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Text: Tobias Hüberli
Fotos: Denise Cavegn
Die Stimmung ist entspannt, auch wenn das Wettbewerbsfieber bei einigen durchaus spürbar ist. Die Hitze des Julitages hält sich im Businesscenter Atrium im sankt-gallischen Buchs auch am frühen Abend hartnäckig. Es herrschen tropische Verhältnisse. Rund 35 Gäste benetzen ihre Kehlen mit gekühltem Champagner, derweil treffen Helfer in der Zigarrenlounge Vorbereitungen für das Turnier: Schachteln werden mit je zwei Streichhölzern abgefüllt, Nummern bereitgestellt und die Wettbewerbszigarre, eine kubanische Montecristo No. 4, wird ausgepackt.
21 Raucher – darunter drei Frauen – schreiben sich ein für das Qualifikationsturnier des «Cigar Smoking World Contest», also der Weltmeisterschaft im Langsamrauchen einer Zigarre. Das Finale findet seit sechs Jahren jeweils im September im kroatischen Split im Club Mareva statt (dieses Jahr ging der Event am 4. September über die Bühne, leider nach Redaktionsschluss, aber vor dem Erscheinen dieser Ausgabe).
Doch zurück zur Qualifikation in Buchs. Das Teilnehmerfeld ist gut durchmischt. Da ist beispielsweise der Unternehmensberater in seinen frühen Dreissigern, der letztes Jahr den dritten Platz erreicht hat, oder aber ein extra aus Paris angereister Journalist. Mit dabei ist auch der Gewinner des Vorjahres Reinhold Widmayer. Der Chefredaktor des in Wien ansässigen «Cigar Journal» stellte damals mit einer Rauchdauer von 112 Minuten einen Weltrekord auf. Dieser ist indes längst Geschichte.
Auf der Liste mit den 20 besten Rauchern rangiert Widmayer derzeit nur noch auf Platz fünf. Letztes Jahr gewann der Amerikaner Darren Cioffi das Finale in Split in 114 Minuten. Seither hat sich zwischen dem Amerikaner, der in Nashville ein Zigarrenunternehmen führt und den Sport – wenn es denn einer ist – fast schon professionell betreibt, und dem Russen Igor Korovin (er wurde 2012 Weltmeister) ein verbissener Konkurrenzkampf entwickelt. Bis im Frühjahr 2015 hielt Korovin mit einer Zeit von 142 Minuten und 42 Sekunden einen unerreichbar scheinenden Rekord. Bis im April Darren Cioffi am schwedischen Qualifikationsturnier in Göteborg mit einer Zeit von 147 Minuten und 27 Sekunden erneut die Führung in der Bestenliste übernahm. Zur Veranschaulichung: Die Wettbewerbszigarre ist 127 Millimeter lang und hat einen Durchmesser von 16,6 Millimeter. Die normale Rauchdauer beträgt rund 45 Minuten.
Darren Cioffi ist an diesem Abend in Buchs auch dabei. Die Anwesenheit des amtierenden Weltmeisters und Weltrekordhalters wirkt auf die restlichen Teilnehmer durchaus elektrisierend. Als Richter fungiert Marko Bilic persönlich. Mit der «Erfindung» der Weltmeisterschaft ist dem charismatischen Präsidenten des Clubs Mareva ein wahrer Marketingcoup gelungen. Die erste Meisterschaft fand 2010 in Split statt, bereits zwei Jahre später organisierte Bilic in Montenegro ein erstes Qualifikationsturnier. Heute werden vor dem Finale nicht weniger als elf Qualifikationsturniere abgehalten, von St. Petersburg über Tallinn, Bad Ragaz und London bis nach Nashville und New York. Und der Event soll weiter wachsen, vor allem in den USA, wo für 2016 auch Turniere in Chicago und Las Vegas geplant sind.
«Wenn die Amerikaner einmal merken, was hier abgeht, dann wird das der perfekte Sturm», sagt Darren Cioffi über den Wettbewerb. Seine Faszination dafür beschreibt er so: «Zigarrenrauchen hat mit Genuss und mit Stil zu tun. Es ist etwas für kultivierte Menschen.» Anders als bei einem Longest-Ash Wettbewerb, an dem sich die Teilnehmer verrenken und meist eine eher unglückliche Figur machen, erhalte man sich beim Wettbewerb des Langsamrauchens einen gewissen Stil. Gleichzeitig sei es ein höchst kompetitiver Event, was dem Naturell des Menschen einfach entspreche. Dann geht es los. Bilic verkündet nochmals die Regeln: Die Zigarre darf nur einmal angezündet werden, das Blasen auf die Glut ist verboten, ebenso das Ablegen der Zigarre. Wer die Asche in den ersten 40 Minuten abstreift, kassiert Strafminuten, in den ersten fünf Minuten des Wettbewerbs dürfen die Teilnehmer weder reden noch trinken. Es dauert etwa drei Minuten, bis die erste Zigarre erlischt. Die Zigarre des Unternehmensberaters erwischt es zwei Minuten später, er trägt es mit Fassung. «Für ein gutes Resultat muss man auch etwas riskieren, letztes Jahr hat das geklappt, heuer halt nicht.»
Glück gehört beim Langsamrauchen dazu. Auch weil die kubanische Wettbewerbszigarre nicht gerade für ihre Konstanz bekannt ist. Brennt ein Longfiller zum Beispiel schräg ab, mindert das die Gewinnchancen markant. Auch Darren Cioffi kämpft an diesem Abend mit seinem Arbeitsinstrument. «Der Zug ist nicht optimal.» Trotzdem schafft es der Weltmeister – er hat 2015 an neun Qualifikationsturnieren teilgenommen und sechs davon gewonnen – bis weit nach vorne. Dabei fokussiert er sich komplett auf den Rauch seiner Zigarre und fühlt gleichzeitig mit Zeigefinger und Daumen die Temperatur nahe der Glut. Kühlt sich diese ab, nimmt er einen kleinen Zug.
Zwar durchaus ambitioniert, aber nicht ganz so verbissen bestreiten die restlichen Teilnehmer den Wettbewerb. Nach den fünf obligatorischen Schweigeminuten wird munter diskutiert, ein international bekannter Spirituosenhändler schenkt kubanischen Rum aus und Marko Bilic informiert regelmässig über den Zeitstand. Erlischt eine Zigarre, signalisiert dies der Raucher mit dem Hochhalten seiner Nummer, die Menge applaudiert und weiter gehts. Nach einer Stunde sind noch fünf Teilnehmer im Rennen. Auf dem dritten Platz landet mit Marcel Scheidegger ein Novize. Der 29-jährige Zürcher hat zum ersten Mal an einem derartigen Wettbewerb teilgenommen. Das Gleiche gilt für den Gewinner. Rico Casparis aus Maienfeld ist Pensionär und nimmt dem amtierenden Weltmeister nicht nur fast 20 Minuten ab, sondern raucht sich mit einer Zeit von 110 Minuten und 45 Sekunden gleich noch auf Platz sechs der internationalen Bestenliste. Es ist ein weiterer Grund, wieso der Wettbewerb des Langsamrauchens dermassen packend ist: Mit etwas Glück und Können vermag auch ein Anfänger den amtierenden Weltmeister zu schlagen.
Der «Cigar Smoking World Contest» wurde 2010 von Marko Bilic, Präsident des Zigarrenclubs Mareva in Split, ins Leben gerufen. Beim Wettbewerb geht es darum, eine Montecristo No. 4 möglichst lange zu rauchen. Seit 2012 organisiert Bilic auch Qualifikationsturniere für das Finale. 2015 waren es insgesamt elf Turniere, zum Beispiel in London, New York, Göteborg, Kopenhagen oder St. Petersburg. In der Schweiz findet jeweils im Rahmen des «Big Alpine Smoke» ein Qualifikationsturnier statt. Laut Bilic wird der Event weiter wachsen, geplant sind zusätzliche Qualifikationsturniere in Las Vegas und in Chicago. Das Finale in Split ist auf 100 Teilnehmer begrenzt. Nächstes Jahr wechselt zudem die Wettbewerbszigarre. Der neue Longfiller kommt aus dem Hause Macanudo und ersetzt die qualitativ unkonstante Montecristo No. 4. Beim dieses Jahr erstmals durchgeführten Qualifikationsturnier in New York kam die neue «Macanudo» bereits zum Einsatz. Zusätzliche Informationen zum Weltmeisterschafts-Finale in Split sowie zum «Big Alpine Smoke» gibt es im Internet.
www.big-alpine-smoke.com
www.clubmareva.com