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Was man nicht alles messen kann: Beim Tisch zum Beispiel Höhe, Länge und Breite; die Länge der Vorhänge im Wohnzimmer; oder die Länge einer Banane. Bei Bananen kann man bekanntlich auch die Krümmung messen.
Kürzlich war zu lesen, dass das Urkilogramm, der 3,9 Zentimeter hohe Zylinder aus einer Platin-Iridium-Legierung, der seit 1889 die Einheit der Masse verkörpert, nicht mehr die Genauigkeitsanforderungen der heutigen Zeit erfüllt. Eine Gruppe von Forschern aus acht metrologischen Instituten versucht nun, die angestrebte Genauigkeit von 20 Mikrogramm (also 0,02 mg) zu erreichen.
An dieser Meldung hätte Reinhard Mohn, der Gründer der Bertelsmann-Stiftung, sicher seine helle Freude gehabt, denn er wollte alles messen. Natürlich nicht in Metern und Kilogramm, wie Sie jetzt vielleicht denken mögen, sondern in Effizienz und Produktivität.
Gemeinden (alle Dienstleistungen), Schulen (die Leistungen von Lehrern und Schülern), Hochschulen (Input und Output), Krankenhäuser (Kosten und Nutzen), einfach alles sollte auf seine Effizienz geprüft und messbar gemacht werden.
Im englischen Distrikt East Riding verwaltet die Bertelsmann-Tochterfirma Avarto einen ganzen Landkreis. Dort wird nicht nur die Kundenzufriedenheit gemessen, sondern auch die Zeit vom ersten Klingelton bis zur Anrufannahme.
Nun haben Berliner und Zürcher Bertelsmann-Klone ein Demokratiebarometer vorgestellt, in dem sie 30 Länder miteinander vergleichen und eine Rangliste erstellen. Die Schweiz nimmt darin den Platz 14 ein; ja 14, nicht 13 oder 10, geschweige denn Platz 1.
Die Exaktheit des Ergebnisses kann jeder selbst prüfen. Der kleine graue Balken, der in der NZZ-Grafik Platz 13 markiert, ist nämlich genau ein Millimeter länger als derjenige für Platz 14, der für Platz 10 bereits 5 Millimeter und der für Platz 1 sogar 12 Millimeter länger. Und ausserdem haben Radio und Fernsehen ausführlich darüber berichtet. Wer wollte da noch Zweifel haben? Ja, es ist wissenschaftlich erhärtet, die Schweiz ist nur «demokratisches Mittelmass».
Überlegen Sie einmal selbst: Die USA auf Rang 10, mit einem Militärbudget von mindestens 700 Milliarden Dollar, setzen ihre ganze militärische Kraft für die Verbreitung und Verteidigung der Demokratie ein. Sie bombardieren ganze Landstriche mit Dörfern und Familien aus 4000 Metern Höhe, nur um auch am Hindukusch die Demokratie zu fördern. Da gehört ihr wohl schon ein Platz vor der Schweiz. Und Dänemark auf Platz 1 beteiligt sich mit 750 Soldaten an der demokratiebringenden Intervention der USA. Damit stellt Dänemark gemessen an seiner Einwohnerzahl immerhin das grösste Afghanistan-Kontingent aller Nato-Länder, was den ersten Rang sicher rechtfertigt.
Die Schweiz kann froh sein, dass sie nicht völlig ausser Rang und Traktanden gefallen ist, beteiligt sie sich doch gar nicht an der Zerstörung Afghanistans im Namen der Demokratie.
Etwas Gutes hat das Demokratiebarometer trotzdem: Es macht für jedermann sichtbar, für was sich einige – und leider nicht wenige – Wissenschaftler einspannen lassen und für welchen Unfug unsere Steuergelder ausgegeben werden.
Michael Schewski, Realsatiriker
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