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Swasiland: der Kampf gegen die Doppel-Epidemie muss dringend intensiviert werden
MSF arbeitet seit 2008 in Swasiland und verfolgt gegenwärtig eine Strategie der dezentralen Behandlung von HIV/Aids und Tuberkulose (TBC). Aber die Doppel-Epidemie ist noch lange nicht ausgerottet. Aymeric Péguillan, MSF Einsatzleiter in Swasiland, erläutert die aktuelle Lage.
Swasiland hält einen traurigen Rekord in der globalen HIV/Aids-Statistik. Der kleine Binnenstaat zwischen Südafrika und Mosambik ist weltweit am stärksten von der HIV/Aids Pandemie betroffen: 26 Prozent der Erwachsenen haben sich mit dem Virus angesteckt. Wie in den anderen Ländern im südlichen Afrika herrscht in Swasiland zusätzlich eine Tuberkulose-Epidemie; die häufigste Todesursache im Land. Hinzu kommt, dass der Erreger immer häufiger behandlungsresistent ist, und die Behandlung der Krankheit dadurch immer schwieriger wird. Auf 100'000 Einwohner werden 1'198 Tuberkulosekranke gezählt – und mehr als 80 Prozent von ihnen sind zusätzlich mit HIV infiziert.
MSF hat 2008 angefangen, in Swasiland zu arbeiten. Im Distrikt Shiselweni im Süden des Landes werden 21 Gesundheitseinrichtungen, die dem Gesundheitsministerium unterstehen, von der internationalen medizinischen Hilfsorganisation unterstützt.
Interview mit Aymeric Péguillan, Einsatzleiter von MSF in Swasiland:
Wie geht MSF in einem so heiklen Umfeld vor?
Aymeric Péguillan: Wir wussten von Anfang an, dass wir die Doppel-Epidemie von HIV/Aids und Tuberkulose nicht stoppen können, ohne die Versorgung zu dezentralisieren. Swasiland ist ein sehr kleines Land, aber die meisten Menschen leben in ländlichen Gebieten in unzähligen kleinen Dörfern, die weit voneinander entfernt liegen. Die Regierung startete schon in den sechziger Jahren ein Programm gegen Tuberkulose. Allerdings war die Versorgung bis vor kurzem noch zentral organisiert, und die steigenden Patientenzahlen der letzten Jahre konnten nicht mehr bewältigt werden. Patienten mussten weite und kostenaufwendige Wege auf sich nehmen, um zu einer Gesundheitseinrichtung zu gelangen. Deshalb brachen viele von ihnen die Behandlung ab. Mit der Verbreitung von HIV/Aids hat sich die Lage zusätzlich verschlimmert, da die Patienten noch schwächer sind als früher.
Was ist wichtiger: der Kampf gegen HIV/Aids oder die Bekämpfung von Tuberkulose?
Beide sind gleich wichtig. Man kann die koinfizierten Patienten, die sich sowohl mit HIV/Aids als auch mit Tuberkulose angesteckt haben, nicht an zwei verschiedenen Orten behandeln. In den Kliniken und Gesundheitszentren des Distrikts Shiselweni wird seit neuem eine gleichzeitige Behandlung angeboten, und das Personal hier ist entsprechend ausgebildet. Ein weiteres riesiges Problem ist aber der eklatante Mangel an Ärzten im Land und das unzureichend ausgebildete Pflegefachpersonal. So bleibt MSF nichts anderes übrig, als vermehrt Aufgaben und Verantwortung an weniger qualifiziertes Personal zu übertragen. Bei TBC-Fällen ohne Komplikationen und ohne Resistenzen verschreiben jetzt auch Pflegefachfrauen die Medikamente und leiten die Behandlung ein.
Durch eine ähnliche Aufgabenübertragung bindet MSF auch so genannte Expertenpatienten in die Arbeit ein. Diese Personen, die selber HIV-positiv sind, helfen bei der Durchführung der Tests und informieren die neuen Patienten über die Besonderheiten der Medikamenteneinnahme. Weiter erklären sie der Gemeinde, wie man das Risiko einer Übertragung eindämmen kann, wo man eine Behandlung erhält und was die beste Vorbeugung ist. Gegenwärtig arbeiten um die 80 Expertenpatienten für MSF. Wir möchten, dass sie irgendwann von der Regierung Swasilands für ihre Arbeit anerkannt und bezahlt werden.
Auch wenn wir noch nicht all unsere Ziele erreicht haben, konnten wir in Shiselweni doch zeigen, dass die dezentrale Behandlung ihre Früchte trägt. Die Patienten haben nun Anlaufstellen, die in der Nähe ihrer Dörfer liegen.
Wie kann Swasiland die Doppel-Epidemie stoppen?
Die Zahl der Infektionen ist leider nicht nennenswert zurückgegangen, aber es werden immerhin schon mehr Leute behandelt. Die Tests werden systematischer durchgeführt, und die Behandlung wird früher begonnen.
Die Regierung Swasilands verdient Anerkennung dafür, dass sie aufgrund der HIV/Aids-Epidemie den Notstand ausgerufen hat. Jetzt bräuchte es aber denselben politischen Willen im Kampf gegen Tuberkulose. Jedes Jahr sterben schätzungsweise tausend Personen an dieser Krankheit, weil sie nicht behandelt werden konnten.
Anfang Oktober hatte der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria erst 11 Milliarden Dollar gesammelt, obwohl er für die drei nächsten Jahre 20 Milliarden benötigt. Welche Folgen hat das für Swasiland?
Swasiland hat dieses Jahr beim Globalen Fonds 137 Millionen Dollar beantragt, den grössten Teil davon für Projekte gegen HIV/Aids. Jetzt muss die Regierung drastische Kürzungen vornehmen. In einigen Ländern wartet man bereits, bis ein Kranker stirbt, bevor ein neuer an dessen Stelle behandelt wird. Es ist, als ob die am meisten von der Pandemie betroffenen Länder bestraft würden, obwohl gerade hier in den vergangenen Jahren so grosse Fortschritte erzielt wurden.
Länder wie Swasiland dürfen sich nicht allein auf das Geld von Spenden verlassen. Sie müssen beginnen, ihre eigenen Schwerpunkte zu setzen. Die Staaten Afrikas haben versprochen, 15 Prozent ihres Budgets für das Gesundheitswesen bereitzustellen. Swasiland liegt mit 13.7 Prozent zwar nicht weit vom Ziel, aber ein von einer Doppel-Epidemie bereits derart geschwächtes Land muss seine Anstrengungen unbedingt noch weiter intensivieren.
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