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Herr Enzensberger, wir sitzen im Garten von Loriots Lieblingshotel in Zürich. Der verstorbene deutsche Humorist hat einmal gesagt: «Aus einem Europa befreundeter Staaten wird eine zänkische, missgünstige Grossfamilie werden.» Was halten Sie, als Europäer, von seiner düsteren Prognose?
Er hat recht, in einem ganz elementaren Sinn. In der Kleinfamilie zanken sich bereits die Söhne und Töchter. Eine Grossfamilie zankt sich unter den Teilfamilien. Auch ganze Regionen zanken sich, denken Sie etwa an die Rivalitäten im Fussball oder an den Konflikt zwischen Ost- und Westdeutschland. Das lässt sich weiterdenken bis zu einander bekriegenden Staaten. Loriots Aussage ist also nichts Aussergewöhnliches, sondern beschreibt bloss die Normalität.
Loriots Bild ist suggestiv und problematisch zugleich, denn Staaten sind keine gewachsenen Familien, sondern geschaffene Territorien. Das ist ein grosser Unterschied.
Das stimmt schon. Die Staaten Europas können aber, wie auch einzelne Familienmitglieder, nicht einfach voneinander weg. Nachbarstaaten sind eine geographische Realität, sie sind untereinander verbandelt und auch aufeinander angewiesen. «Pack schlägt sich, Pack verträgt sich» – so funktioniert die Vergesellschaftung des Menschen überall auf der Welt, auch in Europa. Wir sollten bei der Benutzung des Begriffs «Europa» jedenfalls darauf achten, dass wir dabei vom gleichen reden.
Vielleicht beginnen wir also ganz von vorn und Sie erklären mir, was das für Sie ist, «Europa».
Der Ausdruck ist ein wenig missverständlich geworden. Es gibt zweierlei Erscheinungen Europas. Die eine ist das, was man das wirkliche Europa nennen könnte, die geographische Realität, bestehend aus einem Kontinent mit verschiedenen Ländern. Das andere ist eine politische Konstruktion, bestehend aus Institutionen: die Europäische Union. Ein politischer Trick besteht nun darin, dass man die beiden gleichsetzt. Wer an dieser Gleichsetzung inter-essiert ist, ist wiederum die Institution. Sie nimmt für sich in Anspruch, die ganze geographische Realität zu repräsentieren. Sie kennen sicher den Ausspruch vieler Politiker: «Wir brauchen mehr Europa!» Hier spricht die Institution. Wenn ich mir aber anmasse, über Europa zu sprechen, rede ich über das Europa der Leute, das Europa der Geschäfte, das Europa der literarischen Übersetzungen und so weiter – das sind zahllose Relationen, oft privater Art, ein weit dichteres und vitaleres Netz also, als wir es in trockenen Maastricht- oder Lissabon-Verträgen finden.
Wieso ist Europa ein Ideal, mit dem sich eine Institution schmücken kann?
Jeder Europäer, der den Kontinent einmal verlassen hat, also in Uganda war, auf Haiti oder in Japan, der weiss ganz genau, was er an Europa hat. Ich sage immer: wenn Sie mich an einem Fallschirm abspringen lassen, irgendwo auf der Welt, werde ich Ihnen nach der Landung innerhalb von zehn Minuten sagen können, ob ich mich in Europa befinde oder nicht. Da ist diese Landschaft, die seit mehreren tausend Jahren von Menschenhand durchgearbeitet ist. Da ist der Grundriss eines europäischen Dorfes, egal ob in Flandern oder auf Sizilien: in der Mitte der Marktplatz, daneben die Kirche. Er sieht überall ähnlich aus. Und wenn Sie mich irgendwo in einer europäischen Stadt am Bahnhof rauslassen, finde ich instinktiv ins Zentrum. Versuchen Sie das mal in Los Angeles oder in Karachi! Es handelt sich um eine Art europäischen way of life, der historisch gewachsen und nur auf diesem Kontinent zu finden ist, dort aber überall. Damit kann man sich identifizieren – und das tun die Europäer.
Sie sehen also eine Art kulturelle europäische Identität. Ich sage: diese wird instrumentalisiert. Funktionäre, Politiker und Kommissare binden das Überleben oder die Friedenssicherung Europas an ein Überleben der Institution EU oder – neuerdings – an ein Überleben des Euros.
Es handelt sich um Usurpation, da stimme ich Ihnen zu.
Verrät die Institution damit die «Idee Europa» als einen Zusammenschluss souveräner Staaten?
Ich würde es «Kidnapping» nennen,…