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Die grosse Verlockung von Blutdoping liegt in seiner enormen Wirksamkeit. Ist das Maximum aller anderen Parameter, die die Leistungsfähigkeit bestimmen, schon ausgeschöpft, dann ist durch Blutdoping dennoch eine weitere Steigerung möglich – und diese kann im Spitzensport den entscheidenden Unterschied machen.
Unter Blutdoping versteht man einerseits die Anregung der körpereigenen Blutbildung durch Erythropoietin – kurz Epo genannt – und andererseits die Eigenblutspende. Bei letzterer zapft sich der Sportler Blut ab, um es dem Körper zu einem späteren Zeitpunkt wieder zuzuführen. Beide Methoden führen dazu, dass die Masse des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin erhöht wird. Somit kann mehr Sauerstoff aufgenommen und zu den Muskeln transportiert werden. «Die maximale Sauerstoffaufnahme kann mit den PS bei einem Auto verglichen werden», erklärt Carsten Lundby, Physiologieprofessor an der Universität Zürich.
Die anderen Faktoren, die die maximale Leistungsfähigkeit bestimmen, können bei Eliteathleten kaum noch gesteigert werden, wie beispielsweise die Pumpleistung des Herzen, die schon bei bis zu 45 Litern pro Minute liegt. Das sei mehr als ein voll aufgedrehter Wasserhahn, erläutert Lundby anschaulich. Somit ist Blutdoping die einzige Möglichkeit für eine weitere Leistungssteigerung. Besonders eindrücklich fällt diese im submaximalen Bereich aus, also bei jenen Intensitäten, bei denen Ausdauerleistungen stattfinden. Bereits nach vier Wochen Blutdoping konnten Versuchspersonen bei einer gegebenen mittleren Geschwindigkeit mehr als eineinhalb Mal so lange Velo fahren, bis sie erschöpft aufgeben mussten.
Einfach durchzuführen
Blutdoping ist ausserdem relativ einfach durchzuführen, wie ein beschlagnahmter Dopingkalender eines Radfahrers eindrücklich zeigt (siehe Abbildung oben). Von Dezember bis Februar spritzte sich dieser Athlet regelmässig Epo, um die Neubildung von roten Blutkörperchen zu stimulieren (schwarze Kreise). Damit konnte er es sich erlauben, mehrmals Blut zu spenden (offene rote Kreise) und damit Blutreserven anzulegen, ohne die Intensität oder den Umfang seines Trainings reduzieren zu müssen. Vor dem ersten Wettkampf der Saison im März verabreichte er sich zwei Beutel seines eigenen Blutes (gefüllte rote Kreise), um die entsprechende Menge am Tag nach dem Rennen wieder abzuzapfen.
So hatte er wieder Blutreserven für den nächsten Wettkampf vorrätig. In derselben Weise ging er bei den weiteren Rennen des Frühlings vor. Im Mai folgte nochmals eine Phase mit häufigen Epo-Injektionen. Bis zum Saisonhöhepunkt im Juli würde Epo längst nicht mehr nachweisbar sein. Kurz vor dem Start der Tour de France – wie auch an den Ruhetagen während des dreiwöchigen Rennens – nahm der Sportler Eigenbluttransfusionen vor. «In diesem Dopingplan sind jedoch all die anderen Substanzen, die sich viele Athleten verabreichen, noch nicht enthalten», fügt Lundby hinzu.
Schwieriger Nachweis
Epo kann mittels eines Bluttests nachgewiesen werden. Da die Substanz im Körper aber schnell abgebaut wird, fällt der Test schon wenige Tage nach der letzten Anwendung negativ aus. Die Wirkung auf die körperliche Leistungsfähigkeit beginnt dann erst richtig einzusetzen und hält über mehrere Wochen an. Aus diesem Grund wird Epo-Doping in den meisten Fällen nicht entdeckt, obwohl es inzwischen bessere Testverfahren geben würde als jenes, das die World Anti Doping Agency (WADA) verwendet, fügte Lundby hinzu. Es sei jedoch ein langwieriger und teurer Prozess, alle WADA-Labors auf ein neues Testverfahren umzurüsten.
Engmaschige Kontrollen auch ausserhalb der Wettkampfsaison wären notwendig, um mehr Dopingsündern auf die Schliche zu kommen. Warum dies denn nicht durchgeführt werde, kam die berechtigte Frage aus dem Publikum. An den Kosten könne es doch nicht liegen, da in einem Rennen wie der Tour de France Millionen stecken würden. «Leider sind das nicht dieselben Kassen», stellt Prof. Hans Hoppeler klar, Moderator des Abends und aktuell Mitglied der Disziplinarkammer für Dopingfälle von Swiss Olympic. Vermehrt würde aber auf die internationale Zusammenarbeit der Dopingagenturen gesetzt, sodass es für Athleten immer schwieriger würde, sich in entfernten Ländern zu «verstecken».
Der Blutpass funktioniert nicht zuverlässig
Eigenblutdoping hingegen kann nicht mit einem direkten Verfahren nachgewiesen werden, da es sich um körpereigenen Stoff handelt. «Ausser es wird jemand erwischt, weil Blutbeutel in seinem Kofferraum gefunden werden», ergänzt Lundby schmunzelnd. Daher wurde als indirektes Nachweisverfahren der Biologische Pass – oft auch Blutpass genannt – eingeführt. Das ist ein individuelles elektronisches Dokument, in dem Daten aus medizinischen Kontrollen eines Sportlers gesammelt werden.
Weichen die Anzahl der Retikulozyten – die Vorläuferzellen der reifen roten Blutkörperchen – und die Hämoglobinkonzentration vom erwarteten Profil ab, wird der Athlet verdächtigt, Blutdoping durchgeführt zu haben. Dieser vorläufige Befund muss durch eine Expertenkommission beurteilt werden, die spezielle Umstände wie beispielsweise Höhentraining für ihre Entscheidung berücksichtigt. «Um als Sportler sicher zu gehen, nicht erwischt zu werden, fährt man daher am besten einmal pro Woche nach St. Moritz», bringt es Lundby auf den Punkt.
Eine australische Studie wies nach, dass Blutdoping trotz der Einführung des Blutpasses ohne Weiteres möglich ist. Sie verabreichten Probanden über einen Zeitraum von zwölf Wochen zwei Mal wöchentlich Epo und simulierten damit zuverlässig das tatsächliche Vorgehen eines Dopingsünders. Das entsprechende Computerprogramm markierte keine einzige Versuchsperson als des Blutdopings verdächtig!
Minimes gesundheitliches Risiko
Die Frage nach den gesundheitlichen Risiken von Blutdoping kam prompt aus dem diskussionsfreudigen Publikum. «Verglichen mit dem Sturzrisiko, das bei der Tour de France bei Tempo 80 im dichten Gedränge herrscht, ist das gesundheitliche Risiko vernachlässigbar klein», antwortet Hoppeler. Auch eine etwaige Blutverdickung sei kein Problem, da Athleten mit einem Hämatokrit von über 50 schon a priori von Wettkämpfen ausgeschlossen würden. Der Hämatokrit-Wert bezeichnet den Anteil aller zellulären Bestandteile am Volumen des Blutes.
Was würde dann gegen die Freigabe sprechen? Es gibt einige Fachleute, die dieses Vorgehen befürworten würden. Doping könnte sicher nicht in unbeschränktem Ausmass legalisiert werden. Doch wo soll die Grenze gezogen werden? Ausserdem begebe man sich in ein ethisches Dilemma, so Hoppeler. Wird Doping freigegeben, schränkt dies jeden einzelnen in seiner Entscheidungsfreiheit, auch zu dopen, ein. Und zu guter Letzt, wo bliebe der erzieherische Wert des Sports, wenn Leistung vor allem durch die richtige Dopingpraxis erzielt würde?
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