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Vor einigen Jahren, als mein Grossvater aus einem grossen Haus in eine kleinere Wohnung umzog, half ich ihm, seine alten Bücher zu sortieren. Da entdeckte ich zuunterst unter einem Stapel ein dickes, schweres Buch, auf dem in grossen, schönen Buchstaben der Titel: «Die Kazuri der Janokonkaj» stand. Ich nahm das Buch in die Hand und betrachtete es genauer. Es interessierte mich, was das für eine Geschichte war, und ich rief meinem Grossvater. Als er kam, freute er sich, dass ich das spannend finde und er fing an zu erzählen.
«Es lebte einmal ein Volk in Amazonien. Das Volk hiess Janokonkaj und lebte auf einer Insel mitten im Amazonas. Diese Insel bestand aus Regenwald und hatte ausser ihnen noch viele Mitbewohner. Die farbigen Papageien, die faulen Faultiere, die bissigen Krokodile, die langen Schlangen und noch vieles mehr. Auch Pflanzen wie die Orchideen und der Kapokbaum sahen im Licht wunderschön aus. Auf dem 70 Meter hohen Kapokbaum bauten die Janokonkaj ihre Baumhäuser, die sie mit langen Strickleitern bestiegen.
Dieses indigene Volk besass etwas Besonderes, und zwar die Kazuri. Die Kazuri war eine Muschel, welche auf dieser Insel als Instrument gebraucht wurde. Es war eine Art Flöte. Auf der einen Seite war die Muschel weit offen und auf der anderen Seite hatte sie ein kleines Loch, in das man hineinblasen musste. Auf der Oberseite der Muschel hatte es noch mehr Öffnungen, mit denen man verschiedene Töne spielen konnte. Die Kazuri war ein Wertgegenstand, den jede und jeder Janokonkaj mit sich herumtrug. Auf den 10. Geburtstag bekam jedes Kind eine blau gestreifte Muschel und schnitzte daraus eine Kazuri. Die Janokonkaj spielten bei vielen Gelegenheiten auf ihrem Instrument: Zum Beispiel, wenn bei einem Fest alle ums Lagerfeuer zusammensassen, wenn jemand in Not war oder wenn man traurig war. Bestimmte Töne konnten sogar kranke und verletzte Menschen heilen.
Leider wurde es immer schwieriger, die blau gestreiften Muscheln im Amazonas zu finden, aus denen man eine Kazuri schnitzte. Schliesslich hatten die Janokonkaj sogar keine einzige Muschel mehr gefunden, obwohl sie lange rund um die Insel herum gesucht hatten.
Aus der nächstgelegenen Grossstadt kamen eines Morgens Fischer in die Nähe der Insel. Das geschah in letzter Zeit immer häufiger. Das Fischerboot gondelte gemütlich über den Amazonas. Mit ihren grossen Fischernetzen fingen die Fischer viele Fische. Aber leider verfingen sich nicht nur Fische im Netz, sondern auch Muscheln für die Kazuri.
Als die Fischer am Abend wieder nach Hause wollten, blieben sie dummerweise zwischen zwei Felsen hängen. Als die Janokonkaj die Unglücklichen bemerkten, kamen sie sofort zu Hilfe. Das indigene Volk befreite die Fischer von den Felsen und lud sie zur Erholung auf ihre Insel ein. Ein Fischer hob die Kiste mit den gefangenen Tieren aus seinem Boot heraus. Dabei klemmte er sich so fest die Hand ein, dass sie blutete. Als die Janokonkaj das sahen, nahm die Stammesälteste ihre Kazuri hervor und spielte die speziellen Heiltöne. Die Hand hörte auf zu bluten und tat nicht mehr weh. Es war alles wieder gut. Die Janokonkaj und die Fischer feierten ein grosses Fest ums Lagerfeuer mit leckeren und frischen Fischen. Als ein Janokonkaj Kind gerade einen Fisch aus der Kiste nehmen wollte, sah es plötzlich eine blau gestreifte Muschel. Es nahm die Muschel heraus und verstand, warum die Muscheln fehlten. Sie waren den Fischern ins Netz gegangen!
Als die Fischer das kapierten, tat es ihnen sehr leid und sie gaben den Janokonkaj die Muscheln sofort zurück und versprachen, in Zukunft darauf zu achten, keine blau gestreiften Muscheln mehr einzusammeln. Die Janokonkaj Kinder, die vor kurzem 10 Jahre alt geworden waren, freuten sich besonders über die Muscheln und waren den ganzen Abend damit beschäftigt, sich ihre Kazuri zu schnitzen. Allen gefiel der Abend. Die Fischer und die Janokonkaj verabredeten sich noch viele Male.»
Als mein Grossvater mit Erzählen fertig war, klappte er den Buchdeckel zu und wir sahen uns an. Darauf fragte er mich: «Hat dir diese Geschichte gefallen? Möchtest du dieses Buch nach Hause nehmen?»
«Sehr gerne», antwortete ich.
Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es nun Zeit war, nach Hause zu gehen. Ich umarmte meinen Grossvater, bedankte mich und ging mit dem Buch unter dem Arm zufrieden davon. Zuhause setzte ich mich in meinen bequemen Schaukelstuhl und fing selbst an zu lesen.