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«Sinn, Freiheit und Verantwortung» – so lautet der Titel eines Buches mit vier Texten von Viktor E. Frankl aus vier Jahrzehnten (1946 – 1984). Drei Texte aus dem Nachlass liegen erstmals in Buchform vor. Inwiefern kann Frankl damit in Problemlagen unserer Zeit hineinleuchten und Lösungsansätze liefern?
Im ersten Text «Über kollektive Neurosen» (1955) macht Frankl eine Zeitdiagnose der 1950-er Jahre, die er mit vier Symptomen charakterisiert. 1. Eine provisorische Lebenshaltung: «Der Mensch von heute ist gewöhnt, in den Tag hinein zu leben» (S.35) und merke nicht, «dass er dabei alles versäumt» (S. 36). 2. Eine fatalistische Lebenseinstellung: Es sei eh nicht möglich, gegen die Triebe, das Schicksal oder die Gene anzukämpfen. 3. Kollektivistisches Denken: Man möchte nicht als Persönlichkeit auffallen und verstecke sich lieber in der Masse und folge dem Herdeninstinkt. 4. Fanatismus: Für den Fanatiker gelte nur seine eigene Meinung. «aber in Wirklichkeit hat er keine eigene Meinung, sondern nur die sogenannte öffentliche Meinung, und die hat eigentlich nicht er, sondern sie hat ihn» (S.41). Diese vier Symptome «lassen sich zurückführen auf Scheu vor der Verantwortung und Flucht vor der Freiheit. Freiheit und Verantwortung aber machen die Geistigkeit des Menschen aus. Der heutige Mensch aber ist geistesüberdrüssig, und dieser Geistesüberdruss ist eben das Wesen des zeitgenössischen Nihilismus.» (S.45) Wie lautet Ihre Zeitdiagnose, liebe Leserin, lieber Leser, für den Beginn des 21. Jahrhunderts?
Der zweite Text basiert auf einem Fernsehinterview von 1977 im kanadischen Fernsehen. Darin wird deutlich, dass Frankl schon vor seinen dreijährigen Erfahrungen als Häftling in verschiedenen Konzentrationslagern von der «unbedingten Sinnhaftigkeit des Lebens» (S.49) überzeugt war. Der Glaube an die Sinnhaftigkeit des Lebens trotz aller Gräuel im KZ habe die Überlebenschancen nachweislich erhöht. «Die Frage war, wofür man überleben sollte; wenn es nicht etwas oder jemanden gab, ein persönliches Anliegen, um dessentwillen man überleben wollte, war ein Überleben kaum möglich.» (S. 51) Der Sinnkrise der Gegenwart (1977!) könne man nicht durch Konformismus entkommen, sondern durch Aufgaben und der «Freiheit, seine Aufgaben wählen zu können» (S. 70). Das Streben nach Glück, wie es in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung als «Recht auf pursuit of happiness» garantiert sei, beruhe auf einem Widerspruch in sich. «Denn Glück kann niemals wirklich angestrebt werden. Glück muss sich ergeben» (S. 71). « Der Mensch wird zu sich selbst (…bs), in dem er sich nicht mit sich selbst oder irgendetwas in sich selbst beschäftigt, sondern seine Selbstranszendenz auslebt – indem er einer Sache dient, einen Sinn erfüllt oder einen anderen Menschen liebt.» (S.72) So viel zum egoistischen Glücksstreben und zur sogenannten Selbstverwirklichung…
Der dritte Text mit dem Titel « Die Existenzanalyse und die Probleme der Zeit», der als Vortrag am 28. Dezember 1946 gehalten wurde und noch unter dem Eindruck des vergangenen Weltkrieges und Frankls Zeit im Konzentrationslager steht, besticht durch die Inanspruchnahme der Freiheit. Dabei zitiert Viktor Frankl Hölderlin mit dem Satz «Wenn ich auf mein Unglück trete, stehe ich höher» (S. 98) und setzt den Menschen, der sich gegen Einschränkungen Freiheit ertrotzt als «ein Wesen, das über sich selbst entscheidet» (s. 90). Mit diesem Freiheitskern des Menschen setzt sich Frankl von determinierenden Ideologien des Naturalismus, des Soziologismus und des Psychologismus ab. Mit der freien Entscheidung zu etwas übernimmt der Mensch die Ver-antwort-ung für sein Leben.
Im vierten Text mit dem Titel «Bewältigung der Vergänglichkeit», der als Vortrag 1984 gehalten wurde, geht es Frankl nicht um eine Bewältigung der Vergangenheit, sondern der Vergänglichkeit. Kann man trotz der Vergänglichkeit, der Sterblichkeit JA zum Leben sagen? Wenn das Leben keinen Sinn hat, wird schnell alles nutzlos, man fällt in eine Lebenskrise, eine Midlife-Krise, eine Depression, wie dies schon Einstein festgestellt hat: «Der Mensch, der keinen Sinn für sein Leben gefunden hat, ist nicht nur unglücklich, sondern lebensunfähig» (S. 127). Nach Frankl geht es nicht darum, dass der Mensch einen Nutzwert hat, sondern einen bedingungslosen Wert und eine bedingungslose Würde. Statt jeden Tag ein Blatt vom Wandkalender abzureissen und zu sehen, wie der Kalender immer dünner wird und das Leben verrinnt, schlägt Frankl einen Menschen vor, «der jeden Tag ein Kalenderblatt vom Wandkalender abreisst, es umdreht und sich auf der Rückseite Notizen macht, tagebuchmässige Notizen – was er getan hat an dem Tag, was er erlebt hat, was er geschaffen hat an dem Tag, was er tapfer durchgelitten haben mag an dem Tag.» (S. 156)
Entscheiden Sie selbst: Wie aktuell und ermutigend sind Viktor E. Frankl Texte heute noch für Sie?
Viktor E. Frankl: Sinn, Freiheit und Verantwortung. Weinheim Basel 2023. ISBN: 978-3-407-86770-4
Viktor E. Frankl wurde 1905 in Wien geboren, doktorierte dort in Medizin und Philosophie. Während des Zweiten Weltkriegs verbrachte er drei Jahre in Auschwitz, Dachau und anderen Konzentrationslagern. Als Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse machte er während vier Jahrzehnten Vortragsreisen in alle Welt und erhielt 29 Ehrendoktorate. Seine Bücher erschienen in über 50 Sprachen und erreichen Millionenauflagen.
Titelbild: Kausalketten können mit freiem Willen unterbrochen werden. (Foto von mindandi auf Freepik)