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In Psychotherapien wird immer wieder von Bedürfnissen geredet – auch bei mir, in meinem Therapiealltag fällt dieses Wort fast täglich, häufig mehrmals täglich sogar. Wieso eigentlich? Was ist dran an diesen Bedürfnissen und der Bedürfnisorientierung? Was ist damit gemeint und was nicht?
Aus Sicht der Konsistenztheorie von Klaus Grawe, welche das Fundament meiner psychotherapeutischen Tätigkeit darstellt, sind Menschen dann psychisch gesund, wenn es Ihnen gelingt, ihre psychologischen Grundbedürfnisse gut abzudecken. Ihre Bedürfnisse sind also zentral für Ihre Gesundheit. Und auch in der Erziehung geht der Trend eindeutig sowohl in der Theorie wie auch in der Praxis in Richtung Bedürfnisorientierung.
Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, für mich persönlich weckt das Wort Bedürfnis allerdings nicht nur positive Assoziationen. Es erinnert mich an Bedürftigkeit, im Mangel sein, daran, dass etwas fehlt. Weckt eher Gefühle von Schwäche, Verletzlichkeit und Scham. Das passt auch zu der Wortherkunft: „bithurfan, adj.: bedürftig sein, brauchen, bedürfen“. Von der Wortherkunft her besteht auch eine Verbindung zum Verb „dürfen“, was zu der Annahme oder Assoziation führen könnte, dass es bei einem Bedürfnis um etwas geht, das man in gewissen Fällen „darf“, in anderen jedoch auch nicht erlaubt ist. Im Englischen sieht es etwas anders aus mit dem Begriff „need“ (Herkunft: Was jemand benötigt, will oder ersehnt.), der mehr Assoziationen von Stärke, Macht und Erwünschtheit auslöst („the need for speed“, „I will get what I need“). Ich habe als Jugendlicher ein Jahr in den USA gelebt, interessanterweise fiel es mir von Anfang an leichter, auf Englisch klar auszudrücken, was ich möchte und was nicht, was mir auch heute noch auf Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch deutlich schwerer fällt.
Also, zum Klarstellen:
Wenn wir Psychologen von Bedürfnissen reden, dann beziehen wir uns nicht auf die psychisch-emotionale Bedürftigkeit einer Person, die in der Regel tatsächlich aus einem Mangel heraus (an Liebe, Aufmerksamkeit, Förderung) oder durch emotionale Verletzungen entstanden ist, sondern in erster Linie darauf, was Menschen brauchen, auch als Gesunde, um psychisch gesund und glücklich zu sein. Emotionale Bedürftigkeit ist in der Regel eine Folge chronischer Unterversorgung der notwendigen psychologischen Grundbedürfnisse und nicht eine Folge davon, dass es solche Bedürfnisse überhaupt gibt.
Wir beziehen uns auch nicht auf etwas, das Menschen dürfen sollen, wofür sie die Erlaubnis erhalten oder auch nicht. Wir leben in einer Gesellschaft, die den Fokus – vor allem in der Arbeitswelt und leider häufig auch noch im Bildungssystem – vor allem auf Leistungsorientierung und weniger auf Bedürfnisorientierung legt. Allenfalls werden die Bedürfnisse der Kunden hoch gewichtet, jedoch auch nur mit der Absicht, durch das Erkennen der Kundenbedürfnisse höhere und bessere Leistung (und damit Erträge) erbringen zu können. Dies fördert aus meiner Sicht noch die Annahme, dass Bedürfnisse nicht etwas sind, das Menschen brauchen, sondern im besten Fall ab und zu dürfen, z.b. in einer Arbeitspause, am Wochenende oder in den Ferien. Wohlgemerkt, ich schreibe hier nicht von Wünschen. Wir alle haben unzählige Wünsche und selbstverständlich geht es mir nicht darum, zu vermitteln, dass alle unsere Wünsche ständig erfüllt werden sollten. Darum geht es auch in der bedürfnisorientierten Erziehung nicht. Sondern darum, was Menschen aus psychologischer Sicht wirklich brauchen, um gesund zu sein und zu bleiben, sei es am Arbeitsplatz, in der Schule, der Freizeit oder in der Kinderstube. Darauf wird aus psychologischer Sicht sowohl in der Arbeitswelt wie auch in der Schule und im familiären Alltag noch viel zu wenig Wert gelegt.
Also noch einmal: Aus psychologischer Sicht sind Menschen dann gesund, glücklich und auch leistungsfähig, wenn es ihnen gelingt, ihre psychologischen Grundbedürfnisse wahrzunehmen und zu befriedigen.
Ich höre folgenden Einwand:
„Wenn bei der Arbeit jeder nur auf seine Bedürfnisse hören würde, würde gar nichts mehr gehen.“
Das ist falsch. Menschen haben das Bedürfnis, ihre Fähigkeiten bestmöglich zu entwickeln und diese auch in den Dienst von etwas Grösserem zu stellen. Allerdings ist es auch ein menschliches Bedürfnis, einen Sinn in ihrer Tätigkeit erkennen zu wollen, um hinter einer Tätigkeit stehen zu können. Menschen haben auch das Bedürfnis, mit anderen zu kooperieren. Aber es gibt auch das Bedürfnis, die eigene Kooperationsbereitschaft einzustellen, wenn an einem Arbeitsplatz ein Klima von mangelnder Wertschätzung, Druck und Konkurrenz herrscht.
Und auch noch diesen aus der Bildungsecke:
„Es gibt schon genug Stoff, den wir den Kindern vermitteln müssen, wir können uns nicht auch noch um die einzelnen emotionalen Bedürfnisse kümmern, so würden wir nirgends hinkommen.“
Auch falsch. Die Aufgabe der Schule ist es, Kinder zum Lernen zu animieren. Kinder lernen am Besten, wenn ihr Explorationsbedürfnis aktiviert ist. Und dieses ist gemäss Klaus Grawe dann aktiv, wenn die anderen psychologischen Grundbedürfnisse befriedigt sind. Lernen wird dann zum Selbstläufer. Was Kindern, Lehrpersonen und Eltern viel Mühe, Frust und Ärger ersparen könnte.
Menschliche Systeme (Schulen, Familien, Partnerschaften, Unternehmen) funktionieren nicht schlechter, wenn die einzelnen Beteiligten auf ihre Bedürfnisse achten, sondern blühen auf. Glauben Sie mir, ich und meine BerufskollegInnen erleben das in unserer Arbeit jeden Tag.
Wie soll das nun also gehen? Braucht jeder Mensch gleich nach der Geburt eine Psychotherapie, um die Bedürfnisorientierung zu lernen? Bitte nicht, meine Warteliste und die vieler KollegInnen von mir ist schon lang genug. Das Fatale ist: Wir Menschen kommen bedürfnisorientiert zur Welt. Es ist das Natürlichste und Naheliegendste für Neugeborene, ihre Bedürfnisse nach Zuwendung, Nähe, Liebe, Distanz, Nahrung, Muttermilch lauthals in die Welt hinaus zu schreien. Und dann gewöhnen wir es unseren Kindern ab, weil wir denken, sie sollten möglichst rasch in ein Raster passen, um in der Welt gut zu funktionieren. Um zwischen 30 und 40 dann in einem Burnout zu landen, weil sie zu gut funktionierten. Wollen wir das wirklich?
Als Vergleich: Welcher Autofahrer kommt weiter? Jener, der ins Auto sitzt, voll aufs Gaspedal sitzt und einfach losfährt, ohne sich um sein Auto zu kümmern oder jener, der sich mit seinem Gefährt auseinandersetzt, es pflegt, in die Fahrschule geht, die Signale des Autos aufmerksam beobachtet (Tachometer, Benzinanzeige, Ölanzeige) und es pflegt und wartet? Persönlich habe ich kein Auto und mag sie auch nicht besonders, aber ich finde den Vergleich einleuchtend. Der zweite Autofahrer braucht zwar vermutlich länger, um in Fahrt zu kommen, aber er wird deutlich länger, gesünder und zufriedener unterwegs sein. Man könnte einwenden, dass der erste Autofahrer einfach sein Auto wechseln kann, wenn es den Geist aufgibt. Da hinkt tatsächlich der Vergleich. Das können Sie zwar beim Auto und bei vielem anderen, aber nicht bei ihrem Körper und schon gar nicht bei ihrer Psyche. Mit den beiden hängen Sie fest für den Rest Ihres Lebens.
Also, entscheiden Sie sich heute: Welcher Autofahrer möchten Sie für den Rest Ihres weiteren Lebens sein?
Vielen Dank für Ihr Interesse und willkommen bei Ihnen!
Bleiben Sie bei sich und gehen Sie gut mit sich und Ihren Fahrzeugen um. Das ist das Beste, was Sie für sich, Ihre Mitmenschen und deren Gefährte tun können.
Herzlich,
Simon Gautschy