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Sibylle Ehrismann, Zürichsee-Zeitung (15.01.2008)
Opernhaus Zürich: Überschattete Premiere von Jules Massenets Oper «Le Cid»
Es ist ein Wagnis, die französische Grand Opéra zu einem Saisonschwerpunkt zu machen. Alexander Pereira präsentierte am Sonntag den zweiten Coup: «Le Cid» von Jules Massenet.
Die spanische Heldenoper «Le Cid» von Jules Massenet wurde unter der musikalischen Leitung von Michel Plasson und mit José Cura in der Titelpartie zu einer Sternstunde dieses Helden- «Schinkens». Im Vergleich zur ersten Zürcher Produktion zum Thema, mit Jacques F. Halévys «La Juive», werden die unterschiedlichen Entstehungszeiten sogleich evident. «La Juive», zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschrieben, ist noch viel leichter instrumentiert und durchsichtiger im Satz. Massenets «Le Cid» hingegen entstand Ende des Jahrhunderts, als die Grand Opéra ihre Blütezeit bereits hinter sich hatte.
Schlechte Vorzeichen
Um so stärker werden hier die gattungseigenen Aspekte herausgestrichen: grosse wuchtige Tableaus, schwere Blechbläserbesetzung, eine effektvolle, wenn auch ziemlich oberflächliche «Helden»-Dramaturgie, und eine Vorliebe für grandiose Steigerungen, vor allem in den eindringlichen Duetten. Die Zürcher Produktion dieses aufwändigen Werks stand jedoch unter einem schwierigen Stern. Am 24. Dezember des letzten Jahres verstarb unerwartet der mit Zürich eng verbundene Bühnen- und Kostümbildner Andreas Reinhardt in München. Seine Ausstattung war jedoch so weit gediehen, dass sie in seinem Sinne umgesetzt werden konnte.
Dann kam am Morgen des Premierentags die Hiobsbotschaft, dass der Vater von José Cura unerwartet an einem Hirnschlag gestorben sei. Dennoch erklärte sich Cura bereit, die äusserst anspruchsvolle Partie des «Cid» zu singen. Möglicherweise war es gerade dieser enorme Druck, unter dem die Protagonisten und vor allem Cura nach ersten Anlaufschwierigkeiten richtiggehend über sich hinauswuchsen.
Ehrenkodex und Seelendrama
Massenets «Le Cid» beruht auf einem spanischen Heldenepos aus dem elften Jahrhundert, welches Pierre Corneille in einer Tragikomödie künstlerisch umgesetzt hat: hier der übersteigerte Ehrenkodex, Rache für Beleidigung, da der tapfere Held, der trotz auswegloser Situation mit Gottes Hilfe die Schlacht gewinnt. Dazu kommt das Seelendrama um die Liebe zwischen Chimène und dem Cid, der im Duell den Vater seiner Geliebten tötet. Für diese pathetische Geschichte hat Regisseur Nicolas Joel mit Andreas Reinhardt einen originell abstrahierten Raum geschaffen. Mit ihrem sehr flexiblen Licht- und Prospektraum erzielen sie auf der eher kleinen Zürcher Bühne eine grandiose Raum- dimension, die der zuweilen sehr wuchtigen Chor- und Orchestermusik Raum gibt. Die Wandprospekte bestehen aus einem weissen transparenten Tuch, auf welches mit blauen und violetten Strichen ein Fluchtpunkt angesteuert wird. Im kleinen Rechteck, das die Linien anpeilen, erscheinen, je nach Szene, konkrete Bilder.
Der lichtdurchflutete, transparente Raum ermöglicht aber auch «Verhüllung» für intimere Szenen: José Curas unerhört berührende Arie kurz vor seinem vermeintlichen Tod in der Schlacht singt er hinter einem solchen Tüllprospekt. Auch die Szenenwechsel sind dank dieser Bühnenstruktur ein Leichtes, und die schönen spanischen Kostüme kommen wunderbar zur Geltung.
Michel Plasson dirigierte diesen «Cid» mit «Haut und Haar»: hier die pathetischen Tableaus mit blecherner Wucht, da die lyrischen, ins Dramatische gesteigerten Arien und Duette mit souveränem dramaturgischem Aufbau und glühender Musikalität. Auch wenn das Opernhaus-Orchester einige deutlich hörbare Koordinationsschwierigkeiten überwinden musste: Plasson führte mit grosszügiger Geste, welche dem Ausdruck Fluss und Atem verlieh. Einzig die heldischen Chorszenen (Chorleitung Jürg Hämmerli) wurden mit einer für dieses Haus zu schneidenden Fortissimo-Wucht gespielt und gesungen.
Und dann diese grossartigen Stimmen. José Cura vermochte als Cid den Wechsel zwischen Heldentum, Verzweiflung und Liebe mit sagenhafter Kraft und einer unerhörten farblich schillernden Ausdruckspalette zu singen, und das mit ergreifender Hingabe und unendlich scheinenden Reserven. In der Rolle der Chimène, die sich in Cid und damit in den Mörder ihres Vaters verliebt hat, steigerte sich Isa- belle Kabatu mit einem bewundernswerten Balanceakt zwischen dramatischem Ausbruch und verinnerlichter Liebe in das herrliche Liebes- und Verzeihungsduett im Schlussakt.
Standing Ovations
Neben diesem grandiosen Sängerpaar vermochten aber auch die kleineren Rollen künstlerisches Profil zu gewinnen. In der undankbaren, ziemlich blassen Rolle der Infantin konnte sich Isabel Rey zwar nicht wirklich entfalten. Sie sang aber mit lyrischem Schmelz. Vladimir Stoyanov jedoch verlieh dem König eine eindrücklich agile Stimme mit tragender Intensität, während die beiden Grafen - Don Diègue (Andreas Hörl) und Gormas (Cheyne Davidson) - im Laufe des Abends zu kernigen Charakteren heranwuchsen. Besonders die dunkle, warm strömende Stimme von Andreas Hörl verlieh dieser tragisch-komischen Vaterfigur eine Aura für sich. Insgesamt ein überraschend hinreissendes und grandioses Rollendebüt für alle Beteiligten. Die empathischen Standing Ovations galten nicht nur, aber doch vor allem dem grossartig beseelten Einsatz von José Cura.