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Im vergangenen Mai öffnete das «American Writers Museum» in Chicago erstmals seine Türen. Das 10 Millionen Dollar teure Projekt wurde ausschliesslich aus privaten Mitteln finanziert.
Was beim Gang durch die fünf Ausstellungsräume auffällt: Die Kuratoren haben fast vollständig auf Artefakte mit auratischer Wirkung verzichtet.
Das heisst: Es gibt keinen Schreibtisch von J.D. Salinger, keine Schreibmaschine von Dashiell Hammett und kein Original-Manuskript von Emily Dickinson. Ein Literaturmuseum, das auf Bücher der Autoren verzichtet? Das gehört zum Konzept des American Writers Museum.
Nicht nur Lyriker und Romanciers
Gleich am Anfang der Ausstellung befindet sich eine riesige Wand mit Autorenporträts – chronologisch geordnet von der Entdeckung Nordamerikas bis zur Gegenwart.
Darunter befinden sich nicht nur Schriftsteller, sondern auch Geistes- und Naturwissenschaftler, Politiker, Seefahrer oder Musiker wie der Rapper Tupac Shakur.
Hier wird klar: Im American Writers Museum geht es nicht um Lyriker und Romanciers im engeren Sinne, sondern um Textproduzenten im Allgemeinen.
Nur verstorbene Autoren
Da wird auf Thomas Jefferson und die von ihm verfasste US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung verwiesen oder auf einen Brief, den Martin Luther King aus dem Gefängnis geschrieben hat. Dazu zwei, drei Absätze Infotext, was in seiner Kürze nicht annähernd an Wikipedia heranreicht.
Lebende Autoren? Fehlanzeige! Es werden nur verstorbene Personen gewürdigt. Noch lebende Schriftsteller bleiben draussen vor der Ausstellungstür.
American Voices
Gegenüber befindet sich eine Wand mit Boxen und kleinen Klapptüren, hinter denen gedruckte Zitate versteckt sind, Gerüche, Film- und Tonaufnahmen. Das ist ästhetisch nett gemacht, aber in die Tiefe geht das nicht.
In der Installation «American Voices» liest man zu James Fenimore Cooper, dem Verfasser der «Lederstrumpf»-Geschichten, dass der österreichische Komponist Franz Schubert auf dem Sterbebett liegend seinen Bruder bat, beim nächsten Besuch ein Buch von Cooper mitzubringen. Am besten den «letzten Mohikaner». Solche Verbindungen sind überraschend und interessant.
Kein trockenes Museum
An mehreren Bildschirmterminals kann man sich durchklicken: Hier äussern sich Experten zu literaturgeschichtlichen Schlüsselbegriffen wie experimentelle Literatur, Nonkonformismus oder Satire.
In zwei weiteren Ausstellungsräumen werden temporäre Ausstellungen gezeigt sowie Leihgaben von Dichterhäusern, mit denen das Museum kooperiert. Etwa die berühmte 37 Meter lange Papierrolle aus dem Beat-Museum in San Francisco, auf die Jack Kerouac seinen Roman «On the Road» geschrieben hat.
Jedermann als Dichter
Dass es dem American Writers Museum nicht nur um grosse Namen geht, beweisen Spielereien mit einem «Do-it-yourself-Dialog-Generator» und alte Schreibmaschinen, an denen man eine «Story of the Day» verfassen kann.
Sie drücken das Credo aus: In jedem kann das Potential zum Dichter schlummern.
Das American Writers Museum ist kein traditionelles Museum, das sich auf das Sammeln, Bewahren, Ausstellen und Lernen konzentriert. Stattdessen geht es darum, welche Autoren und Werke die US-amerikanische Kultur beeinflusst haben.
Die nachdenkliche Reflektion, wie etwa literarische Texte entstehen, wer daran «mitschreibt», wie Unterhaltungsindustrie, Medienkonzentration und Infotainment auf Literatur wirken, findet im American Writers Museum nicht statt.
Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 7.12.2017, 8.20 Uhr