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Schweizerisches Archiv für Volkskunde
Bern, A. Franckc, 1904.
Dr. J. Jegerlehner: Das Val d' Anniviers ( Eivischtal ), nebst einem Streifzug ins Val d' Hérence ( Evolena ).
Born, A. Francke, 1904. H. Kümmerlys Generalkarte der Schweiz in 1: 400,000.
Geographischer Kartenverlag H. Kümmerly & Frey und A. Francke. Bern 1904.
Das schweizerische Archiv für Volkskunde, redigiert für den deutschen Teil von Ed. Hoffmann-Krayer und für den französischen Teil von Jules Jeanjaquet, bildet dieses Jahr, so interessant sein Inhalt im allgemeinen ist, doch für das Jahrbuch S.A.C. nur weniges, das nicht übergangen werden darf, neben einigem, das erwähnt werden kann. Zu dem letzteren gehören J. Foeke: Die hölzernen Milchrechnungen des Tavetschtals, Graubünden ( man vergleiche damit die Bemerkungen und Abbildungen von Stebler in seinen Monographien über Visperterbinen und das GomsF. W. Sprecher: Volkskundliches aus dem Taminatal ( besonders instruktiv über Hirten- und SennenlebenAnton Küchler: Ein maccaronisches Sennengedicht von Unterwaiden ( Alpfahrt oder „ Aufzug " in lateinisch-deutschen Hexametern, fürchterlich holprige, aber inhaltlich belustigende PoesieG. Züricher: Hausinschriften aus dem Berner Oberland ( meist aus Wimmis, Därstetten u. s. w.Anna Ithen: Neu-jahrswünsche im Muotatal. Besondere Erwähnung verdienen J. Jeanjaquet: Amateur de cor des Alpes au XVIe siècle, Eugène Ritter: Emploi de sortilège contre l' avancement des glaciers, und G. Bundi: Das Totenvolk im Engadin. Im ersten Artikel benachrichtigt der Gouverneur de Neuchâtel, ,T. J. de Bonstetten, 5. Dezember 15GI-5, den Prinzen Léonor d' Orléans-Longueville, der im Januar 1562 einen kurzen Aufenthalt in Bern gemacht hatte ( siehe B. Haller, Bern in seinen Rats-manualen II, pag. 282-285 ), daß er seinem Auftrag entsprechend einen Schweizer Alphornbläser aufgetrieben habe, der gegen „ 5 testons par mois et l' abillier de vos coulleurs avec sa nourriture ", bereit sei, dem Prinzen auf seinem „ Cornet " die „ chansons et autres petites carraces " vorzuspielen, „ qu'il a accoustumé faire à ses vaches pour leur faire trouver leur desjuné bon ". Über den Erfolg dieser Tafelmusik am fürstlichen Hofe ist leider nichts bekannt. Der zweite Artikel bringt aus einem Brief de M. Mann à M. Abauzit die merkwürdige Notiz, daß infolge der großen Hitze die Gletscher des Kantons Bern im Sommer 1719 so weit vorstießen, daß die Bauern, aus Furcht für ihre schönen Wiesen, den Vogt von Interlaken um die Erlaubnis baten, eine Person aus dem Waadtlande kommen zu lassen, welche die Kunst besitze, das Eis zu bannen. Der Landvogt habe es nicht erlaubt, glaubt aber, die Bauern hätten sich heimlich dieses Zaubers doch bedient, tatsächlich nähmen seitdem die Gletscher jedes Jahr ab. Im dritten Artikel erzählen die Engadiner, daß bei der verfallenen Kirche von Chapella zwischen Scanfs und Brail am Ausgang des Sulsannatals schon mancher Fuhrmann zu seinem Schaden dem Totenvolk begegnet sei.
Die Heimatkunde des Simmeidais wird in dem eben besprochenen Archiv recht günstig beurteilt vom Standpunkt der Folklore aus. Ich kann diesem Lobe von meiner Seite auch zustimmen, obwohl ich im historischen und touristischen Teil manchmal nur mit Kopfschütteln gelesen habe. Der Satz auf pag. 181 z.B.: „ Der römische Schriftsteller Livius schreibt schon zur Zeit des zweiten punischen Krieges ( 218 — 201 ), es hätten halbgermanische Völker die penninischen ( Walliser ) Pässe ver-zäunt. Fredegar nennt einen lacus dunensis, in den die Arnia ( Aare ) fließe ", ist ein wahrer Rattenkönig von Fehlern. Livius schreibt nicht zur Zeit des zweiten punischen Krieges, sondern unter Augustus; was es mit den halbgermanischen Völkern im Wallis auf sich hat, habe ich in diesem Jahrbuch schon zweimal auseinandergesetzt, und Fredegar ist ein Franke und gehört ins Mittelalter, wo natürlich die Simmentäler wohl bekannt waren. Auch die übrigen von Gempeler angeführten Beweise für Bekanntschaft der Kömer mit diesen Tälern sind nichtig. Die Funde römischer Münzen am Stockhorn klingen verdächtig. Castroni de Lubica gleich Laubegg ist Mönchslatein, ebenso Plana Montana gleich Planiberg, und Familiennamen wie Matti, Schietti, Ubert erinnern nicht „ an den Süden ", sondern an Taufnamen aus katholischer Zeit. Römer- oder Romen-stalden in Zweisimmen hängt sichtlich mit Riemenstalden zusammen, und dies wird von Brandstetter ( siehe oben, pag. 389 ) mit Recht auf das Appellativ Stalden und den P. N. Reimer gleich Raginmar gedeutet. Daß sich der Kaiser Antoninus Pius nach Suetonius durch Käseessen eine Indigestion zuzog, ist bedauerlich, aber deswegen, weil Strabo von dem Vieh auf den Alpen sagt, es sei das schönste weit und breit gewesen, diesen Käse dem Simmentalermolken auf Rechnung zu schreiben, heißt doch nach fast zweitausend Jahren noch eine Ware diskreditieren, die man nicht gesehen hat. Es ist möglich, sogar wahrscheinlich, daß die Simmentäler in römischer Zeit bewohnt waren, aber beweisen läßt sich das mit solchem Material nicht, und lieber als „ unsichere Streiflichter " ist mir das „ Dunkel der Vorzeit ", wo man wenigstens weiß, daß man nichts sieht. Besser ist die Geschichte des Mittelalters und recht gut die der neueren Zeit behandelt. Im touristischen Teil wäre über die Besteigungsgeschichte des Wildhorns, Wildstrubels, den von Haller zitierten Übergang von der Lenk nach Leuk etc. manch Interessantes aus leicht zugänglichen Quellen anzubringen gewesen, wofür anderes, was hier steht, hätte gekürzt werden dürfen. Der Hauptwert der rHeimatkunde des Simmentais " liegt in den Abschnitten, die seinem Titel hauptsächlich entsprechen, also: IV. Gewässer, V. Wälder, VI. Flora und Fauna, VII. Politische und geographische Gliederung, Wohnungsverhältnisse, Haussprüche, VIII. Das Volk, wobei namentlich Ziffer 10: Volksschlag, Frauentracht, Volkscharakter, Simmentäler Mundart, Sprichwörter, Sagen, Aberglauben, Sitten und Gebräuche mit Kompetenz behandelt sind, IX. Naturereignisse, Pestzeiten, Feuersbrünste, Erdbeben etc. In den Abschnitten VII und VIII zeigen die Haus- und Volkssprüche, verglichen mit den im Abschnitt III, pag. 37 ff., zitierten Alpen- und Clubhüttenpoesien, recht deutlich, wie sehr das naive Volk an Poesie und Humor dem Gebildeten überlegen ist, der sich seines poetischen Überflusses in die Berghotel- und Club-hüttenbücher entledigt. Ich fürchte, diesen Unterschied habe besser als der Verfasser der Heimatkunde jener Engländer verspürt, der im Niesen-buch die Verse eintrug ( pag. 44 bei Gempeler ):
„ Happy the man that ( sic !) free from care Carries his own jackass to the fair. "
Die 87 Illustrationen, Text- und ganzseitigen Bilder sind gut gewählt und meistens auch gut reproduziert, die Karte des Simmentais in 1: 200,000, Überdruck aus Kutter und Leuzingers Karte des Kantons Bern, ist als Übersicht brauchbar. In Summa ist das nicht teure kleine Buch ( bro- schiert 6 Fr., gebunden 7 Fr. 50 ) auch dem Alpenclubisten, der etwas mehr als Weg und Steg zu wissen wünscht, zu empfehlen. Dem Botaniker wird die angehängte Flora des Klusgebietes in der Stockhornkette willkommen sein.
In der Vorrede zu Dr. Jegerlehners Führer wird dem Referenten das Kompliment gemacht, daß „ in seinem Führer für Saas-Fee für alle ähnlichen Arbeiten die allgemeinen Richtlinien gezogen sind ". Dementsprechend hat der Verfasser des Führers für das Eivischtal folgende Einteilung festgehalten: 1. Allgemeine Beschreibung: Sierre-Vissoye-Chandolin-St. Luc. Vissoye-Ayer-Zinal. Zinal.Grimentz-Vercorin-Sierre. 2. Topographische Umgrenzung. 3. Über die Herkunft und Geschichte der Anniviarden. 4. Haus und Familie. 5. Alpwirtschaft und Prémices. Alpen des Val d' Anniviers. 6. Minentätigkeit. Sprachproben. 7. Spaziergänge, Exkursionen und Hochtouren. Stationen Chandolin, St. Luc, Grimentz, Zinal, Zinal und Grimentz, Große Besteigungen. II. Teil: Sitten, Gebräuche und Sagen. Durchs Val d' Hérens ins Eivischtal. 1. Von Sitten nach Evolena. 2. Ein Kampfspiel. 3. Über den Col de Torrent im Val d' Anniviers. 4. Bei den Sennen der Torrentalp. 5. Auf dem Jahrmarkt in Vissoye. 6. Zinal im Winterschnee. 7. Winterleben in St. Luc. B. Chandolin. 9. Die Wanderungen der Anniviarden.
Man sieht, die Übereinstimmung ist doch nicht eine sklavische, Veränderungen und Erweiterungen des Programms sind durch die Verschiedenheit des Saas- und des Eivischtales herbeigeführt worden. Die Hauptverschiedenheit liegt namentlich in der Sprache. Die des Anniviarden, ein französisches Patois, muß Dr. Jegerlehner zweifellos bei seinen Forschungen Schwierigkeiten in den Weg gelegt haben, die er aber mit Hülfe seiner schriftfranzösisch sprechenden Freunde überwunden hat. Die pag. 75 ff. gegebenen Sprachproben sind verdankenswert, ebenso die pag. 113 dem Sennen Benoit auf der Torrentalp nachgeschriebenen Sagen. Ich kann aber die Bemerkung nicht unterdrücken, daß ich die eine und andere dieser Sagen schon mehrfach gedruckt gelesen habe, und zwar in einer Form, die der hier vorliegenden angeblich mündlichen Tradition auffallend gleicht. Woher kommt das? Da an der bona fides Dr. Jegerlehners nicht zu zweifeln ist, der ja schon im Archiv für Schweizerische Volkskunde von 1901, Heft 4, Sagen aus dem Eivischtal, darunter mehrere der hier reproduzierten, abgedruckt hat, so müssen wir annehmen, daß hier eine poetische Lizenz vorliege und Meister Benoit zum Erzählen gebracht wird, weil es dem Verfasser beliebt hat, dem II. Teil seines Führers, betitelt: Sitten, Gebräuche und Sagen, die Form einer Reisebeschreibung zu geben und einen Zugang durch das Val d' Hérens über den Col de Torrent vorauszuschicken, wobei eine Nacht bei den Sennen der Torrentalp zugebracht wird. Das ist ja, wie die folgenden Sittenschilderungen, geschickt gemacht, aber mißtrauische Sagenforscher könnten doch ohne diese Erklärung auf den Gedanken kommen, man wolle sie zum besten halten. Und wenn doch wiederholt werden mußte, warum hat Dr. Jegerlehner anstatt der allerdings für die Ursprungssage des Tales wichtige, aber altbekannte Legende vom Zwerg Zacheo nicht die reizende Erzählung, wie Mime die Fee Orsival täuscht, mit dem Odysseus-Polyphemmotiv seinen Lesern vorgetragen? Doch das sind Nebensachen und wir anerkennen gern, daß Dr. Jegerlehner unsere Kenntnisse vom Sagenschatz des Wallis durch seine Mitteilungen erfreulich bereichert hat. Ebenso verdienlich und hierin uns beschämend sind seine Mitteilungen aus Haus und Familie, Land- und Alpwirtschaft des Anniviarden, sein Winterleben und seine Wanderungen. Hier reihen sich eigene Besuche, Kenntnis der Literatur und Mitteilung von einheimischen und fachgelehrten Besuchern des Tals, wie Stebler und Schröter, zu einem wohl vollständigen Bild der Lebensverhältnisse dieser eigenartigen Bergbevölkerung zusammen und erheben den „ Führer " über den Rang eines bloßen Hülfsmittels für nicht ganz bornierte Reisende.
Nicht so gut gefällt mir der Abschnitt: Exkursionen und Hochtouren. Der Verfasser hat hierin für ein Zentrum, wie Zinal ist, entschieden zu wenig getan, und der Clubist, der am Volkstum Freude hat, will doch in einem „ Führer " auch für seine alpinen Zwecke Auskunft finden, wenn auch nicht so ausführliche, wie er es von einem Climbers'Guide verlangt. Namentlich die Gletscherpässe sind gar nicht erwähnt, und doch gehören sie auch zu den Zu- und Abgängen, so gut wie die Talstraße und die Bergpässe, die ausführlich beschrieben werden. Im historischen Teil hat der Verfasser verschiedene Versehen, die ihm bei seinen früheren Publikationen über das Eivischtal nachgewiesen werden konnten, verbessert und ein im ganzen richtiges, wenn auch im einzelnen nicht vollständiges Bild entworfen. Gerne hätte ich gesehen, wenn er aus früheren Reisebeschreibungen, die er in der Vorrede etwas vornehm abtut, uns eine kleine Verkehrsgeschichte, speziell mit Rücksicht auf den Fremdenverkehr, gebracht hätte. Das wäre gar nicht ohne pikante Reize gewesen. Z. B. wird bekanntlich angenommen, daßRousseaus Romanheld Saint-Preux seine Erfahrungen über Walliser Gastfreundschaft im Val d' Anniviers gesammelt habe. Aber woher hat Rousseau seine Kenntnis dieser Sitten V Ist er je so tief ins Wallis eingedrungen und wann? Oder hat der ami de la vérité auch hierin wie in so vielem andern geflunkert? Auch andere frühe Besucher des Tals sind Herrn Jegerlehner unbekannt geblieben. Das wäre bei einer zweiten Auflage, die ich dem Büchlein von Herzen wünsche, wie übrigens auch dem meinigen, zu verbessern. Die Illustration ist hübsch, eine Photogravure „ Abendläuten " nach dem Gemälde von Edmund Bille, 5 Zeichnungen nach dem nämlichen: Landarbeiter und Landarbeiterin ( auf dem Umschlag ), Vissoye, Mädchen aus Chandolin, Benoît, der Herr Curé; 49 Illustrationen nach Naturaufnahmen. Der Preis ist 4 Fr. Eine Karte ist leider nicht beigegeben, was ich im Interesse des Buches bedaure.
Der rührige Kartenverlag, zu welchem sich der Verleger dieses Jahrbuchs und die unter uns vorteilhaft bekannte lithographische Anstalt Kümmerly & Frey zusammengetan haben, publiziert eine neue Ge-neraliiarte der Schweiz, die verschiedenen Bedürfnissen dienen wird. Als Wandkarte auf Leinwand mit Stäben ( Preis 7 Fr. 50 ) aufgehängt, kann sie zum Studium benutzt werden, gefaltet in Taschenformat ( auf Papier 4 Fr. 50, auf Leinwand 6 Fr. ), wird sie uns auf Gipfeln und Aussichtspunkten die Bestimmung der sichtbaren Punkte auf einem größeren Umkreis erlauben, als dies mit einer Dufourkarte der Fall ist. Die angewandte Beleuchtung ist von Nordwest, Situation und Schrift ist in 4 Tönen sauber gezeichnet von M. Groll; die Reliefbehandlung von H. Kümmerly in 7 Tönen gefällt mir mit ihrem vorherrschenden Blaß-violett besser als die saftgrünen Farben der Säntiskarte von Professor Becker, verdeckt auch die Schrift und Terrainzeichnung weniger. Also auch dies ein empfehlenswertes Hülfsmittel für den Clubisten.
Redaktion.