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Dass sich der Kontinent nach links bewegt, sei nicht Parteien, sondern sozialen Bewegungen zu verdanken, schreiben die AutorInnen eines lesenswerten Sammelbandes. In jahrzehntelanger Arbeit sei es auf lokaler Ebene gelungen, das Selbstbewusstsein der Bevölkerung zu stärken.
Es ist spannend, was sich seit einigen Jahren auf der politischen Bühne Lateinamerikas abspielt: In vielen Ländern haben sich jene Kandidaten durchgesetzt, die sich nicht nur in ihren politischen Programmen dem Neoliberalismus widersetzten, sondern ihren Versprechungen auch konkrete Handlungen folgen liessen. Sei es mit der Wiederverstaatlichung der Erdöl fördernden Betriebe in Venezuela und Bolivien. Sei es - wie in Bolivien und Ecuador - durch das Einberufen einer neuen verfassunggebenden Versammlung, die sich nicht nur aus der politischen Elite, sondern vor allem auch aus VertreterInnen verschiedener indigener Völker und sozialer Bewegungen zusammensetzt. Oder sei es durch greifbare Bemühungen, die Folgen von krasser Armut, wirtschaftlicher Not und ungerechter Verteilung zu bekämpfen.
Dass es sich bei diesen Machtverschiebungen keineswegs um rein «zufällige Wahlerfolge» oder «kurzfristig vorbereitete Putsche linksgerichteter politischer Fraktionen» handelt, ist die These, die Leo Gabriel und Herbert Berger, die Herausgeber des Sammelbands «Lateinamerika im Aufbruch», vertreten. Vielmehr seien sie die Folge eines «tief sitzenden Wandels des politischen Bewusstseins und der gesellschaftlichen Strukturen der Bevölkerungsmehrheiten». Was heute passiere, sei der Höhepunkt einer Entwicklung, die bereits seit rund fünfzig Jahren andauere.
Gestärktes Selbstbewusstsein
Die meisten dieser - verallgemeinernd als links bezeichneten - Regierungen verbindet weniger eine gemeinsame politische Ideologie als ihr Ursprung in den sozialen Bewegungen. Einige der bekanntesten Beispiele sind die brasilianische Landlosenbewegung MST, die ecuadorianische Indigenenbewegung Conaie, die argentinische Arbeitslosenbewegung der «Piqueteros» oder Boliviens Regierungspartei MAS, die aus der Bewegung der KokabäuerInnen entstand. Bereits in den achtziger Jahren haben sich die anfänglich nur lokal aktiven Bewegungen immer stärker ausgetauscht und sind später zu grossen oder gar grenzüberschreitenden Organisationen zusammengewachsen.
Das zeigt das Beispiel von Via Campesina, dem weltweiten Netz von BäuerInnen, an dem seit seiner Gründung viele lateinamerikanische Organisationen beteiligt sind. Die AutorInnen zählen unter anderem auch Gewerkschaften, studentische Gruppen, nationale Organisationen für Frauen oder MigrantInnen und die indigene Guerillaorganisation Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) im mexikanischen Bundesstaat Chiapas zu den sozialen Bewegungen. Sie waren auf lokaler Ebene äusserst erfolgreich und haben so mitgeholfen, das Selbstbewusstsein der seit Jahrhunderten vernachlässigten Bevölkerung zu stärken und ein «nie da gewesenes Klima der Politisierung» zu schaffen.
Packende Theorie
Das Buch «Lateinamerika im Aufbruch» kann also aus einer schier unüberblickbaren Fülle an Bewegungen und Fällen schöpfen. Entsprechend exemplarisch bleibt die Auswahl, welche die beiden Herausgeber getroffen haben. Unterschiedlich ist auch die inhaltliche Herangehensweise der elf AutorInnen - und erstaunlich spannend ist die Textsammlung dann doch zu lesen. Trotz viel Theorie, historischer Daten und Analysen, wenig grafischer Auflockerung und gänzlich fehlenden Bildmaterials vermögen die Berichte zu packen. Es entsteht ein faszinierendes Gefühl, Geschichte in ihrem Entstehungsprozess zu erleben. Die besprochenen Themen umfassen den Versuch von Salvador Allende, in Chile Anfang der siebziger Jahre eine sozialistische Demokratie durch Reformen statt durch eine Revolution umzusetzen, den Aufstieg und die überraschende Politik von Argentiniens Néstor Kirchner, Präsident Luiz Inácio «Lula» da Silvas Wirtschaftspolitik in Brasilien, Hugo Chávez' Werdegang zu einer der umstrittensten Führungspersönlichkeiten des Subkontinents, Evo Morales' erstes Jahr im Amt als bolivianischer Präsident und zuletzt einen flammend geschriebenen Text über den aufreibenden Zustand zwischen «Autoritarismus des Staates und Widerstand des Volkes» in Mexiko.
Analytisch oder solidarisch?
«Lateinamerika im Aufbruch» zeugt von einem tiefen Verständnis der Materie. Dennoch scheinen die AutorInnen des Sammelbands streckenweise den objektiven Blick auf die Situation zu verlieren und können sich nicht immer entscheiden, ob sie nun analytisch oder solidarisch sein wollen. Ausserdem wären ein Glossar und ein Stichwortverzeichnis hilfreich gewesen. Trotzdem ist das Buch ein gut strukturiertes und aktuelles Nachschlagewerk. Für Kennerinnen wie für Neueinsteiger bietet es eine gute Basis, um die aktuellen Entwicklungen besser einordnen zu können.