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In den gnadenlosen Weiten des Internets lassen sich merkwürdige Funde machen. Und das auch bei einem Blick zurück in eine Geschichte, die geschrieben zu sein scheint. Bekannt ist, dass Fidus ein Bild Adolf Hitlers malte (möglicherweise auch nur zeichnete). Dabei handelt es sich nicht um ein Porträt, für das Hitler Modell gesessen hat, sondern um ein Idealporträt, also erfundenes Porträt: Der Führer mit Himmelfahrtsblick, theatralisch geballter Faust, vor einem Adler, der sich, als würde er seinem Kumpel anerkennend auf die Schulter klopfen, ins Hemd krallt. Der Kohledruck Das Haupt des Führers erschien im Herbst 1941 mit der Katalognummer 256 als letzte Veröffentlichung des Fidus-Verlags.
Da Hitler, der gemäss seiner Adjutantur selbst dafür zuständig gewesen wäre, keine Genehmigung zur Verbreitung der Reproduktion erteilte, machte Fidus die "Empfänger des Fotos" darauf aufmerksam, "daß ich dasselbe nur persönlich sozusagen 'vertraulich' geben kann". [1] Und erklärte: "Ich kann diese bedingte Ablehnung dieses nur seine frühe Berufung zeigenden Sinnbildes für die heutige Zeit wohl verstehen." [2] Wobei unklar ist, ob das Porträt explizit abgelehnt worden ist oder die Anfrage von Fidus etwa aus Desinteresse unbeantwortet blieb. Das Haupt des Führers war damit jedenfalls ein Bild, das es gleichzeitig gewissermassen nicht gab oder zumindest geben durfte, und das es doch gab für diejenigen, die es aus irgendeinem Grund haben wollten.
Fraglich ist dagegen, ob es ein weiteres Idealporträt gab oder gibt, von dem im Sommer 1942 in einem Artikel berichtet wird, der in der California Digital Newspaper Collection zu finden und wie anzunehmen ist, in mehreren Zeitungen erschienen ist. [3] Sein Verfasser, Frederick C. Oechsner, arbeitete in Berlin für United Press und seine Reihe von sechs Beiträgen, wird im Vorspann zu ihnen ausgeführt, beruhe auf Informationen, die aus Deutschland herauszubringen die Gestapo zu verhindern versuchte. Der erste Beitrag, der sich auch mit dem Ableben von Hitler und mit den für diesen Fall getroffenen Vorkehrungen beschäftigt, endet mit folgendem Abschnitt:
Whatever may some day happen to Hitler, he had taken care that the Germans shall have a picture to remember him by in the proper heroic proportions. He had a portrait painted by the artist, Fidus, and decided that after his death it was to be the picture used to commemorate him in every home, school and public building in the reich. It is a significant picture, showing Hitler standing on a hillock. The sunlight forms a halo around his head. Men in uniforms of all of the political and military organizations of the third reich stand around him gazing up adoringly.
Ob der Verfasser etwas durcheinandergebracht hat? Oder die Geschichte zu Propagandazwecken frei erfunden? So oder so belegt sie die unmittelbare Verbindung, die zwischen dem Nationalsozialismus und Fidus gemacht wird und bis heute seine Anerkennung als ernstzunehmenden Künstler ausserhalb von Deutschland verhindert zu haben scheint. Ob zu Recht oder nicht, ist eine andere Diskussion. Die Frage ist, inwiefern die Ablehnung oder Nichtbeachtung der Anfrage von Fidus direkt mit dem Porträt zu tun hatte oder aber seiner Person, seiner Auffassung der Kunst und möglicherweise einfach der Generation, die er verkörperte.
Ikonographisch lässt sich Das Haupt des Führers in eine Reihe vergleichbarer Bilder stellen. Im Gegensatz jedoch zu den Darstellungen etwa von René Ahrlé auf einem Plakat aus dem Jahre 1943 zur 10. Wiederkehr des Tages der Machtübernahme Adolf Hitlers und auf einer Postkarte von Bernd Schuchert fehlt bei Fidus die auf Dramatik angelegte Beleuchtung des Gesichts mit einer hellen und einer verschatteten Partie. Vor allem aber ist der Blick nicht geradeaus, sondern in die Höhe gerichtet. Dadurch wird die körperlose, schattenhafte Gestalt des riesigen Adlers von einer Art Begleiter oder Beschützer zu einer in die Ferne oder Zukunft weisenden Erscheinung. Es ist vorstellbar, dass die Pose, die von Heiligenbildern bekannt ist, und die damit verbundene Entrückung des Motivs in eine (pseudo-)religiöse Sphäre der Ergriffenheit, aber auch des Kitsches, nicht gern gesehen waren.
René Ahrlé, 1893 geboren, hatte sich in den 1920er Jahren einen Namen als Werbegraphiker gemacht. [4] Ahrlé vertritt nicht nur eine jüngere Generation als Fidus, sondern seine Bildsprache ist auch bekannt und beliebt im Zusammenhang insbesondere mit neuen Techniken und damit des modernen Lebens. Obwohl Ahrlé eine ganze Reihe von Propagandaplakaten geschaffen hatte, gelang es ihm offensichtlich, die Zeit des Nationalsozialismus schadlos zu überstehen. 1946 beispielsweise entwarf er ein Plakat für *Die Mörder sind unter uns*, den ersten deutsche Spielfilm der Nachkriegszeit und die erste Produktion der damals neugegründeten ostdeutschen Filmgesellschaft DEFA. [5]
Kaum etwas bekannt ist dagegen von Bernd Schuchert, der neben Propaganda- beziehungsweise Reklamearbeiten nur belanglose Landschafsbilder und Stilleben gemalt zu haben scheint. [6] Geboren 1886, und damit ebenfalls wesentlich jünger als Fidus, ist sein Todesjahr nicht bekannt.
[1] Janos Frecot, Johann Friedrich Geist und Diethart Kerbs, Fidus. 1868-1948. Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegungen, Hamburg 1997, S. 208.
[2] Ebda.
[3] "Hitler Most Unusual Figure", in: San Bernardino Sun, 48. Jahrg., 8. Juni 1942, S. 6. Online.
[4] Zu René Ahrlé (1893-1976) etwa René Ahrlé in der deutschsprachigen Wikipedia.
[5] Das Buch für den Film schrieb Wolfgang Staudte, der auch Regie führte. Die weibliche Hauptrolle spielte die damals 20 Jahre alte Hildegard Knef. Immerhin sei als Gedankenspiel der Hinweis erlaubt, dass Fidus von dem Film Kenntnis gehabt haben könnte. Insbesondere im Zusammenhang damit, dass er sich mit dem "Gesamtkunstwerk" Film offenbar bewusst nicht auseinandersetzen wollte. Obwohl sein Wohnort Woltersdorf als märkisches Hollywood galt.
[6] Zu Bernd Schucherts Darstellung vgl. Tobias Ronge, Das Bild des Herrschers in Malerei und Grafik des Nationalsozialismus. Eine Untersuchung zur Ikonographie von Führer- und Funktionärsbildern im Dritten Reich, Berlin 2010, S. 149-150. Online.
Bilder: "Continental", Geheugen van Nederland. - Plakat "Rundfunk - überall", German Historical Institute (GHI), © Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz / Kunstbibliothek, SMB. - Filmplakat "Die Mörder sind unter uns", Archiv für Filmposter. - Gladiolen in Vase, Auktionshaus Stahl, Hamburg.Letzte Ãnderung: 26. April 2022