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Meine Jugend hat sich hinter der Klostermauer von Maria Einsiedeln abgespielt, und zum Studium war ich in das mauer- und stacheldrahtumschlossene Westberlin gezogen, eine im Ostblock gelegene Stadtinsel, die nur über Transitwege und durch strenge Grenzkontrollen zu erreichen war. Hier hatte ich in einem verrufenen Viertel, in Südost 36, eine billige Wohnung gefunden, und trotz Aussenklo, kaputten Elektroleitungen und verschimmelten Wänden fühlte ich mich im Schatten der Grenze bald so heimisch wie früher im Internat. Die vom Osten errichtete Mauer, die die Weststadt umschloss, hatte praktisch dieselbe Höhe wie die alte, roh verputzte Klostermauer, woraus ich nicht ohne Koketterie den Schluss zog, ich sei für Kessel geboren.
Ende der siebziger Jahre schrieb ich ein paar Erzählungen, und der Zufall wollte es, dass ich einem jungen Paar begegnete, Marie-Luise und Egon Ammann, die mit meinem Erstling einen Verlag eröffneten. Auf einmal lief mein Leben prächtig, jedenfalls hatte ich einen Beruf und schon fast einen Namen; doch bewohnte ich weiterhin meine Wohnung in der schäbigen Mietskaserne. Die Einsiedler Benediktiner, vor allem Pater Erlebald, hatten mich gelehrt, die äusseren Bedürfnisse zugunsten der inneren zu vernachlässigen, und so war ich mit meinem Poetenleben rundum zufrieden. Immerhin war ich jetzt mein eigener Herr, besass eine Matratze, einen Tisch und eine beim Trödler erworbene Schreibmaschine. Angeblich hatte sie früher auf einer Polizeistation Dienst getan, weshalb sie eine Taste mit einem grossen Ü besass, für Überfall, Übeltäter oder die oft mit Ü beginnenden Namen von Türken, die in Scharen von Anatolien hierherzogen.
So mischte sich in den Mietskasernen ein buntes und lautes Volk: alte, tagsüber in den Fenstern liegende Kriegerwitwen, türkische Einwandererfamilien und eine Bohème aus Künstlern, Trinkern und studierender Jugend. Um die Mittagszeit tappte ich im finsteren, stets ein wenig nach Pisse stinkenden Hausflur zum Briefkasten, und in den ersten Monaten nach dem Erscheinen meines Buches rutschte mir bei jedem Aufklappen ein ganzer Haufen Post entgegen, lauter Einladungen zu Partys, Filmpremieren und Vernissagen.
Meiner Schreiberei stand ich eher misstrauisch gegenüber. So verwegen, mich bereits für einen gemachten Mann zu halten, war ich nicht, aber es schmeichelte mir, von den Künstlerkreisen der Weststadt umworben zu werden. Bei einem starken Kaffee und einigen Zigaretten sah ich die Post durch und wartete dann flanierend oder in einer Eckkneipe den Zeitpunkt ab, da der hoffnungsvolle Jungautor auf einer Vernissage, zu einer Premiere oder zu einem vornehmen Essen erscheinen konnte. Anfangs wurde ich von älteren, wie für den Tuntenball geschminkten Schickeria-Damen mit Entzückensrufen begrüsst, und eine Zeitlang fragten sie noch, wann mein nächstes Buch erscheine; doch zu Beginn der nächsten Saison wandte sich ihr Jubel dem nächsten Newcomer zu, die Einladungen wurden seltener, immer öfter blieb der Briefkasten leer. Ich nahm es gelassen.
Wie bisher schlief ich vormittags den Rausch aus und sass nachmittags am rostroten Wasser des Landwehrkanals, um von Blättern, die der Herbstwind von den Bäumen riss, in eine dichterische Stimmung versetzt zu werden. Es wurde November, und die Penner, zu denen auch ein paar spätheimgekehrte Stalingradkämpfer gehörten, drängten sich in den Aufgängen der U-Bahn, die hier draussen als Hochbahn geführt wurde, eng zusammen. Sie waren in alte Soldatenmäntel gemummt, und ihren fiebrigen, in tiefen Höhlen liegenden Augen sah man an, dass sie der Kesselschlacht nie mehr entrinnen würden.