Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03457.jsonl.gz/2272

Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2000 von Peter Ziegler
DAS ERSTE PFARREISTUBE
Zum 1897 erbauten katholischen Pfarrhaus an der Etzelstrasse gehörte ein bescheidenes „Etzelsäli“, eine über dem Keller eingefügte Pfarreistube. Die Pfarrhauswand war durch zwei eiserne Säulen abgestützt, um die herum das Bühnenleben stattfinden musste. Dennoch spielte sich hier bis 1958 ein vielgestaltiges Pfarreileben ab: Treffen von Jungwacht und Blauring, Kongregations-Zusammenkünfte, Versammlungen des Männer- und des Frauenvereins, Proben des Kirchenchors. Und dazu kam ein reiches Theaterleben.
Weil die Aufgaben der Katholischen Pfarrei St. Marien stets gewachsen waren, wurde der Wunsch nach einem grösseren Saal Ende der 1940er Jahre immer stärker.
DER ETZELSAAL VON 1958/59
Der damalige Pfarrer Walter Risi war ebenfalls der Ansicht, dass neben kirchlichem Raum für das alltägliche Leben der Pfarrei auch ein Ort der Begegnung notwendig sei. Im Januar 1957 legten Pfarrer und Kirchenrat ein Raumprogramm fest, das sich auf das Notwendigste beschränkte. Die Planung übertrug man dem damals jungen Wädenswiler Architekten Josef Riklin.
Im September 1959 weihten die Katholiken den neuen, östlich ans Pfarrhaus angebauten Etzelsaal ein. Der mit Flachdach gedeckte einstöckige Neubau, der zwei Säle und vier Zimmer enthielt, war absichtlich in klaren Formen gestaltet: Neben der neuromanischen Kirche und dem Pfarrhaus aus der Jahrhundertwende sollte nicht noch ein dritter Baukörper dominant hervortreten. Gleichzeitig mit dem Saal schuf man zwischen Pfarrhaus und Kirche einen Hof mit gedecktem Kreuzgang.
AUF DEM WEG ZUM ETZELZENTRUM
Mitte der 1990er Jahre drängten sich Reparaturarbeiten am bald 40-jährigen Etzelsaal auf. Bei deren Planung kristallisierte sich die Idee heraus, neben der Sanierung auch eine bescheidene Erweiterung auszuführen. Vor allem für Unterricht und Jugendarbeit sollten mehr Räume geschaffen werden. So entstand das Projekt, das 1997 in der Volksabstimmung genehmigt wurde.
Nachdem das Bundesamt für Wirtschaft in Bern anfänglich ein Subventionsbegehren abgelehnt hatte, kam es nach einem Rekurs darauf zurück und gewährte eine einmalige Investitionszulage. Daraufhin entschloss sich die römisch-katholische Kirchgemeinde, das Bauvorhaben zu realisieren.
Der Wädenswiler Architekt Urs Eberhard erhielt den Auftrag, das von einem andern Architekten erstellte Vorprojekt zu überarbeiten und das Baugenehmigungsverfahren einzuleiten. Dabei ging es nicht nur um die Sanierung des bestehenden Gebäudes von 1958/59 mit energetischen Verbesserungen und der Erneuerung der gesamten Haustechnikanlage, sondern auch um eine Erweiterung um ein Foyer mit neuem Treppenhaus und um ein zusätzliches Geschoss.
Das neue Etzelzentrum, eingeweiht am 29. Januar 2000. Ansicht von Süden (oben) und von Osten (unten).
ERWEITERUNG DES ETZELSAALS
Am 18. Januar 1999 konnte mit den Bauarbeiten begonnen werden. Intensive Schneefälle im Februar und starker Regen von Mitte April bis Mitte Mai verzögerten die Arbeiten vorerst. Doch dann kam man auf der Baustelle zügig voran. Anfangs September 1999 war der Rohbau vollendet, und Mitte November konnten die Arbeiten an den Fassaden und den Flachdächern abgeschlossen werden. Obwohl der grosse Saal noch nicht ganz fertig ausgebaut war, fand darin der Pfarrei-Neujahrsapro 2000 statt. Mitte Januar 2000 war das Etzelzentrum betriebbereit; am 29. Januar wurde es festlich eröffnet und eingeweiht. Ein vielseitiges Unterhaltungsprogramm erfreute die vielen Gäste jeden Alters.
ARCHITEKTUR UND EINRICHTUNG
In Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege entwickelte Architekt Eberhard eine Lösung, um historische und neue Bauelemente nebeneinander zu zeigen, ohne dass sich diese konkurrenzieren. Der strenge kubische Baukörper ist gegen die Etzelstrasse hin tiefer abgesetzt, aussen isoliert und mit hinterlüfteten, farblich verschieden grauen Eternitplatten eingekleidet. Dazu kontrastieren die roten Fenstereinfassungen, die an den Fassaden regelmässig angeordnet sind. Ein die Fassade überragendes Flachdach mit rotgefärbter Untersicht schliesst das Gebäude nach oben ab. Ein gegen die Buckstrasse gerichtetes grosses Glasfenster belichtet das dahinter liegende neue Foyer im Erdgeschoss und den Seminarraum im Obergeschoss. Um das Pfarrhaus und das neue Saalgebäude optisch voneinander zu trennen und als eigenständige Körper zu betonen, wurde ein transparenter, verglaster Zwischenbau eingesetzt. Das dahinter liegende Treppenhaus verbindet den kleinen und den grossen Saal.
Auch bei der Gestaltung des Innern blieb Architekt Urs Eberhard dem Prinzip der schlichten Raumwirkung treu. Wand- und Deckenmaterialien bestehen aus glattem Weissputz, die Böden in den Treppenhäusern und in der Saalküche aus grauen Steinzeugplatten. Repräsentativräume wie Saal- und Seminarraum zeigen Parkett und Akustikdecken in hellem Birkenholz; weniger begangene Räume sind mit einem farbigen Linolbelag ausgestattet.
Die Bühne befindet sich neu zwischen grossem und kleinem Saal und kann von beiden Seiten benützt und eingesehen werden. Die durch eine Faltwand vom grossen Saal getrennte Küche ist nicht vergrössert, aber mit besseren Geräten ausgestattet worden. Über dem bestehenden Saal wurde ein neues Obergeschoss aufgebaut, das Gruppen-, Konferenz- und Seminarräume enthält. Erschlossen werden sie über das Haupttreppenhaus mit Liftanlage. Entlang des Erschliessungskorridors im Obergeschoss stehen viele Kästen, in denen das Material von Gruppen und Vereinen versorgt werden kann. Im Untergeschoss befinden sich neben einigen Räumen für die Technik verschiedene Räumlichkeiten für die Jugend. In zweien sind ehemalige Schulküchen des Schulhauses Fuhr eingebaut.
Nicht nur an die Jugend wurde gedacht. Gehbehinderte können mit dem Lift die wichtigsten Räume erreichen, und die Invalidentoiletten sind so verteilt, dass keine Niveauunterschiede zu überwinden sind.
Das moderne, helle Treppenhaus im Neubau.
Massive Kostenüberschreitung
Mit dem neuen Etzelzentrum verfügt die katholische Pfarrei St. Marien für ihr reges kirchliches Leben über ein vielseitiges Raumangebot. Die Räume werden auch an nicht-kirchliche Gruppen vermietet. Vereine und Bevölkerung schätzen es vor allem, dass in Wädenswil ein neuer grösserer Saal mit Bühne zur Verfügung steht. In die Freude über das gelungene Werk mischte sich später Überraschung und Empörung über die massive Kostenüberschreitung. Die katholische Kirchgemeindeversammlung, welche am 13. Juni 2000 die Bauabrechnung über 3,8 Millionen Franken zu genehmigen hatte, diskutierte beinahe zwei Stunden lang und überschüttete Baukommission und Kirchenpflege mit heftiger Kritik. Die Tatsache, dass die Baukommission den Baukredit um 101 Prozent überzogen hatte, erhitzte die Gemüter. Die Liste der Gründe, welche den Bau um 1,9 Millionen verteuert hatten, war lang: Projektanpassung, thermische und akustische Probleme, Niveauprobleme, schlechte Altbausubstanz wurden unter anderem als Erklärung angeführt. 59 der 75 anwesenden Kirchgemeindemitglieder genehmigten schliesslich die Bauabrechnung und damit auch die grosse Kostenüberschreitung.