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Abgefahren!
Der Mann mit dem Ring
Die Gestalt tauchte aus der dunklen Nacht auf, am anderen Ende des Perrons. «Söll ich Ihne en Ring uusschnide?», rief sie mir von weitem zu. Es war Freitagmorgen um 5.30 Uhr, und ich war überrascht über diese laute Kontaktaufnahme. «Söll ich Ihne en Ring uusschnide?», fragte der Mann nochmals, als ich bei ihm war. «Wie, en Ring?» Ich verstand nicht. Früher, als Kinder, hätten sie jeweils aus Katalogen Uhren ausgeschnitten, erklärte er mir mit einem Prospekt in der Hand, und diese Papieruhren angezogen, weil sie sich keine richtigen leisten konnten. Erst später, mit 14, habe er eine richtige Uhr bekommen. Die habe ewig gehalten und sei sein ganzer Stolz gewesen. Der Mann, Mitte 50, erzählte laut und eindringlich. In den fünf Minuten, bis der Zug einfuhr, präsentierte mir der Unbekannte mit den traurigen Augen neben seiner Bierfahne («drei Bier hatte ich schon heute Morgen!») auch seine Lebensgeschichte – geprägt von Krankheit, Sucht und Kämpfen um Autonomie.
Vom Ring war keine Rede mehr. Aber: Ja, ich hätte diesen ausgeschnittenen Papierring gern angenommen und an meinen Finger gesteckt. Als Erinnerung an die Grosszügigkeit des Unbekannten mit den traurigen Augen.