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Das Ortsmuseum Amriswil hat die Geschichte des Amriswiler Konsuls und Fluchthelfers Ernst Prodolliet (1905 – 1984) und seiner Frau Frieda (1901 – 1990) aufgearbeitet. Entstanden ist eine Sonderausstellung, welche am 4.September eröffnet wird, eine Broschüre und ein Mahnmal mit Gedenktafel. Wer war Ernst Prodolliet? Seine Grossnichte, Simone Prodolliet, erzählt.
Unter den rund fünfzig «Gerechten» der Schweiz findet sich auch der Name von Ernst Prodolliet. Der Ehrentitel «Gerechter unter den Völkern» wird in Israel seit 1963 durch die Gedenkstätte «Jad Vaschem» nicht jüdischen Einzelpersonen verliehen, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben dafür einsetzten, Juden vor der Ermordung zu retten. Ernst Prodolliets Handeln gereichte ihm in der Schweiz weder zu Anerkennung noch zu Ruhm. Im Gegenteil. Ein Disziplinarverfahren wurde gegen ihn angestrengt, und er wurde von seinem Posten abgesetzt. Seine diplomatische Karriere, die wegen seines Talents vielversprechend aussah, wurde eingefroren. Nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs bekleidete er eher unbedeutende Stellungen und brachte es in seiner Karriere nur bis zum Konsul.
Auch in seinem engeren Umfeld sorgte sein Handeln zunächst für Missfallen, denn Widerstand gegen die Obrigkeit galt lange als unbotmässig und ungehörig und war auf jeden Fall zu vermeiden. Erst anfangs der 1980er-Jahre, als in der Neuen Zürcher Zeitung ein Leserbrief erschien, dass es auch in der Schweiz Leute gegeben habe, die jüdischen Flüchtlingen beigestanden hätten, wurde man auf ihn aufmerksam. Aber da war er schon alt und gebrechlich.
Ernst Prodolliet war eine schillernde Persönlichkeit, jedenfalls nicht ein Held nach üblichen Vorstellungen. Aussagen über seine Person bescheiden ihm ein widersprüchliches Zeugnis: brillant, sprachbegabt und redegewandt, einnehmend, charmant, intelligent, aber auch lasterhaft, selbstherrlich, aufbrausend und jähzornig, stur, unnachgiebig, emotional.
Vizekonsul in Bregenz
Mitte März 1938 reiste Ernst Prodolliet mit Frau und Tochter für einen Heimaturlaub in die Schweiz. Es sollte ein Aufenthalt von sechs Wochen sein. Die Weltgeschichte sorgte jedoch dafür, dass er nicht mehr nach Amerika zurückkehren sollte: Am 28. März 1938 beschloss der Bundesrat, die Visumspflicht für österreichische Staatsangehörige wieder einzuführen. Prodolliet wurde vom Politischen Departement angewiesen, auf seine Ferien zu verzichten und im Bregenzer Konsulat auszuhelfen. Am 1. April 1938 meldete er sich an seinem neuen Dienstort. Seine Frau und seine Tochter kamen bei seinen Eltern in Amriswil unter.
In Bregenz leitete Prodolliet das Passbüro. Das bisher eher unbedeutende Konsulat war unvermittelt zu einem geschäftigen Ort geworden, an dem täglich Dutzende von Anträgen um Einreise in die Schweiz geprüft werden mussten. Prodolliet übte seine verantwortungsvolle Position mit Engagement aus – sie kam seinem Hang zu weltmännischem Auftreten durchaus entgegen.
Sehr zum Leidwesen seines Vorgesetzten hielt er von der sprichwörtlichen Schweizer Bescheidenheit nicht viel. Er mischte das Bregenzer soziale Leben auf, liess sich von der vornehmen Gesellschaft einladen, liebte gutes Essen und Trinken, liess sich auch gelegentlich auf ein Pokerspiel ein und war ein Charmeur erster Güte. Er liess es sich auch nicht nehmen, unverblümt Leute anzusprechen, seien sie nun Freund oder Feind. So soll er laut Beobachtungen von Fahndern, die später auf ihn angesetzt worden waren, Gestapo-Leute unverhohlen über deren organisatorische Einheiten ausgefragt haben.
Als sich im August 1938 die politische Lage zuspitzte, erhielt er von Heinrich Rothmund den Auftrag, einen Lagebericht über die Grenzzone zu erstellen. Er sollte die Gegend erkunden, um mögliche «Schlupflöcher» aufzuspüren. In dieser Zeit lernte er die Region bestens kennen. Sein Bericht veranlasste Rothmund, am 18. August 1938 die Sperrung der Schweizer Grenze anzuordnen. In den darauf folgenden Monaten war Ernst Prodolliet, der die Gegend nun bestens kannte, mehreren Juden bei der Flucht behilflich. In jener Zeit machte er auch die Bekanntschaft von Paul Grüninger, Saly Meyer, Charly Weil und anderen mehr. Mit ihnen traf er sich heimlich, um Grenzübertritte von Verfolgten zu organisieren. Nicht zuletzt hatte er Kontakt mit Gusta Bornstein, einer Freundin aus St. Galler Jugendzeiten, die ebenfalls als Fluchthelferin arbeitete. Eine Rolle spielte auch die Filmjournalistin Maria Stephan-Sakulin, die als Agentin tätig war und mit der er regelmässig in Kontakt war. Ob die beiden tatsächlich eine Liebschaft hatten, wie manche vermuteten, ist nicht belegt.
Der Vorsteher des Konsulats, Carl Bitz, war über die Aktivitäten des Vizekonsuls keineswegs erfreut. Nachdem ihm zunächst entgangen war, dass Prodolliet als Fluchthelfer agierte – das Passbüro verfügte über einen eigenen Telefonanschluss, worüber er keine Kontrolle hatte – reagierte er umso verärgerter, als ihm bewusst wurde, was vor sich ging. In einem Schreiben an seine Vorgesetzten in Bern beklagte sich Bitz über seinen Angestellten. Gleichzeitig machte er seinem Ärger über den Lebensstil von Prodolliet Luft und verlangte dessen Absetzung. Er beschrieb ihn als «temperamentvoll, selbsteingenommen und herrschsüchtig, welche Eigenschaften ihn zu unbesonnenen, rücksichtslosen Handlungen verleiten». Bitz zeigte sich zudem besorgt über die politische Einstellung seines Untergebenen, die der neutralen Haltung der Schweiz widerspreche. Er halte sich auch in zweifelhaften Etablissements auf und benutze unerlaubterweise das Dienstauto, das er jeweils in völlig verschmutztem Zustand zurückbringe. Und schliesslich stellte er bei Prodolliet eine «allzu weichherzige» Ader fest, die der Erfüllung der Aufgaben eines Konsularangestellten zuwiderlaufe.
In den rund acht Monaten seiner Bregenzer Tätigkeit vom 1. April 1938 bis zu seiner Absetzung vom 17. Dezember 1938 ermöglichte Ernst Prodolliet mehreren Dutzend Juden unter teilweise abenteuerlichen Umständen die Flucht in die Schweiz.
Aktivitäten in Amsterdam
Nach seiner Suspendierung Ende 1938, die aufgrund eines scharfen Verweises wegen Nichtbeachten behördlicher Vorschriften erfolgte, wurde er im April 1939 nach Amsterdam geschickt. Auch in Amsterdam bewahrte er viele jüdische Verfolgte vor deren Vernichtung, indem er ihnen Transitvisa durch die Schweiz ausstellte. Ernst Prodolliet konnte nicht tatenlos zusehen, wie Jüdinnen und Juden deportiert und in den sicheren Tod geschickt wurden. Bereits auf Transporte verfrachtete Menschen holte er aus den Zügen heraus und beschied den deutschen Ordnungsdiensten, es handle sich um Personen, die unter Schweizer Schutz stünden. Selbstbewusst, weltmännisch auftretend, um keine Ausrede verlegen.
In den späteren Kriegsjahren, von 1943 bis 1945, war Prodolliet in der Berliner und Pariser Gesandtschaft tätig. Nach dem Krieg folgten Anstellungen in Hamburg, Bordeaux, Nantes und Rotterdam. In Besançon bekleidete er in den 1960er-Jahren erstmals das Amt eines Konsuls. Zuvor hatte er lediglich untergeordnete Positionen inne gehabt. Mehrere Beförderungen wurden ihm wegen seiner früheren Aktivitäten verweigert. Als ihm kurz vor seiner Pensionierung angeboten wurde, doch noch die höchste Stufe der Diplomatie zu erklimmen und Schweizer Botschafter in Madagaskar zu werden, lehnte er dankend ab.
Späte Anerkennung
Von den Personen, denen Ernst Prodolliet zur Flucht verhalf, sind lediglich 23 namentlich belegt. In einer einzigen Aktion soll er für rund 300 Jüdinnen und Juden Transitvisa organisiert haben. Gemäss Recherchen von Yad Vashem verhalf er etwa 500 Personen zur Flucht. Die Nachforschungen, die Bundesrat Flavio Cotti 1995 anordnete, ergaben ebenfalls einige Hunderte. Vermutlich hatte Ernst Prodolliet, der als einer galt, der die Visapraxis besonders streng handhabte, die Behörden in grossem Stil getäuscht. Seine Tätigkeit kam erst ans Tageslicht, als er am 23. November 1938 den Flüchtling Wortsmann über die grüne Grenze führte und die deutsche Grenzwacht auf ihn aufmerksam wurde.
Am 18. November 1983 wurde Ernst Prodolliet durch den Staat Israel als einer der Gerechten geehrt. Etwas mehr als ein Jahr später starb er in einem Altersheim in Amriswil. Eine öffentliche Anerkennung durch Bundesrat Flavio Cotti erfolgte 1995 anlässlich einer Preisverleihung an Rosmarie Dormann und Peter Hirsch-Surava.
Talent, Anstand und Liebe zum Leben
Was war die Motivation von Ernst Prodolliet, sich für Flüchtlinge einzusetzen und die erlassenen Vorschriften zu umgehen? «Es war eine Selbstverständlichkeit», sagte er später, wenn am Familientisch über seine Zeit im Zweiten Weltkrieg gesprochen wurde, oder auch ganz einfach: «ein Gebot von Anstand und Redlichkeit».
Es war zunächst ein Zufall, dass Ernst Prodolliet ausgerechnet in der Zeit, als die weltpolitische Lage auf den Zweiten Weltkrieg zusteuerte, für einen Heimaturlaub in die Schweiz reiste. Seine Erfahrungen in schwierigen Zeiten in Amerika, in denen er mehrfach mit unwägbaren Lagen konfrontiert war, prädestinierten ihn, nicht nur dem Konsul in Bregenz zur Seite gestellt zu werden, sondern auch, einen Lagebericht über die Grenzregion zu erstellen. Brillant, sprachbegabt, weltmännisch, in keiner Situation auf den Mund gefallen, neugierig und abenteuerlustig, den schönen Seiten des Lebens zugetan – das waren die Eigenschaften, die ihm zu Gute kamen, als er entscheiden musste, gegen das Gesetz zu verstossen. Die Liebe zum Leben stattete ihn mit Zivilcourage aus.
Ausstellung im Amriswiler Ortsmuseum
Das Amriswiler Ortsmuseum widmet seinem ehemaligen Mitbürger Ernst Prodolliet eine Ausstellung. Zur Eröffnung am 4. September 2016 wird seine Grossnichte Simone Prodolliet sprechen.
Die Einladung zur Ausstellung:
Simone Prodolliet, Studium der Ethnologie, Geschichte und Religionswissenschaften. Sie ist Geschäftsführerin der Eidgenössischen Migrationskommission und Herausgeberin der Zeitschrift «terra cognita – Schweizer Zeitschrift zu Integration und Migration». Zahlreiche Publikationen zu migrationsspezifischen Themen.
Aufruf
Wer Kenntnis über konkrete Personen hat, denen Ernst Prodolliet während des Zweiten Weltkriegs behilflich war, kann sich gerne per Email an simone.prodolliet(at)ekm.admin.ch wenden.