Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03275.jsonl.gz/2982

In der Karolingerzeit verpflichteten sich die am Grossmünster mit Gottesdienst und Seelsorge betrauten Geistlichen – ähnlich wie Mönche – zu einem gemeinsamen Leben und regelmässigem Gebet. Dies nannte man ein Chorherren-Kapitel. Im Mittelalter waren es 24 Männer, an ihrer Spitze ein Probst, einige hatten besondere Ämter (Schatzmeister, Cantor, Kellermeister u.a.)
Im späteren Mittelalter lebten die Chorherren in eigenen Häusern und versammelten sich regelmässig im Refektorium, dem Ess-Saal im Grossmünster-Kreuzgang, der allmählich zur ›Trinkstube‹ wurde.
In der Reformationszeit, 1523, gestaltete der Rat das Chorherrenstift um zur obersten Lehranstalt der Stadt, dem (seit dem 17. Jahrhundert so genannten) »Carolinum«, in dem die künftigen Pfarrer ausgebildet wurden. Die Chorherren waren nun Professoren, behielten aber den alten Titel und die Einnahmen aus den Pfründen.
Wie bei den Zünften üblich, bekamen auch die Chorherren alljährlich Beiträge an die Beheizung sowie Verschönerung ihrer Stube, zunächst in Naturalien, dann in Geld, die sog. »Stubenhitzen«. Die Überbringer der Gaben, meist Kinder, wurden zum Dank bewirtet, mit Weissbrot, Zuckerwerk und Süsswein.
Im Zeitalter der Aufklärung trat an die Stelle der Bewirtung ein Kupferstich mit einem erläuternden moralischen Text zur Belehrung der »sittsamen und lernensbegierigen Züricherischen Jugend«. Auf den Berchtoldstag 1779 erschien das erste Neujahrsstück der »Gesellschaft der Herren Gelehrten auf der Chorherren[-Stube]«. Diese Neujahrsstücke erschienen ohne Unterbruch auch in bewegten Zeitläufen bis zur Aufhebung des Stifts – und darüber hinaus.
Im Zuge der Bildungsreform bei der liberalen Umgestaltung des Staats beschloss der Grosse Rat des Kantons Zürich 1832 das unzeitgemäss gewordene Grossmünsterstift aufzuheben. 1833 wurde die Universität gegründet. 1836 löste sich die »Gesellschaft der Gelehrten« selbst auf.
Das Vermögen des Stifts wurde 1849 dem allgemeinen Staatsgut einverleibt.
Der Silberschatz – darunter der um 1600 von Abraham Gessner gefertigte Globusbecher – der die Contributionszahlungen der Franzosen 1789 uneingeschmolzen überlebt hatte – kam in die Kunstsammlung der Bürgerbibliothek (1629 gegründet; auch Stadtbibliothek genannt). Im Wettbewerb um den Standort des Schweizerischen Landesmuseums hatten die Zürcher der Eidgenossenschaft eine ›Morgengabe‹ versprochen. Als Teil davon kam der Schatz dann 1894 als Depositum in das Landesmuseum.
1837 schlossen sich einige Angehörige der alten Lehranstalt mit weiteren in Wissenschaft und Kirche tätigen Stadtbürgern zu einer Gesellschaft zusammen, um die Tradition des Neujahrsblattes weiterzuführen. 1838 erschien das erste Blatt der neuen Serie, das auch die Nummer 60 der seit 1779 erschienenen Reihe trägt.
Um persönliche Kontakte zu pflegen, beschlossen die zunächst 18, dann bald 24 Mitglieder, sich jährlich am 28. Januar als dem Karlstag zu treffen. (Der Todestag, d.h. eigentlich der himmlische Geburtstag Kaiser Karls des Grossen, † 814, der als Gründer des Grossmünsters galt, wurde seinerzeit im Chorherrenstift gefeiert.) Der erste »Karlstag« fand 1844 statt.
Die Verfasser der Neujahrsblätter wurden ausgelost und mussten ihre Arbeit vor dem Druck den Mitgliedern vorlesen. Das ist heute noch so. Der Erlös des Neujahrsblatts ist ursprünglich dem städtischen Waisenhaus zugute gekommen. Da diese (1637 gegründete) Institution 1989 aufgehoben wurde, wird gegenwärtig ein privater Verein mit ähnlichen Zielsetzungen mit einer jährlichen Spende bedacht. (Mittlerweile sind die Druckkosten so hoch, dass von Erlös kaum mehr die Rede sein kann. Die Spende kommt durch Stubenhitzen der Mitglieder und der Gäste am Berchtoldstag zustande.)
Verschiedene kleinere Revisionen an den Statuten haben die Gesellschaft kaum umgestaltet. Gegenwärtig umfasst sie – in augenzwinkernder Analogie zur »Académie Française« vierzig Mitglieder. Seit 1997 werden auch Frauen aufgenommen.
Der Vereinszweck ist nach wie vor die Herausgabe des Neujahrsblatts. Die Sitzungen sind nüchtern der Diskussion des neuen Blattes gewidmet. Einzig der Karlstag – an dem ein Mitglied einen akademischen Vortrag hält – ist etwas feierlicher.
Das 150. Neujahrsblatt (auf das Jahr 1987), verfasst von Prof. Dietrich W. H. Schwarz (1913–2000), enthält eine detaillierte Geschichte der Gesellschaft.
Der Vortrag am Karlstag 1987 von Dietrich W. H. Schwarz: »Chorherren – Karlstagfeiern – Neujahrsblätter« in: Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Band 60 (1993), S. 323–334 ist digitalisiert hier: http://doi.org/10.5169/seals-379000
Die Gelehrte Gesellschaft erneuert sich von innen, durch Kooptation. Man kann keine Anträge auf Mitgliedschaft stellen.