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Ich liebe die arabische Sprache. Sie erschafft Bilder, die mir nicht aus dem Sinn gehen. Die Mutter meines Sohnes ist Ägypterin. Ich erinnere mich an Ferientage im Herzen der Altstadt Kairos, am Platz Suleiman Pascha. Mit den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages kamen die Bäckergesellen in die Hinterhöfe – Kinder zwischen 12 und 15 Jahren. Sie schleppten schwere Holzkarren, auf denen Fladenbrote in kunstvollen Pyramiden aufgeschichtet waren. «Aicha, Aicha!» riefen sie. «Aicha» heisst das Fladenbrot. Aber gleichzeitig bedeutet das Wort: «Leben».
Schreckliche Hungersnöte drohen in den ärmsten Ländern, die von Getreideimporten aus der Ukraine abhängen.
RUSSLANDS VERNICHTUNGSKRIEG. Der fürchterliche Vernichtungskrieg, den Wladimir Putin gegen ukrainische Kinder, Männer und Frauen führt, bedroht ganz direkt das Leben von Millionen in Entwicklungsländern. Die Ukraine, Russland und Kanada sind die drei wichtigsten Getreideproduzenten der Welt. Die Schwarzmeerhäfen der Ukraine sind von russischen Kriegsschiffen blockiert. Ein Export ist nicht mehr möglich. Der russische Krieg zerstört die ukrainische Landwirtschaft. Die Bauern können das Land nicht bestellen. Eine Getreideernte im September wird es nicht geben. Schreckliche Hungersnöte drohen in den ärmsten Ländern, die von ukrainischen Getreideimporten abhängen.
Zum Beispiel in Ägypten, dem grössten Getreideimporteur der Welt. Ägypten importierte vor dem Krieg jährlich rund 12 Millionen Tonnen, 65 Prozent davon aus der Ukraine. Das Grundnahrungsmittel, dessen Preis zu drei Vierteln vom Staat subventioniert wird, ist das Fladenbrot. Ägypten hat gegenwärtig Vorräte für vier Monate. Dann werden die Getreidepreise explodieren, und der Staat wird sie nicht mehr bezahlen können. Wie 2011 werden Hungeraufstände aufflackern, und diesmal werden Sonderkredite der Weltbank nicht ausreichen.
Andere Beispiele: Tunesien importiert 84 Prozent seines Weizenbedarfs und 60 Prozent seines Bedarfs an Roggen mehrheitlich aus der Ukraine. Tunesien ist besonders bedroht, weil es nur über geringe Lagerkapazitäten verfügt. Seine Vorräte reichen für knapp einen Monat. Oder Algerien: Es importiert pro Jahr rund 7,7 Millionen Tonnen Getreide, zu 75 Prozent aus der Ukraine.
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Uno (FAO) veröffentlichte vor wenigen Tagen eine Gesamtschätzung. Danach importierten im letzten Jahr 45 Länder aus Afrika und dem Mittleren Osten jeweils mindestens einen Drittel ihres benötigten Getreides aus der Ukraine.
«TSUNAMIS DER HUNGERSNÖTE». In den Kellern der ukrainischen Städte verhungern die Menschen. Sie sind die Vorboten der «Tsunamis der Hungersnöte», die Uno-Generalsekretär António Guterres am 22. März voraussagte.
Wo ist Hoffnung? Bei der Welthungerhilfe (WFP) der Uno. Sie ist allerdings abhängig von den Beiträgen der reichen Staaten. Wir alle sind verantwortlich dafür, dass die Beiträge unserer Regierungen und damit die Rettung vieler Millionen vom Hungertod bedrohter Menschen sofort massiv erhöht werden.
Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein im letzten Jahr im Verlag Bertelsmann (München) erschienenes Buch Die Schande Europas. Von Flüchtlingen und Menschenrechten kam jetzt als Taschenbuch mit einem neuen, stark erweiterten Vorwort heraus.