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Kleine Premiere auf filmmusicjournal.ch, L’Etat Sauvage und Le Grand Frèresind die ersten Musiken von Pierre Jansen, die bei uns rezensiert werden und gleichzeitig auch meine ersten „Jansens“, die mir abseits von Filmen begegnen. Und eine feine Begegnung ist es, beide Musiken betreffend, erst noch, die eigentlich Lust auf mehr machen würde, alleine es ist nicht so einfach an Musiken von Jansen auf CD heranzukommen, viele davon, etwa die des Labels Milan, sind vergriffen und man muss sich auf ebay etc. auf die Suche machen.!
Pierre Jansen, der mit Claude Chabrol an über 30 Werken arbeitete, ist im französischen Roubaix 1930 geboren und studierte schliesslich in Brüssel am Conservatoire royale Kompositions- und Orchesterlehre und in Darmstadt kontemporäre Musik. Nach einigen klassischen Werken lernte Jansen schliesslich Claude Chabrol kennen und komponierte 1960 für dessen Les bonnes femmes seine erste Filmmusik. Bis Mitte der 90er Jahre entstanden rund 70 Musiken für Filme, TV-Filme und TV-Episoden, danach zog sich Jansen aus dem Filmgeschäft zurück..
Beide hier vorgestellten Musiken waren bisher nur auf LP erhältlich und erfahren von Music Box Records ihre CD-Erstaufführung, wobei L’Etat Sauvage das gleiche Programm wie die Pema Music LP bietet, während Le Grand Frère nun 13 Tracks und knapp 39 Minuten Musik bietet (gegenüber den 35 Minuten und 11 Tracks auf Vinyl). Beide Filme wurden von Regisseur Francis Girod inszeniert, enstanden 1978 respektive 1982.
L’Etat Sauvage erzählt von der Zeit nach dem Ablösungsprozess eines imaginären Staates in Afrika. Es spielen Michel Piccoli, Claude Brasseur und Marie-Christine Barrault. Jansen vermeidet fast gänzlich jeglichen musikalischen Bezug zu Afrika, wohltuenderweise tritt er nicht in die Klischeefalle. Im Gegenteil. L’Etat Sauvage, die Tracks sind zu zwei grösseren Suiten à 16:41 und 12:53 Min. zusammen gefasst (von Jansen selber in dieser Form arrangiert), beginnt furios mit modernen und dissonanten Klängen (wahrscheinlich handelt es sich hierbei um die Titelmusik). Etwa um die 4 Minuten Marke erst findet Jansen zu ruhigeren Klängen mit der Solovioline und einem feinen, man könnte annehmen, Liebesthema. Ebenfalls sind Momente zu hören, die scheinbar (ich muss gestehen, dass ich den Film nicht kenne) einen Marsch durch ödes Land symbolisieren (so zum Beispiel bei ca. 12 Min./Suite I, auch in Suite II sind die ostinati zu hören, die an Trockenheit, Dürre, lange Märsche oder Fahrten dürch ausgedörrtes Land erinnern). Kurz danach wird es deutlich temporeicher und dramatischer (ca. 14. Min./Suite I) mit zünftigen perkussiven Einwürfen und Blecheinsätzen.
L’Etat Sauvage ist eine toller, äusserst modernistischer Score, in dem sich Jansen nicht scheut sein in Deutschland erlerntes Handwerk bezüglich kontemporärer Musik einzuzsetzen.
Der Klang bei L’Etat Sauvage ist erstaunlich trocken und direkt und lässt dabei das Orchester eher mittelgross besetzt erscheinen, im Booklet ist allerdings zu lesen, dass dieser Klang Jansens bevorzugte Methode ist. Die Aufnahmen fanden in Rom statt und wurden von der Entführung Aldo Moros jäh unterbrochen. Um den befürchteten Streiks aus dem Weg zu gehen, beschloss man die Aufnahmen und flog noch am gleichen Tag nach ab.
Auch in Le grand frère sind die oben angesprochenen modernen Einflüsse zu hören, sei es in „Le grand frère (Générique)“ oder in Tracks wie „L’oncle Bernard“. Wunderbar ist das Trompetensolo im eröffnenden Track, das bleierne Schwere, Einsamkeit und Dramatik vermittelt. Nebst dieser bedrückenden Stimmung – man beachte auch die famose Verwendung von Saxophonen und dem Bassklarinett, zB. in „Theme Gérard“, „La fin du voyage“ oder „La vengeance de Gérard“, als auch die zurückhaltende Art mit der in „La maison de Zina“ die E-Gitarre eingesetzt wird – hat Jansen source music Stücke geschrieben, die einen Hauch Leichtigkeit in den Score bringen: süffiger Funkrock in „Theme Abdel“ und klassisch in „Télé Patinage (Valse). Wundervoll auch die Verbindung verschiedener Musikstile in „La sonate interrcompue“, in der wir Gérard Depardieus Trompetenthema über „Wiener Klassik“ hören.
Man könnte die Musik zu Le grand frère fast mit den Worten „film noir’isch“ umschreiben, manchmal impressionistisch, ohne jeden Zweifel aber absolut originell und packend (die Jazzeinflüsse in „L’oncle Bernard“ sind umwerfend und lassen manchmal gar Herrmanns Taxi Driver aufkommen, überhaupt erinnert mich die „Schwere“ der Musik an jenen Score.
Eine wundervolle Veröffentlichung von Music Box Records mit zwei hörenswerten Musiken von Pierre Jansen, auf das mehr von diesem spannenden Komponisten folgen wird (direkt geplant ist nach Aussage von Music Box derzeit aber nichts)!
L'ETAT SAUVAGE/LE GRAND FRÈRE Pierre Jansen Music Box Records MBR-045 15 Tracks / 66:26 Min. Limitiert auf 500 Stk.