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Kinder als Goldsuchende
In Burkina Faso trägt die Goldindustrie nahezu zehn Prozent zum BIP bei. Neben der industriellen Produktion gibt es Hunderte kleingewerbliche Minen, in denen die Lokalbevölkerung Gold abbaut. Die Armut treibt die Kinder dazu, die Schule zu verlassen und unter Bedingungen zu arbeiten, die ihre Gesundheit und Sicherheit gefährden.
Es herrscht eine grosse Hitze auf dem Gelände der Goldmine, in der Hamidou* arbeitet. In dieser von Löchern übersäten Wüstenlandschaft liegen ein paar einfache Geräte am Boden herum, ein müder Esel zieht einen Karren. «Zum Graben der Löcher muss man Dynamit verwenden, damit das Gestein explodiert. Es ist eine schwierige Arbeit. Manchmal dauert es bis zu vier Jahre, bis man ein einziges Klümpchen Gold findet», erzählt der 17-jährige Hamidou.
Wie er arbeiten in Burkina Faso etwa 20’000 Kinder in Hunderten handwerklich betriebenen Goldminen. Für die meisten ist es die einzige Möglichkeit, ein bisschen Geld zu verdienen, um zu überleben. «Wenn ich diese Arbeit nicht machen würde, wäre es für mich schwierig, jeden Tag zu essen», meint Zalissa*, 16 Jahre alt, die in der gleichen Mine arbeitet.
Die Kinder steigen in Schächte wie diesen hier hinab – 60 cm breit und bis zu 80 m tief –, in der Hoffnung, das kostbare Erz zu finden.
Da diese Minen nicht staatlich geregelt sind, wird die Arbeit der Kinder dort auch nicht kontrolliert. Die Arbeitsbedingungen sind äusserst schwierig und es bestehen keinerlei Sicherheitsmassnahmen. Die Kinder helfen in allen Etappen des Goldabbaus mit, der vollständig von Hand erfolgt, und setzen dabei ihre Gesundheit, manchmal ihr Leben aufs Spiel. Einige wie Hamidou graben bis zu 80 Meter tiefe Löcher in die Erde und bringen Gesteinsbrocken zutage. «Für den Abstieg verwende ich ein Seil. Das Gerüst ist aus Holz. Manchmal bricht es und man kann hinunterfallen», erklärt er. Nicht selten kommt es zu Einstürzen.
Die nach oben geholten Gesteinsbrocken müssen auf Karren geladen, zerkleinert und gewaschen werden, um Gold daraus zu gewinnen. «Bei diesem Verfahren atmen die Kinder Staub ein und hantieren mit gefährlichen Chemikalien wie Quecksilber. Dies führt zu Atemwegserkrankungen und Hautproblemen», berichtet Birba Wendsongo, stellvertretender Koordinator des Kinderschutzprogramms in Burkina Faso.
Ein Warnsystem
Seit 2009 sind die Teams von Terre des hommes in vier informellen Minen in der Provinz von Ganzourgou präsent. In diesen Goldabbaugebieten herrschen schreckliche Lebensbedingungen. Viele werden Opfer von Gewalt und Ausbeutung.
Um Kinder in gefährlichen Situationen ausfindig zu machen, haben wir ein digitales Frühwarnsystem entwickelt. Dieses Tool für Tablets erlaubt es sogenannten Datenerfassern – Personen aus der Gemeinschaft, die wir dafür geschult haben –, die Situation der Kinder einzuschätzen und sie mit dem Spital, dem Sozialdienst oder der Polizei in Kontakt zu bringen. «Die Datenerfasser gehen durch die Minen. Sobald sie ein Kind in einer schwierigen Lage beobachten oder darüber informiert werden, gehen sie auf es zu und sprechen mit ihm. Sie erfassen es auf ihrem Tablet. Daraufhin wird automatisch eine SMS mit Informationen über das Kind und seine Situation an den Sozialdienst und alle anderen Akteure geschickt, damit sie die notwendigen Schritte unternehmen. In einigen Fällen beginnt dies damit, dem Kind zu helfen, eine Geburtsurkunde oder andere offizielle Dokumente zu erhalten, die ihm zum Beispiel ermöglichen, zur Schule zu gehen», erklärt die Projektleiterin Julienne Wanre Ouedraogo. Diese Arbeit erfolgt Hand in Hand mit der Gemeinschaft, um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen.
Ein Tdh-Datenerfasser aus der Gemeinschaft trifft auf Zalissa. Dank dem Frühwarnsystem kann er sie mit den für sie zuständigen Stellen in Kontakt bringen.
Parallel dazu treffen unsere Teams die Minenbetreibenden, um sie für die spezifischen Bedürfnisse und Rechte von Kindern zu sensibilisieren. «In mehreren Minen haben wir mit den Arbeitgebern verhandelt, dass sie den Kindern nicht mehr die gefährlichsten Tätigkeiten übertragen, wie das Hinabsteigen in die Löcher, um Gesteinsbrocken auszugraben und zutage zu fördern», bekräftigt Julienne Wanre Ouedraogo. «Jetzt kümmern sie sich eher ums Kochen oder um den Verkauf von Wasser, das sie am Brunnen holen gehen. Das ist nicht ideal, aber schon viel weniger gefährlich.»
Eine Ausbildung für die Zukunft
Die meisten Kinder, die in den Minen arbeiten, sind nie zur Schule gegangen oder haben sie sehr früh abgebrochen. Es ist vor allem das fehlende Geld, das Familien veranlasst, ihre Kinder arbeiten zu schicken. Wenn es ums Überleben geht, hat Bildung keine Priorität mehr. «Ich habe aufgehört, zur Schule zu gehen, weil es für meine Eltern notwendig war, dass ich arbeite», erklärt Hamidou.
Unsere Teams begleiten diese Kinder, damit sie sich wieder ins Schulsystem integrieren können. Tdh übernimmt die Schulkosten und stellt das Schulmaterial bereit. Ist eine Rückkehr zur Schule nicht möglich, schlagen wir den Kindern in sogenannten «Schulen der zweiten Chance» eine geeignete Ausbildung vor. «Zusätzlich zum normalen Lehrplan organisieren wir Alphabetisierungskurse und fördern digitale Kompetenzen», erklärt der Projektleiter Klena Abdoulaye Traoré. Neben diesem Nachhilfeunterricht organisieren wir Berufsausbildungen und stellen ein FabLab (Hightech-Werkstatt) zur Verfügung, damit die Jugendlichen Fähigkeiten entwickeln, die für ihre Zukunft nützlich sind.
Fünfzehn Velominuten von der Mine entfernt, in der Zalissa und Hamidou arbeiten, befindet sich das Zentrum von Tdh. Mehrere Räume sind rund um einen Innenhof angeordnet. In jedem befinden sich rund zwanzig Kinder unterschiedlichen Alters. In einem üben sich in der Mehrheit Mädchen im Umgang mit einem Computer. In einem anderen werden mit sehr einfachen Mitteln Anbautechniken unterrichtet: Eine Plastikflasche, ein Stöpsel und ein Rohr genügen, um ein Bewässerungssystem für einen Gemüsegarten anzulegen. Eine andere Gruppe lernt, wie man einen 3D-Drucker einrichtet und bedient. Dies ermöglicht den Kindern, Gegenstände zu produzieren, die sie zuvor modelliert haben, darunter auch Büromaterial wie Bleistifthalter und Lineale.
Im FabLab lernt Hamidou, einen Computer zu benutzen, und macht sich mit digitalen Tools vertraut.
«Alle Kinder sind hier willkommen. Wir nehmen uns Zeit, mit ihnen zu sprechen, um herauszufinden, was ihnen gefällt und was sie gerne machen würden, um ihnen dann eine ihnen entsprechende Ausbildung aufzuzeigen», fährt Klena Abdoulaye Traoré fort. «Das ist ein Sprungbrett für ihre berufliche Eingliederung.»
Etwa 400 Kinder konnten diese Ausbildungen bereits besuchen. Unter ihnen Hamidou, der regelmässig ins Zentrum von Tdh kommt. «Seit ich hierherkomme, bin ich seltener in der Mine.» Sein Vater meint: «Wenn man ein Kind hat, möchte man, dass es eine gute Zukunft hat. Es beruhigt mich, dass er eine Ausbildung macht, denn ich weiss, dass er etwas lernt und eine vielversprechende Zukunft haben wird.» Hamidou bestätigt dies lächelnd, fest entschlossen, seine Zukunft in die Hand zu nehmen: «Sobald ich meine Ausbildung abgeschlossen habe, kann ich die Arbeit als Goldsucher aufgeben. Ich möchte dann mein eigenes Elektronikunternehmen gründen.»
*Die Namen wurden zur Achtung der Privatsphäre geändert.