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Textprobe
Im Intercity nach Winterthur sausen rechts, dicht am Bahndamm, kleine braune Pünthüttchen im Schnellzugstempo vorbei. Es ist Sommer 1985. Ein Winterthurer im Abteil gegenüber erklärt einem Fahrgast, eine russische Zeitung habe kürzlich Fotoaufnahmen von solchen Schrebergärten abgedruckt und dazu kommentiert: Die Kehrseite des Kapitalismus – so sehen die Slums in der Schweiz aus.
In der Stadt, der wir uns nähern, herrscht noch immer kalter Krieg; zum ersten Mal hatte ich diesen Unsinn über die Winterthurer Pünten vor mehr als 20 Jahren gehört – ebenfalls auf einer Bahnfahrt nach Sulzercity.
Der Zufall wollte es, dass ich in der Nacht zuvor im selben Zug jener Persönlichkeit begegnete, die diesen kalten Krieg seit Jahren schürte: Alt-Bundesrat Rudolf Friedrich, Winterthurer Rechtsanwalt und Exponent des Wirtschaftsfreisinns. Er hat sich stets für die schweizerische Rüstungsindustrie eingesetzt und schiesst selber auf manches, was ihm politisch als links erscheint.
(...)
Als ich letzte Nacht Alt-Bundesrat Friedrich zufällig im gleichen Abteil traf, ging ich zu ihm hin und fragte: «Sind Sie nicht zufällig Herr Friedrich?» – «Nein, nicht zufällig, sondern tatsächlich», lachte er.
«Es würde mich sehr interessieren, was Sie über die Winterthurer Ereignisse denken», fuhr ich fort.
«Welche Ereignisse?», fragte er.
Ich erklärte ihm, dass das Wohnzimmerfenster seiner Villa vor einem Jahr, im August 1984, Ziel eines so genannten Sprengstoffanschlags gewesen sei.
«Ach, diese Geschichte, die hab ich längst vergessen!» Wieder lachte er und wollte sich abwenden. Da sprach ich ihn auf ein Interview in einer Schülerzeitung vom Februar 1985 an. Darin hatte er – gut ein Jahr vor Abschluss der Untersuchung – erklärt, die im Zusammenhang mit den Winterthurer Anschlägen von 1984 verhafteten Jugendlichen seien lediglich «von ein oder zwei Rädelsführern angestiftet» worden. – Woher er diese Information habe?
Friedrich lehnte sich zurück und versprach, auch mir ein Interview zu geben, auf das ich dann verzichtete, nachdem ich ihn an den Anschlag auf sein Haus hatte erinnern müssen.
Mit Rädelsführer konnte Friedrich nur den verhafteten jungen Künstler Aleks Weber gemeint haben, der als lokaler Shootingstar aus politischen Gründen Probleme hatte. Gerade hatte ihm der Stadtrat den ersten Preis des Winterthurer Kunststipendiums verweigert – angesichts des Verdachts, am Anschlag auf Friedrichs Haus beteiligt gewesen zu sein.
Ein Blick aus dem Zugfenster auf die Autobahnunterführung beim Rossberg in Winterthur-Töss, auf der gigantischen Stützmauer, grauer Sichtbeton, das Nachtwerk von Sprayenden: «Freilassung aller Gefangenen der Winterthurer Razzia!»
Am 20. November 1984 hatten Stadt- und Kantonspolizei bei der grössten je durchgeführten Verhaftungsaktion auf einen Schlag 32 Jugendliche flächenartig festgenommen; sechs wurden zur Fahndung ausgeschrieben und zwei in die Ermittlungen einbezogen.
Etwas weiter vorn auf der Stützmauer hat jemand ein schwarzes Kreuz zum Andenken an Aleks' Freundin Gabi aufgespritzt.
Gabi, 23-jährig, hatte sich einen Monat nach ihrer Verhaftung im Winterthurer Bezirksgefängnis mit dem Kabel eines elektrischen Tauchsieders erhängt. Nach über sieben Stunden Verhör durch zwei Beamte der Bundespolizei hatte sie keinen andern Ausweg mehr gesehen. – War es «der einfachste Weg», wie der verantwortliche Bezirksanwalt nach ihrem Tod behauptete?
Dass von diesem langen Verhör lediglich fünf Seiten Protokoll existieren, bereitet den Verteidigern grösste Sorgen; bei Gabis letzter Einvernahme sei etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen, ein Einvernahmeprotokoll von fünf Seiten entspreche in der Regel der Verhördauer von einer Stunde. – Was geschah in den übrigen sechs Stunden? Was war zwischen den beiden Bundespolizisten und der jungen Frau während der Marathoneinvernahme vorgefallen?
(...)