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Bis zum 20. April wird im Ristorante PUNTO die vielseitige Kulinarik aus dem Südtirol zelebriert. Sommelier Stefan Hiersemann weiss, wie es zu den besten Weinen kommt und erzählt aus der interessante Südtiroler (Wein)geschichte:
Autonomie für das Südtirol
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges entstand in der Alpenregion viel Chaos.
1918 besetzen italienische Truppen das Gebiet. Es wurde dem Königreich Italien, als nördlichste Provinz hinzugefügt und von der neu geschaffenen Republik Österreich abgetrennt. Dadurch zogen viele italienisch stämmige Menschen in die Region. Selbst nach dem Ende des zweiten Weltkrieges waren viele relevante Gegebenheiten noch nicht genau definiert. Der Umgang mit der Landessprache zum Beispiel sorgte für Streit (Deutsch oder Italienisch) und zeigte damit ein Kernstück der Gleichberechtigungsdefizite auf. Ein Grossteil der Bevölkerung sprach Deutsch, die führenden Verwaltungspositionen und Beamten waren aber nahezu ausschliesslich von Italienern besetzt.
Erst 1972, mit dem Südtirol-Paket, wurde eine langfristige Einigung erzielt. Das Gebiet zählt zwar offiziell als Provinz zu Italien, ist aber eine autonome Region unter dem Namen Trentino-Alto Adige. Die Landessprachen sind offiziell Deutsch und Italienisch, parallel zueinander. (Ca. 60% sprechen Deutsch, 25% Italienisch, 5% Ladinisch)
Vielseitige Böden und gute Säurestrukturen
Als Weinregion weißt das Südtirol hervorragende klimatische Bedingungen auf. Die Weingärten liegen zwischen 200 bis knapp 1000 Höhenmetern. Die besten Lagen erstrecken sich zwischen 350-550 Meter über Meer. Hier bilden sich gute Säurestrukturen, die den Reben ein stützendes Rückgrat verschaffen. Mit einem Jahresniederschlag von 596 mm werden die Pflanzen gezwungen tief zu wurzeln, was der Mineralgewinnung förderlich ist. Das geringe Vorkommen der Ressource Wasser kann jedoch auch zu Mangelerscheinungen führen. Die Temperaturen, explizit um Bozen, sind warm. Dies ermöglicht auch Rebsorten wie dem Cabernet Sauvignon, der normalerweise in südlicheren Gefilden angebaut wird, die Grundlage zum langsamen Ausreifen. Aus geologischer Betrachtung sind die Böden sehr vielseitig. Es gibt Schwemmmoränen mit Glimmerschiefer, Lehm, Ton, Kalk, Porphyr (ein Vulkangestein) und Quarzsandvorkommen.
60% Weißwein – 40% Rotwein
Die Rebsorten im Südtirol haben wie die Bevölkerung vielerorts, sowohl romanische wie auch germanische Wurzeln. Nichts desto trotz gibt es ein paar Spezialitäten mit Ursprungsbezeichnung.
Weissweine
Beim Weisswein werden mengenmässig am meisten Pinot Grigio und Gewürztraminer produziert. Letzterer trägt sogar einen Namen, den er dem Südtiroler Dorf Tramin verdankt. Ob die Rebsorte nun auch aus dem Südtirol stammt oder vom Elsass aus in die Welt getragen wurde, bleibt Spekulation. Beide Regionen streiten nach wie vor um dieses Vorrecht. Weitere Rebsorten mit Bedeutung sind Chardonnay, Pinot Bianco und Sauvignon Blanc. Was Struktur, Mineralität, Feingliederigkeit, Eleganz und Länge betrifft, zählen die Südtiroler Gewächse zu den qualitativ besten Weissweinen Italiens. Sie weisen Lagerungspotenzial auf und zeigen eine eigene Identität auf.
Rotweine
Bei den Rotweinen ist der Vernatsch (auch Schiava oder Trollinger genannt) die am meisten kultivierte Rebe. Mit einer hellen Farbe, viel Fruchtausdruck und einer eher einfachen Struktur, wird er hauptsächlich für Tafelweine verwendet.
Anders präsentiert sich der Lagrein. Die autochtone Rebsorte kommt mit einer dichten, tiefen Farbe daher, verfügt über eine ordentliche Portion Gerbstoffe und präsentiert Aromen die dunkle, eingemachte Früchte, Speck und Würze ausdrücken. Vom Charakter ist er vollmundig und zeigt sich robust, zu meist ein wenig rustikal. Cabernet Sauvignon und Merlot werden genauso angebaut wie Pinot Noir.
Dessertweine
Hervorzuheben sind noch die Dessertweine des Gebietes. Die aromareichen Rebsorten wie Gewürztraminer und Muskateller, der Pinot Gris aber auch der Rosenmuskateller. Sie sorgen für einzigartige Geschmackserlebnisse, die mittlerweile ihren festen Platz auf renommierten Weinkarten dieser Welt gefunden haben.
Grosse Charakter und viel Qualität
Es sind die drei folgenden Säulen, die den Südtiroler Weinbau im 21. Jahrhundert tragen: Die Klöster, welche die eigene Identität bewahren. Die Genossenschaften, welche das vergangene Jahrhundert geprägt haben und die kleinen Betriebe, welche mit viel Mut und Inspiration neue Wege gehen.
Im Gegensatz zu so vielen anderen Regionen schafft man es aber hier tatsächlich in allen drei Sparten qualitative Spitzenweine zu erzeugen. Dies hängt zum grossen Teil von einem Faktor ab: Dem Menschen. Während andere den alten Weg nicht verlassen wollen, sind die Südtiroler offen für neue Vorgehensweisen und Umstrukturierung. Vielerorts im Südtirol wurde konsequent die Menge zurückgeschraubt. Erntehelfer, die seit 40 Jahren die Reben pflegen und lesen, lassen sich in Schulungen von der jungen und engagierten Önologen-Garde alternative Arbeitsweisen erklären. Dann darf das Organisationstalent der Kellermeister nicht verschwiegen werden, die all die unterschiedlichen Lagen und Mitarbeitenden exakt koordinieren.
Ergänzend kommen noch die eigenständigen Winzer hinzu. Sie haben häufig mehr Flexibilität, als die organisierten Strukturen der Grosskellereien und traditionellen Philosophien der Klöster. Innovativ, kreativ und mutig setzen sie neue Impulse. Masse entsteht hier immer weniger, es sind gerade einmal 0,9% der italienischen Weinproduktion, die aus dem Alto Adige stammt.
Aber Masse wollen wir auch gar nicht. Uns ist Qualität sowie ein eigener Charakter mit Identität viel lieber. Erst recht wenn so schöne Weine daraus entstehen, die eins können. Emotionalität ausdrücken und sie zu uns tragen.
Euer Sommelier Stefan Hiersemann