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Seit etwa dreissig Jahren ist die religiöse Landschaft der Schweiz plural geworden. Die orthodoxen Kirchen, die es seit dem 19. Jahrhundert in der Schweiz gibt, sind wichtige Teilchen in diesem neuen Puzzle. Ihr Wachstum wird durch die Migrationsbewegungen unterstützt, zunächst nach dem Fall des Sowjetregimes, heute aufgrund der Kriege im Nahen Osten und der politischen Spannungen in Nordostafrika. Im Jahr 2017 schätzte man die Zahl der orthodoxen Christen (aller Zugehörigkeiten) unter den 8,5 Millionen Einwohnern der Schweiz auf etwa 200 000 in mehr als 50 Pfarreien; das entspricht 2,3 Prozent der Bevölkerung.
Obwohl in sich nicht sehr zahlreich, bezieht die orthodoxe Präsenz ihre Bedeutung aus ihrer theologischen, kulturellen und künstlerischen Geschichte: Sie repräsentiert den anderen Teil der christlichen Welt neben dem Christentum westlichen Ursprungs, sei es katholisch oder reformiert.
Zahlreiche Kirchen
In der Schweiz, ebenso wie in anderen Ländern der sogenannten orthodoxen Diaspora, bleiben die Pfarreien von den Jurisdiktionen ihrer Ursprungskirche abhängig. Als 1982 die Metropolie der Schweiz (und von Liechtenstein) des Patriarchats von Konstantinopel mit Sitz in Chambésy bei Genf gegründet wurde, die immer noch die einzige orthodoxe Diözese der Schweiz darstellt, wollte der erste Metropolit Damaskinos (Papandreou) die Gesamtheit der Orthodoxen zusammenführen. Wie andernorts in der Diaspora hat sich diese Einigung nicht erfüllt.
Auch andere Jurisdiktionen haben Gemeinschaften in der Schweiz, wobei ihre Bischöfe in Nachbarländern residieren: das Moskauer Patriarchat, die orthodoxen Kirchen von Rumänien, Serbien, Antiochien und Bulgarien. Die Russische Orthodoxe Auslandskirche, seit 2007 wieder mit dem Patriarchat von Moskau verbunden, hat einen Bischof in Genf mit Jurisdiktion für Westeuropa. Mehrere orientalisch-orthodoxe Kirchen – koptischer, äthiopischer, eritreischer, armenischer, syrischer Tradition – haben sehr lebendige Gemeinschaften in der Schweiz.
Zaghafte erste Versuche
Wie in der gesamten Diaspora ist die kanonische Zerstreuung einer gemeinsamen orthodoxen Botschaft nicht förderlich. Um ein Minimum an Einheit zu sichern, wurden ab 2009 orthodoxe Bischofsversammlungen nach Ländern oder Regionen gegründet. 2010 schlossen sich die Bischöfe mit einer Verantwortung für Gemeinden in der Schweiz zur «Orthodoxen Bischofsversammlung der Schweiz» zusammen. Sie arbeitet sehr diskret, um es vorsichtig zu sagen. Im Jahr 2012 kam es zu einer ersten Begegnung mit den Mitgliedern der Schweizer Bischofskonferenz, eine weitere Begegnung soll noch in diesem Jahr folgen. Bei einigen Anlässen kommt es zu einer Begegnung von orthodoxen Christen verschiedener Jurisdiktionen: am «Sonntag der Orthodoxie» (1. Fastensonntag), bei der Wallfahrt zu den Reliquien des heiligen Mauritius oder bei einzelnen Feiern in der Kathedrale von Lausanne oder im Grossmünster von Zürich.
Sichtbare äussere Zeichen
Die russische und die griechische Gemeinschaft haben im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts typisch orthodoxe Kirchen errichtet, die jetzt Bestandteil des architektonischen Kulturgutes sind: die Kirche Kreuzerhöhung in Genf, St. Barbara in Vevey VD und St. Gerassimos in Lausanne VD. Während der letzten vierzig Jahre wurden neue orthodoxe Kirchen erbaut. Manchmal handelt es sich um Nachbildungen von Kirchen aus den Heimatländern (die rumänische Holzkirche in Genf, die griechische Kirche in Münchenstein BL, die serbische Kirche in Belp BE), oder um architektonisch und ikonografisch gewagte Bauwerke (Hl. Paulus der Völkerapostel beim Orthodoxen Zentrum in Chambésy, St. Dimitrios in Zürich). Jede dieser Kirchen bezeugt auf ihre Weise eine – manchmal unterwürfige – Treue zur orthodoxen Architektur oder aber die Fähigkeit, in neuen Formen ein beständiges Zeugnis zu vermitteln.
Viele Gemeinschaften können nicht ohne geschwisterliche Hilfe von Katholiken und Protestanten auskommen, die Gottesdiensträume für die orthodoxe Liturgie zur Verfügung stellen. Unter den jüngsten Entwicklungen kann ein sehr sprechendes Beispiel erwähnt werden: Im Frühjahr 2018 hat die Abtei Saint-Maurice die St.-Jakobus-Kapelle der russischen Gemeinschaft des Moskauer Patriarchats zur Verfügung gestellt, die kürzlich in der Region gegründet worden ist. Der Vertrag besteht auf 20 Jahre mit der Möglichkeit der Erneuerung.
Das monastische Leben, das für die orthodoxen Kirchen eine hohe Bedeutung hat, ist bei uns noch wenig präsent. Seit 1995 besteht in Dompierre VD ein Kloster, das zum Patriarchat von Moskau gehört. Seit 2013 versuchen vier Ordensschwestern und ein Mönch aus Rumänien, das orthodoxe monastische Leben im Kanton Freiburg zu verwurzeln.
«Kommt und seht»
Wie so oft in der Diaspora sind es die Pfarreien, zumindest bestimmte unter ihnen, die das orthodoxe Zeugnis in die Gesellschaft tragen. Das liturgische Leben einer Gemeinschaft ist wesentlich. «Kommt und seht!» (Joh 1,39) Wesentlich ist auch die Qualität des geschwisterlichen Lebens, indem die Gemeinde ohne Vorurteile und Bedingungen diejenigen empfängt, die zu ihr kommen, und ihre Mühen und Sorgen des Alltags teilt. Gewisse Pfarreien verstehen sich vor allem als Ort für die Gläubigen aus orthodoxen Ländern und benutzen ihre Muttersprache. Andere feiern in den Sprachen der Schweiz, da es ihnen um das Glaubenszeugnis und die Zusammengehörigkeit über kulturelle Gräben hinweg geht.
Im ökumenischen Dialog sind gewisse Pfarreien eher zurückhaltend, weil in sich verschlossen oder krampfhaft auf eine eng gefasste Idee der Orthodoxie bezogen. Andere nehmen an der Gebetswoche für die Einheit der Christen im Januar teil und sind froh, mit anderen Christen gemeinsam zu beten. Orthodoxe Vertreter wirken in den Dialogkommissionen auf kantonaler oder nationaler Ebene mit. Drei Kirchen sind im gesamtschweizerischen ökumenischen Organ der «Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen in der Schweiz» (AGCK) vertreten: die Kirchen von Konstantinopel (Schweizer Metropolie), von Serbien und Rumänien.
Das Zugehörigkeitsgefühl der orthodoxen Christen zu ihrer Kirche ist unterschiedlich. Für einige ist es ein Element ihrer nationalen Identität; andere haben einen engen Bezug zur Kirche bewahrt; andere zeigen sich in den Gemeinden zur Osternacht und bei den grossen Ereignissen ihres Lebens (Taufe, Heirat) oder … zur Beerdigung; wieder andere entdecken in der Schweiz die Spuren ihres religiösen Ursprungs durch den Kontakt mit Diasporagemeinden. Die regelmässige Sonntagspraxis der orthodoxen Christen der Schweiz scheint nicht höher zu sein als in den übrigen Kirchen oder in den Heimatländern und liegt bei 5 bis 10 Prozent.
Orthodoxe und die Gesellschaft
Orthodoxe Christen machen sich in der Gesellschaft der Schweiz wenig bemerkbar. Das erklärt sich vielleicht durch ihre gute Integration, wohl auch durch die Tatsache, dass ihr Glaube sie nicht zu ausgrenzenden äusseren Verhaltensweisen verpflichtet. Ein anderer liturgischer Kalender, ein unterschiedliches Osterdatum, eine anspruchsvolle Fastenpraxis – das erinnert daran, dass wir «in der Welt, aber nicht von der Welt» (vgl. Joh 17,11–16) sind, aber es schafft keinen Bruch zu der uns umgebenden Gesellschaft.
Dennoch wäre es wünschenswert, dass die orthodoxe Stimme öffentlich gehört wird. Selten melden sich orthodoxe Verantwortungsträger zu Wort, wenn es um Debatten über Leben und Tod, Bioethik, Ehe und Familie usw. geht. Obwohl es sich doch um Themen handelt, zu denen der orthodoxe Glaube viel beizutragen hat. Die Orthodoxie besteht nicht nur in einer schönen Liturgie, in glanzvollen Ikonen, in betörendem Gesang. Sie ist zunächst eine Lebensform, eine lebendige und reflektierte Erfahrung der menschlichen Bestimmung. Ist dieses Schweigen Ausdruck einer Scham von Christen, die sich in der Schweiz noch als Fremde fühlen? Oder das Fehlen von charismatischen Persönlichkeiten? Oder die Passivität der orthodoxen Bischofsversammlung der Schweiz? Geben und Nehmen: Der Austausch der Gaben lässt sich lernen. Man gibt nur grosszügig, wenn man gelernt hat, demütig zu empfangen. Sicherlich, der andere braucht mich. Aber der Austausch der Gaben beginnt an dem Tag, an dem ich entdeckt habe, dass der andere mir fehlt, dass ich ihn brauche, dass ich nicht Christ bin ohne ihn. Das ist eine harte Lektion, nicht nur für Orthodoxe, sondern für alle Christen, egal welcher Kirche. Manchmal macht das Empfangen mehr Freude als das Geben.
Noël Ruffieux
(Übersetzung: Barbara Hallensleben)