Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03134.jsonl.gz/502

Urs Güney hat Germanistik studiert und ein Praktikum bei der Fachstelle für Rassismusbekämpfung FRB absolviert. Ausserdem schreibt er als freier Journalist für NZZ Campus und andere Publikationen. <email-pii>
Die Sprachwissenschaftlerin Shpresa Jashari hat den Einsatz von Komik in der Migrationsgesellschaft analysiert.1 Diese kommt dann zum Zug, wenn überkommene Normen durch die Zugewanderten in Frage gestellt werden.
Migrationsfragen sind gemeinhin heiss umstritten. Wie sind Sie dazu gekommen, den Diskurs von seiner komischen Seite zu betrachten?
Im Migrationsdiskurs marginalisierte Phänomene faszinierten mich schon immer. Bevor man ausländische TV-Sender empfangen konnte, schauten sich beispielsweise albanische Migrantenfamilien Videokassetten mit Musik und Sketches aus dem Herkunftsland an. Sogar Reisebüros und sogenannte «Türkenläden» vertrieben diese. Dem Mainstreamdiskurs war dieses Medium weitgehend unbekannt, obwohl es für Migranten eine enorme Bedeutung hatte. In meinem Elternhaus wurden die Kassetten unter Spitzendecken im Regal aufbewahrt und am Sonntag hervorgeholt, wenn Besuch da war. Aus den Sketches kannten meine Eltern Running Gags, die sie mit den Verwandten in Mazedonien teilten. Bei der Analyse dieses transnationalen Mediums zeigte sich rasch, dass mittels Komik immer auch ernste Auseinandersetzungen ausgetragen werden.
Welche Konflikte werden in der Migrationsgesellschaft humoristisch bearbeitet?
Lassen Sie mich zunächst einen Witz erzählen: Ein Mann geht durch die Strassen und zieht fortwährend ein Seil hinter sich her. Ein anderer spricht ihn an: «Was soll das? Warum ziehst du ständig dieses Seil hinter dir her?» «Was soll ich denn tun?», antwortet der erste, «vor mir herstossen kann ich es ja nicht.»
Was hat das mit der Migrationsgesellschaft zu tun?
Der Witz veranschaulicht eine grundlegende Funktionsweise von Komik: Etwas wirkt komisch, und zwar im doppelten Sinne des Wortes, schlicht weil es «normalerweise» nicht so ist oder nicht so sein sollte und deshalb auch nicht erwartet wird. Dass Migranten unsere hergebrachten Ordnungsvorstellungen durchbrechen, ist naheliegend – wie übrigens Zugewanderten auch so manches Verhalten der Aufnahmegesellschaft als «unordentlich» erscheint. Im unernsten Modus werden Normen in Frage gestellt, verhandelt oder manchmal repariert, wenn sie gebrochen wurden. Der Scherz bietet den Schutz, hinter das Gesagte wieder zurücktreten zu können – es war ja nicht ganz ernst gemeint.
Sehen Sie Humor als eine Waffe gegen Rassismus?
Er kann sowohl Normen subvertieren wie auch Herrschaftsverhältnisse stärken. Wird man als Abweichung von der gängigen Ordnung taxiert, kann man ernsthaft dagegen protestieren. Oder man reagiert mit Humor. Letzteres hat einen konsolidierenden Effekt: Man kann Vorurteile demaskieren, ohne die Beziehung gleich in eine Krise zu stürzen. In diesem Sinn ist Humor eine Waffe, oder besser: ein Instrument der Selbstermächtigung. Opfererfahrungen lassen sich in ein neues Licht rücken. Man wird zum Urheber der eigenen Geschichte und vereint die Lacher auf sich.
Aber es besteht auch die Gefahr, dass Stereotype reproduziert und verfestigt werden?
Natürlich. Blackfacing, wie es durch Minstrel Shows bekannt wurde, oder die stereotype Überzeichnung von Ausländern im Film haben bestimmt diese Wirkung. Denselben Effekt sehe ich, wenn auf einer Party nach einigen Gin Tonics plötzlich alle in Balkansprech verfallen. Das irritiert mich zuweilen. Parodieren Angehörige der Ingroup, also der dargestellten Gruppe, ein bestimmtes Verhalten, kann dies aber auch eine inkludierende Wirkung haben. Das ständige Switchen zwischen verschiedenen Normsystemen bietet ihnen ja auch eine Menge Material für Parodien. Letztlich ist es aber eine Frage von Machtverhältnissen und Hierarchien, und diese können auch entlang anderer als kultureller Grenzlinien verlaufen.
Wer darf in der Migrationsgesellschaft mit wem worüber lachen?
Politisch korrekt wäre vielleicht folgendes Modell: Gesellschaftlich Schwache dürfen über sich selbst lachen und auch über die gesellschaftlich Starken, Starke jedoch nicht über Schwache. Dabei kommt es aber schlicht auch auf die Qualität an und auf die Stossrichtung der Scherzenden. Humor kann durchaus gemeinschaftsstiftend sein, er wird allerdings oft auch verharmlost. Sicher ist es positiv, wenn an einem Tisch gemeinsam gelacht wird. Aber wer sitzt eigentlich mit am Tisch und wer nicht? Die konkrete Konstellation beeinflusst die Komik, die zum Besten gegeben wird. Auf dem Schulhof sieht man sehr deutlich, dass Lachen auch Exklusion bedeutet. Erwachsene organisieren das subtiler.
Worin unterscheidet sich die geschickte Subversion der Stereotype vom platten rassistischen Witz?
Lachen ist immer auch bewerten. Die Frage ist nun, was durch die Lacheinladung sanktioniert werden soll. Lachen wir über Andersartigkeit als solche, werten wir diese als läppisch und anormal ab. Bewerten wir mit dem Lachen dagegen das Gerümpel in unserem Kopf, das uns eine bestimmte Eigenschaft oder Handlungsweise als Normabweichung ansehen lässt, ist dies eine feine Kritik am Ordnungssystem. Natürlich erfordert Letzteres eine genauere Reflexion der möglichen Wahrnehmungen des Gegenübers und ein grösseres humoristisches Talent.
Wo findet Komik in der Migrationsgesellschaft statt?
Überall. Ausser vielleicht in Gerichtssälen. Unernst ist ein Modus des Sprechens, den man nicht nur in den Medien und auf Kleinkunstbühnen findet, sondern am Mittagstisch, bei der Arbeit, in der Schule. Informelle Situationen sind für Humor prädes-tiniert. Er ist aber auch ein reizvolles Mittel, formelle Situationen zu durchbrechen.
Auf Youtube kann – im Gegensatz zu Zeitungen und Fernsehen – jeder zum Produzenten werden. Haben die neuen Medien die Komik verändert?
Durch diese Demokratisierung der Medienproduktion finden Junge viel leichter Zugang zur Öffentlichkeit. Die Kanäle fungieren als Übungsfeld und lassen Markttauglichkeit erkennen. Baba Uslender hat mit Rap-Produktionen, die mit Stereotypen spielen, in der Schweiz ein grosses Publikum gefunden. Teil der Jugendkultur ist auch das Genre der Synchronisationen: Dabei werden bekannte Sendungen wie Pingu mit einem harten «Jugo-slang» unterlegt. Soziale Medien verdichten ausserdem die transnationale Dimension der Komik. Die Produzenten müssen immer im Blick haben, dass nicht nur ihre Freunde in der Schweiz die Beiträge sehen, sondern auch ihr Onkel im Kosovo.
Der transnationale Aspekt ist ja nicht neu. Was können wir aus Ihrer Analyse der eingangs erwähnten Videokassetten lernen?
Die Sketches auf den Videokassetten sind in erster Linie Politsatire. Dabei wurden immer wieder auch Migrationsthemen aufgegriffen. Die Komik fungiert nicht zuletzt als Sanktionierungsinstrument der Herkunftsgesellschaft gegen die Entfremdung der Migrierten. Im Beitrag, den ich eingehend analysiert habe, wird eine alte Frau von ihrem Bruder in die Mangel genommen, nachdem sie vom Besuch bei ihrem Sohn in Deutschland zurückkehrt. Meine Analyse bezieht sich auf die Aushandlung der Zugehörigkeiten in Bild und Sprache. Dies geschieht unter der Voraussetzung einer grundlegenden Zusammengehörigkeit – hier: der Familienbande. Vielleicht bietet dies auch für die Migrationsgesellschaft ein Modell: Differenzwahrnehmungen und unterschiedliche Werte werden – nicht zuletzt im Medium des Komischen – verhandelbar, wenn wir grundlegend davon ausgehen, dass wir zusammenleben wollen und in der Gesellschaft für Diversität Platz haben.
1 Kotthoff Helga, Jashari Shpresa, Klingenberg Darja, Komik (in) der Migrationsgesellschaft, 2013, Konstanz, UVK Verlagsgesellschaft.