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Stefan Haupt sitzt am Tisch im abgedunkelten Schneideraum seiner Produktionsfirma in Zürich. Der 54-jährige Regisseur, der für seinen letzten Film «Der Kreis» (2014) mehrfach ausgezeichnet wurde, steckt mitten in der Montage von «Finsteres Glück» und ist guten Mutes. Das war bei der Entstehung des Films nicht immer so. Für sein jüngstes Filmprojekt musste der Regisseur einige Schwierigkeiten meistern.
Idee des Schriftstellers
«Eigentlich konnte ich mir nie vorstellen, Literatur zu verfilmen», erzählt Haupt im Rückblick. Der Impuls ging von Schriftsteller Lukas Hartmann aus. Dieser kontaktierte den Regisseur, nachdem er dessen Film «How About Love» im Kino gesehen hatte. Im Beziehungsdrama spielen zwei der vier Kinder von Haupt mit. «Er sagte mir, dass er mir die Inszenierung von ‹Finsteres Glück› zutrauen würde, nachdem er die Kinder im Film spielen gesehen hatte.»
Hartmanns 2010 erschienener Roman handelt vom Schicksal des achtjährigen Yves, der als Einziger einer fünfköpfigen Familie einen Autounfall überlebt. Ich- Erzählerin des Buchs ist die Psychologin Eliane, deren Leben durch die Begegnung mit dem verwaisten Buben ebenfalls aus den Fugen gerät.
Als Hartmann sich bei ihm meldete, steckte Haupt mitten in anderen Filmprojekten, versprach dem Schriftsteller aber, den Roman zu lesen. Die Lektüre von «Finsteres Glück» habe ihn dann «unglaublich berührt» und auch wegen der starken Bildsprache nicht mehr losgelassen. «Es versetzte mich in eine emotionale Bilderwelt.»
Um ein Drehbuch zu entwickeln, besorgte sich Haupt ein Textdokument des Romans und schrieb in einem ersten Schritt alle Ich-Sätze in die dritte Person um. «Das war schon mal ein wichtiger Prozess, um mir den Stoff anzueignen und die Figuren gleichwertig zu behandeln.»
Eine besondere Herausforderung waren die im Roman häufigen Selbstreflexionen, in denen die Psychologin Eliane kritisch über ihr eigenes Verhalten nachdenkt. Wie übersetzt man das auf die Leinwand? «Ich versuchte zuerst, diese Gedanken in Dialoge umzusetzen, aber das hat nicht immer funktioniert», sagt Stefan Haupt. Erzählstränge wurden verdichtet und verkürzt. «Man sucht nach Möglichkeiten, Zeichen zu setzen, ohne dass es plakativ wird.» Auf eine erzählende Off-Stimme verzichtete der Regisseur bewusst. Hilfreich für die Arbeit am Film waren die im Buch abgedruckten Briefe–etwa von Yves’ Grossmutter oder von Elianes Exmann. Sie dienten dem Regisseur als «Backstorys» zur Entwicklung der Rollen und ihrer Charaktere.
Auch führte Haupt lange Gespräche mit Romanautor Hartmann, um die Hintergründe des Buchs–der Schriftsteller war in einer Zeitungsnotiz auf das Thema gestossen–noch besser zu ergründen.
Dann stand die Drehbuchfassung, und das Projekt drohte zu scheitern: Das eingereichte Szenario fiel im ersten Anlauf bei den Filmförderstellen durch. «Das war wie so oft ein Schock–aber ein heilsamer», erinnert sich Haupt.
Für die Überarbeitung des Drehbuchs zog er die Hilfe einer Aussenstehenden bei, der Regisseurin und Szenaristin Jacqueline Surchat. «Sie war eine grosse Hilfe, weil sie mein Drehbuch eisern hinterfragte.» Surchat hatte die literarische Vorlage ganz bewusst nicht gelesen–im Gegensatz zu allen bisherigen Beteiligten, die beim Lesen des Drehbuchs an die Emotionen ihrer Buchlektüre anknüpfen konnten. «Sie fragte mich immer wieder, weshalb die Personen so und nicht anders handelten.» Erst dadurch habe er realisiert, «dass ich selber noch völlig in der Welt des Romans drin steckte», so Haupt. Das habe ihn dazu gezwungen, «die Geschichte als eigene Leistung wiederherzustellen».
Von diesem Moment an holte der Regisseur den Roman nicht mehr hervor. «Ich legte das Buch weg, denn das Projekt musste zu meinen Film werden.» Auch Hartmann habe die neue Version des Drehbuchs gut gefallen. «Er fand es viel filmischer.» Beim zweiten Anlauf klappte es dann auch mit der Finanzierung, so dass im Herbst 2015 gedreht werden konnte.
Im Herbst in den Kinos
In die Kinos kommt das Drama diesen Herbst. Die Hauptrolle der Psychologin Eliane spielt Haupts Frau, die Schauspielerin Eleni Haupt («Vitus»). Den Waisenbuben Yves verkörpert der achtjährige Noé Ricklin; es ist sein Filmdebüt.
Dieser Text wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.