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das untersuchungsobjekt sprache birgt viele rätsel. dies zeigt sich inbesondere beim erlernen einer fremdsprache, wo man einerseits regelhaftigkeiten erkennen, andererseits aber auch mit vielen unregelmässigkeiten und besonderheiten auf allen ebenen der sprache umzugehen lernen muss. ebenso mysteriös erscheint die eigene, in der regel unbewusst verwendete sprache, wenn man sie einmal etwas reflektierter unter die lupe nimmt.
im bereich der germanischen sprachen könnten das z.b. fragen der folgenden art sein:
- wieso zeigen die präteritumsformen des verbs to be im englischen manchmal ein -s- und manchmal ein -r-? (I was, we were etc.)
- wieso entspricht dem hochdeutschen diphthong -ei- im schweizerdeutschen manchmal ein -ī- und manchmal ein -äi-? (vgl. nhd. Bein, Stein, Wein, Leiche vs. schweizdt. Bäi, Stäi, Wii, Liiche.)
in der sprachwissenschaft gibt es grundsätzlich zwei ansätze, um sprachliche fragestellungen anzugehen. zum einen kann man die sprache zu einem bestimmten zeitpunkt nehmen, wie sie ist, und diesen “eingefrorenen” zustand (in der regel die gegenwartssprache) für sich genommen analysieren. der schwerpunkt der untersuchung liegt dann auf der systematik der sprache in diesem gegebenen moment. zum anderen ist es möglich, die sprache historisch zu betrachten und danach zu fragen, wie sie sich über die zeit hinweg entwickelt hat. hier steht der sprachwandel und die frage danach, wie es zum gegenwärtigen zustand gekommen ist, im vordergrund. seit saussure wird der erste ansatz als synchrone (gleichzeitige), der zweite als diachrone (ungleichzeitige) sprachwissenschaft bezeichnet.
aus heutiger sicht ist klar, dass beide zugänge zur sprache ihre vorteile haben und sich nicht ausschliessen sondern – ganz im gegenteil – gegenseitig ergänzen können. nichtsdestotrotz scheint es mir offensichtlich, dass die diachronie im vergleich zur synchronie ein deutlich grösseres erklärungspotential aufweist. kommen wir auf die eingangs erwähnten fragen zurück:
engl. was vs. were
das nebeneinander von -s- und -r- im präteritum des verbs to be ist aus synchroner sicht nicht zu entschlüsseln. es scheint im englischen keinen parallelfall zu geben, den man als vergleichsgrundlage hinzuziehen könnte. kein anderes verb zeigt einen entsprechenden konsonantenwechsel, eine kontextabhängigkeit scheint nicht vorzuliegen (etwa in der art, dass -s- immer in einer bestimmten lautlichen umgebung stehen würde o.ä.), und die präsensformen des verbs helfen auch nicht weiter, da sie keinen entsprechenden wechsel zwischen -s- und -r- zeigen (sie gehören sowieso nicht zum selben stamm). mit den methoden der synchronen linguistik ist also keine erklärung für die vorliegenden daten zu finden, und es bleibt nichts anderes übrig, als dieses phänomen als “unregelmässigkeit” zu klassifizieren.
nimmt man nun die historische dimension dazu, lassen sich die formen leicht erklären. die formen gehören zu einem starken verb der klasse “V”, bei der im singular präteritum ursprünglich andere akzentverhältnisse geherrscht haben als im plural. im singular geht man von einer vorform *(u̯e)-u̯ós-a mit akzentuierter wurzelsilbe aus, während der akzent im plural hinten stehen musste: *(u̯e)-u̯ēs-mé. mit zwei einfachen lautgesetzen (vernersches gesetz und rhotazismus) kann man nun erklären, warum sich das -s- in der pluralform über ein stimmhaftes -z- zu einem -r- entwickelt hat, während der singular nicht betroffen war.1
nhd. -ei- und schweizdt. -ī-/-äi-
auch bei den formen nhd. Bein, Stein, Wein, Leiche vs. schweizdt. Bäi, Stäi, Wii, Liiche kommt man mit synchronen methoden nicht weit. zwar lässt sich hier das korpus vergrössern, indem man sowohl für die entsprechung nhd. -ei- vs. schweizdt. -ī- als auch für die entsprechung nhd. -ei- vs. schweizdt. -äi- weitere fälle anführt, doch bringt einem das für die erklärung des phänomens nicht weiter. auch hier lässt sich nicht feststellen, dass ein bestimmter lautlicher kontext für den unterschied im schweizerdeutschen verantwortlich gemacht werden könnte. ein vergleich mit den anderen langvokale und diphthongen bringt ebenfalls keine erhellung der situation. wie man es also drehen und wenden mag, es gibt aus synchroner sicht keine erklärung für die vorliegenden vokalkorrespondenzen.
wiederum ist aber aus diachroner sicht leicht eine erklärung zu finden. der vergleich mit dem althochdeutschen, dass dem neuhochdeutschen gleichermassen wie dem schweizerdeutschen zugrunde liegt, zeigt, dass zwei der wörter einen alten diphthong haben, während die anderen zwei einen alten langvokal aufweisen: es heisst ahd. bein, stein, aber wīn, līh. die lösung des problems ist also ganz einfach, dass das schweizerdt. den alten zustand bewahrt hat, während das neuhochdeutsche – wiederum durch ein wohlbekanntes lautgesetz, nämlich die frühneuhochdeutsche diphthongierung – die aus ahd. wīn, līh herzuleitenden formen so umgeformt hat, dass sie mit den anderen wörtern, die von haus aus einen diphthong hatten, zusammengefallen sind.
auf den punkt gebracht hat das unterschiedliche erklärungspotential dieser zwei ansätze ein hierzulande wohlbekannter indogermanistikprofessor, der folgendes gesagt haben soll (mit starkem amerikanischen akzent zu lesen): “wenn dies die sprache ist” (zeigt auf die wandtafel) “sieht man mit synchronen methoden so viel” (malt einen fünflibergrossen kreis in die mitte der tafel) “und mit diachronen methoden so viel” (malt einen veloradgrossen kreis um den ersten herum).
h. paul zum thema
nun sind manche leute sogar so weit gegangen, die diachrone sprachwissenschaft zur einzigen sprachwissenschaft zu erklären. dem würden in dieser absolutheit heute wohl die wenigstens linguisten beipflichten (ich auch nicht). dennoch meine ich, dass pauls plädoyer für die historische sprachwissenschaft zumindest in der stossrichtung korrekt ist:
“Es ist eingewendet, dass es noch eine andere wissenschaftliche Betrachtung der Sprache gäbe, als die geschichtliche. Ich muss das in Abrede stellen. Was man für eine nichtgeschichtliche und doch wissenschaftliche Betrachtung der Sprache erklärt, ist im Grunde nichts als eine unvollkommen geschichtliche, unvollkommen teils durch Schuld des Betrachters, teils durch Schuld des Beobachtungsmaterials. Sobald man über das blosse Konstatieren von Einzelheiten hinausgeht, sobald man versucht den Zusammenhang zu erfassen, die Erscheinungen zu begreifen, so betritt man auch den geschichtlichen Boden, wenn auch vielleicht ohne sich klar darüber zu sein. […] Und so wüsste ich überhaupt nicht, wie man mit Erfolg über eine Sprache reflektieren könnte, ohne dass man etwas darüber ermittelt, wie sie geschichtlich geworden ist.” (Paul 1909:20f)
referenz
Paul, Hermann: Prinzipien der Sprachgeschichte. Halle a.S. 1909.
- eine schlüssige erklärung, warum sich die 2. person singular wie die pluralformen verhält, ist allerdings schwieriger zu leisten. selbstverständlich kann die historische sprachwissenschaft auch nicht alles erklären, aber sie kann auf jeden fall sehr viel mehr erklären als die synchrone sprachwissenschaft. [↩]