Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03375.jsonl.gz/1617

| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

SECHSTES BUCH. In welchem Sinne nennt Paulus Christus die Weisheit und Kraft Gottes? Ist etwa der Vater nur weise und stark durch die gezeugte Weisheit und Kraft? Ohne die Frage zu lösen, zeigt Augustinus die Einheit und Dreiheit der Personen. Zuletzt behandelt er die Appropriation des heiligen Hilarius, nach welcher die Ewigkeit im Vater, die Schönheit im Bilde, der Gebrauch im Geschenke ist.
9. Kapitel. Darf man jede einzelne Person oder nur alle drei Personen den wahren Gott nennen?
10. Nachdem wir nunmehr gezeigt haben, in welchem Sinne man vom Vater allein sprechen kann — in dem Sinne nämlich, daß dort in der Dreieinigkeit nur er allein Vater ist —, ist die Anschauung zu prüfen, daß der wahre Gott nicht der Vater allein sei, sondern der Vater, Sohn und Heilige Geist zusammen. Wenn nämlich jemand fragt, ob der Vater allein Gott ist, wie sollte man das verneinen? Man könnte höchstens folgende Unterscheidung machen: Der Vater sei zwar Gott, aber er sei nicht der alleinige Gott; der alleinige Gott sei Vater, Sohn und Heiliger Geist. Doch was fangen wir dann mit jenem Zeugnis des Herrn an? Er redete den Vater an, und den Vater, mit dem er sprach, hatte er genannt, als er sagte: „Das aber ist das ewige Leben, daß sie dich, den einen wahren Gott, erkennen.“1 Die Arianer erklären diese Stelle gewöhnlich in dem Sinne, daß der Sohn nicht der wahre Gott ist. Diese Anschauung ist abzulehnen. Doch muß man zusehen, ob wir in dem Worte: „damit sie dich, den einen wahren [S. 227] Gott, erkennen“, einen von Christus gewollten Hinweis darauf sehen müssen, daß auch der Vater allein wahrer Gott ist, daß wir unter Gott nicht nur die Gesamtheit vom Vater, Sohne und Heiligen Geiste verstehen dürfen. Sollen wir also nicht auf Grund des Herrenzeugnisses auch den Vater den einen wahren Gott nennen, den Sohn den einen wahren Gott und den Heiligen Geist den einen wahren Gott und den Vater, Sohn und Heiligen Geist zusammen, das heißt die ganze Dreieinigkeit, nicht drei wahre Götter, sondern den einen wahren Gott? Muß man etwa, wenn Christus hinzufügt: „Und den du gesandt hast, Jesus Christus“, heraushören: „den einen wahren Gott“? und ist die Reihenfolge der Worte diese: „Auf daß sie dich und, den du gesandt hast, den einen wahren Gott erkennen?“ Warum redete er denn nicht vom Heiligen Geiste? Etwa deshalb, weil man überall dort, wo von einer in tiefstem Frieden einer anderen anhangenden Wirklichkeit gesprochen wird, auch an eben diesen Frieden, durch den die beiden zur Einheit zusammengefügt werden, denken muß, auch wenn er nicht ausdrücklich erwähnt wird? Auch an einer anderen Stelle übergeht ja, wie es scheint, der Apostel gleichsam den Heiligen Geist, und doch muß man dabei auch an ihn denken, dort nämlich, wo er sagt: „Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes“,2 und wiederum: „Das Haupt der Frau ist der Mann, das Haupt des Mannes ist Christus, das Haupt Christi aber ist Gott.“3 Auf der anderen Seite muß man aber wieder fragen: Wenn Gott nur die Gesamtheit der drei Personen ist, wie kann dann das Haupt Christi Gott, das heißt die Dreieinigkeit sein, da Christus ja auch zur Dreieinigkeit gehört? Oder ist die Wirklichkeit, die der Vater mit dem Sohne darstellt, das Haupt der Wirklichkeit, welche der Sohn allein ist? Der Vater ist nämlich zugleich mit Christus Gott, der Sohn allein aber ist Christus; das darf man vor allem behaupten [S. 228] mit Rücksicht darauf, daß das schon Fleisch gewordene Wort spricht. Auf Grund seiner Erniedrigung ist der Vater ja auch größer, wie er sagt: „Der Vater ist größer als ich.“4 So wäre das Gottsein, das er in Einheit mit dem Vater hat, das Haupt des menschlichen Mittlers, der er allein ist.5 Wenn wir nämlich den Geist mit Recht als die Hauptwirklichkeit im Menschen bezeichnen, das heißt gleichsam als das Haupt der menschlichen Substanz, da der Mensch eben durch seinen Geist Mensch ist, warum soll dann nicht mit viel mehr Recht und viel stärkerer Betonung das Wort, das zugleich mit dem Vater Gott ist, das Haupt Christi genannt werden, wenngleich man Christus nicht ohne das Wort, das Fleisch geworden ist,6 denken kann? Wir werden jedoch diese Frage, wie ich schon andeutete, später genauer erörtern. Für den Augenblick ist die Gleichheit der Dreieinigkeit und die Einheit und Dieselbigkeit der Substanz, soweit das in dieser kurzen Form möglich war, bewiesen. Wie immer die aufgeworfene Frage, deren gründlichere und sorgfältigere Untersuchung wir aufgeschoben haben, beantwortet werden muß, nichts hindert uns, die höchste Gleichheit vom Vater, Sohne und Heiligen Geiste zu bekennen.
1: Joh. 17, 3.
2: 1 Kor. 3, 22 f.
3: 1 Kor. 11, 3.
4: Joh. 14, 28.
5: 1 Tim. 2, 5.
6: Joh. 1, 14.