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2.1 Geschichte des Waldes in der Schweiz
Die heutigen Siedlungsstrukturen der Schweiz sind im Wesentlichen das Ergebnis des mittelalterlichen Landesausbaus zur Gewinnung von neuem Kulturland.
Zwei massive Waldrodungen
Es gab zwei grosse Rodungsphasen von Wald: eine erste Rodungsperiode liegt im Frühmittelalter vom 7. bis 9. Jahrhundert. Wesentlich bedeutender war jedoch die hochmittelalterliche Ausbauphase vom 10. bis 13. Jahrhundert. Der Landesausbau war einer der bedeutendsten, umfassendsten und folgenschwersten historischen Prozesse des Mittelalters. In vielen Teilen Westeuropas ging der Ausbau des Ackerlandes auf Kosten von Allmenden. Für die mittelalterliche Forst- und Waldgeschichte sind Allmenden von besonderer Bedeutung, da Wälder in dieser Zeit mehrheitlich genossenschaftlich genutzt wurden. Wälder dienten sowohl als Brenn- und Bauholzlieferant als auch als Viehweide und stellten eine zentrale wirtschaftliche Ressource vormoderner Gesellschaften dar: Für die bäuerliche Wirtschaft waren Beeren, Honig, Pilze etc. aus dem Wald eine wichtige Nahrungsergänzung. Die zahlreichen Stadtbrände im Mittelalter verschlangen enorme Mengen an Bauholz, die Stadtbürger brauchten Brennholz zum Kochen und Heizen und zusätzlich verbrauchten verschiedene städtische Gewerbe grössere Mengen an Holz. Auch die Stadtbürger nutzten die Wälder landwirtschaftlich: In den Wäldern sammelten sie Beeren und Kräuter und liessen das Vieh und die Schweine im Wald weiden. Da Holz für die städtische Entwicklung von zentraler Bedeutung war, legten die Städte grossen Wert auf Waldbesitz oder zumindest auf entsprechende Nutzungsrechte. Bereits im 14. und 15. Jahrhundert gründeten die meisten Städte eine Forstverwaltung zur Bewirtschaftung ihrer Stadtwaldungen und erliessen Regelungen zum Schutz der nahe liegenden Wälder.
Waldnutzungsrechte wichtiger als Eigentumsrechte
Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren Nutzungsrechte für den Wald viel wesentlicher und lebenswichtiger als Eigentumsrechte. Aus dem selbstverständlich gewährten Nutzungsrecht für den täglichen Bedarf entwickelte sich vielerorts ein eigentliches Eigentumsrecht der Dörfer und Gemein-den, das später nur schwer zu widerlegen war. Der nicht von den Gemeinden beanspruchte oder ihnen gehörende Wald wurde in der Regel als Hochwald bezeichnet. Neben diesen Kategorien gab es, wenn auch wohl nur in bescheidenem Ausmass, Privatwald, der meist Partikularwald genannt wurde. Die Entstehung des heutigen Privatwaldeigentums erfolgte jedoch in den meisten Fällen gegen Ende des 18. und vor allem im 19. Jahrhundert.
Entstehung der modernen Forstwirtschaft
Im Verlaufe der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert fand eine Trennung von Wald, Weide und Ackergut statt. Parallel dazu entwickelte sich eine professionalisierte, von der Landwirtschaft getrennte Forstwirtschaft. Im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert war der Bedarf an Brenn- und Bauholz so gross, dass die massiven Rodungen des Waldes zu Erdrutschen und Überschwemmungen führten. 1876 wurde deshalb das erste eidgenössische Forstpolizeigesetz erlassen, in dem jegliche Rodung der Schutzwälder im Gebirge verboten wurde. Die Rettung des Waldes durch die aufkommende moderne Forstwirtschaft entwickelte sich jedoch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem eigentlichen Paradigma der Forstwissenschaft.
Der Wald verliert an (land)-wirtschaftlicher Bedeutung
Die Forstwirtschaft erfuhr in der Schweiz im Laufe des 20. Jahrhunderts tiefgreifende Umwälzungen. Die Bedeutung des nachwachsenden Rohstoffes Holz ging insbesondere seit dem 2. Weltkrieg stark zurück, agrarische Waldnutzungsformen (Waldweide, Streuesammeln), wie sie in der ersten Jahrhunderthälfte, vor allem in alpinen Regionen, verbreitet gewesen waren, verschwanden. Somit ging die Nachfrage nach traditionellen Waldprodukten zurück, während die Nachfrage nach modernen Waldleistungen stieg. Im Zuge dieser Entwicklung veränderte sich die Bedeutung des Waldes für die Gesellschaft und somit die Beziehung der Bevölkerung zum Wald grundlegend.
2.2 Der geschützte Wald ist auch Schutzwald
Der Ursprung des Waldschutzes reicht nicht nur bis 1876 zurück, als das erste eidgenössische Forstpolizeigesetz erlassen wurde, sondern bis in die Jahre von 1830. Damals verwüsteten zahlreiche Überschwemmungen nicht nur die Täler der Alpenkantone, sondern auch das Mittelland. Schon zu dieser Zeit gab es Wissenschaftler, die einen Zusammenhang zwischen den Überschwemmungen des Mittellands und den Rodungen der Gebirgswälder sahen und Aufforstungsmassnahmen forderten. Durch einen Bundesbeschluss 1871 erhielten die Kantone in der Folge Subventionen für Aufforstungsmassnahmen. Bei der Revision des Forstpolizeigesetzes 1902 wurde das darin verankerte Rodungsverbot von Gebirgswäldern auf alle Schweizer Wälder ausgeweitet. Die Waldfläche der Schweiz durfte fortan nicht mehr abnehmen und für gerodete Flächen mussten Ersatzflächen aufgeforstet werden.
Während in den letzten Jahrzehnten die Fläche an landwirtschaftlichem Kulturland und sogar an den wertvollen Fruchtfolgeflächen ganz substanziell abnahmen, funktionierte der Schutz von Waldflächen dank dem über 100-jährigen Forstgesetz mehr als gut. Denn die Waldfläche nahm sogar zu. Der Waldschutz ist sowohl in der Bundesverfassung in Artikel 77 verankert als auch im Bundesgesetz über den Wald (Waldgesetz) von 1991. Darin heisst es in Artikel 1 wörtlich: "Das Waldgesetz soll dafür sorgen, dass der Wald seine Funktionen, namentlich seine Schutz-, Wohlfahrts- und Nutzfunktion (Waldfunktionen) erfüllen kann". Weiter heisst es, dass das Waldgesetz auch die Waldwirtschaft fördern und erhalten und dazu beitragen soll, dass Menschen und erhebliche Sachwerte vor Lawinen, Rutschungen, Erosionen und Steinschlag (Naturereignisse) geschützt werden.
Was heisst Schutzwald?
In der Schweiz wird unter Schutzwald meist nur der Wald verstanden, der Menschen und Sachwerte vor Naturgefahren schützt respektive die Auswirkungen von Naturkatastrophen verringert. Dabei wird insbesondere an den Schutz vor Lawinen, Steinschlag, Schlammströmen (Muren) und Hochwasser gedacht. Selbstverständlich bietet der Wald keine absolute Schutzfunktion vor diesen Naturgefahren. So schützt der Wald vor Hochwasser, weil die Baumkrone einen Teil der Niederschläge abfängt und der Boden zusätzlich wie ein Schwamm wirkt, der das Wasser zurückhält. Bei längeren Regenperioden lässt diese Schutzwirkung jedoch nach. Auch haben wenig tiefgründige Böden nur ein eingeschränktes Vermögen, Wasser zurückzuhalten. Wälder können zwar das Risiko von Erdrutschen an Steilhängen durch ihr Wurzelgeflecht im Boden verringern. Kommt es aber zu Bodenbewegungen unterhalb der Wurzelzone, so wird auch der Wald von einer Bodenrutschung mitgerissen.
Die Schweiz ist punkto Waldschutz jedoch nicht nur ihrem Waldgesetz verpflichtet. An der UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung (Erdgipfel Rio de Janeiro 1992) hat sie sich durch die Unterzeichnung der "Waldgrundsätze-Erklärung" auch international bereit erklärt, eine nachhaltige Waldbewirtschaftung zu verfolgen. Zudem verpflichtete sich die Schweiz auch auf europäischer Ebene an mehreren Ministerkonferenzen zu einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung und zu einer entsprechenden Berichterstattung darüber. Dafür definierte die Ministerial Conference on the Protection of Forests in Europe (MCPFE) sechs Kriterien. Das Kriterium 5 nach MCPFE lautet "Erhaltung und angemessene Verbesserung der Schutzfunktion in der Waldbewirtschaftung". Dabei geht dieses Kriterium über die in der Bundesverfassung und im Schweizerischen Waldgesetz definierte Schutzfunktion hinaus: Es umfasst zusätzlich die Filterwirkung der Wälder, die das Trinkwasser schützt.
2.3 Kennzahlen Waldbestand Schweiz 2009
Der Wald spriesst dicht in der Schweiz mit durchschnittlich 364 Kubikmeter pro Hektare. Der Wert liegt in einer ähnlichen Grössenordnung wie in den umliegenden Ländern: Während er im österreichischen Wald bei 325 Kubikmeter pro Hektare liegt, beträgt er in Bayern 403 Kubikmeter. Nach Erhebungen des dritten Schweizerischen Landesforstinventars LFI3 von 2004 bis 2006 macht der gesamte Holzvorrat in der Schweiz, tote Bäume inklusive, 427 Millionen Kubikmeter aus. Davon sind 69 Prozent Nadelholz und 31 Prozent Laubholz.
Auf den gemeinsamen Probeflächen der beiden Inventuren hat der Holzvorrat zwischen 1995 und 2006 um rund 10 Millionen Kubikmeter pro Hektare oder um 2,4 Prozent zugenommen.
Holzzuwachs und Holzernte
Der Holzzuwachs (mit Schaftholz in Rinde, mit Schaftreisig und Stock, ohne Astholz) beträgt 9,5 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Davon sind 7,5 Kubikmeter wirtschaftlich verwertbar. 2009 betrug die Holzernte 4,9 Millionen Kubikmeter. Dies entspricht einem Rückgang der gesamtschweizerischen Holzernte um über 7 Prozent gegenüber 2008, denn im Privatwald wurde 2009 18 Prozent weniger Holz geerntet als im Vorjahr. Ein Grund könnte im Preisrückgang für Stammholz liegen. Die öffentlichen Forstbetriebe schlugen 2009 trotz sinkender Holzpreise gleich viel Holz wie im Vorjahr.
Der Holzverbrauch liegt in der Schweiz bei etwa 10 Millionen Kubikmetern pro Jahr (inklusive Wiederverwendung).
Fläche 2009 und Flächenzunahme
Der Schweizer Wald bedeckt 31 Prozent der schweizerischen Landesfläche und dehnte sich im Jahr 2009 über 12'551 km2 oder 1'255'141 Hektaren aus. Gegenüber 2008 hat der Wald um rund 1'000 Hektaren zugenommen. Zwischen 1993/1995 und 2004/2007 hat die Waldfläche im Alpenraum um 9,1 Prozent, das heisst 33'500 Hektaren zugenommen. Dies entspricht in etwa der Fläche des Kantons Schaffhausen.
Ein knappes Drittel der Schweizer Waldfläche (29 Prozent) teilen sich die 250'000 Privatwaldbesitzer. Ein Grossteil des Waldes gehört aber den 3'800 öffentlichen Waldeigentümern: 57 Prozent des gesamten Waldes gehören politischen Gemeinden und Bürgergemeinden, 8 Prozent Korporationen, 5 Prozent den Kantonen und 1 Prozent dem Bund.
2.4 Wald als Arbeitgeber und Wertschöpfer
Die Bruttowertschöpfung der Waldwirtschaft und Holzindustrie betrug im Jahr 2005 rund 4,9 Milliarden Franken (Anteil Forstwirtschaft: 410 Mio. Franken), was einem Anteil von ca. 1,1 Prozent am Bruttoinlandprodukt entspricht. 2008 fanden rund 82'627 Personen Beschäftigung in der Holz-, Zellstoff- und Papierindustrie, davon 69'860 Personen in der Holzwirtschaft. In der Waldwirtschaft (Forstbetriebe und Forstunternehmen) waren 5'844 Personen (entspricht 4'878 Vollzeitstellen) in den knapp 1'137 Forstbetrieben mit ständig Angestellten beschäftigt. In den letzten Jahren hat die Anzahl der Beschäftigten abgenommen. Diese abnehmende Tendenz bei den Beschäftigten ist Folge des Strukturwandels, der mit einer Produktivitätssteigerung in der holzverarbeitenden Branche einhergeht.
2.5 Defizitärer Schweizer Wald
Für Max Binder, Präsident von Waldwirtschaft Schweiz, der Dachorganisation der Schweizer Waldeigentümer, ist klar: "Waldbesitz ist ein Vermögensbestandteil, das heisst, dass man etwas daran verdienen möchte." Früher hätten die Gemeinden sogar von den Einnahmen aus dem Wald leben können. Heute ist genau das Gegenteil der Fall: die meisten Forstbetriebe schreiben rote Zahlen. 2009 betrug das Defizit aller Forstbetriebe in der Schweiz 32 Millionen Franken. Die defizitäre Situation der Waldbewirtschaftung ist vor allem für die privaten Besitzer unerfreulich. Natürlich haben sie die Möglichkeit, ihren Wald nur minimal zu pflegen, der Wald stirbt deshalb ja nicht. "Aber es kann ja nicht das Ziel sein, dass man nichts verdient am Wald", ärgert sich der WVS-Präsident, "vor allem, wenn die Holzpreise wie in diesem Winter relativ gut waren, bereits aber wieder etwas nachgelassen haben." Denn im Unterschied zu den landwirtschaftlichen Produkten ist Holz ein Industriegut, das in der freien Marktwirtschaft bestehen muss. Der einzige wirkliche Markt, um mit Waldprodukten Geld zu erwirtschaften, ist der Holzmarkt. Dies erklärt auch teilweise, weshalb die Produktionskosten von 500 Millionen Franken auch 2009, wie schon in manchen Vorjahren, höher waren als die Erträge von 483 Millionen.
Für Roland Furrer, Kommunikationschef WVS, hat die defizitäre Situation der Schweizer Forstbetriebe viel mit der Strukturierung der Waldflächen zu tun. Er erklärt: "Die Eigentumsstrukturen sind kleinparzelliert und wie in Stein gemeisselt." Auch die Lage der Waldflächen spiele eine Rolle. Ein Mittellandbetrieb sei wahrscheinlich wirtschaftlicher als ein Bergbetrieb. Was schon seit einigen Jahren stattfindet, ist eine betriebswirtschaftliche Rationalisierung: Die Forstbetriebe werden immer grösser und effizienter dank überbetrieblicher Zusammenarbeit, unabhängig von der Eigentumsstruktur. "Wir sind mitten drin in dieser Rationalisierung", kommentiert Furrer diese Entwicklung, "es gibt eine Vielzahl von Zusammenschlussprojekten." Ein Glücksfall sozusagen sei Glarus, wo aus 26 Gemeinden nur noch gerade 3 neue entstanden.
Ein weiteres Thema, das den Präsidenten von Waldwirtschaft Schweiz derzeit stark beschäftigt, sind die stetig höheren Forderungen der Gesellschaft an den Wald und an die Waldbesitzer. Etwa nach Waldreservaten oder nach einem naturnahen Waldbau. Und in Stadtnähe, beispielsweise von Zürich, gilt es zudem die vielseitigen Ansprüche der Stadtbevölkerung abzudecken. Unter dem Namen "Grün Stadt Zürich" macht die grösste Schweizer Stadt viel für Naturschutz und Ökologie. So unterhält sie auf dem Zürcher Stadtgebiet u.a. sechs Waldlehrpfade, die dem Besucher die einheimischen Nadel- und Laubhölzer näherbringen sollen. Aus betriebswirtschaflticher Sicht bedeuten solche Investitionen einen Ertragsverzicht. "Wenn andere Nutzungen als die wirtschaftliche Nutzung mit Holzschlag im Vordergrund stehen, so möchten wir eine Abgeltung, dann soll die Öffentlichkeit dafür bezahlen", fordert Binder. Gleichzeitig stellt er aber klar: "Wir möchten keine Direktzahlungen." Seine Vorstellung einer Abgeltung geht in die Richtung von projektbezogenen finanziellen Beiträgen für ganz bestimmte Massnahmen.