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Les livres à ma portée
Michael Guggenheimer
„Where men hide“ ist ein Buch von James B. Twitchell. Es handelt davon, wohin Männer sich zurückziehen, wenn sie für sich sein wollen. Die einen zieht es in die neben ihrem Haus stehende Garage, wo sie am Tüfteln oder am Putzen ihres Autos sind. Andere ziehen sich in den Bastelkeller zurück, andere wiederum haben am Waldrand einen Hochsitz, wo sie nicht einmal unbedingt am Jagen sind. Rainer Stöckli, der mit seiner Frau Ruth in einem Ausserrhoder Dorf wohnt, muss das Wohnhaus nicht wirklich verlassen, wenn er sich in sein eigenes Reich zurückziehen will. Neben dem Haus steht ein Anbau, der mit dem Wohnhaus auf zwei Ebenen durch zwei Türen verbunden ist. Sein Reich ist ein Bücherreich, es ist seine Privatbibliothek, in Jahrzehnten gezielt gewachsen, ein Ort der deutschsprachigen Dichtung, eine Stätte, von der aus Rainer Stöckli Reisen unternehmen kann, ohne sein Haus wirklich verlassen zu müssen.
Wunderbar ausgeleuchtet, systematisch geordnet, Buchrücken an Buchrücken, Schachtel auf Schachtel, Dossier neben Dossier. Alles präzis angeschrieben: „Mundart Theorie“, „Mundart Lyrik“, „Mundart Prosa“, „Mundart Kraut + Rüben“, „Mundart Unterricht“, „Ironie Satire“, „Parodie“, „Thema Tier“, „Non-Sense“, „Wort Feld“, „Wort Familie“. So gut kennt sich der Herr im deutschschweizer Dialektbereich aus, dass er als Berater für die richtige Mundart-Aussprache bei der Verfertigung des erfolgreichen Schweizer Films „Die göttliche Ordnung“ verpflichtet wurde.
Es duftet nach Papier in der zweistöckigen Privatbibliothek. Decke, Tragbalken, Büchergestelle in warmem Holz, ein weicher Spannteppich, Neonröhren, die viel Licht geben. Bücher über Bücher, manche Tablare sind in zwei Reihen hintereinander doppelt besetzt, Bücher liegen quer auf Büchern, Bücher stapeln sich auf dem Boden. Es sieht aus als sei man in einem Mischding zwischen Antiquariat und Bibliothek. Eine Leiter und ein kleiner Bock stehen bereit, denn die Gestelle reichen bis zur Decke. Der Arbeitstisch, an dem mit Schreibmaschine und mit dem Füllfederhalter geschrieben wird, gibt den Blick frei in die grüne Natur. Welch’ ein schöner Bücherort, an dem keine Autos vorbeifahren.
Wohl kaum eine andere Bibliothek ist so gut dokumentiert über das Schreiben im Bodenseeraum oder über die Literatur der Ostschweiz. Dass Rainer Stöckli Herausgeber eines Bandes mit dem Titel „Säntis und Alpstein im Gedicht“ ist oder Herausgeber der sechs schön gestalteten Hefte mit dem Sammeltitel „Peter Morger. Sichtung eines literarischen Werkes“ erstaunt wenig, wenn man sich in der reich dotierten Privatbibliothek dieses Gelehrten umschaut. Gemeinsam mit Peter Surber, Eva Bachmann, Heidi Eisenhut, Doris Ueberschlag und Peter Weber hat er das Buch «Ich wäre überall und nirgends» – Appenzeller Anthologie, literarische Texte seit 1900“ herausgegeben. Knapp anderthalb Kilo wiegt der Band, umfasst 604 Seiten und stellt 193 Autorinnen und Autoren vor. Gemeinsam mit der Theologin Ina Praetorius hat er vor kurzem den Band „Vaterunser, Mutterunser. Das Gebet des Herrn in 150 Variationen aus 250 Jahren“ herausgegeben. Seit fünf Jahren liefert der Lyrikfreund Woche für Woche der Zeitung „Ostschweiz am Sonntag“ ein Wochengedicht, nicht eines, das er verfasst hat, sondern das Gedicht eines deutschsprachigen Autors, mit dem er zeigt, wie reich die deutschsprachige Lyrik ist. Und um alle diese Gedichte zu finden, musste er weder an die Kantonsbibliothek in St.Gallen oder Trogen fahren, seine private Bibliothek ist der Ort, an dem sich so viele Gedichtbände finden. „J’ai les livres à ma portée“ sagt er. „Legte man alle Werke übereinander, an denen der pensionierte Deutschlehrer beteiligt war, es könnte ein Zwei-Meter-Stapel werden. Unermüdlich ist er nach wie vor am Werk.“ hiess es in einem Zeitungsbericht.
Stöcklis Bibliothek gilt als eine der grössten Privatbibliotheken der Ostschweiz. Und was gewiss ist: Keine andere private Büchersammlung weist einen solch’ reichen Bestand an literarischen Arbeiten aus den Kantonen St.Gallen, Thurgau und den beiden Appenzell auf. Und weil Stöcklis Blick nicht an den Landesgrenzen steckenbleibt, ist die Literatur des Bodenseeraums nicht minder gut in den Regalen der Bibliothek vertreten. Der Blick über die Grenze reicht noch weiter: Schachteln mit losen Artikeln aus Zeitungen und Zeitschriften tragen die Bezeichnungen „Verhältnisse DDR“, „Umsturz 89/90“, „Literatur DDR“. Und es versteht sich von selbst, dass zu jeder dieser Schachteln auch noch Bücher gehören. Die St.Gallische Kulturstiftung ehrte Rainer Stöckli mit einem Kulturpreis für sein umfassendes Engagement als Lyriker und Erzähler, aber auch als Literaturhistoriker, Literaturkritiker, Literaturvermittler und Herausgeber.
Stöcklis Bibliothek ist nicht die einzige in seinem Wohnort: Da gibt es noch die Gemeinde- und Kirchbibliothek, deren Bestände er als ehrenamtlicher Präsident der Bibliothekskommission mit zwei Kolleginnen betreut. Die Privatbibliothek aber weist wesentlich mehr Bücher auf als die öffentliche. Stöckli betritt seine Bibliothek, betritt ein Universum, zu dem er meint: „Nichts steht nicht in Büchern auch ohne zu reisen ist man in der Welt, lernt andere Kulturen verstehen und nimmt Konstanten des Daseins wahr.“ So schön, wie die Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur St.Gallen ihr Mitglied beschreibt: „Er lebt und liest seit 1976 im Appenzeller Vorderland“. Die Liste der von ihm publizierten Werke ist beeindruckend.
Noch hat niemand die Zahl der Publikationen in Stöcklis Bücherstock gezählt. An die 30 000 sollen es sein. Arbeitsinstrumente in einer Arbeitsbibliothek sind sie. Zudem Hinweise auf eine Sammelleidenschaft. Die Autoren der Deutschschweiz von den 70er Jahren an sind sehr gut vertreten, sind eindeutig systematisch gesammelt worden, manche unter ihnen sind mittlerweile vergessen. Und dann komplette Jahrgänge von wichtigen literarischen Zeitschriften wie „Sprache im technischen Zeitalter“, „Allmende“, „Orte“, „Der Rabe“,,„Noisma“ und „Xylon“. Ein Katalog existiert hier nicht, der Sammler weiss aber genau, wo er etwas suchen muss. „J’ai les livres à ma portée“ wiederholt er.
Zusammenziehen
Heinz Egger
Eine enge Treppe führt an der Garage vorbei hinauf zum Haus, besser gesagt zu den beiden Häusern. Die Eingangstüre gerade aus führt ins Wohnhaus, die Türe nach rechts in die Bibliothek. Wenn er schon baue, dann richtig, muss sich Rainer Stöckli gesagt haben. Seine umfangreiche Bibliothek soll einen angemessenen Raum erhalten. Wie viele Bücher er habe, wisse er nicht, sagt er. Es seien vielleicht 30 000. Der Umzug der Bücher ins eigene Haus erfolgte 1991-92. Vier Monate wurde gepackt. Alles habe er selber eingeräumt, so wisse er genau, was wo stehe. Einen Katalog gebe es nicht und sei auch nicht vorgesehen. Der Plan steht nur in Rainer Stöcklis Kopf.
Die Büchergestelle sind voll. Sie reichen sicher vier Meter in die Höhe. Eine Anstelleiter aus Alu und eine Bockleiter geben Zugang zu den oberen Tablaren. Die Tablare biegen sich trotz massiver Dicke von der schweren Last. Doppelreihig belegt sind die Tablare, Bücher liegen auch auf den senkrecht stehenden Bänden. Da und dort gibt ein eingeschobener oder ans Tablar gehefteter Zettel Auskunft oder mit Grossbuchstaben auf den Schnitt Geschriebenes Anhaltspunkte, was sich da befindet.
Als Sammler will er sich nicht bezeichnen. Er sagt, seit 45 Jahren ziehe er Bücher zusammen. Er braucht gar das Wort „ramassieren“. Rainer Stöckli ist wortgewandt. Seine Aussagen sind wohlgewogen. Ein Wort wird nicht einfach gebraucht, es wird hinterfragt, ausgeführt, umschrieben, eingeordnet. Es ist eine Freude, ihm zuzuhören, und das grosse Engagement zu spüren. Rainer Stöckli war Gymnasiallehrer für Deutsch in Heerbrugg. Genau so steht er an seinem Pult, geht durch seine Bücherlandschaft. Aufrecht, in Krawatte und Jackett. Ein Gelehrter. Bestimmt hat er seinen Schülerinnen und Schülern einiges abverlangt, denn er nahm es genau. Dafür dürften die Schülerinnen und Schüler auch viel von ihm erhalten haben.
Rainer Stöckli schafft an, was er zur Arbeit braucht. Sein Imperium ist eine Arbeitsbibliothek. Er fragt sich, was ihm beispielsweise von Ludwig Hohl noch fehle. Gern hat er Erstausgaben, aber nicht immer konnte er alle Bücher von einem Autor so ergattern. In den 70er Jahren begann er zu „ramassieren“. Er kaufte auch, was er nicht lesen konnte. Es geht um Vollständigkeit. Was noch dazu gehöre, habe ihn geleitet. So kamen auch Werke weniger bekannter Autoren in die Bibliothek, zum Beispiel Albert Jakob Welti, Josef Victor Widmann oder William Wolfensberger. Alle Schweizer sollen beisammen sein. Der Schwerpunkt zu den Schweizern liegt in den Jahren 1900 bis 1950.
Die Bibliothek zeigt den Blick eines Germanisten. So bildet denn die deutsche Romantik von 1770 bis 1830 einen Schwerpunkt. Seine Dissertation schrieb er zum Thema „Die Rückkehr des romantischen Romanhelden in die Kindheit“. Gemeinsam ist den Helden die Sehnsucht nach Italien, der Wiege der Kultur, und die Rückkehr zum Dorf der Kindheit, um der Frage nachzugehen, was sich geändert habe.
Auch Zeitschriften gehören dazu. Sie zu erwerben und aufzubewahren gehört dazu, um das Material an der Hand zu haben, wie Rainer Stöckli sagt. Hortulus, die illustrierte Zweimonatszeitschrift zu neuer Dichtung, erschienen 1951 bis 1964 im Tschudy-Verlag, St. Gallen, ist vollständig vorhanden. Gleiches gilt von „Der Rabe“, der Literaturzeitschrift, die von 1982 bis 2001 im Haffmans Verlag, Zürich, erschien. (Einzelne Hefte beider Zeitschriften sind übrigens günstig bei buchplanet.ch ausgeschrieben.)
Ein weiterer Schwerpunkt sind Kunstbücher. Eine wunderbare Sammlung von Bildbänden ist es, in der man stundenlang blättern könnte. Zu einem Buch von Xylon, das 44 Selbstporträts von Holzschneiderinnen und -schneidern enthält, hat auch Rainer Stöckli einen Text beigetragen. Er nutzt seinen Fundus sehr produktiv. Er ist auch ein begeisterter Briefschreiber. An die 50 000 müssen es sein. Und die Korrespondenz erreichte jeden namhaften Schweizer Autor, beispielsweise Klaus Merz. – Schreiben ist bei ihm wichtig. Aus seinen gesammelten Büchern entstehen Publikationen. Stolz ist Rainer Stöckli auf „Zeitlos tanzt der Tod“, in dem er die Totentanztradition im 20. Jahrhundert aufarbeitet, erschienen im Univerlag Konstanz 1996. Ein weiteres Werk quasi wie ein Gegenstück zum ersten heisst „Wir kommen nackt ins Licht, wir haben keine Wahl“. Es sind 150 Szenen aus der Literatur von 1760 bis 2011. Sie beschreiben das Geborenwerden. Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit Ina Praetorius.
In Rainer Stöcklis Bibliothek sind auch die Gedichtbände zahlreich. Sie decken den gesamten deutschsprachigen Raum ab, also auch das Walserische. Es erstaunt daher nicht, dass er selber zahlreiche Gedichte geschrieben und in mehreren Bänden veröffentlicht hat. Nicht nur Eigenes hat er herausgegeben, sondern beispielsweise die wunderschöne Sammlung von Gedichten zum Säntis in der Edition Isele, 2009. Oder zusammen mit Peter Surber veröffentlichte er 2016 die Appenzeller Anthologie, eine Sammlung von Texten seit 1900 mit Appenzeller Bezug. Das Projekt ist zwar zu einem Buch kristallisiert, aber nicht abgeschlossen, denn es existiert eine Website mit wachsendem Bestand: Appenzeller Anthologie auf Literaturland.ch.
Wahrlich, da gibt es noch viel, was aus der Feder von Rainer Stöckli fliessen könnte, denn seine Bestände sind bei Weitem nicht „abgearbeitet“. Wir hoffen, dass er noch lange gesund weiterleben darf. Trotzdem sei die Frage erlaubt, was mit seiner Privatbibliothek dereinst geschehen werde. Rainer Stöckli sieht das nüchtern. Einiges werde bei Antiquaren landen, mit denen er auch schon Kontakt hat. Aber wohl drei Viertel werden zu Heizenergie werden, schätzt er.