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Wer kennt nicht die alte Legende von den Reiskörnern und dem indischen Brahmanen Sessa: König Shihram möchte sich bei Sessa für dessen Lehre und Wissen zum Schachspiel bedanken und gewährt dem Brahmanen einen Wunsch: Sessa wünschte sich statt Gold, Silber oder Privilegien einfache Reiskörner: So viele, wie auf sein Schachbrett passen, aber in der Verdopplung der Reiskornsumme pro Schachfeld. Auf das erste Feld seines Schachbretts wünschte er ein Reiskorn, auf das zweite Feld das Doppelte, also zwei Reiskörner, auf das dritte wiederum die doppelte Menge, also vier und so weiter. Der König freute sich, so günstig davonzukommen und geriet beinahe in Zorn über seine Entscheidung, denn er hatte den Brahmane als klüger und weniger bescheiden eingeschätzt. Wenn Sessa also nicht so weise war, wie er vorgab, konnte er dann der richtige Berater für den König sein? Doch die Entscheidung stand.
Ein paar Tage später fragte König Sessa bei seinem Hofkämmerer nach, ob Sessa seine Belohnung schon abgeholt habe. Der Kämmerer musste sich um die Antwort winden, doch teilte er seinem sichtlich verblüfften König mit, dass die Buchhalter des Königs die gesamte Menge der versprochenen Reiskörner noch nicht haben berechnen können. Wiederum einige Tage und Nächte permanenter Rechenarbeit später meinte der Hofmeister der Kornkammern, dass er die errechnete und gewünschte Menge Reiskörner im gesamten Königreich - und darüber hinaus - nicht liefern könne. Auf allen 64 Quadraten eines Schachbretts zusammen wären es 264-1 oder 18'446'744'073'709'551'615, also circa ≈ 18.45 Trillionen Reiskörner. Diese Menge entspräche etwa der 1'200-fachen weltweiten Weizenernte des Jahres 2004, also 624 Millionen Tonnen. Der Brahmane bewies seine Weisheit, indem er dem König zeigte, dass sein so bescheidener Wunsch, der mangels mathematischer Kenntnis dem König zunächst wie eine Handvoll Körner vorkam, so bescheiden gar nicht war. Sessa offenbarte dem König die Grenzen seiner Macht und gleichzeitig die grenzenlose Macht des Wissens.
Ähnlich wie es diese Legende um das Schachbrett und die Reiskörner erklärt, zeigt uns Autor Sven Völker in seinem zweiten Kinderbuch "A Million Dots" die Welt der Mathematik: Zeigt auf der ersten Seite noch ein einzelner Punkt, "one dot", in grüner Farbe die Krone eines Baumes, so verdoppelt sich die Anzahl der Punkte Seite um Seite. Nach dem Baum sind es zwei Bäume, also zwei Punkte auf der Folgeseite, dann vier Punkte in Gestalt von vier Früchten in den Bäumen. Auf der folgenden Doppelseite sind es schließlich 8 Früchte, nun als Fallobst auf der Erde liegend; auf der nächsten Doppelseite zieren 8 + 8 = 16 Punkte die Flügel eines Marienkäfers ... und so weiter und so fort. Sven Völker wechselt die Motive mit einer klaren, farbenfrohen Formsprache in großem Format in wertvollem Hardcover, so dass sich Kinder wie Erwachsene Seite für Seite die einzelnen Punkte anschauen können, die sich durch die Verdoppelung natürlich immer mehr vermehren, bis sie sich schließlich auf eine ganze acht Seiten umfassenden, ausfaltbaren Riesenseite auf die schier unglaubliche Zahl von einer Million achtundvierzigtausendfünfhundertsechsundsiebzig, in Form einer modernen Großstadt gestaltet, die ihre Silhouette zeigt, ausdehnen. Dabei stehen die einzelnen Punkte hier für die Einwohner dieser Stadt. Zwar wird das Zählen der einzelnen Punkte kaum jemand seinen Kindern vorlesen können, doch bis zu einem gewissen Punkt kann das durchaus geschehen. Vielleicht schlafen die Kleinen, ganz im Interesse der Eltern, dann auch wie beim Zählen von Schäfchen abends einfach ein...
Sven Völker, Professor für Grafik-Design in Potsdam, beweist in diesem Buch eine unglaubliche Mischung von Einfachheit und Anspruch zugleich: Mit subtilem wie anspruchsvollem Design gestaltet er die Welt der Zahlen als faszinierendes Abenteuer, als Reise in die Mathematik, die auf diese Weise Spaß und Freude bereitet. Sicherlich auch für die Erwachsenen. Das große Format und das elegante Hardcover sorgen wahrscheinlich dafür, dass sich die Kinder das Buch von ihren Eltern "zurückmopsen" müssen – zu schön sieht es auf dem Couchtisch oder der Kommode neben dem Bette aus.
"A Million Dots", erschienen 2019, das die wenigen Worte, die es pro Seite braucht, in englischer Sprache beschriftet, wurde, in Kooperation mit der New York Public Library, von keiner geringeren Tageszeitung als der New York Times zu den 10 schönsten und besten Kinderbüchern des Jahres 2019 ausgewählt. Autor, Illustrator und Designer Sven Völker wurde zur Prämierung nach New York eingeladen. Sein Buch ziert nun auch die Regale amerikanischer Buchhandlungen und Büchereien. Dieses Kunstwerk lädt zu allem ein, was ein einzigartiges Kinderbuch ausmacht: Neugier, Freude, eine Entdeckung, ein Erlebnis – eine Reise in das Zahlenuniversum und ein Appell an die Phantasie, bereichert mit farbenreicher Illustration. Das faszinierende Werk gehört ins Buchregal wie der Atlas oder das Lexikon, nicht nur für Kinder.