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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

5. Buch
6. Zwillinge verschiedenen Geschlechtes.
Indes auch schon bei der Empfängnis von Zwillingen, die für beide sicher im gleichen Augenblick erfolgt, ist merkwürdiger Weise trotz der gleichen Konstellation des Fatums oft das eine Kind männlichen, das andere weiblichen Geschlechtes. Ich kenne ein Zwillingspaar verschiedenen Geschlechtes, beide leben noch, beide stehen noch in guten Jahren; sie sehen sich zwar so ähnlich, als es bei der Verschiedenheit des Geschlechtes sein kann, aber nach ihrem Beruf und der Einrichtung ihres Lebens sind sie einander so ungleich, daß, abgesehen von der Verschiedenheit, die notwendig zwischen männlichem und weiblichem Tun besteht [er versieht das Amt eines Kommandanten und ist fast immer von seinem Wohnsitz fern, sie hält sich ständig in dem ererbten Besitztum und auf dem eigenen Landgut auf], überdies noch [und das ist erst recht unglaublich, wenn man an ein Sternenfatum glaubt, dagegen gar nicht auffällig, wenn man Freiheit des menschlichen Willens und Gnadengaben Gottes gelten läßt] er verheiratet, sie eine gottgeweihte Jungfrau ist, er eine zahlreiche Nachkommenschaft erzeugt hat, sie nicht einmal zur Ehe geschritten ist. „Aber der Einfluß des Horoskops ist doch sehr groß“. Ich habe ausgiebig erörtert, daß gar nichts daran ist. Aber was es immer damit für eine Bewandtnis hat, so wird ein solcher Einfluß an das Horoskop der Geburt geknüpft; macht er sich etwa auch bei der Empfängnis geltend [Das Fatum von Zwillingen verschiedenen Geschlechtes ist so verschieden, dass man ein verschiedenes Horoskop voraussetzen muss, das aber nicht das der Geburtsstunde, sondern das der Empfängnisstunde wäre.]? Ihr liegt doch offenbar nur eine einmalige Beiwohnung zugrunde und so groß ist die Kraft der Natur, daß das Weib, wenn es einmal empfangen hat, daneben nicht noch ein zweitesmal empfangen kann; deshalb können Zwillinge nur gleichzeitig gezeugt werden. Oder hat sich etwa bei der Geburt, weil sie unter ungleichem Horoskop zur Welt kamen, das eine Kind in ein männliches oder das andere in ein weibliches verwandelt? Es wäre freilich vielleicht nicht ganz absurd anzunehmen, daß gewisse Ausstrahlungen der Gestirne Einfluß hätten lediglich auf körperliche Verschiedenheiten, wie wir ja auch sehen, daß durch Sonnennähe und Sonnenferne der Wechsel der Jahreszeiten bewirkt wird und daß mit dem Zunehmen und Abnehmen des Mondes manche Dinge wachsen und sich verringern, wie die Meerigel, Muscheln und das Meer selbst in seinem wunderbaren Ebben und Fluten, während die Willensbetätigung der Seele den Konstellationen der Gestirne nicht unterworfen ist; weil aber die Astrologen auch unsere eigensten Handlungen damit in ursächlichen Zusammenhang bringen, so legen sie uns nahe zu untersuchen, weshalb auch nur hinsichtlich des Körperlichen jene ihre Meinung durchaus nicht für ausgemacht gelten könne. Denn was hängt inniger mit dem Leibe zusammen als das leibliche Geschlecht? und doch konnte, unter der gleichen Konstellation der Gestirne Zwillinge verschiedenen Geschlechtes gezeugt werden. Es ist daher eine ganz einfältige Behauptung und Annahme, es habe die Konstellation der Gestirne, die für beide zur Zeit der Empfängnis die gleiche war, zwar nicht hindern können, daß das Mädchen ein anderes Geschlecht erhielt als ihr Bruder, mit dem es die Konstellation teilte, wohl aber habe die Konstellation der Gestirne, wie sie zur Zeit der Geburt war, bewirken können, daß das Mädchen von ihrem Bruder sich durch jungfräuliche Heiligkeit so sehr unterschied.