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Der BambusVor langer, langer Zeit, da hat einmal ein erwachsener Schüler bei einem Meister das Leben an sich und die Weisheit des Lebens studiert. Am Ende der drei Jahre, bevor die beiden wieder auseinandergehen, stellt der Schüler dem Meister noch eine letzte bedeutsame Frage:
«Meister! Kannst du mir erklären, was das Wort ‹Hoffnung› für die Menschen bedeutet?» «Hoffnung, formuliert der Meister, «hat wohl nur derjenige, der auch in schwierigen Zeiten daran glauben kann, dass die Zukunft wieder besser wird. Allerdings braucht es dazu noch etwas anderes: Geduld.»
«Aber Meister», antwortet der Schüler, «wie soll denn eine Mutter noch Hoffnung haben, wenn ihr einziges Kind stirbt? Wo ist die Hoffnung, wenn eine grosse Liebe zwischen zwei Menschen zerbricht? Und wo ist die Hoffnung für einen Reisenden, wenn all seine Brücken nach Hause zusammenbrechen? Wo ist denn da die Hoffnung?»
Auf diese schwierigen Fragen weiss auch der Meister keine Antwort. Allerdings greift er nach einem kleinen winzigen Lederbeutel an seinem Gürtel und schenkt diesen Beutel seinem Schüler zum Abschied. «Möglicherweise wird dir der Inhalt dieses Beutels eines Tages von Nutzen sein.» Das waren seine Abschiedsworte.
Dann verlässt ihn der Schüler, um seinen weiten Weg nach Hause anzutreten. Auf seinem Weg nach Hause aber geschieht ihm ein grosses Unglück: Es ist schon Abend und finster, da stürzt er über eine senkrechte Felswand hinunter in eine verborgene kleine Schlucht. Gott sei Dank ist am Boden weiches Moos, welches seinen Fall dämpft.
Doch bei Morgengrauen muss er erkennen, dass ihn dieser Sturz zu einem Gefangenen gemacht hat: Er sitzt in einer Schlucht, umgeben von kerzengeraden und viele Meter hohen rutschigen Wänden aus Fels und Erde. All seine Kletterversuche auf den Seitenwänden scheitern kläglich und seine verzweifelten Hilferufe kann niemand hören. Mehr und mehr überfällt ihn die Angst vor seinen unentrinnbaren Tod und seinem baldigen Ende in dieser Falle.
Aber da fällt ihm der Lederbeutel seines Meisters ein. Als er diesen vorsichtig öffnet, entdeckt er darin ein kleines Samenkorn. Neugierig geworden, beschliesst er, es im Boden einzupflanzen. Bei der Suche nach einer geeigneten Stelle am Boden der Schlucht entdeckt er nach und nach eine Quelle, süsse Beeren, einige Früchte, zahlreiche Pilze und Wurzelknollen, Kräuter, …
«Wenigstens werde ich nicht verdursten und verhungern, und das Samenkorn werde ich beim Wachsen beobachten.» Gesagt getan. Das eingesetzte Korn beginnt zu keimen, und die Zeit des Wartens nimmt ihren Lauf. Er teilt sich die kostbare Nahrung gut ein, giesst und pflegt die neue Pflanze in seiner Schlucht.
Doch die Zeit vergeht nur langsam und viele Tage verbringt er einfach nur damit, in den offenen Himmel zu schauen. Als er bereits aufgehört hat, die Tage und Wochen zu zählen, beobachtet er mit Freude und Staunen, dass aus dem einstigen Samenkorn eine starke Kletterpflanze geworden ist, die über die Schlucht hinaus dem Licht entgegenwächst. Dabei schlägt sie unzählige Wurzeln in die steilen Felswände. Die Wurzeln erinnern den Mann an ein Kletternetz, das von Tag zu Tag immer stärker und stärker wird.
Als die Zeit reif ist, wagt er es schliesslich, an diesen neuen Haltegriffen aus seiner Schlucht hinauszuklettern. Oben angekommen, durchflutet ihn ein grosses Gefühl der Freiheit.
Voller Dankbarkeit beschliesst er, noch einmal zu seinem Meister zurückzukehren, um ihm alles zu erzählen und sich zu bedanken. Seine Dankesrede schliesst er mit den Worten: «Meister, Meister, dein Samenkorn allein hat mich gerettet!»
«Nun, ich gebe zu, mein Samenkorn war dir eine wertvolle Hilfe», meint der Meister, «deine Rettung aber verdankst du auch deiner eigenen Hoffnung und Geduld während dieser langen Zeit.»
Quelle des Märchen: unbekannt