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Im Jahr 1803 hatte Napoleon als «Erster Consul der fränkischen und Präsident der italienischen Republik» die zerstrittenen Vertreter Helvetiens auf eine Verfassung geeinigt. Er verstand sich als Vermittler mit dem Ziel des Friedens und der Wohlfahrt unter den Völkerschaften ohne Verletzung der schweizerischen Unabhängigkeit. Danach sollte Frankreichs Nachbarstaat nicht wie in der «Helvetik» unter der Gewalt einer «Central-Regierung» stehen, sondern föderalistisch aufgebaut sein. Diese Verfassung, «Mediationsakte» genannt, enthält 19 Verfassungen für die einzelnen Kantone in alphabetischer Reihenfolge. Das 20. Kapitel ist die Bundesverfassung, worin die Organe des Bundes, das Verhältnis der Kantone untereinander und Bündnisse mit auswärtigen Mächten geregelt sind (Mediationsakte vom 19. Februar 1803, online de.wikisource.org).
Gemeine Herrschaften, Untertanen oder persönliche Vorrechte, wie sie vor der französischen Revolution galten, sollte es nicht mehr geben. So wurden neben den bisherigen 13 alten Orten 6 neue, gleichberechtigte Kantone geschaffen. Es waren dies der Aargau, Graubünden, Sankt Gallen, Thurgau, Tessin und die Waadt. Die Texte der einzelnen Kantonsverfassungen sind nicht einheitlich formuliert, sondern den lokalen und historischen Eigenheiten angepasst. Aus sich selbst heraus wäre es der Schweiz nicht gelungen, zu einer verfassungsmässigen Ordnung zu gelangen. So jedenfalls rechtfertigte Napoleon sein Eingreifen.
Im Unterschied zu den anderen fünf neuen Kantonen erscheint St. Gallen als ein sehr willkürlich zusammengesetztes Gebilde. Wie ein Ring umschliesst er die beiden alten Orte von Appenzell-Ausserrhoden und Appenzell-Innerrhoden. Die bisherigen zwölf alten Territorien könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie haben weder einen geographischen noch einen organischen Zusammenhang. Es sind Reststücke verschiedenster Grösse, die beim Zerfall des Ancien Régime übriggeblieben waren und nun künstlich zu etwas Neuem zusammengefügt wurden. Im Westen grenzt der neue Kanton an Zürich, im Norden an den Thurgau und an den Bodensee, im Osten an Vorarlberg mit dem Alpenrhein als Grenze, im Süden an Graubünden, Glarus und Schwyz.
In den Jahren des Umbruchs zur Zeit der Helvetik (1798-1803) war das Gebiet der Ostschweiz eingeteilt in die Kantone Linth und Säntis. Die beiden Namen entsprachen der französischen Methode zur Bezeichnung von Departementen mit geographischen Merkmalen. Viel wichtiger aber ist die Tatsache, dass es zum Kriegsschauplatz fremder Armeen geworden war. Die Bevölkerung litt unter Requisitionen, Einquartierungen und Ernährung der Truppen. Die Kriege der Koalitionen aus Österreich, Preussen, Russland und anderen Mächten gegen das revolutionäre Frankreich hatten Folgen für die Eidgenossenschaft. Im Ersten Koalitionskrieg war sie nicht direkt betroffen, geriet aber unter Frankreichs Anspruch auf die Vormacht, wurde 1798 von französischen Truppen besetzt und zur Helvetischen Republik ausgerufen. Die Franzosen rückten auch in St. Gallen ein. Im Zweiten Koalitionskrieg hatten die Franzosen 1799 Graubünden erobert, worauf eine österreichische Armee in Graubünden und Sankt Gallen einmarschierte und die Franzosen nach Zürich zurückdrängte. Nach der zweiten Schlacht von Zürich gelang es den Franzosen im September 1799, die österreichische Armee nach Vorarlberg zurückzudrängen. Ausserdem hatten sie die Zugänge zum Gotthardgebiet unter ihrer Kontrolle und sie konnten die über den Gotthard heranrückenden russischen Truppen nach Graubünden und Vorarlberg abtreiben. Sankt Gallen war wieder unter der französisch beeinflussten helvetischen Regierung. Diese Kriege und Gefechte im Einzelnen stehen in der strategischen Bedeutung, welche die Schweiz für die ausländischen Mächte hatte (HLS 10, 737).
Nach 1803 brauchte es in Sankt Gallen vor allem einigende Kräfte, um den neuen Kanton aufzubauen. Was die bisher vereinzelten Teile einigte, war die Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft in verschiedensten Beziehungen, nur nicht als selbständiger, gleichberechtigter Ort. Wo sind Ingenieure und ihre Leistungen in den Jahren vor dieser Kantonsgründung zu finden?
Kartographie und Vermessung
Einen Aufschluss zu den Ingenieuren und ihrer Werke gibt ein Blick auf die Geschichte der Kartographie. Am 13. Dezember 1893 hielt Oberingenieur Friedrich von Salis (1825-1901) in der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Graubünden einen Vortrag mit dem Titel «Historische Skizze über Kartographie in der Schweiz» (von Salis 1894). Nach seinem Studium in München war von Salis an den Vorarbeiten von Richard La Nicca (1794-1883) für die Juragewässerkorrektion beteiligt. Von 1851-57 war er Bezirksingenieur in Splügen, dann Adjunkt in Chur und von 1871-93 Bündner Kantonsingenieur, war also mit den Karten Graubündens und der Ostschweiz besonders vertraut.
Im Vortrags-Text bezog er seine Ausführungen auf 273 Kartenwerke von den Anfängen bis zum Jahr 1894, wovon 50 ohne Angabe einer Jahrzahl waren. Als Quellen nannte er persönliche Mitteilungen sowie vergleichbare Zusammenstellungen. Seine Sammlung war das Ergebnis vieler Jahrzehnte des Wirkens im Kanton Graubünden. Schliesslich hatte er sie chronologisch geordnet, gliederte sie aber in zwei Teile: «I. in Solche ohne genaue Messungen von der Römerzeit bis zum Jahre 1840; II. in Solche, deren Darstellung eine genaue Triangulation zu Grunde gelegt worden war von 1840 ab». Wichtigstes Merkmal dieser Unterscheidung sind also geometrische Messungen auf Basis einer einheitlichen Triangulation. Es ist dies die Vermessungstechnik als Grundlage der Kartographie, wie sie zunehmend von Ingenieuren entwickelt wurde.
Zum ersten Teil «ohne genaue Messungen» nennt er in historischer Sicht drei Ausnahmen. Damit bestätigt er die Rolle der Vermessungstechnik: a) der Entwurf eines trigonometrischen Netzes im Rheintal von Chur bis Luziensteig, erstellt von Magister Bösch in Marschlins; b) die Aufnahmen von Ingenieur Feer im unteren Rheintal und in Zürich; c) die Herstellung einer Karte des Kantons Neuenburg durch Herrn Geometer Osterwald. Mit Magister Bösch ist wahrscheinlich Johann Georg Rösch (1779-1845) gemeint, der von 1801 bis 1806 auf Schloss Marschlins als Hauslehrer tätig war (Wolf 1879). Ingenieur Feer ist der bekannte Zürcher Ingenieur und Schanzenherr Johannes Fehr (1763-1823) und Geometer Osterwald ist der Neuenburger Kartograph und Generalkommissär Jean Frédéric d’Ostervald (1773-1850).
Auf das Gebiet des heutigen Kantons Sankt Gallen bezogen ergeben die ersten Karten ein ähnliches Bild. In einer Auswahl zeigt Hans-Peter Höhener 24 Kartenwerke aus dem Zeitraum von drei Jahrhunderten (Höhener 2018). Während der Einsiedler Mönch Albrecht von Bonstetten (um 1442-um 1504) die Eidgenossenschaft 1479 noch schematisch darstellte, übernahmen zeitgenössische Kartographen den Einfluss des Ptolemäischen Weltbilds. Als erste Karte der Eidgenossenschaft gilt jene des Zürcher Stadtarzts Konrad Türst (um 1450-1503). Sie diente als Grundlage für den Holzschnitt in der Ptolemäus-Ausgabe von Strassburg, 1513 erschienen mit dem Titel «Tabula nova heremi Helvetiorum». Die weiteren Verfasser von Karten waren Historiker, Chronisten, Pfarrer, Notare oder Ratsschreiber mit unterschiedlichen Interessen. Sie erfassten Gewässer, Gebirge, Ortschaften und Grenzen rein zeichnerisch. Ihre Arbeiten sind meist Übersichtskarten im Massstab zwischen 1:350’000 und 1:800’000 (Ischer 1945).
Eine Ausnahme ist Hans Conrad Gyger (1599-1674). Bereits mit seinem Jugendwerk hatte er unter der Leitung von Ingenieur Johannes Haller (1573-1621) eine Karte des Zürcher Gebiets für militärische Zwecke erstellt. Als Beilage zu Hallers «Defensional» von 1620 enthielt sie auch die anstossenden Landschaften «mit Verzeichnis, allen Pässen, Strassen und Wassern lebendig abgemalt». Im Massstab 1:52’000 reichte sie im Osten vom St. Galler Rheintal bis zum Lauf der Reuss im Westen (Graf 1891). Im Lauf seines Lebens fertigte er zahlreiche weitere Pläne zu Grenzbereinigungen und zur Klärung von Besitzverhältnissen an. Dadurch erwarb er in Zürich politische Verdienste, was ihm die Stellung als «Amtmann des Kappeler Hofes» eintrug. Als sein Hauptwerk gilt das grosse Kartengemälde des «Zürcher Gebiets» von 1664/67. Darin ist das Gebiet des heutigen Kantons Sankt Gallen ebenfalls erfasst (Wyder 2006). Als gelernter Glasmaler erlangte er den Ruf eines Kartographen, dessen Kunst der Darstellung bis ins 19. Jahrhundert nicht übertroffen wurde. Ingenieur wurde er damals nicht genannt. Erst als Stadtingenieur Johannes Müller (1733-1816) Gygers erste Karte kopieren liess, bezeichnete er dieses Werk als «Landtafel von Ingenieur Geiger. Nach Haller’s Deffensional eingerichtet» (Wolf 1879, 33). Zu erwähnen ist die Karte «Geometrische Grundlegung der Landgraffsafft Thurgöv» aus den Jahren 1628/29. Sie wurde von ihrem Urheber, Pfarrer Hans Müller (1556-1641) zusammengetragen. Den geometrischen Beitrag dazu hatte allerdings Hans Conrad Gyger geleistet (Wyder 2014).
Im Zuge der Grenzbereinigung zwischen dem Thurgau und der Fürstabtei Sankt Gallen erstellte ausser dem Weinfelder Johannes Nötzli (1680-1753) auch der Frauenfelder Daniel Teucher (1691-1754) eine Grenzkarte 1:10’000. Sie misst 347 cm x 147 cm und war mittels Messtisch geometrisch genau vermessen. Teucher war Zeugherr, Wappenmaler und Feldmesser, der auch weitere Herrschaftspläne auf geometrischer Grundlage herstellte. Seine Grenzkarte diente Gabriel Hecht (1664-1745) für den Grenzatlas von ca. 1730. Hecht war Benediktinermönch und soll bei einem Ingenieur Zeichenunterricht erhalten haben (Vogler und Höhener 1991). Für die Marchenverträge hatte dieser Atlas allerdings keine offizielle Bedeutung (Höhener 2018, 9). Er diente eher der Veranschaulichung, denn gültig waren die Begehungen der Vertragsparteien und die Beschreibungen in den unterzeichneten Vertragstexten mit Bezug auf die Grenzsteine.
Zur Klärung der Gerichtsbarkeit erstellte Feldmesser Jakob Schäppi (1692-1742) aus Oberrieden einen Geometrischen Grundriss der Abtei Pfäfers und des Calfeisen-Tals. Für diese Arbeit forderte er 1737 von der Tagsatzung eine Belohnung. Nach diesem «grossen Plan» wird eine Verkleinerung davon dem Schwyzer Offizier und Kartographen Jost Rudolf von Nideröst (1686-1770) zugeordnet (Wolf 1879, 95). Schäppi war ein bekannter Geometer, der im Gebiet von Zürich zahlreiche Kataster- und Herrschaftspläne erstellt hatte.
Jost Rudolf Nideröst war Offizier mit Ausbildung in Artillerie und der erste bekannte Kartograph aus Schwyz. Aufgenommen hatte er Dorfpläne von Arth (1719) und Schwyz (1746), von denen noch Kopien vorhanden sind. Bei Grenzstreitigkeiten erstellte er Pläne u.a. zwischen Luzern und Schwyz auf der Rigi (1746), zwischen der Grafschaft Sargans und Graubünden (1753) sowie zwischen Schwyz und Glarus bei Uznach (1759). Erhalten sind ferner seine Pläne von Schloss Grynau (1755) und vom Turm am Untertor in Uznach (1759). Sein letzter Plan zeigt die untere Linthebene mit den drei Hauptarmen zwischen Reichenburg und Grynau samt kleineren Gerinnen (1759). Eingezeichnet sind darin das Eigentum der Genossenschaften sowie die Grenzen zwischen March und Gasterland. Bezahlt wurde er dafür von Schwyz und Glarus (Landolt 2007).
Im Stiftsarchiv der Fürstabtei St. Gallen finden sich zahlreiche weitere geometrische Pläne von Teilgebieten und Gemeinden. Sie enthalten Grenzen, Strassen, Gewässer, Flurnamen und Nutzungen. Erwähnt seien hier die beiden Geometer Johannes Feurer (1720-1801), Hauptmann von Bernhardzell, und Johannes Niklaus Ehrat (1746-1825), Lehenvogt der Abtei (von Euw 2007, 82-89). Sie sind so bis ins Detail ausgeführt, dass sie heute für lokale Wirtschafts- und Sozialgeschichte ausgewertet werden.
Mit Johannes Fehr (1763-1823) machte erstmals ein Ingenieur trigonometrische Aufnahmen im Sankt Galler Kantonsgebiet. Nach seiner Ausbildung und einer mehrjährigen Bildungsreise durch Europa hatte er 1786 in Zürich bei Schanzenherr Fries eine bescheidene Anstellung als Ingenieur gefunden. In jenen Jahren hielt er Vorträge, setzte das Observatorium auf dem Zürcher Karlsturm instand, machte astronomische Beobachtungen und erteilte Privatunterricht. Ausserdem hatte er die Absicht, eine Triangulation des Landes zu erstellen. So machte er 1791 im Sihlfeld eine Basismessung und verbesserte sie bis 1797. Ein Angebot des helvetischen Kriegsministeriums als Inspektor der Abteilung «Génie, Ponts et Chaussées» hatte er abgelehnt und eine Stelle im Ausland gesucht. Er fand sie als Bauinspektor beim Herzog von Sachsen-Meiningen. 1805 wurde er von der Zürcher Behörde zurückberufen. Zuvor noch hatte er 1796 vom fortschrittlich gesinnten Kaufmann Jakob Laurenz Custer (1755-1828) aus Rheineck den Auftrag zur genauen Vermessung des Rheintals erhalten. Seine «Specialcharte» ca. 1:40’000 reichte von der Einmündung der Ill bis nach Staad am Bodensee. Custer bezahlte sie und liess sie 1805 in verkleinerter Form in der «Geschichte des Rheinthals» erscheinen (Wolf 1858, 430). Im Rückblick ist sie das erste Werk, das für einen Teil der Schweiz mittels Basismessung, trigonometrischen Vermessungen und astronomischen Ortsbestimmungen konstruiert wurde (Höhener 2018).
Als Johannes Fehr 1807 den Lauf der Linth mit einem Nivellement erfasste, wies er auf Ungenauigkeiten in den Plänen hin. Deshalb erstellte der Gehilfe von Johann Gottfried Tulla (1770-1828), der badische Geometer Johann Christian Obrecht (*1778) ein «Trigonometrisches Netz» (1807). Es diente später Hans Conrad Escher (1767-1823) und Johann Rudolf Dietzinger (1770-1847) als Grundlage.
Weitere Anstrengungen zur Neuvermessung der Schweiz unternahm der Aarauer Seidenbandfabrikant Johann Rudolf Meyer (1739-1813) unter Mitwirkung des Topographen Johann Heinrich Weiss (1758-1826) und des Bergführers Joachim Eugen Müller (1752-1833). Sie führten zum «Atlas suisse», 1796-1802 erschienen, ohne dass aber Ingenieure daran beteiligt gewesen sind (Rickenbacher 2011, 93f).
Weitere Karten wurden im Rheintal besonders zur Verbauung der Flussufer (Wuhren) aufgenommen. Zuvor seien hier die beiden ersten Karten von Liechtenstein erwähnt (Kaiser 1990, 32). Der Basler Geometer Johann Jacob Heber (1666-1724) machte Vermessungen in Oberschwaben und wurde Ratsherr in Lindau. Von ihm existiert die erste Karte Liechtensteins aus dem Jahre 1721. Die zweite entstand 1756 von Johann Lambert Kolleffel (1706-1763) aus Ravensburg. Als Offizier zeichnete er Schlachtenpläne und Militärkarten. Ab 1748 stand er in österreichischem Dienst, zuletzt als Ingenieur-Oberst. In den Zwischenkriegszeiten machte er Landesaufnahmen mit ziviler Nutzung (Fischer 2010).
Festungsbau und Grenzbefestigungen
Ausser der Hauptstadt Sankt Gallen gibt es auf dem heutigen Kantonsgebiet verschiedene Orte mit einer Stadtbefestigung. Zudem weist der Kanton eine stolze Anzahl von mittelalterlichen Burgen auf. In späteren Jahrhunderten dienten sie oft als Herrschaftssitze für die Landvögte. Militärisch wurden sie nicht modernisiert und verloren so ihren früheren Stellenwert, behielten aber ihre Funktion der Repräsentation. Gleichwohl lohnt es sich, nach entsprechenden Projekten von Ingenieuren zu suchen.
Während des Dreissigjährigen Kriegs hatte die Stadt Sankt Gallen ihre Ringmauer verstärkt und angepasst, um die Geschütze besser aufstellen zu können. Beunruhigt wegen des nahen Kriegsgeschehens dachte auch sie an eine zeitgemässe Modernisierung. Für die Planung zog sie den in Genf weilenden und in Zürich empfohlenen Ingenieur Jean-Jacques de Serres du Pradel (17. Jh.) bei. Er hielt sich am 29. August 1637 in St. Gallen auf. Seine Pläne wurden aber von der Stadt wegen der hohen Kosten nicht weiterverfolgt. Projekte anderer Ingenieure sind zu jener Zeit bisher nicht bekannt (Kdm SG II 1957, 72). Für die Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft allgemein hatte sie bereits zuvor die Basler Offiziere Johannes Eckenstein (1583-1638) und Hans Jakob Zörnlin (1588-1659) beigezogen. Beide Experten brachten Erfahrung mit aus ihren venezianischen Diensten.
Auf die Bedrohungen während des Dreissigjährigen Krieges ausgerichtet, tagte der eidgenössische Kriegsrat 1647 in Wil (SG) und verpflichtete sich zu einer Neuordnung eines Heeres, worin Organisation, Aufmarsch und Bewaffnung festgelegt wurde. Der Schutz der Grenzen blieb aber weiterhin Aufgabe der betroffenen Kantone. Umso wichtiger waren die Kenntnisse der Grenzen. Was Ingenieur Johannes Haller schon 1620 für Zürich vorgeschlagen hatte, ging nun als Aufgabe an den Zürcher Stadtingenieur Johannes Ardüser (1585-1665) zum Schutz der Eidgenossenschaft vor einem Einbruch fremder Heere. Zusammen mit zwei Politikern sollte er dem Rhein entlang von der Aaremündung bis in Sarganserland reiten und das Notwendige anordnen. Das Ergebnis wurde im «Rathschlag von Wyl» zusammengefasst und ist ein Beitrag an das «Defensionale». Konkrete bauliche Massnahmen enthielt es nicht. Einen genauen Aufschluss mit Hindernissen und Brücken gibt immerhin Ardüsers Rheintalkarte von 1632 im Abschnitt des Grenzgebiets zwischen Landquart und Sargans.
Die Grenzgebiete der Ostschweiz waren Untertanen, Gemeine Herrschaften oder zugewandte Orte wie die Fürstabtei Sankt Gallen und die Abtei Pfäfers sowie Rapperswil. An solchen Orten zu bauen, brauchte meist die Zustimmung und Finanzierung mehrerer Stände, was nur schon die Projektierung fast verunmöglichte. Eine Ausnahme war Schloss Forstegg (Kaiser 2014). Zürich hatte es 1615 von den Freiherren von Hohensax abgekauft und liess es 1622 von Johannes Ardüser zu einem protestantischen Vorposten im St. Galler Rheintal befestigen. – Der erwähnte Tagungsort Wil war im 13. Jahrhundert unter die Herrschaft der Abteil St. Gallen gekommen. Er hatte eine mittelalterliche Befestigung. Dominiert wird sie vom «Hof zu Wil», dem zeitweisen Sitz der Fürstäbte und ausgebaut zur Pfalz, ohne aber später noch militärisch verstärkt worden zu sein.
Rapperswil als zugewandter Ort der Eidgenossenschaft
Nachdem sich die Stadt Rapperswil 1460 von Österreich losgesagt hatte, war sie seit 1464 ein zugewandter Ort unter dem Schirmbündnis von Uri, Schwyz, Unterwalden und Glarus. Was ihr als Kleinstadt blieb, war die Selbstverwaltung und ein Mitspracherecht bei der Aussenpolitik. Die Eidgenossen hatten das Recht auf die Besatzung von Stadt und Burg. Nach der Schlacht bei Kappel von 1531 wurde die Stadt noch stärker an die katholischen Orte gebunden. Wegen ihrer Lage am See und an der Verbindung von der Fürstabtei Sankt Gallen zu den Schirmorten entwickelte sie sich zu einem Bollwerk gegen Zürichs Ausdehnung nach Süden. Im ersten Villmergerkrieg von Zürich 1656 belagert, konnte sie sich erfolgreich verteidigen. Im Vergleich zu anderen Kleinstädten hatte sie bereits eine Befestigung mit mehr als bloss Mauern und Türmen. Die Modernisierung von Stadtbefestigung, Erhaltung der Brücke und weitere Verstärkung ihrer Abwehrbereitschaft wurden in der Folge an Tagsatzungen mehrfach besprochen (Abschiede 1882). Konkret verlangten die Schirmorte und der Fürstabt von Sankt Gallen im Jahr 1700 eine diesbezügliche Konferenz, doch weitere Jahre vergingen mangels Gelds für einen Ausbau.
An der Konferenz von 1708 berichtet der Kommandant von Rapperswil zur Verteidigungsbereitschaft der Stadt. Beschlossen wird, dass Ingenieur Pietro Morettini (1660-1737) aus Locarno zusammen mit zwei militärischen Kommandanten einen Augenschein nehmen soll. Im Herbst legen Morettini und Ingenieur Matthias Leontius Kaufflin (*1677) aus Einsiedeln zwei Grundrisse zur Ausbesserung und Vermehrung der Festungswerke vor. Im folgenden Frühling muss festgestellt werden, dass die beschlossenen Arbeiten wegen Geldmangel nicht ausgeführt werden konnten. Die Mittel von Rapperswil seien erschöpft und man erwarte päpstliche Unterstützung. Erneut weist man 1710 die Rapperswiler an, die dringenden Reparaturen auszuführen und die nötigen Gräben und Weiher «aufzuwerfen». Ingenieur Kaufflin soll berufen werden, um die nötigen Zeichnungen zu erstellen und die Verwendung des Aushubs zu fortifikatorischen Zwecken anzuzeigen. Ein Jahr später berichten Kommandant und Ingenieur über den Stand der Arbeiten. Sie warnen: «Wolle man aber die Arbeiten ganz einstellen, würde das ganze Werk zerfallen.» Offenbar hatte der Arbeitsfortschritt nicht ihren Vorstellungen entsprochen. Ausserdem verlangen beide ihr Honorar. Es gibt Einsprachen, worauf der Stadt Rapperswil gestattet wird, die Arbeiten bis im Frühjahr 1712 einzustellen, sie dann aber «unverdrossen» fortzusetzen. Dann bricht der zweite Villmergerkrieg aus, auch «Toggenburger Krieg» genannt, und Rapperswil kommt unter die Schirmorte Zürich, Bern und Glarus.
Zu den Werken von Ingenieur Matthias Leontius Kaufflin gibt es zahlreiche Hinweise. So sei er ab 1704 Schreiber der Waldstatt Einsiedeln gewesen. Um 1705 liefert er eine perspektivische Zeichnung der Klosteranlage von Einsiedeln, gestochen ist sie von Johann Heinrich Ebersbach, damals Faktor der Klosterdruckerei. Sie ist eine wichtige Etappe der Klosterplanung, belegt aber auch eine Fähigkeit in Befestigungstechnik (Kdm SZ N.A. III.I, 2003). 1708/09 begleitet er Oberst Kaspar Felber, den Kommandanten der Truppen des Fürstabts, auf einer Inspektion durch das Toggenburg und erstellt Vorschläge zur Befestigung von Orten und Pässen der Fürstabtei (Staerkle 1960. HLS 4, 456). In der Stadt selbst liefert er 1710 dem Fürstabt Pläne zur «Demolierung» der Stadt, um sie im Notfall im Zaum zu halten (Kdm SG III 1961, 101. Ziegler 1992, 220f). Nach Kriegsausbruch von 1712 leitet er den Bau der Schanzen in Schindellegi, Pfäffikon und Hurden (Ochsner 1903). Möglicherweise geht auch der Grundriss für die neue Sakristei der Kirche St. Michael in Zug von 1708 auf ihn zurück (Kdm ZG II, 1959). Solche Zuschreibungen sowie sein Wirken als Schreiber sind noch ungesichert und brauchen Abklärungen der Details.
Der Plan um 1710 mit dem Titel «Plan et projet de Rappersville» nennt als Autor neben Kaufflin Johann Adam Riediger (1680-1756), enthalten in der Schauenburg-Sammlung Nr. 18 [22]. Riediger, in Würzburg geboren, erwarb sich in der Schule und auf Feldzügen Kenntnisse in Festungsbau und Vermessung. Nach seiner Konversion von der katholischen zur protestantischen Konfession lebte er 1711 in Zürich, wo er Privatunterricht erteilte. 1712 nahm er als Feldingenieur auf Seite des zürcherischen Heeres teil. Ab 1716 machte er Vermessungen für Bern und kehrte 1736 nach Deutschland zurück. In Bern hinterliess er zahlreiche Karten, Erd- und Himmelsgloben.
In einem weiteren «Plan von der Statt Rapperschweil, mit Project Neuer Fortificat. Werke» von 1762 zeigt Ingenieur Johann Heinrich Albertin (1713-90) die Stadtbefestigung mit kleinen Abweichungen gegenüber den Plänen von Morettini und Kaufflin (Viganò 2007, 109). Albertin hatte mit geringen Mitteln für Zürich schon zahlreiche Lokal- und Grenzpläne erstellt, u.a. auch zur Grenze zwischen Graubünden und Sargans (1753). Nach einem Konkurs musste er ins Ausland gehen (1765-67), kehrte aber zurück und erstellte weitere Pläne für Stadtbefestigungen oder Besitzverhältnisse, wie sie heute in Archiven verschiedener Kantone zu finden sind und Anerkennung verdienen.
Strassen- und Wasserbau
Die Verbauungen des Alpenrheins zwischen Landquart und der Mündung in den Bodensee haben das Landschaftsbild so sehr verändert, dass heute von der ursprünglichen Dynamik des Flusslaufs auf dieser Strecke von etwa 60 km kaum mehr etwas sichtbar ist. Die üblichen Hochwasser verursachten Überschwemmungen, erodierten die Ufer, veränderten den Flusslauf, hinterliessen flache Seen, welche verlandeten und zu Sümpfen wurden, und verhinderten so eine dauerhafte Besiedlung auf der ganzen Talbreite. Erste menschliche Eingriffe begannen etwa im 11. Jahrhundert durch den Bau von Wuhren und Dämmen. Sie erfolgten lokal in der Pflicht der jeweiligen Anlieger, was sich am Gegenufer bzw. im Unterlauf auswirkte und zu langwierigen Streitigkeiten führte. Auf der linken Talseite waren es verschiedene Herrschaftsgebiete der Eidgenossenschaft mit Landvögten unterschiedlicher Amtsdauer, auf der rechten jene des Fürstentums Liechtenstein und des österreichischen Vorarlberg. Wenn Beschwerden der Anlieger vor die Tagsatzung kamen, wurde der zuständige Landvogt angewiesen, mit den Beschuldigten einen Vergleich zu suchen, die Massnahmen festzulegen und die Kosten aufzuteilen. Allenfalls war vorerst eine Konferenz zu bestellen. An ein einheitliches Vorgehen war nicht zu denken (Kaiser 2005, 279-281). Wiederholt katastrophale Hochwasser in den 1750er- und 1760er-Jahren veranlassten die Tagsatzung und die Zürcher Regierung zum Handeln. Sie sandten Ingenieurhauptmann Hans Conrad Römer (1724-1779) in die Vogtei Rheintal und in die Zürcher Herrschaft Sax. Ende 1769 machte Römer Feldaufnahmen und reichte 1770 seine Aufzeichnungen als Karte zusammen mit einem Gutachten ein. Neben einer Beurteilung der bestehenden Wuhren und der teils notleidenden Bevölkerung gab Römer technische Anweisungen zum Bau von Wuhren und Dämmen mit einem Pflichtenheft für Wuhrmeister (Vischer und Kalt 2005, 207). Römers Arbeit hatte zur Folge, dass die Anlieger seine Vorschläge teilweise beachteten, dass die beteiligten Stände untereinander bzw. mit Liechtenstein wieder verhandelten und dass gegen die Wuhrpflicht kaum mehr opponiert wurde. Ferner war Römers genaue Karte eine Grundlage für spätere Kopien, u.a. des Sarganser Alt- Schultheissen Johann Jacob Gallaty von 1773 und des Geometers Johannes Zuber (1773-1853) von 1828 (Kaiser 1990, 32-36).
Als 1791 das Fürstentum Liechtenstein und die Tagsatzung für den Auenbereich zwischen Wartau und Triesen ein «Uebereinkommuss» vereinbarten, wurde die Breite des Rheins auf 140 Klafter (etwa 270 m) festgelegt. Planverfasser im Auftrag der eidgenössischen Delegation war der Schwyzer Ratsherr David Anton Städelin (1737-1830), damals Ingenieur-Hauptmann und Münzmeister. Zwei Hochwasser hatten den Rhein zuvor auf eine Breite bis zu 1’200 m anwachsen lassen. Auf einer Länge von 2,8 km sollten die Ufer neu durch Wuhren befestigt werden, was allerdings die Beteiligten überforderte (Kaiser 1990, 36). Die Arbeiten kamen nicht voran. Weitere Einbrüche des Rheins bedrohten die Anlieger. Zur Abhilfe entwarf der Zürcher Strassenmeister Sigmund Spitteler (1732-1818) zwei Projekte, doch darauf konnten sich die Beteiligten 1794 nicht einigen. Eine Ausführung unterblieb. Die folgenden Kriegsereignisse mit dem Untergang des Ancien Régime brauchten die Kräfte anderweitig. Im Kanton Sankt Gallen von 1803 sollte es noch Jahre dauern, bis neue Lösungen in Angriff genommen wurden.
Das St. Galler Rheintal war eine bedeutende Verkehrsachse. Eine feste Brücke bestand allerdings erst weit oberhalb der Mündung zwischen Ragaz und Maienfeld: die Tardisbrücke. Sie bestand seit 1529 und führte wiederholt zu Streitigkeiten unter den Zolleinnehmern. Weil der Rhein seinen Lauf ständig änderte, wurde der Querverkehr meist mit Fähren abgewickelt. In Längsrichtung benutzte man die Landwege. Sie waren Teil einer internationalen Strecke zwischen Bodensee und den Bündner Pässen. Bevorzugt wurde die rechtsrheinische Seite von Fussach durch Liechtenstein über die Luziensteig nach Chur.
Eine zweite Transitstrecke führte vom Zürichsee zum Walensee ebenfalls nach Chur. Sie hatte den Vorteil eines günstigeren Transports auf dem Wasserweg (Baumann 2003, 146f). Doch zwischen diesen beiden Seen floss die Linth aus dem Glarnerland. Das Gebiet lag im Herrschaftsbereich verschiedener eidgenössischer Orte und unterstand zum Teil einer Gemeinen Herrschaft. Ablagerungen der Linth hatten im 18. Jahrhundert dazu geführt, dass der Fluss vermehrt ausuferte, das Flussbett anhob und so den Walensee einstaute. Es kam zu grossräumigen Überschwemmungen, Versarungen und Versumpfungen mit gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung. Klagen darüber ergingen von den Landvögten zur Tagsatzung. Namentlich bekannt ist der Bericht des Berner Landvogts in Sargans von 1781, worauf Experten gesucht und der Berner Andreas Lanz (1740-1803) mit dem Auftrag zur Sanierung in die Linthebene gesandt wurde. Sein Projekt führte bekanntlich zur Korrektion, deren Ausführungen ab 1807 mehrere Jahrzehnte dauerte und die Expertise von namhaften Ingenieuren, Naturwissenschaftern und Politikern verlangte (Vischer 2003, SPWT 82). Erwähnt seien hier die Vorprojekte des Schwyzers David Anton Städelin aus den Jahren 1783 bis 1805. Er hatte sie «auf hochen Befehl» verfasst mit der Idee, «wie der Aufschwellung des Wallen-Sees abzuhelfen seye», und darin auch die Grenzen eingezeichnet.
Die Landwege hatten auf dem ganzen Gebiet von Sankt Gallen einen bescheidenen Ausbau. Sie dienten einfachen Fuhrwerken, Saumtieren und Personen zu Fuss oder zu Pferd (Specker 2007). Für den Unterhalt zuständig waren die Anstösser, welche die Arbeiten in Frondienst ausführen liessen und den Aufwand mit Zoll und Weggeldern finanzierten. Das Vorgehen in verschiedenen Teilstücken war unregelmässig und entsprach den einzelnen Herrschaftsgebieten. Zur Befestigung baute man einfache Stützmauern aus Trockenmauerwerk, teils mit Wasserdurchlässen oder kleineren Brücken. Je nach Jahreszeit beschränkte man sich auf das Ausholzen.
Grössere Impulse kamen im 18. Jahrhundert von der Fürstabtei. Mehrfach hatten die Schwyzer mit dem jeweiligen Fürstabt über den Ausbau einer direkten Strassenverbindung zwischen Bodensee und Brunnen am Vierwaldstättersee verhandelt. Einerseits waren sie an einem gesicherten Transport von Korn und Salz interessiert, während der Fürstabt so auf rasche Unterstützung durch Truppen aus den katholischen Orten zählen konnte. Kritisch war der Übergang zwischen Wattwil und Uznach, wo bisher nur einige Fusswege und Saumpfade bestanden (Germann 2020). Fürstabt Leodegar Bürgisser (1640-1719) liess 1698 ein Projekt erstellen. Auftragnehmer war Landweibel Joseph Germann (1658-1724) in Lichtensteig. Er skizzierte eine Linienführung über den Hummelwald (nahe dem heutigen Rickenpass), erstellte einen genauen Kostenvoranschlag und schlug vor, den Bau mit einer Anleihe zu finanzieren, die mit Weggeld zu amortisieren wäre. Der Fürstabt allerdings entschloss sich zu Frondienst, den er von den Wattwilern verlangte. Diese wiederum weigerten sich 1699. Gestritten wurde zudem wegen früherer Wachtkosten, was die Spannungen im konfessionell gespaltenen Toggenburg erhöhte und das Bestreben nach Unabhängigkeit stärkte. Germann, der schon seit Jahren alte Urkunden gesammelt hatte und damit auf bisherige Rechte hinwies, wurde 1701 wegen Rebellion verhaftet und nach Schloss Rorschach gebracht. Erst nach sieben Jahren kam er wieder frei und wurde Mitglied der Toggenburger Regierung. Bei Ausbruch des Krieges von 1712 war der Abt zusammen mit seinem Konvent nach Neu-Ravensburg geflohen. Joseph Germann war wieder Amtsschultheiss in Lichtensteig geworden, auch nach 1718 unter erneuter fürst-äbtischer Herrschaft (Müller 1917). Obwohl er selbst nicht Ingenieur war, das Projekt von 1698 hatte er ingenieurmässig verfasst. Gebaut wurde die umstrittene Strasse dann ab 1786 (Germann 2020, 32).
Einen zweiten Anstoss zum Strassenbau machte Fürstabt Beda Anghern (1725-96). Zwischen 1773 und 1778 liess er die Verbindung vom Bodensee nach Wil ausbauen, «Fürstenlandstrasse» genannt. Weil sich die Toggenburger weigerten, wählte er die Linie von Staad bei Rorschach über nicht über Flawil-Gossau, sondern neu direkt über Oberbüren. Hauptzweck war der Import von Getreide und der Export von Produkten aus der Heimindustrie. Noch immer in Fronarbeit erstellt, wurde diese Ost-West-Verbindung erstmals als Fahrstrasse auf eine Breite von 4.20 m mit einer «Chaussee» als Befestigung nach französischem Vorbild ausgebaut. Bis 1790 folgten weitere Zufahrten nach Herisau und von Wil nach Wattwil. Wenn auch die Strassen einen hohen Stellenwert erhielten, so waren sie doch nur Teil eines Gesamtwerks dieses baufreudigen und prachtliebenden Fürstabts.
Eine besondere technische Herausforderung war der Schollberg, ein Hindernis auf der linken Seite des Rheintals zwischen Trübbach (Wartau) und Vild (Sargans). Bereits in den Jahren 1490-92 wurde dort in den Felsen ein Weg geschlagen, um die Passage auf der linken, eidgenössischen Talseite zu verbessern. Obwohl sie noch immer 40 m über der Talsohle lag und wiederholt auch Schäden aufwies, wurde sie benutzt, vor allem bei schlechten Strassenverhältnissen oder bei kriegerischen Bedrohungen auf der rechten Talseite (Ackermann 1997). Aber erst 1791 machte Ratsherr David Anton Städelin, inzwischen Artillerie-Hauptmann, den Vorschlag zu einem Ausbau auf Höhe der Talsohle. Zu einem Ausbau kam es dann 1821, ausgeführt von Ingenieur und Tessiner Staatsrat Giulio Poccobelli (1766-1843) als Unternehmer. Zuvor hatte es noch weitere Projekte und Gutachten gegeben, so u.a. vom helvetischen Generalinspekteur für Strassen- und Brückenbau Abram-Henri Exchaquet (1742-1814), seit 1801 als Nachfolger von Jean Samuel Guisan (1740-1801) zuständig für die Zentralisierung im Strassenbau.
Offene Fragen
In der vorstehenden Übersicht sind die wichtigsten Ingenieure auf dem St. Galler Kantonsgebiet vor 1803 in ihrer Funktion und Beziehung zu den Auftraggebern aufgeführt. Es sind 9, dann folgen 7 Feldmesser und 3 Offiziere mit Beziehung zu Artillerie oder Genie. Weitere Personen sind noch erwähnt, so im Lebenslauf von Gabriel Hecht, dem Bauherrn des St. Galler Klosters, wo es heisst, er habe seine baukünstlerische Ausbildung bei einem Ingenieur erhalten. Ferner gab es 1769 im Vorfeld der Marchenbereinigung von Frauenwinkel bei Hurden zwischen Zürich und Schwyz einen Auftrag an Ingenieurhauptmann Römer und Seeschreiber Ulrich zur Prüfung eines «Risses», den ein vom Einsiedler Abt Nikolaus Imfeld bezeichneter, nicht namentlich genannter Ingenieur erstellt hatte. Dies führt zur Frage, ob neben Ingenieur Kauflin noch weitere Ingenieure im Umfeld der Fürstäbte tätig waren, sei es als militärische Berater oder mit zivilen Aufgaben. Und wenn im Strassenbau von «Chaussées» nach französischem Muster die Rede ist, so würde interessieren, ob auch Ingenieure zur Weitergabe des Fachwissens mit zugehöriger Technik beigetragen haben. Nur wenige Personen sind es, aber sie zeigen ihre Tätigkeiten: Festungsbau und militärische Bautechnik allgemein (Genie), Erstellen von Herrschafts-, Zehnten- und Grenzplänen mit Bezug zur Kartographie, Wasserbau und einsetzender Strassenbau. Ihnen gemeinsam ist die Bedeutung und gleichzeitige Entwicklung der Vermessungstechnik.
2.10.2023 / B.M.