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Kontrabass: Lisa Hoppe // Komposition: Anicia Kohler // Mix&Master: Chris Diggelmann
Das Stück kann auf vignettiste.bandcamp.com für 1 Franken (oder mehr, auf Wunsch) gekauft und heruntergeladen werden. Der gesamte Erlös geht an Lisa.
Vor ein paar Wochen stiess ich in einer obskuren Bibliothek in einem Hotel zufällig auf ein Buch über Elizabeth Blackwell (1821-1910). Sie war eine Pionierin – die erste Ärztin der USA. Im Folgenden einige der Hindernisse, die sie überwinden musste:
- keine einzige Universität wollte sie aufnehmen. Vom Geneva Medical College (NY) bekam sie zwar einen Aufnahmebrief – der war aber scheints eigentlich als Witz gemeint
- während des Studiums (dann doch am Geneva Medical College) durfte sie nicht neben ihren Kommilitonen sitzen
- der Zugang zum Labor wurde ihr häufig verwehrt
- nach ihrem Abschluss wollte kein Krankenhaus sie einstellen
- niemand wollte ihr Räume für eine eigene Praxis vermieten
- auch Patient*innen waren zunächst skeptisch
Trotzdem schloss sie als Beste ihres Jahrgangs ab, gründete später medizinische Ausbildungsstätten für Frauen in England und den USA, und setzte sich während dem amerikanischen Bürgerkrieg für den Norden und gegen die Sklaverei ein.
„She is one of those who cannot be hedged up, or turned aside, or defeated“, schrieb eine lokale Zeitung nach ihrem Abschluss – eine der einzigen, die sich nicht patriarchalisch-sarkastisch über sie äusserte.
Ein interessanter Zufallsfund also. Er führte zum kleinen Stück „Crusade“, entstanden aus dem Bedürfnis, Elizabeth Blackwell und all den anderen Frauen, die sich in stur in den Gegenwind stellten und stellen, einen Kranz zu winden. Und gleichzeitig auch dazu, dass ich mich traute, die renommierte Bassistin Lisa Hoppe zu fragen, ob sie das Stück aufnehmen wollte. Das passte einfach grad so gut. Nicht nur aus Gründen des Namensvettertums, sondern auch, weil Lisa Hoppe zu denjenigen Musiker*innen gehört, die sich viele Gedanken zu (gesellschafts-)politischen Themen machen. Sie hat in Bern studiert und hat lange in New York gelebt, und ist vor ein paar Wochen aus Coronagründen nach Berlin gezogen. Wir haben auch noch ein bisschen zusammen geredet.
Lisa, ich habe dir erzählt, dass ich zufällig auf Elizabeth Blackwell gestossen bin, und mich ihre Geschichte berührt hat. Und du hast dich auch ein bisschen eingelesen. Wie ist es dir ergangen?
Ja, es ist eine echt inspirierende Geschichte! Man kann sich kaum vorstellen, dass vorher noch keine einzige Frau Medizin studiert hat in den USA. Sie hat ihr Leben lang eine klare Vision verfolgt.
Ich habe dir das Stück gegeben, und dir gleichzeitig gesagt, es hänge für mich mit dieser Frau zusammen. Wie war das für dich? Kommt es bei dir häufig vor, dass ein Stück mit einem konkreten Thema zu tun hat? Oder war das ungewöhnlich, oder unangenehm?
Für mich war das mega gut. Solche Eingrenzungen sind manchmal wie eine Befreiung. Aus dem Nichts zu arbeiten ist manchmal viel schwieriger. Ich habe mir dann auch einen bestimmten Aufnahmetag gesetzt. Es ist einfach so viel einfacher, wenn man eine Deadline hat, und dann noch ein bestimmtes Sujet! Ich habe grad gedacht, es wäre vielleicht eine Idee für ein Soloalbum, dass ich ein paar Leute frage, ob sie mir ein Stück schreiben. Dann ginge es vielleicht schneller, als wenn ich die ganze Motivation aus mir selber nehmen müsste. Das Intrinsische ist manchmal schwierig (lacht).
Ja genau! Und ich will jetzt nichts in dich hineininterpretieren. Aber ich habe mich gefragt, ob es dir vielleicht ähnlich geht. Ich hadere manchmal damit, einen Sinn in der Musik, nur als Musik, zu finden. Warum machen wir schöne Töne, wenn die Welt vor die Hunde geht? Ist das nicht ein bisschen egozentrisch? Und dann fällt es mir einfacher, wenn ich mich gleichzeitig mit etwas Tiefgründigem beschäftige, vielleicht auch mit etwas Politischem. Wenn ich etwas lernen, und das vielleicht dann auch weitergeben kann.
Ja. Musik und Politik ist ein schwieriges Thema. Ich mache mir auch viele Gedanken, auch um das Egozentrische der Musik, wie du es ausdrückst.
Ich finde, man sollte nicht explizit politisch sein mit Musik. Für mich ist es im Moment so, dass ich Stellung beziehen möchte, aber nicht unmittelbar mit der Musik, die ich mache. Sonst bringe ich Dinge zusammen, die nicht zusammengehören, oder instrumentalisiere die Musik, und dann wird das Ganze sehr manipulativ. Ich versuche einfach eine gute Demokratin zu sein (lacht), ich stimme ab, ich lese News, und rede mit verschiedenen Leuten. Und die Musik mache ich, weil sie mir gefällt, und anderen Leuten vielleicht auch.
Andererseits muss ich auch sagen: sobald ich auf die Bühne stehe, ist es halt ein Politikum. Weil ich Performerin bin, mit einem männlich besetzten Instrument. Die Tatsache, dass ich eine weibliche Bassistin bin, ist im Moment noch politisch. So… das ist etwa die Kurzfassung (lacht). Was ist denn deine Meinung dazu?
Unbedingt genau so, wie du es sagst. Sonst wird es schnell ganz billig. Ich merke einfach, dass es mir wichtig ist, wenn ich während der Arbeit eine kulturelle oder gesellschaftspolitische Komponente reinbringen kann. Das ist schlussendlich für die Musik dann wahrscheinlich gar nicht so relevant. Aber die Inspiration geht für mich tiefer, wenn es mehr ist als nur Klang. Und das ist mir wichtig.
Und das sind ja genau zwei verschiedene Dinge – aus einem Thema Inspiration zu beziehen, oder zu sagen, bei dieser Musik geht es ganz klar um dieses Thema.
Du hast absolut recht! Das stimmt. Es geht um die Inspiration. Und dann ist es in Ordnung. Und aktiv werden muss man anderswo. Merci!
Du hast vorhin gesagt, konkrete Ziele seien hilfreich. Hat das mit Corona zu tun? Weil im Moment viele Ziele wegfallen?
Ja voll (lacht und seufzt). Aber es ist ja sowieso immer cool, wenn man ein Ziel vor Augen hat. Im Moment habe ich sehr wenig Struktur. Seit sechs Wochen bin ich in Berlin, in einer für mich ziemlich neuen Stadt, und habe noch keine regelmässigen Jobs. Ich muss mir alles selber einrichten.
War das ein bewusster Entscheid, in eine Stadt zu gehen, die du noch nicht gut kennst?
Ehrlich gesagt bin ich ja nicht ganz freiwillig nach Berlin gekommen… der Punkt war einfach, dass mein Partner und ich aus New York wegmussten. Aus finanziellen Gründen, aber auch aufenthaltstechnisch – aktuell werden die Visa nicht mehr verlängert. Und ich war seit acht Jahren immer überall Ausländerin, immer Immigrantin. In der Schweiz ist das natürlich ein bisschen anders als in den USA. Aber trotzdem. Ich weisst nicht, ob du weisst, wie das ist?
Nein…
Nur ein kleines Beispiel: in Deutschland heisst das Ausländerbehörde. Das ist ja schon ein seltsames Wort. Und in der Schweiz heisst das aber Fremdenpolizei.
Wow.
Ja (lacht). Es war jedenfalls so, dass ich wusste, wenn das mit Corona so weitergeht, muss ich irgendwann in der Zukunft vielleicht sogar Sozialhilfe beziehen. Und das kann ich als Deutsche in der Schweiz nicht. Mein Partner ist Argentinier – in Argentinien ist nicht nur Corona ein Thema, sondern auch die politische Situation. Wir waren einfach beide in limbo. Deshalb haben wir gesagt, lass uns nach Deutschland gehen, und zwar nach Berlin, dort kommt man mit englisch durch. Es war eigentlich ein Ausschlussverfahren. Und jetzt sind wir halt hier (lacht).
Und was denkst du, was läuft bei dir in einem Jahr? Wo wünschst du dir, in einem Jahr zu sein?
Das ist eine sehr gute Frage… ich hoffe schon, dass ich in einem Jahr noch in Berlin bin. Ich schreibe im Moment sehr viel Musik. Ich hoffe, dass bald einmal alles wieder ein bisschen normal wird, dass ich unterrichten kann, und meine Sachen wieder spielen kann, in Konzerten, mit anderen Leuten. Ich hoffe, das können wir bald einmal alle wieder!
Mit dem Trio ESCHE – mit Laura und Luzius Schuler – gibt Lisa im Oktober übrigens ein paar Konzerte in der Schweiz. Das neue Album "Unter und über Wasser" erschien am 15.10.2020.
Foto: Alice Lehmann