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2010 – Stadt Antsirabe
Antsirabe, die drittgrösste Stadt Madagaskars, liegt etwa 170 km südlich der Hauptstadt Antananarivo an der Nationalstrasse Nummer 7 (RN 7).
Antsirabe liegt mitten in der Region Vakinankaratra, die derzeit etwa 3 Millionen Menschen beherbergt. Vakinankaratra ist eine der 22 Regionen, in die Madagaskar administrativ aufgeteilt ist.
Antsirabe ist auch ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt zwischen dem Hochland und der RN 34 Richtung Südwesten nach Miandrivazo und weiter ins „Land der Baobabs“.
Das Herz der Region von Vakinankaratra liegt inmitten eines fruchtbaren Beckens auf etwa 1’500 m über dem Meeresspiegel, umgeben von bis zu 2’300 m hohen Bergen zwischen vier erloschenen Vulkanen. Antsirabe gehört zu den kältesten Regionen des Hochlandes.
Die Stadt Antsirabe wurde um 1872 vom norwegischen Missionar Rosaas gegründet. Aufgrund des kühlen Klimas und der Heilkräfte der Thermalquellen blieben viele Norweger längere Zeit in dieser Stadt. Der Stadtname kommt von den madagassischen Wörtern Any, sira und be (das bedeutet wörtlich “wo es Salz im Überfluss gibt“), wegen des salzhaltigen, gesunden Wassers und wegen der Qualität der Böden und Gewässer, die sehr reich an Mineralsalzen sind. Die Legende erzählt auch, dass damals eine grosse Menge an Steinsalz in der südlichen Region abgebaut wurde.
Wegen der kühlen Bergluft und seiner Thermalquellen wird die Stadt auch das “Vichy Madagaskars“ genannt. Schon im 19. Jahrhundert waren den Merina-Monarchen die heilsame Wirkung der Thermalquellen bekannt, auch die Kolonisten und die Missionare kamen regelmässig zu diesem beliebten Erholungs- und Kurort.
Noch heute sprudelt die warme Thermalquelle in den kleinen See Ranomafana (wörtlich bedeutet es “heisses Wasser“) und zur Zeit geniesst die medizinische Abteilung für rheumatische Erkrankungen oder Leberprobleme in diesem Kur- und Heilzentrum noch immer einen hervorragenden Ruf und die Kuren sind vor allem preiswert.
Symbol dieser “guten alten Zeit“ bleibt das riesige Kolonialhotel “Des Thermes“ nahe der Thermalquelle, gebaut im Jahr 1897. Dieses imposante Hotel diente in den 1950er Jahren als Exilsitz des Königs Mohammed V. aus Marokko. Die breite, mit Jacaranda-Bäumen gesäumten Allee, die schnurgerade zum alten Kolonialbahnhof führt, die Baustile der zahlreichen Kolonialvillen inmitten riesiger Parks, die historischen Bauwerke wie die katholische Kathedrale oder die alten Gebäude der Thermalbäder (beide auch von den norwegischen Missionaren erbaut) künden von der einstigen Bedeutung dieses früheren Kurortes.
Noch heute ist die Hauptstadt der Region Vakinankaratra eine wohlhabende Stadt, schon wegen des fruchtbaren vulkanischen Bodens und wegen der Nähe zur Hauptstadt Antananarivo. Das Wirtschaftsleben beruht auf den hier ansässigen Industriebetrieben, die vielen Leuten Arbeitsplätze bieten. Auf dem Weg zu den beiden Kraterseen Tritriva und Andraikiba liegt die grösste Bierbrauerei des Landes. Das THB (Three Horses Bier) wird nämlich hier gebraut. Die drei roten Pferdeköpfe sind sehr beliebt bei Bierkennern.
Es werden auch Baumwolltücher in Textilfabriken hergestellt, dann gibt es die Zigarettenmanufaktur, die Seifen- und Zementfabrik. Sie alle sind am Stadtrand entlang der Nationalstrasse RN7 Richtung Süden angesiedelt.
Einige milchverarbeitende Betriebe, die Joghurt, Butter, Käse oder Sahne herstellen, befinden sich ebenfalls in dieser Industriestadt. Der bekannten Käserei “chez Betty“ kann man einen Besuch abstatten. Betty ist Schweizerin und vor 45 Jahren für ihre Missionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen in Madagaskar eingetroffen. Inzwischen hat sie sich für die Käseherstellung wie Raclette-Käse oder Swiss Mutschli spezialisiert.
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Auf einem Stadtrundgang durch die breiten Avenuen im Stadtzentrum darf man den grossen Monolithen oder die Steinstele mit den “Wappen“ der 18 verschiedenen Ethnien Madagaskars nicht verpassen.
Die sozialen und kulturellen Bräuche und die alltäglichen Aktivitäten jeder dieser Bevölkerungsgruppe unterscheiden sich je nach der Region: die meisten sind Bauern, Viehzüchter oder Hirten an den südlichen Küsten oder im nördlichen Binnenland, die Küstenbewohner sind hauptsächlich Fischer oder Seeleute.
Das übliche und praktische Transportmittel in dieser Thermalstadt ist bis heute die Rikscha geblieben. Das Wort stammt ursprünglich aus dem japanischen Wort „jinrikisha“ und bedeutet wörtlich “von Menschen angetriebenes Fahrzeug“. Die Rikschas wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den Chinesen zuerst in der Hafenstadt Tamatave eingeführt. Während der Kolonialzeit nannten die Franzosen dieses Transportmittel “Pousse-Pousse“, weil das Zweiradgefährt damals von einer Person gezogen und von einer zweiten von hinten geschoben wurde, daher ihr Name wörtlich “schieb, schieb“.
Antsirabe wurde dann im Laufe der Zeit als die “Stadt der Rikschas“ bezeichnet. Tausende von Rikschas verkehren Tag und Nacht durch die Stadt sogar bis in die Vororte, so dass diese leuchtend roten, grünen, blauen Farben der Rikschas mit ihren einfallsreichen Namen und die Fahrgeschicklichkeit der Rikscha-Männer sofort ins Auge stechen.
Die Rikschas sind auch für die Einheimischen ein beliebtes und preiswertes Transportmittel. Jeden Tag fahren die Hausfrauen damit zum Markt, einige Familienväter begeben sich damit zur Arbeit und die vielen Schulkinder nehmen dieses Verkehrsmittel auf ihrem Weg zur Schule.
Die Mineralienfreunde besuchen gerne diese “Stadt der Edelsteine“. Die Umgebung von Antsirabe birgt eine unglaubliche Vielfalt an Schmucksteinen: Rosenquarze, Aquamarine, Rubine, Berylle und vor allem die berühmten Turmaline stammen von hier.
In den umliegenden Bergen werden auch wertvolle Mineralien wie Kristall, Aquamarine, Smaragde und Rubine gefunden. Ein Besuch einer der Steinschleifereien und des Edelsteinmarktes, sowie eine Wandertour und den Besuch der Fundorte im Bergmassiv Mont Ibity kann je nach Interesse der Reisegäste ins Reiseprogramm eingebaut werden. Die Berglandschaft Ibity, ca. 25 km südlich von Antsirabe, ist nicht nur für die Vielfältigkeit der Pflanzenarten bekannt, sondern auch für die seltenen Edelsteine wie Turmalin oder Berylle, die in den Höhlen und Minen geschürft werden.
Kenner können natürlich schöne und seltene Stücke erstehen, als Kugeln, ungeschliffene Stücke oder als fein verarbeitete Schmuckstücke.
In der Werkstatt von Miniature Mamy in der Nähe des Parc de l’Est werden schöne Andenken wie Miniatur-Pousse-Pousse, Mini-Fahrräder oder Motorräder aus Recycling-Produkten wie gebrauchte Getränke- oder Blechdosen, elektrische Geräte, Telefondraht oder Gummireifen angefertigt.
In einem kleinen Betrieb in der Nähe können wir auch live die verschiedenen Herstellungsschritte mitverfolgen, wie aus den groben Zebuhörnern schöne und feine Schmuckstücke wie Haarspangen, Halsketten und andere dekorative Objekte werden. Auch nützliche Utensilien wie Gabel oder Löffel, Schalen, usw. werden hergestellt, sie zeigen den Einfallsreichtum der madagassischen Bastler, denn auf der ganzen Insel wird nichts weggeworfen, alles wird einer neuen Verwendung zugeführt.
Wer samstags in dieser schönen Stadt vorbeikommt, sollte auch den bunten und lebendigen Samstagsmarkt (wörtlich heisst er “Tsenan’Asabotsy“) nicht entgehen lassen!
Es ist der grösste Markt in der Gegend unter freiem Himmel, ein regelmässiger Treffpunkt der Bauern, die ihre Produkte ohne Zwischenhandel an die Käufer zu bringen versuchen, eine malerische Attraktion und ein einmaliges Erlebnis mit unglaublicher Vielfalt an Farben und Gerüchen: ein Gewirr von mehreren hundert Ständen mit Gemüse und Obst, zahlreichen Heilkräutern, diverses Geflügel, Stoffe, Garküchen, kurzum alles, was die Madagassen in ihrem Alltag brauchen. Die Bauern kommen natürlich auch hierher, um die letzten Nachrichten zu tauschen: „inona ny vaovao?“ (wörtlich bedeutet dies: Was gibt’s Neues?), ein Ausdruck der Wissensbegierde. Im Allgemeinen beginnt auch jedes Gespräch mit der madagassischen Grussformel “Vaovao?“
November 2020; geschrieben von Bodo PRIORI Antananarivo
Redigiert von Peter Elliker www.madagaskarhaus.ch