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Die Stunde ohne Telefon - Monatsgedanken Februar 2020
«Bitte schalten Sie ihre Handys ganz aus». Wir hatten Karten für ein Konzert im Dunkeln. Und wir waren gespannt, was auf uns zukommt.
Der Musiker Sandro Schneebeli stand auf einem Stuhl im Theater-Vorraum. Er bat die Anwesenden, dass sie auch ihre Fitnessuhren und Google-Watches und alles, was leuchten könnte, gut wegpacken. «Dies wird einmal eine Stunde ohne Telefon für Sie sein. Es soll absolut dunkel bleiben!»
Darauf stellte Schneebeli seinen Musikerkollegen Max Pizio vor, und zwei blinde Frauen, Rita und Monika, die uns in den stockdunklen Konzertraum begleiten würden. Dazu bildeten wir Gruppen zu 7 Leuten, die jeweils die Hände auf die Schultern der vor einem gehenden Konzertbesucher und -besucherin legten. Vorneweg gingen Rita oder Monika mit einem Blindenstock und führten die kleine Polonaise durch einen schwarzen Stofftunnel. Dahinter war es absolut schwarz. Nach gut 30-40 kleinen vorsichtigen Schritten konnten wir einen Stuhl ertasten. Es war Vogelgezwitscher zu hören, und Regen aus einem Regenrohr. Wir hörten, wie weitere Gruppen zu ihren Plätzen gelangten und sich setzten. Dann war es still. Und es begann die Stunde im Dunkeln, die «Stunde ohne Telefon». Es war eine akustische Reise, mit Gitarre und Bassklarinette, und etwa 20 bis 30 Instrumenten. Die Gitarre klang so nah, als könnte ich sie mit Händen vor mir greifen. Zwischendurch waren wir auf einer Alp, denn ich hörte Glocken aus verschiedenen Ecken im Raum, und das «Mäh» und «Muh», wie ich es als Kind von einer Dose zum Drehen kannte. Dann erklangen die Töne von «Sound of Silence» auf den Glocken, und ich sah vor mir ein paar Ziegen in den Bergen, die abwechselnd ihren Kopf bewegten. Ich fragte mich, wie die beiden Musiker die verschiedenen Instrumente fanden und anfassten, ohne sie umzuwerfen.
Es war spannend, wenn auf einmal neue Geräusche einsetzten, die wie eine Dampflok oder exotische Vögel im Regenwald klangen. Meine Augen waren zum Teil offen, zum Teil geschlossen. Die Stunde ohne Telefon verging im Flug. Am Ende zündeten die beiden eine Kerze an und tranken ein Glas Wein. Schneebeli zeigte noch die Instrumente, und erzählte von einem Konzert in Indien auf Einladung der Schweizer Botschaft, wo er beim Musizieren an seinem Knöchel etwas spürte und sofort im Dunkeln an eine Schlange dachte. Er zuckte zurück und machte Licht mit der Taschenlampe, und entdeckte jemanden auf allen Vieren. Dieser hatte die Hände vor sich ausgestreckt und suchte den Ausgang, weil er auf Toilette musste. Der hatte nicht zugehört, dass er einfach den Namen von Rita oder Monika rufen brauchte, um herausgeführt zu werden. Bei unserem Konzert verlief nun alles nach Plan.
Die Töne im Dunkeln im Raum zuzuordnen, war eine Herausforderung, und für manchen vielleicht auch das Dunkel an sich auszuhalten. Da ich nun selbst kein Smartphone besitze, war die «Stunde ohne Telefon» für mich nicht ungewöhnlich.
Doch ich dachte daran, dass wir in unserer Kirchgemeinde auch die schöne Einrichtung einer «Stunde ohne Telefon» haben: Am Sonntag, meist um 10 Uhr. Da öffnen wir uns im Gottesdienst auch für eine andere Verbindung. Das Telefon hat dann Ruhe. Dabei gibt es eine akustische Reise durch ein paar Jahrhunderte und bis in die Neuzeit. Einige Texte sind fast 2000 oder 2500 Jahre alt, und damit sie für unser Verstehen nicht im Dunkeln bleiben, versuchen wir eine Brücke zu uns heute zu schlagen. Sie sind herzlich dazu eingeladen, denn es besteht zudem die Möglichkeit, still zu werden und inne zu halten, wenn die Glocken in vier verschiedenen Tonhöhen läuten.
Und vielleicht nehmen Sie die jetzt beginnende Passionszeit ja auch als Fastenzeit, um mal öfters ein «Handyfasten» bis Ostern einzulegen?
Eine hoffentlich friedvolle Zeit wünscht Ihnen
Pfr. Andreas Bertram-Weiss