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Herr Dr. Steiger, Schönheitsklinik und Kriegsgebiet: Passen die beiden Welten überhaupt zueinander?
Ja, das tun sie. Zu Beginn meiner Karriere und während meiner ersten Einsätze habe ich noch als Unfallchirurg gearbeitet. In der Wiederherstellungschirurgie spielt Ästhetik jedoch eine grosse Rolle. Ausserdem bin ich ein Perfektionist. Um ein perfekter Wiederherstellungschirurg zu werden, musste ich auch die ästhetische Chirurgie tadellos beherrschen. Aus diesem Grund habe ich bei einem führenden Schönheitschirurgen in Brasilien eine Weiterbildung absolviert, die eigentlich drei Monate dauern sollte. Geblieben bin ich dann vier Jahre.
Wie sind Sie dazu gekommen, humanitäre Einsätze in Krisengebieten zu leisten?
Ich bekam 1994 die Anfrage vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), als Arzt in einer humanitären Mission in Ruanda teilzunehmen. Was mir nicht bewusst war zu diesem Zeitpunkt, war die Tatsache, dass sich dort gerade ein Genozid abspielte, wo über 800’000 Menschen abgeschlachtet wurden.
Die Sachen, die ich dort gesehen und miterlebt habe, liessen mich nicht mehr los. Während der sechs Monate, die ich dortgeblieben bin, habe ich gemerkt: Ich will mehr tun, ich hatte den Drang, Ordnung und Sicherheit ins Chaos bringen. Ich weiss nicht, ob dieser Wunsch durch ein posttraumatisches Stresssymptom ausgelöst wurde, aber in den letzten 25 Jahren war ich in 24 Konfliktländern.
Wie oft sind Sie im Ausland im Einsatz?
Ich bin jedes Jahr für etwa zwei bis drei Monate in einem Krisengebiet.
Wo waren Sie zuletzt?
Zuletzt war ich im Syrienkonflikt involviert. Gemeinsam mit kanadischen, englischen und Schweizer Ärzten unterstützen wir im Libanon ein Zentrum für Wiederherstellungsmedizin des IKRK, wo wir auch Leute aus der Region ausbilden. Im Syrienkrieg wurde viel medizinischen Infrastruktur zerstört.
Unsere Stiftung Swisscross arbeitet auch zusammen mit der Amerikanischen Universität in Beirut daran, medizinische Ausbildungsmöglichkeiten für Teilnehmer aus den regionalen Konfliktgebieten zu schaffen. Wir alle zusammen versuchen, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Die Lokalen beherrschen die Landesprache, kennen die Kultur und sind bereits nach ein paar Jahren so gut ausgebildet, dass ich sie ohne Weiteres auch in meiner Klinik in Zürich anstellen würde.
Welche Eingriffe führen Sie in Kriegsgebieten am häufigsten durch?
Verbrennungen, Kieferverletzungen, schlecht heilende Wunden, schwere Verletzungen im Gesicht und an den Händen. Da viele Verletze nicht sofort eine angemessene medizinische Versorgung erhalten oder sich gar selber behandeln müssen, werden sie rasch zu komplizierten Wiederherstellungsfällen.
Zum Vergleich: Welche Operationen kommen in Ihrer Klinik in der Schweiz am meisten vor?
Gesichtsoperationen wie Facelifts, Brustoperationen, Fettabsaugen etc. Meine Patienten in der Schweiz finanzieren übrigens einen Teil unsere Stiftung Swisscross, da circa 18 bis 20 Prozent der Einnahmen durch Schönheitsoperationen in die Behandlung von Kriegsopfern fliessen.
Wie kommen die Patienten in den Krisengebieten zu Ihnen?
Sie finden uns. Häufig geschieht das über Mund-zu-Mund-Propaganda. Auch wissen viele Taxi- und Ambulanzfahrer von unserer Klinik. Eins- bis zweimal pro Monat findet ausserdem eine Sprechstunde in einem Flüchtlingslager statt. An diesen Tagen sehen wir jeweils etwa 100 bis 200 Patienten.
Wer finanziert die Eingriffe?
Der grösste Teil stammt von internationalen Organisationen wie dem IKRK.
Wie bereiten Sie sich auf den Einsatz vor?
Mental bereite ich mich nie auf einen Einsatz vor. Es kommt sowieso immer anders. Meine 25-jährige Erfahrung hilft mir, das Beste aus jeder Situation zu machen.
Wie kann man sich die Operationsbedingungen im Kriegsgebiet vorstellen?
Stellen Sie sich ein Schweizer Spital vor. Nach einem Erdbeben und in Flammen. Alles ist komplett improvisiert. Ich habe auch schon in Schulhäusern, Kellern oder in unterirdischen Garagen operiert.
Sie haben die Stiftung Swisscross mitbegründet. Was ist deren Ziel?
Swisscross ist neutral, unparteiisch und unabhängig. Wir möchten den Zugang zu Patienten in Kriegsgebieten verbessern und eine minimale, aber gute Medizin ermöglichen, die dem internationalen Standard entspricht. Wir wollen keine armselige Medizin für ‘armselige’ Menschen. Deshalb setzen wir unseren Ausbildungsschwerpunkt in die lokalen Ärzte und Pfleger.
Unser Ziel ist es, dass wir uns nach fünf bis zehn Jahren komplett zurückziehen können. Wir bilden eine Gemeinschaft von medizinischen Helfern vor Ort aus, die sich gegenseitig unterstützen und helfen. Ausserdem setzen wir auf die Digitalisierung: Wir sind daran, eine spezielle App zu entwickeln, in der es beispielsweise einem syrischen Arzt mittels hochgeladener Bilder möglich ist, einem erfahreneren Mediziner irgendwo auf der Welt nach seinem Rat und seiner Meinung zu fragen, ohne dass private Patientendaten öffentlich sichtbar werden.
Unsere Erfahrungen und unser Wissen werden zudem in der Amerikanischen Universität Beirut für spätere Generationen archiviert.
Welche Eigenschaften sollte Ihrer Meinung nach ein Arzt mitbringen, der sich in einem Kriegsgebiet engagieren möchte?
Generell nehme ich für unser Libanon-Projekt keine jungen Ärzte in mein Team auf, da sie noch zu unerfahren sind und meistens in einer medizinischen Fachrichtung hoch spezialisiert sind. Ein allgemeiner Kriegsarzt muss jedoch alles können und das dazu auf einem sehr hohen Niveau. Diese Kenntnisse und Fähigkeiten haben nur wenige.
Nach drei Monaten Einsatz: Wie kommen Sie wieder in Ihrem Leben in der Schweiz an?
Ich schliesse die Tür hinter mir. Ich gehe wie von einem Zimmer ins andere. In der Schweiz habe ich eine Familie, für die ich verantwortlich bin. Ich sage mir: Es ist nicht mein Krieg und ich kann ihn nicht allein lösen. Mir ist bewusst, dass meine Arbeit nur ein Tropfen auf dem heissen Stein ist. Dennoch stehen meine Kollegen und ich nicht nur für medizinische Versorgung. Mitten im Krieg zeigen wir den Opfern, dass ihr Schicksal uns nicht egal ist.