Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03525.jsonl.gz/2796

Robin Haas ist langjähriger Spieler und Coach auf der nationalen und internationalen Football-Bühne, Swiss-Bowl-MVP 2003 und profunder Kenner der Szene. Der gebürtige Churer, zurzeit bei den Basel Gladiators tätig, schreibt eine regelmässige Kolumne auf GR Heute.
Offseason heisst es auf Englisch, auf Deutsch bezeichnet man es als Saisonpause. Das Wort Pause existiert im modernen Sport kaum mehr, egal ob im Profi- oder Breitensport.
Früher, als Football in Landquart grad mal paar Jahre alt war, haben wir in der Offseason höchstens zweimal die Woche in einer kleinen Turnhalle von Januar bis März Konditions- und Sprintrainings gemacht. Später fing man dann an, im November und Dezember ein bisschen was für die Kondition und Kraft zu machen. Heutzutage ist die Offseason die strengste Zeit für die Athleten überhaupt. Die meisten Spieler hassen die Offseason mittlerweile, ob zurecht oder nicht kommt auf den einzelnen Spieler an. Ich als Spieler hasste die Offseason, all die Trainings ohne Ball, das ganze Konditionstraining, Lauf- und Sprint-Sessionen plus Kraftraining. Als ich in der GFL (German Football League, die Red.) spielte, war die Offseason am härtesten, wir hatten vier bis fünf Trainingseinheiten die Woche – alles auf Kondition und Kraftraining ausgerichtet. In der AFL bei Hohenems trainierten wir einige Male im Olympia-Stüztpunkt in Dornbirn mit Testing und dem ganzen professionellen Umfeld, was sehr hart war.
Vorbereitung ist alles
Jetzt, als Coach, ist die Offseason die wichtigste Zeit für mich und ich kann ohne wöchentlichen Zeitdruck Trainings, Videos und Planungen vorbereiten. Während der Saison – wenn jedes Wochenende ein Spiel stattfindet und man nur schon einen Tag braucht, um das Spiel zu analysieren um sich dann wieder aufs nächste Spiel vorbereiten muss – ist der Zeitdruck enorm und alle Details können meist nicht zu 100% analysiert werden. Daher müssen alle Basic-Entscheidungen in der Offseason gemacht werden. Kader zusammenstellen, Playbook erstellen, Vorbereitungsspiele organisieren, Training Camps vorbereiten – all diese Sachen werden in der Offseason gemacht. So haben Coaches alles organisiert und können sich auf die Trainings fokussieren.
Für mich ist es wichtig, dass man bei den Jüngsten mit einer harten effektiven Offseason anfängt, damit sie gar nichts anderes kennen und es zur Routine wird für den Rest ihrer sportlichen Karriere.
Unsere U19-Junioren haben Saison bis Mitte Juli, danach haben sie frei bis 1. September. September und Oktober haben die Spieler dienstags und donnerstags Sprint- und Konditionstraining. Mittwoch, Freitag und Sonntag sind sie im Kraftraining. All diese Trainings sind von spezialisierten Coaches überwacht, und ich als Headcoach bekomme regelmässig Bericht über den Verlauf und Fortschritt. November und Dezember sind wir auf dem Football-Feld für Basic Fundamentals und Play Installments. Dienstag und Donnerstag das ganze Team, samstags haben Quarterbacks und Receiver sogennantes Skill Training. Kraftraining bleibt gleich von September bis Ende März.
Über Weihnachten bekommen die Spieler nochmals 8-10 Tage frei, bevor wir mit voller Ausrüstung Januar und Februar in Football-Saison-Form kommen. März ist der sogenannte Hell Month. Wir starten mit einem Wochenende-Camp, an dem wir 3 Tage zweimal im Tag drei Stunden trainieren und abends die Videos analysieren. Am zweiten Wochenende haben wir das Intersquad Game. Zwei Stunden Offense gegen Defense full go. Die nächsten zwei Wochenende gibt’s Vorbereitungsspiele, bevor dann endlich die Regular Season anfängt. Bis dann haben wir Coaches unsere Aufstellungen und Plays bereit und müssen hoffentlich nur noch kleine Änderungen vornehmen.
Bei der Erwachsenen kommen die Imports dazu
Bei den Erwachsenen ist das Programm ähnlich, jedoch hat der Headcoach und Sportchef noch andere Aufgaben, die es bei den Junioren nicht braucht. So müssen Import-Spieler gescoutet und verpflichtet werden, das kann sich mehrere Monate hinauszögern. Mit hunderten Spieler, die sich anbieten, ist es schwierig, die richtigen zu finden, die in das Team passen.
Ich war selber einige Jahre Sportchef bei den Calanda Broncos und weiss aus eigener Hand, wie schwierig es ist, den richtigen Spieler zu verpflichten. Mein allererster Spieler, den ich nach Graubünden holte, war ein Quarterback, der wohl schlechteste bezahlte Spieler, der jemals in der Schweizer Liga spielte. Aus Fehlern lernt man, und in den folgenden Jahren habe ich stundenlang Videos studiert und mit ehemaligen Coaches gesprochen, damit ich genau wusste, was und wieviel wir in den Import-Spieler investieren.
Sportchefs haben in der Offseason all diese Arbeit. Wenn aber all die Verpflichtungen abgehakt und die Kader zusammengestellt sind, hat der GM ruhigere Zeiten und muss nur noch für einen reibungslosen Trainingsbetrieb sorgen. Der TK-Chef bucht die Felder für Trainings und das Stadion für die Spiele und hat den Draht zu den Verantwortlichen beim lokalen Sportamt. Ein guter TK-Chef hat innert ein bis zwei Monaten all seine Arbeit erledigt und hat dann nur noch während den Home Games etwas Stress.
Zeiten ändern sich, und wie man sieht, geht es ohne harter, geregelter Vorbereitung von Vorstand, Coaches und Spielern in der Offseason gar nicht mehr. Egal ob U16, U19 oder 1st Team, für alle gilt dasselbe: Nach der Saison ist vor der Saison.