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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

4. Buch
10. Welche Anschauungen entwickelten die, die über die verschiedenen Bestandteile der Welt verschiedene Götter walten lassen?
Warum wird nun dem Jupiter noch die Juno als Gemahlin beigesellt und zwar so, daß sie „Schwester und Gemahlin“1 , heißt? Man erwidert: Jupiter denken wir uns in der höheren Luftschicht, Juno in der unteren und diese beiden Elemente sind verbunden, das eine als oberes, das andere als unteres. Demnach wäre also Jupiter nicht der, von dem es heißt: „Alles ist Jupiters voll“, wenn einen Teil Juno erfüllt. Oder erfüllen diese beiden das eine wie das andere Element und sind die beiden Eheleute in den beiden Elementen und in jedem der beiden zumal? Warum weist man dann den Äther dem Jupiter an und die untere Luftschicht der Juno? Und die zwei waren doch genug; wie kommt es, daß man das Meer dem Neptun, die Erde dem Pluto zuteilt? Und damit auch sie nicht ohne Gemahlinnen blieben, gibt man dem Neptun die Salacia bei, dem Pluto die Proserpina. Wie nämlich Juno, so sagt man, den unteren Teil des Himmels, das ist die tiefere Luftschicht inne hat, so auch Salacia den unteren Teil des Meeres und Proserpina den unteren Teil der Erde. Sie plagen sich, ihre brüchigen Fabeleien zu flicken, und es reicht doch nirgends zu. Wenn es so wäre, wie sie sagen, so würde man von altersher drei Elemente angenommen haben, nicht vier, so daß die einzelnen Götterpaare den einzelnen Elementen zugeteilt würden. So aber behaupteten die alten Schriftsteller zwar in aller Form, der Äther sei etwas anderes als die Luft. Das Wasser dagegen ist eben Wasser, ob oberes oder unteres; man mag das untere für verschieden halten, aber ist es so verschieden, daß es nicht mehr Wasser wäre? Und die untere Erde, was wird sie sonst sein als Erde, wenn auch noch so verschieden von der oberen? Ferner geht in diesen drei oder vier Elementen die ganze körperliche Welt rein auf; wo findet da Minerva noch Platz? was hat sie inne? was füllt sie aus? Sie hat ja neben Jupiter und Juno auch ihre Stätte im Kapitol, obgleich sie nicht eine Tochter von beiden ist. Weist man ihr, wie es geschieht, die obere Ätherschicht zu, was die Dichter veranlaßt haben soll, sie aus dem Haupte Jupiters entspringen zu lassen, warum gilt dann nicht sie viel mehr als die Königin der Götter, wenn sie doch höher als Jupiter thront? Etwa deshalb, weil es unziemlich gewesen wäre, die Tochter über den Vater zu stellen? Warum hat man dann bei Jupiter selbst dem Saturnus gegenüber dieses richtige Verhältnis nicht eingehalten? Etwa weil Saturnus der unterlegene Teil war? Also haben sie miteinander Krieg geführt? Beileibe nicht, hält man uns entgegen, das ist nichts als Fabelgeschwätz. Auch recht, man darf den Fabeln nicht glauben und muß von den Göttern eine bessere Meinung haben; warum also hat der Vater Jupiters, wenn auch keinen höheren, doch nicht einmal den gleichen Ehrensitz erhalten? Man erwidert: weil Saturnus die Zeitenlänge ist. Demnach verehren die, die Saturnus verehren, die Zeit, und Jupiter, der König der Götter, wird als Sohn der Zeit hingestellt. Was wäre auch Unziemliches dabei, Jupiter und Juno Kinder der Zeit zu nennen, wenn jener der Himmel, diese die Erde ist, da ja Himmel und Erde doch wohl erschaffen sind? auch das steht in den Büchern ihrer Gelehrten und Weisen. Und nicht aus der dichterischen Phantasie, sondern aus den Werken der Philosophen hat Vergil2 geschöpft, wenn er sagt:
„Alsdann stieg der allmächtige Vater, der Äther, im fruchtbar'n
Regen herab in den Schoß der frohen Gemahlin“,
das ist in den Schoß des Erdreichs [tellus] oder der Erde; denn auch hier macht man Unterschiede und hält bezüglich der Erde auseinander die Terra, die Tellus und den Tellumo und erachtet diese alle für Götter mit besonderen Namen, mit besonderen Aufgaben und mit besonderen Altären und Opfern. Und wiederum bezeichnet man die Erde als die Göttermutter, so daß die Phantasiegebilde der Dichter schon bald erträglicher sind als die Heiligtumsbücher, wenn nach diesen Juno3 nicht nur die „Schwester und Gemahlin“, sondern auch die Mutter Jupiters ist. Und wiederum macht man die Erde zur Ceres, macht sie zur Vesta, obwohl freilich öfters versichert wird, Vesta sei lediglich das Feuer der Herdstätten, ohne die ein Staatswesen nicht denkbar ist, und man habe deshalb der Vesta Jungfrauen zum Dienste beigegeben, weil aus dem Feuer so wenig wie aus einer Jungfrau etwas geboren werde. Dieser ganze Kram verdiente doch wohl abgetan und beseitigt zu werden von dem, der aus der Jungfrau geboren worden ist. Wie abgeschmackt nämlich ist es, wenn man einerseits dem Feuer soviel Ehre und sozusagen jungfräuliche Eigenschaften zuerkennt und andrerseits da und dort sich nicht scheut, die Vesta auch als Venus anzusprechen, so daß die in ihren Dienerinnen geehrte Jungfräulichkeit in nichts zerfließt! Denn ist Vesta die Venus, wie hätten ihr da Jungfrauen durch Enthaltung von den Werken der Venus den rechten Dienst erweisen können'' Oder gibt es eine doppelte Venus, die eine Jungfrau, die andere Weib? Oder gleich drei, eine für die Jungfrauen und diese zugleich auch Vesta, eine für die Verheirateten und eine für die Buhlerinnen, welch letzterer auch die Phönicier ein Weihegeschenk darbrachten in der Preisgebung ihrer Töchter vor der Verheiratung? Welche von ihnen ist die Frau Vulkans? Natürlich nicht die Jungfrau, weil sie ja einen Gemahl hat, Beileibe aber nicht die Venus als Buhlerin; diese Unbill möchten wir dem Sohne der Juno und dem Kunstgenossen der Minerva nicht antun. Also ist Vulkans Gemahlin die Venus der Verheirateten; aber sie mögen sie ja nicht zum Vorbild nehmen in dem, was sie mit Mars getan hat. Ei, da kommst du schon wieder mit Fabeleien, ruft man mir zu. Aber wo bleibt die Billigkeit, wenn man uns darüber zürnt, daß wir derlei über ihre Götter sagen, und sich selbst zürnt man nicht darüber, daß man in den Theatern diese Schandtaten der Götter mit vielem Vergnügen sich anschaut. Und die Darstellungen dieser Schandtaten der Götter — es wäre unglaublich, wenn es nicht auf das bestimmteste bezeugt wäre — sind zu Ehren der Götter eingeführt worden.
1: Verg. Aen. 1, 46.
2: Georg. 2, 325 f.
3: Sie galt auch als die Göttin Erde.