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1. Hierzu beschreibe ich zwei Beispiele aus meinem Berufsalltag
Ein sehr eindrückliches Ereignis habe ich vor zwei Jahren erlebt:
Eine Klientin hatte unerwartet ihre erste Betreibung erhalten. Sie wollte diese unbedingt verhindern und setzte alle Hebel in Bewegung. Sie schaffte es, musste dafür jedoch zwei Bedingungen erfüllen:
1. den offenen Betrag unverzüglich einzahlen und
2. die Einzahlungsbestätigung beim Betreibungsamt unverzüglich vorzeigen. Doch meine Klientin leidet unter einer Angsterkrankung und war nicht imstande, dies innert wenigen Stunden durchzuführen. Die Klientin stellte mir daher eine Vollmacht aus und ich radelte sofort los, um die Rechnung einzubezahlen und es anschliessend noch vor dem Mittag auf das Betreibungsamt zu schaffen. Um 11.50 Uhr kam ich an der Winkelriedstrasse an, verirrte mich in der Eile im Innenhof und fand den Eingang nicht. Drei adrett gekleidete Geschäftsfrauen sprachen miteinander. Ich ging zu ihnen hin und fragte nach dem Eingang zum Betreibungsamt.
Sie schauten mich von oben nach unten und von unten nach oben mit einem äusserst abwertenden Blick an. Dies beschämte mich sehr. Ich fühlte mich armselig und wäre am liebsten im Boden versunken. Seit diesem Erlebnis verstehe ich nun viel besser, wie es sich für Menschen anfühlen muss, welche solche Orte aufsuchen müssen.
Das zweite Erlebnis war genauso eindrücklich wie das Erste:
Eine Klientin von mir hatte von einer komplementären Behandlung gehört, welche für sie in Frage kommen würde und die sie zusätzlich zur Psychotherapie durchführen möchte. Die Klientin hat eine dissoziative Identitätsstörung* und sie fühlte sich nicht imstande, den Erstbesuch alleine durchzuführen. Aus diesem Grund entschloss ich mich, sie beim ersten Mal zur Komplementärtherapeutin zu begleiten. Leider verspätete sich die Klientin und ich hatte vergessen die Therapeutin zu informieren, dass ich als Begleitperson mitkommen würde. Meine Klientin hat die Komplementärtherapeutin bereits über ihre Diagnose per Telefon informiert, was ich jedoch nicht wusste.
*Die dissoziative Identitätsstörung zeigt sich in verschiedenen Persönlichkeitsanteilen, welche abwechselnd die Kontrolle über das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen übernehmen. Diese verschiedenen Persönlichkeitsanteile verfügen über eigene Charaktereigenschaften, Verhaltensweisen, Fähigkeiten, Wahrnehmungs- und Denkmuster.
Nun stand ich dieser sympathischen Therapeutin gegenüber. Sie glaubte, ich sei die Klientin und war sichtlich angespannt, unruhig und beobachtete mich auf eigenartige Weise. Sie wusste nicht so recht, wie sie mit mir umgehen sollte. Sobald sie jedoch verstand, dass ich nicht die Klientin war, entspannte sich die Situation stark. Da wurde mir bewusst: selbst Therapeuten, die traumatisierte Menschen behandeln, haben zum Teil keine oder zumindest wenige Kenntnisse über Dissoziationen (Abspaltungen vom Alltagsbewusstsein).
2. Wie Lösungsmöglichkeiten aussehen können
Es hat mich negativ überrascht, wie sich sogar Therapeuten im Verhalten verändern, wenn sie einem psychisch kranken Menschen begegnen. Wieso gehen wir mit psychisch kranken Menschen anders um als mit dem Rest der Bevölkerung? Was ist an ihnen so anders? Sind sie etwa gefährlich?
Ich arbeite seit 20 Jahren mit psychisch kranken Menschen zusammen, wurde nie bedroht, geschweige denn angegriffen. Es müssen Grenzen gesetzt werden, das ist ganz klar. Und die Klienten halten sich an die Grenzen. Vermutlich unter anderem, weil sie mich als zuständige Psychiatrie-Fachperson nicht verlieren möchten. Grenzen können auch Klarheit schaffen.
Selbst- und Fremdverletzungen sind nicht akzeptabel und da gibt es für mich keine Ausnahme. Ich suche mit der betreffenden Person nach Möglichkeiten, wie sie mit innerem Druck, Frust und Wut umgehen können, ohne den eigenen Kopf an die Wand zu schlagen oder andere zu verletzen.
3. Eine Aufgabe für Sie persönlich
Deshalb meine Empfehlung an Sie: behandeln Sie ihr Gegenüber so, wie Sie selber behandelt werden möchten. Ganz egal ob es sich um einen psychisch erkrankten Menschen handelt oder nicht. Wir alle haben unsere Lebensgeschichte, unsere Prägungen und entsprechende Strategien, wie wir damit umgehen. Gehen Sie einen Schritt auf einen anderen Menschen zu und versuchen sie seine Perspektive zu verstehen.
Fragen, die wir selber an uns stellen können:
Wie will ich Menschen mit psychischer Erkrankung begegnen?
Wer in meinem Umfeld benötigt aktuell Unterstützung?
Was kann ich für diesen Menschen tun?
Manchmal reicht schon ein gutes Wort, zuhören, eine kleine Geste, eine Einkaufstasche die Treppe hochtragen oder ein Lächeln.
Mit einem Lächeln an Sie verabschiede ich mich für diesen Monat und wünsche Ihnen gute Begegnungen und besinnliche Adventstage. Tragen Sie Sorge zu sich.