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Grosse Wirkung, keine Liebe: Franz Kafka und die Musik
- Mittwoch, 28. Oktober 2015, 16:10 Uhr
Er hatte beachtliche Ohren, aber kein Musikgehör. Gab Franz Kafka sich ausnahmsweise der Musik hin, fühlte er sich unfrei. Der Schriftsteller bezeichnete sich selber als unmusikalisch – dennoch inspirierte er viele Komponisten.
«Mein Violinlehrer hat mich aus Verzweiflung in der Musikstunde lieber über Stöcke springen lassen, die er selbst gehalten hat, und die musikalischen Fortschritte bestanden darin, dass er von Stunde zu Stunde die Stöcke höher hielt.» So erzählte Franz Kafka später. Und es verwundert nicht, dass so jemand nie recht Freude an der Musik bekommen wird und sich selber als unmusikalisch bezeichnet. Er könne eine Operette nicht von einer Wagner-Oper unterscheiden, meinte er selber.
Eingesperrt in der Musik
Da halfen auch die Bemühungen von Max Brod wenig. Der Schriftsteller und Komponist, der nach dem frühen Tod Kafkas 1924 dessen Werke rettete, indem er sie gegen den Willen des Schriftstellers nicht verbrannte, vertonte bereits 1911 ein Gedicht Kafkas. Er attestierte seinem Jugendfreund zwar «ein natürliches Gefühl für Rhythmus und Melos» und schleppte ihn in die Konzerte mit, gab es aber bald wieder auf. Kafkas Eindrücke seien rein visuell. Typisch wohl, dass ihn nur eine so bunte Oper wie «Carmen» begeistern konnte.
Vermutlich aber hatte Kafkas Unmusikalität tiefere Gründe: Er, sensibel auf Lärm jeder Art, könne Musik nicht zusammenhängend geniessen. «Die gehörte Musik zieht natürlich eine Mauer um mich und meine einzige dauernde musikalische Beeinflussung ist die, dass ich so eingesperrt, anders bin als frei.» Und damit sind wir schon mittendrin in den Kafka-Themen Angst, Schuld und Unfreiheit.
Schuld und Bühne
Ab den 1930er-Jahren erlebten seine Romane und Erzählungen wachsende Beachtung und ab 1950 machten sich auch immer mehr Komponisten daran, seine Romane zu Opern zu verarbeiten. Der Pole Roman Haubenstock-Ramati, der «Amerika» auf die Bühne brachte, schrieb, dass der Romanheld K ein Symbol sei für die vielen anderen ‹Ks›, die immer wieder und in jeder Epoche als ‹schuldig›gezeichnet wurden.
Er entdeckte darin Parallelen zu seiner Zeit: «Die Angstzustände des modernen Menschen, seine Unsicherheit angesichts des Unbekannten und Unvorhersehbaren, die innere Zerrissenheit des Individuums, das Nicht-Entrinnen-Können vor der alles gleichschaltenden Maschine.» Das entsprach dem Lebensgefühl in einem Europa, das dem Nazi-Regime gerade entkommen war und nun in eine neue kommunistische Diktatur hineingeriet. Und so ist es kaum erstaunlich, dass einige wichtige Kafka-Vertonungen aus dem ehemaligen Ostblock stammen.
«Welt aus knappen Sprachformeln»
Die vielleicht berühmteste Vertonung beruht übrigens nicht auf den Romanen Kafkas, sondern auf seinen Briefen und Tagebüchern. Der Ungar György Kurtág notierte sich daraus über Jahre hinweg einzelne Sätze in sein Skizzenbuch. «Ihre Welt aus knappen Sprachformeln, erfüllt von Trauer, Verzweiflung und Humor, Hintersinn und so vielem zugleich, liess mich nicht mehr los», sagte er einmal dazu.
Daraus entwickelte sich allmählich in den 1980er-Jahren ein Zyklus von 40 «Kafka-Fragmenten» für Sopran und Violine. «Meine Gefängniszelle – meine Festung» sollte es ursprünglich heissen, denn es ist auch autobiographisch zu verstehen. Entstanden ist ein Werk von extremer Ausdruckskraft und eindringlicher Kürze.
Sendehinweis
Radio SRF 2 Kultur überträgt die Kafka-Fragmente von György Kurtág – ein Konzert vom 12. September in der Lukaskirche Luzern.
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