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Rezension
von Ruth Gantert
Publiziert am 17/10/2011
Franz Hohler stellt seinen zehn neuen Erzählungen ein Zitat des in Vergessenheit geratenen russischen Schriftstellers Konstantin Paustowskij voran. Es handelt von der Traurigkeit darüber, dass man wohl einen Stein aufheben und benennen, nicht aber «das Leben dieses Steins, das viele Jahrtausende währen mochte» beschreiben könne. Genau dies tut nun Hohler in der Titelgeschichte, die den Erzählband abschliesst: In fünf Seiten entstehen zuerst die Welt, dann die Alpen, schliesslich die erste Siedlung Turicum, die sich zur modernen Stadt Zürich entwickelt. Dort landet der Stein in einem Container, und der rasende Lauf der Geschichte hält inne: an einem ersten Mai packt ein vierzehnjähriger Junge den Stein und schleudert ihn gegen die Polizisten, trifft aber ein etwa gleichaltriges Mädchen am Kopf und verletzt es schwer. Der Stein landet zuletzt im Seebecken, und sein kurzer Auftritt in der menschlichen Welt, der für zwei junge Leute schicksalhaft war, ist damit – vielleicht – beendet. Nichts ist in der Literatur unmöglich, auch nicht die Geschichte eines Steins vom Ursprung der Welt bis zu ihrem Untergang – doch eindeutige Antworten auf drängende Sinnfragen gibt sie nicht.
Schicksalhafte Begegnungen, von denen man nicht weiss, wie und weshalb sie sich ereignen, bestimmen auch andere Erzählungen. Banale Alltagssituationen nehmen eine unerwartete Wendung und gleiten manchmal ins Märchenhafte, Surreale ab. So trifft eines Morgens der Präsident eines mehrsprachigen, demokratischen Landes auf dem Weg ins Regierungsgebäude unter dem Laubengang auf eine junge Katze, die ihm beharrlich folgt. Gerührt von ihrer Anhänglichkeit, und wohl auch fasziniert von ihrem eigenwilligen, manchmal unmanierlichen Verhalten, beschliesst der Präsident, die Katze zu adoptieren – und die Begegnung zwischen Mensch und Tier, die leicht unerwartet begonnen hatte, nimmt ein spektakuläres Ende.
Kein simples Kätzchen, sondern das Knurren eines wilden Tieres fasziniert den Basler Leutnant Christian Hiltmann, der als neutraler Schweizer die Grenze zwischen Nord- und Südkorea überwachen soll. Besessen von dem Wunsch, das Tier zu sehen, geht er dem Knurren nach, bis es schliesslich zu einer zweifachen Begegnung mit Mensch und sibirischem Tiger kommt, die tödlich enden könnte.
In anderen Erzählungen ist es der Auftritt eines rätselhaften Fasnachtskönigs, einer Stimme aus dem Jenseits, die im Radio die Nachrichten verliest, oder auch nur das Finden eines Bleistifts, das schicksalhafte Folgen hat. Im letzten Fall erhält «Folgen» auch den Sinn von «Reihe», führt doch die gleiche Ausgangslage (das Aufheben bzw. Liegenlassen eines gelben Bleistiftstummels) zu sieben verschiedenen Geschichten, welche die Konsequenzen dieser banalen Handlung variieren. Ein einziges Mal fehlt das Moment der «unerhörten Begebenheit»: Warum aus weiss schwarz, aus der Schweizer Musikerin Bianca Carnevale die brasilianische Ordensfrau Sor Afra wird, bleibt angedeutet – und obwohl in der Erzählung «Bianca Carnevale» nichts Irrationales passiert, bleibt sie in einer eigenartigen Schwebe.
Bei aller Liebe zum Versponnenen und bei aller Fabulierlust fehlt doch Hohlers satirische Seite in Der Stein nicht ganz: Erzählungen wie «Die Raucherecke» oder «Der Juckreiz» sind durchaus auch feine, ironische Porträts gewisser Aspekte unserer Gesellschaft.
Wie gelingt es dem Erzähler, Realität mit Erfundenem, Mögliches mit Unwahrscheinlichem, Alltägliches mit Spektakulärem auf selbstverständliche Weise zu verbinden? Die Antwort legt er in den Mund eines Malers, dem er in «Ein Nachmittag mit Monsieur Rousseau» das Wort erteilt. Unhörbarer Gesprächspartner ist der Nachbarsjunge Claude, der bei Rousseau zeichnen lernt. Der überaus freundliche Meister ermuntert den Knaben, begutachtet wohlwollend seine Zeichnungen, erkundigt sich nach der Familie und bekümmert sich um die Gesundheit des hustenden Kindes. Im gleichen freundlichen Plauderton spricht er auch über seine eigenen Bilder und über die Kunst im Allgemeinen. Zuerst lobt er den Schüler für seinen Erfindermut: «Es gibt keine blauen Katzen. In der Wirklichkeit. Aber auf dem Bild musst du nur eine blaue Katze malen, und schon gibt es sie. So einfach ist das. Und das Bild hat eben auch recht …» (S. 53). Dann hält er ihn zur genauen Beobachtung und Wiedergabe eines aufgehobenen Herbstblattes an – der Maler selber wird es in sein Urwaldbild einfügen. Die Verflechtung von Wohlbekanntem mit Erfundenem in der genauen Beobachtung und präzisen Wiedergabe trifft auch auf den Erzähler Franz Hohler zu. Seine subtilen und unterhaltsamen Erzählungen nennt er in einem Interview «Tatsachenberichte aus der Fantasie».