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In Vouvry aber gibt es ein anderes drachenartiges Ungetüm, das aber mehr einer fliegenden Viper gleichen soll. Es hat einen feurigen Schwanz, und in der Stirn steckt ein grosser Diamant, der als Auge dient, und den man weithin leuchten sieht, wenn es fliegt. Oft badet sich diese fliegende Viper in den Bächen und Weihern. Aber jedesmal, bevor sie ins Wasser schlüpft, legt sie ihr diamantenes Auge am Ufer nieder. Schon viele Leute versuchten, den Diamanten zu erwischen, da er einen ungeheuren Wert haben soll, doch es gelang nie. Denn eifersüchtig wachte die Schlange über ihren Schatz und erdrückte jeden, der sich ihr zu nahen wagte.
Aber dann gelang es doch einem kühen Mann von Vouvry, das Auge der Schlage, den grossen Diamanten, zu gewinnen. Nämlich, als er die feuergeflügelte Viper wieder einmal durch die Luft fliegen sah, versteckte er sich in Gebüsch in der Nähe der Stelle, an der die Viper meistens zu baden pflegte.
Auf einmal schoss sie brausend heran, liess den Diamanten ins Ufergras fallen und schlüpfte sorglos ins Wasser.
Jetzt schlich sich der Mann durchs Gebüsch und kroch auf Hand und Fuss der Stelle zu, wo er den Diamant gar hell im Grase funkeln sah. Er musste sich aber sachte vorwärts schleichen, denn immer wieder tauchte die Viper aus dem Wasser auf und schlug also vergnügt mit ihren Feuerflügeln, dass das ganze Tal aufleuchtete. Immer näher und näher kam er dem kostbaren Steine. Einmal hob die Schlange wie lauschen den Kopf, aber dann tauchte sie tief ins Wasser hinunter.
In diesem Augenblick streckte der Mann die Hand flink aus dem Busch, packte den Diamanten und wollte sich sachte, sachte wieder davonmachen. Ein Stück weit hatte er's schon gebracht, da hörte die Schlange ein dürres Ästlein knacken. Sie fuhr auf und hob den Kopf hoch empor. Und nun hörte sie deutlich das Knacken im Gestäude und merkte mit einem Male, dass ihr Auge, der unschätzbare Edelstein, nicht mehr im Grase liege.
Zischend schoss sie aus dem Wasser und der Richtung zu, wo sie nun eilige Schritte durchs Unterholz brechen hörte. Denn nun hatte der kühne Mann von Vouvry gesehen, dass ihn die Schlange bemerkt habe, und dass er sich mit noch so leisem Kriechen nicht mehr retten könne.
Zum Glück hatte er das alles vorausgesehen und vorsorglich vorher ein leeres Fass in der Nähe der Badestelle ins Gebüsch gestellt. Das Fass aber hatte er rundum dicht mit spitzen Nägeln beschlagen. Behend hielt er auf das Fass zu. Aber schon hörte er die grause Schlange dicht hinter sich durchs Gebüsch rascheln, und weithin sah er den Schein ihrer leuchtenden feurigen Flügel. Nun sah er sie gar in die Luft steigen.
Aber da war er auch schon beim Fasse. Es war allerhöchste Zeit, denn kaum war er hineingeschlüpft und hatte den Deckel über sich fest zugezogen, so fuhr auch die Viper durch die Luft heran und versuchte das Fass durch Hin- und Herrollen umzustürzen. Als ihr dies nicht gelang, schlang sie sich blitzgeschwind um das Fass, um es zu zerdrücken. Aber nun drangen ihr all die hundert spitzen Nägel in den Leib, und da musste sie elend verenden.
Lange getraute sich aber der Mann von Vouvry nicht aus dem Fass. Als er aber doch hinauskroch und die tote Schlange sah, tat er einen lauten Jubelschrei und sprang hocherfreut nach Hause. Was er dann mit dem grossen Diamanten anfing, hat man bis auf den heutigen Tag nicht vernehmen können.
Quelle: "Schweizer Sagen und Heldengeschichten", M. Lienert, Stuttart, 1914
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