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Zwischen den Städten Baden und Mellingen zieht Nachts das Guenisheer. Es kommt über den Oedlisberg nach Neunbrunnen im Schönhardswalde, da setzt es über die Reuss und zieht über Mellingen gegen Schloss Brunneck und Lenzburg zu.
Mein Vater hat es vor vierzig Jahren gehört, als er zu Mellingen in einem Hause diente, welches ausserhalb des Städtchens am rechten Reussufer gelegen war, wo oberhalb der Trostburg die alte Kapelle steht. Man hörte einen schweren Eisenwagen über das Haus hinrasseln, als ob lauter Käsekessel drauf geladen wären, und hinter der Fuhre kam eine Mannsstimme drein, die mit grosser Dringlichkeit wiederholt schrie: Verbind mer's, verbind mer's!
Als dies mein Vater mit einem Appenzeller-Krämer besprach, der öfters durch Mellingen reiste, erinnerte dieser sich aus seiner Heimat einer ähnlichen Begebenheit und erzählte dieselbe also: Auch wir hörten in unserer Jugend gar oft Nachts über unsern Häusern dieses Gekessel (Lärmen), hüteten uns aber wohl, dabei zum Fenster hinaus nachschauen zu wollen.
Als uns nun ein Nachbar berichtete, wie neulich einer dieser Luftreiter ganz die gleichen Worte herab gerufen habe, machte ihm ein Mädchen, das eben bei uns zu Besuch war, Vorwürfe, warum er denn jenem Reiter keine Antwort gegeben und dem Hilferuf gemäss ihn nicht verbunden habe. Der Nachbar erklärte, dass er den Sinn jener Worte nicht verstanden, wohl aber sich sehr gefürchtet habe, und nahm das schnippische Mädchen beim Worte, nächsten Fraufastenabend den Reiter selber darüber zu befragen. Das alberne Geschöpf vermass sich nun in falscher Scham wirklich, nächste Nacht, sobald der Zug käme, vor die Thüre treten und ihn anreden zu wollen. Folgenden Abend gab man ihr Wein und Branntewein zu trinken, so viel sie mochte; das Getöse liess sich wiederum hören, und endlich rasselte es gegen die Häuser her, als ob man einen Karren schlechtgebundenes Eisengestänge rasch über eine frischbekieste Strasse führe. Da trat denn das Mädchen vors Haus unter die Dachtraufe hinaus, und als jene Stimme rief: „Verbind mer's!“ antwortete sie: so halt au, du Donners-Chetzer, wenn i der's verbinde soll!
Auf dieses freche Wort hörte plötzlich der schmetternde Lärmen ganz auf, der Wagen stand still und ein Mann sprang herunter. Das Mädchen aber verlor das Herz und kam schneeweiss zur Stube herein gestürzt. Ein Grosser sei vor ihr gestanden, nichts anderes wusste sie zu sagen. Draussen rollte indessen der Wagen weiter. In kurzen Tagen aber war sie todt.
Band 1, Quelle: Ernst L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 1 Aarau, 1856, Seite 95
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.