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Zenden der Landschaft Wallis bis 1798, 1798-1802 als Distrikt Ernen Teil des helvet. Kt. Wallis, 1802-10 Zenden der Republik Wallis, 1810-14 Kreis bzw. Kt. des franz. Dep. Simplon, 1815-48 Zenden, seit 1848 Bez. des Kt. Wallis. Die Zahl der Gem. ist 2000-2004 aufgrund versch. Gemeindefusionen von 21 auf 14 zurückgegangen, die Anzahl Pfarreien blieb unverändert bei 14. Das G. umfasst das Hochgebirgstal am obersten Lauf der Rhone (im Oberwallis Rotten genannt) im bis zum Deischberg reichenden Zwickel zwischen den Berner und den Walliser Alpen. Oberhalb von Fiesch scheidet eine Talstufe das Ober- vom Untergoms. Der Name G. (franz. Conches) wird auf das kelt. Wort kumbas (romanisch Conchas), d.h. Talmulden, zurückgeführt. Er bezeichnete zunächst nur Münster (1269 a Forcla de Conches inferius, 1272 apud Gomes); für das gesamte Tal setzte er sich im 15. Jh. durch (1403 vallis Comesii), als sich der Zenden als polit. Einheit konstituierte. Zuvor wurde das Gebiet a Monte Dei (Deischberg) superius genannt.
Funde aus der Jungsteinzeit und der Bronzezeit weisen auf eine frühe Begehung des G. hin. Spätestens von der älteren Eisenzeit an (7./6. Jh. v.Chr.) war das G. dauerhaft besiedelt. Die alemann. Kolonisten wanderten im 8./9. Jh. n.Chr. vermutlich vom Haslital ins G. ein; darauf deuten die auf -ingen ausgehenden Ortsnamen des Obergoms (Reckingen, Gluringen, Ritzingen, Selkingen) hin. Dagegen zogen vom 12.-14. Jh. deutschsprachige Bauern aus dem Wallis u.a. über die Gommer Pässe ostwärts und gründeten neue Siedlungen (Walser).
Das G. gehört zur Diözese Sitten. Die Pfarrei Ernen ist 1214 erstmals erwähnt, die Pfarrei Münster 1247; mit Ausnahme von Binn, das sich bereits 1298 von Ernen abspaltete und eine eigene Pfarrei wurde, lösten sich andere Kirchen und Kapellen erst ab dem 16. Jh. von den Mutterpfarreien Ernen und Münster. In den spätma. und frühneuzeitl. Quellen werden die beiden Zendenteile Ernen und Münster auch in polit. Zusammenhängen als Pfarreien bzw. Kilchri bezeichnet.
Die Ursprünge des Zendens G. sind - wie die der anderen sechs Walliser Zenden - umstritten. Vermutlich entstanden die Zenden aus Verwaltungs- und Gerichtsbezirken der hochma. Grafschaft Wallis. Der Bf. von Sitten hatte die weltl. Oberhoheit in seiner Diözese 999 erlangt. Seine Herrschaftsrechte liess er durch adelige Lehensträger ausüben; die Gerichtsbarkeit übertrug er Vögten, später Viztumen, die Verwaltung seines Grundbesitzes Meiern. 1135 wird das Meiertum von Ernen als bischöfl. Lehen erstmals erwähnt; 1247 erstreckte sich der Amtsbereich des Meiers nachweislich auch auf Münster bzw. das Obergoms. Spätestens in der 2. Hälfte des 13. Jh. dürfte das G. einen eigenen Viztum gehabt haben. Bf. Witschard Tavel hob 1344 das Erbmeiertum im G. auf und setzte einen Kastlan ein. Als 1379 das Lehen des für das G. zuständigen Viztums an den Bischof zurückfiel, kam die Gerichtsbarkeit in die Hand eines Meiers, der nun aber nicht mehr Amtmann des Bischofs, sondern Vertreter der Talleute war und von diesen auch gewählt wurde. Dem Bischof blieb nur die Bestätigung der Wahl. Ab 1383 waren die Gommer Meier bäuerl. Herkunft.
Der Wandel des Meieramtes zeigt, wie die Herrschaftsrechte vom Bischof an die Talleute bzw. den Meier als deren Vertreter übergingen. Der Zenden G. bildete ab dem 15. Jh. die polit. Einheit der Talleute. Er verwaltete sich selbst, setzte für sein Gebiet geltendes Recht, hatte die Hoch- und Niedergerichtsbarkeit inne und verfügte über eine militär. Organisation. Vertreter der Zenden nahmen Einsitz im Walliser Landrat, dem ursprünglich den Bischof von Sitten beratenden Rat von Adeligen und Geistlichen, der sich ab dem 15. Jh. zum Organ der sieben Zenden fortentwickelte.
Der Gommer Meier wurde jährlich von einer Versammlung bzw. einem Rat gewählt. Ernen und Münster sollten, so wurde 1447 vereinbart, abwechslungsweise den Meier stellen, Gerichtsort blieb Ernen. Die Rivalitäten zwischen Ernen und Münster führten jedoch immer wieder zu Auseinandersetzungen - der Bez. G. kennt mit Ernen und Münster noch heute zwei Hauptorte. Strittig war in der frühen Neuzeit v.a. die Wahl der Amtsleute des Zendens. Nach den Statuten von 1561 sollten Ernen und Münster den Meier und seinen Statthalter getrennt wählen. Die Statuten von 1563 stellten Ernen und Münster einander gleich und führten für die Besetzung der militär. Ämter des Bannerherrn und des Zendenhauptmanns ebenfalls einen Turnus ein. Diese Regelungen wurden 1598 durch ein Urteil des Landeshauptmanns bestätigt und blieben bis 1798 in Kraft. Eingeteilt war der Zenden G. in neun Viertel, vier im Obergoms (Pfarrei Münster), fünf im Untergoms (Pfarrei Ernen). Eigenständige Gerichtsbarkeiten, sog. Freigerichte, bildeten das 1405 gegründete Ammannat Geren, das Meiertum Binn (1243 erw.) und die Grafschaft Biel mit Biel, Gluringen, Ritzingen und Selkingen (1237 erw.); im Fieschertal übte ein Ammann im Namen des Bischofs das Richteramt aus.
Die Entstehung des Zendens G. ist eingebunden in eine umfassende Ablösung von herrschaftl. Bindungen durch die bäuerl. Bevölkerung. Noch im 13. und 14. Jh. teilten sich in den Grundbesitz der Bf. von Sitten, das Domkapitel, die Pfarreien von Ernen, Münster und Binn, das Kloster Gnadenberg in Fiesch (1339-1489), einzelne Geistliche und Adelige. Deren Güter wurden von Hörigen und Tellenleuten bewirtschaftet. Auch bäuerl. Eigen findet sich, eine Gemeinschaft freier Bauern ist aber lediglich für Biel bezeugt (1277). Ab dem 13. Jh. entstanden um einzelne Hofsiedlungen Siedlungs- und Wirtschaftseinheiten, die sich genossenschaftlich in sog. Geteilschaften organisierten, Güter und Rechte ablösten und sich somit von lehensrechtl. Verpflichtungen befreiten. Die Grundherren wurden zurückgedrängt, manche Adelsfamilien starben aus, andere verliessen das Land; der niedere Dorfadel wurde in die Geteilschaften eingebunden, ständ. Unterschiede verwischten sich. Den Abschluss der Verselbstständigung bildete die Gründung von Gem. (1297 communitas von Binn). Diese Gebietskörperschaften, die zunächst die Nutzung der Gemeingüter regelten, gaben sich im 15. Jh. eigene Satzungen und ausführende Organe.
Das G. stellte 17 der insgesamt 87 Walliser Landeshauptmänner: Simon Murmann ab Wyler eröffnete die Reihe 1388, Jakob Valentin Sigristen schloss sie 1798 ab. Mehrere Episoden belegen die bedeutende Rolle, die das G. in der Geschichte der Landschaft Wallis bis 1798 spielte. 1211 zwangen die Gommer den Hzg. Berchtold V. von Zähringen bei Ulrichen zum Rückzug. Im 14. Jh. stemmten sie sich erfolgreich gegen die Versuche Savoyens, seine Herrschaft über das ganze Wallis auszudehnen. Als Bf. Witschard Tavel den Gf. von Savoyen 1352 zum Landeshauptmann ernannte, suchten die oberen Gebiete des Wallis Rückendeckung bei den inneren Orten der Eidgenossenschaft und ernannten den Frh. Johann von Attinghausen zum Rektor des Landes oberhalb von Visp. Der Anstoss dazu ging vermutlich vom G. aus. 1361 weigerten sich Ernen und Münster, ihren Anteil an der Savoyen zustehenden Kriegsentschädigung zu entrichten, und Bf. Tavel begab sich ins G., um den Betrag einzufordern. In Ernen wurde er gefangen genommen und erst auf freien Fuss gesetzt, nachdem er versprochen hatte, für den Anteil der Gommer selber aufzukommen. 1416 gingen Luzern, Uri und Unterwalden mit dem G. ein Burg- und Landrecht ein, dem sich später alle Walliser Zenden wie auch Bf. und Domkapitel von Sitten anschliessen sollten. Walliser Truppen besiegten 1419 bei Ulrichen die Berner. Zwölf Gommer waren bis 1734 Bf. von Sitten. Der erste von ihnen war Walter Supersaxo aus Ernen, unter dessen Regierung die Walliser Zenden 1475-76 die savoy. Gebiete der Diözese Sitten bis Saint-Maurice eroberten. Bf. Matthäus Schiner aus Ernen wurde 1511 zum Kardinal ernannt; in der europ. Politik spielte er eine wichtige Rolle. Von den Anhängern seines ebenfalls aus dem G. stammenden Gegners Georg Supersaxo wurde er 1517 aus dem Wallis vertrieben. Im 16. und 17. Jh. vertrat der Zenden G. eine repressive Politik gegenüber den Walliser Reformierten, was ihm den Ruf der Gomesia catholica einbrachte. Im Frühjahr 1604 erhoben sich die Gommer und zwangen den Walliser Landrat zu Vorkehrungen gegen die Reformierten. Es waren nicht nur religiöse Gründe, welche die Gommer dazu veranlassten, sondern auch politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche: Zum einen gehörten die meisten Walliser Reformierten zu einflussreichen Fam. aus Sitten und Leuk, denen die Gommer misstrauten. Zum anderen war die Haltung des G. stark geprägt von seinen Nachbarn, den kath. Orten der Eidgenossenschaft, die immer wieder zur Unterdrückung der Walliser Reformierten aufriefen.
Das 17. und 18. Jh. gelten als die Blütezeit des G. Der Verkehr auf den Transitachsen Grimsel-Nufenen und Grimsel-Gries sicherte den Verdienst zahlreicher Säumer und brachte den Gemeinwesen ansehnl. Einnahmen (Susten und Zollstätten in Obergesteln und Zum Loch am Eingang des Äginentals). Wichtig waren die Pässe auch für den Viehhandel der Gommer und Innerschweizer mit der Lombardei. Das Söldnerwesen und die Pensionsgelder verhalfen manchem Gommer zu beträchtl. Wohlstand. Zeugnis davon geben die stattl. Wohnhäuser. Neue Pfarreien wurden errichtet; zwischen 1650 und 1798 entstanden etwa 70 neue Kirchen und Kapellen, die von einheim. Künstlern im barocken Stil reich ausgestattet wurden.
Autorin/Autor: Arthur Fibicher
1798 setzte die franz. Intervention der polit. Eigenständigkeit der Walliser Zenden ein Ende. Die Veränderungen betrafen im G. nicht nur die polit. Ordnung, sondern auch Wirtschaft und Kultur. Im 19. Jh. wurden die meisten der höher gelegenen Dörfer und Weiler aufgegeben, da die landwirtschaftl. Erträge zu gering waren. Die Gommer Alpenpässe verloren mit dem Bau der Passstrassen über den Simplon 1800-05 und den Gotthard 1820-36 an Bedeutung. Die Eröffnung der Gotthardlinie 1882 brachte den Güterverkehr im G. schlagartig zum Erliegen. Zahlreiche Gommer wanderten im 19. Jh. in die Westschweiz, in die Nachbarländer und nach Übersee aus. Andererseits förderte der Ausbau von Verkehrsverbindungen den Fremdenverkehr. 1861 erreichte die Furkastrasse Oberwald, 1867 Andermatt; 1871 wurde die Pferdepost Brig-Chur eingerichtet. 1894 wurde die Grimselstrasse fertig gestellt, und 1915 nahm die Furkabahn die Strecke Brig-Gletsch in Betrieb, die elf Jahre später in den Sommermonaten bis Disentis fuhr. Das Eggishorn, der Märjelensee und der Rhonegletscher wurden Touristenattraktionen. Fiesch entwickelte sich zu einem der ersten Walliser Touristikzentren. Alexander Seiler aus Blitzingen, der Pionier des Zermatter Tourismus, erwarb 1882 das Hotel Glacier du Rhône in Gletsch; Cäsar Ritz aus Niederwald baute ein europaweites Hotelimperium auf.
Trotz der verkehrstechn. Erschliessung blieb das G. in der 1. Hälfte des 20. Jh. agrarisch geprägt. Einen ersten Impuls zur Diversifizierung gaben die militär. Bauten, die während des 2. Weltkriegs erstellt wurden (Festungen, Flugplätze in Münster und Ulrichen, Fliegerabwehr-Schiessplatz Gluringen). Der Kraftwerkbau (Maggia, Ägina, Merezenbach, Ernen, Fieschertal, Neubrigg, Heiligkreuz, alle 1954-71 vollendet) und der Bau der Nufenenstrasse 1969 erschlossen weitere Verdienstmöglichkeiten. Die Versuche, Industriebetriebe anzusiedeln, waren nur im Falle der auf Feinmechanik spezialisierten Gomina AG erfolgreich, die 1974-85 in Fiesch produzierte und dann nach Niederwald übersiedelte. Dagegen entwickelte sich ein blühendes Kunsthandwerk. Als eine der ersten Regionen der Schweiz führte das G. 1963-64 eine Regionalplanung durch, die den Schwerpunkt auf die Förderung des Tourismus legte; weitere Entwicklungsprojekte folgten 1972 und 1993. Der Ausbau der Grimselstrasse 1975 und die Inbetriebnahme des Furka-Basistunnels 1982 kamen diesen Bemühungen entgegen. Für den alpinen Skisport standen 2002 26 Skilifte zur Verfügung. Bekannt ist das G. aber v.a. als Langlaufparadies (1970 Langlaufloipe Oberwald-Niederwald, 1979 Nachtloipe Oberwald-Biel). Die Eröffnung des Gommer Höhenweges Oberwald-Bellwald 1976, des Rottenweges Oberwald-Ernen und des kulturhist. Wanderweges durch das Obergoms 1987 ermöglichten im Tourismusgewerbe eine bessere Auslastung der Sommersaison. Die Bevölkerungszahl stieg 1970-2000 trotz der rückläufigen Geburtenziffer von 4'090 auf 4'743.
Autorin/Autor: Arthur Fibicher