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| Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).

Sechstes Buch
XVII. Kapitel
150.
1. Wer also nur den Schein nachahmt, der verfälscht auch die den Menschen innewohnende Vorstellung. Wenn aber jemand von irgendeinem Gegenstand gleichsam eine glühende Kohle erhalten und diese im Innern seiner Seele durch Begierde und Lernen angefacht hat, so setzt er daraufhin alles in Bewegung, um zur vollkommenen Erkenntnis zu gelangen.
2. Wenn sich aber jemand einer Sache nicht zu bemeistern sucht, so sehnt er sich auch nicht darnach und freut sich nicht an dem durch die Sache gewährten Nutzen.
3. Zuletzt also ahmt der Gnostiker am Ende aller sittlich guten Taten den Herrn nach, indem er, soweit es für Menschen erreichbar ist, von dem Herrn eine Eignung dazu erlangt hat, Gott ähnlich zu werden.1 Wer aber von der Erkenntnis nichts weiß, der kann auch die Wahrheit nicht richtig beurteilen.
4. Es ist also nicht möglich, an den gnostischen Grundsätzen Anteil zu erhalten, wenn wir uns nicht von unseren früheren Anschauungen frei machen. Denn das Wort "Wahrheit" wird einfach so ganz allgemein von allem, was geistig oder sinnlich wahrnehmbar ist, gebraucht.
5. Dem entstpricht es, daß man auch eine wahrhaftige Malerei im Gegensatz zu der gewöhnlichen sehen kann und eine ernste Musik im Gegensatz zu der zuchtlosen. Und demnach gibt es auch eine Wahrheit in der Philosophie, die von der Lehre der übrigen Philosophen verschieden ist, und eine wahrhaftige Schönheit, die von der verfälschten verschieden ist.
6. Wir dürfen uns also nie um die einzelnen Teile der Wahrheit, von denen das Wort "Wahrheit" gebraucht wird, sondern [S. 343] müssen uns um die Wahrheit selbst bemühen, statt darnach zu streben, Worte zu lernen.
7. Denn der Begriff "Gott" ist nicht einfach, sondern tausendfältig, und es ist ein Unterschied, ob man nach Gott selbst sucht oder nach dem, was mit Gott zusammenhängt. Allgemein gesagt, man muß bei jeder Sache von dem Wesen die zufälligen Eigenschaften unterscheiden.
1: Vgl. Platon, Theaitetos p. 176 AB.