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Fragt man sich worin der Ursprung der menschlichen Vereinigung zu Gemeinschaften staatlichen Typs liegt, so stößt man auf eine Fülle möglicher Antworten; eine hiervon ist es, sowohl Grund als auch Zweck im Menschen selbst zu sehen, wie dies Platon tat:„…Oder glaubst du, eine Verfassung entspringe aus einer Eiche oder einem Felsen, nicht aber aus den Charakteren im Staat, die wie das Gewicht auf der Waage alles nach sich herziehen?“ (Politea, 544d,e). Der Mensch und dessen Verwirklichung bilden sohin den Ausgangspunkt der staatlichen Vereinigung, dies auch, da kein Mensch zur vollkommenen Autarkie fähig ist und es damit einhergehend eines Zusammenwirkens und einer Arbeitsteilung zwischen den Individuen bedarf. Wie muss nun die Polis beschaffen sein um diese Verwirklichung ermöglichen zu können?
Platon erläutert dies in einem anhand eines dreiteiligen Prozesses, welcher seinen Ausgang bei der „Stadt der Notwendigkeit“, die auf die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse des Menschen begrenzt ist, nimmt; um daran anschließend in die „üppige Stadt“, welche zwar vermehrte Güter bereitstellt, aber auch zugleich vermehrte Bedürfnisse und damit einhergehend Konflikte generiert, überzugleiten. Seinen Abschluss findet der Prozess dann wiederum in der „gereinigten Stadt“, welche sich durch Bildung und Erziehung sowie die Vernunftzentriertheit der Regierung auszeichnet. Es spiegeln sich somit in der Entwicklung der staatlichen Gemeinschaft auch die Entwicklung des Menschen selbst wider, von der ursprünglichen in Unschuld bestehenden Gemeinschaft über den quasi Sündenfall bis hin zur Erkenntnis. Die dritte Stufe der „gereinigten Stadt“ darf dabei nicht als eine Rückkehr in den Ursprung der menschlichen Gemeinschaft verstanden werden, da der einmal eingeleitete Prozess des Austritts aus der Natürlichkeit nicht mehr umkehrbar ist. Wohl aber kann die üppige Stadt als Ausgangspunkt zur Verwirklichung der eigentlichen Bestimmung des Menschen, nämlich dessen Selbstverwirklichung, dienen; und zwar indem ihre Errungenschaften, wie Kultur und Politik, zur Vervollkommnung genutzt werden. Dieses Topos der Trinität des Weges bis zur Vervollkommnung ist zum einen ein bereits aus der biblischen Sphäre bekannter, jedoch auch in der späteren Philosophie durchaus präsenter. Zu denken wäre hierbei etwa an Rousseau und Marx, die beide, obwohl ihrer Ausrichtung nach klar aristotelisch, den Weg des Menschen und mit ihm der Gemeinschaft von der Ursprünglichkeit eines Urkommunismus bzw. homme sauvage, über die Klassengesellschaft und den bourgeois, bis hin zur klassenlosen Gesellschaft und dem citoyen spannen.
In dieser starken Identifizierung des Menschen mit dem Staat, was Werden und Wesen anbelangt, zeigt sich einmal mehr wie grundlegend Platons anthropologisches Konzept auch für die von ihm entworfene Staatslehre ist: der Staat wird als nichts anderes als ein vergrößerter Mensch, indem auch wie im Menschen selbst dieselben drei Seelenkräfte (Mut, Vernunft, Trieb) ruhen, gesehen.
Für die rechte innere Ordnung der Polis ist, wie für die Ordnung im Menschen selbst, damit dieser zur Erkenntnis gelangen und die Idee an sich zu schauen vermag, die Ordnung der Seelenkräfte von elementarer Bedeutung. Die Vernunft, repräsentiert durch die Philosophenkönige, steht an der Spitze, gefolgt von Mut, die Kaste der Wächter, und dem Trieb, die Kaste der Bauern und Gewerbetreibenden.
Der Mensch findet sich bei Platon sohin vollständig in die Polis eingefügt, ist Teil von ihr und die Polis selbst, gleichzeitig die umfassendste Form der Gemeinschaft. Die Polis figuriert in Platons Staatssystem damit einhergehend nicht als etwas gegenüber welchem den Menschen eine Freiheitssphäre zukommt, wie wir dies von modernen liberalen Staatskonzeptionen kennen, vielmehr manifestiert sich die Freiheit im platonischen Sinne im Zusammenwirken des Einzelnen mit allen anderen entsprechend seinen Fähigkeiten in der Polis.
Es würde allerdings dennoch zu kurz greifen Platon deswegen als einen Wegbereiter des Totalitarismus abzukanzeln, gerade er verwehrte sich auch gegen die Tyrannis als eine passende Staatsform „Einen Vatermörder nennst du daher den Tyrannen und einen üblen Nährvater des Alters! Dies wäre dann die offene Tyrannis, und das Volk wäre – wie es im Sprichwort heißt – vor dem Rauch des Feuers geflohen, um in das Feuer der Knechtschaft unter Sklaven zu fallen…“ (Politea, 569 b-c). Seine ablehnende Haltung gegenüber einer stark ausgeprägten Freiheitssphäre des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft, liegt verwurzelt darin, in ebendieser den Nährboden für die Entfremdung des Einzelnen von der Gemeinschaft und daran anschließend den Untergang des Gemeinwesens zu sehen „Auch die Demokratie geht an dem unersättlichen Streben nach ihrem höchsten Gut zugrunde.“ „Welches Gut meinst du?“ „Die Freiheit!...“ (Politea, 562 b-c).
Gerade dieser Verzicht auf eine Freiheit vom Staat im engeren Sinn mag heutzutage befremdlich anmuten und bietet damit auch Nährboden für kontroverse Diskussionen (siehe K.R. Popper, „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“), dennoch muss auch er aus der Sicht auf das damals vorherrschende Modell der Demokratie, welches sich bei weitem nicht mit unserem heutigen Verständnis deckt, verstanden werden und wendet sich in seinem Kern gegen eine sich gegen das Gemeinwesen zentrierende Willkürfreiheit und somit gegen die Vereinzelung von der Gemeinschaft.