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Chemikalien, die in vielen Konsumgütern enthalten sind, könnten vielen Menschen vorzeitig das Leben kosten. Phthalate, die vor allem als Weichmacher in Plastik, aber auch in Kosmetika und Medikamenten eingesetzt werden, führen möglicherweise jedes Jahr zum verfrühten Tod von 91’000 bis 107’000 Menschen in den USA.
Nach einer im Oktober im Magazin «Environmental Pollution» erschienenen Studie hatten Menschen zwischen 55 und 63, die mehr Phthalate im Urin hatten, eine höhere Sterblichkeit als solche, die dieser Chemikalienklasse weniger ausgesetzt gewesen waren.
Die Studie dreier Wissenschaftler der New York University analysiert die Daten von mehr als 5300 erwachsenen Personen aus den USA, die zwischen 2001 und 2010 im Rahmen einer nationalen Gesundheitsstudie Proben abgegeben hatten und deren Todesursache im Fall ihres Ablebens bis 2015 dokumentiert worden war.
Die Schädlichkeit der Weichmacher ist schon lang bekannt
Den Forschenden war bereits bekannt, dass Phthalate wie körpereigene Hormone und als sogenannte hormonelle Disruptoren wirken können. Phthalate werden ausserdem in Zusammenhang mit Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, Übergewicht und Herzkrankheiten gebracht.
Erhöhte Sterblichkeit vor allem an Herzkrankheiten
In der Altersgruppe 55 bis 64 Jahre starben von denen, die viele Phthalate oder deren Stoffwechselprodukte im Urin hatten, vor allem mehr Menschen an Herzkrankheiten. In der Gruppe mit den höchsten Werten war die Sterblichkeit gegenüber wenig exponierten Probanden auch für andere Todesursachen erhöht. Keinen Einfluss hatten die Phthalat-Werte auf Krebs als Todesursache.
Frühere Studien hatten bereits auf eine erhöhte Sterblichkeit durch Phthalate in dieser Altersgruppe hingewiesen. Hochgerechnet auf die gesamte US-Bevölkerung könnte die Chemikaliengruppe jedes Jahr Ursache für den vorzeitigen Tod von etwa hunderttausend Menschen sein, was die USA schätzungsweise zwischen 40 und 47 Milliarden Dollar jährlich kostet.
Die biologischen Mechanismen sind noch unklar
Als Ursache für die Häufung vermuten Forschende eine allmähliche Anreicherung der Chemikalien im Körper. Dennoch erklärt die von den Forschenden festgestellte Übereinstimmung nicht deren biologische Gründe. Welche Mechanismen der erhöhten Sterblichkeit zugrundeliegen, ist noch unklar.
Die Rolle, die Phthalate bei hormonellen und entzündlichen Prozessen spielen und so zum vorzeitigen Tod beitragen können, erfordere weitere Untersuchungen, sagt Leonardo Trasande, Hauptautor der Studie und Experte für die Auswirkungen von Umweltchemikalien auf die öffentliche Gesundheit.
Entzündliche Prozesse könnten die Ursache sein
«Bis jetzt wussten wir, dass die Chemikalien [Phthalate] mit Herzkrankheiten in Verbindung stehen, und Herzkrankheiten sind wiederum eine der Haupttodesursachen, aber wir hatten die Chemikalien selbst noch nicht mit dem Tod in Verbindung gebracht» sagte er gegenüber dem «Guardian».
Der Direktor des Zentrums für die Erforschung von Umweltgefahren an der Grossman School of Medicine der New York University beschäftigte sich bisher eher mit hormonellen Einflüssen von Umweltchemikalien. Trasande ist unter anderem der Autor des Buches «Sicker Fatter Poorer» über die Auswirkungen von hormonstörenden Umweltchemikalien.
Phthalate
Die Ester und Salze der Phthalsäure, genannt Phthalate, werden vor allem als Weichmacher in Kunststoffen verwendet. Sie machen Bodenbeläge, Kabel, Verpackungen, Klebstoffe und Lacke weicher, biegsamer und weniger spröde. Auch Kosmetika oder Kinderspielzeug sowie Medikamente und Medizinalprodukte wie Infusionsschläuche können Phthalate enthalten.
Die wichtigsten Phthalate sind Diethylhexylphthalat, (DEHP), Diisononylphthalat (DINP) und DIDP (Diisodecylphthalat). Phthalate können sich aus Materialien lösen, beispielsweise durch Hitze, Fett oder als Staub. Über Luft, Haut und vor allem durch Nahrungsmittel werden sie von Menschen aufgenommen.
Niedermolekulare Phthalate stehen im Verdacht, vorgeburtliche und frühkindliche Hormonstörungen und Frühgeburten zu verursachen sowie Diabetes und Herzkrankheiten bei Männern und Brustkrebs bei Frauen auszulösen. Im Tierversuch sind Beeinträchtigungen der Fruchtbarkeit erwiesen. Die Fruchtbarkeitsmedizinerin Shanna Swan warnt vor Störungen bei Menschen (Infosperber: «Die schleichende Bedrohung der menschlichen Fruchtbarkeit»)
Mehrere Phthalate sind nach den EU-RoHS-Richtlinien (Restriction of Hazardous Substances) in Europa seit 2015 oder früher verboten oder in ihrer Verwendung eingeschränkt, beispielsweise dürfen DEHP, DBP und BBP seit 2005 nicht mehr in Babyartikeln und Spielzeug verwendet werden. Im Juli 2019 endete die Übergangsfrist für DEHP, Benzylbutylphthalat (BBP), Dibutylphthalat (DBP) und Diisobutylphthalat (DIBP), die nur noch zu 0,1 Prozent in Produkten enthalten sein dürfen.
Viele Phthalate stehen in der REACH-Verordnung und werden in der Schweiz spätestens ab 2. November 2023 zulassungspflichtig. Die Zulassungskriterien in einigen anderen Ländern wie den USA sind weniger streng, weshalb Phthalate dann noch immer in Importprodukten enthalten sein können.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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