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«Münchhausen», Erich Kästner und die Nazis
- Dienstag, 5. März 2013, 17:06 Uhr
Vor 70 Jahren feierte «Münchhausen» in Nazideutschland Premiere. Der Film war ein Herzensprojekt von Propagandaminister Joseph Goebbels. Doch dieser hatte die Rechnung ohne Drehbuchautor Erich Kästner gemacht: Kästner schmuggelte jede Menge subversive Kritik in den Film.
Der Ritt auf der Kanonenkugel – die Szene machte «Münchhausen» weltberühmt. Ganz im Stil der US-amerikanischen Hollywood-Komödien erzählt der deutsche Film die phantastischen Abenteuer des Lügenbarons aus Bodenwerder. Seine Kinopremiere hatte «Münchhausen» im Berliner Ufa-Palast am 3. März 1943 – als dritter deutscher Farbfilm überhaupt.
«Dem Regime die Stirn bieten»
Erstaunlich dabei: Das Drehbuch stammte aus der Feder des bekanntesten deutschen Kinderbuchautors, des Feuilletonisten und Pazifisten Erich Kästner. Trotz der Warnungen seiner Freunde, die aus Deutschland flüchteten, blieb Kästner in Berlin zurück.
Bereits 1933 wurden seine Bücher öffentlich verbrannt und Kästner wurde in Folge wiederholt von der Gestapo verhaftet und wieder freigelassen. Der Schriftsteller aber blieb in Deutschland: Er war nicht gewillt, seine literarische Karriere der braunen Machtergreifung zu opfern und glaubte, mit leichter Unterhaltung die NS-Zeit unbeschadet überstehen zu können: finanziell, literarisch und auch moralisch.
Ein Mittelweg zwischen partieller Anpassung, äusserer Unterwerfung und innerer Emigration – doch Kästner hielt es für seine Pflicht, «dem Regime die Stirn zu bieten». Seinen Freunden erklärte er: «Der Filmauftrag kommt vom grössten Lügner der Welt. Weshalb machen wir also nicht einen Film über den Lügner, der ihm am nächsten kommt, Baron Münchhausen?»
Kästners versteckte Botschaften
So versteckte Drehbuchautor Kästner seine Botschaft listig hinter den Filmbildern. Zum Beispiel lässt er den Grafen Cagliostro auftreten, den Dunkelmann und Freimaurer des 18. Jahrhunderts.
Am Zarenhof begegnet Münchhausen dem Grafen, der ihn für seine finsteren Pläne gewinnen will. Zwischen beiden entspinnt sich ein Dialog. Cagliostro will «Polen pflücken», Münchhausen ist dagegen.
Die grausame Realität übertraf die Fiktion
Was Kästner hier literarisch erfunden hatte, wurde nur von der Wirklichkeit übertroffen. Das NS-Regime hatte das lettische Kurland und Polen längst «gepflückt». Die deutsche Wehrmacht stand noch immer weit auf russischem Boden, und am Herrschaftswillen der Nationalsozialisten zweifelte niemand.
Neu war auch diese Figur in Kästners Drehbuch: Giacomo Casanova, der Frauenheld und scharfsichtige Beobachter seiner Zeit.
Im Deutschland der allgegenwärtigen Geheimen Staatspolizei warnt Casanova auf der Leinwand Münchhausen und die schöne Prinzessin Isabella d'Este: «Seien Sie trotzdem vorsichtig! Die Staatsinquisition hat zehntausend Augen und Arme. Und sie hat die Macht, recht und unrecht zu tun, ganz wie es ihr beliebt.»
Goebbels lag besonders viel an «Münchhausen»
Bei seiner Filmpremiere war «Münchhausen» ein Riesenerfolg. «Kraft durch Freude» stand auf dem Programm der deutschen Filmindustrie. Propagandaminister Goebbels lag besonders viel an «Münchhausen», dem Jubiläumsfilm zum 25. Geburtstag der Ufa: «Ich wünsche, dass die Ufa einen Spitzenfilm dreht, um ganz Europa, ja die Welt von der Leistungsfähigkeit der deutschen Filmindustrie zu überzeugen.»
Man scheute dafür keinen Aufwand: Für die Filmausstattung wurden aus Museen und Schlössern der Berliner Umgebung Möbel und Gemälde, Meissner Porzellan, Gold- und Silberbestecke zusammengetragen: bewacht von SS-Männern, die als Statisten im Film auftraten.
Eigensinnige Philosophie der kleinen Leute
Der Kinostreifen bot alles, was Goebbels und die Ufa haben wollten: packende Handlung, Spannung und spritzige Dialoge. Vor allem konnten die Tricktechniker zeigen, was sie zu leisten im Stande waren. Und zwischen den Filmbildern immer wieder Kästners versteckte Zeitkritik.
So geschehen gleich zu Beginn des Films seltsame Dinge: Das Portrait von Münchhausen an der Wand zwinkert dem Kinozuschauer zu. Der kleine Mohr, der als Diener in der Ecke steht, hat gar keine schwarze Haut, sondern Farbe im Gesicht. Und als Münchhausen Licht machen will, greift er nicht etwa zum Kerzenleuchter, sondern knipst das elektrische Licht an.
Es scheint, als wolle der Film demonstrativ seine Unwirklichkeit zur Schau stellen – als flüstere Kästner dem Publikum zu, dass es ja nicht glauben solle, was es sieht. Nicht im Kino und nicht in der inszenierten Wirklichkeit mit den Reichparteitagen der NSDAP.
Schreiben als Überleben
Ausserdem durchziehen den gesamten Film Anspielungen auf die Zeit und auf ihre Vergänglichkeit. Deutlich wird dies in Münchhausens Abenteuer auf dem Mond. Dort scheinen die Uhren anders zu gehen. Als Münchhausen und sein Diener aus einem kurzen Mittagsschlaf erwachen, hängen an den Bäumen schon die reifen Kirschen, die doch eben erst geblüht haben. Münchhausen und Kuchenreutter wundern sich:
Kuchenreutter: «Ja, hab ich denn ein geschlagenes Vierteljahr geschlafen?»
Münchhausen: «Nein, höchstens zwei Stunden.»
Kuchenreutter: «Entweder ist Ihre Uhr kaputt, Herr Baron, oder die Zeit selber.»
Münchhausen: «Die Zeit ist kaputt, Christian.»
Vielleicht war die Filmarbeit für Kästner auch ein Versuch, nicht mehr nur für die Schublade zu schreiben, ohne sich dabei an der Propaganda des NS-Regimes zu beteiligen: Schreiben als Überleben.
Für die Zeit nach 1945 feierte die Literaturkritik Kästner als Lyriker, als Erzähler, Essayisten und entschiedenen Pazifisten. Man schmähte ihn höchstes als Moralisten oder Melancholiker.
Hinsichtlich Kästners Arbeit während der NS-Zeit rechneten ihn manche zu den «verbrannten Dichtern» und zum «Inneren Exil». Gewiss aber war Erich Kästner alles andere als «ein Opportunist, doch von den Kreisen des aktiven Widerstands weiter entfernt als von den Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer» der NS-Diktatur, urteilten seine Biographen Franz Josef Görtz und Hans Sarkowicz.
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