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Unitobler
Als die Stadt Bern 1997 mit dem Wakkerpreis für die Umnutzung von Industriebauten ausgezeichnet wurde, war die Unitobler Vorzeigebeispiel und Kronzeuge. Weitere, teils internationale Auszeichnungen unterstreichen Bedeutung und Qualität dieser Umnutzung der einstigen Schokoladefabrik zum Zentrum für Geisteswissenschaften.
Nur selten vermag zeitgenössische Architektur von konzeptionellen Überlegungen bis hinab zum Detail solchermassen zu überzeugen, ohne sich mit gestalterischen Eingriffen in den Vordergrund zu drängen. An der Unitobler stehen alte und neue Elemente gleichberechtigt nebeneinander. Die Realisierung des Projekts erstreckte sich vom Kauf der Liegenschaft 1982 durch den Staat Bern bis zur Eröffnung im Jahr 1993.
Eine Foto aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zeigt die Schokoladefabrik in ihren Anfängen; das Länggassquartier ist erst locker bebaut, aber bereits mit der elektrischen Strassenbahn erschlossen. Auf einen historistischen Sichtbacksteinbau mit Eckturm folgte wenige Jahre später eine Nummer grösser der noch heute das städtebauliche Wahrzeichen bildende Jugendstil-Eckturm an der Länggassstrasse. Die anschliessenden Bauphasen vervollständigten zuerst den Baublock an der Länggassstrasse stadtauswärts (1932-33, Architekten W. und H. Eichenberger), und in den 1950er Jahren den Flügel am Lerchenweg.
Auf dem Luftbild aus dem Jahr 1986 und den Etappen der Arealbebauung (Plan unten) wird die städtebauliche Leistung des Architektenkollektivs Clémençon Herren Roost gut ersichtlich: Mit mehreren strategischen Abbrüchen wurde die unsystematisch erscheinende Gesamtstruktur in eine neue Logik überführt: Die Bauten an der Länggassstrasse wurden zu einer lang gezogenen Hofrandbebauung uminterpretiert; die Geometrie des unwirtlichen Hofraums mit dem Neubau des Vorlesungstraktes geklärt und zum idyllischen Platanenhof umgedeutet.
Die Architekten der Unitobler verfolgten im grossen wie im kleinen Massstab die Strategie, strukturbildende Elemente zu erhalten, mit gezielten Abbrüchen Freiräume zu schaffen und mit bedarfsorientierten Eingriffen neue räumliche Bezüge zu stiften. Dieses aufwändige Verfahren, welches zahllose Einzelentscheide erforderlich machte, hat aus heutiger Sicht zum Gelingen der Aufgabe und zum Erhalt der Integrität des industriegeschichtlichen Denkmals wesentlich beigetragen. Über den Imagewandel, den die philosophisch-historische Fakultät durch den Bezug der ehemaligen Fabrik erfahren hat, lassen sich nur Mutmassungen anstellen. Geglückt ist in jedem Fall die Integration ins Wohnquartier: Dieses profitiert nicht nur von der Belebung durch die Universität sondern auch vom grossen Platanenhof, der zu einem der räumlichen Zentren des Länggassquartiers geworden ist.
Das Herzstück der Unitobler ist in jeder Hinsicht die Bibliothek, welche im neu entstandenen Innenhof eingebaut wurde. Über die Schleuse des aus Glasbausteinen errichteten Entrées betreten die BesucherInnen einen nicht nur wegen der hoch aufragenden Büchertürme und der Ambivalenz von Innen und Aussen einzigartigen Raum. Die klösterliche Abgeschiedenheit hinter den Filtern mehrerer Raumschichten macht vergessen, dass man sich im Kellergeschoss bewegt. Die ursprüngliche Idee, alle Bibliotheken zu einer grossen Gesamtbibliothek zusammen zu schliessen und von den ringsum gelegenen Instituten aus über kleine Brücken zu erschliessen, ist räumlich gelungen, betrieblich aber nie umgesetzt worden.
Besonders interessant sind die Beziehungen, welche gänzlich neu gestaltete Abschnitte der Unitobler zu jenen Teilen eingehen, welche ergänzt, überformt, verändert worden sind. Die Pluralität von Formen - so hat es wenigstens den Anschein - hat auf die Architekten eine befreiende Wirkung ausgeübt; sodass neben im wörtlichen Sinn vielschichtigen oder transparenten Elementen (z. B. auf dem Bild unten) Details von hoher räumlicher und bildnerischer Qualität entstanden sind. Die Unitobler verfügt über den Reichtum einer Stadt, nicht nur ihrer Grösse, sondern auch ihrer Vielfalt wegen. Dass sich der Komplex in den mittlerweile mehr als 10 Jahren seines Bestehens kaum abgenutzt hat, zeichnet ihn zusätzlich aus.
Unaufdringlichkeit, Solidität und Selbstverständlichkeit, Qualitäten, welche die Architektur der Unitobler prägen, sind auch den 9 Musen der Künstlerin Elisabeth Langsch eigen. Das Kunstwerk bereichert den Komplex mit 8 im Hof aufgestellten Keramikstatuen und der farbigen Bedachung auf dem Haus der Studentenschaft.
Literatur:
Baudirektion des Kantons Bern, Hochbauamt (Auftraggeber), Planung UNI Tobler Bern: Bericht zur Umgestaltung der ehemaligen Fabrikgebäude der AG Chocolat Tobler (...), Bern (Alfred Lang et al.) 1986
Barbara Wyss-Iseli (Red.), Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern, Hochbauamt (Hrsg.) UNITOBLER, Bern 1993
Patrick Feuz, Andreas Tobler, Schoggibaron. Das bittersüsse Leben Theodor Toblers (1876 bis 1941), Bern (Benteli Verlag) 1996
Unipress 108, April 2001: Schoggitobler - Unitobler - Uni
Chocolat Tobler - Zur Geschichte der Schokolade und einer Berner Fabrik. (Begleitpublikation zur Ausstellung «Chocolat Tobler – Eine Dreiecksgeschichte. Von 1899 bis heute» im Kornhaus Bern, 12. Mai bis 1. Juli 2001) Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde 1, 2001