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| Augustinus (354-430) - Ausgewählte Briefe (Erster Teil)

Zweites Buch.
Briefe von Augustins Erhebung zur Bischofswürde bis zu seiner Disputation mit den Donatisten und der Entdeckung der pelagianischen Irrlehre in Afrika (396—410).
L. (Nr. 120.) An Consentius
4.
Deshalb ermahnt der Apostel Petrus, wir sollten bereit sein, jedem Antwort zu geben, der von uns Rechenschaft fordert wegen unseres Glaubens und unserer Hoffnung1. Denn wenn ein Ungläubiger von mir Rechenschaft verlangt über meinen Glauben und meine Hoffnung, und ich sehe, daß er nicht begreifen kann, bevor er nicht glaubt, so gebe ich ihm eben jene Rechenschaft, aus der er womöglich sehen kann, in wie verkehrter Weise er vor dem Glauben eine Vernunftbegründung der Dinge verlangt, die nicht begriffen werden können. Wenn aber ein bereits Gläubiger Rechenschaft fordert, um zu verstehen, so ist auf seine Fassungskraft Rücksicht zu nehmen, damit er durch die Vernunftbegründung ein möglichst großes Verständnis seines Glaubens erlange; ein größeres, wenn seine Fassungskraft größer, ein geringeres, wenn sie geringer ist, wenn er nur nicht von dem Wege des Glaubens abweicht, bis er zur Fülle der Erkenntnis und zur Vollkommenheit gelangt. Darum sagt der Apostel: „Und doch, wenn ihr in etwas anderer Ansicht seid, so wird euch Gott auch dies noch erkennen lassen; indessen lasset uns in dem wandeln, was wir bereits erreicht haben“2. Wenn wir also bereits Gläubige sind, so haben wir den Weg des Glaubens bereits erreicht, und wenn wir ihn nicht verlassen, so werden wir nicht nur zu einem so großen Verständnis der unkörperlichen und unwandelbaren Dinge gelangen, wie es in diesem Leben nicht allen zuteil werden kann, sondern wir werden auch ohne Zweifel zur Höhe der Anschauung gelangen, die nach des Apostels Worten „von Angesicht zu Angesicht“3 stattfindet. Einige gelangen zu dieser seligen Anschauung, obwohl sie auf dem Wege des Glaubens nur sehr wenig, aber mit größter Ausdauer fortschreiten. Andere aber verstehen zwar in gewisser Weise, was eine unsichtbare, unwandelbare, unkörperliche Natur ist; da sie aber den Weg, der zu einer so glückseligen Wohnstätte führt, nicht wandeln und ihnen der gekreuzigte Christus eine Torheit zu sein scheint, so können sie nicht in das innere Heiligtum dieser Ruhe gelangen, obwohl das diesem entströmende Licht mit seinen äußersten Strahlen ihre Seele schon berührt.
1: 1 Petr. 3, 15.
2: Phil. 3, 15 und 16.
3: 1 Kor. 13, 12.