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Kapitel 2
Der Abend war vollkommen gewesen. Das Dinner, das ein bekannter indischer Koch hier in ihrer Küche zubereitet hatte, die weißen Lilien in den hohen schmalen Vasen, die Gäste, das Kleid, das sie trug. Fast hatte man vergessen, dass der Gastgeber an dem Dinner nicht teilgenommen hatte.
Jetzt, nachts um elf Uhr, war die Wohnung bereits wieder aufgeräumt und die Küche sauber. Dafür hatte ihr chinesisches Mädchen Nancy gesorgt, bevor es lautlos die Wohnung verließ.
Während des gesamten Dinners hatte Lauren an den Anruf aus Marrakesch denken müssen. Aber je weiter der Abend fortschritt, desto weniger glaubte Lauren, dass ihr Vater wirklich im Sterben lag.
Seit Jahren schon litt Jürgen Bachmann an einer leichten Herzinsuffizienz, und er hatte sich schon oft eingebildet, todkrank zu sein. Warum also sollte er gerade diesmal sterben? Es war eine geschickte Inszenierung seiner selbst, sie kannte schließlich ihren Vater und seinen Hang zur Dramatik. Er wollte sie und Katja zwingen, nach Marrakesch zukommen, um dort die Familie zu versöhnen. Vielleicht fühlte er sich wirklich nicht so gut, war in Panik geraten und steigerte sich in die Vorstellung hinein, sterben zu müssen.
Als das Telefon geklingelt hatte, dachte sie, es sei ihr Ehemann Tony, der ihr endlich eine plausible Erklärung geben würde, wieso er nicht rechtzeitig aus New York zurückgekommen war, um an dem wichtigen Dinner teilzunehmen. Und ihr versicherte, dass sie sich keine Sorgen um ihn zu machen brauche.
Doch es war nicht Tony gewesen, sondern ein Mann namens Tariq Benaissa. Seine Stimme hatte besorgt und sehr traurig geklungen, als er ihr mitteilte, dass ihr Vater im Sterben liege und sie sofort nach Marrakesch kommen solle. Und im Namen von Jürgen Bachmann hatte er darauf bestanden, dasssie Katja anrufen müsse. Noch bevor die Gäste eintrafen, hatte sie schnell einen Flug nach Marrakesch gebucht.
Lauren machte nun einen letzten Rundgang durch die Räume, und wie jeden Abend sog sie mit ihren Blicken zufrieden die luxuriöse Einrichtung, die aufwendigen Blumenarrangements und die kostbaren Bilder an den Wänden in sich auf. Das war ihr Werk, ihr Stil, sie war stolz auf ihre Wohnung, über die es schon mehrere Berichte in Hochglanzmagazinen gegeben hatte. Im Vordergrund stets Lauren, die Frau des erfolgreichen Anwalts, groß, blond, früher einmal kochbezahltes Model, bis sie mit siebenundzwanzig Jahren geheiratet hatte. Diese Darstellung ihrer Vergangenheit entsprach nicht ganz der Wahrheit, Lauren hatte ihr Image aufpoliert, und es las sich gut in den Zeitungen. Nie erwähnte sie ihre Gesangsausbildung in Paris und verschwieg ihren sehnlichsten Wunsch, eine berühmte Sängerin zu werden. Aber ihre Stimme hatte nicht ausgereicht für die große Karriere, und so hatte sie sich sehr schnell entschlossen, das Singen aufzugeben. Über Misserfolge und nicht erfüllte Träume sprach Lauren niemals.
Vor dem altmodischen Kamin blieb sie stehen und griff nach dem Foto ihres Mannes. Sie sah es sich gerne an, es war eine gut gelungene Aufnahme, die Tony Madsens markantes Profil zeigte, das energische Kinn, das ihr seinerzeit als Erstes aufgefallen war. Lauren stellte das Foto zurück und musterte sich gleichzeitig im Spiegel. Vorige Woche war sie sechsundvierzig geworden.
»Du bist noch sehr attraktiv«, hatte Tony ihr versichert.Noch. Das gefürchtete Wort. Denn es deutete auf ein baldiges Nachlassen hin. Sie war keine vierzig mehr. Und das sah man auch, da brauchte sie sich nichts vorzumachen. Panik ergriff sie, als sie mit ihrer Hand an den Augenpartien entlangfuhr, über das Kinn und über den Hals strich, an dem ein geübtes Auge ihr Alter erkennen konnte.
»Eines Tages wirst du siebzig sein. Und es wird schneller gehen, als du denkst.« Das hatte die Großmutter aus Hamburg schon zu ihr gesagt, als sie achtzehn geworden war. Damals hatte Lauren lachend den Kopf geschüttelt, denn alt zu sein, das passierte irgendwie nur den anderen, nicht ihr, Lauren Bachmann, dem schönen jungen Mädchen, das sich für unsterblich hielt.
»Wenn Sie heute Bilanz ziehen, was ist für S