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Die Anfahrt zum Campus der renommierten Stanford University erfolgt über den Palm Drive, eine eindrückliche Allee aus Palmen. Die kalifornische Eliteuniversität im Südosten von San Francisco gilt als einer der Leuchttürme im Silicon Valley. Ihre Studienabgänger haben Firmen wie Google, Cisco und Hewlett-Packard (HP) gegründet. Doch es sind nicht die 166 Palmen entlang der 2,3 Kilometer langen Strasse, die dem Besucher aus Europa auffallen. Es ist auch nicht der verschwenderisch weitläufige Campus auf einer Fläche von 33 Quadratkilometern mit seinem historischen Kern aus dem späten 19. Jahrhundert.
Ins Auge stechen die zahlreichen Wohnwagen, die entlang der California State Route 82 parkiert sind. Die Strasse führt von der benachbarten Stadt Palo Alto mit ihren 67'000 Einwohnern zum Palm Drive. Die weissen Wohnmobile gehören nicht Touristen, die hier unterwegs sind. Diese «Reihenhaus-Wohnwagensiedlungen», wie sie die Einheimischen verächtlich nennen, sind Ausdruck einer andauernden Wohnungskrise im Herzen des Silicon Valleys.
Die boomenden Technologiebranchen ziehen immer mehr hochqualifizierte Fachkräfte an. Der Wohnungsmarkt hinkt dem Zuwachs an Bewohnern jedoch hinterher. Einerseits hat es die Politik versäumt, den Wohnungsmangel vorwegzunehmen und etwas dagegen zu unternehmen. Auf der anderen Seite verhindern in den Gemeinden die Alteingesessenen aus Sorge ums Stadtbild Projekte, die in die Höhe bauen wollen. Schliesslich erschweren Geologie und Topografie im Silicon Valley das Bauen. Land wäre reichlich vorhanden, doch der sandige Untergrund ist ungünstig für stabile Bauten.
Steigende Mietpreise sind die Folge. In Palo Alto, wo beispielsweise der Druckerhersteller HP Inc. seinen Hauptsitz hat, liegt die Durchschnittsmiete für eine Dreizimmerwohnung bei 3800 Dollar im Monat. In Cupertino, Hauptsitz des iPhone-Herstellers Apple und teuerster Ort im Silicon Valley, kostet sie bereits 5000 Dollar. Die Metropole San Francisco ist mit durchschnittlichen 3100 Dollar pro Dreizimmerwohnung fast schon günstig.
Arbeitnehmer aus dem Silicon Valley, die jährlich weniger als 100'000 Dollar zur Verfügung haben, können sich kaum mehr Wohnungen unmittelbar in der Nähe ihrer Arbeitgeber leisten. Sie ziehen entweder weiter weg, hausen in Wohnmobilen oder gründen Wohngemeinschaften. Auch die Einheimischen werden zusehends verdrängt, weil sie die steigenden Mieten nicht mehr bezahlen können. Immer mehr Hausbesitzer verkaufen auf ihre alten Tage ihre Liegenschaften zu einem guten Preis und verbringen den Lebensabend anderswo im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Wohnwagensiedlungen im Hightech-Tal
Die Anfahrt zum Campus der renommierten Stanford University erfolgt über den Palm Drive, eine eindrückliche Allee aus Palmen. Die kalifornische Eliteuniversität im Südosten von San Francisco gilt als einer der Leuchttürme im Silicon Valley. Ihre Studienabgänger haben Firmen wie Google, Cisco und Hewlett-Packard (HP) gegründet. Doch es sind nicht die 166 Palmen entlang der 2,3 Kilometer langen Strasse, die dem Besucher aus Europa auffallen. Es ist auch nicht der verschwenderisch weitläufige Campus auf einer Fläche von 33 Quadratkilometern mit seinem historischen Kern aus dem späten 19. Jahrhundert.
Verstopfte Autobahnen
Die Neuankömmlinge und Wegzüger beeinflussen nicht nur den Wohnungsmarkt, sondern auch den Verkehr. Das Silicon Valley ist eines der Gebiete der USA mit den höchsten Stauaufkommen. Es werde jeden Sommer schlimmer, klagt ein Kadermitglied einer Internet-Firma.
Normalerweise dauert eine einfache Fahrt auf der Autobahn von Palo Alto in den Nordwesten nach San Francisco um die 40 Minuten. Die verstopften Autobahnen, auch ausserhalb der Stosszeiten am Morgen, Mittag und Abend, führen jedoch zu Fahrzeiten bis zu 90 Minuten. Immerhin bewegen sich die Autos meistens im Schritttempo und stehen nicht komplett still.
Die Wirtschaft und der US-Bundesstaat Kalifornien versuchen, das Verkehrsproblem mit Anreizen in den Griff zu bekommen. Fahrgemeinschaften in Personenwagen dürfen spezielle Spuren benutzen, die normalerweise Bussen zur Verfügung stehen.
Google Bus
Google hat eine eigene Busflotte in Betrieb genommen, die Mitarbeiter von San Francisco und Oakland an den Firmensitz in Menlo Park im Silicon Valley karrt. Die Fahrzeuge sind mit drahtlosem Internetzugang und Klimaanlage ausgestattet. Die Absicht ist klar: Die Mitarbeiter können bereits auf dem Weg zum Büro arbeiten. In San Francisco kam es vor vier Jahren zu Protesten gegen den Verkehrsbetrieb von Google. Besorgte Bürger sehen die Busse zusehends als Symbole für Privilegien und Entfremdung der Technologiebranche gegenüber den «normalen» Arbeitnehmern.
Exzessive Nebenleistungen
Exzesse haben inzwischen auch andere Bereiche der Arbeitswelt erreicht: Etablierte Konzerne und Jungunternehmen müssen einen Grundsatz beherzigen, wenn sie im Silicon Valley überleben wollen: «Offer perks!», zu deutsch: biete Nebenleistungen an.
Um gut qualifizierte Arbeitskräfte zu holen und zu halten, locken Firmen mit attraktiven Angeboten: Gratisessen zu den Arbeitszeiten, Lieferservice für Einkäufe, kostenlose zahnmedizinische Behandlungen und Coiffeurtermine auf dem Firmengelände sowie unlimitierte bezahlte Ferientage sind einige davon. Sie gelten sogar als Grundangebot, das die Betriebe im Minimum leisten müssen. Warum sich die Firmen darauf einlassen, ist klar: Indem der Arbeitnehmer den Mitarbeitern alltägliche Erledigungen erleichtert, hält er seine Angestellten weniger vom Arbeiten ab.
Doch auch bei den Perks treibt der Wettbewerb immer seltsamere Blüten: Die Führungskraft eines bekannten Internet-Unternehmens erzählt, sie habe einen guten Mitarbeiter verloren, weil ihn eine Start-up-Firma dank einer ausgefallenen Nebenleistung abgeworben habe: eine Bar mit 150 verschiedenen Flaschen mit edlem Whisky. Ob die Mitarbeiter dort während der Arbeitszeiten trinken dürfen, ist allerdings nicht bekannt.
Das Angebot an Nebenleistungen mache es immer schwieriger, Angestellte zu halten, beklagt die Führungskraft. Im Schnitt werde ihre Abteilung alle zwei Jahre komplett durch neue Köpfe ersetzt. Es fehle an Kontinuität und Stabilität im Team.
Die Behörden von Palo Alto setzen bei den Wohnwagensiedlungen entlang der Strassen vorerst auf Aufklärung. Die Bewohner der Mobile werden darauf aufmerksam gemacht, dass sie alle 72 Stunden das Fahrzeug mindestens eine halbe Meile bewegen müssen. Die Stadt vermeldet erste Erfolge, die Zahl der parkierten Wohnwagen nimmt seit dem vergangenen Sommer ab.
Allerdings haben sich neue Wohnwagensiedlungen in Mountain View und Menlo Park gebildet. Dort haben Google respektive Facebook ihre Hauptsitze.
Impressum
Text und Umsetzung: Jon Mettler
Fotos: Jon Mettler, Keystone, zvg