Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03649.jsonl.gz/540

Auf der Felsenbank des Aarufers, da wo jetzt Rathhaus und Kirche von Aarau steht, erhob sich schon in ältester Zeit ein fester Thurm, welcher Rore hieß. Erst in den zwanziger Jahren diese Jahrhunderts sind seine Umfangsmauern gesprengt und die Spuren der Umwallung ausgeebnet worden; seine Nordseite, die mit ins Rathhaus verbaut ist, hat oben noch einige Zinnen, und aus der Mauer starren die großen Findlingssteine hervor, aus denen der rohe Bau bestand. Gegen die Kirche zu war für alle, die gegen Unterdrücker Hülfe hier suchten, eine Freiung eröffnet; deshalb hieß das Schloß geradezu der Freihof. Eine kurze Gaffe am Felsendamm hin, auf welche die Fallbrücke des Schlosses führte, war den Vasallen und Dienstmannen zur Hofstatt und Einkehr hergerichtet; sie wird daher jetzt noch das Adelbändli genannt. Von da führen zwei lange Felstreppen über die Stadthalde hinab an das alte Bord, an dem ehemals die Aare vorbeifloß. Eine gleiche Burg, aus ebenso schwarzen und unförmlichen Steinlasten zusammengethürmt, liegt einen Pfeilschuß davon entfernt; man nennt sie das Schlößchen. Dies soll das Schloß der Grafen von Rore gewesen sein; nach ihnen benennen sich zwei Dörfer Rohr, zunächst bei Aarau gelegen, das eine am Flusse, das andere in einem Bergkessel des benachbarten Jura.
Vor mehr als elfhundert Jahren lebten darin die beiden Brüder Guntram und Baltram. Das Land vom Reußthal an bis ins Emmenthal, vom Kanton Luzern bis in den Berner Kanton war ihr eigen, eine so große Herrschaft, daß man sie später in fünferlei Dekanate theilen mußte.
Zu jener Zeit aber war das Land noch mit vielen Sümpfen, großen Wäldern und rauhen Wildnissen bedeckt, darin Bären, Wildschweine und andere böse Thiere wohnten. Ein solches Unthier hauste nun auch in einer Höhle an der Emme. Dasselbe fraß Menschen und Vieh, daß in der Umgegend nichts Lebendiges mehr vor ihm sicher war. Die Alten in den Chroniken sagen, es sei ein Drache, Andere aber, es sei eine große Waldschlange gewesen.
Da hörten die beiden Grafen von dem Unthiere und der Noth ihrer Leute an der Emme. Alsogleich nahmen sie ihre Rüstung und zogen aus, und machten Jagd auf das Ungeheuer, um es zu vertilgen. Es lag beim Schlosse zu Burgdorf jenseits der Emme in der Gysenau, da wo der Kesselgraben unter zwei hohen Felsenwänden ist. Als Baltram am Felsen hier sein Schwert wetzte und das Unthier herausforderte, schoß dies mit dampfendem Rachen hervor und verschlang ihn. Gleich aber sprang Guntram hinzu und spaltete dem Drachen den Kopf. Da spie es den verschlungenen Ritter wieder aus und verendete das Leben. In der Emme wuschen sich beide Brüder das giftige Drachenblut ab. Zum Andenken ihrer wunderbaren Rettung bauten sie an jener Stelle ein Siechenhaus sammt
Kapelle, der hl. Margarit geweiht. Davon war dorten folgender Vers zu lesen:
Gyßenau heißt diese Fluh,
Hier wohnt ein Drach lange zu.
Der thät fressen viele Schaf,
Zuletzt hat ihn getödt ein Graf.
Später sind die beiden Brüder noch oft einander beigestanden, und haben nachher die festen Schlösser Lenzburg an der Aa im Aargau, und Burgdorf an der Emme miteinander gebaut. An dem Kaufhause des letztern Städtchens wurde ihr Kampf mit dem Drachen abgemalt, ein großes Wandbild, welches im Jahre 1613 wieder erneut worden und 1703 noch zu sehen gewesen ist mit dem Spruche:
Der Bruder stand dem Bruder bei,
So ward das Land von Drachen frei.
Der letzte ihres Stammes war Graf Landolin. Er wanderte nach Italien aus und wurde Bischof; aber das Verlangen nach der Heimat ließ ihn dorten nicht glücklich sein; er kehrte endlich wieder zu seinen Verwandten zurück, starb aber, ehe er sie wieder gesehen hatte, auf der Heimreise zu Rorschach am Bodensee. Das Grafenwappen war eine aufrecht stehende schwarze Dogge mit silbernem Halsband.
Vgl. A. Kellers Aargauer Lehr- und Lesebuch 1853, 111. — Hans Rudolph Grimm, Poetisches Lustwaldlein. Bärn 1703. 13. Ebenderselbe: Schweitzer-Crynica rc., darinnen in Erzählung über 200 Historien v. Basel, bei Mechel 1786. Page 42.
Band 2, Quelle: Ernst L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 2, Aarau, 1856, Seite 7
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.