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Epilepsie beim Irish Setter
Epilepsie
Seit dem Jahr 2000 sind in meiner Zuchtstätte 3 Würfe mit 25 Welpen geboren worden. Im B-Wurf (geboren 2000) waren zwei Hunde von idiopathischer Epilepsie betroffen. Ich habe damals beschlossen, mit dieser Linie nicht weiter zu züchten. Ich versuchte einen Neubeginn mit Erin, einer Hündin aus unverwandter Zucht, möglichst aus epilepsiefreien Linien. Auch bei der Deckrüdenwahl suchte ich nach Linien, die möglichst nicht mit Epilepsie behaftet waren. Trotz diesen Vorkehrungen entwickelte im Jahr 2011 je ein Hund aus dem C-Wurf und einer aus dem D-Wurf idiopathische Epilepsie. Die Besitzer der Hunde versuchen mit der schwierigen Situation so gut wie möglich umzugehen. Den Hunden geht es dank medikamentöser Behandlung gut. Für mich als Züchterin bedeutet dies, dass alle weiteren Zuchtpläne auf's Eis gelegt werden.
Leider muss ich feststellen, dass die Epilepsie eine jener Erkrankungen ist, worüber Züchter kaum bereit sind zu sprechen. Einen epileptischen Hund gezüchtet zu haben wird als Schande angesehen - und es wird vertuscht. Doch Epilepsie kommt in den verschiedensten Linien vor. Persönlich stelle ich mich auf den Standpunkt, dass Probleme nur angegangen werden können, wenn offen darüber gesprochen wird.
Was ist Epilepsie?
Nicht nur Menschen, sondern auch Hunde können an Epilepsie erkranken. Der epileptische Anfall wird durch eine Funktionsstörung im Gehirn ausgelöst, wobei in den Hirnzellen unkontrollierte elektrische Entladungen stattfinden. Es gibt viele verschiedene auslösende Faktoren für die Entstehung einer Epilepsie. Die Bezeichnung Epilepsie ist ein allgemeiner Begriff, der weder auf das betroffene Hirnareal noch auf die Ursache hinweist. Die Beschreibung ist ähnlich allgemein, wie wenn wir von 'Kopfschmerzen' sprechen: Auslöser, Intensität, Ursprung im Hirnareal... diese Faktoren können bei jedem Individuum verschieden sein. Eine Epilepsie kann verschiedene Ursachen haben, deshalb ist die Betreuung des Tierarztes und die Durchführung weitergehender Untersuchungen in spezialisierten Zentren sehr wichtig. Hunde verschiedener Rassen (auch Mischlinge) können unter verschiedenartiger Epilepsie leiden. Ein Gentest für die idiopathische Epilepsie (vererbte Form) liegt in noch weiter Ferne.
Es gibt verschiedene Formen epileptischer Anfälle. Bei der primären oder idiopathischen Epilepsie ist keine direkte Ursache für die Erkrankung ersichtlich: der Hund erscheint gesund. Die Blutuntersuchungen, Röntgen, eventuell Untersuchung der Hirnflüssigkeit - sie alle geben keinen Hinweis auf eine Erkrankung. Bei der sekundären oder symptomatischen Epilepsie liegt die Ursache der Anfälle bei einer Erkrankung oder einem Trauma. Schilddrüsenwerte ausserhalb der Norm, Leber- und Nierenprobleme, Vergiftung, Hirntumor, aber auch Hirntrauma nach Unfall, dies sind alles mögliche Ursachen für epileptische Anfälle. Der Tierarzt oder spezialisierte Kliniken können mit verschiedenen Untersuchungen diverse Ursachen ausschliessen. Die Diagnose 'idiopathische Epilepsie' bedeutet eigentlich nur, dass kein Grund für die Epilepsie gefunden werden konnte. Es handelt sich somit um eine Ausschlussdiagnose. Je nach familiärerer Situation wird davon ausgegangen, dass es sich um eine verebte Epilepsieform handelt. Erstmaliger Ausbruch von idiopathischer Epilepsie liegt zu 50% zwischen dem Alter von ein und fünf Jahren, die weiteren 50% verteilen sich auf alle Altersgruppen (siehe 'Krampfanfälle bei Hund und Katze Teil 1' und Teil 2 - Therapie von K. Rentmeister).
Bei generalisierten Anfällen (Grand Mal) ist es schrecklich, dem Hund bei einem Krampfanfall zusehen zu müssen: der Anfall setzt schlagartig ein, das Tier verliert das Bewusstsein, speichelt, verliert häufig Urin und Kot, macht mit den Beinen unkontrollierte Ruderbewegungen und zeigt Kieferschlagen. Der Anfall dauert zwischen wenigen Sekunden und Minuten. Die Häufigkeit der Anfälle variiert von einem einzigen Anfall im Leben, zu Anfällen alle 3-4 Monate, bis täglich mehrfachen Anfällen (clusters). Im schlimmsten Fall, dem Status Epilepticus, fällt der Hund von einem Anfall in den nächsten und hört ohne medikamentöse Hilfe nicht auf zu krampfen, bis er an Kreislaufversagen stirbt.
Heute kann die Mehrheit der epileptischen Erkrankungen medikamentös kontrolliert werden. Die primäre oder idiopathische Epilepsie wird je nach Anfallshäufigkeit mit Antiepileptika (krampflösende Medikamente) behandelt. Es wird empfohlen, ab dem 2. oder 3. Anfall mit der medikamentösen Behandlung zu beginnen, da vermutet wird, dass die Auslöseschwelle mit jedem Anfall herabgesetzt wird. Es stehen heute verschiedene Medikamente für die Behandlung zur Verfügung und nach einer ersten Übergangszeit von ein paar Wochen sind kaum Nebenwirkungen zu befürchten.
Eine idiopathische Epilepsie kann genetischen Ursprungs sein. Es wir von einer multifaktoriellen Vererbung ausgegangen. Laut Auskunft des Genetikers Dr. med. vet. H. Binder ist der Vererbungsmodus bei den verschiedenen Rassen nicht geklärt (2002). Es weist alles darauf hin, dass es sich um ein sogenanntes Schwellenmerkmal handelt, bei welchen die Mendelschen Regeln nicht anwendbar sind. Es gibt seit 2011 einen DNA-Test für eine spezielle Form von Jugendepilepsie, welche auf den Lagotto Romagnolo begrenzt ist.
Man spricht auch von einer Dispositionserkrankung. Wahrscheinlich ist eine Vielzahl von Genen verantwortlich, welche erst im Zusammenhang mit Umwelteinflüssen zum Ausbruch der Erkrankung führt.
Es stellt sich die Frage, wie ein Züchter mit dem Problem der Epilepsie umgehen soll. Eindeutig ist, dass erkrankte Hunde nicht in die Zucht kommen dürfen. Leider kommt es aber immer wieder vor, dass Zuchthunde erst erkranken, wenn sie schon viele Nachkommen gezeugt haben... um dies zu vermeiden, wäre es wünschenswert, wenn wenigstens die Rüden vor dem Alter von 6 Jahren nur eingeschränkt zur Zucht eingesetzt würden.
Zu meiner Anfrage betreffend zukünftigem Zuchteinsatz meines Rüden Glen zitiere ich aus einem Schreiben von Professor Leeb (2012):
"Der fragliche Rüde kann in der Zucht bleiben. Wenn man alle mehr oder weniger weitläufigen Verwandten von epileptischen Hunden aus der Zucht nehmen würde, dann blieben wahrscheinlich gar keine geeigneten Hunde mehr übrig. Ich empfehle lediglich, nicht mit betroffenen Hunden zu züchten. Es ist sicherlich sinnvoll darauf zu achten, dass die Hündin aus möglichst „Epilepsie-freien Familienverhältnissen“ kommt, wenn beim Rüden schon eine gewisse familiäre Häufung von Epilepsie beobachtet wurde.Für den Irish Setter gibt es noch keinen Gentest, mit dem man das Epilepsie-Risiko vorhersagen könnte.
(Wissenschaftler vermuten, dass es auch beim Hund sehr viele genetisch verschiedene Epilepsieformen gibt. Einige werden monogen vererbt und dort ist die züchterische Bekämpfung relativ einfach. Die meisten erblichen Epilepsieformen bei Hunden sind aber wohl auch polygen, d.h. dort spielen dann einige oder sogar viele genetische Risikofaktoren zusammen.)
Wir sammeln nach wie vor Blutproben von epileptischen Hunden und Ihren Verwandten für zukünftige Forschungsprojekte. Beachten Sie hierzu bitte unser Merkblatt:
Ganz wichtig ist für die Forschung, dass die Diagnose „idiopathische Epilepsie“ möglichst genau gesichert ist, am besten durch einen spezialisierten Veterinärneurologen. Falls Sie uns Proben von erkrankten Hunden schicken, fügen Sie bitte unseren Epilepsiefragebogen sowie Kopien aller relevanten Tierarztbefunde bei."
Zum Thema Zuchtausschluss zitiere ich auch Herrn Dr. H. Binder (aus dem Jahr 2002):
"Eigentlich müssten beide Elterntiere von der Zucht ausgeschlossen werden, wenn epileptische Nachkommen auftreten, ausser das Problem ist eindeutig nur auf einer Vorfahrenseite bekannt. Grundsätzlich sollte nur mit Tieren gezüchtet werden, aus deren näheren Verwandtschaft keine Epilepsie bekannt ist. Realistischerweise muss bei verschiedenen Hunderassen davon ausgegangen werden, dass die Veranlagung weit verbreitet ist. Damit steht, bei konsequentem Zuchtausschluss, die Rasse vor dem Zusammenbruch, ausser die Zucht wird konsequent neu ausgerichtet, d.h. es wird mehr auf die Gesundheit als auf die 'Schönheit' geachtet. Neue Zuchtlinien müssten aus gesunden, nicht verwandten Tieren aufgebaut werden, die aber höchstwahrscheinlich eben nicht den zur Zeit favorisierten Typus aufweisen."
Der Zuchteinsatz verwandter Tiere muss restriktiv gehandhabt werden und die Zuchtlinien sollten möglichst unverwandt sein. Eine absolute Offenheit unter Züchtern ist unabdingbar. Eine Zuchtsperre aller mit Epilepsie behafteter Linien könnte hingegen zu einem genetischen Flaschenhals in der Zucht führen und die Rasse als Gesamtes gefährden. Dies gilt nicht nur für die Epilepsie sondern in gleichem Masse für andere Erkrankungen mit 'genetischer Beteiligung' wie die Magendrehung, Speiseröhrenlähmung, PRA, u.s.w.
Über die letzten 15 Jahre habe ich meinen Eindruck revidieren müssen, dass Epilepsie beim Irish Setter kaum verbreitet sei... Leider weiss ich in der Zwischenzeit von zu vielen Hunden (und deren Besitzer), welche von Epilepsie betroffen sind. Die Erkrankung ist nicht nur auf einige wenige Zuchtlinien zu beschränkt, sondern taucht in verschiedensten Linien auf: ob Arbeitslinie, Schönheitslinie, Englisch, Deutsch oder Amerikanisch...
Fazit: Epilepsie kommt in den 'besten Familien' vor und sollte nicht von einer Mauer des Schweigens umhüllt werden. Die züchterische Bekämpfung der vererbten Epilepsie ist nur möglich, wenn wir offen darüber sprechen.
Mehr zum Thema Hundezucht... siehe 'Die 13 Sünden'
Susan Stone, 2002
Update Feb 2012
Literaturnachweis:
Krampfanfälle bei hund und Katze - K.Rentmeister
Homepage Bemerkungen zur Hundezucht - Irene Sommerfelder-Stur
Vererbung beim Hund - Inge Hansen
Klinische und genetische Untersuchungen der idiopathischen Epilepsie beim Berner Sennenhund, Hunde 8/2001
Schreiben von Dr. H. Binder v. 6.1.2002
ISBC Newsletter, Winter 2000
ISBC Newsletter, Winter 2001
div. andere Quellen