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Eine Betonmauer an der gleichen Stelle errichten, wo sein Berufskollege Ignace Venetz vor 200 Jahren gegen einen verhängnisvollen Eiskegel ankämpfte. Die Bewohner des Val de Bagnes erinnern sich an die verehrenden Folgen. Rückblick: Frühling 1818, mitten in der kleinen Eiszeit. Seit fast fünf Jahren gibt es keinen Sommer mehr; es regnet ohne Unterbruch und ist kalt, in den Bergen schneit es. Der Giétroz-Gletscher an den steilen Hängen des Mont-Pleureur giesst seinen Eisüberlauf in die enge Mauvoisin-Schlucht. Die Gletscherabbrüche und Lawinen verstopfen schliesslich den Engpass aus Hartgestein. Kurz vor der Stelle, wo heute ein Betonriese thront, blockiert ein Eiskegel den Durchgang der Dranse. Durch die Schneeschmelze stauen sich schnell 30 Millionen Kubikmeter Wasser hinter dem instabilen Damm an. Steigt das Wasser weiter an, ergiesst es sich irgendwann auf alle Weiler unten im Tal. Es muss gehandelt werden: Venetz beurteilt den Anstieg des Wassers. Seine einzigartige Intuition sagt ihm, dass ein Tunnel durch den Eiskegel gegraben werden muss. Er schätzt, dass 30 Arbeiter dazu etwa 20 Tage benötigen werden, bevor der Wasserpegel des Sees den Stollen erreicht. Seine Berechnungen erweisen sich als korrekt. Am 13. Juni wird der Tunnel fertiggestellt, zwei Tage später beginnt das Wasser hindurchzufliessen. Doch der Durchfluss nimmt rasch zu und beginnt, den Tunnel mit alarmierender Geschwindigkeit zu erweitern. Am 16. Juni um 16.30 Uhr gibt der Eiskegel nach. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich noch 20 Millionen Kubikmeter Wasser im See. Die verheerende Flutwelle zerstört auf ihrem Weg bis nach Martigny alles, was sich ihr in den Weg stellt. 44 Menschen sterben. Das war vor 200 Jahren Ein Buch [1]beschreibt die unglaubliche Katastrophe, der das Musée de Bagnes eine Ausstellung widmet[2]. Auf der Krone des Mauvoisin-Staudamms erinnert der Fotograf Julian Charrière in einer späteren Ausstellung daran, dass die kleine Eiszeit zum Grossteil durch die Verfinsterung des Himmels aufgrund mehrerer Vulkanausbrüche ausgelöst wurde[3].
Der Schuldige der Katastrophe von 1818 hat sich aufgrund der Wärme beschämt weiter hinauf in die Berge zurückgezogen. In rund zehn Jahren wird er im Vergleich zu damals die Hälfte seines Volumens und über einen Viertel seiner Oberfläche eingebüsst haben. Von der Krone der Staumauer aus nehmen sie den Tunnel am linken Ufer: Beim 30-minütigen Spaziergang können Sie den Gletscher von Weitem betrachten und gleichzeitig den schönen Trockenstein-Gewölbestall von Alia besichtigen.
Die Katastrophe am Giétroz-Gletscher hat im Übrigen den Grundstein für die moderne Gletschertheorie gelegt. Die einschlägigen Beobachtungen von Jean-Pierre Perraudin, einem Bauern und Jäger aus dem Val de Bagnes, werden im Maison des Glaciers[4], das die Gemeinde Bagnes in seinem Geburtshaus in Lourtier eingerichtet hat, reich illustriert. Zum Thema Naturkatstrophen und Risikomanagement veranstaltet das Val de Bagnes diesen Sommer verschiedene Animationen und kulturelle Führungen[5].
Artikel von François Perraudin verfasst
[1]Giétroz 1818, La véritable histoire, Bureau Clio Sàrl, Éditions Faim de siècle und Musée de Bagnes
[2] Giétroz 2018–1818. Vom 26. Juni 2018 bis 20. Januar 2019 in Le Châble
[3]«An invitation to disappear» vom 17. Juni bis 30. September 2018 auf der Mauvoisin-Staumauer
[4] Maison des Glaciers in Lourtier: www.museedebagnes.ch
[5] http://www.museedebagnes.ch/le-coin-des-enfants