Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03410.jsonl.gz/1333

04.12.2015 «Die Erstellung eines Notfallplans ist für Flughäfen gesetzlich vorgeschrieben.»
Fünf Fragen an Frédéric Eynard. Die Menschen sind mobiler denn je. Wie begegnet die Schweiz den möglichen Gesundheitsrisiken, die durch Migration und den regen Urlaubs- und Geschäftsreiseverkehr entstehen können? Wir fragten Frédéric Eynard, den Leiter des Notfallplans am Flughafen Genf.
Herr Eynard, wozu hat der Flughafen Genf einen Notfallplan und welches sind die wichtigsten Punkte dieses Plans im medizinischen Bereich?
Die Erstellung eines Notfallplans ist für Flughäfen gesetzlich vorgeschrieben. Auf internationaler Ebene regeln die Normen des Abkommens von Chicago der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) diesen Prozess. Auf nationaler Ebene bescheinigt das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) mit einem Zertifikat, dass die Organisation und Dokumentation von Prozessen im Zusammenhang mit der Sicherheit der Infrastruktur und des Flughafenbetriebs die Anforderungen dieses Übereinkommen erfüllen, namentlich des Anhangs 14, der die Flughäfen regelt.
Der Notfallplan des Flughafens Genf definiert die nötigen Mittel und Prozesse, um alle – einschliesslich medizinische – Notfälle zu bewältigen, die im Flughafen selber, in seiner Nähe oder in seinem Netzwerk auftreten können. Die Koordinierung der in einem Notfall ergriffenen Massnahmen der Flughafendienste und ihrer involvierten Partner, z.B. kantonale oder eidgenössische Behörden, wird darin beschrieben.
Der Notfallplan des Flughafens Genf ist auch mit dem Notfallplan des Kantons Genf (OSIRIS-Dispositiv) verknüpft, der bei umfangreichen oder länger andauernden Notfallsituationen zur Anwendung kommt. Dies ermöglicht es, bei Bedarf rasch auf zusätzliche kantonale oder französisch-schweizerische Ressourcen zurückzugreifen und die Notfalldienste (Polizei, Ambulanz, Krankenhäuser etc.) zu koordinieren. Andererseits hat der Flughafen Genf, der durch den Bundesrat als «Grenzübergangsstelle» nach den Internationalen Gesundheitsvorschriften (2005) definiert wurde, bestimmte Sollkapazitäten gemäss Anhang 1 der genannten Verordnung bereitgestellt und garantiert damit für die Umsetzung der Massnahmen zur Bewältigung der spezifischen gesundheitlichen Krisen.
Mit welchen Krankheiten sind Sie am Flughafen Genf konfrontiert und aus welchen Destinationen reisen die erkrankten Personen an?
Das Sanitätspersonal des Flughafens Genf wird regelmässig hinzugezogen, wenn eine Passagierin oder ein Passagier, sei es an Bord eines Flugzeugs oder im Terminal, durch gewisse Symptome wie z.B. Fieber auffällt. Eine erste Anamnese erfolgt vor Ort, und je nach Schwere der Symptome wird die betreffende Person mit einer Ambulanz in ein regionales Krankenhaus gefahren.
Manche Passagiere, die aufgrund einer Malariaerkrankung unter Fieberschüben leiden, melden dies im Voraus. Ansonsten ist es schwierig, zu diesem Zeitpunkt die Krankheiten zu identifizieren, unter denen die Betroffenen leiden. Es lassen sich auch nicht bestimmte Destinationen benennen, wo gewisse Krankheiten häufiger auftreten.
Letztes Jahr hat Ebola viele Schlagzeilen gemacht, und Sie haben in Genf auch den einzigen Ebola-Patienten der Schweiz empfangen. Wie ist das abgelaufen?
Im Fall, den Sie ansprechen, war ein mit dem Ebola-Virus infizierter Arzt mit einem von verschiedenen nationalen und internationalen Behörden autorisierten und geplanten medizinischen Flug nach Genf repatriiert worden. Die Rückführung und Betreuung dieses Patienten wurde durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und ihre lokalen Partner in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) und dem Genfer Kantonsarzt organisiert. Die Dienststellen des Flughafens und des Kantons standen in ständigem Kontakt mit der Fluggesellschaft, die den Patienten aus Sierra Leone zurückführte, und mit dem BAG, um die Entwicklung seines Gesundheitszustands vor und während seiner Reise mitzuverfolgen. Sobald das speziell für den Transport von mit dem Ebola-Virus-infizierten Patienten ausgestattete Flugzeug im Flughafen Genf gelandet war, wurde es zu einem abseits gelegenen Teil geführt. Die Sanitäter des Flughafens, ausgestattet mit ihrer persönlichen Schutzausrüstung, deren Einsatz sie bereits früher regelmässig trainiert hatten, brachten den Patienten in einen für Ebola eingerichteten Krankenwagen. Je nach Zustand des Patienten kann dies besonders schwierig sein. Diese Etappe wurde unter der Aufsicht der kantonalen Gesundheitsbehörden, des Grenzarztes und der Flughafenbehörden durchgeführt. Daraufhin brachte der von der Polizei eskortierte Krankenwagen den Patienten in das Genfer Universitätsspital (HUG), wo er hospitalisiert wurde. Die Sanitäter haben anschliessend die Ambulanz nach einem festgelegten Verfahren desinfiziert, und am Schluss haben sie ihre Schutzkleidung abgenommen und vernichtet. Jeder Schritt wurde also sehr sorgfältig vorgenommen, um jede mögliche Kontamination zu vermeiden.
Welches ist das Szenario, wenn ein kranker Fluggast in Genf eintrifft?
Die Genfer Flughafenbehörden haben im Rahmen des Notfallplans ein Alarmierungsverfahren für die verschiedenen Rettungs- und medizinischen Dienste des Flughafens entwickelt, das zwei Arten von konkreten Fällen vorsieht: Zum einen die unplanbaren Ereignisse und in letzter Minute angekündigten Verdachtsfälle auf einem privaten oder kommerziellen Flug. Zum anderen geplante Ereignisse wie eine Rückführung mit einem medizinischen Flug. In der Folge kann eine Triage aller Passagiere in einem Flugzeug durchgeführt werden. In beiden Fällen werden die Gesundheitsdienste des Flughafens von den Gesundheitsbehörden des Kantons Genf unterstützt.
Welche Fachleute sind im Flughafen vorhanden und mit welchen Behörden und Institutionen arbeiten Sie zusammen?
Die Flughafenbehörden stehen in regelmässigem Kontakt mit dem Bundesamt für Gesundheit, der zuständigen Behörde für medizinische Massnahmen, die auf der Ebene des Flughafens ergriffen werden müssen. Das BAG überträgt, in enger Zusammenarbeit mit den kantonalen Gesundheitsbehörden, die Umsetzung dieser Massnahmen dem Grenzarzt.
Auf der Website des Flughafens werden die Sanitäter und Krankenschwestern geschult, um potenzielle Patienten zu unterstützen und sie im Bedarfsfall in ein Krankenhaus zu überführen. Auch die kantonalen Feuerwehr- und Polizeidienste kommen auf verschiedenen Ebenen zum Einsatz.