Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03333.jsonl.gz/3257

Nimmt ein Mensch an einem Forschungsprojekt teil, dann geht er in fremdem Interesse (der Wissenschaft, der ForscherIn, des Pharmakonzerns) Risiken ein, nimmt Belastungen auf sich und gibt Informationen über seine Person preis. Möglicherweise hat der Betroffene einen Nutzen durch das Forschungsprojekt, an dem er teilnimmt (angewandte Forschung oder Heilversuch). Ein solcher Nutzen ist jedoch stets hypothetisch und tritt nicht in allen Fällen ein, auch wenn er postuliert wurde. Es gibt auch Forschungsprojekte, die ausschliesslich dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn dienen und bei denen die Probanden keinen direkten Nutzen davon haben beziehungsweise wo keine Verbesserung der Gesundheit der Betroffenen erwartet wird (Grundlagenforschung).
Um Menschen, die an Forschungsprojekten teilnehmen, zu schützen, gibt es gesetzliche Vorgaben auf nationaler Ebene sowie internationale Richtlinien, die breite Anerkennung finden. Allerdings gehen die Meinungen auseinander, wie umfassend der Schutz von Probanden sein soll, insbesondere auch, wenn Menschen betroffen sind, die nicht selbst in die Teilnahme an einem Forschungsprojekt einwilligen können (fremdnützige Forschung an Urteilsunfähigen siehe unten).
Forschung am Menschen ist solange ethisch kaum problematisch, als mündige, urteilsfähige Personen ihre informierte und vor allem freiwillige Zustimmung zur Teilnahme an einem Forschungsprojekt gegeben haben (informed consent). Die Information umfasst die ausführliche Aufklärung über den Charakter des Versuches, seine Dauer, seine Ziele, seine Risiken und die bestehenden Ausstiegsmöglichkeiten während des Versuches. Weiter ist es unabdingbar, dass für den Probanden ersichtlich ist, was mit dem gewonnenen menschlichen Material beziehungsweise mit den erhobenen Personendaten passiert. Deren Verwendung muss der Proband ebenfalls zustimmen.
Sobald eine der genannten Voraussetzungen nicht gegeben ist, wird Forschung am Menschen ethisch problematisch und unverantwortlich. Weitere ethisch heikle Bereiche werden dann beschritten, wenn an besonders verletzbaren Personen geforscht werden soll. Zu den besonders verletzbaren Personen gehören Menschen, die sich in einem Abhängigkeitsverhältnis befinden wie etwa Kinder und Jugendliche, Alzheimerkranke oder Demente, psychisch Kranke oder geistig Behinderte, sowie Strafgefangene. Einen der umstrittensten Punkte der ethischen Diskussion um die Forschung am Menschen stellt die fremdnützige Forschung an Urteilsunfähigen dar. Eine urteilsunfähige Person kann sich über die Art und das Ausmass, die Risiken und die möglichen Folgen einer Teilnahme an einem Forschungsprojekt kein Bild machen und damit keine informierte Einwilligung geben. Und dennoch sollen solche Menschen in Forschungsprojekte einbezogen werden dürfen, um sie vom «wissenschaftlichen Fortschritt nicht auszuschliessen».
Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn die betroffene urteilsunfähige Person von der Teilnahme an einem Forschungsprojekt profitiert, also ein direkter Nutzen zu erwarten ist. Nach Auffassung des Basler Appells gegen Gentechnologie allerdings ist dort eine Grenze zu setzen, wo ein solcher direkter Nutzen nicht zu erwarten ist. Fremdnützige Forschung an Urteilsunfähigen ist aus ethischen Gründen unhaltbar.
Bis 2010 war in der Schweiz das Recht zur Forschung am Menschen zur Zeit noch lückenhaft und uneinheitlich, da kantonal geregelt. Um dies zu ändern wurde ein neuer Verfassungsartikel ins Leben gerufen, der dem Bund die Kompetenz erteilt, die Forschung am Menschen auf nationaler Ebene zu regeln. Der Verfassungsartikel wurde bei der Volksabstimmung im März 2010 angenommen und machte damit den Weg frei für das Humanforschungsgesetz, das seit Januar 2014 in Kraft ist.