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| Tertullian († um 220) - Über den Leib Christi. (De carne Christi)

11. Cap. Desgleichen, wenn sie behaupten, der Leib Christi sei psychischer Beschaffenheit gewesen, damit den Menschen ihre eigene Seele bekannt würde. Die Körperlichkeit der Seele.
Ich greife nun ein anderes von ihren Argumenten an und prüfe, warum denn Christus, wenn er einen psychischen Leib annahm, eine fleischerne Seele gehabt haben soll?
Gott habe, geben sie vor, gewünscht, den Menschen die Seele sichtbar darzustellen dadurch, dass er sie körperlich machte, sie, die früher unsichtbar gewesen war und von Natur aus, durch diese gegenwärtige Fleischeshülle gehindert, nichts sah, nicht einmal sich selbst, so dass sogar die Streitfrage entstehen konnte, ob die Seele geboren werde oder nicht. Somit sei die Seele bei Christus ein Körper geworden, damit wir sie, wenn sie geboren würde, wenn sie stürbe und, was noch mehr sagen will, wenn sie auferstände, wahrnehmen könnten.
Was soll das nun wohl heissen, die Seele wird sich selbst oder uns vermittelst des Fleisches gezeigt, sie, die eben wegen des Fleisches nicht gesehen werden kann? Sie wird also, um enthüllt zu werden, dasselbe wie das, dem sie eben unbekannt war, nämlich Fleisch. Mithin legt sie sich Finsternisse an, um leuchten zu können. Hiergegen möchten wir zuerst genau darüber handeln, ob die Seele überhaupt in dieser Weise geoffenbart werden musste, sodann, ob sie in früherer Zeit für gänzlich unsichtbar, sozusagen als unkörperlich oder mit einer gewissen Art ihr eigentümlicher Körperlichkeit versehen, ausgegeben wird.
Und da wird sie doch, obwohl sie unsichtbar sein soll, als etwas Körperliches hingestellt, welches die Eigenschaft hat, unsichtbar zu sein. — Wie kann das, was nichts Unsichtbares an sich hat, unsichtbar genannt werden? Sie kann aber nicht einmal existieren, ausser wenn sie das hat, wodurch sie existiert. Da sie existiert, so muss sie das haben, wodurch sie subsistiert. Wenn sie das hat, wodurch sie subsistiert, so ist das eben ihre Körperlichkeit.
Alles, was existiert, ist körperlich in seiner besondern Art. Nichts ist unkörperlich, ausser was gar nicht existiert. Da die Seele also einen unsichtbaren Körper hat, so hätte der, welcher es unternahm, sie sichtbar zu machen, in jedem Falle besser gethan, an ihr das sichtbar zu machen, was als unsichtbar galt, weil sich für Gott auch in dieser Sache weder Lüge noch Schwäche schickt. Lüge wäre es aber, wenn er die Seele als etwas anderes dargestellt hat, als was sie ist —Schwäche, wenn er ihre eigentliche Beschaffenheit zu enthüllen nicht imstande war. Niemand, der uns einen Menschen sehen lassen will, setzt ihm erst einen Helm oder eine Maske auf. Das wäre mit der Seele geschehen, wenn sie, in Fleisch verwandelt, sich ein fremdes Antlitz aufgesetzt hätte.
[S. 398] Auch wenn die Seele für unkörperlich gehalten wird, in der Art, dass sie nur in einer gewissen verborgenen Kraft des Denkens bestehe, dass aber das, was die Seele auch immer sein mag, kein Körper sei, so war es Gott ebensowenig unmöglich, ja, es stimmte sogar besser zu seinem Ratschlusse, sie in einer ganz neuen Art von Leiblichkeit, nicht in der gewöhnlichen, allgemeinen und schon anderweit bekannten, vorzuführen. Alsdann würde er sich nicht ohne Ursache gerühmt haben, die Seele aus einer unsichtbaren zu einer sichtbaren gemacht zu haben, nämlich zu einer solchen, die zu diesen Fragen Anlass gibt, indem ihr der menschliche Leib vorenthalten blieb. Allein Christus konnte nun einmal für Menschen nicht sichtbar sein, ausser als Mensch. Gib also Christo seine Ehrlichkeit zurück: Wenn er als Mensch einhergehen wollte, so trug er auch eine Seele von menschlicher Beschaffenheit zur Schau und machte sie nicht zu einer fleischernen, sondern bekleidete sie mit dem Fleische.