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Mit viel Eigeninitiative und durch kritisches Beleuchten der gängigen Arbeitsweisen verleiht Rozana Montiel ihrer Architektur ein soziales Gewissen. Paradigmatisch steht dafür das Quartierzentrum in Iztapalapa. Porträt eines Frauenbüros in Mexiko-Stadt.
Im Schatten der hohen Bäume, die ein dichtes Blätterdach über der Strasse bilden, warte ich an einem Freitagmorgen vor einem schlichten Backsteinhaus im Quartier San Miguel Chapultepec. Auf Einladung von Rozana Montiel besuche ich ihr Büro, das sich in diesem Gebäude befindet. Der Türöffner surrt und ich betrete das Atelier im ersten Stock: Die Räume sind hoch, die Stimmung ruhig und die Materialisierung ist atmosphärisch abgestimmt.
Auf Klebezetteln an den Wänden stehen auf Spanisch die Begriffe «Gemeinschaft», «Schatten» oder «Grenzen auflösen», daneben sind Referenzbilder zu sehen, Skizzen und Fotos eigener Bauwerke sind fein säuberlich angeordnet.
Rozana Montiel ist lässig-elegant gekleidet und tritt charismatisch auf. Die Fünfzigjährige führt mich an ihren Mitarbeiterinnen vorbei in ihr kleines Büro. Dass hier nur Frauen arbeiten, habe sich im Laufe der Zeit ergeben, sei aber keine Strategie, erklärt sie. Männliche Mitarbeitende fühlten sich nach einer Weile in dem von Frauen dominierten Büro nicht mehr wohl.
In den 1990er Jahren studierte Rozana Montiel Architektur an der Universität Iberoamericana in Mexiko-Stadt und nennt es die Zeit der «sinnentleerten mexikanischen Architektur». Ausgebildet, um Privathäuser für die Oberschicht zu entwerfen, hatten die meisten Architekturschaffenden den Blick auf die Stadt und ihre Rolle im Dienst der Bewohnerschaft verloren. Montiel beendete ihr Studium 1995 mit dem Gefühl, nicht genug gelernt zu haben, und belegte anschliessend in Barcelona einen Master-Studiengang in Architekturtheorie und -kritik, wo sie ihre analytischen Fertigkeiten vertiefte.
Die Rückkehr nach Mexiko fiel ihr schwer. Für eine junge Architektin waren die beruflichen Möglichkeiten in einer vom Machismo geprägten Gesellschaft, mit kaum weiblichen Vorbildern, spärlich. Unerwartet erhielt Rozana Montiel eine Auszeichnung für ihre Masterarbeit und wurde, im Alter von 28 Jahren, eingeladen, an der Universität Iberoamericana zu unterrichten, wie sie mit leuchtenden Augen erzählt. Neben der Lehre arbeitete sie nun an kleinen Bauprojekten und forschte zu informellen Siedlungen. Für ihre Untersuchungen erhielt sie eine Reihe von Auszeichnungen und Stipendien, unter anderem eins der Holcim Foundation.
Im Jahr 2014 eröffnete sich ihr eine entscheidende Gelegenheit: Carlos Zedillo, Sohn des ehemaligen Präsidenten und damaliger Leiter des Forschungszentrums für nachhaltige Entwicklung des Nationalen Wohnbaufonds für Geringverdienende (Infonavit), beauftragte Montiel mit der Aufwertung des öffentlichen Raums in einer Sozialwohnsiedlung in der Metropolregion Mexiko-Stadt. Um die Bedürfnisse der Menschen vor Ort zu erkunden und ihnen so nahe wie möglich zu kommen, gab sie sich als Soziologin aus. Diese Erfahrung sei für sie bis heute prägend, sagt sie. Seit sie Mutter geworden ist, bewegt sie sich allerdings vorsichtiger in Gegenden mit hoher Kriminalitätsrate.
Montiel wurde seitdem zu weiteren Projekten mit sozialem Fokus eingeladen, meist von Zedillo. Die Schwierigkeiten blieben jedoch dieselben, erklärt Montiel: «Architekturbüros werden nur für den Entwurf beauftragt, und die Bauunternehmen liefern bei der Ausführung oft eine katastrophale Qualität.»1 Wie sie damit umgehe, will ich wissen, denn in ihrem Quartierzentrum überrascht das hohe Ausführungsniveau. «Mein Team und ich haben die Baustelle während der einjährigen Bauzeit rund sechzig Mal besucht, ohne Bezahlung der beauftragenden Stadtverwaltung. Zum Glück hat der Bauunternehmer meistens auf uns gehört.»
Eine Autostunde südlich von Montiels Büro befindet sich im Stadtteil Iztapalapa das Quartierzentrum Pilares, ein Akronym für Puntos de Innovación, Libertad, Arte, Educación y Saberes (Orte für Innovation, Freiheit, Kunst, Bildung und Wissen). Seit 2019 sind rund 275 solche Zentren entstanden, 25 davon wurden bei renommierten Architekturschaffenden in Auftrag gegeben. Sie stehen in sozial benachteiligten Gebieten der 22-Millionen-Metropole und bieten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen kostenlose Kurse und Workshops an. Ziel ist es, das soziale Gefüge zu stärken und die Menschen zu motivieren, eine Ausbildung zu machen.
Das von Rozana Montiel entworfene und in diesem Frühjahr eröffnete Zentrum steht auf einem Eckgrundstück in einem der dichtest besiedelten Gebiete von Mexiko-Stadt. Hier leben die meisten Menschen in Häusern, die sie selbst errichtet haben. Es gibt kaum Grünflächen oder öffentliche Plätze. Für Montiel stand daher von Anfang an fest, dass hier eine Oase der Kultur und Erholung entstehen soll, die trotz kleinem Grundstück ein Gefühl von Grosszügigkeit und räumlicher Vielfalt vermittelt. Vier zweigeschossige Gebäudemodule wechseln sich mit begrünten Höfen ab. Das gemässigte Klima ermöglicht fliessende Grenzen zwischen Innen und Aussen. Trotz der bedrückend hohen Gewalt und Armutsrate in diesem Stadtteil ist es Montiel und ihrem Team gelungen, ein Gleichgewicht zwischen Offenheit und Schutzraum zu finden. Ein Vorplatz an der Spitze des Grundstücks bildet einen subtilen Schwellenraum zwischen Stadtraum und Quartierzentrum. Hier wecken Aktivitäten die Neugier und stärken das Vertrauen in staatliche Institutionen, das unter der jahrzehntelangen politischen Vernachlässigung der Unterschicht gelitten hat.
Bei meinem Besuch an einem Samstag in Iztapalapa ist das Quartierzentrum voller Leben. Bereits auf dem Vorplatz wird unter den Bäumen eifrig gebastelt. Nachdem ich das Eingangstor passiert habe, führt mich eine freistehende Treppe ins Obergeschoss mit hervorragendem Blick über das Geschehen: Die beiden Räume zum Vorplatz werden als Werkstätten genutzt, im mittleren Gebäudeteil findet im Erdgeschoss eine Salsa-Tanzstunde statt, und darüber läuft in der Grossküche ein gut besuchter Kochkurs. Im hintersten Bereich des Hauses pauken Erwachsene am Computer, auf der Terrasse darüber klettern Kinder und Jugendliche über waghalsige Geräte und trainieren an provisorisch aufgehängten Boxsäcken.
Das gesamte Zentrum besteht aus lediglich zwei Materialien: Das tragende Stahlbetonskelett ist mit Betonblöcken ausgefacht, und Stahlträger im Innenhof stützen die Erschliessungskonstruktion. Betonblöcke und Stahlprofile sind konsequent in ein sanftes Rot getaucht. Die monochrome Gestaltung verleihe dem Gebäude eine ikonische Kraft und zugleich harmonische Identität in seiner heterogenen Umgebung, erklärt Montiel. Diese Materialien seien zudem kostengünstig, unterhaltsarm und wirken abwechslungsreich: Die versetzte Anordnung der Betonziegel fördert neben der Querlüftung das reiche Licht- und Schattenspiel auf den Oberflächen. Vielleicht ist diese durchdachte Direktheit das Geheimnis ihres internationalen Erfolgs.2 Rozana Montiel verliert sich nicht in formalen Gesten, wie einige ihrer Kolleginnen und Kollegen, sondern konzentriert sich auf die Funktionalität und die Langlebigkeit des Gebäudes, ohne dass es dabei an Charakter einbüsst. In einem Land, in dem die Namen der Architekturschaffenden wichtiger sind als die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem Bauwerk, ist es umso beeindruckender, dass sich eine renommierte Architektin mit grosser Sensibilität für das soziale Gewissen in der Architektur einsetzt.
Laure Nashed (1989) studierte Architektur an der AAM in Mendrisio und der ETH in Zürich. Seit 2019 arbeitet sie als selbstständige Architektin und freie Autorin in Mexiko-Stadt. Dort leitet sie das Journalismusprojekt «Learning from Mexico».
1 Vgl. dazu den Bericht zum Kulturbahnhof in Tapachula und zum Sport- park Bicentenario, Ecatepec. Laure Nashed, «Eilige Transformation», in: wbw 11–2021, S. 30 – 35.
2 Die Gebrauchstauglichkeit der Bauten von Montiel ist besonders für Mexiko bemerkenswert, wo es kaum Vorschriften gibt und die Stadtverwaltung den Architekten so gut wie freie Hand lässt. Einige soziale Infrastrukturprojekte der letzten Jahre sind nicht gut zu nutzen, auch wenn sie internationale Preise gewonnen haben und von berühmten Architekten stammen.