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Maya Olah
2016
Gestern noch
Ich sitze tief im Sessel versunken, während mich eine junge Frau betrachtet. Ein Aufnahmegerät liegt zwischen uns auf dem niedrigen Tisch. Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, dass Ereignisse aus meinem Leben erzählt werden müssten, unter ernstem Nicken und zerbrechlichem Schweigen. Es war erst gestern, da lief ein Mädchen mit braunen Locken die Donau entlang. Der Weg quer durch die Gassen war kürzer, doch sie lief so gerne neben dem breiten Fluss, wo man den Blick über das Wasser gleiten lassen konnte. Die Budaer Berge mit den verschneiten Gipfeln, die man sonst sah, waren von der früh einbrechenden Nacht verschluckt worden. Die Lichter der gegenüberliegenden Seite glänzten spiegelverkehrt im schwarzen Wasser, auf ihrer Seite reflektierten sich die Laternen. Sie hatte schon zwölf durchzitterte Lichtkugeln im zäh fliessenden Fluss gezählt; es fehlten noch acht Laternen, bis sie links abbiegen musste. Sie freute sich, nach Hause zu kommen, denn sie erwarteten Kristóf und Elias von Debrecen zu Besuch. Die Mutter liess den Eintopf schon den ganzen Tag vor sich hin köcheln. Das Mädchen spürte die Kälte trotz der dünnen Strümpfe nicht. Ihre Wangen waren gerötet, sie dachte an den Blick des Bäckersjungen, an sein scheues Lächeln, während sein Vater nach dem Brot griff. Sie hatte ihn schon auf dem Schulhof gesehen, wo er in der Ecke gesessen und ein Gebäck gegessen hatte, das in der Bäckerei liegengeblieben war. Das Mädchen hielt den Laib fest in der klammen Hand, über welche die Grossmutter entlang fuhr, wenn sie gemeinsam am Kamin sassen. Klavierhände, hatte sie Oma Mara genannt, die als erstes starb, und über jeden Finger vom Ansatz bis zur Kuppe gestrichen. Ich seufze und schaue an mir herab. Meine Handrücken sind durchzogen von Falten und übersät mit Furchen und Flecken. Doch die Finger sind noch genauso schlank und feingliedrig wie damals. Die junge Frau beugt sich vornüber und fragt mich nach einer Nacht, die schwarz war wie ein Sack voller Kohlen. Ich versuche den Erinnerungsknoten zu lösen, die einzelnen Ereignisse zu gliedern. Es gelingt mir nicht, ihr zu antworten. Ich kann das Mädchen nicht nach Hause laufen lassen, wo sie die Brüder umarmt, die Mutter neckt und der Oma einen Kuss gibt. Ich lasse sie nicht den Brief schreiben an den Bäckersjungen, der ihn dann zerreisst und sagt, Juden dürften in diesem Geschäft nicht einkaufen. Vor allem lasse ich das Mädchen nicht an den Bahnhof in dieser sternlosen Nacht. Die Züge warten wie apokalyptische Reiter glänzend schwarz. Ich lasse sie nicht zu Hause ankommen, sie läuft noch immer die Donau entlang, zählt die Laternen und hält das Brot in der Klavierhand.