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Irrungen und Wirrungen
Visionäre Bahnstrecken bei der RhB
Zugstrecken, die geplant, aber doch nie umgesetzt wurden, Tunnel mit unterirdischen Haltestellen oder Bahnlinien, die erst befahren, dann wieder stillgelegt wurden: Die Eisenbahn im Bündnerland erlebte viele Irrwege und Projekte, die so rasch entstanden, wie sie auch wieder verworfen wurden. Eine kleine Sammlung nie realisierter und stornierter Vorhaben.
Via Chur zur Italianità?
In der Zeit von 1838 bis 1938 entstanden im Engadin rund fünfzig – zum Teil wahnwitzige – Projekte, von denen letztlich nur wenige umgesetzt wurden. Die übrigen Ideen scheiterten am Grössenwahn oder an der Finanzierung. Heute lässt sich kaum mehr nachvollziehen, welche Interessen im Vordergrund standen und welche Seilschaften sich bildeten. Inmitten dieses ganzen Bahn-Booms, der schliesslich ein einziger grosser Machtkampf um handfeste Interessen war, kam im Jahr 1858 die Eisenbahn im Bündner Bergkanton an: Der erste Zug der damaligen Vereinigten Schweizerbahnen traf in Chur ein. Der Bahnhof Chur war damals als Zwischenstopp für internationale Verbindungen nach Italien geplant...
1878
Ein Wunschkonzert an Alpenbahnprojekten reihte sich ans nächste. Auch das internationale Interesse an der Erschliessung des Bündnerlands stieg und eine Ostalpen-Transitbahn auf der Nord-Südachse wurde geplant. Drei verschiedene Linienvarianten wurden diskutiert: von Chur via Lukmanier-, Splügen- oder San-Bernardino-Pass nach Italien. Doch die Projekte wurden alle abgelehnt, da einzelne Täler auf der Strecke geblieben wären. Ausserdem konkurrenzierten und torpedierten sich die unterschiedlichen Interessen und einzelnen Projektideen gegenseitig, bis die Pläne schliesslich vollends aufgegeben und die Pässe durch reiche Handelsstädte wie Mailand oder Venedig mit guten Autostrassen erschlossen wurden. Zusätzlich trugen internationale Staatsverträge sowie das Engagement der Kantone Zürich und Tessin dazu bei, dass stattdessen schliesslich der Bau der Gotthardbahnlinie vorangetrieben wurde.
Auch die Idee einer Septimer-Bahn, die eine Erschliessung Italiens von Thusis über den Septimer- und Malojapass nach Chiavenna vorsah, wurde begraben.
1889
Der Pionier Willem Jan Holsboer setzte sich für die Scaletta-Bahn ein, welche die Bahnlinie in Davos verlängert und über den Scalettapass ins Engadin bis hinunter ins italienische Chiavenna geführt hätte. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass der Weg über Davos ins Engadin ein Umweg wäre und das Projekt scheiterte an verkehrstechnischen, topografischen und letztlich auch an politischen sowie finanziellen Umständen. Der Kanton Graubünden bewilligte schliesslich nur die Gelder für das Albulaprojekt, das in denselben Jahren umgesetzt wurde.
1895
Die Orient-Bahn, oder auch Ofenbergbahn genannt, hätte von Thusis via Filisur, Albula und Ofenpass bis nach Venedig und gar Triest führen sollen. Die Idee wurde 1895 vom Zürcher Bahnpionier Adolf Guyer-Zeller ins Spiel gebracht. Die Bahnlinie hätte das Engadin mit der Vinschgaubahn im damals noch österreichischen Südtirol verbunden. Noch im Jahre 1911 diskutierte man auf Südtiroler Seite engagiert darüber, wo genau die Bahn in die Vinschgaubahn münden sollte und ob man sie bis zur Schweizer Grenze als Bahn mit Normalspur hätte führen sollen.
Die Aussichten für den wirtschaftlichen Erfolg der Bahn waren nicht schlecht, denn zu dieser Zeit galt im Kanton Graubünden noch ein Fahrverbot für Personenkraftwagen, das erst 1925 in einer Volksabstimmung aufgehoben wurde. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die Annektierung des Südtirols durch Italien machten die Pläne für die Orient-Bahn aber zunichte.
Neues Jahrhundert – neue Ideen
Im neuen Jahrhundert, während dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, wurde es rund um die bündnerischen Bahnprojekte etwas ruhiger. Das innerkantonale Bahnnetz der Rhätischen Bahn war inzwischen fast komplett. Doch auch im neuen Zeitalter war die Diskussion rund um den internationalen Anschluss des Bergkantons nicht beendet. Um die Attraktivität des Tourismuskantons zu steigern, solle Graubünden per Bahn aus Zürich, Mailand und München besser erreichbar werden – denn ohne schnellere Verbindungen könnte der Kanton ins wirtschaftliche Abseits geraten, so das Argument.
1907
Die Misoxer-Bahn zwischen Bellinzona und dem südbündnerischen Mesocco wurde 1907 eröffnet und gehört damit zu jenen Projekten, die tatsächlich umgesetzt wurden. Die Gesamtstrecke umfasste drei Tunnel, 28 Brücken sowie 18 Haltestellen. Immer wieder gab es Bestrebungen, die Strecke ab Mesocco über den San-Bernardino- und Splügenpass nach Thusis zu verlängern und ans übrige der RhB-Netz anzuschliessen, doch diese Pläne konnten nicht verwirklicht werden.
In den 1960er-Jahren entschied man sich dafür, die parallel verlaufende Nationalstrasse A13 als wintersichere Nord-Süd-Verbindung auszubauen, wobei die Bahn als Hindernis erschien. So wurde bereits 1966 erstmals eine Aufgabe des Bahnbetriebs diskutiert. Drei Jahre später ordnete der Bund an, die Bahnstrecke einzustellen, woran auch Proteste aus dem Tal nichts zu ändern vermochten: 1972 wurde der Personenverkehr auf der Misoxer-Bahn eingestellt, diese Aufgabe übernahmen fortan Postautos. 2003 endete auch der Güterverkehr. Bis 2013 wurde auf einem Reststück der Linie ein touristischer Museumsbahnbetrieb aufrechterhalten.
1965
Das Projekt einer Splügen-Bahn wurde 1965 ein weiteres Mal in Angriff genommen. Dieses zweite Splügen-Projekt sah eine Verbindung von Landquart via Chur nach Chiavenna vor. Der Bündner Regierungsrat Dr. Gion Willi erklärte damals, die Verwirklichung der internationalen Transitbahn durch den Splügen würde nicht nur die aufstrebenden italienischen und deutschen Wirtschaftsgebiete nördlich und südlich des Alpenwalles einander näherbringen, sondern auch der bis anhin im Transitverkehr zu kurz gekommenen Ostschweiz und insbesondere dem Kanton Graubünden den lang ersehnten Anschluss bringen. Doch auch dieses Projekt verschwand wieder in der Schublade.
2010 - 2012
In den Jahren 2010 bis 2012 wurden im Auftrag des Kantons Graubünden verschiedene neue Verkehrsverbindungen und -projekte geprüft: Die Beschleunigung der SBB-Strecke Zürich – Chur, die Erschliessung Chur – Lenzerheide – Arosa, die Erschliessung Chur – Lenzerheide, eine Beschleunigung des Prättigaus und ein Wolfgangtunnel, ein Basistunnel Andermatt – Sedrun, die Strecke Bellinzona – Mesolcina – Valchiavenna, ein Tunnel von Litzirüti nach Davos, die Beschleunigung der Surselva, die Verbindung vom Engadin ins Vinschgau sowie eine Verbindung von Scuol nach Landeck. Diese Projekte wurden in Kategorien A (Projekte, die weiter zu prüfen sind) über B (bis auf weiteres zurückgestellt) bis C (wird nicht weiterverfolgt) eingeteilt.
2015 bis 2018 werden im Rahmen des nationalen STEP-Ausbauschritts 2030 Ausbauten wie der Bahnhof Landquart mit der Doppelspur Landquart - Malans, der Wolfgangtunnel, die Umfahrung Fideris oder die Verlängerung nach St. Moritz Bad geprüft. Ein Entscheid über die Umsetzung dieser Projekte wird durch den Bundesrat und die eidgenössischen Räte 2018 erfolgen.