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„Nimm endlich das Wachs aus den Ohren, Kind!“ Als der Vater merkte, dass sie nicht reagierte, deutete er auf seine Ohren und mimte, wie wenn er etwas herausnähme. Seine Tochter allerdings tat, als verstünde sie seine Gesten nicht. Sie blickte ihn nur trotzig an, kehrte ihm den Rücken zu und rannte aus dem Haus. Er liess entkräftet die Arme sinken, sah zur Tür, durch deren Spalt ein feiner Luftzug wehte.
Nun hatte er sie wohl endgültig verloren. Hätte er doch nur schon früher etwas unternommen, sich mit ihr abgegeben, sich um sie gekümmert. Er schlug verzweifelt mit Fuss und Faust gegen die graue Wand, die früher wohl weiss gewesen sein musste. Durch den heftigen Schmerz, der nun seinen ganzen Körper durchzog, verflüchtigte sich der Gram aus seinem Kopf. Nicht wissend, was er nun tun sollte, fuhr er sich durch sein dichtes, filziges Haar, wuselte zur Tür, um zu sehen, ob seine Tochter nicht doch noch zurückkehren würde. Allerdings waren seine Hoffnungen vergebens. Nach einer Weile schloss er die Tür, was einen Reigen der Staubflocken in der Ecke zur Folge hatte. Der Vater steckte den rostigen Hausschlüssel ins Schloss und wollte die Tür verriegeln. Doch abrupt beendete er sein Vorhaben, zog statt dessen den Schlüssel heraus und öffnete die Tür wieder einen Spalt breit. Den Schlüssel warf er in die staubige Ecke. Der Schmerz im Arm war noch immer da, doch schien der Vater ihn nicht mehr wahrzunehmen, genauso wenig wie die grauen Dielenwände, die er sich einmal vorgenommen hatte zu streichen. Er schlurfte zurück ins Wohnzimmer, schien die Welt um sich herum nicht mehr wahrzunehmen. In ihm wurde es leer.
Das Mädchen wanderte seit Stunden durch die engen Gassen der Altstadt, immer möglichst abseits des Trubels und der Menschenmenge. Allerdings schien es sich nicht richtig auszukennen, als wäre es hier wie zum ersten Mal. Mit Erstaunen las es die kuriosen Strassennamen auf den alten Schildern, stolperte manchmal über einen unebenen Pflasterstein. Kleine Geschäfte säumten die verwinkelten Wege, meistens Antiquariate mit allerlei Auswahl an Dingen aus vergangenen Zeiten. Doch etwas in einem Schaufenster zog das Mädchen wie magisch an. Ein mächtiger Flügel thronte hinter der Glasscheibe. Die weissen und schwarzen Tasten schienen nur darauf zu warten, berührt zu werden – wie von der Gestalt, welche das Mädchen in den Momenten so geliebt hatte, wenn sie mit ihren schmalen Fingern über die Tasten des Klaviers geglitten war, sie sanft angeschlagen und so unvergleichlich liebliche Tongebilde hervorgezaubert hatte. Stundenlang hatte das Mädchen dann hinter dem Türspalt ausharren und den Melodien lauschen können. Die Augenblicke hatte es, als diese Erscheinung ihre Hände erhoben und sie auf das Mädchen niederprasseln liess, zu diesem Zeitpunkt völlig vergessen können. Doch sobald sich die Gestalt von ihrem Instrument erhoben hatte, war der Liebreiz, den sie beim Spiel verströmt hatte, von ihr abgefallen. Besonders dann, als sie mit ihrer sonst so warmen Stimme das Mädchen angeschrien, sie als nutzlos gebrandmarkt hatte.
Schnell atmend lehnte sich das Mädchen gegen das Schaufenster, es schien aufgeregt, Schweissperlen rannen ihr übers Gesicht. Plötzlich wurde es am Arm gepackt, der Ladenbesitzer sah sie zornig an, sein Mund bewegte sich zu seinen wilden Gesten, doch das Mädchen spürte nur die Vibrationen. Schnellstens wandte es sich vom Geschäft ab, warf noch einen Blick zurück auf den Flügel. Der Mann war immer noch am Gestikulieren. Nach einer Weile verlangsamte das Mädchen seine Schritte, ihm war doch etwas mulmig zu Mute. Vor ihrem geistigen Auge erschien wieder die Mutter mit hocherhobenen Händen, bereit, zuzuschlagen. Das Mädchen hatte es ihr nie recht machen können. Es hatte ihr eine Freude bereiten wollen, indem sie sich immer wieder ans Klavier gesetzt und sogar ab und zu einige Tasten angeschlagen hatte. Doch einmal, als die Frau im Haus geweilt und gehört hatte, wie Töne von ihrem Klavier erklungen waren, da war die Frau herbeigestürmt, hatte auf sie eingeschlagen und geschrien. Dies war erst der Auftakt zu einem nicht enden wollenden Konzert voller Misstöne. Die Frau hatte oft geschrien. Sie hatte geschrien, wenn der Mann auf sie losgegangen war. Sie hatte auch geschrien, sobald das Mädchen ihr und dem Klavier zu nahe gekommen war.
Das Mädchen schritt durch einen Torbogen in eine dunkle Gasse, die ihm als sicher erschien. So wandelte es weiter im Schatten der Häuser, führte seine Hände zu den Ohren, fühlte, ob die schützende Masse noch da war. Das Mädchen beruhigte sich. Das Wachs befand sich noch an seinem Ort, den es seit Jahren nicht verlassen hatte. Es war ruhig um das Mädchen geworden, als es zu Zeiten der Schreie auf ihrem Zimmer mit noch warmen Wachs gespielt hatte, es unbewusst zu zylinderartigen Gebilden geknetet und es, ohne zu überlegen, in die Ohren gestopft hatte. Der Lärm war verschwunden. Endlich.
Irgendwann war die Frau nicht mehr da gewesen, auch das Klavier war verschwunden. Nur das Mädchen und der Mann waren übrig geblieben. In Gedanken versunken schaute das Mädchen nicht auf seinen Weg, da – ZACK – stiess es mit einer Frau zusammen, die nur verächtlich auf das Kind schaute, leise fluchte und davon stolzierte. Gleissendes Licht verwehrten dem Mädchen die Sicht, es nahm nur die vielen Schritte wahr, die auf dem Beton ertönten und es wie einen Bogen umgaben. Doch jetzt ergriff das Mädchen Panik. Entsetzt tastete es über die Ohren, in der Hoffnung, es hätte sich getäuscht. Aber dem war nicht so. Bei dem Zusammenprall musste ihm das Wachs herausgefallen sein. Seine Suche nach dem schützenden Gut blieb erfolglos. Hilfesuchend schaute es sich um, wurde jedoch nur von den Leuten angerempelt und mit abschätzigen Blicken seiner abgetragenen Kleidung wegen bedacht. Das Mädchen wollte nur schnell fort, überflutet, berauscht von ungekannten Sinneseindrücken, den Schmerz in den Beinen ignorierend, zwängte es sich durch die Menge, stolperte über die Bordsteinkante auf die Strasse. Ein Hupkonzert begrüsste das Mädchen, begleitet von heftigem Quietschen der Reifen. Es rettete sich auf die andere Seite, ganz ausser Atem. Doch auf einmal vernahm das Mädchen etwas völlig anderes, etwas, das sich über den Missklängen erhob, sie ausspielte. Da erblickte das Mädchen auch schon die Quelle dieser Sinfonie. Ein Geiger spielte auf seinem filigran anmutenden Instrument, liess den Bogen liebevoll über die Saiten streichen. Entzückt blieb das Mädchen stehen, warme Wogen durchfuhren seinen Körper, im Gleichklang mit der Melodie. Für einen Moment schien es, als zwinkerte der Geiger dem Mädchen zu.