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Gedanken eines Literaturwissenschaftlers in der Selbstisolation, 3. Teil
Der weisse Esstisch, der aufgrund eines veränderten Beziehungsstatus den Weg aus dem Esszimmer in den Entsorgungshof finden sollte, dann aber auf dem Kiesplatz vor der Waschküche eine geduldete Existenz fristete, steht nun im rechten Winkel zur Hauswand und ermöglicht so dem dort Schreibenden den freien Blick in die Landschaft. Jedenfalls seit die Blautanne gefällt ist. Jetzt sitze ich hier mit einem Kaffeekrug, einem Schälchen Mocca-Glace und dem Computer. Hebe ich den Blick und denke mir den Wäscheständer fort, so beginnt hinter dem Gartenzaun Wiesengrün. Dann folgt ein frisches grünes Weizenfeld, welches durch eine von rechts nach links langsam ansteigende Linie begrenzt wird, auf der sich zwei SpaziergängerInnen im gebotenen Abstand bewegen. Eben sind sie durch den Schatten des grossen blühenden Birnbaumes hindurchgegangen, der freilich allmählich seine Blütenpracht durch grünes Laub vertauscht und also grün-weiss gesprenkelt ist. Gerne würde ich die Grüntöne präziser beschreiben, aber es fehlt mir die Übung zur Schilderung feiner Abstufungen und Schattierungen. Dahinter hebt sich sacht die Pferdekoppel mit einem Meer von Säublumen, Löwenzahn oder wie auch immer Sie zu diesen sonnengelben Wiesenpflanzen sagen mögen, die sich so malerisch in der Kulturlandschaft ausmachen und die doch niemand in seinem Garten dulden mag. Eine Erhebung weiter nach hinten zeichnet sich deutlich die Silouette des Kastanienbaumes ab, die sich in einem fast runden Schatten wiederholt, der sich über einen kleinen Hang unterhalb des Baumes in meine Richtung, also gegen Nordwesten, erstreckt. Noch weiter dahinter werden die Farben blasser, grünlich, bräunlich und schliesslich wird die Sicht durch einen Wald begrenzt. Selten durchschneidet ein glitzernder PKW hinter der Kastanie die Ansicht in einer fast waagerechten Linie.
Nach dem Anschlag auf ein französisches Satiremagazin in Paris vor fünf Jahren schrieb der Grand Old Man der berndeutschen Literaturszene, Beat Sterchi, in einem Essay «Auftakt mit Voltaire», er habe «gerade eine derart grosse Überdosis an Meinungsbeiträgen konsumiert», dass er sich auf das besinne, was nahe liege: «Wirklich hieb- und stichfest kann ich nur davon berichten, dass ich heute auf die Münsterplattform gegangen bin». Wenn ich die Feuilletonbeiträge der letzten Wochen lese, kommt mir Sterchis Satz in den Sinn: «Jeder und jede erklärt und rät und warnt und weissagt und droht!»(Sterchi)Beat Sterchi, Auftakt mit Voltaire, http://www.journal-b.ch/de/blogs/7/1871/Auftakt-mit-Voltaire.htm Ich schweige von den Kommentarspalten unter den Meinungsbeiträgen. Jedenfalls möchte ich mit Alfred Andersch leise dazwischenflüstern: «Ich kehre zu meinen Himbeer-Beeten zurück. Ich entschließe mich, sie weiter zu pflegen.»
Eigentlich sässe ich derzeit am Lenkrad eines geliehenen Wagens, um mit meinen vier Kindern die Rückreise vom Urlaub aus Omegna am Ortasee anzutreten. Nach einem kurzen Vaterkinderurlaub, Vierkindervaterurlaub. «L’evoluzione dell’epidemia in atto nella nostra Regione non consente ancora allentamenti. Per Omegna, come per altre Regioni, restano vigenti le disposizioni previste a scopo precauzionale.»
Nun wäre es ja möglich gewesen, den Urlaub mit den Kindern im Vaterhaus zu verbringen, zumal die Tage der von mir vorsichtig eingehaltenen Selbstisolation ereignislos verstrichen sind. Bei ohnehin komplexen Familienverhältnissen und teils noch einzuhaltender Selbstisolation fanden sich dann im Vaterhaus aber nur meine Hündin, mein Nesthäkchen und mein Urlaubsich ein, das allerdings erst noch aus dem Home Office-Alltag herausgeschält werden musste. Dies freilich fiel der Jüngsten nicht schwer, die in den abgezählten Vaterstunden auch deswegen ein überzeugtes Papakind ist, weil sie mich fast jederzeit um ihren kleinsten Finger wickeln kann.
Das Überraschende an dieser Krise ist ja ohnehin, dass sie neben einem grösseren Workload und insbesondere bei Einkäufen spürbaren Reglementierungen gleichwohl Momente einer Idylle bergen kann. Wie in frühen Kindertagen fange ich an, auf Kondenswasserstreifen am Himmel zu zeigen. Meine Hündin hat begonnen, die seltenen Spaziergänger*innen auf Sicht-, Hör- oder Geruchsdistanz zu verbellen, während sie sonst kaum den Kopf für die dicht am Gartenzaun vorbeiziehenden Hundebesitzer*innen, Schulkinder und Jogger*innen hob. Gut, das Bellen mag man in der Idylle als störend empfinden. –
Die Pseudoapokalypse, wie wir sie derzeit erleben, trägt eher das Gesicht von Marleen Haushofers Die Wand als von Sibylle Bergs GRM. Manchmal erinnert sie mich sogar eher an Ludwig Tiecks in freiwilliger Selbstisolation, Liebe und philosophischen Gesprächen lebendes Paar in der Novelle Des Lebens Überfluss. Allerdings zöge ich den Garten einer Dachwohnung vor. Ist es bereits Eskapismus, wenn man die sonnig-blauen Apriltage mit einem leichten Wind auf der Haut spürt und in seinen Ferien die unvermeidlichen Arbeiten mit Blick ins Grüne erledigt? Nichts jedenfalls sieht angesichts der Pandemie so gestrig aus wie ein vorjähriger dystopischer Roman. Fast nichts: Die gestrige Verschwörungs- oder ‘was-das-Virus-uns-sagen-will’-Theorie können hier gut mithalten.
Schon richtig, wir befinden uns in der Peripherie der Ereignisse, leben nicht in Bergamo, nicht in New York und nicht in Wuhan. Auch nicht im Tessin. Wir – also ein nicht unerheblicher Teil der Schweizer Bevölkerung, der allenfalls indirekt oder jedenfalls zur Zeit nicht ernsthaft betroffen ist – leben im Schutz umsichtig ergriffener Massnahmen in einer Grenzzone, in welcher die in freiwilliger Selbstbeschränkung vorübergehend aufgeopferten Gewohnheiten und das Funktionieren eines komplexen Sozial- und Wirtschaftsgefüges austariert werden müssen. Niemand kann noch guten Gewissens behaupten, Ausmass, Dauer und Bedeutung dieses Lebens in der Krise zu kennen.
Auch an der Universität sind Einschränkungen besonders im Forschungsbetrieb spürbar. Beeindruckend ist , wieviele Leistungen der Bildungsinstitutionen aufrecht erhalten werden können, wieviel Kreativität sich im Umgang mit der neuen Situation zeigt. In digitalen Gesprächen bekannten schon manche Kolleg*innen, sie seien auf Unterrichtsformen gestossen, die man mit Gewinn nutzen könne – und niemals im normalen Betrieb kennengelernt hätte. Die verbreitete Sorge, die Digitalisierung werde die persönliche Lehre verdrängen, erscheint derzeit unbegründet: Für die Studierenden stehen Lehrinhalte, persönlicher Austausch und Persönlichkeit der Lehrenden nach den nun gesammelten Erfahrungen in einem engeren Verhältnis, als dies manche befürchtet haben mögen. Anonyme Arbeitsaufträge, verzögerte Rückmeldungen oder blosse Leseaufträge werden dagegen kritisch kommentiert. Persönlicher Austausch und unmittelbare Reaktion können aber nicht nur im Seminarraum, sondern etwa auch in einem gemeinsamen digitalen Arbeitsdokument erfolgen. Die damit verbundene Schriftlichkeit ist eine spannende Erfahrung, und sie ändert auch die Seminarvorbereitung der Studierenden und der Dozierenden.
Kreativität gibt es in jedem Bereich. Wie viele andere kleine Geschäfte, liefert auch meine örtliche Buchhandlung, Nachfolgerin eines Burgdorfer Traditionshauses, in welchem damals Jeremias Gotthelf publizierte, derzeit ins Haus. Den Lesestoff für meine lesehungrige Jüngste und das neueste Buch meines liebenswerten Kollegen Roland Reichen liefert die ehemalige Burgdorfer Stadtpräsidentin persönlich in den Briefkasten – schneller als die grossen Versandriesen. Eine Kollegin berichtete am Telefon, sie habe gar nicht gewusst, dass es in ihrer Gegend so viele kleine Restaurants gebe, von denen sie nun abwechselnd das Mittagessen für sich und ihren Sohn hole. Wenn mein Blick kritisch durch den Garten geht, wünsche ich mir bald öffnende Gärtnereien. Es gibt Bereiche, in denen ich mir eine Rückkehr in die Normalität nicht vorstellen kann: Kreuzfahrten, Ressorthotels, Busreisen. Nicht dass ich persönlich den Verlust dieser Fehlentwicklungen des Massentourismus als ökonomische Erscheinung unserer Zeit mit allen negativen sozialen und ökologischen Folgen bedauern würde, aber all die Arbeitsplätze, die Einzel- und Familienschicksale, Lebenshoffnungen …
In meinem Garten, an meinem Haus nisten jedes Jahr fast ein Dutzend Spatzenpaare. Das Schreien der Spatzen ist jetzt nahezu der einzige Lärm hier. Ab und an fährt einer jener Geisterzüge vorbei, die das prinzipielle Funktionieren des Nahverkehrs demonstrieren. Irgendwo sitzt immer eine verlorene Gestalt im Zug. Wie das wohl ist, wenn man zur Stunde der Wochenendheimkehrenden allein im Zug sitzt? Das Frühjahr ist ungewöhnlich trocken. Den Spatzen stelle ich Wasserschalen in den Garten.
Roland Reichen nun freilich, den ich hier namentlich nenne, weil er mein Arbeitskollege an der Gotthelf-Edition ist und zudem ein hinreissend gut erzähltes Buch Auf der Strecki im Luzerner Verlag Der gesunde Menschenversand publiziert hat, der aber gleichwohl hier nur exemplarisch genannt wird… Roland Reichen also hat seinen Roman in den ersten Tagen des Lockdown publiziert. Schlechtes Timing, wenn es so etwas wie ein Timing geben könnte, wenn jemand doch über Monate, vielleicht Jahre an einem literarischen Werk gearbeitet und es dann zur Publikation gebracht hat. In unserem kleinen Land sind irgendwie angemessene Honorare für Auto*innen selten. Das ist nicht gerade eine Neuigkeit. Daher haben Leseauftritte mit neu erschienenen Büchern eine besondere Bedeutung für alle Schreibenden. Auch dies ist keine Neuigkeit, aber bei der Absage eigentlich sämtlicher Kulturveranstaltungen, darunter der wichtigen Berner Literaturfestivals – wie dem Thuner Literaare oder dem Festival Aprillen im Schlachthaustheater – und gar der Solothurner Literaturtage trifft einzelne Autorinnen und Autoren, die auf den Publikationstermin in diesem Frühjahr hingearbeitet haben, ein ganz und gar unverdientes Pech. (Die entsprechenden Verlage ebenso.) Facebook-Sofalesungen und Leseteaser vermögen dies nicht zu ersetzen. Bis in den Herbst wird sich der Literaturbetrieb gewiss nicht erholen – und wer weiss, was danach kommt.
Im Gegensatz zu Roland Reichens prägnanten Szenen aus dem Leben einer Familie am Rande zeigt sich in Sibylle Bergs ausufernder Dystopie GRM der Hang zum grossen interpretatorischen Wurf. Jede Figur der Erzählung ist durch wenige Eckdaten unzweideutig charakterisiert, wobei Männlichkeit zu den denkbar grössten – im Roman allenfalls mit einem massenweise verbreiteten Virus zu bekämpfenden – menschlichen Problemen gehört, die Welt in Grossbritannien untergeht und letztlich fast alle nur danach gieren, sich die Körper der Anderen zu unterwerfen. In Exkursen wird jedwede irgendwie bedeutsam scheinende Gegenwartsentwicklung ausgedeutet, so dass die Grenzen zwischen Spiegel-Kolumne und Roman vollkommen verschwimmen. Die Erzählung behauptet sich – man möchte sagen im gleichen Verhältnis zu ihrer Länge – als Instrument der Weltdeutung. Klaus Scherpe sagt in einer Vorlesung: «Wenn seit dem 19. Jahrhundert, von Hegel bis Lukács, aus der Anschauung die Weltanschauung wird, dann siegt, in Gedanken, die zur künstlerischen Norm erhobene, Sinn verheißende Erzählung.»(Scherpe)Klaus Scherpe, Beschreiben, nicht Erzählen! Beispiele zu einer ästhetischen Opposition: von Döblin und Musil bis zu Darstellungen des Holocaust Antrittsvorlesung 20. Juni 1994, https://edoc.hu-berlin.de/bitstream/handle/18452/2269/Scherpe.pdf?sequence=1. Die dystopische Erzählung, wenn sie nicht mit ganzer Anstrengung gegen die Sinnverengung geschrieben wird, ist sozusagen das Regietheater für Zukunftsentwicklungen, der parteiliche Spielplatz der Weltanschauungen. Nichts muss die Dystopie so sehr fürchten wie die nächste Krise.
Das ist jetzt etwas überdeutlich zugespitzt, und der Streit um Erzählung und Beschreibung ist poetologisch für die engagiertere Erzählung vielmals entscheiden worden. Ausserdem verschlinge ja auch ich – ebenso wie meine Tochter gerade die Bücher von David Walliams – Romane oder lasse mich von ihnen fesseln, darunter auch dystopische Werke wie jener Roman von Marleen Haushofer und Julia von Lucadous Zukunftsvision Die Hochhausspringerin oder die traumhaft schönen Bücher von Eleonore Frey. Jetzt, im Lockdown, in der Zeit einer Krise, die nicht das Gesicht der Literaturkrisen trägt, aber schon jetzt eine Vielzahl eiliger Deutungen (die ja Erzählungen sind) hervorgerufen hat, möchte ich lieber dem genauen Protokoll einer Beschreibung folgen. Mitten in der Krise schafft sie Raum selbst für die Idylle, die wir brauchen, um Luft zu holen. Beschreiben lässt sich ja nur, was man sehen, schmecken, hören, tasten kann (jedenfalls könnte), wenn die vielen Erzählungen der Medien momenthaft verstummen.
Und diese Momente am Rande der Erzählungen, in denen nicht schon alles gedeutet wird, schaffen Raum auch für Kritik, ja, Selbstkritik, an unseren gerade recht schwatzhaften Geisteswissenschaften, die nach Susan Sontags hinreissendem Essay über die Krankheit als Metapher, der den Blick für dergleichen Phänomene geöffnet hat, nun in die Deutungssucht verfallen sind: Wem gebührt der Pokal der Virusdeutung? Was bringt das Virus zum Vorschein, das schon längst in unseren Gesellschaften angelegt war? – Wurde das Orakel schon immer hinterfragt oder ruft erst die massenhafte mediale Inszenierung der Orakel unser Misstrauen hervor? – Vielleicht bräuchte es weniger unberufene Virustheorie als einen neuerlichen Rhetorical Turn: Welche Spiele spielen wir, wenn wir die Erscheinungen der Welt unseren Deutungen unterwerfen? Wie gehen wir dabei vor? Worüber reden wir, wenn wir über das Virus reden? Welchen Nutzen ziehen wir rhetorisch daraus? Geht es um die Deutungsmacht oder um das Ringen um Kohärenz zur eigenen Krisenbewältigung der Schreibenden?
Einstweilen zöge ich es vor, die Namen der Bäume zu lernen, an denen ich auf meinen Hundespaziergängen vorbeigehe, damit – wenn wieder andere Themen auf der Tagesordnung stehen – niemand sagen möge, wir vermieden das Gespräch über Bäume, weil wir sie nicht zu unterscheiden wüssten.
«Schau, Papa, da hinten leuchtet eine Birke. Und das dort ist eine Buche. Der einzelne Baum mit der Tropfenkrone dort ist eine Linde, und an der Kastanie weiter links lehnt eine Leiter. Das ist mein Lieblingskletterbaum.»
(Erstpublikation: Universität Bern in Zeiten Coronas.)