Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03532.jsonl.gz/3094

Im 19. Jahrhundert ist Anatolien das Kernland des damaligen Osmanischen Reiches, das nach Verlust der meisten Gebiete ausserhalb Kleinasiens übrig blieb.
Es gibt wohl kaum ein Land auf unserem Erdenrund, das ein so buntes Völkergemisch aufweist wie Anatolien. Abgesehen von der türkischen Grundbevölkerung leben hier Kurden, Armenier, Griechen, Tataren, Tscherkessen, islamische Volksstämme aus dem Kaukasus sowie Rückwanderer aus dem Balkan. Das bunte Bild wird vervollständigt durch die umherziehenden Stämme mit der Bezeichnung «Turkmene» oder «Yürük».
In den Dörfern der türkischen Grundbevölkerung sowie eines Teils der aufgeführten Völkerschaften und in den Zelten der Yürüken und Turkmene sind die Textilien zu suchen, welche wir zusammenfassend als Teppiche und Flachgewebe der Bauern und Nomaden Zentralanatoliens bezeichnen.
Bauern und Nomaden haben während Jahrhunderten ihren Bedarf an Textilien und Hausgeräten weitgehend selber bestritten.
Dabei übernahmen sie meist ihre altnationalen Formen.
Das anatolische Haus ist zweckmässig und bewusst bescheiden gehalten. Die Form ist klima- und landschaftsgebunden sowie ethnisch bestimmt.
Die bäuerliche Lebensweise kann man noch sehr gut studieren und Rückschlüsse auf vergangene Jahrhunderte ziehen. Bei der nomadischen Bevölkerung wird dies schon recht schwierig. Nur die wenigsten Nomaden, die man heute auf dem Zug mit ihren Herden und Tragtieren oder in ihren Zelten antrifft, sind noch Vollnomaden.
Die Zahl ist mit dem Kampf des Staates gegen das Zelt stetig zurückgegangen. Durch die konsequente Flurteilung, den Pachtzwang und das Anwachsen der Dörfer dürfte die Zahl heute nur noch einige tausend betragen. Die Tage sind gezählt, bis die letzte Familie die Zucht von Schafen und Ziegen auf der Wanderung und das Zelt als ganzjährige Behausung aufgeben muss.
Grösser ist die Zahl jener Gruppe, die in festen Häusern in Dörfern wohnen, nach der Ernte aber mit ihrem Vieh vor der Hitze der Ebene auf kühlere Gebirgsweiden ausweichen und dort mit ihren Zelten in Sommerlagern «Yayla» leben.
Zum Knüpfgebiet von Konya gehören neben der Hauptstadt und deren Vororte die Dörfer Ladik, Derbent, Karapinar, Obruk, Selçuk. Jede einzelne Provenienz hat ihr eigenes Kennzeichen und ihre Charakteristika. Zu viele Teppiche aus dieser Gegend werden leider einfach als Konya bezeichnet, obschon man sie näher lokalisieren könnte.
Die Geschichte der Stadt Konya ist eng verstrickt mit der Vergangenheit des Teppichs. Konya ist der vierte Name dieser Stadt. Vielleicht gab es der Namen noch mehr während der Ansiedlung der Hethiter, der Phrygier. Ihnen folgten die Lydier, die Perser, die Könige von Pergamon, die Römer, die Griechen, die Seldschuken und schliesslich die Osmanen.
In römischer Zeit gehörte die Stadt zur Provinz Asia; zu Ehren des Kaiser Claudius erhielt sie den Namen «Claudiconium», später «Colonia Aelia Hadria». Auf Ikonion tauften sie die Griechen. Nach der Apostelgeschichte haben sich Paulus und Barnabas hier aufgehalten. Im 2. Jahrhundert war sie ein wichtiges religiöses Zentrum der Christen.
Schön und mächtig wurde Konya im 12. und 13. Jahrhundert unter der Herrschaft der Seldschuken. Sultan Alâettin Keykobatt (1219–1236) umgab die Stadt mit gewaltigen Mauern und 108 Türmen.
Der Hof entwickelte sich zu einem bedeutenden Kulturzentrum: Zahlreiche Künstler und Wissenschaftler wurden dorthin berufen, so auch Mevlâna Celâletti Rumi, der Begründer des Ordens der Tanzenden Derwische (Torba 1/99 Der Sufi und seine Symbole).
1466 gliederte Mehmet II, der Eroberer Konstantinopels, Konya dem Osmanischen Reich zu.
Kemal Atatürk hatte 1923 die Bruderschaft der Tanzenden Derwische verboten. Sie ist jedoch wieder erstanden. Die Zuneigung frommer Gläubiger zu Mevlana hin ist geblieben. Jährlich kommen hunderttausende von nah und fern zur Mevlana zum Gebet. Hier liegt der Heilige mit seinen Getreuen. In einem Nebentrakt ist auch das sehenswerte Teppichmuseum untergebracht.
Die im alten Basar und in den Stadtgeschäften gehandelten älteren und neuen Konya Teppichen haben fast durchweg ein untrügliches gemeinsames Merkmal: Ein in vollem, eher hohem Flor gehaltenes warmes tiefes Rot im meist nur wenig bemusterten Feld.
Vierzig Kilometer von Konya, an der Strasse nach Aksehir, ist eine der Hochburgen des anatolischen Teppichs: Ladik. Die Teppiche gehören zu den traditionsreichsten und wertvollsten der türkischen Provenienzen. Bei den meisten Ladiks bildet die Tulpe das Hauptornament, das in vielen Varianten und Abwandlungen eingeknüpft wurde.
» siehe auch "Eine alt renommierte Provenienz: Konya Ladik"
An der Strasse Konya-Kayseri. Das legendäre Dorf mit dem schiefen Minaratt.
In Obruk lebt eine Yürük-Sippe, welche sich hier niedergelassen hat und sesshaft wurde. Im Sommer treibt sie ihre Herden zum nahegelegenen Melendiz Dag 3200 m. Die Yürüken von Obruk haben ihre freiheitliche Lebensart bis heute erhalten können.
Ihre eher robusten Arbeiten sind ihrer Originalität wegen gesucht.
Karapinar
Ca. 100 Km. östlich von Konya, an der Strasse nach Nigde.
Karapinar hat eine alte Teppichtradition. Charakteristisch sind die grosszügigen geometrischen Muster. Aus dieser Gegend stammen auch die Flachgewebe mit dem sogenannten Nelkenmuster.
Karaman
Karaman in der Provinz Konya liegt am Fuss des Bolkars. Noch heute ziehen die Yürücken in die nahe gelegene Sommerweide. Hier werden auch die bekannten Angora-Ziegen (Angora = Ankara), die langhaarigen «Tiftik» sowie die lockigen und feinhaarigen «Filik», gezüchtet.
Karamann war einst Hauptstadt eines mächtigen Emirats.
Das Knüpfgebiet von Kayseri
In der Stadt wie im ganzen Bezirk Kayseri werden auf tausenden von Knüpfstühlen im Hausfleiss Teppiche im Lohn geknüpft. Es wird in Wolle, in Kunstseide und in reiner Naturseide gearbeitet. Speziell für den Verkauf an Touristen, aber auch für den Export entstehen Mengen von Yastiks, Gebets- und Reihengebetsteppiche aus «Flosch». Sie sind von einer bewundernswerten Farbenpracht und reichem Seidenglanz. Die Teppiche sind so trügerisch, dass sie der Laie kaum von Seidenteppichen unterscheiden kann. Doch das verwendete Material ist mercerisierte Baumwolle und synthetische Fasern.
Taşpinar (Tas = Stein, Edel pinar = Quelle)
Auf der Nebenstrasse nach Nide, unweit der Abzweigung von der Hauptroute Konya-Kayseri bei Aksaray , liegt das Teppichdorf Taspinar. Hier werden im Hausfleiss Teppiche in kleineren Formaten hergestellt. Besonderes Qualitätsmerkmal ist das sehr gute Wollmaterial. Oft werden die Teppiche aus Taspinar mit denen von Yahyali verwechselt.
Yahyali
Südlich von Kayseri, in einem sehr reizvollen Tal, am Fusse des Demirkazik Tepe (3756m), liegt Yahyali.
In diesem Tal wird eine ganz besondere Art von Teppichen geknüpft – sowohl von der sesshaften Dorfbevölkerung wie von den noch halbnomadisierenden Yürüken.
Die Yahyali haben ein einheitliches Grundmuster, das aber in seinen Details stark variiert. Ein Merkmal sind die Farbkombinationen Blau, Rot und Gold. Ältere Stücke sind meistens mit Naturfarben eingefärbt.
Der Yahyali gehört zu den feineren Anatoliern und ist von Liebhabern sehr gefragt.
In den letzten Jahren hat sich die Produktion von Teppichen und Flachgeweben stark gewandelt. Viele der alteingesessenen Händler haben die Bedürfnisse der westlichen Konsumenten erkannt und sind, jeder für sich, bemüht, diese Nachfrage zu decken.
Die Produktion wurde weitgehend kommerzialisiert, Muster und Farben dem westlichen Geschmack angepasst. Die Individualität der Knüpferin ist nur noch selten gefragt, sie hat sich an eine Mustervorlage zu halten. Der Charakter der einzelnen Provenienzen geht total verloren.
So entstand in den Jahren 1988 bis 1990 in der Umgebung von Konya der «Konya Atelier», ein modern dessinierter Teppich mit geometrisch und flächig angelegten Motiven. Eine Verwandtschaft zur modernen Malerei war zweifelsohne zu erkennen. Der erfolreiche «Gabbeh Art» aus dem Iran fand auch hier in Zentralanatolien seine Nachahmer.
Bemerkenswerte Produktionen in Flachgeweben, der «Konya Koyun» und der «Konya Tiftik» des Ehepaars Tollu, haben sich bis heute auf dem Markt behaupten können. Dagegen sind Nachahmungen des «Azeri» völlig verschwunden.