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Ob internationale NGOs oder Organisationen der Vereinten Nationen, Geldgeber:innen oder Beobachter:innen der humanitären Hilfe: Alle sind sich einig, dass unser «humanitärer Aktionsradius» in einem Kontext des «Kampfs der Kulturen» kleiner wird. Anders ausgedrückt, die Handlungs- und Redefreiheit von Angehörigen humanitärer Organisationen wird durch die Radikalisierung von Konflikten und die Durchsetzung von Staatshoheit auf Kosten von humanitären Akteur:innen und deren Programmen untergraben.
Ziel dieses Buches ist es, diese Annahme zu hinterfragen. Dazu werden die Ereignisse untersucht, welche die Geschichte von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) seit 2003 geprägt haben. In dem Jahr brachte Ärzte ohne Grenzen ihr erstes allgemeines Werk über humanitäre Hilfe und die Beziehung zu Regierungen heraus. Es befasst sich mit der Entwicklung humanitärer Ziele, dem Widerstand gegen diese Ziele und den politischen Einigungen, die zur Überwindung dieses Widerstands beigetragen haben (oder diese verunmöglicht haben). Die Autor:innen untersuchen die politischen Transaktionen sowie das Gleichgewicht zwischen Kräften und Interessen, die humanitäre Tätigkeiten möglich machen, aber in der Regel durch eine hehre Rhetorik über «humanitäre Grundsätze» verschleiert werden. Dabei legen sie das Hauptaugenmerk auf eine zentrale Frage: Was ist ein annehmbarer Kompromiss für Ärzte ohne Grenzen?
In ihrem Kapitel nimmt Caroline Abu-Sada Streitigkeiten über die Staatshoheit im Gazastreifen in den Augenschein, wo verschiedene Sektionen von Ärzte ohne Grenzen versuchten, die Auswirkungen der israelischen Besetzung auf den Zugang der Palästinenser:innen zu gewissen medizinischen Dienstleistungen zu mildern. Von 2007 bis 2010 hat die Hilfsorganisation ihre politische und operative Position ernsthaft überdacht, was sowohl auf Seiten von Ärzte ohne Grenzen als auch der Regierung von Gaza Zugeständnisse erforderte.
Dieses Buch ist der Versuch, eine Reihe von Mythen zu entkräften, die im Laufe des 40-jährigen Bestehens von Ärzte ohne Grenzen entstanden sind. In ihm wird detailliert beschrieben, wie illusorisch die Ideale der humanitären Grundsätze und der «humanitäre Aktionsradius» bei Einsätzen in Konfliktgebieten in Wirklichkeit sind. Tatsächlich ist es knallharten Verhandlungen mit verschiedensten Anspruchsgruppen, die alle ihre eigenen Interessen verfolgen, geschuldet, wenn Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen in Krisensituationen arbeiten können – oder auch nicht.
Französische Version: Agir à tout prix ? Négociations humanitaires: l’expérience de Médecins Sans Frontières.