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| Augustinus (354-430) - Ausgewählte Briefe (Erster Teil)

Erstes Buch. Briefe von Augustins Bekehrung (386) bis zu seiner Erhebung zum Bischof von Hippo (395).
XVI. (Nr. 28.) An Hieronymus
II. 2.
Wir bitten dich also, und mit uns bittet die ganze gelehrte Gesellschaft der afrikanischen Kirchen, du mögest es ja nicht dich verdrießen lassen, Sorgfalt und Ruhe auf die Übersetzung der Bücher jener Schriftsteller zu verwenden, die die Heilige Schrift in griechischer Sprache so vortrefflich erläutert haben. Du kannst dadurch bewirken, daß diese Männer auch unser Gemeingut werden, vorzüglich jener Eine, von dem du besonders gern in deinen Schriften redest1. Was aber die Übersetzung der kanonischen heiligen Bücher in die lateinische Sprache betrifft, so möchte ich, daß du dich nur in der Weise damit bemühen möchtest, wie du es bei der Übersetzung des Job getan hast: wende doch kritische Zeichen an, daß der Unterschied zwischen der Septuaginta2, deren Ansehen von größtem Gewicht ist, und deiner Übersetzung klar zutage trete. Ich kann mich ohnehin nicht genug wundern, daß sich im hebräischen Urtexte noch etwas finden sollte, was so vielen Übersetzern, die doch jener Sprache überaus kundig waren, entgangen sein sollte. Ich will ja von den siebzig Übersetzern schweigen, da ich mir kein bestimmtes Urteil nach irgendeiner Seite über die Übereinstimmung ihres Planes oder ihres Geistes, die sie veranlaßt hätte, wie ein Mann zu handeln, zu fällen getraue; jedoch geht meine Ansicht dahin, daß ihnen ohne Frage in dieser Angelegenheit ein Übergewicht von Ansehen zukommen müsse. Schwerer begreife ich, daß auch die späteren Übersetzer, die doch, wie man sagt, mit solcher Zähigkeit an den Regeln und der Bedeutung der hebräischen Worte und Ausdrücke festhielten, nicht bloß untereinander nicht übereingestimmt, sondern auch vieles ausgelassen haben sollen, was erst nach so langer Zeit hätte entdeckt und veröffentlicht werden können. Entweder sind diese Stellen dunkel oder aber leicht verständlich. Sind sie dunkel, so liegt die Annahme nahe, daß auch du dich täuschen könntest; sind sie leicht verständlich, so glaubt man, daß jene sich bei ihnen nicht hätten irren können. Gib mir also, ich beschwöre dich, mit Rücksicht auf die vorgelegten Bedenken hierüber Aufklärung.
1: Damit ist zweifellos Origenes gemeint.
2: Die Septuaginta (LXX) verdankt ihren Ursprung Ptolemaeus Lagi oder Philadelphus, der durch siebzig gelehrte Juden die heiligen Schriften des Alten Bundes ins Griechische übersetzen ließ. Sehr früh entstand eine nach ihr gearbeitete lateinische Übersetzung, Itala genannt. Als nun Hieronymus die Heilige Schrift direkt aus dem hebräischen Urtext ins Lateinische übersetzte, ergaben sich viele Verschiedenheiten zwischen seiner Übersetzung und der Itala; daher der „Wunsch des heiligen Augustinus, Hieronymus möchte lieber, statt aus dem Hebräischen zu übersetzen, das ganze Alte Testament so herausgeben, wie er den Job (auch die Psalmen und einige andere Bücher) herausgegeben habe, das heißt den Text der Itala unter Berücksichtigung der Obelen und Asterisken des Origenes aufs genaueste dem hexaplarischen Texte der Septuaginta anpassen.