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Geplante Bahnverbindung zwischen China und den USA
Im Zug von China nach Amerika
Chinesische Ingenieure träumen von einer Bahnverbindung zwischen ihrem Land und den USA. Mehr als nur ein Traum?
Bei der Verbreitung der Eisenbahn rund um den Globus waren es schon immer die Träumer, die Visionäre und liebenswerten Spinner, die kühn vorausblickten Jahrzehnte bevor ein Projekt in die Tat umgesetzt wurde. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass chinesische Ingenieure jetzt die letzten Grenzen der weltweiten Eisenbahnverbundenheit ausloten. Dazu gehört die Verbindung des Eurasischen mit dem Amerikanischen Kontinent. Kurz: Eine Bahnverbindung Peking–Washington soll entstehen, indem das Netz der Transsibirischen Eisenbahn mit dem amerikanischen Netz verbunden wird.
Und wenn Visionäre aus dem Reich der Mitte träumen, dann soll es auch etwas Grosses, etwas Einmaliges werden. Nicht bloss eine simple Eisenbahnstrecke, sondern ein mit chinesischer Technologie vollgepackter Hochgeschwindigkeits-Schienenstrang von rund 15'000 Kilometern Länge. Bei einem Höchsttempo von 350 km/h würde es etwa zwei Tage dauern, um von Nordostchina über Ostsibirien, Alaska und Kanada nach Amerika zu gelangen.
Der Haken an der Sache: Dazu wäre ein Tunnel unter der Beringstrasse nötig. Bis zum Ende der letzten Eiszeit verband eine Landbrücke – Beringia genannt – die beiden Kontinente. So konnten Menschen von Asien trockenen Fusses nach Nordamerika gelangen und irgendwann zwischen 20'000 und 14'000 Jahren vor Beginn unserer Zeitrechnung den amerikanischen Kontinent bevölkern. Danach setzte eine Klimaerwärmung ein, die Beringstrasse wurde überflutet. Heute trennen rund 82 Kilometer Wasser Sibirien von Alaska, Eurasien von Amerika. Technisch sei der Tunnelbau inzwischen möglich, betonte die Zeitung «China Daily». Den Berichten zufolge haben die chinesischen Planer eine Route ins Auge gefasst, auf der der Tunnel 200 Kilometer lang wäre.
Visionäre Ideen
Ideen für eine Bahnverbindung zwischen den beiden Kontinenten gab es immer wieder. Schon während des grossen amerikanischen Eisenbahn-Booms in den 1860er- und 1870er-Jahren dachten verwegene Eisenbahnbauer an eine Verbindung von Paris nach Washington über Eurasien. 1867 verkaufte Russland die ehemalige Kolonie Alaska den Vereinigten Staaten für 7,2 Millionen Golddollar. Die meisten Amerikaner hielten den Preis für das vermeintlich «wertlose» Stück Land für weit überrissen. Erst später, als man in Alaska Öl, Gas und weiteren Bodenschätze fand, wurde klar, dass es ein Schnäppchen war.
Ein französischer Ingenieur schlug 1905 erstmals einen rund 100 km langen Tunnel unter der Beringstrasse vor. Zar Nikolaus II war begeistert von der Idee einer Russisch-Amerikanischen Eisenbahnverbindung. Doch in den Wirren des 20. Jahrhunderts und zumal des Ersten und Zweiten Weltkriegs ging das Projekt unter.
Transkontinentale Magistrale
Erst zu Beginn des neuen Jahrtausends erhielt die Idee neuen Auftrieb. So verfolgt Russland seit 2007 ein Projekt mit dem Namen TKM-World Link bzw. Transkontinentale Magistrale. Geplant ist ein rund 6000 Kilometer langer Verkehrskorridor von Ostsibirien nach Alaska. Kernstück des Projekts ist auch hier ein Tunnel unter der Beringstrasse. 105 Meter lang und multifunktional soll er sein, mit Geleisen für Hochgeschwindigkeitszüge und einer Autobahn. Auch Öl- und Gasleitungen, Glasfaserkabel und Hochspannungsleitungen sollen durch den Tunnel führen. Die Planer gehen davon aus, dass sich dieses Mammutprojekt innert 10 bis 15 Jahren realisieren lässt. Das ganze soll 65 Milliarden US-Dollar kosten, allein für den Tunnel werden 15 Milliarden benötigt. Nicht nur die Staaten China, Russland, die USA und Kanada sollen das Projekt finanzieren, sondern auch Private werden animiert, in das anscheinend kommerziell vielversprechende Projekt zu investieren.
«Eher zum Mars als nach Alaska»
Noch im Jahr 2001 schätzte der damalige russische Verkehrsminister die Chancen eines solchen Mammutprojekts als gering ein und liess sich mit den Worten zitieren: «Eher zum Mars als nach Alaska». Viel optimistischer war hingegen der russische Präsident Medwedew, der im Jahr 2011 «grünes Licht» für die Planung des Tunnelbaus signalisierte. Vor einem Jahr schliesslich gab der Präsident der staatlichen russischen Eisenbahngesellschaft, Wladimir Jakunin, an einer Tagung der russischen Akademie der Wissenschaften die Gründung des «Trans-Eurasian Belt Development» bekannt.
Inhaltlich sind die russischen und chinesischen Pläne fast deckungsgleich. So ist denn auch von einer engen Zusammenarbeit auszugehen. Ob das Projekt tatsächlich realisiert wird, darüber soll zwischen 2018 und 2020 entschieden werden. Für alle Skeptiker machte Eisenbahn-Guru Jakunin aber klar: «Das sind keine Träume.»
Bahnlinie zur «abtrünnigen Provinz»
Eine Nummer kleiner, aber trotzdem eine technische Parforce-Leistung, ist ein weiteres chinesisches Bahnprojekt. Es wurde vor gut einem Monat im Nationalen Volkskongress (Parlament) vorgestellt. Geplant ist eine Hochgeschwindigkeitsstrecke von Peking nach Taipei, also von der Hauptstadt der Volksrepublik China zur Hauptstadt der Republik China (Taiwan). Das ist auch politisch brisant, denn Taiwan gilt auf dem Festland als «abtrünnige Provinz».
Nun sagte Eisenbahnminister Liu Zhijun am Rande des Volkskongresses in Peking, das «Festland plane aktiv eine Bahnverbindung Peking–Taipei». Die mit eigener Technologie gefertigte Hochgeschwindigkeits-Eisenbahn würde das bereits bestehende grosse Netz auf dem Festland ideal ergänzen. Ein Tunnel unter der Formosa-Strasse – auch Taiwan-Strasse genannt – wäre das Kernstück. Eine Herausforderung, denn die engste Stelle zwischen der Insel Taiwan und dem Festland-China misst immerhin 130 Kilometer. In Taiwan selbst reagierten viele Politiker und die meisten Medien nicht begeistert. Ein Kommentator apostrophierte das Projekt als «Vorbereitung zur Wiedervereinigung».
Ob Bering- oder Formosa-Strasse – was im globalen, digitalisierten Zeitalter erstaunt und vielleicht auch freudig stimmt, ist die Tatsache, dass eine zweihundert Jahre alte Technologie noch immer unverzichtbar ist. Das Analoge wird auch in Zukunft gefragt sein.
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Keine. Peter Achten arbeitet seit Jahrzehnten als Journalist in China.
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