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Die Geschichte der Vereinigten Staaten ist untrennbar mit den "Pilgrim fathers" und der Landung der Mayflower am 21. November 1621 vor Cape Cod an der amerikanischen Ostküste verbunden. In seinem neuen Buch "Mayflower, Aufbruch in die Neue Welt" zeichnet der Historiker Nathaniel Philbrick ihre Geschichte lebendig nach. Philbrick ist Direktor des "Institute of Maritime Studies" in Nantucket und befasst sich seit vielen Jahren mit der frühen Geschichte Amerikas.
Von Scrooby nach Plymouth
Der Autor legt eine Darstellung vor, die die Ideengeschichte der Pilgerväter detailliert nachzeichnet. Im Unfrieden von der englischen Staatskirche getrennt, verließen gegen 1605 einige Mitglieder der Gruppe England, um in den folgenden Jahren in den freieren Niederlanden zu verbringen. Aber auch dort fühlen sich die Separatisten religiös beeinträchtigt und sahen ihre Kinder vom schädlichen holländischen Liberalismus bedroht - der Traum von einem religiösen Paradies konnte sich ihrer Meinung nach nur in der Neuen Welt erfüllen.
Jahre harter Arbeit sollten Überfahrt, Ansiedlung und Koloniegründung finanzieren. Im September 1620 endlich brechen 102 Auswanderer an Bord der Mayflower, eines kleinen Seglers, zu ihrer großen Reise auf - Ziel war die damalige Region Nord-Virginia in der Nähe des Hudson River, für die sie eine Genehmigung zur Besiedlung hatten. Unter unvorstellbaren Bedingungen gelangen sie durch die Herbststürme im Nordatlantik nach zwei Monaten weiter nördlich am Cape Cod (Massachusetts) auf amerikanischen Boden. Wegen des einbrechenden Winters ist das Indianerland fast menschenleer, die Aussiedler begründen ungestört ihre Kolonie in Plymouth (Massachusetts). Die neue Gemeinde sollte Heimat für ihre religiösen Vorstellungen werden.
Ein Traum wird begraben
Relativ schnell zeigt sich, dass sie nicht allein sein. Die wald- und fischreiche Gegend wird von zahlreichen Indianerstämmen bewohnt, die den Neuankömmlingen nicht nur positiv gesinnt waren. Vor allem fordert das harte Klima seinen Tribut, im ersten Winter sterben fast zwei Drittel der kleinen Gruppe. Ohne die Hilfe von Massasoit, Häuptling der Wampanoags, wäre den Pilgervätern wohl ein schnelles Ende beschieden gewesen. Toleranz im Umgang sowie gegenseitige Unterstützung in den zahlreichen Machtkämpfen und Scharmützeln sollten fast 50 Jahre lang zu einer stabilen und friedlichen Situation führen.
Mit dem Eintreffen weiterer Auswanderer, unter ihnen Puritaner und Quäker verschärfte sich die Lage. Einerseits wurde für die Ansiedlungen entlang der Ostküste Land für Gemeinden, Ackerbau und Viehzucht gebraucht. Außerdem führte der rege Pelzhandel zur Gründung von Handelsstationen - unter den Kolonialisten und europäischen Händlern war der Konkurrenzkampf um das einträgliche Geschäft groß.
Zum anderen durchmischten sich die Weißen immer weiter, neben religiösen Fundamentalisten kamen auch zahlreiche Glücksritter ins Land. In der Folge begann die Ausbreitung des Weißen Mannes. Den Ureinwohnern wurde Land zum Teil zu Spottpreisen abgekauft oder geraubt, und die Stämme gegeneinander ausgespielt. Die Pilgerväter mussten sich zudem dem stärker werdenden Einfluss der zahlreichen aggressiven Puritaner beugen, die sich rund um Boston angesiedelt hatten.
1675 kam es zum Krieg mit den Indianern, dem so genannten King Philip`s War - benannt nach Häuptling Massasoits Sohn. Philbrick zeichnet sowohl das Kampfgeschehen, als auch die verzweifelten Versuche, der "Pilgrim fathers" nach, ihren Traum einer separierten, nach strengen Glaubensvorschriften lebenden Gemeinschaft am Leben zu erhalten. Mit der ab 1676 beginnenden Verschiffung indianischer Gefangener als Sklaven nach Westafrika, sieht er den Traum von Toleranz und Frieden jedoch endgültig beerdigt.
Lesenswert weil kritisch
Die Geschichte der "Pilgrim fathers" kennt in den Vereinigten Staaten jedes Kind, während sie im deutschen Bildungskanon deutlich geringere Verankerung erfährt. Philbricks Buch kann hier sicher eine Lücke schließen. Die Darstellung ist stellenweise sehr detailliert und verlangt gewisse Vorkenntnisse. Wer bereit ist, sich auf die verschiedenen Konfliktlinien, Indianerstämme und ihre diversen Ober- und Unterhäuptlinge einzulassen, wird mit Mayflower jedoch über ein wesentliches Kapitel amerikanischer Geschichte bestens informiert.
Angenehm positiv fällt Philbricks abwägende Bewertung der Pilgerväter auf: "Wie sehr sich die Legendenschreiber der amerikanischen Nation auch wünschen mögen, dass der King Philip’s War nie eingetreten wäre, er lässt sich nicht ausradieren. Die 14 blutigen Monate hatten eine starke, störende Auswirkung auf die Entwicklung Neuenglands und damit auch ganz Amerikas. Es ist leicht, sich über Versuche in der Vergangenheit lustig zu machen, die Pilgerväter zu verehren und heilig zu sprechen, insbesondere mit Blick auf das, was ihre Söhne und Enkel den Ureinwohnern antaten. Und dennoch dürfen wir nicht nur mit Zynismus ein Volk betrachten, das mehr als ein halbes Jahrhundert lang im Frieden mit seinen indianischen Nachbarn gelebt hat."
Die europäische Besiedlung Amerikas ist gewiss kein Ruhmesblatt in der menschlichen Geschichte. Wer sich mit dieser aufregenden Phase ernsthaft auseinandersetzen will, dem sei das Buch empfohlen.