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Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit
Begleitseite mit Zusatzmaterial zum Referat
05 July 2021
Methodisches Handeln
Professionalität zeichnet sich – unter anderem – durch Methodenkompetenz und analytischen Fähigkeiten aus. Der persönliche Werkzeugkasten mit den Methoden der Sozialen Arbeit kann dann effektiv genutzt werden, wenn die Sozialarbeiter·in in der Lage ist, ihre Methoden fall- und situationsspezifisch einzusetzen. Dazu muss sie über die analytischen Kompetenzen verfügen, Möglichkeiten und Grenzen des sozialarbeiterischen Handelns in einer konkreten Situation zu erkennen. Zur Definition von methodischem Handeln, siehe auch Spiegel (2006, 118)
image: public domain cc in der Sozialen Arbeit findet in offenen und widersprüchlichen gesellschaftlichen Kontexten und diversen Lebenswelten statt. Um in solchen Situation zu bestehen und professionell zu handeln, brauchen Sozialarbeiter·innen einerseits einen umfangreichen Werkzeugkasten an Methoden, andererseits die analytischen Kompetenzen zur sinnvollen Interpretation der jeweiligen Praxisfelder. Dadurch sind sie in der Lage, die richtigen methodischen Werkzeuge fall- und situationsspezifisch zu wählen und einzusetzen. Um die Möglichkeiten und Grenzen methodischen Handelns auszuloten, ist es hilfreich, den Blick einerseits auf Akteur·innen, Institutionen und Strukturen zu richten und andererseits die drei Analyseebenen Mikro-, Meso- und Makro-Ebene des sozialen Raums zu unterscheiden.
Dreifacher Auftrag
Die Sozialarbeitswissenschaften gehen heute oft von einem dreifachen Auftrag der Sozialen Arbeit aus (vgl. Staub-Bernasconi 2018). Als Ergänzung zum doppelten Auftrag von Individuum und Gesellschaft (oft ausgedrückt durch Hilfe versus Kontrolle) kommt ein dritter Auftrag hinzu, der sich aus dem Selbstverständnis der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession ergibt.Zur Kritik bzw. den offenen Fragen an diesem dritten Aspekt des Trippelmandats, vgl. etwa die aktuelle Diskussion bei Aner und Scherr (2020) Dieser dritte Auftrag gibt sich die Soziale Arbeit selber und ist die Konsequenz des eigenen Professionsverständnisses.
Der dreifache Auftrag der Sozialen Arbeit widerspiegelt sich auch in der Definition von Sozialer Arbeit der International Federation of Social Workers:Die 1956 gegründete IFSW ist der internationale Dachverband der Vereinigungen der Sozialarbeiter·innen und vertritt rund 120 Landesverbände.
Social work is a practice-based profession and an academic discipline that promotes social change and development, social cohesion, and the empowerment and liberation of people. Principles of social justice, human rights, collective responsibility and respect for diversities are central to social work. Underpinned by theories of social work, social sciences, humanities and indigenous knowledges, social work engages people and structures to address life challenges and enhance wellbeing. Global Definition of Social Work, IFSW
Nach dieser Definition mobilisiert sozialarbeiterisches Handeln also Menschen und Strukturen, um herausfordernde Lebenssituationen und Chancen zu verbessern. Genau hier liegt auch der Schlüssel, um Möglichkeiten und Grenzen des methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit genauer zu bestimmen.
Akteur:innen, Institutionen, Strukturen
Angelehnt an die globale Definition von Sozialer Arbeit lassen sich drei Gruppen von Einflussfaktoren unterscheiden, welche methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit ermöglichen bzw. begrenzen: Akteur:innen, Institutionen und Strukturen.vgl. dazu Spiegel (2006, 127-132) die in ihrem Modell eine etwas andere Unterscheidung trifft: Sie definiert die drei Einflussfaktoren «Gesellschaft und Politik», «Institution» und «sozialräumliches Umfeld».
Akteur:innen gehören zur ersten Gruppe von Einflussfaktoren. In diese Gruppe fallen nicht nur jene Akteur·innen, welche zum unmittelbaren Praxisfeld gehören, in dem sozialarbeiterisches Handeln stattfindet, sondern auch alle anderen Akteur·innen, die in irgend einer Weise auf ein spezifisches Praxisfeld ihren Einfluss haben.
Institutionen als zweite Gruppe von Einflussfaktoren sind analog zu den Akteur·innen zu verstehen: Sie können einerseits Teil des Praxisfeldes im engeren Sinn sein, aber auch weiter aussen liegen und trotzdem ihren Einfluss haben.
Strukturen als Einflussafktoren auf das methodische Handeln in der Sozialen Arbeit sind mitunter am schwierigsten zu erkennen, weil sie nicht direkt sicht- und beobachtbar sind. Gleichzeitig haben sie oft einen grossen Einfluss – begrenzend und ermöglichend. Als zweite Herausforderung kommt hinzu, dass Strukturen oftmals jenseits der Reichweite des methodischen Handelns der Sozialen Arbeit sind und damit einfach als Rahmenbedingungen akzeptiert werden müssen.
Analyse-Ebenen
Um die Einflussfaktoren systematisch zu erfassen, hilft es, drei Ebenen zu unterscheiden: die Mikro-, die Meso- und die Makro-Ebene. Diese Unterscheidung erlaubt zu erkennen, wie «nah» bzw. «fern» die Einflussfaktoren sind. Viele Methoden der Sozialen Arbeit verstehen diese mittlere Ebene des sozialen Raums als der entscheidende Ort für sozialarbeiterische Interventionen.Systemische oder sozialraumorientierte Ansätze sind Beispiele für Theorien und Methoden, welche der Meso-Ebene eine zentrale Bedeutung zumessen. In den meisten Fällen konzentriert sich sozialarbeiterisches Handeln auf die Mikro- und Meso-Ebene, weil die Makro-Ebene oftmals jenseits der Reichweite der typischen Methoden der Sozialen Arbeit liegt.
Einflussfaktoren: ein einfaches Modell
Einflussfaktoren und Analyseebenen lassen sich zu einem einfachen Modell zusammenfügen, welches erlaubt, Möglichkeiten und Grenzen des methodischen Handelns in einer spezifischen Situation systematisch zu erfassen:
Die vertikale Achse weist in diesem Modell die Analyseebenen des sozialen Raums aus, auf der horizontalen Achse sind auf der rechten Seite ermöglichende Faktoren zu finden, auf der linken Seite die begrenzenden Faktoren. Das Schema erlaubt nun, die Einflussfaktoren «Akteur:innen», «Strukturen» und «Institutionen» einer spezifischen Situation systematisch zu erfassen und darzustellen nach ihrem ermöglichenden und beschränkendem Einfluss, sowie ihrer Verortung im sozialen Raum.
Fallbeispiel: «I, Daniel Blake»
Der Film «I, Daniel Blake»Für mehr Informationen zum Film, vgl. etwa Girish Shambus ausführliche Filmkritik auf Criterion. von Ken Loach zeigt, wie soziale Arbeit scheitert, wenn die begrenzenden Einflussfaktoren überhand nehmen und damit jegliches methodisches Handeln verunmöglichen.
Daniel Blake, ein 59-jähriger Zimmermann, ist die Hauptfigur des Films. Er hat kürzlich einen Herzinfarkt erlitten und kann nicht mehr auf seinem erlernten Beruf arbeiten. Angewiesen auf eine Überbrückungshilfe, fällt er zwischen Stuhl und Bank von Arbeitslosenunterstützung und Invalidenversicherung, weil er auf ärztliche Verordnung hin nicht arbeiten darf, gleichzeitig zu gesund ist, um Invalidenversicherungsleistungen beziehen zu können.
Ken Loach zeigt im Film, wie Soziale Arbeit scheitert, wenn sie durch die gesetzlichen und institutionellen Rahmenbedingungen reduziert wird auf das korrekte Ausfüllen von Formularen und das strikte Befolgen von “wenn-dann Bedingungen” ohne Interpretationsspielraum.
Gleichzeitig erzählt der Film auch eine zweite, hoffnungsvollere Geschichte. Gibbs und Lethonen (2019) weisen in ihrer feministischen Lesart darauf hin: Der Film ist ebenfalls die Geschichte eines dichten Netzwerks an Solidarität und gegenseitiger Nachbarschaftshilfe der marginalisierten Figuren. Es wird eine Art Grassroot Social Work entworfen, bei der die Akteur·innen alle erdenklichen ermöglichenden Einflussfaktoren mobilisieren, damit Soziale Arbeit gelingt. Obwohl nicht in einem professionellen Setting stattfindend, ist es ein Handeln, das weit methodischer ist, weil es versucht, begrenzende Einflussfaktoren zu minimieren und ermöglichende Faktoren zu mobilisieren für seine Zwecke.
Am Ende des Films stirbt Daniel an einem zweiten Herzinfarkt. In der Schlussszene an seinem Begräbnis liest seine Freundin Katie den Brief vor, den Daniel auf sich trug, als er beim Warten auf seinen Termin im Arbeitsamt zusamenbricht und stirbt. Diese Schlussworte können gelesen werden als ein Appell für eine Soziale Arbeit, die in ihrem Selbstverständnis ihren dreifachen Auftrag ernst nimmt und dabei in ihrem methodischen Handeln Möglichkeitsräume eröffnet:
I am not a client, a customer, nor a service user. I am not a shirker, a scrounger, a beggar, nor a thief. I’m not a National Insurance Number or blip on a screen. I paid my dues, never a penny short, and proud to do so. I don’t tug the forelock, but look my neighbour in the eye and help him if I can. I don’t accept or seek charity. My name is Daniel Blake. I am a man, not a dog. As such, I demand my rights. I demand you treat me with respect. I, Daniel Blake, am a citizen, nothing more and nothing less. Thank you. «I, Daniel Blake» (Ken Loach, 2016)
Literatur
—Aner, Kirsten und Albert Scherr. 2020. ‘Soziale Arbeit – eine Menschenrechtsprofession?’ Sozial Extra 44 (6): 326–27. 10.1007/s12054-020-00325-z
—Gibbs, Jacqueline, and Aura Lehtonen. 2019. ‘I, Daniel Blake (2016): Vulnerability, Care and Citizenship in Austerity Politics’. Feminist Review 122 (1): 49–63. 10.1177/0141778919847909
—Lutz, Ronald. 2011. Das Mandat der Sozialen Arbeit. 1. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
—Spiegel, Hiltrud von. 2006. Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit: Grundlagen und Arbeitshilfen für die Praxis. 2. Aufl. UTB Sozialpädagogik, Soziale Arbeit 8277. München: Reinhardt.
—Staub-Bernasconi, Silvia. 2018. Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft auf dem Weg zu kritischer Professionalität. Opladen: Verlag Barbara Budrich.