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Spanisch eignet sich gut um schnell zu sprechen, die Worte fliessen einfach so aus einem raus. Französisch eignet sich um schön und viel zu reden und doch nichts zu sagen. Diskutiert man auf Deutsch, so stockt die Diskussion, weil man das Gegenüber nicht unterbrechen kann. Wegen der deutschen Partizipialsätze muss man bis zum Ende des Satzes warten um den Inhalt der Aussage zu verstehen und einen eigenen Gedanken erwidern zu können.
Ich lebe in Zürich in einem Studentenheim, einem grossen, fünfstöckigen Gebäudekomplex, einem Turm zu Babel, welcher vor allem von Austauschstudenten bewohnt wird. Die Wohnung teile ich mir mit sechs Mitbewohnern. Es wird Deutsch, Spanisch, Katalanisch, Kantonesisch, Serbisch und Rumänisch gesprochen. Es werden Witze und Redewendungen übersetzt und erklärt. Beim Abendessen wird viel diskutiert, auch über Sprache. Welches Schweizerdeutsch klingt am schönsten? Gibt es einen Geschmack, ein Aroma der Sprache, wie es Umberto Eco nennen würde, welches nicht übersetzt werden kann? Eco wünscht sich ein multilinguales Europa, in dem jeder die Sprachen des anderen vielleicht nicht selbst sprechen kann, aber sie doch versteht, wenn sie gesprochen wird. So wie es in der Serie Altered Carbon der Fall ist, welche im 24. Jahrhundert spielt: Jemand wird etwas auf Arabisch gefragt und antwortet auf Spanisch.
Was genau könnte dieses Aroma einer Sprache sein? Hans Magnus Enzensberger sagt zum Übersetzen der Gedichte von W.C. Williams aus dem Englischen ins Deutsche: „Jeder Versuch, Williams zu übersetzen, ist die Probe aufs Exempel. Seine Knappheit ist im Deutschen unerreichbar. Unserer Poesie, ja unserer Literatur überhaupt, ist die Umgangssprache fremd. (…) der Versuch, der selbstverständlichen Sprache des Alltags habhaft zu werden, wird als Obskurität missverstanden.“ Die Gedichte von Williams können sich in der englischen Originalsprache also besser entfalten, als in der Deutschen, fühlen sich dort wohler. Fühlen sich dort Zuhause. Was kann Enzensberger als Übersetzer tun? Er muss sicher selbst einen Sinn für Poesie haben und nicht einfach Dolmetscher sein. Laut Schleiermacher hat er zwei Optionen: Er kann den Leser zum Autor führen oder den Autor zum Leser. Schleiermacher hat bei seiner Platon Übersetzung ersteres gemacht und die grammatikalischen Strukturen des Griechischen so weit wie möglich ins Deutsche übernommen, in dem er die langen und verzweigten Sätze übernommen hat. So gibt er sein Leseerlebnis des griechischen Originals im Deutschen wieder und bleibt so nah wie möglich am Original. Man spürt im Text noch das Fremde, so Schleiermacher. Führt man den Autor zum Leser, so übersetzt man den Text ins Deutsche, als ob der Autor Deutsch als Muttersprache gehabt hat, also für den Leser möglichst verständlich.
Der polnische Autor Andrzej Sapkowski erzählt in einem Interview, dass er nur selten von ausländischen Verlagen, die seine Bücher verlegen, nach seiner Meinung gefragt wird. Meistens hiesse es, er habe nichts mit der Übersetzung zu tun. Nur in den seltensten Fällen, und zwar dann, wenn die Übersetzer auch nur einen kleinen Funken Anstand haben, so Sapkowski, würden sie sich bei ihm melden und ihn um die Erklärung eines Witzes bitten. Er versteht aber auch, dass das Übersetzen ein künstlerischer und literarischer Prozess ist und möchte sich nicht zu sehr einmischen oder die Freiheit des Übersetzers einschränken. Wenn die Übersetzung schlecht ist und es zum Beispiel nicht schafft Witz und Charme des Buches in der neuen Sprache zu vermitteln, wird niemand sagen das Original sei gut, bloss die Übersetzung sei schlecht. Der Leser unterscheidet nicht zwischen Original und Übersetzung und wird sagen das Buch ist schlecht und Sapkowski ein mieser Schriftsteller. Glückt die Übersetzung, profitieren sowohl Schriftsteller als auch Leser. Es profitieren sowohl das Werk als auch die Sprache, in die das Werk neu übersetzt wird. Das Werk wird revitalisiert, die Sprache wird bereichert und ihre Fähigkeiten das Werk auszudrücken bewiesen.
Sapkowskis Bücher leben von seiner besonderen Art zu erzählen. Es ist eine derbe, sehr bildliche und ausufernde Sprache, die gleichzeitig sehr zart und poetisch sein kann. Die Redewendungen sind lebendig und oft dunkler und morbider, als solche im Deutschen. Es erinnert mich ein wenig an das Serbische, wo man zum Beispiel sagen kann: „Spavao sam kao zaklan“. Das bedeutet so viel wie: „Ich habe (so tief) geschlafen, als wär ich geschlachtet worden“. Das Deutsche wird mit den Büchern Sapkowski um eine Ausdrucksweise und Art zu erzählen reicher. Liest man seine Bücher, so bekommt man das Aroma der polnischen Sprache ein wenig zu schmecken, oder man bekommt wenigstens den Geruch und kann sich den Geschmack ausmalen. Auch dank des Übersetzers Erik Simon, der die Fremdheit des Buches beibehalten hat.
Bei philosophischen Texten hat das Übersetzen eine ganz wichtige Funktion, da übersetzen immer auch interpretieren heisst. Eine Neuübersetzung ist also auch gleich immer eine Neuinterpretation. Übersetzungen sind für die Philosophie besonders spannend, da die Philosophie kein Fachvokabular mit klarem Gebrauchsbereich verwendet, sondern umgangssprachliche Begriffe mit einem schwammigen und ungenauen Gebrauchsbereich. Die Philosophie gibt diesen Begriffen eine eigene Definition. So sagt Theo Harden: „Philosophical texts do not have a ‚home‘, they are polyglot by their very nature and they are obscure“. Es liegt also an den Übersetzern diese allgemeinen Begriffe zu deuten und ihre Assoziationen mit denen in der neuen Sprache zu vergleichen. Jonathan Rée sagt: „Serious philosophical writing always sounds like a translation already“.
So kann Geist als spirit übersetzt werden, geistig aber nicht unbedingt als spiritual. Spiritual ist eher etwas esoterisches, und hat nicht den gleichen Gebrauchsbereich wie geistig. Die Übersetzung darf aber nicht die Mehrdeutigkeit des Originals auflösen. Ist es klar, was mit Geist gemeint ist? Die Seele, der Verstand? Wenn es eine Mehrdeutigkeit gibt, muss diese auch in die Übersetzung übernommen werden. Es muss auch beachtet werden, ob es bereits etablierte Übersetzungen für Fachtermini gibt oder ob ein Philosoph einen Begriff so stark geprägt hat, dass man den Begriff vorwiegend mit ihm und seiner Theorie assoziiert. Die Bedeutung eines Fachbegriffs in der Philosophie ist stark abhängig vom Kontext und vom jeweiligen Philosophen. Um nochmals Rée zu zitieren: „The language of philosophy is not a mighty tree, immovable reassuringly familiar; it is flocks of strange birds, dispersing and regrouping, landing for a moment, and then flying away.“
Ist die Babylonische Sprachverwirrung eine Strafe Gottes? Laut Ricoeur wird sie in der Bibel nicht als Strafe, sondern als neutrale Tatsache erwähnt. Es ist nun mal so. Sprachvielfalt existiert und wir müssen damit umgehen und übersetzen. Aber manch einer wird einwenden: Wieso ersetzen wir nicht alle Sprachen durch das Englische, wäre das nicht viel praktischer? Als nächstes können wir ja jeden Tag das gleiche essen, wäre ja viel praktischer! Für Wittgenstein ist in den „Philosophischen Untersuchungen“ eine Sprache wie eine Stadt: Sie ist lebendig, sie wächst, es kommen neue Viertel dazu, alte werden umgebaut, sie verändert sich. Denken wir diesen Gedanken weiter: Spricht man unterschiedliche Sprachen, reist man durch verschieden Städte und bekommt andere Perspektiven zur Welt. Nicht grundlegend andere, aber eben doch andere. Oder um es mit einem Zitat von Nicolaj Sergejewitsch Trubetzkoy zusammenzufassen: „Jede Sprache ist ein in allen Regenbogenfarben schillerndes Netz, das je nach Grösse der Maschen verschiedene Fische an Land zieht.“