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Das Dementi am Tag danach: Basler Sanitätsdirektorin Veronica Schaller
"NovoSeven": Die TV-Enthüllung
Erklärung der Basler Gesundheitsdirektorin Veronica Schaller zum SF-DRS-Beitrag "10 vor 10" vom 11. Januar 1999
Der Beitrag, der am Montag im Nachrichtenmagazin "10 vor 10" von Schweizer Fernsehen DRS zum Thema Rationierung ausgestrahlt wurde, und der verständlicherweise viele Emotionen geweckt hat, bedarf der Richtigstellung: Im Basler Kantonsspital wurde keinem Patienten ein lebenserhaltendes Medikament verweigert. Hingegen wurde das Spital vor über einem Jahr erstmals vor die Situation gestellt, dass bei einem hochbetagten Patienten das besonders teure Medikament "NovoSeven" (ca. Fr. 500'000.-- bis l'000'000.-- pro Fall) zum Einsatz kommen könnte. In einer ed hoc einberufenen Konferenz unterbreiteten der Spitaldirektor und der verantwortliche Arzt dieses Thema der Sanitätsdirektorin. Da der Patient jedoch mit den gängigen Medikamenten erfolgreich behandelt werden konnte, erübrigte sich die Therapie mit "NovoSeven" und damit die Notwendigkeit eines Entscheides.
Diese Erfahrung, die konkrete Frage, ob solche immens teuren Medikamente ohne weiteres in einem Universitätsspital verwendet werden sollen, wurde von der Spitalleitung sowie vom Sanitätsdepartement zum Anlass genommen, um das Thema grundsätzlich und auch auf gesamtschweizerischer Ebene zu diskutieren. Es geht letztlich um die Frage, ob sämtliche Errungenschaffen des medizinischen Fortschrittes in unseren Spitälern unbesehen angewendet werden sollen, und wer diese Kosten zu übernehmen hat. Das Medikament "NovoSeven", das sehr selten angewendet werden muss, ist dabei nur die Spitze des Eisberges; es steht stellvertretend für eine neue Generation von Medikamenten, die sehr teuer sind, aber auch für eine zunehmende Zahl von sehr aufwendigen und kostspieligen Operationen und Diagnosemethoden.
Die Diskussion um eine mögliche Beschränkung von medizinischen Leistungen hat begonnen. Sie ist aber noch weit davon entfernt, Hilfestellungen für Entscheidungen im Einzelfall zu bieten. Das Wichtigste an dieser Diskussion ist mir, dass sie breit und öffentlich geführt wird. Es kann nicht sein, dass solche Entscheidungen allein den Ärztinnen und Ärzten überlassen werden, die wegen der zunehmenden Sparmassnahmen im Gesundheitswesen unter immer grösserem Druck stehen und Tag für Tag vor schwierigste Fragen gestellt werden. Genausowenig kann es Sache von Spitaldirektoren oder Gesundheitsdirektorinnen sein, im Einzelfall zu entscheiden, welche medizinischen Massnahmen zur Anwendung gelangen dürfen. Es braucht dazu breit abgestützte Gremien, in denen hoher Sachverstand aus verschiedenen Bereichen und viel Einfühlungsvermögen versammelt ist. Es braucht dazu in aller Sorgfalt erarbeitete Kriterien. Die beschränkten finanziellen Mittel sind dabei nur der Rahmen; sie dürfen niemals das einzige Entscheidungskriterium sein.
Die besten Gremien können ihre Arbeit nicht richtig tun, wenn nicht auch das Bewusstsein wächst, dass der stetige Spardruck im Gesundheitswesen auf der einen Seite und die Forderung nach grenzenloser Anwendung sämtlicher medizinischer Neuerungen auf der anderen Seite nicht mehr allzulange vereinbar sind. Wer behauptet, es gäbe noch lange genug Sparmöglichkeiten, die niemandem richtig weh tun, argumentiert naiv und vernebelt die Realität. Und wer den Anspruch erhebt, ein so reiches Land wie die Schweiz könne sich noch lange eine umfassende Medizin für alle leisten, muss auch die Frage beantworten, wer denn diese Leistungen finanzieren soll. Unsere Gesellschaft kommt nicht darum herum, sich diesen Grundsatzfragen zu stellen. Auch und gerade die für die Gesundheitspolitik Verantwortlichen sind herausgefordert.
"l0 vor 10" hat mich angefragt, ob ich bereit wäre, zum Thema "NovoSeven" ein Interview zu geben, da doch dieses Medikament in Fachkreisen eine breite Diskussion ausgelöst habe über mögliche Beschränkungen von medizinischen Leistungen. Ich habe zugesagt in der Meinung, einen Beitrag zur öffentlichen Diskussion zu leisten und auch die Schwierigkeiten aufzeigen zu können, vor denen die Spitäler im Umgang mit den knappen Mitteln Tag für Tag stehen. Leider wurde der Beitrag so aufgemacht und zurechtgeschnitten, dass vom ganzen Thema gerade noch die reisserische und erst noch falsche Schlagzeile übrigblieb: "70jährigem lebensrettendes Medikament verweigert!".
Ich bedaure, dass damit eine Chance vertan wurde, ein ernsthaftes und dringendes Thema aufzunehmen. Vor allem aber bedaure ich, dass dieser Beitrag den Eindruck erweckte, eine knallharte, rein wirtschaftlich argumentierende Gesundheitsdirektorin entscheide über den individuellen Einsatz von Medikamenten, über Kriterien, bei welchen Patientinnen und Patienten welche medizinischen Massnahmen zur Anwendung kommen, über Leben und Tod. Ich hoffe, es gelinge mir, in den kommenden Diskussionen aufzuzeigen, dass dieses Bild unzutreffend ist.
12. Januar 1999