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Wie können Menschen sicher die Strasse überqueren, während sie den Gegenverkehr hören? Wie können sie zu neuer Musik tanzen oder Team-Synchronisierungen wie z.B. beim Rudern durchführen? Kurz: Wie koordinieren Menschen ihre Handlungen mit den Geräuschen, die sie hören? Die auditiv-motorische Synchronisation ist Gegenstand einer Studie unter der Leitung von Forschern an der kalifornischen McGill University um Caroline Palmer. Sie wirft ein neues Licht darauf, wie auditorische Wahrnehmung und motorische Prozesse zusammenwirken.
Takthalten – mehr als nur Bewegung oder gutes Zuhören
In einem kürzlich im Journal of Cognitive Neuroscience erschienenen Artikel konnten die Forscher unter der Leitung von Caroline Palmer, einer Professorin der McGill-Abteilung für Psychologie, neuronale Marker der Schlagwahrnehmung von Musikern identifizieren. Überraschenderweise entsprachen diese Marker nicht der Fähigkeit des Musikers, einen Schlag zu hören oder zu produzieren – nur seiner Fähigkeit, sich mit ihm zu synchronisieren.
„Die Autoren sind als ausführende Musiker mit musikalischen Situationen vertraut, in denen ein Interpret nicht korrekt im Takt mit seinen Mitspielern ausgerichtet ist. Daher waren wir daran interessiert zu untersuchen, wie das Gehirn eines Musikers auf Rhythmen reagiert. Es könnte sein, dass manche Menschen bessere Musiker sind, weil sie anders zuhören, oder es könnte sein, dass sie ihren Körper anders bewegen“, erklärt die kanadische Neurowissenschaftlerin Palmer, verantwortliche Autorin des Artikels.
„Wir fanden heraus, dass die Antwort eine Übereinstimmung zwischen dem Pulsieren oder den Schwingungen in den Hirnrhythmen und dem Pulsieren des musikalischen Rhythmus war. Es geht nicht nur um Zuhören oder um Bewegung. Es ist eine Verbindung des Gehirnrhythmus‘ mit dem Hörrhythmus.“
Neuronale Marker bei der Schlag-Wahrnehmung
Die Forscher benutzten die Elektroenzephalographie – bei EEGs werden Elektroden auf die Kopfhaut gelegt, um die elektrische Aktivität im Gehirn zu messen -, um die Hirnaktivität zu messen, während die Teilnehmer des Experiments, allesamt erfahrene Musiker, ihr Klopfen mit einer Reihe von musikalischen Rhythmen synchronisierten, die sie hörten. Auf diese Weise waren sie in der Lage, neuronale Marker der Schlagwahrnehmung bei Musikern zu identifizieren, die ihrer Fähigkeit, gut zu synchronisieren, entsprachen.
„Wir waren überrascht, dass selbst hochtrainierte Musiker manchmal eine verminderte Fähigkeit zur Synchronisation mit komplexen Rhythmen zeigten, und dass sich dies in ihren EEGs widerspiegelte“, sagten die Co-Erstautoren Brian Mathias und Anna Zamm, beide Doktoranden im Palmer-Labor. „Die meisten Musiker sind gute Synchronisierer; dennoch war dieses Signal empfindlich genug, um die ‚guten‘ von den ‚besseren‘ oder ‚Super-Synchronisierern‘, wie wir sie manchmal nennen, zu unterscheiden“.
Synchronisierung kann trainiert werden
Es ist nicht klar, ob jemand ein solcher ‚Super-Synchronisierer‘ werden kann, aber laut Caroline Palmer ist es vielleicht möglich, die Fähigkeit zur Synchronisierung zu verbessern. „Die Bandbreite der von uns untersuchten Musiker lässt vermuten, dass die Antwort ‚ja‘ lauten würde. Ermutigend ist auch die Tatsache, dass nur 2-3 Prozent der Bevölkerung ‚gehörlos schlagen‘. Das Üben verbessert definitiv ihre Fähigkeit und verbessert die Ausrichtung der Hirnrhythmen auf die musikalischen Rhythmen. Aber ob jeder gleich so gut wie ein Schlagzeuger werden könnte, ist noch nicht klar…“ ♦
Östliche und westliche Musiker-Gehirne im Vergleich
von Walter Eigenmann
Arbeiten die Gehirne von japanischen Klassik-Musikern anders als jene von westlichen oder von Nichtmusikern? Eine neue Studie untersuchte die spezifischen Arten neuronalen Verhaltens bei den Teilnehmern, wenn sie ungewohnten Rhythmen und nicht-rhythmischen Melodie-Mustern ausgesetzt waren. Ausgebildete Musiker zeigten im Vergleich zu Nichtmusikern eine grössere Fähigkeit zur Rhythmus-Vorhersage – mit subtileren Unterschieden zwischen denen, die in japanischer oder westlicher klassischer Musik ausgebildet waren. Diese Forschung könnte Auswirkungen haben auf weitere Studien über den kulturellen Einfluss auf das Lernen und die Gehirnentwicklung überhaupt.
„Musik ist allgegenwärtig und unverzichtbar in unserem täglichen Leben. Musik kann uns belohnen, uns trösten und uns emotional befriedigen“, sagt Projekt-Assistenzprofessor Tatsuya Daikoku vom Internationalen Forschungszentrum für Neurointelligenz der Universität Tokio. „Es ist also keine Überraschung, dass die Wirkung von Musik auf das Gehirn gut erforscht ist. Viele Studien konzentrieren sich jedoch auf westliche klassische Musik, Pop, Jazz usw., während unsere Studie die erste ist, die neuronale Mechanismen bei Praktikern der japanischen klassischen Musik, bekannt als Gagaku-Musikstil, untersucht“.
Japanische Musik ohne regelmässiges Taktmuster
Viele japanische Aufführungskünste, wie z.B. im Noh- oder Kabuki-Theater, beinhalten Musik, die nicht unbedingt einem regelmässigen Taktmuster folgt, wie dies bei der westlichen klassischen Musik typischerweise der Fall ist. Das heisst, die japanische klassische Musik dehnt sich manchmal aus oder zieht Beats ohne mathematische Regelmässigkeit zusammen. Dieses Zeitintervall wird oft als MA bezeichnet – ein wichtiger Begriff in der gesamten japanischen Kultur ist.
Daikoku und sein Forschungspartner, Assistenzprofessor Masato Yumoto von der Graduierten-Schule für Medizin, untersuchten, wie verschiedene Gruppen von ausgebildeten Musikern und Nichtmusikern auf unterschiedliche Rhythmusmuster reagierten. Die Idee war, herauszufinden, wie die musikalische Ausbildung das statistische Lernen, die Art und Weise, wie unser Gehirn sequenzielle Informationen – in diesem Fall Rhythmen – interpretiert und antizipiert, beeinflussen könnte.
Rhythmus-Lernen in der linken Gehirn-Hemisphäre
Die Forscher zeichneten die Hirnaktivität der Teilnehmer direkt auf, indem sie eine Technik namens Magnet-Enzephalographie verwendeten, bei der magnetische Signale im Gehirn untersucht werden. Anhand der Daten konnten Daikoku und Yumoto feststellen, dass das statistische Lernen der Rhythmen in der linken Hemisphäre des Gehirns der Teilnehmer stattfand. Und, was wichtig ist: Es gab ein höheres Aktivitätsniveau bei denjenigen mit musikalischer Ausbildung, sei es in der japanischen oder der westlichen klassischen Musik.
„Wir erwarteten, dass Musiker im Vergleich zu Nichtmusikern ein starkes statistisches Lernen von ungewohnten Rhythmussequenzen aufweisen würden. Dies wurde in früheren Studien beobachtet, die sich mit Reaktionen auf unbekannte Melodien befassten. Also war dies an sich keine solche Überraschung“, sagte Daikoku. „Was aber wirklich interessant ist, ist dass wir Unterschiede in den neuronalen Reaktionen zwischen denjenigen feststellen konnten, die in japanischer oder westlicher klassischer Musik ausgebildet wurden“.
Gehirnentwicklung bei unterschiedlichen Erziehungskulturen
Diese Unterschiede zwischen japanischen und westlichen klassischen Musikern sind offenbar viel subtiler und zeigen sich in der neuronalen Verarbeitung von Komplexität im Rhythmus höherer Ordnung. Obwohl es nicht der Fall ist, dass die eine oder andere Kultur besser oder schlechter als die andere abschneidet, impliziert diese Erkenntnis, dass unterschiedliche kulturelle Erziehung und Bildungssysteme einen spürbaren Einfluss auf die Gehirnentwicklung haben können.
„Diese Forschung ist Teil eines grösseren Puzzles, das wir erforschen wollen – das der Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen den Sprachen und der Musik der Kulturen, und wie sie das Lernen und die Entwicklung beeinflussen“, sagte Daikoku. „Wir untersuchen auch die Musik als Mittel zur Behandlung von Entwicklungsstörungen wie etwa Sprachstörungen. Ich persönlich hoffe, dass das Interesse an klassischer japanischer Musik wieder erwacht; vielleicht wird diese Studie diejenigen, die mit solcher Musik nicht vertraut sind, dazu inspirieren, diesen wichtigen Teil der japanischen Kulturgeschichte zu hören und zu schätzen“. ♦
Im Alltag sind bekanntlich Gruppen- und Zusammenarbeit von grosser Bedeutung. Welchen positiven Einfluss auf die physiologische, psychische und soziale Synchronität der Menschen kann dabei die Musik entwickeln? Über die Wechselwirkung von Musik und Zusammenarbeit gibt eine neue Studie zum Thema „Musik als soziales Experimentierfeld“ der Bar-Ilan-Universität im israelischen Ramat Gan Auskunft.
In der Chormusik ist das Phänomen längst bekannt: Beim gemeinsamen Musizieren beginnen die Herzen der Sängerinnen und Sänger nach kurzer Zeit in einen Gleichtakt zu verfallen. Nicht zuletzt die musikalisch synchronisierte Atmung löst hier den Effekt aus.
Doch wie funktioniert eine solche erhöhte physiologische Synchronität ausserhalb vorgegebener musikalischer Zielsetzungen? Und welche Aufgabenaspekte der Herzfunktion können durch eine solche bewusste Synchronität die Gruppenleistung verbessern?
„Herzen, die zusammen trommeln, schlagen zusammen“
Die interdisziplinäre israelische Studie, veröffentlicht in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Scientific Reports“, berichtet über die Entdeckung, dass beim Zusammentrommeln Aspekte der Herzfunktion von Gruppenmitgliedern – insbesondere das Zeitintervall zwischen den einzelnen Schlägen (IBI) – synchronisiert werden.
Diese physiologische Synchronisation wurde während einer neuartigen musikalischen Trommelaufgabe aufgezeichnet, die speziell für die Studie in einer Zusammenarbeit zwischen Sozial-Neuro-Wissenschaftlern und Wissenschaftlern der Musikabteilung entwickelt wurde.
51 Gruppen mit je drei Teilnehmern
An dem Schlagzeugspiel nahmen 51 Gruppen mit drei Teilnehmern teil, in denen IBI-Daten kontinuierlich gesammelt wurden. Die Teilnehmer wurden gebeten, ihr Schlagzeugspiel – auf einzelnen Schlagzeugpads innerhalb eines elektronischen Schlagzeugsets, das von der Gruppe gemeinsam benutzt wurde – an ein Tempo anzupassen, das der Gruppe über Lautsprecher präsentiert wurde.
Für die Hälfte der Gruppen war dabei das Tempo konstant und vorhersehbar, so dass das daraus resultierende Schlagzeugspiel und sein Output synchron sein sollten. Bei der anderen Hälfte änderte sich das Tempo ständig und war praktisch nicht nachvollziehbar, so dass das daraus resultierende Trommeln und der musikalische Output asynchron sein sollten.
Diese Aufgabenstellung ermöglichte es den Forschern, den Grad der Verhaltenssynchronisation beim Trommeln zwischen den Gruppenmitgliedern zu manipulieren und die Dynamik der Veränderungen des IBI für jeden Teilnehmer während des gesamten Experiments zu beurteilen.
Gezielter physiologischer Gleichtakt
Im Anschluss an diese strukturierte Trommelaufgabe wurden die Teilnehmer gebeten, das Trommeln frei miteinander zu improvisieren. Die Gruppen mit hoher physiologischer Synchronität in der strukturierten Aufgabe zeigten in der freien Improvisationssitzung mehr Koordination beim Trommeln.
Die Analyse der Daten zeigte, dass die Trommelaufgabe in den Gruppen eine physiologische Synchronisation hervorrief, die über das hinausging, was zufällig erwartet werden konnte. ausserdem lassen die Verhaltenssynchronisation und die verbesserte physiologische Synchronisation beim Trommeln jeweils auf einzigartige Weise eine erhöhte Erfahrung von Gruppenzusammenhalt voraussagen. Und schliesslich zeigten die Forscher, dass eine höhere physiologische Synchronität auch eine erhöhte Gruppenleistung zu einem späteren Zeitpunkt bei einer anderen Gruppenaufgabe vorhersagt.
Aus Synchronität resultiert Kooperationsfähigkeit
„Unsere Ergebnisse präsentieren einen multimodalen verhaltensbezogenen und physiologischen Bericht darüber, wie die Synchronisation zur Bildung der Gruppenbindung und der daraus folgenden Kooperationsfähigkeit beiträgt“, sagt Dr. Ilanit Gordon, Leiterin des Labors für soziale Neurowissenschaften an der Psychologischen Fakultät der Bar-Ilan-Universität. „Eine Manipulation der Verhaltenssynchronität und der sich abzeichnenden physiologischen Koordination in IBI zwischen Gruppenmitgliedern sagt ein verstärktes Gefühl des Zusammenhalts zwischen den Gruppenmitgliedern voraus“.
Musik als experimentelle Plattform der sozialen Interaktion
Co-Autor der Studie Prof. Avi Gilboa formuliert die Perspektiven der Forschungsergebnisse noch weitergehend: „Wir glauben, dass das gemeinsame Musizieren eine vielversprechende experimentelle Plattform für die Umsetzung ökologischer und vollständig interaktiver Szenarien darstellt, die den Reichtum und die Komplexität der menschlichen sozialen Interaktion erfassen. Diese Ergebnisse sind aufgrund der entscheidenden Wichtigkeit von Gruppen für das Handeln, die Identität und den sozialen Wandel in unserer Welt von besonderer Bedeutung“.
Quelle Bar-Ilan Universität: „Herzen, die zusammen trommeln, schlagen zusammen – Gruppentrommeln stimuliert die verhaltensmässige und physiologische Synchronisation, die zur Bildung sozialer Bindungen und einer daraus folgenden Kooperationsfähigkeit beiträgt“, Israel 2020 ♦
Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musik und Medizin über neue Forschungsergebnisse bezüglich Musik in der Gruppe
„Angesichts der ständigen Wissensexplosion kann die stetig höher gelegte Messlatte an berufsqualifizierenden Persönlichkeitsmerkmalen für einen Arbeitsplatz nicht überraschen. Politik, Wirtschaft und Industrie fokussieren im Sinne von Schlüsselqualifikationen: Extraversion als Kontaktfähigkeit, Verträglichkeit als Teamfähigkeit, Gewissenhaftigkeit als Verantwortungsbereitschaft, emotionale Stabilität als seelische Belastbarkeit in Stress-Situationen.
Ist also Musik nicht ein ideales Medium und Forum zur effektiven Förderung eben dieser Persönlichkeitsmerkmale? Sie fordert und fördert Extraversion im ausdrucksstarken Spiel, Teamfähigkeit im Ensemblemusizieren, Gewissenhaftigkeit gegenüber dem musikalischen Werk und der Musiksozietät, emotionale Stabilität im Podiumsstress der Kunstdarbietung, Intelligenz in der kongenialen Interpretation eines musikalischen Werkes.
Wenn ein Künstler (so Jascha Heifetz) die Nerven eines Stierkämpfers, die Konzentration eines buddhistischen Mönchs und die Chuzpe einer Nachclubbesitzerin braucht, dann wird Musik diese Eigenschaften auch ausprägen, und sie werden dem Menschen nicht nur in der Musik selbst zum Vorteil sein.“
Aus Prof. Dr. Hans Günther Bastian: Kinder optimal fördern mit Musik – Intelligenz, Sozialverhalten und gute Schulleistungen durch Musikerziehung, Schott Verlag, 3. Aufl. 2003
Auch wenn die Wissenschaftler in aller Welt noch über zahllose Details streiten – hinsichtlich des Gesamtbefundes sind sie sich einig: Musik hat einen enorm positiven Effekt auf die körperliche und seelische Befindlichkeit des Menschen. Zahllose Studien aus vielen Fachgebieten von der Neuropsychologie über die Schulpädagogik und Kultursoziologie bis hin zur Anthropologie und Gerontologie beschäftigen sich mit dem Bezugsfeld Mensch-Musik, und alle dokumentieren sie den teils erheblichen therapeutischen Einfluss des Musikhörens bzw. Musizierens auf den Menschen. Eine neue Langzeit-Untersuchung belegt nun, welche Wechselwirkung Musik und Herzinfarkt haben.
Musik und Körper
In den letzten Jahren mischten und mischen sich verstärkt auch spezifische humanmedizinische Forschungen und Befunde mit empirisch verifizierten Daten in die Diskussion ein, inwiefern Musik auch direkt auf körperliche Defizite einwirke. Eine jüngst vom American College of Cardiology veröffentlichte Studie dokumentiert jetzt beispielsweise den therapeutischen Effekt des Musikhörens bei Patienten mit einer sog. Frühen Postinfarkt-Angina-Pectoris.
Wie diese Untersuchung des Belgrader Kardiologen und Hauptautoren Prof. Dr. Predrag Mitrovic ausführt, überleben in den USA ca. 700’000 Menschen einen Herzinfarkt, und es wird geschätzt, dass etwa jeder neunte dieser Herzinfarkt-Überlebende innerhalb der ersten 48 Stunden nach dem Infarkt an Brustschmerzen und Angstzuständen leidet.
gemäss der Studie deutet nun alles darauf hin, dass Musik (in Kombination mit medikamentösen Standard-Therapien) eine einfache, zugängliche, auch häusliche Massnahme sein könnte, um diese Symptome zu reduzieren und kardiale Folgeereignisse zu verhindern.
Mitrovic dazu: „Aufgrund unserer Ergebnisse glauben wir, dass Musiktherapie allen Patienten nach einem Herzinfarkt helfen kann, nicht nur den Patienten mit einer frühen Postinfarkt-Angina. Sie ist auch sehr einfach und kostengünstig umzusetzen.“
Medikamente mit oder ohne Musik
Die Forscher um Predrag Mitrovic rekrutierten dabei 350 Patienten, bei denen in einem medizinischen Zentrum in Belgrad ein Herzinfarkt und eine Frühe Postinfarkt-Angina diagnostiziert wurde. Eine Hälfte der Personen wurde nach dem Zufallsprinzip für eine Standardbehandlung eingeteilt, während die andere Hälfte zusätzlich zur Standardbehandlung an regelmässigen Musiksitzungen teilnahm. Bei den meisten Patienten umfasste die Standardbehandlung eine Vielzahl von Medikamenten wie Nitrate, Aspirin, gerinnungshemmende Medikamente, Betablocker, Statine, Kalziumkanalblocker, blutdrucksenkende Medikamente und das angina-reduzierende Medikament Ranolazin.
Patienten, die zusätzlich eine Musiktherapie erhielten, wurden zunächst einem Test unterzogen, um festzustellen, auf welche Musikrichtung ihr Körper wahrscheinlich positiv reagieren würde. Die Teilnehmer hörten neun 30-Sekunden-Musiksamples, die sie als beruhigend empfanden, während die Forscher den Körper jedes Teilnehmers hinsichtlich unwillkürlicher Reaktionen auf die Musikproben aufgrund der Erweiterung/Verengung der Pupillen untersuchten. Danach wurde eine Feinabstimmung der persönlichen Auswahl vorgenommen, indem die Patienten über das optimale Musiktempo und die optimale Tonalität bestimmten.
Musiktherapie wirksamer als Standardbehandlung
Daraufhin wurden die betr. Teilnehmer gebeten, sich diese von ihnen selber getroffene Musikauswahl täglich 30 Minuten lang anzuhören, wann immer es für sie am bequemsten war, idealerweise in Ruhe und mit geschlossenen Augen.
Sieben Jahre lang setzten dann die Patienten diese täglichen Hörsitzungen fort und dokumentierten sie in einem Protokoll. Im ersten Jahr kehrten sie alle drei Monate und danach jährlich zur Nachuntersuchung ins medizinische Zentrum zurück.
Nach sieben Jahren erwies sich die Musiktherapie als wirksamer als die Standardbehandlung allein im Hinblick auf die Verringerung von Angst, Schmerzempfindung und Schmerzbelastung. Die Patienten mit Musiktherapie hatten Durchschnitts-Angstwerte, die um ein Drittel unter denen der Standardbehandlung lagen, und sie berichteten über um etwa ein Viertel geringere Angina-Symptome.
Diese Patienten wiesen auch signifikant niedrigere Raten bestimmter Herzerkrankungen auf, darunter eine 18-prozentige Senkung der Rate der Herzinsuffizienz, eine 23-prozentige Senkung der Rate nachfolgender Herzinfarkte, eine 20-prozentige Senkung der Rate der Notwendigkeit einer Koronararterien-Bypass-Operation sowie eine 16-prozentige Senkung der Rate des Herztodes.
Stressreduktion dank Musik
Was ist grundsätzlich der medizinische Grund dieser positiven Effekte? Mitrovic führt aus, dass die Musik wirken kann, indem sie dazu beiträgt, der Aktivität des Sympathischen Nervensystems entgegenzuwirken, also dem Teil des Nervensystems, der die „Kampf-oder-Flucht-Reaktion“ steuert, wenn eine Person mit einer Stresssituation konfrontiert ist. Da diese die Herzfrequenz und den Blutdruck erhöht, kann eine sympathische Reaktion das Herz-Kreislauf-System zusätzlich belasten: „Ungelöste Ängste können eine Zunahme der Aktivität des Sympathischen Nervensystems bewirken, was zu einer Zunahme der kardialen Arbeitsbelastung führt“, meint Mitrovic.
Er meint darum, dass regelmässige Sitzungen mit Musikhören diese Kaskade von Ereignissen unterbrechen können, indem sie die mit Angina pectoris verbundenen Ängste nach einem Herzinfarkt reduzieren.
Das Forscherteam plant nun, die Daten weiter zu analysieren, um zu bestimmen, ob die Musiktherapie für bestimmte Untergruppen von Patienten, wie z.B. solche in einem bestimmten Alterssegment oder solche mit anderen Gesundheitszuständen wie z.B. Diabetes Vorteile zeigen könnte. ♦
Dem Phänomen des Swing widmeten Duke Ellington und Irving Mills bereits 1931 einen speziellen Song, dessen erste Liedzeile bezeichnenderweise lautete: „It Don’t Mean a Thing, If It Ain’t Got That Swing“. Doch bis heute ist die Frage, was genau eine Jazz-Performance zum Swingen bringt, nicht wirklich geklärt. Ein Team des Göttinger Max-Planck-Institutes hat nun mit einer empirischen Studie die Rolle des sog. Mikrotiming im „Swing-Feeling“ bei 160 Profi- und Amateurmusikern untersucht.
Das Thema Mikrotiming in Jazz-/Pop-/Rock-Rhythmen wurde bislang unter Musikwissenschaftlern kontrovers diskutiert. Als Mikrotiming-Abweichungen werden die winzigen Abweichungen von einem bestimmten Rhythmus bezeichnet. Zum Verständnis: Jazz-, Rock- und Popmusik können den Zuhörer buchstäblich mitreissen, indem sie ihn dazu bringen, unwillkürlich mit den Füssen zu klopfen oder den Kopf im Takt des Rhythmus zu bewegen. Zusätzlich zu diesem Phänomen, das als „Groove“ bekannt ist, verwenden Jazzmusiker den Begriff Swing seit den 1930er Jahren nicht nur als Musik-Stil, sondern auch als rhythmisches Phänomen.
Was ist Swing?
Bis heute fällt es den Musikern jedoch schwer zu verbalisieren, was Swing eigentlich ist. Bill Treadwell beispielsweise schrieb in der Einleitung zu seinem „What is Swing?“: „Man kann es fühlen, aber man kann es nicht erklären“. Musiker und viele Musikfans haben also durchaus ein intuitives Gespür dafür, was Swing bedeutet. Doch bisher haben Musikwissenschaftler vor allem nur eines seiner (ziemlich offensichtlichen) Merkmale eindeutig charakterisiert: Aufeinanderfolgende Achtelnoten werden nicht einfach gleich lange gespielt, sondern die erste Note (der sog. „Swing-Ton“) ist etwas länger gehalten als die zweite. Das „Swing-Verhältnis“, d.h. das Verhältnis der Dauer dieser beiden Töne liegt häufig nahe bei 2:1, und es hat sich herausgestellt, dass es bei höheren Tempi eher kürzer und bei niedrigeren Tempi eher länger wird.
Mal genau nach Takt, mal ganz „entspannt“
Musiker und Musikwissenschaftler diskutierten schon immer auch die rhythmische Schwankung als eines der besonderen Merkmale des Swing. So spielen Solisten beispielsweise gelegentlich für kurze Zeiträume deutlich nach dem Takt, oder sie spielen „entspannt“, um den Fachjargon zu verwenden. Aber ist dies für das Swing-Gefühl notwendig, und welche Rolle spielen viel kleinere Zeitschwankungen, die sich der bewussten Aufmerksamkeit selbst erfahrener Zuhörer entziehen?
Einige Musikwissenschaftler sind seit langem der Meinung, dass es nur solchen Mikrotiming-Abweichungen (zum Beispiel zwischen verschiedenen Instrumenten) zu verdanken ist, dass der Jazz „swingt“. Forscher des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation und der Universität Göttingen rund um Theo Geisel kamen kürzlich aufgrund ihrer empirischen Studie zu einem anderen Ergebnis. Sie vermuten, dass Jazzmusiker den Swing etwas mehr spüren, wenn das Swing-Verhältnis während einer Aufführung möglichst wenig schwankt.
Dem Swing-Geheimnis auf der Spur
Die Unzufriedenheit mit der Tatsache, dass das Wesen des Swing ein Geheimnis bleibt, war die Motivation der Forscher unter der Leitung von Theo Geisel, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation, die Studie durchzuführen: „Wenn Jazzmusiker es spüren, aber nicht genau erklären können“, sagt Geisel, der selber Jazz-Saxophonist ist, „dann sollten wir die Rolle der Mikro-Timing-Abweichungen operativ charakterisieren können, indem wir erfahrene Jazzmusiker Aufnahmen mit den originalen und systematisch manipulierten Timings auswerten lassen“.
Auswertung verschiedener Timing-Manipulationen
Dementsprechend nahm das Team zwölf Stücke auf, die über vorgenerierte präzise Bass- und Trommelrhythmen von einem professionellen Jazz-Pianisten gespielt wurden, wobei das Timing auf drei verschiedene Arten manupuliert wurde. Zum Beispiel eliminierten sie alle Mikro-Timing-Abweichungen des Pianisten während des gesamten Stücks, d.h. sie „quantisierten“ seine Darbietung. Weiters wurde die Dauer der Mikrotiming-Abweichungen verdoppelt, und bei der dritten Manipulation kehrten sie diese um.
Wenn der Pianist also einen Swing-Ton 3 Millisekunden vor dem durchschnittlichen Swing-Ton für dieses Stück in der Originalversion spielte, verschoben die Forscher den Ton um den gleichen Betrag, d.h. 3 Millisekunden hinter dem durchschnittlichen Swing-Ton, in der umgekehrten Version.
Anschliessend bewerteten 160 Berufs- und Laienmusiker in einer Online-Umfrage, inwieweit die manipulierten Stücke natürlich oder fehlerhaft klangen, und insbesondere hatten sie den Grad des Swing in den verschiedenen Versionen einzustufen.
Swing-Coolness bei den Profis
„Wir waren überrascht“, sagt Theo Geisel über das Ergebnis dieser Untersuchung, „denn im Durchschnitt bewerteten die Teilnehmer an der Online-Umfrage die quantisierten Versionen, d.h. diejenigen ohne Mikrotiming-Abweichungen, als etwas schwungvoller als die Originale. Mikrotiming-Abweichungen sind also kein notwendiger Bestandteil des Swingings“, so Theo Geisel.
Stücke mit verdoppelten Mikrotiming-Abweichungen wurden von den Befragungsteilnehmern als am wenigsten schwungvoll bewertet. „Entgegen unserer ursprünglichen Erwartung hatte die Umkehrung der zeitlichen Mikrotiming-Abweichungen nur bei zwei Stücken einen negativen Einfluss auf die Bewertungen“, sagt York Hagmayer, Psychologe an der Universität Göttingen. Die Wirkungsstärke des Swingens, die jeder Teilnehmer den Stücken zuschrieb, hing auch von dem individuellen musikalischen Hintergrund der Teilnehmer ab. Unabhängig von Stück und Version gaben professionelle Jazzmusiker im Allgemeinen etwas niedrigere Swing-Bewertungen ab als die Amateure.
Am Ende der Studie fragten die Forscher die Teilnehmer nach ihrer Meinung darüber, was ein Musikstück ausserdem zum Swingen bringt. Die Befragten nannten weitere Faktoren wie dynamische Interaktionen zwischen den Musikern, Akzentuierung und das Zusammenspiel von Rhythmus und Melodie. „Es wurde deutlich, dass zwar der Rhythmus eine grosse Rolle spielt, aber auch andere Faktoren, die in der weiteren Forschung untersucht werden sollten, wichtig sind“, sagt Annika Ziereis, die zusammen mit George Datseris Autorin der betreffenden Publikation der Studie ist. ♦
„Nach dem für die Zwischendominante beschriebenen Prinzip erklärt sich auch die für die Wissenschaft verwunderliche Tatsache, dass Durakkorde bisweilen ebenso traurig klingen können wie Mollakkorde, wenn sie als Dominante einer Molltonart erscheinen. Die sonst übliche emotionale Dur-Moll-Kontrastwirkung ist dann nämlich vollständig erloschen:
Identifizieren wir uns bei einer Molltonika mit einem Gefühl des Nicht-Einverstanden-Seins und bei deren Durdominante […] mit einem Willen gegen den Wieder-Eintritt der Molltonika, dann ergibt sich für die Dominante eine Situation, die – konsequent formuliert – folgendermassen beschrieben werden kann:
Bei der Dominante einer Molltonika identifizieren wir uns mit einem Gefühl des Nicht-Einverstanden-Seins mit einem Gefühl des Nicht-Einverstanden-Seins. Die Anwendung unserer Theorie auf die Harmoniefolge Dominante-Molltonika führt also zu einer Art Pleonasmus.
Das erklärt nun, dass der Harmoniewechsel Molltonika-Dominante-Molltonika nur einen gemeinsamen emotionalen Gehalt vermitteln kann, nämlich den der Molltonika, also wie im obigen Schubert-Beispiel einen traurigen“. ♦
„Musik ist die einzige Sprache, die jeder versteht“ – stimmt das wirklich, oder ist das einfach schöngeistiges Wunschdenken, übrigens seit Jahrhunderten postuliert, aber nie verifiziert? Was meint eigentlich die Wissenschaft zum vielfältig diskutierten Thema „Musik als Universalsprache“? (Über den Themen-Komplex „Musik als Sprache“ im engeren Sinne wurde und wird schon seit Jahrzehnten geschrieben und geforscht – ein besonders anregender Beitrag hierzu findet sich in dem Essay von Ernst Krenek: Musik und Sprache).
Zwei wissenschaftliche Forschungsbeiträge in der jüngsten Ausgabe des renommierten Science Magazine untermauern nun die Idee, dass Musik auf der ganzen Welt trotz vieler Unterschiede tragende Gemeinsamkeiten hat. Denn Wissenschaftler unter der Leitung des amerikanischen Kognitionsforschers Samuel Mehr (Harvard University) haben eine gross angelegte Analyse von Musik aus Kulturen auf der ganzen Welt durchgeführt, und die beiden Kognitionsbiologen Tecumseh Fitch und Tudor Popescu von der Universität Wien gehen davon aus, dass die menschliche Musikalität alle Kulturen auf der Welt vereint.
Gemeinsamkeiten heterogener Musikstile
Die vielen Musikstile der Welt sind so unterschiedlich – zumindest oberflächlich betrachtet -, dass Musikwissenschaftler oft skeptisch sind, ob sie tatsächlich wichtige gemeinsame Merkmale haben. „Universalität ist ein grosses Wort – und ein gefährliches“, sagte schon der grosse Leonard Bernstein. In der Tat, in der Ethnomusikologie wurde „Universalität“ zu einem Dirty Word – eine inhaltslose Worthülse. Aber Mehr’s neue Forschungen stellen in Aussicht, dass die Suche nach tieferen universellen Aspekten der menschlichen Musikalität neu entfacht wird.
Tonalität als „menschliche Prädisposition“?
So stellte Samuel Mehr fest, dass alle untersuchten Kulturen Musik machen und dabei sehr ähnliche Arten von Musik in ähnlichen Kontexten verwenden, mit jeweils einheitlichen Eigenschaften. Zum Beispiel ist Tanzmusik schnell und rhythmisch, und Schlaflieder weich und langsam – überall auf der Welt.
Darüber hinaus zeigten gemäss Mehr alle Kulturen Tonalität: Sie bauten aus einer Basisnote eine kleine Teilmenge von Noten auf, genau wie in der westlichen diatonischen Skala. Heilende Lieder neigen dazu, weniger Noten und dichtere Abstände zu verwenden als Liebeslieder.
Diese und weitere Ergebnisse deuten darauf hin, dass es tatsächlich universelle Eigenschaften der Musik gibt, die wahrscheinlich tiefere Gemeinsamkeiten der menschlichen Wahrnehmung widerspiegeln – quasi eine grundlegende „menschliche Musikalität“.
In einer wissenschaftlichen Perspektive in derselben Ausgabe kommentieren die Forscher an der Universität Wien Tecumseh Fitch und Tudor Popescu die Auswirkungen. „Die menschliche Musikalität ruht grundsätzlich auf einer kleinen Anzahl von festen Säulen: Fest kodierte Prädispositionen, die uns die früheste physiologische Infrastruktur unserer gemeinsamen Biologie bietet. Diese ‚musikalischen Säulen‘ werden dann mit den Besonderheiten jeder einzelnen Kultur ‚gewürzt‘, was zu dem schönen kaleidoskopischen Sortiment führt, das wir in der Weltmusik finden“, erklärt Tudor Popescu. Und Fitch fügt hinzu: „Diese neue Forschung belebt ein faszinierendes Studiengebiet wieder, das von Carl Stumpf zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Berlin entwickelt wurde, das aber von den Nazis in den 1930er Jahren tragisch beendet wurde“.
Das Musik-Medley aller Kulturen des Planeten
Mit der Annäherung der Menschheit wachse gemäss Popescu und Fitch auch unser Wunsch zu verstehen, was wir alle gemeinsam haben – in allen Aspekten des Verhaltens und der Kultur. Die neue Forschung aus Harvard deute darauf hin, dass die menschliche Musikalität einer dieser gemeinsamen Aspekte der menschlichen Kognition ist. „So wie europäische Länder als ‚United In Diversity‘ bezeichnet werden, so vereint auch das Medley der menschlichen Musikalität alle Kulturen auf dem Planeten“, so Tudor Popescu abschliessend. ♦
Jeder kennt das Info-Band im Autoradio, wenn Musik gespielt wird; es enthält div. Angaben zum Titel oder Interpreten des betr. Songs. Zwei Forscher an der ETH Zürich, nämlich die Doktoranden Manuel Eichelberger und Simon Tanner gingen nun noch einen Schritt weiter: In Experimenten gelang es ihnen, Daten direkt in der Musik selber zu speichern: Verborgene Audio-Kommunikation. Ein praktisches Beispiel für die Anwendung: Hintergrundmusik könnte z.B. die Zugangsdaten für das lokale Wi-Fi-Netzwerk enthalten, die das eingebaute Mikrofon eines Mobiltelefons empfangen kann. „Das wäre in einem Hotelzimmer praktisch“, sagt Tanner, „da die Gäste Zugang zum Hotel-Wi-Fi erhalten würden, ohne ein Passwort auf ihrem Gerät eingeben zu müssen.“
Um solche Daten zu speichern, nehmen die beiden Wissenschaftler und ihr Kollege, der Master-Student Gabriel Voirol, minimale Änderungen an der Musik vor. Im Gegensatz zu den Versuchen anderer Wissenschaftler in den letzten Jahren behaupten die drei Forscher, dass ihr neuer Ansatz höhere Datenübertragungsraten ohne hörbare Auswirkungen auf die Musik ermöglicht. „Unser Ziel war es, den Hörgenuss nicht zu beeinträchtigen“, sagt Eichelberger.
Tests, die die Forscher durchgeführt haben, zeigen dass ihre Technik unter idealen Bedingungen bis zu 400 Bit pro Sekunde übertragen kann, ohne dass der durchschnittliche Hörer den Unterschied zwischen der Quellmusik und der modifizierten Version bemerkt. Da unter realistischen Bedingungen eine gewisse Redundanz erforderlich ist, um die Übertragungsqualität zu gewährleisten, wird die Übertragungsrate eher etwa 200 Bit – oder etwa 25 Buchstaben – pro Sekunde betragen. „Theoretisch wäre es möglich, Daten viel schneller zu übertragen. Aber je höher die Übertragungsrate, desto eher werden die Daten als störender Ton wahrnehmbar oder die Datenqualität leidet“, ergänzt Tanner.
Verborgene Informationen in Pop-Songs
Die drei Forscher in den Labors für Computertechnik und Netzwerke der ETH Zürich verwenden solche informativen „dominanten“ Noten in einem Musikstück und überlagern sie mit jeweils zwei leicht tieferen und zwei leicht höheren Noten, die leiser sind als die dominante Note. Sie nutzen auch die Obertöne (eine oder mehrere Oktaven höher) der stärksten Note, wobei sie hier ebenfalls etwas tiefere und höhere Töne einsetzen – zusätzliche Hinweise, die Daten tragen können.
Während nun ein Smartphone diese Daten über sein eingebautes Mikrofon empfangen und analysieren kann, nimmt das menschliche Ohr diese zusätzlichen Hinweise nicht wahr: „Wenn wir einen lauten Ton hören, bemerken wir keine leiseren Töne mit einer etwas höheren oder niedrigeren Frequenz“, sagt Eichelberger. „Das bedeutet, dass wir die dominanten, lauten Töne in einem Musikstück benutzen können, um den akustischen Datentransfer zu verbergen.“ Daraus folgt, dass die beste Musik für diese Art der Datenübertragung viele dominante Noten hat – zum Beispiel Popsongs. Leise Musik ist weniger geeignet.
Vom Lautsprecher zum Mikrofon
Das Übertragungsprinzip dieser Technik unterscheidet sich grundlegend vom bekannten RDS-System beim Autoradio, das zur Übertragung des Namens des Radiosenders und der Details der abspielenden Musik verwendet wird. „Mit RDS werden die Daten über UKW-Radiowellen übertragen. Mit anderen Worten, die Daten werden vom FM-Sender an das Radiogerät gesendet“, erklärt Tanner. Demgegenüber sei das neue Verfahren eine massive Weiterentwicklung: „Was wir tun, ist, die Daten in die Musik selbst einzubetten – Daten vom Lautsprecher zum Mikrofon zu übertragen.“
Für den Hörer unbemerkbare Informationen, versteckt in den Musikstücken selber? Im Falle des W-Fi-Passwortes des Hotels vielleicht ganz nützlich – aber die Technik liesse sich weiter denken, bis hin zu geheimdienstlichen Anwendungen. Dann könnten die Konsenquenzen solcher Forschung plötzlich eine ganz andere Seite der Kunstform Musik offenbaren… ♦
(Quelle: Internationale Konferenz für Akustik, Sprache und Signalverarbeitung – Brighton/England, Mai 2019)
Um herauszufinden, wie Musiker während einer Performance in Probe und Konzert intuitiv ihre Werkauffassung miteinander koordinieren und im Stillen vorhersagen, wie ihre Kollegen die Musik ausdrücken werden, hat ein Forscherteam der McMaster University eine neue Untersuchungstechnik entwickelt. Die unlängst in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlichten Forschungsergebnisse dokumentieren, wie Musik in der Gruppe funktioniert, wie Musiker ihre Bewegungen synchronisieren, damit sie genau im richtigen Moment spielen, und zwar als interpretatorische Einheit.
Emotionen koordiniert ausdrücken
„Erfolgreiches Musizieren in der Gruppe ist ein sehr komplexes Unterfangen“, erklärt Laurel Trainor, Leiterin der Studie und Direktorin des Institute for Music and the Mind an der McMaster University, wo die Arbeit durchgeführt wurde: „Wie koordinieren sich Musiker untereinander, um ausdrucksstarke Musik zu spielen, die sich in Tempo und Dynamik verändert? Um dies zu erreichen, müssen sie antizipieren, was Ihre Mitmusiker als nächstes tun werden, damit Sie die motorischen Bewegungen so planen können, dass sie die gleichen Emotionen koordiniert ausdrücken können. Denn wenn man darauf wartet, was der Mitmusiker gleich tun wird, ist es zu spät…“, sagt die Studienleiterin.
Capture-Marker messen Musiker-Bewegungen
Für ihre Untersuchung wandten sich die Forscher an das renommierte Kammermusik-Ensemble Gryphon Trio. Jedes der drei Mitglieder wurde dabei mit Motion-Capture-Markern ausgestattet, damit seine Bewegungen aufgezeichnet werden konnten, während das Trio glückliche oder traurige Musikausschnitte spielte – einmal mit musikalischem Ausdruck, einmal ohne. Mit Hilfe mathematischer Techniken massen die Forscher dann, wie stark die Bewegungen der drei Musiker die Bewegungen der anderen voraussagten.
Bessere Antizipation dank Ausdrucksstärke
Das grundsätzliche Ergebnis: Die Musiker konnten – unabhängig davon, welche Stücke sie spielten – die Bewegungen immer dann besonders stark antizipieren, wenn sie besonders ausdrucksstark spielten. Der Co-Autor der Studie Andrew Chang dazu: „Unsere Arbeit zeigt, dass wir die Kommunikation von Emotionen zwischen Musikern messen können, indem wir ihre Bewegungen im Detail analysieren, und dass das Erreichen eines gemeinsamen Emotionsausdrucks als Gruppe viel nonverbale Kommunikation erfordert“.
Die Forscher schlagen vor, diese neuartige Technik auch auf andere Situationen anzuwenden, beispielsweise auf die Kommunikation zwischen nonverbalen Patienten und ihrer Familie bzw. ihren Pflegekräften. ausserdem sei geplant, diese Testtechnik auch in einer Studie über „romantische Anziehungskraft“ einzusetzen: „Die ersten Ergebnisse deuten darauf hin, dass die bei Körperschwankungen gemessene Kommunikation Vorhersagen darüber erlaubt, welche Paare sich wieder sehen wollen“, sagt Andrew Chang… ♦
Als Ludwig van Beethoven am 26. März 1827 in Wien im Alter von nicht einmal 57 Jahren starb, hinterliess er ein umfangreiches kompositorisches Werk von gewaltiger Sprengkraft und berückender Schönheit – und daher eine grosse trauernde Fan-Gemeinde – mehr als 20’000 Menschen sollen den Trauerzug bei seiner Bestattung gebildet haben.
Seine Symphonien, Konzerte und Sonaten, seine Kammermusik, sein „Fidelio“ und seine Missa solemnis sichern ihm bis heute den Ruf des unumstrittenen Vollenders der Wiener Klassik und einen unantastbaren Platz an der Spitze des unvergänglichen Erbes der Musikgeschichte. Wahrheit und Schönheit, Revolution und Harmonie waren die Elemente, die er kongenial in Töne goss, die „von Herzen“ kommend auch heute immer noch „zu Herzen“ gehen und in der Vertonung von Schillers Ode „An die Freude“ („Alle Menschen werden Brüder“) kulminieren.
Von keinem geringeren als Wilhelm Furtwängler stammt das folgende Zitat: „Beethoven begreift in sich die ganze, runde, komplexe Menschennatur. […] Niemals hat ein Musiker von der Harmonie der Sphären, dem Zusammenklang der Gottesnatur mehr gewusst und mehr erlebt als Beethoven.“ Dass der Schöpfer der „Mondscheinsonate“ und der Europa-Hymne Zeit seines Lebens ein in sich und in seine Arbeit vergrabener, einsamer, im Umgang mit Menschen äusserst schwieriger Einzelgänger und gegen Ende auch noch völlig taub war, hat die Faszination Beethoven eher gesteigert denn geschmälert.
Die „Berliner“ am Beginn der Schallaufzeichnungen
Arthur Nikisch und den Berliner Philharmonikern war es 1913 – also fast 90 Jahre nach dem Tod des Meisters – vorbehalten, die erste Schallaufzeichnung (damals noch im Trichterverfahren) eines Werkes des grossen Bonner Komponisten zu realisieren: die Symphonie Nr. 5 in c-moll. Damit beginnt die Geschichte der Schallaufzeichnungen, die über das alte Grammophon zur Schallplatte (heute Vinyl genannt) bis zur digitalen Compact Disc und der virtuellen Download-Gemeinde des heutigen Internets führt.
Fast zu spät, aber längst Zeit also für eine kritische, allumfassende Sichtung und Bestandsaufnahme der Interpretationsgeschichte der Schöpfungen Beethovens, könnte man meinen, denn in über 100 Jahren Rundfunk- und Schallplattengeschichte figurieren unzählige Aufführungen und Einspielungen, im Konzertsaal, im Studio oder sogar in Kirchen mit mitunter gänzlich verschiedenen Ansichten und Auffassungen. Ein allerdings unmögliches Unterfangen, so könnte man meinen.
Nahezu komplette Auflistung aller Beethoven-Einspielungen
Doch das Wunder ist geschehen. Was findige (oder eingeweihte) User in den letzten Jahren auf der Internetseite Klassik-Prisma schon im Entstehungsprozess entdecken, bestaunen und nutzen konnten, ist jetzt in Buchform im Dohr-Verlag erschienen – eine nahezu komplette Auflistung, Sichtung, Besprechung und Einordnung der im Verlauf von über 80 Jahren Aufführungsgeschichte entstandenen Interpretationen der Beethoven’schen Werke. Das ist schon an sich eine Sensation.
In diesen zwei Bänden, von denen der erste sich der Orchester- und Vokalmusik, der zweite dem Klavierwerk und der Kammermusik Beethovens widmet, stellt Bernd Stremmel (Jahrgang 1949) die Werke zunächst einleitend vor, wobei er auf ihre besondere Gestaltung eingeht und die nicht zuletzt am Notentext festzumachenden Vergleichsaspekte (Werktreue als oberstes Kriterium) herausstellt, bevor er zu den hierarchisch nach Qualität geordneten, verschiedenen Aufnahmen, die ebenfalls mit kommentierenden Notizen versehen sind, kommt. Abschliessend kommentiert er – niemals plakativ provozierend, sondern immer zielführend, sachlich-beschreibend die unterschiedlichen Einspielungen der Dirigenten, von denen häufig mehrere Einspielungen aus unterschiedlichen Zeiten und mit wechselnden Orchestern vorliegen.
Ein Meilenstein in der Musikgeschichte
Ein Meilenstein in der Musikgeschichte – gleichermassen für Musikwissenschaftler, Musiker, Laien und Liebhaber, bieten Stremmels Ausführungen, die äusserst objektivierte Subjektivität auszeichnet, doch die grundlegende Basis für den kontroversen Meinungsaustausch bei der Suche nach der „besten“, „gelungensten“, „interessantesten“ oder einfach „wahrhaftigsten“ Interpretation. Vor allem aber macht der Klassik-Liebhaber unglaubliche Entdeckungen. Wer wäre heute beispielsweise – ohne Stremmels Hinweise – bei der Suche nach der besten „Eroica“ auf die Idee gekommen, sich Carl Schurichts bei EMI veröffentlichte Aufnahme von 1957 mit dem Pariser Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire anzuhören? Vielleicht hätte da jemand sein Leben lang vergeblich darauf gewartet, dass ihm – im wahrsten Sinne des Wortes – „die Ohren abfallen“.
Entdeckung verschollener Aufnahmen aus den 1940er Jahren
Seit Nikisch, Toscanini und Furtwängler hat die Beethoven-Rezeption eine lange Geschichte durchgemacht, die bis zu den historisch-informierten Interpreten, die seinen Metronom-Angaben folgen und auf Instrumenten seiner Zeit spielen lassen um einen möglichst authentisch-originalen Klang zu erreichen, reicht. Waren die Alten besser? Entfernt sich die jüngere Generation im modern-parfümierten Jet-Set- und Selbstdarstellungsbetrieb von den Ursprüngen, dem wahren, unveränderlichen Kern des Beethoven’schen Kosmos? Ist Christian Thielemanns Beethoven-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern wirklich „neu“ und ein bahn- und wegweisender Zyklus für das 21. Jahrhundert? Welche von den vier (!) Gesamteinspielungen Karajans, drei davon mit den Berliner Philharmonikern, ist die beste – klangtechnisch, aber auch interpretatorisch? Welche „Neunte“ ist denn nun der Weisheit letzter Schluss? Sind es tatsächlich die grossen Pianisten im Rampenlicht, denen Beethovens Klaviersonaten am besten gelungen sind, die das Wesen Beethovens am genauesten ergründet und wiedergegeben haben? Und so ganz nebenbei: Was ist eigentlich das Wesen der „Appassionata“? Finden sich auch bei weniger bekannten Plattenfirmen oder in den Archiven der Rundfunkanstalten interessante, bisher übersehene Kostbarkeiten? Oder einfach: Ist die neueste Aufnahme eines Werkes auch die beste? Und nicht zuletzt bietet Stremmels Nachschlagewerk der jungen Generation eine faszinierende Anleitung für die Entdeckung der fast unbekannten und verschollenen Aufnahmen aus den 40er und 50-er Jahren!
Tonträger-Analysen mit differenzierendem Sachverstand
FAZIT: Bernd Stremmel klassifiziert in seinem Kompendium „Beethoven-Interpretationen auf Tonträgern im Vergleich“ in verdienstvoller, sorgfältiger und kompetenter Weise Beethovens Oeuvre, seine Interpreten und Interpretationen. Die Veröffentlichung in zwei Bänden stellt eine unglaublich akribische Leistung und einen unerschöpflichen Fundus zur Orientierung und zu vielen Anregungen für Vergleiche für den Klassik-Liebhaber dar. „Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis; Das Unbeschreibliche, hier ist’s getan.“ Bleibt zu hoffen, dass noch weitere Bände diesem Meilenstein folgen werden.
Wer zwischen ideologisch verhärteten Fronten oder zwischen von Vorurteilen und persönlichen Affinitäten geprägten Lagern gespalten ist (so manche Diskussion in den virtuellen Klassikforen, aber auch in den noblen Foyers der Konzertsälen endete mit Verstimmung), findet Orientierung und Klarheit hier, denn Stremmel analysiert mit grossem, immer differenzierendem Sachverstand und respektvoller Distanz. Seine Ergebnisse fussen auf Jahrzehnte langer, akribischer Recherche und Sammlertätigkeit, hörender und vergleichender Analyse, hinter der eines nie verloren geht: die Liebe zur Beethoven’schen Musik. Dass Geschmäcker verschieden sind, weiss natürlich auch Stremmel und bleibt davon gänzlich unberührt. Insofern ist die Lektüre niemals einengend dogmatisch, sondern immer informativ-erhellend, bietet weniger endgültige Wahrheiten als immer neue Herausforderungen, Sichtweisen und Material für die eigene Meinungsbildung. Da würde sich wohl selbst Beethoven zufrieden schmunzelnd in nebulöses, andeutungsvolles Schweigen zurücklehnen… ♦
Die okzidental-neuzeitliche Vorstellung, wonach „musikalische Kreation“ (= Komposition) auf dem Notenpapier stattfinde, läuft auf eine Umkehrung des ursprünglichen Verhältnisses hinaus. Der Begriff „Komposition“ liesse sich mit einigem Recht auch auf schriftlos konzipierte musikalische Abläufe anwenden. So ist in einer Darstellung der indischen Musik von „improvisierter Komposition“ die Rede und eine vokale oder instrumentale Improvisation, deren Ausführung mehrere Stunden dauern mag, wird als Komposition bezeichnet.
Die in Indien entwickelte Notation ist zwar als Mittel der Erinnerung geeignet, doch hat sie sich nicht zu einer vollständigen Darstellung entwickelt. Voraussetzung für das notenschriftliche Denken, wie es sich im Okzident etabliert hat, ist die Rationalisierung und Standardisierung des Tonsystems. Dieser Gedanke lag schon den Überlegungen Max Webers zugrunde, der in der Rationalisierung des Tonsystems und der ihm entsprechenden Rationalisierung der Notenschrift ein spezifisches Merkmal der abendländischen Musik erblickte. Die neuere Soziologie der „musikalischen Sprachen“ greift diese Idee wieder auf – wenngleich ohne Berufung auf Max Weber, jedoch gestützt auf die Befunde der Ethnomusikologie. Die abendländische Notation wird in ihrem Doppelcharakter erkannt: als „Fortschritt“ und zugleich als „Zwangsjacke“. Die Notation stellt sich danach als eine Art von historischem Filter dar, der eine Auswahl bewerkstelligt zwischen den Elementen, die als musikalisch bedeutsam notiert werden, und jenen, die nur unangemessen oder gar nicht notiert werden können und die nur „sekundäre Bedeutung für die Wahrnehmung von Musik“ haben.
Wir müssen uns also Rechenschaft darüber ablegen, dass die in unserem Tonsystem und unserer Notation enthaltenen Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks in mancher Hinsicht geringer sind als das expressive Potential von Musikkulturen, die den Zwang solcher Systeme nicht kennen. Der Verlauf eines Prozesses der Akkulturation unter westlichem Einfluss kann also in dieser Hinsicht keineswegs als „Fortschritt“ bezeichnet werden, sondern eher als Verarmung. ♦
Musikgeschichte und -werke, die Komponierenden und Interpretierenden, deren biographisch determinierten Motivationen ebenso wie ihre übergeordneten Sozialgefüge aus dezidiert gender-spezifischem Blickwinkel abzuhandeln ist für die Musikwissenschaft ein so bekanntes Anliegen nicht, wie es die historischen Fakten der Thematik eigentlich erforderlich mach(t)en. Die Frau im Fokus der musiktheoretischen, -historischen und -soziologischen Untersuchung: davon kann erst seit ca. zwei Jahrzehnten die Rede sein.
Jahrhunderte lang spielte vielmehr innerhalb der Musikwissenschaft die Frauenforschung eine marginalisierte Rolle; zu omnipräsent und -potent war im Mainstream das „heldische Prinzip“, welches die Komponisten als Genies vereinnahmte und die Musikkultur in maskulin-militärische Kategorien wie „Fortschritt“ und „Hegemonie“ zerlegte. Oder wie es schon Guido Adler (in seiner „Vierteljahresschrift für Musikwissenschaft“) hellhörig umriss: „Die Geschichte der Musik enthält in den Biographien der Tonsetzer, in der Darstellung ihres Ringens und Kämpfens, der Streitigkeiten um die Geltendmachung ihrer Werke, ihrer Eigenart förmlich ein Stück Kriegsgeschichte.“
Das Ökosystem Kultur der längst fälligen Revision zugeführt
Dieser reduzierenden Heroisierung in der gesellschaftlich determinierten Musikgeschichtsschreibung bzw. ihrer (männlichen) Hauptakteure wird zunehmend ein differenzierendes Forschungsbild entgegengesetzt, das den weiblichen Anteil an bedeutsamen Lebensläufen aufarbeitet, die Masse an entsprechendem neuentdecktem historischem Material bilanziert und das „begradigte“ Ökosystem Kultur, welches lange nur dem Männlichen Kreatitivät und Eigenständigkeit sowie öffentliches Wirken zugestand, seiner längst notwendigen Revision zuführen will.
An diesem Punkte der geschlechterorientierten Musik-Diskussion kommt das erste deutschsprachige Lexikon zum Thema „Musik und Gender“ gerade richtig, das die beiden deutschen Musikwissenschaftlerinnen Annette Kreutziger-Herr und Melanie Unseld als Gemeinschaftsprojekt der Verlage Metzler und Bärenreiter unlängst herausgaben. Der über 600-seitige Band zeichnet in einem ersten historischen Abschnitt alle Facetten weiblichen Musikschaffens vom 12. bis zum 20. Jahrhundert nach, dokumentiert hier die Geschlechterdimension anhand der ersten einflussreichsten – wenngleich zeitgenössisch marginalisierten – Musikerinnen und Komponistinnen, bezieht ihre gesellschaftlichen Kontexte vom Klosterleben über die höfischen Kulturen und die spätere bürgerliche Hausmusik bis zum internationalen Multimedia-Musikbetrieb der Neuzeit mit ein, thematisiert den allmählichen „Aufstieg“ des Weiblichen in Musik und Gesellschaft bis hin zur modernen, weitgehend paritätischen Situation.
Der zweite, systematische Teil breitet dann als eigentliches Lexikon auf über 400 Seiten eine Fülle von (teils ausgedehnten) Sach- und Personenartikeln aus zu praktisch allen wesentlichen Stich- und Schlagworten der aktuellen musikwissenschaftlichen Genderforschung. Ein umfangreicher Anhang mit bibliographischen sowie Personen-, Autoren- und Institutionen-Registern rundet den Band ab.
Strikte Beschränkung auf den weiblichen Blickwinkel
Die strikt durchgehaltene Beschränkung der beiden Herausgeberinnen auf den weiblichen Blickwinkel, mit dem hier Musikgeschichte gesichtet wird, resultiert in der totalen Ausklammerung praktisch aller männlichen Biographien und Wirkungsgeschichten von Bach bis Boulez – was ihrerseits grundsätzlich die Gefahr einer „begradigenden“ Eindimensionalität der Darstellung birgt. Solcher ideologischen „Feminisierung“ wirkt allerdings allein schon der Umstand entgegen, dass die Beiträge von insgesamt über 170 Autorinnen und Autoren stammen (zum redaktionellen Mitarbeiterstab zählten u.a. zahlreiche DoktorandInnen und studentische MitarbeiterInnen verschiedener deutscher Musikhochschulen).
Dabei beeindruckt die Materialfülle an Fakten und Analysen, mit der das Lexikon seiner noch jungen Thematik gerecht wird. Die Ausdehnung des Gender-Begriffs auf alle Bereiche des historischen wie aktuellen Musikschaffens und -lebens zeitigt hier ein musikhistorisches Panorama, das von jeder traditionalistisch (um nicht zu sagen: patriarchalisch) rezipierenden Geschichtsschreibung nicht als Kontrast, sondern als wesentlich ergänzendes Pendant zu erfahren gezwungen wird.
Natürlich spielen dabei in manchen Buchabschnitten auch nach Jahrhunderten noch aktuelle Fragen hinein wie beispielsweise, warum es zwar Harfenistinnen, aber kaum Posaunistinnen oder Perkussionistinnen gibt, warum nach wie vor von Frauen nur wenig nennenswerte Sinfonik existiert, warum sich noch immer das Klischee vom Jazz als ureigene Männerdomäne hält – der Anteil weiblicher Studierender in europäischen Jazz-Studiengängen beträgt unter 15% -, oder etwa auch, warum Jungs selten Blockflöte spielen. Diesbezüglich hat auch neuzeitliche Musikpädagogik einen Anteil an der Diskussion.
Über derart rollenspezifisch Problematisches hinausgehend vermittelt aber das Lexikon „Musik und Gender“ noch weit mehr, nämlich die durch zahlreiche Untersuchungen gestützte Gewissheit, dass verschiedene – und nicht die unwichtigsten – Kapitel der konservativen Musikgeschichtsschreibung wenn nicht umgeschrieben, so doch revidiert werden müssen. Um die zwei Herausgeberinnen zu zitieren: „Der über lange Zeit eklatante Ausschluss von Frauen aus vielen Bereichen der Musikkultur ist Teil unseres historischen Erbes, den wir weniger zu bewerten als vielmehr zu verstehen haben. Dazu ist Grundlagenwissen notwendig, das wir durch die Fokussierung auf Frauen bereitstellen wollten.“
Einen Jahrhunderte lang vernachlässigten Forschungsgegenstand aktualisiert
„Musik und Gender“ ist ein Lexikon, das höchst verdienstvoll einen Jahrhunderte lang vernachlässigten, in den Verästelungen wohl noch immer nicht völlig überblickbaren Forschungsgegenstand wieder in seiner bedeutsamen Stellung installiert. Übersichtlich strukturierter Aufbau, eindrückliche historische Materialfülle, Kompetenz in den Einzelessays und (last but not least) eine gewollt feuilletonistisch-flüssige, erfrischend „unlexikalische“ Sprache haben ein Standard-Lesebuch wie -Nachschlagewerk der jüngsten musikwissenschaftlichen Gender-Forschung entstehen lassen.
Dem Band hätte man im ersten musikhistorischen Abschnitt noch einen speziellen Exkurs zur aussereuropäischen Situation der Thematik sowie im zweiten lexikalischen Teil stärkere Verwendung von Illustrationen aller Art gegönnt, worauf jedoch zugunsten des sehr umfangreichen Stichworte-Apparates verzichtet werden musste. Insgesamt unbedingt eine ebenso willkommene wie notwendige Edition, die für längere Zeit die Referenz in ihrem Thema einnehmen dürfte ♦
Annette Kreutziger-Herr / Melanie Unseld (Hg.): Musik und Gender – Lexikon, Verlage Metzler und Bärenreiter, 610 Seiten, ISBN 978-3-476-02325-4
Einen zwar relativ kurzen, aber ungeheuer vielfältig ausgeprägten und ebenso nonstop wachsenden wie omnipräsent aktuellen, dabei gesellschaftlich mannigfaltig verschränkten musikhistorischen Rahmen wie jenen der Popgeschichte in knapp 400 Buchseiten zwängen zu wollen ist natürlich ein vermessenes Unterfangen. In ihrem Band „Wem gehört die Popgeschichte?“ müssen sich die beiden Autoren Gerd Gebhardt und Jürgen Stark denn auch mit einem eher generösen – wenngleich in seiner dokumentarischen Fülle unbedingt beeindruckenden – Tour d’horizont bescheiden, der nicht die stilistische Analyse, sondern die thematische Breite, weniger die objektiv-formalen Ausprägungen denn die subjektive Erfahrungsebene der sog. Popmusik in den Fokus heben.
Vom Blues bis zum Krautrock
„Pop“ scheint dabei das Autoren-Duo grundsätzlich – und semantisch korrekt, aber thematisch diverses unbekanntes „Nicht-Klassisches“ ausklammernd – als „Populäre Musik“ zu definieren: Ihre „Popgeschichte“ hebt an mit dem-Jazz-Übervater „Blues“, streift die „Roaring Twenties“ und vergisst auch nicht „Krautrock“ oder „Neue Welle“ bis hin zu „Hippie-Meditation“ oder „Heavy Metal“. Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis zeigt die erschlagende Materialfülle, die Stark und Gebhardt zu bewältigen hatten – aber auch den bewusst gewählten subjektiven Zugriff, den Musikjournalist Stark und Musikindustrie-Insider Gebhardt (als anerkannte Experten und jahrelange Szene-Prominente) auf jeder Seite ihres Pop-Panoramas an den Tag legen. (Jürgen Stark unverhohlen dazu in der Presse: „Unser beider Leben zieht sich durch das Buch. Wir definieren uns über Musik.“)
Persönlich gefärbter Blick auf die Thematik
Denn v.a. dieser persönlich gefärbte Blick der beiden Autoren auf die Thematik, beim ersten geschult auch als Texter und Komponist eigener und anderer Bands, beim zweiten entwickelt während längjähriger Präsidien wichtiger Phono-Verbände, hebt ihre „Popgeschichte“ übers Lexikalische gewöhnlicher Kompendien hinaus. Der zwei fachhistorisch gut beschlagenen Autoren Zeitreise durch fast ein Jahrhundert heterogenster internationaler Pop-Kultur gerät so jenseits des Meeres von Namen und Zahlen zur locker-interessant lesbaren Geschichtensammlung innerhalb von Geschichte, aber auch zu einem hervorragenden Exkurs über Kommerz und Konvention, Kunst und Künstlichkeit, Musik und Politik, Lautes und Leises, Zeitverhaftetes und Ewgiggestriges, Triviales und Revolutionäres, Monetäres und Ideales, Kulturelles und Subkulturelles, Affirmativität und Subversivität innerhalb des diffus fassbaren (und diskutierten) Spannungsfeldes „Musik-Gesellschaft“.
Umfangreicher Zitaten-Schatz
Dabei greifen Gebhardt und Stark vor allem zu dem bei belletristisch gefärbter Geschichtsschreibung immer probaten Mittel des exzessiven Zitierens: Kaum eine Seite, in der nicht ein Star (oder Sternchen), ein Komponist, ein Texter, ein Bandmitglied, ein Politiker, ein Philosoph, ein Industrieller, ein Medienvertreter, ein Manager oder sonst irgend ein prominent Involvierter zu einem Thema aussagt, provoziert, polemisiert oder informiert. „Wem gehört die Popgeschichte?“ – so rhetorisch die Frage auch gemünzt sei – ist auch ein instruktiver Zitaten-Schatz von Manifesten und Manifestationen, woraus eine in ihren zahllosen, schrill-unvermittelten Kontrasten ebenso amüsante wie frappante Lektüre resultiert – quasi ein lesend erfahrbarer Spiegel überhaupt der Pop-Kultur.
Wohltuende Zurückhaltung im Bild-Einsatz
Bezüglich Bildmaterial hält sich – ganz im Gegensatz zu vielen verwandten Büchern und zur graphisch überfluteten Medienwelt der Popmusik – das Buch wohltuend zurück. Um trotzdem einer drohenden Bleiwüste entgegenzutreten, sind neben den bereits erwähnten zahllosen Zitaten auch viele, die Chronologie oft durchbrechende, meist soziologische Exkurse der beiden Autoren eingestreut, die musikgeschichtlich grössere Rahmen herstellen, auch mal stilistische Nebengeleise befahren, oder einfach ideologische Grabenkämpfe dokumentieren.
Jedenfalls ist Gebhardts und Starks „Wem gehört die Popgeschichte?“ kein Nachschlagewerk, auch keine musikhistorische Monographie. Dass keinerlei lexikalischer Anspruch besteht, darauf verweisen nicht nur der Buchtitel, sondern auch das überraschend dürre Namen- und Sachregister, das man sich denn doch etwas üppiger gewünscht hätte. Wohl aber ist diese „Popgeschichte“ ein – mit seinen zahllosen persönlichen Dokumenten – sehr informativer und – bei seinem konsequent subjektiv-selektiven Blickwinkel – authentischer Rück-/Vorausblick auf einen Musik-Bereich, dem heutzutage – ob freiwillig oder unfreiwillig – einfach jede/r ausgesetzt ist und bleibt.
Dieser Band sollte nicht als einziger über die Popgeschichte im persönlichen Bücherregal stehen. Aber stehen durchaus. ♦
Alternative therapeutische Verfahren wie beispielsweise die (bei uns kaum bekannte) sog. „Altorientalische Musiktherapie“ (AOM) subsumiert der westliche Rationalist oft, wenn er wohlwollend ist, unter „Ethno“, vielleicht auch naserümpfend unter „Esoterik“ – oder überhaupt gleich unter „Scharlatenerie“. Wissenschaftlich gestützte Musiktherapie ja – aber Schamanen-Gesänge, Uighurische Tänze, Wassermurmeln und Trommelrhythmen?
Die Erfolge der alternativen Heilmethoden
Wenn da bloss nicht die unleugbaren Erfolge der alternativen Heilmethoden wären – und das Votum zahlreicher, sehr wohl ernst zu nehmender Wissenschaftler wie beispielsweise des Direktors des Instituts für Medizinische Psychologie am Klinikum der Universität Heidelberg Rolf Verres. Er schreibt (Zitat):
„In der wissenschaftlich fundierten Heilkunde Mitteleuropas wollen sich die Menschen darauf verlassen können, dass das, was man Therapie nennt, nachweislich wirkt. Man will wissen, bei welchen gesundheitlichen Störungen welche Interventionen die Heilung fördern. Dazu werden eine differenzierte Diagnostik und Versuchspläne gefordert, die es ermöglichen, die spezifischen Wirkungen therapeutischer Interventionen im Vergleich zu unbehandelten Kontrollgruppen herauszufinden. […] Meiner Meinung nach ist es bei den Bemühungen um medizinische Exaktheit sinnvoll, zwischen eher körperlichen und eher seelischen Wirkungen von Musik zu unterscheiden, auch wenn man das letztlich nicht voneinander trennen kan. Ich werde skeptisch, wenn mir Musik auf Tonträgern angeboten wird, die spezifisch auf Gelenke, Entzündungen, Eingeweide, Geschlechtsteile oder Kopf und Augen wirken soll. […] Etwas anderes ist das Anliegen der Heilung im seelischen Bereich zu bewerten. Zuversicht, Lebensfreude, Entspannung, das Erleben von Demut oder innerem Frieden gehören in jedem Falle zur Heilung und zur Lebensqualität – und zwar unabhängig davon, was im Körper krank ist und vielleicht auch krank bleibt.“
Vergangenes Wissen in die Gegenwart geholt
Diese Sätze Verres‘ leiten eine neue AOM-Publikation mit dem Titel „Heilende Musik aus dem Orient“ ein. Autor ist der Istanbuler Psychologe, Musiktherapeut und Sufi-Meister Dr. Oruç Güvenç, der gemeinsam mit seiner Frau, der deutschen Ergotherapeutin Andrea Güvenç – sie amtiert im Buch als Autorin wie als Türkisch-Übersetzerin – einen üppig ausgestatteten Text- und Bildband (mit Compact-Disc) in Sachen Altorientalische Musiktherapie (AOM) präsentiert.
Die klang-, tanz- und farbbeseelte Wellness-Reise des Ehepaares Güvenç beginnt tief in der Vergangenheit, bei 14’000 Jahre alten Felszeichnungen im Aserbaidschanischen Gobustan, wo tanzende Figuren auf die uralte Tradition heilender Bewegungsrituale hinweisen. Ein anderer wichtiger „urzeitlicher“, noch heute sprudelnder Quell uralter Heilsysteme sind – nach Autor Güvenç – die Schamanen Zentralasiens, die Baksi: „Bei ihren Ritualen imitieren die Baksi mit der eigenen Stimme oder Instrumenten Tierstimmen und andere Klänge aus der Natur. Zudem ahmen sie die Gebärden, Haltungen und Bewegungen der Tiere nach. Dabei verwenden sie Instrumente wie Trommeln, Kilkopuz, Dombra und andere, die sie aus Naturmaterialien herstellen.“
Mit der „Reise nach innen“ zum therapeutischen Erfolg
Ausgehend von solchen Ur-Heilritualen erarbeitete sich die AOM ihre eigenen, Rhythmus-, Ton- und Bewegungs-gestützten musiktherapeutischen Verfahren. Dabei basiert die Methode von Güvenç und anderen schamanisch orientierten „Heilern“ auf einigen zentralen, meistenteils durchaus auch für westliche „Ohren“ (mittlerweile) nachvollziehbaren Axiomen. Dazu Güvenç: „Die AOM versteht sich nicht als direkter schamanischer Heilweg, wenngleich Elemente und Ideen aus schamanischen Praktiken Zentralasiens angewendet werden. Beispielsweise: a) Der Glaube, dass sich frühe ‚Techniken‘ wie Klänge, Melodien, Rhythmen und Improvisationen über Jahrtausende bewährt haben und auch heute noch ihre Wirkung entfalten; b) Die Bewertung des inneren Erlebens, der inneren Erfahrung, als Ergänzung zur äusseren Welt; c) Die Vorstellung, dass es neben den technologischen Fähigkeiten auch ein nicht-technologisches Wissen des menschlichen Geistes gibt; d) Die Annahme, dass der Mensch von den Pflanzen, Steinen und Tieren lernen kann“. In solchen spirituellen Ansätzen trifft sich offensichtlich das orientalische Denken mit jenem aus dem fernöstlichen Kulturraum; Die „Reise nach innen“ ist grundlegende Voraussetzung beider Konzepte.
Trance als Grundfähigkeit des Menschen
Ein paar Ingredienzien der AOM sind zentral in der musiktherapeutischen Arbeit Güvençs: Der physische und „musikalische“ Einsatz des Wassers; der Einbezug der menschlichen Stimme; die uralte Sufi-Instrumentalkultur; der Ausdruckstanz. Der kombinierte Einsatz dieser vier individuell vermittelten und erfahrenen, gezielt unter Begleitung des AOM-Leiters eingesetzten Praktiken kann laut Ehepaar Güvenç durchaus zu Trance und Ekstase führen: „Diese Trancezustände waren den Menschen in der östlichen Kultur durchaus vertraut. Sie waren gelebter Bestandteil der Riten und Rituale im Schamanen- und Sufiturm. […] Die heutige Wissenschaft sagt, dass Bewusstseinsveränderung und Trance zu den Grundfähigkeiten des Menschen gehören. Die Medizin des Orients kennt ihre heilige und heilende Wirkung schon seit langem. Erst nach und nach erkennt auch die moderne Medizin, wie sie sich diese Mechanismen zunutze machen kann, um Schmerzen zu lindern und Heilungsprozesse zu fördern.“
Mit solchen Erkenntnissen aus der eigenen musiktherapeutischen Arbeit schlägt das Ehepaar Güvenç eine Brücke zur nach wie vor kognitiv dominierten (Apparate-)Medizin des Westens. Ihr Buch wird eingefleischte Rationalisten nicht überzeugen, sondern bestenfalls in der Schublade „Interessant, aber unbewiesen“ versorgt werden, denn der „Glaubensfaktor“ als individuell zu erbringende, betont „imaginitive“ Leistung des „Kranken“ spielt in der AOM wie in vielen anderen therapeutischen Ansätzen (ganz gleich welcher geographischen Couleur) bekanntlich eine zentrale Rolle. Andererseits ist nicht einzusehen, warum intelligentes Therapieren neben dem ganzen okzidentalen medizinischen „Arsenal“ nicht auch (nachweislich erfolgreiche) alternative Praktiken integrieren soll; hier bekäme „Ganzheitlicheit“ nochmals einen neuen interessanten Bedeutungsaspekt.
Zurück zum paradiesischen Ursprung der Musik
Jenseits aller Theorie bekommt der Leser mit „Heilende Musik aus dem Orient“ jedenfalls auch gleich den praktischen Selbstversuch inklusive detaillierte Anleitung mitgeliefert: Der reichhaltig bebilderte, bibliographisch schön gestaltete Band enthält eine 60-minütige Audio-CD der türkischen Gruppe „Tümata“ (Abk. = „Türkische Musik in wissenschaftlicher Erforschung und Präsentation“) mit einer Auswahl orientalischer Musik, vom schamanischen Tanz bis zu Sufi-Gesängen. Damit gerät des Ehepaars Güvenç‘ „Heilende Musik aus dem Orient“ zu einer sinn-lichen, seine Thematik sehr attraktiv präsentierenden Reise durch „alle Zeiten und Räume“ hin zum „paradiesischen Ursprung der Musik“ (Güvenç). Literaturhinweise, Sach- und Namensregister sowie ein Anhang mit Kontaktadressen und Hinweisen zu Institutionen und Ausbildungsmöglichkeiten runden den Band ab. ♦