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Dieser Text aus dem Buch «Auf der Suche nach dem verlorenen Glück - Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit.» beschreibt eindrücklich, wie das Leben eines Säuglings aussieht, der seiner Natur gemäss aufwachsen darf.
«Die Kinder werden von Geburt an überallhin mitgenommen. Noch ehe die Nabelschnur abgefallen ist, ist das Leben des Säuglings bereits voller Anregungen. Meist schläft er, doch schon im Schlaf gewöhnt er sich an die Stimmen seiner Angehörigen, an die Geräusche, die mit ihren Handlungen verbunden sind, an die Stöße, Püffe und unerwarteten Bewegungen, an unerwartetes Anhalten, an Gehoben- und Gedrücktwerden gegen verschiedene Körperteile, während der Mensch, in dessen Obhut er sich befindet, ihn wie seine Tätigkeit oder Bequemlichkeit es erfordert, hin und her schiebt. Er gewöhnt sich an den Rhythmus von Tag und Nacht, an die Veränderungen von Stoffen und Temperaturen an seiner Haut und an das sichere, "richtige" Gefühl, gegen einen lebenden Körper gehalten zu werden. Sein dringendes Bedürfnis, sich dort zu befinden, würde ihm erst dann je bewußt werden, wenn man ihn von seinem Platz entfernte. [...] Er fühlt sich "richtig"; daher hat er nur selten das Bedürfnis, durch Weinen etwas zu signalisieren oder irgend etwas anderes zu tun, als zu saugen, wenn er die Lust dazu verspürt, und die Befriedigung des Saugreizes zu genießen; ebenso den Reiz und die Befriedigung des Defäkierens. Ansonsten ist er damit beschäftigt, zu lernen, wie es ist, am Leben zu sein. [...] Vielleicht liegt er auf einem Schoß in nur gelegentlichem Kontakt mit Armen und Händen, die mit etwas über ihm beschäftigt sind - etwa ein Kanu zu rudern, zu nähen oder Essen zuzubreiten. Dann fühlt er vielleicht plötzlich, wie der Schoß nach außen kippt und eine Hand sein Handgelenk ergreift. Der Schoß entfernt sich, und die Hand packt fester zu und hebt ihn durch die Luft zu neuem Kontakt mit dem Rumpf des Körpers, worauf die Hand losläßt und ein Ellbogen eine unterstützende Stellung einnimmt, indem er ihn fest gegen Hüfte und Brustkorb drückt; dann bückt sich der Körper, um etwas mit der freien Hand aufzuheben, wobei er ihn sekundenlang nach unten hält, geht dann weiter, rennt, geht wieder und läßt ihn dabei in unterschiedlichem Rhythmus auf- und niederhüpfen und erteilt ihm die verschiedensten Stöße. Danach wird er vielleicht an jemand anderen weitergegeben, wobei er fühlt, wie er den Kontakt mit dem einem Menschen verliert und in Berührung mit einem anderen Menschen kommt, der vielleicht knochiger ist oder die schrille Stimme eines Kinder bzw. die tiefe eines Mannes besitzt. Oder er wird von einem Arm wieder emporgehoben und in kaltes Wasser getaucht, bespritzt und gestreichelt, dann mit der Handseite gerieben, bis das Wasser aufhört, an seinem Körper herunterzutröpfeln. Dann wird er vielleicht wieder, feucht an feucht, an seinen Platz auf der Hüfte zurückbefördert, bis die Kontaktstelle große Hitze erzeugt, während die der Luft ausgesetzten Körperteile kälter werden. Danach fühlt er, wie die Wärme der Sonne ihn erreicht oder die besondere Kühle eines leichten Windes. Womöglich fühlt er beides, während er durch Sonnenschein in den Schatten eines Waldweges getragen wird. Er ist vielleicht fast trocken und wird dann von prasselndem Regen durchnäßt; später findet er dann sein Wohlgefühl wieder bei dem plötzlichen Wechsel von Kalt und Naß zu einem geschützten Platz mit Feuer, das seine Außenseite nun schneller wärmt, als die andere Seite Seite vom Körperkontakt erwärmt wird. Wenn ein Fest im Gange ist, während er schläft, wird er ziemlich heftig geschüttelt werden, da seine Mutter im Takt der Musik hüpft und stampft. Im Schlaf untertags stoßen ihm ähnliche Abenteuer zu. Nachts schläft seine Mutter an seiner Seite, ihre Haut wie immer an der seinen, während sie atmet und sich bewegt und manchmal ein wenig schnarcht. Sie wacht in der Nacht des öfteren auf, um das Feuer zu schüren; dabei hält sie ihn dicht an sich, indem sie sich aus der Hängematte rollt und zu Boden gleitet, wo er zwischen Oberschenkel und Rippen eingeklemmt wird, während sie die Scheite umschichtet. [...] Sein Leben, so voller Aktion, stimmt überein mit dem Leben, das von Millionen seiner Vorfahren gelebt worden ist, und es erfüllt die Erwartungen seines Lebens.»
Dieser Text stammt aus Jean Liedloffs Buch «Auf der Suche nach dem verlorenen Glück - Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit.» Darin schreibt sie in den Siebzigerjahren ihre Beobachtungen bei den venezolanischen Yequana-Indianern nieder.
Bei den Yequana leben die Säuglinge von Geburt an bis ins Krabbelalter praktisch rund um die Uhr im Körperkontakt mit ihren Bezugspersonen. Sie werden tagsüber bei allen Aktivitäten getragen und schlafen nachts nahe bei der Mutter. Ihr Bedürfnis nach Nähe - aber auch nach ständiger Anregung ihrer aufnahmebereiten Sinne - wird so optimal erfüllt, dass sie bald bereit sind, sich von der Mutter zu lösen und selbständig und selbstbewusst die Welt zu erkunden. Sie wachsen zu ausgeglichenen, zufriedenen Menschen heran. Im Gegensatz zu Säuglingen, die viel alleine liegen müssen und vielleicht sogar alleine schreien gelassen werden. Diesen Kindern fehlt bis ins Erwachsenenalter hinein das vollständige Glücksgefühl des Getragenwerdens. Ohne sich dessen richtig bewusst zu sein, sehnen sie sich stets nach diesem Gefühl und versuchen, es anderweitig zu erreichen. Zum Beispiel durch materielle Güter, durch Abhängigkeit von Partnern oder Freunden, die die Mutterfigur ersetzen, oder - im Extremfall - durch Drogenkonsum, der ihnen ein ähnliches Gefühl wie das Glücksgefühl des getragenen Säuglings verschafft.
Liedloffs Forderung, auch in der zivilisierten Gesellschaft unsere Kinder rund um die Uhr zu tragen, ist zwar eine hehre, aber kaum umsetzbar. Doch wir können zumindest versuchen, uns den natürlichen Erwartungen des Säuglings anzunähern. Modernes Familienleben und körperliche Nähe schliessen sich nicht aus. Statt unseren Babys viel blinkendes Spielzeug, ein perfekt eingerichtetes Kinderzimmer oder den komfortabelsten Kinderwagen zu beschaffen, könnten wir ihnen mehr Nähe und Alltags-Abenteuer bieten. Das Tragtuch oder die Traghilfe eignet sich dabei als «mobiler Ausguck» und «Basislager, um die Welt zu erforschen». Um es in den treffenden Worten von Herbert Renz-Polster (Kinder verstehen: Born to be wild) zu sagen.