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Ich habe gestern in meinem Blog sowie in der gedruckten Zeitung vom Donnerstag kurz den Bericht von Oxfam «Extreme Carbon Inequality» erwähnt; ebenso in der Zeitung und vorgestern im Blog die Investitionsoffensive für die Energieforschung, die Bill Gates am Montag angekündigt hat. Auf beides will ich hier etwas detaillierter eingehen.
Extreme Carbon Inequality
Die Menschen in verschiedenen Regionen der Welt tragen sehr unterschiedlich zum Klimawandel bei – ein alter Hut. Das Klimaschutz-Rahmenabkommen UNFCC (PDF-Datei) von 1992 anerkennt dies mit dem Grundsatz, dass die Länder «entsprechend ihren gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten, ihren jeweiligen Fähigkeiten sowie ihrer sozialen und wirtschaftlichen Lage» zum Kampf gegen den Klimawandel beitragen müssten, und das Kioto-Protokoll von 1997 trug dem Grundsatz dadurch Rechnung, dass es die Industriestaaten zu Emissionssenkungen verpflichtete, die Entwicklungs- und Schwellenländer nicht.
Aber diese Unterscheidung taugt nicht allzu viel. Erstens gelten die Staaten mit den mit Abstand höchsten Pro-Kopf-Emissionen, nämlich die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuweit und Katar, aber auch Staaten, die sich längst industrialisiert haben wie Israel oder Südkorea, im Kioto-Abkommen als Entwicklungsländer ohne Reduktionsverpflichtungen. Auch China, das Land mit den höchsten Emissionen überhaupt, die sogar in der Pro-Kopf-Rechnung mittlerweile über dem Weltdurchschnitt liegen, gilt als Entwicklungsland. Zweitens sind die relevanten Emissionszahlen im Uno-Kontext die Emissionen, die auf dem Territorium eines Landes ausgestossen werden. Das verfälscht aber das Bild, denn ein Emissionsriese wie China produziert viele Industriegüter für den Export, während ein Land wie die Schweiz mit einem extrem klimaschädlichen Lebensstil seine Industriegüter weit gehend importiert und deshalb – wie die klimapolitischen Bremser hierzulande nicht müde werden zu betonen – für ein OECD-Land tiefe Pro-Kopf-Emissionen ausweist. Und drittens schliesslich tragen solche Ländervergleiche den grossen Ungleichheiten in den Ländern selbst nicht Rechnung.
Nun liegen zwei Studien vor, die ein besseres Bild zeichnen. Kurz vor dem Pariser Klimagipfel haben die Ökonomen Lucas Chancel und Thomas Picketty ihre Studie «Carbon and inequality: from Kyoto to Paris» (PDF-Datei) publiziert; am 1. Dezember folgte Oxfam mit ««Extreme Carbon Inequality». Die beiden Berichte unterscheiden sich in gewissen Punkten, vor allem in den Folgerungen, die sie aus den beobachteten – extremen – Ungleichheiten ziehen. Picketty und Chancel schlagen eine weltweite progressive CO2-Steuer vor, die aufgrund der von ihnen erhobenen Daten anfallen solle; der Oxfam-Klimacampaigner Tim Gore kritisiert hier diesen Ansatz, begrüsst grundsätzlich aber Chancels und Pickettys Stossrichtung.
Ein paar Zahlen aus dem Oxfam-Bericht: Die zehn Prozent der Reichsten sind für die Hälfte aller CO2-Emissionen verantwortlich, die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung nur für zehn Prozent; wer zum reichsten Prozent gehört, emittiert in zwei Tagen so viel wie jemand, der zu den ärmsten zehn Prozent gehört, in einem ganzen Jahr; wer in Indien zur Oberschicht (reichstes Zehntel) gehört, stösst immer noch bloss ein Viertel so viele Treibhausgase aus wie jemand, der in den USA zur ärmeren Hälfte der Bevölkerung gehört, und die ärmeren 600 Millionen ChinesInnen sind zusammen für nur ein Drittel so viele Emissionen verantwortlich wie die reichsten 30 Millionen US-AmerikanerInnen.
Bill Gates & Co.
Bill Gates hat am Montag eine Investitionsoffensive für die Energieforschung angekündigt, Mark Zuckerberg, Richard Branson und ähnliche UnternehmerInnen-Superstars sind mit von der Partie, ebenso die Regierungen der USA und Indiens. Da geht es nicht um Verteilgerechtigkeit, da geht es um «Durchbrüche»: «Breakthrough Energy Coalition» heisst die Initiative von Gates.
Die Steinzeit sei nicht zu Ende gegangen, schrieb der «Spiegel», weil es ein Abkommen gegen die Verwendung von Steinen gegeben habe, sondern dank besserer technischer Alternativen. Der «Spiegel»-Autor zitiert hier einen abgewandelten Spruch von Scheich Achmed Zaki Yamani; Yamani hatte den auf das Erdölzeitalter gemünzt, das dereinst nicht wegen eines Mangels an Erdöl, sondern wegen besserer Alternativen zu Ende gehen werde. Bill Gates & Co. sollen diese Alternativen nun finden.
Wer ist dieser Scheich? Er war unter anderem Erdölminister Saudi-Arabiens und gilt als Architekt des OPEC-Ölembargos von 1973 – keiner, der wirklich an einem Ende des Ölzeitalters interessiert ist, und so sollte man mit seinem Spruch vorsichtig umgehen. Tatsächlich taugt der Vergleich, den der Spruch suggeriert, aus mindestens drei Gründen nicht:
- Es gab in der Steinzeit keine Steinindustrie, keine Steinlobby und keine Regierungen, die sich von einer solchen hätten korrumpieren lassen können.
- Das Metall bot sich am Ende der Steinzeit als technisch überlegene Alternative an, aber es gibt nichts «Besseres» als Erdöl: Die Strukturen der Energienutzung, wie sie sich erst im 20. Jahrhundert, also in der Erdölzeit, voll ausgebildet haben, sind mit dem Öl und seinen spezifischen Eigenschaften (enorm hohe Energiekonzentration, leichte Transportierbarkeit) gewachsen. Jede andere Energieform passt da zunächst einmal weniger gut (man spricht von einer Pfadabhängigkeit). Techniken, die Pfadabhängigkeiten überwinden sollen, bedürfen in der Regel der politischen Förderung.
- Wir leben heute nicht mehr in der Steinzeit – aber der Verbrauch an Steinen ist (pro Kopf und absolut sowieso) heute sehr viel höher als zur Steinzeit. Das neue Material ist zum alten hinzugetreten und hat es nicht abgelöst – genau so, wie die Welt heute zum Beispiel mehr Brennholz verbraucht als vor dem Beginn des Kohlezeitalters, mehr Kohle als zu Beginn des Erdölzeitalters und so weiter.
Bill Gates glaubt an die Macht des Fortschritts, aber er hat eine eigenwillige Vorstellung davon. Grosse Probleme brauchen in seinen Augen grosse Lösungen; heute vorhandene Techniken der erneuerbaren Energiegewinnung wie Photovoltaik-Zellen verspottet er als «herzig» («cute»). Dabei übersieht er, dass gerade diese Techniken eine wichtige Rolle spielen, weil sie so «herzig» sind. Es geht ja in der Energieversorgung nicht nur um die Frage, ob eine Energietechnik CO2 ausstösst oder nicht; ebenso entscheidend ist beispielswiese, ob sie die Energie zentralisiert oder dezentral bereit stellt. In vielen Weltregionen spielen die dezentralen erneuerbaren Energien heute eine so wichtige Rolle, weil diese Regionen nicht an die Netze der herkömmlichen Energieversorgung angeschlossen sind – und nicht mit vernünftigem Aufwand angeschlossen werden können.
Kraftwerk heisst auf englisch power plant – was man mit «Machtfabrik» zurückübersetzen könnte. Wer die Energieversorgung kontrolliert, besitzt Macht, und viele kleine «Machtfabriken» sind entschieden menschenfreundlicher als wenige grosse. Dass die Überwindung der fossilen Energien derart schwer fällt, hat ja gerade damit zu tun, dass vor allem die Erdölwirtschaft zu präzedenzlosen politisch-militärisch-industriellen Machtballungen geführt hat. Es wäre töricht, sich davon nicht lösen zu wollen.
Aber Bill Gates denkt anders. Was dabei herauskommt, kann man beispielsweise an den Folgen seines Engagements in der Landwirtschaft Afrikas ablesen – hier ein interessanter Artikel dazu von Peter Clausing.