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Auf ein Wort: «Depot»
Über die Fabel vom ängstlichen Anleger und seinem Bankdepot.
Viele Jahrhunderte, bevor es Wertpapiere und Börsenkurse, Börsengewinner und Börsenverlierer gab, hat Äsop die Fabel vom ängstlichen Anleger und seinem Bankdepot, dem ultimativen Börsencrash und dem alternativen Depot erzählt: «Ein Habsüchtiger machte all sein Hab und Gut zu Geld und kaufte sich davon einen Goldklumpen; den vergrub er draussen vor der Stadtmauer und ging nun täglich dort hinaus, um nach seinem Schatz zu sehen.
Einer der Landleute in der Gegend beobachtete sein Kommen und Gehen und traf mit seiner Vermutung das Richtige; als der Mann das nächste Mal wieder gegangen war, brachte er den Goldklumpen beiseite. Als der Habsüchtige tags darauf wiederkam und sein Versteck leer fand, weinte er und raufte sich die Haare.
Da tröstete ihn ein Freund, der ihn so verzweifelt antraf und den Grund seines Unglücks hörte, mit dem Rat: «Trauere dem Gold nicht nach, sondern nimm irgendeinen Stein, lege ihn in dasselbe Versteck und stelle dir vor, dein Goldklumpen liege darin. Denn auch, als er dort noch lag, hast du von ihm ja keinen Gebrauch gemacht.»
Die antike Schulausgabe verpasst uns die Moral von der Geschicht: «Die Fabel macht klar, dass der Besitz nichts wert ist, wenn nicht der Gebrauch hinzukommt.» Ja, für solch ein Depot taugt ein Stein so gut wie das Gold, und mehr als das: Er ist die sicherste Anlage der Welt, und er lässt seinen Anleger – oder eher Ableger – ruhig schlafen. Aber da bleibt doch die Frage: Braucht es den Stein überhaupt, und wenn ja, wozu?»
Text: Klaus Bartels, Altphilologe und Publizist