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In unserer überfüllten Welt konkurrieren Menschen und Tiere zunehmend um Raum und Ressourcen. Durch ausgedehnte Landwirtschaftsflächen, industriellen Holzschlag, Rohstoffabbau und Infrastrukturentwicklungen fragmentieren, verkümmern und schwinden die natürlichen Lebensräume von Wildtieren zusehends. Je mehr Platz der Mensch beansprucht, desto kleiner werden die Rückzugsgebiete der Wildtiere. Aber auch der Klimawandel trägt durch Dürren oder Überflutungen seinen Teil dazu bei. Umso häufiger kommt es daher auf dem Land und im Wasser zu Mensch-Wildtier-Interaktionen – und diese enden nicht immer erfreulich. Ein Konflikt zwischen Naturschutz und humanitären Bedürfnissen entsteht.
«S’het, solang s’het»
Wo Tiere Ernten und Felder zerstören, wird die Ernährungssicherheit von Menschen bedroht. Manchmal werden die Wildtiere sogar zur Gefahr für Leib und Leben. Oft sind die ärmsten Gemeinschaften der Welt von solchen Mensch-Wildtier-Konflikten betroffen. Sicherheitsvorkehrungen und Managementmassnahmen verursachen dort kaum tragbare Kosten, weshalb die betroffenen Gemeinschaften die Wildtiere häufig töten, um ihre Ernten schützen zu können. Da von einem erfolgreichen Artenschutz und einem damit verbundenen gesunden Ökosystem aber die gesamte Welt profitiert, unterstützt WWF verschiedene Schutzprojekte in diversen Ländern.
Indien: Das Terai Arc Gebiet am Fusse des Himalajas ist ein Hotspot der Biodiversität und eine Schlüsselregion für das Überleben der Tiger. Rund 680 der vom Aussterben bedrohten Großkatzen leben hier. Gleichzeitig werden die fruchtbaren Ausläufer des Himalaja-Gebirges von vielen Menschen bewohnt, die immer weiter in die letzten Lebensräume der Raubkatzen vordringen. Konflikte sind daher vorprogrammiert. Obwohl Tiger Dörfer und Siedlungen in der Regel meiden, kommt es doch vor, dass sich erschöpfte und hungernde Tiere den Menschen nähern. Durch die Ausbildung von Tiger-Eingreiftruppen können solche auffälligen Exemplare jedoch umgesiedelt werden, bevor es zu Problemen kommt. Auch in diesem Juni konnte ein solcher Trupp einen Tiger, der sich wiederholt in der Nähe eines Dorfes aufgehalten hatte, einfangen und im Valmiki-Tigerschutzgebiet wieder in die Freiheit entlassen.
Sambia: Zwischen 280’000 und 300’000 Elefanten leben im Kavango-Zambesi-Schutzgebiets-Netzwerk, kurz KAZA in Sambia. Viele Kleinbauernfamilien haben jedoch mit den Dickhäutern zu kämpfen. Eine ertragreiche Ernte einzuholen ist auch ohne Elefanten nicht einfach. Die hungrigen Riesen erschweren diese Aufgabe zusätzlich. Durch ihren ausserordentlichen Geruchssinn können sie Wasser- und Futterquellen aus einer Entfernung von mehreren Kilometern erschnüffeln – auch die Maisfelder von afrikanischen Bauern. Mittels Fackeln und Feuer, aber auch Trommeln und sogar Vuvuzelas wurden die Tiere bisher ferngehalten. WWF will nun eine neue, einfache und günstige, aber trotzdem effektive Lösung fördern: Chili-Bomben. Eine Mischung aus getrocknetem Elefantenmist und scharfen Chilis wird zu einem Fladen geformt und mit einem Kohlestück in der Mitte zum Glühen gebracht. Die Fladen werden um die Felder platziert, wobei der beissende Rauch die Elefanten fernhält.
Arktis: Rund um das Dorf Belushya Guba auf der russischen Eismeerinsel Nowaja Semlja streifen mindestens 52 Eisbären umher – so viele wie noch nie. Das schmelzende Meereis drängt sie im sich stetig verkleinernden Lebensraum zusammen und verringert die Zahl ihrer Beutetiere. Deshalb nähern sich die weissen Bären immer öfters bewohnten Siedlungen – und deren Mülleimern. Während ein einsam streunender Eisbär bisher mit Gummischrot, Signalraketen oder Autohupen vertrieben werden konnte, hilft das bei wachsender Anzahl kaum mehr. WWF unterstützt daher die lokale Bevölkerung in arktischen Gebieten bei langfristigen Lösungen wie der Ausbildung von Eisbärenpatrouillen und dem Entwerfen von Management- und Monitoringplänen. Ausserdem sind bärensichere Container zur Aufbewahrung von Lebensmitteln und Abfällen in Entwicklung.
Europa: Doch nicht nur die Bevölkerung in Asien oder Afrika hat mit Mensch-Wildtier-Konflikten zu kämpfen. Auch in Europa und sogar in der Schweiz schlägt man sich mit verschiedenen Problemen herum. So müssen sich Dörfer und Siedlungen in Rumänien vor Braunbären schützen, und Schweizer Schafhirten haben mit dem Wolf zu kämpfen. Rund 36 Millionen Euro kosten die Schäden von Raubtieren an Vieh Europa jährlich. In der Schweiz sind es um die 3 Millionen Franken, welche vom Bund dafür ausgegeben werden. Diese hohen Kosten untergraben immer öfters die Toleranz gegenüber den Anliegen des Artenschutzes. Trotzdem ist der Schutz der schwindenden Wildtiere unvermindert notwendig. Funktionierende Ökosysteme und eine diverse Artenvielfalt bilden schliesslich auch die Grundlage der menschlichen Existenz.
Quellen und weitere Informationen:
WWF: The need for human-wildlife coexistence
WWF: Indien - Wie man Tiger und Dorfbewohner schützt
WWF: Chili-Bomben - Öko-Waffen gegen hungrige Elefanten