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Dr. Jean - Martin Charcot
Dr. Charcot, geboren in Paris, Frankreich, wurde bereits zu seinen Lebenszeiten weltberühmt angesichts seiner kompromisslosen Entwicklungen auf dem Gebiet der Anatomie, Neuroanatomie, Pathologie und Neurologie. Sein Name ist bis heute mit zahlriechen, medizinischen Eponymen assoziiert (z.B. Charcot-Fuss bei Charcot-Marie-Tooth-Neuropathie).
Jean-Martin Charcot, als medizinische und populistische Legende, prägte Generationen von weiteren Entwicklungen. Seine Inhalte wurden dabei aber öfters ungenau oder sogar falsch weitergegeben. Dies, zusammen mit seiner grossen Reichweite, öffentlichen Vorführungen und bestrittenem Einsatz von photographischen Mitteln, trug in wesentlichem zur stigmatisierenden Bild der Hysterie bei – vereinfacht gesagt, haben ganze Generationen die Bilder von «spinnenden Frauen» aus ihren Köpfen nicht mehr wegkriegen können.
EINSATZ VON HYPNOSE
Der französische «Vater der Neurologie» wird aber am häufigsten assoziiert mit seinen Arbeiten in Bezug auf Hysterie und Hypnose, welche er dann mit Einbezug seiner PatientInen regelmässig vorführte. Seine berühmteste Vorführ-Hysterie-Patientinen waren Louise Augustine Gleizes und Marie Whitmann, welche auch häufig verwechselt werden. Es ist auch Louise Augustine, die durch Andre Brouillet im 1887 auf dem Bild «Une leçon clinique à la Salpêtrière» verewigt wurde, welches so häufig im Zusammenhang mit dieser Thematik reproduziert wird. Unter Umständen wurde aber Marie Whitmann noch berühmter – sie brannte sich dauerhafter im kollektiven Bewusstsein ein als «Blanche» oder «Königin der Hysterie».
DIE VERWIRRUNG UM DR. CHARCOT
Die Ideen von Dr. Charcot wurden häufig aufgenommen, weiterverbreitet und adaptiert, und seine Person von einer imposanten Anzahl und Intensität an sozialen Phänomenen umwoben. Nicht nur damals, sondern auch später wurden die Umstände um Dr. Charcot und seinen PatientInen ein nahrhafter Boden für weitere Werke – von Fiktion, über Halbwahrheiten bis hin zu soliden Abarbeitungen. So beschrieb der französische Kunsthistoriker, Georges Didi-Huberman, eine ganze Reihe an nicht besonders wissenschaftlichen Ansätzen v.A. im Bezug auf das damalige, technische Novum – die Photographie. Dr. Charcot war unter den Pionieren zu finden, welche die Photographie zur Dokumentationszwecken verwendete – so war bereits deswegen das Interesse der Patienten gross, mitzumachen. Didi-Hubermann schrieb u.A. von einem Vorführungspakt zwischen Dr. Charcot und Louise Augustine Gleizes - die damit verbündeten, regelmässigen, Vorführungen verursachten zunehmende Dekompensation der Patientin, so dass der Pakt mit ihrem mysteriösen Verschwinden zu Ende kommen musste. [1]
Auch die Umstände um die zweite Musterpatientin, Marie «Blanche» Wittmann, sind schwammig – diese angehende Krankschwester wurde vom Dr. Charcot während Ihrer Arbeit in der Salpêtrière bemerkt und als Patientin stationär aufgenommen. Ihre Auftritte unter Hypnose seien so sensationell gewesen, dass u.A. Sigmund Freund darüber berichtete (Ein Reproduktion der «Une leçon clinique à la Salpêtrière» war auch in seinem Arbeitszimmer oberhalb der berühmten Analyse-Couch angehängt). Nach dem Tod von Charcot im 1893, hätte Marie scheinbar aber keine weiteren, hysterischen Anfälle mehr. Der schwedische Schriftsteller, Per Olov Enquist, beschäftigte sich in seinem Roman mit dem späteren Leben von «Blanche», angeblich anhand Ihrer Memoiren, wo sie Ihren Werdegang zur Laborhelferin von Marie Curie-Skłodowska (die polnisch-französche Entdeckerin von Radon und Polonium) angeblich beschrieben hätte. Gemäss des Romans und der berufenen Memoiren, musste «Blanche» sich mehrere Amputationen unterziehen lassen aufgrund einer Strahlenvergiftung. Die geschichtliche Korrektheit ist hier aber höchstzweifelhaft.
DAS ERBE VON DR. CHARCOT
Angesicht der zahlreichen weiteren solchen Gegebenheiten, fällt es einem heutzutage echt schwierig, die tatsächlichen Inhalte von Dr. Charcot herauszufiltern – trotz seinen grossen Verdiensten für die Medizin. Es ist auch erstaunlich wenig separates Textmaterial zu finden, welches von ihm direkt stammen würde – er schien doch ein Bühnenmensch und ein direkter Ausbildner zu sein. So verdanken wir die meisten Informationen seinen einzelnen Büchern, diversen Überlieferungen sowie der monströsen Transkriptionsserie seine Vorlesungen / Lektionen in «Leçons sur les maladies du systeme nervaux, Volumina 1 – 4». In diesen Transkripten sucht man aber den Begriff «Neurasthenie» vergeblich. Dr. Charcot fasste ein ganzes Spektrum an Auffälligkeiten ausschliesslich unter dem Dachgebriff der «Hysterie». Der Hauptteil der ersten Band seiner Transkripte ist den separat aufgeführten, hysterischen Phänomenen gewidmet. So beschrieb Dr. Charcot dort akribisch folgende, hysterische Gegebenheiten: Ischurie (Harnverhalt), Hemianästhesie (Halbseitliche Verminderung der Sensitivität), ovarielle Hyperästhesie (Vermehrte Empfindlichkeit der Eierstöcke), Kontrakturen, Hystero-Epilepsie und die rhythmische Chorea («Veitstanz» - unwillkürliche, unregelmässige Bewegungen der Muskulatur). [2] Auch in weiteren Bänder sind aber zahlreiche Verknüpfung an hysterische Varianten diverser, weiterer Manifestationen zu finden (z.B. Veränderung des Sichtvermögens).
BEHANDLUNGSANSÄTZE
Zur Behandlung der Hysterie verwendete Dr. Charcot vor allem Hypnose, Physiotherapie, Hydrotherapie, Elektrotherapie sowie «ovarielle Kompression» (Druckausübung auf die Eierstöcke – initial manuell, später mit einer selbstentwickelten Kontraption). [3] Zu einem gewissen Grad betrachteten er und seine Kollegen auch die Anfälligkeit für Hypnose als ein Merkmal der Hysterie.
QUELLEN:
[1] “Invention of Hysteria: Charcot and the Photographic Iconography of the Salpetriere”
Georges Didi-Hubermann, Translated by Alisa Hartz
Published June 2003
[2] “Leçons sur les maladies du systeme nervaux, Tome Premiere, Quatrieme Edition”
Jean-Martin Charcot
Cerf et Fils, Imprimeurs, Rue Duplessis, Versailles, 39. Published 1880.
[3] “History of Physical and ‘Moral’ Treatment of Hysteria”
Emmanuel Broussolle et al.
Front Neurol Neuosci, Karger, Published 2014, vol 35 pp 181 – 197
Bildquelle:
NIH / U.S. National Library of Medicine