Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03232.jsonl.gz/1771

«Ich möchte eine künstliche Intelligenz schaffen, die klüger ist als ich selbst (um dann in Rente zu gehen...)»
So spricht Jürgen Schmidhuber, wissenschaftlicher Leiter des IDSIA. Er ist Vorreiter im Bereich der künstlichen Intelligenz und Entwickler einer Reihe Algorithmen für die Spracherkennung, die weltweit in Milliarden mobilen Geräten verwendet werdenvon Elisa Buson
Nehmen Sie Ihr Smartphone und fragen Sie Ihren Sprachassistenten «Wer ist Jürgen Schmidhuber?»: Wenn er könnte, würde er «mein Vater» antworten, aber wahrscheinlich beschränkt er sich darauf, Sie an sein Profil auf Wikipedia zu verweisen. So werden Sie erfahren, dass dieser Vorreiter im Bereich der künstlichen Intelligenz (abgekürzt KI) Entwickler der Algorithmen für die Spracherkennung, die weltweit in Milliarden mobilen Geräten verwendet werden, im Tessin arbeitet: Er ist wissenschaftlicher Leiter am Dalle-Molle-Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz IDSIA, einer Zweigstelle der Università della Svizzera italiana (USI) und der Scuola Universitaria Professionale della Svizzera italiana (SUPSI). Wahrscheinlich werden Sie auch auf seiner persönlichen Seite auf der Webseite des Instituts landen und dort können Sie ihn nicht nur als Professor, sondern auch als Persönlichkeit kennenlernen.
Neben falschen Telefon- und Faxnummern (dargestellt als diabolische Sequenzen mit 6-mal der Nummer sechs) finden Sie auch eine E-Mail-Adresse mit dem Vermerk, Spam zu senden. Es ist also von Anfang an klar, dass er die Ironie liebt. Für alle, die ihn nicht kennen, weist Schmidhuber darauf hin, dass er seit dem Jahr 1405 im Internet zugegen ist («nach dem Moslemkalender») und er bietet sogar einen Schnellkurs in Deutsch, um die nicht ganz einfache Aussprache seines Nachnamens zu lernen («kannst Du Schwarzenegger und Schumacher und Schiffer sagen, dann auch Schmidhuber»). Neben seiner Vorliebe für Scherze (nicht den roten Knopf am Ende der Seite drücken, um Himmels Willen!) hat der Professor auch eine gute künstlerische Ader, wie seine Karikaturen zeigen.
Mit Hoffnung erfüllt uns seine Karikatur eines Roboters, der das SARS-CoV-2 Virus mit einem Tritt umkickt. Denn Schmidhuber ist wirklich überzeugt, dass uns die künstliche Intelligenz aus dieser Pandemie retten kann. «Die Coronakrise hat die weltweite Zusammenarbeit der Wissenschaft auf eine nie dagewesene Ebene gebracht – erklärt er. – Die auf neuronalen Netzen und dem Deep Learning (dem tiefen Lernen, Anm. d. Red.) basierte künstliche Intelligenz kann uns helfen, Covid-19 auf vielfache Weise zu bekämpfen. Das Grundprinzip ist einfach: Die neuronalen Netze darauf trainieren, die wiederkehrenden Elemente in den Daten über Viren und Patienten zu erkennen, um sie verwenden zu können, um die Folgen der möglichen Aktionen vorherzusagen». Die Technologie kann für das Tracking der Evolution des Virus genauso verwendet werden wie Kontakt- und Bewegungsdaten von Menschen, um den Ausbruch neuer Infektionsherde sowie die Notwendigkeit von Medikamenten und medizinischen Geräten vorherzusagen. Sie kann auch die Vitalparameter und die klinischen Untersuchungen der Personen auswerten, um die symptomfreien, aber ansteckenden Patienten und die Patienten mit dem Risiko eines schweren Verlaufs zu erkennen. Ausserdem kann sie für die Forschung bei der Entwicklung neuer Medikamente und Vakzine hilfreich sein.
Im Bereich der künstlichen Intelligenz sind die Erwartungen also sehr hoch und gehen weit über Covid-19 hinaus. Die möglichen Anwendungen dieser neuen Technologie sind nämlich noch vielfältiger und mächtiger, als wir bisher erlebt haben. «Die grössten Umsätze mit der KI werden heute in der virtuellen Welt – so Schmidhuber – durch Marketing und den Verkauf von Werbung erzielt: Das machen die Plattformen der grossen Unternehmen mit Sitz am Pazifik wie Alibaba, Amazon, Facebook, Google und Baidu, um nur einige zu nennen. Das Marketing ist allerdings nur ein kleiner Bruchteil der Weltwirtschaft. Der grösste Teil kommt vom ganzen Rest, der bald von der künstlichen Intelligenz erobert wird, genau wie im Film. Das ist die grosse Neuigkeit, die uns in Zukunft erwartet: Die künstliche Intelligenz in der physischen Welt, angewandt zum Beispiel auf Roboter und Industrieverfahren».
Wie wird sich unser Leben ändern? Fragt man Schmidhuber, sollte man sich gut anschnallen, denn man wird urplötzlich in ein Szenario am Rande zur Science Fiction katapultiert: «Vielen neugierigen künstlichen Intelligenzen, die in der Lage sind, sich selbst zu verbessern und sich eigene Ziele zu setzen (wie die, die jahrzehntelang in meinem Labor existierten) wird es schnell gelingen, sich zu perfektionieren, begrenzt allein durch die wesentlichen Grenzen der Physik und des wissenschaftlichen Rechnens». Wer fürchtet, dass die Roboter die Welt erobern könnten, der sollte wissen, dass sie sich möglicherweise nicht mit der Erde zufrieden geben. «Das All ist ein lebensfeindlicher Raum für den Menschen, nicht aber für entsprechend konzipierte Roboter – präzisiert Schmidhuber. – Ausserdem bietet es im Vergleich zu unserer dünnen Schicht der Biosphäre, die weniger als ein Milliardstel Sonnenenergie empfängt, viel mehr Ressourcen. Selbst wenn einige neugierige künstliche Intelligenzen weiterhin vom Leben fasziniert sind, zumindest bis sie es vollkommen verstanden haben, werden sich die meisten hingegen eher für die unglaublichen neuen Möglichkeiten im Weltraum interessieren. Durch unzählige Fabriken sich automatisch replizierender Roboter im Bereich der Asteroiden und darüber hinaus werden sie das Sonnensystem, dann die Galaxie und den Rest des erreichbaren Universums verändern. Trotz der Grenze der Lichtgeschwindigkeit werden die künstlichen Intelligenzen alle Zeit haben, um den Kosmos zu besiedeln und zu formen. Es ist ganz einfach: Der Grossteil von ihnen muss dorthin gehen, wo es mehr physische Ressourcen gibt, um immer grössere und immer mehr künstliche Intelligenzen zu schaffen.
Die Grundvoraussetzung für die Verwirklichung dieser Fantasie ist, dass die künstliche Intelligenz eines Tages das menschliche Gehirn überbietet. Ein Ziel, das bereits um das Jahr 2050 erreicht werden könnte nach dem sogenannten«Schmidhuberschen Gesetz», nach dem der Zeitraum zwischen einer technologischen Revolution und der nächsten exponentiell abnimmt: Das heisst, in der Computer-Wissenschaft tritt jede Innovation zweimal so schnell ein wie die zuvor.
«Seit ich 15 Jahre alt war, träume ich davon, eine künstliche Intelligenz zu schaffen, die klüger ist als ich selbst, um dann in Rente zu gehen – so Schmidhuber. – Ja, ich bin jetzt nah dran, glaube ich. Ich hoffe, das Projekt in ein paar Jahren oder Jahrzehnten abzuschliessen».
Werden Sie dabei im Tessin bleiben? «Nach den Times Higher Education World University Rankings – so Schmidhuber – ist die Schweiz in der Erforschung der künstlichen Intelligenz hinsichtlich des Pro-Kopf-Impacts immer noch führend, und ein Grossteil der modernen künstlichen Intelligenz wird ausser vom Labor der TU München von unseren Laboren im Tessin hergestellt. Also ja, die Schweiz ist immer noch ein gutes Pflaster für die Erforschung der künstlichen Intelligenz. Allerdings haben andere Länder begonnen, mehr zu investieren als die Schweiz: Mir wurde gesagt, dass Shanghai beabsichtigt, 15 Milliarden Dollar in die KI zu investieren. Die Schweiz hat eine mit Shanghai mehr oder minder vergleichbare Wirtschaft, investiert aber nur einen Teil dieser Summe».