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Captain Kirk
Ich gebe zu, es war von Anfang an ein gewagtes Unterfangen. Ich habe auch nie etwas anderes behauptet. Aber was auch immer ich getan habe, geschah in guter Absicht.
Es hatte kurz vor der Zeitumstellung im Frühjahr 2017 begonnen. Ich hatte gerade viel von Steven Hawking gelesen, fand mich innerhalb seiner Theorien über die Zeit immer besser zurecht, konnte sogar den Querverweisen zur Relativitätstheorie folgen, für mich aber war das Wunderbarste – und das mag manchen banal erscheinen – dass ich begann, das Phänomen der Sommerzeit zu begreifen. Dieses Verständnis für neue Zusammenhänge hatte für mich schon immer etwas Beglückendes, ich hätte mich sogar als vollkommen glücklich bezeichnen können, wenn nicht mein kleiner Kater gewesen wäre. Nicht dass er mich gestört hätte, ganz im Gegenteil. Was mich unglücklich machte, war vielmehr seine zunehmende Altersschwäche, immerhin war er bereits zwanzig.
«Das Herz», hatte die Tierärztin gesagt, da könne man nichts machen, jedenfalls noch nicht. Irgendwann einmal, so schloss ich aus ihren Worten, würde es vielleicht die Möglichkeit geben, auch das Herz eines Katers zu operieren, seine Herzklappen auszutauschen und die Sauerstoffzufuhr zu verbessern.
«Halte durch, Captain Kirk!», hatte ich ihm immer wieder in sein rosa schimmerndes Ohr geflüstert, aber natürlich verstand er mich nicht, schliesslich war er ein Kater, im Übrigen hätte es auch gar nicht in seiner Macht gestanden, das war mir vollkommen klar. Ich wusste auch, dass der Name, den ich ihm gegeben hatte, nicht halten würde, was er versprach, beispielsweise dass ein Arzt namens Pille auf die Brücke des Raumschiffs Enterprise eilen, sein blinkendes Gerät auf die Brust des Erkrankten legen würde, und wir anschliessend einen perfekt wiederhergestellten Captain Kirk vor uns hätten.
Während er in jenem Frühjahr schlapp auf meinem Schoss lag und unter meinem Kraulen ein viel zu leises Schnurren von sich gab, kam mir auf einmal der zündende Gedanke.
Bei allem, was ich über das Wesen der Zeit verstanden hatte, liess sich die Umstellung auf die Sommerzeit nur auf eine einzige Weise erklären: Es musste sich um eine Zeitschlaufe handeln. Eine Schlaufe im wahrsten Sinne des Wortes, vergleichbar mit einem locker hängengelassenen Faden beim Stricken als eine Art Reserve, die anschliessend zur Verfügung steht, wenn mehr Faden benötigt wird, etwa für die Abzweigung eines Ärmels. Dieses Vorgehen war mir von meinen Strickarbeiten her bestens bekannt, und der Vergleich kam mir umso passender vor, als auch die Zeitschlaufe ja gleichsam eine Reserve darstellt, die bis zum Herbst aufbewahrt wird, um für die Winterzeit zur Verfügung zu stehen, wenn nämlich die Schlaufe wieder zu ganzer Länge entfaltet wird.
Mein Gedanke, von dem ich heute nicht mehr sicher bin, ob er alle Belange ausreichend berücksichtigte – so überzeugt ich damals auch gewesen sein mochte – mein Gedanke also war, dass ich es nur schaffen müsste, Captain Kirk in diese Zeitschlaufe zu setzen, und so lange darin zu belassen, bis die Technik für die Wiederherstellung seiner Herzfunktion zur Verfügung stand. Ich müsste dann nichts weiter tun, als ihn im entsprechenden Herbst wieder aus der Zeitschlaufe heraus zu lösen.
Aber hier fing die Schwierigkeit schon an. Ich konnte nicht mehr üben. Es erschien mir zu riskant, ein oder zwei Sommerzeitumstellungen lang mit Dummies zu experimentieren, bevor ich den kleinen Captain Kirk ins Rennen schicken würde. Am Ende wäre er dann schon zu krank. Ich wollte schnell handeln.
Aber wovon reden wir überhaupt?! Letztlich hatte ich so wenig Ahnung vom Umgang mit Zeitschlaufen, dass gar nicht sicher war, ob überhaupt etwas passieren würde. Umso mehr gab ich mir alle Mühe, Captain Kirk nichts von meiner Unsicherheit spüren zu lassen.
«Bist du bereit, kleiner Captain?», hatte ich ihm in jener Nacht der Zeitumstellung ins Ohr geflüstert, das gleich zu zucken begann, auch streckte er seine Vorder- und Hinterbeine so von sich weg, dass er kaum noch Platz auf meinem Schoss fand. Ich deutete das als Zustimmung.
Die winzige Armbanduhr passte perfekt an seine Pfote. Ich liess sie von 02:00 Uhr an in der Winterzeit weiterlaufen, und stellte sonst alle Uhren eine Stunde vor. Ob dieses Vorgehen dem wissenschaftlichen Standard entsprach, war mehr als fraglich. Wenn ich auch von mir behaupten möchte, die wichtigsten Zusammenhänge verstanden zu haben, stand doch die praktische Umsetzung noch einmal auf einem ganz anderen Blatt.
Nach dem Vorstellen meines Weckers auf Sommerzeit, für das ich nur kurz meinen Blick von Captain Kirk abgewandt hatte, war er allerdings verschwunden. Da ich skeptisch war, suchte ich die ganze Wohnung nach ihm ab, fand ihn aber nicht. Ich musste davon ausgehen, dass es geklappt hatte. Meine Freude darüber war unermesslich.
Ich liess mir nun jeden Monat einen Termin bei der Tierärztin geben, um mich nach dem Stand der Forschung zu erkundigen. Aber hier gab es nichts weiter als Stillstand. Die Ärztin war sehr freundlich und fragte mich nach Captain Kirks Befinden. Ich solle ihn vorbeibringen, wenn es ihm schlechter ginge. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Von seinem Aufenthalt in der Zeitschlaufe hätte ich ihr wohl kaum erzählen können.
Im Herbst 2017 verlor ich die Geduld. Pünktlich im Moment der Umstellung auf Winterzeit versuchte ich, ihn gemeinsam mit der gespeicherten Stunde wieder herauszuholen – ich hatte sogar sein Lieblingsfutter in den Napf gefüllt. Doch keine Spur von Captain Kirk. Nicht nur, dass ich ihn vermisste und neugierig war, ob alles funktionieren würde, wenn es darauf ankäme. Auch dachte ich an einen vorsorglichen Batteriewechsel seiner Armbanduhr, hing doch von ihrer Funktion einiges ab. Im entscheidenden Augenblick, wenn sie auf Punkt zwei Uhr stehen würde, musste Captain Kirk aus der Zeitschlaufe herauskommen.
Ab da begann ich mir Sorgen zu machen. Zwar hatte ich ihm mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln unzählige Male erklärt, wie er sich zu verhalten hatte. Aber auch hier zeigte sich wieder die Diskrepanz zwischen dem grossen Namen, der ihm gegeben war, und seiner Realität als Kater. Während der echte Captain Kirk Völker des ganzen Weltraums zu friedlicher Koexistenz bringen konnte, verstand mein Captain Kirk nicht einmal die Bedeutung der Zeitumstellung.
Meine Sorge erstreckte sich noch auf weitere Unsicherheiten. Beispielsweise hatte ich nicht die geringste Ahnung, welche Nahrungsmittel in einer Zeitschlaufe zur Verfügung standen und ob er überhaupt etwas zu Fressen hatte. Selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass sich noch mehr kränkelnde Katzen in der Zeitschlaufe befänden und er sich mit ihnen angefreundet hatte, war die Lage mehr als beunruhigend.
Ich hatte einfach fahrlässig und vollkommen übereilt gehandelt, als ich ihn in die Zeitschlaufe bugsierte.
Die Jahre gingen ins Land, und ich brauche wohl nicht zu sagen, dass jeden Herbst zum Zeitpunkt der Zeitumstellung meine Nerven blank lagen. Schon Nächte davor konnte ich kein Auge mehr zu tun.
Es mag an der Neigung zur Gewöhnung gelegen haben, die uns auch in schwer erträglichen Situationen leben lässt, oder schlicht an meiner Übermüdung, dass ich letzten Herbst den entscheidenden Augenblick verschlief. Wie vom Schrecken gerührt wachte ich am frühen Morgen auf und bemerkte mein Versäumnis, wollte mir schon Vorwürfe machen, da sah ich ihn – meinen kleinen Captain Kirk. Er hatte mir den Rücken zugewandt und schleckte geräuschvoll sein Lieblingsfutter aus dem Napf. Einen schöneren Anblick hätte es nicht geben können.
«Captain Kirk!», rief ich so laut aus, dass er zusammenzuckte und sich umsah.
Wenn sich auch sonst nur bei Hunden eine solche Freude entwickelt, dass sie bellend auf ihre Versorgerin zulaufen, so traf es an jenem Morgen auch auf meinen kleinen Kater zu. Er sprang zu mir wie das tapsige Katzenjunge, das er einmal gewesen war, maunzte, schmiegte sich an mich, ich nahm ihn hoch und küsste ihn unablässig.
Ich fragte mich, was er in der Zwischenzeit erlebt hatte, wie er es geschafft hatte, zurückzukommen, und fragte auch ihn, natürlich ohne eine Auskunft zu erhalten, die ich hätte verstehen können. Ich roch an seinem Fell, auch dies gab keine Hinweise, ausser dass es schöner glänzte, als ich es in Erinnerung hatte. Die seit Jahren frisch gesäubert auf ihn wartende Katzentoilette suchte er auf, als sei er nie weg gewesen, aber anders als noch vor seinem Aufenthalt in der Zeitschlaufe hatte er alles unter Kontrolle, nichts ging daneben. Hier begann ich skeptisch zu werden.
«Captain Kirk», drang ich noch einmal in ihn, «du musst mir jetzt alles ganz genau erzählen.»
Während ich wieder vergeblich auf eine Antwort wartete, wurde mir klar, dass er selbst nicht gewusst haben wird, wie ihm geschehen war und dass es womöglich gar keine Worte für alles gegeben hätte, selbst wenn er der Sprache mächtig gewesen wäre.
Ich war also auf Indizien angewiesen. Da sah ich seine Pfote, hob sie ein wenig an und zog die Armbanduhr ab, die sich noch immer daran befand. Sie hatte ihre Funktion längst eingestellt, aber die Zeiger standen auf Punkt Zwei. Ich konnte mir darauf keinen Reim machen.
Und vielleicht war es die Art, wie er mich ansah, als ich dabei war, die Dinge für mich zu deuten, vielleicht war es aber auch eine sich schon lange in den Tiefen meines Bewusstseins entwickelnde Erkenntnis, dass ich auf einmal wusste, dieser kleine Kater hat vielleicht nicht Steven Hawking gelesen oder Einsteins Relativitätstheorie, aber es kann keinen Zweifel mehr daran geben, dass er mehr weiss als ich.