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SRF News: Fakt ist, dass es Kantone gibt, die noch nie einen Bundesrat stellen konnten. Kommt die Region, die nicht im Bundesrat sitzt, zu kurz?
Nenad Stojanovic: Nein. Es handelt sich eher um persönliche und politische Ambitionen verschiedener Politiker. Und wenn in ein paar Jahren jemand zum Beispiel Karin Keller-Sutter aus St. Gallen in den Bundesrat wählen will und sagt, ‹wir brauchen unbedingt eine Frau aus der Ostschweiz›, so sind das rhetorische Mittel, die eine bestimmte Identität instrumentalisieren, um etwas zu bekommen.
Das heisst, diese Forderungen lenken vom eigentlichen Inhalt ab, nämlich die kompetenteste Person für diesen Job zu finden?
So weit würde ich nicht gehen. Denn wer die kompetenteste Person ist für das Amt des Bundesrates, ist schwierig zu sagen. Alle Parlamentarierinnen und Parlamentarier haben eine Grundkompetenz. Viel wichtiger ist, ob jemand mehr links oder mehr rechts ist, ob jemand für mehr Umweltschutz oder für Wirtschaftsinteressen steht. Das heisst, es geht hier wirklich um politische Inhalte.
Kantone, die noch nie einen Bundesrat gestellt haben:
- Jura
- Nidwalden
- Schaffhausen
- Schwyz
- Uri
Ignazio Cassis hat gesagt, er als Tessiner wolle die Schweiz «zusammenschmieden». Ist das überhaupt nötig?
Ich glaube ja, weil die Schweiz ein mehrsprachiges Land ist. Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass eine mehrsprachige Demokratie gut funktioniert. Denken wir nur an Belgien, Quebec und Katalonien, wo die Sprache eine wichtige Rolle spielt. Solche Länder brauchen vielleicht keine Schmiede, aber Brückenbauer. Cassis, der alle Landessprachen spricht, ist dafür geeignet.
Wenn jemand sagt, wir brauchen unbedingt eine Frau aus der Ostschweiz, so ist das ein rhetorisches Mittel, um etwas zu bekommen.
Was wird nun anders im Verhältnis des Tessins zum Rest der Schweiz?
Natürlich bringt jeder Bundesrat, jede Bundesrätin die eigene Erfahrung ins Gremium. Jeder kennt die eigene Region besser als die anderen. Cassis wird sicher seine Erfahrung einbringen, aber ich würde es nicht überbewerten, was das für das Tessin konkret bringt. Es ist sicher nicht schlecht für die Südschweiz.
Das Gespräch führte Salvador Atasoy.