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Im Vorfeld der Uraufführung von «Voyage vers l’Espoir» am Grand Théâtre de Genève (GTG) hatte ich den Komponisten Christian Jost getroffen. Das war 2020. Aus bekannten Gründen wurde die Produktion abgesetzt. Jetzt, Ende März 2023, wird sie realisiert – und somit soll auch dieses Gespräch endlich veröffentlicht werden.
Opernszene und Filmstill
Haydar ist aufgekratzt, tigert ruhelos umher. «Je veux vivre», schleudert er seiner Frau Meryem entgegen, die ihn – so verzweifelt wie erfolglos – zur Raison bringen will. Er hat sich in den Kopf gesetzt, die armselige Existenz in Anatolien hinter sich zu lassen, um in der Schweiz ein neues, besseres Leben zu führen. Alles – Schafe, Ziegen, die paar Hektar Land – will er verscherbeln, um damit die Reise ins «gelobte Land» für sich und seine Frau und Mehmed Ali, seinen Jüngsten, zu finanzieren.
Diese Szene steht am Anfang des 1990 entstanden und 1991 mit einem Oscar ausgezeichneten Films «Reise der Hoffnung» von Xavier Koller. Angeregt dazu wurde der Filmemacher durch eine knappe Zeitungsnotiz, die von einer Gruppe Flüchtlinge aus der Türkei berichtete, die die grüne Grenze in den Schweizer Alpen überschreiten wollte und vom Wintereinbruch überrascht wurde, wodurch ein kurdischer Bub den Tod fand.
Xavier Koller, Cineast (© Bild Alex Spichale) Christian Jost, Komponist
Jetzt findet dieser eheliche Disput zu Beginn der Tragödie allerdings nicht auf der Leinwand statt. Wir befinden uns auf der Probebühne des Grand Théâtre de Genève. Das dörfliche Umfeld der Protagonisten irgendwo in der türkischen Provinz besteht vorläufig aus ein paar improvisierten Stellwänden, ein paar Podesten, einigen schäbigen Plastikpflanzen und rudimentären Markierungen auf dem Boden.
Das kurdische Elternpaar, Vater Haydar und Mutter Meryem, wird dargestellt vom türkischstämmigen Bariton Kartal Karagedik und der Mezzosopranistin Rihab Chaieb mit kanadisch-tunesischen Wurzeln. Immer wieder wird die emotionsgeladene Auseinandersetzung repetiert, um die Mischung zwischen Antrieb und Furcht, Hoffnung und Verzweiflung zu treffen, die dem Leitungsteam, dem Dirigenten Gabriel Feltz und dem Regisseur Kornél Mundruczó, vorschwebt. Und wie sie vor allem der Komponist Christian Jost mit vielschichtigen Harmonien und suggestiver Rhythmik seiner Musik eingeschrieben hat. Für ihn, sagt er, sei Musikmachen ein humanistischer Akt, ein Abbilden der conditio humana – dieses Flüchtlingsdrama entspricht diesem Anspruch mit aller Wucht.
Sinfonisches Musiktheater
Wie ist Jost auf diesen Stoff gestossen, der – obwohl dreißig Jahre «alt» – nichts an Aktualität verloren, sondern im Gegenteil an Virulenz gewonnen hat? Auch wenn man sich damals, als Aviel Cahn, der Direktor der Genfer Oper, das Sujet vorschlug, das gegenwärtige Ausmaß kaum habe vorstellen können und er den Film noch nicht kannte, habe ihn das Thema sofort angesprochen. Gleichzeitig aber sei er auch davor zurückgeschreckt, da er den Naturalismus auf der Opernbühne scheue. Vielmehr schätze er die Gattung Oper als Raum der Imagination, der Fantasie, der Abstraktion. Ihn fasziniere der schmale Grat zwischen Realität und Surrealismus, jene Stelle, wo das Eine ins Andere kippen kann, so auch in dieser, seiner zehnten Oper. Darum habe er versucht, der hochemotionalen und sehr realen Geschichte eine strukturelle Ebene entgegenzusetzen. Er fand diese in einer dezidiert sinfonischen Konzeption: «Im Grunde genommen ist das Ganze eine 90-minütige Sinfonie mit Gesang, Aktion und Bildern.» Dazu wurde das Werk in klassischer Manier in drei Akte unterteilt, von denen jeder eine nahezu konzertante Behandlung erfuhr: Der Aufbruch in Anatolien ist gewissermaßen ein Violinkonzert. Zur inhaltlich sehr bewegten Reise wird der Fokus aufs Schlagwerk gelegt, gespielt von vier Perkussionisten. Im dritten Akt, der Alpenüberquerung, spielen zwei Trompeten eine zentrale Rolle. Dagegen verzichtet Jost auf türkisches Kolorit im Instrumentarium – etwa mit dem oboenähnlichen Mey oder der lautenartigen Oud. Sein Vorsatz war vielmehr, Handlung, Atmosphäre und Gefühle in den sinfonischen Fluss einzubinden; selbst Zugfahrten, Schiffsirenen, Sturmgebraus, Hundegebell finden ihren Niederschlag im Notentext, allerdings ohne naturalistisch-plakative Imitation.
Der Komponist hat in einem gut anderthalbjährigen Schaffensprozess ein genuin selbständiges, neues Werk ohne konkreten Bezug zum Film, geschaffen, wogegen das Libretto eine ziemlich exakte Adaption des Filmscripts ist. Es habe sogar eine dem Titel analoge «Reise» hinter sich: Ausgangspunkt war das türkisch-deutsche Drehbuch, das von Káta Weber, Mundruczós Frau, ins Ungarische übertragen wurde. Für die Komposition wurde dieses ins Deutsche und jetzt, eigens für die Genfer Uraufführung – übrigens in Koproduktion mit dem Staatstheater Karlsruhe – anschließend ins Französische übertragen.
Geplant war ursprünglich, den Knaben Ali mit einer Sopranistin zu besetzen. Da in Genf jedoch gleich drei fantastische Jungs zur Auswahl stehen, soll das für künftige Produktionen des Werks auch so bleiben.
Christian Jost hat im Gespräch wiederholt auf den sinfonischen Charakter der Komposition hingewiesen. Warum hat er sich denn überhaupt auf die Gattung Oper eingelassen, wo – leider oft bis zum Exzess – das Szenische, die Regie so viel Einfluss haben? Er schmunzelt und nickt vielsagend: «Weil ich die Oper trotz allem für eine der wunderbarsten künstlerischen Errungenschaften der Menschheit halte. Dazu etwas beizutragen, ist doch eine großartige Chance!»
Probebilder und Szenenfotos: Gregory Batardon (© GTG)
16.03.2023
Uraufführung: 28. März 2023
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