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aus dem Kunstmuseum Hamburg
,,Stile werden ebensowenig proklamiert wie Menschenrechte.“
Paul Schmitthenner.
Um es vorweg zu nehmen: wir haben ihn nicht, den neuen Baustil! So wenig es unserer Zeit Vorbehalten blieb, aut dem Gebiete des Theaters ensemblebildend oder repertoirebildend zu wirken, ebensowenig ist es ihr gelungen, auf dem Gebiete der Architektur stilbildend zu sein.
Eine kurze Überlegung zeigt klar die Gründe auf, weshalb unserer Zeit die Bildung eines Ensembles oder Repertoires einerseits, eines Baustiles andererseits versagt bleiben mußte. Die Zeiten der Klassiker, die Zeiten der Nachklassiker waren ensemble- und repertoirebildend; die Zeiten der Gotik, der Renaissance, des Barock förderten die Bildung eines allgemein anerkannten Baustiles. Keinem Menschen fiel es ein, nach der Ursache dieser Erscheinung zu fragen. Das Ensemble, das Repertoire, der Baustil — sie waren einfach da. Ein gemeinsamer, innerer, tiefgelagerter Zusammenhang ließ rein natürlich und ohne besonderes Dazutun etwas entstehen, um das wir heute verzweifelt kämpfen müssen.
Worin bestand nun dieser gemeinsame Zusammenhang, der wie ein Rätsel erscheinen mag? Die Zeiten der Klassiker, der Nachklassiker auf der einen Seite, die Zeiten der Gotik, der Renaissance, des Barock auf der anderen waren Epochen einer geschlossenen Weltanschauung. Auf diesem glücklichen Boden erwuchsen — um bei der Architektur zu bleiben — die Stile. Stile wachsen organisch aus dem fruchtbaren Mutterboden geschlossener geistiger Epochen. Was nicht auf diesem Boden wächst, was gewaltsam zum Stil erhoben wird, erleidet dasselbe Schicksal, das die Pseudostile der letzten fünfzig Jahre erfahren haben: sie müssen sich als unechte Kinder einer als unecht erkannten Mutter verfolgen lassen, bis wieder eine starke und geschlossene Weltanschauung der neue Mutterboden für einen neuen Stil wird.
Stile werden also niemals in weltanschaulich uneinheitlichen, zerrissenen Epochen,mit anderen Worten in Übergangszeiten, geboren werden.
Wer aber wollte ernstlich bestreiten, daß die Zeit, in der wir leben, das untrügliche Bild einer Übergangszeit spiegelt! Alle Begriffe, mit denen die Hoch-Zeit eines Volkes ohne weiteres rechnen kann, sind aufgehoben, zum mindesten so erschüttert, daß sie als geistiges Gemeingut nicht in Frage kommen. Lange vor dem Kriege hat die Zersetzung unseres Volkes begonnen. Das Erlebnis des Krieges hat sie nur vollendet. Auf allen lebenswichtigen Gebieten, zu welchen die Kunst in erheblicherem Maße gezählt werden darf, als man es im allgemeinen gewohnt ist, hat das deutsche Volk — in tausend Gegensätze zerrissen — längst aufgehört, eine kulturbildende Einheit zu sein. Zu einer solchen Einheit gehört mehr, als das Danaergeschenk der „Neuen Sachlichkeit“, die sich in Zweck, Konstruktion und Material erschöpft. Nur wo sich dem Mechanisch-Zweckmäßigen der Technik das Metaphysische der Kunst zu einer Dauerehe verbindet, entsteht das, was man Stil nennt. Alles übrige ist bestenfalls Experiment, Konfektion, Mode.
Einer der bekanntesten Exponenten der modernen Bauweise, verschließt sich zwar der Meinung, daß wir es bei ihr mit einer vorübergehenden Mode zu tun haben; er ist der Ansicht, daß für die Ursprünglichkeit der Sachlichkeitsbewegung und für ihren innigen Zusammenhang mit dem Geistesleben der Zeit vor allem der Umstand ihres internationalen Charakters spreche; daß sie gleichzeitig und mit gleichgerichteten Zielen in fast allen zivilisierten Ländern aufgetreten sei, dürfe als Beweis angesehen werden, daß es sich um eine geistige Bewegung handle.
Diese Anschauung scheint uns über das Ziel hinaus zu schießen. Was gleichartig und gleichzeitig aufgetreten ist, sind doch nur die auf Grund einer überall geltenden Technik bestehenden Konstruktionsmöglichkeiten, die den Schein einer allen Völkern gemeinsamen geistigen Bewegung Vortäuschen. Wer von diesen technischen Möglichkeiten allein die Geburt eines neuen Stils erwartet, befindet sich in einem Irrtum. Wenn gewisse Baukünstler es nicht verschmäht haben, sich die neuen Konstruktionsmöglichkeiten zunutze zu machen, so haben sie ebenso klug gehandelt, wie irgend ein Arzt, der auch keinen Verrat darin sieht, wenn er das in einem anderen Lande entdeckte oder erfundene Mittel gegen irgendeine Krankheit in seinem Lande anwendet.
1. Haus am Rupenhorn in Berlin, Heerstraße. (Eine dem Deutschen wesensfremde Komposition aus Stahl und Glas)
Wie es aber von einem Arzt unverantwortlich wäre, ein Mittel auch dann noch anzuwenden, wenn es sich für ein anderes Organ als für das zu heilende als schädlich erwiesen hat, ebenso wäre es von den Baukünstlern verwerflich, eine Bauweise weiterzuführen, von der sie erkannt haben, daß sie nur eine Mode und nicht die lebendige Grundlage für einen gewachsenen Stil darstellt.
2. Hier wird man vor lauter Hygiene und Sachlichkeit zum Hypochonder
Auch ein die neue Bauweise auf ihre Vorzüge so ernst prüfender Vertreter unserer Baukunst wie Schmitthenner glaubt in der Erscheinung der internationalen Gültigkeit nicht unbedingt den Sieg des neuen Baustils erkennen zu dürfen; er ist der Überzeugung, daß es sich bei dem, was als der neue Baustil proklamiert wird, mehr um Mode, als um eine geistige Angelegenheit handelt. Wie heute die kubische Baugestaltung mit starkem Anklang an orientalische Vorbilder eine internationale Erscheinung sei, so sei auch bis vorgestern der alte Baukitsch eine internationale Erscheinung gewesen. Nichts erobere langsamer die Welt, als geistige Dinge, nichts schneller, als Modeerscheinungen.
Warum wir Deutsche keine kulturbildende Einheit mehr sind, erklärt sich daraus, daß wir nicht mehr aus dem Kern unseres Wesens leben. Diesen Gedanken vertritt der Schriftsteller Wilhelm Kotzde mit der ganzen Kraft der ihm eigenen Leidenschaft und er beantwortet die Frage nach dem Kern unseres Wesens mit den Worten:
,,Die Geschichte sagt uns, daß ein Volk, solange noch das gleiche Blut in ihm pulst, sich nicht geistig und seelisch auf eine neue Grundlage stellen kann, ohne zu verderben. Gewiß werden in einer sich verändernden Umwelt gewisse Wandlungen eintreten; aber es muß die Sorge der Führer und Gestalter sein, daß die einem Volk gewiesene Linie nicht verwirrt oder gar verwischt wird. Die notwendige Folge wäre, daß es in der Mißachtung seines Lebensgesetzes ausgelöscht würde … Ein Volk ist, an irdischem Maßstab gemessen,(kulturell) unvergänglich, solange es sein Lebensgesetz, d.h.die ihm blutsmäßig von der Geschichte vorgeschriebene Linie der Entwicklung achtet.“
3. Der Schreibtisch aus Eisenbeton. Maschinell hergestellt, entbehrt er des Persönlichen.
Mit diesen Sätzen dürfte sich der Leitgedanke des Dritten Reiches decken. Wenn wir also dem uns immanenten Lebensgesetze wieder die Achtung entgegenbringen, die wir ihm schulden, dann werden wir auch wieder eine kulturbildende Einheit sein. Dann werden die Führer und Gestalter, die unter uns leben und nur zeitweise in den Hintergrund gedrängt sind, als die wahren Hüter unseres Lebensgesetzes erkannt werden, und die Geburtsstunde eines Stiles wird nicht mehr ferne sein. Dieser Stil wird aber nichts Fremdes, nichts durch seine äußere Erscheinung verblüffend Neues sein, sondern wird, anknüpfend an die Fäden, die eine wilde Sensationslust zerrissen, zu Gestaltungsprinzipien führen, die wieder eindeutig Art und Wesen des deutschen Volkes zum Ausdruck bringen.
Wir wollen — denn das widerspräche dem Kern unseres Wesens, das auf eine gewisse Zurückhaltung abgestimmt ist — nicht in einem Glashause (Bild 1) sitzen. Die „Verbundenheit mit der Natur“ stellen wir natürlicher her, als dadurch, daß wir uns bei jeder Tätigkeit zuschauen lassen.
4. Der Stahlstuhl beleidigt unser statisches Gefühl
Wir wollen nicht in den Gemeinschaftsräumen eines „Laubenhauses” unsere kurzen Tage verbringen, denn wir können in dieser Wohnform nur einen Hotelaufenthalt und damit einen Notbehelf sehen. Wir wollen nicht zeitlebens in einem Operationszimmer (Bild 2) wohnen, das uns vor lauter Hygiene zum Hypochonder macht. Wir wollen unsere Liebesbriefe — sofern uns die Sachlichkeit überhaupt gestattet, noch solche zu schreiben — nicht an einem Schreibtisch aus Beton (Bild 3) verfassen. Wir wollen nicht auf Stahlstühlen (Bild 4) ausruhen, da wir immer noch der Meinung sind, es gebe bequemere und dem Zweck entsprechendere Sitzmöbel. Wir wollen mit einem Wort (und das braucht nicht die wirklichen Errungenschaften der Sachlichkeit auszuschließen) in unserer Wohnung uns wieder „daheim“ fühlen (Bild 5), denn dies allein entspricht dem Kern unseres Wesens.
6. „Haus Roser“ bei Stuttgart. Architekt: Prof. Paul Schmitthenner – Stuttgart
aus dem Kunstmuseum Hamburg
Text aus dem Buch: Die Architektur im Dritten Reich, Verfasser: Straub, Karl Willy
Siehe auch:
Architektur im Dritten Reich – Geleitwort
Stadtansichten:
Alte Stadtansichten der Hansestadt Bremen
Geschichte der deutschen Baukunst in Bild
Deutsche Baukunst des Mittelalters und der Renaissance in Bild
Die freie Stadt Danzig
Alte Stadtansichten Dresden Teil 1, Teil 2 und Teil 3.
Frankfurt am Main
Potsdam
Dresden im Mittelalter
Dresden im 16. JAHRHUNDERT
Dresden im 17. JAHRHUNDERT
Dresden im 18. JAHRHUNDERT
Dresden VON 1830 BIS ZUR GEGENWART
Stadt Leipzig
Alt-München in Bild