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Blauer Anzug, tailliertes rotes Hemd, Piloten-Sonnenbrille und akkurater Haarschnitt: Da steht Neil Diamond zwischen zerzaust aussehenden Hippie-Figuren wie Bob Dylan oder Joni Mitchell und sieht ein wenig aus, als ob er sich in der Party geirrt habe.
Zu sehen ist die Szene in «The Last Waltz», Martin Scorseses Film über die stilbildenden Americana-Formation «The Band», die 1976 ihr legendäres Abschiedskonzert gab. Fast alle wichtigen Köpfe der damaligen US-amerikanischen Rockszene waren anwesend. Auch Diamond.
Lange Haare, langer Atem
Ein wenig fehl am Platz: So mag sich der gebürtige New Yorker öfters vorgekommen sein. Irgendwie mochte auch sein Werk in keine Stilschublade hineinpassen. Seine Songs waren etwas poppig. Etwas rockig. Aber nie richtig hip.
Das passte zu seinem Auftreten: Lange Haare waren das Äusserste, was er sich an Zugeständnissen an die Mode des Tages erlaubte. Dennoch – vielleicht gerade deshalb – war Neil Diamond enorm erfolgreich. Mit seinen eigenen Liedern, aber auch mit den Songs, die er für andere schrieb.
Die ersten Hits
Dabei hatte alles recht spät begonnen. Diamond, Jahrgang 1941, aus Brooklyn, New York, Sohn einer polnisch/russischen Familie, bekam als 16-Jähriger eine Gitarre geschenkt, lernte sie spielen und wählte später die Musik als Karriere.
Vorerst wurde er Auftragsschreiber, wie die Kollegen Paul Simon oder Randy Newman. Bis man ihn selbst ans Mikrofon liess, dauerte es eine Weile. Aber dann schlug Diamonds Musik ein.
Er hatte 1966 mit «Cherry Cherry» einen ersten eigenen Hit. Dem folgte im gleichen Jahr «I’m a Believer», mit dem die Monkees einen riesigen Erfolg landen konnten.
Ein Mann, zwei Welten
Und so ging es für Neil Diamond zweigleisig weiter: «Sweet Caroline», «Kentucky Woman», «I am, I said» und viele weitere waren exquisit gefertigte Mainstream-Popnummern, die bei einem riesigen Publikum sehr gut ankamen. Songs, die aber auch bei hippen Musikern ankamen.
Erinnert sei an «Kentucky Woman», das die britischen Hardrocker Deep Purple aufnahmen. An die Reggae-Mainstreamer UB40, die mit Diamonds «Red Red Wine» einen weltweiten Hit hatten. Oder an Country-Veteran Johnny Cash, der sich «Solitary Man» vornahm, die wunderbare Ballade zur männlichen Einsamkeit.
Ohrwürmer in Serie
Man kann über seine eigenen Interpretationen dieser Stücke streiten, über seinen Hang zum Bombast, seine Tendenz, seine Lieder zu übersingen.
Aber dieser Mann, der im Klima steter Umwälzung und Auflehnung der 1960er- und frühen 1970er-Jahre gross wurde und dort nie zugehörig wirkte, hatte einen Vorteil. Er schrieb ein Jahrzehnt lang immens erinnerungswürdige Songs mit mitsingbaren Refrains – wahre Ohrwürmer in Serie.
Und manchmal wurde er dabei persönlicher, als man ihm das zugestehen würde. 1967 veröffentlichte er «Shilo», ein Stück über ein einsames Kind, das sich als Ausweg eine imaginäre Freundin vorstellt. Eben jene «Shilo» – ein Stück voller Wehmut, über die Einsamkeit eines Kindes, das sehr wohl jener Neil Diamond aus Brooklyn, New York, gewesen sein könnte.