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So hatte man Novak Djokovic noch nie gesehen. Noch während dem Spiel kamen ihm beim Seitenwechsel die Tränen. «Überwältigt von meinen Emotionen», wie er später zugab, verpasste er im Final des US Open 2021 den Kalender-Grand-Slam, den Gewinn aller vier Major-Turniere im selben Jahr. Es wäre etwas gewesen, das weder Roger Federer noch Rafael Nadal geschafft haben, letztmals gelang dies Rod Laver 1969.
Der Spielverderber hiess damals Daniil Medwedew - und auch jetzt möchte der 27-jährige Russe den neun Jahre älteren Serben am Schreiben von Geschichte hindern. Die Erfolge von Federer und Nadal hat Djokovic längst übertroffen, doch mit seinem 24. Grand-Slam-Titel würde er auch die Frauen-Rekordhalterin Margaret Court einholen.
Medwedews gute Bilanz
«Jedes Mal, wenn ich einen Grand-Slam-Final spiele, bin ich mir bewusst, dass ich eine neue Seite in der Tennisgeschichte schreiben kann», gibt Djokovic zu. «Aber ich versuche diesen historischen Aspekt auszublenden.» Damit er diesmal nicht wieder von seinen Emotionen überwältigt wird.
Daniil Medwedew ist aber durchaus stark genug, um auch einen Djokovic in Topform fordern zu können. Er ist mit 18 Turniersiegen - darunter das US Open 2021 - und 28 Finals - darunter das US Open 2019 und die Australian Open 2021 und 2022 - der erfolgreichste Hartplatz-Spieler der letzten fünf Jahre. Gegen Djokovic hat er von den letzten elf Partien fünf für sich entschieden. Dennoch ist sich Medwedew der Schwierigkeit seiner Aufgabe am Sonntag (22.15 Uhr Schweizer Zeit) absolut bewusst.
Neues Niveau benötigt
Vor seinem Halbfinal gegen den Titelverteidiger und (noch) Weltranglistenersten Carlos Alcaraz hatte der Moskauer durchaus ernsthaft gemeint, er müsse auf einer Zehner-Skala auf Stufe elf spielen, um gegen Alcaraz bestehen zu können. Für den brillanten Auftritt gab er sich dann - ohne den verlorenen dritten Satz - eine Zwölf. «Ich werde am Sonntag auf den bestmöglichen Novak treffen», ist sich Medwedew sicher. «Ich werde deshalb auf einem Niveau spielen müssen, das ich noch nie erreicht habe.»
Taktisch wüssten beide, was sie erwartet und was man machen müsse. «Das Schwierige ist, es dann auch umzusetzen», weiss Medwedew. Für seinen Coach Gilles Cervara wird es vor allem eine «psychologische Geschichte». Es gehe darum, sich in einer Situation von Gefahr und Unsicherheit zu behaupten. «Das macht die Besten der Besten aus», erklärt der Franzose.
Deshalb dürfen sich die Tennisfans auf einen intensiven Abnützungskampf auf höchstem Niveau freuen, auch wenn die meisten auf einen Final zwischen Djokovic und dem Jungstar und Publikumsliebling Alcaraz gehofft hatten.