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Moralische Werklein – das trifft den Inhalt von Leopardis berühmtesten Werk ziemlich gut. Der Italiener lebte von 1798 bis 1837, wurde also knapp 39 Jahre alt, und war in diesen 39 Jahren beständig krank oder kränklich; man kann also nicht sagen, dass es ein glückliches Leben war. Entsprechend sind auch die Operette morali von tiefem Pessimismus geprägt. Anders als bei Schopenhauer wirkt dieser Pessimismus echt und berechtigt. (Schopenhauer hatte ja keinerlei Anlass, Pessimist zu sein: Er konnte sich vom väterlichen Vermögen ein durchaus angenehmes Leben leisten, ohne sich um einen Job kümmern zu müssen, und die einzige grössere Verletzung seines Ich war wohl, dass die Berliner Studenten die Vorlesungen des berühmten Hegel denen des unbekannten Privatdozenten Schopenhauer vorzogen, der es gewagt hatte, zur gleichen Zeit vorlesen zu wollen.)
Wir haben in den Operette morali Dialoge und Essays vor uns, die verschiedene Facetten menschlichen Daseins beleuchten. Oft sind es antike Philosophen, die in den Dialogen eine Rolle übernehmen. Leopardi übernimmt diese Form philosophischen Raisonnierens von Lukian, dem grossen Spötter der Antike. Auch eher ungewöhnliche Themen werden angesprochen, so z.B. die Frage, ob der Mensch, der Philosoph, sich selber töten soll oder nicht. (Die Dialogpartner kommen zur Antwort, dass nicht.)
Im Übrigen möchte ich hier nicht einzelne Dialoge oder Essays hervorheben. Leopardis Werklein wollen selber gelesen werden. Ich habe dies in der Auswahl aus den Operette morali getan, die im Mai 2017 in der Anderen Bibliothek unter obigem Titel erschienen ist. Diese Auswahl und die Übersetzung stammen von Burkhart Kroeber; die Übersetzung basiert auf der Erstübersetzung Paul Heyses aus dem Jahre 1878. Krober fügt auch Heyses Nachwort Leopardis Weltanschauung bei. (In der Heyse nicht nur den eleganten Satzbau des Originals lobt – ein Lob, das sich bis heute gehalten hat, auch wenn Kroeber vom etwas altmodischen Italienisch schreibt – sondern auch die Struktur der Operette morali mit Nietzsche vergleicht. Nun hatte zwar Nietzsche – vor allem ex post betrachtet – wohl mehr Grund zu einer pessimistischen Lebenseinstellung als Schopenhauer, aber der Vergleich hinkt m.M.n. auf mehreren Ebenen, u.a. sowohl auf der Ebene der Werkstruktur, als auch auf der Ebene dessen, was man für gewöhnlich ‘Weltanschauung’ zu nennen pflegt.)
Obwohl die Übersetzung in ihrer Basis also auch schon rund 150 Jahre alt ist, lesen sich Leopardis Dialoge und Essays darin sehr angenehm und flüssig. Ich kann diese Edition der Anderen Bibliothek dem Liebhaber des gepflegten Pessimismus nur empfehlen.