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Die Olympischen Spiele in Sotschi sind beendet – jedenfalls aus Sicht des Gastgebers. Die russische Eishockey-Nati versagt kläglich, verliert gegen Finnland 1:3 und scheidet aus.
Finnland knipst im Bolschoi Eistheater die Lichter aus. Ein gellendes Pfeifkonzert begleitet die russische Startruppe in die Garderobe. So eben ist das Unfassbare passiert: Russland hat die Goldmedaille, die es so sehr wollte wie keine andere, fortgeschmissen. Ist gescheitert, im Viertelfinal schon.
Die Mutter aller olympischen Niederlagen für Russland. Die Eishockey- Nationalmannschaft, der Stolz der russischen Sportkultur, hat schon wieder versagt.
Kein anderer Sport kommt so aus der russischen Seele wie das Eishockey. Es ist das Spiel eines Landes mit rauem Klima, langen Nächten mit einer Geschichte und einer Kultur, die auch alle Elemente des Eishockeys kennt: Kunst und Eleganz. Aber auch Gewalt. Und natürlich Triumph und Tragödie.
Was der kanadische Nationaldichter Al Purdy über die Faszination des Eishockey gesagt hat, gilt in Russland so sehr wie in Kanada. «Eishockey ist eine Mischung aus Ballet und Mord.»
1955 stiegen die Russen – damals noch als Sowjetunion – ins internationale Hockeygeschäft ein. Sie gewannen gleich den WM-Titel. Aber noch viel bedeutsamer ist der olympische Ruhm des russischen Hockeys: Gold 1956, 1964, 1968, 1972, 1976, 1984, 1988 und 1992.
Nur zweimal versagten die Russen bis 1992 an olympischen Spielen: 1960 in Squaw Valley und 1980 in Lace Placid gewannen die Amerikaner. Der Sieg der Amerikaner 1980 ist als «Miracle on Ice» in die Geschichte eingegangen und verfilmt worden.
1992 war die letzte Olympia-Mannschaft der ruhmreichen alten Hockeykultur. Auf dem Eis geführt von Slawa Bykow und Andrej Chomutow. An der Bande dirigiert von Viktor Tichonow.
Auf dem Papier sind die russischen Teams heute auch im Vergleich mit ihren Gegnern so gut wie in den «goldenen Jahren». Vielleicht sogar noch besser. Daran ändert auch nichts, dass ab 1998 die NHL-Profis mitspielen und die Konkurrenz die besten Spieler aufbieten kann. Auch die Russen haben ihre NHL-Superstars. Ein Olympiasieg wäre 1998, 2002, 2006 oder 2010 und auch hier in Sotschi möglich gewesen.
1998 kamen die Russen noch ins Finale (0:1 gegen Tschechen). Seither war vorzeitig Lichterlöschen. 2002 im Halbfinale gegen die USA (2:3), 2006 im Halbfinale gegen Finnland (0:4) und 2010 im Viertelfinale gegen Kanada (3:7). Und jetzt sind die Russen gegen Finnland zum zweiten Mal hintereinander im Viertelfinale gescheitert (1:3).
Dieses Scheitern hat durchaus einen Grund: Das verlorene Erbe der Kommunisten. Die Tugenden des Eishockeys in Zeiten des Kommunismus sind verloren gegangen.
In der alten Sowjetunion war die Eishockey-Nationalmannschaft ein Teil der Roten Armee. Die besten Spieler des Landes wurden im Armee-Sportklub ZSKA Moskau zusammengefasst und ZSKA Moskau bildete den Kern der Mannschaft. Mehrmals kam das komplette WM-Allstar-Team von ZSKA Moskau. Alle Spieler in dieser Mannschaft waren Offiziere der Roten Armee. Ihre Vorgesetzten – zuletzt Cheftrainer Victor Tichonow – im Range eines Oberst.
Das Kollektiv, das Ideal der sozialistischen Gesellschaft, ist nie perfekter umgesetzt worden als im Eishockey. Die Kommunisten «bauten» die perfekteste Eishockeymaschine, die es je gab und die in Nordamerika respektvoll «The Big Red Machine» genannt wurde.
Das sowjetische Nationalteam dominierte nicht nur das Amateurhockey. Die Sowjets forderten ab 1972 auch erfolgreich die NHL-Stars heraus. Die Spiele zwischen den NHL-Titanen Kanadas und den Sowjets sind bis heute unerreicht.
Es war nicht nur Eishockey. Es war die Auseinandersetzung zwischen zwei Gesellschaftsystemen. Kommunismus gegen Kapitalismus. Diese grösste Rivalität der internationalen Sportgeschichte erreichte ihren Höhepunkt beim Kanada Cup 1987. Mit den drei Finalspielen, die alle 5:6 endeten. Zweimal gewannen die Kanadier, einmal die Sowjets.
Die «grosse rote Maschine» war das Produkt des intensivsten Trainings der Hockeyweltgeschichte. Tag für Tag übten die besten Spieler der Sowjetunion in einem Team mit militärischem Drill Spielzüge, Technik und Taktik. Die Sowjets hatten überragende Einzelspieler – aber nicht die besseren als heute. Der Unterschied war das perfekteste Zusammenspiel in der Geschichte des Mannschaftsportes das es so nie mehr geben wird. Weil es im kapitalistischen Sport nicht mehr möglich ist, die besten Spieler eines Landes jahrelang in einem Team zusammenzufassen.
Die Sowjets spielten ganz einfach präziser und schneller als ihre Gegner. Es war Eishockey wie höhere Geometrie, entwickelt und umgesetzt in jahrelanger Arbeit von Trainer, die Ingenieure des Eishockeys waren. Perfektionisten, die alle Macht über ihre Spieler hatten.
Mit der Auflösung der Sowjetunion ist auch diese Eishockeykultur der Kommunisten untergegangen. Die «grosse, rote Maschine» gibt es nicht mehr. Es gelingt nicht mehr, aus den wunderbaren Einzelspielern, aus diesen Künstlern, eine Mannschaft zu bilden. Die westlichen Hockeynationen sind dazu in der Lage, in kurzer Zeit ein funktionierendes Team zusammenzusetzen. Die Russen nicht.
Zwang wie zu Tichonows Zeiten ist nicht mehr möglich. Eine zu autoritäre Führung verbitten sich die kapriziösen NHL-Stars. Sie ordnen sich nur ungern in ein Defensivsystem ein. Slawa Bykow führte die Russen 2008 und 2009 zum WM-Titel. Er musste gehen. Weil er zu streng war. Vielleicht wäre es Slawa Bykow gelungen, hier Gold zu gewinnen.
Die Russen sind hier nicht zufällig wie 2006 gegen Finnland gescheitert. Einst galten die Finnen als «Sowjets in Blau und Weiss». Weil sie die Kunst des sowjetischen Hockeys erfolgreich übernommen haben: Tempo und Technik. Und sie verbinden sie mit Leidenschaft und taktischer Schlauheit.
Russland hat die wichtigste Goldmedaille verloren. So grossartig diese Spiele im organisatorischen Bereich auch sein mögen – im Rückblick werden sie für die Russen sportlich enttäuschend sein und sie werden sagen: «Ach, wie schön war Sotschi. Aber wir haben im Eishockey nicht gewonnen…»