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Über Nacht hatte sich zu den Lounge-Möbeln aus Rattan ein grosser Gasgrill gesellt. Die Abstellflächen links und rechts neben der Grillhaube erinnerten an einen Pinguin, der erfolglos mit den Flügeln flattert. Der fabrikneue Chromstahl glänzte in der Morgensonne.
„Guck mal, die Terrasse wird immer voller.“ Leo öffnete das Fenster, um frische Luft herein zu lassen und gähnte geräuschvoll. Ronja, die sich eben einen Seidenschal, passend zu ihrem beigen Hosenanzug umgelegt hatte, trat neben ihn. Sie klimperte mit den Autoschlüsseln und blickte hinab zur Erdgeschosswohnung gegenüber. Der graue, wetterfeste Tisch mit den sechs farblich passenden Stühlen war an den Rand der 25 Quadratmeter grossen Fläche geschoben worden, damit der Grill und die Loungemöbel Platz hatten. Drei der Stühle berührten nun die Hecke, die den mit Platten ausgelegten Sitzplatz auf drei Seiten umgab und von den Nachbarn abschirmte. Zumindest von jenen, die ebenerdig wohnten.
„Vielleicht haben Sie die Grösse der Terrasse unterschätzt“, überlegte Ronja, war aber mit ihren Gedanken woanders. Wohl schon im Büro, beim Meeting mit der Geschäftsleitung, mutmasste Leo. Er schloss das Fenster und kratzte sich im Schritt. Ronja war bereits dabei, in ihre Stilettos zu schlüpfen. Oha, heute scheint ein wichtiger Tag zu sein, schloss Leo aus Ronjas Schuhwahl.
„Viel Spass im Büro“, rief er über die Schulter, während er sich einen Grüntee zubereitete. Dann setzte er sich ans Fenster und genoss schlürfend das bittere Getränk. Und die Tatsache, dass er nirgends hin musste. Nicht mehr, seit er vor zwei Monaten auf die Strasse gestellt worden war. Und das nur, weil er in einem der Särge vor dem Hinablassen ins Grab nach Beweisen gesucht hatte. Er hatte auf sein Gefühl vertraut, dafür musste er sich ja wohl nicht rechtfertigen. Doch kein Problem, er konnte jederzeit etwas Neues finden. Friedhofsgärtner wurden immer gebraucht, da war er sich sicher.
Ronja fand ihn in der gleichen Position, als sie gegen Abend schwer schnaufend die Wohnung im dritten Stock betrat. Sie stellte die prall gefüllte Einkaufstasche auf den Boden und schlüpfte stöhnend aus ihren hochhakigen Schuhen. Dann liess sie sich aufs Sofa plumpsen.
„Wie war dein Tag?“, fragte Leo und liess das Fernglas sinken.
„Frag nicht. Sag mir lieber, was du zum Abendessen kochst“, antwortete Ronja mit kokettem Lächeln und blinzelte Leo vom Sofa aus zu.
„Ich kann heute nicht kochen. Ich muss hier bleiben“, sagte Leo und hob das Fernglas vor die Augen. „Ich habe bei unseren neuen Nachbarn ein ganz komisches Gefühl. Jetzt haben sie auch noch einen Rasenmäher auf die Terrasse gestellt. Dabei haben sie gar keine Grünfläche!“ Aus Leos Mund drangen feine Spucketröpfchen, die sich im Gegenlicht wie kleine Geschosse Richtung Fensterscheibe bewegten.
„Ein Rasenmäher? Das ist ja wohl nicht verboten.“ Ronja stand auf und schlurfte Richtung Küche. Sie schenkte sich ein Glas gekühlten Pinot Grigio ein und trat dann ans Fenster.
„Vielleicht sollten wir rüber gehen und klingeln. Uns vorstellen. Dann wüssten wir, wer dort eingezogen ist. Die Wohnung stand nach dem Tod von Frau Maier viel zu lange her.“
„Kein Wunder. Die Blutspuren von den Wänden und vom Boden zu entfernen, war wohl nicht ganz einfach“, brummelte Leo und dachte an die merkwürdigen Umstände, unter denen ihre reizende Nachbarin vor zwei Jahren ums Leben gekommen war. Die Polizei tippte auf einen Selbstmord. Leo zweifelte aber stark daran. Die Waffe war nie gefunden worden. Eine echt komische Geschichte.
Ein lautes Klingeln liess die beiden zusammenzucken. Sie sahen sich einen kurzen Moment ratlos an, bis Ronja mit „Ich geh schon“ barfuss zur Tür eilte. Leo, der ihr langsam folgte, sah über Ronjas Kopf ein Paar mit einem kleinen Hund stehen. Cocker-Spaniel vermutete er und rümpfte die Nase.
„Das ist Leo, mein Mann“, hörte er Ronja sagen. „Leo, das sind unsere neuen Nachbarn von gegenüber. Sie wohnen dort, wo früher Frau Maier gewohnt hat.“ Ronja schaute Leo erwartungsvoll an. Dieser schloss den Mund und brachte ein gemurmeltes „Hallo“ zustande. Dann schob er die Hände in die Hosentaschen und starrte den Mann und die Frau an. Sie wirkten wie aus dem Ei gepellt, als hätten sie eben geduscht und sich für eine Cocktailparty zurecht gemachten. Die Frau trug eine kompliziert aussehende Hochsteckfrisur, die Leo an ein Vogelnest erinnerte.
„Nein, wir haben leider keinen Balkon oder einen Garten“, hörte er Ronja soeben sagen. „Aber vielen Dank für das nette Angebot. Ich hör mich mal bei unseren Freunden um, vielleicht kann da jemand einen Rasenmäher oder Loungemöbel gebrauchen.“
„Herzlich willkommen in der Nachbarschaft“, rief Ronja dem Paar noch nach, als sie die Türe langsam schloss.
Leo stand noch eine Weile da und starrte das Türblatt an. Die Farbe blätterte am Rand ab. Dann schnaubte er. „Ich glaube, ich war nun genug lange zu Hause. Morgen mache ich mich auf Jobsuche.“ Er kratzte sich erneut im Schritt und ging dann zu Ronja in die Küche. Mal sehen, ob noch Pinot Grigio da war.