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| Ambrosius von Mailand (340-397) - Von den Pflichten der Kirchendiener (De Officiis)

Drittes Buch: Vom Verhältnis des Nützlichen zum Sittlichguten
XVI. Kapitel
[S. 250] Tobias und Raguel als Vorbilder sittlichguten Handelns (96). Wie weit überragt letzterer die Philosophie (97)!
96. Auch Tobias stellte ein besonders leuchtendes Vorbild des Sittlichguten dar, als er das Mahl verließ, die Toten begrub und die Notleidenden zur Armentafel lud1; desgleichen in hervorragendem Grade Raguel, der in Rücksicht auf das Sittlichgute, als er um die Hand seiner Tochter gebeten wurde, selbst deren Fehler nicht verschwieg, um sich nicht den Anschein zu geben, durch Verschweigen derselben den Freier täuschen zu wollen. Als daher Tobias, der Sohn des Tobis, um das Mädchen anhielt, erwiderte derselbe, sie gebühre ihm zwar von Rechtswegen als Verwandten, doch habe er sie bereits sechs Männern zur Ehe gegeben, und alle seien gestorben2. Der gerechte Mann fürchtete sonach mehr für andere und wollte lieber, daß ihm seine Tochter unverheiratet bliebe, als daß Fremde durch die Vermählung mit ihr in Gefahr gerieten.
97. Wie kurz löste er sämtliche Fragen der Philosophen! Diese handeln von den Schäden eines Hauses, ob sie vom Verkäufer verheimlicht oder aufgedeckt werden müssen3. Unser Heiliger glaubte nicht einmal die Fehler seiner Tochter verhehlen zu sollen. Auch war es ihm sicherlich gar nicht darum zu tun, sie wegzugeben, er wurde vielmehr darum gebeten. Wie hoch er jene an Tugendhaftigkeit überragte, darüber können wir nicht im Zweifel sein, wenn wir bedenken, wieviel höher die Sache einer Tochter über dem Geldwert für ein feiles Ding steht.
1: Tob. 2, 1 ff.
2: Tob. c. 7.
3: Anspielung auf Cic. l. c. III 13, 54―57.