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Das Phänomen ist bei mehreren Organisationen aufgetaucht, die wir bei ihrer Transformation unterstützen. Sobald bekannt wurde, dass es die Funktion der Chefin oder des Chefs im klassischen Sinne nicht mehr geben wird, nahmen alle an, dass Entscheide künftig vom Team oder von einer Gruppe getroffen würden. Also entweder gibt es dann einstimmige Entscheide oder Mehrheitsentscheide. Warum das keine gute Idee ist und wie es anders geht, zeigt dieser Blogbeitrag.
Bei vielen Transformationen, bei denen die Funktion des klassischen Chefs oder der klassischen Chefin abgeschafft und die Führung verteilt wird, fragen sich die Leute, wer dann entscheidet. «Ihr», heisst es dann oft. Das ist wahrscheinlich nicht falsch, aber meistens zu wenig präzis. Die meisten Personen denken aufgrund des «ihr» an Team- oder Gruppenentscheide. Also Entscheide, die vom und durch das Team gefällt werden, mittels Einstimmigkeit (Konsens) oder Mehrheitsentscheid. Diese Schlussfolgerung ist nachvollziehbar. Im bisherigen System mit der Funktion der Chefin oder des Chefs gibt es eine Person, die eine schlussendliche Entscheidungsbefugnis hat. Diese Person hat mehr Rechte als die übrigen in dieser Organisation. Wenn es diese Position der Chefin und des Chefs nicht mehr gibt, dann bleiben nur noch die Personen übrig, die bisher weniger Rechte hatten. Sie hatten alle gleich weniger Rechte. Sie waren also untereinander gleich berechtigt. Folge dessen, wenn diese Personen entscheiden müssen/dürfen, haben sie weiterhin gleiche Rechte untereinander. Ergo gibt es Teamentscheide mit Konsens oder Mehrheitsentscheid. Diese Schlussfolgerung ist verständlich, aber wenig praktikabel oder sinnvoll.
Der Weg zu Konsens und Mehrheitsentscheidungen ist oft sehr lang, weil viel argumentiert und plädiert wird (und wenig erkundet und erforscht), häufig liegt die Betonung auf der Uneinigkeit und führt zu Polarisierung. Am Schluss haben alle und niemand die Verantwortung und kaum ist der Entscheid getroffen, kommen die ersten nochmals auf den Entscheid zurück. Wenn die Aufgaben verteilt sind, ist es eigentlich aber auch klar, wer entscheidet. Nämlich die Person, bei der die Entscheidung anfällt. Und falls die Entscheidung sehr bedeutsam ist und eine grosse Tragweite hat, so ist der konsultative Einzelentscheid sehr hilfreich. Im konsultativen Einzelentscheid liegt die Entscheidung (und Verantwortung) immer bei einer Person – mit allen Konsequenzen. Erstaunlicherweise fallen in der Praxis gar nicht so viele Entscheide an, die eine Gruppe oder als Team als Ganzes fällen muss. Das sind eher seltene Einzelfälle.
Beim konsultativen Einzelentscheid geht es ausserdem nicht «nur» um die Verantwortung für den Entscheid an sich. Sondern auch um die Verantwortung, die richtigen und besten Kolleginnen und Kollegen um Rat zu fragen. Das zeugt von Wertschätzung und führt zu Kollegialität. Gleichzeitig ist es eine Gelegenheit, bei allen Beteiligten eine unternehmerische Haltung zu erzeugen. Und überträgt letztlich die Verantwortung indirekt auf alle Konsultierte. Die Antwort auf die Frage, wer die Entscheidungen trifft, wenn es keine klassische Chefin und keinen klassischen Chef mehr gibt, sollte also nicht «ihr» lauten, sondern «ihr, jede und jeder einzelne von euch».
Eine Organisationsform, die ohne klassische Chefin oder Chef auskommt und die sehr häufig mit dem konsultativen Einzelentscheid arbeitet, ist der BetaCodex.