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Die Biographie einer aussergewöhnlichen Frau mit sicherem Gespür für Talente in der klassischen Musik
Mit einem Übersetzerdiplom im Koffer – Rucksäcke waren damals noch verpönt - steht die zweiundzwanzigjährige Ursula Strebi auf dem Bahnsteig von Arth-Goldau, fährt mit dem aus Zürich einfahrenden London Philharmonia Orchestra weiter nach Mailand und sitzt am Abend in der Scala zusammen mit Toscanini und Celibidache in einer Loge. Karajan dirigiert.
Sie reist mit dem Orchester durch Italien und zurück nach London, wo sie ihr Englisch, wie alles, was sie anpackt, perfektionieren will. Sie verdient sich ihre Unabhängigkeit von zu Hause mit einem Job im Musikbusiness, verliebt sich in einen jungen Trompeter, der ihr beim ersten Kontakt einen Korb gibt. Er müsse zugunsten eines Cricket Matches auf ein Engagement für Verdis Requiem verzichten. Ursula versteht Crocket und zweifelt an der Ernsthaftigkeit des immerhin im London Philharmonic Orchestra engagierten Trompeters. Später engagiert Philip Jones sie fürs Leben und sie verzichtet seinetwegen auf ein beträchtliches Erbe.
Weltkarrieren ermöglicht
Während ihr Mann mit seinem international renommierten Philip Jones Brass Ensemble dem Blech Tür und Tor zur klassischen Kammermusik öffnet, macht sie als Mitbegründerin das English Chamber Orchestra zu einem der weltweit besten Klangkörper, ermöglicht vielen jungen, hochbegabten Musikern, unter anderen Daniel Barenboim, Weltkarrieren. Sie arbeitet sehr eng mit Benjamin Britten und seiner English Opera Group zusammen. Viele von Brittens Werken werden unter Ursulas Ägide vom English Chamber Orchestra uraufgeführt. Für ihr Orchester, Daniel Barenboim, Jacqueline Dupré und andere grosse Solisten organisiert sie Welttourneen.
Nach einem Vierteljahrhundert leidenschaftlicher Hingabe stellt sie die Musik hinter ein Archäologiestudium, erfüllt sich einen Wunsch aus ihrer Kindheit, doktoriert, bereits sechzig Jahre alt, mit einer brillanten Dissertation über zentralamerikanische, präkolumbische Malsteine. Enthusiastisch gibt sie ihr Wissen als Dozentin weiter und bereist mit unersättlicher wissenschaftlicher Neugier die Länder ihres Fachgebiets, wird zur gefragten Mexiko-Kennerin.
Statt Taxi fahren Talente fördern
In London ist Ursula Jones ausschliesslich zu Fuss, mit waghalsiger Geschwindigkeit auf dem Velo, im Bus oder in der Untergrundbahn unterwegs. Das Geld, das sie für Taxis ausgegeben hätte, legt sie als Basis für ihre gezielte, grosszügige finanzielle und ideelle Unterstützung und Förderung junger Musiker konsequent zur Seite. Wo immer sich eine oft auch schwierige, für sie aber zwingende Gelegenheit ergibt, Aussergewöhnliches zu entdecken, ergreift sie die Initiative und erreicht ihr Ziel mit unwiderstehlicher, stets freundlicher Hartnäckigkeit.
Sie engagiert sich bei der Streetwise Opera, einer genialen Institution zur Resozialisierung Obdachloser durch Musik. In diesem Herbst bestritt sie, bereits über 86 Jahre alt, für ebendiese Streetwise Opera den Londoner Halbmarathon und generierte mit ihrer Teilnahme eine beträchtliche Summe für weitere ambitionierte Projekte. Kaum jemand in ihrem immensen Freundes- und Bekanntenkreis ist gegen ihren permanenten künstlerischen und karitativen Einsatz gefeit.
Von der Queen ausgezeichnet
Für ihr unermüdliches, vielseitiges Engagement wird Ursula Jones Freewoman of the City of London. Die Königin ernennt sie für ihre Verdienste an der Musik zum Officer of the Order of the British Empire. Die Stadt Luzern verleiht ihr die Ehrennadel.
Sie wohnt in ihrem typischen Londoner Stadthaus, für das sie in jungen Jahren zusammen mit ihrem viel zu früh verstorbenen Ehemann Philip Jones enorm hart gearbeitet und spartanisch gelebt hat. Das Haus an der Hamilton Terrace in St John’s Wood, unweit von Lord’s Cricket Ground, hat heute einen Wert von mehreren Millionen Pfund Sterling. Ursula legte testamentarisch fest, dass dereinst bei einem Verkauf der Erlös bis auf den letzten Penny der Förderung junger und der Unterstützung in Not geratener älterer Musiker zugutekommen wird. Durch einen mit viel Liebe gehegten und gepflegten Garten führt ein Weg zur Mews, dem Kutscherhaus. Eine Immigrantenfamilie geniesst dort grosszügiges Gastrecht.
Ursula ist eine passionierte Theater-, Opern-, Konzert – und Ausstellungsbesucherin, lebt ohne Fernsehen und ist mit Heerscharen von Künstlerinnen und Künstlern freundschaftlich verbunden. Treten sie auf, wird Ursula im Green Room erwartet. Ihre Feedbacks sind für weitere Auftritte von unschätzbarem Wert.
Spätnachts unterhält sie sich mit Kehrichabfuhrmännern nicht weniger respektvoll und engagiert als mit den Stars vom Royal Opera House Covent Garden, der Wigmore Hall, den West End Theatern und den grossen Häusern an der South Bank.
Immer wieder erinnert sie sich mit grosser Begeisterung an das Theaterstück über Hurricane Higgins, einen legendären, genialen und verkommenen Snooker-Spieler (Billiard-Variante).
Die 86jährige braucht extrem wenig Schlaf, ist die liebenswürdigste, ausnahmslos gut gelaunte, fröhliche, witzige, stets kompetente Person, mit der sich spätnachts in der einfachen Küche gescheit und endlos reden lässt. Über Gott und die Welt, die sie in London wie keine andere kennt, in Ruhe und Musse. Bis in ihrem nimmermüden Leben der nächste Tag anbricht.
Fotos: © Privatsammlung Ursula Jones Das Buch:
Heinz Stalder, Die tausend Leben der Ursula Jones. Mit einem Vorwort von Daniel Barenboim. NZZ Libro, Zürich 2017, 44 Franken. ISBN 978-3-03810-275-5