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Am nichtargumentativen Schreiben erkenne man den wahren Dichter, meinte Richard Rorty bei Gelegenheit; und er fügte hinzu, dass intellektueller Fortschritt ohne die Hinwendung zu den träumerischen Sprachbildwelten der Dichter nicht möglich sei. Diese Bemerkung kam mir unwillkürlich in den Sinn beim Lesen von Gertrud Leuteneggers jüngstem Roman «Matutin» und bei der Wiederbegegnung mit ihrer Prosa «Ninive» aus dem Jahre 1977, die ich seinerzeit in Vorlesungspausen als Student am Neckar erstmals gelesen hatte und den die verdienstvolle, der zentralschweizerischen Literatur des 20. Jahrhunderts geltende Pro-Libro-Initiative in Luzern mit einem klugen Nachwort von Urs Bugmann neu aufgelegt hat.
Hier erzählt eine Romantikerin, so unzeitgemäss wie möglich. Doch unsere Uhren gingen falsch, wenn sie für die Lektüre dieser Unzeitgemässheiten keine Zeit vorsähen. «Ninive», oder: ein Paar (die Erzählerin und Fabrizio – «wir haben einander entführt»), das keines ist, versucht im Angesicht eines übelriechenden, hinter Glas auf einem Riesenwaggon ausgestellten Walkadavers Klarheit über sich zu gewinnen. «Matutin», oder: wie eine Erzählerin zur Kustodin eines Vogelfangturms wird, dabei aber weniger Vögel beobachtet, sondern das Verhalten einer rätselhaften Fremden, die sich bei ihr im Vogelfangturm gleichsam einnistet und bröckchenweise ihre traumatische Lebensgeschichte preisgibt. Doch die Erzählerin selbst wird zum Gegenstand der Beobachtung. Nach dreissig Turmtagen (der Roman ist aufgebaut wie datumlose Tage- oder Logbücher), ist ihres Bleibens als Kustodin nicht länger. Sie wird von «zwei Männern im Regenmantel», die im Auftrag jener Stadtgemeinde handeln, von der die Erzählerin zuvor als Turmwärterin eingestellt worden war, mit barschen Worten ohne Angabe von Gründen entlassen. Kafka scheint nahe.
Auch die Erzählerin in «Ninive» war eine Kustodin, und zwar im Nietzsche-Haus zu Sils Maria; und es ist faszinierend zu sehen, wie treu diese Erzählerin sich geblieben ist über die Jahre, im Sinne des Sprachtons, des Bedachts, mit dem sie erzählt, der Phantasiegenauigkeit, derer sie sich bedient und im Hinblick auf die sanften Albtraumwelten, die sie langsam durchdringt. «Matutin», also: Morgengebet, morgendliche Andacht oder Mette. Und auf die Schilderung der Morgenstimmungen im Turm hoch über dem See verwandte die Erzählerin besondere Sorgfalt. Wüsste man sich mit diesem Vogelfängerturm nicht im Süden, man hörte im geistigen Ohr bei diesen Morgenphasen Edward Grieg.
Nein – harmlos, nur verträumt, nur verspielt ist dieses Erzählen nicht; es geht einem – vor allem beim Wiederlesen – bis ins Mark. Es ist die Eindringlichkeit dieser Prosa, ihre Tiefenschärfe, die etwas selten Berückendes, einen Betreffendes hat, auch wenn man noch nie im Leben in einem Vogelfängerturm gehaust hat.
vorgestellt von Rüdiger Görner, London
Gertrud Leutenegger: «Matutin».
Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2008
Gertrud Leutenegger: «Ninive», hrsg. von B.von Matt, J. Bättig & Hardy Ruoss. Zürich: Orell Füssli, 2008