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GAU in Lucens: Vor 50 Jahren explodierte in der Westschweiz der einzige Schweizer Atomreaktor
Updated: Dec 4, 2018
In den 1950er-Jahren trat die Welt und mit ihr die Schweiz in ein neues Zeitalter ein: das der Atomtechnologie. Denn rasch nach dem zweiten Weltkrieg kehrte sich die zunächst als zerstörerisch wahrgenommene Technologie (Stichworte Hiroshima und Nagasaki) in ihr Gegenteil um: Fachleute erkannten das Potenzial dieser neuartigen Technologie, die versprach, die aufkommenden Energieprobleme der westlichen Welt «für immer» zu lösen. Die Welt war euphorisch: Man träumte von atomgetriebenen Autos, von Schiffen und Flugzeugen, aber auch von lokalen Reaktoren zu Heizungs- und anderen Zwecken. In der Schweiz ging es gar um die Entwicklung eigener Kernkraftwerke: Bund, Industrie und Wissenschaft wollten eigene Reaktoren zur Stromgewinnung entwickeln und diese bei Erfolg ins Ausland exportieren. Atomreaktoren made in Switzerland waren das grosse Ziel.
Ein erster Entwurf für einen solchen Reaktor lag bereits Anfangs der 1950er-Jahre vor. Das Modell zeigte zahlreiche Merkmale der späteren Ausführung: Man hatte sich entschieden, einen sogenannten «Natururanreaktor» zu bauen, also einen Reaktor, der nicht auf angereicherstes Uran angewiesen war. Auf dieses hatten die Amerikaner das Monopol, und man wollte ich nicht von ihnen abhängig machen. Die Verantwortlichen forcierten eine Politik der «Independence». Ein solcher Natururanreaktor ist jedoch für die Produktion von Plutonium besonders geeignet. Deshalb wurden rasch Stimmen laut, die behaupteten, die Schweiz interessiere sich in erster Linie für Atomwaffen. Für eine waffentechnische Verarbeitung von Plutonium braucht es allerdings hochtechnische teure Anlagen und entsprechend qualifiziertes Personal. Beides stand der Schweiz in den 1950er-Jahren nicht zur Verfügung. Eine Eigenproduktion von Atomwaffen erwog damals also kaum jemand.
1961 begann in Lucens der Bau des Reaktors. Das Projekt wurde bald zum Vorzeigemodell, regelmässig führten Bundespolitiker ausländische Staatsgäste nach Lucens. Allerdings veränderten sich in Lucens bald einmal die Rahmenbedingungen: Der aus verschiedenen Gründen verspätet erfolgte Baustart und ein Mangel an Fachkräften führten zu Verzögerungen in der Projektabwicklung, die kaum mehr aufgeholt werden konnten. Es manifestierten sich Zielkonflikte: Der einheimischen Elektrizitätswirtschaft, der Hauptabnehmerin des zukünftigen Atomstroms, ging das Schaffen zu langsam voran. Ihr war es letztlich egal, woher der Strom stammte. Folgerichtig befasste sie sich mit der Planung eigener Werke, basierend auf ausländischer Technologie. Nun wurde doch auf die USA zurückgegriffen: die NOK bestellte einen ersten amerikanischen Leichtwasserreaktor. Dieser Reaktortyp hatte nichts mit dem in Lucens entwickelten Reaktor gemeinsam. 1969 ging schliesslich Beznau I ans Netz, 1971 und 1973 folgten Beznau II und Mühleberg. Der Traum eines Eigenreaktors als wirtschaftlicher Produktionsfaktor war damit bereits ausgeträumt.
Dennoch hielt man am Bau von Lucens fest. Mitte 1968 konnte der Reaktor in Betrieb genommen werden, erster Strom wurde produziert und ins Netz eingespeist. Bald einmal fanden sich jedoch Mängel an den Brennelementen, der Reaktor musste abgeschaltet werden. Nach der Wiederinbetriebnahme kam es dann am 21. Januar 1969 zum GAU: die Brennelemente überhitzten und explodierten, die Anlage wurde vollständig zerstört. Dank dem Bau der Anlage in einer Kaverne blieben Mensch und Umwelt weitgehend verschont. Das Schadensausmass innerhalb der Anlage war jedoch verheerend, und die Verantwortlichen entschieden, die Anlagen stillzulegen. Das ehrgeizige Ziel, Reaktoren swiss made einmal ins Ausland zu exportieren, war vom Tisch.