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Seine Schwester
Das Telefon klingelt, er nimmt ab, hält einen Moment inne. Er blickt geradeaus, dann auf seine Hände, auf seine Fingernägel. Er steckt das Telefon in seine Tasche. Er sieht ihr in die Augen und sagt dann: Ich muss gehen. Sie ist tot.
Sie geht auf ihn zu. Sie umarmt ihn, drückt seine Hand. Sie sucht eine Antwort in seinem Blick. Sie deutet ein Lächeln an und sagt: Wann kommst du zurück?
Er geht.
Er kehrt um. Sie reicht ihm die Schlüssel. Er lächelt ihr zu und geht. Kommt später wieder. Die Arme beladen. Er nimmt seine Schürze vom Kleiderhaken.
Er öffnet die Tür zu seinem Labor. Vor ihm breitet sich der eiskalte Edelstahl aus. Das grelle Neonlicht setzt sich nach zwei vertrauten Klickgeräuschen durch. Seine Handgelenke zucken beim Kontakt mit dem Stahl zurück. Er rollt seine Ärmel herunter. Er reiht Küchenwerkzeuge und Zutaten auf der Arbeitsfläche auf. Er blickt geradeaus. Mechanisch packt er aus und reiht auf: Eier, Mehl, Butter, Schokolade, Äpfel, Zucker, Schinken, Käse, Zwiebeln, Speckwürfel, Sahne, Hackfleisch, Vanillezucker, Tomaten, Zitronen.
Zuerst die typischen Geräusche der Gerätschaften. Das Messer auf dem Brett, die Schokolade, die zerstückelt auf den Schüsselboden trifft. Dann wie ein Atemzug das Mehl. Das Rascheln der Tütchen, der Zucker, wieder Mehl. Der Tanz der Eier, nach dem zarten Geräusch des Zerbrechens, der Resignation. Er knetet, zerhackt, schält. Schlägt. Kämpft. Mit Wörtern und Kochtöpfen. Der Arm über der Reibe, die entblößte Zitrone. Bewegungen, um das Messer, den Teigschaber, den Schneebesen, das Nudelholz zur Hand zu nehmen. Der Tod, das Absurde. Wieder das Nudelholz. Er lacht höhnisch auf, schreit. Das Spülbecken füllt sich lärmend; Löffel, Messer, Gabeln krachen auf seinen Grund. Ein Echo des Zorns. Stundenlang ist das turbulente Leben mit dem Tod konfrontiert. Stundenlang kämpfen präzise, gefesselt-entfesselte Gesten gegen die Empörung an.
Danach nichts mehr. Waffenstillstand. Zeit. Stille. Nacht.
Am frühen Morgen herrscht ein gigantisches, gewaltiges Durcheinander. Die Schneidebretter sind mit Fett, Fleischstückchen, sehnigen Rückständen verschmutzt. In den Schüsseln eingetrocknete Spuren von Füllung, Béchamelsauce, hartgewordener Butter. Die Löffel, Messer, Gabeln, Schöpfkellen ruhen wie ebenso viele erschöpfte Seelen. Die aufgesammelten Schalen, ihrer Substanz entleert, stapeln sich als müde Reminiszenzen. Die Geschirrtücher liegen zerknüllt da. Er dagegen schläft. Das Sandburgen bauende Kind. Erinnerungen an Meer und Brandung. Den Kopf auf die zusammengerollte Schürze gelegt. Er schläft. Um ihn herum schmiegen sich warme Brötchen mit geschmolzenen und zarten Schokostückchen in die Weidenkörbe, unschuldige und stolze Apfeltaschen drängeln sich an den Rändern der mit Spitzenpapier dekorierten Servierteller, eine Fülle praller, großzügig gestapelter Mandelcroissants lächeln dem Morgen zu, und gefüllte Teigmännchen liegen in wohlgenährter Glückseligkeit dickbäuchig da.
Sie öffnet das Fenster, drückt mit dem Zeigefinger auf den Schalter, um das Neonlicht auszumachen, setzt sich neben ihn, betrachtet sein Gesicht, legt ihm eine Hand, dann den Kopf auf die Schulter. Er wacht nicht auf. Sie schaut ihn wieder an, steht auf und macht Kaffee. Der Duft verschmilzt mit der Morgendämmerung, und sie blickt auf die verflossenen Stunden zurück, auf die vergangenen Leben. Er wacht auf, schickt sich an, aufzustehen. Sie macht einen Schritt vorwärts. Dann sieht er sie an und sagt: Ich habe meine Schwester geliebt.