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Erst Schulkinder lernen zu teilen
Eine Forschergruppe um Ernst Fehr von der Universität Zürich und von der Universität Erfurt hat insgesamt 229 Kinder zwischen drei und acht Jahren zu einer Reihe spielerischer Experimente aufgefordert. Spieleinsatz waren die für Kinder wohl kostbarsten Güter: Naschereien.
Jeweils ein Kind sollte entscheiden, wie es eine festgelegte Menge von Süssigkeiten mit einem anderen (nicht anwesenden) Kind teilte. So stand beispielsweise zur Wahl, zwei Schokolinsen für sich zu behalten und dem anderen Kind keines abzugeben oder die beiden Schokodrops gleichmässig untereinander zu teilen. Etwa die Hälfte der Kinder führte diese Entscheidung im Wissen, dass das andere Kind aus demselben Kindergarten bzw. derselben Schule ist durch. Den anderen Kinder wurde mitgeteilt, dass das andere Kind aus einem anderen Kindergarten bzw. einer anderen Schule ist.
Drei- bis vierjährige Kinder verhielten sich in diesem Versuch fast ausnahmslos egoistisch und behielten die Schokolinsen für sich. Im Alter von fünf bis sechs Jahren teilten immerhin schon rund ein Fünftel der kleinen Probanden ihre Süssigkeiten. Aber erst mit sieben, acht Jahren teilte fast die Hälfte der Kinder gerecht, wie die weiteren Experimente zeigten. Die älteren Kinder begannen mehr und mehr am Wohlergehen anderer interessiert zu sein. Sie entwickelten einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und sorgten dafür, dass ihr Spielpartner nicht mehr, aber auch nicht weniger bekam als sie selber. Dabei werden Kinder in dieser Zeit nicht einfach grosszügiger sondern entwickeln eine ausgeprägte Abneigung gegen Ungleichheit. Gleichzeitig zeigt sich auch eine starke Bevorzugung der eigenen Gruppenmitglieder.
Selbstlos an andere zu denken und bevorzugt mit Freunden oder Familienmitgliedern zu teilen seien für den Menschen kennzeichnende Verhaltensweisen, schreiben die Forscher. Schon zu Zeiten der Jäger und Sammler sei man darauf angewiesen gewesen, Beute miteinander zu teilen. Zumindest zum Teil sei die Entstehung solcher Verhaltensweisen vermutlich genetisch festgelegt. Andererseits fördern Kultur und Erziehung den Gerechtigkeitssinn. Kinder lernen vom Kindergarten bis zur Schule, dass solche Verhaltensweisen positiv sind.
Der Wunsch, Ungleichbehandlungen zu verhindern, unterscheide uns von anderen Tieren und liefert eine entscheidende Erklärung für die aussergewöhnliche Kooperationsfähigkeit und detaillierte Arbeitsteilung nicht-verwandter Menschen in grossen Gruppen. Selbst bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, sei dieser Gerechtigkeitssinn nicht angelegt, schreiben die Forscher. Diese teilten ihr Futter in der Regel nicht mit anderen und blieben ihr Leben lang eher selbstsüchtig.
Die Studie erschien in der renommierten Wissenschaftszeitschrift "Nature" am 28. August 2008.
Stand: 09/08, BH