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Der ehemalige Bundesanwalt Lauber stolperte unter anderem über Treffen mit Fifa-Präsident Gianni Infantino, an die er sich nicht erinnern konnte. Wie kann man sich daran nicht erinnern, dachte ich, bis mir einfiel, dass ich auch einmal Gianni Infantino getroffen habe. Und zwar war das mit einer Delegation von ParlamentarierInnen nach seiner Wahl als Fifa-Präsident, als Infantino noch so tat, als wolle er die Fifa reformieren. Mittlerweile hält er wirre Reden, um Katar zu verteidigen.
2006 war ich in Deutschland an der Fussballweltmeisterschaft «zu Gast bei Freunden», wie das Motto damals hiess. Es war eine schöne Reise in den nicht so schönen Ruhrpott, ein paar Tage Fussball-Fest mit viel Stimmung. Die Schweiz erreichte das Achtelfinale und schied gegen die Ukraine aus im Penalty-Schiessen. Es war eine andere Welt.
Nun war die Fifa auch 2006 kein Unschuldslamm. Schon bei Sepp Blatters Vorgänger Joao Havelange gab es Vorwürfe von Korruption. So soll die Sportvermarktungsfirma ISL des Adidas-Gründers Horst Dassler dem Havelange 1,5 Millionen für die Vermarktungsrechte an der Fussball-Europameisterschaft bezahlt haben. Schon Sepp Blatters Kandidatur fürs Präsidium 1998 wurde von Teilen der Fifa kritisiert. Die UEFA stellte mit Lennart Johannsen einen Gegenkandidaten auf. Doch Blatter setzte sich durch. Es gab mehrere Vorwürfe von wegen Stimmenkauf. Blatter wehrte sich gegen Vorwürfe juristisch. Kurze Zeit später kam Kritik von dem von Blatter selbst eingesetzten Fifa-Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen. Dieser warf ihm 2002 Amtsmissbrauch vor und erstattete Anzeige. Diese wurde allerdings nicht weiterverfolgt. Zen-Ruffinen musste seinen Posten räumen. Kurz vor der Präsidentenwahl 2011 warf ihm der einstige Verbündete Mohammed Bin Hamman vor, von Schmiergeldzahlungen an karibische Delegierte gewusst zu haben. Die Ethikkommission der Fifa sprach Blatter allerdings frei. 2015 allerdings konnte sich Blatter nicht mehr retten. Es kam zu Hausdurchsuchungen bei der Fifa, auch die US-Staatsanwaltschaft ermittelte. Dabei ging es um Vorwürfe von Schmiergeldzahlungen für den Verkauf von TV-Rechten in der Karibik. Aber auch die WM 2006 in Deutschland stand unter Verdacht des Stimmenkaufs. Blatter und Vizepräsident Michel Platini wurden von der Fifa-Ethikkommission gesperrt. Blatter soll Platini zwei Millionen Franken für die Unterstützung seiner Präsidentschaft bei den Wahlen 2011 gezahlt haben. Im Gegensatz dazu habe Blatter versprochen, in vier Jahren zurückzutreten, was Platini eine Chance gegeben hätte, selber für das Fifa-Präsidium zu kandidieren. Die Bundesanwaltschaft der Schweiz erhob zudem Anklage gegen Blatter und Platini. Diese wurden am 8. Juli diesen Jahres vom Bundesstrafgericht Bellinzona freigesprochen. Sowohl die FIFA wie auch die Bundesanwaltschaft wollen den Entscheid anfechten. Auch bei den WM-Vergaben für Russland und Katar sollen Stimmen gekauft worden sein. Erschwerend dazu kommen die Vorwürfe über Menschenrechtsverletzungen der Gastländer. Vor allem Katar kam immer wieder in die Schlagzeilen unter anderem auch wegen schlechter Behandlung von GastarbeiterInnen. Die britische Zeitung Guardian sprach von 6500 GastarbeiterInnen, die verstorben sind beim Bau der Stadien in der extremen Hitze. Katar ist auch bekannt für mittelalterliche Ansichten in Sachen Frauen und Rechte von Schwulen und Lesben.
Die ganze Aufzählung der FIFA-Skandale, die ich hier auch nur sehr verkürzt wiedergegeben habe, zeigt eigentlich nur eins: Die ganzen Skandale und Korruptionsvorwürfe sind nichts Neues. Genausowenig wie die Frage, ob Diktaturen gute Austragungsorte für Sportgrossanlässe sind. Ob Weltmeisterschaft oder Olympische Spiele, dass Diktatoren Sportanlässe gerne für Propagandazwecke nutzen, ist spätestens seit den Olympischen Spielen 1936 bekannt. Dies wurde auch immer wieder kritisiert, auch Boykottaufrufe deswegen sind nichts Neues. So gab es beispielsweise auch Boykottaufrufe anlässlich der Fussballweltmeisterschaft in Argentinien 1978. Nur fühlt es sich heute tatsächlich anders an. Über Sport wird kaum geredet. Viel mehr über den mutigen Protest der iranischen Fussballmannschaft und den weniger mutigen Rückzug der Regenbogen-Captainsbinden aller anderen. Vielleicht ist es jetzt anders, weil die Absurdität auf die Spitze getrieben ist, diese Fussball-WM in der Wüste, in den Winter versetzt, mit den offenbar bezahlten Fanmärschen und dem mässigen Interesse der Katari selbst. Vielleicht hat aber der stete Tropfen den Stein so gehöhlt, dass der Krug halt mal bricht, die Phrasen beschreiben den Prozess durchaus gut. Vielleicht ist es jetzt einfach ein Skandal zu viel.
Auch anderswo herrscht ein bisschen Endzeitstimmung. Seit 2010 bin ich auf Twitter, habe dabei viel Zeit vertrödelt und unsinnige Diskussionen geführt, aber gleichzeitig auch einiges erfahren und einige Menschen kennen- und schätzen gelernt, die ich sonst nie getroffen hätte. Dank Twitter, habe ich Geschichten gelesen, Forschungsergebnisse erfahren und gute Diskussionen geführt. Twitter und andere soziale Medien sind auch immens wichtig für die Verbreitung von Neuigkeiten aus Ländern, in denen es eine starke Pressezensur gibt, wie beispielsweise aktuell im Iran. Gleichzeitig ist Twitter auch reine Zeitverschwendung und ein Tummelplatz von toxischen Diskussionen und Trolls. Seit Kurzem hat Elon Musk Twitter übernommen und einen Grossteil der Belegschaft rausgeschmissen. Es gibt Befürchtungen, dass Twitter bald aus technischen Gründen nicht mehr funktionstüchtig sein könnte. Auch politisch könnte es ungemütlich werden, denn Musk hat vor allem angekündigt, aus Gründen der Meinungsfreiheit weniger Inhalt moderieren zu wollen und auch Trump oder anderen Gesperrten eine Rückkehr zu ermöglichen. Das Problem dabei weiss jede Pausenplatzaufsicht: Natürlich muss man nicht bei jedem Konflikt intervenieren, aber wenn nur die Bullies regieren, ist es für alle anderen die Hölle. Noch ist nichts passiert mit Twitter und dennoch fühlt es sich ein wenig an, als ginge die Party zu Ende. Noch ist unklar, ob sich Alternativen etablieren wie Mastodon. Aber vielleicht denken sich wohl alle, vielleicht ist es einfach vorbei. Und vielleicht ist es auch gar nicht so schlimm. Wie im Gedicht von T.S. Eliot: Nicht mit einem Knall, sondern einem Wimmern.
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