Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03181.jsonl.gz/1073

DIE SCHWEIZER «HOBBIT»-KOSTÜMSCHNEIDERIN UND REISETIPPS
Das Porträt:Nadine Jäggi (31) schneidert seit 2006 in Wellington Kostüme für die «Hobbit»-Filme. Wie kam es dazu und was erlebt sie mit den Filmstars? Zum Artikel
Die Reisetipps: Die hilfreichen Tipps des Reisereporters für Restaurants, Hotels und Sehenswürdigkeiten in Neuseeland.
Zum Artikel
Wir stehen im Wald und singen einen Baum an: «Manawatu te rahh …» Maurice Manawatu (48) führt uns mit kräftiger Stimme an und zupft dabei eine Gitarre, wir folgen, so gut wir können, in Maori. Es gab zuvor schon zwei, drei Übungsrunden, aber jetzt gilt es ernst, denn wir besingen natürlich nicht irgendeinen Baum, sondern einen 800 Jahre alten Rimu, den es gebührend zu ehren gilt.
«Als die ersten Maori von den Inseln im Südpazifik auf Neuseeland landeten, war dieser Baum schon da, als kleiner Setzling», erklärt Manawatu. Heute ist er der älteste Baum dieses Waldes nahe Kaikoura, einer Ortschaft im Osten der Südinsel Neuseelands. Hier lebten sie einst vom Walfang und heute von Touristen, die kommen, um Wale zu sehen, die wilden Wellen des Pazifiks zu reiten und etwas über die Maori zu erfahren.
Für Letzteres gibt es keinen besseren Mann als Maurice Manawatu. 1840 hat sein Urururgrossvater Kaikoura Whakatau jenen Friedensvertrag mit den britischen Kolonialherren mitunterzeichnet, der einen langjährigen Konflikt beendete und Neuseeland zu einer Kolonie der Krone machte; und sein Onkel Wiremu Solomon war der letzte Chief des lokalen Maori-Clans.
«Vor 40 Jahren waren die Maori Bürger zweiter Klasse in Neuseeland», sagt Manawatu. «Aber dann passierten zwei Dinge: Eine Gruppe junger Studenten tat sich zusammen und fing an, politisch für unsere Anliegen zu kämpfen. Parallel dazu erwachte in Teilen unseres Volks das Interesse an der traditionellen Kultur neu.» Was folgte, war eine kleine Revolution: Die Maori bekamen Teile ihres Landes zurück, sie wurden finanziell entschädigt und ihre fast vergessene Sprache ist heute in allen Schulen Neuseelands Pflichtprogramm.
«Heute sind wir auf einem guten Weg», sagt Manawatu, der jeden Tag eine kleine Gruppe Kaikoura-Besucher auf eine vierstündige Tour zur Maori-Lebensweise mitnimmt. Und zwar, indem er ihnen maorische Traditionen beibringt. Wie man sich begrüsst, was man spielt, wie man die Natur respektiert und natürlich wie man singt – und alle machen mit, zuerst ein bisschen schüchtern, dann mit zunehmendem Vergnügen.
Wer eine Reise nach Neuseeland unternimmt, verfügt idealerweise über viel Zeit und gutes Sitzleder. Letzteres, weil die Anreise ab Europa rund 30 bis 40 Stunden dauert. Ersteres, weil das Land so viel zu bieten hat, dass man sich monatelang dort aufhalten kann. Nina Mattille (17) hatte Glück, sie durfte ein ganzes Jahr auf den Inseln am anderen Ende der Welt verbringen. Die Zürcher Gymnasiastin lebte ein Austauschjahr lang in Auckland, der grössten Stadt Neuseelands. Bis Juli 2013 besuchte sie die Auckland Girl’s Grammar School, eine reine Mädchenschule, und lebte bei einer Gastfamilie, den Cullens, in einem gehobenen Mittelstandsquartier mit Blick auf die Bucht.
Auch die Austauschstudentin lernte ein paar Brocken Maori
«Ich wollte mein Englisch verbessern, aber nicht in den USA, da gehen alle hin, und nicht in England, das wäre zu nahe gewesen.» Und so wurde es im Ausschlussverfahren Neuseeland – «zum Glück!» Ihr Englisch sei denn auch dramatisch besser geworden, findet sie, und tatsächlich klingt sie wie eine echte Neuseeländerin, wenn man sie so sprechen hört.
Die Gastfamilie wurde ihr zugeteilt. Sie hatte eigentlich damit gerechnet, irgendwo auf einer Schaffarm zu landen, und war eher überrascht, dass es schliesslich Auckland war. Dank vieler Ferienwochen in der Schule ist sie ziemlich weit herumgekommen im Land und schwärmt von seinen Schönheiten, dem idealen Klima und dem wilden kulturellen Mix, den sie in Auckland erlebt: «Das Beste von überall, das ist Neuseeland.» Viel Negatives hat sie nicht zu berichten, aber sie vermisste gutes Brot und bezahlbaren Käse. «Für ein Stück Mozarella zahlt man etwa 7 Franken, jenseits!» Und die öffentlichen Busse in Auckland seien Glückssache. «Mal fahren sie, mal fallen sie aus, Informationen gibts keine.»
Gewöhnungsbedürftig fand Nina, dass es an ihrer Schule keine Jungen gab und sie zu Beginn auch noch eine Schuluniform tragen musste. Die Schule erwies sich dafür als nicht sehr streng, allerdings muss sie nun in der Schweiz eine Klasse wiederholen, um mithalten zu können. Zwar hat sie sich zu Hause problemlos wieder eingelebt, doch sie vermisst ihr Gastland sehr. Wie alle Schulkinder Neuseelands lernte sie in dem Jahr auch ein bisschen Maori. «Und ich beherrsche die Aussprache besser als viele Englischsprachige, weil wir die Buchstaben im Deutschen ähnlich aussprechen, etwa das rollende R.»
Nina hat die Neuseeländer als «megafreundlich» und entspannt erlebt. «Nur eines darf man nicht: Neuseeland mit Australien verwechseln oder als Teil von Australien bezeichnen, das ist die höchste Beleidigung.»
Zu den vielen Highlights ihres Aufenthalts gehörte neben einem Besuch der Cathedral Cove im Norden und dem Langustenfangen auch ein Ausflug nach Queenstown, der Hauptstadt der Adrenalinjunkies. Es gibt fast keine Form von Abenteuersport, die rund um das malerisch am Lake Wakatipu gelegene Städtchen nicht betrieben werden könnte. Entsprechend jung sind die Reisenden und reichhaltig die Optionen, sich abends zu vergnügen.
Queenstown ist das Tor zur spektakulären Natur der Südinsel. Wir fliegen in einem abenteuerlichen Kleinflugzeug quer über die vereisten Gipfel der Südalpen zum Milford Sound, einem langgestreckten Fjord, der zum riesigen Nationalpark Fiordland gehört: ein Gebiet voller unberührter, teils gar unzugänglicher Wälder, ein Rückzugsgebiet für viele Vogelarten, die es ausschliesslich in Neuseeland gibt. Im Milford Sound sitzt der Fotofinger der Touristen besonders locker: Hier gibts prächtige Szenerien mit dicht bewachsenen Klippen, tosenden Wasserfällen und sonnenbadenden Seehunden.
Es zieht aber noch eine andere Gruppe nach Queenstown, die «Lord of the Rings»-Fans. In der näheren Umgebung liegen nämlich gleich 14 Orte, die dem neuseeländischen Regisseur Peter Jackson als Schauplätze für seine beiden Fantasyfilm-Trilogien dienten. Und es gibt mehrere Anbieter, die Filmfans auf Tagestouren zu diesen Locations bringen und dazu Anekdoten und Hintergrundinformationen liefern. Wir besuchen zum Beispiel jenen Ort in Ithilien, an dem Frodo, Sam und Gollum im zweiten Film zum ersten Mal Oliphanten sehen. Und jene Schlucht am Fluss Anduin, an dem im ersten Film die beiden gigantischen Königsstatuen die Bootsreisenden begrüssen. Die Statuen stehen dort natürlich (leider) nicht, die wurden mit Spezialeffekten erzeugt. Aber wir lassen es uns nicht nehmen, ein Erinnerungsfoto mit dem Fluss zu machen.
Die Mittelerde-Filme sind beste Werbung für Neuseelands Natur
Die Tolkien-Fans sind für die neuseeländische Tourismusindustrie zu einem enorm wichtigen Faktor geworden. 1999, vor der «Rings»-Trilogie, brachten Touristen Neuseeland jährlich 3,1 Milliarden Dollar ein, 2004 waren es 6 Milliarden. Danach sanken die Zahlen etwas, sind nun aber im Zuge der neuen «Hobbit»-Trilogie wieder gestiegen. Laut einer aktuellen Umfrage von Tourism New Zealand haben die Marketingaktivitäten rund um den «Hobbit» bei 82 Prozent der Befragten das Interesse an Neuseeland als Reiseland gesteigert. Für 8,5 Prozent der internationalen Besucher im ersten Quartal 2013 waren die Filme gar der Auslöser für ihre Reise.
Auch Russell Alexander (44) bekommt das gesteigerte Interesse zu spüren. Auf seiner riesigen Schaffarm nahe Matamata, zwei Stunden südöstlich von Auckland, liess Peter Jackson Hobbiton erstellen, jenes beschauliche Dorf, in dem die Hobbits Bilbo und Frodo Baggins leben. Das Filmset ist für die «Hobbit»-Trilogie nochmals neu gebaut worden und seither eine noch grössere Touristenattraktion als zuvor. 2011 kamen 30'000 Besucher, 2013 waren es 150'000. Fans aus aller Welt lassen es sich nicht nehmen, vor dem Eingang von Bilbos Höhlenhaus zu posieren und in der Taverne Green Dragon ein Ale zu trinken.
Neben Hobbiton befinden sich auf dem weitläufigen, hügeligen Gelände aber noch immer 13'000 Schafe. «Wir brauchen beide Geschäftszweige», sagt Alexander, «nur vom Filmset allein könnten wir nicht existieren.» Die Einnahmen teilt er sich mit Peter Jackson, das meiste wird reinvestiert.
Ebenfalls nicht über mangelnden Andrang beklagen kann sich der Weta Cave in der Hauptstadt Wellington, ein kleines Museum mit Laden, in dem die Spezialeffektefirma Weta Workshop ihre Arbeit an den «Rings»- und anderen Filmen präsentiert. In einer knapp einstündigen Führung zeigen Mitarbeiter, wie man Tausende von mittelalterlichen Schwertern effizient herstellt oder kleine Modellkonstruktionen auf der Leinwand zu riesigen Städten werden.
Schweizer Luxus am anderen Ende der Welt
Neuseeland ist aber nicht nur eine Destination für Naturfreunde, Adrenalinjunkies und «Hobbit»-Fans, es hat auch Geniessern eine Menge zu bieten. Die kulinarische Vielfalt ist enorm dank der diversen Einflüsse aus Europa, Asien und dem Südpazifik, die sich insbesondere in Auckland und Wellington auskosten lassen. In den letzten Jahren hat sich ausserdem die Region Marlborough ganz im Norden der Südinsel zu einer veritablen Weinhochburg gemausert. Insbesondere der Sauvignon Blanc ist sehr gefragt und kann in fast allen der über 100 Weingüter probiert werden – etwa im Herzog Estate von Hans und Therese Herzog, einem Schweizer Ehepaar, das einst das edle Restaurant Taggenberg bei Winterthur führte und 1994 nach Neuseeland ausgewandert ist.
«Wir suchten damals eine neue Herausforderung und mehr Freiheiten beim Anbau von Wein», erklärt Therese Herzog. «Und wir wollten ein bisschen ausspannen und geniessen – das allerdings ist gründlich schiefgegangen», sagt sie und lacht. «Wir arbeiten heute mehr als vorher.» Was nicht zuletzt an dem weit herum bekannten, ausgezeichneten Gourmetrestaurant liegt, das die Herzogs 2000 zusätzlich zur Weinproduktion eröffnet haben.
Die Geniessergegend um Blenheim scheint eine besondere Anziehung auf Schweizer auszuüben: Heidi und Werner Plüss (63 und 64) haben sich ebenfalls dort niedergelassen und bieten Reisenden in ihrer wunderschönen Peppertree-Villa aus dem Jahr 1901 eine luxuriöse Unterkunft mit fantastischem Frühstücksbuffet an. Auf ihrem Gelände haben sie Frucht- und Olivenbäume, Weinreben, Schafe, sodass die Gäste in den Genuss diverser hausgemachter Produkte kommen. «Wir haben 1996 hier erstmals Ferien gemacht», sagt Heidi Plüss. «Und als wir nach zwei Monaten wieder heimreisten, haben wir das Land so sehr vermisst, dass wir gleich die nächsten Ferien buchten.» Am Ende haben sie sich derart in Neuseeland verliebt, dass es nur eines gab: auswandern.
So weit geht sicherlich nur eine Minderheit der Besucher. Aber viele stellen rasch fest, dass zwei oder drei Wochen nirgends hinreichen, um dieses vielfältige Land am anderen Ende der Welt zu erkunden. Auch wir werden wiederkommen, lange Flugreise hin oder her.
Diese Reportage wurde unterstützt von Tourism New Zealand.
Autor: Ralf Kaminski
Fotograf: Arno Gasteiger