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Die Kinder mit dem anderen Elternteil in die Ferien lassen
Fallbeispiel: Frau R., Schweizerin ist 29 jährig. Sie hat mit F. aus Tunesien einen 4jährigen Sohn. Seit 2 Jahren leben sie getrennt. F. sieht seinen Sohn jedes zweite Wochenende, ohne Übernachtung. Nun möchte er mit seinem Sohn in den nächsten Ferien für 4 Wochen nach Tunesien reisen und seine Familie besuchen. Frau R. fällt aus allen Wolken, als F. ihr dies mitteilt. Sie hat Bedenken ob der Vater genug für das Kind sorgen kann, wo er ihn seit der Trennung doch nur alle 2 Wochen sieht. Je mehr sie darüber nachdenkt, desto mehr spürt sie ihre Angst davor, dass er ev. mit dem Kind nicht mehr zurückkommen könnte. Und was ist, wenn er das Kind entführt?
Ängste, das Kind mit dem Exmann alleine in dessen Herkunftsland gehen zu lassen, kommen bei getrennt lebenden oder geschiedenen Frauen, die in einer binationalen Beziehung lebten öfter vor als bei Eltern gleicher Herkunft. Was kann Frau R. tun? Sie lässt sich bei einer Beratungsstelle beraten. Zusammen mit der Beraterin macht sie sich Gedanken zu folgenden Fragen: Was ängstigt mich? Was löst meine Ängste aus? Habe ich objektive Hinweise, die die Ängste begründen? Was ist gut für unser Kind? Könnte es von dieser Reise möglicherweise auch profitieren? Welche rechtlichen Aspekte sind zu berücksichtigen?
Frau R. ängstigt sich vor allem weil ihr Kind in den Ferien nicht gut versorgt sein könnte und dass F. möglicherweise eine Kindesentführung plant. Bei näherem Hinsehen wird ihr klar, dass der Vater in Tunesien ja nicht alleine ist, sondern seine Familie vor Ort ist und das Kind wahrscheinlich die ganze Zeit innerhalb der Familie verbringen wird. FRau R. kennt die Familie von früheren gemeinsamen Besuchen und weiss, dass die Eltern von F. sehr kinderliebend sind und alles für Ihren Sohn und Enkel machen würden. Frau R. ist sich einfach unsicher, ob ihr Mann genug Ressourcen und Fähigkeiten besitzt, um das Kind auch auf der Reise gut zu betreuen. Im Gespräch wird ihr klar, dass sie bisher stets froh war, dass das Kind nicht bei ihm übernachtet hat, dass dies aber allenfalls eine Möglichkeit wäre, dem Vater schon vor den Ferien die Möglichkeit zu geben, mehr Verantwortung für den Sohn zu übernehmen. In Bezug auf die Vorteile für das Kind findet Frau R. heraus, dass sie eigentlich schon möchte, dass ihr Kind einen Bezug zum Herkunftsland seines Vaters hat. Es kann für die Identitätsentwicklung des Kindes sehr wichtig sein, zu wissen, woher es abstammt. Auch könnte die Reise die Beziehung zum Vater stärken.
Frau R. wird bewusst, dass Sie selber etwas dazu beitragen kann, um dem Vater die Möglichkeit zu bieten, Verantwortung für das Kind zu übernehmen, was sie sich ja eigentlich auch wünscht. Sie nimmt sich vor, selber mehr loszulassen und ihrem Mann mehr Zeit mit dem Kind abzugeben. Die Angst, ihr Mann könnte mit dem Kind in Tunesien bleiben, bleibt unterschwellig jedoch an ihr haften.
In der Beratung wird ihr klar, dass eine Aussprache mit dem Vater ihres Kindes dabei helfen könnte, eine für das Kind gesunde Vertrauensbasis zwischen ihnen zu schaffen. Dies würde aber bedeuten, dem Vater auch seine Rechte zu gewähren und in Bezug auf vielleicht andere Wert- und Erziehungsvorstellungen Kompromisse eingehen zu müssen. Frau R. entscheidet sich, mit ihrem Exmann gemeinsam in eine Beratung zu kommen, um über ihre Ängste zu sprechen und ihn zu fragen, was er als Vater für Wünsche und Vorstellungen hat. In einem gemeinsamen Gespräch äussern beide ihre Ängste und Wünsche und diskutieren über allfällige Kompromisse. Die Beratende Person hilft ihnen, den Fokus dabei stets auf das Kind zu behalten. Herr F. teilt mit, dass jetzt wo das Kind schon etwas grösser ist, er gerne mehr Verantwortung und Betreuung übernehmen möchte. Ihm ist es wichtig, dass das Kind sein Heimatland und seine Familie kennenlernt, sein Sohn solle wissen, woher er kommt damit er seinen Vater auch besser versteht, wenn er gewisse Dinge im Leben anders regelt oder lebt als es vielleicht Schweizer, resp. seine Mutter tut. Dass Herr F. über Frau R.s Ängste und Befürchtungen sehr überrascht reagiert, beruhigt Frau R. etwas. Sie merkt, dass es neben all den Befürchtungen in Bezug auf den Vater auch um ihre Angst geht, das Kind 4 Wochen lang nicht zu sehen. Als sie dies äussert, macht ihr Mann den Vorschlag, von den Ferien aus regelmässig mit ihr zu skypen, damit sie weiss, dass es dem Kind gut geht. Ebenfalls äussert Herr F., dass er sich sowieso überlegt, nur 3 Wochen in die Ferien zu gehen, da es auch für ihn und den Sohn eine neue Situation ist, die beide erst noch kennenlernen müssen.
Beide sind über ihre Aussprache erleichtert und nehmen sich vor, dies öfters zu tun.
Ein Artikel der Beratungsstelle frabina