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Was passiert also, wenn man den Posthumanismus auf das Theater loslässt? Wahrscheinlich würde der Posthumanismus den einfachsten, direktesten Weg nehmen und das Theater in einer seiner primären Definitionen angreifen. A spielt B und C schaut dabei zu. Diese Formel wurde bereits in der Vergangenheit angegriffen und würde heute wohl eher als A ist A und C schaut zu formuliert werden. Entscheidend ist jedoch, dass wir bis anhin davon ausgingen, diese Buchstaben seien Menschen. Was etwas absurd ist, es sind ja schliesslich Buchstaben. Aber natürlich ein Buchstabe ist sehr einfach als singuläre Entität differenzierbar (singulär zu sein ist seine primäre Eigenschaft) und eignet sich deshalb hervorragend als Zeichen für Menschen, welche Mensch-sein ebenfalls als eine Existenz in Form einer singulären Entität begreifen. In der posthumanistischen Neubesetzung der Rollen A, B und C könnte jetzt aber irgendein Organismus oder irgendeine Materie die Rollen der Buchstaben einnehmen. Es entsteht ein schönes Spiel mit verschiedenen Stück-Möglichkeiten, ein ganzer Saison-Spielplan von Stücken sogar: eine Pflanze spielt Hamlet und ein Stein schaut zu, oder eine Katze steht auf der Bühne und ein Mensch schaut zu, oder ein Stein spielt Sofa und ein Virus schaut zu, usw.
Etwas wie einen Organismus oder eine Materie in die Entität eines Buchstaben zu stecken und ihm eine andere, mehr oder weniger entitäre Rolle zuzuweisen, ist aber eigentlich ziemlich schwierig – bis unmöglich. Eine Pflanze verfügt nicht unbedingt über eine klar absteckbare Persönlichkeit. Sie kann mit einem ihrer «Sprösslinge» zusammenwachsen und es ist nicht mehr klar unterscheidbar, ob sie nun eine oder zwei Pflanzen sind. Ein Stein wird niemals «genetisch geboren» sondern entsteht durch Abspaltung. Ist sein «Mutterstein» also nicht immer noch der gleiche Stein und es gibt also einen Stein an zwei unterschiedlichen Orten? Was bewirkt also dieser Widerstand von einheitlicher Subjektivierung im Theater? Dass Rollen nicht mehr von einer Person alleine eingenommen werden, vielleicht? Nun, das ist seit dem postmodernen Theater eine bereits gängige Praxis. Denn auch ohne den Posthumanismus hat man gemerkt, dass das Konstrukt einer einheitlich Person, welche als Mensch bezeichnet wird, im Theater irgendwann unspannend wird, denn sie reicht nicht an die psychologische Komplexität einer Person heran. Der Posthumanismus würde hier höchstens ergänzen, dass es sich nicht nur um psychologische, sondern auch um soziologische und biologische Komplexitäten handelt. Es ist ja nicht klar, wo ein menschlicher oder nicht-menschlicher Körper beginnt und aufhört. Heissen meine Darmbakterien auch Noemi? Oder heissen sie Hans und Erika? Wie identifzieren sie sich, wenn ausgeschieden werden und nun ausserhalb meines Körpers weiterleben? Die Rolle müsste also sowieso «Hamlet, seine Darmbakterien, seine Haare und sein Hormonspiegel» heissen. Oder «die Darmbakterien, ihre Haare, ihr Hormonspiegel und ihr Hamlet».