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Am 27. August 1912 erblickte er das Licht der literarischen Welt: Tarzan. Er ist ein Kind jener damals in den USA blühenden Pulp Fiction, jener Heftchen-Romane also, die ziemlich genau 20 Jahre später einen Conan gebären sollten. Mehr noch als der Cimmerer, sollte Tarzan durch die sich ebenfalls gerade entwickelnde Film-Industrie, durch Hollywood, berühmt werden. Heute ist Tarzan® ein eingetragenes Markenzeichen.
Ähnlich wie Conan, ist Tarzan besser als sein Ruf. Jedenfalls, was das erste Buch von Edgar Rice Burroughs betrifft. Denn es gibt nicht nur jene unzähligen (und unsäglichen) Hollywood-Verfilmungen, die Tarzan erst richtig berühmt machten, allen voran die, mit denen Johnny Weissmüller und Lex Barker zu Weltstars wurden. (Und die ihnen insofern zum Verhängnis wurden, als dass niemand sie mehr in andern Rollen sehen wollte – jedenfalls bis Lex Barker sich überreden liess, als ‘Old Shatterhand’ in den deutschen Karl-May-Filmen der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts zu mimen.) Diese Filme kann man eigentlich nur noch mit einem gewissen vergnüglichen Gruseln ob der Machart konsumieren. Und – natürlich – mit einem gewissen Genuss an den für jene Zeiten äusserst freizügig zur Schau gestellten Körpern des jeweiligen nur mit einem knappen Lendenschurz bekleideten Tarzan bzw. der mit einem auch nicht viel grosszügiger geschnittenen Bikini versehenen Jane. “Ich Tarzan – du Jane”, ich Männchen – du Weibchen: das ewige Balzritual auf ein Bauhaus-mässig funktionales Minimum reduziert. Denn während Tarzan zwar nie den durch Body-Building gestählten Körper des Film-Conans und späteren kalifornischen Gouverneurs und Ehebrechers Schwarzenegger hatte, so waren beide Prototypen, Weissmüller wie Barker, doch äusserst durchtrainierte Kerlchen. (Die weiblichen Side-Kicks natürlich nicht. Und Silikon wurde gerade erst erfunden.)
Aber zurück zum literarischen Vorbild. Ähnlich wie Conan, habe ich gesagt, sei es besser als sein Ruf, besser als seine filmischen Nachbilder, oder auch Nachbildungen in Comics bzw. Zeichentrickfilmen. (Denn selbst der Spezialist für Zeichentrickfilme für Kinder, Walt Disney, hat sich ja mittlerweile des Königs der Affen angenommen.) Tarzan, das Original des ersten Romans “Tarzan bei den Affen”, ist der Sohn von Lord Greystoke. Der wird zusammen mit seiner Frau auf einer Seereise von Meuterern an der afrikanischen Küste ausgesetzt. Beide sterben dort an einer Seuche, als ihr Baby knapp ein Jahr alt ist. Greystoke jr. wird von einer Herde Menschenaffen adoptiert. Diese Affen werden nicht näher spezifiziert, sind aber sicher keinen bekannten Art zuzuzählen. Unter dem Einfluss eines recht dominanten Weibchens ziehen sie den Jungen auf und nennen ihn “Tarzan” – was in ihrer von Burroughs erfundenen Sprache so viel wie “Weisse Haut” bedeuten soll. Tarzan muss sich im Folgenden gegen viele Gefahren und Bedrohungen durchsetzen, so auch gegen den Boss der eigenen Herde, der im Fremden eben auch immer das Fremde sieht und ihn loswerden möchte.
“Tarzan bei den Affen” ist eine Coming-of-Age-Geschichte – Entwicklungsroman und Abenteuerroman in einem. Es ist auch eine Geschichte um Heimat und um Fremde. Tarzan ist Symbol auch für den Auswanderer, der in seiner neuen Heimat nie ganz zu Hause sein wird, wie Tarzan unter den Affen nie ganz zu Hause ist, weil er halt doch eine andere Art zu leben und zu denken hat. Tarzan vertritt auch den Rückwanderer, denn als er am Ende von “Tarzan” nach England zurückkehrt und dort als Lord Greystoke lebt, ist er nicht zu Hause. Wie mancher italienischer Gastarbeiter (wie wir zugewanderte Arbeitskräfte hierzulande nennen) hat nicht dasselbe erlebt, wenn er nach 20 oder 30 Jahren in der Schweiz ein Häuschen als Alterssitz in Sizilien kaufte – und realisierte, dass sich seine Mentalität und die seiner Jugendfreunde und Alterskameraden auseinander entwickelt hatten. Kein Wunder entscheidet sich Lord Greystoke – wie so viele jener Gastarbeiter – in “Tarzans Rückkehr” in jene Fremde, Afrika, zurückzukehren, die ihm zur Heimat geworden ist.
Ich habe, um ehrlich zu sein, nur die ersten beiden der rund zwei Dutzend Bücher gelesen, die Burroughs über Tarzan verfasst hat. In späteren wird Tarzan, so viel ich weiss, ebenso in zeitgenössische, historische Ereignisse wie den Ersten Weltkrieg oder die Auseinandersetzung mit russischen Kommunisten verwickelt (und natürlich gegen sie kämpfen!), wie er andererseits immer phantastischere Abenteuer erlebt – mit Ameisenmenschen oder Reisen ins Innere der Erde, ganz à la Jules Verne. Auch Reisen in “verlorene Städte” à la Henry Rider Haggard stehen nun auf dem Programm. Das ist der trivial gewordene Tarzan, Tarzan der Kopierer.
Aber zumindest die ersten beiden Bücher um den König des Dschungels kann ich zu einer vergnüglichen und nicht allzu dümmlichen Lektüre empfehlen.