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Nachfolgend, Auszüge aus der Schrift "Die Kirche Schönau in Thun" von Pfarrer Richard Brüllmann.
Nach dem zweiten Weltkrieg entstanden im Westquartier etliche Wohnbaugenossenschaften. Darauf wurde das ganze Areal, genannt Schönau-Quartier, mit Wohnungen überbaut. Der Pfarrkreis 3 zählte in den dreissiger Jahren 3500 Einwohner und wuchs bis 1955 auf über 8000 Seelen an. Deshalb wurde ein Teil des Pfarrkreises 3 abgetrennt und zuerst im Jahr 1955 als Vikariat, darauf im Jahr 1957 als Hilfspfarramt der Kreis Schönau geschaffen. Der gewählte Pfarrer Richard Brüllmann verstand es, das kirchliche Leben in seinem Pfarrkreis stark zu fördern und eine lebendige Gemeinde zu schaffen. Alsbald entstand aus der Gemeinde ein Organisationskomitee zur Durchführung von mehreren erfolgreichen Basars, um die finanziellen Mittel zum Bau einer Kirche und eines Kirchgemeindehauses beschaffen zu helfen.
Durch den Erfolg ermuntert machte eine Kreiskommission am 17. September 1956 eine mit 1112 Unterschriften versehene Eingabe an den Kirchgemeinderat, der Bau eigener kirchlicher Räumlichkeiten in der Schönau sei möglichst intensiv an die Hand zu nehmen. Da Architekt O. Hans für diesen Bau einen Vorschlag unterbreitet hatte, der allgemein Gefallen fand, beauftragte ihn der Kirchgemeinderat mit der Ausarbeitung eines Projekts. Nach Beratung in den Kommissionen wurde das Projekt am 1. Juli 1957 von der Kirchgemeinde-versammlung gutgeheissen. Der Bau begann im Oktober 1957 und im Juni 1958 erfolgte die Aufrichte der Kirche. Am Samstag, 6. September 1958 wurden die Glocken am Bahnhof abgeholt und auf Pferdefuhrwerken in einem Festzug durch die Stadt ins Schönau-Quartier geführt. Die Kinder des 7., 8. und 9. Schuljahres durften die Glocken aufziehen. Die offizielle Einweihung der Kirche fand am 23. November 1958 unter Mitwirkung des neu gegründeten Kirchenchores statt.
Dank der durchgeführten Basars und durch weitere freiwillige Spenden konnte der Kreis Schönau an die Bausumme von Fr. 648‘867.- den schönen Beitrag von
Fr. 54‘752.- leisten.
Aus finanziellen Gründen musste die Frage der Kirchenfenster damals zurückgestellt werden. Dank dem jungen Künstler Werner Eberli aus Gottlieben, ergab sich die Chance, die Lösung über eine längere Zeit zu verteilen. Die Ausführung konnte den finanziellen Mitteln entsprechend in einzelnen Etappen vorgenommen werden. Nach der Genehmigung durch den Kirchgemeinderat, der sich von der städtischen Kunstkommission beraten liess, entstanden die einzelnen Scheiben, bis im Jahr 1966 die letzten Fenster eingesetzt wurden.
Typisch für die Arbeit Werner Eberlis ist die Tatsache, dass er sich nicht, wie das sonst meist geschieht, darauf beschränkte, als Künstler einen Entwurf zu schaffen, um dann die Ausführung einem Handwerker zu überlassen. Seine Fensterscheiben hat er von der ersten Idee bis zur endgültigen Gestaltung selber ausgearbeitet.
Unsere Fenster dürfen nicht bloss als Dekoration verstanden werden. Natürlich sind wir froh, dass sie so gefällig und schön präsentieren. Selbstverständlich freuen wir uns, dass der ganze Kirchenraum an Aussehen und Stimmung gewonnen hat. Aber sie wollen mehr sein als nur Verzierung und Schmuck.
Ihre wahre Aufgabe besteht in der Verkündigung. Ihrem inneren Wesen nach ist jede von diesen Scheiben eine wortlose, aber deshalb nicht weniger eindrückliche Predigt. Ihr Anblick will uns jedesmal neu eine Wahrheit des Evangeliums vor Augen stellen. Wort und Bild streben nach dem gleichen Ziel. Auf verschiedenen Wegen wollen uns beide zu Gott hinführen. Unterstrichen wird diese Tatsache durch den Umstand, dass jedes Fenster einen Bibeltext zur Grundlage hat. Treffend sind sie einmal „Augen zum Himmel“ genannt worden.
Im Mittelpunkt unseres Glaubens steht Christus; und seine Verkündigung kreist um die Botschaft vom Reich Gottes. Aus diesem Grund begegnen uns da, wo unsere Blicke zuerst hinfallen wenn wir die Kirche betreten, der Christuskopf und drei seiner Gleichnisse über das Reich Gottes. Sobald wir hereinkommen ruft uns das Chorfenster gleichsam zu: Hier muss eure Besinnung einsetzen! Hier beginnt das Christ-Sein.
Nach dem Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen beginnt dieses Christ-Sein damit, dass wir uns mit der Welt abfinden, so wie sie ist. Wohl steht da Gut und Böse nebeneinander, aber das braucht uns nicht zu erschüttern. Denn dahinter steht Gott, der diese Welt zu jenem Ziel führt, das er ihr gesetzt hat. Wie bei der Ernte das Korn in Garben gesammelt wird, so kommt das Gute nach Gottes Willen zum krönenden Sieg.
Das Reich Gottes ist nicht nur Gabe, sondern gleichzeitig Aufgabe. Darauf weist das Gleichnis vom Fischernetz hin. Wie den Fischern ihre Berufsarbeit übertragen ist, so sind wir als Christen zu einer Aufgabe berufen. Handelt es sich für den Fischer darum, die guten von den schlechten Fischen zu trennen, so geht es für uns darum, einen deutlichen Trennungsstrich zu ziehen zwischen Gut und Böse. Sich für das Reich Gottes einsetzen bedeutet, seine Aufgaben gewissenhaft zu erfüllen. Christ-Sein verlangt von uns, in den Alltäglichkeiten zuverlässig zu sein.
Doch ist das nicht zu wenig? Jesus beantwortet diese Frage mit dem Gleichnis vom Senfkorn. Das Senfkorn, das so gross ist wie ein kleiner Stecknadelkopf, wird zur 2 bis 3 Meter hohen Staude, in der am See Genezareth die Vögel ihre Nester bauen. Dieses Geschehen aber ereignet sich nicht, weil die Menschen besonders gut säen, sondern es wird Wirklichkeit durch Gottes wunderbares Wirken. In gleicher Weise werden aus unserm kleinen Tun durch Gottes Hilfe rechte Früchte wachsen, wenn wir getreu und verantwortungsbewusst dabei sind.
Die Fenster auf der linken und der rechten Seite des Kirchenraums sind insgesamt in 17 Bilder (Sujets) aufgegliedert.
Bildlich dargestellt wird in den Fenstern 1 - 3 das Christus-Monogramm, die heilige Taufe und die Begegnung von Jesus mit den Fischern am See Genezareth.
In den Bildern 4 – 6 werden die Seligpreisungen aus der Bergpredigt Jesu behandelt. Jesus weist uns nicht den Weg zu Ansehen, Genuss und Reichtum, sondern er will uns fähig machen, das Leben in jeder Lage zu meistern.
Die Fenster 7 – 9 behandeln das Thema, dass Jesus nach Ansicht der Jünger das alttestamentliche Gesetz ablehne, weil er so oft mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, den Hütern des Alten Testaments, zusammenstösst. Gegen dieses Missverständnis wendet sich Jesu hier. Mit aller Deutlichkeit stellt er fest, dass die Gebote nach wie vor Gültigkeit besitzen. Allerdings etwas haben die Jünger richtig herausgehört: es ist falsch beim Buchstaben stehen zu bleiben. Es gilt, zum Inhalt der Gesetzte vorzudringen. Jesus löst nicht auf, sondern er erfüllt, indem er das, was die Buchstaben nicht zu sagen imstande sind, mit seiner Botschaft deutlich macht.
Die Fenster 10 – 12 befassen sich mit der Wahrhaftigkeit. Zur Zeit Jesu herrschte die Unsitte, jedes Versprechen durch eine Verschwörung zu bestätigen, um damit gewissermassen Gott zum Zeugen anzurufen, dass man es ernst meine. War man aber nicht so gewiss, dass man sein Versprechen wirklich halten wollte, schwor man nicht bei Gott, sondern bei irgendetwas, das einen nicht zur Rechenschaft ziehen konnte. Also bei der Erde oder bei Jerusalem oder bei seinem Kopf. Dagegen setzt sich Jesus zur Wehr, mit der Feststellung, die Wahrheit sei immer zu sagen. Wahrhaftigkeit ist die Grundlage unseres ganzen Daseins. Denn was immer man anruft bei einem Versprechen, Gott ist jedes Mal Zeuge, denn er ist überall. In dem Sinne ist alles was wir sagen ein Schwur, weil Gott immer dabei ist.
Die Aufforderung, sich nicht zu sorgen, wird in den Fenstern 13 – 15 angesprochen. Wo kämen wir hin, wenn wir sie wirklich befolgten! Schliesslich müssen wir doch an die Zukunft denken. Davon will uns Jesus auch gar nicht abhalten, wie uns seine beiden Vergleiche deutlich machen. Wenn Vögel und Blumen ernährt werden, obschon sie nicht säen, ernten und sammeln, so haben wir Menschen erst recht alle Ursache, zuversichtlich zu sein, denn wir können ja unsere Hände rühren. Wir sind imstande vorauszuschauen. Wir sind fähig vorzusorgen. Uns stehen doch im Gegensatz zu Blumen und Tieren weit mehr Möglichkeiten offen, weil uns Gott mit ganz andern Fähigkeiten ausgerüstet hat.
Die Fenster 16 + 17 zeigen, dass hier etwas Mächtiges, etwas Entscheidendes auf uns zukommt. Worin dieses Kraftvolle liegt, macht uns das Gleichnis vom Haus auf dem Felsen und dem auf dem Sand klar. Es ist zusammengefasst, was uns die Bergpredigt im Einzelnen klar zu machen versucht: Gott hat uns durch Christus den Weg gewiesen, der uns zu glückhafter Erfüllung führt. Wo immer wir diesen Weg ganz praktisch einschlagen, wird aus der Verheissung frohe Wirklichkeit im praktischen Leben. Darum gilt auch uns das Wort von Alexandre Vinet: „An unsern Taten erkennt man, was und wieviel wir glauben“.