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Einst war die als «Kinderlähmung» bekannte Poliomyelitis – oder kurz Polio – gefürchtet. In den Industriestaaten ist dank konsequenten Impfmassnahmen die viral übertragene Infektionskrankheit mittlerweile weitgehend in Vergessenheit geraten. International aber ist im vergangenen Jahr die Zahl der Krankheitsfälle wieder angestiegen, weil während der Covid-19-Pandemie Polio-Impfkampagnen ausgesetzt worden sind.
von John Micelli
Wenn sich erste Zeichen der Poliomyelitis wie Fieber und Halsschmerzen zeigen, ist es schon zu spät: Für die Krankheit gibt es bis heute keine ursächliche Behandlung – das heisst, es können nur Symptome gelindert werden. Medikamente gegen das heimtückische Virus gibt es nicht. «Kinderlähmung» wurde die Seuche genannt, weil sie bevorzugt Kinder unter acht Jahren befällt und sie für ihr Leben zeichnet. Im Interview in der Printausgabe erzählt eine Betroffene, was es heisst, mit den Folgen von Polio zu leben: Die durch das Poliovirus ausgelöste Entzündung zerstört Nervenzellen im Rückenmark und führt so zu mehr oder weniger ausgeprägten Lähmungen, vorwiegend an den Beinen, die grösstenteils irreversibel sind.
Tödlich kann die Krankheit verlaufen, wenn auch die Atemmuskulatur betroffen ist – die ersten maschinellen Beatmungsverfahren wie beispielsweise die berühmt-berüchtigte «Eiserne Lunge» wurden als Reaktion auf diesen Krankheitsverlauf entwickelt. Und auch wenn nur ein Prozent der Infizierten die schwerste Form entwickelt, die sogenannte paralytische Poliomyelitis, hat Polio im 20. Jahrhundert auch in Europa viel Leid verursacht und unzählige Lebensträume zerstört.
Erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trat Polio in epidemischer Form auf. Seit der Jahrhundertwende wurden Europa und Nordamerika wiederholt heimgesucht: Epidemien kleineren Umfangs gab es 1901 im Thurgau, 1904 im Berner Oberland und 1910 in der Ajoie. 1914 wurde die Krankheit der Meldepflicht unterstellt. Von grossen Epidemien blieb die Schweiz bis 1936 verschont. In den Folgejahren aber explodierten die Zahlen: 1936, 1937, 1941 und 1944 wurden jeweils zwischen 1000 und 2000 Fälle gezählt.
Die letzte grosse Epidemie traf unser Land 1954 – ein Jahr, bevor ein wirksamer Impfstoff gefunden wurde. Die letzte Polio-Erkrankung in der Schweiz wurde 1989 gemeldet, seit 2002 gilt ganz Europa als Polio-frei. Die WHO allerdings hatte sich zum Ziel gesetzt, schon bis zum Jahr 2000 die Poliomyelitis auszurotten. 2021 hält die Weltgesundheitsorganisation dieses Vorhaben weiterhin für umsetzbar. Aber sie musste Rückschläge eingestehen.
Tücken des Impfens
Das 1988 von der WHO erklärte Eradikationsziel schien erreichbar, weil der Erreger – im Gegensatz zum Coronavirus – praktisch nicht mutiert und faktisch nur den Menschen als Reservoir hat. Um aber das Virus sozusagen «auszuhungern», braucht es eine möglichst hohe weltweite Immunisierungsrate über Jahrzehnte.
Bei zwei von den drei Varianten, in denen das Polio-Wildvirus auftritt, haben sich die Anstrengungen ausgezahlt: 2015 wurde Serotyp 2, 2019 Typ 3 für ausgerottet erklärt. Serotyp 1 allerdings zirkuliert weiter in Afghanistan und Pakistan.
Eine Gefahr geht aber auch von der sogenannten «Impfpolio» aus, die sich bei einer niedrigen Durchimpfungsrate der Bevölkerung entwickeln kann: Bei der auch in der Schweiz lange Zeit üblichen Schluckimpfung werden dem Körper lebende, abgeschwächte Erreger zugeführt. Die darauffolgende Abwehrreaktion des Körpers immunisiert die Geimpften gegen Polio.
Diese Impfpolioviren werden aber auch wieder ausgeschieden und können über Abwässer zurück in den Kreislauf gelangen. Wird nur lückenhaft geimpft, kann das Impfvirus im Rahmen der Passagen durch nicht immune Personen zum voll pathogenen Poliovirus zurück mutieren. Dieser Vorgang führte in den Jahren 2000 und 2001 in der Dominikanischen Republik und in Haiti, 2019 auf den Philippinen und 2020 im Sudan zu lokal begrenzten Epidemien.
Aber auch politische Instabilität, Armut, Bürgerkriege und Covid-19 helfen Polio bei der Wiederverbreitung: Aufgrund der Massnahmen gegen die Coronapandemie musste die WHO ihre Aktivitäten im Zusammenhang mit der Impfkampagne in Afrika vorübergehend einstellen. Wegen des oben beschriebenen Risikos wird in Europa seit dem Ende des 20. Jahrhunderts kein Lebendimpfstoff mehr verwendet.
Der aber ist im Gegensatz zum in den Industriestaaten eingesetzten Totimpfstoff einfacher in der Handhabung, übersteht Hitze – und er ist billig. Deshalb will ihn die WHO auch weiterhin nutzen: «Mit zwei parallellaufenden Kampagnen mit dem Tot- und dem Lebendimpfstoff werden wir die Epidemie eindämmen. Und wir werden auch mehr Routineuntersuchungen durchführen, um sicherzugehen, dass das Virus die Menschen in keinem anderen Teil von Subsahara-Afrika mehr befällt», erklärt Collins Boakye-Agyeman, Leiter des Polio-Impfprogramms der WHO in der Region.
Der einzige Weg
Aber auch wenn die Ereignisse rund um Polio derzeit weitab der Schweiz stattfinden, können wir uns hierzulande nicht einfach zurücklehnen und den Dingen ihren Lauf lassen. Denn solange das Polio-Virus zirkuliert, bleibt das Risiko bestehen, dass es wieder eingeschleppt wird.
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) erinnert in seinen Informationen über die Poliomyelitis denn auch daran, dass eine Impfung die einzige Möglichkeit ist, sich vor dieser Krankheit zu schützen, und hält im Schweizerischen Impfplan 2021 an der Empfehlung fest, Kinder und Jugendliche im Rahmen der Basisimpfungen auch gegen Polio zu schützen. Denn die Kategorie der «Empfohlenen Basisimpfungen» seien «unerlässlich für die individuelle und öffentliche Gesundheit» und böten einen «für das Wohlbefinden der Bevölkerung unerlässlichen Schutz». Wirksam und nachhaltig aber ist dieser Schutz nur, wenn 85 Prozent der Bevölkerung geimpft sind.