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“Life was not supposed to be easy“ – dieser Satz steht im Yukon an einer Hütte aus der Goldgräberzeit. Das Leben war nie geplant, einfach zu sein. Mir gefällt dieser Satz; er schützt uns vor Enttäuschungen. In unserer Kultur war es wohl gar nie die Absicht, das Leben als einfach anzusehen und in den letzten 100 Jahren ist das Leben trotz oder vielleicht gerade wegen aller technischer Errungenschaften noch komplizierter geworden. So kam zum Beispiel noch vor 50 Jahren ein Automechaniker mit 200 Seiten codiertem Wissen aus – heute benötigt er 14‘000 Seiten. Der Ruf nach Einfachheit ist deshalb verständlicherweise weit verbreitet. Wir alle kennen die TV-Werbung, in der ein Mann verzweifelt versucht, einen simplen Kaffee zu bestellen und an den diversen Rückfragen der jungen Verkäuferin scheitert. Der Ruf nach Einfachheit ist legitim – wichtig ist, dabei den Weg und das Ziel nicht zu verwechseln: Um ein einfaches Resultat zu erhalten, ist der einfache Weg oftmals der falsche. Wir unterliegen immer wieder der Versuchung, den einfachen Weg zu gehen und nehmen damit eine komplizierte Lösung in Kauf. Gerade die sollte aber einfach sein. Ich wage die These: Eine komplizierte Lösung ist falsch.
Das geozentrische Weltbild war seit dem klassischen Altertum in Griechenland für fast 2‘000 Jahre wissenschaftlich wahr. Es setzte sich gegen frühere Meinungen, die Sonne sei der Mittelpunkt, durch und war bis zum Ende des Mittelalters die vorherrschende Lehre. Die Erde und damit implizit auch der Mensch, war im Mittelpunkt des Kosmos und sämtliche astronomischen Berechnungen wurden auf dieser Grundlage durchgeführt. Um die beobachteten Planetenbewegungen zu erklären brauchte es Hilfskonstrukte – Exzenter, Epizyklen und Ausgleichspunkte. Streng genommen sind diese Hilfskonstrukte nicht mit der Physik von Aristoteles vereinbar, weshalb auch die Meinung aufkam, dass die Sonne und Planeten aus einem fünften „überirdischen“ Element – der sogenannten „Quintessenz“ bestünden, dessen natürliche Bewegung diese komplexen Kreisbahnen seien. Im Jahr 1509 beschrieb Nikolaus Kopernikus erstmals in der neuen Geschichte das heliozentrische Weltbild und veröffentlichte dieses dreissig Jahre später, kurz vor seinem Tod. Da die heliozentrische Idee als antireligiös eingestuft wurde und sie zudem mit den damaligen Mitteln nicht bewiesen werden konnte, wurde sie während mehr als 200 Jahren von der katholischen Kirche verboten. Sehr bekannt, wenn auch wahrscheinlich nur eine Legende, ist der Ausspruch Galileis „Eppur si muove“ – „Und sie bewegt sich doch“, nachdem er 1616 der Ketzerei bezichtigt wurde und dem Heliozentrismus abschwören musste. 1757 schliesslich wurde der Bann dann offiziell aufgehoben.
Wenn wir heute ein Bild der Planetenbewegungen nach dem geozentrischen Weltbild betrachten, fällt uns augenblicklich die faszinierende und unheimlich komplizierte Laufbahn der Gestirne auf. Die Planeten bewegen sich in diesem Modell nicht elliptisch um die Sonne, sondern in Kreisbahnen um die Erde, wobei sie zum Teil rückwärts laufen um dann, nach einer Schlaufe, ihre Gangrichtung wieder zu ändern. Zeichnet man die Bahn mehrerer Planeten, wird das Bild sehr schnell unübersichtlich und wir können mit dem heutigen Wissen nicht mehr verstehen, wie Berechnungen auf dieser falschen Grundlage überhaupt funktioniert haben.
Ich glaube, in vielen Bereichen des aktuellen Lebens sind wir immer noch im geozentrischen Weltbild verhaftet – wir haben Modelle für die Umwelt entwickelt und können Berechnungen anstellen. Diese sind aber oft nur machbar mit fast unvorstellbarer Rechenleistung und äusserst komplexen Abläufen. Komplizierte Lösungen sind naturgemäss fehleranfällig. Meist stossen sie früher oder später an ihre Grenzen. Gerade in der Informatik ist die Versuchung gross, eine zu komplizierte Lösung einzuführen. Oftmals fehlt die Zeit zur Suche einer einfachen Lösung oder kurzfristig ist es billiger, mehr Rechenleistung zu beschaffen als einen Algorithmus neu zu konzipieren. Es kommt immer wieder vor, dass ich bei der Betrachtung eines Objektmodells oder eines Ablaufdiagramms unwillkürlich an das Bild des geozentrischen Himmels denken muss. Die Diagramme sind zwar mit viel Fachwissen erstellt worden und geben dieses korrekt wieder. Sie sind aber so komplex, dass die Vermutung nahe liegt, dass es nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Nur mit viel Glück laufen diese Konstruktionen dereinst fehlerfrei und oftmals rächt sich der einfache Weg längerfristig in finanzieller Hinsicht.
Um die einfache Lösung zu finden, gibt es verschiedene Ansätze: Wie immer helfen Erfahrung und Übersicht. “Weisheit und Einfachheit gesellen sich gern” ist ein Russisches Sprichwort. Eine sehr gute Variante ist ein Schritt zur Seite zu tätigen; einmal nicht die Problemstellung und damit implizit uns ins Zentrum zu stellen, sondern einen Schritt zurück oder auf die Seite zu machen, um die Lösung aus einer gewissen Distanz zu suchen. Aus dem All betrachtet würde sich das geozentrische Weltbild von selbst widerlegen. Leider zeigt genau dieses Beispiel, dass die Betrachtung von aussen nicht immer möglich ist. Dann ist wohl die Bereitschaft nötig, den aufwändigen Weg zu gehen, um das einfache Resultat zu ermöglichen. Aber auch hier müssen zuerst die Ressourcen dazu bereitstehen. Johann Wolfgang von Goethe hat in einem Brief an seine Schwester sehr treffend geschrieben: „Da ich keine Zeit habe, Dir einen kurzen Brief zu schreiben, schreibe ich Dir einen langen.“
Nik Ludin, September 2010