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Haben Sie auch ein künstliches Hüftgelenk, einen Herzschrittmacher, einen mit Platten und Schrauben geflickten Knochen oder vielleicht irgendwo ein Implantat aus Silikon? Wenn ja, dann sind Sie bestimmt dankbar dafür, dass sie Ihnen das Leben täglich erleichtern. Doch wer steckt eigentlich hinter diesen Erfindungen, die unsere Lebensqualität entscheidend verbessern? Der Zahnmediziner und Schriftsteller Philippe Daniel Ledermann ist einer davon, basieren doch die heute unzählig «verbauten» Zahnimplantate in unseren Mündern auch auf seiner Erfindung. Wie es dazu kam, erzählte mir der leidenschaftliche Senior bei einem Besuch in seiner Ferienwohnung in Saanen.
ÇETIN KÖKSAL
1944 geboren, wuchs Philippe Daniel Ledermann im ländlichen Meiringen auf, wo er auch die Primarschule besuchte. Wie schon sein Grossvater betrieb sein Vater ein örtliches Kaminfegergeschäft, und die Mutter kümmerte sich um den Haushalt und die Erziehung von Klein-Philippe. Zur Aufbesserung des bescheidenen Haushaltsbudgets betrieben die Eltern gleichzeitig einen kleinen Bauernhof. Dr. Ledermann betonte im Gespräch, dass sich seine Kindheit zwar in einfachen Verhältnissen abgespielt habe, die Eltern aber rechtschaffene Leute gewesen seien, die gut zu ihm geschaut hätten. Am Nötigsten fehlte es ihm nie, und er fühlte sich geborgen und umsorgt. Für seinen Vater war es dann völlig klar, dass der Sohnemann ihn dereinst als Kaminfegermeister beerben und so die Familientradition nahtlos fortgeführt werden würde. Der Jüngling rebellierte jedoch und setzte sich auch gegen den Vater durch.
Bei der Hasler AG in Bern begann Ledermann eine Lehre als Mechaniker, da ihn die Materie schon immer faszinierte und er gerne mit den Händen arbeitete. Sein Talent – in Verbindung mit der schnellen Auffassungsgabe – fiel dem damaligen Direktor der Hasler AG auf, sodass dieser den Lehrling fragte, ob er denn schon einmal über ein Ingenieurstudium nachgedacht habe. «Das hatte ich selbstverständlich nicht», bekräftigte Dr. Ledermann und ergänzte: «Von dort, wo ich herkam, studierte man nicht. Studierte waren faule Nichtsnutze, die sich für etwas Besseres hielten.» Da er sich aber – bei aller Liebe zu und von den Eltern – dennoch immer wieder fremd in ihrer Welt fühlte, liess ihn der Gedanke an ein Studium nicht mehr los. Doch wie sollte das bloss gehen? Er hatte nur die obligatorische Primarschule absolviert und eben gerade eine Mechanikerlehre begonnen.
«Papiereltern»
Ohne seine Eltern zu unterrichten, informierte sich der Jüngling bei einem Gespräch mit dem damaligen Rektor des Gymnasiums Thun über die Möglichkeit, an der Aufnahmeprüfung teilnehmen zu dürfen. Dieser gestand ihm zwar das Recht einer Teilnahme zu, sagte ihm aber auch relativ unverblümt, dass er ihm wegen des fehlenden Schulstoffwissens keine grossen Chancen auf Erfolg gebe. Philippe Ledermann liess sich dadurch nicht entmutigen und büffelte das fehlende Wissen nach, wobei ihn ein ihm wohlgesinnter Student mit Nachhilfeunterricht unterstützte. Man bedenke, dass diese mehrmonatige Vorbereitungsphase noch immer ohne das elterliche Wissen geschah. Diese glaubten ihren Sprössling brav an der Lehre in Bern. Als es dann so weit war, trat der Primarschüler Ledermann an die Gymerprüfung an. «Ehrlich gesagt, glaubte ich selbst nicht wirklich, dass ich bestehen könnte», räumte er bei unserem Gespräch offen ein. Er bestand aber und wurde ans Gymnasium Thun zugelassen, was ihn wiederum vor eine grosse Herausforderung stellte: Wie um Himmels willen sollte er nun seinen Eltern erklären, dass er jetzt auf dem Weg zur Matur sei, um dann einen «nichtsnutzigen» Beruf an der Universität erlernen zu können? Glücklicherweise hatte Ätti einen guten Tag, als der Sohnemann sich zum Geständnis durchringen konnte. Die Sache lief problemloser über die Bühne als befürchtet, und die Eltern akzeptierten wohl oder übel die Weichenstellung ihres frischgebackenen Gymelers.
Während der Mittelschulzeit mussten alle Schüler einmal ein Praktikum absolvieren. Philippe Daniel Ledermann wurde zuerst einem Bauernhof in der heimischen Region zugeteilt. Da er dort aber unzumutbar schlecht behandelt wurde und er sich nach einer Leidenszeit beim Schulrektor auch darüber beschwerte, wurde er als Pflegehilfe in ein renommiertes Spital in der Romandie geschickt. Dort machte er eine für sein ganzes Leben prägende Begegnung. Philippe Daniel Ledermann wusste seit seinem zehnten Lebensjahr, dass seine Eltern nicht seine leiblichen Eltern waren. Sie hatten ihn als ganz kleinen Jungen adoptiert. Doch was hiess das wirklich? Von diesem Moment an stellten sich dem Knaben Fragen über Fragen: Wenn Ätti und Müeti nicht die «richtigen» Eltern waren, wer waren dann die Richtigen? Warum hatten diese ihn weggegeben? Wollten sie ihn nicht haben, oder waren sie von ihm enttäuscht? Wo waren die richtigen Eltern jetzt und hatten sie noch andere Kinder? Dann hätte er ja Geschwister! Waren Ätti und Müeti nur «Papiereltern»?
Sturm und Drang
Während der Praktikumszeit in besagtem Spital in der Westschweiz passierte an einem eigentlich ganz normalen Tag folgendes Ereignis: Praktikant Ledermann und der ordentliche Pfleger hatten Schichtdienst im Notfall, als die Ambulanz vorfuhr und die Sanitäter ihnen eine junge Frau auf der Bahre liegend übergaben. Die beiden schoben die Patientin vorschriftsgemäss vor einen der Operationssäle und übergaben sie in die Obhut der Krankenschwestern. Es war viel los an diesem Tag, und der junge Praktikant nutzte die Gelegenheit, das eifrige Gewusel in der Notfallstation zu beobachten. Plötzlich sah er den Chefarzt der Klinik hereinstürmen und gleich wieder in einem der OPs verschwinden. Neugierig folgte ihm der Gymeler, wobei er durch ein kleines Türfenster die zur Operation vorbereitete junge Frau entdeckte, die er eben gerade noch mit seinem Kollegen ins Spital geschoben hatte. Ihre Beine waren angewinkelt und weit gespreizt. Den Bauch bedeckte ein grünes Tuch und der Chefarzt hantierte mit langen Werkzeugen aus Metall, die er in die anästhesierte Frau einführte. Es floss Blut, doch das erstaunte Philippe Ledermann nicht sehr, da er zu Hause auf dem Bauernhof schon viele Geburten von Kälbern miterlebt hatte. Wenn die Mutterkuh die Geburt nicht ganz alleine schaffte, musste eben der Tierarzt etwas nachhelfen.
Der Jüngling verfolgte also gebannt die Aktivitäten im Operationssaal und wollte den Moment, wenn das Kind käme, auf keinen Fall verpassen. Während er sich die Nase am Türfenster platt drückte und der Patientin zwischen die Beine starrte, wo anstatt eines Kindes nur noch mehr Blut und Gewebefetzen herauskamen, machte er durch eine Ungeschicklichkeit auf sich aufmerksam. Erschrocken drehte sich der Chefarzt nach ihm um und heischte ihn wütend an: «Sie haben hier nichts zu suchen, Sie Voyeur!» Nur dank der barmherzigen Fürsorge der Ordens-Oberschwester durfte der eingeschüchterte und traumatisierte Jüngling im Spital weiterarbeiten. Die verstörenden Bilder der vollzogenen Abtreibung verfolgten ihn noch lange Zeit und dem zornigen Chefarzt durfte er nicht wieder begegnen.
Erst ein paar Jahre später erfuhr er, dass diese unschöne Begegnung die einzige bleiben sollte, die er mit seinem leiblichen Vater hatte. Inzwischen war der Chefarzt bei einem Autounfall gestorben. Nach der Matur begann Philippe Ledermann in Bern Medizin zu studieren. Die Familiengeschichte liess ihm aber keine Ruhe und so machte er sich auf die Suche nach seinen genetischen Ursprüngen. Nach intensiven, oft auch zermürbenden Recherchen fand er schliesslich seine leibliche Mutter in Genf. Die Erinnerung an diese – tragischerweise ebenso einzige – erschütternde Begegnung bewegt den heute älteren Herrn noch immer spürbar. Ursprünglich aus einer der wohlhabenden Genfer Familien stammend, wurde seine Mutter nach der Liebschaft mit dem Chefarzt von ihrer Familie verstossen und musste in ärmlichen Verhältnissen ausharren.
Philippe Daniel Ledermann wusste nun, dass er das Ergebnis einer verbotenen «Amour fou» war. Beide leiblichen Eltern waren mit anderen Partnern verheiratet und hatten jeweils auch andere Kinder. Wofür man heutzutage konstruktive Lösungen finden kann, war damals eine gesellschaftlich inakzeptable Situation. Deshalb wurde Klein-Philippe zur Adoption freigegeben.
Vom Beinahe-Studienabbrecher zur Ledermann-Schraube
Diese neuen Erfahrungen und Erkenntnisse führten Philippe Ledermann geradewegs in eine Lebenskrise. An den Univorlesungen sah man den Medizinstudenten immer seltener. Stattdessen flüchtete er sich in Alkoholräusche und andere Ablenkungsaktivitäten. Eine anstrengende Arztausbildung schien ihm zusehends sinnlos – er liebäugelte mit der Schriftstellerei und wollte die Uni verlassen. Das änderte sich erst wieder, nachdem seine zukünftige Gefährtin in sein Leben trat. Marina Puigventós schenkte dem talentierten, aber etwas verwirrten jungen Mann ihre Liebe und brachte ihn wieder dazu, an das Leben und die Zukunft zu glauben.
Infolgedessen veränderte sich der Lebensstil des Medizinstudenten schlagartig zum Besseren, an den Vorlesungen war er wiederum regelmässig anwesend und entschied sich anschliessend für die zahnmedizinische Fortsetzung des Studiums. Nach der Promovierung zum Dr. med. dent. bildete sich der frischgebackene Zahnarzt Ledermann mit Postgraduate-Studien in den Fachgebieten Oralchirurgie und Implantologie weiter.
Die inzwischen zum Ehepaar vereinten Ledermanns überlegten sich nun, eine Zahnarztpraxis zu eröffnen. Marina Ledermann-Puigventós war ja auch ausgebildete Arztgehilfin und zahnmedizinische Assistentin. Die beiden Ehe- und Geschäftspartner machten sich also auf die Suche nach einer guten Gelegenheit. Dabei zogen sie sowohl eine Praxisübernahme als auch eine Neueröffnung in Erwägung. Interessanterweise kam ein Angebot in Gstaad in die engere Auswahl. Ungefähr dort, wo heute der Coop steht, gab es Anfang der 1970er-Jahre Pläne zum Bau eines Gebäudes, in welchem auch eine Zahnarztpraxis erwünscht war. Die Ledermanns führten Gespräche mit Gemeindevertretern und der Bauherrschaft, welche ihnen natürlich ein Engagement hier oben schmackhaft zu machen versuchte. Das Projekt kam dann nicht zustande, weil den beiden, am Anfang ihrer Laufbahn stehenden Leuten das ganze Vorhaben zu riskant erschien. Sie übernahmen lieber eine Praxis in Herzogenbuchsee.
Ende der 70er-Jahre entwickelte Dr. Ledermann in Zusammenarbeit mit dem Institut Straumann in Waldenburg das einteilige, selbstschneidende, Titan-Plasma-Spray(TPS) beschichtete Schraubenimplantat, welches 1988 zur Neuen Ledermannschraube (NLS) aus Titan weiterentwickelt wurde. Man verwendete es zur sofortprothetischen Versorgung des zahnlosen Unterkiefers mithilfe von vier inserierten, mittels Steg verblockten Implantaten. Auf meine Frage, wie er denn auf die Idee dieser Entwicklung gekommen sei, antwortete Ledermann mit folgender Geschichte: «Ich hatte eine Patientin mit einer Zahnprothese. Keinem Zahnarzt – inklusive mir selbst – gelang es, diese Prothese befriedigend anzupassen. Die Kieferanatomie der Patientin machte es einfach unmöglich. Natürlich beklagte sich die arme Frau über Schmerzen, gerade auch während des Essens, wenn ihre Ersatzzähne gefordert waren. Die Prothese bewegte sich dann noch mehr auf dem Kieferknochen. Eine unzumutbare Situation. Also fing ich an, mir zu überlegen, wie ich dieses Problem lösen könnte. Nach vielem Tüfteln kam ich dann auf die Idee mit den Schrauben. Könnte man also die Zahnprothesen an im Kieferknochen fixierten Schrauben befestigen, wäre das Problem gelöst.»
Diese Erfindung machte Philippe Daniel Ledermann in seinem Fach international bekannt. Er verfasste über 100 Publikationen auf den Gebieten der Implantologie, Prothetik und Chirurgie, hielt an vielen Orten der Welt Vorträge, wurde 1994 zum Ehrenmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für orale Implantologie ernannt und erhielt 2009 die Ehrenmedaille des Bundesverbandes der implantologisch tätigen Zahnärzte in Europa (BDIZ) für besondere Verdienste in der Implantologie.
Autor und Hotelier
Anfang der 1990er-Jahre verlegten die Ledermanns ihre Praxis in die Berner Altstadt. Ungefähr zur selben Zeit suchten sie eine passende Lokalität für ihre aus allen Nähten platzende Kunstsammlung. Beide dachten dabei an die Eröffnung einer Galerie. Als sie dann ein Inserat zur Vermietung eines Gewölbekellers an der Gerechtigkeitsgasse in Bern entdeckten, zögerten sie keine Minute und vereinbarten einen Besichtigungstermin. Auf die Begeisterung folgte sogleich Ernüchterung, denn was die Ledermanns zu sehen bekamen, war in der Tat nur ein Keller ohne jegliche Installationen oder Infrastruktur. Zufälligerweise war der Sohn des Hauseigentümers Architekt, der ihnen auch seine Dienste anbot. Es hätte ein kleines Vermögen gekostet, diesen Keller in eine Galerie umzugestalten. Warum also nicht gleich das ganze Haus kaufen? Mit diesem Angebot konfrontiert, stutzten die Ledermanns zunächst einmal, überlegten sich dann das Ganze aber gründlich und kamen auf die Idee, ein Hotel aus dem Gebäude zu machen. Die Lage war vorzüglich, ein wesentlicher Teil ihrer Kunstsammlung konnten sie für die Einrichtung gebrauchen und die internationalen Patienten hätten eine angemessene Bleibe in Gehdistanz zur Zahnarztpraxis. Die Ledermanns setzten das Projekt in die Realität um und eröffneten 1989 ihr Jugendstilhotel Belle Epoque in der Altstadt von Bern. Nach vielen erfolgreichen und ein paar turbulenten Jahren verkauften sie es im Jahr 2011. Ihrer Leidenschaft für die Hotellerie können sie aber noch immer nachgehen, besitzen sie doch bis heute den «Sternen» in Köniz.
Die Zahnarztpraxis gaben sie 2006 auf und seither widmet sich Philippe Daniel Ledermann stärker dem Schreiben. Selbstverständlich hatte er das Spiel mit Worten schon viel früher entdeckt und sich auch in der spärlichen Freizeit damit beschäftigt. Wenngleich die ersten beiden Teile seiner vierteiligen Autobiografie «Die Papiereltern» schon vor seiner Pensionierung veröffentlicht wurden, hat er den grössten Teil seines belletristischen Werks in den letzten zehn Jahren zu Papier gebracht. Mit Leidenschaft, ehrlicher Betroffenheit und Tatendrang greift der Autor reelle Themen auf, die ihn persönlich bewegen, und formt daraus seine Geschichten. Auch dabei ist seine Gefährtin, Partnerin, Freundin und Ehefrau die tragende Stütze in seinem Tun. Ruhig, aber bestimmt passt sie noch immer auf ihn auf und hält seine Leidenschaft, sein Temperament im Zaum …
Belletristisches Werk von P.D. Ledermann: «Mörder auf der Flucht». Wahre Geschichten, Gedanken und Gedichte/«Der Clown» als überarbeitete Neuauflage. Leu, Glattpark 2016. «Finders Lohn». Roman. Leu, Glattpark 2017.«Ärzte auf Abwegen». Roman. Leu, Glattpark 2018. «Papiereltern». Autobiografischer Roman; in einem Band zusammengefasst und mit Bildern erweitert. Werd & Weber Verlag, Thun/Gwatt 2019.