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16. Januar 1905: Die Dawson City Nuggets spielen um den Stanley Cup. Das Problem: Sie sind am Yukon zuhause, rund 6000 Kilometer Luftlinie entfernt von Ottawa, wo die Partien stattfinden. Die Anreise dauert fast einen Monat – und endlich da, gibt es für die Nuggets zwei Klatschen.
Um das Jahr 1900 ist Dawson City das Epizentrum einer Krankheit. Sie ist hoch ansteckend, sorgt für Tränen und Tod – aber auch für unermesslichen Reichtum. Es ist das Goldfieber, das hunderttausende Glücksritter an den Klondike River zieht, nahe der kanadisch-amerikanischen Grenze.
Joe Boyle ist einer, der sein Glück findet. Der Kanadier ist früh da, schätzt das Potenzial richtig ein, investiert und wird mit Gold stinkreich. Später wird man Boyle nach Heldentaten im ersten Weltkrieg nachsagen, dass er der Liebhaber ihrer Majestät, Königin Maria von Rumänien, gewesen sei. Kein Gerücht ist, dass Boyle in Dawson City ein Eishockey-Team auf die Beine stellt, das den Stanley Cup gewinnen soll.
Bevor es die NHL gibt, wird der Stanley Cup zwischen dem Titelverteidiger und einem Herausforderer vergeben. Die Ottawa Silver Seven als Champion des Jahres 1904 akzeptieren Boyles Anfrage. Und so kommt es, dass am 19. Dezember des selben Jahres ein Haufen Goldgräber aus Dawson City zu einem elend weiten Trip aufbricht, um in einer Best-of-Three-Serie um die begehrte Trophäe zu spielen.
Die Anreise ist äussert beschwerlich. Zunächst legt das Team rund 600 Kilometer mit Hundeschlitten zurück. Danach geht es mit einer Schmalspurbahn von Whitehorse nach Skagway, wo ein Dampfschiff wartet, das die Mannschaft hinunter nach Vancouver bringt. Von dort geht es mit dem Zug quer durch ganz Nordamerika ins über 4000 Kilometer entfernte Ottawa.
Als hielte dieser Trip nicht schon genug Strapazen bereit, macht das Wetter den Dawson City Nuggets mehrmals einen Strich durch die Rechnung. Auf dem ersten Teilstück schmilzt der Schnee, so dass die Schlitten nutzlos sind – die Spieler müssen hunderte Kilometer zu Fuss zurück legen. Als sie in Whitehorse ankommen, ist das Wetter so schlecht, dass der Zug drei Tage lang nicht fahren kann.
Das Eishockey-Team verpasst deshalb in Skagway das Schiff – nur um zwei Stunden – und der nächste Dampfer kann drei Tage lang nicht in den Hafen fahren, weil dieser zugefroren ist. «Das Warten tut ihnen nicht gut», notiert ein Chronist, «sie trainieren primär ihre Leber.» Das Team absolviert ein einziges Training und beklagt sich danach darüber, dass das halbe Eisfeld mit Sand bedeckt war.
Der Schiffstrip – heute eine populäre Kreuzfahrtroute – wird für viele Spieler zu einer schlechten Erfahrung. In den Wellen des Pazifiks übergeben sie sich reihenweise. Das Schlimmste: In Vancouver werden sie nicht erlöst. Denn dort ist der Nebel so dick, dass das Schiff bis nach Seattle fährt. Nun, endlich an Land, kann die Zugreise beginnen – von welcher keine besonderen Vorkommnisse bekannt sind.
Durch die zahlreichen Verspätungen treffen die Dawson City Nuggets jedoch erst am 11. Januar in Ottawa ein, 23 Tage nach der Abreise und bloss zwei Tage vor dem ersten Spiel um den Stanley Cup. Dort werden die Herausforderer schon am Bahnhof von einer Eishockey-begeisterten Menge empfangen und es wird ihnen ein Empfangs-Dinner offeriert. Doch die Bitte der Weitgereisten, man möge die Partien wegen des strapaziösen Trips ein wenig hinausschieben, wird abgelehnt.
Die Nuggets treten als klarer Aussenseiter an. Nur zwei Spieler haben sich vorher als Eishockey-Spieler einen Namen gemacht und einer der beiden ist nicht einmal dabei. Weldy Young, einst ein Star beim Gegner Ottawa, muss länger in Dawson City bleiben als der Rest des Teams, weil er wegen Wahlen unabkömmlich ist. Er reist später ab, trifft aber nicht rechtzeitig ein.
Das Duell um die Krone des kanadischen Eishockey-Sports verkommt mit dieser Vorgeschichte zu einer Farce. Ottawa gewinnt das ruppige erste Spiel mit 9:2, Dawson City kann vor 2200 Zuschauern nur in der ersten Hälfte mithalten (ein Spiel hat damals noch zwei Halbzeiten, nicht wie heute drei Drittel). Während Teamchef Boyle sich über die Schiedsrichter-Leistung beklagt, schreibt «The Toronto Telegram» schonungslos: «Den Nuggets erging es wie einem Schneeball in der Juni-Sonne.»
Die zweite Begegnung findet zwei Tage später am 16. Januar 1905 statt. Es ist eine Partie, die bis heute in den Rekordbüchern erwähnt wird. Ottawa nimmt den Gegner komplett auseinander und holt sich den Stanley Cup mit einem rauschenden 23:2-Erfolg. Stürmer Frank McGee schiesst dabei nicht weniger als 14 Tore. Und glaubt man den Zeitungsberichten, fällt der Sieg nur deshalb nicht noch höher aus, weil der 17-jährige Nuggets-Keeper Albert Forrest eine starke Partie (!) abliefert.
Der Titel wird mit einem gemeinsamen Bankett der beiden Teams gefeiert und es ist anzunehmen, dass dabei der Alkohol in Strömen fliesst. Wie sonst käme man auf die Idee, den Stanley Cup in den Rideau-Kanal zu kicken? Nur weil dieser zugefroren ist, kann der Pokal tags darauf zurückgeholt werden.
Während der Goldrausch am Yukon für die meisten Glücksritter ernüchternd endet, geht der historische Trip der Dawson City Nuggets einigermassen anständig zu Ende. Das Team bestreitet auf einer Tournee im Anschluss noch 23 weitere Partien, rund die Hälfte davon gewinnt es. Dann wird es aufgelöst und Colonel Joe Boyle macht sich auf nach Europa, um im ersten Weltkrieg das Herz der rumänischen Königin zu erobern.
Beinahe hundert Jahre später kommt es erneut zu einer Partie zwischen einem Team aus Dawson City und Ottawa. Im Gedenken an die Vorfahren legen die Gäste 1997 den selben Weg zurück – um dann ebenfalls grandios unterzugehen. Dawson City verliert das Benefizspiel mit 0:18.