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Was Demokraten von Tieren lernen können
Medien Was Demokraten von Tieren lernen können
Der Unterschied zwischen der Demokratie im Tierreich und in unserer Gesellschaft ist einfach: Tiere brauchen keine Durchsetzungsinitiativen.
Ich hatte mal einen Chef, der war Demokrat. Er war schon fast Basisdemokrat.
Wenn wir im Team ein Projekt besprachen, zeigte er plötzlich auf den Verkaufsassistenten und fragte: «Und, Herr Gemperli, was halten Sie vom Projekt?» Oder er wies auf die Sekretärin und fragte: «Und, Frau Sonderegger, was halten Sie vom Projekt?»
Das nervte uns. Schliesslich waren wir hoffnungsvolle Jungmanager; wir wollten schnelle und vor allem zackige Entscheide. Wir hielten nichts von solcher Demokratie.
Einmal, als er Frau Sonderegger wieder nach ihrer Meinung zu einem Projekt befragte, sagte die doch tatsächlich: «Wenn ich ehrlich bin, halte ich nicht allzu viel davon.» Da sagte der Chef: «Wir vertagen den Entscheid. Ihr müsst euch intern zuerst einigen.»
Diese Demokratie mit Verkaufsassistenten und Sekretärinnen ging uns gewaltig auf die Nerven.
Nun, es gehört zu den ältesten Diskussionen in Wirtschaft und Gesellschaft, ob Entscheide besser demokratisch oder autokratisch gefällt werden. Demokratisch heisst, dass alle mitreden dürfen, auch wenn sie keine Ahnung haben. Autokratisch heisst, dass nur jene mitreden dürfen, die dank ihres Amtes zumindest eine Ahnung haben sollten.
Demokratie wurde im Tierreich erfunden
Vielleicht hilft ein Blick in die Fauna, um die Frage zu klären. Die Demokratie, so sagen manche Biologen, sei im Tierreich erfunden worden.
Honigbienen zum Beispiel fällen wichtige Entscheide nach dem Prinzip der repräsentativen Demokratie. Wenn sie ein neues Nest suchen, schwärmen Hunderte von Kundschafterinnen aus, um mögliche Standorte ausfindig zu machen. Wenn sie zurückkehren, signalisieren sie ihre Präferenz mit einem Tanz. Der Standort mit den meisten Stimmen gewinnt.
Mehrheitsentscheid bei den Meerkatzen
Voll direktdemokratisch hingegen entscheiden zum Beispiel die Meerkatzen. Sie stehen oft vor der Frage, in welcher Richtung die Futtersuche am erfolgreichsten sein könnte. Jeder Affe hat eine Stimme, unabhängig von der bei Primaten üblichen Hierarchie in der Gruppe. Einer nach dem andern geht ein paar Schritte in die von ihm bevorzugte Richtung und kehrt dann zurück. Am Schluss gilt der Mehrheitsentscheid.
Auch bei grossen Herden wie bei Rothirschen gilt das demokratische Prinzip. Die Tiere stimmen mit den Füssen ab. Interessant ist, dass die Herde stets dann weiterzieht, wenn rund 60 Prozent der Tiere aufstehen. Die 60 Prozent entsprechen ziemlich genau dem Quorum, bei dem man bei Volksabstimmungen in der Schweiz von einem «klaren Entscheid» zu sprechen beginnt.
Demokratische Disziplin macht den Unterschied
Es ist eher selten, dass bei Tieren der Chef der Gruppe allein entscheidet. Das tut er nur dann, wenn er gegenüber den anderen Viechern einen Informationsvorsprung hat. Das aber ist selten. Auch mein damaliger Chef, der stets Herrn Gemperli und Frau Sonderegger konsultierte, wusste das. Fachlich war er den meisten von uns unterlegen. Er brauchte darum die Demokratie.
Der grösste Unterschied zwischen der Demokratie im Tier- und im humanen Reich ist indes die demokratische Disziplin nach dem Volksentscheid. Wenn sich etwa ein Vogelschwarm für eine Richtung entschieden hat, dann reihen sich hinterher auch all jene Vögel widerspruchslos ein, die vorher für eine andere Route votiert haben. Im Tierreich braucht es keine Durchsetzungsinitiativen.
Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.