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Am 16. Mai 2022 wurde auf dem "Place de Nova-Friburgo" eine Bronzetafel eingeweiht, die an die Freiburgerinnen und Freiburger erinnert, die nach Nova Friburgo ausgewandert sind. Es werden anwesend sein Freiburgs Stadtammann Thierry Steiert, Raphaël Fessler, Präsident des Vereins Freiburg-Nova Friburgo, sowie Cláudia Fonseca Buzzi, Brasiliens Botschafterin in der Schweiz.
Eine schon zweihundertjährige Geschichte
Am 11. Mai 1818 unterzeichnen Sébastien-Nicolas Gachet – Bevollmächtigter der Freiburger Kantonsregierung – und Johann VI., König von Portugal und Brasilien, einen Vertrag im Hinblick auf eine Gründung der brasilianischen Kolonie Nova Friburgo.
Der Kanton Freiburg beeilt sich, diese Vereinbarung zu unterzeichnen. Denn die Schweiz – und insbesondere ihre ärmsten Kantone – leidet unter der Hungersnot und einer schweren Wirtschaftskrise. Nach dem heftigen Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesion 1816-17 hat die Welt nämlich eine Klimaabkühlung erlebt, welche die Ernten und den Handel massiv beeinträchtigen.
Für die Dzodzets («Freiburger» im frankoprovenzalischen Dialekt) bietet die Auswanderung die Möglichkeit, den unergiebigen Böden, den Härten des Klimas und manchmal auch den Härten der politischen und religiösen Behörden zu entkommen.
Im Juli 1819 beschliessen über 2000 Schweizerinnen und Schweizer aus elf (heutigen) Kantonen, den grossen Sprung über den Atlantik zu wagen. Nicht weniger als 830 Freiburger aus ungefähr 70 Gemeinden wandern aus und machen auf diese Weise jenen Platz, die bleiben. Etwa 100 Angehörige der Stadt Freiburg und ihrer Umgebung sind bei der Reise dabei. Sie schiffen sich am 4. Juli 1819 in Estavayer ein, um über Basel und Rotterdam nach Brasilien zu gelangen.
Schindereien und Unfälle
Die Überfahrt auf der «Urania» ist geprägt von Entbehrungen, Krankheiten und Mühsal. Die Zahl der Todesfälle beläuft sich auf ungefähr 600, wovon sich 313 auf hoher See ereignen. Nach achtzig Tagen auf hoher See erreichen 437 Freiburgerinnen und Freiburger am 30. November 1819 das brasilianische Festland. Weitere 357 Personen aus den Kantonen Freiburg und Bern, die am 12. September 1819 aufgebrochen sind, kommen erst am 4. Februar 1820 in Südamerika an.
Am 18. Februar 1820 ist die Kolonie vollständig. Die Überlebenden, ohne Geld und ausgehungert, werden auf die rund hundert Behausungen aufgeteilt, die es dort bereits gibt. Die Anfänge der brasilianischen Schweiz sind mühsam, geprägt von anstrengenden Rodungen, mangelhaften Ernten, zahlreichen Krankheiten und häufigen Todesfällen.
Unterjochte Auswanderer
Die Kolonie lebt in einer künstlichen Wirtschaft dank den Subventionen, die jedoch mit der Rückkehr des lusitanischen Königs nach Lissabon 1821 enden. In Rio de Janeiro wird deshalb von Schweizer Kaufleuten die Schweizerische Philanthropische Gesellschaft gegründet, um den Auswanderern zu Hilfe zu eilen; die Gesellschaft besteht noch heute und hat eben ihr 200-jähriges Bestehen gefeiert. Die unternehmungslustigsten Auswanderer verlassen ernüchtert dieses Eldorado, um anderswo in Brasilien Kaffee anzubauen – wobei sie auch Sklavenarbeiter einsetzen; Brasilien hat die Sklaverei erst 1888 abgeschafft.
Bald kommen auch Deutsche aus dem Rheinland hinzu, um die ausgedünnten Reihen der ersten Siedler von Nova Friburgo zu verstärken. Eine Generation nach ihrer Ankunft leben nur noch 443 Schweizer Staatsangehörige an diesem kleinen Ort. Der Bundesrat befasst sich ab 1857 mit den sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen der Schweizer Auswanderer. Diese Bemühungen helfen den Arbeitern, die Garantie eines Mindestlohnes zu erlangen.
Bleibende Erinnerung
Entgegen einer weit verbreiteten Meinung ist die Erinnerung an die «für Brasilien Eingeschriebenen» im Verlaufe der Zeit nie verloren gegangen. Sei es durch Bücher, die an das Epos von Nova Friburgo erinnern (siehe untenstehende Bibliografie), oder durch den Verein Freiburg-Nova Friburgo, der in den 1970er-Jahren auf Initiative von Martin Nicoulin, René-Louis Rossier und Pierre Kaelin entsteht.
Von da an nimmt der Austausch zu, und es werden die Verbindungen zwischen den Familien, die seit über 200 Jahren durch den Ozean getrennt waren, wieder neu geknüpft.
1977 findet ein erster Besuch einer Freiburger Delegation in Nova Friburgo statt.
Der Nova-Friburgo-Platz wird am 22. Juni 1981 in Freiburg eingeweiht.
Das Schweizer Haus (Casa Suiça) wird 1987 in Conquista (Nova Friburgo) durch den Verein Freiburg-Nova Friburgo errichtet. Es umfasst eine Käserei, eine Schokoladenfabrik, ein Ladengeschäft und ein Restaurant. Dazu gehört auch ein Kulturangebot mit Gedenkstätte, Auditorium und Ausstellungsgalerie, das 1996 in Anwesenheit von Behörden der Stadt und des Kantons Freiburg eingeweiht wird.
Nach den Erdrutschen in Nova Friburgo im Januar 2011, die zu den schwersten Naturkatastrophen des modernen Brasiliens gehören, setzen Kanton und Stadt Freiburg gemeinsam ein Zeichen der Solidarität, indem sie Hilfsgelder sprechen.
Im Mai 2018 reist eine Freiburger Delegation mit dem Gemeinderat der Stadt Freiburg nach Nova Friburgo.
Weiterführende Informationen
Im Internet:
- Verein Freiburg-Nova Friburgo (nur auf Fr.)
- Genealogische und heraldische Seite des Kantons Freiburg (nach Nova Friburgo ausgewanderte Familien) (nur auf Fr.)
- 1700, Mitteilungsblatt der Stadt Freiburg, Nr. 341, Januar 2018, Seiten 12-13.
Zu lesen:
- Georges Ducotterd und Robert Loup, Terre! Terre! Récit historique de l’émigration suisse au Brésil en 1819, Vorwort von Thierry Steiert, Freiburg, Editions de la Sarine, 2018 (Neudruck der Originalausgabe von 1939).
- Robert Loup, «Les Pèlerins de l’illusion ou Fribourg au Brésil (1817-1820)», als Serie in der Tageszeitung La Liberté 1942 publiziert.
- Martin Nicoulin, La Genèse de Nova Friburgo. Emigration et colonisation suisse au Brésil, 1817-1827, Freiburg, Universitätsverlag 1973, mehrmals neu aufgelegt.
- Henrique Bon, Un aller simple pour Nova Friburgo, portugiesische Originalausgabe (2008) übersetzt von Robert Schuwey, Verlag Faim de siècle, 2017.