Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03239.jsonl.gz/227

Das Wichtigste in Kürze
- Die Musik zu «Koyaanisquatsi» (1982) von Philip Glass schrieb Filmgeschichte. Der Film begeisterte eine Generation.
- Die Minimal-Musik von Glass passt auch zu Horrorstreifen, Literaturverfilmungen oder Sci-Fi-Filmen.
- Der 80-jährige US-Amerikaner wurde von Barack Obama persönlich für seine Arbeit geehrt.
Eine Orgel. Tiefe Lage. Eine Tonfolge wiederholt sich wieder und wieder. Darüber raunen Männerstimmen ein rätselhaftes Wort: «Koyaanisquatsi».
Dazu sehen wir prähistorische Felsmalereien – bildfüllend. Dann Schnitt, und eine Weltraumrakete löst sich in Zeitlupe von ihrer irdischen Halterung.
Flammen schieben das tonnenschwere Gerät langsam in die Höhe. Die Musik bleibt sich gleich. Unerschütterlich. Das wirkt. Das suggeriert Grösse, Kraft, Überzeitlichkeit. Der Bildschnitt springt von der Kunst unserer Urahnen ins Weltraumzeitalter, von tiefer Erdverbundenheit zum Griff des Menschen nach den Sternen. Think big!
Gute Musik, schlechter Film
Philip Glass ist ein gefragter Filmmusiker in Hollywood. Die Strukturen der von ihm massgeblich geprägten Minimal-Music eignen sich für Filme besonders gut. Sie sind unaufdringlich, in ihrer zeitlichen Ausdehnung äusserst flexibel und ziehen doch immer vorwärts, in unterschiedlichem Tempo.
Vielleicht war die letzte Produktion, an der Glass als Musiker mitwirkte, nicht die Gelungenste. Die Comic-Verfilmung «Fantastic Four», Link öffnet in einem neuen Fenster jedenfalls erhielt mehrere Goldene Himbeeren: für die schlechteste Regie, das schlechteste Drehbuch, die schlechtesten Darsteller... nicht jedoch für die Musik.
Auch zur oscarnominierten Virginia Woolf-Verfilmung «The Hours», Link öffnet in einem neuen Fenster schrieb Glass die Musik. Für Peter Weirs' «Truman Show», Link öffnet in einem neuen Fenster, für eine «Dracula», Link öffnet in einem neuen Fenster-Verfilmung oder für Martin Scorseses raunendes Tibet-Drama «Kundun», Link öffnet in einem neuen Fenster, dem ein deutscher Filmwissenschaftler einen «selten ingeniösen Soundtrack» attestierte.
Ein Film ohne Dialog
Ingeniös vielleicht nicht, aber in seiner Radikalität einzigartig ist, was Phil Glass zusammen mit dem sozial engagierten Regisseur Godfrey Reggio 1983 dem staunenden Kinopublikum vorführte.
«Koyaanisquatsi», Link öffnet in einem neuen Fenster, ein Film ohne jeden Dialog, ohne handelnde Personen. Dafür mit Wolken, die sich in Zeitlupe über Gebirgen verschieben.
Mit gewaltigen Aufnahmen vom Meer, von der Wüste, aber auch von unendlichen Menschenmengen in einer amerikanischen Grossstadt, von Autos, die wie Kinderspielzeug über Autobahnen huschen.
Und schliesslich, am Ende der 90 Minuten, noch einmal von einer Weltraumrakete, die allerdings auf ihrem Flug ins All explodiert und somit zum Mahnmal für die menschliche Hybris wird.
Wie Zigaretten auf dem Pausenhof
«Koyaanisquatsi» hat meine Generation begeistert. Traf voll den Nerv einer ökologisch denkenden und sozialkritisch sich gebärdenden Jugend.
Die Zusammensetzung des Films funktionierte und wirkte wie die ersten Lungenzüge aus unseren Zigaretten auf dem Pausenhof. Da waren die monumentalen Bilder von Bergen, Wolken, Menschenansammlungen, Autos – mal überzeitlich gedehnt, mal aus der Fernperspektive eines Gottes. Schwindelerregend.
Und da war die Musik eines Philip Glass, die all dem in bester Weise sekundiert. Die sich ins Monumentale aufblähte, die dem Wuseln mit kleinsten, schnellen Notenwerten zudiente.
Mit leichtem Beigeschmack
Eine Musik, die einen an starker Hand durch Reggios fortschrittskritischer Fantasie führte über die Zerstörungswut der Menschen («Koyaanisquatsi» bedeutet auf Hopi ungefähr «Leben aus dem Gleichgewicht»).
Eine Musik aber auch, die in ganz ähnlicher Art für einen Horrorstreifen, eine Literaturverfilmung oder einen Sci-Fi-Flop passte. Universale Musik eben. Mit leichtem Beigeschmack.