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Die Zunahme der Heeresbestände im 16. Jh. sowie das Aufkommen von neuen, z.T. bereits in besonderen Einheiten zusammengefassten Waffen und Kampfmitteln (Militärwesen) bedingten auch eine entsprechende Entwicklung in der militär. Hierarchie. Für die Führung einer aus versch. Abteilungen bestehenden Truppe mussten mehrere Hauptleute (Hauptmann) eingesetzt werden, aus deren Mitte ein Oberster Hauptmann, Oberster Feldhauptmann, schliesslich ein O. als Führer der Streitmacht hervorging. Dem O.en (in der alten Eidgenossenschaft auch "Obrist" genannt) entsprechend kam im franz. Sprachbereich die von "Anführer einer Kolonne" abgeleitete Gradbezeichnung colonel in Gebrauch (ital. colonnello).
In den Fremden Diensten nahm der O. eine besondere Stellung ein. Ab dem 17. Jh. war er nicht nur Befehlshaber, sondern auch Besitzer des von ihm angeworbenen, bzw. erstandenen oder geerbten Regiments. Er war somit ein Militärunternehmer, der seine Dienste den Herrschern anbot. Vorausgesetzt, dass Alter und Anzahl Dienstjahre den Vorschriften entsprachen, erfolgte die Beförderung zum O.en häufig unter Umgehung der übl. Stufen der Hierarchie. So befanden sich 1684 in Frankreich, wo ein Mindestalter von 25 Jahren und 14 Dienstjahre vorgeschrieben waren, unter den 27 zum O.en beförderten Offizieren weder ein Oberstleutnant noch ein Major. In solchen Fällen lag die tatsächl. Führung des Regiments meistens beim stellvertretenden Oberstleutnant. Der O. in fremden Diensten verfügte in der Regel über die absolute Gewalt in seinem Regiment, ernannte dessen Offiziere und handhabte auch die höchste Gerichtsbarkeit.
In der Miliz der alten Eidgenossenschaft begann im 17. Jh. eine besondere Entwicklung. Die 1647 im Wiler Defensionale vom Kriegsrat vorgeschlagene Einführung der Generalsränge, wie z.B. General Commendant oder General-Quartiermeister, wurde von der Tagsatzung als Folge der Glaubensspaltung nicht verabschiedet. An deren Stelle traten die Oberstengrade mit Funktionsbezeichnung, wie Oberster Feldhauptmann, Oberster Quartiermeister usw. Diese Massnahme führte zu einer Tradition, die bis in die jüngste Zeit nachwirkte. In der Rangordnung der Armee erschienen die höheren Stabsoffiziere bis 1974 als Oberstbrigadier, Oberstdivisionär oder Oberstkorpskommandant. Die Wahl der O.en erfolgte ursprünglich zu Beginn eines Feldzuges durch die Hauptleute der Orte aus deren Mitte, später, bei grösseren Aufgeboten, geschah die Wahl durch die Tagsatzung. Von 1647 bis zum Untergang der alten Eidgenossenschaft übernahmen, gemäss Wiler Defensionale, die mit den entsprechenden Chargen betrauten Orte die Ernennungen. In der Restauration und Regeneration wurde der Dienstgrad des Eidg. O.en eingeführt. Diesen O.en, in Friedenszeiten höchstens 30 an der Zahl, oblag die Verantwortung für Führung, Ausbildung und Verwaltung des Eidg. Heeres. Ihre Ernennung erfolgte durch die Tagsatzung auf Vorschlag des Kriegsrats. Ab 1874 bis zur Einführung der Armee XXI befehligte der O. eine Infanteriebrigade oder ein Regiment oder fungierte als Stabs- oder Dienstchef im Armeestab sowie in den Stäben der Heereseinheiten. Mit der Aufhebung der Regimenter im Zug der Armeereform bleibt nur noch die Tätigkeit in einem Stab. Die Beförderung zum O.en erfolgt auf Antrag des VBS durch den Bundesrat.
Quellen
– Allg. Militärreglement der Schweiz. Eidgenossenschaft, 1817
Literatur
– A. Zesiger, «Wehrordnungen und Bürgerkriege im 17. und 18. Jh.», in Schweizer Kriegsgesch. 2, H. 7, 1918, 5-58
– G. Grosjean, Berns Anteil am evang. und eidg. Defensionale im 17. Jh., 1953
– A. Sennhauser, Hauptmann und Führung im Schweizerkrieg des MA, 1965
Autorin/Autor: Benoît de Montmollin