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Zweimal Leopold Mozart
Eine analytische Annäherung von Eric Broy; Silke Leopold liefert Biografisches mit zeitgeschichtlicher Einordnung.
2019 sind aus Anlass des 300. Geburtstags von Leopold Mozart zwei gegensätzliche Bücher erschienen. Erich Broy erforschte die sich vom Generalbass ablösende und zur italienischen Opernsinfonie hinwendende Kompositionsweise. Als Material dienten ihm die Knabenwerke von Wolfgang Amadeus und die Kopfsätze der Sinfonien von Leopold Mozart. Leopold stützte sich auf die theoretischen Schriften von Joseph Riepel, der das Komponieren als componere (Zusammensetzen genau bestimmter Taktteile) beschreibt. Die meisterhafte Art, wie der Vater seinen Sohn unterrichtete, zeigt sich an den schnellen Fortschritten in dessen Werken KV 1 bis KV 7 und auch in vielen Gemeinsamkeiten der Kompositionen – was für Konfusion bei der Zuschreibung sorgt und für die Qualität von Leopolds Schaffen spricht!
Die wissenschaftlich exakten Analysen anhand vieler Notenbeispiele im Text und in einem zusätzlichen Notenband setzen professionelle Kenntnisse voraus; Lesende können sich mit Hilfe von musikanalyse.net/tutorials dafür schlau machen. Wertvoll ist die Tabelle auf den Seiten 307–309, die alle bekannten Sinfonien Leopold Mozarts auflistet mit Angabe von Quelle und deren Datierung, Authentizität, stilistischer Einordnung und vermutlicher Entstehungszeit. In diesem Zusammenhang erwähne ich das Buch von Christian Broy, dem Bruder von Eric, zur Überlieferung der Quellen und zur Vertriebsstrategie Leopold Mozarts (Zur Überlieferung der grossbesetzten musikalischen Werke Leopold Mozarts, Beiträge zur Leopold-Mozart-Forschung, Band 5, Wissner Musikbuch, Augsburg 2012).
Silke Leopold lässt uns mit Begeisterung am aufopfernden Leben Leopold Mozarts teilnehmen. Schon die zweispaltige Zeittafel im Anhang macht die europäische Bedeutung seines Wirkens klar: Neben den Familiendaten und Tätigkeiten Leopolds zeigt die zweite Spalte die wichtigsten politischen und kulturellen Ereignisse auf, die er miterlebte – eine interessante Geschichtslektion!
Der farbig bebilderte Hauptteil erzählt in sieben Kapiteln (jeweils mit roten Zitat-Schlagzeilen übersichtlich unterteilt), wie der Vater, der in Augsburg Buchbinder war, Leopold eine bevorzugte Jesuitenausbildung ermöglichte, wie sich Leopold in Salzburg unter den launischen oder grosszügigen Erzbischöfen schlau etablierte, sich verheiratete und seine Werke vermarktete. Wie ein Adliger führte er mit seinen Kindern ausgedehnte Bildungsreisen durch und knüpfte damit europaweit nützliche Kontakte und machte Geschäfte, gleichzeitig ebnete er den Kindern den Weg zum Erfolg. Die vielen zitierten Briefe zeugen von viel Intellekt, Autorität, Gefühl und Humor. Zum Beispiel: Seine Urteile über die verschiedenen Konfessionen Europas – auch seine eigene – werden immer kritischer, je weiter er sich von Salzburg entfernt. In anschaulichen Analysen einiger Kompositionen beweist die Autorin Leopolds Genie in der Tonmalerei. Die Bedeutung seiner Violinschule ist in den Kontext anderer Instrumentalschulen der Zeit eingebettet. Tragisch ist die Verhärtung im Verkehr mit dem «unvernünftigen» und verschwenderischen Sohn, rührend die Sorge des Grossvaters um Leopoldli, den Sohn von Nannerl. Die prominente Autorin glänzt mit Wissenschaftlichkeit und Erzählgewalt.
Eric Broy: Leopold Mozart – Komponieren in einer Zeit stilistischen Wandels, Beiträge zur Leopold-Mozart-Forschung, Band 6.1 und 6.2 (Notenband), zus. 506 S., € 59.80, Wissner Musikbuch, Augsburg 2019, ISBN 978-3-95786-162-7
Silke Leopold: Leopold Mozart – «Ein Mann von vielen Witz und Klugheit», Eine Biografie, 280 S., € 29.99, Bärenreiter/J.B. Metzler, Kassel/Stuttgart 2019, ISBN 978-3-7618-2086-5
Werkverzeichnis von Leopold Mozart:
Cliff Eisen: Leopold-Mozart-Werkverzeichnis (LMV), Beiträge zur Leopold-Mozart-Forschung, Band 4 (Hrsg. Internationale Leopold Mozart Gesellschaft), 272 S., € 39.80, Wissner Musikbuch, Augsburg 2010, ISBN 978-3-89639-757-7
Bild oben:
Leopold Mozart mit seinen Kindern Wolfgang Amadeus Mozart und Maria Anna, an der Wand ein Porträt der verstorbenen Ehefrau Anna Maria. Gemälde von Johann Nepomuk della Croce, um 1780. Quelle: wikimedia commons