Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03634.jsonl.gz/3050

Es kommt nicht alle Tage vor, dass eine Redaktion Leserbriefe, die gegen den eigenen Chefredaktor gerichtet sind, ohne weiteres publiziert. Bei allen grossen Redaktionen der Schweiz ( u.a. NZZ, Tagesanzeiger, az-Medien und Basler Zeitung) werden die Leserbriefe sorgfältig selektioniert, dem verantwortlichen Redaktor vorgelegt und erst dann, evtl., publiziert. Nach Möglichkeit wird die Wirkung negativer Kommentare mit Positiv-Kommentaren ausgeglichen oder mindestens relativiert.
Im Falle der NZZ trifft es Chefredaktor Markus Spillmann, dem in gleich zwei Leserbriefen am 5. August „kämpferische Wettkampfrhetorik“ und „Ausfälle unterhalb des Niveaus der NZZ“ vorgeworfen werden. Ein positiver Leserbrief scheint in diesem Fall nicht eingegangen zu sein.
Der an sich unbedeutende Vorgang verbirgt einen sich weitenden Graben, der über das Schicksal der NZZ zu entscheiden vermag. Ist Chefredaktor Markus Spillmann jener Intellektuelle, der das verunsicherte Schweizer Bürgertum zu einigen, die Führungsrolle der Redaktion in der Schweizer Gesellschaft zu bewahren und die schwächelnde Position der NZZ im Ausland wieder aufzubauen vermag?
Nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch innerhalb der NZZ ist die richtige Antwort umstritten.