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Hybride Zonen: Zu Kunst am Bau
Kunst und Architektur in Basel und Zürich
Vier Kurztexte zu Kunst am Bau-Projekten, in: «Hybride Zonen», Sibylle Omlin, Karin Frei Bernasconi (Hg.), Birkhäuser Verlag, Basel, 2003
Die Gestaltung des Buches besorgte ich ebenfalls (siehe Buchgestaltung).
Passagen
Psychiatrische Universitätsklinik Basel: Pia Gisler
Auf dem Gelände der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel wurden zwei Gebäude aus den 60er-Jahren umgebaut und erweitert. Die bestehenden dreigeschossigen Pavillons werden durch je ein Haupttreppenhaus erschlossen, das als quer gestellter Riegel zwei leicht versetzte Gebäudeflügel verbindet. Lift und Treppe befinden sich an den Schmalseiten, ihnen vorgelagert sind grosszügige, helle Hallen, die als Durchgangsräume dienen. Für diese beiden Hauptzugänge schrieb der Kunstkredit Basel-Stadt 2002 einen öffentlichen Wettbewerb aus. Pia Gisler war eine der über vierzig BewerberInnen. Die hier zu bespielenden Räume trafen passgenau ihre aktuelle Thematik: seit einigen Jahren beschäftigt sie sich mit Warte- und Durchgangsräumen, die sie als «Orte zwischen zwei Handlungen» bezeichnet. Im vorliegenden Fall trifft dies nicht nur auf die primäre Funktion der Haupttreppenhäuser zu, sondern darüber hinaus auch auf die Klinik überhaupt. Hier wird meist nur vorübergehend gewohnt, die Klinik ist ebenso realer Durchgangsort wie Metapher für existenzielle Passagen.
Gislers architektonische Installationen sind stets aus «armen» Materialien gebaut: Dachlatten, Plastiksäcke, geflickte Tücher. Seit 1999 verwendet sie häufig alte Keramikkacheln, die sie zu grossen Flächen fügt und in ihre «Häuser» einbaut (etwa «Gartenhaus», 2000, «Wartehäuser», 2002). Das Prinzip der Bricolage hat im Fall der Kacheln eine explizit soziologische Dimension: deren Farben, Machart und Muster lassen Rückschlüsse auf spezifische soziale und historische Schichten zu.
Das Projekt für die PUK sieht vor, in den Vorräumen aller vier Stockwerke eine Längswand bis auf die Höhe von zwei Metern zu kacheln. Jedes Geschoss erhält eine andere dominante Grundfarbe, die durch zwei Drittel neu gekaufter Platten erreicht wird. Die restlichen Kacheln sammelt die Künstlerin derzeit in der ganzen Schweiz zusammen. Während der Grundton hell und ruhig sein wird, setzen die alten Kacheln bunte und gemusterte Akzente. Da sie nicht alle dieselben Masse haben, entsteht ein lebendiges Fugenbild, und die Wandoberfläche wird aufgrund der unterschiedlichen Materialstärken eine reliefartige Struktur aufweisen.
Mit ihrer Intervention möchte Pia Gisler für die Menschen in der PUK einen Bezug zur Aussenwelt und zu verschiedenen Zeiträumen herstellen. Das Zusammenfügen heterogener Einzelteile und Fundstücke unterschiedlichster Provenienz kann dabei als Metapher für die Konstruktion psychischer wie biografischer Identität gelesen werden, ein Thema, das für die PatientInnen der Klinik zentral ist. Zudem verweisen die Kacheln auf die Geschichte der Psychiatrie. Von steril gekachelten, bedrohlich wirkenden Räumen ist Gislers Projekt jedoch weit entfernt. Ihre Verwendung stellt vielmehr eine «subtile Verfremdung» dar (Jurybericht) und erinnert eher an mediterranen Improvisationsgeist. Im September 2003 wird die Installation fertig gestellt sein.
Sibylle Ryser
Rot, blau – grün!
St. Jakobs-Stadion Basel: Remy Zaugg
Wer zur Unzeit ein Fussballstadion besichtigen will, hat kein leichtes Spiel. Die Zuschaueraufgänge im St. Jakobs-Stadion sind verschlossen, einige der milchigen Kuppeln der Seitenfassaden sind zwar geöffnet, erlauben aber keine Einblicke. Auf der Südseite, die durch den Riegel der Altersresidenz gebildet wird, gelangt man immerhin bis auf die Erschliessungsebene und kann durch Gitterstäbe einen Blick ins Innere werfen. Das Zugangsgeschoss, eine grosszügige, rund um das Stadion führende innere «Strasse», ist ganz in Rot gehalten: die Betondecke der höheren Ränge, die Stützen, Leitungen und Rohre sind rot gestrichen. In den gegenüberliegenden Zuschauerrängen schreiben rote Sitzflächen «FC BASEL» in die ansonsten blauen Sitzreihen – Rot und Blau sind die Farben des hier beheimateten Clubs. Dass diese beiden Farben im Stadion dominieren, liegt denn auch nahe. Überraschend dagegen ist der Umgang mit der globalen Hausfarbe des Fussballs, dem Rasengrün. Souverän nutzen HdM die Komplementarität von Rot und Grün: wer in den roten Eingangsbereich eintritt, gerät sogleich in den Sog des Spielfeldes. Der grüne Rasen flimmert vor den Augen, ist zunächst räumlich kaum zu verorten – wirkt unglaublich nahe und weit entfernt zugleich, scheint nachgerade zu pulsieren.
Das enorme, stützenfreie Dach mit lichtreflektierender Unterseite kragt weit über die oberen Ränge aus, für die Zuschauer kommt es erst ins Blickfeld, wenn sie aus dem Foyer heraustreten und zu den Sitzreihen hinuntersteigen. Die Stirnseite der umlaufenden Dachscheibe wurde von Rémy Zaugg mit einem blau-roten Band versehen. Sie hat eine beachtliche Höhe von ca. 1.50m, die sich abwechselnden Farbfelder sind rund zweieinhalb mal so breit wie hoch. Das jeweils letzte Segment vor der Ecke ist dabei deutlich länger. Dieses Band wird unterbrochen von zwei grossen LED-Anzeigetafeln, einer Uhr und einem unvermeidlichen Werbeschriftzug. Zaugg hat mit den Architekten das Farbkonzept für die ganze Arena entwickelt – dass hier etwas anderes als Rot-Blau überhaupt in Frage gekommen wäre, scheint jedoch höchst unwahrscheinlich. Die Farbdramaturgie ist allerdings spektakulär, der Einbezug des Rasens ist dabei nur einer der Kunstgriffe, auch das Leuchten des Stadions bei Nacht bringt die Symbolkraft des Ortes zum Ausdruck.
Der Stadionneubau wurde vielfach rezensiert, die «bisher kaum je gesuchte und nie erreichte Verbindung von grosser Architektur und Sport» (NZZ) kräftig ausgelobt. Ein Bau der Populärkultur hat durch die Wahl der Stararchitekten die Sphären der Hochkultur erreicht. Die Kunst am Bau jedoch wurde dabei kaum rezipiert. Zaugg arbeitet seit den 70er Jahren mit Wörtern, heute sind die Versalien aus Adrian Frutigers Univers 85 sein Markenzeichen. Die semantisch offenen Botschaften sind formal neutral gehalten und verweigern jeden subjektiven Gestus. Das wortlose Farbband ist also ein untypisches Werk, was der Kunstkritik gewiss eine Reflexion wert sein dürfte. Die Erwähnung des Künstlers funktioniert in den Rezensionen jedoch nur als name dropping – das Label «Rémy Zaugg» scheint dabei lediglich redundanten Legitimationszwecken zu dienen. Was lässt sich auch sagen über die Intervention eines Künstlers, dessen Werk längst jenseits jeglicher Zweifel steht? Die Zusammenarbeit von Zaugg und HdM ist legendär, doch im St. Jakobs-Stadion vermag die markisenartige Erscheinung des Farbbandes keinen nachhaltigen Akzent zu setzen.
Sibylle Ryser
Horizont in Bewegung
Heilpädagogische Schule der Stadt Zürich: Hannes Rickli
Der Bau aus den 60er Jahren steht im spitzen Winkel, den Gotthelf- und Wuhrstrasse bilden, gegen innen begrenzt er L-förmig einen Hof. Durch den Umbau erhielt er eine neue Hülle und wurde um ein Geschoss aufgestockt. Die veränderte Volumetrie und die geklärte Fenstersituation stärken den Charakter des Gebäudes. Der Eingang ist nicht signalisiert, nur die Hausnummer weist darauf hin, dass man sich am richtigen Ort befinden muss – dies ist kein primär öffentlicher Ort.
Die helle Eingangshalle des Schulhauses öffnet sich mit einer Fensterfront zum Hof. Treppen und Korridore gehen ab, Garderoben an einer Wand. Hier hat der Fotograf Hannes Rickli im Auftrag der Fachstelle Kunst und Bau des Hochbauamtes der Stadt Zürich eine Videoinstallation realisiert. In die Wand, durch auch die Eingangstüre führt, sind vier A4-grosse Flachbildschirme eingelassen, hoch- oder querformatig auf leicht unterschiedlichen Höhen positioniert. Über alle vier dunklen Monitore hinweg verläuft horizontal eine breite, farbige Linie und teilt diese in ungleiche Hälften. Die Bildschirme scheinen wie Fenster den Blick auf etwas hinter der Wand Liegendes freizugeben – in der Optik extremer Vergrösserung, ähnlich dem Blick durch ein Mikroskop. Tatsächlich handelt es sich um Bilder aus der Wissenschaft, die Rickli verfremdet zur Darstellung bringt: die Linie ist ein Wasserspiegel. Das Bild bleibt so lange statisch, bis jemand vorbeigeht und die Lichtschranke oder den Bewegungssensor auslöst. Dies hat Folgen: Leicht retardiert bäumt sich die Linie zur Welle auf, verbreitert sich, wirft Blasen, flutet über alle vier Bildfelder hinweg und kommt wieder zum Stillstand. Rickli hat mehrere solcher Wellenfiguren gespeichert und lässt sie in verschiedenen Tempi ablaufen.
Die Farbe der monochrom leuchtenden Linie resp. Welle ist ebenfalls an äussere Reize gekoppelt. Temperaturmessungen auf dem Dach der Schule werden in eine Farbskala übersetzt und verändern sich im Lauf des Tages. Auch die Besucherin, die lange genug vor den Bildfenstern stehen bleibt, beeinflusst die Farbe. Weder Bewegung noch Farbe lassen sich jedoch direkt auslösen und behalten so ein Überraschungsmoment. Die Beziehungen von Aussen und Innen, von Distanz und Nähe werden hier vor Augen geführt. Durch die versetzten Positionen der LCD-Monitore zeichnet die Linie unterschiedlich hohe Horizonte in die Bildfenster. Die Horizontale verläuft auf ca. 1.35m, was einer kindlichen Augenhöhe entspricht. «Die Schulkinder werden im Lauf der Zeit an diese Linie heran- und über sie hinauswachsen», so Rickli in seinem Projektbeschrieb. Der Horizont ist für ihn zentrales Thema seiner Arbeit: «Horizonte verweisen uns auf den eigenen Standpunkt in der Welt».
Was der vielschichtigen Arbeit zu gönnen gewesen wäre: eine weniger beiläufige räumliche Situation. Durch die eher kleinen Dimensionen der Bildschirme und deren niedrige Position vermag sich die Installation im Raum nur schlecht zu behaupten. Die Bildfenster wären auf dunklem Grund besser zur Geltung gekommen, auf der hochweissen Wand im rechten Winkel zur Fensterfront werden sie etwas bagatellisiert.
Sibylle Ryser
Räume definieren
Wohnsiedlung Hegianwandweg: Stefan Altenburger, Lori Hersberger, Lang/Baumann, Carl Leyel
Die Siedlung Hegianwandweg besteht aus vier- bis fünfgeschossigen Mehrfamilienhäusern, die entlang einer Längsachse organisiert sind. Diese Achse wird durch eine unterirdische Autoeinstellhalle definiert, die als Sockel alle fünf Gebäude verbindet. In Zusammenarbeit mit der Fachstelle Kunst und Bau des Zürcher Hochbauamtes entwickelten die Architekten ein Konzept für Kunst am Bau, das diese als integrierten Teil der Architektur versteht. Für die künstlerischen Interventionen wurden demnach spezifische Orte vorgeschlagen und fünf Kunstschaffende mit deren Gestaltung beauftragt.
Anfang Mai 2003 präsentiert sich die Siedlung noch als Baustelle. An den Fassaden sind die Maler am Werk, die Umgebungsgestaltung ist am Entstehen. Auf improvisierten Stegen gelangt man über Wasserlachen zum hintersten Gebäude, in das die ersten Mieter gerade einziehen. Hier sind Teile der geplanten künstlerischen Eingriffe bereits realisiert. Als erstes fallen die textilen Sonnenstoren von Carl Leyel auf. Die dunkelgrauen Holzfassaden werden von durchgehenden Terrassenbändern strukturiert, deren Innenseiten farbig gestrichen sind. Das frische Grüngelb der Balkondecken und der dunklere Olivton der Fassadenrückwand wurde für das Muster der Storen übernommen. Dieses erinnert an vergrösserte Pixelstrukturen: auf einem quadratischen Raster basierende, unregelmässig geformte Farbfelder überziehen die Storen. Ausgehend vom Licht- und Schattenspiel, das entsteht, wenn Sonnenlicht durch Laub fällt, hat Leyel das Muster entwickelt. Die vertikalen Storen verändern den Balkonraum, funktionieren als weiche Trennwände zum Nachbarn und schaffen Privatsphäre. Das Gefühl von Geborgenheit soll mit dem abstrahierten Laubdach unterstrichen werden.
Im Innern des Hauses fällt Tageslicht ins Treppenhaus. Die Gebäudekerne sind aus Beton, der im Treppenhaus brut belassen wird. Am Grund des Treppenhauses hat Stefan Altenburger einen Spiegel in der Grösse des Oblichts angebracht, was den Lichtschacht in der Vertikalen optisch verdoppelt. Die Treppengeländer zum Schacht hin sind aus dunklem, verspiegeltem Glas. Die mehrfachen Spiegelungen der gegenüberliegenden Geländerflächen lassen beim Aufsteigen immer neue Räume entstehen und kreieren ein Wechselspiel zwischen realem und imaginärem Raum. Während der Blick nach unten kaum überrascht, bieten die seitlichen Spiegelungen dank Diagonalen und Überschneidungen ein facettenreiches, sich veränderndes Bild.
Jedes Haus hat direkten Zugang zur Autoeinstellhalle, die durch ein zweites, hellblau gestrichenes Treppenhaus erreicht wird. Für diese Garage hat Lori Hersberger die Beleuchtung entworfen. In langgezogenen, sich kreuzenden Bögen verlaufen drei Lichtlinien entlang der schwarz gestrichenen Decke – ihre künftige Form ist an den Halterungen für die Neonelemente bereits ablesbar. Zusätzlich werden die fünf Hauszugänge durch rechteckige Felder aus rot leuchtenden Neonkonturen markiert. Die weissen Lichtspuren an der Decke ziehen sich über die gesamte Länge der Einstellhalle (ca. 130m) und erinnern, vielleicht etwas zu direkt, an automobile Lichteffekte – sogleich hat man die beliebten Langzeitaufnahmen nächtlichen Strassenverkehrs vor Augen.
Noch gar nichts ist zu sehen vom vierten künstlerischen Eingriff: Lang/Baumann gestalten den Bereich zwischen den fünf Bauten, der durch die Decke der Tiefgarage vorgegeben ist. Auf den Boden der beiden miteinander verbundenen Siedlungsplätze (der mittlere Bau unterbricht die durchgehende Fläche) wird ein Geflecht von farbigen Linien gemalt. Sie nehmen die Schmuckfarben der Siedlung auf – die beiden Grüntöne und Hellblau – und werden in einer Kunststofffarbe realisiert, die ähnlich wie Fussgängerstreifen reliefartig aufträgt. Die orthogonal verlaufenden Linien mit gerundeten Ecken verbinden die Hauseingänge miteinander, allerdings beileibe nicht auf kürzestem Weg. Sie mäandern über den ganzen Platz, lassen dabei unterschiedliche Binnenformen entstehen und umspielen auf dem schwarzen Gussasphalt zwei grössere, andersfarbige Felder. Die (auch materielle) Anlehnung an Verkehrs- und Sportplatzmarkierungen signalisiert den öffentlichen Charakter dieser Siedlungszone und definiert den Zwischenraum als spezifischen Ort.
Alle vier künstlerischen Interventionen haben eines gemeinsam: sie präzisieren verschiedene (halb-) öffentliche Räume der Siedlung. Die Kunst übernimmt dabei Aufgaben, die teilweise ausgesprochen funktional sind und sich im Grenzbereich zu Innenarchitektur und Design bewegen. Das Zusammenspiel von Kunst und Bau, das hier explizit gesucht wurde, vebindet Funktionalität mit Ästhetik und lässt auch Raum für irritierende Momente – die Regeln für L/Bs fiktives Spielfeld sind noch zu erfinden.
Sibylle Ryser