Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03278.jsonl.gz/2583

Eine 1972 gedrehte Dokumentation des neuseeländischen Fernsehens über das Leben und Schaffen ihres vor allem in London und New York tätigen Landmanns trug den Titel «Len Who?» Genau so wird es wohl vielen hiesigen Besucherinnen und Besuchern gehen, bevor sie sich im Museum Tinguely Basel die aktuelle Retrospektive des Schaffens von Len Lye (1901-1980) zu Gemüte führen.
Dabei begegnen sie dem facettenreichen Werk eines Künstlers, der auf vielen Gebieten avantgardistische Pionierarbeit geleistet hat: 1929 begeisterte er mit seinem Zeichentrickfilm «Tusalava» mit abstrakten Figuren die Surrealisten. Sein 1935 gedrehter abstrakter Werbefilm «A Color Box» für die Britische Post gilt als einer der ersten Musikclips der Geschichte. Mit seinen filigranen «Tangibles» wurde er zur Vorbereiter programmierbarer Maschinenskulpturen.
Komponist von Bewegungen
Das Museum Tinguely bezeichnet Len Lye im Ausstellungstitel als «motion composer». Das geht auf das Prinzip des Künstlers zurück, der sich in Anlehnung an Musik-Komponisten als Bewegungs-Komponist sah. Früh bereits begann er entsprechend auf kleinen Blättern – er nannte sie «Doodles» – Bewegungen zu skizzieren.
Dabei nahm er auch Eindrücke indigener Kunstwerke aus Australien, Ozeanien und Afrika auf. Diese offenbaren sich in Skizzenbüchern, aber auch in grossformatigen Gemälden, ganz offensichtlich. Diese fliessen wenig später auch in seine Experimentalfilme ein, in denen er die Zeichnung dann tatsächlich in Bewegung setzen konnte.
Wer durch den multimedialen Kunstkosmos von Len Lye flaniert, gerät immer wieder ins Staunen. Staunen zum Beispiel darüber, wie aufgeschlossen Auftraggeber wie der Ölmulti Shell, die Britische Post oder der US-amerikanische Autohersteller Chrysler waren: Lye schuf für sie Werbefilme, die man heute selbstverständlich als avantgardistische Experimentalfilme einordnet.
Lye schuf auch Filme und Fotografien ohne Kamera: Er bemalte 35-Millimeter-Filme direkt oder kratzte abstrakte Strichfiguren in das Material. Und er machte Fotos ohne Kamera, sogenannte Fotogramme, indem er Objekte aber auch Profile von Menschen direkt auf Fotopapier übertrug.
Tanzende Stahlstangen
Strömen die frühen Experimentalfilme heute den sympathischen Charme von pionierhaften Zeitzeugnissen aus, wirken seine kinetischen Skulpturen, die er ab Ende der 1950er-Jahre schuf, absolut zeitgenössisch. Lye brachte in seinen «Tangibles» Bündel von Stahlstangen und Stahlbleche in programmierte Schwingung und damit zum Tanzen.
Zu Entstehungszeit musste der Künstler die sanften und zuweilen bis ins Brachiale ausufernden Bewegungschoreographien noch persönlich steuern, heute lässt sich das programmieren. Konkret dafür gesorgt hat die Len Lye Foundation, die der Künstler in seinem Todesjahr 1980 noch selber ins Leben gerufen hat. Die Stiftung baut die Kunstmaschinen mit dem verbrieften Willen des Künstlers nach und entwickelt sie weiter.
Die Ausstellung «Len Lye – motion composer» dauert bis am 26. Januar 2020. Am Mittwoch und Donnerstag befasst sich ein internationales Symposium mit dem Schaffen Len Lyes. Organisiert wird es vom Museum in Zusammenarbeit mit dem Seminar für Medienwissenschaften der Universität Basel.