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Frans Masereels zeichnerische Denkmäler gegen den Krieg
Der belgische Grafiker und Maler Frans Masereel (1889–1972) gehört zu den grossen Pazifisten unter den Künstlerinnen und Künstlern des 20. Jahrhunderts. Kaum einer hat sich so intensiv mit der Frage des Krieges beschäftigt und mit seiner Kunst dagegengehalten wie er.
«Der Künstler kann – leider – nichts als Zeuge sein, erzählen oder zeichnen, was er hörte oder sah. Ist es nicht letztlich ein Werk für den Frieden, die Schrecken des Krieges zu zeigen?»
Masereel 1967
Diese Haltung spiegelt sich entsprechend in seinem umfassenden Werk wider, welches nebst zahlreichen Gemälden, tausende von schwarz-weissen Papierarbeiten, vor allem Tuschezeichnungen und Holzschnitten umfasst. Diese entstanden als Einzelblätter, als eigenständige Serien oder aber wurden in Zeitungen wie der avantgardistischen und pazifistischen Zeitschrift La feuille publiziert, was ihm darüber hinaus den Status des Erfinders der Graphic Novel einbrachte.
Der deutsche Schriftsteller Stefan Zweig, ein langjähriger Freund des Künstlers, schrieb über ihn: «Da war Frans Masereel, der mit seinen Holzschnitten gegen die Gräuel des Krieges vor unsern Augen das überdauernde zeichnerische Denkmal des Krieges schnitt, diese unvergesslichen Blätter in Schwarz und Weiß, die an Wucht und Zorn selbst hinter Goyas Desastres de la guerra nicht zurückstehen.»
Masereel hielt zeitlebens enge Verbindungen zu Winterthur, allen voran zum Sammler und Mäzen Georg Reinhart, dem Bruder des Museumsgründers Oskar Reinhart. Georg Reinhart hatte eine besondere Vorliebe für asiatische Kunst und Kultur und sammelte auch in diesem Bereich. Von ihm stammte denn die Bildrolle, auf die der Künstler diese Ereignisse gezeichnet hat. Daneben entstanden noch sieben weitere solcher überlangen, cineastisch anmutende Arbeiten. Sie sind im Rahmen dieser Ausstellung als Schenkung der Erben von Georg Reinhart, Nanni und Balthasar Reinhart, ins Kunst Museum Winterthur gelangt.
Mit der ausgestellten Papierrolle En France / Juin 1940 von 1942, die auf einer Länge von beinahe fünf Metern die Flucht aus Paris – zu Fuss und zusammen mit seiner Frau Pauline Imhoff – im Juni 1940 zeichnerisch umsetzt, vermag es Masereel den Betrachtenden einen ebenso detaillierten wie monumentalen Eindruck dieser Erlebnisse zu vermitteln.
«Mit Worten mag ich es nicht beschreiben – mit meinem Zeichenstift versuchte ich es damals zuweilen.»
Masereel hat sich in seinen Arbeiten häufig von eigenen Lebensereignissen leiten lassen. In der Grafikfolge Apokalypse unserer Zeit, einer von sieben Zyklen, die er seit 1940 gegen den Krieg schuf, schrieb er im Vorwort: «Mit meiner Frau war ich auf den Landstrassen, verloren in einer riesigen Menge von Frauen, Kindern, Männern, Greisen und Soldaten, die mit Fahrzeugen aller Art, Kanonen und Tieren ein chaotisches Durcheinander bildeten […] Dieser endlose Zug floh vor den Feuerbrünsten, vor den von allen Seiten, von oben und unten, hinten und vorne kommenden Salven, mit denen der Tod grosszügig seine Ernte einbrachte.»
Wie es seine schriftlichen Äusserungen andeuten, lassen sich die Geschehnisse der Flucht, die in En France / Juin 1940 dargestellt sind, nicht auf einmal fassen. Hier zeigt sich abermals der Ansatz, den vor ihm Dürer, Callot und Goya gewählt haben: die Schrecken des Krieges lassen sich nicht in einem einzelnen Bild zusammenfassen. Es ist ein ganzes Panorama an Katastrophen, die erlebt und verarbeitet werden. Masereel unternahm hier den Versuch, die Bilder aus der Apokalypse unserer Zeit in ein einziges Werk zu fassen – und benötigte dafür mehrere Meter.
«War das nicht wie eine Apokalypse, die sich da auf uns stürzte? Und war sie nicht viel schrecklicher als jene, die die alten Schriften ankündigten? Haben nicht viele von uns damals geglaubt, das Ende der Welt sei hereingebrochen?»
Aus dem Vorwort zu Apokalypse unserer Zeit, um 1953
Seine pazifistische Grundhaltung lag auch dem monumentalen Wandbild Das Begräbnis des Krieges zugrunde, das er 1937 zusammen mit dem Schriftsteller Louis Aragon und dem Politiker Maurice Thorez umsetzte. Das rund sieben Meter lange und vier Meter hohe Bild entstand für den Friedenspavillon der Pariser Weltausstellung, dieselbe, an der auch Picassos berühmtes Guernica im spanischen Pavillon ausgestellt war. «Dafür hatte ich eine riesige Wand von 7 Meter Breite bei 4 oder 5 Meter Höhe gemalt, die eine Gruppe von Persönlichkeiten darstellte, […] die eine Art von riesigem, den Krieg symbolisierenden Sarg bewegten, also sozusagen den Krieg zu Grabe trugen.»
Masereels künstlerischer Aktivismus zeichnet sich durch eine zeitlose Bildsprache aus, die weitgehend auf Symbole verzichtet. Es sind nicht allegorische Überhöhungen, sondern reale Ereignisse, die er darstellt und die seinem Werk bis heute eine ungebrochene Eindringlichkeit verleihen. Die Massen, die er darstellte, wollte er gleichermassen erreichen – was sich auch in den gewählten Medien der Zeichnung und des Holzschnitts, sowie in der Serie zeigt: «Es war mein Ziel, das Grauenvolle dieser Vorgänge richtig wiederzugeben. Ich wollte sie anderen Menschen zeigen, in der Hoffnung, sie möchten daraus die Folgerung ziehen, einst gemeinsam und Hand in Hand den siegreichen Weg zum FRIEDEN zu beschreiten.»