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Seine ganze Karriere verbrachte er im Schatten. War immer nah dran, nur um dann doch wieder zu scheitern. Mit bald 29 Jahren ist Stanislas Wawrinka endlich ganz oben. Der Vergleich mit Didier Cuche drängt sich auf.
2003 sorgt ein junges Talent erstmals für Aufsehen. Es gewinnt das Juniorenturnier der French Open. Der Name des 18-Jährigen: Stanislas Wawrinka.
1998 gewinnt ein Schweizer Abfahrer völlig überraschend in Kitzbühel. Noch nie war er zuvor in die ersten zehn gefahren. Der Name des 23-Jährigen: Didier Cuche.
Knapp in den ersten 400 Positionen der Weltrangliste ist Wawrinka bei seinem Junioren-Triumph in Paris. In den folgenden Jahren setzt er zu einem Steigerungslauf an. Er wird besser und besser, bis er 2008 erstmals zu den Top Ten der Welt gehört.
Doch immer haftet ihm ein Makel an. Während der alles überstrahlende Roger Federer Turnier um Turnier gewinnt, müht sich der scheue Wawrinka an den Grand Slams – wo es wirklich zählt – vergeblich ab, scheitert früh. Erfolgreich ist er bloss bei kleinen Wettkämpfen in der Provinz. Turniersiege feiert er nur einen einzigen: 2006 im kroatischen Umag.
Das einsame Highlight in der öffentlichen Wahrnehmung: Der Olympiasieg im Doppel von Peking 2008, an der Seite von Roger Federer. Wer vom Duo «Fedrinka» im Deutschschweizer Fokus steht, ist klar. Sicher nicht Wawrinka, der nur französisch und englisch spricht.
Abfahrer Didier Cuche gewinnt kurz nach seinem Sieg in Kitzbühel Olympia-Silber im Super-G von Nagano. Danach fällt er in ein Loch, grübelt, fährt hinterher. Im Weltcup gewinnt er erst vier Jahre später wieder ein Rennen.
Cuche gehört nun zu den besten Riesenslalomfahrern der Welt und ist einer, der auch in den schnellen Disziplinen vorne mitfahren kann. Aber nicht dann, wenn es drauf ankommt; nicht dort, wo Medaillen verteilt werden.
Von den Olympischen Spielen in Salt Lake City und Turin und von drei Weltmeisterschaften kehrt er ohne Edelmetall nach Hause. Nach den Schweizer Jubeljahren mit all den Zurbriggens, Müllers, Mahrers und Heinzers kann Cuche das entstandene Loch nicht ausfüllen.
Der Motor stottert, Wawrinka fällt in der Weltrangliste wieder zurück. Im Sommer 2009, nur ein Jahr nach seiner besten Klassierung, findet man den Namen des Romands im Ranking erst auf Rang 24. Er zeigt gute Ansätze, kommt immer wieder ein paar Runden weiter und steht oft kurz vor grossen Siegen – aber immer dann, wenn es wirklich zählt, scheitert er.
Mühsam nur findet «Stan the Man» seinen Weg zurück, gewinnt die Turniere in Casablanca und Chennai, pendelt sich 2011 zwischen den Rängen 15 und 20 ein. Die Boulevardpresse berichtet ausführlich über Probleme in seiner Beziehung. Ehefrau Ilham zog mit Töchterchen Alexia aus dem gemeinsamen Haus.
Am 27. Februar 2012 ist der Sohn eines Deutschen und einer Schweizerin nur noch die Nummer 29 der Weltrangliste. Dafür sind Frau und Kind zurück gekehrt, Wawrinka privat wieder glücklich. In dieser Zeit stösst er auf ein englisches Zitat und beschliesst, es sich als Lebensmotto zu nehmen und als Tätowierung einzubrennen.
Er lässt sich die Worte nach längeren Überlegungen über die richtige Stelle schliesslich 2013 stechen. Gerade in diesen erfolgreichen Tagen von Melbourne werden sie sehr oft zitiert:
An der WM in Bormio muss Cuche im Jahr 2005 zuschauen, nachdem er einen Kreuzbandriss erlitten hat. 31 wird er im Sommer, seine Karriere scheint vorbei zu sein.
Haften bleibt als Bilanz: Er hat einige Rennen gewonnen, ist sehr oft knapp gescheitert und hat mit dem Ski-Salto ein bleibendes Markenzeichen hinterlassen. Doch nun sind junge Wilde bereit, die Skiwelt zu erobern: die «Zwillinge» Daniel Albrecht und Marc Berthod. Cuches Zeit ist abgelaufen.
Das Jahr 2013 wird zum Wendepunkt in der Laufbahn von Tennisspieler Stanislas Wawrinka. Und am Ursprung steht ausgerechnet: eine Niederlage. An den Australian Open treibt er Novak Djokovic im Achtelfinal an den Rand des Ausscheidens. Wawrinka verliert nach heroischem Kampf erst in der Verlängerung des fünften Satzes. Längst ist da sein Spitzname «Marathon-Mann» etabliert.
Diesem wird er erst recht gerecht, als er wenige Wochen später im Davis Cup einen Rekord aufstellt. Das Schweizer Duo Wawrinka/Marco Chiudinelli bestreitet gegen die Tschechen Tomas Berdych/Lukas Rosol das längste Spiel in der Geschichte des Wettbewerbs. Nach mehr als sieben Stunden verlässt Wawrinka den Platz, natürlich als Verlierer.
Aber die Niederlage gegen Djokovic in Australien gibt ihm Kraft. Und die Überzeugung ist da, dass er das Potenzial dazu hat, auch die Grossen zu schlagen: Federer, Nadal, Djokovic, Murray. Als Coach verpflichtet Wawrinka den Schweden Magnus Norman und er gewinnt im portugiesischen Estoril wieder einmal ein Turnier. Im Endspiel besiegt er Top-Ten-Spieler David Ferrer.
Wawrinka gehört nun selber wieder zum Kreis der weltbesten Tennisspieler und sein Höhenflug geht weiter. An den US Open erreicht er erstmals an einem Grand-Slam-Turnier den Halbfinal. Er qualifiziert sich für die ATP Finals, das Turnier der acht Jahresbesten und spielt sich auch dort in den Halbfinal. 2014 kann für Stanislas Wawrinka kommen.
Didier Cuche lässt sich vom Kreuzbandriss nicht stoppen. Er will noch einmal den Weg zurück an die Weltspitze finden. 2007 wird er belohnt. An den Weltmeisterschaften in Are verpasst er Bronze im Super-G um eine Hundertstelsekunde, eine Medaille in der Abfahrt um vier Hundertstelsekunden. Doch im Riesenslalom ist das Glück endlich auf der Seite des gelernten Metzgers: Cuche gewinnt die Bronzemedaille.
Und von diesem Moment an ist er kaum mehr zu stoppen. Aus dem ewigen Zweiten wird ein Seriensieger. Cuche wird nicht mehr als griesgrämig wahrgenommen. Jetzt ist er fröhlich, witzig, charmant, jedermanns Liebling. Er wird Weltmeister, gewinnt vier Mal den Abfahrtsweltcup, wird Rekordsieger in Kitzbühel.
Das neue Jahr beginnt für Wawrinka mit einem Sieg neben dem Platz. Kurz vor dem Auftakt zu den Australian Open wählt ihn das Fernsehpublikum zum «Schweizer des Jahres». Den Schwung nimmt er mit ins Turnier. Dank Aufgaben und Forfaits seiner Gegner kann er in den Startrunden Kraft sparen, so dass sein Tank noch voll ist, als es im Viertelfinal zur Wiederholung des Vorjahres-Highlights gegen Djokovic kommt.
Dieses Mal setzt sich Wawrinka durch: Es ist der grösste Sieg seiner Karriere. Im Halbfinal bestätigt er ihn gegen Thomas Berdych und zieht ins Endspiel ein. Noch ein Sieg fehlt zur Tennis-Unsterblichkeit.
Didier Cuche tritt im März 2012 zurück. Kurz zuvor hat ihn das Fernsehpublikum zum «Schweizer des Jahres» gewählt. Er bleibt als erfolgreicher, sympathischer Skirennfahrer in Erinnerung.
Wenn der Weg Stanislas Wawrinkas weiterhin in den gleichen Bahnen verläuft wie jener Didier Cuches, ist die Schlussfolgerung: Seine besten Jahre hat der Waadtländer Tennisspieler noch vor sich.