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Glamour & Glitter: Der Mann, der auf der Bühne an einem Flügel sitzt, trägt einen Glitzeranzug und voluminöse Ringe an den Fingern, auf dem Flügel prunkt ein goldener Kerzenhalter. Seine Zuhörer, überwiegend Damen gesetzten Alters, unterhält er zwischen den einzelnen Stücken mit kleinen Geschichten. Bei einem späteren Auftritt darf sein Publikum die fünf Meter lange Schleppe seines Hermelinmantels bewundern und staunen, wenn er auf der Bühne einem Rolls Royce entsteigt. Kein Zweifel, dieser Mann mag es exzentrisch. Liberace war kein unbegabter Pianist, vor allem aber war er ein begnadeter Entertainer, der sich seinen Beinamen «Mr. Showmanship» wirklich verdient hatte. Das Exzentrische beschränkte sich nicht nur auf seine Bühnenauftritte, er besass ein Dutzend Luxusautos, und die Innenräume seiner überaus geräumigen Villa waren ähnlich überladen ausgestattet wie sein Outfit. Er hatte seine eigene Fernsehshow, Gastauftritte in populären Serien wie «Batman», «Kojak», «The Monkees», der «Muppet Show» und verkörperte in Tony Richardsons Hollywoodsatire The Loved One 1964 den Inhaber eines Bestattungsunternehmens.
Das öffentliche Leben voller Glamour hatte auch eine verborgene Seite: Zeit seines Lebens trat Liberace Gerüchten über seine angebliche Homosexualität vehement entgegen, entsprechende Gerichtsurteile fielen stets zu seinen Gunsten aus. Selbst sein Tod am 4. Februar 1987 wurde von seinem Leibarzt noch als “Herzversagen” etikettiert, bis eine staatlich angeordnete Autopsie die wahre Todesursache enthüllte: die Immunschwäche Aids.
Behind the Candelabra ist kein bio-pic im traditionellen Sinne mit Aufstieg und Fall; vielmehr konzentriert sich der Film auf einen einzigen Lebensabschnitt, die Jahre 1977 bis 1984, gesehen aus der Perspektive von Liberaces damaligem Liebhaber Scott Thorson (auf dessen 1988 veröffentlichtem autobiografischem Buch das Drehbuch basiert). Eine Liebesgeschichte also mit ihren Höhen und Tiefen, von sehnsuchtsvollen Blicken am Anfang, der Verführung, der sexuellen Ekstase bis hin zur häuslichen Routine der gemeinsamen Abende vor dem Fernseher, der Langeweile, der Eifersucht und schliesslich der unschönen Trennung.
Wenn der Film beginnt, schreibt man das Jahr 1977, der Zuschauer kommt sich aber wie in die prüden fünfziger Jahre versetzt vor, jedenfalls in die Zeit vor 1968 und vor der sexuellen Revolution. So wird etwa Scott von seinen Pflegeeltern gefragt, ob er wieder zu «seinen San-Francisco-Freunden» gehe und meinen damit seine sexuelle Orientierung; und einer dieser «San-Francisco-Freunde» meint, die älteren Damen, die in Las Vegas gebannt dem Auftritt von Liberace lauschen, wüssten gar nicht, dass er schwul sei, genauer gesagt, sie wollten es nicht wissen: «Man sieht nur, was man sehen will.» Dieser Satz kommt zwar an anderer Stelle des Films vor, er könnte aber Motto für das Ganze sein.
Liberace erweist sich als durchaus ironiefähig, wenn er etwa zu Scotts Schilderung seiner Kindheit mit wiederholtem Aufenthalt der Mutter in der Psychiatrie und seinem eigenen im Waisenhaus meint: «Fehlt nur noch das Feuer im Waisenhaus!» – ikonografisches Bild des viktorianischen Melodrams und zahlreicher früher Filme.
Das von Randy Newman so treffend besungene Gefühl des Künstlers, «lonely at the top» zu sein, verknappt der Film zu einem Monolog Liberaces, in dem er darüber klagt, dass alle an seinem Erfolg partizipieren wollten. Sein Talent habe er von Gott, verkündet er, gibt aber auch zu, dass die Idee mit dem Kerzenleuchter, der bei seinen Bühnenauftritten als Markenzeichen auf dem Flügel thront (und der dem Film seinen Originaltitel gab), aus einem Film stammt – wohl nicht zufälligerweise aus A Song to Remember von Charles Vidor, der Hollywoodbiografie seines Lieblingskomponisten Chopin.
Es ist wohl auch kein Zufall, dass der Anfang vom Ende der Beziehung sich mit dem Bild verknüpft, das sich Liberace von sich und Scott macht: Die Schönheitsoperation, der Liberace sich unterzieht, verordnet er gleich auch seinem Liebhaber. Der solle so aussehen wie der junge Mann auf dem Gemälde – Liberace selbst. Verbunden mit dem Vorschlag einer Adoption wirkt das in der Tat höchst seltsam: Sex mit dem eigenen Sohn, oder gar mit sich selber? Scott führt das in die Abhängigkeit von Drogen, die ihm der smarte Schönheitschirurg (ein toller Auftritt von Rob Lowe) verschreibt. Soderbergh genügen zwei mit einer mobilen Handkamera gefilmte Szenen, um Scotts Bewusstseinszustand, das Abdriften in die Paranoia, zu zeigen, beredter Kontrast zur klassischen Inszenierung, mit der der Film sonst arbeitet.
Als alles schon längst vorüber ist, Scott ist mit seiner Abfindungsklage gescheitert und muss sein Geld mit niederer Arbeit verdienen, wirft er in einer Buchhandlung einen Blick in den Band «The Wonderful Private World of Liberace» und liest «ich verlor meine Unschuld mit sechzehn an eine Bluessängerin» und «die grosse Liebe meines Lebens war Sonja Henie» – alles Lüge, wie er weiss. Der Film kontrastiert das mit der Zeitungsschlagzeile, die den Aids-Tod von Rock Hudson (am 2. Oktober 1985) vermeldet.
Dabei war es schon der überraschende Anblick von Liberace ohne Perücke, der Scott (und den Zuschauer) ziemlich zu Beginn des Films gleichermassen erstaunte wie erschreckte: «the face behind the mask». Doch wenn am Ende Scott bei Liberaces Beerdigung sich dessen Aufstieg in den Himmel – umgeben von Tänzerinnen – imaginiert, dann darf man an John Fords «Print the Legend!» denken: Der Mythos hat sich längst verselbständigt und wird auch die Wahrheit überleben.
In den USA wurde Behind the Candelabra Ende Mai, fünf Tage nach seiner Weltpremiere beim Filmfestival von Cannes, vom Bezahlfernsehsender HBO ausgestrahlt, der als Geldgeber eingesprungen war, nachdem die Studios dem Projekt keine Kinochancen einräumten. Soderbergh meinte im Gespräch, das seien rein kommerzielle Erwägungen gewesen, aber wenn man den Film sieht, kann man sich durchaus fragen, ob dafür nicht eher die Verdrängung einer unangenehmen Wahrheit ausschlaggebend war.
In Anbetracht von Liberaces Auftreten wäre ein camp-geprägter Film naheliegend gewesen, etwas Schrilles, wie Myra Breckenridge, das die Figuren dem Spott preisgibt. Zu Beginn scheint der Film tatsächlich dahin zu tendieren, etwa wenn Liberaces Hausboy bei Scotts erstem Besuch mit seinem Hinterteil herumwedelt und bewusst gespreizt redet. Da darf das Publikum lachen, aber der Film führt es damit eher aufs Glatteis, denn er zeigt seine Protagonisten im Verlauf der zwei Stunden durchaus ambivalent.
Scott wirkt zu Beginn wie ein Landei, seine Arbeit als animal wrangler beim Film dürfte ihm gleichwohl ein Wissen um die Machbarkeit von Illusionen verschafft haben. Aber: Liebe macht blind. Wenn ihm der Hausboy erklärt, dass es vor ihm schon viele junge Liebhaber gegeben habe (und nach ihm sicherlich noch viele andere), dann ist das offenbar etwas, was Scott lieber verdrängt. Der Hausboy ist im Unrecht, wenn er hinzufügt, er selbst würde noch da sein, wenn Scott schon lange weg wäre – gleich darauf zahlt ihn Liberaces Manager Seymour aus. Aber mit seinem ersten Satz wird er gleichwohl recht behalten. Der Film zeigt Liberaces Noch-Liebhaber Billy schmollend im Bild, kurz bevor er zugunsten von Scott abserviert wird, und zeigt gegen sein Ende in genau derselben Einstellung Scott – nicht schmollend, sondern wütend – und Liberace, der dem jungen Cary schöne Augen macht.