Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03180.jsonl.gz/433

Ein lieber Freund in Birsfelden erhielt auf Grund meiner letzten Texte den Eindruck, dass die Leute no Brasil vitaler als in unserem Heimatland sind.
Meine Geliebte glaubt, dass die Mehrheit der Bevölkerung in Brasilien vor allem härter kämpfen muss und mit wesentlich grösseren Problemen konfrontiert ist als wir in der Alpenrepublik, in welcher ihrer Meinung nach beispielsweise das Schul- und Sozialsystem bestens organisiert sind.
“Tudo é feito na Suiça”, meint sie.
A vida é muito cara para o povo brasileiro.
Viele Leute gehen mehr als einer Tätigkeit nach. Liliane beispielsweise kümmert sich am Wochenende neu um meine Schwiegermutter, arbeitet zu Hause auf einem Bauernhof und unter der Woche morgens in einem Restaurant.
Sie strahlt eine positive Energie aus, könnte mit ihrer Ausstrahlung, ihre deutsche Abstammung ist unverkennbar, als erwachsene Heidi für die Region Landquart Werbung machen.
“A gente da um jeito”, meint sie und drückt damit die Zuversicht aus, dass es irgendwie weitergeht.
Dieses positive und lösungsorientierte Denken, geeicht in sehr widrigen Umständen, zeichnet viele Leute aus, vermittelt mir eine gewinnende Gelassenheit, welche die Möglichkeit des Scheiterns lächelnd ausschliesst.
Bei meinen ersten Besuchen in Brasilien waren jährliche Inflationsraten von über 1000% die Regel. 1990 stieg die Preisteuerung auf fast 3000% an. In dieser Zeit löste eine Währung die andere ab.
Mich, an den stabilen Franken gewöhnt, beeindruckten die Abgeklärtheit und die Kreativität, mit welcher o povo brasilieiro den explodierenden Preisen begegnete.
Irgendwie gelang es meinem Schwager immer wieder a impresa Branco über Wasser zu halten.
Die aktuelle Inflationsrate von über 10% ist nicht wert in den Medien thematisiert zu werden.
Ein Bekannter meinte lakonisch: “A gente sabe lidar com esta situação”
Brasilien ist ein junges Land, was die Geschichte und den Altersdurchschnitt der Bevölkerung betrifft.
Enorm viele junge Leute wollen studieren, begrenzt ist die Kapazität der Hochschulen. Für alle Studienfächer gibt es Aufnahmeprüfungen. Um jeden Studienplatz buhlen 100 und mehr BewerberInnen.
In der Regel legen die jungen Leute Aufnahmeprüfungen für mehrere Fächer an verschiedenen Hochschulen ab.
Viele junge SchulabgängerInnen absolvieren ein Vorstudienjahr, in welchem sie sich auf die diversen Aufnahmeprüfungen vorbereiten. Nicht selten muss ein weiteres Vorstudienjahr angehängt werden.
“É normal” für sie.
Die staatliche Altersrente ist in der Regel sehr knapp bemessen.
Ein Bekannter, er ist 71 Jahre alt, erhält 1000 Reais monatlich, das sind knapp 170 Franken.
Sein Pech ist, dass die brasilianische Regierung vor Kurzem beschloss, alle Lohnabgaben an den Staat, welche vor 1994 erfolgt waren, zu negieren.
Glücklich ist, wer einen eigenen Gemüsegarten oder eine Familie hat, welche Unterstützung bietet.
Geraldo ist 65 Jahre alt, offiziell invalide, spricht laut, hat einen eisernen Händedruck und wohnt seit einem Jahr im Amazonasgebiet.
Vor 13 Jahren wurde ihm bei einer Operation irrtümlicherweise der Sehnerv des rechten Auges durchtrennt, das linke Auge hat eine Sehkraft von 15%.
38 Jahre lang reiste er als Vertreter südbrasilianischer Firmen, também para a impresa Branco, durch ganz Brasilien, absolvierte nach eigenen Angaben 4 Millionen Kilometer hinter dem Steuer.
Zusammen mit seinem Bruder pflanzt er jetzt Mais und Maniok im Urwald an, beginnt mit der Arbeit um 5 Uhr morgens und geht um 19:30 Uhr schlafen, weil es dunkel ist und er keinen Fernseher hat.
Seine Frau folgt ihm nicht in den Busch, hat zu viel Respekt vor dem Leben no mato, in der Wildnis. Jetzt besucht er sie alle vier Monate in Joaçaba.
“Você tem que fazer alguma coisa” sagt er.
Einer meiner Schwager ist absolut überzeugt, dass denjenigen, die etwas leisten wollen, in Brasilien alle Tore und Türe offen stehen.
“Tem tanto para fazer en este país enorme” meint er.
Acho, ele tem razão.
Joaçaba, 11. April 2022