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Die Preise für Rohöl befinden sich auf Talfahrt: Seit Ende Juni sind sie um mehr als 25 Prozent gefallen. Verantwortlich sind eine schwächelnde Konjunktur in China und Europa und ein Überangebot auf den Märkten. Dies führt zu einem Preiskampf, der sich in den letzten Tagen noch verschärft hat: Am Montag kündigte der weltgrösste Exporteur Saudi-Arabien an, die Preise für Ausfuhren in die USA zu senken. Die Preise für Europa und Asien dagegen wurden erhöht.
Der Entscheid der «Ölscheiche» sorgte an den Weltmärkten für Turbulenzen: Der Preis für die US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel am Dienstag auf ein Drei-Jahres-Tief von 75,84 Dollar je Fass (159 Liter). Die international wichtigste Referenzsorte Brent aus der Nordsee war mit 82,08 Dollar zeitweise so billig wie zuletzt im Oktober 2010. Die Börsenkurse der grossen US-Ölkonzerne gerieten unter Druck.
Einige Beobachter interpretieren den «Preiskrieg» des Königreichs als gezielte Attacke auf die Schieferölproduktion in den USA. Dabei wird das «Schwarze Gold» mit der umstrittenen Fracking-Methode aus Schiefergestein herausgelöst. Diese Fördermethode hat in den letzten Jahren einen Boom erlebt und die USA einem grossen Ziel näher gebracht: Unabhängigkeit von ausländischen Energieimporten. Um dies zu verhindern, wolle Saudi-Arabien die US-Ölindustrie «unterwandern», glauben Analysten.
Andere dagegen meinen, der Wüstenstaat wolle in erster Linie den Schaden begrenzen und nicht noch mehr Marktanteile verlieren. Im August machten die Importe aus Saudi-Arabien 4,6 Prozent des Erdölverbrauchs in den USA aus. Ein Jahr zuvor lag der Anteil noch bei 7 Prozent, schreibt das «Wall Street Journal». Die niedrigen Preise sollten Raffinerien als Anreiz dienen, Öl aus Saudi-Arabien zu beziehen, sagte ein Branchenvertreter der Zeitung.
Unklar ist, wie weit sich «die Scheiche» die Tiefpreise leisten können. Nach Einschätzung von Experten macht das Königreich selbst bei einem Ölpreis von etwa 60 Dollar pro Fass noch Gewinn. Das Fracking hingegen werde unrentabel, wenn der Preis unter 70 Dollar falle. Es gibt aber auch andere Stimmen: Die Deutsche Bank schätzt, die Saudis bräuchten einen Preis von 93 Dollar, um einen ausgeglichenen Haushalt zu schaffen. Die Tiefpreis-Strategie sei deshalb selbst in der Führungsriege des Königreichs umstritten, so das «Wall Street Journal».
Offiziell gar nicht, doch US-Energiefirmen fürchten, dass sich ihre Ölbohrungen bald nicht mehr lohnen könnten. Grosse Unternehmen wie Exxon Mobil drängen deshalb auf eine Aufhebung des US-Exportverbots für Rohöl. Es wurde vor rund 40 Jahren verhängt, als die Araber dem Westen den Ölhahn zugedreht hatten. Seither darf raffiniertes Öl – etwa Benzin und Diesel – aus den USA ausgeführt werden, Rohöl hingegen nur mit einer Sonderbewilligung.
Das Verbot hat bereits Risse erhalten. Das «Wall Street Journal» berichtete am Mittwoch, der Energiekonzern BHP Billiton verkaufe ultraleichtes Öl aus Texas für 50 Millionen Dollar an die Genfer Handelsfirma Vitol, ohne Genehmigung aus Washington. Das US-Handelsministerium soll allerdings die Unternehmen zu «unabhängigen» Exporten ermutigt haben.
Die Aufhebung des Exportverbots ist in den USA ein heisses Eisen. Kritiker warnen vor höheren Benzinpreisen. Die Befürworter dagegen betonen die Chance, dass Amerika sich als neuer und gewichtiger Player auf dem Weltmarkt etablieren kann. Vor allem asiatische Käufer sollen am US-Öl interessiert sein, um ihre Abhängigkeit vom Nahen Osten zu vermindern.
Die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) hat nicht mehr die einstige Bedeutung für die weltweite Versorgung. Saudi-Arabien als grösster Exporteur hat die unbestrittene Führungsrolle im Kartell. Die neue Tiefpreis-Strategie sorgt bei den anderen Mitgliedern für wenig Begeisterung. Widerstand leistet vor allem Venezuela. Die Südamerikaner sind auf einen hohen Ölpreis angewiesen, um ihre aufwändigen Sozial- und Subventionsprogramme finanzieren zu können.
Am Mittwoch kam es zu einem überraschenden bilateralen Treffen zwischen dem venezolanischen Aussenminister Rafael Ramirez und dem saudischen Ölminister Ali al-Naimi. Ramirez sprach danach von einem «exzellenten Meeting», er betonte aber auch die Sorge über die fallenden Preise.
Das nächste Opec-Treffen findet am 27. November in Wien statt. Beobachter gehen nicht davon aus, dass es zu einer Einigung kommt: «Jeder schiebt die Schuld auf den anderen, aber niemand ist bereit, die Fördermengen zu kürzen», sagte ein Commerzbank-Analyst.
Der zweitgrösste Ölexporteur leidet zunehmend unter den Sanktionen, die wegen des Ukraine-Konflikts verhängt wurden. Und nun verstärken die sinkenden Ölpreise die Krise zusätzlich. Für einen ausgeglichenen Haushalt rechnet Moskau mit einem Preis von 104 Dollar pro Fass, also deutlich mehr als heute. In Schieflage geraten ist der staatliche Ölgigant Rosneft, er hat laut «Handelszeitung» rund 50 Milliarden Franken Staatshilfe beantragt.
In diesem Umfeld blühen Verschwörungstheorien. Die USA und Saudi-Arabien wollten den Ölpreis auf 50 bis 60 Dollar senken, um Russland und den Iran unter Druck zu setzen, berichten russische Medien mit Verweis auf die chinesische Parteizeitung «Renmin Ribao». Diese zitiert einen südkoreanischen «Experten», wonach Iran und Russland als Feinde betrachtet würden, «weshalb die westlichen Länder und die Opec den Rohölmarkt erobern und gemeinsam vorgehen».
Vorerst nicht, denn der tiefere Ölpreis wird durch den höheren Dollarkurs kompensiert. Er ist seit März von 87 auf 97 Rappen gestiegen. Auch die Frachtkosten aus Rotterdam, von wo die Schweiz das meiste Öl bezieht, sind nach Angaben von Branchenvertretern gestiegen. Deshalb sinken die Preise an den Zapfsäulen nicht.
Über die künftige Entwicklung sind sich die Experten laut «Blick» uneinig. Die einen glauben, dass die Preise in nächster Zeit fallen könnten, andere hingegen gehen sogar von einer Gegenbewegung aus.
Mit Material von sda