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Die Waldhüter im Vulkan-Nationalpark in Ruanda bahnen sich mit Macheten einen Weg durch den dichten Bambuswald. Sie sind auf der Suche nach einer der mehr als zwanzig Gorilla-Familien, die hier im Nationalpark leben.
«Die gesuchte Gorilla-Familie heisst Sabyinyo. Sie ist nach dem Vulkan Sabyinyo benannt, der auf der Grenze steht zwischen Ruanda, Uganda und Kongo,» erklärt Waldhüter Ignace Itangishatse.
Der ruandische Förster arbeitet seit 14 Jahren mit den Gorillas hier im Virungamassiv. Und somit auch mit den Waldhütern in den Nachbarländern Uganda und Kongo. Denn die Berggorillas hielten sich nicht an Landesgrenzen, sie kämen und gingen, so der Förster.
Geld aus Tourismus verteilen
2006 haben Ruanda, Uganda und Kongo einen Vertrag unterschrieben, um den Schutz der letzten Berggorillas der Welt zu koordinieren. Und den Tourismus. Der Gorilla-Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle für alle drei Nationen. So wichtig, dass es sich in dieser Sache lohnt, die politischen Querelen zur Seite zu legen.
Ein wichtiger Pfeiler des Vertrages zwischen den drei Ländern ist, dass die Einnahmen aus dem Tourismus verteilt werden können. «Wenn eine Gorilla-Gruppe aus einem anderen Land sich permanent bei uns niederlässt, wie diese eine Gruppe aus Kongo, dann erhält Kongo die Hälfte der Tourismuseinnahmen, die wir mit dieser Gorilla-Familie generieren,» so Waldhüter Itangishatse.
Allerdings hat sich seit Vertragsabschluss vor 16 Jahren keine Gorilla-Gruppe aus Ruanda permanent in einem Nachbarland niedergelassen. Und auch nur eine einzige Gorilla-Gruppe aus Kongo ist nach Ruanda umgesiedelt.
Ruanda bezahlt Kongo darum seinen Anteil. Wie viel das ist, will in der ruandischen Verwaltung aber niemand sagen. Sicher ist: Es ist ein winziger Bruchteil dessen, was Ruanda seit Jahren mit dem Plündern und Schmuggeln von kongolesischen Rohstoffen generiert, wie Gold oder Coltan.
Aussergewöhnliche Zusammenarbeit
Ruanda, Uganda und Kongo haben eine jahrzehntelange Konfliktgeschichte. Es geht um das Plündern von Bodenschätzen und das Unterstützen verschiedener Rebellen-Gruppen in den jeweiligen Nachbarländern. Die diversen bewaffneten Konflikte haben seit den 1990er-Jahren mehrere Millionen Todesopfer gefordert.
Gerade deswegen sei die Zusammenarbeit im Naturschutz aussergewöhnlich, meint Johannes Refisch, der Leiter des UNO-Sekretariats für Menschenaffen. «Diese grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist im afrikanischen Kontext eine Ausnahmeerscheinung», so der Affenspezialist.
Der Naturschutz schafft eine Plattform.
Seit 2015 haben die drei Länder ein permanentes Sekretariat mit diplomatischem Status errichtet. Es sei einfacher, eine Einigung in Naturschutzfragen zu finden als bei Rohstoffen, so Refisch: «Der Naturschutz schafft eine Plattform. Wenn das Vertrauensverhältnis besteht, können auch schwierige Themen angesprochen werden». Die Zusammenarbeit der drei Länder sei die Grundlage für den Schutz der Berggorillas.
Die einzigen Menschenaffen, deren Bestand wächst
Der Schutz der Berggorillas gilt als Erfolgsgeschichte. Waren die Berggorillas in den 1980er-Jahren noch «vom Aussterben bedroht», so hat sich ihre Anzahl auf mehr als 1000 Tiere verdoppelt. Damit sind die Berggorillas die einzigen Menschenaffen der Welt, deren Bestand wächst.
Doch die Zusammenarbeit an der Basis ist unter den Nachbarn schwieriger geworden. Im dichten Bambuswald auf der ruandischen Seite erläutert Waldhüter Ignace Itangishatse, warum: «In Kongo gibt es Sicherheitsprobleme. Waldhüter wurden getötet. Wenn die Kongolesen selbst nicht sicher sind, können wir nicht zusammenarbeiten.»
Wenn die Kongolesen selbst nicht sicher sind, können wir nicht zusammenarbeiten.
Seit Ende letzten Jahres sind die sogenannten M23-Rebellen wieder im gleichen Regenwald unterwegs wie die Gorillas. Kongo wirft Ruanda vor, die M23-Milizen zu unterstützen, ein Vorwurf, den die UNO kürzlich bestätigte.
Ruandas Entwicklungsplan
Für Ruanda, das kleinste Land im Bunde ohne nennenswerte Bodenschätze, ist der Berggorilla-Tourismus eine besonders wichtige Einnahmequelle. Die Regierung in Ruanda hat es bestens verstanden, die Gorillas weltweit zu vermarkten.
Der englische Fussballclub Arsenal macht Werbung auf seinen T-Shirts, König Charles hat kürzlich den neugeborenen Gorillababys Namen gegeben und US-Talkmasterin Ellen de Generes investiert im grossen Stil in einen Gorilla-Campus. «Seit Ruanda diese aggressive Marketingstrategie fährt, kommen sehr viele Touristen», sagt der oberste Waldhüter im Vulkan-Nationalpark, Prosper Uwingeli.
1500 US-Dollar kostet es, in Ruanda eine Stunde mit den Gorillas zu verbringen. Der hohe Eintrittspreis in den Vulkan-Nationalpark scheint die Touristinnen und Touristen nicht zu stören. Auch nicht, dass sie damit eine Diktatur unterstützen, in der es keine Meinungsfreiheit, dafür regelmässig politische Morde gibt.
Das Regime von Paul Kagame, der das Land seit 28 Jahren regiert, ist äusserst bedacht darauf, Ruanda als aufstrebende Nation zu propagieren. In dieses Bild passen auch die Pläne der Parkerweiterung.
Hochumstrittenes Projekt
Um den Gorillas mehr Platz zu geben und mehr Einkommen aus dem Tourismus zu generieren, will Ruanda den Nationalpark auf seiner Seite um gut ein Viertel vergrössern. Rund 18'000 Personen sollen dafür umgesiedelt werden. Ruanda ist bereits jetzt das am dichtesten bevölkerte Land Afrikas, Landmangel ist ein Problem.
Doch laut Prosper Uwingeli kommt diese Parkerweiterung gut an in der Bevölkerung: «Die Menschen sehen den Nutzen des Tourismus.» Zehn Prozent der Parkeinnahmen gehen an die Bevölkerung rund um den Nationalpark. Das Gorilla-Geld wurde investiert in Strassen, Schulen und die Wasserversorgung. Ruandas Regierung will die Tourismuseinnahmen dazu verwenden, das Land zu entwickeln, vom Agrar- zum Industriestaat.
Doch die geplante Parkerweiterung ist hochumstritten. Viele Nichtregierungsorganisationen stellen infrage, ob die Betroffenen mit der Umsiedelung einverstanden sind oder es ihnen im autokratischen Ruanda aufgezwungen wird.
Sorgen wegen Umsiedelung
Bauer Aloys Bugorogoro sitzt vor seiner Lehmhütte im Dorf Kinigi am Fusse des Nationalparks. Der 68-Jährige wohnt seit 40 Jahren auf seinem Stück Land. Nun wird er wohl umgesiedelt werden.
Doch so genau weiss er es nicht, wie die meisten hier im Dorf. «Die Regierung sagt, sie werde Häuser für uns bauen und dass wir dort einziehen sollen, sobald sie fertig sind», so der alte Mann.
Wann und wo das sein wird und wie er für sein Land entschädigt werden wird, ist noch unklar. «Die Regierung sagt, dass wir kompensiert werden für unser Land. Aber was sollen wir mit dem Geld? Wo können wir dann unsere Kartoffeln anpflanzen?»
Drei Viertel der Bevölkerung in Ruanda leben von der Landwirtschaft. Die Regierung unter Paul Kagame will das ändern. Finanzieren soll es der Tourismus. Noch sind die Details der Erweiterung des Vulkan-Nationalparks unklar. Doch die Besorgnis in der Bevölkerung ist bereits jetzt gross.