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Die Droge der Frauen
Vor ein paar Wochen überraschte mich eine Kollegin, als ich ihr an einem Apéro ein Glas Wein einschenken wollte, mit ihrer Antwort: «Ich trinke zurzeit nicht.» Ich glaubte, mich verhört zu haben, kannte ich doch Barbara am Feierabend nur mit einem Glas Prosecco in der Hand. Auf die Frage, warum sie abstinent geworden sei, sagte sie: «Es hat mich einfach tierisch genervt, dass es für mich keinen Ausgang mehr ohne Alkohol gab.» Barbara würde sich nie selber als Alkoholikern bezeichnen. «Ich sehe schliesslich auch nicht aus wie Amy Winehouse», sagte sie lachend.
Die 37-jährige Grafikerin trank zwar nicht jeden Tag, aber regelmässig drei- bis viermal in der Woche. «Irgendwie war es völlig alltäglich geworden, nach einem strengen Tag ein paar Drinks zu kippen. Nichts entspannt mich besser», gab sie unumwunden zu.
Barbara gehört zu einer stark wachsenden Gruppe von jungen, erfolgreichen Frauen, die gerne und ausgiebig trinken. Alkohol ist die letzte legale und geduldete Droge in der Schweiz. Kiffen und Koksen sind verboten, Rauchen verpönt. Aber Alkohol gehört fast überall dazu. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat nachgewiesen, dass junge Frauen punkto Alkoholkonsum ihren männlichen Altersgenossen in nichts nachstehen. «Historisch gesehen, hatten die Frauen die informelle Aufgabe, den Alkoholkonsum der Männer zu überprüfen», sagt die britische Professorin Moira Plant. «Doch immer mehr junge Frauen haben keine Lust mehr auf diese Rolle, sondern trinken genauso viel wie die jungen Männer.»
Überraschend das Ergebnis des Londoner Institut of Alcohol Studies, das festgestellt hat, dass Frauen in höheren Positionen doppelt so viel trinken wie Frauen in niedrigeren. Der Grund? Gut ausgebildete Frauen, die später Kinder bekommen, haben ein aktiveres soziales Leben, da gehört das Trinken einfach dazu. Zudem besteht zwischen langen Arbeitszeiten und hohem Alkoholkonsum ein direkter Zusammenhang. Oft fühlen sich gerade junge Frauen in ihrer Rolle als Supermutter, Karrierefrau und Liebhaberin überfordert. Oder wie schon Herbert Grönemeyer sang: «Alkohol ist dein Sanitäter in der Not, Alkohol ist dein Fallschirm und dein Rettungsboot.»
Dank ihrer hormonellen und biologischen Faktoren spüren die Frauen die Nebenwirkungen, die der Alkohol verursacht, stärker. Alkohol geht nicht ins Fettgewebe über, sondern verteilt sich auf den geringen Flüssigkeitsgehalt. Daher werden Frauen bei gleicher Menge Alkohol schneller betrunken als Männer. Auch die Schäden bei Alkoholmissbrauch sind bei Frauen gravierender, da ihre Leber Alkohol langsamer abbaut.
Aber nicht nur die inneren Organe leiden unter dem steten Trinken, auch äusserlich schlägt es sich nieder. Alkohol ist der Hautkiller Nummer eins. Die gleichen Frauen, die für teure Anti-Aging-Produkte Unsummen ausgeben, machen sich keine Gedanken darüber, dass Alkohol ihr Aussehen ruiniert. Und: Schon moderates Trinken reduziert die Fruchtbarkeit.
Für viele Frauen ist Alkohol die bevorzugte Entspannungsdroge. Griffen unsere Mütter gerne mal zu Beruhigungstabletten wie Valium oder Seresta, scheint Hochprozentiges unkomplizierter zu sein, wenn es darum geht, die Nerven zu beruhigen. Und es gibt viele Gründe, einen zu heben: Das Leben stresst, der Chef nervt, das Lampenfieber vor der Präsentation muss beruhigt werden, der berufliche Erfolg wird gefeiert, wir haben es verdient, sind einsam/unglücklich oder glücklich oder brauchen mehr Selbstbewusstsein. Vielleicht aber auch nur ein Glas in der Hand.
Heute ist Barbara immer noch abstinent. Sie will schwanger werden. «Wenn ich ehrlich bin, so ist das der einzige Grund, warum ich nicht wieder trinke.»
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