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Vom Säuglingsheim zur Grossfamilie
Brigitta Kaufmann
Das Haus Im Baumgarten 1 wurde 1932 als privates Kinderheim erbaut. Bis 1998 wohnten hier Kinder, die aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren Eltern aufwachsen konnten. Trägerschaft und Betreuungskonzepte veränderten sich im Lauf der Zeit mehrmals.
Das Gebiet am Ausserberg blieb bis Ende der 1920er-Jahre weitgehend unbebaut. Nur ein Naturweg, ungefähr dem heutigen Rütiring entsprechend, führte Richtung Bettingen: der Bettingerweg.1 Das Land dort galt als unattraktiv und war günstiger als andernorts in Riehen. Der Bodenpreis lag damals bei zirka 2 Franken pro Quadratmeter.
1930 entstand die Strasse ‹Im Baumgarten›. Daran lagen vorerst zwei Holzhäuser. Eines davon, die von Luise Rudin erbaute Nummer 19, steht heute noch. Auf einem Teil des grossen Grundstücks, etwas weiter Richtung Bettingen gelegen, liessen ihre Schwester, die Kinderschwester Marianne Rudin, und ihre Berufskollegin Hedwig Geissbühler 1932 ein grosszügiges Elf-Zimmer-Haus als Säuglingsheim errichten.
Otto Meier (1901–1982) und Ernst Mumenthaler (1901–1978), zwei junge, dem Neuen Bauen verpflichtete Architekten, bauten ein für die damaligen Verhältnisse sehr modernes, schlichtes Gebäude mit dunkelroter Klinker-Fassade, Pultdach und grossflächigen Fensterfronten im Obergeschoss auf der Gartenseite. Im Erdgeschoss lagen die Küche, Räume für die Administration sowie ein grosszügiges, zweiteiliges Wohn- und Esszimmer. Das Obergeschoss umfasste fünf nebeneinanderliegende Kinderzimmer, ein Bügelzimmer, einen Waschraum sowie zwei Zimmer für die Heimleiterinnen.
In den folgenden 30 Jahren betreuten die beiden Frauen bis zu 24 Kinder von wenigen Monaten bis zirka vier Jahren rund um die Uhr. Marianne Rudin kümmerte sich um die Säuglinge und Kleinkinder, Hedwig Geissbühler war mehr für die administrativen Belange zuständig. Unterstützt wurden sie von einer Hausgehilfin, einer Schwesternhilfe, einem Kinderfräulein und einer Köchin. Nachbarn erinnern sich, dass die Kinder auch immer wieder bei der Schwester von Marianne Rudin im nahegelegenen Holzhaus zu Besuch waren, wo zeitweise auch die Hausgehilfin lebte.
Leider sind aus der gesamten Zeit des privat betriebenen Kinderheims keine Unterlagen mehr vorhanden, die Auskunft über die Herkunft der betreuten Kinder geben könnten. Vermutlich stammten sie wie in anderen Kinderheimen aus ‹unüblichen› Familienverhältnissen: Kinder von ledigen, berufstätigen Müttern, Kinder aus geschiedenen Ehen, Kinder, deren Eltern beide berufstätig waren.
Zu Beginn der 1960er-Jahre erkrankte Marianne Rudin schwer und starb bald darauf. Hedwig Geissbühler sah sich ausserstande, das Kinderheim allein weiterzuführen, und bot es dem Kanton zur Übernahme an. Per grossrätlichen Ratschlag vom 11. Juni 1964 erwarb dieser das Gebäude und die Parzelle von 1818 Quadratmetern für 470 000 Franken sowie das Inventar für 5000 Franken.
Für die Weiterführung des Heims war der Basler Frauenverein verantwortlich. Nachbarn erinnern sich, dass in der Folge das Mobiliar weitgehend erneuert und vereinheitlicht wurde. Auch die Kinder waren nun einheitlich gekleidet. Obwohl der sogenannte ‹Baumgarten› im Ratschlag als Heim für 18 bis 20 Kleinkinder bis vier Jahre umschrieben war, lebten dort in der Folge auch ältere Kinder. Das Heim war wohl mit Kindern bis zu vier Jahren nicht ausgelastet.
Im März 1973 präsentierte sich die Personalsituation im Kinderheim wie folgt: eine Leiterin, eine Stellvertreterin, drei Kinderpflegerinnen vollamtlich, eine Kinderpflegerin Teilzeit, eine Köchin, eine Praktikantin und zwei Marthaschülerinnen. Die Betreuung war mit der Übernahme durch den Frauenverein ganz offensichtlich um einiges intensiver geworden. Eine damals im sogenannten ‹Säuglingszimmer› arbeitende Kinderpflegerin erinnert sich, dass sie zu einem kleinen Jungen eine besonders enge Beziehung aufgebaut hatte. Dieser war direkt nach der Geburt in den Baumgarten gekommen, weil er zur Adoption freigegeben worden war. Bis er zu seinen Adoptiveltern kam, wurde er von Schwester D. intensiv betreut. Sie erhielt sogar die Erlaubnis, den Jungen über mehrere Tage zu ihrer Familie mitzunehmen, zum Beispiel über die Weihnachtstage.
Allerdings kam es in jener Zeit auch zu Unstimmigkeiten zwischen der Leiterin und einem Teil des Personals, weil die Meinungen über den richtigen Umgang mit den Kindern auseinandergingen. Die Leiterin verbrachte zudem fast Tag und Nacht im Heim, obwohl ihr für die dienstfreie Zeit eine Wohnung zugewiesen worden war. Ihr Machtanspruch über Personal und Kinder wurde von manchen als übertrieben und störend empfunden – auffallend viele Personalwechsel waren die Folge. Der Frauenverein suchte vergeblich das Gespräch mit der Leiterin. Sie verliess das Heim schliesslich im Unfrieden.
Im Baumgarten lebten in den Folgejahren immer weniger Kinder, bis es keine zehn mehr waren. Die Frage der Schliessung stellte sich. Der Frauenverein beschloss jedoch, das Heim mit einem anderen Konzept weiterzuführen: Die noch im Baumgarten lebenden Kinder wurden in eine heilpädagogische Grossfamilie integriert.
Am 1. April 1980 zog ein junges Ehepaar mit zwei eigenen Kindern im Baumgarten ein. Die bereits seit 1974 im Heim lebende M., damals sieben Jahre alt, erinnert sich: Ein grosser Bus fuhr vor und ein Mann mit Bart und eine Frau stiegen aus. Sie trugen unter anderem ein grosses Bett ins Haus, weshalb M. sie verwundert fragte, ob sie denn hier schlafen würden.
Für M. war die Umstellung vom Heim zur Grossfamilie nicht einfach. Bisher waren die Kinder in zwei Gruppen eingeteilt, beide mit einem eigenen Betreuungsteam. M. mochte eine ihrer Betreuerinnen sehr und verstand nicht, weshalb diese plötzlich nicht mehr kam und stattdessen ‹Fremde› im Haus wohnten.
Das Ehepaar Hans und Christine Kästli hatte also neben den zwei eigenen Kindern ab 1. April 1980 zusätzlich sechs Pflegekinder. Die Grossfamilie Kästli unterschied sich nicht wesentlich von einer ‹normalen› Familie: Sie nahmen die Mahlzeiten gemeinsam ein, die Kinder gingen zur Schule oder in den Kindergarten, man bastelte und spielte zusammen und abends war Zeit, um sich über den Tag auszutauschen.
In den ersten Jahren sahen die Pflegekinder ihre leiblichen Eltern zwar regelmässig, aber nicht allzu oft – etwa alle drei Wochen –, damit sich die Bindung zwischen Kindern und Pflegeeltern optimal aufbauen konnte. Auch die Ferien verbrachten die Kinder mit den Pflegeeltern und an externen Ferienplätzen. Jedes Kind hatte einen Götti oder eine Gotte aus dem Freundeskreis der Familie Kästli und war auch dort oft zu Besuch oder konnte mit ihnen ein paar Ferientage verbringen.
Beim Einzug der Kästlis war der Baumgarten noch als Kinderheim eingerichtet, die Räume waren für eine Familie wenig wohnlich. In einem Brief an die Vormundschaftsbehörde, in dem das Bedürfnis nach baulichen Anpassungen angesprochen wird, schreibt der Frauenverein: «Das Haus ist an sich ein ‹kaltes Haus›, nicht nur wegen den vielen Fensterfronten und der schlechten Isolierung, auch atmosphärisch strömt es keine Wärme aus. Der Wunsch nach ‹Holz› ist mehr als verständlich.» Im Lauf der Jahre wurden deshalb einige Umgestaltungen am Haus vorgenommen, oft von den handwerklich geschickten Hauseltern selbst: Holzdecken eingezogen, Wände entfernt, ein Wintergarten gebaut …
Im Garten wohnten zudem zahlreiche Tiere – Hühner, Kaninchen, Schildkröten – für deren Betreuung die Kinder zusammen mit den Pflegeeltern zuständig waren.
Die Umstellung von ‹Heim› auf ‹Familie› war für die älteren Pflegekinder im Baumgarten anfangs nicht ganz einfach. Später aber genossen sie das Familienleben mit den zahlreichen Aktivitäten, den gemeinsamen Ausflügen und Ferien. Die stabilen Verhältnisse in der Grossfamilie waren ein Gegengewicht zu den schwierigen Verhältnissen in den Herkunftsfamilien, die seinerzeit zur Heimeinweisung geführt hatten, die starke Beziehung zu den Pflegeeltern gab Halt und Sicherheit.
Wie im Konzept vorgesehen, belegte man die Plätze der ausziehenden Pflegekinder nicht neu. So wurde die Grossfamilie Kästli, wie jede andere Familie auch, kleiner und kleiner, bis 1998 schliesslich alle Kinder und Pflegekinder das Haus verlassen hatten. Auch das Ehepaar Kästli verliess das nun viel zu gross gewordene Haus. Das Haus Im Baumgarten 1 wird seither zu privaten Wohnzwecken genutzt.
1 Näheres dazu siehe Michael Raith: Gemeindekunde Riehen, Riehen 1988, S. 164.