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Seinen unaufhaltsamen Aufstieg verdankt Amgen jenem fatalen Stoff, der in den letzten Jahren Alex Zülle, Ösi Camenzind und noch manch anderem Velostar die Karriere kostete: Epo. Entwickelt wurde Epo nicht als Dopingmittel, sondern als Medikament gegen schwere Formen der Blutarmut, wobei der Wirkstoff Erythropoetin - ein Hormon, das normalerweise in der Niere entsteht und die Bildung der roten Blutkörperchen stimuliert - schon seit den siebziger Jahren bekannt ist.
Die besondere Leistung der 1980 gegründeten Amgen bestand zur Hauptsache darin, sich bei der Columbia-Universität New York für wenig Geld die Lizenz zu einem Verfahren zu sichern, mit dem sich Hormone synthetisieren, also künstlich herstellen lassen. Für die weiteren Entwicklungsschritte des Medikamentes konnte sich Amgen zu einem Grossteil auf die Grundlagenforschung abstützen, die zuvor an der Universität Chicago geleistet worden war.
Die junge Biotech-Firma mit Sitz in Thousand Oaks, Kalifornien, kam damit fast gratis zu ihrem ersten Blockbuster (Produkt mit einem Umsatz von mindestens einer Milliarde Franken). Das neue Epogen war nicht mehr einfach ein pharmazeutisches Produkt im herkömmlichen Sinne, sondern - weil es mit körpereigenen Stoffen arbeitet - ein so genanntes «Biological», ein biotechnologisches Medikament. Epo vermochte Todkranken das Leben zu retten und galt deshalb schon bald als die wichtigste Innovation, welche die neue Biotech-Industrie hervorgebracht hat.
Inzwischen ist Amgen, mit 13 000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von zwölf Milliarden Franken, zum grössten Biotech-Unternehmen der Welt herangewachsen.
Der wichtigste Markt sind dabei nach wie vor die USA, wo über achtzig Prozent des Umsatzes erzielt werden. Das grösste Wachstum erzielte Amgen in den letzten Jahren hingegen in Europa. Für die «Neue Zürcher Zeitung» etwa wäre es deshalb einleuchtend, wenn der Konzern nunmehr danach strebte, seine «Herstellungsstruktur der Verkaufsstruktur anzugleichen» und neue Fabrikationsstätten in Europa - zum Beispiel in Galmiz - zu schaffen.
Amgen durchlebt jedoch schwierige Zeiten: Allein in den nächsten zwei Jahren werden mindestens zehn biotechnologische Medikamente der ersten Generation ihren Patentschutz verlieren - darunter auch Epogen, das mit einem Jahresumsatz von fast drei Milliarden Franken bisher Amgens wichtigster Geldbringer war. In den meisten Staaten Europas ist das Epo-Patent schon Ende 2004 abgelaufen; in den USA verfällt der Patentschutz dieses Jahr.
Amgen hat deshalb vorgesorgt und mit Aranesp ein Ersatzmittel lanciert, das nach eigenen Angaben deutlich weniger Nebenwirkungen aufweisen soll, dafür aber einiges mehr kostet als das Vorgängermodell: Eine 500-mg-Ampulle kostet in der Apotheke 2237 Franken. Mit einem Jahresumsatz von knapp drei Milliarden hat Aranesp das alte Epo bereits eingeholt. Auch der Umsatz von Embrel, einem Basismedikament gegen Arthritis und Schuppenflechte, wächst jährlich um fünfzig Prozent und soll mit fast vier Milliarden Franken Jahresumsatz dieses Jahr zum bestverkauften Medikament von Amgen werden.
Amgen Schweiz und Amgen Europa haben ihren Sitz in Luzern, zumindest noch bis Ende Jahr. Danach will das Unternehmen nach Zug umziehen. Das Management begründete den Umzug mit einem höheren Angebot an Bürofläche, dem Vorhandensein von internationalen Schulen und mit der Nähe zum Flughafen und zum Zürcher Arbeitsmarkt.
Biotech-Standort Schweiz
Die Schweiz gehört weltweit zu den wichtigsten Biotech-Standorten. Fast 139 Unternehmen sind vorwiegend in den Regionen Zürich und Basel und Genfersee angesiedelt. Insgesamt 13 000 Angestellte erzielten 2003 einen Umsatz von drei Milliarden Franken. Das sind rund fünf Prozent des globalen Umsatzes in der Biotech-Branche. Während sowohl die US-amerikanischen als auch die europäischen Biotech-Unternehmen 2003 Verluste schrieben, erarbeiteten die Schweizer Firmen zusammen einen Gewinn von fast 450 Millionen Franken.
Sollte Amgen im freiburgischen Galmiz eine Produktionsstätte auf einer Fläche von 55 Hektar bauen, so entstünde die grösste europäische Biotech-Anlage. Zum Vergleich: Die US-Firma Wyeth baut in Irland in der Nähe von Dublin eine Anlage auf einer Fläche von 37 Hektar. Und Roche betreibt im bayerischen Penzberg eine Biotech-Anlage auf einer Fläche von 31 Hektar.
Zahlreiche internationale Pharma- und Biotech-Firmen haben ihren europäischen Firmensitz in Zug. Dazu gehören etwa die drittgrösste Biotech-Firma der Welt, Biogen Idec, und ab 2006 auch Amgen.
Elvira Wiegers