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Im reichhaltigen Programm des Festivals «aVENTura» wird ein Werk einen besonderen Charakter haben: «Dystopia» ist die einzige Komposition, die speziell für diesen Anlass in Auftrag gegeben worden ist. In einem Interview enthüllt sein Autor, der junge Komponist Gauthier Dupertuis, die Geheimnisse des Werks und spricht über seinen Werdegang und seine Perspektiven.
Gauthier Dupertuis, können Sie sich kurz vorstellen?
Ich bin 25 Jahre alt, Walliser und komme aus Vernayaz, ganz in der Nähe von Martigny. Aktuell wohne ich in Freiburg, wo ich kurz vor Abschluss meines Studiums stehe. Ich dirigiere die Musikgesellschaften Vaulruz (FR) und Avenir de Payerne (VD). Ausserdem betreue ich interimistisch den Musikverein meines Dorfes, Echo du Trient, bis eine neue Leitung gefunden ist.
Wie ist Ihr bisheriger Werdegang?
Ich habe mit etwa acht Jahren mit der Musik angefangen. Zuerst spielte ich Blockflöte, dann Cornet und schliesslich fand ich mein Instrument, das Euphonium. Solistenwettbewerbe reizten mich nicht, aber ich arbeitete hart genug, um in die Militärmusik aufgenommen zu werden, wo ich bis zum Unteroffizier aufstieg. Dort begann ich, das Dirigieren zu lernen. Ich beschloss, mich weiter zu verbessern und trat in die Klasse von Jean-Claude Kolly am Konservatorium und später an der HEMU in Freiburg ein. Ausserdem absolvierte ich ein DAS (Diploma of Advanced Studies) in Orchesterleitung bei Florian Ziemen in Bern und nahm an einem Kurs in Chorleitung bei Jean-Claude Fasel teil. Demnächst werde ich meinen Master an der Universität Freiburg in Musikwissenschaft und Philosophie abschliessen.
Wie sind Sie zum Komponieren gekommen?
Mit etwa 13 Jahren machte ich mir einen Spass daraus, Melodien, die ich hier und da hörte – zum Beispiel aus Videospielen – zu übertragen. Doch dann fing ich an, richtig zu schreiben und nahm, zunächst ohne Ambitionen, an einem Kompositionswettbewerb in Italien teil …
… und Sie haben gewonnen?
Ja.
Ihre Karriere begann …
Ja und nein. Es war im Jahr 2021. «Postcards from tomorrow» sollte in Italien herausgegeben und in einem Wettbewerb eingesetzt werden, doch aufgrund der Pandemie wurde dieser abgesagt und das Stück blieb ungenutzt. Ausser, dass es für einen Meisterkurs Dirigieren – ebenfalls in Italien – und geleitet von Franco Cesarini verwendet wurde. Er war es auch, der mir vorschlug, das Stück über seinen eigenen Verlag zu veröffentlichen. Der Glücksfaktor spielte dabei eine nicht unbedeutende Rolle.
Kommen wir zu «Dystopia», der einzigen Komposition, die für «aVENTura» in Auftrag gegeben wurde. Wie kam es dazu?
Felix Hauswirth hat mich anfangs Jahr angerufen. Sein Vorschlag, für ein doppeltes Bläserquintett zu schreiben, eine Besetzung, für die ich noch nie komponiert hatte und die ich nicht wirklich kannte, stellte eine Herausforderung dar, die ich anzunehmen beschloss. Und es lief gut, denn das Stück steht auf dem Programm [lacht].
Eine Dystopie ist eine fiktive Erzählung, die eine Fantasiewelt beschreibt. Erzählen Sie uns von der Fantasiewelt in Ihrem Werk …
Ich mag die Romane sehr, in denen es um einen Helden geht, der gegen das Böse kämpft. Ich wollte also einen Konflikt wiedergeben, aber meine Komposition erzählt keine Geschichte. Der Ansatz ist eher konzeptionell und lässt zwei Themen gegeneinander antreten. Oftmals stehen sich die gleichen Instrumente der beiden Quintette – die eigentlich getrennt angeordnet sein sollten – in einer Art Wettstreit gegenüber: Flöte gegen Flöte, Klarinette gegen Klarinette usw. Oder es handelt sich um ein Duo oder eine kleine Gruppe, welche die anderen bekämpft. Zum Schluss gibt es noch ein drittes Thema, das die Verbindung zum bisher Gehörten erstellt.
Wie ist «Dystopia» aufgebaut?
Der erste Teil, ein Präludium, ist lyrisch und recht frei in der Schreibweise. Darauf folgt eine Toccata, die rhythmischer, schneller und strukturierter ist. Ich habe mich für eine minimalistische Sprache entschieden. Auch hier stellte sich mir eine echte Herausforderung, weil es sich um Techniken handelt, die ich normalerweise nicht verwende. (Anm. d. Red.: Die minimalistische Musik entstand in den 1960er Jahren und markiert einen Bruch mit der Avantgarde und eine Rückkehr zur tonalen oder manchmal auch modalen Musik. Sie zeichnet sich im Allgemeinen durch wiederholte Muster, Schlichtheit und sparsame Mittel aus.)
Wie gehen Sie im Allgemeinen vor?
Ich bin eigentlich noch auf der Suche nach mir selbst. Aber ich gehe grundsätzlich von einem sehr einfachen Grundmotiv aus, das ich melodisch und harmonisch weiterentwickle. Beim Grundthema von «Dystopia» war es die Hupenmelodie eines Busses, in dem wir auf einer Indienreise mit der Landwehr Fribourg unterwegs waren [lacht]. Anschliessend entscheide ich mich für eine Form. Ich schreibe instinktiv, ohne wirkliche Struktur. Dies führt oft dazu, dass einige Passagen zwar fertig sind, aber durch Lücken getrennt sind, die ich dann füllen muss.
Was sind Ihre Inspirationsquellen?
Für dieses Werk würde ich John Adams, Igor Strawinsky und die vielleicht weniger bekannte Nancy Galbraith nennen.
Woran arbeiten Sie momentan?
Wir bereiten eine Aufführung zum 100-jährigen Jubiläum der Alpée de Vaulruz und zum 125-jährigen Jubiläum des gemischten Chors Harmonie aus demselben Dorf vor. Ich schreibe unter anderem die Ouvertüre, die gemeinsam aufgeführt wird. Von Miguel Etchegoncelay habe ich einen Auftrag für die Musikgesellschaft Konkordia Reinach (BL) erhalten, die er leitet. Und ich plane auch ein Konzert für einen spanischen Klarinettisten, den ich bei einem Meisterkurs von José Rafael Pascual-Vilaplana in Barcelona kennengelernt habe.
Wo sehen Sie Ihre Zukunft?
Wahrscheinlich beim Unterrichten. Musik und vielleicht auch Philosophie, mein zweites Fach. Aber Dirigieren und Komponieren werden meine Haupttätigkeiten bleiben. Ich könnte mir ein Kompositionsstudium in der Schweiz oder im Ausland vorstellen, aber das ist noch in weiter Ferne.
Ein paar Worte zur Schweizer Blasmusikszene?
Es ist ein Umfeld, dem es ziemlich gut geht. Man braucht sich nur die Ergebnisse unserer Brass Bands anzusehen, deren Szene sehr gut gedeiht. Aber unser Land ist auch sehr reich an hervorragenden Harmonien. Und in all diesen Ensembles sind Amateure, was Erstaunen hervorruft, wenn man im Ausland davon berichtet. Vielleicht sollte unsere Szene mehr neue Wege erkunden. Das würde uns vielleicht mehr Legitimität gegenüber der «Klassik» verschaffen, die uns viel zu oft meidet.
Wenn Sie …
… ein berühmtes Werk wären
Debussys «La mer» (Das Meer)
… ein anderer Schweizer Komponist wären
Jean Daetwyler, wegen seines umfangreichen Werks
… eine Epoche der Musikgeschichte wären
die Zeitgenössische