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Übermorgen – oder war es vorgestern? – wohnen acht Millionen Menschen in der Schweiz.
Die Zahl ist schön, und willkürlich. Sie soll einen Punkt bezeichnen, eine Schwelle.
Magisches Denken klammert sich gern an solche Fixpunkte. So lässt sich die Welt gliedern. Etwas ist abgeschlossen, und etwas anderes beginnt. Der Punkt kann ein Ende sein, aber auch ein Anfang. Bis hierher und nicht weiter. Oder auch: schon hier und jetzt noch darüber hinaus.
1962 hatte Zürich 440 000 EinwohnerInnen, und manche träumten davon, man werde bald eine Halbmillionenstadt. Das waren noch Zeiten. Die wendeten sich rasch. Als die Schweiz 1968 die magische Grenze von sechs Millionen BewohnerInnen überschritt, wurden mehrheitlich Ängste geschürt: Die Schweiz wird bald überbevölkert sein.
Der Begriff der «Überbevölkerung» wurde mit der Industrialisierung akut. Ihr berühmtester Prophet war der englische Ökonom Thomas Robert Malthus. Er formulierte als ehernes Gesetz, die Bevölkerung wachse in Progression, während die Menge der Nahrungsmittel nur linear gesteigert werden könne. Dahinter steckte die «soziale Frage», die Furcht vor den zunehmenden städtischen Arbeitermassen. Bei Malthus wurde das 1798 sozialhygienisch unverblümt formuliert: Menschen, für die zukünftig keine Nahrungsproduktion garantiert werden konnte, hatten auf dieser Welt nichts verloren. Karl Marx goss Hohn und Spott über den Untergangspropheten: Überbevölkerung sei ein Scheinproblem, da es doch um die soziale Verteilung der Ressourcen gehe.
Die Debatte hat sich mit diesen Positionen seither periodisch wiederholt, lokal und im Weltmassstab. Im Internet tickt vielfältig die Weltbevölkerungsuhr: Bis die letzte Stunde schlägt.
Im Wort «Überbevölkerung» steckt die Bevölkerung und darin das Volk. Das suggeriert oder fordert eine Einheit. Acht Millionen. Die Einheit grenzt sich gegen aussen ab: Niemand kommt mehr hinein. Mit der «Überfremdung» wird die Grenze ins Innere verlegt: Einige müssen wieder hinaus. Das wurde 1971 bei der ersten «Überfremdungsinitiative» demonstriert; und die SVP bearbeitet dieses Terrain seit zwei Jahrzehnten mit Erfolg, zuletzt mit der Initiative gegen die «Masseneinwanderung».
Die Vorstellung einer Überbevölkerung ist immer an den Raum gebunden. Deshalb tritt zum fremdenfeindlichen ein ökologisches Argument. Die Ökologiebewegung steht in Gefahr, mit politisch rechten Positionen zu flirten. In der Schweiz zeigt sich das gegenwärtig an der Ecopop-Initiative. Sie geht von ökologischen Befürchtungen aus. Doch das vorgeschlagene Heilmittel bleibt einseitig: Beschränkung der Bevölkerungszahl. Ob die Initiative zustande kommt, ist ungewiss: Vier Monate vor Ablauf der Sammelfrist sind erst 75 000 Unterschriften beisammen.
Auch aus der SP ertönen ähnliche Stimmen. Acht Millionen EinwohnerInnen seien für die Schweiz genug, mehr wären «mit hohen Folgekosten aller Art verbunden», lässt sich Nationalrätin Jacqueline Badran im «Sonntag» zitieren. Sie will das als soziale Besorgnis verstanden haben. Aber sie gerät dabei in gefährliches Fahrwasser.
Geografisch türmt sich die Schweiz in die Höhe. Dafür bleibt sie raumplanerisch in der Horizontalen: die berüchtigte Einfamilienhaussiedlung am Rand der Agglomeration. Dieser horizontale Raum wird als fix aufgefasst. Aber Raum ist nichts Starres, sondern er wird flexibel, sozial ausgestaltet.
Ja, der Verlust an Kulturland bleibt ein Problem, und die überfüllten Pendlerzüge und die Belastung der öffentlichen Infrastruktur sind es ebenfalls. Ja, die natürlichen Ressourcen sind endlich, und es braucht Nachhaltigkeit. Aber Grenzen sind gestaltbar, durch raumplanerische Verdichtung und soziale Ausweitung.
Acht Millionen: Es gibt noch Platz. Es gibt auch noch Ressourcen. Erinnern wir an ein paar Realutopien. Wenn wir die Bilanzsummen der Schweizer Banken auf alle EinwohnerInnen verteilen, bekommt jeder und jede 750 000 Franken auf die Hand gezahlt. Wenn alle Asylsuchenden in der Stadt Zürich in den Prime Tower einziehen, hat jeder und jede zwanzig Quadratmeter Wohnraum zur Verfügung. In diesen sozialen Räumen liesse sich etwas fröhlicher leben.