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Die Eröffnung von «Une famille respectable» ist derart fulminant, dass man sich fragt, ob hier nicht einer das Pulver zu früh verschiesst: Die Kamera gleitet durch einen Gang und eine Tür auf die Strasse, steigt in ein Taxi und wird quer durch eine nächtliche Stadt gefahren. Nach einigen Kurven liest der Fahrer ein paar weitere Fahrgäste auf. Dann stellt sich heraus: Das ist gar keine Taxifahrt, sondern eine Entführung. Plötzlich wird man als Zuschauer unsanft auf den Autorücksitz gedrückt, bevor der Film auch nur ein einziges Mal geschnitten wurde.
Mit dieser komplexen Plansequenz stellt sich Massoud Bakhshi gleich in der ersten Szene seines Spielfilmerstlings in die Tradition eines Orson Welles («Touch of Evil») oder eines Brian De Palma («Snake Eyes»), die sich ebenfalls an derartig langen Kamerafahrten versuchten. Doch die Szene wirkt keinesfalls wie eine blosse Virtuositätsdemonstration: Sie versetzt das Publikum unvermittelt und höchst wirksam in die Haut des Protagonisten, der im Verlauf des Films in einen Strudel aus unkontrollierbaren Ereignissen gerät.
Eine Familie mit Vergangenheit
Arash lebt 20 Jahre in Europa, bevor er wieder in den Iran zurückkehrt, um an einer Hochschule zu unterrichten. Dies erklärt zumindest teilweise, warum er die Usanzen in seinem Heimatland manchmal nicht mehr versteht, oder sie nicht mehr akzeptieren kann. Zwei Ereignisse markieren das Ende des Semesters: Die Behörden verhindern seine Ausreise, und seine Mutter erzählt ihm, dass sein Vater – von dem sie längst getrennt lebt – im Sterben liegt.
Der Tod des Vaters ist mit einer substantiellen Erbschaft verbunden – aber auch mit zahlreichen Fragen, von denen etliche in die Vergangenheit führen: Arashs Vater gehörte als Schwarzhändler zu den Profiteuren des ersten Golfkriegs in den 80er-Jahren, der die Beziehungen zwischen dem Irak und dem Iran nachhaltig prägte. Arash selbst hat diesen Krieg als Kind und Jugendlicher zu spüren bekommen – und dabei einen Bruder verloren.
Spannung aus dem Süden
Massoud Bakhshi spinnt nun eine Familienintrige rund um diese Hinterlassenschaft des Vaters, die natürlich auch symbolisch zu verstehen ist – der achtjährige Krieg als Schatten, der sich bis heute über die iranische Gesellschaft legt. Analog zur Eröffnungsequenz erzählt Bakhshi das Gerangel um diese Erbschaft und um Arashs Zukunft in der Tonalität eines Thrillers, er enthüllt die Geheimnisse seiner Erzählung in sorgfältiger Abfolge und ist darauf bedacht, den Spannungsbogen nie abflauen zu lassen.
Es ist nicht neu, dass sich iranische Filmschaffende an westlichen Vorbildern bedienen – viele von ihnen sind mit der französischen Nouvelle Vague der 60er vertraut und zitieren sie auch. Bakhshi sucht jedoch noch viel direkter die Nähe zu den düsteren und hektischen US-Thrillern der 50er, zum Film noir – wie dies vor zwei Jahren auch der Marokkaner Faouzi Bensaïdi mit seinem Sozialdrama «Death for Sale» erfolgreich getan hat, um nur ein Beispiel zu nennen.
Diese neuen, nervösen Thriller aus dem arabischen und persischen Raum mögen zurzeit noch Geheimtipps sein, aber sie sind in den meisten Fällen weit spannungsgeladener als die vergleichsweise konventionellen US-Thriller der Jetzt-Zeit.