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Buchübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg
Jerusalem ist eine Stadt der Gräber, und die Gräber schweigen. Weiss man doch bis diesen Tag noch nicht einmal mit Sicherheit zu bestimmen, ob das wichtigste seiner Gräber, das Grab Christi, Anspruch auf Echtheit hat.
Beginnen wir unsere „Wanderung durch die Thäler in der unmittelbaren Umgebung Jerusalems im Westen, so gelangen wir, von dem Jaffathor links hinabsteigend, zunächst an die beiden Teiche des Gihonthales, die indess nur im Winter und in den ersten Wochen des Frühjahres Wasser enthalten. Der obere, 300 Fuss lang und 200 Fuss breit, heisst der Mamillateich, der untere, welcher den in der Stadt gelegenen Patriarchenteich speist, wird von den Arabern Birket Es Sultan genannt.
Dann erscheint weiter im Süden, vom Berge des Bösen Käthes herabkommend, die Wasserleitung des Pilatus, und nicht fern von da öffnen sich in der Felswand zur Rechten mehre Grabhöhlen aus alter Zeit. Daneben zeigt die Legende den Töpferacker, der um die von Judas,Ischarioth weggeworfenen dreissig Silberlinge gekauft wurde.
Gehen wir in dem Olivenwäldchen, welches diesen Theil des Hinnomthales beschattet, weiter, so gelangen wir in eine wohlbewässerte und darum auch fruchtbare und wohlangebaute Gegend. Es sind die schönen grünen Obst- und Gemüsegärten, welche die Stelle der Königsgärten des Alten Testaments einnehmen. Ein stattlicher Maulbeerbaum ist nach Aussage der Legende, die uns jetzt wieder begleitet, derjenige, unter welchem der Prophet Jesaias zersägt wurde. An die nicht fern von hier befindliche tiefe und wasserreiche Quelle knüpfen sich die Namen von Nehemias und Hiob, während die gelehrte Forschung in ihr den Brunnen Kogel erblickt. Nördlich von den Gärten, da, wo das Hinnomthal sich mit dem des. Kidron vereinigt, unter dem Abhange des Berges des Aergernisses, an welchem das Dorf Siluan (Siloah) hängt, treffen wir auf ein Wasserbecken, welches als der Siloahteich bezeichnet wird, in dem der Blindgeborne im Evangelium des Johannes auf Jesu Geheiss seine Augen wusch und sehend wurde. Dieses Bassin wird von der sogenannten Marienquelle gespeist, die nicht weit von hier am südlichen Ausläufer des Moriah-Hügels in einer Felsenhöhle entspringt und durch einen unterirdischen Kanal mit jenem Teich in Verbindung steht. Die Legende erzählt uns, dass hier die Mutter Gottes, wie noch jetzt die Weiber von Siluan, ihre Windeln gewaschen habe, die Mohammedaner setzen hinzu, dass ihr Prophet gesagt, das Wasser tränke im Verein mit dem heiligen Semsem bei Mekka die Gärten des Paradieses. Eigenthümlich ist das periodische Steigen und Fallen des Wassers im Siloahteich, welches einige im Bau jenes Kanales, andere in vulkanischen Vorgängen begründet finden, während das Volk sich die Erscheinung mit einem in der Quelle liegenden Drachen erklärt, welcher wachend das Wasser wegtrinke, schlafend es fliessen lasse.
Gehen wir einige hundert Schritt weiter östlich und um jenen Vorsprung des Moriah-Hügels herum nach Norden, so ändert sich plötzlich der Charakter des Thales. Dasselbe wird enger und felsiger, öder und düsterer — so recht ein Thal des Todes. Die Gärten hören auf, eine kleine Brücke bringt uns über das tief in den Grund gerissene, aber wasserleere Bett des Kidron. Wir sind in der schwermüthigsten und wildesten Gegend der Nachbarschaft von Jerusalem, im Thal Josaphat, dem grossen Begräbnissplatze der heutigen jüdischen Bewohner der Stadt, der Nekropole auch von Alt-Jerusalem, der Stelle, wo nach dem Glauben der Juden wie der Moslemin dereinst das Todtengericht des jüngsten Tages gehalten werden soll. Eine weite Strecke des abschüssigen Bodens — cs ist der Abhang des Oelberges — ist mit zahllosen kleinen flachen Grabsteinen belegt, darüber erscheinen in den Felsen die sogenannten Prophetengräber, Höhlen und Gänge, die sehr wahrscheinlich einem altjüdischen Friedhof angehören; unten in der Tiefe endlich, hart am Rande der Kidronschlucht, stehen vier grosse Felsendenkmäler, deren Styl, ein Gemisch griechischer und ägyptischer Formen, ebenfalls auf hohes Alterthum hindeutet. Die Sage führt die Entstehung einiger auf die Zeiten vor dem Exil zurück, die Alterthumsforschung glaubt sie sämmtlieh für jünger halten und etwa unter die Herodiancr zuriiekdatiren zu müssen, welche in Petra die Muster solcher Arbeiten vor sich hatten.
Das grösste dieser Monumente, auf unserer Abbildung zum Theil sichtbar, heisst im Volksmunde das Grab Absaloms. Es ist ein aus dem Felsen der Bergwand herausgemeisselter Würfel von etwa 25 Fuss Höhe, dessen senkrechte Seiten jede mit Zwei Halbsäulen und zwei an die Ecken sich anlehnenden Viertelsäulen jonischer Ordnung geschmückt sind, die einen mit Dreischlitzen, Rosen und Tropfen gezierten Fries tragen. Auf dem Würfel ruht ein quadratischer Aufsatz von 4 Fuss Höhe, auf diesem ein etAvas niedrigerer Cylinder, den oben ein Kjanz umgibt, und auf dem ein spitzes, der Form eines umgestürzten Trichters ähnliches, oben in eine Blumenkrone endigendes Thürmchen von Mauerwerk emporstrebt. Dass der rebellische Sohn Davids hier begraben worden, widerlegt sich aus der Bibel und aus dem Styl des Bauwerkes. Sicher aber ist, dass es sehr alt ist, wahrscheinlich auch, dass es das Grab eines Fürsten bezeichnet.
Seiner Gestalt nach verwandt mit diesem ist das südliche Glied dieser Gruppe alter Monumente, welches das Grab des Zacharias heisst, jenes jüdischen Märtyrers, der, ein Sohn Baruchs, nach anderer Ueberlieferung Jojadas, „zwuschen Tempel und Altar“ getödtet Avurde. Es ist ebenfalls Monolith und hat wie das eben geschilderte die Form eines Würfels. Weniger hoch Avie dieses ist es auch am Gesims Aveniger geschmückt, dagegen hat es ähnliche Säulen an den vier Wänden. Statt des Thürmchens trägt es eine kleine, 10 bis 11 Fuss hohe Pyramide.
Die beiden anderen Bamverke dieser merkwürdigen Stelle der Jerusalemer Todtenstadt, von denen das eine nach dem Apostel Jakobus, das andere nach dem frommen und siegreichen König Josaphat benannt ist, sind Felsengrotten mit Kammern. Das Jakobusgrab befindet sich hart neben dem Monument des Zacharias. Eine Oeffnung in der Bergwand führt in einen ungefähr 25 Fuss langen Gang, von welchem man auf drei Stufen in ein viereckiges Gemach gelangt. Das Portal desselben ist mit zwei dorischen Säulen ohne Kannelüren und mit zwei Pfeilern geschmückt, aus dem Gemach betritt man durch die Ostwand drei kleine Kammern mit Gräbern. Die Sage lässt den Apostel nicht fern von hier, vor dem Damaskusthor, enthauptet werden, und einer anderen Ueberlieferung zu Folge hatte er hier in dieser Grotte nach Jesu Tode einen Zufluchtsort gesucht. Das Grab Josaphats, gleich hinter dem Absalomsdenkmal gelegen, ist ebenfalls eine Höhle, die in mehre mit Spuren alter Wandmalereien versehene Kammern zerfällt und zur Zeit der Kreuzzüge eine christliche Capelle war, jetzt aber fast ganz mit Schutt angefüllt ist.
Andere interessante Felsengräber finden sich westlich vom oberen Ende des Kidronthales, nicht fern vom Weg nach Samaria, und zwar an zwei Stellen. Die einen werden, ohne historischen Grund, die Gräber der Richter, die anderen eben so grundlos die Gräber der Könige genannt. Die letzteren lohnen einen Besuch am meisten. Sie befinden sich in einer Bodenvertiefung, welche ein alter Steinbruch gewesen zu sein scheint, und bestehen in verschiedenen Kammern mit Steinbänken und Nischen, in welche eine Vorhalle mit einer schön verzierten Fapade führt. Die Säulen und Pfeiler der letzteren sind von Frevlerhänden zertrümmert und weggebracht worden. Nur der Felsendachstuhl, den sie stützten, ist unzerstört geblieben und lässt mit seinem reichen Sculpturschmuck von Dreischlitzen, Traubenbündeln, Palmenkronen und Blumenkränzen allerdings schliessen, dass das Innere einst vornehmen Todten zur Ruhestätte gedient hat. Die Juden lassen den reichen Kalba Zebua hier ruhen, bei dem Rabbi Akiba eine Zeit lang als Hirt diente. Ob, wie man vermuthet hat, der Bau das Grabmal der Königin Helena von Adiabene ist, welche unter Kaiser Claudius mit ihren Kindern nach Jerusalem kam und zum Judenthume übertrat, ist eine Frage, die noch unentschieden ist und aller Wahrscheinlichkeit gleich den meisten anderen Fragen der Topographie Jerusalems für immer unentschieden bleiben wird. Dies gilt namentlich von der sogenannten Jeremiasgrotte, die vor dem Damaskusthore, in der Nähe des türkischen Exereierplatzes liegt, und in welcher der Prophet seine Klagelieder geschrieben haben soll. Auch sie scheint das Grab eines Fürsten gewesen zu sein. Ob des Ilerodes oder des Makkabäers Alexander Jannäos, ob eines anderen Vornehmen — wer weiss es?
Jerusalem ist eine Stadt der Gräber, und die Gräber schweigen. Weiss man doch bis diesen Tag noch nicht einmal mit Sicherheit zu bestimmen, ob das wichtigste seiner Gräber, das Grab Christi, Anspruch auf Echtheit hat.
Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.
Buchübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg
Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa
Bilder aus dem Orient – Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif
Bilder aus dem Orient – Die Täler um Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Der Ölberg und Bethanien
Bilder aus dem Orient – Jericho
Bilder aus dem Orient – Am Jordan
Bilder aus dem Orient – Mar Saba
Bilder aus dem Orient – Bethlehem
Bilder aus dem Orient – Sichem und Nablus
Bilder aus dem Orient – Nazareth
Bilder aus dem Orient – Am See Genezareth
Bilder aus dem Orient – Beirut
Bilder aus dem Orient – Damaskus
Bilder aus dem Orient – Die Ruinen von Baalbek
Bilder aus dem Orient – Die Insel Rhodus
Bilder aus dem Orient – Smyrna
Bilder aus dem Orient – Nimfi und das Denkmal Sesostria