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Eine der Hauptschwierigkeiten unserer Moralen liegt in der Divergenz einer weitgehend konstanten Evolutionsgenetik und der enorm beschleunigten Entwicklung unserer Kultur (Meme) während der letzten 10 000 Jahre. Wir müssen die kulturell-zivilisatorischen Anforderungen mit Genen bewältigen, die für ein Leben in Horden, kleinen Gruppen vorteilhaft waren, die mit der Änderung unserer Kultur aber nicht Schritt halten konnten. Und auch unsere Moral hat sich auf diesem steinzeitlichen Hintergrund entwickelt: In diesen Gruppen haben sich moralische Universalien ausgebildet, die sich in jener Umwelt als evolutionär sinnvoll erwiesen. Sozietäten können ohne regulatorische Strukturen nicht bestehen und bedingen eine Moral, die konstituierend für jedes soziale System ist. Voraussetzungen dafür sind kommunikatives Verhalten (und Verstehen) als auch ein bestimmtes Maß an Vertrauen in den anderen, um die Synergieeffekte von Gemeinschaften nutzen zu können. Dabei tauchen typische, aus der Spieletheorie bekannte Probleme auf (die auch in den heutigen Gesellschaften noch zu Auseinandersetzungen führen): Wie verhält man sich gegenüber Trittbrettfahrern, welche Maßnahmen gibt es, die Gesellschaft vor ihnen zu schützen? Wobei die Gesellschaft ein gesundes Maß an Egoismus, Individualismus ebenso braucht wie altruistische Verhaltensweisen und Politik für den entsprechenden Ausgleich zu sorgen verpflichtet ist. In diesem Bereich finden auch vordergründig nachteilige Verhaltensweisen (das sich Aufopfern für eine Gruppe) ihre Erklärung: Anhand der sogenannten „kin selection“ (kin = Familie, Sippe) kann gezeigt werden (sowohl für Tiere als auch den Menschen), dass verwandtschaftliche Bindungen oder auch Freundschaften (man schützt denjenigen, dessen Eigenschaften „überlebenswert“ erscheinen) der Antrieb für dieses Verhalten darstellen.
Wie aus der Ethologie bekannt, sind evolutionär stabile Strategien zumeist eine Mischform (in unserer Kultur etwa die soziale Marktwirtschaft*). Neben diesen grundsätzlichen, durch die Evolution bedingten moralischen Einstellungen bildet sich eine kulturspezifische Feinstruktur erst durch die Erziehung heraus. (Mohr vergleicht die moralischen Unterschiede mit den Unterschieden der Sprachen, die neben allgemein gültigen Strukturen eine Menge größerer und kleinerer Differenzen aufweist.) Dazu kommt der Schutz von Gruppenmitgliedern, die wegen ihres Wissens (aufgrund des Alters oder ihrer Interessen) von Vorteil sind. Reines Erkenntnisstreben um seiner selbst willen ist allerdings davon ausgenommen: Ohne Erkenntnisnutzen wäre ein solcher Schutz sinnlos. (Das ist natürlich keineswegs ein Argument gegen die theoretische Forschung: Deren Nutzen kann in den allermeisten Fällen erst sehr viel später eingeschätzt, erkannt werden.) Ein entscheidender Sprung (den Mohr allerdings nicht erwähnt) ist neben der gesprochenen Sprache die Möglichkeit, Erkenntnisse über Generationen hinaus zu fixieren (sodass mit dem Tod des weisen Großvaters das Wissen nicht endgültig verloren geht): Erst durch die Schrift erlangten die Gesellschaften die Fähigkeit, auf längst vergangenes Wissen zurückzugreifen.
Zum anderen kommt dem Menschen das archaische (und vormals sinnvolle) Verhalten immer wieder in die Quere: So in der Form der Indoktrinierbarkeit. Der Druck zur Konformität innerhalb einer Gruppe war sicherlich für deren Erfolg maßgeblich, erscheint heute aber obsolet und ist in den Händen von Demagogen zu einer gefährlichen Waffe geworden. Es wäre also darum zu tun, einen günstigen memetischen Kontext für unsere genetischen Dispositionen zu schaffen: Rationalität muss die lange Zeit sinnvollen emotionalen Reaktionsstrategien ersetzen. Zudem funktioniert Moral zumeist nur im Nahbereich, das Recht (als kodifizierte Moral) regelt hingegen alle Beziehungen zwischen den unterschiedlichsten Gruppenmitgliedern und steht vor einem Anerkennungsproblem (je ferner die legislative Macht, desto weniger vertrauenswürdig: Zuerst lehnt man Landes- oder Bundesregierung ab, weil die dort – irgendwo in einer Hauptstadt – die wahren Probleme nicht verstünden, noch viel mehr aber ungreifbare Instanzen wie etwa die EU). Und bei all diesen Überlegungen darf auch die reine Rationalität nicht überbetont werden: Der Mensch besitzt (etwa in Politik oder Wirtschaft, diese arbeitete lange mit dem völlig unzureichenden Konstrukt des Homo oeconomicus, der so aber nicht existiert) eine Art Gerechtigkeitsgefühl, das rein utilitaristische oder pragmatische Erwägungen außer Kraft setzt.
Bei all der Betonung einer auf dem Naturalismus fußenden Ethik muss darauf geachtet werden, nicht dem naturalistischen Fehlschluss zum Opfer zu fallen: Vom Sein aufs Sollen zu schließen ist in keiner Weise zulässig. Allerdings ist die Einsicht in unsere Natur äußerst bedeutsam für alle ethischen Bemühungen und Vorgaben: Deshalb sind beispielsweise die meisten rigiden Vorschriften die menschliche Sexualität betreffend zum Scheitern verurteilt. Wir sollten allerdings den – vermutlich theoretisch richtigen – Aussagen von Hayeks, dass Normen und Institutionen nach der Methode von Versuch und Irrtum überleben, eine vorsichtig-rationale Herangehensweise gegenüberstellen: Denn es steht zu befürchten, dass wir uns manche Fehlschläge nicht mehr leisten können. Mohr mahnt eine human gesteuerte memetische Evolution ein: Berücksichtigung unseres genetischen Erbes und der nicht beliebig modifizierbaren memetischen Prägung – vor dem Hintergrund der aktuellen Probleme. – Das Buch ist ein mehr als gelungener Appell an die Vernunft des Menschen, bei ethisch-moralischen Entscheidungen unser bisheriges Wissen einzubeziehen und alt-ehrwürdige Kodizes als das zu betrachten, was sie sind: Archaische Bestimmungen, die dem modernen, durch die Massenkultur geprägten Menschen, nur unvollständige Verhaltensrichtlinien an die Hand geben.
*) Frage an Radio Eriwan: Soll ich Kommunist werden? Antwort: Natürlich, am besten in einem kapitalistischen Land.
Hans Mohr: Evolutionäre Ethik. Wiesbaden: Springer 2014.