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Wollishofen kommt zur Stadt – Eingemeindung gegen den eigenen Willen
Gemeindefusionen sind in. Auch im Kanton Zürich hat sich die Zahl der politischen Gemeinden in den letzten Jahren von 171 auf 162 verringert. Die grossen Eingemeindungen in die Städte sind jedoch schon eine Weile her: 1893 und 1934 in Zürich, 1922 in Winterthur. Wollishofen ist seit 1893 ein Teil der Stadtgemeinde Zürich. Es war eine Vereinigung mit Schmerzen.
Wollishofen – Dorf, Gemeinde, Gemeinschaft
Wollishofen war erst ab 1803 eine selbständige Gemeinde. Davor bildete das Dorf, zusammen mit der Enge, die Obervogtei Wollishofen. Das Dorf selbst bestand aus den drei Wachten Honrain, Wollishofen und Erdbrust.
In den Quellen blitzt schon früh eine Wollishofer Identität auf. Ganz klar zeigte sie sich allerdings erst nach dem Ende des Ancien Régime, als just im Jahr 1798 – dem Jahr der Helvetischen Revolution – eine Bürgerliche Abendgesellschaft gegründet wurde. Sie vereinte nicht nur die Dorfelite, sondern verkörperte auch eine Heimat für engagierte Wollishofer. Als Lesegesellschaft besteht sie noch heute.
Aussersihl will zur Stadt gehören
In der Stadt Zürich und ihren Vorortsgemeinden wuchs die Bevölkerung im 19. Jahrhundert stark an, meistens durch Zuzug fremder Familien. Das veränderte das Verhältnis zwischen der Stadt und den Gemeinden.
Vor allem die Industriegemeinde Aussersihl bemühte sich darum, in die Stadt eingemeindet zu werden. 1861 gelangte der Aussersihler Gemeindepräsident mit einer entsprechenden Petition an den Stadtrat von Zürich. Sie wurde abgelehnt und hatte keine direkten Folgen. Doch ein zweiter Vorstoss 1885 an den Kantonsrat löste eine starke politische Bewegung aus.
Eine Vorbereitungskommission erarbeitete darauf einen Antrag, zusammen mit Aussersihl weitere zehn Gemeinden einzugemeinden. Trotz offiziellem Protest von Wollishofen beschloss der Kantonsrat 1891 das «Gesetz betreffend die Zutheilung der Gemeinden Aussersihl, Enge, Fluntern, Hirslanden, Hottingen, Oberstrass, Riesbach, Unterstrass, Wiedikon, Wipkingen u. Wollishofen an die Stadt Zürich».
Wollishofen kämpft um seine Unabhängigkeit
Der Abstimmungskampf wurde sehr emotional geführt. Befürworter argumentierten mit Solidarität und gemeinsamem Schicksal, Gegner mit Föderalismus und althergebrachter Tradition. In der Abstimmung vom 9. August 1891 wurde das Gesetz mit 37‘843 Ja- gegen 24‘904 Nein-Stimmen angenommen. Nur Wollishofen und Enge, letztere sehr knapp, lehnten die Vorlage ab, aber auch in Zürich, Fluntern, Hottingen und Riesbach war die Opposition gross.
Wollishofen legte nach einer engagiert geführten Gemeindeversammlung Beschwerde gegen das Abstimmungsresultat ein: Eine Eingemeindung gegen den Willen der betroffenen Gemeinde sei nicht verfassungskonform. Das Bundesgericht wies dies aber ab. Im Wesentlichen mit der Begründung, die Zürcher Verfassung von 1869 kenne keine Gemeindegarantie.
Weshalb die Ablehnung in Wollishofen?
Bis heute ist umstritten, weshalb Wollishofen zwar in der vorbereitenden Kommission mitwirkte, in der kantonalen Abstimmung den Schritt jedoch massiv ablehnte. Eine wichtige Rahmenbedingung, die zum Verständnis beiträgt: Vor der endgültigen kantonalen Abstimmung gab es keine Konsultativabstimmungen. Aber damit ist der Grund für die Wollishofer Ablehnung noch nicht erhellt.
Das Historische Lexikon der Schweiz verweist allein auf den Reichtum der Gemeinde. Wichtiger dürfte der Umstand gewesen sein, dass Wollishofen noch bäuerlich geprägt war und ein starkes Identitätsgefühl entwickelt hatte. Die Mitglieder der Zunft Wollishofen, gegründet nach der Eingemeindung, mussten jedenfalls geloben, «die Eigenart ihres Dorfes gegen die sich rasch ausbreitende Stadt so weit als möglich zu erhalten». Dieser Passus wurde später aus den Statuten gestrichen.
Kulturelle Annäherungen
Das Wegfallen des traditionalistischen Gelöbnisses der Zunft ist ein Zeichen dafür, dass sich die Wollishofer im Laufe der Zeit mit der Eingemeindung abfinden konnten. Dazu trugen verschiedene Faktoren bei, etwa die frühe Verlängerung der Tramverbindung über die Enge hinaus nach Wollishofen.
Interessant ist auch eine Beobachtung des Kunsthistorikers Conrad Escher (1882-1944). Er warf bei seinem «Rückblick in die Vergangenheit» 1906 den Gedanken auf, Wollishofen mit der Verlegung des Waisenhauses mehr «an die Stadt zu attachieren, und in seinen Bewohnern das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit unserem Gemeinwesen noch lebendiger werden zu lassen». Der Transfer der ehrenwerten Institution des Waisenhauses nach Wollishofen war für ihn also etwas wie eine Wiedergutmachung für die erlittene zwangsweise Eingemeindung.
Wollishofen heute
Bestehen heute noch Wunden aus jener Zeit? Nein. Denn kaum jemand weiss vom damals erlittenen Unrecht. Dennoch sollte Wollishofen zu seinem Erbe Sorge tragen. Allzu viel Denkmalschutzwürdiges wurde in den 1950er- und 60er-Jahren, ja wird bis heute relativ bedenkenlos einer Entwicklung geopfert, die droht, aus Wollishofen ein gesichtsloses Wohnquartier zu machen.
Natürlich mussten die einstigen Bauerngärten verschwinden, natürlich sind unterdessen auch die wenigen verbliebenen Industriebauten einer neuen Nutzung zugeführt. Zwar dürften die Wollishofer Raritäten am Seeufer nicht direkt bedroht sein: das Strandbad Mythenquai, das Saffa-Inseli, das Gemeinschaftszentrum an der Bachstrasse, neben der Roten auch die Weisse Fabrik, das Seerestaurant und die Fischerstube. Aber im Wohngebiet droht die Verdichtung das Lebenswerte des Quartiers zu zerstören.
Wie auch immer es weitergehen wird: Dass Wollishofen zur Stadt gehört, ist heute ganz selbstverständlich.
Dr. Sebastian Brändli, Historiker
www.wollipedia.ch
März 2022
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Header-Bild: Wollishofen um 1900 auf einer Ansichtskarte (ZB Zürich)