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Bei der Diskussion über Lili Grüns Text Liebe und der Frage, was ein Text über die Zeit, in der er geschrieben wurde, aussagen kann, zeigte sich, dass dies gar nicht so einfach zu beantworten ist. Einerseits ist der Text auf den ersten Blick nicht klar in eine literarische Epoche einzuordnen. So können Wendungen wie „gnädige Frau“ zwar darauf hinweisen, dass der Text zu einer früheren Zeit entstanden ist, er könnte aber gerade so gut die männliche Figur im Text charakterisieren, dass er älter ist als sie, dass er besonders orginell erscheinen will, oder besonders altmodisch ist.
Gleichzeitig stellte sich die Frage, warum Lili Grüns Text für uns überhaupt aus heutiger Sicht historisch interessant sein könnte. Eine mögliche Art, den Text mit den SuS zu betrachten, wäre, die Geschlechterverhältnisse jener Zeit zu analsyieren. Dabei könnte man den Text in einen historischen Kontext stellen und mit Quellen aus jener Zeit, zum Beispiel mit Briefen, hinsichtlich der Thematisierung der Geschlectherverhältnisse vergleichen. Man könnte auch andere von Frauen geschriebene literarische Texte, welche Geschlechterverhältnisse thematisieren, lesen und mit diesem vergleichen. Ein Beispiel wäre, Auszüge aus Emmy Hennings Gefängnis von 1919 zu lesen, ein aus eigenen Erfahrungen der Autorin gezogener Text darüber, dass eine Frau für Prostitution kriminalisiert wurde, während der Freier ohne Strafe davon kam.
Die etwas komplexere Problematik, welche vorgebracht wurde, war, dass ein älterer Text immer aus der heutigen Sicht gelesen wird und die historische Perspektive der Leserschaft immer ein Stück weit konstruiert ist. Ich finde, dass gerade die Frage der Konstruiertheit auch eine interessante Thematik für den Unterricht sein könnte: Dass man zeitgenössische Texte oder Filme/Fernsehserien analysieren, welche in vergangenen Zeiten spielen, und deren Konstruiertheit analysieren könnte.
Ein prominentes Beispiel für die Frage der Konstruiertheit der Vergangenheit ist die Fernsehserie Mad Men. Die Serie spielt in den 1960er Jahen und thematisiert die Zeit des Goldrausches in der Werbeindustrie. Die Männer in der Serie sind erfolgreiche, glatte „business-heroes“, die Frauen fallen vor Allem dafür auf, in ihren stereotypen Rollen als Stenografinnen oder Hausfrauen gut frisiert und angezogen zu sein, ein schönes Accessoire am Arm des Mannes. Dies hat eine wilde Debatte mit der Begrifflichkeit des ‚Retrosexismus‘ ausgelöst. Die Rolle der Serie im Bezug auf die heutigen Geschlechterverhältnisse ist umstritten. Will die Serie die (problematischen) Geschlechterverhältnisse jener Zeit sichtbar machen und thematisieren? Oder ist sie ein neokonservativer Taschenspielertrick und glamourisiert die Ungleichheit der Geschlechter, ist demnach retrosexistisch? Klar ist bei beiden Lesarten jedoch, dass die Serie ein konstruiertes Bild der Vergangenheit durch den Blick der heutigen Debatte um die Geschlechterverhältnisse malt.