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«Das Damengambit» als Buch – ein Schachbrett und grüne Pillen
Die Lektüre Walter Tevis' Roman «Das Damengambit» ist von einer grossen Bürde begleitet: Man bekommt die Bilder der Verfilmung einfach nicht aus dem Kopf.
1983 ist der Roman «The Queen's Gambit» des US-Schriftstellers Walter Tevis (1928-1984) erschienen, doch erst jetzt, nach dem Welterfolg der Netflix-Miniserie mit Anya Taylor-Joy als junges Schachgenie Beth Harmon, veröffentlichte der Zürcher Diogenes Verlag die deutsche Übersetzung unter dem Titel «Das Damengambit».
Man ist verblüfft, wie werktreu die Serie den Roman umgesetzt hat.
Alle wesentlichen Szenen finden sich im Buch, und wenn nicht alles täuscht, sind nur ein paar kleine Diebstähle, die Beth begeht, um sich die Einschreibgebühren ihrer ersten Schachturniere leisten zu können, etwas beschönigt worden.
Späte Verfilmung
Ansonsten wundert es einen vor allem, warum die zügig geschriebene, packende Story erst so lange nach dem Tod des Autors verfilmt wurde – schliesslich stammten auch die Vorlagen für «Die Haie der Grossstadt» mit Paul Newman (1961), «Der Mann, der vom Himmel fiel» von Nicolas Roeg mit David Bowie (1976) sowie Martin Scorseses «Die Farbe des Geldes» mit Paul Newman und Tom Cruise (1986), aus Tevis' Feder.
Den Plot und den Charakter der Hauptfigur aus «The Queen's Gambit», die im Waisenhaus mit dem Hausmeister im Keller das Schachspielen beginnt und in kürzester Zeit ihr herausragendes Talent beweist, entwickelt Walter Tevis Zug um Zug, ohne sich lange mit Verschnaufpausen aufzuhalten.
Ein wenig enttäuschend ist, wie wenig er mit dem Spielmaterial Sprache anzufangen weiss. Sie ist reines Mittel zum Zweck. Selbst die Passagen, in denen sich der Autor unüblich lange aufhält, um das tranceartige Funktionieren von Beths scharfem Verstand zu beschreiben, bedienen sich eher konventioneller Sprachbilder.
Dafür geht Tevis, der selber in den 1970ern vom Boom um den amerikanischen Schachweltmeister Bobby Fischer für das königliche Spiel angefixt wurde, erstaunlich detailliert auf Beths Partien ein. Mehr als einmal wünscht man sich eine Buchausgabe mit Anhang, in dem die beschriebenen Stellungen gezeigt und erläutert werden.
Denn welcher Durchschnittsleser vermag schon nachzuvollziehen, was beispielsweise Dr. B. in Stefan Zweigs «Schachnovelle» in der Isolationshaft lernte oder nun Beth mithilfe kleiner grüner Pillen bewerkstelligt: das komplette Auswendigspielen von Partien ganz ohne Schachbrett.
Film überlagert Lektüre
Manches an Beth Harmon, von der Tablettensucht während eines Heimaufenthalts bis zum Eskapismus ins Spiel (bei ihrem Autor soll es übrigens Billard gewesen sein), dürfte Tevis aus eigener Erfahrung eingebaut haben.
Die Atmosphäre im Kentucky der 1950er und 1960er, wo der Autor aufwuchs, kannte er sicher aus erster Hand. Man muss denn auch zugeben, dass die (übrigens grossteils in Deutschland gedrehte) Netflix-Serie mit ihren grandiosen Interieurs und Kostümen, diese perfekt nachgebildet hat.
Die argentinisch-britische Schauspielerin Anya Taylor-Joy bekommt man beim Lesen allerdings nie aus dem Kopf. Das Nachlesen des Romans ist dennoch ein Vergnügen. Ein noch grösseres dürfte aber wohl das Schauen der Serie nach der Lektüre des Romans sein.
Und: Es dürfte wohl noch viele Gelegenheiten bekommen, Taylor-Joy in anderen Rollen zu sehen.