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Eine Buchbesprechung
„Ein hoch erotischer Roman. Ich habe eine solche Liebesszene seit Jahren nicht mehr gelesen.“ sagte Marcel Reich-Raniki über dieses Buch. „Literarisches Fast Food“ urteilte dagegen seine Kollegin Sigrid Löffler.
Ich war gespannt auf dieses Buch, denn schliesslich hat es zu einem handfesten Krach im „Literarischen Quartett“ geführt.
Ein kleiner Einblick in die Geschichte – spoilerfrei
Hajime, ein Einzelkind, hat mit 12 Jahren eine innige, freundschaftliche Beziehung zu Shimamoto, die seine Vorliebe für Musik und das Einzelkind-Dasein teilt. Die beiden verlieren sich nach der Grundschule aus den Augen.
Später, als Jugendlicher, fügt Haijme seiner damaligen Freundin Izumi grossen Schmerz zu, indem er mit ihrer Cousine eine obsessive Affaire hat, die auffliegt. Erschrocken stellt er fest, dass er „Izumi einen irreparablen Schaden zugefügt“ hat, dass er aber immer wieder genau so handeln würde. Er fühlte sich wie von einer „Naturgewalt“ getrieben und wollte die Cousine einfach nur „bis zur Hirnerweichung vögeln„.
Nach diesem Desaster geht Hajime nach Tokio und studiert. Er führt ein zielloses Leben („Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was ich mir vom Leben erhoffte„), das sich erst Jahre später durch die Heirat mit Yukiko verändert: Finanziell getragen von seinem Schwiegervater baut er sich ein Leben als erfolgreicher Geschäftsführer zweier Jazz-Bars auf.
„Hätte ich meinen Schwiegervater nie kennengelernt, würde ich noch heute Schulbücher redigieren, noch immer in einer schäbigen kleinen Wohnung in Nishiogikubo hausen, noch immer einen gebrauchten Toyota Corana mit kaputter Klimaanlage fahren. So dagegen hatte ich es in kurzer Zeit zum Besitzer zweier Bars in einer der schicksten Gegenden Tokios gebracht, zum Chef von über dreissig Mitarbeitern und ich verdiente mehr Geld, als ich bisher in meinem ganzen Leben verdient – oder zu verdienen geträumt – hatte.“
Aber Hajime zweifelt:
„Aber ganz wohl war mir bei der Sache nicht. Ich hatte das Gefühl, eine unerlaubte Abkürzung genommen, mich unlauterer Mittel bedient zu haben, um dahin zu gelangen, wo ich jetzt war. […] Ich führte das Leben eines anderen, nicht mein eigenes. Wieviel an der Person, die ich „ich“ nannte, war wirklich ich?“
In dieser Lebenssituation findet das unerwartete und geheimnisvolle Wiedersehen mit seiner Jugendfreundin Shimamoto statt, das ihn völlig in den Bann zieht.
Es ist die Frage, was Hajime wählt: Das nach aussen erfolgreiche Leben an der Seite seiner Frau und seiner zwei Töchter, die er alle drei aufrichtig liebt, oder ein Leben, das seinen Leidenschaften gerecht wird, – womit er aber auch diejenigen verletzt, die er liebt. Der Preis für die fehlenden Leidenschaft ist ein flaches, fast sinnentleertes Leben.
Bekannte Murakami-Motive
„Gefährliche Geliebte“ befasst sich vorwiegend mit dem Thema der Obsession. Mit der Frage, ob uns die Obsession überhaupt eine Wahl lässt oder ob wir dazu verdammt sind, ihr zu folgen und damit Schaden anzurichten: „Aber am Ende zeigte sich: wohin ich auch ging, immer blieb ich derselbe. Immer wieder beging ich den gleichen Fehler: verletzte andere und dabei auch mich.“
Zugleich gibt es viele Elemente, die ebenfalls in „1Q84“ oder „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ auftauchen und die sich wie ein roter Faden durch das Werk Murakamis zu ziehen scheinen:
- Eine Außenseiterrolle der Hauptfigur/en in der Kindheit.
- Eine besondere Beziehung zu einem oder mehreren anderen Menschen in der Kindheit oder Jugend; diese besondere Beziehung/Begegnung wird abrupt beendet oder dauert nicht lange, strahlt aber durch das ganze weitere Leben hindurch aus. Da ist die Sehnsucht, diese besondere Beziehung zu klären oder diesem Menschen erneut zu begegnen.
- Der Moment des Händehaltens als ein besonderer Moment, der den bleibenden Eindruck einer tief gehenden Berührung hinterlässt.
- Die Studentenunruhen in Japan.
- Musik als verbindendes Element, vor allem Stücke von Franz Liszt und Jazz-Balladen.
- Irrationale Momente bzw. Momente, bei denen kaum zwischen Traum und Wirklichkeit unterschieden werden kann.
Mein Fazit
Trotz des interessanten Themas der Obsession hatte ich etwas Mühe „Gefährliche Geliebte“ zu Ende zu bringen. Anfangs fand ich es flüssig zu lesen, dann fehlten mir zunehmend die Murakami’schen stilistischen Sprünge. Ich habe die Sprache Murakamis diesmal als nicht sonderlich prägnant oder faszinierend erfahren. Dieses Buch wurde aus dem Englischen übersetzt (und nicht original aus dem Japanischen). Vielleicht wurde dies mit dem Verlust des sprachlichen Stils bezahlt.
Während die Figur des Hajime noch recht scharf und damit nachvollziehbar gezeichnet ist, bleibt Shimamoto, insbesondere während der Begegnung nach fast einem Vierteljahrhundert, schattenhaft und wage. Das Geheimnisvolle wirkt nicht geheimnisvoll, sondern hinterlässt einfach nur viele Fragen.
Literarisches Fast Food? Sicherlich nicht. Auch wenn man über die Sprache Murakamis wie immer streiten kann. Hoch erotisch? Nein, hoch erotisch finde ich dieses Buch nicht, auch nicht sie Schluss-Szene, auf die sich Herr Reich-Raniki bezieht. Aber lesenswert ist diese Buch dennoch.
Für Menschen, die gerne Bücher haben, die sich wie Balladen lesen – etwas getragen und lang – geeignet.
Bechdel-Test: Nicht bestanden.
Und ich lege nun eine Murakami-Pause ein.