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Manon, die dritte
Bild: Lorraine Wauters
Drei «Manon»-Opern programmierte Stefano Mazzonis di Pralafera, seit zehn Jahren Intendant des Opernhauses von Wallonien in Liège (Lüttich) in drei aufeinanderfolgenden Saisons, mit ihm als Regisseur. Zur Eröffnung in diesem Herbst kam als letzte die Version von Puccini auf die Bühne, im Jahr davor war es die «Manon» von Massenet, und als erste – Quizfrage für ein gebildetes Opernpublikum: die früheste, komponiert von einem Komponisten aus der Normandie, mit Erfolg 1856 uraufgeführt, dann aber vergessen? Daniel-François-Esprit Auber war der Komponist, wir berichteten vor zwei Jahren über die Produktion, die neben der verdienstvollen Ausgrabung eben auch zeigte, dass das Stück musikalisch nicht wirklich ein grosser Wurf ist, und neben dem abgerundeten Meisterwerk von Massenet und Puccinis sehr farbigem und ambitionierten Werk aus seinen frühen Jahren kaum bestehen kann.
Nun also Puccinis «Manon Lescaut». Über die Inszenierung des Intendanten muss man nicht viele Worte verlieren: Nett arrangierte Bilder im Look der Entstehungszeit des Romans von Abbé Prevost, traditionelle, stimmungsvolle Bühnenbilder, kein Versuch einer Interpretation des Stücks. Ein paar Ansätze zu beweglicher Personenführung, ansonsten szenische Statik mit stereotypen Sängergesten im italienischen Stil. Italienisch war auch die Besetzung, die sich um die neue Chefdirigentin versammelt hatte. Hausdebüts feierten die beiden Protagonisten Marcello Giordani und Anna Pirozzi in der Rolle des Liebespaars. Dazu kam der Bariton Ionut Pascu als Lescaut, eine tragfähige, solid geführte Stimme mit einigen Farben, die dank der Sensibilität des rumänischen Sängers und dem durchsichtigen Orchesterklangbild von Speranza Scappucci auch sehr schön zur Geltung kam.
Um Giordani musste man ein wenig zittern, vor allem zu Beginn: Die Spitzentöne schien der Tenor nur mit viel Druck und voller Kraft ansteuern zu können, das Timbre und die Intonation litten mehrfach darunter. Aber der Routinier konnte sich fangen, bewies ein paar Mal, dass seine Stimme auch zu Nuancierungen fähig ist und gestaltete schliesslich das finale Duett mit Manon eindrücklich und berührend. Anna Pirozzi sang von Beginn weg berückend schön, sehr wandlungsfähig in der Gestaltung ihrer Linien, immer beweglich in den Farbnuancen und scheinbar mit viel stimmlichen Reserven. Die sie auch deshalb nicht anbaggern musste, weil die Dirigentin zwar Puccinis Partitur durchaus zupackend und kräftig in den Akzentuierungen interpretierte, aber alles Laute und Lärmige vermied und damit ein Puccini-Klangbild erschuf, das ganz ungewohnt transparent, schlank und dabei rhythmisch pulsierend und vorwärtsdrängend wirkte.
Reinmar Wagner