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Sinn und Aufgabe der Geisteswissenschaften (2/3) / © 1979-2002 by Franz Gnaedinger, Zurich, fg(a)seshat.ch, fgn(a)bluemail.ch / www.seshat.ch
Grussbotschaft an die Zirkumferenz (Brandenburg an der Havel, 13./14. März 2002):
Bedeutung des Kreises vom Paläolithikum über das alte Ägypten, Babylon, Griechenland, Italien im Mittelalter und in der Renaissance
Liebe Pi-Freunde, verehrte Gäste
Wozu ein Pi-Klub? Auf diese Frage gibt es launige und ernsthafte Antworten. Hier soll eine weitere seriöse Antwort gegeben werden: Der Kreis mit seiner geheimnisvollen kleinen Zahl verbindet Zeiten und Völker.
Die eminente Archäologin Marie E.P. König erforschte die paläolithischen Gravuren in Höhlen der Ile de France (Paris und Umgebung). Sie verweist in ihren schönen Büchern auf die Bedeutung von Quadraten, Kreuzen, Gittern und kreisähnlichen Rundformen. Ihrer Meinung nach symbolisieren die Rundformen den Himmel, die Achsenkreuze die Himmelsrichtungen Osten-Westen und Süden-Norden, während die bisweilen mit Rundformen kombinierten Gitter "Himmelshäuser" darstellen.
In den neolithischen Kulturen des Mittelmeerraumes dürfte es einen neolithischen Schöpfungsritus gegeben haben, bei welchem eine Priesterin der grossen Muttergöttin ihre Arme über den Kopf hob, zuerst als geschlossenen Kreis, wonach sie die Arme öffnete und so gewissermassen die Erschaffung der Welt aus dem Weltei wie auch Geburt und Wiedergeburt symbolisierte. Der hypothetische Ritus dürfte im vordynastischen Ägypten besonders beliebt gewesen sein.
Bis vor rund 7'500 Jahren war der ägyptische Teil des Niltales eine rauhe und gefährliche Gegend, dominiert von einem "zornigen Fluss" (Rushdi Said). Als jedoch die einst grünere Sahara nach und nach austrocknete, siedelten Stämme aus Nubien, Libyen, Arabien und Syrien im ägyptischen Niltal an, zähmten den wilden Fluss mit Kanälen, Dämmen, Deichen und Wasserbecken, und verwandelten so die 600 Kilometer lange Flussoase in einen blühenden Garten - immer bedroht von der Nilschwelle, die einmal ausblieb, ein andermal die Felder wegschwemmte.
Als Zeichen ihres Triumphes liessen die Pharaonen der 3. und 4. Dynastie ihre grossen Pyramiden erbauen, welche den irdischen Osiris, nämlich den Nil, mit dem himmlischen Osiris, nämlich Orion, verbanden. Ein würdiger König sollte nach seinem Tod als Osiris auferstehen und vom Himmel herab für sein Volk sorgen. Zugleich war ein vergöttlichter König der Sonnengott Re, der in seiner Sonnenbarke über den Himmel zog. Die Hieroglyphe des Re war ein kleiner Kreis als Symbol der Sonnenscheibe. Allerdings verstanden die Ägypter jede Eigenschaft einer Person bis hin zur Körperfarbe und zum Schatten als einen Anteil ihres Wesens. Der Kreis war deshalb mehr als ein Bild der Sonnenscheibe: er war Re selber, und seiner geheimen Zahl auf die Schliche kommen war deshalb ein Weg, um an der Macht und Herrlichkeit Re’s teilzuhaben.
Die Schule des genialen Architekten Imhotep und vor allem Hemon, der mögliche Erbauer der Cheops-Pyramide, dürften das erste systematische Verfahren der Kreisberechnung gefunden und entwickelt haben. Die Schlüsselfigur dieses Verfahren basiert auf dem sog. Heiligen Dreieck mit den Seitenlängen 3, 4 und 5 Ellen in einem Gitter von 10 mal 10 Ellen. Eine kurze Darstellung dieses Verfahrens finden Sie in der aufgelegten Broschüre.
Um 1650 vor Christus schrieb ein gewisser Ahmes den berühmten Papyrus Rhind, als Kopie einer verlorenen Schriftrolle aus der Zeit um 1850 vor Christus. Am Beginn seiner Kopie verspricht Ahmes Einblick in alle Geheimnisse. Danach folgen relativ simple Rechnungen, welche die meisten Leser enttäuschen. War Ahmes ein Hochstapler? Nein. Vielmehr kann man seine Aufgaben auf drei Ebenen lösen: Anfänger üben das Rechnen mit Stammbrüchen; Fortgeschrittene lösen geometrische Aufgaben, die sich in den Zahlen verstecken, und die Begabtesten üben sich an Theoremen. In der aufgelegten Broschüre finden Sie eine witzige Aufgabe aus dem Papyrus Rhind (Nummer 32, ein magischer Quader), zudem eine Verwandlung des quaderförmigen Getreidemasses Hekat in einen Zylinder (Nummer 38).
Wie der Papyrus Rhind dürften auch die in etwa zeitgleichen mathematischen Tontäfelchen aus Babylon "Schulbücher" in der allerdichtesten Form gewesen sein, und wie im ägyptischen Beispiel geht es oft um Kreise.
Kreise spielen auch bei mehreren griechischen Plastiken eine Rolle, etwa bei dem berühmten Poseidon vom Kap Artemision.
Wilhelm Pötters beruft sich auf das mittelalterliche Deus est sphaera - das Göttliche oder Gott selber ist in der vollkommenen Form der Kugel anwesend. Pötters zeigt auf höchst überzeugende Weise, wie die metrische Form der poetischen Gattung Sonett aus einem in ein Rechteck umgewandelten Kreis hervorging, und er zeigt überdies, wie die geheimnisvolle Zahl, die dem Kreis innewohnt, in die grossen Werke der frühen italienischen Poesie Eingang fand.
Gerhard Goebel, von Hause aus Romanist, schrieb seine Habilitation Poeta Faber über erdichtete Architekturen; heute würde man sagen: virtuelle Architekturen. Goebels Vorliebe gilt Poliphilos Traum. Er zeigt, dass die virtuelle Traum-Insel Kythera mit ihren Phantasie-Gebäuden auf einer klaren Geometrie basiert, und wenn man seine Ideen zur geometrischen Basis jener virtuellen Insel zusammenführt, gelangt man zu einem genialen System, das die Geometrie der Cheops-Pyramide noch einmal neu erfindet und den schönen, von Goebel ersonnenen Namen System POLIAS wohl verdient. Mehr zu seinem System in der aufgelegten Broschüre.
In Leonardo da Vincis Abendmahl findet sich, als ein offenbares Geheimnis im Sinne Goethes, eine Quadratur des Kreises, die freilich Jesus zugeordnet ist - als ob damit gesagt werden soll, dass nur ER das Unvereinbare verbinden kann.
Kreise spielen in der Malerei der Renaissance eine wichtige Rolle und erlauben in manchen Fällen die Rekonstruktion beschnittener Formate, sowie die Klärung der Frage nach dem Maler, und ob ein Bild ein Original, eine getreue Kopie oder eine freie Kopie sei, was für den Wert bisweilen einen grossen Unterschied macht. Am heutigen Tag soll ein informelles Institut für Bildanalysen und Expertisen begründet sein. Mehr im aufliegenden Ringbuch. Wer möchte, kann sich gerne an diesem Projekt beteiligen.
Das war ein recht abstrakter Überblick über eine Reihe von Themen und von Kulturen, die aus grauer Vorzeit bis in die neuere Gegenwart hinein reichen und bei aller Verschiedenheit eines gemeinsam haben: ein Streben nach Höherem, das im Kreis ein gültiges, ebenso einfaches wie ewig unergründliches Symbol findet.
Noch ein Wort zur aktuellen Lage: eine faire Kulturgeschichte, welche auch die Leistungen der vorgriechischen Völker und die Beiträge der Frauen anerkennt wäre eine Vorbedingung für ein gedeihliches Zusammenleben im Rahmen einer globalen Gesellschaft.
Vielen Dank
Anmerkungen zum System Polias von Gerhard Goebel (Hypnerotomachia Poliphili)
Die Hypnerotomachia Poliphili, einst Francesco Colonna zugeschrieben, heute weitgehend als ein Werk von Alberti angesehen, gehört in den Forschungsbereich von Gerhard Goebel. Er hat seine Ideen zur imaginären Insel Kythera in mehreren Aufsätzen, Referaten und Briefen dargelegt und wichtige mathematische Ideen auf intuitivem Weg erschlossen. Mit meiner Kenntnis antiker Rechenverfahren möchte ich ihm zur Hand gehen und sein System Polias erweitern. Es scheint mir, dass Alberti sowohl das Verfahren der Kreisberechnung wiederentdeckte, das ich dem Ägypter Hemon zuschreibe (s. Teil 1), als auch eine geniale Vereinigung der römischen Masse der Antike und der Renaissance mit dem florentinischen braccio vornahm:
IR mille passuum 140'000 e Imperium Romanum (altrömisch)
IR stadium 17'500 e Imperium Romanum
IR actus 3'360 e Imperium Romanum
IR pertica decempeda 280 e Imperium Romanum
RR canna Romana 210 e Rom der Renaissance
IR passus 140 e Imperium Romanum
IR gradus 70 e Imperium Romanum
FR braccio Fiorentino 55 e Florenz der Renaissance
IR cubitum 42 e Imperium Romanum
IR palmipes 35 e Imperium Romanum
IR pes 28 e Imperium Romanum
RR palmo Romano 21 e Rom der Renaissance
IR palma 7 e Imperium Romanum
IR digitus 7/4 e Imperium Romanum
Verwendet man den gut bezeugten und einheitlich angegebenen braccio Fiorentino = 58,36 cm als Eichmass für das System Polias, so erhält man folgende Zahlen:
IR mille passus 140'000 e 148'552,727... cm
IR stadium 17'500 e 18'569,090... cm
IR actus 3'360 e 3'565,265... cm
IR pertica decempeda 280 e 297,105... cm
RR canna Romana 210 e 222,829... cm
IR passus 140 e 148,552... cm
IR gradus 70 e 74,276... cm
FR braccio Fiorentino ----- 55 e ------ 58,36 cm
IR cubitum 42 e 44,565... cm
IR palmipes 35 e 37,138... cm
IR pes 28 e 29,710... cm
RR palmo Romano 21 e 22,282... cm
IR palma 7 e 7,427... cm
IR digitus 7/4 e 1,856... cm
Einheit 1 e 1,061090909... cm
Der palmo Romano mass je nach Angabe 22,234 cm, 22,319 cm, 22,34 cm. Der Mittelwert beträgt 22,297666... cm. Der goldene Minor des braccio Fiorentino misst praktisch gleich viel, nämlich 22,2915346... cm (Differenz 0,006 mm). Ein glücklicher Zufall, den Alberti bemerkt haben dürfte und über die sog. Fibonacci-Folge 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144 ... in das obige System integrierte. Auch die römischen Masse der Antike und der Renaissance liessen sich gut vereinigen. Das römische Stadion zählt 125 passus und misst 185 m. Das obige System ergibt auf der Basis des braccio Fiorentino ein Stadion der Länge 185,690909... m, aufgerundet 186 m. Würde man ein Stadion von 185 m als Eichwert einsetzen, so bekäme man für den braccio Fiorentino 58,1428... cm, etwas weniger als 58,36 cm. Die Fehler sind klein, selbst auf grosse Längen hochgerechnet.
Die kombinierten Masse erlauben einfache Pläne mit ganzen Zahlen. Beispiele geometrischer Formeln im System Polias:
Durchmesser eines Kreises 1 palmipes, Umfang 2 braccia
Durchmesser 1 gradus, Umfang 4 braccia
Durchmesser 1 passus, Umfang 8 braccia
Durchmesser 1 canna Romana, Umfang 12 braccia
Durchmesser 1 pertica decempeda, Umfang 16 braccia
Durchmesser 1 actus, Umfang knapp 192 braccia (Fehler 4,5 cm)
Durchmesser mille passus, Umfang 7996,78 oder rund 8000 braccia
Radius eines Kreises 1 palmipes, Fläche 2 palmipedes mal 1 braccio
Radius einer Kugel 1 palmipes, Oberfläche 4 palmipedes mal 2 braccia
Durchmesser einer Kugel 1 palmipes, Volumen dreier Kugeln
1 palmipes mal 1 palmipes mal 1 braccio Fiorentino
Seitenlänge eines Quadrates 9 bracci, Diagonale 20 palmipedes
Seitenlänge eines Quadrates 10 palmipes, Diagonale 9 braccia
Länge einer Strecke 10 braccia, goldener minor 1 canna Romana
In der Hypnerotomachia finden sich viele mit römischen Massen beschriebene wie auch in Holzschnitten vorgestellte Architekturen, die sich mit dem obigen System leicht rekonstruieren lassen. Regel: man belege die Seiten der Quadrate wie auch die Radien und Durchmesser der Kreise mit römischen Massen (durch 7 teilbare Zahlen), man ergänze die fehlenden Masse mit weiteren römischen Massen aus der Liste, und berechne die Diagonalen der Quadrate und Umfänge der Kreise in braccia (11er-Zahlen).
Beginnen wir mit der anspruchsvollen Magna Porta, in welcher das System Polias codiert sein dürfte. Seine mathematische Basis besteht aus einem Gitter von 6 mal 4 = 24 Quadraten und einem Bogen um die linke untere Ecke durch die rechte 2/6 = 1/3 Höhe und mittlere 4/6 = 2/3 Höhe POLIAS 1 Die eingetragenen Winkel sind gleich gross und haben den Tangens 2/4 = 1/2 (erster Strahl), 4/3 (zweiter Strahl), und 11:2 = 5,5 / 2 (dritter Strahl). Wenn man die Winkel verdoppelt, so bekommt man die ersten Tripel des Hemonschen Verfahrens der Kreisberechnung, nämlich 3-4-5, 7-24-25, 44-117-125. Der Schlüssel dieses Verfahrens besteht im Heiligen Dreieck 3-4-5. Auch dieses Dreieck findet sich im Gitterplan POLIAS 2
Goebel interpretiert die sonderbare Zahl 35:11, die aus einer Angabe in Poliphilos Traum hervorgeht, als Umfang eines besonderen 35-Eckes. Dieses Polygon lässt sich mithilfe der obigen Figur konstruieren. Die waagrechte graublaue Linie sei der Radius eines Kreises. Man trage die senkrechte graublaue Linie in den Umfang ein. Man wird ihn genau zehnmal eintragen können. Verbindet man jeden zweiten Punkt, so erhält man ein mathematisch genaues 5-Eck. Nun trage man den Winkel vom Tangens 2:11 ein: er wird praktisch siebenmal in den Winkel passen. Man wiederhole dies mit allen 5 Sektoren, So bekommt man ein schön genaues 35-Eck (der Winkel vom Tangens 2/11 beträgt 10,304846… Grad. Mit 35 malgenommen erhält man 360,66962… Grad, praktisch einen vollen Kreis).
Wählt man die römische canna (210 e) = 6 palmipedes (35 e) als Einheit, so bekommt man ein Gitter der Breite 4 canne und der Höhe 6 canne. Gibt man eine canna für den Giebel zu, so bekommt man eine Höhe von 7 canne = 42 palmipedes und folgende Rekonstruktion des Grossen Tores POLIAS 3 / POLIAS 4 / POLIAS 5 Die ideale Breite misst 4 canne oder 891,316 cm, die Höhe 7 canne oder 1559,804 cm, rund 15,6 m. Die kleine Einheit wäre der palmipes von 37,13818… cm. Der Rahmen des Bogentores hat eine Höhe von 21 palmipedes und eine Breite von 12 palmipedes, wobei das Verhältnis 21/12 = 7/4 mit jenem des ganzen Baus übereinstimmt. Die lichte Höhe des Bogentores misst 20 palmipedes, die lichte Weite 10 palmipedes, das ergibt ein Verhältnis von 2/1. Die Giebelhöhe des Tores steht zur Rahmenhöhe des Bogentores im Verhältnis 42/21 oder nocheinmal im Verhältnis 2/1. Der lichte Bogen misst praktisch 10 braccia, der Rahmenbogen 12 braccia, die mittlere Bogenlänge 11 braccia.
Gerhard Goebel verweist auf die Bedeutung der sog. Fibonacci-Folge und der sog. Lucas-Folge für die Magna Porta. Ihr Zweifaches wäre in der obigen Figur nachweisbar: Säulenbreite 2, Zierfeld 2, ein Säulenpaar 4, Säulensockel 6, lichte Torweite 10, verbleibende Höhe zwischen der Hauptlinie des oberen Ziersimses und dem Giebel des Monumentes 16, Höhe dieser Linie 26, Giebelhöhe 42:
2 2 4 6 10 16 26 42
1 1 2 3 5 8 13 21 34 55 89 144 ...
Goebel hält auch die sog. Lucas-Folge für wichtig im Zusammenhang mit Poliphilos Traum, und wirklich spielt sie im idealen Plan der Magna Porta eine Rolle: Säulensockel 1 canna, restliche Breite des imaginären Baues 3 canne, ganze Breite 4 canne, Giebelhöhe 7 canne. Breite des Bogenrahmens zur Höhe = 4/7. Das Modul palmipes verhält sich zum braccio wie 7/11:
1 3 4 7 11 18 29 47 76 123 199 322 ...
POLIAS 6 Der lichte Torbogen, zum Kreis ausgezogen, hat einen Durchmessser von 10 palmipedes und einen Umfang von 20 braccia (der Fehler ist kleiner als fünf Millimeter auf den ganzen Umfang, bei einem Näherungswert von 22/7 für Pi). Das Quadrat um den ausgezogenen Kreis ist gleich gross wie das Quadrat unter ihm. Die Seitenlänge misst 10 palmipedes, die Diagonale 9 braccia (mit einem Fehler von gut einem Viertel Millimeter, bei einem Näherungswert von 99/70 für die Wurzel 2).
Die Höhe der Torpfosten misst 15 palmipedes (lila), die lichte Höhe des Bogentores 20 palmipedes (gelb), die Oberhöhe eines Zierfeldes 25 palmipedes (graublau): das wären die Zahlen des Heiligen Dreieckes 15-20-25, um fünf gekürzt 3-4-5 POLIAS 7
Das Dreieck der Seitenlängen 15-20-25 palmipedes kann man in den idealen Bauplan eintragen POLIAS 8 Der einbeschriebene Kreis hat einen Durchmesser von genau 10 palmipedes: Summe der Katheten minus Hypotenuse = 15 + 20 – 25 = 10. Der obere Halbkreis entspricht dem lichten Torbogen mit einem Umfang von praktisch 10 braccia (22/7 für Pi), der Umfang des ganzen Bogens misst 20 braccia und mag die Gliederung der idealen Insel Kythera in 20 Sektoren erklären.
Das Tripel 15-20-25 wäre also in der Magna Porta zugegen. Ob wir auch das Tripel 7-24-25 vorfinden? POLIAS 9 Die Höhe des Giebeldreieckes misst 7 palmipedes, die Basis 24 palmipedes, die hellgelb getönte Unterhöhe des Baues 25 palmipedes. Da haben wir die Zahlen des Tripels 7-24-25 POLIAS 10 Weitere Idealmasse: Auflagehöhe der Fenster 28 palmipedes, Oberhöhe 32 palmipedes, Masse der Fenster 4x4, 4x3, Bogenfenster 4x2, 4x3, 4x4 palmipedes. Basis des inneren Giebelfeldes 2 canne oder 12 palmipedes auf einer Höhe von 35 palmipedes; Höhe 3,5 resp. 38,5 palmipedes, Zentrum der Kreise im inneren Giebelfeld 36,75 palmipedes, Tangens der Verbindungslinien zu den unteren Ecken des inneren Giebelfeldes 7/24. Durchmesser der konzentrischen Kreise 3 und 2,5 palmipedes, Umfänge 6 und 5 braccia.
Gerhard Goebel interpretiert das Verhältnis 35/11 in der Hypnerotomachia nicht wie bisher als einen sonderbar falschen Näherungswert für Pi sondern als ein 35-Eck. Ein solches lässt sich mithilfe eines Winkels vom Tangens 2/11 konstruieren. Addiert man 35 Winkel, so erhält man theoretisch 360,669... Grad, praktisch einen vollen Kreis beziehungsweise ein gezahntes 35-Eck, dessen Seiten zur Verschönerung gebogen werden können. Der Umfang der geraden oder gebogenen Stücke misst 35x2 = 70 Einheiten, der Durchmesser 2x11 = 22 Einheiten, das Verhältnis 70/22 ergibt 35/11. Der massgebliche Winkel vom Tangens 2/11 findet sich auch in der hier vorgeschlagenen Rekonstruktion der Magna Porta (gelb eingetragener Winkel, Höhe 33 palmipedes, Breite 6 palmipedes, Verhältnis 33/6 = 11/2) POLIAS 11 / 35-eck Verdoppelt man den Winkel, so erhält man das oben angeführte Tripel 44-117-125 Tripel
Gerhard Goebels Ideen zur Geometrie der virtuellen Insel Kythera in Poliphilos Traum, die er in seinen Aufsätzen, Vorträgen und Briefen vortrug, bewähren sich auf das Allerbeste.
Drei Abbildungen aus der Hypnerotomachia Poliphili: Eingangsmonument, Magna Porta und Tempels der Venus Physizoa POLIAS 12
Hilfestellung für die weitere Analyse von Albertis Modellen, im Hinblick auf eine virtuelle Rekonstruktion am Computer:
Eingangsmonument: Temenos viermal 32 canne, Höhe 11 canne. Gliederung der Fassade in Mauerstücke, Säulen und Magna Porta: 4+1+1+5+1+1+1+4+1+1+1+5+1+1+4 canne, Gliederung der Höhe: 7+1+3 canne. Mauerstärke 1 canna, Hof 30 mal 30 canne, Diagonale 162 braccia. Pyramidensockel 25 mal 25 canne, Diagonale 135 braccia, Höhe 12 canne. Basis des Pyramidenstumpfes 25 mal 25 canne, Diagonale 135 braccia, Höhe 20 canne, 40 Stufen mit einer Höhe von je einer halben canna oder 3 palmipedes; obere Fläche des Pyramidenstumpfes 5 mal 5 canne, Diagonale 27 braccia. Im Querschnitt des Pyramidenstumpfes findet sich das Dreieck 15-20-25 canne. Die Seitenflächen der Pyramide haben eine Steigung von 20/10 = 2/1. Würde man den Pyramidenstumpf zu einer Pyramide verlängern, so würde ihre Höhe 25 canne messen. Der obere Winkel der Pyramide verweist auf das Dreieck 3-4-5. Höhe der Säulentrommel 3 canne, Durchmesser 4 canne, Umfang 48 braccia. Höhe des konischen Teiles der Säule 29 canne, Höhe der ganzen Säule 32 canne (= Oberhöhe des Pyramidenstumpfes = Länge des Temenos). Höhe der Figur auf der Säule 6 canne. Oberhöhe der Säulentrommel 35 canne, gesamte Höhe des Eingangsmonumentes 70 canne (zehnmal die Giebelhöhe der Magna Porta).
Tempel der Venus Physizoa: Innenradius 17 canne oder 510 palmi, Tripel 8-15-17 canne oder 7 mal 13-84-85 / 36-77-85 / 40-75-85 / 51-68-85 palmi, Umfang 408 braccia. Würde man die Tripel in einen Modellkreis vom Radius 85 Einheiten eintragen, so messen die Seiten des resultierenden Polygons praktisch a = 24, b = 13 und c = 4,5 Einheiten; Viertelumfang bacbabcab = 133 Einheiten, ganzer Umfang 532 Einheiten, Durchmesser 170 Einheiten, Näherungswert für Pi 266:85 = 3,1294… Innenradius der Kuppel und des Säulenrundes 10 canne oder 300 palmi, Tripel 2 mal 3-4-5 canne oder 12 mal 15-20-25 / 7-24-25 palmi, Umfang 240 = 10 mal 24 braccia = 8 mal 30 braccia = 16 mal 15 braccia. Durchmesser der Kuppel 20 canne, Auflagehöhe 24 canne, Scheitelhöhe 34 canne (Durchmesser des Tempelinneren). Durchmesser der Laterne 3 canne oder 90 palmi, Tripel 9 mal 3-4-5 palmi, Umfang 36 braccia. - Gerhard Goebel gibt folgende Masse an: Radius des grossen Kreises 17 Einheiten, Radius des kleinen Kreises 11 Einheiten (dieser Kreis entspräche wohl einem Aussenkreis des Säulenrundes); Seitenlänge des Quadrates im grossen Kreis 24 Einheiten, Seitenlänge des Oktagons im grossen Kreis 13 Einheiten; Seitenlänge des 5-Eckes im kleinen Kreis 13 Einheiten; Seitenlänge des 10-Eckes im grossen Kreis 10,5 Einheiten, Seitenlänge des 5-Eckes im grossen Kreis 20 Einheiten.
Ob Alberti von einem vereinten Italien träumte? Von einem neuen Reich, welches die Macht und Grösse Roms mit dem Humanismus der Mediceischen Akademie in Florenz verband und von der Liebesgöttin Venus anstelle des Kriegsgottes Mars angeführt werden sollte? Ob er in seiner Hypnerotomachia in verschlüsselter Form von diesem Traum wie auch von seinem Scheitern berichtet?
Fortsetzung in Teil 3, Leon Battista Albertis Pläne für Rom
Was heisst Kultur? was Kunst?
Ein offener Brief im Zusammenhang mit dem Zürcher Schauspielhaus
1980, als die Zürcher Jugendbewegung in vollem Gange war, fragte der Brückenbauer, die ehemalige Zeitung der Migros, nach einer Definition der Kultur. So habe ich mich als Kulturwissenschafter an die Beantwortung dieser Frage gewagt und möchte hier meine Definition zum Besten geben, danach werde ich auf die Lage des Zürcher Schauspielhauses eingehen.
Das Wort Kultur bezeichnet einen künstlich-natürlichen Lebenskreis, eine ebensolche Lebensweise, und eine Aufgabe. Im archäologischen Sinne redet man zum Beispiel von der Kernbeilkultur oder von der Glockenbecherkultur, welche anhand charakteristischer Werkzeuge und Gefässe frühe menschliche Lebenskreise und Lebensweisen markieren. Beile ermöglichten das Roden von Wäldern, mithin das Anlegen von Äckern, den Bau von Schiffen und Häusern; Gefässe erlaubten das Aufbewahren von Lebensmitteln. Das Wort Kultur stammt von agricultura. Landwirtschaftliche Kulturen sind mit allerlei Geräten, Werkzeugen und Maschinen bestellte und gehegte Wiesen, Äcker, Haine, Wälder, Gärten. Biologische Kulturen sind Mikroben in Petrischalen. Kulturen sind immer eine Zusammensetzung von Natürlichem und Künstlichem, und zwar in einer nachhaltigen Balance. Kultur als Aufgabe besteht im Herstellen eines solchen nachhaltigen (sustainable = erhaltbaren) Gleichgewichtes, nämlich in einem produktiven Einklang von Dingen, Leben und Natur. Im menschengerechten Gestalten und Einrichten unserer künstlich geschaffenen Welt. Im Erproben und Entwickeln tauglicher Lebensformen auf der Höhe der materiellen Stufe einer Zivilisation. Im Entwickeln des Rechtes, welches Besitz und Gebrauch der künstlichen Dinge regelt, ihre Vorteile nutzbar macht, ihre Gefahren und Risiken eindämmt. Neue Technologien wie etwa die Nuklear- und Gentechnologie erfordern neue juristische und verfassungsmässige Leitplanken; ein Kernkraftwerk kann man nicht mit denselben Gesetzen führen wie ein Wasserkraftwerk. Ich selber kann mit Techno-Musik wenig anfangen, doch ich sehe, dass die junge Generation sich den Computer aneignet und diesem technischen Gerät langsam aber sicher und mit der frischen Unbekümmertheit junger Leute menschliche Dimensionen beibringt.
Wir nähern uns demjenigen, was wir mit Kunst bezeichnen. Auch so ein verwirrendes Wort. Lassen Sie mich deshalb nocheinmal auf die Technologie eingehen.
Die Technologie hat einen Kern. Dieser heisst Mathematik und basiert auf den Formeln a = a und a ungleich b. Mathematische Formeln erscheinen am Anfang oft ganz und gar unnütz, doch sie finden früher oder später ihren Weg in die Physik und andere Wissenschaften, in die Technologie, in Werkzeuge und Geräte, und schliesslich in unser Leben. Die imaginäre Zahl i war zu Beginn eine kuriose Spielerei, aber ohne diese „absurde“ Zahl gäbe es keine Elektromagnetik und also auch kein Radio und kein Fernsehen. Die Riemannschen Räume waren zu ihrer Zeit exotische Hirngespinste, aber dann konnte Einstein auf sie zurückgreifen und die Relativitätstheorie entwickeln. Ohne diese gäbe es kein GPS, welches Autos, Schiffe, und neuerdings auch archäologische Ausgrabungen wie etwa nach den Schätzen der Kleopatra am Meeresgrund vor Alexandria leitet. Frank Gehry, einer der grossen heutigen Architekten, welcher zum Beispiel das Guggenheim-Museum von Bilbao baute, verwendet hochmathematische Computerprogramme aus dem militärischen Flugzeugbau. Früher oder später gehen die mathematischen Formeln in unsere Werkzeuge, Maschinen, Geräte, Bauten, und über diese in unser Leben ein.
Die Kultur, welche in einem menschengerechten Gestalten und Einrichten unserer künstlich geschaffenen Welt besteht, hat einen ähnlichen Kern wie die Technologie. Diesen Kern nennen wir Kunst. Ihre analoge Basisformel (wenn man so will) hat Goethe formuliert: „Alles ist gleich, alles ungleich ..." Im Kunstwerk ist ein menschlicher Masstab enthalten, den wir aus einem Bild, einem Film, einem Song lösen und auf unsere Lebenswelt übertragen, in unserem Leben anwenden. Am Beispiel eines echten Kunstwerkes spüren wir, wie unsere Welt eigentlich sein sollte, und wir fühlen eine Kraft und Lust, etwas davon im Leben zu realisieren. Neue Kunst ist am Anfang oft schwer verständlich, ebenso wie neue Mathematik. Schon bei den ersten Zeilen von Andrew Wiles berühmtem Beweis der letzten Vermutung Pierre de Fermats verstehe ich nur noch Bahnhof. Ähnlich geht es vielen Menschen mit moderner Kunst. Es gibt allerdings auch Pseudowissenschaft, welche mit psychologischem Gespür für die Beeindruckbarkeit von Laien verwirrende Begriffe auftürmt, und es gibt Pseudokunst, welche mit ebensolchem Geschick Bedeutung und Relevanz vorgaukelt. Es ist oft schwer zu entscheiden, was echt ist und Bestand haben wird. Niemand kann fixe Regeln aufstellen (auch wenn leider die EU mit bürokratischen Forschungsprogrammen den wissenschaftlichen Fortschritt zu lenken versucht und auf solche Weise noch mehr helle Köpfe aus Europa vertreibt als eh schon). Es braucht Spielräume für Neues - und es braucht Spinner, denn auf dreitausend Spinner kommt ein Genie, und auf fünf Millionen Irrtümer eine brauchbare neue Theorie. Es wäre aber ebenso falsch, wenn alle carte blanche bekämen und keinerlei Rechenschaft ablegen müssten. Es gibt immer Leute, welche einen Sinn für Wertvolles haben, sei es in der Wissenschaft oder in der Kunst oder in beiden Bereichen.
Nach diesen einleitenden Worten möchte ich auf den Streit um das Zürcher Schauspielhaus eingehen, der im Namen der Kultur wie auch aller Kulturschaffender ausgetragen wird. Im Sinne meiner obigen Erläuterungen sollte man bei den Aufführungen des Zürcher Schauspielhauses nicht eigentlich von kulturellen sondern besser von künstlerischen Produktionen und Experimenten reden. Kultur ist etwas anderes als Kunst: nämlich dasjenige, was wir zum Beispiel aus geglückten Aufführungen des Schauspielhauses in den Alltag mitnehmen und früher oder später in der einen oder anderen Form in unserer Lebenswelt realisieren. Joseph Beuys meinte, dass alle Menschen Künstler wären. Das heisst aber nicht, dass alle malen sollen, sondern dass ein guter Koch und eine gute Gärtnerin künstlerisch tätig seien. Auch ein guter Stadtpräsident kann auf seine Weise ein Künstler sein: indem er all die vielen disparaten Interessen auf produktive Weise verbindet. Es braucht keinen Pinsel, um Künstler zu sein (aber es gibt Menschen, die mit einem Pinsel Ausserordentliches leisten). Beuys sprach von der sozialen Plastik: es kommt darauf an, wie wir unser gemeinsames Leben gestalten, darin erweist sich die wahre Kunst. Zurück zum Schauspielhaus. Der Kulturchef des Schweizer Fernsehens rügte am Bildschirm das kulturelle Klima von Zürich: man habe Geld für Lärmschutzwände aber keines für das Schauspielhaus, also für die Kultur. Abgesehen davon, dass das Schauspielhaus jährlich dreissig Millionen Franken bekommt, während viele andere Projekte darben und eingehen, findet hier eine Verwechslung statt: Massnahmen zum Schutz der lärmgeplagten Einwohner und Einwohnerinnen von Zürich sind sehr wohl ein Teil der Kultur, nämlich einer menschengerechten künstlichen Umwelt, während beim Schauspielhaus von Kunst die Rede sein sollte, nämlich von modellhaften Vorgaben für das Einrichten und Gestalten unseres Lebens einschliesslich unserer Quartiere, Bauten, Organisationen, Lebensformen, juristischen Leitplanken, Paradigmata, Sicht- und Denkweisen, und was alles zum Leben in einer menschgemachten Welt gehört. Wobei diese modellhaften Vorgaben nicht einfach in „schönen“ und erhebenden Aufführungen zu bestehen haben, sondern Kritik an den Zuständen einschliessen dürfen. Kann das Zürcher Schauspielhaus solches leisten? Was ich bisher zu hören bekam, hat mir keine Lust auf einen Besuch gemacht. Kritik an den Spiessern von 1970 ist einfach, und auf Provokationen wie die „Naziline“ kann ich verzichten. Das Gebäude am Heimplatz (das ich vom Putzen her kenne - lang nicht alle Kulturschaffenden bekommen Subventionen, es gibt welche die ein Leben lang vergebliche Briefe schreiben und jeden Job annehmen) ist ein kafkaesk anmutendes Labyrinth, das meiner Meinung nach keinen vernünftigen Betrieb erlaubt (anders als das Opernhaus, das ich als Kulissenschieber kennenlernte), zudem betreiben die Kulissenbauer des Schauspielhauses einen meiner Meinung nach unglaublichen Aufwand, jedes Detail muss stimmen und fein ausgearbeitet sein, Kulissen für die Ewigkeit, ein Theater, welches Film und Fernsehen Konkurrenz machen will und darüber seine Existenzgrundlage vergisst, nämlich die physische Präsenz der Akteure. (Meine Erfahrungen datieren aus der ersten Hälfte der 90-er Jahre, ich nehme aber an, dass sich wenig änderte.) Wenn kaum Leute ins Schauspielhaus gehen, muss man eben noch aufwendiger produzieren. 30 Millionen im Jahr für das Schauspielhaus sind nichts; damit kann man sich gerade mal Unterwäsche leisten (Kinospot der Filmschaffenden). Sogar das Arbeiterhilfswerk soll dem Schauspielhaus beistehen und Abos erwerben. Was gelten die Sorgen der working poor? Der vielen Familien, die unten durch müssen? Was die finanziellen Sorgen zum Beispiel der Nachbarschaftshilfe Altstetten (die erste Nachbarschaftshilfe in Zürich, initiiert von der soziologischen Fakultät der Uni Zürich), die schon wegen eines Defizites von viertausend Franken in Schwierigkeiten gerät? Wir müssen erleben, wie wohlhabende alternde Herrschaften im Namen der Kultur und aller Kulturschaffender auf Jugendbewegung machen, während viele gute Projekte darben. Früher haben wir den Kunstbegriff ausgedehnt und von sozialer Plastik gesprochen; heute kommt ein backlash in Form eines eingeengten Kulturbegriffes: Kultur sind das Schauspielhaus, Opernhaus, Kunsthaus. Für mich sind auch Informatiker Kulturschaffende, wenn sie gute Programme schreiben, die man wirklich brauchen kann: sie tragen zu menschenfreundlichen Geräten bei. Kürzlich machte die Berner Behörde ein Experiment. Sie liess das Abfuhrwesen für einen Tag ruhen. Im Nu türmten sich Abfallberge auf. Touristen waren schockiert. Ohne Abfuhrwesen würde Bern seinen Rang als Schweizer Kulturgut rasch verlieren. Die Vorgänge um das Schauspielhaus und Helmhaus und vor allem auch die Expo haben mich zu einer Abkehr von der hiesigen „Kulturszene“ bewogen. Ihre Exponenten sollen bitte nicht im Namen von uns allen reden. Meine Stimme haben sie nicht. Ich bin nur noch mit einzelnen Leuten und Projekten solidarisch. Kultur ist weder das Schauspielhaus noch das Helmhaus sondern zum Beispiel ein Engagement für eine kindergerechte Planung von Kreis 5 und Zürich-West. Eine vernünftige Verkehrspolitik einschliesslich Lärmwänden. Und ein mutiger Stadtpräsident, welcher Auswüchsen in der sog. Kulturszene, die sich derzeit ähnlich überheblich gebärdet wie unsere Flop-Manager, auf souveräne, ebenso sachliche wie transparente Weise begegnet. Oder (vergeblicher Wunsch) ein Tagesanzeiger, der nicht nur das angebliche Schweigen der Intellektuellen beklagt, sondern Foren für kritische Stimmen wie auch für neue Ideen und Einsichten anbietet (nicht nur für wohlhabende alternde Herrschaften, die auf Jugendbewegung machen.)
Wirklich neue Ideen und Einsichten haben in der Schweiz einen schweren Stand. Gemäss Tagesanzeiger verlassen jährlich 700 junge Wissenschafter unser Land, laut Sonntagszeitung sind es jährlich "400 bis 500 brillante junge Wissenschafter". Andere gehen ins innere Exil. Sogar ein frisch gekürter Nobelpreisträger muss gehen, weil er aus Altersgründen bald nicht mehr forschen darf. Unsere grossen Künstler (Robert Frank, Not Vital, Pipilotti Rist) sind in Amerika. Die Folgen erleben wir in diesen Jahren: ein Milliarden-Debakel folgt dem anderen, eines schwerer als das andere. Die Ausgewanderten machen sich per Abwesenheit bemerkbar, sie fehlen überall. Das Schauspielhaus gibt mir keine Hoffnung auf eine Änderung dieser Zustände, es ist meiner Meinung nach Symptom statt Abhilfe. Die Jugendbewegung von 1980 wollte Anerkennung und Mittel für die vielen guten Projekte ausserhalb der grossen Häuser, nun möchte man in einem Aufwasch der Jugendbewegung noch mehr Geld für ein grossen Haus, während - ich sage es nocheinmal - viele gute Projekte darben.
FG, Zürich, 30. September 2002 / redigiert am 11. Oktober. Es folg ein PS vom 14. Oktober:
Kulturen reichen so weit wie ihre Technologie. Die modernen, zur Hauptsache in Amerika entwickelten Technologien umspannen den Erdball. Damit leben wir de facto in einer von Amerika angeführten Weltkultur. Wie macht sich die Schweiz im globalen Rahmen? Wir profitieren vom Schutz Amerikas, von der lockeren Einbindung in Europa, und von Gütern und Geldern aus aller Welt. Wie danken wir für unsere Privilegien? speziell die hiesige sog. Kulturszene? Leider viel zu oft mit grossen Worten anstelle von Taten. Europa war unfähig, dem Völkermord an den bosnischen Muslimen Einhalt zu gebieten. Amerika musste eingreifen, wie auch schon im Zweiten Weltkrieg. Aber es ist leichter, Amerika anzuprangern denn das Europäische Versagen ins Auge zu fassen. 90 Prozent des Öls vom Persischen Golf gelangen nach Europa. Wir sind die eigentlichen Profiteure des Golfkriegs von 1990. Frieden und Gerechtigkeit für die ganze Welt: wir wollen billiges Öl, das als graue Energie in praktisch allen Produkten und Dienstleistungen steckt. Wenn wir faire Ölpreise zahlten, würde alles massiv teurer. Wer will das? Politik machen nicht einfach die da oben; es sind unsere gebündelten Ansprüche, welche die Politiker zu ihren Entscheiden drängen. Mit grossen Worten von wegen Frieden und Gerechtigkeit für alle können wir uns nicht absolvieren, aus solchen Verstrickungen lösen. Offene Grenzen für alle: Würden wir die Grenzen nach Osten öffnen, so müssten wir alle einen Drittel von allem abgeben. Das Schauspielhaus müsste mit 20 Millionen jährlich auskommen. Würden wir die Grenzen nach Süden öffnen, so müssten wir noch weit mehr hergeben. Wer will das? Gerechtigkeit für alle: wie steht es zum Beispiel mit Gerechtigkeit in der Kulturgeschichte? Bei uns herrscht immer noch das Griechendogma, nach welchem alles mit den Griechen begann. Das lehren unsere Schulbücher, das sieht und hört man am Schweizer Fernsehen, das vernimmt man am Collegium Helveticum, das liest man ein ums andere mal in der hiesigen Presse. Alle meine Briefe zum Thema und meine sonstigen Interventionen waren vergeblich. Besonders krass die Eröffnungsfeier der Expo.02: Sie begann mit dem Fall Babylons, dessen Ursache Hochmut gewesen sei. Die wahre Ursache war das Versalzen der Böden infolge der ausgedehnten Bewässerungsanlagen, welche die hochgerühmten späteren Anlagen der Römer um ein Vielfaches übertrafen. Aber kein Wort von den grossartigen Errungenschaften Mesopotamiens. Dann musste man vernehmen, dass Prometheus die Menschheit geschaffen habe, und dass Isis eine griechische Göttin war und als solche das Pharaonenreich begründete ... Aristoteles schrieb, dass die ersten mathematischen Techniken aus Ägypten stammen, und Herodot wusste zu berichten, dass die Geometrie aus dem Niltal nach Griechenland kam. Das sind lästige Zeugnisse von Griechen, die man nicht so leicht aus dem Weg schaffen kann, darum erklärt man kurzerhand Ägypten zu einer griechischen Kolonie. Anlässlich einer Aussprache im August 2000 habe ich den künstlerischen Direktor der Expo.02 auf den blinden Fleck in der hiesigen Kulturgeschichte aufmerksam gemacht und meine Befürchtung geäussert, an der Eröffnungsfeier könnte einmal mehr der griechische Ursprung der Zivilisation gefeiert werden. Aber er wollte nicht darauf eingehen, und meine Befürchtung wurde dann im Mai dieses Jahres weit übertroffen. Ich gelangte wegen der tief eingewurzelten kulturgeschichtlichen Vorurteile auch ans Fernsehen, ans Collegium Helveticum, sowie an die Presse. Vergeblich (von ein paar krzn und oft noch gkrztn Lsrbrfchn abgesehen, die ohne Folgen blieben). Es steht nun einmal fest: die Zivilisation, ja sogar die Menschheit (Eröffnungsfeier der Expo.02) wurde von den Griechen geschaffen. Die aussereuropäischen Völker haben nichts Wesentliches beigetragen. Vier prominente Sprecher der Bewegung für das Schauspielhaus resp. ihre mächtigen Institutionen sind Bollwerke dieses Dogmas, welches über den gewöhnlichen Eurozentrismus hinausgeht. Von Eurozentrismus kann man reden, wenn man nur Europa sieht und die übrige Welt ausblendet. Wenn man indes aussereuropäische Errungenschaften annektiert und als eigene ausgibt, gleichzeitig behauptet, die vorgriechischen und aussereuropäischen Völker wären zu keiner theoretischen Einsicht fähig gewesen, so muss man ein stärkeres Wort gebrauchen. Es ist leicht, sich über die Spiessbürger von 1970 lustig zu machen, aber schwer, eigene Engstirnigkeit wahrzunehmen. Von Leuten, die im Namen DER Kultur sprechen, darf man dies allerdings erwarten. Ich füge an, dass die hier vorgetragenen Argumente nirgendwo publiziert werden können. Wenn ich auf das Thema zu sprechen komme, ernte ich kleinliche Reaktionen, die mit der Grosszügigkeit kontrastieren, welche die oben erwähnten Sprecher der Bewegung für das Schauspielhaus einfordern.
PPS vom 22. Oktober. Die Expo war ein Monument des Schweizer Glaubens, dass die Gelder ewig und von selber fliessen. Martin Heller konnte mir in der erwähnten Aussprache kein besseres Motto für die Landesausstellung nennen als Über die Verhältnisse leben. Die Expo schloss mit einem vorläufigen Defizit von einer halben Milliarde Franken; bis zum endgültigen Abschluss kann es noch viel grösser werden. Derweilen spart man die Schulen kaputt, und das Schweizer Fernsehen ruiniert sein Programm und verrät seine vielbeworbene idée suisse mit dem Abschalten von tsi und tsr wegen fehlender dreissig Millionen Franken. Wirklich neue Ideen hatten an der Expo keine Chance, etwa auch eine faire Kulturgeschichte. Soeben musste man in 10 vor 10 vernehmen, dass Archimedes die Mathematik entwickelte und Euklid die Geometrie begründete. Was war mit dem Papyrus Rhind? Den vielen tausend ähnlichen ägyptischen Papyri, die in der Bibliothek von Alexandria lagerten und verbrannten? Den babylonischen Täfelchen YBC 7289 und Plimpton 322? Dem chinesischen Buch der 9 Sektionen? Während der Expo haben weitere 200 bis 300 brillante junge Wissenschafter unser Land verlassen. Aber wen kümmerts? Die Gelder fliessen ewig und von selber. Wenn auch nicht ganz immer. Ich erinnere mich an die gross aufgezogene internationale Medienkonferenz der Schweiz Ende der 90-er Jahre, als einer betagten litauischen Überlebenden des Holocaust vor laufender Kamera sage und schreibe 500 (fünfhundert) Schweizer Franken überreicht worden waren.
Pro Helvetia, oder Wie die Schweiz mit ihren hellen Köpfen umgeht
1974 begann ich meine wissenschaftlichen Arbeiten mit Studien der Sehvorgänge und Interpretationen von Leonardo da Vincis Mona Lisa als einem Gleichnis des Sehens und seinen Johannesbildern als Stationen seiner Laufbahn. Mein damaliger Kunstgeschichtelehrer lud mich freundlicherweise ein, ihm meine Johannes-Interpretationen vorzutragen, was ich gerne tat, worauf er meinte, dass ich mich hüten müsse, meine Beschränktheit auf die Bilder zu übertragen. Mitte der 80erJahre bekam ich die denkwürdigste Absage meines Lebens vom Magazin des Zürcher Tages-Anzeigers für meine Interpretation der Mona Lisa als einem Gleichnis des Sehens: meine Arbeit wäre sehr interessant, würde aber leider niemanden interessieren, weil nach Meinung der gesamten Redaktion über die Mona Lisa schon alles gesagt sei … So denkt man in der Schweiz. Nicht verwunderlich, dass jährlich siebenhundert junge Wissenschafter unser Land verlassen (Tagesanzeiger), resp. "400 bis 500 brillante junge Wissenschafter" (SonntagsZeitung). Im Jubiläumsjahr 25 meiner wissenschaftlichen Arbeiten wollte ich es nocheinmal wissen und bekam die gebündelte Verachtung der Pro Helvetia, der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften SAGW, der Kulturredaktion des Tagesanzeiger, der Weltwoche und des Schweizerischen Landesmuseums zu spüren. Danach habe ich mich innerlich abgemeldet. Bin keineswegs der einzige, dem es so ergeht. Nur sind die anderen klüger als ich, wollen ein Schicksal wie meines gar nicht erst in Kauf nehmen und wandern rechtzeitig aus.
Ideenwettbewerbe in der Schweiz erweisen sich regelmässig als verkappte PR-Kampagnen nach dem Motto: Was sollen wir eine teure Werbekampagne finanzieren, wenn wir mit einem Bruchteil des Geldes einen Ideenwettbewerb lancieren können? Die Teilnehmenden werden ihr Herzblut geben, mit einem Trostpreis zufrieden sein, vielleicht sind auch wirklich ein paar brauchbare Ideen dabei, und vor allem kommen wir mit einem solchen Event in den redaktionellen Teil der Medien. Auch die Mitmachkampagne der Expo war eine solche verkappte PR-Kampagne (hat mir Martin Heller anlässlich einer Aussprache im August 2000 mit einem Grummeln bestätigt). In der ersten Preisrunde eines anderen Wettbewerbes gewannen zehn junge Teams mit besten Ideen, Referenzen und weltmarktreifen Produkten, die längst in die chambre séparée einer Bank gehört hätten, je sage und schreibe tausend Franken. Der Vize einer frisch fusionierten Grossbank war zugegen und liess sich als Sponsor bewundern. In eben jenen Wochen setzte er eine Milliarde Franken in den Sand. Er musste die Bank verlassen, durfte aber je nach Angabe 8 bis 13 Milliarden Franken Abgangsentschädigung mitnehmen. Ein Preisträger dieses Wettbewerbes gewann im selben Sommer den Hauptpreis eines ähnlichen Wettbewerbes im Welschen, erhielt aber keinen Rappen venture-Kapital von einer Bank und sah sich deshalb zum Auswandern nach Amerika genötigt, wo er für einen grossen Computerkonzern arbeitet. Nocheinmal im selben Sommer bewies die erwähnte Bank mit gross aufgemachten Schaufenstern ihre Innovationsfreude, so hatte sie 300'000 Franken an einen Erlebnispark gespendet: Hochseilgehen u.dgl. für Manager … Der LCD (liquid-crystal display) wurde in der Schweiz erfunden, nämlich bei der Brown Boveri, aber von ihren Managern verkannt und für ein "Butterbrot" von zehntausend Franken nach Japan vergeben. Die Brown Boveri kam zur ABB, deren einst hochgelobte Manager sich als besonders schamlose Abzocker erwiesen (158 Millionen Pension für einen einzigen Manager, nach einem internationalen Pressewirbel auf immer noch unverschämte 90 Millionen zurückgeschraubt) und die inzwischen mit mehreren Milliarden Franken in der Kreide steht. Unsere hiesigen Manager machen immer denselben Fehler: sie ersetzen fehlende Innovation mit expansiven Strategien und müssen darum über kurz oder lang auf die Nase fallen. Eine Milliarde Schulden und 700 Arbeitslose sind inzwischen peanuts; die Schuldenberge belaufen sich neuerdings auf ein Dutzend Milliarden und mehrere tausend Arbeitslose pro Debakel. Man ruft nach neuen Ideen aber will nichts hören und bietet keine Foren an. Inzwischen sind nicht nur die Hochschulen sondern auch die Volksschulen ins Mittelfeld abgesunken. In der Schweiz glaubt man, dass die Gelder ewig und von selber fliessen. Wozu braucht man also neue Iden und Einsichten? Im Vergleich mit Amerika ist Europa knauserig mit venture-Kapital, und was die kritische seed-phase anbelangt, ist die Schweiz dreimal so geizig wie Europa. Vor allem aber fehlt eine Offenheit für neue Ideen und Einsichten.
Ich laufe mit allem auf, was ich sage, und bin gewiss nicht der einzige. In den 80er-Jahren war ich obligatorisch in eine Krankenversicherung eingewiesen worden, konnte es mir aber nicht leisten und sagte, dass ich gesund lebe und keine Risiken eingehe, worauf man mir beschied, das wäre ja schön und gut, aber es ginge die Krankenkasse gar nichts an. Heute, wo die Prämien förmlich explodieren, dürfte niemand mehr so reden.
Für die Expo einen Pavillon oder eine Nische vorgeschlagen, wo die hellen jungen Leute, die in der Schweiz kein Gehör finden, ihre Ideen und Projekte präsentieren können, bevor sie auswandern (abgelehnt), überdies ein neues Konzept einer Landesausstellung: man investiere das verfügbare Geld in echte, zukunftsweisende, sinnvolle, nachhaltige, ökologisch und sozial verträgliche Projekte in einer Schweizer Region, die zum Dank ein halbjähriges Fest für die Schweiz organisiert, an welchem die Projekte besucht werden können; auch Private könnten teilnehmen und bekämen ein Gütesiegel der Expo (nicht zur Kenntnis genommen).
Die hiesigen Hilfswerke jagen einander Spender ab und betreiben ein Werbekarussell, das sich immer schneller dreht und immer mehr Kosten verschlingt; also habe ich vorgeschlagen, die Hilfswerke sollten sich heller junger Leute annehmen und sie vermitteln aber keine Gelder auszahlen; sollten die Schützlinge später mal Erfolg haben, so werden sie sich an das Hilfswerk erinnern und hoffentlich spenden, das dürfen dann gern grosse Beträge sein; so könnte man auch der zukünftigen Elite ein soziales Denken beibringen (bislang keine Reaktionen).
Habe rund zweihundert zum Teil hochkomplexe geometrische Anlagen von Gemälden, Zeichnungen, Statuen und Gebäuden analysiert und kann wichtige Fragen der Echtheit und Autorschaft klären, überdies originale Formate rekonstruieren, habe das meiste davon im Kopf, ginge mit mir verloren, habe dies mehrmals angemeldet (null Interesse).
Lob und Dank für die Zürcher Bibliotheken
In den frühen 90er-Jahren gab die Schweizerische Gesellschaft für Sozial- und Geisteswissenschaften SAGW ein Gutachten in Auftrag. Eine internationale Kommission prüfte den Zustand der hiesigen Geisteswissenschaften und kam zu einem bedenklichen Ergebnis: in den Schweizer Geisteswissenschaften herrsche „eine starke Oligarchie der Professorenschaft“, die „alles auf dem Stand der 40er- und 50er-Jahre halten“ wolle, was „eine Gefahr für morgen“ sei. Der Bericht blieb ohne Folgen.
Weiter hiess es, dass die hiesigen Bibliotheken sehr gut seien. Dies kann ich vollauf bestätigen. Die Zürcher Bibliotheken sind hervorragend geführt, von freundlichen, hilfsbereiten und kompetenten Leuten, und ich staune immer wieder, wie viele gute Bücher und Artikel in den Magazinen lagern. Mein herzlicher Dank geht darum an die Zürcher Bibliotheken, die meine wissenschaftliche Arbeit ermöglichen.
Derzeit schreibe ich an einer grösseren Arbeit zur Lage der Schweiz und Europas, worin ich Perspektiven für unser Land aufzeigen möchte, und worin ich den lieben Leuten aus meinem persönlichen Umfeld danke, die mir jahre- und jahrzehntelang beistanden. Jungen Leuten in meiner damaligen Lage kann ich nur wünschen, dass sie ebenso viel unbürokratische Hilfe bekommen, wenn die wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen versagen.