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In einem ersehnten regnerischen Tag saß ich allein vor verregnetem Garten. Nichts zu tun oder nichts tun zu wollen? Eine Tasse Paochung (Qing Cha – klarer Tee) aus Pinglin 2006 begleite mich in diesen ruhigen Stunden.
Leuchtende helle Farbe und leicht bitter aber süßer vollmundiger Geschmack. Ist das nicht ebenfalls wie das Leben, das bitter und süß parallel schmeckt? Ich erinnere mich plötzlich an meine Großmutter, die in ihrem Leben den Zugang zum Tee verpasste, das Süße des Lebens nicht genießen konnte und bitter starb.
Meine Großmutter war „verschenkt“ an die Familie meines Großvaters. Das war das gewöhnte Schicksal eines Mädchens einer kinderreichen Familie in Taiwan anfangs des 20. Jahrhunderts. Sie wurde zuerst an einem Wanderkoch (heute nennt man Cateringservice) als Tochter „verschenkt“. Sie lernte ihre Kochkunst von ihrem Stiefvater, der sie später an seiner Schwester gab. Das Mädchen hieß „Xing Xiang“ – klarer Duft und wusste ab dem ersten Tag, dass sie meinem Großvater gehörte.
Ich kannte meine Großmutter immer in einem launischen Gemüt. Ich sah, wie sie meine Mutter „mobbte“. Ich wusste, dass sie Angst hatte vor Hölle. Sie kochte sehr gut, aber altmodisch für meinen modernen Geschmack. Diese alte traditionelle Art des Kochens war mir zu wider. Wenn wir Feste oder Zeremonie hatten, kochte die Großmutter drei Tage lang und der Tisch war voll von essen, obwohl sie nie mit ass. Wenn wir Gäste hatten, brachte sie alles, was sie im Schrank und im Kühlschrank aufbewahrte. Sie war freundlich und herzlich zu anderen, während ich als ihr Enkelkind unter dem gleichen Dach nur ihre Seufz und Härte erlebte.
Sie kochte gut und wiederholte nie einen Geschmack in einem 20 gängigen Menü. Aber sie trank Tee nicht. Tee – ein Geschmack der Muße, der Ruhe und der Frieden. Sie war wie viele andere Menschen in Taiwan, die den Geschmack des Tee nie kannten, obwohl sie auf einer Tee-Insel lebten. Sie trank nur den „weißen“ Tee – das abgekochte Wasser – so bescheiden und bewusst, wie sie ihr Schicksal sah. Nach dem Bankrott meines in Depression gefallenen Opas, verkaufte sie rote Bohne Suppe (Azuki-Bohne) und Tee auf der Strasse, um ihre Kinder und Familie zu ernähern. Tee war ein Mittel, um den Bauch ihrer 11-Köpfigen Familie zu wärmen. Als sie später alt und hinfällig wurde, als sie nicht mehr von Teeausschank leben musste, bereite sie jeden Morgen ein riesiges Fass voller Tee – Paochung Tee, der damals ein Volkstee war. Mein Vater brachte das Fass an die Strasse, so dass jeder durstiger Passagier den Tee selbst bedienen und weiter auf seinen Weg gehen konnte… Der Paochung schmeckt erfrischend, klar und duftend – wie ihr Name. Ihr selbst, genügte der „weißen“ Tee.
Seit ich mich richtig erinnern kann, bereite meine Großmutter schon für ihren Tod vor. Sie kaufte seit Jahren verschiedene Unterwäche, Bluse und Schuhe und sagte meiner Mutter, die 30 Jahren mit ihr zusammenlebte, wie sie gerne angezogen wurde. Sie starb von Nierenversagen. Das Wasser kam nicht mehr aus ihrem Körper. Sie sah wirklich friedlich aus, selten so friedlich. Sie wünschte sich zur Beerdigung in einem weißen Seidebluse und gestrickten blauen Schuhen.
Bis jetzt kann ich den letzten Wünsch, den sie zu mir flüsterte, als sie bereits in Koma lag, nicht vergessen. „Lin“, lächelte sie mir sanft an – so selten sanftmütig, „ komm früher nach Hause“. (Ich war politisch aktiv und „spazierte“ gerne für politische Zwecke auf der Strasse. In dieser Zeit empfing mein Vater mich zu Hause immer mit dem Satz „ Welcom to Chou Hotel“.)
Nun bin ich wirklich weit weg von zu Hause. Ihr Wünsch bleibt immer schwieriger zu erfüllen. Nur der Paochung, den Schwester mir jedes Jahr zuschickt, erinnerte mich immer wieder an sie und ihren letzen Wünsch…