Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03124.jsonl.gz/799

Am 10. Dezember 1900 trat C.G. Jung seine Assistentenstelle an der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli in Zürich an. Er war gerade 25 Jahre alt und hatte zehn Tage zuvor sein Staatsexamen in Basel abgelegt. Jung ging gern nach Zürich. In Basel bot sich ihm, wie er später betonte, zu jenem Zeitpunkt keine berufliche Perspektive. Er wusste bei seiner Bewerbung wohl kaum, was ihn am Burghölzli erwartete. Der damalige Direktor, Eugen Bleuler, war hochangesehen, das Burghölzli selbst bereits durch dessen Vorgänger, August Forel, weltweit berühmt. Forel hatte sich durch seine erfolgreichen Behandlungen von Alkoholkranken einen Namen gemacht, Bleuler durch seine äusserst intensive, psychoanalytische Betreuung der Patienten.
Jung fiel es anfänglich nicht leicht, sich dem strengen Regime Bleulers unterzuordnen und die immense Arbeitsbelastung auf sich zu nehmen. Auch war er bei seinen Kollegen in der Klinik alles andere als beliebt. Noch in hohem Alter erwähnte er, dass er in diesem «Weltkloster» seine «gesamte Jugend» verloren habe. Da ihm Bleuler aber erlaubte, seinen geliebten Studien okkulter Phänomene auch am Burghölzli nachzugehen, besserte sich sein Befinden nach einiger Zeit. Er wurde selbstbewusst, wirkte aber nachgerade nicht selten arrogant. Kurz nach Abschluss seiner Dissertation lernte er Franz Ricklin sen. kennen, der damals aus Deutschland ebenfalls ans Burghölzli gekommen war. Es begann eine enge Zusammenarbeit mit Ricklin und Bleuler. Die drei wandten sich für einige Jahre mit grossem Einsatz den «Diagnostischen Assoziationsstudien» zu. Dabei beschäftigte Jung, so in seiner Autobiographie «Erinnerungen, Träume, Gedanken» (Walter, 2005), die eine brennende Frage: «Was geht in den Geisteskranken vor?»
Die Methode der Assoziationsstudien zum Zweck der Diagnosestellung hatte bereits eine längere Tradition. Jung selbst bezieht sich in seiner 1905 publizierten Habilitationsschrift («Gesammelte Werke» Bd. 2, §§ 560-638, Walter 1979) unter anderen auf Aschaffenburg, Galton, Trautscholdt, Kraepelin, Féré, Balint, Ziehen, Mayer und Orth. Im Unterschied zu den Genannten, war für ihn das diagnostische Moment sekundär. Die Ergebnisse des Experiments dienten ihm vielmehr als Leitlinien für die Therapie. Im Wesentlichen ging es Jung von Anfang an darum, mit Hilfe des Assoziationsexperiments Sinnzusammenhänge aufzudecken, die seines Erachtens auch in den absurdesten Vorstellungen von Geisteskranken ihre Wirkung zeigten.
Zusammen mit Bleuler und Ricklin arbeitete Jung einen Wortkatalog von rund 100 Wörtern aus, die dem Probanden nacheinander zugerufen wurden. Der Proband hatte die Aufgabe, so schnell wie möglich ein eigenes Wort zu assoziieren, beispielsweise «Haus» – «Dach», «Liebe» – «schön», «schwimmen» – «Meer». Dabei ging es Jung neben der Beziehung zwischen Reizwort und Assoziation vor allem auch um die Reaktionszeit, das Zeitintervall zwischen dem Zurufen des Reizwortes und dem Aussprechen des Reaktionswortes. Aus der Länge der Reaktionszeit schloss Jung auf das Vorhandensein eines seelischen Ungleichgewichts, sogenannter gefühlsbetonter Komplexe, nicht zuletzt auch deswegen, weil nach einer langen Reaktionszeit auffallend oft ein, im Kontext der übrigen Assoziationen völlig unerwartetes, Wort folgte (etwa «Salz » – «eklig», «Frosch» – «leise»).
Was geht in den Geisteskranken vor? Dieser Grundfrage war letztlich alles untergeordnet, was Jung dem Assoziationsexperiment entlocken wollte. Zwei miteinander verknüpfte Probleme schienen ihm dabei besonders wichtig. Im Dienste einer möglichen Systematisierung der Assoziationen stellte er zum einen die Frage, wie sich die Assoziationen Kranker von denen Gesunder unterscheiden. Zum anderen versuchte er aus der Fülle der möglichen Einflüsse, die auf die Assoziationen wirken, einen Haupteinfluss auszumachen.
Der Begriff «gesund» war weit gefasst und wurde nicht weiter problematisiert; er bezog sich auf all jene Probanden, die psychisch nicht weiter auffällig waren. Auch der Haupteinfluss, den Jung bestimmte, war nur vage formuliert. Jung griff das heraus, was er «Aufmerksamkeit» nannte: «…jenen unendlich komplizierten Mechanismus, der mit zahllosen Fäden den assoziativen Prozess an alle übrigen im Bewusstsein repräsentierten Phänomene psychischer und körperlicher Provenienz knüpft» (GW, Bd. 2, § 3).
In solch absichtlich unscharf gehaltenen Bestimmungen zeigt sich bereits ein Hauptcharakteristikum der späteren Jungschen Psychologie. Jung war stets darum bemüht, psychologische Begriffe offenzuhalten und dem jeweils gewählten Blickwinkel anzupassen. Dies ist ihm später vielfach vorgeworfen worden, gehört aber zwingend zu seiner Psychologie. Seines Erachtens sind im Seelenleben keine klar abgrenzbaren Phänomene auszumachen. Obwohl erst später deutlich ausformuliert, fasst Jung seelische Phänomene im Kontext einer stets neu sich gestaltenden Abfolge von Imaginationen. Mit wechselndem Kontext und wechselnder Perspektive verschiebt sich auch deren Bedeutungsgehalt. Im Rahmen dieser Sichtweise folgen die Assoziationen im Assoziationsexperiment demselben Prinzip wie die Bilder in Träumen. Beide sind sie Momentaufnahmen seelischer Bewegung. Was immer der Mensch phantasiert, ist somit Ausdruck seiner momentan konstellierten und oft unbewussten seelischen Verfassung.
Trotz stetem Wandel sind die menschlichen Phantasien nie zufällig und schon gar nicht unerheblich oder sinnlos. Sie stehen stets in einem Sinnzusammenhang, dessen Gesetzmässigkeiten zu finden sind. Dabei war Jung überzeugt, dass im Gesunden wie im Kranken grundsätzlich dieselben seelischen Gesetze wirken: «Im Grunde genommen entdecken wir im Geisteskranken nichts Neues und Unbekanntes, sondern wir begegnen dem Untergrund unseres eigenen Wesens. Diese Einsicht war für mich damals ein mächtiges Gefühlserlebnis» («Erinnerungen, Träume, Gedanken, S. 133»).
In jedem Menschen liegt also Unverarbeitetes, wirken abgespaltene, sogenannte gefühlsbetonte Komplexe als Störungen ins Alltagsleben hinein. Der Unterschied zwischen Gesunden und Kranken liegt lediglich im Bezug der Komplexe zum jeweiligen Bewusstsein und zu den Anforderungen der Aussenwelt. In der Psychose beispielsweise ist die Anpassungsmöglichkeit der Komplexe an all das, was äussere Wirklichkeit meint, nicht mehr gegeben. Es stellt sich, gleichsam stellvertretend, eine ältere Form des Denkens ein, eine Form, die mythologische Bilder zutage fördert.
Der dem Assoziationstest entstammende Begriff des «gefühlsbetonten Komplexes» wurde ein Zentralbegriff für die Jungsche Psychologie. Auch Jungs Auseinandersetzung mit Sigmund Freud floss wesentlich in die Begriffsbildung ein. Ein gefühlsbetonter Komplex enthält, so Jung, subjektive gefühlsbetonte Erlebnisse bzw. Reminiszenzen, die sowohl die Reaktionszeit wie den Inhalt der Assoziationen beeinflussen. Der gefühlsbetonte Komplex wirkt auf die Aufmerksamkeit in der Assoziationstätigkeit, und zwar so, dass die Versuchsperson in dem, was ihr einfällt, gerade das verrät, wovon sie selbst nichts weiss.
Die Reaktionen der Versuchsperson «…sind daher nicht irgendwie freie Einfälle, sondern bloss ‹Symptomhandlungen› (Freud), die von einem psychischen Faktor geleitet werden, der sich wie ein selbständiges Wesen benimmt. Der gefühlsbetonte, vom Bewusstsein momentan abgespaltene Komplex übt eine Wirkung aus, die beständig mit den Intentionen des Ichkomplexes erfolgreich konkurriert» (GW, Bd. 2, § 610). Das Assoziationsexperiment wird in der Regel ein paar Stunden später wiederholt. Dem Probanden wird somit dieselbe Wortliste nochmals mit der Aufforderung vorgelesen, erneut zu assoziieren. Diese Wiederholung ist insofern aufschlussreich, als jene Assoziationen, die beim ersten Durchgang eine lange Reaktionszeit hatten, beim zweiten Mal häufig vergessen und durch andere Wörter ersetzt werden. Aufgrund dieser Beobachtung untersuchte Jung das Vergessen, respektive Nichterinnernwollen unlustbetonter Eindrücke und berief sich wiederum auf Freud, insbesondere auf den Aufsatz «Zur Psychopathologie des Alltagslebens» (Freud GW 4. Bd., Fischer 1941). Jung formuliert seinen entscheidenden Bezug zu Freuds Begriff der «Verdrängung» mit folgenden Worten: «Die Reaktionswörter, die so leicht vergessen werden, muten an wie Ausreden; sie spielen etwa eine ähnliche Rolle wie die ‹Deckerinnerungen› Freuds. Wenn z.B. ein hysterisches junges Mädchen mit einer qualvoll langen Reaktionszeit auf küssen mit Schwesterkuss reagiert und nachher die Reaktion vergessen hat, so begreift man ohne weiteres, dass Schwesterkuss nur eine Ausflucht war, welche einen wichtigen erotischen Komplex verdecken musste» (GW, Bd. 2, § 658).
In den Assoziationsstudien ist die spezifisch Jungsche Psychologie bereits im Ansatz enthalten. Alles Spätere, weit besser Bekannte, allem voran die Idee des kollektiven Unbewussten und seiner Inhalte, der Archetypen, kann als Weiterführung der Assoziationsstudien und der Komplextheorie verstanden werden. Die anfängliche Frage nach dem, was in den Geisteskranken vorgeht, enthält bereits die weitergefasste Frage, was im Seelenleben des Menschen überhaupt vorgeht, und leitet über in die nochmals umfassendere Frage: Gibt es ubiquitäre Vorstellungen, Urformen von Imaginationen, die die persönlichen Imaginationen stets mitstrukturieren?
Jung sah Freuds Gedanken der Verdrängung im Assoziationsexperiment voll und ganz bestätigt. Nur in der Frage nach dem Inhalt des Verdrängten stimmte Jung von Anfang an mit Freud nicht überein. Bereits 1909 bahnt sich der spätere Bruch mit Freud an. In diesem Jahr reisten sie zusammen in die USA und erzählten einander ihre eigenen Träume. Dabei wurde Jung von Freuds Traumdeutung, die stets nur sexuelle Komplexe zutage förderte, arg enttäuscht, wie er in seiner Autobiographie schreibt: «Freud konnte … meine damaligen Träume nur unvollständig oder gar nicht deuten. Es handelte sich um Träume kollektiven Inhalts mit einer Fülle von symbolischem Material. Besonders einer war mir wichtig, denn er brachte mich zum ersten Mal auf den Begriff des ‹kollektiven Unbewussten› …»
Der Bruch mit Freud ist zugleich Jungs «Zeit innerer Unsicherheit, ja Desorientiertheit». Jung wird bedrängt von Phantasien: «Die Jahre, in denen ich den inneren Bildern nachging, waren die wichtigste Zeit meines Lebens, in der sich alles Wesentliche entschied. … Meine gesamte spätere Tätigkeit bestand darin, das auszuarbeiten, was in jenen Jahren aus dem Unbewussten aufgebrochen war und mich zunächst überflutete. Es war der Urstoff für ein Lebenswerk» (ebd.).
Was heute als spezifisch Jungsches Archetypenkonzept gilt, war Jungs Versuch, zu all den Imaginationen, denen er sich selbst ausgeliefert sah, in ein Verhältnis zu kommen, das heisst, sie zu systematisieren. Diese Systematisierung war nun nicht mehr eine psychiatrisch-empirische und auch keine, die der persönlichen Geschichte des einzelnen entnommen wäre. Beide Einteilungen schienen ihm zu kurz gegriffen. Jung suchte, so schrieb er in seiner Autobiographie, nach «historischen Präfigurationen der inneren Erfahrungen». Er suchte in den Weiten der Menschheitsphantasien, der Religions- und Kulturgeschichte und legte Urbilder fest, Archetypen, die ihm als Strukturelemente der menschlichen Phantasietätigkeit galten.
Damit öffnete sich ein Graben zu seinem bisherigen Denken, das in den frühen Jahren, trotz dem Schwerpunkt auf den menschlichen Imaginationen, noch immer ein psychiatrisch-empirisches Denken war. Der Entschluss, sich von der Universität zurückzuziehen, symbolisiert diese Wende. Obwohl ihm selbst nicht ganz bewusst, wechselte Jung zu einem hermeneutisch verfassten bildhaften Denken, das nicht einfach mehr ins Empirische einbindbar ist und auch nicht als Ergänzung des Empirischen betrachtet werden kann. Der Bruch mit dem Bisherigen war grundlegend. Denn wenn das sogenannte Unbewusste, metaphorisch gesprochen, mit «einer Welt von sozusagen kosmischen Ausmassen» (GW, Bd. 12, § 366) verglichen werden kann, mit einer Welt, die das Bewusstsein präfiguriert, dann ist in die Psychologie ein neuer Bezugspunkt eingeführt: aus menschheitsgeschichtlicher Perspektive sind psychische Konflikte nicht mehr nur rückführbar auf Interaktionen in der Kindheit. Sie sind immer auch Ausdruck jener archetypisch strukturierten seelischen Verfasstheit, in der der Mensch immer schon steht.
Hier liegt die Zumutung des Jungschen Denkens, die Jung selbst nur ansatzweise zu erfassen vermochte: die psychologische Grundfrage zielt jetzt nicht mehr einfach auf das Wohl und Wehe des Alltagsmenschen, sondern auf jene Dimension, die den Menschen in seinem Alltag bestimmt. Jungs Wende oder Revolution – man kann sie archetypal turn nennen – steht, bei allen Unterschieden, dem nahe, was in der Philosophie seit Mitte letzten Jahrhunderts linguistic turn genannt wird. Wird im linguistic turn die Präfiguration menschlichen Denkens in der Sprachstruktur gesehen, liegt die Präfiguration seelischen Lebens, in Jungs archetypal turn, in der a priori gegebenen Bildstruktur.
Jungs neue archetypische Perspektive, nach der der Einzelmensch immer auch auf dem Hintergrund allgemeinmenschlicher Phantasietätigkeit betrachtet wird, erforderte ein neues Durchdenken seiner Psychologie. Jung selbst war nicht in der Lage, seinen neu errungenen Standpunkt theoretisch durchzukämmen. Nur zu oft verwickelte er sich in Ungereimtheiten, besonders augenfällig dort, wo er dennoch auf der empirischen Grundlage seiner Erkenntnisse besteht, und auch an jenen Stellen, wo er Anima und Animus einerseits zu allgemeinmenschlichen, archetypischen Vorstellungen erklärt, anderseits aber die Anima nur ins Unbewusste des Mannes, den Animus im Unbewussten nur der Frau ansiedelt. Es wäre dem Archetypischen angemessener, sie als seelische Grundkomponenten des Menschen überhaupt zu erfassen.
Die Jungsche Psychologie war sehr erfolgreich und wird heute noch als eine wichtige Richtung der Psychologie in der ganzen Welt vertreten. Sie verdankt diesen Erfolg Jungs bildhaftem Ansatz, innerhalb dessen eine grosse Diversifikationsfülle an Interpretationen möglich geworden ist. Diese unterschiedlichsten Weiterführungen können grob gesehen in zwei Hauptrichtungen unterteilt werden: in die «Archetypische Psychologie» und in die «Jungsche Entwicklungspsychologie». Doch auch innerhalb dieser Richtungen gibt es unzählige Sichtweisen, jene zum Beispiel, die die Entwicklungspsychologie durch den archetypischen Ansatz ergänzt sehen wollen; jene, die die Archetypen im Biologischen nachzuweisen suchen und jene, die von einer narrative-based psychotherapy sprechen.
Das Modell der Archetypen ist in wichtigen Punkten vom Amerikaner James Hillman weiterentwickelt worden. Hillman war sich Jungs Paradigmenwechsels bewusst, und es gelang ihm, den Einzelmenschen konsequent von dem her zu verstehen, was Jung das kollektive Unbewusste genannt hat. Das Imaginale erscheint bei ihm als die zentrale Metapher für alles Seelische. Nochmals einen wesentlichen Schritt weiter ist der deutsche Psychologe Wolfgang Giegerich gegangen. Seine Weiterentwicklung betrifft vor allem die Metapher «Seele». Hillmans Perspektive des Imaginalen wird bei Giegerich ausdifferenziert als die Perspektive der in sich differenten Einheit von innerem Erleben und äusseren Tatsachen. Der logische Status des bildhaften Denkens, wie er sich im Lauf der Menschheitsgeschichte verändert hat, wird mit in die Perspektive hineingenommen. Mit dieser dialektischen Erfassung von Innerseelischem und Aussenweltlichem hat Giegerich verschiedene Gefahren überwunden, wie sie im Konzept der Archetypischen Psychologie liegen.
Eine der Gefahren wohnt all jenen Konzeptionen inne, in denen in der Welt des Imaginalen verharrt wird. Die Vertreter dieser Richtung – James Hillman wurde oben erwähnt – reihen Bild an Bild, Geschichte an Geschichte, ohne den logischen Status der Imaginationen mitzuberücksichtigen. Das Stichwort heisst hier «Amplifikation», das Suchen nach historischen Parallelen. Bei den alten Ägyptern, Griechen, Kelten, Indianern, in Asien und bei den Eskimos wird dem Adler, der Schlange, der Gans nachgeforscht, wird die symbolische Kraft von Wasser, Luft, Feuer und Erde ergründet, werden Fragen gestellt wie etwa: Was lehren uns Mythen und Märchen über das Böse, das Tabu, das Weibliche, Mütterliche, Kindliche, Männliche – in uns selbst? Wo liegt die Symbolik von Silber oder Gold, von Zwei, Drei und Sieben und so weiter? Man sieht den Therapeuten am Werk. Sein Wunsch ist es, dem leidenden modernen Menschen auf dem Hintergrund uralter Vorstellungen Hilfe zu bieten. In diesem Fall werden einzelne Symbole amplifizierend aus ihrem Kontext isoliert und technisch instrumentalisiert. Der moderne Mensch wird dadurch zum Vampir, der die alten Geschichten aussaugt, um jene Leere, an der er leidet, wieder zu füllen. Gleichsam unter der Hand wird in dieser Sichtweise Tiefenpsychologie zur (nostalgisch gefärbten) Verhaltenstherapie.
Eine weitere Gefahr in der Bemühung um die Weiterentwicklung besteht darin, dass die sich mit Mythologie beschäftigende Jungsche Psychologie ihrerseits mythologisch wird, das heisst, dass die alten Narrative als Wirklichkeit erfahren und mit der Wirklichkeit verwechselt werden. Was als menschliche Phantasietätigkeit durchschaut worden ist, wird Ding an sich. In dieser Auffassung wird die Differenz von Perspektive und Aussenwelt aufgehoben und wird die Jungsche Psychologie zum Religionsersatz.
In Giegerichs Konzeption wird davon ausgegangen, dass die in den alten Mythen enthaltenen Menschheitsthemen im Lauf der Menschheitsgeschichte vielfache Reflexionsebenen durchlaufen haben. Seelisches entspricht damit etwa dem, was der deutsche Philosoph Hans Blumenberg die stets neu sich gestaltende «Arbeit am Mythos» genannt hat. So gesehen sind sämtliche seelischen Manifestationen, selbst die des modernen Menschen, nach wie vor und unentrinnbar – wenn auch phylogenetisch wie ontogenetisch stets neu konzeptionalisiert und natürlich als Menschenwerk entmythologisiert – auf Mythologie zurückbezogen. Mit andern Worten: die Menschheitsthemen bleiben immer dieselben, sie verändern aber ihre Form. Die Form der alten Mythen selbst ist damit überholt, der Mythos in seiner alten Gestalt kann nicht mehr stattfinden.
Mittlerweile gibt es weltweit 55 Jungsche Gesellschaften, die in einem Internationalen Dachverband, der «International Association of Analytical Psychology» (IAAP), zusammengeschlossen sind. In 35 von ihnen werden Jungsche Psychotherapeuten ausgebildet, und überall auf der Welt wird im Rahmen Jungscher Psychologie publiziert. In Zürich, wo die Jungsche Psychologie mit dem Assoziationsexperiment ihren Anfang nahm, gibt es (nebst dem nicht der IAAP zugehörigen «C.G. Jung-Institut» in Küsnacht) das 2004 gegründete ISAPZURICH, das «Internationale Seminar für Analytische Psychologie», das von zurzeit 80 Studenten aus 13 verschiedenen Ländern besucht wird. Am ISAPZURICH wird das bildhafte, symbolische Denken, wie Jung es in seinen Werken skizziert hat, weitergelehrt und weiterentwickelt.
DORIS LIER ist diplomierte analytische Psychologin und Psychotherapeutin (SPV) in eigener Praxis. Sie hat Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie studiert. Sie ist Mitglied der Seminarleitung des Internationalen Seminars für Analytische Psychologie Zürich sowie Dozentin, Lehr- und Supervisionsanalytikerin an
diesem Seminar.