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Wenn ich die Nummern der Horen getreu nach Erscheinungs- bzw. Lieferdatum lesen möchte, wäre ich noch zu früh. Denn die September-Nummer von 1796 wurde erst Ende Oktober in Jena ausgeliefert. Tut nichts; ich lese nach ‚offiziellem‘ Erscheinungsmonat.
Nach einer kurzen Pause fährt in der September-Nummer Goethe als erster mit seinem Benvenuto Cellini weiter. Bevor er mit dem eigentlichen Text weiterfährt, meldet der Übersetzer, dass er den Bericht von Cellinis Reise
durch Graubünden, über Wallenstadt, auf Zürch [sic!], von da, über Solothurn, Lausanne und Genf, nach Lion [mit Endstation Paris]
weglässt. Das passt zwar dazu, dass Goethe an Cellini primär interessiert war, weil er (Goethe) erneut an Italien interessiert war, erneut eine Reise dorthin plante – aber nun lässt er genau den Teil weg, den ich allenfalls (aus lokalpatriotischem Interesse) noch gelesen hätte 🙁 . Ansonsten nämlich ärgert mich der barocke Aufschneider und Egomane im Übersetzergewand eines prä-biedermeierlichen Staatsdieners mächtig.
Properz‘ Arktischer Sieg kommt als nächstes. Knebel darf wieder mal ran. Es ist zu sagen, dass Knebels Properz-Übersetzung zu ihrer Zeit (zu Recht) hochgerühmt war. Mir fiel vor allem auf, wie ungeniert der ehemalige Dichter von Liebes-Elegien sich zum Staatsdichter umfirmiert, wie ungeniert er Augustus in den Himmel lobt. Sicher, es war Augustus‘ grosses Verdienst, die Bürgerkriege in der Nachfolge Cäsars beendet zu haben und Rom in eine neue Periode des Friedens geführt zu haben. Aber Properz trägt dick auf.
Die Neueste Zimmerverzierung in Rom von Meyer liess mich zuerst einen Beitrag vom Goethe-Freund, dem „Kunscht“-Meyer, erwarten. Es war dann aber ein anderer: Friedrich Johann Lorenz, ein Hamburger, der auch als Reiseschriftsteller bekannt geworden war. Das macht die Sache leider nicht besser: Meyer berichtet, wie er und seine Begleiter in den Pallast Altieri eindringen, um dort die neu ausgestatteten Gemächer der Prinzessin Altieri zu besichtigen. Diese lässt sie gewähren, zieht sich allerdings in andere Räume des Palastes zurück – wohl aus berechtigter Angst, mit abkonterfeit zu werden. Meyers Bericht liest sich, wie sich bis heute die sog. „Home Stories“ der Boulevard-Presse lesen. Flüchtige Eindrücke von schlecht gesehenen Gemälden, Teppichen, Tapeten etc. Meyer hat offenbar keine Ahnung von Materialien oder Kunstgeschichte.
Mit Nathan, einer Novelle aus Boccaccios Decamerone, finden wir Sophie Mereau wieder – damals als Lyrikerin recht bekannt; dies aber vor allem wohl, weil sie von Schiller und Brentano gepusht wurde. Heute liest man sie jedenfalls nicht mehr. Ihre Übersetzung hier ist brav, ebenso allerdings das Stück, das sie sich ausgesucht hat. Auf heutige Leser wirkt diese Novelle Boccaccios einigermassen komisch in der Art und Weise, wie sich die Protagonisten in Selbstlosigkeit zu übertrumpfen suchen. (Nein, mit dem Nathan von Lessing, der ja auch aus dem Decamerone geholt ist, hat dieser hier nichts zu tun!)
Die Dioskuren. Abermals Theokrit, abermals Voß. Für einmal wählte Voß eine fast altertümliche, fast brutale Sprache, die mich fast erschreckt hat. Ich hatte Geglätteteres erwartet, und mich deshalb ein bisschen über dieses Gedicht gefreut.
Alles in allem: Die Horen erfüllen im Grunde genommen den Minimalanspruch einer einigermassen intelligenten Unterhaltung immer noch. Gerade so eben und knapp, aber: doch, ja. Die Unsorgfalt des Herausgebers Schiller, der, froh um jeden Beitrag, noch und noch denselben Autor mit derselben Geschichte (Cellini) die Hälfte und mehr seiner Zeitschrift füllen lässt, ist allerdings zu bedauern.