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Titel:
Biografische Notizen über das Wildkirchli
Thema: Leute
Datum: --.--.1658
Masse: 30,6 x 20,5 x 4,2 cm
Standort: Landesarchiv Appenzell Innerrhoden, Pfarrarchiv Appenzell, M.03.02/B <ip-pii>
Urheber/-in: Pfarrer Ulmann, Paul(us)
Beschreibung:
Chronikalisches Tagebuch, in dem der Appenzeller Pfarrer Paul(us) Ulmann (1613-1680) die Entstehung der Höhlenkirche und der Einsiedelei im Wildkirchli beschreibt. Nachdem Ulmann 1658 selbst als erster Eremit in die Höhlen am Ebenalpstock gezogen war, hielt er seine Eindrücke und Erlebnisse fest. Auch Besuche von bekannten Persönlichkeiten und naturkundliche Beobachtungen notierte der populäre Geistliche. Der Text Ulmanns umfasst 83 handgeschriebene Seiten, das Buch als Ganzes zählt 385 Seiten. Ab Seite 84 haben spätere Appenzeller Pfarrherren allerlei ihnen wichtig erscheinende Dinge notiert. Dazu gehören päpstliche Schreiben und weitere Korrespondenz, insbesondere aber chronikalische Notizen. Auf den hintersten Seiten folgt eine Art Inventar des Wildkirchli. Ulmann dürfte damit die 1679 erfolgte testamentarische Stiftung der geweihten Stätte vorbereitet haben.
Geschichte:
Die Bezeichnung Wildkirchli taucht erstmals 1524 in einem Text des St. Galler Reformators Joachim von Watt (Vadian, 1484-1551) auf. Es ist anzunehmen, dass die Sennen der nahen Ebenalp von sich aus in den Höhlen einen kleinen Ort der Andacht eingerichtet hatten. Als der Kapuzinerpater Philipp Tanner (1578-1656) anlässlich einer Alpsegnung die Stätte 1621 aufsuchte, fand er sie jedoch in verwahrlostem Zustand vor. Mit Unterstützung der Innerrhoder Behörden liess er einen neuen hölzernen Altar und vor der Felsgrotte ein Türmchen mit einem grossen Kreuz errichten. Im Spätherbst 1621 führte er in der dem Erzengel Michael geweihten Kapelle wieder Wallfahrtsgottesdienste durch, die im Volk grossen Anklang fanden. Nach dem Wegzug Tanners von Appenzell 1624 geriet die Höhlenkapelle jedoch zunehmend in Vergessenheit.
Erst drei Jahrzehnte später setzte sich der Appenzeller Pfarrer Paulus Ulmann (1613-1680) auf Anregung Pater Phillips erneut für das Wildkirchli ein. 1656 liess er in der Kirchlihöhle einen steinernen Altar und ein Sakristeigebäude sowie in der unteren Höhle ein Eremitenhäuschen errichten und hielt von neuem Gottesdienste. 1658, zwei Jahre später, gab Ulmann die Pfarrpfründe Appenzell auf und zog als erster Eremit ins Wildkirchli. Der Abschied von Appenzell war ihm insofern leicht gefallen, als sein Kampf gegen Trunksucht und Sittenzerfall zum Zerwürfnis mit den weltlichen Behörden geführt hatten. Nachdem ihn der Bischof von Konstanz 1660 als Propst ins Kloster Lindau gerufen hatte, kehrte er 1669 nach Appenzell zurück und hielt fast bis zu seinem Tod regelmässig Gottesdienste im Wildkirchli. Höhepunkte bildeten das Schutzengelfest am zweiten Sonntag im Juli und der Michaelstag am letzten Sonntag im September.
Unter Ulmann entwickelte sich das Wildkirchli zu einer beliebten Andachtsstätte. Die Innerrhoder Bevölkerung strömte in grosser Zahl zu ihm in die Ebenalp hinauf und die Sennen der umliegenden Alpen waren dankbar für die seelsorgerische Betreuung, die sie sonst während des Alpsommers schmerzlich vermissten. Um die Einsiedelei auch über seinen Tod hinaus zu erhalten, brachte Ulmann Kapelle und Eremitenhäuschen mit allem, was dazu gehört, 1679 in eine Stiftung ein. Dazu gehörte auch die unterhalb gelegene Alp Oberbommen. Ihr Ertrag sollte für den Unterhalt der Gebäude, für das Lesen der Messe und für den Lebensunterhalt künftiger Einsiedler eingesetzt werden. Nach Ulmann lebten 22 Waldbrüder der Schweiz. Eremitenkongregation im Wildkirchli.
Im 18. Jahrhundert erfreute sich das Wildkirchli wachsender Beliebtheit als Ausflugsort für vornehme Touristen. Schriftsteller, Maler, Naturforscher und Kurgäste, welche im Weissbad logierten, strömten in die Ebenalp hinauf. Vor dem Hintergrund der Natur- und Bergbegeisterung im Zeitalter der Aufklärung wurde das Wildkirchli zum Thema literarischer Texte, zum Motiv für Malereien, Zeichnungen und Stiche sowie nicht zuletzt zum Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtungen. Die Einsiedler zeigten den teils berühmten Gästen die Höhle, bewirteten sie und verkauften ihnen Bärenknochen als Souvenirs. Die Waldbrüder waren somit zu einer frühen Form von Fremdenführern mutiert und führten ab 1795 sogar eigene Gästebücher. Nachdem 1853 der letzte Waldbruder beim Laubsammeln tödlich verunglückt war, wurde die Einsiedelei nicht mehr besetzt. Anstelle des inzwischen baufälligen Eremitenhäuschens entstand 1860 ein Gasthaus im Stile eines Berner Chalets. Bereits 1846 war in unmittelbarer Nähe das Berggasthaus Äscher erstellt worden, zusammen mit dem Alten Säntis die älteste Gastwirtschaft im Alpsteingebiet.
Autor: Stephan Heuscher, Appenzell
Chronologie:
1524 Ersterwähnung des Wildkirchli durch Vadian
1621 Einrichtung einer Höhlenkirche durch Pater Philipp Tanner
1656 Neuausstattung des Wildkirchli durch Pfarrer Paul Ulmann
1658 Pfarrer Ulmann zieht als erster Eremit ins Wildkirchli
1679 Gründung der Wildkirchli-Stiftung durch Pfarrer Ulmann
1723-1853 Waldbrüder des Schweiz. Eremitenkongregation bewohnen die Einsiedelei
1846 Eröffnung des Gasthauses Äscher
1860 Erstellung eines Gasthauses im Wildkirchli anstelle des Eremitenhäuschens
Literatur:
Bächler, Emil: Aus der Geschichte des Wildkirchli. St. Gallen 1930
Bächler, Emil: Das Wildkirchli. Eine Monographie. St. Gallen 1936
Bischofberger, Hermann: Das Wildkirchli. Seine Stiftung und seine Beziehung zu den Kapuzinern. Appenzell um 1980 [Typoskript]
Fischer, Rainald u.a.: Ebenalp-Wildkirchli. Jubiläumsschrift zum zwanzigjährigen Bestehen der Luftseilbahn Wasserauen-Ebenalp. Appenzell 1974
Grosser, Hermann. Hangartner, Norbert: Appenzeller Geschichte, Bd. 3: Appenzell Innerrhoden von der Landteilung 1597 bis ins 20. Jahrhundert. Herisau, Appenzell 1993, S. 38, 119, 149-153, 374f. und 541
Hutter, Marc u.a.: Das Wildkirchli. Dokumentation für Lehrkräfte der Mittel- und Oberstufe. Appenzell 1997
Küng, Josef et al.: Unser Innerrhoden. 2. Aufl. Appenzell 2003, S. 165-170
Rusch, Johann Baptist Emil: Alpines Stillleben. Lindau 1881
Schmid, Elisabeth: Wildkirchli. In: HLS. Version 17.12.2012. URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D12768.php (19.02.2013)
Transkription:
"Kurtze, einfelltige, jedoch wahrhaffte verschriebung und begriff von dem ursprung, anfang der wilden kirchen. [...] Was nun diesen Ort, nemblichen die Wilden Kirchen anbelangen thuot, so ist gantz und gar khein zweifel, dass dieser orth [nicht] arte, das ist, mit kunstreichen handen des menschen, sondern wie der augenschein mit sich bringt, natura, das ist mit der allmächtigen hand Godtes von anfang der welt mit sampt anderen gebirgen und wildnusen wunderbarlich erschaffen und vil 100 jahr von jedermeinigklichen nit anders als ein anderss wildes orth beobachtet worden. Ausgnomen, das bei mannsdenken ein kleines, höltzines Altärlein da gsin, hin und her mit schlecht einfeltigem, höltzinem Creutzlein umbsteckt, sambt dem nachtmaal, welches von wissem marmelstein gsin, aber nachmalen gemolet, und von holtz ingfasst worden. Aber weiterss gantz und gar khein godtsdienst aldorten gerichtet worden; wer aber das altärlein und nachtmaal zu ersten dahin habe geordnet, khan man solliches nit wissen, ist wol zu gedenken, etwan ein fromme, andechtige, godtsförchtige person etc. [...] Zuo merken, als gemelter P. Philipp Tanner einsmal vor dem altärle mit zerspannten armen gebetet, ist ihm auf den rechten arm ein vöglein gesessen und hat dermassen lieblich gesungen, dass diejenigen, die da gegenwärtig waren und solliches ghört und gsehen, sich darob zum höchsten verwundert haben."
[Zit. bei Bächler, Wildkirchli 1936, S. 108-110]
"Noch bey guedtem verstand und völliger gesundheit, freywillig und ungezwungen [vermache ich] den gantzen bauw in der Wilden Kirchen von der ersten bruggen vom velsen und Aescher nachen, bis zur pordten gegen oder auf Eben Alp inbschlossen sambt allen thühren, bhenkeren, schlösseren, stüehlen, bencken, tischen, fensteren, bronnenbedteren, trögen, kästen, stüble sambt der höltzinen uhr, so darinnen etc, sambt dem altar, kelche, messgwänderen, altar-tücheren, glocken und anderen kirchenzierden, so specifizierlich nacheinanderen nach am endt dieses buochs zufinden etc. dem allmächtigen Godt, ueberaus gebenedeyeten Jungfrau Mariae, dem H. Ertz Engel Michael und dem gantzen himmlichen heer etc. zur lob und ehren, sambt 50 Pfund schilliggelt, damit man alle jahr zum wenigsten ein H. Mess da lese und auch zum bau luege, welcher gar ring zuerhalten"
[Zit. bei Bächler, Wildkirchli 1936, S. 119]
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