Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03131.jsonl.gz/2897

Was bedeutet für Sie Heimat? Wenn ich mir Gedanken darüber mache, so kommt mir unweigerlich mein Vater in den Sinn. Mit ihm habe ich mich oft darüber unterhalten.
Mein Vater ist im Berlin des 2. Weltkriegs aufgewachsen. 5 Kriegsjahre verbrachte er in einer Schulverlegung in Polen. Der spärliche Kontakt zur Familie brach im letzten Kriegsjahr völlig ab. Bei Kriegsende durfte seine Schweizer Mutter mit den zwei Kindern in die Schweiz einreisen, der deutsche Vater durfte sie während langer Zeit nur am Wochenende besuchen. Nach Jahren der Unsicherheit und Gewalt, Angst und grösster Entbehrungen landete mein Vater also im Heimatort seiner Mutter, in Rheinfelden – buchstäblich nur mit dem, was er am Leibe trug. Man hätte es anders erwarten können, aber er sagte immer, er sei dankbar über das grosse Glück, das ihm beschert war:
- Er sei zB. immer wieder an gute Menschen gelangt, zum Beispiel an russische Soldaten, die auf dem Fussmarsch nach Berlin zu den Kindern freundlich waren und mit ihnen ihr Essen teilten.
- Durch einen grossen Zufall habe er seine Eltern im verwüsteten Berlin gefunden.
- Er hatte das Privileg, in die Schweiz zu kommen und eine Ausbildung machen zu können.
Heimatgefühle sind sehr persönlich, und doch werden immer wieder dieselben Begriffe genannt: Vertrauen, Sicherheit, Familie & Freunde, Dankbarkeit.
Als Fremder, und dann auch gleich noch als «Düütsche» hatte es mein Vater am Anfang nicht einfach in seiner neuen Heimat. Es brauchte eine gehörige Portion an Offenheit, Humor, Geduld und Überzeugungskraft, bis er von seinem neuen Umfeld akzeptiert war. Er sagte immer, in der Schweiz habe er Sicherheit, Geborgenheit, ja das Vertrauen ins Leben zurückerhalten. Später zeigte er sich erkenntlich dafür, wo er konnte: Er baute ein Unternehmen auf und schaffte damit Arbeitsplätze, er engagierte sich in Gemeinde und Kirche, und er ermöglichte es seinen Angestellten, politisch tätig zu sein. Uns Kindern machte er immer klar: Heimat ist nicht nur dort, wo Du sicher bist und Dich entfalten kannst, Heimat ist auch dort, wo Du Dich für andere einsetzen sollst.
Geschätzte Damen und Herren, ist nicht dies und nichts Anderes der Urgedanke unseres Milizsystems? Uns politisches System lebt vom Engagement der Bürgerinnen und Bürger, von Ihnen also! Überlegen Sie einmal kurz: Es gibt unter Ihnen wahrscheinlich kaum jemand, der oder die sich nicht in irgendeiner Form für die Allgemeinheit einsetzt. Sei es, ob Sie sich in einem Verein oder in einer Behörde engagieren, einen Angehörigen betreuen oder eine Nachbarin unterstützen: Bei uns machen die Bürgerinnen und Bürger den Staat. Nur schon auf Gemeindeebene sind rund 100’000 Personen in einem politischen Amt tätig. Sie alle bringen ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus Beruf und Familie ein und sorgen so für praktische, bürgernahe und kostengünstige Lösungen. Wir leben in unserem Land nach dem Prinzip «Freiheit und Verantwortung für alle». Zunehmend zu beobachten ist allerdings auch die Tendenz «Freiheit für alle und Verantwortung für alle anderen». Zunehmend fragen sich die Leute «Was bringt mir ein Engagement?», anstatt «Was bringt mein Engagement der Allgemeinheit?». Kurzfristige Wahlerfolge werden dann wichtiger als Problemlösungen. Polarisierung und Beharren auf Maximalpositionen bedrohen den guten Kompromiss.
Es lohnt sich, dass wir uns der Stärken unseres politischen Systems und unserer politischen Kultur bewusst bleiben und sie pflegen. Immerhin beneiden uns Zahllose auf der ganzen Welt dafür.
Manchmal frage ich mich, ob die Welt wohl Kopf steht. Selbstverliebte Staatsführer, überschuldete Staatswesen, rasanter digitaler Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft – es kommt das ungute Gefühl auf, die friedlichen und stabilen Jahre seien vorbei. Gefühlt befinden wir uns seit Jahren im Krisenmodus. Nicht endende Brexit-Diskussionen, Bürgerkriege, Klimawandel, die gute Zusammenarbeit mit der EU gefährdet: es könnte einem glatt schwindlig werden ob all’ dieser Probleme.
Sind wir Menschen eigentlich fähig, Lösungen für all’ diese Herausforderungen zu finden? Die Medien zeichnen Tag für Tag das Bild einer zunehmend unübersichtlichen Welt. Sie berichten konsequent über jene Seiten eines Themas, welche problembeladen sind und Unsicherheit verbreiten. Interessant ist für sie nicht die Einigkeit sondern die Differenz.
Dabei bietet doch jede Herausforderung ihre Chancen:
- etwa die Digitalisierung, welche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vereinfachen kann, oder
- oder der Klimawandel, welcher die Jugendlichen zur politischen Aktivität veranlasst – und uns anspornt zum technologischen Fortschritt.
Konsequent nach der Chance im Problem zu forschen, fördert die Zuversicht eindeutig. Das verdeutlicht der «etwas andere» Blick ins 20. Jahrhundert:
- In Entwicklungsländern stieg die Lebenserwartung von 30 auf 65 Jahre.
- Die Unterernährung sank von 37% auf 12%, der Analphabetismus ging von 75% auf 20% zurück.
Beklagt wird bei uns auch eine zunehmende Ungleichheit zwischen den sozialen Bevölkerungsschichten. Ist dem wirklich so? Ich behaupte, dass in den westlichen Ländern noch nie auch nur ansatzweise so viele Menschen so ähnliche und so gute Bedingungen zur Lebensgestaltung wie heutzutage. Ich möchte Ihnen das an drei Beispielen verdeutlichen:
- Vor 50 Jahren gab der Durchschnittschweizer 25 bis 30 Prozents eines Monatslohnes für Lebensmittel aus. Fleisch gab es, wenn überhaupt, am Sonntag. Heute kaufen wir Steaks aus Argentinien, Mangos und Avocados in jedem noch so abgelegenen Volg. Spargeln, Nüsslisalat und Erdbeeren gibt es zu jeder Jahreszeit. Und wissen Sie was? Das kostet uns nicht etwa mehr, sondern wir brauchen heute nur noch 7 Prozent unseres Monatslohnes für Nahrungsmittel.
- Ein weiteres Beispiel ist die Mobilität:
Um 1850 musste ein durchschnittlicher Arbeiter für eine einfache Fahrt auf der «Spanisch-Brötli-Bahn» einem ganzen Tageslohn bezahlen. Heute kann eine einfache Angestellte mit ihrem Lohn das ganze Streckennetz der SBB zwei volle Tage lang bereisen – und das in der ersten Klasse! Städtereisen, Kurztripps über Weihnacht’/Neujahr, Tauchen auf den Malediven: all’ das ist für die meisten von uns zur Selbstverständlichkeit geworden. Alle wollten mehr Mobilität, und alle haben sie auch erhalten.
- Oder die Medizinische Versorgung:
Noch vor 70 Jahren gab es auch in der Schweiz Tausende von Wohnungen und Häusern ohne Zentralheizung, ohne fliessendes Wasser und mit offener Kanalisation – dies mit den entsprechenden gesundheitlichen Risiken. Die Kindersterblichkeit so hoch wie heute in einem Schwellenland. Eine ernsthafte Erkrankung des Familienvaters konnte zum wirtschaftlichen Ruin der ganzen Familie führen. Dass heute so viele Menschen so gesund so alt werden dürfen, verdanken wir dem Ausbau der medizinischen Versorgung. Unabhängig vom Lohn werden alle mit derselben medizinischen Ausrüstung und denselben therapeutischen Methoden behandelt. Das alles berappt die Allgemeinheit.
Sie werden jetzt sagen, dieses Gesundheitswesen kostet uns auch unglaublich viel Geld. Die Bevölkerung bekommt auch aber auch immer mehr dafür: schonendere chirurgische Eingriffe, effizientere Medikamente, bessere Diagnostik. Wenn dann die hohen Krankenkassenkosten beklagt werden, so stelle ich fest: Heute bezahlen wir für Nahrungsmittel und Krankenkassen zusammen noch immer höchstens zwei Drittel dessen, was vor 50 Jahren allein für Nahrungsmittel draufging.
Das alles relativiert das Gefühl der Ungleichheit doch erheblich. Übers Ganze gestalten sich die Lebenswirklichkeiten bei uns ausgeglichen. Und das ist ein Grund zum Feiern, nicht zum Klagen oder Resignieren!
Wenn wir unseren Blick also nicht nur auf schlechte News richten, so können wir mit Zuversicht sagen: Der Mensch ist gescheit genug, seine Probleme zu lösen. Es gibt zwar Berg- und Talfahrten aus Fehler und Korrektur, Rückschritt und Fortschritt, Irrtum und Erkenntnis. Aber Zivilisation ist halt eben ein Prozess, kein Zustand. Genau dieser Prozess spornt uns unaufhaltsam an: zum Vorwärtsgehen, zum Ringen um Lösungen, zum Entscheiden. Die Schliesslich sind die Chancen immer mindestens so gross wie die Herausforderungen!
Welche Lektion hat mich also der Umgang meines Vaters mit seinen Erlebnissen gelernt?
- dass es Zuversicht und Gelassenheit braucht, um Herausforderungen zu meistern
- dass Mut und klare Worte zu guten Entscheiden führen
- und dass eine Portion Dankbarkeit das Leben ganz einfach angenehmer macht
Letzthin las ich den folgenden Satz: «Man gebe mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, jene Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.»
Das wünsche ich Ihnen allen, ich wünsche es mir und ich wünsche es der ganzen Schweiz zu ihrem heutigen Geburtstag!