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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Die nachstehende Geschichte ist erst ein Anfang und könnte vielleicht einen Schweizer Cineasten zu einem Kurzfilm bewegen, wenn sie vollständig verbloggt sein wird. Ich könnte mir einen Film ähnlich wie „Fifi la plume“ (1965) vorstellen. In diesem Fall behalte ich mir das Copyright vor und bin bereit, am Drehbuch mitzuwirken. Que ça soit. Wohlan, hier beginnt die 1. Episode.
1. Episode
Von unbestimmbarer Herkunft, trat der sprachgewandte Hussein bald als Ägypter, Armenier oder Grieche auf. Er verstand es, sich dank seiner charmanten Umgangsformen in guter Gesellschaft einzuschmeicheln. Er reiste mit gefälschten Pässen und stieg in den besten Hotels ab. Befragt, wo er wohne, antwortete er ausweichend: „Bald da, bald dort.“
Hussein legte grossen Wert auf seine äussere Erscheinung – massgeschneiderte Anzüge – und trug mit Vorliebe wellig-geschlaufte, bunte Seidenkrawatten. Zu seiner äusseren Erscheinung soll noch hinzugefügt werden, dass er von kleinem Wuchs und schlank und beweglich wie ein Akrobat war. Das wurde am leichtesten sichtbar, wenn er tanzte oder Tischtennis spielte.
Hussein barg, verbarg mehr als ein Rätsel. Wer hätte geahnt, dass er ein Stabhochspringer war? In dieser Form der Leichtathletik war er zweifellos ein Meister; aber das wusste niemand. Niemand erfuhr ein Sterbenswörtchen davon. Hussein hatte den Hochsprungstab und damit auch dessen Handhabe mitsamt den Spielregeln mit triftigem Grund gegen sein eigenes Gerät und die eigene Methode ausgetauscht. Somit war der Stab auf ihn allein zugeschnitten.
Ungleich mitteilsamer bekannte sich Hussein im gegebenen Augenblick gern als Kenner von Miniaturen, Netsuke (japanische Miniaturskulpturen), Münzen/Medaillen und Schmuck. Ausserdem liess Hussein gelegentlich durchblicken, dass er hin und wieder Auktionshäuser als freier Experte beriet. Somit geschah es öfters, dass Sammler solcher Luxusobjekte ihn um Rat baten und ihn aufforderten, diese oder jene Sammlung zu besichtigen. Damit gewann er Einblicke, die seinen Absichten sehr gelegen kamen.
Hussein seinerseits war auf Rat und Expertise angewiesen, denn sein professionelles Rüstzeug, besonders der Hochsprungstab – mit eingebautem Heuschreckengelenk – musste einwandfrei funktionieren. Hinzu gehörten u. a. auch rutschfestes Schuhwerk, reissfeste Handschuhe und Seile. Die enge Partnerschaft mit einem Holländer, Piet van Casteele, ein Tausendsassa in gewissen angewandten Technologien, sicherte Hussein das benötigte Zubehör. Ganz im Hintergrund begleitete dieser struppig-bärtige Holländer, der einem Seebären glich, Hussein auf seinen Streifzügen. Dieses Zweigespann ergänzte sich ausgezeichnet. Die Beute teilten sie brüderlich. Das stärkte den Bund zwischen Hussein und Piet.
Um die Osterzeit bezog Hussein eine Suite im feudalen Pariser Hotel „Le Meurice“ an der Rue de Rivoli und machte dort in der Bar die Bekanntschaft mit dem adligen Armand de Montparnassse und dessen ungleich jüngeren Frau Amélie. „Warum speisen wir nicht zusammen?“ schlug Armand de Montparnasse jovial vor, der nach einigen Gläsern Champagner sehr gesprächig geworden war. Auf seinen Wink wurde ihnen der beste Platz beim Fenster eingeräumt. Der Comte de Montparnasse liess sich nicht lumpen und wählte Spitzenweine zur Vorspeise und Hauptmahlzeit.
Der listige Hussein, das muss bemerkt werden, war nicht zufällig im „Le Meurice“ abgestiegen. Auf Schleichwegen hatte er erfahren, dass der Comte und die Comtesse alle Jahre mehrmals dieses Hotel beziehen, auch diesmal über Ostern. Hussein zeigte sich von der charmantesten Seite, überglücklich, so mühelos diesen Sammler von persischen Miniaturen aufgestöbert zu haben.
Als Armand de Montparnasse erwähnte, dass er am Mittwoch das Auktionshaus „Hôtel Drouot“ aufsuchen werde, spitzte Hussein die Ohren. Armand de Montparnasse zeigte sich sichtlich beeindruckt von Husseins Kunstkenntnissen. „Warum besichtigen wir nicht gemeinsam diese Kollektion?“ schlug der Comte vor. So war alles bestens eingefädelt. „Aber hört jetzt endlich mit der Fachsimpelei auf!“, meldete sich seine Frau beinahe befehlshaberisch. Gnädig und verständnisvoll nickte Armand de Montparnasse und lenkte ein: „Alors, bien sûr Chéri, nous continuerons notre conversation le mercredi pendant que tu fais tes achats au Faubourg Saint-Honoré.“
Jetzt galt Husseins Augenmerk der Comtesse. Er belustigte sie mit allerlei Anekdoten und Spässen, die sie mit herzhaftem Lachen quittierte. Dabei bemerkte er ihre amüsante provinziale Ausdrucksweise, wie „mêmement“ statt „de même“. Inzwischen war der Comte schläfrig geworden. „Bitte leisten Sie meiner Frau noch ein bisschen Gesellschaft; sie geht nie so früh ins Bett“, verabschiedete er sich. Hussein begleitete Armand de Montpernasse zum Lift, während Amélie die Toilette aufsuchte. Was später geschah, deckte auf, dass sie sich diesmal früher als sonst betten liess, was aber nichts mit dieser Geschichte zu tun hat. Hussein war wirklich in jeder Hinsicht mit dem Verlauf des Abends sehr zufrieden.
Anderntags erfuhr Piet vom Zwischenerfolg. Er werde unverzüglich das Château und das Umfeld auskundschaften, versprach er. Einige Wochen später trafen sie sich in Edam. Piet zeigte und erklärte ihm die Aufnahmen des alten Schlosses. Das imposante Gebäude war, wie so viele andere auch, recht baufällig. Eine alte Alarmanlage war installiert. „Die breiten Fenstersimse sichern dir ausreichend Fusshalt“, bemerkte Piet und fuhr fort: „Auch die teils morschen Fensterflügel sind keine Hindernisse. Die Privatgemächer sind im 1. Stock, wo wahrscheinlich auch die Sammlung von persischen Miniaturen untergebracht ist. Hunde bewachen den Schlossgarten. 2 Diener sind im Anbau untergebracht. Das Gebäude ist knapp 5km von der Autobahn entfernt.“
Hussein stellte fest: „Ich benötige etwa 30 m für den Anlauf, ausreichend für den Sprung zum Balkon oder Fenstersims.“ In Piets Garten war ein verstellbares Gerüst, wo Hussein seine Sprünge übte. „Ein Katzensprung“, grinste Hussein. „Hoffentlich nicht ins Bett der Comtesse …“ entrutschte dem sonst bedächtigen Holländer blitzschnell.
Es gibt doch viel einfachere Möglichkeiten zum Einschleichdiebstahl. Aber dies entsprach nicht der Art von Hussein. Er wollte nicht mit einem gemeinen Dieb verwechselt werden. Ein Kunstdiebstahl muss kunstvoll vollzogen werden, allein schon der Kunst zuliebe. Etwas anderes kam für ihn nicht in Frage. Diese Lebenseinstellung offenbarte Hussein dem Verfasser seiner Erlebnisse, die erst posthum veröffentlicht werden dürfen, was jetzt der Fall ist. Doch mehr darüber in eine anderen Episode.
Einen Monat später folgte Hussein der Einladung des Comte, um dessen Sammlung im Schloss zu würdigen. Er stand vor dem kunstvoll verzierten Schmiedeisentor und wurde von 2 Hunden wütend angebellt. Der Hausherr empfing ihn beim Tor und zog es auseinander. „Keine Angst, die beissen nicht, sobald sie wissen, dass ich einen Freund des Hauses empfange“, lud er ihn mit einer weiten Armbewegung in den Schlossgarten. Heimlich verabreichte der pfiffige Hussein den Hunden 2 kleine Fetzen Fleisch und folgte dem Comte ins Haus. Im Salon empfing ihn Amélie de Montparnasse. Artig verbeugte sich Hussein, küsste ihre Hand und überreichte ihr eine Riesenschachtel voller bester Schweizer Pralinen. Dem Gastgeber gab er keinen Fetzen Fleisch, sondern eine stilvoll eingerahmte Miniatur. „Sie stammt aus der Moghul-Periode und stellt eine Hindu-Götten bei der rituellen Fusswasche-Zeremonie dar“, erklärte er. Armand de Montparnasse war entzückt und verdankte das grosszügige Geschenk mit dem Hinweis: „Damit haben Sie mir ein neues Sammelgebiet erschlossen.“
Endlich nach dem Tee durfte Hussein die Sammlung der persischen Miniaturen in der Bibliothek im 1. Stock besichtigen. Alle Miniaturen lagen alle säuberlich geordnet in Zeigemappen: Seiten um Seiten von prachtvoll illustrierten Manuskripten von Fabeln, Jagdszenen und vieles mehr, die Hussein in die Augen stachen. „Einzigartig“ wiederholte er am laufenden Band. „Hier könnte ich stundenlang verweilen!“
„Lassen Sie sich Zeit“, sagte Armand de Montparnasse mit sichtlichem Besitzerstolz. Leider müsse er noch heute nach Paris zurückfahren, bedauerte Hussein. „Das kommt nicht in Frage“, bestand sein Gastgeber. „Sie haben hier alles, was Sie brauchen, gleich nebenan ist ihr Gästezimmer!“ Hussein liess sich schliesslich dazu überreden und verschob seine Abreise bis zur Mittagszeit des nächsten Tages.
Hier sei der weitere Verlauf von Husseins Aufenthalt übersprungen, wiewohl das Abendessen eine gastronomische Würdigung verdient hätte – die Reize von Amélie nicht ausgenommen. Ehe Hussein anschliessend sein Zimmer aufsuchte, sagte Armand de Montparnasse noch: „Ich lasse die Schlüssel in den Schränken stecken, damit sie die Sammlung nach Belieben besichtigen können.“ Hussein hatte zuvor bemerkt, dass der Gastgeber die Schlüssel aus einer kleinen Ziertruhe auf dem Kaminsims entnommen hatte. Er nahm noch einen Abdruck des Balkonschlüssels. Als er sich anderntags verabschiedete, wusste er genau, welche Mappen er stehlen wollte. Die Bibliothek lag hinterm Balkon. Darüber war Hussein beinahe enttäuscht. Ein grösseres Wagnis hätte ihm mehr Spass gemacht.
Alles war minutiös für den Einbruch vorbereit. In der Nacht zum Sonntag war alles still im Schloss. Kein Licht brannte mehr. Nur eine Mondsichel geisterte hin und wieder durch die nachtdunklen Wolken. Alles verlief planmässig. Die Hunde empfingen ihn schwanzwedelnd. Nach kurzen Anlauf landete Hussein auf der Mauerumfassung des Balkons. Lautlos liess sich die Türe öffnen. Innert wenigen Minuten hatte Hussein die Alben in seinem Rucksack verstaut. Auf Knopfdruck senkte sich sein Hochsprungstab wie ein Lift. Bei der Umfassungsmauer drückte er nochmals den Knopf. Der Stab schnellte hoch, und er übersprang die Mauer. Nach kurzem Spurt erreichte das Auto. Fast geräuschlos steuerte Piet das Auto zur Autobahn.
Das war der 1. Streich – der 2. folgt sogleich in der nächsten Episode.
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga