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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

32. Vortrag
5.
Der Evangelist hat, wie schon bemerkt, erklärt, wovon der Herr laut gesprochen, zu welchem Tranke er eingeladen, was er den Trinkenden dargereicht habe, indem er sprach: "Dies aber sagte er von dem Geiste, welchen die an ihn Glaubenden empfangen würden. Denn noch war der Geist nicht gegeben, weil Christus noch nicht verherrlicht war". Wen meint er mit dem Geist als eben den Heiligen Geist? Denn jeder Mensch hat in sich einen eigenen Geist, von dem ich redete, als ich die Seele pries. Denn die Seele eines jeden ist sein eigener Geist, von dem der Apostel sagt: "Denn wer unter den Menschen weiß, was des Menschen ist, als der Geist des Menschen, der in ihm ist?" Dann fügte er noch bei: "So auch weiß, was Gottes ist, niemand als der Geist Gottes"1 . Das Unsrige weiß nur unser Geist. Denn ich weiß nicht, was du denkst, noch weißt du, was ich denke; denn das sind unsere eigenen Dinge, die wir innerlich denken, und von den Gedanken eines Menschen ist sein eigener Geist Zeuge. "So auch weiß niemand, was Gottes ist, als der Geist Gottes." Wir mit unserm Geiste, Gott mit dem seinen, jedoch so, daß Gott mit seinem Geiste auch das weiß, was in uns vorgeht; wir aber können ohne seinen Geist nicht wissen, was in Gott vorgeht. Gott jedoch weiß in uns auch das, was wir selbst in uns nicht wissen. Denn Petrus hatte von seiner Schwachheit keine Kenntnis, da er vom Herrn vernahm, er würde ihn dreimal verleugnen2 , und der Kranke erkannte sich nicht, der Arzt erkannte den Kranken. Es gibt also gewisse Dinge, welche Gott in uns kennt, während wir sie nicht kennen. Dennoch, soweit die Menschen in Betracht kommen, erkennt sich niemand so, wie der Mensch selbst, ein anderer weiß nicht, was in ihm vorgeht, aber sein Geist weiß es. Wenn wir aber den Heiligen Geist empfangen, erfahren wir auch, was in Gott vorgeht, nicht alles, weil wir ihn nicht ganz empfangen haben. Vom Pfande wissen wir vieles, denn das Pfand haben wir empfangen, und die Fülle dieses Pfandes wird später einmal gegeben werden. Inzwischen möge uns in dieser Pilgerschaft das Pfand trösten, weil derjenige, der sich gewürdigt hat, uns das Pfand zu verleihen, bereit ist, viel zu geben. Wenn das Unterpfand so beschaffen ist, was muß erst das sein, wovon es das Unterpfand ist?
1: 1 Kor 2,11
2: Mt 26,33-35