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Steckbrief
Gefährdungsgrad: stark gefährdet (EN)
Nationale Priorität: hoch (2)
Merkmale:
- Gestalt gedrungen und kräftig (v.a. Weibchen)
- Kopf kantig, deutlich vom Hals abgesetzt
- Grundfarbe äusserst variabel: braune bis graueTöne, teil rötlich und gelblich
- In den Alpen lokal melanotische (schwarz gefärbte) Tiere häufig
- Rückenzeichnung variabel: oft Querbalken, teils Zickzack- und Wellenbänder
- Flanken oft mit Fleckenzeichnung
- Schnauze aufgeworfen
- Auge gross, markantes Überaugenschild
- Pupille senkrecht-spaltförmig
- Kopfschilder klein und zahlreich
- drei Schuppenreihen zwischen Auge und Mundspalte
- meist auffälliges Band vom Auge zum Mundwinkel
Beschreibung
Die beiden Giftschlangenarten der Schweiz, die Aspisviper Vipera aspis und die Kreuzotter Vipera berus, lassen sich nur aufgrund weniger, schlecht sichtbarer Merkmale sicher von ungiftigen Arten unterscheiden (siehe Merkblatt „Giftschlangen - was tun?“). Beide Arten bleiben aber klein und werden im Gegensatz zu vielen harmlosen Nattern selten mehr als 70 cm lang. Die Männchen werden allgemein etwas länger und bleiben schlanker als die Weibchen.
Die Tiere scheinen mindestens zwanzig Jahre alt werden zu können. Die Männchen werden mit vier bis fünf, die Weibchen mit fünf bis sechs Jahren geschlechtsreif. Die Färbung der Aspisviper variiert stark, sogar innerhalb einer Population. Die Grundfarbe kann grau, braun, beige, gelblich oder rötlich sein, wobei alle Zwischentöne möglich sind. Die schwarze Rückenzeichnung ist manchmal fast nicht erkennbar, kann aber auch sehr kräftig ausgebildet sein. Völlig schwarz gefärbte Aspisvipern kommen ebenfalls vor. Im Jura eine grosse Ausnahme, sind solche Schwärzlinge im Alpenraum häufig und machen manchmal über die Hälfte einer Population aus.
Bei der Geburt messen die Vipern 18 bis 21 cm und sind fast immer "normal" gefärbt. Erst während dem Wachstum dunkelt die Grundfarbe einzelner Tiere nach. Mit etwa zwei Jahren und 30 cm Länge ist die Schlange dann vollständig schwarz gefärbt.
Ökologie
Ausgewachsene Aspisvipern ernähren sich vor allem von Kleinsäugern, besonders Feld- und Spitzmäusen. Vögel und Amphibien werden nur ausnahmsweise gefressen. Neugeborene Vipern, zu klein, um nestjunge Mäuse verschlingen zu können und Insekten verschmähend, ernähren sich bevorzugt oder gar ausschliesslich von kleinen Eidechsen.
Die bevorzugte Körpertemperatur der Viper liegt zwischen 30 und 32.5 °C. Schon mit 4 °C kann sie sich bewegen, mit 15 °C werden bereits Beutetiere verdaut. Im Winter ist die Verdauung nicht mehr möglich, und das Tier sucht Orte zum Überwintern auf, zum Beispiel Nagetiergänge oder Felsspalten. Diese müssen frostsicher und vor Überflutungen geschützt sein. Während der fünf- bis sechsmonatigen Winterruhe verliert die wechselwarme Schlange nur wenige Gramm Gewicht, und die Fettreserven bleiben bis zum kommenden Frühling praktisch erhalten.
Die Aspisviper ist lebendgebärend. Die Jungtiere kommen voll entwickelt zur Welt und können bereits ein Beutetier töten und verschlingen. Die Paarungen finden im Frühling kurz nach dem Verlassen der Winterquartiere statt, bei günstigen Wetterbedingungen auch im Herbst. Männchen, die sich während dieser Zeit in der Nähe eines Weibchens begegnen, liefern sich rituelle Balzkämpfe (Komment-kämpfe), bei denen der Stärkere den Unterlegenen unblutig in die Flucht schlägt. Die Tragzeit variiert mit den klimatischen Bedingungen, die Entwicklungsgeschwindigkeit der Embryonen ist temperaturabhängig. In der Ebene finden die Geburten oft schon im August statt, im Gebirge je nach Lokalklima erst Ende September oder gar Ende Oktober. Die Neugeborenen verbringen dann ihren ersten Winter ohne vorher gefressen zu haben, und die völlig abgemagerten Weibchen benötigen ein, zwei oder gar drei Jahre, um die für die Fortpflanzung unerlässlichen Fettreserven wieder aufzubauen.
Trächtige Weibchen sind sehr wärmebedürftig und versuchen stets, eine hohe Körpertemperatur aufrecht zu erhalten. Am frühen Morgen setzen sie sich bereits den ersten Sonnenstrahlen aus, und selbst bei bedecktem Himmel und während kurzen Regengüssen bleiben sie oft ausserhalb ihrer Schlupfwinkel. Männchen und nicht trächtige Weibchen leben verborgener und setzten sich nur zur Verdauung grosser Beutetiere oder vor der Häutung voll der Sonne aus. Während längerer Hitzeperioden bleiben die Vipern oft unsichtbar in der Vegetation oder unter Steinen verborgen.
Die Aspisviper greift niemals einen Menschen an. Sie beisst aber, wenn man sie in die Hand nimmt oder auf sie tritt. Die Giftzähne vermögen festes Schuhwerk nicht zu durchdringen. Fluchtreaktionen werden bei der Aspisvipern sehr oft visuell ausgelöst; auffällige Bewegungen veranlassen die Tiere, ihr Versteck aufzusuchen. Die Folgen eines Aspisvipernbisses können sehr unterschiedlich ausfallen, müssen aber in jedem Fall von einem Arzt beurteilt und gegebenenfalls behandelt werden (siehe Merkblatt „Schlangen - was tun?“).
Abgesehen vom Menschen sind Taggreifvögel und Krähen die Hauptfeinde der Viper. In der Schweiz hat sich kein Raubtier auf diese Beute spezialisiert. Hauskatzen, Igel, Marder und Hühner töten gelegentlich Vipern. Auch Schlingnattern können Jungvipern fressen.
Verbreitung
Ausserhalb der Schweiz kommt die Aspisviper in Nordostspanien, den südlichen beiden Dritteln Frankreichs, in ganz Italien, im nordwestlichen Slowenien und sehr lokal im deutschen Schwarzwald vor. Es handelt sich um ein mediterranes Faunenelement, dessen nacheiszeitliche Ausbreitung Richtung Norden klimatisch begrenzt wird, vor allem durch die Sonneneinstrahlung im Sommerhalbjahr.
In der Schweiz besiedelt die Aspisviper die Südschweiz (Tessin und Bündner Südtäler), den Südwesten des Landes (Rhonetal, Genferseegebiet), die westliche Hälfte der Alpen (Kantone VS, VD, FR, BE) sowie die Jurakette (von Genf ostwärts bis zum Aaredurchbruch). In Tälern, in denen die Aspisviper zusammen mit der Kreuzotter vorkommt, besiedelt letztere die höher gelegenen, kühleren und feuchteren Lagen. Die Überlappungszone beider Arten ist meist sehr schmal, von wirklicher Koexistenz im selben Lebensraum kann nicht gesprochen werden. Die kleinen Kreuzotterbestände im Westen der Schweizer Alpen scheinen nur da zu überleben, wo sich die Aspisviper aus klimatischen Gründen nicht regelmässig fortpflanzen kann.
Gefährdung und Schutz
Der Erhalt einer Viperpopulation erfordert speziell strukturiertes und ausreichend ausgedehntes Gelände, das den Tieren ein normales Abwickeln des jährlichen Aktivitätszyklus erlaubt. Die vollständige oder auch nur teilweise Zerstörung solcher Gebiete ist die Hauptbedrohung für einen Vipernbestand. Andererseits können auch durch Totschlagen oder Wegfang von Tieren durch Sammler bereits angeschlagene Populationen entscheidend geschwächt werden. Im Flachland ist die Aspisviper massiv zurückgegangen, während in den Bergregionen noch grössere Bestände leben, obwohl auch hier die Art lokal bereits am Verschwinden ist.
Folgende Massnahmen sind angezeigt:
- Prozesse der Naturdynamik respektive Naturverjüngung wenn möglich nicht unterbinden (Lawinen, Steinschlag, Hochwasser etc.)
- Kleinstrukturen aller Art auf dem Kulturland erhalten, neu anlegen und pflegen, insbesondere Trockenmauern und Lesesteinhaufen
- extensives, strukturreiches Weide- und Wiesland weiter bewirtschaften und vor der Verwaldung bewahren
- Verbuschung und Verwaldung geeigneter Standorte (Geröllhalden, Felsfluren, Steinbrüche) verhindern
- Pflege von ausgeprägten Krautschichten und Buschsäumen entlang von Hecken, Waldrändern und geeigneten Kleinstrukturen
- strukturreiche Böschungen erhalten und pflegen
- neu entstehende Böschungen und Bauwerke reptilienfreundlich gestalten
- Kartierung, Schutz und Aufwertung der verbleibenden Lebensräume in stark vom Menschen genutzten Gebieten
- genetischer Austausch zwischen isolierten Standorten über geeignete Verbindungskorridore sicherstellen
Genauere Informationen über Möglichkeiten des Reptilienschutzes erhalten Sie bei der karch.
Lebensraum
Die Aspisviper besiedelt vorab die sonnigen Hanglagen des Jura und der Alpen, von den Tieflagen bis auf weit über 2'000 m ü.M. Man findet sie in den unterschiedlichsten Lebensräumen, vorausgesetzt ausreichend Deckung und die für den optimalen Ablauf des jährlichen Aktivitätszyklus erforderliche Wärme sind vorhanden. Deshalb bevorzugt die Viper buschbestandenes, steiniges und südexponiertes Gelände. Ihre natürlichen Lebensräume sind vielfältig: Lichte, warme Wälder, oft auf felsigem Untergrund; Geröllhalden; Felsfluren; Lawinenkorridore; Zwergstrauchheiden; Bach- und Flussufer. Der Mensch hat in der Kulturlandschaft für die Viper vielerorts günstige Lebensräume geschaffen: Trockenmauern, Lesesteinhaufen, Hecken, busch-gesäumte Waldränder, Korridore von Hochspannungsleitungen, Bahndämme, Trockenwiesen und Weiden.
Sind die Ressourcen nicht gleichmässig über das Gelände verteilt, muss die Viper für die Ernährung, die Deckung ihrer Wärmeansprüche oder das Aufsuchen der Winterquartiere teils beträchtliche Strecken zurücklegen. Die Ausdehnung ihrer Lebensräume variiert daher je nach deren Gestalt von einigen hundert Quadratmetern bis zu mehreren Hektaren. Im Gebirge liegen zwischen bestimmten Überwinterungsstellen wie Geröllhalden oder steinigen Wäldern und Sommerstandorten wie Steinriegel oder Hecken oft mehrere hundert Meter. Im Sommer sind trächtige Weibchen sesshafter als die übrigen Tiere einer Population, weil sie – oft bis zur Geburt der Jungtiere – kaum fressen.