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Du II
Vor 100 Jahren ist die berühmte Schrift «Ich und Du» von Martin Buber erschienen. Der Religionsphilosoph sagt darin, dass der Mensch die Wirklichkeit in zwei verschiedenen Weisen erfahren kann: In der Ich-Es-Beziehung oder in der Ich-Du-Beziehung. Im Modus des Ich-Es nehme ich etwas wahr, indem ich es einordne oder messe. Dies geschieht etwa, wenn ich einen Baum sehe und mich frage, ob das eine Linde oder eine Buche ist und mir überlege, wie hoch er ist. Ich mache das Gegenüber hier also zu einem Objekt. Auch in der Begegnung mit Menschen gibt es das. Z.B., wenn ich den anderen als Händler sehe, dem ich etwas abkaufen will. Dann interessiert er mich nicht als «Du», sondern als Mittel zum Zweck des Kaufs.
Ganz anders sind die Ich-Du-Beziehungen. Hier erlebe ich das Gegenüber in der Vollständigkeit seines Wesens und in der Unmittelbarkeit des Jetzt. Ich ordne nichts ein an ihm, sondern lasse mich völlig auf das Ereignis der Begegnung ein. Ich lasse mich vom Gegenüber berühren und werde darin auch selbst verändert. Dies geschieht z.B. in der Liebe zwischen Menschen.
Martin Buber spricht aber auch von einem «Ewigen Du». Das ist ein «Du», welches in jeder unserer Ich-Du-Begegnungen sozusagen mitschwingt. «Die verlängerten Linien der Beziehungen schneiden sich im ewigen Du», schreibt er. Anders gesagt: Wenn immer ich einem Menschen ganz und gar begegne, erfahre ich darin auch etwas vom «Ewigen Du». Wirkliche Begegnungen sind für Buber im Innersten etwas Heiliges.
Die Lyrikerin Hilde Domin schreibt in ihrem Gedicht «Es gibt dich», von dem das Weg-Wort am 27. April handelte, die Zeile: Von einem Ruf gehalten,/ immer die gleiche Stimme,/ es scheint nur eine zu geben/ mit der alle rufen.
Ich glaube, dass diese Zeile sich auf Bubers «Ewiges Du» bezieht. Wenn ein Mensch einen andern ruft – also «du» zu ihm sagt und ihm damit Halt gibt – dann klingt in diesem Ruf die Stimme des «Ewigen Du» mit. Es ist die eine und immer gleiche Stimme des Göttlichen, die sich uns darin zuwendet.
Foto: Martin Buber, Ich und Du, Cover der Originalausgabe, Inselverlag Leipzig, 1923. Quelle: antiquariat peter petrej, Zürich