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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2001 von Peter Ziegler
Auf einer schmalen Schotterrippe, die gegen Westen ins Tobel des Reidbachs abfällt und gegen Osten in den Hügel von Burghalden ausläuft, liegen im Gemeindegebiet von Richterswil auf zwei Felsköpfen die Ruinen der Burg Alt-Wädenswil. Auf dem westlichen Felskopf stehen die Reste des aus Findlingsblöcken erstellten Freiherrenturms und auf dem östlichen jene des heute zierlicher wirkenden, aber in der Grundfläche wesentlich grösseren Johanniterhauses. Auf der Ost- und Südseite der beiden Felsköpfe zieht sich ein nach Westen und Norden zu offener, aufgefüllter Graben hin. Ein Zwischengraben, in dem sich der Sodbrunnen befindet, trennt die beiden Felsköpfe. Reste einer Zwingermauer mit vier Türmen und eines ausserhalb liegenden Zwingers im Südosten umgeben das gesamte Burggelände.
Die erste schriftliche Erwähnung der Burg Wädenswil verdankt man einer Urkunde, die im Jahre 1265 „in castro Wediswile“ aufgesetzt wurde. Das Dokument belegt, dass der Burgturm zu jener Zeit bestand und bewohnt war. Er befand sich damals im Besitz eines Freiherrn Rudolf von Wädenswil. Am 17. Juli 1287 verkaufte dieser seine Burg und Herrschaft Wädenswil dem Johanniterorden. Anfänglich wurden die Besitzungen vom Johanniterhaus Bubikon aus verwaltet. Spätestens seit 1330 bildeten sie eine eigenständige Kommende. Die Johanniter erweiterten die Burganlage um ein geräumiges Ordenshaus auf dem östlichen Felskopf und liessen um 1450 die Umfassungsmauer mit Zwinger erstellen. Bis 1446 wohnte ein von einem geistlichen oder einem weltlichen Komtur geleiteter Konvent von zeitweise zwölf Johanniterbrüdern auf der Burg.
Im Verlauf des 15. und 16. Jahrhunderts geriet die Kommende Wädenswil in den Einflussbereich der Stadt Zürich. 1549 entschloss sich deshalb der Orden zum Verkauf von Burg und Herrschaft Wädenswil an Zürich. Politische Auseinandersetzungen mit dem Nachbarn Schwyz führten dann 1557 dazu, dass Zürich gemäss Beschluss der Eidgenössischen Tagsatzung die Burg unbewohnbar machen musste. Die Gebäude wurden bis zum Boden des zweiten Obergeschosses abgebrochen, und den Graben füllte man mit Bauschutt auf.
Nach dem Abbruch der Burganlage im Jahre 1557 zerfiel die Ruine zusehends und wurde als Steinbruch für den Neubau umliegender Gebäude benutzt. In den 1870er Jahren regte die Antiquarische Gesellschaft Zürich den Kauf des Grundstückes an, um die Ruine vor weiterem Zerfall und weiterer Ausbeutung zu bewahren. Übertriebene Forderungen der privaten Grundeigentümer liessen indessen die Verhandlungen scheitern. Im Herbst 1899 wagten Brauereibesitzer Fritz Weber-Lehnert und alt Gemeindeschreiber Jakob Höhn in Wädenswil einen weiteren Rettungsversuch. Am 19. März 1900 konstituierte sich ein Initivativkomitee, welches die Parzelle am 31. August 1900 mit öffentlich gesammelten Geldern erwarb und Areal und Ruine einer neu gegründeten Stiftung übertrug.
Ziel der Stiftung war es, die Ruine freizulegen und die Mauerreste zu konservieren. Vom Frühling 1901 bis Herbst 1904 wurden das Johanniterhaus, der Zwischengraben und der Freiherrenturm vom Schutt befreit. In einer zweiten Etappe, die von November 1938 bis zum Sommer 1941 dauerte, räumte man den Sodbrunnen aus und ergänzte dessen Kranz. Gleichzeitig wurde der Nordost-Abschnitt der Zwingermauer mit Mauerturm und dreieckigem Eckturm freigelegt. Anschliessend grub man die restliche Zwingmauer und den Zwinger aus und ergänzte deren Mauerkronen.
Burgruine Wädenswil, Burgfest von 31. März 2001.
Unter der Leitung des Archäologen Thomas Bitterli (Basel) fand vom 20. Juni bis 29. Juli 1983 auf der Burgruine Alt-Wädenswil, die seit dem Jahr 1900 Eigentum einer Stiftung ist, eine archäologische Sondierung statt. Sie sollte zwei Grundfragen beantworten: Zum einen galt es, den Verlauf des 1557 zugeschütteten Burggrabens vollständig zu erfassen, zum andern das Alter und die Baugeschichte der Burg zu klären.
Parallel zur Auswertung der Grabungsergebnisse wurden die schriftlichen Quellen zur Baugeschichte neu interpretiert. So ergab sich ein eindrückliches Gesamtbild mit vielen neuen Erkenntnissen, das Thomas Bitterli und Daniel Grütter im Frühling 2001 in der reich bebilderten Publikation „Alt-Wädenswil. Vom Freiherrenturm zur Ordensburg“ vorlegten. Die Publikation erschien als Band 27 der „Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters“, herausgegeben vom Schweizerischen Burgenverein, Basel. Die nachstehenden Ausführungen basieren auf diesem Grabungsbericht.
Bücherstand von Burgenverein und Kantonsarchäologie Zürich.
Reiches Fundmaterial der archäologischen Sondierung von 1983.
Basteln eines Topfhelms.
Informationstafeln.
Freiherrenturm
Die steingerechte Baudokumentation zeigte, dass vom heute sichtbaren Mauerwerk des Freiherrenturms nur noch ein geringer Teil des Mantels ursprünglich ist und dass der grösste Teil 1904 erneuert wurde. Das Originalmauerwerk ist aus grossen Findlingsblöcken gefügt. Diese wurden nur an den Lager- und Stossflächen behauen: die Sichtfläche blieb unbearbeitet. Die am besten erhaltene Ostmauer zeigt im Aussenmantel sieben unvollständige Lagen von Findlingsblöcken, der Südmantel weist noch maximal sechs Lagen auf, der Westmantel eine Lage und der Nordmantel vier unvollständige Lagen. Ob der Turm ursprünglich bis unters Dach aus Findlingen (Megalithmauerwerk) bestand oder ob die oberen Stockwerke aus kleinteiligem Bruchstein oder gar aus Fachwerkwänden ausgeführt waren, bleibt ungewiss. Das über 4 m starke Mauerwerk des Turms ist aus Zweischalenmauerwerk konstruiert. Zwischen den Aussenmantel aus Findlingsblöcken und den Innenmantel aus lagenhaftem Bruchsteinmauerwerk füllte man einen breiten Mauerkern aus Gesteinsschutt ein und verfestigte diesen mit Gussmörtel.
Der Freiherrenturm trug schon vor 1450 ein Ziegeldach. Denn im Turmbereich kamen unter der Zwingermauer eine Menge ganzer, schwach gekrümmter, dunkelroter Hohlziegel zum Vorschein. Nach dem Bau der Zwingermauer muss das Ziegeldach erneuert worden sein, wie stärker gekrümmt, hellrote bis gelbliche Hohlziegel und Biberschwanzziegel belegen. Aufgefundene Butzenscheiben, Flachglasfragmente und Bleiruten geben den Hinweis, dass die Fensteröffnungen des Wohnturms mit Glas verschlossen waren.
Drei Fragmente von Röhrenkacheln, die 1983 im südlichen Burggraben gefunden wurden, werden in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert. Dies deutet darauf hin, dass der aus grossen Findlingen (Megalithmauern) erstellte Burgturm bereits vor 1200 gebaut worden ist. Er ist also älter als die erste urkundliche Nennung im Jahre 1265. Das früheste vergleichbare dendrodatierte Beispiel ist der Megalithturm des Unterhofs in Diessenhofen von 1186. Der Zeit vor 1200 gehört sodann der Turm von Bonstetten an; um 1200 sind die Türme von Greifensee, Hünenberg und Zug entstanden. Das Megalith- und Findlingsmauerwerk war in der Ostschweiz vom ausgehenden 12. Jahrhundert bis um 1250 verbreitet anzutreffen.
Nordwestanbau
Auf einem von Burgfelsen abgelösten, tiefer liegenden Felsblock an der Nordwestecke des Freiherrenturms befinden sich die Reste eines viereckigen Baus. Drei Seiten des Anbaus bestehen aus 1.5 m starken Bruchsteinmauern; der senkrecht abgeschrotete Felsen bildet die vierte Wand. Ob der Anbau gleichzeitig mit dem Wohnturm oder erst später entstand, liess sich nicht klären. In der Westmauer ist ein Rundbogen erkennbar, der 1903 dem damals noch vorhandenen Originalbogen nachgebaut wurde., der einzustürzen drohte. Der Torbogen wurde bisher als Zugangstor zum Freiherrenturm interpretiert. Die genauere Untersuchung des Baugrundes zeigte indessen 1983, das der Felsen an dieser Stelle eine rund 1 m breite Kluft aufweist, die nach Osten weit in den Anbau hinein greift. Der Rundbogen ist deshalb als Entlastungsbogen im Fundament der Westmauer zu deuten. An der Aussenwand der Ostmauer des Nordwestanbaus blieb ein Teil des originalen, rund 4 cm starken Mehrschichtenputzes erhalten, dessen Oberfläche grob abgerieben und mit Kalk geschlämmt war.
An der Felswand, welche den südlichen Abschluss des Anbaus bildet, befindet sich eine horizontal durchlaufende Nut von zirka 5 cm Höhe. Darin könnten die Bodenbretter eines Stockwerkbodens eingesetzt gewesen sein, der einen rund 2.3 m hohen Kellerraum mit bereits 1903 freigelegtem Mörtelgussboden ausschied.
Im Freiherrenturm oder im Nordwestanbau gab es mindestens einen Raum, auf dessen Wandverputz ein Rankenmuster aufgemalt war. Schon 1903 und wiederum 1983 kamen im Bereich des Anbaus bemalte Putzreste sowie zahlreiche Werkstücke von Gewölben und Fenstern aus Sandstein zum Vorschein. Dies lässt die Vermutung zu, dass sich hier die Kapelle befunden habe, die seit 1316 auch urkundlich nachweisbar ist.
Nordostanbau
Unterhalb der Nordostecke des Freiherrenturms stehen auf tiefer liegendem Felsband die Reste eines etwa 11 m langen und 4 m breiten, rechteckigen Gebäudes, das sich mit durchschnittlich 1.2 m starken Bruchsteinmauern an die senkrecht abgeschrotete Felswand anschloss. Wann dieser Anbau entstanden ist und was für eine Funktion er hatte, liess sich auf Grund der archäologischen Befunde nicht ermitteln. Damit ist unklar, ob der Nordostanbau allein als Treppenturm diente oder ob er zusammen mit dem Nordwestanbau ein Torsystem bildete, analog jenem der Burg Alt-Landenberg bei Bauma.
Johanniterhaus
Eine Neuinterpretation der schriftlichen Quellen widerlegte frühere Annahmen, das Johanniterhaus sei um 1450 erstellt worden. Gegen eine solch späte Datierung spricht die Tatsache, dass sich der Konvent der Johanniterbrüder von Wädenswil um 1446 auflöste. Der Neubau wäre zu dieser Zeit nicht mehr nötig gewesen. Mit dem Übergang an den Johanniterorden zu Beginn des 14. Jahrhunderts dagegen erhielt die Burg Wädenswil eine neue Funktion. Zu einer Ordensburg mit durchschnittlich 12 Brüdern gehörte die Wohnung des Komturs, der Schlafsaal der Ritter, das Refektorium, vielleicht ein Kapitelsaal, eine Kapelle sowie Platz für die Herberge und Pflege von Pilgern. Und dieser Raum war im alten Burgturm mit 300 m2 Wohnfläche bei angenommenen drei Stockwerken nicht vorhanden.
Bald nach 1300, spätestens um 1330, entstand daher auf dem östlichen Felskopf ein geräumiges Johanniterhaus. Es hatte eine Grundfläche von 480 m2 und dürfte gemäss einem Inventar aus dem Jahre 1550 13 Räume enthalten haben, gegenüber sechs im alten Burgturm. Die Raumbezeichnungen des Inventars lassen eine Gliederung in Haupt- und Nebengebäude zu: Im Johanniterhaus als Hauptgebäude hatten der Komtur und die Ritterbrüder ihre Kammern und gemeinsamen Räume, während im Freiherrenturm als Nebengebäude die Bediensteten und das Spital untergebracht waren.
Das in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstandene neue Johanniterhaus war mit Kachelöfen ausgestattet, die als Heiz- und Dekorelement Napfkacheln, Pilzkacheln, Tellerkacheln und Reliefkacheln aufwiesen. Um 1460 wurden die Öfen modernisiert, wie neue Typen von Ofenkacheln belegen.
Zwischengraben
Zwischen Freiherrenturm und Johanniterhaus liegt ein trogförmiger Graben, der sich nach Norden verengt. Er ist durchschnittlich 10 m tief und an der schmalsten Stelle rund 3 m breit. Eine genaue Untersuchung des Grabenprofils im Bereich des Sodbrunnens führte zur Vermutung, dass der Zwischengraben die heutige Tiefe in zwei Etappen erreichte. Die noch sichtbare ältere Grabensohle liegt etwa 3 bis 5 m unter dem Fundament des Freiherrenturms. In einer zweiten Etappe dürfte der Graben dann – nicht mehr auf der vollen Breite – nochmals um 6 m abgetieft worden sein. Die höhere Grabensohle wurde wohl beim Bau des Freiherrenturms erreicht, die tiefere möglicherweise im Zusammenhang mit der Errichtung des Johanniterhauses.
Zwingermauer
Die Zwingermauer, welche die beiden die Burg tragenden Felsköpfe umgibt, wurde anlässlich der Untersuchung von 1983 an verschiedenen Stellen in den Profilschnitten erfasst. Die Mauer besteht durchwegs aus Bruchsteinen des anstehenden Baugrundes, des Deckenschotters, und weist unterschiedliche Stärken auf. Auf der Nordseite ist sie nur 1,2 m mächtig, auf der Westseite 2,5 m und auf der Südseite gut 3 m. Mit 1 m Dicke ist der östliche Abschnitt der schwächste der Zwingermauer. Die Mauer ist in den untersuchten Bereichen durchwegs ohne Vorfundament oder Mauergrube auf den kiesigen oder felsigen Baugrund gestellt worden.
Vier Türme von je anderer Form verstärkten die Zwingermauer: der halbrunde Schalenturm in der Westecke, der über die Mauer hinausragende viereckige Turm an der Südecke, der dreieckige Turm an der Nordecke und ein viereckiger Turm mit Schlüssellochscharte in der nördlichen Mauer.
Die Zwingermauer gehört gemäss archäologischem Befund nicht zum älteren Burgturm, sondern wurde zu einem späteren Zeitpunkt erbaut. Der Chronist Johannes Stumpf gibt den Hinweis, dass Komtur Johannes Lösel um 1450 „das usser thor und die mur“ erstellt habe. Darunter sind mit einiger Sicherheit der Zwinger und die Zwingermauer zu verstehen. Zu diesen baulichen Massnahmen dürften die Erfahrungen des Alten Zürichkriegs bewogen haben. Dass die Mauern kaum richtig fundiert sind, deutet darauf hin, dass deren Bau rasch vorangetrieben wurde. Da die Gräben bereits bestanden, musste die Zwingermauer ausserhalb davon erstellt werden. Dies ist für Burganlagen eher atypisch, erklärt sich aber aus der Bauchronologie.
Zwinger und Brücke
Südlich des Johanniterhauses und des Burggrabens liegen die Reste eines polygonalen Zwingers, der den Zugang zum Johanniterhaus schützte. Eine Brücke verband Zwinger und Johanniterhaus. Die Brücke setzte am Westende des Zwingers an und führte zu einem Tor in der Südwestecke des Johanniterhauses. Im Burggraben ist der Rest eines rund 5 m langen, gemauerten Pfeilers erhalten geblieben. Da heute zwischen Johanniterhaus und Zwinger eine Höhendifferenz von gegen 6 m besteht, ist anzunehmen, dass die Brücke über den Graben ursprünglich ein Gefälle aufwies. Auf Grund der schriftlichen Quellen ist der Bau des Zwingers – wie auch der Zwingermauer - in die Zeit um 1450 zu datieren.
Burggräben
Auf der West- und der Nordseite gab es gemäss den aufgenommenen Profilen zwischen den Burgfelsen und der Zwingermauer keinen Graben. Südlich des Freiherrenturms dagegen wurde ein rund 4 m tiefer Graben angeschnitten. Er war in den anstehenden Deckenschotter eingehauen, hatte wahrscheinlich ein trogförmiges Profil und dürfte 10 m breit gewesen sein. Vor dem Johanniterhaus war der Südgraben an der Sohle etwa 3 m breit und die Felswand zwischen Sohle und Johanniterhaus zirka 8 m hoch. Der 5 m breite Graben auf der Ostseite war bis zu 8 m in den anstehenden Deckenschotter gehauen und stieg senkrecht zum Johanniterhaus auf. Aus den unterschiedlichen Höhenkoten der Grabensohle ist zu schliessen, dass sich im Graben kein stehendes Gewässer bilden konnte, dieser also trocken lag.
Ofenkeramik
Bei den Grabungskampagnen von 1901 – 1904, 1938 – 1941 und 1983 wurden viele Ofenkacheln geborgen. Es liessen sich mindestens 616 Kacheln nachweisen und darunter 164 unterschiedliche Typen bzw. Motive. Die Kacheln wurden zwischen etwa 1180/1200 und 1557 für den Bau verschiedener Kachelöfen der Burg verwendet. Auf Grund von Vergleichsfunden ist davon auszugehen, dass die Öfen aus Hafnereien in der Stadt Zürich stammten.
Ofenkachel um 1460. Dargestellt ist ein Jagdhund, der einen Eber reisst.
Geschirrkeramik und Gläser
Zur ältesten Geschirrkeramik der Burg Alt-Wädenswil zählen Fragmente von irdenen Töpfen aus dem Zeitraum von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis um 1400. Dazu kommen Reste von Dreibeinpfannen, Deckeln, Kannen, Bechern, Siebgefässen, Schröpfköpfen, Dosen und Häfen. Den quantitativ grössten Anteil stellen die unglasierten oder innen grün glasierten Schüsseln des 15. und 16. Jahrhunderts. Ebenfalls aus Ton gefertigt ist der aufgefundene Teil einer Frauenstatuette. Unter den Gläsern sind die sechs Bruchstücke eines emaillierten Bechers aus dem 13./14. Jahrhundert sowie Fragmente von Nuppenbechern (um 1400) zu erwähnen.
Metallfunde
An Metallfunden kamen bei den drei Ausgrabungen in der Ruine Alt-Wädenswil unter anderem zu Tage: 33 Geschossspitzen, acht Plattenfragmente von einem Harnisch, sechs Fussangeln, zwei Radsporen, Hufeisen, Pferdegeschirr, Zaumzeug, Schnallen und Riemen von Trachten und Reitzeug, Esspfrieme, Scheren und Messer – davon eines mit im Knauf eingravierter Jahreszahl 1523 –, ferner Küchengeräte, Werkzeuge und landwirtschaftliche Geräte, ein Kronleuchterfragment und ein Fackelhalter, Schlüssel und Schlossbestandteile, Beschläge von Türen, Fenstern und Möbeln, Nägel und Nieten, das Nabenschloss eines Wagenrades sowie Kettenteile. Als Verwendungszeit der Objekte kommen die Jahre zwischen etwa 1200 und 1557 in Frage.
Gegenstände aus Knochen, Stein, Holz und Leder
Unter den Objekten aus Knochen finden sich nebst einer Spule auch vier flache Ringe eines Paternosters und eine Knochenpfeife. Zwei Gussformen aus Stein liefern Hinweise auf Metall verarbeitende Tätigkeiten. Im Weiteren sind eine Kugel aus Kalkstein, ein Mosaikstein, ein Lederring und ein Holzring erwähnt.
Verschiedene Funde
An Gegenständen aus dem Bereich der Schriftlichkeit sind vier Schreibgriffel zum Schreiben auf mit Wachs beschichteten Holztäfelchen zu nennen, ein Buchverschluss aus Messing und eine Tuchplombe aus Blei. Im Fundgut der Grabung 1983 ist sodann der Siegelstempel (Petschaft) des Johannes Wisse vertreten, eines Johanniters, welcher 1391 die Komturei Wädenswil verwaltete. Auch eine Maultrommel („Trümpi“) konnte geborgen werden.
Siegelstempel aus dem Jahr 1391 von Johannes Wisse, dem damaligen Verwalter der Johanniter-Komturei Wädenswil.
Münzfunde
Anlässlich der archäologischen Sondierung von 1983 wurden sieben Münzen gehoben. Eine römische Münze, ein Antoninian des im Jahre 270 regierenden Soldatenkaisers Quintillus, belegt – falls es sich nicht um ein Sammlerstück der Johanniter gehandelt hat – eine sporadische Nutzung des späteren Burgplatzes im ausgehenden 3. Jahrhundert.
Ein Denier des 13. Jahrhunderts aus Tours vertritt eine der wichtigsten regionalen Münzsorten aus Frankreich, die bislang im nordwestschweizerischen Fundgut fehlte. Zwei Plapparte gehören zu den ersten in Zürich geprägten grösseren Silbermünzen. Der ältere Typ, aus der Zeit von 1417 bis 1421, zeigt auf der Vorderseite das von einem Reichsadler überhöhte Zürcher Wappen und auf der Rückseite den thronenden Kaiser Karl den Grossen. Der jüngere Typ des Plapparts wurde von 1425 bis etwa 1430/40 geprägt. Er trägt auf der Vorderseite ebenfalls das städtische Wappen und auf der Rückseite den Reichsadler. Ein auf Alt-Wädenswil gefundener Berner Haller ist der Zeit zwischen 1400 und 1420 zuzuweisen, ein Rappen aus Freiburg im Breisgau den Jahren um 1440 oder um 1460/80. Von 1424 bis um 1470 prägte die Münzstätte Miltenberg Pfennige des Erzbistums Mainz. Ein Exemplar ist im Fundgut von Alt-Wädenswil vertreten. Die Münze zeigt das mainzische Radwappen; der gotische Buchstabe „m“ über dem Schild bezeichnet die Münzstätte.
Nach dem Urteil von Luisa Bertolaccini und Benedikt Zäch, welche die Fundmünzen von Alt-Wädenswil untersucht haben, zeugen die Münzen des 15. Jahrhunderts von einem überregional und international orientierten Geldumlauf, der ab etwa 1430/40 die Währungsstruktur im Gebiet der heutigen Nordostschweiz bestimmte.
Das Erscheinen des in Fachkreisen mit Spannung erwarteten Ausgrabungsberichtes, des vom Schweizerischen Burgenvereins herausgegebenen Buches «Alt-Wädenswil. Vom Freiherrenturm zur Ordensburg», wurde am Samstag 31. März 2001 bei prächtigem Frühlingswetter mit einem Burgfest auf der Ruine Alt-Wädenswil gefeiert. Der Schweizerische Burgenverein und die Züricher Kantonsarchäologie als Organisatoren boten den gegen tausend Besucherinnen und Besuchern ein abwechslungsreiches Programm. Kinder konnten sich in Panzerhemd, Topfhelm und mit Schwert und Schild fotografieren lassen oder aus Papier selber einen Topfhelm basteln. Zudem durften sie mit wissenschaftlichen Methoden Scherben ausgraben und unter kundiger Anleitung zu einem Tonlämpchen zusammenleimen. In einem Zelt konnte man sich mit alten Brettspielen vergnügen, und in einem weiteren gab es Originalfunde der Ausgrabung 1983 zu bestaunen.
31. März 2001. Thomas Bitterli erklärt die Geschichte der Burganlage.
Verpflegungsstand mit mittelalterlichen Speisen.
Einführung in wissenschaftliche Grabungsmethoden.
So spielte man schon im Mittelalter.
Ein Wettbewerb nötigte zum genauen Beobachten und Lesen der ausgestellten Pläne, Bilder und Texte. Thomas Bitterli, Leiter der archäologischen Sondierungen von 1983, führte auf stündlichen Rundgängen durch die Ruinen, erklärte vor Ort die Grabungsergebnisse. Farbenfroh gekleidete Gaukler faszinierten Alt und Jung mit ihren Darbietungen. Speisen und Getränke richteten sich nach mittelalterlichem Speisezettel. So gab es weder Pommes frites noch Bratwürste oder Mineralwasser. Man verpflegte sich mit Mus, Brot, Apfelschnitzen oder getrockneten Kirschen, und man trank Most, Fruchtsäfte oder Met.
Und natürlich konnte man auch das neue Buch erwerben. Wer mehr über die Geschichte der Burganlage, über die Resultate der Ausgrabungen und über die gehobenen Funde erfahren möchte, wird mit Gewinn zu dieser reich illustrierten Publikation greifen.
Mit Topfhelm, Kettenhemd, Schwert und Schild.
Das Burgfest, ein eindrückliches Erlebnis.
Peter Ziegler
Thomas Bitterli, Daniel Grütter: Alt Wädenswil. Vom Freiherrenturm zur Ordensburg.
Schweizerische Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters, Bd. 27, Basel 2001.
Herausgegeben vom Schweizerischen Burgenverein, Basel, ISBN 3-908-11-5