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In Gesellschaft seiner Bücher fühlt sich Herr Doktor Langie wohler als in den Büros des Generalstabs.
André Langie ist die Hauptperson in der sogenannten Oberstenaffäre. Der Bibliothekar und Literaturwissenschaftler wird beschrieben als nervöser, schüchterner und etwas hilfloser Einzelgänger, der eine grosse Leidenschaft besass: Geheimschriften entziffern.
Langie lebt in Lausanne, sein Vater – ursprünglich Pole – emigriert 1848 in die Schweiz. Deshalb kennt André Langie auch die slawischen Sprachen, was für seine Arbeit ein immenser Vorteil ist.
Ein Geniestreich nach über einem halben Jahr
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs bietet das Sprachgenie der Schweizer Armee seine Dienste an. Langie ist aus körperlichen Gründen dienstuntauglich, will aber seine patriotische Pflicht erfüllen. Dort trifft er auf den Generalstabsoffizier Moritz von Wattenwyl, Chef der Nachrichtensektion im Armeestab.
Oberst von Wattenwyl beauftragt ihn, codierte russische Depeschen zu dechiffrieren. Damals kommuniziert man mittels chiffrierten Telegrammen, und die Schweizer Armee hört systematisch den Funkverkehr der ausländischen Botschaften ab.
Nach über sechs Monaten vergeblichen Versuchen knackt Langie den russischen Schlüssel – ein Geniestreich, über den er später ein Buch verfasst. Massgeblich für den Durchbruch ist, dass die Russen gewisse Wörter nicht verschlüsseln. So kann er mit Kombinieren herausfinden, was in den Depeschen steht.
Der Schweizer Generalstab informiert die deutsche Armee über den Inhalt. Die wiederum übergibt den Schweizern auch andere Telegramme, unter anderem des russischen Marineattachés in Kopenhagen.
«Wie der Schweizer Generalstab meldet…»
Nach einer gewissen Zeit aber wird Langie misstrauisch. Er entdeckt in den russischen Depeschen Hinweise, die ihn ahnen lassen, dass die Deutschen mitlesen. Und er findet in den dechiffrierten Telegrammen keine für die Schweiz wichtigen Informationen. Telegramme des Marineattachés lassen ihn nochmals zweifeln: Weshalb sind für die Schweizer Armee Informationen über die russische Flotte wichtig?
Im Oktober 1915 übergibt Oberst von Wattenwyl ihm einen Stapel Telegramme abgesandt vom deutschen Militärattaché Busso von Bismarck. Die Motive dafür sind unklar. Vielleicht will von Wattenwyl einfach abklären, was von Bismarck nach Berlin sendet.
Langie knackt den Schlüssel innerhalb von nur vier Tagen. Und stellt erstaunt fest, dass die Depeschen immer ähnlich beginnen: «Wie der Schweizer Generalstab meldet…», «Aus dem Schweizer Generalstab erfährt man…» etc.
Den Meisterkryptografen quälen Gewissensbisse
Aus deutschen Quellen, die erst nach dem Krieg bekannt werden, wissen wir, dass die Schweizer Meldungen für Deutschland von grösstem Interesse sind. Der deutsche Botschafter schreibt damals nach Berlin: «Vom ersten Tage seit Ausbruch des Krieges hat uns die Schweiz unter der Hand ihr gesamtes geheimes militärisches Nachrichtenmaterial Tag für Tag zur Verfügung gestellt, sie gibt uns Kenntnis von aufgefangenen Telegrammen, die für uns wertvoll sein können.»
Langie bekommt nach der Lektüre der deutschen Depeschen Gewissensbisse. Für ihn wird klar: Er arbeitet nicht für die Schweizer Armee, sondern für den deutschen Generalstab.
Er informiert den Offizier und Nationalrat Edouard Secrétan – die Affäre nimmt ihren Lauf: Langie verfasst auf Secrétans Anregung hin zuhanden des welschen Bundesrats Camille Decoppet ein ausführliches Memorandum.
Langies «Verhalten macht Anstellung unmöglich»
Am Ende werden die beiden hohen Generalstabsoffiziere Oberst von Wattenwyl und Karl Egli suspendiert, das heisst faktisch aus der Armee entlassen. Auch Langie wird aus der Armee entlassen. Er offeriert im Zweiten Weltkrieg nochmals seine Dienste, doch die Schweizerische Bundesanwaltschaft schreibt dem Bundesrat, Langies «Verhalten im November 1915 macht eine Anstellung unmöglich».
Langie stirbt Ende 1961. In seinem Nachruf heisst es, er habe am Schluss 32 Sprachen gesprochen. Noch heute ist Langie für Kryptografen ein Begriff – ein von ihm codierter Text warte immer noch auf seine Entzifferung, schreibt Klaus Schmeh, Experte für Verschlüsselungstechnik.