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Das Kongo Tribunal des Schweizer Dramaturgen Milo Rau führt eine Tradition der symbolischen Gerichtsbarkeit fort, die der Pazifist Bertrand Russell in den Sechzigern mit seinem Vietnam War Crimes Tribunal initiierte. Diese Art eines fiktiven Tribunals, das über Missstände in der Welt richtet, wurde seither verschiedentlich aufgenommen, auch filmisch – erinnert sei an Abderrahmane Sissakos starken Bamako (FR/US/ML 2006) oder auch Jean-Stéphane Brons Cleveland versus Wall Street (CH/FR 2010).
Milo Raus neuster Film nun, Das Kongo Tribunal, knüpft an dessen Theaterformat der «Justizspektakel» an, für die er teils mehrtägige Gerichtsprozesse inszeniert. Dabei versucht Rau, die komplexen Verstrickungen von Krisenfeldern auseinanderzudröseln und die wahren Interessen(ten) dahinter offenzulegen. Ausgehend von drei Schauplätzen – zwei Minen und ein Krankenhaus, das von Milizen heimgesucht worden war –, möchte nun Das Kongo Tribunal die Hintergründe für die Konflikte im Gebiet der Grossen Seen ausleuchten, die in den letzten zwanzig Jahren Millionen Opfer forderten.
Rau, der oft multimedial arbeitet, verknüpft dafür Theaterinszenierung und dokumentarische Filmausschnitte und konfrontiert uns mit einem dicht gespannten Netz aus Zeugenaussagen und Statements. So kommen enteignete Kleinbauern zu Wort, Frauen, deren Kinder durch den schwelenden Krieg ihr Leben verloren haben, ebenso wie Funktionäre des Staates oder der Abbaufirmen. Ein Pastor stellt zu Recht die Frage, wie es kommt, dass ein so reiches Land wie der Kongo, das drei Ernten im Jahr einbringt und riesige Bodenschätze besitzt, in Armut, Arbeitslosigkeit und einem Bürgerkrieg versinkt. Für das fiktionale Gericht versammelte Rau einerseits in Bukavu, andererseits in Berlin Expert/-innen der Justiz, Soziologie oder Menschenrechte auf der Bühne. Formal wechselt Das Kongo Tribunal zwischen Inszenierung und Videos auf Kleinmonitoren, die dem Gremium als ‹Beweismittel› dienen und die sich dann zum bildfüllenden Dokumentarfilm erweitern – den wohl einnehmendsten Teilen des Projekts. In seinem Schlussplädoyer fokussiert der Gerichtsstand schliesslich die neokolonialen Verstrickungen der Ersten Welt (Nordamerika, Weltbank, EU), deren Akteure skrupellos für sich den Zugang zu den Bodenschätzen erhalten wollen und mit die Hauptverantwortung für die verworrene Situation tragen. So gibt zum einen Das Kongo Tribunal eine kaleidoskopische Fülle an Informationen wieder, lässt alle zu Wort kommen und die Schuldigen sich teils selbst entlarven. Eine formale Vereinfachung – auch auf Kosten des sich häufig ins Bild setzenden «Master of Ceremony» Milo Rau – hätte dem Film sicherlich gutgetan.