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© Marcel Burkhardt
Warum singen Vögel, und wer singt?
Ein Rohrammermännchen sitzt zuoberst in einem erst locker belaubten Gebüsch, von weit her sichtbar und auch weithin hörbar. Für einen vorbeifliegenden Sperber ist es eine leichte Beute. Es muss also einen Grund dafür geben, dass sich das Vogelmännchen so gefährdet und so viel Zeit und Energie in den Gesang investiert.
Revierverteidigung und Werbung
Das singende Männchen markiert sein Revier. Der Gesang heisst: «Hier bin ich, das Gebiet gehört mir, und wehe jedem anderen Rohrammermännchen, das hier eindringen sollte: Ich werde es angreifen und verjagen.»
Bei vielen Vogelarten signalisiert das Männchen mit seinem Gesang aber auch, dass es noch unverpaart ist. Es lockt damit ein Weibchen an. Besonders ausgeprägt ist diese Werbewirkung etwa beim Trauerschnäpper. Sobald ein Männchen ein Weibchen gefunden hat, singt es nicht mehr.
Bei der Nachtigall verteilen sich diese beiden Funktionen des Gesangs auf zwei Zeiten, wie Valentin Amrhein von der Universität Basel in der Petite Camargue Alsacienne zeigen konnte: Der typische Nachtgesang ist ein Werbegesang und richtet sich also an die Weibchen. Diese kommen etwas später aus ihren Winterquartieren zurück als die Männchen und streifen nachts durch die Reviere. Sobald sich ein Nachtigallenweibchen mit einem Männchen verpaart hat, hört dieses auf, nachts zu singen. Der Gesang in der Morgendämmerung und am frühen Vormittag bleibt aber erhalten. Er dient der Revierverteidigung; er ist ein aggressives Signal an die benachbarten Männchen.
Neben den Hauptfunktionen Revierverteidigung und Werbung hat der Gesang bei vielen Vögeln wohl noch andere Aufgaben. Vermutlich festigt der Gesang bei einigen Arten den Paarzusammenhalt und synchronisiert das Verhalten des Paares.
Weibchengesang
Wer singt eigentlich? Die Antwort ergibt sich aus den wichtigsten Funktionen des Gesangs: Normalerweise singen die Männchen. Mit ihrem Gesang markieren sie ihr Revier, und sie locken damit ein Weibchen an.
Die Syrinx der Weibchen ist aber nicht anders gebaut als jene der Männchen, und Weibchengesang scheint verbreiteter zu sein, als oft angenommen wird. Bei europäischen Singvögeln singen die Weibchen von 101 Arten regelmäs sig, 124 weitere Arten sind noch zu wenig erforscht, und nur bei 8 Arten singen die Weibchen offenbar gar nicht.
Vermutlich war Weibchengesang bei den Ahnen der modernen Singvögel normal. Die Weibchen australischer Vögel, von denen die Singvögel abstammen, singen jedenfalls häufig. Auch die Weibchen einiger nordamerikanischer Singvögel singen regelmässig, und bei vielen tropischen Arten sind komplizierte Duett-Gesänge verbreitet.
Unter den einheimischen Vogelarten findet sich Weibchengesang ganz besonders ausgeprägt beim Rotkehlchen. Bei dieser Art singen die Weibchen fast ebenso gut wie die Männchen, und auch sie verteidigen Reviere – ausser zur Brutzeit, wo sie ihr Revier für kurze Zeit mit jenem eines Männchens zusammenlegen.