Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03227.jsonl.gz/611

Zurück ins 19. Jahrhundert: Für viele Frauen ist die Wissenschaft noch ein Fremdwort, der Zutritt zu Bildungsstätten ist ihnen untersagt. Ada Lovelace, von Tüll und weissem Satin umhüllt, tanzt auf Bällen auf der Suche nach einem adeligen Ehemann – es ist ihr vorherbestimmt. Im Idealbild der Zeit war die Aufgabe der Hausfrau zur einzigen Bestimmung des weiblichen Geschlechts erklärt. Doch während sie ihre höflichen Pflichten erfüllt und Mutter dreier Kinder ist, schreibt sie gleichzeitig das erste Computerprogramm der Welt.
Mit Zirkeln und Linealen aufgewachsen
Am 10. Dezember 1815 erblickte Ada Lovelace – geborene Byrone – in London das Licht der Welt. Sie war die Tochter des berühmten Dichters George Gordon Byron und der britischen Aristokratin Anne Noel-Byron. Die Ehe zwischen ihrer Mathematik begeisterten Mutter und ihrem Vater als Lyriker war ein missliches Drama und so ging sie auch schnell wieder in die Brüche.
Unter dem Einfluss von Anne entwickelte Ada Lovelace schon früh Interesse an Naturwissenschaften. Auf dem Stundenplan standen Mathematik, Naturkunde, Astronomie und anstatt Malstifte gab es Zirkel, Lineale und Winkelmass in die Hand gedrückt. Als wissbegierige 12-Jährige träumte sie davon, ein Dampfflugzeug zu erfinden. Leider erfolglos. Doch ihre Faszination für Maschinen war es, die Ada schliesslich zum Erfinder Charles Babbage führte.
Mutter und Wissenschaftlerin zugleich
Schnell fand sie Förderer und lernte anschliessend mit 17 Jahren Babbage auf einem Empfang kennen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Erfinder bereits schon seit 10 Jahren am Prototyp seiner gigantischen Rechenmaschine gearbeitet, der komplizierte Berechnungen erforderte. Ada Lovelace gehörte zu den wenigen, die Babbages Konstruktion auf Anhieb verstehen konnten, und so musste sie immer mal wieder seine eigenen Rechenfehler korrigieren. Mit den Jahren wurde Ada zur engsten Verbündeten von Babbage.
Als 19-Jährige heiratete Ada Byron Lord King, den späteren Earl of Lovelace, und gebar anschliessend in schneller Folge 3 Kinder. Den Frauen in Grossbritannien blieb der Zugang zu Universitäten und wissenschaftlichen Bibliotheken verwehrt – ihr Ehemann schrieb deshalb später wissenschaftliche Artikel für sie ab.
Bald darauf entwickelte Charles Babbage den Plan für seinen Rechner weiter: Ein mehrere Meter grosser Mechanismus aus Zahnrädern, der eine Dampfmaschine antreiben soll. Seine "Analytical Engine" soll so nur noch 3 Minuten brauchen, um 2 Zahlen von je 20 Stellen zu multiplizieren.
Sie nannte ihre Forschung "Notizen"
1842 übersetzte Lovelace ein französisches Buch über Babbages Maschinenkonzept ins Englische und wurde vom Erfinder selbst dazu ermutigt, ihre eigenen Gedanken einfliessen zu lassen. Ihre "Notizen" – wie sie das wissenschaftliche Werk damals bescheiden bezeichnete – waren dreimal so lang wie der ursprüngliche Text.
"Der analytische Automat hat keine Gemeinsamkeit mit schlichten Rechenmaschinen. Er ist einmalig, und die Möglichkeiten, die er andeutet, sind höchst interessant", lässt sich Lovelace zitieren. Sie erkannte das Potenzial der Maschine: Es handelte sich nicht nur um ein Gerät für numerische Berechnungen, wie Babbage sein Konzept lediglich verstand. In ihrer Vision konnte die Maschine grundsätzlich jede Information verarbeiten, sofern sich diese mathematisch übersetzen liess. Also auch Musiknoten, Buchstaben und Bilder. In ihren "Notizen" fügte Lovelace eine Anleitung zur komplizierten Berechnung von Bernoulli-Zahlen bei. Das war der erste Algorithmus, welcher als das erste veröffentlichte formale Programm gelten kann. Mit diesem wissenschaftlichen Werk war sie ihrer Zeit damals 100 Jahre voraus.
Vorbild für viele Frauen
Ada Lovelace starb am 27. November 1852 mit nur 36 Jahren unverhofft an Krebs. Die Analytical Engine wurde nie gebaut: Charles Babbage fand keine Geldgeber und überwarf sich mit der Regierung. Adas Werk geriet in Vergessenheit, bis es erst 100 Jahre später von Alan Turing wiederentdeckt wurde.
Heute gilt die Pionierin als Vorbild für viele Frauen in MINT-Berufen. 1981 wurde beispielsweise der Augusta Ada Lovelace Award ins Leben gerufen. Der Preis wird von der Association for Women in Computing verliehen und soll Lovelace und ihre Arbeit ehren. Zuletzt gewann die US-amerikanische Computeringenieurin Nashlie Sephus den Award. Auch die Programmiersprache Ada hat man nach Lovelace benannt.