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«Wie geschieht Versöhnung aus biblischer Sicht? Braucht es zwingend eine Aussprache (mit Entschuldigung…) oder kann dies auch anders passieren?»
Ein Mitarbeiter schreibt: Leute, die in unserer Kultur in Konflikt geraten, ziehen sich oft zurück und sprechen manchmal über Jahre kein Wort mehr miteinander. Versuche einer Vergebung haben wir so gesehen, dass eine Person einfach wieder in die Gemeinschaft rehabilitiert wird, z.B. mit einem gemeinsamen Essen, ohne den ‘früheren’ Konflikt anzusprechen oder aufzuarbeiten.
Die Bibel zeigt uns eine grosse Vielfalt im Umgang mit Konflikten auf, ohne dabei immer zwischen gut und schlecht zu unterscheiden. Von der Versöhnung zwischen Jakob und Esau wird sichtbar, dass Versöhnung etwas mit dem Erkennen von Gottes Angesicht zu tun hat (1. Mose 32,31; 33,10). Die Worte ‹Es tut mir leid› oder ‹ich vergebe dir› fallen zwischen Jakob und Esau jedoch nicht. Viele Fragen bleiben offen. Hätten Jakob und Esau nach der Umarmung nicht fröhlich zusammenleben müssen? Was wäre nötig gewesen, um die späteren Konflikte zwischen Edom und Israel zu vermeiden? Wichtige Aspekte eines gelungenen Versöhnungsprozesses zeigt die Geschichte von Josef mit seinen Brüdern auf: Benennung der Schuld, Schuldbekenntnis, Reue, Bitte um Vergebung, Gewährung von Vergebung, Erinnerung und neugeordnete Beziehungen.
Im Neuen Testament veranschaulicht uns Jesus, wie Versöhnung gelebt wird.
- Die Ehebrecherin: Jesus vergibt ihr und stellt sie mit seinem «Gehe hin…» zurück in die Gesellschaft (Joh. 8,11). Wichtiger als ein öffentliches Zeichen von Reue mit einer Bitte um Vergebung scheint ihm dabei die veränderte Herzenshaltung der Frau: «… sündige von jetzt an nicht mehr!».
- Zachäus: Reue und Wiedergutmachung spiegeln sich in dieser Geschichte besonders deutlich. Jesus vergibt Zachäus nicht nur, sondern bekräftigt ihn als Sohn Abrahams (Lk. 19,9). Dadurch erhält Zachäus seinen Platz in der Gesellschaft zurück.
- Das Gleichnis vom barmherzigen Vater (Lk 15,11-32): Seine grossherzige, Versöhnungsbereitschaft fordert alle heraus, die Unrecht erlitten haben. Offensichtlich vergab der Vater dem Sohn schon lange bevor dieser zurückkam und um Vergebung bat.
- In Matt. 18,15-35 gibt uns Jesus eine Anleitung, wie wir in Situationen umgehen sollen, in denen sich eine Person unrechtmässig verhält. Obschon sich der Abschnitt auf den Gemeindekontext bezieht, können allgemeine Prinzipien für den Umgang mit Konflikten abgeleitet werden.
Doch auch dieser Bibeltext liefert keine Schemen, welchen mechanisch gefolgt werden könnte. Konflikte zwischen Menschen oder gar ganzen Volksgruppen sind oft vielschichtig und verworren. Häufig verschulden sich alle involvierten Parteien, so dass schon die Schuldabklärung schwierig ist. Unterschiede in persönlichen Bedürfnissen, Wertvorstellungen, Status, Kultur oder Glauben spielen mit.
Dass Jesus den Versöhnungsprozess für den grössten Konflikt, in welchem wir alle stehen, nämlich unsere Verschuldung vor Gott, für uns so einfach gemacht hat, sollte uns daher immer wieder neu ins Staunen und Danken versetzen. Indem Jesus alles für uns gegeben hat, genügt es, zu glauben, dass Gott da ist, dass Jesus für meine Schuld starb, aufrichtig um Vergebung zu bitten und Jesus als Herrn im eigenen Leben zu akzeptieren.
Gott hat den Versöhnungsprozess für uns sehr einfach gemacht. 2. Kor. 5,18-21 fordert uns heraus, Versöhnung für andere Menschen einfach zu machen. Wir haben den Dienst der Versöhnung als Gesandte Jesu erhalten. So sollten wir uns für alles einsetzen, was Frieden stiftet, was Menschen zusammenbringt, sie als Geschöpfe Gottes auferbaut und sie zurück in eine lebendige Beziehung zum Schöpfer und Retter führt. Versöhnung ist für Menschen wie eine Reise. Eine Reise, auf welcher es gemäss Psalm 85,11 zu einer Begegnung von Gnade und Wahrheit kommt. Eine Reise, die an einen Ort führt, an dem sich Gerechtigkeit und Frieden küssen.
Autor: Kevin Mosimann