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Titel
Handarbeiten,
weibliche, erstreckten sich ursprünglich in den einfachen Verhältnissen, welche unsrer jetzigen
Kultur vorausgegangen sind, auf die gesamte
Ausstattung des
Hauses. Neben der Besorgung der Lebensmittel
und Wartung der
Kinder war die
Arbeit der
Frauen vorwiegend auf Herstellung der
Kleidung gerichtet.
In den frühsten Kulturepochen
finden wir die
Frauen mit
Flechten,
[* 2]
Spinnen,
[* 3]
Weben,
[* 4] Verfertigen und Verzieren der
Kleider beschäftigt. Bei Völkern, welche noch
auf niedrigster Kulturstufe verharren, besteht dieser Zustand auch zur Zeit noch in vollem
Umfang.
Bei vorschreitender Entwickelung bilden sich einzelne Industriezweige, welche einzelne Teile dieser Handarbeit zum Gegenstand ihrer Thätigkeit machen. So entstehen allmählich die Innungen der Weber, Färber, Schneider, welche im Mittelalter nur ganz ausnahmsweise den Frauen die Mitarbeit gestatten, in den meisten Fällen die Frauenarbeit sogar durch ihre Zunftregeln direkt verbieten. Wenn sich daneben bis zum Anfang unsers Jahrhunderts immer noch in bescheidenern Verhältnissen die Hausarbeit erhalten konnte, Webstühle [* 5] und Farbekessel noch in allen Dörfern zu finden waren, so verschwand auch dieser Rest, als die große Fabrikation mit ihrer Maschinenindustrie im Lauf unsers Jahrhunderts eintrat, welcher nicht einmal das von Männern systematisch betriebene Handwerk widerstehen konnte.
In der
Konkurrenz mit der Maschinenarbeit kann die
Handarbeit heute nur dadurch bestehen, daß kunstverständige Leute den
Wert der Manufaktur
vor der Maschinenarbeit zu schätzen wissen und
Handarbeiten die aufgewendete Mühe vergüten. Im allgemeinen
ist der
Gegensatz zwischen
Maschinen- und
Handarbeit eine der schwierigsten sozialen
Fragen, deren
Lösung
noch nicht gefunden worden ist. Augenblicklich leidet die
Handarbeit schwer unter der Massenproduktion durch
Maschinen.
Bei dieser
Lage der
Dinge ist es eine tadelnswerte Unsitte der
Frauen aus höhern
Ständen,
Handarbeiten, für
Geschäfte zu
Preisen zu übernehmen,
welche so niedrig sind, daß der auf den
Ertrag ihres Fleißes angewiesenen Handarbeiterin die
Konkurrenz
erschwert oder ganz unmöglich gemacht wird. Durch diese
Konkurrenz wird ein sozialer
Schade geschaffen, welchem durch kein
Gesetz Abhilfe werden kann. Man muß unter den gegenwärtigen Kulturverhältnissen darauf bedacht sein, der Maschinenthätigkeit
das zu überlassen, was diese zu leisten vermag, und innerhalb der
Handarbeit lediglich dasjenige
Element
zu pflegen, welches die
Maschine
[* 6] nicht ausbilden kann.
Dieses Gebiet verringert sich immer mehr; selbst die Anfertigung von Wäsche und fertigen Kleidern wird bereits fabrikmäßig betrieben, so daß für die Schneiderei meistens nur das Richtigstellen der auf den allgemeinen Normalmaßen basierten Kleidungsstücke übrigbleibt und es schließlich der Vorzug besser gestellter Kreise [* 7] wird, Kleidungsstücke zu besitzen, welche eigens für das Maß ihres Körpers angefertigt sind. Auf weiten Gebieten der Damenschneiderei, besonders für alle schweren Stoffe, Mäntel und Umhänge, sowie ferner für den größten Teil der sogen. Putzarbeit ist die freie Handarbeit bereits so gut wie verdrängt.
Die Herstellung männlicher Kleidungsstücke ist, höchstens mit Ausnahme der Wäsche und untergeordneter Gegenstände, wie
der
Krawatten, ebenfalls den
Frauen vollständig abgenommen. Als w.
Handarbeiten, im engern
Sinn sind jetzt nur diejenigen
Arbeiten zu bezeichnen,
welche den
Frauen eigentümlich sind und von ihnen ohne Zuhilfenahme des
Maschinen- und Fabrikwesens im
Haus ausgeführt werden können; hierbei bleibt nur diejenige
Handarbeit übrig, die ein künstlerisches
Element
in sich birgt,
mit welchem die
Maschine bei ihrer einseitigen
Richtung auf die Massenproduktion nicht konkurrieren kann.
¶
mehr
Dieses eigentlich künstlerische Element der
weiblichen Handarbeit war im Lauf unsers Jahrhunderts in Verfall geraten. Die guten
alten Traditionen
weiblicher Kunstarbeit waren erloschen. Wir haben hinreichende Notizen über die hohe Entwickelung, welche
die Stickerei unter den Händen kunstsinniger Frauen im Altertum und im Mittelalter gewonnen hatte. Fertigkeit in derselben galt
als höchster Schmuck der Frauen. In den Frauenhäusern der mohammedanischen Höfe, selbst im Gynäkeion der byzantinischen Kaiser
hatte sich die Bereitung der Kleider zu einer Art von hoher Luxusindustrie entwickelt; das Hôtel de Tiraz in Palermo
[* 9] versorgte
die europäischen Höfe.
Die prachtvollen Arbeiten der christlichen Klöster sind bekannt. England (opus anglicanum) war hochberühmt, ganz Niedersachsen ist reich an solchen Werken. Aber auch in der häuslichen Arbeit war es Ehrensache jedes Mädchens, den Schmuck seiner Ausstattung, wenn nicht das ganze Material derselben selbst geschaffen zu haben. Ein ähnlicher Zustand besteht im Orient und in den halbzivilisierten Ländern, z. B. in Rußland und an der Donau, bis zum heutigen Tag.
Dort lebt die Kunststickerei traditionell in den Familien mit einem bestimmt abgegrenzten Formenkreis von Mustern fort. Formen
und Farben werden durch jahrhundertelange Übung so sicher beherrscht, daß ein Fehlgreifen fast nicht möglich ist, so daß
selbst ungeschickt ausgeführte Stücke von roherer Arbeit einen künstlerischen und malerischen Reiz behalten,
welcher dieselben unsern heutigen Kunstfreunden und Museen wertvoll erscheinen läßt. In dem zivilisierten Europa
[* 10] hat im Anfang
unsers Jahrhunderts die
weibliche Handarbeit nicht nur durch die Maschine ihr Arbeitsgebiet verloren, sondern sie hat auch zugleich
ihre Tradition in Muster- und Farbenbehandlung eingebüßt, da dieser Umschwung zusammenfiel mit der Periode
des Klassizismus und der Nachahmung griechisch-römischer Formenreinheit.
Das Ideal jener Zeit war eine möglichst farblose Erscheinung in ganz glatten, lichten Stoffen ohne jegliche Verzierung, und somit wuchs eine Generation auf, welche ohne Erziehung des Formen- und Farbensinns blieb und welche die alte Geschicklichkeit so gut wie ganz verlor. An die Stelle der vielgestaltigen alten Kunststickerei traten mit fast alleiniger Herrschaft die mehr mechanischen Arten der Stickerei, vor allen der Kreuzstich, welcher auf gegebener Grundlage nach gegebenen Mustern arbeitet und jede selbständige Bildung der Form ausschließt.
Innerhalb der Muster hatte die ornamentale Kunst jeden Halt verloren und verwechselte bildliche Darstellung mit Ornamentation. Man verfiel in groben Naturalismus und glaubte nichts Besseres thun zu können, als Blumen und Blätter möglichst getreu und plastisch nach der Natur zu zeichnen oder auch bildliche Darstellungen, welche die gleichzeitige Malerei hervorbrachte, direkt für Stickereien zu verwerten. Aus jener Zeit stammen die vielberufenen gestickten Teppiche, welche einem zumuteten, auf romantischen Liebesabenteuern, Löwenjagden oder Palmenwäldern herumzutreten, welche mit zackig gebrochenen Linien die ursprünglichen schönen Formen der natürlichen oder künstlerischen Vorbilder entstellten und schließlich durch schreiend bunte Farben die Hauptwirkung zu erreichen suchten.
Gegen diese Geschmacklosigkeit erhob sich zuerst eine Strömung innerhalb der katholischen Kirche, welche
durch derartige
Handarbeiten, die frommer Sinn als vermeintlichen Schmuck der Altäre bestimmt hatte, den ruhigen Charakter des
Gotteshauses gefährdet sah.
In den rheinischen Klöstern »zum armen Kind Jesu« wurden Stickschulen errichtet, welche nach erhaltenen
alten Vorbildern Paramente für den kirchlichen Gebrauch herstellten. Hieran schlossen sich innerhalb der Gemeinden Paramentenvereine,
die für gleiche Zwecke thätig waren und es sich angelegen sein ließen, nach streng stilisierten guten Vorbildern zu arbeiten
und auch die verlornen alten guten Kunstweisen wieder aufzunehmen.
Dieser Bewegung schloß sich auch die protestantische Kirche an, wenngleich bei ihr der Bedarf an derartigen Schmuckstücken ein sehr viel geringerer ist. Die Verbreitung guter Muster und Vorbilder für weltliche Arbeiten fällt zusammen mit den allgemeinen Bestrebungen für die Hebung [* 11] des Kunstgewerbes. Man sammelte nun in den Gewerbemuseen als Vorbilder vornehmlich ältere mustergültige Arbeiten, vor allen auch die Arbeiten des Orients, welche in unverwüstlicher Frische die guten alten Formen und Farbensätze bewahrt haben, und stellte diesen unendlichen Reichtum der verschiedenen Kunstweisen und Formen der Verarmung unsrer Tage gegenüber.
Das Österreichische Museum in Wien
[* 12] hat direkt eine Schule für w.
Handarbeiten, gegründet (Frau Bach). In London
[* 13] besteht seit 1872 die Royal
School of art needlework, deren Leistungen auf der Pariser Ausstellung von 1878 die allgemeinste Bewunderung
erregten. In ähnlicher Weise hat auch der Badische Frauenverein eine Abteilung für w.
Handarbeiten, gebildet. In Nürnberg,
[* 14] in München
[* 15] und vielen andern Orten sind teils Vereine, teils größere Kunstateliers, an welche sich Schulen anschließen, in ähnlicher
Weise thätig. In Berlin
[* 16] umfaßt der Lette-Verein alle Zweige
weiblicher Fortbildung.
Als mächtige Förderer treten jetzt auch die Zeitschriften (»Die Modenwelt«, »Der
Bazar«) ein, welche an Stelle der frühern Modeblätter jetzt das ganze Gebiet
weiblicher Handarbeiten umfassen. Die Veröffentlichung
mustergültiger alter Werke hat an dieser Fortbildung einen wichtigen Anteil. Neben der eigentlichen Nadelarbeit steht noch
als sehr wichtiger Teil die Spitzenklöppelei. Dieselbe wird als Hausindustrie in vielen Teilen von Belgien,
[* 17] Frankreich, Deutschland
[* 18] und der Schweiz
[* 19] betrieben. In neuerer Zeit sucht man die verschiedenen Arten grober, bäuerlicher Spitzen
wieder zu beleben, so in Rußland, Norwegen,
[* 20] Holstein, Irland.
Die Spitzenklöppelei hat jetzt überall den Charakter einer ausgebildeten Industrie, welche nicht sowohl für den
Hausbedarf als vielmehr für kaufmännischen Vertrieb nach gegebenen Mustern thätig ist und sich Gebirgsgegenden mit einer
billig lebenden Bevölkerung
[* 21] aufsucht, welche diese Arbeit in den Nebenstunden der sonstigen Hausarbeit ausführt. Eine wirkliche
Erweiterung sucht man der
weiblichen Handarbeit neuerdings nach der Seite der ornamentalen Malerei hin zu geben.
Hier ist leitend gewesen A. v. Zahn mit seinem »Musterbuch für häusliche Arbeiten« (Leipz. 1870-73, 3 Tle.), welches besonders die Holzmalerei für Ausstattung von Kästchen, Tischen und anderm Luxusgerät gefördert hat. Dazu vgl. Teschendorff, Musterblätter für Holzmalerei (Berl. 1882). Das Malen auf Seide, [* 22] Porzellan, Majolika (in England gibt es hierfür eine Ladies' Association), das Ätzen in Stein und Zinn sind sämtlich Gebiete, auf welchen sich das einzig lebensfähige Element aller modernen Handarbeit, das künstlerische, bei mäßigen Ansprüchen an die Begabung des Einzelnen vorteilhaft entfalten kann. Reiches Material bietet sich hierzu in folgenden Werken: Bock, [* 23] Album mittelalterlicher Ornamentstickerei (Köln [* 24] 1866);
»Originalstickmuster der ¶