Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03530.jsonl.gz/1508

Autor/in
Barbara Müller
Dr. sc. nat. ETH Barbara Müller (*1963) ist Geologin. Für die SP ist sie Mitglied des Thurgauer Kantonsrates. Sie wohnt in Ettenhausen (TG).
Dr. sc. nat. ETH Barbara Müller (*1963) ist Geologin. Für die SP ist sie Mitglied des Thurgauer Kantonsrates. Sie wohnt in Ettenhausen (TG).
Welche gesicherten Aussagen sind in der aktuellen Krise überhaupt möglich? Es gilt: Bitte den Verstand einschalten.
Neuinfektionen, Inkubationszeit, positiv Getestete, Testkapazitäten, Sterberaten, Bevölkerungszahl, Bevölkerungsdichte, Altersstruktur, repräsentative Testserien, Hospitalisationen etc. Was darf es denn sein an Kenngrössen in der herrschenden Krisensituation? Welche absoluten Zahlen hinsichtlich dieser Grössen sind denn bekannt, werden auch publiziert und können bedenkenlos für Vergleichsrechnungen beigezogen werden? Wo beginnen Interpretationen, die rational nachvollzogen werden oder dann aber auch der Panikmache dienen können?
Als Naturwissenschafterin, Editorin eines wissenschaftlichen Journals und Peer-Reviewerin befasse ich mich tagtäglich mit solchen Fragen in meinem Fachgebiet, die rein mathematisch-statistischer Natur sind und nichts mit Virologie, Epidemiologie oder Medizin zu tun haben. Es geht ausschliesslich darum, Zusammenhänge und Abhängigkeiten zu studieren, Vergleiche anzustellen und Schlüsse daraus zu ziehen.
Worauf beziehen sich die Wissenschaften?
Die Begründung für die ergriffenen Massnahmen lautet in der Regel stets folgendermassen: Durch diese soll ein Anstieg der täglichen Neuinfektionen verhindert werden, um einer angeblich exponentiellen Ausbreitung des Coronavirus entgegenzuwirken.
Schauen wir uns doch deshalb gewisse Begriffe und Kennzahlen näher an, setzen sie in Bezug zueinander und versuchen herauszukristallisieren, welche gesicherten Aussagen überhaupt möglich sind.
1. Neuinfektionen können niemals zeitnah festgestellt werden, da die Inkubationszeit (Ansteckung bis Beginn der Erkrankung, das heisst Manifestation von Symptomen) zu berücksichtigen ist. Wird später bei Ausbruch der Krankheit eine Person positiv getestet, ist es nicht mehr angebracht von Neuinfektion zu sprechen (die bis zu 14 Tagen zurückliegen kann), sondern nur noch von einem positiven Testergebnis.
2. Die Anzahl der positiven Tests pro Tag sagt nichts aus über die totale Anzahl Tests, die durchgeführt wurden im selben Zeitraum. Die Gesamtzahl der Tests hat deshalb zwingend angegeben zu werden. Gemäss Angaben des Tages-Anzeigers (der als Quelle der Anzahl Tests und der positiven Tests das BAG angibt, Link unten) schwanken die Anzahl Tests pro Tag beträchtlich. Jede Erhöhung der Testkapazität führt jedoch unweigerlich zu einer erhöhten Anzahl von positiven Fällen!
Der teils beobachtete rasante Anstieg von positiv Getesteten (siehe obigen Link) überschätzt die wahre Ausbreitung des Coronavirus deshalb beträchtlich und kann nur erklärt werden, indem man berücksichtigt, dass die Anzahl der Tests mit der Zeit ebenso rasant gestiegen ist. Es gab folgerichtig nie eine exponentielle Ausbreitung.
Im übrigen würde der zeitlich bedingte Abstand zwischen Infektion und Test den in Wirklichkeit bereits deutlich früher stattfindenden Rückgang der Neuinfektionen verbergen.
Und trotzdem finden sich auf sozialen Medien, Internetseiten, Printmedien usw. unzählige solche verantwortungslosen Vergleiche, die nur auf der Anzahl der positiv Getesteten beruhen. Mit absoluten Zahlen zu argumentieren, dient ausschliesslich der Panikmache. Es ist aus diesem Grunde zwingend notwendig, mit Verhältnissen zu arbeiten und die positiven Tests anhand der durchgeführten Tests zu normieren. Nur dann sind Vergleiche zulässig!
Weitere unangebrachte Aussagen, Annahmen, Vergleiche
Ein sehr hoher Anteil der Infizierten verspürt nur geringfügige oder auch keinerlei Symptome. Dieser Anteil wird als Dunkelziffer bezeichnet. Um über diese Ziffer auch nur annährend Auskunft zu erhalten, müssten zwingend Studien mit repräsentativen Verteilungen beziehungsweise Stichproben durchgeführt werden. Bis zum heutigen Tag werden nur Personen mit Symptomen, Angehörige der Risikogruppen und Pflegepersonal getestet, was alles anders als repräsentativ ist bzw. zu Verzerrungen führt.
Ein weiteres sehr stossendes Problem bezieht sich auf die Art und Weise, wie an Corona Verstorbene definiert und gezählt werden. Da weitaus die meisten Verstorbenen an unterschiedlichsten Vorerkrankungen litten, ist es in der Regel kaum möglich zu differenzieren, ob die Vorerkrankung oder Covid-19 die Todesursache war. Einzig eine Obduktion gäbe zweifelsfrei Auskunft, diese werden aus naheliegenden Gründen selten ausgeführt. Dies wiederum bedeutet, dass in jedem Land auf eigene Weise gezählt wird. Wie diese Zählung in der Schweiz vorgenommen wird, ist m K-Tipp (siehe unten) nachzulesen. Eine Zählweise, die in keinerlei Hinsicht verlässlich und auch nicht nachvollziehbar ist, weshalb die tatsächlich an Covid-19 verstorbenen niemals bekannt sein werden.
Gemäss den Ausführungen in diesem Artikel und angesichts der unbekannten Dunkelziffer ist es strikte zu unterlassen, die angeblich an Covid-19 Verstorbenen in ein prozentuales Verhältnis mit den an Covid-19 Erkrankten (positiv Getesteten) zu setzen. Aufgrund der Dunkelziffer ist eine Sterbezahl gebildet aus dem Verhältnis von positiv Getesteten zu an angeblich an Covid-19 Verstorbenen in keinerlei Hinsicht repräsentativ, masslos überschätzt und dient wiederum der Panikmache.
Auch dies ist dringend zu bedenken:
Die Ansteckungsrate erklärt anhand einer Studie von der ETH Zürich. Ich habe jedoch bis dato nicht eruieren können, wie genau die Ansteckungsrate berechnet wird, welche Annahmen zur Anwendung kommen und wie hoch die Unsicherheiten der Berechnung ist.
Ich möchte mit diesen Ausführungen darauf hinweisen, welche Schindluderei unter Umständen mit absoluten Zahlen und hinkenden Vergleichen ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Verhältnisse betrieben wird. Ich habe mich als Wissenschafterin an Tatsachen zu halten, mich auf Berechnungen und Vergleiche zu stützen, die mit nachvollziehbaren und gesicherten Angaben (z. B. Zählstatistik) möglich sind. In diesem Sinne haben die genannten Punkte vorurteilslos öffentlich diskutiert zu werden, um Menschen nicht über Gebühr und fahrlässigerweise in Panik zu versetzen, was leider zur Genüge und leidvollerweise getan wurde. Ganz zu schweigen von den unausweichlichen Kollateralschäden durch die ergriffenen harten Massnahmen. Deshalb: Bitte den Verstand einschalten, welche Aussagen hier angebracht sind und entsprechend danach handeln.
In diesem Sinne auch lesenswert:
Werden Sie Gastautor oder Gönner von «Die Ostschweiz». Oder teilen Sie uns Verbesserungswünsche mit - unter <email-pii>
Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.