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Zwei baltische Adlige begründen eine Religion und bauen in Minusio einen Tempel. Ihr Hauptwerk, das restaurierte Rundbild «Die Klarwelt der Seligen», wird ab 2021 wieder auf dem Monte Verità für die Öffentlichkeit zugänglich sein.
Seit langer Zeit ist das Tessin ein Zufluchtsort für Leute, die nicht den bürgerlichen Normen entsprechen: für Anarchisten, für Vegetarier, für Künstler und auch für Religionsgründer. 1915 liessen sich Elisar von Kupffer und Eduard von Mayer, die lange Zeit in Florenz gelebt hatten, in Muralto nieder. 1925 kauften sie ein Grundstück an der Via Simen in Minusio und liessen darauf einen modernen Tempel errichten, der im August 1927 eröffnet wurde. Der 1939 angefügte Rundbau wurde eigens erstellt, um in ihm das Panoramabild «Die Klarwelt der Seligen» aufzuhängen. Auf ihm sind 84 zumeist unbekleidete Jünglinge mit androgynen Zügen zu sehen. Seit 1896 waren die beiden Männer Weggefährten. Bildungsreisen führten sie durch ganz Europa. 1900 veröffentlichte Elisar von Kupffer das Buch «Lieblingsminne und Freundesliebe in der Weltliteratur». Bezugnehmend auf die damals verbreiteten Sexualtheorien ist es die erste Anthologie homoerotischer Texte überhaupt. Er betonte, dass alles was nicht Gewalttat sei, an der Sonne öffentlichen Lebens gehöre, «so auch das innige Verhältnis von Mann zu Mann». Nach einer Lebenskrise entschloss sich Elisar von Kupffer, eine neue Religion zu begründen. Mit dem Klarismus, wie er sie nannte, sollte die Weltgemeinschaft innerhalb eines Jahrhunderts reformiert werden. Fortan nannte er sich Elisarion. Nach seiner Vision sollten die Künstler zu den Begründern einer neuen Weltordnung werden. Der «Araphrodit» war das Fernziel – eine idealisierte Vision des Menschen, welcher die geschlechtlichen Grenzen überwunden hat. Zur Kultstätte des Klarismus wurde das Sanctuarium Artis Elisarion in Minusio, in dem zahlreiche Gemälde von ihm zu sehen waren. Ende der 1970er-Jahre wurde das Innere des Baus trotz heftiger Proteste verschiedener Kulturhistoriker durch Umbaumassnahmen weitgehend zerstört. Die Fremdheit des Werkes und eine latente Homophobie im Umgang mit dem Nachlass zweier Männer mögen die Motivation dafür gewesen sein. 1978 rettete Harald Szeemann das bereits abgehängte Rundbild und integrierte es in seine Monte Verita-Ausstellung. Damit hat er ebenso wie der 2008 gegründete Verein Pro Elisarion dazu beigetragen, das Andenken an die beiden Pioniere, die sich mit ihren Schriften und ihrem Wirken für die Akzeptanz nicht konformer Lebensentwürfe einsetzten, zu bewahren.