Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03650.jsonl.gz/2059

SI Style: Wir befinden uns in der Saatchi Gallery in London, wo Sie am Projekt «Red Never Follows» anlässlich des 20-Jahre-Jubiläums der Marke Hugo ein Werk beigesteuert haben. Erzählen Sie etwas zu der Arbeit.
Bart Hess: Mein Beitrag ist ein etwa dreiminütiger Videofilm namens «Mutans». Ich wollte einen Film kreieren, der die Illusion wecken sollte, er sei am Computer generiert worden. Der menschliche Körper sollte wirken, als bestünde er aus flüssigem Metall. Schnell kam ich auf das Material Latex und untersuchte, wie es sich bei Bewegungen verhält. Die Licht-Reflexe sehen aus wie digitale Muster.
Haben Sie den Schauspieler instruiert, wie er sich bewegen soll oder hat er einfach mal gemacht?
Beides. Am Ende hatten wir fast 20 Stunden Filmmaterial, das wir auf knapp drei Minuten zusammenschnitten. Es musste perfekt sein, ich wollte keine Nachbearbeitung machen.
Wie kam es dazu, dass Sie für Lady Gaga ein Kleid für das Video «Born This Way» entwerfen konnten?
Nicholas Formichetti, der damalige Stylist von Lady Gaga, sah einen Auftrag von mir für die Amerikanische Vogue und engagierte mich. Sie liessen mich von Amsterdam nach London einfliegen. Ich hatte zwei Stunden Zeit, den «Slime» an der Sängerin anzubringen. Das Kleid war übrigens inspiriert vom liquify-Filter von Photoshop, mit dem die Oberflächen verzogen werden können.
Waren Sie nervös, bevor Sie den Superstar trafen?
Lady Gaga kam herein, gab mir die Hand und sagte, sie möge meine Arbeit – da war ich völlig baff und wusste nicht, was antworten. Aber nervös war ich nicht, denn ich hatte es zuvor hundertmal getestet, an Freunden und an mir selbst. Als es dann losging, sagte das ganze Team, «wow, was ist das denn? So etwas haben wir noch nie gesehen!». Das war schon ein ganz grosser Moment.
Sie schlossen Ihr Designstudium an der Design Academy Eindhoven ab. Diese Schule ist bekannt dafür, avantgardistisch zu sein. Die Grenzen zwischen Kunst und Design werden nicht so streng gezogen.
Das ist richtig. Heute sehe ich diese Grenzen gar nicht mehr, ich arbeite nicht mit diesen Kategorisierungen.
Sie haben eine Faszination für den menschlichen Körper. Woher kommt das?
Ich gehe sehr instinktiv vor. Ich teste ein Material sofort am eigenen Körper, um zu sehen, wie es sich verhält, wenn ich es falte oder um meinen Finger wickle. Meiner Meinung nach zeigt sich ein Material erst richtig, wenn man es im Zusammenhang mit der Haut und dem Körper sieht.
Wo finden Sie Inspiration?
Ich verfüge mittlerweile über ein ganzes Archiv voller Ideen und Materialien. Aber um wirklich etwas daraus zu machen, brauche ich ein Briefing. Ich muss gewisse Vorgaben und Richtlinien haben. Wenn ich dann in mein Archiv schaue, entstehen meist die Ideen. Zudem schaue ich gerne Scifi-Filme, am liebsten die alten. «Space Odessey» brachte mich dank einem reflektierender Helm auf die Idee für «Mutans». Und ich lasse stets die Augen offen, auch beim Biken in der Natur kommen mir Ideen. Die besten Einfälle kommen eigentlich, wenn ich nicht angestrengt danach suche.
Haben Sie Vorbilder?
Ich mag den Fotografen Nick Knight und den Künstler Jeff Koons.
Woran arbeiten Sie jetzt?
An einer Installation für die Architekturbiennale in Lissabon. Ich ahme den Prozess des rapid prototyping nach. Meine Maschine funktioniert aber völlig low tech. Echte Menschen steigen nackt in einen Tank hinein, und wenn sie wieder auftauchen, sind sie voller Wachs. Danach sehen sie aus wie Statuen.
Was tun Sie gegen kreative Blockaden?
Ich habe nie Probleme, neue Ideen zu finden. Ich habe im Gegenteil immer zu viele Ideen. Dafür kommt es vor, dass ich bei der Umsetzung manchmal fast verzweifle. An den Details zu feilen bis alles stimmt, ist der anstrengende Teil.
Gibt es etwas, das Sie gerne noch machen würden, bislang aber keine Möglichkeit hatten?
Ich würde sehr gerne mal mit einer Tanzkompanie, zum Beispiel einem Ballett, zusammenarbeiten.
Wann fühlen Sie sich glücklich?
Wenn ich ganz am Anfang eines neuen Projekts stehe. Dann bin ich für gewöhnlich allein im Studio, drehe die Musik laut auf und beginne kreativ zu arbeiten – dabei fühle ich mich glücklich. Ein anderer grossartiger Moment ist, wenn am Ende alle Details funktionieren und sich die Frustrationen im Nichts auflösen.
Sie leben in London. Ihr Lieblingsort?
Hampstead Heath. Das ist ein Park im Norden Londons mit kleinen Seen zum schwimmen. Er befindet sich auf einem kleinen Hügel mit Blick auf die Skyline der Hauptstadt. Als Tourist sucht man wohl das Grossstadt-Feeling. Wenn du hier lebst, musst du dann und wann daraus ausbrechen.