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Kultur
"Jemanden wie ihn hatte man noch nie gesehen"
Truman Capote (1924-1984) verdankt die Welt einen der eindrücklichsten Tatsachenromane (Kaltblütig), den ich kenne. Und noch ein paar Dinge mehr. George Plimpton, der 2003 verstorbene Herausgeber der "Paris Review" hat dem aussergewöhnlich talentierten, egomanischen und gänzlich unmöglichen Capote mit der nun vorliegenden Biografie ein Denkmal geschaffen.
In einem Interview mit der New York Times, das sich auch in diesem wirklich tollen Buch findet, behauptete Capote mit "Kaltblütig" den Tatsachenroman als neue literarische Form erfunden zu haben (und vergass dabei, das Lillian Ross mit "Film" vor ihm da war) und ein handwerkliches Rüstzeug verlange, das über die Möglichkeiten der meisten Romanautoren hinausgehe - "die Fähigkeit, lange Unterhaltungen wörtlich wiederzugeben, und zwar ohne sich Notizen zu machen oder Tonbandaufzeichnungen zu verwenden" sowie "ein gutes Auge für visuelle Details".
Schon der junge Capote war ein recht spezieller Typ. Er stammte aus bescheidenen Verhältnissen, war talentiert und erfand sich: "Er zog fast jeden Tag frische Sachen an, was Kinder normalerweise nicht tun, vor allem nicht auf dem Land, weil dort noch von Hand gewaschen wurde." Für Eugene Walter, den Dichter und Autor aus Mobile, Alabama, war er "ein Pummelchen, nicht wirklich übergewichtig, aber er sah seltsam aus, wie ein Bullterrier." Im Verlauf seines Leben erhielt Capote einmal eine Bulldogge zum Geschenk, die er vergötterte, was John Huston zur Bemerkung veranlasste, das sei kein Wunder gewesen, "denn wie ich schon sagte, er war selber eine."
"Truman Capotes turbulentes Leben ..." lässt ganz viele Wegbegleiter Capotes zu Wort kommen, von Dominick Dunne und John Kenneth Galbraith über Norman Mailer und William Buckley Jr. zu Andy Wahrhol und Jann Wenner, dem Gründer und Chefredakteur von "Rolling Stone". Dies geschieht in der Form von Interviews und das fand ich besonders spannend, weil ein Leben als "oral history" erzählt viel lebendiger wirkt als bei einer dieser pseudo-objektiven Abhandlungen, bei denen häufig vor allem wichtig scheint, dass kein Detail unerwähnt bleibt. Dass dieses Buch für alle Klatschfreunde eine höchst spannende Lektüre ist, liegt natürlich auch an den Mitwirkenden, von denen keiner sich scheut, den Mund aufzumachen und eine Meinung zu haben. Es ist ein Segen, dass die englische Originalausgabe 1997 und damit vor der heutzutage grassierenden "political correctness" erschienen ist.
À propos Details: da finden sich ganz, ganz viele und höchst aufschlussreiche. Jedenfalls für den, der auf die Geschichten hinter den allseits bekannten neugierig ist. Dass etwa Harper Lee ("To Kill a Mocking Bird") zusammen mit Capote in Monroeville, Alabama, aufwuchs und ihr Jurastudium eine Woche vor der Abschlussprüfung sausen liess, weil sie lieber Schriftstellerin werden wollte. Oder dass Carson McCullers viel Wein trank und ständig knapp bei Kasse war. Oder dass sowohl McCullers wie auch Capote die Fähigkeit besassen, in den Worten der Professorin Virginia Carr, " die Wahrheit zu verändern und zu verbessern." Möglicherweise (es gibt für den Vorfall keine Zeugen) hat das auch zum Zerwürfnis zwischen Capote und Gore Vidal geführt und in einer Klage Vidals mündete (sie wurde schliesslich aussergerichtlich beigelegt).
Überaus unterschiedlich nahmen die Befragten auch Capotes Wohnung im UN Plaza wahr. Für Leonora Hornblow hatte sie einen deutlichen Südstaaten-Touch, der Redakteurin Lenore Hershey fielen vor allem die zahlreichen Porträts von Capote selber auf, und auf Jan Cushing wirkte sie heruntergekommen, sehr deprimierend und sehr exzentrisch ...
Die Interviews wechseln sich ab mit Intermezzi. In einem davon erzählt Kate Harrington, John O'Sheas Tochter, ihre Geschichte - mit dem verheirateten John O'Shea, einem Alkoholiker, hatte Capote eine stürmische Beziehung. In einem andern wird ausgeführt wie Capote Peggy Lee, eine seiner Lieblingssängerinnen, trifft - eine berührende Schilderung, wo unter anderem dieser sehr clevere Satz zu lesen ist: "Ich glaube, deshalb hasste er die Reichen, weil sie - mit Ausnahme einiger weniger Freunde wie Babe - ihm gegenüber nie offen waren, sich nie verletzlich zeigten."
George Plimpton hat mit "Truman Capotes turbulentes Leben kolportiert von Freunden, Feinden, Bewunderern und Konkurrenten" ein ganz wunderbares Buch voller Klatsch und Tratsch geschaffen - und besser kann man so recht eigentlich das Leben des Klatschmauls Capote gar nicht würdigen. Eine meiner liebsten Capote-Charakterisierungen stammt von Norman Mailer und geht so: "Truman war so er selbst. Jemanden wie ihn hatte man noch nie gesehen oder auch nur vermutet, dass es so jemanden überhaupt gäbe. Und da war er! So lebendig, so selbstsicher."