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Bei Exportprodukten denkt man in der Schweiz zuerst an Käse, Uhren, Schokolade und Präzisionsinstrumente. Da das Land kaum Rohstoffe besitzt und industriell nur wenige Alltagsgegenstände herstellt, kommt auch bei Importgütern zuerst der Gedanke an Dinge wie Erdöl, Autos, Elektronik, usw. Umso erstaunlicher ist es daher, dass sowohl das Export- als auch das Importgut Nr. 1 der Schweiz eben Gold ist. Im Jahr 2020 betrug das Volumen bei Edelmetallen und -steinen laut dem Datenspezialisten OEC etwa einen Drittel des Gesamtimports sowie etwa einen Viertel des Gesamtexports. Gold macht dabei den Löwenanteil aus, während die übrigen Edelmetalle, also Silber, Platin und Palladium, anteilmässig eher marginal sind. Von der Weltjahresproduktion an Gold werden in der Schweiz 50-70% verarbeitet. Vier der zehn grössten Goldraffinerien weltweit befinden sich hierzulande. Im Verhältnis zur Grösse der Schweizer Bevölkerung von ca. 8.7 Mio. ist das Land in diesem Wirtschaftszweig global gesehen also ein unangefochtener Riese. Für die Schweizer Wirtschaft ist der Edelmetallhandel demnach sehr wichtig. Das Besondere daran ist, dass das meiste Gold nach Verarbeitung das Land wieder verlässt. Die Schweizer mögen zwar Gold und andere Edelmetalle als Wertanlage, doch die grossen Endverbraucher sind anderswo. Vor allem Indien und China importieren viel Gold für den Binnenmarkt, doch auch Länder wie die Türkei horten das glänzende Metall. Der Grund dafür liegt entweder in der jeweiligen Kultur, d.h. Gold wird als Schmuck sehr geschätzt, oder in der kriselnden Heimwährung. Ist nämlich die Inflation bei der Währung hoch, flüchten sich die Leute in den “sicheren Hafen” der Edelmetalle.
Das meiste importierte Gold stammt inzwischen übrigens aus industriellen Grossminen, z.B. aus Nordamerika.
Warum findet die Verarbeitung von Edelmetallen in der Schweiz statt?
Die Alpenrepublik ist bekanntlich kein Fördergebiet von Edelmetallen. Wie kommt es also, dass dermassen viel davon über den Schweizer Wirtschaftskreislauf abgewickelt wird? Die Antwort liegt in den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, welche die Schweiz den Unternehmern bietet. Das politische und das rechtliche Umfeld sind sehr stabil. Es sind keine willkürlichen Entscheide der Regierung für oder wider den Edelmetallhandel zu erwarten, politische Veränderungen werden ordentlich über Debatten und die Gerichte abgewickelt. Die Schweiz als Nicht-Mitglied der EU ist zudem in der Lage, einen eigenen Weg zu gehen, was die Gesetzgebung angeht. In diesem stabilen Rahmen haben sich die Edelmetallraffinerien entfalten können. Die hohen Ansprüche der Uhren- und sonstiger Industrie hatten zudem zur Konsequenz, dass Edelmetalle in der Schweiz zu qualitativ besonders hochstehender Ware verarbeitet wurden. Diese Reputation wurde über Jahrzehnte aufgebaut und trägt heute massgeblich dazu bei, dass Edelmetalle aus der Schweiz weltweit sehr geschätzt werden.
“Sauberer” Edelmetallhandel: Ein langer, steiniger Weg
Vor allem der Import von Gold gerät immer wieder negativ in die Schlagzeilen, besonders Nichtregierungsorganisationen gehen mit Kampagnen gegen den Edelmetallhandel vor. Der Hauptvorwurf ist die Verarbeitung von “schmutzigem” Gold durch Schweizer Raffinerien, d.h. Gold, welches illegal aus einem Fördergebiet exportiert oder unter menschenunwürdigen und umweltschädlichen Bedingungen abgebaut wurde. Bis heute müssen die involvierten Unternehmen nicht deklarieren, woher ihre Rohstoffe kommen. Zu den guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Edelmetallraffinerien gesellt sich in der Schweiz also der Standortvorteil der Intransparenz. So lange die Behörden die Herkunft der Importe nicht genau kontrollieren, können die Goldverarbeiter ihren Geschäften relativ ungestört nachgehen. Unter dem Druck der Öffentlichkeit und von Nichtregierungsorganisationen ändert sich dieser Zustand mehr und mehr – man erinnere sich nur an das Abschneiden der Konzernverantwortungsinitiative. Diese ist zwar gescheitert, der Gegenvorschlag zur Initiative wurde aber ab Geschäftsjahr 2022 implementiert. Er verlangt etwas schärfere Herkunftskontrollen für Rohstoffe (wenn auch weniger scharf als in der Initiative gefordert) und man kann ab nächstem Jahr transparentere Berichte der Importeure erwarten. Gewisse Schweizer Banken nehmen bereits jetzt aus Image-Gründen nur noch fair produzierte und gehandelte Goldbarren von Raffinerien ab. Dies z.B. im Rahmen der “Swiss Better Gold Association”, einem Verbund von Banken, Juwelieren und einer Schweizer Raffinerie, die zertifizierten Kleinbergbau fördert und die ganze Lieferkette bis zum Endprodukt überwacht. Fair produziertes und gehandeltes Gold ist allerdings teurer für die Endkunden.
Die Raffinerien ihrerseits bemühen sich teilweise um eine Verbesserung ihres Images. So wurde z.B. der Import von Gold aus den Vereinigten Arabischen Emiraten jüngst quasi eingestellt, nachdem öffentlich kritisiert wurde, dass der Golfstaat sein Gold vor allem aus Konfliktgebieten in Afrika bezieht. Dem steht die Praxis gegenüber, dass immer noch keine Deklarationspflicht für Importe von Edelmetallen gilt. Eine gewisse Reputationspflege findet daher zwar statt, aber nicht überall. Bis zu einem sauberen Goldhandel in der Schweiz ist es noch ein weiter Weg.
Edelmetallhandel in der Schweiz: Besser als im Ausland
Die grosse Frage ist, ob die Raffinerien den Standort Schweiz aufgeben werden, wenn sie transparent wirtschaften bzw. aus rechtlichen oder Image-Gründen auf die Verarbeitung von “schmutzigem” Gold verzichten müssen. Oder ob zumindest die fragwürdigen Importe gar nicht mehr in die Schweiz gelangen, sondern in ausländische Niederlassungen. Denn die Raffinerien sind nicht mehr in schweizerischem Besitz, sondern Teil von internationalen Konzernen. Eine Standortverschiebung in ein Land, wo die Umwelt- und Sozialstandards kein Thema sind, wäre also möglich.
Es gilt daher, eine Balance zu finden zwischen verschärften Regeln für die Raffinerien und gleichzeitiger Sicherstellung, dass diese im Land bleiben. Am Ende macht es mehr Sinn, die Situation im Edelmetallhandel in ordentlichen Prozessen und Verhandlungen zu verbessern, als mit Hau-Ruck-Übungen die Kontrolle darüber zu verlieren, weil die Edelmetallverarbeiter dann ins Ausland abwandern. In der Schweiz haben Stimmbürger und Institutionen dank der gut ausgebauten Demokratie die Möglichkeit, Veränderungen zu erwirken. In einem autokratisch regierten Land wie China oder den Golfstaaten fehlt diese Art der Beeinflussung und es ist unmöglich, einen “sauberen” Edelmetallhandel zu erreichen, wenn die Herrscher diesen nicht wollen. Der Edelmetallhandel findet also besser in der Schweiz statt, als anderswo. Aus Image-Gründen ist es für die Schweiz allerdings wichtig, beim “sauberen” Goldgeschäft eine Vorreiterrolle einzunehmen und ihre Standortvorteile durch den ethischen Faktor zu ergänzen.
Die EMAG handelt übrigens überwiegend mit Recycling-Gold. Mehr dazu erfahren Sie hier: