Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03220.jsonl.gz/2604

Der 1985 verstorbene Oscarpreisträger mit Schweizer Wurzeln bestach auf der Bühne und auf der Leinwand durch pure Präsenz. Er kannte seine Grenzen als Schauspieler – und brachte es weit.
Er war der Mann, der den Glatzkopf sexy machte – und der Glatzkopf ihn. Nachdem Yul Brynner sich zum ersten Mal für eine Bühnenrolle den Schädel rasiert hatte, war die Wirkung so phänomenal, dass er den Look zeitlebens beibehielt. Wie er fehlendes Haupthaar, einst ein Makel, vom Theater zum Film und auf die Strasse brachte und fast im Alleingang zur Mode machte, hatte mit seinem legendären Selbstbewusstsein zu tun, mit seinem Stilgefühl und seinem Blick für Ästhetik.
Der Auftritt, für den Brynner zum ersten Mal Glatze trug, sollte zur Rolle seines Lebens werden. Das Musical «Der König und ich» wurde 1951 am Theater uraufgeführt, schon damals mit ihm als zentralem Charakter. Erst später entstand die Filmfassung, die ihm 1956 den Oscar und anhaltenden Weltruhm bescherte. Den König von Siam, der eine englische Gouvernante für seine Kinderschar engagiert, liebte er so sehr, dass er die Figur später in einer Fernsehserie verkörperte und wieder auf die Bühne zurückholte.
Kahler Kopf, unerschütterlicher Blick: Yul Brynner war eine Erscheinung – und machte sich das zunutze.
Bis zum Ende seines Lebens spielte er sie mehr als 4000 Mal, zuletzt nur wenige Wochen vor seinem Tod 1985, vom Lungenkrebs so geschwächt, dass er kaum noch singen konnte. Das Publikum hörte darüber hinweg und feierte ihn mit Ovationen. Obwohl er wusste, dass er sterben würde, hatte er bis zum Schluss das Gegenteil behauptet: Er sei auf dem Weg zur Genesung.
Er erkannte seine Grenzen
Brynners Kollegin Rita Moreno erklärte einmal: «Es war schwer zu sagen, wo der König aufhörte und wo Yul begann.» Wenige Schauspieler verschmolzen so mit einer einzigen Rolle wie er. Während andere die stereotype Festlegung beklagten, feierte Brynner sie. Er war klug genug, seine schauspielerischen Grenzen zu erkennen und auf seine Stärken zu bauen.
Am liebsten sah auch Hollywood ihn als Autoritätsfigur: als Pharao Ramses II. in Cecil B. DeMilles Remake seines Stummfilmklassikers «The Ten Commandments» (1956), als einen russischen General in «Anastasia» (1956) oder den von Konflikten zerrissenen Kapitän in «Morituri», in dem seine Zurückhaltung und Marlon Brandos neurotischer, sich verausgabender Schauspielstil derart kontrastierten, als wähnten sie sich jeweils in einem anderen Film. Den Anführer eines Schutz- und Rachekommandos gab er im Western «The Magnificent Seven» (1960), als eleganter Revolverheld, ein Mann mit Haltung, aber ohne Geschichte. Er ritt an der Seite des jungen Steve McQueen, der den Ausblick auf eine jüngere, lässigere Generation eröffnete.
Den unerschütterlichen Blick auf den Horizont gerichtet, durchschritt Brynner seine Filme, majestätisch, oft fast entrückt und wie geboren für eine seiner letzten ganz grossen Rollen: In «Westworld» (1973) erschien er in Schwarz, gekleidet wie der Cowboy aus den «Magnificent Seven», als wäre er von einem Film in den nächsten gewandert und hätte unterwegs seine Seele verloren. In «Westworld» spielte er einen menschengleich aussehenden Roboter, dem allmählich die Sicherungen durchbrennen. Die Figur des Gunslinger erscheint wie eine grausame Auflösung des statischen, innere Vorgänge zurückhaltenden Typs, den er in seiner Karriere so oft gespielt hatte. Wer den Film einmal gesehen hat, vergisst ihn nie mehr.
Der Glanz seiner Auftritte verdankte sich selten nuancierten Rolleninterpretationen. Er spielte nicht, er war – mehr ein Statement als ein Schauspieler. Hintergründig, cool, mit einer Andeutung von Humor und einer leicht mitgedachten Distanz zur Rolle. Yul Brynner bestach durch seine Erscheinung, durch pure Präsenz. Er verstand es, sich zu bewegen, und machte noch das Durchschreiten eines Raums in der Totale zum Ereignis. Er kannte sich mit Fotografie aus, mit Kameralinsen und Einstellungen, daher wusste er auch vor der Kamera, wie er auf der Leinwand wirken würde.
Teure Autos und erlesene Frauen
Brynner entstammte einer Ära, in der Filmstars noch Götter waren. Er begnügte sich nicht mit seiner Arbeit als Schauspieler. Den grossen Auftritt genoss er auch in seinem Leben, das er in epischer Breite anlegte. Die teuersten Autos und die erlesensten Frauen mussten es sein, unter ihnen Marlene Dietrich, die Femme fatale, die in ihm ihren Meister in der Kunst der erotischen Verführung und Vernichtung gefunden hatte und von ihrem Freund Noël Coward in einem Brief ermahnt wurde: «Snap out of it, girl!»
Für Freunde in Liebesnot hatte er eine fatalistische Weisheit parat: «Du kommst einsam zur Welt, du verbringst ein einsames Leben, du stirbst vereinsamt – und alles dazwischen ist ein Geschenk.»
Geboren wurde der Mann mit dem schönsten Kahlkopf der Welt am 11. Juli 1920 in Wladiwostok als Yuliy Borisovich Briner, als Sohn einer schweizerdeutschen und russisch-mongolischen Familie. Auch Roma waren angeblich in seinem Stammbaum vertreten.
Die Schreibweisen des Namens variieren, ebenso wie der weitere Verlauf seiner Geschichte: Der Vater verliess die Familie, und die Mutter zog nach China und nach Paris, wo Yul in einem Zirkus auftrat, verschiedene Instrumente zu spielen, zu singen und fliessend Französisch zu sprechen lernte. Anfang der vierziger Jahre erst zog er in die USA, wo er zuerst beim Theater und als Fernsehregisseur arbeitete und eine Passion für die später semiprofessionell ausgeübte Fotografie entdeckte.
Wanderleben zwischen den Welten
Seine frühen Jahre verschwimmen im Nebel der von ihm selbst und von anderen erfundenen Erzählungen. Den Legenden um seine Herkunft widersprach Brynner mit Absicht nicht, wie er in einem Interview amüsiert zugab. Er hielt sich bei Laune mit Wahrheiten und Erfindungen über sich selbst, die er der Öffentlichkeit auftischte.
Aus seiner Herkunft machte der Nonkonformist ein Märchen, aus dem Status des Aussenseiters, für den er sich hielt, eine Kunstform. «Für ihn war das alles ein grosser Spass. Er liebte es, ein Star zu sein, aber er hätte jederzeit darauf verzichten können», erinnerte sich der Regisseur John Frankenheimer. Das Exotische und das Überlebensgrosse, das Drama und die Show waren sein Genre.
Er führte ein unruhiges Leben – so viele Länder, Berufe, Frauen – und hatte vier oder fünf Kinder, je nach Quelle, unter ihnen zwei aus Vietnam adoptierte. Die greifbaren biografischen Spuren verteilen sich über die halbe Welt. Die Schweizer Ahnenreihe väterlicherseits scheint bewiesen (auch wenn seine zweite Frau, Doris, kein Wort davon glaubte), denn die Aargauer Gemeinde Möriken-Wildegg benannte ihren Dorfplatz nach ihm.
Ebenfalls belegt ist der Geburtsort Wladiwostok, wo sich seit 2012 sein Denkmal in einem nach ihm benannten Park über die Spaziergänger erhebt. Breitbeinig steht er auf einem hohen Sockel, die Arme in die Seiten gestemmt, in Pumphosen, aber barfüssig – im Kostüm seiner Lieblingsrolle und in einer Pose, die heute niemand mehr einnimmt. Die Inschrift nennt ihn «Yul Brynner, König des Theaters und Films».
Yul Brynner starb am 10. Oktober 1985 in New York. Beigesetzt wurde er in Frankreich auf dem russisch-orthodoxen Friedhof in der Nähe der Gemeinde Luzé im Loire-Tal. So führte er sein Wanderleben zwischen den Welten fort. Über den Tod hinaus.