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Aktualisiert: 30. Sept. 2021
Nach Eingemeindung und Zusammenschluss mit der Stadt durch die Tramlinie zum Morgental wurde Wollishofen mehr und mehr zum Stadtquartier, zum Wohnquartier für Menschen und Familien, die in der Stadt arbeiteten oder mindestens vom Bezug zur Stadt lebten.
Die Morgentalstrasse ist ein Zeuge dieser Entwicklung. Sie beginnt beim Morgental (Mutschellenstrasse) und steigt – ziemlich steil – den Berg hinan. Das erste Stück vom Morgental bis zur Rainstrasse verdankt seine Entstehung auch einer Krise: Die Stadt hatte zur Linderung der wirtschaftlichen Notsituation mit grosser Arbeitslosigkeit Ende des Ersten Weltkrieges ein «Notstandsarbeitsprogramm» aufgelegt. Das Projekt Morgentalstrasse wurde vom Stadtrat in dieses Notstandsarbeitsprogramm «pro 1922 aufgenommener Straßenbauten» aufgenommen. Die Anwohner dürfte das ebenfalls gefreut haben, sie hatten sich jedoch an den Kosten zu beteiligen.
Postkarte Wollishofen - Morgentalstrasse*. Foto R. Meier, Wollishofen. Um 1940.
Sammlung MZ. Nicht gelaufen.
Die Morgentalstrasse erschliesst das Wohngebiet «über dem Morgental», kreuzt die Rainstrasse, und führt zum Übergang über den Moränenhügel zum Sihltal hinab – als Sackgasse, nur für Fussgänger und Velofahrer durchgängig ins Sihltal hinunter. Dieses Konzept einer nicht durchgängigen Erschliessungsstrasse beschloss die Stadt anfangs der 1940er Jahre. Dem Geschäftsbericht 1946 des Stadtrates können wir jedenfalls folgende Beschreibung entnehmen:
«Für die bereits gebauten und noch projektierten Wohnhäuser «Im Möösli»** wurde die Morgentalstraße von der Frohalpstraße auf eine Länge von 260 m erstellt. Die 6 m breite Fahrbahn weitet sich am westlichen Ende in einen Kehrplatz aus. Das auf der Südseite angelegte Trottoir weist eine Breite von 3 m auf. Gleichzeitig konnte die längst gewünschte bessere Verbindung zwischen Allmendstraße (Höcklerbrücke) und dem Quartier Wollishofen durch den Bau eines 3 m breiten Fußweges zwischen dem neuen Kehrplatz und dem verbleibenden Möösliweg geschaffen werden.»
Gleichwohl ist die Morgentalstrasse geografisch gesehen eine Verbindung zwischen Seebecken und Sihltal, sozusagen eine Parallelverbindung zum traditionellen «Pass» über diese Anhöhe, zur Butzenstrasse. Die Butzenstrasse ist, anders als die Morgentalstrasse, alt – schon die Leimbacher Bauern beklagten sich in der Zeit des «Alten Zürich» über den schlechten Strassenzustand, wenn sie den Pass über den «Butzen» auf ihrem Weg zum städtischen Markt benutzten.
Postkarte Morgentalstrasse. Um 1940. Stadelmann Rauchwaren.
Sammlung MZ. Nicht gelaufen.
Wer produzierte eine solche Postkarte? Wer wollte eine solche kaufen? Produziert wurde sie vom Inhaber des Raucherwarengeschäfts Stadelmann, ob sie gekauft wurde, wissen wir nicht; die Postkarte ist «nicht gelaufen». Wir datieren sie auf die frühen 1940er Jahre, anhand des einsamen Oldtimers***, der damals normales Fahrzeug gewesen sein dürfte. Links erkennen wir das Haus Morgentalstrasse 30 an der Kreuzung mit der Besenrainstrasse – vorderhand steht es noch. Am rechten Rand ist das Haus Morgentalstr. 31, ein stattliches Mehrfamilienhaus, daneben Nummer 27, ein ebensolches, dann die Nummern 21 und 11, die beide zu Baugenossenschaften an der Tannenrauchstrasse gehören. Über dem Dach von Morgentalstr. 11 ist der Turm der alten Kirche Wollishofen zu erkennen.
Im Haus Morgentalstrasse 27 war im Erdgeschoss ein Lebensmittelladen einquartiert. Damals wurden die Lebensmittel noch im Quartier angeboten – noch nichts von Supermärkten und Shopping Centers. Im Wollishofer Gewerbebüchlein «Wolishofer Bilderbuech» von 1953 ist der von Herrn Häsler-Hug geführte Laden kurz porträtiert (auf S. 13):
Lebensmittelladen an der Morgentalstrasse.
Inserat in der Publikation «Wolishofer Bilderbuech» aus dem Jahr 1953.
Morgentalstrasse 27: Da steht noch heute das ursprüngliche Haus, während das Nachbarhaus Nummer 31 bereits Mitte der 1980er Jahren abgerissen und durch einen Neubau ersetzt wurde. An der Morgentalstrasse wurden bisher nur wenige Liegenschaften der Erstüberbauung schon wieder geschleift und durch neuere Bauten ersetzt. Dieser Erneuerungsprozess ist allerdings im Gange! So wurde das schmucke Doppelwohnhaus Morgentalstrasse 77/79 vor kurzem abgerissen – es entsteht unter Einbezug des ehemaligen ansehnlichen Gartens ein grosser Wohnblock!
Als Abschluss nochmals zur Morgentalstrasse 31. Im obersten Bild ist es am rechten Rand, im folgenden nur noch in seinen Trümmern im Jahre 1984 zu sehen. Das Haus im Hintergrund ist übrigens Rainstrasse 36, die «Casa Felice», erbaut 1926.
Überreste der Morgentalstrasse 31 im Herbst 1984. Fotograf Markus Zimmermann.
Sammlung MZ.
* Auf der ersten Postkarte ist – prominent in der oberen Mitte – ein Haus sichtbar, auf das die Morgentalstrasse im ersten Abschnitt oberhalb der Tannenrauchstrasse sozusagen ausgerichtet scheint: Das Haus thront über der Morgentalstrasse, es ist (war) Rainstrasse 50; ein feudales Anwesen, von Architekt Bickel erbaut, fiel es bereits 1959 dem Wohnblock an der Morgentalstr. 37 zum Opfer.
** Das Gebiet ennet des Scheitelpunkts hiess damals «Im Möösli», heute brauchen wir eher die Strassennamen «Im Hummel» und «Hegenmatt».
*** Der Typ des Oldimers konnte bisher nicht identifiziert werden. Vielleicht hilft ein Blog-Leser oder eine -Leserin? Inhaber des Autos, so können wir es uns vorstellen, dürfte ein Bewohner der «Casa Felice» (Rainstrasse 36) gewesen sein, denn just dort, wo der Inhaber parkte, geht der Privatweg von der Morgentalstrasse hoch zur Villa. Ein langjähriger Bewohner der Casa war in jenen Jahren ein Elektro-Ingenieur namens «W. von Ehrenberg» – der Besitzer und Lenker unseres Automobils?
(SB)