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15.10.2019 - Judith Stamm
15.10.2019
Judith Stamm
Senioren gehören entsorgt – nein – umsorgt
Die ersten drei Worte der Titelüberschrift finden sich auf einem Prospekt, der dem Brief für die Geldsammlung der Pro Senectute im Herbst beigelegt ist. Sie sind in weissen Grossbuchstaben auf einen dunkeln Hintergrund gedruckt.
Beim nochmaligen Hinschauen entdecke ich, dass im Wort «entsorgt» die Silbe «ent» mit einer leichten grünen Linie durchgestrichen ist. Nicht sehr energisch durchgestrichen, aber immerhin. Darunter findet sich, ebenfalls in grüner Farbe, die Korrektursilbe: «um». Der in einprägsamen Grossbuchstaben geschriebene Hauptsatz wird so in handschriftlicher Art in leichtem Grünton korrigiert: SENIOREN GEHÖREN UMSORGT.
Im dunklen Hintergrund des Bildes sehe ich eine ältere Frau, die in einem Abstellkämmerchen auf einem vermutlich ausgemusterten Stuhl sitzt. Es können noch weitere Gegenstände erkannt werden wie abgelegte Teddybären, Kleiderpakete, aussortierte Werkzeuge. Es ist eine Frau, die hier sitzt. Natürlich, es gibt ja mehr ältere Frauen als ältere Männer!
Das erste Exemplar dieses Briefes bekam ich per Post. Beim Anblick des Prospektes war ich so schockiert, dass ich ihn zerriss und wegwarf. Der Ausdruck «SENIOREN GEHÖREN ENTSORGT» versetzte mich schlagartig um Jahrzehnte zurück. Bereits als Schulkind und dann als junge Frau hatte ich von den Aktionen des dritten Reiches, der Nazizeit, gehört. Da waren auch Menschen, vor allem Behinderte, «entsorgt» worden. Das damalige Entsetzen stieg wieder auf.
Als ich ein zweites Exemplar des Briefes in Händen hielt, studierte ich ihn genauer. Man soll ja über nichts urteilen, über das man sich nicht gründlich informiert hat. Natürlich, es war ein Spendenaufruf. Pro Senectute preist sich darin an, dass sie sich mit ihren Angeboten für ein Altern in Würde einsetze, dafür aber finanzielle Mittel benötige.
Selbstverständlich machte ich mich auch im Internet kundig, was über diese Kampagne zu lesen war. Sie wurde «aufrüttelnd», «provokativ» genannt. Hier wiederum wurde im Gegensatz zur bildlichen Darstellung immer nur von «Senioren» nie von «Seniorinnen» geschrieben. Vielleicht gibt es ja in diesem Bereich eine Sprachregelung, die ich nicht mitbekommen habe: die Seniorinnen sind immer mitgemeint!
Was mir im Internet auffiel: die Botschaft wird nicht so hart wiederholt, wie sie im Ursprungsprospekt des Hilfswerkes formuliert ist. Es hiess etwa, das Sujet der Herbstsammlung laute: »Senioren gehören umsorgt, nicht entsorgt». Oder in einer etwas anderen Version: «Senioren umsorgen und nicht entsorgen».
Ich bin keine Sprachwissenschaftlerin. Aber für mein Gefühl wird die Aussage durch die Umstellung der Worte nicht besser. Die Vorstellung erschreckt mich immer noch, dass das Wort «entsorgen» so leicht in Zusammenhang mit «Senioren» gebracht werden kann. Wenn ich es etwas dramatisch ausdrücken will: das Wort «entsorgen», im Alltag häufig benützt für Glas, Papier, Metall, Grünzeug, hat in der vorliegenden Verwendung seine Unschuld verloren.
Die Kampagne soll offenbar aufrütteln, provozieren, zum Nachdenken anregen. Diese Wirkung hat sie wohl. Ob sie auch anregt, dem bekannten Hilfswerk Pro Senectute vermehrt Geld zu spenden, bleibt abzuwarten.