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Griechische und römische Philosophie, französische, englische und schottische, italienische und spanische Aufklärung, Deutscher Idealismus oder Klassische Deutsche Philosophie - die Verbindung von Philosophie und «Nation» ist in der historiographischen Klassifikation und in der Philosophiegeschichtsschreibung ein gebräuchliches Ordnungsprinzip. Der Herausgeberschaft des grössten aktuellen philosophiehistorischen Projekts, des «Grundrisses der Geschichte der Philosophie», zu der auch der Schreibende gehört, fiel nichts Besseres ein, als die Darstellung der Philosophie der Neuzeit nach dem Nationalitätsprinzip zu gliedern. Im fünften Band zur Philosophie des 18. Jahrhunderts hat es die Schweiz sogar geschafft, auf das Titelblatt und den Schutzumschlag zu kommen: Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation (was natürlich auf dem Buchrücken keinen Platz hatte, deshalb steht dort einfach «Deutschland») - Schweiz - Nord- und Osteuropa. Letzteres wird im Band dann wieder schön nach Nationen gegliedert: Schweden, Dänemark und Norwegen, Polen, Königreich Ungarn, Russland.
Zweifellos dürfte die moderne Philosophiegeschichtsschreibung ihre Entstehung weniger ihren antiken Vorläufern wie Diogenes Laertius und seinen Epigonen wie - um einen namhaften Philosophiehistoriker des 17. Jahrhunderts zu nennen - dem Cambridger Platoniker Thomas Stanley verdanken, sondern vielmehr dem Nationalismus des 18. und 19. Jahrhunderts, der auch das Denken und die Kultur des 20. und 21. Jahrhundert nachhaltig geprägt hat und prägt.
Aus einer Perspektive, die sich der historischen Bedingtheit nationaler Kultur-, Geistes- und Philosophiegeschichte bewusst ist und ihr Rechnung trägt, erscheint beispielsweise die Rede von «italienischer Aufklärung» oder «Schweizer Philosophie» als der Sache unangemessen. Der Ausdruck «italienische Aufklärung», ja auch «Aufklärung in Italien», kann sich gar nicht auf die italienische Nation beziehen, weil es «Italien» vor dem Risorgimento des 19. Jahrhunderts gar nicht gab. Wenn man indes mit «italienisch» einen Sprach- und Kulturraum im Blick hat und bezeichnen will, wird man bei einer analogen Aussage über die Schweiz sehen, dass es zu keiner Zeit einen nationalen «Schweizer» Denk-, Sprach- und Kulturraum gab und auch nicht gibt.
Die aufmerksame Leserin, der interessierte Leser des erwähnten «Grundrisses der Geschichte der Philosophie» wird bemerken, dass im fünften Band zur Philosophie des 18. Jahrhunderts nur die Deutschschweiz behandelt wird, wobei zahlreiche wichtige «Schweizer» Philosophen gar nicht im Kapitel «Schweiz» zu finden sind. Natürlich gibt es gute Gründe dafür, den Winterthurer Johann Georg Sulzer, den Liestaler Johann Bernhard Merian oder Nicolas de Béguelin aus Courtelary im Berner Jura der «Berliner Aufklärung» zuzuordnen, denn alle drei haben in Berlin gewirkt und sind dort gestorben. Aber auch Johann Georg Zimmermann aus dem damals bernischen Brugg, den Zürcher Johann Heinrich Pestalozzi oder den Basler Isaak Iselin findet man nicht im Kapitel «Schweiz», sondern in Kontexten behandelt, in den man sie sinnvollerweise auch sucht. Und wichtige Philosophen aus der Romandie - Jean Barbeyrac aus Lausanne, Jean-Jacques Burlamaqui aus Genf, Emer de Vatter aus Couvet im Val de Travers und Jean Pierre de Crousaz aus Lausanne sowie einer der namhaftesten Denker des 18. Jahrhunderts überhaupt, der Genfer Jean-Jacques Rousseau - werden in einem ganz anderen «nationalen» Kontext behandelt, nämlich im zweiten Band der Reihe zur Philosophie des 18. Jahrhunderts, der der «französischen» Philosophie gewidmet ist.
Des langen Abschnitts kurzer Sinn - neben dem, en passant an den einen oder anderen Philosophen erinnert zu haben, auf die die «Geschichte der Philosophie in der Schweiz» auf Philosophie.ch nicht eingehen konnte: Das Nationalitätsprinzip, auch wenn es aktueller Philosophiegeschichtsschreibung noch zugrunde liegt, erweist sich, zumal in Bezug auf die Schweiz, als untauglich. Es ist daher mit Nachdruck zu dementieren. Denn es gibt so wenig eine «Schweizer Philosophie» wie es die «Schweiz» gibt: «La Suisse n’existe pas» - so das provokative Motto, unter das Ben Vautier den Schweizer Pavillon an der Weltausstellung in Sevilla stellte. Es gibt keine «Schweizer Philosophie» - es sei denn als ideologisches Konstrukt jenes Selbstbewusstseins, das Markus Wild als «Produkt der geistigen Landesverteidigung» bezeichnet hat, in deren Kontext auch die 1940 erfolgte Gründung der Schweizerischen Philosophischen Gesellschaft gehört (https://doi.org/10.1515/dzph-2019-0023). Es gibt keine Schweizer Philosophie, sondern es gibt nur Philosophie.
So weit, so gut. Aber wenn es die Schweiz nicht gibt und auch keine Schweizer Philosophie, sondern nur Philosophie: Ist dann die Rede von der «Philosophie in der Schweiz» ebenfalls inadäquat? Geht also das Projekt «Geschichte der Philosophie in der Schweiz», das Sandro Räss auf Philosophie.ch in fünf kurzen und gelungenen Essays in Angriff genommen hat, von falschen Voraussetzungen aus? Meine Antwort: Nein!
Die Begründung in gebotener Kürze: Philosophie ist, woran Hegel in der Vorrede zu den «Grundlinien der Philosophie des Rechts» erinnert, «ihre Zeit in Gedanken erfasst». Doch Philosophie ist nicht nur eine Tochter ihrer Zeit; philosophische Gedanken entstehen auch an bestimmten Orten, in konkreten politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontexten. Deren Vielfalt und Komplexität werden ausgeblendet, wenn der Raum auf die Nation reduziert. Eine historische Erforschung philosophischer Theorien und Konzepte muss deren zeitliche und räumliche Entstehungsbedingungen in geeigneter Weise Rechnung tragen und mitreflektieren. In Bezug auf den Denkraum Schweiz, in dem sich «deutsche», «französische» und «italienische» und «rätoromanische» Kulturen begegnen und austauschen, eröffnet ein solches Forschungsdesign neue Perspektiven, die jenseits des gängigen Nationalitätsprinzips liegen – exemplarisch in dieser Hinsicht die Tagung «Nel laboratorio dei moderni. La Svizzera nell’età della Riforma: teologia, ontologia e psicologia fra Germania e Italia», die im Sommer 2019 in der Villa Vigoni stattfand und an der die «Schweiz» - konkret Genf und Lausanne, Graubünden, Zürich und Basel - im Fokus stand, und zwar nicht als nationaler Ort, sondern als Drehscheibe und Brücke, als Brutstätte und Treibhaus, als Kampfplatz philosophischer Gedanken in ihren - damals vor allem konfessionell determinierten - Kontexten, aber auch, so die schöne Metapher im Tagungstitel, als «Labor», in dem mit philosophischen Ideen experimentiert wurde.
Wenn man unter diesen Kautelen von der «Schweiz», von «Philosophie in der Schweiz» oder sogar von «Schweizer Philosophie» spricht, dann ist dies legitim, solange die «Schweiz» nicht als nationales Gebilde verstanden wird und «schweizerisch» nicht als Attribut eines philosophischen Gedankens, sondern «Schweiz» als Denkraum, als Ort, an dem philosophiert wird. In diesem Sinne ermuntere ich dazu, das von Philosophie.ch lancierte Projekt «Geschichte der Philosophie in der Schweiz» weiterzuverfolgen und zu vertiefen. Wofür ich hier also mit Nachdruck plädiere, ist - in Abwandlung des Titels eines Bestsellers von Jean Ziegler aus den 1970er Jahren - la recherche historique de la philosophie suisse au-dessus de tout soupçon nationaliste.
Beitrag von Prof. Dr. Wolfgang Rother, Philosophisches Seminar der Universität Zürich