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Die Stadtkirche Brugg ist kein frei stehendes Gebäude, sondern einerseits Teil der Stadtmauer und andererseits in nördlicher Richtung mit einem Gebäudekomplex verbunden. Das direkt an die Kirche angebaute Gebäude ist das ehemalige Lateinschulhaus.
Im Jahr 1396 wurde erstmals ein Schulhaus in Brugg erwähnt, das jedoch im Jahr 1515 neu gebaut werden musste. Nach der Reformation entwickelte sich Brugg zur «Prophetenstadt», das heisst: viele junge Brugger Bürger entschieden sich für das Theologiestudium an der Hohen Schule zu Bern und wurden Pfarrer, Lehrer oder, falls sie die Studienrichtung wechselten, Notare oder Staatsdiener. Um die Aufnahmeprüfung an die Hohe Schule ablegen zu können, mussten die Brugger ein dreistufiges Schulsystem durchlaufen, das aus der Unteren Schule («Deutsche Schule»), der Mittleren Schule und der Oberen Schule («Lateinschule») bestand.
Im Jahr 1638 konnte Schultheiss Hans Friedrich Effinger von Wildegg (1584–1652) den Stadtrat überzeugen, ein Gebäude für alle Schulstufen inklusive Bibliothek zu bauen. Dieses Vorhaben wurde zwischen der Kirche und dem Pfarrhaus realisiert. Dabei wurde ein bereits bestehendes, gotisches Gebäude, die Provisorei, in den Neubau integriert, indem es unter dasselbe Walmdach gestellt und in die neue Fassade einbezogen wurde. 1640 war das neue Schulhaus fertig. Es sei an dieser Stelle noch einmal besonders hervorgehoben, dass in diesem Gebäude alle Schulstufen unterrichtet wurden, obschon das Gebäude nur «Lateinschulhaus» genannt wird.
Die Lateinschule hat einen rechteckigen Grundriss mit durchgehendem Walmdach. Sie ist im Süden an die Kirche angebaut. Ihre Westfassade ist Teil der Stadtmauer und zeigt weisse Wände. An sie ist ein Schneggen (Turm mit Wendeltreppe) mit polygonalem Helm angebaut. Im Norden ist sie mit dem Pfarrhaus verbunden.
Fassadendetails der Ostfassade
Bekannt ist die Lateinschule vor allem wegen ihrer repräsentativen Ostfassade im Barockstil. Auf den ersten Blick scheint sie regelmässig. Es gibt drei Geschosse mit je sieben Doppelfenstern, die jeweils von einem Sims, einem von Rollwerk und Fruchtgehänge umgebenen Rahmen mit Rauten und einem Dreiecksgiebel begrenzt werden. Im Erdgeschoss ist das vierte Fenster von Süden durch eine rechteckige Tür ersetzt, die statt einem Dreiecksgiebel eine Kartusche mit zwei begrenzenden Voluten aufweist. Bei genauem Betrachten fallen noch weitere Unregelmässigkeiten auf. Das nördlichste Fenster des Erdgeschosses ist ein vierteiliges Staffelfenster. Zudem sind die Rahmen und Giebel aller Fenster nördlich der Tür nur aufgemalt. Wegen der schrägen Fusslinie in Form einer Treppe wirkt dieser Teil grösser als der Teil südlich der Tür. Hier ist die alte gotische Provisorei wiederzuerkennen, die in den Neubau mit Renaissance- (Türeinfassung, Fenstereinfassungen, Giebel) und Barockelementen (Flachschnitzerei der Haustüre, Fassadenmalerei, Kartuschen) integriert worden ist. Mithilfe von Dach und Fassade wird zwar eine Einheit zwischen dem gotischen und dem frühbarocken Teil geschaffen, aber man wollte offenbar auch die Unterschiede nicht verleugnen.
Die reiche Wandmalerei der Ostfassade
Das Verhältnis von Einheit und Differenz von gotischem und frühbarockem Teil im Sinn von Verschmelzung und Bewahrung wird in der reichen Wandmalerei von Rudolf Schwerter durchgehalten. Der sich über die ganze Wand erstreckende Grund bildet ein netzartiges Rustikamuster. Ursprünglich war es in Grisaille. Als 1885 eine Renovation anstand, wurde es braun gefärbt. Darüber wurden verschiedene Motive gemalt. Die vier Dreiecksgiebel des Erdgeschosses enthalten deutsche Inschriften in der alten deutschen Schrift. Hier wird das Lernziel der Deutschen Schule wiedergegeben, nämlich das Buchstabieren, Lesen und Schreiben in der deutschen Sprache. Dabei wurden die deutsche sowie die lateinische Schrift gelehrt. Unter den Fenstern der beiden oberen Etagen sind Kartuschen aufgemalt, die Inschriften zeigen. Die Kartuschen und Giebel der mittleren Etage weisen im barocken Gebäudeteil lateinische Inschriften auf. Hier wird das Lernziel der Mittleren Schule gezeigt, nämlich das Erlernen von Grundkenntnissen in der lateinischen Sprache. Die beiden oberen Etagen des gotischen Gebäudeteils zeigen griechische und die obersten Fenster des barocken Teils hebräische Sprüche. Das Erlernen dieser Sprachen geschah in der Lateinschule, der obersten Schulstufe. Die Wandmalerei zeigt also von unten nach oben das Lernprogramm eines Brugger Schülers in der frühen Neuzeit. Die Anordnung der Inschriften ist noch in einer zweiten Hinsicht bewusst gewählt. Die betreffenden Sprachen und Schulstufen wurden wirklich hinter den entsprechenden Fenstern unterrichtet. Die einzige Unregelmässigkeit bilden die Kartuschen über dem Eingangstor. Sie zeigen bereits in der untersten Etage hebräische Inschriften um das Brugger Wappen herum.
Die Wandmalerei wagt auch einen Ausblick auf die universitäre Bildung, und zwar in der mittleren Etage. Dort steht im barocken Teil jeweils eine allegorische Frauengestalt zur Rechten jedes Fensters. Im gotischen Teil stehen die Allegorien zu beiden Fensterseiten. Sie stellen die sieben freien Künste dar. Von rechts nach links sind dies Grammatik, Arithmetik, Geometrie, Rhetorik, Dialektik, Astronomie und Musik. Wer genau zählt, kommt aber auf acht Darstellungen. Die achte ist die Theologie, die sinnigerweise am nächsten bei der Kirche steht. Hier wird das universitäre Curriculum dargestellt, wie es sich im Mittelalter herausgebildet hatte. Zuerst absolvierten alle Studenten ein Grundstudium in den sieben freien Künsten («artes liberales»), bestehend aus einem naturwissenschaftlichen Teil, dem Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik), und einem geisteswissenschaftlichen Teil, dem Trivium (Grammatik, Rhetorik, Dialektik). Diesen Studiengang schloss man mit dem Magister Artium ab. Danach konnte man sich für das Studium von einer der drei Wissenschaften «scientiae» einschreiben. Den Rang einer Wissenschaft kam nur der Theologie, der Jurisprudenz und der Medizin zu. Alle anderen Wissensfelder wurden bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts als Künste bezeichnet. Das Studium einer Wissenschaft schloss man mit dem Doktortitel ab.
Diese Form des Studiums, bestehend aus einem allgemeinbildenden (Künste) und einem hoch spezialisierenden Teil (Wissenschaften), wurde in Europa im Laufe des 19. Jahrhunderts durch das Humboldt'sche Studium mit kontinuierlicher Spezialisierung ersetzt. Blieb aber auf dem nordamerikanischen Kontinent in veränderter Form bis heute erhalten.
Die Unterseite des überstehenden Daches ist als blauer Himmel mit gelben Sternen gestaltet. Über die Welt des Wissens und der Künste wölbt sich also das Himmelszelt und dieses gilt es im Sinne von «per aspera ad astra» («durch Anstrengungen zu den Sternen») zu erreichen.
Heute ist die Lateinschule im Besitz der Stadt Brugg und wird noch immer für schulische Zwecke, wie zum Beispiel als Raum für die Logopädie oder für einen Mittagstisch genutzt.
Für mehr Informationen siehe den Artikel von Titus J. Meier)
Weitere Informationen in «Bildbeschreibung Fassade Lateinschulhaus Brugg» von Titus J. Meier (PDF, 200 KB)
Pfarrhaus
Das Pfarrhaus stammt aus der spätgotischen Zeit und ist im Süden an die Lateinschule angebaut. Unter der Führung des bernischen Baumeisters Emanuel Zehnder wurde es 1787 renoviert und aufgestockt. Im Jahr 1939 folgte eine Totalerneuerung, die dem Haus sein heutiges Aussehen gab.
Kirchgemeindehaus
Das Kirchgemeindehaus ist ein rechteckiger Bau, der in westlicher Richtung an die Kirche anschliesst. Es wurde 1935 fertig gestellt und inzwischen mehrmals renoviert und modernisiert. Es bietet ein Foyer für Apéros, einen Saal für verschiedene Aktivitäten und Toiletten für die Kirchenbesucher. Über den nördlichen Vorraum besteht eine direkte Verbindung zum Kirchenschiff.
Kirchenvorplatz
Der Kirchenvorplatz im Süden der Kirche ist mit Pflastersteinen ausgelegt und durch die Kirchen- und Stadtmauern mit Wehrgang begrenzt. Direkt in die Stadtmauer eingelegt sind drei ehemalige Grabplatten aus der Kirche. Sie erinnern daran, dass an dieser Stelle bis 1640 ein Friedhof gestanden hat. Hinter den Platten steht der wehrhafte Archivturm. Vor den Platten ist ein Brunnen platziert. In der Südwestecke bietet ein Tor Zugang zur Museumstrasse. Das Braun der Stadtmauern und der Schatten der Linde lassen den Platz im Zusammenspiel mit den Grabplatten eher düster erscheinen. Er bildet somit das mittelalterlich profane Gegenprogramm zum aufklärerisch sakralen Kirchenbau.Der Kirchenvorplatz hat auch eine Ost und eine Nordseite. Auf diesen Seiten dominiert jedoch die helle Farbe der Kirchenwände die Atmosphäre. Die Nordseite dient als Pausenplatz für die Schule.