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Gottfried Kellers Alltag in seinen Briefen
Ausgewählt und herausgegeben von Martin Müller
Briefe bewahren, nach einer Bemerkung Goethes, «das Unmittelbare des Daseins auf», und so vermittelt dieser Band aus gegen 700 chronologisch angeordneten Briefstellen erstmals eine Art Lebensbeschreibung Gottfried Kellers – aus nächster Nähe. Und weil alle Texte von ihm selbst stammen, darf er in diesem Buch, bei allem Murren über neugierige Biografen, erst noch das letzte Wort behalten.
Er hatte sich schon früh gegen das Projekt einer «Keller Biografie» ausgesprochen. Als sein Bewunderer Jakob Baechtold ein solches Werk vorhatte und Einzelheiten gar bei Kellers Schwester Regula erfragen wollte, erhielt er die mild formulierte Absage: «Was nun die Biographie betrifft, mit der Sie mich beehren wollen, so bitte ich ernstlich, davon abzustehen. [...] Die Sache ist die: Ich bin trotz meines Alters (58jährig) noch nicht fertig, sondern ein Bruchstück, das in den nächsten Jahren vielleicht ergänzt wird, aber jetzt zu keinem richtigen Bilde dienen könnte.» Als «grossen Briefschreiber» aus der Schweiz charakterisierte ihn Walter Benjamin einmal so: «Er selber aber ist ein wolkenschiebender, von langer Hand schweigender, die Schwüle unversehens mit gezackten Spässen zerreissender dumpf nachdonnernder Jupiter epistolarius.»
Ob er nun Blitze schleudert gegen Verleger, die ihn verzweifelt an Ablieferungstermine erinnern, ob er sich spöttisch über eitle Zeitgenossen äussert oder sich selbstquälerischverliebt an verehrte junge Frauen wendet oder charmant an Damen aus bester Gesellschaft – immer zeigt sich Keller auch in den kurzen Texten dieser Sammlung als eigenwilliger, unbestechlicher Zeitgenosse wie auch als Autor von weltliterarischem Rang.