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Et Cetera N°13 – 22. April 2017
Mein Onkel öffnet mir die Beifahrertür seines alten Volvo. Ich steige ein. Er startet den Motor, und wir rollen auf die Strasse. Nach einigen Minuten sagt er: «No?» Das ist Finnisch und bedeutet: «Warum bist du nach so vielen Jahren extra aus der Schweiz hierhergeflogen, um mich zu treffen?»
Ich antworte: «Ich wollte dich fragen, warum du so wenig sprichst.»
Nach einer Pause sagt er: «No joo.» Das heisst in Finnland: «Darüber habe ich noch nie nachgedacht.»
Der Grund, warum ich nach Finnland reiste, um mit meinem Verwandten über das Schweigen zu sprechen, war Slavoj Žižek. Der slowenische Philosoph hat vor Jahren in einem Interview sinngemäss gesagt: Alle Klischees sind wahr. Wie bei so vielem, was Žižek schnell mal dahinsagt, hat er irgendwie recht und liegt zugleich kreuzfalsch. Das Vorurteil über mein Volk: Finnen sind schweigsam. Das stimmt irgendwie, denn jeder Finne hat mindestens einen Verwandten, der mit dreissig Minuten Sprechzeit durchs Jahr kommt. In meiner Familie ist das mein Onkel. Und es ist zugleich kreuzfalsch, denn jeder Finne hat einen Verwandten, der so viel spricht, dass es für zwei Leben reicht. In meiner Familie bin das ich.
Es hat natürlich etwas Absurdes, mit einem Finnen über das Schweigen zu sprechen. Es ist, wie an einem Nachtessen mit Schweizern ein Gespräch über Pünktlichkeit zu beginnen. Man weiss, dass sie einen wichtigen Teil der kulturellen Identität ausmacht, aber müssen wir wirklich darüber reden?!
Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich meinen Onkel, einen schlanken, gross gewachsenen Mann mit schönen breiten Schultern, einer getönten Pilotenbrille, einem kurzärmligen Hemd und einer Schachtel Zigaretten in der Brusttasche. Meistens stand er draussen vor dem Haus meines Grossvaters, rauchte, schaute auf den See und nutzte sein Recht, die Aussage zu verweigern. Und doch hatte man nach keiner Begegnung das Gefühl, etwas sei ungesagt geblieben. Ich hatte ihn zwölf Jahre nicht gesehen, trotzdem wusste ich, es würde so sein, als hätten wir uns zuletzt Montagnachmittag zum Kaffee getroffen. So einer ist er, mein Onkel.
Wir sitzen in der Küche. Es ist 16 Uhr, der Fernseher läuft, meine Tante schenkt uns einen Cognac ein. Wortlos stossen wir an, mein Onkel trinkt nichts, er will mich später wieder in die Stadt fahren. Niemand sagt etwas. Vielleicht, denke ich, ist das hier das finnische Schweigen: Wir sagen nichts, nicht weil wir uns nichts zu sagen hätten, sondern weil gerade niemand etwas sagt. Ein solches Anschweigen am Anfang eines Besuches, eine Art zwischenmenschliche Schweigeminute, nennt meine Mutter odotellaan – rumstehen und zuwarten. Jedes Mal, wenn sie die Nachbarn ihres Sommerhauses besucht, stehen alle erst mal unentschlossen im Flur rum und praktizieren odotellaan. Statt wie sonst überall auf der Welt eine zwanglose Bemerkung zu machen – «Morgen soll es kälter werden» oder «Wie geht es den Kindern?» –, sagt man einfach nichts. Der deutsche Mann meiner Mutter hält das meistens genau sieben Sekunden aus, dann läuft er raus und raucht Pfeife. Meine Mutter sagt: Man muss doch erst mal ankommen und miteinander warm werden, bevor man etwas sagt.
Lieber ehrlich als höflich
«Warum sind Finnen so schweigsam?», frage ich unvermittelt. Auch das ist etwas sehr Finnisches: Du brauchst nicht lange herumzueiern, kannst direkt fragen – erhältst aber auch direkte Antworten. Wenn du einen Finnen fragst, wie es ihm geht, wird er dir, ohne zu zögern, antworten: Schlecht, ich habe mich gerade scheiden lassen. Oder: Gut, ich habe gerade eine Gehaltserhöhung bekommen. Ehrlichkeit und Direktheit wiegen mehr als Contenance und Etikette.
«Warum», frage ich also, «sind Finnen so schweigsam?»
«Das liegt an der Geschichte», sagt mein Onkel.
Finnland ist noch jung. Erst im Zug der Russischen Revolution von 1917 konnte sich das Land vom Zarenreich lossagen, dem es seit 1809 angehört hatte. Davor waren die Finnen etwa 650 Jahre Teil des schwedischen Königreiches. Also viele Jahrhunderte Untertanenschaft, in denen man keine Rechte, keine Sprache, keine Identität hatte. Länder wie Schweden (oder auch die Schweiz) wurden nie erobert, nie unterworfen, nie bedroht, erklärt mein Onkel. Das Wissen, dass du Herr im eigenen Land bist, dass du nichts zu befürchten hast, führt zu einer Art ungebrochenem Selbstbewusstsein, das dich befähigt, freundlich, höflich, sogar offen gegenüber anderen zu sein. Wir Finnen haben das nicht. Wir sind misstrauisch.
Mein Onkel sprach klar und kenntnisreich. Vielleicht, denke ich, ist dies das Geheimnis der finnischen Stille: Wir reden schon – einfach nicht mit jedem.
In der Revolution von 1917, fährt mein Onkel fort, gab es nicht wenige Stimmen, die sagten, es sei ein Irrsinn, selbstständig zu werden. Lieber solle man sich Russland anschliessen oder einen deutschen Adligen als König headhunten. So unsicher war man. Das klingt heute absurd, und doch ist der Minderwertigkeitskomplex tief verankert in der finnischen Kultur: Aus Angst, etwas Falsches zu sagen, sagt man lieber nichts. Das, ganz nebenbei, gilt auch als Grund für das Scheitern Nokias. In Gesprächen mit fünfzig Schlüsselpersonen fanden Forscher heraus, dass die Leute im mittleren Management Angst hatten, ihren Status in der Firma zu verlieren, und deshalb den Vorgesetzten nie widersprachen. In der Summe entstanden eine Art pluralistische Schweigekultur und ein einseitig positives Reporting ans Kader; Nokias Topmanager hatten bis zuletzt das Gefühl, ihre Entwickler seien auf Augenhöhe mit Apples iPhone.
Meine Tante schenkt Kaffee ein. Sie fragt: «Wie geht es deiner Mutter?»
In Finnland denkt man viel über die Verwandtschaft nach. Hat ein Auge auf alle Cousinen und Vettern, alle Eingeheirateten und Neugeborenen. Den einzelnen Familienzweigen spricht man verschiedene Eigenschaften zu. Manche sind ehrgeizig, aber etwas beschränkt, andere gelten als aufbrausend, aber hilfsbereit, wieder andere als gebildet, aber ungeschickt. Speziell beäugt werden jene, die ins Ausland gezogen sind. Wie meine Familie. Es hatte sich denn auch rasch im weiteren Familienkreis herumgesprochen, dass ich übers Schweigen recherchiere. Entfernte Cousinen meldeten sich mit steilen Theorien. Ein Grossonkel schickte mir den weit verästelten Familienstammbaum, meine Mutter steckte mir die Telefonnummer einer befreundeten Psychoanalytikerin zu. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass sie mir keine psychologische Konsultation nahelegte, sondern darauf hinwies, dass mir eine finnische Psychoanalytikerin vielleicht in der Frage weiterhelfen könnte.
Kurze finnische Psychoanalyse
Inkeri, so heisst sie, erklärt mir am Telefon, dass die Sprachlosigkeit eher ein Phänomen meiner Elterngeneration sei. Für deren Schweigen gebe es eine landschaftspsychologische und eine geschlechtspsychologische Erklärung. Die geografische: Leute im Westen des Landes und im Osten sind gesprächig, gesellig, gut gelaunt. Menschen im mittleren Finnland, in Häme, sind jene, auf die das Klischee des schwermütigen Schweigers zutrifft. Man müsse sich nur die Volkslieder ansehen, sagt sie. Das bekannteste ist «Taivas on sininen ja valkoinen», der Refrain geht so:
Der Himmel ist blau und weiss,mein Herz ist voller Sorgen.Ich spreche darüber mit niemandem,nur der dunkle Wald und der klare Himmelwissen um meinen Kummer.
Das ist eine recht präzise Beschreibung der finnischen Volksseele, analysiert Inkeri: Menschen wollen vor allem verstanden werden, aber wenn das Selbst von Schuldgefühlen geplagt ist, traut man sich nicht, die eigenen Gedanken zu äussern, aus Angst vor Ablehnung. Der finnische Ausweg wird in dem Volkslied ebenfalls besungen: Überhöhung der Natur und Lob der Einsamkeit.
Noch interessanter aber ist, was Inkeri über die geschlechtliche Dimension zu sagen hat: Das Schweigen, die Schüchternheit, die Angst, etwas Falsches zu tun –all das trifft fast nur auf Männer zu. Frauen sind mehrheitlich selbstbewusst und aufgeschlossen – Finnland war das erste europäische Land, das 1906 das Frauenstimmrecht einführte. Inkeris psychoanalytische Lesart des männlichen Schweigens: Die schweigsame, protestantische Erziehung zur Strenge hinterliess vor allem bei den Männern Spuren. Die verbale Unzulänglichkeit versuchte man durch verbissenen körperlichen Einsatz wettzumachen. Die Fähigkeit, selbst dann weiterzumachen, wenn man eigentlich nicht mehr kann, selbst wenn Angst, Erschöpfung oder Schmerz einen lähmen, nennt man im Finnischen sisu. Dank sisu, so die Legende, leisteten die Finnen im Zweiten Weltkrieg den Russen erbitterten Widerstand. Sisu erkennt man noch heute in der Leidensfähigkeit finnischer Wintersportler oder auch im Unwillen finnischer Saunagänger, die Sauna als Erste zu verlassen.
«Aber ist das denn nicht etwas Gutes?», frage ich vorsichtig.
«Nein, es ist eine Ersatzhandlung», sagt Inkeri, «Sprachlosigkeit ist die Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken, und sucht sich oft Ausdruck in Gewalt.»
«Also ist Schweigen etwas Schlechtes?»
«Sprachlosigkeit und Schweigen sind nicht das Gleiche», antwortet Inkeri.
Ein Gefühl der totalen Ruhe
Mein Onkel ist nicht unglücklich. Er bevorzugt einfach das Schweigen in einer Welt, die nie den Mund halten kann. Die meisten meiner Verwandten sind so. Selbst meine Mutter, eine für finnische Verhältnisse Universalgelehrte des Smalltalks, ist am meisten bei sich, wenn sie bei unserem Sommerhaus schweigend den Garten umgraben darf. Dann bindet sie sich die Haare mit einem Tuch nach hinten, steigt in die Gummistiefel, greift sich den Spaten und stapft mit einer fast kindlichen Zufriedenheit aufs Feld hinaus.
«Du kannst dich nur selbst kennen lernen, wenn du mit dir allein bist», sagt mein Onkel. (Wenn er mal spricht, redet er in druckreifen Aphorismen.) «Ich gehe in den Wald», fährt er fort, «um der Stille zu lauschen.» Die Stille zu ertragen, sie nicht zu stören, ist natürlich etwas verdammt Schwieriges, ungefähr so schwierig, wie im Restaurant nicht zum Smartphone zu greifen, während die Begleitung auf Toilette geht. Wer dem Impuls widersteht, erlebt auch kein Glücksgefühl, sondern erst einmal Langeweile. In Lappland nennt man die milde Depression, die Menschen aus südlicheren Gefilden überkommt, wenn sie längere Zeit in der Abgeschiedenheit des Nordens verweilen, mökkihöperö. Städter, die die Krankheit nach einigen zehrenden Tagen überwinden, erfahren dann jedoch das, was der Naturforscher Edward Wilson «Biophilie» nannte: ein Gefühl der totalen Ruhe, das einen überkommt angesichts einer tiefen Verbundenheit mit der Natur; ein Glückszustand, der nicht darauf beruht, dass etwas geschieht.
Mit dieser Haltung verkörpert mein Onkel, ohne es zu wissen, ein gewaltiges finnisches Rebranding-Projekt. 2010 hatten sich finnische Marketingexperten zusammengefunden mit dem nicht gerade bescheidenen Ziel, das abgelegene Finnland in eine weltberühmte Touristendestination zu verwandeln. Bis dahin war Finnland in der Welt für drei Dinge berühmt gewesen: Für einen heroisch abgewehrten Angriff der Russen im Winter 1939. Für ein Handyunternehmen, das es nicht mehr gibt. Für die besten Langläufer der Welt, die sich inzwischen allesamt als gedopt herausgestellt haben. Man fragte in die Runde: Was haben wir noch? Wir haben das beste Schulsystem, sagte jemand. Wir haben schönes, funktionales Design, sagte ein anderer. Wir können besser schweigen als andere, scherzte jemand.
Oma aika nennt man in Finnland die Zeit, die man mit sich selbst verbringt, in der das ewige Gequatsche ein Ende findet.
Ein halbes Jahr später hatte das finnische Tourismusbüro einen neuen Slogan: «Silence, please». Ruhe, bitte. Es ist die Aneignung und Umdefinition eines Stereotyps. Die Unlust zu reden wurde neu beschrieben als die Fähigkeit zu schweigen. Das Land verkauft sich als Quelle einer knappen Ressource: Stille. Das ist zunächst einmal ein schwer fassbares Gut. Man kann Stille nicht messen, wiegen, vervielfältigen oder exportieren. Und doch ist sie etwas, was den meisten Menschen fehlt. Und es fällt nicht schwer sich vorzustellen, dass Menschen in Zukunft bereit sind, viel Geld für dieses Gut zu zahlen.
Oma aika, sagt meine Tante dazu, Eigenzeit. So nennt man in Finnland die Zeit, die man mit sich selbst verbringt. In der das ewige Gequatsche und selbstvergewissernde Gerede ein Ende findet und man die Dinge mit sich selber aushandelt.
«Alle Menschen brauchen ein paar Stunden oma aika am Tag», sagt meine Tante.
«Oder den ganzen Tag», brummt mein Onkel.
«Und ich?», platzt es plötzlich aus mir heraus. «Was ist mit mir? Wieso rede ich so viel?»
«Du wohnst zu lange im Ausland», sagt meine Tante.
«Vielleicht musst du erst herausfinden, wo deine Stille liegt», sagt mein Onkel.
Abends bringt er mich wieder in die Stadt. Es ist schon dunkel.
«Jo», sagt er vielsagend (wenig sagend eigentlich).
Ich antworte, indem ich durch die gespitzten Lippen scharf Luft einziehe, sodass ein kurzer, heller Staubsaugerlaut ertönt. Wollte man Finnisch aus irgendeinem Grund auf einen einzigen Laut reduzieren, so wäre es dieser. Man hört ihn ständig. Er bedeutet wohlwollende Zustimmung und ist irgendwo anzusiedeln zwischen «Doch, sicher» und «Finde ich auch». Es ist das «Momoll» Finnlands. Ich schaue aus dem Fenster und versuche, Tohloppi, den See, an dem mein Grossvater sein Haus hatte, zu erkennen. Der See, in dem ich siebzehn Jahre lang jeden Sommer baden war, das Haus, in dem wir Kinder jeden Sommer auf den Dachboden schlichen, zuerst, um in Grossvaters Uniform aus dem Zweiten Weltkrieg herumzustolzieren, dann, um nach seinen Waffen zu suchen, und später, um heimlich auf dem Dach zu rauchen.
An dem Ort, wo ich die sorglosesten Tage meiner Kindheit verbracht habe, steht jetzt ein schmuckloses Reihenhaus. Mein Onkel sieht, dass ich das sehe. Er sagt nichts. Und damit alles: dass man das Vergangene nicht zurückholen kann, dass die Erinnerung aber auch trügen kann. Die ganze Wahrheit über die Traurigkeit der Wirklichkeit und des Lebens an sich steckt in diesem Schweigen. Vielleicht ist das hier das finnische Schweigen, denke ich. Wir schweigen, nicht weil wir uns nichts zu sagen haben, sondern weil es nichts zu sagen gibt.
Manche mögens heiss
Wie immer, wenn ich in Finnland bin, gehe ich in die Sauna. Es ist eine Rauchsauna, wie sie heute fast nicht mehr gebaut wird, die Wände sind schwarz vom Russ. Ich betrete den Raum und ziehe die Tür hinter mir zu; es wird dunkel und für einen kurzen Moment ganz still. Vorsichtig klettere ich auf die oberste Reihe, das Gebälk biegt sich bedrohlich unter den dicken Männerärschen. Ich starre andächtig auf die rot glühenden Kohlen und spüre meine tiefe Sehnsucht nach jener eigentümlichen Aufgehobenheit, die eine Sauna bietet. Einer greift den Holzlöffel, taucht ihn in den Eimer mit kaltem Wasser und schüttet präzise Aufgüsse auf die Steine. Ein wütendes Zischen steigt uns entgegen, gefolgt von einer unbarmherzigen Hitze.
Ich beuge mich nach vorne, stütze die Ellenbogen auf die Knie und schliesse die Augen. Man hockt da, kann kaum atmen und schon gar nicht denken und raubt damit der rechten Hirnhälfte, dem Sitz der Ratio, den Brennstoff. Langsam merke ich, wie die Rastlosigkeit und das konstante Abgelenktsein aus meinem Grossstadtkörper weichen. Ist das hier meine oma aika, die mein Onkel mich beauftragte zu suchen? Mein heiliger Ort der Stille?
Ich lächle und wende mich zu meinem Nachbarn, um ihm von meiner Erkenntnis zu berichten.