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Die Einnahme der in Nordamerika angebauten Cranberries soll vor Harnwegsinfektionen schützen. Eine neue Meta-Analyse in den Archives of Internal Medicine (2012; 172: 988-996) findet tatsächlich Hinweise für eine vorbeugende Wirkung. Die Datenlage ist nach Ansicht der Wissenschaftler aber nach wie vor lückenhaft.
Die Kranbeere (Cranberry) zählt zur Gattung Vaccinium (Heidelbeeren) in der Familie der Heidekrautgewächse (Ericaceae). Die Cranberry-Frucht unterscheidet sich jedoch in Aussehen und Geschmack deutlich von den bei uns verbreiteten, nah verwandten Preiselbeeren. Der Cranberry-Saft ist geschmacklich herb und sehr sauer. Cranberry werden in der Küche niedrig dosiert angewendet. Mehr als 95 Prozent der Cranberry-Jahresproduktion werden versaftet und im Handel in der Regel mit gesundheitsfördernden Argumenten propagiert.
An erster Stelle bei den empfohlenen Indikationen steht die Vorbeugung von Harnwegsinfektionen (vor allem Blasenentzündung) Die Wirkung wurde anfangs mit der Ansäuerung des Harns begründet, was den Bakterien im Harntrakt gar nicht gut bekommt. In den 80er Jahren überwog die Vorstellung, dass Inhaltsstoffe des Saftes (oder was von ihm im Urin übrig bleibt) die Anhaftung von Bakterien an der Blasenschleimhaut reduziert. Im Jahr 1989 wurde schliesslich mit den Typ A Proanthocyanidinen ein potenzieller Wirkstoff in den Cranberries entdeckt.
Die Belege für eine Wirksamkeit der Cranberry-Präparate hinkten allerdings lange den Erklärungsmodellen hinterher. Zuletzt bestätigte eine Cochrane-Meta-Analyse eine gewisse Evidenz. Hauptsächlich Frauen mit wiederkehrenden Harnwegsinfektionen könnten von dem Saft profitieren, hieß es in der Publikation. Den Autoren war allerdings nicht entgangen, dass sich zahlreiche Personen nicht an den Geschmack gewöhnen und die Saftbehandlung frühzeitig beenden. Nicht zufällig werden darum inzwischen Cranberry-Kapseln angeboten.
Definitive klinische Studien sind von den Produzenten der Getränke nicht zu erwarten, da sie nicht unter das Arzneimittelgesetz fallen. Als Nahrungsergänzungsmittel müssen Cranberry-Präparate ihre Wirksamkeit nicht belegen.
Die Ersteller von Metaanalysen stehen daher vor der Aufgabe, Daten aus nicht immer hochwertigen Studien zusammenfassen zu müssen. Eine Folge ist eine hohe Heterogenität, sprich Unterschiedlichkeit in den Resultaten, die auch Chih-Hung Wang vom National Taiwan University Hospital die Beurteilung der Wirksamkeit erschwert.
Wang hat die Resultate aus 10 Studien mit 1.494 Teilnehmern ausgewertet und kommt wie die Cochrane-Analyse zu dem Ergebnis, dass Frauen mit rezidivierenden Harnwegsinfektionen durch das Trinken von Cranberry-Saft oder die Einnahme der Cranberry-Kapseln weiteren Harnwegsinfektionen vorbeugen können. Mit einem relativen Risiko (RR) von 0,53 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,33-0,83) ist das Risiko nahezu halbiert. Aber auch bei Frauen allgemein (RR 0,49), Kindern (RR 0,33), regelmäßigen Cranberrysafttrinker (RR 0,47) zeigte sich eine Schutzwirkung. Auch bei Einnahme von mehr als 2 Kapseln am Tag (RR 0,58) war das Risiko reduziert.
Für alle Gruppen zusammen reduzierten die Cranberries das Risiko indes nur um ein Drittel (relatives Risiko 0,62), und bei der Herausnahme bestimmter Studien bleiben die günstigen Wirkungen ganz aus.
Quellen:
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/50839/Kranbeeren-Lueckenhafte-Evidenz-zur-Praevention-von-Harnwegsinfektionen
http://archinte.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=1213845
Kommentar & Ergänzung:
Schön, dass die Metastudie zumindestens eine teilweise Evidenz für die Anwendung von Cranberry zur Vorbeugung von Harnwegsinfekten gefunden hat. Die Arbeit aus Taiwan zeigt aber auch die Probleme bei der Erforschung der Cranberry-Wirkung.
Eine Schwierigkeit in der Cranberry-Forschung sind zudem die grossen Unterschiede zwischen den einzelnen Cranberry-Präparaten bezüglich Herstellungsweise und damit auch bezüglich Wirkstoffgehalt.
Sowohl positive als auch negative Studienergebnisse gelten dadurch streng genommen nur für das jeweilige untersuchte Präparat und können nicht einfach so ohne weiteres auf andere Präparate übertragen werden.
Das ist aber auch ein wichtiger Punkt im Umgang mit anderen Heilpflanzen-Präparaten:
Beispiel Baldrian:
Baldriantee, Baldriantinktur und Baldrianextrakt sind nicht einfach in ihrer Wirkung identisch.
Bei den Baldriantinkturen gibt es verschiedene Herstellungsarten, zum Beispiel Frischpflanzentinkturen oder Tinkturen aus getrockneten Baldrianwurzeln. Und selbst bei den Frischpflanzentinkturen aus Baldrian gibt es unterschiedliche Herstellungsverfahren.
Das selbe gilt auch für die Baldrianextrakte: Hier kommen zum Beispiel unterschiedliche Lösungsmittel in unterschiedlicher Konzentration zum Einsatz.
All diese Präparationen aus Baldrian unterscheiden sich bezüglich ihrer Wirksamkeit!!
Ein fundierter Umgang mit einer Heilpflanze wie Baldrian kann sich deshalb nicht auf die Empfehlung bzw. Feststellung beschränken, dass Baldrian als Einschlafhilfe verwendbar ist. Es stellt sich immer auch die Frage, in welcher Zubereitungsform das optimalerweise geschehen soll.
Diese Fragen sind anspruchsvoll, aber such sehr spannend.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
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