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Pfarrer Sieber
Kompromisslose Hingabe
Der evangelisch-reformierte Pfarrer Ernst Sieber ist am 19. Mai im Alter von 91 Jahren verstorben.
Sieber wurde 1927 in Horgen geboren. Nach Erfahrungen als Bauernknecht in der Westschweiz studierte er in den 1950er-Jahren in Zürich Theologie. Nach einem Einsatz als Vikar in den Slums von Paris übernahm er 1956 für zehn Jahre die Kirchgemeinde Uitikon-Waldegg im Kanton Zürich und war von 1967 bis zur Pensionierung 1992 Pfarrer in Zürich-Altstetten.
Im Zürcher «Seegfrörni»-Winter 1963 scharte er erstmals Obdachlose um sich und erhielt dafür von der Stadt Zürich den Bunker am Helvetiaplatz zur Verfügung gestellt. 1971 gründete er die Zürcher Arbeitsgemeinschaft für Jugendprobleme und setzte damit früh ein erstes institutionelles Zeichen gegen das Drogenproblem. Auch als EVP-Nationalrat von 1991 bis 1995 engagierte er sich als Seelsorger an vorderster Front. Mit der breiten Unterstützung seiner Motion für ein Bundes-Drogen-Selbsthilfedorf feierte er 1995 seinen grössten politischen Erfolg. Über die Jahre entstanden diverse Einrichtungen für Randständige. Erst 1988 erhielten diese mit der Gründung der «Stiftung Sozialwerke Pfarrer Ernst Sieber» ein gemeinsames Dach.
Die rasant wachsenden Institutionen mit gegen 20 verschiedenen Stationen in der ganzen Schweiz und rund 200 Angestellten gerieten 1995 in ein schiefes Licht. Im Zentrum standen Vorwürfe zum Umgang mit Spendengeldern, die jedoch von einer unabhängigen Kommission ausgeräumt wurden. Es zeigten sich aber organisatorische Mängel. Sieber, der seine Hauptaufgabe an vorderster Front unter den Bedürftigen sah, war das Management seines Lebenswerks aus den Händen geglitten. Die Sozialwerke mit einem Jahresbudget von rund 20 Millionen Franken wurden danach breiter abgestützt. Ein neues Verwaltungskonzept brachte mehr Kontrolle und Transparenz.
Eine wichtige Rolle in Siebers Leben und Werk spielte seine Frau Sonja, mit der er acht Kinder grosszog. Für die Familie und sein Hobby Malen hatte er in den letzten Jahren etwas mehr Zeit.
Im November 2017 wurde Sieber von der Zeitschrift «Beobachter» mit dem «Lifetime Award» ausgezeichnet. Bereits 2013 wurde er von der Stadt Zürich mit dem Staatssiegel, einer silbernen Plakette mit Stadtheiligen, gewürdigt.
Text: kath.ch