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Der Tod ist in Urs Widmers neuem Roman allgegenwärtig: als symbolschwere Spielfigur eines schwarzen Fährmanns, als mächtiger Saurierknochen oder in Form einer Handvoll Toter, die als unsichtbare Wiedergänger unter den Lebenden wandeln. Dennoch ist die Erzählung von Herrn Adamson kein ernstes oder gar düsteres Buch. Ganz im Gegenteil. So derb-komisch und grotesk überdreht hat schon lange kein Autor mehr über den Tod geschrieben. Was nicht heissen soll, dass in Widmers Erzählung nicht auch nachdenkliche Töne zu finden sind. Dafür sorgt allein die Rahmenerzählung, in der der 94jährige Ich-Erzähler im Jahr 2032 Rückschau auf sein Leben hält und für seine Enkelin Anni seine Erlebnisse mit Herrn Adamson auf Band spricht.
Die Geschichte beginnt im Mai 1946 im verwilderten Garten eines Basler Hauses, in dem der Erzähler an seinem achten Geburtstag auf ein koboldhaftes, hageres Männchen trifft, das sich ihm als Herr Adamson vorstellt. Schon bald wird klar, dass Herr Adamson auf Jahr, Tag und Stunde exakt in dem Augenblick gestorben ist, in dem der Ich-Erzähler geboren wurde. Nur deshalb kann der Erzähler ihn sehen und mit ihm sprechen, für alle anderen bleibt Herr Adamson unsichtbar. Zudem kommt ihm als Vorgänger die besondere Aufgabe zu, seinen Nachfolger dereinst sicher ins Totenreich zu begleiten, bevor sich das Tor zur Welt endgültig schliesst. Dass Herr Adamson um etliche Jahrzehnte zu früh dran ist, hat mit einer besonderen Mission zu tun, für die er die Hilfe seines Nachfolgers braucht. Es geht dabei um den Troja-Entdecker Heinrich Schliemann und dessen junge Frau Sophia, um den legendären Goldschmuck der Klytämnestra sowie um einen illegitim gezeugten Sohn und dessen spätere Tochter Bibi. Darin eingewoben ist der Freiheitskampf der Navajo-Indianer im amerikanischen Arizona und die Aufklärung eines von Weissen an den Indianern begangenen blutigen Massakers im Jahr 1938, das sich ebenfalls zeitgleich mit der Geburt des Erzählers ereignete.
Die genaueren Zusammenhänge dieser tollkühn erzählten Geschichte wiederzugeben, würde den Rahmen jeder Rezension sprengen und den Leser zudem um sein Lektürevergnügen bringen. Es sei aber verraten, dass es dem betagten Erzähler noch so eben gelingt, seine Geschichte zu Ende zu bringen, bevor Herr Adamson auch schon um die Ecke lugt. In seiner vor zwei Jahren in Frankfurt gehaltenen Poetikvorlesung erinnerte Urs Widmer daran, dass der Tod der Literatur immer im Nacken sässe und uns Leser mahnte, das Leben nicht zu verpassen. Schließlich ereilt uns alle, über kurz oder lang, der freundlich-bestimmte Ruf des Herrn Adamson: «Wir müssen jetzt.»
vorgestellt von Georg Deggerich, Krefeld
Urs Widmer: «Herr Adamson». Zürich: Diogenes, 2009