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Er war einer der ersten großen westlichen Denker, der Aspekte der östlichen Philosophie in seine Werke einfließen ließ. Selbst wenn man anderer Meinung sein sollte, sind seine Werke vielleicht mit Nietzsches Worten zu würdigen:
Dass ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist wahrlich die Lust auf dieser Erde zu leben vermehr worden.
Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) wurde zu seinen Lebzeiten kaum beachtet, aber sein Denken über die menschliche Natur hat eine lange Liste nachfolgender Schriftsteller und Philosophen tief beeinflusst.
In seinen „Aphorismen zur Lebensweisheit“ wich er von seinem bekannten Pessimismus ab und versuchte zu skizzieren, was es braucht, um in dieser Welt, so wie sie ist, ein glückliches Leben zu führen. Dabei wies er einfühlsam auf eine der Hauptschwierigkeiten unserer Existenz hin:
Der allgemeinste Überblick zeigt uns, als die beiden Feinde des menschlichen Glückes, den Schmerz und die Langeweile. Dazu noch läßt sich bemerken, daß, in dem Maße, als es uns glückt, von einem derselben uns zu entfernen, wir dem andern uns nähern, und umgekehrt; so daß unser Leben wirklich eine stärkere oder schwächere Oszillation zwischen ihnen darstellt. Dies entspringt daraus, daß beide in einem doppelten Antagonismus zu einander stehen, einem äußern oder objektiven, und einem innern oder subjektiven.
Äußerlich nämlich gebiert Not und Entbehrung den Schmerz; hingegen Sicherheit und Überfluß die Langeweile. Demgemäß sehen wir die niedere Volksklasse in einem beständigen Kampf gegen die Not, also den Schmerz; die reiche und vornehme Welt hingegen in einem anhaltenden oft wirklich verzweifelten Kampf gegen die Langeweile.
Gefangen in der Lust/Schmerz-Achse
Die traditionelle Psychologie und die Neurowissenschaften sind davon ausgegangen, dass wir Menschen über angeborene biologische Bahnen verfügen, die uns von der Evolution eingeimpft wurden und sich in Gefühlen wie Wut und Freude ausdrücken.
Diese Ansicht ist in der Populärkultur so tief verwurzelt, dass die meisten von uns ebenfalls der Meinung sind, dass es etwas Spezifisches wie Wut und Freude gibt, die wir bei anderen zu verschiedenen Zeiten erkennen könnten.
Die Anhänger des Konstruktivismus (Erkenntnistheorie), respektive des radikalen Konstruktivismus sehen das anders:
[…] legen Fachleute aus verschiedenen Gebieten dar, wie wissenschaftliche, gesellschaftliche und individuelle Wirklichkeiten dadurch erfunden (konstruiert) werden, daß wir die vermeintlich „da draußen“ objektiv bestehende Wirklichkeit immer wieder mit gewissen Grundannahmen herangehen, die wir für bereits feststehende, „objektive“ Aspekte der Wirklichkeit halten, während sie nur die Folgen der Art und Weise sind, in der wir nach der Wirklichkeit suchen.
Watzlawick (2006), „Die erfundene Wirklichkeit: Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben“
Wir erleben zwar etwas, das wir grob als Wut bezeichnen, aber es existiert nicht in der konkreten und spezifischen Weise, wie wir es glauben. Es ist eine komplexe und zusammengefasste Mischung aus allem, was zu einem bestimmten Zeitpunkt in unserem Körper vor sich geht (um uns zu orientieren), und es variiert von einem Fall zum anderen.
Nach dieser Auffassung gibt es nur die Lust-Schmerz-Achse, die dazu dient, Informationen sowohl aus unserem Körper als auch aus unserer Umgebung aufzunehmen, um eine ungefähre Vorstellung davon zu bekommen, was wir brauchen. Innerhalb dieser Achse erleben wir eine sich ständig verändernde bewusste Realität.
Alles andere – insbesondere Emotionen und Kognition – existiert nur, weil wir sprachliche Unterscheidungen zwischen ihnen schaffen. Wut ist nur deshalb Wut, weil wir sie kollektiv als Wut bezeichnen.
Interessant ist, dass Schopenhauer mit seiner Unterscheidung von Schmerz und Langeweile noch einen Schritt weiter geht. Während der Schmerz konstant und allgegenwärtig sein kann (er ist eine Aufforderung zum Handeln, und wenn man nicht darauf reagiert, bleibt er bestehen), ist das mit Vergnügen (oder ein ähnlich gutes Gefühl) nicht der Fall und verwandelt sich in Langeweile, wenn man alles hat, was man braucht.
In gewisser Weise sind wir, wie Schopenhauer betont, in dieser Fluktuation gefangen. Wenn wir von dem einen wegkommen, bewegen wir uns auf das andere zu, und keines von beiden bietet langfristige Befriedigung.
Vieles ist noch ungewiss, was die Art und Weise betrifft, wie wir unsere bewusste Realität erleben, aber die Tatsache, dass wir auf der Achse zwischen Freude und Schmerz leben, scheint so gut wie sicher zu sein.
In anderen Worten, wir haben immer Dilemmata, können dies akzeptieren und damit leben.
Eine Verbindung zwischen Geist und Körper kultivieren
Um dieses Problem zu lösen, schlägt Schopenhauer vor, dass wir unsere Beschäftigung mit der Welt um uns herum hinter uns lassen und uns stattdessen in die Welt der Gedanken zurückziehen, um inneren Reichtum zu schaffen.
Nun, er behauptet nicht, dass man körperlichen Schmerzen im Geiste entkommen kann. Schmerz kann man haben, ob man jedoch darunter leidet, ist eine Entscheidung. Und er vertritt die Ansicht, dass wir die Fesseln der Langeweile zumindest durch das Denken sprengen können.
In einigen Fällen von Langeweile und Schmerz tun die Gedanken nichts anderes, als das zu verstärken, was die Unzufriedenheit verursacht. Es nicht einfach, an etwas anderes zu denken, um dem zu entkommen, aber machbar.
Eine weitere Lösung könnte sein, sich inneren Reichtum zu schaffen, indem man eine ganzheitlichere Verbindung zwischen Geist und Körper kultiviert, bei der man dem Körper ebenso viel Aufmerksamkeit schenkt wie den Gedanken.
Die Probleme des Schmerzes und der Langeweile lassen sich nicht lösen, indem man sich auf das eine oder das andere zurückzieht, entweder auf die Gedanken (subjektiv, innerlich) oder auf den Körper (objektiv, äußerlich), sondern sie müssen zusammenwirken.
Fazit
Wir leben zwar auf der Achse zwischen Vergnügen und Schmerz, aber anhaltendes Vergnügen führt fast immer zu Langeweile.
Schmerz gibt uns die Information, dass etwas nicht stimmt und wir es in Ordnung bringen wollen. Er bleibt in uns so lange, bis das Problem gelöst ist. Vergnügen hingegen, ist eine Belohnung, aber wenn die Belohnung ständig vorhanden ist, hört sie auf, belohnend zu sein, was zu einer gewissen Langeweile führen kann.
Es gibt zwar Möglichkeiten, dieser Stumpfheit zu entkommen, indem wir uns auf den Verstand und das intellektuelle Denken zurückziehen, aber wir können die Verbindung zwischen der Erfahrung und der Vergnügen-Schmerz-Achse nicht völlig auflösen.
Um die ständig wechselnden Einflüsse, mit denen wir leben, auf gesunde Weise auszubalancieren, könnten wir eine Verbindung zwischen Geist und Körper entwickeln, eine Verbindung, die beide ganzheitlich einbezieht, um Veränderungen zu bewältigen.
Indem wir unseren Körper außerhalb der Grenzen des Denkens beobachten und ihm Aufmerksamkeit schenken, können wir die Gefühle und Empfindungen in den Vordergrund rücken, die durch einen unaufmerksamen Verstand verdeckt werden.
Wird ein „Problem“ erlebt, drückt dies die gerade im Moment gestalteten Wahrnehmungsprozesse und Konstruktionen von „Realität“ aus, die der Beobachter tätigt, der das „Problem“ erlebt (bewusst und unbewusst, willkürlich und unwillkürlich).
Gunther Schmidt, „Das Orchester der Sinne nutzen für erfolgreiche Kompetenzentwicklungen“
Es ist offensichtlich, dass Geist und Körper zusammenarbeiten, dass sie über eine Rückkopplungsschleife miteinander verbunden sind, und wir ignorieren dies oft.
Mit erhobenem Kopf, tief durchgeatmet, mit beiden Beinen aufrichtig stehend, fällt es schwer, sich wirklich, wirklich schlecht zu fühlen.
Unzufriedenheit existiert, ob wir es wollen oder nicht, aber wie wir mit ihr umgehen, macht den Unterschied. Und dabei können wir unseren Körper nutzen. Erneut ganz nach Gunther Schmidts Motto:
So wie man geht, so geht es einem und wie es einem geht, so geht man.
Es wäre sehr schön, wenn sich jetzt bald meine Schultern wohltuend lockern würden, wenn angenehm erfrischend Energie durch meinen Körper strömen würde und ich eine gewisse Leichtigkeit erleben könnte, womöglich verbunden mit einigen erholsam tiefen Atemzügen …
Nicht gleich, nicht jetzt, vielleicht später oder irgendwann …