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Denn die Autoren verfolgen einen ungeheuer bequemen Weg: Sie erklären ausführlich (und oft auch umständlich) einfache Sachverhalte, während kompliziertere Themen ohne jegliche didaktische Anstrengung dem Leser präsentiert werden. Dabei entsteht dann auch ein seltsames Missverhältnis die einzelnen Bereiche betreffend: So werden Organigramme über ganze Seiten gezeichnet (die kein Mensch braucht bzw. sich von selbst verstehen) oder aber es wird ein Foto eines Popkonzerts abgedruckt (das „die subjektive Interpretation der Wahrnehmungsinhalte im Lichte von subjektiven Erwartungen und vergangenen Erfahrungen“ zeigen soll), während andere Ausführungen so kurz gehalten sind, dass man sie sich hätte ganz ersparen können (sie stehen auch in keinem oder nur vagen Bezug zum Text und wirken wie eine selbstgefällige Demonstration des Wissens der Autoren: Diese Rudimente über die Relativitätstheorie oder mehrwertige Logiken sind nicht mehr als – prospektiv respektheischende – Dokumentationen ihrer Kompetenz). Wer mit diesen Themen bereits vertraut ist, erfährt nichts Neues, demjenigen, dem sie unbekannt sind, bleiben sie unverständlich.
Dazu kommen inhaltliche Seltsamkeiten: So wird die Wandlung der ursprünglichen (aristotelischen) Axiome zu den von der Empirie zu bestätigenden Naturgesetzen beschrieben (denen auch nur hypothetischer Charakter zukommt). Und um dies zu unterstreichen wird Newton zitiert, der aber genau das Gegenteil sagt: „Alles nämlich, was nicht aus den Erscheinungen folgt, ist eine Hypothese und Hypothesen […] dürfen nicht in die Experimentalphysik aufgenommen werden.“ Hypotheses non fingo, für Newton waren seine Gesetze das genaue Gegenteil von Hypothesen.
Eine andere Kuriosität ist die ausführliche Behandlung der induktiven Logik (die auch noch im Abschlusskapitel Erwähnung findet, weshalb ich meine Vermutung, dass es sich bei diesem Teil um eine Art Versehen handle, revidieren musste): Die Autoren versuchen ernsthaft, diese induktive Logik auf Theorien bzw. Hypothesen anzuwenden und behaupten, „dass jede deduktive Bestätigung einer wissenschaftlichen Hypothese die Wahrscheinlichkeit der betreffenden Hypothese erhöhe“. Eine solche Wahrscheinlichkeit (lim n —> unendlich nE/n = p(E)) gilt aber selbstverständlich nur für (ideale) mathematische Wahrscheinlichkeiten mit unendlich vielen Versuchen (etwa dem Wurf eines nicht gezinkten Würfels, für den im vorliegenden Fall der Grenzwert 1/6 betragen würde), niemals aber kann diese Formel in irgendeiner Weise vernünftig auf subjektive Wahrscheinlichkeiten (und die induktive Logik operiert mit subjektiven Wahrscheinlichkeiten) angewandt werden: Die Autoren entblöden sich nicht, eine solche Formel sogar für das Wetten auf bestimmte Ereignisse anzuführen und schließen, dass sich die Wette nur lohnt, wenn … (Die Formel setze ich bewusst nicht hierher, da es völlig unklar bleibt, worin die Wette besteht, welche Alternativereignisse auftreten können etc. Wäre Derartiges möglich – der Reichtum der Autoren und der Untergang aller Wettbüros wäre gesichert.)
Dass ein solches wie immer geartetes mathematisches Formelwerk für Theorien gänzlich unbrauchbar ist (man müsste eben immer die Ausgangswerte subjektiv bestimmen) und dass noch viel weniger die Rede davon sein kann, dass die Wahrscheinlichkeit einer Hypothese sich durch welches Ereignis auch immer erhöhe (jeder auf den Kopf der Autoren fallende Apfel würde die Wahrscheinlichkeit von Newtons Gravitationstheorie – in welchem Ausmaß??? – erhöhen), liegt auf der Hand. Theorien sind nicht „wahrscheinlich“ in einem mathematischen Sinn, sie haben sich bestenfalls bewährt (oder als falsch herausgestellt). Die Ursache für diese ganzen Seltsamkeiten liegt in einer gewissen Formelverliebtheit der Autoren: Nicht merkend, dass diese längst mit dem in Frage stehenden Problem nichts zu tun haben. Die Autoren unterschlagen schlicht und einfach das Hauptproblem dieser induktiven Wahrscheinlichkeiten: Ohne die subjektive Annahme bestimmter Parameter ist hier kein Staat zu machen – worin die Crux der ganzen Angelegenheit besteht.
Im Epilog wird schließlich der methodologische Instrumentalismus von Bas van Fraassen kritisiert. Und auch hier scheinen mir die Autoren die Grundintention von van Fraassen missinterpretiert zu haben: Dieser meint, dass das Ziel der Wissenschaft nicht die Entdeckung wahrer, sondern nur empirisch adäquater Theorien ist. Nun ist diese Position tatsächlich mit dem ontologischen bzw. semantischen Realismus und dem Wahrheitskonzept (wie die Autoren ausführen) vereinbar: Jede wahre Theorie ist auch empirisch adäquat. Worum es m. E. van Fraassen ging, war, dass die Umkehrung dieses Satzes nicht gilt: Nicht jede empirisch adäquate Theorie ist auch wahr. Dadurch entledigt sich der Autor des Problems der „Wahrheitsannäherung“ bzw. der Schwierigkeit, die „Wahrheit“ (unabhängig von der zugrunde liegenden Wahrheitstheorie) zu definieren, weshalb etwa die von Keuth an Popper kritisierten Probleme mit der Korrespondenztheorie nicht auftreten (können).
Und so kann man von diesem Buch eigentlich nur abraten: Die physikalischen Versatzstücke über Galilei, Newton und Einstein findet man in jedem Physiklehrbuch klarer und anschaulicher dargestellt, nur wenige Seiten aus Stegmüllers Einführungen zu Erklärung, Begründung und Kausalität vermitteln ungleich mehr Wissen als dieses obskure Durcheinander. Zu allem Überfluss sind auch die Bibliographien zu den Kapiteln teilweise veraltet: So wird das maßgebliche Werk von Andersson zu der von Kuhn und Lakatos geäußerten Kritik an Popper nicht angeführt (es ist nach der ersten Auflage des Buches erschienen, die Bibliographie der zweiten Auflage (2005) wurde offenbar nur oberflächlich ergänzt). Als Alternative zu diesem Buch empfiehlt sich die Einführung von Gerhard Schurz (die ich allerdings nur in Auszügen gelesen habe, aber einen sehr viel kompetenteren Eindruck hinterlässt).