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Laetitia Colombani beschreibt in ihrem Buch «Der Zopf» je eine Phase der Lebensgeschichten dreier Frauen. Die Schilderungen stehen unabhängig nebeneinander; abschnittweise wird immer wieder von einer anderen der drei Frauen erzählt. Die Verbindung schaffen Haare. Haare, die geopfert werden in einem indischen Tempel, Haare, die zu Perücken geflochten werden in einer Werkstatt in Palermo. Haare, die einer an Krebs erkrankten Frau zu einem neuen Start im Leben verhelfen.
Zugegeben, das Buch von Laetitia Colombani habe ich auch des Einbandes wegen gekauft. Es misst 9 auf 14 Zentimeter, zeigt auf dem Cover zwei Hände, die auf hellblauem Hintergrund einen stilisierten schwarzen Zopf flechten, hat goldfarbene Ränder und stammt aus der Fischer Taschenbibliothek. Herausgekommen ist es 2017 in französischer Sprache. 2018 wurde es beim Fischer-Verlag in Deutsch verlegt. 2019 erschien die zweite Auflage. So weit so gut, so harmlos auf den ersten Blick!
Smita, Giulia, Sarah
Auf den ersten vierzig Seiten führt uns die Autorin in die Lebensumstände der einzelnen Frauen ein. Zuerst begegnet uns Smita, Badlapur, Uttar Pradesh, Indien. Heute ist ein glücklicher Tag für sie. Ihre sechsjährige Tochter Lalita wird zur Schule gehen.
«Ja und?» könnten wir uns fragen. Fragen wir aber nicht, denn wir werden unbarmherzig in das prekäre Leben von Smita eingeführt. Sie ist eine Dalit, eine Unberührbare. Sie übt eine Tätigkeit aus, die sie von ihrer Mutter übernommen hat. Sie ist eine «Scavenger», eine «Schmutzsammlerin».
Die Autorin schreibt dazu: «Eine dezente Bezeichnung für eine Realität, die genau das nicht ist. Es gibt kein Wort, um zu beschreiben, was Smita macht. Sie sammelt den ganzen Tag über mit blossen Händen die Scheisse der anderen auf. Sie war sechs Jahre alt, so alt wie Lalita heute, als ihre Mutter sie zum ersten Mal mitnahm.»
Wir wissen es, die indische Regierung hat dem Land schon seit langem Toiletten versprochen. Nur wurden die Versprechen noch längst nicht überall eingelöst.
Schulbildung für die Tochter
Smita hat für ihre Tochter einen anderen Lebensweg vor Augen. Zuerst hatte sie ihrem Mann Nagarjan, der als Rattenfänger arbeitet, das Einverständnis abringen müssen, die Tochter zur Schule zu schicken. Schliesslich hatte er sich einverstanden erklärt, die Dorfschule aufzusuchen und mit dem Brahmanen über die Teilnahme seiner Tochter zu sprechen.
Etwas vertrauter kommt uns das Umfeld der jungen Giulia in Palermo, Sizilien, vor. Sie schwingt sich am Morgen auf das Fahrrad und fährt zur Fabrikhalle, ein umgebautes Kino, wo die Werkstatt ihres Vaters untergebracht ist. «Seit fast einem Jahrhundert lebt ihre Familie von der Cascatura, einem alten sizilianischen Brauch, der darin besteht, Haare, die ausfallen oder abgeschnitten werden, zu sammeln, um später Toupets oder Perücken daraus zu machen».
Giulias Urgrossvater hatte die Werkstatt 1926 gegründet. An ihrem sechzehnten Geburtstag hatte Giulia zuhause verkündet, dass sie die Schule verlassen und ihren Vater in der Fabrik unterstützen werde. Alles Zureden der Lehrer nützte nichts. Giulia wusste, sie wollte die familiäre Tradition weiterführen. Und sie setzte sich durch.
Von Indien bis nach Kanada
Und schliesslich erleben wir einen Morgen mit Sarah aus Montreal, Kanada. Sie ist eine erfolgreiche Rechtsanwältin in einer der renommiertesten Kanzleien am Platz. Sie hat zwei Ehen und zwei Geburten, eine mit Zwillingen, hinter sich. Ihre Kinder und ihr Haushalt werden von «Magic Ron», wie ihn die Kinder nennen, betreut. Sie hatte ihn aus vielen Bewerbungen ausgewählt. Von Sarah heisst es: «Heute ist alles geplant, durchorganisiert, einkalkuliert. Improvisation? Fehlanzeige. Die Rolle ist gelernt, geprobt und wird gespielt. Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, das ganze Jahr. Mutter, Führungskraft, Powerfrau mit Sexappeal, It-Girl, Superheldin – die Etiketten, mit denen einschlägige Magazine Frauen wie sie versehen, sind zahlreich und wiegen tonnenschwer.»
Das Buch verleitet zu atemlosem Lesen. Die Frauen, ihre Hintergründe, ihre Lebensumstände könnten unterschiedlicher nicht sein. Bei allen drei erleben wir Hochs und Tiefs, die mit direkter, schnörkelloser Sprache beschrieben werden. Und natürlich spielen Haare in jedem dieser Frauenleben eine Rolle. Wenn auch eine unterschiedliche.
Besonders eindrücklich war für mich, die Realität eines indischen Dalit-Lebens aus dem Blickwinkel einer Betroffenen mit zu erleben. Soviel sei verraten: Wir verlassen die drei Protagonistinnen am Ende der Lektüre an einem Punkt ihres Lebens, der als positiv dargestellt wird und den wir so nicht unbedingt erwartet hatten. Wie es dann weitergehen wird, bleibt offen.
Die Autorin
Lätitia Colombani wurde 1976 in Bordeaux geboren und arbeitet auch als Regisseurin, Schauspielerin und Drehbuchautorin. «Der Zopf» ist ihr erster Roman und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Gemäss Verlagstext sind die Filmrechte bereits vergeben. Für Ende Februar 2020 ist ihr zweiter Roman angekündigt. Unter dem Titel: «Das Haus der Frauen» werden wiederum mutige Frauen porträtiert.
Schlussbemerkung
Wir stehen in der Schweiz in den Vorbereitungsarbeiten für das grosse Jubiläum 2021: «50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht». Wir klagen häufig darüber, wie lange es in unserem Lande bis zur Gleichstellung von Frau und Mann gegangen ist und noch dauern wird. Es stimmt, der Weg war lang und mühsam, und wir sind noch nicht am Ziel.
Aber wenn ich an das Schicksal von Frauen wie der Inderin Smita denke, möchte ich manchmal etwas zynisch fragen: Aber wir leben doch alle in Häusern mit funktionierenden Toiletten? Auch wenn sich diese allenfalls zwischen den Etagen befinden.
Laetitia Colombani: «Der Zopf». 2018 S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main. ISBN 978-3-596-52266-8