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Lobenswerter Versuch mit ungewollten Nebenwirkungen
Ein Kommentar von Martin Pütter
Die Washington Times versuchte kürzlich, ihren Lesern ein bisschen die Schweiz zu erklären, mit etwas ungewöhnlichen Beispielen.
Kürzlich wurde ich aufmerksam auf einen Artikel der Washington Times in ihrer Online-Ausgabe. Darin hiess es, die Schweiz suche trotz Bemühungen um Einwanderungsstopp hochqualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland. Der Artikel erschien einen Tag nach der deutlichen Ablehnung der Ecopop-Initiative, welche die jährliche Netto-Einwanderung auf 0,2 Prozent der Bevölkerung senken wollte. Es war ein interessanter Nachzieher, der zu erklären versuchte, warum die Schweiz, und besonders Basel, auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sind. Es ist auch ein lobenswerter Versuch, Lesern in den USA, die ja oft Schweden mit der Schweiz verwechseln, Infos über die Schweiz zu liefern (allerdings würden sicher auch viele Schweizer Ohio und Oregon nebeneinander legen).
Einige Punkte in diesem Artikel brachten mich allerdings zum Staunen. Die Autorin schrieb: «Typische Klagen der Expats über Schweizer Schrullen umfassen den Waschplan in den Waschküchen der Miethäuser.» Damit ist klar: Jeder Haushalt in den USA, Kanada, Grossbritannien oder anderen englischsprachigen Ländern besitzt mindestens eine Waschmaschine – also ist es für Expats schwer zu verstehen, in eine Wohnung zu ziehen und sich dann eine einzige Waschmaschine im Keller des Hauses mit neun anderen Mietparteien teilen zu müssen. Da aber weder Schweizer noch Expats aus nicht-englischsprachigen Ländern damit keine Mühe haben, rate ich: Seid ihr in Rom, macht’s wie die Römer.
Ein weiterer Punkt waren «Klagen empfindlicher Nachbarn über alles, was nach 22 Uhr lauter als das Fallen einer Nähnadel ist». Na, das nenn ich Hyperbel – und Journalisten übertreiben manchmal wirklich gern («déformation professionelle»). Aber eine kurze, knackige Übersetzung für «Zimmerlautstärke», wie es in Mietverträgen heisst, ist schwer zu finden. Übersetzungs-Webseiten umschreiben es sinngemäss mit «der gleichen Lautstärke wie zwei Menschen in normalem Gespräch» oder mit «bescheidener Lautstärke». Ich sag’s so: Wollen Sie um zwei Uhr morgens aufwachen zu Musik in einer Lautstärke, welche die Trompeten Jerichos als Flüstern wirken lassen? (So, ich bin meine Hyperbel los).
Als Expat stimme ich zu, dass die Schweiz sehr viel reguliert und manchmal dabei über das Ziel hinaus schiesst. Aber in dem Artikel der Washington Times vermisste ich eine Erklärung, warum die Schweiz so viel reguliert. Vielleicht hilft dies. Avenir Suisse schrieb: «Zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung konzentrieren sich im Gebiet zwischen Jura und Alpenbogen, das nur einen Drittel der Landesfläche ausmacht.» Laut der «Ideenschmiede für soziale und wirtschaftliche Themen» bedeutet das: 426 Personen pro km2 – fast so viele wie die Niederlande, das am dichtesten besiedelte Land Europas. So viele Menschen so nah beieinander, ohne Regeln – ich überlasse es anderen, sich vorzustellen, was dann passieren würde.
Die Autorin zitiert auch Klagen von Expats über «ungewohnte gesellschaftliche Regeln», über «kulturelle Normen als die wahren gesellschaftlichen Hürden». Es scheint also zu stimmen, dass ein Landeswechsel keinen Charakterwechsel mit sich zieht. Vielleicht hätte es diesen Expats geholfen, wenn sie die Kolumnen über die «Kleinen Unterschiede» in The Basel Journal gelesen hätten.
Was mich schliesslich völlig zum Lachen brachte: Die Autorin behauptet, Expats beklagten sich darüber, dass «Männer sich zum Urinieren in öffentlichen Toiletten setzen müssten.» Nun, ich hab schon manchmal in öffentlichen Toiletten Wasser gelassen, und wenn ein Pissoir vorhanden ist, benutze ich dieses – stehend. Aber ich warte immer noch drauf, diese Vorschrift zu Augen zu bekommen. Ich habe das entsprechende Piktogramm bereits bei verschiedenen Freunden gesehen, und sobald nur eine Toilette vorhanden ist, die von Frauen und Männern benutzt wird, ist es purer Anstand gegenüber anderen Benutzern. Aber ist es wirklich eine weitverbreitete Klage? Oder schliesst die Autorin von Wenigen auf Viele? Ich überlasse das Urteil den Lesern.