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Die unverwechselbare Montserrat Caballé
Am 6. Oktober 2018 starb im Alter von 85 Jahren in Barcelona die Sängerin Montserrat Caballé, eine der bedeutenden Sopranistinnen der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Man hat sie sogar „die letzte Diva“ genannt. Sie war die Magierin der leisen Töne in hohen Lagen. Wo andere die Stimme pressen und forcieren mussten, sang die Caballé zumal in den 60-er und frühen 70-er Jahren so gelöst und in weiten leisen Stimmbögen, dass es einem noch heute beim Anhören dieses „Belcanto der Extraklasse“ vor Staunen den Atem raubt.
In ihrer späteren Karriere hat ihre Stimme dann an vibrierender Unpräzision – an „inflationärem Vibrato“ – zugenommen und gewiss auch an Leichtigkeit verloren. Doch ihr Einsatz und ihre Verwendung eines raffiniert modellierten hohen Pianos blieb ihr Markenzeichen auch noch in späten Aufnahmen. So greifen wir in Erinnerung an diese Sängerin auf eine Aufnahme zurück, in welcher ihr Belcanto diese ungewöhnlich leise Leuchtkraft und Verführungsmacht hatte. Wir wählen dafür die Abschiedsarie der Anna Bolena aus der gleichnamigen Oper von Gaetano Donizetti.
Englische Geschichte als Hintergrund
Anne Boleyn war Hofdame der ersten Ehefrau von König Heinrich VIII. von England, Katharina von Aragon. Der König verliebte sich in Anne und wollte seine erste Ehe annullieren lassen, um die Boleyn zu heiraten. Der Papst willigte jedoch in den Wünsch nicht ein.
Historisch war dies der erste Schritt zur Trennung zwischen der römischen und der englischen Kirche. Anne war zwischen 1533 und 1536 an der Seite des Königs, worauf dieser sich in Jane Seymour verliebte, die ihrerseits eine Hofdame und Vertraute von Anne Boleyn war. Um seine zweite Frau wieder loszuwerden (Heinrich hatte im Verlauf seiner Herrschaft sechs verschiedene Ehefrauen), konstruierte man eine Anklage gegen Anne Boleyn, die von Ehebruch und Inzest bis Hochverrat reichte.
Man warf Anne in den Tower, sie wurde im Oktober 1537 dort enthauptet. Im Jahre 1558 wurde die gemeinsame Tochter von Anne Boleyn und Heinrich VIII. die erste regierende Königin von England und herrschte als Elisabeth I. bis zu ihrem Tod im Jahr 1603.
Ein geradezu idealer Opernstoff, in welchem Liebe und Tod, Leidenschaft und Verrat, Anhänglichkeit und Intrige sich wundersam mischten. „Anna Bolena“, wie der italianisierte Name lautete, wurde das erste Meisterwerk Donizettis (es war seine 29. Oper!), das ihm Erfolg weit über Italien hinaus brachte. Daran mitbeteiligt war sicher auch der Librettist Felice Romani, der es verstand, den tragischen Verlauf von Anna Bolenas Schicksal am englischen Hof in ausdruckstarke Szenen zu bündeln.
Famose Gestalterinnen der Partie
Die erste Darstellerin der Anna war Giuditta Pasta, eine Mezzosopranistin, die sich allmählich zur berühmtesten Sopranstimme ihrer Zeit entfaltete. Sie war auch die erste, welche Bellinis „Sonnambula“ und dessen erste „Norma“ sang. Trotz des glänzenden Anfangserfolgs ist im 19. Jahrhundert „Anna Bolena“ wieder von den Opernbühnen der Welt verschwunden.
Es war die Visconti-Inszenierung an der Mailänder Scala aus dem Jahr 1957 mit Maria Callas als Anna, welche das Werk wieder in die Spielpläne der Opernhäuser zurückbrachte. Heute gehört die Partie der Anna zu den beliebten Rollen von Belcantosängerinnen: Die Sutherland, die Sills, die Gruberova, die Gheorghiu sangen und singen sie, ebenso wie die neuen Sterne am Sopranistinnenhimmel, etwa Anna Netrebko.
Die Szene, der wir uns hier zuwenden, ist der Schluss des 2. Aktes, im Tower von London unmittelbar vor Annas Hinrichtung. Eingeleitet wird sie von einer ergreifenden Chor-Komposition Donizettis, der seine Chorszenen gelegentlich etwas nachlässig und schnellfertig zusammenschusterte. Es sind die klagenden Frauen, die vor Annas Gefängniszelle über das Los ihrer Königin nachsinnen. „Wer kann trockenen Auges die Königin in solcher Not und solchem Leid sehen, ohne dass ihm das Herz bricht?“, singen sie. Bald sei sie stumm und regungslos wie ein kalter Stein, dann bewege sie sich lang und schnell in ihrer Zelle, nur den Boden anstarrend. Bald sei ihr Gesicht traurig und bleich wie ein Schatten, dann wieder versuche sie zu lächeln, und vielfältig ändere sich ihr Ausdruck, wenn Gedanken und Gefühle in ihr aufsteigen würden, in ihrem Schmerz und in ihrem Wahn.
Wir haben es im folgenden Auftritt Annas mit einer sogenannten „Wahnsinnsszene“ zu tun, freilich mit einer, in welcher – anders als etwa in „Lucia di Lammermoor“ – der Wahn immer wieder vom Licht der Vernunft verdrängt wird, um von jenem wieder in Besitz genommen zu werden. Dieser Trauergesang der Frauen ist der musikalische „Leidteppich“, auf dem der Auftritt Annas sich vollzieht: düsterste Stimmung, von einer Klarinettenklage und in Halbtönen sich bewegenden Bässen geprägt. Es ist, als sängen diese Hofdamen der Königin bereits ihr Requiem im Voraus. Man muss lange in der Opernliteratur suchen, bis man – vor Verdis Opern – im italienischen Repertoire eine derartig ergreifende Chorszene findet, die eine so leidende wie liebende Frau kommentiert.
„Piangete voi? – Weint ihr?“ Szene aus Anna Bolena (1830)
Jetzt erscheint Anna. „Weint ihr? Was verursacht diese Tränen?“ In ihrer Wahnvorstellung glaubt sie, der König erwarte sie zur Hochzeit. Wie damals, als er sie noch liebte. Sie sieht den geschmückten Altar, verlangt nach ihrem weissen Mantel, will, dass man ihr Blumen ins Haar stecke. Dann kippen ihre Gedanken wieder. Sie erinnert sich an ihren früheren Geliebten Percy, den sie verlassen hat, um den König zu heiraten. Dieser hat ihr verboten, Percy zu begegnen. Doch Anna sieht ihn auf sich zukommen. Sie wirft sich ihm zu Füssen, bittet ihn, sie aus diesem Gefängniselend zu befreien. Er könne doch nicht zulassen, dass sie hier allein sterbe!
Nun folgt auf dieses von Wahnwahrnehmungen geprägte Rezitativ, wundersam vom Englischhorn intoniert, eine jener Belcanto-Arien, über die ein französischer Kenner einmal schrieb, sie gehöre zum Raffiniertesten, was je aus Donizettis Feder geflossen sei. „Al dolce guidami castel natio – Bring mich zurück zum Schloss meiner Jugend.“ Die Arie ist eine Beschwörung des Jugendglücks im Angesicht des Todes. Anna will zurück zum Fluss, von dem sie glaubt, dass er immer noch ihre damaligen Liebeserklärungen flüstere. Sie weiss, dass sie dort alles Leid vergessen kann. Einen Tag lang will sie noch einmal das Gefühl spüren, wirklich geliebt zu sein.
Donizetti hat in diesen traumartigen Wunsch Annas ebenso die Aussichtslosigkeit der Rückkehr hineinkomponiert wie den seligen Wahn, ohne den die verzweifelt Liebenden nie auskommen. Es ist kein Wunder, dass Freunde des Belcanto bei dieser Arie in den Opernhäusern oft selbst wie Besessene vor Begeisterung toben, sofern es einer Sängerin gelingt, aus dem Wahn der leidgeprüften Anna Bolena die schönsten Hoffnungen einer verzweifelt Liebenden mit ihrer Stimme hörbar zu machen. Hier wird wahres Belcanto-Glück greifbar. Nicht das der perlenden Koloraturen. Aber der Glückstraum eines verwundeten Herzens.
Auch wegen dieser Interpretation der Anna Bolena durch Montserrat Caballé darf ihre nun verstummte Stimme als unvergleichlich und für alle Zukunft als unverwechselbar gelten.