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Für einiges Aufsehen sorgte in den USA vor rund zwei Jahren eine Grafik, die den Gewinnanteil des Finanzsektors an den gesamten Unternehmensgewinnen seit 1948 zeigt. Dabei wird deutlich, dass dem Finanzsektor Anfang der 1980er Jahre noch etwas mehr als 5% der gesamten Gewinne zukamen, zu Beginn der Finanzmarktkrise 2007 jedoch über 30%. Der gestiegene Gewinnanteil scheint zudem stark mit der durchschnittlichen Entlöhnung der Angestellten im Finanzsektor zu korrelieren. Die Grafik wurde erstmals im Artikel «The Quiet Coup» von Simon Johnson, dem früheren Chefökonomen beim IMF, in der Zeitschrift «The Atlantic» vom Mai 2009 veröffentlicht.
Kann für die Schweiz eine ähnliche Grafik konstruiert werden, beziehungsweise verfügen wir in der Schweiz über ähnliche Daten? Wie die Grafik zeigt, existieren diese Informationen auch für die Schweiz.
Der Gewinnanteil des Finanzsektors – in der Terminologie der Kontensequenz der Nationalen Buchhaltung der sogenannte Nettobetriebsüberschuss der finanziellen Kapitalgesellschaften – hat sich zwischen 1990 und 2009 von 5% auf über 20% erhöht und somit vervierfacht. Zu den finanziellen Kapitalgesellschaften zählen Versicherungen, Banken und übrige Finanzintermediäre. Der Gewinnanteil aller Kapitalgesellschaften zusammen (finanzielle und nicht finanzielle) am gesamtwirtschaftlichen Einkommen ist in der Zeit von 1990 bis 2009 von knapp 27% auf noch rund 21% gefallen. Komplementär zu dieser Gewinnquote ist die gesamtwirtschaftliche Lohnquote, die entsprechend gestiegen ist.
Die Zunahme des Gewinnanteils der Finanzbranche war so stark, dass – trotz eines schrumpfenden Anteils der Gewinne insgesamt am volkswirtschaftlichen Kuchen – auf die Gewinne des Finanzsektors heute ein höherer Anteil am gesamtwirtschaftlichen Einkommen entfällt als vor zwanzig Jahren. Mithin lässt sich also auch für die schweizerische Volkswirtschaft ein ähnliches Bild zeichnen wie für die USA.
Über die Gründe dieser Entwicklung lässt sich trefflich spekulieren. Eine mögliche Variante würde lauten, dass die nicht finanziellen Unternehmen ihr Finanzgeschäft zunehmend in den Finanzsektor ausgelagert haben, sodass die durch die Finanzintermediation anfallenden Gewinne nun dem Finanzsektor zugerechnet werden. Andere Gründe könnten in der etwa von Simon Johnson monierten Marktmacht und kulturellen Dominanz des Finanzsektors liegen, der eben einen leisen Coup landen und sich die Gewinne gleichsam schleichend aneignen konnte. Johnson erwähnt zudem die Deregulierungen im Finanzsektor ab den 1980er Jahren als weiteren möglichen Grund für das offensichtlich gestiegene «Aneignungsvermögen» des Finanzsektors. Über die beobachtete Entwicklung sollten sich vor allem die Eigner der Kapitalgesellschaften ausserhalb des Finanzsektors sorgen, denn dessen höherer Gewinnanteil ging nicht zu Lasten des Faktors Arbeit, sondern eben zu Lasten der übrigen Kapitaleigner.