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Der Engländer Ian Griffiths ist Kreativdirektor von Max Mara – und entwirft Mode für starke Frauen auf der ganzen Welt.
Der Mann, der sich selbt ziemlich treffend als die italienische Karikatur eines englischen Gentleman beschreibt, sieht heute wieder aus wie aus dem Ei gepellt: Massanzug, wie immer von Timothy Everest, aber in kamelfarbener Max-Mara-Wolle. Der Scheitel seines dunkelblonden Haarschopfes so akkurat gezogen wie das Einstecktuch im Jackett gefaltet ist. Seit 1987 arbeitet der Brite Ian Griffiths bei Max Mara in Reggio Emilia, einer kleinen Stadt zwischen Mailand und Bologna, seit zwölf Jahren als Kreativdirektor.
Kaum zu glauben, dass der Gralshüter der diskreten, klassisch-italienischen Eleganz in seiner Jugend der exakte Antipode war. Mit viel Make-up und Haarspray tanzte er kettenrasselnd durch die wilde Club- und Musikszene der 80er-Jahre in Manchester, studierte ein bisschen Architektur, ein bisschen Mode und machte hauptberuflich Party. Wenn nicht Margaret Thatcher gekommen wäre und alle jungen, arbeitslosen Männer für den Einsatz im Falklandkrieg einzuziehen gedroht hätte, wäre das wohl noch etliche Jahre so weitergegangen. Sein Mentor, der Designer Ossie Clark, überzeugte Griffiths schliesslich, nun endlich ernst mit der Mode zu machen und sich am Royal College of Art in London einzuschreiben. Dort gewann er einen Studierendenwettbewerb, den Max Mara ausgeschrieben hatte, kam nach Reggio Emilia – und blieb.
Das Thema der neuen Kollektion, die jetzt in die Läden kommt, ist die French Riviera. Was ist Ihr persönlicher Lieblingslook?
Das ist so, als ob Sie eine Mutter fragen würden, welches ihr Lieblingskind ist! Aber wenn ich einen Signature Look auswählen müsste, dann den, den das Model Amar Akway auf dem Laufsteg getragen hat: ein Leinen-Ensemble in Greige mit einem weiten Hemd und einem fischschwanzartigen, langen Rock mit diagonalen Nähten. Er repräsentiert den Geist von Renée Perle und der Epoche, die wir abbilden. Renée war Model und Muse des berühmten Fotografen Jacques-Henri Lartigue, das Glamourpaar der French Riviera der 30er-Jahre. Was den Look für mich so gelungen und zeitgenössisch macht, sind die weiche, fluide Leinenqualität und der Kontrast zwischen dem dramatischen Rock und der schlichten Bluse, die an ein Arbeiterhemd erinnert.
Sie lassen sich häufig von realen Frauen inspirieren und recherchieren dafür mit viel Akribie.
Mit einer realen Frau aus der modernen Geschichte kann ich die Botschaft am besten unterstreichen, für die Max Mara steht: die Ermächtigung der Frau in einer maskulin dominierten Welt. Seit seiner Gründung 1951 entwirft Max Mara Mode für die berufstätige Frau. Auch Eileen Gray und ihr berühmtes Sommerhaus E.1027 standen mir diesmal Pate: Le Corbusier war so beleidigt, dass sie es wagte, sich auf das Terrain der modernen Architektur zu begeben, dass er in einer Machogeste ungefragt die weissen Wände übermalte – und sich dabei nackt fotografieren liess. Ich glaube, viele Leute sind sich nicht bewusst, wie frauenfeindlich die Modernisten waren, auch am Bauhaus.
Wie wichtig sind solche realen Figuren für Ihren Designprozess?
Ich brauche immer ein Narrativ, eine Story. Sie stellt die Arena dar, in der ich arbeite. Es hilft mir, mich zu fokussieren. Wenn ich an etwas völlig Abstraktem arbeiten würde, bestünde die Gefahr, dass ich immer weitersuche und dabei die Idee aus den Augen verliere. Doch wenn ich ein Thema habe, kann ich jeden Entwurf darauf prüfen: Passt er in die Geschichte oder nicht? Das ist gut für meine geistige Gesundheit und schützt mich vor den kreativen Qualen, unter denen andere Designer oft leiden.
Sie sind in einer der dienstältesten Markendesigner in diesem volatilen Geschäft. Seit 1987, also seit über 35 Jahren, arbeiten Sie mit Max Mara zusammen. Was bringt Sie dazu, zu bleiben?
Schon bei meinem ersten Projekt an der Modeschule – Max Mara bat uns Studenten zu einem Kollektionswettbewerb – fühlte ich eine totale Affinität zu dem Frauenbild, für das die Marke steht. Es geht immer um eine Frau, die darum kämpft, das Beste aus sich zu machen und die Welt zu verändern. Ein Ideal, das mich in meinem tiefsten Inneren gepackt hat und nie müde werden lässt. Ich habe nie ernsthaft in Betracht gezogen, meine Fähigkeiten woanders einzusetzen. Ich weiss nicht einmal, ob ich ein guter Designer bin, ich weiss nur, dass ich ein guter Designer für Max Mara bin.
Fotos aus den 80er-Jahren zeigen Sie als extravagantes Manchester-Club-Kid der Post-Punk- und New-Romantic-Ära: Crossdressing mit viel Make-up und Haarspray. Wie kam Ihr Look in der italienischen Provinz an?
Meine Mutter war eine Max-Mara-Frau. Sie konnte sich die Mode selbst zwar nicht leisten, aber sie schneiderte sich immerfort Kleidung in diesem Stil. Durch sie habe ich die Mentalität der Marke und ihrer Trägerinnen verstanden. Als ich das erste Mal aus dem Bus stieg, vor dem Max-Mara-Headquarter in der Reggio Emilia, trug ich einen selbstgeschneiderten, knöchellangen, schwarzen Mantel, einen schwarzen Rollkragenpullover, weissgefärbte, hochtoupierte Haare und ein Filofax unter dem Arm, das die Leute für eine Bibel hielten und mich für einen Priester (lacht). Ich war wohl die unglaublichste Person, die man sich in diesem italienischen Familienunternehmen vorstellen konnte.
Vom wilden Punk zum Frauenversteher
Ian Griffiths wuchs in Manchester auf, absolvierte das Royal College of Art in London und arbeitet seit 35 Jahren beim italienischen Modehaus Max Mara. 2011 wurde er zum Kreativdirektor ernannt und entwirft seitdem zeitlose Mode für starke, unabhängige Frauen.
Haben Sie sich modisch angepasst, um nicht so aufzufallen?
Mit meinem allerersten Gehalt bei Max Mara fuhr ich mit dem Zug nach Mailand und kaufte mir einen Anzug von Giorgio Armani. In der Männermode war Armani zu der Zeit so etwas wie der Heilige Gral. Meine weissgefärbten Haare trug ich auch weiterhin. Erst 1995 entdeckte ich den Massanzug für mich, und seitdem sehen Sie mich nicht mehr ohne. Man kann fast sagen: Max Mara wurde mit mir expressiver, und ich wurde mit Max Mara klassischer.
Wie sah die Frauenmode von Max Mara damals aus – und wie hat sie sich im Laufe der Zeit verändert?
Anne Marie Beretta hatte 1981 für Max Mara den kamelfarbenen Wollmantel 101801 entworfen und damit Modegeschichte geschrieben. Dieser Mantel wurde zum Inbegriff des Power Dressing. Melanie Griffiths Look im Blockbuster «Working Girl» ist ein Paradebeispiel des Stils: weite Mäntel, breite Schultern und Bleistiftröcke. Dieser feminine Business-Look wurde mit den Jahren schon fast zu einer Uniform, und eine leichte Langeweile breitete sich aus. Beretta hatte die Standards gesetzt, und ich versuchte, daran anzuknüpfen und neue, individuellere und freiere Ausdrucksformen zu finden.
Im Film „Groupies Forever“ steht Susan Sarandon vor ihrem Kleiderschrank und sagt: „Ich bin so langweilig! Alles ist beige!“ Als flamboyanter Post-Punk: Wie konnten Sie sich mit der Farbe anfreunden?
Ich liebe Beige und insbesondere Camel auf eine inbrünstige Weise. Ich träume in Kamelfarben! Ich lebe in einem Universum namens Camelandia! Die Farbe hat so viele starke Konnotationen. Ursprünglich stammt sie aus der Männergarderobe und steht für männliche Autorität und Stärke. Bei Max Mara wurde sie zum unaufdringlichen und gleichzeitig sehr sichtbaren Glamour.
Revolution macht man aber nicht in ihr. Ist die Mode heute weniger politisch, als sie es damals war?
Ich glaube, dass heute alles politisch ist. Nicht parteipolitisch, aber politisch: Wie wir uns kleiden, uns mit Worten ausdrücken, wie wir konsumieren. Durch alles geben wir Statements darüber ab, wer wir sind und woran wir glauben. Gleichzeitig sollten wir uns nicht mit zu vielen Gedanken über die Mode quälen, indem wir sie zu sehr politisch befrachten. Ich glaube an die Freude der Mode. An die Macht der Mode und das Selbstwertgefühl, das sie einem geben kann.
Diese Freude an Mode hat zur Überproduktion und zu immer schnelleren Kollektionszyklen geführt, was sie zu einer der umweltschädlichsten Industrien macht…
Unsere Kleidung muss wieder einen Sinn bekommen. Seit dem Aufkommen des Internets und der sozialen Medien werden wir mit Kaufanreizen nur so überflutet. Kurioserweise hat das unserer Marke gutgetan, weil die Leute in Max Mara sofort etwas sehen, das eine dauerhafte Bedeutung hat.
In Schweden haben viele junge Menschen Kaufschem, Köpskam. Wie gehen Sie mit dem Widerspruch um, ständig neue Kaufanreize zu setzen, wenn es dem Klima schadet?
Wenn man an die Fast-Fashion-Ketten denkt – ja, da muss sich etwas ändern. Aber darum ging es bei Max Mara noch nie. Eigentlich geht alles auf die Mutter des Firmengründers Achille Maramotti zurück, die im armen Italien der Nachkriegszeit eine Schneiderschule betrieb. Wenn man sich die Geschichte von Max Mara anschaut, gab es die Idee einer gewissen Genügsamkeit, eine Art sparsamen Sinns für Luxus, von Anfang an. Wenn die Menschen heute ihr Konsumtempo drosseln, sehen wir dem gelassen entgegen. Wir bringen zwar jede Saison neue Kollektionen heraus, aber wir meinen nicht, dass man jede Saison einen neuen Mantel braucht.
Virtuelle Mode, die man nur online tragen kann, ist der neueste Absatzmarkt für grosse Fashion Brands.
Sie könnte das Äquivalent zu dem werden, was wir in den 1980er- Jahren in den Clubs machten, als wir ein ausgefallenes Outfit nur für eine Nacht trugen. Wenn virtuelle Mode diesen Instinkt befriedigt, dann finde ich das grossartig. So können wir all die Fantasien und den Wunsch nach Selbstdarstellung ausleben, ohne dass es jemandem schadet. Im physischen Leben brauchen wir aber Kleidung, die uns nachhaltig durch den Alltag begleitet.
Ist das Konservative das neue modische Revoluzzertum?
Der klassische Aspekt der Max-Mara-Mode hat nichts mit Konservatismus zu tun. Wie kleidet man sich denn, wenn man das Ziel hat, die Welt zu verändern? Meiner Meinung nach kann man keine Revolution starten, wenn man sich darüber Sorgen macht, ob man das neueste It-Piece trägt. Wenn es dir wirklich ernst ist mit dem, was du tust, brauchst du Kleidung, in der du dich sicher fühlst. Klassisch ist nicht konservativ! Hüten Sie sich vor einer Max-Mara-Frau! Sie hat vielleicht eine radikalere Agenda, als Sie denken.