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Der
Tiger hat sich auf den Engländer gestürzt und zerbeisst ihm
die Kehle
Drehorgel in Form eines Tigers
Als ich im Jahr 1998 mit meiner Frau eine Städtereise nach London
unternahm, besuchten wir unter anderem das riesige Viktoria und
Albert-Museum in London. Von irgend woher wusste ich, dass dort eine
sogenannte Tiger-Orgel zu besichtigen ist. Da ich aus Zeitgründen
nur diesen Automaten besichtigen wollte, gingen wir erst am
späteren Nachmittag dorthin und durften erfreut feststellen, dass
der Eintritt während der letzten Stunde der Oeffnungszeit gratis
war.
Zielstrebig marschierte ich in die Abteilung mechanische
Musikinstrumente, während sich meine Frau einer anderen Abteilung
widmete. Ich suchte, bald einmal etwas ungeduldig, in und um die
diversen Schaukästen mit Musikdosen und Orgeln, doch vergeblich.
Nirgends konnte ich etwas Tigerähnliches feststellen.
Nervös marschierte ich Richtung Auskunftsstelle. Unterwegs legte
ich mir mit meinen mageren Englischkenntnissen einige Sätze
zurecht. Dort angekommen befand sich zu meiner Erleichterung auch meine
Frau, nun hatte ich eine gute Englischassistenz. Etwas kompliziert
begann ich meine Frage nach dem Ort der Tiger-Orgel zu stellen. Der
Herr hinter der Infomationstheke antwortete lächelnd, die
Tiger-Orgel befindet sich in der Indian-Ausstellung hier vorne im
Partèrre und dies in akzentfreiem Zürichdeutsch! Welch eine
Ueberraschung. Herr Moor hiess der Herr, gleich wie der ledige
Name meiner Frau, darum weiss ich dies noch. Sofort war der Tiger
geortet, begutachtet und fotografiert.
Wie manchmal der Zufall es gut mit einem meint, fand ich einen Tag
darauf im Musical-Museum in Brentford eine Broschüre
(Antique Machines, Ausgabe Aug./Sept.) aus dem Jahre 1979 mit einer
Beschreibung der Tiger-Orgel.
Mein Kollege Ernst-Louis Bingisser, Sprachlehrer und Hobby-Historiker
hat den für uns interressanten Teil freundlicherweise
übersetzt. Ich möchte ihm an dieser Stelle herzlich
dafür danken.
Hans Kunz.
Übersetzung des Textes im Magazin „Antique Machines &
Curiosities"
August/September 1979, Seite 47/48
Der Tipu-Tiger
(Nicht übersetzt sind die Einleitung und der erste Abschnitt)
Der Musikautomat heisst eigentlich
Tipu’s Tiger und kann in der Indien-Abteilung des Viktoria- und
Albert-Museums in London besichtigt werden.
Sein ursprünglicher Besitzer war Sahib Tipu, englisch auch Tippoo
geschrieben, eine Figur, von der auch die Geschichtsbücher
berichten. Sahib ist ein indischer Titel und entspricht dem arabischen
Sultan. Dieser Sultan von Mysore, der in den Jahren 1782 bis 1799 im
gleichnamigen südindschen Land Mysore herrschte, setzte die
Mysorischen Kriege, die sein Vater begonnen hatte, tapfer weiter.
1799 jedoch starb er schliesslich im Kampf um die dortige Hauptstadt
Seringapatam, die nach geschlagener Schlacht im Jahre 1799 in die
Hände der Briten fiel.
Tipu scheint ein besessener Liebhaber
von lebenden und toten Tigern und
der schon erwähnten Tiger-Musikorgel gewesen zu sein. Den
Tiger-Automaten hat er entweder selber in Auftrag gegeben oder als
eifriger Sammler irgendwo erwerben können. In dieser
Tigermusikfigur sah der Sultan Tipu seinen geradezu rasenden
Engländerhass in unübertrefflicher Weise verkörpert.
Denn der Automat stellt einen lebensgrossen Tiger dar, der aus Holz
geschnitzt und mit kunstvollen Tigermuster bemalt ist. Das Raubtier ist
so dargestellt, wie
es sich auf einen britischen „Sir" gestürzt hat, der nun
rücklings auf dem Boden liegt und Kleider eines vornehmen
Engländers der 1790er Jahre trägt.
Im Inneren des ausgehöhlten Tierkörpers sind die nötigen
Vorrichtungen eingebaut, die in Betrieb gesetzt werden können, um
das Grollen und Brummen des zupackenden Tigers und das Heulen und
Jammern des überfallenen Eng-länders ertönen zu lassen.
Zum einen entstehen Töne durch den
Luftstrom, der aus einer Pfeife streicht, welche festgehalten wird von
den Lippen des Opfers, während der auf den Boden gedrückte
Engländer gleichzeitig seinen linken Arm vom Munde weg- und wieder
zurück zum Mund bewegt.
In den 1950er Jahren hatte das Museum
Henry Willis, einen Orgelbauer, eingeladen, den Tiger-Automaten zu
untersuchen und zu beschreiben. Der folgende Text stützt sich im
wesentlichen auf diese Orgelbeschreibung.
Mit der Kurbel an der linken Vorderschulter des Tigers kann man im
Innern ein Schneckengetriebe in Bewegung setzen sowie eine
Kurbelwellenvorrichtung,
mit der Arme auf- und abbewegt werden. Diese Arme heben auch den
beschwer-ten Blasbalg-Oberteil, der von der Nackengegend des Tigers bis
zum Tigerkopf reicht, wo der Holzteil an einem Scharnier befestigt ist.
Der Unterteil des Blasbalges besteht aus einem Doppelschöpfbalg,
aus dem die Luft durch einen Luftkanal zu den Orgelpfeifen gepresst
wird, wo in bekannter Art Töne erzeugt werden. Der Doppelblasbalg
ist so gebaut, dass mit einem Teil tiefere, dunklere Töne, und mit
dem anderen Teil höhere, hellere Töne gebildet werden
können. Die Wirkung dieser zwei kleinen Tonsysteme, schreibt Henry
Willis,
soll dem Brüllen eines Bengalischen Tigers gleichen, wenn er
ein Opfer tötet.
Hier ist die Klappe an der Seite des
Tigers geöffnet.
Die Ventilklappen und Pfeiffen sind
sichtbar.
Beim Drehen der Kurbel wird
über eine Stange auch eine mit Doppel-scharnier eingebaute
Blasbalgvorrichtung (ein sogenannter Kuckuckbalg) in Betrieb gesetzt.
Angebaut ist diese Vorrichtung am Boden eines Luftreservoirs mit einem
einfachen Scharnier. Damit kann beim Spiel die konstante Luftzufuhr
gewährleistet werden. Die verfügbare Luft fliesst zum Fuss
einer Messingblech-Orgelpfeife, die so gebogen ist, dass ihr offenes
Ende im Mund des gefallenen
Engländers steckt. Die Orgelpfeife im Munde des Opfers soll einen
kontinuier-lichen schrillen Ton mit Variationen erzeugen. Die
Variationen entstehen wegen der Behinderung des Luftausstosses am Mund
des Mannes durch die linke Hand,
die hin- und herbewegt wird mittels eines mit dem Blasbalg verbundenen
Schnur-zuges. Wenn die Hand an die Lippen des Mannes
zurückgeführt wird, werden die erzeugten Töne etwas
tiefer und dumpfer, bis die Hand sich wieder von den Lippen entfernt.
Herr Willis war der Ansicht, dass am
Mechanismus der sich bewegenden Hand leider „technische Verbesserungen"
vorgenommen wurden, offensichtlich um nicht eine Beschädigung des
Mundes und der Hand der liegenden Figur zu riskieren.
Die Folge dieser sogenannten „technischen Verbesserungen" aber war
ironischerweise, dass der Doppelbalg in Mitleidenschaft gezogen wurde
und das Funktionieren der Handbewegung Störungen unterliegt.
Eine dritte Aufgabe der Drehkurbel ist
das Ankurbeln einer weiteren Stange und eines an einem Scharnier
befestigten Gebläses, das die Luftzufuhr zur Haupt-
orgel bewerkstelligt. Diese Orgel besteht aus einem grösseren
Kasten. In diesem
Kasten stehen zwei schöne Pfeifenreihen, mit denen in hoher
Tonlage je 18 Tonstufen gespielt werden können. Die Pfeifen, die
in den Weichen des Tigers
emporragen, können durch die dortigen Luftzugklappen reguliert und
gesteuert werden. - Für die manuelle Bedienung hat es 18
Drucktasten, zu welchen man Zugang erhält, indem man am Unterleib
des Tigers eine Falltürklappe öffnet.
Nach Ansicht von Henry Willis wurde auch
auf der Tastatur gespielt, indem man mit den Fingerspitzen auf der
Tonleiter hinauf- und hinunterspielte und dadurch zusätzliche
makabre Toneffekte habe erzielen können. In der Tat kann man sich
nur schwer vorstellen, wie mit der Tiger-Musikorgel je in einem uns
bekannten Tonsystem Musik gemacht wurde, da auf die Oktav (das heisst
auf das Intervall für die Verdoppelung der Pfeifenlänge und
somit auch der Tonfrequenzen) 14 Tonschritte fallen, ein Notensystem
also, das weder irgend-einer westlichen noch östlichen Tonleiter
entspricht.
A.W.J. Ord-Hume widerspricht in seinem Werk „Clockwork Music"
allerdings dieser Tonleiter-Interpre-tation. Er schreibt, dass Musik so
oder so tonleiter-ähnlich möglich werde, wenn im gegebenen
Moment jeweilen schnell und richtig der Schnurzug im Schulterbereich
des Tigers betätigt werde. Diese Aussage steht in klarem Gegensatz
zu Henry Willis Erklärungen zum Tiger-Mechanismus.
Ord-Hume behauptet, dass der Hauptorgel-Blasbalg gar nicht richtig in
Betrieb gesetzt werden könne durch die Drehkurbel, weil die
Falltürklappe geschlossen bleiben müsse, wenn die Drehkurbel
bedient werden soll, dass demnach beim Spielen mit der Hand am
Unterleib des Tigers das Drehen mit der Kurbel behindert und damit die
Luftzufuhr zu den Bälgen nicht mehr richtig gewährleistet
wäre. Allerdings muss zugestanden werden, dass vor den technischen
Eingriffen am Original-Tiger sowohl das Spielen mit Schnurzügen
von aussen wie auch das Spielen auf den 18 Tontasten am Rumpf des
Tigers möglich gewesen sein könnte.
Angesichts des zerbrechlichen Zustandes
des Spielmechanismusses kommen die bezaubernden Toneffekte der
Tipu-Tiger-Orgel dem interessierten Publikum kaum je zu Ohren. Aber das
nächste Mal, wenn Sie in South Kensington sind, sollten Sie es
trotzdem nicht verpassen, dieses eigenwillige, schön bemalte
Musikdenkmal zur Erinnerung an das einst in Indien verhasste England in
dem
für ihn reservierten Glaskasten des Victoria- und Albert-Museums
in London bestaunen zu gehen.
Dennis Parsons.