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[* 2] (das Drangiana und Ariana der Alten, hierzu Karte »Afghanistan«),
der 721,700 qkm (13,106 QM.) große und
von ungefähr 4 Mill. Menschen bewohnte nordöstliche Teil des vorderasiatischen Plateaus von Iran. Es liegt
mit Einschluß der 1872 bis 1873 ihm zugewiesenen Länder südlich des Oxus zwischen 29½-38¼° nördl. Br. und 61-74° östl.
L. v. Gr. und wird im N. von den jenseit des Flusses liegenden Chanaten Karategin, Kolab, Hissar und Bochara und dem Transkaspischen
Gebiet Rußlands, im O. von dem indobritischen Reich, im S. vom englischen DistriktQuetta mit Pischin und
Sibi, dann Belutschistan, im W. von Persien
[* 7] begrenzt. Afghanistan ist ein nach W. zu sich abdachendes Hochland, im N. von dem Hindukusch
umschlossen, dessen höchste Gipfel 8000 m und darüber erreichen; im W. tritt das Randgebirge der PersischenWüste heran;
von Indien wird Afghanistan abgeschlossen durch die 3443 m hohe Suleimankette, weiterhin durch den Safedkoh, 4760 m hoch, mit den Chaiberbergen.
An den Hindukusch schließen sich westlich, in derselben Richtung streichend, die unter dem Namen des Paropamisus begriffenen
Höhenzüge an, die sonst für unwegsam galten, aber 1882 durch den Russen Lessar bereist wurden und ein
sogar mit einer Eisenbahn leicht zu übersteigendes Sandsteingebirge von etwa 400 m Höhe sein sollen. Hindukusch und Safedkoh
entsenden zahlreiche Ketten nach S. und machen den
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östlichen Teil von Afghanistan zu einem unwegsamen, leicht zu verteidigenden Gebirgsland. Von diesen Ausläufern ist am wichtigsten
die Kwadscha Amran-Kette, der Gebirgswall Afghanistans gegen Belutschistan, an dessen Fuß nach W. die Lora abfließt; östlich
setzt sie sich durch Verzweigungen in Verbindung mit dem Suleimangebirge. Seit 1884 ist englischerseits vom Quettadistrikt
aus die Anlage einer schmalspurigen Gebirgsbahn über diese Kette geplant. Ungeachtet der Schwierigkeiten, welche dieses nur
von wenigen Pässen durchschnittene Gebirgsland dem Vordringen bereitete, bot Afghanistan doch bis zur Entdeckung des Seewegs den einzigen
Weg nach Indien; Heere wandernder Völker zogen durch Afghanistan nach Indien, Missionen heraus, Karawanen hin und her.
Die Hauptpässe sind gegen N.: der Chawak, 328 v. Chr. von Alexander d. Gr., im 14. Jahrh. von Timur durchzogen;
Unter den zahllosen afghanischen Stämmen spielen politisch die bedeutendste Rolle die Durani, deren Stamm auch den Landesherrn
gibt. Einflußreich und in den Thälern südlich der Hauptstadt Kabul tonangebend sind sodann die Ghilzai,
ein volkreicher Stamm mit reichen Überlieferungen. Pathan ist der einheimische Name für die von Ethnographen »indische Abteilung
der Afghanen« genannte Bevölkerung der nach Indien sich abdachenden Thäler. Jusufzai ist Gesamtname für die afghanischen
Stämme am rechten Kabulufer; Afridi sind die Hauptvertreter der längs der indischen Grenze wohnenden Afghanen, die sich
sowohl von Afghanistan als Britisch-Indien ihre Unabhängigkeit noch wahrten, seit 1880 aber durch reiche Subsidien für englische Interessen
gewonnen werden.
Khattak und Kakar sind rohe Stämme zwischen der Stadt Kandahar und dem Indusstrom, die 1879-80 zum erstenmal mit Europäern
in Berührung kamen und 1884 wegen Raubeinfalls im britischen Distrikt eine Züchtigung durch eine angloindische
Militärabteilung erfuhren; bei näherer Erforschung ihrer reichen Sagen und eigentümlichen Sitten versprechen dieselben wichtige
Aufschlüsse über die ethnographischen Verhältnisse des Landes zu liefern. Reste der persischen, vorafghanischen Bevölkerung
sind die zahlreichen Tadschik, der ruhigste und friedliebendste Teil der Bewohner (s. unten).
Reste einer uralten arischen
Einwanderung sind die Kafir an den Seiten des Kabulflusses von N. her. Im Äußern ist die zur Nation der Afghanen zusammengewachsene
Bevölkerung von stattlichem Körperbau und schlankem Wuchs;
Ihr Aussehen hat aber doch meist etwas
Abstoßendes: der Hals ist nicht lang und sitzt tief in den Schultern, die Haut
[* 23] hat einen matten Glanz und ein schwärzliches
Ansehen. Der Afghane ist ausdauernd und unerschrocken; kriegerische Beschäftigung gilt ihm als das Höchste.
Die Kleidung ist nur darin von der indischen verschieden, daß die Männer weite Hosen
[* 24] tragen; den Oberkörper deckt ein langer
Überwurf, der bis an das Knie reicht; die Füße stecken in Schuhen oder Halbstiefeln, den Kopf schirmt ein Turban oder eine
Mütze.
Vielweiberei ist durch den Koran sanktioniert; die Frau ist aber hier, wie in Indien, als Lebensgefährtin und Erwerberin in der
Hauswirtschaft mehr geachtet als in den westlichen Gegenden mohammedanischen Glaubens. Die Tadschik (»Kronenträger«,
so genannt von der Kopfbedeckung der Parsen, dann überhaupt s. v. w. Persischredende) bilden rund ein Zehntel der Gesamtbevölkerung;
sie sind gewöhnlich groß, haben schwarze Augen und Haare
[* 27] und einen länglichen Kopf. Durch die jahrhundertelange Bedrückung
haben diese Afghanen viele schlechte Eigenschaften angenommen, und in ihrer gegenwärtigen Vermischung
sind sie
¶
mehr
wohl zum verworfensten Volk der indogermanischen Sprachengruppe herabgesunken. Ihr niedriger Sinn äußert sich hauptsächlich
in Treubruch, in Betrügereien und Diebstählen. In Sachen der Religion affektieren die Tadschik die größte Verehrung vor den
Geboten des Korans, doch nur, solange sie sich in Gegenwart Strenggläubiger befinden. Kriechend im Umgang, vergessen sie doch
nie, für sich zu sorgen. Sie leben hauptsächlich in den Städten oder in ihrer Nähe und sind gewandte Kaufleute mit Verbindungen
bis weit nach Innerasien hinein.
Sitz der Reichsregierung, des Emirs (aus Amir verderbt), ist Kabul im NO. des Landes. Zum Zweck der Verwaltung ist das Reich in
Provinzen, diese in Kreise
[* 29] abgeteilt. Ein Ziviloberbeamter sorgt für die Steuereinhebung, für öffentliche
Ruhe und ist Vorsitzender der Appellhöfe; Befehlshaber des Heers ist ein General, dem zugleich die Ausführung der Befehle
des Ziviloberbeamten obliegt; oft sind beide Ämter vereinigt. Neben dem allgemeinen mohammedanischen Gesetz des Korans gilt
ein altes rohes Gewohnheitsrecht (Puschtunwalle); Selbsthilfe ist zwar verboten, aber der Hang hierzu noch
nicht ausgerottet.
Die afghanische Sprache,
[* 32] welche sich selbst als Paschtu oder Puschtu bezeichnet, ist nach Trumpp und Spiegel
[* 33] eine selbständige
Sprache, welche an den Flexionsgesetzen und dem Wortschatz der indischen wie iranischen Sprachengruppe
teilnimmt, jedoch vorwiegend indisches Gepräge zeigt und am nächsten an die neuindischen Sprachen angeschlossen wird.
Vgl.
Dorn in den »Mémoires de l'Académie de St.-Pétersbourg 1850«; dann die umfassendern grammatischen wie lexikalischen Arbeiten
Ravertys (»Grammar of the Pushto«, 3. Aufl., Lond. 1867; »Dictionary«. 2. Aufl.,
das. 1867, und »Pushto manual«,
das. 1880);
Die Sprache zerfällt in verschiedene, in manchen lautlichen Dingen sehr abweichende Dialekte. Die Litteratur ist weder sehr
umfangreich noch selbständig, sondern in ihrem Geiste durch den Islam, in ihren Formen durchweg durch persische
Vorbilder bestimmt. Ein Bild derselben geben die Sammelwerke von Dorn (»Chrestomathy of the Pushtu«, Petersb.
1847),
von Raverty (»The Gulshan-i-Roh, being selections prose and poetical«, 2. Aufl.,
Lond. 1867; »Selections«, das.
1867) und Trumpp in der »Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft« (Bd. 21 u.
23).
Früher bildete jeder Stamm innerhalb des von ihm bewohnten Gebiets ein Gemeinwesen für sich, das seine Angelegenheiten in
republikanischen Formen durch Älteste und Ausschüsse verwaltete. Es gab dem Namen nach ein gemeinsames Oberhaupt mit der Residenz
in Kabul; aber wenn nicht die Aussicht auf einen glücklichen Raubzug in das benachbarte Indien winkte,
konnte der Herrscher auf Gehorsam und Heeresfolge nicht zählen. Dies änderte sich mit dem Übergang der indischen Grenzprovinz
Pandschab von den Sikhs in die starke Hand
[* 34] Englands (1845). Die Zeit der Einfälle großen Stils nach Indien ist von nun an vorüber,
die alte volkstümliche Verwaltung gefallen. Afghanistan ist ein despotisch regierter Staat und zerfällt in folgende
Provinzen.