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Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich unsere Siedlungslandschaft grundlegend. Die Geburtenüberschüsse der Babyboomer-Generation wie auch die Einwanderung von Arbeitskräften führten dazu, dass die Schweizer Bevölkerung von 1950 bis 1970 um mehr als einen Viertel zunahm. Um der Wohnungsnot in vielen Städten und Agglomerationsgemeinden entgegenzukommen, galt es, in kurzer Zeit viel Wohnraum zu schaffen.
Neben der Ausbreitung von Einfamilienhausgebieten entstanden an den Rändern der Städte auch zahlreiche Grossüberbauungen und Wohnhochhäuser. Diese Neubauten wiesen einen für die damalige Zeit modernen Ausbaustandard mit viel Komfort auf. Denn vor fünfzig Jahren war es noch lange nicht für alle Bewohner selbstverständlich, einen Lift, eine Zentralheizung oder eine Dusche in der Wohnung zu haben.
Modern waren auch die Baumaterialien, die verwendet worden sind. An deren Alterungsprozess, aber auch an Isolations- und Energiesparmassnahmen hat damals noch kaum jemand gedacht.
Relativ bald setzte aber ein Umdenken ein. Mit dem Konjunktureinbruch nach der Ölkrise und den zunehmend sichtbar werdenden Umweltbelastungen und dem Ressourcenverschleiss wurde die Idee eines grenzenlosen Wachstums – und so auch das Bauen im grossen Massstab – zunehmend infrage gestellt. Nicht wenige der Baukonzerne mussten ihren Betrieb einstellen – wie etwa die Göhner AG, die den Grosswohnungsbau und die Entwicklung der industriellen Vorfabrikation in der Schweiz massgeblich vorangetrieben hatte.
Zudem zeigten sich in den oft in wenigen Monaten gebauten Häusern die ersten baulichen Mängel. Auch die in der Anfangsphase zum Teil fehlenden Quartiereinrichtungen und die Monofunktionalität des Wohnens in vielen Siedlungen stellten sich als problematisch heraus. Die Folge war eine Abwertung der Grossüberbauungen am Stadtrand, die sich auch auf deren Bewohnerschaft auswirkte. Eine Entwicklung, die in den 1990er Jahren mit der zunehmenden Aufwertung des Wohnens in den Innenstädten noch verschärft wurde.
In der Aussenwahrnehmung kursieren bis heute viele Negativbilder zu Grossüberbauungen aus den 1960er und 1970er Jahren. Von «Betonbunkern» oder gar von «Ghettos» spricht man, meist ohne jedoch das Leben vor Ort wirklich zu kennen.
Wer mit Bewohnerinnen und Bewohnern redet, hört meist ganz andere Stimmen. «Der erste Eindruck war gar nicht gut, ich dachte: Mein Gott, wohin kommen wir denn da? Dieser Betonbau, da kennst du doch niemanden», erinnert sich Frau Huber an ihren Einzug 1983 in die Grossüberbauung Telli in Aarau. Eigentlich wollten sie und ihre Familie nur vorübergehend bleiben, bis sie etwas Besseres gefunden hätten. Doch diese Meinung habe sie schnell revidiert: «Wir haben rasch viele nette Leute kennengelernt und haben uns gut eingelebt.»
Heute, 35 Jahre später, sagt Frau Huber überzeugt: «Hier habe ich Wurzeln geschlagen, und hier bin ich glücklich.» So oder ähnlich klingen viele Wohngeschichten langjähriger Bewohnerinnen und Bewohner.
Es sind verschiedene Bedingungen, die das Leben in einer Grossüberbauung ansprechend machen. Geschätzt werden gerade die Wohnumfeld-Qualitäten: Grüne und verkehrsfreie Aussenräume, Spiel- und Fussballplätze vor den Häusern sowie Treffpunkte und Mehrzweckräume in den Erdgeschossflächen sind wichtig, aber auch der Anschluss an die Nahversorgung: Schulen, Sport- und Freizeiteinrichtungen, Einkaufsmöglichkeiten, Naherholungsgebiete sowie der öffentliche Verkehr.
Nicht zu unterschätzen sind auch die günstigen Mieten in diesem Baubestand, die gerade für Menschen mit kleinen Einkommen unabdingbar sind. Darunter sind auch viele ältere Menschen sowie Familien mit Migrationshintergrund. Überhaupt ist die Bewohnerschaft in den Siedlungen häufig sehr international. In den 1258 Wohnungen der Telli-Überbauung beispielsweise wohnen Menschen mit 49 verschiedenen Nationalitäten. Der Ausländeranteil liegt mit 28% über dem städtischen Durchschnitt (21%). Keineswegs wohnen hier aber «fast nur Ausländer», wie oft kolportiert wird.
Für die Lebensqualität in den Überbauungen wesentlich sind insbesondere auch die oft vielseitigen sozialen Netze, die sich hier im Laufe der Jahre entwickelt haben. Dazu tragen letztlich auch die Arbeit von Hauswarten, Verwaltungen, Quartierarbeitern und das Engagement von Bewohnerinnen und Bewohnern selbst bei, die sich um Unterhalt und Ordnung, aber auch um eine gute Durchmischung und ein lebendiges Zusammen- und Nebeneinanderleben in den Häusern und im Quartier bemühen und sich fortlaufend darum kümmern.
«Wenn man so lange an einem Ort wohnt, dann kennt man automatisch viele Leute», meint etwa Frau Huber aus der Aarauer Telli-Überbauung und ergänzt: «Und das Zusammenleben ist immer noch gut. Deshalb möchten wir auch nie mehr weg von da.»
Eveline Althaus
Die Autorin ist Sozialanthropologin und wissenschaftliche Projektleiterin am Forschungszentrum ETH Wohnforum – ETH Case (Centre for Research on Architecture, Society & the Built Environment). Im Rahmen des Nationalfonds-Projekts «Zur Karriere des Baubooms» ist ihre Dissertation entstanden: Eveline Althaus: Sozialraum Hochhaus. Nachbarschaft und Wohnalltag in Schweizer Grosswohnbauten. Transcript-Verlag, Bielefeld 2018.
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