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Monumentale Skulpturen reihen sich im Ausstellungsraum aneinander, Plastikflaschen, Krügen und Kanistern nachempfunden. Wir spazieren an ihnen entlang, schauen an ihnen hoch, sie sind doppelt so gross wie wir; sie formen Wasser, machen es transportier- und konsumierbar, in den Regalen unserer Supermärkte verfügbar.
Mit dieser Präsentation stellt Alia Farid unser Verhältnis zur Umwelt infrage, visualisiert eine natürliche Ressource als entrücktes Produkt, als überdimensionales museales Objekt, dessen lackierte Oberfläche im hellen Licht schimmert. Durch diese Fetischisierung rückt die kuwaitisch-puerto-ricanische Künstlerin jene gesellschaftspolitischen Dimensionen in den Fokus, um die es in «In Lieu of What Is» in der Kunsthalle Basel geht.
Erdölabbau und Fischfang
Die Objekte aus glasfaserverstärktem Kunststoff nehmen nicht nur Bezug auf das Verhältnis zwischen «Kultur» und «Natur» – oder darauf, was unter diesen Schlagworten verstanden wird –, sondern auch auf die urbane Architektur von Kuwait-Stadt. In der Hauptstadt, wo Alia Farid geboren wurde, heute lebt und arbeitet, ähneln öffentliche Brunnen grossformatigen Gefässen oder Wassertürmen, die schon von weitem sichtbar sind. Mit dieser Anlehnung problematisiert die Künstlerin das Narrativ des selbstverständlich verfügbaren Trinkwassers: Sein Mangel wird im Persischen Golf nicht zuletzt durch den industriellen Erdölabbau zunehmend verstärkt. Verwertbares Wasser muss durch Meerwasserentsalzung gewonnen werden, ein energieintensiver Prozess, aus dem wiederum salzhaltiges und verunreinigtes Abwasser resultiert.
Dies hat Folgen für verschiedenste Ökosysteme weit über die Grenzen von Kuwait-Stadt hinaus. Betroffen sind etwa jene Menschen, die in der Region al-Ahwar nördlich des Persischen Golfs leben. Ihre Lebensgrundlage, Fischfang oder die Zucht von Wasserbüffeln, ist durch das verunreinigte Wasser akut gefährdet. Folglich sind sie ihrerseits auf industriell aufbereitetes Trinkwasser angewiesen, das sie in Kanister abgefüllt über weite Strecken transportieren müssen.
Dass die prekarisierten Lebensumstände der dort ansässigen Leute wenig Aufmerksamkeit erhalten, verdeutlicht Alia Farid in ihrer Ausstellung durch eine Soundinstallation. Die Stimme eines jungen Mannes, der gerade seinen Büffel ruft, hallt durch die Räume der Kunsthalle Basel – ein Verweis auf die sich global auswirkenden Folgen industrieller Produktion, die oft schwer zu fassen sind, solange wir nicht genauer hinhören.
Die Region al-Ahwar war in den neunziger Jahren auch Brennpunkt politischer Interessen. Als Vergeltung für einen Aufstand, der dort seinen Anfang nahm, liess Saddam Hussein das Gebiet systematisch austrocknen. Unter anderem liess er Flüsse umleiten, die das Gebiet mit Wasser versorgten. Dieses Ereignis verdeutlicht, dass der Umgang mit Wasser nicht nur wirtschaftliche Verhältnisse widerspiegelt, sondern auch eine Form politisch-militärischer Gewalt sein kann.
Im Namen des Wiederaufbaus
Nach dem Irakkrieg im Jahr 2011 wurde die Region von der US-amerikanischen Armee und dem von der Uno beaufsichtigten «Wiederaufbau» in Beschlag genommen. Sie galt als Symbol einer neuen Nation. Doch Wiederaufbau bedeutete in diesem Fall vor allem die wirtschaftliche Wiedereingliederung von Kuwait, wovon hauptsächlich die internationale Ölindustrie profitierte. Die Absurdität der westlichen Fortschrittserzählung offenbart sich darin, dass «Wiederaufbau» gleichbedeutend war mit der Ausbeutung von Ressourcen. Dadurch wurde Wasser wiederum zur Mangelware.
Dass politische oft mit ökologischer Gewalt einhergeht, daran erinnert die US-Anthropologin Bridget Guarasci, die Alia Farid im Lauf ihrer Recherchen kennengelernt hat. In ihren Texten «Ecologies of War» (Ökologien des Kriegs) und «The Climate of Occupation in Iraq» (Das Klima der Besetzung im Irak), die sie in diesem Jahr veröffentlicht hat, zeigt Guarasci auf, wie tief derlei Zugriffe auf Lebensräume einem alten kolonialen Denken verhaftet sind. Gleichzeitig sind diese Zugriffe Teil der aktuellen ökologischen Krise.
Dass die Menschen von al-Ahwar an steigenden Temperaturen und immer länger anhaltenden Dürren leiden, ist nur ein Beispiel für diese Verschränkung. Der einer imperialistischen Tradition verhaftete Gestus geht nicht nur von den unmittelbar involvierten Ländern aus, sondern auch von den Industriestaaten, die vom Verbrauch erdölbasierter Produkte profitieren.
Solche Zusammenhänge und ihre globalen Auswirkungen lassen sich auch in der Ausstellung von Alia Farid wiederfinden. Blicken wir auf die grossformatigen Skulpturen, auf die Plastikflasche und den Kanister, wird die Ambivalenz spürbar, die diese Ausstellung so aussagekräftig macht. Denn hierzulande, wo Wasser vorläufig im Überfluss vorhanden ist und folglich nicht als Produkt oder Mangelware angesehen wird, werden die überdimensionierten Skulpturen zum Fetischobjekt. Als Kunstwerk und Kulturgut sollen sie den Bezug zur «Natur» – oder zu dem, was wir darunter verstehen –, zu internationalen Konflikten und Kriegen, in denen Wasser als Waffe instrumentalisiert wird, wieder erkennbar machen.
Alia Farid: «In Lieu of What Is» in der Kunsthalle Basel. Bis am 22. Mai 2022. www.kunsthallebasel.ch