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Als der Eiserne Vorhang fiel, die Sowjetunion sich auflöste und auch das blockfreie Jugoslawien auseinanderzubröckeln begann, machten es sich Karl-Markus Gauß und Ludwig Hartinger zur Aufgabe, die bisherigen Randregionen kulturell dorthin zu rücken, wo sie geographisch eh' hingehören: in die Mitte Europas. Gauß übernahm die Zeitschrift Literatur und Kritik (deren Beirat Hartinger angehört) und gab Autoren aus der bislang wenig beachteten, aber umso lebhafteren Literaturszene des immer noch so genannten Osteuropa ein Forum. Parallel veröffentlichte Gauß erzählende Reisebücher, deren Recherche ihn immer wieder in die Länder der ehemaligen Sowjetunion oder noch einer älteren imperialen Macht, nämlich der k.u.k. Monarchie, führten. Hartinger lernte Slowenisch. Inzwischen beherrscht er das anfangs fremde Idiom so gut, dass er sogar Gedichte auf Slowenisch veröffentlicht (und dafür Preise bekommt) - eine bemerkenswerte sprachliche und künstlerische Leistung!
Beide zusammen gaben das Buch der Ränder heraus, eine Fortsetzungsreihe von Prosa, Essays und Lyrik, die im Wieser Verlag erscheinen. Dessen Verleger hat sich ebenfalls die kulturelle Vielfalt und politische Einheit Europas zur Aufgabe gemacht. Lojze Wieser, Kärntner Slowene oder, je nach Lesart, slowenischer Kärntner - die Grenzen in den Köpfen sollen ja wegfallen - hat sich dazu die Reihe Europa erlesen ausgedacht. "Die kleinen Bände möchten Wegweiser sein", heißt es im Geleitwort, "die dem Leser … eine Art Wanderkarte mit ins Gepäck geben, mit der er sich auf Wanderung begibt.
Rund siebzig solcher Wegweiser sind mittlerweile erschienen. Der jüngste führt in die Gottschee. Diese Region befindet sich nun wirklich im Herzen Europas, doch kaum jemand kennt sie. Seit dem 14. Jahrhundert wurde sie von deutschen Bauern aus Kärnten und Osttirol besiedelt, die das waldreiche Gebiet urbar machen sollten. Das Vorhaben glückte nur teilweise. Zu karg war der Boden, zu extensiv die Bebauung, um dem Land dauerhaft eine auskömmliche Existenz abzuringen. Viele Gottscheer verlegten sich auf den Hausiererberuf und waren als solche bis in den letzten Winkel der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie bekannt. Diejenigen, die es nicht in den Grenzen des Habsburgerreichs hielt, suchten ihr Glück als Auswanderer in Amerika.
Doch es blieben auch einige. Sie schufen eine deutsche Kulturinsel im slowenischen Umfeld. Als sie nach dem Ersten Weltkrieg Teil des jugoslawischen SHS-Staates wurden, hieß ihre Region nunmehr Kočevska und ihr Hauptort Kočevje (beides heißt auf Deutsch Gottschee). Die Kinder wuchsen dreisprachig auf und behielten neben der Hauptsprache Slowenisch und der Minderheitensprache Deutsch auch ihren eigentümlichen Dialekt.
Dü hoscht lai oin Attain, oin Ammain datsüe, dü hoscht lai oin Hoimöt, Göttscheabascher Püe, heißt es in einem Gedicht des 1938 verstorbenen Wilhelm Tschinkel. (Du hast nur einen Vater, eine Mutter dazu, du hast nur eine Heimat, Gottscheer Bub), das im Gottschee-Sammelbändchen Aufnahme fand. Viel ist von der Heimat nicht übrig geblieben. Die Gottscheer haben sich assimiliert, die Kočevska ist heute ebenso selbstverständlich ein Bestandteil Sloweniens wie die Krain oder die Untersteiermark.
Karl-Markus Gauß hat die Kočevska oder Gottschee unmittelbar nach der Sezession Sloweniens von Jugoslawien ausführlich bereist und im ersten Kapitel seines Buchs Die sterbenden Europäer gewürdigt. Seither ist im deutschen Sprachbereich nicht mehr viel über diese Region erschienen. Die Neuerscheinung in der Europa erlesen-Reihe füllt endlich diese Lücke.
Zwei Texte von Gauß hat Jakob Grollitsch, auch er ist wie Wieser Kärntner Slowene und Inhaber zweier Pässe, in seine sorgfältig zusammengestellte Kompilation übernommen. Sie beginnt mit der Waldordnung der Herrschaft Gottschee, erstellt durch Friedrich Graf zu Ortenburg, und endet mit der Selbstvorstellung der Miss Gottschee: Danielle Hinton trägt diesen Titel, und ihre Dankesrede ist sogar auf Youtube zu sehen. Einen solchen Wettbewerb gibt es natürlich nur in den Vereinigten Staaten, die Kočevska erscheint zu hinterwäldlerisch für ein solches Spektakel. Doch ist es die Auseinandersetzung mit demselben Schicksal, welche die Gottscheer Minderheit diesseits mit derjenigen jenseits des Atlantiks verbindet: Ihre Stimme darf nicht sterben.
Dies zu verhindern, dazu trägt auch Jakob Grollitschs Sammelband bei. Die knapp zweihundert Seiten fügen sich zu einer Entdeckungsreise der ganz besonderen Art, in eine fast verschwundene Welt, die so fern scheint und doch so nah ist.