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| Armenische Väter - Wider die Irrlehren (De Deo)

Zweites Buch: Widerlegung des persischen Heidentums.
6.
Da aber, wie sie hin und wieder sagen, das Glück Zerwan war, so war er doch das Glück von jemand. Und wer war nun doch der, dessen Glück er (Zerwan) war? Denn das Glück ist nichts für sich Bestehendes, sondern der günstige Fall des Zutreffens. Wie man von der Gerechtigkeit gerecht genannt wird und von der Tapferkeit tapfer, so wird man vom Ruhm 1 glücklich genannt. War nun Zerwan das Glück, so war er nichts für sich Seiendes. Somit ist klar, daß Zerwan überhaupt gar nicht existierte.
Und wenn, wie sie sagen, aus dem Zweifeln Ahriman erzeugt wurde, dann hätte er gleich im Anfang zweifeln sollen, daß ohne Zögern er den Sohn erhalten hätte und [S. 93] nicht hätte er tausend Jahre sich abhärmen und Opfer bringen sollen, daß ihm der Sohn geboren würde. Wurde ihm nun aber sowohl ein Guter als auch ein Böser, so nahm (der Böse) die Bosheit von seiner Gesittung, nicht von der Geburt. Denn es ist nicht möglich, daß ein Leib den Bewirker des Guten und den Schöpfer des Bösen in sich enthalte. Denn wenn er böse war, dann durfte er nur der Wirt des Bösen sein; war er aber gut, dann nur des Guten. Denn das Gute und das Böse können nicht in eins 2 zusammenfallen, wie auch nicht Wölfe und Lämmer aus demselben Mutterleib hervorgehen können. – Sie halten ja fest, daß die zur guten Seite Gehörigen von Ormizd stammen, nämlich die Rinder und Schafe 3 und andere nützliche Tiere, die zur bösen Seite aber von Ahriman, nämlich die Wölfe und die Raubtiere und das schädliche Ungeziefer. Und sie verstehen nicht, daß, wie das Schädliche nicht beim Unschädlichen wohnen kann, so auch das Gute nicht in einem Mutterleib mit dem Schlechten empfangen werden konnte. Denn wie es nicht möglich ist, das Wasser und Feuer am gleichen Orte zu machen, wenn nicht der überwiegende Teil seinen Ortsgenossen zerstören soll, so ist es auch nicht möglich, daß Gut und Bös an denselben Ort eingehen. Sollte es doch geschehen, so wird entweder dieses jenes oder jenes dieses vernichten.
Wenn nun die Söhne aus dem Samen hervorgehen sollten, so war es nicht möglich, daß einer zwei einander entgegenstehende Samen ausstreuen konnte. Auch vermag selbst ein Mutterleib nicht verschiedenen Samen aufzunehmen. Denn auch wenn viele Männer mit einer Frau verkehren, so haftet nicht der Samen aller, denn der zuerst gefallene Samen stößt den anderen als überflüßig ab. Wie hätte es auch geschehen sollen, daß dieser Leib zweierlei, einander nicht vertragende Samen aufgenommen hätte?
Warum denn hat der Sprößling des Opfers nicht obgesiegt und den Sprossen des Zweifels abgewehrt, [S. 94] sondern warum stiegen diese gegenseitigen Feinde in feierlicher Eintracht in denselben Leib nieder? Auch der Vater durfte, nachdem er wußte, daß zwei Söhne, ein guter und ein böser, im Leib seien, nicht ins Blaue hinein die Herrschaft versprechen, sondern nur dem allein, dessentwegen er das Opfer gebracht hatte.
Gewiß war auch Ormizd, ehe er geboren wurde, unvollkommen. Wie aber durchschaute der Unvollkommene die Gedanken seines Vaters? Denn wer des andern Gedanken erkennen kann, steht höher als dieser. Gott allein vermag das, kein Mensch. Also war Ormizd größer als sein Vater, mächtiger und weiser. Denn als er im Leibe war, kannte er die Gedanken des Vaters, und als er aus dem Leibe hervorgekommen war, besaß er die Macht, Himmel und Erde zu machen, wozu sein Vater nicht imstande war.
Und nun, derjenige, welcher an Macht und Weisheit so seinen Vater überragt, kennzeichnet sich als größer in der Nichtswürdigkeit, denn er ließ sich vom Nichtswürdigen täuschen indem er ihm die Gedanken des Vaters mitteilte, ihm, gegen welchen er sich in unversöhnlicher Feindschaft hätte abschließen sollen fern aller Freundschaft.
Ferner, wenn es nötig war, den Leib aufzureißen und hervorzugehen, dann hätte das der tun sollen, welcher die Gedanken seines Vaters erkannt hatte, auf daß er gerade zuerst gekommen und die Herrschaft erhalten hätte, nicht aber Ahriman, der die Gedanken des Vaters nicht wußte, noch für die Herrschaft geeignet war 4. Jedoch da er den Leib aufriß, tötete er doch wohl die Mutter. Nun muß man fragen, ob sie denn wirklich in der Tat eine Mutter hatten.
Allein, wie soll es sich zeigen, daß eine Mutter da war? Zumal, wo sie behaupten, daß ehe irgend etwas war, weder Himmel noch Erde, da war Zerwan allein. Das wäre arg lächerlich, wenn er selbst Vater und Mutter zugleich, Erzeuger und Empfängerin des Samens [S. 95] wäre. Noch verächtlicher ist es aber, daß sie sagen, als Ahriman den Leib aufriß und vor den Vater trat, kannte ihn der Vater nicht. Wieso kannte er ihn nicht, wenn doch niemand überhaupt war, während er allein existierte. War das fürwahr nicht offenbar, daß derjenige, der nun zu ihm kam, einer von seinen Söhnen war. Ja er zeigt sich noch nichtswürdiger als der Nichtswürdige, denn jener kannte diesen, dieser aber jenen nicht und verleugnete seinen Sohn: Mein Sohn ist wohlriechend und licht, du aber bist finster und übelriechend. Wieso sollte der sein Sohn nicht sein, der im gleichen Leibe mit dem Guten empfangen worden war? Dennoch verleugnete er jenen: Du bist nicht mein Sohn, den andern anerkannte er: Du bist mein Sohn. Und da er jenen als einen Bösen verleugnete, so hätte er ihn auch nicht der Empfängnis würdigen sollen, sondern sich von ihm als Bösen fernhalten, ja ihn vernichten - und nicht ihn allein, sondern auch den Ormizd, welcher seine Gedanken an den Tag gebracht hatte.
1: Schmid = Kalemkiarian schlagen vor, statt „i pharraworuthenē vom Ruhme" zu lesen „i bachtaworuthenē vom Glücke“.
2: V. S. liest i mium teghi in einem Ort.
3: Dagegen S. K. die Mehrzahl. Norayr B. a. a. O. (Vd) ändert in z'otschchari (Genitiv).
4: Nach K.: Und welchem das Königtum nicht geeignet war (Schmid).