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Jack Huston hat alles: Eine Serienkarriere und eine Oma, die mit der Queen verkehrt. Und: in wenigen Tagen beginnt er mit seiner Arbeit als Ben Hur. Im grössten Remake der Filmgeschichte.
Jack Huston ist ein schöner Mann. Obwohl er hässlich berühmt wurde. Als Killer aus der HBO-Serie «Boardwalk Empire», dem im Ersten Weltkrieg das halbe Gesicht weggeschossen worden war. Jack Huston ist, im Gegensatz zu vielen Schauspielern, ein sehr grosser Mann. Er beugt sich beim Reden immer ein wenig zu seinem Gegenüber hinunter, auch wenn er sitzt.
Er ist Brite und sagt andauernd «my love», wie das eine gut gereifte britische Kioskfrau oder Kellnerin auch tun würde. Dabei stammt Jack Huston, 32, kein bisschen aus der Arbeiterklasse. Sein Vater ist zwar bloss Amerikaner, aber immerhin Hollywood-Adel, nämlich der Sohn des Regisseurs John Houston und Bruder von Anjelica Huston. Aber Jacks Mutter ist eine Cholmondeley (sprich: Tschammli) aus Shropshire, genauer Lady Margot Lavinia Cholmondeley.
Jacks britischer Grossmutter gehört ein riesiges Schloss und die treue Freundschaft der Queen. Die Grossmutter ist nämlich bereits 93, die Queen aber erst 88, und deshalb besucht die Queen öfter die Grossmutter und nicht umgekehrt. Die beiden verbrächten «lovely afternoons». Manchmal schaut auch Julian Fellowes vorbei, der Mann, der «Downton Abbey» erfunden hat und selbstverständlich ein guter Freund der Familie ist. Wollte er Jack Huston nie für «Downton Abbey» casten? «Doch, wir haben darüber geredet, aber das ist mir zu nah an meinem Leben.»
Jack Huston erzählt dies an einem sehr sonnigen Sonntagmorgen im Oktober 2014 am Zurich Film Festival und eigentlich ist der Anlass für unser Treffen sein neuer Film «Posthumous». Huston spielt da einen crazy Künstler in Berlin, der für tot gehalten wird, worauf seine Werke extrem gefragt sind und er obendrein eine Freundin findet, die allerdings kein bisschen zu ihm passt. Eigentlich sollte «Posthumous» jetzt, im Januar 2015, in den Schweizer Kinos starten. Das hat sich jedoch vorerst erledigt.
Der andere Grund, jetzt über Jack Huston zu schreiben, ist, dass er ab Februar 2015 in der römischen Cinecittà arbeitet und dort im Remake von «Ben Hur» die Titelrolle spielt. Jack Huston ist der neue Charlton Heston. Der Druck sei «furchtbar», sagt er, «das MUSS gut werden, das ist klar».
Regie führt der Russe Timur Bekmambetov, der hat 2008 den Action-Film «Wanted» mit Angelina Jolie und James McAvoy gedreht, das Skript stammt von John Ridley, der 2014 einen Oscar für das Drehbuch von «12 Years a Slave» gewann. «Ridley hat den Originalroman von Lew Wallace neu bearbeitet, wir gehen also hinter den Film von 1959 zurück». Mehr kann er zum Zeitpunkt unseres Treffens noch nicht sagen.
Jack Huston wohnt in Zürich im Dolder Grand. Wo kurz vor dem Zurich Film Festival ein Mord geschah. Weiss er das? «Nein! Die haben das ganz geheim gehalten, erzählen Sie mir alles!» Also, ein wohlhabender Mann hat eine polnische Prostituierte umgebracht, sie in einem Koffer aus dem Hotel geschleppt und sie dann zehn Tage lang zuhause aufbewahrt.
«Machen Sie Scherze? Das ist grauenhaft! Wie hat er sie getötet? Ganz bestimmt hat das Hotel uns nichts gesagt, weil es unser Zimmer war... Sonst ist es dort sehr schön, tolle Aussicht, tolle Terrasse mit Seeblick. Meine Frau ist mit dabei. Nein, sie ist nicht meine Frau, sie ist meine Freundin, aber wir sind ja so gut wie verheiratet, wir haben eine Tochter. Die Tochter ist in London bei meiner Mutter und hat Jetlag.» Jack Hustons Freundin ist der Victoria's Secret Angel Shannan Click. Was für ein Glück. In Zürich war er zuletzt mit elf. Auf dem Weg in die Skiferien.
Martin Scorsese hat Jack Huston gerettet und ihm eine richtige Filmkarriere ermöglicht. Denn vor Scorseses Serie «Boardwalk Empire» schlug sich Huston in Hollywood mit schlechten Rollen in schlechten Filmen durch. Der Name seines Grossvaters, der Name seiner Tante erwiesen sich nicht als Türöffner. «Alle dachten, dass man ihnen Vetternwirtschaft nachsagt, wenn sie mich einstellen.»
Für 41 Episoden verwandelte er sich ab 2010 in Richard Harrow, den sensiblen Brutalo mit dem entstellten Gesicht, der Frauen beschützt und Männer metzelt. Mit seiner Halbmaske wurde er zum Phantom der Oper im Atlantic City der Zwischenkriegsjahre. Und verschmolz mit «Boardwalk Empire»: «Eine Seriencrew wird zur Familie. Man arbeitet, isst, atmet, lacht so dermassen viel zusammen, dass man auch zusammenwächst. Das ist einzigartig. Man wächst da auch automatisch viel mehr mit seiner Serienfigur zusammen, als man das jemals mit einer Filmfigur tun würde. Deshalb werden gute Seriencharaktere auch so reich mit der Zeit.»
Schon während der Serie wuchsen ihm die guten Rollen zu: Eine Nebenrolle in der Prestige-Mini-Serie «Parade's End» um Benedict Cumberbatch. Eine grössere Rolle in «American Hustle». In «Kill Your Darlings», einem wundervollen Film über die Jugend von Amerikas Beat Generation, spielte er Jack Kerouac an der Seite von Daniel Radcliffe als Allen Ginsberg.
«Ach, der kleine Daniel Radcliffe, er ist so süss, ein so hochbegabtes Wesen! Da ist er dieser Harry-Potter-Multimillionär und dann entschliesst er sich, einen Film wie ‹Kill Your Darlings› zu machen, bei dem es absolut keinen Luxus gibt, kein Geld, nur Stress.» Die Eitelkeit der Stars von einst, aus der Zeit seines Grossvaters, der mit Monroe, Bogart, Gable, Hepburn etc. drehte, sei heute absoluter Verlässlichkeit und Effizienz gewichen.
Wenn Jack Huston nicht dreht, legt er sich ins Bett, schaut «Mad Men» und «Breaking Bad», liest tonnenweise Bücher – «am liebsten Bulgakow, Tschechov, Tolstoj, Dickens, Aexandre Dumas und Paul Auster» – und schreibt selbst ein bisschen. Oder malt. Oder spielt Klavier. Oder besucht seine Grossmutter auf Cholmondeley Castle, wo vielleicht gerade die Queen vorbeischaut.