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Konsum statt Liebe
Warum schenken wir uns eigentlich Blumen zum Valentinstag? Irgendwie haben es Floristen geschafft, ein abseitiges, etruskisch-römisches Fruchtbarkeitsritual in einen Blumenkauftag umzudeuten. Überhaupt arten Feiertage bei uns zu reinen Konsumorgien aus. Doch es gibt einen Gegentrend: Minimalismus. Besitz nur das Nötigste – der Rest muss weg. Hohepriesterin des Aufräumens ist die Japanerin Marie Kondō: Ausgerechnet in den USA, dem Konsumland par excellence, feiert sie die grössten Erfolge. Vielleicht ist das der Anfang einer neuen Zeit?
Diese Woche war, man konnte es in vielen Läden unschwer erkennen, wieder einmal Valentinstag. Viele Leute halten den Valentinstag für die Erfindung von geschäftstüchtigen Floristen. Das ist falsch. Anlass zur Feier der Verliebten am 14. Februar ist ein Vorfall, der sich bereits im Jahr 269 abgespielt haben soll: Valentin war der Überlieferung nach ein armer Priester, der Menschen, die bei ihm Hilfe oder Trost suchten, Blumen aus seinem Garten schenkte. Obwohl Kaiser Claudius der II. das ausdrücklich verboten hatte, verheiratete er Liebespaare nach christlichem Zeremoniell. Valentin wurde deshalb am 14. Februar 269 enthauptet.[1]
Ob es sich so zugetragen hat? Se non è vero è ben trovato… Sicher ist, dass der Valentinstag, wie andere Feiertage auch, römische Vorgänger hat: An den Iden des Februar feierten die Römer ein reichlich seltsames Fest – die Lupercalia. Vermutlich geht der Name des Fests auf das lateinische Wort lupus (Wolf) zurück: Gemeint ist die legendäre Wölfin, die Roms Stammväter Romulus und Remus aufgezogen hatte. An den Lupercalia Mitte Februar wurden Geschlechtsreiferituale zur ersten Menstruation von Mädchen abgehalten.[2]
Nackte, eingeölte Männer
Die Lupercalia waren ein seltsames Fest. Der römische Schriftsteller Plutarch erzählt, dass sich edle Jugendliche nackt ausgezogen und eingeölt hätten und so durch die Strassen Roms gelaufen seien.[3] Mit rituellen Peitschen hätten sie dabei jene geschlagen, denen sie begegnet seien. Menschen wie Marcus Antonius zogen sich also nackt aus, ölten sich ein und rannten durch die Strassen rund um den Palatin. Mit ihren rituellen Peitschen zielten sie insbesondere auf Frauen. Die taten so , als würden sie davonlaufen, versuchten heimlich aber, getroffen zu werden, weil ein Schlag mit der Peitsche Fruchtbarkeit versprach. Das rituellen Peitschen war Teil eines Reinigungsrituals. «reinigen» heisst auf Lateinisch februare, das zugehörige Ritual hiess Februa. Der Name des Monats Februar kommt also von einem abseitigen, römischen Fruchtbarkeits- und Reinigungsritual.[4]
Schon die römischen Lupercalia waren aber vermutlich Umdeutungen noch viel älterer Fruchtbarkeitsrituale. Die Römer wussten nämlich selbst nicht mehr recht, warum Lupercalia gefeiert wurden. Sie erzählten sich (definitiv nicht jugendfreie) Geschichten von Faunus. Darüber hinaus spielte Juno eine Rolle, die Göttin der Geburt, die schon von den Etruskern unter dem Namen Uni verehrt worden war. Ihr wurden am 14. Februar Blumenopfer gebracht, weil zu diesem Zeitpunkt die Paarungszeit der Vögel beginnt.
Grusskartenproduzenten und Floristen
Das römische Ritual drehte sich also ganz um Fruchtbarkeit und Sexualität. Das ging den frühen Christen gegen den Strich, deshalb deuteten sie das Fest um zum Fest der Verliebten und brachten Bischof Valentin ins Spiel. Das beflügelte über die Jahrunderte vor allem Poeten. Im 19. Jahrhundert sahen vor allem in England die ersten professionellen Grusskartenproduzenten darin eine Geschäftsmöglichkeit und kurbelten die Kartenproduktion mächtig an. Schon 1868 produzierte der britische Schokoladenhersteller Cadbury Pralinenschachteln in Herzform für den Valentinstag.
Mit den Auswanderern gelangte der Valentinstag zu dieser Zeit auch in die Neue Welt. In den USA sahen Blumenproduzenten und die Hersteller von Süssigkeiten darin vor allem eine Geschäftsmöglichkeit: Der Valentinstag wurde zum Geschenktag umgedeutet, an dem sich Verliebte mit speziellen Grüssen und Geschenken ihre Liebe bekunden. Vor allem die Floristen sahen darin eine Möglichkeit, früh im Jahr den Blumenhandel anzukurbeln. Diese Art des Valentinstag-Feiern wurde von den US-Soldaten mit dem Zweiten Weltkrieg nach Europa re-importiert.[5]
Sinnentleerte Konsumorgien
Auf diese Weise verwandelte sich das Fruchtbarkeitsfest der Römer auf dem Umweg über die USA ein Konsumfest für Blumen und Pralinen. Dem Valentinstag ging es damit ganz ähnlich wie etwa Santa Claus, der zwar auf Nikolaus von Myra aus dem 4. Jahrhundert zurück geht, dessen Erscheinung aber wesentlich einer Werbefigur von Coca Cola aus den 30er Jahren (in den Coca-Cola Farben rot und weiss) geprägt ist. Auch den Santa Claus/Weihnachtsmann haben die Europäer aus den USA als sinnentleerte Konsumfigur re-importiert.
Konsum ist der rote Faden, der sich heute durch alle Riten und Feste zieht: Vom Dreikönigstag (Königskuchen) über die Fasnacht (Fastenwähe und Fasnachtskiechli) und Ostern (Hasen! Schokolade! Eier!) bis zum Generalkonsumfest Weihnachten. Viele Menschen haben keine Ahnung, warum die Feiertage gefeiert werden, sie freuen sich aber sowieso über Hasen und Eier oder über Geschenke. Und weil der Detailhandel die Kaufzeit jeweils möglichst früh ansetzt, gibt es die ersten Fasnachtskiechli schon vor Neujahr und Osterhasen bereits kurz nach dem Dreikönigstag. Kurz: Die Festtage sind zu Konsumtagen geworden.
Mit 64 Gegenständen durchs Leben
Halt, sagen Sie jetzt vielleicht, es gibt einen Gegentrend zum Konsum. Er heisst Minimalismus. Es ist der Versuch, mit möglichst wenig Gegenständen auszukommen. Cédric Waldburger zum Beispiel ist bekennender Minimalist. Er versucht, sich ganz auf das Wesentliche zu konzentrieren und mit 64 Gegenständen durch Leben zu kommen.[6] Das ist extrem wenig: Ein durchschnittlicher, europäischer Haushalt besitzt heute 10’000 Objekte. In der Schweiz dürften es mehr sein – in den USA sind es sogar drei Mal so viel.[7] Das ist eine relativ junge Entwicklung. Noch vor hundert Jahren besass eine durchschnittliche Familie erst etwa 180 Gegenstände in ihrem Haushalt.[8]
Das Erstaunliche daran: Obwohl wir heute über 50 Mal mehr Gegenstände besitzen als vor 100 Jahren, sind wir nicht viel glücklicher oder zufriedener. Vielleicht sogar im Gegenteil: Immer mehr Menschen empfinden Besitz als Belastung und versuchen die Gegenstände loszuwerden, die ihnen auf der Seele liegen. Hilfe erhalten sie dabei aus Japan: Die Hohepriesterin des Aufräumens heisst Marie Kondō. Sie hat geschafft, was bisher vor allem den Grossfirmen im Silicon Valley vorbehalten war: So wie Google das Verb googeln geprägt hat, gibt es im Englischen das Verb to kondo – es heisst: den Kleiderschrank ausmisten.[9]
Wieviel Gegenstände brauchen Sie?
Kondō ist in Tokio aufgewachsen, lebt heute aber in Los Angeles. Sie hat sich schon als Kind fürs Aufräumen interessiert. Sie war fünf Jahre lang eine Miko, eine Art Assistenz-Schamanin bei einem Shinto-Schrein. 2011 hat sie ihre Aufräummethode in einem Buch vorgestellt. 2013 ist das Buch auf deutsch erschienen. Titel: Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert. Ihre Aufräummethode nennt sie «KonMari». Das Prinzip ist einfach: Man stapelt alle Gegenstände einer Kategorie auf einen Haufen, nimmt jeden Gegenstand in die Hand und verstaut dann nur jene wieder, die einen glücklich machen. Was man behält, dem weist man einen festen Platz zu. Was man wegwirft, von dem verabschiedet man sich und man bedankt sich für die Dienste, die der Gegenstand einem geleistet hat. Das Prinzip dahinter entstammt dem Shintoismus: Es gilt, die Objekte, die man besitzt, zu wertschätzen.
Mittlerweile hat Marie Kondō eine eigene Aufräum-Serie auf Netflix: In jeder Folge räumt sie den Haushalt einer amerikanischen Familie auf. Es sind absurde Bilder: Die kleine, zierliche Japanerin lehrt mit unerbittlichem Lächeln übergewichtige Amerikaner, ihre vollgestopften Häuser auszumisten. Marie Kondō lehrt die Bürger im Land des Kapitalismus, dass Konsum nicht glücklich macht. Mit der Serie ist es wie mit einem Diätratgeber: Vielen Menschen lindert schon das Ansehen der Folgen das schlechte Gewissen. Damit führt sich Marie Kondō selbst ad absurdum. Ihre Serie wird auf Netflix fleissig konsumiert. Die Auflage ihrer Bücher geht mittlerweile in die Millionen. Wenigstens die Verkaufszahlen zeugen von der Sehnsucht der Menschen nach Ordnung. Und Sehnsucht, das haben wir vom Valentinstag gelernt, drücken Menschen durch Konsum aus.
Aber vielleicht ist Marie Kondō ja tatsächlich Vorbotin einer neuen Ära, in der weniger mehr ist und der einzelne Gegenstand geschätzt wird. Es wäre der richtige Moment für den Anbruch einer neuen Zeit. Wir Schweizer sind zwar Weltmeister im Recycling – aber auch im Fortwerfen. Wir produzieren über 700 Kilogramm Abfall pro Person und Jahr.[10] Würden alle Menschen so viel konsumieren wie wir Schweizer, wären die Ressourcen von fünf Erden nicht genug. Kein Zweifel: Etwas Marie Kondō täte uns allen gut.
Basel, 15. Februar 2019, Matthias Zehnder <email-pii>
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Quellen
[1] Vgl. Ökumenisches Heiligenlexikon: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienV/Valentin_von_Rom.html
[3] Vgl. Plutarch: Life of Cesar, https://www.livius.org/sources/content/plutarch/plutarchs-caesar/the-lupercalia-incident/
[8] Vgl. «Rhein-Neckar-Zeitung» https://www.rnz.de/panorama/magazin_artikel,-Magazin-Wie-viel-ist-genug-_arid,20959.html
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