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Editorial
Im bekannten Märchen von Hans Christian Andersen «Des Kaisers neue Kleider» steht: «An jenem Tage kamen viele Fremde an, und eines Tages kamen auch zwei Betrüger, die gaben sich für Weber aus und sagten, dass sie das schönste Zeug, was man sich denken könne, zu weben verständen. Die Farben und das Muster seien nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Zeuge genäht würden, sollten die wunderbare Eigenschaft besitzen, dass sie für jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei».
Natürlich hätten der Kaiser und sein ministerielles Entourage nie zugegeben, zu ihren Ämtern nicht zu taugen, und ebenso wenig hätten deren Untertanen es für ihre Dummheit getan; und so gelang die schlaue List der Betrüger, indem man dem Kaiser Kleider verkaufte, die nur in seiner Vorstellung existierten. Und allesamt fanden diese Kleider «niedlich, ganz allerliebst!», nur um nicht als dumm hingestellt zu werden. Dies, bis die Stimme der Unschuld sich erhob in der Person eines kleines Kindes, das spontan ausrief «Aber er (der Kaiser) hat ja gar nichts an!». Und damit wurde der Schwindel aufgedeckt; dies zu allererst zur Schande des Kaisers, aber auch zu jener all seiner Höflinge und Untertanen, die sich so bewusst wurden, wie nichtig die Meinung ist, welche die Leute von uns haben.
Die Rezensionen der Kunst
Von mir aus könnten sämtliche Kunstkritiker sofort verschwinden. Ich meine damit nicht jene, die uns die verschiedenen von einem Künstler angewandten oder entwickelten Techniken näher bringen und somit von didaktisch-pädagogischem Wert sind, sondern jene, die – nach eigenem Gutdünken (denn der Artist hatte sich nie dazu geäussert) – vorgeben, in den Kunstwerken die Gedanken und Geisteshaltungen zu entdecken, die der Kunstschaffende angeblich ausdrücken wollte.
Ein Bild gefällt mir oder gefällt mir nicht aufgrund von dem, was es zeigt; vielleicht spricht mich das Werk emotional an, aber vor allem liegt mir an dessen ästhetischem Aspekt. Somit gefallen mir natürlich die Werke des Rinascimento, wofür ich keinerlei komplizierter Erläuterungen bedarf, um mir – völlig willkürlich, denn da es sich um zeitlich viele Jahrhunderte zurückliegende Werke handelt, ist es mir nicht möglich, mir meine Ausklügelungen vom betreffenden Künstler bestätigen zu lassen – erklären zu lassen, welche Hintergedanken, welche persönliche Philosophie er mit seinem Werk habe zum Ausdruck bringen wollen. Und ehrlich gesagt ist mir das auch völlig egal. Vielleicht wollte er schlicht und einfach das abbilden, was er gesehen hat, und das reicht mir. Es macht mich glücklich, das bewundern zu können, was vor sechs oder sieben Jahrhunderten Raffael, Michelangelo oder Leonardo erblickt und auf Leinwand oder Fresken treu festgehalten haben.
Ebenso können mir einige – ehrlicherweise nur wenige – Werke der abstrakten bildenden Kunst der Malerei gefallen, sofern ich darin schöne Farbkompositionen erkenne. Dies auch dann, wenn ich davon keinen blassen Dunst habe, das Werk mir jedoch einfach gefällt; und dies auch hier abgesehen davon, was der Künstler selber damit hatte ausdrücken wollen oder was man darüber mutmasst. Ich mag punkto Kunstverständnis ein Nobody sein, finde aber, dass ein Kunstwerk, das spitzfindiger sprachlicher Erklärungen bedarf, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht verdient. Wenn in einem Museum Exkremente ausgestellt werden, kann auch eine enthusiastische Rezension daraus nichts Schönes oder noch weniger ein Kunstwerk machen. Es sei denn, dass man all jene als Künstler betrachtet, die nicht unter chronischer Verstopfung leiden.
Die Angst, als ungebildet oder inkompetent zu gelten
Heutzutage hat sich jedoch eine Kategorie von Rezessionsprofis herausgebildet, die – darauf spezialisiert, die Werke zu bewerten (d.h. Werken ohne jeden authentischen Wert einen fiktiven Wert zuzuordnen), indem sie einen schlichtweg abstrusen Wortschatz bemühen für ihre Meinungsäusserungen, vertrauend darauf, dass diese, weil niemand sie versteht – nicht angefochten werden können. Es ist ein Bisschen so wie bei unseren Urgrossvätern, die für einen bestimmten Politiker stimmten, weil sie an der (Wahl-)Versammlung zwar nichts verstanden, er aber «gut geredet» habe. Diese Pseudo-Kunstexperten nutzen geschickt die Hemmung der Leute aus, ihre eigene Unwissenheit und fachliche Inkompetenz zuzugestehen, um vielmehr mit angeblicher Überzeugung Thesen zu vertreten, die niemanden interessieren, ausser wahrscheinlich die Künstler selber, diese dann schon: Vorweg jene Künstler, die – ohne über malerisches Talent zu verfügen und es äusserst bequem finden, ihre Banalitäten zu überzogenen Preisen einer dummen Kundschaft zu verkaufen, die bereits ist, diese Preise zu bezahlen – somit sehr gerne von der Komplizenschaft der Pseudo-Experten profitieren, um künstlerisch unbedeutende, ja gar hässliche Werke zu vermarkten.
Als Beispiel mag ein «Künstler» dienen (die Gänsefüsschen sind bewusst gesetzt), dem seinerzeit nichts anderes einfiel, als eine Leinwand einzig mit Rissen und Löchern ohne jede Bedeutung zu versehen und mit seinem «Werk» in den Genuss der folgenden Rezension kam: «Mit den „Einrissen“ und mit den vorgängig angebrachten „Löchern“ eröffnet der Künstler den Weg für eine Diskussion über die Bidimensionalität des malerischen Raums, indem er diesen als banale Fläche darstellt, auf welcher jede bildliche Darstellung illusorisch ist. Seine Einrisse schaffen einen kontinuierlichen Übergang vom Licht zum Dunkeln, und umgekehrt: eine leuchtende Dunkelheit, die das Ambiente umspült, und das Ganze verbindet sich zu einer einzigartigen Emotion, in der sich die Verläufe des Lebens äussern». Mein Gott, das ist nun wirklich hervorragend ausgedrückt. «Ich habe zwar nichts verstanden, aber er hat gut gesprochen…!», und das Pseudo-Kunstwerk erlangt Wert und Wertschätzung.
Der Kaiser ist auch in anderen Bereichen nackt
Die heutige IT-Technologie, die für Millionen von Leuten eine Plattform zur Verfügung gestellt hat für all das, was seinerzeit nur Stammtischgeschwätz in der Dorfbeiz war, hat dazu geführt, dass die Begierde, als intelligent zu gelten oder nicht als dumm hingestellt zu werden, willkommenen Eingang gefunden hat in fast alle Bereiche der täglichen Information. Und so finden all jene, die stets ihren Senf abgeben über das Tagesgeschehen, grosse Gefolgschaft. Ob es sich dabei um Covid handle, um den Ukrainekrieg, die Klimaerwärmung, die gesunde Ernährung oder vieles andere, spielt keine Rolle. Einige von ihnen mögen vielleicht auch Recht haben, das bezweifle ich nicht. Auch eine stillgestandene Uhr zeigt zweimal pro Tag die exakte Zeit an. Aber wenn jemand schwarz und der andere weiss sagt, können nicht beide Recht haben.
Der nackten Kaiser gibt es zur Genüge. Aber um nicht als dumm zu gelten braucht man nur jene der gegnerischen Seite zu sehen. Und die heutigen Tagesinformationen mit ihren hochtrabenden Worten berufen sich auf Daten und Studien, die teils wissenschaftlich und teils nur pseudowissenschaftlich untermauert sind. Es ist nicht nötig, dass die Informationen wahr sind, es reicht völlig aus, dass sie als wahrscheinlich erscheinen und stets Anhänger finden, die bereit sind, enthusiastisch «Oh, es ist niedlich, ganz allerliebst!» auszurufen, um sich als höchst intelligent hinzustellen. Es ist an der Zeit, dass sich die «Stimme der Unschuld» erhebt mit dem Ruf «Aber er (der Kaiser) hat ja nichts an!».