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Sie ist schon ein bisschen älter, äusserst erfolgreich in ihrem Beruf. Er ist noch jung und kann keine Taten vorweisen. Sie findet ihn im Moment ihres grössten Triumphs an den Olympischen Spielen und nimmt ihn mit nach Hause, wo sie ihn der Dienerschaft als den Herrn des Hauses vorstellt. (Heute würden wir despektierlich von ihm als ihrem Toy-Boy sprechen. Warum Frauen keine Liebhaber haben dürfen, die beträchtlich jünger sind als sie, Männer aber umgekehrt schon, entzieht sich mir allerdings.) Da ist allerdings noch eine andere Sie, von Alter und Stand her näher an ihm. Es kommt, wie es kommen muss (im Drama): Die beiden jungen Leute verlieben sich ineinander, indem er erkennt, dass seine Liebe zur Älteren im Grunde genommen Verehrung des dichterischen Genies in ihr war.
Das Drama um die erfolgreiche Dichterin Sappho, ihren Toy-Boy Phaon und ihre Sklavin Melitta leidet an einem grossen Mangel: Es müsste sich daraus keine Tragödie entwickeln, jedenfalls nicht im Aristotelischen Sinne. Es fehlt dafür die Unausweichlichkeit des Schicksals, dem die drei unterliegen. Grillparzer nennt Sappho denn auch bescheiden Trauerspiel. Wohl handelt Sappho von der Hybris der Titelheldin, die nicht im Stande ist, zurückzutreten. Mit allen Mitteln will sie Phaon für sich behalten – sei es, dass sie Melitta bei Nacht und Nebel fortzuschaffen bemüht ist, oder, dass sie mit direkter Gewalt gegenüber beiden agiert. Bis zum Schluss kann sie sich nicht in ihr Schicksal ergeben. Als sie erkennt, dass sie gegenüber der Liebe der beiden machtlos ist (obwohl sich beide ihr wieder unterwerfen), begeht sie Selbstmord.
Ein Drama sollte man nur lesen, wenn man die Absicht hat, nachher eine Aufführung des Stücks zu besuchen. Gerade bei Sappho ist es so, dass vieles, wenn nicht alles, von der Interpretation der Titelheldin abhängt. Eine gute Schauspielerin muss dieser Figur mit ihren merkwürdigen Motivationen so viel Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit verleihen, wie sie es braucht, um das Stück tragen zu können. Für eine wirklich gute Schauspielerin müsste Sappho eine Traumrolle sein – eine Frau, die im Moment ihrer grössten Grösse ihre noch grössere Verletzlichkeit erkennt, und diese Erkenntnis nicht ertragen kann.
Die interessanteste Figur ist aber keineswegs Sappho selber, sondern Rhamnes, ein (älterer) Sklave Sapphos. Er, der bei ihrer Rückkehr von den Olympischen Spielen zuerst den Phaon gar nicht neben ihr erblickt (oder erblicken will), er, der in I.4, als Phaon mit Hier sehet euern Herrn! vorgestellt wird, sich des verwunderten Ausrufs Herrn? nicht enthalten kann, er, der auch später jede Gelegenheit wahrnimmt, dem Phaon zu schaden, er, der wohl der einzige ist, der ob Sapphos Tod wirklich trauern kann (Phaon trauert um seinen zerbrochenen Lebensplan, indem er nun ein Leben lang die Schuld an Sapphos Tod herumtragen wird), er, der wohl selber mehr als ein bisschen in Sappho verliebt war – er ist die einzige psychologisch gut gestaltete Figur des Stücks. Sappho agiert völlig irrational, und die beiden jungen Leute haben zu wenig Charakter.
In einer Aufführung, in der die Handlung rasch durchgezogen wird, die so die Zuschauer nicht allzu viel nachdenken lässt, sie nicht zu Atem kommen lässt, mag Sappho funktionieren. Als Lesestück leider nicht.