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Wissen
History Points auf dem Areal
Text: Dr. Michael van Orsouw
Früher war der Auftakt zum LG-Areal eindeutig: Rechts war das Pförtnerhaus, links davon die Dammstrasse und das wuchtige Verwaltungsgebäude der Landis & Gyr. Es bildete sowohl einen selbstbewussten Auftritt als auch einen Riegel zwischen der in sich geschlossenen Fabrik und der südlich gelegenen Stadt Zug.
Zug im Zweiten Weltkrieg. Die Menschen fürchten sich vor einem Kriegseintritt der Schweiz und haben kaum genug zu Essen. Aufgrund der Rationierung können sie nur eine begrenzte Anzahl Lebensmittel kaufen. Die Männer leisten Aktivdienst an der Grenze, die Frauen sind vermehrt in die Arbeitsprozesse eingebunden. Trotz dieser Umstände mit Kriegsangst und Versorgungsknappheit glaubt der grösste Betrieb der Region an die Zukunft und investiert massiv – in sein Fabrikareal direkt neben dem Bahnhof Zug. Es ist in den Kriegsjahren 1942 und 1943, als sich die Landis & Gyr eine neue Liegenschaft leistet – den sogenannten Hochbau, der nicht weniger als sieben Stockwerke aufweist. Die südliche, flächige Hauptfront ist zur Gubelstrasse ausgerichtet und damit in Richtung See und Stadtzentrum.
Die Architektur ist der Entstehungszeit entsprechend zurückhaltend ausgeprägt: Einzig die 319 Fenster strukturieren die Südfassade, die von einem flachen Walmdach bekrönt wird. Immerhin sind die Süd- und die Ostfassade mit Kunststein verkleidet, während im Westen und Norden eine rohe, gestrichene Gebäudeschalung genügen muss. Dass die Fensterleibungen tief in die Fassade hineinreichen, verleiht dem Gebäude einen «massigen, schweren Charakter», wie Maximilian Vollmann in der Schweizer Architekturbibliothek schreibt. Einen optischen Akzent setzt rechts oben die Werkuhr, die aus dem fabrikeigenen Tochterbetrieb Inducta stammt und für Pünktlichkeit und Genauigkeit der Produkte und des Fabrikalltags steht. Der repräsentative Charakter erhält der Hochbau nicht durch die karge und fast etwas monotone Fassadengestaltung, sondern durch die Grösse und Dominanz des Baukörpers.
Doch wie so oft ist auch dieses Gebäude nicht nur ein Gebäude. In diesem Fall ist es der Ausdruck des gewachsenen Selbstbewusstseins der Firma. Die Landis & Gyr ist die grösste Arbeitgeberin der Stadt Zug, mehr noch, des Kantons Zug. Das manifestiert sich nun auch in der Architektur: Waren die Produktionshallen auf dem Fabrikareal zuvor zweckorientiert gestaltet, so erhebt sich nun das Verwaltungsgebäude wuchtig in die Höhe.
Die Liegenschaft ist zwar kriegsbedingt nicht gerade ein Palast des weltweit agierenden Elektrizitätszählerkonzerns, aber immerhin ein steingewordenes Manifest der Wirtschaftskraft, das sich visuell und städtebaulich bemerkbar macht. Zudem verleiht der langgezogene Bau dem Fabrikgelände eine neue Ausrichtung: Zuerst waren die Fabrikationshallen der Dammstrasse entlang von Süden nach Norden ausgerichtet, mit einer Schaufassade nach Osten, hin zu den Geleisen. Jetzt aber orientiert sich die Fabrik durch den neuen Repräsentativbau von Osten nach Westen, der Achse Gubelstrasse entlang.
Hey Leute, hier fängt die verbotene Stadt an, unsere Fabrik, die für Arbeit und Wohlstand in der Region sorgt!
Mit dieser Riegelfunktion gegen die im Süden liegende Stadt wird aus der Fabrik mit Nebenbauten nun ein klar definiertes und umrissenes Fabrikareal – das LG-Areal nimmt 1943 mit dem neuen Gebäude seinen Anfang. Der Hochbau scheint zu sagen: «Hey Leute, hier fängt die verbotene Stadt an, unsere Fabrik, die für Arbeit und Wohlstand in der Region sorgt!»
Bemerkenswert ist überdies der Vorraum zwischen dem neuen Hochbau und der Gubelstrasse. Die grosszügig bemessene Fläche dient – trotz hochindustrialisiertem Betrieb – noch immer der Bauernschaft, die hier Heu erntet. Es ist schliesslich Krieg, und die sogenannte Anbauschlacht mit landwirtschaftlicher Aufrüstung hinterlässt auch hier ihre Spuren. So treffen mitten in der Stadt Zug und gleich beim Bahnhof weltweit orientierte Elektrizitätswirtschaft und lokale Graswirtschaft aufeinander. Deutlicher kann die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen kaum dargestellt werden.
Möglich geworden war der Bau des neuen Verwaltungsgebäudes durch einen strategischen Entscheid von Firmenleiter Karl H. Gyr. Ende 1941 hatte er entschieden, die Anteile an der Firma Licht AG zu verkaufen – der Erlös betrug immerhin 2,3 Millionen Franken. Gyr wollte damit Forschung und Entwicklung, die Labors und die ganze Verwaltung in einem grossen Neubau zentralisieren und investierte damit in die Produktions- und Effizienzsteigerung. Er beauftragt mit dieser Bauaufgabe keine externen Architekten – die während des Kriegs gewiss froh um einen lukrativen Auftrag gewesen wären –, sondern das fabrikeigene Baubüro. Im April 1942 fangen die Bauarbeiten an, im Juli 1943 kann das neue Gebäude bezogen werden. Der Umzug erfolgt in nur gerade sechs Tagen. Der umzugsbedingte Arbeitsunterbruch darf für die einzelne Büroangestellten maximal eine Stunde betragen – damals gab es eben noch keine verkabelte IT zu zügeln!
Trotz des grossen Volumens des Hochbaus platzt das Verwaltungsgebäude ein gutes Jahrzehnt nach dem Bezug bereits wieder aus allen Nähten. Deshalb kommt es 1954 zu einer Erweiterung nach Westen um 12 Fensterachsen. Nun stehen insgesamt 12’000 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung. Wer genau hinsieht, erkennt den jüngeren Gebäudeteil am etwas helleren Verputz.
Ansonsten hat das LG-Baubüro beim Anbau die architektonische Gestaltung von 1942/43 genau übernommen. Aber durch die Erweiterung ist aus dem zweiteiligen Hochbau ein dreiteiliger Längsbau geworden, der viele Jahrzehnte das Aussehen des LG-Areals geprägt hat.