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Es gibt zu wenige Veröffentlichungen, die sich mit der Arktis aus der Sicht der Humanwissenschaften befassen. Wenn also ein wissenschaftliches Werk wie The Paradox of Svalbard veröffentlicht wird, entdecken wir eine echte ethnologische Feldforschung, die von Zdenka Sokolíčková in Longyearbyen durchgeführt wurde.
Die Ethnologin, die an der Universität Hradec Králové in Tschechien und der Universität Groningen in den Niederlanden geforscht hat, lebte zweieinhalb Jahre lang in der nördlichsten Stadt der Welt und beobachtete und befragte ihre Bewohner. Diesen Monat veröffentlicht sie die Ergebnisse ihrer Arbeit in einem Buch mit dem Titel The Paradox of Svalbard.
Zwischen Klimawandel und sozioökonomischen Veränderungen entwickelt sich Longyearbyen in rasantem Tempo von einer Bergbaugemeinde zu einer internationalen Stadt, in der mehr als 50 Nationalitäten zusammenleben und die sich immer mehr auf Tourismus, Forschung und Entwicklung stützt. Gleichzeitig steht die Stadt vor den Herausforderungen einer Umwelt, die sich viermal schneller erwärmt als der Rest der Welt. Ein Interview mit der Autorin über die Paradoxa einer sich rasch verändernden Region.
Was ist das Paradoxon von Svalbard?
Das Paradoxon von Svalbard ist komplex und vielschichtig. Es ist wie eine Schachtel mit mehreren kleineren Schachteln darin. Da ist zum einen der Umweltaspekt mit steigenden Temperaturen und schmelzenden Gletschern. Gleichzeitig gibt es eine starke menschliche Präsenz mit einer wachsenden und im Grunde nicht nachhaltigen Siedlung, in der man einen Supermarkt mit importierten Waren findet, weil dort nichts wachsen kann.
Der Kohleabbau wird als etwas Schmutziges betrachtet, das der Vergangenheit angehört und nicht aufrechterhalten werden sollte, während Kohle im Moment die einzige verfügbare lokale Energiequelle ist. Es gibt Projekte zur Entwicklung anderer Energiequellen, wie z. B. Thermoenergie, aber noch ist nichts fertig. Diesel soll zu einer Energiequelle werden, aber er wird vom Festland importiert und der Krieg in der Ukraine treibt die Preise in die Höhe. Der Tourismus soll im Vergleich zum Kohleabbau ein nachhaltiger Wirtschaftszweig sein, was ebenfalls ein strittiges und paradoxes Thema ist.
Und dann ist da noch der soziale Aspekt. Ich habe mich sehr für die asiatische Bevölkerung interessiert. Ihre Situation hatte sich verschlechtert, weil es keine Maßnahmen (Sprachkurse, Gesetze zum Schutz ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen usw.) gab, die ihnen geholfen hätten, ihre Situation zu verbessern. Es ist schwierig, tiefe Beziehungen zu Menschen aufzubauen, die kommen und gehen. Die Menschen werden sich auch weniger in politische Fragen einmischen. Das ist eine ziemlich bequeme Strategie für den norwegischen Staat, denn so es ist einfacher zu regieren. Es wurde wenig in Maßnahmen zur Stärkung der Macht der Bevölkerung investiert.
Wenn man untersucht, wie das Leben an einem solchen Ort aussieht, stellt man fest, dass es viele negative Aspekte gibt, wie an jedem anderen Ort auch: struktureller Rassismus, Ausgrenzung, Diskriminierung, zunehmender Nationalismus. Für einige Menschen ist es ein Traum, dort zu leben, für andere ist es ein Albtraum und sie mussten wegziehen. Auch das ist ein Paradoxon.
Das Argument des Buches ist, dass Klimawandel und Globalisierung zwei Arten von globalen Prozessen sind, aber ich betrachte, wie sie sich lokal auswirken und was sie lokal bedeuten, und zeige, wie sie miteinander verwoben sind.
Sie sind im Februar 2019 nach Svalbard gezogen. Was war Ihr Plan für Ihre Forschung?
Es war von Anfang an als ethnografische Feldarbeit geplant, bei der die traditionelle ethnografische Methode angewandt werden sollte: an einen Ort zu ziehen und dort für längere Zeit zu bleiben, während man am Leben der Gemeinschaft teilnimmt. Ich plante einen Aufenthalt von mindestens zwei Jahren und blieb schließlich zweieinhalb Jahre dort.
Die zentrale Frage, die mich interessierte, war, wie die Menschen dort in diesem raschen Wandel und dem wirtschaftlichen Übergang vom Kohlebergbau zum Tourismus und zu Wissenschaft, Forschung und Entwicklung leben. Und all die sozialen Veränderungen, die diese Übergänge mit sich bringen.
Ich wollte alle Teile der Bevölkerung erreichen. Ich führte die qualitativen Interviews auf Englisch, da ich kein Norwegisch sprechen konnte. Aber das war nicht genug. Das Erlernen der norwegischen Sprache öffnete mir die Türen zur älteren Bevölkerung. Den Registern der Stadt zufolge gibt es etwa 120 Personen, die seit mehr als 20 Jahren in Longyearbyen leben. Oft handelt es sich dabei um Bergleute und deren Angehörige. Das Erlernen der norwegischen Sprache öffnete die Türen zu diesen Menschen, die ihre Erfahrungen und Meinungen leichter in ihrer Muttersprache ausdrücken konnten. Das war ein wichtiger methodischer Schritt, der sehr hilfreich war.
Wie viele Personen haben Sie befragt?
Das Hauptproblem in Longyearbyen ist die enorme Fluktuation von Menschen, die kommen und gehen. Um die Veränderungen zu erfassen, dachte ich zunächst, dass ich viele Interviews führen müsste – anfangs plante ich etwa 350 -, aber nach einem Jahr wurde mir klar, dass sich die Geschichten wiederholen, vor allem bei denen, die erst seit ein paar Jahren dort leben.
Schließlich habe ich insgesamt 220 aufgezeichnete Gespräche geführt, darunter 30 von 120 dieser “Oldtimer”, wenn ich das sagen darf.
Am Ende Ihres Buches stellen Sie fest, dass Sie statt einer Rückkehr zur Natur eine Rückkehr zur Politik vorschlagen möchten. Wie meinen Sie das?
Ich verließ die Stadt im Jahr 2021. Damals wurde beschlossen, das Wahlrecht für Nicht-Norweger aufzuheben. Das ist eigentlich ein Rückzug aus der Politik und bedeutet, dass man versucht, Longyearbyen zu entpolitisieren, indem man die Menschen, die dort leben und es ihr Zuhause nennen, entmachtet. Sie nehmen ihnen die Möglichkeit, an einer nachhaltigen Lösung für diesen Ort mitzuwirken.
Es gibt viele Menschen, die sich für diesen Ort engagieren und einen Beitrag leisten möchten. Sie sind oft hoch qualifiziert und viele von ihnen haben großartige Ideen. Es gibt eine riesige Gemeinschaft von Künstlern und Entwicklern und eine große Chance zu sehen, wie die Leute etwas auf die Beine stellen. Aber sie fühlen sich wie Marionetten in einem geopolitischen Theater. Sie sind gezwungen, unpolitisch zu sein, da der Staat die Entscheidungen für diesen Ort trifft. Eine Rückkehr zur Politik wäre eine menschlichere und nachhaltigere Lösung für Svalbard, denn die Menschen wollen an ihrer eigenen Zukunft teilhaben. Ich wollte diesen Punkt in einer akademischen Debatte ansprechen.
Welche Rückmeldungen haben Sie aus Longyearbyen zu Ihrem Buch erhalten?
Das Buch wurde im Juli veröffentlicht, aber der Verlag war mit dem Druck etwas schneller. Ich bestellte hundert Exemplare und lieferte sie Anfang Juni nach Svalbard. Ich dachte, das würde ein Jahr lang reichen, aber alle Exemplare waren innerhalb weniger Wochen vergriffen. Das war eine wirklich schöne Rückmeldung. Es war mir wichtig, dass die Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe und die mir bei der Durchführung dieser Studie geholfen haben, die Möglichkeit haben, sie zu lesen.
Ich plane, im Oktober nach Longyearbyen zu fahren, um in der Bibliothek ein kritisches Gespräch über das Buch zu führen. Ich freue mich darauf, eine Debatte darüber zu eröffnen, was die Studie aussagt, welche Fragen sie aufwirft und welchen Beitrag sie für die Gemeinschaft leisten kann.
Zdenka Sokolíčková, The Paradox of Svalbard. Climate Change and Globalisation in the Arctic , Pluto Press, 2023 https://www.plutobooks.com/9780745347400/the-paradox-of-svalbard/
Ein preisgekrönter Dokumentarfilm über das Werk von Frau Sokolíčková wurde letztes Jahr in Locarno uraufgeführt: The Visitors, Veronika Lišková, Tschechische Republik / Norwegen / Slowakei, 2022, 83 min.
Titelbild: Christian Bruttel
Mirjana Binggeli, PolarJournal / Deutsche Version: Julia Hager, PolarJournal
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