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Ungestüm war die eine, viel riskiert hat die andere, mutig waren sie beide: Flora Tristan und Maria Graham. Während der südamerikanischen Unabhängigkeitskriege segelten sie zum fernen Kontinent. Begegnet sind sie sich nie. Auf eigene Faust erkundeten sie die Bürgerkriegszonen. Aus der Sicht zweier Europäerinnen notierten sie, was sie im untergehenden Kolonialreich sahen. Ihre kritischen Publikationen über die Revolutionswirren erregten Aufsehen. Lord Holland, Gemahl der einflussreichen Londoner Salondame Lady Holland, schrieb über Graham: «Ich habe ihre Bücher zwar nie gelesen, glaube aber, sie sind unweiblich und impertinent.»
Ein Urteil, das erst recht die Neugier auf diese Schriften weckt. Während Flora Tristan, die frühe Sozialreformerin, vor einigen Jahren von feministischen und akademischen Kreisen wiederentdeckt wurde, gehört Maria Graham zu den Vergessenen. Ein Zufall führte die Basler Ethnologin Susanne Knecht bei ihren Recherchen zu Tristan auf die Spur der 1785 geborenen Schottin aus ehrwürdigem Hause. Knecht ist schliesslich beiden Frauen gefolgt: vor Ort und in den Archiven. Was sie uns Lesenden präsentiert, sind – auf dem Hintergrund der lateinamerikanischen Befreiungsversuche – zwei Biografien, deren Leben geprägt sind von Widersprüchen, Neugier, privaten Wünschen und politischem Engagement.
1821. In Peru, dem Zentrum der spanischen Herrschaft in Südamerika, wird die Unabhängigkeit proklamiert. An der Seite ihres Mannes Thomas Graham, schottischer Admiral und Captain, reist Maria über Recife und Rio nach Valparaiso. Grahams Auftrag ist, während der Kriegswirren die englischen Bürger und britischen Handelsinteressen zu «schützen». Nach seinem unerwarteten Tod bleibt die Witwe allein in der Hafenstadt. Wie Flora Tristan einige Jahre später, streift auch sie durch Strassen, besucht Städte, beobachtet die Kriegsgeschehnisse, notiert Alltagsszenen. Ihr Reisebericht, «Journal of a Voyage to Brazil and Residence There», wird 1824 in England veröffentlicht.
Am 7. April 1833, es ist ihr dreissigster Geburtstag, verlässt Flora Tristan, Mutter dreier Kinder, ihr ärmliches Pariser Dasein und reist allein nach Peru. Anders als Maria Graham interessiert sich Tristan vorerst nicht für die politischen Ränkespiele in den iberischen Kolonien. Was sie dorthin treibt, ist Geld. Don Pío, der Bruder ihres früh verstorbenen Vaters, besitzt als spanischer Kolonialherr in Arequipa Gut und Ländereien. Zwei Jahre weilt sie in Peru, dann reist sie zurück nach Frankreich. Ohne Geld, dafür ausgestattet mit erwachtem politischem (Sendungs-)Bewusstsein. Als aufmüpfige Sozialreformerin wird sie später durch Frankreich reisen, flammende Reden an die Arbeiterschaft halten. Maria Graham hingegen heiratet nach ihrer Rückkehr in London den angesehenen Landschaftsmaler August Callcott. Kunststudien vertreiben die Kolonialgeschichte; ihre Gesellschaftsutopien verpackt sie schliesslich in «Little Arthur's History of England», einem Geschichtsbuch für Kinder.
Lady Callcott und Flora Tristan: zwei unterschiedliche Frauen, deren gemeinsame Koordinate Südamerika ist. Frühe Reporterinnen nennt Knecht die Reisenden, deren Leben Stoff für einen Roman hergäben. Dieser Verführung verfällt Knecht nicht: Die Autorin hegt Sympathie für die beiden, die Begegnung mit ihnen bleibt jedoch sachlich: Nah an den Quellen, ohne epische Ausschweifungen, verknüpft sie deren Viten geschickt mit dem politischen Geschehen, liefert historische Fakten nach, wo diese zum Verständnis nötig sind. Mit zahlreichen Auszügen aus ihren Journalen lässt Knecht Tristan und Graham selber sprechen – und wirft damit einen etwas anderen Blick auf die Geschichte Südamerikas.