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Elena: Soweit ich weiss, hatte ich Angst vor dem Erbrechen. Wenn mir ganz leicht schlecht war, sagte ich: Mir ist schlecht, mir ist schlecht, mir ist schlecht. Dann wurde mir immer schlechter.
Simone: Es begann am 6. Dezember 2009. Wir gingen in den nassen und finsteren Wald, den Samichlous suchen. Wir haben ihn einfach nicht gefunden. So entschieden mein Mann und ich, dass wir ihn auf getrennten Wegen suchen. Elena bekam Panik, weil die Familie nicht mehr zusammen war. Dank dem Natel fanden wir den Samichlous schliesslich, danach gingen wir zu einer Freundin Suppe essen. Da musste Elena erbrechen. Nicht wegen dem Samichlous, eher wegen zu viel Schokolade. Von da an hatte sie aber diese Angst vor dem Erbrechen. Sie wollte nirgends mehr hin und auch niemanden mehr bei sich zu Hause haben.
Elena: Ich erinnere mich, dass mich meine Grossmutter mal in den Kindergarten begleiten wollte. Ich hielt mich im Wohnzimmer an der Säule fest und weigerte mich, die Schuhe anzuziehen.
Simone: Es ging gar nichts mehr. Elena wollte weder in den Kindergarten noch sonst wohin. Ein befreundeter Psychologe sagte: «Die Angst verschwindet nicht, wenn ihr abwartet.» Wir klärten zuerst beim Arzt ab, ob ein medizinisches Problem vorliegt. Auch das war Stress: Wir mussten Elena hinter dem Sofa «füregrüble», zu zweit anziehen, sie ins Auto hieven, wo sie wie ein wildes Tier nach hinten in den Kofferraum kletterte. Aus purer Panik. Der Arzt sagte: Da muss man nichts untersuchen. Elena braucht psychologische Unterstützung.
Elena: Ich ging zu einer Psychologin, immer am Mittwochnachmittag. In der ersten Stunde redeten wir, dann spielten und bastelten wir. Einmal malte ich mir einen Ort aus, an den ich denken sollte, wenn es mir nicht gut geht: Dschungel, Wasserfall und rundherum Steine. Ausserdem hatte ich zwei Beschützertiere: den Adler und den Gepard.
Simone: Wir vereinbarten ein Aufbautraining. Anfangs trugen wir sie zu zweit in den Kindergarten. Das war der blanke Horror für mich und meinen Mann. Wenn wir ihre Finger von der Säule lösten und sie schrie, hoffte ich im Innersten, dass es in Ordnung ist, wie wir handeln. Nach Mutterinstinkt tut man so etwas einfach nicht, das ist übergriffig. Aber wir wussten von Fachleuten, dass es der richtige Weg ist. Im Kindergarten blieb ich anfangs noch lange bei ihr. Wir haben die Zeit, bis ich ging, immer verringert und arbeiteten mit positiven Verstärkern: Wenn sie blieb, gab es einen Kleber.
Elena: Beim zehnten Kleberli erhielt ich ein Schleich-Tierli oder so. Es ging schnell besser. Am Ende der ersten Klasse hörte ich mit der Therapie auf. Für die dritte Klasse musste ich dann Klassenzimmer und Lehrperson wechseln. Ich wollte nicht mehr zur Schule gehen. Also ging ich wieder zur Psychologin.
Simone: Schwierige Phasen wurden immer durch Veränderungen ausgelöst. Es war aber nicht mehr so dramatisch wie am Anfang. Ich konnte sie alleine in die Schule begleiten. Die Grossmutter wartete jeweils an der Hausecke auf Abruf, falls ich nicht zurechtkommen würde.
Elena: Dann merkte ich in der vierten Klasse, dass ich am Mittwochnachmittag lieber abmachte, als in die Therapie zu gehen. Von da an ging es mir besser. Wenn ich heute zurückdenke, ist es komisch. Es war ja gar nicht schlimm.
Simone: Für mich war es schlimm. Elenas Angst hat viel ausgelöst. Die Verzweiflung, die man als Eltern hat und als Paar teilen muss. Das ist nicht einfach. Ich habe damals auch Hilfe in Anspruch genommen, um das aufzufangen.
Elena: Angst habe ich immer noch manchmal. Ich bin auch immer noch schnell verunsichert, aber wohl nicht mehr als andere in meinem Alter. Und müsste ich erbrechen, wäre das zwar unangenehm. Aber ich kann ja aufs WC rennen.