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Im zweiten Teil seiner Einführung erklärt Alan Woods einige der Grundlagen der dialektisch-materialistischen Methode und wie diese sowohl auf die natürliche Welt als auch auf die menschliche Gesellschaft angewendet wird. Der Text ist Teil des Buchs „Ideologiekritik – gegen die akademische Entstellung des Marxismus„, welches hier erhältlich ist.
Die Einheit der Gegensätze
Für Hegel bildet die Spaltung des Einheitlichen und Erkenntnis seiner widersprechenden Bestandteile das Wesen der Dialektik. (vgl. Lenin: Philosophische Hefte, S. 338.) Denn das Einheitliche ist ein Ganzes, das aus zwei gegensätzlichen und entgegengesetzten Polen besteht. Nur durch das Erkennen dieser widersprüchlichen Tendenzen kann ein betrachtetes Objekt in seiner wahren, dynamischen Realität erkannt werden.
Hegels Grundidee war es, dass Entwicklung durch Widersprüche erfolgt, weshalb man die Dialektik auch als Logik des Widerspruchs bezeichnen kann. Während die traditionelle (formale) Logik Widersprüche zu beseitigen versucht, akzeptiert die Dialektik sie als normale und notwendige Elemente allen Lebens und aller Natur. Giordano Bruno, der italienische Philosoph, Astronom und Mathematiker des 16. Jahrhunderts, dessen Theorien die moderne Wissenschaft antizipierten und der dafür von der Inquisition zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde, gab uns eine entzückende Definition der Dialektik, als er sie als la divina arte degli opposti („die göttliche Kunst der Gegensätze“) bezeichnete.
Hegel verwies auf die „unruhige Einheit“, die zugrunde liegende Spannung, welche die Grundlage aller Materie ist.
„Die Einheit (Kongruenz, Identität, Wirkungsgleichheit) der Gegensätze ist bedingt, zeitweilig, vergänglich, relativ. Der Kampf der einander ausschließenden Gegensätze ist absolut, wie die Entwicklung, die Bewegung absolut ist.“ (Lenin: Philosophische Hefte, S. 339.)
In seinem Artikel Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral schrieb Marx:
„Es bezeichnet den ganzen Grobianismus des ‚gesunden Menschenverstandes‘, der aus dem ‚vollen Leben‘ schöpft und durch keine philosophischen und sonstigen Studien sich seine Natur-Anlagen verkrüppelt, daß er da, wo es ihm gelingt, den Unterschied zu sehen, die Einheit nicht sieht, und daß er da, wo er die Einheit sieht, den Unterschied nicht sieht. Stellt er unterschiedne Bestimmungen auf, so versteinern sie sich ihm sofort unter der Hand, und er erblickt die verwerflichste Sophistik darin, diese Begriffs-Klötze so zusammenzuschlagen, daß sie ins Brennen geraten.“ (Karl Marx: Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral, S. 339.)
In der Wissenschaft der Logik beginnt Hegel mit der Kategorie des Seins, mit der bloßen Behauptung „es ist“. Diese Aussage, obwohl sie dem gesunden Menschenverstand entspricht und sehr konkreten Charakters ist – wir haben die grundlegende Tatsache der Existenz festgestellt – bringt uns aber nicht sehr weit und führt uns tatsächlich zu einem falschen Schluss. Reines Sein, wie Hegel betont, ist dasselbe wie reines Nichts. Diese Feststellung der Existenz sagt nichts über die konkrete Wirklichkeit aus. Was konkret zu sein schien, entpuppt sich als eine leere Abstraktion.
Sein und Nichts werden im Allgemeinen als sich gegenseitig ausschließende Gegensätze betrachtet. Aber in Wirklichkeit kann es kein Sein ohne Nichts und kein Nichts ohne Sein geben. Die Einheit von Sein und Nicht-Sein, wie Hegel betont, ist das Werden: die ständige Bewegung des Wandels, die bedeutet, dass wir in jedem Moment sind und nicht sind.
Leben und Tod gelten als einander ausschließende Gegensätze. Aber in der Tat ist der Tod ein integraler Bestandteil des Lebens. Das Leben ist ohne den Tod nicht denkbar. In dem Moment, in dem wir geboren werden, beginnen wir zu sterben, denn es ist in der Tat nur der Tod von Billionen von Zellen und ihre Ablösung durch Billionen neuer Zellen, was das Leben und die menschliche Entwicklung ausmacht.
Ohne den Tod gäbe es kein Leben, kein Wachstum, keine Veränderung, keine Entwicklung. Der Versuch, den Tod aus dem Leben zu verbannen – als ob die beiden Dinge getrennt werden könnten – besteht also darin, in einen Zustand absoluter Unbeweglichkeit, eines unveränderlichen, statischen Gleichgewichts zu gelangen, aber das ist nur ein weiterer Name für – den Tod. Denn es kann kein Leben ohne Veränderung und Bewegung geben.
Ich habe ein Foto von einem Baby vor mir, das vor vielen Jahren aufgenommen wurde. Dieses Baby war ich, aber es existiert nicht mehr. Seit der Aufnahme dieses Fotos sind viele Veränderungen eingetreten, so dass ich nicht mehr der bin, der ich war. Und doch kann ich jemandem, der sich das Foto ansieht, sagen: „Oh, das bin ich“, und ich würde nicht lügen. Dieser dialektische Prozess wurde von Hegel im Vorwort zu seinem Werk Die Phänomenologie des Geistes am schönsten beschrieben:
„Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen, daß jene von dieser widerlegt wird, ebenso wird durch die Frucht die Blüte für ein falsches Dasein der Pflanze erklärt, und als ihre Wahrheit tritt jene an die Stelle von dieser. Diese Formen unterscheiden sich nicht nur, sondern verdrängen sich auch als unverträglich miteinander. Aber ihre flüssige Natur macht sie zugleich zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich nicht nur nicht widerstreiten, sondern eins so notwendig als das andere ist, und diese gleiche Notwendigkeit macht erst das Leben des Ganzen aus.“ (G. W. F. Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 10.)
Liebe und Hass sind Gegensätze. Dennoch ist es allgemein bekannt, dass Liebe und Hass sehr eng miteinander verbunden sind und Liebe leicht in Hass umschlagen kann. Ähnlich ist es mit Freude und Schmerz. Das eine kann nicht ohne das andere existieren. Aus medizinischer Sicht hat der Schmerz eine wichtige Funktion. Es ist nicht nur ein Übel, sondern eine Warnung des Körpers, dass nicht alles in Ordnung ist. Schmerz ist Teil des menschlichen Zustandes. Nicht nur das: Schmerz und Freude sind dialektisch miteinander verbunden.
Ohne die Existenz von Schmerz könnte die Freude nicht existieren. Don Quixote erklärte Sancho Panza, dass die beste Speise der Hunger sei. Ebenso ruhen wir uns nach einer Zeit kräftiger Anstrengung viel besser aus. Und in Shakespeares Heinrich IV. sagt Prinz Heinrich: „Wenn alle Tag im Jahr gefeiert würden, So würde Spiel so lästig sein wie Arbeit: Doch seltne Feiertage sind erwünscht, Und nichts erfreut wie unverseh’ne Dinge.“
Eine Welt, in der alles weiß wäre, wäre wie eine Welt, in der alles schwarz wäre, wie Polarforscher entdeckten, als sie an Schneeblindheit erkrankten.
Quantität und Qualität
In der Wissenschaft der Logik, insbesondere im Abschnitt über das Maß, erläutert Hegel seine Theorie der Knotenlinie der Entwicklung, in der eine Reihe kleiner, scheinbar unbedeutender Veränderungen schließlich einen kritischen Punkt erreichen, an dem es einen qualitativen Sprung gibt. Die Chaostheorie und ihre Ableitungen sind eindeutig eine Form des dialektischen Denkens. Insbesondere die Idee des Umschlags von Quantität in Qualität steht dabei im Mittelpunkt – eines der Grundgesetze der Dialektik.
Engels wies in seinem Anti-Dühring darauf hin, dass die Natur letztendlich dialektisch funktioniert. Die Fortschritte der Wissenschaft in den letzten hundert Jahren haben diese Behauptung vollauf bestätigt. Amerikanische Forscherinnen und Forscher stehen an der Spitze einiger der wichtigsten Entwicklungen in der modernen Wissenschaft. Ich denke insbesondere an die Arbeit von R.C. Lewontin im Feld der Genetik und vor allem an die Schriften des Evolutionsbiologen Stephen J. Gould.
Betrachten wir ein leicht verständliches Beispiel.
Wenn Wasser bei normalem Atmosphärendruck erwärmt oder abgekühlt wird, vollzieht sich ein Sprung von einem Aggregatzustand in einen anderen: Bei 0° Celsius ist es ein Feststoff (Eis) und bei 100°C wechselt es in einen gasförmigen Zustand (Dampf). Wenn wir die Temperatur noch weiter erhöhen, auf 550°C, wird es zu Plasma, einem ganz anderen Aggregatzustand, in dem sich Atome und Moleküle aufspalten. Die Sprünge zwischen diesen Zuständen werden als Phasenübergänge bezeichnet. Die Untersuchung von Phasenübergängen stellt einen sehr wichtigen Zweig der modernen Physik dar. Ähnliche Veränderungen sind in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft zu beobachten. Das Äquivalent eines Phasenübergangs ist hier die Revolution.
Die Nukleation (Keimbildung) ist der erste Schritt zur Bildung einer neuen thermodynamischen Phase oder einer neuen Struktur durch Selbstorganisation. Es ist der Prozess, der bestimmt, wie viel Zeit benötigt wird, bis eine neue Phase oder selbstorganisierte Struktur entsteht. Dieses Phänomen zeigt sich in thermodynamischen Phasenübergängen aller Art. Von einer gesättigten Lösung zu einem Kristall, von der Verdampfung einer Flüssigkeit zu einem Gas oder beim Übergang von Wasser zu Eis.
Es ist möglich, die Übersättigung einer Lösung zu erreichen, in der beispielsweise Wasser unter normalen Bedingungen über 100°C erhitzt oder unter 0°C abgekühlt werden kann, ohne Dampf oder Feststoff zu werden. Damit der Phasenübergang stattfinden kann, ist in vielen Situationen entweder ein externer Schock oder das Vorhandensein einer Verunreinigung notwendig. Wasser bildet beim Erwärmen die Dampfblasen nicht an irgendeinem beliebigen Punkt, sondern alle beginnen ausgehend von einem Kratzer oder einer Unebenheit auf der Oberfläche des Kochtopfes aufzusteigen. Dies ist ein Keimbildungspunkt, der sich um einen Katalysator bildet.
In thermodynamischen Begrifflichkeiten ausgedrückt: Eine übersättigte Lösung hat eine gewisse Konzentration (oder Temperatur oder eine andere quantitative Eigenschaft) erreicht, bei der die angestrebte alternative Phase eine niedrigere Entropie[1] besitzt – allerdings muss Energie aufgewendet werden, um den ersten Keim für den Phasenübergang zu bilden. Manchmal passiert die Keimbildung mit der Zeit zufällig und, wie es auch beim radioaktiven Zerfall zutrifft, steigt die Wahrscheinlichkeit der Keimbildung mit der Zeit. Ist jedoch ein Katalysator vorhanden, an dessen Rand der nötige Entropiesprung geringer ist, wird die Keimbildung dadurch vereinfacht.
Wir können diesen Prozess veranschaulichen, wenn wir an die (Kristall-)Bildung einer Perle in einer Muschel denken. Tatsächlich sprechen wir oft davon, dass sich Zorn in einer Fabrik oder generell in der Gesellschaft „kristallisiert“. Diese Analogie ist sehr passend. Im Falle der Bildung einer Perle können alle Bedingungen für ihre Bildung gegeben sein, doch ohne eine Verunreinigung, um die herum sie sich formen kann, kann sie nicht entstehen. Diese „Unreinheit“ ist oft ein Wurm, der sich durch die Schale einer Muschel gegraben hat und gestorben ist. Hier ist die Bildsprache sehr auffällig: eine schöne Perle, die einen Sarkophag um ein ziemlich hässliches Stück toter biologischer Substanz bildet.
Oft sehen wir die scheinbare Wiederholung von Entwicklungsstufen, die längst überwunden sind. Wir sehen das auch bei der Untersuchung von Embryonen, die anscheinend die Phasen der Evolution durchlaufen. Ein menschlicher Embryo beginnt als eine einzige Zelle, teilt sich dann und nimmt komplexere Formen an. In einem Stadium hat er Kiemen wie ein Fisch, später einen Schwanz wie ein Affe. Die Ähnlichkeit zwischen menschlichen Embryonen und denen anderer Tiere, einschließlich Fischen und Reptilien, ist bemerkenswert und wurde bereits von den alten Griechen festgestellt. Über zweitausend Jahre vor Darwin folgerte Anaximander (ca. 611–546 v. Chr.), dass sich der Mensch aus einem Fisch entwickelt habe.
Der genetische Unterschied zwischen Menschen und Schimpansen beträgt weniger als zwei Prozent, und wir teilen einen großen Teil unserer Gene mit Fruchtfliegen und noch primitiveren Organismen. Der letzte verzweifelte Gegenangriff der Kreationisten, die sich hinter dem Banner des „intelligenten Designs“ verstecken, wurde durch die bemerkenswerten Ergebnisse des Humangenomprojekts zerschmettert. Der zweiprozentige Unterschied, der uns von den anderen Primaten unterscheidet, ist jedoch ein qualitativer Sprung, der die Menschheit auf eine ganz andere und höhere Ebene hebt.
Der Evolutionsprozess hat sich ununterbrochen seit dem Auftreten der ersten primitiven Lebensformen fortgesetzt. Das Leben ist, wie wir heute wissen, in einer überraschend frühen Periode der Erdgeschichte entstanden. Die ersten primitiven Organismen tauchten wahrscheinlich auf dem Boden der urzeitlichen Ozeane auf und bezogen Energie nicht von der Sonne, sondern von vulkanischen Schloten, die Wärme aus der Tiefe der Erdkruste erzeugten. Die frühesten Protozoen entwickelten sich zu den Chordata (Rückenmarktiere), bis hin zu den frühesten landbewohnenden Amphibien, zu Reptilien und später zu Säugetieren und Menschen.
Geschichte und Natur kennen sowohl Phasen der Evolution – eine langsame, allmähliche Entwicklung – als auch solche der Revolution – einen qualitativen Sprung, bei dem der Prozess der Evolution enorm beschleunigt wird. Die Evolution bereitet den Weg für die Revolution, die wiederum den Weg für eine neue Periode der Evolution auf einer höheren Ebene bereitet.
Die Einheit der Gegensätze lässt sich auf allen Ebenen der Materie deutlich beobachten. Auf allen Ebenen der Natur, von den größten Galaxien bis zu den kleinsten subatomaren Partikeln, gibt es gegensätzliche Tendenzen. Die Identität der Gegensätze ist die Anerkennung – oder Entdeckung – der sich gegenseitig ausschließenden Tendenzen, die in allen Phänomenen und Prozessen der Natur existieren. Das meinte Engels, als er die Dialektik als die allgemeinsten Gesetze von Natur, Gesellschaft und menschlichem Denken definierte.
Die Kritische Masse
Eine der Grundwahrheiten der Chemie besagt, dass sich ungleiche Ladungen anziehen, während sich gleiche Ladungen abstoßen. Aber hier haben wir ein offensichtliches Paradoxon. Die Kerne aller Atome außer Wasserstoff enthalten mehr als ein Proton und jedes Proton trägt eine positive Ladung. Die Protonen müssen eine abstoßende Kraft von den anderen Protonen spüren. Warum also sollten die Kerne dieser Atome zusammenbleiben? Was hält den Kern zusammen?
Die Einheit der Gegensätze, die das Atom zusammenziehen und auseinanderreißen, sind die (starke) Kernkraft (auch genannt starke Wechselwirkung) und die elektrostatische Kraft. Neutronen und Protonen binden sich durch die starke Kernkraft aneinander, diese Kraft wirkt aber nur über eine sehr kurze Reichweite. Positiv geladene Protonen stoßen sich jedoch durch elektrostatische Abstoßung ständig gegenseitig ab. Diese Kraft wirkt über viel größere Entfernungen.
Die starke Kernkraft hält die meiste gewöhnliche Materie zusammen. Darüber hinaus bindet sie Neutronen und Protonen aneinander, um Atomkerne zu bilden. So wie Zentrifugalkräfte versuchen, Galaxien auseinander zu reißen, während die Schwerkraft sie zusammenhält, ist der Elektromagnetismus die Kraft, die theoretisch einen Kern auseinanderreißen würde, während die Kernkraft – 130 mal stärker als der Elektromagnetismus – ihn zusammenhält.
Der Kern hält zusammen, aber nur zu einem gewissen Maß. Überschreitet die Anzahl der Protonen oder Neutronen dieses Maß, wird der Kern durch den radioaktiven Zerfall instabil. Wenn der Kern sehr groß wird, kann er eine noch dramatischere Transformation durchlaufen.
Mit zunehmender Größe des Kerns überwindet die abstoßende elektrostatische Kraft schließlich die anziehende Kernkraft und der Kern wird instabil. Alles, was dann benötigt wird ist ein einzelnes Neutron, das auf den Kern geschossen wird und Quantität schlägt in Qualität um – der Kern teilt sich in zwei Teile, gibt eine große Menge an Energie ab und stößt dabei oft noch mehr Neutronen aus. Das ist, was Physiker als Kernspaltung bezeichnen.
Wenn eine bestimmte Menge an spaltbarem Material vorhanden ist, ist es sicher, dass die durch die Spaltung freigesetzten Neutronen auf einen anderen Kern treffen und somit eine Kettenreaktion auslösen. Je mehr spaltbares Material vorhanden ist, desto größer die Chance, dass ein solches Ereignis eintritt. Die Kritische Masse ist definiert als die Menge an Material, bei der die durch einen Spaltvorgang erzeugten Neutronen im Durchschnitt einen weiteren Spaltvorgang erzeugen.
Im Übergang von einer kontrollierten zu einer unkontrollierten Kernreaktion gibt es einen qualitativen Sprung – einen Umschlag von Quantität in Qualität. Wenn man Material – einen Steuerstab – in das spaltbare Material einführt, um mehr Neutronen zu absorbieren, als von der Spaltungsreaktion abgegeben werden, bleibt die Reaktion unter Kontrolle. Entfernt man jedoch den Steuerstab einen Zentimeter zu weit, entsteht eine Neutronenkaskade und Quantität schlägt in eine neue Qualität um. Man spricht dann von einer Kernschmelze.
Überall in der Natur können wir ähnliche Prozesse beobachten. Der amerikanische Physiker und Autor Mark Buchanan weist in seinem Buch Ubiquity (auf Deutsch erschienen als Das Sandkorn, das die Erde zum Beben bringt) darauf hin, dass so unterschiedliche Phänomene wie Herzinfarkte, Lawinen, Waldbrände, Aufstieg und Niedergang von Tierpopulationen, Börsenkrisen, Verkehrsbewegungen und sogar Revolutionen in Kunst und Mode dem gleichen Grundprinzip unterliegen, das sich als mathematische Gleichung, bekannt als Potenzgesetz, ausdrücken lässt. Dies ist eine weitere bemerkenswerte Bestätigung des dialektischen Gesetzes des Umschlags von Quantität in Qualität.
Die Bedeutung der Dialektik im Kapital
In seinen wunderbar tiefgründigen Philosophischen Heften, die während der Zeit seines Schweizer Exils in den Jahren des Ersten Weltkriegs verfasst wurden, schrieb Lenin:
„Man kann ‚Das Kapital‘ von Marx und besonders das I. Kapitel nicht vollständig begreifen, ohne die ganze Logik von Hegel durchstudiert und begriffen zu haben. Folglich hat nach einem halben Jahrhundert nicht ein Marxist Marx begriffen!!“(Lenin: Philosophische Hefte, S. 170.)
Selbst wenn man eine gewisse Übertreibung unterstellt – es waren schließlich grobe Notizen zur Klärung der eigenen Gedanken, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren – ist die von Lenin formulierte Grundidee richtig. Das Kapital selbst ist eine meisterhafte Anwendung der von Hegel verfeinerten und von Marx und Engels perfektionierten dialektischen Methode. Das erste Kapitel des ersten Bandes hat rein philosophischen Charakter und basiert auf Hegel, wie Marx selbst betonte.
Aus diesem Grund wird dieses Kapitel allgemein als eines der schwierigsten im gesamten Werk angesehen. Es geht darin nicht um Wirtschaft, sondern um Philosophie und wurzelt in der Methode von Hegels dialektischem Meisterwerk Die Wissenschaft der Logik. Dennoch ist dieses Kapitel für ein Verständnis von Marx‘ Analyse der kapitalistischen Wirtschaft von grundlegender Bedeutung.
Im ersten Band des Kapital leitet Marx alle Gesetze der kapitalistischen Gesellschaft aus einer Analyse seiner grundlegenden „Zelle“ – der Ware – ab. Marx analysiert die Ware und erklärt, dass sie zwei Seiten hat, die in Wirklichkeit widersprüchliche Tendenzen sind. Auf den ersten Blick scheint die Ware etwas sehr Einfaches und Konkretes zu sein: ein Gebrauchsgegenstand. Ob die Verwendung dieses Gebrauchsgegenstandes wirklich notwendig ist oder ob es ein „Gegenstand des Genusses“ ist, ist bei dieser Überlegung gleichgültig. Aber bei näherer Betrachtung sehen wir, dass die Ware etwas Komplexeres darstellt. Sie hat nicht nur einen Gebrauchswert, sondern auch einen Tauschwert – etwas ganz anderes.
Die Menschheit hat bereits seit ihren frühesten Anfängen Gebrauchswerte produziert, doch im Kapitalismus ändert sich der Charakter der Erzeugnisse menschlicher Arbeit grundlegend. Der Kapitalist produziert Gegenstände nicht für den menschlichen Gebrauch, sondern Waren, die zum Verkauf gedacht sind, um so einen Profit zu realisieren.
Der Gebrauchswert einer Ware beschränkt sich auf ihre konkreten Eigenschaften; aber im Tauschwert steckt kein einziges Atom Materie. Der Preis einer einzelnen Ware wird durch eine Vielzahl von Transaktionen bestimmt, die täglich in der Weltwirtschaft stattfinden. Die Preise schwanken nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage, aber diese Schwankungen finden um einen bestimmten Punkt herum statt, der der tatsächliche Wert einer Ware ist. Dieser Wert, wie selbst Ökonomen vor Marx erklärten, ist das Produkt menschlicher Arbeit.
Das Besondere und das Allgemeine
In seinen Philosophischen Heften schreibt Lenin:
„Marx analysiert im ‚Kapital‘ zunächst das einfachste, gewöhnlichste, grundlegendste, massenhafteste, alltäglichste, milliardenfach zu beobachtende Verhältnis der bürgerlichen (Waren-)Gesellschaft: den Warenaustausch. Die Analyse deckt in dieser einfachsten Erscheinung (in dieser ‚Zelle‘ der bürgerlichen Gesellschaft) alle Widersprüche (resp. die Keime aller Widersprüche) der modernen Gesellschaft auf. Die weitere Darstellung zeigt uns die Entwicklung (sowohl das Wachstum als auch die Bewegung) dieser Widersprüche und dieser Gesellschaft in der Summe ihrer einzelnen Teile, von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende.
Dieser Art muss auch die Methode der Darstellung (resp. Erforschung) der Dialektik überhaupt sein (denn die Dialektik der bürgerlichen Gesellschaft bei Marx ist nur ein spezieller Fall der Dialektik). Beginnen mit dem Einfachsten, Gewöhnlichsten, Massenhaftesten etc., mit einem beliebigen Satz: die Blätter des Baumes sind grün; Iwan ist ein Mensch; Shutschka ist ein Hund u. dgl. Schon hierin ist (wie Hegel genial bemerkt hat) Dialektik: Einzelnes ist Allgemeines. (Vgl. Aristoteles, Metaphysik[…]: ‚denn natürlich kann man nicht der Meinung sein, dass es ein Haus‘ – ein Haus überhaupt – ‚gebe außer den sichtbaren Häusern‘.)“(ebd., S. 340.)
Die mittelalterlichen Scholastiker zerbrachen sich den Kopf darüber, ob Allgemeinheiten (Abstraktionen) tatsächlich existieren. Hegel löste dieses Problem auf geniale Weise, indem er darauf hinwies, dass das Besondere und das Allgemeine in der Tat dasselbe sind: Jedes Besondere verkörpert auf die eine oder andere Weise das Allgemeine. Jedes Einzelwesen gehört zu einer Gattung oder Spezies, die seine wahre Natur definiert, aber Gattungen und Spezies setzen sich aus einzelnen Lebewesen zusammen. Die Grenze dieser Kategorien in der Biologie wird durch die Reproduktionsfähigkeit bestimmt.
„Somit sind die Gegensätze (das Einzelne ist dem Allgemeinen entgegengesetzt) identisch: das Einzelne existiert nicht anders als in dem Zusammenhang, der zum Allgemeinen führt. Das Allgemeine existiert nur im Einzelnen, durch das Einzelne. Jedes Einzelne ist (auf die eine oder andere Art) Allgemeines. Jedes Allgemeine ist (ein Teilchen oder eine Seite oder das Wesen) des Einzelnen. Jedes Allgemeine umfasst nur annähernd alle einzelnen Gegenstände. Jedes Einzelne geht unvollständig in das Allgemeine ein usw. usw. Jedes Einzelne hängt durch Tausende von Übergängen mit einer anderen Art Einzelner (Dinge, Erscheinungen, Prozesse) zusammen usw.“ (ebd)
Diese scheinbar widersprüchliche Behauptung lässt sich schon aus dem einfachsten Satz ableiten. Es ist unmöglich, die Natur eines Einzelnen zu bestimmen, ohne es sofort in ein Allgemeines zu verwandeln. Das gilt für jede Definition,
„[…] denn wenn wir sagen: Iwan ist ein Mensch, Shutschka ist ein Hund, dies ist ein Baumblatt usw., so lassen wir eine Reihe von Merkmalen als zufällige beiseite, trennen wir das Wesentliche vom Erscheinenden und stellen das eine dem anderen entgegen.“ (ebd. 340 f.)
Hegel wies darauf hin, dass Aussagen in der Alltagssprache nicht in der Form „A = A“ (Iwan ist Iwan, ein Haus ist ein Haus etc.), sondern „A = B“ (Iwan ist ein Mensch, ein Haus ist ein Gebäude) erfolgen, was die Einheit von Identität und Unterschied impliziert. Und Lenin kommentierte dazu:
„Schon hier haben wir Elemente, Keime des Begriffes der Notwendigkeit, des objektiven Zusammenhangs in der Natur etc. Zufälliges und Notwendiges, Erscheinung und Wesen sind schon hier vorhanden…
…Auf diese Weise kann (und soll) man in jedem beliebigen Satz, wie in einer ‚Zelle‘, die Keime aller Elemente der Dialektik aufdecken und so zeigen, dass der gesamten menschlichen Erkenntnis überhaupt die Dialektik eigen ist. Die Naturwissenschaft aber zeigt uns (und das muss wiederum an einem beliebigen ganz einfachen Beispiel gezeigt werden) die objektive Natur mit denselben Eigenschaften, Verwandlung des Einzelnen in das Allgemeine, des Zufälligen in das Notwendige, die Übergänge, das Überfließen, den wechselseitigen Zusammenhang der Gegensätze. Die Dialektik ist eben die Erkenntnistheorie (Hegels und) des Marxismus: gerade diese ‚Seite‘ der Sache (es ist nicht eine ‚Seite‘, sondern das Wesen der Sache) ließ Plechanow, von anderen Marxisten ganz zu schweigen, unbeachtet.“ (ebd.)
Kann die menschliche Gesellschaft verstanden werden?
Schon bei oberflächlicher Betrachtung der Geschichte sehen wir, dass die menschliche Gesellschaft eine Reihe von Phasen durchlaufen hat und dass sich gewisse Prozesse in regelmäßigen Abständen wiederholen. So wie wir in der Natur den Umschlag von Quantität in Qualität sehen, so sehen wir auch in der Geschichte, dass lange Perioden langsamer, fast unmerklicher Veränderung durch Perioden unterbrochen werden, in denen der Prozess beschleunigt wird, und es dann auch zu qualitativen Sprüngen kommt.
In der Natur können die langen Perioden langsamer Veränderung – Stasis – Millionen von Jahren dauern. Sie werden durch katastrophische Ereignisse unterbrochen, die unweigerlich mit dem Aussterben bisher dominanter Tierarten und dem Aufstieg anderer Arten einhergehen, die vorher unbedeutend waren, sich aber besser an die neuen Umstände anpassen können. In der menschlichen Gesellschaft spielen Kriege und Revolutionen eine so bedeutende Rolle, dass wir sie als Meilensteine betrachten, die eine historische Periode von einer anderen trennen.
Es waren Marx und Engels, die zu der Erkenntnis kamen, dass die wahre Triebkraft der Geschichte die Entwicklung der Produktivkräfte ist. Das bedeutet nicht, wie die Gegner des Marxismus oft behaupten, dass Marx alles auf die Ökonomie reduziert hat. Es gibt viele andere Faktoren, die in die Entwicklung der Gesellschaft einfließen: Religion, Moral, Philosophie, Politik, Patriotismus, Stammesbündnisse etc. All dies bildet ein komplexes Netz sozialer Beziehungen, die ein reichhaltiges und verwirrendes Mosaik an Phänomenen und Vorgängen bilden.
Auf den ersten Blick scheint es unmöglich, die gesellschaftlichen Prozesse in dieser Komplexität fassen zu können. Dasselbe könnte man von der Natur oder gar dem Universum sagen. Dies hindert die Wissenschaft aber nicht daran, die verschiedenen Elemente gesondert zu behandeln, sie zu analysieren und zu kategorisieren. Warum sollten die Menschen über der restlichen Natur stehen und die einzige Gattung im ganzen Universum darstellen, die von der Wissenschaft nicht verstanden werden kann? Die Vorstellung selbst ist absurd und ist lediglich Ausdruck des brennenden Wunsches der Menschen, eine Art besondere Schöpfung zu sein, völlig getrennt von allen anderen Tieren und mit einer besonderen Beziehung zum Rest des von Gott geschaffenen Universums. Doch die Wissenschaft hat diese egozentrischen Illusionen gnadenlos zerstört.
Marx und Engels gaben dem Kommunismus erstmals einen wissenschaftlichen Charakter. Sie erklärten, dass die tatsächliche Emanzipation der Massen vom Entwicklungsstand der Produktivkräfte – Industrie, Landwirtschaft, Wissenschaft und Technologie – abhängt, die die notwendigen Voraussetzungen für eine allgemeine Verkürzung des Arbeitstages und des Zugangs zur Kultur für alle schaffen werden, als der einzigen Möglichkeit, die Art und Weise zu verändern, wie die Menschen denken und miteinander umgehen.
[1] Entropie bezeichnet die Anzahl an möglichen Zuständen, die Teilchen in einem System einnehmen können. Das heißt: bei niedriger Entropie, am Beispiel Wasser im Zustand „Eis“, sind die Teilchen vergleichsweise starr angeordnet. Bei hoher Entropie, z.B. „Dampf“ sind sie beweglicher und können eine höhere Zahl an Mikrozuständen einnehmen.