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Als U. bezeichnet die Archäologie vorgeschichtl. Wohnplätze am Rand von Gewässern. Der im 19. Jh. geprägte Begriff Pfahlbauer wurde aufgegeben, da er mit veralteten Vorstellungen verbunden ist. U. kommen in versch. Regionen Europas vor, besonders dicht rund um die Alpen. Allein in der Schweiz sind Hunderte von U. bekannt. Die meisten liegen in den Flachwasser- und Verlandungszonen von Seen, oft unweit von Zu- bzw. Abflüssen. Die Gründe für die Standortwahl sind umstritten. Diskutiert werden u.a. Sicherheit, Fischfang und Anbindung an die Wasserwege.
Die ältesten U. der Schweiz stammen aus dem Anfang des Jungneolithikums um 4300 v.Chr., die jüngsten entstanden gegen Ende der Bronzezeit um 850 v.Chr. Geeignete Standorte wurden immer wieder genutzt, weshalb oft Siedlungsreste aus versch. Epochen übereinander liegen. Die meisten U. hatten aber nur für wenige Jahrzehnte Bestand. Auch ihre Häufigkeit schwankte stark. Manchmal gab es an einem See mehrere Siedlungen gleichzeitig, dann wieder keine einzige über Jahrhunderte. U. konnten ein knappes Dutzend bis mehrere Hundert Häuser umfassen. Kleine Dörfer wurden manchmal gehöftartig angelegt; mittlere und grosse dagegen zeigen dichte Häuserzeilen mit engen Gassen, beinahe ohne Freiflächen dazwischen. Das Siedlungsareal wurde mit Zäunen umgeben, und nicht selten führten Stege in Richtung Hinterland. Vom Grundriss abgesehen ist über den Hausbau wenig bekannt. An kleinen, moorigen Seen wurde oft ebenerdig gebaut, weshalb dort Teile des Hausbodens sowie Feuerstellen erhalten sein können. U. an grossen Seen mit starken Pegelschwankungen sind meistens erodiert; dennoch finden sich dort gelegentlich Hinweise auf abgehobene Hausböden. Untersuchungen an den Sedimenten haben gezeigt, dass der Platz während der Besiedlung meistens trocken lag und nur gelegentlich überflutet wurde. Die sog. Pfahlbauten standen also normalerweise auf trockenem Boden und nicht - wie lange angenommen - im See.
Für die Archäologie sind U. eine wichtige Quelle. Im feuchten Boden blieb oft organ. Material erhalten, insbesondere Pflanzenreste, die Einblicke in Wirtschaft und Handwerk (z.B. die Textilproduktion) gewähren. Pfähle und andere Hölzer lassen sich mit der Dendrochronologie jahrgenau datierten. Damit wird nicht nur das Alter der Siedlung bestimmt, oft lässt sich sogar deren Entwicklung Jahr für Jahr und Haus für Haus nachzeichnen. Auch sind dauerhafte Materialien meist besser und in grösseren Mengen erhalten als in Landsiedlungen, was mehr Möglichkeiten zur Analyse bietet. Anhand der Fundverteilung im Siedlungsplan lassen sich Haushalte charakterisieren und Rückschlüsse auf die wirtschaftl. und soziale Organisation der Bevölkerung ziehen.
Obschon es immer zeitgleiche Land- und Höhensiedlungen gab, waren die U. bezüglich Fläche und Bevölkerung die jeweils grösste und dichteste Siedlungsform. Ihre Existenz setzte einen entsprechend grossen Versorgungs- und Wirtschaftsraum im Hinterland voraus. Herkunftsanalysen an Knochen, Gesteinen, Keramik und Metallen erlauben Einblicke in das Beziehungsnetz innerhalb der Region, aber auch weit darüber hinaus. Solche Forschungen stehen erst am Anfang, weshalb die Bedeutung der U. in Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Politik der jungsteinzeitl. bzw. bronzezeitl. Bevölkerung zwar als hoch eingeschätzt, aber noch nicht näher charakterisiert werden kann. Neben der Forschung steht zunehmend der Schutz gefährdeter Fundstellen im Fokus der Archäologie. Denn die verbliebenen Reste der U. sind durch systemat. Grundwasser- und Seespiegelsenkungen ebenso gefährdet wie durch zahlreiche Bauprojekte entlang der Gewässer. Seit 2011 stehen 111 ausgewählte U., darunter 56 in der Schweiz, aufgrund ihrer einzigartigen Informationsfülle auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes.
Literatur
– SPM 2, 200-229; 3, 212-218
– P.J. Suter, H. Schlichtherle, Pfahlbauten: UNESCO Welterbe-Kandidatur "Prähist. Pfahlbauten rund um die Alpen", 2009
Autorin/Autor: Martin Trachsel