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Wenn Quartierplanung mit Partizipation einhergeht
Wie wollen wir die Landschaft von morgen gestalten? Diese Frage steht im Zentrum des partizipativen Projekts «Strade di quartiere» in Verscio (TI). Architekt und Co-Projektverantwortlicher Enea Pazzinetti erklärt, worum es geht.
Innovative Projekte, die auf lokaler Ebene eine nachhaltige Raumentwicklung und -nutzung fördern, unterstützt der Bund finanziell. Dies mittels des Programms «Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung» des Bundesamts für Raumentwicklung ARE.
Eines dieser geförderten Projekte ist «Strade di quartiere» in Verscio, einem Ortsteil der Tessiner Gemeinde Terre di Pedemonte. Es verfolgt eines der fünf Ziele, die für die vierte Generation der Modellvorhaben (2020–2024) vorgesehen sind: Siedlungen, die kurze Wege, Bewegung und Begegnung fördern.
Das Projekt «Strade di quartiere» wird von der Gemeinde Terre di Pedemonte in Zusammenarbeit mit verschiedenen institutionellen Akteuren umgesetzt: Ente regionale per lo sviluppo del Locarnese e Vallemaggia (ERS), Commissione intercomunale dei trasporti del Locarnese e Vallemaggia (CIT), Programma di agglomerato del Locarnese (PALoc) und Sezione dello sviluppo territoriale del Dipartimento del territorio (SST). Die Beobachtungsstelle für Raumentwicklung der Università della Svizzera Italiana leistet technische Unterstützung für das Projekt.
Der Architekt Enea Pazzinetti und der Soziologe Samuele Cavalli leiten das Projekt. Beide stammen aus Verscio und haben den Wandel, der sich in den letzten Jahrzehnten in der Region vollzogen hat, unmittelbar miterlebt.
In den 1960er-Jahren prägten grüne Felder, Weinberge und nur wenige Häuser das Landschaftsbild von Verscio. Eine konstante Bautätigkeit verwandelte den Ort in ein Wohngebiet, das hauptsächlich aus Ein- und Zweifamilienhäusern besteht und auf dessen Strassen hauptsächlich Autos unterwegs sind.
Das Projekt «Strade di quartiere» entstand aus der Absicht heraus, über die Qualität der Strassen in Verscio nachzudenken. Der öffentliche Raum des Ortsteils besteht nämlich beinahe ausschliesslich aus Quartierstrassen, die oft eng sind und beschränkt werden von Begrenzungen der Privatgrundstücke. Fusswege und der Langsamverkehr konkurrieren mit dem motorisierten Individualverkehr um den Raum.
Die Projektverantwortlichen wählten einen partizipativen Ansatz, um mehr darüber zu erfahren, was die Bewohnerinnen und Bewohner über die Potenziale und kritischen Punkte in den Quartieren denken. Zunächst erhielten die Bewohnerinnen und Bewohner zu Beginn des Jahres 2021, als wegen der Coronapandemie keine Treffen möglich waren, einen Fragebogen. An der Umfrage nahmen rund 100 Haushalte im Untersuchungsgebiet teil. Sie ergab, dass die meisten Befragten das Leben auf dem Land als angenehm empfinden, die Entwicklung der letzten Jahre aber als eher negativ beurteilen. Dies vor allem wegen der intensiven Bautätigkeit.
Zwei Treffen mit der Bevölkerung im Frühling 2022 ermöglichten weitere Diskussionen. 35 Personen nahmen daran teil, die sich mit den Projektverantwortlichen und zwei externen Beobachtern austauschten. Die Verantwortlichen von der Gemeinde werden in einem nächsten Schritt präsent sein. Ein weiteres Treffen ist für Anfang 2023 vorgesehen.
Am Projekt waren auch Schülerinnen und Schüler der fünften Klasse beteiligt. Bei einem Spaziergang wurden die Kinder gefragt, wo sie sich häufig aufhalten, welche Orte sie besonders schätzen und welche sie weniger mögen, weil sie sich dort beispielsweise nicht so sicher fühlen. Die Kinder liessen ihrer Fantasie freien Lauf und hielten auf Zeichnungen ihre Wünsche für die Landschaft von morgen fest.
Die erste Analysephase ist nun abgeschlossen. Was sind die nächsten Schritte? «Dank dem Austausch mit der Bevölkerung haben wir erkannt, dass die Strasse ein zentraler Aspekt ist, aber nicht der einzige», sagt Enea Pazzinetti. «Wir konnten drei Themenbereiche ausmachen, zu denen wir weitere Überlegungen anstellen werden: Landschaft, Mobilität und Gesellschaft.»
Unter dem Aspekt der Landschaft werden zum Beispiel Massnahmen zur Landschaftsgestaltung und Flächennutzung bewertet; zur Mobilität gehören verkehrsberuhigende Massnahmen, die Einführung von Einbahnstrassen oder Fussgängerwegen; der Aspekt der Geselligkeit fragt nach dem Potenzial von Quartierstrassen als Raum für das Nachbarschaftsleben. «Wir möchten, dass Verscio auch in Zukunft ländlich bleibt», so lautet kurz und bündig der Wunsch der Bewohner.
Der nächste Schritt ist die Ausarbeitung von Informationsblättern zu den drei erwähnten Handlungsfeldern, die der Bevölkerung zur Konsultation vorgelegt werden. Sie sollen der öffentlichen Hand als Entscheidungshilfe bei künftigen Plänen für das Gebiet dienen. Die festgelegten Prioritäten sollen auch bei der Ausarbeitung des kommunalen Aktionsprogramms für Siedlungsentwicklung (Programma d’azione comunale per lo sviluppo insediativo centripeto di qualità [PAC]), dem strategischen und operativen Instrument der Gemeinde für die Raumplanung, beachtet werden.
Die Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung sind ein Instrument des Bundes, um für Gemeinden, Regionen, Agglomerationen und Kantone Anreize zu setzen, in bestimmten Schwerpunktbereichen innovative Lösungen auf lokaler Ebene zu entwickeln und zu erproben. Die gewonnenen Erkenntnisse können als Modell für andere Projekte dienen. Die vierte Generation von Modellprojekten (2020–2024) ist derzeit in Arbeit.