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1920
Meine Stellung zu Hodler.
Im Sonntagsblatt der Basler Nachrichten, Nr.28 11.7.
Sehr geehrter Herr Redaktor, Sie wünschen von mir etwas über die Absichten und die Anlage meines Hodlerwerkes und meine Stellung zu Hodler selbst, zuhanden Ihrer Leser zu vernehmen, und bringen mich damit einigermassen in Verlegenheit, obwohl es mir an sich durchaus nicht unwillkommen ist, mich darüber zu äussern. Zwar ist es immer heikel und oft auch ein wenig gefährlich, sich als sein eigener Privatdozent aufzuspielen. Am klügsten wäre es wohl, die Werke, die man in die Öffentlichkeit wirft, für sich selbst sprechen zu lassen, doch mag es um eine Ausnahme sein; – möglich, dass diese Zeilen dazu beitragen werden, bei einigen Ihrer Leser das Verständnis des Hodlerschen Werkes zu fördern und dann wären sie wenigstens nicht ganz umsonst geschrieben.
Mein Verhältnis zu Hodler? Es war, seit dem Ende des letzten Jahrhunderts bis zu seinem Tode, das eines begeisterten Bewunderers und Freundes seiner Kunst und seiner Persönlichkeit. Wie ich, als ganz junger Mann, in den Jahren der erbittertsten Kämpfe um Hodler, dazu kam, ihn als einen der grössten Meister der Kunst zu verehren und von da an, wo sich nur immer Gelegenheit bot, für ihn einzustehen, das betrifft mehr meine als seine Entwicklung und ist daher für die Aussenwelt belanglos. Er hatte mich gefangen genommen, bevor ich ihn noch kannte, nämlich als ich, ich glaube es war im Jahre 1894, zum ersten Mal seine „Nacht“ und besonders auch seinen, heute im Neuenburger Museum befindlichen „Herbstabend“ sah. Einige Jahre später war ich in Bern und als der Freskenstreit losbrach, da schrieb ich einige recht anmassende, übrigens durchaus unsachliche Artikel zu seiner Verteidigung und Rechtfertigung. Er arbeitete damals vorübergehend in Bern und ein gemeinsamer Bekannter, der verstorbene Herausgeber der „Weltchronik“, Dr.August Lauterburg, der meine Begeisterung für Hodler kannte, ohne sie freilich damals zu teilen, vermittelte unsere Bekanntschaft im alten Kornhauskeller.
Hodler freute sich damals über jeden Beistand, der ihm wurde, also auch über meinen, obwohl er mir am ersten Abend unseres Beisammenseins nicht verhehlte, dass ihn meine Schreibereien mehr um der kampffrohen Gesinnung, als um ihres sachlichen Wertes willen gefreut hätten. Wobei er gleich entschuldigend hinzufügte, dass es übrigens ganz natürlich sei, wenn ein junger Mensch vom eigentlichen Wesen der Kunst, namentlich wenn er sie nicht selbst ausübe, nur unklare Begriffe habe. An diese Bemerkung schloss er einige belehrende und grundsätzliche Erörterungen über die Kunst, namentlich über seine Kunst an, die er so leidenschaftlich, eindringlich und eigenartig vorzutragen wusste, dass ich an jenem Abend, noch spät in der Nacht, seine Äusserungen aus frischem Gedächtnis zu Papier brachte, um sie mir zu erhalten, und ihn von da an oft aufsuchte, mich von ihm belehren liess und von seinen Gesprächen das mir wichtig oder denkwürdig Scheinende festhielt. (…)
Darin liegt die Erklärung, dass das Buch auf zuverlässigen, reichhaltigen Mitteilungen Hodlers selbst fussen konnte; er hat alles, was ich ihm in den Mund lege, zu seinen Lebzeiten selbst noch nachgeprüft und ergänzend manches berichtigt. Was er nicht mehr sah, waren einige Ergänzungen untergeordneter Natur, die ich solange er lebte, zu veröffentlichen keinen Anlass hatte. Denn ich wollte keine Lebensgeschichte Hodlers schreiben, sondern was ich bieten wollte waren Erkenntnisse und Erklärungen seines Schaffens und Werdens. Das Werk war bereits im Druck und sollte zeitlich mit der grossen Hodlerausstellung in Zürich 1917 abschliessen, als Hodler starb. (…).
Ich glaube bei keinem der beiden Hodlerwerke, bei dem nun erschienenen ebensowenig, als in dem nun in Arbeit befindlichen, noch in dem noch in weiter Ferne stehenden Gesamtkatalog des Hodlerschen Werkes, etwas Abschliessendes über ihn und sein Schaffen zu sagen. Wichtig war und ist mir, so viel als möglich einwandfreien und urkundlichen Stoff zur ferneren Forschung ordnend zusammenzutragen, damit andere daraus schöpfen und darauf bauen können, was zu bauen mir wohl versagt bleiben wird. Ich halte diese Aufgabe darum für wichtig und notwendig, weil es einem nicht jedes Schaltjahr gegeben ist, einem Meister von der überragenden Bedeutung Ferdinand Hodlers in seinem Werde- und Schaffensgang so eingehend nachgehen zu können, und zum andern auch, weil ich dafür halte, dass in seinen grossen Meistern sich ihr ganzes Zeitalter gewissermassen zusammenfassend widerspiegelt und kulturgeschichtliche Aufschlüsse durch sie vermittelt werden, die wir anders vergeblich suchen würden.