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«Nach 1000 Jahren Pflege sollte doch dieser Rasen ganz annehmbar sein.» Wer seine Bildung ebenfalls mit Goscinny und Uderzo abgerundet hat, wird die Szene erkennen: Mit dieser Sprechblase beginnt «Asterix bei den Britanniern», und das Bild ist von einem Britannier, der mit der Handsichel einen einzelnen widerspenstigen Grashalm in seinem wunderbar grünen English Lawn zurechtstutzt, während hinter ihm ein römischer Trabwagen auf seinen schönen Rasen zubraust.
Das Bild und die ganze Aussage dahinter ist mir sofort präsent, wenn ich in English Harbour in Nelson’s Dockyard an Land komme. Hier wird ebenfalls der Rasen bis zur Perfektion gepflegt, die Blumenrabatten sind von jeglichem Unkraut befreit, an der Ecke steht eine rote, englische Telefonkabine und die Touristen (und Segler) ziehen ihre Spuren durch den Rasen (der pragmatischerweise dort, wo ein Zelt für die Talisker Atlantic Challenge aufgebaut ist, durch künstliche Rasenteppiche geschützt wird). English Harbour ist eine Welt für sich, mit ihren historischen Gebäuden, den riesigen Megajachten, deren Masten über die Inselkuppe hinausragen, und den gepflegten Anlagen innerhalb der Dockyard, die gleich nach dem Tor und dem grossen Parkplatz davor, auf dem Weg nach Falmouth Harbour in die übliche, farbenfrohe, lebendige und deutlich unordentlichere karibische Art übergehen. English Harbour wurde schon im 18. Jahrhundert als Marine-Anlage der Briten gebaut, die den Wert der beiden extrem gut geschützten Buchten von English und Falmouth Harbour mit ihrem Tiefwasserzugang erkannt hatten. Die Anlage wurde Mitte des 20. Jahrhunderts aus den Ruinen wieder restauriert und bildet heute einen wichtigen Yachting-, Charter- und vor allem Superyachting-Stützpunkt.
In diesen Tagen findet hier übrigens auch die Zieleinfahrt der ersten Boote der Talisker Atlantic Challenge, des härtesten Ruderrennens der Welt statt: die bewundernswerten Crews sind in Teams zu viert, zu dritt, zu zweit oder auch alleine von Gomera bis hierher gerudert. Das Gewinner-Boot, ein Viererteam, Fortitude IV aus UK, brauchte dafür 32 Tage, 12 Stunden, 35 Minuten und 2 Sekunden. Diejenigen Boote, deren Einlauf wir in diesen Tagen miterleben, sind bei 35 und 37 Tagen. Entsprechend emotional ist ihre Ankunft hier im Hafen auch für die nur sehr am Rande beteiligten Zuschauer wie uns. Sie werden von allen Ankerliegern mit viel Nebelhorntuten, Bravorufen, Klatschen, Winken begrüsst; die Restaurantbesitzerin an der Ecke lässt «We are the Champions» aus ihren Boxen krachen und die Schiffshörner der Megajachten dröhnen durch die ganze Bucht. Es sind Gänsehaut-Momente für alle beim Gedanken daran, was diese Menschen geleistet, gelitten und erlebt haben, und was ihre Angehörigen wohl für sorgenvolle Wochen hinter sich haben, bis sie sie hier wieder in die Arme schliessen können. Es sind auch drei Schweizer Boote im Rennen dabei (noch immer unterwegs), darunter die Solo-Ruderin Gabi Schenkel, die zum heutigen Stand noch mehr als 1000 SM und geschätzte 7 Wochen vor sich hat – unvorstellbar. Es gibt auf Youtube ein eindrückliches, kurzes Video davon, wie Gabi Schenkels Boot von einer Riesenwelle erfasst wird und eine Eskimowelle macht. Nur für Nervenstarke, deshalb hier kein Link dazu.
Hier in English Harbour kamen wir am Freitag, 17. Januar pünktlich zum Tagesanbruch an, nachdem wir am Donnerstagmittag von Pointe à Pitre gestartet waren. Der Wind blies genau aus Osten, wo wir eigentlich hin wollten, und auch nicht zu knapp. Und zusätzlich hatten wir auch noch den Strom gegen uns. Wir brauchten einen ausgiebigen Kreuzschlag, gefühlt schon fast bis nach Marie Galante hinunter, und mussten dann doch noch ein paar Meilen von St. François bis zur spitzen Südost-Ecke von Guadeloupe motoren, um sie noch bei Tageslicht runden zu können. An der Ecke war die übliche konfuse See an solchen Kaps und so war es eine Wohltat, als wir endlich weit genug davon entfernt waren, um ein wenig abfallen und auf einen angenehmeren Kurs in Richtung Antigua gehen konnten. Die Nacht brachte den einen oder anderen Schauer, deren Böen aber nur bis etwa 20kn stiegen, dazwischen wieder viele Sterne, gelegentliche Winddreher und durch den räumlichen Kurs auch viel Geschaukel. Es war insgesamt sehr friedlich und einen Tick zu schnell, so dass wir noch bei Dunkelheit vor der Bucht von English Harbour standen und aufs volle Ankerfeld zu tuckerten, aber die Boote und teils unbeleuchteten Bojen noch nicht wirklich sehen konnten. Als wir den Anker gesetzt hatten und sicher waren, dass er gut halten würde, kam auch gleichzeitig die Dämmerung über Shirley Heights – ein wunderschöner Moment, um den Morgentee gemütlich im Cockpit zu geniessen.
Wenn wir nicht gerade ankommende Ruderer begrüssten und mit den Beteiligten darüber redeten, so haben wir hier am Freitag und Samstag vor allem dafür gesorgt, dass ich am Montag und Dienstag gut aufgestellt war zum Arbeiten. Nachdem ich entschieden hatte, dass ich kein Café mit Wifi und genügend Ruhe für zweimal fast 6 Stunden konzentrierte Gespräche sehen konnte, und auch kein WiFi stark genug über die Bucht strahlte, dass ich es von Sea magiX aus hätte anzapfen können, ging es darum, die richtige Sim-Karte zu kaufen und die dann auch korrekt in unseren mobilen Hotspot einzubauen bzw. zu konfigurieren. Die Suche nach der richtigen Simcard wurde natürlich auch mit einem ausgiebigen Spaziergang und Besuchen der Chandleries unterwegs nach und bei Falmouth Harbour verbunden, mit einem feinen Mittagessen am Strassenstand, und mit einem Scouting im Covent Garden Supermarket. Unsere Erinnerung hat uns nicht getäuscht – die Preise hier sind wirklich markant höher als jene auf Guadeloupe oder Martinique, aber darauf waren wir ja gefasst. Schon beim Einklarieren, das auch wie erwartet noch immer deutlich genauer genommen wird als in den DOMs, hatte Bänz diese Feststellung gemacht. Die Stunde, die wir etwa gerechnet hatten, wurde gebraucht für die vier Schalterbesuche (nachdem zum Glück Bänz die Pre-Arrival Notice noch in Guadeloupe mit dem dortigen Wifi online ausgefüllt hatte, und dies nicht noch hier vor Ort am lokalen PC, womöglich nach längerem Schlangenstehen machen musste), aber die etwa 40-50 USD, mit denen wir gerechnet hatten, reichten nicht. Es waren 74 Dollar. Und auf Nachfrage bestätigte die Dame am Schalter sehr bestimmt, dass es sich um USD handle, und nicht etwa um East Caribbeans (XCD). Deren Umrechnungskurs ist ebenfalls interessant schwankend hier. Gemäss diversen Online-Währungsrechnern sollten 100 XCD etwa 37 USD entsprechen. Der Kurs wird aber in diversen Geschäften einfach 1:2 gerechnet oder wenn jemand gnädig ist, dann etwa 1:2.2. Naja, auch darauf waren wir ja schon einigermassen gefasst… Wofür übrigens die USD 74.- genau sind, konnten wir bisher nicht ganz eruieren.
Samstag war des Skippers Geburtstag, aber das Wetter spielte nicht wirklich mit. Es war regnerisch und die Schauer, die mit ihren Wasserwänden durchzogen, rissen mit ihren Böen immer wieder stark an der Ankerkette, so dass Sea MagiX wie wild umhertanzte und das Ankerfeld immer wieder neu sortiert wurde, wenn der eine oder andere, der mit zu wenig Ankerkette geankert hatte, umplatzieren musste. Auch wir hatten irgendwann kurz, als ein Plätzchen frei wurde, etwa 20m nach innen verschoben und konnten so die ganze Kette geben. So blieben wir wie gewohnt bombenfest, während andere – vor allem Charterer – mit den Verhältnissen kämpften. Wir nahmen es angesichts der wenig einladenden Wetterlage sehr gemütlich mit dem Frühstück und waren noch immer dran, als ein Dinghi zum Heck kam und wir auf Schweizerdeutsch angesprochen wurden; so lernten wir Vreni und Christian von der 10m-Maxi Tringa kennen. Abends kamen die beiden zu uns zu des Skippers Geburtstagsapero an Bord und wir verbrachten einige spannende und schöne Stunden im Austausch über unsere Atlantik-Erfahrungen und viele andere Themen und begrüssten gemeinsam ein halb-Dänisches Ruderboot. Vor lauter Diskutieren, Erzählen und Austauschen unter der Bimini-Blache hatten wir das Eindunkeln ein wenig verpasst und unser Ankerlicht noch nicht aktiviert, was dann – zu unserem Bedauern – zu einer unschönen «Diskussion» mit einem deutschen Segelschiff führte, als dieser in einem Heidentempo gefühlte 5 Meter neben uns ankerte und meinte, Boote, welche kein Ankerlicht führten, würde er sowieso grundsätzlich über den Haufen fahren. Schon schlecht gestartet, war dann auch der zweite «Austausch» – unsererseits bewusst vorsichtiger als der Erste angegangen – nicht wirklich erfolgreich, als auch sein zweiter Ankerversuch ihn in eine unglückliche Position brachte. Schade, denn wir stellten uns vor, dass das Boot vielleicht soeben über den Atlantik gekommen war und gleich zwei so unangenehme Situationen erlebte. Andererseits – vielleicht gäbe es auch andere Möglichkeiten, jemandem zu sagen, dass man ihn schlicht nicht gesehen hatte im ersten Moment? (Wir hatten ein kleines Lämpchen im Cockpit an , d.h. auf seiner Augenhöhe – waren also nicht ganz so einfach zu übersehen, auch wenn auf 18m über dem Wasser noch nichts vorschriftsgemäss geleuchtet hatte). Nun, er zog dann irgendwann in Richtung Marina von dannen, nachdem er von der Coast Guard darauf hingewiesen worden war, dass das Ankern im Fairway, wohin er beim dritten Versuch dann gezogen war, nicht erwünscht sei.
Am Samstag hatten wir auch noch einen kleinen Spaziergang über den «Middle Ground Trail» gefunden, wobei wir da mehrfach verregnet wurden. Trotzdem – die Ausblicke waren schön und wir sahen auch mal einen Mancineell-Tree, extra so bezeichnet. Weil es gerade regnete, getraute ich mich aber nicht wirklich in seine Nähe, denn dann soll ja seine ätzende Absonderung am ehesten auf unsere Haut gelangen können. Die Wanderung führt von der Pigeon Bay auf der Falmouth-Seite zur Dockyard, gleich beim Dinghy-Steg. Bei schönerem Wetter bietet sie sicher noch bessere Ausblicke. So spazierten wir zwischen den Kakteen und Sträuchern durch und unterhielten uns mit den zahlreichen jungen Geisslein mit Schlappi-Ohren, die herzzerreissend meckerten, als wären sie seit Tagen von ihrem Rudel verstossen worden.
Am Sonntag spazierten wir dann – nach einem arbeitssamen Morgen am Laptop – nachmittags nach den grössten Schauern von unserer Ankerbucht, der Freemans-Bay aus, direkt mit dem Loophole-Trail hinauf zu Shirley Heights. Dort findet immer sonntags von 16-22h ein Steelband-Konzert mit Barbecue und unzähligen Touristen statt. Wir mögen die fröhliche Stimmung dort, und sind noch immer begeistert von der unglaublichen Aussicht aus jener Höhe. Zudem hat der Ort auch seine familiengeschichtliche Bedeutung für uns beide – spielte er doch bei unserem Beschluss, zu heiraten, eine zentrale Rolle. Schön war auch, dass die Band ein Happy Birthday spielte – zwar eigentlich für einen anderen Gast, aber Bänz konnte es so trotzdem noch für sich auch in Anspruch nehmen.
Der Abend war wie erwartet touristisch, laut, lärmig, aber auch fröhlich, stimmungsvoll und bot wunderbare Ausblicke über Antigua. Wir genossen ihn sehr, entschlossen uns dann aber dazu, der Strasse entlang hinunter zu laufen, anstatt das anspruchsvolle Trail-Weglein mit unseren Stirnlampen in Angriff zu nehmen, und erlebten auch da wieder die riesige Hilfsbereitschaft der Menschen von hier – wie schon bei unserem letzten Besuch dort oben ging es auch diesmal nicht lange, bevor ein Autofahrer uns schon fast anbettelte, mit ihm hinunter zu fahren, damit wir nicht überfahren würden. Wir hatten nicht damit gerechnet und wollten eigentlich wirklich gerne die paar Meter laufen, aber bei so viel freundlicher Einladung konnten wir fast nicht nein sagen. Es war wiedereinmal ein ganz schöner Abend gewesen und der wurde durch dieses Erlebnis ein weiteres Mal perfekt abgerundet.