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9C1. Darwin - Mimik und Physiognomik
Einschätzungen von Carl Huter
Carl Huter: Welt- und Menschenkenntnis, V. Lehrbrief, vierte Lektion, 1906.
Fettdruck und Gliederung durch die Carl-Huter-Stiftung.
Darwins "Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren" ist aus dem Englischen von J. Victor Carus in deutsche Sprache übersetzt, in dem Schweizerbart'schen Verlag, Stuttgart 1884, erschienen. Aber schon weit früher, 1859, hat Dr. Piderit, ein Deutscher, eine beachtenswerte Arbeit veröffentlicht.
Hat sich Johann Jakob Engel nur auf die Mienen und Pantomimen des Menschen beschränkt, so sucht Darwin als Zoologe den Nachweis zu erbringen, dass auch in der Tierwelt Ausdrucksbewegungen existieren, die mit denen der Menschen vielfach ähnlich und übereinstimmend sind, insbesondere hat er dieses bei den höheren Säugetieren beobachtet.
Darwin sucht nun nach den allgemeinen Gesetzen der Ausdrucksbewegungen und kommt hierbei auf recht interessante Grundfragen der Anatomie und Physiologie; die rein psychologischen Gesetze hat Darwin hierbei weniger gefunden. Das Werk hat daher mehr ein physiologisches Interesse. Nach dieser Seite hin ist es aber auch ausserordentlich wertvoll.
...
Darwins Verdienst ist es, mit einer naturwissenschaftlichen Gründlichkeit vorgegangen zu sein, die alle Nachahmung verdient.
Trotzdem ist er nicht von Fehlern frei. Er scheint die Phrenologie gar nicht zu kennen, oder wenn er sie kennt, mit dem bekannten ungerechten Modus des Verschweigens zu behandeln.
Man kann kaum annehmen, dass er, der sich so fleissig in allen Fächern der Lebenskunde umgesehen hat, nichts von der Phrenologie erfahren haben soll.
Grade in seiner Heimat in England ist doch diese Lehre wie in keinem andern Lande so allgemein verbreitet und wissenschaftlich anerkannt.
Warum, frage ich, übergeht Darwin den Zusammenhang der Ausdrucksbewegungen mit dem Gehirn?
Wie ist es möglich, dass auch dieser Forscher sich solcher Schwäche hingeben konnte und in die törichte Einfalt verfallen, in die so viele Ignoranten Galls verfielen, in ihrer Annahme, man könnte seinen Ruhm verderben, wenn man dessen Lehre berühre.
Nun liegt ja Darwin jene taktlose Kampfesweise fern, die sich verschiedene deutsche Gelehrte und Ungelehrte gegen ihren grossen Landsmann und seine Lehre zu Schulden kommen liessen, aber desto stärker ist seine negative Schwäche, das Verschweigen der Gall'schen Arbeiten.
Hätte Darwin sich die Mühe gegeben, die Ausdrucksbewegungen in den natürlichen Zusammenhang mit der Quelle, dem Gehirn zu bringen, so hätten seine Arbeiten einen zehnfach höheren Wert erhalten als sie so haben.
Denn gerade hinter den Ausdrucksbewegungen steht meistens das Bewusstsein, der Wille, folglich stehen gerade sie im engsten Zusammenhange mit dem Gehirn.
Wohl hat Darwin in den drei ersten Kapiteln seines Werkes das Prinzip der direkten Wirkung des erregten Nervensystems mit und ohne Bewusstsein und Willen behandelt, aber es fällt ihm auch nicht mit einer Silbe ein, auf die Quellpunkte, auf die Gehirnzentren und lokalen Organe im Sinne Galls einzugehen.
Interessant ist nur das eine, er hat fest und bestimmt eine ausstrahlende Nervenkraft angenommen, die bei allen Ausdrucksbewegungen mitwirkt, aber er ist sich nicht bewusst, ob dieses Magnetismus, Od, Elektrizität oder sonst etwas ist, etwa eine noch ganz besondere Kraft, deren Wesen bis dato noch nicht bekannt war. (1)
Immerhin macht es mir Freude, Darwin als Zeugen einer ausstrahlenden Nervenkraft überhaupt zitieren zu können. Er sagt in seinem vorhin erwähnten Werke in deutscher Ausgabe, Seite 64, wörtlich: (2)
- "Wir sehen hieraus, dass die nicht besonders geleitete Ausstrahlung von Nervenkraft von den zuerst affiziert gewesenen Nervenzellen, - die lang fortgesetzte Gewohnheit, in heftigem Kampfe den Versuch zu machen, der Ursache des Leidens zu entfliehen - und das Bewusstsein, dass willkürliche Anstrengung der Muskeln den Schmerz erleichtert, dass alles dies wahrscheinlich sich vereinigt hat, die Neigung zu den heftigsten, beinahe konvulsivischen Bewegungen im Zustande äussersten Leidens herbeizuführen; und derartige Bewegungen mit Einschluss derer der Stimmorgane, werden ganz allgemein als im hohen Grade ausdrucksvoll für diesen Zustand anerkannt.
- Da die blosse Berührung eines Empfindungsnervens in einer direkten Weise auf das Herz zurückwirkt, so wird offenbar auch heftiger Schmerz in gleicher Weise aber noch weit energischer auf dasselbe zurückwirken.''
(1) Huter hat diese "ausstrahlende Nervenkraft" entdeckt und bis in alle Einzelheiten beschrieben. Siehe Kapitel 5. Empfindungs-Element; Helioda; Korrespondenzgesetze
(2) Dieser Text von Darwin erfordert beim Lesen eine grosse Aufmerksamkeit. Durch Fettdruck wird leichter ersichtlich, dass Darwin die Meinung vertritt, dass die ausstrahlende Nervenkraft auf die Physiognomie eines Lebewesens einwirkt.
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Diese Seite wurde am 1. Januar 2022 erstellt. Sie wird regelmässig überprüft und überarbeitet.
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