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Schöner dösen in der Datscha
ZUR TOPOGRAFIE DER MUSSE IN RUSSLAND (c) Basler Zeitung, 29.06.2007
Schöner dösen in der Datscha
LITERATURSOMMER 1: ZUR TOPOGRAFIE DER MUSSE IN RUSSLAND
Andreas Guski
Von der Datscha als Lebensform der russischen Mittelklasse über die sowjetischen Schrebergärten bis zu den «Cottage» genannten Datschas der neuen besitzenden Schicht des postsowjetischen Russland: zur Kulturgeschichte des russischen Ferienhauses.
Sie war einer der grossen Erfolge des damals noch sehr jungen und linken Ensembles der Berliner «Schaubühne am Halleschen Ufer»: Peter Steins Inszenierung von Maxim Gorkis «Sommergästen» (russ. «Datschniki») im Jahre 1974.
Aus einem Abstand von mehr als drei Jahrzehnten vermischen sich die Farb- und Tonspuren der Erinnerung an dieses Theaterereignis - weisse, luftige Sommerkostüme, Gitarrenklänge, Kiefern im Hintergrund - mit Steins «Drei Schwestern» (1984) und seiner Inszenierung des «Kirschgartens» (1989). Theatergeschichtlich jedoch lagen Welten zwischen den «Sommergästen» und den Tschechow-Versionen der Schaubühne.
In den Achtzigerjahren drohte Peter Steins Bühnenkunst selber jener kulturelle Wärmetod durch ästhetische Übersättigung, den er in den Siebzigerjahren mit den «Sommergästen» als einem Spiegelbild bundesdeutscher Elitebefindlichkeiten kritisch in Szene gesetzt hatte. «Tut was!» hatte damals vernehmlich die Botschaft des Spektakels gelautet, das keines hatte sein wollen.
Sommergäste. Eben dies war 1904 die Botschaft auch Maxim Gorkis gewesen, des «Sturmvogels der Revolution». «Heutzutage», lässt Gorki eine seiner Heldinnen sagen, «schämt man sich, ein privates Leben zu führen». Schauplatz jenes parasitären Seins, das da Privatleben heisst, ist in den «Sommergästen» eine von Intellektuellen bewohnte Datschenkolonie, mithin ein für die soziokulturelle Topografie Russlands nicht weniger typischer Ort als Kirche, Kloster, Adelspalast oder Bauernkate - ein Ort, der alle Epochenwechsel der letzten drei Jahrhunderte überstanden hat und gerade in postsowjetischer Zeit wieder grosse Wertschätzung geniesst.
Das Wort Datscha, abgeleitet von russisch «datj» («geben»), bezeichnet ursprünglich ein von der Krone verliehenes Anwesen. Die ersten Datschen entstanden zu Beginn des 18. Jahrhunderts entlang der Chaussee, welche die neue Hauptstadt mit der barocken Sommerresidenz Peterhof am Finnischen Meerbusen verband. Was deren Besitzer, die Favoriten Peters des Grossen und seiner Nachfolgerinnen, auf ihren Grundstücken an Prachtbauten aufführten, lag weit über jenem biederen Standardmass, das man heutzutage mit dem Russizismus «Datsche» verbindet. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts werden Datscha und Landgut zu Orten, an denen die Rangordnung des Hofes aufgehoben ist, was als Voraussetzung gilt für die Pflege des freien Gesprächs unter Freunden. Weder von politischen noch von Anstandsregeln kontrolliert, entwickelt sich die Datscha zum Heterotop der Stadt und des Hofes.
Zugleich macht die im Zeitalter der Empfindsamkeit und Frühromantik einsetzende Stilisierung von Parks und Gärten zu arkadischen Landschaften diese zu Räumen nicht nur der Musse, sondern auch der Musen, vor allem der Poesie. Von Alexander Puschkin über Anna Achmatowa bis hin zu Iwan Bunin und Wladimir Nabokow bleiben die «dunklen Alleen» des russischen Parks Sinn- und Erinnerungsbild einer Welt des noblen Ausgleichs zwischen Natur und Kultur.
Eisenbahn. 1837 wird, als erste russische Eisenbahnlinie überhaupt, die Strecke zwischen Petersburg und den südlich der Hauptstadt gelegenen Parkanlagen von Zarskoje Selo (Zarendorf) und Pawlowsk in Betrieb genommen. Damit werden diese bisher nur vom Hochadel bewohnten Villenvororte einem breiteren Publikum zugänglich. Die Presse sieht darin ein Zeichen des Fortschritts. Wenn, so der Publizist und Erfolgsautor Faddej Bulgarin, nunmehr Menschen in abgelegenen Gegenden zu siedeln beginnen, welche bislang als rechtsfreie Räume galten, noch dazu in vergleichsweise ungesicherten Häusern, so müsse Russland insgesamt zivilisierter geworden sein.
Industrie. Diese Einschätzung war etwas zu optimistisch; die hohe Zahl der Einbrüche und Gewaltdelikte blieb bis zur Revolution und darüber hinaus ein Dauerproblem der Datschenbewegung. Davon unbeeindruckt entwickelt sie sich jedoch mehr und mehr zu einer eigenen Industrie. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sind rund um die grossen Industriestädte Russlands dichte Netze von Datschenkolonien entstanden, die über Schiene und Telefon mit der Stadt verbunden sind.
Keiner hat diese Entwicklung sensibler wahrgenommen als Anton Tschechow. Seine letzte Komödie, «Der Kirschgarten» (1904), handelt vom Niedergang eines ehrwürdigen Herrensitzes, der zuletzt unter den Hammer kommt und von einem pfiffigen Geschäftemacher ersteigert wird. Dieser lässt im Finale das Herz des Anwesens, einen prächtigen alten Kirschgarten, abholzen, um Datschen darauf zu setzen, die er verpachten wird.
Das ist kein sentimentaler Abgesang auf das gute alte Russland, sondern ein illusionsloser Ausblick auf jene neue Mittelklasse, die mit den «Datschniki» am Horizont der Geschichte auftaucht. Dem ewigen Studenten Trofimov legt Tschechow den hochgemuten, gegen Ästhetizismus und Besitzfetischismus gerichteten Satz in den Mund: «Ganz Russland ist unser Garten.» Das klingt wie der Ruf nach einem neuen, produktiven Leben. Doch bleibt es leere Rhetorik. Die Trofimovs wissen nicht einmal, wie man in diesem allrussischen Garten Unkraut jätet oder den Rasen sprengt. Auch Gorki liebte grosse Sätze. Als zentrale Botschaft seiner «Sommergäste» lässt er die Anwaltsgattin Warwara Michjalowna verkünden: «Die Intelligenzija, das sind nicht wir! Wir sind etwas anderes. Wir sind Sommergäste in unserem Land ... Wir tun nichts und reden entsetzlich viel.»
Revolution. Weniger reden, mehr tun; das bedeutete: Revolution. Der Oktoberumschwung des Jahres 1917 brachte zunächst die Verstaatlichung jeglicher Art von Grundbesitz mit sich. Allerdings blieb dies ein Intermezzo. In allen Perioden der Sowjetepoche hat die Datscha im Alltag der Russen - nach dem 2. Weltkrieg auch im Alltag ihrer «sozialistischen Brüdervölker» - eine wichtige Rolle gespielt. Unter Stalin wurde sie ein Köder des Regimes, um die intellektuelle Elite des Landes gefügig zu machen. Dies gilt vor allem für die Prominentensiedlung Peredelkino südlich von Moskau, wo zusammen mit Boris Pasternak Hunderte von Autoren, Wissenschaftlern und Künstlern einen goldenen Käfig bewohnten. Der ZK-Beschluss «Über die Datschen von Führungskräften» vom Februar 1938 sah für Angehörige der Nomenklatura mit Kindern Häuser von 7-8, für Kinderlose solche mit 4-5 Zimmern vor. Für sowjetische Verhältnisse war das Luxus. Unter Nikita Chrustschow, der zunächst einen Kurs der Deprivilegierung steuerte, wird die Datscha vor allem ein Mittel zur Behebung der notorischen Versorgungsengpässe in den Städten. Durch sogenannte «Datschen-Baukooperativen», vergleichbar unseren Schrebergarten-Kolonien, werden die Städter ermuntert, auf Kleinstparzellen Kartoffeln und Kohl anzubauen. Nicht jedem Altkommunisten behagte dies. Bei der Bevölkerung aber kam es an. In den 70er- und 80er-Jahren entwickelt sich die Datschenbewegung zu einem Massenphänomen. Dabei kommt es zu einer Gemengelage an Besitzformen wie kostenloser Nutzung von Staatseigentum, Miete, Pacht und privatem Erwerb.
Besitzbürgertum. In postsowjetischer Zeit ist die Datscha als Privateigentum zur bevorzugten Besitzform geworden. Nur nennt heutzutage, wer in Russland etwas auf sich hält, sein Sommerhaus nicht mehr Datscha, sondern «kottedsh» (cottage). Zum Erwerb eines solchen Objekts gehört ein Kapital, das oft nicht nur für Grundstückserwerb und Baukosten, sondern auch für den Anteil an aufwändigen Sicherheitseinrichtungen reichen muss wie Palisaden, Sicherheitsschleuse, Wachdienst, Videokameras, Alarmanlagen etc., durch die sich die gehobene Cottage-Kolonie auszeichnet. Auf dem Immobilienmarkt bewirbt derzeit die Firma «Dracon.RU» ihr Produkt «Kentucky»: eine garantiert einbruchssichere Tür aus massivem Stahl, die das Eigenheim zum Tresor macht.
Rund ein Jahrhundert, nachdem es in Tschechows «Kirschgarten» am Horizont der Geschichte aufgetaucht war, scheint das Besitzbürgertum endlich in Russland angekommen zu sein. Die Kirschgärten und dunklen Alleen existieren nur noch in den nostalgischen Bänden der Serie «Denkmäler des Vaterlands», wo empfindsame Dichter ihren Zauber in vierhebigen Jamben beschwören. Im neuesten Akademie-Wörterbuch der russischen Sprache wird «kottedsh» definiert als «individuelles Stadt- oder Landhaus (gewöhnlich zweigeschossig) mit geringem Umschwung». Für einen Kirschgarten bleibt da kein Platz. Wohl aber für eine Doppelgarage.
* Prof. Dr. Andreas Guski ist Vorsteher des Slavischen Seminars der Universität Basel.Literaturhinweis > Maxim Gorki: «Sommergäste». Szenen. Übersetzung und Nachwort von Helene Imendörfer. Stuttgart (Reclam) 1975.> Anton Tschechow: «Der Kirschgarten», in: Anton Cechovs «Gesammelte Stücke». Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Peter Urban. Zürich (Diogenes) 2003.> Stephen Lovell: «Summerfolk. A History of the Datcha, 1710-2000». Ithaca, London (Cornell University Press) 2003.