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Literatur
Mit Nick Cave auf Tournee
"Oh, baby, you’re not here, she said. You’re not here at all", schimpft ihn seine Frau bei einer dieser flüchtigen Begegnungen und Cave kommentiert sardonisch "My packed bags sitting in the hall". Natürlich würde man sich von denen, die man liebt, mehr Unterstützung erwarten, bei dem, was man tut, aber selbst Nick Cave scheint da so seine Probleme mit seiner Frau zu kriegen, wenn er wieder einmal auf Tournee durch die USA oder Kanada mit seiner "brotherhood of transients" unterwegs ist. Aber einer muss ja die Brötchen verdienen, denn CDs verkaufen sich heute lange nicht so gut wie Live-Konzerte, am besten natürlich aber nach Live-Konzerten. Wer Nick Cave schon einmal live gesehen hat, wird wissen, was ich meine. "Der Spucktütensong" - die deutsche Übersetzung ist natürlich wieder einmal weitaus harmloser als das englische Original - ist eigentlich ein Liebesgedicht, denn es handelt von der Trennung von seiner Frau, die er vergeblich versucht anzurufen, aber sie - vermutlich beleidigt - hebt einfach das verfluchte Telefon nicht ab. Und vielleicht haben wir genau diesem Umstand Nick Caves drittes Buch zu verdanken, denn hätte sie abgehoben, gäbe es das Buch wohl nicht.
"King-Sized Nick Cave Blues"
Einem Odysseus gleich, dem der Aeolus, der Gott der Winde, Geschwindigkeit in die Segel blies, muss Nicholas Edward Cave durch den nordamerikanischen Kontinent streifen, 5000 Meilen von seiner Frau getrennt, die in einem Erinnerungsflash im Buch noch die Zwillinge wie "little trapped people swimming around" in sich trug. Inzwischen ist einer der beiden Zwillinge die Cliffs of Dover hinuntergestürzt, denn Cave lebt heute mit seiner Familie in Brighton, England, in dessen Nähe das Unglück geschah. In einem seiner Songs auf "Firstborn is dead" (1985), in "Tupelo", beschrieb Cave, wie Elvis' Bruder auf die Welt kam und gleich danach starb, um Elvis selbst Platz zu machen. Niemand mag vermessen oder empfinden können, was die Caves letzten Sommer mitgemacht haben, besonders natürlich der überlebende Zwillingsbruder, aber "Sick Bag Song" (SBS) entstand ein Jahr früher und beschreibt vor allem das Leben auf Tournee, dessen Leerstellen der kreative Kopf der Bad Seeds für das Verfassen eines weiteren Buches nutzte. Auch das letzte Buch, "The Death of Bunny Monroe", war nämlich auf Tournee entstanden, aber anders als SBS war es nicht auf Kotztüten geschrieben worden, sondern auf einem iPod. "Don’t leave. Don’t Go. Stay home", so seine Frau, die ehemals für Vivienne Westwood modelte und auch auf dem Cover seines letzten Albums nackt zu sehen ist (übrigens weil sie es so wollte, wie Cave in einem Interview betonte). The world may know he died of love. RIP.
Götter, Helden und das öde Tourneeleben
Das Buch, das dem "Jungen auf der Brücke" gewidmet ist, handelt auch viel vom Referenzsystem eines der größten Musikers der Gegenwart, denn Cave nennt eine Menge Namen. 1998 habe ihn sogar die "cold white satin hand" Bob Dylans berührt, aber da Cave damals noch seine Heroinphase hatte, blieb ihm nur eine kalte Erinnerung an eine "slow vampire hand", denn er selbst war unfähig etwas anderes auf Dylans Komplimente für seine Arbeit zu erwidern, als sie einfach zu erwidern. Nick Cave schreibt aber auch über Prokrastination und weiß immerhin 40 Verfluchungen, die ihn von seiner Arbeit oder "Kreativität" abhalten können, darunter natürlich auch das Verfassen von solchen Listen, wie er nicht ohne Selbstironie hinzufügt. Patti Smith kommt ebenso vor, wie Bryan Ferry, John Berryman und viele andere.
A Critic’s Choice
Jede Stadt der Tournee bekommt ein eigenes Kapitel und eine eigene Kotztüte, denn die vielen Fluglinien, die die Band auf ihrer Tournee benutzt, haben alle eine eigene Version. Die Vielfalt ist zumindest in diesem Genre in Amerika noch nicht verlorengegangen. Und so wie in jedem großen Liebesroman wird auch im "Sick Bag Song", eine moderne Version von Dantes "Göttlicher Komödie", an dessen Ende auch eine Beatrice oder Penelope auf unseren Helden wartet, ein Drache getötet. Leider ist es aber nicht der Kritiker, der in jedem von uns und auch in Nick Cave haust und beständig murmelt: "You are wasting your time. You are not good enough." Auch Cave schreibt immer wieder Gedichte in SBS und kritisiert sie dann wieder in seinem Text, der schärfste Kritiker wohnt immer im eigenen Kopf. Am Ende springt der Junge, der von einem Mann geträumt wurde, gemeinsam mit dem Mann. Prophetischen Zeilen, wenn man denkt, was im Sommer danach in Dover geschah.