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«Ich habe nicht vorgehabt, in Kibera zu leben», betont Michael Nyangi. «Niemand lebt gern in einem Slum.» Schon gar nicht in Kibera. Nairobis Slums gehörten zu den am dichtesten besiedelten, gefährlichsten und ungesundesten Slums von ganz Afrika, schrieben Michelle Mulchay und Ming-Ruh Chu 2007 in einer Fallstudie zum Kibera-Slum: «Kibera hat den zweifelhaften Ruf, der Schlimmste der Schlimmen zu sein.»
Michael Nyangi war 19 Jahre alt, als er 1999 nach Nairobi kam. Er war auf der Suche nach Arbeit und hoffte, sie in der kenianischen Metropole zu finden. «Ich hatte keine Arbeit und deshalb keine andere Wahl, als in Kibera zu leben.» Drei Jahre lang schlug sich Nyangi mit Gelegenheitsjobs durch; dank der Unterstützung eines Bauunternehmers, für den er gelegentlich arbeitete, konnte er sich in dieser Zeit zum Buchhalter ausbilden.
Zweitgrösster Slum Afrikas
Kibera ist nach dem südafrikanischen Soweto der zweitgrösste Slum Afrikas. 1 bis 1,5 Millionen Menschen leben hier dicht gedrängt auf einer Fläche von 2,5 Quadratkilometern. Zum Vergleich: Das Berner Hochhausquartier Bümpliz hat rund 16000 EinwohnerInnen auf einer Fläche von 2,9 Quadratkilometern.
Nyangi ist im Westen Kenias in einem Dorf in der Nähe des Viktoriasees aufgewachsen. Dort lebte er mit seiner Mutter und fünf Geschwistern; der Vater starb, als er sechs Jahre alt war. Der Wechsel vom Land in die Grossstadt war abrupt: «Das Leben in Kibera ist hart. Es gibt kaum sanitarische Einrichtungen, kein sauberes Trinkwasser, kaum Strassen, die für Autos passierbar sind.» Abwässer und Fäkalien fliessen zwischen den Wellblechhütten durch, die hygienischen Verhältnisse im Slum sind äusserst prekär und die Gesundheitsversorgung ist völlig ungenügend.
Enorme Armut
Die Armut in Kibera ist enorm: Die meisten Menschen müssen mit einem Dollar im Tag auskommen, die Arbeitslosigkeit liegt bei 75 Prozent, fast niemand hat die Mittel, sich etwas aufzubauen. Das ist einer der Gründe, warum Nyangi 2003, nach seiner Ausbildung zum Buchhalter, die Lomoro Microfinance Organisation gründete. Er gehört zur ethnischen Gruppe der Luo, «wie der Vater von US-Präsident Barack Obama», erzählt er lachend. In seiner Sprache bedeutet Lomoro «ausgegrenzt, unterdrückt». Gegen Ausgrenzung und Unterdrückung will Nyangi ankämp-fen, indem er Kleinkredite an SlumbewohnerInnen vergibt, damit sie ein «Small Business», ein kleines Geschäft, aufziehen können, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen.
Für den ersten Kredit von 2000 Kenia-Schilling (28 Franken) hat er fast seine gesamte Barschaft eingesetzt. Mit dem Geld konnte eine Witwe mit drei Kindern einen Gemüsestand eröffnen. «Natürlich hat es sich rumgesprochen, dass da einer Geld ausleiht», erzählt Nyangi, «plötzlich kamen viele, die einen Kleinkredit wollten.» Aber dafür hatte Nyangi nicht das nötige Geld. «Deshalb habe ich angefangen, von allen, die Kredite wollten, kleine Beträge zu leihen.» Mit diesen Spareinlagen vergab er Kleinkredite an diejenigen, die am dringendsten darauf angewiesen waren. Lomoro ist eine Art Spar- und Leihkasse, Michael Nyangi wurde zum Slumbanker, der seinen KundInnen auch beibringen will, dass es Sinn macht, Geld zu sparen.
Kredit und Ausbildung
Aus den anfänglich 4 Kundinnen sind inzwischen über 500 Mitglieder geworden. Lomoro Microfinance ist eine «Community Based Organisation», eine aus den Bedürfnissen der Gemeinschaft gewachsene Organisation, geworden. Heute werden die Mitglieder in Gruppen von fünf Personen organisiert, die Geld zusammenlegen. «Die gleiche Summe, die sie zusammenbringen, erhalten sie von als Kredit», erklärt Nyangi. «Wenn eine Gruppe 20 Dollar hat, kriegt sie von uns 20 Dollar Kredit und kann mit 40 Dollar arbeiten.» Aus den Einkünften zahlt die Gruppe den Kredit plus 10 Prozent Zins zurück. Dieses Geld wird an eine neue Gruppe ausgeliehen.
Aber mit dem Geldausleihen ist es nicht getan. «Hier sind alle arm, viele haben keine gute Schulbildung gehabt», erklärt Nyangi. Deshalb bringt er den KreditnehmerInnen auch gleich bei, wie sie ihr Geschäft führen müssen. «Wer einen Kredit will, muss einen Businessplan vorlegen.» Nyangi wird bei der Ausbildung und bei der Betreuung der KundInnen von Studierenden unterstützt, die ohne Lohn arbeiten. «Wir begutachten auch den Standort des geplanten Geschäfts», betont der junge Banker. Wenn jemand eine Maisrösterei eröffnen will, darf nicht in unmittelbarer Umgebung bereits eine Rösterei stehen. «In dem Fall raten wir ihm, sich eine andere Strassenecke auszusuchen.»
Enge Betreuung
Maisrösten ist ein beliebtes «Small Business». Die meisten Lomoro-Mitglieder sind StrassenhändlerInnen, die Gemüse, Fruchtsäfte, Milch und Brot oder Mais verkaufen. Eine Gruppe von Jugendlichen stellt aus Tierknochen Schmuck her. Die gute und intensive Betreuung – die Mitglieder von Lomoro werden wöchentlich von einem Mitarbeiter besucht – zahlt sich aus. Michael Nyangi erklärt stolz, dass 98 Prozent der Kredite zurückbezahlt werden. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Mehrheit der Lomoro-Mitglieder Frauen sind: «Frauen sind zuverlässiger bei der Arbeit und beim Zurückzahlen der Kredite», weiss Nyangi. Lomoros Kleinkredite gehen zu 75 Prozent an Frauen, zu 20 Prozent an Jugendliche und nur zu 5 Prozent an Männer.
Viele Mitglieder haben es geschafft, ein rentables Geschäft aufzubauen. Einer von ihnen ist George: «Eines Morgens stand er vor meinem Büro, mit Tränen in den Augen. Er ist Waise und die Verwandten, bei denen er in Nairobi aufgewachsen ist, hatten ihn eben vor die Tür gesetzt.» Nyangi hat den damals 15-jährigen George bei einem Schneider untergebracht, der ihm das Nähen beibrachte. Mit einem Kleinkredit haben sie Stoff gekauft und die Miete für eine Nähmaschine. «Nach zwei Monaten hat er bereits so viel verdient, dass er sich eine eigene Nähmaschine kaufen konnte», berichtet Nyangi. Inzwischen hat George sein eigenes kleines Nähatelier mit vier Nähmaschinen, er bringt 15 Jugendlichen das Nähen bei und kann auch das Schulgeld für seine zwei Brüder bezahlen.
Politischer Willen fehlt
Lomoro wächst stetig. Ursprünglich nur in Kibera aktiv, vergibt die Basisorganisation inzwischen Kleinkredite in sechs grossen Slums von Nairobi. Auch die Höhe der Kredite hat zugenommen: Waren es anfänglich 2000 Kenia-Schilling (28 Franken), liegt die Kreditlimite inzwischen bei 10000 Kenia-Schilling (140 Franken). Sein winziges Büro hat Michael Nyangi immer noch im Slum, und das soll auch so bleiben: «Ich will für die Leute hier erreichbar sein.»
Für Nyangi ist klar, dass es am politischen Willen fehlt, etwas an der Situation in Kibera zu ändern. «Das Problem ist nicht, dass Kenia kein Geld hat. Das Problem ist, dass einige korrupte Politiker dieses Geld für sich abzweigen.» Deshalb, ist er überzeugt, müssen sich die SlumbewohnerInnen selbst helfen. Lomoro Microfinance soll dazu beitragen, gute Geschäftsideen der Menschen von Kibera umzusetzen. Der Slumbanker von Kibera träumt davon, aus Lomoro eines Tages eine globale Bank zu machen.
Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von September 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion