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Die Kartoffel – und warum man im Idiotikon den Kochherd nicht findet
Sucht man im Schweizerischen Idiotikon das Wort «Herd», findet man zwar das gut schweizerdeutsche Häärd mit der Bedeutung «Erde, Erdboden» – aber keine Spur vom Ding, auf dem man kocht: 1890, als der Wortartikel Hërd (wie er etymologisch korrekt angesetzt ist) verfasst wurde, war den damaligen Redaktoren die Bedeutung «(Koch-)Herd» zu modern, um ins Wörterbuch aufgenommen zu werden. Unter den darauffolgenden Zusammensetzungen findet sich immerhin der Füürhërd «Feuerherd», versehen mit der vielsagenden Anmerkung, dass das Wort zwar «eine weitere, aber sehr sporadische Verbreitung» habe und «wohl fast durchwegs als moderner Eindringling zu betrachten» sei.
Tatsächlich unterscheiden gewisse Mundarten bis heute zwischen einem Wort mit der einheimischen Lautung Häärd, womit die «Erde», der «Erdboden» bezeichnet wird, und der Importlautung Herd, die für den Kochherd steht. Ältere Schweizer Wörter für die Stelle, wo man kocht, sind Chouscht/Chuuscht, Äschblatte, Füürblatte, Füürstatt, Füürwäärch und Träche.
- Das erste Wort, Chouscht oder Chuuscht, kommt von mittelhochdeutsch kunst und bezeichnet den neuartigen, «kunstvollen» Herd bzw. Ofen, mit dem man die Wärme viel besser nutzen kann als beim offenen Feuer. Im 19. Jahrhundert war es noch in grossen Teilen der Deutschschweiz das geläufige Wort sowohl für den Kachelofen wie auch für den Kochherd.
- Die Äsch- oder Füürblatte stand zunächst für den ursprünglichen Herd, nämlich eine erhöhte Sandsteinplatte, auf der das Feuer brannte, über dem wiederum der Kochkessel hing, doch wurde das Wort im ausgehenden 19. Jahrhundert auch für den «gemauerten Herd neuerer Konstruktion, mit Stein- oder Eisenplatte darüber» gebraucht. Die Füürstatt oder Füürschtet stand in erster Linie für die alte, offene Feuerstelle, wogegen das Füürwäärch besonders den gemauerten Herd benannte.
- Der oder die Träche, Trächo, Trächa, Trächu schliesslich, heute noch im Wallis bekannt, kann sowohl die alte offene Feuerstelle wie den jüngeren gemauerten (aber nicht den modernen) Kochherd bezeichnen. Das Wort gehört zu mittelhochdeutsch trëchen «ziehen, schieben», das in unserem Fall spezifisch das Auseinanderziehen der glühenden Holzkohle meint.
Im Alt- und Mittelhochdeutschen hatte hërd beide Bedeutungen, sowohl «Herd» als auch «Erde, Erdboden». Während sich in Deutschland und Österreich die erstere Bedeutung durchsetzte, war es in der Alemannia die letztere. Aber auch vielen heutigen Schweizerinnen und Schweizern dürfte inzwischen nur noch die mit dem Schriftdeutschen übereinstimmende Bedeutung bekannt sein.
- Für diese Zeitgenossen ist der Härdöpfel – die Kartoffel – die letzte Erinnerung an Häärd im Sinne von «Erde», denn der Härdöpfel oder Häärpfel ist nicht etwa der «Apfel», der auf dem Herd gekocht wird, sondern der «Apfel», der in der Erde wächst. «Herdapfel» ist typisch hoch- und höchstalemannisch, aber schon in der Region Bodensee schliesst der Typus «Erdapfel» an, der im Südosten des deutschen Sprachgebiets, aber auch am Niederrhein üblich ist (vergleiche niederländisch aardappel und französisch pomme de terre).
- Für die Freiburger, Luzernerinnen, Churerrheintaler und Gurinerinnen ist es hingegen eine «Birne», die in der Erde wächst, weshalb sie von Häppere, Häppiir oder Härperu sprechen. Hierher gehört auch die Grundbire oder Grumpire, die von unserem Wörterbuch für das Schweizerdeutsche des 19. Jahrhunderts noch breit bezeugt wird, seither hierzulande aber ausgestorben ist. Im Vorarlberg, im deutschen Südwesten, im Elsass und im Grossherzogtum Luxemburg ist der Worttypus «Grundbirne» aber bis heute lebendig.
- Die Norddeutschen sehen weder Äpfel noch Birnen, sondern – nicht viel besser – «Trüffel»: Das Wort Kartoffel stammt nämlich über eine Zwischenstufe Tartoffel von italienisch tartufo «Trüffel». Dass man in einigen südlichen Walserdörfen ebenfalls Triffel oder Trifflu sagt, geht auf den Einfluss des Piemontesischen zurück.
- Nichts von solchen Phantasien halten die Leute von Schwyz und Uri, die der Knolle Gumel oder noch lieber Gumeli sagen. Woher dieses Wort kommt, ist unklar; das Schweizerische Idiotikon erwägt Umformung aus einem (unbelegten) «Bumeliterr», das seinerseits auf französisch pomme de terre zurückgehen soll, oder aber Bezugnahme auf ein (ebenso unbelegtes) Wort Gumel für etwas Rundes. Dass die Pflanze zuerst auf dem Hof Gummi (Arth-Goldau) angebaut worden sei, verweist es jedenfalls zu Recht ins Reich der Volksetymologie.
- Einfacher gemacht mit dem Namen dieser importierten Pflanze haben es sich die einstigen Kolonialherren: Sie haben indianische Begriffe übernommen. Kastilianisch patata geht auf das Taíno-Wort batata zurück – dumm nur, dass die Haitianer damit die Süsskartoffel, ein nur weit verwandtes Windengewächs, bezeichneten. Die Lateinamerikaner wissen es besser: Sie haben das – zutreffende – Quechua-Wort papa beibehalten.