Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03518.jsonl.gz/2861

Ausgangspunkt ist ein Dilemma: Einerseits ist man von der Übertragung eines medizinischen oder biologischen Vokabulars auf das Soziale leicht abgestossen. Solche Analogien erscheinen vielen nicht nur äusserst reduktionistisch, sie stehen zudem stets unter Verdacht, selbst als Herrschaftsmittel eingesetzt zu werden. Andererseits aber rekurriert die Sozialphilosophie oft auf ein naturalistisches Vokabular, um sich als eigenständige Disziplin zu erhalten: Eine gemeinsame Intuition derer, die heute vom Begriff der sozialen Pathologie Gebrauch machen, besagt, dass Sozialphilosophie und Gesellschaftskritik an einem gesellschaftlichen Problembereich orientiert sein müssen, der sich nicht in Erfahrungen moralischer oder politischer Ungerechtigkeit erschöpft, sondern auf einer „tieferen“ Ebene des „sozialen Lebens“ auffindbar ist. So bietet sich mancher Sozialphilosophie heute die Idee an, dass das „soziale Leben“ von „Pathologien“ betroffen sein könnte, welche den Zuständigkeitsbereich der Sozialphilosophie als einer eigenständigen Disziplin und die Gesellschaftskritik als etwas von moralischem Urteilen und politischem Handeln Unterschiedenem definiert. Aus dieser Perspektive scheint das Schicksal der Sozialphilosophie mit dem eines naturalistischen Vokabulars zutiefst verbunden zu sein.
Das Dilemma bestünde folglich darin, dass es Sozialphilosophen schwerfällt, sowohl von der sozialen Pathologie zu sprechen wie auch über sie zu schweigen. So untersucht dieses Projekt den Zusammenhang dieses umfassenden Anspruches der Sozialphilosophie mit dem naturalistischen Vokabular, das sie für die Definition ihres Gegenstandsbereiches benutzt.