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Thomas Meyer, Tages-Anzeiger (17.10.2006)
Leo Janáceks Oper «Das schlaue Füchslein» ist am Zürcher Opernhaus in einer verspielten Neuinszenierung von Katharina Thalbach zu erleben.
Er habe auf einer Wanderung durch die Hohe Tatra nicht nur die auf Dauer allzu eintönige Sprachmelodie der Finken notiert, sondern auch die «wütende Rede» von Wasserfällen. Leo Janáek (1854-1928) hörte in die Natur hinein und verband mit ihren Geräuschen Charaktere, Gefühle, ja sogar eine gewisse Dramatik; er fand im Mikrokosmos ein Universum und spürte den ewigen Lebenszyklen nach.
Diesen Lebenswillen mag er selber als Gegenbild zu der eigenen mit Verbitterung erfahrenen Hinfälligkeit des Lebens und des Alterns empfunden haben, und gerade das drückt sich in seiner Oper von 1921 bis 1923 aus: «Das schlaue Füchslein» («Pihody liky Bystrouky», in Zürich tschechisch gesungen und deutsch übertitelt). Janáek selber verfasste das Libretto nach einer Erzählung von Rudolf Tsnohlídek. Auf der einen Seite gibt er der Natur eine Stimme: Da ist das Füchslein (wunderbar licht und spielerisch gesungen von Martina Janková), das von einem Förster gefangen wird, bei den Menschen aufwächst, aber wieder in die Freiheit davonläuft, das im Wald mit einem stattlichen Fuchs (Judith Schmid) eine Familie gründet und schliesslich von einem Wilderer erschossen wird. Es ist eine Natur, die sich ständig erneuert. Der Förster begegnet am Schluss einem Jungen seiner Füchsin und erkennt so den Kreislauf des Lebens.
Geheime Liebe zum Füchslein
Daneben scheinen die Menschen nur schlecht zu altern: Wir sehen einen versoffenen Pfarrer (Pavel Daniluk), einen frustrierten Schulmeister, der seine Liebe nicht findet (eindrücklich: Peter Straka), oder den skrupellosen Wilderer (Valeriy Murga), der seiner Angebeteten den Fuchsschwanz als Muff schenken will. Elende Gestalten allesamt; einzig der Förster (ein gelassen gestaltender Oliver Widmer) bringt Verständnis für die Natur auf, ja er hegt eine geheime Liebe zu dem Füchslein, obwohl es ihm alle Hühner getötet hat.
Eine starke und zweifelnde Ambivalenz durchzieht das Stück. So schlicht das Werk auf der einen Seite erzählt - es scheint äusserlich auf Artifizielles völlig verzichten zu wollen -, so enthält es doch eine geradezu mystische Komponente. Als Kinderoper wäre es dank der fabelartigen Elemente auch denkbar, wäre der Tod darin nicht so präsent. Wie lässt sich das auf die Bühne bringen, wie ist es zwischen Tier- und Menschenwelt anzusiedeln?
Zauberhafte Natur
Die Regisseurin Katharina Thalbach hat dafür zusammen mit dem Ausstatter Ezio Toffolutti eine bezaubernde Lösung gefunden. Bereits vor einigen Jahren stellte sie ihre Vision des Werks erfolgreich an der Deutschen Oper Berlin vor. Diese Produktion enthält sich glücklicherweise des auf Opernbühnen gängigen Symbolismus und konzentriert sich auf die Geschichte selber, die sie wie ein Bilderbuch aufspannt. (Das Programmbuch zu dieser Inszenierung, die zum 150-Jahr-Jubiläum des Zürcher Tierschutzes zu Stande kam, enthält übrigens auch Tiergeschichten von Lotty Schellenberg.)
Federleicht und verspielt wirkt alles in dieser Natur, selbst wenn der Alltag dieser Tiere und Tierchen doch mühsam und voller Angst ist. Auf wunderbare Weise kreucht und fleucht alles durcheinander: Heuschrecke und Schmetterling, Igel und Dachs, Mücken und Raupe, und was die Schnecke anstellt, muss man gesehen haben. In dieser zauberhaften Welt gibt es überall etwas zu entdecken. Für das Opernhaus bedeutet es neben all den Kostümen und Kulissen auch einen beträchtlichen personellen Aufwand mit rund zwanzig Minirollen, bei denen auch das Opernstudio, das Ballett, die Ballettschule und ein Zusatzchor involviert sind. Dieses Gewimmel jedoch stimmt bis in die letzten Bewegungen hinein. Die Choreografin Darie Cardyn hat sie auf charaktervolle Weise ausgearbeitet, hat Janáek-gemäss hingeschaut in die Welt der Tiere - und das alles doch bühnengerecht umgeformt.
In diesen Mikrokosmos hinein tritt nun ein riesiger Stiefel, dem der lebensgrosse Förster entspringt. Die Grössenordnungen prallen aufeinander und werden dabei von der Erzählung her doch geschickt ineinander verschränkt. Die verschiedenen Dimensionen dringen ins Bewusstsein. Grob sind die Bewegungen des Menschen, rauer ist der Tonfall dieses denkenden Tiers. Die Welten sind nicht kompatibel. Karg ist der Hinterhof, wo der Mensch seine Hühner hält und wo ein Dackel seiner Einsamkeit nachsinnt. Ein Füchslein hat dort nichts verloren. Das gräuliche Wirtshaus schliesslich ist erst recht der Ort einer dumpfen Schwermut.
Gegenstück zur «Sache Makropulos»
Diese Bilder blenden, so klar und stimmungsvoll sie sind, doch nicht die Ambivalenz aus. Sie denunzieren nicht. Thalbachs Umsetzung erzählt auf lebensfrohe Weise. Damit bildet «Das schlaue Füchslein» ein Gegenstück zur letzten Leo-Janáek-Premiere des Zürcher Opernhauses: Die nur wenig später entstandene Oper «Die Sache Makropulos», im Juni von Klaus Michael Grüber inszeniert und leider jetzt nicht wieder aufgenommen, handelt vom todlosen Leben einer Operndiva, die erst zum Schluss in ihr Sterben einwilligen kann. Was dort schwer daherkommt, ist im «Schlauen Füchslein» ganz leicht erzählt. Die nicht einmal zwei Stunden, die diese drei ohne Pause gespielten Akte dauern, verfliegen im Nu. Adam Fischer präsentiert die Musik schwungvoll und differenziert. Vielleicht fehlt etwas die Schärfe und Prägnanz, die Philippe Jordan mit dem Orchester der Oper Zürich bei «Die Sache Makropulos» herausgearbeitet hat, und vom Parterre aus gehört, überdeckt Fischer zumindest am Anfang ein wenig die Stimmen, besonders den Förster Oliver Widmers; aber allmählich lichtet sich der Klang, und Leo Janáeks Tonsprache tritt in ihrer Pracht hervor.