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| Basilius von Cäsarea († 379) - Homilien über das Hexaemeron (Homiliae in Hexaemeron)

Erste Homilie
11.
Ebendasselbe möchten wir auch vom Himmel sagen, daß nämlich von den Weltweisen sehr wortreiche Abhandlungen über die Natur des Himmels verfaßt worden sind. Einige haben behauptet, er sei aus den vier Elementen zusammengesetzt, weil tastbar und sichtbar, wegen seiner Härte aus Erde, wegen seiner Durchsichtigkeit aus Feuer, wegen der Mischung aus den übrigen Elementen. Andere1 hingegen haben diese Meinung als unwahrscheinlich verworfen und zur Bildung des Himmels willkürlich und eigenmächtig einen fünften Körper ersonnen. Nach ihnen gibt es einen ätherischen Körper, der, wie sie sagen, weder Feuer noch Luft noch Erde noch Wasser ist noch überhaupt zu den einfachen Dingen [S. 23] zählt, weil die Bewegung der einfachen Dinge in gerader Richtung verläuft, die leichten nach oben, die schweren nach unten sich bewegen. Die Bewegung nach oben und unten ist aber nicht dasselbe wie der Kreislauf, und überhaupt stehe die gerade Linie zur Kreisperipherie im weitesten Abstande. So müssen die Dinge, deren Bewegungen ihrer Natur nach verschieden sind, auch in ihrer Wesenheit voneinander verschieden sein. Doch wir können uns den Himmel auch nicht aus den ersten Körpern, die wir Elemente nennen, zusammengesetzt denken, weil das Konglomerat aus verschiedenen Stoffen keine gleichmäßige und ruhige Bewegung haben kann, da jedes einfache Ding im Konglomerat naturgemäß eine andere Bewegung hat. Daher lassen sich die Mischgebilde von vorneherein kaum in einheitlicher Bewegung halten, da eine Bewegung nicht für alle Einzelstoffe gleichmäßig passen und den entgegengesetzten genehm sein kann; im Gegenteil verträgt sich die dem Leichten eigene Bewegung nicht mit der Bewegung des besonders Schweren. Wenn wir emporstreben, fühlen wir uns durch das Irdische belastet; bewegen wir uns nach unten, so vergewaltigen wir das Feuerartige, weil wir es gegen seine Natur nach unten ziehen. Dieses feindselige Auseinanderstreben der Elemente ist aber die Ursache der Auflösung. Denn was gewaltsam und unnatürlich verbunden wird, hält nur kurz, gewaltsam und zur Not zusammen und löst sich bald in seine Bestandteile auf, indem jeder Teil in seine natürliche Stellung zurückkehrt. Infolge dieser vermeintlich zwingenden Schlußfolgerungen haben sie die Ansichten ihrer Vorgänger verworfen und eine eigene Hypothese aufzustellen für nötig erachtet, indem sie für das Entstehen des Himmels und seiner Gestirne eine fünfte Körpernatur annahmen2. Wieder ein anderer Besserwisser trat wieder gegen diese auf, zerpflückte und widerlegte ihre Meinungen und stellte dafür seine eigene Ansicht auf. Wollten wir jetzt darauf näher eingehen, so würden wir in eine ähnliche Schwätzerei verfallen.
[S. 24] Doch wir wollen lieber jene sich gegenseitig widerlegen lassen, wollen unserseits die Untersuchung über die Substanz des Himmels fahren lassen, wollen Mosesglauben, daß Gott Himmel und Erde erschaffen hat, den erhabenen Schöpfer der weise und kunstvoll geschaffenen Werke preisen und aus der Schönheit der sichtbaren Dinge den über alle Schönheit Erhabenen kennen lernen. Wir wollen aus der Größe dieser sichtbaren und begrenzten Körper auf den Unendlichen und Unmeßbaren schließen, der durch die Fülle seiner Macht allen Verstand übersteigt. Wenn wir auch die Natur des Gewordenen nicht kennen, so bietet sich doch schon in dem, was allüberall uns in die Sinne fällt, so viel Wunderbares, daß selbst der eindringlichste Verstand sich unfähig erweist, auch nur das Unbedeutendste in der Welt recht zu erklären oder dem Schöpfer das schuldige Lob zu zollen, dem aller Ruhm, alle Ehre und Herrschaft gebührt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
1: So nahm Aristoteles nebst den 4 Elementen einen ätherischen Stoff an, das „Göttliche” in der Körperwelt, aus dem die Himmelsgestirne gebildet seien. Zur aristotelischen Begründung, die hier von Basilius referiert wird, vgl. Zeller E., Geschichte der griech. Philosophie Bd. II, Abt. II, S. 332 ff.
2: Vgl. Arist., de gen. anim. II. 8, 11 und zum „fünften” Element des Aristoteles vgl. Cicero, Tusc. Disp. I, 10.