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10 Schlüssel zu einem besseren Onlinejournalismus
April 7, 2011 (updated on January 28, 2014)
Update 29.10.2011: Eine glückliche Fügung hat dafür gesorgt, dass ich, kurz nachdem ich vor gut einem halben Jahr diesen Artikel veröffentlicht habe, die Chance erhalten habe, genau diese meine Forderungen in die Tat umzusetzen. Seit Juni arbeite ich für die gestern lancierte TagesWoche, ein Hybridmedium mit dem Konzept “News täglich online, Hintergründe freitags gedruckt”. Im wesentlichen habe ich Konzepte für die Online-Präsenz der TagesWoche entwickelt, so dass es sich nun anbietet, meine eigenen Thesen von damals mit je einem Update zu versehen, inwiefern wir bei der TagesWoche sie einzulösen vermögen.
1. Die Besten arbeiten für online
Noch immer ist es in den allermeisten Medienhäusern so, dass die besten Leute für die Printpublikationen arbeiten. Die Edelfedern, die besten Rechercheure, die profilierten Kommentatoren, die beliebten Kolumnisten, sie alle schreiben in erster Linie für print und werden bestenfalls online zweitverwertet. Das muss sich ändern. Wer es mit der Zukunft des Journalismus ernst meint, sorgt dafür, dass die besten Leute in erster Linie für das Onlineprodukt einer Medienmarke und nicht für das Printprodukt schreiben.
TagesWoche: Heute würde ich die These etwas anders formulieren: Die besten Journalisten schreiben für print und online und platzieren jede Geschichte da, wo sie sich am besten entfalten kann. Da die TagesWoche von Null aus beginnt, haben wir nicht das Problem, dass alle guten Leute primär an das Printprodukt gebunden sind. Es ist eine grosse Chance, dass alle Leute verpflichtet wurden, um für beide Medien zu schreiben. Die grosse Herausforderung besteht nun darin, dies bestmöglich zu nutzen.
2. Mehr Transparenz
Jeder online veröffentlichte Artikel sollte über eine Art Making-Of verfügen, das es dem Leser einfacher macht, den Artikel zu verorten und seine Glaubwürdigkeit zu bewerten. Wer ist der Autor, welche Funktion bekleidet er, welches sind seine Spezialgebiete? Was hat er zum vorliegenden Thema schon veröffentlicht, was hat er allgemein schon veröffentlicht? Welches sind die Originalquellen des Artikels, wer sind die im Artikel zitierten Personen und in welchen anderen Zusammenhängen wurden sie schon zitiert? Zu dieser Form von Transparenz gehört es auch, alle Änderungen am Artikel zu dokumentieren, und anzugeben, wie der Artikel überhaupt zu Stande gekommen ist. Ansatzweise zu sehen beispielsweise bei ZEIT Online.
TagesWoche: Mit der Rückseite zu jedem Artikel eingelöst. Muss jetzt konsequent bewirtschaftet werden und ist noch ausbaufähig.
3. Weg mit den Klickmonitoren
Er gehört heute zur Standardausrüstung jeder Onlineredaktion: Der Klickmonitor, der in Echtzeit anzeigt, welche Geschichten wie gut “performen”. Die Folge: Es entsteht ein Zerrbild dessen, was die Leute interessiert, das mehr Argumente für schlechten als für guten Journalismus liefert. Andere Messgrössen müssen in den Vordergrund rücken. Wie lange verweilt der Durchschnittsnutzer auf einer Geschichte? Wie viele Leser haben eine Geschichte geliked, via Twitter verbreitet, per E-Mail versandt, ausgedruckt, gebookmarked? Wie viele Leser haben von einer Artikelseite aus auf “Abos” geklickt oder den RSS-Feed abonniert. Dies sind Indikatoren dafür, dass ein Inhalt tatsächlich geschätzt und für relevant befunden wird, Klicks dagegen drücken primär spontanes Interesse und Neugier aus und können bestenfalls dazu verwendet werden, Titel, Lead und Teaserbild zu optimieren.
TagesWoche: Es gibt bei der TagesWoche keinen Klickmonitor, die Redaktorinnen und Redaktoren haben keinen unmittelbaren Einblick in Web-Statistiken. Was sie sehen: Wie oft ihre Artikel über soziale Netzwerke geteilt wurden, wie viele und wie gehaltvolle Kommentare zu ihren Artikeln abgegeben wurden, wie viele Leser direkt von ihrem Artikel aus Input an die Redaktion geben. Der Algorithmus für die “beliebtesten Artikel” berücksichtigt viele der von mir genannten Faktoren, Page Impressions ist nur einer von vielen.
4. Leser-Kommentare, entschrottet
Wer Mehrwert aus Kommentaren schöpfen möchte, kommt nicht umhin, eine Community von interessierten Mitdenkern aufzubauen und zu pflegen. Idealerweise ist die Community dann selber die lenkende Kraft der Diskussionen auf der Website. Sie ist nach einem Punktesystem in verschiedene Hierarchiestufen gegliedert, je nachdem, wie lange jemand schon dabei ist, wie viele positive Bewertungen er für seine Kommentare erhalten hat, wie vertrauenswürdig ihn andere Mitglieder einstufen. Alle Mitglieder können Kommentare bewerten, ab einer gewissen Punktzahl kann man Artikel ohne Vorabprüfung veröffentlichen, ab einer gewissen Punktzahl schliesslich selber Kommentare anderer freischalten und Diskussionen strukturieren. In den Kommentarspalten selber werden die Kommentare mit den meisten Punkten und solche, die von Community-Managern ausgewählt werden, zuoberst angezeigt.
TagesWoche: In dieser Art nicht umgesetzt. Die Qualitätssicherung geschieht über die Hürde einer Registrierungspflicht und über die redaktionelle Auswahl jener Kommentare, die direkt unter dem Artikel angezeigt werden. Alle Kommentare sind jeweils einen Klick entfernt. Mit einer Community, die nach 24 Stunden bereits über 1500 Menschen umfasst, ist da aber noch einiges an Selbstorganisation denkbar.
5. Gebündeltes Wissen
Die grösste Stärke des Onlinejournalismus besteht nicht darin, beliebig aktuell sein zu können, sondern beliebig umfassend Themen über Zeit verfolgen zu können. Ein gutes Onlinemedium sollte viele Ressourcen darauf verwenden, zu allen wichtigen Themen Dossiers zu erstellen, die laufend aktualisiert und erweitert werden. Journalismus hat zunehmend nicht mehr die Frage zu beantworten: “Was geschieht bei XY gerade?”, sondern “Worum geht’s bei XY eigentlich?”. In einem Dossier können sämtlichen Darstellungsformen vereint werden, um ein informatives und attraktives Gesamtbild zu bieten. Gute Dossiers werden so zu Referenzpunkten zu spezifischen Themen, genauso wie es heute Wikipedia-Seiten sind. Im Idealfall werden im Dossier nicht nur eigene Inhalte verlinkt, sondern jeweils die besten, die es zum Thema gibt. Gute Ansätze: Die Spotlights bei Al Jazeera, die Themenseiten bei Spiegel Online, die Dossiers bei 20Minuten.
TagesWoche: Dossiers sind als Menüpunkt in der Hauptnavigation untergebracht und auf der Startseite prominent angeteast. Die Grundlage ist gelegt, nun müssen Dossiers konsequent aufgebaut und gepflegt werden.
6. Entfesselte Inhalte
Lass deine Inhalte reisen und sie werden dir neue Leser zurückbringen. YouTube ist unter anderem deshalb so erfolgreich, weil man, selbst wenn man nie auf seine Website geht, seinen Inhalten ständig begegnet, in Form von eingebetteten Videos. Nach demselben Prinzip sollten Onlinemedien ihre Inhalte portabel machen, so dass sie jeder auf seiner Website einbinden kann. Der Brand (und selbst integrierte Werbung) verbreiten sich so ganz von alleine im weiten Web und erschliessen neue Zielgruppen. Dasselbe Ziel, auf leicht anderem Wege, erreicht man mit offenen Programmierschnittstellen (API), die es Entwicklern ermöglichen, die Inhalte eines Onlinemediums zu neuen Produkten zu verarbeiten. Im besten Falle entsteht so Innovation am eigenen Produkt, ohne dass man selber die Ideen dafür haben muss. (Gute Beispiele: Das Developer Network des NY Times und die Open Platform des Guardian)
TagesWoche:Mit dem Webcode, der unter jedem Artikel in der Zeitung steht, kann jeder Printartikel sofort online aufgerufen, kommentiert und weiterverbreitet werden. Ein schöner erster Schritt, weitergehende sind bereits angedacht.
7. Live, aber richtig
Im Onlinejournalismus haben sich in letzter Zeit zwei Formen von Live-Tickern als Standardformat etabliert. Der Live-Ticker zu einem Event (Fussballspiel, Tennis-Match, Preisverleihung, etc.) und der Live-Ticker zu einem sich entwickelnden Newsthema (Revolution in Ägypten, Erdbeben in Japan, Krieg in Libyen, etc.). Beides sind gute und sinnvolle Formate – vorausgesetzt, sie werden richtig interpretiert. Ein Event-Ticker braucht Humor, Schärfe und eine klare Autorenmeinung, um interessant zu sein (siehe etwa die Fussballticker beim Guardian oder der Liveblog von 78s zu den Swiss Music Awards). Dem Leser das Matchtelegramm auszuformulieren und zu beschreiben, was er selber im TV sieht, ist unsinnig. Die Kunst des Live-Tickers zu einem Newsthema dagegen besteht darin, Information zu kuratieren und sich selber (als Journalist sowieso, aber auch als Medium) zurück zu nehmen. Der beste Ticker ist derjenige, der die besten Informationen zusammenträgt und verlinkt, egal wo sie publiziert wurden (mustergültig praktiziert von Guardian zu Fukushima). Die Konkurrenz zu verlinken ist hier nicht nur angebracht, sondern zwingend und zum eigenen Vorteil. Die Leser bleiben nämlich an demjenigen Live-Ticker dran, bei dem sie das Gefühl haben, nichts zu verpassen. People come back to places that send them away.
TagesWoche: Wie gut wir das können, wird sich zeigen bei Ereignissen, für die sich Live-Ticker anbieten. Der nötige Humor einerseits und die Bereitschaft externe Inhalte zu verlinken und einzubinden andererseits sind auf der Redaktion beide vorhanden. Das stimmt optimistisch.
8. Spiel mir das Lied von Spiel
Onlinejournalismus braucht mehr spielerische Elemente. Sowohl, was die Aufbereitung journalistischer Inhalte anbelangt, wie auch als Anreizstruktur für mehr Interaktion mit dem Medium. Manche Inhalte, vermutlich mehr als man denkt, lassen sich in Spielform am besten vermitteln. Gute Beispiele sind trockende Budgetverhandlungen als knifflige Denkaufgabe oder künstliche Intelligenz als ganz persönliche Herausforderung. Und warum lässt man bei der Diskussion um eine Volkswahl des Bundesrats nicht tatsächlich jeden sein 7-köpfiges Gremium zusammenstellen und mit seinen Freunden teilen? Interessant auch „Predict The News“ der Huffington Post, das viel mehr ist als ein Ratespiel für Hobbypropheten. Einer Redaktion kann ein solches Tool als Stimmungs-Seismograph dienen, der möglicherweise vor Abstimmungen bessere Erkenntnisse als Umfragen liefern könnte. Game Mechanics können überdies auch genutzt werden, um registrierte Leser für erwünschte Aktionen (Kommentieren, Teilen von Inhalten, etc) zu belohnen, sei es mit virtuellen Badges, exklusiven Inhalten oder Sonderaktionen.
TagesWoche: Ideen sind da, umgesetzt ist bisher nichts.
9. Entwickler in die Redaktionen und in die Köpfe
Journalistische Innovation und Exzellenz entsteht heute oft da, wo Technologie und Inhalt auf clevere Art und Weise miteinander verknüpft werden. Das wird teilweise damit erreicht, dass sich Journalisten ein Grundverständnis von Datenjournalismus aneignen und mindestens ein Spezialist auf der Redaktion sitzt. Es ist aber auch unabdingbar, dass Entwickler und Programmierer genauso eng in die Redaktionsprozesse eingebunden werden, wie es heute die Bildredaktion oder Infografik-Abteilung ist. Damit wird gleichzeitig bei den Journalisten das Verständnis für Darstellungsformen jenseits von Text und Bewegtbild gefördert. Ziemlich gut macht dies offenbar Owni.fr, wobei ich die Redaktion selber nicht kenne.
TagesWoche: Bis wir da erste konkrete Ergebnisse vorweisen können, wir es vermutlich noch eine Weile dauern.
10. Journalisten an die lange Leine
Jedes Onlinemedium profitiert mittelfristig davon, wenn seine Journalisten direkt mit Lesern kommunizieren und sich auch ausserhalb des Mediums profilieren. Sie sind die besten Botschafter, um Leser ans Medium zu binden und neue darauf aufmerksam zu machen. Dafür brauchen die Journalisten aber Zeit und dürfen nicht wie in einer Legebatterie angehalten sein, einen Artikel nach dem anderen rauszuhauen. Es sollte ganz bewusst Teil der Arbeitszeit sein, die Kommentare zu den eigenen Artikeln zu sichten und darauf zu reagieren, über Twitter zu kommunizieren und sich in Blogs und anderen Publikationen zum eigenen Fachgebiet zu äussern.
TagesWoche: Die TagesWoche geht an der Start mit dem Bekenntnis zum Dialog mit der Leserschaft. Alle Redaktoren sind gehalten, auf Kommentare zu ihren Artikeln selber zu reagieren, alle Redaktoren sind mit persönlichen Accounts auf Twitter präsent. Kommt hinzu, dass unsere Redaktion in einem Kaffeehaus untergebracht ist, was einen automatisch in ganz realen Kontakt mit der Leserschaft bringt.