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Leute, die schreiben können, heissen Schriftsteller. Leute, die nicht
schreiben können, heissen ebenso.
Oscar Blumenthal
Irgendwann beschloss der Nationalrat, dass sich nicht mehr jeder Schriftsteller nennen dürfe – wo kämen wir denn da hin? –, sondern dass diesen Titel ab sofort nur noch führen dürfe, wer eine entsprechende Prüfung abgelegt habe. War nicht auch die Qualität der eidgenössischen Gemäldeproduktion gewaltig gestiegen, seit für den Besuch einer Kunsthochschule die Matura als Voraussetzung verlangt wurde, und niemand mehr einfach so ein Bild zusammenpinseln durfte, der nicht den binomischen Lehrsatz beherrschte und die Nebenflüsse des Rheins fehlerfrei aufzählen konnte?
Mit der Abnahme der Prüfung, die allein zur Führung des Titels eines eidgenössisch zertifizierten Schriftstellers (EZS) berechtigte, wurden die kantonalen Erziehungsdirektionen in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Gewerbeaufsichtsämtern beauftragt. Deren gemeinsame Kommission legte in der erstaunlich kurzen Zeit von siebzehn Jahren einen Anforderungskatalog samt Prüfungsordnung vor, die nach Ablauf der Vernehmlassungsfrist und der Behandlung in den kantonalen Parlamenten sechs Jahre später in Kraft trat. Grundsätzlicher Widerstand kam nur aus dem Kanton Wallis, bis man sich dann in einem gut eidgenössischen Kompromiss auf einen Paragraphen einigte, wonach Oskar Freysinger wegen erwiesener Genialität den Titel ehrenhalber erhalten sollte. Den Autoren, die sich schon vor Gültigkeit der Verordnung als Schriftsteller bezeichnet hatten, wurde eine Nachfrist von drei Jahren gewährt, innerhalb derer sie die Prüfung nachholen konnten.
Und alle, alle fielen sie durch.
Peter Bichsel scheiterte an seiner Unfähigkeit, die Hauptstadt des Inselstaates Palau (Melekeok) zu nennen, während Urs Widmer doch tatsächlich nicht in der Lage war, eine Gleichung mit drei Unbekannten zu lösen. (Dass er seine falsche Antwort in Gedichtform abgab, machte die Sache nicht besser.) Milena Moser fiel durch, weil sie auf die Frage nach dem grössten Schweizer Dichter aller Zeiten eine nicht existierende Gottfriedine Keller nannte, und Martin Suter konnte zur Prüfung gar nicht antreten, weil sein Flug aus Guatemala nicht rechtzeitig eintraf.
Alle, alle, alle versagten sie.
So dass seither Oskar Freysinger der einzig wahre Schweizer Schriftsteller ist.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 27. Mai 2012,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«