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Der Mensch weint aus den erdenklichsten Gründen. Aber der Tränenfluss ist eines der am wenigsten verstandenen anthropologischen Phänomene. Wir stellen Theorien auf über den Ursprung des Universums oder über das, was die Welt im Innersten zusammenhält, und dennoch bleiben uns zahlreiche alltägliche Vorgänge ein Rätsel. Zum Beispiel das Weinen. Genügend Anreiz, sich in aller weihnächtlichen Musse ein bisschen eingehender mit ihm zu beschäftigen. Im Bewusstsein, dass eine reiche Tradition des Weinens im christlichen Mittelalter existiert, beschränke ich mich hier auf die säkulare Neuzeit.
Weinen als Inkontinenz
In der psychiatrischen Literatur des späten 19. Jahrhunderts taucht der Begriff der „emotionalen Inkontinenz“ auf, der indirekt auch ein Licht auf das Tränenvergiessen wirft. Denn Inkontinenz wird doch eher als etwas Unschickliches betrachtet, und öffentliches Weinen ist eine Art von emotionaler Inkontinenz. Noch 2011 strahlte die englische BBC einen Dokumentarfilm über öffentliches Weinen aus, in dem die Moderatorin Jo Brand sich dezidiert gegen diese Art von Gefühlsäusserung wandte. Sie wurde von zahlreichen Online-Kommentaren sekundiert. Einer lautete: „Wenn du heulen musst, geh aufs Scheisshaus und tue es für dich. Anderes kann man nur von kleinen Kindern und weibischen Ausländern erwarten, aber jeder Engländer über acht sollte Selbstkontrolle zeigen.“
Die Anspielung ist gerade in ihrer Unappetitlichkeit aufschlussreich. Sie schlägt öffentlichen Tränenerguss in die gleiche Kategorie der Peinlichkeit wie öffentlichen Harnerguss. Und diese Analogie hat Tradition. Weinen ist ja schliesslich auch eine Sekretion. 1586 sprach der englische Arzt und Pfarrer Timothy Bright in seinem „Treatise of Melancholy“ von Tränen als einer Art „Ausscheidung, dem Urin nicht unähnlich“. Die Tränendrüse wurde in der Mitte des 17. Jahrhunderts vom dänischen Naturforscher Niels Stensen entdeckt. Am Ende dieses Jahrhunderts scheint die Analogie von Weinen und Urinieren bereits gang und gäbe zu sein. Von Alexander Pope stammt ein Gedicht zu Beginn des 18. Jahrhunderts, in dem er beschreibt, wie eine Lady, durch ihren konservativen Komment gehindert, Tränen über eine Tragödie im Theater zu vergiessen, stattdessen in die Unterwäsche macht. [1] Das Jiddische soll einen Ausdruck für Weinen kennen, der wörtlich übersetzt „aus den Augen pissen“ bedeutet.
Weinen als Reinigung
Diese doch sehr metaphorische Beschreibung nahm der amerikanische Biochemiker William H. Frey II wörtlich, der in den 1980er Jahren einer „sanitären“ Tränentheorie wissenschaftliche Façon gab. Weinen, so Frey, ist ein „exokriner Prozess, das heisst, ein Prozess, in dem der Körper eine Substanz absondert. Andere endokrine Prozesse sind Ausatmen, Urinieren, Defäkieren und Transpirieren. Auch sie scheiden giftige Substanzen aus dem Körper aus. Es gibt allen Grund zur Annahme, dass Weinen Chemikalien freisetzt, welche der Körper als Stressreaktion produziert.“
Diese Hypothese wird heute von Forschern als zu eng betrachtet, abgesehen davon, dass sie auch empirisch nicht genügend abgestützt ist. Der Psychologe Ad Vingerhouts moniert in seinem Buch „Why Only Humans Weep“ (2013), man müsse den ganzen kulturellen Horizont von Musik, Drama, Literatur, Ritual und Religion in Betracht ziehen, um ein einigermassen befriedigendes Verständnis der Träne, dieses rätselhaften Sekrets, zu erhalten. Die Auslösemechanismen sind zu vielfältig, als dass sie auf blosse Physiologie zurückgeführt werden könnten.
Weinen als Gewohnheit
Diese Idee schien schon in Darwins Kopf herumgespukt zu haben, als er sein hellsichtiges, aber ziemlich unbekannt gebliebenes Buch „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren“ (1872) schrieb. Darin gibt es ein Kapitel über das Leiden und Weinen. Die „Zwecklosigkeit“ des Weinens aus emotionalen Gründen irritierte Darwin. Es passte nicht in sein evolutionäres Schema. Bekannt war die mechanische Reizung des Auges, etwa durch Druck auf die Tränendrüsen. Aber dieses rein physiologische Reiz-Reaktions-Schema befriedigte Darwin nicht. Vor allem die Beobachtung verwunderte ihn, dass kleine Kinder, „solange sie noch sehr jung sind, keine Tränen (vergiessen)“. Diese Tatsache erschien Darwin merkwürdig, „da im späteren Leben keine Ausdrucksform allgemeiner oder schärfer ausgeprägt ist als das Weinen. Ist die Gewohnheit einmal von einem Kind erlernt worden, so drückt es in der deutlichsten Art und Weise Leiden aller Arten, sowohl körperlichen Schmerz als geistiges Unglück (...) durch Weinen aus“.
Weinen als Körpersprache
Diese Idee nahm wiederum Helmut Plessner auf, einer der wohl noch zu entdeckenden Philosophen des 20. Jahrhunderts. Ein Kernpunkt seiner Anthropologie ist die sogenannte „natürliche Künstlichkeit“ des Menschen: Wir sind von Natur aus keine Naturwesen – wir sind das, was wir aus uns machen: sozusagen von der Evolution produzierte Existenzialisten. Plessner ging es dabei stets um das Verhältnis des Menschen zu sich selbst, und das heisst vor allem: zu seinem Körper. Der Körper ist von Natur aus zur kulturellen Prägung prädestiniert. Zum körperlichen Verhalten gehören auch Lachen und Weinen. In seinem Buch „Lachen und Weinen“ (1941) schreibt Plesssner: „Nur das Verhalten erklärt den Körper (im Original kursiv), nur die dem Menschen nach seiner Auffasssung und Zielsetzung vorbehaltenen Arten des Verhaltens, Sprechen, Handeln, Gestalten, Lachen und Weinen, machen den menschlichen Körper verständlich, vervollständigen seine Anatomie.“ Man muss sich also auf Lachen und Weinen verstehen: „Lachen und Weinen sind nicht starre Vermögen, die hinterrücks ihr Werk tun und über den Menschen verfügen, ob er will oder nicht. Sie sind nur insofern Vermögen, als er sich auf sie versteht (...).“ Wer also zum Beispiel krampfartig oder zwanghaft weint, „vermag“ nicht zu weinen.
Weinen als vergesellschaftendes Medium
Beim Menschen als Kulturwesen entwickelt sich Weinen zu einer universellen Körpersprache. Universell nicht in dem Sinn, dass Menschen mit Weinen jederzeit und überall dasselbe ausdrücken, sondern, dass sich Tränen dazu eignen, fast alles zum Ausdruck zu bringen. Für sich betrachtet bedeutet eine Träne nichts, in einem bestimmten kulturellen Kontext kann sie alles bedeuten. Die Bedeutung einer Träne – Wittgenstein abgeändert – ist ihr Gebrauch in Gesellschaft und Kultur. Tränen können Sympathie erzeugen und Agressionen abbauen, sie zeigen im Besonderen unsere Verletzlichkeit, und Verletzlichkeit sei ein eminenter sozialer Bindungsfaktor, schreibt der Neuropsychologe Michael Trimble: „Es muss einen evolutionären Zeitpunkt gegeben haben, wo die Träne automatisch zu etwas wurde, das Empathie und Mitleid auslöste.“ So gesehen, haben wir es mit einer Erweiterung unserer Sprache über das Wort hinaus zu tun, was nicht selten in Fällen augenscheinlich wird, wenn uns die Worte fehlen. Noch einmal Wittgenstein abgeändert: Worüber man nicht sprechen kann, darüber kann man weinen.
Weinen als Ersatzhandlung
Der Phantasie im Aushecken von Tränentheorien sind im Übrigen kaum Grenzen gesteckt. Besonders hübsch ist die Interpretation der amerikanischen Psychoanalytikerin Phyllis Greenacre im Kielwasser Freuds. Ganz im Zeichen des Penisneids sieht sie weibliches Weinen als Ersatz-Urinieren. Dabei unterscheidet sie zwei Typen von Weinen: „Schauer-Weinen“ und „Fluss-Weinen“. Ersteres geschieht regengussartig, unkontrolliert und oft böenhaft; letzteres gleicht dem steten Strömen eines Flusses. Beide Typen führt Frau Greenacre auf einen frühkindlichen „Kampf um das Urinieren“ zurück. Schauer-Weinerinnen haben den Penismangel akzeptiert. Ihre Tränen sind Tränen der Resignation. Fluss-Weinerinnen dagegen haben dieses Schicksal nicht akzeptiert, und sie hegen nach wie vor die Illusion eines Penisbesitzes. Ihre Tränen sind Tränen der Revolte.
Als ebenso abenteuerlich kann die Theorie angesehen werden, die Weinen als den Wunsch nach der Rückkehr in ein früheres Stadium der menschlichen Entwicklung interpretiert. Der Psychiater Thomas Szasz – bekannt geworden durch seinen „Mythos der psychischen Krankheit“ – stellte in einem Vortrag 1959 die Theorie auf, Tränen drückten den Wunsch nach der Rückkehr ins wohlig-warme salzige Fruchtwasser der Gebärmutter aus. Wer weint, simuliert sich eine uterine Umgebung herbei. – Se non è vero ...
Weinen als Chemosignal
Wie zu erwarten, sind die Gehirnwissenschafter in letzter Zeit nicht untätig geblieben. Israelische Neurobiologen vom Weizman Institute of Science machten 2011 eine aufschlussreiche Entdeckung. Sie klebten männlichen Probanden kleine Pads unter die Nase, die mit gewöhnlichem Salzwasser oder mit Frauentränen getränkt waren. Die Testpersonen stellten keinen Geruchsunterschied fest. Auf Bildern von Frauen mussten sie nun deren Gemütszustand bestimmen. Nahezu einhellig wurden sie als traurig eingestuft. Als es um die Attraktivität ging, war ein überraschender Unterschied zu beobachten. Probanden mit Frauentränen unter der Nase beurteilten die Frauen deutlich als weniger attraktiv, sie berichteten auch, sexuell nicht angezogen zu sein. Als ob die Tränen ihre Testosteronproduktion drosselten und die Libido dämpften. „Das alles deutet darauf hin“, so Noam Sobel, Leiter des Teams, „dass weibliche Tränen ein chemisches Signal erhalten, das sexuelle Erregung in Männern reduziert.“
Rapunzeltheorie
Was nun unseren Streifzug abschliesst mit einer Deutung von höchst aktuellem Reiz. Ich möchte sie die Rapunzeltheorie nennen. Sie stammt aus dem Grimmschen Märchenfundus. Der Prinz, der Rapunzel in ihrem Turm den Hof macht und an ihrem Haar zu ihr hinaufklettert, stürzt durch bösartige Sabotage ab, fällt in ein Dornengestrüpp und erblindet infolge seiner Augenverletzung. Er irrt durch die Welt, sich nach seiner Geliebten sehnend, und als eines schönen Tages zufällig ihre Tränen auf seine Augen fallen, gewinnt er das Augenlicht wieder.
Es leben unter uns nicht wenige Möchtegernprinzen – so liesse sich das Märchen auf die heutige Realität übertragen – , welche Frauen begehren und ihnen „nachsteigen“ und dabei von einer besonderen Blindheit geschlagen sind. Sie irren hormongesteuert durch die Welt und nehmen die Frau – Ehepartnerin, Berufskollegin, Parlamentarierin – primär in triebgeblendetem Blick wahr. Ein paar Rapunzeltränen schlügen ihnen deshalb sicher gut an; sie würden ihren Testosteronhaushalt ins Gleichgewicht bringen und im zurückgewonnen Augenlicht lernten die so „Geheilten“, die Frau für einmal nicht bloss als Objekt molestierender Libido wahrzunehmen.
Jetzt erzähle ich allerdings schon wieder ein Märchen.
[1] A Lady Who P-st at the Tragedy of Cato
While maudlin Whigs deplor’d their Cato’s Fate,
Still with dry Eyes the Tory Celia sate,
But while her Pride forbids her Tears to flow,
The gushing Waters find a Vent below:
Tho’ secret, yet with copious Grief she mourns,
Like twenty River-Gods with all their Urns.
Let others screw their Hypocritick Face,
She shews her Grief in a sincerer Place;
There Nature reigns, and Passion void of Art,
For that Road leads directly to the Heart.