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Die Anwohner von Flüssen und Bächen haben sich seit frühester Zeit gegen Ausuferungen, ausgreifende Erosionen und Überschwemmungen geschützt. Während es sich bei den wasserbaul. Massnahmen im MA und in der frühen Neuzeit in der Regel um punktuelle Eingriffe handelte, wurden vom 18. Jh. an auch umfangreiche, sich über grössere Gebiete erstreckende Korrektionen vorgenommen.
Der Einsatz von sog. Schupfwuhren war vom MA bis ins 19. Jh. weit verbreitet. Mit diesen lenkte man die Hauptströmung eines Fliessgewässers von einem Ufer ans andere. Zu den ersten eigentl. G. zählt die Umleitung der Lütschine in den Brienzersee, die angeblich - sichere Belege fehlen - im 12. oder 13. Jh. von Mönchen des Augustinerpriorats von Interlaken durchgeführt wurde. Aktenkundig sind hingegen grössere Korrektionsmassnahmen an der Engelberger Aa im 15. Jh. Dieser Wildfluss teilte sich früher bei Stans-Oberdorf in drei Arme, von denen sich je einer bei Stansstad und bei Buochs in den Vierwaldstättersee ergoss. Der dritte und mittlere Arm floss zum Weiler Ächerli, wo er einen Sumpf nährte. Verheerende Überschwemmungen führten zum Beschluss, zwei Arme zu verschliessen und jenen nach Buochs zu vertiefen. Die Zuschüttung besorgte 1471 die Engelberger Aa während eines Hochwassers selbst. Die Ausweitung, Befestigung und Eindämmung des Gerinnes bis Buochs oblag dann der Bevölkerung, die der Wuhr- oder Schwellenpflicht unterworfen war. Ähnlich halb geplante, halb situative Eingriffe in die Gewässerläufe dürften auch andernorts vorgenommen worden sein. Meist beschränkte sich der Hochwasserschutz aber darauf, einen Fluss in seinem angestammten Bett zu halten. Als Beispiel sei das Schwellenwesen im Emmental erwähnt: Ab dem SpätMA wurden hier künstl. Uferschutzbauten errichtet, und ab dem 18. Jh. wachten die Schwellenmeister über die Erfüllung der Schwellenpflicht.
Schon im Hoch- und SpätMA musste bei wasserbaul. Massnahmen auf die versch. Gewässernutzungen Rücksicht genommen werden, und entsprechende jurist. Auseinandersetzungen waren häufig. Zu weiteren Nutzungen gehörten Brauchwasserentnahmen, Mühlen unterschiedlichster Art, die Fischerei und die Schifffahrt, für die in den grösseren Flüssen eine Fahrrinne offenzuhalten war. Bis zum Aufkommen der Eisenbahn Ende des 19. Jh. wickelte sich ein Teil des Güterverkehrs auf dem Wasser ab.
Autorin/Autor: Daniel Vischer
Im 18. und 19. Jh. häuften sich verheerende Hochwasser, was in erster Linie mit einer Klimaveränderung zusammenhing. Im 19. Jh. benötigte die rasch wachsende Bevölkerung immer mehr Platz, den man z.T. den Gewässern abzutrotzen suchte, indem man die früher wenig genutzten Überschwemmungs- und Auengebiete trockenlegte. Durch Meliorationen konnte Kulturland gewonnen und verbessert werden. Ein wesentl. Postulat der Wasserbauingenieure war auch die Bekämpfung der sich ausbreitenden Versumpfung und der Malaria. Die seit 1803 bestehende Möglichkeit, interkant. Konkordate abzuschliessen, erleichterte die Koordination der G., und die Annahme der Bundesverfassung 1848 ermöglichte auch ein Engagement des Bundes.
Die erste grosse Korrektion, diejenige der Kander, erfolgte allerdings schon 1711-14. Ursprünglich floss die Kander am Thunersee und an Thun vorbei und mündete gegenüber der Zulg in die Aare. Dabei verwüstete sie durch Ausuferungen immer wieder die angrenzenden Dörfer. Auch engte sie mit ihrem Geschiebeeintrag die Aare ein, so dass die Stadt Thun bei Hochwasser eingestaut und überschwemmt wurde. Abhilfe schuf der Kanderdurchstich bei Strättligen, der die Kander bei Gwatt in den Thunersee leitete. Der Durchstich wurde von Samuel Bodmer geplant und durchgeführt; als Folge entstand durch Rückwärtserosion binnen kurzem die Kanderschlucht. Die Anpassungsarbeiten an den Schleusen in Thun und am Aarelauf von Thun bis Bern dauerten rund 150 Jahre.
Ein ähnl. Vorgehen propagierte Andreas Lanz 1784 an der Tagsatzung mit seinem Plan für die Linthkorrektion. Den Verheerungen in der Linthebene und den rückstaubedingten jährl. Überschwemmungen in Walenstadt und Weesen sollte mit einer Ableitung der Linth in den Walensee begegnet werden. Die Arbeiten wurden 1807-16 durchgeführt und galten über Generationen als Inbegriff der schweiz. Wasserbaukunst (Bauwesen). Das Bauprojekt stammte vom bad. Rheinwuhrinspektor Johann Gottfried Tulla; Hauptpromotor und Präsident des Unternehmens war Hans Conrad Escher, der die Bauleitung mit Conrad Schindler teilte. Für sein Vorhaben nutzte er die neusten Techniken des Wasserbaus. Die Ableitung der Linth bei Mollis heisst heute Escherkanal, der Ausfluss aus dem Walensee Linthkanal.
Ein kleineres Projekt war die Umleitung der Melchaa in den Sarnersee, die 1880 durchgeführt wurde. Eine grosse Gewässerkorrektion war dagegen die 1868-91 von Richard La Nicca projektierte sog. 1. Juragewässerkorrektion, die von Johann Rudolf Schneider gefördert wurde. Das Vorhaben bestand aus drei Teilen: Durch die Schaffung des Hagneckkanals konnte die Aare von Aarberg aus in den Bielersee umgeleitet werden, dann wurde der Ausfluss aus dem Bielersee durch den Nidau-Büren-Kanal verbreitert. Schliesslich wurden durch die Anlage des Broye- und des Zihlkanals bessere Verbindungen zwischen dem Murten- und dem Neuenburger- bzw. letzterem und dem Bielersee geschaffen. Von da an blieben die vorher regelmässigen Überschwemmungen in den Ebenen um und zwischen den Seen sowie zwischen Büren und Solothurn und im Gr. Moos aus. Nach rund 70 Jahren machten die durch die Entsumpfung und den Torfverzehr (Moore) bedingten grossräumigen Geländesetzungen (Moorsackung) weitere Massnahmen notwendig, die 1962-73 unter der Leitung von Robert Müller durchgeführt als 2. Juragewässerkorrektion bezeichnet wurden.
Autorin/Autor: Daniel Vischer
Im 19. und zu Beginn des 20. Jh. wurden fast alle Flüsse in der Schweiz korrigiert. Bei diesen Korrektionen ging es gewöhnlich nicht um Um- oder Ableitungen im Stil der Kander-, Linth- und Juragewässerkorrektion, sondern um Erweiterungen der Abflusskapazität mittels Laufbegradigung und Eindämmung. Die Nebenarme wurden verschlossen. "Ein Fluss oder Strom hat nur ein (einziges) Bett nötig", lautete der 1812 von Johann Gottfried Tulla geprägte Leitsatz.
|Bauzeit||Fluss||Korrektionsstrecke||Länge (km)|
|1711-14||Kander||Kanderdurchstich||1|
|1807-16||Linth||Walensee-Zürichsee||15|
|1855-65||Gürbe||Wattenwil-Aare||16|
|1856-90||Nozon/Orbe||Orny bzw. Orbe-Neuenburgersee||9 + 11|
|1860-90||Alpenrhein||Landquart-Rüthi (SG)||40|
|1863-84||Rotten/Rhone||Brig-Genfersee||103|
|1866-75||Aare||Meiringen-Brienzersee||13|
|1868-91||Zihl||Bielersee-Büren an der Aare||12|
|1871-1920||Emme||Räbloch (Gem. Schangnau)-Aare||61|
|1874-93||Thur||Bischofszell-Hochrhein||62|
|1878-95||Glatt||Greifensee-Hochrhein||41|
|1881-1910||Töss||Fischenthal-Dättlikon||42|
|1888-1912||Tessin||Bellinzona-Langensee||14|
|1895-1923||Alpenrhein||Rüthi (SG)-Bodensee||25|
|1911-1926||Muota||Hinterthal (Gem. Muotathal)-Vierwaldstättersee||9 + 6|
|1917-87||Saane||Montbovon-Lac de Gruyère||16|
|1949-55||Areuse||Travers-Couvet||14|
Entscheidend war die richtige Wahl des neuen Flussquerschnitts. War er zu breit, liess der Fluss namentlich bei kleineren Hochwassern einen Teil des Geschiebes liegen. Damit hob sich seine Sohle, was den Freibord gegenüber den Ufern verringerte und so die Ausuferungsgefahr vergrösserte. War er zu schmal, riss der Fluss das Sohlenmaterial mit und grub sich ein. Zwar vergrösserte sich dabei der Freibord, doch drohten Uferbauten und Brückenpfeiler unterspült zu werden. Das Dilemma wurde oft mit einem sog. Doppelquerschnitt oder -profil gelöst: Ein für mittlere Hochwasser bemessenes Mittelgerinne wurde links und rechts von Vorländern eingefasst, die bis zu den Hochwasserschutzdämmen reichten und nur bei grossen Hochwassern überflutet wurden. Als Beispiel für die damals übl. Bauweise kann die 1863 begonnene Korrektion von 86% des Rhonelaufs von Brig bis zum Genfersee angeführt werden. Der Flussquerschnitt wurde zunächst durch zwei im Abstand von 70 bis 120 m angeordnete Hochwasserschutzdämme bestimmt. Senkrecht zu diesen wurden flusswärts dann 20 bis 30 m lange Buhnen (überflutbare Querwerke) gelegt, deren Enden ihrerseits das Mittelgerinne definierten. Bei Hochwasser füllte schliesslich der Fluss die Felder zwischen den Buhnen sukzessive mit Geschiebe auf, so dass sich dort die Vorländer gleichsam von selbst bildeten. Zwischen Siders und Martigny wurden diese Enden 1928-61 noch mit Längsbuhnen (überflutbare Längswerke) zu einem festen Ufer verbunden. Etwas anders ging man bei der ab 1880 durchgeführten Tessinkorrektion zwischen Bellinzona und dem Langensee vor. Dort verzichtete man weitgehend auf eigentl. Buhnen und fixierte das Mittelgerinne von Anfang an mit Längsbuhnen, die auch als überflutbare Längsdämme bezeichnet wurden. Dies im Unterschied zu den ausserhalb der Vorländer geführten, nicht überflutbaren Hochwasserschutzdämmen.
Ein internat. Werk war die Korrektion des Rheins zwischen der Illmündung östlich von Rüthi (SG) und dem Bodensee. Diese Korrektion stützte sich auf den Staatsvertrag von 1892 zwischen Österreich und der Eidgenossenschaft. Neben einer Normalisierung der Zwischenstrecken führte sie 1900 zum Fussacher Durchstich von 4,9 km Länge und damit zu einer Verlegung der Rheinmündung von Altenrhein zum österr. Fussach. 1923 wurde dann noch der 6,1 km lange Diepoldsauer Durchstich erstellt. Die Erneuerungsarbeiten sowie die Vorstreckungsarbeiten an der Mündung - dort ist das Delta seit 1900 um rund 2 km in den Bodensee hineingewachsen - machten 1924 und 1954 weitere Staatsverträge zwischen der Schweiz und Österreich nötig.
Die Baugeräte, die für die G. zur Verfügung standen, waren anfänglich sehr einfach: Handwerkzeuge wie Schaufel, Spaten, Pickel und Handramme; Transportmittel wie Tragkorb, Tragbahre, Schubkarren, Handkarren, Fuhrwerk und Nachen sowie einige wenige, durch Treträder oder Göpel bewegte Maschinen. Dementsprechend wurde meist mit hohem Personaleinsatz gearbeitet. Ferner baute man so, dass die grössten Erdbewegungen möglichst vom Fluss selbst vorgenommen wurden, vorzugsweise durch Breiten- und Tiefenerosion. Erst bei der Juragewässerkorrektion konnten dampfbetriebene Maschinen wie Bagger, Krane, Baubahnen usw. eingesetzt werden. Weit verbreitet war der Einbau von Faschinen (grosse Reiswellen). Diese wurden zu Buhnen zusammengesetzt oder als Uferschutz verwendet. Daneben gelangten auch andere Verfahren des Holz- und Lebendverbaus zur Anwendung. Eine grosse Rolle spielte aber auch der Blockwurf. Die Bemessung eines Flussquerschnitts wurde aufgrund vieler Naturbeobachtungen festgelegt. Ab Mitte des 20. Jh., als die Geschiebetheorie zur Verfügung stand, konnten Berechnungen durchgeführt werden. Wegweisend waren diesbezüglich die durch den Diepoldsauer Durchstich veranlassten Forschungsarbeiten von Eugen Meyer-Peter.
Ende des 20. Jh. wurden in Zusammenarbeit zwischen Vertretern von Naturschutz und Wasserbau neue Ziele für die Gestaltung der Fliessgewässer formuliert. Neben dem Hochwasserschutz stand die Renaturierung und die Wiederherstellung des natürl. Charakters der Flüsse im Vordergrund. Dem Schutz der Auen und der Arterhaltung der Wasserfauna und -flora soll zukünftig vermehrt Rechnung getragen werden.
Autorin/Autor: Daniel Vischer