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Ein Schweizer Regisseur führt 2015 ein Casting für seinen neuen Film durch. Mehr als 300 junge Frauen, teilweise minderjährig, nehmen daran teil. Heute, sieben Jahre später, werfen einige dieser Frauen dem Regisseur und seiner Produktion sexualisierte Übergriffe am Set vor: Die Crew habe die Casting-Teilnehmer:innen vor laufender Kamera dazu genötigt, sich auszuziehen, sie bedrängt, angeschrien und an den Brüsten oder zwischen den Beinen angefasst. Abgesprochen sei dies mit den Schauspieler:innen vorher nicht gewesen.
Besonders perfid: Der heute 67-jährige Regisseur, dessen Name vorerst unbekannt bleibt, verwendete die entstandenen Aufnahmen im Anschluss für ein experimentelles Filmprojekt, das er veröffentlichen wollte. Zehn Frauen haben rechtliche Schritte gegen die zuständige Regie und die Produktion eingeleitet und klagen wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte. Im Frühling kommt der Fall in der Schweiz vor Gericht.
Die deutsche Regisseurin Alison Kuhn thematisiert den Fall in ihrem Dokumentarfilm «The Case You». Darin erzählen fünf Frauen, die am Casting teilnahmen, ihre Geschichte. Kuhns Film, der in einem Theatersaal in Berlin aufgenommen wurde, illustriert, wie Machtmissbrauch funktioniert, und lässt die Betroffenen auf eindrückliche Art erklären, welche Auswirkungen ein solcher traumatisierender Übergriff hat.
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annabelle: Alison Kuhn, Sie sprachen 2015 selbst als Schauspielerin an jenem Casting vor und sagen in «The Case You», Sie hätten die Erfahrung «jahrelang verdrängt». Warum haben Sie nun aus der Geschichte einen Dokumentarfilm gemacht?
Alison Kuhn: Bei der Regieaufnahmeprüfung an der Filmuniversität Babelsberg wurde ich von einem Mitbewerber angesprochen, der mich vom Casting wiedererkannte. Er war damals ein Mitglied des Teams. Ich habe vor versammelter Mannschaft eine Diskussion mit ihm darüber geführt, dass ich es nicht in Ordnung fand, wie das Team mit den Menschen umgegangen ist. Am Abend habe ich gemerkt, dass mich diese Erfahrung noch immer sehr bewegte und ich mich ohnmächtig fühlte. Ich beschloss, die Chance zu nutzen und einen Film daraus zu machen, wenn ich für die Ausbildung angenommen werde. Im ersten Studienjahr haben wir den Film gedreht.
Wie war die Erfahrung für Sie?
Alison Kuhn: Sehr empowering. Und absolut die richtige Entscheidung. Unser ganzes Team hat gemerkt, dass wir mit dem Film etwas Wichtiges machen. Bei diesen intensiven Dreharbeiten musste man aber auch lernen, sich abzugrenzen. Es war ganz wichtig, dass wir diesen geschützten Theaterraum hatten. Wir haben beschlossen, dass wir unsere Geschichten nur in diesem Raum teilen und nur dort drehen. Ich hatte das Gefühl, dass wir durchatmen und auch lachen und Spass haben konnten, wenn wir den Raum verliessen und die Tür hinter uns zumachten. Diese räumliche Trennung hat mir geholfen.
Aileen Lakatos, Sie erzählen in «The Case You» als eine von fünf Protagonistinnen offen vom sexualisierten Übergriff, den Sie an jenem Casting erlebt haben. Wie war es für Sie, sich in einem öffentlichen Format so verletzlich zu zeigen?
Aileen Lakatos: Als ich von Alison angefragt wurde, musste ich mir schon Gedanken machen. Ich dachte: Willst du das nochmal erzählen? Willst du, dass alles noch einmal hochkommt? Ich habe mir auch überlegt, was passiert, wenn der Film erscheint. Ich sprach viel mit meiner Familie und meinen Freund:innen darüber und bin jetzt sehr froh, dabei zu sein.
Wie haben Sie die Dreharbeiten empfunden?
Aileen Lakatos: Die fünf Tage, an denen wir gedreht haben, waren nicht immer einfach. Bei mir ist vieles hochgekommen – vor allem, wenn die anderen Frauen genau erzählt haben, was ihnen passiert ist. Ich kriegte immer einen Kloss im Hals, weil ich dachte: Das kann doch einfach nicht wahr sein. Dazu kam, dass ich mich oft fragte, ob ich alles richtig in Erinnerung habe, weil das Casting doch bereits einige Jahre her ist. Durch die anderen Frauen habe ich gemerkt, dass das alles wirklich so stimmt und ich nichts falsch im Kopf habe. Ich konnte meine Erfahrung in diesem Theatersaal in Berlin lassen, worüber ich sehr froh bin. Es fällt mir heute auch sehr viel leichter, darüber zu sprechen – vor dem Dreh war das anders.
Warum?
Aileen Lakatos: Der Dreh von «The Case You» hat eine gewisse Distanz zu der Erfahrung geschaffen. Das Schamgefühl hat nach dem Casting ein paar Jahre angehalten. Als ich gesehen habe, dass ein Film mit den Aufnahmen des Castings erscheinen soll, verspürte ich ein Ohnmachtsgefühl. Am Anfang ist es mir schwergefallen, über das Erlebte zu sprechen, aber mittlerweile hat sich das Tabu in mir gelöst. Vor allem durch die Gemeinschaft: Zu wissen, dass andere das Gleiche erlebt haben, hat enorm geholfen. Man fühlt sich nicht mehr so alleine. Wir konnten uns austauschen und gegenseitig empowern.
Alison Kuhn: Sobald man sich zusammenschliesst, ist auch die Scham weg. Und wenn die Scham weg ist, ist alles leichter. Das ist etwas, was ich auch mitgenommen habe.
In Ihrer Doku wird der Name des betreffenden Regisseurs und der Produzentin nicht genannt. Warum nicht?
Alison Kuhn: Einerseits dürfen wir die Namen aus rechtlichen Gründen nicht nennen. Andererseits haben wir uns auch früh dazu entschieden, dass wir keinen Film über diesen Täter und die Täterin machen wollen, um ihnen keine Plattform zu bieten, die sein Image als «Enfant terrible» nur noch bestärken würde. Wir wollten einen Film über die Betroffenen von Machtmissbrauch machen, was ich als Geschichte viel spannender finde. Das sind die Leute, die ein Spotlight brauchen, nicht die anderen.
Aileen Lakatos: Mir haben Schauspieler:innen von sehr ähnlichen Situationen erzählt, die ihnen passiert sind. Von den Täter:innen, die wir in «The Case You» anprangern, gibt es leider viele – nicht nur die zwei, die wir beim Casting erlebt haben. Natürlich ist mir auch wichtig, dass wir keine Täter:innen schützen. Vor uns liegen noch Verhandlungen, noch können wir nicht viel über die Klage erzählen. Wenn alles abgeschlossen ist, überlege ich mir aber sicher, ob ich Namen nennen will.
Sie sagen, dass es weit mehr Täter:innen gibt als die zwei, die Sie in der Doku beschreiben. Steht «The Case You» also als eine Art Stellvertreter-Fall für Machtmissbrauch?
Alison Kuhn: Ja, und es geht dabei nicht nur um die Filmbranche. Es ist ein Fallbeispiel für Machtmissbrauch, der in Hierarchien in sämtlichen Branchen stattfindet. Ich erhalte Nachrichten von Leuten, denen Ähnliches passiert ist, sei es am Theater, in Krankenhäusern oder an Universitäten – eben ganz oft da, wo es diese eingesessenen Hierarchien gibt. Ich finde es wichtig, den Film als Fallbeispiel für diese Strukturen zu betrachten.
Aileen Lakatos: Ich arbeite gerade als Assistant Director an einem Filmset und wir sprechen im Team auch über diese Strukturen. Wenn ich von anderen Schauspieler:innen ähnliche Geschichten wie unsere höre, die auch in der Schweiz passieren, frage ich mich, warum vieles nicht schon vorher ans Licht kam. Es ist gut, dass man heute offener über diese Missstände spricht.
Hat sich denn mit Bewegungen wie #MeToo nichts geändert?
Alison Kuhn: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube schon, dass sich mit #MeToo etwas verändert hat, etwa, dass mehr reflektiert wird und dass man mit gewissen Dingen nicht mehr einfach so davonkommt. Doch erst neulich meinte eine deutsche Schauspielerin zu mir, dass sie nicht das Gefühl habe, dass sich nach dem Aufschrei irgendwas geändert habe.
Aileen Lakatos: Am Schauspielhaus Zürich werden neu Intimacy-Coaches eingesetzt (Intimitätskoordinatoren unterstützen Schauspiel und Regie bei der Umsetzung intimer Szenen, Anm. d. Red.). Das ist zum Beispiel ein Fortschritt und ein Beruf, der unbedingt gefördert werden muss. Aber gleichzeitig wurde ich vor kurzem als Casting Assistant für einen Film von Roman Polanski angefragt, da er in der Schweiz einen Film dreht.
Wie haben Sie auf die Polanski-Anfrage reagiert?
Aileen Lakatos: Ich habe natürlich abgelehnt. Wenn das jemand machen will, ist das jedem und jeder selbst überlassen. Ich bin mit «The Case You» aber mit einem Film unterwegs, der eine bestimmte Message vertritt – dann für Polanski zu arbeiten, wäre für mich nicht richtig gewesen. So wie es in der Rückmeldung zu meiner Absage klang, haben schon einige andere Personen den Job aus diesem Grund abgelehnt.
Wie hat der Übergriff an jenem Casting damals Ihre Arbeit beeinflusst?
Alison Kuhn: Als Regisseurin hat es mein ganzes Schaffen stark geprägt. Ich habe kürzlich eine Serie abgedreht, als am letzten Drehtag ein Teammitglied auf mich zukam und meinte, er fände «The Case You» toll und glaube, dass der Film den Umgang, den ich mit meinem Team habe, sehr geprägt hätte. Das kann ich mir gut vorstellen. Ich glaube, dass man diese fehlende Augenhöhe ganz schnell reproduziert, wenn man das Gefühl hat, in dieser Regie-Position müsse man sich auf eine bestimmte dominante Art verhalten.
Aileen Lakatos: Ich arbeite heute vor allem hinter der Kamera und bin extrem auf das Thema bedacht. Wir müssen einen offenen Umgang miteinander haben. Ich frage bei den Schauspieler:innen etwa immer wieder nach, ob für sie alles stimmt, oder betone, dass sie sagen sollen, wenn dem nicht so ist. Auch die Absage für den Polanski-Film – das sind Entscheidungen, die man trifft, weil man für etwas steht. Und diese Einstellung nehme ich überall hin mit. Es ist wichtig, dass man darüber spricht und dass man auch mal Dinge ablehnt.
Der Regisseur hat die Übergriffe als Kunstwerk eingeordnet, indem er das Material veröffentlichen wollte. «The Case You» tangiert auch die Frage, wie weit Kunst gehen darf. Was ist Ihre Antwort darauf?
Alison Kuhn: Das ist für mich sehr einfach zu beantworten. Kunst kann eigentlich alles, solange es unter Einverständnis passiert. Natürlich kann man Filme zu kritischen oder sensiblen Themen drehen, solange das abgesprochen ist und alle damit einverstanden sind. Diesen ganzen Diskurs finde ich immer etwas abwegig, da gibts für mich nicht so viel zu diskutieren. Gerade wenn es um Manipulation vom Schauspielenden geht, um Kunst zu schaffen, wie beispielsweise im Film «Der letzte Tango in Paris» von 1972, in dem die Schauspielerin von der Vergewaltigungsszene überrascht wurde, spricht man den Schauspieler:innen ihr Handwerk ab. Es spricht ihnen ab, dass sie die Tools haben, solche Emotionen und Situationen herzustellen, wozu ja eine Schauspielausbildung dient. Das finde ich dreist.
Aileen Lakatos: In «The Case You» gibt es einen guten Satz: «Ich habe (vor der Kamera) nicht geweint, weil ich gespielt habe, sondern weil ich bedrängt wurde.» Es ging da nicht mehr ums Spielen und ums Handwerk, es ging um uns persönlich. Das war ich, Aileen Lakatos, die da angefasst wurde. Das war nicht abgesprochen, das war nicht gespielt und das geht nicht. Das macht mich kaputt – und das darf es auf keinen Fall.
Was wollen Sie mit «The Case You» erreichen?
Alison Kuhn: Ich wünsche mir, dass wir damit zu einer offenen, nicht schambehafteten Diskussion über solche Themen anregen. Und dass es in ein paar Jahren nicht mehr so ist, dass Schauspielende gerne darüber sprechen würden, es aber nicht tun, weil sie fürchten, keine Arbeit mehr zu haben. Ich wünsche mir aber auch, dass sich Menschen diesen Film anschauen, die selbst in Machtpositionen sitzen, und anfangen, sich selbst zu hinterfragen und vielleicht zum ersten Mal einen Perspektivwechsel erleben. Bisher waren die Rückmeldungen ausschliesslich positiv. Nach einem Screening in Bayern meinte ein älterer Herr, der nach dem Film sehr erbost war: «Wegen Frauen wie euch verlieren Männer ihre Jobs!» Aber vor allem von Regiekolleg:innen bekam ich einige schöne Reaktionen.
Welche?
Alison Kuhn: Sie schrieben mir, sie hätten den Film gesehen und würden ihre Arbeit überdenken. Nicht, weil das Menschen sind, die Missbrauch ausüben – aber es sind trotzdem Menschen in Machtpositionen. Das finde ich toll. Denn ich wünsche mir, dass Leute sich davon nicht angegriffen fühlen, sondern, dass etwas Konstruktives daraus entsteht.
«The Case You – Ein Fall Von Vielen» ist ab 19. März im Kino zu sehen. Die Persönlichkeitsrechtsklage der Schauspieler:innen kann man hier mit einer finanziellen Spende unterstützen.
Am 19. März wird «The Case You» im Kosmos in Zürich gezeigt. Die Vorstellung findet in Zusammenarbeit mit dem Verein SWAN (The Swiss Women’s Audiovisual Network) statt. Nach dem Film gibt es ein Podiumsgespräch zum Thema. SWAN stellt ausserdem seine neue Online-Plattform vor, die Betroffenen von sexualisierten Übergriffen und sexistischen Arbeitspraktiken eine Stimme geben soll: Menschen können ihre Erfahrungen anonym teilen, diese werden schliesslich bei Instagram gepostet. Mehr Infos zur Veranstaltung im Kosmos findet man hier.