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Anders als die umliegenden Länder nutzt Vietnam das lateinische Skript. Das hat natürlich eine Geschichte.
Es fällt sofort auf: Vietnamesische Wörter können auch von uns Europäern gelesen werden. Allerdings nützt uns das nicht viel, den lesen ist nicht entziffern. Die Freude währt also nicht lange. Aber warum benutzt dieses südostasiatische Land die lateinische Schrift? – Man wittert sofort einen kolonialen Übergriff.
Nun, das ist nicht ganz falsch aber die Lage ist etwas komplizierter: Die vietnamesische Sprache ist verwandt mit der chinesischen. Bis ins 17.Jahrhundert verwendete man für die Aufzeichnung die beiden Schriftsysteme Hán Nôm und chữ Nho, die beide auf chinesischen Zeichen basierten.
Eine Reihe von Missionaren entwickelten im 17.Jahrhundert ein Schriftsystem, das auf dem lateinischen Alphabet aufbaut. Als Pioniere gelten hier Christofora Borri, Francisco de Pina und Francisco de Buzomi, die mit Hilfe von einheimischen Gläubigen und Geistlichen vietnamesische Begriffe, noch uneinheitlich, in das lateinische Alphabet transkribierten. Das ist eine einzigartige Leistung und das Skript ist offenbar die die einzige verbreitete Schrift zur Notation einer tonalen Sprache, die auf dem lateinischen Alphabet basiert. Man nennt sie Chữ Quốc Ngữ
Die Missionare wollten das Christentum verbreiten und dazu nutzten sie Wort und Schrift. Die Vietnamesen erkannten sehr bald den Nutzen dieser Vereinfachung, die auch ihnen half.
Auf Wikipedia lesen wir:
«Die Etablierung von Chữ Quốc Ngữ im kolonialen Bildungswesen neben der französischen Sprache führte erstmals dazu, dass die vietnamesischen Elite eine Schriftsprache beherrschte, die auch von der Masse der Bevölkerung erlernt werden sollte. Die jungen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts nutzten Chữ Quốc Ngữ zur Verbreitung neuer Ideen, insbesondere zur Formulierung des antikolonialen vietnamesischen Nationalismus und des Kommunismus. Daneben führte die neue Schrift jedoch dazu, dass die alten chinesischen Schriften nicht mehr ohne weiteres gelesen werden können. Ebenso erschwerte Chữ Quốc Ngữ die Kommunikation mit anderen ostasiatischen Völkern, welche ihre chinesischstämmigen Schriften beibehielten. In den Jahren 1933–1945 bemühte sich die literarische Bewegung Tự Lực Văn Đoàn mit ihrer Leitfigur Nhất Linh um ein klares, einfaches Quốc Ngữ ohne chinesische Lehnwörter und initiierte damit eine Modernisierung in der Literatur Vietnams».
Im September 1945 riefen die Việt Minh die Demokratische Republik Vietnam aus und machten die lateinische Umschrift Chữ Quốc Ngữ, die für die Landbevölkerung leichter zu erlernen war als die alten Schriftsysteme mit chinesischen Schriftzeichen, zur offiziellen Staats- und Verkehrsschrift. Die Alphabetisierungsrate stieg von damals 5 % auf um 90 % in jetziger Zeit.
Eine besondere Rolle spielte dabei der Jesuit Alexandre de Rhodes (1591 – 1660) . Sein Verdienst war es, das erste vietnamesisch-lateinische Wörterbuch geschrieben zu haben, das 1651 in Rom gedruckt wurde. Warum Rom? – Es war die Zentrale der Jesuiten und verfügte über leistungsfähige Druckereien und natürlich musste für jedes Werk eines Jesuiten die päpstliche Druckerlaubnis eingeholt werden. Im gleichen Jahr erschien dort auch ein lateinisch-vietnamesischer Katechismus: Der katholische Glauben erklärt in acht Lektionen für acht Tage.
Oben ein Auszug aus einer neueren Ausgabe des Katechismus mit einer Übertragung in modernes vietnamesisch und einer französischen Übersetzung. Alexandre de Rhodes ist bis heute in Vietnam bekannt und geachtet – und er ziert auch eine Briefmarke. Seine Werke sind in verschiedenen Sprachen übersetzt auch heute erhältlich, wie eine kurze Recherche bei Amazon zeigt.