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1976 erschien im Verlag von Otto Odermatt der «Innerschweizer Allmanach», eine Anthologie des Kulturschaffens der Zentralschweiz. Heute leitet er mit seiner Frau die «Maharishi European Research University» in Seelisberg und organisiert das dritte Festival mit indischer Musik.
Otto Odermatt wurde 1946, als zehntes von 11 Kindern in Stans geboren. «Im Dorf waren wir die Kinder des Limonädelers», erzählt Odermatt. Sein Vater, der in der Schmiedgasse ein Sattlergeschäft betrieb, trank nie Alkohol. «Wir sind Schmiedgässler, eine Familie von Handwerkern.» Und von Künstlern. Der bekannteste ist der Eisenplastiker Josef Maria Odermatt: Zahlreiche Werke befinden sich im öffentlichen Raum und in Sammlungen von Schweizer Museen. Auch Otto Odermatts Bruder Beat war Künstler. Nach der Kunstgewerbeschule in Luzern, besuchte er die Kunstakademie in Düsseldorf, einer seiner Professoren war Joseph Beuys.
Ausläufer von Annemarie von Matt
Mit Kunst kommt Otto Odermatt bereits als kleiner Bub in Kontakt. Er war in den 1960er-Jahren einer der Ausläufer von Annemarie von Matt, der Künstlerin, die jahrelang zurückgezogen in ihrem Haus in Stans wohnte. 1935 hatte sie den Bildhauer Hans von Matt. geheiratet. Nachdem sie sich 1940 in den Priester Josef Vital Kopp verliebte, sprengte ihr Werk die Grenzen gängiger Kunst. Sie beschäftigte sich mit Art Brut und Objektkunst, verfasste Aphorismen und Sprachspiele, die sie mit Material-Assemblagen ergänzte. Annemarie von Matt zog sich zunehmend in ihre eigene Welt zurück. Sie schrieb unablässig Briefe, sammelte alles, was ihr an Eigenartigem in die Hände kommt und schrieb ihre Gedanken auf zahlreiche Zettelchen. «Man musste drei Mal läuten und danach nach einem speziellen Rhythmus an die Türe klopfen. Erst dann öffnete die geheimnisvolle Frau die Türe.» Odermatt erinnert sich an die vielen kleinen Zettel, welche den ganzen Wohnraum bedeckten. «Wir wussten nicht, dass dies Kunst war.»
Tumult am Wiener Festival
1967 eröffneten Rover das Kleintheater Chäslager in Stans, mit dem Ziel Kultur nach Nidwalden zu bringen. An der Spitze des Chäslagers waren Josef, Beat und Otto Odermatt. 1969 kam es zum Eklat. Das von Beat Odermatt organisierte «Wiener Festival» geriet aus den Fugen, als die «First Vienna Working Group» auf der Bühne des Chäslagers das Action-Theater «Hunger: Biafra» aufführte. Angepriesen wurde es als Wohltätigkeitsveranstaltung für die Hungernden in Biafra. «Auf der Bühne fand aber ‹das grosse Fressen statt›. Die Aktionisten warfen Pouletknochen ins Publikum», erinnert sich Odermatt. «Verfressen wurden Speisen aus dem ‹Stanserhof›, bezahlt wurde das Essen von den Besuchereintritten. Die Zuschauer schrien und protestierten. Der Tumult brach los, als einer der Wiener Aktionisten dem Publikum das ‚Sammelergebnis’ präsentierte. Er rechnete vor, wie viel Geld, abzüglich der Rechnung vom ‹Stanserhof›, für Afrika übrigblieb: 3 Franken und 10 Rappen. Das war zu viel. Jemand riss den Vorhang herunter und die empörten Zuschauer stürmten die Bühne.» Das Wiener Festival hatte ein Nachspiel: Josef Maria Odermatt musste unter dem Druck des Regierungsrats als Präsident des Chäslagers zurücktreten. Beat und Otto Odermatt wurden aus dem Chäslager-Verein ausgeschlossen.
Schokoladen-Pralinées für Beuys
Die Innerschweiz war im Aufbruch. Auf der Strasse und in der Kunst. In Luzern leitete von 1968 bis 1977 Jean Christophe Amman das Kunstmuseum Luzern. Amman war fasziniert vom lokalen Innerschweizer Kunstschaffen. Auch Otto Odermatt, damals Primarlehrer in Spiringen, ging auf künstlerische Entdeckungsreise durch die Zentralschweiz.«Das Chäslager gab damals sein Programm als Zeitung heraus. Einer der Autoren, der unentgeltlich für uns schrieb, war der Schriftsteller Paul Nizon. Er schenkte mir ein kleines Büchlein,
den ‹Zürcher Allmanach›. Ich dachte, in Zürich läuft ja überhaupt nichts und beschloss 1972 den Innerschweizer Allmanach herauszugeben», erzählt Odermatt.1976 folgte der zweite, 840 Seiten starke Band. Eine Anthologie der Innerschweizer Kunstschaffenden, Bildhauer, Architekten und Schriftsteller/innen. «Im Kunstmuseum Luzern machte ich Aktionen. Ich druckte ein Plakat ‹Ich bin ein Kunstwerk› und hängte es allen Vernissagebesucherinnen und -besuchern um den Hals. Ein anderes Mal verschenkte ich Pralinées, beschriftet mit ‹Beuys›.Joseph Beuys war auch an der Ausstellungseröffnung und hat sich gefreut. Rückblickend waren mir schon damals die Menschen viel wichtiger als all die ausgestellten und verehrten Kunstwerke.»
Sagenbücher für den Bundesrat
«Ich war mit dem Semi in Rickenbach noch nicht fertig, als ich als Aushilfslehrer nach Spiringen kam. Ich hatte die Kinder gerne. Das ist das Wichtigste beim Unterrichten», sagt Otto Odermatt. «In Spiringen hatten wir kaum Material für die Schule. Es gab zu wenig Scheren, es gab keinen Matrizen-Drucker etc. Ich machte mit den Kindern ein Sagenbuch. Die Texte wurden auf der Gemeindekanzlei mit dem Wachsmatrizendrucker vervielfältigt, die Linolschnitte druckte die Druckerei Huber gratis und der BIDO hat die Bücher gratis gebunden. Allen Bundesräten verschickten wir ein Buch, jeder Bundesrat schickte uns 250 Franken. Der Fotograf Richard Aschwanden drehte sogar einen Film, der kam im Fernsehen.» Nebenbei schrieb Odermatt Gedichte im Nidwaldner Dialekt und gab 1974 den Band «Nidwaldner Saage» heraus. Seit 1976 ist Odermatt Lehrer für Transzendentale Meditation TM.
Mehr Frieden durch Meditiation
In den 1960er-Jahren zeigte der indische Mediationslehrer Maharishi Mahesh Yogi auf, dass es eine Meditationstechnik als einfachen Weg zu Glück und Erfüllung gäbe. «Die Transzendentale Meditation führe zur ‹Quelle der Schöpfung›, ermögliche ‚kosmisches Bewusstsein’ und befähige den in der modernen Welt lebenden Menschen, parallel im Bereich des Absoluten und Relativen auszuharren und kontinuierlich fehlerlos zu handeln.» Maharishi wurde vor allem wegen den Beatles zu einer Ikone im Hippie-Mystizismus der 1960er Jahre.
«Es war eine grosse Aufregung in der ganzen Schweiz, als der Maharishi nach Seelisberg kam», sagt Odermatt. «Wir wurden als Sekte bezeichnet und die Medien interessierten sich vor allem für das ‹yogische Fliegen›.TM ist weder eine Sekte noch eine Religion. Sie ist nur eine einfache, natürliche, geistige Technik um durch Meditation, tiefe, wohltuende Ruhe, inneres Glück und inneren Frieden zu erlangen.» Odermatt ist überzeugt, dass die Welt friedlicher wäre, wenn viele Menschen meditieren würden. «Stell dir mal vor, der Nationalrat und der Ständerat in Bern würden vor und nach ihren Sitzungen miteinander meditieren. Die würden anders miteinander reden, das wäre grossartig!»
Naturtöne entrücken in eine andere Welt
«Maharishi mochte Seelisberg, er bezeichnete den Ort als ‹Heaven on Earth›», sagt Otto Odermatt. Er leitet mit seiner Frau Maria die Aktivitäten der «Maharishi European Research University» MERU in Seelisberg. Bereits zum dritten Mal organisiert Otto Odermatt das «Maharishi Gandharva Festival» (28. Mai bis zum 2. Juni 2019).
Die melodische Grundstruktur der klassischen indischen Musik basiert auf dem Raga. Ragas werden meistens einer bestimmten Tageszeit (Morgen, Mittag, Abend) oder Situation zugeordnet. Die Musik basiert auf traditionell festgelegten Tonfolgen, bietet den Musiker/innen aber Raum für den persönlichen Ausdruck und Improvisation. Die Ragas spiegeln die Rhythmen und Schwingungen der Natur wider: Naturtöne, wie wir sie auch vom Alphorn oder vom Naturjodel her kennen.