Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03099.jsonl.gz/43

Steifer als die Briten sind nur Ammoniten. Natürlich hat nicht alles, was sich reimt, Hand und Fuss. Doch zumindest im Viktorianischen Zeitalter machte der Vergleich mit versteinerten Kopffüsslern – sprich: Ammoniten – durchaus Sinn. Weil sich kaum jemand aus dem enggeschnürten Normenkorsett befreien konnte, welches das Vereinigte Königreich Mitte des 19. Jahrhunderts zusammenhielt.
Mary Anning gehört zu den wenigen, die es beharrlich versucht haben. Als Frau, die nicht zur Oberschicht gehörte, besass sie denkbar schlechte Karten, um in der Welt der Wissenschaft Fuss zu fassen. Dennoch ist es der professionellen Fossiliensammlerin gelungen, Spuren zu hinterlassen. Dank spektakulärer Skelettfunde gilt sie heute als Pionierin auf dem Gebiet der Paläontologie.
Tücken der dichterischen Freiheit
Das alles könnte «Ammonite» in Form eines klassischen Biopics erzählen. Autorenfilmer Francis Lee wählte einen anderen, steinigeren Weg: Er stilisierte Mary Anning zur LGBTQ-Ikone, indem er ihre Emanzipationsgeschichte in ein lesbisches Beziehungsdrama einbettete.
Dieses wiederum bietet viel Angriffsfläche. Weniger, weil historisch keine Anhaltspunkte dafür existieren. Sondern vielmehr, weil der Trailer nun so wirkt, als hätte der Film bei einem anderen Festivaldarling abgekupfert: «Portrait de la jeune fille en feu» von Céline Sciamma.
Verschwistert, nicht seelenverwandt
Wie in der zurecht mehrfach preisgekrönten Leinwandperle erforschen auch in «Ammonite» zwei Frauen in Kostümen des 19. Jahrhunderts ihre Begierde füreinander. Ermöglicht wird das Ganze in beiden Fällen durch ein Setting, das auf drei Prämissen fusst.
Erstens: die praktisch vollständige Abwesenheit von Männern. Zweitens: die Omnipräsenz des stürmischen Meeresrauschens. Und drittens: ein Machtgefälle zwischen den Turtelnden, das auf Geld und Bildung beruht.
So ähnlich die Voraussetzungen der inhaltlich verschwisterten Filme sind, so grundverschieden ist das Resultat: Während Céline Sciammas «Portrait» die Liebe seiner Heldinnen bildstark feiert, setzt Francis Lees Drama auf grauen Realismus. Und setzt damit denkbar schlechte Rahmenbedingungen für Schmetterlinge im Bauch.
Verliebt, versnobt, versteinert?
Mit verhärmtem Gesicht nimmt Mary (Kate Winslet) im südenglischen Provinznest Lyme Regis das lukrative Job-Angebot eines versnobten Londoners zur Kenntnis: Sie soll sich auf ihren Küstenexpeditionen von dessen schwermütiger Ehefrau Charlotte (Saoirse Ronan) begleiten lassen. Damit diese nach dem Verlust eines ungeborenen Kindes wieder auf andere Gedanken kommt.
Die Fossiliensammlerin begegnet dem ungebetenen Gast zunächst kühl und abweisend. Bis Charlotte schwer erkrankt, was Marys volle Aufmerksamkeit erfordert. Beflügelt von Charlottes Genesung, gewinnt auch Mary langsam die Lebensfreude zurück. Ihre schroffe Fassade beginnt zu bröckeln. Doch wer nun auf grosse Gefühlseruptionen à la «Portrait de la jeune fille en feu» hofft, wartet vergeblich.
Für die ebenso ruppige wie freiheitsliebende Protagonistin von «Ammonite» wird – ihrem historischen Vorbild folgend – stets die Arbeit im Vordergrund bleiben. Das dürfte all diejenigen befriedigen, die gewillt sind, sich ganz auf Mary Annings Emanzipationsgeschichte einzulassen. Gleichzeitig aber auch all diejenigen versteinert zurücklassen, die einen heissblütigen Liebesfilm erwartet haben.
Kinostart: 20. Mai 2021