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In den Massenmedien wie auch in vielen sozialwissenschaftlichen Studien werden die Begriffe "Gemeinschaft" oder "Gruppe" ohne klare Definition verwendet. Zudem beruhen die Beschreibungen oft auf zugeschriebenen Kategorien wie Verwandtschaft ("Gemeinschaft des Blutes") oder Nachbarschaft ("Gemeinschaft des Ortes").
Für die Studie zur "Sozialwelt des Internet" definieren wir "Gemeinschaft" nicht als einen kategorialen Begriff, sondern als eine empirisch festzustellende Beziehung zwischen verschiedenen Elementen in einem persönlichen Netzwerk. Die Stärke oder die Intensität solcher Beziehungen kann sich dabei graduell unterscheiden.
Einem Vorschlag von
Barry Wellman und Milena Gulia (1997) folgend unterscheiden wir folgende zwei Grundformen von "communities":
In unserer Fallstudie zur "Sozialwelt des Internet" stellten wir fest, dass die Überschneidungen der Online- und der Offline-Beziehungen der befragten NutzerInnen von Chatgruppen deutlich stärker ist als bei den NutzerInnen von Newsgruppen, wo die Egos ihre Online-Bekannten kaum je in einem Offline-Kontext kannten.
Die Netzwerke der NutzerInnen von Newsgruppen waren demnach uniplexer als jene der NutzerInnen von Chatgruppen.
Dies kann in folgenden Grafiken veranschaulicht werden:
Diese Darstellung einer befragten Person, die eine Newsgruppe als seine "wichtigste Internetgruppe" angab, weist deutlich verschiedene Cluster oder Subgruppen auf, sowie "isolierte" Alteri.
Die Darstellung beruht auf einer "Wer-kennt-wen"-Matrix: Die befragten Personen mussten für alle von ihnen genannten Alteri (Nr. 1, 2, 3, ...(n-1)) angeben, ob sich diese jeweils auch die anderen Alteri (Nr. 2, 3, 4, ...(n)) kennen, und zwar nur online (rot), nur offline (blau), on-und-offline (grün), oder gar nicht (weiss).
(Aus Gründen der Anschaulichkeit sind die Ego-Alter-Beziehungen in diesem Graph nicht dargestellt, und die Distanzen zwischen den einzelnen Alteri entsprechen keinen gewichteten "sozialen Distanzen".)
(*) "Typisch" ist hier in der Bedeutung von "idealtypisch" zu verstehen.
Diese Darstellung einer befragten Person, die einen Chat als seine "wichtigste Internetgruppe" angab, zeichnet sich durch viele online-und-offline-Beziehungen aus (grüne Linien).Die Grafiken 3 und 4 veranschaulichen, dass die persönlichen Netzwerke von Chat-NutzerInnen dichter gewoben sind, weniger "isolierte" Alteri aufweisen, und dass deren Alteri sich oft sowohl in einem Online-Kontext als auch in einem Offline-Kontext kennen.
Aufgrund des quantitativen Vergleichs der Dichte-Werte aller befragten Egos kann festgestellt werden, dass sowohl die NutzerInnen von Newsgruppen wie auch jene von Chatgruppen durchaus persönliche Beziehungen haben, also nicht "vereinzelt" sind. Hingegen lassen sich starke Beziehungen (strong ties) im Sinne von group communities nur bei jenen Befragten nachweisen, welche einen kommunikativen Internetdienst (Chat, MUD oder ICQ) als ihre "wichtigste Internetgruppe" angeben.
Dennoch können diese Chats nicht als eigentliche "virtuelle Gruppen" im engeren Sinn betrachtet werden, da die Online-Kontakte meist durch Offline-Kontakte stabilisiert werden.
Aus diesem Grund gelangten wir in unserer Fallstudie zur "Sozialwelt des Internet" zur Auffassung, dass - zumindest in den untersuchten fünf Fällen - die Internetdienste keineswegs etwas grundsätzlich Neues sind, sondern eher als ein neuer Kommunikationskanal betrachtet werden müssen - ähnlich wie das Telefon einige Jahrzehnte zuvor.
Wir betrachten dieses Ergebnis als ein Beispiel für den unterschiedlichen Gebrauch einer bestimmten
Technologie in einem unterschiedlichen kulturellen Kontext.
Gleichzeitig können die starken Unterschiede zwischen den NutzerInnen von Chats und von Newsgruppen, die sich durch den gesamten Datensatz feststellen lassen, als Beleg dafür betrachtet werden, dass unterschiedliche technische Konstellationen mit unterschiedlichen Mustern der Nutzung und mit unterschiedlichen Formen von persönlichen Netzwerken einhergehen.
Beide Resultate bestätigen den Ansatz des social shaping in der Technologieforschung.
Diese Unterschiede näher zu betrachten wird ein weiterer Schritt bei der Erforschung der Zusammenhänge von technischen Systemen und kultureller Praxis sein:
Christoph Müller (*1964) studierte Soziologie, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
und politische Wissenschaften an der Universität Zürich.
Von April 1997 bis Oktober 1999 arbeitete er an einem von Prof. Dr. Bettina Heintz
geleiteten soziologischen Forschungsprojekt zur "Sozialwelt des Internet".
Die Ergebnisse dieser Studie werden gegenwärtig im Rahmen einer Dissertation
an der Universität Bern vertieft.
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