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Mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht endete in Europa der Zweite Weltkrieg heute vor 70 Jahren. Sechs Jahre Kampf zwischen 1939 bis 1945 hinterliessen ein Europa, das von politischer Instabilität, fast vollständig zerstörter Infrastruktur und brachliegenden Industrieanlagen gezeichnet war. Millionen Menschen verloren ihr Leben.
Adolf Hitlers brauner Traum endete nicht nur für die betroffenen Menschen und Länder in der Katastrophe. Er hinterliess auch wirtschaftlich verbrannte Erde. Die Nazis schafften während ihrer Herrschaft die grösste Staatsverschuldungsquote, die die Welt bis heute gesehen hat: Ungefähr 670 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), rechnet der amerikanische Ökonomieprofessor Robert Kuttner in seinem Buch «Debtors' Prison: The Politics of Austerity Versus Possibility» vor.
Konsum dank Plünderung Europas
Deutschland war am Ende völlig mittellos und wurde in den letzten zwei Kriegsjahren von den Allierten zurück in die Steinzeit gebombt. Die Deutschen lebten während der Nazizeit wirtschaftlich massiv über ihren Verhältnissen. Sie konnten dies, indem sie halb Europa plünderten. Lange nicht alle führenden Politiker der Siegermächte waren darum gegenüber Deutschland gnädig gestimmt. Einige, etwa der US-Finanzminister Henry Morgenthau, wollten Rache: Deutschland sollte für immer ein Bauernstaat bleiben und nie wieder auferstehen.
Doch zum Glück siegte die Vernunft. Im Morgengrauen des Friedens trafen die Siegermächte eine folgenreiche Entscheidung: Deutschland wurden die Staatsschulden komplett erlassen. Und die Schulden aus der Vor-Nazizeit, der Weimarer Republik, wurden auf ungefähr einen Zehntel der ursprünglichen Schuldenlast reduziert. Festgehalten wurde das Abkommen über die deutschen Auslandsschulden schliesslich Anfang 1953.
Schulden zusammengestrichen...
Der Ökonom Albrecht Ritschl, der an der renommierten Londoner LSE Wirtschaftsgeschichte unterrichtet, rechnet vor, Deutschland sei nach dem Krieg eine Schuldenlast gestrichen worden, die rund das Vierfache des BIP von 1950 betragen habe. Erst diese Erleichterung habe die Basis gelegt für das kräftige Wachstum der Nachkriegsjahre.
Die Siegermächte hatten aus Fehlern der Vergangenheit gelernt: Die harten Reparationszahlungen, die Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg auferzwungen wurden, erwiesen sich für die Wirtschaft und damit die Gesellschaft als Ganzes als verheerend. Vom Deutschen Reich wurden nach der Niederlage 1918 mehr als 132 Milliarden Goldmark als Kriegentschädigung in Dollar, Pfund und Franc gefordert.
Doch nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die neue Bundesrepublik Deutschland (BRD) zu sehr vorteilhaften Konditionen einen Bruchteil ihrer Schulden wieder zurückzahlen. Erst vor fünf Jahren hat das Land diese Schulden endgültig getilgt.
Die Siegermächte strichen Deutschland aber nicht nur die Schulden zusammen, sondern griffen mit dem Europäischen Wiederaufbauprogramm, dem so genannten Marshall-Plan, Nachkriegsdeutschland ab 1947 auch mit Milliardenhilfen unter die Arme.
... und Milliarden gegeben
Natürlich machten die Allierten dies nicht aus Nächstenliebe. Zu Recht befürchteten die Amerikaner den Einfluss von Stalins Sowjetunion auf Europa, zumal in Frankreich und Italien kommunistische Parteien vor Wahlsiegen standen. Ausserdem zielten die USA auf den Aufbau zuverlässiger Handelspartnerschaften, um dank Exporten ihre eigene Wirtschaft zu stützen.
So glänzte die BRD 1953 mit einer Staatsverschuldung von weniger als 20 Prozent des BIP. Die Wirtschaftsleistung verdoppelte sich binnen einer Dekade. Das Land stand damit in dieser Disziplin viel besser da als alle Kriegsgegner, die sich für die Bekämpfung der Nazis hoch verschuldet hatten.
Wirkung geht gerne vergessen
Während im kollektiven Gedächtnis bis heute das Wirtschaftswunder vor allem dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer und seinem legendären Finanzminister Ludwig Erhard zugeschrieben wird, gehen die Rollen des massiven Schuldenerlasses einerseits und die Wirkung des Marshall-Plans andererseits in der öffentlichen Wahrnehmung bisweilen unter. Deutschland erhielt nach Grossbritannien, Frankreich und Italien am meisten Geld von den Vereinigten Staaten: 1,4 Milliarden US-Dollar in Form von Krediten. Davon musste das Land aber nur 1 Milliarde Dollar zurückzahlen, der Rest wurde erlassen.
Bis heute ist unter Experten umstritten, wie stark der Marshall-Plan den Wiederaufbau Deutschlands wirklich beschleunigte. Es ist aber klar, dass er den Wirtschaftsaufschwung in den 1950er-Jahre neben dem Schuldenerlass ebenfalls vorantrieb.
Deutschland lehnt Schuldenerlass für Griechenland ab
Dies führt über in die Gegenwart: Es kommt nicht von ungefähr, dass Griechenland sich über die restriktive Geldpolitik ihrer Gläubiger beschwert. Diese Kritik einfach als Faulheit reformunwilliger Südländer abzutun, wie es manchmal in deutschen Medien und von Politikern getan wird, greift zu kurz. Wäre Deutschland nach der Nazi-Katastrophe so behandelt worden wie Griechenland heute, wäre das Land – und mit ihm Europa – mit grosser Wahrscheinlichkeit viel ärmer. Das schreibt auch Experte Kuttner.
Nicht einmal der Internationale Wirtschaftsfonds (IWF) streitet noch ab, dass die Medizin im Fall Griechenland überdosiert war. Zwischen den Vorhersagen zum griechischen Schuldenberg und der Realität gebe es einen sehr grossen Unterschied. Der Schweizer IWF-Vertreter warnte schon früh, dass man mit der eingeschlagenen Wirtschaftspolitik im Falle Griechenlands sehenden Auges ins Desaster segle. Und bezweifelte, dass die Schuldenlast überhaupt noch tragbar ist.