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Immer wieder wird die Frage gestellt, welches der grösste Gletscher der Welt ist und wo er liegt. Zahlreiche inoffizielle Ranglisten kursieren im Internet und locken Besucher in die verschiedensten Regionen. Doch die Frage nach dem Rekordhalter lässt sich nicht so einfach beantworten, indem man einfach Länge oder Fläche misst. Ein internationales Forschungsteam hat sich dem Thema angenommen und ist streng wissenschaftlich herangegangen. Entstanden sind zwei Ranglisten mit teilweise überraschenden Ergebnissen.
Gemäss den Resultaten von Ann Windnagel vom National Snow and Ice Data Center in Boulder, USA ist die antarktische Halbinsel der Rekordhalter sowohl bei den einzelnen Gletschern wie auch bei Gletscherkomplexen. Letztere sind nach den Angaben des Forschungsteams Gletscher, die sich an Eisgrenzen wie Eiskappen und Eisfeldern treffen. «Die getrennte Einstufung von Gletschern und Gletscherkomplexen zeigt, dass die grössten Gletscherkomplexe Flächen in der Größenordnung von Zehntausenden von Quadratkilometern haben, während die grössten Gletscher mehrere Tausend Quadratkilometer gross sind», kommt das Team in ihrer Studie zum Schluss. Die Arbeit, an der auch Dr. Matin Zemp von der Universität Zürich beteiligt war, wurde in der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift Journal of Glaciology veröffentlicht.
Der Rekordhalter bei den Einzelgletscher ist der Seller-Gletscher mit einer Fläche von 7’018 Quadratkilometer. Ebenfalls im Bereich der antarktischen Halbinsel, aber auf einer vorgelagerten Insel, liegt der zweitplatzierte Thurston Island Gletscher, der mit über 5’000 Quadratkilometer bereits 25 Prozent kleiner ist. Nur noch rund halb so gross ist der arktische Malaspina-Gletscher in Alaska. Und der grösste Gletscher ganz ausserhalb der Polargebiete ist der Pio XI-Gletscher in den südlichen Anden. Legt man jedoch die Grenze der Arktis auf den nördlichen Polarkreis, ist der Skeidararjökull auf Island der grösste Gletscher ausserhalb der Arktis und damit auch der Grösste Europas. Gemäss der Studie macht die gesamte Fläche der zehn grössten einzelnen Gletscher knapp fünf Prozent der totalen Gletscherfläche weltweit aus.
Das Team um Hauptautorin Ann Windnagel untersuchte in der Studie nicht nur die einzelnen Gletscher, sondern auch Eis- oder Gletscherkomplexe, die jedoch nicht Teil der antarktischen oder grönländischen Eisschilde sind. Dabei zeigte sich, dass gemäss ihrer Definition die Eiskappe der antarktischen Halbinsel kein Eisschild oder Teil des westantarktischen Eisschildes ist, sondern eine eigene Eiskappe und damit der grösste Gletscherkomplex der Welt ist mit 80’852 Quadratkilometer. Der zweitplatzierte Komplex bedeckt die Alexander-Insel am südlichen Ende der Halbinsel, der drittplatzierte ist wiederum der Malaspina-Komplex in Alaska. Das südpatagonische Eisfeld ist die grösste Fläche ausserhalb der Arktis und Antarktis. Die berühmte isländische Vatnajökul-Eiskappe liegt noch hinter der Asgardfonna-Kappe auf Spitzbergen.
Um die Gletscher und Eisflächen richtig klassifizieren und einordnen zu können, musste das Team neben den Grenzen, die jeden Gletscher definieren (und von denen es rund 383’000 Einträge gibt) auch offiziellen Flächenmessungen und deren Zeitpunkte mit in die Überlegungen miteinbeziehen. Denn es ist allgemein bekannt, dass fast die gesamte Kryosphäre, die rund 12.5 Prozent der Erdoberfläche ausmacht, auf dem Rückzug ist. Weitere Herausforderungen, die das Team in ihrer Studie in Bezug auf die Fragestellung ausmachten, sind die Unsicherheiten bei den Messungen der Grenzen der Gletscher, die Definitionen von Gletschern und die Datenqualität und -einheitlichkeit. «Eine Grundvoraussetzung für ein solches Ranking ist die Abgrenzung der Gletschergrenzen auf der Basis von hydrologischen Becken sowie eine klare Unterscheidung zwischen Gletschern und Gletscherkomplexen», kommt das Team zum Schluss.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal