Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03369.jsonl.gz/837

Matheaufgaben meistern
Viele Kinder hassen Mathe und kapitulieren vor den einfachsten Matheaufgaben. «Das muss nicht sein», sagt Urs Wolf aus Greifensee, Mitbegründer des Programms «Erfolg in der Schule». Er hat uns praktische Lernstrategien verraten, die zu nachhaltigem Erfolg führen.
Mit praktischen Lernstrategien Matheaufgaben besser verstehen. Foto: Nata_Snow, iStock, Thinkstock
Viele Kinder hassen Matheaufgaben. Warum eigentlich?
In der Unterstufe rechnen die meisten Kinder noch gern. In der fünften und sechsten Klasse dagegen verlieren viele die Freude an der Mathematik. Sie verstehen die Aufgaben einfach nicht mehr.
Warum?
Die Verständnisprobleme entstehen dadurch, dass Mathematik stufenweise aufgebaut ist. Hat ein Kind einige der Grundlagen oder Rechenmethoden nicht richtig verstanden oder zu wenig geübt, wird es mit den nächsten Matheaufgaben auch nicht zurechtkommen. Lücken wirken sich aus. Ein Beispiel: Wer das Einmaleins nicht flüssig beherrscht, ist später damit überfordert, Brüche zu kürzen oder Wurzeln zu ziehen.
Wie hoch ist der Anteil der Kinder, die mit Matheaufgaben kämpfen?
2014 haben die Akademien der Wissenschaften der Schweiz ein MINT-Nachwuchsbarometer veröffentlicht. Die Befragung von 3.507 Schülern und Schülerinnen zeigte, dass Mathematik zu den Fächern zählt, in denen ungenügende Noten auffällig häufig vorkommen - 19,8 Prozent bei den Gymnasiastinnen, 16,8 Prozent bei den Gymnasiasten. Die Mädchen bekommen in keinem anderen Fach so viele ungenügende Noten, die Knaben mit 22,8 Prozent nur noch etwas mehr in der zweiten Landessprache.
Matheaufgaben lösen in sechs Schritten
Ein Beispiel für die dritte Klasse:
In Zürich backt ein Bäcker 257 Semmeln. In Winterthur backt ein anderer Bäcker 36 mehr. Wie viele backen beide zusammen?
1. Aufgabe sorgfältig durchlesen
Die Schülerin oder der Schüler liest den Text langsam durch, vielleicht mehrmals, bis alles verstanden ist. Jeder Begriff muss klar sein. Im Anschluss erzählt die Schülerin oder der Schüler die Situation mit eigenen Worten nach.
2. Alle Zahlen und Signalwörter unterstreichen
Nun sucht das Kind alle Zahlen, die im Text vorkommen und unterstreicht sie. Im Beispiel sind es die Zahlen 257 und 36. Einige Zahlen und mathematische Begriffe sind bei Textaufgaben oft auch in einem Wort versteckt. Daher muss das Kind auf die sogenannten Signalwörter achten. In diesem Beispiel sind es die Worte «mehr» und «zusammen», die das Kind unterstreichen muss. Anhand der unterstrichenen Wörter und Zahlen kann das Kind sich nun die Rechnung einfacher überlegen, ohne eine Aussage zu übersehen.
3. Sich die Frage stellen: Was ist gesucht?
Beim dritten Schritt überlegt sich die Schülerin oder der Schüler, was genau gesucht wird. «Was soll ich ausrechnen?» Das steht meistens in der Frage am Schluss des Textes. In unserem Beispiel ist es die Frage: «Wie viele backen beide zusammen?» «Zusammen» ist ein Signalwort und bedeutet, dass hier die Anzahl Semmeln der beiden Bäcker zusammengezählt werden muss.
4. Zeichnen, Rechnung aufschreiben, ausrechnen
Anhand der angestrichenen Zahlen und Signalwörter schreibt das Kind nun die Rechnung auf. Dabei ist es oft eine grosse Hilfe, wenn die Rechnung mit Skizzen veranschaulicht wird.
Zeichnen, Rechnung aufschreiben, ausrechnen. Foto: Urs Wolf
5. Das Resultat überprüfen
Kann das Ergebnis überhaupt stimmen? Jeder Rechenschritt, alle Teillösungen und das Endresultat sollten nachkontrolliert werden. Manchmal fehlt den Kindern die Vorstellung der Grössenordnung. Eine Plausibilitätskontrolle hilft ihnen, darin zu wachsen.
6. Einen Antwortsatz schreiben
Das Kind liest nochmals den Fragesatz und schreibt dann die Antwort: «Beide backen zusammen 550 Semmeln.»
Wann sollten Eltern eingreifen?
Die Mathe-Lücken zeigen sich oft schon gegen Ende der dritten Klasse. Hat das Kind immer noch Mühe mit dem Einmaleins? Benutzt es bei der Addition und Substraktion im Zahlenraum bis 20 nach wie vor heimlich die Finger? Noch lassen sich diese Schwächen mit Üben leicht aufarbeiten. Wichtig ist allerdings, nicht zu viel auf einmal zu fordern.
Wie können Eltern mit ihrem Kind konkret das Einmaleins üben?
Viele kleine Lerneinheiten sind viel besser als lange Übungszeiten. Fünf Minuten am Tag reichen, um am Einmaleins zu arbeiten. Wichtig ist, dass jede Woche nur eine Reihe geübt wird, bis sie wirklich sitzt. Dafür stellt «Erfolg in der Schule» Lernkarten bereit. Spass macht es vielen Kindern auch, anhand von Tests und Spielen, die sich im Internet finden, zu üben.
Diese Situation kennen viele: Ein Kind sitzt verzweifelt vor der Mathe-Hausaufgabe, die Eltern wollen helfen. Doch irgendwann blockiert das Kind, die gereizte Stimmung eskaliert. Was ist passiert?
Eltern bieten ihrem Kind oft den Lösungsweg an, den sie selbst in der Schule gelernt und verstanden haben. Doch leider ist dieser Lösungsweg manchmal ein anderer, als der, den die Lehrperson in der Schule vorgestellt hat. Die Folge: Statt Licht ins Dunkel zu bringen, verwirren die Eltern das Kind noch mehr. Eltern sollten also nicht auf ihre eigenen Erklärungsmuster zurückgreifen, sondern sich immer an den Lösungswegen der Schule orientieren.
Manche Lehrbücher schlagen selbst manchmal für eine Matheaufgabe mehrere Lösungswege vor.
Das ist gut so, denn grundsätzlich sollen die Schülerinnen und Schüler ermutigt werden, selber kreative Lösungswege zu suchen. Doch mehrere Lösungswege können auch verwirren, vor allem ein leistungsschwächeres Kind. In der Prüfung ist die Zeit knapp. Deshalb kann es nötig sein, dass sich das Kind vorher für einen klaren Lösungsweg entscheidet und diesen trainiert.
Bei Matheaufgaben braucht es auch Vorstellungskraft. Foto: Urs Wolf
Oft haben Kinder Probleme, sich überhaupt vorzustellen, worum es geht …
Matheaufgaben zu veranschaulichen, hilft für das Verständnis und kann Blockaden lösen. Bei einer Schülerin, die einfach nicht verstehen konnte, was genau der Umfang eines Vierecks ist, nützte alles Reden nichts. Als jedoch der Aufgabenhelfer mit einem Massband zeigte, wie der Umfang des eigenen Körpers gemessen werden kann, waren plötzlich alle Unklarheiten beseitigt. Von nun an reichte es, beim Umfang an das Massband zu denken.
Viele Eltern stehen selbst auf Kriegsfuss mit der Mathematik. Können sie ihr Kind auf der weiterführenden Schule trotzdem unterstützen?
Ja, auf jeden Fall! «Zuerst verstehen, dann trainieren», so lautet ein wichtiger Schritt zum Mathe-Erfolg. Wenn ein Kind nicht weiter kommt, können Eltern fragen: «Weisst du, wie dieser Aufgabentyp grundsätzlich zu lösen ist?» Nur wenn das Kind das Modell verstanden hat, kann es dieses Modell auf andere Aufgaben anwenden. Sobald das Kind die Regeln verstanden hat und anwenden kann, gilt: «Üben, üben, üben!». Bei jedem neuen Thema braucht es viele Aufgaben vom selben Typ, bis es im Anwenden sicher ist. Wichtig ist dabei, dass es Aufgaben, die es falsch gelöst hat, sofort korrigiert und wiederholt, damit es sich die richtige Lösung einprägt.
Was sollten Eltern Mathe Nachhilfe erwarten?
Wenn grosse Lücken in Mathematik vorhanden sind, macht Nachhilfe Sinn. Wichtig ist, dass der Nachhilfelehrer herausfindet, wo in der Vergangenheit Lücken entstanden sind. Kann das Kind Kopfrechnen, beherrscht es die Grundrechenarten? Kann es mit Dezimalzahlen umgehen? So muss er einen Bereich nach dem anderen kontrollieren, denn Ziel der Nachhilfe ist es, Lücken auszufüllen. Die Erwartungen sollten nicht zu hoch sein. Das Kind muss ja kein Mathe-As werden. Wichtig ist, dass die Note sich so verbessert, dass sie dem Kind den Schul- und Berufsweg nicht verbaut.
Urs Wolf vermittelt mit der Firma «Lernerfolg Wolf» Eltern und Jugendlichen effektive Lern- und Arbeitstechniken. Der von ihm entwickelten Lehrgang «Erfolgreich studieren» wurde seit 1992 an Universitäten in mehr als 20 Ländern eingesetzt. Der Lehrgang beruht ebenso wie das Programm «Erfolg in der Schule», das er mit seiner Frau Dr. Heidi Wolf konzipiert hat, auf Werten wie Liebe, Respekt und Achtung der Würde jedes Menschen.