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WOZ: Herr Niggli, Sie leiten eine entwicklungspolitische Arbeitsgemeinschaft. Sind aus Ihrer Sicht die medienwirksamen Aktionen vieler Rockstars zugunsten der Entwicklungshilfe, etwa von Bono oder Bob Geldof, nützlich?
Peter Niggli: Heute kommen ökologische oder entwicklungspolitische Organisationen um solche PR-Aktionen nicht herum. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist ein hart umkämpftes Gut, und unsere Themen stehen nicht in ihrem Zentrum. Bei unserer Kampagne für die Erhöhung des Entwicklungsbudgets haben deshalb auch wir Prominente für unser Anliegen mobilisiert – etwa Melanie Winiger. Es gelingt damit, in Boulevard- und Gratismedien zu kommen oder in redaktionellen Gefässen ein Echo zu finden, die sich sonst keinen Deut um unsere Themen kümmern.
Ein wichtiges Thema in der Entwicklungspolitik ist der sogenannte Brain Drain: Industrieländer werben qualifizierte Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern an. Was hat das für Auswirkungen auf die Entwicklungsländer?
Um die Proportionen zu wahren: Seit Jahrzehnten wandern viele qualifizierte Berufsleute aus Entwicklungsländern ab. Weil sie unter Unsicherheit, mangelnden Perspektiven und fehlender Freiheit leiden. Sie haben in der Regel weniger Mühe, in den Industrieländern Aufnahme zu finden als ihre ärmeren, schwächer qualifizierten Landsleute. Die werden ausnahmslos abgewehrt. Neueren Datums sind die systematischen Anwerbungen vor allem von medizinischem Personal aus Entwicklungsländern. Es gibt in England Städte, die ihre Spitäler mit Krankenschwestern aus den ehemaligen Kolonien in Afrika besetzen. Diese Abwanderung der Qualifizierten, die «spontane» und die organisierte, erschwert natürlich die Entwicklung, zum Beispiel den Aufbau eines funktionierenden Gesundheitswesens. Wenn Malawi Krankenschwestern ausbildet, die danach in England arbeiten, fehlt dem Staat nicht nur das Personal, er finanziert dazu auch noch die Ausbildungskosten des englischen Gesundheitswesens mit.
Was wäre die richtige Antwort der Industriestaaten auf diese Entwicklung?
Sie sollten die systematische Abwerbung von Gesundheitspersonal aus Entwicklungsländern verbieten. Das Problem bleibt allerdings bestehen. Es wird deshalb heute pilotmässig versucht, ausgewanderte Berufsleute in Entwicklungsprojekte in ihren Ursprungsländern zu involvieren.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Für den Wiederaufbau des Gesundheitswesens in kriegsversehrten afrikanischen Staaten, zum Beispiel im Kongo, werden in Europa oder Nordamerika lebende Gesundheitsfachleute aus dem Kongo zur temporären Mitarbeit vor Ort gewonnen oder über elektronische Lernplattformen als Beratende mit lokalen Spitälern oder Gesundheitsbehörden verbunden.
Reisen Sie eigentlich oft in Entwicklungsländer?
Weniger oft als ich möchte. Als ich bei Alliance Sud anfing, stellte ich mir das anders vor. Wenn ich schon an den Nord-Süd-Verhältnissen arbeite, dachte ich, werde ich mich auch im Süden umsehen müssen. Aber die Aussenpolitik, die Alliance Sud beeinflussen will, findet in der Schweiz und vor allem in Bern statt.
Dann kommen Sie gar nicht zum Reisen?
Doch. Ich versuche, wenn möglich jedes Jahr Entwicklungsprogramme unserer Trägerwerke vor Ort zu besuchen. Dieses Jahr habe ich das in Brasilien gemacht, vor und nach dem Weltsozialforum in Belém. In anderen Jahren besuchte ich Programme in Vietnam oder im Südsudan. Die konkrete Betrachtung vor Ort ist wichtig, um hier in der Debatte um die Entwicklungshilfe bestehen zu können.
Zum Schluss: Wie sehen Sie die Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit?
Die aktuelle Wirtschaftskrise ist ein guter Anlass für die Industriestaaten, ihr Versprechen endlich einzulösen und die Entwicklungsbudgets zu erhöhen. Es braucht jetzt mehr Hilfe, nicht weniger. Aber die Entwicklungszusammenarbeit ist in der Krise natürlich gefährdet. In Österreich zum Beispiel sinkt das Entwicklungsbudget bereits.
In welche Länder soll das Geld investiert werden?
Unsere grösste Herausforderung ist, in den fragilen Staaten Programme der Entwicklungszusammenarbeit auf die Beine zu stellen. Das sind Länder mit scharfen Konflikten, schwachen Regierungen und Institutionen in Trümmern. Viele afrikanische Staaten sind fragil. In diesen Ländern eine gute Entwicklungszusammenarbeit zu machen, ist schwierig, aber wichtig: Dort leben 1,5 Milliarden Menschen, die meisten unter oder knapp über der absoluten Elendsgrenze.
Peter Niggli (59) ist Geschäftsleiter von Alliance Sud, der entwicklungspolitischen Arbeitsgemeinschaft von Swissaid, Fastenopfer, Brot für alle, Helvetas, Caritas und Heks.