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Der Gletschertopf der Caillettes, eine grosse und runde Vertiefung, ist das eindrücklichste Beispiel.
Entdecken Sie weitere Zeugen des Rhonegletschers in der Region von Bex
Der Riegel von Saint-Maurice
Zwischen Martigny und Evionnaz fliesst die Rhone in einem engen, knapp 2 Kilometer breiten Tal. In Saint-Maurice ist die Schlucht so eng, dass die Autobahn in einem Tunnel verläuft. Danach weitet sich das Tal auf einmal. In der Umgebung von Monthey ist es ungefähr 6 Kilometer breit.
Die Gegend von Saint-Maurice mit ihren steilen und nahe beieinander stehenden Felsen ist ein Musterbeispiel eines Gletscherriegels (3). Sie hat der Erosion von mehreren Gletscherphasen getrotzt, ohne dass die Spezialisten genau wissen warum. Dennoch, ganz ungeschoren ist dieses Hindernis, das sich dem Gletscher in den Weg stellte, nicht davongekommen. Es ist sogar ein besonders guter Ort, um die Formen der Gletschererosion zu beobachten.
Ganz besondere Formen
Gletscher hinterlassen auf ihrer Durchreise ganz bestimmte Spuren. Sie lagern Moränen und Findlinge ab (4.5) und erodieren das Grundgestein entweder durch im Eis mitgeführte Gesteinsfragmente, Sandkörner oder Wasser, das unter dem Gletscher oder an dessen Seiten zirkuliert. Man findet Rundhöcker (1,2), die, so scheint es, lange poliert wurden; feine, in das Gestein geritzte Gletscherschrammen; oder tiefe und breite Rillen (2).
Die Rhone sucht ihren Weg
Der heutige Verlauf der Rhone ist einer der Wege, den der Fluss gefunden hat, um den Riegel von Saint-Maurice zu überwinden. Bevor sie die 250 Meter tiefe Schlucht grub, umfloss die Rhone, oder ein ehemaliger, dem Rhonegletscher entsprungener Flusslauf, den Hügel von Chiètres auf der Ostseite. Diese Schlucht ist heute durch Sedimente aufgefüllt. Andere, ähnliche Schluchten graben sich durch den Hügel, wie zum Beispiel jene, die beim Hof der Caillettes zum Vorschein kommt. Sie sind ebenfalls aufgefüllt (s. blaue Pfeile auf der Karte).
Wie entstand der Gletschertopf der Caillettes?
Mit seinen glatten und gerundeten Wänden ähnelt der Gletschertopf der Caillettes Formen, die man in den Schluchten von reissenden Flüssen beobachten kann. Aber welcher Fluss konnte, mitten auf der Wiese, ein solch grosses Denkmal in den Felsen schleifen?
Wasser unter Druck
Des Rätsels Lösung bringt der Rhonegletscher zu einer Zeit, als er sich noch über den Riegel von Saint-Maurice schob, um seine Reise in Richtung des zukünftigen Genfersees fortzusetzen.
Unter dem Gletscher fliesst Schmelzwasser, das wegen der Gletschermassen unter Druck steht. Dieses Wasser führt viele, durch den Gletscher mitgerissene Sandkörner. Eine kleine Unebenheit oder ein kleiner Riss genügt, um einen Strudel entstehen zu lassen (A). Das turbulente und sandreiche Schmelzwasser beginnt sich in das Gestein zu fressen (B). An manchen Stellen kommt es nur zur Bildung von kleinen Mulden. Andernorts, was seltener vorkommt, gräbt sich das Wasser in einer Spirale immer tiefer ins Gestein: So entstehen die Gletschertöpfe (C).
Mehr als nur ein Loch
Der Gletschertopf der Caillettes ist von beeindruckender Grösse: Er ist ganze 5 Meter breit und 4 Meter tief (Masse ab Rand). Aber das ist längst nicht alles.
Schaut man zum Beispiel nach oben, sieht man, dass sich der Gletschertopf noch 6 Meter fortsetzt. Aber nur eine Hälfte des in den Fels geschliffenen Topfes ist erhalten geblieben. Die andere Hälfte wurde wahrscheinlich noch während seiner Entstehung abgetragen. Unter dem Beobachtungssteg ist die Rinne zu erkennen, durch die das Wasser abfloss.
Das strudelnde Wasser hat auf den Wänden des Gletschertopfes auch abwärts gerichtete und im Gegenuhrzeigersinn verlaufende Furchen hinterlassen. Auf dem Grund des Topfes war die Erosion an den Rändern bedeutender als in der Mitte, wo eine kleine geschliffene Kuppel erhalten blieb.
Die Geschichte einer Wiederentdeckung
Der Gletschertopf der Caillettes ist schon lange bekannt. Aber vor 1962 hatte niemand auf seinen Grund gesehen, da er fast vollständig mit Erde und Blöcken aufgefüllt war. Dank des Einsatzes von Freiwilligen, die fest entschlossen waren, der Natur eines ihrer Meisterwerke zurückzugeben, kann man ihn heute bewundern.
Der schönste Gletschertopf der Schweiz?
Als Herr Jacques Martin mit seinem Velo durch die Schlucht von Saint-Maurice fährt, stösst er auf eine Holztafel, die den Weg zu einem «Gletschertopf» weist. Rund dreissig Jahre später, im Jahre 1956, er ist inzwischen Präsident des Cercle de sciences naturelles de Vevey-Montreux, erinnert sich Herr Martin an die Einladung und besucht den Gletschertopf. Die Tafel ist verschwunden, aber der Besitzer des Grundstückes, Herr Kuonen, begleitet ihn bis zum Gletschertopf.
«Dieser Gletschertopf ist seit Langem bekannt», sagt mir Herr Kuonen, «er wird in einer glaziologischen Abhandlung erwähnt, und ein Glaziologe aus der Deutschschweiz hat mir anvertraut, dass es sich seiner Meinung nach um das schönste Exemplar der Schweiz handeln könnte.»
«Herr Kuonen, «erwiderte ich», mit Ihrer Zustimmung werde ich Ihren Gletschertopf ausräumen.»
«Und wenn Sie damit fertig sind», sagte er als Zeichen der Zustimmung, «werden wir darin ein gewaltiges Fondue zubereiten!»
Eine explosive Baustelle!
An insgesamt 28 Samstagen, verteilt auf mehr als ein Jahr, wird gearbeitet, bis der Gletschertopf ausgeräumt ist. Die von Herrn J. Martin geführte Baustelle besteht aus 20 Freiwilligen, darunter zwei Frauen, ein Dutzend unter 20-Jährige, zwei sizilianische Lohnarbeiter und der Sohn von Herrn Kuonen.
Die angewendeten Mittel sind beeindruckend. Im Gletschertopf findet man zahlreiche Gesteinsblöcke, die immer schwieriger zu entfernen sind, je tiefer das Loch wird. Ab einer gewissen Tiefe werden die zwischen 50 und 300 Kilogramm schweren Blöcke mithilfe einer Zugeinrichtung geborgen. Blöcke mit einem Gewicht über 300 Kilogramm werden mit Dynamit in kleine Stücke zerlegt.
«Als wir den Grund erreichten, glich der Gletschertopf einem grossen Kanonenrohr. Die Explosionen wurden so heftig, dass man das Gestein vibrieren sehen konnte, als wäre es von einem Erdbeben erfasst.»
Das Unterfangen ist von Erfolg gekrönt. Am Samstag, dem 20. April 1963, ist der Gletschertopf ausgeräumt. Die Kosten von 2100 Franken tragen verschiedene lokale und kantonale Institutionen (Cercle des Sciences naturelles, Gemeinde und Verkehrsverein von Bex, Ligue vaudoise pour la protection de la nature).
Ein Fall für Inspektor Stein
1962 wurden viele Gesteinsblöcke aus dem Gletschertopf entfernt (siehe «Geschichte einer Wiederentdeckung») und vor dieser Tafel deponiert. Einige unter ihnen sind Zeugen eines merkwürdigen Falls: Sie wurden gekidnappt, auf geheimnisvolle Weise transportiert und hier liegen gelassen … Kannst du Inspektor Stein helfen, diesen Fall zu lösen?
Ermittlungsprotokoll von Inspektor Stein
Schritt 1 – Hilfreiche Zeugen finden
Such dir einen Gesteinsblock vor der Tafel aus
Beobachte ihn gut und ordne ihn in die richtige Gruppe ein
Finde mindestens einen hilfreichen Zeugen
Hilfreicher Zeuge
Gestein mit Kristallen
Aussehen: rau, mit Körner und Kristallen (glänzend oder durchsichtig)
Farbe: verschiedenfarbige Körner (weiss, grau, schwarz …)
Einfarbige Gesteine
Aussehen: glatt, feine Körner, keine Kristalle, sieht wie Zement aus
Farbe: unifarben, Grautöne (kann von farbigen Moosen und Flechten bedeckt sein)
Hinweis 1 – Schau dir das Gestein des Gletschertopfes an: Es gehört zur Gruppe der einfarbigen Gesteine. Die Gesteine mit Kristallen kommen somit nicht von hier!
Schritt 2 – Den Täter entlarven
Wer hat all diese Gesteine mit Kristallen von den Bergen bis hierher transportieren können? Denk nach und schlag eine Lösung vor!
Ursprung der Gesteine mit Kristallen
Herkunft der einfarbigen Gesteine
Wir sind hier, hinter dem Hügel
Hinweis 2 – Der Täter ist heute verschwunden (er versteckt sich wieder in den Bergen)
Hinweis 3 – Der Täter kann aufwärts und über den Hügel von Saint-Maurice fliessen!
Habt ihr noch Zweifel, wer der Täter ist? Um das Geheimnis definitiv zu lüften, schaut euch die Tafel an der Kantonsstrasse an.
Laborbericht – für alle, die mehr über die Gesteins-Zeugen wissen möchten
Jacques Martin, der die Bauarbeiten im Gletschertopf leitete, hat folgende Gesteinsarten identifiziert: «Granite aus dem Gotthardmassiv und aus der Region von Salvan, Protogin [Granit] aus dem Mont-Blanc-Massiv, sogenannter Arolla-Gneiss, der von der Dent-Blanche, dem Matterhorn oder dem Weisshorn stammen kann, Glimmerschiefer von den Seitentälern des linken Rhoneufers, Serpentinite, Quarzite, die vielleicht aus der Gegend von Sion stammen usw.»
All diese Gesteine – auch wenn bei den letzten zwei die Kristalle nur schwer zu erkennen sind – können der Gruppe der «Gesteine mit Kristallen» zugeordnet werden, das heisst den kristallinen Gesteinen.
Die «einfarbigen Gesteine» sind lokale Gesteine, welche auch den Riegel von Saint-Maurice bilden. Es sind Kalkgesteine, die in einem Meer zur Zeit der Dinosaurier, vor rund 135 Millionen Jahren, abgelagert wurden.
Praktische Informationen
10 Min walk from the main road.