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March 16, 2015 |
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Until March 19, 2015, when our conference "Historicizing Foucault" begins in Zurich, we will consecutively publish the abstracts of the accepted presentations. Stéphane Boutin (German Department, Zurich) will talk about "Foucaults Begriff der Werkzeugkiste".
In einer oft zitierten Selbstdeklaration bezeichnet Michel Foucault seine Arbeiten als "kleine Werkzeugkisten (petites boîtes à outils)", aus denen man sich nach Belieben "bedienen" könne. Diese Metapher der Werkzeugkiste aus dem Gespräch Von den Martern zu den Zellen (1975) dürfte nicht nur ihrer griffigen Kürze wegen zu einem beliebten Schlagwort im Sprechen über Foucault geworden sein. Tatsächlich vereinigt sie prägnant verschiedene Grundzüge von Foucaults Denken: eine gewisse Antisystematik, welche das Privileg des grossen, in sich stimmigen Systems durch den partikularen Gebrauchswert einzelner Analysen ersetzt; aber ebenso die antiautoritäre Verweigerung eines Meisterdiskurses, der über die korrekte Anwendung der Foucault'schen Lehre wachen würde; und nicht zuletzt jene antihermeneutische Instrumentalität, welche die apriorische Gegebenheit des Sinns durch eine konstruktivistische Wende unterläuft. Deren Anliegen bildet nicht mehr das phänomenologische Verstehen eines vorinstrumentellen Sinns, sondern gerade die Analyse seiner zutiefst instrumentellen Produktionsbedingungen, seiner funktionalen Verkabelungen im Spiel bestimmter Machtmechanismen.
Doch woher stammt diese Metapher? In welchem historischen Zusammenhang lässt sich der Begriff der Werkzeugkiste genealogisch situieren? Zunächst kann man feststellen, dass der Begriff bereits 1972, also drei Jahre vor dem erwähnten Interview, von Gilles Deleuze – seinerseits wieder mit Bezug auf einen Gedanken Marcel Prousts – Foucault gegenüber ins Gespräch gebracht wurde. Bei Deleuze und besonders in dessen Werken mit Félix Guattari ist der Begriff der Werkzeugkiste zudem in eine umfassende Philosophie der Asignifikanz eingebettet, welche mit dem Vokabular eines universalen Maschinismus operiert. Vor dem Hintergrund von Deleuze/Guattaris Maschinenbegrifflichkeit lässt sich die Metapher der Werkzeugkiste somit in jenem posthermeneutischen Denkzusammenhang verorten, den Foucault selbst schon 1967 als die bestimmende theoretische Konstellation seiner Zeit beschrieben hatte.
Allerdings findet man Ansätze eines solchen Werkzeuggedankens durchaus auch in der hermeneutisch-phänomenologischen Tradition, etwa in der 1957 von Eugen Fink vorgeschlagenen Differenz zwischen thematischen und operativen Begriffen, oder bereits 1927 besonders prominent in Martin Heideggers Konzept der Zuhandenheit von Zeug. Hier gilt es deshalb genau zu untersuchen, wie sich die posthermeneutische Instrumentalität bei Foucault von der Werkzeugphilosophie der Hermeneutik abhebt. Ein Zugang dazu könnte über jenen Denker verlaufen, der gemäss eigenen Angaben mit dem paradigmatischen Werkzeug per se – mit dem Hammer – zu philosophieren pflegte. Denn im Gegensatz etwa zu Heideggers Naturalisierung des umsichtig begegnenden Hammerdings funktioniert der Begriff des Werkzeugs bei Nietzsche nicht ontologisch sondern strategisch. Für Nietzsche ist die Vernunft ein Werkzeug des Leibes, die Schwachen ein Werkzeug in den Händen der Starken und die Moral wiederum ein Werkzeug für die Rache der Schwachen an den Starken. Der Begriff des Werkzeugs stellt hier stets die Frage nach der Macht, er dramatisiert sie zur Frage: Wer – wie – gegen wen? Diese Methode bezeichnet Deleuze als die Dramatisierungsmethode Nietzsches: Um einer Sache auf den Grund zu gehen, stellt man sie auf die Bühne der Genealogie und expliziert so die an diesem spezifischen Punkt konfligierenden Kräfteverhältnisse. Diese Methode wiederum scheint auch eine der Grundtechniken in Foucaults Werkzeugkiste auszumachen: die Dramatisierung der Macht als Wahrheitstheater einer strategischen Instrumentalität.