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Zwei Jungen gingen mit ihrer Grossmutter eine Strasse entlang. Genau genommen ging nur die grauhaarige Frau, die Kinder tanzten und sprangen um sie herum, drehten sich, hüpften und jagten einander auf dem Gehweg, der an Einfamilienhäusern mit Gartenzwergen und akkurat gestutzten Hecken entlang führte.
Der grösser und der kleinere Junge waren von Kopf bis Fuss identisch gekleidet. Auf ihren Caps die gleichen Schriftzüge, die gleichen Streifen auf den weissen Turnschuhen.
„Tim“, rief die Grossmutter und beide Jungen blickten sie an. „Wir müssen hier abbiegen.“ Die ältere Frau mit der schwarzen Sonnenbrille deutete auf eine kleine Quartierstrasse, die am Waldrand entlang führte. Die Jungs liefen in das Strässchen mit dem Sackgassen-Schild und waren schon bald hinter der nächsten Biegung verschwunden.
Am Ende der Strasse warteten sie auf die Grossmutter. „Und jetzt?“, fragten sie und blickten sich um. Nichts als Garagenzufahrten, hohe Kirschlorbeerhecken und Bretterzäune.
„Hier gehts lang“, sagte die Grossmutter und deutete auf ein unscheinbares, schmiedeeisernes Tor, das von Efeu überwachsen war. Beim Öffnen zerschnitt ein unangenehmes Quietschen die Stille.
Die beiden Jungen blieben dicht bei der älteren Frau, der Jüngere griff nach ihrer Hand. Sie gingen durch einen verwachsenen Garten. Hohe, knorrige Obstbäume schoben sich vor die Sonne und streckten ihre Äste wie Finger nach den Besuchern aus.
Immer tiefer führte der Weg aus Steinplatten in den Garten hinein. Lianen spannten sich zwischen den Baumkronen und verschluckten das Licht. Auf dem Boden erspähte der Jüngere grün schimmernde Käfer in der Grösse von Tischtennisbällen, die raschelnd im Laub verschwanden, sobald er sich näherte. Aus der Ferne war das Kreischen und Schreien von Vögeln zu hören.
„Ist es noch weit?“, fragte der ältere der beiden Jungen und blickte in das Dickicht, das sich rund um sie ausbreitete. „Ich habe Durst“, quengelte der Jüngere und strich sich über die schweissnasse Stirn. Seinen Pullover hatte er um die Hüfte gebunden.
„Wir sind da“, flüsterte die Grossmutter und blieb vor einer grossen Türe aus Holz stehen. Sie hatte keine Türklinke. Die Frau klopfte dreimal lang, dann dreimal kurz. Die Türe schwang wie von Geisterhand auf.
„Willkommen im Paradies“, erklang eine Stimme aus dem gleissenden Licht, als sie eintraten.
„Wir besuchen Hans Graber. Wir bleiben nicht lange“, sagte die Grossmutter und ging auf die weisse Theke zu, hinter der eine fast durchsichtige Frau stand.
„Schön. In diesem Fall bitte ich euch, dieses Formular hier auszufüllen. Und diese hier ebenfalls.“ Die Frau mit den Haaren wie gekochte Glasnudeln schob ihnen mehrere verschiedenfarbige Papiere zu. Dann bückte sie sich, kramte unter der Theke und tauchte mit Besucherausweisen wieder auf. „Bitte sichtbar tragen und pünktlich abgeben.“ Die Frau blickte auf ihre transparente Armbanduhr, deren Zeiger golden leuchteten. „Ich bin jetzt in der Mittagspause.“ Sie löschte das Licht oberhalb der Theke und verschwand im Gang auf der rechten Seite. Ihr bodenlanges, weisses Kleid schien über den hellen Fliesen zu schweben.
„Hier gehts zu Opa“, sagte die Grossmutter und deutete auf den linken Gang. „Wir beeilen uns besser.“ Sie nahm die beiden Jungen an der Hand und verschwand mit ihnen im hellen Licht.