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Der Ästhet im Metallkäfig: Ezra Pound und die «Cantos»
- Dienstag, 5. März 2013, 7:00 Uhr
Der amerikanische Autor Ezra Pound war Faschist – und ein Jahrhundertdichter. Nun sind zum ersten Mal seine «Cantos» vollständig auf Deutsch erschienen. Eine irritierende Leseerfahrung mit einem irritierenden Schriftsteller.
Ein Mann in einem Metallkäfig, nachts angestrahlt von gleissenden Scheinwerfern. Der Mann ist fast 60 Jahre alt, und er ist berühmt. Er ist Amerikaner, er ist ein politischer Gefangener, und er ist der grösste Dichter seiner Epoche. Ein Häftling in einem amerikanischen Internierungscamp wie auf Guantanamo. Drei mal vier Meter auf Betonboden. Aber der Käfig steht in Pisa, Italien. Das Datum ist der 26. Mai 1945. Wie kam der Mann dorthin?
Pound revolutionierte die moderne Lyrik
Ezra Loomis Pound war Faschist und Antisemit. Wie der Franzose Céline war er das nicht nebenbei, gleichsam als private Lebenshaltung oder politisches Credo, sondern er war es öffentlich. Er war es direkt in seiner dichterischen Arbeit, in seinem Werk, in den «Cantos».
Fünf Jahrzehnte hat Pound an dieser ebenso umstürzenden wie rätselhaften Grossdichtung gearbeitet. Sie hat die moderne Lyrik revolutioniert, die Fesseln der Verse zerrissen, die befreiten Rhythmen zu ungekannten Formen geführt.
Pound lektorierte ausserdem «The Waste Land» seines Freundes T.S. Eliot, förderte James Joyce und fand Bewunderer auch in Hemingway und Pasolini. Pounds Motto: «Make it new!» Und: «Poesie ist die Neuigkeit, die neu bleibt.» So wenigstens sollte sie es sein, nach Pounds Verständnis.
Ein rabiater politscher Wirrkopf
Aber: Der Mann aus Idaho hat ein Trauma. Für den 1885 geborenen Ezra Pound sind es die Kriegsteilnahme der USA im Ersten Weltkrieg und die Verluste seiner Generation. Verantwortlich für das Massensterben in Europa ist das Geld und die Finanzwirtschaft, Kreditwesen und Börse. Zumindest Pound sieht es so, bewundert Lenin wie später Mussolini.
Pounds Schlüsselfigur ist der «Wucherer», der negative Phänotyp der Moderne, dem er schnell antisemitische Züge gibt. Nie wird er dabei mehr werden als ein rabiater politscher Wirrkopf, aber sein Leitmotiv treibt die Dichtung voran. Pound ist Freigeist und Reaktionär, ästhetisch radikal und zugleich voller Ressentiment.
Sampling und Sprache als Sound
In Pounds lyrischer Welt wird alles gesampelt: italienische Renaissance und Thomas Jefferson, Homer, Dante und Slang. Die Rhythmen führen quer durch Zeiten, Orte und Personen und treffen dabei das Wesentliche: den Klang. Sprache ist Sound und dabei so modern, dass der Sinn auch mal verborgen bleibt.
Sinnfrei sind die «Cantos» natürlich nicht, aber eben nicht immer klar zu verstehen in ihren Verweisen der Verweise, Links und Anspielungen. Sie sind ein Rätselwerk mit magischen Zügen, das auch ungeheuer flach und banal sein kann.
Seit 1925 lebt Pound im italienischen Rapallo. Er schreibt weiter an den «Cantos», erste Lieferungen erscheinen jetzt. Er ist persönlich vertraut mit den Künstlern seiner Zeit, mit den Zentren in Paris und London. Doch das Politische gewinnt Überhand. In Pounds Privatmythologie steht der gerechte Herrscher gegen das nichtige Regime der Banken: Mussolini, «der Boss», steht gegen Alexander Hamilton, den Gründer der Bank of New York von 1784. – Alles wird Text.
Begeisterung für den Faschismus
Ab 1941 steht Pound endgültig auf der falschen Seite. Die «Cantos» dieser Jahre markieren seinen ästhetischen und moralischen Tiefpunkt. Bei «Radio Roma» hält er begeisterte Reden für Mussolini und gegen den Kriegseintritt der USA. Für den Faschismus und gegen US-Präsident Roosevelt. Das ist Hochverrat.
Was folgt, ist die Rache der Sieger. Pound wird verhaftet und interniert. In Italien wartet das Lager der Amerikaner auf ihn. Das Erkennungsfoto aus Pisa zeigt einen gealterten, aber nicht gebrochenen Mann mit Zornfalte auf der Stirn und steil nach unten gezogenen Mundwinkeln.
Das Foto entsteht bei der Aufnahme, bevor der berühmte Dichter in seinem Metallkäfig wie ein gefangenes Tier ausgestellt wird. Er bleibt dort drei Wochen, bevor er psychisch und physisch zusammenbricht und ins Krankenlager wechseln darf.
Zurück in den USA entgeht Pound nur knapp dem Todesurteil und verbringt die nächsten zwölf Jahre in einer staatlichen Heilanstalt in Washington D.C. Ein Gutachten hatte ihm Geisteskrankheit attestiert. Erst 1958 entlassen, kehrt Pound nach Italien zurück. Fast verstummt stirbt Ezra Pound 1972 in Venedig.
Auf einer geliehenen Schreibmaschine im Lager hatte er seine «Pisaner Cantos» geschrieben. Es wurden die schönsten. «I cannot make it cohere», es will sich mir nicht einfügen, notiert er zuletzt. Die Pisaner «Cantos» erschienen 1948. Im gleichen Jahr erhielt sein Schriftstellerkollege T.S. Eliot den Nobelpreis.
Ezra Pounds «Cantos»
Zwischen 1915 und 1965 hat Pound an seiner Dichtung, den «Cantos», gearbeitet. Immer wieder gab es Einzelveröffentlichungen und Übersetzungen. Jetzt sind die «Cantos» erstmals vollständig ins Deutsche übertragen worden, von der Übersetzerin und besten Pound-Kennerin Eva Hesse. Ihre Übersetzung ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Buchhinweis
Ezra Pound: «Die Cantos.» Übersetzt von Eva Hesse. Arche, 2012.