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Ausstellungstipp: Henry Moore Retrospektive im ZPK in Bern
Zum ersten Mal seit 25 Jahren können Kunstbegeisterte in der Schweiz wieder eine Ausstellung mit Bildern und Skulpturen des Avantgardisten Henry Moore (1898-1986) besuchen. Die beeindruckende Retrospektive eines der bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts wird im Zentrum Paul Klee (ZPK) in Bern gezeigt.
Die Ausstellung ist der Auftakt zahlreicher grosser Events zum zehnjährigen Bestehen des Berner Museums im Jahr 2015. Möglich wurde die Retrospektive durch die Zusammenarbeit des ZPK und der Tate Gallery in London. Es werden neben 42 Arbeiten auf Papier auch 28 Skulpturen des englischen Künstlers gezeigt, so dass Besucher einen repräsentativen Überblick über das Gesamtwerk Henry Moores erhalten.
Henry Moore: „Perfektionistische Kunst lässt mich kalt!“ (1957)
Der im Jahr 1898 in Yorkshire, England geborene Henry Moore hatte es sich schon als Jugendlicher zum Ziel gesetzt, Bildhauer zu werden. Allerdings wurden diese Pläne durchkreuzt, als der 18-Jährige in den Ersten Weltkrieg ziehen musste. Zuvor hatte sich Henry Moore – nicht aus ideologischen Gründen – freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet, um seinen Einsatzort mitbestimmen zu können. Obwohl Moore während eines Gasangriffs verletzt wurde, überstand er den Ersten Weltkrieg, ohne dass dieser ein grösseres Trauma bei ihm hinterliess und hatte – dank eines Stipendiums – in der Nachkriegszeit die Möglichkeit, ein Kunststudium am Royal College of Art in London zu absolvieren. Henry Moore lebte und arbeitete bis zu seinem Tod im Jahr 1986 auf einem Landsitz in der Grafschaft Hertfordshire nördlich von London. Nach Moores Ableben wurde es zunächst ruhig um sein Werk, und zwar, obwohl er – nach dem Tod Winston Churchills – noch als grösster lebender Engländer galt. Erst als im Jahr 2010 die Tate Gallery in London eine grosse Retrospektive des Künstlers zeigte, kam es zu einem Revival der Werke Moores.
Bis heute gilt Henry Moore als avantgardistischer, experimenteller und radikaler Künstler, dessen Ziel es war, analog zur Natur lebendige Formen zu schaffen, die so elementar sind, dass sie zur Entwicklung einer universellen Bildsprache taugen. Zudem war ihm Perfektionismus ein Gräuel: „Grosse Kunst ist nicht vollkommen. Perfektionistische Kunst lässt mich kalt“. So zumindest lautet eines seiner Zitate, das auch die Wände der Henry Moore Ausstellung in Bern ziert.
Highlights der Ausstellung: Von liegenden Figuren über „Shelter Drawings“ bis zum „Atom Piece“
Wer kennt Sie nicht, die liegenden, sitzenden oder stehenden Figuren Henry Moores? Meist schuf der Bildhauer sie aus Stein und von enormer Grösse, manchmal bildeten mehre von ihnen auch eine Komposition. Diese Figuren – die als eines der Leitmotive der Kunst Henry Moores gelten – bilden auch in der Retrospektive in Bern einen Themenschwerpunkt. Der Grund hierfür ist, dass diese Thematik Henry Moores künstlerisches Schaffen durchzogen hat. So sind auch unter den Frühwerken des Künstlers aus den 1930er Jahren abstrakte Figuren zu finden, die mit organischen Formen aufwarten und Objekten aus der Natur nachempfunden sind.
Durch seine „Shelter Drawings“ erreichte Henry Moore in den 1940er Jahren schliesslich ein breiteres Publikum. Auf diesen eindrücklichen Zeichnungen hielt Moore die in den U-Bahn-Tunneln Schutz suchende Londoner Bevölkerung während der Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg fest. Sie zeigen skelettartig reduzierte, gespenstische Menschen, die zusammengepfercht in den höhlenartigen Tunneln und Schächten der Londoner U-Bahn kauern. Die „Shelter Drawings“ ebneten nicht nur Henry Moores Weg zum offiziellen „War Artist“, sondern bilden ebenfalls einen Höhepunkt der Ausstellung in Bern. Auch nach Kriegsende arbeitete der Künstler weiter an diesen „Geschöpfen“ und avancierte mit seinen Skulpturen spätestens seit den 1950er und 1960er Jahren zu einem der gefragtesten Bildhauer überhaupt. Während dieser Zeit schuf Henry Moore unter anderem das Denkmal für die erste geglückte nukleare Kettenreaktion, eine eindrucksvolle Skulptur aus Bronze mit einer Höhe von knapp vier Metern. Heute befindet sich das Kunstwerk auf dem Universitätsgelände in Chicago, wobei das Werkmodell des „Atom Piece“ in der Berner Ausstellung bestaunt werden kann. Noch heute weisen Kenner Henry Moores darauf hin, dass dieser Auftrag für ihn als politisch engagiertem Menschen, Pazifisten und Friedensaktivisten recht zwiespältig gewesen sei.
Im Spätwerk des Künstlers ist eine Verschiebung seines Wirkens zu beobachten, anstelle weiterer Skulpturen entstanden Druckgrafiken. Das Entstehen der zahlreichen Lithografien –mehr als 700 – deutet auf die wohl schwindende Schaffenskraft des alternden Henry Moores hin. Dennoch eröffneten ihm die druckgrafischen Werke fernab seiner Skulpturen neuen schöpferischen Raum.
Die Retrospektive im Paul Klee Zentrum Bern
Wer sich die Henry Moore Ausstellung des Zentrums Paul Klee nicht entgehen lassen möchte, kann die 42 Arbeiten auf Papier und die 28 Skulpturen noch bis zum 25. Mai in Bern bewundern. Die ausgestellten Exponate stammen aus den Sammlungen sowohl der Tate Gallery in London als auch des British Council. Neben unterschiedlichen Führungen – beispielsweise für Familien, Schulklassen oder sehbehinderte und blinde Menschen – werden auch Vorträge und Gespräche angeboten. So referiert die Tochter des Künstlers, Mary Moore, am 19. April über das Leben und Werk ihres Vaters. Zudem haben Interessierte die Möglichkeit mit Richard Calvocoressi, dem Direktor der Henry Moore Foundation, ins Gespräch zu kommen. Der reguläre Eintritt beträgt CHF 20.00, allerdings bietet das ZPK Sonderkonditionen für Gruppen, Schulklassen und Familien an.
Oberstes Bild: © Ioan Florin Cnejevici – shutterstock.com