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Die heutige Zeitrechnung orientiert sich an einem ganz spezifischen Ereignis, dass die Entwicklung der Menschheit entscheidend mitgeprägt hat. Diesem Ereignis verdanken wir es, dass die Italiener ihren bisher letzten Weltmeistertitel im Jahr 2006 feierten, dass Adolf Hitler sich im Jahr 1945 das Leben im Bunker seiner alten Reichskanzlei in Berlin das Leben nahm, oder dass sich die Vertreter der drei Urkantonen Uri, Schwyz und Unterwalden im Jahre 1291 auf der Rütliwiese die Treue schworen. Wir sprechen natürlich von Jesus Christus’, geboren im Jahre Null in einem Stall in Nazareth nahe Betlehem. Doch wurde der jüdische Wanderprediger, von den Christen als Sohn Gottes erkoren, wirklich vor 2018 Jahren geboren?
Denys der Kleine täuschte sich
Die Orientierung an religiös bedeutsamen Personen in Bezug auf die Zeitrechnung ist nichts Unübliches. So werden auf der ganzen Welt verschiedene Zeitrechnungen angewendet, die sich an Propheten, Buddhas, etc. orientieren. So existieren neben der christlichen Zeitrechnung unter anderem auch eine buddhistische oder islamische Jahreszählung.
Es war bereits um die 500 Jahre nach Christis Geburt, als sich der römische Mönch Dionysius Exiguus vornahm, mit Vorgaben aus dem Neuen Testament das Geburtsjahr Jesus Christus’ auszurechnen. Nach einem langwierigen Prozedere errechnete „Denys der Kleine“ schliesslich 754 ab urbe condita (seit der Stadtgründung [Roms]) als das Geburtsjahr des Gesandten. Denys‘ Zeitrechnung wurde von Beda dem Ehrwürdigen, einem angelsächsischer Historiker, das erste Mal angewendet und schliesslich im Frankreich unter Karl dem Grossen offiziell als Zeitrechnung eingeführt. Bis heute bestimmt die christliche Zeitrechnung das Geschehen in breiten Teilen der Erde. Leider vertat sich Denys um einige Jahre. Kein Wunder: Die einzigen Quellen, die Jesus’ Lebensdaten überliefern, sind ungenau und unzureichend.
Die Angaben zur Berechnung sind in den Evangelien zu finden und widersprechen teilweise. So berichtet das Evangelium des Matthäus, Jesus sei vor dem Tod des Königs Herodes geboren worden. Dieser starb jedoch nach heutiger Zeitrechnung bereits 4 v. Chr. Im Gegenteil zu diesem berichtet das Weihnachtsevangelium nach Lukas, dass Jesus’ Geburt während einer Volkszählung in Judäa im Jahr Sechs nach Christus stattfand. Zu spät, urteilen heutige Historiker. Darüber hinaus wurde durch astronomische Berechnungen versucht, das Datum der Erscheinung des Sterns von Betlehem zu errechnen, um schlussendlich die Geburt des galiläischen Wunderheilers zu bestimmen. Wissenschaftler verurteilen diese Annäherung jedoch als unwissenschaftlich. Aktuelle Untersuchungen schätzen die Geburt Christis zwischen 7 und 4 vor Christus ein. Totale Bestimmtheit werden wir in dieser Frage wohl aber nie erlangen.
Unbedeutend im historischen Vergleich
In all dem Tumult um die Bestimmung der Lebensperiode des Menschen, der unsere heutige Gesellschaft wohl am meisten geprägt hat, sollte vor allem klar werden, wie willkürlich unsere Zeitrechnung festgelegt ist. Denkt man darüber nach, fällt uns auf, wie unwichtig unsere heutige Gesellschaft im Kontext der Zeit erscheint. Wir sind nichts als ein Wassertropfen im Fluss der Geschichte dieses Planeten. Und werden es wohl auch bleiben.
tize.ch-Redakteur Levin Stamm deckt die grössten Irrtürmer der Geschichte auf. Von Napoleon bis Edison. Alle bisherigen Artikel kannst du unter tize.ch/fallaciesofhistory/nachlesen.