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indische Geschichte
Unter einem grossen Baum, nahe einer Landstrasse, sass für lange Zeit ein Yogi in Askese und Meditation vertieft. Bewegungslos verharrte er bei Regen, Wind und Kälte, ohne Schutz und ohne Nahrung. Doch fühlte er, dass er trotz der Anstrengung, die er unternahm, seinem Ziel, der Befreiung, nicht näherkam. Immerhin war er aber durch seine aussergewöhnliche Entsagung bereits zu einem gewissen Ruhm gekommen, und so pilgerten immer wieder Menschen zu ihm, um ihm ihren Respekt zu erweisen. Das tröstete ihn vorerst und er dachte, dass er sein Ziel bestimmt auch noch erreichen würde.
Eines Tages jedoch kam ein Weiser die Landstrasse entlang, der sein Leben vollkommen Gott geweiht hatte. Unbeschwert und mit einem Mantra auf den Lippen zog der Gottgeweihte an dem sitzenden Asketen vorbei. Dieser hatte die auffallende Gestalt bereits von weitem gesehen und war von dem Gefühl erfüllt worden: "Dieser Mensch hat etwas, was ich nicht habe. Aus ihm leuchtet die Freiheit und die Liebe, die ich erlangen möchte. Ich sollte aufstehen und ihm nachgehen". Aber sogleich verwarf er diesen Gedanken wieder, denn er dachte daran, welchen Eindruck das wohl auf die Leute machen würde, wenn er plötztlich seine Mediation aufgeben und diesem wildfremden Mann dort hinterherlaufe würde. So blieb er sitzen, wurde jedoch bald von Reue geplagt, da er die Gelegenheit verpasst hatte.
Nach einigen Tagen schritt derselbe Mann wieder auf dem Weg an dem Asketen vorbei. Diesesmal warf der Asket alle Bedenken über Bord, stand auf und lief dem Weisen hinterher. Bald hatte er ihn erreicht, grüsste ihn und erzählte von seinen Bemühungen. Er fragte den Weisen nach dem Geheimnis, das ihn an sein Ziel und zu der Liebe und Freiheit bringen konnte, welche von dem Gottgeweihten ausgingen.
Der Weise verblieb zuerst still, aber als der Asket nachdrücklich auf einer Antwort beharrte und hartnäckig an seiner Seite verblieb, forderte er ihn auf, ihm nachzufolgen.
Glücklich schritt nun der Askete neben dem Gottgeweihten her, bis sie zu einem Fluss kamen. Der Weise ging einige Schritte ins Wasser hinein und forderte den Asketen auf, es ihm gleichzutun. Willig kam dieser der Aufforderung nach, als er unversehens von dem Weisen am Kopf gepackt und unter Wasser getaucht wurde. Völlig überrascht verblieb er einige Augenblicke still, bis ihn Atemnot packte und er mit den Armen zu rudern begann. Doch der Griff des Weisen lockerte sich nicht, und bald schon begehrte der Asket mit jeder Faser seines Wesens nach nur einem Atemzug frischer Luft. Da endlich zog der Gottgeweihte den Asketen aus dem Wasser hervor und dieser schnappte nach dem einzigen, das für ihn in diesem Moment irgendeine Bedeutung hatte: nach Luft.
"Das ist das Geheimnis," sagte der Gottgeweihte darauf. "Wenn du dich mit derselben Intensität und Ausschliesslichkeit nach Gottes Liebe sehnst, mit der du diesen einen Atemzug begehrtest, dann wirst du ans Ziel gelangen."