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«Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola» gehört zu den bekanntesten Filmen von Jean-Luc Godard. Die junge Basler Theatergruppe «man zeigt bein» bringt den fast 50 Jahre alten Stoff auf die Bühne.
«man zeigt bein» ist eine 2012 von Studenten gegründete Theaterformation, die einmal im Jahr den Keller des deutschen Seminars am Nadelberg bespielt. Vergangenes Jahr hat die Laiengruppe «Spieltrieb», den Roman von Juli Zeh, in ein Stück umgewandelt. Dieses Jahr wagt sie sich an die Interpretation eines Film von Jean-Luc Godard.
Mit seinem Werk «Masculin Feminin» schuf der französisch-schweizerische Kultregisseur ein Porträt der Gesellschaft, die sich schon vor den Studentenrevolten 1968 zwischen Bürgerlichkeit, zunehmendem Konsum und politischer Weltverbesserung bewegte. «man zeigt bein» inszeniert das Werk, das der Nouvelle Vague angerechnet wird, fürs Theater und experimentiert mit den godardschen Mitteln des lockeren Drehbuchs. Die erst 21-jährige Regisseurin Rebekka Bangerter interessierte sich für den Stoff deshalb, weil sich die Schauspieler der Gruppe im selben Lebensabschnitt befinden und mit ähnlichen ideologischen Widersprüchen konfrontiert sind wie Godards Charaktere: auf der einen Seite die Lust an leichtem Genuss und Konsum, auf der anderen Seite der Wunsch, auszubrechen und das System zu verändern.
Zwischen Träumen und Gesellschaftskritik
Da gibt es Paul, 21, angestellt bei einem Meinungsforschungsinstitut. Zwischen Verträumtheit und gesellschaftlichem Aktivismus versucht er, an die unbeschwerte Madeleine heranzukommen. Diese beginnt soeben eine Karriere im Trällerpop und singt dafür Chantal-Goya-Hits. Um diese beiden Vertreter von masculin/feminin bewegen sich die kleinbürgerliche Catherine und die aufgeklärte Elisabeth, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Dann ist da noch der marxistische Kommunist Robert, der selbst bei seiner Liebeserklärung an Catherine so eifrig klingt wie wenn er politisiert, zum Beispiel wenn er sagt, dass alles darauf ankommen wird, ob sich die Revolutionäre nur als sozialistische Verwalter des Kapitalismus gebären oder tatsächlich eine tiefgreifende Veränderung des Systems bewirken.
Heutzutage gibt es kaum mehr engagierte Jung-Kommunisten wie Robert und die Konsumlandschaft hat sich seit der Nachkriegszeit drastisch verändert. Das Internet prägt uns ganz anders, als es das Fernsehen in den 1950ern und 60ern gemacht hat. Dennoch gibt es gerade heute viele junge Menschen, die eine Alternativen zur konsumgesteuerten Gesellschaft suchen. Die Finanzkrise hat dieser Systemkritik neuen Aufschwung verliehen. So wird der Kapitalismus wieder mehr in Frage gestellt, als es zwischenzeitlich der Fall war.
Klassischer 60er-Jahre-Stil
Schade nur, dass das Stück unter diesen Umständen nicht versucht, Godards Gesellschaftskritik in die Gegenwart zu übertragen. Stattdessen wird der Film fast eins zu eins übernommen. Alles ist in den 60er-Jahren verwurzelt; von den Röcken und Blusen der Protagonistinnen, dem vergilbten «LIFE»-Magazin, den Gesprächen über Verhütung bis zu den Protest-Plakaten, die gegen den Vietnamkrieg ziehen. Die Regisseurin sagt, es habe sie mehr gereizt, ein Stück aus der Perspektive der 60er-Jahre zu machen, die in vielen Punkten zum Nachdenken über unsere heutige Gesellschaft anregt. Mit dem Mahnfinger auf aktuelle Probleme zuu zeigen werde oft genug getan. «Ausserdem sind die 60er-Jahre noch nicht so weit weg; man kann als Zuschauer immer noch mehr als genug Bezüge und Vergleiche zu heute schaffen.»
Die zeitliche Distanz führt den Zuschauern vor Augen, wie viel konsumorientierter die Welt geworden ist. Es gibt heute nicht nur die naive «Mademoiselle 19 ans» oder Madeleine, die nachliest, auf welchem Platz der Charts sie steht. Es gibt heute für jeden, der das möchte, Plattformen der Selbstinszenierung. Widerstand gegen die konsumorientierte, medienfixierte Welt ist damit um einiges schwieriger geworden.
Hipster-Produkte statt alte Fotos
Während es im Stück keinen Hinweis auf das Internetzeitalter gibt, verrät sich unsere Zeit im jetzt wieder modischen Dreitagebart der Hauptfigur Paul. Und in den schwarz-weissen Bildern der Darsteller, die ab und zu eine Szene auf Leinwand begleiten: anstatt wie alte Fotos sehen sie eher wie ein Hipster-Produkt aus.
Beim Versuch, wie Godard die Gesellschaft so ganzheitlich wie möglich darzustellen, verliert das Stück streckenweise an Stringenz. Die einzelnen Szenen sind dennoch alle sehenswert. Die Dialoge und Monologe sind gespickt mit bleibenden (Film-)Zitaten, philosophischen Fragen («Hältst du dich etwa nicht selbst für das Zentrum der Welt?») und historischen, heute ironischen Werbeparolen wie «Eine Waschmaschine macht jede Ehe zum Lustmoment». Das Stück erweckt allerlei Assoziationen, und Roberts Aufruf, nicht alles zu akzeptieren und zu kämpfen, ist durch Stéphane Hessels Essay «Empört euch!» wieder aktuell geworden.
Sinn fürs Absurde
Aber neben all der politischen Reden und dem etwas unzeitgemässen Vokabular der Darsteller scheint auch immer wieder Godards Sinn für das Absurde durch. Es ist nicht alles so ernst gemeint, wie es scheint. Die Protagonisten sind typische Anti-Helden und wissen manchmal selbst nicht, was ihnen jetzt wichtiger ist: Plakate gegen den Vietnamkrieg kleben oder in die Disko gehen. Diese Hin-und Hergerissenheit macht es trotz äusserer Unterscheide leicht, sich mit ihnen zu identifizieren. In einem gewissen Sinne sind wir auch heute noch Kinder von Marx und Coca-Cola (oder Apple), Kinder der 68er und des gleichzeitig ansteigenden Konsums.
Man kann sich darüber streiten, ob «Masculin Feminin» auch als Theater funktioniert und ob «man zeigt bein» bei der Umsetzung des Films genug eigene Ideen eingebracht haben. Die Versuchung, vieles dem gelungenen Film-Klassiker zu entnehmen, war gross. Trotz allem ist die Auseinandersetzung der Theatergruppe mit diesem alten, aber zeitlosen Stoff die optimale Gelegenheit, sich während 90 Minuten den Gesellschaftsentwürfen der 60er-Jahre zu widmen. Und sich Fragen über deren Erbe zu stellen.