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Berlin, Anfang der neunziger Jahre: Die Mauer ist eben erst gefallen, viele Häuser sind besetzt, die Subkultur blüht. In der Stadt herrschte damals eine fieberhafte Atmosphäre, erinnert sich der französische Schriftsteller und Musiker Wilfried N’Sondé, der diese Zeit hautnah erlebt hat.
WOZ: Herr N’Sondé, Sie sind nach dem Mauerfall nach Berlin gezogen. Wie kam es dazu?
Wilfried N’Sondé: 1989 habe ich noch Politologie an der Sorbonne studiert. Unsere Professoren sagten damals: In Berlin findet ein Umbruch statt, geht mal dahin, dort wird gerade Geschichte geschrieben. Ich bin dann im Dezember 1989 tatsächlich nach Berlin gefahren und habe die Stadt für mich entdeckt. Es herrschte dort eine fieberhafte Stimmung, da war wirklich etwas los! Ich wusste sofort: Hier möchte ich leben! Es war verrückt, aber friedlich, du hattest das Gefühl, im Zentrum der neuen Welt zu sein. Der Kalte Krieg war zu Ende, etwas anderes war dabei zu entstehen.
Und dann sind Sie gleich hingezogen?
Erst anderthalb Jahre später. Ich habe meinen Magister in Paris im Juni 1991 gemacht und mir dann eine Wohnung in Berlin gesucht.
Sind Sie alleine hin?
Ja, aber meine Brüder kamen einige Monate später nach.
Sie haben in Charlottenburg gelebt?
Ja, aber im Kiez! Das ist wichtig, weil Charlottenburg schon eher Schickimicki ist. Das gilt aber nicht für den Kiez. Hier gab es besetzte Häuser und viele Migranten.
Und wie haben Sie Ihren Lebensunterhalt bestritten?
Am Anfang, als ich noch kein Deutsch konnte, habe ich auf Baustellen gearbeitet, Wohnungen renoviert, alle möglichen Jobs gemacht, um Geld zu verdienen.
Aber das ist ja schon eine ziemliche Veränderung, wenn man gerade frisch von der Sorbonne kommt.
Ja, aber ich wollte das so. Ich bin neugierig, ich wollte nicht mein ganzes Leben mit dem Kopf arbeiten, sondern auch mal was mit meinen Händen tun.
Sie haben in Berlin viel Musik gemacht: «Afropunk». Was versteht man denn darunter?
Meine Brüder und ich hatten eigene Songs geschrieben und wollten unbedingt auftreten. Aber überall, wo wir anfragten, wollte man von uns wissen: Macht ihr Hip-Hop? Reggae? Oder Jazz? Die Veranstalter wollten immer ein Etikett. Darum sagten wir uns irgendwann: Wir erfinden einfach etwas – Afropunk! Keiner wusste, was das bedeuten sollte, das gab uns die Freiheit, zu spielen, was wir wollten. Wenn keiner weiss, was ihn erwartet, kann man machen, was man will.
Also ganz im Geist des Punk.
Genau: Erwarte bloss nicht, dass ich mache, was du willst, ich mach mein eigenes Ding – und wenn es dir nicht gefällt, ist das dein Pech! Das entsprach damals dem Geist der Undergroundszene in Prenzlauer Berg oder in Kreuzberg. Damals war ich oft im «Tacheles», hatte dort viel Kontakt zu Musikern und Künstlern.
Das «Tacheles» ist eine Bar?
Es war eine Bar und ein besetztes Haus, es gab dort eine Disco und Konzerte. Heute steht dort leider ein blödes Hotel.
Damals war doch auch Techno ein grosses Ding, oder?
Auf jeden Fall! Ich war auch Teil einer Gruppe, die «Space Sex Company» hiess oder so ähnlich. Wir machten Choreografien und Theater zu Technomusik. Berlin bot damals viel Raum für solche Sachen.
Später waren Sie dann als Sozialarbeiter tätig. Was haben Sie da genau gemacht?
Ich habe für einen Verein gearbeitet, der Schüler betreut. Das waren verhaltensauffällige Jungs, mehrheitlich Deutsche mit türkischer Herkunft. Wir unterstützten sie bei ihren Problemen, aber auch ihre Eltern. Mein Job war es, internationale Austauschprogramme zu organisieren. Es gab Partnerschaften mit Organisationen in Frankreich, der Schweiz, Portugal und England. Die Idee war, den Horizont der Jugendlichen zu erweitern. Wir boten ihnen die Möglichkeit, einmal aus Charlottenburg rauszukommen. Und das tat ihnen sehr gut. Ich habe das fünfzehn Jahre lang gemacht.
Haben Sie damals schon geschrieben?
Ich habe schon als Jugendlicher angefangen zu schreiben.
Was haben Sie denn geschrieben?
Gedichte und Lieder. Prosatexte kamen erst sehr spät, 2005 etwa. Und 2007 ist ja dann schon mein erster Roman erschienen …
… «Das Herz der Leopardenkinder». Das Buch haben Sie in Berlin verfasst, es spielt aber in den Vorstädten von Paris.
Eigentlich ging es mir darum, eine Liebesgeschichte – eine tragische! – zu schreiben. Der Rahmen war für mich gar nicht so wichtig. Später musste ich dann feststellen, dass für achtzig Prozent der Leser der Rahmen wichtiger war als die Geschichte. So ist das manchmal in der Literatur: Du hast das Gefühl, du schreibst über eine ganz bestimmte Sache, aber die Leser lesen etwas ganz anderes. Die Rezeption in diesem Fall erklärt sich wohl daraus, dass das Buch in einer Zeit erschien, als die Probleme der Vororte im Blickfeld der Öffentlichkeit waren, kurz nach den Unruhen im Jahr 2005.
Wilfried N’Sondé (48) wurde in der Republik Kongo geboren und wuchs in Paris auf. Seine Berliner Jahre inspirierten ihn zum Roman «Berlinoise», der 2015 erschienen ist.