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Gewiss, da und dort hat der Lauf von bald zweihundert Jahren einiges davon unvermeidlicherweise ausgeschmückt; dennoch, alles in allem beruht die Leidensgeschichte der «Venus der Hottentotten» auf Gelebtem und hat in jedem Fall einen Zweck zu erfüllen. Die Passion der «Schwarzen Venus», wie sie auch genannt wird, will an das fernere Herkommen des abendländischen Rassismus erinnern, sei er nun biblisch dogmatisiert gewesen oder wissenschaftlich-atheistisch untermauert; es ist eine Chronik, die viel weiter zurückreicht, als es das zwanzigste Jahrhundert noch hat wahrhaben wollen.
Das Dritte Reich reihte als minderwertig ein, wer oder was immer es verfehlte, der Massgabe des sogenannt «Arischen» zu genügen, und verfügte Verfolgung. Aus der Theorie der Diskriminierung wie aus der entsprechenden Praxis fertigte das Regime sogar eines seiner Fundamente. Sein Sturz erlaubte es, nach 1945, die ganze Frage hauruck für hinfällig zu erklären. Der schauderhafte Tiefpunkt war erreicht und mit ihm auch das verdiente Ende. Rassistisch konnten nur die Nationalsozialisten und ihre Komplizen gewesen sein, in Worten und Taten, niemand sonst: auch keine Südafrikaner. Sämtliche älteren Lehren und Anwendungen von ähnlicher Art schienen niemals existiert zu haben.
Zu derlei Vereinfachungen passten die Tatsachen allerdings schlecht, wie nun der Film von Abdellatif Kechiche anmahnt. Die Entrechtung der Nichtweissen und Andersgläubigen folgte einer Tradition von Jahrhunderten und reichte bis hinüber nach ganz Amerika, Nord und Süd. Woran es nie mangelte, waren Bemühungen, die Ungleichheit von mehr als nur den christlichen Grundsätzen abzuleiten, wie sie damals galten; es ging gerade auch darum, den quasi-wissenschaftlichen Nachweis dafür zu erbringen, dass die Unterdrückung im weitesten Sinne berechtigt war. Just diesen Weg gingen die Nazis zu Ende, samt den Konsequenzen, die sich aus den Einsichten ihrer Spezialisten ergaben. Noch heute bedeutet es vielerorts bloss einen Anfang, die Rassen getrennt zu halten; nach wie vor wird der Gegensatz zwischen Über- und Untermenschen so interpretiert, als läge er in der Natur aller Lebewesen beschlossen. Das sogenannte Erbgut, weil angeblich hoch- oder minderwertig, legitimiert die Abstufung, um ihr sozusagen die Krone aufzusetzen.
Vénus noire will nur am Rande dokumentarisch rekonstruieren, wie es der Titelheldin in den europäischen Metropolen des frühen neunzehnten Jahrhunderts erging. Seine ganze Wucht und Vitalität, auch seine zupackende Heftigkeit, legt der Film stattdessen ins Narrative, sodass es sich nachvollziehen und mitempfinden lässt, wie das Schicksal jener Saartje Baartman seinen Lauf genommen haben muss: einmal angenommen, sie hätte jemals einen bescheinigten Namen getragen. Nacheinander wurde Sarah, wie sie fürs Alltägliche hiess, in verschiedene Formen des Schau- und Klaugeschäfts versklavt und eingebunden, was einem Spielfilmer wie Abdellatif Kechiche, von der Bühne auf die Leinwand, naheliegenderweise zustatten kommt.
Erst sieht sich die geborene Hottentottin in den Kaschemmen und in den Buden der Schausteller entlang des Londoner Piccadilly als Kuriosität aus dem Schwarzen Kontinent vor aller Augen geführt, später in den mehr oder weniger etepeteten Salons von Paris. Dahin vermittelt wird sie von Geschäftemachern, die unter windigen Versprechungen das vormalige Kindermädchen aus Kapstadt nach Europa gelockt haben. Mit erprobten Zuhältern haben die Agenten nicht ganz alles, aber doch etliches gemein. Anhand solcher Szenen gelingt Kechiche ein doppeltes olfaktorisches Kinowunder, indem er es versteht, die Besichtigungen der Schwarzen Venus, ob populistisch oder exklusiv, auf eine Art und Weise zu inszenieren, die das eine wie das andere förmlich zu riechen gibt: den Schweiss, den Speichel und die billige Tranksame des Pöbels, aber auch den Champagner, die Parfüms und die Garderoben des standesgeilen Boulevardadels.
Die Präsentationen schmieriger oder soignierter Art werfen gezielt die Frage auf, nach welcher Seite hin denn die animalische Wildheit, wie sie von den Veranstaltern angepriesen wird, nun überwiege: bei der Blossgestellten oder vielmehr bei den Schau- und Klaulustigen. Das Publikum bestaunt und fürchtet Sarah, als wäre sie eine Bestie, trotz der Beschwichtigungen, das Vieh sei abgerichtet und angekettet; es stehe unter besänftigendem Einfluss und dürfe, bei allem theatralischen Fauchen und Vorstrecken der Klauen, gefahrlos befingert und beschnuppert werden.
Freilich, ihre Rarität leihen die Menschenhändler auch anderweitig aus und tun es für mehr als die simple Miete. Gerade eine akademische Koryphäe wie der französische Paläontologe Georges Cuvier zeigt sich an der physischen Beschaffenheit des Beuteguts interessiert, und zwar in einer ganz besonderen Hinsicht, die körperlich präzis eingekreist ist. Um die stattlichen Ausmasse von Schädel, Schenkel und Gesäss etwa geht es in zweiter Linie, sie verraten wohl eher einige kleinere Geburtsfehler; über alles ins Gewicht aber fallen bei Sarah die Form der Vulva und Vagina, bergen doch die Spalten oft die tiefsten Geheimnisse.
Es ist die begehrte und verdeckte Scham, die unwiderlegbar eine schon lange verfochtene Hypothese bestätigen soll. Just jene Lebewesen aus dem Stamm der Hottentotten seien subhumane Artverwandte der Orang-Utans, heisst es. Die Weibchen der Menschenaffen, oder eben Affenmenschen, wiesen derlei unverwechselbare Geschlechtsteile auf. Die Beurteilung von zuständiger Seite, versteht sich, steigert den Marktwert des Beweisstücks Nummer eins und damit den Schnitt der Schieber. Mehr als um ein Tier, und weniger als um einen Menschen, handelt es sich, unerhört, um etwas Drittes: ein veritables Urvieh aus ältester Zeit, neu geboren! Aller Rassenwahn hat zwanghaft zurückzublenden, bis in die Ursprünge der Gattungen, ja bis zur Schöpfung schlechthin. Schon damals stellten wir die Könige! Ihresgleichen hingegen waren eh und je die unentwickelten, primitiven, triebhaften Scheusale, und solche sollen sie bleiben.
Die Selbstverständlichkeit, mit der die Untersuchungen statt am toten am lebendigen Leib vorgenommen werden, stärkt die Gewissheit: So geht es sich korrekt um, von der Warte eines Edelweissen aus betrachtet, mit allem Minderwertigem. Die gewählte Methode bestimmt die zu ziehenden Schlüsse schon voraus. Nächstens wäre zu verifizieren, ob der weit gewanderte Begriff des Menschenmaterials wirklich erst im Dritten Reich geprägt wurde. Im Übrigen schlagen die Experimente, denen Sarah ausgesetzt ist, nach etlichen Anläufen fehl, womit auch der Kuriositätswert zu sinken beginnt. Der Rest ist Prostitution, Erkrankung, Vergessenheit und ein Tod mit fünfundzwanzig Jahren. Das zwanzigste Jahrhundert überführt die sterbliche Hülle zurück ans Kap, wo inzwischen die Apartheid überwunden worden ist.
Die Heldin ihrerseits scheint gewillt, fast alles, auch die Vermessung von Schädel, Schenkel und Gesäss, über sich ergehen zu lassen. Wohl kapiert sie das Meiste von dem, was ihr gegenüber verfügt wird, macht sich aber, an der Grenze zur Sprachlosigkeit, selber nur dürftig verständlich, sei’s auf Afrikaans, Englisch oder Französisch. Anspruch, Recht, Respekt, Selbständigkeit, Freiheit, Würde sind ihr schleierhafte Vokabeln, weil Sarah kaum zu ermessen weiss, wozu derlei Begriffe überhaupt dienen. Auch was eine Meinung, eine Vorliebe, ein Wunsch, eine Idee, ein Vorhaben, ein Ziel bedeuten, wird die Schwarze Venus nie erfahren.
Um sie herum scheint die Zeit stehen zu bleiben. Ist das Vergangene kein Thema, so ist es das Künftige noch weniger. Sogar das, was gemeinhin als Lebenslauf bezeichnet wird, zwischen Herkunft und Perspektive, fasst die junge Frau nur stockend in Worte. Wenn sie viel Geld versprochen erhält, ist es fraglich, ob ihr einleuchtet, womit zu rechnen sei, irgendwann. Fast nichts schlägt sie aus, verweigert sich jedoch, mit verzweifeltem Abwehrgriff, in einem Punkt und versteht, dass es der entscheidende ist, vielleicht der einzige, der zählt.
Jene Spalte, die in ihren Leib hineinführt, statt ihn nach aussen abzuschliessen, und durch die sie auch einmal geboren hat: die Scham ist Sarah selbst, der unverzichtbare Inbegriff und Ausdruck ihres Vorhandenseins und eines Austausches mit der Welt. Die Lippe ist das Letzte, das ihr noch verbleibt, und zugleich das Gewisse, das alle von ihr begutachten, ergreifen, an sich nehmen wollen, um es zu verwerten. Muss sie restlos alles und jedes veräussern, ist die Venus der Hottentotten schon so gut wie tot.