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Der steigende Stromverbrauch soll deswegen, so die Meinung vieler Finnen, nicht durch noch mehr Import von elektrischem Strom (oder von Gas zur Elektrizitätserzeugung) aus diesem einen Nachbarland, sondern auf eine andere Art gedeckt werden. Die Ressourcen aber sind knapp. Gemäss Finergy, einer Organisation der Stromproduzenten und -verteiler, deckt die Wasserkraft heute in Finnland rund 16% der Stromproduktion ab; ein starker Ausbau ist nicht mehr möglich. In fossilen Kraftwerken werden ungefähr 45% erzeugt, in Kernkraftwerken 27%. Die Windenergie trägt zur Stromversorgung 0,1 % bei - der Rest, rund 12%, muss durch Importe gedeckt werden. Da der Elektrizitätsverbrauch ständig ansteigt, stellt sich die Frage, wie in Zukunft die zusätzlich nötige Produktionskapazität aussehen soll. Unter anderem mit Blick auf das Kyoto-Protokoll, das eine Reduktion der Treibhausgasemissionen vorsieht, wird in Finnland deshalb momentan auch der Bau eines neuen Kernkraftwerks ins Auge gefasst. Die Regierung hat den Antrag im Januar 2002 mit zehn gegen sechs Stimmen genehmigt, das Parlament, die Eduskunta, will am kommenden 24. Mai entscheiden.
Diese Situation, aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, bildete eines der Kernstücke der diesjährigen SVA-Medienreise nach Finnland. Auf Einladung der SVA verbrachten 17 Medienvertreterinnen und -vertreter sowie 6 Personen aus der Kernenergiebranche 4 Tage im Norden Europas, um unter dem Titel "Die Energiewirtschaft Finnlands und die Rolle der Kernenergie" mehr über die dortige Energieversorgung zu erfahren.
Die Reise führte am Osterdienstag von Zürich nach Helsinki, wo kurz nach der Ankunft ein Treffen mit Vertretern der Finergy auf dem Programm stand. Am Mittwoch folgten Besuche im Umweltministerium, in dem Umweltministerin Satu Has-si die Schweizer Medienvertreter persönlich empfing und informierte. Im weiteren Tagesverlauf fand ein Treffen mit Vertretern des Handels- und Industrieministeriums und mit zwei nationalen Parlamentariern aus der Standortregion des Kernkraftwerks Olkiluoto statt. Am Nachmittag erhielt die Gruppe einen Einblick in das Geschäftsgebiet der Wärtsila-Corporation, der führenden Anbieterin von Schiffsmotoren, von Lösungen für dezentralisierte Stromerzeugung und von Bio-Kraftwerken - und seit einiger Zeit Besitzerin der ehemaligen "Sulzer Diesel" in Winterthur. Den Abend verbrachte die Reisegruppe dann in einem Gaskraftwerk der Helsinki Energy, wo auch über die gesamten Aktivitäten der Firma informiert wurde.
Nachdem sich die Gruppe mit all diesen Besuchen einen umfassenden Überblick über die Elektrizitätsversorgung Finnlands verschafft hatte, stand der folgende Tag mit einem Besuch im Kernkraftwerk Olkiluoto im Zeichen der Kernenergie. In Finnland sind vier Kernkraftwerksblöcke in Betrieb: Neben den beiden Olkiluoto-Blöcken noch zwei in Loviisa. Ende 2000 entschied die Betreiberin von Olkiluoto, die Teollisuuden Voyma Oy (TVO), der finnischen Regierung den Antrag für den Bau eines zusätzlichen Kernreaktors einzureichen. Der Antrag betrifft die Grundsatzgenehmigung. Für die Behandlung ist das Handelsund Industrieministerium zuständig. Dieses organisiert an den beiden möglichen Standorten, in Loviisa und Olkiluoto, öffentliche Anhörungen und bat ungefähr 40 interessierte Gruppierungen um ihre Stellungnahmen. Die Mehrheit der Stellungnahmen, die vom Gesetz gefordert werden, sprechen sich positiv zum Antrag aus. Hauptargument für den Antrag ist die Tatsache, dass die finnische Gesellschaft mehr sichere, wirtschaftliche und umweltfreundliche Elektrizität braucht. Die aktuellste Studie, publiziert vom nationalen Forschungszentrum Finnlands (VTT), zeigt, dass (unter Berücksichtigung der alternden fossil befeuerten Kapazitäten) bis zum Jahr 2020 zusätzliche Produktionskapazitäten von 7500 Megawatt benötigt werden. Neue Kraftwerke würden die Sicherheit der Elektrizitätsversorgung in Finnland erhöhen, die Elektrizitätspreise stabilisieren, die Abhängigkeit von Elektrizitätsimporten verringern und die alternden Produktionskapazitäten ersetzen. Zusätzliche Kernenergie würde all dies zur Verfügung stellen.
Der Antrag betrifft den Bau eines Leichtwasserreaktor. Dessen Grösse bewegt sich zwischen 1000 und 1600 Megawatt. Der Standort wäre einer der bestehenden Kernkraftwerksstandorte, Loviisa oder Olkiluoto. Der Grund dafür ist, dass die bestehenden Infrastruktur-Einrichtungen, an beiden Standorten verfügbar, mit kleineren Anpassungen auch für den neuen Block genutzt werden könnten. Diese Möglichkeit verringert die Investitionskosten wie auch die Produktionskosten der neuen Einheit deutlich.
Den Besucherinnen und Besuchern aus der Schweiz wurde nicht nur das Kernkraftwerk selber gezeigt, sondern auch das bestehende Lager für den schwach- und mittelradioaktiven Abfall aus dem Werk (ein gleiches Lager ist auch am Standort Loviisa in Betrieb). In diesem Lager im Grundgestein werden die Abfälle seit 10 Jahren in 70 bis 110 Metern Tiefe in zwei Silos eingelagert.
Neben den bestehenden Lagern hat Finnland auch für die Entsorgung der abgebrannten Brennelemente aus den Kernkraftwerken eine Lösung gefunden - sie sollen ebenfalls im Grundgestein endgelagert werden. Das Endlager wird nahe bei den Kernkraftwerksblöcken von Olkiluoto, mehrere hundert Meter tief in zwei Milliarden Jahre altem Grundgestein, erstellt werden. Die Sicherheitsbehörden und die lokale Gemeindebehörde haben die Pläne wie auch die Standortfrage für das Lager genehmigt. Die finnische Regierung hat den Plänen grundsätzlich zugestimmt und das Parlament hat dies ratifiziert.
Der Rückreisetag galt dann noch der Kultur Helsinkis: Eine Stadtrundfahrt mit einem Besuch der berühmten Felsenkirche, ein Abstecher auf den Marktplatz und zu den Markthallen Helsinkis sowie eine Besichtigung im Kunstmuseum Ateneum rundeten die Reise ab.
Der viertägige Besuch in Finnland vermittelte den Medienschaffenden und den Kernfachleuten einen vielseitigen Einblick in die aktuelle Entwicklung der Kernenergie in diesem Land mit folgenden Schwerpunkten:
- Die Kernenergie erlebt in Finnland nicht zuletzt durch die Vorgaben im Kyoto-Protokoll auf allen Ebenen eine breite politische Diskussion, die eventuell im Neubau eines Werks gipfeln wird.
- Die Entsorgung der radioaktiven Abfälle ist gelöst: Die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle aus dem Kernkraftwerk Olkiluoto werden seit zehn Jahren endgelagert, die des KKW Loviisa seit 1998. In Finnland hat sich bereits vor dem Bau dieser Lager ein breiter Konsens bei den Parteien durchgesetzt, wonach die vorhandenen Abfälle entsorgt werden müssen.
- Auch für die abgebrannten Brennelemente ist die Lagerung grundsätzlich geregelt, seit das Parlament im Mai 2001 den entsprechenden Grundsatzentscheid ratifiziert hat. Auch der Standortentscheid ist gefallen: Das Lager soll in der Nähe des KKW Olkiluoto gebaut werden. Der nächste Schritt ist nun zunächst der Bau eines unterirdischen Felslabors, und falls alles nach Plan läuft, soll der Baubeginn für das eigentliche Endlager nach dem Jahr 2010 erfolgen.
Quelle
H.R.