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Omas Hut
Opa wird heute beerdigt. Er war ein strenger Mann. Mit Oma schimpfte er immerzu. Dabei riss er seinen Mund so weit auf, dass er aussah wie ein Krokodil, kurz bevor es seine Beute ver-schlingt. Oma war einfache Beute, sie wehrte sich nicht. Ein paar Mal hat sie es versucht, dann schrie er noch lauter.
Oma ist die einzige Frau, die keinen Hut an der Beerdigung trägt. Opa mochte keine Hüte. Den Hut, der auf der Gardarobe im Hausgang liegt, trug sie niemals, so lange ich sie kenne. Als sie ihn vor langer Zeit kaufte, hatte Opa mit ihr geschimpft.
«Du siehst damit aus wie ein Clown“», hatte er zu ihr gesagt und «den trägst du nicht, Hüte passen nicht zu dir».
Da hat Oma den Hut behutsam auf das oberste Ablagebrett der Gardarobe gelegt und seitdem liegt er dort. Nur manchmal, wenn Opa nicht im Haus war, holte sie diesen Hut von dort, setzte ihn auf und betrachtete sich lange im Spiegel. Wenn sie allein war kam es oft vor, dass ihr Tränen über das Gesicht liefen und wenn sie gerade am Kochherd stand während sie weinte, tropften die Tränen in die Suppe, die sie für Opa und mich kochte.
Wenn man eine Tränensuppe isst, wird man traurig», dachte ich damals.
Aber Opa wurde nicht traurig, als er am Mittag die Suppe schlürfte. Er war mürrisch, wie fast immer, stand nach dem Essen ohne Gruss auf, ging in das Wohnzimmer, legte sich auf das Sofa, wo er immer gleich einschlief. Unter seinem lauten und knarrenden Schnarchen versank die schöne Stille, die im Haus herrschte, wenn er nicht zu Hause war.
Für mich war das trotzdem ein schöner Moment, denn dann erzählte Oma aus ihrem Leben, wie sie Opa kennen gelernt hatte. Er sah gut aus mit seinem pechschwarzen, gewellten Haar und war sehr charmant. Sie erzählte, wie der Krieg kam, in den er gezogen war und aus dem er zurückkam und ein anderer Opa war. Sie zeigte mir Fotografien von den beiden an ihrem Hochzeitstag, und eines von meiner Mutter als Baby mit Glatze und dicken runden Backen.
Oma steht an Opas Grab. Heute weint sie nicht. Sie steht ganz still, mit schmalen Lippen und schaut in die Grube, in die der Sarg hinunter sinkt. Es sind viele Menschen zu Opas Beerdigung gekommen. Parteigenossen, ehemalige Arbeitskollegen, ein paar Leute aus dem Dorf und meine Mutter und ich natürlich. Meine Mutter hat Tränen in den Augen, als der Pfarrer das Gebet spricht. Das wundert mich, denn zu seinen Lebzeiten sprach sie kaum mit Opa und ich habe nie gesehen, dass sie ihn umarmt hätte bei der Begrüssung, wie sie es bei Oma immer tat.
Nach der Beerdigung gehen die Menschen an Oma vorbei. Jeder gibt ihr die Hand. «Herzliches Beileid», sagen sie oder «er wird uns fehlen». Oma schaut den Menschen ins Gesicht und ich glaube ein Lächeln auf ihrem Gesicht zu entdecken.
Es gibt keinen Totenschmaus für die Trauergäste, wie es üblich gewesen wäre. Opa legte das vor seinem Ableben persönlich fest. Tot ist tot, sagte er einmal, da gibt man kein Geld mehr für ein Fest aus.
Nach der Beerdigung geht Oma alleine nach Hause. Sie will es so.
Am Nachmittag schickt mich meine Mutter zu Oma, nachsehen, ob es ihr gut geht. Ich stehe lange vor dem Haus und weiss nicht, ob ich Oma stören darf. Ich glaube, sie will allein sein, dort wo sie jetzt keine Tränensuppe mehr kochen muss. Da geht die Türe auf und ich sehe Oma herauskommen. Sie trägt ein rotes Kleid und einen grossen auffälligen Hut.
© Manuela Mühlethaler, S-chanf