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Ihre nackten Zehen krallten sich in den feuchten Sand, und die Gischt umspülte ihre Füsse, als sie die See verliess. Oder verliess die See sie selbst? Ihr Mund war weit aufgesperrt, als der erste Atemzug ihre Lunge einweihte. Schritt nach Schritt, Atemzug nach Atemzug. Genau jetzt, das wusste sie, war sie allein auf der Welt, und bei diesem Gedanken regte sich beinahe etwas in ihr.
Beinahe.
Mit jedem Schritt begann sie zu leben, und mit jedem Atemzug wurde ihr bewusster, wie unlebendig sie war. Sie setzte einen Fuss vor den anderen, weg vom Meer, dessen Wogen sich auftürmten, als würden sie sich gegen die Gezeiten auflehnen. „Wer bin ich?“, flüsterte sie in das Grau der Welt. Und diese schien zurückzuflüstern: Du bist die Gischt, die auf der Oberfläche der See kräuselt, wie hunderte Silberfäden, deren Lebenszeit nur einen Augenblick dauert, bevor sie sich wieder auflösen. Du bist ein Windhauch, der den Menschen sanft die Wange streichelt, bevor er zu einem tödlichen Sturm anschwillt. Du bist die Erinnerung an einen milden Sommerabend, an einen flüchtigen Kuss, der ein warmes Brennen hinterlässt. Du bist die Asche, das ein Feuer zurücklässt, wenn es erlischt.
All dies wusste sie, oder sie schien es zu wissen. Die Augen starr auf ihren Weg gerichtet, die blonden Locken verklebt vom Salz, so schritt sie dahin und sie wusste nicht, was sie eigentlich wissen sollte. Und was tat sie denn hier, wenn das Wort Erinnerung nichtssagend und unbedeutend war und ihr jeder Gedanke sofort entschwebte, kaum dass er ihr gekommen war. Was fehlt mir?
Der Junge wurde beinahe gänzlich vom Nebel verschluckt. Es war besser so. Vielleicht, wenn die Nacht nicht so undurchsichtig gewesen wäre, hätte man vielleicht seinen dreckigen Kittel erkannt. Und vielleicht, nur vielleicht hätte man die von der Kälte aufgesprungenen Lippen gesehen. Aber sicher, ganz sicher hätte man die Tränen wahrgenommen, die seine Wangen benetzten und seinen Schmerz spiegelten. Er würde des Weinens nicht müde werden.
Es war totenstill, doch für den Jungen schrie die Stille in die Nacht. Ihre Stimme hallte über das Land, und kaum schien sie zu verebben, schwoll sie wieder an, lauter und schriller als zuvor. Sie schrie von unerfüllten Träumen. Sie schrie von Verlust und Verrat und von bestätigen Ängsten. Und vor allem flösste sie dem Jungen den gewaltigen und erniedrigenden Irrglauben ein, er wäre alleine auf der Welt.
Feinste Nebeltröpfchen liessen sich auf seiner Haut nieder; funkelnd wie kleine Kristalle hafteten sie auf seinem Gesicht und vermischten sich mit seinen Tränen. Er schmeckte Salz. Erinnerungen an eine Zeit, die nun so fern schien überkamen ihn. Die Wärme eines lauen Sommerabends, der Duft von parfümierten Papierblumen. Filigrane Lilien und Rosen; gefaltet von zarter, bleicher Hand, waren sie so beständig in ihrer Schönheit, wie keine andere echte Blüte. Sie waren ein Geschenk an ihn gewesen, eine Gabe, die nach Zuneigung, Zärtlichkeit und Freundschaft roch. Nach Leben. Er blickte auf das nasse, feuchte Sträusschen, dass er in seinen Händen zerdrückte. Als er sein Heim verlassen hatte, hatte er es mitgenommen, um es dahin zu bringen, wo es hingehörte. Nun war nicht mehr erkennbar, was das durchweichte Etwas einst gewesen war; die Blätter der Blüten klebten aneinander, die Nässe liess das hauchdünne Papier reissen.
Mechanisch liess er es fallen und vernahm das kaum hörbare Geräusch, dass es machte, als es auf dem mit Wasser durchtränkten Moosteppich landete.
Sie verschmolz mit dem Nebel. Einzig die Schemen grauer Zähne ragten aus den verschwommenen Dunstschleiern heraus; massiv und standhaft zeigten sie in Richtung des Himmels, der nun nicht mehr ausfindig zu machen war. Dem Nebel trotzten sie, und ihr wiesen sie den Weg. Sie spürte Moos unter ihren Zehen.
Die kleinen, schillernden Wasserperlen, die auf den Flechten balancierten, hängten sich an ihre weissen Füsse, benetzten ihr Kleid. Es fühlte sich seltsam an. Zu spüren. Doch noch viel seltsamer, noch viel schlimmer war es, nichts zu fühlen. Was war der Unterschied? Wie fühlte es sich an?
Eine Gestalt. Ein verschwommener Umriss, der sich von den spitzen, grauen Schemen unterschied. Ein Ziel; ein Grund.
Der Junge wusste nicht, wie lange er vor dem Stein gestanden war. Seine Augen brannten, seine Finger waren taub, seine Füsse nass. Unter ihm war der Boden fest. Keiner lag hier, es war ein leeres Grab.
Und doch wusste man die Todesursache. Ertrunken. Die Inschrift auf dem Stein wusste es. Wie vielen war es vergönnt die Liebe noch vor dem Mannesalter zu verlieren?
Sie schloss die Augen. Öffnete sie.
Er atmete tief ein. Dann aus.
Es strömte auf sie ein, überwältigte sie. Sie war eine Blinde, die das erste Mal sah. Sie war ein Kind, das seine Mutter wiederfand. Sie war eine Sklavin, die den Hauch der Freiheit auf ihrer Haut spürte.
Nun fühlte sie.
Sie war leicht, sie war frei. Wie konnte man vergessen? Wie konnte man vergessen, wie sich Liebe anfühlte. Sogar über das Leben hinaus?
Der Junge, der vor ihr stand, war es. Der Grund.
Sie erinnerte sich an das Sprechen, sie öffnete
den Mund und sprach seinen Namen.
Zuerst war er kaum spürbar. Es war ein sanfter Hauch, vielleicht die Erinnerung, an die er sich noch klammerte. Dann, plötzlich. Ein Duft. Nicht nur das. Ein Gefühl, dass sich langsam, wie eine warme, wohlige Welle in ihm verteilte, ihn erfüllte. Für einen Moment erstarrte er, betäubt von dem Geruch. Er wusste nicht, ob die Zeit stillstand, oder ob diese ihn festhielt.
Er drehte sich um. Genau jetzt, das wussten sie, waren sie nicht allein auf der Welt.
Die Nacht war neblig. Er sah kaum etwas, doch sie war da. Sie war da, ohne dass er sie sah und sie war da, ohne am Leben zu sein. Es war ihm egal. Sie war da, das war alles was zählte. “Du bist da”, flüsterte er mit kratzender Stimme. “Danke”, wisperte er. “Danke, dass du hier bist. “ Er hielt inne.
“Ich weiss nicht, ob ich das kann. Hier sein, ohne dich.” Lächelnd hörte sie zu. Sie wollte antworten, doch sie wurde davongetragen. Nicht plötzlich und grob, wie von den Wellen der See. Langsam und stetig trieb sie davon, wie auf einem goldenen, sanft fliessenden Strom. “Ich liebe dich,” sagte sie lachend. “Ich liebe dich.” Auch er lächelte. Sie ging, er spürte es, doch er wusste dass es ein glücklicher Aufbruch war. Sie verliess diese Welt und das Ziel ihrer Reise, war eine viel bessere.
Langsam drehte er sich um. Das Grab lag vor ihm, leer, und es kam ihm besser vor so. Der Irrglaube, sie läge hier, allein, würde nicht entstehen. Er würde den Friedhof nun verlassen. Er würde nach Hause gehen, am nächsten Morgen aufstehen und dann unter Umständen ein langes Leben führen. Aber er würde sie nicht vergessen, denn vergessen war einer der Fehler, der einem nie, niemals unterlaufen durfte.
Auf dem Grab lagen die Papierblumen. Ihre Blüten standen weit offen