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Frühling 2023: Wir stehen an der Schwelle fürchterlicher Hungersnöte in Afrika, dem Nahen Osten und Asien. Hauptverantwortlich dafür ist der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Die Ukraine war bis dahin eine der Hauptproduzentinnen und -exporteurinnen von Getreide. Die Bevölkerung von 45 Ländern – insbesondere der südlichen Hemisphäre – hing von der ukrainischen Getreidezufuhr ab. Beispiel Ägypten: Die 102 Millionen Ägypterinnen und Ägypter leben vom Fladenbrot, das zu einem Drittel vom Staat finanziert wird. Ägypten importierte bis 2021 rund 12 Millionen Getreide, 7 Millionen davon aus der Ukraine.
Von den Opfern der Hungersnot trennt uns nur der zufällige Ort unserer Geburt.
KORRIDOR. In Genf gleicht die Botschaft der Russischen Föderation einer mittelalterlichen Festung. Stacheldrahtverhaue, sieben Meter hohe Betonmauern, bewaffnete Wachtposten an allen Ecken des Geländes. Dort verhandeln seit Mitte März türkische Diplomaten, Uno-Beamte und Vertreterinnen Russlands und der Ukraine. Es geht um die Erneuerung des Nahrungsmittelkorridors im Schwarzen Meer. Denn die Exportwege für ukrainisches Getreide sind mehrheitlich blockiert. Odessa als ukrainischer Haupthafen im Schwarzen Meer befindet sich zwar immer noch unter ukrainischer Kontrolle. Aber das offene Meer wird beherrscht von der russischen Kriegsflotte.
Sommer 2022: Russland und die Ukraine schliessen mit der Uno und der Türkei einen Vertrag über die Errichtung eines international gesicherten Korridors für den Export ukrainischen Getreides über das Schwarze Meer zum Bosporus. Die Uno prüft die Ladung in Odessa, die Türkei stellt die Schiffe zur Verfügung und prüft, dass keine Waffen auf dem Rückweg in die Ukraine befördert werden. Der Vertrag wurde von Russland dreimal hintereinander suspendiert und soll nun – gelingen die Genfer Verhandlungen – wieder voll rechtskräftig werden.
EXPORTVERBOT. Zusätzliche Gründe für die unmittelbaren Hungersnöte sind die Embargogesetze, die andere bedeutende Nahrungsmittelexporteure soeben verhängt haben, um ihre eigene Bevölkerung zu schützen. Beispiele: das Getreideembargo von Indien, das Fleischexportverbot von Argentinien, das Palmölembargo Indonesiens.
Der Food Price Index der FAO (der Uno-Spezialorganisation für Landwirtschaft und Ernährung) misst die Marktpreisentwicklung einer Anzahl von Grundnahrungsmitteln. Seit Jahresbeginn ist der Index um 37,2 Prozent gestiegen. Das heisst: Selbst wenn die ärmsten Länder auf dem Weltmarkt noch Grundnahrungsmittel kaufen könnten, wären sie ausserstande, diese zu finanzieren.
WO IST DIE HOFFNUNG? Die Hoffnung heisst World Food Program (Welternährungsprogramm) der Uno, das die humanitäre Soforthilfe gewährleistet. Es lebt von den Beiträgen der reichen Industrienationen. Sein Budget jedoch ist im März 2023 nur zur Hälfte gedeckt. Sofortige Sonderzuschüsse sind unabdingbar.
Die Schweiz muss die Beiträge zur Rettung von Millionen hungernder Menschen massiv erhöhen. Denn was uns von den Opfern trennt, ist nur der zufällige Ort unserer Geburt.
Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein 2020 im Verlag Bertelsmann (München) erschienenes Buch Die Schande Europas. Von Flüchtlingen und Menschenrechten kam im Frühling 2022 als Taschenbuch mit einem neuen, stark erweiterten Vorwort heraus.