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Die neuen sozialen Bewegungen in der Schweiz
Teil 2
Margrit Knobel, 1997
Das Niveau der politischen Mobilisation von 1975-1989 wird an der Territorialität, an den artikulierten Themen oder am Aktivitätsniveau, d.h. an der Anzahl Kontestations-Ereignisse, am Partizipationsvolumen, d.h. an der Anzahl mobilisierter Personen, und zur indirekten Ermittlung des unterschiedlichen Intensitätsgrades des Engagements bei Protestaktionen an den Aktionsformen gemessen und in diesem Kapitel - meist im Vergleich der untersuchten neuen sozialen Bewegungen der vier Länder, hie und da der untersuchten neuen sozialen Bewegungen mit andern neuen sozialen Bewegungen und/oder sozialen Bewegungen - beschrieben, wodurch ein allgemeiner Ueberblick der Aktion der neuen sozialen Bewegungen vermittelt wird und sich auch gewisse Hypothesen testen lassen.
Zu den neuen sozialen Bewegungen zählen auch die Frauenbewegung, die Bewegung für Bürgerrechte und - wie in Punkt 1.2 ebenfalls erwähnt - die StudentenInnen-Bewegung, die in der Schweiz ein sehr geringe Bedeutung hat. Von den andern sozialen Bewegungen sind - resultatmässig - die wichtigsten: Die - infolge des Arbeitsfriedens in der Schweiz nicht besonders aktive - Arbeiterbewegung, die Bauernbewegung, die Bewegung der Regionalisten, von welchen v.a. die Jurassischen Bewegungen aktiv sind in der Periode von 1975-1989, die Bewegung der AusländerInnen, wobei letztere beiden ausserhalb der neuen sozialen Bewegungen - immer vom quantitativen Aspekt aus betrachtet - die stärksten sozialen Bewegungen der Schweiz sind, ferner die gleiche Themen wie die neuen sozialen Bewegungen artikulierende, aber entgegengesetzte Ziele verfolgende, zwar nur schwach aktive - Kontermobilisation, die sich z.B. für den Rassismus und für eine weitere Umweltzerstörung einsetzt.
Bezüglich der verschiedenen verwendeten Stichproben und der auch bei diesen eine Rolle spielenden Instrumente der direkten Demokratie ist zu beachten, dass Initiative und Referendum zu folgenden Aktionsformen oder Strategien gezählt werden (letztere sind in Punkt 3.4 ausführlich erklärt): die Lancierung zu den konventionellen, an die Medien gerichteten Strategien, die Präsentation oder Einreichung zu den assimilativo-demonstrativen, wodurch die ganze Arbeit der Unterschriftensammlung mitberücksichtigt wird; die vor der Abstimmung stattfindende Wahlkampagne ist ein Strategie für sich, die bei den Analysen - ausgenommen bei denjenigen der Aktionsformen - ausgeschlossen ist, und die Stichprobe von 2'712, die die Wahlkampagnen zu Abstimmungen über bereits gesammelte und präsentierte Referenden und Initiativen (n=699) beinhaltet, reduziert sich auf 2'013. Da von den andern sozialen Bewegungen nur gewisse, v.a. nicht-konventionelle Aktionstypen erfasst und deren konventionelle somit unterrepräsentiert sind, werden infolge der sich ergebenden Ueberrepräsenta-ion der neuen sozialen Bewegungen von 70.4% (n=1416) für die Vergleiche beider Sektoren nur die nicht-konventionellen, d.h. die demonstrativen und konfrontativen mitberücksichtigt (n=1322).
Ereignisse mit lokalem oder regionalem Charakter müssen infolge Ueberrepräsentation gewisser Aktionen - z.B. und v.a. derjenigen der Zürcher Bewegung bei der Autonomen Städtischen Bewegung - mit Vorsicht interpretiert und in ihrer Bedeutung reduziert werden.
Infolge der in der Schweiz bestehenden linguistischen Spaltung wird die Verteilung der Protestereignisse auch nach verschiedenen Regionen wie im weiteren nach Ortsgrösse bzw. Urbanisierungsgrad betrachtet. Die Resultate dieser Untersuchung sind aus den folgenden Tabellen ersichtlich.
Tab.3.1: Anzahl Aktionen nach Region und nach Ortsgrösse insgesamt, der neuen und der andern sozialen Bewegungen 1975-1989
1)Der relative Aktivitätsanteil ist das Verhältnis vom prozentmässigen Anteil zum Bevölkerungsanteil einer Region, letzterer für die deutsche und rätoromanische
Schweiz mit 65%, für die französische Schweiz mit 18%, für die italienische
Schweiz mit 10% und für den Jura mit 1% berechnet wird.
2)Die rätoromanische Schweiz wird bei der deutschen Schweiz mitberücksichtigt.
3)Sie wird folgendermassen berechnet: Grosse Städte haben mehr als 50'000 EinwohnerInnen, mittlere 20'000 bis 50'000, kleine weniger als 20'000.
Quelle: Giugni 1991, S. 91 und 94
Den höchsten relativen Aktivitätsanteil erreichen die andern sozialen Bewegungen mit 23.9 und alle Protestereignisse mit 7.0 - durch die jurassischen Bewegungen verursacht - im Jura, die neuen sozialen Bewegungen mit 1.3 in der deutschen Schweiz. Letzteres Faktum ist der Studie gemäss darauf zurückzuführen, dass die grössten Städte sich in der deutschen Schweiz befinden, in grossen Städten
- wie aus Tab. 3.1 hervorgeht - nahezu 80% der Proteste der neuen sozialen Bewegungen stattfinden und dieser Teil der Schweiz eine starke Beeinflussung durch Deutschland, in welchem Land jene ebenfalls sehr aktiv sind, aufweise wie auch ein höheres politisches Potential (PP) für diese Kontestationsart als die andern Sprachregionen der Schweiz.
Wie aus Tab. 3.2 hervorgeht, weisen die einzelnen Bewegungen bezüglich Grösse des Kontestations-Ortes beträchtliche Differenzen auf. Die Anzahl der in grossen Städten sich ereignenden Aktionen der Autonomen Städtischen Bewegung wie der Solidaritätsbewegung ist 30 bis 40% höher als diejenige der zwei andern Bewegungen, welche dafür in kleinen Städten weit aktiver sind; die Werte der Aktivitäten in mittleren Städten differieren kaum.
Tab. 3.2: Anzahl Aktionen nach Region und nach Ortsgrösse von vier untersuchten neuen sozialen Bewegungen 1975-1989
1)Der relative Aktivitätsanteil ist das Verhältnis vom prozentmässigen Anteil zum Bevölkerungsanteil einer Region, letzterer für die deutsche und rätoromanische Schweiz mit 65%, für die französische Schweiz mit 18%, für die italienische Schweiz mit 10% und für den Jura mit 1% berechnet wird.
2)Die rätoromanische Schweiz wird bei der deutschen Schweiz mitberücksichtigt.
3)Sie wird folgendermassen berechnet: Grosse Städte haben mehr als 50'000 EinwohnerInnen, mittlere 20'000 bis 50'000, kleine weniger als 20'000.
Quelle: Giugni 1991, S. 92 und 96
Dieser Aspekt gibt den durch den Zentralisations- oder Dezentralisationsgrad ausgedrückten Zugang
zum politischen System eines Staates (erste Dimension der Struktur der politischen Opportunitäten (POS)) wieder (s. auch Kapitel 2): Je dezentralisierter ein Staat ist, desto offener ist er gegenüber den neuen sozialen Bewegungen. Letzteres trifft - der Studie gemäss - v.a. für die Schweiz, aber auch für Deutschland zu, nicht jedoch für zentralisierte und geschlossene Systeme wie diejenigen der Niederlande und Frankreich.
Tab. 3.3: Aktivitätsniveau der neuen sozialen Bewegungen in vier Ländern nach politischem Kontext 1975-1989
Quelle: Giugni 1995, S. 14
(Hier scheinen die Stichproben vertauscht worden zu sein, was ich korrigiert habe.)
Die aufgestellte Hypothese, die neuen sozialen Bewegungen in der Schweiz zeigten eine starke Mobilisation auf regionalem (kantonalem) Niveau, bestätigt sich - wie aus den in den beiden Tabellen wiedergegebenen Resultaten hervorgeht - nicht. Diejenigen in Deutschland, aber auch in Frankreich sind regional aktiver, wie ferner v.a. letztere und diejenigen in den Niederlanden auch national mehr Aktivität zeigen als diejenigen in der Schweiz. Die neuen sozialen Bewegungen in den Niederlanden zeigen im weiteren ein ähnlich schwaches regionales Aktivitätsniveau wie die dezentralisierte Schweiz. Dieses - der Studie gemäss - schwierig zu interpretierende Resultat wird erklärt durch die - in Kapitel 4 behandelte - starke Organisationsstruktur der neuen sozialen Bewegungen der Schweiz, v.a. diejenige der Oekologie-Bewegung, welche eine Agitation hauptsächlich auf nationalem Niveau mit sich bringt (letztere weist auf diesem Niveau - als zweithöchstem Wert zwar nur - 60% der Aktionen auf).
Tab. 3.4: Anzahl Aktionen der neuen sozialen Bewegungen und der andern sozialen Bewegungen der Schweiz nach politischem Kontext 1975-1989
Quelle: Giugni 1991, S. 97 und 99
Die zu Vergleichszwecken beider Sektoren verwendete Stichprobe (s. Punkt 3.1) zeigt - in Tabelle 3.4 links - bei den neuen sozialen Bewegungen die stärkste Mobilisation auf lokalem, nicht auf nationalem Niveau, bei den andern sozialen Bewegungen die stärkste auf regionalem Niveau. Wie aus den Resultaten der - auf derselben Stichprobe wie in der vorhergehenden Tabelle basierenden - Analyse der einzelnen neuen sozialen Bewegungen hervorgeht, agiert die Autonome Städtische Bewegung am stärksten auf lokaler Ebene und die Solidaritätsbewegung - ebenfalls themenbedingt - am stärksten auf internationaler Ebene, da einzelne ihrer Bewegungen sich gegen Verletzungen hier geltender Menschenrechte in andern Ländern engagieren (so z.B. Amnesty International), und stark auch auf nationalem Niveau (z.B. bezüglich Asylrecht der AusländerInnen); letzteres gilt auch - wie ersichtlich und bereits erwähnt - für die Oekologie-Bewegung mit ihrem z.B. durch die Anti-Atomenergie-Bewegung artikulierten Thema Energie und ferner mit dem Thema Verkehr (z.B. Proteste gegen den Bau von Nationalstrassen und zur Förderung öffentlicher Verkehrsmittel, z.B. der Eisenbahn), wobei sie auch lokal relativ stark aktiv ist; die Friedensbewegung ist objektbedingt ebenfalls - z.B. durch ihren Themenkomplex Militär - am aktivsten auf nationalem Niveau, agiert aber auch stark auf internationalem Niveau z.B. durch die Proteste gegen die Stationierung der Euromissiles.
Das Thema einer Protestaktion deckt sich mit dem Ziel. So ist z.B. bei einer Manifestation gegen eine AKW-Zentrale deren Bau, Inbetriebnahme oder Weiterbetreibung zentrales Thema der ersteren wie auch deren Ziel. Die Ziele werden als bewusst und rationell erstrebt gedacht. Im folgenden werden die Themen der untersuchten neuen sozialen Bewegungen erläutert.
Das Ziel der Oekologie-Bewegung ist der Schutz des Oekosystems und die Verhinderung oder mindestens Limitierung der negativen Auswirkungen der Umweltzerstörung durch den Menschen. Rund 32% der Aktionen gelten den Energieproblemen, allein ca. 28% aller Aktionen sind gegen Atomkraftwerke gerichtet, in der Periode 1975-1989 gegen dasjenige von Kaiseraugst und Gösgen wie 1986 gegen den Reaktorunfall in Tschernobyl; 34% der Aktivität gilt Verkehrsproblemen, die sich durch lokale Aktionen gegen Bauprojekte von Strassen einerseits und durch Forderungen nach quantitativer Erhöhung wie auch Verbesserung von öffentlichen Verkehrsmitteln andererseits äussert; 26% der Aktionen werden für den übrigen Umweltschutz unternommen, so z.B. der Protest gegen den Chemie-Unfall in Schweizerhalle von 1986.
Die Friedensbewegung kämpft gegen alles, was mit dem Krieg und somit auch mit der Armee zusammenhängt und gegen internationales Wettrüsten. 60% ihrer Aktionen gelten internen Zielen oder Themen, richten sich gegen militärische Infrastruktur, z.B. gegen Waffenplätze wie denjenigen von Rothenturm, gegen Militärausgaben wie auch obligatorischen Militärdienst, gelten der Einführung eines Zivildienstes und der Abschaffung der Armee, für letzteres sich die GSoA speziell einsetzt; die Anti-Missiles-Kampagnen machen 9,3% der Aktivitäten aus, deren wichtiger Bestandteil der Protest gegen die Stationierung der Euromissiles anfangs der 80er Jahre ist; 32% der gesamten Aktivität betreffen andere - sehr breit gefasste - Themen wie allgemeine und abstrakte Ziele, so z.B. den Frieden, welchem der traditionelle Friedensmarsch gilt. Charakteristisch für die Friedensbewegung ist, dass Friedensproteste durch determinierte soziale Gruppen wie Frauen, Christen u.a. erfolgen.
Die Definition eines allgemeinen Ziels der Solidaritätsbewegung ist schwierig. Sie umfasst vier Themen mit folgendem prozentmässigen Anteil an der Gesamtaktivität: Menschenrechte, denen rund 22% ihrer Aktionen gelten und wofür sich z.B. Amnesty International einsetzt; Anti-Rassismus, welchem Thema rund 3% aller Aktivität gilt; humanitäre Hilfe oder Entwicklungshilfe, wofür ca. 47% - und damit fast die Hälfte - der Aktionen eingesetzt werden, wobei ca. 32% aller Aktivität einerseits Aktionen gegen spezielle politische Regimes sind, z.B. gegen das Franco-Regime in Spanien, gegen die sowjetische Besetzung in Afghanistan, und andererseits Aktionen in Nicaragua, El Salvador und in der Türkei, um der jeweiligen Bevölkerung Freiheit, Demokratie zu oder wieder zu ermöglichen; ferner - als letztem Thema - politische Flüchtlinge und deren Unterstützung, für welches 28% der gesamten Aktivität unternommen werden.
Die Autonome Städtische Bewegung verfügt über kein präzises Thema oder ein solches, welches sie als erste Bewegung in die politische Debatte eingebracht hat, jedoch über Themen der neuen sozialen Bewegungen und über ein - wie es der Studie scheint - beschränktes Themengebiet. Ein Teil ihrer Aktionen vollzieht sich auf zwei historisch primären Einsatzgebieten: Rund 40% ihrer Protestaktionen führt sie - auf radikale Art - für autonome alternative Kulturzentren durch, wobei der entscheidende Impuls durch die Zürcher Bewegung anfangs der 80er Jahre erfolgt ist, ab welchem Zeitpunkt sich auch die Lausanner Bewegung und etwas später, ab 1987, die Berner Bewegung für dieses Ziel einsetzt. Das zweite Gebiet und 4% der Aktivität gilt der Verbesserung der herrschenden Wohnungsmisere, zu der die Aktionen der Häuserbesetzer (Squatters) gehören. Rund 57% der Aktivität gilt anderen Objekten und erstrebt kein direktes Ziel: So sind z.B. rund 14% gegen die Staatskontrolle gerichtet, ca. 2.5% gelten der Befreiung von Gefangenen der Bewegung. Bezüglich dieser fehlenden Artikulation eines Zieles kommt die Studie zu folgendem Schluss: Wo kein direktes Ziel erstrebt wird, kann ein indirektes vorhanden sein, kann eine Konfrontation mit den Autoritäten und der Gesellschaft im allgemeinen angedeutet sein mehr als ein Aspirieren auf Erreichung von Resultaten oder auf konkrete Aenderungen (Giugni 1995: 127). Die Autonome Städtische Bewegung agiert auf lokaler Ebene und ein grosser Teil der Aktionen während der Protestwelle von 1980-1981 wurde durch die Zürcher Bewegung vorgenommen, was - wie bei Ereignissen mit regionalem oder lokalem Charakter überhaupt - eine Ueberrepräsentation gewisser Ereignisse zur Folge hat, so dass die entsprechenden Resultate mit Vorsicht interpretiert bzw. in ihrer Bedeutung reduziert werden müssen.
Die Homosexuellen-Bewegung ist leicht definierbar: Sie setzt sich für die Akzeptierung der Homosexualität und deren Kultur ein. Aufgrund ihrer sehr kleinen Mitgliederanzahl wird sie hier in diesem Kapital nur wenig, deren Organisationsstruktur jedoch und sie dadurch teilweise selbst wird in nächsten Kapitel behandelt.
Das Aktivitätsniveau ist ein zuverlässiger Indikator für die Messung des Mobilisationsniveaus der neuen sozialen Bewegungen.
Tab. 3.5: Aktivitätsniveau der sozialen Bewegungen in vier Ländern 1975-1989
Quelle: Giugni 1995, S. 114
Tab. 3.5 zeigt das unterschiedliche Aktivitätsniveau der neuen sozialen Bewegungen und der andern sozialen Bewegungen in den vier untersuchten Ländern von 1975 bis 1989: In den drei Ländern Deutschland, Niederlande, Schweiz weisen erstere ein höheres, in Frankreich ein tieferes Aktivitätsniveau auf als die andern sozialen Bewegungen. Die relative Bedeutung der neuen sozialen Bewegungen hängt vom politischen Kontext ab (s. dazu Punkt 2.4 und auch die dort formulierte Hypothese). Derjenige der Schweiz ist relativ günstig für die Entwicklung der neuen sozialen Bewegungen aufgrund der nichtgespaltenen Linken, die deren Unterstützung erlaubt auch dann, wenn die SP in der Regierung ist. Die zweideutige Position und interne Teilung der SP erlaubt deren linken Flügel, die Forderungen der neuen sozialen Bewegungen zu unterstützen. Ferner ist die Schweiz auch durch Deutschland beeinflusst, welches Land das höchste Aktivitätsniveau aufweist.
Für die neuen sozialen Bewegungen weniger günstig erweist sich eine starke Polarisierung innerhalb der Linken, wie dies z.B. in Frankreich der Fall ist, welches negative Faktum in diesem Land durch eine andere traditionelle Spaltung, diejenige in Zentrum und Peripherie, erhöht wird.
Wie aus Tabelle 3.6, S. 16, ersichtlich, machen die untersuchten neuen sozialen Bewegungen fast das gesamte Aktivitätsniveau aus, in den Niederlanden 94.5%, in der Schweiz 93.8%, in Deutschland 92.3%; in Frankreich mit dem höchsten Anteil an nicht untersuchten neuen sozialen Bewegungen hat v.a. die StudentenInnen-Bewegung traditionell eine relativ hohe Bedeutung. Die Solidaritätsbewegung ist in den Niederlanden - zwar nur minim - prozentmässig die wichtigste Bewegung, in den drei andern Ländern die Oekologie-Bewegung. Die schweizerische Friedensbewegung zeigt - im Vergleich mit den andern Ländern - einen auffallend tiefen Anteil am Gesamt-Aktivitätsniveau wie auch an der Mobilisation gegen die Stationierung von NATO-Atomwaffen.
Tab. 3.6: Aktivitätsniveau der neuen sozialen Bewegungen in vier Ländern1) 1975-1989
1)inkl. konventionelle und institutionelle Aktionsformen
Quelle: Giugni 1995, S. 118-119
Anhand dieser Teiluntersuchung lässt sich auch die von S. Tarrow - in seinen Publikationen "Struggling to reform: social movements and policy change during cycles of protest" von 1983 und "Struggle, politics, and reform: collective action, social movements, and cycle of protest" von 1989 - formulierte These prüfen, die gesamte Mobilisation entwickle sich im Sektor der sozialen Bewegungen durch - in Imitations- wie Reaktionsprozessen und an verschiedenen Momenten im Geschichtsverlauf sich äussernden - Zyklen, die als Resultat eine Erhöhung der Protestaktionen und der Konkurrenz zwischen SMOs und zwischen letzteren und den etablierten politischen Organisationen um die Unterstützung der Oeffentlichkeit mit sich bringen und weiter durch einen taktischen Innovationsprozess eine Radikalisierung des Protestes einerseits wie dessen Institutionalisierung andererseits zu Folge haben (Giugni 1991: 45, 1995: 129). Diese Hypothese bestätigt sich in gewisser Hinsicht.
Graphik 3.1: Entwicklung des Aktivitätsniveaus nach Sektoren 1975-1989
Graphik 3.2: Entwicklung des Aktivitätsniveaus der vier wichtigsten NSB 1975-1989
Quelle: Giugni 1995, S. 129 und 137
Wie aus Graphik 3.1 ersichtlich, weisen beide Sektoren zyklische, jedoch stark voneinander verschiedene Entwicklungen auf. Infolge des sich mit der Zeit ergebenden Ausgleichs zwischen ihren heterogenen und stark variierenden Kontestations-Typen - erklärt die Studie - verläuft die Entwicklung der andern sozialen Bewegungen eher linear, diejenige der neuen sozialen Bewegungen aufgrund der vorhandenen und deutlich ersichtlichen Wellen von Protesten eher konjunkturell: Das Mobilisationsniveau der letzteren ist auf dem Höhepunkt der - sich früher und in deutlich höherem Ausmass als bei den andern sozialen Bewegungen manifestierenden - Protestwelle anfangs der 80er Jahre ungefähr dreimal höher als in der zweiten Hälfte der 70er Jahre, sinkt dann - wie dasjenige der andern sozialen Bewegungen - auf den vorherigen Stand zurück und erfährt in der zweiten Hälfte der 80er Jahre wieder eine Erhöhung; die Zunahme von 1981 ist v.a. durch konfrontative Aktionen der Autonomen Städtischen Bewegung verursacht. Jener erwähnte, zeitlich später einsetzende Anstieg des Aktivitätsniveaus der andern sozialen Bewegungen könnte von einem Diffusions- oder Uebertragungsprozess der einen Protestwelle auf die andere herrühren, die Bildung aber der v.a. aus konfrontativen Aktionen bestehenden Protestwelle, wie sie der Autonomen Städtischen Bewegung eigen sind, könnte - so wird in der Studie weiter argumentiert - nicht aus erhöhten, an spezifische Themen gebundenen Aktionen resultieren, die von üblicherweise sich für diese Ziele mobilisierenden Gruppen durchgeführt werden, sondern durch eine "Kolonisation" dieser Themen oder Ziele durch radikalere Gruppen der neuen sozialen Bewegungen, besonders durch Gruppen der Autonomen Städtischen Bewegung, die die früher einsetzende Protestwelle der letzteren hauptsächlich verursacht haben.
Allgemein ist der Effekt der grossen Protestwelle denn dieser gewesen, dem in der Oeffentlichkeit aufgekommenen Eindruck einer - schon in Punkt 1.2 erwähnten - Demobilisation der neuen sozialen Bewegungen entgegenzuwirken, der der Studie gemäss gerechtfertigt ist infolge einer deutlich ersichtlichen Aktivitätsverminderung in der zweiten Hälfte der 70er Jahre. Diese Abnahme ist auch in Graphik 1.1, S. 2, dargestellt, obwohl ein direkter Vergleich infolge Mitberücksichtigung auch der konventionellen Aktionen nicht möglich ist.
Wie in Graphik 3.2, S. 16, dargestellt, entwickelt sich das Aktivitätsniveau der vier untersuchten neuen sozialen Bewegungen der Schweiz aufgrund des - von der allgemeinen Orientierung einer Bewegung, dem Entwicklungsniveau ihrer organisationellen Infrastruktur und von deren Problemstruktur abhängigen - Einflusses der Struktur der politischen Opportunitäten (POS) unterschiedlich, bei der von letzterer weniger abhängigen Oekologie- und Solidaritätsbewegung aufgrund ihrer starken Organisationsstruktur und differenzierten komplexen Problematik eher linear und stabiler als bei der aufgrund einer schwächeren Organisationsstruktur und ganz bestimmter Einzelthematik von ihr abhängigeren und konjunkturell verlaufenden Entwicklung der Friedensbewegung und der Autonomen Städtischen Bewegung. Da nicht jede der untersuchten neuen sozialen Bewegungen nach dem Maximum des Aktivitätsniveaus einer andern Bewegung eine Erhöhung ihrer eigenen Aktionen erfährt, bestätigt sich die - oben erwähnte These - von Tarrow nicht immer. Bei der Oekologie-Bewegung hat - auch in Frankreich und den Niederlanden beobachtbar, weniger in Deutschland - das in der zweiten Hälfte der 70er Jahre und auch noch anfangs der 80er Jahre verstärkt artikulierte Thema, die Energieproblematik der Anti-Atomenergie-Bewegung, allmählich an Aktivitätsniveau verloren, dasjenige für Verkehrs- und Umweltprobleme zugenommen: 1983 ist die Nuklearzentrale Kaiseraugst noch - und ein zweites Mal - das Thema gewesen, 1984 das Waldsterben, 1986 der Chemieunfall in Schweizerhalle und der Reaktorunfall in Tschernobyl wie auch Verkehrsprobleme. Die Solidaritätsbewegung zeigt hauptsächlich im Bereich Entwicklungshilfe eine höhere Anzahl Aktionen: 1975 gegen das Franco-Regime, 1980 gegen die sowjetische Besetzung in Afghanistan, 1985 gegen die - die Lage der politisch Verfolgten in der Schweiz verschlechternde - Asylrechts-Revision, 1988 - als höchstem Aktivitätsniveau - in den beiden erwähnten Bereichen wie in demjenigen der Menschenrechte. Die Friedensbewegung zeigt anfangs der 80er Jahre (mit einem Höhepunkt per 1983) und 1989 bei internen Zielen (Waffenplatz Rothenturm, andere Themen, Mobilisation gegen die Armee durch die GSoA) und durch die Anti-Euromissiles-Kampagnen von 1981 und 1983 auch bei den externen Themen oder Zielen eine Aktivitätszunahme, letztere jedoch ein höheres Partizipationsvolumen erreichen als erstere. Aufgrund der - verglichen mit der Oekologie- und Solidaritätsbewegung - präziseren und miteinander verflochtenen Gegenständen oder Zielen hat die konjunkturelle Friedensbewegung eine Mobilisation einerseits mit mehr oder weniger paralleler Entwicklung der Themen oder Ziele, die aber andererseits infolge nicht oder weniger möglichen Ziel- oder Themenänderung wenig stabil ist. Noch ausgeprägter sind die Merkmale dieses Typs Bewegung bei der Autonomen Städtischen Bewegung vorhanden. Diese besteht scheinbar aus zwei relativ verschiedenen, wenig miteinander in Beziehung stehenden Mobilisations-Potentialen, aus demjenigen des alternativen Kulturbereichs, welcher Bereich sehr aktiv gewesen ist und Leute in Massen mobilisiert hat während der Protestwelle, und aus demjenigen des Wohnbereichs, welcher an dieser nicht partizipiert hat infolge Nicht-Aktualität des Themas zu dieser Zeit. Da die anfänglich auf konventionelle Art gestellte Forderung nach einem autonomen Kulturzentrum in Zürich eine übertriebene und repressive Reaktion zur Folge gehabt hat, setzte die Bewegung radikalere und auch gewaltsame Aktionen ein. Als ideologische Stütze für jene konkrete Forderung dient die Artikulation auch abstrakter Themen wie Autonomie oder Opposition gegen die Staatskontrolle.
Graphik 3.3, S. 18, zeigt das - gegenüber dem vorhergehenden infolge der Mitberücksichtigung auch der konventionellen Formen - allgemein erhöhte Aktivitätsniveau der neuen sozialen Bewegungen der Schweiz, welches nach der grossen Protestwelle - aus demselben Grund - nicht auf oder unter das Niveau vor 1980 zurückfällt. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre nimmt das Aktivitätsniveau erneut zu und scheint auf eine sich neu formierende Protestwelle zurückführbar zu sein, in den letzten beiden Jahren der Untersuchungsperiode nimmt es wieder ab. Der Vergleich der vier Länder zeigt eine - mehr oder weniger - ähnliche Entwicklung des Aktivitätsniveaus mit einem Protesthöhepunkt Ende der 70er/anfangs der 80er Jahr in der Schweiz, in Deutschland und in den Niederlanden, in Frankreich hingegen zum selben Zeitpunkt eine Reduktion der Aktionen.
Graphik 3.3: Entwicklung des Aktivitätsniveaus der NSB in vier Ländern 1975-1989
Quelle: Giugni 1995, S. 131
Dieses Resultat bestätigt die Hypothese des POS-Modells, nach welcher eine - im Kontext einer geteilten Linken sich vollziehende - Machtübernahme durch Sozialdemokraten - wie dies in Frankreich der Fall gewesen ist - einen stark negativen Effekt auf die Mobilisation der neuen sozialen Bewegungen hat (s. Punkt 2.4). Infolge grösster politischer Stabilität lassen sich Veränderungen des Aktivitätsniveaus der neuen sozialen Bewegungen der Schweiz nicht auf strukturelle Modifikation der Machtkonfiguration zurückführen, sondern v.a. auf - in dieser Arbeit nicht im Detail wiedergegebene - Interaktionen. Auf die verschiedenen Interaktionen zwischen den lokalen politischen Autoritäten in Zürich (repressive Strategie) und Genf (integrative Strategie) ist bereits hingewiesen worden.
Die zeitlich in der Schweiz etwas früher erfolgte Protestwelle wird auf die Vitalität der neuen sozialen Bewegungen in diesem Land zurückgeführt.
Das Partizipationsvolumen hängt von der Anzahl Protestereignisse und von der Anzahl der an diesen partizipierenden Personen ab, die zwischen einer Person (z.B. an einem Pressecommunique eines SMOs) und rund 30'000 Personen, wie dies bei den Manifestationen der Friedensbewegung von 1981 und 1983 der Fall gewesen ist, liegen kann, und auch vom - je Aktionstyp variierenden - Intensitätsgrad. Das Partizipationsvolumen ist die Summe der PartizipantenInnen der innerhalb einer bestimmten Periode durchgeführten Aktionen, zieht somit das Aktivitätsniveau mit ein. Verglichen mit letzterem ist das Partizipationsvolumen zwar von grösserer Validität, aber von geringerer Zuverlässigkeit: Gewisse, mit weniger intensivem Engagement verbundene Aktionen können eine grosse Anzahl Personen mobilisieren und dadurch starke - und problematisch zu interpretierende - Schwankungen im Partizipationsvolumen verursachen; durch Mitberücksichtigung von Unterschriftensammlungen wird das Partizipationsvolumen der neuen sozialen Bewegungen verdreifacht, dasjenige der andern sozialen Bewegungen verzweieinhalbfacht. In der Studie wird das Partizipationsvolumen v.a. ohne Unterschriftensammlungen gemessen, da dieses ein zuverlässigerer Indikator darstellt für das Mobilisationsniveau der sozialen Bewegungen in der Schweiz.
3.3.1. Synchronische Analyse
Tab. 3.7: Partizipationsvolumen der sozialen Bewegungen in vier Ländern pro Million EinwohnerInnen1) 1975-1989
1)nur nicht-konventionelle Aktionen, ohne Petitionen (fehlende Angaben wurden geschätzt)
Quelle: Giugni 1995, S. 146-147
Wie aus Tab. 3.7 ersichtlich, bestätigen die Resultate die Hypothese, die Präsenz von Prozeduren der direkten Demokratie erlaubten sozialen Bewegungen die Mobilisation einer grossen Anzahl von Personen und dies - wie die Studie hinzufügt - wahrscheinlich zum Nachteil anderer, weniger konventioneller Formen (Giugni 1995: 146-147): Die sozialen Bewegungen der Schweiz - die neuen sozialen Bewegungen in etwas minderem Ausmass als die andern Mobilisationen - haben pro Million EinwohnerInnen zum grossen Teil durch Lancierung von Volksinitiativen und Referenden mehr Leute mobilisiert als diejenigen der andern drei Länder.
Tab. 3.8: Partizipationsvolumen (in Tausend) der sozialen Bewegungen in der Schweiz mit Unterschriftensammlungen (n=1322) und ohne Unterschriftensammlungen (n=1108) und Intensitätsgrad 1975-1989
Quelle: Giugni 1991, S. 55-57, und 1995, S. 148-150 (bemerkte Fehler habe ich korrigiert)
Das Partizipationsvolumen mit und ohne Unterschriftensammlungen wie das Verhältnis dieser beiden, der Intensitätsgrad des Engagements, sind in Tab. 3.8 dargestellt für die hier untersuchten fünf und für die andern neuen sozialen Bewegungen wie für diese insgesamt und für die andern sozialen Bewegungen. Je höher das Verhältnis ist, desto schwächer engagiert ist eine Bewegung und desto grösser ist der Gebrauch der zu den assimilativo-demonstrativen Aktionsformen gehörenden Unterschriftensammlungen. Die hohe Differenz zwischen Partizipationsvolumen mit und ohne Unterschriftensammlungen und das daraus resultierende - verglichen mit den andern neuen sozialen Bewegungen relativ - hohe Verhältnis der Oekologie-Bewegung weist auf deren Kapazität und grosse Stärke hin, für ihre Themen oder Ziele viele Personen schwach - durch Unterschrift einer Petition, einer Initiative, eines Referendums oder einer andern Form von Unterschriftensammlung - zu engagieren oder zu mobilisieren, und die Oekologie-Bewegung verfügt somit über hohes, bei den fünf untersuchten Bewegungen über das höchste politische Potential (PP), aber über den tiefsten Intensitätsgrad des politischen Potentials (PP); ferner weist die Anti-Atomenergie-Bewegung einen höheren Intensitätsgrad auf als die restliche Oekologie-Bewegung. Ihr folgen - rangmässig mit je höherem Intensitätsgrad und je tieferem politischen Potential (PP) - die Solidaritätsbewegung, die Autonome Städtische Bewegung, die Friedensbewegung, am Schluss die Homosexuellen-Bewegung mit dem höchsten Intensitätsgrad und dem tiefsten politischen Potential (PP). Die Oekologie-Bewegung erreicht mit Unterschriftensammlungen rund ein Drittel des gesamten Partizipationsvolumens und etwa ein viermal grösseres Partizipationsvolumen als die ihr rangmässig folgende Solidaritätsbewegung, ohne Unterschriftensammlungen noch ein Drittel mehr als die - rangmässig an dritter Stelle liegende - Friedensbewegung, die als eine Bewegung mit stärkerer Engagement-Intensität somit an Bedeutung gewinnt.
Tab. 3.9: Partizipationsvolumen der neuen sozialen Bewegungen in vier Ländern1) (in Tausend) 1975-1989
1)ohne Unterschriftensammlungen
2)pro Million EinwohnerInnen
Quelle: Giugni 1995, S. 153
Tab. 3.9 zeigt im internationalen Vergleich das auffallend tiefe Partizipationsvolumen der Friedensbewegung in der Schweiz, welches durch deren schwache Beteiligung an der Problematik der Nato-Atomwaffen verursacht ist; pro Million EinwohnerInnen weist sie jedoch ein höheres Partizipationsvolumen auf als Frankreich mit dem tiefsten Wert. Intranational steht sie aber an zweiter, nicht mehr an vierter Stelle wie beim Aktivitätsniveau; der Grund dieser Bedeutungszunahme, Mobilisation einer grossen Anzahl Personen an Anti-Euromissiles-Kampagnen, ist auch bereits erwähnt worden (s. Punkt 3.3, S. 18, auch <ip-pii>, S. 14, und 3.2.2, S. 17, 2. Abs.). In der Schweiz erzielt die Oekologie-Bewegung prozentmässig das höchste Partizipationsvolumen, in den Ländern BRD und Niederlande die - aktivitätsmässig ebenfalls einen tieferen Rang einnehmende - Friedensbewegung, in Frankreich die Solidaritätsbewegung. In letzterem Land ist auch - die tabellarisch nicht erwähnte - StudentenInnen-Bewegung sehr viel stärker als in den andern drei Ländern (in der Schweiz ist diese Bewegung am schwächsten). Diese Verschiedenheiten hängen - der Studie gemäss - von sozialen und kulturellen Faktoren ab wie auch von Faktoren der Struktur der politischen Opportunitäten (POS).
Wie in Graphik 3.4, S. 21, aufgezeigt, erfährt das Partizipationsvolumen in der Schweiz keine starken Aenderungen: Die Erhöhung anfangs der 80er Jahre ist hauptsächlich auf Mobilisationen der Autonomen Städtischen Bewegung und der Friedensbewegung zurückzuführen, wobei letzterer hier infolge hoher PartizipantenInnen-Anzahl - v.a. an den Friedensmärschen 1981 und 1983 - mehr relative Bedeutung zukommt als beim - nur die Anzahl Ereignisse mitberücksichtigenden - Aktivitätsniveau. Ein - zur selben Zeit - erhöhtes Partizipationsvolumen ist ferner auch in Deutschland und den Niederlanden festzustellen, in Frankreich nur teilweise, wobei die Gründe den beim Aktivitätsniveau erwähnten entsprechen: Jenes ist v.a. auf spezielle Bewegungen zurückzuführen, in der Schweiz auf die Autonome Städtische Bewegung (s. auch Punkt <ip-pii>, S. 15, 2. Abs.), in den Niederlanden und in Deutschland auf die Friedensbewegung, in Frankreich auf einen fundamentalen Wechsel in der Machtkonfiguration. Während der untersuchten Periode geht der Höhepunkt der Protestwelle in der Schweiz - wie beim Aktivitätsniveau - demjenigen in den andern Ländern zeitlich voran.
Insgesamt zeigen die neuen sozialen Bewegungen der Schweiz tendenziell eine erhöhte Mobilisation, die einzelnen - hier ohne entsprechende Graphik - betrachtet, so zeigen die konjunkturellen eine Abnahme, die eher linearen eine allmähliche Zunahme in der Anzahl mobilisierter Personen. Die Oekologie- wie auch die Friedensbewegung weisen an den - soeben erwähnten - erhöhten Aktivitätsmomenten (s. Graphik 3.2) auch erhöhte Partizipationsvolumen auf, erstere das höchste auch 1986, letztere ebenfalls 1983. Die Protestaktionen der Anti-Atomenergie-Bewegung wie der Friedensbewegung weisen - infolge assimilativo-demonstrativer Aktionsformen - ein sehr hohes Partizipationsvolumen auf und der Mittelwert der PartizipantenInnen pro Aktion ist höher als derjenige der Autonomen Städtischen Bewegung, die hauptsächlich mittels radikaleren Aktionsformen ja anfangs der 80er Jahre eine relativ hohe Anzahl Aktionen und dadurch zu einem grossen Teil die entsprechende Zunahme bei den neuen sozialen Bewegungen verursacht hat; die Entwicklung des Partizipationsvolumens zeigt weniger Schwankungen als diejenige des Aktivitätsniveaus. Auch die Solidaritätsbewegung hat an den Aktivitätshöhepunkten ebenfalls Partizipationshöhepunkte, die - fast gleich hohen und - höchsten 1980 für diverse Themen oder Ziele und 1988 mittels - wie aus Graphik 3.2 ersichtlich - vieler und mehr Aktionen. Bei der Autonomen Städtischen Bewegung verläuft die Entwicklung des Partizipationsvolumens praktisch wie diejenige des Aktivitätsniveaus mit dem Unterschied, dass ersteres in der Protestwelle etwa gleich hoch ist wie dasjenige der Oekologie- und der Friedensbewegung und tiefer als deren - gerade zuvor erwähnte - höchste Momente.
Graphik 3.4: Entwicklung des Partizipationsvolumens der NSB in vier Ländern (ohne Unter schriftensammlungen)
Quelle: Giugni 1995, S. 157
Unterschieden wird zwischen internen und externen Aktivitäten. Erstere drücken die interne Orientierung einer Bewegung aus, sind an die PartizipantenInnen gerichtet, gelten der Erholung, der Unterhaltung oder sind einfache Hilfeleistungen und dienen hauptsächlich der Reproduktion der kollektiven Identität der Bewegung und haben bei den subkulturellen Bewegungen Primat vor der Strategie, extern orientierte Aktivitäten haben Priorität bei den instrumentellen Bewegungen. Die konterkulturellen Bewegungen dagegen geben der Identität den Vorrang, orientieren sich aber extern. Diese Differenzierung ist weder statisch noch unabänderbar gedacht, sondern kann sich im Gegenteil je nach Privilegien, die eine Bewegung setzt, mehr oder weniger modifizieren. Richtet eine Bewegung ihre Aktivitäten nach aussen, so spricht man von Mobilisation. Ferner konstituiert eine Aktionsform die Modalität, die ein konkretes Ereignis annimmt, eine Strategie repräsentiert ein Ensemble von Aktionsformen, die derselben Logik folgen. Strategien und Aktionsformen werden hier aequivalent verwendet (Giugni, 1991: 69, 1995: 163-164).
Aus 89 Aktionsformen liessen sich 7 Strategien ermitteln, denen diejenige der Wahlkampagnen auf Initiativen und Referenden hinzugefügt werden muss (Giugni 1991: 70):
1. Die konventionelle gerichtliche Strategie, die Veränderungen über Kanäle gerichtlicher Systeme - z.B. mittels gerichtlicher Beschwerden - erzielt oder zu erzielen versucht.
2. Die - der Logik des politischen Drucks folgende - konventionelle politische Strategie, die über politische Kanäle - z.B. Lobbying, politische Beschwerde oder Forderung, Verhandlung, Formierung eines SMOs, Rekurse, Teilnahme an Kommissionen - nach Zielerreichung strebt.
3. Die konventionelle, an die Medien gerichtete Strategie, die über direkte Informationen, über Publikationen wie Public Relation an die Oeffentlichkeit gelangt durch Resolutionen, Bekanntmachungen, Vorträge, öffentliche Anhörungen, Lancierung von Referenden und Initiativen etc.
4. Die - traditionell von den sozialen Bewegungen und ganz besonders von den neuen sozialen Bewegungen privilegierte - assimilativo-demonstrative Strategie, die auf die Mobilisation der grösstmöglichen Anzahl Personen zielt durch z.B. Unterschriftensammlungen, Präsentation oder Einreichung von Referenden, Initiativen und Petitionen, Manifestationen, Protestmärsche.
5. Die - einer ganz andern Logik gehorchende - konfrontative legale Strategie, die Aenderungen durch radikalere Aktionen - z.B. Boykott, Hungerstreik, legale Störaktionen - zu erreichen versucht.
6. Die - derselben Logik wie letztere folgende, aber die Legalität überschreitende - illegale konfrontative Strategie, die z.B. durch illegale Manifestationen, Blockaden, Besetzungen (z.B. durch die Häuserbesetzungen der Squatters) ihre Ziele erstrebt.
7. Die illegale konfrontative und gewalttätige Strategie, die bei ihren Protestaktionen Gewalt anwendet und mittels z.B. Objektzerstörung, Sabotage, gewalttätiger Manifestation agiert. Diese Typologie kann auch als Darstellung der sukzessiv sich vollziehenden Radikalisierung einer Bewegung - mit der siebten Stufe als der höchstmöglichen Radikalität - betrachtet werden.
Tab. 3.10: Strategien der neuen sozialen Bewegungen und der andern sozialen Bewegungen (ohne konventionelle Aktionsformen) und Strategien der vier wichtigsten neuen sozialen Bewegungen (mit konventionellen Aktionsformen) 1975-1989
Quelle: Giugni 1995, S. 170-177
Wie aus Tab. 3.10 ersichtlich, besteht bezüglich Aktionsformen kein grosser Unterschied zwischen den neuen sozialen Bewegungen und den andern sozialen Bewegungen. Beide privilegieren von den
- limitiert verwendeten - konfrontativen die illegalen und gewalttätigen Aktionsformen, nicht etwa die legalen, erstere - und von diesen wiederum die Autonome Städtische Bewegung - wenden gewalttätige Strategien rund ein Drittel mal mehr an als die andern Mobilisationen und bevorzugen für ihre Proteste allgemein die demonstrativen Strategien, durch letztere versucht wird, mittels Mobilisation der grösstmöglichen Anzahl Personen eine Informierung und Sensibilisierung der Oeffentlichkeit zu erreichen und dadurch den Forderungen nach Veränderung Nachdruck zu verleihen. Die - oben an zweiter Stelle aufgeführte - politische Strategie ist, da sie v.a. "hinter den Kulissen" abläuft, zur Erhebung aber die Zeitschrift verwendet wurde, wahrscheinlich unterrepräsentiert, die gerichtliche ist in der Stichprobe nicht vorhanden. Von den konventionellen Aktionsformen ist lediglich die oben an dritter Stelle erwähnte, über die Medien sich äussernde Strategie von Bedeutung. Die einzelnen Bewegungen betrachtet, macht die konventionelle Strategie insgesamt bei der Oekologie-Bewegung 60%, diejenige an die Medien 53.5% der Aktionsformen aus, die konfrontativen lediglich - als tiefste - 3.6%, was - der Studie gemäss - als Idee ausgedrückt auf deren starke Institutionalisierung hinweist. Bei der Friedensbewegung wie bei der Solidaritätsbewegung dominieren dieselben beiden Aktionsformen, aber in umgekehrter Reihenfolge, d.h. das Mobilisieren hat den höchsten Stellenwert, das Informieren den zweithöchsten, wobei die Solidaritätsbewegung von allen vier untersuchten neuen sozialen Bewegungen den höchsten Anteil an demonstrativen Aktionsformen aufweist und den zweittiefsten an konventionellen; letztere sind am tiefsten bei der als konterkulturell definierten
- und hauptsächlich durch die Zürcher Bewegung vertretenen - Autonomen Städtischen Bewegung, die mit einem v.a. durch die repressive Strategie der Zürcher Autoritäten begründeten enorm hohen Anteil von rund 63% die konfrontativen, von diesen wiederum die illegalen und gewalttätigen Aktionsformen am meisten anwendet, letztere rund 37% des Totals von 249 Aktionen ausmachen (die gewalttätigen Manifestationen 20.5%, Besetzungen 17.7%), welches Resultat die Hypothese, dieser Typ von Bewegung produziere und reproduziere seine kollektive Identität über Interaktionen mit externen Gruppen, besonders mit politischen Autoritäten, bestätigt.
Gemäss der in Tab. 3.11, S. 23, wiedergegebenen Resultate des internationalen Vergleichs wenden die neuen sozialen Bewegungen der Schweiz - und wie gerade erwähnt, von diesen v.a. die Autonome Städtische Bewegung - mit 15.5% konfrontativen diese Aktionsformen weniger an als diejenigen von Frankreich mit rund 36%, diejenigen der Niederlande mit 32.8% und von Deutschland mit rund 24%. Die über Medien an die Oeffentlichkeit gerichteten Strategien dagegen sind in der Schweiz - der Hypothese gemäss infolge ihres, gegensätzlich zu den andern drei Ländern gegenüber dieser Aktionsform offenen politischen Systems - attraktiver und mit 37.7% am höchsten und mit 22.5% in Deutschland, mit 16.4% in den Niederlanden und mit 10.9% in Frankreich auch wesentlich tiefer.
Zu konstatieren ist ferner auch das wichtige Faktum, dass in allen vier Ländern die demonstrative Strategie - und zwar nur mit geringen Differenzen - privilegiert wird, in Frankreich mit dem höchsten Anteil von 48.1%, in Deutschland mit dem zweithöchsten von 47.3%, in den Niederlanden mit dem dritthöchsten von 42.4% und in der Schweiz mit dem tiefsten von 42.1%. Diese Strategie - so wird in der Studie argumentiert (Giugni 1995: 172) - erlaubt folgende, den neuen sozialen Bewegungen fundamental eigene Grundhaltungen, nämlich die Artikulation der Ziele auch ausserhalb der traditionellen politischen Kanäle einerseits und die pazifistische Grundhaltung andererseits.
Tab. 3.11: Strategien der neuen sozialen Bewegungen in vier Ländern1) 1975-1989
1)inkl. konventionelle und institutionelle Aktionsformen
Quelle: Giugni 1995, S. 168-169
Werden die beiden Sektoren der sozialen Bewegungen bezüglich Benutzung der zur Abstimmung gelangten Volksinitiativen und obligatorischen wie fakultativen Referenden betrachtet (n=699), so reichen die andern sozialen Bewegungen mit 66.4% der Referenden und mit 69.4% der Initiativen je rund doppelt soviele ein wie die neuen sozialen Bewegungen, von den untersuchten neuen sozialen Bewegungen reicht die Oekologie-Bewegung als - wie sich in Kapitel 4 herausstellen wird - reichste 23.7% ein, die Friedensbewegung 1.6%, die Solidaritätsbewegung 0.6%. Die Benutzung der Instrumente der direkten Demokratie hängt mit hohen Kosten zusammen, so dass die an Geldmitteln und Personal reicheren andern Mobilisationen sie mehr verwenden können als die neuen sozialen Bewegungen. Ferner ist auch die Unterstützung von Alliierten - v.a. von Parteien - von entscheidender Bedeutung.
Mittels der Graphik 3.5, S. 24, lässt sich folgende Entwicklung feststellen: Bei den neuen sozialen Bewegungen der Schweiz zwei Typen von Entwicklungen, nämlich eine mehr oder weniger starke Zunahme konventioneller, d.h. politischer und an die Medien gerichteter Formen sowie eine, sich hauptsächlich von Mitte 1979 bis anfangs der 80er Jahre vollziehende Zunahme demonstrativer und - v.a. durch die Autonome Städtische Bewegung von Zürich verursacht - eine solche konfrontativer Strategien, welche Entwicklung in den drei andern Ländern - auch wenn die Zunahme und der Rückgang in Frankreich früher und weniger stark erfolgt - nicht wesentlich verschieden verläuft (alle drei Länder haben - gegensätzlich zur Schweiz - aber auch gerichtliche unter den konventionellen Strategien zu verzeichnen). Da nun nach dieser erwähnten Erhöhung der konfrontativen Aktionsformen die illegalen und gewalttätigen nicht auf den Stand vor der Protestwelle zurückfallen, kann - der Studie gemäss - nicht von einer ständigen Mässigung des Protestes, sondern es muss von einem tiefen Grad an Radikalismus gesprochen werden. Wie erwähnt, wird der Grad an Radikalität wie auch derjenige an Mässigkeit oder Moderation zum grossen Teil als durch den Offenheitsgrad des Staates und als durch die von den politischen Autoritäten dominant angewandten Strategien verursacht gesehen, wobei eine - in Zürich, nicht aber in Genf gegen die Autonome Städtische Bewegung und allgemein wie mehrheitlich in der Schweiz nicht angewendete - repressive Strategie eine grössere Radikalität zur Folge hat. Die Entwicklung der Strategien der andern Länder ist der Studie gemäss ebenfalls von der Struktur der politischen Opportunitäten (POS) abhängig: So hat in Frankreich der Eintritt der SP in die Regierung eine Radikalisierung bewirkt. Die konventionellen Aktionsformen wie deren Zunahme sind in der Schweiz v.a. durch die Oekologie-Bewegung und die Erhöhung zusätzlich
- wenn auch in geringerem Ausmass - durch die Solidaritätsbewegung bewirkt wie auch von 1979 bis 1981 zusätzlich durch die Autonome Städtische Bewegung, diejenige der demonstrativen von 1979 bis 1981 v.a. durch die Autonome Städtische Bewegung und die Solidaritätsbewegung, von 1980 bis 1982 wie von 1986 bis 1988 durch die Oekologie-Bewegung und 1983 auch durch die Friedensbewegung. Bei der Oekologie-Bewegung kann von einer Moderation der Strategien gesprochen werden, bei der Solidaritätsbewegung infolge Zunahme demonstrativer Aktionsformen nicht.
Graphik 3.5: Entwicklung der Strategien der NSB in vier Ländern 1975-1989
Quelle: Giugni 1995, S. 184-185
1. Die Hypothese, dass die Schweiz aufgrund der in Kapitel 2 (zusammengefasst in Punkt 2.4) dargelegten Strukturen der politischen Opportunitäten (POS) günstige Entwicklungsmöglichkeiten bietet für soziale Bewegungen, hat sich bestätigt: Sie weist allgemein ein - zu einem grossen Teil auf die Anwendung von Instrumenten der direkten Demokratie zurückführbares - erhöhtes Mobilisationsniveau auf und, verglichen mit den mituntersuchten drei Ländern, ein höheres Partizipationsvolumen der neuen sozialen Bewegungen und hat ferner auch - wie in Ländern mit föderaler Struktur allgemein aufgrund einer gewissen Dezentralisierung der Kontestation konstatierbar - eine bedeutsame lokale Mobilisation.
2. Infolge offener Strukturen der politischen Opportunitäten (POS) sind die Mobilisationskosten - auch in der Schweiz - tief, radikalere Formen ungerechtfertigt und die Kontestation allgemein gemässigt; privilegiert werden in allen Ländern demonstrative Aktionsformen, in Frankreich werden mehr radikale Strategien anwendet als in der Schweiz.
3. Aufgrund der extremen Stabilität des schweizerischen politischen Systems und der daraus resultierenden fehlenden Aenderungen in der Machtkonfiguration lassen sich keine radikalen und plötzlichen Modifikationen des Mobilisationsniveaus oder Aenderungen im Radikalitätsgrad der neuen sozialen Bewegungen bemerken. Alle Länder weisen beim Mobilisationsniveau (Aktivitätsniveau wie Partizipationsvolumen) eine Welle - in der Schweiz, Deutschland und den Niederlanden mit Höhepunkt - anfangs der 80er Jahre auf, die - gegensätzlich zu Frankreich - durch die Friedensbewegung und v.a. durch die Autonome Städtische Bewegung verursacht wurde und in der Schweiz durch zufällige Faktoren und nicht durch Wechsel in der Machtkonfiguration erfolgt.
4. Bestehende intranationale Differenzen in der Aktivität, die verursacht sind dadurch, dass die neuen sozialen Bewegungen je nach Typ der Bewegung, der instrumentell, subkulturell oder konterkulturell sein kann, auf den Einfluss der Struktur der politischen Opportunitäten (POS) verschieden reagieren, lassen sich über das POS-Modell nicht ermitteln, sondern über die nun folgende Organisationsstruktur.
Last update: 06 Mrz 17

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