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In der Retrospektive geht Ueli Prager mit sich 1972 etwas gar hart ins Gericht: «Als Walo Gerber mich kurz nach Kriegsende fragte, ob ich sein Nachfolger als RVZ-Präsident werden wollte, da erschrak ich. Ein alter Freund, den ich um Rat fragte, was bei solcher Gelegenheit zu tun sei, überzeugte mich, diese ehrenvolle Aufgabe zu übernehmen. ‹Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand, und der Mensch wächst mit der Verantwortung›, meinte er. Ein Amt hatte mir Gott gegeben, ob er mir aber auch Verstand gab, bezweifle ich etwas beim Durchlesen alter Briefe, Reden und Memoranden aus den Jahren meiner präsidialen RVZ-Zeit». Sicherlich, die Frage nach der Zukunft der Pferderennen auf der Wollishofer Allmend und die Realisierung einer neuen, permanenten Rennbahn nimmt nach dem Zweiten Weltkrieg Fahrt auf und führt trotz unzähliger Anläufe zu keinem befriedigenden Resultat. Doch Ursache des Problems ist nicht primär ein Unvermögen der Vereinsspitze als vielmehr der Fortschritt, der in vielen Bereichen einen Wandel bringt.
Mövenpick-Gründer und RVZ-Präsident Ueli Prager auf Royal Bouquet.
Bei Pragers Amtsantritt können die Rennen 1947 zum 75-jährigen Bestehen des Vereins nicht stattfinden, die Spuren des Krieges sind auf der Allmend Wollishofen noch zu gross. Erst am 29. August 1948 geht der erste Renntag unter seiner Ägide über die Bühne, an dem es noch Soldaten-und Offiziersrennen gibt, ebenso aber als Novität ein Damenreiten. Als Ueli Prager 1956 das Präsidium an Oskar Bürchler abgibt, finden abermals keine Rennen statt. Das Defizit für die temporäre Errichtung der mittlerweile geforderten Infrastruktur wäre einfach zu gross. Der Abschied vom militärischen Ursprung ist freilich bereits am 22. Mai 1955 offensichtlich, dem letzten Renntag unter Pragers Regie. Die beiden französischen Gäste der SEM Fontainebleau sind noch die einzigen Reiter, die in Uniform in den Sattel steigen. Den visionären Grundstein für den Pferderennsport moderner Prägung legt aber nicht Ueli Prager, sondern bereits sein Vorgänger Walo Gerber. Gerber ist der Erste, der sich ernsthaft mit der Zukunft der Rennen befasst, sekundiert vom jungen Juristen Gaston Delaquis, der mit Akribie und Verve all die für eine geregelte Organisation notwendigen Reglemente ausarbeitet – was unter den alteingesessenen Zürcher Familien durchaus Unbehagen auslöst. Doch im alten Trott kann es nicht weitergehen.
Deshalb macht sich die Generation um Ueli Prager den wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegsjahre zum Nutzen, um all den neuen Ideen und Konzepten Leben einzuhauchen. 1955 hält Delaquis fest: «Der schweizerische Rennsport hat jahrzehntelang diesen Namen kaum verdient. Wer ihn ausübte, tat dies von vornherein in der Erkenntnis, dass es sich höchstens um ein Abziehbild dessen handeln konnte, was man ausserhalb unserer Grenzen Rennsport nennt. Diese Auffassung war Ursache einer höchst leichtfertigen Improvisation in allen technischen und sportlichen Belangen. Unser Rennsport konnte nicht ernst genommen werden, weil niemand ihn ernst nahm. So liegt denn der im Laufe der letzten 20 Jahre erfolgte Wandel darin, dass Männer auf den Plan traten, die die Auswirkungen dieser spielerischen Improvisationen erkannten und das ganze Gewicht ihrer bedeutenden Persönlichkeit in die Waagschale warfen, um zu bewirken, dass sie selber ernst genommen wurden.» In Zürich und anderswo werden die technischen Einrichtungen verbessert, in Aarau und Basel entstehen permanente Rennbahnen.
Der Aufschwung färbt auf die Besitzer ab. 1946 sind im Schweizer Jahrbuch 76 Rennfarben (Galopp und Trab) eingetragen, 1964 hat sich die Zahl verdoppelt – auf 159. Weil es in der Schweiz aber noch keine richtige Trainingszentrale gibt, müssen die Schweizer Besitzer ihre Pferde im Ausland trainieren (und laufen) lassen. Mitte der 1950er-Jahre sind es in Deutschland rund 70 und in Frankreich rund 40 Galopper. Als erster Schweizer Sieg im Ausland gilt jedoch bereits der Erfolg der Fuchsstute Granuale eines Herrn Widmers aus St. Gallen, die sich am 29. August 1901 in Baden-Baden in einer Steeplechase durchsetzt. In den 1930er-Jahren sind es die Ställe von Bundesratssohn und Bobfahrer Pierre Musy sowie von Julius Bührer, Direktor der Georg-Fischer-Werke und nachmaliger Schaffhauser Ständerat, die zur deutschen Hindernisspitze zählen. Bührer mit Pferden wie Mount Lavinia, Bois Chabot, Laurier Rose, Le Rex; Musy mit seinen Cracks Melnitz, Salam, Goodly oder Benedictus. Kurz nach dem Krieg strecken Max Buhofer und Jörg Fehr die Fühler nach Frankreich aus, noch nicht bis Paris, aber immerhin ins Elsass.
Weil das devisenhungrige Ausland die Schweizer Interessenten nur zu gerne empfängt, wechseln dort immer mehr und immer bessere Pferde in hiesige Farben. Heinrich Raschle tritt mit Epi Noir, D’Artagnan, oder Suivez-Moi stark in Erscheinung, Rennvereinspräsident Ueli Prager mit Royal Bouquet und Bligny. Der Kontakt nach Deutschland läuft primär über den St. Galler Karl (Charly) Keller, der schon vor dem Krieg in Köln für Schweizer Besitzer trainiert (Buchmann, Asper) und zu dessen Kunden sodann weitere Landsleute zählen. So auch Andreas Zindel, ein schwergewichtiger Bündner Vieh- und Pferdehändler, der für seine Söhne Andreas und Jürg bei Keller die ersten Rennpferde kauft. Keller vermittelt einige Pferde nach Chur und schickt mit diesen seinen ostdeutschen Stallburschen mit in die Schweiz, weil der einen so guten Umgang mit den edlen Vierbeinern hat. Es ist Hans Woop, der dadurch in Zindels Stall Winterberg mit dem Trainieren anfängt und in diesem Metier noch Jahrzehnte später Schweizer Massstäbe setzt.
Bei Trainer Keller, knapp 60-jährig und graumeliert, stehen jetzt also Pferde des Oerlikoner Metzgermeisters Willy Bächtold, des Stalles Aurora der Familie Andretto, die in Hottingen an der Aurorastrasse wohnt, des Genfer Barons Henry de Blonay und von Oskar Bürchler, Pragers Nachfolger an der RVZ-Spitze. 1954 wird Keller erfolgreichster Galopp-Trainer Westdeutschlands – und im Zuge einer aufsehenerregenden «Doping-Affäre» hart bestraft. Er soll Drahtzieher eines Schweizer Komplotts sein, bei dem Pferde mit Amphetamin oder Koffein gedopt werden. Anders liesse es sich nämlich nicht erklären, dass von deutschen Gestüten günstig abgegebene «Ausschussware» unter Schweizer Flagge plötzlich das grosse Laufen bekommt. Als Beispiel hierfür dient der Hengst Nizam, den das Gestüt Erlenhof von Margrit Gräfin Batthyany für 12 000 Mark an Willy Bächtold verkauft. Allein in der Saison 1954 galoppiert der Ticino-Sohn indes 45 950 Mark zusammen und rangiert an fünfter Stelle der erfolgreichsten westdeutschen Flach-Pferde, direkt vor dem Aurora-Hengst Stani. Als sich die positiven Dopingproben aber über den Kreis der Schweizer Verdächtigen häufen und fast in jedem fünften Rennen chemisch beschleunigte Pferde ausgemacht werden, kommen erste Zweifel auf. Sie verstärken sich, weil plötzlich selbst Pferde von Schlenderhan, Deutschlands ältestem Privatgestüt unter Führung von Baronin Gabrielle von Oppenheim, am Doping-Pranger stehen. Schlenderhans Vertrauenstierarzt macht mobil und publik, dass der vom Direktorium für Vollblutzucht und Rennen für die Dopingproben beauftragte Tierarzt wenig von Pferden versteht und wegen vorsätzlich falscher Deklaration von Fleisch gerichtlich bereits verurteilt ist. Einer eingehenden Überprüfung halten die als positiv bewerteten Dopingproben darauf nicht stand, im Berufungsverfahren gibt es Freisprüche auf der ganzen Linie. Die zur Messung entnommenen Proben betragen (ausser bei Bächtolds Feuerblick) weniger als 0,1 Milligramm – gemäss anerkannten Fachleuten für das eindeutige Feststellen von Dopingstoffen eine zu geringe Menge. Es wird erzählt, Keller hätten während der Affäre Selbstmordgedanken geplagt, der Strick habe auf dem Dachboden bereit gelegen.
In den Bächtold-Farben gewinnt Siméon (links) 1957 den GP der Stadt Zürich
Für Ungemach und entgangenen Erfolg werden die betroffenen Trainer ebenso wenig entschädigt wie die Besitzer. Immerhin zeigt sich Fortuna gewogen und beschert Karl Keller wie dem Stall Aurora 1955 den bisher grössten Triumph. Der Hengst Stani, als Röttgener älterer Halbbruder der späteren Star-Appeal-Mutter Sterna, findet zur Form seines Lebens und gewinnt den Preis von Baden. In Mailand läuft Stani zudem hinter Ribot und Norman im Grand Premio del Jockey Club auf Platz 3. In Zürich frohlockt die Familie Andretto aber nicht einzig wegen Stani. Wie für Vater Andretto, Chef der an der Bahnhofstrasse domizilierten Andretto Bank, ist für Sohn René Hans Andretto der Sport die grosse Passion. René zieht es im Gegensatz zum Vater, dem Skifahrer, Tennisspieler und Verteidiger des FC Young Fellows, zum Pferd. Neben Jus-Studium und Bankausbildung startet er in der Dressur, in der Vielseitigkeit, im Springen und findet letztlich seine Berufung dank dem Steepler Saladin im Rennsattel. 1955 wird René Andretto erster Champion der Fegentri, der in jenem Jahr in St. Moritz gegründeten Fédération Internationale des Gentlemen-Riders, die damals noch ohne den Zusatz «et des Cavalières» auskommt. Damit ist ein Zürcher erster Weltmeister der Amateurrennreiter.
René Andretto auf dem familieneigenen Hengst Stani, der 1955 den Preis von Baden gewinnt.
An der Limmat gilt das als kleine Sensation, im Rennverein Zürich als freudige Überraschung. Präsident Ueli Prager organisiert für das erfolgreiche junge Vereinsmitglied eine Ehrung, an der das grosse Talent Andrettos betont wird. Denn dieses müsse für den Erfolg ursächlich sein, weil es in der Schweiz ja weder eine Vollblutzucht noch ein Trainingszentrum gebe. So viel Lob ist dem bescheidenen René Andretto unangenehm. Er rückt das Pferd in den Mittelpunkt und sagt, dass ohne dessen Treue der geschickteste Reiter nicht zum Erfolg gelangen könne. Als Andretto auch 1956 und 1957 Fegentri-Champion wird, tut das seiner Bescheidenheit keinen Abbruch: «Ich überschätze den Wert dieses Preises nicht», sagt er und fügt an: «Ich muss den Reitsport unbedingt einschränken, damit ich meine juristischen Studien abschliessen kann!» Allein, statt Jurist wird René Andretto Berufstrainer, erst in Frankfurt und dann in Lamorlaye. Die Treue des grossen Siegers Stani vergisst er dabei nicht. Der Hengst steht in Deutschland auf Deckstation und ist 1961 der Vater aller Pferde in Andrettos achtköpfigem Aurora-Lot.
Als Ueli Prager die Laudatio auf den jungen René Andretto hält, ist Walter Haefner 45-jährig. Obschon unweit der Allmend Wollishofen aufgewachsen, hat er bisher mit Pferden wenig zu tun. Haefners Passion sind die motorisierten Pferdestärken. Er bringt den VW-Käfer unters Volk, den er seit Kriegsende über seine Neue Automobil und Motoren AG (AMAG) exklusiv in die Schweiz importiert. Mehr als 10 000 Stück hat er bereits verkauft. Neues lotet Haefner als unternehmerisch denkender Selfmademan nur allzu gerne aus, starren Traditionen fühlt er sich nicht verpflichtet. So ist auch nicht die ehrwürdige Reitanstalt zu St. Jakob hinter dem Zürcher Hauptbahnhof sein Ziel, als ihm der Hausarzt rät, aus gesundheitlichen Gründen mit dem Reiten zu beginnen. Haefner schaut sich in Maisons-Laffitte nach einem passenden Pferd um, bei Andreas Zindel, der dort nun Trainer ist – mit Hans Woop als Assistenten. Schnell ist eine hoch im Blut stehende Angloaraberstute ausgemacht. Sie weckt Haefners Tatendrang in Sachen Vollblut: 1959 tritt Walter Haefner dem RVZ bei, 1960 steigt er 50-jährig erstmals in den Sattel, 1961 gewinnt er die ersten Rennen, 1962 kauft er sich in Irland einen alten Milchwirtschaftsbetrieb, den er zu einem der weltweit erfolgreichsten Vollblutgestüte macht: das Moyglare Stud in Maynooth im County Kildare.
Das Gestüt wird vom OK und dem Vorstand des Rennvereins Zürich im Herbst 1975 an einer von Jörg Vasicek organisierten Irland-Reise besucht. Die Reise ist lehrreich, spannend und gesellig. Kein Wunder also, endet ein feuchtfröhlicher Abend in einem typischen irischen Pub im Entschluss, einen irischen Vollblüter zu kaufen. Der Stall Kildare, dank Carl Brauch noch immer aktiv, wird gegründet. Denkwürdig bleibt ebenso der satte Wettgewinn von Jürg Schranz im letzten Rennen vor dem Rückflug. Dieser bringt zwar viel Hektik ins Programm, lässt den glücklichen Gewinner aber seine anstehende Hochzeit finanzieren.