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Die Branchenorganisation Milch, die BO-Milch, kämpft. Sie kämpft mit ihrer Glaubwürdigkeit – denn die ist schlecht. Sie kämpft mit dem Butterberg – denn der schmilzt nur langsam. Und sie kämpft mit dem ABC, das sie selbst erfunden hat. Seit über einem Jahr müsste die in der Schweiz gehandelte Milch eigentlich in A-Milch für den geschützten Inlandmarkt, B-Milch für Milchprodukte ohne Grenzschutz und C-Milch für den Export auf den Weltmarkt segmentiert werden. Das ABC ist genau definiert, die Milchkaufverträge sind allgemeinverbindlich. Doch die Auswertung der Milchkaufverträge durch die BO-Milch zeigt, dass zwischen A, B und C Welten liegen.
Das ABC der Milch
Im A-Segment finden sich Milchprodukte mit Grenzschutz für den lnlandmarkt und Milchprodukte mit Rohstoffpreisausgleich (Schoggi-Gesetz, Verkäsungszulage, Branchenlösung). Im B-Segment sind Milchprodukte ohne Grenzschutz oder Rohstoffpreisausgleich für den lnlandmarkt und den Export in die EU vorgesehen, sowie verkäste Milch für besondere Projekte wie Exporte oder lmportabwehr. Im C-Segment sind ausschliesslich Milchprodukte, welche ohne Beihilfe (wie Schoggigesetz oder Verkäsungszulage) ausschliesslich für den Export ausserhalb der EU vorgesehen sind, wobei sämtliche Milchbestandteile exportiert werden müssen. Im Jahr 2009 betrug die Gesamtmilchmenge im A-Segment laut BO-Milch ca. 3’070’000 Tonnen, das ist etwa 90 Prozent der Milchmenge eines Jahres.
Am 1.Januar 2011 wurde die Segmentierung eingeführt. Trotzdem wurde im ersten Quartal des letzten Jahres offiziell kein einziges Kilo C-Milch geliefert und verarbeitet. Logischerweise hätte also weder Butter noch Magermilchpulver für den Weltmarkt produziert werden können. Der Butterberg wuchs trotzdem.
Im zweiten Quartal 2011 tauchten die ersten C-Milchverträge auf. 12'000 Tonnen C-Milch will die Produzentenseite da verkauft haben, während die Verarbeiter mit 44'000 Tonnen angeblich beinahe viermal so viel C-Milch verarbeitet haben. Im dritten Quartal des letzten Jahres gaben die Produzenten an 31'000 Tonnen C-Milch geliefert zu haben, während die Verarbeiter behaupteten sie hätten 54'000 Tonnen angenommen. Obwohl auch diese Daten noch meilenweit auseinander liegen zeigt der Geschäftsführer der BO-Milch, Daniel Gerber, noch Verständnis: "Die Segmentierung muss erst noch eingeführt und umgesetzt werden. Die Angaben werden mit jedem Quartal verlässlicher."
Günstig, Billig, Spottpreis
Verlässlicher vielleicht, aber werden sie auch realistischer? Bevor die BO-Milch die Segmentierung einführte, stellte sie umfangreiche Berechnungen an. Gemäss diesen müssten 90 Prozent der Gesamtmilchmenge, also rund drei Mrd. Tonnen Milch, im A-Segment liegen. Die Verarbeiter haben bislang aber nie mehr als 77 Prozent A-Milch gekauft; die Produzenten höchstens 82 Prozent A-Milch geliefert. Laut Berechnung der BO-Milch dürfte es rund fünf Prozent B- und C-Milch in der Schweiz geben. Die Verarbeiter kauften aber bis zu 14 Prozent der Milch zum C-Preis ein und bis zu 20 Prozent als B-Milch.
Milch ist weiss. Der Unterschied liegt nur im Preis. Und der ist gross: Die Milch vom Hof ist gemäss BO-Milch-Richtpreis derzeit gerade mal 29 Rappen wert, wenn sie in den C-Milchkanal verkauft wird. 55 Rappen sollten es sein, wenn sie den Euter als B-Milch verlässt, 64 Rappen wenn sie als A-Milch ermolken wird. Theoretisch jedenfalls. Denn nach wie vor wird die Segmentierung in A-, B-, C- Milch nicht bis zu den Milchbauern umgesetzt. Für rund 40 Prozent der Molkereimilch erhalten die Milchproduzenten weiterhin Mischpreise. Ob Miba, Lobag, Swiss Premium, Arnold AG, Prolait, Lanz Molkerei oder Züger Frischkäse: Die Bauern können gar nicht entscheiden, ob sie A-, B- oder C-Milch liefern. Sie liefern einfach Milch. Und bekommen dafür einen Preis bezahlt, der meistens nur ein paar Rappen über dem B-Richtpreis liegt.
Überhöhte Erwartungen
Das ist kein Zufall. Hunderte von Vollkostenrechnungen aus der ganzen Schweiz zeigen, dass allein das Futter für die Produktion von einem Kilo Milch rund 30 Rappen kostet – und zwar gänzlich ohne Stall-, Maschinen- oder gar Lohnkosten. Damit ist klar: Wer in der Schweiz zum C-Milchpreis produziert legt drauf.
Damit kommen wir zum Kern des Problems: Die Milchindustrie will weiterhin C-Milch verarbeiten, die Milchproduzenten können aber nicht zum C-Milchpreis produzieren. Statt nun auf die C-Milch zu verzichten, heben die Verarbeiter den C-Milch-Preis künstlich an.
Emmi zahlt z.B. derzeit franko Rampe 37 Rappen für C-Milch aus. Sie zahlt die Differenz natürlich nicht aus dem eigenen Portemonnaie, sondern verwendet dazu den Marktstützungsfonds, den ja bekanntlich die Milchbauern finanzieren.
Mit dieser Taktik bekommt die BO-Milch das Problem der Überproduktion aber nicht in den Griff. Markus Zemp, der Präsident BO-Milch, beschrieb an einer Tagung letzten November die Stimmung im Vorstand so: "Wenn etwas im Vorstand nicht passt, dann heisst es gleich entweder 'man trete aus' oder 'man klage'." Einzig die Milchverarbeiter in der BO-Milch wollen weder klagen noch austreten. Warum wohl?
Zu viel Milch? Von wegen!
Die Milchverarbeiter werden zwar nicht müde, die viel zu hohe Milchproduktion der Schweizer Bauern zu beklagen. Doch die Auswertung der Treuhandstelle Milch (TSM) zeigt, dass im Jahr 2011 erneut 1'423 Tonnen oder 0,04 Prozent mehr Milch bei den Bauern bestellt wurden, als im Jahr zuvor. Und wie schon im Jahr 2010 kamen die Milchbauern auch 2011 mit der Lieferung gar nicht nach. Sie dürften laut Schätzung die Vertragsmenge um etwa 100 Mio. Kilo unterliefert haben. Bei den von der TSM ausgewerteten Milchkaufverträgen handelt es sich allerdings um eine Momentaufnahme. Berücksichtigt wurden nur Verträge, die bis zum 23.September 2011 vorlagen. Die Milchverwerter und Produzenten können aber jederzeit neue Milchkaufverträge abschliessen oder bestehende Verträge anpassen. Die totalen Vertragsmengen könnten sogar noch höher sein. Ab gesehen davon haben nach wie vor zahlreiche Milchbauern überhaupt keinen Vertrag, in dem die Menge geregelt ist.