Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03606.jsonl.gz/2452

«Schon gehört von diesen Videorekordern, die es jetzt gibt?» Grossvater hatte natürlich schon einen.
«Eine Kiste, die man programmieren kann?» Im Büro des Grossvaters stand so etwas, bevor der Begriff «Computer» zum Allgemeingut wurde. Ein Commodore PET 2001.
Und dann: «Teletext ist da!». Noch nie davon gehört – bei Grossvaters neuem Riesenfernseher mit Stereo-Lautsprechersystem aber bereits integriert.
Warten auf die «Austastlücke»
Auf der Fernbedienung konnte ich eine dreistellige Zahl eingeben, zum Beispiel «180». Dann begann eine Achtsamkeitsübung, die alle heutigen Anti-Stress-Programme in den Schatten stellen.
Das Gerät begann sich langsam der gewünschten Seite anzuschleichen, zählte von 100 aufwärts, übersprang mehrere Male die «180», blieb dann nach etlichen Sekunden bei der gesuchten Zahl hängen – auf dem Fernseher erschienen plötzlich Sportresultate.
Der Trick mit der «Austastlücke»
Entwickelt wurde der Teletext von der BBC. Deren Techniker suchten eine Möglichkeit, vom Zuschauer zuschaltbare Untertitel mit dem Fernsehprogramm mitzusenden. Die Lösung fanden sie in der sogenannten «Austastlücke».
Vereinfacht erklärt funktioniert das so: Ein analoges Fernsehbild bestand aus 576 Zeilen. Gesendet wurden aber 625 Zeilen – 49 Zeilen zu viel. In diesen hatten die Techniker die Teletext-Informationen gepackt.
Der Dienst ist also ein Abfallprodukt der ungenutzten Lücken des analogen Fernsehens, die 799 Seiten an Informationen in acht Farben oder 25 Zeilen à je vierzig Zeichen ermöglichten. Über die «Austastlücke» wurde auch das VPS-Signal gesendet für die präzise Steuerung eines Videorekorders.
Es war ein Erlebnis voller Magie, das ich vor vierzig Jahren hatte. Dennoch nutzte ich das «neue Medium» in den folgenden Jahren nur sporadisch, auch, als es dank eingebautem «Pufferspeicher» in moderneren Fernsehgeräten schneller und komfortabler wurde.
Wirklich den Ärmel hereingezogen hat mir Teletext nie. Dies, auch weil ich in meinem ersten Modem Ende der 1980er Jahre zum Glück eine bessere Alternative zur Informationsbeschaffung hatte.
Teletext spielt Spotify
Die technischen Weiterentwicklungen von Teletext (oder auch Videotext) schafften es nicht, meine Meinung über diesen Dienst zu ändern, denn sie waren überschaubar. Neben dem «Pufferspeicher» brachte «Level 2.5» eine freiere Farbdefinition, erweiterte Sonderzeichen und «höhere» Auflösung von «Grafiken».
Der «Höhepunkt» war wohl «r@dio mp3» aus dem Jahr 2000. Eine Münchner Firma betrieb den ersten Streamingdienst der Welt, der über ein Fernsehsignal verbreitet wurde. Man konnte sich kostenlos und legal MP3, Link öffnet in einem neuen Fenster-Dateien auf einem Computer mit TV-Karte speichern.
Der Sender schickte die Musikdaten über NBC Europe, Link öffnet in einem neuen Fenster, der seinen Teletext bereits abgeschaltet hatte und deshalb die freien «Austastlücken» für dieses «Teletext-Spotify» zur Verfügung stellen konnte.
Der Technologie-Podcast von SRF über Internet, Smartphones, soziale Netzwerke, Computersicherheit und Games.
Um diesen Podcast zu abonnieren, benötigen Sie eine Podcast-kompatible Software oder App. Wenn Ihre App in der obigen Liste nicht aufgeführt ist, können Sie einfach die Feed-URL in Ihre Podcast-App oder Software kopieren.
Teletext heute: Technisch absurd
Das Projekt überlebte nicht lange. Der Schweizer Teletext aber schon, dank sorgfältiger Pflege und einigem Aufwand. Heute kommen die Informationen über einen zusätzlichen Datenstream auf die digitalen Fernsehgeräte oder als im Original 1980er-Look generierte Bild-Dateien im GIF-Format.
Technisch betrachtet ziemlicher Blödsinn, für Nostalgiker ist die Höhlenmalerei des digitalen Zeitalters aber ein Freudenfest.
Rund eine halbe Million Menschen gönnen sich diese Freude jeden Tag. So viele rufen nämlich auch heute noch eine Teletext-Seite auf, selbstverständlich durch Eingabe einer dreistelligen Nummer – dank Teletext-App oft auf ihrem Smartphone.
Die Kombination erinnert an Software, mit der man vom PC aus ein Word-Dokument an ein Faxgerät senden kann. Auch die sind schliesslich nicht zu töten. Ändern wird das, auch beim Teletext, nur die junge Generation, die komplett frei ist von verstaubten Kindheitserinnerungen oder wie ich schon beim Grossvater, schnell genug bekommen von gewissen Technologien.