Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03609.jsonl.gz/470

Unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen gehört ein muskulöser Körper bei Männern oft zum Standardideal und wird mit Leistungsfähigkeit, Attraktivität und Selbstsicherheit assoziiert. Für so einen Körper wird viel in Kauf genommen.
Anabol-androgene Steroide (AAS) sind synthetische Abkömmlinge des männlichen Sexualhormons Testosteron. Sie wurden in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts erstmals hergestellt und in der Folge in der Medizin für verschiedene Behandlungen eingesetzt: zum Beispiel zur Unterstützung der körperlichen Genesung bei auszehrenden Krankheiten. Die stark wirksamen, muskelaufbauenden Substanzen sind umgangssprachlich vor allem unter dem Begriff «Anabolika» bekannt. Zwar werden unter Anabolika noch andere muskelfördernde Mittel zusammengefasst, aber am häufigsten werden AAS verwendet, weshalb sich der vorliegende Artikel auf diese Gruppe der Anabolika konzentriert.
Während AAS bereits in den 50er-Jahren im leistungsorientierten Sport auftauchten, wurden sie ab den 70er-Jahren zunehmend im Freizeitsport angewendet, namentlich im Kraftsport und im Bodybuilding. Mittlerweile wird davon ausgegangen, dass etwa 80 Prozent der AAS-Konsumierenden keine Leistungs-, sondern Freizeitsportler/innen sind. Entsprechend bezeichnen Fachleute diesen Freizeitkonsum häufig als Medikamentenmissbrauch und nicht als Doping. AAS zu sich zu nehmen, ist verführerisch, denn damit wird der Muskelaufbau beschleunigt, der Körperfettanteil gesenkt und die Regenerationszeit verkürzt. Kein Wunder, sind sie weltweit die am häufigsten nachgewiesenen Dopingsubstanzen im Leistungssport. Ebenso wenig verwunderlich mutet es an, dass sie sich im Freizeitsport wachsender Beliebtheit erfreuen.
Im gesetzlichen Graubereich
Zwar dürfen AAS in der Schweiz – ohne behördliche Bewilligung – weder hergestellt, noch darf damit gehandelt werden, aber Einfuhr, Erwerb, Besitz und Konsum ausserhalb des offiziellen Leistungssports sind nicht strafrechtlich verfolgbar, solange die Substanzen fürden Eigengebrauch bestimmt sind. Aufgrund des Sportförderungsgesetzes können aufgefundene AAS (z. B. bei einer Personenoder Zollkontrolle) aber gebührenpflichtig konfisziert und vernichtet werden. Beim Eigenkonsum handelt es sich folglich um eine Art gesetzlichen Graubereich. Herstellung und Handel erfolgen oftmals innerhalb krimineller Strukturen, die durchaus mit dem illegalen Drogenhandel vergleichbar sind. Der weltweite Umsatz wird auf jährlich über 15 Milliarden geschätzt und die dabei erzielten Margen – bis zum Hundertfachen des eingesetzten Geldes – sind enorm.
Ein erhebliches Problem stellt mitunter die mit der Illegalität einhergehende, schwer zu kontrollierende Qualität der Substanzen dar. Hiesige sogenannte Untergrundlabors (in der Realität häufig einfach ein paar Herdplatten in einer Mietwohnung) stellen AAS unter alles andere als hygienischen Bedingungen her, die wirklichen Inhalte der Substanzen sind kaum kontrollierbar. Auch die vielen Produktionsstätten in Osteuropa und Asien liefern oftmals Substanzen mit zweifelhaften Inhalten.
Bloss kein Lauch sein
Verlässliche Zahlen zur Verbreitung liegen in der Schweiz bislang nicht vor. Zwei Studien in deutschen Fitnessstudios ergaben Häufigkeiten von rund 13 Prozent aller Mitglieder. Verschiedene Experten sowie eine ältere deutsche Studie gehen gar von deutlich höheren Raten (rund 20 Prozent) aus. Unbestritten ist, dass die überwältigende Mehrheit der Konsumierenden männlich sind, während der Konsum bei Frauen eher ein Randphänomen darstellt. Aber auch bei den Frauen gibt es Hinweise, dass die Verwendung zunimmt. Bei der Suche nach den Hintergründen für die Verbreitung des AAS-Konsums unter Normalos ist der kulturelle Wandel entscheidend, der sich in den letzten drei Jahrzehnten schleichend vollzogen hat. Während in den 90er-Jahren die Doktrin der extrem dünnen weiblichen Models für Aufsehen und Kritik sorgte, ist der Körperkult in Form eines stramm durchtrainierten Körpers mit dem prestigeträchtigen Sixpack als i-Tüpfelchen längst beim Mann angelangt. Besonders unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen gehört ein muskulöser Körper bei Männern zum Standardideal und wird mit Leistungsfähigkeit, Attraktivität und Selbstsicherheit assoziiert. Junge Männer mit einem untrainierten Körper werden von Gleichaltrigen schnell einmal als Lauch abgewertet. Diese neue Norm wirkt sich auf das Selbstbild von Jugendlichen aus. 77 Prozent der männlichen Jugendlichen in der Deutschschweiz möchten muskulöser sein und rund jeder fünfte kann sich schlecht von unrealistischen Körperbildern abgrenzen und ist überzeugt, dass er glücklicher wäre, wenn er seinen Körper verändern könnte. Über die elektronischen (sozialen), aber auch die klassischen Medien werden Körperideale transportiert und normalisiert, die ohne ein hartes und konstantes Krafttraining kaum zu erreichen sind. Ausserdem werden viele Bilder technisch optimiert, sodass die Muskeln grösser und kompakter wirken. Der Griff zu AAS, um diesem Ideal möglichst nahe zu kommen, kann daher durchaus verlockend erscheinen.
Risiken und Nebenwirkungen
Die Anwendung von AAS wirkt, in Verbindung mit einem disziplinierten Krafttraining und einer spezifischen Ernährung, sehr stark muskelaufbauend. Teilweise wächst die Muskulatur so rasch an, dass die Haut sich nicht schnell genug mitdehnen kann und reisst. Als Folge treten die Striae, streifenartige Vernarbungen, auf. Diese gehören, zusammen mit vermehrter Aknebildung, allerdings zu den harmloseren Nebenwirkungen. Weitaus ernsthafter ist beispielsweise die Förderung von bestimmten Krebszellen (z. B. in der Leber) oder Ablagerungen in den Blutgefässen (Arteriosklerose). Letztere stellen ein deutlich erhöhtes Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle dar. Diverse Studien zeigen zudem eine krankhafte Veränderung des Herzmuskels bei Langzeitkonsumenten sowie verschiedene andere unerwünschte Nebenwirkungen.
Vereinfacht gesagt,versucht der Körper den von aussen zugeführten Überschuss an Hormonen (in diesem Fall AAS) durch die Drosselung der Eigenproduktion auszubalancieren. Daher führt das Zufügen von AAS vielfach zu einer Verminderung der Spermienproduktion bis hin zur Unfruchtbarkeit sowie zum Schrumpfen der Hoden. Zwar sind viele dieser Nebenwirkungen grundsätzlich reversibel, wenn AAS für längere Zeit abgesetzt werden. Aber besonders die stark gesundheitsgefährdenden Auswirkungen (Herzkreislauf, Tumorwachstum etc.) sind es mitunter nicht. Obwohl plötzliche Todesfälle von bekannten Anabolikakonsumenten immer wieder in den Medien auftauchen oder selbst im eigenen Bekanntenkreis auftreten, werden die Risiken des Konsums von den Anwendern häufig unterschätzt oder heruntergespielt.
AAS können mit Gels, die auf die Haut aufgetragen werden, Tabletten oder Injektionen angewendet werden. Injektionen bieten die grösste Bandbreite an verwendbaren AAS und sollen weniger leberschädigendwirken, was mithin Gründe für diese Verwendungsart sein dürften – trotz augenscheinlicher Risiken wie Spritzenabszessen, Infektionen oder Gesundheitsschäden durch verunreinigte Substanzen.
Mit verschiedenen ausgeklügelten Methoden, die den Konsum über einen bestimmten Zeitraum hinweg mit einer anschliessenden Abstinenzphase kombinieren, sowie mit diversen Mitteln, die gegen die Nebenwirkungen helfen sollen, versuchen viele Anwender, die Risiken zu mindern. In der AAS-Szene wird die Phase der Einnahme oftmals als Zyklus oder Kur bezeichnet,wobei die Dauer einer solchen Kur stark variieren kann. Grossmehrheitlich wird während einer Kur «gestapelt», das heisst die Dosis der AAS wird stetig erhöht und dann wieder langsam gesenkt. Diese Methode soll dem Körper die Möglichkeit geben, sich an die Substanz zu gewöhnen und die Nebenwirkungen zu lindern.
Experten im Internet
Das Internet ist voll von selbsternannten «Experten», die detaillierte Anleitung zu einem angeblich risikoarmen Konsum geben. Dies kann dazu führen, dass sich die Anwender in einer falschen Sicherheit wiegen und die tatsächlichen Risiken – insbesondere, was die Langzeitwirkungen betrifft – massiv unterschätzt werden. Informationen werden in Internetforen, von zweifelhaften Produkteherstellern, Anwendern oder im Bekanntenkreis beschafft. Für viele Konsumenten ist das Buch «Anabole Steroide – das schwarze Buch» ausserdem so etwas wie die Bibel des AAS-Konsums. Das Buch liefert eine breite Übersicht überdie meisten bekannten AAS, die weltweit verfügbar sind. Für den Laien liest es sich wie der Werbekatalog eines Nahrungsmittelherstellers.
«On»- und «Off»-Phasen»
Das Problem beim AAS-Konsum liegt aber nicht allein in den körperlichen Risiken, sondern auch in den psychischen. AAS weisen ein beträchtliches Abhängigkeitspotenzial auf und können vermutlich weitere mentale Erkrankungen auslösen. Besonders häufig wird von Depressionen berichtet, aber auch Psychosen, erhöhte Aggressivität oder Panikattacken werden in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben. Anwender berichten oftmals von einem rossartigen Lebensgefühl, während sie «on» sind. «On sein» bezeichnet in der Szene die Phase, in der AAS eingenommen werden, die darauffolgende Abstinenzphase wird entsprechend mit «off sein» beschrieben. Während der «On»-Phase fühlen sich viele Anwender extrem leistungsfähig, selbstsicher, potent und energiegeladen. Entsprechend kann die «Off»-Phase gerade psychisch als sehr belastend erlebt werden. Die Muskulatur nimmt wieder ab, selbst wenn genauso hart weitertrainiert wird, und durch die veränderte eigene Hormonproduktion des Körpers, die der externen Überflutung quasi nachhallt, können unter anderem Depressionen, Selbstzweifel oder Potenzstörungen auftreten. Bis der Körper das Hormonniveau wieder auf den natürlichen Ausgangspunkt zurückgebildet hat, können viele Monate vergehen. Dass es in dieser (Entzugs-)Phase besonders verführerisch scheinen kann, baldmöglichst mit der nächsten Kur zu beginnen und damit die belastenden Absetzsymptome wegzuwischen, ist nachvollziehbar. Aus diesem «On-Off»-Teufelskreis kann ein Ausbrechen schwierig werden und die vermeintliche einmalige Kur kann schleichend in eine Langzeitabhängigkeit führen. Im Extremfall kann dies dazu führen, dass jemand «Dauer-on» wird, also ohne Unterbruch AAS konsumiert.
Fakten und handfeste Alternativen
Vor dem Hintergrund der ernsten Gesundheitsgefährdung durch AAS kommt der Prävention eine besondere Bedeutung zu. Besonders erschwerend ist dabei die Tatsache, dass der Konsum von AAS sogar unter vielen Konsumierenden ein Tabuthema ist. Letzteres kann dazu führen, dass sich die Community der «Stoffer», Slang für AAS-Konsumierende, vor allem im Internet auf einschlägigen Plattformen und Foren austauscht. Entsprechend muss ein wesentlicher Teil der präventiven Massnahmen im Internet und in den sozialen Medien stattfinden. Ähnlich wie bei vielen illegalen Substanzen herrscht offenbar ein hoher Bedarf an faktengestützten Informationen zu den Risiken und Auswirkungen des AAS-Konsums, da sich zahlreiche Mythen um den angeblich richtigen oder risikoarmen Konsum im Netz tummeln. In diesem Zusammenhang bietet auch das Gewinnen von wichtigen Influencern aus der Fitness- und Lifestylewelt eine interessante Perspektive, obgleich es schwer umsetzbar ist, da man sich dabei mit einer Fülle von Interessenvertretern und Werbetreibenden in Konkurrenz begibt. Auch der Primärversorgung im Gesundheitswesen kommt im Hinblick auf die Früherkennung und -intervention eine wichtige Rolle zu.
Zwei weitere Ansatzpunkte sind einerseits die Fitnesszentren und Personal- Trainer, andererseits die oberen Schulstufen der Sekundarstufe II, um über Risiken und Mythen zu informieren und über mögliche Alternativen aufzuklären. Letztere können unter dem Begriff «Natural Bodybuilding» subsumiert werden und zielen auf ein möglichst effizientes, muskelförderliches Training im Zusammenspiel mit einer gezielten Ernährung.
Domenic Schnoz ist Soziologe mit dem Schwerpunkt Sucht, den er seit seiner Studienzeit aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Seit 2013 leitet er die Zürcher Fachstelle zur Prävention des Alkohol- und Medikamentenmissbrauchs. Sie wird ab 2019 um den Tabakbereich erweitert und fortan unter dem Namen Zürcher Fachstelle zur Prävention des Suchtmittelmissbrauchs (ZFPS) auftreten.