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«Mit ihrer Musik hat sie etwas mitgeteilt, was in Worten nicht möglich gewesen wäre.»
«Warten Sie, ich gehe schnell ins Büro», sagt die Stimme am Telefon. Dann dringt nur noch ein rhythmisches, schnelles Klacken durch die Leitung. Es sind die Schritte von Schwester Pia, die eher durch die langen Klostergänge rennt als geht, mit 90 Jahren. Im Büro angekommen, nimmt sie die Reservation für die Übernachtung im Gästehaus des Klosters St. Johann in Müstair auf und beteuert, dass sie nicht so viel über Martha von Castelberg erzählen könne. Ein paar Tage später, in einem Zimmer, in dem die Benediktinerinnen Besuch empfangen – früher noch hinter Gitter, getrennt von den Verwandten und Bekannten – weiss Schwester Pia dann doch einiges zu erzählen über «Tante Martha», wie sie Martha von Castelberg nannte.
Schwester Pia kommt 1931 als Johanna Willi und als erstes von vier Kindern von Heinrich Willi und Marie-Luise Willi (geborene Chuard) in Zürich zur Welt. Der Vater ist Kinderarzt, Leiter des Säuglingsheims des Spitals Zürich und kaum zuhause, die Mutter hilft ihm oft in der eigenen Praxis. Die vier Kinder, neben Johanna, die Hanneli genannt wird, sind dies Jürg, Monika und Regula, hatten dementsprechend ihre Freiheiten. Und mit Flüchtlingskindern, die die Familie Willi zur Erholung aufnahm, herrschte noch zusätzlicher Betrieb am Häldeliweg 31. Bei Tante Martha, die in unmittelbarer Nähe an der Rislingstrasse 1 wohnte, sei es dagegen viel ruhiger und vornehmer zu und her gegangen, erzählt Schwester Pia.
«Tante Martha» ist nicht die Tante von Hanneli Willi, sondern lediglich eine entfernte Verwandte. Ihr Mann, Victor von Castelberg, war ein Cousin von Hannelis Vater Victor Willi. Doch die Familien pflegen auch dank der nahen Wohnsituation Kontakt. Heinrich Willi berät sich mit Victor von Castelberg über finanzielle Fragen, während Marie-Luise Willi mit Hanneli und ihrem jüngeren Bruder Jürg hin und wieder Tante Martha besucht. Umgekehrt sei das nicht vorgekommen sagt Schwester Pia und fügt hinzu: «Da zeigte sich die ganze Vornehmheit von Tante Martha. Sie war jemand, der empfängt, nicht jemand der selbst auf Besuch geht.»
Bei diesen Besuchen an der Rislingstrasse habe sich ein regelrechtes Zeremoniell abgespielt, erzählt die Benediktinerin. Stets öffnete eine Angestellte mit gestärkter weisser Schürze die Türe, sie brachte die Gäste zur Garderobe, führte sie in den Salon und rief «Madame», worauf Martha von Castelberg erschien. Audio Schwester Pia spricht zwar von einem vornehmen, noblen Milieu in der Zürichbergvilla, betont aber gleichzeitig, dass sie nie das Gefühl erhielt, auch so sein zu müssen. Denn das Bild, das sie von Martha von Castelberg zeichnet, ist das einer durch und durch vornehmen und hoch gebildeten, und gleichzeitig äusserst wohlwollenden Person. «Ich habe Tante Martha sehr gerne gehabt», sagt sie. Und dies, obwohl sie nie recht wusste, was sie mit ihr sprechen sollte. Zum einen, weil sie damals als junge Frau spürte, dass da «ein ganz hohes Niveau war» und ein Gespräch auf diesem Niveau nicht so einfach war. Zum andern, weil Martha von Castelberg generell nicht viel sprach, sondern über ihre Musik kommunizierte, oder in den Worten von Schwester Pia: «Mit ihrer Musik hat sie etwas mitgeteilt, was in Worten nicht möglich gewesen wäre.» Audio
Im Gespräch streicht Schwester Pia auch die tiefe Religiosität von Martha von Castelberg heraus, die sich nicht nur in ihrer Musik äusserte, sondern auch in ihrem Engagement für den Aufbau der Kirche St. Martin. Die Kirche in Zürich Fluntern wurde 1939 als erste katholische Kirche am Zürichberg eingeweiht, als Antwort auf die wachsende Zahl der Katholikinnen und Katholiken in der Stadt.
Unter Pfarrer Birkner, einem Priester aus Polen, entwickelte sich die katholische Pfarrei rasch zu einer lebendigen Gemeinschaft mit verschiedenen Bibel- und Gesellschaftsgruppen. Unter anderem wurde ein Dienstmädchenchor gegründet, der gemäss Schwester Pia wunderbar gesungen hat. Ob dieser Chor auch Lieder von Martha von Castelberg sang, kann sie nicht mehr mit Sicherheit sagen. Doch sie weiss, dass sich Martha von Castelberg sehr freute über diesen neuen Vikar, der die Gemeinschaft am Zürichberg belebte. Manche Umbrüche in der Kirche gingen Martha von Castelberg allerdings zu weit. Als der Priester sich beim Gottesdienst dem Volk zuwandte statt wie früher dem Altar, habe ihr das gar nicht gefallen. «Sie war halt nicht so modern», sagt Schwester Pia lachend und fügt an, dass diese Distanz der alten Anordnung auch zu Martha von Castelberg gepasst habe.
Johanna, die nun Hanna genannt wird, gehörte dagegen zu den Rebellinnen in der Kirche. Eines Tages standen sie und eine Freundin während des Evangelianums auf, statt zu knien, wie es damals üblich war. Als Affentheater wurde das damals bezeichnet, doch Schwester Pia spricht lachend von Avantgarde, einem Wort, das auch sonst in ihrem Leben eine Rolle spielte. Als junge Frau reiste sie weit, um Picasso, Mondrian und Klee zu sehen und besuchte die Kunstgewerbeschule in Zürich, wo sie Klassen für wissenschaftlich Zeichnen, Typografie und Buchbinden belegte. Im Gegensatz zu Martha von Castelberg, der ein Musikstudium verwehrt wurde, sei es für sie als junge Frau kein Problem mehr gewesen, Kunst zu studieren, sagt Schwester Pia. Sie vermutet, dass Martha von Castelberg in ihrer Generation mehr Erfolg mit ihrer Musik gehabt hätte, streicht aber das Positive heraus: «Es ist auch schön, dass man diese Kompositionen jetzt hervorgraben kann, 50 Jahre nachdem sie schon im Jenseits ist.» Audio
Nach ihrem Abschluss arbeitete Hanna als wissenschaftliche Zeichnerin für die ETH Zürich, für das zahnärztliche Institut der Universität Zürich und andere Büros, darauf folgte ein Atelieraufenthalt in Paris. Und auf diesen der Eintritt ins Kloster. Den Entscheid, ins Kloster einzutreten, fällte die junge Hanna während eines Aufenthalts in Disentis, wo sie mit ihrer Familie, nur einige Häuser von den Castelbergs entfernt, viele Ferien verbrachte. In Zürich nahm sie wenige Monate später nicht nur von der eigenen Familie Abschied, sondern auch von Martha von Castelberg, die ihr bei ihrem letzten Besuch an der Rislingstrasse das Gebet von Bruder Klaus spielte, das sie vertont hatte.
Danach habe sie Tante Martha nie mehr gesehen, denn die Klausur in Müstair sei sehr streng, sagt Schwester Pia. Heute noch haben die Schwestern keine Ferien, nur wenn die Eltern oder Geschwister krank sind, dürfen sie diese besuchen. Audio «Elf Jahre habe ich das Kloster überhaupt nicht verlassen», sagt Schwester Pia und erzählt von einer Zeit unter einer strengen Oberin und dem Gefühl, dass sie so intensiv beschäftigt wurden, damit sie nicht auf dumme Gedanken kamen.
Dass die Benediktinerin ihre Tante Martha nie mehr gesehen hat, stimmt nicht ganz, denn ganz zuletzt erinnert sie sich noch an ein wundersames Ereignis, das sich im November 2021 in der Kapelle in Müstair zutrug. Schwester Pia erzählt von einer Liste, auf der sie seit dem Eintritt ins Kloster die Namen alle verstorbenen Bekannten und Verwandten aufschrieb. Im Allerseelenmonat war sie mit dieser Liste in der Hand beim Gebet, als ihr vor dem Tabernakel Tante Martha erschien. Tante Martha, die auf dieser Liste fehlte. Am gleichen Tag habe sie per Post die Publikation «Komponieren, trotz allem» über das Leben von Martha von Castelberg erhalten, sagt Schwester Pia und beteuert, dass sie nichts von diesem Buchprojekt gewusst habe. Auch habe sie über viele Jahre, gar Jahrzehnte nichts mehr von ihrer komponierenden Verwandten gehört. Mit einem Mal wird die fröhliche Schwester ganz ruhig und sagt dann: «Sie hat sich gemeldet.» Audio
Melanie Keim ist freischaffende Journalistin. Sie interessiert sich für Gesellschaftsfragen und Alltagsgeschichten und lebt in Zürich.