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Einleitung
Die Zeitlage
Grundlagen S. 7 Wenn es eine Zeit gegeben hat, die sich der Sachlichkeit hätte rühmen können, so war es die der Kichenväter; und eben daß sie es nicht getan, das gerade steht am ehesten für sie ein. Und gerade weil die Männer dieses Zeitabschnittes — es ist hier vor allem an das vierte Jahrhundert gedacht — mit völliger Selbstvergessenheit ihrer Aufgabe sich hingegeben haben, deswegen wird es verständlich, mit wieviel Leidenschaft und Verbissenheit, mit wieviel Opfersinn und Geistesgröße sie für ihre Aufgaben sich eingesetzt haben.
Wir besitzen keine Bildnisköpfe von ihnen, keine Lebensdarstellung, die den genauen Anforderungen einer anspruchsvollen Geschichtschreibung und den Wünschen eines teilnehmenden Menschen und Gläubigen genügte; noch weniger einen Aufriß der geistigen Strömungen, die widereinanderwogten und sich gegenseitig fortzureißen strebten. Alles das muß aus den Schriften der damaligen Zeiten erhoben werden, die erheblich zahlreicher und zuverlässiger sind als etwa die des dritten Jahrhunderts.
Und nur deswegen ist Hilarius zu Bedeutung gelangt, weil er in die Kämpfe seiner Zeit hineingezogen wurde und in ihnen seinen Geist und Glauben bewähren konnte. Das veranlaßt, einen Blick auf die Glaubenskämpfe der damaligen Zeit zu tun.
Glaubens-kämpfe? Glaubens-kämpfe: nein. Glaubens-kämpfe: ja. Denn es würde Unrecht sein, von vornherein jeden Irrlehrer1 schlechten Willens zu zeihen, trotz der wenig liebreichen Worte, mit denen sich die S. 8 Streiter bedachten; spricht doch sogar ein Synodalschreiben (Sardica 343) von den „Ariusbesessenen‟; und Hilarius ist nicht um eindeutige und kraftvolle Wendungen verlegen, wenn er seine Gegner kennzeichnen will. Aber man darf nicht übersehen: zuerst wollten alle Beteiligten den wahren Glauben vertreten; und erst späterhin, wenn man den Unterschied der Auffassungen bemerkte, wenn man sich entscheiden mußte, ob man mehr Glauben oder Einsicht fordere, ob man mehr zu Eigensinn oder zu Willigkeit geneigt sei; wenn nicht nur Geist und Gesinnung, sondern auch Amt und Einkommen zur Frage standen, dann brachen jene Häßlichkeiten auf, von denen weniger das offene Kämpfen als vielmehr das hinterhältige Umtreiben Zeuge und Ausdruck ist.
Was denn war es, das die Menschen und Denker zu solcher Hingabe und Verbissenheit, zu solcher Versenkung und Verstiegenheit durchdrang? das Höchste des Denkens und Seins, das Religiöse. Und nicht etwa das Gute, wie Plato es erreicht hatte; nicht die Weltverneinung, wie die Stoa sie ausdachte; sondern das Göttliche in seinem geheimnisvollen Seins- und Beziehungsreichtum, wie Jesus Christus es gelehrt hatte.
Das Göttliche oder der Göttliche? Damit sind wir zum Kern des ganzen damaligen Fragengefüges oder Fragengewühles vorgestoßen. Man fand es als klare Lehre der Hl. Schrift, daß es nur einen Gott gebe, daß dieser Gott ausschließliche Geltung für sich in Anspruch nehme. Weniger klar erkannt als mehr nur geahnt kam noch dies hinzu, daß man in der unaussagbaren Überlegenheit, in der geheimnisvollen Seins- und Lebensfülle des Gottes den Grund erahnte, warum es nur ein Göttliches oder, wie man lieber, weil anschaulicher und schriftgemäßer, sagte, nur einen Gott geben könne.
Trotzdem war es ebenso klare Lehre derselben Schrift und Voraussetzung des kirchlichen Glaubenslebens, daß auch Jesus Christus Göttlichkeit für sich in Anspruch nehme, und überdies, daß er als Mensch gelten solle. Da und dort erkannte man auch schon, daß die ganze Fragenverwirrung nur noch vermehrt würde, wenn auch S. 9 für den Hl. Geist volle Göttlichkeit geltend gemacht werde. Doch voerst legte man sich auf die Untersuchung fest, wie man das Verhältnis zwischen dem einen Gott und Jesus Christus deuten solle, eine Beschränkung, die einer raschen und glatten Erledigung der anderen Frage nur von Nutzen sein konnte, nämlich dieser, wie das Verhältnis zum Hl. Geist gedacht werden solle.
Gerade bei diesen Schwierigkeiten, die um das Innerste des christlichen Glaubens sich mühen, zeigt es sich klar, daß auch die „Irrlehrer‟ ursprünglich durchaus nicht darauf aus waren, „neue‟ Lehren zu erfinden, sondern darauf, den vorgelegten Glaubensinhalt zu ordnen und in ausgeglichene Beziehungen zu setzen. Sie wollten also durchaus alle „rechtgläubig‟ sein und verfochten mit Leidenschaft den Anspruch, den wahren Glauben zu besitzen. Das „Irrelehren‟ kam dadurch zustande, daß sie nicht in genügender Weise einerseits das Überragen der Gottheit, anderseits die Enge menschlichen Denkens — was beides wie Bild und Gegenbild zusammengehört — beachteten; daß sie also vorschnell ihre Auffassungen für endgültig hielten und so nicht den Blick weit genug hielten, um die gesamte Schriftlehre — auf sie stützte man sich zumeist — von Gott und Christus in ein ausgeglichenes Gefüge zu bringen.
Der Beweis dafür, daß man das Rechte wenigstens wollte, liegt darin, daß innerhalb des Glaubensgutes alle diejenigen Möglichkeiten erschöpft wurden, die zu einem Irrtum hätten Anlaß geben können, und zwar auch in solcher Reihenfolge, daß die geschichtliche Abfolge der dogmatischen Kämpfe und Entscheidungen zugleich die beste Einführung in die überzeitlich geltenden Zusammenhänge der Glaubenswirklichkeit ist.
Den engen Zusammenhang mit dem Judentum bewies das Christentum darin, daß es zunächst die Einheit Gottes hervorhob. Die Vertreter dieser Richtung nennt man „Monarchianer‟, im Anschluß an Tertullian (vgl. adv. Prax. 3), weil man die „Alleinherrschaft‟ Gottes unangetastet lassen wollte. Man versuchte es einerseits dadurch, daß man Gott und Christus zu sehr voneinander trennte, anderseits dadurch, daß man sie zu sehr in eins setzte. Zu der ersten Gruppe gehört Theodot der S. 10 Gerber aus Byzanz, der seine Glaubensverleugnung in einer Verfolgung damit zu rechtfertigen suchte, daß er doch nur einen Menschen verleugnet habe, der zwar der Messias sei, auch wunderbar aus der Jungfrau geboren, auch bei seiner Taufe mit dem Hl. Geist begabt wurde, aber doch nicht wahrer Gott sei. Theodot wurde um 190 von Papst Viktor exkommuniziert.
Tiefer drang Paul von Samosata,2 seit 260 Bischof von Antiochien. Er spricht von „Wort‟ (λόγος) [logos] und „Wesen‟ (οὐσία) [ousia], den Kampfwörtern des vierten Jahrhunderts. Christus sei Mensch, aber vom Logos als göttlicher Kraft erleuchtet; er sei „gleichwesentlich dem Vater‟ (ὁμοούσιος τῷ πατρί) [homoousios tō patri], wobei er Wesen mit Personträger gleichsetzt (οὐσία = ὑπόστασις). Er wurde zu Antiochien 268 verurteilt und abgesetzt. Bei ihm gewinnt das Wort Irrlehrer schon etwas von dem Nebenklang des menschlichen Minderwertes.3
Zu der zweiten Gruppe der Monarchianer, die zu sehr den Unterschied zwischen Gott und Christus aufhoben, gehört Sabellius, Priester aus Libyen († um 260). Nach ihm ist die Gottheit schlechthin eins, nur die Weisen ihrer Betätigung nach außen hin (modi operationis; Modalismus) lassen ihn dreipersönlich erscheinen: als Vater in der Weltschöpfung, als Sohn in der Erlösung, als Hl. Geist in der Heiligung und Leitung der Kirche. Als Folgerung ergibt sich ohne weiteres, daß im Sohn nicht eine eigenständige, vom Vater verschiedene göttliche Person gelitten hat, sondern vielmehr der Vater: „Patripassianer.‟ Die endgültige Klarstellung, wo der Irrtum des Sabellius liege, erfolgte erst durch die Kirchenversammlung von Nicäa (325), wenn auch schon gleich Dionysius von Alexandrien und Dionysius von Rom ihn zurechtwiesen.