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Bern, 23. Dezember – 114 Gerettete sitzen an Bord der Ocean Viking fest, ohne dass eine Lösung für ihre Ausschiffung in Sicht ist. Eine Woche nachdem sie im zentralen Mittelmeer gerettet wurden, zeigen die Überlebenden vermehrt Zeichen der Erschöpfung und der Angst. SOS MEDITERRANEE fordert die Schifffahrtsbehörden auf, ihnen unverzüglich einen sicheren Hafen zuzuweisen, an dem sie an Land gehen können.
Nach zwei Wochen schlechter Wetterbedingungen, die das Auslaufen von Booten von der libyschen Küste aus verhinderten, hat sich das Wetter gebessert. Seit letzter Woche sind wieder seeuntüchtige Boote losgefahren. Mehr als 160 Menschen sind Berichten zufolge bei zwei Schiffbrüchen vor Libyen ums Leben gekommen. Zivile Rettungsschiffe wie die Geo Barents, die Sea-Eye 4, die Rise Above und die Ocean Viking haben über 800 Menschen aus mehreren Booten in Seenot gerettet. Am frühen Morgen des 16. Dezember rettete die Crew auf der Ocean Viking in internationalen Gewässern vor Libyen 114 Menschen aus einem Schlauchboot in Seenot. Die Ocean Viking wird von der zivilen maritimen und humanitären Organisation SOS MEDITERRANEE in Zusammenarbeit mit der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) gechartert. Unter den Geretteten sind Frauen, zwei Kinder unter acht Jahren und zwei Neugeborene. Eine Woche nach ihrer Rettung befinden sie sich immer noch auf See, unsicher, ob sie an Land gehen können.
Trotz der sorgfältigen Betreuung durch die Teams auf der Ocean Viking nehmen die Anzeichen von Müdigkeit, Erschöpfung und Angst unter den Überlebenden zu. Ihre Notlage auf See und die Ungewissheit, der sie ausgesetzt sind, müssen ein Ende haben. Die rauen winterlichen Wetterbedingungen auf See, die kalten Temperaturen und die ständige Feuchtigkeit sind eine zusätzliche Herausforderung. Gemäss internationalem Seerecht ist eine Rettung erst dann abgeschlossen, wenn die Geretteten an einem sicheren Ort von Bord gegangen sind.
Während die Geretteten auf die Zuweisung eines sicheren Hafens warten, erzählen uns einige ihre Geschichte und von der Gewalt und dem Missbrauch, die ihnen in Libyen widerfahren sind. Asante*, ein Minderjähriger, erzählte einem unserer Teammitglieder: „In Libyen kann man für ein Telefon getötet werden. Die Leute kamen nachts mit Messern und pressten sie mir an den Körper [zeigt die Geste, mit der jemand ein Messer an seinen Bauch drückt] und verlangten mein Telefon. Ich habe es nur benutzt, um meine Familie anzurufen, aber sie haben es mir jedes Mal weggenommen. In Libyen schläft man nie sicher. […] Es war sehr schwierig. […] In Libyen zu bleiben ist nicht sicher.“
Makbyel war erst 11 Tage alt, als er von der Crew der Ocean Viking gerettet wurde. Heute hat er fast die Hälfte seines Lebens auf See verbracht. Nach der Rettung gab ihm seine Mutter den zweiten Namen „Sos“. Aufgrund der schwierigen Geburt in Libyen und ihrer gefährlichen Flucht kurz danach hatte sie grosse Schmerzen, als unser medizinisches Team sie nach ihrer Rettung versorgte. Sie ist extrem verletzlich und erschöpft und wird gemeinsam mit einer zweiten jungen Mutter, deren Baby bei der Rettung erst drei Wochen alt war, in einer sicheren Umgebung versorgt
„Bei dieser Kälte und auf engem Raum kann sich die Situation für die Überlebenden an Bord der Ocean Viking stündlich verschlimmern“, sagt Luisa Albera, Such- und Rettungskoordinatorin an Bord der Ocean Viking. „Ein Schiff, so gut es auch ausgerüstet ist, kann nur eine kurzfristige Lösung sein. Menschen, denen bereits so viel Schlimmes widerfahren ist, wird nun auch noch diese Wartezeit auf dem Schiff zugemutet. Das gefährdet ihre physische und psychische Gesundheit zusätzlich. In den letzten drei Jahren mussten wir immer wieder über Tage oder gar Wochen mit den Geretteten an Bord auf die Zuweisung eines sicheren Hafens warten. Wir kennen die Folgen solch schwieriger Situationen nur zu gut. Sie führen zu akuter psychischer Belastung und zu einer zunehmenden Verschlechterung der körperlichen Gesundheit. Wir müssen die Menschen jetzt an Land bringen können.“
Wie nach internationalem Recht vorgeschrieben, hat die Ocean Viking sechs Anträge auf einen sicheren Ort, an dem die Geretteten von Bord gehen können, an die zuständigen Schifffahrtsbehörden geschickt. Wir fordern die europäischen Staaten auf, die Augen vor der Notlage der Geretteten nicht zu verschliessen und den Überlebenden an Bord von zivilen Rettungsschiffen schnellstmöglich sichere Häfen zuzuweisen.
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*Der Name wurde geändert
Foto: Laurence Bondard / SOS MEDITERRANEE