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Der perfekte Mensch
Bis jetzt hat sich der Mensch immer vom Affen abgegrenzt: Der Mensch ist das Tier ohne Fell, das denken kann, das Feuer beherrscht und Hemmungen hat. Jetzt hat sich der Mensch mit Robotern eine Konkurrenz geschaffen, von der er sich neu abgrenzen muss. 2020 lautet die wichtigste Frage deshalb: Was unterscheidet den Menschen vom Roboter? Das Blech, lachen Sie jetzt vielleicht. Dann lassen Sie mich präziser fragen: Was unterscheidet die Arbeit eines Menschen von der eines Roboters? Denn das wird die Frage sein, die uns in nächster Zeit beschäftigen wird. Die Antwort darauf wird Konsequenzen nicht nur für unser Menschenbild haben, sondern auch für die Art, wie wir künftig arbeiten.
1765 hat der grosse Immanuel Kant in seinen Vorlesungen zur Logik die vier Fragen genannt, um die sich die Philosophie zu kümmern habe:
1) Was kann ich wissen?
2) Was soll ich thun?
3) Was darf ich hoffen?
4) Was ist der Mensch?[1]
Und merkt dazu an, die letzte Frage, das sei «das nöthigste aber auch das schwerste».[2]
Die Frage war vielleicht deshalb so schwierig, weil sich die Menschen darüber noch nicht so lange Gedanken machten. Über Jahrhunderte hatten die Menschen drei Gewissheiten:
a) Der Mensch steht im Zentrum des göttlichen Universums.
b) Der Mensch ist die von Gott eingesetzte Krone der Schöpfung.
c) Der Mensch ist das rationale Wesen.
Die erste Gewissheit war den Menschen schon über 200 Jahre vor Kant abhandengekommen: Bereits in Mitte des 16. Jahrhunderts hatte Nikolaus Kopernikus sein Hauptwerk «De revolutionibus orbium coelestium» (auf Deutsch: Über die Umschwünge der himmlischen Kreise) geschrieben. Kopernikus schreibt darin, dass die Erde nicht im Zentrum des Universums steht. Er beschreibt (mathematisch), dass die Erde und die anderen Planeten um die Sonne kreisen. Kopernikus wusste allerdings um die Sprengkraft seiner Gedanken. Das Werk wurde deshalb erst posthum 1543 in Nürnberg veröffentlicht. Bekanntlich konnte sich die katholische Kirche längere Zeit nicht mit dem Gedanken anfreunden.
Der Mensch als Affe ohne Fell
Etwa hundert Jahre, nachdem Kant seine vier Fragen gestellt hatte, schlug Darwin den Menschen die zweite Gewissheit aus der Hand: 1859 veröffentlichte Charles Darwin sein Hauptwerk «On the Origin of Species» (Über die Entstehung der Arten). Er wies darin nach, dass biologische Arten keineswegs fest gefügt (also gottgegeben) sind, sondern sich durch Evolution verändern. Er zeigte, dass sich Evolutionslinien aufzweigen – dass der Mensch also tierische Vorfahren hat und letztlich alles Leben der Erde auf einen einzigen gemeinsamen Ursprung zurückgeht. Dass die Evolution graduell, in kleinen Schritten verläuft und dass der entscheidende Mechanismus dabei die «natürliche Selektion» ist.
Der Mensch war also nicht mehr die Krone der Schöpfung, sondern eine Art, die sich aus vielen Vorgängern entwickelt hatte, wobei die Unterschiede graduell sind. Seit Darwin legen die Menschen mit anderen Worten Wert darauf, sich von den Affen zu unterscheiden – wobei es gar nicht so einfach ist, die Unterschiede zu benennen. «Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt, / behaart und mit böser Visage», dichtete Erich Kästner. Dann kamen der Fortschritt und die Technik, «doch davon mal abgesehen und / bei Lichte betrachtet sind sie im Grund / noch immer die alten Affen.»[3] Mani Matter sah immerhin einen wichtigen Unterschied: «was unterscheidet d’mönsche vom schimpans / s’isch nid die glatti hut, dr fählend schwanz / nid dass mir schlächter d’böim ufchöme, nei / dass mir hemmige hei».[4]
Die bürgerlichen Tugenden
Natürlich sind es nicht nur die Hemmungen, die uns von den Schimpansen unterscheiden (zumal heute viele Politiker diesbezüglich kaum Unterschiede erkennen lassen). Für viele Menschen sind es bürgerliche Tugenden wie Ordentlichkeit, Fleiss, Reinlichkeit und Pünktlichkeit. In militärischen Worten: Präzision und Disziplin. Und in den Worten der Wirtschaft: Effizienz und Effektivität. Klar, dass sich der Mensch darin vom Affen unterscheidet – doch genau darin hat er gnadenlose Konkurrenz erhalten: Roboter sind um Welten präziser, fleissiger und ordentlicher als jeder Mensch. Die bürgerlichen Tugenden taugen deshalb kaum mehr dazu, den Menschen zu definieren. Kein Zweifel: 2020 muss sich der Mensch nicht mehr nur vom Affen unterscheiden, sondern auch vom Roboter. Kants Frage stellt sich ganz neu.
Und das ist keineswegs bloss eine akademische Frage. Sie stellt sich mir immer wieder konkret, wenn ich mit Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen Workshops zum Thema Digitalisierung durchführe.[5] Für Firmen stellen sich die Fragen «Wer sind wir?» und «Was macht uns aus?» angesichts von Digitalisierung und Robotisierung völlig neu. Gerade in der Schweiz. Firmen in unserem Land haben sich in der Vergangenheit nämlich oft auf die oben zitierten Tugenden berufen: Wir arbeiten pünktlich. Unsere Produkte sind präzise. Doch Pünktlichkeit und Präzision liefern Computer und Roboter heute problemlos. Was kann die Arbeit einer Firma heute noch differenzieren? Was unterscheidet uns Menschen von Robotern? Was macht uns aus?
Dunkle Triebe, helle Träume
Die dritte Gewissheit lautete: Der Mensch ist das rationale Wesen. Seit Freud wissen wir, dass es so einfach nicht ist. Vor etwas mehr als 100 Jahren beschrieb Freud das Unbewusste, die dunkle Macht der Triebe, der (verdrängten) Gefühle und der Träume. Seit Freud kann sich der Mensch nicht mehr so ohne weiteres auf seinen Verstand berufen. Freud bietet uns damit eine Antwort auf die Frage an, was uns von Robotern unterscheidet: Anders als ein Roboter ist der Mensch keine präzise Arbeitsmaschine, die pünktlich ein perfektes Werk abgibt. Jeder Mensch macht Fehler. Gefühle trüben den Verstand. Träume und Sehnsüchte lenken vom tugendhaften Pfad der Perfektion ab. Und genau das macht den Menschen aus.
Übersetzt auf den Alltag in einer Firma kann das heissen: Es ist das Unperfekte, das unsere Produkte auszeichnet. Sie glauben mir nicht? Eine grosse Basler Bäckerei wirbt mit dem Slogan «Handmade gönn ich mir». Woran erkennen Sie, dass ein Zopf, ein Gipfeli oder ein Brötli von Hand gemacht sind? An der Individualität der Produkte, daran, dass nicht jedes Stück gleich aussieht – also an den «Fehlern». Vielleicht könnte man sagen, dass Fehler das Leben überhaupt ausmachen, sorgen doch unter anderem Kopierfehler in der DNA für die zufällige Weiterentwicklung des Lebens.
Ich glaube deshalb, dass wir auf dem Holzweg sind, wenn wir den Menschen zu perfektionieren versuchen. Das Ausmerzen von Behinderungen (und Behinderten) zum Beispiel ist deshalb im eigentlichen Sinn unmenschlich. Das heisst nicht, dass wir nicht nach Besserem streben sollen. Natürlich sollen wir die Welt verbessern wollen und uns getrauen, vorwärtszuschreiten. Im Streben aber steckt die Möglichkeit des Scheiterns – und es ist diese Möglichkeit, die uns erst zu Menschen macht. Gerade in der Schweiz (und da gerade in der Arbeitswelt) müssen wir das erst wieder lernen.
Basel, 13. Dezember 2019, Matthias Zehnder <email-pii>
Quellen
[1] Immanuel Kant: «Logik. Ein Handbuch zu Vorlesungen.» Königsberg 1800. S. 25; Vgl. https://korpora.zim.uni-duisburg-essen.de/kant/aa09/025.html
[2] Ebenda.
[3] Erich Kästner: «Entwicklung der Menschheit». In: Erich Kästner: «Ein Dichter gibt Auskunft: 121 Gedichte». Atrium Verlag AG Zürich.
[4] Mani Matter: «Hemmige». In: Mani Matter: «Mani Matter Liederbuch», Zytglogge 2015
[5] Über meine Digitalisierungsworkshops finden Sie hier einige Angaben: https://www.matthiaszehnder.ch/vortragemoderationen/ Darüber hinaus gebe ich Ihnen jederzeit gerne per E-Mail Auskunft.
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