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Der Philosoph Hans Saner – “Ich möchte meine Sätze so provokativ formulieren, dass ihnen niemand mehr zustimmen kann”
Der Philosoph Hans Saner – “Ich möchte meine Sätze so provokativ formulieren, dass ihnen niemand mehr zustimmen kann”
Es gibt kaum jemanden in der Schweiz, der Hans Saners helle, langsam formulierende Stimme nicht kennt: Durch ungezählte Radiovorträge zu politischen und religionsphilosophischen Fragen ebenso wie durch eine grosse Anzahl von Publikationen wurde der in Basel lebende Berner zu einem der – heute – seltenen Vertreter freiheitlichen und unabhängigen Denkens. Am 22.November ist er in Zürich anzutreffen, wo er im Rahmen eines Bemhard-Litteraire-Abends sein neues Buch “Die Anarchie der Stille” (Lenos Verlag, Basel 1990) vorstellt.
Maja Wicki hat sich mit Hans Saner unterhalten.
Vor zwei Jahren veröffentlichte Hans Saner unter dem Titel “Identität und Widerstand” eine Reihe von Aufsätzen, die er alle als Fragen verstand, als “Fragen in einer verfallenden Demokratie”. Er stellte damals fest, dass unser Staat zwar als “fast gerechtes System” beschrieben werde, dass dieses System aber in allen Schichten morsch sei, und er zählte eine Anzahl von Verfallserscheinungen auf. Mit diesem Staat könne man sich heute kaum mehr identifizieren, stellte Saner fest, und er fragte anschliessend, ob in einem solchen politischen Umfeld überhaupt personale Identität noch möglich sei, ja ob sie überhaupt wünschenswert sei. Personale Identität, folgerte er, sei vielleicht nur wünschenswert, wenn sie als Differenz formuliert werden könne, wenn sie sich als Nicht-Uebereinstimmung mit Vorgegebenem formulieren lasse.
Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Hans Saner geht ihr nach. Die Philosophie fand so ihren Anfang in seiner eigenen Biographie, als Notwendigkeit des Fragens aus der Nichtübereinstimmung mit religiösen Wahrheiten, die als absolute Wahrheiten verkündet wurden. Und die Philosophie wird nun, mit dem neuen Buch, zur “experimentellen” Philosophie, die mittels knapp formulierter Sätze eine Wirkung erzielen will, die nicht durch Zustimmung oder gar Uebereinstimmung erfolgen soll, sondern durch Widerspruch und durch begründetes Nein-Sagen. Nicht anders kann das eigene Denken Gestalt gewinnen, nicht anders kann vielleicht der Durchbruch zu personaler Identität gelingen. Denn “der Gedanke, den andere lehren, ist noch nicht gedacht”, schreibt Saner in der “Anarchie der Stille” und “wer eine Antwort gibt, ohne eine neue Frage zu öffnen, gibt keine Antwort”.
Hans Saner, der seit bald dreissig Jahren in Basel lebt und arbeitet, kam 1934 in Grosshöchstetten zur Welt, mitten im Emmental. Das Dorf liegt auf halbem Weg zwischen Burgdorf und Thun, auf 750 Metern, und frei geht der Blick von dort über grüne Wiesen und Wälder zum Niesen und zum Stockhorn. Steigt man ein wenig bergan, so öffnet sich der ganze Fächer der Hochalpen. Im EIternhaus belegte die asketische Gläubigkeit des Täufermilieus mit strengen Regeln alles Tun und Lassen und setzte unerbittlich fest, was wahr und was falsch, was gut und was böse war. Hans, der Jüngste von sechs Brüdern und Schwestern, erinnert sich, wie zum Beispiel selbst eine Schulreise zum Problem werden konnte. Das war doch ein weltlicherAnlass, an dem man die Kinder nur widerstrebend teilnehmen lassen konnte. Jugendliche Auflehnung ist im Täufermilieu selten, denn die Kinder gehören ja noch nicht “richtig” dazu. Die Taufe erfolgt erst im Erwachsenenalter, durch freien Entschluss jedes Einzelnen. Hans Saner aber lehnte sich auf. Den Anlass dazu gab Gandhi, über den er viel gelesen und gehört hatte. Als man ihm mit Bestimmtheit erklärte, dass Gandhi vom ewigen Heil ausgeschlossen sei, da er sich ja nicht habe taufen lassen, beschloss der Vierzehnjährige, mit der Religion zu brechen. Denn die Erklärung liess keine Fragen mehr zu, und Hans Saner wollte Fragen stellen dürfen, immer weiter, auch über sogenannt “absolute Wahrheiten” hinaus. Später wird er feststellen, dass die grosse Erneuerungsgabe jedes Kindes gerade in der Dissidenz liege, das heisst in seiner Fähigkeit, kulturell Normiertes durch Phantasie und durch Fragen zu sprengen. Diese Fähigkeit aber habe so lange keine Chance zur Entfaltung, als die Gesellschaft sie als Bedrohung empfinde und sie durch Disziplinierung ersticke (im 1979 erschienen Buch “Geburt und Phantasie”, Lenos Verlag Basel).
Hans Saner besuchte die Mittelschule und das Lehrerseminar in Bern-Hofwil. Fünf Jahre lang war er Volksschullehrer in Wilderswil, unterrichtete Klassen von 38 bis 40 Schülerinnen und Schülern der Mittelstufe. Nicht die Kinder brachten ihn dazu, aufzuhören, sondern die Schule als Institution. In Lausanne studierte er ein Jahr Romanistik, dann in Basel Germanistik und Philosophie. Als er im vierten Semester war, trugen ihm gleich zwei grosse Männer eine Assistenzstelle an: der Germanist Walter Muschg und der Philsosoph Karl Jaspers. Hans Saners Entscheid für Karl Jaspers war ein Lebensentscheid. Er wurde nicht nur zum nächsten akademischen Mitarbeiter des grossen Philosophen, sondern zu dessen Gesprächspartner und Vertrauten, und nach Jaspers Tod zu dessen Nachlassverwalter. Die Editionsarbeit, die er in diesem Jahr abschloss, und weitere Bücher – zu Jaspers Werk und eigene – wuchsen auf mehrere Dutzend Titel an.
In allem, was Hans Saner tut, erkennt er eine politische Verantwortung. Politische Aemter aber lehnt er ab, ebenso wie Beitrittserklärungen zu Parteien oder grossen Organisationen. “Philosophie muss machtfrei bleiben”, sagt er. Er versucht einen Beitrag zu leisten – auch mit seinem neuesten Werk – zum Entscheid für die Freiheit, gegen die politische Indifferenz und gegen die Trägheit der Herzen, die sich durch Zustimmung zur Welt, “wie sie läuft”, das heisst wie sie von Machtinteressen regiert wird, einen Scheinfrieden und eine Scheinidentität einhandeln.