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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

26. Vortrag.
19.
„Wie mich, sagt er, der lebendige Vater gesandt hat und ich durch den Vater lebe, so wird auch der, der mich ißt, durch mich leben.“ Er sagt nicht: Wie ich den Vater esse und ich durch den Vater lebe, so wird auch der, der mich ißt, durch mich leben. Denn der Sohn wird durch die Teilnahme am Vater nicht besser, da er als gleich mit ihm geboren ist, wie allerdings wir durch Teilnahme an dem Sohne mittels der Gemeinschaft mit seinem Fleische und Blute, welche jenes Essen und Trinken bedeutet, besser werden. Wir leben also durch ihn, indem wir ihn essen, d. h. indem wir ihn selbst als das ewige Leben empfangen, das wir aus uns selbst nicht hatten; er aber lebt durch den Vater als der von ihm Gesandte, weil er sich selbst entäußerte und gehorsam ward bis zum Tode des Kreuzes1. Wenn wir nämlich die Worte: „Ich lebe durch den Vater“, so verstehen, wie er anderswo sagt: „Der Vater ist größer als ich“2, gleichwie auch wir durch ihn leben, weil er größer ist als wir, so hat dies seinen Grund darin, daß er gesandt wurde. Seine Sendung ist nämlich die Erniedrigung seiner selbst und die Annahme der Knechtsgestalt. So wird es richtig verstanden, auch unter Wahrung der Gleichheit der Natur des Sohnes mit dem Vater. Denn größer ist der Vater als der Menschensohn, aber gleich ist ihm der Gottessohn, da er nämlich sowohl Gott wie Mensch ist, Sohn Gottes und Sohn des Menschen, ein Christus Jesus. Wenn wir mit Recht in diesem Sinne jene Worte verstehen, so hat er so gesagt: [S. 452] „Wie mich der lebendige Vater gesandt hat, und ich durch den Vater lebe, so wird auch der, der mich ißt, durch mich leben“, als ob er hätte sagen wollen: Daß ich durch den Vater lebe, d. h. auf ihn als den Größeren mein Leben zurückführe, das hat meine Entäußerung bewirkt, in welcher er mich gesandt hat; daß aber einer durch mich lebt, das bewirkt die Teilnahme an mir, indem er mich ißt. Daher lebe ich durch Gott als ein Erniedrigter; er aber lebt durch mich als ein Erhobener. Wenn es aber deshalb heißt: „Ich lebe durch den Vater“, weil er von diesem, nicht dieser von jenem ist, so heißt es so ohne Beeinträchtigung der Gleichheit. Nicht jedoch hat er dadurch, daß er sagte: „Wer mich ißt, der wird durch mich leben“, dieselbe Gleichheit zwischen uns und ihm ausgedrückt, sondern auf die Gnade des Mittlers hingewiesen.
1: Phil. 2, 8.
2: Joh. 14, 28.