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Wissen Sie, wer ich bin?» Mit diesen Worten stellte sich die Ärztin vor. Sie stand am Bett des Joggers, er war tags zuvor operiert worden. Jeden Morgen hoffte er, alles sei ein Traum gewesen, bloss ein Traum, kurz und böse. Anderthalb Jahre lang von Arzt zu Arzt. Von Diagnose zu Diagnose. Von Therapie zu Therapie. Ein Alptraum. Der nicht enden wollte und nicht enden wollte.
Ein Kollege habe sie geschickt, fuhr die Ärztin fort. Sie heisse Mirjam Faulenbach und sei Endokrinologin, spezialisiert auf Hormone. Ob sein Gesicht schon immer so gerötet gewesen sei? Nein? Die blauen Flecken? Die Haut wie aus Pergament? Der Muskelschwund? Sein hoher Blutdruck? Sie bat den Jogger, noch eine Nacht zu bleiben im Zürcher Spital Hirslanden. Sie habe einen Verdacht.
Eine Untertreibung. «Sie wusste sofort, was mir fehlte», sagt der Jogger, «ich sah das an ihrem Blick.» Er willigte ein. 24 Stunden lang wurde ihm immer wieder Blut entnommen. Er urinierte in einen Kanister, spuckte in Wattebäuschchen. Ein paar Wochen nach der Testreihe stellte die Ärztin die Diagnose. Wieder zu Hause, sagte der Jogger seiner Frau, woran er leide. Sie fiel in Ohnmacht.
Die Sache mit dem Bäuchlein
Es war Juli. 2015. Die Sonne sog den Tau von Halmen und Blättern und zog den Mann ins Freie. Er liess seine Frau weiterschlafen. Ging kurz nach fünf aus dem Haus, in T-Shirt und kurzen Hosen. Die Laufschuhe waren neu, die besten im Laden. Sagte der Verkäufer.
Der Mann drehte seine Runden am selben Ort. Wie jeden Tag. Er trainierte länger, seit ihm die Kollegen bei der Arbeit gesagt hatten, schau an, wir bekommen ein Bäuchlein. Das tat weh. Ernähr dich gesund, sagte die Frau, dann geht das Bäuchlein weg. Der Mann ging ins Fitnesstraining, er hielt Diät, war streng mit sich. Der Bauch blieb rund.
In der fünften oder sechsten Runde dann dieser kurze, heftige Schmerz. Er fällte den Mann beinahe. Der Jogger hielt an. Der Schmerz im linken Bein liess nach. Der Mann ging heim, duschte und machte für seine Frau und sich das Frühstück.
Dann schwoll der Fuss an, dann das ganze Bein. Es war Samstag. Der Jogger salbte das Bein. Es wurde nicht besser. Am Sonntag ging er in die Notfallpraxis Permanence in Zürich-Oerlikon. Man gab ihm Schmerztabletten. Das Bein blieb dick. Nach einer Woche ging der Jogger erneut in die Permanence. Ein neuer Arzt, Röntgenbilder, Blutabnahme, andere Schmerztabletten. Es brauche Zeit.
Erste Diagnose: Wadenbeinbruch
Der Schmerz hielt an. Der Hausarzt kam aus den Ferien zurück. Nach zwei Untersuchungen schickte er den Jogger ins Spital Bülach. Drei Ärzte untersuchten ihn. Wieder wurde er geröntgt, man nahm sein Blut. Man untersuchte seinen Penis, seine Hoden. Und fragte, wo er hingereist sei. Geschlechtskrankheiten wie Syphilis können die Beine anschwellen lassen.
Die Ärzte schickten den Jogger in eine Klinik in Zürich. Dort legte ihn ein Spezialist für Rheuma in die Röhre, den Computertomografen. Die Diagnose einen Monat nach dem Vorfall: Wadenbeinbruch. Das Wadenbein ist der dünne Bruder des Schienbeins. Der Arzt legte dem Jogger eine Schiene aus hartem Plastik an.
Die Schallwellentherapie
Zehn Wochen nach dem scharfen Schmerz vermass ein weiterer Arzt die Knochen des Joggers. Diagnose: Osteoporose, Knochenschwund. Sehr unüblich bei einem sportlichen Mann von Mitte 40 und 85 Kilo. Osteoporose quält vor allem Frauen nach den Wechseljahren, wenn sich die Hormone neu sortieren. Eine Stosswellentherapie sollte es richten, fand der Arzt.
Stosswellen sind Schallwellen, die von einem knatternden Gerät erzeugt werden. Das Gerät sieht aus wie eine grosse Pfeffermühle. Damit versuchen Ärzte, Nierensteine zu zertrümmern, Sehnen von Kalk zu befreien oder schlecht heilende Knochen nach Brüchen zum Zusammenwachsen zu verführen. Der Patient oder der Arzt muss vor der Behandlung die Kasse fragen, ob sie die Stosswellentherapie zahlt. Man kann das als Hinweis darauf sehen, dass die Kassen skeptisch sind, ob die Therapie etwas taugt.
Die Kasse zahlte. Der Jogger sagt, die Therapie habe sich angefühlt wie tausend Schüsse auf den Knochenbruch. Die Kasse zahlte auch die lokale Betäubung.
Sie zahlte ebenso die Therapie des nächsten Arztes. Der fand, der Jogger habe Senkfüsse und brauche Einlagen für die Schuhe. Besser noch, neue Schuhe. Ein Kollege verpasste dem Patienten Roboterschuhe, 2000 Franken das Paar. Die Socken kosteten 108 Franken, sagt der Jogger. Er trug Schuhe und Socken vier Wochen lang. Auch an seinem Arbeitsplatz in der Schule. Vor den Kindern.
Das Zwischenhoch
Es wurde Weihnachten. Ein neuer Arzt sagte: «Wie haben Sie leben können? Ihnen fehlt Testosteron.» Das Hormon regelt das Lustempfinden des Mannes, seine Laune und die Dichte der Knochen. Wer zu wenig Testosteron hat, wird depressiv. Der Jogger wurde depressiv. Das Brusthaar fiel aus, die Haare an den Beinen ebenso. Er war lustlos. Der Arzt untersuchte die Hoden. Er sagte, entweder ist etwas im Hirn nicht gut oder in den Hoden.
Der Arzt tippte auf die Hoden und verschrieb dem Jogger einen Stoff, der für Sportler verboten ist. Der Stoff mache eine schöne Haut, habe er gesagt. Er verschrieb ihm ein Gel mit Testosteron drin. Das solle er auf die Schultern schmieren und auf den Bauch. Es nützte nichts. Der Arzt legte nach. Er spritzte dem Mann ein Depot an Testosteron. Da tat sich etwas. Mehr Energie. Mehr Lust. Der Jogger war erleichtert. Er würde wieder stark wie einst.
Ein halbes Jahr war nach dem Bruch des Wadenbeins vergangen. Da stellte ein weiterer Arzt fest: Sein Blutdruck war viel zu hoch. Der Mann befürchtete das Schlimmste. Sein Vater war früh gestorben, er wurde keine 50. Hatte auch er Pech, der Sohn? War es Schicksal?
Die Panikattacke in Südamerika
Er erinnerte sich an die Ferien in Südamerika. Das war lange vor dem Schmerz beim Joggen. Während der Fahrt musste er plötzlich halten. Ihm war, als platze das Herz. Dann dieses Kribbeln. Dieses Jucken. Als er sich die Füsse vertreten wollte, war ihm, als laufe er auf Blasen. Er hielt die nackten Füsse aus dem Cabrio. Im Bett klopften die Schläfen, die Augen stachen.
Als er einem Kollegen von seiner Panik erzählte, sagte der: «Vermutlich bist du verhaltensauffällig.» Der Jogger riss sich zusammen. Los, sei keine Memme, vielleicht vergeht das wieder. Nur nachts, wenn er zur Decke starrte, kamen Gedanken auf wie: Ist das nun mein Leben?
Zurück in der Schweiz, vermutete ein Arzt Parkinson, eine Erkrankung des Gehirns. Parkinson lässt die Hände zittern und zwingt den Körper zu unkontrolliertem Schütteln. Der Arzt verschrieb eine Salbe mit Chili drin. Die machte alles nur schlimmer.
Als der Bauch nicht kleiner wurde, ging der Jogger zum Schönheitschirurgen. Der saugte Fett ab. Drei Kilo. Ein Jahr darauf war der Bauch wieder da. Der Chirurg fragte nicht, warum. Erneut saugte er Fett ab. Kiloweise. Da wurde der Kopf des Joggers rund und runder. Mediziner nennen das Mondgesicht. Die Wangen waren gerötet. Ein Hautarzt verschrieb dem Jogger Pillen gegen Akne. Sie halfen nicht.
Dann – endlich – die richtige Diagnose
Mehr als ein Dutzend Ärzte hatten den Jogger untersucht, bis Hormonspezialistin Faulenbach in sein Spitalzimmer trat. «Wenn man das Krankheitsbild gut kennt, ist es eine Blickdiagnose», sagt sie. Beim Jogger war es die Gesichtsform mit Rötung der Wangen, die ihr suspekt war. «Das sah ich beim Reinlaufen ins Zimmer. Aber dafür braucht man Erfahrung und muss solche Patienten schon mal gesehen haben.»
Es war Morbus Cushing. Eine Fehlfunktion der Hypophyse, einer Drüse im Hirn, klein wie ein Kirschstein, aber oho: Sie schickt Organen den Befehl, welches Hormon sie in welcher Menge produzieren sollen. Wenn mit ihr etwas nicht stimmt, produziert der Körper zu viel Stresshormon Cortisol oder zu wenig Sexualhormon Testosteron. Cushing ist äusserst rar – auf eine Million Einwohner nur dreimal pro Jahr. Nur wenige Hausärzte haben dieses Krankheitsbild je gesehen.
«Wenn ein Patient neu einen Bluthochdruck, Diabetes oder eine Gewichtszunahme beklagt, wird an das Häufige gedacht: zu hohe Kalorienzufuhr oder familiäre Veranlagung oder Alterung. Dass sich dahinter ein seltenes Krankheitsbild verstecken kann, wird übersehen. Ein Cushing gehört mit zu den anspruchsvollsten Diagnosen im Fachgebiet Endokrinologie», sagt die Ärztin.
Die Rückkehr ins normale Leben
Dass sie in sein Zimmer trat, sei ein Glücksfall gewesen, sagt der Jogger. Bereits hatte er mehrere Narkosen und Operationen wegen der körperlichen Veränderungen hinter sich. Nach der richtigen Diagnose kamen weitere Operationen dazu. Zwei davon am Kopf. Ein Teil der Hypophyse wurde entfernt, dann entnahm man ihm die beiden Nebennieren. Das stoppte die massive Überproduktion von Cortisol erfolgreich.
Der Hormonhaushalt des Mannes ist dank Hormonpräparaten einigermassen im Lot, seine Stimmung dank Antidepressiva ebenso. Er arbeitet wieder als Lehrer, und er reist wieder. Auf den Fotos, die er aus den Ferien schickt, lacht ein gut gelaunter und gut gebräunter Mann.
Und er dreht wieder seine Runden. Am selben Ort. Mit denselben Laufschuhen. Die waren ja ganz neu gewesen.
Weiterführende Informationen
Um Patienten mit Krankheiten der Hypophyse und der Nebennieren kümmert sich in der Schweiz die Selbsthilfegruppe Wegweiser. Auf der Webseite des Vereins finden Betroffene und Interessierte Informationen über seltene Leiden wie Morbus Cushing oder Morbus Addison sowie Adressen von Spitälern mit Zentren für Endokrinologie.