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Lea: Weisst du, dass du mich nicht überholen kannst, wenn du mir jetzt einen Vorsprung gibst?
Markus: Könnten wir ausprobieren.
Lea: Das behaupte nicht ich. Das hat vor zweieinhalb Jahrtausenden der griechische Philosoph Tales berechnet. Er zeigte das anhand einer Schildkröte und des für seine Schnelligkeit bekannten Achilles. Die Schildkröte bekommt einen Vorsprung, sagen wir von 100 Metern. Beide laufen gleichzeitig los; Achilles läuft schnell, doch wenn er den Startpunkt der Schildkröte erreicht hat, ist auch diese schon ein Stück weitergegangen. Achilles läuft noch ein wenig schneller, um die Schildkröte überholen zu können.
Markus: Und? Hat er es geschafft?
Lea: Nein. Denn immer, wenn Achilles beim Punkt ist, wo die Schildkröte war, ist diese schon wieder ein wenig weiter.
Markus: Aber er kann sie doch einfach überholen?
Lea: Das ist das Paradoxe an der Logik der Geschichte. Der Abstand wird zwar immer kleiner bis ins unendlich Kleine, aber in der Zeit, in welcher Achilles die Schildkröte überholen will, ist diese, wenn auch sehr langsam, immer wieder weitergelaufen. Verstehst du?
Markus: Krass! Ja, ich verstehe, was du meinst. Aber ich kann es mir nur schwer vorstellen!
Vom unendlich Kleinen …
Lea: Wenn wir von den unendlich kleinen Schritten der Schildkröte reden, kommt mir unsere letzte Biologiestunde in den Sinn. Weisst du noch, aus wieviel Zellen unser Körper besteht?
Markus: Klar, man schätzt sie auf 75 bis 100 Billionen.
Lea: Ja. Aneinandergereiht gäbe es eine Stecke von 2,5 Millionen Kilometer. Einen Kilometer davon bauen wir jede Sekunde ab und bilden ihn neu. Und was ich so fantastisch finde: Sie arbeiten alle zusammen. Wären sie so individualistisch und chaotisch wie ich, würde nichts entstehen.
Markus: (lacht) Und die Zelle ihrerseits ist ein hochkomplexer Organismus. Sie trägt die DNA des Ganzen, hat ein eigenes Kraftwerk zur Erzeugung der nötigen Energie und ein Programm, das festlegt, wann die Zelle wieder sterben soll.
Lea: Das alles ist schon erstaunlich. Die Zelle ist so klein; aber sie kann dann noch weiter geteilt werden in Moleküle, dann Atome, Protonen und Elektronen, dann Quarks und so weiter. Eindrücklich, nicht?
… ins unendlich Grosse
Lea: Nun haben wir über das unendlich Kleine gesprochen. Wie ist es denn mit dem unendlich Grossen?
Markus: Dazu habe ich kürzlich eine Geschichte geschrieben, angeregt vom Buch «Momo». Soll ich sie dir vorlesen? Ich habe sie dabei.
Lea: Ja, setzen wir uns doch hier auf diese Bank. Es ist gerade noch hell genug zum Lesen.
Markus: Also … :
Kennst du Kassiopeia, die kleine Schildkröte aus «Momo», der Geschichte von Michael Ende?
Kein Problem, wenn du sie nicht kennst. Dann lernen wir sie jetzt zusammen kennen! Kassiopeia nimmt uns mit auf eine kleine Reise in die unendlichen Weiten des Sternenhimmels. Denn Kassiopeia kommt von da. Natürlich wohnt die Schildkröte selbst nicht im Sternenhimmel; doch ihr Sternbild, mit demselben Namen, schon.
Hast du schon mal in diese Vielzahl von leuchtenden Sternen geschaut? Wenn sie am Abend, einer nach dem anderen, langsam, am immer dunkler werdenden Nachthimmel erscheinen. Wir alle bekommen mit unserer Geburt ein Sternzeichen geschenkt. Vielleicht hast du deines schon mal gesucht und dich beim Blick in den Himmel in der Unendlichkeit des Universums verloren. Egal, wie sehr wir uns anstrengen, wir können die Grösse und Weite nicht erfassen. Sie sind nicht nur unendlich, sondern auch unglaublich. Mir geht es oft so, wenn ich in diese Millionen von leuchtenden Sternen schaue. Ich kann es fast nicht glauben, wie gross und weit und tiefgründig alles da oben ist. Manchmal macht mir das auch Angst, kennst du das auch?
Wir brauchen keine Angst zu haben, meint Kassiopeia. Die Schildkröte, alt und weise, sagt: «Stellt euch das Universum wie einen Schutzraum vor, welcher uns umgibt. Dieser Schutzraum war schon immer da und wird immer da sein; auch wenn wir schon längst nicht mehr sind. Wer weiss, vielleicht werden wir zu einem Teil des Schutzraums, wenn wir unser Leben hier auf der Erde gelebt haben.»
Diese Vorstellung finde ich schön. Ein Teil eines grossen Ganzen zu sein bis in alle Ewigkeit.
Kassiopeia zeigt uns auf der kleinen Reise nicht nur die Sterne, sondern auch den Mond. Wir haben Glück, es ist eine klare Vollmondnacht; so brauchen wir nicht mal eine Taschenlampe, um in der Dunkelheit etwas sehen zu können. Beim genauen Betrachten des Sternenhimmels können wir sogar einen leicht rötlich-orangen «Stern» funkeln sehen. Es ist kein wirklicher Stern, sondern ein Planet: der Mars. – Oh, schau mal da! Eine Sternschnuppe!
Beim Anblick all dieser schönen Himmelskörper frage ich mich manchmal, wer oder was wohl dahintersteckt – hinter dieser unendlichen Perfektion? Wer oder was hat das alles erschaffen?
Haben wir es einem unendlich grossen Zufall zu verdanken, dass wir hier auf einem Planeten lebensfähig sind? Da musste so vieles zusammenpassen – und es hat zusammengepasst, wie durch ein Wunder. Ja, mir erscheint das ganze manchmal wie ein grosses Wunder.
Nebst der Angst, welche ich manchmal beim Anblick der Unendlichkeit über uns verspüre, gibt mir der Gedanke an die Unendlichkeit auch ein Gefühl der Sicherheit. Wenn ich daran denke, dass das alles, dieser ganze Schutzraum schon immer da war und irgendwie weder Zeit noch Raum eine Rolle spielen, beruhigt mich dies.
Lea: Eine schöne Geschichte. Und siehst du – der Sternenhimmel da oben passt wunderbar dazu.
Schwerpunkt «unendlich»
Zwischen dem 1. Januar und 31. März beschäftigt sich UNDGenerationentandem mit dem Schwerpunkt «unendlich». Dieser Beitrag entstand in diesem Rahmen und erschien bereits in der 44. Ausgabe des UND-Magazins.
Hier findet ihr weitere Beiträge zum Schwerpunkt «unendlich».