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Eigentlich sollte der 1994 ins Leben gerufene «Internationale Tag der indigenen Völker» ein Feier- oder Freudentag werden. Dazu ist es den weltweit ca. 370 Millionen indigenen Menschen aber nicht zumute – und warum? Weil sie im Norden, Süden, Osten und Westen unseres Planeten immer noch als Menschen dritter Klasse betrachtet werden.
„In der Stadt spüren wir die gleiche Unsicherheit, die Außenstehende im Wald befällt“, sagt »Weißer Stein». Er gehört zu der indigenen Bevölkerungsgruppe der Awá- Guaja, die im brasilianischen Regenwald lebt – isoliert von der Bevölkerungsmehrheit ihres Landes. Der Wald im Nordosten Brasiliens ist ihre Lebensgrundlage. Früher bedeckte er weite Flächen, heute ist er fast völlig verschwunden zugunsten zahlreicher Viehzuchtbetriebe. Das Schicksal der Awá ist eines von vielen.
Trotz ihrer kulturellen Unterschiede teilen indigene Völker aus der ganzen Welt gemeinsame Probleme im Zusammenhang mit dem Schutz ihrer Rechte als eigenständige Völker. Bis heute leben viele indigene Völker politisch, wirtschaftlich und sozial am Rande der Gesellschaft – oft auch im geografischen Sinne: in der afrikanischen Wüste, in Gebirgen, in den Polarregionen oder den Waldgebieten des Amazonas.
Das brasilianische Amazonasgebiet beherbergt mehr isolierte indigene Gesellschaften als jede andere Region der Erde. Mindestens 120 Gruppen leben isoliert von der Mehrheitsgesellschaft und sprechen etwa 50 einheimische Sprachen. Diese indigenen Gruppen haben keine dauerhaften Beziehungen zu anderen Gesellschaften, ob indigen oder nicht.
Viele von ihnen sind sich der Existenz anderer Gesellschaften bewusst, haben aber freiwillig von ihrem Recht auf Selbstisolierung als Überlebensstrategie Gebrauch gemacht, nachdem sie in der Vergangenheit mit Gewalt oder Epidemien in Kontakt gekommen waren. Ihre Isolation ist somit ein ausdrücklicher Ausdruck ihrer Autonomie und ihres Willens.
Ihr Recht auf Selbstbestimmung und Selbstisolierung wird in Brasilien durch das älteste und solideste Regelwerk Lateinamerikas geschützt. Diese Politik wurde 1987 nach den tragischen Folgen von Praktiken eingeführt, deren Paradigma der Kontakt mit isolierten Gruppen war.
Die Nationale Indianerstiftung (FUNAI) hat sogar eine eigene Abteilung, die sich mit der Identifizierung und Überwachung isolierter indigener Gruppen befasst (FUNAI – Allgemeine Koordinierung von isolierten und kürzlich kontaktierten indigenen Völkern). Trotzdem sind diese Völker wenig bekannt: die meisten Aufzeichnungen sind nur Meldungen von Dritten, und nur ein Viertel von ihnen wurde von FUNAI durch Überflüge oder andere Mittel überprüft.
Dass es zu immer mehr Gewalttaten an Indigenen oder Mitstreitern kommt, steht täglich in den Medien. Einhalt wird wohl kein Thema sein, so lange immer mehr Goldsucher, Glücksspieler und Profiteure in die Gegend kommen, so lange wird das Leid der Ureinwohner weitergehen.
Am Rande der modernen Gesellschaft
Der Begriff „Indigene Völker“ („indigenous peoples“) wurde erstmals 1986 vom UN-Sonderberichterstatter José Martínez-Cobo verwendet und bedeutet in etwa „in ein Land geboren“. Eine völkerrechtlich verbindliche Definition gibt es nicht. Als indigene Völker werden meist die Nachfahren der Erstbewohnerinnen und -bewohner einer Region bezeichnet, welche das gegenwärtige Territorium eines Landes bereits bewohnten, bevor Menschen mit einer anderen Kultur oder aus anderen Teilen der Welt dort ankamen.
In vielen Fällen unterwarfen oder vertrieben die Neuankömmlinge die dort ansässigen Völker und versetzten sie durch Eroberung, Besiedlung oder mit anderen Mitteln in eine untergeordnete oder koloniale Situation. Von der nicht-indigenen Bevölkerung eines Landes unterscheiden sich Indigene in der Regel durch eine eigene Kultur z.B. in Sprache, Religion oder Gesellschaftsorganisation.
Biologische Vielfalt – indigene Verwalter
Ihre Lebensräume sind zugleich die wichtigste Existenzgrundlage der Indigenen. Die UN betrachten diese kulturellen Minderheiten deshalb auch als «Verwalter der biologischen Vielfalt». Das enge Verhältnis zur Natur macht sie aber auch verletzlich: Eingriffe in die Lebensräume, die mit einer Störung des Ökosystems einhergehen, haben viele Kulturen in den letzten Jahrhunderten ausgelöscht.
Das Beispiel der Awá- Guaja, deren Schicksal internationale Aufmerksamkeit genießt, zeigt, dass insbesondere der Schutz des Lebensraumes indigener Völker politisch umkämpft ist: Noch im Jahr 2014 hatte die brasilianische Regierung alle Viehzüchter und Holzfäller, die unerlaubt in das Gebiet der Awá eingedrungen waren, aus dem Gebiet der Awá ausgewiesen. Zugleich wurde der Schutz Ihres Landes beschlossen. Insgesamt machen indigene Schutzgebiete heute 13 Prozent des brasilianischen Territoriums aus.
Eine neue Regierung in Brasilien (2018), und alles hängt wieder am seidenen Faden.
Es wird weiter abgeholzt – auch in den indigenen Territorien – Goldsucher dringen in die Gebiete ein und verteidigen sich mit Feuerwaffen – auch die Awá-Guaja fürchten um ihr Leben.
Wer ist ein «Indigener»?
Gebietsforderungen, gewalttätige Auseinandersetzungen oder die umstrittene Anerkennung bestimmter Ethnien – das Thema „Indigene Völker“ ist seit Langem Gegenstand öffentlicher Diskussionen in Brasilien. Dabei geht es vor allem um die Stellung der indigenen Völker in der Gesellschaft unseres Landes.
Eine entscheidende Frage lautet deshalb: Was ist eigentlich heute indigene Kultur? Zunächst einmal ein Begriff, der oft genug willkürlich von Wissenschaftlern festgelegt oder subjektiv in die Formeln juristischer Texte gepresst wurde. In diesem Zusammenhang sollte man dringend darauf hören, was die Betroffenen selbst dazu sagen.
Die Meinung der unbekannten Angehörigen dieser Gruppen, die den Alltag in ihren Gemeinschaften gestalten, ist dabei mindestens genauso wichtig, wie die der offiziellen Vertreter indigener Völker. Wer nach welchen Kriterien zu einer indigenen Organisation oder Gemeinschaft gehört – darüber gehen die Meinungen weit auseinander.
Nach Ansicht der Xavantes, aus Mato Grosso, muss man, um dem Volk anzugehören, nicht nur in einem ihrer Dörfer geboren sein, sondern sich vor allem einer Reihe sozialer Normen und Einschränkungen unterwerfen. Der Einzelne ist in das statische Netzwerk von Verwandtschaftsbeziehungen eingebunden und sein Leben richtet sich nach im Kalender festgelegten rituellen Abläufen. Er heiratet dann, wenn der Stamm es für ihn vorgesehen hat.
Aus den Gesprächen mit indigenen Völkern, die in verschiedenen geografischen Regionen leben und daher im Laufe ihrer Geschichte unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben, wird deutlich, dass die Definition dessen, was „indigen“ bedeutet, eng mit der jeweiligen Kultur verknüpft ist.
Unter Berücksichtigung all dieser Tatsachen sollte die Frage „Wer sind die Indigenen in diesem Land?“ nicht vom Staat, sondern von den indigenen Völkern selbst beantwortet werden. Hier müssen besonders die „cidadanias indígenas“ gefördert werden, so lautet der Name einer Bürgerbewegung, die stärkere Beteiligung Indigener an Verwaltungs- und Entscheidungsprozessen vor Ort fordert.
Die Indigenen in Brasilien
Ich glaube, dass sich die indigenen Einwohner Brasiliens immer lautstärker und aktiver am Aufbau von „cidadanias indígenas“ beteiligen, ohne dabei ihre eigenen Traditionen und Gebräuche zu vernachlässigen. Ein Beispiel dafür sind die politisch engagierten Angehörigen indigener Völker, die wie ich zur ersten Generation junger Indigener zählen, die eine Universität besucht haben. Viele von ihnen leben derzeit im Regenwald und unterstützen aktiv ihre jeweiligen Gemeinschaften mit den außerhalb der Dörfer gewonnenen Erfahrungen.
Die UN widmet den indigenen Bevölkerungsgruppen seit 1994 am 9. August einen Gedenktag. 2022 ist der «Internationale Tag der indigenen Völker» dem Thema indigene Sprachen gewidmet, um diese und den Erhalt indigener Kultur zu stärken. Auch in der Schule dürfen sie häufig ihre Sprache weder erlernen noch sprechen. Auch darum sind viele indigene Sprachen gefährdet: Von den etwa 4000 Sprachen der indigenen Völker sind laut UN 2680 vom Aussterben bedroht.