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| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

ZWEITES BUCH. Neuerdings verteidigt Augustinus die Gleichheit der Personen. Insbesondere erörtert er die Sendung und die Gotteserscheinungen Dabei zeigt er, daß die Sendung keine Überordnung der sendenden über die gesandte Person bedeutet und daß die Gotteserscheinungen allen Personen gemeinsam sind.
1. Kapitel. Die Regeln, nach denen die Schriftaussagen über den Sohn Gottes verstanden werden müssen.
2. Wir halten also entschieden an der durch die ganze Heilige Schrift sich hindurchziehenden und von den [S. 55] katholischen Schriftgelehrten als gültig nachgewiesenen Regel für das Verständnis unseres Herrn Jesus Christus fest, nach der er Sohn Gottes und dem Vater gleich ist hinsichtlich der Gottesgestalt, in der er existiert, geringer als der Vater hinsichtlich der Knechtsgestalt, die er annahm.1 In dieser Gestalt wurde er nicht nur geringer erfunden als der Vater, sondern auch geringer als der Heilige Geist, ja nicht nur das, sondern auch geringer als er selbst, nicht geringer hinsichtlich der Natur, die er immer schon besaß, sondern hinsichtlich jener, die er jetzt erst besitzt. Als er nämlich die Knechtsgestalt annahm, verlor er nicht die Gottesgestalt, wie die im ersten Buch angeführten Schriftzeugnisse gezeigt haben. [Wenn wir indes an der dargelegten Regel auch festhalten], so ist doch manches in den göttlichen Aussprüchen so ausgedrückt, daß es zweifelhaft ist, nach welcher Regel wir sie eher erklären sollen, ob nach jener, daß der Sohn in der von ihm angenommenen geschöpflichen Natur geringer ist als der Vater, oder nach jener, nach welcher wir den Sohn zwar nicht als geringer als den Vater, sondern als dem Vater gleich, infolge seines Hervorgangs vom Vater jedoch als Gott von Gott, als Licht vom Lichte erkennen. Den Sohn heißen wir ja Gott von Gott, den Vater aber nur Gott, nicht: von Gott. Daher ist es klar, daß zwar der Sohn einen anderen hat, von dem er ist, und dessen Sohn er ist, daß aber der Vater nicht einen Sohn hat, von dem er sein Sein hat, sondern nur einen, dessen Vater er ist. Jeder Sohn hat ja von einem Vater sein Sein und ist eines Vaters Sohn. Aber kein Vater hat sein Sein von einem Sohne, sondern jeder Vater ist Vater eines Sohnes.
3. Manche Aussagen also werden in der Heiligen Schrift von Vater und Sohn in der Weise gemacht, daß sie die Einheit und Gleichheit der Substanz bezeugen, so das Wort: "Ich und der Vater sind eins",2 oder das andere; "Als er in Gottesgestalt war, hielt er die Gottgleichheit nicht [S. 56] für ein unrechtmäßiges Gut",3 und ähnliche derartige Worte. Andere Aussagen der Schrift aber zeigen, daß der Sohn wegen seiner Knechtsgestalt, das heißt wegen der Annahme einer geschaffenen, wandelbaren menschlichen Substanz geringer ist, so das Wort: "Denn der Vater ist größer als ich",4 und das andere: "Der Vater richtet niemanden, er hat vielmehr das ganze Gericht dem Sohne übertragen."5 Kurz darauf sagt nämlich die Schrift: "Er hat ihm auch die Macht gegeben, Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist."6 Andere Aussagen der Heiligen Schrift endlich weisen weder auf die Niedrigkeit noch auf die Gleichheit des Sohnes hin, sondern tun nur seinen Hervorgang vom Vater kund, so das Wort: "Wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat er dem Sohne verliehen, das Leben in sich selbst zu haben",7 und das weitere Wort: "Der Sohn kann nichts tun aus sich selbst, sondern nur, was er den Vater tun sieht."8 Wollten wir dieses Wort in dem Sinne verstehen, daß der Sohn infolge der aus der Schöpfung angenommenen Gestalt geringer ist, dann müßte man folgerichtig annehmen, daß zuerst der Vater über das Wasser9 gewandelt ist und mit Speichel und Staub die Augen irgendeines anderen Blinden öffnete10 und die übrigen Werke vollbrachte, die der im Fleische erschienene Sohn unter den Menschen tat, damit sie der Sohn tun konnte, der von sich sagte, daß er nichts aus sich tun kann, sondern nur das, was er den Vater tun sieht: Wer aber wäre wohl so von Sinnen, daß er derartige Behauptungen aufstellen wollte? Es bleibt also für die Erklärung solcher Schriftworte nur der Hinweis darauf, daß das Leben des Sohnes unwandelbar ist wie jenes des Vaters, daß er jedoch vom Vater ist, daß auch die Tätigkeit des Vaters und Sohnes untrennbar ist, daß jedoch der Sohn sein Tun ganz von dem hat, von dem er auch sein Sein hat, nämlich vom Vater, und daß der Sohn in dem Sinne [S. 57] den Vater sieht, daß er eben durch sein Sehen Sohn ist. Denn nichts anderes ist für ihn das Sein vom Vater, das heißt das Geborenwerden vom Vater, als das Sehen des Vaters, nichts anderes das Hinschauen auf den tätigen Vater als das Handeln wie der Vater. Vielmehr bedeutet das "nicht aus sich handeln" soviel wie: nicht von sich sein. Deshalb gilt: "Was er den Vater tun sieht, das gleiche tut ebenso auch der Sohn",11 weil er vom Vater ist. Er tut nämlich nicht etwas anderes auf ähnliche Weise, wie ein Maler Bilder nach einer Vorlage malt, die andere gemalt haben. Ebensowenig tut er das gleiche auf andere Weise, wie der Körper die gleichen Buchstaben bildet, die der Geist sich vorstellt. Vielmehr sagt die Schrift: "Alles, was der Vater tut, das gleiche tut ebenso auch der Sohn." Sie sagt sowohl "das gleiche" wie auch "ebenso". Deshalb besitzen Vater und Sohn eine untrennbare und gleiche Tätigkeit, aber der Sohn besitzt sie vom Vater, Deshalb kann der Sohn aus sich selbst nichts tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht. Diese Regel also, nach welcher durch die Aussagen der Schrift nicht eine Person für geringer denn die andere erklärt, sondern nur der Hervorgang einer Person von der anderen gezeigt werden soll, haben manche in dem Sinne verstanden, als ob der Sohn doch geringer hieße. Einige ziemlich ungelehrte und in solchen Fragen ganz ungebildete Leute aus unseren Reihen jedoch geraten dadurch, daß sie solche Schriftaussagen von der Knechtsgestalt zu erklären suchten und ihnen das rechte Verständnis versagt bleibt, in Verwirrung. Damit das nicht vorkommt, muß man an der Regel festhalten, nach welcher der Sohn nicht geringer ist als der Vater, sondern als vom Vater hervorgehend erwiesen wird. Durch die Schriftworte von der angeführten Art wird sonach nicht Ungleichheit, sondern Geborenwerden gelehrt.
1: Phil. 2, 6 f.
2: Joh. 10, 30.
3: Phil. 2, 6.
4: Joh. 14, 28.
5: Joh. 5, 22.
6: Joh. 5, 22.
7: Joh. 5, 26.
8: Joh. 5, 19.
9: Matth. 14, 26.
10: Joh. 9, 6 f.
11: Joh. 5, 19.