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Darf der Staat einem Unternehmen helfen, das Dividenden auszahlt? Die Frage erhitzt derzeit die Gemüter. Es ist vor allem ein moralisches Problem.
Dividende oder keine Dividende? So lautet aktuell die Hamlet-Frage in Zeiten der Coronakrise. Sie wird in den sozialen Medien hitzig diskutiert. Meist ist der Ton moralisch im Sinne von: Es kann doch nicht sein, dass die ohnehin schon reichen Aktionäre sich nun auch noch auf Staatskosten fette Dividenden auszahlen lassen, damit sie sich im Sommer auf ihren Luxusjachten im Mittelmeer vergnügen können, während der kleine Gewerbler vor der Pleite und die kleine Arbeitnehmerin vor der Entlassung steht.
Stimmt das? Zuerst eine kurze Erklärung für Dummies: Mit dem Kauf einer Aktie wird man Miteigentümer an einem Unternehmen. Man geht dabei ein Risiko ein, hat dafür im Gegenzug ein Anrecht, an einem allfälligen Gewinn beteiligt zu sein. Nach Abschluss eines Geschäftsjahres legt der Verwaltungsrat den Aktionären die Zahlen vor und schlägt vor, wieviel vom erzielten Gewinn in Form einer Dividende an die Eigentümer ausbezahlt werden soll. In der Regel wird diesem Vorschlag stattgegeben.
2019 war ein sehr gutes Jahr. Die meisten Unternehmen haben satte Gewinne erzielt, die Aktionäre freuten sich auf eine happige Dividende. Dann kam die Coronakrise. Das laufende Jahr, das prächtig begonnen hat, droht zum Desaster zu werden.
Statt Gewinne drohen massive Verluste. Um eine Massenentlassung zu verhindern, muss der Staat mit Hilfsprogrammen wie Kurzarbeiter-Entschädigung einspringen. Darf in dieser Situation das Unternehmen überhaupt Dividenden ausschütten?
Ja, sagen viele Unternehmer, denn die Dividenden seien ja ein Teil der Gewinne des letzten Geschäftsjahres und hätten daher nichts mit der Coronakrise zu tun. Die grossen Publikumsgesellschaften können auch darauf verweisen, dass institutionelle Anleger ihre wichtigsten Aktionäre seien, und dass gerade Pensionskassen und Versicherungen auf die Dividenden angewiesen seien, um ihren Verpflichtungen nachzukommen.
Diese Argumentation hätte bis weit in die Achtzigerjahre für Kopfschütteln gesorgt. Ein ordentliches Schweizer Unternehmen pflegte einst sogenannte «stille Reserven» anzulegen. Will heissen: Der Finanzchef führte de facto zwei Bücher: eines für die Aktionäre und eines fürs Finanzamt.
In der Bilanz für die Aktionäre wurden Gewinne versteckt, beispielsweise indem Immobilien und Maschinen weit unter ihrem Wert geführt wurden. Im Buch für das Finanzamt wurden diese Reserven offengelegt im Wissen, dass ein vernünftiger Steuerbeamter mehr Wert auf beständige Einkünfte legte als auf ein wildes Auf und Ab.
Was einst als Polster für schlechtere Zeiten gedacht war, kam in der Ära des Shareholder Values unter heftigen Beschuss. Stille Reserven waren fortan des Teufels, sie waren Betrug am Eigentümer. Shareholder-Aktivisten bemühten eine Metapher aus dem Sport: Unternehmen durften kein «Fett» mehr haben, sie mussten «fit getrimmt» werden, will heissen, Gewinne mussten ohne Wenn und Aber an die Aktionäre ausgeschüttet werden.
Aktive Investoren drängten daher mit Nachdruck auf Transparenz und forderten die Offenlegung aller Vermögenswerte. Wehe dem Finanzchef, der dabei ertappt wurde, etwas vor den Aktionären zu verstecken.
Gleichzeitig verloren auch die Dividenden an Bedeutung. Ihnen haftet – zumindest in den Augen der Investoren – der Makel an, dass sie versteuert werden müssen, Kapitalgewinne hingegen nicht. Daher suchten Shareholder-Aktivisten nach Tricks, wie sie dem Steueramt ein Schnippchen schlagen können.
Dabei kamen sich auf das Instrument der Aktienrückkäufe. Das heisst konkret, dass Gewinne weder reinvestiert noch ausgeschüttet, sondern für den Kauf von eigenen Aktien verwendet werden. Das treibt zur Freude der Investoren den Kurs der Aktien des eigenen Unternehmens in die Höhe, die Gewinne fallen steuerfrei an.
IT-Giganten wie Apple und Amazon haben lange gänzlich auf Dividenden verzichtet. Traditionelle Unternehmen wollten ihnen nicht nachstehen. So haben die an der US-Börse gelisteten Unternehmen in den letzten drei Jahren mehr als zwei Billionen (im deutschen Sinn) Dollar für den Rückkauf eigener Aktien verwendet. Ein besonders stossendes Beispiel sind dabei die Airlines. Sie allein haben 19 Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe verwendet – und betteln jetzt beim Staat um Unterstützung.
In den letzten drei Jahrzehnten haben die Shareholder-Aktivisten erreicht, dass die meisten Unternehmen heute tatsächlich «fit» sind, will heissen, sie haben kaum mehr Reserven für schlechte Zeiten. Die These, wonach Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden, trifft daher zu. Doch die Dividenden sind dabei höchstens in Ausnahmefällen matchentscheidend.