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Winterthur und die Dampfkraft
Mit grösster Wahrscheinlichkeit hätte sich Winterthur ohne die Dampfkraft nie zur heutigen Grösse entwickeln können. So wie die Dampfkraft die 1. Industrielle Revolution in England massgebend gestaltete und gefördert hatte, so hat die Dampfkraft auch die Entwicklung von Winterthur ab 1855 entscheidend beeinflusst. Nicht nur die Nutzung der Dampfkraft generell durch die beiden grossen Produktionsstätten für Dampfmaschinen, Sulzer und SLM, sondern auch durch die Eisenbahn, welche ab 1855 als schnelles Logistikmittel die Rohstoffbeschaffung und den Handel kontinental ermöglichte.

Mit der Textilindustrie ins Industriezeitalter
Winterthur startete in das industrielle Zeitalter 1802 mit der Spinnerei Hard und 1825 mit der Spinnerei Rieter in Niedertöss am Fluss. Dieser lieferte die notwendige Energie. Die Eulach erlaubte nur in geringerem Masse handwerkliche Betriebe wie Kornmühlen, Sägemühlen, die Seifenfabrik Aspasia.
Die beiden ersten Spinnereifabriken nutzten das Wasser der Töss. Aber früh installierten sie Dampfmaschinen, um den schwankenden Wasserlauf der Töss auszugleichen.
Dampf als Basis zur Klimafirma
1834 gründeten die Gebrüder Sulzer im Tössfeld eine Eisengiesserei, weil sie erkannt hatten, dass ihre Kunden, die neue Industrie, hauptsächlich Eisenguss benötigten. Die Luftpumpe für ihren Gussofen betrieben sie mit einem Pferdegöppel. 1839 ersetzten sie diesen Göppel durch eine 4PS Dampfmaschine aus dem Elsass. Während dem Betrieb des dazugehörigen Dampfkessels erkannten sie die Möglichkeit, die Dampfwärme auch für Heizzwecke zu nutzen. Gesagt getan, lieferten sie 1841 für die neue Knabenschule (heute Kunstmuseum Reinhart an der Stadthausstrasse) die weitherum erste Dampfheizung. Sulzer weitete die Entwicklung von Dampfheizungen aus, ab 1854 mit Dampfkesseln für Dampfmaschinen.

Die 1. Dampfheizung war der Start zum weltweiten Lieferanten von Heizungs- und Klimasystemen.
Mit englischem Know-How zur Spitzendampfkraft
J.J. Sulzer-Hirzel reiste 1849 nach England um die Entwicklung der dortigen, hochstehenden Industrie zu studieren. So war es nicht abwegig, dass er 1852 einen jungen englischen Ingenieur, Charles Brown, nach Winterthur holte mit dem Auftrag, Maschinen für den Verkauf zu entwickeln. So wurde 1854 die erste Dampfmaschine, natürlich mit Dampfkessel, verkauft. Charles Braun förderte mit seiner Entwicklungsbegabung die Dampfmaschinen zu höchster Qualität. Mit der von ihm erfundenen Ventilsteuerung konnte er den Wirkungsgrad und somit die Leistungsfähigkeit der Dampfmaschinen verbessern. Als dann Winterthur mit der Eisenbahn erschlossen wurde, versuchte Braun die Firma Sulzer zum Bau von Dampflokomotiven zu bewegen. Diese wollte aber bei ihren gutgehenden Standbeinen (Dampfmaschinen und andere Maschinen) bleiben. So verliess Brown seinen Arbeitgeber und gründete 1871 auf dem Nachbargrundstück die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik SLM, wo er begann Dampflokomotiven, stationäre Dampfmaschinen und auch andere Maschinen zu bauen.
Zuvor hatte Rieter bereits 1833 aus seiner Reparaturwerkstatt für die Spinnerei eine wachsende Fabrik für Textilmaschinen errichtet.

Sulzer wurde mit der Erfindung der Ventildampfmaschine zu einem der führenden Dampfmaschinenbauer des Kontinentes.
Die Eisenbahn als Logistikmotor
Der ganze Transport für den Handel (Rohstoffe und Fertigprodukte) wickelte sich seit dem Mittelalter auf Fuhrwerken über einfache Strassen ab. Doch Fuhrwerke hatten nur beschränkte Transportkapazität und waren sehr langsam.
Pferdefuhrwerke brachten die Baumwolle von den Häfen nach Winterthur und die fertigen Textilien wieder zurück. Diese Transporte dauerten Wochen.
Diese Situation wurde 1855 schlagartig verändert mit der Einweihung der Eisenbahnen in Winterthur nach dem Bodensee, St. Gallen, Zürich und Baden. Als dann die Verbindung nach Basel und somit nach Frankreich und Deutschland ergänzt wurde, veränderte dies die ganze Industrie in Winterthur. So konnten auch die Winterthurer vereinfacht Rohstoffe (Kohle, Eisen und Textilmaterial) rasch und in grossen Mengen aus ganz Europa beschaffen und ihre Produkte problemlos den erweiterten Märkten zuführen.

Die neuen Eisenbahnverbindungen ermöglichten u.a. Kohle aus ganz Europa anzuschaffen, ebenso die Verteilung der Produktionsgüter zu den Kunden. Dies in grossen Mengen und kurzen Zeiten.
Diese neue Marktsituation erlaubte es dank der Dampfkraft u.a. 1871 auf der «grünen Wiese» an der heutigen St. Gallerstrasse die Mechanische Seidenstoffweberei AG «Sidi» zu erstellen. Die installierte 40PS Dampfmaschine von Sulzer trieb bis zu 450 Webstühle an. Die Sidi wurde zur viertgrössten Fabrik in Winterthur (nach Sulzer, Rieter und SLM) und konnte 1910 850 Arbeitsplätze anbieten.
Nicht nur die Seidenstoffweberei Sidi sondern auch die meisten neuen Fabriken in Winterthur, wie SLM, Jäggli usw. konnten sich dank der Dampfkraft unabhängig von der Wasserkraft ansiedeln
Bei Sulzer und Ritter wurden mit Dampfkraft ab den 1850ern Maschinen in grossen Stückzahlen hergestellt. Die Dampfloks mit ihren Zügen brachten sie zu den Kunden im In- und Ausland. So konnte Sulzer 1888 bereits die 1000. Dampfmaschine ausliefern.
Dieser industrielle Aufschwung in Winterthur zeigt sich anhand der Einwohnerzahlen, welche sich von 1860 – 1880 von 6’500 auf 13'500 verdoppelten.

Auch die Mitarbeiterzahlen widerspiegeln die Erhöhung der Produktion (1855: 250 MA; 1860: 500 MA; 1875: 1300 MA und 1900: 3'000 MA).
Die Eisenbahn ermöglichte eine enorme Entwicklung der Fabriken. Dies zeigt der enorme Anstieg der Mitarbeiterzahl von Sulzer.
Sulzer entwickelte sich zu einem europaweiten Spitzen-Hersteller und Lieferanten von Dampfmaschinen sowie von Heizungs- und Klimaanlagen. Parallel mauserte sich auch die SLM zum schweizweit einzigen Hersteller von Dampflokomotiven nebst stationären Dampfmaschinen und anderen Maschinen.
Beim Start zur 2. Industriellen Revolution mit der Elektrizität, hatten die Dampfmaschinen (nebst der Wasserkraft) auch wesentlichen Anteil bei der Stromproduktion als Antrieb von Generatoren.
Dampfturbinen für grosse Leistungen
Sulzer und SLM befassten sich ab anfangs 20. Jh. auch mit der Entwicklung von Dampfturbinen. Diese ermöglichen heute wesentlich die Gross-Produktion von Strom, so mit den grossen Anlagen in unseren Kernkraftwerken. Dampfturbinen und auch die bei Sulzer entwickelten Dieselmotoren verdrängten die Dampfmaschinen in kleine Nischenanwendungen, sodass 1952 die letzte Dampfmaschine das Sulzer Werk verliess.
Vom Technikum zur Hochschule
Die ganze Dampftechnik mit den laufend gestiegenen Bedürfnissen (steigende Drücke, Temperaturen und Drehzahlen) stellte immer höhere Anforderungen an die Konstrukteure und

Materialien. Dies förderte den Stand der Technik gewaltig. So entstanden weitere Abteilungen bei Sulzer und auch andere Firmen in Winterthur mit einem breiten Feld von Applikationen.
Dass Winterthur heute zum grössten Fachhochschul-Standort der Schweiz mit über 10'000 Studierenden wurde, ist ein «Verdienst» der Dampftechnik. Denn deren Einsatz erhöhte laufend den Bedarf an Technikern in der Winterthurer Industrie. Dies führte 1874 zur Gründung des ersten Technikums der Schweiz, an der 1901 für kurze Zeit auch Albert Einstein dozierte. Sicher nicht zufällig war der erste Direktor, Friedrich Autenheimer, kantonaler Kontrolleur von Dampfmaschinen und Transmissionen sowie 1869 Mitbegründer und Kontrollingenieur des Basler und des Schweiz. Vereins von Dampfkesselbesitzern.
Das erste schweizerische Technikum ermöglichte damals die Ausbildung der wichtigen Techniker und ist heute die grösste Fachhochschule der Schweiz.
Sulzer entwickelte sich zu einem Weltkonzern, bei dem anfangs der 70er Jahre über 15'000 Mitarbeiter in Winterthur und 34'000 weltweit arbeiteten. Der «Umbau» des Sulzer-Konzernes in den 90er Jahren führte zu einer «Verteilung» der Produktion in verschiedenste andere nun selbständige Firmen. So wandelte sich Winterthur vom einst grössten Industriestandort der Schweiz zum
Werk-, Dienstleistungs-, Hochschul- und Wohnstandort.