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Der Name Andelfingen bezeichnet heute die beiden politischen Gemeinden Gross- und Klein-Andelfingen, auf beiden Seiten des Thurüberganges gelegen, am Kreuzungspunkt des einst wichtigen Handelsweges von Schaffhausen nach Winterthur-Zürich und Oberitalien sowie von Stein am Rhein nach Baden-Genf und Lyon. Während Klein-Andelfingen immer ein bescheidenes Dorf blieb, spielte Gross-Andelfingen, kurz Andelfingen genannt, eine wesentliche Rolle in der Geschichte des Zürcher Weinlandes. In den Urkunden erscheint die Siedlung zum ersten Male im Jahre 1102 als «Andelvingon».
Andelfingen, das seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts das Marktrecht besass, beherbergte im Mittelalter eigene Edelleute. Sie sassen auf der Burg, die 1361 erstmals erwähnt wird. Aber schon 1320 war sie in den Besitz der Truchsessen von Diessenhofen gekommen und befand sich rund fünfzig Jahre später im Eigentum der Herren von Hohenlandenberg. Im Jahre 1434 zog die Stadt Zürich gegen den Willen des Pfandinhabers, Beringer von Hohenlandenberg, die Herrschaft Andelfingen um 2300 Gulden an sich. Die Limmatstadt richtete nun den Besitz als Obervogtei ein. Anfänglich war sie mit Kyburg vereinigt, doch seit 1482 amtete ein eigener Landvogt in Andelfingen. Als standesgemässer Sitz für den Landvogt eignete sich nur das Schloss. Für die neuen Bedürfnisse wurde es nun zweckmässig umgebaut und erfuhr auch später mehrmals bauliche Verbesserungen, wie E. Stauber in seiner «Geschichte der Kirchgemeinde Andelfingen» bemerkt. Bereits 1507 erfolgte «am huss und der burg zu Andelfingen» eine Restauration, die 588 Pfund (entsprach dem Wert von etwa 346 Eimern Wein) verlangte. Vierzig Jahre später wurde das Schloss weitgehend erneuert, Umbauten, die mit 929 Pfund (entsprach dem Taglohn von rund 3700 Hilfsarbeitern) verbucht sind. Es ist bekannt, dass damals der berühmte Zürcher Maler Hans Asper mit Gehilfen drei Wochen lang beim Landvogt weilte und dessen Stube ausmalte.
Im folgenden Jahrhundert, in den Jahren 1613 und 1614, entstand in Andelfingen ein neues Schloss. Während das alte Gebäude auf einem Hügel zwischen Thur und Kirche thronte, erhob sich der Neubau östlich der Pfarrkirche über dem Thurhang im heutigen Gross-Andelfingen schräg gegenüber der Brücke nach Klein-Andelfingen. Das neue Schloss mit zwei Toren, die 1620 mit dem Zürichschild bemalt wurden, enthielt neben den Wohn- und Amtsräumen des Landvogtes auch ein Zeughaus, einen Pulverturm sowie ein Archiv. Hier liess der damalige Landvogt ein «Ghalter mit 18 Schubtrucken zu des Schlosses Urbar, Briefen, Mandaten, Missiven, Bekanntnussen und anderen Schriften» anfertigen, «da es zuvor alles unterund durcheinander in einem Kasten gelegen».
Bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts erscheint die Liegenschaft in baufälligem Zustand. Das Projekt von 1765 für ein neues Schloss gelangte zwar nicht zur Ausführung, doch der immer dringender werdende Neubau veranlasste die Regierung schliesslich 1779, den bekannten Brückenund Kirchenbauer, Zimmermeister Grubenmann aus Teufen im Appenzellerland, zu einer Untersuchung beizuziehen. Sein ungünstiger Befund förderte das Bauvorhaben, und schon drei Jahre später konnte Landvogt Hans Kaspar Lavater in die neue Anlage einziehen. Es handelt sich dabei um das heute noch erhaltene Schloss, einen neun Fensterachsen langen, dreigeschossigen stolzen Baukörper. Das grosse Walmdach zeigt zahlreiche Schleppgaupen und drei zweigeschossige Kaminhüte mit kleinen Satteldächern auf dem First. Das Hauptportal an der Südseite stammt erst aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts und trägt über zwei kannelierten toskanischen Säulen einen Balkon mit schmiedeeisernem Geländer.
Die Revolution von 1798 und der Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft führten zur Aufhebung der Landvogtei. Der letzte Landvogt von Andelfingen, Ludwig Escher, durfte mit Bewilligung der Helvetischen Regierung noch bis Martini 1798 im Schlosse wohnen. Dann erfolgte die Verpachtung der Anlage an Dr. med. Mathias Escher. Für das Schloss aber brachen böse Tage herein, als im folgenden Jahr Andelfingen in die Kämpfe zwischen Franzosen und Österreichern verwickelt wurde. Durch die Beschiessung wurde der Sitz unbewohnbar, und die Gärten wurden arg verheert. An diese kriegerischen Wirren erinnert heute noch eine in die Stützmauer eingesetzte Kanonenkugel. Bessere Zeiten für die Anlage kamen, als sie nach Aufhebung der Mediationsverfassung 1816 zum Wohnsitz des Oberamtmanns wurde. Bei seinem Freunde Oberamtmann Hs. Kaspar Schweizer verbrachte "Der Landvogt von Greifensee", Salomon Landolt, einen schönen Lebensabend. Als Offizier, Landvogt, Richter und Künstler wies Landolt eine selten hohe Begabung auf, und seine witzigen Einfälle und salomonischen Urteilssprüche wurden überall erzählt und bewundert. Selbst Goethe nannte ihn das «wundersamste Menschenkind, das vielleicht nur in der Schweiz geboren und gross werden konnte». Über seinen Lebensabend im Andelfinger Schloss berichtet uns David Hess: «Der Ruhepunkt, den sich Landolt für den Abend seines Lebens bei seinem Freunde, dem Oberamtmann Schweizer, in Andelfingen ausgemittelt hatte, war in jeder Beziehung seinen Bedürfnissen angemessen. Er erhielt in dem neugebauten heitern Schlosse, das die liebliche Thurgegend beherrscht, ein Zimmer gegen Nordosten für den Sommer, ein ebenso angenehmes für den Winter gegen Südwesten. Sein Hauspatron, der ihn wie ein Sohn den verehrten Vater bei sich aufnahm und allen seinen bescheidenen Wünschen zuvorkam, war zugleich für ihn ein unterhaltender Gesellschafter, dessen Haushälterin, Sophie Meider, den liebenswürdigen Greis nicht bloss aus Pflicht, sondern mit aufrichtiger, beinahe kindlicher Anhänglichkeit pflegte. Den 23. Juni 1818 in seiner neuen Wohnung eingezogen, fand er sich daselbst so heimisch und zufrieden, zumal seine Brustbeschwerden sich über den Sommer grösstenteils wieder verloren hatten, dass er mit dem behaglichen Gefühl des Dankes bei jeder Gelegenheit zu seinem freundlichen Wirte sagte: Landvogt, es ist mir doch donnerswohl bei euch!'» Nach seinem Tode am 26. November 1818 wurde er auf dem Friedhof von Andelfingen beigesetzt an der Seite seiner Jugendfreundin Anna Kleophea, der 1787 verstorbenen Gattin des Landvogtes Junker Hans Konrad von Meiss, der Tochter des Rittmeisters Hans Konrad Bürkli von Schwandegg.
Die Regierung der Regenerationszeit fand für die ehemaligen Vogteisitze keine Verwendung: Schloss Andelfingen wurde deshalb zum Verkaufe ausgeschrieben. Als Interessent meldete sich die Gemeinde Andelfingen, die beabsichtigte, das Schloss der Bezirksbehörde zur Verfügung zu stellen. Auf ihr bescheidenes Angebot von 12500 Gulden wurde aber nicht eingegangen, und schon wenige Wochen später, am 21. April 1832, erwarb Baron Johann Heinrich von Sulzer-Wart um 18 000 Gulden das Schloss mit einigen Gütern. Die Familie von Sulzer blieb fast hundert Jahre auf der Anlage. Nach dem Tode der Anna von Sulzer versuchten die Erben von Sulzer-Wart anfänglich vergeblich, das Schlossgut zu veräussern. Weder Staat noch Gemeinde konnten sich zum Kauf entschliessen; da anerbot sich ein Andelfinger Bürger, der in Pregny-Genf lebende Alfred Baur, das Schloss und den schönen Park der Gemeinde zu schenken zum Andenken an seine Eltern. An die Schenkung knüpfte er die Bedingungen, dass der Besitz seinen Charakter beibehalten müsse, der Park nie überbaut werden dürfe und der Bevölkerung immer offen stehe. Für die Gemeinde, die das Anerbieten dankbar und freudig annahm, stellte sich aber bald das Problem der Verwendung des Herrensitzes. Erst eine beauftragte Kommission kam auf die Idee, das Schloss als Altersheim einzurichten. Der Donator unterstützte den Entschluss auch finanziell, so dass 1925 hier ein Altersheim eröffnet werden konnte. Noch heute ehrt im Schlosspark eine Tafel den grosszügigen Gönner Andelfingens: "Altersheim Andelfingen, gestiftet von Alfred und Eugénie Baur, 1923"
Von 1925 bis 1999 diente es als Altersheim. 2000 wurden Betrieb und Unterhalt aller Schlossliegenschaften samt Park der Stiftung Schloss Andelfingen übergeben. Im Schloss selbst befinden sich heute das Statthalteramt, eine Wohnung und Räume, die für Anlässe vermietet werden.
Bibliographie