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Von Brigitte Häring | 1. September 2014 - 18:47
Doch noch namhafte Schweizer Beteiligung im Wettbewerb von Venedig – zumindest hinter der Kamera dieser Filmbiographie über den italienischen Dichter, Übersetzer und Philosophen Giacomo Leopardi (1798 – 1837): Der Tessiner Kameramann Renato Berta ist verantwortlich für die wunderschönen Bilder dieses italienischen Wettbewerbbeitrags von Mario Martone. Berta bekam im Juni dieses Jahres den prestigeträchtigen deutschen Kamerapreis verliehen.
Mario Martone konzentriert sich in seinem Film ganz auf den Menschen Leopardi, auf dessen Lebenskampf als kranker und körperlich deformierter Mann, der immer wieder gegen die Depression kämpfte und anschrieb.
Der Film Il giovane favoloso macht eine grosse Klammer um das Leben dieses so wichtigen italienischen Dichters. Er beginnt (mit einem sehr kurzen Vorlauf aus der Kindheit Leopardis und seiner zwei Lieblingsgeschwister) mit dem jungen Mann, der noch ganz am Anfang seiner literarischen Karriere steht und fast erstickt im bigotten, kalten und sehr konservativen Umfeld in der Kleinstadt Recanati.
Die Familie hat eine riesige Bibliothek, der Vater unterstützt die dichterische Laufbahn des ältesten Sohnes zunächst. Aber Giacomo (sehr eindrücklich zwischen philosophisch-poetischem Furor und grossem Leiden dargestellt von Elio Germano) überwirft sich immer mehr mit dem streng konservativen und gläubigen Vater.
Schliesslich freundet er sich mit Pietro Giordani an, ein antiklerikaler Schriftsteller – nicht nur seine Familie verübelt ihm diese Freundschaft. Es folgt bald darauf der Ausbruch Leopardis aus dem Familienumfeld.
Nach diesem ersten Teil springt der Film zehn Jahre vor, zeigt nur noch die beiden letzten Stationen im Leben Leopardis, der zusammen mit Manzoni zu den wichtigsten italienischen Dichter des 19. Jahrhunderts zählt.
Leopardi ist in Florenz und trifft hier auf Fanny Targioni Tozzetti (Anna Mouglalis), der er (mittlerweile schon ziemlich verwachsen wegen einer Knochenkrankheit) eine unerwiderte Liebe entgegen bringt. Diese unerwiderte Liebe und die mangelnde Anerkennung der Intellektuellen in Florenz, denen die melancholisch-pessimistische Haltung Leopardis nicht gefällt, treiben den Dichter schliesslich nach Neapel, wo er am Fusse des Vesuvs mit nur 39 Jahren stirbt.
Im Film stirbt Leopardi nicht, Regisseur Martone beendet seinen Film vorher, der Dichter bleibt auch im Film unsterblich. Das ist nur eine der vielen Feinheiten in dieser wunderschönen, differenzierten und sehr persönlich gefärbten Biografie. Wort und bildgewaltig ist der Film, wunderschön ausgestattet, zweieinhalb Stunden lang.
Und dennoch ist Il giovane favoloso kein schweres Werk, kein von den Werken des Dichters überladenes Literaturepos. Martone sucht „seinen“ Leopardi nicht primär in den Gedichten und Schriften (obwohl man zum Glück einige der schönsten Gedichte zu hören bekommt), sondern im krassen Gegensatz zwischen diesem labilen Männchen, das im Lauf des Films immer skurriler, gebrechlicher und krummer wird, und der Grösse und Bedeutung seiner Werke.
Das funktioniert auch beim Zuschauen: manchmal fragt man sich, ob diese leidende, schwer atmende, hinkende Figur auf der Leinwand tatsächlich einer der grössten italienischen Dichter sein soll. Die Antwort gibt Leopardi im Film selber: „Die Wahrheit ist im Zweifel zu finden, nur wer zweifelt, sieht die Wahrheit hinter den Dingen.“
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