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- Story
Mehr Menschen mit Essstörungen wegen Covid-19?
18.01.2023 Eine Literaturstudie der Berner Fachhochschule erforschte, ob die Essstörungen Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Binge Eating während der Covid-19-Pandemie schweizweit zugenommen haben. Für zukünftige Krisen legt das Forschungsteam Empfehlungen vor.
Die Covid-19-Pandemie und die damit verordneten Massnahmen veränderten den Alltag der Menschen in der Schweiz und weltweit. Insbesondere die Social-Distancing-Massnahmen sorgten dafür, dass tägliche Abläufe unterbrochen wurden. Ein Zustand, der Unsicherheit schuf und den Zugang zu gewohnten Bewältigungsmöglichkeiten erschwerte. Prognosen in den Medien sagten für die Jahre 2020 und 2021 einen Anstieg von Essstörungsfällen um 30 % an. Die Studie des Fachbereichs Ernährung und Diätetik der Berner Fachhochschule sollte diese Zahlen bestätigen oder widerlegen.
Globale Literaturrecherche
Die vom BAG beauftragte Literaturstudie erörtert, ob die Essstörungen und die Therapienachfrage während der Covid-19-Pandemie zugenommen haben. Dabei wurde untersucht, welche Altersgruppe am stärksten betroffen ist und welche Arten von Essstörungen vor allem vorkommen. Ebenso interessierten sich die Forschenden dafür, wie sich die Pandemie auf Personen mit bereits diagnostizierter Essstörung auswirkte und welche Faktoren im Zusammenhang mit Covid-19 für Häufigkeit und Ausprägung der Essstörungen relevant waren. Das Forschungsteam stellte fest, dass für die Schweiz keine empirischen Daten zur Thematik aus dem Zeitraum der Pandemie vorliegen. Deshalb sichteten sie Arbeiten aus Ländern, in denen die Covid-19-Massnahmen ähnlich ausfielen: in den Nachbarländern der Schweiz und weiteren europäischen Ländern. Zum Vergleich zogen sie auch Berichte aus Australien, Neuseeland, den USA und Kanada bei. Es wurden Studien jeden Typs untersucht, die zwischen dem 01. Dezember 2019 und dem 01. Juni 2022 publiziert wurden. Ebenso berücksichtigt wurden Angaben zum Krankheitsvorkommen auf Regierungswebsites, in Medienartikeln, von Organisationen für Essstörungen sowie aus Krankenkassenberichten. Das Forschungsteam weist im Abschlussbericht darauf hin, dass die Daten mit Vorsicht interpretiert werden müssen, da heterogene Studientypen unterschiedlicher Qualität beigezogen wurden.
Vorwiegend junge Betroffene
Internationale Studien berichteten über ein breites Spektrum an neu gestellten Essstörungsdiagnosen während der Pandemie. Die Zahlen variierten zwischen einem 15 bis 60-prozentigen Anstieg bei Erwachsenen und zwischen einem 4 bis 15-prozentigen Anstieg bei Kindern. Die Behandlungsnachfrage nahm ebenso zu: Die Zahl der Krankenhauseinweisungen stiegen um 20 bis 25 Prozent und die Zahl der Betroffenen, die über eine Helpline Rat suchten, stieg um bis zu 111 Prozent. Die am häufigsten gemeldete Bevölkerungsgruppe, bei der vermehrt eine Essstörungs-Diagnose und Behandlungen gestellt werden, waren weiblich und jüngeren Alters, insbesondere Jugendliche. Bei den Fällen, die über eine Symptomverstärkung bei bereits diagnostizierten Essstörungen berichteten, gab es keine Übereinstimmung bei den verschiedenen Typen. Deshalb konnte keine Aussage darüber getroffen werden, bei welcher Art von Essstörung die Symptome am stärksten zunahmen. Beobachtungsstudien mit globalen Daten ergaben, dass zwischen 38 und 87 Prozent der Patient*innen über eine Symptomverschlechterung berichteten. In einer australischen Studie wurde ein Anstieg der sich verschlimmernden Anorexia nervosa-Symptome, die eine Krankenhauseinweisung erforderlich machten, um 104 % nachgewiesen. Als häufigste Ursachen für die Verschlechterung der Essstörungen während der Covid-19-Studie wurden Veränderungen in der Nahrungsmittelzugänglichkeit, eine stärkere Exposition gegenüber Medien und Nachrichten, Bewegungseinschränkungen, eingeschränkter Zugang zur Gesundheitsversorgung, Stress, Angst, soziale Isolation, Traumata und Missbrauch genannt.
Prävention und Zugänglichkeit verbessern
Es gibt keine empirischen Belege dafür, dass es in der Schweizer Bevölkerung in den Jahren 2020 und 2021 zu einem Anstieg von Essstörungsfällen kam. Verschiedene Berichte legen dar, dass nach einem einschneidenden Ereignis, wie es die Covid-19-Pandemie darstellt, psychische Erkrankungen gehäuft auftreten. Die Erkenntnis hebt die Bedeutung von internalisierenden Symptomen hervor. Symptome also, die von der Person erlebt und beschrieben werden wie Traurigkeit, Angst und Einsamkeit. Die entsprechenden Fallzahlen können, so in der abschliessenden Diskussion erklärt, aufgrund mangelnder Daten oft nur geschätzt werden. Grund für dieses Manko sehen die Forscher*innen in einem unzureichenden Monitoring.
Ein weiterer interessanter Befund war der Vergleich mit Westaustralien: Obwohl die Lockdowns der Regierungen kurzfristig waren, gab es eine Zunahme der Fälle. Dies lässt vermuten, dass der mit der Pandemie verbundene Stress allein die Belastung gewesen sein könnte – unabhängig von den einschränkenden Massnahmen. Daher wird im Forschungsbericht empfohlen, dass sich die fachlichen und gesamtgesellschaftlichen Interventionen in Zukunft auf zwischenmenschliche und emotionale Regulationsschwierigkeiten konzentrieren sollen. So können die subjektiven Reaktionen der Patient*innen und Risikopatient*innen auf belastende Ereignisse verbessert werden.
Die Literaturstudie hat den Bedarf an Daten über Essstörungen, insbesondere in der Schweiz, deutlich gemacht. Da es sich bei Essstörungen um schwerwiegende und oft auch tödlich verlaufende Krankheitsbilder handelt, gibt das Forschungsteam Empfehlungen, um eine zukünftige Gesundheitskrise besser bewältigen zu können. Es plädiert für mehr gesundheitsfördernde Massnahmen. Die Erweiterung von Präventions- und Entstigmatisierungsmassnahmen soll dafür sorgen, dass Essstörungen von Fachleuten früher erkannt und Betroffene frühzeitig Hilfe in Anspruch nehmen. Damit das Monitoring verbessert wird, sollen die Bildungs- und Gesundheitsorganisationen die themenbezogene Weiterbildung fördern sowie Plattformen und Gremien für einen optimierten Austausch schaffen. Ausserdem sollen die Fachpersonen noch stärker darauf hinarbeiten, dass die Schnittstellen funktionieren und das Unterstützungsnetz einbezogen wird. Angebote für Betroffene müssen leicht zugänglich sein, um Patient*innen und Risikopersonen bei der Bewältigung von Stressereignissen unterstützen zu können.
Die wichtigsten Empfehlungen des Forschungsteams in Kürze
- Verbesserung des Monitorings
- Erweiterung von Präventions- und Entstigmatisierungsmassnahmen
- Förderung der themenbezogenen Weiterbildung
- Förderung von Austauschmöglichkeiten wie Plattformen und Gremien
- Optimierung des Schnittstellenmanagements (Betroffene, Fachpersonen, Angehörige)
- Zugänglichkeit der Angebote für Betroffene erleichtern