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Titel
Münsterthal,
romanisch
Val Müstair (Kt. Graubünden,
Bez.
Münsterthal). Westl. Seitenthal zum Vintschgau; vom
Rombach durchflossen,
der oberhalb des Tiroler Dorfes Glurns in die Etsch mündet und diese um die Hälfte verstärkt. Das Thal ist auf Schweizerboden
gegen 5 Stunden oder 18 km und auf österreichischem Gebiet noch weitere 7 km lang. Das schweizerische
Münsterthal bildet den Bezirk und Kreis gleichen Namens, umfasst als solcher 193,3 km2 und zählt 1505 Ew. (7,8 auf einen
km2).
Zum Bezirk gehören auch noch das Thal der Münsteralpen und der schweizerische Teil des Val Mora (s. diesen Art.) s. vom Hauptthal. Grenzen: im N. die Gruppe des Piz Pisoc (westl. vom Scarl- und Avignathal), die mit der Sesvennagruppe zusammenhängt, und im S. und SO. die Umbrailgruppe, die Graubünden von Italien und Tirol trennt. Oestl. vom Munt da Buffalora (2629 m) liegt zwischen dem Hauptthal und dem Thal der Münsteralpen-Val Mora die Kette Piz Daint (2971 m)-Piz Dora (2951 m)-Piz Turettas (2958 m), die gegenüber den höchsten Gipfeln der s. Grenzkette der Münsteralpen um rund 200 m zurückbleibt. Im W. reicht die Grenze über die niedrige Wasserscheide Giufplan (zwischen dem Thal der Münsteralpen und dem Kessel der zur Gemeinde Zernez gehörenden Alp Buffalora) nach dem Munt da Buffalora hinüber; dann geht sie beim Wegerhaus quer über die Ofenbergstrasse ins Val Nüglia hinein, steigt zum Piz Nair hinauf und zieht über dessen Kamm und die Gipfel Piz Foraz, Piz Tavrü und Piz Vallatscha nach Fontauna da S-charl, um von hier in ö. Richtung durch das Scarlthal und Val Costainas am Stock des Piz Starlex die österreichische Grenze zu erreichen. Die Grenze gegen das Tirol zweigt vom Piz Chavalatsch nach NW. ab, schneidet in durchaus künstlicher Weise 1 km von Münster entfernt den Rombach und dann ebenso (1,5 km nw. vom Rombach) den Vallatschabach des Avignathales und geht in w. Richtung zum Stock des Piz Terza weiter, um endlich gegen N. über den Piz Cotschen wiederum an den Stock des Piz Starlex anzuschliessen.
Mit den Nachbarthälern steht das
Münsterthal über eine Reihe von Pässen in Verbindung. Solche sind: der
Ofenpass (Sü
Som 2155 m) mit Poststrasse von
Zernez (im Unter
Engadin) nach
Münster und Mals (Tirol);
der vielbegangene Scarlpass (Costainas; 2251 m) von Lü und der Alp Champatsch nach Alp Astras im Scarlthal (Lü-Schuls 6½ Stunden);
der von der Ofenstrasse oder von Cierfs aus zwischen dem Munt della Bes-cha und dem Rücken Minschuns über die Fontauna da S-charl nach der Alp Astras und Scarl führende Uebergang (2402 m);
die Fuorcla Sassalb (etwa 2610 m) zwischen Muntett und Piz Terza nach Val Costainas und ins Scarlthal;
die Fuorcla Starlex (2633 m) vom Scarlthal über Val Costainas ins Avignathal.
Der zweite
Pass mit Poststrasse ist das
Wormserjoch (oder
Umbrailpass, auch
Giogo di Santa Maria; 2505 m),
das von
Santa Maria nach S. durch das
Val Muranza führt und bei der vierten
Cantoniera (4½ Stunden über Bormio) in die Strasse
des Stilfserjoches (Stelvio) einmündet. Diese 1901 eröffnete Umbrailstrasse hat dem
Münsterthaler Verkehr neuen Impuls
verliehen. Ueber den
Umbrail haben die Bewohner unseres
Thales Jahrhunderte lang
Käse und Salz gegen
Reis,
Mehl und Wein aus Bormio eingetauscht. Die Erstellung einer Strassenverbindung von
Lü über das Joch von
Scarl nach
Schuls
hinaus harrt noch der Ausführung.
Der das
Münsterthal durchfliessende
Rombach entspringt in mächtiger Quelle unter den
Felsen
Ruinas (hinter
Aint a som Cierfs) aus Triaskalken und durcheilt zuerst in raschem
Lauf ein mit weiten und frischgrünen
Matten, dunkeln
Wäldern
und rauschenden
Wasserfällen geschmücktes Gelände. In den
Palüs dels
Lais bei
Fuldera, einer vollkommen ebenen Sumpffläche,
die den Rest eines alten Seebeckens bildet, ist der Thalboden gegen 600 m breit, und von
Valcava an abwärts
wird das Thal zu einem weiten und freundlichen Landschaftsbild.
Der
Rombach hat von
Cierfs bis
Münster ein Gefälle von etwa 430 m; seine mittlere Wasserführung wird hier auf 9,46 m3,
die gesamte Bruttowasserkraft auf 1570 PS und die produktive Wasserkraft auf 126 PS geschätzt. Das
Münsterthal
senkt sich vom
Ofenpass in vier Stufen ab, die sich bei
Cierfs,
Fuldera,
Valcava und
Sielva befinden. Die schon vorher mit Gletschergeschiebe
bedeckte Thalsohle ist seither aus den von beiden Gehängen herunterreichenden vielen Seitentöbeln und wilden
Schluchten
heraus mit mächtigen Schuttmassen und breiten Schuttkegeln überführt worden.
Daneben finden sich auch zahlreiche Lawinenzüge. In Bezug auf Verbauung von Rutschungen, Lawinenzügen und Rüfen der Wildwasser ist in dieser Gegend schon Vieles getan worden; bedeutende Thalsperren und andere Verbauungen existieren z. B. im Val Ruina bei Fuldera, im Val dell' Archa gronda oberhalb Valcava, im Val Muranza bei Santa Maria. Die vielen rauhen und wilden Ausgänge der Seitenthäler und -töbel trüben vielfach die Schönheit der einzelnen Thalbilder.
Alles Störende im landschaftlichen Rahmen verbirgt sich aber z. B. beim Niederblick von der
Höhe des
Ofenpasses ins
Münsterthal,
und wir schauen von da auf ein freundliches, geschlossenes Wiesengelände voll freudigen
Grüns, von dunkelm Tannenwald
umsäumt und eingefasst von malerischen Bergreihen. Uebrigens sind die grossen alten Schuttkegel heute bereits von der Vegetation
erobert, getrocknet und zur Ruhe gekommen, da sich ihre Wasserrinne vielfach tief in sie eingeschnitten hat.
Auf ihnen stehen denn auch die meisten Thaldörfer, so u. a. Santa Maria und ein Teil von Münster. Das Hauptthal biegt vor Santa Maria aus der bisherigen SO.-Richtung nach NO. um und öffnet sich «gleich einer Trompeten gegen dem schönen und fruchtbaren Etschland und formiert eine angenehme Gegend» (Sererhard). Seine längsten Seitenthäler sind Val Muranza und Val Vau. Jenes steigt vom Umbrailpass nach N. herab und mündet bei Santa Maria aus, während dieses gegen NO. zieht, sein Wasser zwischen Valcava und Santa Maria in den Rombach sendet und sich nach oben verzweigt, wo es von dem landschaftlich grossartigen Gebirgsgebiet Rims abgeschlossen wird und den schönen, forellenreichen Lai da Rims oder Rimsersee (2392 m) enthält. Der nur ¶
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2240 m hohe Rücken von Dössradond bildet die Wasserscheide zwischen dem Val Vau und dem Thalwasser der Münsteralpen, das mit dem Ober- und Mittellauf des Rombaches parallel, aber in entgegengesetzter Richtung abfliesst, dann das Val Mora durchzieht und auf italienischem Boden in den Wildbach des Val Bruna-Val del Gallo (Seitenarm des Spöl) mündet.
Die schuttbedeckte Sohle des
Münsterthales und die nächsten Gehänge weisen als Hauptgestein schiefrigen, grünen oder rötlichen
Verrucano auf, der nach unten in Casannaschiefer und Gneis übergeht. Er ist stark gewunden und gefältelt und enthält vielfach
Einlagerungen von Quarz in bis zu 30 cm dicken Nestern und Bänken. Nach oben reicht er am Gehänge hoch
hinauf, wird konglomeratisch und geht in rote und gelbliche Sandsteine (alpiner Buntsandstein) über.
Verrucano und krystalline Schiefer liefern ausgezeichnete Bausteine. Auf den Verrucano und Buntsandstein folgen zu beiden Thalseiten alpiner Muschelkalk (Virgloriakalk), Partnachschiefer, Arlbergdolomit, obere Rauhwacke oder Raiblerschichten und endlich der Hauptdolomit. Bis jetzt sind in unserem Gebiet jüngere Bildungen nicht nachgewiesen, doch scheinen die Kössenerschichten (Rät-Lias) da und dort vorhanden zu sein. Oberhalb Cierfs in der Nähe des Punktes 2051 m am Ofenberg enthalten die mit dem Muschelkalk auftretenden Kalkschiefer und Mergel (Partnachschichten) mancherlei Fossilien, wie Gervillia, Mytilus, Megalodon und Pentacrinus, der Muschelkalk selbst (auch in der Nähe von Cierfs) massenhaft Gyroporella pauciforata. An drei Stellen zeigen die Rauhwacken und Kalke der Trias Gipsstöcke aufgeschlossen, nämlich in der Ofenpartie oberhalb Cierfs, am N.-Hang des Piz Lad über Valcava und im Val Schais bei Santa Maria. An den beiden erstgenannten Stellen ist dieser Gips den Rauhwacken und Kalken der obern Trias eingelagert, während er im Val Schais der untern Rauhwacke angehört.
Das Gipslager von Cierfs beginnt hinter den Schluchten und den von Tobeln durchrissenen Halden von Ruinas oberhalb der beiden scharfen Kehren der Ofenstrasse (nach der Abzweigung des Weges nach Val Plaun) und zieht sich bis fast nach Aint a som Cierfs hinunter. Diese Bildung reicht im NW. bis über Val Plaun hinauf und umfasst auch ein ganzes Gebiet mit Erdfällen, Erdhügeln und Einsturztrichtern. Gegen Aint a som Cierfs hin sieht man den Gips in den Schuttrunsen noch zweimal in weissen Zacken und Stöcken zwischen die zerrissenen Kalk- und Dolomitwände hinaufgreifen.
Das wilde Trümmerfeld der Umgebung entstand durch die Auswaschung der Gipslager, die den Zusammenbruch der auf ihnen ruhenden
nächsten Kalkmassen veranlasst hat. Das von tiefen Spalten durchsetzte Gipslager im Val Schais gleicht von ferne, wie Theobald
bemerkt, beinahe einem Gletscher. Oberhalb des Punktes 2051 m finden sich bei Praivé nahe der Ofenstrasse
auf den dolomitischen Kalken viele Rundhöcker und grossartige Gletscherschliffe. Auf der Höhe des Ofenpasses sind neben lokalen
Einsenkungen auch tektonische Störungen (Verwerfungen) vorhanden. Am Piz Lad und am N.-Hang des
Münsterthales über Valcava-Valpaschun
ragen aus den Sedimenten verschiedene Rücken von Gneis und Casannaschiefer auf, die in der Tiefe wurzeln
und daher nicht
überschoben zu sein scheinen; sie sind von den Triaskalken und dem Verrucano mantelartig umhüllt und erscheinen
als isolierte Ausläufer der krystallinen Stöcke der Umbrail- und Sesvennagruppe. Zwischen ihnen liegen die Sedimente als
breitgespannte Mulde. Der Ausgang des bündnerischen
Münsterthales gehört schon vorwiegend dem Gebiet
der krystallinen Schiefer an, die in der Gegend der Malserheide (Reschen Scheideck) eine grosse Mulde bilden.
Im waldigen Gebirgsrevier vom Ofenberg bis zum Scarlthal kennt man vielfache Spuren von altem Bergbau, wie ja auch der Name Ofenberg (Fuorn) von den einst in dieser Gegend befindlichen Schmelzöfen herstammt. Auf der nicht mehr zu unserem Gebiet gehörenden Alp Buffalora bestanden alte Bergwerke auf Eisen und Blei (angeblich auch auf Silber), mit denen z. B. 1356 Ulrich von Planta vom Markgrafen Ludwig von Brandenburg belehnt worden war. Zwischen dem Scheitel des Ofenpasses und Cierfs grub man im Val Plaun an der Halde über den Felsköpfen der obern Rauhwacke silberhaltigen Bleiglanz ab. Zwischen Piz Schumbraida und Munt Pravedèr im obersten Abschnitt des Thales der Münsteralpen enthält die gleiche Rauhwacke Eisenglanz und Brauneisenerz eingeschlossen.
Das Klima des
Münsterthales ist infolge von dessen geographischer Lage recht günstig und für diese
Höhen (Fuldera 1641 m, Santa Maria 1388 m, Münster 1248 m) mild. Die meteorologische Station Santa Maria verzeichnet leichte
S.- und W.-Winde als weit vorherrschend; gegen den N.-Wind ist das Thal durch die vorgelagerte Bergkette und die beiden im
O. und W. von S. nach N. ziehenden Luftkanäle des Vintschgaues und des Innthales geschützt. Mittlere
Jahrestemperatur in Santa Maria 1902-03: 5,4° C., Maximum 26,9° und Minimum -17,6° C.;
Niederschlagshöhe 683,9 mm. In beiden Beziehungen schliesst sich der Ort somit an das trockene und verhältnismässig warme Schuls im Engadin an.
Diese Gunst der geographischen Lage und des Klimas kommt auch in der Flora und Fauna des Thales zum Ausdruck. Der Wald reicht durchschnittlich bis 2300 m hinauf und geht an einzelnen Stellen bis 2400 m, welche Verhältnisse für die Ostalpen gegenüber den andern Alpengliedern in gleicher Breitenlage charakteristisch sind. Am höchsten reicht die Arve (Pinus Cembra); im Thal sind besonders die Lärchen (Larix europaea) neben Fichten (Picea excelsa) und Erlen verbreitet, und für die Bergregion sind dazu noch die Waldföhre (Pinus silvestris), Bergföhre (Pinus montana) und Legföhre oder Krummholz (Pinus pumilio) zu erwähnen.
Bei Cierfs gedeihen noch Roggen und Gerste, und Gerste und Kartoffeln reifen sogar auf der sonnigen Terrasse von
Lü in 1918 m. Bis Fuldera hinunter überwiegt der Wiesenbau, während der eigentliche Getreidebau bei Valcava beginnt. Der
Obstbau beschränkt sich meist auf den Kirschbaum, geht aber bis 1300 m hinauf. Berühmt sind auch die Nelken des
Münsterthales
und Engadin, die dank der starken Sonnenstrahlung durch Farbenintensität, Fülle und Grösse sich auszeichnen.
Als charakteristische Alpenpflanzen nennt Brügger (Manuskripte im botanischen Museum der Universität Zürich,
ausgezogen von Dr.
Stephan Brunies) folgende Arten: Ranunculus tho-
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ra, Callianthemum rutaefolium, Thalictrum alpinum, Papaver rhaeticum, Draba Thomasii, Thlaspi Salisii, Erysimum rhaeticum, Geranium divaricatum, Alsine biflora, Sempervivum Wulfeni, Potentilla pseudoargentea, Plantago serpentina, Chenopodium botrys, Armeria alpina, Veronica prostrata, Lathyrus Lusseri, Astragalus leontinus;
Oxytropis Halleri var. intricans, O. lapponica und O. Halleri;
Horminium pyrenaicum;
Primula glutinosa, P. oenensis und P. longiflora;
Cortusa Matthioli, Pleurogyne carinthiaca;
Gentiana obtusifolia und G. tenella, Valeriana supina, Pulmonaria azurea, Campanula spicata;
Achillea atrata und A. moschata;
Senecio nebrodensis, S. abrotanifolius, S. incanus und S. cacaliaster;
Centaurea Mureti, C. pseudophrygia und C. pratensis;
Daphne cneorum, Tofieldia borealis, Poa minor, Sesleria disticha, Juncus arcticus;
Carex microglochin, C. mucronata und C. bicolor.
Dieser Liste fügen wir noch bei: Viola pinnata, Aethionema saxatilis, Sempervivum montanuni var. pallidum, Saxifraga patens, Aronicum Clusii, Carex baldensis (im Val Nüglia und am Munt della Bes cha, einzige Standorte in der Schweiz) und Festuca valesiaca.
Wie die Flora schliesst sich auch die Fauna vielfach derjenigen der italienischen Thäler Graubündens
und des Etschthales an. Das
Münsterthal beherbergt z. B. die schwarze Varietät der Hausmaus (Mus poschiavinus) und die
Redi'sche Viper (Vipera aspis) von S.-Graubünden und weist an Schmetterlingen und Käfern Formen auf, die durchaus auf den
S. und SO. der Alpenkette hindeuten. Die Abgeschiedenheit des Ofenbergrevieres lässt auch noch Tiergestalten
wie den braunen Bären und den Steinadler bestehen, ja im Grenzgebiet gegen Tirol kommt vielleicht heute noch der Luchs vor.
Zu erwähnen ist ferner der Edelhirsch (Cervus elaphus), der dem Dorf Cierfs seinen Namen gegeben hat; die riesigen Wälder
zwischen Zernez und dem
Münsterthal sind gute Zufluchtsstätten für dieses edle Tier, das sich im letzten
Jahrzehnt fast im ganzen Kanton bedeutend ausgebreitet hat.
Das
Münsterthal hat folgende Dörfer: das aus mehreren zerstreuten Häusergruppen bestehende Cierfs (1664 m);
die zwei Gruppen von Fuldera (F. daint und F. dora; 1641 m);
Lü (1918 m) am Uebergang ins Scarlthal, selten schön gelegen und mit prachtvoller Aussicht;
Valcava (1410 m; gutes Gasthaus);
Santa Maria (1388 m; gute Gasthäuser), die Zentrale des Thales mit 384 Ew., Ausgangspunkt der Umbrailstrasse;
endlich unterhalb dem Weiler Sielva der Bezirkshauptort Münster (Müstair; 1248 m) selbst, das grösste Dorf des Thales mit 599 Ew. Eine schöne Lage am N.-Hang des Thales haben die Höfe Valpaschun, Craistas und Terza.
Hauptbeschäftigung der Bewohner sind Viehzucht, Wiesen- und Getreidebau, sowie die Fremdenindustrie.
Im untern Thal wird rentable Bienenzucht betrieben, die einen geschätzten Honig liefert. Landesart, Sitten und Charakter
haben vielfache Aehnlichkeit mit denen des Unter Engadin. Wie dessen Bewohner wandern auch die Leute des
Münsterthales viel in die Fremde aus, wo sie gleiche Beschäftigungen wählen. Durch diese besonders in neuerer Zeit starke
Auswanderung hat die Volkszahl des Münsterthales denn auch etwas abgenommen.
Während das Thal nämlich 1838 (nach Röder und Tscharner) 1675 Ew. zählte, sind es heute deren blos noch 1505. Die Sprache ist das Romanisch-Ladinische; doch ist sie etwas verschieden vom Idiom des Unter Engadin. Daneben wird auch deutsch und italienisch gesprochen, und gegen die Landesgrenze hin wird das Deutsche dem Romanischen allmählig ebenbürtig. Alle Gemeinden sind mit Ausnahme von Münster reformiert. Zu Sererhard's Zeit (1742) mussten die Reformierten von Santa Maria aus Rücksicht auf einige Katholiken noch Altar und Messe bestehen lassen, hatten dafür aber das Vorrecht, in einer Kapelle in Münster an einem bestimmten Jahrestag einen reformierten Gottesdienst halten zu dürfen, obwohl hier keine Reformierten wohnten.
Heute befindet sich auch in Valcava eine katholische Kirche, die den zahlreichen im Thal ansässigen Tirolern dient. Das Münsterthal ist die Heimat einer Reihe von berühmten Männern, von denen zu nennen sind Simon Lemnius († 1549), der Dichter der Rhaeteïs; der Reformator Philipp Gallicius (1504-1566) und der Philanthrop P. Theodosius Florentini. Der Geburtsort des auch durch den Streithandel mit Luther und seine Ehrenrettung durch den jungen Lessing bekannt gewordenen Lemnius ist der Hof Guad über der Felsschlucht mit dem Pischafall s. Münster.
Nachdem in Münster schon frühzeitig ein Kloster entstanden war, gewann hier seit den Zeiten der Könige Arnulf (888) und Otto I. (967) das Bistum Chur Land und Leute, während die Landeshoheit den Grafen von Tirol verblieb. In Zivil- und Polizeisachen bestand auch später ein Gotteshausstab, der Blutbann dagegen gehörte dem Herzog von Oesterreich als Grafen von Tirol. Diese Verhältnisse wie auch die Kastvogtei des Klosters Münster gaben zu vielen Streitigkeiten zwischen Oesterreich und dem Bistum Anlass.
Die Gotteshausleute waren damals in die Gerichte Ob der Calva und Unter der Calva (Sur Chia la Vaina und Suot Chia la Vaina) eingeteilt; zu ersterem gehörte auch noch das Quartal Taufers, während das andere die im Vintschgau (Vinstgau) zerstreuten Gemeinden und Leute umfasste. Allmählig kamen dann die im Vintschgau bestehenden Rechte des Bischofes von Chur in den Besitz der Grafen von Tirol. So wurde namentlich 1618 Unter Calva annektiert, welches Los nachher auch Taufers traf, wo noch lange Zeit nachher romanisch gesprochen wurde.
Seit 1645 gehörte dieses ganze Gebiet nicht mehr dem Bistum an. Das dem Bischof verbleibende Gericht Ob Calva zerfiel in drei sog. Terzalen: Cierfs, Lü, Fuldera, Valpesona oder Valpaschun, Lüssai und Valcava;
Santa Maria mit Sielva, Camps, Pütschai, Craischtas und Terza;
Münster mit Ruinatscha und Guad (d. h. Wald).
1728 versuchte Bischof Ulrich VII. Federspiel, die damaligen Wirren des Freistaates benutzend, auch alle übrigen Rechte und Lehen des Bistums im eigentlichen Münsterthal an Oesterreich zu verkaufen, und 1733 kam zwischen Bischof Joseph Benedikt von Rost und Oesterreich ein richtiger Verkaufsvertrag zustande. Doch kam der Verkauf nicht zur Ausführung, da das im polnischen Successionskriege Frankreich als Feind gegenüberstehende Oesterreich den mächtig wachsenden Einfluss der französischen Partei mit Besorgnis und Unruhe sah und deshalb nicht abgeneigt war, mit den drei Bünden wegen des Münsterthales in Unterhandlungen zu treten.
Die Bünde machten nun das Zugsrecht geltend und lösten 1733 das Thal ein. Aber erst 1748 verständigte man sich auch über die anderweitigen Bedingungen der Abtretung. Seither gehört alles Gebiet von der Gemeinde Taufers an abwärts zur Grafschaft Tirol. Der das bündnerische Münsterthal betreffende Loskaufbrief wurde erst 1762 unter Maria Theresia der rätischen Regierung zugestellt. Den Höhepunkt aller kriegerischen Ereignisse im Münsterthal bildet die glorreiche Schlacht an der Calven (in der Thalenge zwischen Taufers und Latsch) vom wo die Bündner nach Umgehung des Lagers der Tiroler über den Schlinig her zusammen mit den Eidgenossen einen heldenhaften Sieg errangen und Benedikt Fontana den Opfertod fürs Vaterland starb. 4000 Tiroler blieben auf dem Schlachtfeld tot; andere wurden in die Etsch gesprengt und zwar in solcher Menge, dass das Wasser des Flusses an der Brücke von Latsch durch die Leichen gestaut ward.
Bibliographie
(allgemeine Werke über Graubünden ausgeschlossen): Theobald, G. Geolog. Beschreibung der nördl. Gebirge von Graubünden. (Beiträge zur geolog. Karte der Schweiz. 2). Bern 1863; Gümbel, W. v. Geologisches aus dem Engadin (im Jahresbericht der naturforsch. Gesellsch. Graubündens 1888); Tarnuzzer, Chr. Geolog. Gutachten über die Anlage einer normalspurigen Bahn Chur-Albula-Ofenberg-Münster. Zürich 1896; Böse, E. Beiträge zur Schichtenfolge im Engadin (in der Zeitschr. der deutschen geolog. Gesellsch. 1896); Münsterthal, das bündnerische, mit Ofenberg und Umbrail-Route. Samaden 1903; Bott, J. Losreissung des Gerichtes Untercalven und der Gemeinde Taufers vom Freistaat der drei Bünde. Chur 1860; Foffa, P. Das bündner. Münsterthal, eine histor. Skizze. Chur 1864;
Plattner, W. Die Verhältnisse des Unterengadins und des Münsterthals zur Grafschaft Tirol... (im Jahresbericht der histor.-antiquar. Gesellsch. Graubündens. 1893);
Jecklin, C. und F. Festschrift zur Calvenfeier. ¶