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Jean Starobinski wurde 1920 als Sohn eines jüdisch-polnischen Ärztepaars in Genf geboren. Er studierte Literaturwissenschaft und Medizin an der Universität Genf. Das Schweizer Bürgerrecht erhielt er jedoch erst 1948 und wurde deshalb 1939 nicht zum Wehrdienst aufgeboten. Während des Kriegs traf er im Exil lebende Intellektuelle und Literaturschaffende, darunter Pierre Jean Jouve, und veröffentlichte seine ersten Kritiken, Chroniken und Lyrikrezensionen in Widerstandszeitschriften wie Lettres oder Suisse contemporaine. Nach einem Aufenthalt an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, wo er Literatur unterrichtete, verteidigte Jean Starobinski seine beiden Doktorarbeiten: eine über Rousseau (La Transparence et l'obstacle, 1957), und drei Jahre später eine weitere über die Geschichte der Melancholiebehandlung von ihren Anfängen bis 1900. Von 1958 bis zu seiner Emeritierung 1985 lehrte Jean Starobinski Ideen- und Medizingeschichte sowie französische Literatur, vorwiegend an der Universität Genf.
Starobinski stellte seine Tätigkeit als Arzt ein, um sich vollumfänglich der Lehre und dem Schreiben zu widmen. Er träumte von einer «Ideengeschichte ohne Grenzen» – so verflocht er die Disziplinen und wechselte geschickt zwischen verschiedenen Ansätzen und Fragestellungen, um jene Themen aufzugreifen, die sein Interesse weckten: das Verhältnis von Maske und Gesicht, die Körperwahrnehmung, der Akt des Gebens, die Melancholie. Er praktizierte eine, wie er es nannte, «literarisch-medizinische Zweisprachigkeit». Jean Starobinski war stets bestrebt, die «messende Wissenschaft» mit einer «gelebten und verstehenden Wahrnehmung» in Einklang zu bringen. Dazu nutzte oder schuf er Interpretationswerkzeuge im Zusammenhang mit den Fragen, die er an die Texte stellte oder die von den Texten selbst aufgeworfen werden. Starobinski wählte für diesen nicht totalisierenden «kritischen Weg» vorwiegend die freie und anspruchsvolle literarische Gattung des Essays, die ihre Wirkung bei der Leserschaft dank vertiefter Spracharbeit entfaltet.
Jean Starobinskis kritisches und metakritisches Werk umfasst über 30 Bücher und 800 Artikel. Es wurde in rund 20 Sprachen übersetzt, mit zahlreichen Preisen sowie 16 Ehrendoktorwürden ausgezeichnet und vereint Ideen- und Wissenschaftsgeschichte, Literatur, Kunstgeschichte, Philosophie und Psychoanalyse.
Jean Starobinski starb am 4. März 2019. Sein Nachlass wird im Schweizerischen Literaturarchiv aufbewahrt, darunter auch seine Bibliothek mit mehr als 40 000 Werken, die er selbst als «Bibliothek eines aufrichtigen, ausgewachsenen Menschen» und «verwilderten Garten» bezeichnete.