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Eine Kaffeepause bei einem Jassnachmittag kann durchaus für eine kleine, belanglose Plauderei genutzt werden, zum Beispiel über das Wetter, über Essgewohnheiten von Vegetariern oder manchmal auch über die kleineren und grösseren Missgeschicke und Schwierigkeiten, die einem im Leben immer wieder begegnen. Es kann aber auch sein, dass plötzlich jemand eine Frage stellt, welche dann eine etwas längere und grundsätzliche Diskussion entfacht.
«Warum gibt es Menschen, die immer wieder ganz viel Glück haben, während bei anderen ständig alles schiefgeht?», fragt klagend eine Kollegin. «Das hat vermutlich sehr unterschiedliche Gründe», antworte ich und versuche, die Frau etwas zu beruhigen. «Weisst du», meint sie dann, «wenn ich Pech habe, frage ich mich ja manchmal schon, weshalb das Leben so ist, wie es jetzt eben ist; und manchmal stelle ich mir dabei sogar ganz grundsätzlich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Muss das alles wirklich so sein, wie es ist?» Ausführlich schildert sie nun ihre persönliche Situation, welche tatsächlich nicht gerade optimal scheint. «Was, um Himmels Willen, ist denn eigentlich der Sinn des Lebens?»
«Erwartest Du jetzt von mir eine Antwort?», frage ich sie. «Wenn Du eine Antwort hättest, so würde ich es sehr gerne wissen», sagt sie. Ich blicke auf die Uhr und stelle fest, dass der Rest des Nachmittags wohl kaum reicht, um eine so fundamental wichtige und auch schwierige Frage schlüssig und befriedigend beantworten zu können. Und einen Moment geht mir die Frage durch den Kopf, ob ich überhaupt eine Antwort hätte …
Die Frage lässt mich nicht los; den ganzen Abend, so auch auf einem Spaziergang, schwirrt mir die Frage durch den Kopf. Welchen Sinn hat das Leben? Hat es überhaupt einen Sinn? Hat es für alle Menschen den gleichen Sinn? Und: Was bedeutet der Begriff «Lebenssinn»?
Wahrscheinlich, so vermute ich, geht es beim Sinn des Lebens um das Verhältnis zwischen mir und dem Rest der Welt. Unter dem Rest der Welt verstehe ich dann eigentlich alles und jeden, ausser mir selbst: andere Menschen, sämtliche Umstände, das Universum, vielleicht auch Gott. Und bald merke ich, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens einerseits eine rein philosophische Frage ist, andererseits aber auch eine religiöse Frage sein könnte.
Klar wird mir auch, dass sich die Frage nach dem Sinn des Lebens wohl nur Menschen stellen. Darüber muss ja auch differenziert nachgedacht werden können. Würmer, Meerschweinchen oder Spatzen werden sich diese Frage ja wohl kaum stellen. Doch – so scheint mir dann plötzlich auch – könnte es ja sein, dass der Sinn des Lebens nicht zwingend erdacht, sondern vielleicht eher erfühlt werden könnte. Das würde dann heissen: Dem Sinn des Lebens könnte man vielleicht weniger durch Nachdenken auf die Spur kommen, sondern vielmehr durch Nachfühlen.
Nicht ganz unerwartet kommt das Thema «Lebenssinn» beim nächsten Spielenachmittag erneut zur Sprache. Ich werde wieder darauf angesprochen und sage dann, dass ich es – jedenfalls im Moment – nicht wisse. Ich füge noch an, dass ich mir diese Frage bereits als Kind gestellt hätte.
Immer wieder hätte ich Momente gehabt, in denen diese Frage mir wichtig schien – es habe aber auch Zeiten gegeben, in denen ich mir die Frage gar nicht stellte. Wir lassen das Thema und spielen weiter; ich merke aber, dass sich etwas in mir bewegt: Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird für mich jetzt ganz überraschend wieder einmal sehr wichtig.
Einige Tage später: Noch immer trage ich die Frage im Kopf – und ein wenig auch im Gefühl. Was ist der Sinn meines Lebens? Tröstlich ist für mich, dass ich wohl kaum der Einzige bin, der sich mit dieser Frage hin und wieder beschäftigt, um nicht zu sagen hin und wieder herumquält. Das taten viele andere auch schon.
So war der Sinn des Lebens für die Philosophen der Antike die Erlangung der Glückseligkeit. Immanuel Kant forderte, dass sich der Mensch freiwillig den Gesetzen der Moral unterwerfen solle. Dadurch könne er ein selbstbestimmtes, vernünftiges Leben führen, in dem sich immerhin eine gewisse Zufriedenheit erreichen liesse. Das sei Sinn genug. Friedrich Nietzsche sah die Aufgabe des Menschen darin, einen höher entwickelten Menschentypus hervorzubringen, den Übermenschen: «Sein Lebenszweck besteht darin, aus seinem Leben und dem Leben der Menschheit ein Kunstwerk zu formen.»
Im Buddhismus besteht der Sinn des Lebens darin, dem Kreislauf der Reinkarnationen zu entkommen, um ins Nirwana zu gelangen. Das Nirwana bedeutet «das völlige Verlöschen», was logischerweise auch das Verlöschen der Frage nach dem Sinn des Lebens beinhaltet. Gemäss christlicher Lehre besteht der Sinn des Lebens darin, die Gemeinschaft mit Gott und die der Menschen untereinander zu pflegen, während der Sinn des Lebens im Islam darin besteht, Allah zu dienen – um am Tag des Jüngsten Gerichtes dank guter Taten mit dem Eingehen in das göttliche Paradies belohnt zu werden.
Etwas pragmatischer sieht es Johnny Hart in seinem Comic «B.C.»:
Nun, das habe ich tatsächlich schon oft getan.
Was mir im Zusammenhang mit der Frage nach dem Lebenssinn auffällt, scheint mir im Moment ziemlich entscheidend zu sein:
Ich freute mich an der Musik, an der Arbeit, ich freute mich, mit anderen Menschen zusammen sein zu dürfen; ich ass, ich trank, ich spielte, ich lachte – ich stellte mir keine so fundamentalen Fragen.
Mit dem Sinn des Lebens befasste ich mich immer, wenn mich irgendetwas quälte oder nicht alles so war, wie ich es gerne gehabt hätte; in Zeiten, in denen ich mit beruflichen, persönlichen oder auch gesundheitlichen Schwierigkeiten konfrontiert war. Warum muss dies sein? Warum kann jenes nicht sein? Weshalb ist das passiert? Hat das alles einen Sinn? Und wenn ja, welchen? Was mir nachträglich auch auffällt: Wenn ich mir in schwierigen Zeiten die Frage nach dem Sinn des Lebens stellte, so ging es eigentlich nur darum, mir auf irgendwelche Art und Weise selbst Trost zu verschaffen. Unbewusst natürlich. Ich versuchte mir wohl eine Sicht des Lebens zu gestalten, die mir erträglich schien, ganz nach dem Motto: «Wenn das Leben schon nicht ganz einfach ist, wird es doch zumindest einen Sinn haben.» So viel ist mir jetzt klar.
Und was heisst das jetzt für mich? Ich sollte doch einfach darum besorgt sein, dass es mir verhältnismässig gut geht. Dann ist die Frage nach dem Sinn des Lebens für mich nämlich beantwortet.
Was ich aber auch noch weiss: Sollte mich irgendjemand in einem halben Jahr oder vielleicht noch später wieder nach dem Sinn des Lebens fragen, könnte es durchaus sein, dass die Antworten darauf anders ausfallen. Und warum? Dann werde ich wohl um diese oder jene Erfahrung reicher, ich werde älter sein, die Welt und mein Leben werden etwas anders aussehen. Und deshalb vermute ich, dass ich die Frage nach dem Sinn des Lebens wahrscheinlich nie schlüssig werde beantworten können …