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289 n.Chr. wird erstmals der Stamm der Germanen (Alamanni), 297 ihr Gebiet (Alamannia) in zeitgenöss. Quellen erwähnt. Der Name bedeutet soviel wie "Menschen/Männer insgesamt, allgemein". Eine pejorative Deutung sieht in den A. "zusammengelaufene und gemischte" Leute. Der Name scheint auf eine aktuelle Gemeinschaftsbildung hinzuweisen, ohne ältere Traditionen aufzunehmen. Bis um 500 wurden A. und Sueben stets unterschieden, vom 6. Jh. an wurden beide als ident. betrachtet.
Die Bevölkerungsgruppen, welche die Römer unter der Bezeichnung A. zusammenfassten, sickerten vom späten 3. Jh. an in den süddt. Raum ein; dabei handelt es sich keinesfalls um eine systemat. Landnahme. In der 2. Hälfte des 6. und im 7. Jh. stiessen die A. unter fränk. Führung über den Hochrhein vor und siedelten im Schweizer Mittelland.
Ein suebischer (semnon.) bzw. elbgerm. Ursprung "der" A. ist nicht nachgewiesen, was nicht ausschliesst, dass Splittergruppen der Heerhaufen, die nach der Überwindung des obergerm.-rät. Limes ca. 259/260 das Dekumatenland kontrollierten, aus dem Norden stammten. Wie die Franken am Niederrhein, so standen die A. am Oberrhein den Römern als neue Gegner gegenüber. Der Kontakt mit den Römern schwankte phasenweise zwischen Konfrontation und Kooperation. Zum Schutz vor zahlreichen germ. Plünderungszügen links des Rheins errichteten die Römer auch im Hinterland des Ober- und Hochrheinlimes Befestigungen, wie 294 in Oberwinterthur und in Eschenz bei Stein am Rhein, griffen die A. jenseits der Grenze an oder lieferten den ins Land eingedrungenen A. blutige Schlachten, wie der nachmalige Ks. Constantius I. 298 bei Langres (F) und bei Vindonissa. Andererseits standen vom ausgehenden 3. Jh. an viele A. in röm. Diensten, als Soldaten, als Geiseln und als in geschlossenen Verbänden unter eigener Führung angesiedelte Wehrbauern. Den Höhepunkt erreichten die Kämpfe mit den A., als diese zusammen mit den Franken den Rhein überquerten und Gallien plünderten (352). Trotz eines Friedensvertrags (354) und eines siegreichen Feldzugs über Bellinzona und die Bündner Pässe gegen die A. des Linzgaus (355) gelang es erst Ks. Julian (355/360-363) in der Schlacht bei Strassburg (357), die unter sieben Kg. vereinten alemann. Verbände entscheidend zu schlagen und die Rheinlinie wieder zu sichern. Ks. Valentinian I. (364-375) konsolidierte die Grenzverteidigung, liess rechts des Rheins neue Kastelle bauen, so in Altrip, Breisach am Rhein (beide D) und gegenüber von Basel (Robur), und versah die Grenze am Hochrhein mit einer Kette von Wachttürmen (burgi). Ks. Gratian erneuerte 378 die Verträge mit den A. Danach standen sie offenbar in einem Foederaten-Verhältnis, das bis ins 5. Jh. mehrmals erneuert wurde. Noch 430 wehrte der weström. Heermeister Flavius Aëtius einen Einfall der Juthungen, eines alemann. Teilstammes, in der Provinz Raetia Secunda ab. Ein alemann. Plünderungszug über die rät. Pässe wurde 457 bei Bellinzona von Ks. Maiorian aufgehalten.
In der Endphase des weström. Reiches entwickelten die A. eine grosse Expansionskraft in alle Richtungen, die jedoch bald gebrochen wurde. Um 469/470-476 kontrollierte der Alemannenkönig Gibuld das donauländ. Gebiet bis Passau (D). Er könnte mit dem Alemannenkönig Gebavultus ident. sein, der in den 470er Jahren im Raum von Troyes (F) herrschte. Die Frage, ob Gibuld/Gebavultus alemann. Grosskönig zu einer Zeit war, als die Donau-Sueben und die A. ein Bündnis schlossen (ca. 469/470), ist umstritten. Die Ausdehnung der alemann. Macht über das Rhein-Main-Gebiet hinaus wurde zunächst in der Schlacht bei Zülpich (ca. 480/490er Jahre) gebremst, dann brachte Kg. Chlodwigs I. erster Alemannensieg (496/497) die A. in ein Treueverhältnis zu den Franken. Chlodwigs zweiter Sieg (506) und der Tod des rex Alamannorum beendeten abrupt die Phase der alemann. Unabhängigkeit, nicht aber den Prozess der Ethnogenese im Rahmen der got. bzw. fränk. Politik. Spätestens 506 scheint sich die alemann. Führungsschicht unter ostgot. Protektorat begeben zu haben. Teile der A. wurden in Oberitalien und offenbar im rät. Gebiet des Bodenseeraumes, des Thurgaus und des Alpenrheintals angesiedelt, und schliessl. wurde das got. Alemannien 536/537 vom ostgot. Kg. Witigis den Franken abgetreten.
Die Eingliederung Alemanniens in das Frankenreich beliess den A. den Status einer gens mit eigenem Namen, Recht und Territorium. Zunächst zum östl. Teilreich gehörig, wurden die A. duces Francorum unterstellt, d.h. fränk. Amtsträgern. Wohl von der Basis der Diözesen Windisch bzw. Avenches aus unternahmen im fränk. Auftrag Buccelen und Leuthari 539 bzw. 553/554 Expeditionen in Italien. Bei der Reichsteilung von 561 fiel der ducatus Ultraiuranus an das burgund. und der ducatus Alamannorum an das austras. Teilreich. Bis ins 7. Jh. lag der Machtschwerpunkt der von den Merowingern ein- oder abgesetzten alemann. Hzg. südl. des Hochrheins und im Bodenseegebiet, wo noch spätröm. Strukturen und rom. Kontinuitätsinseln vorhanden waren, wie z.B. in Windisch, Eschenz, Arbon, Bregenz, Oberwinterthur oder Zürich. Die zeitweilige Wiedervereinigung des Thurgaus und des Elsasses mit dem burgund. Teilreich (595-610) führte zu Auseinandersetzungen um Einflusssphären und Abgrenzungen, so beim alemann. Einfall bei Avenches und in der Schlacht bei Wangen (610). Unter Chlothar II. und Dagobert I. scheint sich der direkte Einfluss der Merowingerkönige auf Alemannien verstärkt zu haben. Im 2. Drittel des 7. Jh. waren die Alemannenherzöge in die inneraustras. Adelsrivalitäten verstrickt. Immer noch lag der Schwerpunkt ihrer Herrschaft links des Rheins.
Erst um 700 lässt sich das Wirken eines alemann. Hzg. in Inneralemannien nachweisen: Gottfried, dux Alemanniae, urkundete in Biberburg bei Cannstatt (D). Sein Titel vir illuster, die Datierung nach Herzogsjahren sowie seine legitimist. begründete enge Anlehnung an den Merowingerkönig zeigen, dass sich der merowing. Dukat in einen gentilen Prinzipat verwandelt hatte. Die Vererbung und Teilung des Amts unter die Nachfahren Gottfrieds sind untrügl. Zeichen für die Verselbständigung des Herzogsamts ab dem späten 7. Jh. Der daraus resultierende Gegensatz zum pippinid. Austrasien war nicht antifränk., sondern dynast. begründet. Erst nach dem Tod Gottfrieds 709 gelang es den karoling. Hausmeiern Pippin dem Mittleren ( 714) und Karl Martell ( 741) nach versch. Feldzügen (709-712) zunächst Willihari und seinen Bruder Theudebald, dann auch Lantfrid (724-730) auszuschalten. Letzterer hatte in der Neuredaktion (Recensio Lantfridana) des Alemannenrechts (Alemannenrechte) legitimist. die starke Stellung des Merowingerkönigs betont. Nach Lantfrids Tod versuchte Theudebald die Herzogswürde zu behaupten, wurde aber von Karl Martell 732 vertrieben; das Herzogtum Alemannien wurde aufgehoben, wie sich aus der Teilung der Herrschaft Karl Martells bei seinem Tode (741) ergibt: Karlmann, der ältere Sohn, erhielt neben Austrien und Thüringen auch Alemannien. Gegen die Söhne Karl Martells formierte sich alsbald erneut der Widerstand in den Aussendukaten, der in mehreren Feldzügen und endgültig durch den Gerichtstag von Cannstatt (746) gebrochen wurde. Die Wiedereingliederung Alemanniens in das karoling. bestimmte Frankenreich spiegelt sich in der Neuordnung auf der Basis der Grafschaftsverfassung unter den Gf. Ruthard und Warin, die um 760 totius ... Alamanniae cura ausgeübt haben sollen. Bis zum Wiederaufleben des "schwäb. Herzogtums" zu Beginn des 10. Jh. verschwand der alemann. Herzogstitel. Grundlage des neuen Herzogtums Schwaben war das karoling. regnum Sueviae, das Ludwig der Fromme für Karl den Kahlen, den Sohn aus seiner Ehe mit der Welfin Judith, im Jahre 829 aus den Dukaten Elsass, Alemannien und Rätien gebildet hatte und das im Vertrag von Verdun 843 an Ludwig den Deutschen und bei der Teilung von dessen Erbe (865 bzw. schon 859) an den jüngsten Sohn, Karl III. (den Dicken), fiel.
Die ethn. Deutung frühma. Funde ist umstritten. Das in dem von A. polit. beherrschten Raum gefundene Material kann nicht ohne weiteres als "alemann." betrachtet werden. Zu rechnen ist mit vielfältigen Einflüssen. Die sprachl. Zeugnisse alemann. Siedlung links des Rheins sind häufig spät überliefert und lassen sich meist nur in einen groben zeitl. Rahmen einordnen. Archäologie und Sprachwiss. lassen immerhin die germ. bzw. alemann. Siedlungsbewegung in den Interferenzzonen am Hochrhein, am Bodensee und im Bodenseerheintal erkennen.
Germ./alemann. Einsprengsel hat es als isolierte Erscheinungen links des Rheins vom 4./5. Jh. an gegeben, z.B. in Windisch-Oberburg oder im rom. Gräberfeld von Kaiseraugst. Gegenüber den röm. Kastellen bezeugen "alemann." Gräberfelder des 5. Jh. eine Phase friedl. Kontaktes, so die Gräberfelder von Basel-Kleinhüningen und -Gotterbarmweg gegenüber dem castrum Basel, Herten (D) gegenüber von Kaiseraugst, Kadelburg/Rheinheim (D) gegenüber von Zurzach und Stein am Rhein gegenüber von Eschenz. Zu Beginn des 6. Jh., nach Chlodwigs Sieg über die A., scheinen grosse Teile der alemann. Oberschicht abgewandert zu sein, wohl nach Rätien, ins ostgot. Italien oder nach Burgund. Links des Hochrheins lassen sich als germ. erkennbare Gruppen erst vom 2. Drittel des 6. Jh. an archäolog. nachweisen, d.h. erst nachdem das Reich der Burgunder und die ostgot. Alemannia 532/534 bzw. 536/537 an das Frankenreich gefallen waren. Dieser erste germ. Zuzug im linksrhein. Gebiet scheint fränk. gewesen zu sein. Die entsprechenden Gräber in Basel-Bernerring, Zürich-Bäckerstrasse, Bülach und Elgg werden fränk. Amtsträgern zugeschrieben, die sich zur polit. Sicherung des Raums jeweils in der Nähe von spätröm. Siedlungskernen niedergelassen hätten. Die fränk. Orientierung blieb in der Nordostschweiz offenbar bis ins frühe 7. Jh. dominant. Erst vom 2. Viertel des 7. Jh. an werden die Einflüsse aus dem rechtsrhein. alemann. Kernland stärker. Die globale Zunahme von Fundstellen bezeugt einen Siedlungsausbau im 7. Jh., der nicht nur auf Bevölkerungswachstum, sondern auch auf Zuwanderung von A. aus dem rechtsrhein. Raum, aus den Gebieten am Hochrhein und am Bodensee zurückgeht. Auch das Bodenseerheintal zeigt einen gestaffelten Prozess germ. Ansiedlungen.
Die Sprachwiss. und die Archäologie stimmen darin überein, eine alemann. Siedlungsbewegung grösseren Ausmasses relativ spät anzusetzen, jedenfalls erst im polit. Rahmen des merowing. Frankenreichs. Die Ortsnamen bestätigen diese Datierung: Innerhalb der alemann.-dt. Siedlungsnamen ist eine ältere Namenschicht (Formen: -ingen-, -heim- und -dorf) von den Namen eines ersten frühma. Ausbauraums (Haupttyp: -inghofen bzw. -ighofen, ikofen sowie -ikon) und denjenigen eines zweiten Ausbauraums (Formen: -wil und -wiler) zu unterscheiden. Aus der Übernahme und Lautverschiebung vordt. Namen, der zeitl. und räuml. Verteilung der genannten alemann.-dt. Leitnamen, ferner aus der Verbreitung der für die alemann.-rom. Berührungszonen typ. Walen-Namen entlang der dt.-franz. Sprachgrenze sowie in der Nordost- und der Zentralschweiz kann die alemann. Siedlungsbewegung bis zum 7./8. Jh. bestimmt werden. Innerhalb dieses Siedlungsraums finden sich Orte und Zonen, in denen das Romanische noch lange weiterlebte; Sprachgrenzstücke entstanden im 7./8. Jh. erst in den Haupttälern. Die dt.-rom. Sprachgrenze der Schweiz steht also in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der frühma. alemann. Siedlungsbewegung, sondern ist das Ergebnis einer noch Jahrhunderte währenden siedlungsmässigen und sprachl. Entwicklung (Deutsch). Im Bereich der frühen alemann. Besiedlung konzentrieren sich auch die althochdt. Landschaftsnamen der Schweiz, die mit vordt. Ortsnamen gebildeten Namen der älteren Schicht (wie Augst-, Basel-, Zürich- und Arbongau) ebenso wie die nach Flüssen benannten Namen der etwas jüngeren Schicht (z.B. Aar-, Sarne-, Thur- und Rheingau).
Über die Bevölkerungszahl und -dichte in der alemann. Schweiz lässt sich nichts Sicheres aussagen. Die frühma. Funde und die Ortsnamen der frühen Ausbauphasen lassen indessen auf eine Bevölkerungszunahme schliessen und stellenweise auf eine Besiedlung, die über schon in röm. Zeit erschlossene Gebiete hinausging. Siedlungsfunde erweisen Gehöfte und Weiler als hauptsächl. Siedlungstypen. Soweit nicht röm. Gebäude übernommen und weiterbenutzt wurden, haben die A. vornehml. Holzbauten errichtet und zwar Langhäuser, Grubenhäuser und Speicher. Die Hofanlagen waren umsäumt und umfassten laut der Lex Alamannorum neben dem Hauptgebäude mit heizbarem Raum und Saal auch Speicher, Scheune, Bad- und Backstube, Kochhaus, Schaf- und Schweineställe, zuweilen gar eine wassergetriebene Getreidemühle.
Archäologie und Rechtsquellen (Pactus und Lex Alamannorum) vermitteln ein nicht unmittelbar korrelierendes Bild der sozialen Schichtung und der rechtsständ. Gliederung. Die Inventare der Gräber, der Aufwand der Grabanlagen und die Lage innerhalb eines Gräberfeldes erlauben Rückschlüsse auf die soziale Stellung der Bestatteten. In den frühen Gräbern, z.B. in Basel-Kleinhüningen, ist es v.a. die Qualität der Waffenausstattung und Trachtteile, welche auf die Spitzenposition einer kleinen Anzahl von Individuen hinweist. Zweifellos ist hier eine Oberschicht zu fassen, die im 5./6. Jh. räuml. und sozial noch sehr mobil und fluktuierend war, sich im 7. Jh. aber durch landschaftl. Verankerung, Vererbbarkeit der Ämter, wachsende Bedeutung der Grundherrschaft und Verstärkung des Familien- und Gruppenbewusstseins sowie durch Verknüpfungen mit Kirchen- und Klostergründungen verfestigte und zum Adel wurde. Archäolog. spiegelt sich dieser Wandel in der räuml. Absonderung der reich ausgestatteten Gräber in den Friedhöfen, in aufwendigen Grabkammern (Elgg) sowie in der Bestattung bei oder in der Kirche, z.B. der reichen Dame, die um die Mitte des 7. Jh. in der Kirche von Bülach in vollem Ornat bestattet wurde. Auch die abgesonderten kleinen Grabhügelnekropolen, wie bei Illnau-Grafstal (aus der 2. Hälfte des 7. Jh.), sind Zeichen eines Wandels adliger Herrschaft. Diese beruhte nunmehr auf Landbesitz und wurde abgestützt durch Kirchengründungen. Grundherrschaftl. strukturiert, dokumentiert sich diese Form adliger Herrschaft in den frühen Urkunden des Klosters St. Gallen.
Die Grundherrschaft scheint die Verdrängung der extensiven, die Viehhaltung begünstigenden Feldgraswirtschaft durch die Dreifelderwirtschaft gefördert zu haben. Unter den Nutzpflanzen nahm in alemann. Gebiet der Dinkel den ersten Platz ein vor Gerste, Roggen, Hafer und Hirse sowie den Hülsenfrüchten Bohnen, Erbsen und Linsen. Auch der Obstbau und der von der gallorom. Bevölkerung übernommene Weinbau wurde von den A. gepflegt. Von den Handwerkern sind versch. Schmiedearten, Köche und Bäcker in den Rechtsaufzeichnungen erwähnt. Die archäolog. Funde machen darüber hinaus mit Textilien, Edelmetalle, Eisen, Holz und Ton verarbeitenden Handwerken bekannt. Über den Fernhandel stand Alemannien mit Nordgallien und dem Rheinland, mit Italien und dem Orient, mit Böhmen und der Ostseeküste sowie mit den donauländ. Gebieten in Kontakt. Der Import von Luxuswaren, aber auch von Salz aus dem oberbayr. Reichenhall muss z.T. durch Tausch erfolgt sein, denn das rechtsrhein. Alemannien gehörte zu den "Feinwaagenlandschaften" des Merowingerreichs, wo die Münzen nach dem Gewicht bewertet wurden, während in den westl. "Monetarlandschaften" der Nominalwert galt. Das linksrhein. Alemannien stellte eine Mischzone dar, in der Feinwaagen und zahlreiche Münzfunde nebeneinander bezeugt sind.
Die Bussenkataloge von Pactus und Lex Alamannorum sagen über den tatsächl. Geldumlauf nichts aus, sind aber umso aufschlussreicher für die rechtsständ. Gliederung Alemanniens im 7. bzw. 8. Jh.: Die Gegenüberstellung von Freien und Unfreien ist schon differenziert und zwar durch die Mittelstellung der Halbfreien (Liten) oder Freigelassenen und durch die Untergliederung der Freien in die weniger vermögenden Freien (barones = minofledes), die mittleren (mediani) und jene der höchsten Gruppe (primi), welche die Urkunden primores, proceres, nobiles nennen. Die Lex des 8. Jh. lässt eine komplexe Gerichts- und Verfassungsstruktur erkennen. Der Hzg. erscheint als oberster Gerichtsherr, Garant des Friedens und militär. Befehlshaber. Die Einsetzung von Gf. in Alemannien -- nachweisbar im 7. Jh. zunächst am Oberrhein und im linksrhein. Gebiet des Bodensees -- scheint mit den Reorganisationsbemühungen der Kg. Chlothar II. und Dagobert I. in Zusammenhang zu stehen. Nach der Lex Alamannorum unterstanden die Gf. wie auch die Zentenare dem Hzg. Erst die Neuordnung Alemanniens unter Ruthard und Warin hat um 760 einen grundlegenden Wandel gebracht, der unter Ludwig dem Frommen dahin führte, dass die karoling. Grafschaftsverfassung auf das gesamte Gebiet Alemanniens ausgedehnt wurde und Alemannien sich damit nicht mehr von den übrigen Gebieten des Frankenreichs unterschied.
Voraussetzung für die Christianisierung der A. war ihre Eingliederung in das Gebiet innerhalb der röm. Reichsgrenzen. In den Kastellorten südl. des Rheins lebte eine christl. rom. Restbevölkerung. Die episkopale Ordnung war z.T. erschüttert -- dafür zeugen der Wechsel des Bischofssitzes von Augst nach Basel, wo um 615 ein Bf. nachzuweisen ist, bzw. die Verlegung des Bistums von Windisch nach Avenches und der weitere Rückzug nach Lausanne im 6. Jh. In Churrätien dagegen hat sie kontinuierl. fortbestanden. Die Gründung des Bistums Konstanz zu Anfang des 7. Jh. steckte den Rahmen für die Christianisierung der A. ab, denn es wurde zum eigentl. "Alemannenbistum". Die Diözesangrenzen scheinen teilweise wenigstens schon von Kg. Dagobert I. (623-638/639) festgelegt worden zu sein. Entscheidenden kirchl. Rückhalt fand das Konstanzer Bistum bei dem in Überlingen (D) residierenden christl. Alemannenherzog Gunzo sowie im rät. Bistum Chur. Noch um 570 bezeichnete der byzantin. Geschichtsschreiber Agathias die A. als Heiden, und um 610 traf Kolumban in Bregenz (A) auf eine rom.-alemann. Mischbevölkerung mit synkretist. Vorstellungen bzw. als Anhänger des Wodansglaubens. Nach den späten Gallus-Viten hingen die A. des Linthgebiets noch dem alten Götterglauben an.
Die archäolog. Zeugnisse der Christianisierung der A. sind im rechtsrhein. Gebiet zahlreicher als links des Rheins, so z.B. die Goldblattkreuze des 7. Jh., ferner die Kreuze, Fische und Vögel auf Waffen, Trachtbestandteilen, Gebrauchs- oder liturg. Gegenständen sowie auf Amulettkapseln. Links des Rheins sind vom 7. Jh. an Kirchenbauten in Stein oder Holz, letztere z.B. in Winterthur, ferner die Kirchen mit (alemann.) Stiftergräbern (Tuggen, Bülach) untrügl. Zeichen einer Christianisierung. Ähnliches gilt für die Aufgabe der Beigabensitte um 700 und für die Verlegung der Gräber in oder an die Kirchen (ad sanctos). In einer zweiten Phase wurden die ersten Klöster im alemann. Raum gegründet, auch sie zunächst in den Randzonen der rom.-alemann. Kontaktgebiete, so im 7. Jh. durch Fridolin in Säckingen, durch Gallus an der Steinach, wo dann unter Abt Otmar (719-759) das eigentl. Kloster St. Gallen entstand, oder unter Germanus in Moutier-Grandval im Jura. Die weiteren Klostergründungen, etwa Pirmins ( 755) in Pfungen, auf der Reichenau und im oberelsäss. Murbach, oder jene im Gebiet des oberen Zürichsees (Lützelau, Benken) erfolgten in einer schon christianisierten Umgebung. Auch die Lex Alamannorum des frühen 8. Jh. zeigt in einem eigenen, den Kirchensachen gewidmeten Abschnitt eine durchstrukturierte Kirchenordnung, in welcher der Bf., umgeben von Diakonen und Klerikern und unterstützt durch Pfarrpriester, die zentrale Rolle einnimmt und in der selbst das Mönchswesen und die ständ. Ordnung der kirchl. Abhängigen schon berücksichtigt sind. Die Grundzüge der kirchl. Ordnung Alemanniens wurden auch unter den Karolingern im Wesentl. beibehalten.
Autorin/Autor: Reinhold Kaiser