Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03152.jsonl.gz/2126

Der erste «Peanuts»-Strip erschien am 2. Oktober 1950 in gerade mal sieben Zeitungen. Nichts liess den späteren Erfolg dieser Serie erahnen, wirkte sie doch im damaligen Kontext wie eine Anomalie. Die USA feierten den Konsumrausch der Nachkriegszeit. Just in dieser Zeit schlich sich dieser sehr persönliche Comic-Strip über Verlierer in immer mehr Herzen, ein Strip, der subtil und doch treffsicher auf die Neurosen, Schattenseiten und Abgründe wies, die unter der strahlenden Oberfläche des amerikanischen Traums lauerten.
Der emotionale Rohstoff für die «Peanuts» waren Charles M. Schulz' Jugenderinnerungen – unerwiderte Liebe, Ablehnung, Demütigungen und Einsamkeit. Am 26. November 1922 in St. Paul im US-Bundesstaat Minneapolis geboren, wuchs Charles als behütetes Einzelkind in bescheidenen Verhältnissen auf. Er hatte einen weiss-schwarzen Hund namens Spike (so taufte er Snoopys mageren Bruder), sein Vater war – wie Charlie Browns Dad – Friseur. Schon als Kind wollte Schulz Comic-Zeichner werden – umso schmerzlicher war die Ablehnung seiner Zeichnungen für das Highschool-Jahrbuch.
Die menschliche Tragödie
Im «Peanuts»-Mikrokosmos, der aus einem knappen Dutzend feinfühlig charakterisierter Kinder besteht, sei «die menschliche Tragödie oder die menschliche Komödie vollständig verkörpert», schrieb der italienische Philosoph und «Peanuts»-Übersetzer Umberto Eco in seinem Essay «Die Welt des Charlie Brown».
Der gutmütige, aber ungeliebte und unerträglich einsame Verlierer Charlie Brown, die selbstgerechte Tyrannin Lucy, das neurotische Genie Linus, das pianistische Wunderkind Schröder und natürlich Snoopy, der Hund, der wahlweise davon träumt, Kampfpilot oder Bestsellerautor zu sein, wenn er nicht über Gott und Hund philosophiert – es gibt trotz der kindlich-leichten Oberfläche wohl keinen grausameren und düstereren Comic-Strip als die «Peanuts». «Die Kinder gehen uns nahe», so Eco, «sie sind die unheimlichen miniaturisierten Repräsentanten der Neurosen eines Bürgers der Industriekultur.»
Eine an Wunder grenzende Ökonomie
Der Erfolg der «Peanuts» hat mehrere Gründe. Schulz zeichnete richtige Menschen und echte Gefühle, die alle nachvollziehen können, und er schaffte es, die ganzen emotionalen Schwankungen «mit einer Ökonomie der Mittel wiederzugeben, die an ein Wunder grenzt», so Eco.
Auch inhaltlich arbeitete Charles M. Schulz mit der Reduktion. Er variierte Themen und Situationen (Charlie Brown verliert Baseball-Spiele, Snoopy schreibt Romane etc.), er folgte dem Kalender (St.-Valentins-Tag, die Nacht des Grossen Kürbisses, Weihnachten etc.) und gewann jedes Mal etwas Neues aus dem Bekannten.
Die Sicherheitsdecke der Nation
Und doch waren die «Peanuts» nie unverbindlich. Auch wenn Schulz auf offene politische Aussagen verzichtete, reflektierte er während 50 Jahren die gesellschaftliche Entwicklung Amerikas und damit der westlichen Welt. Die Popularität des Strips in den 1960er-Jahren war kein Zufall: Der Laienprediger Schulz griff die Stimmungen und Verwerfungen auf, die die USA zerrissen.
Dank der Mischung aus Humor, konservativem Humanismus, liebenswürdigem Skeptizismus und dem grundsätzlichen christlichen Vertrauen in die Zukunft wurden die «Peanuts» bei aller Düsternis und Grausamkeit zu einer Art «Sicherheitsdecke», an die sich die auseinanderdriftenden Generationen klammerten – denn in Charlie Brown, Lucy, Linus und Snoopy konnten und können sich Menschen aus allen Altersgruppen, Klassen und Kulturen wiedererkennen.
Der berührende Abschied
Im Herbst 1999 diagnostizierten Schulz' Ärzte Rückenmarkkrebs. Am 14. Dezember 1999 kündigte Schulz das Erscheinen des letzten «Peanuts»-Strips für den Sonntag, 13. Februar 2000 an. Charles M. Schulz starb am Tag zuvor. Nach fast fünfzig Jahren, über 20'000 Strips sich Leben und Werk so innig verschränkt, dass das eine ohne das andere nicht denkbar war – der Schöpfer und seine Figuren verabschiedeten sich gleichzeitig.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 2.10.2015, 8:20 Uhr
Buchhinweis
Charles M. Schulz: «Peanuts Werkausgabe». Carlsen, bisher 18 Bände.