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Gefangen von gesellschaftlichen Regeln
Marlen Haushofer fühlte sich in ihrer familiären Situation gefangen, was sicherlich auch etwas mit dem Modell der bürgerlichen Familie aus den fünfziger Jahren zu tun hatte. Es galt ganz selbstverständlich der Besitzstand des Mannes. Marlens Unmut diesen gesellschaftlichen Regeln gegenüber äusserte sich deutlich in ihren Geschichten. In “Wir töten Stella” legt der Ehemann und notorische Ehebrecher Wert darauf, den Urlaub mit seiner Frau zu verbringen und nach aussen alles zu vermeiden, was nach “schlampigen” Zuständen aussehen könnte. “Als innerlicher Anarchist, schätzt er nach aussen hin die Ordnung und Genauigkeit. Keiner hütet die Moral strenger als der heimliche Gesetzesbrecher.” Die Erzählerin ist davon überzeugt, dass sie von ihrem Mann nicht als Person, sondern als sein Besitz geliebt wird: “Eine beliebige Person an meiner Stelle hätte er ebenso geliebt, und auf diese Weise liebt er seine Kinder, sein Haus, kurz alles, was zu seiner Person gehört. (…) Keine seiner Geliebten wird ihn je dazu bringen, seine Familie, das heisst seinen Besitz, aufzugeben, und wenn es mir eines Tages einfallen sollte, ihn zu verlassen, wird er hartnäckig und rachsüchtig mein Leben zerstören.”
Viele Freunde und Bekannte Marlens zeigten sich sehr erstaunt, wenn man die anscheinend sanfte, liebenswürdige und bürgerliche Frau als Feministin und Männerfeindin bezeichnete. Die Tarnung war eines von Marlens Talenten, sie behielt ihre wahren Ansichten für sich und lebte in so vielen Dingen nicht nach ihrer eigenen Überzeugung. Nur wenigen Mitmenschen offenbarte Marlen ihr wahres Wesen. Einer davon war der Schriftsteller Oskar Jan Tauschinski, der später auch ihr Nachlassverwalter werden sollte. In einem Brief bestätigte er: “Marlen liebte und bewunderte Simone de Beauvoir, las mit höchster Anerkennung Rosa Mayreder und fühlte sich den Vorkämpferinnen der Frauenbewegung schwesterlich verbunden, war aber selbst keine Kämpfernatur.”
Vielleicht war für Marlen das Schreiben auch ein Ventil gegen ihre Depressionen. Ihr innerlicher Hass gegen sich selbst richtete sich dann gegen die Männer, was in ihren Geschichten unschwer zu erkennen ist.
Veröffentlichung des ersten Romans
Mitte der fünfziger Jahre schaffte Marlen Haushofer es endlich, sich im österreichischen Literaturbetrieb allmählich zu festigen. Der Wiener Paul Zsolnay Verlag, der traditionsreichste und damals grösste belletristische Verlag Österreichs, nahm das Manuskript zu Eine Handvoll Leben an. Im September 1955 erschien Marlens erster Roman und fand ein beachtliches publizistisches Echo. Schweizer und Deutsche Zeitungen brachten Besprechungen des Romans; in- und ausländische Rundfunkstationen befassten sich mit dem Buch. Bei den Kritikern fand das Buch im Allgemeinen Zustimmung.
Im Alltag kämpfte Marlen stets um ein paar Schreibstunden. Sie nutzte dazu die Stunden am frühen Morgen, noch vor dem Frühstück. Ihre Texte schrieb sie von Hand; überall lagen Schreibblöcke herum, auf denen sie während der Hausarbeit Einfälle notierte. Vormittags Hausarbeit, nachmittags Lernen mit den Kindern, Wochenende Büroarbeit. Unterbrochen von zahlreichen Reisen, die der unternehmungslustige Manfred Haushofer mit seiner Familie unternahm. Im Gegensatz zu Marlen liebte er Fahrten ins Blaue. Um sich diesen gefürchteten Streifzügen zu verweigern, benutzte Marlen gerne den kleinen Tigerkater Iwan, Marlens “drittes Kind”, als Vorwand und blieb zu Hause. Eine weitere Erschwernis waren die ständigen Umzüge der Familie: 1955 zogen die Haushofers erneut um in eine Wohnung (Pfarrgasse 8), nur ein paar Strassen vom alten Ort entfernt. Die Zimmer waren klein und ohne Komfort; das Haus gehörte einem Fleischhauer, der regelmässig im Hof Schlachtungen durchführte. Christian, der ältere Sohn, fand eine Lehrstelle als Textilkaufmann, sodass er sich langsam von der Familie lösen konnte. Manfred, der Jüngere der beiden Söhne wurde auf eine Privatschule in Bad Aussee geschickt, weil auch er in der Schule Lernschwierigkeiten zeigte.
Da die Kinder nun zeitweise aus dem Haus waren, hatte Marlen etwas mehr Zeit für sich. Oft besuchte sie ihre Eltern, die seit Pensionierung des Vaters auch in Steyr lebten oder traf sich mit Freundinnen in der Konditorei des Café Stark in Steyr.
Preis des Theodor-Körner-Stiftungsfonds
Im kleinen Bergland Verlag gab Rudolf Felmayer die Reihe Neue Dichtung aus Österreich heraus. 1956 erschien dort unter dem Titel Die Vergissmeinnichtquelle Marlen Haushofers erster Erzählungsband. Für diesen erhielt sie später den Preis des Theodor-Körner-Stiftungsfonds.
Kurz danach, im Jahre 1957 wurde der zweite Roman vom Zsolnay Verlag veröffentlicht: Die Tapetentür. Die meisten Pressestimmen spendeten hierfür zwar Beifall, doch einige fanden die Tagebuchgedanken banal; das Buch insgesamt uneinheitlich. Es wird vermutet, dass hier von der Autorin authentische Tagebucheinträge eingeflochten wurden. Marlen war eine konsequente Tagebuch-Schreiberin, die das Geschriebene aber regelmässig verbrannte.
Heimliche Künstlernatur
Auch Hans Weigel resümierte später, dass die beiden Zsolnay-Romane nicht perfekt waren; ganz im Gegensatz zur Novelle Wir töten Stella, die mit Recht zu den Meisterwerken Marlen Haushofers zählt. Diese Erzählung erschien im Jahre 1958 im Bergland Verlag. Die öffentliche Reaktion war zwar eher gering, jedoch überwiegend positiv. Jeannie Ebner bezeichnete die Novelle in einem Brief an ihre Freundin Anfang 1959 als “das reifste und geschlossenste Ding, das Du bisher geschrieben hast.” 1963 wurde Wir töten Stella mit dem Arthur Schnitzler-Preis ausgezeichnet.
Marlen war nun Ende Dreissig und hatte nicht nur mit ihren Depressionen zu kämpfen. Abgesehen von ihrer Lungenkrankheit litt sie unter hohem Blutdruck in Zusammenhang mit einem alten Nierenleiden, an chronischem Fieber und einer Anämie. Im Januar 1958 stürzte sie in Wien in einem Schwindelanfall aus der damals noch offenen Strassenbahn und erlitt Wirbelprellungen. Ausserdem machte ihr auch der Umstand zu schaffen, dass andere österreichische Schriftsteller längst den Durchbruch vollzogen hatten, während sie selber kaum vom Fleck zu kommen schien. So wird Marlen Haushofer auch heute noch nur selten als Zeitgenossin der international bekannten Ingeborg Bachmann wahrgenommen. Vielleicht deshalb, weil Marlen im Gegensatz zu Ingeborg Bachmann nie Weltbürgerin wurde; sie blieb Försterstochter, Zahnarztgattin, Hausfrau. Weder ihre biedere äussere Erscheinung noch ihr umgangssprachlicher Briefstil verrieten etwas von einer Künstlernatur. Marlen hasste öffentliche Auftritte, war eine schlechte Interpretin ihrer Werke, erhob die Stimme nur leise und übte sich in Bescheidenheit. Letzteres diente möglicherweise als Schutzschild gegen zu hohe Erwartungen. Dennoch – mit dem Buch Die Wand, das ihr berühmtestes werden sollte, gelang Marlen Haushofer der Befreiungsschlag aus der Mittelmässigkeit.
Manfred Haushofer war inzwischen auch aufgrund seiner schweren Herzkrankheit immer schwieriger geworden. In Marlens Briefen an ihre Freunde hiess es oft, er kränkle, sei nervös und deprimiert. Er arbeite zuviel und liebe seinen Beruf nicht. In Steyr war Manfred als Zahnarzt gefürchtet, weil er als ungeduldig und cholerisch galt und seine Patienten gelegentlich auch anschrie. Wer über Schmerzen klagte, den hielt er für wehleidig. Er neigte zu Jähzorn und konnte mit Geld nicht gut umgehen. So musste sich die Familie häufig einschränken. Warum Marlen im Februar 1958 Manfred ein zweites Mal heiratete, ist fraglich. War es Liebe oder Mitleid? Auf die Frage einer Freundin hin, was sie nach all den Jahren zu diesem Schritt bewogen habe, meinte sie lapidar: “Du kannst in Steyr nicht geschieden sein”. Dann wurde es ruhiger um Marlen Haushofer.