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Der fünfte Kriegswinter an der Frontlinie in der Ostukraine: In einem Dorf nahe des zerstörten Flughafens Donezk verharren nur noch wenige EinwohnerInnen in ihren Häusern. Die Menschen dort fühlen sich vergessen.
Elena Lebedewa steht am Esstisch in einem Gebäude neben dem vom Krieg beschädigten Haus der Familie in Opytne. Im ukrainisch kontrollierten Dorf an der Frontlinie in der Ostukraine ist es an diesem Wintertag grau und kalt. Elena rezitiert aus einem ihrer selbst verfassten Gedichte: «Die Ukraine braucht uns nicht, so eine einfache Antwort auf viele Fragen. Die Ukraine wurde zur Stiefmutter, hat uns aufgegeben, schaut uns nicht mehr an, hat die Augen geschlossen und uns leichtfertig lebendig begraben.»
Im Heimatort von Elena und ihrem Mann Rodion Lebedew leben heute noch 38 der vor dem Krieg ansässigen rund 750 EinwohnerInnen. Nach zwei schweren Schlachten wurde die ukrainische Armee 2015 von den prorussischen Separatisten vom Gelände des Flughafens Donezk vertrieben, die Ukrainer zogen sich an den Rand des Flugfelds zurück. Zwischen Opytne und dem Flughafen befinden sich nun die ukrainischen Schützengräben. Die Start- und Landebahn des zerstörten Flughafens, dessen zwei Terminals nur noch Gerippe sind, ist lediglich eineinhalb Kilometer vom Dorf entfernt.
Opytne liegt in der sogenannten grauen Zone. Diese erstreckt sich entlang der 500 Kilometer langen Frontlinie und ist mitunter mehrere Kilometer breit. In der Zone liegen Dutzende von Ortschaften, die teilweise nur sehr schwer zu erreichen und von der Versorgung von aussen fast gänzlich abgeschnitten sind. Speziell im Winter und wenn das Gelände besonders tief ist.
Was soll aus den Alten werden?
Die Zufahrt nach Opytne aus der benachbarten Kleinstadt Awdijiwka führt über einen Feldweg, derjenige aus Wodjane über einen Feldweg und anschliessend über die Umfahrungsstrasse Donezk–Awdijiwka, die aber eigentlich gesperrt ist. Militärfahrzeuge beschädigen zusätzlich die Wege und machen diese nur noch schwer passierbar. An den Strassenrändern warnen Schilder mit Totenkopfbild vor Minen.
Die meisten der in Opytne Verbliebenen sind RentnerInnen. So wie Maria Gorpynych, die gerade auf einem Bett bei den Lebedews sitzt. Viele der älteren Menschen, die in der Ostukraine in ihren Häusern geblieben sind, haben kaum Möglichkeiten, wegzuziehen. Maria Gorpynychs Sohn etwa ist bei einem Granateinschlag vor einigen Jahren ums Leben gekommen. War ein Wegzug nie ein Thema für die Lebedews? «Was soll dann aus den Alten werden? Sie sind von uns abhängig», sagt Elena Lebedewa. Fünf Jahre dauere der Krieg nun schon an, dem Frieden sei man nicht einen Schritt näher gekommen, meint Rodion Lebedew – das sei doch nicht normal: «Es ist eine politische Frage, und die Leute hier sind Geiseln dieser Situation.» Und er sagt: «Ich gehe definitiv nicht weg, das hier ist mein Land.»
Wer sein Haus in Dörfern wie Opytne verlässt, dessen Habe ist verloren. Marodeure haben hier schon ihr Unwesen getrieben und alles irgendwie Brauchbare aus den Häusern und Werkstätten gestohlen. Sogar die nicht mehr funktionierenden überirdischen Stromleitungen sind vor Diebstahl nicht sicher.
Die Wasser-, Strom- und Gasversorgung funktioniert in Opytne nicht mehr. In Rodion und Elena Lebedews Wohnraum kommt der Strom aus einer Autobatterie, das Wasser aus einem Kanister über dem Spültisch, geheizt wird mit einem Holzofen. Die ÄrztInnen der NGO Médecins Sans Frontières besuchen die Menschen hier immerhin einmal pro Monat – normalerweise zumindest. «Diesen Monat sind sie nicht gekommen, weil die Strasse unpassierbar war», sagt Elena Lebedewa.
Rodion Lebedew ist der örtliche Koordinator der ukrainischen Hilfsorganisation Proliska, die ihrerseits mit dem Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) zusammenarbeitet. Er versorgt hilfsbedürftige DorfbewohnerInnen mit dem Nötigsten. Es sei ein in jeder Hinsicht schwerer Winter. Laut Rodion Lebedew haben sich die MitarbeiterInnen des staatlichen Gesundheitsdepartements in den fünf Jahren des Krieges vielleicht drei- oder viermal in Opytne blicken lassen. Manche hier glauben, dass die Behörden die Menschen am liebsten aus der Gegend weghätten, um eine Pufferzone nahe der Front errichten zu können. Darum erhielten die Leute auch kaum Hilfe von staatlicher Seite.
Tatsächlich gibt es Angebote für Umzugswillige: Der ukrainische Staat finanziert mit dem für intern Vertriebene angepassten «Programm für erschwingliches Wohnen» fünfzig Prozent der Kosten für eine neue Wohnung. Für die anderen fünfzig Prozent müssten Interessierte einen Kredit aufnehmen. «Es heisst, man sei vor allem an Familien mit Kindern interessiert. Je mehr Kinder, desto besser, denn dann muss die Schule nicht geschlossen werden. Von den alten Leuten ist aber gar nicht die Rede – Leute über siebzig, die braucht man nicht», sagt Rodion Lebedew.
Oft reicht die monatliche Rente von durchschnittlich etwa achtzig Euro pro Monat nur knapp zum Überleben. Möglichkeiten gäbe es, beispielsweise nach Tschassiw Jar oder Nowoaleksandriwka umzuziehen. Er habe aber einmal mit Leuten aus einem Dorf gesprochen, die noch unter Stalin umgesiedelt worden seien. «Seit damals ist viel Zeit vergangen, mehr als sechzig Jahre. Zwangsumsiedlung bringt nichts Gutes. Man vergisst nicht in einem, zehn oder fünfzig Jahren», sagt Rodion Lebedew. Das UNHCR geht von 1,8 Millionen intern Vertriebenen in der Ukraine aus. Wie viele EinwohnerInnen in den Frontdörfern verblieben sind, dazu gibt es keine Zahlen. Es dürften wohl einige Tausend sein.
Nachmittags beginnen die Gefechte
Rodion Lebedew führt durch das Dorf – oder zumindest durch das, was davon übrig geblieben ist. In Opytne ist praktisch jedes Haus und jedes Gebäude beschädigt: mannshohe Löcher in den Mauern, fehlende Dächer und Fenster, ganze Strassenzüge in Trümmern. Einst wurden in der Primarschule rund fünfzig Kinder unterrichtet, jetzt ist sie verwaist. In der früheren Schulbibliothek liegen die Bücher auf dem Boden verstreut herum, es gibt Einschusslöcher in der Wandmalerei. Im Raum für Kleinkinder sind Spielzeuge auf dem Boden festgefroren, das Wasser ist wohl durch die zerborstenen Fenster ins Innere gedrungen. In der Sporthalle liegen noch Basketbälle auf dem Boden und eine Zeitung vom 19. Mai 2014 – dem Frühling des Kriegsausbruchs.
Auch im Kulturhaus, einem Gebäude von imposanter Grösse, sieht es nicht besser aus. Im Vorgarten steht noch das Denkmal für die zwischen 1941 und 1945 im Zweiten Weltkrieg Gefallenen aus Opytne. Ob hier irgendwann auch der seit 2014 getöteten ZivilistInnen gedacht wird? Am nordöstlichen Rand des Dorfes liegt ein zweistöckiger Wohnblock. Dort wohnt ein heute 71-jähriger Mann. Im Oktober 1986 arbeitete er als sogenannter Liquidator in Tschernobyl – so nannte man diejenigen, die zur Eindämmung der Strahlung nach dem Reaktorunfall eingesetzt wurden. Und als ob diese Erfahrung nicht schon genug wäre für ein Menschenleben, erduldet er heute die Folgen des Krieges in Opytne. An einer Wand in seiner Wohnung klaffen mehrere Einschusslöcher, ein paar Zentimeter neben einem Ikonenbild.
Es ist kurz vor 16 Uhr, als in der Ferne mehrere Schüsse zu hören sind. Immer gegen Abend intensivieren sich an der Front die Kämpfe – Zeit für BesucherInnen, sich auf den Weg zu machen. Die EinwohnerInnen Opytnes bleiben zurück. «Warum bin ich hier? Fragen Sie mich nicht, ich kenne die Antwort selber nicht. Warum renne ich vor dem Krieg nicht weg? Hier ist mein Haus, ein anderes habe ich nicht», schreibt Elena Lebedewa in einem ihrer Gedichte.