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San Quentin, Kalifornien
Im Juni 1999 bin ich zufälligerweise im Internet auf die Kolumnen eines zum Tode verurteilten Gefangenen gestossen - seine Schilderungen vom Leben in der Todeszelle und seine Erlebnisse mit dem amerikanischen Justizsystem haben mich so beeindruckt, dass ich ihm noch am gleichen Tag geschrieben habe!
Aus diesem ersten Kontakt ist ein intensiver Briefwechsel entstanden und Mäge und ich entschlossen uns, auf dem Weg nach Fidschi im Dezember 1999 einen Besuch bei Dean zu machen.
Deadman talking... die Kolummnen von Dean
Auszug aus "Deadman talking", in dem er seine Zelle, die er seit 20 Jahren bewohnt, beschreibt:
Der Ost-Block ist ein altes Gebäude, errichtet in den 30iger Jahren. Ein höhlenartiges, dunkles, lautes und übelriechendes Bauwerk, das eiskalt im Winter ist und erstickend heiß im Sommer. Die Zellen sind in die Mitte des Zellenblocks gebaut. Ungefähr in lo m Entfernung gegenüber den Zellen sind Fensterreihen, welche Licht hereinlassen, aber es ist ein gedämpftes Licht, gefiltert durch den Dreck und den Schmutz auf den Fenstern. An der selben Wand wie die Fenster befinden sich der obere und der untere Schießgang. Der obere Schießgang beobachtet die oberen Stockwerke, der untere die unteren. (Jeweils) eine Wache schreitet mit einem Maschinengewehr die Länge des Traktes ab. Alle Wachen, die sich nicht auf den Schießgängen befinden, müssen kugelsichere Westen tragen, so daß sie geschützt sind, falls bei einem Zwischenfall geschossen wird.
Die Zellen sind sehr winzig, etwas über 1,2o m breit und ein bißchen länger als 3m. Jede Zelle hat ein Bett aus Stahlplatten (kein sehr langes Bett, meine Füße hängen über das Ende hinaus), Waschbecken, Toilette aus rostfreiem Stahl, ein Ablagebrett und ein Licht mit einem Stecker. (Ein toter Mann spricht, Kolumne 4)
San Quentin liegt wie ein Schloss etwa eine Stunde nördlich von San Francisco auf einer Halbinsel. Das mehr als hundert Jahre alte Gefängnis bildet den Hauptteil des Dorfes; wir vermuten, dass die Angestellten des Gefängnisses in den wenigen Einfamilienhäusern in der Nähe wohnen.
Will man einen Gefangenen besuchen, muss man schon Wochen vorher eine Besucher- Bewilligung beantragen.
Es sind keine blauen, grauen, grünen und orangen Kleidungsstücke erlaubt, vor allem keine Jeans, nichts Durchsichtiges, keine kurzen Röcke und nichts, was irgendwie sexy aussehen könnte. Die Farbeinschränkung deshalb, weil man bei Unruhen ja keinen Besucher gefährden möchte.
Wir sind morgens um ca. 8 Uhr dort und warten, zusammen mit einigen anderen, in einem kleinen, gedeckten Gang, bis wir eingelassen werden.
Durch dieses Gebäude gelangt
man als Besucher auf das
Gefängnisareal.
Beim ersten Checkpoint wird unser Name im Computer gesucht, der Pass geprüft und wir müssen allen Schmuck, alles Metallische und die Schuhe ausziehen, bevor wir durch den Metalldetektor gehen.
Das 1. Mal sind wir ziemlich nervös, aber die Angestellten dort sind sehr nett und hilfsbereit (entgegen unseren Erwartungen). Beim 2. Checkpoint ,wo wir nur noch die Schuhe ausziehen müssen, bekommt man anschliessend einen nur unter UV-Licht sichtbaren Stempel aufs Handgelenk.
San Quentin Gefängnis, vom
Besucherparkplatz aus
Man geht ca. 100 m dem Gefängnis entlang, vorbei an Rasenflächen und Rosenstöcken in der kalifornischen Sonne bis zum Eingang in den Visiting room. Man wird durch drei elektronisch gesteuerte Türen geschleust und muss den Pass abgeben (durch einen Schlitz im Panzerglas, der gerade gross genug ist für einen Schweizer Pass).
Nach der letzten schwarzen Gittertüre steht man im Besuchsraum: man stelle sich einen Wartesaal mit 30-40 blauen Stühlen vor, an den Wänden Malereien und Automaten mit Chips, Getränken und "junk food", das man im Mikrowellen-Ofen wärmen kann.
2 guards sitzen oder stehen rum, um den Gefangenen und Besuchern auf die Finger zu schauen. Aber im Allgemeinen ist die Atmosphäre sehr locker; umarmen, Hände halten und zum Abschied küssen ist erlaubt. An unserem ersten Besuchstag findet eine Hochzeit statt: überall sieht man nur glückliche, lachende Gesichter! Natürlich ist dies immer noch "unsere Welt", die Welt der Gefangenen mit ganz anderen Regeln, mit engen Zellen und die tiefen Eindrücke der Handschellen in Deans Handgelenken zeugen davon.
Bei Dean im Besucherraum vor einer bemalten Wand..
Die Todeszellen... und was der Besucher nicht sehen darf..
Die erste Begegnung mit Dean ist natürlich eigenartig; man trifft einen Menschen in Realität, mit dem man nur schriftlich und telefonisch verkehrt hat, dennoch bricht das Eis sehr schnell und wir unterhalten uns über alles Mögliche, nicht anders als mit Nicht-gefangenen. Wir essen Popcorn, chips, burritos, sandwiches usw. und trinken viel Cappuccino und Pepsi....
Während den ersten Tagen lernen wir viele Leute kennen, z.B. N.I., dessen Frau Schweizerin ist und der fliessend Esperanto spricht, oder Ramon, der erzählt, wie er im Gefängnis zum Glauben an Jesus Christus gefunden hat und nun eine christliche Versammlung leitet, oder vielleicht am Eindrücklichsten Mickey, der von der Mutter des Mädchens, das er getötet hat, besucht wird, weil sie nur so Frieden in ihrem Herzen bekommen und den Hass ablegen konnte.
Die beiden zu sehen, wie herzlich sie miteinander umgehen, ist Ausdruck des Wunders der Vergebung!
Die nette Atmosphäre könnte darüber hinwegtäuschen und vergessen lassen, dass die Menschen in den blauen Kleidern wegen Mordes verurteilt sind, aber auch, dass sie alle einmal vom Staat Kalifornien getötet werden. Gerade heute war einer im Besuchsraum, der nächsten Monat hingerichtet wird...
Ich frage mich, ob die Befürworter der Todesstrafe Häftlinge wie Ramon, Dean, N.I. oder Mickey kennen lernen - ,und dann das mitternächtliche Ritual der Hinrichtung durch die Todesspritze unterstützen könnten.
Dies ist ein ganz persönlicher Bericht, der keinen Anspruch auf Neutralität erhebt, aber wenn man das Leiden von Menschen sieht, kann man auch nicht mehr neutral sein...
Nachtrag: Seit diesem Bericht sind fünf Jahre vergangen. Mein Briefkontakt besteht immer noch und ich telefoniere ca 2-wöchentlich mit Dean; das geht so: er ruft collect call an und hat dann 14 Minuten zum sprechen mit mir. Die Anrufe werden durch eine Computerstimme unterbrochen, die mich immer wieder daran erinnert, dass ich mit einem Gefangenen aus dem San Quentin Gefängnis California spreche (keine Ahnung, was das soll, ist wohl eine juristische Vorsichtsmassnahme, dass die Gefangenen nirgends anrufen, wo sie nicht eindeutig als Gefangene erkannt werden).
2 Minuten vor Ablauf des Gesprächs wird man informiert, dass man nur noch 2 Minuten hat... das selbe 1 Minute vorher, und dann hört man einen Pieps und wird abgeklemmt.
Der Gefangene ist dabei in seiner Zelle, draussen im Gang steht der kleine Wagen mit dem Telefon drauf, und er hat den Hörer durch den Schlitz für das Essen gereicht bekommen. Selbstverständlich werden die Telefongespräche mitgehört, genauso wie jeder Brief gelesen wird (deshalb dauert es auch 3-4 Wochen, bis ein Brief bei einem Gefangenen ankommt).
Leider hat sich in den letzten Jahren auch die Art des Besuches geändert. Nach einem Streit zwischen Gefangenen wurde der ganze Besuchsraum geschlossen und umgebaut, und nun kann man sich nur noch in geschlossenen Käfigen treffen.
Todesstrafe - DIE informative Seite...
Eine Seite für Don Hawkins, ein Gefangener im Todestrakt von Oklahoma. Er wurde am 8. April 2003 hingerichtet.
In Erinnerung an Don Hawkins