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Es ist ein trüber Morgen an jenem Freitag, 8. November 1918. Es nieselt, dichte Nebelschwaden liegen über den Baumwipfeln. Auf den Gleisen, welche ursprünglich für den Einsatz von tonnenschweren Schienengeschützen in den Wald bei Compiègne verlegt wurden, stehen etwas versetzt zwei Züge. «Marschall Foch wollte die Deutschen nach 54 Monaten Krieg nicht unmittelbar vor der Nase haben», sagt Bernard Letemps.
Der Präsident des Waffenstillstands-Gedenkvereins erzählt lebendig von den schicksalshaften Tagen, die den Ersten Weltkrieg beendet haben. Wie beispielsweise Soldaten erst einen Pfad zwischen den Sonderzügen anlegen müssen, damit die Stiefel der Gesandten des Deutschen Kaiserreichs nicht im Morast steckenbleiben. Oder wie die oberste Heeresführung der Westmächte die deutsche Delegation um exakt 9 Uhr im zum rollenden Büro umfunktionierten Speisewagen der Compagnie des Wagons-Lits empfangen.
Quasi-Kapitulation gegen Erzfeind Frankreich
«Was führt die Herren hierher?», fragt Marschall Foch am Konferenztisch in Wagen 2419D kühl. Der deutsche Unterstaatssekretär Erzberger will Vorschläge der Alliierten für einen Waffenstillstand hören. Doch Foch hat kein Angebot zu machen. Vielmehr diktiert er die Bedingungen: Innerhalb von zwei Wochen sind besetzte Gebiete zu räumen, Elsass und Lothringen an Frankreich zurückzugeben, Kriegsmaterial wie Kanonen, Minenwerfer, Flugzeuge abzutreten.
Die Unterhändler informieren das Hauptquartier in Spa, Belgien. Am 9. November akzeptiert die Heeresleitung in Berlin, wo sich mit der Abdankung des Kaisers die Ereignisse überschlagen, die faktische Kapitulation.
Am Montag, 11. November um 5:30 Uhr, wird die Waffenstillstands-Erklärung im Eisenbahnwaggon unterzeichnet. Um 11 Uhr läuten im ganzen Land die Kirchenglocken. Nach 4 Jahren eines zermürbenden Stellungskriegs schweigen die Waffen.
Nach Kriegsende schenkt die Compagnie des Wagons-Lits Marschall Fochs Büro-Salonwagen dem französischen Präsidenten. Ausgestellt im Ehrenhof des Invalidendoms zerfällt das Vehikel jedoch zusehends. Dank der Spende eines reichen Amerikaners wird der Wagen überholt und erhält einen Unterstand, ein kleines Museum am Ort der Unterzeichnung des Waffenstillstands.
Am 11. November 1927 wird die Gedenkstätte auf dem im inzwischen gerodeten Waldstück von Compiègne mit grossem Pomp eingeweiht.
Aufstieg von Adolf Hitler
13 Jahre lang steht der Wagen 2419D unbehelligt in Compiègne. Doch einer der tausenden namenlosen, frustrierten deutschen Soldaten, die 1918 aus dem Krieg zurückkamen, hat ihn und die damit verbundene Schmach nicht vergessen: Adolf Hitler.
Nach dem schnellen Sieg über Frankreich lässt er den Eisenbahnwagen aus dem Museum brechen. «Reichskanzler Hitler lässt hier, im selben Wagen, auf derselben Waldlichtung, im Juni 1940 die Franzosen ihre Kapitulation unterschreiben. Er befriedigt so seine Rachegelüste und zementiert die Dolchstoss-Legende des Ersten Weltkriegs», erklärt Bernard Letemps. Die Legende, wonach das Deutsche Reich auf dem Feld ungeschlagen blieb und den Krieg durch Verrat in der Heimat verlor.
Der Waggon wird als Kriegsbeute nach Berlin geschafft, wird an Wehrmachtsanlässen gezeigt. 1944 findet er sich im Thüringer Wald wieder, bei Crawinkel unweit des Konzentrationslagers Buchenwald.
Hitler will hier ein Ausweich-Führerhauptquartier bauen. Bei der Bombardierung 1945 durch die britische Luftwaffe soll der Teakholz-Aufbau Feuer gefangen und abgebrannt sein. Übrig bleibt nur das stählerne Chassis, das noch 30 Jahre lang in einer Fabrik in Gotha eingesetzt wird.
Der heute im Museum in Compiègne ausgestellte Speisewagen ist also ein «vrai-faux», wie Bernard Letemps sich ausdrückt. Es ist Wagen 2439D derselben Serie aus dem Jahr 1914. Compiègne hat ihn 1950 für einen symbolischen Franc gekauft und im Original wieder hergerichtet. Umsichtige Anwohner hatten 1940, kurz bevor Hitler den Waggon holen liess, alles Mobiliar wie Stühle, Tische, Telefone und sogar die Aschenbecher in Sicherheit gebracht.
Der berühmteste Speisewagen der Weltgeschichte wurde zum Symbol der Erzfeindschaft zwischen Nachbarn. Mittlerweile ist er aber Symbol der Versöhnung und der Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland geworden.