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Von
den vielen Formen, die es im okinawanischen Shôrin ryû gibt, wählte
Meister FUNAKOSHI GICHIN jene aus, die seiner Meinung nach für die wichtigsten
Karate-Aspekte repräsentativ waren und dem späteren Meister die Möglichkeit
eröffnen, in jeden Bereich des okinawanischen Karate vorzustoßen.
Diesen "mittleren Weg", von dem Meister Funakoshi auch in "Karate-dô Kyôhan" spricht, fand er in der Auswahl von 15 Kata. Er erlaubte jedoch, dass seine Schüler auch andere alte Karate Kata studieren durften.
Doch die Shôtôkan-Schule, wie sie sich in den 30er Jahren herauszubilden begann, konzentrierte sich auf das Bunkai dieser 15 Kata. Bis heute hat sich diesbezüglich nichts geändert, obwohl es Im modernen Shôtôkan-System inzwischen eine große Anzahl von Kata gibt.
In
diesem System verwendete er die Heian zur Ausbildung der Kyû-Grade (zu jener
Zeit gab es fünf Kyû-Stufen: Heian shodan, Heian nidan, Heian sandan,
Heian yondan, Heian godan) und die Tekki (Tekki shodan, Tekki nidan, Tekki sandan)
zur Heranbildung eines guten Standes und der Verbindung zwischen Stand und Technik.
Die Bassai und die Kankû kamen wegen ihrer großen technischen Vielfalt in den Stil und galten als die wichtigsten Kata des Systems.
Die Hangetsu übernahm Meister Funakoshi, um die Grundprinzipien der Shôrei-Schulen zu lehren, die Enpi sollte die Beweglichkeit der Hüften, das Ausweichen und die Schnelligkeit betonen, während die Jitte die grundlegenden Abwehrprinzipien (Muskelarbeit in der Abwehr, verbunden mit Energiefluss und Stand) enthielt.
Die Jion lehrt einen direkten geradlinigen Kampfstil mit starken Techniken, ohne Zurückweichen, während die Gankaku den psychologischen Aspekt des Kämpfens mit Zanshin (Geistesgegenwart), Yomi (Vorausahnen) und Suki (Ausnutzen einer Chance) enthält.
Durch
diese Zusammenstellung sah Meister Funakoshi die Vielfalt des okinawanischen Hauptsystems
ausreichend vertreten und die Chance für seine Schüler gegeben, sich
in beliebige Richtungen weiterentwickeln zu können, nachdem sie selbst erfahrene
Meister geworden sind.
Sein Unterricht bestand im wesentlichen aus Kata und Bunkai und baute auf den Prinzipien des okinawanischen Shuri te der ITOSU-Schule auf. Um die Einzeltechniken zu perfektionieren, ließ er Kihon (Grundschule) und am Makiwara (Schlagpfosten) üben. Aus der großen Vielfalt der Körperpunkte (Kyûsho) wählte er diejenigen aus, die in den 15 stilspezifischen Kata angegriffen werden, und stellte sie in einem System zusammen, das man Jintai kyûsho nennt. Dieses gilt im Shôtôkan Karate nach wie vor als Leitlinie für die anzugreifenden Körperpunkte in den Kata-Bunkai. Dazu gehört die Perfektion der entsprechenden Technik und das Beherrschen verschiedener Formen der Kraft (Kime).
Kata
(Form, Gestalt)
In den Kampfkünsten steht der Begriff Kata für eine genau festgelegte Serie von Techniken, in denen die Methoden und Kampfstrategien gegen eine Angreifer verschlüsselt sind.
Man unterscheidet:
Shitei kata - eine Pflicht-Kata, die der Meister dem Schüler als essentiell für das Verständnis des Stils empfiehlt - und
Tokui kata - eine individuelle Kata ("Lieblingskata"). Nach einer gewissen Anzahl von Jahren sollte ein Übender des Karate seine Kata-Studien auf eine oder zwei Kata beschränken, die er für das Verständnis des Kampfes ausgewählt hat. Diese Kata müssen ins Bunkai (Aufgliederung, Analyse und Studium der Kata) übersetzt werden.
Jede Kata beschreibt eine Embusen, eine Bodenlinie, die den Verlauf der Bewegungen und Richtungsänderungen der Kata symbolisiert; die Embusen hat immer einen markanten Punkt (Kiten), auf dem die Kata beginnt und endet.
Die
Shôtôkan Kata
Taikyoku
Vorbereitende Kata, universelle Kata
Die Wortsilbe Tai bedeutet "groß", Kyoku kann, als Substantiv "Ende" oder "Pol", als Adjektiv "extrem" oder als Verb "bis zum Ende gehen", "durchdringend studieren", "das Extreme erreichen" bedeuten.
Ursprünglich gab es drei Taikyoku kata (Shodan, Nidan und Sandan), entwickelt von FUNAKOSHI GICHINs Sohn YOSHITAKA, danach erweiterte HENRY PLEE, sie auf sechs (Yondan, Godan und Rokudan). Heute werden die Taikyoku kata in ihrer ursprünglichen Form nur wenig geübt. In den Lehrplänen des S.K.I.Ö. ist die Taikyoku shodan enthalten.
Die Taikyoku kata haben sich in abgeänderter Form in mehrer Stile des Karate übertragen und werden zu verschiedenen Zwecken verwendet. In vielen Fällen unterliegen sie der freien Gestaltung der Lehrer, die sie dazu verwenden, die Grundtechniken (Kihon) zu üben. In diesem Sinn kann man z. B. die Techniken der Taikyoku mit anderen Grundtechniken ersetzen. Das Schrittdiagramm (Embusen) bleibt dabei immer das gleiche, während die Schüler mit Abwehrtechniken (Uke waza), Stoßtechniken (Tsuki waza), Schlagtechniken (Uchi waza) und Fußtechniken (Keri waza) ihren Ablauf üben.
Taikyoku shodan
Als Abwehrtechnik wird Gedan barai und als Angriffstechnik Chûdan oi zuki trainiert.
Taikyoku nidan
Entspricht der Taikyoku shodan, nur wird die Angriffstechnik Jôdan ausgeführt.
Taikyoku sandan
Entspricht der Taikyoku nidan, jedoch wird auf den Querbahnen Gedan barai gegen Uchi ude uke in Kôkutsu dachi getauscht.
Heian
Grundkata, friedvoller Geist
Eine Gruppe von fünf Karate-Kata (Heian shodan, Heian nidan, Heian sandan, Heian yondan und Heian godan), die die wichtigsten Bewegungsprizipien und die fundamentale Techniken schulen. Die Heian kata sind identisch mit den in anderen Stilen (Ryû) geübten Pinan kata.
Im Shôtôkan ryû wurden sie von Meister FUNAKOSHI GICHIN in Heian umbenannt. Heian ist eine Epoche in der Geschichte Japans und setzt sich aus den Anfangssilben der Bezeichnungen Heiwa und Antei zusammen, was in der Übersetzung "Frieden" und "Ruhe" bedeutet.
Heian shodan
Im Shôtôkan ryû ist die Heian shodan die erste Kata der Heian-Gruppe. Sie schult die Abwehrtechniken Gedan barai, Jôdan age uke und Shutô uke. Chûdan oi zuki und Tettsui uchi werden als Angriffstechniken verwendet. Alle Techniken werden in den Stellungen Zenkutsu dachi und Kôkutsu dachi ausgeführt. In der Heian shodan werden vor allem Beinbewegungen und Richtungsänderungen, die Haltung des oberen Körpers und die Spannungsverhältnisse geübt.
Heian nidan
Die Heian nidan ist im Shôtôkan ryû die zweite Kata der Heian-Gruppe. Ursprünglich hat man mit ihr begonnen, was in einigen Karate ryû auch noch heute der Fall ist. Das Embusen gleicht dem der Heian shodan. Die Kata umfasst jedoch einen größeren technischen Bereich. Neu in ihr sind zwei Fußtechniken Yoko geri keage und Mae geri. Das Wesen der Kata ist das Gyaku-Prinzip. Im Gegensatz zur Heian shodan, die den geradlinigen Einsatz der Hüfte lehrt, schult die Heian nidan den Einsatz der gegenseitigen Hüfte. In der Anwendung übt sie Distanz.
Heian sandan
Die Heian sandan ist die dritte Kata der Heian-Gruppe. Ihr Bewegungen sind die Basis für die späteren Kata Tekki, Jion, Jitte und Ji'in. Die Kata enthält viele Techniken für den Nahkampf und schult vor allem die Stellung Kiba dachi. In dieser werden mehrer Formen der Bewegung verwendet: das Vorgehen im großen Schritt, die Rückwärtsdrehung und das gleichzeitige Gleiten der Füße.
Heian yondan
Die Heian yondan ist die vierte Kata der Heian-Gruppe. Ihr Ablauf ist durch eine große Dynamik gekennzeichnet, durch das Studium der doppelten Abwehrformen und den Gebrauch von Fußtechniken. Wahrscheinlich wurde sie aus der Kankû entwickelt.
Heian godan
Die Heian godan ist die fünfte und letzte Kata der Heian-Gruppe. In ihr vereinigen sich mehrere Grundprinzipien des Karate: Mizu nagare no kamae stellt ein bedeutendes Prinzip der Abwehrtechniken dar, wechselnde Abwehrformen zwischen Gedan, Chûdan und Jôdan, Ergreifen des gegnerischen Arms und Kontern, Kontertechnik mit Blickwechsel, Vermeiden eines Angriffs durch einen Sprung, Abwehren und Kontern (Tai sabaki) mit Nagashi-Techniken, die klassische Kamaekata Manji gamae usw. Durch die Vielfalt der Techniken lehrt diese Kata bereits einen umfangreichen Kampfstil. Gleichzeitig stellt ihre Ausführung jedoch hohe Ansprüche an Rhythmus und Timing. Die Kata kombiniert abwechselnd schnell aufeinanderfolgende Bewegungen mit schnell ausgeführten Techniken.
Tekki
Eisenreiter, Seitwärts kämpfen
Heute ist Tekki eine aus drei Kata bestehende Gruppe (Tekki shodan, Tekki nidan und Tekki sandan), deren besonderes Merkmal die Stellung Kiba dachi und die Seitwärtsbewegung (Yoko ichimonji) ist. Alle drei sind Weiterentwicklungen der alten Naihanchi. Auf Okinawa übt man sie heute in Tomari und in Shuri. Durch die Stellung Kiba dachi und den seitlichen Überkreuzschritt (Yoko sasha ashi) entwickelt sie einen besonders festen Stand und ein gutes Gefühl für die aufrechte Haltung des oberen Körpers.
Bassai
Sturm auf die Festung, Die Mauern zerstören
Die Passai war eine der ersten chinesischen Kata-Formen auf Okinawa. Sie fand zweimal voneinander unabhängige Wege nach Okinawa. Einmal durch Meister OYADOMARI PEICHIN (Ôyadomari no passai), der der innere Schüler von SHIONJA, einem Experten der südlichen chinesischen Stile, war.
Zum Anderen durch Meister MATSUMURA NABE (Matsumura no passai), der die noch heute als höchstentwickelt geltende Passai-Variante Okinawas entwickelte.
Meister ITOSU YASUTSUNE veränderte sie nach seinen Vorstellungen und gründete noch eine zweite Variante. Um sie voneinander zu unterscheiden, nannte er die erste Passai dai und die andere Passai shô. Die Itosu-Variante (Itosu no passai) war der Ursprung für die japanische Kata Bassai dai (Sturm auf die Festung - groß) und Bassai shô (Sturm auf die Festung - klein). Sie verbreitete sich vor allem über Meister FUNAKOSHI GICHIN und MABUNE KENWA.
Beide Kata zeichnen sich durch einen entschlossenen Kampfgeist und durch kraftvolle Vitalität aus. Man soll sie in Würde vortragen. In ihnen ist die Beherrschung der Ruhe in der Bewegung und im Wechsel zum plötzlichen entschlossenen Handeln von großer Bedeutung.
Kankû
Blick in den Himmel, In den Himmel schauen
Kankû ist die japanische Kata-Variante der okinawischen Kûshankû. KUSHANKU war der Name eines chinesischen Kampfkunstexperten, der im Jahre 1756 als Gesandter des chinesischen Ming-Kaisers nach Okinawa kam. Kûshankû hatte zwei Schüler: CHATAN YARA und den Tôde-Meister SAKUGAWA, der jedoch die ursprüngliche Kûshankû veränderte.
Schließlich gelangte die Sakugawa no kûshankû über MATSUMURA SOKON in die Itosu-Schule. Meister ITOSU YASUTSUNE änderte wiederum die Kata nach eigenen Vorstellungen (Itosu no kûshankû) und benannte sie Kûshankû dai. Er gründete jedoch noch eine zweite und eine dritte Kûshankû-Variante. Die zweite nannte er Kûshankû shô, die sich besonders stark über seinen Schüler CHOSHIN CHIBANA im Kobayashi ryû verbreitete. Die dritte Kûshankû-Variante ist die Shihô Kûshankû, in der er Elemente beider Varianten vereinigte. Sie hat sich jedoch in keinem Stil wirklich durchgesetzt.
Im Shôtôkan ryû kennt man Kankû dai (Blick in den Himmel - groß) und Kankû shô (Blick in den Himmel - klein). Der Name Kankû wurde von Meister FUNAKOSHI GICHIN eingeführt.
Kankû schult eine umfangreiche Technik und einen umfassenden Kampfstil. Sie enthält viele Arten der Bewegung, die abwechselnd schnell und langsam ausgeführt werden. In ihrem Ablauf wechselt die Technik häufig zwischen dynamischem und leichtem Krafteinsatz.
Hangetsu
Halbmond, Dreizehn Hände
Hangetsu ist eine japanische Kata, die ursprünglich aus dem okinawischen Shôrei ryû stammt. Das Original (auf Okinawa Sesan) wurde von MATSUMURA SOKONs Frau aus den Shôrei-Stilen übernommen und für das Shôrei ryû verändert.
Sesan wurde schließlich vom Meister FUNAKOSHI GICHIN in die 15 grundlegenden Kata des Shôtôkan ryû aufgenommen und in Japan in Hangetsu umbenannt. Die Bezeichnung stammt von den halbmondförmigen Bewegungen der Füße (Hangetsu hoko), durch die man sich in der Kata bewegt.
Obwohl im Shôtôkan ryû die Gôjû-Atmung (Ibuki) selten gebraucht wird, übt sie dennoch die Kraft und Ausdauer des Körpers. Sie vermittelt ein ausgezeichnetes Gefühl für die Festigkeit des Standes und die korrekte Haltung des oberen Körpers. Die Kata eignet sich für den Muskelaufbau, besonders im Rückenbereich.
Gojûshiho
Vierundfünfzig Schritte, Phönix
Vermutlich hat MATSUMURA SOKON die Kata aus China mitgebracht. Man kann in ihr Elemente des chinesischen Tiger- und Kranichstils erkennen, die in China bis hin zum Shaolin-Kloster zurückgeführt werden können. Die Techniken der Gojûshiho (der chinesische Name lautet Useishi) werden im Bubishi (altes chinesisches Dokument unbekannten Ursprungs, das mehrere chinesische Stile behandelt) erläutert und als "54 Schritte des schwarzen Tigers" und "Gebrauch der weißen Kranichfaust" bezeichnet. Die Kata ist sicher eine der ältesten okinawanischen Formen.
Als die Shuri te-Version der Gojûshiho nach Japan gelangte, nannte Meister FUNAKOSHI GICHIN sie Hotaku (Spechtklopfen). Die Bewegungen eines Spechtes, der mit seinem Schnabel gegen einen Baum klopft, sollen hier sichtbar werden. Doch heute gebraucht man wieder ihren ursprünglichen Namen Gojûshiho.
Im Shôtôkan ryû gibt es zwei Formen: Gojûshiho dai (54 Schritte - groß) und Gojûshiho shô (54 Schritte - klein).
Enpi
Flug der Schwalbe
Ihr okinawanischer Name lautet Wanshu und ist eine der ältesten Kata im Shôtôkan ryû. Die Bezeichnung Enpi (Flug der Schwalbe) wurde ihr von Meister FUNAKOSHI GICHIN in den dreißiger Jahren in Japan gegeben. Der Name bezieht sich auf die Ähnlichkeit ihrer Form mit den fröhlichen und unbeschwerten Flug der Schwalbe. Dies kommt hauptsächlich von den dauernden Verlagerungen der Hüfte von oben nach unten, den in vielen schnellen Richtungsänderungen und der virtuosen Technik.
Ein wichtiges Merkmal der japanischen Enpi ist die Technik Age zuki. Diese wurde aus dem Kakushi zuki der ursprünglichen Wanshu entwickelt. Kakushi zuki heißt "versteckter Fauststoß" und wird mit der Faust hinter dem Rücken beginnend ausgeführt. Da dadurch der Ellbogen in der Auführung nach vorne kommt, entsteht auch im Kakushi zuki ein leichtes Schnappen aus dem Ellbogengelenk.
Jion
Liebe und Gnade, Tempelklang
Die Jion ist eine typische Shôtôkan-Kata und ist in den meisten anderen Ryû unbekannt. Man glaubt, dass Jion, Jitte und Ji'in in der Itosu-Schule aus Shuri keine bedeutende Rolle spielten. Später jedoch übertrugen diese Kata sich über Meister GICHIN FUNAKOSHI ins Shôtôkan ryû, wo Jion und Jitte in die engere Wahl des Meisters fielen.
Die Bezeichnung Jion ist identisch mit "Shaolin". Die zweite Bereitschaftsstellung Jiai no gamae ist identisch mit dem Gruß, den die Shaolin-Mönche untereinander gebrauchten. Da die Kata denselben Namen trägt, vermutet man, dass sie den Kampfstil der Mönche repräsentiert und somit bis an den Ursprung der Kampfkünste zurückführt.
Jion bedeutet in einer anderen Übersetzung "Liebe und Gnade". Man spricht der Kata einen tiefen psychologischen Sinn zu und sagt, dass ihre richtige Ausführung der vollendeten Reife eines Buddha gleicht. Ihre Übung vermittelt die vollkommene Harmonie in der Bewegung, das Gleichgewicht des Geistes und führt zu einem direkten, wirkungsvollen Kampfstil. Durch die Silbe "Ji" weist die Jion eine Verwandtschaft mit den Kata Jitte und Ji'in auf, wodurch sie heute mit den beiden in einer Kata-Gruppe klassifiziert wird.
Jitte
Zehn Hände, Tempelhand
Die heutige Übersetzung der Kata mit "10 Hände" ist erst in Japan entstanden. "Ji" bedeutet "Liebe" oder "Gnade", weshalb die eigentliche Übersetzung "Technik der Gnade" lautet.
Im Shôtôkan ryû wird diese Kata gegen den Stock angewendet. Sie besteht nur aus Abwehrtechniken und legt in der Übung besonderen Wert auf die Koordination zwischen Hüft- und Extremitätenbewegung, auf die Position der Ellbogen in den Endstellungen und auf die richtige Spannung der seitlichen Rumpfmuskeln, über die die Verbindung zwischen Technik und Hara hergestellt wird.
Ji'in
Liebe und Schatten
Die Einführung der Ji'in nach Okinawa fand relativ spät statt, weshalb sie nicht zu den ursprünglichen Kata des Okinawa-Karate zählt. Obwohl das Konzept der Ji'in nahtlos in das Konzept des Shôtôkan ryû passt, wurde die Kata von Meister FUNAKOSHI GICHIN nicht umfassend genug gelehrt. Die Gründe dafür sind unbekannt. Manche glauben, dass sie im Shôtôkan ryû deshalb nicht sehr verbreitet ist, weil sie dem Tomari te angehörte und Meister ITOSU YASUTSUNE sie zu seiner Zeit nicht eingehend genug behandelte. Das ist auch der Grund, warum sich ihre Form kaum veränderte.
Eine Zeit lang nannte man sie in Japan Shokyu, eine Bezeichnung, die Meister Funakoshi ihr gab. Der Name blieb jedoch nicht lange in Gebrauch.
Meikyô
Reinigen des Spiegels, Leuchtender Spiegel
Ursprünglich kannte man die Kata als Rôhai und übte sie nur in Tomari. Später gründete Meister ITOSU YASUTSUNE aus Shuri drei Varianten: Rôhai shodan, Rôhai nidan und Rôhai sandan. Diese Varianten gibt es noch heute in einigen Karate-Stilen, doch im Shôtôkan ryû kennt man nur eine Form, die man Meikyô nennt. Sie unterscheidet sich sehr von der okinawanischen Rôhai.
In der ursprüglichen Form gebrauchte man den Stand Sagiashi dachi, die aber in der Shôtôkan Meikyô nicht enthalten ist. Meister FUNAKOSHI GICHIN lehrte die Kata in seinem Stil nicht als maßgebliche Shôtôkan-Form, und die eigentliche Verbreitung begann erst nach seiner Zeit. Die Bezeichnung Meikyô stammt von Meister Funakoshi, man weiß nicht genau, was dieser Name besagt. Manchmal wird er mit "Reinigen des Spiegels" übersetzt, was wahrscheinlich auf die weiträumigen Kreisbewegungen der Hände zurückzuführen ist. Am Ende der Kata wird Sankaku tobi (Dreieckssprung) ausgeführt, dem man geheime und geistige Fähigkeiten zuschreibt.
Nijûshiho
Vierundzwanzig Schritte
Nijûshiho stammt aus dem Stil des Weißen Kranichs (Baihequan) und wurde zusammen mit Unsu und Sôchin über die Niigaki-Schule zuerst von MABUNE KENWA in die japanischen Stile gebracht.
In der Niigake-Schule nannte man sie Niseishi, eine Bezeichnung, die man heute noch im Wadô ryû und Shitô ryû gebraucht.
Im Shôtôkan ryû wurde sie anfangs nicht geübt. MASATOSHI NAKAYAMA lernte die Niseishi, als er als Begleiter von Meister FUNAKOSHI GICHIN im Shitô ryû dôjô von Ôsaka bei Mabune Kenwa zu Gast war. Er brachte sie ins Shôtôkan dôjô nach Tôkyô mit, und seitdem wird sie auch in diesem Stil geübt.
Wankan
König und Krone, Pinienrauschen
In Okinawa übte man sie zuerst im Tomari te, doch es steht fest, dass sie ursprünglich aus China stammt. Die heutige Wankan trägt einige typische Merkmale des Tomari te, von den Kuzushi waza (Gruppe der Techniken zum Fallenstellen, Gleichgewichtsbrechen und anschließenden Werfen des Gegners) nach Sukui uke und Sasae (Unterstützung) besonders zu erwähnen sind. Erst später gelangte die Kata nach Shuri.
Im Shôtôkan ryû war sie anfangs nicht bekannt, da sie nicht zur näheren Auswahl der stilspezifischen Kata gehörte. Im Laufe der Zeit erfuhr die okinawanische Wankan mehrere formelle Veränderungen. Die im Shôtôkan ryû bekannte Form ist relativ neu und entwickelte sich erst in Japan. Sie ist außerdem die kürzeste Kata des Stils und besitzt nur einen Kiai.
Gankaku
Kranich auf dem Felsen, Seite des Sonnenaufgangs
Gankaku ist eine japanische Kata mit dem Ursprung in der okinawanischen Chintô. Der Kampfstil der Gankaku ist anspruchsvoll mit abwechselnd flüssigen, schnellen Bewegungsfolgen und einer in Ruhe verharrenden Haltung. Er vermittelt eine konzentriert entspannte Geisteshaltung, durch die der Gegner richtiggehend hypnotisiert wird. Ihre Techiken richten sich zu den Vitalpunkten (Jintai kyûsho) des Körpers.
Man stelle sich den Kranich vor, wie er bewegungslos auf einem Bein steht, seinen Gegner beobachtet und dessen Angriff nur dadurch verhindert, dass er sich mit einer undurchdringlichen Aura von Überlegenheit umgibt. Geist und Körper verharren vollkommen bewegungslos und warten darauf, dass der Gegner sich eine Blöße gibt. Dann greift er plötzlich und überraschend selbst an. Diese hohe Kunst des Kämpfens wird in der Gankaku gelehrt.
Sôchin
Stärke und Ruhe, Ruhige Kraft
Meister FUNAKOSHI GICHIN nahm die Sôchin nicht in die engere Auswahl seiner stilspezifischen Kata auf. Sie wurde erst von seinem Sohn FUNAKOSHI YOSHITAKA in den Stil gebracht und anschließend verbreitet. Im Shôtôkan ryû nannte man sie eine Zeit lang Hakko, eine Bezeichnung, die heute nicht mehr gebraucht wird.
In Yoshitakas Shôtôkan ryû gewann sie besonders durch die Entwicklung des freien Kampfes an Bedeutung, da man dort von den klassischen Kata-Stellungen das Fudô dachi als Übergang zu den Freikampfstellungen (Jiyû gamae) verwendete. Fudô dachi (auch: Sôchin dachi) ist die typische Stellung dieser Kata und stammt aus den chinesischen Stilen.
Chinte
Seltene Hand
Man vermutet, dass die Chinte in ihrem Ursprung mit der Gankaku verwandt ist, doch dies lässt sich nicht eindeutig beweisen. Zweifellos ist sie chinesischen Ursprungs, was anhand ihrer kreisförmigen Bewegungen, die als typisch chinesisch gelten, deutlich erkennbar ist. Sie tauchte in der MATSUMURA-Schule auf und wurde von ITOSU YASUTSUNE übernommen. Meister FUNAKOSHI GICHIN zählte sie zu den nicht repräsentativen Kata des Shôtôkan ryû. Funakoshi änderte ihren Namen in Japan in Shoin, eine Bezeichnung, die jedoch nicht lange in Gebrauch war.
Die Legende erzählt, dass ein chinesischer Gesandter sie auf Okinawa gelehrt haben soll, doch dass er sie in China nicht vollständig gemeistert hatte. Weil er einen Teil vergessen hatte, wies er seine Schüler an, mit drei Sprügen zum Ausgangspunkt der Kata zurückzukehren, und versprach, bei seiner Rückkehr seinen Meister zu fragen, welches die Endtechniken der Kata seien. Doch er heiratete auf Okinawa ein einheimisches Mädchen und kehrte nie mehr nach China zurück. Aus diesem Grund werden noch heute die drei Sprünge am Ende der Kata ausgeführt.
Den Namen Chinte übersetzt man heute mit "Ruhe" oder "bezwingen", doch kann man ihn auch als "seltene Hand" lesen. In der ursprüglichen Form der Kata soll eine Strategie der Abwehr enthalten gewesen sein, bei der die Unterarme durch Bambusstäbe (Chinte) geschützt wurden. Daher wäre auch ein möglicher Name auch "Bambushand". Die ursprüngliche Anwendung der Kata ist jedoch verlorengegangen.
Unsu
Hand in den Wolken
Die Herkunft ist unklar, wahrscheinlich stammt sie von der Niigake-Shule ab. Sie wurde erstmals im Karate-Kempô Buch von Meister FUNAKOSHI GICHIN, erschienen 1922, erwähnt.
Die Anfangsbewegungen sowie das Aufstehen nach der Kawashi waza (Technik des Ausweichens) aus der Bodenlage symbolisieren ein Wegschieben der Wolken mit den Händen. Unsu ist eine sehr junge, aber mit ihren vielfältigen Techniken eine der höchst entwickelten Kata.
Kata-Videos

Gankaku
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