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Seit 1963 wird Hannah Arendt auf ihre Aussage, «das Böse» sei «banal», reduziert – manchmal noch heute mit der alten Feindseligkeit, die ihr damals entgegenschlug, als sie ihre Reportagenserie über den Eichmann-Prozess in Jerusalem in der Zeitschrift «The New Yorker» veröffentlichte. Bald danach wurde daraus das Buch mit ebenjenem berühmt-berüchtigten Untertitel «A Report about the Banality of Evil» veröffentlicht. Diese Reduktion ist aus vielen Gründen leichtfertig, auch aus dem banalen, dass sich Arendt etwas dachte, wenn sie so ein Wort verwendete. Sie war 1941 schon als umfassend gebildete Denkerin nach New York gekommen und seither weit weniger auf der faulen Haut gelegen, als sie es sich gewünscht hatte.
In Deutschland hatte Arendt Philosophie, evangelische Theologie und Altgriechisch studiert und eine Passion für Literatur entwickelt, die nie erlosch: Sie schrieb ihre Dissertation über den Liebesbegriff bei Augustinus und eine Habilitationsschrift über die deutsch-jüdische Schriftstellerin und Salonière Rahel Varnhagen, die schon fast fertig war, als sie Deutschland 1933 verliess. So beendete sie diese Biografie über eine gescheiterte Assimilation eben im Pariser Exil. «Aus dem Judentum kommt man nicht heraus» lautet einer der Kapiteltitel. Wie aber kann man dann leben, wenn man nur Mensch sein darf, wenn man nicht mehr Jude ist? Drängende Fragen. Aber «The Life of a Jewess» konnte erst 1958 erscheinen, das deutsche Original sogar erst 1959, nach langem Hin und Her fiel der Titel «Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik» gewundener aus als Arendts ursprünglicher Vorschlag: «Die Melodie eines beleidigten Herzens, nachgepfiffen mit Variationen von Hannah Arendt».
Was war geschehen zwischen 1929, als Arendt ihr Varnhagen-Buch in Berlin begann, und 1963, als ihr Eichmann-Buch vor die amerikanischen Leser kam? Weder die Geschichte des «Geschichtsbruchs», der sich mitten auch durch ihr Leben zog, noch die der Rezeption von Arendts Eichmann-Buch haben in einer Kolumne Platz, aber die Frage brachte Arendt dazu, so vehement wie nur wenige zu sagen: «Ich will verstehen.» Im Widerspruch zur Welt stand sie bis zuletzt.
Hannah Arendt macht es einem auch in der Küche nicht leicht. Welches Gericht passt zu ihr? Wir haben uns in ein Dilemma hineindebattiert, aus dem uns nur eine dada-poetische Faustregel befreien konnte: «Wessen Vorschlag mehr Konsonanten im Anlaut hat, gewinnt.» Eine von uns plädierte für Kastanien in Caramelsauce, ja sogar: Karamellsosse, um einen Punkt mehr zu haben, aber der andere wollte Königsberger Klopse in Kapernsauce – und gewann auch ohne alliterative Extrapunkte mit 3:2.
KÖNIGSBERGER KLOPSE IN KAPERNSAUCE
Für 4 Personen / 60 Minuten
Mit Hannah Arendt in der Küche zu stehen, das ist ein wenig wie ihr Leben.
Sie verstand sich als Jüdin, aber nicht in der Art, wie sie gern dargestellt wurde.
Sie war Amerikanerin, liebte Frankreich, blieb aber auch durch und durch Ostpreussin. Aus Königsberg nahm Immanuel Kants kategorischer Imperativ seinen Weg durch die Welt, aber auch ein einzigartiges Gericht. Königsberger Klopse sind garantiert nicht koscher, weil sie Fleisch und Milchprodukte verbinden, und haben in deutschen Universitäten das 20. Jahrhundert nur dem Namen nach überlebt. In deren Mensen werden meist gräuliche, in einer…