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Emil Meier: "Die Seidenweberei in Adliswil und ihr Untergang"
(Zusammenfassung des Referats anlässlich der Veranstaltung "Erinnerungen aus der Geschichte von Adliswil" vom 4. November 2006, Reformiertes Kirchgemeindehaus Adliswil)
Emil Meier, geboren 1922, verbrachte seine ersten Lebensjahre bis 1938 in Adliswil in der Sihlau. Sein Vater arbeitete in der Mechanischen Seidenstoffweberei MSA als Disponent für die Seidendruckerei, die damals neu eingerichtet worden war und für die die MSA Spezialisten wie Drucker und Stecher namentlich in den Kantonen Glarus und St. Gallen rekrutierte. Deren Mütter arbeiteten dann oft in der MSA als Seidenweberinnen, wodurch sich eine vollständige Abhängigkeit von der Firma ergab. Auch die Schulabgänger in Adliswil hatten sich zuerst bei der MSA zu melden. Man kaufte im firmeneigenen Konsum ein, der ein Depot in der Sihlau hatte. Allerdings bildeten die neu aufkommenden Verkaufswagen der Migros bereits damals eine ernsthafte Konkurrenz. In den 1920er Jahren herrschte ein gewisser Wohlstand, die MSA beschäftigte rund 1300 Arbeiter und Angestellte und verfügte auch über einen grossen Landwirtschaftsbetrieb. Ausserdem besass sie viele Wohnhäuser und Baulandreserven in Adliswil. Wie damals üblich, eröffnete man eine Zweigniederlassung im Ausland, nämlich im süddeutschen Donaueschingen. Die MSA pflegte einen patronalen Führungsstil. Vom Hörensagen seines Vaters weiss Emil Meier von Fabrikbesuchen von Robert Schwarzenbach (1839-1904) im Frack, mit Stock und Zylinder und in untertänigster Begleitung durch Direktor Heinrich Frick (1845-1910). Irgendwann in den 1920er Jahren ging die MSA mittels einer Obligationsanleihe in den Mehrheitsbesitz der Familie Frick über und die Witwe von Robert Schwarzenbach wurde ausbezahlt. Dieses Vorgehen sollte sich dann im Börsencrash vom Oktober 1929 als zu riskant erweisen.
Emil Meier kann sich noch gut erinnern, wie er in den frühen 1930er Jahren eines Morgens in einem Fenster der MSA plötzlich ein Rad stillstehen sah, vermutlich ein Antriebsrad für einen Transmissionsriemen. Ein ganzer Websaal war stillgelegt worden, weitere Säle folgten. Die Maschinen wurden verschrottet, die Arbeitszeit auf 2 bis 3 Tage in der Woche reduziert. Arbeitslosenunterstützung gab es praktisch keine. Im Rahmen von Notstandsarbeiten wurde die Dorfstrasse verbreitert, teilweise von Männern, die zuvor nie solche Arbeiten verrichtet hatten. Der Vater von Emil Meier hatte Glück und behielt seine Beschäftigung, aber bei jedem Zahltag war die Ungewissheit gross, ob in der Lohntüte die Mitteilung steckte, dass es für ihn auch noch im nächsten Monat weitergeht.
Schliesslich verlor die "Eidgenössische Bank" die Geduld mit der MSA. Zudem war Direktor Hans Frick (1872-1936) seit einiger Zeit krank und starb dann auch. Die Obligationäre der MSA verloren ihre Spargelder. In der Shedhalle wurde eine Nachfolgefirma eingerichtet, die Seidendruckerei führten einige Angestellte weiter, später wurde sie ausgelagert. Die Familie von Emil Meier folgte den verbliebenen Produktionsanlagen der Seidenweberei 1938 nach Oberarth im Kanton Schwyz.
Christian Sieber