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Samuel und Barbara kamen von einer Bergtour im Montblanc-Gebiet müde zu ihrem Auto zurück. Samuel öffnete die Hecktür und versorgte die beiden Rucksäcke. Da sprangen zwei vermummte Typen hinter einem, nur wenige Meter entfernten, Felsbrocken hervor, richteten ihre Pistolen auf Barbara und Samuel und verlangten laut den Autoschlüssel. Samuel wollte verhandeln, da schoss ein Räuber vor ihm in den Boden. Die Kugel wurde abgelenkt und verletzte ihn am rechten Unterschenkel. Samuel schrie auf und musste sich sofort hinsetzen. «Gib ihnen den Schlüssel», bat ihn Barbara. Er folgte ihrem Rat und warf den Schlüssel zwischen die Kerle auf den Boden. Jetzt forderten sie noch die Geldbeutel und Handys von beiden und rasten dann mit ihrem eigenen und Samuels Auto davon. Barbara kümmerte sich sofort um Samuels Wunde. Der Schienbeinknochen schien noch heil zu sein und die Arterie nicht verletzt. Trotzdem sah es fürchterlich aus. Sie band ihr geliebtes Seidenhalstuch fest um sein Bein, setzte sich zu ihm und legte ihren Arm um seine Schultern. Beide waren geschockt.
Barbara und Samuel kannten sich schon seit fünf Jahren.
Schöne Bergtouren und hitzige Diskussionen – zum Beispiel über Eigenheiten von Frauen und Männern – hatten sie gefordert und gleichzeitig einander nähergebracht. Sie hatten sich gemeinsam entschieden, auf Sex miteinander zu verzichten, denn beide lebten in Partnerschaften und wollten diese nicht gefährden. Was andere über ihre Art von Freundschaft dachten, berührte sie nicht gross.
Heikle Entscheidung
Langes WartenNach einer Weile sagte Samuel trocken: «Immerhin leben wir noch.» «Galgenhumor», sagte Barbara nur und küsste ihn auf die Wange. «Wenn du mich stützt, kann ich vielleicht aufstehen.» Sie versuchten es. Auf dem gesunden Bein konnte Samuel stehen. Als er das verletzte Bein belasten wollte, sackte er ein. «Gehen kann ich so nicht.» «Wie lange ist es bis ins nächste Dorf?» «Etwa zwei Stunden.» «Gut, ich bette dich so, dass dein verletztes Bein hoch gelagert ist, gebe dir meine Jacke, damit du weniger frierst, und hole Hilfe. Ich hoffe, du kannst es so lange aushalten.» «Das wird aber sehr anstrengend für dich, nach dieser langen Tour.» «In der Not schenkt uns der Körper Reservekräfte.» «Einverstanden. Ich hoffe, dass kein Wolfsrudel in der Nähe ist. Sie riechen Blut auf grosse Distanzen. Aber Steine werfen könnte ich schlimmstenfalls ja noch.» «Dein Schutzengel wird dich bewachen.» Sie umarmten sich zum Abschied lange.
Langes WartenBarbara beeilte sich, blieb aber konzentriert, um nicht etwa zu straucheln. Samuel bemühte sich, gut durchzuatmen, um seine Angst zu mindern und den Schmerz auszuhalten. Er schaute auf seine Uhr, die er immerhin noch besass. Der Höhenmesser zeigte 1’800 Meter über Meer. «Hoffentlich muss ich nicht hier übernachten – das könnte sehr kalt werden», dachte er. Die Zeit schleppte sich dahin.
Uniformierte statt Vermummte
Nach einer guten Stunde hörte er Schritte. Barbara konnte unmöglich zurück sein. Er schaute sich um. Zwei Männer in Uniform tauchten auf. «Zum Glück nicht Vermummte», dachte er und rief, damit sie ihn entdecken konnten. Sie kamen sofort auf ihn zu, mit einer Hand auf dem Pistolengriff. «Ich bin verletzt», sagte Samuel und deutete auf sein Bein. Sie sahen die verblutete Hose und sprachen ihn auf Französisch an. Die zwei Zollbeamten hatten von weit her einen Schuss gehört und waren darum in diese Richtung gekommen. Samuel schilderte, so gut es auf Französisch ging, was er und Barbara erlebt hatten. Die Beamten handelten sofort. Einer verband seine Wunde besser und gab ihm ein Schmerzmittel. Der andere bestellte einen bergtauglichen Krankenwagen. Samuel sagte, dieser solle doch bitte auch Barbara mitnehmen, sofern sie sie auf dem Strässchen antreffen würden. Der Zöllner bestellte aber zusätzlich einen Polizeiwagen, der nach Barbara suchen sollte, und gab Marke, Farbe und die Nummer von Samuels Wagen an, damit nach den Gaunern gefahndet werden konnte.
Barbara war erstaunt, als ein Polizeiwagen auf dem Strässchen heranbrauste. Sie hob ihre rechte Hand. Die Polizisten hielten und fragten sie nach ihrem Namen. Sie war dann froh zu hören, dass Samuel bald von einem Ambulanzfahrzeug ins Spital gebracht werde.
Eifersucht
Barbara besuchte Samuel am nächsten Tag im Spital und schenkte ihm einen Blumenstrauss. Er dankte ihr für alles, was sie für ihn getan hatte. Sie konnten noch nicht recht über den Überfall reden oder gar lachen. Einen Unfall hätten sie für möglich gehalten und darum stets Verbandszeug im Rucksack mitgetragen. Aber an Räuber in den Bergen hatten sie nie gedacht.
Samuels Frau Annina kam wenig später zu Besuch. Sie grüsste Barbara nur flüchtig und Samuel ganz überschwänglich. «Ich habe alles mitgebracht, was du brauchst: Rasierapparat, frische Wäsche, Lektüre und etwas zum Naschen.» «Danke vielmal, Annina.» «Warum seid ihr eigentlich an einen so abgelegenen Ort gegangen? Dazu noch über die Grenze … da habt ihr die Grenze wirklich überschritten!».«Es war eine gewöhnliche Wanderung, ohne Gletscher und Kletterfelsen. Und Diebe erwartet man ja eher in Städten als in den Bergen», entgegnete Samuel. «Heute passiert überall etwas», konterte Annina. «Eben», meinte er lächelnd. Barbara: «Es tut mir leid, dass Samuel verletzt ist und du jetzt Umstände hast.» «Allein wäre Sämi jedenfalls nicht dorthin gegangen.» «Allein sollte man ja auch nicht in die Berge gehen, meine Liebe. Wir sind einfach unschuldige Opfer.» «Wenn du mit mir zu Tante Anna gekommen wärst, wäre das nicht passiert.» «Du weisst, dass ich solche Besuche hasse. Aber lassen wir das Thema. Reden von etwas Anderem. Wie geht es den Kindern?»
Barbara: «Ich muss jetzt noch auf den Polizeiposten gehen. Gute Besserung und euch beiden trotz allem einen guten Tag. Tschüss.» Samuel: «Danke, Barbara, dass du das erledigst. Tschüss.» Annina: «Adieu.»
Draussen weinte Barbara. Die Ablehnung durch Annina war heftig gewesen und das betrübte sie. Sie hatte die Touren mit Samuel geliebt und würde nun wohl darauf verzichten müssen. War das gar das Ende einer schönen Freundschaft? Zum Glück hatte wenigstens ihr Mann Fred gut reagiert. Er hatte sie getröstet, beruhigt und keine Eifersucht gezeigt.
Hoffnungsschimmer
Am nächsten Tag telefonierte sie mit Samuel. Er sagte: «Ich bin zuversichtlich, dass Annina nach einiger Zeit wieder toleranter wird. Ich habe ihr ja immer die Wahrheit gesagt über unsere Art von Freundschaft.» Barbara: «Ich werde Geduld haben und einfach viel an dich denken. Übrigens habe ich vorhin mit der Polizei telefoniert. Sie haben dein Auto in Lyon gefunden. Wenigstens das.» «Danke. Es kommt alles wieder gut. Ich glaube, dass unsere Freundschaft durch den Vorfall noch stärker geworden ist. Du hast sehr lieb und klug reagiert.» «Und du warst so tapfer. Es gibt also noch etwas Hoffnung für uns.» «Davon bin ich überzeugt», sagte Samuel