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Similia similibus curantor: ein Roman über den Begründer der Homöopathie
Die Gewölbe des Doktor Hahnemann
"Du solltest allmählich anfangen, Ordnung in die wachsende Zahl deiner Feinde zu bringen, damit du sie nicht eines schönen Tages miteinander verwechselst!" fordert Henriette Hahnemann ihren Mann auf. Es handelt sich um Christian Friedrich Samuel Hahnemann, auf dessen Schrift "Organon der rationellen Heilkunde" sich die Homöopathie begründet.
Feinde dieser Heilmethode gibt es noch immer: Menschen, die sie grundsätzlich ablehnen, sie milde lächelnd abtun oder im schlimmsten Fall mit Scharlatanerie gleichsetzen. Somit kann man die enormen Schwierigkeiten und Anfeindungen gegen Hahnemann, der im 18. Jahrhundert lebte, verstehen. Die Medizin seiner Zeit berief sich noch auf die Körpersäfte, die bei Krankheit in Unordnung geraten waren. Senfpflaster, Schröpfen und Aderlass waren u.a. Mittel der Wahl, das Ungleichgewicht der Säfte zu beseitigen.
Noch heute beschränken sich manche Lexika auf den lapidaren Hinweis "Begründer der Homöpathie" unter dem Eintrag Hahnemann, das medizinische Wörterbuch "Pschyrembel" verzichtet gleich ganz auf einen eigenen Eintrag unter Hahnemanns Namen. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt.
Hahnemann entwickelte eine Theorie, die auf Paracelcus aufbaute und seine eigenen Beobachtungen an Kranken mit einschloss. Er publizierte dazu und machte sich Feinde, denn Sätze, wie den im Roman zitierten "Eine Menge Ursachen haben seit einigen Jahrhunderten die Würde der praktischen Heilkunde zur elenden Brotklauberei, zur Symptomenübertünchung, zum erniedrigenden Rezepthandel heruntergetrieben" konnten bei Ärztekollegen und Apothekern wahrlich keine Begeisterungsstürme hervorrufen. Hahnemanns Theorie gipfelte in der Aussage "Similia similibus curantur -Ähnliches durch Ähnliches heilen". Dies wurde zum Grundsatz der Homöopathie.
Der jetzt erschienene Roman "Die Gewölbe des Doktor Hahnemann" des in Heidelberg geborenen und in Hassloch lebenden Guido Dieckmann zeichnet das Leben des Arztes nach und bearbeitet es fiktional. Was trieb ihn an, was für ein Mensch war er? Das sind die Fragen, denen der Roman Dieckmanns, den manche vielleicht als Autor von "Die Poetin" schon kennengelernt haben, nachgeht. Entstanden ist die Geschichte eines kleinen Jungen, der schon früh weiß, dass er zur Schule gehen und Medizin studieren will, er aber als Sohn eines Porzellanmalers nicht die Mittel dazu haben wird. Da macht er die Bekanntschaft eines Italieners, der ihm zu der gewünschten Ausbildung verhilft. Hahnemann studiert, wird Arzt und lehnt sehr bald die althergebrachten Heilmethoden ab, die Theoretiker sind ihm ein "schier unentwirrbares Gemisch von Systemen und Behandlungsmethoden". Er wird zum Forscher und Visionär, wobei seine Kompromissbereitschaft, glaubt man dem Roman, nicht gerade groß war. Er begibt sich auf die Suche nach neuen Mitteln, die verträglicher für die Patienten sein sollen. In die Geschichte eingebunden sind die Verfolgungen Hahnemanns durch eine Geheimloge, den Gorgonenorden, die auf verschollen geglaubte Aufzeichnungen des Paracelsus aus sind. Dieser Teil des Romans ist etwas flach, wirkt nicht ganz stimmig, denn die Verfolgungen durch die Loge erscheinen halbherzig, was der Wichtigkeit des bei Hahnemann vermuteten Schriftstückes widerspricht. Zugunsten einer lebendigeren und spannenderen Erzählung war die Geheimloge aber wohl notwendig.
Der Hauptton der Erzählung soll auch auf Hahnemanns Entdeckungen liegen, welche im letzten Teil des Buches am überzeugendsten dargestellt werden. Dies gilt auch ür die Beschreibung von Hahnemanns privatem Leben, also seiner familiären Beziehungen. Gegen Ende des Romans wird Hahnemann zu einem Menschen aus Fleisch und Blut. Kann der Roman die Fragen nach seinem Leben und seinen Motiven beantworten? Ja und nein. Ja, nach der Lektüre weiß man etwas mehr über den Menschen Hahnemann, insbesondere seine Kindheit (auch wenn diese dem Nachwort nach mehr fiktionaler Natur ist) und die letzten Jahre vor dem Durchbruch seiner Lehre. "Ihr Mann hat eine Vision, Madame (..) Er sieht Dinge, die vor den Augen anderer unsichtbar bleiben, weil die sie nicht sehen wollen. (...) Aber glauben Sie mir, Madame: Dr. Hahnemanns Experimente mit den Heilpflanzen werden eines Tages die eitlen Professoren zum Verstummen bringen." Der Mann soll Recht behalten. Der Leser erfährt etwas über die Motivation Hahnemanns, wobei die mittleren Jahre in der Darstellung etwas blass geraten sind, die Eindrücke der Lektüre schnell vergangen. Und dies erklärt das "Nein" auf die obige Frage.
Es tun sich einige Lücken auf in der biografischen Gestaltung des Romans, die dramaturgisch mit Zeitsprüngen gelöst werden. Manchmal lässt dies den Leser mit unbeantworteten Fragen zurück, die genaugenommen nebensächlich sind, aber dem Leser eines biografischen Romans dennoch durch den Kopf gehen. Es sind Fragen nach persönlichen Dingen im Leben des Hahnemann. Wie war die Reaktion der Eltern auf die Nachricht, dass Fremde ihm den Besuch der Fürstenschule finanzieren werden? Später wiederholt sich das in der Beziehung zu Hahnemanns Frau. Sie lernten sich unter ungewöhnlichen Umständen kennen, nämlich auf der Flucht vor der Gorgonenloge, die beide zwang, das Land zu verlassen. Sie ging einige Jahre als Gouvernante nach England, er nach Wien zur Fortsetzung seiner Studien. Nachdem sie zufällig Jahre später wieder zusammentreffen, bittet Hahnemann sie sofort, seine Frau zu werden, er hatte sie nie vergessen. Doch über die Loge und das Ergehen in der Fremde wird im Gespräch zwischen den beiden kein Wort verloren. Hahnemann will vergessen, doch sie fragt auch nicht.
Das sind aber kleinere Mängel. Insgesamt betrachtet, ist der Roman lesenswert, schon allein um einer breiteren Öffentlichkeit die Möglichkeit zu bieten, sich Hahnemann auf unterhaltsame Weise zu nähern. Der Roman endet um 1812/13 mit dem Durchbruch der neuen Lehre, die vom Brockhaus auf das Jahr 1810 datiert wird. Hahnemann starb 1843, er wurde 88 Jahre alt.