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„Und das Wort wird Fleisch.“
(Stanisław Lem, „Solaris“)
Der Psychiater Chris Kelvin (George Clooney) wird unterrichtet, dass auf einer Raumstation in der Nähe des Planeten Solaris merkwürdige Dinge vor sich gehen. Zwei der Astronauten, darunter Gibarian (Ulrich Tukur), haben Selbstmord begangen, die beiden anderen, Snow (Jeremy Davies) und Dr. Helen Gordon (Viola Davis), berichten von seltsamen Vorkommnissen, über die sie allerdings nichts Näheres sagen wollen. Kelvin wird gebeten, zur Raumstation zu fahren, um die Dinge aufzuklären. Als er Snow befragt, erklärt dieser, er könne ihm zwar die Wahrheit sagen, aber Kelvin würde das doch nicht verstehen.
Nach der ersten Nacht an Bord liegt plötzlich Kelvins Frau Rheya (Natascha McElhone) neben ihm. Nur, Rheya hatte sich vor einiger Zeit auf der Erde das Leben genommen. Helen warnt Kelvin: Es handle sich nicht um Rheya. Die Person, die so aussehe, sei nur eine Materialisation, die sich an Dinge aus dem Leben mit Kelvin erinnern könne. Rheya selbst erklärt Kelvin, sie erinnere sich zwar an vieles in ihrem gemeinsamen Leben, aber so, als ob sie dies nie erlebt hätte. Auch Helen und Snow berichten von ähnlichen „Mitreisenden“. Helen will diese Materialisationen aus Fleisch und Blut zerstören; sie befürchtet enorme Gefahren, zumal schon zwei Astronauten tot sind.
Kelvin hingegen ist erschrocken und fasziniert zugleich von der Vorstellung, wieder mit seiner Frau zusammen sein zu können. Er erinnert sich daran, wie er Rheya kennen lernte, ihr einen Heiratsantrag machte, aber auch an beider Probleme und schliesslich an ihren Selbstmord. Als Rheya zu ihm sagt: „Ich habe mich umgebracht, weil du dich daran erinnerst, dass ich dies getan habe“, kommen ihm Zweifel, ob es richtig wäre, diese „Rheya“ mit zur Erde zurückzunehmen ...
„Es sah so aus, als sollte der Ozean
von einem weiteren Ozean aus Papier
zugedeckt werden.“
(Kelvin in Lems „Solaris“)
Da liegt er, der Planet, ruhig, mächtig, in einem Ozean aus Licht und Farbe. Einiges an Soderberghs Bildern erinnert an den zweiten Teil von Kubricks „2001 – A Space Odyssey“, auch thematisch. Solaris liegt ganz offen da, alles ist zu sehen oder könnte gesehen werden, und doch birgt der Planet Geheimnisse, die nicht gelüftet werden. Soderbergh verzichtet auf ausgedehnte special effects. „Solaris“ ist Sciencefiction, aber wie „2001 – A Space Odyssey“ ist das Genre eben nur Mittel zum Zweck. Im Mittelpunkt steht die Geschichte. Soderbergh (wie auch Lem im Roman) transponieren die Differenz zwischen der Welt „an sich“ und den Vorstellungen, Gedanken, Gefühlen, die wir über die Welt haben, in die Weiten des Raums.
Die Erinnerungen der zwei noch lebenden Besatzungsmitglieder und Kelvins verkörpert eine unbekannte Kraft, die von Solaris auszugehen scheint, in Personen aus Fleisch und Blut, die aussehen wie diejenigen, an die sich die drei erinnern, es aber nicht sind. Sie haben zwar die Erinnerung ihrer Gegenüber, sind aber zugleich eigene Persönlichkeiten. Diese Grundidee des Films (wie des Romans), ist der relativ einfache Ausgangspunkt für eine Reihe, man könnte sagen, philosophischer Überlegungen. Allerdings wäre dies angesichts der Tragweite des Geschehens zu kurz gegriffen.
Warum der Planet oder wer auch immer auf dem Planeten den drei Menschen ihre Erinnerungen in physischer Gestalt vorführt, bleibt unerklärt. Welche Fragen Soderbergh aufwirft, liegt offen zutage. Eine Person, die einerseits selbstbewusst ist, andererseits mit den Erinnerungen eines anderen lebt, ist ein vertracktes „Ding“. Die „duplizierte“ Rheya formuliert dies ganz deutlich: „Ich bin nicht diejenige Person, an die ich mich erinnere. Ich kann mich nicht daran erinnern, diese Dinge erfahren zu haben.“ (Fremde) Erinnerung und (eigene) Erfahrung sind bei Rheya nicht identisch. Was für die Wissenschaft gilt, trifft auch uns selbst. Wir decken den Ozean des Lebens zu mit einem weiteren Ozean aus Papier (Wissenschaft), Theorien über das Leben, Vorstellungen, wie es sei usw.
Lem zeigt die Diskrepanz zwischen der angeblich so „objektiven“ Wissenschaft, die sich ebenso angeblich „der Wahrheit“ immer weiter nähert, und der Welt, die wir nur durch unsere Augen, aber nie „als solche“ wahrnehmen, erkunden und erklären können. Und auch Soderbergh führt uns unsere Begrenztheit vor, die doch in Wirklichkeit eine Bereicherung ist oder zumindest sein kann: Jeder liest sein eigenes Buch. Unsere Vorstellungen über andere drücken nicht aus, wie diese „sind“, sondern „nur“, was wir über sie empfinden. Die alte Streitfrage nicht nur der Wissenschaft in bezug auf das Wahrheitskriterium (objektiv-subjektiv) ist lebendiger denn je, wenn man bedenkt, wie wir Menschen in der Zivilisation glauben, die Welt beherrschen zu können – und einiges mehr.
Genau in dieser Zwickmühle sieht sich Kelvin, als er eine Person sieht, die haarscharf so aussieht wie seine verstorbene Frau, aber nur mit seinen Erinnerungen lebt. Was soll er tun? Sie ist das Fleisch seiner Gedanken und Erinnerungen, nicht mehr und nicht weniger. Soll er sie mit zur Erde nehmen? Seine wirkliche, verstorbene Frau, war ein Mensch mit eigenen Gedanken. Die Materialisation seiner Gedanken aber sieht nur aus wie Rheya. Für kurze Zeit reizt Kelvin – vielleicht unbewusst – der Gedanke, seine Erinnerungen, Gefühle usw. könnten eins werden mit der Person, die ihm da von Solaris geschickt wurde – der alte und nicht ausrottbare Glaube an die Identität, an die Übereinstimmung im „Objektiven“. Soderbergh geht aber noch einen Schritt weiter, wenn er den Sohn Gibarians (Shane Skelton) erscheinen lässt, dessen Finger – Michelangelos Gott gleich, der den ersten Menschen erschafft – sich mit dem Finger Kelvins berührt. Wessen Imagination ist der Junge, denn Gibarian ist tot? Ist er überhaupt dessen Sohn?
In einer Szene sieht man Kelvin, als er sich in den Finger schneidet. Die Wunde schliesst sich „wie von selbst“. Ist er vielleicht selbst nur die Verkörperung der Gedanken eines anderen?
Auf eine fast schon bizarre Weise ist „Solaris“ trotzdem kühl, fast kalt. Die Personen kreisen um sich selbst, man verspürt kaum Nähe, im Gegenteil eher eine Distanz, die man sich nicht erklären kann. Nur ab und zu, vor allem wenn Kelvin sich erinnert, der duplizierten Rheya und damit sozusagen sich selbst in die Augen schaut, kommt eine Ahnung, ein Hauch von Emotion auf.
„Solaris“ ist sicherlich eines der gewagtesten filmischen Experimente der letzten Jahre, fällt heraus aus der Serienproduktion Hollywoods, arbeitet mit einer ruhigen, auf manchen vielleicht behäbig wirkenden Inszenierung geradezu gegen Sehgewohnheiten und übliche Erwartungshaltungen. „Solaris“ ist keine zweite Auflage von Kubricks zivilisationskritischer „Odyssee“, und doch eine gelungene alternative Fortsetzung.
[1] Lems Roman ist als Taschenbuch im Heyne-Verlag erhältlich.
USA 2002 - 99 min.
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Steven Soderbergh
Darsteller: George Clooney, Natascha McElhone, Jeremy Davies
Produktion: James Cameron, Jon Landau, Rae Sanchini
Musik: Cliff Martinez
Kamera: Steven Soderbergh (als Peter Andrews)
Schnitt: Steven Soderbergh (als Mary Ann Bernard)