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Im westafrikanischen Staat Ghana gibt es mehr als 70 verschiedene ethnische Gruppen und es werden rund 80 verschiedene Sprachen gesprochen. In Afrika ist das eher die Regel als die Ausnahme: Viele afrikanische Staaten haben wie Ghana eine sehr vielfältig zusammengesetzte Bevölkerung. Und für viele Staaten ist das eine grosse Herausforderung, sozial und ökonomisch. Denn oft misstrauen sich die verschiedenen Gruppen. Jene, die gerade an der Macht sind, schauen vor allem für sich selbst, erklärt David Yanagizawa-Drott. Der Entwicklungsökonom hat in Afrika schon mehrere Forschungsprojekte durchgeführt, die sich mit den negativen Folgen der ethnischen Vielfalt beschäftigen. So etwa zur Rolle der Massenmedien beim Genozid in Ruanda. Er konnte nachzeichnen, wie eine beliebte Radiostation die Menschen zu Massentötungen anstachelte.
«Ethnische Diversität kann wie im Fall von Ruanda in gewalttätige Konflikte münden», erklärt der Ökonom, «doch selbst wenn ein solch extremes Szenario nicht eintritt, führt das gegenseitige Misstrauen oft dazu, dass der Staat Mühe hat, seine Aufgaben zu erfüllen, und die Korruption blüht.» Gruppendenken ist ein Bremsklotz, wenn es darum geht, gut funktionierende staatliche Strukturen aufzubauen. Die ghanaische Nichtregierungsorganisation (NGO) The Lead for Ghana (LFG) hat ein ambitioniertes Programm, um die ethnischen Gräben zuzuschütten oder zumindest zu verkleinern: Sie will die nationale Identität stärken und die Schulbildung verbessern, indem sie leistungsstarke Studienabgänger:innen für zwei Jahre aufs Land schickt, um dort an Grundschulen die Kinder einer anderen ethnischen Gruppe zu unterrichten. Das Projekt bringt zwei zentrale Anliegen von «The Lead for Ghana» zusammen: Schulkindern im ganzen Land sollen Chancen auf gute Bildung eröffnet werden und gleichzeitig wird bei jungen Führungspersönlichkeiten der Sinn für die nationale Identität gefördert. Um für das Projekt ausgewählt zu werden, braucht es einen ausgezeichneten Studienabschluss. Danach muss ein umfangreiches Auswahlverfahren durchlaufen werden.
Wenn die nationale Identität gestärkt werden könnte, wäre das eine mögliche Lösung für eines der grossen Probleme vieler afrikanischer Staaten.
Was motiviert die jungen Menschen, für einen geringen Lohn zwei Jahre an einer Schule irgendwo auf dem Land zu unterrichten, statt einen lukrativeren Job in der Privatwirtschaft anzunehmen? «Sie wollen etwas Gutes tun für die Gesellschaft», sagt David Yanagizawa-Drott, «und am Projekt teilzunehmen, ist so etwas wie ein Ehrenabzeichen. LFG hat den Ruf, nur die Besten auszuwählen.» Zu dieser Gruppe der «Auserwählten» zu gehören, zu diesem exklusiven Netzwerk, kann für die spätere Karriere sehr interessant und wichtig sein. Im Moment bewerben sich jährlich mehr als 1000 Studienabgänger:innen bei LFG, für das Programm werden insgesamt 450 rekrutiert, die an rund 100 Schulen geschickt werden. Die Konkurrenz ist gross. David Yanagizawa-Drott begleitet und erforscht dieses Projekt während vier Jahren. «Wir evaluieren, ob diese Art von Intervention wirkt», erklärt der Ökonom. Gemessen werden dabei zwei Variablen: einerseits die schulischen Leistungen der Kinder, andererseits das Vertrauen zwischen den ethnischen Gruppen.
Die schulischen Leistungen sollten besser werden, weil die Studienabgänger:innen sehr gut qualifiziert und hochmotiviert sind. Ganz im Gegensatz zu einem grossen Teil der regulären Lehrkräfte: In Ghana fallen heute zwei Drittel der Unterrichtsstunden aus, weil die Lehrpersonen nicht zum Unterricht erscheinen. Entsprechend ungenügend sind die Lernfortschritte der Schüler:innen – vier von fünf können nach der zweiten Klasse noch nicht lesen, das heisst, sie können in einem kurzen Text kein einziges Wort erkennen.
Die mit dem Projekt verbundene Hoffnung ist, dass besser ausgebildete, motivierte und vor allem auch anwesende Lehrpersonen die Schüler:innen zu besseren Leistungen anspornen können. «Das sollte möglich sein, wie vergleichbare Studien belegen, die vor allem darauf abzielten, den Absentismus der Lehrpersonen zu reduzieren», sagt Yanagizawa-Drott. Erste Ergebnisse des LFG-Programms deuten in die gleiche Richtung: So ist die Übertrittsquote auf die nächste Schulstufe höher bei Schüler:innen, die von LFG-Lehrpersonen unterrichtet wurden.
Eine wichtige Frage, die die Studie klären will, ist, ob die Leistungen auch dann besser werden, wenn eine Person mit einem anderen ethnischen Hintergrund unterrichtet. Die bisherige Forschung zeigt, dass der Unterricht von gut qualifizierten Personen der gleichen Ethnie zu besseren Ergebnissen führte. «Es kann aber auch sein, dass es die Schüler:innen motiviert, von einer Lehrperson einer anderen Ethnie unterrichtet zu werden», hofft Yanagizawa-Drott. Wenn es anders herauskommt, wäre die Zuweisung der Studienabgänger:innen an die Schulen anderer Ethnien einer der Trade-offs des Projekts. Denn genau dieser Kontakt mit einer anderen Ethnie ist der Kern des zweiten Teils des Projekts, der die nationale Identität stärken will, indem die ausgewählten Studienabgänger:innen eine andere ethnische Gruppen besser kennenlernen, deren Kinder sie unterrichten. Das sollte das Vertrauen zwischen dieser Gruppe und den Lehrpersonen und ihrer ethnischen Gruppe stärken. In der Forschung wird das als Kontakt-Hypothese bezeichnet: «Wir haben oft Vorurteile gegenüber den Menschen einer anderen Gruppe, weil wir sie nicht kennen. Interagieren wir mit ihnen, können diese überwunden werden», erklärt David Yanagizawa-Drott.
Auch hier gibt es einen optimalen Ausgang des Experiments: «Ideal wäre, wenn nach diesen zwei Jahren nicht nur jener Gruppe mehr vertraut wird, die man besser kennengelernt hat, sondern dass das Vertrauen in andere Gruppen ganz allgemein gestärkt wird», so Yanagizawa-Drott. Ob das so ist, wird mit bewährten Spielexperimenten getestet, bei denen es darum geht, mit Personen, die man nicht kennt, einen Geldbetrag zu teilen.
Wenn alles so herauskommt, wie es sich die Projektverantwortlichen von LFG erhoffen, dann tragen die hochqualifizierte Lehrpersonen dazu bei, dass die Noten und die Übertrittsquoten ihrer Schüler:innen besser werden. Das wäre ein starkes Argument dafür, mehr in die Ausbildung und Bezahlung von Lehrpersonen zu investieren. Und die aufs Land geschickten Lehrpersonen haben nach diesen zwei Jahren mehr Vertrauen in andere ethnische Gruppen (und diese in sie). Dies könnte dazu beitragen, die nationale Identität der Elite Ghanas zu stärken, zu der viele der Studienabgänger:innen dereinst gehören werden. «Sie würden sich dann nicht mehr zuerst als Angehörige einer ethnischen Gruppe sehen, sondern als Ghanaerinnen und Ghanaer», erklärt Yanagizawa-Drott. Und er fügt hinzu: «Wenn tatsächlich mit solchen Programmen die nationale Identität gestärkt werden könnte, wäre das eine mögliche Lösung für eines der grossen Probleme vieler afrikanischer Staaten.»
Und wenn nicht? «Dann wissen wir, dass wir das Geld für etwas anderes einsetzen sollten», sagt der Entwicklungsökonom. «Zu den fundamentalen Herausforderungen von NGOs wie The Lead for Ghana gehört, die beschränkten Mittel wirkungsvoll einzusetzen. Der Gründer von LFG Daniel Dotse glaubt an sein Projekt und will wissen, ob es tatsächlich funktioniert.»