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So, wie sich gewisse Ausländer die Schweiz vorstellen, könnte man hier gar nicht leben.
Fredi M. Murer
„Zu unserer Arbeit im Ausland gibt es entweder gar nichts, oder sehr viel zu bemerken.“ Dies schrieb Cécile Küng im Cinébulletin 4/84. Im Mai 1982 hat sie die Leitung des Filmdienstes der Stiftung Pro Helvetia übernommen. Pro Helvetia organisiert seit 1967 Filmwochen und Filmveranstaltungen auf allen Kontinenten. Von 1984 bis 1986 wurden 32 Filmwochen (bei Tourneen durch einen Kontinent wird das gleiche Programm manchmal in verschiedenen Ländern wiederholt) und 69 Filmveranstaltungen durchgeführt. Das Budget, das für den Kulturaustausch mit Schweizer Filmen zur Verfügung steht, beträgt 600000 Franken (1987).
Pro Helvetia unterscheidet zwischen Filmwochen und sogenannten Filmveranstaltungen. Erstere können nur mit der Zustimmung der „Kommission Schweizer Filmwochen“ geplant werden. Sie legt die zu besuchenden Länder fest. Das ausgehandelte Programm muss ihre Zustimmung finden. Damit wird Pro Helvetia von der Rechtsabgeltungspflicht gegenüber den Rechtsinhabern (den Produzenten) entbunden. Die Kommission wird präsidiert von Luc Boissonas, dem Direktor von Pro Helvetia. Weitere Mitglieder sind drei Abgesandte des Filmgestalterverbandes und je ein Vertreter der Trickfilmgruppe, des Filmzentrums, der Produzenten und des Stiftungsrates der Pro Helvetia. Delegierte, zumeist Filmemacher, die im Programm vertreten sind, begleiten die Filmwochen vor Ort. Ihre Erfahrungsberichte werden teilweise im Cinébulletin veröffentlicht.
Die ersten Schweizer Filmwochen — deren Entwicklung ging Hand in Hand mit derjenigen des neuen Schweizer Films — waren nach Aussage von Hans-Ulrich Schlumpf ein grosser Erfolg. Die Filmgestalter, damals zumeist auch Rechtsinhaber der Filme, wollten bei der Gestaltung der Filmwochen mitreden: Die oben erwähnte Kommission wurde ins Leben gerufen, und die Rechtsinhaber stellten ihre Filme gratis zur Verfügung. Bei Filmveranstaltungen werden die Rechte nach Filmpool- Tarif abgegolten. Pro Helvetia kauft Kopien der Filme und lässt diese in den erforderlichen Sprachen Untertiteln. Diese Kopien werden, soweit sie durch Pro Helvetia nicht im Einsatz sind, den Filmemachern für andere filmkulturelle Anlässe zur Verfügung gestellt.
Mit jedem ausländischen Veranstalter handelt Pro Helvetia eigene finanzielle Konditionen aus. Cécile Küng erscheint es wichtig, dass die ausländischen Partner entsprechend ihren Möglichkeiten finanzielle Leistungen erbringen. Der Einsatz des Partners kann darin bestehen, dass er seinen Saal gratis zur Verfügung stellt, einen Teil (oder alle) Kosten für die Inserate übernimmt oder sich an der Erstellung einer Broschüre beteiligt. Die Filmkopien werden von Pro Helvetia meist gratis zur Verfügung gestellt. Falls Rechtsabgeltungen an die Produzenten zu bezahlen sind, werden sie in den häufigsten Fällen ebenfalls von Pro Helvetia übernommen.
Der Delegation bezahlt Pro Helvetia die Reise sowie ein Honorar, der Aufenthalt an Ort soll jedoch wenn immer möglich vom Gastgeberland übernommen werden. Die Kosten der internationalen Transporte der Filme trägt meistens Pro Helvetia, diejenigen der lokalen Transporte die ansässigen Organisatoren. Pro Helvetia stattet die Filme mit Pressefotos, Kritiken etc. aus. Auf Wunsch wird ein allgemein gehaltenes Plakat geliefert, auf das unter geringem Kostenaufwand Filmtitel, lokale Spielorte und -Zeiten eingedruckt werden können. In drei verschiedenen Sprachversionen steht eine „Plakatausstellung zur Geschichte des Schweizer Films“, die zur Zeit aus 27 Plakaten besteht, zur Verfügung. Die Programme werden in Zusammenhang mit dem ausländischen Partner erstellt: Filmwochen sollen den Interessen beider Partner entgegenkommen und alle Landesteile der Schweiz, sowie wenn möglich auch alle Genres, berücksichtigen.
Hans-Ulrich Schlumpf über die Brasilien-Tournee 1976: „Es gab einen Empfang, 300 Schweizer, fast alle mit brasilianischen Frauen, waren da. Eigenartige Leute, Physiker, Ingenieure usw. Zu einem Presseempfang kamen sehr viele Journalisten, vor allem wegen des Essens, weil die Schweiz als grosszügig gilt. Ich war mit einem kleinen Film dabei: Beton-Fluss. Dass man sich gegen eine Stadtautobahn wehrt, war denen völlig fremd. Wenn man in Sao Paulo aus den Fenstern der Schweizer Botschaft schaut, die sich im 20. Stockwerk eines Hochhauses befindet, erblickt man einen einzigen riesigen Spaghettihaufen von Strassen!“
Die Frage nach der Vermittelbarkeit unserer Filme stellt sich immer wieder. Schweizerische Probleme können im Ausland exotisch wirken.
Cécile Küng über Lateinamerika-Tourneen: „Wenn wir jeweils gar nichts über ein Land oder einen Kontinent wissen, überlegen wir, wer interessante Informationen liefern könnte. In Lateinamerika planten wir die Tourneen zusammen mit Cosme Alves Netto, dem Direktor der Cinémathèque in Rio und unumstrittenen grossen Kenner des Films in Lateinamerika. Der Kontakt zu Netto wurde durch Hans-Ulrich Schlumpf hergestellt, sehr oft vermitteln solche Verbindungen jedoch die Schweizer Botschaften. Netto kennt die Leute und weiss, wie sie arbeiten. Er ermöglichte erste Kontakte, stellte mit uns das Programm zusammen, führte uns ein, und alle Stationen dieser Lateinamerika-Tournee waren sehr erfolgreich — ausgenommen Venezuela: Die dortige Cinémathèque rührte aus irgendeinem Grund kaum einen Finger. Die Zusammenarbeit mit den diplomatischen Vertretungen der Schweiz ist meistens für das Gelingen einer Veranstaltung von entscheidender Bedeutung. Oft erhalten wir von ihnen Informationen über mögliche Partner, dann helfen sie uns aber auch bei der praktischen Durchführung. Ohne ihre Hilfe kämen viele Veranstaltungen nicht zustande.“
„Kultur ist, was wir nach Feierabend machen.“ Bruno Moll, seit einigen Jahren Kommissionsmitglied sowie Delegierter in Norwegen und Programmbegleiter in Japan, argumentiert gegen ein Kulturverständnis, das immer wieder auf den Goodwill Engagierter setzen muss, statt dass Mittel bereitgestellt würden, die eine professionelle Kulturarbeit erlauben. Schweizer Filmwochen sollen nicht einfach ein „Hobby einer filmliebenden Botschaftsmitarbeiterin“ (Oslo) sein. Das Budget der Pro Helvetia hält er für unterdotiert, die Besetzung des Filmdienstes mit lediglich zwei Personen für ungenügend. „Wenn man sieht, wie die amerikanische Walze funktioniert, müsste man ihr doch gezielt mit vermehrter Aktivität in unserem Kulturkreis entgegentreten.“
Die meisten Länder kennen eine Filmzensur. So kann es vorkommen, dass für die Filmauswahl die Zensurbehörden oft ziemlich direkt zuständig sind. In vielen Ländern aber ist das Vorgehen dahingehend vereinfacht, dass bei einer Zusammenarbeit mit der offiziellen Cinémathèque die Zensurstelle nicht angegangen werden muss. Filme fallen der Zensur aus unterschiedlichen und oft schwer verständlichen Gründen zum Opfer. Einige Beispiele: Yves Yersins Die letzten Heimposamenter und Fredi M. Murers Grauzone durften 1980 in Ungarn, Rolf Lyssys Konfrontation 1979 in der Tschechoslowakei, Thomas Koerfers Der Gehülfe 1986 in Süd-Korea und Fredi M. Murers Höhenfeuer 1987 in Chile nicht gezeigt werden.
Pro Helvetia kennt keine Restriktionen in der Auswahl der Filme, mit reinen TV-Produktionen oder Auftragsfilmen wird allerdings nicht gearbeitet. Von ausländischer Seite besteht vor allem ein Interesse an langen Spielfilmen. Nur wenige Spielstellen arbeiten engagiert mit Dokumentar- und Kurzfilmen.
Eine grosse Nachfrage besteht nach Filmen von Tanner, Goretta, Soutter, Schmid. Einige Leute haben gemerkt, dass Godard ein Schweizer ist. Hans-Ulrich Schlumpf berichtet, dass man den Namen Tanner in Lateinamerika gekannt hat, obwohl die Leute nie einen Film von ihm gesehen hatten. Namen machen internationale Karriere durch die Presse. Man ist aber bemüht, den ausländischen Partnern darzulegen, dass der Schweizer Film nicht nur aus vier, fünf exportfähigen Köpfen besteht.
Fredi M. Murer: „Die Veranstaltungen sind wichtig, weil sie das offizielle, von der Swissair und der Tourist-Werbung verbreitete Bild der Schweiz etwas korrigieren. Die Menschen im Ausland haben oft das Gefühl, dass in Zürich Gemsböcke auf den Strassen herumlaufen.“ Zwei Vorurteile seien abzubauen, dasjenige der heilen Schokoladen-Uhren-Käse-Demokratie-Freiheit-Arbeitsfrieden-Schweiz, vom Paradies, der Insel, dem Sehnsuchtsland; und dasselbe Trugbild mit umgekehrten Vorzeichen: die Nummernkonto-Schweiz, das reiche Land der vollen Kühlschränke, in dem es keine sozialen Probleme, keine Kriminalität, keine Sorgen gibt. „So, wie sich gewisse Ausländer die Schweiz vorstellen, könnte man hier gar nicht leben.“ Murer hat die Erfahrung gemacht, dass Schweizer Dokumentarfilme und auch Spielfilme ein wichtiges Korrektiv sind: „Die Filme haben ein menschlicheres und glaubhafteres Bild dieses Landes ins Ausland getragen. Durch sie ist die Achtung der Schweiz bei den Ausländern gestiegen.“
In Japan hat Fredi M. Murer mit Höhenfeuer nicht nur gemerkt, dass „ein in der kleinen Schweiz in einem abgelegenen Haus gedrehter Film auch in Japan verstanden wird“, sondern er hat auch die Bekanntschaft eines Filmers gemacht, der Wir Bergler in den Bergen... in einem kleinen Dorf den Bauern vorgeführt hat, um dann einen analogen Film über japanische Bergbauern zu drehen. In Vancouver blieben nach der Projektion desselben Films zwei Dutzend Leute mit Nastüchern vor dem Gesicht in ihren Stühlen sitzen. Es waren ausgewanderte Urner. Der Film brach ihnen fast das Herz, weil sie nach so langer Zeit ihre Sprache wieder hörten und zum Teil die Leute noch kannten. Vancouver ist die Schweiz von Kanada: „Da git’s Meit- li mit Zöpfen und Haarmasche wie im Schächetal. “
Nicht alle Beteiligten können sich mit den Filmen identifizieren, die sie verbreiten. In Sao Paulo hat sich der Schweizer Konsul vor 1000 Leuten geniert geäussert über das Bild der Schweiz, das die Filme zeigen, erzählt Hans-Ulrich Schlumpf. Und in Ungarn verabschiedete sich der Botschaftssekretär 1980 nach einem Mittagessen mit den Worten: „Ich gehe jetzt arbeiten. Uhren verkaufen.“ Das erschien der Filmer-Delegation typisch für das Selbstverständnis eines durchaus interessierten Botschaftssekretärs. In Dublin schrieb Clemens Klopfenstein 1979 auf Anraten des Botschafters und mit dessen Hilfe seine schnell entworfene Eröffnungsrede noch einmal um: „Der Eröffnungsabend ging dann vor einem fast vollen Haus und vor neun Botschaftern plus päpstlichem Nuntius zur Zufriedenheit aller über die Bühne.“ (Klopfenstein)
Eine zentrale Aufgabe der Pro Helvetia ist der Kulturaustausch mit dem Ausland. Der direkte kommerzielle Effekt der Filmwochen und Filmveranstaltungen ist gering zu veranschlagen. Es gibt aber Fälle, in denen Schweizer im Ausland einen Verleih finden und Pro Helvetia-Veranstaltungen Filmen den Weg ebnen konnten. „Bevor wir 1981 unsere Filmwoche in Japan durchführten, war in diesem Land praktisch kein Schweizer Film zu sehen. Seither sind rund zehn Filme nach Japan verkauft worden“ (Cécile Küng). Japan hat im Gegensatz etwa zum geographisch ähnlich exponierten aber viel ärmeren Lateinamerika genügend Geld, um den kulturellen und künstlerischen Film zu pflegen. Japanische Verleiher für Studiofilme besuchten bis anhin nur selten europäische Filmfestivals, für sie waren und sind denn auch an Filmveranstaltungen der Pro Helvetia immer wieder Entdeckungen zu machen, auch wenn einige der gezeigten Filme schon vor mehreren Jahren fertiggestellt worden sind.
Nur relativ wenige Schweizer Botschaften sind mit einem Kulturattachée besetzt. Im Falle Japans und anderer Länder wird die Bedeutung dieses Funktionärs hervorgehoben. Jean-François Guerry ist seit vielen Jahren in Japan ansässig, der japanischen Sprache im mündlichen und schriftlichen Ausdruck kundig und offenbar für Organisatoren und Delegierte auch in der PR-Arbeit eine grosse Hilfe.
Filmwochen und -Veranstaltungen können nur in Ländern durchgeführt werden, in denen eine gewisse Infrastruktur vorhanden ist. Pro Helvetia ist auf eine funktionierende nicht-kommerzielle Struktur im Gastgeberland angewiesen. In Afrika sind das zum Beispiel die Cinémathèques von Algier, Angola oder Moçambiques. Heinz Schmid, Delegierter an den Filmwochen 1986 in Maputo, Angola, berichtete im Cinébulletin über die handfesten Schwierigkeiten, welchen das Gastgeberland auch mit seiner eigenen Filmproduktion gegenübersteht. So sind etwa Geräte wochenlang äusser Betrieb, weil kleine, aber wichtige Ersatzteile fehlen, und wegen Mangel an Klebebändern oder Fettstiften werden Schnittarbeiten oft für lange Zeit unterbrochen. Eine geplante Filmwoche in der Hafenstadt Beira musste abgesagt werden, weil die Stadt nach einem Anschlag auf unbestimmte Zeit ohne Strom auszukommen hatte. Solche Erfahrungen können Filmer aus der privilegierten Schweiz beschämen.
Heinz Schmid improvisierte an Ort und Stelle einen Filmkurs über Filmtricks und Trickfilme nach dem Motto,,Nimmsch was findsch!“ „Gruppenweise machten wir ein paar Filme mit vielen Leuten und Musik und was wir halt sonst noch so fanden, wie Sand, Bananen oder abgefahrene Autoreifen. Jedenfalls stellten die Beteiligten dabei fest, dass man auch politische Aussagen auf diese Weise bringen kann. Ein paar der Übungen wurden auf 35 mm aufgeblasen, und solche Maputo-Musikvideos sollen nun auch in Zukunft zu einem festen Bestandteil der moçambicanischen Wochenschau werden.“ Heinz Schmid schliesst seinen Erfahrungsbericht aus Maputo mit einem Aufruf zu vermehrter Zusammenarbeit. Er schlägt vor, Afrikaner als Stagiaires bei schweizerischen Produktionen auszubilden, moçambicanische Produktionen auf hiesigen Festivals zu zeigen und dem jungen Filmland Produktionsmittel zur Verfügung zu stellen. In einem Land wie Angola wird die Schweiz gebraucht, nicht unbedingt deren Filme.
Filmwochen sind auch und nicht zuletzt PR-Veranstaltungen, deren Erfolg gemessen sein will. Zuschauerzahlen werden herangezogen: 1986 haben in China zwischen 90 000 und 100 000 Zuschauer jeden der fünf entsandten Schweizer Filme gesehen. Der Delegierte Xavier Koller setzt diese für unsere Verhältnisse bemerkenswerte Zahl allerdings gleich ins richtige Verhältnis: Ein chinesischer Film wird durchschnittlich von 90 Millionen Zuschauern besucht.
Meistens müssen sich die Filmwochen mit bescheideneren Zuschauerzahlen zufriedengeben. Hans-Ulrich Schlumpf formuliert es krass: „Filmwochen sind Veranstaltungen, die nur eine Elite erreichen.“ Und erfährt, eingedenk von Erfahrungen mit missratenen Anlässen, weiter: „Um so mehr muss man darauf schauen, dass es wenigstens die erreicht.“
Hans-Ulrich Schlumpf ist zweimal als Delegierter nach Brasilien gefahren. Die erste Tournee von 1976 beschreibt er als vergleichsweise erfolgreich. Die Veranstaltungen waren vom Elan der lokalen Organisatoren getragen, Hans-Ulrich Schlumpf reiste selber zehn Tage vor Beginn an Ort und Stelle, knüpfte zur Presse Kontakte, die sich nachher in einer reichhaltigen Berichterstattung niederschlugen. Zudem wurde ihm Gelegenheit geboten, sich während einer Woche brasilianische Filme anzusehen.
In Rio und São Paulo wurden die Filme in der Cinémathèque gezeigt. Diejenige von Rio ist dem Museum für moderne Kunst angeschlossen, im Saal finden 250 Leute Platz. Das Kino sei, so Schlumpf, jedesmal gerammelt voll gewesen: „Das war eine rein elitäre, kulturelle Veranstaltung. Sie war aber hervorragend besucht und verzeichnete eine gute Ausstrahlung über die Presse und in andere Kulturkreise sowie in die Schweizer Kolonie.“ Rio hat 8 Millionen, inklusive Agglomeration 12 Millionen Einwohner — mit Plakaten Schweizer Filmwochen in einer derartigen Grossstadt präsent zu machen, ist eine Unmöglichkeit. Die Wahl des Spielortes scheint Schlumpf sehr wichtig. In Brasilia wurden die Filme im Keller eines Wolkenkratzers, in einem Kino im Besitz von Shell gezeigt: Die Zuschauer blieben aus.
Rio, sieben Jahre später: Die Filme werden nicht mehr in der Cinémathèque, sondern in einem Kino an einer Hauptstrasse von Copacabana vorgeführt. Das Programm eröffnen Alain Tanners Messidor und Hans-Ulrich Schlumpfs TransAtlantique. Ein anonymes Publikum sitzt den Delegierten gegenüber. Zaira Zambelli, die brasilianische Hauptdarstellerin von TransAtlantique, „lampenfiebert“ der Projektion „ihres“ Films in ihrer Heimat entgegen. Hans-Ulrich Schlumpf kauft in aller Eile noch einen Blumenstrauss, da von den Organisatoren niemand auf diese Idee gekommen ist. Der Regisseur beschreibt die Erfahrung als ernüchternd. Der Elan der ersten Filmwochen ist der Routine gewichen.
Hans-Ulrich Schlumpf fordert seit Jahren die Vorbereitung von Filmwochen an Ort und Stelle. Pro Helvetia organisiert jedoch von Zürich aus. Es liegt am ausländischen Veranstalter, mit seinen Verbindungen, seinem Know-how, seiner Begeisterung das Gelingen der Veranstaltung zu gewährleisten. Aus dem Hintergrund leistet Pro Helvetia Hilfestellung, liefert ein Programm, das den Veranstalter zu Eigeninitiative motivieren soll und stattet ihn mit Material, eventuell Finanzen aus. Pressekonferenzen lassen sich jedoch nicht von Zürich aus organisieren. Alles liegt an der Wahl des richtigen Partners. „Bis der Delegierte im Land ankommt, sollte dort alles so weit vorangetrieben sein, dass dieser nur noch die Filme zu präsentieren braucht. So wird sein Aufenthalt sinnvoll. Wenn er selber noch Plakate aufhängen, Redaktionen, die er nicht kennt, kontaktieren muss, dann ist das ein Zeichen dafür, dass unser Partner seine Aufgabe nicht richtig zu erfüllen vermochte.“ (Cecile Küng)
Erfolg ist auch bei bester Vorbereitung nicht programmierbar, ein Interesse an Schweizer Filmen auch mit grösstem Eifer nicht herbeizuzaubern, wenn kein Bedürfnis vorhanden ist. So berichtet David Streiff in Cinébulletin über die Schweizer Filmwochen 1981 in Florenz: „Das Resultat muss, gemessen an Aufwand und Erwartungen, als mager bezeichnet werden, weil es nicht gelang, die italienische Filmkritik oder die lokale Presse zu interessieren und damit auch nicht das Publikum, abgesehen von ein paar Fans (und zu Anfang noch ein paar Auslandschweizern, die aber immer seltener kamen, je kritischer die Filme wurden). Waren die Filme manchmal auch gut besucht (durch ein mehrheitlich junges Publikum), so verliefen die zwei Round-table-Gespräche im intimen Kreis der Organisatoren und hergereisten Filmemacher und Fachleute.“
Bruno Moll hält Filmwochen in Italien für wenig sinnvoll: „Filmwochen sollten wir in Ländern durchführen, in denen wir am Anfang stehen. Später muss man zu anderen Strategien übergehen, die sich aus einer übergreifenden Zusammenarbeit von Institutionen wie Filmzentrum, EDA und Pro Helvetia entwickeln. Zudem wäre anzustreben, dass unsere Filme in die normalen kommerziellen Kanäle kommen und ausländische Verleiher animiert werden, unsere Filme zu vertreiben. Damit entfernt man sich allerdings vom reinen und ideellen Kulturbegriff der Pro Helvetia, mit welchem meiner Meinung nach allerdings beim Film sowieso schlecht zu operieren ist. Das wäre dann mehr eine Art von Handelsförderung mit kulturellen Prämissen.“
Yves Yersin schreibt nach seinem Kanadabesuch im Jahr 1981: „Aber ich muss dabei doch allen Ernstes sagen, dass dieser Besuch zwar für mich herrlich war (persönliche Begegnungen, Besuche, Dreharbeiten, Konzerte), aber kaum von irgendwelcher Nützlichkeit für den Schweizer Film.“ Es wirkt sehr verständlich, dass Filmer, die ihre Arbeit als Beruf betrachten und ausüben, den Erfolg des Kulturaustausches nicht an Empfängen, Begrüssungen und Ansprachen messen wollen, sondern an Resultaten, die ihre wirtschaftliche Situation verbessern.
1985 zeigte Pro Helvetia ein grösseres Filmprogramm in der deutschen Kleinstadt Reutlingen. „Reutlingen hat einen rührigen Jugendfilmklub. Als wir da Schweizer Filme zeigten, sah es so aus, als ob jedermann nur noch von Schweizer Filmen reden würde. Für die lokale Presse sowie Radio und Fernsehen war die Filmwoche ein grosses Ereignis. Man könnte die gleiche Veranstaltung in einer Grosstadt genauso gut vorbereiten, das Echo würde völlig verschieden sein.“ (Cecile Küng) Der Veranstaltungsort spielt bei der Beurteilung des Erfolgs von Filmveranstaltungen eine grosse Rolle: Besprechungen in Provinzzeitungen sind für die Filmemacher von eher geringem Wert und Interesse.
Filmveranstaltungen, die im Erscheinungsbild den Filmwochen nicht unähnlich sind, werden von Pro Helvetia in Ländern veranstaltet, mit denen man einen intensiveren Kontakt pflegen möchte. Es ist nicht möglich, an ein und demselben Ort alle zwei Jahre eine Filmwoche zu veranstalten, die ja immer eine Übersicht über die gesamte Schweizer Produktion geben soll. Die einheimische Produktion ist dafür zu klein. Filmveranstaltungen weisen spezifischere Programme auf: So konzentriert man sich etwa auf das Gesamtwerk eines Autors, einen Landesteil, ein bestimmtes Thema oder Genre.
„Grundsätzlich, da wir in einem sehr kleinen Land leben und das Thema Inzucht wohl manchmal gute Filme, nicht aber unbedingt gute Filmer, hervorbringt, sind Reisen über die Grenzen zu einem andern Publikum und anderen Filmemachern sicher sehr anregend und wichtig.“ Dieser Stellungnahme Fredi M. Murers würden wohl die meisten einheimischen Filmemacher beipflichten. Fredi M. Murer hat seine Pro Helvetia-Reisen als „sehr dichte und reiche Zeit“ in Erinnerung. Sein auf eigene Faust verlängerter Japanaufenthalt habe ihm über blosses Sightseeing hinaus zu Anregungen für die eigene filmische Arbeit verholfen.