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In einer Pfanne zerrinnen die aus Butter geformten Buchstaben AHV. Drei Eisraketen schiessen in die Luft, schmelzen und stürzen ab. Ein Mann stolziert durchs Bild und rollt dabei Schritt für Schritt einen roten Teppich für sich selbst aus. «Alles in Butter?», «Melting Jet» und «Herr Wichtig» sind drei von rund 1’400 Filmen mit einer Dauer von 5, 10 oder 20 Sekunden, die von 2007 bis 2011 für den Wettbewerb «5-10-20.ch» eingereicht wurden. Die Wettbewerbsfilme bilden einen reichen Fundus, und dieser wird zurzeit in einem vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützten Projekt am Departement Design & Kunst der Hochschule Luzern in Kooperation mit der Uni Basel erforscht.
«Kürzestfilme sind in den letzten Jahren zu einem eigenständigen Phänomen geworden», erklärt Projektleiter Fred Truniger. «Begünstigt wird das Format durch neue Kanäle und Abspielflächen wie Internet, Smartphone oder Displays in Bussen, Bahnhöfen und an Fassaden, aber auch durch technische Entwicklungen und die tendenziell stark fragmentierte Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft.»
Leerstellen trotz Kürze
Das Team der Forschungsgruppe Visual Narrative untersucht den Kontext, in dem solche «Ultrashorts» entstehen, wie sie rezipiert werden und wie sie funktionieren. Die zeitliche Beschränkung bedingt zum Beispiel, dass Ultrashorts Informationen radikal reduzieren und komprimieren, dass sie mit Leerstellen arbeiten und Strukturen finden, die es trotz der Kürze ermöglichen, die Betrachter zu fesseln. Es hat gute Gründe, dass Kürzestfilme oft mit Animation und Zeichentrick arbeiten. Truniger: «Da Animation stark abstrahiert, kann sie aufs Wesentliche fokussieren. Bilder im Realfilm liefern immer schon einen Überschuss an Informationen, die in so kurzer Zeit schwerer zu verarbeiten sind.»
Offenbar gibt es auch eine zeitliche Grenze, unter der es nicht möglich ist, eine Geschichte im klassischen Sinn zu erzählen. Für kürzeste Geschichten sind andere narrative Strategien notwendig. «Viele Ultrashorts arbeiten mit einem Umschlagpunkt, der für Überraschung sorgt. So wie wir es vom Witz kennen, dessen Pointe das vorläufige Verstehen einer Situation gegen den Strich bürstet.» Truniger nennt weitere Strategien: mit symbolhaften Bildern arbeiten, mit Schrift oder mit Handlungsverläufen, die das Publikum schon kennt und deshalb nicht erst neu erfassen muss.
Fragmente in Serie
Sind die 5-10-20- Wettbewerbsbeiträge meist künstlerisch motiviert und haben dadurch den Anspruch, in sich geschlossen zu sein, behandelt das Forschungsprojekt auch Kürzestfilme, wie sie uns insbesondere auf Facebook am laufenden Band begegnen. «Solche Handyfilme wollen in der Regel keine Geschichte erzählen, sondern bieten fragmentarisch und seriell Einblick in ein Leben, das sich dem Betrachter nur erschliesst, indem er viele einzelne Bruchstücke zusammensetzt», sagt Truniger. «Dadurch weisen sie eine ganz andere Logik auf.» Als Teil der «phatischen» Kommunikation haben sie vor allem die Funktion, soziale Bindungen zu pflegen. Small Talk in bewegten Bildern, sozusagen.
Autorin: Susanne Gmür
Als Zwischenergebnis des SNF-Forschungsprojekts ist im November 2015 die Publikation «ultrashort | reframed» erschienen. 27 Texte und künstlerische Beiträge eröffnen unterschiedlichste Perspektiven auf das Feld der Kürzestfilme, beleuchten ihre Eigenheiten und die Kontexte, in denen sie auftreten und betrachtet werden. Weitere Informationen zum Heft und viele weitere Filme: www.hslu.ch/no5