Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03323.jsonl.gz/3107

Die Autorin Lea Singer erzählt in ihrem Roman «Der Klavierspieler» die Liebesgeschichte des brillanten Pianisten Vladimir Horowitz zu einem Schüler. Hintergrund: das Lucerne Festival, das einen Monat lang wieder viele Männer dirigieren lässt. Eine Machoveranstaltung? Die Autorin über Benachteiligung von Frauen im Klassikbetrieb.
Die deutsche Autorin Lea Singer schrieb Romane zu bekannten Künstlern: über Benn oder Goethe. Die geheimgehaltene Liebesgeschichte des brillanten ukrainischen Pianisten Vladimir Horowitz (1903–1989) zu einem Schweizer Schüler ist das Kernstück ihres neusten Buchs.
zentralplus: Wie kamen Sie zu diesem Stoff?
Lea Singer: Horowitz liess mich nicht mehr los, seit ich ihn mit einer mühsam finanzierten Eintrittskarte 1986 in Berlin erlebte. Was war das für ein Mensch, der unbeholfen die Bühne betrat und dann jeden im Saal ergriff bis zum Schluss? Was machte ihn so tieftraurig, und warum grimassierte er verzweifelt lustig?
zentralplus: Ja, was denn; etwa seine unglückliche homosexuelle Liebe?
Singer: Als Nico Kaufmann, dessen Name mir damals nichts sagte, seinen Nachlass der Schweizer Zentralbibliothek vermachte, wurden in der «NZZ» und anderen Schweizer Zeitungen ein paar wenige Zitate aus Briefen abgedruckt. Die hatte Horowitz an ihn geschrieben, das setzte sich bei mir fest. Vor sieben Jahren habe ich dann sämtliche Briefe eingesehen, die von der Korrespondenz erhalten sind; ausnahmslos Briefe von Horowitz an Kaufmann, denn nur der hielt sich nicht an die Abmachung, alles sofort zu vernichten. Die intimen, auch sexuellen Details waren mir dabei nicht wichtig – was mich bewegt hat, war der Einblick, den Horowitz in sein Künstlerschicksal, sein Denken und sein Seelenleben auf diese Weise gewährt. Es war ein Drama.
zentralplus: Rahmen Ihres Liebesromanes sind die damaligen IMF in den 30er-Jahren, heute Lucerne Festival genannt. Die Geschichte spielt in einigen mondänen Hotels am Quai, in Weggis und Tribschen. Wie gut kennen Sie diese Gegend, führten Sie Recherchen hierher?
Singer: Am Bodensee grossgeworden, lag mir diese Welt nie fern. Und nachdem ich mir viel Zeit liess mit diesem Roman, konnte ich die meisten Wege nachgehen. Wie jedes Mal bei der Recherche hat mich vor Ort das Gefühl überfallen, den Protagonisten ganz nah zu sein. Das warf mich um und warf auch manches über den Haufen, was ich mir am Schreibtisch ausgedacht hatte.
zentralplus: Sie sind in München zu Hause: Erlebten Sie Luzern und Weggis als Provinz?
«In Luzern wachsen die Chancen, provinziell zu werden.»
Singer: Provinzialismus gedeiht in den Metropolen; kleine Städte wirken nur provinziell, wenn sie sich das Allerweltsgesicht vieler grosser Städte aufschminken. Die Eigenständigkeit besitzt immer Klasse. Leider macht sich seit ein paar Jahren die Trostlosigkeit anonymer Kettenläden auch in Luzern breit. Die Chancen, provinziell zu werden, wachsen.
zentralplus: Sie finden schöne Bilder wie etwa folgendes: «Der Vierwaldstätter See schlief an diesem Nachmittag. Sein Blau war unbewegt und tief, und die Wälder um ihn her träumten.» Ist unsere beschauliche Region ideal für klassische Musik?
Singer: Jeder grosse Musiker, von Mozart über Horowitz und Clara Haskil bis zu Alfred Brendel oder Isabelle Faust, betont die Unabdingbarkeit von Stille für die Musik. Hier kann jeder verstehen, wie reich die Stille ist.
«Leider sind männliche Dirigenten, die weibliche Kollegen fördern, bis heute selten.»
zentralplus: Stille hin oder her: Die Klassik ist ein konservatives Business. Erst jetzt erhielt die erste Frau am Dirigentenpult, die 33-jährige Litauerin Mirga Grazinyte-Tyla, einen Plattenvertrag bei der Deutschen Grammophon. Wieso hinkt die Klassik in Gender-Fragen so hintendrein?
Singer: Was die Klassik kostbar macht, ist die Kultivierung der Langsamkeit. In der Gender-Frage aber wird die Langsamkeit zur Falle. Die Strukturen im Klassikbetrieb sind verholzt und manche erklären die Verholzung für statisch notwendig, weil sie sich vor jeder Veränderung fürchten, die ihre Macht schmälert. Das genau kann sie knicken. Mein Vater schenkte mir, als ich ein Kind war, das Buch «Daodejing» von Laotse.
Verheimlichte schwule Beziehung
Eva Gesine Baur (59) ist Kulturhistorikerin und Autorin aus München. Sie schrieb Biografien über Chopin, Mozart und Charlotte Schiller. Unter dem Pseudonym Lea Singer veröffentlichte sie 12 Romane, die sich mit Künstlern befassen. Als neustes Buch erschien jetzt «Der Klavierspieler» (Kampa Verlag), darin erzählt sie die Liebesgeschichte des Pianistengenies Vladimir Horowitz zu einem Schüler. Es ist ein packendes Werk über eine verheimlichte schwule Beziehung am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Der Roman beruht auf Tatsachen; er spielt vorwiegend in der Schweiz und vorab in unserer Region. Singer ist bekannt für akribische Recherchen, ein Kritiker schrieb einmal: «Lea Singer saugt Honig aus ihren Recherchen.»
zentralplus: Dies ist ein wegweisendes chinesisches Buch über den Sinn des Lebens …
Singer: Am besten gefiel mir, was er über den Bambus schreibt. Der junge Bambus biegt sich im Wind, er ist beweglich, ihm kann selbst der Sturm nichts anhaben. Der alte Bambus ist verholzt, er kann gebrochen werden.
zentralplus: Was hat das mit Klassik zu tun?
Singer: In Jugendorchestern sind die Frauen bereits in der Überzahl, und gerade diese Ensembles bringen Bewegung in die Szene und ein neues Publikum. Leider sind männliche Dirigenten, die weibliche Kolleginnen fördern, bis heute selten. Der Amerikaner Leonard Bernstein war einer der ersten, der Russe Kirill Garrijewitsch Petrenko ist heute einer der besonders engagierten, das sagt viel. Vielleicht führte es zu einer Beschleunigung, wenn es sich herumspräche: Die Grossen erkennt man auch daran, dass sie sich für Frauen einsetzen.
zentralplus: Jedes Sommerprogramm des Lucerne Festival steht unter einem Motto. Nach «PrimaDonna» von 2016 ist es jetzt «Macht». Wäre «Macho» das bessere Motto?
Singer: Wenn schon, müsste es dann Machismo heissen, «macho» bedeutet für jeden spanisch Sprechenden nur männlich.
«Männlichkeitswahn ist nicht der einzige Grund für die Benachteiligung von Frauen im Klassikbetrieb.»
zentralplus: Nicht unbedingt: Der Macho ist umgangssprachlich ein besonders männlich denkender Mann.
Singer: Naja. Dieses Motto würde aber das Problem verkleinern. Männlichkeitswahn ist nicht der einzige Grund für die Benachteiligung von Frauen im Klassikbetrieb. Die Macht der Männer ist ein in jeder Hinsicht gewaltiges Thema.
zentralplus: Ich zitiere aus Ihrem Roman: «Zum Künstler wird man nicht geboren, zum Künstler muss man sich erziehen.» Machismo pur, alles Erreichte ist Kampf. Oder doch nicht?
Singer: Diesen Satz hat Horowitz auf ein erhaltenes Porträtfoto geschrieben, als Widmung an Nico Kaufmann. Aber die Widmung geht weiter: «Das ist auch schon oft gesagt worden. Aber wenn man auf diesem Ohr nicht hört, dann viel Glück auf der Fahrt in die Mittelmässigkeit.» Machismo ist für mein Empfinden nur, diesen Satz zu einer Äusserung von Machismo zu erklären, das heisst nämlich: Frauen brauchen das nicht, diese Selbsterziehung.
zentralplus: Damit ein künstlerisches Projekt gelingt, braucht es die richtigen Kontakte, finanzielle Mittel für die Talentförderung und auch Glück. Erfolge allein der eigenen Selbstdisziplin zuzuschreiben, ist für mich Ausdruck einer männlichen Sichtweise auf die Welt. Sie interpretieren das Zitat anders?
Singer: Für mich ist es ein Klischee, zu glauben: Frauen machen das alles irgendwie aus dem Bauch heraus, Selbstdisziplin ist etwas für Männer. Weiterentwickeln kann ich mich auch als Künstlerin nur, indem ich kritikoffen bin. Und bereit, Niederlagen und Selbstzweifel auszuhalten. Es ist anstrengend, Schaffenskrisen zu überwinden, dranzubleiben, wenn es überhaupt nicht läuft, es ist schwindelerregend, manchmal angsterregend, sich immer wieder völlig in Frage zu stellen. Eine Garantie ist das nicht, aber die einzige Chance, zu wachsen – sogar, wenn man schon schrumpft.
zentralplus: Machotum in der Klassik: Wie erleben Sie das?
Singer: In den Vorstellungen davon, was eine Frau kann, und was nicht. Dirigentinnen sind nicht das einzige Thema. Nach wie vor gibt es kaum Trompeterinnen in den Orchestern, obwohl keinerlei körperliche Argumente dafür existieren, dass Frauen für dieses Instrument weniger geeignet seien. Auch am Schlagwerk sind selten Frauen zu entdecken.
zentralplus: Wie kommt das?
Singer: Machotum äussert sich wie Antisemitismus oft in den Formulierungen: Musikwissenschaftler und namhafte Kritiker, die heute noch Mendelssohns Werke süsslich finden, verraten viel über sich. Bizarr finde ich, dass es auch Frauen gibt, die Frauen sabotieren. Eine weltberühmte Geigerin sagte vor einigen Jahren zu mir, eine Frau am Dirigentenpult finde sie unpassend, sogar peinlich. Ich befürchte, auch im weiblichen Publikum sitzen viele, jedenfalls zu viele, die ebenso denken. Ihnen wünsche ich, dass sie einmal blind hörend ihre Vorurteile über Bord werfen und dann richtig in Fahrt kommen.
«Nur so jemand wie Michael Haefliger kann Klassikfestivals in die Zukunft führen.»
zentralplus: Was halten Sie von Michael Haefliger, dem Intendanten?
Singer: Er ist eine Persönlichkeit, die in keiner Weise zu den Vorstellungen von Festspielglamour passt. Genau das macht ihn zur Idealbesetzung. Ein Mensch, der nicht aus dem Management, sondern aus der Musik gewachsen ist. Auch weil er ein erstklassig ausgebildeter Geiger ist, der Brüche hat und Zweifel kennt, der immer auf der Suche ist und dem Fragezeichen wichtiger sind als Ausrufezeichen: Nur so jemand kann Klassikfestivals in die Zukunft führen.
zentralplus: Welches waren Ihre besten Erlebnisse am Lucerne Festival?
Singer: Diejenigen, die beweisen, dass dieses Festival den Musikern eine Heimat ist. Martha Argerich zum Beispiel …
zentralplus: … eine schweizerisch-argentinische Pianistin …
Singer: … weil sie sich hier offenbar verstanden fühlen.
zentralplus: Welches ist Ihre Lieblingsmusik?
Singer: Jede, die mich als eine Veränderte entlässt.
Ja
Nein