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Ist das Naturreservat Grande Cariçaie auch ein Lebensraum für die Europäische Wildkatze? Dieser Frage geht derzeit der Verein Grande Cariçaie in Zusammenarbeit mit der Stiftung Kora nach. Auf drei Abschnitten auf der Südseite des Neuenburgersees haben die Vereinsmitglieder abwechselnd für sechs Wochen elf Fotofallen aufgestellt sowie Holzpflöcke, die mit Baldrian bestrichen worden waren. Der Baldrianduft soll Wildkatzen in die Fotofalle locken.
Im Abschnitt zwischen Cudrefin und Forel waren bis Mitte November Fotofallen installiert. Dort seien mindestens zwei Wildkatzen erfasst worden, sagt Christophe Sahli vom Verein Grande Cariçaie auf Anfrage. Zwischen Forel und Cheyres seien keine Wildkatzen fotografiert worden. Derzeit stehen die Fotofallen im dritten Abschnitt zwischen Cheyres und Yverdon. Deren Bilder werden Ende Monat ausgewertet, so Sahli.
Getigertes Fell
Ob es sich auf den Fotos um Wildkatzen oder Hauskatzen handelt, sei anhand mehrerer Merkmale erkennbar, erklärt Antoine Gander vom Verein Grande Cariçaie. «Wildkatzen sind im Vergleich zu Hauskatzen dick.» Ihr Schwanz sei sehr buschig, habe ein schwarzes Ende und weise vier bis fünf Ringe auf. Das Fell einer Wildkatze sei gelblich-grau und getigert. Die Augen seien grün.
«Ein Gentest ist das aussagekräftigste Mittel, um festzustellen, welche Art Katze es ist», sagt Gander. Wenn sich die Tiere an den mit Baldrian bestrichenen Holzpflöcken reiben, bleiben Haare zurück. «Diese sammeln wir ein und schicken sie an ein Labor», sagt Sahli. Jedoch hätten sich die fotografierten Katzen bisher nicht an den Pflöcken gerieben, weshalb auch keine Haare eingesammelt werden konnten.
Wenige Beobachtungen
Am südlichen Ufer des Neuenburgersees dürften etwa zehn Wildkatzen leben, so die Schätzung von Sahli und Gander. Abgesehen von der derzeit laufenden Studie seien die wenigen gemeldeten Beobachtungen von Wildkatzen mehrere Jahre alt. Eine von einem Auto überfahrene Wildkatze sei vor zwei Jahren nahe Yverdon gefunden worden.
Eine regelmässige Überwachung des Ufers des Neuenburgersees auf Wildkatzen gebe es bislang im Gebiet des Fanel-Reservats nahe Gampelen durch die Stiftung Kora. Deren Zweck ist, die Entwicklung der Raubtierpopulation in der Schweiz zu überwachen und deren Lebensweise in der modernen Kulturlandschaft zu erforschen. Für die Studie des Vereins Grande Cariçaie habe Kora Fotofallen ausgeliehen, sagt Sahli.
Der Verein Grande Cariçaie interessiert sich am Südufer des Neuenburgersees nicht nur für Wildkatzen. «Wir wollen auch die Relevanz eines zusammenhängenden Waldstreifens aufzeigen», sagt Gander. Denn dank eines solchen Waldbandes könnten Tiere zwischen dem Hinterland und dem Seeufer wandern.
Tier des Jahres 2020
«Botschafterin für wilde Wälder»
In der Schweiz könnten ein paar Hundert Europäische Wildkatzen leben, sagt Andreas Boldt, Wildtierbiologe und Projektleiter Biotope und Arten bei Pro Natura. «Doch gehen die Schätzungen sehr weit auseinander.» Die ausgedehnten Wälder und Wiesen der Jurakette seien die Hei- mat dieser einzelgängerischen Tierart. Dort jagen Wildkatzen Mäuse, suchen Verstecke und bringen ihre Jungen zur Welt. Ihre Reviere sind jeweils einige Quadratkilometer gross.
Wildkatze drohte Ausrottung
Ursprünglich war die Wildkatze in Europa weit verbreitet. In der Schweiz lebte sie vor allem im Mittelland und im Jura. «Im 18. und 19. Jahrhundert wurden diese Tiere bejagt», sagt Boldt. Zudem sei ihr Lebensraum sehr stark zurückgegangen: Die Waldflächen wurden kleiner und vom Menschen stärker genutzt. Die Wildkatze stand vor der Ausrottung.
Heute breitet sich diese Tierart ausgehend vom Jura und von Frankreich wieder aus. Boldt führt diese Entwicklung, darauf zurück, dass die Wildkatzen seit mehreren Jahrzehnten geschützt sind. Gleichzeitig hat die Fläche der Wälder zugenommen und die Nahrungsgrundlage der Wildkatzen – sie fressen vor allem Mäuse – sich verbessert.
Neue Erkenntnisse würden zeigen, dass Wildkatzen in der Schweiz auch ausserhalb von Wäldern zurechtkämen, sofern genügend Verstecke und Wanderkorridore vorhanden seien, so Boldt. Die Chancen stünden gut, dass die Wildkatze sich vom Jura über das Mittelland bis in die Voralpen ausbreite.
Pro Natura Schweiz hat die Wildkatze als Tier des Jahres 2020 erkoren. Sie sei eine «Botschafterin für wilde Wälder und vielfältige Kulturlandschaften». Damit verbindet Pro Natura die Botschaft, dass die Natur nicht bis auf den letzten Meter vom Menschen genutzt werden solle. Orte, wo Tiere und Pflanzen sich selbst überlassen und ungestört sind, seien sinnvoll, sagt Boldt.
Einen Appell richtet Pro Natura an die Besitzer von Hauskatzen: Sie sollten ihre frei laufenden Tiere kastrieren. Weil sich die Europäische Wildkatze und die Hauskatzen – die von der afrikanisch-asiatischen Wildkatze abstammen – untereinander paaren könnten, sei eine Vermischung möglich. Dies stelle mittelfristig die grösste Gefahr für die Europäischen Wildkatzen dar.