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In diesem Jahr gibt es viele Berichte über Tiere, die eigentlich in den Polargebieten zuhause sind und über die letzten Monate in gemäßigten Breiten auftauchten. Besonders das Walross-Männchen ‘Wally’ hat eine gewisse Berühmtheit erlangt, nachdem es erstmals Mitte März an der irischen Küste gesichtet wurde. Wally ist jedoch nicht allein auf Abwegen — ein zweites junges Walross, ein Weibchen, wurde in der südlichen Nordsee beobachtet.
Auf der Südhalbkugel sind ebenfalls einige Streuner unterwegs: von Neuseeland bis zum Beagle-Kanal bei Feuerland wurden Seeleoparden beobachtet. Mitte letzter Woche erreichte ein Seeleopard sogar die Osterinsel.
Wally, das Walross, machte eine ausgiebige Tour entlang der westeuropäischen Küste mit Stopps in Spanien, Frankreich, Wales, Cornwall und den Scilly-Inseln. Pontons und kleine Boote dienten ihm häufig als Ruheplatz — zum Leidwesen mancher Bootsbesitzer, die ihre Gefährte auf dem Grund des Hafenbeckens wiederfanden. Nun scheint Wally wieder auf dem Weg in Richtung Arktis zu sein: seit dem 19. September wird der etwa vierjährige Walrossbulle immer wieder in Höfn im Südosten Islands gesichtet.
Anfang letzter Woche tauchte ein zweites, weibliches Walross an der niederländischen Küste in der Nähe von Schiermonnikoog auf. Die Meeressäugerforscherin Sophie Brasseur von Wageningen Marine Research an der Universität Wageningen erklärte, dass das Tier gesund aussieht und offenbar auch so weit im Süden Nahrung findet. Die Forscherin würde gern genau untersuchen, wovon sich das Walross ernährt und hofft auf eine Kotprobe.
Walrosse «verirren» sich immer wieder mal an die europäischen Küsten, in den Niederlanden war es allerdings das erste Mal in diesem Jahrhundert. Hans Verdaat, ebenfalls Forscher bei Wageningen Marine Research, vermutet, dass die häufigeren Sichtungen mit der Erholung der Walrosspopulation auf Spitzbergen nach langer Zeit der Bejagung zusammenhängen. Laut Brasseur spielt aber auch der Klimawandel eine Rolle, da mit dem Verschwinden des Meereises die Lebensräume der Walrosse schrumpfen und sie immer häufiger an Land kommen müssen.
Auf der südlichen Hemisphäre machen noch immer Seeleoparden Schlagzeilen, die vor allem an Stränden in Neuseeland ihre Ruhephasen verbringen. Aber auch im Beagle-Kanal in der Nähe von Ushuaia auf Feuerland hatten Kajak-Ausflügler am 22. September eine Begegnung der besonderen Art als plötzlich ein Seeleopard rundum um die Boote schwamm.
Nur einen Tag später berichteten Einwohner der mehr 4.500 Kilometer entfernten Osterinsel ebenfalls von einem Seeleoparden, der sich am Strand ausruhte. Laut eines auf Facebook von Sernapesca Rapa Nui veröffentlichten Beitrags wurde unmittelbar nach der Sichtung ein Team bestehend aus einem Tierarzt, Beamten der Seefahrtsbehörde und der Marine sowie Freiwilligen einer Tauchbasis zusammengestellt, um die geschützte Robbe zu überwachen und gegebenenfalls in Pflege zu nehmen. Obwohl der Ernährungszustand nicht allzu gut zu sein scheint, war dies glücklicherweise nicht nötig — am 25. September wurde der Seeleopard in einer Bucht bei der Jagd beobachtet und seither gibt es keine weiteren Berichte über Sichtungen.
Dies ist das dritte Mal, das auf der Osterinsel ein Seeleopard beobachtet wurde — erstmals in 2002 und das zweite Mal in 2018.
Alle diese Tiere haben dort wo sie auftauchten große Aufmerksamkeit erregt und Interesse bei der lokalen Bevölkerung geweckt. Teilweise mussten sogar Zäune gespannt werden, um die Tiere vor den Besuchern zu schützen. Wissenschaftler und Tier- und Naturschutzorganisationen appellieren daher unermüdlich, einen Mindestabstand von 100 Metern zu den Tieren einzuhalten, um sie während der wichtigen Ruhephasen nicht zu stören.
Julia Hager, PolarJournal