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Mit dem von ihm gegründeten «Kursbuch» setzte er Themen und Massstäbe, vielseitig tätig beförderte er viele Jahre den bundesdeutschen Kulturbetrieb. Am 24. November ist Hans Magnus Enzensberger mit 93 Jahren gestorben.
Von Stefan Howald
Drei Jahrzehnte lang war er einer der prägenden deutschsprachigen Intellektuellen, anregend, scharfzüngig und umtriebig. Als Essayist und Herausgeber, als Lyriker und Übersetzer hinterlässt er vielfältige Spuren und ein kaum zu überblickendes Gesamtwerk.
Mit Jahrgang 1929 gehörte Hans Magnus Enzensberger noch der Generation an, die das Nazi-Regime und den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatte, mit fünfzehn Jahren war er als Flakhelfer eingezogen worden. Nach dem Krieg studierte er Germanistik, danach wurde Alfred Andersch, wie für viele andere, sein erster Förderer beim Süddeutschen Rundfunk.
In der Öffentlichkeit trat Enzensberger zuerst als Lyriker auf. Der Gedichtband «verteidigung der wölfe» demonstrierte eine neue Sachlichkeit, trat in einer entschlackten Sprache gegen die versumpften Fünfzigerjahre und die Adenauer-Republik an. «landessprache» (1960) und «blindenschrift» (1964) verschärften die Kritik an Deutschland, «dem unheilig Herz der Völker», wo es in der einsetzenden Nachkriegskonjunktur «aufwärts geht, aber nicht vorwärts». Neben den eigenen Gedichtbänden schloss er mit der von ihm verantworteten Gedichtsammlung «Museum der modernen Poesie» (1960) die deutsche Literatur an die europäische Moderne an.
Die Story als Konsumgut
Fast gleichzeitig erschienen die ersten Essays, so 1957 «Die Sprache des Spiegel». Den damals zum Leitmedium aufgestiegenen «Spiegel» wegen seiner Haltung zu kritisieren, sei hilflos, da dieser gar keine Haltung habe, erklärte er. Kritik müsse sich vielmehr auf dessen sprachliche, ideologische Mechanismen konzentrieren. Ebenso präzise wie boshaft entlarvend und unterhaltsam arbeitete er diese heraus: Jargon, verstecktes Vorurteil und angestrengte Humorigkeit, ein ahistorisches Denken, das Sachverhalte erst als existent erkläre, wenn sie im Magazin vorkämen, ein Voyeurismus durch angeblich exklusive Enthüllungen, insgesamt: die Story als reines Konsumgut. Das liest sich, 65 Jahre später, erstaunlich aktuell.
Überhaupt waren Enzensbergers frühe sprachkritische Analysen von Tageszeitungen, Wochenschau, Versandkataloge äusserst anschaulich. Man kann darin ein Parallelprogramm zu Roland Barthes «Mythen des Alltags» von 1957 sehen, bevor diese noch ins Deutsche übersetzt waren. Adorno/Horkheimers Analysen der Kulturindustrie in der «Dialektik der Aufklärung» wurden leichtfüssig aktualisiert. Dabei setzte sich Enzensberger maliziös von seinen Vorgängern ab, die sich mit dem Begriff der Kulturindustrie in den hehren Kulturbereich hätten abdrängen lassen. Dagegen schuf er den weiter ausgreifenden Begriff «Bewusstseins-Industrie», der durchaus bahnbrechend wirkte. Für einen kurzen Moment glaubte er, 1970, noch oder wieder an das emanzipatorische Potential der damals verhältnismässig neuen elektronischen Medien Radio und Fernsehen. Im «Baukasten zu einer Theorie der Medien» versprach er sich – im Anschluss an die kritische Radiotheorie von Bertolt Brecht und anderen aus den zwanziger Jahren – angesichts der aufgehobenen Trennung von Sender und Empfänger durch die Medien eine «massenhafte Teilnahme an einem gesellschaftlichen Umwälzungsprozess».
Auf Kurs
Im ersten Gedichtband hatte Enzensberger «ins lesebuch für die oberstufe» gefordert: «lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne: / sie sind genauer». Man kann darin die «Sprache des HM Enzensberger» aufspüren: provokativ, lakonisch, in einem aufklärerischen Fortschrittsglauben, den er zugleich ein wenig spöttisch ausstellt, und in der Eingängigkeit wohl auch im Hinblick auf einen Einschluss in ein modernisiertes Lesebuch komponiert. 1965 lancierte er, zusammen mit Karl Markus Michel, den eigenen Fahrplan: das Magazin «Kursbuch». Dessen Einfluss lässt sich kaum überschätzen. Hier wurden, mit vier Ausgaben pro Jahr, alle Themen vor und nach 68 behandelt: Vietnam, Kulturrevolution, Psychiatrie, Antiimperialismus, Formen des Politischen und der politischen Gewalt, deutsche Notstandsgesetze, Sexualpolitik. Anders als in dem noch etwas früher gegründeten «Argument», das ähnliche Themen stärker wissenschaftlich und mitten im linken Parteiengetümmel verhandelte, legte Enzensberger fürs «Kursbuch» Wert auf essayistische, offenere Ansätze und eine reizvolle Sprache.
Zuvor hatte er selber Beispiele für solche politische Essays vorgelegt. Der Band «Politik und Verbrechen» von 1964 versammelte neun Studien, vom dominikanischen Diktator Rafael Trujillo über die Mafia bis zu russischen Anarchisten, kenntnisreich, thesenartig zugespitzt, auch ein wenig sarkastisch. Als Enzensberger das Buch 1966 unter dem Titel «Politische Kolportagen» neu auflegte, schien das eine gewisse Distanzierung auch von seinem eigenen Anspruch der Verallgemeinerung zu bedeuten. Aber darauf liess er sich nicht festmachen, im Gegenteil. Die Jahre 1968/69 bedeuteten wieder eine stärkere Politisierung.
Peter Weiss und Konsorten
Eingeschrieben in diese Jahre war ein Disput mit dem schwedisch-deutschen Schriftsteller Peter Weiss (1916-1982), der symptomatisch für die zeitgenössische Debatte um die Politisierung der Literatur stehen mag. In der Nummer 2 des «Kursbuchs» hatte Enzensberger 1965 unter dem Titel «Europäische Peripherie» das Verhältnis von westlichen Intellektuellen zur dritten Welt abgehandelt und eine grundsätzliche Unvereinbarkeit festgestellt. Wahrend die Stellungsnahmen von Wortführern der dritten Welt für westliche Ohren «fadenscheinig und verbraucht», «antiquiert und unglaubhaft» klängen, vermöchten sich, umgekehrt, Angehörige der reichen Welt nicht «in die Lage eines schwarzen Grubenarbeiters, eines asiatischen Reisbauern oder eines peruanischen Indios zu versetzen». Im April 1966 nahmen Enzensberger wie Weiss während der Tagung der Gruppe 47 in Princeton an einer Veranstaltung der US-Linken teil, was etwa von Günter Grass abfällig kommentiert wurde. Dabei hielt Peter Weiss seinen Vortrag «I Come Out of My Hiding Place», in dem begründete, warum man sich in der gegenwärtigen Situation für den Sozialismus entscheiden müsse. Dieser Positionsbezug schien Enzensberger nicht überzeugt zu haben, im Gegenteil. Jedenfalls kam es ein paar Monate später, im Juli 1966, in der Nummer 6 des «Kursbuchs» zu einem heftigem Schlagabtausch. Peter Weiss kritisierte Enzensbergers Diktum aus der Nummer 2, wonach jede Solidarität westlicher Intellektueller etwa mit antikolonialen Befreiungsbewegungen unaufrichtig sei: Schliesslich gehe es nicht um Einfühlung, sondern um «die Fähigkeit, die Anlässe zu ergründen, die zu diesen Situationen führen». Auch wandte er sich gegen die von Enzensberger vertretene Dichotomie zwischen armen und reichen Ländern, da doch die Klassenspaltung auch in den Ländern des Zentrums weiter gehe und nach wie vor «der Gegensatz einer kapitalistischen und sozialistischen Welt brauchbarer» sei. Er präsentierte beispielhaft einige Fakten und Zahlen zum Wirken des westlichen Imperialismus in der Dritten Welt und forderte, die Intellektuellen müssten endlich «Farbe bekennen».
Enzensberger behielt als Herausgeber das letzte Wort und kanzelte Weiss geradezu höhnisch ab. Weiss ersetze Analyse durch Glaubensbekenntnisse: «Er hat weder ein Programm vorzuschlagen noch eine Strategie.» Als schlechter Idealist verfälsche er die Wirklichkeit, da er etwa den sino-sowjetischen Gegensatz unterschlage. Schliesslich zeuge dieser Verbalradikalismus von Doppelmoral und Heuchelei, denn auch Peter Weiss und Konsorten führten keinen gefährlichen Klassenkampf unter Einsatz des eigenen Lebens, sondern begnügten sich mit ein paar Aufsätzen und Interviews aus der sicheren Stube. Und er schloss emphatisch: «Bekenntnissen ziehe ich Argumente vor. Zweifel sind mir lieber als Sentiments. Revolutionäres Geschwätz ist mir verhasst. Widerspruchsfreie Weltbilder brauche ich nicht. Im Zweifelsfall entscheidet die Wirklichkeit.»
Enzensberger konnte ein paar billige Punkte buchen, da Weissens Terminologie zuweilen hohl und abstrakt tönte und seine Beschreibung des «sozialistischen Lagers» nicht eben differenziert ausfiel. Dass Weiss mit seinen Fakten nichts Neues liefere, war allerdings eine schnöde und selbstgefällige Behauptung. Tendenziös war vor allem der Vorwurf an Weiss, dieser kämpfe nicht mit der Waffe in der Hand, sondern nur mit Worten – als ob Weiss je etwas anderes behautet hätte und ob es nicht genau darum gehe, welches denn der Beitrag von westlichen Intellektuellen sein könnte. Jedenfalls äusserte sich in der Kontroverse der regelmässig aufbrechende und aktualisierte Konflikt innerhalb der Linken zwischen Solidarität und Zweifel, zwischen Engagement und Distanz.
Die Positionen schienen unversöhnlich, der Bruch endgültig. Aber dann liess Enzensberger Heft 11 des «Kursbuchs» mit einem aus dem Schwedischen übersetzten Text von Peter Weiss zum Tod von Che Guevara eröffnen. Kurz darauf reiste Enzensberger selbst in die Dritte Welt und lebte längere Zeit in Kuba. Zurückgekehrt, 1970 veröffentlichte er einen Sammelband «Freisprüche», in dem er Revolutionäre vor Gericht auftreten liess, wobei er den Band schon mit dem Titel unter das Motto stellte, revolutionäre Taten entzögen sich der zeitgenössischen Kritik der Herrschenden und würden, wie es einst Fidel Castro formuliert hatte, einzig von der Geschichte beurteilt werden. Erstmals versuchte er sich mit «Das Verhör von Habana» (1971) auch an einem Theaterstück, das, durchaus in Anlehnung auch an Werke von Peter Weiss, starke dokumentarische Anteile enthielt. Eine Beschäftigung mit dem Anarchismus führte zudem zur literarischen Rekonstruktion «Der kurze Sommer der Anarchie. Buenaventura Durrutis Leben und Tod» (1972), in der neben dem Dokumentarischen die Frage nach den konstruierten Bildern eines linken Märtyrers in den Vordergrund trat.
Fortschrittsskepsis
Das «Kursbuch» geriet ihm als Herausgeber mit der Zeit ein wenig aus dem Blick und konnte ihm nicht mehr als Fahrplan dienen. Der Gedichtband «Mausoleum» von 1975 zeigte Fortschrittsskepsis an. In 37 Balladen porträtierte er – mit kaum einer Frau in Sicht – Wissenschaftler, Techniker, Künstler aus der «Geschichte des Fortschritts». 1978 war ihm im Langgedicht «Untergang der Titanic» der Fortschritt noch brüchiger geworden. So gründete er 1980 zusammen mit dem ehemaligen Studentenführer Gaston Salvatore die Zeitschrift «TransAtlantik». Während die internationale Ausrichtung noch einiges Verdienst hatte, wurde die Kultur wieder entpolitisiert und zuweilen geschmäcklerisch als reines Bildungsgut gefeiert. Nach zwei Jahren schied Enzensberger im Streit mit dem Verlag, der eine weitere Kommerzialisierung verlangte. Seinen «Lieblingsflop» hat er das später etwas kokett genannt.
Die Essays aus den Achtzigerjahren zur bundesdeutschen Wirklichkeit bündelte er unter dem Titel «Mittelmass und Wahn». Darin beschrieb er die neue Normalität Westdeutschlands mit scharfem Blick, aber auch in widerwilliger Anerkennung, und er distanzierte sich von einer als Ritual abqualifizierten generellen Gesellschaftskritik. Zugleich richtete sich sein Interesse, mit gutem Gespür, auf Zentral- und Osteuropa; der Band «Ach Europa» versammelte 1987 «Wahrnehmungen aus sieben Ländern». Aber der Epochenumbruch von 1989 traf auch ihn weitgehend unerwartet. Seine aparten Reiseberichte erwiesen sich in manchem als Makulatur. Persönlich und öffentlich wurde der erste Golfkrieg 1991 zu einer Wegscheide. In einem Essay bezeichnete er Saddam Hussein als «Hitlers Wiedergänger». Seine frühere Differenziertheit hatte sich zu einen unbrauchbaren Vergleich unterschiedlicher Diktaturen verfestigt, und er unterstützte vorbehaltlos den US-Einmarsch in den Irak.
Eine andere Bibliothek
Vielleicht war das ihm am meisten gemässe Projekt «Die Andere Bibliothek», die Enzensberger 1985 zusammen mit dem Schriftsetzer Franz Greno gründete und bis 2004 herausgab. Diese Bibliothek bestand aus wunderbar gestalteten bibliophilen Bänden, im Abonnement zu beziehen, mit Sachbüchern und Literatur, bekannten und vergessenen Klassikern, Geheimtipps und Ausgrabungen sowie neuen AutorInnen wie Christoph Ransmayr und Irene Dische, Ralf Vollmann und Raoul Schrott. Es bleibt im Rückblick eine eindrückliche Schatzkammer, bestückt durch Enzensbergers Neugier, sein ästhetisches Sensorium und seinen eklektischen Spürsinn.
In all den Jahren hat Hans Magnus Enzensberger rund drei Dutzend Übersetzungen aus dem Spanischen und Französischen, auch aus dem Griechischen verfertigt, aus dem Fundus einer lateinamerikanischen, US-amerikanischen und europäischen Moderne, von Pablo Neruda über William Carlos Williams bis zu Lars Gustafsson. Wohl noch mehr Bücher hat er als Herausgeber betreut, mit Vor- und Nachworten versehen. Eine seiner immer wieder aufgegriffenen Lieblingsfiguren war der französische Aufklärer Denis Diderot (1713-1784). Ihn verstand Enzensberger als einen der ersten Intellektuellen, der sich auf dem neu entstandenen Markt einer aufgeklärten bürgerlichen Öffentlichkeit behaupten musste, unermüdlich tätig, sich einer Vielfalt von Genres bedienend, so wie es Enzensberger selber tat. Tatsächlich, seine Vielfältigkeit und Flexibilität waren Stärke und Schwäche zugleich. «In der Schwebe» hat er eine Abteilung in einem Gedichtband überschrieben, wobei sich diese schwebende Leichtigkeit zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich stark verortete.
Nach 1991 wurde er erneut zum gefragten Essayisten, auch im «Spiegel», den er einst so gnadenlos vorgeführt hatte, mit zunehmend kulturkritischen, konservativen Positionen, etwa zu Migration und Asylpolitik, selbst zur neuen Sprachreform, die er ablehnte. Doch seine Meinungsmacht nahm ab, von anderen lauteren oder prononcierteren Stimmen übertroffen. Vermehrt wandte er sich wieder der Lyrik zu, schrieb weiterhin elegant, formvollendet, zuweilen nostalgisch an die frühen Gedichte erinnernd. Schon 1961 hatte er im Band «Allerleirauh» Reime, Gedichte und Lieder für Kinder versammelt, die über das Herkömmliche und Beschauliche hinausgingen und an Phantasie ebenso wie eigenes Denkvermögen der Kinder appellierten. 1997 wurde ein Kinderbuch zu einem seiner grössten Erfolge: «Der Zahlenteufel. Ein Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor der Mathematik haben». Es lässt sich als eine Anleitung zu aufgeklärtem naturwissenschaftlichen Denken sehen, wobei sich der Autor für einmal nicht mehr mit Politischem abmühen muss.
Am 24. November ist Hans Magnus Enzensberger, 93-jährig, gestorben, als Repräsentant einer Epoche, die längst vergangen aber noch nicht eingelöst ist.
Dies ist die stark erweiterte Version eines Nachrufs, der in der WOZ Nr. 48 vom 1. Dezember 2022 erschien.