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Der Kanton Aargau fühlte sich dem Ideal der Aufklärung verpflichtet und betrachtete das Erziehungswesen deshalb als wichtige staatliche Aufgabe. Die Erziehungsbehörde gehört auch zu den ältesten Institutionen des Kantons. Trotz grosser staatlicher Anstrengungen in der Schulbildung kamen nicht alle Kinder in den Genuss einer Schulbildung.
Armenschulen und Heime
Private Erziehungsanstalten sprangen in die Lücke. Diese wurden später vom Staat unterstützt oder sogar verstaatlicht. Andere Institutionen verschwanden nach einiger Zeit wieder.
Viele Kinder blieben vom Schulbesuch ausgeschlossen, weil sie wegen einer Behinderung als bildungsunfähig galten, aus Armut kein Schulgeld bezahlen konnten oder weil ihre Familien auf den Verdienst aus der Fabrikarbeit angewiesen waren.
Privat errichtete Armenerziehungsanstalten
Die privat errichteten Armenerziehungsanstalten reagierten auf zwei Entwicklungen des 19. Jahrhunderts: einerseits versuchten die Armen- und Erziehungsanstalten die Folgen der Industrialisierung zu lindern. Andererseits orientierten sie sich an der romantisch verklärten vorindustriellen Grossfamilie: im Gegensatz zum Waisenhaus waren die Anstalten als überschaubare Einheiten von 30-40 Personen im ländlichen Raum aufgebaut.
Vorbild der Armenerziehungsanstalten nach den Zielen Pestalozzis und Fellenbergs war die Armenerziehungsanstalt in Hofwil (BE), die auch von aargauischen Bildungspolitikern und Schullehrern besucht wurde. Im Aargau entstanden zahlreiche Armenerziehungsanstalten. Beispiele dafür waren das Schloss Kasteln im Schenkenbergertal oder die 1860 eingerichtete Rettungsanstalt in Olsberg. Die Rettungsanstalt Olsberg ging aus der am gleichen Ort errichteten Armenerziehungsanstalt hervor, welche anlässlich des hundertsten Todestags von Johann Heinrich Pestalozzi als private Stiftung errichtet wurde.
Literatur
Schoch Jürg, Tuggener Heinrich, Wehrli Daniel. Aufwachsen ohne Eltern. Zur ausserfamiliären Erziehung in der deutschsprachigen Schweiz : Verdingkinder, Heimkinder, Pflegekinder, Windenkinder . Zürich 1989.
Taubstummenanstalten
Oftmals musste vor der Gründung einer privaten Bildungsinstitution viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Bei Kindern mit Behinderungen, wie den damals als "Taubstumme" bezeichneten Gehörlosen, musste etwa erst die Bildungsfähigkeit nachgewiesen werden, bevor Taubstummenanstalten zu ihrer Ausbildung entstanden.
Die Armenerziehungsanstalten entstanden aus dem Bedürfnis, die Armut zu lindern oder die "Vererbung der Armut" von den Eltern auf die Kinder zu verhindern.
Gründung verschiedener Taubstummenanstalten
1836 wurde die erste Taubstummenanstalt in Rombach als Stiftung der Gesellschaft für vaterländische Kultur gegründet. Den Anstoss zur Bildung von gehörlosen Kindern gaben vor allem die Stapfersche Zählung von 1799 sowie die aargauischen Taubstummenzählungen von 1810 beziehungsweise 1835. Diese Zählungen hatten den Nachweis einer grossen Anzahl bildungsfähiger und gehörloser Kinder im Aargau ergeben.
Bis 1850 entstanden in Zofingen und bei Liebenfels in Baden weitere Taubstummenanstalten. Das Josefsheim in Bremgarten, ursprünglich für geistig behinderte Kinder eingerichtet, nahm ebenfalls gehörlose Zöglinge auf. Bereits um die Jahrhundertwende mussten jedoch die Taubstummenanstalten in Zofingen und Baden geschlossen werden unter anderem aus Geldmangel.
1941 wurde die letzte verbliebene Taubstummenanstalt im Aargau unter dem Patronat des Bundes Schweizerischer Schwerhörigenvereine (BSSV, heute pro audito Schweiz) in eine Schwerhörigenschule umgewandelt. Die Schwerhörigenschule heisst heute "Zentrum und Schweizerische Schwerhörigenschule".
Literatur
Gebhard, Michael. Hören lernen - hörbehindert bleiben. Die Geschichte von Gehörlosen- und Schwerhörigenorganisationen in den letzten 200 Jahren. Baden 2007.
Gebhard, Michael. Die Taubstummenanstalt Aarau als Teil der Aargauer Geschichte. In: Argovia 119 (2007), S. 133-145.
Sutermeister, Eugen. Quellenbuch zur Geschichte des Schweizerischen Taubstummen-
wesens. Ein Nachschlagebuch für Taubstummenerzieher und -Freunde. Bern 1929.
Fabrikschulen
Mit der zunehmenden Industralisierung und Mechanisierung war auch die Zahl der in den Fabriken arbeitenden Kinder gestiegen. Schon bald wurde auf die mangelnde Schulbildung sowie auf die körperliche, geistige und moralische Verwahrlosung dieser Kinder hingewiesen.
Mit der Errichtung von Fabrikschule sollte den Kindern ein Mindestmass an schulischer Ausbildung ermöglicht werden. Am 1. Mai 1828 erliess der Kleine Rat dazu eine niemals publizierte(!) Verordnung, welche summarisch Lerninhalte, Eintrittsbedingungen und Jahresprüfungen der Fabrikschule umschrieb. Ausserdem verpflichtete die Verordnung die Fabrikherren zur Einrichtung einer Fabrikschule und zur Anstellung eines Lehrers.
Aufsicht der Fabrikschulen
Die Fabrikschulen wurden der Aufsicht der Bezirkschulräte unterstellt, die einen Inspektor entsandten. Er sollte über die Umsetzung der Verordnung, allfällige Verstösse und Schulversäumnisse zu berichten.
In den Berichten der Inspektoren wurde eindringlich eine Veränderung der dort herrschenden Zustände angemahnt. Sie prangerten die unverantwortbare Verwahrlosung der dort arbeitenden Kinder an. Viele der aus der Schulpflicht entlassenen Kinder konnten weder schreiben, lesen noch rechnen.
Die Bestimmungen der Fabrikordnung von 1828 wurden im Schulgesetz von 1835 nochmals verschärft und präzisiert. 1862 wurde ein Fabrikgesetz verabschiedet, welches das Arbeitsverbot für unter 13jährige Kinder (wie bereits im Schulgesetz von 1835 verankert) nochmals betonte.
Literatur
Brian Scherer, Sarah. Industriekultur. Arbeiterinnen und Arbeiter im Fabrikalltag. Aarau 2003.
Brian Scherer, Sarah. Ein «Wunder Fleck im Erziehungswesen». Aargauer Fabrikschulen im 19. Jahrhundert. In: Argovia 113/2001, S. 173-219.
Brian Sarah, Fabrikschulen im Aargau. «Wunder Fleck im Erziehungswesen». unveröff. Lizentiatsarbeit Universität Basel 1999
Seiler, Christophe. Geschichte des Aargaus. Illustrierter Überblick von der Urzeit bis zur Gegenwart. 2., durchgesehene Aufl.. Aarau 1998