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22 Phänomenologie als vortheoretische Disziplin
Alles, was Sie benötigen, außer einigen Wahrnehmungen in der Situation, ist ein Wissen, das wir am besten Lebenserfahrungen nennen können. Unsere Lebenserfahrung ist entstanden aus dem alltäglichen, meistens zweckgerichteten, manchmal auch müßigen Umgang mit alltäglichen Erfahrungen und Gedanken. Lebenserfahrung, dieses schöne Wort bezeichnet jene im Laufe des Lebens im Umgang mit uns selbst und unserer Umwelt gewonnenen Einstellungen und Verhaltensweisen die uns nicht einmal bewusst sein müssen.
Jeder Theorie, jeder Philosophie geht ein großer Bereich von Erfahrungen voraus, der mit dem täglich wieder erfolgreich vollzogenen Leben verbunden ist. Diese Erfahrung ist in zweierlei Sinne „vortheoretisch“ zu nennen: die Lebenserfahrung ist es erst, deren Gelingen Theorie möglich macht, und sie ist es auch, die nicht auf theoretisches Wissen zurückgeführt werden kann.
Wenn Peirce (MS 477) schreibt: Philosophisches Forschen besteht in der Reflexion auf das Wissen, dass alle Menschen sozusagen bereits besitzen; und tatsächlich ist es so, dass der Anfänger im Studium der Philosophie bereits ein Wissen besitzt, dessen Gewicht weit größer ist als alles, was die Wissenschaft ihn jemals lehren kann. In diesem Wissen besteht der gesunde Menschenverstand (common sense).
46 …a person is not absolutely an individual. His thoughts are what he is saying to himself, that is, is saying to that other self that is just coming into life in the flow of time. When man reasons, it is that critical self that one is trying to pursuade; and all thought whatsoever is a sign, and is mostly in the nature of language.
The second thing to remember is that a man's circle of society (however widely owned narrowly this phrase may be understood) is a sort of loosely compacted person, in some respects of higher rank than the person of an individual organism. CP 5.421, 1905
46 Das „Ich“ entsteht also erst dann, wenn der kommunikative Austausch zwischen Personen dicht genug geworden ist, um die Differenzierungen meiner Person im Unterschied zu anderen Personen erforderlich zu machen. Deshalb hält des Peirce keineswegs für einen Einwand gegen, sondern eine interessante Konsequenz aus seiner Theorie, dass sich Personen nicht absolut aus einem sozialen Umfeld differenzieren lassen.
Doch diese sozial- und bewusstseinsphilosophischen Konsequenzen des semiotischen Begriffs personaler Identität sollen uns hier nur als Leitfaden dienen, der uns helfen wird, die These der Philosophie besser zu verstehen, dass Personen zwar real sind, jedoch gerade als Personen im vollen Sinne nicht existieren. Das „Ich“ existiert nicht, es existiert nur jeweils eine Replika einer Person, d.h. eine konkrete Verkörperung einer Person, in diesem Moment, in dieser Konfiguration von Materie. Meine Person existiert nicht, doch hat sie Realität, welche darin besteht, die Allgemeinen Bedingungen für die Ausprägung von Replikas in verschiedenen Situationen zu liefern.
47 für diese anticartesische Auflösung des Ich benutzt Peirce seine Konzeption der Beziehung zwischen den Zeichen als Typ und dem einzelnen Zeichen Ereignis. Als Person eine bestimmte Identität zu haben bedeutet dann, von einem vereinheitlichenden, allgemeinem Begriff (eine Drittheit) des Lebens, hier eine Entwicklung des eigenen Lebens, zu betreiben. Seine Identität als Person zu verwirklichen heißt also, im Angesicht wechselnder Erfahrungen eine konsistente Konzeption des eigenen Lebens zu entwerfen und weiterzuentwickeln. In dieser Hinsicht, in diesem Bedingungsverhältnis zwischen der allgemeinen semiotischen Form und ihrer Instantierung ist die Erfahrung unhintergehbar.
48 Was ist die semiotische Form einer Sprache oder einer anderen Darstellung der Erfahrung? Wir benötigen zum Aufbau einer phänomenalen Sprache mindestens zwei Typen von Ausdrücken, deren Beziehung auf ihr Objekt, modern gesprochen: deren Semantik, von ihrer Verwendung abhängt.
Für diese wichtige Aufgabe hat Peirce, auch schon vor seiner phänomenologischen Wende, zwei Begriffe eingeführt. Wir benötigen einmal Ikons, Zeichen, die darstellen, dass ein Objekt diejenige von uns erfahrbare Eigenschaft hat, die sie selbst haben. Weiterhin benötigen wir Indices, also Zeichen, dir ihr Objekt im Zusammenhang der Erfahrung desjenigen lokalisieren, der das Zeichen richtig interpretiert. Da nun Indices stets auch Zeichen für Qualitäten einschließen, reicht es hin, wenn wir eine solche Phänomenologie der Sprache „indexikalisch“ nennen.
Unsere indexikalische Subsprache macht es erforderlich, da sie ein notwendiger Bestandteil jeder Sprache ist – no proposition can be expressed without the use of Indices (CP 4.544) - , dass für jede Sprache der Gegenstandsbezug zu einer Sache wird, die vom Erfahrungsbezug der Sprachverwendung abhängig ist. Der Wirklichkeitsbezug kann also nur der gesprochenen Sprache zukommen, die Zeichen enthält, welche nur durch ihre Verwendungsobjekte der Erfahrung bezeichnen:
51 Für Peirce kann es nur eine Theorie der Wirklichkeit geben, die aufbaut auf der Rekonstruktion des Wirklichkeitsbezugs von Zeichensystemen. Bestandteil, nicht Grundlage dieser Theorie ist die Konzeption des Subjekts der Erfahrung. Indem wir nach Subjektivität und Wirklichkeit fragen, betreiben wir mehr als nur Semiotik - uns interessieren die Konsequenzen der Semiotik für jede mögliche Metaphysik, die noch als allgemeine Ontologie Annahmen über eine Theorie der Darstellungen einschließt.
52 Die in der Peirceschen Metaphysik entwickelte monistische Sicht der Realität behauptet nicht nur, das Subjekt und Objekt zu einer einzigen Realität gehören, sondern auch, dass es keine genau festlegbare Grenze zwischen ihnen geben kann.
Subjekt und Objekt sind willkürliche Ausgrenzungen und gehen ganz unmittelbar und kontinuierlich ineinander über. Es gibt also keine von der Sache gebotene, inhaltliche, zeitliche oder räumliche Grenze, die nicht beliebig wäre. Dies ist zunächst eine logische, genauer: methodologische These: Baue alle Theorien so auf, dass alle Gegenstände in kontinuierlichen Zusammenhängen zueinander dargestellt werden.
Diese Methodologische These wird in der Peirceschen Metaphysik als ontologische Theorie des „Synechismus“ interpretiert: die letzte Realität alles Seins ist kontinuierlich. Doch vor der ontologischen und semiotischen Interpretation liegt, beide verbindend, die phänomenologische Variante dieser These: wir sind uns aller Objekte unmittelbar bewusst. Die Anwendung der Kontinuitätsthese auf das Verhältnis von Geist und Materie führt dazu, dass Peirce zum Begründer einer Phänomenologie in der Philosophie moderner Prägung geworden ist.
57 Als semiotisches Subjekt wollen wir ein Subjekt dann bezeichnen, wenn es als Autor oder Interpret mit Zeichen handelnd umgeht, die Gehalte seiner Erfahrung repräsentieren.
59 Will man eine Philosophie formulieren, also eine Theorie von hoher Allgemeinheit, so muss es bereits praktisch für wahr gehaltene Orientierungen, Einsichten, instinktiver Verhaltensweisen geben, die den eigenen Ausgangspunkt (state of mind) in seiner faktischen Bestimmtheit festlegen. Dass es irgendwelche gültigen Aussagen gibt, an die ich glaube, die mein Verhalten festlegen und damit meinen Standpunkt definieren, ist notwendige Bedingung dafür, dass es überhaupt zu philosophischen Einsichten kommen kann.
Boe: vgl. Wittgenstein Über Gewissheit
61 Das wissenschaftlicher Erkenntnisinteresse ist nichts anderes als das Interesse an dem Erweitern der Erfahrungen mit der eigenen Situation durch Verallgemeinerung.
So gesehen, unter dieser hypothetischen Erweiterung, wird Peirces Common-Sense-Theorie der unbezweifelbare Ausgangspunkt zum Teil einer Theorie geistiger und wissenschaftlicher Entwicklung, die weit allgemeiner ist als herkömmliche Wissenschaftstheorie. Sie würde es jedoch gleichwohl erlauben, Antworten auf wissenschaftstheoretische Fragestellungen zu formulieren.
62 Diese Theorie erlaubt es aber auch, vortheoretischen und vorbewussten Leistungen für den Prozess des Lernens von Differenzierungen zwischen epistemisch verschiedenen Ausgangspunkten eine erkenntnistheoretische Funktion zuzuschreiben. So gesehen, bedeutet Lernen stets, dass das Unbezweifelbare durch das Fallible ersetzt wird. Wenn man nun zeigen kann, dass eine erkenntnistheoretische fruchtbare Loslösung vom unbezweifelbaren, aber singulären Ausgangspunkt immer einer Erweiterung auch der Mittel der Darstellung, der Erweiterung des Zeichensystems bedarf, so sind wir an die Verbindungsstelle zwischen Subjektivität und Intersubjektivität im Zeichen gelangt. Dies wird die These sein, die wir im weiteren prüfen: Es ist das Zeichensystem, das sich entwickelt.
204 Every sign stands for an object; but it can only be a sign of that object insofar as that object is itself of the nature of a sign or thought. For the sign does not affect the object but is affected by it; so that the object must be able to convey thought, that is, must be of the nature of thought or of a sign. Every thought is a sign. CP 1.538
206 All thinking is dialogic in form. Your self of one instant appeals to your deeper self for his assent. Consequently, all thinking is conducted in signs that are mainly of the same general structure as words; those which are not so, being on the nature of those signs which we have need now and then in our converse with one another to eke out the defects of words, or symbols.
The non-symbolic thought signs are of two classes: first, pictures and diagrams or other images (I call them Icons) such as have to be used to explain the significations of words; and secondly, signs more or less analogous to symptoms (I call them Indices) of which the collateral observations, by which we know what the man is talking about, are examples. MS 200, CP 6.338
208 I hold that potentialities have a being, though they are not actual; so that in the respect, as I understand it, I am more of an evolutionist than Hegel who, I believe, does not admit this germinal being. I stand in the Aristotelian ranks here, I maintain that we directly contemplate this ideal world and when we open our eyes we perceive in the world about us that which corresponds to the freedom of the ideal world. It is true that reflection is required to enable us to recognise it, and assures us that we saw form the very first impression of sense.
235 Nietzsche: Man darf nämlich zweifeln, erstens, ob es Gegensätze überhaupt gibt, und zweitens, ob jene volkstümliche Wertschätzung und Wert-Gegensätze, auf welche die Metaphysiker ihr Siegel gedrückt haben, nicht vielleicht nur Vordergrunds-Schätzungen sind, nur vorläufige Perspektiven… Man muss noch den größten Teil des bewussten Denkens unter die Instinkttätigkeiten rechnen, und sogar im Falle des philosophischen Denkens… Friedrich Nietzsche Jenseits von Gut und Böse §2
268 Ein Zeichen kann also nur im Kontext eines Anschauungsraumes etwas darstellen, doch was dieser Kontext oder die Situation ist, wird selbst wieder durch das Zeichen vermittelt. Zeichen bestimmen Situationen, doch interpretieren wir relativ zu Ihnen ebenfalls das Zeichen als durch das Objekt bestimmt.
Peirce hat diese Beziehungen auf einen perspektivischen Kontext erst in seiner späten Zeichentheorie explizit diskutiert. Doch ist schon in der Konzeption der drei Kategorien eine derartige Ausrichtung der Zeichentheorie angelegt, da die beiden nicht rational analysierbaren Kategorien der Erstheit (oder realen Möglichkeit) und der Zweitheit (oder Existenz) auch nicht durch die Kategorie der Drittheit (oder Realität) aufgehoben oder in anderer Weise reduziert werden können.
Die Semeiosis durch die Zeichenrelationen überformt also den Bereich des qualitativ Möglichen, der seinerseits bereits durch das Existenziell-Faktische überformt wurde. Das Zugänglich- oder Handhabbar-Machen von noch unabhängigen Objekten liegt nach Peirce im Wesen des Zeichens: wir bilden durch das Zeichen eine Zugangsweise zum Objekt aus, die den Bereich physische Kausalität überformt: Zit.Peirce : Brief an Lady Welby, 12.10.1904
298 Peirce: Representation -Vorstellung
346 Finale Kausalität
Es es ist die interne, auf das Handeln angelegte Struktur unseres Denkens, welche wir als semiotische Kausalität der Zeichen beschreiben.
Die Einheit von Geist und Materie, für die Peirce in seiner Metaphysik argumentiert, hat zur methodischen Voraussetzung, dass die Metaphysik über die Prinzipien der Semiotik verfügen kann. D.h. die Metaphysik benötigt semiotische und logische Mittel, um unterschiedliche Teile der Realität unter dem finalen Gesichtspunkt ihrer Darstellbarkeit als unterschiedliche Formen eines Zeichenprozesses erklären zu können. Denn es gibt Formen finaler Kausalität, die nicht an einen menschlichen oder quasi-menschlichen Geist gebunden sind.
Diese Vorformen des Geistigen im physikalischen und biologischen Bereich sind aber trotzdem nach dem Modell der Zeichenbeziehung analysisierbar. Wenn wir diese Verallgemeinerung zu lassen, so schließt das nicht aus, dass das Paradigma finaler Kausalität für uns die Zweckorientierung in einem logischen Denken ist. Oder, wie Peirce formuliert: The mind works by final causation, and final causation is logical causation.
394 Begriff des Geistes
395 …den Begriff des Geistes semiotisch durch den dialogischen Charakter der Zeichenbeziehung zu deuten.
404 Triadismus Logik der Relationen – Phaneron
406 In der Idee der Erstheit, Zweitheit und Drittheit erscheinen die drei Elemente oder Univeralen Kategorien in ihren Formen der Erstheit. Sie erscheinen in ihrer Form der Zweitheit in den Ideen von den Tatsachen der Erstheit oder Qualia, Tatsachen der Zweitheit oder Relationen und Tatsachen der Drittheit oder Zeichen und in ihren Formen der Drittheit in den Ideen von den Zeichen der Erstheit oder Gefühlen, z. B. bei schönen Dingen, Zeichen der Zweitheit oder des Handelns, z. B. als Arten des Verhaltens und Zeichen der Drittheit oder des Denkens, zum Beispiel als Formen des Denkens Peirce 1983, S.61
409 What is reality? Perhaps there isn't any such thing at all. As I have repeatedly insisted, it is but the retroduction, a working hypothesis which we try, our one desperate forlorn hope of knowing anything...
But if there is any reality, then, so far as that is any reality, what that reality consists in his this: that there is in the being of things something which corresponds to the process of reasoning, that the world lives, and moves, and has its being in the logic of events. We all think of nature as syllogizing… I point out that Evolution wherever it takes place is one vast succession of generalisations, by which matter is becoming subjected to ever higher and higher laws.
418 Triadische Relationen: die Ontologie des Vernunftsprozesses
472 Nur aus Beschreibungen von Exemplifikationen lassen sich jene Begriffe der Erstheit, Zweitheit und Drittheit gewinnen, die üblicherweise Kategorien heißen. Die Phänomenologie ist also eine Theorie über die Produkte eines bestimmten Umgangs mit unserer Erfahrung.
473 Dem Schein ist zu glauben, wenn man keine Gründe zum Zweifel hat; die Evidenz der Beobachtung ist Ursprung aller Kategorialunterscheidungen - ja aller Philosophie.
Pape-Peirce