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Rettung eines Brumbyfohlens und sein neues Leben auf Bonrook
Kurz vor Weihnachten des letzten Jahres haben wir Tiwi auf Bonrook willkommen geheissen. Das Brumbyfohlen wurde drei Monate zuvor auf Melville Island – die Insel liegt rund 80 Kilometer vor Darwin – alleine und verlassen aufgefunden. Die Finderin rettete das nur eine Woche alte Tier und pflegte und fütterte es mit grossem Aufwand. Nun lernt Tiwi im Franz Weber Territory, ein Pferd zu sein.
Hanna, eine Forstarbeiterin, die sich um die Akazienplantagen auf Melville Island (eine der Tiwi-Inseln) kümmert, hatte das eine Woche alte Brumbyfohlen eines Morgens im September gefunden. Als sie mit ihren Kollegen Feldarbeiten erledigen wollte, sah sie das kleine Fohlen ganz alleine am Waldrand stehen – weit und breit keine anderen Pferde. Vorsichtig näherten sie sich ihm. Der kleine Findling war überhaupt nicht ängstlich und folgte ihnen. Da es auf der Insel keine domestizierten Pferde gibt, stand fest, dass dies ein Brumbyfohlen sein musste. Frühe Siedler um 1790 hatten Pferde auf die Insel gebracht. Heute gibt es auf den Tiwi-Inseln weder Pferdezüchter noch -halter. Alle Pferde sind Wildpferde – Brumbies – und damit direkte Nachkommen dieser ersten Pferde.
Nach erfolgloser Suche nach dem Muttertier wusste Hanna, dass es Hilfe brauchte. Um ihn vor dem Verhungern oder Dingoangriffen zu bewahren, beschloss das Forstteam, den Kleinen per Auto in ihre Kaserne in Sicherheit zu bringen.
In den ersten paar Wochen war Hannas Schützling noch sehr schwach und legte sich oft hin. Hanna behielt ihn in der Kaserne, wo sie ihn mit einer selbst gebastelten Milchflasche alle zwei Stunden fütterte, um sein Überleben zu sichern. Nach einer Weile brachte sie ihm bei, aus einem Eimer statt aus der Flasche zu trinken, was die Fütterung sehr erleichterte. Hannas Effort zahlte sich aus, denn plötzlich zeigte das schwache Fohlen Energie und begann, neugierig herumzulaufen und Grünzeug zu fressen, vor allem bestimmte Palmen. Einige Monate später war es an der Zeit, dass er mit anderen Pferden in Kontakt kommt, lernt, ein Pferd zu sein, und ein dauerhaftes Zuhause bekommt.
Neues Leben auf Bonrook Anfang Dezember 2021 wurden wir angefragt, ob wir das Findelfohlen auf Bonrook aufnehmen könnten. Nach mehreren Telefongesprächen mit Hanna und einiger Organisation war es dann am 17. Dezember 2021 für das Fohlen an der Zeit, sich auf die grosse Reise in sein neues Zuhause zu machen: Nach zehnstündiger Fahrt mit dem Lastkahn vom Hafen von Melville Island erreichte das kleine Brumby schliesslich den Hafen von Darwin. Von dort holte es Sam, der Station Manager des Franz Weber Territory, am 18. Dezember 2021 ab und brachte es mit seinem Anhänger nach einer zweieinhalbstündigen Fahrt sicher nach Bonrook.
Als Tiwi (so nennen wir ihn) zum ersten Mal nach Bonrook kam, war er noch so klein, dass wir ihn unter dem Unterstand bei den alten Ställen halten mussten, um ihn vor dem starken Regen der Saison und vor Dingos zu schützen. Da unsere alten Reitpferde für ihn riesig waren und er noch nicht realisiert hatte, dass er eigentlich ein Pferd ist und kein Mensch, hatte er schreckliche Angst vor unseren Pferden. Jedes Mal, wenn er eines sah, rannte er davon und versteckte sich in einer Ecke der Koppel. So beschlossen wir, dass es sicherer sei, ihn eine Zeit lang in einem separaten Teil der Weide zu halten. Von dort aus konnte er die anderen Pferde aus sicherem Abstand beobachten, bis er sich etwas eingelebt hatte. Schritt für Schritt haben wir ihn mit den anderen Pferden vertraut gemacht, angefangen mit dem sehr lieben und sanften Dizzy.
Wir fütterten Tiwi weiterhin mit Milch aus dem Kessel, damit er an Gewicht zulegen konnte. Dann reicherten wir seinen Speiseplan mit Spreu, Pellets und frischem Gras an, bis wir schliesslich die Milch ganz weglassen konnten. Von Woche zu Woche wurde Tiwi starker und selbstbewusster. Endlich war er soweit, dass er zusammen mit den alten Reitpferden auf der Weide leben konnte. Sam begann damit, ihn an das Striegeln zu gewöhnen, ein Halfter anzulegen und am Strick zu gehen. Im Juni 2022, als Tiwi grösser und frecher geworden war, kam der Tierarzt nach Bonrook, um Tiwi unter Vollnarkose zu kastrieren. Er erholte sich sehr gut davon und galoppierte noch am selben Abend über die Koppeln!
Zurzeit besucht Tiwi eine Jährlingsschule ausserhalb von Katherine etwa eineinhalb Autostunden südlich von Bonrook. Das Training basiert auf einer sanften Methode, welche auf Vertrauen und Beziehung baut. Während dieses achtwöchigen Programms lernt Tiwi das Verladen in und aus Anhängern, angebunden ruhig stehenzubleiben, nicht aufdringlich oder frech zu sein, die Hufe zu geben, schön an der Hand zu traben, mit einem anderen Pferd an seiner Seite zu arbeiten und sich an neue und potenziell beängstigende Dinge zu gewöhnen, einschliesslich das Schwimmen in Flüssen. Das Ziel ist, dass Tiwi den sicheren Umgang mit Menschen und Tieren erlernt. Sam freut sich bereits auf Tiwis Rückkehr – ein neues, junges Leben auf Bonrook erblühen zu sehen!
Wir werden sein Verhalten auf unseren Weiden genau beobachten und beabsichtigen, ihn schliesslich wieder in die Wildnis zu entlassen. Das ultimative Ziel ist es, ihn auf unser weitläufiges, 495 Quadratkilometer grosses eingezäuntes Buschland freizulassen, wo er sich neben den anderen Brumbies frei entfalten kann.