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|4.3.3. Suonen - Verteilung des Wassers|
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|Das
komplizierte System der Bewässerung

|Am Ende jeder Hauptleitung wird das Wasser gemäss
Wasserrechten und Wasserflächen jeweils aufgeteilt.

Das zugewiesene Wasser wird oft weiter unterteilt; dazu braucht es präzise Vorrichtungen. Das bekannteste System ist ein Wehr aus Holzbalken, mit genausovielen geeichten Öffnungen, wie Wasser-Anteile zu vergeben sind. Holzkeile ermöglichen jeweils eine genaue Begrenzung des Ausflusses. So wird das Wasser aufgeteilt in Drittel, Viertel, Fünftel usw.
Bei den grossen Suonen wiederholt sich das System der Verteilung immer wieder, bis hin zu der Parzelle die bewässert werden soll.
Eine - von Armand Dussex - erstellte Tabelle für die "Bisse Taillaz" zeigt, dass das Wasser zuerst in Viertel (3 und 1) geteilt wird, dann in Drittel (2 und 1), dann in Fünftel (3 und 2). Einige dieser Zuteilungen sind noch in weitere Halbe oder Drittel aufgeteilt. Am Ende dieser Kette erhalten beispielsweise die Weiler von Ayent einen Zehntel des Wassers, das vorher durch fünf aufeinanderfolgende Verteilsysteme geflossen ist. Die Verteilung des kostbaren Wassers war also eine sehr komplizierte, peinlich genau geregelte Angelegenheit.

Blick auf die Sonnenhänge ob Schluderns in Südtirol. Gut zu sehen sind die filigranen Grünstreifen, die den Verlauf der Waale markieren. Bild von "Tappeiner Verlag, Lana

Hüterhäuschen an der Bisse Riccard - um 1935, Foto von Charles Paris
|Das
Total der Zeit, die man für die Bewässerung des Gebietes im
Bereich einer Suone aufwenden muss, nennt man Wasserkehr.
Die Untersuchung von "Rauchenstein" zu Beginn des letzten Jahrhunderts
ergab, dass eine Kehr duchschnittlich 10 bis 20 Tage dauerte. In der
Niederschrift von F.G. Stebler über die "Vispertaler
Sonnenberge ist die Dauer einer Kehr mit 21 Tagen angegeben,
aus
welcher sich 84 Viertel ergeben. Jeder Tag ist in vier Viertel
unterteilt.

Die Kehr wird solange, wiederholt wie es nötig ist und die Jahreszeit es zulässt. Im allgemeinen wurden die Wiesen in den unteren Lagen vor dem ersten Schnitt - dem Heuen - zwei- bis dreimal bewässert. Dasselbe galt auch für den zweiten Schnitt - das Emd, und die Zeit vor der Herbstweide.
Die Aufteilung unter den Besitzern untersteht nicht überall den gleichen Regeln. Wasserrechte sind üblicherweise an den Boden gebunden. Nicht so in Saxon. Hier sind sie persönlich und in Anteilscheinen aufgeteilt. 1880 waren deren 830 verzeichnet. Jeder Anteilschein gab Anrecht auf ein "bulletin"; d.h. drei Wasserstunden. Verordnungen beschränkten den Verkauf an Auswärtige.
Die Registrierungen erfolgten nicht ausschliesslich in schriftlicher Form. In Savièse sind auf den Kanten des Wasserscheits von 1841, die hauszeichen von 264 Familien eingraviert - die sich total 1`092 Wasserrechte teilten.
|In
Visperterminen, in Zeneggen, in Törbel, oder auch in Eischoll
waren die Wasserrechte auf kleinen
Holzplättchen eingraviert - den Tesseln. Diese
Tesseln waren Holzurkunden, d.h.
Holzstücke oder Holzstäbe mit dem eingekerbten Hauszeichen
einer bestimmten Person. Dieses Zeichen ist das Merkmal des
Betreffenden, ersetzt dessen Namen und dient auch dazu, sein Eigentum
zu kennzeichnen. Die Tesseln einer Wasserleitung waren auf einer Schnur
aufgereiht und zu einem Tesselbund
zusammengebunden. Der Suonenvogt bewahrt ein ganzes sogenanntes
Tesselspiel auf, der Besitzer ein Gegenstück
als Vergleich. Die Geteilen waren verpflichtet,
für ihr
Wasserrecht Werkstunden für den Unterhalt zu leisten.

Jeder Geteilte hatte Anrecht auf eine bestimmte Zeitperiode, während der er Wasser der Suon benutzen durfte. Für die Zeitspanne in welcher, er das ihm zustehende Wasser benutzen durfte, war allerdings bis weit ins 20. Jh. hinein, nicht die Uhr - sondern der Sonnenstand massgebend!
Schon von alters her, waren sogenannte Sonnen- und Schattenziele festgelegt. Viele Bergbewohner hielten hartnäckig an dieser alten Tradition fest, obwohl die Regulierung durch die Uhr viel einfacher wäre - und daraus auch weniger Streitigkeiten entstehen würden.
Ein Tag ist in zahlreiche Abschnitte unterteilt worden; diese Abschnitte wurden durch den Stand der Sonne, resp. den Schatten welche diese auf die Erde warf, begrenzt. Die allfällig abgelesene Uhrzeit wurde höchstens zur Kontrolle genutzt. Diese verschiedenen Sonnen- resp. Schattenstände hiessen Wasserziele.

Wasserverteilung an der Bisse de Savièse - um 1930. Fotographiert von Charles Paris.

Historische Bilder von Zenegge von "F.G. Stebler. Aufgenommen um 1920.
Auf dem Bildausschnitt ganz rechts ist ein sogenanntes Schattenziel zu sehen.
Fotos von "F.G.Stebler, um 1920.
Ganz links ist eine Abbildung einer Wassertessel zu sehen.
Aufgenommen von "F.G. Stebler um 1920.
|In
der Gemeinde Törbel gab es acht verschiedene Sonnenziele; wie beispielsweise
die "Wissgratbschine" - wenn die ersten Sonnenstrahlen das Weisshorn
(4`152m) beschienen, das war im Hochsommer etwa um 4 Uhr früh;
oder die "Stadeltibschine" - wenn die oberste Scheune (944m) ob dem
Ilas bei Stalden von der Sonne beschienen wird, was etwa um halb sechs
Uhr früh der Fall war.

Dann gab es in Törbel noch sechs Schattenziele; wie z.B. die Ottava - wenn die Häusergruppe im Asp (1`250m) im Saastal, in den Schatten kommt, also etwa um 1/4 nach fünf.
Als ob dies nicht schon kompliziert genug gewesen wäre, wurden diese Ziele jedoch nicht bei jedem Grundstück angewendet. Es gab einzelne Fluren bei denen andere Sonnen- oder Schattenziele galten. Da die besagten Ziele, resp. die dafür verantwortlichen Sonnenstände je nach Jahreszeit verschieden waren, wurde die Reihenfolge der Wasserbezüger innerhalb der Kehr nach jedem Umgang ausgewechselt.
Die oben angeführten Beispiele gehören überdies zu den einfacheren. Es gibt Beispiele, in denen innerhalb eines einzigen Tages bis zu sieben verschiedene Ziele abwechslungsweise unter den Bezügern zu verteilen sind. Die Verhältnisse sind oft dermassen verzwickt, dass sich nur noch Personen zurechtfinden die jahrelange Übung darin haben.
|Um Euch einen kleinen Einblick in das komplizierte Verfahren
zu geben, sei nachstehend ein kleines Beispiel anhand des Bauern L.W.
angeführt. Viel Spass beim Studium! :-)

Das Beispiel gilt für die fünfte Kehr, vom 05. bis am 22. Juli 1921:
1. Tag - Kein Wasser.
2. Tag - Im Schratt (eine Wiese), 1/4 Stunde nach Mitternacht, ferner 3/4 Stunden im
Hannig (300 Klafter) von dei Niwen.
3. Tag - Rufetsch (250 Klafter), 1/" von Schattigwasser bis Ottava; ferner Wissifluh (40
Klafter), ½ von Ober-Ottava bis Schattengspon.
4. Tag - Dorfmatte (500 Klafter), 1/4 von Schattigwasser bis Schattengspon; ferner Im Bifig
(Voralp, 100 Klafter), 2 Stunden von der Niwen.
5. Tag - Schwendi (Voralp, 300 Klafter), 52 Minuten von der Niwen.
6. Tag - Eine Stunde Sonntagwasser von der Felderin, von 5-6 Uhr abends.
7. Tag - Hofstetten (120 Klafter), 20 Minuten von Tagaufgang bis Spitzer-Tschuggebschine.
8. Tag - Kein Wasser.
9. Tag - Kein Wasser.
10. Tag - Schluochtschir (200 Klafter), 1/4 von Walkerbschine bis Stadeltibschine.
11. Tag - Kein Wasser.
12. Tag - Untere Hofmatten (200 Klafter), 1/2 von Riedbschine bis 1/4 Stunde nach
Dreifurren.
13. Tag - Sonntagswasser von der Springerin, Samstag abends 8-9 Uhr.
14. Tag - Ähndere Bodmen (200 Klafter), 40 Minuten von Schattigwasser bis
Schattengspon. 1/2 Stunde nimmt ein anderer vorweg, vom Rest 1/6 0bere
Hofmnatten (400 Klafter), von Dreifurren bis Mittag.
15. Tag - Kein Wasser.
16. Tag - Bodmen (350 Klafter), 3/, Stunden von Dreifurren bis Mittag.
17. Tag - Kein Wasser.
18. Tag - Kein Wasser.

Ansicht des Hofes Laggar, am Sonnenberg oberhalb Schlanders am Kofel gelegen. Dieses Bild vermittelt eine gute Vorstellung von der Mühsal die es früher kostete ein solches Bauerngut zu bewirtschaften. Bild von Gianni Bodini "Wege am Wasser".

Beim Wässern in St.Niklaus, um 1935. Foto von Charles Paris..
Beim Wässern mit der Wässerplatte", in Ried-Mörel um 1944. Foto von Theo Frey

as eigentliche Wässern begann, wenn der Besitzer - oder Geteilte - eines Wasserrechts, Wasser von der Suon abzweigt und es in Nebenkanälen auf seine Parzellen führt.
An die Wasserleite, die zugleich die obere Grenze einer Parzelle ist, werden in geringen Abständen kleine Abflussrinnen "Schrapfa" gelegt. Mit einer Stein- oder Metallplatte leitet der Wässermann das Wasser über den unteren Rand der Leite auf die Wiese. Damit die ganze Breite der Wiese gleichmässig getränkt wird, schiebt man in kurzen Abständen jeweils zwei bis vier Platten quer in den Verteilgraben. Wenn das Wasser die untere Parzellengranze erreicht hat und die Wiese genügend durchfeuchtet ist, wird die erste Platte herausgenommen. Dadurch bekommen die folgenden Abschnitte mehr Wasser. Die herausgenommene Platte wird weiter unten wieder in den Verteilgraben eingesetzt und so fortgefahren bis zum Ende der Parzelle - oder seiner Wässerzeit.
Beim Wässern muss man zudem nur dauernd präsent sein, sondern auch jede seiner Wiesen genau kennen, damit man mit der jeweils richtigen Technik die ganze Fläche in jener Zeit bewässern kann, die die Suonenordnung strikte vorgibt.
"Schnelles Wässern ist dabei besser als zu langsames, weil im letzteren Fall der Boden zu stark abgekühlt wird. Das Wässern ist nicht nur eine zeitraubende, sondern auch eine mühsame und ungesunde Arbeit. Man muss besändig im Wasser herumwaten, bekommt dabei oft grässlichen Durst, ohne dass man mit dem schmutzigen Wasser seinen Durst löschen könnte." Auszug aus F.G. Steblers "Sonnenberge".
Das Wässern mit Gletscherwasser wirkt sich ausserordentlich positiv auf die Flora aus. Zum einen verliert auch die beste Suon, dauernd ein wenig Wasser, was Bäume und Gräser entlang der Wasserführe gedeihen lässt. Ich selber pfelge jeweils diesen Umtand auszunutzen, wenn ich auf meinen Entdeckungstouren bin. Zum anderen begünstigt die unregelmässige Verteilung des Wassers die Artenvielfalt. Das gleichmässige Beregnen mit geklärtem Wasser hatte dagegen eine Verarmung der Flora zur Folge.
Der Botaniker Philippe Werner beschrieb die Wirkung von Gletscherwasser folgendermassen: "Die Suonen führen Sand und Schlick mit, die sich in der Bewässerungszone ablagern. Der ursprünglich steinige Boden wird im Laufe der Jahrhunderte mit einer immer dicker werdeneden Schicht aus Feinmaterial überzogen. Er wird fruchtbarer und kann mehr Wasser speichern."

Ich hoffe Ihr hattet Spass beim Ergründen der Suonen-Geschichte und seid nun gwundrig genug, all das gelesene bei einer Wanderung nachzuvollziehen und mit eigenen Augen zu sehen. In den nächsten beiden Kapiteln habe ich Euch einige Wanderungen zusammengestellt, auf denen ihr all die beschriebenen Punkte in Natura entdecken und erleben könnt. Viel Spass dabei........ :-)
Falls Ihr noch weitere Fragen zum Thema Suonen habt, so schreibt einfach in mein Gästebuch - ich antworte im Rahmen meiner Möglichkeiten umgehend. Ich bin Euch auch dankbar, für weiterführende Artikel zum Thema Suonen - oder um Korrekturen, falls sich ein Fehler eingeschlichen haben sollte. Dank Euch auch dafür! Der Autor im Januar 2005.

© Seitenlayout by Reinhard Dietschi
Die Texte wurden grossteils aus dem Buch "Die Suonen des Wallis" entnommen und durch den Autor der Homepage angepasst. Vielen Dank an den Herausgeber des Buches - den Rotten-Verlag in Visp.
Viele lohnende Informationen habe ich auch im Werk "Die Vispertaler Sonnenberge" von F.G. Stebler, aus dem Jahre 1921, gefunden.
Herzlichen Dank an dieser Stelle auch den Erstellern der Homepage der "Gemeinde Zeneggen - sensationell was die Autoren da alles zusammengetragen haben!!