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Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" vom 8. Mai 1912, Seiten 3-4. (gotisch) von Elena Klassen.
Unsere Reise von Turkestan, Asien, nach Amerika.
1910, 20. Mai fuhren wir nach schwerer Trennung von Andrejewka ab. Die Bahnstation war über 300 Werst von hier entfernt. In Taschkent mußten wir einige Tage warten. Am 29. Mai nahmen wir die Eisenbahnfahrkarten und fuhren weiter. Den 21. Juni, neuen Stils kamen wir in Eydtkuhnen an. Wurden dort vom Doktor zweimal untersucht und alle für gesund erklärt. In Bremen kamen wir den 24. Juni an, wo wir sechs Tage auf das Schiff warten mußten. Den 30. Juni fuhren wir in ungefähr einer Stunde nach Bremerhaven, wo wir dann unsere Doktorkarten, die wir vom Doktor erhalten hatten, vorzeigten. Jede Person erhält eine Doktorkarte.Und so bestiegen wir das große Schiff „Frankfurt.“ Sehr viele Juden waren auf dem Schiff, die uns sehr überdrüssig wurden. Auf dem Ozean war viel Nebel, weshalb es denn alle fünf Minuten „brummt.“ Wenn der Kopf schon wehe tut von all der Seekrankheit, dann ist einem das sehr zuwider.
Hunderte von Fischen haben wir auf einmal gesehen, die ein Wettschwimmen zu veranstalten schienen, fast so, wie in Asien die Kirgisen auf ihren Festen zu tun pflegen, wo dann ein paar Hundert derselben ein Wettjagen veranstalten.
Während unserer Fahrt starben auf dem Schiffe zwei Kinder, ein Juden- und ein „Kolonisten“ – kind.
Den 14. Juli landeten wir im Hafen zu Philadelphia, wo wir einige Tage lagen, das Schiff aber nicht verlassen durften. Dort war es sehr warm. Die Folge davon war, daß unsere drei Kinder: Anna, Elisabeth und Kornelius die Masern bekamen. Auf dem andern Ende des Schiffes war ein Hospital – es ist eigentlich nicht ein Hospital zu nennen. Auf der Reise von Philadelphia bis Galveston entzündeten sich noch die Augen unserer drei Jungen Isaak, Peter und Jakob. Das hatte schlimme Folgen. In Galveston kamen wir den 23. Juli an. Hier nahm die Schiffsbehörde meine liebe Frau mit den drei kleinsten Kindern, die die Masern hatten, von Schiff in das sogenannte Galveston – Hospital. Das war am 24. Juli. Als ich dann mit den übrigen fünf Kindern vor den Doktor kam und dann die Treppe vom Schiff herunter stieg, sahe ich mich um und sahe zu meinem Schrecken, daß die drei Kinder noch oben auf dem Schiff standen und weinten. Dann fragte ich den Dolmetscher, warum die Jungens nicht herunterkämen? „Wehe (Wegen – E.K.) Augen,“ war die Antwort. „Dann gehen wir auch zurück,“ sagte ich, welches wir auch taten. Ich, Sohn David und Tochter Maria kamen ja nur durch. Als ich zurück auf das Schiff kam, wurde uns noch immer gesagt: „Ihr kommt noch alle runter.“ Sie setzten alles an, um mich und die zwei Kinder zu bewegen, an Land zu steigen. Die Agenten schalten mich hartnäckig, daß ich mich nicht von den Kindern trennen wollte. Als sie sahen, daß es nichts fruchtete, sagten sie: „Wir werden die Jungens mitnehmen bis Bremen, und in sechs bis sieben Wochen sind die Augen gesund. Es ist ja nur eine junge Krankheit.“ Damit ließ ich mich bereden, aber es hat vom 24. Juli 1910 bis zum 6 April. 1912 gedauert. O, eine schwere Zeit, als wir sahen, es ging zurück mit den Jungens! Es waren fünfzig Personen, die zurück mußten: Augenkranke, Schwindsüchtige und Leute mit Bruchschaden. Als ich dann noch $ 150.00 dem Zahlmeister einhändigte zur Heilung der Augen in Bremen, bat ich um eine Quittung dafür. Der eine dabeistehende Schiffsbeamte machte dann eine sehr verächtliche Miene. Viel Schwindelei geht da vor. Mit dem Gelde schickten sie die Kinder nach Asien zurück. Etwas bekam ich davon noch durch Schreiben zurück.
Wir gedenken jetzt noch oft an Geschwister Johann Bullers, welche mit ihren zwei Söhnen zurückgeschickt wurden, die dann auf der Rückreise den kleinsten Sohn ins Meer versenken und den älteren während der Fahrt auf der Bahn nach Taschkent begraben mußten. August Schwabenland, welcher auch mit Frau und einem Sohne zurück mußte, sind herzlich von uns gegrüßt. In Galveston war meine Frau mit den drei Kleinen im Hospital und ich mit zwei Kindern im Einwandererheim, 12 einhalb Block vom Hospital entfernt; drei Knaben waren zurückgeschickt; das war fast nicht durchzumachen.
Den zweiten Tag ging ich zum Hospital, dann war meine Tochter schon sehr krank und am nächsten Tage, als ich hinkam, war sie bereits eine Leiche. Fast unerträglich war der Schmerz. Des jüngsten Sohnes wegen, der fünf Jahre alt war, mußten wir dort noch beinahe sieben Wochen bleiben. Zu dieser Zeit erhielten wir die Nachricht, daß die Kinder, anstatt in Bremen geheilt zu werden, von dort zurückgeschickt würden. Als ich dann zu dem Schiffsagenten Alfred Hold ging und ihm die Sache vorstellte, sagte er: „Das ist Unsinn!“ Ob er mir nicht schon zehn Dutzend mal gesagt habe, daß die Kinder nicht zurückgeschickt würden, ehe die bezahlten $ 150 verbraucht, und ich mich weigern sollte mehr Geld zu schicken. So wurden wir dort gehalten bis zum 6. September. Nachdem wir entlassen worden, kamen wir den 8. bei Geschwister Reimer, Gössel, Kansas, an; aber nicht froh, sondern immer denkend: „Wo mögen unsere Kinder sein?“ Wir erhielten dann Nachricht daß die lieben Kinder wirklich zurück nach Asien geschickt seien. Ich erfuhr aber, daß Abraham S. Görz von Oklahoma, früher von Asien gekommen, nach Turkestan gereist sei. Ich schrieb ihm gleich, und bat, er möge doch so gut sein, und unsere Kinder mitbringen. Auch war noch ein Jakob Richert von Oklahoma gereist. Ich hatte es mir nicht überlegt, daß die Kinder noch einmal könnten zurückgeschickt werden könnten. Br. A.S.Görz tat was er konnte, aber die Jungens mußten wieder von Thorn zurück, was Bruder Görzen mir dann von Berlin telegraphierte. Wir erhielten das Telegramm am 7. Dezember 1910, und gleich darauf einen Brief, daß er die Kinder nach Tiegenhagen geschickt. Es war Winter und wir waren von der Zeit, als wir das Telegramm erhielten, bis der Brief kam, sehr unruhig, weil es in Rußland sehr kalt ist in dieser Jahreszeit. Doch als Br. A.S.Görzen schrieb, daß er die Kinder nach Tiegenhagen zu unsern Verwandten geschickt habe – Onkel Peter Böse ist meiner Frau rechter Onkel – dann waren wir etwas befriedigt. Doch waren die Jungens dort nur einen Tag gewesen, denn da Br. A.S.Görzen ihnen aüßer dem Ticket noch 100 Rubel Reisegeld gegeben hatte, waren sie doch wieder von dort weg und zum zweiten Mal nach Asien gefahren. Es tat uns damals sehr wehe, doch ich will schweigen von dem.
Dann nahmen es Brüder hier in die Hand. Sie wählten ein Komitee, das aus den Brüdern J.S. Voth, P.H. Richert, H.P. Ratzlaff und B.B. Reimer u. S.S.Görtz bestand, die unermüdlich in der Sache geschafft haben. Viel Geld ist für diese Sache gespendet worden. Auch ist viel für uns gebetet worden, als sich Br. S.F. Görzen erbot, zu fahren und die lieben kinder zu holen. Die Reise hat er ja deutlich beschrieben.
In Baltimore sind die Kinder vom 8. November bis zum vierten April gewesen. Endlich und doch wunderbar kamen sie den 6. April in Newton, Kans., an, schön gesund, die Augen so hell und klar wie zuvor. O, wie wunderbar! Lobt mit uns den Herrn!
Wir sagen dem Komitee und allen Gebern und denen, die uns auf Gebetshänden getragen haben, vielen Dank, und unser Wunsch ist, daß der Herr uns möchte viel Kraft und Beistand geben, uns dankbar zu beweisen. Auch Senator Curtus, welcher sich sehr teilnehmend, als ein wahrer Vertreter des Volkes in Washington bewiesen hatte, danken wir herzlich. Bruder F.S. Götzen, mit dem machen wir das Danken mündlich und bezeugen es ihm fernerhin, weil er in der Nähe ist. Die Jungens sind sehr froh, daß sie in Amerika sind. Dies diene auch den Landskronern und allen Rußlandern zur Nachricht. Auch ihr in Asien, schreibt durch die Rundschau!
Grüßend verbleiben wie eure Mitpilger nach Zion.
Dav.D. u. Anna Reimer.