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Auch ihre eigenwilligen Volkstänze haben sich im Lauf der Zeit entwickelt, beeinflusst von den verschiedensten Völkern, die in Rio Grande do Sul eingewandert sind. Die von spezifischen Untersuchungen als die „traditionellen Gaúcho-Tänze“ bezeichneten, haben wir hier erfasst:
Anú
Typischer Tanz des Fandango-Gaúcho. Besteht aus zwei unterschiedlichen Sequenzen: die eine wird gesungen – die andere wird gesteppt. Man tanzt ihn paarweise, aber jeder für sich, solo. Der Tanz ist dramatisch und komisch zu gleichen Teilen. Der gesungene Teil ist recht ernst und zeremoniös, der gesteppte Teil ist eher lustig verlangt grosse Geschicklichkeit.
Balaio
Ist ein folkloristischer Tanz, der aus dem brasilianischen Nordosten stammt. Der Name rührt vom Reifrock der Tänzerinnen, der, wenn er im Kreis schwingt, die Form eines Baleio (Korb) annimmt: der Rock bläht sich auf, der untere Saum steigt in die Höhe und gibt den Blick frei auf die Bombachinhas – die weissen Kniebund-Spitzenhöschen der Damen. Ein Paar-Tanz, der ebenfalls von den Männern in bestimmten Abschnitten eine gute Stepp-Technik verlangt.
Cana Verde
Stammt ursprünglich aus Portugal und wurde in verschiedenen Bundesstaaten populär – wo der Tanz jeweils lokaltypische Veränderungen erfuhr. Die Tänzer stellen sich zu mehreren Paaren einander gegenüber auf – machen ein paar Schritte zu beiden Seiten hin – und dann, nachdem sie sich an den Händen gefasst, drehen sie sich um sich selbst. In einem bestimmten Moment wechseln alle Tänzer ihre Partner und wiederholen die Choreografie.
Chimarrita
Kam im 18. Jahrhundert mit den portugiesischen Emigranten von den Azoren nach Südbrasilien uns auch nach Argentinien. Dies ist ein Paar-Tanz, zu dem sich Männer und Frauen in zwei gegenüberliegenden Reihen aufstellen.
Weitverbreiteter Tanz in Portugal, den ebenfalls die Azorianer in den brasilianischen Süden mitgebracht haben. Ein Geschicklichkeits-Tanz, nur für Männer! Ein Tanz der sich zu in einer Art Wettkampf steigert: Zwei Tänzer stehen sich gegenüber – zwischen ihnen liegt eine Lanze mit langem Schaft auf dem Boden.
Der erste beginnt nun, mit stiefel-knallenden Steppschritten, nur rechts und links der Lanze auftretend und ohne sie zu berühren, sich bis zu ihrem Ende vorzuarbeiten – dann umzudrehen und wieder zu seinem Ausgangspunkt an ihrer Spitze, in der gleichen Art und Weise, zurückzusteppen. Jetzt ist sein Gegner dran, der ihm alle seine Schritte nachmacht und zum Schluss noch einen persönlichen, schwierigeren hinzufügt. Dieses Duell der beiden Tänzer wird immer schwieriger und endet erst, wenn einer der beiden einen besonders schwierigen Schritt, den der Gegner vorgemacht hat, seinerseits verpatzt, oder wenn er aus dem Rhythmus kommt und – wenn er die Lanze berührt!
Eine Art Fecht-Tanz, der in Asien, Osteuropa und im muselmanischen Afrika verbreitet ist – vorzugsweise in Regionen, in denen sich grosse Kontingente von Männern konzentrierten – oft als Training für Mut und schnelle Reflexe, schon unter Roms Gladiatoren exerziert.
Er kann mit Stangen, Holzkeulen, Säbeln oder, im Fall der Gaúchos, mit Haumessern (Macheten) ausgeführt werden: Jeder Tänzer hat zwei riesige Haumesser in den Händen – sie sind scharf – und nun gehen die beiden damit im Rhythmus der Musik aufeinander los. Schnelle Reflexe, Courage, Zielgenauigkeit – kurz: grosse Geschicklichkeit sind hier gefragt.
Ebenfalls ein über die ganze Welt verbreiteter Tanz, von dem man das Stammland nicht kennt. Sogar die Amerikaner besingen den Brauch in ihrem Lied „Wind a yellow ribbon around the old oak-tree“ – es gibt ihn fast unter jedem Volk! Die Gaúchos glauben, dass er aus einem antiken Eingeborenen-Kult zur Verehrung der Natur, insbesondere der Bäume, entstanden ist. In Rio Grande do Sul wird er als Teil des Festes der Heiligen Drei Könige, am 6. Januar, präsentiert. Man tanzt ihn heutzutage um einen, mit vielen langen Bändern geschmückten Mast herum. Die Bänder haben nur zwei Farben – eine für die Männer, die andere für die Frauen – die Tänzer und Tänzerinnen formen, im Rhythmus der Musik, mit den Bändern phantastische Figuren in der Luft.
Heisst wörtlich „Füsschen“ – kommt ebenfalls von den Azoren, ist lustig und lebendig, voll gesunder Unschuld und gehört zu den bestbekannten Darbietungen der Gaúcho-Folklore. Die Tänzer präsentieren zwei Teile: im ersten wird der Rhythmus durch das Stampfen der Füsse akzentuiert, und im zweiten Teil drehen sich die Paare, Arm in Arm, um sich selbst.
Ist einer der regionalen Tänze, dem man sofort die Verwandtschaft mit den portugiesischen Volkstänzen ansieht. Er besitzt eine sehr variantenreiche Choreografie. Während die einen Paare solo tanzen, halten sich andere an den Händen, in einem schnelleren Rhythmus, wieder andere imitieren eine Liebesszene, mit langsamen, sensiblen Gesten – und schliesslich noch eine weitere Variante, in der Tänzer und Tänzerinnen im Rhythmus kontinuierlich den Partner wechseln.
Weitverbreiteter Tanz aus Spanien. Wurde 1773 in Madrid von der Sängerin Maria Rosário Fernandez eingeführt, Ehefrau eines Toreros mit Namen „El Tirano“. Die Tänzer bestehen aus Paaren, die solo tanzen – während der Stepptanz-Schritte der Männer und der figurativen Tanzschritte der Damen werden gegenseitig kleine bunte Tüchlein, zum Zeichen einer romantischen Eroberung, ausgetauscht.
Typischer Volkstanz der Gaúchos, der auf einer von den deutschen Emigranten mitgebrachten Polka beruht. Im ersten Teil führen die Paare gemeinsam ein paar schnelle Laufschritte aus, die dem Tanz den Namen gegeben haben – Carreirinha = Rennen.
Man weiss nicht genau, woher diese Xote-Alternative der Gaúchos herstammt, in der ein Mann gleichzeitig mit zwei Frauen tanzt. Sie könnte aus den La-Plata-Ländern oder mit den deutschen Emigranten aus deren Heimat eingeführt worden sein – letztere, so stellt sich der Gaúcho vor, hatten durch den Weltkrieg so viele Männer eingebüsst, dass der übrig gebliebene Rest mit zwei Frauen auf einmal tanzen musste! In Wahrheit stammt der Xote – sprich: „Schotte“ – genau aus dem Land, nach dem er sich anhört, nämlich aus Schottland! Die englischen Gleisarbeiter, die Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts überall in Brasilien die Schienen verlegten, tanzten ihn an den Wochenenden mit den lokalen Mädchen – aus ihrem „Scotch“ oder „Scottish“ hat sich, mangels Sprachverständnisses der Einheimischen, der „Xote“ entwickelt.
Aus der Folklore unserer La-Plata-Nachbarn haben wir den Malambo übernommen. Er gehört heute zum Repertoire eines jeden Gaúcho-Tänzers – wahrscheinlich wissen viele nicht einmal, dass dieser bei uns so beliebte Tanz nicht bei uns entstanden ist:
Er ist, ähnlich wie der Chula, ein provokativer Tanz – und je nach Region hat er verschiedene lokale Einflüsse erfahren. Die bekanntesten Stilarten sind der Norteño – mit kurzen Tanzschritten und der Musik im Vier-Viertel-Takt – und der Sudeño – mit wechselweise längeren Schritten und anderen ebenso kurzen, wie beim Norteño. Für geübte Tänzer definiert der berühmte „papito-pá-pá“ genau den Rhythmus dieses Malambo-Stils.
Eine der fürs Publikum komischsten und für den Tänzer schwierigsten Malambo-Stylarten ist die Simulation der Zähmung eines Wildpferdes durch den Peão (den Tänzer). Er simuliert den Ritt auf einem, in alle Richtungen springenden und auskeilenden Pferdes. Je mehr es ihm während der Vollendung seiner komplizierten Tanzschritte gelingt, mit den Armen zu schwingen, umso grösser wird seine Geschicklichkeit als „Domador“ (Pferdezähmer) bewerte. Aber, nicht vergessen, dies ist nur eine der zahlreichen Varianten des Malambo!
Der Malambo ist stets präsent innerhalb unserer traditionellen Mitte und auf dem Programm verschiedener Tanzgruppen. Bisher gibt es jedoch noch keine Wettbewerbe dieser Modalität auf den Rodeos und Festivals der Gaúchos von Rio Grande do Sul – wenigstens bis jetzt nicht. Aber mit jedem Tag, der vergeht, integriert er sich mehr in unsere Folklore, denn unsere Kultur stammt schliesslich aus einem ganz ähnlichen Topf wie die der La-Plata-Länder.