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In den 1970ern war Zürich weder für Toleranz noch für eine Jugendkultur bekannt.
Die Gesellschaft war “obrigkeitshörig”, die Familien immer besorgt um den guten Ruf – “Ja nicht aus dem Rahmen fallen”. Um 0:30 Uhr galt die “Polizeistunde”, der Rasen um das Grundstück soll gepflegt sein und sonntags durfte die Wäsche nicht draussen aufgehängt werden.
Das war ein perfekter Nährboden für die Punkbewegung / Musik, die mehr und mehr von England aus in die Schweiz überschwappte.
In Zürich bildete sich schon bald eine Punkszene, man traf sich auf Konzerten oder einfach auf der “Gasse” (Niederdorf) in der Stadt.
Aber auch ausserhalb von Zürich gab es “Hotspots”. Einer davon war die Freizeitanlage “Schluefweg” in Kloten. Im “Schluefweg” gab es eine Disco, in der “Gradi” (aka MaCello) Punk auflegte. In diesem Umfeld bildete sich eine kleine aber feine Szene um Gradi, Alberto, Fränzi, Vera, Knechtle und eben Johnny, UK und Rodi.
Johnny spielte mit dem Gedanken eine Band zu gründen und hat bei UK und Rodi offene Türen eingerannt. Die Idee “lass uns eine Band gründen” wurde somit schnell konkret.
Johnny kaufte sich eine Gitarre und übte pausenlos Steve Jones Riffs, Rodi mietete ein PA im Musikshop an der Stampfenbachstrasse und UK bastelte sich einen Bass Lautsprecher aus Pressspanplatten, dere so die Welt noch nicht gesehen hatte.
Ein lokaler “Freak” – Tomi – verschaffte uns den ersten Übungsraum und half temporär als Drummer bei den Liars aus.
Die Besetzung des Schlagzeuges schien für die Mitglieder der Liars DER “Challange” zu werden. Der erste offizielle Schlagzeuger der Liars sollte Glenn ein Teddy-Boy werden.
Den Bandnamen Liars brachte Johnny aufs Tapet, wobei darauf hingewiesen werden soll, dass der Name in keinem Zusammenhang mit dem gleichnamigen Song des musikalischen Vorbilds von Johnny, den Sex Pistols, steht.
Die ersten Songs waren rasch geschrieben. Der Sound war schnell, ehrlich, ungehobelt und laut!
Jetzt tauchte das Problem Schlagzeuger wieder auf. Glenn verliess die Liars und man war wieder auf der Suche nach einem Drummer. Zum Glück half uns Thomas Bickel ab und zu aus, er spielte damals den Bass bei der Zürcher Punk Band Sperma, bis schliesslich mit Markus Schweizer (Säuli) einen neuen Schlagzeuger gefunden wurde.
Nun konnte endlich in einer stabilen Besetzung geübt werden und das Repertoire begann zu wachsen. Die dabei entstanden Songs wie “Anarchy” und “Flat on Flat”, diese blieben bis zum Schluss fester Bestandteil bei jedem Auftritt.
Nachdem die Liars einige Songs eingespielt hatten, gaben sie ein paar Versuchs-Gigs im Übungsraum, welche beim Publikum echte Begeisterung auslösten. Die Liars waren jetzt “ready” für den ersten richtigen Auftritt.
Leider liess der nächste Tiefschlag nicht lange auf sich warten – sie flogen aus dem Übungsraum. Der Übungsraum befand sich in einem Luftschutzkeller unter der Kirche von Oberglatt. Das Gebäude war unter der Obhut des Sigrist, der mit Frau und Tochter in einer Wohnung bei der Kirche lebte. Kurzum, man weiss nicht genau, ob es zwischen Johnny und der Tochter des Sigrist auf dem geweihten Boden der Kirche zum äussersten gekommen ist, es darf aber davon ausgegangen werden, dass dies dem Sigrist in jedem Fall missfiel. Den Rest kann man sich ausmalen.
Nach einem kurzen Gastspiel in einem Übungsraum in Niederhasli, konnten sich die Liars einen Übungsraum in Zürich (Seefeld) im Keller des israelitischen Konsulats sichern.
Rückblickend war das schon eine starke Nummer, da der eine oder andere Besucher mit dem bekannten Sid Vicious T-Shirt ein und ausging.
In der Kantonsschule Oerlikon fand der denkwürdige Anlass statt. An diesem Abend spielte auch die Band Mystery Action. Die Liars hatten mittlerweile in kurzer Zeit neun Songs geschrieben und eingeübt. Sie konnten es nicht erwarten, diese auch einem grösseren Publikum zu präsentieren. Der Abend war hammermässig!
Es wurde schon beim ersten Songs wild Pogo getanzt, auf der Bühne hatte es zeitweise mehr Zuschauer als Bandmitglieder…
Als das Publikum Zugaben forderte, wurde das Repertoire einfach nochmals durchgespielt. Ein gelungener Start!
Der Zürcher Tagesanzeiger schrieb: “Heizt man das Publikum mit rüden Sprüchen so richtig an, dann fährt auch die Musik besser ein. Die Musik der Gruppe “The Liars“, ” Mystery Action“, “Sperma” und “TNT” (die bekannteste Schweizer Punk Band), sie bestritten den Abend in Wipkingen, das ist Punk. Ein kompromissloser Rock ohne Schnörkel, ohne Anspruch auf geniale musikalische Einfälle. Dadurch, dass die rhythmischen Grundelemente des klassischen Rock ‘n’ Roll so überspitzt zur Darstellung gebracht werden (auch durch die Lautstärke), glaubt man schon fast, dass es sich um eine Rock-Parodie handelt.”
Am 2. und 3. November 1979 fand ein richtiges grosses Festival statt: Das “Swiss Punk Now” Festival in Emmen (LU). 14 Band aus der Schweiz (und Voralberg) behaupteten sich vor einigen hundert Punks.
Die Liars spielten am Samstag. Die Stimmung war gut, der Saal war voll und auch an der Anlage war nichts aus zusetzen. Gradi (Band Manager) fand es musikalisch eher schwach. Mag sein, “who cares”, es war auf jeden Fall “Raw” Punk und das Publikum hatte Fun, die Liars hatten den sowieso!
Allein durch die Grösse des Anlasses war auch recht viel Presse vor Ort, sogar der Blick hatte einen grossen Artikel mit Porträt Fotos einiger Besucher dem Festival gewidmet. Für viele Schweizer Bünzlis, die hauptsächlich Leser dieser Zeitung waren ein Schock.
Zitat “Blick”: “Die machten ihrem gewollten schlechtem Ruf alle Ehre. Von der Bühne regnete es Präservative und Sexhefte!” (Das kam übrigens nicht von den Liars, die würden sowas nie tun!)
Zitat “Die Heimat” (wen wundert es): “Leider ging es wieder einmal nicht ohne Ärger ab, und unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger werden sich wohl fragen, wie lange im Zentrum Gersag wohlwollend Toleranz geübt wird….”Man würde wohl mit Vorteil notwendige Hilfe etablierten Organisationen und Vereinen zuwenden (Familie, Kultur, Sport).”
Eine Anekdote sollte hier auch noch erwähnt werden: Für die Übernachtungsmöglichkeiten hatte sich niemand gekümmert, so durchstreiften Gruppen von Punks die Stadt Luzern auf der Suche nach leerstehenden Häusern.
Nach einigen Stunden schlottern in einem Abbruchhaus suchten einige Punks den geheizten Wartesaal im Bahnhof Luzern auf. Die Holzbänke wurden belegt, bis die ersten Pendler um 5 Uhr ungehalten anfingen zu protestierten.
Einen Punk mit “Kurier AG” Lederjacke (aka Aargauer) hat es besonders hart getroffen, setzt sich doch ein älterer Herr motzend auf seinen Kopf.
Für die Liars war es Zeit für eine Auftritts-Pause, sie hatten sich nun vorgenommen neue Songs zu schreiben und an den existierenden noch rumzufeilen. Ende Januar war es dann endlich wieder so weit.
Am Samstag, 26. Januar fand das “Basler Punk Festival” statt. Neben den Liars spielten Sperma, Crazy, TNT, KIE13 Sick und Shit-X. Das war durchs Band ein fantastischer Abend mit an den sich hoffentlich noch einige erinnern mögen!
Auch für die Liars war dies ein Hammer-Event, die zusätzlichen Übungsraum Sessions hatten sich ausbezahlt.
Das Aargauer Fanzine “Wake Up” schrieb: “Die Liars sind eine der härtesten Band der Szene, eine richtige Pogo Band. Die Texte sind englisch und werden von Wädes (Rodi) Mordsröhre gesungen. Heute überzeugen sich mich das erste mal, obwohl alles ziemlich gleich tönt. Als letztes der Stücke spielten sie “Johnny be Good” mit zwei Gitarrensoli, bei dem sich Johnny alle Mühe gibt. “Johnny be Good” spielten sie zum ersten mal. Es ist ein alter und beliebter Song, welcher einfach nur eine spontane Action der Liars darstellen sollte. Ein Rock ’n’ Roll auf eine Art, die einem Hühner heut und Juckreize macht.
Im Januar unterschrieben die Liars einen Vertrag mit dem “Bugs-Power-Label”, dieser sollte der Band ein wenig mehr Struktur geben. Das “Bugs-Power-Label” wurde von Marcel Gradolf (Gradi/MaCello), Fränzi Meyer und Bettina und Sandra Bär geführt.
Vom Auftritt im Jugendhaus Winterthur ist leider nur wenig bekannt. Laut Gradi, war die Stimmung aber “Wie nie zuvor an einem Konzert der Liars. Das Publikum schrie und tobte.”
Im Februar fanden noch weitere Gigs mit Beteiligung der Liars statt, die meisten in kleinen Räumen mit wenig Publikum.
Das “Musikkiosk Magazin” schrieb:”Eine eigenwillige Form der Eigeninitiative ergriffen Ende Februar (26. Februar) die Punk Bands Gaga-Radix, Shit-X und die Liars. In einem Velo Unterstellraum der Aula der Kantonsschule Freudenberg spielten die Bands für eine sehr spärliches anwesendes Publikum (praktisch Null Vorwerbung mit Effizienz). Musikalisch gesehen einziger Lichtpunkt: The Liars!!! Ihnen ist für nächstes Mal ein optimales PA und eine gute Auftrittsmöglichkeit zu gönnen. (Fanx MK)”
Der Wunsch nach besserem Equipment und Organisation gegenüber den letzten Konzerten ging dieses mal in Erfüllung. Die Liars konnten als Vorgruppe der Band Jack Rabbit in Wetzikon spielen. Der Auftritt war zwar zeitlich beschränkt, dafür brachten sie es auf den Punkt.
Das Publikum bestand mehrheitlich aus Freaks, die anwesenden Punks störte das nicht, es wurde munter dem Pogo gefrönt. Einige Freaks liessen sich sogar mitreissen und hüpften fleissig mit.
Samstag 29. März 1980 – Wattwil
Es war wieder Zeit sich um ein unangenehmes Thema zu kümmern.
Der Vermieter der Bührle Immobilie brachte unserer Musik und der Punk Bewegung wenig Liebe entgegen und kündigte unseren Mietvertrag. Dabei hatten wir uns doch immer so anständig und korrekt verhalten.
Ihr Schlagzeuger fuhr ohne Ansage (trotz angesagter Konzerte) in seinen Skiurlaub, was restlichen Mitglieder zu drastischen Massnahmen zwang.
Es sollte auch sein Gutes haben, konnten die Liars doch Peter Berger (Schlagzeuger von Jack Rabbit Band) als temporärer Ersatz einsetzten. Peter hatte damals schon wesentlich mehr musikalische- sowie Auftritt Erfahrung.
Am Samstag 12. April waren die Bands; The Liars, Crazy, Shit-X, Fresh Color angesagt. Das Setup war chaotisch organisiert und es roch nach einem Reinfall. Schliesslich konnten dann drei der vier Bands ihren Auftritt bestreiten.
Für die Liars war es der erste Aufritt mit Peter. Obwohl die Band erst am Tag zuvor die Songs mit ihm eingeübt hatte, klappte es hervorragend, Peter brachte viel Präzision in die Band und liess sich auch nicht irritieren, falls einer der Band Mitglieder in seiner Ekstase das Tempo nicht halten konnte.
Das Oltener Fanzine “Jamming” schrieb: “Die Liars, übrigens mit Peter Berger am Schlagzeug, hingegen waren recht gut. Die Liars regten recht zum Pogo an”
Von diesem Gig gibt es leider wenig Zeitzeugen. Das Konzert war von Hausbesetzern organisiert worden. Die Liars spielte als Vorband von Sozz. Da der Raum und die Anlage unterirdisch waren, zogen es die Liars vor, in einem nahen Restaurant einige Cognacs zu sich zu nehmen. Darum kann sich vermutlich niemand mehr so richtig an das Konzert erinnern.
Entsprechend der Lokalität waren natürlich mehr “Freaks” als Punks im Publikum, dafür “pogoten” diese um so mehr.
Der 3. Mai war ein Highlight, was die Organisation und die Anlage betraf. Leider hatte es sehr wenig Publikum und zudem in einem recht grossen Raum (Turnhalle).
Die Liars spielten nach Mother’s Ruin, Sperma und Kraft durch Freude als vierte Band.
Ab Mai 1980 durchlebte die Stadt Zürich eine turbulente Zeit. Die Jugendunruhen waren voll im Gang. Den meisten Punks war das recht egal, sie demonstrierten zwar auch für Freiräume. Mit Politik hatten sie nichts am Hut.
Die Liars waren gar nicht angesagt an diesem Abend. Die Geschichte kann übrigens ausführlich im “Break Out Now” Zine von Dani Vieli nachgelesen werden.
Nach viel Gelaber und Klarstellungen seitens der Bewegungsdiskussionsführer was “rechts” und was “links” sei, kam es schliesslich zu einem spontanen Liars Konzert. Wie auf dem Bild unten zu sehen ist, hat bei diesem Auftritt Thomas Bickel wieder einmal an den Drums ausgeholfen.
Bands: The Liars, Lizards
Bands: The Liars, Pricks, Alvares
Bands: Sozz, The Liars, The Debils, Demons Eyes
Bands: Sozz, The Liars
Dieser denkwürdige Abend hatte doch so friedlich begonnen. Die Stimmung war gut der Saal gut gefüllt. Mitten im Konzert der Liars, hatte Rodi ein rohes Ei an den Kopf abgekriegt. Nach ausgiebigem Fluchen zerschmetterte er demonstrativ eine halbvolle Bierflasche auf dem Boden.
Das Rössli duldete von diesem Tag an keine Punk Konzerte mehr. Dies sollte auch das letzte Konzert der Liars bis zum heutigen Tag sein.
Ein Auszug von Textblättern aus der Anfangszeit der Liars.
Das grammatikalische Finish der Texte mag nicht nur den Laien erstaunen… O.K. Damals gab es noch keine Spell Checker!
Wie oben in der Liste der Liars Gigs erwähnt, existiert eine Musikkassette vom Auftritt der Liars anlässlich des Konzertes vom 3. Mai 1980 in Langnau am Albis.
Daraus konnten einige Songs in digitalisiert werden. Durch die schwache Aufnahmequalität “Kassettenrekorder” und das Alter des Bandes sind erheblich Nebengeräusche in den Aufnahmen. Das Material sollte bevor sie hier publiziert werden, noch ein wenig “gereinigt” werden.
Song
Länge
01:50
03:54
02:30
02:10
01:56
01:07
Die so oft geschmiedeten Pläne für eine EP Veröffentlichung (Liars bald auf Rillen) sollte leider nicht mehr umgesetzt werden. Damals gab es weder günstige Aufnahmegerät noch Internet für die Distribution, die Liars hätten einen 4-stelligen Betrag zusammenkratzen müssen um das Studio und die Produktion zu finanzieren, an dem scheiterte es hauptsächlich.
Warum die Liars nicht mehr weiter machten?
Da sind einige Faktoren zusammen gekommen aber wer sagt dann, dass Schluss ist?
Die drei ehemaligen Mitglieder von The Liars; Johnny, UK und Rodi haben sich vor einigen Jahren wieder getroffen, das war noch bevor Johnny seinen Lebensmittelpunkt in die USA verlegt hat.
Nichtsdestotrotz, haben sich Johnny und Rodi im Februar 2020 (kurz vor dem Lockdown in CH) in Baltimore getroffen – bei dieser Gelegenheit wurde auch dieses Photo gemacht!
Die Biografie mag einige Fehler beinhalten und hat nicht den Anspruch Komplet zu sein.
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