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Literatur
Fiktive Biographie oder biographische Fiktion über Henry James
Wenn man sich auf die Kapitelüberschriften verlassen würde in Colm Toibins Roman "Porträt des Meisters in mittleren Jahren", so könnte man schwerlich von einer Biographie sprechen, umfasst der beschriebene Zeitraum im Leben Henry James doch nur die Jahre zwischen 1895 - 1899. Doch fintenreich webt der irische Autor, Mosaikstücken gleich, Geschehnisse aus den vorher liegenden Jahren in die laufende Handlung ein, so dass sich am Ende des Romans ein dichtes, wenn auch nicht geschlossenes, Bild des Meisters ergibt.
Das Buch beginnt damit, dass der scheue Autor sich der Missfallensbekundungen des Theaterpublikums anlässlich der Premiere seines Bühnenstücks "Guy Domville" aussetzen muss. Die Erkenntnis, "… dass es ihm nicht gelungen war, den Geschmack des breiten Publikums zu treffen…", verursachte in ihm das Gefühl, "… besiegt und bloßgestellt worden zu sein…" Er flieht aus London und wir begleiten ihn die nächsten fünf Jahre seines an Katastrophen reichen Lebens.
Colm Toibin gelingt es, die über Henry James bekannten Fakten auf subtile Weise mit imaginären Geschehnissen zu verknüpfen. Zu danken ist dies vermutlich der Tatsache, dass er als Vorbereitung zu seinem Werk alle verfügbaren Quellen über Henry James zu rate zog und sich bei seinem Stil an dem des Meisters orientierte. Nach eigener Aussage sind im Roman zahlreiche Zitate aus Romanen, Artikeln oder Briefen von Henry James versteckt, was wiederum dem Leser das Gefühl des "Nachhause-Kommens" gibt. Plumpe Direktheit wird man genauso wenig finden wie schlagzeilenträchtige Skandalgeschichten. Dafür besticht das Buch mit einer Vielzahl brillant gezeichneter Andeutungen und der Herausstellung der vielen Gegensätze in James' Leben, ohne moralische Anklage oder erhobenen Zeigefinger. Toibin ist ein Geschichtenerzähler par Excellenze. Manches Mal muss man sich vergegenwärtigen, dass wir es hier mit einem Autor des 20. Jahrhunderts zu tun haben, so gut gelingt ihm die Paraphrasierung des Henry-James-Stils.
Ein Amerikaner in England
Henry James, geb. 15.04.1843 in New York - gest. 28.02.1916 in London, lebte den überwiegenden Teil seines Lebens in England und führte ein bis heute von Gerüchten umwehtes Leben. So sagt man ihm zum Beispiel eine homo-erotische Schwäche nach, was jedoch unbewiesen und auch von Toibin nicht zum Thema gemacht wird. James' "Wesen" ist bis heute ein Rätsel: trotz zahlreicher Briefe, Tagebücher etc. ergibt sich kein homogenes Bild dessen, wer oder was er "wirklich" war. Eindeutig ist jedoch, dass seine Erzählkunst, die differenzierte Psychologisierung seiner Protagonisten, ihre Sprachlosigkeit und die ausgeklügelte Dramatik seiner Erzählungen großen Einfluss auf die Romanciers des 20. Jahrhunderts hatten.
Der Tradition von Henry James bleibt auch Colm Toibin treu, indem er sich in seinem fünften Roman an seinem Vorbild orientiert und die Herausforderung, einen berühmten Schriftsteller zum Romanhelden zu ernennen, auf großartige Weise meistert. Der sensitiven Übersetzung von Giovanni und Ditte Bandini ist es zu danken, dass in der deutsche Ausgabe die im englischen Original verborgenen Tiefe erhalten geblieben ist.