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Die Entdeckung der Pfahlbauten vor rund 170 Jahren führte zu einem regelrechten «Pfahlbaufieber». Es entstanden Pfahlbaulieder, Gedichte, Theaterstücke und Lebensbilder über das Leben im Pfahlbaudorf – auch in der Zentralschweiz. Am Zugersee waren 1865 bereits sechs Seeufersiedlungen bekannt.
Die Entdeckung der Pfahlbauten 1854 bei Obermeilen am Zürichsee entfachte ein breites Interesse an der Urgeschichte. Ferdinand Keller, der damalige Vorsitzende der Antiquarischen Gesellschaft Zürich, untersuchte die Funde und Holzpfähle und deutete sie als Überreste einer Gesellschaft, die vor der Zeit der schriftlichen Aufzeichnungen existiert hatte.
Pfahlbauforschung in Zug
Auch im Kanton Zug wurden in dieser Zeit Pfahlbauten entdeckt. Der erste Fund ist aus dem Jahr 1859 überliefert. Beim Bau der Bahnlinie zwischen Zug und Luzern kamen beim heutigen Choller bzw. Sumpf mehrere Keramikfragmente, Pfähle und verkohltes Holz zum Vorschein. Drei Jahre nach dieser Entdeckung wurde in der Äusseren Vorstadt in Zug beim Ausheben einer Fundamentgrube eine Pfahlbausiedlung entdeckt.
1865 waren in Zug bereits sechs Seeufersiedlungen bekannt. Als bei der Vorstadtkatastrophe 1887 ein 120 Meter breiter Uferabschnitt samt Häusern im See versank und an der Abbruchkante Überreste einer Seeufersiedlung erkannt wurden, brach in Zug das Pfahlbaufieber aus. Breite Bevölkerungsschichten sammelten die Artefakte auf.
In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden – auch dank des niedrigen Wasserstandes im Winter 1920/21 – zahlreiche Pfahlbauten entdeckt und die Fundstelle Zug-Sumpf ausgegraben. 1930 wurde das Museum für Urgeschichte im Keller des Schulhauses Athene errichtet.
Dörfer auf Pfählen?
Der Entdecker der Pfahlbauten Ferdinand Keller glaubte, dass die Pfahlbausiedlungen auf Plattformen über dem Wasser errichtet waren. Diese Interpretation stützte sich auf ethnografische Vergleiche, etwa aus Neu Guinea. Keller interpretierte die Pfahlbauten als kulturelle Eigenheit, da ausserhalb der Schweiz keine Pfahlbauten bekannt waren.
Keller fand mit seiner Theorie bei Kollegen, aber auch bei Laien Anklang. Die Vorstellung eines urschweizerischen Volkes, das auf solchen Pfahlbauten über dem See lebte, war eine Sensation und löste ein regelrechtes Pfahlbaufieber aus. In den meisten Schulen standen Pfahlbaumodelle für den Unterricht bereit. In den 1930er-Jahren erfuhren Kinder im SJW-Heft «Pfahlbauer am Moossee» von der heilen Pfahlbauwelt, von der auch ein Bild des Altdorfers Heinrich Bachmann zeugt.
Darstellung eines Zuger Pfahlbaudorfs einst …
Bachmanns Darstellung eines Pfahlbaudorfs am Zugersee aus dem Jahr 1930 dürfe einst im ersten Zuger Museum für Urgeschichte gehangen haben. Das Pfahlbaudorf, das auf einer riesigen Plattform steht, widerspiegelt den damaligen Forschungsstand. Im Hintergrund des Bildes sind die Rigi und die Alpen zu sehen.
Der Maler des Bildes orientierte sich an archäologischen Funden: Die Einbäume (Kanus in Form von ausgehöhlten Baumstämmen), die am Ufer und auf dem See zu sehen sind, beruhen auf archäologischen Vorbildern. In der Bildlegende auf der Rückseite schrieb Heinrich Bachmann sogar: «Hinter dieser / Arbeit die nicht von heute auf morgen entstanden / liegt viel Studium auch örtliches um das Ganze wahrheitsgetreu / wiederzugeben.»
Die Siedlung am See wirkt sehr idyllisch: Am linken Bildrand wirft jemand gerade ein Netz ins Wasser, Jäger bringen die Jagdbeute zurück ins Dorf, am Ufer wird ein Einbaum hergestellt und im Dorf tummeln sich einige Mütter und ihre Kinder. Im Vordergrund stehen zwar zwei Personen mit Speeren, jedoch ist weit und breit keine Bedrohung zu sehen.
Darstellung einer Zuger Seeufersiedlung heute
Die Darstellung der Seeufersiedlung Zug-Riedmatt, welche die Illustratorin Eva Kläui Sanfilippo und die Archäologin Eda Gross fast 100 Jahre später im Jahr 2016 für das Amt für Denkmalpflege und Archäologie erarbeitet haben, wirkt komplett anders. Die Kulisse mit Rigi und Alpen im Hintergrund und dem Zugersee als Siedlungsort ist dieselbe wie im Bild von 1930.
Nicht mehr die Siedlung steht jedoch im Zentrum des Bildes, sondern ihre Einbettung in die jungsteinzeitliche Landschaft. Fachleute diskutieren noch heute über die Uferlinie im Delta und das genaue Aussehen der Häuser: Für die Pfahlbau-Dörfer am Zugersee nimmt man aktuell an, dass die Häuser normalerweise auf festem Grund gebaut wurden und nicht auf Plattformen standen, wie 1930 dargestellt.
Da nur ein kleiner Teil der Siedlung Zug-Riedmatt ausgegraben ist, entschieden sich Illustratorin und wissenschaftliche Betreuerin, die Gesamtgrösse und Form der Siedlung nicht zu zeigen. Als Verschleierungstaktik nutzten sie gekonnt den Rauch.
Dank naturwissenschaftlichen Untersuchungen können wir heute die Umwelt des Menschen viel genauer rekonstruieren. Der Fundplatz Riedmatt lag weitab der fruchtbaren Ackergebiete. Die Menschen dort hatten andere Versorgungsschwerpunkte als den Ackerbau. Die Treibjagd und der Fischfang hatten einen hohen Stellenwert.
Keine Idylle, sondern Nutzung der Ressourcen
Dafür nutzten die Menschen nicht nur Netze, sondern errichteten Fischfanganlagen in der Lorze und steigerten damit die Effizienz. Auch zeigen Untersuchungen an Bauhölzern, dass die Bewohner von Zug-Riedmatt durch das Abschlagen von Ästen zur Tierfütterung in ihre Umwelt eingriffen. Das Bild der Pfahlbauidylle von 1930 wird abgelöst durch ein Bild, das zeigt, wie der Mensch Ressourcen nutzte und wie seine Verhaltensweise von der Umwelt beeinflusst wurde.
Die Bilder und passende Funde zu den Zuger Seeufersiedlungen sind neben anderen Lebensbildern noch bis zum 2. Mai 2021 in der aktuellen Sonderausstellung «Bildergeschichten» im Museum für Urgeschichte(n) zu bestaunen. Bitte informiere dich online über die Öffnungszeiten.
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