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Begrifflich wie systematisch ist das Kommunikationsmedium T. auf den opt. T.en (1793) von Claude Chappe zurückzuführen, ein System zur Fernübermittlung von Figurenzeichen mittels grosser bewegl. Balken. Erste elektromagnet. T.en entwickelten in den 1830er Jahren fast zeitgleich u.a. Carl Friedrich Gauss und Wilhelm Eduard Weber in den dt. Staaten, William Fothergill Cooke und Charles Wheatstone in England sowie Samuel Finley Breese Morse in den USA. Die um 1840 zuerst in England einsetzende Verbreitung des elektr. Mediums T. erfolgte v.a. im Kontext der expandierenden Eisenbahnen sowie des Seeverkehrs. In Mitteleuropa wurden dagegen die ersten Telegrafenverbindungen überwiegend aus staatl.-militär. Interesse gebaut, so u.a. in Preussen (1848-49), Frankreich und Österreich-Ungarn. Ab der Mitte des 19. Jh. entstand ein sich zunehmend verdichtendes internat. Telegrafennetz.
Nebst Versuchen mit dem opt. System im Sonderbundskrieg (1847) fanden T.en zunächst keinen Eingang in die Schweiz. Erst die Verbreitung der elektr. T.en in den Nachbarstaaten weckte in der Frühzeit des liberalen Bundesstaats die Aufmerksamkeit, insbesondere die erste Telegrafenlinie Preussens zwischen Berlin und Frankfurt am Main. Von dort wies der Bieler Ernst Schüler Ende 1849 die Berner Regierung auf den T.en hin, die sich daraufhin an den Bundesrat wandte. Nach der Einreichung einer Petition durch führende Handelshäuser im April 1851 wurde das Vorhaben rasch vorangetrieben. Ende 1851 stimmte das Parlament dem vom Bundesrat vorgelegten Telegrafengesetz zu, das die Telegrafie wie zuvor die Post zur Bundessache erklärte. Damit setzten sich - anders als bei dem wenig später geregelten Eisenbahnwesen - die Verfechter eines privatwirtschaftl. Betriebs nicht durch. Zinslose Darlehen der Gemeinden und der Kantone deckten die Kosten von 400'000 Fr. Als Leiter des Telegrafenwesens ernannte der Bund einen Telegrafendirektor und vier Inspektoren, während er den Münchner Experten Carl August von Steinheil mit der Netzplanung betraute. Technisch entschied man sich für das verbreitete Morsesystem. Am 15.7.1852 ging die erste Linie Zürich-St. Gallen in Betrieb; Ende 1852 erfolgte die offizielle Inbetriebnahme des Netzes.
Die föderalist. Struktur des Staats Schweiz spiegelte sich in dem dichten dezentralen Telegrafennetz, das Ende 1853 bereits 70 Ortschaften einbezog. Bis 1875 wuchs die Zahl der Telegrafenbüros auf über 1'000 an. Vergleichsweise niedrige Tarife, die 1868 zudem noch halbiert wurden, förderten die Nutzung. 1865-75 vervielfachte sich das Volumen der aufgegebenen Telegramme von rund 600'000 auf fast 3 Mio. pro Jahr, davon 2 Mio. im Inlandverkehr. Zugleich entwickelte sich das internat. Telegrafenwesen, koordiniert durch zwischenstaatl. Konferenzen (u.a. 1858 in Bern) und Verträge. Die Bundesstadt wurde 1865 zum Sitz der Internat. Union der Telegraphenverwaltungen, der Vorläuferin der Internationalen Fernmeldeunion. In der Schweiz trug v.a. die 1852 gegr. Eidgenössische Telegraphenwerkstätte zur techn. Entwicklung des T.en bei. Mit der Verlegung des transatlant. Seekabels, die 1866 im zweiten Versuch dauerhaft gelang, wurde das Land Teil eines interkontinentalen und ab dem Ende des 19. Jh. weltumspannenden elektr. Kommunikationsnetzes.
Der T., die erste elektr. Technik überhaupt, stand am Anfang der modernen Telekommunikation und der nationalen wie der internationalen techn. Vernetzung der Schweiz. Durch deren Weiterentwicklung und durch das Entstehen der digitalen Medien des 20. Jh. wurde er als eigenständiges Kommunikationsmittel überflüssig. 1999 stellten Post und Swisscom den telegraf. Inlanddienst ein.
Archive
– BAR
– Hist. Archiv und Bibliothek PTT, Bern
Literatur
– Hundert Jahre elektr. Nachrichtenwesen in der Schweiz, 1852-1952, 1-2, 1952-59
– In 28 Minuten von London nach Kalkutta, 2000
– E. Giacometti, Die Einführung des Telegraphen in der Schweiz, 2006
Autorin/Autor: Regine Buschauer