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Der Schriftsteller Robert Louis Stevenson war in Tat und Wahrheit ein erfolgreicher Schatzsucher. Das jedenfalls erzählt uns Alex Capus in «Reisen im Licht der Sterne».
«Cocos Island ist schwer zu finden - so schwer, dass unter Seeleuten über Jahrhunderte das Gerücht ging, die Insel gäbe es gar nicht.»
Als im August 1821 die aufständischen Unterdrückten, UreinwohnerInnen und SklavInnen Perus kurz vor der Hauptstadt Lima standen, beschlossen die bedrohten spanischen Kirchenväter, ihre Schätze aufs Meer in Sicherheit zu bringen. Sie liessen die mit Diamanten und Juwelen besetzten Schränke, Kruzifixe, zahllosen Knochen von Heiligen und Kisten, in denen «knietief Perlen, Opale, Granate, Diamanten, Amethyste, blutrote Rubine und blau leuchtende Saphire» lagen, auf die britische «Mary Dear» bringen. Der Kapitän, William Thompson, galt als vertrauenswürdig; er sollte nach dem Willen der Spanier mit seinem Schiff auf das offene Meer hinaus steuern und, falls die Aufständischen Lima einnahmen, im Hafen von Panama, andernfalls wieder im Hafen Limas einlaufen. - Das Schiff kehrte nie zurück. Dafür die Mannschaft, von der jedes einzelne Mitglied unter Folter gestand, der Schatz sei auf einer Insel namens «Cocos Island» vergraben.
Die Legende vom Schatz von Lima ist der Grundstein auf dem Alex Capus Buch «Reisen im Licht der Sterne» aufbaut. Capus verknüpft die Geschichte der Kokosinsel, die nördlich des Äquators in der Nähe der Galapagos-Inseln liegt und von hunderten von SchatzsucherInnen erfolglos umgegraben wurde, mit der Biografie des 1850 in Schottland geborenen Schriftstellers Robert Louis Stevenson. Der Tuberkulosekranke nämlich liess sich 1888 aus unbekannten Gründen auf der südpazifischen Insel Samoa nieder, wo er bis zu seinem Tod 1894 in einem unerhörten Reichtum lebte, von dem ebenfalls niemand so richtig wusste, woher der rührte. Denn von allem, was Stevenson schrieb, brachten ihm nur die beiden Romane «Die Schatzinsel» von 1883 und «Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde» von 1886 Ruhm ein - das reichte wohl kaum, um eine sechsköpfige Familie in diesem verschwenderischen Mass zu unterhalten.
Fischgott an Land
Capus vertritt nun in einer schillernden Stevenson-Biografie die These, der Schriftsteller habe zufällig entdeckt, dass es unter den südpazifischen Inseln eine gäbe, die früher ebenfalls den Namen «Cocos Eylandt» getragen habe, und daraus den - richtigen - Schluss gezogen, dass die Suche nach dem Kirchenschatz von Lima bis anhin schlicht auf der falschen Insel stattgefunden habe. Der schottische Schriftsteller habe sich deshalb auf der Insel Samoa niedergelassen, die einige hundert Kilometer nördlich der nun auf den Namen Tafahi getauften Kokosinsel liegt, von dort aus in mehreren Etappen Teile des Schatzes gehoben, und sich so ein angenehmes Leben finanziert. Capus stützt diese These mit dutzenden von Indizien, führt winzige Details zu einem einleuchtenden Ganzen, und deutet so das Leben des bisher immer als kränkelnder Mann beschriebenen Stevenson zu einem Leben voller Geheimnisse und Raffinesse um: «Zu der Zeit, da Stevenson auf Samoa lebte, ereigneten sich sonderbare Dinge auf Cocos Eylandt (…). Eines Tages (…) näherte sich etwas (…) wie ein Schiff der Insel, und es feuerte im Näherkommen Blitz und Donner ab (…). Der Medizinmann (…) musste feststellen, dass der Fischgott an Land gegangen war und unterdessen Menschengestalt angenommen hatte. (…) Es spricht nichts dagegen, dass hinter dem Fischgott Fatuulu niemand anderer als Robert Louis Stevenson steckte.» Capus beschreibt diese abenteuerliche Biografie so vergnüglich, spickt sie mit unzähligen unglaublichen Geschichten über die falschen Cocos Island, sodass man zum Schluss geneigt ist loszufahren und auf der nun geschichtsträchtigen Kokosinsel Tafahi die Reste des Kirchenschatzes von Lima zu heben. Doch davon hält Capus den Leser geschickt ab: «Denn es scheint leider sehr wahrscheinlich, dass alles Gold und Silber (…) in den letzten zwei Jahrhunderten restlos aufgerieben wurde von den gewaltigen Kräften, die im Erdinnern einer Vulkaninsel herrschen.» Verdächtig aber ist, dass Capus sein Buch mit einem von ihm geschriebenen Brief abschliesst, in dem er bereits von seinem zweiten - für die Buchrecherchen nicht nötigen - Aufenthalt auf Samoa berichtet. Warten wir also ein Weilchen, bis sich Capus auf Samoa ein Häuschen kauft, und fangen dann mit der Schatzsuche an.