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Mein Bücherregal
von Cedric Weidmann
Das langweilige Buch habe ich hinter das traurige Buch gestellt. Ich habe mir nicht viel überlegt. Als ich später hinsah, bemerkte ich den Fehler und tauschte die Bücher aus. Das war natürlich Unsinn. Nach einer Weile begriff ich, dass ich sie nebeneinander aufzustellen brauchte, so dass das langweilige und das traurige und das neu gekaufte Buch ins selbe Regal passten.
Das traurige Buch hatte einen roten Umschlag, das langweilige einen blauen und das neugekaufte hatte einen weissen Umschlag. Das passte überhaupt nicht.
Ich rückte sie hinundher, aber es war eine seltsame Tricolore, die sich bildete, vom Inhaltlichen ganz zu schweigen. Es schien mir nicht richtig, rechts vom neu gekauften Buch gleich ein trauriges zu haben. Das hatte fast was Pessimistisches. Und dass das traurige so in der Mitte eingeklemmt war zwischen neu gekauftem und langweiligem, gab ihm so etwas Niedergeschlagenes.
Das langweilige Buch ganz links zu setzen half, aber nur für eine kurze Weile. Natürlich fiel es so weniger auf, denn das Buch, welches am weitesten links steht, ist für den schnellen Blick wie ein Pufferbuch, eine Requisite, die hinweist auf das nebenstehende und in der Peripherie das Zentrum umkränzt, in dem die interessanten Bücher stehen und auf dessen Farbe und Titel man schnell die Aufmerksamkeit richtet. Doch dann stand das neu gekaufte im Zentrum, und das gefiel mir nicht, denn ich hatte es noch nicht fertig gelesen, ausserdem war mein Bücherregal auch nicht der Verkaufstresen des nächsten Kioskstandes.
Ich stellte das neu gekaufte an die linke Stelle und liess in der Mitte das langweilige folgen, bis ganz rechts das traurige kam. So war ich lange Zeit zufrieden. Menschen, die sich nicht für Bücher und für mich interessieren, blicken auf das langweilige Buch und sehen gelangweilt weg. Sie entdecken dort nicht etwa das traurige Buch und fragen bei mir nach, wie es mir zur Zeit gehe, sondern sind zufrieden mit einem Fund, der sie nicht aus dem Konzept bringt.
Interessiert sich aber jemand mehr für mich und bedenkt, dass das Vorhandensein von drei Büchern darauf deutet, dass ich tatsächlich lese, sticht ihm der Titel ins Gesicht. Nicht nur weil es einen roten Umschlag hat, sondern weil er merkt: Wer, der liest, liest denn etwas langweiliges? Dann gleitet sein Blick nach rechts, wo er auf das traurige Buch stösst und er merkt auf und denkt bei sich: Oha, dessen Geist ist doch tiefer als man denkt. Das ist wohl ein Melancholischer. Ein Nachdenklicher, der sich für die inneren Zustände interessiert, nicht für Literatur, sondern der auf der Suche nach etwas Bestimmtem ist und in seiner Seele einen Schmerz fühlt, den man von aussen nicht erkennen kann.
Und durch diese Entfaltung wird die Neugierde angestachelt, die den Besucher zum linken Buch lotst, wo er, in zufriedenem Erstaunen erkennt, dass auch ein neu eingekauftes Buch im Repertoire ist, dass also der Sentimentale doch weitersucht und -macht und dass es ihm nicht reicht ein langweiliges und trauriges Buch zu haben, um seine Suche zu befriedigen, sondern dass er auch weiterschaut, auch sein verdientes Geld aufwendet und nicht so einsam ist, weil er sich nicht scheut, auch das zu lesen, was die anderen lesen.
So stehen die Bücher also in meinem Regal und ich traue mich nicht ein viertes zu kaufen. Da würden sich die Permutationen von sechs auf vierundzwanzig vervielfachen. Kaum auszumalen.
Bloss die Farben sind halt scheisse. Die passen überhaupt nicht.