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Wir feiern den 1. August. Wir feiern die Schweiz. Ich gebe ganz offen zu: Ich kann mässig viel mit diesem Tag anfangen. Ich mach mir nichts aus Flaggen und Patriotismus, und der Lärm von Feuerwerken nervt mich auch. Ich mag es, in der Schweiz zu leben. Und ich weiss, dass es ein verdammt grosses Privileg ist, dass ich in der Schweiz geboren bin. Es sind Klischees, aber solche, die stimmen: Hier ist es sehr sauber. Alles funktioniert. Wir leben in schönen, sicheren Häusern. Wir können uns gut aus- und weiterbilden. Wir sind alle versichert, und ab und zu haben wir sogar weisse Weihnachten.
Aber trotzdem fällt es mir schwer, diesen Nationalfeiertag zu zelebrieren. Weil ich nicht umhin komme, mich zu fragen, welche Schweiz es ist, die ich nun bejuble. Die Schweiz, die mir ganz persönlich eine Heimat ist? Was heisst das überhaupt, Heimat? Bedeutet der rote Pass Heimat? Oder ein ganzes Land? Ein Land, das ich zu grossen Teilen nicht bereist habe? Ich habe das Matterhorn erst zweimal gesehen, und einmal lag es im Nebel. Zählt das? Oder ist Heimat für mich viel eher Graubünden? Der Ort, an dem ich geboren bin? Der Kanton, der grad von fünf Männern regiert wird und von keiner einzigen Frau? Oder doch Zürich? Die Stadt, in der ich seit mehr als fünf Jahren lebe? Ist meine Heimat eine Stadt in einem Kanton, den Roger Köppel im Nationalrat vertritt? Oder eben doch Martullo-Blocher?
Feiern wir am 1. August Roger Federer? Oder feiern wir die Tatsache, dass wir noch immer keinen Vaterschaftsurlaub haben? Feiern wir den einen Tag, den wir Vätern gönnen, um ihr Kind kennenzulernen? Wer zündet die Raketen an diesem Tag? Die Männer?
Feiern wir am 1. August, dass die Züge in der Schweiz so oft pünktlich sind oder dass die Ehe für alle noch immer nicht Realität ist? Lassen wir Lampions erglühen, weil die Fortpflanzungsmedizin noch immer Heteropaaren vorbehalten ist?
Feiern wir die Schweiz, die nicht in der EU sein will? Was aber, wenn ich mich als Europäerin fühle? Darf ich neben die Schweizerflagge ein EU-Fähnchen in mein Geranium stecken? Oder ist das unpatriotisch? Meine Grossmutter ist Deutsche und feiert den 1. August mehr als ich, ebenso meine Familie in Italien. Sind sie die besseren Schweizer – obwohl sie eigentlich gar keine Schweizer sind? Wer darf denn überhaupt mitfeiern? Nur, wer auch abstimmen darf?
Feiern wir die Schweizer Nationalmannschaft? Und wenn ja – feiern wir auch das Frauenfussballteam? Oder nicht – weil die Frauenmannschaft einfach weniger einnimmt mit ihrem Sport? Jubeln wir auch mit den Secondos im Team? Mit oder ohne Adler? Feiern wir, dass wir drei Bundesrätinnen haben? Feiern wir, dass Frauen weniger verdienen als Männer? Feiern wir die knapp 50 Jahre Frauenstimmrecht? Ist das wirklich ein Grund, um Wunderkerzen zu zünden?
Feiern wir die Neutralität der Schweiz? Die Neutralität, die dieses Land so reich gemacht hat? Feiern wir unseren Reichtum? Unsere Millionäre? Oder eher die soziale Schere zwischen Arm und Reich, die immer grösser wird? Feiern wir, dass wir uns frisches Brot an den 1.-August-Brunches leisten können? Sollten wir überlegen, jemanden zu einem Brunch einzuladen, der sich keinen Zopf leisten kann? Kümmert es uns überhaupt, dass die Welt nicht für alle ein butter-weiches Zuhause übrig hat? Geht es uns Schweizerinnen und Schweizer etwas an, wenn irgendwo im Meer Menschen ertrinken? Oder feiern wir die Tatsache, dass es das eben nicht tut?
Müssten wir einfach dankbar sein? Dankbar, weil alles so sauber ist? Heisst dankbar zu sein, dass man schweigen sollte? Ist schweigen je besser als auszusprechen, was ist? Ist das ein Schweigen aus Liebe? Feiern wir die Schweiz, weil wir sie lieben? Kann man ein Land überhaupt lieben?
Und: Ist das eine Liebe, die Sie erfüllt?