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Über die Angst des Philosophen vor der Naturwissenschaft
Hier nun stellt Wuchterl „Kontroversen und Streitgespräche“ in der Philosophie vor und weist schon in der Einleitung darauf hin, dass auch dieses Buch als eine Art „exemplarische Einführung in die Gegenwartsphilosophie“ verstanden werden kann. Hätte er es dabei nur belassen, hätte er sich auf die reine Darstellung beschränkt – das Buch wäre vielleicht lesbar gewesen. Er will allerdings mehr, er stellt sein eigene Paradigmentheorie vor (von der nie klar wird, worauf sie abzielt, was durch sie erklärt oder verständlich wird bzw. werden soll) und lässt daher auch seine persönliche Haltung zu den einzelnen Themen durchblicken: Was zu lesen ein mehr als zweifelhaftes Vergnügen darstellt.
Wobei er bei diesen Stellungnahmen einigermaßen unsicher wirkt, seine Meinung häufig abmildert bzw. relativiert. So endet das erste Kapitel über den Werturteilsstreit (Max Weber, E. Spranger) mit einem recht konfusen Gerede: „Die Grundpositionen stehen sich bis heute unversöhnlich gegenüber. Dialektik als Methode zur Erfassung der Totalität, die alle Wertungen und Einzelerkenntnisse erst ermöglicht, auf der einen und ihre Interpretation als Legitimationssurrogat für eine utopische Ideologie […] auf der anderen Seite; die Deutung der logischen Klarheit als Denkverbot und Gewalt (Lyotard) hier, die Logik als notwendige Voraussetzung für Argumentation, Wertung und Kritik dort.“ Konfus einerseits, weil der erste Teil des Satzes von den Betreffenden nicht als „Gegensatz“ betrachtet wird, seltsam andererseits, wenn die doch etwas einfältige Lyotardsche Denkfigur, dass „logische Klarheit mit Denkverbot“ gleichzusetzen sei, hier kommentarlos als eine berechtigte Gegenposition zur rationalen Kritik angesehen wird.*
Zu einem Ärgernis (dann aber in seiner Einfalt auch wieder beispielhaft) gerät das zweite Kapitel. Es geht von der 1927 stattgefunden 5. Solvay-Konferenz aus, die durch die Auseinandersetzung von Einstein und Bohr über die Implikationen der Quantenphysik eine gewisse Berühmtheit erlangte. Während sich Einstein weigerte, eine zufällig-statistische Interpretation zu akzeptieren und der Quantenphysik Bohrs und Heisenbergs unterstellte, keine „vollständige“ Theorie zu sein, beharrten diese auf ihrer Darstellung und konnten auch die unzähligen Widerlegungsversuche Einsteins immer wieder zurückweisen. Diesen grundsätzlichen Auffassungsunterschied nimmt nun Wuchterl zum Anlass, um auf die Unvollständigkeit eines naturwissenschaftlichen Weltbildes hinzuweisen, wobei er von Beginn an mit völlig unhaltbaren Unterstellungen operiert. So bedauert er erst mal das Fehlen von philosophischen Systemen und Gesamtentwürfen, an die sich heute „niemand mehr herantrauen würde“, weil alle Philosophen die „Sicherheiten einer unkritisch latenten Naturphilosophie als Gewissheiten“ übernommen hätten und deshalb sich nur noch in postmodernen Beliebigkeiten ergehen würden. (Ohne die Postmoderne auch nur im geringsten verteidigen zu wollen: Aber ihre Beliebigkeitsstruktur hat ganz sicher nichts mit der Anerkennung „naturwissenschaftlicher Gewissheiten“ zu tun.) Die aber von Wuchterl postulierte Gewissheit wird im 20. Jahrhundert nirgendwo mehr vertreten (am ehesten dort, wo tatsächlich noch mit „Systemen“ gearbeitet wird: Etwa in der Frankfurter Schule, wobei es dort selbstredend nicht die Naturwissenschaft ist, die diese Gewissheit erzeugt): Sogar radikale Vertreter des Wiener Kreises wie Neurath wiesen solche Gewissheitsansprüche stets zurück, von kritischen Rationalisten, die gerade die Fehlbarkeit zu einer Säule ihres Denkens gemacht haben, ganz zu schweigen. Das aber ficht Wuchterl nicht an, Seite für Seite unterstellt er den (nirgendwo namentlich genannten) Philosophen eine vulgär-kausale Anschauung nebst trivialem Materialismus: Vor allem scheint er der Ansicht, dass man sich auch im 20. Jahrhundert noch immer am LaPlace’schen Modell der absoluten Determiniertheit orientiert. (Es bleibt – wie erwähnt – völlig unklar, wer nun diese Position vertritt: Kein einziger Philosoph wird namentlich genannt).
Nachdem er auf diese Weise die Heisenbergsche Unschärferelation (nebst den anderen, üblichen Verdächtigen: Die Chaostheorie und die Gödelschen Sätze) für den Zusammenbruch eines naturwissenschaftlichen Weltbildes ausfindig gemacht hat (und – wenn auch mit offenkundig schlechtem Gewissen, die Physik-Esoterik eines Capra als eine Folge dieses vorgeblichen philosophischen Vakuums anführt), wartet man vergebens darauf, was denn nun die Konsequenz aus dieser naturwissenschaftlichen Bankrotterklärung sei: Vergeblich deshalb, weil es Wuchterl an Mut gebricht, hier die Worte Transzendenz oder Gott zu gebrauchen. Dies geschieht implizit, indem er den Materialismus, die Evolution und die Zurückführung des Mentalen auf das Materielle als eine der Hauptdenksünden des Jahrhunderts anführt (wieder spricht er nur davon, das im „Bewusstsein der meisten Zeitgenossen“ (welcher – möchte man gerne wissen) ein solches unhinterfragt „naturwissenschaftliches“ Denken vorherrsche). Und er unterstellt, dass man sich über das „Verhältnis kausaler und statistischer Prozesse, über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit von Reduktionen, über die objektive Unzugänglichkeit innerer Zustände“ unter den Fachleuten „kein Kopfzerbrechen“ mache. (Man hat den Eindruck, dass ein Großteil der philosophischen Literatur an Wuchterl vorbeigegangen ist: Ob Bunge, Thomas Nagel, alle evolutionären Erkenntnistheoretiker oder die unzähligen Leib-Seele-Erörterungen – nichts scheint seinen Radar passiert zu haben. Wobei: Er kennt diese Literatur, hat auch an einem Symposium über die EE 1986 teilgenommen (allerdings ohne eine konstruktiven Beitrag zu leisten), will aber ganz offensichtlich deren Ausführungen gar nicht zur Kenntnis nehmen, sondern unterstellt lieber anonymen Denkern eine Position, die keiner vertritt.)
Im Grunde sagt Wuchterl nichts anderes, als dass die von ihm kritisierten Bereiche (Materialismus, Evolution, Zurückführung des Mentalen auf das Materielle) für sich keine endgültige Gewissheit beanspruchen können. Nur: Das haben sie niemals getan. So gut wie alle Vertreter einer naturwissenschaftlichen Philosophie erkennen ganz selbstverständlich das Prinzip der Fallibilität wie auch das der Unmöglichkeit von Gewissheiten an. Dazu hätte es Wuchterls wortreicher Darstellung der Chaostheorie oder der Unschärferelation nicht bedurft. Dass die von ihm kritisierten Bereiche auf eine so große Anerkennung und Akzeptanz stoßen, hat einen ganz trivialen Grund: Sie haben sich in der naturwissenschaftlichen Forschung hervorragend bewährt und es wäre geradezu aberwitzig, sie aus „Mangel an Gewissheit“ gegen irgendwelche großen Entwürfe oder Systeme einzutauschen (die sich dann erst bewähren müssten). Die Tatsache, dass „Mentales“ (was immer man darunter versteht) auf Materielles zurückgeführt wird, hat einen guten Grund: Man müsste ansonsten ein „nichts“ annehmen, das gleichzeitig ein „etwas“ ist bzw. man müsste die gesamte Physik neu schreiben. Das mag nun vielleicht sogar notwendig sein: Aber das tut man eben nicht, weil jemandem im volltrunkenen Zustand seine Schwiegermutter erschienen ist. Die Verfechter eines immateriellen „Geistes“ sind sich der Konsequenzen meist nicht bewusst: Wir müssten ja nicht bloß unvorhersagbare Zustände einer Quantenwelt annehmen, sondern jederzeit eine völlig beliebig agierende Welt gewärtigen. Bisher legt nichts eine solche Annahme nahe.
Beispielhaft für Wuchterls nirgendwo klar ausgesprochene Voraussetzungen ist die implizite Annahme, dass der Mensch prinzipiell alles (über Analogien) verstehen könne. Aber nichts berechtigt zu einer solchen Annahme: Als das Ergebnis der Evolution ist der Mensch aus Überlebensgründen auf mesokosmische Dimensionen beschränkt, sodass es eher verwunderlich ist, dass wir so viel überhaupt verstehen können. Aber es kann keinesfalls überraschend sein, dass das menschliche Jäger- und Sammlergehirn die Verhältnisse in Schwarzen Löchern oder im Quantenbereich nicht für sich selbst anschaulich machen kann. Für das Überleben der Spezies war ein solches Verständnis keinesfalls erforderlich (für die Zukunft könnte es aber wichtig werden).
Ein besonderes Ärgernis stellen für Wuchterl die Versuche dar, Moral und Ethik aus ihren angestammten Bereichen der Religion und der Metaphysik zu vertreiben. Mit unübersehbaren Unmut zitiert er etwa F. Wuketits: „Nimmt man Evolution ernst, dann kommt man jedenfalls nicht an der Annahme vorbei, dass auch menschliches Verhalten – selbst in den komplexen Formen seines Moralverhaltens – ein Resultat der Evolution ist.“ Gegen diese Satz ist nun wirklich nichts einzuwenden (außer von Theologen) – und auch der Autor bringt keinen Einwand vor: Er gibt einzig seinem Ärger darüber Ausdruck, „dass sämtliche existenzielle Grundfragen, deren Beantwortung früher der Metaphysik und der Religion vorbehalten waren“, nun in einer naturwissenschaftlichen Weise angegangen werden. Darüber darf man sich ärgern – wenn man dies kritisieren will (und das will der Autor offenkundig), muss man Argumente für seine Kritik anführen. Ein solches sucht man hier vergebens, wie etwa auch bei der erwähnten Kritik von Evolution und Materialismus: Es wird bloß das Ärgerliche der Positionen konstatiert – und ihre – nie angestrebte – Gewissheit.
Das Resümee am Ende des zweiten Kapitels (die Ausführungen zur Ethik gehören zu den nachfolgenden Teilen) bringt noch einmal seinen Unmut über selbstverständliche Konsequenzen zum Ausdruck: „Zusammenfassend können wir festhalten, dass zwar die Grundlagen und die Grenzen der Naturwissenschaften nach wie vor umstritten sind, sich aber trotz allem eine naturphilosophische Weltanschauung mit bestimmten Leitbegriffen verbreitet hat, die sich nicht allein auf die wissenschaftlichen Inhalte, sondern auch auf alle sonstigen kulturellen Erscheinungen bezieht.“ Hier stellt er also nur fest, was auch sämtlichen Naturwissenschaftlern klar ist: Sie wissen noch nicht alles. Der zweite Teil des Satzes wird dann präzisiert: „Wenn Naturwissenschaftler Materialismus und Evolution als zentrale Forschungskomplexe herausstellen, dann kann man von hypothetischen Annahmen sprechen, die ihren Untersuchungsbereich definieren. Trotzdem verfallen auch Forscher häufig der Versuchung, solche Arbeitshypothesen zu evidenten Prinzipien allgemeiner Weltanschauungen zu verallgemeinern.“ Wuchterl scheint offenbar gelebte Schizophrenie von seinen Naturforschern zu erwarten: Denn nur unter dieser Voraussetzung kann man die Evolution anerkennen und gleichzeitig zum sonntäglichen Kirchgang ausschwärmen. Selbstverständlich hat eine naturwissenschaftliche Grundhaltung Einfluss auf die Weltanschauung: Diese wird damit teilweise begründbar, sie wird selbstverständlich nicht unangreifbar. Und sie wird nie völlig metaphysikfrei sein, wir konstituieren die Welt aufgrund von Annahmen, die nicht bis ins letzte beweisbar sind. Hingegen wird aber jener Metaphysiker, der da glaubt, die Naturwissenschaften ignorieren zu können, sich lächerlich machen: Hegel und Heidegger sind typische Vertreter einer solchen wissenschafts- und logikfeindlichen Haltung.
Die hier skizzierte Haltung ist beispielhaft für zahlreiche Philosophen (so ist dieser naturwissenschaftsfeindliche Duktus bei Lütkehaus („Nichts“) zu bemerken – oder bei Marquard, der etwa das Hohelied der „Uneindeutigkeit“ sind, ausgegangen ist sie aber für unsere Zeit vor allem von der Frankfurter Schule) – und sie ist so dumm wie schädlich. Und sie wird häufig auf genau diese unterstellende Weise geäußert: Dass die Naturwissenschaft doch auch nicht alles wisse, dass da Lücken seien – wobei die Schlussfolgerung, dass man diese Lücken mit metaphysischem und religiösem Dämmmaterial füllen müsse, eine zweifelhafte ist. Dieses Material hat sich denn schon oft als überflüssig erwiesen, wenn der Fortschritt zu rationalen Erklärungen geführt hat. Gott als Lückenbüßer müsste selbst den Theologen unangenehm sein: Wir sollten aber mit diesem unseren Nichtwissen anderen Umgang pflegen. Es zu beseitigen versuchen bzw. die Lücke – vorläufig – als solche anerkennen. Immer mit dem Bewusstsein, dass wir niemals alles wissen werden und dass es nicht den geringsten Anlass dazu gibt, das zu glauben.
*) Das Amüsant-Dümmliche an solchen „antireaktionären“ Überzeugungen kann man stets daran erkennen, dass die Verächter der Logik für diese Verachtung immer logische Argumente bemühen, also das voraussetzen, was sie zu verurteilen vorgeben. (Feyerabend lässt grüßen …) Man muss ihnen das aber auch nachsehen: Wie sonst sollte ein Diskurs überhaupt geführt werden?) Wer an diesem Werturteilsstreit interessiert ist, sei auf H. Keuth („Wissenschaft und Werturteil“) verwiesen: Der schon auf der ersten Seite seines äußerst empfehlenswerten Buches feststellt, dass man aufgrund der Brisanz des Themas dazu auch heute noch Stellung beziehen muss. Wuchterl muss im übrigen das Buch gekannt haben (er hat es in seine Literaturliste aufgenommen): Was einen Autor dann dazu treibt, eben diesen Werturteilsstreit 8 Jahre später sehr viel unübersichtlicher und seltsam verworren darzustellen ist mir ein Rätsel. Er fügt dieser Auseinandersetzung keinen einzigen Gedanken hinzu und bleibt auch bezüglich der Klarheit der Darstellung weit hinter Keuth zurück.