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Seit sage und schreibe 20 Jahren ist Arsène Wenger (66) Trainer beim Arsenal FC in London und hat den Klub zu einem der reichsten gemacht. Weil die ganz grossen Erfolge zuletzt ausblieben, gerät der als Erneuerer verklärte Franzose mehr und mehr in den Ruf eines bequemen Sonnenkönigs. Kommenden Mittwoch fühlt der FC Basel den Gunners in der Champions League auf den Zahn.
Nick Hornby, der Autor von «Ballfieber» (Feverpitch) und grösste Arsenal-Fan überhaupt, erinnert sich noch genau an die Zeit vor Arsène Wenger, an die Wochen der Trainer-Spekulationen im September 1996. Die Gunners dümpelten unter Bruce Rioch damals im oberen Mittelfeld der Tabelle, ein echter Star sollte auf die Trainerbank. «Wir wurden mit vielen grossen Namen in Verbindung gebracht, mit Terry Venables und Johan Cruyff und am Ende mit Arsène Wenger», so Hornby. «Ich dachte mir: Wetten, dieser verdammte Wenger wird es. Wäre typisch, dass Arsenal einen Langweiler holt, von dem noch nie jemand etwas gehört hat.»
Die Ankunft in London: Arsène Wenger im Herbst 1996. (Bild: Imago)
Hornby sollte nur teilweise recht behalten. Der hagere Franzose – «Arsène Who?» titelte der Londoner «Evening Standard» spöttisch – wurde zwar Arsenals Trainer. Als Langweiler erwies er sich aber nicht. Arsenals Spieler merkten sehr schnell, dass dieser etwas merkwürdige, mit lustigem Inspektor-Clouseau-Englisch sprechende Brillenträger das Team mit seinen innovativen Methoden vom Festland gewaltig nach vorne brachte.
Der Sohn eines Barbesitzers und Autoteile-Händlers verbot den Spielern den Genuss von Schokoriegeln, unterband das wöchentliche Trinkgelage, setzte anstelle von Steaks und Chips vor dem Match Nudeln und Hühnchen auf den Speiseplan. «Plötzlich konnten wir nach 80 Minuten immer noch laufen, während die anderen schlappmachten», erinnert sich Torhüter David Seaman.
Wenger machte Highbury zur Leinwand des modernen Fussballs
Wenger führte einen Hochgeschwindigkeit-Kombinationsfussball ein, wie man ihn in England, der Hochburg des «Kick and Rush», noch nie gesehen hatte. Ausländische Könner wie David Bergkamp, Robert Pires, Marc Overmas, Patrick Vieira und Thierry Henry machten den Rasen im altehrwürdigen Highbury unter seiner Ägide zur Leinwand. Unter Vorgänger George Graham stand Arsenal für staubtrockenen Ergebnisfussball, nun spielten die gefürchteten Gunners berauschender als jeder andere Verein in Europa.
Mit grossem Abstand führt Arsène Wenger die aktuelle Liste der Trainer mit der längsten Amtszeit in der Premier League an. Seit 236 Monaten ist er Trainer von Arsenal, hinter ihm rangieren Eddie Howe vom AFC Bournemouth mit 47 Monaten und Stoke Citys Mark Hughes (40).
» Die Liste, Stand März 2016
Wenger holte 1998 und 2002 das Double, zwei Jahre später bestritt er mit den «Invincibles», den Unbesiegbaren, auf dem Weg zu seiner dritten Meisterschaft auf der Insel eine ganze Saison ohne Niederlage. Für diesen einmaligen Erfolg überreichte ihm die Premier League eine vergoldete Liga-Trophäe. «Es kann Zufall sein, dass mein Vorname Arsène ist und ich bei Arsenal arbeite, aber ich würde sagen, dass es das Schicksal so wollte», erzählte er dem «Independent».
Seit diesem historischen Triumph sind die Erfolge allerdings dünner gesät, drei FA-Pokalsiege (2005, 2014, 2015) und ein zweiter Platz hinter Überraschungsmeister Leicester City im Mai konnten den Anhang nicht für die stetigen Enttäuschungen in Liga und Champions League entschädigen. Arsenals Stagnation im vergangenen Jahrzehnt ist auch der Grund, warum sich die Vorfreude auf die Begegnung mit dem FC Basel am Mittwoch in Nord-London arg in Grenzen hält.
Für die Arsenal-Fans ist die 19. Teilnahme in Folge an der Champions League nicht mehr als «business as usual», sie gehen eher mit fatalistisch angehauchtem Gleichmut in die Stahl-und-Glas-Schüssel des Emirates-Stadions. Warum soll man sich aufregen, wenn die Mannschaft ein paar Monate später doch wieder frühzeitig aus dem Wettbewerb fliegt?
Eine Weltmarke und ein Stadion geschaffen
Sechsmal hintereinander sind die Gunners, die Kanoniere, zuletzt im Achtelfinale der Königsklasse auseinandergeschossen worden; sie gehören schon lange nicht mehr zur europäischen Elite. Bei einem anderen Verein von vergleichbarer Grösse – Arsenal wurde 2014/15 als siebtreichster Verein der Welt (435 Millionen Euro Umsatz) geführt – hätte man den Trainer nach so einer Serie von Pleiten längst aus der Stadt gejagt. Doch bei Arsenal bestimmt Wenger selbst den Zeitpunkt seiner Demission.
Der Elsässer hat den früher leicht angestaubten Traditionsklub seit seiner Ankunft 1997 zur Weltmarke aufgebaut und mit den Uefa-Geldern ein neues Stadion errichtet. Zum Dank lässt die Klubführung den Diplomvolkswirt aus Strassburg in Ruhe gewähren, solange er jedes Jahr mindestens Vierter wird, abermals in die Champions League kommt und den Laden am Laufen hält. Vereinseigentümer Stan Kroenke, ein verschwiegener Amerikaner, ist vollends glücklich mit dieser Art von Nichterfolg auf höchstem Niveau. Für den Unternehmer ist Arsenal in erster Linie eine Geldmaschine.
Zu Saisonbeginn, bei der 3:4-Niederlage gegen den FC Liverpool von Jürgen Klopp, muckte das Volk wieder einmal gegen den Alleinherrscher auf. «Gib das verdammte Geld aus!», schallte es aus Hunderten von Kehlen in Richtung Wenger. Der 66-Jährige verhielt sich – wie jeden Sommer – rätselhaft zögerlich auf dem Transfermarkt, ausser Granit Xhaka von Borussia Mönchengladbach hatte er keinen namhaften Spieler verpflichtet, obwohl rund herum die Konkurrenz mithilfe des neuen acht Milliarden Pfund schweren Fernsehvertrags kräftig aufrüstete.
Wenger sah nicht ein, die hochinflationären Ablösesummen zu zahlen – «man verlangt das Doppelte des gängigen Preises von uns, weil wir Engländer sind», klagte er – holte dann aber kurz vor Ende der Transferperiode den deutschen Nationalspieler Shkodran Mustafi (Valencia) und Stürmer Lucas Pérez von Deportiva La Coruña. Insgesamt gab er damit 90 Millionen Pfund für die Neuen aus.
Die Fanbasis hält Wenger für etwas zu alt und bequem
Doch an der Basis rumort es nach dem eher durchwachsenen Auftakt in die Spielzeit weiter. Man wünscht sich einen neuen, jüngeren Boss an der Seitenlinie, der den Kader strategisch verstärkt, nicht nur reagiert. Vor allem aber jemanden, der sich nicht mit Platz vier zufrieden gibt. 20 Jahre sind eine lange Zeit, im schnelllebigen Fussballgeschäft muten sie wie ein Jahrhundert an. Wenger ist für den Geschmack vieler Fans einfach etwas zu alt und bequem geworden.
Nach dem Abgang seines einstigen Intimfeindes Alex Ferguson, der Ikone von Manchester United, ist Wenger der letzte grosse Aktive seiner Generation. Mitunter wirkte es in den vergangenen Jahren, als hätten ihn die Guardiolas, Mourinhos, Klopps und Pochettinos mit ihrer Detailversessenheit überholt. Den Wettbewerbsvorteil, den Arsenal aufgrund seiner modernen Trainingslehre, der besseren Fitness, des cleveren Scoutings auf dem Kontinent und der technisch anspruchsvollen Spielweise hatte, ist längst eingebüsst.
Die Rivalen von Manchester United, Manchester City und Chelsea geben Jahr für Jahr mehr Geld als er aus; Pressing, die kollektive Arbeit «gegen den Ball», das Erfolgsrezept der besten Mannschaften dieses Jahrzehnts, gibt es bei ihm überhaupt nicht zu sehen. Wenger vertraut lieber auf die kreativen Fähigkeiten seiner Truppe. «Ich sehe mich nicht als Schöpfer, ich bin nur ein Wegweiser», hat er im November 2015 dem französischen Fachblatt «L’Équipe» erzählt. «Ich mache es anderen möglich, sich zu verwirklichen. Ich sehe mich als Vermittler des Schönen im Menschen.»
Die Schönheit, die Koryphäen wie Mesut Özil oder Alexis Sanchez am Ball produzieren, reicht gegen schwächere Teams meist auch zum Sieg, Spitzenmannschaften aber wissen um die fehlende Tiefe im Wenger’schen System. Arsenals Dominanz ist oft nur oberflächlich; die «taktischen Freiheiten», die der Coach seinen Spielern laut Per Mertesacker lässt, kommen gewiefteren Gegnern zugute.
Seine Milde macht den Trainer bei den Spielern beliebt
Wenger, sagen Vereinsinsider, sei zudem sehr konfliktscheu. «Er will es allen recht machen, aber man muss auch mal kritisieren und negative Dinge offen ansprechen», sagt TV-Experte Stuart Robson, der in den Achtzigerjahren für die Gunners spielte. «Er macht es den Spielern zu einfach.» Allzu grossen Konkurrenzkampf in der Kabine hält er für schädlich für das Binnenklima, er hält seinen Spielern sehr lange die Treue, bevor er sich nach Verbesserungen umschaut.
Das macht ihn bei den Kickern sehr beliebt, aber eben nur mässig erfolgreich. Von seinem direkten Vorgesetzten, Ivan Gazidis, bekommt er nur milden Druck: Wenger war in die Anstellung des Amerikaners involviert.
«Kein Genie bleibt ein Genie, wenn es seine Fehler nicht erkennt», polterte neulich der russische Milliardär Alischer Usmanow, der 30 Prozent der Arsenal-Vereinsanteile hält, aber von Kroenke im Vorstand blockiert wird. «Wir wiederholen jedes Jahre die gleichen Resultate. Ich mag Arsène für seine Prinzipien. Aber Prinzipien bedeuten auch Beschränkungen und damit verpasste Gelegenheiten.» «Er ist vom französischen Revolutionär zum Sonnenkönig geworden, um den jeder auf Zehenspitzen geht», schrieb der bekannte Fussballreporter Henry Winter im «Daily Telegraph», «es bräuchte neue Ideen, neuen Schwung.»
Im Sommer hätte der englische Verband Wenger gerne zum Nationaltrainer bestellt, doch der sagte mit Hinweis auf seinen bis 2017 laufenden, mit sieben Millionen Pfund jährlich dotierten Vertrag bei den Londonern ab. Einige Medien berichteten, dass Eddie Howe als möglicher Nachfolger im Fokus steht. Der 38-jährige Coach wahrte im Vorjahr mit Aufsteiger Bournemouth den Klassenerhalt.
«Je länger ich mit dem Rücktritt warte, desto härter wird es, diese Sucht zu überwinden.»
Arsène Wenger
Die Tür wird man Wenger aber nicht weisen. Er müsste schon von sich aus gehen, im besten Fall nach der Erfüllung eines letzten, grossen Traums – dem Gewinn der vierten Meisterschaft oder seiner ersten Champions League. Wenger sagt, er habe «Angst» vor dem Ende seiner Karriere: «Fussball ist mein Leben. Je länger ich mit dem Rücktritt warte, desto schwerer wird er mir fallen; desto härter wird es, diese Sucht zu überwinden.»
Solange er sich nicht entscheidet, weiss auch der Verein nicht, wie es in Zukunft weitergehen wird. Eine Vertragsverlängerung würde zum derzeitigen Zeitpunkt die Gemüter aufwühlen, zuletzt gab es in den Stadien immer mal wieder Handgreiflichkeiten zwischen Wenger-Gegnern und Loyalisten. Selbst Letztere müssen eingestehen, dass es in der zweiten Hälfte von Arsènes Legislaturperiode kaum noch echtes «Ballfieber» zu bestaunen gab, eher ein gemächliches Mitschwimmen im wohltemperierten Becken der Grossen.
Die Ohnmacht gegenüber einem Übervater
Wenger, einst ein fürchterlich schlechter Verlierer («Gute Verlierer kommen in unserem Geschäft nicht weit»), hat sich, so der Verdacht, wie sein Klub mit dem Nichtgewinnen arrangiert. Der Frust bei den Fans über diese Genügsamkeit sitzt tief und wird sich auch am Mittwoch sofort wieder seine Bahn brechen, falls die Basler die Anfangsphase schadlos überstehen sollten. Der urtypische Stadion-Sound im Emirates ist kein Jubel, sondern ein Raunen: die sprachliche Ohnmacht gegenüber einem Übervater, der die Geduld seines Anhangs etwas zu lange strapaziert.