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Materialien
In Bezug auf die polytechnische Lehre kam den Geistes- und Staatswissenschaften lange Zeit nur eine Hilfsfunktion zu. Schon früh allerdings beschwor man ihr nationales Integrationspotenzial.
Von den deutschen Vorbildern, insbesondere von der damals massgebenden Polytechnischen Schule in Karlsruhe, unterschied sich die Lehre am 1855 eröffneten Eidgenössischen Polytechnikum durch zweierlei Schwerpunktsetzungen: Die Zürcher Neugründung baute nicht nur die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer in bisher unbekanntem Umfang aus. Innovativ war auch die Gewichtung der literarisch-staatswirtschaftlichen Fächer, die mit der theoretischen Mathematik und den Naturwissenschaften in einer "sechsten Abteilung" zusammengefasst wurden. Das erste "Reglement für die eidgenössische polytechnische Schule" vom 31. Juli 1854 sah vor, dass neben den "Literaturen der wichtigsten lebenden Sprachen" auch politische Geschichte, Kunstgeschichte, Nationalökonomie und ausgewählte Teile der Rechtswissenschaften "teils vom rein wissenschaftlichen Standpunkt aus" und "teils in ihrer Anwendung auf die von der Schule vertretenen technischen Berufsarten" gelehrt werden sollen.
Die Einbeziehung der philosophischen (das hiess damals natur- und geisteswissenschaftlichen) und staatswirtschaftlichen Fächer, die als "Hülfswissenschaften für höhere technische Ausbildung" bezeichnet wurden, wird heute gern als Zugeständnis an den Traum von einer nationalen Universität gedeutet. Bei dieser Interpretation bleibt jedoch ausser Acht, dass die mitunter zu "Gesellenschulen" abgewerteten Ausbildungsstätten für Ingenieure zur Zeit der Polytechnikums-Gründung unter grossem Profilierungsdruck standen. Der Streit zwischen der "Unwissenschaftlichkeit" der "technischen oder realistischen Bildung" und der "Weltfremdheit" der so genannten "gelehrten Bildung" wurde nicht selten polemisch geführt. "Sie führen die Wissenschaften dem praktischen Leben zu, welches die Universitäten mehr oder weniger zu verschmähen gewohnt sind", hiess es etwa Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Eingabe für eine polytechnische Schule in Hannover.

Im Kontext dieser Auseinandersetzungen verhalf die Integration der Geistes- und Naturwissenschaften den technischen Hochschulen zu einem eigenständigen Profil. Das Zürcher Polytechnikum, das bei seinen Berufungen der ersten Stunde von der antiliberalen Politik der deutschen Restaurationszeit profitieren konnte, gilt als wegweisend für die Akademisierung der technischen Hochschulbildung. Dies war ein Prozess, der sich europaweit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzog. Dass sich die polytechnischen Schulen dabei an den Verfassungsnormen und Statussymbolen ihrer Konkurrenz, der Universitäten, orientierten, gehört zum Wesen institutioneller Distinktionsprozesse.
Gleichzeitig verband sich mit der geistes- und staatswissenschaftlichen Abteilung, Anfang des 20. Jahrhunderts in "Allgemeine Abteilung für Freifächer" umbenannt, ein wandlungsfähiger gesellschaftspolitischer Auftrag. Im 19. Jahrhundert wurde das grosszügige Angebot an bildungsbürgerlichem Wissen vor allem damit begründet, dass es der Charakterbildung dienen und die Polytechniker zu Führungsaufgaben und zu mündiger Staatsbürgerschaft befähigen sollte. Hatte es zunächst den Anschein, als sollten die Hilfswissenschaften das polytechnische Lehrangebot im Sinne des humanistischen Bildungsideals veredeln, so wurde mit der Modernisierung des Bildungswesens zunehmend die nationale Integrationsfunktion der Geistes- und Sozialwissenschaften betont. Insbesondere in den krisenhaften 1930er-Jahren, die vom Aufruf zur "geistigen Landesverteidigung" geprägt waren, mobilisierte die ETH das patriotische Potenzial der Freifächer-Abteilung. Mit der Einrichtung öffentlicher Freitagsvorträge und mit der Einführung des Freifächer-Obligatoriums sollte die vom Bundesrat als "gemeinsamer geistiger Treffpunkt" begriffene "Allgemeine Abteilung" der nationalen "Kulturwahrung und Kulturwerbung" dienen. Allerdings bekundete auch diese staatsbürgerliche Bildungsoffensive immer wieder Mühe mit dem Aufgebot des Zielpublikums: "Wir möchten vor allem gerne wissen, ob die Studierenden grundsätzlich die Weiterführung der öffentlichen Freitagsvorträge begrüssen und welches die Gründe für den schwachen Besuch der diesjährigen Vorträge durch die Studierenden waren", schrieb der Schulratspräsident Arthur Rohn am 14. Februar 1939 an den damaligen Präsidenten des Studierendenverbandes VSETH.
Monika Burri