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60% der Kinder ausländischer Eltern, die in der Schweiz geboren sind, sprechen zuhause die Sprache ihres Herkunftslandes. Die Integrationspolitik in der Schweiz zielt jedoch auf das Erlernen der Landessprachen. Fachleute plädieren für eine neue Sicht.
Eine gute Beherrschung der Herkunftssprache sei eine wichtige Voraussetzung für das Lernen der Landessprachen, sind Spezialisten überzeugt.
Es gebe aber erst sehr wenige entsprechende Untersuchungen über dieses Thema, räumt Amelia Lambelet vom Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg ein.
Trotzdem empfehlen die Fachleute, bei Schülern die Sprachen des Landes zu fördern, aus die Eltern stammen. Der Ort, wo dies geschehen soll, ist idealerweise die Schule.
Therese Salzmann vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien ist überzeugt, dass "das Erlernen der Herkunftssprache das Selbstvertrauen des Kindes stärkt und ihm ein Gefühl der Sicherheit gibt."
Das Bewusstsein eines Kindes über seine "doppelte Kultur" sei ein bestimmender Faktor für dessen soziale Integration und beruflichen Erfolg, so Salzmann weiter.
Die Lieder der Eltern
Jede Sprache ist Spiegel einer Kultur. "Eine Sprache zu kennen und sie im Ausdruck zu beherrschen, stärkt das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe und fördert die Bildung einer kohärenten Persönlichkeit, die sich anderen Kulturen besser öffnen kann", sagt Hélène Schär, Direktorin der interkulturellen Bibliotheken Schweiz. "Die Lieder, welche die Eltern ihren Kindern vorsingen und die Texte, die sie ihnen in ihrer Herkunftssprache vorlesen, erleichtern das Lernen von Fremdsprachen."
Die Anerkennung der Bedeutung der Herkunftssprachen und deren Integration in die Lehrpläne sei ein Schritt zur Respektierung des Prinzips der Chancengleichheit der Schülerinnen und Schüler. "Es ist bedauerlich, wenn alle Lehrprogramme in einer einzigen Sprache vorgesehen sind, während die Chancen von andere Sprachen im öffentlichen Unterricht vermindert werden", sagt Therese Salzmann.
Das Genfer Modell
In Genf veranstalten Botschaften, Konsulate und kulturelle Vereinigungen zusammen mit der Genfer Direktion für Primarschulen (DGEP) einen Unterricht der Herkunftssprachen.
Für das Programm mit 60 Lehrpersonen haben sich mehr als 4000 Schüler eingeschrieben. An den Veranstaltungen werden über 125 Sprachen geübt, darunter Spanisch, Portugiesisch, Arabisch und Sprachen des Balkans.
Das Beispiel Österreich
Hélène Schär weist auf das Beispiel Österreichs hin, wo Herkunftssprachen bis zu einem gewissen Grad im Primarschul-Unterricht gelehrt werden.
Während Eltern und Schüler die Angebote schätzen, sprechen aber manche Lehrer und Experten von einem Zeitverlust und einer Überbelastung der Kinder. Diese Aspekte sind in der Studie "Fremdsprachen-Unterricht in den Ländern der Europäischen Union" aufgeführt, die von José Carlos Herreras geleitet wurde.
Die Beurteilung durch Amelia Lambelet fällt nüchtern aus: "Werden die Lehrer ermuntert, Sprache und Kultur des Herkunftslandes ihrer Schüler in den öffentlichen Unterricht einzubauen, ändert das an der Realität bezüglich Chancengleichheit nichts."
Interkulturelle Bibliotheken Schweiz
1993 gegründet, verteilen sich die Institute, die besonders für Migranten eine grosse Rolle spielen, auf 22 Kantone.
Sie füllen laut Direktorin Hélène Schär die Lücken in den herkömmlichen Bibliotheken betreffend Bücher in den Herkunftssprachen der Migranten.
Die interkulturellen Büchereien sind Begegnungsorte vor allem von Menschen, welche dieselbe Kultur oder dieselben Erfahrungen teilen.
Die Bibliotheken führen Projekte durch, etwa Kurse über die romanische Schrift. Am 18. Januar 2014 organisiert die Vereinigung in Bern eine Tagung zur "Zukunft des Unterrichts der Herkunftssprachen in der Schweiz".
Worte und Taten
Auf den Internetseiten der Behörden von Bund und Kantonen wird auf die Bedeutung von Mehrsprachigkeit und kultureller Diversität als Bereicherung der nationalen Kultur hingewiesen. Davon zeugt etwa das Abkommen der Kantonalen Erziehungsdirektoren von 2004, das explizit die Herkunftssprachen erwähnt.
Die interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule (HarmoS) resp. deren Artikel 4 weist darauf hin, dass die Kantone "durch organisatorische Massnahmen die von den Herkunftsländern und den verschiedenen Sprachgemeinschaften unter Beachtung der religiösen und politischen Neutralität durchgeführten Kurse in heimatlicher Sprache und Kultur" zu unterstützen haben.
Mit HarmoS werden also explizit Kurse gefördert, die ausserhalb der öffentlichen Schulen stattfinden und die zur Hauptsache von aussenstehenden Akteuren wie Botschaften, Konsulate und andere Organisationen angeboten werden.
Anders in Genf, wo die Direktion für Primarschulen Rahmenbedingungen zum Unterricht der Herkunftssprachen geschaffen hat. Diese betreffen etwa das Einschreiben, die Beziehungen zu den Eltern, die Ausbildung der Lehrkräfte etc..
In Genf nehmen mehrere Primarschulen am Projekt "Schule offen für Sprachen" (EOL) teil. Darin werden Schüler für diejenigen Sprachen sensibilisiert, die an ihre Schule am häufigsten vertreten sind.
Auf Stufe Sekundarschule aber sieht es schon wieder anders aus. "Entsprechende Kurse werden erst durchgeführt, wenn mindestens zehn Schüler Interesse zeigen", berichtet Marianne Lanzer von der Genfer Bildungsdirektion (DIP). Die Kurse würden in Zusammenarbeit mit den Botschaften und Konsulaten der beteiligten Länder durchgeführt.
Fehlende Studien
Der Kanton Zürich seinerseits verlangt, dass Lehrer von Herkunftssprachen eine pädagogische Ausbildung eines Schweizer Fachinstituts aufweisen müssen. Auch müssen sie in ständigem Austausch mit ihren Kollegen der öffentlichen Schulen sein und sich stets über das Programm der letzteren aufdatieren.
In der Umsetzung hapert es aber, sowohl auf Seiten des Kantons als auch auf derjenigen der Lehrer, hält sich doch deren Interesse bisher in Grenzen.
Organisationen, die sich für Herkunftssprachen einsetzen, hätten mehr Gewicht und bessere Argumente in den Händen, gäbe es mehr wissenschaftliche Studien über die Bedeutung des Unterrichts von Herkunftssprachen im öffentlichen Schulunterricht. Aber solche sind bisher Mangelware.
Mit einer Fachtagung von nächstem Januar in Bern erhoffen sich die beteiligten Kreise, die nötigen Impulse zu schaffen, damit diese Lücke künftig nicht mehr so gross klafft.
(Übertragung aus dem Arabischen: Ghania Adamo), swissinfo.ch