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Steht uns eine lange globale Konjunkturflaute oder gar eine Depression bevor? Ein Problem der derzeitigen Prognosen ist, dass die eigentlichen Ursachen der Wirtschaftsabkühlung psychologischer und so
Erneut deuten Anzeichen auf eine Abschwächung der Weltkonjunktur hin. Viele beginnen sich zu fragen, wie sehr die schwache Wirtschaftsleistung die kommenden Jahre beherrschen wird. Steht uns eine lange globale Konjunkturflaute bevor oder gar eine Depression?
Ein grundlegendes Problem der derzeitigen Konjunkturprognosen besteht darin, dass die eigentlichen Ursachen der Wirtschaftsabkühlung psychologischer und soziologischer Natur sind und mit den Faktoren «Vertrauen» und «Animal Spirits» zusammenhängen. Gemeinsam mit George Akerlof habe ich «Animal Spirits», die nichtökonomischen Motive und die irrationalen Verhaltensmuster von Menschen, zum Gegenstand unseres Buches gemacht. Wir behaupten, dass sich in derartigen Verschiebungen Geschichten widerspiegeln, die sich ändern.
In einer Publikation, die im Frühjahr an der Brookings Institution in Washington präsentiert wurde, haben James Stock von der Harvard University und Mark Watson von der Princeton University ein neues «dynamisches Faktormodell» vorgestellt, für das sie Daten von 1959 bis 2011 herangezogen haben. Nachdem sie die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre auf diese Weise ausgeklammert hatten, behaupteten sie, die jüngste Konjunkturabschwächung in den Vereinigten Staaten würde sich im Grunde nicht von anderen Abkühlungen neueren Datums unterscheiden, sie sei nur grösser.
Wie verlässlich lassen sich die Schocks vorhersagen?
Ihr Modell reduziert die Ursachen aller Rezessionen auf nur sechs makroökonomische Schocks: Erdöl, Geldpolitik, Produktivität, Unsicherheit, Liquidität/finanzielle Risiken und Finanzpolitik. Und es erklärt die meisten Abschwünge nach 2007 anhand von lediglich zwei dieser Faktoren: Unsicherheit und Liquidität/finanzielle Risiken. Doch selbst wenn wir diese Schlussfolgerung akzeptieren, bleibt die Frage, was die «Unsicherheit» und «Liquidität/finanziellen Risiken» in den vergangen Jahren umfassend erschütterte und wie verlässlich sich solche Schocks vorhersagen lassen.
Wenn man sich mit den Erkenntnissen über externe wirtschaftliche Schocks in den letzten ein oder zwei Jahren beschäftigt, kommen Geschichten zum Vorschein, deren konkrete Bedeutung nicht auszumachen ist. Wir wissen nur, dass sie den meisten von uns viele Male zu Ohren gekommen sind.
An erster Stelle steht die Geschichte über die Finanzkrise in Europa, über die alle Welt redet. Im Zwischenbericht der OECD wurde sie als «das wichtigste Risiko für die Weltwirtschaft» bezeichnet. Das mag einem unwahrscheinlich vorkommen. Warum sollte die Krise in Europa andernorts so wichtig sein?
EU-Krise begann mit dem Zusammenbruch Griechenlands
Zum Teil liegt es natürlich an der Entstehung globaler Handels- und Finanzmärkte. Doch Verbindungen zwischen Ländern entstehen nicht allein durch die unmittelbaren Auswirkungen von Börsenkursen. Die sich gegenseitig beeinflussende Psychologie der Öffentlichkeit spielt wahrscheinlich ebenfalls eine Rolle.
Damit wären wir bei der Bedeutung von Geschichten – und sehr weit entfernt von der Art von statistischer Analyse, auf die Stock und Watson ihre Arbeit gründen. Psychologen betonen, dass dem menschlichen Denken eine narrative Basis zugrunde liegt. Menschen erinnern sich an Geschichten und werden durch sie motiviert – vor allem Geschichten, in denen es um echte Menschen geht und der menschliche Aspekt im Vordergrund steht. Populäre Geschichten haben die Tendenz, eine moralische Dimension anzunehmen, und bringen die Menschen dazu sich vorzustellen, dass ein schlechter Ausgang gewissermassen den Verlust moralischer Vorsätze widerspiegelt.
Die europäische Krise begann mit einer Geschichte vom Zusammenbruch Griechenlands. Es scheint, als wäre die gesamte Weltwirtschaft durch Ereignisse bedroht, die in einem Land mit nur 11 Millionen Einwohnern vor sich gehen. Allerdings steht die ökonomische Bedeutung von Geschichten in keinem engen Zusammenhang mit ihrem monetären Wert. Welche Bedeutung eine Geschichte für die Wirtschaft hat, hängt stattdessen von ihrem Gehalt ab.
Die ersten Proteste von 2008 blieben weitgehend unbeachtet
Die Geschichte von der Griechenland-Krise nahm 2008 ihren Anfang, als Berichte über umfangreiche Proteste und Streiks erschienen, die einsetzten, nachdem die griechische Regierung eine Anhebung des Rentenalters angekündigt hatte. In den internationalen Nachrichten begannen Berichte über ein übermässiges Anspruchsdenken der Griechen aufzutauchen, die auf den Strassen demonstrierten, obwohl die Anhebung massvoll war (so sollten etwa Frauen mit Kindern oder mit gefährlichen Arbeitsplätzen im Alter von nur 55 Jahren, statt 50 Jahren, bei vollen Bezügen in Rente gehen können).
Diese Geschichte mag ausserhalb von Griechenland für ein bisschen Gesprächsstoff gesorgt haben, erregte aber erst Ende 2009 echte internationale Aufmerksamkeit, als der Markt für griechische Staatsanleihen zunehmend unsicher wurde und die steigenden Zinsen der Regierung zusätzliche Probleme bereiteten. Die Medienberichte über die Lasterhaftigkeit der Griechen häuften sich, und durch das vermehrte öffentliche Interesse wurde eine negative Feedback-Schleife geschlossen, die schliesslich Krisen in anderen europäischen Ländern befeuerte. Die Geschichte über Griechenland verbreitete sich, ähnlich wie ein Video auf YouTube, wie ein Lauffeuer.
Man könnte einwenden, dass die meisten Menschen im aussereuropäischen Ausland die Krise in Europa bestimmt nicht verfolgten. Aber Meinungsmacher verfolgten sie, und ihr Einfluss kann eine Atmosphäre erzeugen, in der jeder weniger bereitwillig Geld ausgibt.
Griechenland als Metapher undmoralisches Lehrstück
Die Geschichte über Griechenland ist in den Köpfen vieler Menschen offenbar mit den Geschichten über Immobilien- und Aktienblasen verknüpft, die der aktuellen Krise im Jahr 2007 vorausgegangen waren. Diese Spekulationsblasen sind durch laxe Kreditvergaberichtlinien sowie eine übermässige Bereitschaft, Kredite aufzunehmen, entstanden.
Diese schien der Bereitschaft der griechischen Regierung zu ähneln, Schulden zu machen, um grosszügige Renten zu zahlen. Dementsprechend betrachteten die Menschen die Griechenland-Krise nicht nur als Metapher, sondern auch als moralisches Lehrstück. Die natürliche Konsequenz bestand darin, die Sparprogramme der Regierungen zu unterstützen, die die Situation nur noch verschlimmern können.
Inzwischen ist die Geschichte über Europa allseits bekannt. Sie wird auf aller Welt so lebhaft erzählt, dass sie − selbst wenn die Krise der Euro-Zone auf zufriedenstellende Weise gelöst scheint − nicht in Vergessenheit geraten wird, bis irgendeine neue Geschichte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich lenkt. Ob früher oder heute, wir werden den globalen Wirtschaftsausblick nicht vollauf verstehen können, ohne die Geschichte zu berücksichtigen, die sich in den Köpfen der Menschen abspielt.
Robert Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University und gemeinsam mit George Akerlof Autor von «Animal Spirits: Wie Wirtschaft wirklich funktioniert» © Project Syndicate, 2012