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Nicht in Peking, wo Sie aufgewachsen sind?
Nein. Ich bin zwar in Peking aufgewachsen, aber meine Mutter wollte nach Hongkong in eine Werbeagentur und zu ihrem Freund. Als wir die Wohnung in Peking auflösten, fragte sie mich, wohin ich jetzt gehen würde.
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Ihre Mutter hat Sie rausgeschmissen?
So könnte man es sagen. Da entschied ich mich für Toronto und zog mit 18 Jahren nach Kanada, wo ich jetzt auch Staatsbürgerin bin. Meine Mutter sagte damals nur: Du wolltest doch schon immer ins Ausland gehen und deine Unabhängigkeit geniessen. Da hatte sie recht.
Ihr Englisch?
Unter null. Ich musste mich durchkämpfen, aber es tat sich für mich eine völlig neue Welt auf. Später habe ich die International Academy of Design & Technology in Toronto besucht. Da gab es ein paar Asiaten, doch die meisten stammten aus Kanada und den USA. Wir Asiaten sprachen zwar relativ schlecht englisch, waren aber fleissig und kreativ. Nach drei Jahren schloss ich mit guten Noten ab.
Dort sind Sie mit Jazz in Berührung gekommen?
Ja. Ich lebte in Toronto neben einem grossen Friedhof, dort lernte ich oft für die Schule, weil es ruhig war. Zur Abwechslung machte ich am Feierabend manchmal noch einen Abstecher an die St. Clair Avenue und besuchte Musikclubs. So bin ich mit Jazz erstmals in Berührung gekommen. Als ich dann noch Oscar Peterson auf der Bühne sah, hat es mich gepackt. Seit über zwanzig Jahren ist Jazz mein Ding.
Jazz war in China lange Zeit verboten; Mao sah darin die Dekadenz des Westens.
Zu meiner Zeit war das nicht mehr so, da war musikalisch alles erlaubt, auch Elektro, Rap, Hip-Hop. Allenfalls gabs Diskussionen wegen der Texte, aber nicht wegen der Musik.
Was fasziniert am Jazz?
Die Tiefe, das Gefühl. Wenn ich glücklich bin, macht mich Jazz noch glücklicher, bin ich traurig, macht er mich noch trauriger. Anfänglich haben mich vor allem die 1920er Jahre fasziniert, im Design waren das Art déco, Art nouveau. In der Musik waren es Ella Fitzgerald, Peggy Lee, Duke Ellington, Billie Holiday, Nina Simone. Später kamen Erik Satie, Glenn Gould oder die griechische Pianistin Eleni Karaindrou dazu.
«Wenn ich glücklich bin, macht mich Jazz noch glücklicher, bin ich traurig, mach er mich noch trauriger.»
Und dann gings von Kanada wieder zurück nach China?
Zuerst verliebte ich mich noch in Steve Grisbrook, einen grossartigen Bluesgitarristen.
Es war eine unglaubliche Zeit: Konzerte, Übungskeller, Tour, anschliessend mit Freunden bis spät in der Nacht in der Bar. Dazwischen habe ich auch noch studiert (lacht).
Irgendwann wurde es mir zu anstrengend. Also ging ich nach Hongkong, zu meiner Mutter.
Ein unruhiges Leben?
Abwechslungsreich, lehrreich, gelegentlich hart. Etwa in Kanada, als ich anfänglich kein Wort Englisch verstand. Oder in Hongkong: Von Peking her sprach ich Mandarin, aber nur schlecht kantonesisch. All diese Erfahrungen haben mich härter gemacht und mich gelehrt, dass man für ein grosses Ziel kämpfen muss. Und gemäss meiner Lebenshaltung erinnere ich mich stets nur an die schönen Dinge.
In Hongkong haben Sie sich dem Jazz gewidmet.
Ja, aber ich musste auch Geld verdienen. So habe ich beides verbunden. Zuerst gründete ich den Coffee-Shop «Joyce is not here». Dann lud ich Jazzmusiker ein, die im Shop spielten. So wurde die Bar zum Treffpunkt für Jazzliebhaber in der Stadt. Dann gründete ich weitere Clubs an der Peel Street, zuerst die «Peel Fresco Music Lounge», wo nur Jazz angesagt war. Bei der «Orange Peel Music Lounge» gabs 60 Prozent Jazz, der Rest war R&B, Pop, Classic. Es war quasi mein Montreux Jazz Festival im Miniformat. Damals gingen die Musikerinnen und Musiker bei mir ein und aus. Manchmal habe ich sie nach den Konzerten bekocht, fast so, wie es Claude Nobs in seinem Chalet ob Montreux tat.
Und Geld haben Sie auch noch verdient?
Nun, ich habe auch viel ausgegeben und kaum Gagen verlangt. Aber es hat unheimlich Spass gemacht; in dieser Zeit habe ich viele Freundschaften geschlossen.
Und jetzt wollen Sie das Jazz Festival Montreux in China aufleben lassen?
Aufleben und strahlen lassen. Ein Traum von mir war schon immer ein Jazzfestival auf -einem Berg, am Strand oder am See. Einen Anfang habe ich 2018 in Hongkong gemacht, und zwar auf der Insel Lantau. Dort gründete ich das Jazz-on-the-Beach-Festival, und zwar an der Pui O Beach. Irgendwann zog es mich nach China, nach Hangzhou, der Geburtsstadt meiner Mutter. Auch hier gibts Parallelen zu Montreux: Beides sind unglaublich schöne Städte, beide liegen an einem See. Gut, Montreux hat 25 000 Einwohner, Hangzhou 10 Millionen. Dort haben wir das Jazz-on-the-Lake-Festival gestartet.
Wir?
Ja, mein Mann und ich. Er ist gebürtiger Niederländer, lebte aber viele Jahre in Zumikon am schönen Zürichsee. Nun widmen wir uns unserem nächsten Abenteuer.
«All diese Erfahrungen haben mich härter gemacht und mich gelehrt, dass man für ein grosses Ziel kämpfen muss.»
Weshalb in Hangzhou und nicht in Schanghai oder in Shenzhen?
Schanghai hat eine lange Jazztradition. Bereits in den 1920er Jahren wurde Jazz hier in den Hotels am Bund gespielt. Shenzhen liegt bei Hongkong, beherbergt den Tech-Giganten Tencent und hat ebenfalls eine starke Musikszene. Hangzhou ist wunderschön, hat eine über 2000-jährige Geschichte und ist trotzdem modern – eine boomende Digitalmetropole mit dem Hauptsitz von Alibaba. Und es gab hier davor noch keine Jazzszene. Das war unser Platz.
Das wollten Sie ändern?
2018 haben wir regelmässig mit der Stadt- und der Provinzregierung gesprochen. Wir wollten ein Jazzfestival und sie wollten einen Anlass, mit dem sie den Techies der boomenden Stadt einen Mehrwert bieten konnten. Daraus wurde das «HIEC Jazz on the Lake», das erste internationale Live-Jazz-Musikfestival in der Stadt. Zum Festival am West Lake im November 2019 luden wir Yohann Mathieu, den Chief Executive Officer des Montreux Jazz Festival, ein. Es war ein riesiger Erfolg, die Stadt kürte das Festival zum «Event of the Year». Schliesslich konnten wir Yohann und CEO Mathieu Jaton überzeugen, dass wir hier ein Festival auf höchstem Niveau durchführen können. So schlossen wir einen Vier-Jahresvertrag ab. Darauf sind wir stolz – immerhin ist das Montreux Jazz Festival bei Musikbegeisterten rund um den Globus das Mass der Dinge.
Und dann kam 2020 Corona dazwischen.
Richtig, das Festival konnten wir letztes Jahr deswegen nicht durchführen, weil die globale Musikeventbranche zusammenbrach. Doch für 2021 sind wir bald bereit. Wir überarbeiten grad den Ablaufplan und werden in den nächsten dreissig Tagen das Programm finalisieren. Und hoffen, dass uns die Pandemie keinen Strich durch die Rechnung macht. Aber in China ist das Virus seit Monaten unter Kontrolle. Wir hoffen, dass es ab dem 4. Oktober klappt.
Ihr Programm fürs erste MJFC?
Es ist wegen Corona etwas tricky, weil Musiker und Musikerinnen aus Übersee kaum für ein Konzert einfliegen können. Eine Live-Präsenz wird wohl nur für Musikerinnen und Musiker aus Hongkong, Macau und vielleicht Taiwan möglich sein. Gleichzeitig haben wir den Anspruch, eine internationale Ausrichtung zu haben. Aber da sind wir abhängig von den Gesundheitsvorschriften der Regierung. Bis dato sind 14 Live Acts geplant, dazu wird Swiss Net den Swiss Net Dome am Festival aufstellen, dort zeigen wir Konzertmitschnitte aus dem grossartigen Archiv von Montreux. Und dabei werden wir Immersive Audio Technology einsetzen, damit das totale Konzert-Feeling aufkommt. Dann gibt’s Jam Sessions, einen Konzertwettbewerb für junge Talente, Ausstellungen, Partys am Seeufer. Wir werden on- und offline umfassend präsent sein. Und wollen Brücken bauen – zwischen Ost und West.
Haben Sie schon Künstlerinnen und Künstler unter Vertrag?
Ja, zum Beispiel Luo Ning, ein junger Jazzpianist und Komponist, der bei Universal Music unter Vertrag ist. Er ist der bekannteste Latin-Jazzer in China und der einzige Musiker aus China, dessen Musik beim grossartigen Fusion-Jazz-Label GRP erscheint. Dann haben wir Eugene Pao, ein weltweit gefragter Jazzkünstler aus Hongkong. Oder es tritt die Band Hanggai auf, eine Folkgruppe aus der Inneren Mongolei, die in Peking lebt. Sie verbindet mongolische Elemente mit modernen Klängen, etwa mit Punkrock. Ein Genuss.
Joyce Peng Peng (50) wuchs in Peking auf. Ihr Design-Studium absolvierte sie an der renommierten International Academy of -Design & Technology in Toronto. Anschliessend kehrte sie nach Asien zurück, genauer nach Hongkong. Seit zwei Jahren lebt sie in der chinesischen Grossstadt Hangzhou in der Provinz Zhejiang südlich von Schanghai.
Aufgrund der Corona-Pandemie musste sich das Montreux Jazz Festival neu erfinden. So wurden unter anderem Konzerte gestreamt und Videos von legendären Auftritten gezeigt. Das Alternativprogramm hatte Erfolg, durfte man doch immerhin insgesamt 830 000 Video-Downloads verzeichnen.
2021 will man wieder einen Schritt zur Normalität machen. Dazu gehört auch, dass das
Montreux Jazz Festival erstmals in China durchgeführt wird (Corona stoppte die Pläne für 2020). Stattfinden wird diese erste Edition des Montreux Jazz Festival China (MJFC) vom
5. bis zum 8. Oktober 2021 in der Tech-Stadt Hangzhou in der Provinz Zhejiang südlich von Schanghai. Unter dem Motto «When West Meets East» soll dem Publikum ein eklektisches Programm geboten werden. Weil die Einreise von Musikerinnen und Musikern derzeit aber kaum möglich ist, treten vorab Bands aus Asien – darunter aus China, Hongkong, und Taiwan – live auf.
Seit Ende der 1970er Jahre exportiert das Montreux Jazz Festival sein Konzept in diverse Städte der Welt, darunter São Paulo, Detroit, Atlanta, Singapur, Monaco, Tokio, Rio de Janeiro. Und nun auch nach Hangzhou.