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Die Kälbermast dient heute wie vor 60 Jahren als Ventil für die Milchproduktion. Ende der 50er Jahre gab es zwei Möglichkeiten, Kälber zu mästen: Die professionellen Kälbermäster hatten grosse Kälberbestände und fütterten ihre Tiere mit einem Wasser-Pulver-Regime auf rund 140 kg Lebendgewicht (LG). Auf der anderen Seite gab es viele kleine bäuerliche Betriebe, die ihre eigenen Tränkekälber mit Vollmilch auf rund 100 bis 120 kg LG mästeten. Weiter wurden viele Tiere als Wurstkälber mit 50 bis 80 kg LG geschlachtet.
Kombimast aus Not heraus
War zu viel Milch am Markt, verteuerte der Staat das Kälbermilchpulver mit staatlichen Taxen künstlich und legte zugleich die Mindestanteile an Vollmilchpulver und Milchfett fest. Dadurch wurde mehr Milch zu Pulver verarbeitet. Diese Massnahmen machten jedoch die Wasser/Pulver-Masten unrentabler. In Folge wurden mehr Kälber mit reiner Vollmilch gemästet. Als die Milchschwemme in den Jahren 1968/69 riesige Ausmasse annahm, wurden weitere Möglichkeiten gesucht, um dem Milchaufkommen Herr zu werden. Das Milchpulver wurde in solchem Ausmass verteuert, dass die Umsätze komplett einbrachen. Zugleich sanken auch die Kalbfleischmenge und -qualität, denn einzig mit Vollmilch konnten die Kälber maximal auf 120 kg Lebendgewicht gemästet werden. Seitens UFA half man, Alternativen zu suchen, um die Situation in den Griff zu bekommen. Deshalb führte sie im Jahr 1968 den Vollmilchergänzer UFA 101 gemeinsam mit dem UFA-Risikoschutz ein. So konnten die Vollmilchmäster die Kälber bis zu rund 100 kg LG mit Vollmilch und anschliessend mit Vollmilch und UFA 101 mästen. Dadurch wurde viel Milch verwertet, gleichzeitig das Schlachtgewicht erhöht und die Schlachtqualität verbessert. Durch den Risikoschutz mussten die Kälbermäster die Kosten der Tierabgänge nicht mehr alleine tragen, sondern UFA trug das Risiko mit. Bei den Mästern fand der Risikoschutz grossen Anklang und die Beteiligung wuchs rasant. Den UFA-Risikoschutz gibt es heute noch und er wird rege benutzt, wenn ein Kalb unerwartet aus dem Bestand ausscheidet.
Konzentration in Sursee
Bis im Jahr 1965 wurde die Kälbermilch in den landwirtschaftlichen Genossenschaften produziert. Da diese Kleinwerke immer mehr an ihre Limits stiessen, eröffnete UFA im Jahr 1966 ihr Milchpulverwerk in Sursee. Von da an wurde sämtliches UFA-Kälbermilchpulver dort produziert. Damals wie heute ist es das grösste Milchwerk der Schweiz und es verliessen schon im Jahr 1966 täglich bis zu 200 Paletten Milchpulver den Standort Sursee. Pro Stunde konnten im Werk 12 Tonnen Kälbermilchpulver hergestellt werden.
Das Sortiment war dazumal noch sehr einfach: UFA 100 Kälbermast-Milch (Wasser/Pulver), UFA 105 Ma-germilch-Ergänzungspräparat und UFA 107 Aufzuchtmilch. Nach und nach erweiterte es sich bis auf beinahe 30 verschiedene Milchvarianten. Unterdessen wurde das Kälbermilch-Sortiment auf rund zehn verschiedene UFA-Kälbermilchpulver gefestigt. Bis ins Jahr 1999 Jahre enthielten die Kälbermilchpulver der 100er-Linie standardmässig antibiotische Leistungsförderer. Mit dem Aufkommen der Labelproduktion wurden aber bereits anfangs der 90er Jahre die 200er-Kälbermilchen eingeführt. Zuerst als Milch für die biologische Produktion, im Jahr 1999 als Standardsortiment.
Bei den Produkteumsätzen hat sich ebenfalls eine Verschiebung ergeben. Während in den 50er und 60er Jahren Kälbermilchpulver beinahe nur als Wasser/Pulver-Tränke angeboten wurde, gab es bis heute eine Verschiebung hin zur bäuerlichen Kombimast, die Vollmilch mit Kälbermilchpulver aufwertet. Die Mast mit Milchnebenprodukten (Magermilch, Schotte) hatte in den 90er Jahren ihren Höhepunkt und ist seit da eher rückläufig.
Maulkörbe und Dunkel haltung
Aber nicht nur das Sortiment und die Umsätze haben sich verschoben, auch die Haltung und das Tränkesystem haben sich verändert. In den 50er Jahren war die Haltung auf Stroh praktisch unbekannt. Die professionellen Kälbermäster hielten die Kälber angebunden in Einzelboxen. Es galt die weitverbreitete Meinung, dass Kälber bei Dunkelhaltung bessere Tageszunahmen erreichen würden. Die Tränke erfolgte zwei Mal täglich mit dem Eimer. Ausser Milch erhielten die Kälber keine Fütterung. Viele entwickelten in Folge Verhaltensstörungen und begannen sich selbst zu belecken. Dabei nahmen sie Haare auf, die sich im unterentwickelten Pansen zu Kugeln ansammelten und zu Verdauungsstörungen und Todesfällen führen konnten. Als Gegenmassnahme wurde den Kälbern zwischen den Tränkezeiten Maulkörbe angelegt. Mit dem Aufkommen der ersten Tränkeautomaten, der Gruppenhaltung und der Haltung auf Stroh Ende der 60er Jahre, verschwanden diese Probleme nach und nach aus den grösseren Betrieben. Die Befunde in den Schlachthöfen zeigten keine negativen Auswirkungen auf die Fleischfarbe, wenn die Kälber Stroh aufnahmen. Für die grossen Betriebe brachten die ersten, einfachen Tränkeautomaten eine immense Arbeitserleichterung und höhere Zunahmen, da die Kälber ad libitum Milch trinken konnten.
Bedeutung in der Schweiz
Die Bedeutung der Kälbermast in der Schweizer Landwirtschaft war vor 60 Jahren deutlich grösser, als sie heute ist. Trotzdem ist alten Dokumenten zu entnehmen, dass die Kälbermäster immer nur als Vollmilchverwerter angesehen wurden und nicht als Kalbfleischproduzenten. Immerhin machten im Jahr 1971 die Kälbermäster rund acht Prozent des Endrohertrages der Schweizer Landwirtschaft aus.
Beim Rindfleisch erwirtschafteten sie gar 42 Prozent der Produktion. Prof. Dr. Kneschaurek stellte Anfang der 70er Jahre gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe die These auf, dass im Jahr 2000 der Milchviehbestand bei 910 000 Tieren liegen würde. Jährlich würden 837 000 Kälber anfallen, von denen 466 000 Stück als Kälber geschlachtet würden. Das Schlachtgewicht würde auf 112 kg ansteigen und insgesamt würden 52 000 t Schlachtgewicht erzeugt werden, was 85 Prozent des Inlandbedarfes abdecken würden. Tatsächlich wurden im Jahr 2000 jedoch nur noch 670 000 Milchkühe gehalten und etwas mehr als 291 000 Kälber geschlachtet. Unterdessen hat die Kalbfleischproduktion noch weiter abgenommen. Im Jahr 2016 waren noch knapp 230 000 Schlachtungen zu verzeichnen. Da jedoch das Schlachtgewicht unterdessen bei rund 120 kg liegt und der Konsum rückläufig ist, ist der Selbstversorgunggrad in der Schweiz noch weit über 95 Prozent.
Bongossi-Vollspalten
Auf dem damaligen Versuchsbetrieb Geuensee führte UFA in der Kälbermast nebst Fütterungs- auch Haltungsversuche durch. Ein Versuch aus dem Jahr 1971 ergab, dass die Gruppenhaltung auf Bongossi-Vollspalten für Kälber nicht geeignet ist. Die Vollspaltengruppe hatte deutlich schlechtere Tageszunahmen, Wirtschaftlichkeit und Tierwohleigenschaften. «Viele Kälber zeigten beim Aufstehen und beim Fortbewegen einige Mühe. Durch das Harnen und Koten wurde der Bongossirost glitschig, so dass die Tiere sich mit zunehmendem Gewicht nur ungern zur Tränkeaufnahme begaben», resümierte der damalige Betriebsleiter des Versuchsstalles Walter Bossard. Im nahen Ausland wird die Kälbermast bis heute standardmässig auf Bongossi-Spaltenböden gemacht (siehe UFA-Revue 9/2017).