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Valparaíso – Chiles heimliche Hauptstadt
Schon immer hat Valparaíso Künstler und Denker gleichermassen inspiriert. Die chilenische Hafenstadt zählt zu den wohl ungewöhnlichsten und unkonventionellsten Städten Südamerikas, ist fröhlich und zugleich rau – eine kulturreiche Stadt mit langer Geschichte, die modern, weltoffen und dennoch immer eigenwillig ist.
Nicht zuletzt die aussergewöhnliche Lage hat dafür gesorgt, dass Valparaíso sich zu einem der beliebtesten Reiseziele Chiles entwickelt hat. Die Stadt zieht sich an der Bucht von Valparaíso über unzählige Hügel hin, sodass sich dem Besucher immer wieder atemberaubende Blicke auf die Stadt und die Küste bieten. Durchzogen von einem Netz an Treppen, Aufzügen und verschlungenen Gassen gleicht Valparaíso einem urbanen Labyrinth.
In rund hundert Kilometern Entfernung zur Hauptstadt Santiago ist Valparaíso der wichtigste Seehafen Chiles und damit praktisch die westliche Schwesterstadt von Santiago. Auch der chilenische Kongress tagt in der Hafenstadt. Obwohl Valparaíso mit 278.000 Einwohnern nur die fünftgrösste Stadt des Landes ist, bildet sie nach Santiago den zweitgrössten Ballungsraum in Chile.
Vom historischen Seehafen zur Touristenattraktion
Die Bucht von Valparaíso wurde 1536 vom spanischen Eroberer Juan de Saavedra entdeckt, der sie nach seiner Heimatstadt Valparaíso benannte. Im Jahr 1544 erfolgte die Stadtgründung durch Juan Bautista Pastene. Die neugegründete Stadt entwickelte sich jedoch nur langsam und fiel auch immer wieder Überfällen von Piraten zum Opfer. Erst, als sich der Hafen von Valparaíso im Jahr 1811 dem internationalen Handel öffnete, blühte die Stadt auf. Nach der chilenischen Unabhängigkeit im Jahr 1818 entwickelte sich Valparaíso zum wichtigsten Militärhafen der jungen Nation und zu einem bedeutenden Handelshafen.
Von Bedeutung war Valparaíso vor allem für Handelsschiffe auf dem Weg von und nach Kap Hoorn. Bis zur Eröffnung des Panamakanals waren die Schiffe gezwungen, diese gefährliche Route um die Südspitze Südamerikas zu nehmen, um von Europa aus an die amerikanische Pazifikküste zu gelangen. Neben San Francisco war Valparaíso zu dieser Zeit der wichtigste Seehafen an der amerikanischen Pazifikküste. Erst mit dem Bau des Panamakanals verlor die Stadt an Bedeutung.
In den vergangenen Jahrhunderten richteten Erdbeben in Valparaíso immer wieder verheerende Schäden an. Eines der letzten Erdbeben, das grosse Zerstörungen verursachte, traf die Stadt im Jahr 1906 mit anschliessendem Tsunami. Fast alle Gebäude entlang der Küste stammen aus der Zeit nach diesem Beben, während die historische Altstadt auf den Hügeln oberhalb des Hafens gelegen ist. Im April 2014 wurde Valparaíso von einem verheerenden Grossbrand verwüstet, das Tausende von Gebäuden zerstörte und 15 Menschen das Leben kostete.
Valparaíso – eine Stadt als Sehenswürdigkeit
Mit seiner Lage auf unzähligen Hügeln, den gewundenen Gassen und farbenfrohen Häusern gleicht Valparaíso einem einzigen grossen Labyrinth, in dem es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt. Der geschäftige Seehafen und die grossen Boulevards der Innenstadt, die Künstlerviertel und das pulsierende Nachtleben der Studentenstadt – es ist die Stadt als Ganzes und nicht so sehr einzelne Sehenswürdigkeiten, die die Faszination von Valparaíso ausmacht.
Wer eine Auszeit vom Trubel der Innenstadt braucht, kann mit den Aufzügen auf einen der Stadthügel fahren und dabei atemberaubende Ausblicke geniessen. Unterwegs gibt es immer wieder etwas zu sehen, etwa am Cerro Polanco, an dem 2012 das erste lateinamerikanische Graffiti-Festival ausgetragen wurde. Der Hügel ist bedeckt mit über 70 Graffitis und Felsmalereien, wie sie auch an anderen Hügeln immer wieder entdeckt werden können.
Der Cerro Bellavista, bekannt für seine unvergleichlich schöne Aussicht, beherbergt auch eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der Stadt: Hier kann das Haus von Pablo Neruda besichtigt werden, Chiles Nationaldichter und Literatur-Nobelpreisträger von 1971. Das Altstadtviertel auf den Hügeln Cerro Concepción und Cerro Alegre wiederum ist heute ein Künstler- und Studentenviertel mit unzähligen Kneipen und historischen Wohnhäusern mit farbenfrohen Fassaden.
Ungewöhnliches Verkehrsmittel: die Aufzüge von Valparaíso
Valparaíso charakteristische Besonderheit sind ohne Zweifel die traditionellen Aufzüge und Seilbahnen, die die zentralen Stadtteile mit den höhergelegenen Vierteln verbinden. Mittlerweile sind diese Ascensores wohl die grösste touristische Attraktion der Stadt und erfüllen für die Bewohner von Valparaíso dennoch Tag für Tag einen rein praktischen Zweck. Insgesamt 16 Aufzüge und Standseilbahnen bringen Anwohner und Touristen gleichermassen zu den wichtigsten Stadthügeln, darunter der Ascensor Mariposas, der mit 177 m die längste Seilbahnverbindung darstellt.
Der Ascensor Mariposas liegt am gleichnamigen Cerro Mariposas und wurde im Jahr 1904 eingeweiht, womit er allerdings keineswegs zu den ältesten Aufzügen zählt. Bereits im Jahr 1883 nahm der Ascensor Concepción den Betrieb auf, zunächst dampfbetrieben und mit hölzernen Kabinen. Wenngleich der Aufzug heute elektrisch betrieben wird und mit Metallkabinen ausgestattet ist, verrichtet der Ascensor Concepción nach wie vor tagtäglich seinen Dienst zwischen der Calle Prat und dem Paseo Gervasoni.
Eingerichtet wurden die Ascensores ursprünglich, um die schwer zugänglichen Hügel mit der tiefergelegenen Innenstadt zu verbinden. Die Aufstiege, zum überwiegenden Teil nicht länger als eine Minute Fahrtzeit, sind zu Fuss oft nur schwer zu bewältigen, weswegen Ende des 19. Jahrhunderts gleich eine ganze Reihe von Seilbahnverbindungen eingerichtet wurde. Viele der Aufzüge von Valparaíso sind heute Nationaldenkmäler, und auch die nicht mehr betriebenen Seilbahnen werden zum Teil restauriert und wieder eingesetzt.
Oberstes Bild: Blick auf Valparaíso vom Cerro Artillería (© Dgo96 / Wikimedia / CC)