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Von Hermann Koch
Die Geschichten dieses Buches drehen sich um menschliche Abgründe und handeln oft in einer finanziell etwas gehobeneren Gesellschaftsschicht. Melchior, eine der Figuren des Autors – sein Alter Ego? –, begibt sich mal von der Grande Dixence zu Fuss nach Arolla. Von da stammt ein Teil seiner Vorfahren. Melchior will mal sehen, wie es da aussieht und vor allem mehr über die Geschichte des Grand Hotel erfahren, das einst einem seiner Vorfahren gehörte. Wegen einem speziellen Erbschaftsstreit ging es dann verloren.
Ein andermal fährt Melchior ins Sihltal, will den Cisalpino fotografieren, sieht bei dessen Vorbeifahrt in einer kurzen Sequenz, wie im Zug ein Mann eine Frau bedrängt. Er fährt zum Bahnhof Zug, steigt in den Cisalpino und setzt sich ins Abteil, wo der Mann und die Frau sich befinden. Es ist ruhig. Lebt die Frau noch? Die Antwort erhält er in Milano.
Einige Geschichten handeln im Finanzmilieu, wo unter anderem ein gestresster Banker endlich den Reibach machen will, sich dabei leider verzockt. Ein Vater bedrängt Mirko, den Juniorenfussballtrainer, seinen Sohn bei jedem Spiel aufzustellen. Als dies nichts nützt, setzt er Mirko einen Trojaner mit pornographischem Inhalt auf den PC. Mirko kommt von der Polizei unter Druck. In einer der kürzeren Geschichten hofft einer auf das grosse Erbe von seinem Vater, der eine Fabrik hat und mit einem Bentley herumfährt. Irgendwann wird er selber dieses Auto fahren. In der Hoffnung darauf trinkt er noch ein «Herrgöttli» mit dem Geld der Sozialhilfe… Dass man sich in kurzfristig finanziellen Nöten nicht auf seine finanzkräftigen ‹Freunde› verlassen sollte, zeigen ein paar andere kurze Geschichten.
Der Autor, juristisch und politisch bewandert, beschreibt normale Lebensgeschichten, die plötzlich vor oder im Abgrund enden. Die Grundlagen dazu dürfte seine berufliche Tätigkeit als Rechtsanwalt liefern. Gute Geschichten, aus dem Leben gegriffen.
Melchior Werdenberg: Scheinwelten. Erzählungen. Elster & Salis AG 2019, 157 Seiten, 21.80 Franken.