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Alain Fuchs zeichnet mit uns seinen Werdegang nach und gibt einen Überblick über die europäischen Forschungs- und Bildungssysteme.
Sie sind in Lausanne geboren, haben aber einen Teil Ihrer Kindheit in Afrika verbracht. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Als ich ein Teenager war, also in den 60er Jahren, wurde mein Vater, der Informatiker war, von seinem Arbeitgeber nach Afrika geschickt. Wir lebten in Zaire – der heutigen Demokratischen Republik Kongo –, in Südafrika oder auch an der Elfenbeinküste. Meine Schulzeit war aufgrund der vielen verschiedenen Bildungssysteme, die ich durchlief, ziemlich chaotisch, aber ich beschwere mich überhaupt nicht darüber. Einer der Vorteile war, dass ich sehr früh Englisch gelernt habe, während das durchschnittliche Niveau der Schülerinnen und Schüler in Frankreich oder der Schweiz damals ziemlich niedrig war. Die Dinge haben sich seitdem sehr verändert, wenn ich unsere Studierenden heute an der PSL sehe, die sehr gut Englisch sprechen.
War es mit Ihren Lausanner Wurzeln naheliegend, an die EPFL zu gehen?
Das war nicht selbstverständlich, da ich, wie viele junge Leute, nicht wirklich wusste, in welchen Bereich ich gehen sollte. Als ich in die Schweiz zurückkehrte, hatte ich viele Gelegenheitsjobs: Bäcker, Umzugshelfer, Logistik bei der Post usw. Aber dann dachte ich, dass es nicht schlecht wäre, ein Studium zu absolvieren, und das war auch der Wunsch meines Vaters.
Dennoch erlaubten mir meine ausländischen Abschlüsse nicht, so einfach wieder in das Schweizer System einzusteigen. Als ich mich für die EPFL entschied, musste ich also den Cours de mathématiques spéciales (CMS) als Gasthörer besuchen. Ich musste durchhalten und den ganzen Sommer über arbeiten. Als ich die Prüfung bestand und an der EPFL aufgenommen wurde, entschied ich mich für Chemie. Damals gab es noch keine Life Sciences und ich wollte der Biologie nahe bleiben, um später eventuell in die Medizin abzubiegen.
Wie haben Sie Ihr Studium erlebt und welche Pläne hatten Sie nach dem Abschluss?
Mein Studium war eine äusserst angenehme Zeit zwischen der Stadt Lausanne, die sehr universitär geprägt ist, und der internationalen Atmosphäre an der EPFL. Meine engsten Kommilitonen waren sehr oft Vietnamesen, Griechen oder Franzosen. Die EPFL war in ihrer föderalen Form eine sehr junge Hochschule, vermittelte aber aufgrund ihrer vorherigen Form als EPUL das Gefühl, eine bereits etablierte Universität zu sein. Ich schätzte mein Chemiestudium sehr, sodass ich den Gedanken, mich in Richtung Medizin umzuorientieren, schnell wieder verwarf. Ich wurde von einigen Professoren, etwa Prof. Javet, stark geprägt.
Zu dieser Zeit war es noch relativ einfach, eine Stelle zu finden, und viele Unternehmen, vor allem aus der Basler Chemieindustrie, boten sich als mögliche Berufschancen an. Mir gefiel die Forschung jedoch sehr gut und ich kam auf die Idee, eine Doktorarbeit zu schreiben. Ich entschied mich für die Université Paris-Sud in Orsay – ehrlich gesagt lockte mich eher die Aussicht, in Paris zu leben, als der französische Forschungssektor, über den ich nur wenig wusste. Letztendlich war es eine grossartige Erfahrung, bei der ich auch die Gelegenheit hatte, Kontakte zur Industrie zu knüpfen. Das war etwas Wichtiges für mich, auch wenn ich damals ein paar schräge Blicke erntete – die Mentalität hat sich seitdem geändert. Später, als ich die Leitung meines eigenen Labors übernahm, ermöglichte mir dies, mehrere Doktorarbeiten durch Industrieverträge mit z. B. Michelin oder Air Liquide zu finanzieren.
Wie kam es zum Übergang von der Forschung ins Management?
Ich sehe Lehre und Forschung nach wie vor als meine Kernaufgaben an. Wenn man jedoch die Leitung eines Teams übernimmt, sieht man schnell, ob einem Dinge wie Management, Planung und Führung Spass machen. Das ist bei mir der Fall. Ich hatte mir im Laufe meiner Karriere ein umfangreiches Netzwerk aufgebaut, und die Möglichkeiten ergaben sich für mich ganz von selbst.
2006 übernahm ich die Leitung von Chimie ParisTech - PSL. Das war für mich eine Art Rückkehr zu den Wurzeln, und in dieser Zeit habe ich auch den Kontakt mit dem Fachbereich Chemieingenieurwesen der EPFL wieder aufgenommen, um über Studiengänge und Karrieremöglichkeiten zu sprechen. Als ich meine neue Stelle antrat, war es für mich wichtig, einen Fuss in der Forschung zu behalten, und ich leitete weiterhin eine Forschungsgruppe. Wenn ich Budget- und Managemententscheidungen zu treffen hatte, hat mir das geholfen, immer die grundlegende Frage im Hinterkopf zu behalten: «Wird meine Entscheidung den Forschenden helfen?»
2010 wurden Sie Präsident des Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS), der führenden Forschungsorganisation in Frankreich. Welche Bilanz ziehen Sie aus diesen Jahren?
Ursprünglich hatte ich mich nicht um diese Stelle beworben, ich wusste nicht einmal, dass sie frei war. Ich erhielt einen Anruf vom Kabinett der damaligen Ministerin für Hochschulbildung und Forschung, Valérie Pécresse, in dem mir vorgeschlagen wurde, mich für die Stelle zu bewerben. Mein Gesprächspartner war ihr Kabinettschef Philippe Gillet. Damals dachten viele, dass er der nächste Präsident des CNRS werden würde, aber er hatte andere Pläne – er schloss sich später dem Team von Patrick Aebischer an der EPFL an. Als ich mit Gillet über die Stelle sprach, war ich von der Herausforderung fasziniert und beschloss, mich zu bewerben – und wurde ausgewählt. Mit einem Budget von etwa 2,6 Milliarden Euro war das CNRS viel grösser als jede Organisation, die ich bisher geleitet hatte. Und ich war den Medien viel stärker ausgesetzt als zuvor.
In den späten 1990er Jahren war die französische Hochschullandschaft stark zersplittert. Es gab viele verschiedene Universitäten und Institute, die sich jeweils auf einen anderen Bereich konzentrierten – anders als zum Beispiel in der Schweiz, wo die Zahl der Einrichtungen überschaubar geblieben ist. Eines der Ziele im Jahr 2010 war es daher, das CNRS enger mit diesen verschiedenen Schulen zu verknüpfen und die französische Forschung auf der internationalen Bühne sichtbarer zu machen. Dieses Ziel hat mich wirklich angetrieben, und unsere Bemühungen haben schliesslich zur Gründung mehrerer grosser Universitätskonsortien geführt, darunter auch PSL. 2014 stimmte ich einer zweiten Amtszeit als Präsident des CNRS zu. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Bedingungen schwieriger, vor allem weil die uns zur Verfügung gestellten Mittel nicht mehr ausreichten.
Wie wirkte sich die geringere Finanzierung aus?
Das Budget war im Grossen und Ganzen konstant, entwickelte sich aber nicht mit der Realität der Ausgaben. Da die Lohnsumme stetig stieg, wurde der Anteil des Budgets, der für die Forschung verwendet wurde, immer kleiner. Um die Finanzierung der Forschung zu sichern, war ich gezwungen, das Beschäftigungsniveau des CNRS zu senken, indem ich Mitarbeitende, die in den Ruhestand gingen oder deren Verträge ausliefen, nicht ersetzte. Das war nicht besonders angenehm.
Als ich das CNRS 2017 verliess, habe ich klar gesagt, dass Frankreichs Forschungssektor nicht mithalten kann, wenn nicht mehr Mittel für die Forschung bereitgestellt werden. Ich fand wenig Gehör, aber seither zeigen Indikatoren zum Beispiel, dass die französische Forschung heute weniger zitiert wird als in der Vergangenheit.
Ist das Problem der Forschungsfinanzierung, das Sie hervorheben, Ihrer Meinung nach vor allem ein französisches oder ein globales Problem?
Die Frage der Forschungsfinanzierung stellt sich überall auf der Welt. Ich habe trotzdem das Gefühl, dass es beispielsweise in der Schweiz oder in Deutschland eine stärkere Kontinuität gibt als in Frankreich. Dennoch lässt sich feststellen, dass die Gesamtfinanzierung von Forschung und Entwicklung weltweit enorm zugenommen hat, wahrscheinlich hat sie sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Dies hängt vor allem mit einer Form des Wettbewerbs zwischen den Industrieländern zusammen, die festgestellt haben, dass Innovation der Schlüssel zur Förderung des Wirtschaftswachstums in ihren Ländern ist. Bei diesem Gesamtanstieg gab es jedoch eine Verschiebung von West nach Ost, da Asien, insbesondere China, Südkorea, Taiwan oder auch Singapur, weitaus grössere Anstrengungen unternehmen als wir. Wir stehen in Europa nicht allzu schlecht da, zumal das Vereinigte Königreich immer noch an europäischen Forschungsinitiativen beteiligt ist, aber es gab eine Zeit, in der Frankreich nicht die notwendigen Schritte unternommen hat.
Sie sind nun Präsident der PSL, die mehrere Hochschuleinrichtungen und drei Forschungsorganisationen vereint – ein System, das dem der EPFL und des ETH-Bereichs ähnelt. Was bringen diese Zusammenschlüsse konkret?
PSL ist eine Hochschuleinrichtung, die gerade ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert hat. Zum Zeitpunkt ihrer Gründung bestand die Idee darin, die akademischen Einrichtungen zusammenzuführen, um die Fragmentierung, die wir zuvor erwähnt haben, zu begrenzen. Eine Universität muss multidisziplinär sein, um weltweit Erfolg zu haben, und die französischen Einrichtungen waren in den Rankings kaum vertreten.
PSL umfasst heute ein Dutzend Einrichtungen, die ein breites Spektrum an Disziplinen abdecken, darunter die École normale supérieure - PSL, Dauphine - PSL, Mines Paris - PSL oder auch das Conservatoire national supérieur d'art dramatique - PSL. Jede behält eine starke Autonomie in Bezug auf Budget, Human Ressources, Spezialisierung oder Markenimage. Aber sie haben gemeinsame Integrationselemente: ein gemeinsames Diplom, internationale Kommunikationsmassnahmen oder gemeinsame Forschung. Die Idee ist also, eine multidisziplinäre Universität mit einem Exzellenzniveau zu schaffen, das mit dem der internationalen Konkurrenz vergleichbar ist. Diese Art von System gab es bereits in anderen Ländern, aber in Frankreich war es neu.
PSL gehört heute zu den besten Universitäten der Welt, die jünger als 50 Jahre sind – eine Rangliste, die bis vor Kurzem noch von der EPFL angeführt wurde, die 2019 50 Jahre alt wurde. Was sind die nächsten Schritte?
Heute ist die PSL als «Collegiate University» anerkannt. Wir gehören zu den wenigen französischen Einrichtungen, die in den grossen internationalen Rankings unter den Top 50 zu finden sind. Diese Universitäten geben einen Eindruck davon, wohin sich das französische Hochschulsystem entwickelt.
Die European University Association geht davon aus, dass es weltweit etwa 20 000 Universitäten gibt. Zu den Top 20 oder Top 50 zu gehören, ist nicht unbedeutend, vor allem im Vergleich zu unseren Mitteln. Dies ermöglicht es uns insbesondere, für internationale Studierende, Forscherinnen und Forscher attraktiver zu sein.
Was die weitere Entwicklung betrifft, so ist die EPFL ein gutes Beispiel für eine erfolgreiche Entwicklung. Der starke Fokus auf die Forschung, die Nähe zwischen Lehre und Forschung oder auch die Entscheidung, die Anzahl der Studierenden zu begrenzen, sind interessante Aspekte. Darüber hinaus hoffen wir, in Zukunft neue Disziplinen, wie zum Beispiel Medizin, zu integrieren. Manchmal werde ich gefragt, was uns nötig ist, um das Niveau von Harvard oder dem MIT zu erreichen, aber im Moment können wir mit den umfangreichen Mitteln der privat finanzierten Universitäten in den USA und in Grossbritannien nicht mithalten.
In Ihren Führungspositionen müssen Sie viel Zeit mit Management und Sitzungen auf höchster Ebene verbringen. Vermissen Sie Ihre erste Berufung, die Lehre und Forschung?
Ich habe während meiner gesamten Laufbahn versucht, meine Forschungsaktivitäten in gewissem Umfang aufrechtzuerhalten. Ich hatte das Glück, von grossartigen Forschenden umgeben zu sein, die mir geholfen haben, den Fuss in der Forschung zu behalten.
Auch die Lehre liegt mir sehr am Herzen, vor allem, wenn ich begeisterte Studierende habe. Wenn man sieht, wie kleine Lichter in ihren Augen aufleuchten, bekommt das Ganze eine ganz neue Dimension. Das hat mir sehr gefehlt. Heute bin ich wieder in der Lehre tätig, insbesondere im Rahmen unseres allgemeinen Studiengangs Science for a Sustainable World, der darauf abzielt, künftige Führungskräfte in wissenschaftlichen Fragen des Klimas zu schulen. Es liegt in unserer Verantwortung, ihnen die wissenschaftlichen Grundlagen zu den Fragen des ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Übergangs zu vermitteln, denn die Gesellschaft und die Medien greifen das Thema auf, aber die wissenschaftlichen Grundlagen sind oft noch zu wenig bekannt. Wie misst man die Temperatur der Erde? Was ist ein Treibhausgas? Viele wissen diese Fragen nicht zu beantworten.
Sie haben 2011 einen Alumni Award von der EPFL erhalten. Hatten Sie seitdem Gelegenheit, zurückzukehren, oder haben Sie immer noch Kontakt mit der Hochschule?
Ich hatte gute Kontakte zu Patrick Aebischer und auch zu seinem Vizepräsidenten Philipe Gillet, den ich ja bereits erwähnt habe. Ich kenne auch Martin Vetterli gut, wir haben uns regelmässig ausgetauscht, als er den Forschungsrat des Schweizerischen Nationalfonds präsidierte. Ausserdem hat er sich bereit erklärt, in den strategischen Lenkungsausschuss der PSL aufgenommen zu werden, worüber wir uns sehr freuen. Ich komme manchmal auf den Lausanner Campus zurück, wenn auch in letzter Zeit nicht mehr so häufig. Meinen Alumni Award bewahre ich hier bei mir in meinem Büro auf!
Biografie
1953
Geburt in Lausanne
1976
EPFL-Diplom in Chemie und Chemieingenieurwesen.
2006
Direktor von Chimie ParisTech
2010
Präsident des Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS)
2017
Präsident der Universität PSL (Paris Sciences & Lettres)