber auch mit dem Körper Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit eingehe. So sei der Körper der Ähnlichkeit und Unähnlichkeit unterworfen. Ebenso seien die körperlichen [S. 294] und die nicht körperlichen Leiden keineswegs identisch. Nun aber leide die Seele mit dem Körper mit; wenn er durch Schläge, Wunden, Beulen verletzt sei, so empfinde sie den Schmerz mit und ebenso auch der Leib mit der Seele, mit deren Leiden er bei Sorge, Angst und Liebe seinen Zusammenhang verrät durch den Verlust der entsprechenden Munterkeit, und von deren Scham und Furcht er durch sein Erröten und Erbleichen Zeugnis gibt. Folglich ist die Seele ein Körper, weil sie die körperlichen Leiden teilt.
Chrysippus reicht ihm die Hand, indem er konstatiert, dass das Körperliche vom Unkörperlichen durchaus nicht getrennt werden könne, weil es sonst auch nicht davon würde berührt werden. Deshalb sagt auch Lukretius: „Berühren und berührt werden kann kein Ding, als nur ein Körper”;1 wenn die Seele aber den Körper verlässt, so verfalle dieser dem Tode. Mithin sei die Seele ein Körper, weil sie, wenn nicht körperlich, den Körper nicht verlassen würde.
1: Lucret. de nat. rer. I, 305.