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Von New York nach Rumänien und zurück: In seinem opulenten Roman «Der Mann, der das Glück bringt» verbindet Catalin Dorian Florescu mehrere Lebensgeschichten.
Der Mensch sei ein geschichtenerzählendes Tier, bemerkte der US-amerikanische Philosoph Alasdair MacIntyre einmal. Er könne die Frage, was er tun solle, nur beantworten, wenn er zuvor die Frage beantworten könne, als Teil welcher Geschichte oder Geschichten er sich fände. Das könnte dem neuen Roman von Catalin Dorian Florescu als Motto vorangestellt sein, denn in den New Yorker Slums von 1899 lebt es sich mit einer erfundenen Geschichte oft besser als mit der, die das Schicksal einem zugedacht hat.
Es gibt «zu viele Geschichten, um sich auf eine festzulegen», weiss der kleine Zeitungsjunge, der sich «Streichholz» nennt, und entscheidet sich in der besagten Silvesternacht, lieber die Freakshows in den zahlreichen Varietés anzuschauen, als das Angebot eines Kutschers anzunehmen, einen ordentlichen Beruf zu erlernen. Sein erstrebtes Ziel ist es, einmal Sänger in einem Vaudevilletheater zu werden, ein Mann also, «der das Glück bringt», wie es vielversprechend im Buchtitel heisst.
Vom Teufel verflucht
Geschichten werden aber auch auf der anderen Seite der Welt erzählt, im rumänischen, hinter der Zeit zurückgebliebenen Donaudelta etwa, von wo der in Zürich lebende Autor stammt und wo «Necuratul», der Unsaubere, wie man den Teufel dort nennt, näher ist als anderswo und auch im Bauch einer Schwangeren sein Unwesen treiben kann. Ereignisse, die die Welt erschüttern, werden dort nur mit grosser Verzögerung wahrgenommen, auf Zeitungen, mit denen die Hütten tapeziert sind. Immerhin ist der Mythos Amerika auch am «Mund des Flusses» angekommen und der Plattenspieler das Synonym für das gelobte Land: «Das ist Amerika», befindet die Kundschaft von Ahiles Friseur in Sulina, wenn das Gerät vor dem Laden Irving Berlin abdudelt.
Die Geschichte vom Grossvater, der vom Mond fiel, schwangere Frauen zum Schmelzen und Neugeborene in den Himmel brachte, einerseits und den drei Elenas aus dem Donaudelta andererseits umfasst drei Generationen. Erzählt wird die Geschichte alternierend von den Enkeln Ray und Elena, die sich zufällig – und wie könnte es anders sein – pünktlich zu 9/11 in New York treffen, wo Elena die Asche ihrer toten Mutter, Elena der Zweiten, verstreuen soll.
Diese war nämlich vom Teufel verflucht. Für ihre Eltern mit dem falschen Geschlecht geboren, hält sich das Kind an den zurückgebliebenen Lipowaner Vanea, einen Deltakundigen, der am liebsten Graureiher beobachtet. Doch die Magie der Landschaft, die Vögel fesseln sie nicht und auch nicht die Fische, von denen alle leben. Sie will fort, zuerst nach Sulina und am liebsten nach Amerika. Doch «ihr Leben würde eine Wendung nehmen, die grausamer als alles war, was man in der monotonen Welt des Deltas erwarten konnte».
Solche orakelnden Ankündigungen durchziehen den ohnehin etwas barock anmutenden Roman. Er stützt sich zwar auf minutiöse Recherchen, die das erzählerische Gelände absichern, ihm fehlt jedoch ein Damm, der Florescus opulente Erzählwut und die wie das Donaudelta ausufernden Bilder etwas einhegen würde. Wie der Kapitän kommt der Autor als «Meistererzähler» daher, der aus den sprudelnden Quellen des New Yorker Ghettos ebenso schöpft wie aus dem seichten Fluss, bevor er sich ins Schwarze Meer ergiesst. Da kann es dann auch schon vorkommen, dass der Zeithorizont aus den Augen gerät und Anfang des 19. Jahrhunderts von «kontaminierter Milch» die Rede ist.
Wenn Zufälle nachhelfen müssen
Bedrückend aktuell ist die Geschichte, in der von der nicht abreissenden Folge von EmigrantInnen, die mit allen Mitteln versuchen, nach Amerika zu gelangen, die Rede ist, von der Armut in den Slums, in denen ein Leben nichts wert ist, und von den toten Kindern, die regelmässig auf einem Dampfschiff über den East River transportiert und auf den Hart-Inseln entsorgt werden. Oder, noch schlimmer, die Grundlage sind für das kriminelle Geschäftsmodell des Kapitäns, für den Streichholz arbeitet. 1911 wird er Zeuge der brennenden Kleiderfabriken, in denen die Arbeiterinnen umkommen und beweisen, dass das Elend in hundert Jahren nur einen Kontinent weitergezogen ist. Im Donaudelta dagegen führt Florescu in die letzte, vergessene europäische Leprakolonie.
Diesem – auch thematisierten – mitreissenden Erzählfuror kann man sich nur schwer entziehen. Ins Schlingern gerät er allerdings im letzten Drittel des Romans, als wie vom Himmel gefallen Ray und Elena in die Gegenwart des beginnenden 21. Jahrhunderts eingeführt werden und immer wieder Zufälle nachhelfen müssen, um die Erzählung am Laufen zu halten. Elena erscheint dabei wie das Alter Ego des Autors, wie sie durch Manhattan streift, eine Flaneuse, die ermüdend Strassennamen abarbeitet und am Ende auch noch in den Staub der zusammenstürzenden Twin Towers gerät.
Am Ende, in Rumänien, hat Elena das Erzählen gelernt und fordert von Ray die «wahre» Geschichte. Die aber ist vielleicht am ehesten geborgen in den Vaudevillesongs, die der Autor freigebig übers Papier streut und die von den Hoffnungen und Sehnsüchten der Armen handeln, die einmal auszogen, um ins gelobte Land zu kommen.
Buchpremiere im Literaturhaus in Zürich, 10. März 2016, 19.30 Uhr. Lesung und Gespräch. Moderation: Christine Lötscher.