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Von weit weg hörte sie die vertraute sanfte Stimme. Sie lag auf dem Boden auf einer dünnen schwarzen Matte. Die Augen hatte sie geschlossen und sie fühlte sich als wäre sie in einer Seifenblase, leicht und beschwingt.
Die vertraute Stimme aus der Ferne gab ihr Anweisungen, die sie ohne Wenn und Aber befolgte.
Vor ihrem inneren Auge, spielte sich ein Film ab, den sie nur zu gut kannte.
Sie stieg grosse steinige Treppenstufen hinab. Die Stufen führten zu einem altertümlichen Verliess, dass aus mehreren Räumen bestand.
Bei der zweiten Tür auf der rechten Seite blieb sie stehen. Die Tür war einen Spalt weit geöffnet. Bevor sie sich traute einen Blick hinein zu werfen atmete sie noch einmal tief durch. Es fühlte sich an als würde sie etwas verbotenes tun und sie hatte ein schlechtes Gewissen. Das Sprichwort: „Tote soll man ruhen lassen“ kam sicher nicht von ungefähr. Eine Sekunde spielte sie mit dem Gedanken umzukehren, aber die Neugier in ihr siegte. Mit angehaltenem Atem spähte sie durch den Spalt.
Obwohl dieser Raum nur aus Stein bestand, besass er so viel Charme, dass er sie erschaudern liess. An der Decke hing ein riesiger Kronleuchter mit Diamanten, der aussah als würde er den Raum überwachen. In der Mitte stand ein grosser ovaler Holztisch. Rundherum standen robuste Stühle aus etwas hellerem Holz mit hohen Lehnen.
Sie kannte diesen Raum und trotzdem entdeckte sie immer wieder neue Geheimnisse in ihm. Ihr Blick schweifte auf die linke Seite zu einer verschnörkelten Kommode. Darauf lag ein dickes rot eingebundenes Buch. Daneben bemerkte sie ein Tintenfass und eine Feder. Was wohl darin stand?
Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, dass sich am Tisch etwas bewegte. Leise schlüpfte sie durch die Tür, damit sie sehen konnte, was im Raum passierte.
Sie sah, dass ihre Familie mütterlicherseits am Tisch Platz genommen hatte.
Ihre verstorbene Grossmutter, Ihre Mutter, sowie Ihre Tanten und Onkel. Ihre Grossmutter hatte ihr den Rücken zugewandt. Die beiden Stühle neben ihr waren leer.
Trotz des unwiderstehlichen Charmes, den der Raum besass, war die Stimmung bedrückt und es herrschte eine angsteinflössende Ruhe.
Sie hörte Schritte und als sie ihren Kopf zur Tür drehte, sah sie, dass ihr verstorbener Grossvater den Raum betrat. Mürrisch und in geduckter Haltung steuerte er auf direktem Weg auf den Stuhl, der rechts neben ihrer Grossmutter stand, zu.
Sie kannte dieses Szene. Schon das dritte Mal stand sie als stille Beobachterin in der Ecke des Raumes und starrte gebannt auf den Familientisch. Sie spürte, eine magische Verbundenheit zu ihrer Grossmutter, die sie leider im realen Leben nicht gekannt hatte.
Normalerweise wäre jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo sie sich leise und behutsam aus dem faszinierenden Raum schlich, als wäre sie ein Reh, das über eine verschneite Wiese schwebte, weil es keine Spuren Schnee hinterlassen wollte.
Dieses Mal aber blieb sie in der Ecke stehen und schloss ihre Augen.
Als sie ihre Augen wieder öffnete, stand ein älterer Herr mit weissem Haar und weissem Schnurrbart in der Tür. Er hatte einen schwarzen Gehstock und trug einen eleganten grauen Anzug.
Verstohlen blickte er sich im Raum um, als sein Blick auf ihr haften blieb. Erschrocken wich sie ein paar Schritte zurück. Er konnte sie doch gar nicht sehen oder?
Er zwinkerte ihr schelmisch zu und machte eine leichte Bewegung mit seinem Kopf in Richtung des roten Buches. Ehe sie verstand was er ihr sagen wollte, war er auf dem Weg zum Familientisch.
Als hätte ihre Grossmutter als einzige die Anwesenheit dieses charmanten Mannes bemerkt, drehte sie sich um. Sie schenkte ihm ihr bezauberndstes Lächeln.
Die düstere Stimmung war auf einmal verflogen.
Etwas überfordert wegen diesem plötzlichem Stimmungswechsel schlich sie zur Kommode. Ihre Hände zitterten, als sie das rote geheimnisvolle Buch öffnen wollte.
Sie drehte sich nochmals zum Tisch in der Mitte und hoffte, dass der Unbekannte ihr nochmals ein Zeichen gebe würde, dass sie das richtige tat.
Sie sah, dass er unterdessen auf dem Stuhl auf der rechten Seite ihrer Grossmutter Platz genommen hatte. Aus dem vertrauten Umgang, den die beiden pflegten, schloss sie, dass sich die beiden schon lange kennen mussten.
Nervös und gespannt zugleich schlug sie das schwere Buch auf. In schöner geschwungener Schrift stand dort:
„Ich habe Deine Grossmutter sehr geliebt und verehrt. Leider war uns unser Glück vergönnt und ich musste in den Krieg und kehrte nicht mehr zurück.
Das war unser Schicksal, aber nicht Deins. Du musst nicht die Lasten Deiner Grossmutter auf Dich nehmen.
Du bist jung und hast Dein Leben vor Dir.
Mache etwas daraus“
Mit Tränen in den Augen verliess sie den Raum ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie stieg die steinigen Stufen zurück und kam der vertrauten sanften Stimme immer Näher.
Sie hörte die Stimme von 10 rückwärts zählen und als sie bei 0 angekommen war hörte sie die Stimme klar und deutlich sagen:
Willkommen zurück im realen Leben.