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Die Oktoberrevolution 1917 verändert Iwan Bunins Leben für immer. Bunin ist damals 47 Jahre alt und weit herum als Autor geachtet. Er hasst Lenin und die Bolschewiki aus vollem Herzen. Und er erkennt, dass es für ihn, den Konservativen mit adliger Abstammung, im Sowjetstaat keinen Platz gibt. Er emigriert in den Westen. Wie Millionen anderer Russinnen und Russen.
Bunin schildert sein Entsetzen über die Gewalt, die Russland im Zuge von Revolution und Bürgerkrieg überzieht, in seinem Tagebuch «Verfluchte Tage». Es ist kürzlich in der mehrbändigen deutschsprachigen Neuausgabe von Bunins Werk im Zürcher Verlag Dörlemann erschienen.
Alkohol, Kokain, Gewalt
Ungeschminkt berichtet Bunin von der Verrohung der Sitten: «Es heisst, die Matrosen, die man … zu uns geschickt hat, hätten sich durch Saufen, Kokain und Eigenmächtigkeiten in wahre Teufel verwandelt. … Kürzlich wollten sie eine Frau und ihr Kind töten. Sie flehte, man solle sie um ihres Kindes willen verschonen, aber die Matrosen grölten: ‹Keine Sorge, der kriegt auch eine Ladung ab!’ und erschossen das Kind›.»
Bunin lebt nach der Revolution in Frankreich. Er schreibt weiter und pflegt seinen künstlerischen Stil, der im 19. Jahrhundert wurzelt: lyrische Naturschilderungen, psychologische Charaktere, Realismus, Reduktion auf das Wesentliche.
In der Tradition der Grossen
Bereits in seiner Jugend schwärmt der 1870 geborene Bunin für Autoren wie Lew Tolstoj oder Anton Tschechow. Seine eigenen ersten literarischen Erfolge hat Bunin als Lyriker. Mit 21 veröffentlicht er einen Gedichtband, mit 27 die erste Sammlung mit Erzählungen.
Gross ist die Beachtung, die Iwan Bunin 1910 mit der längeren Erzählung «Das Dorf» findet: Er beschreibt Jahrmärkte mit Bauern, Händlern und Soldaten, Dorfschenken und Bahnhöfe. «Das Dorf» ist ein zugleich düsteres wie realistisches Porträt des russischen Landlebens – und dient Bunin als Sinnbild von ganz Russland: dumpf, träge, rückständig, öde.
Auf einen Schlag berühmt
1915 veröffentlicht er seine meisterhafte Novelle «Ein Herr aus San Francisco», die Geschichte eines reichen Amerikaners, der auf Weltreise geht und dann auf der Insel Capri vom jähen Tod ereilt wird.
Das Stück macht Bunin auch im Westen auf einen Schlag berühmt. Es ist in einer ebenso plastischen wie doppelbödigen Sprache gehalten und voll von Metaphorik – auf eine verpasste Lebensgestaltung, auf gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, auf eine Welt, die auf den Abgrund zusteuert.
In den Erinnerungen verwurzelt
Dass Bunin nach der Emigration in den 1920er-Jahren seinem strengen realistischen Stil treu bleibt, unterscheidet ihn von vielen anderen russischen Autoren. Von der Experimentierlust der damals aufblühenden russischen Avantgarde hält er wenig.
Vielmehr zehrt er von seinen Erinnerungen ans alte Russland. Dabei rückt er in seinem Schreiben mehr und mehr die Grundthemen der menschlichen Existenz an sich ins Zentrum: Liebe, Einsamkeit, Verfall, Tod.
1924 erscheint eine seiner bekanntesten Erzählungen überhaupt: «Mitjas Liebe», die Geschichte eines jungen Mannes, der sich in einer unglücklichen Liebe gänzlich verzehrt.
Erster Russe mit Nobelpreis
Bunin engagiert sich im französischen Exil für die Sache der russischen Migranten. Dennoch vereinsamt er zusehends. Auch werden die Finanzen knapp. Umso grösser seine Freude, als er 1933 den Nobelpreis für Literatur erhält. Als erster Russe überhaupt.
Bunin schreibt weiter. Unermüdlich. Jetzt an seinem längsten Prosawerk, dem autobiografischen Roman «Das Leben Arsenjews». Noch einmal beschwört Bunin darin das alte Russland, seine Jugend, lyrisch, melancholisch. Allerdings in einer Sprache, die bruchstückhafter bleibt als früher, härter und fragmentarischer. Vieles bleibt offen und evoziert Nachdenken.
Der Barbarei zusehen
Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, verfolgt er mit Grauen, wie die Welt, die er kennt, ein zweites Mal in der Barbarei zu versinken scheint. Stalins Sieg über Hitler-Deutschland lassen den Dichter das Sowjetregime dann etwas wohlwollender beurteilen. Es bleibt aber bei seiner Ablehnung der Diktatur, die den Kulturschaffenden keine Freiheit lässt.
Prominente Sowjetautoren drängen Bunin nach 1945 dazu, in die Sowjetunion zurückzukehren. Obwohl er sich im Innern nach seiner Heimat sehnt, lehnt er ab. Er bleibt im Exil.
Und er schreibt weiter, wieder Kurzprosa, dann Memoiren. Es wird zusehends einsamer um den alternden Dichter. Melancholie. Er beginnt ein Buch über Tschechow. Es bleibt unvollendet. Iwan Bunin stirbt am 8. November 1953 in Paris.
Buchhinweis
Der Zürcher Verlag Dörlemann gibt seit 2003 das literarische Werk Iwan Bunins in mehreren Bänden in neuer deutscher Übersetzung heraus. Bisher sind neun Bände erschienen, zuletzt: «Iwan Bunin: Ein Herr aus San Francisco. Erzählungen» 1914/1915. Deutsch von Dorothea Trottenberg. Dörlemann 2017.