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Die untere Mühle – eine bewegte Geschichte
Aus der Geschichte der Seoner Müllerei und der Unteren Mühle
aus: Seon eine Dorfgeschichte, 1993, Seite 64/65
Die Untere Mühle in Seon wurde 1420 erstmals erwähnt. Seit spätestens 1490 bezog das Kloster Königsfelden einen Lehenzins von der Unteren Mühle. Diesen Zins hatte es bzw. die Hofmeisterei noch 1676 und 1762 inne, er betrug immer noch 5 Mütt Kernen, 3 Hühner und 60 Eier. Da es sich um ein erbliches Lehen handelte, konnte Königsfelden weder den Zins erhöhen noch weitergehende Besitzrechte geltend machen.
Die eigentlichen Besitzer gehörten bis 1600 zur bäuerlichen Oberschicht. Die Brüder Müller verkauften die Mühle vor 1590 an Oswald Hilfiker, Untervogt von Othmarsingen. Bald darauf reute ihn das Geschäft, er gab sie an Jakob Müller zurück, von dem sie an den reichen Pfarrer Gruner von Seengen gelangte. Vermutlich war er es, der das heutige Gebäude ausführen liess, am Portal des Treppenturms findet sich die Jahrzahl 1600. Von den Gruner, selbst Bernbur-gern, kam die Mühle in die Hände von Berner und Zürcher Patriziern: Vor 1640 von Landschreiber Tribolet gekauft, war sie 1667 im Besitz von Hans Friederich Kastenhofer, Mitglied des Grossen Rates von Bern. 1670 veräusserte er sie an Johann Friedrich Graviseth. In dessen Familie blieb sie längere Zeit. 1712 gelangte sie durch Heirat an Franz Schlatter von Zürich. Er wohnte in der Mühle, vermutlich liess er das Dach um- und einen Festsaal einbauen. Nach seinem Tod – das Paar hatte keine Kinder – kam die Mühle wieder an die Graviseth, bis Anna Graviseth sie 1768 dem Müller Rudolf Urech und seinem Schwager verkaufte.
Selbstverständlich betrieben diese vornehmen Herrschaften die Mühle nicht selbst, Anna Graviseth stand nicht mehlbestaubt in der Mahlstube. Die Arbeit verrichteten die Lehenmüller, ausgebildete Handwerker. Unter ihnen finden sich Einheimische wie Hans Jörg Gruner (1658ff.) und Hans Rudolf Urech (1756ff.), aber auch Fremde: Hans Horni (1721ff.) war Bürger von Leutwil; Hartmann Widmer stammte von Schafisheim, führte 1728-1746 die Seoner Mühle, 1748 aber diejenige von Niederlenz. Die Stellung der Lehenmüllers – vermutlich waren sie Pächter, nicht Angestellte – war einträglich, konnte doch Rudolf Urech die Mühle kaufen.
Das Verhältnis zwischen Müller und den Einwohnern von Seon war manchmal gespannt: 1596 verlangte Oswald Hilfiker von den Seonern, sie sollten ihr Ge-treide selbst zur Mühle bringen. Zudem sollten den Lenzburger Müllern – offenbar seine schärfste Konkurrenten – verboten sein, das Mahlgut in Seon zu holen.
Seon und die betroffenen Müller wehrten sich gegen dieses Ansinnen und er-hielten vom Berner Rat recht. Einen weiteren Versuch machte Hans Friedrich Kastenhofer, der nur einen auswärtigen Müller zugelassen sehen wollte. Auch sein Begehren wurde abgewiesen. Interessanterweise verkauften beide Besitzer kurz nach ihren Prozessniederlagen die Mühle.
Die Untere Mühle war ein ansehnlicher Betrieb. 1775 umfasste sie 3 Mahlwerke, eine Rellmühle (zum Entspelzen des Korns), eine Stampfe (wo das Getreide geschrotet werden konnte), zwei „Rybenen“ (um Hanfstenger zu quetschen für die Leinenproduktion) und eine Öltrotte. Dort wurden ölhaltige Samen (Flachs, Raps) ausgepresst. Auch ohne diese Nebenbetriebe war die Mühle verhältnismässig gross. Da das Gebäude im Wesentlichen schon 1600 errichtet wurde, dürfte die Einrichtung schon damals, etwa im späteren Umfang bestanden haben.
Die heutige grosse Mühlescheune wurde 1793 erbaut, hat aber Vorgänger gehabt, schon 1775 gehörte eine Scheune zur Mühle.
Nach einem erneuten, unvollendeten Umbau stand die Mühle seit über 20 Jahren leer und war sich selbst überlassen. Mit dem Kauf der Mühle und der Mühlescheune wurde das historisch bedeutende Ensemble wieder zusammengebracht. Nach einer intensiven und respektvollen Renovation ist die Mühle nun Mühlerama ab November 2015 wieder mit Leben erfüllt. In den oberen Stockwerken befinden sich sorgfältig renovierte, einzigartige und luxuriöse Wohnungen sowie Studios.
Im Erdgeschoss sind die Eventräume – Mühleraum, Foyer, Gewölbekeller inklusive einer modernen Cateringküche sowie eine romantische Insel und einem idyllischem Klostergarten.