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NZZ am Sonntag: Herr Polanski, hat es Sie Überwindung gekostet, ans Zurich Film Festival zurückzukehren?
Roman Polanski: Der Besuch hat mir keine Schmerzen bereitet, aber schlechte Erinnerungen aufsteigen lassen. Ich war jedenfalls glücklich, dass mich diesmal nach der Landung keine Polizisten auf dem Rollfeld erwartet haben.
Als Sie 2011 in Zürich Ihr Goldenes Auge entgegennahmen, dankten Sie dem Gefängnispersonal, und die Leute im Saal lachten.
Das hat mich geärgert, ich habe das überhaupt nicht als Witz gesagt. Das Gefängnispersonal in Winterthur hat mich gut behandelt, und auch der Gefängnisdirektor war sehr freundlich. Aber auch nach meiner Entlassung habe ich viel Zuneigung erfahren während der schwierigen Zeit in Gstaad. Die Einheimischen, die mich kannten, haben mir ein Poulet oder eine Flasche Wein vorbeigebracht. Das hat mir geholfen, den Hausarrest durchzustehen.
Seit wann leben Sie teilweise in Gstaad?
Ich kam nach der Ermordung von Sharon Tate und meiner Freunde in die Schweiz. Es war die Zeit, als ich begriff, dass die Medien gefährlich sein können. Denn bevor die Mörder gefasst wurden, was ziemlich lange dauerte, insinuierten die Medien, ich sei mitverantwortlich für die Tragödie, weil ich dieses Massaker mit meinen Filmen inspiriert hätte. Ich wurde von Paparazzi verfolgt. Und da sagten meine Freunde in Gstaad kurz vor Weihnachten: «Komm rüber, hier wirst du in Sicherheit sein.» Ob Sie es glauben oder nicht: Damals gab es in Gstaad tatsächlich keine Paparazzi.
Und heute?
Heute kommen sie, vor allem in der Wintersaison. Ich habe mich in Gstaad verliebt, sofort Freunde gefunden, und so kam ich im darauffolgenden Winter wieder. Seit 1970 bin ich jeden Winter dort und fahre viel Ski. Ich bin seit meiner Jugend ein besessener Sportler, und in den Bergen kann ich mich gut in Form halten.
Sie haben so viel Extremes erlebt. Warum löst Ihr Name bis heute viel Abneigung aus?
Alles begann mit der Tragödie von Sharon Tate. Seither hält man mich für den Urheber von Bösem.
Spielt Antisemitismus eine Rolle?
Oft.
Wie reagieren Sie, wenn Medien Sachen über Sie verbreiten, die nicht stimmen?
Ich habe mich daran gewöhnt, ich muss mit Fake-News leben. Aber manchmal tut es weh, wenn wieder ein neues Element aus meinen Leben ausgeschlachtet wird.
Neuer Vergewaltigungs-Vorwurf
Das Interview mit Roman Polanski fand am 2. Oktober 2017 statt. Am Tag darauf meldete die «New York Times», dass die Schauspielerin Renate Langer ihm vorwirft, er habe sie 1972 in Gstaad vergewaltigt. Die «NZZ am Sonntag» wollte Polanski mit Fragen dazu konfrontieren, sein Anwalt schrieb: «Es gibt dazu keinen Kommentar.» 2011 sagte Polanski in dieser Zeitung auf die Frage nach dem Zeitgeist der 1970er: «Damals bedeutete eine sexuelle Beziehung nichts. Sex machte Spass. Es war die kurze Zeit zwischen Geburtenkontrolle dank Pille und Aids. Heute ist Sex gefährlich. Aids veränderte die Welt. Man sollte Taten im Kontext der Zeit beurteilen.»