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Die Verbreitung von genmanipuliertem Saatgut nimmt zu. Argentinien hat sich dem Markt bereits geöffnet. Wie verhält sich Brasilien?
Roberto Requião ist sauer. «Präsident Lula hat mir zugesagt, dass unsere Region zur gentechfreien Zone deklariert wird», sagt der Gouverneur des südbrasilianischen Bundesstaates Paraná. Das war zu Beginn dieses Jahres, doch auf die Einlösung dieses Versprechens wartet er bis heute. Für Requião steht fest: «Die Lula-Regierung will den Anbau von Gentechsoja um jeden Preis durchdrücken.»
Der 63-jährige Politiker der Zentrumspartei PMDB ist in Brasilien zum härtesten Widersacher der Gentechlobby avanciert. Als Präsident Luiz Inácio im September 2003 den Anbau der Monsanto-Bohnen freigegeben hatte, erliess Requião ebenfalls ein Dekret: Er untersagte nicht nur den Anbau von Gentechsoja in seiner Provinz Paraná (ein Fünftel der brasilianischen Sojaproduktion stammt von hier), sondern er setzte auch rigorose Kontrollen in Paranaguá durch, dem weltweit grössten Hafen für Getreideexporte. Lastwagen mit Gentechsoja aus Paraguay oder anderen brasilianischen Nachbarstaaten liess er zurückschicken, internationale Handelsmultis wie Bunge, Cargill, ADM oder Louis Dreyfus drängte er aus der Hafenverwaltung. Monsanto und BASF untersagte er den Verkauf von fünf Herbiziden, darunter das Monsanto-Präparat Roundup. Kein Wunder, gilt Requião in den Mainstreammedien alternativ als Populist oder als rückwärts gewandter Investorenschreck.
Schmuggelware aus Argentinien
Soja ist Brasiliens wichtigster Devisenbringer. Im vergangenen Jahr schlugen die Exporte von Bohnen, Schrot und Öl mit über acht Milliarden Dollar zu Buche. Es waren die Bauern aus dem südlichsten Bundesstaat Rio Grande do Sul und Landwirtschaftsminister Roberto Rodrigues, die Lula vor einem Jahr zur vorläufigen Freigabe von Gentechsoja gedrängt hatten. Ihr stärkstes Argument: Gentechsoja sei rentabler, und die Skepsis der Europäer schlage sich bisher nicht in höheren Preisen für konventionelle Soja nieder.
Vor allem aber werden die Soja-Dollars für den Schuldendienst gebraucht. Umweltschützer, Verbraucher-NGOs und die Landlosenbewegung MST mussten erkennen: Die von ihnen unterstützte Regierung bleibt in der Logik des Weltmarkts gefangen.
Soja ist ein Produkt der Globalisierung: Vor knapp hundert Jahren brachten japanische Einwanderer die proteinhaltigen gelben Bohnen mit. Von Rio Grande do Sul aus fanden sie Verbreitung, diese beschleunigte sich in den sechziger Jahren. Mittlerweile verdrängen die Sojaanbauflächen den Amazonas-Urwald.
Seit 1997 verwenden Bauern im Süden das aus Argentinien eingeschmuggelte, genmodifizierte Saatgut mit Spitznamen wie «Maradona» oder «Mercedes 70».
«Im Vergleich zum herkömmlichen Anbau spare ich mit der Monsanto-Soja ein Drittel der Produktionskosten, denn ich muss meine Felder nur einmal jährlich mit dem Herbizid Roundup spritzen», sagt Landwirt Hamilton Jardim aus Palmeira das Missões, einer Kleinstadt gut 400 Kilometer nordwestlich von Porto Alegre.
In den neunziger Jahren hatten die Monsanto-Wissenschaftler ihrer Soja ein Gen eingepflanzt, das sie gegen das Gift aus dem eigenen Hause (Roundup) resistent macht – und dem Multi ein doppeltes Geschäft sichert. Noch wird Roundup zwar besser mit dem Unkraut fertig als herkömmliche Herbizide, doch in Argentinien sind wegen zunehmender Resistenzen bereits mehrere Applikationen der Regelfall.
In Rio Grande do Sul sind über achtzig Prozent der gesamten Produktion gentechnisch verändert, und Monsanto kassiert seit diesem Jahr für jeden 60-Kilogramm-Sack Soja eine Gebühr von umgerechnet 25 Rappen.
Gentechfreie Zonen?
Der Trend zur Gentechsoja sei nicht mehr aufzuhalten, meint der Landwirt Jardim, und auch der Sojahändler Antonio Sartori aus Porto Alegre ist dieser Ansicht: Jetzt müsse nur noch die Gesetzeslage endgültig geklärt werden.
Gentechgegner wie der linke Bundesabgeordnete Adão Pretto und die Agronomin Flavia Londres von der Kampagne für ein gentechfreies Brasilien hoffen auf Schadenbegrenzung. Um seine Umweltministerin Marina Silva zu halten, werde sich Lula dafür einsetzen, dass das Umweltministerium künftig bei der Freigabe von gentechnisch veränderten Organismen mitentscheiden darf, glaubt Londres. So steht es zumindest im Gesetzesentwurf der Regierung zur «Biosicherheit». Doch die Agrarlobby im Kongress mauert. Deswegen dürfte Lula demnächst erneut eine «Ausnahmeerlaubnis» für die kommende Aussaat erteilen.
Aber nicht überall wird schon heute Gentechsoja angepflanzt. Nach Regierungsangaben waren nur acht Prozent der letzten Ernte gentechnisch verändert. Anders als in Rio Grande do Sul dominiert im übrigen Brasilien noch die konventionelle Soja. In der Agrarhochburg Mato Grosso etwa, die vom weltweit grössten Sojaproduzenten und Gouverneur Blairo Maggi regiert wird, hoffen viele Farmer darauf, dass die im Vergleich zum Gentechsojaanbau höheren Produktionskosten künftig durch höhere Preise ausgeglichen werden.
In diese Richtung zielt ein Projekt, das kürzlich auf den deutsch-brasilianischen Wirtschaftstagen in Stuttgart angestossen wurde. Geplant ist, dass Brasilien eigene Anbaugebiete und Hafenanlagen für gentechfreie Soja ausweist.
Für «100-prozentige Nicht-Gentechsoja» müssten die Europäer aber einen Aufpreis zahlen und langfristige Lieferverträge abschliessen, sagte Bunge-Manager Carlo Lovatelli, derzeit Chef des Sojadachverbands Abiove und der brasilianischen Agrobusiness-Vereinigung. Beide Seiten seien gerade dabei, das Projekt auszuarbeiten. Allerdings sei dafür der brasilianische Mittelwesten geeigneter, denn in Paraná betrage der Gentechsojaanteil bereits mehr als zehn Prozent der Produktion.
Paranás Gouverneur Requião bestreitet dies vehement. «De facto haben wir hier bereits eine gentechfreie Zone», versichert er.
Fest steht: Beide Seiten hantieren mit lückenhaften Statistiken, und Requiãos Intimfeind, Lulas Minister Rodrigues, lässt nichts unversucht, um das Projekt eines gentechfreien Paraná zu sabotieren. Der Gouverneur, der die Kleinproduzenten und globalisierungskritische Organisationen auf seiner Seite weiss, pocht auf das Vorsichtsprinzip. Die Haltung des brasilianischen Agrobusiness erklärt Requião so: «Die werden von dem US-amerikanischen Konzern Bunge finanziert, also von internationalen Interessen. Mit der hoch subventionierten US-Gentechsoja könnten wir im Falle einer Überproduktion nicht konkurrieren.» Und die Haltung der Regierung Lula dazu? Diese sei lauwarm, weinerlich, sagt Requião. Er denke, mittel- und langfristig sei Gentechsoja für Brasilien «ein schlechtes Geschäft».