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Engadiner Kultur erleben
Pavarotti ist nicht verhandelbar!» Sonia macht ihrer künftigen Chefin bereits beim Bewerbungsgespräch klar, dass — sollte sie die Stelle als Physiotherapeutin erhalten — ihr Wellensittich Pavarotti auf jeden Fall mit ins Wellnesshotel im bündnerischen Val Grisch kommen wird. Sonia ist die Hauptfigur in Martin Suters Roman «Der Teufel von Mailand». Nachdem ihr Ex-Mann Frédéric versucht hat, sie umzubringen, wird Sonia von Albträumen geplagt und fühlt sich in Zürich nicht mehr sicher. Also flüchtet sie ins Val Grisch und plant dort einen Neuanfang.
Natürlich klappt dieser nicht ganz reibungslos — oder, wie schon Friedrich Dürrenmatt sagte: «Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.» Diese Weisheit findet sich auch auf einer von zehn Tafeln, die entlang des Philosophenwegs auf dem Muottas Muragl aufgestellt sind. Hier wurden einige Szenen der Verfilmung von Suters Roman gedreht. Zu unserer Winterwanderung sind wir vor knapp einer Stunde bei der Bergstation gestartet. Das Thermometer zeigte minus 25 Grad im Schatten, plus 16 Grad in der Sonne. Ein stetiges Quietschen und Knarzen begleitet uns, während wir gemächlich über die vom Pistenfahrzeug hinterlassenen feinen Schneerillen stapften. Täglich werden die breiten Winterwanderwege hier oben präpariert. Wir halten inne, und unser Blick geht in Richtung Südwesten, über das Oberengadiner Seenplateau bis zu den Gipfeln der Bergeller Alpen.
In ihrem Angestelltenzimmer findet Sonia ein Büchlein mit der Sage «Der Teufel von Mailand». Darin verkauft die junge Ursina für ein besseres Leben ihre Seele dem Teufel. Dieser kriegt die Seele aber erst, wenn sich diverse Bedingungen erfüllen, etwa dann, «wenn der Baum verliert zu Unzeiten seine Blätter» oder «wenn zum Fisch wird der Vogel». Tatsächlich entdeckt Sonia, dass der Ficus in der Hotellobby über Nacht sämtliche Blätter verloren hat. Immer mehr dieser Bedingungen erfüllen sich. Sonia hat erst den Verdacht, dass ihr Ex-Mann Frédéric dahintersteckt, obwohl dieser sich eigentlich in psychiatrischer Verwahrung befindet. Bald verdächtigt sie ihre Chefin, den Barpianisten oder den Milchsammler aus dem Dorf. Dann wiederum meint sie, Frédéric im Hotel gesehen zu haben — doch niemand glaubt ihr. Selbst Sonia ist sich schliesslich nicht mehr sicher, inwiefern sich bei ihr Realität und Fantasie vermischen.
«Fantasie haben heisst nicht, sich etwas auszudenken, es heisst, sich aus den Dingen etwas zu machen.» Auch Thomas Mann wird auf dem Philosophenweg zitiert. Wir haben den höchsten Punkt unserer Wanderung erreicht. Hier stehen bequeme Holzbänke mit Militärwolldecken. Wir machen es uns gemütlich und geniessen das 360-Grad-Panorama: Piz Kesch, Piz Ela, Piz Ot, Piz Nair, Piz Julier, Piz Morteratsch, Piz Bernina — vor lauter Gipfeln könnte es einem hier schwindlig werden. Wir schliessen die Augen, atmen die kühle, frische Luft ein und geniessen die absolute Stille. Eine gute halbe Stunde später erreichen wir wieder die Bergstation. Nun wollen sich die Wagemutigen unter uns auf die Schlitten begeben.
Tempo Teufel gehts auf dem Schlitten nach unten
«Pavarotti?» Sonias Wellensittich ist aus dem Käfig verschwunden. Sie macht sich auf die Suche. «Pavarotti?» Im Aquarium des Hotels findet sie ihn schliesslich, tot. «Wenn zum Fisch wird der Vogel», flüstert sie vor sich hin und stellt fest: «Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende.» Tatsächlich passiert noch einiges Teuflisches im Val Grisch, und so viel sei verraten: Zum Schluss steht die Turmsuite des Hotels in lodernden Flammen.
Teuflisch ist auch unser Ritt auf dem Schlitten. Die Bahn hier gilt nicht umsonst als die rasanteste Schlittelpiste des Engadins. Tatsächlich sind wir bereits nach wenigen Metern satanisch schnell unterwegs. Steil gehts hinunter, und da vorne wartet eine 180-Grad-Kurve. Die siebenjährige Nalani kreischt — ich auch.
Der Versuch, mit den Schuhsohlen zu bremsen, bringt nichts, der Schlitten macht immer mehr Tempo. Leicht panisch ramme ich die Absätze in den Schnee, weiss stiebt es über unsere Köpfe, und mit quergestelltem Schlitten schaffen wir die Kurve tatsächlich noch. Diese Situation wird sich auf der vier Kilometer langen Bahn noch etliche Male wiederholen. Und immer wieder begegnen einem Transparente mit der Aufschrift «Slow». Leichter gesagt als getan! Zum Glück sind brenzligere Passagen mit Fangnetzen abgesichert — deren Stabilität möchten wir aber lieber nicht auf die Probe stellen. Wobei: Bei einem Test des ADAC von sechs Schweizer Schlittelbahnen wurde Muottas Muragl 2011 als sicherste Piste mit der Note «gut» beurteilt. Unten unversehrt angekommen stellt sich uns die Frage, ob wir für einen zweiten Ritt gleich nochmals hoch wollen. Die klare Antwort: «Hol uns der Teufel, nein!»
Autor: Üsé Meyer
Fotograf: Thomas Hablützel