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Das Buch „Christliche Wissenschaft“ steht in einer Reihe von Publikationen, die das unablässige Schaffen des damals 50-jährigen Theologen anzeigen. Zu den Veröffentlichungen von 1904 gehören „Prinzipien der Pädagogik“ und „Christliche Weltanschauung“. Der Text zählt für mich zu den weniger bekannten, jedoch ergiebigen.
Das Banner des Evangeliums über der Domäne der Wissenschaft hissen
Die niederländische-reformierte Bewegung hatte es sich zum Ziel gesetzt, die verschiedenen Bereiche des Lebens aus der Optik des christlichen Glaubens neu zu durchdenken. Auf diesem Hintergrund ist das Anliegen Bavincks zu sehen, auch die Wissenschaft erneut auf das Fundament des christlichen Glaubens zu stellen (5). Seit dem 18. Jahrhundert – für Bavinck Wendepunkt in der allmählichen Abwendung von Gott – waren die Christen in tiefen Schlaf versunken. Über dem Erbe der Wissenschaft sollte „das Banner des Evangeliums“ aufgerichtet werden (6). Mit dem Verweis auf die Enzyklika von Papst Leo XIII von 1879 hoffte Bavinck, dass sich auch in den konfessionell-reformierten Kreisen die Wiederbelebung einer christlichen Wissenschaft fortsetzen würde. Anknüpfungspunkt dazu ist das unauslöschliche metaphysische Bedürfnis des Menschen (8).
Der Beginn der christlichen Wissenschaft
Zuerst geht Bavinck der Frage nach, wie das Konzept einer christlichen Wissenschaft entstanden war. Das Christentum markierte einen Paradigmenwechsel, indem es die Wahrheit in Gott und nicht in seinen Kreaturen verankerte (10). Damit spürte der Mensch, einem Schiffbrüchigen gleichend, wieder den festen Boden der Wahrheit unter seinen Füssen. Das Christentum ist die wahre Philosophie und rüstet als solche den Menschen mit einem besseren Verständnis für die Welt, Natur und Geschichte aus (12). Bavinck sah in den ersten Jahrhunderten zwei Strömungen innerhalb des Christentums: Die Schule des Tertullian, die keine Verwertung heidnischen Wissens für das Christentum zuliess; zweitens die Alexandrinische Schule, die den Glauben zum Wissen erhob und ihn zu perfektionieren trachtete. Dies widerspiegelt das Schwanken zwischen Kulturverachtung und -vergötterung (14-15). Bavinck stellt sich selbst in die Tradition von Augustinus, der mit seiner brennenden Liebe für die Wahrheit einen dritten Weg beschritt, nämlich den einer christlichen Praxis der Wissenschaft. Der Glaube umfasst auch das Wissen und ermöglicht erst den wahren Zugang zu Erkenntnis. Die heidnische Wissenschaft ist nicht zu verachten, sie wirft einen „Schatten der Wahrheit“. Für die ewigen Wahrheiten öffnet sie jedoch das Verständnis nicht. Das bedeutet, dass die sogenannten exakten Naturwissenschaften auch von den Heiden behandelt werden konnten. Je näher die Inhalte dem Glauben kamen, desto mehr lag das rechte Verständnis jedoch im Dunkeln. Wie so oft in seiner Argumentation bemüht sich Bavinck um Ausgewogenheit. Er verschloss die Augen nicht vor den Mängeln der christlichen Wissenschaft, etwa der Versklavung der Philosophie an die Theologie, welche der Wissenschaft über Jahrhunderte viel Bewegungsfreiheit raubte. Damit verbunden war eine Vernachlässigung der Empirie (18).
Die Emanzipation der Wissenschaft von Gott: Der Weg in den Positivismus
Umgekehrt sieht Bavinck die Emanzipation der Wissenschaft vom Glauben weg – die Säkularisierung – als Verarmung und Rückschritt an. Während früher alles Geschehen als Akt des persönlichen Gottes verstanden wurde, waren es nach dem Einzug des Rationalismus nur noch die Naturgesetze. Besonders die Kantianische Wende beschränkte das Wissen auf die sinnlich-wahrnehmbare Welt und bot dem Glauben in einem „unbekannten Land“ dahinter eine Flucht- und Schlupfmöglichkeit an (19-21). Dies begünstigte den Empirismus, welcher die „Voraussetzungslosigkeit“ der Wissenschaften postulierte. Eine Folgeentwicklung war die positivistische Wissenschaft, welche die Eitelkeit und Vergeblichkeit aller metaphysischen Spekulationen behauptete. Eine übergeordnete Einheit blieb, falls vorhanden, für den Menschen völlig unerkennbar. Der Mensch war in der Konsequenz zu Ohnmacht und Unwissenheit verdammt (24). Der Deutung von Gegenwart und Vergangenheit beraubt, konzentrierte sich die Wissenschaft fortan auf Prognosen für die Zukunft. Statt den Dogmen der Kirche und des Staates verkündete fortan ein „Areopag der Gelehrten“, was für das öffentliche Leben zu gelten hatte (25).
Bavinck kratzte nicht nur am Axiom der Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft, er attackierte insbesondere die Neutralität der Gelehrten. Selbst der wissenschaftliche Mensch verwende seine Annahmen nur so lange, wie diese ihm dienten. Er entwickle niemals Gleichgültigkeit gegenüber seinen heiligsten Idealen – dies dem Faktum zum Trotz, dass die Wissenschaft immer wieder irrte und ihre Ergebnisse korrigieren oder sogar fallen lassen musste. Wenn Gott sich zu erkennen gibt, dann sollte Wissenschaft mit ihm rechnen, andernfalls macht sie sich schuldig. Christen wären nicht auf den Gedanken gekommen, Forschungsergebnisse abzulehnen, die in harter Arbeit erzielt worden waren. Umgekehrt sieht Bavinck dort Probleme, wo die Wissenschaft über staatliche Reglementierung herrschen will. Als „voraussetzungslose“ Wissenschaft deklariert (um nicht zu sagen getarnt), möchte sie die Alleinherrschaft erringen und beansprucht exklusiv staatliche Mittel zur ihrer Förderung. Dabei sollte Wissenschaft durch ihre „innere Kraft“ und ihre eigenen Argumente überzeugen. Fazit: Die positivistische Wissenschaft sollte als ein Konzept unter anderen gerechnet werden, denn auch sie geht von bestimmten metaphysischen Annahmen aus (32-33).
Wissen als alleiniges Ergebnis sinnlicher Wahrnehmung und Erfahrung?
Bavinck hält gegen den empiristischen Exklusivismus. Wir müssen glauben, dass uns über unsere Wahrnehmung echtes Wissen über die Welt angeboten wird (36). Jede Wahrnehmung ist zudem bereits eine Verbindung von Wahrnehmungen. Keine Wahrnehmung kann ohne Nachdenken erworben werden. Der Positivismus bestreitet innere Erfahrung als zusätzliche Quelle des Wissens. Wir wissen aber auch von unsichtbaren Dingen, die wir als unbestreitbare Realität anerkennen. Leidenschaften, Überzeugungen sind ebenso Realitäten wie Materie und Energie (38-39). Jedes Phänomen muss aus seinem Kontext herausgelöst werden für eine Verallgemeinerung. Auch diese Abstraktion ist eine Aktivität des menschlichen Geistes.
Im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Begriff der Wissenschaft Bavinck vehement gegen den Skeptizismus Stellung: Der Positivismus verwechselt Relativismus mit der Tatsache, dass unser Wissen relativ, endlich und unvollkommen ist. Ja, letztlich untergräbt der Skeptizismus das Fundament der Wissenschaft, indem er die a priori Wahrnehmbarkeit der Wirklichkeit in Frage stellt (44). Ein weiteres Argument im Hinblick auf die Forschung: Die überwiegende Mehrheit von dem, was wir wissen, haben wir nicht durch persönliche Beobachtung, Forschung oder Argumentation gewonnen, sondern wir setzen es einfach voraus. Einer der Hauptgründe für diesen Glaube ist das Zeugnis anderer. Die Aufgabe der Wissenschaft besteht nach Bavinck gerade darin, „das vollständige reiche Leben“ mit seinen Gesetzmässigkeiten erkennen und in ihrer „Essenz und Wahrheit“ verstehen. Die Analyse genügt also nicht, sie muss von Synthese gefolgt sein (63). Trotzdem bleibt die Wissenschaft ein risikoreiches Experiment, dass immer wieder in Enttäuschungen gipfeln kann (52). Oftmals werden Ergebnisse darum auch dann als gesichert ausgegeben, nachdem sie sich als unhaltbar erwiesen haben (64).
Wissenschaft als systematische Erforschung des Kosmos
Wissenschaft im Allgemeinen hat die systematische Erforschung des ganzen Kosmos zum Ziel (58). Für die Erforschung sind jedoch nicht nur ein scharfes Auge und ein klarer Verstand, sondern auch eine unablässige Sorgfalt, geeignete Methoden und eine sorgfältige Prüfung notwendig (63). Für die unterschiedlichen Disziplinen verlangt Bavinck verschiedene, den Forschungsobjekten angepasste Methoden der Forschung (60). Bavinck unterscheidet (wie seit Dilthey üblich) zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften: In Philologie, Geschichte und Philosophie haben wir es immer mit der Erkenntnis des Menschen, also mit seiner inneren, unsichtbaren, geistigen Seite zu tun (71). Trotzdem dürfen sich diese Disziplinen nicht in Spekulationen verlieren, sondern müssen mit der empirisch erfahrbaren Wirklichkeit abgeglichen werden (72). Die Theologie sieht Bavinck als dritte, separate Kategorie. Dort geht es um religiöse, objektive Wahrheit, um das höchste Gut des Menschen. Theologie im Sinne der Erkenntnis Gottes ist das Herz der Religion (77). „An der Religion hängt das Schicksal des Menschen. Wenn die Seele verloren ist, ist alles verloren.“ (80)
Bavinck streicht den Segen des Christentums für die Wissenschaften heraus, insbesondere für die Theologie, im weiteren Sinn auch für die Erforschung der von Gott geschaffenen Wirklichkeit. Im letzten Abschnitt plädiert er für eine christliche Universität. Eine solche war vor über 20 Jahren in Amsterdam gegründet worden. Seit 1902 unterrichte Bavinck dort selbst als Professor für Dogmatik. Die Zusammenarbeit zwischen christlichem Bekenntnis und der Forschung ist nicht nur möglich, sondern nötig und sinnvoll (107). Nicht zuletzt bringt jeder Professor ein Weltbild mit, das er verteidigt (116). Selbst der Skeptiker ist ein Propagandist für das Dogma des Zweifels! Letztlich geht es um die Suche nach Wahrheit. Das mag für unsere an Relativismus und Skeptizismus gewöhnten Ohren seltsam klingen: Was wahr ist, ist wissenschaftlich. Dies gilt auch dann, wenn alle Menschen bzw. die öffentliche Meinung dagegen stehen (121).
Fazit
Bavincks Buch ist ein interessantes Lehrstück zur Wissenschaftsgeschichte. Auch wenn wir ihm nicht überall folgen, müssen wir eingestehen: Er ist bestrebt eine eigene Position aus der Sicht des christlichen Glaubens zu erarbeiten. Er entwickelt sowohl eine Sicht auf die Geschichte als auch Antworten auf aktuelle Strömungen (inbesondere das der Forschung zugrunde liegende Weltbild des Positivismus). Er entkräftet das (moderne) Argument der „voraussetzungslosen“ Wissenschaft. Heute sehe ich, von einigen Ausnahmen abgesehen, die Christen wieder im Schlaf bzw. eine gelebte Spaltung zwischen einem privaten, innerlich-religiösen und einem öffentlichen, rationalen, wissenschaftlichen Leben. Bedenkenswert dünkt mich vor allem der Paradigmenwechsel: Früher regierten Staat und Kirche die Menschheit, jetzt ist die Wissenschaft Wohltäterin der Völker und Befreier der Menschheit. Sie haben Autorität über die Dogmen, die Lehre und Leben der Menschen bestimmen (69). Erkennbar wird dies beispielsweise in der Businesswelt mit ihrer ungebrochenen Zahlengläubigkeit. Bavinck warnte schon damals: Die Wissenschaft muss sich dauernd über die praktische Erfahrung korrigieren lassen. Er nennt als Beispiele das feine Gespür für Menschen, über das ein Anwalt verfügen muss; ebenso den Arzt, der nicht einfach aus der Höhe seiner Erkenntnis auf praktische Erfahrung herunterblicken kann (51). Wahrhaftigkeit und Bescheidenheit ist eine Tugend, die vor allem dem christlichen Forscher gut anstehen (64). Dies darf jedoch nicht mit dem Rückzug bzw. der Kapitulation vor herrschenden Weltbildern verwechselt werden!