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Frau Lindner lebte nun bereits seit einigen Jahren in der Schweiz. Ursprünglich war sie aufgrund eines Bürojobs dorthin gezogen, aber der Job beengte sie und war nicht genau das gewesen, was sie sich gewünscht hatte. Also kündigte sie. Sie hatte sich über die Jahre ein wenig Geld zur Seite gelegt und konnte davon noch eine Weile leben. Jetzt hatte sie Zeit zum Träumen – und sie träumte viel, auch tagsüber. Sie träumte von weiten Reisen in ferne, sonnige Länder, von Freunden, die ihr exotische Dinge aus fernen, bunten Ländern mitbrachten, vom Meer, von glücklichen Auszeiten und von Erfolgserlebnissen. Würden alle diese Träume in Erfüllung gehen oder waren es nur Fantasie-Schlösser? War sie mutig genug, um sich ihre Träume zu erfüllen oder würde sie für immer in diesem kleinen Dorf bleiben?
Ihr Mann hatte sich bereits vor zehn Jahren von ihr getrennt und ihre Kinder waren schon erwachsen. Weil sie sich alleine fühlte, in dem kleinen Dorf, in dem sie wohnte, kaufte sie sich während ihrer Arbeitslosigkeit einen Papagei. Sie erfreute sich an seinem bunten Gefieder und an seiner frechen, lustigen Art. Nach und nach erlernte der Papagei, die menschliche Sprache nachzusprechen. Seine ersten Worte waren: „Du buntes Monster!“ Frau Lindner musste immer herzlich lachen, wenn er diesen Satz sagte. Sie hatte diese Worte aus Spaß zu ihrem Papagei gesagt, wenn er besonders frech war oder er Frau Lindner pickte.
Eines Tages sagte Frau Lindners Nachbarin: „Frau Lindner, gehen sie doch heute einmal länger spazieren. Das Leben ist jetzt, genießen Sie es! Heute gilt es!“ Mit einem Gefühl neu gewonnener Stärke, als hätte Gott persönlich mit dem Zaunpfahl gewunken, ging Frau Lindner hinaus und spazierte den ganzen Tag durch ihr Dorf. Als es dunkel wurde und sie sich gerade auf dem Heimweg befand, sprach sie plötzlich ein freundlicher Mann in ihrem Alter an: „Guten Tag, spazieren sie auch so gerne an der frischen Luft?“ „Ähm, ja“, sagte Frau Lindner verblüfft und etwas beunruhigt, denn es wurde ja bereits dunkel. „Schön“, sagte der fremde Mann und fuhr fort, „ich spaziere jeden Tag alleine durch das Dorf. Lassen sie uns doch einmal gemeinsam durch den Tag spazieren.“ „OK“, sagte Frau Lindner. Der Mann, Herr Paulus, gab ihr seine Festnetznummer und beide gingen nachhause. „Tagträumen ist wundervoll“, sagte der Papagei an diesem Abend. Diesen Satz hatte er neu gelernt und wiederholte ihn seitdem täglich. Frau Lindner und Herr Paulus verliebten sich und spazierten nun täglich gemeinsam. Sie träumten von fernen Reisen, fanden schnell eine Arbeitsstelle und verwirklichten viele ihrer Träume.
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Bildnachweis: pixabay.com | ractapopulous