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annabelle: Marianne Slot, was bedeutet Ihnen der Raimondo-Rezzonico-Award?
Marianne Slot: Es ist eine grosse Anerkennung. Interessanterweise gibt es nämlich nur ganz wenige Preise für Produzent:innen. Das Produzieren von Indie-Filmen ist ein hartes Business und deswegen hoffe ich, dass mir die Aufmerksamkeit, die dieser Preis mit sich bringt, auch helfen wird, meine nächsten Projekte zu finanzieren. Wenn jemand ausgezeichnet wird, glauben die Leute ja eher, dass derjenige auch wirklich gut ist. (lacht)
Waren Sie jemals verführt, sich statt dem Arthouse-Genre eher dem Mainstream zuzuwenden?
Nein, mein Interesse galt immer eher der Kreation als dem Kommerziellen. Ich mag es, Risiken einzugehen und ein Thema von allen Seiten zu erforschen.
Wie wird man Filmproduzentin?
Es gibt viele Wege, aber bei mir war es so, dass ich mit 18 von Dänemark nach Paris kam und bei einem Filmverleih anheuerte. Ich war sehr hartnäckig und nach einer Weile gaben sie mir einen Job. So war ich umgeben von diesen wundervollen Arthouse-Filmen, durfte mit an Festivals und habe viele Autor:innen und Filmschaffende kennengelernt. Dann habe ich meinen Chefs gesagt, dass ich stärker am kreativen Prozess beteiligt sein möchte. Und eine norwegische Regisseurin gab mir schliesslich die Chance. Sie sagte: «Ich habe ein bisschen Geld, damit möchte ich einen Kurzfilm machen und du sollst ihn produzieren.» Sie hat an mich geglaubt, obwohl ich noch keinerlei Erfahrung hatte. Das war 1993 und der Film landete direkt in der Offiziellen Selektion in Cannes. Ich glaube, ich habe meine Sache also ganz gut gemacht. (lacht)
Marianne Slot
«Als Produzentin muss man ohne Fallschirm aus einem Flugzeug springen können»
Was ist die wichtigste Fähigkeit, die eine Produzentin haben muss?
Man muss ohne Fallschirm aus einem Flugzeug springen können! Man muss führen können, Multitasken, man muss wissen, welche Leute zusammen etwas Bedeutendes kreieren können. Und man muss unter Druck immer das grosse Ganze im Blick behalten. Das allerwichtigste aber ist die Partnerschaft zwischen Produzent:in und Regisseur:in. Oft arbeitet man ja mehrere Jahre zusammen, in guten, wie in schlechten Zeiten – wie in einer Ehe. Wenn diese Beziehung nicht funktioniert, hast du nichts.
Mit Lars von Trier sind Sie diese Ehe eingegangen. Seit 28 Jahren sind Sie seine französische Produzentin.
Ja, genau. Und er hat mich nur einmal betrogen! Und ist dann reumütig zurückgekommen. (lacht) Ich bin so dankbar, dass dieser geniale Filmemacher, der so talentiert, aber auch so fordernd ist, mir in so jungem Alter eine Chance gegeben hat. Ich habe ihn zum ersten Mal an einem dänischen Filmfestival in Paris getroffen, an dem ich als Assistentin teilnahm. Er war sehr unhöflich und unangenehm zu mir. Aber das hat mich angespornt, ich wollte wissen, was hinter dieser Maske steckt. Wer ist dieser Mann?
Lars von Trier ist bekannt dafür, Grenzen zu sprengen, aber auch für ein anspruchsvolles Arbeitsklima am Set, insbesondere in der Arbeit mit seinen Schauspieler:innen.
Wir leben in einer Gesellschaft mit klaren Regeln, die respektiert werden müssen. Das gilt auch für Künstler. Man darf auch im Namen der Kunst keine Dinge tun, die jemandem wehtun. Es ist eigentlich sehr einfach, die Regeln sind klar. Und zum Glück wird mittlerweile auch viel genauer hingeschaut. Das soll den Kreativen keine Angst machen, aber ich erwarte, dass man vorsichtig und sensibel mit anderen Menschen umgeht. Auch am Set. Ich bin als Produzentin dafür verantwortlich, dass sich alle wohlfühlen, damit sie gute Arbeit leisten können.
Hat sich das Produzieren seit der #Metoo-Bewegung verändert?
Ich glaube, wir lernen alle noch. In Frankreich gab es einige Massnahmen, die ich persönlich sehr begrüsse. Man muss vor Drehstart einen Fragebogen ausfüllen, um sicherzustellen, dass man ein gesundes Arbeitsklima schafft. Ich dachte, ich wäre in der Hinsicht sehr gut aufgestellt, musste aber feststellen, dass es noch einiges zu tun gab. Es braucht Schulungen, damit alle sensibilisiert werden. Ich finde im übrigen auch nicht, dass uns diese Massnahmen in unserer Kunst einschränken. Wenn man ein anständiger Mensch ist, sind die Regeln leicht einzuhalten.
Marianne Slot
«Wenn man ein anständiger Mensch ist, sind die Regeln leicht einzuhalten»
Wie schaffen Sie es, dass Künstler:innen im Budget bleiben?
(lacht) Ich bin keine dieser Produzent:innen, die wie eine Polizistin das Budget überwachen. Ich tue das Hand in Hand mit der Regie. Bei Arthouse-Filmen müssen alle mithelfen, dass die Kosten möglichst gering bleiben. Das wissen auch alle, die sich auf diese Art von Film einlassen. Wir haben grosse Ambitionen und wenig Geld, so ist es jedes Mal. Manchmal ist man aber am kreativsten, wenn das Budget begrenzt ist und man erfinderisch werden muss. Es gilt, mit dem vorhandenen Geld den bestmöglichen Film zu machen. Bei uns geht es nie um grosse Gewinnspannen, die haben wir ohnehin nicht, weil wir kaum Geld mit dieser Art von Filmen verdienen. (lacht)
Wie war die Arbeit mit Björk und Lars von Trier für «Dancer in the Dark»?
Ich sage Ihnen, es war sicher nicht einfach. Wir hatten es mit zwei sehr starken Persönlichkeiten zu tun, zwei Menschen mit sehr klarer künstlerischer Vision, die es beide gewohnt sind, immer entscheiden zu können. Das kann natürlich explosiv sein. Aber der Film ist ein Meisterwerk der Filmgeschichte und das zählt am Ende.
Waren Sie an der unangenehmen Presskonferenz in Cannes dabei, in der Lars von Trier während der Promotion für «Melancholia» mit seinen Kommentaren über Nazis Schlagzeilen machte?
Ja, aber das Kapitel ist für mich geschlossen.
Dann lassen Sie uns nach vorne schauen: woran arbeiten Sie aktuell?
Wir haben gerade die Premiere von «Eureka» gefeiert, einem Film mit Viggo Mortensen, der es in die Offizielle Selektion in Cannes geschafft hat. Und ich arbeite mit dem Regisseur Benedikt Erlingsson an einem Projekt namens «Normal Men». Ausserdem habe ich gerade eine junge mexikanische Regisseurin entdeckt…
Es gibt mittlerweile zum Glück viel mehr weibliche Produzentinnen, aber im Regiefach sind Frauen nach wie vor eher selten.
Es geht immer um die Verteilung von Macht und der Job der Regisseurin ist mit die mächtigste Position an einem Filmset, insofern würde ich mir mehr Frauen in dieser Rolle wünschen. Es ist doch erstaunlich: Hollywood verändert sich gerade stark, es wird aufgepasst, dass Gleichberechtigung herrscht und missbräuchliches Verhalten wird nicht mehrt toleriert. Und gleichzeitig passiert politisch in den USA das genaue Gegenteil: es werden Entscheidungen getroffen, die die Rechte von Frauen fundamental beschneiden. Diese Diskrepanz ist beängstigend.
Im Rahmen des Filmfestival Locarno erhält Marianne Slot den Raimondo-Rezzonico-Preis. Der Preis wird am 5. August verliehen und umfasst eine Vorführung des Films «Woman At War» (Regie: Benedikt Erlingsson), den Slot produziert hat. Am Tag darauf nimmt Slot an einer Podiumsdiskussion teil. Alle Infos zu Festival gibt es hier .