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Man kann sich seine Nachbarn nicht aussuchen, schon gar nicht am Ende der Welt. «Ich nenne ihn ‹Rocky›», sagt Bruce Maycock. «Rocky» – das kommt vom englischen «Rock»: Fels. «Wenn ich in meinem Camp sitze, schwimmt er unten im Bach langsam heran und legt sich still zwischen zwei Felsbrocken. Er meint wohl, ich würde dann glauben, er sei auch ein Fels. Und wartet darauf, dass er mich irgendwann fressen kann». »Rocky» ist ein fast fünf Meter langes Salzwasserkrokodil. Krokodile sind immer hungrig. Und sie haben unendlich viel Geduld, um auf den richtigen Moment zu warten. Nur so konnten sie 200 Millionen Jahre lang überleben.
Die Region des Berkeley River im Nordwesten von Westaustralien: wilder geht es nicht, selbst auf einem Kontinent, wo es an Wildnis nicht fehlt. Tausende von Quadratkilometern unbewohntes Land, am Horizont die Weite der Timorsee. Ausser per Boot ist der Zugang nur im kleinen Flugzeug möglich, die nächste Strasse ist 100 Kilometer entfernt. Bruce Maycock arbeitet als Touristenführer für die Berkeley River Lodge. Mit einem Aluminiumboot führt er Besucher durch die Schluchten. Mächtige Wasserfälle donnern über die Milliarden Jahre alten Gesteinsformationen in den Fluss. Aus Felsspalten blicken kleine Wallaby-Kängurus dem Boot nach, mehr neugierig als ängstlich.
Bruce lebt vom Angeln, fängt Krabben, jagt Enten
Bruce erzählt von den Felsformationen und den Aboriginal-Malereien, die sich in Höhlen und Kluften versteckten. «Viele sind noch nie von einem weissen Menschen gesehen worden», sagt er. Ausser von ihm. Während der Regensaison, wenn die Lodge geschlossen ist, lebt Bruce in seinem einfachen Camp an einem kleinen Bach, irgendwo im Delta des Berkeley River. Sein einziger Luxus ist die Einsamkeit. Es gibt keinen Strom, keinen Fernseher, keine Klimaanlage.
Bruce lebt vom Angeln, fängt Krabben, jagt Enten. Dabei entdecke er immer wieder neue Höhlen, die über tausende von Jahren den Urbewohnern der Region als Unterkunft gedient hatten, erzählt er. Nur selten bringt ihm ein Versorgungsschiff aus dem Dorf Wyndham ein paar Vorräte. Es ist einer seiner seltenen Kontakte mit Menschen. In einem Land, in dem es an Klischees nicht fehlt, ist Bruce Maycock vielleicht der Mann, der am ehesten der Film-Kultfigur Crocodile Dundee gleicht. Ausser, dass er nicht mit Krokodilen kämpft. «Ich bin ja nicht verrückt», lacht er.
Anflug auf die Schotterpiste direkt neben der Berkeley River Lodge. Die Hotelanlage rühmt sich nicht ohne Grund als das abgelegenste Luxus-Hotel Australiens. Ein Hauptgebäude und 20 Gästehäuser erheben sich auf einer Sanddüne an der Ecke, wo der mächtige Berkeley River in die Timorsee fliesst. Sonst gibt es gibt keinerlei Zeichen für Zivilisation, in welche Himmelsrichtung man auch blickt. Eine halbe Stunde später, und Bruce Maycock fährt die Gäste in einem offenen Safari-Jeep den Strand entlang.
Es dauert keine fünf Minuten, bis im weissen Sand lange Schleifspuren sichtbar werden. «Hier ist das Krokodil aus dem Wasser gekommen», erklärt Bruce. Ein mindestens drei Meter langes Reptil hatte sich kurz zuvor einen Weg in die Dünen gesucht. Wo es sich kurz ausgeruht hatte, ist der Abdruck der Krokodilhaut im Sand zu sehen. «Geht nie näher als fünf Meter ans Wasser heran», warnt Bruce die Gäste. Nicht, dass nach dieser Erfahrung noch irgendjemand Bedürfnis nach einem Bad im kristallklaren Wasser gehabt hätte. Salzwasserkrokodile – oder «Salties», wie Australier sie nennen – sind unter den vielen potenziell gefährlichen Tieren Australiens die einzigen, die auch den Menschen auf dem Menu haben.
Ein Paradies von fast surrealer Unberührtheit
«Wo ist der Plastik?», fragt eine Frau aus Ontario. Der Mangel an Verschmutzung ist das erste, was dem Besucher auffällt. Keine Plastik-Wasserflaschen, die auf den Wellen treiben. Keine zerfetzten Mülltüten, die zwischen Felsen hängen, von Algen bedeckt. Und keine Plastiksandalen. Die Strömung des Meeres zwischen Timor und der australischen Nordküste macht es möglich, dass der Müll, der von den Wellen aus dem nördlichen Indonesien mitgetragen wird, woanders endet. Die Strände um die Mündung des Berkeley River scheinen abgeschnitten vom Rest der Welt, ein Paradies von fast surrealer Unberührtheit. Man hat das Gefühl, als erster Mensch in diesem Sand Fussspuren zu hinterlassen. Eine Illusion.
Bruce stoppt das Fahrzeug. Etwa 300 Meter vom Strand entfernt zeigt er auf eine Steinplatte. Das Stück flacher Felsen hat eine feine Oberfläche. Sie sei das Resultat von Jahrzehnten, vielleicht Jahrhunderten des Schleifens mit einem Mahlstein, erklärt Bruce. Seit tausenden von Jahren ist die Gegend um den Berkeley River Jagd- und Sammelgebiet der Ureinwohner des Volkes der Miwa. Noch bis in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts gingen Aborigines auf traditionelle Art und Weise jagen, bevor sie gewaltsam von ihrem Land vertrieben wurden. Auf den grossen Steinen mahlten die Urbewohner Körner und Samen. Aus dem Mehl machten sie Brot. Neben der Platte liegen aus Stein geschnittene Spitzen von Speeren und Pfeilen. Ein paar Meter weiter zeugt ein sogenannter «Midden» von einem Festmahl. Tausende von Muschelschalen verbleichen im Licht der Sonne. «Hier hatten die Menschen eine Seafood-Party», lacht Bruce.
Lachs und Meerrettichschaum, dazu ein Glas Champagner und einen Cafe Latte mit Soyamilch. Denise Heberer, die deutsche Managerin räumt in der Berkeley River Lodge das Büffet ab. Billig ist die isolierteste Hotelanlage Australiens nicht: etwa 2000 Franken kostet die Nacht für zwei Personen, der Flug von der Stadt Darwin inklusive. Wer dafür opulenten Luxus mit Goldschnörkeln am Bett und Hausdiener vor der Türe erwartet, wird enttäuscht. Die Kabinen sind zwar komfortabel eingerichtet, aber nicht luxuriös. Mit Freiluft-Toilette und -Dusche sind sie mehr australische Strandkabine als Versace-Condomium.
In Berkeley River ist der Luxus ein anderer: man kann nicht gestört werden. Zugang zum Satelliten-Internet wird von Denise Heberer strikt auf ein paar magere Megabite pro Zimmer und Tag beschränkt – gerade mal genug, um eine Email zu lesen, wenn überhaupt. Und Mobiltelefonempfang gibt es überhaupt nicht. Wenn am Abend der amerikanische Investmentbanker Carl auf der Veranda seiner Kabine vor untergehender Sonne die glamouröse Modeschöpferin Bella aus Sydney um ihre Hand bittet, kann er sicher sein, dass dieser Moment nur ihnen beiden gehört.
Für Bruce Maycock geht ein langer Tag zu Ende. Der Mann hat die seltene Begabung, gut im Umgang mit Gästen zu sein, obwohl er eigentlich ein Einsiedler ist. Er freue sich auf seine nächste Saison in seinem Camp, erzählt er, oben am Ufer dieses Baches, wo sonst keiner ist. Ausser «Rocky».
Kimberley – gut zu wissen
Der Berkeley River liegt im Osten der Kimberley in Westaustralien. Die Region Kimberley (nicht Kimberleys) ist gerade unter Schweizer Besuchern sehr beliebt, denn sie gehört zu den landschaftlich attraktivsten und gleichzeitig abgelegensten Gegenden auf dem fünften Kontinent. Gewaltige Schluchten, Wasserfälle, endlose Weiten und eine spezielle Art von Aboriginal-Felsmalereien (Wandjina) locken jedes Jahr tausende von Touristen aus aller Welt an. Eng wird es trotzdem nicht: in dem 423'517 Quadratkilometer grossen Naturgebiet zwischen den Städten Broome im Westen und Kununurra im Osten leben nur knapp 40 000 Menschen – ganze 11 Bewohner pro Quadratkilometer. Berkeley River Lodge ist neben der bekannteren El Questro die zweite Luxus-Unterkunft in den Kimberley. Wer nicht das Budget hat, die Region mit dem Kleinflugzeug zu entdecken, für den ist Fahrt mit einem eigenen oder gemieteten Wagen die ideale Transportart. Ein Fahrzeug erlaubt Abstecher in die zahlreichen Schluchten und – allerdings nur im Allradfahrzeug – in die wenig erschlossenen Gebiete der Dampier-Halbinsel und des Mitchell Plateaus im Osten der Kimberley.
Zwei Strassen verbinden West und Ost: der geteerte, ganzjährig befahrbare Great Northern Highway, der über 1000 Kilometer von Broome über Fitzroy Crossing und Halls Creek nach Kununurra führt, und die nur für Allradfahrzeuge empfohlene, über 600 Kilometer lange Naturstrasse Gibb River Road. Ende April und im Mai, sowie zwischen September und Oktober sind die besten Reisezeiten in der Trockenzeit – kurz nach oder vor der sommerlichen Regenzeit (Dezember bis April). In der «Wet», so nennen die Menschen der Kimberley diese Saison, sind weite Teile der Region überflutet und unpassierbar. Wer sich trotz Warnungen auf gesperrte Strassen begibt und stecken bleibt, dem drohen nicht nur astronomische Bergungskosten und Strafverfügungen. In allen Gewässern droht die Gefahr von Angriffen durch das Salzwasserkrokodil, das sich – entgegen seinem Namen – vorwiegend in Süsswasser aufhält.