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Niemand weiss genau, wie viele Kinder in Pakistan arbeiten müssen. Die International Labour Organisation (ILO) schätzte 1993 noch 3,6 Millionen arbeitender Kinder. Die Menschenrechtskommission von Pakistan geht heute von etwa zehn Millionen KinderarbeiterInnen im Land aus – mit steigender Tendenz, andere Quellen gehen noch weiter. Damit ist Kinderarbeit ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Viele arbeiten in der Landwirtschaft, die mit 22 Prozent Anteil am Bruttosozialprodukt nach wie vor einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Pakistans ist. Rund 60 Prozent der ländlichen Bevölkerung hängen von ihr ab. Andere Kinder schuften in Ziegelfabriken, in Gerbereien, als Strassenhändler, knüpfen Teppiche oder nähen Fussbälle zusammen, für die Pakistan weltweit der weitaus grösste Produzent ist. Deren Produktion durch geschickte Kinderhände in der nordöstlichen Stadt Sialkot hat 1998 international für Proteste gesorgt und zu einem strikten Verbot der Kinderarbeit geführt. Doch Beobachter gehen davon aus, dass sie lediglich in andere Branchen, beispielsweise die Teppichherstellung, Ziegeleien oder Autowerkstätten verdrängt wurde.
Von den über 170 Millionen Pakistanerinnen und Pakistanern sind 36 Prozent Kinder im Alter bis 14 Jahre. Obwohl Kinder in Pakistan per Gesetz erst ab diesem Alter arbeiten dürfen, müssen schon Kleinkinder in den Fabriken oder auf den Feldern ihren arbeitenden Vätern helfen und von morgens früh bis abends spät zum Beispiel Ziegelsteine schleppen oder Baumwolle pflücken. Sie arbeiten für einen Hungerlohn und gefährden ihre Gesundheit, wobei ihre beruflichen Aussichten minim bleiben, da sie nicht zur Schule gehen können. Kinderarbeit ist damit auch ein grosses soziales Problem, denn sie lässt das Heer der ungelernten ArbeiterInnen, die zur Entwicklung des Landes nur wenig beitragen können, stetig wachsen.
Die Kinderarbeit allein mit westlichen Augen zu betrachten, wird dem Phänomen jedoch nicht gerecht. In Pakistan ist Kinderarbeit sozial akzeptiert, das zeigt bereits die Gesetzgebung, die Kinder früher als in westlichen Ländern zu arbeiten erlaubt. Bloss Lesen und Schreiben zu können, gilt besonders bei sozial schlechter gestellten Bevölkerungsgruppen als nicht erstrebenswert.
Die Flutkatastrophe vom vergangenen August hat das Problem zusätzlich verschärft. Mit ihren Familien flüchteten auch Millionen Kinder. Viele der zurückgekehrten Familien stehen heute vor den Trümmern ihrer Häuser, vor ihren Feldern, die sich in Sümpfe verwandelt haben, und haben ihre Nutztiere verloren. Das Kinderhilfswerk Unicef warnt vor einem Ansteigen der Kinderarbeit in den flutversehrten Regionen. Denn die Familien brauchen ihre Kinder zu Hause, um sich wieder eine Existenz aufzubauen. «Die Schwierigkeit, Kinder vor Kinderarbeit zu schützen, steigt bei Katastrophen an», erklärte Smaranda Popa, Leiterin der Kinderschutzsektion der Unicef gegenüber der Nachrichtenagentur IRIN. Diese Tendenz wurde bereits nach der Erdbebenkatastrophe 2005 in Pakistan festgestellt. Hätten die Familien alles verloren und blieben ihnen zum Beispiel noch ihre zehn Kinder, dann sei deren Ausbeutung sehr wahrscheinlich, sagte Popa. Laut Medienberichten ist als Folge der Flutkatastophe auch ein Ansteigen des Kinderhandels zu beobachten. Kinder würden mit Aussichten auf einträgliche Jobs von ihren Familien weggelockt und später zur Prostitution gezwungen.
Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von November 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion