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Inwiefern gelten invasive Arten als eine der wichtigsten Gefahren für die Artenvielfalt?

Schönenberger: Oft sind invasive Arten Jäger oder haben pathogene Eigenschaften – sie verdrängen oder zerstören also andere Arten. Es kann auch passieren, dass sie seltene, heimische Arten auskreuzen, ihre Eigenschaften also an heimische Pflanzen oder Tiere vererben und sie so verändern. Dennoch bin ich nicht ganz einverstanden, dass invasive Arten eine der wichtigsten Gefahren für die Artenvielfalt sind. Aus meiner Sicht stimmt diese Aussage in dieser Form nur für Binnengewässer und Inseln.
Conedera: Auch ich finde die Aussage zugespitzt. Es ist schwierig, gute, eindeutige Beispiele zur Unterstützung dieser These zu finden. Der Kastanienrindenkrebs beispielsweise, eine eingeschleppte Pilzkrankheit, hat zwar die amerikanische Kastanie ausgerottet, und doch hat er dort die Biodiversität im weiteren Sinne nicht wesentlich beeinflusst.
Also sind invasive Arten nicht gefährlich, aber schädlich?
Schönenberger: Aus Sicht eines Biologen ist eine invasive Art eine Art, die sich schnell verbreitet, viele Nachkommen hat und grosse Populationen aufbauen kann. Diese Definition hat überhaupt nichts mit «Schaden» zu tun. Schaden wird immer von den Menschen definiert. Deshalb denke ich, dass biologische Invasionen in erster Linie ein Problem für den Menschen sind, nicht für die Natur. Die Natur orientiert sich an geologischen Zeiten. Aber wir Menschen brauchen die Biodiversität jetzt – und jeden Tag.
Conedera: Das sieht man auch am Beispiel der amerikanischen Kastanie. Ihr Aussterben war vor allem für den Menschen ein Problem. Die Natur hingegen braucht in erster Linie Funktionen. Welche Art diese Funktion übernimmt, spielt für die Natur keine Rolle. Ob beispielsweise der Bestäuber eine einheimische Biene oder eine exotische Mücke ist, ist der Natur gleichgültig. Wichtig ist nur, dass die Bestäubung stattfindet.
Und was ist mit dem nordamerikanischen Grauhörnchen?
Schönenberger: Das Eichhörnchen ist ein sehr interessantes Beispiel. Wo das nordamerikanische Grauhörnchen auftritt, verdrängt es unser rotes Einheimisches. Dieses wird sich – sofern keine Massnahmen ergriffen werden – in höhere Lagen zurückziehen. Seine Populationen werden sich aufteilen. Dadurch werden diese durch Inzucht gefährdet. Es ist also schon so, dass invasive Arten ökologische Schäden verursachen. Die Tendenz ist klar: Interkontinental wird die biologische Vielfalt immer homogener; seltene Arten werden immer seltener, häufige Arten immer häufiger.
Der aus Asien stammende Götterbaum wurde in Europa lange als Zierbaum
angepflanzt. Heute verbreitet er sich
insbesondere in städtischen und stadtnahen Gebieten wild.Foto: Michael Nobis, WSL.
Also beurteilen wir die "Gefährlichkeit" von invasiven Arten vorwiegend vor dem Hintergrund des Schadenspotenzials für den Menschen?
Schönenberger: Es gibt verschiedene Kriterien, auch das ökologische. Und dann haben wir das Konzept des Schadens. In der Schweiz bedeutet die Klassifizierung «invasiv» immer, dass es auch einen Schaden gibt: wirtschaftlich, zum Beispiel durch Ernteausfälle. Dann gibt es auch ökologische Schäden wie die Verdrängung von seltenen, einheimischen Arten, die teilweise bereits auf der Roten Liste stehen und stark bedrängt sind. Die mediterrane Zistrose beispielsweise bildet hier im Tessin die letzten, nördlichsten Populationen dieser Art weltweit. Genetisch ist sie einzigartig und sie wird, wo Kudzu – eine invasive, asiatische Liane – auftaucht, von dieser verdrängt. In diesem Fall hätten wir einen wirklichen Biodiversitätsverlust. Man kann also einen ökologischen Schaden definieren.
Ist es nicht einfach natürlich, dass sich Arten verbreiten und die Natur sich verändert?
Conedera: Doch, aber das Problem sind die Geschwindigkeit und die Häufigkeit von sich ausbreitenden, gebietsfremden Arten. Die Natur hat keine Zeit mehr, sich über Generationen an diese Arten anzupassen. Es passiert alles schlagartig und vielfältig. Das hat mit dem Klimawandel zu tun, aber nicht nur. Ein weiterer ganz wichtiger Punkt ist die globale Mobilität von Menschen und Waren. Es wandern dadurch sehr viele Arten in sehr kurzer Zeit ein und verändern die Rahmenbedingungen. Ein Landwirt, zum Beispiel, vertraut auf die ihm bekannten Spielregeln der Natur. Er erarbeitet sich seinen Gewinn genau aus diesen Kenntnissen. Wenn dann plötzlich eine neue, unbekannte, schädliche Art die Spielregeln verändert, kann dies zu grossen Unsicherheiten und sogar Existenzängsten führen.
Schlagartig? Viele gebietsfremde Pflanzenarten sind doch bereits vor Jahrzehnten, sogar Jahrhunderten eingewandert, werden aber erst jetzt zum Problem…
Schönenberger: Dieses Phänomen der «Lag-Phase» wird bei Pflanzen – im Gegensatz zu Parasiten wie die Kastaniengallwespe – wirklich häufig beobachtet. Dafür gibt es viele, sehr unterschiedliche Erklärungen. Spezialisten gehen unter anderem davon aus, dass die Pflanzen eine gewisse Zeit brauchen, um sich anzupassen und sich erst dann explosiv verbreiten. Des weiteren muss man sich auch bewusst sein, dass eine Pflanze fast nie nur einmal irgendwo ankommt. Sobald ein Eintrittsweg für sie besteht, wandert sie mehrmals ein. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass bereits gut an die Zielumgebung angepasste Individuen einreisen. Dann gibt es aber auch Arten, die sich bereits beim ersten Eintritt sofort explosionsartig verbreiten, das südafrikanische Greiskraut zum Beispiel. Entscheidend zu wissen ist: Ab welchem Zeitpunkt sind genügend Pflanzen einer Art eingewandert, um eine richtige Population zu haben? Und wie viel Zeit braucht eine Art, um sich an die neuen Lebensbedingungen anzupassen? Wirklich wissen, tun wir wenig. Thesen gibt es viele.
Offenbar gibt es viele Unsicherheiten.
Conedera: Das Thema ist breit und vielfältig. Die Globalisierung der Arten führt zu neuen Regeln, was es sehr kompliziert macht wegen der unzähligen Variablen, die eine Rolle spielen. Es ist heute sehr schwierig, Rahmenbedingungen zu schaffen, die auf einer genügend breiten Wissensbasis beruhen. Wir versuchen natürlich zu verstehen, aber wir sind erst am Anfang.
Bringen invasive Arten auch Vorteile?
Conedera: Ja, es gibt auch Fälle, in denen der mögliche Gewinn durch eine invasive Art grösser ist als der potenzielle Schaden. Die Robinie ist ein solches Beispiel. Diese ist aus dem Tessin nicht mehr wegzudenken, da der Nutzen – gerade für die Imker – sehr gross ist.
Schönenberger: Es ist aber ungeheuer schwierig, den ökonomischen Nutzen mit einem ökologischen Schaden abzuwiegen. Das sind zwei verschiedene Dimensionen. Für einen vertretbaren Vergleich müsste man beide Dimensionen bewerten und monetarisieren können.
Wieso ist das Tessin besonders betroffen?
Conedera: Das Tessin ist wegen seines Klimas, seiner geografischen Lage entlang einer wichtigen Transportachse zwischen Nord- und Südeuropa und der Landnutzungsveränderung prädestiniert für Invasionen. Das heisst, wir haben viel günstigere Voraussetzungen für neue Pflanzen und Tiere im Tessin als anderswo in der Schweiz. Wir haben manchmal sogar subtropische Bedingungen: feucht und warm – ideal für viele exotische Plagen wie die Tigermücke. Wir haben semi-industrialisierte Gebiete und Zersiedelung, Gärten, die quasi im Wald stehen. Es gibt keine Distanz, dafür aber sehr viele Schnittstellen zwischen Siedlungen und natürlichen Gebieten. Und dann sind wir in der Nähe der Lombardei und des Piemonts, Regionen, aus denen viele invasive Arten ins Tessin eindringen. Hier kann man heute beobachten, was vermutlich im Rest der Schweiz in 20 bis 30 Jahren stattfinden wird.
Welche Pflanzenart verursacht das grösste Problem im Tessin?
Conedera: Als Förster würde ich sagen, dass sehr wahrscheinlich der Götterbaum das grösste Problem ist. Denn er verbreitet sich wild und ist schwer kontrollierbar, er richtet Schäden an Bauten an und verdrängt die einheimische Flora. In den unteren Lagen ist er sehr verbreitet. Nach dem Waldbrand in Cugnasco, zum Beispiel, hat sich der Götterbaum dort teppichartig vermehrt. Blauglockenbäume kommen bisher vereinzelt auf, sind aber noch schneller im Wachstum als der Götterbaum. Sie bilden sehr schnell Früchte.
Schönenberger: Der Götterbaum ist auch aus Naturschutzperspektive ein Problem. Er kann an Trockenstandorten wachsen, wo sonst keine Bäume wachsen können. So kann er Trockenwiesen, die eine sehr reiche Biodiversität haben, überwuchern und seltene Arten verdrängen. Ein anderes grosses Problem im Tessin stellt der Japanknöterich dar. Sein Einfluss ist riesig. Er wächst überall, auch in Auen nationaler Bedeutung.
Und wie ist die Situation auf der Alpennordseite?
Schönenberger: Auch da gibt es Probleme: Japanknöterich, Ambrosia, Drüsiges Springkraut, Amerikanische Goldruten. Diese werden aber zumindest teilweise hart bekämpft. Und man sieht die Resultate. So ist die Ambrosia in der Schweiz eindeutig zurückgegangen. Das ist einzigartig in Europa. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern hat die Schweiz finanziell wie auch von Gesetzes wegen mehr Handlungsmöglichkeiten. Sie spielt in Europa eine Vorreiterrolle.
Conedera: Zudem sind wir kleinräumig und gut organisiert, was es vereinfacht, wirkungsvolle Massnahmen zu entwickeln und umzusetzen. Dann haben wir in der Schweiz noch einen weiteren Vorteil: Die Datengrundlage bei uns ist sehr gut. Die Schweizer können somit das Thema sachlich angehen, was wiederum hilft, rasch zu effizienten Lösungsansätzen zu kommen.
Und doch wird der Götterbaum auf der Alpennordseite noch gezielt als Zierbaum angepflanzt?
Conedera: Das ist aus meiner Sicht ein anderes Problem. In der Deutschschweiz werden erst jetzt die Voraussetzungen geschaffen, damit sich der Götterbaum ausbreiten kann. Dazu gehören zum Beispiel genügend Samenbäume in der Stadt und Umgebung oder verlassene, landwirtschaftliche Randgebiete. Als WSL-Standort in Bellinzona haben wir die einmalige Gelegenheit, unsere Erfahrung zu nutzen und die Information rechtzeitig in den Norden weiterzugeben, sodass die Alpennordseite nicht die gleichen Probleme durchlaufen muss wie wir heute. Deshalb ist es uns wichtig, dass wir möglichst viel forschen, publizieren und so informieren.
Der Bund will eine nationale Strategie zur Bekämpfung der invasiven Arten. Wie weit ist sie?
Schönenberger: Die Strategie wird zurzeit überarbeitet. Die Idee ist, dass der Bund eine überdachende Strategie für die Schweiz entwickelt, die die Kantone an die lokalen und regionalen Bedürfnisse anpassen. Es dauert natürlich sehr lange, bis man eine solche Strategie hat. Bei den kantonalen Strategien stossen wir immer wieder auf das Problem der verschiedenen Auffassungen durch die unterschiedlichen Akteure. Diese arbeiten oft getrennt voneinander in ihren jeweiligen Abteilungen und Ämtern und suchen Lösungen aus ihrer Perspektive. Wir sind aber mit einem globalen Problem konfrontiert, das man nur zusammen angehen kann.
Wo besteht am meisten Handlungsbedarf: in der Prävention oder der Bekämpfung?
Conedera: Je nachdem. Nehmen wir nochmals den Götterbaum. Auf der Alpensüdseite ist es in den oberen Lagen noch möglich, ihn zu bekämpfen, in den unteren Lagen sind Umgangsstrategien gefragt. Auf der Alpennordseite jedoch kann man die Ausbreitung noch verhindern. Dort sind Präventionsmassnahmen sehr sinnvoll. Das würde aber bedeuten, dass keine Götterbäume mehr gepflanzt oder verkauft werden dürften. Und bestehende, einzelne Bäume müssten ausgerottet werden.
Schönenberger: Es gibt Prävention, Ausrotten, Eindämmen und Unterdrücken. Das Letzte macht man oft beim Japanknöterich. Eindämmen und Unterdrücken sind aber Massnahmen, die kein Ende kennen und auf die Länge teuer werden. Deshalb ist es auch so wichtig, bei neuen Arten sofort einzuschreiten. Doch gerade die Alpen, der Biodiversitäts-Hotspot der Schweiz, sind noch weitgehend unversehrt. Dort würde Prävention eine besonders wichtige und wirkungsvolle Rolle spielen.
Wenn ihr von Prävention redet, tönt es ein bisschen nach Wunschdenken…
Conedera: Tatsächlich ist es so, dass die Bereitschaft Geld in die Vorbeugung zu investieren, eher klein ist.
Schönenberger: Geld auszugeben, um ein Problem zu lösen, das sich uns noch nicht stellt, ist politisch fast unmöglich. Ein weiteres Problem ist, dass im Moment nicht die Schadensverursacher bezahlen müssen. Man stelle sich mal vor: Drei Viertel aller invasiven Pflanzen in der Schweiz sind Kultur- und Zierpflanzen. Das heisst: Die grüne Branche verdient daran. Die Schäden, die jetzt entstehen, tragen aber wir alle.
In welche Richtung muss die Forschung vorangetrieben werden?
Conedera: Im Bereich der Ökosystemprozesse. Das ist der schwierigste, komplexeste Bereich im Zusammenhang mit invasiven Arten. Wir müssen verstehen lernen, weshalb sich im selben Kontext gewisse Arten invasiv verhalten und andere nicht. Wir müssen erfahren, welche Arten- und Umgebungseigenschaften zu invasivem Verhalten führen. Wenn wir das wissen, können wir auch wirkungsvolle Massnahmen ergreifen.
Schönenberger: Auch die Beantwortung der Frage, was die effizientesten und wirkungsvollsten Massnahmen sind, braucht Forschung. Oder die biologische Kontrolle – ein riesiges Forschungsgebiet: Welche Antagonisten können wir einführen, um einen Schädling zu bekämpfen, ohne dass andere Arten auch zu Schaden kommen? Und die sozialwissenschaftlichen Fragestellungen: Was ist die Wahrnehmung der Gesellschaft von verschiedenen invasiven Arten? Was ist sie bereit zu leisten, um diese zu bekämpfen? Wie wird das Problem in der Gesellschaft aufgefasst? Geht es um eine Art «Fremdenfeindlichkeit» gegenüber Tieren und Pflanzen oder um Nostalgie?
Was wünscht ihr euch von den verschiedenen Akteuren, im speziellen von der Forschung?
Schönenberger (schmunzelt): Von den Forschungsinstitutionen wünsche ich mir, dass sie weniger auf die Anzahl ihrer Publikationen in wissenschaftlich anerkannten Journals achten, sondern auch Forschung betreiben, die insbesondere für die Umsetzung relevant ist. Und ich wünsche mir, dass wir international besser vernetzt wären in diesem Bereich, sodass wir alle voneinander lernen können. Dann wünsche ich mir auch ein besseres Monitoring im Feld. Gerade die Langzeitforschung ist eigentlich eine Stärke der WSL.
Conedera: ja. Und zum Glück wird auch immer mehr erkannt, das Monitoring unglaublich wichtig ist, um zuverlässige Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Ein systematisches Langfristmonitoring für die Neophyten in der Schweiz aufzubauen und die Umweltparameter zu erheben, die zur Anwesenheit von Neophyten führen – das wäre mein Traum! Denn so könnten wir eine einzigartige Datengrundlage schaffen, die es uns erlaubt, die komplexen Zusammenhänge besser zu verstehen und eine gute Entscheidungsgrundlage für Politik und Praxis zu schaffen.