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Der Freiburger Germanist Hans Zeller zählte zu den namhaftesten und gründlichsten Vertretern der Editionsphilologie. Wie nur ganz wenige hat er Theorie und Praxis des neueren wissenschaftlichen Edierens geprägt. Die historisch-kritische C. F. Meyer-Ausgabe, ein Meilenstein auf dem Feld germanistischer Editionen, ist vielleicht zugleich eine der letzten großen und als reine Buchausgabe realisierten Gesamteditionen. In einer Zeit, da selbst der Schweizerische Nationalfonds dem Verlust tradierter Techniken und dem Ende der Printausgaben in die Hände arbeitet, muss es ein Anliegen sein, an großartige Leistungen diesseits der Trendbeflissenheit zu erinnern. Dazu gehört das Werk von Hans Zeller.
Den programmatischen Auftakt machte Hans Zellers 1958 in der Zeitschrift Euphorion erschienener Aufsatz Zur gegenwärtigen Aufgabe der Editionstechnik. Diese Aufgabe sollte darin bestehen, neben den edierten Texten auch deren vollständige Geschichte mit sämtlichen Varianten darzubieten. Das bedeutete eine enorme Aufwertung des Apparates, der früher meist als bloßer „Anhang“ (mit ausgewählten Varianten) behandelt worden war. Methodisch vertieft wurde der neue Ansatz durch die grundsätzliche Unterscheidung von Befund und Deutung – so der Titel eines richtungweisenden Aufsatzes von 1971. Handschriftliche „Befunde“ etwa sollten genauestens deskriptiv dokumentiert und erst in einem zweiten Schritt „gedeutet“ und zu einem kritisch nachvollziehbaren Textvorschlag verarbeitet, „lesbar gemacht“ werden. Auch was die Darbietung der Lesetexte anbelangte, schlug Zeller, teilweise im Verbund mit dem DDR-Germanisten Siegfried Scheibe, neue Wege ein. Die Intention bisheriger maßgebender Editionen hatte vornehmlich darin bestanden, unter Auswertung aller überlieferten Textzeugen den bestmöglichen Text eines Autors herzustellen und jede als mangelhaft empfundene Stelle, notfalls aus eigener Intuition, zu verbessern. Dagegen hat Zeller die Beschränkung auf einen einzigen legitimierbaren Textzeugen verfochten (Kontaminationsverbot) und editorische Eingriffe nur dort befürwortet, wo der Textbefund keinen möglichen Sinn zulässt (Textfehler).
Die Historisch-kritische C. F. Meyer-Ausgabe
Hans Zellers epochemachende Leistung ist die Edition von C. F. Meyers Gedichten im Rahmen der von Alfred Zäch mitherausgegebenen historisch-kritischen Gesamtausgabe. Der erste Band enthält auf 400 Seiten die Texte der von Meyer zwischen 1882 und 1892 in fünf Auflagen publizierten Gedichte. In nicht weniger als vier Apparatbänden von insgesamt über 1800 Seiten wird die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte jedes der 232 Gedichte vorgeführt. Durch Tausende von Varianten hindurch lässt sich verfolgen, wie der Dichter über Jahrzehnte hinweg unablässig an der Gestalt seiner Gedichte feilte. Die einzelnen Schichten, Stufen und Fassungen werden von Zeller mittels eines ausgeklügelten Systems von diakritischen Zeichen und synoptischen Anordnungen ausdifferenziert: in einer fast „rücksichtslos“ zu nennenden und zuweilen bis an die Grenzen des Rezipierbaren gehenden Gewissenhaftigkeit. Es brauchte deshalb nicht zu verwundern, dass die Vollendung der auf einen einzigen Herausgeber zentrierten Edition lange auf sich warten ließ. Der erste, das Verfahren der Folgebände festlegende Apparat-Band (Bd. 2) ist 1964, der letzte (Bd. 5.1) erst 32 Jahre später (1996) erschienen.
Währenddessen hatte sich in der Editionslandschaft bereits einiges verändert. Schon 1975 präsentierte D. E. Sattler im Verlag Roter Stern (Stroemfeld) den Einleitungsband seiner Hölderlin-Ausgabe, welche – in gewissem Sinne Zellers Methode radikalisierend – die Handschriften-Reproduktion und deren „differenzierte Umschrift“ zur Basis von Nachlass-Editionen machte und damit maßgebend für eine neue Generation von Editionen (von Kleist bis zu Kafka und Robert Walser) wurde. Hans Zeller begegnete dieser Entwicklung mit aufmerksamer Offenheit, ohne sie noch in der Werkausgabe berücksichtigen zu können. Trotzdem hat die Edition der Meyer-Gedichte einen Standard editorischer Präzision gesetzt, der auch für spätere kritische Editionen verpflichtend blieb.
Inzwischen hat die Elektronik ihre Herrschaft angetreten. Die reinen Printausgaben sind den Hybrideditionen (Print- und elektronisches Medium) gewichen, die mittlerweile ihrerseits durch den forcierten Trend zur buchfreien Online-Edition verdrängt werden. Die C. F. Meyer-Ausgabe wird – wie die anderen Buchausgaben – auf dem Terrain der wissenschaftlichen Schnellverbraucher vermutlich wenig mehr zu bestimmen haben.
Ich habe einst Hans Zeller um die Kopie der Vorabedition eines Meyer-Gedichtes gebeten. Den gewünschten Apparatauszug bekam ich als Schreibmaschinen-Durchschrift auf dünnem Papier zugeschickt: unregelmäßig durchgedruckte, aber dennoch größte inhaltliche Präzision verbürgende Zeichen. Es ist bestimmt mehr als eine nostalgische Anwandlung, wenn mich zu Zeiten verabsolutierter technischer Perfektionierung solch unbeirrbares Vertrauen in die reine Überzeugungskraft der Sache zu rühren vermag.
Conrad Ferdinand Meyer. Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe besorgt von Hans Zeller und Alfred Zäch. 15 Bde. Bern 1958-1996.
(Artikel erschienen in NZZ, 27.9.2014)