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Das Theaterstück «The Camouflage Project» bietet einen lebendigen Einblick in die tamilische Community in der Schweiz. Zwei SchauspielerInnen thematisieren ihr Leben zwischen Anpassung und Eigensinn.
«Danke, Sie aber auch!», kontert Gaya im Theaterstück «The Camouflage Project», wenn sie wieder einmal auf ihr gutes Baseldeutsch hingewiesen wird. Offenbar bietet eine Dialekt sprechende, tamilisch aussehende Frau immer noch Anlass zur Verwunderung. Und auch wenn der 22-jährigen Gayathri Sritharan im Stück der Titel der «Miss Integration» verliehen wird, bleibt sie als «andere» sichtbar.
Bürgerkrieg und Frauenrechte
Die Regisseurin Ute Sengebusch machte ihre eigene Unkenntnis der tamilischen Lebensrealität zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit: Sie begann, Kontakte zur etwa 50 000 Personen umfassenden tamilischen Community in der Schweiz zu knüpfen. «In einem Prozess des Einkreisens kristallisierten sich Themen heraus, die für viele Menschen der zweiten Generation von Tamilinnen und Tamilen virulent sind», erläutert Sengebusch ihr Vorgehen. «The Camouflage Project» verhandelt das Spannungsverhältnis zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Der Name des Stücks verweist auf das Doppelleben vieler junger TamilInnen, die sich zwischen der tamilischen und der Schweizer Kultur bewegen. So auch Gaya, wenn sie Schicht um Schicht Schminke aufträgt und sich von der Basler Jusstudentin in eine tamilische Bharatanatyam-Tänzerin verwandelt. Die wenig hinterfragte Anpassung an die jeweilige Umgebung erklären sich die SchauspielerInnen mit dem Kastensystem. Die hinduistischen TamilInnen werden in eine Kaste hineingeboren, die unverrückbar scheint.
«Camouflage» verweist auch auf militärische Tarnkleidung und stellt so einen Bezug zum Bürgerkrieg in Sri Lanka her. «Oma, Opa, Bunker», dies ist eine der ersten Erinnerungen von Patrick B. Yogarajan, dem anderen tamilischen Schauspieler. Trotz des Bürgerkriegs hat der 34-Jährige seine Kindheit in guter Erinnerung. Mit zehn Jahren folgte er seinem Vater nach Deutschland. Eine konfliktreiche Beziehung, die in einem Bruch gipfelte, als Patrick sich für das Theater entschied. Patrick ist in seinen Wunschvorstellungen stark von der westlichen Kultur geprägt und äussert sich kritisch zum Kastensystem und zur Pflicht des Gehorsams den Eltern gegenüber. Doch auch in der westlichen Kultur begegnet er Hindernissen – etwa als er beim Vorsprechen an einer Schauspielschule als Hamlet abgelehnt wird, mit der Begründung, das deutsche Publikum sei noch nicht bereit für einen «schwarzen» Hamlet.
Für Gaya hingegen sind die tamilischen Traditionen Ausgangspunkt für ihren eigenen Lebensweg. Sie kennt Sri Lanka nur aus den Ferien und stellt ihren Eltern keine Fragen über den Krieg, obwohl sie gerne mehr über deren Geschichte wüsste. Aber sie tanzt den Krieg, sie tanzt die Gefühle. Sie tanzt für die Opfer. Im Stück präsentiert die bühnenerfahrene Tänzerin erstmals einen selbst entwickelten Tanz, in dem sie Elemente des traditionellen Bharatanatyam mit eigenen Interpretationen kombiniert. An anderer Stelle wirft sie die Frage auf, welches der progressivere Staat sei. In den Worten ihrer Grossmutter erinnert sie daran, dass es in Sri Lanka schon eine Präsidentin gab, als die Schweizer Frauen nicht einmal wählen durften.
Nicht länger Objekt sein
Der Austausch, das Mitteilen steht im Zentrum von Sengebuschs Theaterarbeit mit MigrantInnen. «Mir ist es wichtig, denjenigen zuzuhören, die in der Debatte als Objekt und nicht als Subjekt erscheinen.» Etwa im Theaterprojekt «Wart schnell» mit jugendlichen Asylsuchenden: «Ich beschäftigte mich mit dem Leben im Warten als Dauerzustand und kombinierte das mit ‹Warten auf Godot›.» Sengebusch schildert, wie sich die damaligen ProtagonistInnen mit der Zeit für das Stück begeisterten. Theater wurde für sie zum Mittel, sich Gehör zu verschaffen. Auch die SchauspielerInnen in «The Camouflage Project» prägten das Stück wesentlich mit: Sengebusch und ihre Kolleginnen von der Basler Plattform Firma für Zwischenbereiche arrangierten ausschliesslich verdichtete Texte der beiden PerformerInnen – ganz im Sinn des dokumentarischen Theaters.
Das Thema Migration zieht sich als roter Faden durch die verschiedenen Projekte der Firma für Zwischenbereiche. Ein Thema, dem Ute Sengebusch gesellschaftliche Brisanz zumisst und das sie sichtlich bewegt: «Migration ist zunehmend ein Riesenthema. Das Mittelmeer ist das grösste Massengrab in unserer Nähe. Ich finde es absurd, wie sich die politisch Verantwortlichen verhalten.» Die künstlerische Auseinandersetzung sieht sie als Beitrag, um die Diskussion auch anders zu führen und den Blick für gesellschaftliche «Zwischenbereiche» zu öffnen. Für ihre Arbeit wurde die Firma für Zwischenbereiche dieses Jahr mit dem Basler Kulturförderpreis ausgezeichnet.
Trotzdem sind Gaya und Patrick auf der Bühne in erster Linie wieder als – brave, gut assimilierte – TamilInnen sichtbar. Die Irritation der Anfangsszene, in der sich die beiden als zwei von acht Millionen SchweizerInnen vorstellen, geht verloren. Gaya und Patrick gehören in gewisser Weise nicht zum westeuropäischen Kulturraum, obwohl sie genau auch Teil davon sind. Wie wäre es, wenn ihre Rollen von SchweizerInnen dargestellt würden? Und sie selbst dafür SchweizerInnen spielten? Das Potenzial, im Publikum Verwirrung zu stiften, wäre sicher grösser. Dennoch überzeugt die Theaterperformance in den vielseitigen Dialogen und Monologen, die Witz und Ernsthaftigkeit kombinieren. Sie wirft wichtige Fragen für eine Gesellschaft auf, in der Migration trotz aller Abgrenzungsversuche eine Realität ist.