Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03603.jsonl.gz/1109

1 Zu den Quellen!
«Periodically, in interviews or conversations about American music, my counterparts will shift their eyes, lean close to my face, and whisper – voices deep, conspirational, hushed – a court proclamation: „All great music comes from the South.» Amanda Petrusich
Manassas ist der historische Ort, an dem am 21. Juli 1861 die erste Schlacht zwischen den Nord- und Südstaatlern (Union und Konföderation) im amerikanischen Bürgerkrieg statt fand. Damals und in der zweiten Runde am selben Ort gewannen zunächst die Konföderierten, was den Krieg leider verlängerte. Den Ausgang kennen wir. 1865 gewann die Union, der Norden, über die Südstaaten. Damit ging eine südstaatliche Kultur unter, die seither mythologisch verklärt werden kann: Dixieland. Gerade in der Musikgeschichte sind wir geneigt, den amerikanischen Süden als die Wiege der Modernen Musik darzustellen. Ragtime und Jazz kommen von hier. Der Blues. Country. Gospel. Und damit alle Hybriden, die aus dieser Ursuppe entstanden: Rhythm ’n‘ Blues, Rock ’n‘ Roll, Rock, Soul, you name it. Hier arbeiteten Sklaven, die zu Tausenden verschleppt wurden, um auf den Feldern der neuen Welt zu arbeiten, den Boden zu beackern, der geschwängert war von Blut, Schweiss und Tränen. Hier arbeiteten die Sklaven und sangen ihre Lieder, traurige Lieder, fröhliche Lieder, die hier wuchsen wie Tabak, Reis und Baumwolle, Lieder, die das Potential hatten, zur prägenden Musik eines funktionalen, urban geprägten und nervösen 20. Jahrhunderts zu werden.
Christian Schorno von Musikzimmer machte sich im Juni 2015 auf die Spuren dieser Geschichte und schrieb während der Reise durch Virginia, Carolina, Georgia, Alabama, Mississippi und Tennessee zwölf Kurzberichte.
Southern Journey (Blaue Linie) vom 2. bis am 24. Juni 2015
2 Manassas
Stephen Stills tourte mit seinem zweiten Soloalbum und einer hochkarätigen Begleitband in den Staaten. In Cleveland kreuzte seine Tournee mit der Band den Weg, in der
Chris Hillman spielte, die
Flying Burrito Brothers.
Stills und
Hillman beschlossen, sich später im Jahr in Miami zu Jamsessions zu treffen. Beide Musiker gehören zur Genealogie der beiden wichtigen Spätsechziger-Folkrock-Gruppen aus Los Angeles, den Byrds und Buffalo Springfield, aus denen Acts und Bands wie die Flying Burrito Brothers, Gram Parsons, Crosby, Stills And Nash, Neil Young, Souther-Hillman-Furay Band, die Eagles und einige Formationen mehr hervorgingen.
Bei der Jamsession in Miami waren neben
Stills und
Hillman
Al Perkins von den
Burritos,
Calvin Samuels und der im Januar diesen Jahres verstorbene
Dallas Taylor mit von der Partie, die letzten beiden aus der Begleitband von Crosby, Stills And Nash. Schliesslich waren da noch die Sessionmusiker
Paul Harris und
Joe Lala. Sogar
Bill Wyman von den Rolling Stones, der kurz zu den Jams dazu stiess, habe sich überlegt, sich dieser Band anzuschliessen, die Sessions liefen so gut …
Eingespielt wurde ein Doppelalbum, das der AllMusic-Rezensent
Rob Caldwell mit dem Weissen Album der Beatles oder Layla von Derek and The Dominoes vergleicht, mit Alben, die vor Kreativität und Spieltechnik geradezu bersten. Hier wird Rockmusik zur vollendeten Spielkunst. Hier fährt die Rockband oder die Combo als kleine, überschaubare Rock-Formation ihre Stärke aus, die darin besteht, dass die Bandmitglieder beim Jamen hervorragende Ideen entwickeln und, wenn sie länger zusammenspielen, diese Ideen zu einem dichten Bandspiel verfestigen. Der Bebop machte das vor, Rock machte es nun seit Ende der Sechzigerjahre nach.
Stephen Stills interessierte sich sehr für den Amerikanischen Bürgerkrieg, weshalb er mit seiner neuen Band, die noch immer keinen eigenen Namen hatte, nach dem ehemaligen Schlachtort Manassas reiste. Am Amtrak-Bahnhof von Manassas unter dem Namensschild wurde eine Bandfoto geschossen, die schliesslich als Coverbild verwendet wurde und die der Formation ihren Namen gab.
Amtrak Station, Manassas (Quelle: Wikipedia)
Dieses Album gehört zu den besten der 70er-Jahre.1 Jede Plattenseite des Albums repräsentierte einen spezifischen Rock-Stil: Seite A: Latinrock, Seite B: Country/Bluegrass, Seite C: Folkrock und Seite D: Bluesrock, wobei der letzte Track,
Blues Man, die Versatilität dieser Musiker in einem Tribute an Al Wilson, Duane Allman und Jimi Hendrix unter Beweis stellt.
Leider gibt es auf dem Album keinen Track, der so richtig heraussticht und den man heute noch kennen würde, wie man Layla kennt oder Ob-la-di, Ob-la-da. So bleibt
Manassas ein Tipp für Rock-Aficionados und wegen einigen Nummern der Country-Seite für CS&N Komplettisten.
Sie können das Album bei Youtube streamen – es ist ein Doppelalbum. Sie brauchen daher etwas Zeit, die ich ferien- und jetlagbedingt natürlich habe.
Stephen Stills & Manassas: «Manassas». Atlantic SD 2903 [2 LP], 1972.
Hier noch eine Foto des Amtrak Bahnhofs von Manassas (ohne Band;-)
3 Luray Caverns: The Great Stalacpipe Organ
Hinter dem Shenadoah Nationalpark, der im dichten Nebel lag, gibt es eine der schönsten und grössten Tropfsteinhöhlen der USA: Luray Caverns.2 Die Tropfsteinformationen von Luray Caverns sind teils atemberaubend. Ihre Farbe ist schwarz, weiss und rot, ihre Formen bieten mehr als die üblich runden Stalagmiten und Stalaktiten. Einige sehen aus wie hängende Tücher, andere wie zwei Spiegeleier. Teilweise muteten Formationen an, als wären sie Skulpturen von H.R. Giger. Besonders beeindruckend ist auch das Spiegelbecken ein kleiner See (mehr ein Weiher) mit perfekt glatter Wasseroberfläche, in der sich Stalaktiten spiegeln. Wenn man hineinschaut, erlebt man die perfekte Illusion: die Stalagmiten sind eigentlich an der Wasseroberfläche gespiegelte Stalaktiten.
Die Halle, die The Cathedral genannt wird, beherbergt ein Instrument besonderer Machart: ein Lithophon, eine Steinorgel. Wenn man die Tropfsteine mit einem Hämmerchen (siehe Bild) anschlägt, klingen sie und dieser Klang ist etwa mit dem eines Weinglases vergleichbar, an dessen Rand man reibt, so dass es in Schwingung gerät.
Erbaut wurde das Instrument 1956 von
Leland W. Sprinkle, der drei Jahre daran arbeitete. Heute wird die Orgel für jede geführte Gruppe von einer Pianorolle gespielt. Konzerte finden kaum mehr statt, nur noch, wenn Paare hier heiraten.
Das Besondere an der Steinorgel von Luray Caverns ist, dass dieses Instrument teils gemacht und teils gewachsen/natürlich geformt ist. Jeder Stalaktit hat seinen eigenen gewachsenen Klang.
Leland W. Sprinkle musste für seine Orgel die richtig gestimmten Stalaktiten finden, die Hämmer dran bauen und sie mit den Orgeltasten verbinden.
Der Klang des Lithophons ist viel schwächer und leiser als der einer Kirchenorgel, aber sehr rein und ätherisch. Das Instrument verlangt ein absolut ruhiges Publikum, das unsere Gruppe leider nicht ist und so ist der Genuss seines Klangs mächtig beeinträchtigt. Auf Youtube gibt es aber besser Aufnahmen, als ich sie machen konnte:
Organ Playing in Luray Caverns, Virginia (Youtube)
4 Fife And Drums: Echo der Amerikanischen Revolution und eine Connection nach Basel
Williamsburg ist wie ein «Theme Park» für Erwachsene – gestiftet von
John D. Rockefeller. Das Koloniale Williamsburg wurde wieder aufgebaut, mit hübschen Holz- und Backsteinhäusern und viel Raum zwischen den Bauten, wie wir das in Europas Städten kaum kennen. Ich frage mich, ob diese Bauart und das weite Land nicht die Mentalität der Leute, die hier lebten, tief geprägt hat, ob die Demokratie, die hier (mit-)erfunden wurde, nicht eine Funktion dieses Abstands zwischen den Subjekten war.
Die Stadt gilt als Wiege der amerikanischen Demokratie. Sie war in der Zeit, in der Amerika ein eigener Staat wurde (es handelt sich hier eher um einen Unabhängigkeitskrieg, nicht um eine Revolution, was vielfach wiedergegeben wird) die Hauptstadt der Kolonie Virginia zwischen 1699 und 1780. Hier wurde das erste amerikanische Kapitol erbaut. Und hier wirkte der spätere Präsident der USA,
George Washington, der 1731 in eine der nahegelegenen Tabakfarmer- und Sklavenhalter-Familien der Kolonie geboren wurde.
Die Hauptstrasse säumen allerlei Läden, die so tun, als stünden sie seit dem 18.Jahrhundert hier. Die freundlichen und gesprächigen Angestellten stecken alle in Kostümen der Zeit. Eine Verkäuferin erzählt mir, dass ihr Sohn gerne in Basel eine Trommler-Ausbildung machen würde. Ich fragte mich: «Warum gerade in Basel?».
Die Stadt hat eine der besten Fife And Drums Kappellen im Land, das
Colonial Williamsburg Fife & Drum Corps. Nur ein Profi-Corps der US-Army sei noch etwas besser. Fife And Drums sind Trommler und Pfeiffer, die Armeen damals vor 250 Jahren hatten. Diese klingen für meine Ohren (ich bin kein Liebhaber dieser Musik) genau wie das. was die Pfyffer und Tambouren an der Basler Fasnacht spielen.
Colonial Williamsburg Fife & Drum Corps (Youtube, abgerufen am 6.6.14)
Ich lerne interessante Dinge darüber, wie Kriege damals geführt wurden. Die Musiker waren in Uniformen mit anderer Farbe als die eigenen Truppen gekleidet (oft in der Farbe des Gegners!), damit auf sie nicht geschossen wurde. Auf Musiker schiessen und auf Offiziere war bei kriegerischen Auseinandersetzungen verboten. Die Musiker leiteten die Truppen. Sie waren nicht nur für Machtdemonstrationen der Schneidigkeit an Paraden zuständig, sondern dienten den Feldherren auch als Kommunikationsmittel, um die Truppen im Feld zu dirigieren. Nun kommt die Sache doch langsam in Bereiche, die etwas mit meiner martialitätsfreien und fastnachtlosen Welt am Schreibtisch zu tun haben.
Afroamerikaner haben in musikalischer Hinsicht so ziemlich alles von den Weissen kopiert, was es gab, auch Fife And Drums! Man nennt den die afroamerikanische Stil-Variante dieser Musik Fife and Drum Blues. Dieser Blues ist für meine Ohren viel spannender als der stramme Militär-Sound, er klingt mehr nach Ritual und Zauber.
African-American Fife & Drum Music: Mississippi & Jamaica (Youtube, aufgerufen am 6.6.14)
Dies ist die Fotografie des Corps aus Williamsburg, das 2008 in Basel an einem Tattoo gespielt hat, so heissen die Stelldicheins dieser Bands. Das Bild hängt im Gebäude, wo das Corps übt, neben dem Schaukasten mit den Pokälen. Es ist unterschrieben mit: «To the spectacular cast of the Basel Tattoo 2008 with deepest appreciation. „Vyyle härzlige Dangg“». Jetzt verstehe ich, warum der Sohn der Verkäuferin ausgerechnet in Basel das Trommelspiel studieren möchte.
5 Tuscumbia: The Alabama Music Hall Of Fame
Ich komme nach mehrtägiger Fahrt durch das Piedmont (Virginia, die beiden Carolinas und Georgia) endlich im «richtigen» Süden an, in der Brutstätte der modernen Musik. Es ist deutlich wärmer hier als noch in Virginia, aber in der vergangenen Nacht hat es geregnet, was die Luft abgekühlt hat. Der Himmel ist noch etwas wolkenbedeckt, aber die Sonne verrichtet schon wieder ihr Geschäft und heizt erbarmungslos die Dinge auf. Nun stehe ich vor der Alabama Music Hall of Fame und schaue mir die weite Landschaft und den über sie gespannten Himmel an. Hier ahnt man, dass die Welt rund ist und man wähnt sich als ihr Mittelpunkt.
Die Hall of Fame beherbergt allerlei Memorabilia von den zahllosen wichtigen Musiker/-innen, die in Alabama geboren wurden, in Ausbildung waren oder mehr als zehn Jahre hier arbeiteten. Die Institution wurde von lokalen Musikschaffenden projektiert und 1990 eröffnet. Als Kinder Alabamas werden unter anderem W.C. Handy gefeiert (siehe Bild), der Vater des Blues, Jimmy Rodgers, der Vater der Country Music, sowie Sam Phillips, der Elvis Presley-Entdecker und -Produzent. Handy und Phillips wurden beide in Florence geboren. Mit Jimmy Rodgers ist es etwas komplizierter: Er hat verschiedentlich geäussert, er stamme aus Geiger, Alabama, doch wahr ist nur, dass er teilweise in Geiger aufgewachsen ist.
Es herrscht grosse Betriebsamkeit im Museum – ein Autobus brachte eine Schulklasse, gut 40 Personen, die lautstark das Studio im Museum benutzen, in dem Besucher zu Muscle-Shoals-Songs singen können. Die Aufzeichnung kann man dann mit nach Hause nehmen. Eine Hand voll Schüler gehen in die Aufnahmekabine, um zu singen, und werden von den Draussen-Gebliebenen angefeuert als ginge es um Football. Sobald die Schulklasse weg ist, wird es familiär. Ich werde vom Kurator
Dick Cooper herumgeführt, der zu allen Exponaten Geschichten zu erzählen weiss. Als erstes beeindruckt mich, dass das Museum gleich nach der Halle mit den Inductees, den in die Hall of Fame eingeführten Künstlerinnen und Künstler, eine Vitrine zur Gegenwartsmusik hat, in der drei Acts vorgestellt werden: Die Civil Wars (inzwischen leider aufgelöst), Drive-By Truckers und Jason Isbell. Muscle Shoals ist immer noch als Country Musik und Southern Rock lebendig.
Civil Wars: The One That Got Away (2013)
Drive-By Truckers: Where The Devil Don’t Stay (2004)
Jason Isbel: Traveling Alone (2013)
Ich lerne, dass Nat ‚King‘ Cole noch drei Brüder hatte, die alle eine ähnliche Musik machten, ich sah das Original des Vertrags zwischen Sam Phillips und RCA, mit dem er die Rechte an Elvis für damals sagenhafte $35’000 verkaufte, Ich wusste nicht, dass Hank Williams, die Delmore Brothers,
Martha Reeves von Martha And The Vandellas, Sun Ra, Lionel Richie,
Rose Maddox von Maddox Brothers and Rose (definierten Bakersfield-Country mit, das war Countrymusik, wie sie in Kalifornien gespielt wurde) oder Emmylou Harris in Alabama geboren sind.
Später lerne ich die Managerin
Dixie Griffin kennen, die mich mit den verfügbaren Unterlagen zum Museum versorgt. Leider gibt es noch keine Publikation zu den Exponaten oder zu den Archivalien, die das Museum besitzt. Ich bleibe lange, bis ich zur Führung in die FAME-Studios hasten muss – auf zur nächsten Geschichte …
6 Muscle Shoals: «a small town with a big sound»
«Muscle Shoals has got the Swampers, and they’ve been known to pick a song or two.»Lynyrd Skynyrd: Sweet Home Alabama
The Shoals im Nordwesten von Alabama ist eine Ansammlung von vier Städten um den Tenessee River: Florence, Sheffield, Tuscumbia und das namensgebende Muscle Shoals. Wie
Richie Unterberger im Rough Guide: Music USA erklärt, konnte die Stadt keine grosse Live-Musik Szene entwickeln, weil hier der Alkoholausschank verboten war. Dennoch brachte die Region, die je etwa 150 Meilen weit von Memphis und Nashville entfernt liegt, den legendäre Muscle Shoals Sound hervor, den Deep- oder Südstaaten-Soul, wie er von Wilson Pickett, Etta James und Aretha Franklin um die Welt getragen wurde. Danach kamen Musiker aus Europa, dem Norden und dem Westen der Staaten hierher, um aufzunehmen, z.B. die Stones, Dylan, Rod Stewart, Bob Seger, um nur einige zu nennen. Die Stadt schrieb in den 60er- und 70er-Jahren die Rock- und Soul-Geschichte mit. Dazu kam es dank einer Reihe von Studio-Gründungen (hier sind vor allem das FAME und das Muscle Shoals Sound Studio zu nennen) und wegen den mit diesen Studios verbundenen Sessionmusikern.
Wer die lokale Musikszene so richtig auf den Plan brachte, war Rick Hall, ein amerikanischer Selfmademan, Musiker, Verleger und Studiobesitzer. Nach Schicksalsschlägen wurde er professioneller Country Musiker und Songschreiber. Bald schon gründete er einen eigenen Verlag und 1960 das erste FAME Studio (FAME steht kurz für Florence Alabama Music Enterprises). Ein junger äusserst begabter Country-Soul-Sänger, Arthur Alexander, nahm seinen ersten Song dort auf You Better Move On – in Europa bekannt gemacht durch die Rolling Stones. Das war noch eine Monoaufnahme in einem Raum, den man heute nicht mehr «Studio» nennen würde. Der Erfolg der Single erlaubte Rick Hall aber ein richtiges Studio zu bauen. 1964 stellte er eine Band aus Session-Musikern zusammen, die heute als legendär gilt. Sie bestand aus
Spooner Oldham bzw.
Barry Beckett (beide keys),
Jimmy Johnson (git.),
David Hood (bassgit.) und
Roger Hawkins (drums). Später kriegten sie von Leon Russell den Namen
The Swampers (so nennt sie auch der zitierte Lynnyrd Skynnyrd Song), in den Geschichtsbüchern haben sie den offiziellen Namen:
Muscle Shoals Rhythm Section.
Muscle Shoals Rhythm Section: Barry Beckett, Roger Hawkins, David Hood, Jimmy Johnson (v.l.n.r.) – Quelle: Alabama Music Hall of Fame
Diese Musiker spielten eine vergleichbare Rolle wie die Wrecking Crew in Los Angeles oder die Funk Brothers in Motown/Detroit: Sie prägten in musikalischer Hinsicht die Musik der 60er- und 70er-Jahre, weil sie auf unzähligen Hits spielten. Diese
The Swampers hatten einen Sound, der mit afroamerikanischer Musik assoziiert war und ist. Jedermann denkt: «Das sind schwarze Musiker». Paul Simon, der «diese schwarze Rhythm Section» für Aufnahmen zu There Goes Rhymin‘ Simon buchen wollte, musste gesagt werden, er könne diese Musiker schon buchen, aber sie seien «mighty pale». Ihre Sporen haben sie nicht als Jazzer abverdient wie die Funk Brothers oder die Wrecking Crew, sondern als regionale Rock’n’Roller, die in verschiednen Formationen vielleicht mal eine oder ein paar Singles eingespielt hatten.
Der Erfolg der FAME-Studios beruhte nicht wie bei Stax auf den Räumlichkeiten, sondern auf den Musikern, die fähig waren, einen Song in einem Take einzuspielen, was die Sänger/-innen, die mit ihnen aufnahmen, als pure Magie empfanden. Zuerst sandte Jerry Wexler von Atlantic Records seine Musiker nach Muscle Shoals. Nachdem sich Wexler und Hall zerstritten haben, kamen Acts aus Memphis, später folgten Rock-Grössen.
Das Studio kann besichtigt werden (siehe Webseite). Da es immer noch voll im Betrieb ist, muss man allerdings schon mal ein paar Minuten warten, bis der Moment günstig und eine Person frei ist, die die Führung macht.
Playliste mit verschiedenen Songs, die in den FAME-Studios aufgenommen wurden
7 Elvis Presley Birthplace, Tupelo, MS
«And you may find yourself living in a shotgun shack […] And you may ask yourself: Well…How did I get here?»
David Byrne/Talking Heads: Once In A Lifetime
In Tupelo, einer flächenmässig grossen, aber zerstreut wirkenden nicht hübschen Stadt, kam 1935
Elvis Presley als Sohn von
Vernon und
Gladys Presley auf die Welt und verbrachte seine ersten 13 Jahre in ärmlichen Verhältnissen.
Elvis wurde gefördert durch die liebende Mutter (sie kaufte dem Jungen eine Gitarre als er ein Spielzeug-Gewehr wollte) und seine Familie gehörte der örtlichen Pfingstgemeinde an. Die Gitarre und die Kirche sind die einzigen Hinweise auf das, was ab 1955 aus
Elvis Presley werden wird: der King of Rock ’n‘ Roll, ein Megastar seiner Generation.
Die Stadt präsentiert das Geburtshaus und die Kapelle der Christgemeindler, der die Familie angehörte. Das Geburtshaus ist ein Shotgun Shack, das war der billigste Wohnraum für Arbeiter in Vorstädten des Südens. Diese Häuser haben zwei, selten mehr Zimmer, die direkt miteinander verbunden sind. Sie fühlen sich fast an wie ein Wohnwagen. Strom, Wasser, damit sanitäre Anlagen, sind nicht inbegriffen. Dafür gibt es die Outhouses. Die für die musikalische Entwicklung des Königs wichtige Kapelle, die nichts anderes als ein grosses Shotgun Shack ist, musste ein paar Fuss hügelaufwärts transportiert werden. Es soll aber die originale Kapelle sein. Das Presley-Haus enthält Mobiliar aus der Zeit.
Die Familie hatte es schwer: Ein Zwillingsbruder von
Elvis starb bei der Geburt, das Haus überstand einen schrecklichen Tornado knapp und Vater
Vernon war zwei Jahre wegen einer Trickserei mit Checks im Gefängnis. Auf Tafeln erinnern sich Schulfreunde an eine nicht aussergewöhnliche Jugend mit dem späteren Star. In der Kapelle gibt es eine aufschlussreiche Präsentation, wofür sich der Besuch richtig lohnt. Auf drei Screens werden Ausschnitte aus einer Messe nachgestellt, wie sie für die «Pentecostal Church» typisch war. Viel gemeinsames Singen, viel zelebrierte Gemeinschaft. Die Pfingstgemeindler glauben an den Heiligen Geist und an die Heilung durch ihn. Sie legen einander die Hände auf, sie singen miteinander lautstark und in «close harmony» Lieder. Elvis hatte hier seine ersten Auftritte als Sänger und ein Publikum, hier entdeckte er die Liebe zur Musik, die von der Mutter nach leibeskräften gefördert wird.
Es wird dem Besucher eine ganz normale Kindheit in extremer Armut präsentiert.
Die ärmlichen Verhältnisse rühren mich an, wie schon bei Rick Hall. Diese Leute haben wirklich den Amerikanischen Traum verwirklicht und sind den Weg von «rags to riches» gegangen. Ihren Antrieb und ihre Entschiedenheit zogen sie aus den demütigenden Erfahrungen als Kinder. Und Amerika bot ihnen tatsächlich eine Chance, die sie in der Klassengesellschaft Europas kaum gehabt hätten.
Die ganze Anlage ist wie der Name
Elvis Presley eine riesige Cashcow. Es erstaunt mich, wie skalpellschnitthaft die Biografie 1948 abbricht, das ist die Zeit, als die Familie nach Memphis weiterzieht. Tupelo will Memphis, so scheint es, nicht die Show stehlen. Und die echten Pop-Pilgerer werden ja auch noch das 110 Meilen entfernte Memphis besuchen …
8 Die rote Schautafel an der Tallahatchie Bridge
Ich fahre auf dem Natchez Trace Parkway von Tupelo ins Delta. Nein, ich fahre nicht, ich rolle. Diese Strasse, die sich sanft durch die Landschaft zieht, kommt mir wie ein Wunder vor. Sie war die Handelsroute von Indianern und zuvor die Zugstrasse von Tieren. Eine gewachsene Strasse, nicht eine funktional gezogene Linie, die dich auf direktem Weg von A nach B führt. An den verschiedenen Wegposten/Rastplätzen wird auf grossen Tafeln die Geschichte von Strasse und Landschaft erzählt. Hier lebten die Chickasaw-Indianer, die der Gegend den Namen gaben: Chickasaw County. Mir kommen ob den Ortsnamen ständig Melodien der Songs von
Bobbie Gentry in den Sinn. Etwas später, auf dem Weg zur Grabstätte von Robert Johnson treffe ich eine rote Schautafel an. Es ist eine Schautafel des Country Trails, die der southern belle der Countrypop-Musik der 60er-Jahre huldigt, eben dieser Bobbie Gentry.
Roberta Lee Streeter wurde im Chickasaw County, Mississippi geboren. Sie lebte hier dreizehn Jahre mit ihren Grosseltern, zog 13-jährig zu ihrer Mutter nach Kalifornien und studierte an der UCLA Philosophie. Ihren Künstlernamen
Bobbie Gentry wählte sie nach dem Filmtitel und der Hauptperson darin,
Ruby Gentry (Film von King Vidor, 1952). Sie war beeindruckt von der in Armut geborenen Heldin, die entschieden den Erfolg im Leben anstrebt – wir kennen diese Geschichte mittlerweile.
Gentry nahm nur eine handvoll Alben auf, bevor sie sich aus dem Showbusiness zurückzog. Sie hatte mässigen Erfolg damit, aber unter Kennern und Liebhabern gilt ihre Musik als grosser Geheimtipp (hören Sie sich vor allem die ersten beiden Alben, Ode To Billie Joe und The Delta Sweete, an). Stilistisch liegt ihre Musik in der ausgewogenen Mitte zwischen Country, Blues, Folk und Pop. ihre Songs erzählen mit grosser poetischer Kraft vom einfachen Leben im drückend heissen Chickasaw County. Der grösste Hit von
Bobbie Gentry, Ode To Billie Joe, ist eine Teenage-Drama, das sich unter der Oberfläche eines Farmer-Alltags abspielt. Eine Familie beim Mittagessen. Das Tischgespräch fällt auf einen Selbstmord: Billy Joe MacAllister sprang von der Tallahatchie Bridge – das ist da, wo die Tafel steht. Das Mitgefühl für diese Tragödie ist gedämpft, die Familie von Billy Joe taugt eh nicht viel usw. Man geht darüber weg, als wäre eine Kuh verendet. Nur die Erzählerin verliert den Appetit und es fällt nur ein kurzer Hinweis darauf, dass sie mit Billy Joe gesehen worden sei. Es bleibt den Hörer/-innen überlassen, was das heisst. Ich kenne keinen anderen Song, der mit der Genauigkeit eines Theaterautors die letztlich brutale Ignoranz der kleinen Leute gegenüber dem Leid ihrer Nachbarn nachzeichnet.
Bobbie Gentry: «Ode To Billy Joe». Capitol, 1967
9 Al Green’s Full Gospel Tabernacle Church
The eagle flies on Friday now, Saturday I’ll go out to play – Sunday I’ll go to church, and I fall on my knees and pray (T-Bone Walker: They Call It Stormy Monday …, 1947)
Nachdem er in den 70er-Jahren einige grosse Hits hatte (beispielsweise
Tired Of Being Alone,
Let’s Stay Together,
Take Me To The River oder
Love And Happiness) beschloss
Al Green eine Kirche zu stiften und fortan zu predigen. Er wurde Pastor beim Full Gospel Tabernacle, einer Pfingstgemeinde in Memphis. Bis zum heutigen Tag inszeniert
Bishop Al Green an Sonntagen die Wunder des Heiligen Geistes. Ich habe dem Ereignis beigewohnt …
Wie viele Grössen des Soul hatte auch
Al Green seine Wurzeln als Gospel-Sänger in der Kirche. Sein Vater war ein Pastor mit wenig Sinn für Rock’n’Roll und Soul. Er warf
Al aus dem Haus, weil dieser Jackie Wilson hörte.
Al Green lernte 1969
Willie Mitchell kennen, der ihn für das Hi Records Label unter Vertrag nahm.
Al Green trug den Southernsoul der 60-er ins nächste Jahrzehnt. Er sang in seinem hohen Register und verband mit seinen Songs Sex und Gospel, Weltlichkeit und Spiritualität, wie sich das für den Soul gehört. Der junge Mann konnte die weltlichen Aspekte auskosteten, mit zunehmender Reife plagte ihn wohl sein Lebensstil. Ein Zwischenfall mit einer Freundin brachte ihn dann zurück auf den spirituellen Weg. Mary Woodson White keifte mit ihm und wollte ihn zu einer Heirat nötigen. Als er zu Bett gehen wollte, warf sie – je nach Quelle – mit brühender Grütze oder mit heissem Wasser nach ihm, wobei er sich schwere Verbrennungen zuzog. Em Ende dieser Auseinandersetzung erschoss sie sich selber. Drei Jahre später stiftete
Al Green eine Kirche und predigt seither darin, wenn immer er in der Stadt ist. Seine musikalische Karriere hing er deshalb nicht ganz an den Nagel. Er nimmt bis heute Platten auf. Statt I’m Still in Love with You heissen sie später
He Is The Light.
Ich fahre also am späten Sonntagmorgen vor, trete zum Eingang der Kirche, wo einer der Minister mich begrüsst. Ich frage ihn, ob es eine Messe gäbe und ob ich daran teilnehmen könne. Ohne mich erklären zu müssen, werde ich willkommen geheissen und als ich im Gotteshaus drin bin, sehe ich, dass ich bei Weitem nicht der einzige Tourist bin, der sich hier einfand.
Die Kirche ist achteckig. Vorne hat sich schon ein etwa 15-köpfiger Chor eingerichtet. Die Musiker kommen gerade zur Türe rein und beginnen, sich einzuspielen. Die Band (sagt man in der Kirche so?) besteht aus Schlagzeug, Bass, Perkussion, Hammond-Orgel und Klavier. Vor dem Chor sind drei Ohrsessel aus Leder. Einer hat ein weinrotes Satintuch mit Inschrift drüber: «Bishop Al Green». Helfer/-innen gehen durch die Gänge zwischen den Bankreihen und heissen Besucher/-innen willkommen. Man nimmt sich in die Arme, verteilt Küsse. Eine Frau vor mir hat ihr drei Wochen altes Baby neben sich. Sie und das Mädchen erhalten natürlich viel Aufmerksamkeit.
Die Messe geht etwa zwei Stunden und ist doch kurzweiliger als eine halbstündige Messe in Europa. Kein Wunder geht bei uns niemand mehr in die Kirche! Hier wird laute Musik gemacht, gesungen, getanzt, geklatscht, Gemeinschaft zelebriert. Die Kinder haben einen Auftritt: Sie haben weisse Masken auf und machen Pantomime zu einem Gospelsong. Einige von ihnen singen auch im Chor. Das jüngste Mädchen im Chor, sie ist etwa zehn Jahre alt, sieht ein wenig aus wie Janelle Monáe. Der Bishop sagt: «You gottta give the children something to do. They gotta be part of our church.» Der Bishop warnt auch vor Hip-Hop. Diese Musik führt auf den falschen Weg. Der Bishop warnt sodann vor antiautoritärer Erziehung: «Als ich geboren wurde», sagt er, «wurde ich an den Füssen hochgehalten und eine Hebamme gab mir einen Klaps auf den Wertesten». Und ich machte: «Bähh». Er kreischt laut und effektvoll. Heute sei das anders, meint er. Man kommt im Spital zur Welt und alle schauen, das man kein Wehwehchen hätte. Man schlägt den Babys auch nicht mehr auf den Hintern. Was für eine Welt! Und ihr passt mal besser auf: Wenn ihr euren Söhnen und Töchtern nicht ab und zu widersprecht, widersprechen sie auch, sobald sie gross sind.
Al Green ist noch ganz ein Showman und freut sich am Internationalen Besuch. Es sind Leute da aus Dänemark, Schweden, England und der Schweiz. Ist es nicht grossartig, sagt er, so viele verschiedene Nationen! Er geniesst seine Popularität, aber das wirkt kein Bisschen überheblich. Seine Rolle hat nichts Ambivalentes, Abstossendes oder Lächerliches.
Youtube Aufnahme einer Messe im März 2012 von Andrea Yodibujo
10 Music City
«The money’s all in Nashville but the light’s inside my head»
Rosanne Cash: A Feather’s Not A Bird (Blue Note, 2014)
In puncto Einwohner ist Nashville die zweitgrösste Stadt von Tennessee und liegt hinter Memphis, aber ein Blick genügt: in Sachen Musik, Geld und Modernität liegt Nashville weit voran. Es war ein weiter Weg von einem Fort namens Nashborough über den Umschlag- und Handelsplatz am Cumberland River zur modernen Grossstadt, die sich 1950 vom Radiomoderator
David Cobb den Markennamen Music City geben liess. Diesen Namen verwendet die Stadt seit einigen Jahren ganz offiziell, weil Nashville die Hauptstadt der Country Music ist und Country Music die amerikanische Musik schlechthin.
Keith Urban, Toby Keith, Brad Paisley,
Trisha Yearwood, Tim McGraw, Faith Hill oder
Vince Gill sind hier Haushaltsnamen. Wir Europäer tun uns eher schwer damit und auch das hat seine Geschichte, denn Country steht für traditionelle und konservative Werte. Heute bin ich an einem Geschäftshaus vorbeigefahren, das hatte zwei grosse Schriftzüge angebracht. Auf dem einen stand «Jesus is Lord» und auf dem andern «We buy guns» (das Bild ist auf Flicker zu finden). Und das ausgerechnet an dem Tag, an dem die Zeitungen einen neunfachen rassistisch motivierten Hassmord in den Schlagzeilen haben.
Ich habe viele berührende Dinge in Nashville erlebt. Ich stand zum ersten Mal in meinem Leben in Tootsie’s Orchid Lounge, einer über 50-jährigen Musikbar, tschuldigung, «Honkytonk» heisst das hier. Von Tootsie schreibt David Byrne in How Music Works, es sei als Auftrittsort genauso wie das CBGB’s, die berühmte Punk-Kneipe in New York, eine Bar, wo Leute eine gute Zeit verbringen wollen, trinken, miteinander herumgrölen. Die Band muss es auf kleinster Bühne schaffen, dieses Publikum zu unterhalten. Diese Live-Situation ist für das Zusammenspiel einer Band prägend. Honkytonk und Punk sei Musik für solche kleinen Bühnen mit direktem Punblikumskontakt, so Byrne. Die Band, die ich sehe, hat eine Sängerin, die auf der Bar steht und diese als eine Art Laufsteg verwendet. So hat sie viel Raum und erhält grosse Aufmerksamkeit. Sie geht auf ihr Publikum zu, reicht den Leuten die Hände. Das Gute am Konservativismus ist: Tootsie’s steht noch, CBGB’s wurde vor Jahren abgerissen.
Nashville hat seiner Musik eine imposante Hall Of Fame der Country Music geschaffen, ein Top-Museum mit Archiv und Konzerthallen. Hier wird in einer exzellent kuratierten Dauerausstellung die Geschichte der Country Music präsentiert. Jede Station dieser Geschichte ist mit einem Schaukasten repräsentiert. Es wird nie zuviel und bleibt spannend. Eine Sonderausstellung ist den Studiomusikern von Nashville gewidmet, den Nashville Cats.
Lovin‘ Spoonful haben diese Studiomusiker in einem lustigen Song verewigt:
Lovin‘ Spoonful: Nashville Cats. Text und Musik: John Sebastian. Nachweis (Album): Kama Sutra KLPS 8054, 1966.
Der Song berichtet von der Zeit, als Folkrocker nach Nashville gingen, um aufzunehmen, allen voran Bob Dylan, dann die Byrds, die Beau Brummels, Simon & Garfunkel, Leonard Cohen oder eben Lovin‘ Spoonful. Mit einem ironischen Twang in der Stimme singt
John Sebastian über die Meisterschaft dieser Musiker: «Yeah, there’s thirteen hundred and fifty two Guitar cases in Nashville – And any one that unpacks ‚is guitar could play twice as better than I will». Dylan wird nun dafür gefeiert, dass er zwischen 1966 und 69 hier im konservativen Nashville aufgenommen hat und damit ein Vorreiter war. Zu dieser Sonderausstellung kam ein Katalog heraus und diese Woche die 2-CD-Compilation Dylan, Cash, and the Nashville Cats: A New Music City.
Schliesslich will ich noch von Jack Whites Third Man-Studio und -Laden berichten. Es liegt am Rand der Innenstadt und ist zu Fuss erreichbar. Es ist einer der coolsten Läden, die ich je gesehen habe. So wie Freitag in Zürich oder Rough Trade in London, sehr eigen und bis aufs Blut hip. Darin steht die Telefonkabine, in der man Aufnahmen machen kann, tonnenweise Merchandise und Vinyl.
11 Dollywood
Man nennt das Gebiet der Südstaaten auch den «Bible Belt», das ist laut Wikipedia die Gegend der USA, in der ein «konservativer evangelischer Protestantismus eine dominierende Stellung in Gesellschaft und Politik einnimmt» und in der die Leute signifikant häufiger zur Kirche gehen. Ich habe mich bereits in Luray, meinem ersten Ausflugsziel, gewundert, dass im Städtchen praktisch gegenüber zwei imposante Kirchenbauten standen, die eine von den Methodisten, die andere von den Babtisten. Nun, diese Sache scheint so kompliziert zu sein wie der Süden überhaupt. Die Protestanten teilen sich in Baptisten, Methodisten und Presbyterianer. Die Afroamerikaner gehen auch nicht in die selben Kirchen wie die Kaukasier. Hier haben wir neben den Pfingstgemeinden die Southern Baptist und die African Methodist Episcopal Church (siehe Southern Spaces: Overview: Religion and the US South). Neuerdings kommen je nach Region noch die katholischen Latinos dazu. Die Southern Baptist Convention (SBC) ist die einflussreichste Kirche des Südens und hat sich auch gerade in den letzten 50 Jahren zu einer erzkonservativen Kraft verfestigt. Kinder müssen in den Schulen beten und die Lehrer sind in der Lehre nicht ganz frei in dem, was sie lehren. Auf der Webseite der Kirche steht es deutlich: «there should be a proper balance between academic freedom and academic responsibility» und «the freedom of a teacher in a Christian school, college, or seminary is limited by the pre-eminence of Jesus Christ, by the authoritative nature of the Scriptures».
Eine der grossen Einsichten auf meiner Südstaatenreise ist die Tatsache, dass viele Musikerinnen und Musiker aus diesen Kirchen kommen. Und ich spreche nicht von Soul-Grössen wie Aretha Franklin, von denen man weiss, dass Sie vor ihrer Schallplattenkarriere in Kirchen gesungen haben. Nein, ich spreche von Rockern wie Elvis Presley oder Johnny Cash, von Country-Grössen wie Dolly Parton oder Willie Nelson und hundert weiteren. Der Gospel-Gesang beginnt mich zu interessieren und so will ich dem Southern Gospel Museum and Hall of Fame in den Great Smoky Mountains einen Besuch abstatten. Ich staunte nicht schlecht …
Die Smokeys sind landschaftlich ein wenig wie die Schweizer Voralpen, nur sind wir hier in Amerika: die Kühlschränke sind riesig, die Highways sechsspurig und das Land ist für einen Schweizerkopf fast zu weit. Ich fahre auf dem Highway 441, der verstopft ist. Nicht wegen einer Baustelle, sondern weil dieses Tal Attraktion um Attraktion bietet. Hier befindet sich ein Ferienparadies für Amerikaner! Links und rechts ist die Strasse bald gesäumt von Burgen und Schlössern, Hotels, Pensionen, Malls, Badepläuschen und Erlebnisparks. Sogar eine «Smoky Mountain Opry» gibt es hier. Ich brauche lange, um die Hall of Fame zu finden, nicht nur wegen dem Ferienverkehr, auch weil ich zwei Mal rechtsumkehrt mache, weil ich denke: «das kann es nicht sein». Am Ende finde ich heraus, dass «mein» Gospel-Museum tatsächlich Teil von Dollywood ist, dem Erlebnispark von Dolly Parton. Eintrittspreis $62 plus $12 Parkplatz. Ich jubiliere, bleibe standhaft und … I walk the line. Ich zahle den Parkplatz, der sich als kilometerlanges Unding mit lustigen Namen herausstellt: Parking A = Apple Jack, B = Butterfly, C= Cotton Candy, D/E= Dolly’s Earrings F= Family Fun. Ich parke auf der Zuckerwatte und muss einen Zug auf Pneus besteigen, der mich zu den Ticketschaltern fährt. Am Schalter beteure ich, dass ich es nicht auf Dolly abgesehen habe, sondern einzig die Gospel Hall of Fame besuchen möchte. Es stellt sich heraus, dass ich mit einem Merchandise Shopping Pass gratis in den Themepark rein kann, allerdings nur zwei Stunden lang, die für den Museumsbesuch reichen.
Das Museum ist klein und überschaubar. Es hat zwei Schwerpunkte: erstens, was ich die «Medialisierung des Gospels» nennen würde und zweitens die Gospel Quartette, die den Süden und später das ganze Land mit ihrem Gesang verzauberten. Die Medialisierung der Kirchenmusik im Süden der USA begann mit Verlagen, die Gesangsbücher mit Liedern druckten. Es wurden dabei so genannte shape notes verwendet, Noten mit einer bestimmten Form, damit auch Laiensänger/-innen rasch ab Blatt singen konnten (siehe Wikipedia). Gospel-Gesang wurde eifrig gelehrt und gelernt. So wurde diese Musik der tragende Pfeiler jedes der folgenden Genres, die hier im Süden entstanden sind. Später verbreiteten die elektronischen Medien, Radio und TV, den Southern Gospel, der nach dem zweiten Weltkrieg seine Blütezeit hatte. Damals bis heute ist Nashville nicht nur das Zentrum der Country Music, sondern auch der Christlichen Musik. In Amerika gibt es ja bekanntlich das Radioformat der Christian Music. Das klingt wie Radiomusik für Erwachsene bei uns in Europa, nur handeln die Texte von Seiner grossen Liebe, nicht von unserer.
Es gab Gospel singende Familien (z.B. die
Speer Family oder die
Wills Family) und Geschwister, z.B. die Blackwood Brothers, deren erster Tourbus das Museum ausstellt. Es war 1955 ein Novum, dass Musiker im eigenen Bus getourt sind. Die Blackwood Brothers taten das, weil zwei Gruppenmitglieder bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen sind. Hier war Gospel ein Vorbild für die späteren Rockbands, die auf diese Weise reisten. Gospel Quartette und singende Familien sind offenbar bis heute die dominierende musikalische Formation des Genres.
Die Namen der zahlreichen Inductees in der Hall of Fame kenne ich mit wenigen Ausnahmen, die ich an einer Hand abzählen kann, nicht. Dolly Parton ist nicht dabei. Aber auf ihrem Grund steht dieses Haus. Ein ganz und gar verkehrte Tatsache, den Dolly steht knietief im Gospel ihrer Kindheit. Ich bin allerdings der einzige hier in Dollywood, der sich für solche Spitzfindigkeiten und das Museum interessiert.
12 Der Geburtsort der Country Music
Das RCA Victor Label musste aufholen. Die Konkurenz, Okeh und Columbia hatten bereits erfolgreich erste Blues- und Countryaufnahmen aus dem Amerikanischen Süden im Programm. Es gab eine Nachfrage nach dieser Musik, aber ein zu kleines Angebot. Die ersten Schallplatten und Edison Zylinder, die verkauft wurden, waren mit Klassischer und Populärer Musik bespielt. Die Volksmusik der Südstaatler wurden erst jetzt, in zweiten Hälfte der 20er-Jahre in die Kataloge aufgenommen, genau genommen ab 1927. Blues erschien als urbane Musik (so genannter Vaudeville Blues) bereits ab 1920 auf Platten.
Ralph Peer, ein damals 25-jähriger A&R-Mann, der für Columbia und Okeh bereits etliche erfolgreiche Aufnahmen produziert hatte, wurde vom RCA Victor Label beauftragt, in den Süden zu reisen und die dort praktizierte Volksmusik einzufangen. Peer hatte sehr klare Vorstellungen davon, wie das anzustellen sei. Er reiste im Sommer 1927 mit der neusten ihm zur Verfügung stehenden Aufnahmetechnologie nach Bristol, einer Grenzstadt zwischen Virginia und Tennessee. Dort mietete er sich in eine Fabrik ein, stellte sein Aufnahme-Equipment auf und war gewillt, allen Künstler/-innen die damals unerhört hohe Summe von $50 pro eingespieltem Stück zu zahlen. (Allerdings war Peer an den Verlagsrechten der Stücke beteiligt und gründete auf dieser Basis seinen eigenen Musikverlag.) Bei den Bristol Sessions wurden 76 Songs von 19 Musiker/-innen eingespielt. Die Platten wurden ein riesiger Verkaufserfolg und lancierten die ersten Stars der Country Music, die damals noch despektierlich «hillbilly music» hiess, die Carter Family und Jimmie Rodgers.
Der Erfolg der Aufnahmen war retrospektiv gesehen kein Wunder, denn diese frühen Country-, Gospel- oder Bluesplatten transportierten eine bestimmte kulturelle Identität, eine Zugehörigkeit zu einer Tradition. Man muss annehmen, dass neben Novelty-Käufern vor allem Menschen zu den Hauptabnehmern gehörten, die die armen Gegenden des Südens verlassen haben und in die Städte zogen, in denen sie Arbeit fanden. Diese rurale Volksmusik auf Platte war für sie ein ein Surrogat, ein Ersatz für die verlorenen Wurzeln. Der Verkaufserfolg erlaubte dem weissen Süden eine eigene Industrie für diese Nostalgie-Konsumgüter aufzubauen: die Musikindustrie von Nashville.
Die Bristol Sessions gingen in die Musikgeschichte ein. Johnny Cash sagte von ihnen, sie seien der Big Bang der Country Music gewesen. Bear Family gab die Aufnahmen 2011 als 5-CD-Box heraus. Ein Jahr später wurden die Sessions wiederholt, allerdings ohne den Initialerfolg wiederholen zu können.
Heute präsentiert sich die schmucke Stadt zwischen den Hügeln der Appalachen als Geburtsort der Country Music. Die Fabrik, in der die Sessions stattgefunden haben, steht leider nicht mehr. Ich traf einen leeren Parkplatz an mit der obligaten Tafel, die auf das Ereignis hinweist (siehe Bild). Nur zwei Blöcke entfernt, befindet sich das moderne Birthplace of Country Music Museum, das die Geschichte der Bristol-Sessions erzählt. Die Ausstellung mit multimedialen Installationen, aufschlussreichen Schautafeln und Instrumenten aus der Zeit ist ausgezeichnet gemacht.
Auf der letzten Station meiner Südstaaten-Reise besuche ich die Carter Family Fold, wo jeden Samstag die Tradition der Old Time Music auf dem Grundstück der Familie aufrecht erhalten wird. Vor dem Konzert betritt man den Laden, den
A.P. Carter 1945 baute, der heute ein kleines Museum mit Familienstücken, Schautafeln, Instrumenten und Fotos beherbergt. Interessant ist auch das Haus, in dem die Familie wohnte («The Cabin»). Die bescheidenen aber soliden Räumlichkeiten sind mit Familienstücken möbiliert und ausgestattet.
Rita Forrester, die Betreiberin der Fold und die Grosstochter von
A.P. und
Sara Carter (beide auf dem Bild stehend), begrüsst das Publikum, speziell auch den Schweizer darin, kündigt mit einigen Worten das Konzert von
Trey Hensley & Drivin’ Force an. Die Formation besteht aus Gitarre, Banjo, Mandoline, Bass, Fiedel. Trey Hensley spielt virtuos eine ziemlich schnelle Gitarre. Seine Spieltechnik scheint mir ein Kompromiss mit der aktuellen Zeit, die Gitarristen gegenüber Banjo und Mandoline bevorzugt, auch weil das Instrument versatiler ist, auch mal einen Gospel oder ein Singer-Songwriter-Stück spielen kann. Seine Spieltechnik hat viel von der Mandoline und vom Banjo übernommen und wirkt manchmal fast etwas akademisch: Er zeigt, wie gut er spielen kann, baut an einer Stelle mal rasch den Gitarrenlauf von Norwegian Wood ein oder spielt ein paar Takte Stairway To Heaven, um es dann gleich fallen zu lassen.
Trey Hensley and Driving Force from the Carter Family Fold (2009)
Zur meist instrumentalen Musik wird getanzt. Der «Flatfoot» addiert durch das Aufschlagen der Schuhe am Boden einen Rhythmus, der sonst in der Musik verboten ist (alte Country Music musste ohne Schlagzeug auskommen, das war ein ehernes Gesetz). Der Klang der Schuhe erinnert mich entfernt ans innerschweizer «Chlefele», das mit Holz- oder Knochen-Claven praktiziert wird. Auch hier gilt, wer gut tanzt, hat eine gerade Wirbelsäule, die schwerelos in der Luft zu schweben scheint. Zappeln tun nur die Füsse! Ein etwa zehnjähriger Junge hat das gut drauf. Er geht als erster auf die Tanzfläche zur Freude des zahlreichen Publikums, und tanzt mit Händen in den Hosentaschen, was irgendwie cool aussieht. Neben den Abitués tanzt heute Abend auch eine Schulklasse aus Tennessee, die zunächst unbeholfen die Bewegungen zu kopieren versuchen. Irgendwann geben sie es auf und führen eine einstudierte Routine aus dem Tanzunterricht auf. Nach zwei Dritteln des Abends adressiert der Bassist der Band die die einheimischen Tänzer, sie sollen den Jungs und Mädels mal eine Lektion im Plattfüssler geben, worauf die einen und die anderen von ihnen. so etwas ähnliches aufs Parkett legen. Sie haben auf jeden Fall viel Spass am Geschehen. Ich bleibe ein stiller Beobachter, werde als Schweizer aber von Leuten aus dem Publikum gefragt, wie mir die Musik gefällt und ob wir in der Schweiz auch so etwas hätten. Natürlich haben wir auch eine Volksmusik, aber ob die so virtuos sein kann, wie dieses Banjo- und Gitarrenspiel, wage ich zu bezweifeln. Auch am Ende des Konzerts werde ich von einigen Leuten mit Handschlag verabschiedet. Sie hoffen, dass es mir gefallen hat. Es hat. Es war das Schlussbouquet zu meiner Südstaatenreise, zu etwas vom besten, was ich in meinem Leben gemacht habe.