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Die Rolle der Schweiz und der Schweizer Banken im Zweiten Weltkrieg wurde lange intensiv diskutiert. Auf Konten in der Schweiz wurden ab den 1920er Jahren Fluchtgelder insbesondere aus Deutschland und Österreich deponiert, auch von späteren Naziopfern. Ihre Nachkommen konnten in der Nachkriegszeit den erforderlichen Verwandtschaftsnachweis nicht erbringen, um darüber zu verfügen. Oder sie wussten nichts von Konten ihrer ermordeten Verwandten. Solche Vermögen werden als nachrichtenlos klassifiziert.
Nachrichtenloses Vermögen, was tun?
Vor und während des Zweiten Weltkriegs brachten viele Ausländer, insbesondere solche jüdischen Glaubens, ihr Geld bei Schweizer Banken in Sicherheit. Manches Vermögen blieb nach Kriegsende nachrichtenlos. Auch die Zürcher Kantonalbank war betroffen.
Holocaust-Gelder und die Schweiz
Die Kontroverse um die sogenannten Holocaust-Gelder wurde 1995 durch US-Unterstaatssekretär Stuart Eizenstat und US-Senator Alfonse D’Amato forciert. Im Ergebnis vereinbarten am 2. Mai 1996 internationale jüdische Organisationen und die Schweizerische Bankiervereinigung im Memorandum of Understanding, eine Kommission einzurichten (Independent Committee of Eminent Persons, ICEP – die sogenannte Volcker-Kommission), um nachrichtenlose Vermögen von Nazi-Opfern bei Schweizer Banken aufzuspüren. Das Schweizer Parlament beauftragte 1996 zudem die «Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg» (UEK) unter der Leitung von Jean-François Bergier (Bergier-Kommission), die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg umfassend aufzuarbeiten.
Welche Ergebnisse brachten die Untersuchungen?
Die Zürcher Kantonalbank verhängte am 18. Dezember 1996 ein allgemeines und generelles Aktenvernichtungsverbot. Sie bildete mit vier vollamtlichen Personen eine Projektorganisation und baute diese später aus, um die reichhaltig vorhandenen Archive nach relevanten Informationen zu durchforsten. Über zwei Millionen Dokumente zum Untersuchungszeitraum 1933–1945 wurden gescannt und Unterlagen zu Sparheften/Depositenheften, Wertschriftendepots/C-Depots (Heftdepots), Kontokorrentkonten sowie Schrankfächern untersucht. Die Revisoren der ICEP äusserten sich sehr zufrieden über die Kooperationsbereitschaft der Bank.
Wie viel stammte überhaupt von Naziopfern?
Als Ergebnis der Untersuchungen konnten im Juli und Oktober 1997 sowie im Februar 2001 die Namen der Inhaber von nachrichtenlosen Konten, Depots, Schrankfächern und Sparheften publiziert werden, deren Beträge 100 Franken überstiegen:
Nachrichtenlose Vermögen über 100 Franken, die nachweisbar vor dem 9. Mai 1945 bestanden und seither nachrichtenlos waren
|Zürcher Kantonalbank||Gesamte Schweiz|
|Kunden||Franken||Kunden||Franken|
|1083 Nicht-Schweizer||1,61 Mio.||5443 Nicht-Schweizer||68,00 Mio.|
|1167 Schweizer||0,90 Mio.||10'758 Schweizer||11,67 Mio.|
|2250 Gesamt||2,51 Mio.||16'201 Gesamt||79,67 Mio.|
Zwischen 1933 und 1945 betrug die Bilanzsumme der Zürcher Kantonalbank jährlich 1,3 bis 1,6 Milliarden Franken.
Die gefundenen nachrichtenlosen Konten von In- und Ausländern aus der relevanten Periode im Wert von rund 2,5 Millionen Franken wurden akribisch analysiert. Oft konnten keine gesicherten Aussagen gemacht werden. Maximal 7 Prozent der Konten wiesen gemäss Schlussbericht der ICEP potenzielle Hinweise auf Naziopfer als Besitzer auf.
Wie ging man mit nachrichtenlosen Vermögen um?
Wurden nachrichtenlose Vermögen weiter verzinst? Wurde Bankspionage der Nazibehörden verhindert? Machten die Banken Nachforschungen über die Vermögensinhaber? Hoben sie nachrichtenlose Konten auf?
- Die Zürcher Kantonalbank war 1932/33 Opfer eines bedeutenden Falls deutscher Bankspionage wegen unerlaubter Konten von Deutschen in der Schweiz. Nach Auffliegen des Falls entliess sie den Mitarbeiter fristlos und ergriff Massnahmen zur künftigen Verhinderung solcher Vorkommnisse.
- Gemäss einer Vereinbarung von Nationalbank und Schweizer Banken vom November 1937 hob die Zürcher Kantonalbank die Verzinsung von Sparguthaben für mehrere Jahre auf, um den Zuwachs von Fluchtgeldern zu dämpfen.
- Sie buchte kleine nachrichtenlose Vermögen auf ein Sammelkonto um – in den 1930er Jahren waren es Beträge unter 20 Franken und 1992/93 solche unter 100 Franken –, dies vor allem aus Gründen der Arbeitsersparnis.
- Vermögen, das nach intensiven Recherchen weiterhin nachrichtenlos blieb, wurde 1984 und 1992/93 in drei Raten gemeinnützigen Zwecken gespendet. Die Ansprüche der Inhaber auf ihre nachrichtenlosen Vermögen inklusive Zinsen bestanden aber weiterhin, wenn sie sich bei der Bank meldeten.
- Vermögen wurden stets interessewahrend verwaltet. Keine Konten wurden durch Verrechnung überhöhter Gebühren geschlossen.
- Wie der Bergier-Bericht festhielt, hatten sich Schweizer Banken – auch wegen des Bankgeheimnisses – oft nicht besonders kooperativ gegenüber den Nachkommen der Opfer verhalten, die auf der Suche nach nachrichtenlosen Vermögen waren. Die Zürcher Kantonalbank gehörte zu den Banken, die aktiv Recherchen tätigten. Allerdings gewährte sie beispielsweise den Nachkommen von Chaim Dunajewski, einem russischen Juden, erst 1992/93 Einsicht in die Akten. 1997 zahlte sie ihnen schliesslich rund 500’000 Franken aus.
Massnahmen zur Vermeidung
Aufgrund des Untersuchungsergebnisses wurde bei der Zürcher Kantonalbank eine zentrale Stelle für Aufgaben im Rahmen nachrichtenloser Vermögen geschaffen, um solche Fälle in Zukunft proaktiv zu vermeiden. Heute werden nachrichtenlose Vermögen einer von den Banken eingerichteten zentralen Datenbank gemeldet und veröffentlicht und nicht reklamierte Guthaben nach 60 Jahren an den Bund abgeliefert.
Titelbild: Geschäftsbücher aus den Kriegsjahren.