Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03286.jsonl.gz/896

Im ersten Teil dieses Artikels ging es um die bekannte Physikerin Viola Priesemann. Sie beriet die deutsche Regierung in der Pandemie und kam in vielen Medien zu Wort. Mit ihren Modellrechnungen wollte die Physikerin bestätigen, dass die von der Regierung beschlossenen Massnahmen wirksam seien. Doch etliche Wissenschaftler übten starke Kritik an ihrem Modell. Sie konnten Priesemanns Berechnungen nicht nachvollziehen. Das führt zur Frage, ob die Massnahmen der deutschen Regierung wie Schulschliessungen und weitgehende Kontaktbeschränkungen nötig waren. Der Mathematiker Matthias Kreck entwickelte ein anderes Modell. Es zeigt, dass sich mit einer einfacheren Massnahme – die Verkürzung der Zeitspanne vom Symptombeginn bis zum Beginn der Quarantäne – «sehr, sehr viele Tote» hätten verhindern lassen.
_____________________
Priesemann und ihr Team hatten auf erste Kritik – und aus ihrer Sicht «Missverständnisse» – von verschiedenen Seiten reagiert, indem sie am 22. Juni 2020 ihren «Science»-Artikel mit «technical notes» ergänzten, die sie «kontinuierlich aktualisierten». Es handelte sich dabei um einen nicht begutachteten «Pre-Print».
In ausführlichen Repliken ging Priesemann ausserdem in der Online-Leserbriefspalte von «Science» auf Kritikpunkte ein. Mit zunehmendem Wissen und mehr Daten würde ihr Team das Modell weiter verfeinern, schrieb sie dort. Anfangs hätten nur die Fallzahlen zur Verfügung gestanden und nicht die, wie sie anerkannte, besseren Daten zum Infektionsbeginn. Stützte sie ihre Berechnungen anstatt auf das Meldedatum der Infektion (wie im «Science»-Artikel) auf den Symptombeginn, wie dies etwa der Münchner Statistik-Professor Helmut Küchenhoff vorschlug, sah ihre Kurve ganz anders aus – und stellte die Notwendigkeit des Lockdowns in Frage.
Zu Beginn eines Krankheitsausbruchs, wenn nur spärlich Daten vorhanden seien, bestehe jedoch «ein Bedarf an robusten, einfachen Modellen, um die Entscheidungsträger so schnell wie möglich zu informieren», argumentierte Priesemann. An der Aussage, dass die Massnahmen der deutschen Regierung wirksam waren, hielt die Physikerin fest: «Es erscheint am plausibelsten, dass alle Interventionen zusammen mit der gleichzeitigen Verhaltensänderung die effektive Wachstumsrate reduzierten und dass diese nahe dem Zeitpunkt der dritten Intervention deutlich unter Null fiel.» Auch das SIR-Modell beziehungsweise das davon abgeleitete SEIR-Modell diente ihr weiterhin als Grundlage.
«Der Effekt war dramatisch»
Angesichts der «fundamentalen Kritik» an Priesemanns Modell entwickelten die Mathematiker Matthias Kreck und Erhard Scholz selbst ein Rechenmodell, um den Verlauf der Infektionswellen vorherzusagen. Sie verglichen ihre Vorhersagen mit dem späteren, tatsächlichen Verlauf. «Das passte. Wir hatten deshalb grosses Vertrauen in unser Modell», sagt Kreck. Im Modell dieser beiden Professoren spielt ein Faktor eine grosse Rolle: die Zeit zwischen dem Symptombeginn und dem Beginn der Quarantäne. «Bei Priesemann tauchte dieser Faktor gar nicht auf», sagt Kreck.
Kreck und sein Berufskollege testeten auch, was passiert, wenn sich diese Zeitspanne bis zum Beginn der Quarantäne von damals durchschnittlich fünf Tagen auf vier Tage verkürzen liesse. Fachleute hatten Kreck gegenüber durchblicken lassen, dass dies machbar wäre. «Der Effekt war dramatisch», sagt Kreck. «Diese Massnahme hätte uns sehr, sehr viele Tote ersparen können.»
Als er das erkannte, schrieb Kreck laut eigenen Aussagen an die damalige deutsche Bundeskanzlerin, an alle Ministerpräsidenten, an alle grossen Wissenschaftsredaktionen. Er brachte den Vorschlag auch – stets mit der Bitte um genaue Prüfung – in eine hochkarätige «No-Covid-Wissenschaftlergruppe» ein, die mit der deutschen Regierung im Kontakt stand und in deren Auftrag nach neuen Strategien suchte, um durch die Pandemie zu kommen.
«Textbuchwissen», urteilte Priesemann
Doch die anfängliche Begeisterung in der «No Covid»-Gruppe über seinen Ansatz sei plötzlichem Schweigen und Ausweichen gewichen. Gerüchteweise habe er vernommen, dass «im Hintergrund gegen mich gestänkert wurde. Unser Modell wurde angeblich als unseriös bezeichnet. Das zu hören, war wie mit einem kalten Waschlappen ins Gesicht geschlagen zu werden.» Infosperber bat zwei Mitglieder dieser «No-Covid»-Gruppe um Auskunft – vergeblich.
Der Berner Epidemiologe Christian Althaus sagte im Juni 2021 gegenüber der «Berliner Zeitung», er glaube nicht, dass Krecks Arbeit einen wirklichen Erkenntnisgewinn für die Pandemiebekämpfung enthalte. Es sei zudem merkwürdig, dass Kreck die bisherige Literatur zur Wirksamkeit von Isolations- und Quarantäne-Strategien fast komplett ignoriere.
Ähnlich argumentierte auch Viola Priesemann gegenüber Kreck. «Die SIR-Modelle werden von sehr vielen Wissenschaftlern erfolgreich genutzt. Liegen die alle falsch? Dass Quarantäne wirksamer ist, wenn sie früher anfängt, das ist schon lange bekannt. Das ist Textbuchwissen», mailte sie ihm.
Ein weltweit anerkannter Experte lobte die Arbeit von Kreck und Scholz
Ganz anders tönte es vom Mathematiker Odo Diekmann, den die «Berliner Zeitung» so einführte: «Wenn es um die Theorie hinter epidemiologischen Modellierungen geht, gehört er zu den anerkanntesten Experten weltweit. Er hat bedeutende theoretische Arbeiten und Lehrbücher zum Thema geschrieben, an seinem Institut an der Universität Utrecht wurden einige der Forscher ausgebildet, die in der Schweiz und Grossbritannien den epidemiologischen Diskurs prägen.» Und weiter: «Diekmann hat die Arbeiten von Kreck und Scholz gelesen, er dankt ihnen und zitiert sie in seinem jüngsten eigenen Paper. Man müsse ihr Modell sehr ernst nehmen, sagt er, denn es mache etwas […] das in der epidemiologischen Literatur bisher nie formuliert worden sei.»
Anfang April 2021 veröffentlichten Kreck und Scholz ihr Modell als Pre-Print, im Februar 2022, nachdem es neun Monate lang im Begutachtungsprozess geprüft wurde, folgte die Publikation im «Bulletin of Mathematical Biology». «Wenn sich herausstellen sollte, dass wir ein unpassendes Modell verwenden, würde ich das sofort bekannt machen und die Arbeit zurückziehen», sagt Kreck.
«Man hätte die massive Kritik ernster nehmen müssen und spätestens nach der Pandemie im Detail aufarbeiten können und müssen. Dass das nicht geschehen ist, ist ein Skandal.»Mathematik-Professor Matthias Kreck,
Dasselbe erwartet er auch von Priesemann, die sich von der «Bild»-Zeitung den Vorwurf gefallen lassen musste, eine «Lockdown-Macherin» zu sein und für «Knallhart-Massnahmen» zu plädieren. «Ein dramatischer Angriff auf die deutsche Exzellenz-Wissenschaft», verurteilte nachher der «Focus» diese Wertung der «Bild»-Zeitung. Für ihre Corona-Forschung gewann Priesemann mehrere mehrere Preise. Seit Oktober 2022 ist die Physikerin Professorin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen.
«Frau Priesemann und ihre Gruppe haben ein grosses Engagement gezeigt, und sie war sicher davon überzeugt, einen wichtigen Beitrag zu leisten. Dass man sich in einer solch extremen Situation vergaloppieren kann, ist ihr nicht vorzuwerfen», sagt Kreck. «Aber man hätte die massive Kritik ernster nehmen müssen und spätestens nach der Pandemie im Detail aufarbeiten können und müssen. Dass das nicht geschehen ist, ist ein Skandal. Denn so besteht die Gefahr, dass eine möglicherweise falsche Modellierung bei einer zukünftigen Pandemie wieder zum Tragen kommt.»
Viola Priesemann hüllt sich in Schweigen
Infosperber bat Professorin Viola Priesemann erstmals im Juli 2023 um eine Stellungnahme. Priesemann stand damals unmittelbar vor einer zweimonatigen Auszeit, schickte kurze Antworten in einer verschlüsselten E-Mail und stellte ein Gespräch nach ihrer Rückkehr in Aussicht.
Erneute Nachfragen sowohl bei ihr als auch bei der Pressestelle ihres Arbeitgebers, dem Max-Planck-Institut (MPI) für Dynamik und Selbstorganisation, im November 2023 blieben jedoch erfolglos. Anstelle von Antworten Priesemanns daher hier die Antwort eines Mediensprechers des MPI vom Juli 2023:
«Frau Priesemann beschäftigt sich schon seit mehr als einem Jahrzehnt mit Modellierungen von komplexen Netzwerken und Phänomenen, worunter exemplarisch auch die Corona-Pandemie fällt. Nähere Informationen dazu finden Sie auf der Website ihres Labors: https://www.viola-priesemann.de/
Im Zeitraum von Mitte 2020 bis Ende 2022 hat Frau Priesemann sehr viele Anfragen bekommen; nicht nur aus der Presse, sondern auch von Kolleg*innen aus der Wissenschaft, Einzelpersonen und anderen Medienvertretern. Viele dieser Anfragen habe ich selbst begleitet, auch einige wissenschaftliche Diskussionen. Frau Priesemann hat dabei wann immer es zeitlich möglich war und weit über ein übliches Arbeitspensum hinaus auf die Anfragen reagiert und war stets um eine sachliche und wissenschaftliche Diskussion bemüht, oft im Austausch über viele Mails hinweg. Den Vorwurf, man könne mit ihr nicht in eine wissenschaftliche Diskussion kommen, kann ich daher in keiner Weise nachvollziehen, ich habe das Gegenteil beobachtet (auch von meinem Standpunkt als selbst ausgebildeter Naturwissenschaftler aus). Zu den weiteren Punkten kann ich leider nichts sagen, da sie fachlicher oder persönlicher Natur sind.»
Auf die konkrete Kritik an Priesemanns Modell ging die Pressestelle nicht ein.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.