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Ueli
Zaugg referierte über die Flüchtlingspolitik während des 2. Weltkrieges
Am vergangenen Sonntagmorgen gab der ehemalige Obfelder Sekundarlehrer im Rahmen der Aktion "Doppelpass" mit vielen Dokumenten - vor allem aus dem "Anzeiger" - einen eindrücklichen Einblick in die Flüchtlingspolitik des Bundesrates vor und während des zweiten Weltkriegs.
Von Ernst Schlatter
"Das Boot ist voll": Dies war die offizielle Begründung des Bundesrates im Jahr 1942, als er die Grenzen vollständig schliessen liess und in den folgenden Monaten Tausende von jüdischen Flüchtlingen an der Schweizer Grenze zurückgewiesen wurden.
Ueli Zaugg wollte herausfinden, was die Menschen im Säuliamt über die Flüchtlingsfragen aufgrund ihrer Zeitungslektüre wissen konnten. Deshalb hat er das umfangreiche Archiv des "Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern" durchforstet und legte nun einen gerafften Ausschnitt von Zitaten aus dieser Sammlung vor.
(In jener Zeit machte - neben der lokalen Berichterstattung - der politische und aussenpolitische Anteil, die schweizerische und kantonale Politik - einen grossen Anteil im "Anzeiger" aus, der dann gar dreimal pro Woche erschien).
So gestaltete sich die Matinee zu viel mehr als einer Geschichtsstunde: Ueli Zaugg verstand es, im Wechsel von Schilderung der politischen Entwicklung von 1938 bis 1945, Zitaten aus der Presse und eigenem Kommentar ein eindeutiges Bild jener schrecklichen Zeit zu zeichnen.
Bedeutung der Zensur
Interessant bleibt zu vermerken, dass viele Einzelpersonen, kirchliche Kreise, Kantonalparlamente, aber (fast) keine politischen Parteien sich zu den Ereignissen in der Presse äusserten. Eine Erklärung mag das Zitat aus dem "Nebelspalter" liefern: Unter dem Titel "Geknutete Presse" stand da: "Frühturnrezept für Redaktoren: Man nimmt einen Stuhl / und hockt uf s Muul!"
Die Rolle von Heinrich Rothmund
Unter dem Druck der Verhältnisse liess Heinrich Rothmund, der damalige Chef der Fremdenpolizei, seinen Mitarbeiter, Dr. Robert Jezler, einen Bericht zur Flüchtlingssituation verfassen, der an Eindeutigkeit nichts übrig liess: Jezler schrieb darin von übereinstimmenden und zuverlässigen Berichten über die Judendeportationen und schildert die schlimme Lage der Juden in den von Deutschland besetzten Gebieten.
Im Widerspruch zu Jezlers Erkenntnissen beantragte Rothmund, dessen antisemitische Grundhaltung bekannt war - er hatte schon vor dem 2. Weltkrieg vor der "Verjudung der Schweiz" gewarnt - Bundesrat von Steiger die Schliessung der Grenzen. So kam es denn zu der alles entscheidenden Rede von Bundesrat von Steiger, in der er die Schweiz als ein schon stark besetztes kleines Rettungsboot mit beschränktem Fassungsvermögen beschrieb.
Das Schlagwort "Das Boot ist voll" war geprägt und die Konsequenzen wurden gezogen, wenn auch der Vorstand des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes bei den Bundesinstanzen sofort vorstellig wurde und um eine weitherzigere Aufnahmepraxis bat. Leider ohne Erfolg.
Eindeutige Erkenntnisse nach 50 Jahren
Ebenso aufschlussreich für die Haltung des Bundesrates dieses scheinbar kleine Detail: Eine Sekundarschulklasse aus Rorschach schrieb 1942 einen Brief an den Bundesrat, in dem die 22 Mädchen ihrer Empörung Ausdruck geben, "dass man Flüchtlinge so herzlos wieder in das Elend zurückstösst…". Der Brief blieb unbeantwortet; trotzdem finden sich in den Archiven des Bundes, welche nach 50 Jahren für Historiker zugänglich gemacht wurden (Bergier-Kommission) einige Entwürfe von möglichen Antworten mit vielen handschriftlichen Abänderungsvarianten….
Erschütterndes Fazit
Als Fazit zur ganzen Thematik zitierte Ueli Zaugg zum Schluss einen Ausschnitt aus dem dieses Jahr im Lehrmittelverlag des Kantons Zürich erschienenen Buch "Hinschauen und Nachfragen": "Der in der Schweiz, in Europa und den USA verbreitete Antisemitismus war der wichtigste Grund dafür, dass die Schweiz und mit ihr die meisten anderen Staaten nur sehr wenig zur Rettung der Verfolgten unternahmen."
Das Referat wurde musikalisch - der jeweils geschilderten Epoche entsprechend - von den beiden Musikerinnen Jacqueline Arenas, Akkordeon und Andrea Zaugg, Violine bereichert: Das Repertoire reichte vom "Landidörflilied" über "S'Margritli" bis hin zu verschiedensten Klemzerklängen, die das Elend der Ostjuden ausdrücken.
Die gut besuchte, abwechslungsreiche Matinee setzte sich bei einem Apéro mit angeregten Gesprächen und persönlichen Reminiszenzen bis in den Nachmittag hinein fort.
Bild: Ueli Zaugg während seinem Referat im "LaMarotte" (Bild eschla)