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Die Faszination, die von den – lateinischen, griechischen, hebräischen – Buchstaben ausgeht, ist in Europa seit der Antike gross. Zahlreiche Texte sind entstanden, die die Buchstaben exponieren, indem sie sie zu Bild-Text-Figuren zusammenfügen, sie konstellieren, permutieren oder vermeiden. Die Anordnung der Buchstaben hatte dabei von Anfang an zentrale Bedeutung: Zunächst bei der Handhabung der Schriftzeichen im Rahmen magischer Praktiken und innerhalb der Sprachmetaphysik der hebräischen Kabbala des Mittelalters, später auch in der Literatur, etwa in den buchstabenkombinatorischen Experimenten des deutschen Barock und besonders seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, ausgehend von Mallarmé, in den „Seh-Texten“ der Avantgarden und zugleich auch in der Malerei, etwa bei Paul Klee.
In der Vorlesung soll die sich im 17. Jahrhundert vollziehende Umwandlung von überlieferten Verfahren der Buchstabenkombination in poetische Techniken zum Ausgangspunkt für die Prüfung der folgenden These dienen: Die Entstehung vieler Buchstabentexte in der Moderne beruht auf einer produktiven Auseinandersetzung mit dem historischen Diskurs der Kombinatorik, der aus der Beschäftigung mit kabbalistischen Vorstellungen entstand. Die Arbeit mit den Buchstaben wäre demzufolge nicht bloss als „manieristische Spielerei“ oder als selbstreferentielle Reflexion über die Sprache und die Produktionsverfahren von Texten lesbar: An ihrem Ursprung stehen Überlegungen zum Wesen Gottes und zur Erschaffung des Kosmos, und in Zeiten der Krise und des Krieges diskutieren sie die zentrale Frage nach der Möglichkeit einer vom Menschen zu leistenden Destruktion und Restitution von Sprache und Welt. Indem diese Texte die auf der Sprache basierende Zerstörung und Neuschaffung realer und fiktionaler Welten thematisieren, nehmen sie teil an der Auseinandersetzung mit der Frage nach den schöpferischen Möglichkeiten und Grenzen des Menschen.
Literarische „Spiele“ mit dem Alphabet werden in der Vorlesung als Phänomen erkennbar, dessen Wurzeln in der europäischen Antike liegen und das in der Neuzeit über den Bereich einzelner Nationalliteraturen hinausreicht. In der Vorlesung diskutiert werden u.a. Texte von Harsdörffer und Schottel, von Mallarmé, Marinetti, Ball, Hausmann, Schwitters und Otto Nebel, von Exponenten der Wiener Gruppe und der konkreten poesie in Europa und Lateinamerika wie auch von Vertretern der Gruppe Oulipo, von Raymond Federman und Walter Abish.
Die Veranstaltung kann als systematische und/oder Moderne-Vorlesung angekündigt werden.