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(…… nun denn, auf vielseitigen Wunsch hier ein weiterer Ausschnitt aus den Fantastereien über die Wildwestwolke ……………… …………………………….. ………………………………………….. …………………………….. ………………………………………………….)
Der Park in der Villa war festlich geschmückt. Unter einem Pflaumenbaum voller reifer Früchte standen auf weiss gedeckten Tischen schöne Blumenarrangements, Gedecke und Gläser zudem, ein Salatbuffet ebenfalls, ein Fässchen Bier war angestochen, Weissweinflaschen ruhten in eisgekühlten Bottichen. Das engagierte Cateringteam hatte alles schön angerichtet. An einem Holzkohlegrill stand ein junger Mann und schürte die Glut. (………………………………)
Dann trat die Mäzenin in den Park. (………………………….) Man nannte sie – wenn man in der Stadt von ihr sprach – Adele, und jetzt, da sie auf der Treppe stand, sprachen alle etwas gedämpfter. Viele unterbrachen ihr Gespräch, einige stellten ihr Glas auf den nächststehenden Tisch. Es war ein sehr feierlicher Augenblick und mir schien, die Mäzenin sei ob der erwartungsvollen Blicke unangenehm berührt.
Anton Schweiger, der Stiftungsratspräsident, und seine Frau hatten sie in ihre Mitte genommen und schienen einen Moment lang ratlos, wie es anzustellen sei, dass sich die Stimmung etwas löse. Anton Schweiger entdeckte Arno Fliesser, den Verwaltungsratspräsidenten, unter den Wartenden und führte die Mäzenin zu ihm hin, als ob er sie vorstellen wolle. (……………………………………)
Nach dem dritten oder vierten Handshake löste sich in ihrem Gesicht die leichte Verkrampfung, die ihr Lächeln etwas gequält hatte wirken lassen. Die neben mir stehende Kulturredaktorin raunte den Umstehenden entzückt zu: «Wie wenn ein Wölkchen sich von der Sonne wegschiebt …» (……………………….) Die Mäzenin trug ein Seidentuch über den Schultern, das sie manchmal zwischen zwei Händedrucken verlegen zurechtrückte. Sie duzte alle, alle duzten sie. Einer – ich erinnere mich nicht mehr, wer es war – überschritt die Grenze des Jovialen um eine Kleinigkeit, als er «Hallo, Adele!» sagte. «Adeltraud» sagte die Mäzenin. Das war eine Rüge. Fast schien es, das Wölkchen schiebe sich wieder vor die Sonne.
Es sollte ein schönes Fest werden. Alle (……………….) tranken vorerst mit Bedacht. Im Beisein von Adeltraud wollte niemand sich eine trunkene Blösse geben. Rico Wind klärte Verwaltungsrat Stefan Hescher über ein paar Essentials des Journalismus auf – zum Beispiel wollte Hescher nun einmal wissen, woher die Medien eigentlich ihre News und Ideen bezogen, warum es eigentlich immer gelinge, dass Artikel eine Spalte genau füllten und es keine Lücken gebe an den unteren Zeitungsrändern. Wie ein Journalist sich absichere, damit das, was er schreibe, inhaltlich auch korrekt sei. Und solche Sachen. Rico Wind flüsterte mir später zu, es sei eigentlich schon erstaunlich, wie wenig so ein Verwaltungsrat vom Business verstehe, für das er kraft seines Amtes geradezustehen habe.
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Da und dort brachen verhaltene Gelächter aus, Simone Langhaar schwärmte vom neuen Fussballtrainer des städtischen Vereins, den Martin Donner und Anton Sieger eine Niete fanden und weil die Frauen von Sieger und Donner den Trainer nicht so wahnsinnig attraktiv fanden, was sein Äusseres betraf, wandte sich Simone Langhaar ein wenig verschnupft von dem Grüppchen ab, um sich mit der Kulturredaktorin über deren hochbegabten Sohn zu unterhalten. Erika Taff verteilte mit San Xiannu afrikanische Häppchen, die letztere zubereitet und mitgebracht hatte als kleine exotische Ergänzung zum Catering-Buffet.
Anton Schweiger wich nicht von Adeltrauds Seite, an die sich auch Zampanini und seine Frau gesellt hatten. Sie bildeten eine kleine Gemeinschaft, der sich bald auch Geschäftsleiter Roland Kalt und seine Frau anschlossen und dann ebenfalls Stiftungsrat Belmont (………………………)
Adeltraud und ihr Schutztrupp setzten sich an einen der Tische, die übrigen unterhielten sich stehend, bis die Zeit der Ansprachen kam. (…………………………) Es folgte der Auftritt von Verwaltungsratspräsident Arno Fliesser, der (…………….) seine Rede dramaturgisch klug auf den Höhepunkt zusteuerte, auf dem der Name «Wildwestwolke» aus der Taufe gehoben werden sollte. Ich war gespannt auf die Reaktion der Anwesenden. Eine reife Frucht fiel vom Pflaumenbaum, touchierte eine Schale mit Cumberlandsauce auf dem üppig bestückten Tisch mit dem Salatbuffet und bekleckerte eine der Catering-Frauen. Ihr entfuhr ein kleiner Brüller und so ging die Geburt der «Wildwestwolke» einher mit dem Gekicher und Gelächter über den unerwarteten Pflaumenfall.
Geistesgegenwärtig kürzte Arno Fliesser seine verwaltungsrätliche Rede ab, erklärte Buffet und Grillstand für eröffnet und schloss mit der Aufforderung, man möge sich an diesem Abend doch gegenseitig kennenlernen und solle die Tische immer wieder wechseln. Letzteres nahm ich ernst und näherte mich mit meinem zurückhaltend gefüllten Teller dem Tisch von Adeltraud. Ihr gegenüber schien mir ein Platz frei zu sein, zwischen Zampanini und Belmont. Sie nickte mir zu, ich rückte mir den Stuhl zurecht und Anton Schweiger, der eben noch am Reden war, hielt in seinem Satz inne. «Und weiter!» rief ihm Belmont zu. Anton Schwieger schwieg weiter. «Ja, Anton …» forderte ihn Belmont auf. Mir war sofort bewusst, dass Anton Schweigers Schweigen mit meiner plötzlichen Anwesenheit zu tun hatte. Das war mir peinlich. Aber nun sass ich da. Ich hätte aufstehen und sagen können: Sorry, ich wollte mich nicht aufdrängen – aber das wäre noch peinlicher gewesen. Verwaltungsratspräsident Arno Fliesser hatte uns schliesslich aufgefordert, nicht immer bei den gleichen Leuten zu bleiben und die Tische zu wechseln.
Adeltraud rettete die Situation. Sie rief Frieder Hüttenmoser zu sich, unseren Online-Fachmann, der fürs Leben gern fotografierte. Er hatte seine Kamera dabei und hatte sich vorgenommen, unser Fest bildlich auf dem Blog zu veröffentlichen, der anderntags zusammen mit dem Namen «Wildwestwolke» auf unserer bereits aufgeschalteten Website erscheinen sollte. Mit den sozialen Medien wollten wir unserer bereits grossen Community den Namen und die Website verkünden. «Keine Bilder von mir – abgemacht!» sagte Adeltraud. Hüttenmoser, ein Verfechter des unvoreingenommenen, unabhängigen Journalismus, hob zum Widerspruch an und begann von «öffentlichem Raum» zu reden. Adeltraud unterbrach ihn: «Kein Bild von mir – hast du mich schon geknipst?» «Nein», sagte Hüttenmoser. «Dann versuchs auch nicht», sagte die Mäzenin.
Es gab kein Bild von ihr. Seit Jahren nicht. Falls irgendeine Zeitung über die reiche Mäzenin berichtete, musste sie jeweils in einem Neben- und manchmal auch in einem Hauptsatz eingestehen, dass es kein Bild von Adeltraud gebe. Hüttenmoser versprach, sie nicht zu fotografieren und entfernte sich vom Tisch. «Also: Wie ist das nun mit den Hemden?» fragte Belmont. Anton Schweiger nahm seine Erzählung widerwillig wieder auf, ich schob mir ein Stück der gegrillten Wurst in den Mund und hörte zu, wie er jeweils an Wochenenden mit seinen gebrauchten Hemden über die Grenze fuhr, um sie dort waschen und bügeln zu lassen. Alle kicherten. Belmont sagte: «Ich verstehe schon, bei deinen Honoraren kannst du dir die hiesigen Preisen nicht leisten.» Das war natürlich ironisch gemeint und deshalb sehr lustig. Im Hintergrund hörte ich ein herzhaftes «Gottverdammich.» Das war Nico Schwafler. Ich kannte seine Stimme.
Und dann sah ich Zampaninis Frau auf den Tisch zukommen. Als sie mich sah, erstarrte sie. Ich wusste sofort, dass ich – während sie am Grill und am Salatbuffet in der Schlange stand – ihren Stuhl eingenommen hatte. Ich hatte mich da unrechtmässig an den Tisch der Leute eingeschlichen, die Adeltraud nahestanden. «Sorry», sagte ich, stand auf und überliess Zampaninis Frau den Stuhl an der Seite ihres Gatten.
Ich hatte gehofft, es hätte niemand meinen Annäherungsversuch an Adeltrauds Tisch bemerkt. Erika Taff hatte es. «Ist wohl nicht so dein Ding», sagte sie. Und Tom Made, der neben ihr stand, sagte: «Fuck gell, bei den Weltanschaulern hast du nichts verloren.»
Um Nico Schwafler herum hatten sich ein paar Leute gedrängt. Anton Sieger, der ihn eigentlich nicht mochte, stand dort, Donner und ein paar andere. Schwaflers «Gottverdammich» hatte sie angelockt. Nico Schwafler hantierte an seinem Fotoapparat herum. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass er einen auf sich trug, aber er hatte einen dabei. Und er hatte Fotos gemacht. Er hatte Fotos von Adeltraud machen wollen, weil es ein Scoop hätte werden können, ein Bild der Mäzenin zu veröffentlichen. Denn es gab ja keines von ihr. Aber sie war nicht drauf auf den Bildern in seinem Display.
Er hatte nicht bemerkt, dass ich zur Gruppe gestossen war, die gebannt auf sein Display starrte. Nico Schwafler drückte wie ein Besessener auf den Knöpfen seines Apparats herum und rief Bild um Bild auf. Aus sicherer Distanz, aber mit gutem Zoom hatte er Fotos gemacht vom Tisch, an dem Adeltraud sass. Auf einem war auch ich zu erkennen, wie ich den Stuhl zurechtrückte, um mich ihr gegenüber hinzusetzen. Aber Adeltraud war nicht drauf. Anton Schweiger war zu erkennen, der rechts neben ihr sass, Anton Schweigers Frau war zu erkennen, die links von ihr sass. Aber Adeltraud war nicht auf dem Bild. Dort, wo sie sich befinden sollte, war nichts, nicht einmal ein Loch.
Das war seltsam. Nico Schwafler bat uns, in einer Gruppe in die Nähe von Adeltrauds Tisch hinzustehen und eine Lücke offenzulassen, durch die er sie fotografieren könne. Wir taten es, er fotografierte – doch Adeltraud war nicht auf dem Bild. Unerklärlich. Unwirklich. Erika Taff näherte sich unserer Gruppe. «Nichts sagen», zischte Nico Schwafler. Wir begannen von der Villa zu schwärmen, in deren Park wir das Fest feiern durften, auch Nico Schwafler war noch nie hier gewesen, und als Erika Taff, gelangweilt über unser Geschwätz, sich wieder entfernte, versicherten wir sechs Zusammenstehenden uns, niemandem von dem Phänomen zu erzählen.
Anton Sieger versuchte, Adeltraud mit seinem Smartphone aufzunehmen. Sie war nicht auf dem Bild. Irgendwie sprach sich die Sache doch herum. Bei Wein und Bier. Die unsichtbare Fee, die da zwar sass, den Gesprächen an ihrem Tisch lauschte und die Unterhaltung manchmal mit einem Lächeln bereicherte, die uns allen die Hand gereicht hatte – sie bremste ein wenig die ungehemmte Heiterkeit. Plötzlich versuchten alle, mit ihrem Handy Adeltraud zu fotografieren – aus der Hüfte heraus, über die Schulter hinweg, unter dem Arm hindurch. Sie erschien auf keinem Bild. Das war wirklich unerklärlich, auch ein bisschen unheimlich natürlich. Es war auf jeden Fall bedrückender als das Erstaunen im Zirkus oder Kabarett, wenn einen ein geschickter Zauberer mit seinen Tricks verblüffte. Sie sass doch dort. Aber auf keinem Bild erschien sie. Inexistent. Durchsichtig für Kameras. Ein Phantom. Die Kulturredaktorin sagte: «Eine Fee! Eine gute Fee!»
Die Dämmerung legte sich über den Park der Villa, und alle, ausser natürlich die Leute am Tisch von Adeltraud, redeten über das gleiche, mal leise und tuschelnd, so, wie wenn man ein Gerücht verbreiten will, dann lauter, bis jemand zur Zurückhaltung mahnte, damit man am Tisch der Fee nichts von der Aufregung erfuhr. Ein Platz war unterdessen frei geworden. Der Platz von der Frau von Geschäftsführer Kalt. Man hatte sie in einen Korbstuhl mit Kopflehne gesetzt, wo sie einem tiefen Schlaf frönte. Sie hatte ziemlich viel getrunken, zuviel offensichtlich, sie war so etwas wie betrunken. Ihren Sitz am Tisch wollte niemand einnehmen, auch Verwaltungsratspräsident Arno Fliesser nicht, der als einziger aus den Führungsgremien seiner Aufforderung Folge leistete, Tische und Gesprächspartner zu wechseln. Lange Zeit hatte er mit Nico Schwafler gesprochen. Dieser war dann gegangen und hat keine Zeile gebloggt.
Frieder Hüttenmoser und Tom Made, der eine ziemlich nüchtern, der andere nicht so, versuchten das Phänomen der Fee – das Fuck-Feeeeeenomen, wie Made herausfand – aus wissenschaftlicher Fuck-Optik oder fuck-optischer Wissenschaftlichkeit zu erklären. Eine fucking Erklärung müsse es doch geben, sagte Made. Er glaube doch nicht an Fucking- Fucking-Geister. Es müsse damit zu tun haben, dass man der Fuck-Fee eine künstliche Aura überziehe, die Digitalsignale zurückwerfe. Oder abstosse. Oder so fucking ähnlich. Das könne nur so zu erklären sein. Die Umstehenden verstanden nicht, Hüttenmoser widersprach, und dann sagte Tom Made, er fahre schnell in sein Atelier, hole eine analoge Kamera mit einem hochempfindlichen Film und werde seine fucking Theorie beweisen.
Die Frau von Kalt lag ziemlich schief in ihrem Korbstuhl, was ihren Mann, den Geschäftsführer, veranlasste, ein Taxi anzufordern, um den Heimweg anzutreten. Sein Aufbruch war Signal. Alle am Tisch der Fee, Zampanini und Gattin sowie die Stiftungsräte mit ihren Angetrauten, erhoben sich, verabschiedeten sich und gingen. Auch die Fee. Als Tom Made mit seiner Kamera zurückkam, waren sie alle weg.
Tom Made tobte. Er verfluchte diese schmierigen Schattenwichser, die wie fucking Betschwestern noch vor Mitternacht ihre plumpen Hämorrhoiden in ihre Fuck-Leintücher wickelten. Er schimpfte und stampfte, hängte sich die Kamera um den Hals, stieg auf den Tisch, wo zu Beginn des Festes das Salatbuffet bereit gestanden hatte und riss Pflaumen vom Baum. Er sprang herunter, eilte zum Tisch, an dem die Fee mit ihren Getreuen gesessen hatte und platzierte die Pflaumen an deren zurückgebliebenen Plätze – an jeden Platz eine Pflaume. Dann zog er einen Filzstift aus seiner Jackentasche und zeichnete auf das Tischtuch vor dem Stuhl der Fee zwei grosse, pralle Brüste.
Er trat zurück und fotografierte den Tisch. Ein Mal, zwei Mal. Er zermanschte die Pflaumen mit jeweils einem Schlag, sodass es gespenstisch spritzte. Das Resultat fotografierte er auch. Wir standen um den Tisch herum und fast alle mussten lachen. Tom Made pfiff eine Melodie und fotografierte. Er tänzelte zum Takt der Melodie, haute nochmals auf die Pflaumen ein, der Fotoapparat hüpfte auf seinem dicken Bauch. Fast alle mussten lachen. Dann stieg er auf den Tisch, hüpfte und fotografierte. Er tänzelte um die Brüste herum, trat auf sie drauf, fotografierte und rief: «An euch fetten Dingern werden wir saugen.» Da mussten wieder ein paar lachen. Dann war der Film voll. Er hatte sechsundreissig Mal geknipst und dann sagte er, er werde jetzt ins Atelier gehen und die Bilder entwickeln.