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Meine Familie ist seit Jahren mit jener von Jean-Paul Garot befreundet, einem der Gründungsmitglieder unseres Vereins „Las das Crianças Montalegre“. So bekam ich schon früh Einblick in die Tätigkeit des Vereins. Seit Anfang 2014 bin ich nun als Grafiker für ihn tätig.
Als halber Brasilianer, welcher in der Schweiz geboren ist, bin ich schon früh mit den kulturellen und gesellschaftlichen Verschiedenheiten beider Länder konfrontiert worden, jedoch noch nie direkt mit der Armut Brasiliens.
Dies ist darauf zurück zu führen, dass ich hauptsächlich den Süden Brasiliens kannte. Die Region rund um São Paulo gilt als der Wirtschaftsmotor des Landes. Und in den letzten Jahren wurde kräftig die Werbetrommel für das Land gerührt. Wirtschaftsboom, Fussball-Weltmeisterschaft 2014 und Olympiade 2016. Brasilien lässt die Armut und Gewalt hinter sich und steigt auf. Der fünftgrösste Staat auf der Welt hat positive Entwicklungen durchgemacht, so berichtet die Mehrzahl der Medien. Ich war verwundert. Mein Interesse an Südamerika nahm zu und ich wollte das Land besser kennenlernen. Dafür reiste ich 6 Monate durch Südamerika, wovon 2,5 Monate in Brasilien.
Der überwiegende Teil der Kinder kommt aus extrem armen Verhältnissen. Oft sind die Mütter alleinerziehend.
Zur Osterzeit 2015 hielt ich mich im Nordosten Brasiliens auf. Die dortige Stadt Recife ist mit ihren 3,6 Millionen Einwohner die fünftgrösste des Landes. Das Wetter an diesem Ostermontag, 6. April 2015, war schon früh morgens drückend heiss. Es habe schon lange nicht mehr genug geregnet, wurde mir gesagt. Mit dem Taxi befand ich mich auf dem Weg zur Kinderkrippe Montalegre. Diese befindet sich ausserhalb des Stadtzentrums, in einem Armenviertel namens „Casa Amarella“. Die Krippe öffnet frühmorgens um 7.00 Uhr und bleibt bis 17:00 Uhr offen. Die Einfahrt in das Gelände wird vom Grün der Bäume, Sträucher und Gräser dominiert. Der Weg hinauf ist steil und herausfordernd. Auf dem Gelände, welches von hohen Schutzmauern umringt ist, stehen zwei Häuser. In der Mitte ist das Krippenhaus, oberhalb davon befindet sich das Haus der Besitzer.
Ein älterer sympathischer Herr mit Brille heisst mich willkommen, sein Name, Jeconias Lisboa. Mit Frau und Tochter tragen sie gemeinsam seit über 30 Jahren die Verantwortung für die Kinderkrippe. Ich überbrachte ihnen die wärmsten Grüsse des Vereins in der Schweiz. Wir gingen gemeinsam zur Krippe. Als ich in eines der Zimmer trat blickten mich 20 Kinder erstaunt an. Ihre Neugier war nun nicht mehr der Geschichtenerzählerin gewidmet, sondern mir. Einzelne Kinder hatten keine Hemmungen und fragten mich: „Wer bist du?“, „Was machst du?“, „Sind deine Augen echt so blau?“, “Bist du mein Papa?“. Bei der letzten Frage wusste ich einen Moment lang keine Antwort. Ich sei ein Freund, der zu Besuch gekommen sei, erklärte ich. Ich genoss den Augenblick purer Freude der Kinder. Gleichzeitig nahm ich immer wieder die Möglichkeit wahr, um Fotos zu schiessen. Einzelne Kinder lieben es im „Rampenlicht“ zu stehen, andere verkriechen sich in einen anderen Teil des Zimmers. Kinder können, ab dem 3. Lebensjahr, für einen monatlichen symbolischen Beitrag von zwei brasilianischen Reals (= ca. 0.55 Fr.) wochentags in die Krippe gebracht werden. Zwei ausgebildete Lehrerinnen arbeiten und spielen mit ihnen. Eine weitere Frau sorgt in der Küche dafür, dass die Kinder morgens, zum „Znüni“, am Mittag und abends, noch vor der Heimkehr, genügend zu essen bekommen.
Die Kinder schienen gesund und aktiv zu sein. Ich merkte dem Grossteil der Kinder ihr Schicksal kaum an. Die Lebensfreude sprudelt und strahlt aus ihnen heraus.
Der überwiegende Teil der Kinder kommt aus extrem armen Verhältnissen. Oft sind die Mütter alleinerziehend. Viele der Väter liessen die Frauen im Stich, sind drogenabhängig oder stecken im Gefängnis. Viele Mütter sind überfordert mit dem Broterwerb und der Erziehung der Kinder. Jeconias erzählte mir die Geschichte eines Mädchens, welches nie gelernt hatte eine WC-Schüssel zu benutzen. Zuhause habe sie immer auf dem Boden an der Hauswand ihre Notdurft erledigt. Erst in der Krippe habe das Mädchen gelernt, dass sie es sich wert ist, den Topf zu benützen. Zuhause konnte sie diese Erfahrung dann sogar ihrer Mutter beibringen. Mit Erstaunen und Interesse trat die Mutter mit der Krippenleitung in Kontakt um mehr zu erfahren. — Ich hörte und staunte!
Als die Spielzeit kam strömten die Kinder hinaus und belagerten den Spielplatz hinter dem Haus. Immer noch wurde ich von den Kindern ausgefragt. Einzelne nahmen mich bei der Hand und animierten mich zum Mitspielen. Auf dem Gelände besteht viel Platz um sich auszutoben. Die Kinder liefen in Gruppen zu den Bäumen hinunter, einzelne kletterten auf diese, andere blieben gebannt vor meinem Fotoapparat stehen. Die Kinder schienen gesund und aktiv zu sein. Ich merkte dem Grossteil der Kinder ihr Schicksal kaum an. Die Lebensfreude sprudelt und strahlt aus ihnen heraus. Das freute mich! Es gibt jedoch einzelne Kinder, welche sehr betrübt und angespannt wirken. Ihnen fällt das Lachen schwer. Ich versuchte mich von meiner witzigsten Seite zu geben, doch wenig änderte sich.
Die durchschnittlichen Schulklassen seien mit 60 Kindern masslos überfüllt. Der Lohn der Lehrpersonen wird immer weiter gekürzt.
Zu Mittag wurde Reis mit Bohnen und Rührei serviert Auch eine kleine Portion Papaya für jedes Kind durfte nicht fehlen. Das Mittagessen wurde genüsslich verschlungen. Sogar die 2-jährigen Kinder assen mit dem Löffel ihren Teller alleine auf. Danach wurde geduscht und kurz geruht. Zeit für uns um ebenfalls etwas zu essen. Am Tisch informierte ich mich bei Jeconias und seiner Frau über die finanzielle Lage der Krippe. Der Verein in Basel sendet jeden Monat 2500 Franken nach Recife. Mit diesen rund 8000 Reals können mehr als Dreiviertel der Kosten der Krippe gedeckt werden. Der Rest des Geldes stammt aus Spenden im eigenen Land. Jeconias bedankte sich ein weiteres Mal und betonte, dass die Krippe in der heutigen Form, ohne die Spenden aus der Schweiz, nicht existieren könnte. Jedoch befinde sich das Land in einer Inflation, und er wisse nicht, wie sich die Kosten in Zukunft entwickeln würden. Interessiert fragte ich nach, ob sie positive Veränderungen aus den Amtsjahren der sozialistischen Führungspartei PT erfahren durften. Brasilien gehöre zu den entwicklungsstärkeren und reicheren Staaten von Südamerika. Jedoch besteht noch immer eine anhaltende Korruption innerhalb vieler Bereiche. Vor allem das Bildungssystem sei enorm betroffen. Es wird noch wenig bis gar kein öffentliches Geld in den Ausbau der Bildung investiert. Die durchschnittlichen Schulklassen seien mit 60 Kindern masslos überfüllt. Der Lohn der Lehrpersonen wird immer weiter gekürzt. Die Politik bezieht zu hohe Summen und zeigt kaum Interesse an einer Verbesserung des Systems.
Jedoch habe er mit der Krippe Montalegre eine Vision: Laut aktuellem brasilianischem Gesetz müssen Kinder mit 6 Jahren in das staatliche Schulsystem eintreten. Für die Krippenkinder heisst dies: Nach kurzer Zeit von der Krippe und den Freunden Abschied zu nehmen. Viele stimmt dies traurig. Doch Jeconias enthüllte mir seine Pläne für die kommenden Jahre. Er wolle die staatliche Anerkennung beantragen, um auch über 6-jährige Kinder in der Krippe behalten und ausbilden zu können. Seine Vision sei es, die Kinder nach den Jahren in der privaten Krippe nicht den monströs riesigen Schulklassen überlassen zu müssen. So könnte man die Entwicklung der verschiedenen Persönlichkeiten besser fördern. Ich zeigte ihm mein Gefallen an dieser Idee.
Mir lagen schon den ganzen Tag Fragen auf der Zunge, die ich ihm jetzt stellte: „Was passiert mit den Krippenkindern, wenn sie erwachsen sind?“ „Kann er von solchen Begegnungen erzählen?“ Jeconias grinste. Nicht wenige Male bekommen sie unerwarteten Besuch eines ehemaligen Kindes. Diese sind zu selbstbewussten Menschen herangewachsen. Die Ehemaligen wollen der Krippenleitung „Hallo“ sagen, einen Nachmittag auf dem Gelände verbringen oder mit den jetzigen Kindern spielen. Das, um die guten Erinnerungen wieder aufleben zu lassen.
„Para matar a saudade“.