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Wegen der zweiten Welle der COVID-19-Pandemie haben die kantonalen und Bundesbehörden weitere Einschränkungen für verschiedene Bereiche der Wirtschaft beschlossen, die sich insbesondere auf Restaurants, Hotels und den Kulturbereich auswirken.
Auch wenn wir (noch?) nicht bei einem umfassenderen Lockdown wie dem in diesem Frühjahr angelangt sind, so sind die wirtschaftlichen Kosten enorm. Oder übertreiben wir da etwas? Könnte man etwas höhere Gesundheitskosten akzeptieren, um Arbeitsplätze zu retten und der Bevölkerung den Stress des Lockdowns zu ersparen?
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätte man nur eine Wahl: Retten wir Leben oder Arbeitsplätze? Doch der Schein trügt. Liesse man die Pandemie sich ungebremst ausbreiten, würde dies letztlich zu viel höheren Kosten führen. Es ist illusorisch, dass mit gelockerten Gesundheitsschutzmassnahmen die Wirtschaftsaktivität auf Normalniveau bleiben würde.
Wenn die Anzahl der Todesfälle stark ansteigen würde, würden die Menschen darauf reagieren und zu Hause bleiben und weniger konsumieren. Und dann würde die Wirtschaft trotz allem den Preis zahlen.
Ein interessantes Beispiel sind die USA: Die Lockdown-Massnahmen wurden im Sommer schnell aufgehoben, die Restaurants konnten einen schnellen Aufschwung verzeichnen, doch dieser wurde bereits gebrochen, lange bevor die Zahlen vom Jahresanfang erreicht wurden. Seitdem verharrt die Wirtschaft auf einem schwächeren Niveau, während die Infektionskurven weiter ansteigen.
Aggressive Gesundheitsschutzmassnahmen verursachen im ersten Moment zwar Kosten, doch ermöglichen sie es, die Situation unter Kontrolle zu halten. Dadurch können in der Folge wirtschaftliche Schäden begrenzt werden. Gesundheit und Wirtschaft lassen sich nicht voneinander trennen.
Was sagt uns die Forschung?
Seit Beginn der Krise haben wir an den erheblichen Forschungsanstrengungen im Hinblick auf ihre wirtschaftlichen Aspekte teilgenommen, beispielsweise über das Netzwerk für Wirtschaftsforschung des Center for Economic Policy Research.[1] Die schweizerische Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik bietet ebenfalls Analysen an, die gezielter auf unser Land ausgerichtet sind.[2]
In der Epidemie sind nicht alle gleich
Diese Arbeiten zeigen, dass in der Epidemie nicht alle gleich sind.
Analysen der Nutzung von Zahlungsmitteln zeigen, dass während des Lockdowns städtische Regionen stärker gelitten haben, wobei sich die Situation nach den schrittweisen Lockerungen zum Teil angeglichen hat.
Auch waren Personen mit niedrigem Einkommen stärker betroffen. Die am schlechtesten bezahlten Arbeitsplätze sind tatsächlich auch jene mit grösserer physischer Nähe, bei denen die Arbeit im Home Office nicht (einfach) umzusetzen ist.
Statistiken zeigen, dass 2020 der Rückgang des Wachstums während des ersten Halbjahrs nach Sektoren sehr unterschiedlich ausfiel.
Die Aktivitäten in der Gastronomie und Hotellerie sowie im Kulturbereich waren am stärksten betroffen. Andere Sektoren haben weniger gelitten und wieder andere, wie die Pharmaindustrie, konnten sogar einen Anstieg verzeichnen.
Arbeitsplätze und Gesundheit ergänzen sich
Die Forscher haben ebenfalls untersucht, ob es eine Wahl zwischen Arbeitsplätzen und Gesundheit gibt.
Es zeigt sich, dass dem nicht so ist: Die wirtschaftliche Aktivität hängt stark vom Vertrauen der Verbraucher ab und nicht nur von formellen Lockdownmassnahmen.
In der Schweiz hat sich die Wirtschaftsaktivität ab Mitte Februar deutlich abgeschwächt, vor allem in der lateinischen Schweiz, also ungefähr zwei Wochen, bevor die formellen Lockdownmassnahmen in Kraft gesetzt wurden.
Das belegt, dass die Menschen ihre Aktivitäten schon vor den offiziellen Massnahmen eingeschränkt haben, da sie angesichts der Nachrichten beispielsweise aus Italien sehr gut verstanden haben, wie ernst die Lage war.
Die Situation in amerikanischen Städten während der Epidemie von 1918 ist ein interessantes Beispiel: In den Städten, in denen die drastischsten Gesundheitsschutzmassnahmen getroffen worden waren, war die Wirtschaftslage am Ende besser.
Die theoretischen Analysen kommen zu den gleichen Ergebnissen: Sie zeigen, dass eine zu schnelle Lockerung der Gesundheitsschutzmassnahmen letztlich zu einer längeren Rezession führt.
Eine solide Erholung der Wirtschaftstätigkeit kann nur erfolgen, wenn die Gesundheitslage korrekt gelenkt wird.
Ist das Eingreifen durch die Behörden notwendig?
Die Wirtschaftsanalyse zeigt uns ausserdem, dass ein Eingreifen der öffentlichen Stellen erforderlich ist, da das Zählen auf ein eigenverantwortliches Handeln – leider – nicht ausreicht.
Tatsächlich herrscht derzeit das, was die Wirtschaftsexperten einen externen Effekt nennen, da die Individuen nicht berücksichtigen, welche Auswirkung sie auf andere haben.
Wenn ich beispielsweise der Träger des Virus bin, habe ich – ganz egoistisch gesehen – keinen Grund zu Hause zu bleiben, da ich nicht noch mehr infiziert werden kann. Dagegen stelle ich eine Gefahr für die anderen dar.
Der Vorteil, den ein Individuum aus der Reduzierung seiner Aktivitäten zieht, ist geringer als der, den die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit daraus zieht: das Individuum wird sich daher nicht ausreichend einschränken.
Verschiedene Forschungsarbeiten haben den Aspekt Gesundheit und die Epidemiedynamik in makroökonomische Modelle einfliessen lassen.
Sie zeigen, dass die Epidemie deutlich ausgeprägter ist, wenn die Behörden die Bevölkerung hinsichtlich ihrer Handlungen nicht einschränken.
Lockdownmassnahmen unterbrechen die Dynamik, sicherlich zum Preis einer Rezession. Doch diese könnte kurz genug ausfallen, um letztlich geringere Kosten nach sich zu ziehen.
Die Forschungen haben ebenfalls gezeigt, dass die Epidemie Ungleichheiten weiter vergrössert. Tätigkeiten, die Nähe zu anderen Personen voraussetzen, sind eher bei schlecht bezahlten Jobs gegeben.
Diese Personen werden somit besonders unter einem Rückgang der Nachfrage leiden und verfügen über keine finanziellen Rücklagen, um die Durststrecke zu überstehen.
Die deutlichste Manifestierung dieses Problems waren die langen Warteschlangen bei der Verteilung von Nahrungsmitteln, auch in der Schweiz. Dieser Aspekt war bereits bei der Epidemie der Spanischen Grippe 1918 zu beobachten.
Können wir es besser als im Frühling machen?
Ja. Die Forschungen haben ergeben, dass die Wirksamkeit von Massnahmen steigt, je schneller sie getroffen werden.
Man muss früh genug handeln: Wenn die Epidemie erst einmal ins Rollen gekommen ist, ist es schwieriger, sie wieder einzudämmen, und die verschiedenen Massnahmen werden nur eine mässige Wirkung haben. Die wirtschaftlichen Folgen können auch reduziert werden, wenn man Massnahmen gezielt einsetzt.
Der ideale Ansatz besteht darin, für die mit dem Virus infizierten Personen eine Quarantäne zu verhängen, und den anderen die volle Bewegungsfreiheit zu gewähren.
Da die erste Personengruppe nur einen kleinen Teil der Bevölkerung darstellt, aber die Hauptquelle für Infektionen ist, können so die Gesundheitsschutzmassnahmen dort angesetzt werden, wo sie erforderlich sind.
Eine allgemeine Massenquarantäne führt natürlich zu einer Quarantäne der erkrankten Minderheit, würde aber auch eine Quarantäne des Rests der Bevölkerung bedeuten, was wirtschaftlich teuer und aus Sicht des Gesundheitsschutzes wenig sinnvoll ist.
Die Umsetzung in der Praxis stützt sich auf ein umfassendes Screening der Bevölkerung zur Identifizierung erkrankter Personen sowie auf eine strikte Kontakt-Nachverfolgung, um sie zu isolieren und weitere Infektionen zu vermeiden.
Das ist der Ansatz, der in Ländern wie Taiwan und Südkorea verfolgt wurde, und er hat funktioniert. In dieser Hinsicht hat die Schweiz zwischen den beiden Wellen den Fehler gemacht, dass sie es versäumt hat, eine aggressivere Teststrategie umzusetzen.
Und wenn der ideale Ansatz nicht machbar ist? Verschiedene Massnahmen schränken die Verbreitung des Virus ein – vor allem wenn sie gemeinsam durchgeführt werden – und ziehen nur moderate Kosten nach sich.
Beispielsweise die Maskenpflicht oder eine starke Beschränkung von Massenveranstaltungen, da diese zu grossen Infektionsherden werden können.
Die Schliessung von Restaurants und die Aussetzung von kulturellen Veranstaltungen, die wir derzeit erleben, folgen dieser Logik.
Wie soll das bezahlt werden?
Personen, die in den vom Lockdown betroffenen Wirtschaftssektoren arbeiten, protestieren. Und das ist durchaus verständlich.
Es müssen finanzielle Unterstützungsmassnahmen eingerichtet werden, um eine Pleitewelle zu verhindern.
Entschädigungen für Erwerbsausfall und Kurzarbeit haben sich als sehr nützlich erwiesen, denn durch die finanzielle Unterstützung der betroffenen Personen vermeiden wir, dass ein Rückgang ihrer Ausgaben zu wirtschaftlichen Problemen in anderen Sektoren führt. Vom Bund abgesicherte Bankkredite sind eine weitere nützliche Massnahme.
Doch wird das in der zweiten Welle ausreichen? Ich glaube nicht, zumal diese zweite Welle nicht die letzte sein könnte.
Auch wenn Unternehmen die erste Welle überstehen konnten, so sind ihrer Widerstandsfähigkeit doch Grenzen gesetzt. Auch zinslose Kredite reichen eventuell nicht aus, da sie sowieso nicht zurückbezahlt werden können.
Man muss also A-Fonds-perdu-Beiträge, also nicht rückzahlbare Zuschüsse, vorsehen, die dann den am stärksten betroffenen Sektoren gewährt werden können.
Kann die Schweiz nicht rückzahlbare Zuschüsse bereitstellen?
Ja, das wird das Staatsbudget belasten, aber das können wir uns leisten.
Die Staatsverschuldung ist in der Schweiz so gering, dass die Märkte bereit sind, dem Bund Darlehen mit Negativzinsen zu gewähren, auch mit langen Laufzeiten.
Die Unterstützungsmassnahmen können problemlos durch eine Verschuldung finanziert werden, auch in einer Höhe von Dutzenden Milliarden.
Wann muss zurückbezahlt werden? Nie, und das ist kein Problem.
Der aussagekräftige Indikator für gesunde öffentliche Finanzen ist die Verschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt.
Sobald die Gesundheitskrise vorüber ist, kehrt das Wachstum zurück, was das Gewicht der Verschuldung im Verhältnis zum BIP allmählich verringert.
Die Tatsache, dass die Zinssätze so niedrig sind, beschleunigt diese Entwicklung.
Führt dies nicht zu einem starren Wirtschaftsgefüge?
In jedem Jahr verschwinden nicht lebensfähige Unternehmen von der Bildfläche und neue werden gegründet.
Diese «schöpferische Zerstörung» ist für die in Konkurs gegangenen Unternehmen nicht angenehm, aber sie erlaubt es, voranzugehen.
Wird diese Blockade nicht eine Wirtschaftsstruktur einfrieren und das Überleben von Unternehmen ermöglichen, die verschwinden sollten?
Ja, und das ist das kleinere Übel. Es ist überaus wichtig, es den gesunden Unternehmen zu ermöglichen, den Lockdown zu überstehen, denn es wäre wirtschaftlich gesehen ineffektiv, sie heute zu schliessen, um sie in einem Jahr wieder neu gründen zu müssen.
Die Wirtschaftspolitik muss die goldene Mitte zwischen der Vermeidung der Unterstützung von nicht lebensfähigen Unternehmen und dem Abwenden des Konkurses von gesunden Unternehmen finden. Man sollte lieber zu vorsichtig vorgehen und das Hauptaugenmerk auf den Erhalt der gesunden Unternehmen richten. Tatsächlich ist es besser, dies «zu viel» zu tun und zeitweilig einige perspektivlose Unternehmen zu unterstützen, als nicht genug zu tun und zuzusehen, wie gesunde Unternehmen verschwinden, da die Behebung dieses Fehlers ungleich teurer wird.
Die Verschuldung zu vermeiden, ist illusorisch
In Zeiten, wie wir sie aktuell erleben, muss man akzeptieren, dass ein Szenario mit einer stabilen Wirtschaft und einer geringen Staatsverschuldung der Vergangenheit angehört und dass wir uns zwischen zwei unangenehmen Situationen entscheiden müssen:
Entweder die Staatsverschuldung erhöhen, um das Wirtschaftsgefüge zu erhalten.
Oder aber die Unterstützung begrenzen. Wir würden in diesem Fall eine Pleitewelle erleben und die Erfahrung hat gezeigt, dass solche Situationen zu exzessiven Rezessionen führen können, denn Konkurse führen zu einem Vertrauensverlust und dazu, dass Personen, die ihre Arbeitsstelle behalten konnten, weniger ausgeben. Das Ergebnis sind weiteren Pleiten.
Darüber hinaus bescheren Unternehmenskonkurse den Banken Verluste, was diese dazu bringt, die Geldhähne zuzudrehen, was die Wirtschaft wiederum noch stärker belastet. Wenn man aus einer Rezession eine tiefgreifende Krise machen möchte, muss man nur das Bankensystem in Mitleidenschaft ziehen, um eine Kreditkrise heraufzubeschwören. Das wirkt in jedem Fall.
Die Geschichte hat gezeigt, dass dann der Staat eingreifen muss, was sehr teuer ist, weitaus teurer als A-Fonds-perdu-Beiträge zur Verhinderung von Konkursen.
Fazit
Es ist wichtig, den Wirtschaftsapparat am Laufen zu halten und Konkurse zu vermeiden, während wir auf den Impfstoff warten. Es werden zweifellos einige Unternehmen unterstützt, die in jedem Fall untergehen würden. Doch wenn dies der Preis für die Rettung aller anderen Unternehmen ist, dann ist es das wert. Wenn ein Unternehmen gesund ist, muss alles für seinen Erhalt getan werden. Die Zerstörung eines Unternehmens ist einfach, ein Wiederaufbau ist viel schwieriger. Es sollte eine umfassendere Massnahme ergriffen werden, um das Wesentliche zu retten.
Und ja, wir haben die Mittel eine solche Politik zu finanzieren.