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Impulsgebendes Bild
Beim gedanklichen Emporgehen auf einer Treppe mit beidseitigem Geländer zu einer Art Galerie fällt der Blick direkt auf ein grosses, farbiges Bild in Goldrahmen. Es sind «Les Grandes Baigneuses» (Die grossen Badenden) in der National Gallery in London, seinerzeit gemalt von Paul Cézanne (1839-1906) zwischen 1894 bis 1905 – ein Thema, mit dem sich der «Vater der Moderne» über 30 Jahre auseinandersetzte. Das 136 x 191 Zentimeter grosse, berühmte Werk, mit dem der Künstler ein zeitloses, impulsgebendes Bild erschuf, hing früher zwischen weiteren Bildern von Cézanne, etwa neben dem auf der rechten Seite kaum erkennbaren «La Vieille au chapelet» (Alte Frau mit Rosenkranz) aus den Jahren 1895/ 1896.
Das Originalwerk
Das Originalwerk von Cézanne, das Pravoslav Sovak leicht umgewandelt in seine Grafik integrierte:
Zwei Personen
Von dieser Treppen-Perspektive aus lassen sich in Sovaks Grafik zwei Personen beobachten: Eine am rechten Bildrand der «Badenden» stehende, dunkel gekleidete, schlanke junge Frau im Profil mit herabhängendem Arm, die ihren Blick nach links auf ein entferntes Werk zu richten scheint sowie ein dominant die obere Treppenstufe nahe der linken Metallbrüstung einnehmender Herr mit Glatze und weissem Bart in schwarzer Kleidung, der in den vis-à-vis liegenden Raumabschnitt blickt, während seine Hände ein hochgezogenes Knie umfassen. Museumsbesucherin wie -besucher, die mit Boden und Treppe zu verschmelzen scheinen und sich vom überwiegend grauen Umfeld kaum abheben, wirken erstarrt, gedankenverloren in entgegengesetzte Raumhälften schauend. Sind sie Staffagefiguren, die in ihrer unscharfen, verwischten oder verwackelt anmutenden Wiedergabe die gesamte Aufmerksamkeit auf die bedeutenden «Baigneuses» lenken?
Sorgfältige Inszenierung
Vor unseren Augen breitet sich die gleiche Perspektive aus, die einst Pravoslav Sovak vor sich sah, als er in der National Gallery die Situation fotografierte. In diesen sogenannten «Museumsblättern», die er um Mitte der 1970er Jahre als Zyklus beginnt, widmet sich der Künstler Ausstellungs- oder Schauräumen in bedeutenden Museen. Sovak betrachtet diese Werke als «Porträtaufnahmen von Bildern» (Katalog Mannheim, PS 2016) und kombiniert diese mit auffallend schemenhaft-unscharf wiedergegebenen Personen, die scheinbar zufällig vom Künstler fotografiert sind.
In Wirklichkeit verbergen sich dahinter sorgfältig vorbereitete Inszenierungen jeweils nach Schliessung des Museums, die mit Freunden und Bekannten arrangiert wurden. Durch deren Standorte, Haltungen respektive Gesten ordnet Sovak sie den Kunstwerken in inhaltlicher wie kompositorischer Beziehung wohlüberlegt zu. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Weder die diversen dreiecksförmigen Linienführungen, die Cézannes gestufte, spannungsgeladene Bildkomposition prägt und von Sovak in (gedachten) Horizontalen, Vertikalen und Diagonalen (zwischen den Personen, zwischen Geländer und Bild oder Frau und Geländer usf.) bewusst im Cézanneschen Stil aufgegriffen und fortgesetzt werden. Noch der feine schwarze Rahmen um die gesamte Grafik, der wie ein Blick durch ein Fenster zwischen Realität und Bildebene fungiert. Oder die verblüffende physiognomische Ähnlichkeit des sitzenden Alten mit «Meister Cézanne», wie Vergleiche mit dessen Selbstporträts aus den 1890er Jahren oder einer Fotografie von 1904 in Cézannes Atelier zeigen. Pravoslav Sovak, dessen Verehrung alter Meister wie Vertreter der Klassischen Moderne in zahlreichen «Museumsblättern» zum Ausdruck kommt, schafft auf der Grundlage der arrangierten Fotografien wundervolle Grafiken von «Kulturräumen der Menschheit», die seine technische Meisterschaft ebenso widerspiegeln wie seine vielfältigen und reichen Kenntnisse der Kunstgeschichte – als Hommage und Kommentar zugleich in einem Werk vereint.