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Literatur
Hängengeblieben in Cabo de Gata
Eine sehr schöne Widmung ist diesem von hoher Genauigkeit in Beobachtung und Wiedergabe geprägten Werk vorangestellt: "Für M. Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war."
Dem Protagonisten dieser Geschichte (ein Intellektueller, der seine Gedanken am liebsten für sich behält) kommt eines Tages die Idee, Berlin, die Stadt, in der er lebt, und das Leben, das er gewohnt ist, "bis auf weiteres zu verlassen". Er räumt seine Wohnung, besucht seinen Vater (die Mutter ist verstorben); so schildert er ihn und sein Verhältnis zu ihm: "Womöglich, denke ich jetzt, war er verlegen, weil es sich bei dem Besuch um eine alte Dame handelte, aber damals nahm ich an, er schäme sich für die abgezählten Brotscheiben, und mein Vater - mein stets überlegener, gelassener Vater, der Anekdotenerzähler und Lebemann, der grosse Redner und bekannte Buchautor - verwandelte sich vor meinen Augen in einen einsamen, alten Mann, der Brotscheiben abzählte. Und anstatt mich über ihn lustig zu machen, über diese unglaubliche Krümelkackerei, wie er selbst es genannt haben würde, murmelte ich irgendetwas Ablenkendes, ja sogar Beschwichtigendes, so verstört war ich darüber, dass mein Vater mir plötzlich leid tat."
Wohin er will, weiss er nicht, doch reisen will er auf dem Landweg, denn er leidet, nein, nicht an Flugangst, sondern an Flugunbehagen. Und so nimmt er also den Zug nach Basel. "Von Basel weiss ich nur noch, dass ich spätabends auf dem Bahnsteig stand und der, wenn ich nicht irre, dreisprachigen Ansage lauschte, einer routinierten weiblichen Stimme, die vom Bahnhofshimmel widerhallte, so fern, so verkratzt wie aus einem historischen Radioempfänger."
Via Barcelona gelangt er schliesslich zum Parque Nacional Cabo de Gata - el ultimo paraiso de Europa. Im Ort betritt er eine Bar, wo er auf eine alte Frau mit kastanienbraunem Haar, "das sie in formfesten Wellen auf ihrem Kopf herumträgt", trifft, die er "für so etwas wie eine Putzfrau" hält. Es sind solche Beschreibungen, und es hat viele davon in diesem sehr gelungenen Band, die mich immer wieder auflachen liessen und mich an meine Lektüre von Jens Sparschuhs "Der Zimmerspringbrunnen" erinnerte. Nein, ich will die beiden Bücher nicht vergleichen.
Cabo de Gata entpuppt sich als Geisterstadt und der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller, beschliesst, am folgenden Tag nach Gibraltar und weiter nach Afrika zu fahren. Doch dann bleibt er. Nach etwa einem Monat taucht ein englischer Bauarbeiter auf einem Motorrad auf, der wissen, will, was der Schriftsteller hier die ganze Zeit über täte, worauf sich dieser herrliche Dialog ergibt:
"I'm trying to write a book, sagte ich.
Wow, great, sagte der Engländer. What about?
That's not clear yet, sagte ich."
Über nichts ist er sich wirklich sicher (und das macht ja so recht eigentlich den Intellektuellen aus), das meint jedoch nicht, dass er meinungslos ist, doch dass alles, was er sich so vorstellt, immer auch ganz anders sein könnte.
Und dann kommt der Amerikaner. "Natürlich sah der Amerikaner genau so aus, wie ich mir einen Briten vorstellte. Hose mit Bügelfalte und Umschlag, eine grüne, gewachste Jacke, ein - man verzeihe mir dieses dumme Vorurteil - pferdeähnliches Gesicht und dünnes, schwach rötliches Haupthaar, das hin und wieder - offenbar vergeblich - zu einem Scheitel gekämmt wurde." Auch der Amerikaner will einen Roman schreiben.
"Worüber?, fragte ich.
Schwierig, sagte der Amerikaner."
Ich habe Cabo de Gata als eine wunderbar witzige und gleichzeitig traurige Charakterisierung eines Intellektuellen gelesen, der weder weiss, was er will, noch sich was traut, doch stattdessen sich andauernd Gedanken macht. Auch darüber, dass er sich Gedanken macht, die er sich eigentlich nicht macht (" ... kam mir der für meine Verhältnisse abwegige Gedanke ...").
Wenn es für intelligente, lehrreiche (was der Amerikaner auf knapp einer Seite über Frauen und Saudi-Arabien von sich gibt, ersetzt ganze Bibliotheken zu diesem Thema ... nein, es geht nicht ums Autofahren) Unterhaltung Noten gäbe, kriegte Cabo de Gata von mir die Höchstnote.