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Möglicherweise sassen Sie kürzlich im Kino, sahen den Trailer des neuen «Star Wars»-Films «The Force Awakens» und hörten dann ein leises Schniefen vom Ihnen unbekannten Sitznachbarn: männlich, mittleren Alters. Vielleicht wurden Sie Zeuge, wie er sich ein paar Tränen aus den Augen wischte, und wunderten sich ein bisschen. Der Sitznachbar könnte ich gewesen sein, oder ein x-beliebiger anderer Fan, der in den 1970er- und 1980er-Jahren mit «Star Wars» aufgewachsen ist.
Allein die ersten Takte der Trailermusik katapultieren uns zurück in die Zeit der glühenden Verehrung, der kindlichen, unschuldigen Sehnsucht nach einer grösseren Welt voller Abenteuer, Gefahren und Edelmut. Sie erinnert uns an Zeiten, als wir fantasierten, selber mit Raumschiffen durchs All zu fliegen, als wir mit Freunden «Star Wars» spielten, Darth Vader waren oder Luke Skywalker. Zeiten, die lange vorbei sind, aber schöne, nostalgische Erinnerungen auslösen, nur schon durch das Erscheinen des Lucasfilm-Logos auf der Leinwand.
Das ist das eine. Hinzu kommt: Als ich 1983 im zarten Alter von 14 am Ende von «Return of the Jedi» das Kino verliess (dem dritten und letzten Teil der ursprünglichen Trilogie), tat ich das mit der brennenden Frage: Und jetzt? Wie geht es weiter?
Das Imperium hatte zwar eine schwere Niederlage erlitten, der Todesstern war zerstört, der Imperator tot, Darth Vader rehabilitiert – aber das konnte es doch nicht gewesen sein! Das ganze Reich war ja noch da, die Rebellen eine zusammengewürfelte Truppe – würden denn die nun die neue Regierung bilden? Es hätte noch so viele Geschichten zu erzählen gegeben, und jede einzelne von ihnen hätte ich verschlungen. Aber George Lucas, Erfinder der Saga, sagte: Es ist Schluss, die Geschichte ist erzählt.
Das schöne Gefühl, nach Hause zu kommen
War sie dann natürlich nicht. Einerseits kamen 16 Jahre später die drei Prequels (1999–2005), die die Vorgeschichte der ersten Trilogie erzählten. Andererseits zerfaserte das «Star Wars»-Universum mit Comics, Romanen, Videogames und einer Animations-TV-Serie in einem unübersichtlichen Wust an Weiterführungen und Rückblenden. Dennoch hatte man als Fan mit der Idee abgeschlossen, dass diese Geschichte jemals im Kino weitererzählt werden würde, geschweige denn, dass die Helden von damals noch einmal auferstehen könnten.
Aber genau das tun sie nun. Und wenn Harrison Ford (inzwischen 73) am Ende des zweiten Trailers wieder in der besten Rolle seines Lebens auf der Leinwand auftaucht und sagt «Chewie, we’re home» (Chewie, wir sind zu Hause), dann fühlt sich das für den Fan genauso an: Auch er ist wieder zu Hause, zurück in jener Welt, die ihm als Kind einst mehr bedeutete als alles andere. Und das mag zwar heute längst nicht mehr so sein, aber allein die Erinnerung an dieses Gefühl, an diese bedingungslose Liebe, die man so vermutlich nur als Kind oder Jugendlicher entwickeln kann, lässt einen Abglanz davon wieder aufleben. Ein schönes Gefühl, eines, das man vielleicht lange vermisst hat. Deshalb also die Tränen der Rührung im Kino.
Es führen natürlich viele Wege zum Fantum. Ich zum Beispiel habe mit 10 Jahren (1979) im «Bravo» meiner Cousine in Berlin ein Bild von Darth Vader gesehen, und da war es um mich geschehen. Vader war unendlich cool und mächtig und böse (ich habe bis heute ein Faible für Bad Guys), und allein schon der Look! Erst durch ihn kam ich auf «Star Wars» und habe dann jahrelang alles verschlungen, was mir dazu in die Hände kam, mein Taschengeld in Fanartikel gesteckt und jeweils sehnlichst den nächsten Film erwartet. Das galt sogar für die spätere Prequel-Trilogie, die den alten Zauber zwar nur eingeschränkt wieder aufleben liess, dafür die Komplexität des «Star Wars»-Universums wohltuend erweiterte.
Aus heutiger Perspektive gibt es allerdings noch ein paar andere gute Gründe, dem «Star Wars»-Erfinder George Lucas Anerkennung zu zollen. Mit dem ersten Film von 1977 erfand er im Alleingang drei Dinge, die heute Hollywood dominieren: den Blockbuster-Spektakelfilm, das Merchandising (der Verkauf von Fanartikeln, mit denen Filmkonzerne heute oft mehr Geld einnehmen als mit Kinotickets und DVD-Verkäufen) und die moderne Form von Spezialeffekten (Lucas’ Industrial Light and Magic ist bis heute eine der dominierenden Effektfirmen der Filmindustrie). Sein Ziel war damals, einen Mythos für eine neue Generation zu schaffen, in dem er Versatzstücke aus verschiedensten Geschichten und Mythologien wild durcheinandermischte.
Das funktionierte auch deshalb so gut, weil man als Zuschauer mitten in eine laufende Story reingeworfen wird, mitten in den Kampf einer Handvoll Rebellen gegen ein übermächtiges Imperium, mitten in den archetypischen Konflikt zwischen Licht und Dunkelheit. Man realisiert rasch, dass da ein riesiges Universum mit einer enormen Vorgeschichte existiert, die man gemeinsam mit dem jungen Helden Luke Skywalker nach und nach kennenlernt. Und dann ist da noch «die Macht», eine mysteriöse, quasi-religiöse Energiequelle, die jenen Auserwählten, die sie beherrschen, ungeheure Möglichkeiten verleiht, zum Guten wie zum Bösen.
Lucas inspirierte eine Generation von Regisseuren
Was Lucas mit «Star Wars» bewirkt hat, illustriert sehr schön auch diese Aussage des französischen Starregisseurs Luc Besson: «Bereits während der ersten Minute des Films realisierte ich, dass wir hiermit eine neue Ära des Kinos betreten. Es war anders als alles, was ich je zuvor gesehen hatte, und ich wusste, dass es die Filmwelt für immer verändern würde. George Lucas’ Vision inspirierte eine ganze Generation künftiger Regisseure wie mich, sie gab uns die Freiheit zu träumen. Ich wäre niemals auf meinem Weg als Filmemacher aufgebrochen, hätte er mir nicht den Weg gezeigt.»
Lucas hat sein Ziel von damals erreicht, er hat tatsächlich einen Mythos erschaffen, deutlich erkennbar auch am Ausmass, in dem «Star Wars» die globale Popkultur durchdrungen und die Spielwarenläden der Welt erobert hat. Das hat sich nicht zuletzt finanziell gelohnt. Die Gesamteinnahmen werden vom Statistic Brain Research Institute auf 28 Milliarden Dollar geschätzt, was «Star Wars» wohl zur finanziell erfolgreichsten Franchise aller Zeiten macht.
Auch dass Lucas sein Lebenswerk 2012 für vier Milliarden an Disney verkauft hat, war ein cleverer Schachzug. Nicht nur, weil dadurch «Star Wars» wieder zurück auf die Leinwand kommt, sondern auch, weil man dem erfahrenen Unterhaltungskonzern zutrauen kann, dieses Universum kompetent und sorgsam weiterzuentwickeln. Alles, was man bisher gesehen hat, inklusive der neuen TV-Serie «Star Wars Rebels» , deutet zumindest darauf hin. Vor allem aber hat George Lucas diese Geschichte erfunden, die in so vielen Menschen rund um die Welt etwas anklingen lässt. Sie alle warten nun gespannt auf das nächste Kapitel, voller Hoffnung es genauso lieben zu können wie das erste.
«Star Wars: The Force Awakens» startet am 17. Dezember in den Schweizer Kinos.
Autor: Ralf Kaminski
Fotograf: Holger Salach