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Warum wählt man eine bestimmte Partei, und lässt man die anderen Links oder Rechts liegen? Ich gebe hier in aller Kürze das Ergebnis eines modellhaften, multivariaten Erklärungsversuchs wieder.
Diese Frage interessiert die Wahlforschung brennend. Anworten werden immer weniger rein beschreibend gesucht, indem man auf bewusst gegebene Statements setzt. Vielmehr ist man heute bestrebt, Modelle der Parteiwahl zu entwickeln, und diese mittels elaborierter Statistik zu test.en
Die nebenstehende Tabelle gibt die Uebersicht. Denkbare Erklärungen sind das Image der Parteikampagne (als Kommunikationsfaktor) resp. des Präsidenten (als Personenfaktor), die zugeschriebene Sachkompetenz (als Themenfaktor), die Position auf der Links/Rechts-Achse und den Wertpolaritäten als weltanschauliche Charakteristiken der Parteibindung und die Regierungsvertrauen/-misstrauen (als Indikator für Systemintegration).
Am besten erklärt werden kann so die Wahl der SVP. Der entsprechende Wert (.68) ist ausserordentlich hoch. Recht hoch ist er auch bei der SPS (.43), während er bei GPS, FDP, GLP und CVP im üblichen Bereich liegt. Klar darunter ist er bei der BDP.
Die weiteren Ergebnisse betreffen die Parteienprofile. Die SVP wird zunächst wegen ihren inhaltlichen Positionen gewählt, beschränkt wegen ihrer klaren Position rechts, dem Image von Wahlkampf und Präsident, und nur bedingt aufgrund von Werthaltungen und Systemintegration. Die relevanten Themen ihrerseits können nicht auf die Ausländerfrage reduziert werden. Diese ist zwar für die Klimabildung und Mobilisierung zentral. SVP wählt man aber wegen ihres Programms in Wirtschafts-, Umwelt- und Gesundheitsthemen. Selbstredend gilt dies auch für die Migrations- und EU-Thematik. Verstärkt wird dies durch eine klare Abgrenzung gegenüber Parteien in der Mitte, dem Bundesrat, während der eigene Wahlkampf und der eigenen Parteipräsident zur positiven Identifikation beitragen. Die einzige kleine Unklarheit besteht bei der Ökologie/Ökonomie-Thematik, die wertmässig weder in die eine noch in die andere Richtung für die Wahl der SVP mobilisiert werden kann.
Wer FDP wählt, macht das aus vergleichbaren Gründen, aber mit anderer Reihung und zum Teil mit anderen Vorzeichen. Die programmatischen Aussagen der Partei zu den Sozialwerken sind der Wählerschaft wichtig; das gilt auch für ihre wirtschaftsnahe Haltung in Umweltfragen und neu auch für die Position in Migrationsfragen. Verstärkt wird dies durch den bisherigen Auftritt im Wahlkampf und durch das Bild des Parteipräsidenten. Bei der FDP kommt eine klare wertmässige Identifikation hinzu, sei es als Partei der Eigenverantwortung, der Offenheit oder des Materialismus. Nur beschränkt einen Betrag liefern die Position auf der rechten Seite und das Vertrauen in den Bundesrat. Am überraschendsten ist das weitgehende Fehlen der Wahl wegen ihrer Wirtschaftsprogrammatik. Da zerfällt ein bisheriger Grund der FDP-Wahl zusehends.
Die höchste Identifikation mit der CVP ergibt sich aus der Beurteilung des Wahlkampfes. Wer ihn gut findet, findet auch die CVP gut. Thematisch kann sich die CVP mit der Migrationsfrage, der sozialen Sicherheit und den Umweltfragen profilieren. Zudem schafft der Präsident eine positive Identifikation. Das gilt auch für das Vertrauen in die Institutionen, namentlich den Bundesrat und für eine grundsätzlich offene Schweiz. Hier überrascht, dass die Familien- und Gesundheitsthemen, welche die Partei selber favorisiert, für die Wählerschaft kein Grund sind, die CVP zu unterstützen. Da besteht eine Nachholbedarf.
Auch bei der SP kommt der eigene Wahlkampf gut an. Zudem ergeben sich zahlreiche Übereinstimmungen mit ihren Positionen, zum Beispiel in Fragen der Ausländerthematik, des Gesundheitswesens, der sozialen Sicherheit und der Umwelt. Punkten kann die Partei bei ihrer jetzigen Wählerschaft mit einer linken Position, vertreten durch den Parteipräsidenten und einem Appell an eine solidarische Schicksalsgemeinschaft. Nicht wirksam ist ihr bisheriges Engagement in Fragen der Arbeitslosigkeit, genauso wie die EU-Position. Zudem sind weltanschauliche Identifikationen geringer als programmatische.
Einfacher ist die Erklärung der Erfolge grüner Parteien. Die GPS brilliert mit der Umweltfrage, ihrem Wahlauftritt, der linken Position und der postmaterialistischen Werthaltung. Mit anderen als ökologischen Themen kann sie aber nicht punkten. Bei der GLP findet sich das genau gleiche Profil, einzig dass die Position auf der Links/Rechts-Achse unwichtiger ist. Auch bei ihr gilt, dass die Wählenden in Wirtschafts- und Fiskalfragen anders positioniert sind als bei der GPS; für die Wahl der GLP ist das letztlich aber nicht entscheidend.
Wie gesagt, bei der BDP versagt unsere Analyseschema weitgehend – höchstwahrscheinlich auch, weil die Frage nach der Wiederwahl von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf in diesem Wahlbarometer nicht gestellt wurde.
Claude Longchamp