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Das «Projekt Bauhaus» bestand nur wenige Jahre, wurde aber wegen seiner Entwürfe, Modelle und Persönlichkeiten eine zentrale Stimme des europäischen Modernismus, die in die Welt ausstrahlte. So divers die Unternehmungen des Bauhauses und seiner Mitglieder gewesen sind, so einheitlich gestaltete sich das Bild, welches wir von ihm haben. Es ist ein gesamtheitlicher und umfassender Anspruch. Dieses Bild ist aber leicht schief. Der folgende Beitrag greift einige Erinnerungsfäden auf, bündelt sie und stellt eine aktuelle Ausstellung mit dem Namen «IDEAL STANDARD. Spekulationen über ein Bauhaus heute» im Zeppelin Museum in Friedrichshafen vor.
Der folgende Satz findet sich seit einigen Wochen in vielen Medien. «Das Bauhaus feiert 100-Jahre- Jubiläum.» Diese Aussage ist allerdings falsch. Es gibt viele Bauhäuser, ist die passendere Zuschreibung. Am Ende des Ersten Weltkriegs wollte die Mehrheit der Bevölkerung mit feudalistischer Folklore und Militarismus nichts mehr zu tun haben. Die Antworten auf die gesellschaftlichen Herausforderungen in dieser Zeit fielen aber sehr unterschiedlich aus. Das war im Bauhaus nicht anders.
Ein wichtiger Leiter des Bauhauses war ein Schweizer. Hannes Meyer wurde 1889 in Basel geboren und war nach Walter Gropius und vor Ludwig Mies van der Rohe von 1928 bis 1930 Leiter der Bauhausschule in Dessau. Allerdings kennt ihn, im Vergleich zu seinen Vorgängern und Nachfolgern, kaum jemand. Das ist auch kein Wunder. Walter Gropius kam aus einer grossbürgerlichen Familie. Hannes Meyer, der als Kind Jahre in einem Waisenhaus lebte und sich nach einer Maurerlehre selber fortgebildet hatte, kam aus einer anderen Welt. Meyer war ein dezidierter Linker und geriet trotzdem in eine ideologische Sandwichposition. Für ihn lautet das Motto «Volksbedarf statt Luxusbedarf». Das war auch kompatibel mit den nüchternen Stilen im Bauhaus, war aber 1930 nicht mehr tragbar. Die Nazis wurden in der Weimarer
Republik immer stärker, und viele Verantwortliche versuchten, mit einem Anpassungskurs
das Bauhaus zu retten. Meyer wurde wegen «kommunistischer Machenschaften» entlassen. Das nützte aber auch nichts mehr. Zwei Jahre später wurde das Bauhaus auf Betreiben der Nazis aufgelöst. Meyer ging mit viel Idealismus in die Sowjetunion, entkam dort aber nur knapp den stalinistischen Säuberungen. Auch in Mexiko und später in der Schweiz konnte er nicht mehr richtig Fuss fassen. Der Mann kam zwischen alle ideologischen Mühlsteine des
20. Jahrhunderts und wurde vermutlich genau aus diesem Grund völlig vergessen.
DIE VIELFALT IM BAUHAUS
Zurück zum Bauhaus der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Es war so politisch
bunt, wie die Welt damals war. Es gab lebensreformerische Strömungen, die sich im Tessin am Monte Verita sammelten und in Teilen antimodernistisch waren. Andere setzten voll auf die Moderne. Die Zeppeline waren hier die Verheissungen eines neuen Fortschritts. Und es gab das Elitenverständnis von Walter Gropius. Er träumte von einer Expertokratie mit den besten
Künstlern, Wissenschaftlern, Ingenieuren und natürlich Architekten. Für Hannes Meyer hatte die Kibbuz-Bewegung in Palästina Vorbildcharakter. Ein weiterer Weg ging direkt in den Nationalsozialismus. Als Beispiel sei hier der Gropius-Schüler Ernst Neufert, der unter Albert Speer die Bauentwurfslehre verantwortete, erwähnt. Last but not least gab es Architekten wie Ludwig Mies van der Rohe, der die gute Architektur betonte und mit Politik und gesellschaftlicher Veränderung nichts am Hut hatte.
DIE MARKE BAUHAUS
Unsere Bilder vom Bauhaus sind demgegenüber sehr klar geprägt. Wir kennen die weissen Kubus-Häuser, ob sie nun in Israel oder Indien stehen, oder den berühmten Stahlrohrsessel. Aber auch dies ist eine beschränkte Rezeptionsgeschichte. Walter Gropius konnte sich mit einer Reihe von Ausstellungen nach dem Zweiten Weltkrieg zum Herrn über die Geschichtsschreibung des Bauhauses aufschwingen. Er hat aus dem Bauhaus eine Marke geformt, die unhistorisch ist, die keine Widersprüche in sich trägt und die ein geschlossenes Bild abgibt. Die Marke Bauhaus ist wie Rockmusik im Hotelfahrstuhl. Sie wird für alles genutzt: für Politik, Tourismusindustrie und Vermarktung von Konsumgütern. Damit verliert das Bauhaus jedes kritische und widerständige Potenzial, das es einst gehabt hatte. Das geht aber nur, weil das in der Öffentlichkeit verbreitete Bauhaus-Bild verfälscht ist, weil alle Krisen, Konflikte, Widersprüche und Irrwege verschwiegen werden.
DIE FRAGE NACH DER AKTUALITÄT
Diese Geschichte muss wieder aus ihrer Zwangsjacke herausgeholt werden. Ein positives Beispiel ist die Ausstellung IDEAL STANDARD im Zeppelin Museum in Friedrichshafen. Die Ausstellung begibt sich in Spekulationen über ein Bauhaus von heute. Sie fokussiert die formale und inhaltliche Auseinandersetzung mit Ideen und Personen des Bauhauses durch fünf international renommierte Künstler / innen und Kollektive. Sie hat dabei aber nicht den Anspruch der historischen Aufarbeitung oder einer abschliessenden Bewertung. IDEAL STANDARD frägt danach, was heute Bauhaus sein könnte. Teils thesenhaft und spekulativ bringt die Ausstellung sehr heterogene Positionen zeitgenössischer Kunst in einen diskursiven
Ideenzusammenhang, der sich vom Bauhaus ableitet.
Dabei steht aber zunächst der Bezug zum eigenen historischen Rahmen und dem Bauhaus im Fokus. Der 1933 eröffnete Hafenbahnhof Friedrichshafen ist stilistisch den Bauten der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen und eines der wenigen Beispiele dieses Bautyps der Vorkriegszeit
in Baden-Württemberg. Nach seiner teilweisen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und seines Wiederaufbaus nach Originalplänen in den 50er-Jahren wurde er im Rahmen einer umfangreichen Erweiterung in den späten 80er-Jahren zum Museumsbau ausgeweitet. 1996 wurde hier das Zeppelin Museum eröffnet. Die massstabsund originalgetreue Rekonstruktion der Passagierräume der LZ 129 Hindenburg, die hier zu besuchen ist, belegt eindrucksvoll die Assimilation modernistischen Bauhausdesigns seitens der Nationalsozialisten.
Diese direkten Zusammenhänge sind für das Zeppelin Museum Friedrichshafen Anlass zur Auseinandersetzung mit dem Bauhaus in einem erweiterten Feld. Sie eröffnen eine Ausstellung, die zeitgenössische Perspektiven auf das Bauhaus und seine Ideen wirft und die strukturell an bestimmende Diskurse über die Museumsarbeit der Zukunft anknüpft.
IDEAL STANDARD verhandelt das Bauhaus als heute noch offenes Projekt, dessen utopische Konzepte weder abgeschlossen noch vollendet sind, sondern unter den Vorzeichen der Gegenwart von andauernder Relevanz. Die Ausstellung versucht, die Öffentlichkeit in einen offenen Diskurs über die dringlichen Fragen des «Bauhaus heute» zu involvieren.
REALITÄTEN ABBILDEN
Beispiel der gezeigten Werke ist Andrea Zittel. Ihre «A-Z Living Unit» stellt eine kompakte Wohnbox auf Rollen dar. Hier lässt sich eine ganze Wohneinheit samt Bett und Kochnische ausklappen. Das stellt jetzt nicht nur den nüchternen Bezug zum Bauhaus dar, sondern hat eine weitere historische Referenz: Die «Frankfurter Küche» war die erste tayloristisch organisierte Küche mit knapper Fläche, kurzen Wegen und mehr Effizienz bei den nötigen
Handgriffen. Die Effizienz der damaligen modernen Fliessbandfabrik stand Pate. Auch bei Zittel werden Minimalismus und Effizienz auf die Spitze getrieben. Die Living Units ähneln Wohnmobilen oder den heute beliebten «tiny houses». Sie sind unterschiedlich ausgestattet und beherbergen auf kleinst-denkbarem Raum alle notwendigen Elemente eines aufs Minimum reduzierten Lebens. Als autonome Lebensbiotope, portabel und individualisierbar, sind diese Wohnboxen der Beitrag der amerikanischen Künstlerin zu utopischen Lebensentwürfen in der beginnenden Globalisierung der 1990er-Jahre. Im Zuge von Zittels
Rezeption als Teil der Relational Art verstärkt auf die sozialen Konsequenzen radikaler Individualisierung beschränkt, blieben ihre formalen Referenzen an Künstler / innen
des Bauhauses lange wenig beachtet.
Erika Hock Salon Tactile setzt sich in ihrer Arbeit mit den Gestaltungsprinzipien der Moderne auseinander. Mehrheitlich architektonische Entwürfe zerlegt die Künstlerin in ihre formalen Bestandteile und entwickelt durch subtile Veränderungen des Materials minimalistisch reduzierte Skulpturen. Entscheidende Referenz in Erika Hocks Installation sind die historisch
in den Hintergrund gerückten Vertreterinnen des Bauhauses. Formal aus Ludwig Mies van der Rohes und Lilly Reichs Café Samt und Seide (1927) hergeleitet, ist die Arbeit innerhalb der Ausstellung ein durch Lesungen und Präsentationen sozial aktivierter Ort. Van der Rohes und Reichs erstes gemeinsames Projekt, der Entwurf für den Messestand des Vereins deutscher
Seidenwebereien, wird von Hock in eine permeable Landschaft aus Fadenvorhängen
übersetzt, die gleichzeitig als Ausstellungsarchitektur fungiert. Während der historische Messestand für «Die Mode der Dame in Berlin» 1927 erstmals mit van der Rohes Stahlrohrstühlen MR10 und MR20 ausgestattet wurde, bedruckt die Künstlerin in einem noch jungen technischen Verfahren Fadenvorhänge mit intensiven Farbverläufen. Durch den Einsatz
dieser ebenfalls zum Entstehungszeitpunkt neuen Technologie stellt Hock Analogien her, die einen Bogen von den Gestaltungsprinzipien zu den Produktionsweisen und Innovationsansprüchen des Bauhauses schlagen. Was hat dies nun mit der heutigen Moderne
zu tun? Die Grenzen zwischen Mobilität und Nomadentum in der aktuellen Arbeitswelt
werden immer fluider. Ein weiteres Projekt «New Eelam» treibt dieses Bild weiter. Es geht um Wohnorte, die durch ein Netzwerk von Appartements flexibel nutzbar sind. Der Durchlässigkeit der Lebens- und Arbeitsmodelle sind keine Grenzen mehr gesetzt. Das Bauhaus spiegelte die fordistische Massenproduktion wider. Heute gilt es, die Sharing-Ökonomie, den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI), die Digitalisierungswellen und
Industrie 4.0 mit hyperflexiblen und nicht gebundenen Adressen in der Architektur abbilden zu können. Hier steht die Architektur noch ganz am Anfang. Wie in den Zeiten der starren tayloristischen Fliessbandproduktion besteht die Gefahr einer direkten Umsetzung. Die standardisieren einfallslosen Wohnzellen, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren in Hochhäusern realisiert wurden, zeugen davon. Das ist das negative Erbe des Bauhaus. Positiv
dagegen ist beispielsweise die Weisse Stadt in Tel Aviv hervorzuheben.
Wenn nun das flexible Nomadentum ebenfalls fantasielos abgebildet würde, wäre das eine Wiederholung eines grossen Fehlers eines historischen Strangs aus dem Bauhaus. Zum Glück gibt es Beispiele, die hier einen kreativeren Weg gehen. Die Ausstellung belegt dies.