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Am 1. Mai 1993 verlor Italien das letzte Mal gegen die Schweiz. Das Datum ist für die Schweizer bedeutsamer als für die Italiener. Aber es ist nicht unbedeutend für die Karriere von Roberto Mancini, dem aktuellen Trainer der Squadra Azzurra. Denn das damalige Spiel im alten Berner Wankdorf war wie ein Spiegel für Mancinis Zeit als Aktiver im italienischen Nationalteam.
Und das trug sich zu: Italien war vor der Pause viel besser, aber Italien scheiterte immer wieder am Schweizer Keeper Marco Pascolo. Zu den Sündern gehörte auch Mancini. Kurz vor der Pause flog Dino Baggio mit der Roten Karte vom Platz, worauf Trainer Arrigo Sacchi in Unterzahl aus taktischen Gründen den Stürmer Mancini auswechselte - und das Spiel 0:1 verlor.
Dominiert und doch verloren. Angefangen und dann ersetzt. So war es in Bern, so lief es für Mancini mit der Squadra Azzurra oft: Er war «der Unvollendete» der Nazionale. Zehn Monate nach Bern absolvierte Mancini sein letztes Länderspiel, da war er noch nicht einmal 30. Die internationale Karriere stoppte bei 36 Spielen und 4 Toren. Lächerlich wenig für einen, der als Captain den Aufschwung von Sampdoria Genua vom Mittelfeldklub zum Europacupsieger (1990), Meister (1991) und Meistercup-Finalisten (1992) mitgeprägt hat.
Als Spieler ein Freigeist
Aber Mancini war nicht nur «der Unvollendete», sondern immer auch etwas «der Unverstandene» des Calcio. Er war in der Offensive ein Freigeist, der sich nicht in ein taktisches Schema pressen liess. Ein Sakrileg in den Augen der System-Gralshüter von Coverciano, der Ausbildungsstätte der «Federazione Italiana Giuoco Calcio». Im Gegensatz zu andern Träumern des Calcio wie Roberto Baggio, Alessandro Del Piero oder Francesco Totti ging Mancini auch keine Kompromisse ein - und verbaute sich so den Weg zu nationalem Ruhm.
An der Heim-WM 1990, als die Spieler der Squadra Azzurra bis zum (bitteren) Ende von einer vorher und nachher nie mehr erlebten, bedingungslosen Liebe vom Volk getragen wurden, spielte Mancini keine einzige Minute. Dass er nur ein Jahr später seine Sampdoria zum Scudetto führte, war seine süsse Rache, für die Leute aber bloss ein weiterer Beweis: Mancini funktioniert nur in einer Welt, die er sich selbst zurechtlegen kann.
Mit Argwohn sah sich Mancini auch als Trainer konfrontiert, obwohl sich während dieser Karriere die nachhaltigen Erfolge rasch einstellten. Er wurde Meister mit Inter Mailand und mit Manchester City. Er war im Ausland gefragt und trainierte auch Galatasaray Istanbul und Zenit St. Petersburg. Doch nie wurde er in einem Atemzug genannt mit Ikonen wie Arrigo Sacchi, Giovanni Trapattoni, Marcello Lippi oder Carlo Ancelotti.
«Cashmere-Trainer» und «Dandy»
Dreimal Meister mit Inter Mailand? Nur weil Juventus Turin zwangsrelegiert war und Zlatan Ibrahimovic die Tore schoss. Meister mit Manchester City? Nur dank der Milliarden des Scheichs aus Abu-Dhabi. Seiner eleganten Erscheinung wegen nannten sie ihn in Mailand den «Cashmere-Trainer». In England war er der modebewusste «Dandy». Seine Arbeit auf dem Platz aber wurde vielerorts zu wenig gewürdigt.
Als nach dem Verpassen der WM 2018 der italienische Fussball am Boden lag, orakelten die Medien über mögliche Nachfolger. Mancini wurde unter ferner liefen genannt. Er wurde dann doch zum «Commissario Tecnico» ernannt. Vielleicht weil andere gerade nicht verfügbar waren, er aber seinen Vertrag in St. Petersburg nicht verlängern wollte.
Doch in den letzten drei Jahren sind Mancini die Sympathien nach und nach landesweit zugeflogen. Italien geht es schlecht. Die Wirtschaft ächzt, der Euro drückt - und Corona zermürbt(e) das Land. Aber wenn die Nazionale gut spielt, dann geht es Italien immerhin etwas weniger schlecht. Und dafür danken sie Mancini. Mehr kann einer nicht verlangen, der jahrzehntelang als «der Unvollendete» und «der Unverstandene» klassifiziert wurde.