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Wie die Wirtschaft den Ersten Weltkrieg entschied
Die Debatte um den Ersten Weltkrieg hat sich bisher auf den Kriegsausbruch konzentriert. Dies ist zweifellos berechtigt. Bis heute beunruhigt uns diese Frage am meisten: Wie konnte es bloss geschehen?
Relevant ist aber auch zu wissen, wie der Krieg entschieden wurde. Hier herrscht in der Forschung weitgehende Übereinstimmung: Ausschlaggebend war nicht die Genialität der Generäle, sondern die wirtschaftliche Stärke der kriegführenden Länder, vor allem nach der Schlacht an der Marne (September 1914), als der deutsche Vormarsch im Westen gestoppt wurde.
- Die Gruppe der Alliierten war wirtschaftlich eindeutig stärker. Sie umfasste zunächst die Länder Frankreich, Grossbritannien und Russland. 1915 stiess Italien dazu, 1917 die USA. Gleichzeitig schied allerdings Russland 1918 wegen der Russischen Revolution aus.
- Die Gruppe der Zentralmächte war wirtschaftlich unterlegen. Sie bestand aus Deutschland, Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich.
Der Wirtschaftshistoriker Mark Harrison (University of Warwick) hat die Bedeutung der Wirtschaft zu quantifizieren versucht. Bereits bei Kriegsausbruch waren die Alliierten deutlich überlegen, wie die Momentaufnahme vom November 1914 zeigt. Sowohl bevölkerungsmässig wie volkswirtschaftlich zeigten sich beträchtliche Unterschiede (Quelle: The Economics of World War I).
Konkret sah es im November 1914 folgendermassen aus:
- Die Bevölkerung der alliierten Grossmächte war 2,2-mal grösser als diejenige der Zentralmächte.
- Wenn man die Kolonien und das Commonwealth dazu zählt, war die Bevölkerung sogar 5,2-mal grösser. Dies war relevant, denn Frankreich und Grossbritannien setzten in grossem Stil Kolonialtruppen in Europa ein.
- Das Bruttoinlandprodukt (BIP) der Alliierten war 1,8-mal grösser als dasjenige der Zentralmächte.
Am Ende des Kriegs waren die Unterschiede noch deutlicher. Das BIP der Alliierten war 2,5-mal grösser als dasjenige der Zentralmächte. Der Kriegseintritt der USA im April 1917 hatte den Krieg endgültig entschieden. Die Alliierten blieben also überlegen, obwohl Russland wegen der Oktoberrevolution 1917 bald ausschied und einen Separatfrieden mit Deutschland abschloss.
Die entscheidende Bedeutung der USA in der letzten Kriegsphase wirft die Frage auf, warum Deutschland Anfang 1917 mit dem unbeschränkten U-Boot-Krieg begann. Dies musste zwangsläufig zum Kriegseintritt der USA führen.
Aufschluss über die Gründe gibt eine vertrauliche Unterhaltung, die der österreichische Bankier Felix Somary im Frühsommer 1917 mit General Ludendorff führte (Erinnerungen). Ludendorff war neben General Hindenburg die bestimmende Figur bei der Festlegung der deutschen Kriegsführung. Das Gespräch zeigt, wie ahnungslos Ludendorff war.
Ludendorff: «Was ist das? Seit wann haben wir den Krieg verloren?»
Somary: «Seit dem Eintritt Amerikas.»
Ludendorff: «Blödsinn, das war eine Episode.»
Somary: «Nein, das war die Entscheidung.»
Ludendorff: «Bedeutet denn der kommende Umfall Russlands nicht zehnmal mehr als der Eintritt Amerikas, das erst in Jahren eine wirkliche Armee haben wird?»
Somary: «Nein, an Stelle eines abgekämpften Feindes kommt ein frischer, unbesiegbarer, noch dazu die einzige Nation, die den Frieden hätte vermitteln können.»
Am Schluss des Gesprächs erklärte Ludendorff:
«Übrigens wäre ein verlorener Krieg ganz gesund für unsere Nation. Der ist es seit sechsundvierzig Jahren zu gut gegangen. Das muss anders werden. Aus der Niederlage würde sich Preussen grösser als je erheben, wie bisher immer in seiner Geschichte. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Bekomme ich erst die Ostdivisionen frei, so werfe ich Frankreich so zu Boden, dass es sich nie wieder erheben kann, und dann mögen die Engländer und Amerikaner auf dem Meer herumtanzen, wie sie wollen.»