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Es ist eine Szene aus einem «Hunkeler»-Krimi von Hansjörg Schneider, in der der «einäugige Poet, der vor Jahren eine Handvoll wunderschöner Gedichte geschrieben hatte», am Stammtisch sitzt. Hunkeler setzt sich dazu, bestellt ein Bier und fragt: «Was macht die Literatur?» - «Es harzt», antwortet Manfred Gilgien, «aber immerhin habe ich wieder ein neues Gedicht gemacht.» Der Schriftsteller und der Kommissär haben eine Abmachung: Fünfzig Franken pro Gedicht. Doch der Handel fliegt auf, als Gilgien abschreibt, um sich ein paar Stutz zu verdienen: «Schau nach bei Brecht,» ranzt Hunkeler. Man könnte diese Szene für eine amüsante Anekdote halten, hätte Manfred Gilgien nicht im wahren Leben in Basels Beizen gesessen und Gedichte verkauft. Und wüsste man nicht, dass Hansjörg Schneider selbst mit Gilgien befreundet war. So eng, dass er den Freund in seiner Fiktion wieder zum Leben erweckt (1999, als «Das Paar im Kahn» erscheint, ist Gilgien bereits sechs Jahre tot). So eng, dass er nun Gilgiens einziges Buch, «Strassen-Tango», um ein Vorwort und den literarischen Nachlass ergänzt, noch einmal herausgibt.
Es ist ein sprödes Buch, das Gilgiens Mühe um die Poesie, um den literarischen Ausdruck, deutlich macht: «Wenn einer gerne schreiben möchte», notiert Gilgien unter dem Stichwort «Aufmerkungen», «aber im Innersten sich kein Mitteilungswille ausprägt, dann heisst das nicht, dass er nicht schreiben könnte. Ihm fehlt so etwas wie der innere Anschluss. Kopf und Seele klaffen auseinander, und sein ganzes Wesen ist damit beschäftigt, sie zusammenzuhalten; statt das eine mit dem anderen notdürftig zu speisen, befindet er sich dauernd hungrig unterwegs, dabei gleicht sein Gang einem Sturz.» Eine prekäre Existenz zu leben, das war Gilgiens Entscheidung. 1948 in Winterthur geboren, absolviert er zunächst eine kaufmännische Lehre, legt nebenbei die Abendmatura ab, besucht die Universität Basel. Doch während der Jahre um 1968 Jahre beschliesst er, «unverwertbar» (Schneider) zu werden, sich an den Rand der Gesellschaft zu stellen. Eines seiner Prosafragmente erzählt vom Trapezkünstler, der nicht auf den Boden zurückwill: «Was unten richtig, notwendig und unabänderlich scheint, sieht von hier oben falsch, unnötig und veränderlich aus. Ich ertrage es einfach nicht mehr, unten das Falsche zu tun, damit ich oben das Richtige tun kann.»
Daneben die Not mit dem geregelten Leben, Manfred Gilgien gibt sich schriftlich ein Programm: «jeden tag ein paar stunden am schreibtisch / verboten: biertrinken, altstadt, unnötige telefonate / erlaubt: lesen, musikhören, spazieren». Seine Poesie bleibt ganz nah an diesem Alltag, in deutlicher Anspielung auf Jean Cocteaus surrealistisches Filmstück «Le sang d’un poète» zum Beispiel beschreibt er in Versen «Die Schuhe des Poeten»: «Wäre da einer und käme durch die Tür und höbe einen / der Schuhe auf so hätte er das Pech höbe er erst den rechten / Ein klares sauberes Loch in der Schuhsohle anzutreffen / Dieses Loch befindet sich in der Mitte der vorderen Hälfte / Der Schuhsohle also an einer klar umschreibbaren Stelle / Mit der jeder zukünftige wie auch der jetzige Besitzer / Respektive Begeher bedingt rechnen müsste respektive muss / Vielleicht auch belässt er sie am Ort ohne das Loch zu / Besehen als ein Bild ein sehr menschliches neben dem Telefon.»
P.S. Die WOZ gratuliert Hansjörg Schneider zum Glauser-Preis 2005.
Manfred Gilgien: Trapezpoesie. Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Hansjörg Schneider. Nachtmaschine. Basel 2005