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Konventionelle Munition für den klassischen Einsatz von Artilleriefeuer gegen grossflächige Ziele hat generell an Bedeutung verloren. Zunehmende Wichtigkeit erhalten Munitionstypen mit hoher Präzision zur Bekämpfung von Einzelzielen in überbautem Gelände. Zudem muss eine moderne Artillerie auf eine Reichweite von bis zu 100 km wirken können.
Artilleriemunition für die 15,5-cm Panzerhaubitze M 109 besteht aus vier Komponenten: Primer, Ladung, Zünder und Geschoss. Der Primer veranlasst die Initialzündung der Ladung, welche für die Beschleunigung des Geschosses sorgt. Je nach Menge des abgebrannten Pulvers wird eine unterschiedliche Anfangsgeschwindigkeit und letztendlich Reichweite erreicht. Der Zünder ist für die Auslösung der Geschossdetonation verantwortlich, wobei unterschiedliche Mechanismen bestehen. Der Verzögerungszünder verzögert die Detonation nach dem Aufschlag um eine zuvor bestimmte Zeit. Beim Zeitzünder lässt sich der Zündzeitpunkt so einstellen, dass das Geschoss im Idealfall wenige Meter über Boden explodiert. Der Annahärungszünder veranlasst dies mit einem eingebauten Abstandsmesser. Alle Zünder können auch als Momentanzünder eingesetzt werden und zünden das Geschoss unmittelbar beim Aufschlag.
Die eigentliche Wirkung wird von der eingesetzten Granate bestimmt. Nebst der Übungsgranate und dem Beleuchtungsgeschoss bestehen in der Schweizer Armee nur noch zwei Typen von 15,5-cm Artilleriegranaten. Die Stahlgranate kann grundsätzlich gegen alle Ziele eingesetzte werden. Sie hat aber nur gegenüber weichen Zielen genügend Wirkung. Bei halbharten Zielen kann nur eine indirekte, beschränkte Wirkung erzielt werden (Beschädigung der Antennen, Optronik, etc.). Zur Bekämpfung von harten Zielen besteht nur noch die 15,5-cm-Suchzündermunition für die Artillerie, SMArt 155. Dieses Geschoss besteht aus zwei Submunitionen, die nach einer voreingestellten Flugzeit ausgestossen werden und an einem Fallschirm über dem Zielgebiet herabsinken. Mit einer integrierten Sensorik suchen sie das Gebiet ab und können mittels Hohlladungsprengkopf auch gepanzerte Ziele zerstören. Die zwischen 1988 und 1999 beschafften Kanistergeschosse wurden mit der Ratifizierung des Übereinkommens über Streumunition auf Grund der hohen Blindgängerrate dieses Munitionstyps verboten. Die Schweiz hat bis Ende 2018 ihre Bestände von Streumunition entsorgt.(1)
Damit wurden die Fähigkeiten der Artillerie stark eingeschränkt. Nebst einer Reduktion der Reichweite auf 20 km, wirken konventionelle Stahlgranaten nur ungenügend gegen gepanzerte Ziele. Zudem sind SMArt Geschosse nur in geringen Stückzahlen vorhanden und eine intelligente Munitionssorte älterer Generation. Sie ist primär auf eine herkömmliche militärische Bedrohung ausgelegt, insbesondere die Bekämpfung von gepanzerten Fahrzeugen in offenem Gelände.(2)
Anforderungen an moderne Artilleriemunition
Die Armeebotschaft 2019 beinhalten einen PEB-Rahmenkredit (Projektierung, Erprobung und Beschaffungsvorbereitung), zur Vorbereitung der Beschaffung eines neuen 15,5-cm Artilleriesystems. Drei Anforderungen stehen dabei im Fokus: Mobilität, Präzision und Reichweite.3Während Mobilität ausschliesslich durch die Waffenplattform sichergestellt werden kann, sind Präzision und Reichweite auch eine Frage der eingesetzten Munition.
Verfahren zur Erhöhung der Präzision
Um die Präzision zu erhöhen, werden grundsätzlich drei Verfahren angewendet:
- Endphasen gelenkte Munition: Bei dieser Methode wird eine konventionelle Granate mit verhältnismässig geringem (Kosten-)Aufwand in ein Präzisionsgeschoss umgewandelt. Dazu wird mithilfe eines spezieln Aufsatzes die Granate auf der absteigenden Flugbahn gegen die Zielkoordinate hingelenkt. Die Kosten für eine solche Granate liegen bei rund 10’000 Franken pro Stück.
- GPS gesteuerte Munition: Die Zieldaten werden vor dem Abschuss programmiert. Bei Erreichung der Scheitelhöhe klappen Gleitflügel aus und das Geschoss steuert die programmierte GPS-Position an. Trotz grosser Reichweite schlägt das Geschoss in senkrechter Flugbahn im Ziel ein und eignete sich deshalb besonders für Einsätze in überbautem Gelände. Die Kosten liegen bei solchen Geschossen bei rund 80’000 – 100’000 Franken pro Stück.
- Lasersteuerung: Dieses Konzept besteht seit den achtziger Jahren. Dabei wird das Geschoss mit einer Lasersteuerung ins Ziel gelenkt. Dieses muss bis zum Aufschlag mit einem Laser angestrahlt werden.(3)
Für eine präzisere Wirkung ist in allen Fällen auch eine präzisere Identifizierung und Beobachtung des Zieles notwendig. (4) Ebenso erhöht sich die Bedeutung der Meteodaten.
Bestrebungen zur Reichweitensteigerung
Eine Möglichkeit zur Vergrösserung der Reichweite besteht darin, die aerodynamischen Eigenschaften des Geschosses zu verbessern oder die Luftwirbel, die sich hinter dem Geschoss bilden (sogenannter Bodensog), durch kleine Antriebsraketen zu reduzieren (Base-Bleed-Munition). Durch solche Verfahren lässt sich die Einsatzdistanz allerdings nur um einige Kilometer steigern. Revolutionärer erscheint die Verwendung eines Staustrahltriebwerks (engl. Ramjet). Vergleichbar mit einer Turbine wird Luft innerhalb der Granate verdichtet und so sollen Reichweiten bis 100 km möglich werden.
Eine Reichweitenerhöhung ist darüber hinaus auch durch die Verwendung grösserer Ladungen und von Pulver mit höherer Brisanz möglich, was jedoch gleichzeitige massive Anpassungen und Eingriffe an der Konstruktion des Geschützes erfordert (längeres Rohr, grössere Ladungskammer, Verstärkung bei der Panzerhaubitze).(5)
Erneuerungsbedarf der Artilleriemunition
Im Bereich Artilleriemunition bestehen in der Schweiz bereits heute gravierende Lücken. Zudem hat der vorhandene Munitionsbestand ein hohes Durchschnittsalter. In den 2020er und 2030er Jahren wird der Grossteil der Munition ihr Nutzungsende erreichen.5Für die SOGART ist es wichtig, dass bei der Erneuerung des Artilleriesystems nicht nur auf die Waffenplattform fokussiert wird. Ebenso bedeutend ist die Beschaffung moderner Artilleriemunition. Die teuren Beschaffungs- und Unterhaltskosten insbesondere von Präzisionsmunition, werden eine Erneuerung nur in kleinem Umfang ermöglichen. Engpässe müssen also in Kauf genommen werden, diese sind vorgängig aber genau abzuwägen.
Quellen
(1) VBS (Hg.). (2019). Entsorgung von Streumunition der Schweizer Armee abgeschlossen
(2) Bundesrat. (2016). Zukunft der Artillerie, Bericht in Erfüllung des Postulates 11.3752
(3) Bundesrat. (2019). Armeebotschaft 2019
(4) Gafner, B. (2019). Interview mit Div R. Wellinger. Tagesanzeiger5) VBS (Hg.). (2019).Zukunft der Bodentruppen