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Ein unverzichtbares Werk für LiebhaberInnen von Bergbüchern und Bibliotheken. Ein paar Wörter Italienisch helfen beim Anschauen und Lesen. Aber zuerst muss es überhaupt gefunden werden.
«Man kann sich denken, wie wohlwollend der Alpinist aufgenommen wurde, als er einen Stuhl heranrückte, um an einer Ecke des Kamins eine lehrreiche Unterhaltung anzuknüpfen. Oben von den beiden Säulenfiguren herab traf ihn auf einmal einer jener kalten Luftzüge, die er so sehr scheute; er stand auf, schritt durch den Saal, eben sowohl um sich etwas Haltung zu geben, als um sich zu erwärmen, und öffnete darauf die Tür zum Nebensaal. Einige englische Romane lagen umher, da und dort auch eine schwere Bibel und einzelne Bände vom Jahrbuch des Schweizer Alpen-Clubs; er nahm einen derselben an sich, in der Absicht, ihn im Bette zu lesen, musste ihn aber an der Türe zurücklassen, da die Hausordnung es nicht gestattete, Bücher aus der Bibliothek auf die Zimmer zu tragen.»
Mehrfaches Pech für den Alpinisten im Hotel Rigi-Kulm! Eine lebhafte Diskussion im Salon wird mit missbilligenden Blicken ebenso verhindert wie die Mitnahme eines Bergbuches aus der Bibliothek ins Zimmer. Dass es draussen noch wie aus Kübeln regnet, wird die Stimmung von Tartarin nicht gehoben haben. Tartarin also, der Held in drei Romanen von Alphonse Daudet. Im zweiten schickt er die Hauptfigur von den nach Lavendel duftenden Hügeln zwischen Avignon und Arles in die schnee- und sturmgepeitschte Gipfelwelt der Schweizer Alpen. Mit der Besteigung eines stolzen Alpengipfels (die Rigi wählt er nur zum Training aus) kann Tartarin seine Wiederwahl als P.C.A, als Präsident des Club des Alpines in Tarascon, sichern. Das ist nötig geworden, weil ein Klubkamerad ihm diese Stellung streitig macht. „Tartarin sur les Alpes“ erschien 1885. Das Cover der Erstausgabe ist die allerletzte Illustration in einem reich illustrierten, zweibändigen und in einem Schuber steckenden Werk, darin es um Bergbücher und Bibliotheken geht: „La montagna scritta.Viaggio alla scoperta della Biblioteca Nazionale del Club Alpino Italiano.”
„Der geschriebene Berg. Reise zur Entdeckung der Nationalbibliothek des italienischen Alpenvereins“ gibt einen umfassenden Überblick über das aussergewöhnliche bibliothekarische Erbe, das die Bibliothek in den 160 Jahren ihres Bestehens gesammelt hat. Im ersten Band finden sich ein reichhaltiger und reich dokumentierter Essay über die altehrwürdige Bibliothek sowie Kapitel, die die Beziehung zum Circolo Geografico Italiano beleuchten, die Korrespondenzen von Guido Rey/Émile Gaillard und Giovanni Bobba/Casimiro Thérisod analysieren und bisher unveröffentlichte Fakten und Dokumente über die Erstbesteigung des Mont Blanc enthüllen. Es folgen Aufsätze über die Bergliteratur für Kinder, das Bergsteigen im Gran Sasso, den Frauenalpinismus, das aussereuropäische Bergsteigen, den Chorgesang und die Literaturgeschichte des Skisports. Im zweiten Band folgt ein Rundgang durch die wichtigsten europäischen Bergbibliotheken, darunter die Zentralbibliothek des Schweizer Alpen-Clubs in der ZB Zürich. Im Weiteren gibt es Aufsätze zur Bergmedizin, Glaziologie, Geologie, Botanik, Meteorologie sowie zum Ursprung des Bergsteigens in der europäischen Kulturgeschichte. Am Schluss der beiden Bände werden auf Farbtafeln jeweils bedeutende Werke der Biblioteca Nazionale del Club Alpino Italiano gezeigt, mit dem unverwüstlichen Tartarin als Schlusspunkt.
So schwierig, wie es für den Alpinisten aus Tarascon war, sich im Hotel Rigi-Kulm passend zu benehmen, so schwierig war es für mich, „La montagna scritta“ in einer Buchhandlung in Italien zu finden. In der Libreria Buona Stampa in Courmayeur wurde ich im März 2023 fündig. Also in diesem Dorf auf der italienischen Seite des Monte Bianco, in das sich Tartarin nach seinem vermeintlich tödlichen Absturz am Gipfelgrat des höchsten Gipfels der Alpen retten konnte. „In dem Hotel, in welchem er Unterkunft fand, war von nichts anderem die Rede als von einer fürchterlichen Katastrophe auf dem Mont Blanc, die ganz und gar an das Unglück auf dem Matterhorn erinnerte. Wieder ein Alpinist, der infolge Durchschneidens des Seiles in den Abgrund gestürzt war.“
PS: Die Zeitschrift des Club Alpino Italiano hat seit März 2023 ein neues Format und einen neuen Namen, die an frühere Ausgaben anknüpfen: „La Rivista del Club Alpino Italiano“. Die n° 1 widmet sich „L’altra neve“, mit Artikeln wie „Il gioco dell’inverno. Dalla corsa agli ski al cambiamento climatico.“
La montagna scritta. Viaggio alla scoperta della Biblioteca Nazionale del Club Alpino Italiano. A cura di Gianluigi Montresor e Alessandra Ravelli. CAI, Milano – Torino 2021. € 35,00. https://store.cai.it/varia/368-la-montagna-scritta.html
Die Biblioteca Nazionale del Club Alpino Italiano ist im Museo Nazionale della Montagna “Duca degli Abruzzi“ in Torino untergebracht: https://www.museomontagna.org/area-documentazione/biblioteca-nazionale-cai/
Alphonse Daudet: Tartarin in den Alpen. Die Besteigung der Jungfrau und andere Heldentaten. AS Verlag, Zürich 2011, Fr. 29.80.