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Unsichtbar: Frauen im Alpenraum und ihr Beitrag an der Wirtschaft
Die Arbeit von Frauen im Alpenraum ist seit Jahrhunderten von eminenter Bedeutung. Rechtliche Diskriminierung und klischierte Darstellungen frommer Bergbäuerinnen in Tracht liessen diese jedoch kaum wahrnehmen. Dabei gab es auch Fotografien, die den Alltag im Berggebiet ohne Überhöhung festhielten.
Bis in die 1950er Jahre war das Leben vieler Frauen in den Walliser Bergdörfern durch die Land- und Alpwirtschaft bestimmt. Auch wenn gewisse Arbeitsbereiche eher von Männern, andere (wie Stall- und Gartenarbeiten) eher von Frauen ausgeführt wurden, war die geschlechterbedingte Arbeitsteilung von der als weiblich definierten Hausarbeit abgesehen dennoch gering.
Die Frau hinter dem Arbeiter-Bauern
Nachdem im Laufe des 20. Jahrhunderts eine wachsende Zahl von Männern aus den Bergdörfern nebst der Landwirtschaft ein zusätzliches Einkommen in den neu im Rhonetal etablierten Grossunternehmen der Chemie- und Aluminiumindustrie suchten, stieg die Belastung ihrer Ehefrauen markant. Das gilt insbesondere seit dem Zweiten Weltkrieg auch für die Bergbäuerinnen, deren Ehemänner und Söhne im Sog des Strassenbaus und der Errichtung von Staudämmen wie der Grande Dixence temporäre Anstellungen fanden. Männer verliessen beispielsweise in Arbeitsequipen das hoch über dem Tal liegende Dorf Isérables, während die Frauen weiterhin die Landwirtschaft besorgten. Bei Beginn der Bauten für den Stausee Mattmark war man im Saas-Allmagell vorerst froh, dass die Männer endlich mal in der Nähe Arbeit fanden, statt in andere Seitentäler gehen zu müssen. Dass einige Arbeiter später wegen der Katastrophe unter den vom Allalingletscher hinunter donnernden Eismassen begraben sein würden, ahnte man nicht.
Der vornehmlich auf Viehzucht basierende Landwirtschaftsbetrieb konnte sich dem Rhythmus von Baustelle und Fabrik nicht anpassen. Zweimal im Tage mussten die Kühe gemolken und versorgt werden. Aufschieben, bis der Mann von der Schichtarbeit oder aus dem Stollen kam, ging nicht. So stand hinter jedem Arbeiter-Bauern fast immer eine Frau. Die Landwirtschaft wurde für den Arbeiter-Bauern zum «Nebenerwerb», für die Ehefrau blieb sie die Hauptbeschäftigung.
Politisch und rechtlich bedingte Unsichtbarkeit
Während Politiker, Unternehmen und Medien die Besonderheit der Walliser Arbeiter-Bauern wegen ihrer Verankerung in bergbäuerlichen Traditionen und scheinbarer Immunität gegen sozialistisches Gedankengut lobend hervorhoben, wurden deren Ehefrauen kaum erwähnt, obwohl sie für alle Betroffenen sichtbar die Kontinuität des Betriebs garantierten. Sie blieben wie alle Frauen rechtlich von der Mitbestimmung auf dem Betrieb ebenso ausgeschlossen wie von den über Vereine, Verbände und politische Gremien vermittelten Ressourcen und der aktiven Partizipation in den Korporationen und der Burgerschaft. An den damit verbundenen Ritualen wie dem gemeinsamen «Spiis und Trüch» (Speis und Trank) nahmen sie höchstens als Serviererinnen teil. Auch in den amtlichen Registern tauchen verheiratete Frauen als Betriebsverantwortliche in der Regel nicht auf, weder in den Steuerregistern noch in den landwirtschaftlichem Betriebszählungen – für Historiker:innen eine echte Herausforderung.
Dasselbe gilt für andere Erwerbsbereiche im Alpengebiet. Frauen erbrachten in touristischen Destinationen im Gastgewerbe, in der sich ausdehnenden Parahotellerie oder im Detailhandel entscheidende Leistungen. Als Verheiratete blieben sie auch in diesen Bereichen rechtlich diskriminiert. In den Registern verstecken sie sich meistens hinter den Patentgebühren ihrer Ehemänner, die hier als Eigentümer und Betreiber figurieren – selbst wenn sie im Geschäft kaum anwesend waren oder sich für die Betriebsführung schlicht nicht eigneten. Trotzdem haben sich viele dieser verheirateten Geschäftsfrauen ihrer Tüchtigkeit wegen ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben. In unzähligen Anekdoten ist die Erinnerung an sie über ihren Tod hinaus lebendig geblieben.
Verbindung von Tradition und Weltoffenheit
Veröffentlichte Biografien und Porträts gibt es fast ausschliesslich zu Frauen, die aufgrund eines bestimmten Métiers eine ausserordentliche Stellung in der Bevölkerung einnahmen. Einige dieser Frauen bewiesen nebst einem starken Selbstbewusstsein auch offene Widerständigkeit. So wussten sich nicht wenige Hebammen im Dorf gegen Männer durchzusetzen und sich Achtung zu verschaffen. Die um 1915 geborene Hebamme und Bergbäuerin Leni Zenklusen verbrachte nur den Winter in Simplon Dorf, lebte ansonsten meist allein auf der Alp hoch über Gondo, las Dostojewski und Tolstoi und reiste zwischendurch auch mal nach Russland. Die nur einige Jahre ältere Hebamme Adeline Favre aus dem Val d’Anniviers fuhr schon in den 1930er Jahren per Auto zu den Gebärenden, wies deren Ehemänner in die Schranken oder band sie in die Arbeit ein. An den internationalen Hebammentagungen – ob in Stockholm, Rom oder Berlin – erschien sie in Tracht, verband Tradition mit Modernität.
Selbst die 1901 geborene und weit über das Walliser Dorf Evolène bekannte Weberin Marie Métrailler kleidete sich in Tracht, auch im Alltag. Gleichzeitig setzte sie sich über patriarchal geprägte Gepflogenheiten hinweg, beugte sich weder der Autorität der Pfarrherren noch anderer lokaler Machtträger und verteidigte aus Solidarität mit Frauen entgegen dem strikten Verbot der katholischen Kirche sogar das Recht auf Abtreibung. Sie galt gleichermassen als spirituelle Weise, die sich sowohl an keltischen Mythen als auch am Buddhismus orientierte, und ebenso als innovative Unternehmerin, die Frauen im Val d’Hérens in den von ihr eröffneten Webateliers Erwerbsmöglichkeiten bot.
Auch Bilder kaschieren
Marie Métrailler und Adeline Favre betonten mit dem Kleiden in Tracht ihre Verankerung in der bergbäuerlichen Gesellschaft. Doch im Gegensatz zur modernen Weltoffenheit dieser beiden Frauen verwies die Abbildung von Walliserinnen in Tracht in der Regel auf das Archaische, das Zeitlose. Diese Darstellung war allerdings primär von Künstlern geschaffen worden, die von aussen kamen, wie der Waadtländer Ernest Biéler oder der Neuenburger Edmond Bille. Ihre Bilder zeigen die Walliser Frauen fast ausschliesslich in eng konstruiertem Bezugsrahmen von Geburt und Mütterlichkeit, Waschen am Brunnen, Stricken im öffentlichen Raum über Heuernte, Hüten des Viehs und Aufgang zur Alp auf dem Maultier bis zum frommen Beten, meist in schmucker Sonntags- oder Festtagstracht – nie aber bei schmutziger Arbeit im Stall oder im Haus. Es gibt weder Autos noch Fabrikschlote zu sehen, die Moderne bleibt aussen vor. Nach dem Ersten Weltkrieg in die Werbung für den Sommertourismus integriert, entfaltete diese einseitige Bildproduktion seine Wirkung nach innen und prägte das Eigenbild des Wallis mit. So verdeckte die künstlerische Ikonographie die beschwerlichen Seiten des Alltags und kaschierte die Diskriminierung der Frauen sowie ihre Verwobenheit mit der sich verändernden Umwelt. Sie leistete dadurch zugleich der patriotischen, kommerziellen und folkloristischen Manipulation des Frauenbildes Vorschub.
Die meisten Fotografen kamen von aussen. Ihre Bilder sind zwar weniger auf Nostalgie ausgerichtet, verweisen unverfälschter auf die strenge Arbeitsbelastung und zeigen die Überlagerung der Zuständigkeiten von Männern und Frauen. Doch bis in die 1950er Jahre widmen sich auch ihre Fotografien vorwiegend der Darstellung von Walliserinnen in dörflichem Umfeld und traditioneller Kleidung. Als Arbeiter in Fabriken und auf zum Himmel ragenden Staudämmen avancieren Männer dagegen für Fotografen ab den 1950er Jahren zu Repräsentanten der modernen Welt. Umso mehr ist es die Aufgabe von Historiker:innen, die Leistungen der Frauen aus alpinen Regionen aufzuarbeiten. Dabei ist der Rückgriff auf Methoden der Oral History ebenso unabdingbar wie die vielschichtige Interpretation von Daten und Bildern sowie das Lesen amtlicher Dokumente gegen den Strich.
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