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Die Geschichte ist ein Wettlauf zwischen Menschen und Mikroben, schrieb der amerikanische Historiker und Autor von Büchern wie «Die grossen Epidemien» und «Seuchen machen Geschichte» William Hardy McNeill in den 1980er-Jahren. Wer dieses Rennen um Leben oder Tod gewinnt, ist immer noch offen. Mal haben wir die Nase vorn, mal die Mikroben. Tatsache ist, dass nicht nur Menschen, sondern immer wieder auch Viren und Bakterien Geschichte geschrieben haben. Und dies nicht erst seit Covid-19. «Pandemien gehören zu den grössten Schocks, die Volkswirtschaften treffen können», sagt Joachim Voth, «sie sind eher selten, wenn sie einen aber erwischen, verändern sie das Leben ganz massiv.» Der Ökonom und Wirtschaftshistoriker hat den Einfluss von Seuchen in der Geschichte untersucht.
Im Würgegriff der Pest
In den letzten zweitausend Jahren hat es immer wieder katastrophale Phasen gegeben, in denen die Mikroben die Oberhand hatten, unzählige Tote forderten und den Wettkampf für sich zu entscheiden schienen. So hat eine Pandemie, die Justinianische Pest (527–565), entscheidend zum Niedergang des Römischen Reichs und zum Ende der Antike beigetragen. Als die europäischen Entdecker rund tausend Jahre später, im 16. Jahrhundert in Amerika landeten, schleppten sie auch Infektionskrankheiten, etwa Masern und Pocken mit, die einen grossen Teil der Urbevölkerung das Leben kosteten. Und Europa war im Mittelalter und der frühen Neuzeit über mehrere Jahrhunderte hinweg fest im Griff des Schwarzen Todes. Die Pest, die sich von der Krimregion über Handelsrouten nach Westeuropa ausbreitete, dezimierte in einer ersten Welle von 1348 bis 1352 die damalige Bevölkerung um rund einen Drittel. Weitere Wellen folgten und forderten bis ins 18. Jahrhundert Millionen Tote.
So traurig diese Bilanz ist, längerfristig hat die Pest Europa reich gemacht, hat Joachim Voth herausgefunden. Der Ökonom und Wirtschaftshistoriker hat den wirtschaftlichen Aufschwung erforscht, der im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit weltweit nirgendwo so gross war wie in Europa. Er führte etwa dazu, dass der Kontinent das anfänglich viel weiter entwickelte China im Lauf der Jahrhunderte wirtschaftlich weit überflügelte. Steigbügelhalter für den Aufschwung und den steigenden Wohlstand waren – so paradox es klingen mag – Kriege und Seuchen wie die Pest. Sie haben die Zahl der Menschen immer wieder drastisch reduziert. In einer Zeit, in der – ganz im Gegensatz zu heute – aller Reichtum aus dem Boden, sprich aus der Landwirtschaft stammte, bedeutete dies auch, dass für die Überlebenden mehr Land pro Kopf und damit auch mehr Ressourcen vorhanden waren.
Roastbeef statt Graupelsuppe
Dies führte dazu, dass in Europa rund hundert Jahre nach der ersten Pestwelle ein «goldenes Zeitalter» anbrach, sagt Voth. «Ernährte man sich früher vor allem von Graupelsuppe und Porridge, so gab es jetzt Roastbeef, Käse und viel Bier.» Der gestiegene Wohlstand führte dazu, dass die Nachfrage nach Konsumgütern stieg und dadurch die Produktion vor allem in den Städten angeheizt wurde. Er füllte aber auch die Kassen der europäischen Herrscher, nährte ihren Machthunger und steigerte ihren Appetit darauf, Kriege zu führen.
Im politisch kleinteiligen Europa, einem Flickenteppich von Fürstentümern und Königreichen, waren gewaltsame Konflikte – ganz im Gegensatz etwa zum vereinten und deshalb weit friedlicheren China – an der Tagesordnung. Auch die häufigen Konflikte trugen im Vergleich zu China zur schnelleren wirtschaftlichen Entwicklung in Europa bei. «In einer malthusianischen Welt, in der sich der Wohlstand immer aus dem Verhältnis von Land und Arbeit ableitet, ist Krieg auch Good News, weil er die Todesrate steigert», sagt Joachim Voth. Und so sorgten Seuchen und Kriege dafür, dass die Einkommen in Europa trotz Schwankungen nie mehr auf ein Niveau wie vor der ersten Pestwelle zurücksanken.
Dieser ersten Pestwelle stand das mittelalterliche Europa machtlos gegenüber. Die Mikroben verbreiteten sich rasend schnell und ungehindert – die Folgen waren entsprechend verheerend. Die Seuche forderte geschätzte
25 Millionen Tote. Mit zunehmender Erfahrung lernten die Gesellschaften der frühen Neuzeit jedoch, immer besser mit dem Schwarzen Tod umzugehen und seine Macht zurückzudrängen – lange bevor man den Erreger entdecken und isolieren konnte. Das Zauberwort hiess bereits damals Quarantäne. Städte wurden abgeriegelt und die Menschen in ihre Häuser verbannt und Orte, an denen Pestkranke lebten, mit Kreuzen markiert. «Jedes Schiff, das an einem Mittelmeerhafen anlegte, wurde zu Pestzeiten zuerst unter Quarantäne gestellt. Und das Habsburgerreich machte seine Balkangrenze zu», sagt Voth, «Europa kapselte sich – wie heute auch – gegenüber dem Rest der Welt ab.»
Augenfällig wurde diese Abschottung 1720 in Marseille. Damals brachte ein Handelsschiff, das die Quarantäne-Vorschriften nicht einhielt, den Schwarzen Tod in die französische Hafenstadt – Erreger verbreiten sich oft entlang von Handelsrouten. Um die Seuche einzudämmen, wurde auf Geheiss des französischen Königs und des Papsts in der Provence eine Pestmauer gebaut. Die Mauer war über zwei Meter hoch und mit von bewaffneten Soldaten besetzten Wachtürmen versehen. Wer über die Mauer klettern wollte, wurde mit Gewalt daran gehindert. Obwohl Einzelnen die Flucht gelang, konnte die Seuche so im Zaum gehalten werden. Zwar starben trotz der drastischen Massnahme in und um Marseille gegen 100000 Menschen, die Pestmauer verhinderte jedoch, dass die Krankheit sich einmal mehr in ganz Europa verbreiten konnte.
Nächste Pandemie kommt bestimmt
Heute, dreihundert Jahre später, sind unsere Möglichkeiten, Pandemien zu bekämpfen, nicht wesentlich besser als im 18. Jahrhundert. Auch heute heissen die probatesten Mittel Social Distancing und Quarantäne. «Vor dreihundert Jahren hat der absolutistische König mit dem Bau der Pestmauer Europa vor dem Schwarzen Tod gerettet», sagt Joachim Voth, «etwas Ähnliches könnten wir auch heute im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sehen.» Zwar müssen wir keine Mauern aus Stein mehr bauen, um die Ausbreitung des Erregers einzudämmen. Aber wir könnten mit Hilfe des digitalen Contact Tracing eine virtuelle Pestmauer errichten, indem wir Standort- und Gesundheitsdaten teilen. Südkorea und Taiwan haben es vorgemacht. Diese Länder setzen auf Massentests und sie teilen ihren Bürgern mit, dass sie in der Vergangenheit mit Infizierten in Kontakt gekommen sind.
Die Corona-Pandemie könnte erst der Anfang sein. Das Rennen zwischen Mensch
und Mikroben hat sich in den letzten Jahrzehnten beschleunigt. «Corona werden wir früher oder später in den Griff kriegen», ist Joachim Voth überzeugt, «aber es ist gut möglich, dass wir künftig immer wieder mit Pandemien konfrontiert werden – vielleicht mit noch gefährlicheren Erregern als gerade jetzt.» Die Häufigkeit von Seuchen hat auf Grund der globalen Mobilität zugenommen. Brachen sie früher alle
hundert Jahre aus, so sind es heute alle fünf bis zehn Jahre. «Der seuchentechnisch wohl glücklichste Moment der Geschichte war 1976, als die Pocken besiegt waren und noch niemand etwas vom HI-Virus wusste», sagt Ökonom Voth. Damals schien der Wettlauf zu unseren Gunsten entschieden. Wie wir heute wissen, war das eine Täuschung.
Virtuelle Pestmauer bauen
Im Lauf der Jahrhunderte hat Europa gelernt, die Pest wirksam zu bekämpfen, etwa mit Pestmauern. Das Zauberwort lautete bereits im 18. Jahrhundert: soziale Distanz. Solange es keinen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt, gilt das auch heute noch. Im Gegensatz zu früher können wir jedoch mit Hilfe des digitalen Contact Tracing virtuelle Pestmauern bauen.
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