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Eigne dir die Regeln von Yama und Niyama an
Im achtfältigen Yoga-Pfad hat Patanjali fünf Regeln für Yama und fünf Regeln für Niyama gegeben. Sie bilden die Grundlagen für jegliche okkulte Praxis. Die Regeln von Yama gelten für das Arbeiten in der äußeren Welt, Niyama enthält Regeln für die Arbeit an uns selbst.
Als erstes betrachten wir die Regeln von Yama:
- Ahimsa
- Satyam
- Brahmacharya
- Astheya
- Aparigraha
Ahimsâ wurde bereits als die 13. Lehre von Lord Sanat Kumâra besprochen. Ahimsâ bedeutet ‚Harmlosigkeit‘. An dieser Stelle empfiehlt Sanat Kumâra, auch die anderen Regeln anzuwenden.
Satyam
Satyam bedeutet ‚Wahrheit‘, ‚die Wahrheit zu sprechen‘. Die Anweisung lautet, dass wir wahrhaftig sein sollen. Wahrhaftigkeit bedeutet: Übereinstimmung von Gedanke, Wort und Tat. Dies ermöglicht die Manifestation der Wahrheit. Wahrhaftigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang Einheit von Gedanke, Wort und Tat. In der Welt versuchen die Menschen zu manipulieren. Was sie denken, sagen und tun, ist jeweils etwas anderes. Wenn das Denken, die Worte und die Handlungen voneinander abweichen, werden diese drei Stadien der Objektivität verzerrt. Manipulierende Gedanken, Worte und Handlungen binden allmählich die manipulierende Person. Wenn man etwas sagt, was man eigentlich nicht meint, und wenn man etwas tut, was mit dem Gesprochenen nicht übereinstimmt, stört man seine eigenen Energien und bringt sie durcheinander. Man kommt aus der Spur und bringt sich selbst in Schwierigkeiten. So sammelt man mehr und mehr Dinge an, durch die man fest gebunden wird. Wenn Denken, Sprechen und Tun voneinander abweichen, schadet man dadurch seiner Persönlichkeit und legt sie lahm. Man baut sein eigenes Gefängnis, in das man eingebunden ist.
Daher ist es ein Anliegen, die Yoga-Schüler bzw. die Schüler der Jüngerschaft dahin zu führen, dass sie für die Übereinstimmung ihrer Gedanken, Worte und Handlungen sorgen. Damit vermeiden sie die Anhäufung von Karma. Gleichzeitig wird dadurch das ungehinderte Fließen der Hilfsmittel ermöglicht, die ihrem Fortschritt dienen. Erfreulicher und angenehmer Wohlstand kommt zu Personen, die dieser Tugend folgen, genauso wie alle Wesen zu jemandem freundlich sind, der harmlos ist. Die Welt ist voll von Manipulationen, und die weltlichen Menschen werden durch ihre eigene Manipulation manipuliert. So lautet das Gesetz. Schüler der Jüngerschaft können den Begrenzungen der Welt entkommen, wenn sie nicht manipulieren. Von einem Jünger wird erwartet, dass er sich aus der Welt heraushebt und sie positiv beeinflusst. Doch das kann er nicht, wenn er sich an Manipulationen beteiligt. Viel kann über diese Tugend gesagt werden, aber in diesem Zusammenhang sollte das bisher Dargelegte ausreichen.
Brahmacharya
Dieses Wort hat zwei Bedeutungen. Die einfache Bedeutung ist ‚regulierte Sexualität‘, und die tiefere Bedeutung ist ‚in Brahman leben und sein‘. Das Erste führt zum Zweiten, das letztendlich das Ziel aller Jüngerschaft ist. Es bedeutet, ‚in Brahman zu leben, zu weben und sein Dasein zu haben‘. Dies ist der Zustand des Das Bin Ich. Doch in diesem Textzusammenhang bezeichnet Brahmacharya die regulierte Sexualität. In zahlreichen Büchern wurde viel über Sexualität geschrieben und gesprochen, ihre Bedeutung und ihre Gefahren dargelegt. Die Sexualenergie ist die Energie der Seele, die in der Schöpfung einem bestimmten Zweck dient. Weder darf sie unterdrückt werden, noch sollte man sie überbetonen. Sie sollte eine regulierte Aktivität sein. Um die Fortpflanzung zu sichern, schenkt die Natur den Menschen den Sexualinstinkt. Dadurch bietet die Natur den inkarnierenden Seelen Körper an. Jeder Person wird ein Körper gegeben, damit sie die Absichten der Seele erfüllen kann. Daher hat jeder die Pflicht, anderen zu helfen, indem er Körper anbietet. Jeder von uns hat einen Körper bekommen. Deshalb haben wir eine Pflicht, inkarnierenden Seelen Körper anzubieten. Wir sollten lernen, das zu geben, was wir bekommen haben. Wir empfangen, um zu geben, und wir geben, um zu empfangen. Auf diese Weise wird in der Schöpfung für den Fortbestand gesorgt.
Wir können nicht immer nur empfangen, wenn wir nicht geben. Wir können nicht ununterbrochen einatmen, sondern auf jedes Einatmen folgt das Ausatmen. Ohne zwischendurch auszuatmen, können wir nicht ein zweites Mal einatmen. Ohne den Darm und die Blase zu leeren, können wir nicht immer weiter essen und trinken. Genauso können wir nicht gut empfangen, wenn wir nicht sinnvoll weggeben. Dasselbe Gesetz kommt beim Empfangen und Geben von Körpern zur Anwendung. Folglich ist die Sexualität ein natürliches Verhalten. Ihr Zweck ist, inkarnierenden Seelen Körper anzubieten und gleichzeitig das biologische Bedürfnis zufrieden zu stellen. Wenn wir diese Verantwortung erfüllt haben, wird uns empfohlen, dieselbe Energie in den Bereich des Yoga umzuleiten, um den buddhischen Körper bzw. den Antahkarana-Körper aufzubauen. Für den Aufbau des Antahkarana Sarîra wird dieselbe Energie verwendet. Sie aktiviert das Aufsteigen der Kundalinî-Kraft. Die Schriften empfehlen weder Unterdrückung noch schwelgerischen Genuss der Sexualität, sondern eine regulierte Aktivität. Wenn die Sexualität gut reguliert ist, können die entsprechenden Energien zur Umformung des Körpers sowie zur Umwandlung und Umgestaltung genutzt werden. Daher wird diese Regel, die zu Yama gehört, als wichtig erachtet. Auch in der Sexualität sollten wir dem goldenen Mittelweg folgen.
Asteya
Asteya bedeutet ‚das Fehlen des diebischen Instinkts‘. Stehlen bringt schweres, bindendes Karma. Der Mensch bindet sich selbst hoffnungslos, wenn er stiehlt. Er kann auf drei Ebenen stehlen. Physisches Stehlen ist eine grobe Art, emotionales Stehlen ist eine feinere Art. Die Gefühle anderer auszunutzen, um selbst dadurch zu profitieren, ist schlimmer als physisches Stehlen. Im Großen und Ganzen ist die Menschheit emotional. Wer die Gefühle anderer Leute für den eigenen Vorteil ausnutzt, zieht sich noch viel schwereres Karma zu. Die Führer der Gesellschaft erleiden meistens dieses Karma, wenn sie die emotionalen Massen manipulieren, um selbst dadurch zu profitieren. Andere Leute mit Hilfe emotionaler Mittel zu gewinnen, gilt ebenfalls als Stehlen. Diese Art des Stehlens ist in allen schwelgerischen Tätigkeiten enthalten, z. B. im Spiel (emotionale Schwäche für das Geld) oder in der Sinnlichkeit (Schwäche für das andere Geschlecht). Diese Dinge gehören in die zweite Kategorie des Stehlens. Die dritte Kategorie ist das intellektuelle Stehlen und zugleich die schlimmste Art zu stehlen. In unserer Gesellschaft nimmt sie überhand. Die Stärkeren stehlen Ideen von den Schwachen und bringen sie als ihre eigenen Ideen heraus. Heutzutage werden viele Patente gestohlen. Die weniger Intelligenten werden von den Intelligenteren ausgebeutet. Meistens wird die Intelligenz mehr missbraucht als gebraucht. Die Menschheit leidet schwer unter diesem Karma. Wer stiehlt, wird zu einem ewigen Gefangenen seiner Persönlichkeit.
Von allen menschlichen Eigenschaften ist diese die schlimmste, und am Ende wird man durch das entsprechende Karma ersticken. Weder mental, emotional, noch physisch zu stehlen ist grundlegend für jegliche Jüngerschaftspraxis. Die ganze menschliche Geschichte macht deutlich, dass die hauptsächliche menschliche Aktivität auf dem Planeten im Stehlen des Eigentums und der Leute von anderen bestand. Die Geschichte des Mahâbhârata erzählt vom Stehlen fremden Eigentums, und die Geschichte des Râmâyana erzählt vom Stehlen der Frauen, die zu jemand anderem gehören. Diese zwei indischen Epen legen eindeutig die Konsequenzen des Stehlens dar.
Aparigraha
Aparigraha bedeutet ‚keine Vergünstigungen erstreben‘. Parigraha bedeutet ‚Vergünstigungen erstreben‘. Wenn wir von anderen Vergünstigungen haben möchten, ohne eine Gegenleistung dafür zu geben, steht dies im Gegensatz zur Idee des Yagna. Yagna ist das Ritual der Handlung. In der Schöpfung bedeutet Handlung grundsätzlich, etwas für andere zu tun. Erst nachdem wir für andere etwas Gutes getan haben, sind wir berechtigt, die Früchte dieser Handlungen guten Willens zu erhalten. Vergünstigungen haben zu wollen, zeigt die innere Haltung, empfangen zu wollen, ohne für andere irgendetwas Gutes getan zu haben. Solche Leute werden als Vampire betrachtet. Vergünstigungen haben zu wollen, ohne dass man etwas für das umgebende Leben tut oder beisteuert, ist nicht wünschenswert, weil man dadurch schwer mit Karma belastet wird.
Yoga-Praxis oder Übungen zur Jüngerschaft dienen dazu, das Karma der Vergangenheit zu neutralisieren und vorwärts zu gehen. Aus diesem Grund wird den Aspiranten empfohlen, dort Dienste zu leisten und wohltätig zu sein, wo sie keine Gegenleistung erwarten können. Handlungen guten Willens, bei denen man nichts für sich selbst erstrebt, ermöglichen Befreiung vom Karma und tragen zur Neutralisierung des Karmas der Vergangenheit bei. Aus diesem Grund wird zu Dienst und Wohltätigkeit aufgerufen, die zusammen mit Yoga ausgeführt werden sollen. Wer mehr empfängt als gibt, neigt dazu, sich in die Materie zu entwickeln, die ihn bindet. Wer mehr gibt als empfängt, neigt dazu, sich zum Geist zu entwickeln. Im Grunde sind alle Aspiranten durch ihr Karma der Vergangenheit schwer beladen. Deshalb wäre es für sie gut, mehr zu geben als zu empfangen. Um ihr Karma schneller zu bereinigen, entwickeln sie die Neigung, reichhaltig zu geben und nur wenig zu empfangen. Geben führt zum positiven Pol, Empfangen führt zum negativen Pol. Sahasrâra steht für den Nordpol oder den positiven Pol, Mûlâdhâra steht für den negativen oder empfangenden Pol.
Die gesamte Schöpfungsaktivität war eine Materialisierung, die aus dem Geist entwickelt wurde. Genauso besteht die Yoga-Praxis darin, zum geistigen Status zurückzugelangen, indem man entgegengesetzt zur Materialisierung arbeitet. Die Materialisierung hat die gröbste Ebene erreicht, und deshalb muss sie umkehren. In der biblischen Geschichte wird erzählt, dass die Schlange den Baum des Lebens hinabgekrochen kam. Jetzt muss sie hinaufkriechen. Die Schlange ist nichts anderes als die Kundalinî-Energie. Wenn Aspiranten die Jüngerschaft anstreben und Jünger die Meisterschaft anstreben, müssen sie immer bessere Gebende werden, aber nicht immer bessere Sammler. Die Botschaft lautet: „Bietet an, sammelt nicht.“ Dies ist die fünfte Regel.
Aus den Geschichten der Eingeweihten können wir erkennen, dass Gebende schneller vorankommen. Sammler gehen mit dem Materiellen zugrunde. Yogîs und Meister empfangen aus höheren Kreisen und verteilen in niederen Kreisen. Ihr Kontostand ist weder im Plus noch im Minus. Auf diese Weise bleiben sie ewig Kanäle des Göttlichen auf Erden. Sie machen sich nichts daraus, in höhere Kreise des Lichts einzugehen. Stattdessen bleiben sie da, wo Dunkelheit herrscht und Licht benötigt wird. Dies ist ein nobler Akt der Verweigerung zugunsten der Mitmenschen. Christus, den man im Osten als Maitreya kennt, war der erste, der dies im gegenwärtigen Menschheitszyklus tat. Auch Buddha verhielt sich so. Diese beiden sind die großen Eingeweihten, die der Menschheit dienen. Wir sollten bedenken, dass Christus schon vor der Ankunft von Jesus existierte.
Damit schließen wir die erste Gruppe von fünf Regeln ab, die zu Yama gehören. Dann folgt Niyama, die nächste Gruppe von fünf Regeln:
Šuchi
- Soucha
- Santhosha
- Swadhyaya
- Ishwara Pranidhana
Šuchi und Šaucha
Šuchi und Šaucha haben mit äußerer und innerer Reinheit zu tun. In der zweiten Gruppe von Regulierungen arbeiten wir mit uns selbst, in der ersten Gruppe arbeiten wir mit der Umgebung. Wenn wir die Regeln der ersten Gruppe einigermaßen erfüllt haben, werden wir nicht länger von der Objektivität gebunden. Solange wir sie nicht erfüllen, bleiben wir durch die Objektivität gebunden. Wer dem umgebenden Leben Schaden zufügt, das Vermögen anderer stiehlt, in der Objektivität Vergünstigungen haben möchte, in seiner Sexualität ungeordnet ist und wessen Denken, Sprechen und Handeln nicht übereinstimmen, wird von der Objektivität gebunden. Und wer von der Objektivität gebunden ist, kann sich nicht die Rhythmen der Jüngerschaft aneignen und im Inneren wachsen. Deshalb ist die erste Gruppe von Regeln sehr wichtig, ehe wir uns der zweiten Gruppe zuwenden.
In dieser zweiten Gruppe wird äußere und innere Reinheit empfohlen. Auf allen drei Ebenen muss Reinheit vorherrschen. Genauso wie bei der ersten Gruppe sind die Regeln der zweiten Gruppe auf allen drei Ebenen anzuwenden. Dies gilt auch für die Reinheit. Äußere Reinheit erfordert, dass wir unsere Umgebung rein halten. Wenn die Umgebung nicht rein ist, werden unsere Energien dadurch angegriffen und die Ausgeglichenheit ist gestört. Es gibt keine grundlegende Harmonie, wenn die Umgebung unrein ist. Aus diesem Grund sollte man nicht an Orten wohnen, die unsauber sind, schlecht riechen oder neben einer Metzgerei, einem Schlachthaus, an Marktplätzen oder in der Nähe von Spielcasinos, Nachtclubs, Bordellen, Bars oder Ähnlichem liegen. Ein Yogî kann sogar an solchen Orten leben, denn er beeinflusst sie positiv und wird nicht von ihnen beeinträchtigt. Doch Schüler sind durch diese stark negativen Energien gefährdet. Daher sollten sie sorgfältig auswählen, wo sie wohnen, wo sie arbeiten, welcher Art von Tätigkeit sie nachgehen und wohin sie gehen.
Äußere Reinheit umfasst auch unsere Kleidungs-, Wasch- und Ess-Gewohnheiten. Im Yoga wird regelmäßige Körperreinigung von Kopf bis Fuß gefordert, um die Entstehung schlechter Körpergerüche zu verhindern. Es ist natürlich, dass wir schwitzen und riechen, wenn wir uns körperlich anstrengen. In solchen Situationen erscheint es ratsam, häufig zu duschen. Ebenso wird empfohlen, oft die Hände, das Gesicht und die Füße zu waschen. Die Schüler müssen dafür sorgen, dass ihr Körper rein ist. Natürliche Düfte und Parfums sind erlaubt, aber keine chemischen und sinnlichen Düfte. Das Gleiche gilt für Seifen und Kosmetikartikel.
Wir sollten dafür sorgen, dass alle persönlichen Gegenstände, die wir täglich benutzen, sauber, ordentlich und strahlend sind. Auch unser Arbeitstisch, unser Arbeitsplatz und das Auto sollten sauber und ordentlich bleiben. Weder Staub noch Schmutz sollten sich darauf ansammeln. Wir sollten keine stark riechenden Nahrungsmittel essen. Starke Gerüche fördern unerwünschten Körpergeruch. Dies sind ein paar der Anweisungen, die für äußere Reinheit sorgen sollen.
Innere Reinheit bezieht sich auf unsere Gedanken und Wünsche, die wir hegen. Diese Reinheit ist noch wichtiger. Es erfordert größere Anstrengung, nur reine Gedanken und Wünsche zuzulassen. Reinheit auf der Gedankenebene führt zu einem reinen Denkvermögen, welches das innere und äußere Licht ganz klar reflektieren kann. Unsere Worte sollten Harmonie fördern, aber nicht Unruhe und Konflikt bringen. In den folgenden Kapiteln werden wir auf das Sprechen gesondert eingehen. Innere Reinheit ist notwendig, um mit dem inneren Licht in Verbindung zu kommen. Die Blockierungen, die uns daran hindern, das innere Licht zu erfahren, sind unreine Wünsche, Gedanken und Worte.
Santosha
Punkt Drei in der zweiten Gruppe ist Santosha, das bedeutet ‚Frohsinn‘. Wer ein reines, stabiles und ausgeglichenes Denkvermögen hat, der hat auch Frohsinn. Solcher Frohsinn ermöglicht Empfang und Übermittlung von Glück und eine wirkungsvolle Übertragung magnetischer Liebe-Strömungen. Eine heitere Person macht ihr eigenes Leben und das Leben, das sie umgibt, heller und leichter. Bekümmerte, ängstliche und ernste Leute machen ihr Leben schwerer. Sie wirken anti-magnetisch, so dass kein Glück zu ihnen gelangen kann. Wenn wir die verschiedenen Bilder der Engel und Meister in Indien betrachten, bemerken wir ihren heiteren Gesichtsausdruck. Die Meditation über heitere Gesichter wird uns ebenfalls aufmuntern. Ein Leben ohne Heiterkeit ist schwer und ermüdend.
Wir sollten bedenken, dass Frohsinn ein freundliches, angenehmes Lächeln auf dem Gesicht ist und kein Ausbrechen in lautes Gelächter. Wer in lautes Lachen ausbricht, fällt bald darauf in tiefen Kummer und mächtige Schwere. Die Energien solcher Leute schwingen wie ein Pendel von dem einen Extrem zum anderen. Lächeln ist der Mittelpunkt zwischen Kummer und Freude. Man bezeichnet es als Ashoka-Zustand. Es gibt einen Ashoka-Baum, unter dem Aspiranten meditieren, um die Ausgewogenheit zwischen Kummer und Glück, Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten, Schmerzen und Freuden, Behaglichkeiten und Unbehaglichkeiten, Gewinn und Verlust zu erreichen. Dann haben sie gegenüber Hitze und Kälte, Trockenheit und Nässe die gleiche Einstellung. Sie leiden nicht unter den Extremen der Dualität, weil sie einen stabilen Platz im goldenen Mittelpunkt gefunden haben.
Santosha (Frohsinn) kann man nicht sofort und auf Anhieb in die Tat umsetzen. Wir können nicht jederzeit ein fröhliches Gesicht behalten. Es schafft Spannungen, wenn wir ein heiteres Gesicht aufsetzen, ohne dass die inneren Energien dem entsprechen. Nur ein reines Denkvermögen gibt einen heiteren Gesichtsausdruck. Ein reines Denkvermögen wird möglich, wenn innere Reinheit vorhanden ist. Innere Reinheit wird möglich, wenn wir die vorausgehenden sechs Regeln befolgen. Somit ist die achte Regel ein Ergebnis, das auf die vorausgehenden Regeln folgt.
Ein reines Denkvermögen ist heiter und gelassen. Nur ein solches Denken kann in jeder Situation das Licht wahrnehmen. Wenn es sich nach innen wendet, empfängt es das Licht durch Widerspiegelung, und wenn es sich nach außen wendet, sieht es ebenfalls Licht. Solches Denken ist wirklich für das Selbst-Studium qualifiziert.
Selbst-Studium ist das Studieren des Selbst im Inneren und das Studieren der Schriften. Ein reines Denkvermögen empfängt Weisheit in geeigneter Form durch äußeres und inneres Studium. Es ist so, als hätten wir eine saubere Brille zum Lesen und Sehen auf. Wenn die Brillengläser nicht sauber sind, können wir nicht erkennen, was eigentlich zu sehen ist. Der Gegenstand, den wir betrachten möchten, ist nicht zu erkennen. Dies erfährt jeder, der sich unvorbereitet die Schriften von Eingeweihten vornimmt, um sie zu lesen. Solche Leser bilden sich ihre eigene Auffassung, und häufig ist dies ein falsches Verständnis. Sie gelangen nicht zur richtigen Sichtweise. Wer nur Bücher liest und die Schritte von Yama und Niyama nicht in die Tat umsetzt, versteht die Dinge nicht richtig. Eine solche Person ist wie ein schlecht gekochtes Essen, das nicht mehr verbessert werden kann. Aus diesem Grund raten die Lehrer nicht zum Bücherlesen. Im Gegenteil, sie empfehlen den Schülern, Harmlosigkeit zu praktizieren, ihre Gedanken und Worte zur Übereinstimmung zu bringen, ihre Sexualität zu ordnen, den Instinkt zu stehlen und Verbindlichkeiten anzustreben zu beseitigen sowie innere und äußere Reinheit herzustellen.
Die Art und Weise, wie ein Lehrer Weisheit vermittelt, ist ganz anders als sich die Schüler dies vorstellen. Schüler möchten geradewegs in die Weisheit hineinspringen. Bevor ein Schüler in die Halle der Weisheit eintreten kann, muss er zuerst durch die Halle des Lernens gehen. Wenn er die ersten sieben Schritte von Yama und Niyama erfüllt hat, kann er in die Weisheit eintreten. Im Allgemeinen ist dies nicht bekannt. Die Leute lesen sofort die Upanishaden, die Bhagavad Gîtâ, Tantra-Bücher usw. Was sie diesen Büchern an Informationen entnehmen, nützt weder ihnen selbst noch anderen.
Swâdhyâya
Swâdhyâya, die vierte Regel von Niyama, wurde bereits ausführlich in dem Kapitel ‚Weiche nicht vom Selbst-Studium ab‘ erklärt.
Κwara Pranidhâna
Die zehnte Regel von Yama und Niyama (bzw. die fünfte Regel von Niyama) heißt Κwara Pranidhâna. Sie bedeutet: sich dem Meister im eigenen Inneren und in allen belebten und unbelebten Formen, von denen man umgeben ist, zu unterstellen. Das Meister-Bewusstsein existiert überall als Grundlage aller organischen und anorganischen Formen. In den vorausgehenden Kapiteln wird dies ‚das Beobachten des Ich Bin im Inneren und in der Umgebung‘ genannt. Diese Übung wird für alle Zeit fortgesetzt, bis man zur Erkenntnis gelangt ist.
Dies sind die zehn Regeln von Yama und Niyama. Der Herr sagt, dass wir sie uns aneignen und befolgen sollen. Wenn wir diese zehn Regeln anwenden und umsetzen, qualifizieren wir uns Schritt für Schritt, so dass wir ein stabiles Denken bekommen. Solch ein stabiles Denken können wir auf die Atmung ausrichten, um durch Prânâyâma den Weg in uns selbst zu finden.