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Die Künstlerin Lika Nüssli wusste zwar, dass ihr Vater als Kind verdingt wurde. Aber er erzählte nie viel davon. Bis Nüssli ihn vor zwei Jahren das erste Mal ernsthaft danach fragte und anfing, seine Erinnerungen aufzuzeichnen. Die daraus entstandene Graphic Novel «Starkes Stück» ist die erste zu diesem Thema.
Lika Nüssli
Künstlerin
Die 1973 geborene Lika Nüssli arbeitet als freischaffende Künstlerin und Illustratorin in St. Gallen. Sie ist Mitherausgeberin des Comic-Magazins Strapazin und hat mehrere Bilderbücher und Graphic Novels veröffentlicht.
SRF: Als Sie anfingen, Ihren Vater zu seiner Kindheit zu befragen, war er bereits im Altersheim. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Gespräch aufzunehmen?
Lika Nüssli: Während dem Anfang der Coronazeit im Frühling 2020 war ich während sieben Wochen allein in einer Wohnung in Belgrad eingesperrt. In dieser Zeit habe ich angefangen, mit meinem Vater zu telefonieren.
Auch er war im Altersheim eingesperrt. Ich konnte nicht nur seine dortige Einsamkeit nachfühlen, sondern auch die Einsamkeit, die er als Bub hatte. Dabei wurde mir die Fragilität des Lebens bewusst. Und ich dachte, dass ich diese Geschichte schon lange erfahren wollte.
Wie haben Sie mit dem Projekt begonnen?
Ich habe angefangen, ein Storyboard zu zeichnen und hatte plötzlich ganz konkrete Fragen: Kannst du dich an den Tag erinnern, als du wegkamst? Welche Kleidung hast du getragen? Wie bist du dort hingekommen? Über diese Detailfragen sind wir immer mehr in seine Erinnerungen hineingekommen.
Als ich wieder in der Schweiz war, haben wir uns regelmässig getroffen. Von einer seiner Schwestern, meiner Tante, habe ich zusätzlich Fotos bekommen, die sie wiederum von ihrer Mutter bekommen haben. Das war ein geeignetes Medium, um über diese Zeit zu sprechen.
Was haben Sie vor diesem Gespräch über seine Vergangenheit gewusst?
Er hat immer erzählt, dass er mit zwölf Jahren von zu Hause weg musste. Als Kind hatte ich starkes Heimweh, das hat sich wahrscheinlich auf mich übertragen. Er erzählte, dass er geschlagen wurde, wenn er nach der Schule mit anderen Kindern spielte und deshalb später zurück auf dem Hof war, oder dass er gemassregelt wurde, wenn er ein drittes Wursträdchen nehmen wollte.
Ich hatte das Gefühl, einen ungeheuren Schatz gehoben zu haben.
Wie änderte sich Ihr Bild im Laufe der Gespräche?
Ich hatte oft das Gefühl, einen ungeheuren Schatz gehoben zu haben. Gerade, wenn er von der Zeit erzählte, als er noch zu Hause lebte. Das ist zwar erst 80 Jahre her, aber alles war ganz anders als heute.
Seine Familie lebte sehr naturverbunden, eng zusammen mit den Tieren. Sie hatten keinen Strom und waren quasi Selbstversorger. Brot machten sie aus dem eigenen Korn. Ich war froh, dass ich all diese Geschichten noch erfahren durfte.
Ihr Buch beginnt fast idyllisch: Die alpinen Landschaften und Kuhwiesen sind im Stil der Senntumsmalerei gezeichnet. Dann werden die Bilder surrealer: Körper sind grotesk, haben vor Hunger Löcher im Bauch oder sind ein Kopf auf einem geschundenen Hintern. Wie haben Sie zu diesen Bildern gefunden?
Bestimmte Bilder haben sich wahrscheinlich schon in meiner Jugend festgesetzt. Jetzt durften sie raus, gerade die Alptraumbilder. Mein Vater hat oft erwähnt, dass er diese Alpträume hatte.
Wie ist Ihr Vater damals mit seiner Situation umgegangen?
Als ich ihn fragte, wie er diese vier Jahre überstand, sagte er, dass er einfach stark sein und das auch allen zeigen wollte. Das hat etwas von einer Trotzreaktion. Aber aus der Suche nach Anerkennung hat er auch Kraft geschöpft.
Gewisse Erinnerungen plagen ihn halt doch.
Als ich ihn fragte, ob er wisse, weshalb ihn seine Eltern weggegeben haben, konnte er mir keine richtige Antwort geben. Er hat sie nie damit konfrontiert. Ich glaube, das lag daran, dass es ihm so normal vorkam. Sie waren arm und er dachte wohl, dass es keine andere Möglichkeit gab.
Wie hat sich seine Vergangenheit bei ihm im Erwachsenenalter manifestiert?
Für mich ist klar, dass er traumatisiert war. Dass er sich damals emotional zurückgezogen hatte und diese herzliche Wärme und Zuneigung schon in jungen Jahren vermisst hat. Das wirkt sich auch auf die Empathiefähigkeit eines Menschen aus. Trotzdem hat er es geschafft, einen Beruf auszuüben, der ihm gefallen hat.
Letztens hat er mir gesagt, dass er einfach nach vorne geschaut hat, und diese Zeit hinter sich lassen wollte. Auf eine Weise hat er das auch geschafft: Er ist ein grosszügiger, fröhlicher Mensch geworden. Aber ich sehe auch, dass er gewisse Erinnerungen verschlossen hat und sie auch nicht zu verarbeiten versucht hat. Und die plagen ihn halt doch.
Hat er je mit anderen Menschen oder mit jemand Professionellem darüber gesprochen?
Erst 2013, als man in der Schweiz anfing, das Thema aufzuarbeiten und er Entschädigungsgelder bekommen sollte, hat er sich zwei Stunden mit einer Psychologin unterhalten. Ich glaube, das hat ihm gutgetan.
An einer Stelle wechselt Ihre Erzählung in die Gegenwart. Wir sehen Sie selbst und Ihren Vater am Tisch, Sie zeichnen auf, was er erzählt. In dieser Szene fallen die Hände Ihres Vaters auf, die fast karikaturhaft gross gezeichnet sind. Sie bezeugen, dass er schon als Kind schwer arbeiten musste. Was bedeuten diese Hände für Sie?
Mein Vater sieht für mich mit diesen grossen Schaufeln an den Armen immer etwas wie ein Maulwurf aus. In meiner Hand fühlen sie sich wie Pranken an.
Letztens hatte ich den Gedanken, dass diese Hände in der Schweiz aussterben werden. Auch, weil auf den Höfen heute mehr mit Maschinen gearbeitet wird. Es war mir also ein Bedürfnis, diese Hände festzuhalten. Vor Kurzem habe ich deshalb einen Bronzeabguss davon angefertigt.
Das Gespräch führte Salomé Meier.
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