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Mit 11 Minuten und 48 Sekunden braucht Otto Klemperer fast doppelt so lang wie der flinke Paul McCreesh, der dafür nur läppische 6 Minuten und 6 Sekunden benötigt. Unter 7 Minuten finden wir den brandneuen Rudolf Lutz, gefolgt von Nikolaus Harnoncourt, Stephen Cleobury, Helmuth Rilling, und um ein Haar auch die zwei Maestri Philippe Herreweghe und Ton Koopman, beide ex aequo mit 6 Minuten und 59 Sekunden. Sir John Eliot Gardiner wendete dafür bereits 7 Minuten und 1 Sekunde auf, und immer noch unter 8 Minuten folgen dicht auf ihn Sigiswald Kuijken und ausser Konkurrenz, da in englischer Übersetzung, Leonard Bernstein mit 7 Minuten und 46 Sekunden. Daran schliessen dann die Meister der 8 Minuten mit Masaaki Suzuki, Georg Christoph Biller und dem neuen René Jacobs mit 8 Minuten 31 Sekunden an. Den Schluss machen die Langsamen mit Karl Richter bei 9 Minuten 51 Sekunden und dem bereits erwähnten Otto Klemperer mit fast einem Dutzend Minuten.
Wir sind in der Karwoche und diesen Freitag gedenken die Christen der Kreuzigung Jesu. Offensichtlich geht es hier also um den Eingangschor «Kommt ihr Töchter, helft mir klagen» aus der Matthäus-Passion (BWV 244), der genialen Komposition für Doppelchor und Doppelorchester von Johann Sebastian Bach, die am Karfreitag 1727 in der Thomaskirche von Leipzig uraufgeführt wurde. Das Libretto des Dichters Picander lehnt sich an die Kapitel 26 und 27 des Matthäusevangeliums in der deutschen Übersetzung von Martin Luther an. Bach überarbeitete seine «grosse Passion» mehrere Male, die Version, die heute vorzugsweise gespielt wird, ist jene von 1736. Davon existiert ein sorgfältig ausgearbeitetes Manuskript, das als die prachtvollste Handschrift des genialen Komponisten gilt und das zugleich auf die grosse Bedeutung, welche dieses Werk für den Autoren selbst hatte, hinweist. Aber wie, wenn man schon Zugang zu diesem Originalmanuskript hat, ist es möglich, dass heute die Ausführungszeiten des schnellsten und des langsamsten Dirigenten eine zeitliche Differenz von fast 100 Prozent aufweisen?
Nun muss man wissen, dass es, auch wenn bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts Ideen für ein Pendelmetronom vorlagen, zu Bachs Epoche üblich war, dem sogenannten tactus, der sich auf den Pulsschlag stützte, zu folgen. Um die Tempi der musikalischen Ausführung zu definieren, wurde davon ausgehend ein System von Proportionen erstellt, mit dem die Idee vom «richtigem Zeitmass» entstand. Jede Epoche entwickelte so ihre eigene Vorstellung von Bachs «richtigem Zeitmass» und heute variieren die verschiedenen Interpretationen des richtigen Tempos zwischen 72 und 88 Schlägen oder 65 und 95 Schlägen pro Minute. Bis in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts neigten die Dirigenten zu langsamen Tempi, dann folgten die Barockexperten, welche die Ausführungszeiten beschleunigten, um sich von einer romantischen Tradition zu entfernen und auch die Konzeption der Chorstimmen anzupassen. Schliesslich können wir sagen, dass es nicht ein «richtiges Zeitmass» gibt, sich aber jede Zeit ihre eigenen Zeiten erschaffen hat.
[Datum der Erstausstrahlung: Radiotelevisione Svizzera RSI, Rete Due, 15. April 2014, 07:05 Uhr]