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Der Jahreswechsel hat noch nicht die erhofften Veränderungen gebracht – ganz im Gegenteil, zumindest was Politik und Covid-19 angeht. Aber ich habe neue Pläne und diese auch gleich umgesetzt. Ab morgen veröffentliche ich auf Substack alle zwei Wochen einen Newsletter über Neuigkeiten aus den spanischsprachigen Kulturen. So wie’s mir gefällt.
Ich habe mich entschieden, den Newsletter in englischer Sprache herauszugeben, denn die interessierte deutschsprachige Community ist doch recht klein.
Die US-amerikanische Kulturanthropologin Ruth Béhar hat 2002 einen Dokumentarfilm über ihre eigene Identitätssuche gedreht. Filme verdanken ihren Erfolg manchmal ihrem Titel: «Adio kerida» («Goodbye, dear love») ist eines der bekanntesten sefardischen Volkslieder.
Ruth Béhar ist in La Habana geboren. Ihre Eltern sind beide in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts nach Kuba ausgewandert, um vor dem wachsenden Antisemitismus in Europa zu fliehen. Ihre Grosseltern mütterlicherseits waren jiddisch-sprechende Ashkenazi aus dem heutigen Polen/Russland. Ihre Grosseltern väterlicherseits kamen aus der Nähe von Istanbul und sprachen Ladino, das altertümliche Spanisch der vertriebenen sefardischen Juden. Kuba zeigte sich in den Zwanziger Jahren noch recht grosszügig gegenüber jüdischen Flüchtlingen. Die Motivation für die Aufnahme hatte jedoch ebenfalls rassistische Hintergründe: Die weisse Oberschicht, so Béhar, war daran interessiert, mehr Weisse ins Land zu holen, weil sie immer mehr Angst vor der afrikanisch-stämmigen Bevölkerung Kubas bekamen. Die jüdischen Neu-Kubaner waren häufig selbständige Kaufleute. Viele hatten ihre Geschäfte in der Calle de los Oficios. Nach der Revolution wurden sie enteignet. Auch Béhars Familie zog es wieder weg. Sie siedelte sich schliesslich in Queens/New York an. Als Anthropologin machte sich dann Béhar im Erwachsenenalter auf die Suche nach den Spuren ihrer Familie in Kuba.
Béhar führt uns in ihrem Dokumentarfilm an viele Orte, die sie in Kuba besucht hat. Da ist zum einen das Elternhaus in La Habana, das gleich neben der Synagoge stand. In ihm leben heute noch die ehemaligen Hausangestellten. Auch Möbel und Geschirr sind noch von damals. Gemeinsam besuchen wir mit ihr auch die ehemaligen und noch bestehenden Synagogen in La Habana. Bizarrerweise befand sich die erste sefardische Synagoge, die 1914 gegründet wurde, in der Calle Inquisidor. Sie ist heute eine Ruine. Béhar spricht auf ihren Besuchen auch mit den wenigen Juden, die nach der Revolution blieben. Während die einen darauf beharren, dass sie auch in Kuba als Juden respektiert werden können, möchten andere endlich aus Kuba wegkommen und nach Israel auswandern. Israel zahlt Ausreisewilligen Überfahrt und den Start im neuen Land. Béhar trifft auch Exil-Kubaner in Miami, die in ihren Seniorenheimen die Traditionen sefardischer Gebäcksorten aufrecht erhalten. Die Börekitas erinnern jedenfalls mehr an die türkische Küche als an die kubanische.
Der Film verläuft sehr ruhig. Die Kameraführung hat einen privaten, fast intimen Charakter, was auch damit zu tun haben mag, dass Béhars Sohn Gabriel für die Aufnahmen verantwortlich war. Im Gedächtnis geblieben ist mir das Interview mit dem Promi-Friseur Sami. Auch er ist ein Kubaner, dessen jüdische Familie zunächst aus der Türkei in Kuba gelandet war und nach der Revolution weiter nach Miami zog (im Jargon Miamis ein „Juban“. Er sagt, er sei froh für die Offenheit, die er dem Zusammentreffen so vieler verschiedener Kulturen in seiner Person verdanke.
Der Film ist denjenigen zu empfehlen, die sich für die Diaspora des sefardischen Judentums in Amerika interessieren. Sehr angenehm fand ich, dass Béhar ihre Geschichte sehr persönlich erzählt und keinen Drang empfindet, ihre Erfahrungen bewertend zu verallgemeinern. Wer sich mit Béhars Motivation auch aus akademischer Sicht beschäftigen möchte, dem empfehle ich ihren Artikel «While Waiting for the Ferry to Cuba: Afterthoughts about Adio Kerida» aus der Michigan Quarterly Review (er ist frei zugänglich). Es gibt übrigens unzählige Varianten des Volksliedes «Adio Kerida», aber keine ist so schmissig wie die kubanische am Ende des Dokumentarfilms. Ich habe sie weder auf YouTube noch auf Spotify gefunden. Alleine deshalb lohnt sich der spanischsprachige Film. Er kann auf Vimeo für 48 Stunden ausgeliehen werden:
Der 5. Dezember ist der »Día internacional del ladino«. Seit 2013 wird in Spanien, Israel, der Türkei und in den USA an diesem Tag der Sprache der sephardischen Juden im ehemaligen ottomanischen Reich gedacht. Anlässlich dieses Gedenktages hat der Romanist Christoph Hornung einen historischen und linguistischen Überblick über die Geschichte des Judenspanischen aufgeschrieben, ausführlicher als ich dies an dieser Stelle vor kurzem getan habe.
An sich hatte ich den argentinischen Film «El robo del siglo» (Der Jahrhundertraub) bereits während des Zürcher Filmfestivals sehen wollen. Da es im Kosmos jedoch nur noch Plätze in der ersten Reihe gab, habe ich zunächst auf das Vergnügen verzichtet. So sehr ich mich über diesen Erfolg beim Zürcher Publikum freute, waren mir das denn in Corona-Zeiten zu viele Leute in einem abgeschlossenen Raum. Letzten Freitag war der Film dann als Schweizer Vorprèmiere im Kulturschuppen in Klosters zu sehen. Da musste ich hin.
Es geschah an einem Freitag, dem 13.
Der Film basiert auf einer wahren Geschichte. Am 13.01. 2006 überfiel eine Bande von sechs Männern eine Zweigstelle der Banco Río in Acassuso. Das ist ein wohlhabender Vorort von Buenos Aires. Die Männer täuschten einen konventionellen Überfall auf die Kassenbestände vor, hatten es aber hauptsächlich auf die Wertgegenstände in den Schliessfächern der Privatkundschaft der Bank abgesehen. Mit Spielzeugpistolen bewaffnet, nahmen sie zahlreiche Geiseln. Während einer von ihnen, «el hombre del traje gris», langwierige Verhandlungen mit der Polizei führte, leerten zwei weitere insgesamt 147 Schliessfächer. Die Räuber flohen mit ihrer Beute in Höhe von umgerechnet 15 Millionen US-Dollar über einen Schacht, den sie zur städtischen Kanalisation gegraben hatten.
Obwohl der Ausgang der Ereignisse den meisten Zuschauern bekannt sein dürfte, schliesslich handelt es sich um einen der bekanntesten Einbrüche der internationalen Kriminalgeschichte, schafft es der Film auf sehr hohem Niveau, Spannung zu erzeugen und diese bis zum Schluss zu halten. Zeitgeist und Spannung entstehen auch durch den genialen Soundtrack (einen Auszug gibt es hier). Das liegt vor allem auch daran, dass viele Szenen mit viel liebevoller Detailtreue gedreht wurden. Ariel Winograd beherrscht sein Handwerk. Das betrifft sowohl den Plan und seine Umsetzung wie auch die komödiantisch-selbstironische Darstellung und Entwicklung der Akteure selber. Bei manchem bleibt diese Entwicklung dann eben auch aus…
Viele filmreife Banküberfälle, aber nur ein Jahrhundert
Der Film, kurz vor dem Corona-Shutdown der grosse Publikumshit in Argentiniens Kinos, lohnt sich auch für europäische Zuschauer. Leider mag gerade in Europa auch Verwirrung ob des Filmtitels «El robo del siglo» entstehen, um was es denn nun genau geht, weil fast gleichzeitig Netflix mit einer kolumbianischen Mini-Serie, die den gleichen Titel trägt, an den Markt gekommen ist. Es wäre poetischer (aber finanziell vermutlich weniger schlagkräftig) gewesen, man hätte für die Betitelung einen Auszug aus dem enigmatisch-spielerischen Spruch genommen, den die Bankräuber am Zugang zu den Schliessfächern hinterliessen:
Die Vorlage des Drehbuchs
Das hat zumindest Rodolfo Palacios so gemacht. Unter dem Titel «Sin armas ni rencores» hat der Journalist gemeinsam mit den ehemaligen Bankräubern die Chronik des spektakulären Überfalls aufgeschrieben und damit die Grundlage für das Drehbuch des Films gelegt. Dank der Einnahmen aus dem Filmvertrieb sind die Bankräuber vermutlich inzwischen auf ehrliche Weise Millionäre geworden.
Bewertung
Ich habe mich im Kino wie schon lange nicht mehr amüsiert. Meine Kurzkritik habe ich in einem Twitter-Thread zusammengefasst:
Peter B. Schumanns publizistische Reisen durch Lateinamerika | Teil II
Die Redaktion des SWR hatte Peter B. Schumann gebeten, doch mal ein Resumée seiner Reisen durch Lateinamerika zu ziehen. Ein halbes Jahrhundert in einer Stunde Sendezeit. Wir stellen davon Auszüge vor. Nach Rio de Janeiro folgt hier nun Teil II: Buenos Aires.
Nach der Bossa Nova nun der Tango, nach dem ach so „wunderbaren“ Rio de Janeiro eine Stadt, die mir bekannt vorkam, so wie Rom oder Madrid. Ich stieß hier bei meinem ersten Aufenthalt im Oktober 1969 auf nichts irritierend Befremdliches, sondern auf eine Art europäische Großstadt.
Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia eröffnet 2021 Aussenstellen in Chile, Argentinien, Brasilien und Kolumbien. Damit führt die Stiftung die Aufbauarbeit des Programms «COINCIDENCIA – Kulturaustausch Schweiz – Südamerika» fort.
Das Programm COINCIDENCIA
Pro Helvetia hat das Programm «COINCIDENCIA – Kulturaustausch Schweiz – Südamerika» im Rahmen der Kulturbotschaft 2016-2020 lanciert, um die Verbreitung von Kunst und Kultur aus der Schweiz in Südamerika zu fördern und den transkontinentalen Kulturaustausch zu stärken. Rund 250 Projekte wie Ausstellungen, Tourneen, Lesereisen, Residenzaufenthalte oder Recherchereisen fanden seit 2017 statt. Sie führten zu Kooperationen zwischen Kunstschaffenden und Kulturinstitutionen in der Schweiz und zehn südamerikanischen Ländern.
Standorte Santiago de Chile, São Paulo, Buenos Aires, Bogotá
Auf Grund des grossen kulturellen Potentials und der erfolgreichen Aufbauarbeit hat die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia entschieden, im Anschluss an das auf vier Jahre begrenzte Programm «COINCIDENCIA» ab 2021 eine ständige Aussenstelle zu etablieren. Diese soll die Partnerschaften in den von Pro Helvetia geförderten Kunstsparten weiterführen.
Um der geografischen Vielfalt und der Dimension des Kontinents gerecht zu werden, verteilt sich die Aussenstelle auf vier Standorte in Santiago de Chile (Sitz der Leitung), São Paulo, Buenos Aires und Bogotá. Die sechs lokalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfügen über profunde Kenntnisse und ausgezeichnete Beziehungen zu den Kulturszenen in ihren Regionen und verhelfen Kulturschaffenden aus der Schweiz und Südamerika zu gegenseitigen Partnerschaften.
Neuer Schwerpunkt «Kultur, Wissenschaft und Technologie»
Neben den darstellenden, visuellen und interdisziplinären Künsten fördert Pro Helvetia Projekte aus Musik, Literatur, Design und Interaktive Medien. Zudem wird die Aussenstelle auch Kollaborationen im Rahmen des neuen Schwerpunkts «Kultur, Wissenschaft und Technologie» aufbauen sowie Residenzen und Recherche-Reisen organisieren.
«Simetría» beispielsweise ist ein Residenzprogramm zwischen der Schweiz und Chile, das Künstler in drei der faszinierendsten wissenschaftlichen Forschungszentren der beiden Länder einlädt: das CERN in Genf (CERN= Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire), das ALMA-Observatorium (ALMA= Atacama Large Millimeter Array) und das VLT-Observatorium (VLT= Very Large Telescope) in der Atacama-Wüste im Norden Chiles. Ziel des Programms, das von Pro Helvetia im Rahmen des Programms COINCIDENCIA unterstützt wird, ist es, Netzwerke für Kunst-und Wissenschaftsforschung aufzubauen. Die chilenische Künstlerin Nicole L’Hullier und der Schweizer Alan Bogana sind die ersten, die an dieser Residency teilnehmen.
Webinare zur Eröffnung
Zur Eröffnung der Aussenstelle in Südamerika organisieren Veranstaltungspartner in Argentinien, Brasilien und Chile kostenlose Webinare zu aktuellen kulturpolitischen und gesellschaftlichen Fragen.
Webinar «Race & Fiction», Veranstaltungsplattform Planta, Argentinien: (13. bis 29.11.) Das Webinar widmet sich der Dekolonialisierung von Kulturinstitutionen in Argentinien. Es untersucht die kolonialen Zusammenhänge von Diskriminierung gegenüber der indigenen Bevölkerung und People of Color, fragt nach inhaltlichen und strukturellen Verbindungen zur Schweiz und beleuchtet die Rolle der Kunstschaffenden in diesem Kontext.
Webinar «Open-ended Encounters», Kunstkollektiv Aarea, Brasilien: (4. – 6.12.) Die Pandemie hat unsere Körper von physischen Begegnungen weitgehend losgelöst und zugleich digital vervielfacht. Das Webinar konfrontiert die Teilnehmenden mit der digitalen Repräsentation ihrer Selbst und ihrer Gegenüber. In einem virtuellen Ausstellungsraum wird mit medialen Formen der Begegnung experimentiert.
Webinar «Co practices: Principles and Challenges for (co) production, (co)llaboration and (co) curation», Centro Gabriela Mistral, Chile (9. – 11.12.) Vor dem Hintergrund des historischen Referendums zur Chilenischen Verfassung vom 25. Oktober 2020 erkundet das Webinar die politische und soziale Solidarität zwischen Kulturinstitutionen: Welche Zukunft baut sich eine neue Generation politisch und sozial engagierter Kunstschaffender auf? Untersucht werden Methoden zur kulturellen Teilhabe sowie die Rolle von Kunst und Kultur in demokratischen Prozessen.
Der Esstisch ist ein unverzichtbarer Schauplatz jüdischen Lebens. Der kolumbianische Schriftsteller Memo Ánjel beispielsweise hat den Esstisch seiner Familie zum Mittelpunkt und Titel seines Romans Mesa de judíos (2005) gemacht (leider geht im deutschen Titel Das meschuggene Jahr die Anspielung verloren). Anlässlich der Feria del Libro in Medellín hat er erst kürzlich wieder über seinen ersten Roman gesprochen.
Uriel Macías und Ricardo Izquierdo Benito haben 2010 einen schönen Sammelband über die Bedeutung des Essens in der sefardischen Kultur herausgegeben. Speisen und Tischkultur gelten als Ausdrucksweisen kultureller Identität: „Du bist, was du isst“, aber auch „wie du isst“. Gerade in der Diaspora, wie im Fall der sefardischen Kultur, wirkt die Esskultur besonders gemeinschaftsstiftend.
El zarzabadjí und andere Entlehnungen aus dem Türkischen
Da nicht nur das Essen selber, sondern auch das Sprechen darüber gemeinschaftsstiftend sind, haben wir in unserem Ladino-Kurs (hier habe ich über die Anfänge berichtet) diese Woche viele Wörter für Früchte und Gemüse kennengelernt. Mit dem zarzabadjí, dem Gemüseverkäufer, haben wir auch erstmals eine Berufsbezeichnung kennengelernt, deren Wortendung aus dem Türkischen stammt, nicht aus dem Spanischen oder Hebräischen. Viele der aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden wanderten nämlich in das Osmanische Reich aus, weil Sultan Bayezid II. sie mittels Dekret dort willkommen hiess. Die Sefarden brachten nach der Vertreibung ihre spanisch-jüdische Küche mit und bewahren sie bis heute, wie die vielen Rezeptbücher zeigen. Dennoch passten sie ihre Speisen und Wörter an das neue Umfeld an. Das Türkische ist eine der wichtigsten Lehnsprachen des Ladino bzw. Djudeo-Espanyol geworden. Sibel Cuniman Pinto, in Istanbul als Tochter sefardischer Juden geboren und heute in Paris erfolgreiche Köchin, hat ein Buch über die sefardische Esskultur in der Türkei geschrieben: The Evolution of the Sephardic Cuisine in Turkey. Five Hundred Years of Survial. Documentation on turkish sephardic cuisine heritage (2010).
Unsere Hausaufgabe: zarzavá
Unsere Hausaufgabe bestand nun darin, den Text des Liedes Zarzavá (auch zarzavát oder zerzevát, aus dem Rumänischen, = Gemüse) zu transkribieren.
Ich kam vor lauter Schunkeln nicht dazu, jede Zeile zu verstehen ;). Aber für den Refrain hat es gereicht:
La berendjena la tengo buena vendo sevoya i patata a las bashas i a las altas yo si las se vender.*
Eskucha i kome kon gana!
*Update 15.10.2020: Hier ist der vollständige Text (und es wird deutlich, dass die Aubergine nicht erst seit Emoji-Zeiten sexuell konnotiert ist):
Yo so un buen vendedor Ah! Vendedor de frutas Ke arodeyo con ardor Las cayes i las grutas La berendjena la tengo buena Vendo sevoyas i patatas A las bashas i a las altasyo se las se vender Yo tengo bueno zarzava Mijor de las butikas El dia entero me se va Avlando kon ijlkas La berendjena la tengo buena Vendo sevoyas i patatas A las bashas i a las altas Yo se las se vender Todos de mi keren merkar Porke vendo barato Ah! Ma yo las se pikar Kon eyas kuando trato. La berendjena la tengo buena Vendo sevoyas i patatas A las bashas i a las altas Yo se las se vender
Ich lerne Ladino. Wenn ich das sage, meine ich nicht das rätoromanische Ladinisch, sondern Ladino, die Sprache der sephardischen Juden. Neben dem Begriff Ladino sind auch Namen wie Judenspanisch, Djudeo-Espanyol oder Sefardisch zur Bezeichnung dieser Sprache gebräuchlich.
Was ist Ladino?
Über 500 Jahre lang war die Sprache unreguliert, so dass es nicht nur mehrere Bezeichnungen für sie gibt, sondern auch mehrere Spielarten, sie zu schreiben und zu sprechen. In der Definition meiner Lehrerin Liliana vom Centro Cultural Sefarad in Buenos Aires wird mit dem Ladino die Sprache der sephardischen Juden in der Diaspora des ehemaligen ottomanischen Reiches bezeichnet. Es ist auch die Bezeichnung, die die israelische Knesset bevorzugt (Gabinskij, Mark A. (2011): Die sefardische Sprache. Tübingen: Stauffenberg, S. 24). Historisch gesehen geht der Begriff darauf zurück, dass im mittelalterlichen Spanisch ein Muslim oder Jude „Ladino“ genannt wurde, der die Sprache der Christen sprach (eine vom Lateinischen abgeleitete Sprache). Mit „ladinar“ war aber auch die Übersetzung eines Bibeltextes ins Kastilische gemeint.
Um die Sprache vor dem Aussterben zu bewahren, wurde 1997 in Israel die Akademia nasionala del Ladino gegründet. Sie ging 2018 als 24. nationale Akademie in der Real Academia Española mit Sitz in Israel auf. 2020 soll sie voll funktionsfähig werden.
Neben zahlreichen Einflüssen des Hebräischen und Aramäischen ist das Ladino auch von den Sprachen der Zielländer beeinflusst worden. So lässt sich auch erklären, dass das Ladino vor allem in den Ländern lange überlebt hat, wo der Kontakt zum Kastilischen selber verloren ging. In den Kolonien Lateinamerikas ist das Ladino dagegen sehr schnell verloren gegangen, denn dort wurde fast überall Kastilisch gesprochen und die dorthin vertriebenen Juden bzw. Konvertiten nahmen die Neuerungen mit auf.
Die erste Schulstunde
Vinidos con bueno. In der ersten Stunde haben wir hauptsächlich über die Geschichte der Sprache geredet, so wie ich sie gerade geschildert habe, und haben die Regeln für Aussprache und Schreibung gelernt. Früher wurde Ladino hauptsächlich in hebräischen Buchstaben geschrieben. Im A1-Kurs, den ich gerade besuche, wird mir das Schreiben einfach gemacht. Das moderne Ladino bedient sich lateinischer Buchstaben und ist sehr nah an der Phonetik dran. Wer Spanisch spricht, versteht einen Alltagstext sehr gut. Nach meinem ersten Eindruck vermute ich, dass das moderne Ladino vom modernen Kastilisch Spaniens weniger weit entfernt ist als das Schweizerdeutsche vom Hochdeutschen. Die Lehrerin machte auch klar, dass es den sephardischen Kulturzentren vor allem darum geht, die Hemmschwelle, sich mit dem Ladino zu beschäftigen, niedrig zu halten. Ob das dann letztlich das Ladino ist, das heute noch gesprochen wird, kann ich noch nicht sagen.
Ich bin gespannt, wie’s weitergeht. Wir sind ein kleiner Zoom-Kurs mit derzeit 4 Teilnehmerinnen, zwei sind aus Buenos Aires, eine aus Brasilien und ich aus der Schweiz. Ich halte Euch auf dem Laufenden, wie es im Kurs weitergeht. Bis dahin wünsche ich Euch „kaminos de leche i miel“.
Wenn es nach den toltektischen Vorstellungen vom Himmel geht, kommen wir alle ins Paradies. Das ist tröstlich und nimmt die Angst vor dem Tod. Es kommt aber noch besser. Einmal im Jahr kehren die Seelen der Verstorbenen sogar zurück ins Diesseits, um die Lebenden zu besuchen. Der Tod bedeutet also nicht Trennung für immer.
Diese Überzeugung bildet den Ursprung des Día de los Muertos (Tag der Toten), der wie kein anderer mexikanischer Feiertag der kulturellen Selbstvergewisserung des Landes dient. Anders als in Europa wird nicht voller Trauer der Toten gedacht, sondern ihnen zu Ehren ein grosses, buntes Volksfest veranstaltet. Die Schweizer Autorin Milena Moser und ihr mexikanischer Lebenspartner Victor-Mario Zaballa haben gemeinsam ein Buch über diese Festtage und damit das Verhältnis der mexikanischen Kultur zum Tod geschrieben. Es trägt den Titel: Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende.
Ohne Tod kein Leben
Die Mischung aus ethnografischen Beschreibungen kultureller Praktiken, Alltagserlebnissen der Schweizer Autorin in einem hybriden kulturellen Umfeld und ihren damit verbundenen Alteritätserfahrungen wird durch farbenfrohe Illustrationen Zaballas ergänzt. Die Intensität der Farben unterstreicht den Charakter des Día de los Muertos und damit die Intention des Buches:
Die mexikanische Kultur hat den Tod akzeptiert. Sie bekämpft ihn nicht, sie integriert ihn. Der Tod ist untrennbar mit dem Leben verbunden. Er ist immer dabei. Er wird gefeiert, er wird geneckt, er wird herausgefordert, er wird geehrt.
Moser/Zaballa, Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende, Zürich: Kein & Aber, S. 17
Wem gehört die Tradition?
Moser geht in ihren Ausführungen über die Rituale, die im Zentrum des Día de los Muertos stehen, sehr vorsichtig vor. Wenn sie den Gang über den Markt beschreibt, auf dem sie die Blumen für den Altar kaufen, wenn sie über die Speisen spricht oder den Altar selber schmückt, kommt Zaballas Stimme als Rückversicherung immer wieder durch. Moser präsentiert sich als Chronistin, die das aufschreibt, was ihr Mann ihr aus seiner eigenen kulturellen Erfahrung erzählt. Das gibt ihren Ausführungen die Authentitiziät, die sie als Schweizerin den Beobachtungen so nicht geben könnte. Gleichzeitig befreit sie sich durch die vielen indirekten und direkten Zitate ihres Lebensgefährten von dem möglichen Vorwurf, mit ihren Überlegungen kulturelle Aneignung zu betreiben. Gerade der Día de los Muertos, ein Feiertag indigenen Ursprungs, ist in den USA sehr starken Kommerzialisierungsprozessen ausgesetzt. Moser weiss genau, was politisch opportun ist, und stellt sich kritisch die Frage, ob sie überhaupt befugt sei, über eine fremde Kultur zu schreiben, „ohne sie zu verletzen“ (S. 72). Sie beantwortet ihre Zweifel mit dem Lieblingswitz Zaballas:
„Weisst du, wie sich die traditionelle indigene Familie zusammensetzt? Nein? Aus Mutter, Vater, drei bis fünf Kindern, Großmutter, unverheirateteter Großtante, zwei Hunden und einer deutschen Anthropologin.“
Moser/Zaballa, Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende, Zürich: Kein & Aber, S. 72
Bewertung
Ich habe keine Ahnung, wie gut Milena Moser sonst schreibt. Als ich das Buch in der Buchhandlung zur Kasse brachte, erwähnte der Buchhändler ausdrücklich, dass es sich bei dem Buch um ein Sachbuch handle. Denn Milena Moser ist nun einmal aus Buchhändlersicht eher fürs Romaneschreiben bekannt. Mich aber hat das Buch angesprochen, weil ich es als Hispanistin spannend fand, wie eine deutschsprachige Autorin den Dia de los Muertos erklärt.
Ja, es ist ein Sachbuch, aber der Verlag bewirbt es nicht umsonst als „erzählendes Sachbuch“. Das trifft die Sache sehr gut. Moser und Zaballa bieten Lesern, die wenig über Mexiko wissen, eine liebevolle Einführung in das Verhältnis der mexikanischen Kultur zum Tod. Beide sind keine Kulturwissenschaftler und erheben auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Mosers Stärke ist das autobiografisch reflektierte Erzählen. Wer eine andere Kultur beschreibt, hält sich unweigerlich immer auch den Spiegel vor. Letztlich geht es in dem Buch aber um mehr als ein kulturvermittelndes Unterfangen. Der Text ist eine sehr persönliche Liebeserklärung an ihren Partner, der schwer krank ist und den Tod trotzdem nicht fürchtet. Vielleicht ist ihr damit schon eine grosse Annäherung an die mexikanische Kultur gelungen, von der es heisst:
Das Formale ist wichtig – und wird doch immer mit einem Augenzwinkern ausgeführt.
Moser/Zaballa, Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende, Zürich: Kein & Aber, S. 50
Das Buch ist informativ und unterhaltsam. Ich kann seine Lektüre empfehlen.