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Aphorismen zu Bildnissen
Wir und unser Bild
1. "Man trägt sein Gesicht wie ein Rätsel, das man nicht kennt".
2. "Wir tragen eine Maske, um unsere Ängste und Zweifel zu verbergen. Unsere Gesellschaft zwingt uns dazu. Der Fotograf hat die schwierige Aufgabe, uns zu enthüllen, was wir geheim halten wollen".
3. "Die Angst, fotografiert zu werden, gründet darin, daß wir unser Gesicht nicht wiedererkennen".
4. "Unsere Enttäuschung über unser eigenes Bild rührt daher, daß wir uns zu kennen glauben".
5. "Viele Menschen beklagen sich beim Fotografen, sie seien nicht fotogen. Für die meisten heißt das 'nicht schön sein".
6. Nichts ist so irreführend wie der Glaube, die Kamera sei ein objektives Mittel zur Wiedergabe unserer Persönlichkeit. Jeder Fotograf wird von Ihnen ein unterschiedliches Bild machen, wie zwei Maler sie eben malen, jeder auf seine eigene Weise.
7. Die Schriftsteller haben mit den Filmstars nur eins gemein, die Berühmtheit. Von den Ersten verlangt man nicht, schön zu sein, sondern intelligent auszusehen. Von den Zweiten verlangt man nur, schön zu sein. Nun erklären Sie mir, warum Schriftsteller immer wie Filmstars fotografiert werden wollen und letztere wie Schriftsteller.
8. Die Retusche ist das Mittel, die Persönlichkeit zu verdecken. Sie ist das Resultat der Ästhetik einer Klasse, die sich in der Nivellierung gefällt.
9. Der Fotograf muß in einem Gesicht lesen wie in einem Buch. Er muß auch das entschlüsseln, was zwischen den Zeilen steht.
10. Um ein guter Fotograf zu sein, muß man verstehen, die Formen und ihren Geist in Licht und Schatten zu übersetzen.
11. Die Fotografie ist eine universelle Sprache und jedem zugänglich. Die Menschen einander näher zu bringen, scheint mir eine der wertvollsten Aufgaben der Fotografie.
Freund, Giselle: Aphorismen Porträts 1908-2000