Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03111.jsonl.gz/972

Vom Umgang mit Leid
Quelle: W.L.Craig „On Guard“
Ich habe bereits erwähnt, dass es ein unvergleichliches Gut ist, Gott zu kennen, mit dem unser Leid nicht ansatzweise verglichen werden kann. Wenige von uns verstehen diese Wahrheit wirklich. Doch ein ehemaliger Kollege lernte eine Frau kennen, die diese Wahrheit schon verstanden hatte. Tom hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, Menschen, die permanent in Pflegeheimen wohnten, in dem Versuch zu besuchen, ein wenig Freude und Liebe in deren Leben zu bringen. Eines Tages lernte er eine Frau kennen, die er niemals mehr vergaß:
Als ich mich dem Ende des Gangs näherte, sah ich eine alte Dame, die in einem Rollstuhl festgegurtet war. Ihr Gesicht sah schrecklich aus. Der leere Blick und die weißen Pupillen ihrer Augen sagten mir, dass sie blind war. Das große Hörgerät über einem Ohr sagte mir, dass sie beinahe taub war. Eine Seite ihres Gesichts war vom Krebs zerfressen. Ein Teil einer Wange war von einer verfärbten und tropfenden Wunde bedeckt, die ihre Nase auf die Seite geschoben hatte, ein Auge herunterhängen ließ und ihren Kiefer so verzogen hatte, dass ihr Mundwinkel der unterste Punkt ihres Mundes war. Folglich lief ihr immerzu Speichel aus dem Mund (…) Später erfuhr ich auch, dass diese Frau 89 Jahre alt war und seit 25 Jahren bettlägerig, blind, fast taub und alleine gewesen war. Das war Mabel.
Ich weiß nicht mehr, warum ich sie ansprach – bei ihr war eine Reaktion eigentlich wesentlich unwahrscheinlicher, als bei den meisten anderen, die ich im Gang sah. Doch ich legte ihr eine Blume in die Hand und sagte: »Hier, bitte schön, eine Blume für Sie. Herzlichen Glückwunsch zum Muttertag.« Sie hielt sich die Blume ans Gesicht und versuchte, daran zu riechen. Dann begann sie zu reden. Und zu meiner großen Überraschung waren ihre Worte offenbar das Produkt eines klaren Verstandes, auch wenn sie wegen der Missbildung etwas verzerrt klangen. Sie sagte: »Danke, sie ist herrlich. Aber kann ich sie jemand anderem geben? Ich kann nichts sehen, wissen Sie, ich bin blind.«
»Natürlich«, antwortete ich und schob sie in ihrem Rollstuhl den Gang hinunter, dorthin, wo ich vermutete, dass ich muntere Patienten finden könnte. Ich fand einen und hielt den Rollstuhl an. Mabel streckte die Hand mit der Blume aus und sagte: »Hier, die ist von Jesus.«
Tom und Mabel wurden über die nächsten Jahre Freunde, und Tom erkannte langsam, dass nicht mehr er Mabel half, sondern sie ihm. Er fing an, das aufzuschreiben, was sie sagte. Einmal besuchte Tom Mabel am Ende einer stressigen Woche und fragte sie: »Mabel, woran denkst du, während du hier den ganzen Tag liegst?« Sie antwortete: »Ich denke an meinen Jesus.«
Ich saß da und dachte einen Moment darüber nach, wie schwer es mir fiel, auch nur fünf Minuten lang über Jesus nachzudenken, und fragte sie: »Woran denkst du bei Jesus?«
Sie antwortete bewusst langsam, während ich mitschrieb. Sie sagte:
»Ich denke daran, wie viel Güte er mir erwiesen hat. Er hat mir in meinem Leben so viel Güte erwiesen, weißt du (…) Ich bin eine von denen, die fast immer zufrieden sind (…) Viele Leute würden sagen, ich bin irgendwie altmodisch. Aber das ist mir egal. Jesus ist mir wichtiger. Er bedeutet mir alles.«
Da stimmte Mabel ein altes Kirchenlied an:
Jesus ist alles, alles mir,
Mein Leben, Glück und Heil;
Er gibt mir Kraft von Tag zu Tag,
Er lässt mich nicht allein.
Bin ich betrübt, macht er mich froh,
Kein andrer Freund versteht mich so;
Bin ich betrübt, Er dennoch liebt,
Er, mein Freund.
Das ist nicht erfunden. So unglaublich wie es auch erscheinen mag – ein Mensch hat tatsächlich so gelebt. Ich weiß das. Ich kannte sie. Wie hat sie das geschafft? Sekunden tickten und Minuten krochen dahin, und genauso auch Tage und Wochen und Monate und Jahre der Schmerzen, ohne menschlichen Beistand und ohne Erklärung dafür, dass das alles so geschah – und sie lag da und sang Kirchenlieder. Wie hat sie das geschafft?
Ich denke, die Antwort lautet: Mabel hatte etwas, von dem Sie und ich nicht viel haben. Sie hatte Kraft. Sie lag dort in diesem Bett, konnte sich nicht bewegen, sah nichts, hörte nichts, hatte niemanden zum Reden – und hatte eine unglaubliche Kraft.
Paradoxerweise ist Gott also, obwohl das Leidproblem der größte Einwand gegen Gottes Existenz ist, letzten Endes die einzige Lösung dafür. Wenn Gott nicht existiert, sind wir in einer Welt voller sinnlosen und vergeltungslosen Leides hoffnungslos gefangen. Gott ist die finale Antwort auf das Leidproblem, denn er erlöst uns von dem Bösen und nimmt uns hinein in die ewige Freude eines unvergleichlichen Gutes: Gemeinschaft mit ihm selbst.