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| Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)

Buch V.
6.
Die Lehren aller Denker bei Griechen und Barbaren in bezug auf das Göttliche und die Weltschöpfung dürften mit viel Sorgfalt in den vier vorausgegangenen Büchern behandelt worden sein; da ich dabei auch ihre mehr abseits liegenden Arbeiten nicht überging, habe ich eine für den Leser interessante Arbeit geleistet und viele zu wissenschaftlichem Streben und sicherer Wahrheitserkenntnis gebracht. Nun heißt es, an die Widerlegung der Irrlehren gehen; die vorhergehenden Untersuchungen dienen auch schon diesem Zweck; denn von den Alten gingen die Sektenstifter aus und setzten wie Trödler deren Irrtümer nach eigener Phantasie als neue Errungenschaft denen vor, die [S. 89] der Täuschung zugänglich waren, wie wir im folgenden zeigen werden. Es drängt die Zeit, an die Behandlung des Themas zu gehen und mit denen zu beginnen, die sich unterfingen, die Schlange, die Urheberin des Irrtums, mit Worten, die sie selbst erfand, zu feiern. Die ersten Priester und die Hauptvertreter dieser Lehre waren die sogenannten Naassener; sie heißen so nach dem hebräischen „Naas“, Schlange. Später nannten sie sich Gnostiker1, da sie behaupteten, allein die Tiefen (der Weisheit) zu kennen. Von ihnen zweigten viele ab, und die einheitliche Irrlehre wurde vielspältig, indem mit verschiedenen Worten dasselbe dargelegt wurde, wie sich im Verlauf der Erörterung zeigen wird. Als (Prinzip)2 des Alls verehren sie den „Menschen“3 und den „Menschensohn“. Dieser Mensch ist mannweiblich; sie nennen ihn Adam; es gibt viele mannigfaltige Loblieder auf ihn; diese Loblieder lauten kurz gefaßt ungefähr so: „Von dir Vater und durch dich Mutter, die zwei unsterblichen Namen, der Welten Eltern, du Himmelsbürger, hochgepriesener Mensch.“ Sie nehmen in bezug auf ihn, wie in bezug auf Geryones, eine Dreiteilung an. Denn an ihm, sagen sie, ist ein rationeller, ein psychischer und ein stofflicher Teil. Sie glauben, ihn zu erkennen sei der Anfang der Gotteserkenntnis und sagen: „Anfang der Vollkommenheit —Kenntnis des Menschen, Gotteserkenntnis — vollkommene Vollendung.“ All dies aber, das Rationelle, das Psychische und das Stoffliche ist vereint auf einen Menschen, Jesus, den Sohn Mariens, herabgekommen. Und diese drei Menschen sprachen zugleich, jeder aus seinem eigenen Wesen heraus, zu den Seinigen. Denn es gibt dreierlei Wesen im Weltall: engelhafte, psychische, stoffliche, und drei Kirchen: die engelhafte, die psychische und die stoffliche; ihre Namen sind: die Auserwählte, die Berufene und die Gefangene.
1: Wissende.
2: Cruice.
3: Anthropos.