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Magier und Zauberlehrlinge – die ICMA-Gala in Luzern
Es ist ein bisschen wie bei den Oscars: Man bedankt sich beim Team, bei den Lehrern und Vorbildern, bei den Eltern und Förderern. Und diese kurzen Worte sind mal eher spontan und handgestrickt wie beim russischen Energiebündel Maxim Emelyanychev, der für seine Mozart-Hammerklavier-Einspielungen ausgezeichnet wurde und dafür zwischen zwei Probentagen extra in die Schweiz flog. Sie sind manchmal routiniert wie bei Vertretern von Orchestern oder CD-Labels, sie sind manchmal bescheiden, wie bei Javier Perianes (Künstler des Jahres), der bloss meinte, seine Sprache sei die Musik, mit Worten könne er weit weniger gut umgehen als mit dem Grieg-Klavierkonzert, dessen ersten Satz er im anschliessenden Galakonzert mit dem Luzerner Sinfonieorchester dann fulminant in den Saal zauberte.
Sie kann aber auch wirklich interessant sein, eine solche kurze Dankesrede. Leif Segerstam zum Beispiel führte singend und gestikulierend in wenigen Minuten tief in die Gefühls- und Klangwelten von Jean Sibelius ein. Und als er fast am Ende des Galakonzerts das Podium im KKL mit einiger Mühe erklommen hatte, erwies er sich als ein suggestiver Magier am Dirigentenpult: Schon die ersten Pizzicati der Bässe in der Valse triste von Sibelius erhielten unmittelbare Intensität, und wie Segerstam allein die Streicher-Einleitung modellierte, verwandelte das zuvor solid, aber nicht wirklich überragend spielende Luzerner Sinfonieorchester mit einem Schlag in das Instrument eines veritablen Zauberers.
Lawrence Foster, der die anderen Stücke an diesem Abend engagiert und anfeuernd dirigierte, liess es sich nicht nehmen, in der ersten Reihe Platz zu nehmen und Segerstams Sibelius zuzuhören. Und nachher zu verkünden, dass er dieses Stück, das er oft dirigiert habe, sicher nie mehr anrühren würde. Zu Höhepunkten im Preisträger-Konzert wurde auch der Auftritt des 74jährigen Nelson Freire, der von der ICMA für sein Lebenswerk geehrt wurde, und das Publikum bezauberte mit der Chopin-Barcarolle, die nichts Bedächtiges hatte, sondern charmant perlend eine gut gelaunte jugendliche Freude an einer romantischen Bootsfahrt zelebrierte. Meisterhaft gleich danach, wie Tabea Zimmermann und Dénes Várjon Schumanns Geheimnissen in den «Märchenbildern» nachspürten. Schön auch zu hören, wie ein Geigenton in ganz vielen Facetten selbst im Finale des Doppelkonzerts von Brahms modelliert werden kann, das Chouchane Siranossian und der junge deutsche Cellist Christoph Heesch zusammen interpretierten.
Überhaupt die Jugend: Erst 15 ist Eva Gevorgyan aus Russland, die mit einem «Discovery Award» ausgezeichnet wurde, und das Finale des zweiten Klavierkonzerts von Saint-Saëns mit der Kraft einer Erwachsenen in den Flügel hämmerte: Technisch makellos, aber noch ein bisschen sehr auf sich selber konzentriert. Anders der amerikanisch-holländische Geiger Stephen Waarts, der mit interessanten Ideen und reizvollem Klangfarbenvarianten selbst in einem viel zelebrierten Virtuosenstück wie Sarasates «Carmen-Fantasie» aufwarten konnte. Und auch der Fagottist Matko Smolcic (Young Artist of the Year) bewies in zwei Sätzen aus Webers Konzert eindrücklich die selten zu hörenden klanglichen Reize seines Instruments.
Die ICMA-Awards wurden zum neunten Mal vergeben. Wertvoll ist diese Auszeichnung vor allem dadurch, dass eine unabhängige Fachjury von 19 Kultur-Medien aus ganz Europa ihn vergibt. Für die Schweiz ist «Musik & Theater» darin vertreten, aus Deutschland, Italien, Spanien, England, Polen, Russland oder Luxemburg kommen Zeitschriften und Radio-Stationen und wählen in mittlerweile 24 Kategorien die herausragendsten Produktionen einer Saison. Jedes Jahr ist eine andere Stadt, ein anderes Orchester Gastgeber der Preisverleihung und des Preisträger-Konzerts. Diesmal fand die Preisverleihung zum ersten Mal in der Schweiz statt, Gastgeber war das Luzerner Sinfonieorchester im Konzertsaal des KKL.
Reinmar Wagner
Foto: Ingo Höhn