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n x 1 | 06/2018 | Text & Collagen | Publikation "Die Mauer"
n x 1: "Die Vollendung ist eine Grenze" (Aristoteles, 2. Axiom)
Aristoteles beschreibt in seinem 2. Axiom, dass das Streben nach Vollendung den Menschen und seine Welt unweigerlich an eine Grenze führt. Nicht an eine Grenze, die es zu überwinden gilt, sondern an eine Grenze hinter der das Nichts beginnt. Ein End-Ort an dem der Mensch und seine Welt vollumfänglich beschrieben und bewiesen sind und der Mensch von seinen Fähigkeiten entleert wurde. Die Globalisierung kündigt solch ein Ende an, bei dem ein Apfel ein Apfel ist, ein Mensch nur ein Mensch und die Erde nichts als Erde. Alles ist gleich, alles ist individuell und alles bedeutet nichts. Der Mensch ist entmystifiziert, befreit von seinen intellektuellen Fähigkeiten und alles Übermenschliche ist menschlich geworden. Die gesellschaftliche und kulturelle Gleichschaltung ist die Vernichtung von allem was uns bisher Mensch gemacht hat. Stille darf nicht sein, Herkunft darf nicht sein, die Suche darf nicht sein. Alles darf nur in einer individualistischen Form auftreten, die von der Konsum- und Kapitalmaschinerie vereinnahmt werden kann. Diese Gleichschaltung führt uns an die von Aristoteles beschriebene Grenze; nicht im Sinne einer Mauer mit einem Dies- und Jenseits, sondern als das absolute Ende, die abgeschlossene Vernichtung des Vermögens des Menschen und seiner Welt.
Eine Grenzmauer, nicht zu verwechseln mit der Grenze, wird in der Konsumgesellschaft nicht aus Angst vor dem Fremden errichtet, sondern zur Abwendung der Vollendung, der endgültigen Ebene und der Aufhebung aller Werte und Eigenschaften, die sich im realräumlichen Umkreis des menschlichen Maßstabes befinden. Der Mensch wird immer aggressiver und weiter aus diesem, seinem realen Umkreis, hinausgeschlagen. Das bewusste und unbewusste Selbst und Gemeinsame wird ihm entzogen. Ihm werden seine immateriellen Sicherheiten entrissen und durch Material ersetzt. Der virtuelle Raum ist zum spirituellen Raum geworden. Auf dem Weg an die Grenze wird der Mensch laut und leuchtend dauerunterhalten, mit sich exponentiell vervielfältigenden Einzelteilen überschüttet. Jede Leere wird mit mehr inhaltsloser Leere gefüllt bis der Mensch auf der Grenze zum Nichts steht. In einer Welt, die global fertig ist, sieht er sich plötzlich mit der Verwirklichung seiner Urangst konfrontiert, dass er unbedeutend und alleine im endlosen Nichts steht. Die Panik vor der Leere und die Abwendung der Vollendung treibt den Menschen dazu panisch Wege einzuschlagen, um die völlige Differenzlosigkeit abzuwenden. Der eigene Umkreis wird durch etwas real-physisches geschützt, mit einer räumlichen Erhebung, einer spirituellen Projektionsfläche, die die Kraft hat aus der virtuellen Welt herauszubrechen.
Anders als der gebaute Raum, dessen Referenz der Mensch und sein Wesen sind, ist die Referenz der Grenzmauer die Gewalt der Unterscheidung. Nur ein gewaltvoller Akt kann die Beschleunigung zur Vollendung hin unterbrechen und primitive Referenzen wiederherstellen. Er schafft klare Differenzierungen anhand derer man das Selbst beschreiben kann. Die Grenzmauer setzt eine klare unnatürliche Unterscheidungslinie in einen Raum, der eigentlich endlos ist. Sie schafft einen unleugbaren Anhaltspunkt in einer Welt, die sonst keine Anhaltspunkte und lokalen Maßeinheiten mehr bietet. Die physische Unterbrechung der Gleichschaltung gibt dem Menschen seine eingebildete, aber für den Geist überlebenswichtige Überhand zurück, um der Fremdbestimmung und der drohenden Endlosigkeit Widerstand leisten zu können.
Daisy Jacobs