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Interview
Von Costa Rica über Japan nach Sardinien – eine Reise zu den Ältesten der Welt und ihren Geheimnissen.
Nicoya, Costa Rica
Die Menschen in dieser Region haben gute Blutwerte und eine niedrige Krebsrate. Sie führen ein einfaches Leben. Viel Bewegung.
Bevor Nachmittagsregen den Tropenwald einhüllt, reitet Pachito los. Von einem Baum schmeisst ein Affe Reste einer Mango herab. Zwei Häuser weiter lässt Pachito den Hengst kreisen und die Vorderbeine in die Höhe recken, zum Staunen seiner acht Kinder samt ihren Kindern – grosser Empfang zu seinem 102. Geburtstag.
Der Priester eilt heran, er ist auch als Musiker eingeladen. «Was soll ich dir spielen, Pachito?», fragt er. Pachito überlegt nicht lange. «Sing mir ‚Ich werde mich nicht mehr verlieben‘.» Alle lachen. Denn Pachito, seit vier Jahren verwitwet, gilt als Schwerenöter.
Fragt ihn eine junge Frau, wie er so alt werden konnte, antwortet er ihr: Schlaf mit mir, dann wirst du so alt wie ich.
Eigentlich ist Pachito hier kein Phänomen, unweit des Städtchens Quebrada Honda im Nordosten Nicoyas – einer Halbinsel Costa Ricas. In dieser Region werden viele Menschen aussergewöhnlich alt: mehr als 90 und gar 100 Jahre. Demografen bezeichnen Nicoya, als «Blaue Zone». Weitere Blaue Zonen gibt es in Italien, Griechenland und Japan.
Ihren Namen erhielten sie, als der belgische Demograf Michel Poulain und der Biomediziner Gianni Pes von der Universität Sassari im Jahr 2000 mehrere sardische Dörfer mit blauen Kreisen auf ihrer Landkarte markierten. Pes hatte auf einem Demografiekongress in Montpellier von vielen alten Frauen und Männern berichtet.
Die Demografen glaubten ihm nicht und schickten Poulain, um ihn zu widerlegen. Die beiden studierten Geburtsregister, inspizierten Grabsteine und fanden die erste Blaue Zone. Nachdem sie ihre Ergebnisse veröffentlicht hatten, wurde Poulain nach Okinawa eingeladen, wo Ärzte vor Ort Ähnliches vermuteten.
Seitdem sind Demografen und Bioinformatiker, Biomediziner und Ernährungswissenschaftler dem Geheimnis dieser Alterung auf der Spur. Die Blauen Zonen sind Rätsel und Hoffnung zugleich. Die Menschen von Nicoya zum Beispiel haben gute Blutwerte und verzeichnen eine niedrige Krebsrate.
Aber worin liegt das Geheimnis ihres langen Lebens? Können wir Normalsterblichen etwas von ihnen lernen?
Reporter und Fotografen sind für MUT nach Costa Rica, Sardinien und Japan gereist und haben mit Superalten und ihren Angehörigen geredet, auch mit Forschern, die sich mit «blue zones» beschäftigen. Das Geheimnis ist eher ein Puzzle, zu dem nur noch wenige Teile fehlen.
Pachito schwenkt seinen Krabbencocktail. «Wenn ich kein Fleisch gegessen und mir keine Drinks genehmigt hätte, wäre ich schon lange tot!» Diäten, Intervallfasten, Power-Yoga – gab es in seinem Leben nicht. Er sass mit vier zum ersten Mal auf einem Pferd und arbeitete ab seinem zehnten Lebensjahr auf der Finca seines Vaters. Nach dessen Tod übernahm er den kleinen Hof.
Pachito lässt sich einen Guaro eingiessen, einen Zuckerrohrlikör. «Ich bin nie allein», sagt er. Immer schaue jemand aus der Familie vorbei, man lebe gemeinsam. «Wir reden viel, hören einander zu – und wir essen gut.» Reis, Bohnen, Fleisch.
Früher sei das Essen reiner gewesen, sagt er und nippt an seinem Guaro. «Wir ernteten selbst. Heute essen die Leute Waren aus dem Supermarkt, aber die Orangen von dort sind bitter. Wir brauchten damals keinen Dünger!»
Wer den Alten von Nicoya zuhört, erfährt, wie einfach ihr Leben verlief. Von steter Bewegung, kontinuierlicher Arbeit, einfachem Essen auf nicht zu grossen Tellern – und von kleinen Pausen, dem Miteinander im Kreis der Familie und Freunden und viel Lachen. Sie sehen ihr Leben in Gottes Händen geborgen.
Gelassen wirken sie, auch die Jungen. Stress ist nicht willkommen. Man hat ja genug zu tun. Forscher fanden heraus, dass bei den Leuten von Nicoya die Enden der Chromosomen, sogenannte Telomere, länger sind als bei den übrigen Costa-Ricanern.
Telomere verkürzen sich im Laufe des Lebens. Stress beschleunigt diesen Prozess und erhöht das Krebsrisiko. Weniger Stress, längere Telomere – und wahrscheinlich ein längeres Leben.
Regen setzt ein, im Haus von Pachitos Sohn Alexis, der die Geburtstagsfeier ausrichtet, singen sie gegen prasselnde Tropfen an. Der Jubilar schaut einen Moment lang ernst. «Der Mensch nimmt heute von der Erde, aber gibt nichts zurück, die Erde ist nicht mehr die gleiche. Die Erde ist müde!» Danach bittet er seine Enkelin Melissa, 42, zum Tanz.
Gene an sich hätten zwar einen Effekt auf die Lebenserwartung, aber einen überschätzten, die Wissenschaft vermute ihn zwischen 15 und 30 Prozent, fasst Graham Ruby von der Biotechfirma Galico zusammen. Lebensbedingungen haben grossen Einfluss auf ihre Wirkung, in Form von Stress, Bildung, Hygiene oder Medikamentenkonsum.
Eine Frage drängt sich auf: Wie sehr bestimmen unsere Gene die Länge unseres Lebens?
Es liegt also einiges an uns selbst, vorbestimmt ist weniges. Der Mensch kann, wie das Sprichwort sagt, sein Schicksal in die eigene Hand nehmen und es formen. Er hat Einfluss. «Man kann Mercedes-Gene haben», sagte Bradley Willcox vom Pacific Health Research Institute in Honolulu dem Magazin «Time», «aber ohne Ölwechsel wird man nicht länger leben als ein Ford Escort, der gut gepflegt wird.»
Sardinien, Italien
Insgesamt 3000 Fälle von über Hundertjährigen haben Forscher hier dokumentiert. «Wenn es ein Geheimnis gibt, dann liegt es darin, in allem das richtige Mass zu finden.»
Was den Ölwechsel angeht, war Giulio Podda ein Experte. Als wir ihn vor vier Jahren das erste Mal in San Sperate besuchten, einem 8000-Seelen-Dorf auf Sardinien, holte er erst einmal selbst gemachten Zitronenlikör hervor.
Davor hatte er seine Schuhe geflickt und geputzt und für einen Nachbarn einen Schilfzaun geflochten. Grad war er 100 Jahre alt geworden und prostete uns zu.
Er legte ein Scheit Eukalyptus in den Kamin. Nach dem dritten Likör sinnierte er, was ihn fit hält. «Vielleicht ist es die gute Luft?» Aber nein. «Es ist die Arbeit. Einfach immer arbeiten und sich nicht dabei stressen.»
Mit zehn hatte ihn der Vater als Schafhirte in die Berge geschickt. Er pflückte Oliven, verkaufte Tabak und später Früchte. Schliesslich arbeitete er im Strassenbau, «immer an der frischen Luft».
Heute können wir ihn nicht erreichen. Er liegt im Krankenhaus, nichts Dramatisches, nur für ein paar Tage, aber das Fahrrad haben die Söhne ihrem Vater weggenommen. «Noch hat er Lebenswillen», sagt sein Freund Ivo Pirisi am Telefon. «Aber er redet weniger, baut ab, auch kognitiv.»
Irgendwann sei es halt Zeit. Wir warten ab, dann ein Anruf: Giulio Podda schaffte es nicht mehr. Im Alter von 105 Jahren, nach einem so aktiven Leben, ist er gestorben.
Ivo Pirisi, 44, ist Biologe und Fotograf und begleitet seit Jahren mehrere «Superalte» Sardiniens, die man auch «Insel der Hundertjährigen» nennt. Er spürt ihrem Lebenswandel nach, ihren Ess- und Trinkgewohnheiten. «Wenn es ein Geheimnis gibt», sagt er, «liegt es darin, in allem das richtige Mass zu finden.»
Ivo Pirisi beschreibt den sardischen Alltag der Alten: das angenehme, kaum extreme Klima auf der Insel, von Kindheit an Leben und Arbeiten in freier Natur, der Rückhalt der Familie, ihre Zuneigung und die Anerkennung der Alten, viele Anlässe zu lachen – es klingt wie eine Zusammenfassung dessen, was uns die Menschen in Nicoya erzählten.
«Als Giulio letztes Jahr seinen 104. Geburtstag feierte, kam das ganze Dorf zusammen. Wir feierten ihn wie den Aufstieg eines Fussballvereins», erinnert er sich. Tatsächlich wird in Sardinien das Älterwerden zelebriert. «A cent´annos», begrüsst man sich auf der Strasse, «auf 100 Jahre».
«Da reicht ein Blick ins Telefonbuch», sagt Ivo Pirisi, «viele unterschiedliche Familiennamen wirst du dort nicht finden.»
Forscher fanden heraus, dass 80 Prozent der Sarden genetisch auf die Ursiedler der Insel vor 4000 Jahren zurückzuführen sind.
Eroberer sah Sardinien viele: Phönizier, Römer, Piemonteser. Mit jeder Invasion zogen sich die Sarden tiefer ins Hinterland zurück, in ein schwer passierbares Gebirge mit dichten Wäldern. Sie blieben unter sich. Und erschufen ein Paradies für die Genetiker des 21. Jahrhunderts.
Insgesamt 3000 Fälle von über Hundertjährigen haben Forscher dokumentiert. Ein einzelnes Methusalem-Gen fanden sie nicht, aber eine Reihe von Phänomenen, die sich im Alter wahrscheinlich günstig auswirken, zum Beispiel eine Mutation des Y-Chromosoms, das den Blutdruck senkt.
Oder der Cannonau-Rotwein – der hat mehr Antioxidantien als herkömmliche Weine; diese chemischen Verbindungen unterbinden unerwünschte Oxidationen im Körper, die zu Stress führen können. Käse und Wein – für die Hirten alltägliches Essen.
Es gibt ausserdem Nahrungsmittel wie einen Schafskäse, dessen Bazillen nur auf Sardinien vorkommen. Sie senken den Cholesterinwert.
Der genetische Sonderweg hat nicht nur Vorteile. Sardinien weist weltweit das zweihöchste Vorkommen von Typ1-Diabetes auf. Viele Insulaner leiden auch an einem Enzymmangel, der heftige Reaktionen beim Verzehr von Bohnen hervorruft. Allerdings kann dieser Mangel auch vor Infektionen schützen. Was nicht unwichtig ist im Alter.
Okinawa, Japan
Auf der Inselgruppe sind mehr als 900 der 1,3 Millionen Einwohner 100 und älter. Prozentual gesehen fünf Mal so viele wie in Deutschland. Sie altern dort «im Geiste gegenseitiger Unterstützung».
Die nächste Etappe unserer Reise zu einer blauen Zone führt zur Inselgruppe Okinawa im Süden Japans und zu Haru Miyagi, die barfuss über Reisstrohmatten ihres Häuschens tapst, bis sie vor einer Nische im Wohnzimmer Halt macht. Sie verneigt sich vor dem kleinen Hausaltar, der in die Wand eingelassen ist. Täfelchen mit den Namen ihrer Ahnen stehen darauf.
Haru Miyagi entzündet wie jeden Morgen Räucherstäbchen: «Passt auf meine Familie auf und auf mich», bittet sie ihre Vorfahren. «Danke für meine Gesundheit! Danke für mein gutes Leben und diesen guten Tag.»
Das Ritual gehört für Haru Miyagi zu einem guten Tag wie Misosuppe und Lektüre ihrer Zeitung. Sie sitzt aufrecht im Sessel, der Blick fast andächtig, ihr silbernes Haar hat sie zurückgekämmt und im Nacken geknotet.
Aus einem Kännchen schenkt sie sich grünen Tee ein und blättert in der Zeitung. Ihre Wohnung hat sie geputzt – für die Besucher. Sie ist froh, dass sie das alleine schafft. Sie ist 101 Jahre alt und lebt noch immer allein.
In Okinawa sind mehr als 900 der 1,3 Millionen Bewohner 100 und älter. Prozentual gesehen fünf Mal so viele wie in Deutschland. Im Küstendorf Ogimi im grünen Norden der Hauptinsel leben die meisten Superalten.
Die Luft ist feuchtwarm und schmeckt nach Salz. Türkis glitzert der Pazifik, nur einen kurzen Fussmarsch von Haru Miyagis Haustür entfernt. Palmen säumen die Strasse, Hibiskus blüht feurig rot. Vor jedem der kleinen Häuser reissen Löwen aus Keramik und Stein wie Wachhunde ihre Mäuler auf. Sie sollen das Böse fernhalten.
Stolz schmücken sich die Bewohner des Küstendorfs mit einem Titel: «Dorf mit der höchsten Lebenserwartung Japans.» Das Sprichwort der sehr alten Menschen:
«Mit 70 bist du ein Kind, mit 80 ein Jugendlicher und mit 90, wenn dich deine Ahnen in den Himmel rufen, bitte sie zu warten, bis du 100 bist. Dann könntest du drüber nachdenken.»Sie haben es in einen Gedenkstein gemeisselt, der neben einem sanft plätschernden Wasserfall am Ortseingang errichtet wurde.
Wer mit den Alten von Okinawa spricht, merkt schnell: Jeder hat sein persönliches Ikigai: einen Grund, am Morgen aufzustehen, einen Sinn im Leben. Für Haru Miyagi heisst das: «Einfach leben, immer weitermachen – und gar nicht so viel darüber nachdenken.» «Nankurunaisa» pflegen Haru und ihre Nachbarn zu sagen. «Alles wird gut.»
Das Ikigai von Morio Taira seien seine Enkel und Urenkel, sagt der 85-Jährige, nach der Zeitrechnung Okinawas ein Jungspund. Sein Haar ist weiss, sein Gesicht nahezu faltenfrei. Täglich geht er zum Meer, um zu fischen. Mit seinen Freunden trifft er sich zum Go, einem japanischen Brettspiel, das ähnlich anspruchsvoll und variantenreich ist wie Schach.
Wichtigste Bezugspersonen sind die «Moai», lebenslange Freunde, Menschen, die sich regelmässig treffen. Einige, wie Morio und seine Freunde, besitzen eine gemeinsame Kasse für Ausflüge. Yui-maru, so nennen sie ihr «soziales Geflecht», den «Geist gegenseitiger Unterstützung». Sie altern zusammen.
Er ist Vorsteher der Gemeinschaft der Alten im Dorf, so etwas wie Chef der Greise von Ogimi.
Ein Wort für Ruhestand gibt es auf Okinawa nicht. Treffen im Gemeindehaus, Familienzusammenkünfte, Dorffeste: Der Terminkalender von Morio Taira ist voll.
«Wir werden nicht nur alt, wir sind dabei auch gesund und glücklich», betont er, wenn er auf das Geheimnis seiner fast ewigen Jugend angesprochen wird. Den ganzen Tag lächelt er sanft in sich hinein: An diesem Samstag ist seine Familie zusammengekommen, vier Generationen versammeln sich um den Tisch, der sich unter den Speisen biegt.
Einmal im Monat trifft sich die Sippe. Urenkel Ryuku, fünf Jahre alt, misst seine Kräfte und rangelt mit dem Uropa, zupft mit ihm an den drei Saiten der Sanshin, einer Art Gitarre, die bespannt ist mit Schlangenhaut.
An diesem Abend findet die jährliche Regatta der Drachenboote, Harai, statt. Morio Taira hat die Ehre, den Wettkampf zu eröffnen. Er steht am Strand, eine rote Flagge in der Hand. Rüstige 90-Jährige sitzen auf der Mauer am Ozean, lassen die Beine baumeln, zwei alte Damen schenken Getränke aus, verteilen kleine Bananen an die Teilnehmer. Sie danken mit ihrem Fest den Göttern des Meeres, aus dessen Fülle sie ihr Leben lang schöpfen.
Wer am Strand entlangspaziert, trifft nicht nur auf Fischer und Taucher. Alte Damen, auf dem steinigen Boden sitzend, graben zwischen Steinen nach Muscheln. Mit Forken durchstöbern sie den Meeresgrund auf der Suche nach Schnecken.
Ogimi war seit jeher ein armes Dorf von Fischern und Bauern. Ihr langes Leben zeigt, dass ein wenig Verzicht offenbar eher jung hält als ein Dasein im Überfluss. Ein Symbol ihrer bescheidenen Ansprüche ist ein schlichtes Gemüse. Im Gemüsebeet bauen sie die Bittergurke Goya an.
Das warzig-picklige Gewächs ist Wahrzeichen der Insel geworden – und kommt häufig auf den Tisch, wobei die Alten stets zwei Dinge befolgen. Nummer eins: Langsam kochen, sich Zeit nehmen. Nummer zwei: «Hara hachi bu!» Nie zu viel essen, aufhören, sobald der Magen zu 80 Prozent gefüllt ist.
Eine Art Budenzauber wird allerdings auch mit den Blauen Zonen getrieben. «Langlebigkeitsaktivstoffe aus der Ernährung der Blue Zones» bietet ein Hersteller in Fläschchen an – grüner Kaffee aus Nicoya, Oliven aus Sardinien und Mastix-Harz aus Ikaria. Das Zeug wird nicht geschluckt, sondern eingerieben. «Mit jedem Tag sieht die Haut jünger, fester und gesünder aus», wirbt Chanel für sein «Blue Serum».
Abgesehen davon, dass die Alten in den Blauen Zonen von tiefen Falten gezeichnet sind, trinken sie ihren grünen Kaffee und essen ihre Oliven. Nahrung ist nur ein Punkt von vielen.
Die Blauen Zonen haben gemeinsam, dass die Alten dort in der Mitte der Gesellschaft bleiben, in den Familien.
Doch letztlich sind die Blauen Zonen verlorene Welten. Die jungen Generationen übernehmen nicht mehr die Lebensgewohnheiten der Alten.
In Sardinien streicht man sich zum Frühstück gern mal Nutella aufs Brioche statt in einen Pecorinokäse zu beissen – und in Okinawa scheinen die traditionellen Gerichte den Wettbewerb mit westlichem Junkfood zu verlieren.
Im Endergebnis werden Menschen in Blauen Zonen nicht mehr deutlich älter werden als anderswo. Geht ihr Zauber verloren? «Nein, wir alle können viel von den Blauen Zonen lernen», gibt sich ihr Entdecker Michel Poulain überzeugt. «Wir müssen in unsere alternde Gesellschaft den Geist der Blauen Zonen und ihr Geheimnis des längeren und gesünderen Lebens aufnehmen.»
Poulain, fasziniert von den Lebensgewohnheiten in den Blauen Zonen, hat bereits Kommunen in den Niederlanden und in Belgien überzeugt. Dort orientieren sich Verwaltungen an Poulains sieben Prinzipien: Lokale Gesundheitszentren werden gegründet, in denen Einwohner sich nicht wie im Krankenhaus fühlen.
Autofreie Zonen motivieren zu eigener Bewegung. Mehr öffentliche Gärten schaffen grüne Lungen, in denen Obst und Gemüse angebaut wird – damit die Bürger dies nachahmen. Für Pensionäre werden Möglichkeiten geschaffen, in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben, über Modelle des betreuten Wohnens und über Mehrgenerationenhäuser.
Das Ziel dieser Kommunen: längeres und gesundes Leben für ihre Einwohner. Und Ivo Pirisi hat die Webseite Tasting Sardinia entworfen, führt Touristen durch Sardinien, bringt sie in die alte Welt der Ess- und Trinkgewohnheiten, der Lebenstraditionen. «Es kommen vor allem Amerikaner», fasst er zusammen. «Vielleicht haben die auch den grössten Lernbedarf.»
Dieser Artikel erschien im Herbst 2019 im Mut – Magazin für Lösungen. Wir bedanken uns bei der Redaktion für die Gelegenheit zur Zweiverwertung.
erschienen: 11.02.2020