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Weil Min Wang in ihrer Jugend unter der Armut ihrer Eltern litt, heuerte die Chinesin nach dem Studium bei der Credit Suisse an. Als bei der Bank eine Reorganisation auf die andere folgte, kündigte sie und fand schliesslich einen Beruf, der ihre Lebensgeschichte reflektiert: Sie hilft Schweizer Berufsleuten, in China Fuss zu fassen.
Interview: Mathias Morgenthaler
Frau Wang, Sie sind in der chinesischen Industriestadt Wuhan aufgewachsen. Hatten Sie als Kind einen Traumberuf?
MIN WANG: In China gehörten wir zur oberen Mittelschicht. Wir wohnten in einem eigenen Haus, mein Vater war Professor für Mathematik und Computerwissenschaften, meine Mutter unterrichtete an einer Sekundarschule – ich dachte, später auch als Lehrerin zu arbeiten. 1990 sind meine Eltern mit mir nach Kanada ausgewandert – ich war damals 14 und für mich änderte sich durch den Umzug alles. Meine Eltern hatten auf eine bessere Zukunft im Westen gehofft. Doch erst einmal war es für alle ein brutaler Abstieg: Mein Vater verdiente als Tutor nur 400 Kanadische Dollar, die Hälfte davon ging für die Autoversicherung drauf. So lebten wir zu viert von 200 Dollar im Monat. Meine Mutter putzte acht Stunden pro Tag Hotelzimmer, um etwas dazuzuverdienen.
Und Sie konnten trotzdem an der Uni studieren?
Ja, das hat mit der chinesischen Mentalität zu tun. Obwohl wir sehr arm waren in Kanada, war es für meine Eltern klar, dass ich und mein jüngerer Bruder eine gute akademische Ausbildung erhalten sollten. Für mich waren die ersten fünf Jahre in Kanada wirklich hart. Ich sprach kaum Englisch, hatte keine Freunde, tat mich schwer mit der fremden Kultur. Damals nahm ich mir vor, selber einmal viel Geld zu verdienen, um meine Eltern unterstützen zu können. Wir fuhren in diesen Jahren oft an einem bekannten Steakhouse in der Stadt Regina vorbei, das für uns viel zu teuer war. Ich schwor mir, meine Eltern mit meinem ersten selber verdienten Geld dort einzuladen. Als ich nach dem Studium eine Stelle bei der Credit Suisse antrat, konnte ich dieses Versprechen einlösen.
Wie kamen Sie von der Queens University in Kingston bei Toronto zur Credit Suisse nach Zürich?
Ich studierte dort Internationales Management. Ein Austauschsemester absolvierte ich in Finnland, in den Semesterferien reiste ich quer durch Europa und fand die Landschaft und die Kultur hoch spannend. Später kam ein Credit-Suisse-Manager, der 20 Jahre zuvor selber in Kingston studiert hatte, an unsere Universität und bot mir eine Stelle in Zürich an. So gelangte ich 1998 mit 22 Jahren erstmals in die Schweiz. Ich wusste, dass Zürich ein wichtiges Finanzzentrum Europas war, und war auf Wolkenkratzer wie in New York vorbereitet. Als mich der Taxifahrer dann im Niederdorf vor meinem Backpacker-Hotel zum Aussteigen aufforderte, konnte ich nicht glauben, dass das wirklich Zürich war. Er meinte nur: «Wir bauen hier keine Hochhäuser, wir vergraben alles Geld unter dem Boden.»
Wie fanden Sie sich als 22-Jährige in der Schweizer Bankenwelt zurecht?
Am ersten Tag wurde ich gleich wieder nach Hause geschickt, weil mein Chef auf Geschäftsreise war und niemand mit mir gerechnet hatte. Danach lebte ich mich aber gut ein. Die Arbeit war spannend, ich konnte als Projektmanagerin interessante Aufgaben in England, Luxemburg und Dubai übernehmen, knüpfte gute Freundschaften, lernte meinen späteren Mann kennen bei der Arbeit. Es gefiel mir, oft zu reisen, viel zu lernen und gut zu verdienen – und so endlich die Armut zu überwinden, unter der wir in Kanada gelitten hatten. Doch mit der Zeit verschlechterte sich das Klima. Ab 2010 war Innovation kaum noch ein Thema, es ging nur noch darum, die Kosten zu senken, eine Reorganisation folgte der anderen. Einmal wurde innerhalb eines halben Jahres ein Drittel meines Teams entlassen – ich erhielt sogar eine Auszeichnung für besonders wirksame Kosteneinsparungen. Freuen konnte ich mich darüber nicht, denn ich wusste, dass die 45- bis 50-Jährigen, die ihren Job verloren hatten, es schwer haben würden auf dem Arbeitsmarkt.
Und eines Tages haben Sie die Notbremse gezogen?
Nach der Geburt meines Sohnes 2010 pausierte ich ein Jahr lang und arbeitete dann in reduziertem Pensum weiter. Ich musste mich aber immer mehr überwinden, in die Bank zu gehen, weil ich den Sinn meiner Arbeit nicht mehr sah. Aber da ich keine Ahnung hatte, was ich stattdessen tun könnte, schob ich die überfällige Veränderung vier Jahre vor mich hin und fand immer neue Gründe, warum ich mich gerade nicht bewegen konnte. Als unser Sohn vierjährig war, sagte ich zu meinem Mann: «Lass uns zu dritt eine Weltreise machen und etwas Abstand gewinnen.» Wir kündigten beide unsere Jobs, was meiner Mutter beinahe einen Herzinfarkt beschert hätte, und bereisten China, Kuba, Kanada, die USA inklusive Kreuzfahrt von Vancouver nach Alaska zum Abschluss.
Und nach der Rückkehr wussten Sie, was zu tun war?
Nein, aber ich fühlte mich frei im Kopf und offen für Neues. Es wäre mir nicht mehr in den Sinn gekommen, wieder bei einer Bank anzuheuern. Unterwegs hatte ich gelernt, der Intuition zu folgen, bereit zu sein für Zufälle – zuvor war ich eine Expertin im Planen, Organisieren und Kontrollieren gewesen. Ich las nach der Rückkehr viele Bücher, hatte gut und gerne 200 Ideen und wusste eines Tages: Ich möchte eine Brücke bauen zwischen der Schweiz und China und das Verständnis zwischen diesen verschiedenen Kulturen fördern. Das war nicht länger ein austauschbarer Job, sondern eine sehr persönliche Sache für mich. Ich fand über die Sozialen Medien einen Geschäftspartner in China, der meine Vision teilte, eine Plattform zu lancieren, die jungen Schweizern ein Fenster nach China öffnet. Wir entschieden uns, Praktika, Projektwochen und Studienreisen anzubieten und so Einblicke zu ermöglichen, die viel tiefer gehen als touristische Reisen.
Im Oktober waren Sie mit 15 ICT-Lernenden aus dem Kanton Zürich in Shanghai. Hat sich Ihre Idee in der Praxis bewährt?
Ja, diese jungen Berufsleute waren sehr offen und staunten, wie modern Shanghai ist und wie viele Unternehmen dort entstehen. Die Lernenden wirkten während der drei Wochen unter anderem in einem Prototyp-Projekt bei einem Start-up mit und entwickelten eigenständig eine App zur Messung der Raumtemperatur. Ich will solche Austauschprogramme künftig nicht nur für Lernende anbieten, sondern auch für Studenten und erfahrene Berufsleute. Darüber hinaus biete ich Workshops für Schweizer Firmen an, die Interesse haben an den Wachstumschancen in China. Natürlich ist China aus westlicher Sicht politisch kein Vorbild, aber wirtschaftlich entwickelt sich das Land in grossen Schritten zur Weltmacht. Es wäre aus Schweizer Sicht fatal, das zu ignorieren oder zu bekämpfen.
Wo fühlen Sie sich heute am meisten zuhause?
Ich litt jahrelang darunter, keine richtige Heimat zu haben. Dank meinem Sohn fühle ich mich heute in der Schweiz verwurzelt. Und ich sehe meine Situation inzwischen als Segen: Ich kenne die Sonn- und Schattenseiten dreier Kulturen und kann dadurch als Vermittlerin und Botschafterin auftreten. Das gibt meiner Arbeit einen so elementaren Sinn, dass ich diese auch gerne machen würde, wenn ich nichts damit verdienen würde. Mein inneres Feuer brennt so sehr, dass ich heute ohne Murren um 5 Uhr aufstehe und mit der Arbeit beginne. Eigenhändig etwas gestalten zu können, ist ein extrem starker Antrieb.
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