Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03373.jsonl.gz/705

Bildanalyse
Text von Dr. Margit im Schlaa, 2021:
Heidemarie Schellwanich, s t r e b e n
Heidemarie Schellwanichs Arbeiten erinnern auf den ersten Blick an Werke des Abstrakten Expressionismus. Der Farbauftrag wirkt sehr spontan, die Räumlichkeit ist flächig und es finden sich häufig schriftzugartige Zeichnungen, die als schwungvolle, teils verwischte Krakeleien – ganz ähnlich wie in den Arbeiten von Cy Twombly oder Arnulf Rainer – den Gemälden eine starke Dynamik verleihen. Doch Schellwanichs Arbeiten gehen über die zentrale Errungenschaft der abstrakten Expressionisten, die schnelle, spontane und abstrakte Malweise, hinaus, indem sie vor allem der Form eine neue Bedeutung verleihen. In den 1960er Jahren von vielen Künstlern als vernünftig und reglementierend betrachtet und als zentrales Charakteristikum der figurativen Malerei vor allem aus dem Fokus der abstrakten Expressionisten verbannt, erzeugen die klaren Formen in Schellwanichs Arbeiten eine große Spannung zu der spontanen Malweise, wodurch sich die Arbeiten jeglicher eindeutigen kunsthistorischen Zuordnung und Kategorisierung widersetzen.
Schellwanichs Arbeit „o. T.“, 2020, Acryl auf Leinwand, 154 x 132 cm ist beispielhaft für diese Funktion der Form. Das großformatige Gemälde ist charakterisiert durch eine schnelle Malweise und einen gestisch-abstrakten Farbauftrag, der sich vor allem in den hellgrünen Partien zeigt. Dieses gestische Moment bildet einen starken Kontrast zu den senkrechten und waagerechten, das Bild ausbalancierenden Flächen. Während im oberen Bildteil drei waagerecht verlaufende Farbstreifen zu sehen sind, die auf der linken Bildseite in drei waagerechten farbigen Rechtecken ihr Echo finden, zeigen sich auf der rechten Bildseite vermehrt senkrechte Farbstriche, die in einer schnellen Geste auf die Leinwand gebracht wurden und ein Gegengewicht zu den waagerechten Formen darstellen. Dabei gerinnt der gestische Farbauftrag zur klar begrenzten, fast geometrisch anmutenden Form, die als kraftvolle Setzung eine freie, entschiedene und frech anmutende Handlung zum Ausdruck bringt. Die Handlung wirkt als Aktion im Sinne von action und repräsentiert eine enorme widerständige Kraft, sucht sie sich doch gegenüber der gestischen Malweise einerseits und jeglicher figurativen Identifikation andererseits zu behaupten. Diese Kraft erzeugt eine Spannung, die auf den ersten Blick alle Gesetzmäßigkeiten der Malerei aushebelt. Doch auf den zweiten Blick wird schnell deutlich, dass die Spannung das Ergebnis einer ausgeklügelten Komposition ist, in der die geometrischen Farbformen den gestisch-abstrakt gemalten Partien Halt geben, sie regelrecht erden. Beide ergänzen sich in scheinbar notwendiger Weise, ein Phänomen, das sich auch in der Verwendung der Komplementärkontraste grün und rot, indigo und gelb widerspiegelt: als Gegensatzpaare, die in der Summe das volle Spektrum der weißen Lichtquelle ergeben.
Auch das Gemälde „o. T.“, Mischtechnik auf Leinwand, 60 x 60 cm, 2020, ist geprägt von gegensätzlichen Kräften, die durch die Teilung des Bildes in zwei waagerechte, unterschiedlich gestaltete Hälften eine enorme Spannung erzeugen. Der obere Teil weist verschiedene Farbschichten auf; man sieht wie durch einen weißen Schleier hellgelbe und hellbraune senkrecht verlaufende Farbstreifen, die wiederum über grafischen Krakeleien liegen. Bei den schriftzugartigen Zeichnungen handelt es sich um codierte Texte, Geheimbotschaften, die das Bild schwungvoll dynamisieren und ihm Leichtigkeit verleihen. In ihrer organisch-runden Ausformulierung bilden sie einen formalen Gegenpol zu den spitzkantigen, unorganischen Kratzspuren im unteren Bildteil, wo sich ebenfalls mehrere Schichten befinden. Blaue Farbe wurde dort auf einen roten Farbgrund gespachtelt, wodurch hauptsächlich waagerecht verlaufende Kratzspuren erzeugt wurden. Diese formalen Gegensätze sind einerseits durch die Teilung des Bildes in zwei Hälften scharf gegeneinandergestellt, andererseits werden sie durch die braunen senkrechten Farbstreifen miteinander verbunden. Sie unterstreichen den Gegensatz und halten mit ihrer Verklammerung die Spannung aufrecht, die auch in der scharfen Trennung der unteren blauen und der oberen weißen Bildhälfte zum Ausdruck kommt. Doch bei aller Gegensätzlichkeit zeigt sich auch hier eine tragende Verbindung zwischen beiden Teilen: Der untere Bildteil bildet das Fundament des oberen, eine ruhende horizontale Basis für den dynamischen, unruhig anmutenden oberen Bildteil mit seinen vielen senkrechten Pinselstrichen, die durch die waagerecht gestaltete untere Bildhälfte austariert und gehalten werden. Ein figuratives Bildelement unterstreicht die spannungsgeladene Verbindung: Zwei kleine weiße ausgeschnittene Papierfiguren stehen auf dieser dünnen Linie nebeneinander und versuchen wie Seiltänzer, die Balance zu halten, ein aussagestarkes Bild der dualen Struktur gegensätzlicher Kräfte.
In der Arbeit o. T., Acryl und Ölkreide auf Leinwand, 93 x 132 cm, 2020 finden sich ebenfalls schleierartige gestische Farbaufträge, die von der oberen Bildkante senkrecht in das Bild hineinfließen, doch hier sind sie verschiedenfarbig. Rosafarbene, helle blaugraue und hellgelbe, an den unteren Enden ausgefranste Farbstreifen wechseln sich ab und bilden eine halbtransparente Schicht über hellen Krakeleien und einem dunklen Hintergrund, der sich in der linken Bildmitte in einer indigofarbenen tiefdunklen Höhle verdichtet. Links und rechts dieser Höhle befinden sich waagerecht übereinander angeordnete autonome Linien, die von einer schwarzen, ovalen Linie im unteren Bildteil gestoppt werden. Sie erwächst aus vier farbigen Flächen, jede von einer schwarzen Linie konturiert, wobei sie sich aus der Funktion als Konturlinie herauslöst und sich selbstständig macht. Dieser Kontrast zwischen Tiefe und den autonomen Linien wird durch die Farbschleier im oberen Bildteil entschärft, die das Bild sehr geheimnisvoll erscheinen lassen. Der Eindruck des Rätselhaften wird noch durch eine interessante Dynamik unterstrichen: Der Blick wird zunächst durch die dunklen Konturlinien nach links und von dort in die Tiefe der „Höhle“ gezogen, wo er durch die herunterfließenden Schleier jäh gestoppt wird. So windet sich der Betrachter durch die Bildebenen, sein Blick schraubt sich in sie hinein und ist irritiert, denn die Flächigkeit der Schleier und der dunklen Linien wirken wie Torwächter, die den Eintritt zu der Höhle visuell verwehren. Der Betrachter muss diese Spannung aushalten. Hier wird nichts austariert, Fläche und Tiefe ringen miteinander und versuchen, einander zu dominieren.
Eben diese starken widerständigen Kräfte sind es, die Schellwanichs Arbeiten charakterisieren: Sie repräsentieren die kraftvolle Behauptung, dass gegensätzliche malerische Strukturprinzipien – Flächigkeit und Tiefe, senkrechte und waagerechte Linien, helle und dunkle Farben – ausgewogen komponiert werden müssen, um ausbalanciert und harmonisch vermittelt werden zu können. Daraus resultiert auch die Kernaussage der Bilder: Die Spannung zwischen gegensätzlichen Kräften bleibt nur dann erhalten, wenn sie sich gegenseitig aus-halten. Ein starkes künstlerisches Plädoyer, das in dieser Zeit geradezu visionär daherkommt.