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Jakob Nicolussis Meinung: eine Krustenechse
Das Original des Beitrags von Jakob Nicolussi im «Schlern» vom März 1933 habe ich leider nicht zur Hand. Hier deshalb die entsprechende Passage aus dem Text von Hans Rudolf in der «Berliner Illustrirten Zeitung», Nr. 16, April 1935.
«Der Schuldirektor i.R. Jakob Nicolussi hat alle (im «Schlern» publizierten) Tatzelwurm-Beschreibungen zusammengestellt und verglichen und ist dabei zu dem folgenden beachtlichen Schluss gelangt:
«Im allgemeinen geht aus den Berichten hervor, dass wir uns im Tatzelwurm eine für unsere Gebiete ungewöhnlich grosse Echse von abstossendem Äusseren vorzustellen haben. Der Tatzelwurm erscheint zumeist in einer Körperlänge von 40 bis 60 Zentimeter, mit dem Umfang des Oberarms eines erwachsenen Menschen.» (In einigen, vielleicht phantastisch übertriebenen Berichten aus alter Zeit begegnet man riesenhaften Grössen von ein bis zwei Meter.)
«Fassen wir die Beschreibung kurz zusammen», führt Herr Nicolussi (...) aus: «Der Tatzelwurm gemahnt mit dem plumpen Rumpf, dem breiten Kopf, dem stumpfen Schwanz und den kurzen Beinen an unseren Salamander; seine äussere Bekleidung erweist ihn aber trotzdem als Familienglied der Eidechsen. Seine Haut ist mit groben, warzenartigen Schuppen bedeckt, die sich in ihrer engen Vereinigung oft als Krokodilschildern ähnliche Krusten darstellen. Das Maul ist breit, innen feuerrot, mit spitzen scharfen Zähnen und mit einer zweispaltigen Zunge ausgestattet. Er gilt als giftig, und es sollen auch tödliche Folgen seines Bisses verzeichnet sein. Sein scharfer Blick und seine zornige, kampfeslustige Haltung erinnern an die Kreuzotter.
Die ganze Erscheinung des Tiers in Körperbau, Bekleidung und Eigenschaften erinnert lebhaft an die Familie der giftigen Eidechsen, einzig in ihrer Art, welcher der Tatzelwurm angehören dürfte: Die Eidechsengattung wird genannt: Krustenechse, Heloderma
(Brehms Tierleben, Kriechtiere, 2. Band, S. 120 ff. Zu dieser Gattung von Eidechsen gehören zwei gut bekannte Tiere: Heloderma horridum
, das Escorpion der Mexikaner, und Heloderma suspectum
, das Gilatier der Wüsten von Arizona, Nordamerika; ferner die wenig bekannte Echse Lanthanotus borneensis
der Insel Borneo.»
Gila-Krustenechse oder Gilatier (Heloderma suspectum)
(aus: Brehms Tierleben, 4. Aufl. 1920)
Schuldirektor Nicolussi zitiert dann, was in «Brehms Tierleben» über die Familie dieser Echsen steht: «Der Leib ist gedrungen, der Schwanz walzenförmig und lang, die dritte Vorder- und Hinterzehe mit der vierten länger als die übrigen; das Trommelfell sichtbar; die warzige Körner darstellenden Schuppen stehen in Querreihen; die Zunge teilt sich vorn in zwei kurze platte Spitzen und erinnert auch sonst an die der Blindschleichen; die Zähne sind ähnlich wie bei den Schlangen gekrümmt, an der Wurzel etwas verdickt, verhältnismässig lose dem inneren Kieferrande angewachsen und ohne Höhlung an der Wurzel. Erwachsen erreicht die Krustenechse eine Länge von 60 Zentimeter. Im Knochenbau steht die Familie den Schleichen am nächsten; ihrer Gestalt nach kommt sie mehr mit den Waranen und Ameiven überein, ist aber weit plumper gebaut und durch den dicken, runden Schwanz hinlänglich unterschieden. Der platte, vorn abgestumpfte Kopf trägt auf dem Scheitel erhabene, verknöcherte, im Alter mit dem Schädel verwachsene Warzen; der Leib und die übrigen Teile sind mit halbkugeligen Warzenschuppen bedeckt; das ganze Fell fühlt sich deshalb rauh und körnig an. Die kegelförmigen, spitzen Zähne haben auf der Vorder- und Hinterseite eine deutliche Furche, die aber bei Lanthanotus
fehlt. Die Färbung des sehr auffälligen Tiers erinnert an unseren Feuersalamander. Die dunkel oder erdbraun gefärbte Haut der Oberseite ist mit kleinen, nach Alter und Spielarten verschiedenen, von Weissgelb, Orangegelb bis zu Rotbraun abändernden Flecken gezeichnet; den Schwanz ringeln mehrere gelbe Binden; die Unterseite zeigt auf hornbraunem Grunde gelbliche Flecke. Bei dem Gilatier wiegt die helle, bei dem Escorpion die braune Färbung vor.»
Von einer gefangenen Krustenechse erzählt Brehm: «Durch unangenehmen Geruch und heimtückisches Wesen (sie ging sogar, wenn sie gestört wurde, unvermutet zum Angriff über und schnappte wütend nach dem Ruhestörer, wobei ihr Geifer tropfenweise aus dem Maule lief) verdarb sie es ganz mit ihrem Pfleger.» Ist das nicht vielleicht das Gehaben unseres Tatzelwurms?
Weiter heisst es bei Brehm, dass diese Echse an der Westseite der Kordilleren an den trockenen Orten haust und von Würmern, Kerfen und kleinen Amphibien und Reptilien lebt. Sie ist ein Nachttier, bewegt sich langsam und schwerfällig und schleppt, wenn sie alt geworden ist oder trächtig geht, den schweren Leib auf dem Boden. Im Alter wird das Tier aschgrau.
«Wenn man die Echse reizt, lässt sie ein tiefes Zischen oder Fauchen wahrnehmen, und es trieft ihr weisslicher, klebriger Geifer aus dem Maule, der von den sehr entwickelten Unterkieferdrüsen, durch die die Unterkiefergegend gleichsam geschwollen aussieht, abgesondert wird. Der Geifer wird den Furchenzähnen beim Escorpion durch einen, beim Gilatier durch vier bis fünf Kanäle aus den Giftdrüsen zugeführt. Die Zähne selbst sind meist ziemlich weit vom Zahnfleisch bedeckt und ragen nur mit ihrer glasartig durchscheinenden Spitze daraus hervor. Beim Biss aber schiebt sich, wie J. Berg mitteilt, das Zahnfleisch infolge des mechanischen Drucks zurück, so dass die Zähne fast zentimetertief eindringen können.»
Schuldirektor Nicolussi gelangt durch den Vergleich der Tatzelwurmberichte mit Brehms Schilderungen zu folgendem Schluss: «Diese 65 Geschichten (die er genau untersucht hat) können unmöglich alle aus der Luft und Phantasie genommen sein. Wenn wir sie nun mit den Ergebnissen der Wissenschaft auf dem Gebiet der giftigen Eidechsen in Beziehung bringen, so müssen wir bekennen: Der Tatzelwurm der Alpen und anderer Gebirge Europas lebt wirklich oder hat wenigstens noch vor wenigen Jahren gelebt. Der Tatzelwurm ist eine Krustenechse, der man den Fachnamen Heloderma europaeum
geben kann, wenn nicht bekannt werdende Eigenschaften eine andere Bezeichnung erfordern.»
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