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Erstmals in der Schweiz wird im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen HVM die monografische Einzelausstellung mit mehr als 60 Schwarzweissbildern von Tina Modotti (1896–1942) gezeigt. Die temperamentvolle Italienerin zählt zu den wichtigsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Sie war eine schillernde Persönlichkeit, Antifaschistin, schön von Gestalt, künstlerisch hochbegabt und zeitlebens sozial und politisch aktiv.
Der liegende Akt von Edward Weston aus dem Jahr 1924 gehört zu den besten des Genres der künstlerischen Aktfotografie des 20. Jahrhunderts. Auf der «Azotea», dem flachen Dach ihres Hauses in Mexiko, stand Tina Modotti ihrem Lehrmeister und Geliebten Modell. Vom Licht der mexikanischen Mittagssonne beschienen, auf dem harten Steinplattenboden liegend, zeigt sie ihren wohlgeformten Körper und posiert mit hohlem Kreuz, die Hände in der Wölbung darunter versteckt. Besonders schön kommen so ihre Brüste zur Geltung, der Bauch ist flach gespannt, die leicht hervorstehenden Rippen lenken den Blick in einer weichen Linie zur schlanken Taille und zum Schamhügel. Selbstbewusst, den Kopf mit geschlossenen Augen zur Seite geneigt, geniesst die sinnliche Frau die Situation im Vertrauen auf die fotografischen Fähigkeiten des Mannes hinter der Kamera.
Die Aktaufnahme (links unten) von Edward Weston, eine Fotoikone aus dem Jahre 1924, wurde von den St. Galler Behörden verboten. Es musste schnell eine Alternativlösung (rechts) produziert werden
90 Jahre nach der Entstehung der herausragenden Aktstudie wurde ebendiese von den St. Gallen Stadtbehörden für eine Publikation des Ausstellungsplakats mit der Begründung verboten, es handle sich um eine sexistische Aufnahme. Die Empörung der Leserschaft der Facebook-Seite einer der grössten Schweizer Zeitungen, die von dem Vorfall berichtete, liess nicht auf sich warten. Schon einmal hatte das Bild für Schlagzeilen gesorgt. Im Jahr 1929 verwendete die Skandalpresse Mexicos die Aktfotografie zusammen mit anderen in einer politischen Hetzkampagne gegen Modotti. Am 10. Januar 1929 wurde ihre grösste Liebe, der kubanische Revolutionär Julio Antonio Mella in ihrer Anwesenheit im Auftrag des Diktators Gerardo Machado auf offener Strasse erschossen. Die Ermittler versuchten, den politisch motivierten Mord als Beziehungsdelikt mit Modotti als Mitschuldige darzustellen, beschlagnahmten in ihrer Wohnung die privaten Fotografien und liessen diese im Excelsior «anonym» als sogenannte Beweismittel mit dem Ziel publizieren, die Fotografin als unanständige Person zu verunglimpfen. Es bedurfte schliesslich des Machtwortes von Diego Rivera. In dessen Protesterklärung war zu lesen: «…Man kann unmöglich hinnehmen, dass ein Akt als unmoralisch bezeichnet wird; wäre dies so, müssten fünfzig Prozent der grössten Kunstwerke der Welt verurteilt werden …».
Kuratorin Isabella Studer-Geisser hat neben berühmten Ikonen auch weniger bekannte Bilder von Tina Modotti nach St. Gallen gebracht (Foto: Monica Boirar)
Wer war Tina Modotti? Der Kuratorin der Ausstellung, Isabella Studer-Geisser, war es ein Anliegen, den Fokus auch auf die wenig bekannte und erforschte Kindheit der Fotografin zu lenken. Die 1896 in Udine geborene Italienerin ist in ärmsten Verhältnissen aufgewachsen. Ohne ihren Onkel, Pietro Modotti, einem Pionier der Udineser Fotografie, gäbe es die im Studio inszenierten Fotos der kleinen Tina, ihren fünf Geschwistern und ihrer Mutter nicht; ein fotografisches Porträt als Carte de Visite konnte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts einzig das wohlhabende Bürgertum leisten. Tinissima, wie sie ihre Mutter liebevoll nannte, kannte den Kampf ums nackte Überleben, wusste, was Hungern heisst. Als 12-Jährige arbeitete sie in einer Textilfabrik; Kinderarbeit war damals in ganz Europa nicht nur in Italien gang und gäbe. Ihr Vater Giuseppe Modotti, in der Arbeiterbewegung aktiv, träumte wie viele andere von einem besseren Leben. 1905 emigrierte er mit der ältesten Tochter Mercedes nach Amerika; 1913 konnte Tina den beiden nach San Franzisco folgen, arbeitete wiederum in einer Textilfabrik und trat in der Freizeit gemeinsam mit Vater Giuseppe im Wohnviertel der italienischen Einwanderer, «little Italy» genannt, als Laientheaterdarstellerin auf.
Tina Modotti, Schreibmaschine 1928
Aus der Enge der italienischen Enklave entfloh sie durch die Heirat mit ihrem ersten Mann, dem Künstler «Robo» nach Los Angeles. Im Kontakt mit der intellektuellen und künstlerischen Avantgarde Amerikas, wurde Modotti bald ein Teil derselben. 1920 entdeckte Hollywood ihr schauspielerisches Talent. Die ihr zugetragenen absurde Rollen als exotischer Vamp, als «femme fatale» behagten ihr ebenso wenig wie die Art und Weise, wie man sie in der Filmindustrie auf ihre äussere Schönheit reduzierte. In nur gerade drei Stummfilmen, wovon «The Tigers Eye» der bekannteste ist, wirkte sie mit. Nach dem Tod Ihres Ehemanns am 9. Februar 1922 in Mexico, emigrierte Modotti 1923 selbst in das Land der grossen Revolutionen und Umbrüche, dem Paradies für Kreative, Anziehungspunkt für viele amerikanische Intellektuelle. Im warmen, südländischen Klima, in der Architektur, der Mentalität der Menschen, ihren italienischen Wurzeln nicht unähnlich, fand die junge Frau eine zweite Heimat. Mitte der 1920er Jahre wurde die Fotografin bekennende Kommunistin und Antifaschistin, arbeitete für die Zeitung «El Machete» und konnte erste Fotografien publizieren und ausstellen. Sie blieb in Mexiko, als ihr Lehrmeister Edward Weston im Dezember 1926 mit seinem ältesten Sohn Chandler nach Amerika zu seiner Frau und den drei kleinen Kindern zurückkehrte.
Tina Modotti, Frau aus Tehuantepec, 1929
Auf der Bühne ihres Lebens wollte Modotti die Rollen selber wählen, die sie zu spielen bereit war und musste im Verlauf ihrer dramatischen Vita mehrfach erleben, wie ihr übelste Charakterrollen wie die einer Terroristin, einer Bombenlegerin, einer rastlosten kommunistischen Agitatorin unterstellt wurden, die sie nie war. Sogar nach ihrem Tod 1942 wurde sie diffamiert. Erst ein Gedicht von Pablo Neruda, einem ihrer Freunde, brachte die sensationsgierige Presse zum Schweigen.
Tina Modotti, Kloster von Tepoztlan, 1924
Weniger als zehn Jahre hat Modotti aktiv als Berufsfotografin gearbeitet, zuerst mit einer Korona, dann mit einer Graflex, anfänglich ganz dem Stil ihres Lehrmeisters verpflichtet, formalästhetisch brillante Aufnahmen mit bis zum Bildrand hin perfekt durchkomponierten Linienführungen und Proportionen; ihre ersten Motive waren ihre Lieblingsblumen, die Calle, Rosen, Kakteen, Telegrafendrähte und architektonische Details der Stadt; bald schon zog es Modotti, von einem zutiefst humanitären Bewusstsein geprägt, zu den Menschen. Mit der Kamera hielt sie das Elend der Kinder und Arbeiter und immer wieder Hände mit ihrer starken Ausdruckskraft im Sinne einer sozialdokumentarischen Fotografie fest. Diejenigen eines Puppenspielers, 1929 aufgenommen, stellen eine ihrer Ikonen dar. Allein der enge Bildausschnitt, reduziert auf die am Fadenkreuz der Marionette arbeitenden Finger, lädt die Fotografie politisch auf. Von der Oberflächendarstellung hin zu tieferen Bedeutungsschichten und möglichen Assoziationen lassen sich gesellschaftskritische Fragen an die Fotografie stellen. Wer zieht hier die Fäden? Welche Marionetten werden zum Tanzen gebracht?
Tina Modotti, Telegrafendrähte Mexiko, 1924
Eng kadriert sind auch die Bilder stillender Mütter und ihrer Babys und die Porträts der Frauen aus Tehuantepec, stolz wie sie selbst, zumeist aus einer leichten Untersicht aufgenommen. In den politischen Stillleben aus dem Jahr 1929 zeigt sich schliesslich, nach wenigen Jahren kontinuierlichen Arbeitens, eine verblüffende Meisterschaft. Berühmt wurde der Bildausschnitt mit der Schreibmaschine von Mella – ein Text von Trotzki ziert das eingespannte Blatt Papier. Vielleicht Modottis herausragendste Arbeiten sind die späten Stillleben mit den symbolisch aufgeladenen Requisiten als visualisiertes Elixier der Revolution. So liegen beispielsweise auf einer Mexikanischen Schilfmappe die Gitarre als Begleitinstrument der Volkslieder, der Patronengurt für den Kampf im bewaffneten Widerstand und die Sichel, das Werkzeug der Bauern, Teil des Sinnbildes des Kommunismus.
Tina Modotti, Lilien, 1925
Die Revolution wurde zerschlagen. Nach einem Attentat auf den neu gewählten Präsidenten Pascal Ortís Rubio wird die Emigrantin Modotti nach 13-tägiger Haft am 24. Februar 1929 des Landes verwiesen und ist Zeit ihres Lebens auf der schwarzen Liste der Kommunisten vermerkt. Auch für eine Aufenthaltsbewilligung in Amerika hätte die Witwe eines Amerikaners jeder politischen Aktivität abschwören müssen, wozu sie nicht gewillt war. In Berlin fand Modotti 1930 den Anschluss an die dortige Fotografie nicht. Nur wenige Aufnahmen sind entstanden. Die verschriene Kommunistin war die Arbeit mit grossformatigen Kameras gewohnt. Die Technik der schnellen, kleinen Leica Sucherkamera hätte sie erst erlernen müssen. Doch dazu war Deutschland mit seinem aufkommenden Faschismus nicht der richtige Ort. Moskau blieb als einziges mögliches Domizil übrig. Mitte der 1930er Jahre gelang es ihr, sich als aktive Helferin im spanischen Bürgerkrieg vom dogmatischen Führungsstil der Stalinisten zu befreien. Für die Internationale Rote Hilfe kümmerte sie sich als «Maria» um die Unterkunft der vielen verletzten Widerstandskämpfer. Hier übernahmen andere wie Robert Capa und Gerda Taro die fotografische Arbeit.
Tina Modotti, Gläser, Mexiko, 1925
Die hochsensible Zeitzeugin mit Friauler Wurzeln war eine starke Frau. Vielleicht hatte sie an zu vielen persönlichen und grossen politischen Dramen, welche die Welt in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts erschütterten, teilgenommen. Sie starb 1942 in Mexiko 46-jährig an einem Herzinfarkt.
Tina Modotti, Illustration für ein mexikanisches Lied, 1927
Und die Aktfotografie von Edward Weston? Ja, es kann vorkommen, dass bei einem weiblichen Akt auch die Brustwarzen und Schamhaare zu sehen sind. Nein, kein Kind, welches das Foto anschaut, trägt einen Schaden davon. Eugen Auer lässt in seiner Glosse im Appenzeller Tagblatt einen kleinen Jungen zu Worte kommen: «Da sagte Fritzli junior, die Foto kommt mir harmlos vor. Man sieht ja nicht einmal das Spältli und seine beiden Seitenfältli. Uns zeigt man doch im Kindergarten auf farbigen Sexkunde-Karten jeweils das Spältli einer Frau haargenau.» Ja, in Basel freut man sich ganz bestimmt über den Stoff, den die Entscheidungsträger aus dem – fernen – Osten des Landes für die nächsten Schnitzelbänke liefern. «Akt-Foti» reimt sich ja prima auf Modotti. Wir freuen uns auf den Spott und die Pointen und empfehlen den Verantwortlichen für öffentliche Aushänge die Teilnahme an einer Weiterbildung im Bereich «visuelle Kommunikation» zur Erweiterung diesbezüglicher Kompetenzen.
Monica Boirar
Die Ausstellung ist noch bis 4. Januar 2015 im Historischen und Völkerkundemuseum HVM, Museumstrasse 50, St.Gallen zu sehen.
Im 55-minütige Dokumentarfilm «Tinissima – zwischen Dogma und Leidenschaft», (Cinemazero 2011), der in der Ausstellung gezeigt wird, erfahren die Besuchenden viele spannende Details zum bewegten Leben der Fotografin. Ein Bildband in italienischer, englischer und französischer Sprache ist im Museum erhältlich.
Einstiegsbild: Tina-Modotti-in San Francisco um 1920
Sämtliche Bilder: Pressebilder des Historischen Völkerkundemuseums HVM, St. Gallen