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Romina Bächler aus Kleinbösingen verlor ihr Gehör als Zweijährige. Dank eines Implantats und eines Hörgeräts sowie vieler Stunden Training kann sie bestens mit anderen Menschen in Worten kommunizieren.
«Ich bin grundsätzlich gehörlos», erzählt Romina Bächler am Esstisch ihres Zuhauses in Kleinbösingen. «Ich kann nur dank eines Implantats hören.» Zwölf Elektroden pro Innenohr und ein Gerät am Ohr sorgen dafür, dass sie Musik, Stimmen und andere Geräusche wahrnehmen kann.
«Ich höre das, was jemand zu mir sagt, wie eine Roboterstimme», erklärt die 19-Jährige. Dennoch könne sie die Stimmen von Familie und Freunden voneinander unterscheiden. «Nur wenn ich das Telefon abnehme, weiss ich manchmal nicht, ob eine Frau oder ein Mann am Apparat ist.» In solchen Fällen frage sie nach und erkläre kurz den Grund. Einfacher sei es, wenn sich ein Mensch ihr gegenüber befindet, weil sie dann auch von den Lippen ablesen kann. «Wenn jemand von hinten zu mir spricht, ist das auch schwierig für mich.»
Nicht mehr hören kann Romina Bächler wegen eines Virus: «Meine Mutter hatte während der Schwangerschaft eine Grippe. Das Schwangerschaftsgebrechen hat sich später entwickelt.» Gemerkt hätten sie es nicht sofort, wegen des Virus seien sie jedoch regelmässig zur Kontrolle gegangen, erzählt die Mutter von Romina, Monia Bächler.
Sie habe spät damit begonnen, zu sprechen, erzählt die junge Frau. «Auch im Kindergarten habe ich kaum etwas gesagt.» Erst in der ersten Klasse, als sie die Sprachheilschule in Freiburg besuchte, habe sie richtig damit begonnen, mit Worten zu kommunizieren. Dabei habe ihr auch eine Audiopädagogin geholfen. «Oft habe ich aber einfach Ja gesagt, auch wenn ich nicht alles genau verstanden hatte», erzählt Romina Bächler und schmunzelt, «ich habe mich versteckt.» Sie stehe nicht gerne im Mittelpunkt.
Romina Bächler macht eine Lehre als Fachfrau Betreuung Kinder in einem Hort mit Schulkindern in Bern und tritt nach den Sommerferien das dritte Lehrjahr an. Das gefalle ihr gut. Als sie für einen Austausch in einer Kita mit Kleinkindern war, sei es schwierig gewesen wegen der Lautstärke. «Das war anstrengend für mich, ich war am Abend erschöpft.» Sie höre die Nebengeräusche gleich laut wie die Stimmen, auch habe die Maske alles schwieriger gemacht. «Wenn dann jemand nicht deutlich spricht, habe ich Mühe.»
Dafür sei sie sich jetzt mehr gewohnt, sich ausschliesslich auf das Hören zu konzentrieren, weil sie die Lippen nicht sehen konnte unter den Masken. «Es hat beides Vor- und Nachteile.» Das Hörtraining helfe ihr. Die Einstellungen im Hörgerät hätten die Spezialisten im Inselspital in Bern anfangs wöchentlich angepasst, «der Gehörgang veränderte sich». Heute gehe sie noch halbjährlich in die Kontrolle. Zwar nicht gern, aber inzwischen auch alleine, sagt die junge Frau.
Ein Schwan im See
Wenn Romina Bächler schwimmen geht, trägt sie ihr Hörgerät nicht und hört dann natürlich auch nichts. Einmal sei sie getaucht im See und beim Auftauchen sei direkt hinter ihr ein Schwan geschwommen. Rufe der Mutter hätten in dieser Situation natürlich nicht geholfen. Durch Zeichen habe sie die Situation dann aber doch noch erkannt, und der Schwan habe sich glücklicherweise nicht weiter für sie interessiert.
Die Oberstufe absolvierte Romina Bächler in einem auf Menschen mit Hörbehinderung spezialisierten Internat in Aarau. Dort habe sie am Fach Gebärdensprache Gefallen gefunden. «Das macht mir Freude.» Sie wünsche sich, dass die Gebärdensprache an allen Schulen wie Fremdsprachen angeboten würde. Nicht zuletzt, um das Bewusstsein für hörbeeinträchtigte Menschen zu stärken.
«Ich lebe in zwei Welten: Hören und Nicht-Hören, und ich bin in beiden zu Hause.» Dennoch: «In der Gehörlosenwelt bin ich lieber, wir verstehen uns besser. Dort haben alle ein Problem.» Sie wünsche sich, dass zum Beispiel auch das Personal im Zug auf die Idee kommt, dass jemand nicht hören kann, und nicht davon ausgeht, dass der junge Mensch unhöflich ist.
Nur Musik
Die Berufsschule besucht Romina Bächler in Zürich. Sie seien drei Schülerinnen in der Klasse für Hörbeeinträchtigte und junge Menschen mit anderen Handicaps. An zwei Tagen die Woche fahre sie mit dem Zug nach Zürich. Wenn sie auf der Fahrt ihr Hörgerät mit dem Handy verbindet, kann Romina Bächler Musik ohne Nebengeräusche hören. Das sei schon ein Vorteil, «ich kann entweder Musik und Sprache oder eben nur Musik vom Handy einschalten». Keine Musik hören zu können, wäre schlimm: «Ich liebe Musik und höre verschiedene Musikstile. Ohne Musik geht gar nicht.»
Zum Schlafen schalte sie das Hörgerät ab. «Gerade am 1. August zum Beispiel ist das sicher ein Vorteil, ich schlafe immer gut», erzählt sie lachend. Auch Telefongespräche mit dem Handy könne sie filtern, alles rundherum sei dann ausgeschaltet.
Sie geniesse die Stille, am Morgen schalte sie ihr Gerät nicht sofort an. Das sei manchmal schwierig gewesen für sie, sagt Mutter Monia Bächler. «Ich wollte doch mit ihr den Tag besprechen.» Es sei so: «Nicht hören zu können, trennt von den Menschen; nicht sehen zu können, von den Dingen.»
Alles fotografiert
Die FN haben den Kontakt zu Romina Bächler durch den Schweizerischen Gehörlosenbund aufbauen können. Diese Vereinigung der Eltern hörgeschädigter Kinder organisiert regelmässig Treffen. Während der Workshops für die Eltern werden die Kinder betreut.
«Früher war ich auch in der Kindergruppe, heute betreue ich sie», erzählt Romina Bächler. Ihre 15 Monate ältere Schwester, Deborah Bächler, sei auch dabei gewesen, wie auch andere Geschwister der Kinder mit einer Hörbeeinträchtigung. «Alle haben von sich erzählt, es war ein Austausch mit Hörenden.» Für Rominas Mutter ist klar: «Wir haben viel gelernt und Erfahrungen gesammelt in all den Jahren.»
Ein Implantat einsetzen zu lassen, sei eine gute Entscheidung gewesen. Wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte, würde sie heute aber wohl auch die Gebärdensprache lernen. «Damals wurde uns gesagt, wir sollten uns auf die Lautsprache konzentrieren. Dass das Kind mit Gebärdensprache diese sonst nicht lerne», erzählt Monia Bächler.
Doch vielleicht hätte Romina noch mehr Fortschritte machen und einen grösseren Wortschatz erarbeiten können mit der Gebärdensprache als Zusatz. Es sei nun aber so, und gut, wie es ist. Als Romina noch ganz klein war und noch nicht sprechen konnte, hätten sie viel über das Visuelle gemacht: «Wir machten Polaroid-Bilder vom Doktor, vom Coop und überhaupt von allem, damit wir Romina zeigen konnten, wo wir hingehen wollen.»
Romina Bächler spricht Französisch und fährt Auto. Es gebe eigentlich nichts, das sie nicht tun könne, so die 19-Jährige. Sie spiele seit der ersten Klasse Unihockey in verschiedenen Vereinen, so auch in Aarau und heute in Giffers. Das Hörgerät trage sie bei diesem Sport natürlich, «es hält gut, und sonst könnten mich die anderen ja nicht rufen», sagt sie und lacht.
Auf ihre weiteren Wünsche angesprochen sagt Romina Bächler, dass ein Alarm über das Handy für Menschen mit einer Hörbehinderung im Katastrophenfall gut wäre. «Das wäre gäbig für uns, denn die Sirenen hören wir ja nicht.»