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Obschon publizistische Kulturbetrachtung sich wohl zu allen Zeit als «objektiv» im Sinn von unvoreingenommen sachgerecht verstanden hat, war sie das nie. Zuerst muss die Position des Kulturbetrachtenden unter drei Parametern beschrieben sein, bevor die spezifische Subjektivität der Perspektive verstanden werden kann. Der erste Parameter ist der historische, der zweite der geografische, der dritte der soziale (worunter die Offenlegung des kulturellen, sozialen und ökonomischen Kapitals des Kulturbetrachtenden zu verstehen ist). Vor der Rezeption irgendwelcher «objektiver» Ausführungen steht die Frage: Wer redet – wie abgesichert – wann, wo und weshalb? Erst wenn das klar ist, ist die spezifische Subjektivität der vorgegebenen «Objektivität» abzuschätzen.
(24.09., 06.10.1996; 25.06.2018)
Ein Werkstück mit wenig Erkenntnisgewinn. Wünsche ich mir ernsthaft, dass eine «objektive» Kulturbetrachtung möglich sein sollte? Ich bezweifle, dass es heute geisteswissenschaftlich Arbeitende gibt, die bestreiten würden, dass auch ihr Erkenntnisinteresse selbstverständlich durch die spezifische Gewordenheit ihrer Subjektivität gesteuert wird. Was denn sonst?
Umgekehrt meine ich heute, dass es tatsächlich möglich ist, bei einer Auseinandersetzung mit Begriff und Phänomenen der Kultur den eigenen historischen, geografischen und sozialen Ort mitzudenken: Warum frage ich das, was ich frage? Und warum antworte ich so, wie ich antworte? Mehr kann auch ich nicht.
(01.05.2006)
Wohl wahr: Nötig ist Selbstkritik beim Reden und Ideologiekritik beim Zuhören. Mehr kann auch ich nicht.
Heute sind mir die drei Parameter des historischen, geografischen und sozialen Orts, von dem her geredet werde, zu vage. Klar spielt es eine Rolle, ob im 19. oder im 21. Jahrhundert über Kultur geredet wird, ob die sprechende Person ihren Kulturbegriff in Mitteleuropa oder in Südamerika entwickelt hat und ob sie aus einer bildungsbürgerlich eurozentrischen oder aus der Perspektive der Slums von Bombay spricht (so verstehe ich die drei Parameter heute). Aber eigentlich geht es um viel konkretere Fragen (die sich aus dem Satz ergeben: «Wer redet – wie abgesichert – wann, wo und weshalb?»): Wer spricht? Welcher Tradition und welcher Weltanschauung ist die Person verpflichtet? Aus welchen Schulen kommt sie? In welchen Netzwerken bewegt sie sich? Wofür steht sie aufgrund dessen, was sie bisher gesagt hat? In welchem Auftrag arbeitet sie aktuell? Welche Fragestellung wird von den Auftraggebern finanziert? Was beabsichtigen diese mit dem Projektkredit? Und später: Wer hat auf das Gesagte wie reagiert? Und warum?
Und was die «vorgegebene Objektivität» betrifft, in der bei mir immer auch das Ressentiment gegen akademischen Dünkel mitschwingt: Sie sagt nicht mehr, als dass ich hier ein Problem hatte und bis heute habe. Heute ist mir zwar klar, dass ich als Nichtakademiker meinen beruflichen Weg mit zu schwachem Selbstbewusstsein zu nahe an akademisch Geschulten gegangen bin. Sicher ist es so, dass ich mit der Zeit Gründe hatte für gewisse Ressentiments gegen jenes Milieu oder doch einzelne seiner ExponentInnen. Trotzdem: Mein Problem bei der Formulierung des Werkstücks war nicht irgendein Anspruch auf objektive Kulturbetrachtung, mein Problem war das Ressentiment gegen Rhetorik und Jargon der aus meiner Sicht Bildungsprivilegierten, die es mich – wohl eher ungeschickt als bösartig – zu oft haben spüren lassen, dass sie es sind.
(14.+17.10.2017; 25.06.2018)