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Cristhian Martinez und Angelo Peña sind die beiden Protagonisten des Boxabends im Stadttheater. Sie haben ähnliche Wurzeln – und sind doch total gegensätzlich.
Vielleicht ist diese Aussage passend, um sich Angelo Peña zu nähern. Er sagt: «Ich bereite mich nicht speziell auf einen Gegner vor. Es gibt keinen Boxer, der etwas besser kann als ich. Wenn ich einen Kampf habe, gehe ich in den Ring und gewinne.»
Die Frage an Peña war, wie er sich auf Kämpfe gegen Boxer vorbereite, die er nicht kenne. Und die Antwort sagt viel aus über diesen Angelo Peña, 27 Jahre alt, Berner mit Wurzeln in der Dominikanischen Republik. Seit ein paar Monaten ist er Profi im Superfedergewicht, den ersten Kampf am Boxing Day im Kursaal gewann er Ende 2021 in der 2. Runde gegen Irakli Shariashvili aus Georgien durch einen Knock-out. Im Stadttheater steht nun sein zweiter Fight an. Er hinterliess im Kursaal einen flinken, dominanten Eindruck, obwohl er in der ersten Runde nach einem Kopfstoss des Gegners einen blutenden Cut davontrug, der in der Pause exzellent bearbeitet wurde. Peña ist ein offener, selbstbewusster Mensch, unbernerisch forsch. Er sagt: «Ich will der beste Boxer der Welt werden.» Wer sich so äussert, muss den markigen Worten schlagkräftige Taten folgen lassen, wie es Peña im Kursaal getan hat.
Angelo Peña ist kein Grossmaul, selbst wenn er grossmäulig daherkommen kann, etwa als er nach dem Sieg gegen Shariashvili im Ring interviewt wurde und cool meinte, er habe seinen Kontrahenten in der ersten Runde gelesen und in der zweiten auf den Boden geschickt. Weil er sich eben doch intensiv auf Shariashvili eingestellt und vorbereitet hatte. Sein Trainer Alain Chervet, aber auch Peñas Bruder und Cousin analysieren die Gegner, im Training bereitet sich Angelo Peña akribisch vor. Im Gespräch mit den Medien darf er dann ruhig behaupten, es interessiere ihn nicht, wer der nächste Gegner sei und was dieser für Qualitäten habe. Zumal Peña dezidiert der Meinung ist, Boxen sei auch Unterhaltung, er wolle den Zuschauern stets eine Show bieten.
Tellerwäscher-Karriere
Cristhian Martinez ist zurückhaltender, er würde sich nie so äussern wie Angelo Peña. Als Kubaner stammt er ebenfalls aus der Karibik, er wurde im kommunistischen Land sozialisiert und genoss als eines der grössten Talente Kubas eine ausgezeichnete boxerische Ausbildung an der renommiertesten Boxschule des Landes, dem Rafael Trejo Gym in Old Havana. In der wunderbaren Dokumentation «Sons of Cuba» des britischen Filmemachers Andrew Lang spielte Martinez als Neunjähriger die Hauptrolle.
Sein Weg zum Boxer allerdings war kompliziert, Martinez wurde in seiner Heimat weniger gefördert als andere, deren Eltern bessere Beziehungen hatten. Irgendwann entschloss er sich, Kuba zu verlassen, weil er seinen Traum von einer Karriere als Profiboxer nicht aus den Augen verlieren wollte. Martinez wanderte in die Slowakei aus, weil ihm windige Manager dort eine grosse Zukunft versprachen. In der Slowakei allerdings durchlebte Martinez erneut schwere Zeiten, die Manager liessen ihn fallen, er hatte kein Geld und kaum etwas zu essen. Aber er biss sich wieder gegen alle Widerstände durch. Auf Facebook wurde der Kubaner 2019 zufällig auf den Schweizer Promoter Leander Strupler aufmerksam, schrieb diesen an, die beiden trafen sich – und arbeiten seither zusammen. «Wir haben die Karriere von Cristhian Schritt für Schritt geplant», sagt Strupler, der auch den Boxing Day sowie den Event im Stadttheater organisiert.
Corona sorgte für weitere Rückschläge, doch Cristhian Martinez blieb fokussiert, kam mehrmals für Trainingswochen zu Alain Chervet nach Bern. Und in der Slowakei hatte er im Gym eine Boxerin kennengelernt: Timea wurde seine Freundin, heute ist sie seine Frau, sie half ihm, Anschluss im fremden Land zu finden. Cristhian Martinez erledigte Arbeiten aller Art, renovierte Balkone und Wohnungen, trug Essen aus, wusch Geschirr und mähte Rasen, half in einer Apotheke aus.
2021 startete Martinez endgültig durch. Seine Tochter Charlotte wurde im Sommer geboren. Und er gewann seine ersten vier Profikämpfe in München, Basel und Budapest, ehe sich am Boxing Day am 26. Dezember auch das Berner Publikum erstmals davon überzeugen konnte, was für ein Juwel da mit Cristhian Martinez heranreift. Der Kubaner liess im Superleichtgewicht dem Kolumbianer Jeremy Triana keine Chance, schickte seinen Gegner mehrfach auf die Bretter, nach Runde 3 war der Kampf zu Ende. «Ich bin stolz, wie das Jahr 2021 lief», sagt Martinez. «Aber es geht weiter, ich habe hohe Ziele und will jeden Tag das Beste aus mir herausholen.»
Barista im Starbucks
Bei entsprechenden Leistungen und weiteren Siegen in diesem Jahr könnte der 26-jährige Cristhian Martinez bereits am Boxing Day 2022 einen Titelkampf bestreiten. So weit ist Angelo Peña noch lange nicht. Bei ihm geht es nun auch darum, zusätzliche Sponsoren zu finden, um weitere Fights organisieren zu können, wie sein Promoter Leander Strupler erklärt. «Angelos Bereitschaft, dem Boxsport alles unterzuordnen, ist beeindruckend, das sieht man in der Schweiz sonst fast nie», sagt Strupler.
Angelo Peña zweifelt nicht daran, Grosses erreichen zu können, seine Extrovertiertheit und sein spektakuläres Auftreten könnten ihn zu einem Liebling der Boulevardmedien werden lassen – wenn er weiter seine Kämpfe gewinnt. Auch Peña wurde die Faszination für den Boxsport in die Wiege gelegt, Boxen ist in der Dominikanischen Republik ebenfalls ein Nationalsport. Alle in seiner Familie boxten, sogar die Mutter, die in die Schweiz auswanderte.
Mit acht Jahren kam Angelo Peña nach Bern, hier wuchs er auf, war ein talentierter Fussballer, setzte aber auf den Boxsport. Sein Stiefvater Patrick Schad, Besitzer des Berner Restaurants Aarbergerhof, unterstützt ihn seit Jahren stark. «Ich spüre den Rückhalt vieler Menschen», sagt Angelo Peña, «ich kämpfe auch für sie und will sie nicht enttäuschen.» Er freut sich, gibt es im Stadttheater am Karfreitag keine Zulassungsrestriktionen für Zuschauer mehr, so würden noch mehr Freunde und Bekannte dabei sein können als im Kursaal. Der erste Profikampf am Boxing Day sei ein grossartiges Erlebnis gewesen, und weil er nie nervös sei, habe er den Tag auch geniessen können. Schmunzelnd erzählt er, wie einige Freunde nach der Veranstaltung leicht enttäuscht gewesen seien, weil er nur einige Minuten im Einsatz stand.
Angelo Peña hat in Bern ein Heimspiel, seit bald zwanzig Jahren lebt er hier. Nach der Schule begann er eine Lehre als Maler, war dabei aber zu eingeschränkt, um regelmässig trainieren zu können. Also absolvierte er schliesslich eine Detailhandelslehre mit zeitlichen Freiheiten, arbeitete später auf Baustellen und als Polydesigner, verkaufte jahrelang Schuhe im Footlocker-Shop in Bern, mittlerweile ist er bei Starbucks am Hirschengraben als Barista im Einsatz. Sein Pensum dort beträgt rund 40 Prozent. Damit genügend Zeit für sein umfangreiches Training bleibt – und auch dafür, sich auf die Gegner einzustellen.
Fabian Ruch