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”Warum weinst du?”, fragte die Ameise den kleinen Wassertropfen, der auf einem fast vertrockneten Blatt saß.
”Ich bin vom Himmel gefallen!”, schluchzte dieser.
”Ist das ein Grund zu weinen?”, fragte die Ameise wieder. ”Regentropfen fallen nun einmal auf die Erde, das ist ihre Bestimmung. Und seiner Bestimmung muss jeder folgen.”
”Aber ich bin kein Regentropfen!”, empörte sich der Tropfen. ”Ich bin eine Perle vom Gewand eines Engels. Siehst du nicht, wie ich glitzern und funkeln kann?” Just in diesem Augenblick traf ein kleiner Sonnenstrahl den Tropfen, und wirklich, er glänzte jetzt wie eine Perle.
”Papperlapapp”, sagte die Ameise, “tu‘ deine Pflicht und hör‘ auf zu jammern!” Und schon wandte sie sich eiligen Schrittes wieder ihrer Arbeit zu.
”Aber was ist denn jetzt meine Pflicht?”, rief ihr der Tropfen verzweifelt hinterher. Die Ameise kehrte um, reckte den Kopf hoch und erklärte mit gewichtiger Miene: ”Die Pflicht eines Regentropfens ist es, die Erde zu tränken. Die Samen, die im Sommer und Herbst in die Erde gefallen sind, brauchen Wasser, um leben zu können, und später die Sonne, um keimen und aufgehen zu können. Es ist der Kreislauf des Lebens, in den du eingetreten bist.”
”Kreislauf des Lebens?” wiederholte der Tropfen.
”Ja, vom Himmel auf die Erde, dann unter die Erde, bis du eine Quelle findest. Sie bringt dich wieder heraus aus der Erde. Erst im Bach, dann im Fluss wirst du ins Meer geleitet und dann zurück zu den Wolken steigen. Von da aus wirst du dann wieder als Regentropfen auf die Erde zurückfallen.”
”Ein Regentropfen muss so einen weiten Weg gehen?”, fragte der Tropfen mit Bewunderung.
”Ja! Aber es ist ganz einfach. Du musst nur folgen, dem Weg des Lebens folgen!”, sagte die Ameise. ”Dann schaffst du es wieder zum Himmel, ganz sicher.”
Der Wassertropfen seufzte tief.
”Mach dich auf den Weg!”, forderte die Ameise energisch und hob das Blatt ein wenig an, so dass der Tropfen vom trockenen Blatt herunter kullern konnte und auf die Erde fiel. Kaum hatte er die Erde berührt, da versank er auch schon und hörte noch gerade, dass die Ameise ihm nach rief: ”Gute Reise!”
In der Erde war es finster. Der Tropfen fürchtete sich ein wenig.
”Hallo! Ist da jemand?”, rief er zaghaft in die Dunkelheit hinein.
”Pst! Sei still, weck‘ nicht alle auf!”, zischte es leise dicht neben ihm.
”Oh, Verzeihung!”, flüsterte er. ”Darf ich dich denn morgen früh etwas fragen, wenn alle wach geworden sind?”
”Wir werden erst im Frühling wieder aufwachen, wir müssen den Winter überstehen.”
”Den Winter überstehen?”, fragte der Tropfen erstaunt.
”Na klar, du Dummchen”, sagte jetzt die Stimme etwas freundlicher. ”Du auch, du wirst gefrieren und zu einem Eisklümpchen werden. In der Nacht gibt es Frost und alle Wassertropfen gefrieren.”
Der Tropfen erschauerte, er hatte einmal eine andere Perle am Gewand des Engels von Schnee und Eiskristallen erzählen hören.
In der Nacht erstarrte er zu Eis. Erst wollte er sich dagegen wehren, aber dann erinnerte er sich an die Worte der Ameise: ”Es ist ganz einfach, du musst nur folgen, dem Weg des Lebens folgen.” Und das tat er. Er begann die Ruhe sogar zu genießen. Seine Gedanken wanderten den Weg zurück, zurück in die Wolke, die ihn weich aufgefangen hatte, als er sich vom Gewand des Engels zu weit entfernt hatte und seine Silberschnur gerissen war. Er erinnerte sich an die warnende Stimme seiner Freundin, die das Unglück geahnt hatte. Aber war es ein Unglück? Er hätte nie die Ameise kennen gelernt, hätte nie die schützende Hülle der Erde um sich gespürt und nie die Erfahrung vom Kreislauf des Lebens machen können.
Plötzlich freute er sich, freute sich seines Wassertropfendaseins und freute sich auf den Frühling.
Als der Frühling kam und ihn wieder auftaute, sank der Tropfen tiefer in die Erde und erreichte eine Quelle. ”Komm mit, komm mit!”, riefen viele andere Wassertropfen ihm zu und er reihte sich ein. Gemeinsam fanden sie den Weg aus der Erde heraus. Sie hüpften über Wurzeln und Steine und nahmen unterwegs andere Wassertropfen, aus anderen Quellen auf, bis sie gemeinsam einen breiten Fluss bildeten. Und wie die Ameise es voraus gesagt hatte, erreichten sie das Meer, verdunsteten in der Sonne und wurden von einer Wolke aufgenommen.
”Ich bin zurück! Ich bin zurück!”, jubelte der Tropfen
”Aber wie komme ich zu meinem Engel?” fragte er, schon etwas gedämpfter.
Da hörte er plötzlich die Stimme seines Engels: ”Du musst bereit sein, noch einmal auf die Erde zu gehen und eine andere Aufgabe übernehmen. Erst dann findest du den Weg zurück zu mir. Bist du bereit dazu?”
Noch nie hatte der Engel das Wort ausschließlich an ihn gerichtet, er war ganz aufgeregt und fühlte sich plötzlich sehr wichtig. ”Aber ja, ja natürlich!”, beeilte er sich zu antworten. ”Was muss ich tun?”
”Wasser ist auch für die Menschen wichtig”, erklärte der Engel mit sanfter Stimme. ”Du musst zuerst den Durst eines Menschen löschen und seinem Körper dienen. Willst du das?”
”Ja, und dann?”, fragte der Tropfen.
”Menschen sind manchmal traurig, dann steigen Wassertropfen in ihre Augen und lösen sich als Tränen. Alle Perlen, die mein Gewand schmücken, sind menschliche Tränen und nur wer diesen Weg gegangen ist, kann zu mir kommen.”
Der Wassertropfen fiel als Regen wieder hinab zur Erde, löschte den Durst eines Menschen, und als dieser Mensch traurig war und weinte, war er es, der sich von den Wimpern löste und über eine Wange lief.
Wir brauchen uns unserer Tränen nicht schämen. Ein Engel steht bereit, um sie aufzufangen und damit sein Gewand zu schmücken.