Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03237.jsonl.gz/102

Leben
Wenn ich über „das Leben“ schreiben will, muss ich mir ja zuerst klar werden, was das Wort in unserem Sprachgebrauch bedeuten. Wenn ich etwas als lebendig bezeichne, so meine ich zuvorderst, dass ich wahrnehmen kann, dass dieses Etwas Lebensäusserungen zeigt, sich bewegt, kommuniziert oder sich zumindest aus sich selbst heraus verändert. Von mir selbst hingegen würde ich sagen: „ich erlebe“. Und dieses Erleben ist die subjektive Wahrnehmung, dass ich bewusst lebe. Interessant ist, dass ich nur mich selbst bewusst erleben kann, während ich bei anderen Lebewesen das bewusste Erleben nur vermute aufgrund der Lebensäusserungen, die ich wahrnehmen kann.
Dabei fällt es mir erheblich leichter, einem Lebewesen, das mir ähnlich ist, bewusstes Leben zu unterstellen, als einem Lebewesen, das sein Lebendigsein auf eine andere Art und Weise ausdrückt als ich selbst. Noch im Mittelalter hat man Menschen mit anderer Hautfarbe, anderen Gebräuchen und Sprachen als seelenlose Tiere angesehen und den Tieren spricht man sogar heute noch bis auf wenige Primatenarten kein bewusstes Erleben zu und den Pflanzen schon mal garnicht.
Die heutige hochentwickelte Wissenschaft kann nicht sagen, wie Leben entstanden ist; sie kann lediglich definieren, unter welchen Bedingungen man einen Organismus oder ein System als lebendig bezeichnen kann. Dabei beziehen sich die Forschungen lediglich auf die materiellen Äusserungen dieser Organismen oder Systeme, also auf das, was man von ihnen auf der materiellen Ebene wahrnehmen und verifizieren kann. Warum sich Materie zu Organismen oder Systemen zusammenfindet, die lebendige oder lebensähnliche Äusserungen zeigen können, entzieht sich offensichtlich der wissenschaftlichen Forschungsfähigkeit.
Dabei ist für mich als lebendigem Wesen doch die wichtigste Frage: Was ist das Lebendige, das ich bin? und als nächstes: Wie ist meine eigene Lebendigkeit überhaupt entstanden? Und wenn ich etwas nachdenke, drängt sich mir auch die Frage auf: Sind all die anderen, die ich als lebendig wahrnehme, ebenso lebendig wie ich selber oder sind sie nur Abbilder meiner eigenen Vorstellung, ähnlich wie die Bilder in einem Kinofilm nur Abbilder einer meisterlich inszenierten Idee eines Regisseurs sind?
Ich weiss, dass ich lebendig bin. Kein Wissenschaftler wird mir das Gegenteil beweisen können. Er wird es auch nicht wollen, da er ja die Lebensäusserungen meines Körpers messen kann und er wird mir meine Lebendigkeit bestätigen - bis zu einem gewissen Zeitpunkt, wo er keine Lebensäusserungen meines Körpers mehr messen kann. Dann wird er sagen, ich sei tot. Aber eigentlich sagt er nur, mein Körper äussere keine Merkmale eines Körpers, der als lebendig definiert sei.
Bin ich mein Körper? Bin ich nur lebendig, wenn mein Körper Lebensäusserungen zeigt? Oder anders gefragt: Erzeugt die Lebendigkeit des Körpers mich? Bin ich also ein Produkt der Lebendigkeit eines Körpers? Daraus würde folgern, dass ich nicht existierte, bevor dieser Körper lebendig wurde und auch nicht mehr existieren werde, nachdem der Körper aufgehört hat, lebendig zu sein. Ich habe einen Computer. Der ist schon etwas älter. Ich habe auch einige neuere Computer. Aber dieser alte Computer hat es mir angetan, weil ich viele Jahre mit ihm gearbeitet habe. Dabei ist mir der Bildschirm und die Tastatur nicht so wichtig, sondern die Programme und Dateien, die darauf gespeichert waren. All die Programme und Dateien habe ich im Laufe der Jahre auf diesem Computer gespeichert und der Desktop hatte eine ganz spezielle Erscheinung und wahrscheinlich kein Computer auf der Welt hat die gleichen Programme und Dateien, wie eben mein alter Computer. Das Interessante ist aber, dass ich die Festplatte, also die Information, in einen anderen Computer einbauen kann und dann habe ich auf einem neuen Computer wieder all die alten Programme und Dateien. Und ich könnte sagen: Es ist wieder der Alte und ich kann mit ihm weiterarbeiten. Und wenn dann in ein paar Jahren die Hardware von dem neuen Computer alt geworden ist und nicht mehr richtig funktioniert, baue ich die inzwischen weiterentwickelte Festplatte wieder in einen neuen Computer ein.
Ähnlich könnte es sich ja mit mir selbst verhalten: Ich bin die Information, die meinen Körper belebt. Und wenn der Körper, also die Hardware, nicht mehr funktioniert, dann starte ich am Morgen nicht mehr hoch. Dann bin ich tot. Aber wo ist die Information geblieben? Wo ist die Festplatte?
Fortsetzung folgt...