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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
22. Der Gottesliebe sind bar, die Christus nicht als Gott annehmen.
Denn eben mit diesem gleichen Wort, durch das er lehrt, in seinen Werken werde seine Sendung vom Vater her bezeugt, bezeichnet er auch, daß der Vater über seine Sendung Zeugnis gebe, wenn er sagt: „Ihr sucht nicht die Ehre dessen, der allein Gott ist.”1 Er hat aber dieses Wort nicht ohne Zusammenhang und ohne vorherige Vorbereitung für den Glauben an die Einheit gelassen. Vorher spricht er nämlich so: „Ihr wollt nicht zu mir kommen, um das Leben zu haben. Von Menschen empfange ich keine Ehre; euch habe ich aber erkannt, daß ihr die Liebe Gottes nicht in euch habt. Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr habt mich nicht angenommen; wenn ein anderer in seinem Namen kommen wird, den werdet ihr aufnehmen. Wie vermögt ihr zu glauben, die ihr von Menschen Ehre empfanget und die Ehre dessen nicht sucht, der allein Gott ist?”2
Die Ehre der Menschen verwirft er, weil vielmehr die Ehre von Gott zu erbitten ist, und weil es Art der Ungläubigen ist, voneinander Ehre anzunehmen. Was denn an Ehre wird ein Mensch dem Menschen geben? Er sagt also, es erkannt zu haben, daß Gottes Liebe nicht in ihnen sei; und den Grund dafür, daß Gottes Liebe nicht in ihnen bleibe, gibt er klar an: weil sie ihn nicht aufnehmen, der doch im Namen des Vaters kommt.
Ich frage: was bedeutet es, daß er im Namen des [S. 90] Vaters kommt? Etwas anderes etwa, als daß er im Namen Gottes komme? Oder ist etwa nicht deswegen Gottes Liebe nicht in ihnen, weil man ihn nicht aufnahm,3 der im Namen Gottes kam? Oder hatte er nicht etwa Gottes Wesen als sein eigenes bezeichnet, als er sagte: „Ihr wollt nicht zu mir kommen, um das Leben zu haben?” Denn in der gleichen Rede hatte er schon gesagt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, die Stunde kommt, und jetzt ist sie da, in der die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden; und die sie gehört haben, werden leben!”4
Wenn er im Namen des Vaters kommt, so ist er weder selber der Vater, noch ist er dennoch auch nicht in derselben göttlichen Wesenheit wie der Vater; denn dem Sohne und dem Gott ist es eigentümlich, im Namen Gottes des Vaters zu kommen. Man soll später einen anderen annehmen, der in demselben Namen kommen wird. Dieser andere aber ist ein Mensch, von dem die Menschen Ehren für sich erbitten und dem sie umgekehrt Ehren erweisen, obwohl doch dieser selbe sie damit betrügen wird, im Namen des Vaters gekommen zu sein. Daß dieser als der Antichrist bezeichnet wird, der sich der Lüge des väterlichen Namens rühmt, das ist nicht verborgen. Indem sie diesen ehren und von ihm geehrt werden ― denn diesen Geist des Irrtums werden sie aufnehmen ―, deswegen werden sie die Ehre desjenigen nicht suchen, der allein Gott ist.
1: Joh. 5, 44.
2: Joh. 5, 40―44.
3: Vgl. Joh. 1, 11.
4: Joh. 5, 25.