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Wenn man andere öffentlich korrigiert, sollte man besonders sorgfältig sein. Umso mehr, wenn man behauptet, Fakten zu bringen, die blosse Meinungen widerlegen. Dass man sich aber auf die Behauptung, faktengerecht zu argumentieren, nicht immer verlassen kann, zeigt das folgende Beispiel einer in einer Zeitung publizierten Leserbriefkontroverse um die Bewertung von Kernenergie gegenüber Erneuerbaren Energien.
Am 28. März schreibt SP-Grossrat David Burgherr eine Replik auf einen Leserbrief von Didi
Bugmann, in der er diesem vorhält „Sie verteidigen Ihre vorgefasste Meinung gegen Fakten, die Sie verunsichern könnten". Als solch vorgefasste Meinung versteht er offenbar Bugmanns Satz über die Erneuerbaren Energien „Leider reichen die paar Prozent nicht einmal für die grüne Bevölkerung aus!" Burgherrs Antwort darauf: „Der Anteil des Solarstroms an der Gesamtproduktion liegt weltweit um ein Vielfaches höher als in der Schweiz. Heute wird weltweit mehr Solar- als Atomstrom produziert".
Dies lässt sich nachprüfen. Es erfordert die Konsultation einer Statistik der Weltenergie. Ich nehme „BP Statistical Review" von 2017. Und darin das Vergleichsjahr 2016. In Millionen Tonnen Erdöläquivalent beträgt die Gesamtenergie weltweit 13'276, davon 75 aus Solar- und 592 aus Nuklearanlagen. Also 0.6 Prozent Sonnen- und 4.5 Prozent Atomstrom. Die Aussage Burgherrs, dass mehr Solar- als Atomstrom produziert werde, ist also katastrophal falsch!
Wie kann so etwas passieren? Es zeigt sich hier ein fataler Irrtum, der immer wieder bei Diskussionen über die Effizienz von Solarstrom auftaucht. In der Quelle, die David Burgherr - lobenswerterweise - für seine Fakten angibt, findet sich des Rätsels Lösung: In dem zitierten Presseartikel «Wind- und Solarenergie überholen Atomkraft» heisst es etwas versteckt im Untertitel: „Inzwischen gibt es weltweit mehr installierte Wind- und Solarkraft als Atomenergie." Ja und dieser Satz ist richtig!
Wenn sie jetzt verwirrt sind, ist das mehr als verständlich, denn es ist allein das Wörtchen „installiert", das den Unterschied ausmacht. Unter installierter Leistung muss man sich das Potential vorstellen, das eine Produktionsanlage hat. Entscheidend ist aber, wie viele Stunden pro Jahr die Anlage dieses Potential in tatsächlich geleistete Arbeit umsetzen kann. Und da unterscheidet sich ein Kernkraftwerk, das Tag und Nacht läuft, fundamental von einer Solaranlage, die nachts überhaupt nichts bringt und auch tagsüber oft nur sehr bescheiden liefert. Diese als Arbeitsauslastung pro Jahr bezeichnete Grösse liegt in der Schweiz bei einem Kernkraftwerk über 90 Prozent, bei Solaranlagen aber nur bei 10 Prozent. Mit anderen Worten: Bei gleicher installierter Leistung ist von einem Kernkraftwerk in diesem Zeitraum etwa neun Mal mehr Strom zu erwarten.
Aber auch dieser Vergleich von Jahresdurchschnittswerten zeigt noch immer nicht das ganze Problem der Solarenergie: Wenn nämlich an kurzen Wintertagen mit dichter Nebeldecke und Schnee auf den Panels ihre Tagesleistung gegen Null tendiert, verschlechtert sich das Verhältnis zum Ertrag aus Kernkraftwerken nochmals dramatisch. Notabene in einer Jahreszeit, wo am meisten Strom verbraucht wird.
Wer also Installierte Leistung und tatsächlichen Stromertrag bei der Sonnenenergie gleichsetzt, hat entweder keine Ahnung von den physikalischen Gesetzen dieser Produktionsart oder weicht einer Klärung absichtlich aus, weil er irgendwelche Absichten verfolgt. Herr Burgherr ist aber nicht der einzige, dem das passiert: Schon der von ihm gewählten Referenzartikel zeigt, wie man mit Suggestivtiteln eine Botschaft vermitteln kann, die völlig irreführend ist.
Ja, und übrigens ist Herrn Bugmanns „Meinung", dass die paar Prozent der Erneuerbaren nicht einmal für die grüne Bevölkerung reiche, nicht nur in der Schweiz, sondern auch weltweit ein Fakt: laut BP machen alle Erneuerbaren 2016 nur 3.2 Prozent aus.
Wie soll man da noch entscheiden können, was wahr oder falsch ist?