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Einerseits wurde bemängelt, bei tiefen Dosen gehe die ICRP für ihre Empfehlungen von einer zu hohen Krebsauslöserate aus; andererseits wurde der ICRP vorgeworfen, sie berücksichtige neue molekularbiologische Erkenntnisse nicht und vernachlässige die Folgen der strahlenindzierten bleibenden Geninstabilität. Die ICRP ist daher über die Bücher gegangen und stellt jetzt ein völlig neues Strahlenschutzkonzept zur Diskussion. Publiziert wurde es von ihrem Präsidenten, Roger Clarke, Direktor des National Radiological Protection Board (Journal on Radiological Protection, Vol. 19, No. 2, pp. 107-115).
In seiner Publikation erinnert Dr. Clarke zuerst an die Grenzen epidemiologischer Untersuchungen, die es nicht erlauben, bei kumulierten Expositionen unter einigen hundert Milligray (mGy) direkte Aussagen zu machen. Zwar führten molekularbiologische Untersuchungen etwas weiter und erlaubten Einblick in die komplizierten Vorgänge bei der Strahlenschädigung der Gene und die ausgelösten Reparaturmechanismen. Aber auch diese reichten nicht aus, um eine exakte Dosis-Wirkungsbeziehung bei sehr niedrigen Dosen aufzustellen. Die Frage des Schwellenwerts bleibe unbeantwortet. Auf der anderen Seite stelle sich die Aufgabe, in sich konsistente Strahlenschutzvorschriften aufzustellen, die in der Anwendung so einfach wie nur möglich sein sollten. In dieser Sicht müsste die Einführung von Schwellenwerten in der Praxis zu ebenso schwierigen Situationen führen wie die kritiklose Anwendung des heute benützten Konzepts einer Kollektivdosis, wenn die Folgen infinitesimal kleiner Dosen auf beliebig grosse Bevölkerungsgruppen während geologischer Zeiträume hochgerechnet würden oder wenn die Grenzwerte als absolut zwingend betrachtet würden. Die ICRP habe sich mit dieser Frage schon in ihrer Publikation 77 auseinandergesetzt. Heute herrsche im Strahlenschutz oft Konfusion besonders bezüglich des Unterschieds zwischen Praxis und Intervention, bei Massnahmen nach einem Unfall und in Folge der geltenden Unterschiede zwischen der beruflich bedingten, der medizinischen und der allgemeinen Bestrahlung.
Zur Lösung dieses Problems hat sich die ICRP auf die eigentliche Aufgabe des Strahlenschutzes besonnen, nämlich jeden einzelnen vor den gesundheitlichen Folgen einer übermässigen Bestrahlung zu schützen. Dies geschieht in der Praxis dadurch, dass die kontrollierbare Dosis, das heisst, dass die Summe aller Dosen, denen ein Individuum aus einer bestimmten Quelle ausgesetzt ist und die durch irgend welche Massnahmen beeinflusst werden kann, so gering wie praktisch erreichbar gehalten wird. Das Konzept der kontrollierbaren, das heisst der zu überwachenden und zu beeinflussenden Dosis beruht auf einer mehr an der Einzelperson orientierten Philosophie und führt zur Empfehlung der ICRP, das Konzept der Kollektivdosis endgültig über Bord zu werfen: Wenn das Gesundheitsrisiko des am stärksten bestrahlten Individuums trivial ist, dann gilt dies auch für das Gesamtrisiko einer Personengruppe, wie gross sie auch immer sei. Wie die ICRP in ihrem Vorschlag betont, wird es natürlich weiterhin Dosiswerte geben, bei deren Überschreitung Massnahmen unumgänglich sind. Die Tabelle gibt eine Übersicht über diese Werte. Auch gilt weiterhin der Grundsatz, dass jede Bestrahlung durch einen Nutzen für das Individuum und die Gesellschaft zu rechtfertigen ist und nur erfolgen darf, wenn es keine anderen Möglichkeiten gibt, diesen Nutzen zu erreichen. Die beiden anderen bisherigen Prinzipien, das ALARA (as low as reasonably achievable) und die Optimierung, würden durch die Einführung der kontrollierbaren Dosis relativiert und auch sonst ergäben sich in der Praxis beträchtliche Vereinfachungen.
Quelle
P.B. nach "Control of low-level radiation exposure: time for a change?" von R. Clarke, Juli 1999