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Am 6. Januar 2021 stürmte ein aufgebrachter Mob das Kapitol in Washington. Angestachelt wurde er von einer Rede Donald Trumps, in der er seine Behauptung wiederholte, die Präsidentschaftswahl 2020, in der Joe Biden gewann, sei gefälscht worden. Trump witterte eine große Verschwörung gegen ihn, konnte aber keine Belege für seine Behauptung vorlegen. Seine Anhänger glaubten ihm, obwohl der Wahlausgang mehrfach überprüft wurde und alle empirischen Evidenzen für eine korrekte Stimmenauszählung sprachen. Die Weltsicht der Trump-Anhänger folgt einem typischen Verschwörungsdenken: Empirische Evidenzen werden einfach ignoriert oder anders interpretiert. Man spricht in der Psychologie von einem confirmation bias, einer Neigung die eigene Meinung stets bestätigt zu sehen und sich gegen Kritik und Gegenargumente abzuschotten. Viele Kommentator:innen sehen in der zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft eine Gefahr für die Demokratie.
Erstaunlicherweise gibt es einige Intellektuelle, die mehr Toleranz gegenüber Verschwörungstheorien mit dem Argument einfordern, dass Demokratien vom Meinungspluralismus lebten und kontroverse Meinungen aushalten sollten. Bereits in den 1920er Jahren vertrat der österreichische Rechtsphilosoph Hans Kelsen die These, dass Demokratie einen Relativismus voraussetze (Kelsen 2018). Denn das Wesen der Demokratie bestehe im freien Wettbewerb der Ideen und der Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Werten. Darin unterscheide sich die Demokratie von einem politischen Absolutismus, der nur eine Wahrheit kennt und diese vermeintliche Wahrheit gegen jede Opposition durchsetzt. Da es aber keine absolute Wahrheit und keine universell gültigen Werte gebe, müsse man von einem Relativismus ausgehen. Wenn in einer Demokratie jede Stimme gleiches Gewicht hat, so Kelsen, müsse daher auch jede Wählermeinung gleich wahr sein.
Meiner Ansicht nach beruht Kelsens Relativismusargument auf einem Fehlschluss. Denn er verwechselt Meinungen mit Wahrheiten und Meinungspluralismus mit einem Relativismus. Demokratie setzt lediglich einen Meinungspluralismus, aber keinen Wahrheitspluralismus voraus. Kelsen geht selbst davon aus, dass wir niemals im Besitz endgültiger Wahrheiten sein können, sondern nur mehr oder weniger gut begründete Meinungen haben, die sich jederzeit als falsch herausstellen können. Aus der Existenz von Meinungsverschiedenheiten folgt aber noch kein Relativismus, zumindest kein Relativismus im starken Sinn. Daher ist es wichtig, zwischen einem starken und einem schwachen Relativismus zu unterscheiden. Im schwachen Relativismus betrachtet und beurteilt ein Individuum oder eine Gruppe von Individuen einen Sachverhalt jeweils aus ihrer eigenen Sichtweise. Wahrheit ist demnach stets relativ zu einer epistemischen Perspektive, wobei diese Perspektiven gemeinsame Schnittmengen haben können. Das heißt, es kann Wahrheiten geben, die in vielen Perspektiven anerkannt werden. Zwei Personen, die unterschiedlicher Meinung sind, können sich durchaus einigen, sofern sie gewisse Tatsachen anerkennen, auf deren Basis empirische Behauptungen auf ihre Richtigkeit hin überprüft werden können. Der schwache Relativismus schließt daher die Möglichkeit einer Konsensfindung nicht aus.
Im Streit um den Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahl liegt offenbar eine unüberwindliche Meinungsverschiedenheit vor, da die Trump-Anhänger die Wahlergebnisse nicht anerkennen. Thomas Kuhn und Paul Feyerabend bezeichnen zwei Meinungssysteme als inkommensurabel, wenn sie die Wirklichkeit unterschiedlich interpretieren und keine Einigung auf der Basis allgemein anerkannter Fakten möglich ist. In diesem Fall haben wir es mit einem starken Relativismus zu tun, der von einer Inkommensurabilität der Deutungsperspektiven ausgeht. Wahrheit ist somit perspektivenrelativ. Was in einer Perspektive wahr ist, kann in einer anderen Perspektive falsch sein und umgekehrt. Im Unterschied zum schwachen Relativismus gibt es im starken Relativismus jedoch keinen gemeinsamen Maßstab, nach dem man die Wahrheitsansprüche inkommensurabler Behauptungen vergleichen kann. Die Vertreter unterschiedlicher Meinungssysteme leben gleichsam in unterschiedlichen Wirklichkeiten.
Kelsen lässt offen, ob er einen starken oder schwachen Relativismus meint. Legt man einen schwachen Relativismus zugrunde, ist Kelsens These durchaus plausibel. Denn ein Meinungspluralismus und eine kognitive Diversität sind unverzichtbar für eine funktionierende Demokratie. Ein erfolgreicher Dialog zwischen Personen, die unterschiedliche Standpunkte vertreten, setzt zumindest eine Anerkennung elementarer Fakten und eine Einigkeit hinsichtlich ihrer Interpretation voraus. Gibt es diese Einigkeit nicht, dann reden die am Dialog beteiligten Personen aneinander vorbei. Inkommensurable Diskurse haben somit einen starken Relativismus zur Folge. Kelsen konnte sich wohl nicht vorstellen, dass Meinungen so stark divergieren können, dass selbst über fundamentale Tatsachen kein Konsens hergestellt werden kann. Denn dies würde zu einer Polarisierung und Tribalisierung der Gesellschaft führen. Gäbe es nämlich inkommensurable Meinungs- und Wertesysteme, wäre jede Gruppe in ihrer eigenen epistemischen Blase gefangen. Selbst Toleranz könnte keinen universell verbindlichen Wert darstellen, da alle Werte perspektivenabhängig wären. Wer die Welt ausschließlich aus der eigenen kognitiven Perspektive wahrnimmt und nur den eigenen Werten und Regeln gehorcht, wird auch keine demokratischen Mehrheitsentscheidungen respektieren, wenn sie oder er diese für falsch hält.
Wie eine Demokratie auf der Basis eines starken Relativismus aussehen könnte, beschreibt Paul Feyerabend in seinem Buch „Erkenntnis für freie Menschen“ (1980). Feyerabend stellt sich einen demokratischen Relativismus als ein friedliches Nebeneinander verschiedener Traditionen vor, wobei die Wissenschaft nur eine Tradition neben anderen, wie z.B. Astrologie, Kreationismus oder Hexenglauben, ist. Auch wenn Feyerabend dies nicht explizit sagt, so kann man sich denken, dass zu diesen Traditionen auch Verschwörungstheorien gehören, denn für ihn gilt das Motto „anything goes“. Er misstraut der wissenschaftlichen Gemeinschaft, denn die Vorherrschaft der Wissenschaften bedroht seiner Meinung nach die Demokratie. Daher sollten demokratische Ausschüsse von Laien darüber entscheiden, welche Theorien an den Schulen und Universitäten gelehrt werden sollen. Wenn die Mehrheit der Bevölkerung etwa der Meinung ist, dass Gott den Menschen erschaffen habe und er kein Produkt der Evolution sei, dann müsse die Schöpfungslehre anstatt der Evolutionstheorie in den Lehrplan aufgenommen werden. Die Toleranz gegenüber anderen Traditionen und Ideologien stößt allerdings schnell an ihre Grenzen, denn man muss sich fragen, ob man auch gegenüber rassistischem und faschistischem Gedankengut tolerant sein muss. Konflikte werden sich dann ergeben, wenn eine Gruppe universelle Wahrheitsansprüche erhebt und anderen Traditionen ihre Wahrheiten und Werte aufzwingen will. Feyerabend (1980: 151) muss diesen Einwand wohl vorausgesehen haben, weil er für seinen Idealstaat eine „starke Polizei“ vorsieht, die darüber wacht, dass sich die Traditionen nicht gegenseitig in die Quere kommen. Die Traditionen bilden somit einen Staat im Staat, wobei jede Tradition an ihre eigenen Regeln und Gesetze gebunden ist. Traditionen stellen epistemisch abgeschlossene Bereiche dar, die ihre eigenen Weltanschauungen und ihre eigenen Werte haben. Ein Dialog über die hohen Mauern der Traditionen hinweg ist wegen der von Feyerabend postulierten Inkommensurabilität nicht möglich.
Der starke Relativismus hat aber noch ein anderes Problem: Wenn jede Gruppe ihre eigenen Wahrheiten hat, kann man andere Meinungen nicht mehr kritisieren, da jede Gruppe nur ihre eigenen Argumente und Diskursregeln akzeptiert. Es gibt keine neutrale Instanz, die zwischen konkurrierenden Wahrheitsansprüchen zu entscheiden vermag. Aber auch innerhalb einer Gruppe können sich oppositionelle Fraktionen bilden, die den Gruppenkonsens in Frage stellen. Definiert man Wahrheit als dominierende Gruppenmeinung, ist jede Minderheitenmeinung von vornherein falsch. Das heißt: Die Gemeinschaft kann sich nicht irren. Was sie für wahr hält, ist wahr. Dies verleiht der Gruppe einen Unfehlbarkeitsanspruch. Und eine externe Kritik ist wegen der Inkommensurabilitätsthese nicht möglich. Ein starker Relativismus wird so zu einem solipsistischen Sprachspiel, das nur innerhalb der eigenen Grenzen funktioniert, aber keine universellen Wahrheitsansprüche erheben kann.
2016, im Jahr als Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde und die Briten für den Brexit gestimmt haben, erklärte die Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort „postfaktisch“ zum Wort des Jahres. In England wurde im gleichen Jahr „post-truth“ zum Wort des Jahres gekürt. Beide Begriffe kennzeichnen einen Zustand, in dem Wahrheit keine Rolle mehr spielt, Tatsachen nicht mehr zur Kenntnis genommen werden und durch Gefühle und subjektive Meinungen ersetzt werden. Man kann diese Wahrheitsignoranz als Postfaktualismus bezeichnen – eine Philosophie, der sich Trump bedient, um Menschen zu manipulieren. Im Postfaktualismus gibt es keine objektiven Tatsachen, Wissen wird durch Meinung und Wahrheit wird durch Narrative ersetzt. Wenn Tatsachen ignoriert werden und Emotionen an ihre Stelle treten, dann gibt es nur noch gefühlte Wahrheiten.
Um die Auswirkungen und Konsequenzen des Postfaktualismus auf unser Wahrheitsverständnis besser verstehen zu können, müssen wir ihn mit dem Faktualismus, unserer Alltagstheorie der Wahrheit, vergleichen. Nach allgemeiner Auffassung gibt es eine reale Welt und objektive Tatsachen. Wahre Aussagen sind solche, die mit den Tatsachen übereinstimmen. Diese so genannte Korrespondenztheorie der Wahrheit hat sich im Alltag bestens bewährt. Wenn zum Beispiel jemand behauptet, dass im Garten eine rote Rose blüht, dann kann die Wahrheit dieses Satzes durch Beobachtung leicht überprüft werden. Wenn Satz und Wirklichkeit korrespondieren, dann ist der Satz wahr; und wenn nicht, dann ist er falsch. Die Korrespondenztheorie mag zwar philosophisch naiv sein, aber sie findet allgemeine Akzeptanz, weil wir uns mit ihrer Hilfe in der Welt orientieren und Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen können.
Im 20. Jahrhundert ist die Korrespondenztheorie der Wahrheit jedoch zunehmend in Verruf geraten und durch alternative Wahrheitstheorien ersetzt worden, wie z.B. die pragmatische Wahrheitstheorie, die Kohärenztheorie oder deflationäre Wahrheitstheorien. Allen diesen Theorien ist gemeinsam, dass sie die Verbindung zwischen Sprache und Welt kappen und Wahrheit zu einem rein sprachlichen Phänomen machen. Wahrheit wird so zu einem Bestandteil eines Sprachspiels, dessen Regeln willkürlich festgelegt werden können. Diese Trennung von Wahrheit und Wirklichkeit hat ihren Preis, weil sie den Raum für alternative Wahrheiten öffnet. Kohärenztheorien haben mit dem Märcheneinwand zu kämpfen, nach dem auch Lügen und fiktionale Texte eine hohe systematische Kohärenz aufweisen und damit einen Wahrheitsanspruch erheben können. In der deflationären Wahrheitstheorie wird der Ausdruck „wahr“ für überflüssig erklärt, da der Satz „p ist wahr“ nicht mehr ausdrücke als die bloße Behauptung „p“. Und im Pragmatismus ist eine Auffassung wahr, wenn sie nützlich und erfolgversprechend ist. Gelegentlich wird in der akademischen Welt auch die These vertreten, dass Wahrheit sozial konstruiert ist, auf sozialer Anerkennung beruht und von Machtverhältnissen abhängt. Demnach ist ein Satz wahr, wenn er von der Mehrheit der Menschen geglaubt wird oder wenn ein Konsens besteht, ihn als wahren Satz zu akzeptieren. Wahrheit wird so zu einer kollektiven Gruppenmeinung. Vereinfacht gesagt heißt das: Wer die Macht hat, bestimmt, was wahr ist. Eine solche Auffassung führt unweigerlich zu einem Postfaktualismus, nach dem Wahrheit von unserem Denken und nicht von der Wirklichkeit abhängt. Einem starken Relativismus wird dadurch Tür und Tor geöffnet. Es ist daher nicht übertrieben zu behaupten, dass sich die Philosophie in Ermangelung einer realistischen Wahrheitstheorie in einer schweren Wahrheitskrise befindet.
Der Postfaktualismus macht Wahrheit zu einer beliebig verhandelbaren Übereinkunft und koppelt sie von der äußeren Wirklichkeit ab. In einer postfaktischen Welt werden Tatsachen nicht mehr anerkannt. Es ist sogar möglich, alternative Fakten zu schaffen und alternative Wirklichkeiten zu konstruieren. Im Faktualismus kann man eine Lüge noch als solche erkennen, wenn man sie mit der Wirklichkeit vergleicht. In einer postfaktischen Welt ist ein solcher Vergleich nicht mehr möglich, weil Tatsachen und empirische Evidenzen nicht mehr zählen. Wie will man Trump der Lüge überführen, wenn es keine objektiven Wahrheiten gibt? Der Postfaktualismus schafft ein intellektuelles Klima, in dem Fake News und Verschwörungstheorien gedeihen können, Tatsachen und empirische Evidenzen nicht mehr zählen und jede Gruppe sich ihre eigenen Wahrheiten sozial zurechtkonstruieren kann.
Demokratie lebt davon, Lösungen für Probleme zu finden und Kompromisse auszuhandeln. Dies setzt einen Ausgleich von Interessen und einen Minimalkonsens voraus, aber auch die Anerkennung von Tatsachen. Widerstreitende Meinungen stellen an sich noch keine Gefahr für die Demokratie dar. Eine Auseinandersetzung kann schöpferisch wirken, so lange sie sachlich bleibt und nicht in Hass und Gewalt umschlägt. Der Postfaktualismus und Relativismus wird erst dann zu einer Gefahr für die Demokratie, wenn große Teile der Bevölkerung eine unterschiedliche Wirklichkeitswahrnehmung haben.
Kommunikatives Handeln setzt nach Habermas ein Einverständnis der Akteure über Geltungsansprüche wie Wahrheit, Wahrhaftigkeit und die Richtigkeit von Behauptungen voraus. Habermas (2004: 122 ff.) unterscheidet zwischen einem schwach-kommunikativen Handeln und einem stark-kommunikativen Handeln. Im schwach-kommunikativen Handeln verständigen sich die Beteiligten auf grundlegende Tatsachen und erkennen gegenseitig ihre Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsansprüche an. Im stark-kommunikativen Handeln kommt das Einverständnis über die Richtigkeit von intersubjektiv geteilten Normen und Werten hinzu. Die Verständigung mit Verschwörungsgläubigen ist bereits schwach-kommunikativ gestört, da sie bestimmte Tatsachen nicht anerkennen bzw. Tatsachen anders interpretieren als der Rest der Kommunikationsgemeinschaft. Habermas sieht in der Polarisierung der Gesellschaft eine Gefahr für die politische Integration konkurrierender Gruppen. Bilden sich Gruppen, die weder lernfähig noch diskursfähig sind, verhindert dies eine Verständigung. Mindestvoraussetzung für einen Diskurs ist ein gemeinsamer Referenzrahmen akzeptierter Tatsachen, die als Verifikations- und Falsifikationsinstanzen über Wahrheitsansprüche entscheiden können. Wenn dagegen Wahrheit selbst zu einem diskursimmanenten Phänomen erklärt wird oder unter Ideologieverdacht gestellt wird, dann führt dies zu einem Wahrheitskrieg, den niemand gewinnen kann.
Literatur
Feyerabend, Paul (1980): Erkenntnis für freie Menschen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp
Habermas, Jürgen (2004): Wahrheit und Rechtfertigung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp
Kelsen, Hans (2018): Vom Wesen und Wert der Demokratie. Ditzingen: Reclam