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| Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])

Neunte Homilie.
2.
Das mag in dieser Beziehung als Mahnung genügen. Es ist nunmehr Zeit zur Sache zu kommen, obgleich mein Geist wegen der Abwesenden sich weigert und wehrt, diese Lehre vorzutragen. Und wie eine zärtliche Mutter, wenn sie den Tisch für ihre Kinder bereitet und sieht, daß sie nicht alle da sind, trauert und jammert: so ergeht es auch mir jetzt, wenn ich unserer abwesenden Brüder gedenke; mein Geist weigert sich, die Schuld zu bezahlen; jedoch es steht in eurer Gewalt, dieß mein Bedenken zu heben. Denn wenn ihr mir versprecht, Jenen Alles genau zu erzählen, so will ich das Ganze euch unverzüglich vortragen; denn so wird der Unterricht, den ich euch, Geliebte, ertheile, Jene über ihre Abwesenheit zu trösten vermögen, und ihr selbst werdet mir um so gespannter zuhören, weil ihr wisset, daß ihr Dieses auch Andern mittheilen sollet. Damit also unser Unterricht desto deutlicher werde, so wollen wir in unserer Rede auf einen frühern Vortrag zurückgreifen. Ich habe nämlich vor Kurzem die Frage aufgeworfen, warum die heilige Schrift erst nach so vielen Jahren aufgezeichnet worden sei; denn dieses Buch ist nicht zur Zeit Adams, nicht zur Zeit Noe's oder Abrahams, sondern zur Zeit des Moses geschrieben worden. Ich höre nun, daß Viele behaupten, dasselbe hätte, falls es nützlich sei, gleich Anfangs geschrieben werden sollen; sei es aber nicht nützlich, so hätte man es auch nachher nicht schreiben sollen. Allein dieser Schluß ist nicht richtig. Denn darum muß das, was erst nach einiger [S. 191] Zeit nützlich sein soll, nicht gleich vom Anfang gegeben werden, und wenn Etwas vom Anfang gegeben worden, so muß es nicht eben auch später beständig da bleiben. Die Milch ist ja auch etwas Gutes, sie wird uns aber nicht immer gereicht, sondern nur, so lange wir Kinder sind. Auch die feste Speise ist etwas Gutes, aber Niemand reicht sie uns gleich Anfangs, sondern erst, sobald wir die Jahre der Kindheit zurückgelegt haben. Auch der Sommer ist etwas Gutes, und doch zeigt er sich nicht fortwährend. Auch der Winter ist nützlich, aber auch dieser vergeht. Wie nun, möchte Jemand entgegnen, ist die heilige Schrift nicht etwas Nützliches? Allerdings, etwas sehr Nützliches, ja Nothwendiges. Warum, heißt es nun, ist sie uns also nicht gleich Anfangs gegeben worden? Weil Gott das Menschengeschlecht nicht durch eine Schrift, sondern durch Thatsachen belehren wollte. Was heißt nun das: „durch Thatsachen” ? Durch die Schöpfung selbst. Denn wo der Apostel auf dieß Kapitel zu reden kömmt und es auf die Heiden (Hellenen) absieht, die da sagten: „Wir haben die Wissenschaft von Gott nicht gleich Anfangs aus der Schrift überkommen,” siehe, wie er da antwortet. Nachdem er nämlich gesagt: „Es offenbart sich der Zorn Gottes vom Himmel über jede Gottlosigkeit und Lasterhaftigkeit der Menschen, welche der Wahrheit durch Ruchlosigkeit widerstreben” 1und den Einwurf vorhersah, den Vlele machen würden durch die Frage, woher die Heiden die Erkenntniß Gottes hätten hernehmen sollen: so fährt er fort und sagt: „Denn was von Gott erkennbar ist, das ist ihnen offenbar.” 2 Und wie ist es ihnen offenbar? Wie konnten sie denn Gott erkennen? Wer hat ihnen denselben gezeigt? Sage mirs! „Denn Gott hat es ihnen geoffenbart.” Auf welche Weise? Welchen Propheten hat er gesendet? Welchen Evangelisten? Welchen Lehrer, da man noch keine heilige Schrift hatte? „Denn das Unsichtbare von ihm,” heißt es, „wird seit Erschaffung der Welt in den erschaffenen Dingen erkannt an- [S. 192] geschaut, auch seine ewige Kraft und Gottheit.” 3Was er also sagt, ist das: Gott stellte die Schöpfung vor Aller Augen hin, damit sie aus den Werken den Schöpfer erkennen sollten. Dasselbe sagt nun auch ein Anderer: „Aus der Größe und Herrlichkeit der Geschöpfe wird verhältnißmäßig auch der Schöpfer erkannt.”4Hast du die Größe geschaut? Bewundere die Macht des Erschaffers. Hast du die Schönheit gesehen? Staune über die Weisheit dessen, der sie also geschmückt hat. Das zeigte denn auch der Prophet mit den Worten: „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes.” 5Sage mir, wie erzählen sie diese? Sie haben keine Stimme, sie haben keine Lippen, sie haben keine Zunge; wie erzählen sie nun? Durch den Anblick selbst. Denn wenn du die Schönheit, die Größe, die Höhe, die Lage und das Gebilde derselben, das schon so lange Zeit ausgedauert hat, betrachtest, so ist es, als ob du eine Stimme vernähmest, so zeigt dir der Anblick den Schöpfer, und du betest Denjenigen an, der einen so schönen und bewunderungswürdigen Körper erschaffen. Der Himmel schweigt, aber sein Anblick läßt eine Stimme ertönen, die stärker als eine Trompete erschallt: sie unterrichtet uns durch die Augen, nicht durch das Gehör; denn jener Sinn ist sicherer als dieser und zuverläßiger. Hätte nämlich (Gott) nur durch Bücher und Buchstaben gelehrt, so hätte zwar der, welcher lesen konnte, das Geschriebene verstanden; wer aber nicht zu lesen verstand, hätte davon keinen Nutzen gehabt, falls ihn nicht ein Anderer zu dieser Erkenntniß geführt. Der Reiche hätte das Buch kaufen können, der Arme aber sich dasselbe nicht anzuschaffen vermocht. Ferner hätte Derjenige, der die Sprache jenes Buches verstand, den Inhalt desselben erfaßt, „aber ein Scythe und ein Barbar und ein Inder und ein Ägypter und Alle, die jener Sprache unkundig waren, wären ohne alle Belehrung davon gekommen; in Bezug auf den Himmel aber läßt sich Dasselbe nicht sagen, sondern der Scythe und der Barbar, [S. 193] der Inder und der Ägypter und jeglicher Mensch, der diese Erde betritt, wird diese Stimme verstehen; denn sie dringt nicht durch die Ohren, sondern durch die Augen in unsere Seele. Der Eindruck dessen, was in die Augen fällt, ist ein und derselbe und nicht verschieden, wie Dieß bei den Sprachen der Fall ist. In dieses Buch kann der Gelehrte und Ungelehrte, der Reiche und der Arme gleichmäßig schauen, und wohin immer Jemand gelangt, er wird beim Aufblick zum Himmel schon durch den Anblick hinreichende Belehrung empfangen. Das deutet auch der Prophet an und zeigt, daß die Geschöpfe für Barbaren und Griechen, ja für alle Menschen eine leicht verständliche Sprache reden, indem er also spricht: „Es gibt keine Sprachen noch Reden, deren Stimme man nicht vernähme.” 6 Er will aber damit soviel sagen: Es gibt kein Volk und keine Sprache, welche diese Stimme nicht zu vernehmen vermöchte; sondern ihre Sprache ist so beschaffen, daß sie von allen Menschen gehört werden kann — und so ist nicht etwa nur die Stimme des Himmels, sondern auch die des Tages und der Nacht. Und wie reden denn Tag und Nacht? Der Himmel setzt Diejenigen, die ihn ansehen, durch seine Schönheit und durch seine Größe und durch alles Andere in Verwunderung, und diese bewirkt, daß sie auch über den Bauherrn staunen. Was vermögen uns denn aber Tag und Nacht aufzuzeigen? So Großes (wie der Himmel) allerdings nichts, aber wohl andere nicht geringere Dinge: das Zeitmaß, die Ordnung, die mit aller Sorgfalt beobachtet wird. Denn wenn du bedenkst, wie sie das ganze Jahr hindurch ausgetheilt sind, und wie sie die ganze Länge des Zeitraums so richtig zerlegen, als geschähe es durch Wag' und Gewicht: so wirst du über Den in Erstaunen gerathen, der das geordnet. Denn gleichwie Schwestern das väterliche Erbgut in aller Liebe unter sich theilen und keine die andere [S. 194] schädigt: so theilen auch Tag und Nacht mit aller Sorgfalt und einer solchen Gleichheit unter einander, daß jedes in seinen Gränzen verbleibt und nie das Eine das Andre vertreibt. Kein Tag war also im Winter je lang, sowie keine Nacht im Sommer je lang, und zwar seitdem schon so viele Menschenalter vergangen, sondern in demselben Zwischenraume und in derselben Länge hat das Eine das Andre weder um eine Stunde noch um eine halbe Stunde, ja nicht um einen Augenblick übervortheilt.
1: Röm. 1, 18.
2: Ebend. V. 19.
3: Röm. 1, 20.
4: Buch der Weish. 13, 5.
5: Ps. 18,2.
6: Ps. 18, 4. D. h. Man vernimmt das in der Natur ertönende Wort, oder: Weil es keine Sprache gibt, die man nicht hört, so hört man auch dieses Wort. Vergl. I. Kor. 14, 10.