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The Five Points (NEOS 11519), 2015
Martin Schlumpf: „Spiegelbilder“ (Michel Rouilly, Thomas Grossenbacher, Petya Mihneva), „Push and Pull“ (Sergej Tchirkov), „The Five Points“ (Matthias Müller, Galatea Quartet: Yuka Tsuboi, Sarah Kilchenmann, David Schneebeli, Julien Kilchenmann), „Puzzle“ (Matthias Müller), „Pandora’s Promise“ (Harry White Trio: Harry White, Pi-Chin Chien, Edward Rushton)
Verkaufslinks: Amazon / NEOS
Hörbeispiele
Booklet Text CD The Five Points
Diese CD »The Five Points« vereinigt fünf meiner wichtigsten Kammermusikwerke der letzten Jahre: ein Quintett, zwei Trios und zwei Solostücke. In all diesen Kompositionen erzähle ich imaginäre Geschichten. Ausgehend von unterschiedlichen, klaren Ausgangspunkten lasse ich mich beim Schreiben improvisatorisch treiben (wie ein Jazzer), verfolge einen Faden, bringe Neues ins Spiel, lasse verschiedene Charaktere dialogisieren, sich streiten, aufbegehren oder sich versöhnen. Immer wieder aber wird dieses Treiben auch »kontrolliert« und angefeuert durch meinen architektonisch-formal denkenden Verstand: Das Emotionale wird durch das Rationale geformt, Kopf und Bauch ergänzen sich.
Höre ich meine eigene Musik auf dieser CD analytisch, fallen mir zwei Besonderheiten auf: Erstens tauchen – an einigen Stellen relativ versteckt, an anderen ziemlich klar – Anklänge an Musik des 19. Jahrhunderts auf, die sich fast unmerklich einschleichen und wieder verschwinden. Ich habe es als Bereicherung empfunden, meine Sprache durch Elemente der Musik früherer Zeiten inspirieren zu lassen. Und zweitens drängt mich mein dialogisches Geschichtenerzählen immer wieder zu polymetrischer und polytemporaler Schreibweise. Mehrere Personen reden nach- oder miteinander in unterschiedlichen Tempi und Betonungsmustern. Diese Tempopolyphonie wird ergänzt durch Temposprünge: plötzlich kippt die Musik aus einem etablierten Tempo in ein neues, überrascht muss sich das Gehör auf eine neue Situation einstellen. Dies alles sind Spielformen eines Rhythmikers, als den ich mich in hohem Maße empfinde.
SPIEGELBILDER habe ich 2013 für die Swiss Chamber Concerts geschrieben. Der Titel weist auf zwei verschiedene Themen hin, die diesem Stück eine spezifische Charakteristik verleihen.
Einerseits gibt es Passagen, in denen jeweils zwei Stimmen derart spiegelbildlich aufeinander bezogen sind, dass ihre Bewegungsrichtungen umgekehrt zueinander verlaufen. Solche Stimmpaare finden sich zwischen den beiden Streichinstrumenten und den beiden Händen des Klaviers.
Andererseits gibt es Stellen, an denen Musik von Robert Schumann quasi durch einen Zeitspiegel in meine Komposition hinein scheint. Motive aus Märchenbilder op. 113 bilden Referenzpunkte für kurze Modulationen meiner Musiksprache. Dieser Prozess ist nicht immer in gleicher Weise erkennbar: einmal ist die Oberfläche des Spiegels klarer, dann wieder ist sie stark durch die Patina der Zeit belegt.
PUSH AND PULL ist 2013 im Auftrag von Sergej Tchirkov für das Internationale Festival für Zeit-genössische Musik in St. Petersburg entstanden. Mit Stoßen und Ziehen entsteht auf dem Akkordeon eine ganz besondere Klangwelt, die von einem vielfach modulierten Zentralton H ausgeht und die Hörer auf eine abwechslungsreiche Reise mit ekstatischen Höhe- und meditativen Tiefpunkten mitnimmt, oft durch virtuos rhythmische Tänze beflügelt.
Im Film „The Gangs of New York“ beschreibt Martin Scorsese die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Einheimischen und den irischen Einwanderern in den »Five Points« in New York. Diese fingerförmigen Straßenkreuzungen bilden einen wahren Schmelztiegel der Kulturen.
Im Klarinettenquintett THE FIVE POINTS, das 2012 für Matthias Müller und das Galatea Quartett entstanden ist, geht es nicht um kämpferische Auseinandersetzungen, sondern um die formale Gestaltung im Spannungsfeld zwischen Kontrast und Analogie. Jeder Satz hat eine unverwechselbare Prägung: auch hier ein Schmelztiegel verschiedenartiger musikalischer Gestalten. Die Dauer der einzelnen Sätze habe ich nach der Fibonacci-Reihe strukturiert, bei der sich jede Zahl durch Addition ihrer beiden vorherigen Zahlen ergibt. Dadurch gliedern sich die Sätze so, dass vom ersten kürzesten Satz aus die Dauern kontinuierlich zunehmen, mit Ausnahme des längsten Satzes, der an vierter statt an letzter Stelle steht. Durch die Freiheiten, die ich mir bei der Umsetzung dieses Schemas genommen habe, wird man aus dem Idealreich der Zahlen auf die profane Realität (den Boden der Five Points) zurückgeworfen.
Zudem sind an wenigen Stellen Anklänge an die Musik des Klarinettenquintetts op. 115 von Johannes Brahms zu hören. Es war mir ein Vergnügen, meine Musiksprache hier und da so »umzubiegen«, dass als Hommage an den großen Komponisten Allusionen organisch einfließen und wieder aufgelöst werden.
PUZZLE, 2011 für Matthias Müller geschrieben, gehört zu den Stücken, in denen ich mit Tempopolyphonie arbeite. Im diesem Fall handelt es sich um ein vierstimmiges Geflecht, das im ersten Teil aus den Temporelationen 72:60:45:40 besteht. Dies ergibt, bezogen auf alle zweistimmigen Möglichkeiten, folgende Proportionen: 9:8 / 6:5 / 4:3 / 3:2 / 8:5 / 9:5. Jeweils in einer dieser vier Stimmen bewegt sich das Soloinstrument, das zwecks Koordination durch einen Clicktrack mit der Computermusik verbunden ist, die ich in meinem Heimstudio in Würenlingen aufgenommen habe. So ist eine komplexe Groove-Musik entstanden, bei der die Vielschichtigkeit in einem übergeordneten Ganzen aufgeht. Oder: Einzelne Puzzleteile werden zusammengetragen, bilden Ketten von Ähnlichem, zerfallen, kommen wieder und wirbeln schließlich in immer höherem Tempo durcheinander.
PANDORA’S PROMISE, 2014 im Auftrag des Harry White Trios geschrieben, besteht aus drei Sätzen, die alle fast gleich beginnen: insistierende Tonrepetitionen auf dem Ton G und engmaschige melodische Umspielungen fokussieren die Aufmerksamkeit der Zuhörenden im Sinne eines Signals auf das Kommende: das Öffnen der Büchse der Pandora mit sehr unterschiedlichen Folgegeschichten, die sich nach dem Zerstören des paradiesischen Zustandes der Menschheit als Möglichkeiten ergeben können. Dabei spielen aber nicht nur Arbeit, Mühsal, Krankheit etc. eine Rolle, sondern auch die Hoffnung – die letzte der Eigenschaften, die aus Pandoras Büchse über die Menschheit kam. Es bleibt offen, ob die Hoffnung letztlich ein Segen oder ein Fluch für uns ist, wie Nietzsche dies gesehen hat. Eine musikalische Besonderheit in diesem Panoptikum taucht im zweiten Satz auf: Die Musik verwandelt sich behutsam mit deutlichen Anspielungen an das Fugato des vierten Satzes aus Clara Schumanns Klaviertrio op. 17. Wir hören eine Rückblende, aus der Überzeugung heraus, dass sich zwar Vieles massiv verändert hat, wichtige menschliche Bedingtheiten aber doch dieselben geblieben sind.