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Victor Hugo: «Frankreich, England, Belgien, Deutschland, Europa, Amerika: Ihr seid Brüder»
Text von Felix Brun, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Nebs.
Tief in den revolutionären Zeiten in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts formulierte der französische Schriftsteller Victor Hugo seine Idee eines vereinigten Europas. Die Bemühungen in den USA, eine Demokratie zu etablieren, inspirierten Hugo und so forderte er am Friedenskongress in Paris im Jahr 1849 die Anwesenden Politiker auf, ein neues Europa zu schaffen.
Victor Hugos Bemühungen, Einfluss auf die zukünftige politische Gestalt Europas zu nehmen, waren geprägt von persönlichen Erinnerungen des Elends und der Verwüstungen. In seiner Rede[1] beschreibt er die traurigen Zustände im damaligen Europa:
«Der Piemont: zermürbt. Rom, die ewige Stadt: politischen Querelen ausgeliefert. Ungarn und Venedig: heldenhaft am Verhandeln. Frankreich: verunsichert, verarmt und dunkel. Das Elend, die Trauer, der Bürgerkrieg, eine Zukunft wie sie düsterer nicht sein könnte.»
Aus diesen Zuständen wollte Hugo herausfinden. Er appelliert an die Zuhörenden, sich vorzustellen was geschehen wäre, wenn anstelle von Investitionen in den Krieg und in die Aufrüstung das Geld in Projekte des Friedens geflossen wären.
«Stellt euch vor, die europäischen Völker hätten sich geliebt, anstatt sich zu bekriegen, sich zu hassen, sich zu beneiden. Stellt euch vor, sie hätten gesagt: als erstes sind wir Menschen, nicht Franzosen oder Engländer oder deutsche. Stellt euch vor, man hätte die 128 Milliarden, die für den krieg ausgegeben wurden, in den Frieden investiert.»
Die Vision eines geeinten, befriedeten Europas wollte Hugo mit der Realisierung der Vereinigten Staaten von Europa erreichen. Die verschiedenen Nationen würden weiter existieren, aber sie wären zusammengeschlossen zu einer grossen Einheit. Diese Einheit soll von einem grossen Senat regiert werden, welcher den Parlamenten der verschiedenen Nationen gleichen würde.
«ihr alle, die Nationen dieses Kontinentes, würdet eure unterschiedlichen Qualitäten und eure Individualität nicht verlieren. Ihr würdet euch in einer höheren Einheit zusammenschliessen und damit die europäische Brüderlichkeit begründen. Ein Senat, vergleichbar mit dem Parlament in England, mit dem Reichstag in Deutschland und mit der Nationalversammlung in Frankreich, würde euch leiten. der tag wird kommen, da die beiden grossen Gruppen, nämlich die vereinigten Staaten von Amerika und die vereinigten Staaten von Europa, sich an der Hand nehmen und ihre Produkte miteinander teilen, ihren Handel, ihre Industrie, ihre Künste, ihre Genies.»
Begeistert von den Errungenschaften der Moderne sieht Hugo ein neues Zeitalter, das Zeitalter der Brüderlichkeit, anbrechen. Die sich verkürzenden Distanzen würden die Menschen einander näher bringen.
«mit den Eisenbahn Linien ist Europa plötzlich nicht mehr grösser als Frankreich im Mittelalter. Dank der Erfindung des Dampfschiffes können heute die Ozeane in der gleichen Zeitspanne überquert werden wie früher das Mittelmeer. Bald werden die Menschen über die Erde rennen wie die Götter bei Homer: in drei Schritten.»
Dass auch Victor Hugo in seiner Zeit gefangen war und Denkmuster pflegte, die heute befremdlich wirken, zeigt sich am deutlichsten in seinen Gedanken zur Kolonialisierung.
«statt Revolutionen anzuzetteln hätten die Europäer besser Kolonien gegründet. Damit hätten sie nicht die Barbarei in die Zivilisation geholt, wie das mit den Revolutionen geschehen ist, sondern sie hätten der Barbarei die Zivilisation gebracht.»
Das grosse Ziel Hugos ist aber ein friedliches Europa. Dieses Ziel will Hugo mit der Stärkung der Justiz erreichen. Nimmt er hier Bezug auf den grossen Friedensplan des Philosophen Immanuel Kant? Das ist sehr wahrscheinlich. Kant hatte nämlich in seiner Schrift «zum ewigen Frieden» gut 50 Jahre zuvor eine Idee skizziert, wie Europa zu Frieden finden könnte. Um Frieden zu erlangen, müsse sich die Politik der Justiz unterordnen, so Kant.2
«die Ära der Revolutionen ist vorbei, es beginnt die Zeit der grossen Verbesserungen. Die Politik muss die verschiedenen Nationalitäten erkennbar machen, sie muss die gemeinsame Geschichte der Völker aufrechterhalten und die Einheit in der Zivilisation unter dem Frieden vereinen, denn die zivilisierten Völker müssen den barbarischen Völkern ein Vorbild sein. Es braucht auch ein Kriegsgericht. Die Justiz muss heute jenes letzte Wort haben, welches in alten Zeiten von der Gewalt beansprucht wurde.»
Zur Erreichung des Friedens in Europa müsse jetzt, so Hugo, der Mut aufgebracht werden, einen letzten (symbolischen) Schritt zu tun: Die Völker sollen sich verbrüdern.
«England hat den ersten Schritt gemacht und den Völkern gesagt: ihr seid frei. Frankreich hat den zweiten Schritt gemacht und den Völkern gesagt: ihr seid der souverän. Wir müssen jetzt den dritten Schritt machen und alle zusammen, Frankreich, England, Belgien, Deutschland, Europa, Amerika, müssen wir den Völkern sagen: ihr seid Brüder!»
Die Zeit war allerdings nicht reif, die Überlegungen Victor Hugos in Tatsachen umzuwandeln. Nur fünfzehn Jahre nach Hugos Rede war Preussen in drei Einigungskriege mit Dänemark, Österreich und Frankreich verwickelt. Noch ahnte niemand, dass nur wenige Jahrzehnte später eine noch viel schlimmere Katastrophe über Europa einbrechen würde: Der Erste Weltkrieg.
1 Die kursiven Zitate geben Übersetzungen aus dem Französischen wider. Die Rede ist im Internet ersichtlich, beispielsweise auf:
http://www.houseforculture.eu/beta/upload/Docs%20EHfC/EuroLaunchProgrgray.pdf
2 Die ganze Schrift von Immanuel Kant ist als pdf ersichtlich, beispielsweise auf: http://homepage.univie.ac.at/benjamin.opratko/ip2010/kant.pdf