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Sie bauen im Internet eine Bibliothek auf, die ungewöhnlich ist: Die Bücher sind ungelesen, und Sie haben darüber Gespräche geführt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Im Museumsquartier Wien, das sich damals noch im Bau befand, war ein sogenannter Leseturm geplant. Der wurde aus Kostengründen gestrichen. Aus Zorn und Trotz über diese Vertreibung der Bücher aus dem Museumsquartier habe ich dort die Bibliothek ungelesener Bücher gegründet. Die ersten Jahre benutzte ich eine kleine Kammer – die Bibliothek ungelesener Bücher gibt es nicht nur im Netz, sondern auch physisch. Ich kaufe jedes Buch an, bei Mehrfachnennungen entsprechend mehrfach.
Welche Anhaltspunkte hat man, um etwas über ungelesene Bücher zu sagen?
Ich frage die Gesprächspartner nach Inhalten, die sie ja nicht kennen können, ermuntere zu Mutmassungen, Behauptungen, Erwartungen, Ahnungen, rufe Hörensagen ab. Die meisten Köpfe fungieren doch als Bibliotheksräume von Ungelesenem.
Wenn einem jemand in aller Länge sein Lieblingsbuch nacherzählt, kann man sich wohl nur wehren, indem man sagt: Kenn ich!
Ja, Zeitungskolumnen wie «Was ich lese» waren ein weiterer Anlass, die Bibliothek ungelesener Bücher anzufangen. Wenn man darüber phantasiert, was man über ein ungelesenes Buch gehört oder gelesen hat, entstehen wesentlich interessantere Erzählungen, als wenn jemand sein Lieblingsbuch nacherzählt.
Sie haben auch eine Videothek ungesehener Filme konzipiert. Wollen Sie das Nichtgetane ständig erweitern?
Einige dieser Projekte existieren nur symbolisch. Ich kann ja nicht für ein jedes «Un-» dieser Welt zuständig sein. Vielleicht gründe ich aber noch ein Flüchtlingslager nie angekommener Flüchtlinge.
In Berlin gibt es ein Festival des nacherzählten Films.
Ich hoffe, man darf dort nur Filme nacherzählen, die man nicht gesehen hat.
Gibt es Bücher, die besonders gern nicht gelesen werden?
Es führt die Bibel, dicht darauf folgt Robert Musils «Der Mann ohne Eigenschaften». Dieses Buch ist wohl das schlechte Buchgewissen der Österreicher. Danach kommen James Joyces «Ulysses» und Marcel Prousts «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit». Karl Marx’ «Das Kapital» und Adolf Hitlers «Mein Kampf» liegen gleichauf knapp dahinter. Das haben die beiden sich wohl auch ganz anders erträumt.
Unter dem Titel «Schon wieder eine Ausstellung / Aufführung, die ich nicht gesehen habe» schreiben Sie auch Kritiken.
Ich sehe mir zwar jede Aufführung an, über die ich schreibe, allerdings nur in meiner Vorstellung. Ich sitze zeitgleich mit der Premiere an einer Kritik über genau jenes Stück, das ich gerade versäume.
Ist das nun Angeberei oder kreativer Spass, wenn man sich über Ungelesenes auslässt?
Angeberei. Den Spass habe ich – er macht es wohl aus, dass es mich nach einer solchen Fülle von Interviews – es sind mittlerweile über 800 – immer noch vergnügt, Leute nach Ungelesenem zu fragen.
Was hielten Sie von einer Bibliothek der uneingescannten Bücher? Die würde rasch immer kleiner werden.
Da würde niemand mehr lesen, nur noch «Copy & Paste» machen. In meiner Bibliothek ungelesener Bücher wird ja ab und zu sogar gelesen, heimlich natürlich. Einmal im Monat lade ich zu «Lesen und Handarbeiten im Zirkel» in die Bibliothek ein, alkoholische Getränke inklusive. Speisen sind streng verboten. Nichts hasse ich mehr als schmutzige Bücher.
Was ist für Sie momentan das Interessanteste im Internet?
Das freie Bibliotheksprojekt Gutenberg.