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• Es waren ganz konkrete Spannungen in der Gruppe, genauer die soziale Spannung zwischen den weiblichen und männlichen Mitgliedern der Gruppe, die die menschliche Sozialgeschichte und die Geistesgeschichte in Bewegung brachten. - Die eigentliche Schubkraft für die patriarchale Kulturentwicklung wären demnach Angstabwehr (vor dem numinos Weiblichen) und psychische Kompensation (aufgrund sozialer Frustration), und beides kann zu expansivem Erfolgsstreben, zu realitätsflüchtigen Illusionen oder kulturellen Höchstleistungen, oder zu explosiven Entladungen (Krieg) führen.
• Unsere traditionelle patriarchale Kultur ist weder biologisch noch frühgeschichtlich eine natürlich gewachsene, selbstverständliche Kultur, sondern weltweit eine relativ späte, bewusst konstruierte Form von Kultur, deren Konstituierung mit der Etablierung von Gewaltherrschaft in jeder Form einhergeht
• In der Frühzeit ist weder in der Gestirnssymbolik noch in der Tiersymbolik eine Geschlechter-Symbolik auszumachen. Weder waren der Himmel und seine Gestirne immer Symbolträger des Männlichen, noch war die Erde durchgängig Symbol des Weiblichen, wie uns die polarisierende Ideologie suggeriert. In Ägypten ist Nut die Himmelsgöttin, und «Geb» ist der Erdgott. Der Mond gilt an einem Ort als männlich, am anderen als weiblich Das gleiche gilt für die Architektur- und Ornamentsymbolik (55-65).
• Ursprünglich hatte das Yin-Yang-Prinzip des I Ging nicht das Mindeste zu tun mit den später so geläufigen Polarisierungen von Himmel und Erde oder männlich und weiblich. Das älteste Schriftzeichen für Yin ist eine Wolke als Zeichen des Dunkels, für das Yang ein in der Sonne wehender Wimpel als Zeichen für Helle. Dazu gesellt sich das Bildzeichen des Berghanges, einmal in seiner beschatteten, einmal in seiner besonnten Seite. In einem alten Kommentar zum I Ging heisst es: Was einmal das Dunkle und einmal das Helle hervortreten lässt, das ist der Sinn (Tao).
• Wir sollten wir auf die üblichen komplementären Begriffspaare wie Himmel-Erde, Geist-Materie, männlich-weiblich ganz verzichten und auf die ältesten Gegenüberstellungen zurückgreifen wie Dunkelheit und Helle, Nacht und Tag, Winter und Sommer, (Noch-)Nichtsein und Sein, und sie als fliessendes Gleichgewicht zwischen schöpferischer Pause und schöpferischem Neubeginn zu verstehen, und zwar ohne Ansehung des Geschlechts. Dann erschiene auch das Weiche und Empfangende als Stadium des Werdens ebenso geschlechts-unspezifisch wie das Feste und Gestaltete als Zustand des Gewordenen und Geprägten (202-203).
• Meier-Seethaler fordert «die gleichen Anteile an allen Schlüsselstellungen in Kultur, Wirtschaft und Politik für die Frauen», ohne sich explizit als Feministin zu verstehen. Zugleich fordert sie «eine Umgestaltung dieser männlichen Domänen von ihrem Fundament und ihren Zielen her. Ihr geht es um ganzheitlich-menschliche Lösungsversuche, die mit irgendwelchen Wesenszuschreibungen an die Geschlechter nichts zu tun haben, viel jedoch damit, dass die männlichen Exponenten unserer Kultur erkennen müssten, wie einseitig und verhängnisvoll ihr Kulturbegriff ist (Interview Arche).
Carola Meier-Seethaler, geb. 1927 in München. Philosophiestudium und Promotion in München. 1950-1957 Psychologiestudium und Ausbildung zur Psychotherapeutin. Leiterin der Erziehungsberatungsstelle Passau. 1957 Heirat und Übersiedlung in die Schweiz, zwei Töchter. 1967-80 Lehrtätigkeit in Burgdorf. Seit 1978 private Psychotherapeutische Praxis. Seit l985 Teilnahme an Kolloquium "Feministische Wissenschaftskritik" an der Universität Bern. Lebt in Bern. Autorin von: Ursprünge und Befreiungen. Die sexistischen Wurzeln der Kultur (1992). Von der göttlichen Löwin zum Wahrzeichen männlicher Macht (1993). Gefühl und Urteilskraft. Ein Plädoyer für die emotionale Vernunft (1997). Jenseits von Gott und Göttin (2001). Das Gute und das Böse. Mythologische Hintergründe des Fundamentalismus in Ost und West (2004). Macht und Moral - 16 Essays zur Aufkündigung patriarchaler Denkmuster (2007).
Elisabeth Camenzind