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Belle-Epoque in Flammen30.07.2021 Adelboden
GESCHICHTE Er war der letzte originale Zeuge der Adelbodner Grosshotellerie aus der vorletzten Jahrhundertwende: der Hotelpalast «Nevada Palace». Vor 25 Jahren fiel er einem Brand zum Opfer.
TONI KOLLER
Im Jahr 1911 von den belgischen Gebrüdern Richert erbaut, wetteiferte das Hotel Nevada während Jahrzehnten mit Emil Gurtners «Grand Hotel» um den Rang des nobelsten Hauses am Ort. In den 1920er-Jahren leistete sich das «Nevada» sogar einen hoteleigenen Kurarzt; es war der spätere Dorfarzt Dr. Joseph von Deschwanden.
Das erste Hotel-Hallenbad
Als nach dem Zweiten Weltkrieg neben dem «Grand Hotel» weitere respektable Unterkünfte nach und nach von der Bildfläche verschwanden, blieb das luxuriöse Nevada Palace – von den Einheimischen damals meist kurz «das Palace» genannt – die unbestrittene Nummer eins unter den Adelbodner Hotels.
Die damalige Eigentümerfamilie Oestreich war tatkräftig: 1958 erweiterte sie ihren Hotelbetrieb mit dem Bau des Speise- und Unterhaltungslokals «Alte Taverne». Das stilvolle Gebäude, genial zusammengefügt aus Teilen abgebrochener alter Bauernhäuser, ist ein bis heute unveränderter Blickpunkt und ein beständiger Wert in der örtlichen Gastronomie. Eine weitere Pioniertat von Hotelier Jakob Oestreich war 1969 der Bau des ersten Hotel-Hallenbads am Ort – eine grosszügige Anlage, von welcher auch Nichthotelgäste profitierten.
Heruntergewirtschaftet
Doch Adelboden war inzwischen kein glamouröser Ferienort mehr; das Rekrutieren von zahlungskräftiger Kundschaft verlief für das Nevada Palace immer weniger erfolgreich. Und der Nachfolger in der Besitzerfamilie, Urs Jürg «Schepp» Oestreich, war nicht der Mann, um das Ruder herumzuwerfen. Der junge Hotelier gefiel zwar als charmanter Causeur, doch das anspruchsvolle Management seines Unternehmens interessierte ihn nur mässig (siehe Kasten rechts). Im Jahr 1991 verkaufte Oestreich die Liegenschaft an ein Konsortium um den lokalen Bauunternehmer Christian Burn, trennte sich von seiner Gattin und setzte sich überstürzt nach Frankreich ab. Anschliessend diente das in die Jahre gekommene, zunehmend renovationsbedürftige Haus als zweitklassige Dépendance des benachbarten Hotels Steinmattli.
Es brennt!
Das Aus für den einstigen Prunkbau folgte am Abend des 2. August 1996, als die oberen Stockwerke des Hotels niederbrannten. Dabei trug ein Hotelangestellter leichte Verletzungen davon. Die Feuerwehren von Adelboden und Frutigen verhinderten immerhin ein Übergreifen des Feuers auf die Nachbarschaft; im Rest des Hotelgebäudes entstand dabei erheblicher Wasserschaden.
Ursache des Brands könnte ein Feuerwerkskörper gewesen sein. Jedenfalls fand der zuständige Untersuchungsrichter bis zum Abschluss der Ermittlungen keine andere Erklärung – er erkannte auch keinerlei Hinweise auf Brandstiftung.
«Hotel Nevada ab Winter 1997/98 wieder offen»
So verkündete es zumindest das «Thuner Tagblatt» vom 17. Januar 1997. Tatsächlich planten die Eigentümer um Christian Burn, die zerstörten Stockwerke des Hotels für rund sieben Millionen Franken originalgetreu zu rekonstruieren. Das Viersternehaus mit seinen 70 Zimmern sollte als bescheidenerer Dreisterne-Betrieb wieder auferstehen. Doch dazu kam es nie – vielleicht weil in jener Zeit die Idee um sich griff, das Areal sei freizuhalten für ein künftiges, wesentlich ambitiöseres «Alpenbad»-Hotel.
Abbruch mit Verzögerung
Stattdessen wurde das Dorf noch jahrelang durch die hässlichen Überreste des Nevada verunziert. Nämlich bis 2001, als man die Brandruine schliesslich auf baupolizeiliche Anordnung hin entfernen liess. Seither erinnert hier endgültig nichts mehr an die Belle-Epoque-Gründerzeit des Adelbodner Tourismus. Und die Gemeinde, der das Areal längst gehört, hat die Hoffnung auf einen künftigen Hotel-Investor vorläufig aufgegeben.
«1 Apfel, 1 Franken»
Unser Autor Toni Koller arbeitete während der Sommersaison 1972 als Hilfsportier und Réceptionist im Nevada Palace. Er erlebte dabei einiges, das den langsamen Niedergang des Erstklasshauses miterklären mag:
«Eines Nachmittags erschien im mässig besetzten Hotel eine fünfköpfige belgische Familie auf Zimmersuche. Zum Vermieten war ich nicht befugt – das stand allein dem Hotelier «Schepp» Oestreich oder seiner Frau zu. Letztere war unauffindbar; der Hotelier war draussen am Tennisspielen. Also eilte ich zum Fenster und rief: ‹Hey Chef, Kundschaft wartet! Fünf Leute, mit Mercedes!› Zwischen zwei Ballwechseln keuchte er zurück: ‹Keine Zeit jetzt – die sollen in einer Stunde wieder kommen›. Da hat es mir gereicht: Ich riet den Gästen, doch anderswo abzusteigen – vielleicht im Hotel Huldi, das sei auch nicht schlecht. Was sie dann auch taten.»
«Eine reiche alte Dame aus Amerika pflegte jedes Jahr für mehrere Wochen im Nevada zu logieren. Mit ihrer Halbpension bezahlte sie auch das Frühstück – doch sie frühstückte nie. Ausser an einem einzigen Morgen: Da liess sie sich einen Apfel aufs Zimmer bringen. Bei der Abreise stand das dann auf ihrer Rechnung: 1 Apfel, Fr. 1.– Ob dieser Kleinlichkeit war die Lady so erbost, dass sie sich fortan nie mehr im Nevada Palace blicken liess.»
TONI KOLLER