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Heiri Strub wurde als Künstler in der Schweiz derart schikaniert, dass er für längere Zeit in die DDR zog, wo ihm der Erfolg nicht versagt blieb. Jetzt ist eine Monografie über den mittlerweile 92-jährigen Basler erschienen.
Bevor sie Heiri Strub kennengelernt habe, berichtet seine Biografin Corina Lanfranchi, habe sie von ihm nur drei Dinge gewusst: dass er zu den Gründungsmitgliedern der kommunistischen Partei der Arbeit (PdA) gehörte, lange Jahre in der DDR gelebt hatte und der Autor des Kinderbuchs «Das Walross und die Veilchen» war.
Sehr wenig also, bekennt sie; doch ausserhalb von Basel ist wohl nicht einmal so viel bekannt.
Der 92-jährige Heiri Strub reagierte gelassen. Heute sei man wieder vermehrt am politischen Teil seines Lebens interessiert, sagte er, auch wenn ihm selbst natürlich lieber wäre, seine künstlerische Arbeit würde mehr Aufmerksamkeit erregen.
Corina Lanfranchi hat ihn beim Wort genommen, mit einer gelungenen und auch sehr schönen Werkmonografie. Ausgehend von achtzig Kunstwerken wird aus dem bewegten Leben des Künstlers erzählt, und es versteht sich von selbst, dass die Autorin dabei immer wieder auf die Politik zu reden kommt.
Mehrbessere KommunistInnen
Zu den frühesten Arbeiten gehört eine Serie von Scherenschnitten. Einer heisst «Zeitungsleser», ein anderer «Säufer», beide 1926 datiert. Heiri war damals zehnjährig, geboren in Riehen und dort aufgewachsen, als jüngster von drei Brüdern. Die Themen seiner Scherenschnitte waren ihm vertraut, von Gesprächen am Mittagstisch her, wenn auch nur theoretisch, zum Glück. Mutter Margrit Strub, eine elegant gekleidete Frau, führte das Sekretariat des Sozialistischen Abstinentenbundes und engagierte sich später im Aktionskomitee für Sexualaufklärung und Geburtenregelung als Befürworterin der Fristenlösung. Sie stammte aus der Glarner Hotelierdynastie Trümpy, ihr Vater hatte in Lenzburg eine Wurstwarenfabrik besessen; so kam sie aus Unternehmerkreisen, während ihr Mann in einer radikaldemokratischen Lehrerfamilie aufgewachsen und von klein auf politisiert worden war. Er hatte Naturwissenschaften studiert, eine Dissertation über das Klima in Basel geschrieben, vertrat die Sozialdemokraten im Kantonsparlament, und als Vorsteher des Gewerbeinspektorats beschäftigte er sich mit Themen wie Berufsbildung und dem Schutz der Beschäftigten.
Als sich nach dem Ersten Weltkrieg der linke Flügel schweizweit von der SP abspaltete und eine kommunistische Partei gründete, war Vater Strub als ultralinker Chefbeamter ein Exotikum, umso mehr als er selbst, wenn auch chancenlos, als Kommunist für den Regierungsrat kandidierte. Für seine Söhne bedeutete das, dass sie sozial gesehen zwar zu den Mehrbesseren gehörten, als Kinder eines stadtbekannten Kommunisten aber in Aussenseiterrollen gedrängt wurden. Eine vertrackte Situation vor allem für Heiri, der sich in der Steiner-Schule ebenso wenig zurechtfand wie am öffentlichen Gymnasium. Wie er seine Lehrer wahrnahm, wird anhand von Zeichnungen nachvollziehbar.
Mit sechzehn verliess Heiri die Schule, um Typograf zu werden. Weil aber entsprechende Ausbildungsmöglichkeiten rar waren, arbeitete er vorerst als Tapezierergehilfe, jobbte als Dekorateur an der Mustermesse, machte eine Schreinervorlehre und besuchte den Einführungskurs an der Kunstgewerbeschule. So war er achtzehn Jahre alt, als er endlich mit der Schriftsetzerlehre beginnen konnte. Daneben engagierte er sich weiterhin in der politischen Arbeit, machte Holzschnitte für eine antifaschistische Postkartenaktion und gründete mit befreundeten JungkommunistInnen das Kabarett Scheinwerfer. Dort war er für die Bühnenbilder zuständig und machte als sogenannter Schnellzeichner von sich reden, mit rasch hingeworfenen Karikaturen von Politikern vor allem. Inzwischen war seine Freundin Lotti Arnold bei den Strubs eingezogen; auch fand sich im Elternhaus immer wieder Platz für politische Flüchtlinge, die im Rahmen der Roten Hilfe versteckt wurden.
Eingriffe der Bundespolizei
Eigentlich hatte Heiri Strub nach der Lehre eine Kunstschule im Ausland besuchen wollen. Doch als es so weit war, starb sein Vater, und bald darauf wurde er in den Aktivdienst eingezogen, in die Fliegerabwehr. Aus dieser Zeit gibt es mehrere Holzstiche. Zwischen den langen militärischen Dienstperioden übernahm Strub freischaffend grafische Aufträge und erste Arbeiten als Kinderbuchillustrator. Weil ihre Partei in der Schweiz inzwischen verboten worden war, trafen sich die KommunistInnen illegal, in Basel im Blaukreuzhaus, die Frauen brachten Kuchen mit, Genossen von der Stadtgärtnerei lieferten Blumen, daraus wurden Tischdekorationen gebastelt und so die politischen Versammlungen als Geburtstagsfeiern getarnt. Aus dieser Zeit ist ein Selbstporträt überliefert, die Kohlezeichnung «Heiri»: ein schöner Mann, noch keine dreissig, mit einem Ausdruck, der an James Dean erinnert. Er hatte Lotti Arnold geheiratet, sie zogen nach Basel. 1950 kam ihre Tochter Olga zur Welt.
1944 war das KommunistInnenverbot aufgehoben und im selben Jahr die Partei der Arbeit gegründet worden. Heiri Strub war ein aktives Mitglied, er gestaltete Plakate im Weltformat, für den sozialen Fortschritt und das Frauenstimmrecht. Den Lebensunterhalt verdiente er schlecht und recht mit Buchillustrationen und gelegentlichen Werbearbeiten für Grossfirmen. Allerdings wurden sie immer seltener - und erst fünfzig Jahre später, nach der Fichenaffäre, fand Heiri Strub die Gründe für den Auftragsschwund. Die Bundespolizei hatte ihn nicht nur die ganze Zeit bespitzelt, sondern auch bei potenziellen AuftraggeberInnen angeschwärzt. Migros, Coop und Ciba-Geigy zogen bereits vergebene Aufträge zurück, mit ausweichenden Begründungen, unverständlich für Heiri Strub. Und auch in der Buchproduktion hatten die Gesinnungsfahnder ihre Finger im Spiel. So kam es, dass Strub die Umschläge für die Gotthelf-Gesamtausgabe von Walter Muschg im Birkhäuser-Verlag nur anonym gestalten durfte. Oder dass Verleger Sauerländer von Polizeibeamten vorgeladen und allen Ernstes befragt wurde, ob das Bilderbuch «Das Walross und die Veilchen» des Kommunisten Strub tatsächlich keine geheimen politischen Botschaften enthalte.
Solche Interventionen blieben nicht ohne finanzielle Auswirkungen. Das «Walross»-Buch zum Beispiel war 28-mal rezensiert worden, immer positiv bis begeistert wie im «Basler Schulblatt». Es sei ein fröhliches Treiben um dieses äusserst gutmütige Walross, das vom Veilchenduft bezaubert werde und sich seinetwegen in gefährliche Abenteuer einlasse. «Voll der eigenwilligsten und amüsantesten Einfälle, in den Zeichnungen sowohl wie in den Worten», empfahl der Chefredaktor Werner Humm das «Walross»-Buch im Editorial, doch die wenigsten Buchhandlungen nahmen es in ihr Sortiment und bestellten es nur auf ausdrücklichen Wunsch seitens der Kundschaft. So dauerte es 25 Jahre, bis die Auflage von 4000 Exemplaren endlich verkauft war.
Chancenlos blieben Beteiligungen an Wettbewerben. Und erst als unerschrockene Leute wie Zoodirektor Heini Hedinger sich wiederholt für Strubs Tierbilder einsetzte, wurden drei seiner Blätter mittels des Basler Kunstkredits erworben.
In der Zwischenzeit hat Heiri Strub seine umfangreiche Fiche aufgearbeitet, mit Randbemerkungen versehen und zu Studienzwecken dem Basler Staatsarchiv geschenkt.
Hysterie seitens der Linken
Bald waren neben den Fasnachtslarven gelegentliche Illustrationsaufträge für die Büchergilde Gutenberg die einzige Erwerbsmöglichkeit. Und selbst diese wurde von sozialdemokratischen GenossInnen infrage gestellt, als nach dem Einmarsch der Sowjettruppen ins aufständische Ungarn hierzulande eine antikommunistische Hysterie ausbrach, eine eigentliche Hetze mit Übergriffen auf einzelne PdA-Mitglieder. Sodass die Familie Strub sich mit Auswanderungsplänen zu beschäftigen begann, ganz konkret: Vom deutschsprachigen Ausland kam einzig die DDR infrage, zumal sich durch das seinerzeitige Engagement in der Roten Hilfe langlebige Freundschaften entwickelt hatten, mit dem Arzt und Dramatiker Friedrich Wolf zum Beispiel oder mit Elisabeth Hauptmann, einer Freundin von Bertolt Brecht.
1957 zogen die Strubs nach Ostberlin. Sie bekamen eine sehr einfache Wohnung in Friedrichshain zugeteilt, und im selben Jahr schon gab es erste Aufträge. Vierzehn Bücher, darunter fünf für Kinder, konnte Heiri Strub in den nächsten Jahren illustrieren, die meisten in Auflagen von über hunderttausend Exemplaren. Mehrere Bücher wurden ins Russische übersetzt.
In der DDR lebten einige ausgewanderte Kunstschaffende und Intellektuelle aus der Schweiz. Der Regisseur Benno Besson etwa, die Schauspielerin Mathilde Danegger, der Schriftsteller und Journalist Jean Villain, die Choreografin Annie Goldschmidt, der Architekt Hans Schmidt, die millionenschwere Mäzenin Mentona Moser, der Historiker Georges Bähler, ja, es gab sogar eine Ostberliner Sektion der PdA Schweiz. Bei allem Lob für die DDR muss Strub doch eines festhalten: «Wir waren geduldete Gäste mit einer Aufenthaltsbewilligung, die auch entzogen werden konnte.» Und er verhehlt nicht, dass eine Reihe von Projekten nicht zustande kam, von einer «Walross»-Verfilmung bis zu fortgeschrittenen Puppentheaterproduktionen in Leipzig. Hingegen schuf Strub 120 Masken für eine Inszenierung von Brechts «Kaukasischem Kreidekreis». Auch ein paar freie Arbeiten sind entstanden, die eindrücklichste im Jahr 1971, «Nachtschicht Berlin», über das handstreichartige Hochziehen von Plattenbauten.
«Vorwärts» und freie Arbeiten
Nur für kurze Zeit war das Exil ursprünglich geplant. Es wurden daraus vierzehn Jahre. Heiri Strub hatte seine Arbeit in der DDR, Tochter Olga machte eine Ausbildung als Schauspielerin und wurde ins Berliner Ensemble aufgenommen. Nur Lotti Strub tat sich schwer mit dem Leben im realen Sozialismus. Sie übernahm deshalb oft Aushilfejobs in der Schweiz, im Spital von Olten, einem Lebensmittelgeschäft in Lausanne, an der Hotelrezeption auf der Lenzerheide - überall wurden während der Hochkonjunktur Aushilfen gesucht - , und sie war es auch, die immer stärker auf eine Rückkehr drängte.
1971 war es so weit. Heiri Strub wurde Redaktor beim «Vorwärts», der kommunistischen Zeitung. Die Auswirkungen der 68er-Revolte wurden spürbar. Die Einstellung gegenüber KommunistInnen war entspannter, was Strub sehr gefiel. Nur dass er zum Zeichnen und Malen keine Zeit mehr hatte, bewog ihn, sich mit 65 Jahren aus dem Erwerbsleben zu verabschieden. Was er alles nachzuholen hatte! Er widmete sich vornehmlich der Malerei, einer Reihe von Bildern, die ursprünglich als gezeichnete Karikaturen gedacht sein mochten und nun auch mit ihren Farben überzeugen. Er beschäftigte sich mit Theater und Musik und schuf in diesem Zyklus mit «Fortissimo» eins seiner spektakulärsten Bilder.
Nun endlich fanden sich in der Schweiz auch Galerien, die das umfangreiche Werk regelmässig ausstellten.
Nach so vielen Jahren. Das ist es, was Corina Lanfranchi an Heiri Strub am meisten Eindruck gemacht hat: Wie tough er über den Antikommunismus in der Schweiz berichtet. Ohne sich als Märtyrer zu stilisieren - «weil es eben selbstverständlich war, politischen Idealen nachzuleben».