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Die Schweiz verfügt über eine sehr gute und leistungsfähige Volksschule
Zuerst möchte ich mich bei Ihnen für die Einladung bedanken – auch wenn man nicht gerade von einem Heimspiel sprechen kann. Aber ich habe ihre Einladung angenommen, weil ich es gut finde, dass sich…
Prof. Dr. Walter Bircher, Rektor PH Zürich
Zuerst möchte ich mich bei Ihnen für die Einladung bedanken – auch wenn man nicht gerade von einem Heimspiel sprechen kann. Aber ich habe ihre Einladung angenommen, weil ich es gut finde, dass sich die grösste Partei der Schweiz mit Bildung im Allgemeinen und der Volksschule im Speziellen befasst. Ich bin davon überzeugt, dass die Schweiz über eine sehr gute und leistungsfähige Volksschule verfügt. Trotzdem ist es berechtigt, auf Herausforderungen aufmerksam zu machen und offene Fragen zu thematisieren. Ich bin heute da, weil ich der Meinung bin, dass die Beurteilung der aktuellen Situation der Schule und der Lehrerbildung objektiv und konstruktiv erfolgen soll. Lassen Sie mich auf einige Punkte Ihres Bildungsberichts eingehen:
1. „Es bestehen Defizite in der Muttersprache Deutsch und in Mathematik.“
Die von den Lehrmeistern festgestellten Defizite in Deutsch beziehen sich in erster Linie auf die Rechtschreibung und Grammatik. Hier ist die Volksschule gefordert. Dabei gilt es, den Lehrpersonen Mittel und Kompetenzen insbesondere im Bereich «Deutsch als Zweitsprache» bereitzustellen, um die entsprechenden Schülerinnen und Schüler gezielt zu fördern.
Demgegenüber zeigen Untersuchungen, dass bei Kindern mit Muttersprache Deutsch in den letzten 30 Jahren die Ausdrucksfähigkeit und der Wortschatz zugenommen haben und sich die Rechtschreibekompetenz nicht wesentlich verändert hat. Gestiegen sind als Folge der elektronischen Medien auch die Kenntnis und die Verwendung von Anglizismen.
Defizite in Mathematik basieren häufig auf Defiziten in der Sprachbeherrschung – Mathematik verstehen und anwenden bedingt das Beherrschen der Sprache. Jugendliche, welche in der Oberstufe in Mathematik das Niveau der Mittelstufe knapp erreicht haben, können kaum eine Lehre mit Erfolg bestehen. Um diesen Jugendlichen die Chance für eine erfolgreiche Lehre zu geben, müssen allfällige Defizite in Mathematik und Deutsch im Rahmen der obligatorischen Schulzeit behoben werden. Dies kann nur dann erfolgen, wenn die Lehrperson die entsprechenden Kompetenzen und Unterstützung erhält, solche Jugendliche von anderen Fächern wie z.B. Fremdsprachen zu dispensieren und entsprechend die Lektionenzahl in den notwendigen Fächern nach Bedarf zu erhöhen.
2. „Durch die Lehrmittel und Methodenfreiheit wird der Frontalunterricht verunglimpft.“
Im Schulalltag gibt es innerhalb der Klassen grosse Leistungsunterschiede. Diese Erfahrung habe ich erst kürzlich gemacht: Im Januar habe ich einen Primarlehrer in seiner 4. Klasse im Kanton Zürich vertreten, da er in dieser Zeit eine Weiterbildung an der PH Zürich besuchte. Seine Klasse zählt 22 Schülerinnen und Schüler und auch hier traf ich auf sehr grosse Leistungsunterschiede. Um einfache Ziele zu erreichen, musste ich daher differenzierte Lehr- und Lernmethoden einsetzen und auch individuelle Aufgaben stellen.
Meine Erfahrung widerspiegelt den Alltag der Lehrerinnen und Lehrer: Deren Herausforderung besteht darin, in Anbetracht des zum Teil sehr unterschiedlichen Leistungsstandes einer Klasse und der gesetzten Ziele die beste zielführende Methode zu wählen. Dabei hat auch der Frontalunterricht einen festen Platz: Eine spannende Erzählung oder ein gut visualisierter Vortrag schulen die Konzentration und das Vorstellungsvermögen, zusätzlich führt der Frontalunterricht zu einem gemeinsamen Lernerlebnis. Die Methodenvielfalt kommt nicht nur den leistungsschwachen, sondern auch den leistungsstarken Kindern zugute.
3. „Reformitis verdrängt Bewährtes: Vor einer zweiten Fremdsprache sollen Lücken im Basiswissen geschlossen werden. Zudem verdrängt das Lustprinzip zusehends die Leistungsförderung.“
Wie Sie sehen, plädiere auch ich für starke Kompetenzen in Deutsch und Mathematik. Dennoch: Lehrlinge kommen nicht mehr um Englischkompetenzen herum. Die Einführung des Sprachunterrichtes in Englisch ist eine logische Konsequenz aus der Tatsache, dass diese Sprache unsere Berufswelt und unsere Gesellschaft immer weiter durchdringt. Die Reformen im Bildungswesen mögen von aussen als «Reformitis» wahr-genommen werden, tatsächlich sind sie aber das Ergebnis von Anpassungen an veränderte Ansprüche der Wirtschaft und gesellschaftlicher Forderungen. So ist auch das Prinzip des selbstorganisierten Lernens keine Laune von abgehobenen Bildungstechnokraten. Vielmehr werden so Kompetenzen vermittelt, auf der Basis von vorhandenen Fragestellungen eigen-ständige Lösungen zu entwickeln, um dadurch die Fähigkeit zu erwerben, eigenständig zu urteilen und entscheiden zu können. Auch dies ist eine Antwort auf immer komplexere Anforderungen der Berufswelt und der Gesellschaft. Doch auch hier gilt: Ein Methodenprimat zu fordern ist Unsinn, die Wahl einer Unterrichts-methode ist die Konsequenz aus der Analyse verschiedener Faktoren, welche guten Unterricht ausmachen.
4. „Die Abschaffung Klassenlehrerausbildung durch die PH war ein Fehler.“
Lassen Sie mich eines klarstellen: Die Bedeutung der Klassenlehrperson wurde nie in Frage gestellt, Klassenlehrpersonen werden auch nicht abgeschafft. Die Funktion des Klassenlehrers oder der Klassenlehrerin ist an die tägliche und mehrere Stunden umfassende Präsenz der Lehrperson in der eigenen Klasse gebunden. Dass heute mehrere Personen in einer Klasse unterrichten, ist nicht die Folge der Einführung von Fächergruppenlehrpersonen, sondern vielmehr der Tatsache, dass sich der Anteil an Lehrpersonen mit einem Teilzeitpensum massiv erhöht hat. Dadurch unterrichten an einer Klasse mehrere Lehrpersonen.
Wir an der PH Zürich verfolgen den Anspruch, dass sich angehende Lehrpersonen in der Grundausbildung auf jene 7 – 9 Fächer von insgesamt 11 Fächern spezialisieren können, zu denen sie einen unproblematischen Zugang haben. Es liegt auf der Hand, dass eine Lehrperson, die keinen Ton singen kann und keinerlei Rhythmusgefühl besitzt, kaum einen ansprechenden Singunterricht gestalten kann. Wir ermöglichen Berufs-einsteigern heute jederzeit, mit moderatem Aufwand die Lehrbefähigung für zusätzliche Fächer zu erwerben und damit die Einsatzbreite im Berufsfeld zu erhöhen.
5. „Der Lehrberuf ist kein akademischer Beruf, die Ausbildung an den PH ist zu theorielastig.“
Beim Vorwurf der Theorielastigkeit handelt es sich um einen Irrtum: Seit es die institutionalisierte Lehrerbildung gibt, war der Praxisanteil in der Ausbildung noch nie so hoch wie heute. So beträgt der Anteil an berufspraktischer Ausbildung zum Beispiel an der PH Zürich zwischen 20 Prozent (auf Stufe Sek1) und 27 Pro-zent (auf Stufe Vorschule bzw. Primarstufe).
Die Vernetzung von theoretischem Grundwissen mit Erfahrungen in der Praxis wird in der Lehrerbildung systematisch vom ersten Tag an in der Ausbildung aufgebaut. Am Ende der jeweiligen Praxisphase zieht der Student oder die Studentin zusammen mit einem erfahrenen Praktiker und einem Mentor Bilanz, überprüft die Erreichung der Ziele und legt die Aspekte fest, die dann in der folgenden Praxisphase erreicht werden müssen. Die am Ende der Ausbildung geforderten Ziele sind somit transparent definiert. Ein solch systematischer Aufbau wurde noch in keiner vorangehenden Ausbildung angewendet. Dieses Kompetenzmodell der PH Zürich wurde im Jahr 2012 extern evaluiert und erhielt eine gute bis sehr gute Beurteilung. An anderen Pädagogischen Hochschulen werden ähnliche Modelle eingesetzt – man kann daher objektiv sicher nicht von Praxisfeindlichkeit sprechen.
Das duale Berufsausbildungsmodell in der Schweiz wird weltweit und auch von der SVP zurecht als Erfolgs-modell bezeichnet. Die Kombination von schulischer Berufsausbildung mit praktischer Ausbildung im Beruf gewährleistet eine kohärente Vernetzung von theoretischem Wissen mit praktischer Erfahrung. Genau dieses duale Ausbildungsmodell wenden wir heute in der Lehrerbildung auch an. Dabei ist diese Kooperation mit der Praxis sehr erfolgreich: Die PH Zürich verfügt gegenwärtig über 2000 amtierende Lehrpersonen, die mit ihr zusammen die Praxisausbildung gestalten.
Fazit.
Für einen konstruktiven und sachlichen Diskurs über die Stärken und Schwächen der Volksschule und der Lehrerbildung ist es wichtig, genau hinzuschauen und die Diskussion fair zu führen.
In diesem Sinne danke ich der SVP für ihr Engagement zugunsten einer zukunftsfähigen und attraktiven Volksschule.