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|Illettrismus wurde in den letzten zwanzig Jahren in den Industrieländern zu einem gewichtigen Problem. In einer Gesellschaft, in der Effizienz und Geschwindigkeit propagiert werden, stellen ungenügende Lese- und Schreibkompetenzen einen Faktor der sozialen, kulturellen und ökonomischen Ausgrenzung dar, welcher nicht weiter ignoriert werden darf. Die Ausbreitung der Nutzung von Informatik und Internet in der Arbeitswelt und im alltäglichen Leben bedeutet zusätzliche Hindernisse für von Illettrismus betroffene Personen und schmälert deren Chancen auf berufliche und soziale Integration. Neben den individuellen Schwierigkeiten, mit denen die betroffenen Erwachsenen zu kämpfen haben, handelt es sich bei Illettrismus um ein soziales Problem, das Implikationen für die Gesamtgesellschaft aufweist.

Definitionen
Analphabetismus
Situation einer Person, die keine oder fast keine Schulbildung besitzt und somit weder schreiben noch lesen gelernt hat.
Illettrismus
Situation einer Person, welche die Schule besucht hat, jedoch Lesen, Schreiben und Rechnen nur ungenügend beherrscht. Dadurch können diese Personen nicht aktiv am sozialen, familiären und beruflichen Leben teilhaben. In der Schweiz sind die Personen, welche von Illettrismus betroffen sind, normalerweise keine Analphabeten.
Folgen für die betroffenen Personen
Erwachsene, welche im heutigen Umfeld von Illettrismus betroffen sind, werden mit kaum vorstellbaren Schwierigkeiten konfrontiert. Eine Vielzahl von Situationen, obwohl banal für andere Menschen, lösen Verunsicherung aus. Das Lesen von Busanzeigen oder Mitteilungen der Schule, die Orientierung in einer Stadt, das Ausfüllen eines Formulars beim Arzt oder das Verstehen der Briefpost, werden zu einer belastenden Angelegenheit.
- In Bezug auf das Selbstwertgefühl, löst Illettrismus oftmals Schamgefühle und Leiden aus.
- In Bezug auf das berufliche Leben, begünstigt Illettrismus Arbeitslosigkeit und prekäre Anstellungsverhältnisse. Ist eine Person im Arbeitsleben integriert, kann Illettrismus zu Kommunikationsproblemen innerhalb des Betriebes oder zu einem erhöhten Unfallrisiko führen.

- In Bezug auf die soziale und kulturelle Integration erschwert mangelnde Lese- und Schreibfähigkeit die Rolle des Elternseins. Zudem verhindert Illettrismus sowohl die Beteiligung am kulturellen und Vereins-Leben als auch die Wahrnehmung der staatsbürgerlichen Rechte, wie zum Beispiel die Beteiligung an Wahlen.
Folgen für die Gesellschaft
Illettrismus ist auch – und vor allem – ein Problem für die Gesellschaft. Das hohe sozio-ökonomische Anforderungsniveau des heutigen Kontexts vertieft den Graben zwischen den Personen, die von Illettrismus betroffen sind und denjenigen, welche über gute Lese- und Schreibkompetenzen verfügen. Mit den steigenden Anforderungen werden sich die Probleme, welche mit der sozialen und beruflichen Integration von Illettrismus betroffenen Personen verbunden sind, tendenziell verstärken.
Der Illettrismus von Personen, welche im Allgemeinen mehrere Jahre die obligatorische Schule besucht haben, ohne sich genügende Lese- und Schreibkompetenzen anzueignen, stellt die fundamentale Frage nach dem Bildungsrecht und der Reproduktion von sozialen Ungleichheiten durch das Bildungssystem und die Unangemessenheit des Unterrichts für defavorisierte Schichten. Der Bildungsauftrag, der in der Verfassung verankert ist, stösst hier an seine Grenzen.
In Bezug auf die sozio-ökonomische Ebene verursacht Illettrismus hohe Kosten:
- Verlust an Arbeitskraft und Produktivität,
- wachsende Abhängigkeit vom Sozialstaat,
- fehlende soziale Integration und Diskriminierung.

Mehr zu Illettrismus
Lesen und Rechnen im Alltag
Grundkompetenzen von Erwachsenen in der Schweiz, Bericht BFS, 2006 (pdf)
PISA 2000: Synthese und Empfehlungen, BFS, 2003
Aktionsplan EDK/PISA, 2000 (PDF)
Illettrismus. Wenn Lesen ein Problem ist – Hintergründe und Gegenmassnahmen
Trendbericht SKBF Nr. 5, Aarau 2002, (Link für die Bestellung)
Einleitung, Vorwort und Zusammenfassung des Berichts (pdf)
Prefazione e sintesi del rapporto >> in italiano
Littératie et société du savoir
: nouveaux résultats de l'enquête internationale sur les capacités de lecture et d'écriture des adultes, (OCDE, 1997), franz.und englisch