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Wie ein ewiger Wächter
Der Fanenstock im glarnerischen Sernftal als Bezugsort einer biographischen Erzählung
Albert Schmidt, Sissach BL
Der Fanenstock, der erste Gipfel meiner Jugendjahre ( Juli 1953 ); links im Bild der Autor des vorliegenden Beitrages 171 Annäherung Halbkreisförmig tief eingeschnitten zieht sich im Südosten des Glarnerlandes das Sernftal — von den Glarnern genannt - in die es eingrenzenden Bergketten hinein, bis sich um den hintersten Talkessel, am Nordfuss des Panixerpasses, die hohen Wände von Vorab, Hausstock und Kärpf endgültig zusammenschliessen. Es ist das Tal meiner Herkunft seit unbeschwerten Kinderjahren, ein Ort, mit dem ich so stark verwurzelt bin, dass ich ihn so oft als möglich aufsuche: darin zu arbeiten, in der Natur, in ihrer Bergwelt zu sein, neue Bilder zu sammeln und neue Kräfte - um hier zu leben.
Der vordere Teil des Talgrundes wird durch die hochgewölbten, steilen Flanken des Gufelstocks und des Gandstocks buchstäblich erdrückt. Erst vorne bei Engi, meinem Geburtsort, öffnen sich die Bergmassive ein wenig, um einem von den Eiszeitgletschern geformten, mit Wiesen und Wäldern geschmückten alpinen Tal einen immer noch schmalen Raum zu geben. Da hinein schauend sieht man über Matt, dem nächsten Dorf, einen markant aufstrebenden Berg. Mit seinem breiten, ins Haupttal hineinragenden Sockel drängt er das dahinter liegende Seitental aus dem Blickfeld. Nur gerade die scharfen Zacken der Tschingelhoren im Ausschnitt der seitlich herabkommenden Hänge künden noch von einer höheren Kette im Süden. Der Berg in der Mitte, der über dem bewaldeten Vorbau und den darüber sich erhebenden gefurchten Flanken einen fast waagrechten Gipfelgrat bildet, ist schliesslich der Fanenstock. Seine Gipfelhöhe spannt sich, durch mehrere kleine Erhebungen geformt, als lange Wellenlinie über das parallel dazu verlaufende, oberste Felsband hinweg, wie eine leichte Schwingung, die Erde und Himmel trennt. Die an ein flatterndes Fahnentuch erinnernde Nordflanke hat zusammen mit der wellenförmigen Gratlinie dem Berg wahrscheinlich zu seinem anschaulichen Namen verholfen.
Mit seiner bescheidenen Höhe, die zwischen 2234 und den 2361 Metern des Grüe-nenspitzes schwankt, ist der Fanenstock eine unbedeutende Erhebung in der Hun- dertschaft von Alpengipfeln mit Rang und Namen. Aber dies ist ja nicht ein massge-bendes Kriterium, um mit einem Berg eine nähere Verbindung einzugehen. Denn gesucht wird eine Beziehung, die sich auf andere Werte als auf die Grösse und den alpinistischen Ruf eines Berges ausrichtet. So ist der Fanenstock ein unvergleichliches Landschaftselement, das immer schon da war und mir tief vertraut ist, seit ich als Kind bewusst meine Umwelt wahrzunehmen vermochte. Doch erst jetzt, in der Rückschau, erscheint mit der Fanenstock als Berg, der nicht nur unverwechselbar das Landschaftsbild bestimmt, sondern in einer Weise wie ein ewiger Wächter auf fünf Jahrzehnte meiner Existenz in diesem Tal und seiner Welt hinunterschaut. Zwei Marksteine daraus möchte ich durch die folgende Erzählung verknüpfen.
Erste Bekanntschaft ( Fahnenstock1, 2234 m - Juli 1953 - mit Vater, Gärtner Gyger und Werner>. Dies ist die erste knappe Eintragung in meinem ersten Tourenbuch, einem kleinen, karierten Schülerheft. Ich kann mich nicht erinnern, wer mir den Rat gegeben hat, schon von den ersten Gipfelbesteigungen an Aufzeichnungen zu machen. Vater und Grossvater, mit denen ich schon seit einigen Jahren Bergwanderungen auf die Alpen unseres Tales unternahm, haben diese Form der ( Freizeitbuchführung ) selbst nicht praktiziert, und auch eine Anregung meines Primarleh-rers scheint mir nicht wahrscheinlich. Irgendwo musste ich die Idee dazu jedoch aufgelesen haben. Wenn meine Tourenbücher inzwischen lückenlos die vierzig Jahre meines Bergsteigerlebens dokumentieren, so darf der Anstoss dazu auch als kleines Geheimnis in der Vergangenheit verborgen bleiben.
Glücklicherweise besitze ich von meiner ersten Gipfelbesteigung noch zwei kleine Schwarzweissfotografien, die der Vater ins Familienalbum eingeklebt hat. Da knie ich neben meinem Schulkameraden Werner im blühenden Gras des Gipfelgrates, einen Bergstock in der Hand und eine Alpenrose am Hut, vergnügt und lächelnd, als hätte ich 1 Fahnenstock: früher, auf der alten Landeskarte, wurde sein Name mit h geschrieben, auf der heutigen Landeskarte jedoch ohne h.
nicht gerade 1400 Höhenmeter anstrengenden Aufstiegs hinter mir. Welchen Weg nach unten wir damals gewählt haben, ob wieder ins Dorf Matt am Nordfuss des Berges oder über die Alp Gamperdun nach Elm, ist meinem Gedächtnis entschwunden. Aber an einzelne Bilder beim Aufstieg erinnere ich mich noch: an den alten Bergpfad, der sich im Zick-Zack durch den morgenkühlen Bergwald zum Stuelegghorn ( einer dem Fanenstock angelagerten Bergschulter ) hinaufzog, an den schmalen Kamm, dem wir von dort folgten, bis das graugelbe Nummu-litenkalkband den Zugang zum Gipfel zu verwehren schien, sich dann aber im letzten Steilhang doch ein enger Durchschlupf öffnete. Und schliesslich lag auf einmal die Gipfelweite vor uns und unten auf der Südseite des Berges das noch unbekannte Ramintal, auf dessen gegenüberliegender Seite der Blick jäh hinaufgezogen wurde zu den firnbedeckten Dreitausendern, die vom Foopass bis hin zum Hausstock unser Tal gegen das Bündnerland hin abriegeln.
Mitten darin ein in dunklen Felsstufen mit gischtend-weissen Wasserfällen abstürzendes Hochtal, die Martinsmad. Dort hinauf, zur gleichnamigen Hütte, führte auch eine weitere Bergtour jener Zeit. Ich weiss noch gut, wie wir damals hinter der Hütte auf der steingemauerten Bank sassen und mit dem Feldstecher hinaufspähten zum spitzgezack-ten Felsgrat des Gletscherhorns, über den gerade eine Seilschaft hinwegkletterte. Eine faszinierende Beobachtung, die einen unstillbaren Wunsch weckte und mich wenige Jahre später mit zwei Schulkameraden immer wieder dort hinaufführte, in jene rauhe Felsenwildnis zwischen Tschingelhoren und den Zwölfihoren, hinter denen der schmale, gleissende Schneestreifen des Vorabfirns von jener Höhe und Weite kündet, die den Menschen im engen Bergtal unten nun einmal versagt bleibt.
Entwicklung zum Skiberg Mit dem Kennenlernen all der höheren, schwierigeren und damit begehrteren Gipfel rund um das hintere Sernftal ging bald einmal das jugendliche Interesse am Fanenstock verloren, da er nun einmal kein Kletterberg ist. Dafür wurde er zu einem zunehmend beliebten Skiziel in den Jahren, in denen wir in der JO auch den winterlichen Umgang mit dem Gebirge lernten. Als man dann etwa zehn Jahre später den idealsten Sommerwolken über dem Fanenstock; im unteren rechten Bildteil die bewaldete Schulter des Stuelegghorns Herbsttag im Sernftal; Blick von Engi-Hinter-dorf talaufwärts, in der Bildmitte das Dorf Matt, darüber der Fanenstock, Skiberg des Tales, den Schabell, für den Pistenskilauf erschlossen hatte, wurde der Fanenstock als relativ leichte Tagesskitour zusätzlich aufgewertet.
Der Aufstieg durch den am Morgen in kalten Schatten liegenden Raminer- und Gam-perdunwald zu den offenen Südhängen, die sich selbst an Hochwintertagen sonnenbeschienen bis zu den Felswänden der Sardona hinziehen, wurde zur Tradition jeder Skisaison. Oft führte uns die erste Skitour des Winters über den alten Alpweg ins stille Ramintal hinein und hinauf zum sonst unbeachteten Färispitz, wo wir immer allein waren mit einem Gemsrudel, das hier einen günstigen Wintereinstand besitzt. Besonders winterliche Eindrücke boten uns jene Tage, an denen der Schnee in dichten Flocken durch die Tannenkronen herniedersank, während wir quer durch die Waldlichtungen eine frische Spur ins Alptal hinaufzogen, Hirsch- und Rehfährten kreuzend, um nach einer Rast im Schutz der Alphütte wieder gemütlich talwärts zu gleiten.
im Süden das Tal abschliessend die Kette Tschingelhoren - Piz Grisch - Zwölf ihoren Wir entdeckten auch, dass der Fanenstock eine fast durchwegs sichere Skitour bietet, die selbst bei kritischen Verhältnissen noch unternommen werden kann. Nur der Steilhang oberhalb der Waldgrenze erheischt dann eine vorsichtige Beurteilung. Die übrigen Tourenfahrer hingegen haben den Fanenstock vielleicht erst dann schätzen gelernt, wenn wieder einmal ein Meter Pulverschnee auf einer guten Unterlage eine stiebende Abfahrt bis nach Elm hinunter bereit hält und damit ein in den schneearmen Wintern der letzten Jahre selten gewordenes sehnsüchtige Erinnerungen weckt an die grossen winterlichen Schneefälle früherer Jahre.
Heute, wenn ich zu winterlicher Zeit in den Ferien und an Wochenenden ins Tal komme, gilt mein erster prüfender Blick immer dem eingeschneiten Fanenstock. Dann suche ich mit dem Fernglas seine steile Nordflanke ab und den von der Nachmittagssonne beschienenen Westhang, um einen Hinweis über die aktuelle Schneelage in der Höhe zu erhalten. Wie tief liegt der Schnee, ist er pulverig oder sulzig, ver- harscht oder verweht, leicht oder schwer? Manchmal haben sich oben unter dem Felsband Schneebretter gelöst, oder neue Lawinenbahnen in den schmalen Gräben der Nordseite zeugen von einer akuten Lawinensituation. Und wenn zuoberst am weissen Gipfelgrat grosse Wächten nach Norden hinausgewachsen sind, weiss ich, dass in den vergangenen Tagen der Föhn wieder einmal Herrscher der Winde war.
Der Abschnitt über die winterliche Jahreszeit bedarf noch einer letzten Ergänzung: Der Eindruck, den der Fanenstock auf einen Betrachter macht, der von Norden her ins Tal hineinschaut, wird durch sein winterliches Erscheinungsbild nicht unwesentlich aufgewertet. Mit seinem glitzerndhellen Schneekleid, den leuchtendblauen Schatten darin und dem weissbestickten Waldsaum wächst die Berggestalt so erhaben über das tiefe Tal hinaus, dass seine - nach menschlicher Wertung gemessen - geringe Gipfelhöhe unerheblich wird. Und einen geradezu mystischen Eindruck hinterlässt er immer wieder in klaren Winter-Vollmondnächten, wenn das durch den Schnee reflektierte nächtliche Licht nicht nur seine mächtige Gestalt, sondern auch das Bergtal unter seinen dunklen Wäldern in unvergleichlicher Weise verzaubert.
Mit dem Gleitschirm vom Gipfel Genau vierzig Jahre nach der ersten Besteigung stehe ich an einem Julitag 1993 nochmals für eine Premiere auf dem Fanenstock: meinem ersten Gleitschirmflug von seinem Gipfel. Seit drei Jahren vom alpinen, motorlosen Fliegen fasziniert, hat mich die Vorfreude auf diesen Flug zu Beginn der Sommerferien schon im Aufstieg begleitet. Allerdings habe ich mir noch bis vor einer Stunde eigentlich einen anderen Flug vorgenommen. Da der Flugwetterbericht von heute morgen abflauenden NW-Wind gemeldet hat, wollte ich vom Foostöckligrat aus übers Chrauchtal hinweg nach Hause fliegen. Den kräftigen Aufwind im Südosthang über dem Oberstafel habe ich zunächst als frühe Thermik gedeutet. Doch oben am Grat angekommen, flattert der Stoffbändel an meinem Skistock unbeirrt weiter in nordwestlicher Richtung ins Chrauchtal hinaus. Das würde bedeuten, oben am Foostöckli ins Lee hinaus zu starten, ein Fehler, den man als Gleitschirmler tunlichst vermeiden sollte. So bin ich nach einiger Zeit dem « Plattengrat ) ( dies der lokale Name für den eingangs erwähnten, wellenförmigen Gipfelgrat ) zum Fanenstock hinüber gefolgt, weil hier der Start in SO-bis SW-Richtung erfolgen kann.
Nun sitze ich auf dem Gipfel und kann mir nach dem Marsch mit dem schweren Rucksack eine ausgedehnte Rast erlauben. Trotz des schönen Tages ist kein Mensch hier oben unterwegs. Und für einmal ist auch vom Waffenplatz Wichlen her kein Schliesslärm zu hören. So geniesse ich die Stille, die über der sonnenhellen Landschaft liegt; nur hie und da höre ich ein schwaches Geräusch vom Tal her. Ich geniesse die Zeit, die ich mir mit dem frühen Aufbruch verdient habe, nehme mein kleines Fernglas hervor und suche die vertraute Bergwelt ab. Einige Male stehe ich auf, um in die Nordflanke des Berges hinabzublicken, ob irgendwo Gemswild einsteht. Doch nur drüben im Hang ob der « Schopfwand ), im Schatten des Kleinen Fanen, entdecke ich einige Tiere. Da ich nicht gegen Elm hinabfliege, werde ich sie dort wohl nicht stören. Bei all dem Schauen achte ich immer wieder auf die Windrichtung. Zuerst von Südosten, vom Segnesmassiv herkommend, dreht der Wind allmählich nach Süden, um gegen Mittag hin von der Fanenfurggel her genau über den Rücken des Gipfelhanges hinaufzu-wehen. Nun habe ich die Geduld nicht mehr, noch länger zu warten.
Ein wenig unterhalb des Gipfels lege ich sorgfältig wie immer meinen Schirm aus. Die Neigung des Bergrückens ist ideal, trockener alpiner Rasen ohne Steine und Löcher, ein Aufwind in mittlerer Stärke: schöner kann ein alpiner Startplatz nicht sein! Darf ich auch einen guten Flug erwarten? Von Wind und Wetter her schon, dennoch ist die übliche Spannung da. Selbst mit unseren raffiniert gebauten Segeln sich gleich einer Bergdohle vom Gipfel in die Luft hinauszuschwingen, kann nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit geschehen wie Laufen und Skifahren. Eine gewisse Spannung soll, ja muss stets vorhanden sein, damit die Aufmerksamkeit nie nachlässt und keine Fehler passieren.
Ich ziehe den Schirm auf. Er steigt gleichmässig hoch, schwingt oben über mir, noch zwei, drei Schritte hangabwärts, schon hebt uns der Aufwind in die Höhe und trägt uns wie auf starken Armen hinaus in den Luftraum. Ein idealer Start, welche Freude!
Gleich bin ich über der Furggel, wende mich ins Tal hinaus und drehe ab, um den Gipfelfelsen entlang nordwärts zu fliegen. Schon nähere ich mich dem Kamm, der vom Stuelegghorn heraufzieht, und da die Luft recht ruhig ist, kann ich über meine ausgestreckten Beine hinab zwei Fotos von jenem Ort schiessen, an dessen erstmaliges Betreten ich mich jetzt, vierzig Jahre später, zurückerinnern kann. Dann öffnet sich plötzlich die tiefe, bewaldete Schlucht des vorderen Chrauchtales unter mir. Ich lasse den Schirm , um mit möglichst wenig Höhenverlust darüber hinweg zum Berghang des Wissenbergs zu kommen.
Die Talüberquerung in wenig bewegter Luft schenkt mir ein wenig Zeit, mich umzuschauen, ins Chrauchtal hinauf, hinüber zu den so vertrauten Höhen des Freibergs Kärpf, talauswärts in der Flugrichtung zum wuchtig aufragenden Glärnisch. Links unten liegt jetzt im Winkel zwischen Sernf und Chrauchbach Matt, wo nebeneinander die Sekundärschule und die mehr als 700 Jahre alte Talkirche wichtige Stationen meiner Jugendzeit verkörpern. Neben dem Kirchenschiff kann ich dort auch Vaters letzte Ruhestätte erkennen, verbunden mit dem dankbaren Gedenken, dass er mich in jenen frühen Jahren in die Bergwelt des Sernftals hinaufführte. Denn ohne die tiefgreifende Lebenserfahrung des Bergsteigens würden die unvergleichlich kostbaren Minuten, hier und jetzt im Raum zwischen unserem Tal und seinen Bergen, wahrscheinlich nicht zu meinem Leben gehören.
Gedanken unterwegs Etwas weniger hoch als erhofft nähere ich mich der Berglehne des Guiderstocks, der seine Alpweiden und Tannenwälder vor mir ausbreitet. Unten gleiten die verstreut liegenden Bergheimet und Heuställe des Wissenbergs vorbei, der alten Walsersiedlung oberhalb der felsensteilen Talflanke. Der Bergheuet ist in diesen Tagen in vollem Gange, und da und dort wird sich vielleicht ein Heuer, eine Heuerin aufrichten, mit einer Hand die Augen beschatten und, wer weiss, mit heimlicher Sehnsucht hinaufschauen ins Himmelblau, wo lautlos-leicht ein rot-vio-lettes Gleitsegel dahinschwebt. Welcher Berufsstand ist heute noch so fest mit der Erde verbunden, mit dem Berg, dem Stein, den Wiesen und Weiden, wie der des Berg- bauern, der täglich mit schwerem Schritt sein kleines Stück Erdenwelt bearbeitet? Und ist etwas Gegensätzlicheres dazu denkbar, als dieses freie Fliegen über das Land hinweg, ein Zustand, der wie kaum ein anderer dazu verlockt, für kurze Zeit diesem lebenslangen Gebundensein zu entfliehen, um wie ein Vogel über die Existenzgrundlage, die Erde, dahinzugleiten?
Nun, Bergbauern gehören nicht zu den redseligen Leuten oder solchen, die unerreichbaren oder unerfüllbar scheinenden Sehnsüchten nachhängen. Tagträume mögen sie lieber für sich behalten. Nur einmal hat ein alter Bauer aus meinem Dorf mit einer kurzen Bemerkung das sonst verschlossene Fenster in sein Inneres kurz geöffnet, als er an unserem Haus vorbeikam, vor dem ich gerade den Schirm zur Kontrolle ausgelegt hatte. Wenn er noch einmal jung wäre, ja, das würde er auch noch gerne tun, so fliegen wie wir, meinte er, und was hätte ich ihm darauf antworten können als: . Wie er davonging, infolge seiner Hüftgelenk-Arthrose hinkend, konnte ich nur hoffen, sein Leiden und der nicht mehr mögliche Wunsch werden ihn nicht mit Groll erfüllen, wenn er das nächste Mal von seinem Haus aus den Fliegern über dem Tal zusieht.
Der kleine Exkurs in den Alltag und die -möglichen - Gedanken der Bergbauern sind durchaus nicht rhetorischer Art. Ich denke, als leidenschaftliche Berg-Besteiger sind wir auch Berg-Bewohner, denn wir haben nicht nur eine, jedenfalls räumliche, Verbindung zur Welt der Bergbauern, sondern auch eine existenzieller Art. Zum einen, weil wir ihnen auf den Hin- und Rückwegen zu den Gipfeln häufig begegnen, dann aber auch infolge der Grunderfahrung des ( körperlich-mate-riellen ) Angebundenseins ans Element Erde. Beide, Bergbauern und Bergsteiger, sind wir in unseren Tätigkeiten der Erdoberfläche verhaftet, wir klammern uns an den Boden, die abschüssigen Hänge oder Felsen - und dürfen nicht loslassen! Der elementare Unterschied zu diesen beiden Lebensformen der Aneignung von Berg- und Umwelt entsteht erst durch den Einbezug des neuen Elementes Luft. Aus der an sich gleichen Welt des Bebauens und Besteigens konnte sich eine solch neue Form des Herangehens erst durch das motorlose Hängegleiten entwickeln. Entscheidender als die neue Art der Fortbewegung ist somit die gedank-lich-geistige Voraussetzung, die sie verlangt; eben weil sie in letzter Konsequenz die Bereitschaft zum Loslassen-Können vom vertrauten Zustand, dem Kontakt mit der Erde, bedeutet.
Zurück zur heimatlichen Erde Über den Wissenberg hinweg gleite ich weiter, komme tiefer, beim geht 's über die obersten Tannen des Talhanges hinaus, dem schwer geschädigten Bergwald entlang, Engi entgegen, das sich unter mir auf dem wiesengrünen Dreieck des Müli-bachdeltas ausbreitet. Im Hinterdorf, dem südlichen Dorfteil, lande ich schliesslich gegen den üblichen, talaufwärts blasenden Sommerwind auf der gemähten Wiese hinter dem Elternhaus. Es ist genau jenes Stück Erde, mit dem mich eine der frühesten Kindheitserinnerungen verbindet. An der Hand des Grossvaters konnte ich als Drei-, Vierjäh-riger oft die Kühe des Nachbarn aufsuchen, die sich zum Widerkäuen auf der Weide hinter unserm Haus niedergelegt hatten. Die anfängliche Furcht überwindend, durfte ich sie dann am Haarschopf zwischen den mächtigen Hörnern kraulen, aber das Grösste für mich war, wenn mich der Grossvater auf einen der breitausladenden Kuh-rücken setzte! Später waren wir barfüssig auf der gemähten Wiese am Herumtollen, Ballspielen oder Über-die-Heutristen-Sprin-gen, und bald einmal wurden die Spiele auch zur Arbeit, wenn ich der Nachbarsfami-lie half, das dürre, knisternde Heu zusam-menzurechen.
Ich schaue zum Elternhaus hinüber, wo meine Mutter, nun auch schon über achtzig, zum Küchenfenster hinauswinkt. Wie immer hat sie noch ein Mittagessen an der Wärme, obschon ich ihr vor jedem Flug sage, ich wüsste nicht genau, um welche Zeit ich landen würde. Auch ihr bin ich dankbar, weil sie es jetzt im hohen Alter noch verstanden hat, meine Flüge ohne Angst, gar mit Freude zu beobachten. Denn wie oft hat sie früher mit ihrer Angst fertigwerden müssen, Der Autor auf einem Winterflug im Sernftal vor der eindrücklichen Kulisse des Fanenstocks wenn ich auf zahlreichen schwierigen Touren unterwegs war, bei denen es gelegentlich eine verspätete Heimkehr gab.
Auf der Spielwiese der Kinderzeit, die auch heute, genauso wie früher, nach dem geernteten Heu duftet, breite ich mein glän-zend-buntes Schirmtuch aus und ordne die Leinen, bevor ich es sorgfältig zusammen-falte. Zwischendurch schaue ich zurück zum Fanenstock, der hinten im Tal in seiner grünblauen sommerlichen Farbenpalette in die Höhe wächst. Oben auf seinem in der Mittagssonne hell leuchtenden Grat bin ich noch vor einer halben Stunde gestanden. Verglichen mit der hundertfachen Erfahrung des traditionellen Bergabstiegs zu Fuss, ist es diese ungewöhnlich rasche Überwindung von Höhe und Distanz, die den soeben real erlebten Flug wieder ein Stück weit zurückgleiten lässt in die Unwirklichkeit, in die gedankliche Aufarbeitung eines Geschehens, das sich zwischen traumhaftem und rationalem Erfassen bewegt.
Der Berg aber steht noch genauso da wie in jenen Kinderjahren, als ich ihn allmählich wahrzunehmen begonnen habe. Nichts an seiner beständigen Gestalt ist verändert worden, nichts äusserlich Feststellbares jedenfalls, auch wenn ich mir des geologischen Werdens und Vergehens der Berge durchaus bewusst bin. In dieses faszinierende Spannungsfeld zwischen scheinbarer Unvergänglichkeit und erlebbarer Veränderung, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Zeit und Raum in wundersamer Weise einbezogen zu werden durch diese ersehnten Flüge, die über das heimatliche Tal hinweg ins innerste Menschsein führen, ist eine meiner beglückendsten Lebenserfahrungen. Mit leichten Schritten, mit leichtem Herzen gehe ich über den festen Wiesengrund hinüber zum Elternhaus.
Flug vom Fanenstock, mit Ausblick über den Grat des Stuelegghorns gegen Elm Im Flug über Chrauchtal öffnet sich ein gewaltiger Tiefblick zur Bergsiedlung Wyssenberg, links unten im Sernftal Matt, vorne im Tal Engi.
Inhalt 182 Felix Maurhofer, Steffisburg BE, Text und Thomas Ulrich, Unterseen BO, Photos Naturerlebnis Telemark 190 Markus Aellen, Zürich Die Gletscher der Schweizer Alpen im Jahr 1993/94 210 Nicolas Jaques, Verbier VS Druk Yul - das Land des Donnerdrachens 220 Esther Fuchs, Fresia ( Chile ) Besteigung des Vulkans Osorno in Südchile Herausgeber Redaktion Schweizer Alpen-Club, Zentralkomitee, Helvetiaplatz 4, Postfach, 3000 Bern 6, Telefon 031/3513611; Telefax 031/352 6063 Etienne Gross, Thorackerstrasse 3, 3074 Muri, Telefon 031/951 57 87, Telefax 031/951 1570 ( verantwortlich für den deutschsprachigen Teil ). François Bonnet, Eplatures-Jaune 99, 2304 La Chaux-de-Fonds, Telefon 039/2673 64, Telefax 039/266424 ( verantwortlich für den französischen, italienischen und rätoromanischen Teil ).
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