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Von CÉDRIC WEIDMANN.
Der Philosoph ist ja sowas wie der Intellektuelle für Hipsters. Die Form seiner philosophischen Untersuchungen, von denen niemand so recht sagen kann, ob es Aphorismen oder Betrachtungen mit streng systematischem Aufbau sind, erinnert am ehesten an schale Sprüche irgendeiner Dusbtep unterlegten Schlaumeiercliqué.
Wer kann sich nicht den Satz „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ zu vierzig in sich gekehrt tanzenden, eitlen Musikhörern vorstellen?
Sprachspiel
Wittgenstein hat, weil er fast zu allem irgendetwas gesagt hat, viele Ansätze, die sich auf das Spiel beziehen.
So stützt sich der Sprachphilosoph im weiteren Verlauf seiner Arbeiten immer stärker auf das Sprachspiel. Im allgemeinen könnte man das eine Theorie nennen, mit der Wittgenstein sich gegen alteingesessene Wahrheiten wehrt.
Eine Interpretation über Wittgenstein besagt: Der Mann wollte uns erklären, dass die ganze Philosophie, das ganze Nachdenken und damit irgendwie alles auf der Welt lediglich ein Sprachspiel sei, weil die Sprache unfassbar schwer festzumachen ist. Sprachliche Missverständnisse und Sprachspiele sind es eigentlich, die uns vor die wirklich grossen Probleme stellen. Dass das aber oft auch weit über die Bedeutung eines fruchtbaren Spiel-Begriffs ausgeht, ist ein bisschen vorauszuahnen, aber wird spätestens in den Philosophischen Untersuchungen bemerkbar
Unschärfe der Ränder von Begriffen – die „Definition“ von Spiel
In dem Buch gibt es die zur Berühmtheit gelangte Stelle:
66. Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir „Spiele nennen“. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele, Kampfspiele usw. Was ist allen diesen gemeinsam? – Sag nicht: „Es muss ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hiessen sie nicht ‚Spiele‘.“ – sondern schau, ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. – Denn, wenn du sie anschaust, wirst du zwar nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, sehen, und zwar eine ganze Reihe. […]
67. Ich kann diese Ähnlichkeiten nicht besser charakterisieren als mit dem Wort „Familienähnlichkeiten“; denn so übergreifen und kreuzen sich die verschiedenen Ähnlichkeiten, die zwischen einer Familie bestehen: Wuchs, Gesichtszüge, Augenfarbe, Gang, Temperament, etc. Etc. – Und ich werde sagen: Die ‚Spiele‘ bilden eine Familie. […]
Wie ist denn der Begriff des Spiels abgeschlossen? Was ist noch ein Spiel und was ist keines mehr? Kannst du die Grenzen angeben? Nein. Du kannst welche ziehen: denn es sind noch keine gezogen. (Aber das hat dich noch nie gestört, wenn du das Wort „Spiel“ angewendet hast.)
„Aber dann ist ja die Anwendung des Wortes nicht geregelt; das ‚Spiel‘, welches wir mit ihm spielen, ist nicht geregelt.“– Es ist nicht überall von Regeln begrenzt; aber es gibt ja auch keine Regel dafür z.B., wie hoch man im Tennis den Ball werfen darf, oder wie stark, aber Tennis ist doch ein Spiel und es hat auch Regeln. (Wittgenstein, suhrkamp 1971, 58f)
In dieser zentralen Stelle, die jeder, der sich ein wenig für Spiele oder für Sprache interessiert, kennt, sagt Wittgenstein eigentlich Vernichtendes über die Spiele: Man kann sie nicht definieren. Man kann seine Grenzen „nicht angeben“. Auf die Schwierigkeiten, über die bereits Johan Huizinga gestolpert ist, kommt jetzt so etwas wie die Begründung, denn man kann das Spiel nicht definieren. Ich bin mir sicher, dass seither niemandem eine Spieldefinition gelungen ist, auch wenn z. B. Jesper Juul heute gewiefte Ansätze präsentiert.
Diese Textstelle ist ausserdem der Ursprungspunkt einer ganz eigenen linguistischen Theorie: Der Prototypentheorie. Diese semantische Theorie besagt, dass wir uns unter bestimmten Begriffen wie z. B. „Vogel“ zuerst einen Prototypen vorstellen – und das ist grundsätzlich kein Pinguin, Vogelstrauss oder Kiwi, sondern etwa eine Meise, ein Spatz, eine Amsel. Und erst mit zusätzlichen Informationen weichen wir von diesem Prototypen ab.
Absicht
Auch wenn dieser Kommentar der Begriffsunschärfe und das Sprachspiel viel wichtigere Punkte für das Spiel darstellen und sozusagen Meilensteine der Wissenschaft kennzeichnen, gibt es noch einen weiteren Bereich Wittgensteins: In seiner Theorie der Absicht.
Da Wittgenstein sich bezüglich der Absicht in einem sehr geistesphilosophischen Kontext bewegt, geht dieser Punkt oft vergessen. Dabei ist gerade für handlungsspezifische Theorien wie die Spieltheorie (und schon bei Huizinga ist Spiel ja vorwiegend eine Handlung) wichtig, wie Handlungen ausgeführt werden und was das bedeutet.
Ausführlich behandelt und weitergeführt hat seine Absichtstheorie Anscombe in ihrem spannenden Buch Intention.
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