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Eine faszinierende Entdeckungsreise
in die Welt des Mittelalters
Entstehung der
Stadt Luzern
(Folio 4v)
Das frühmittelalterliche Luzern, wie es Diebold Schilling sieht: Vorne der Herrschaftskern mit der bewehrten Klosterkirche als Ursprung der Siedlung, dahinter der Wirtschaftskern mit den «Raubhäusern und Schlössern». Dort, an der schmalsten Stelle der Reuss, wurden Zölle erhoben, die man als «Raub» bezeichnete. Dort wurde später die Reussbrücke gebaut, die erst die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt ermöglichte. Links der Reuss steht ein Renaissancebau, den Schilling als den «Roten Kopf» bezeichnet. Wie der «Rote Kopf» entstammt auch der Vorgängerbau der Hofkirche in der dargestellten Form nicht dem Frühmittelalter. Er ist ein gotischer Bau, der Franziskanerkirche nachempfunden, mit Ringmauer und Wehrtürmen befestigt. Links – an den Bildrand gedrängt, aber überlebensgross – wird die Klosterneugründung um 850 durch Abt Wichard dargestellt. Schilling platziert die Hofkirche an der Reuss. Ausführlich beschreibt er in seinem Text, dass sich die Reuss erst mit dem Bau der Stadt und der Mühlen gestaut habe. Zuvor sei die Schifflände bei der «alten stad», dem alten Gestade vor dem Meggenhorn, gewesen.
Diebold Schilling
rettet einen Vaganten (Folio 174v)
In der Sentimatt – dort, wo heute die Autobahn über die Reuss führt – soll Jakob Kessler hingerichtet werden. Er hat zwar einen Mord gestanden, doch nur unter Folter. Nun liegt er – die Glieder ausgestreckt, mit Pflöcken und Seilen an den Boden geschnürt, das Gesicht mit einem weissen Laken abgedeckt – vor dem Scharfrichter. Dieser macht sich daran, die Knochen des Verurteilten mit einem eisenbeschlagenen Rad zu zertrümmern. In diesem Moment erscheint Diebold Schilling – bescheiden, unterwürfig, in sein Priestergewand gekleidet – vor dem Ratsrichter. Er fleht um Gnade, denn Kessler, ein Landstreicher aus dem Schwarzwald, sei unschuldig. Schilling spielt sich nicht als Held auf, sondern offenbart eine Geschichte, die Zweifel an Foltergeständnissen artikuliert – auch in der konkreten Formulierung: «Deshalben man inn sollichermass voltert, dz er jemer am letsten sollich mort verjach (gestand) und der sach bekantlich.»
Luzern zeigt sich in seiner ganzen Pracht (Folio 123v)
1477 reiten die Abordnungen von Solothurn und Freiburg, angeführt von einem Boten aus Bern, in Luzern ein, um das ewige Burgrecht mit Luzern, Zürich und Bern zu besiegeln. Dies löst den Burgrechtsstreit mit den Länderorten aus, die sich vor der Übermacht der Städte fürchten. Diebold Schilling präsentiert die Stadt Luzern in ihrem Festtagskleid. Abgesehen von der Mühle ist nur ein einzelnes Holzhaus in der Kleinstadt zu erkennen, was in dieser Zeit bestimmt nicht der Realität entsprach. In der Mitte zeigt er die Reussbrücke, davor das Zeughaus. Zwischen der schmalen Landstrasse und der Reuss liegt die «Zielstatt» der Armbrustschützen mit einem fahrbaren Schützenstand, einem Richterhäuschen und der Zielwand an der Aussenmauer des Judenturmes. Originalgetreu ist die Stadtbewehrung wiedergegeben – hinten die Museggmauer mit (von links) Luegisland-, Heu- (oder Wacht-), Zeit-, Schirmer- und Pulverturm.
1513 trat Diebold Schilling vor den Rat in Luzern, um seine einzigartige Bilderchronik zu überreichen. Er hatte ein herausragendes Werk geschaffen – ein Werk, das Einblick gibt in die Welt des Mittelalters und in die Geschichte der Stadt Luzern wie auch der frühen Eidgenossenschaft. 500 Jahre nach der Vollendung der Chronik ist die Faszination ungebrochen; die Kraft der Bilder zieht auch den heutigen Betrachter in ihren Bann. Links sind drei Beispiele von Bildbesprechungen aus dem Buch aufgeführt.