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Die Repräsentation der LGBTQ-Community ist ein medial kaum beachteter Aspekt des Luzerner Mottos «Diversity».
Die Community ist keineswegs unterrepräsentiert: Diverse Werke des Standardrepertoires stammen von queeren Künstlerinnen und Künstlern. Aber es fehlt an Sichtbarkeit, da sich paradoxerweise viele in der klassischen Musikszene schwertun, queere Hintergründe zu respektieren und zu vermitteln.
Verspottet und gedemütigt
Wie wichtig auch hier Vorbilder sind, zeigt die Geschichte des diesjährigen Composers in Residence Thomas Adès.
Die schlimmsten Jahre seines Lebens waren während seiner Schulzeit, erzählt der Brite im Interview. «Als ich etwa neun Jahre alt war, sagte ein Mitschüler zu mir: ‹Du bist schwul und ich weiss es›. Ich selbst hatte noch gar nicht richtig darüber nachgedacht, er aber erzählte es allen weiter und somit war ich geoutet.»
Im Teenageralter wurde es schlimmer: «Täglich wurde ich verspottet und gemobbt, Homosexualität wurde als pervers angesehen.» Der weltberühmte Komponist, Pianist und Dirigent musste in seiner Jugend Demütigungen durchstehen, die auch viele andere erlebten und vielerorts heute noch erleben.
Tschaikowsky als Seelenverwandter
«Einmal wurde ich physisch angegriffen», fährt der Universalmusiker fort, «das war beängstigend.» Zurück zu Hause habe er die Siebte Sinfonie von Sibelius gehört.
«Das war eine zutiefst kathartische Erfahrung. Ich begriff, dass Musik die schrecklichen Gefühle, den Horror dieses Ereignisses und die Angst aus mir herauszuziehen vermochte. Ich erkannte die Macht, die Musik haben kann.»
Später erfuhr Adès, dass einige der bekanntesten Komponisten homosexuell waren. «Bei Tschaikowsky war es so, als hätte ich einen Freund gefunden. Ich entdeckte meine Gefühle in seiner Musik wieder. Es fühlte sich so an, als ob seine Sinfonie Pathétique quasi für mich sei.»
Auch die Musik von Chopin liebt er über alles: «Wenn ich jetzt darüber nachdenke, schwingt bei ihm das Gefühl mit, aus der Mainstream-Gesellschaft ausgeschlossen zu sein.»
Auf den Bühnen der Welt
Heute lebt der 51-Jährige mit seinem Mann in London und Los Angeles und ist einer der erfolgreichsten und meistgespielten Komponisten unserer Zeit. Mit seiner vielfältigen, brillant instrumentierten Musik erreicht er viele Menschen und ist selbst zu einem Vorbild geworden.
Seine Opern, sinfonischen Werke und Kammermusik werden regelmässig von renommierten Orchestern und Ensembles auf den grössten Bühnen der Welt gespielt. Oft lässt sich Adès von verschiedensten Musikstilen inspirieren und verschmilzt diese in seine eigene, moderne Klangsprache.
Mehr zu Adès' Musik und zum neuen Werk «Air»
Am Lucerne Festival tritt Thomas Adès als Komponist, Dirigent und Instrumentalist auf – und dazu als Dirigier-Dozent.
Auch sein neuestes Werk «Air» kommt am Lucerne Festival zu Uraufführung, im Konzert mit der Violinistin Anne-Sophie Mutter.
Asyl in der Musik
«Die Tatsache, dass ich während meiner Schulzeit verteufelt wurde, trieb mich umso mehr in die Theaterwelt und in die Freiheit der Musik. Das war Heimat und Zufluchtsort.»
Seine Erfahrungen fanden auch ihren Widerhall in seinem Œuvre: «Die Deviants sind schwule Charaktere in meinem Ballett Inferno. Einige meiner Stücke entstanden aus der inneren Wut heraus, geringgeschätzt und zurückgewiesen worden zu sein, wie mein Orchesterwerk Asyla oder meine erste Oper Powder her face.»
Die Kammeroper «Powder her face»
Die Wahl des Stoffes für diese abendfüllende Kammeroper war kühn: Der damals 23-jährige Adès brachte mit seinem Librettisten Philip Hensher die Skandalscheidung der lebenslustigen Society-Lady Margaret Campbell auf die Bühne.
«Ich wollte eine Protagonistin, die von äusseren Kräften zu Fall gebracht wird. Dies war auch ein bisschen unsere Geschichte: Im England der 90er-Jahre und vor dem Hintergrund der Aids-Krise galten wir Schwule – ähnlich wie Campbell – als lasterhaft, ja gar als gefährlich.»
Ein Doppelleben zu führen und sich im Verborgenen auszuleben, war für ihn nie eine Option. «Obwohl es oberflächlich vielleicht einfacher gewesen wäre. Aber ich hätte es nicht verstecken können, es ist ein wichtiger Teil meiner Identität.»