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Als Neil Armstrong im Juli 1969 als erster Mensch den Mond betrat, schauten die NASA-Ingenieure im Kontrollzentrum Houston gebannt auf eine Grossleinwand, auf der die Geschehnisse in 380 000 Kilometern Entfernung live zu sehen waren. Schon beim Start konnten die Flugleiter anhand grossformatiger Live-Übertragungen den Zustand von Raumschiff und Astronauten überwachen. Die Projektoren für das Grossbild stammten aus der Schweiz. Insgesamt 34 so genannte Eidophor-Geräte waren Ende der 1960er-Jahre in den NASA-Raumfahrtzentren installiert. Der Name «Eidophor» stammt aus dem Griechischen und heisst «Bildträger».
Erfinder dieses Grossbildprojektors war der Schweizer Elektroingenieur Fritz Fischer. Er war ab 1933 Professor für technische Physik an der ETH Zürich. In den 1930er-Jahren begannen Sendestationen in den USA, Grossbritannien, Deutschland und Frankreich erste Fernsehprogramme auszustrahlen. Doch die Empfangsgeräte hatten einen kleinen Bildschirm, vor dem sich nur wenige Zuschauer gruppieren konnten. Fernsehbilder in Kinoleinwandgrösse waren mit der gängigen Technik der Röhrenbildschirme nicht möglich. Ein neues Projektionsverfahren zu entwickeln, war die richtige Aufgabe für Fritz Fischer. Denn er galt als Prototyp des initiativen Forschers.
1898 in der Emmentaler Gemeinde Signau geboren, baute er schon als Knabe im Keller ein kleines Kraftwerk, berichtet Heinz Balmer in einer Biographie des Forschers: «Ein Wasserrad mit schön gelöteten Löffeln trieb einen Stromerzeuger an, der daheim Keller und Waschküche beleuchtete.» Nach dem Studium und der Doktorarbeit an der ETH Zürich arbeitete Fischer bei den Telephonwerken Albisrieden. So erfolgreich, dass ihn die Mutterfirma Siemens & Halske in ihr Zentrallabor in Berlin holte. Dort befasste er sich unter anderem mit der Fernlenkung von Fahrzeugen. «Ein Auto fuhr leer in Berlin herum, Fritz Fischer hintennach», schreibt Balmer. Der Emmentaler entwickelte 1928 aber auch die Fernsteuerung für ein Schiff, die Zähringen, die von einem Unterseebot aus gelenkt wurde sowie die Fernlenkung eines Flugzeugs.
Fischer war bei Siemens zum Stellvertreter des Labordirektors aufgestiegen. Doch nachdem Hitler Reichskanzler geworden war, nahm der Schweizer den Ruf an die ETH an und zügelte nach Erlenbach bei Zürich. Als er später einmal nach Berlin reiste und ihn seine ehemaligen Mitarbeiter mit «Heil Hitler!» begrüssten, soll er mit «Heil Minger!», dem Namen des Berner Bundesrats, geantwortet haben.
Fischer hatte schon bei Siemens ein neues Gerät entwickelt, mit dem man Tonfilme aufnehmen und wiedergeben konnte. Er war mit dem Neubau der Filmstudios in Babelsberg beauftragt worden und hatte die physikalischen Grundlagen des Farbfilms studiert. An der ETH beschäftigte er sich nach Projekten für die Fliegerabwehr mit der Fernsehtechnik.
«Es wurde kolportiert, dass Fritz Fischer etwa in der zweiten Hälfte des Jahres 1939 während einer Zugfahrt von Bern nach Zürich die Idee einer funktionstüchtigen Fernsehgrossprojektion hatte», schreibt Caroline Meyer in einem Buch über den Eidophor. «Im Speisewagen sitzend, habe er dazu eine Skizze auf einer Zigarettenschachtel gezeichnet.» Fischers Idee: Ein magnetisch gesteuerter Elektronenstrahl zeichnet das Fernsehbild Zeile für Zeile als elektrische Entladungen auf eine dünne Ölschicht, die auf einen Hohlspiegel aufgebracht ist – den Bildträger Eidophor. Auf dem Öl entstehen so kleine Hügel, die den einzelnen Bildpunkten entsprechen. Beleuchtet man dieses Relief mit einer starken Bogenlampe, wird deren Licht an den Ölhügelchen mehr oder weniger gebrochen. Das vom Hohlspiegel reflektierte, abgelenkte Licht wird durch eine Linse auf die Leinwand projiziert. So erscheinen die Bildpunkte auf dem Hohlspiegel als helle Stellen auf der Leinwand.
Die Umsetzung dieser Idee dauerte allerdings Jahre. Erst zu Silvester 1943 konnten Fischer und seine Ingenieure erstmals ein Fernseh-Grossbild präsentieren. Es wies jedoch noch erhebliche Mängel auf. Ein zweiter Prototyp wurde gebaut. Kurz vor dessen Premiere starb Fischer Ende 1947 völlig unerwartet im Alter von nur 49 Jahren an einem Herzinfarkt. Erst Edgar Gretener, ein Freund Fischers, entwickelte den Eidophor zur Produktionsreife. Als er 1958 starb, übernahm die Chemiefirma Ciba die Dr. Edgar Gretener AG, taufte sie in Gretag AG um und lancierte unter diesem Namen den Fernseh-Grossprojektor in einer Schwarz-Weiss- und einer Farbversion.
Das Kinofernsehen setzte sich jedoch nicht so durch, wie es sich Fritz Fischer gewünscht hatte. Während sich die Kinobesitzer kaum für den Eidophor interessierten, kauften neben der NASA noch Universitäten das Projektionsgerät, um wissenschaftliche Experimente in Hörsäle zu übertragen. Für besonderes Aufsehen sorgten Sportübertragungen auf Grossleinwand wie die Fussball-Weltmeisterschaft 1966 oder Boxkämpfe mit Muhammed Ali, die in Hotelsälen oder Kongresszentren gezeigt wurden. Danach wurde der Eidophor beim Bau neuer grosser Sportstadien fix installiert. Für Kongresse und Tagungen konnte das teure Gerät gemietet werden. Bis 1989 waren weltweit schliesslich über 600 dieser Projektoren in Betrieb. Doch gegen Ende der 1990er-Jahre musste die Produktion eingestellt werden. Der Eidophor wurde ersetzt durch Geräte, die auf neueren Technologien wie zum Beispiel der Flüssigkristallanzeige (LCD) basieren.