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Von Bären, Stachelschweinen und Holzfällern: Castle Freeman erzählt in seinen Romanen lakonisch von aus der Zeit gefallenen Gestalten in Vermont.
«Es gibt einen Einbruch in ein Haus, das lauter Russen gehört. Ein paar Tage später taucht ein Russe auf und sucht nach dem Einbrecher. Ganz schön viele Russen. Und das hier ist nicht Moskau.» Mit diesen Worten umreisst Sheriff Lucian Wing sein Problem. Und im Prinzip die Geschichte gleich mit. Viel passiert darin, um es vorwegzunehmen, nicht. Der hyperlakonische Ich-Erzähler kontempliert lieber sein «Sheriffsein», als dass er Verbrecher jagt: «Manchmal muss man sich zurückhalten und den Dingen Gelegenheit geben, sich zu entwickeln.»
Moscow übrigens liegt sehr wohl in Vermont. Aber es ist – im Gegensatz zum Tatort – eine typische Vermonter Siedlung. Warum das wichtig ist? Weil Vermont der eigentliche Protagonist von «Auf die sanfte Tour» ist, dem neu auf Deutsch übersetzten Roman von Castle Freeman: Vermont und seine Natives – seine Eingeborenen, wohlgemerkt. Denn wer nicht im zu fast vier Fünfteln mit Wald bedeckten «Green Mountain State» im Nordosten der USA geboren ist, gilt als Flatlander. Mit andern Worten: als Greenhorn. Und Castle Freeman weiss als Betroffener (auch wenn er schon viele Jahre in Vermont lebt – er stammt aus Texas) virtuos mit dieser quasi anthropologischen Konstante zu spielen. Das hat er schon in seinem ersten Vermonter Roman, «Männer mit Erfahrung» (2016), bewiesen.
Philosophische Miniaturen
Freemans Vermont ist bevölkert von Bären, Stachelschweinen, Holzfällern und anderen aus der Zeit gefallenen Gestalten. Wie eben Sheriff Wing, der – anders als sein übereifriger Deputy – weder Uniform noch Waffe trägt und lieber mit dem Pick-up als mit dem Streifenwagen unterwegs ist. «Wie sind die Leute dort gelandet, wo sie jetzt sind?», sinniert Wing einmal. «Ich bin mitten in diesem Städtchen zur Welt gekommen und dann einfach geblieben. Hier bin ich geboren, hier lebe ich und hier werde ich sterben. Das Haus in Fayetteville, in dem Clemmie und ich wohnen, ist nur vier Häuser von meinem Elternhaus entfernt.» Das erinnert an einen Witz, den VermonterInnen über sich selber reissen. Darin ruft ein Flatlander einem Native über die tief im Schneematsch versunkene Strasse hinweg zu, wie er da rübergekommen sei, worauf der Vermonter antwortet: «Hier geboren.»
Castle Freemans Geschichten sind gespickt mit feiner Ironie und einer Lakonie, die er mitunter so zuspitzt – Sheriff Wings Vorgänger aus «Männer mit Erfahrung» hiess noch Wingate –, dass daraus philosophische Miniaturen entstehen. Zum Beispiel, wenn Wing beim Anblick des Hauses auf dem Hügelkamm, in dem der Einbruch geschah, über Arme und Reiche und deren unterschiedliche Landnahme nachzudenken beginnt: «Mein Leben lang war dieser Berg das Hinterste vom Hinterland: abgelegen, steil, dicht bewaldet (…). Eine gute Gegend zum Jagen und Holzfällen (…). Hätte ein armer Mann sich hier niedergelassen, dann hätte er einen Viertelmorgen Land direkt an der Strasse gekauft und seinen Trailer oder ein einfaches kleines Haus daraufgestellt.» Der reiche Russe hingegen, der den ganzen Berg gekauft, geschliffen und nach seinen Vorstellungen umgestaltet hat, «verwandelt den Arsch der Welt in wertvollen Grundbesitz. Vielleicht laufen noch immer Bären und Stachelschweine dort herum, aber jetzt sind es seine Bären und Stachelschweine, und zwar in einem Mass, wie sie es für den armen Mann nie wären.»
Am Rand der existenziellen Krise
Schliesslich ist es dann aber nicht die Russenmafia, sondern der allseits als Hauptverdächtiger des Einbruchs gehandelte Sean Duke, der den Sheriff an den Rand einer existenziellen Krise treibt, die in der Frage gipfelt: «Wie gross ist der Trottel, für den mich die Leute halten?» Der Ausgang sei natürlich nicht verraten – nur so viel für all jene, die noch zweifeln, ob sich die Lektüre lohnt: Der Roman liest sich wie ein Drehbuch zu einem Film der Coen-Brüder.