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Wikinger im südwestlichen Grönland deckten ihren Holzbedarf für den Bau von Häusern und Schiffen sowie zum Heizen größtenteils mit Treibholz und heimischen zwergwüchsigen Gehölzen, wie eine isländische Archäologin jetzt herausfand. Nur die besser gestellten Wikinger importierten Holz aus Europa und Nordamerika.
Auf Grönland gab es auch zu Zeiten der Wikinger, die zwischen 985 bis etwa 1450 auf der Insel siedelten, keine Wälder wie wir sie kennen. Die verfügbaren «Bäume» wuchsen maximal zu Strauchgröße heran und waren somit bestenfalls für kleine Holzkonstruktionen geeignet. Dennoch hatten die Wikinger genügend Material, um Schiffe und Häuser zu bauen. Aufgrund historischer Funde nahm man daher an, dass die Nordmänner ihre Siedlungen am Rande des grönländischen Inlandeises so lange halten konnten, weil sie ihren Bedarf an Brenn- und Bauholz durch Importe deckten.
Lísabet Guðmundsdóttir, Archäologin an der Universität von Island in Reykjavik, untersuchte jetzt Holzproben aus fünf ehemaligen Wikinger-Gehöften unter dem Mikroskop und bestimmte die damals verwendeten Baumarten, um Gewissheit über die Frage der Holzimporte zu bekommen. Ihre Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Antiquity veröffentlicht.
Guðmundsdóttir nutzte für ihre Analysen tausende hölzerne Artefakte und Fragmente, die bei archäologischen Ausgrabungen in Wikingerstätten in Südwestgrönland zu Tage gebracht wurden. Nach der mikroskopischen Analyse der 8.552 Holzproben kommt sie zu dem Schluss, dass etwas mehr als die Hälfte der Proben aus Treibholz stammt, das zusammen mit den heimischen Gehölzen den Holzbedarf mittelgroßer Siedlungen möglicherweise vollständig deckte. Nur etwa 0,3 Prozent konnte sie eindeutig importiertem Holz zuordnen, das hauptsächlich von dem bischöflichen Landgut Igaliku stammt. Das deutet der Autorin zufolge daraufhin, dass nur hochrangige Stätten Zugang zu importiertem Holz hatten. Allerdings sieht sie keine Hinweise darauf, dass der Import von Holz dort notwendig war. Vielmehr könnte dessen Nutzung reiner Luxus gewesen sein.
Den größten Teil des importierten Holzes von Baumarten wie Kiefer, Eiche und Buche brachten die Wikinger sehr wahrscheinlich aus Nordeuropa nach Grönland. Einige der Proben konnte sie jedoch auch nordamerikanischen Baumarten zuordnen, was bedeutet, dass die Wikinger in Grönland in der Lage waren, geeignete Schiffe zu bauen, mit denen sie mindestens bis ins 14. Jahrhundert hinein die Davisstraße überqueren konnten. Guðmundsdóttir interpretiert ihre Ergebnisse so, dass während der gesamten Zeit der Besiedlung Grönlands durch die Wikinger Reisen von Grönland nach Nordamerika unternommen wurden und die Wikinger viel länger als bisher angenommen Ressourcen aus Nordamerika beschafften.
Julia Hager, PolarJournal
Link zur Studie: Guðmundsdóttir, L. (2023). Timber imports to Norse Greenland: Lifeline or luxury? Antiquity, 97(392), 454-471. doi:10.15184/aqy.2023.13