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Gottes Humor spiegelt sich in der Schönheit der Natur. Das Lachen prustet zwar nicht aus uns heraus, wenn wir einen Regenbogen betrachten oder nachts Glühwürmchen oder Nordlichter verfolgen oder unter blühenden Kirschbäumen aus dem Mittagsschlaf erwachen. Aber das Lächeln, das uns die Schönheit der Natur auf die Lippen zaubert, macht glücklich. Das Bestaunen von Schönheit schafft emotionale Distanz zu allem, was nicht schön ist.
Die Poesie
Wenn die Schönheit der Kunst uns überwältigt wie ein phänomenales Naturschauspiel, dann betreten wir das Reich der Poesie. Von Poesie reden wir, wenn der Poet eine Metapher für das Göttliche findet. In den Notizbüchern des 2015 verstorbenen deutschen Poeten Christof Stählin finden sich Alltagsnotizen wie:
Es regnet. Ich könnte das nicht.
Christof Stählin sah die Poesie als Sprungschanze, die vom Dichter so präzise gebaut wird, dass der Rezipient nach dem Sprung dort landet, wo der Dichter ihn hinfliegen lassen wollte. Eine weitere Notiz Stählins:
Der Herbst ist der Frühling des Winters.
Als Pseudopoesie hingegen bezeichnete Stählin beliebig gebaute Schanzen, von denen der Rezipient abhebt, ohne dass der Dichter selbst die Flugbahn kennt:
Still schwebt die schwarze Silhouette eines Kranichs vor dem roten Mond.
Comedy
Comedy war für Stählin humoristische Prosa. Das heisst: nicht nur die Schanze, auch die Flugbahn ist betoniert. Das Publikum landet zwar dort, wo man es haben möchte – allerdings ohne überhaupt geflogen zu sein.
Und was ist Satire?
Ein Humorist sollte alle Register beherrschen, die wir in den letzten elf Beiträgen beschrieben haben. Wenn ich als Satiriker erklären muss, was Satire ist, dann kann ich das z.B. anhand eines Gedankenspiels machen:
Der Satiriker zeigt der Gesellschaft einen Spiegel. Reinschauen muss jeder selbst. Und wenn einem das, was er sieht, nicht gefällt, dann kann der Spiegel einfach nichts dafür.
Oder ich kann die Absurdität der Satire ausleuchten:
Wenn ich den Leuten die Wahrheit sage, lachen sie, klatschen und geben Geld.
Ich kann aber auch überfordern:
Die Satire ist jene metaphysische Katharsis der Gesellschaft, die diese stets verdient – als Strafe. Oder als Belohnung.
Ich kann auf der einen Seite die Skurrilität zu Hilfe nehmen:
Der Satiriker ist der Henker unter den Poeten.
Oder ich kann an die Schadenfreude appellieren:
Satire ist der Fussabdruck der Ohnmächtigen auf dem Hosenboden der Mächtigen.
Und ich kann die Schamgrenze verletzen:
Satire ist ein Frühlingsausritt in des Teufels Hintern.
Aber ich muss auch Überraschung, Überforderung und Poesie hervorzaubern können:
Was ist Humor?
Humor ist Erkenntnis.
Was ist Erkenntnis?
Erkenntnis ist die Erkennung des Guten und Schönen.
Was ist gut?
Die Summe alles Guten ist das Paradies.
Was ist schön?
Die Schönheit ist eine Erinnerung ans Paradies.
Die Aufgabe der Kunst ist es, ans Paradies zu erinnern. Die tiefgreifendste Paradieserinnerung vermittelt die Musik. Es ist die Aufgabe der Musik, uns daran zu erinnern, woher wir kommen und wohin wir wieder zurückkehren werden. Bis wir aber alle wieder dort sind, brauchen wir noch jede Menge Galgenhumor – für ein paar Milliarden Jahre, um genau zu sein. Womit auch die Rolle der Satire geklärt wäre. Während die Musik uns zeigt, wohin wir gehen, zeigt uns die Satire, wie weit wir bisher gekommen sind. Deshalb ist der Satiriker vielleicht der frechste unter den Poeten. Er ist jener Kieselstein in der Dachrinne, der nachts bei Regen träumt, er sei ein Fels in der Brandung.
Andreas Thiel
lebt als Kolumnist und Satiriker in der Schweiz und in Indien. An dieser Stelle präsentierte er Positionen und Thesen zum Thema Humor, die er dieser Tage gesammelt in einem Buch veröffentlicht hat.