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Titel
Sihl
(Kt. Schwyz, Zug und Zürich). Linksseitiger Nebenfluss der Limmat, mit welcher er sich unterhalb des «Platzspitzes» in der Stadt Zürich vereinigt.
a) Die obere
Sihl bis zur Mündung der Alp.
1. Sammelgebiet im engern Sinn.
Wie die Aeste einer riesigen Baumkrone gehen oberhalb der
Schindellegi die Wasserläufe auseinander, welche das obere
Sihlsystem
bilden, und die selbe Erscheinung wiederholt sich recht typisch an der
Sihl selber von
Euthal an aufwärts. Ein
Blick auf die Karte zeigt darum zweimal ein gut abgerundetes Einzugsgebiet 1) das der
Sihl ob
Schindellegi, oder das Sammelgebiet
im weitern Sinn und 2) das des Flusses ob
Euthal, oder das Einzugsgebiet der
Sihl im engern Sinn. Dieses letztere hat die
Gestalt eines Ovals.
Eingeschlossen ist es: im O. von der
Schwarzstock-Fluhbergkette, im S. von der
Schwarzstock-Drusberg-Forstbergkette,
im W. von der Kette zwischen
Sihlgebiet einerseits Alp- und
Amselthal andrerseits. Seine Fläche beträgt bis und mit der
Minster 94,65 km2, bis und mit dem
Steinbach 114,01 km2. Die
Sihl hat ihre Quellen auf den Schutthalden am O.-Fuss der
obersten
Felsen des
Hund
(Drusberg), wo von etwa 1850 m an
Bäche sich entwickeln, die sich auf der Alp Mutterort
vereinigen (1640 m). Von hier an sinkt die
Sihl bald in eine tiefe und enge
Schlucht hinunter, die in
Felsen der Kreidezeit
eingegraben ist, bis zum Gripsli (1017 m) reicht und ein Gefälle von 17,8% aufweist. Es folgt ein 1 km
langes Laufstück auf
Schutt, aber immer noch in einer
Schlucht (mit 5,7% Gefälle), die sich erst im
Ochsenboden (960 m) erweitert.
Das nunmehr breite Thal ist mit grobem
Kies überschüttet und hat noch ein bedeutendes Gefälle, das sich meist zwischen 2 und
3% bewegt. Erst bei
Studen (900 m), wo die andern Quellbäche der
Sihl münden, sinkt es auf das geringe Gefälle der Alluvionsebenen
hinunter. Die übrigen Quellbäche werden durch die
Minster gesammelt; es sind: die
Stille Waag aus dem Twingetobel, der
Käswaldbach
aus dem Käswaldtobel und der
Eisentobelbach aus dem Eisentobel. Diese drei
Thäler scheiden die Klippen
Schien,
Lauchernstock-Mördergrube und
Roggenstock voneinander, während zwischen
Twinge- und
Sihlthal eine breite Gebirgsmasse
vom
Drusberg aus nach N. streicht.
2. Anschwemmungsland an der obern
Sihl.
Auch in die
Thäler der
Minster und der
Waag reichen die Schuttmassen weit hinauf. Das ganze Anschwemmungsland
von
Studen bis Schlagbühl verdient eine nähere Betrachtung. Gefällsverhältnisse: von 900-890 m = 3,2‰; von 890-880
m = 1,7‰; von 880-870 m = 1,2‰. Länge:
Ebene 9 km, Fluss 17 km. Breite bei
Studen 1,2 km, bei
Gross 1,8 km, am untern Ende
2,5 km, also abwärts im allgemeinen zunehmend. Die Begrenzung wird bis in die Gegend von
Steinbach aus
Eozän gebildet; hierauf folgen auf beiden Thalseiten quartäre Ablagerungen, dann oberhalb
Gross Molassehöhen, von denen
fortan die ganze
O.-Seite begrenzt ist, während die wenig hohe Wasserscheide gegen die Alp hin (n.
Einsiedeln) mit Erratikum
überschüttet ist. Den Abschluss des Gebietes nach N. bildet der halbkreisförmige Endmoränenzug im
Schlagen, der einst einen
Sihlsee gestaut hat. Zuflüsse: von links aus dem
Amselthal bei
Gross der
Grossbach mit starkem Schuttkegel;
von rechts bei Euthal der Eubach aus einem Längenthal an der Grenze zwischen der Kalkkette des Aubrig und dem subalpinen Eozän, bei Willerzell der Rickenbach.
Die Ebene selbst besteht in der Tiefe ¶
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(Bohrloch von 60 m) aus Seekreide, welche sich in dem durch die Moräne im Schlagen gestauten See abgelagert hat. Die heutigen Ufer der Sihl bestehen aus Lehm, der durch Schilfrohrrhizome verfestigt ist. Dieser undurchlässige Grund eines Thalbodens mit sehr kleinem Gefälle bot der Torfbildung günstige Bedingungen. Ueberall begann diese mit der Entstehung eines Rasenmoores aus Seggen- und Schilftorf und peripherisch auftretendem Torfmoostorf. Vereinzelte Reste von Birken- und Rottannenstämmen deuten auf einen einstigen lichten Sumpfwald hin.
Auffällig ist, dass die zentralen Teile der Moore oft grosse reine Bestände der heute seltenen Scheuchzeria palustris aufgewiesen haben. Die genannten Moorpflanzen wirkten als peripherischer Filter und hielten den Schlamm des Ueberschwemmungswassers zurück, so dass im Zentrum der aschenarme Scheuchzeriatorf sich bilden konnte. In Todtmeer und Roblosen hatte dieser eine Fläche von 90 ha. Von Unter Iberg bis Willerzell zeigen die Moorflächen heute ganz den Typus von voralpinen Flachmooren.
Der Moorboden wird landwirtschaftlich auf vier verschiedene Arten benutzt:
1) Die feuchtesten Gebiete tragen Streuwiesen die vorwiegend dem Typus des Molinietum (Besenriedwiese) angehören, d. h. überwiegend mit Pfeifengras (Molinia coerulea) bewachsen sind. Dazu kommen stellenweise als quantitative Hauptbestandteile des Riedgrases: Carex panicea (hirsenfrüchtige Segge), besonders an feuchtem Orten;
C. stricta (steife Segge), die am Rande von Altwassern und in ehemaligen Torfgruben Schwingrasen und Horste bildet;
C. paniculata, C. davalliana, C. rostrata, C. filiformis, C. paludosa und Arundo phragmites (Schilfrohr), welches besonders auf den Mooren mit Gehängeberieselung steht, ebenda: Ulmaria pentapetala (Rüsterstaude), Veratrum album (Germer), Cirsium rivulare (Kratzdistel).
Anderwärts finden sich Menyanthes trifoliata (Bitter- oder Fieberklee), der oft ganze Wiesen bildet; Equisetum palustris und E. heleocharis (Schachtelhalm), dieser in totem Wasser; ferner Sparganium ramosum (Igelkolben) und Typha (Rohrkolben). Anderwärts: Eriophorum latifolium (Wollgras), Trichophorum caespitosum (Haargras), Scirpus silvaticus (Binse). In schlammfreiem Wasser die Scheuchzeria palustris. Charakteristische Pflanzen für den voralpinen Typus des Moores sind: Trollius europaeus (Trollblume), Veratrum album (weisser Germer), Aconitum napellus (wahrer Eisenhut), Polygonum bistorta (doppelt gedrehter Knöterich), Sweertia perennis (ausdauernde Sweertie), Bartsia alpina (Alpenbartsie), Ranunculus aconitifolius (eisenhutblättriger Hahnenfuss) und Gentiana asclepiadea (Schwalbenwurzenzian), in inselartigen grünen Stöcken Sanguisorba officinalis (gebräuchlicher Wiesenknopf), Primula farinosa (Mehlprimel) und Trichophorum alpinum (Alpenhaargras).
Von botanischen Seltenheiten des Flachmoores nennen wir: Hierochloë odorata (wohlriechendes Mariengras), Juncus supinus (niedrige Simse) und Lysimachia thyrsiflora (straussblütiger Gilbweiderich). Die wichtigsten Riedwiesen sind: die Schmalzgrubenrieder bei Unter Iberg, die Breitenrieder unterhalb Studen, die Rieder vor Euthal, die Ahornweidrieder jenen gegenüber, das Steinmoos und die Grossrieder bei Gross, das Erlenmoos diesen gegenüber, Lachmoos, Wasserfang, Sulzelalmeind. Die Streu, die im Herbst gemäht worden ist, kann wegen des weichen Bodens nicht weggeführt werden und wird daher um senkrecht in den Boden gerammte Stangen (Tristbäume) zu spitzen, kegelförmigen Haufen (Tristen) aufgeschichtet, welche bis 1000 kg Schwarzstreu enthalten. So wird im Herbst ein Grossteil der Ebene in eine merkwürdige eigentliche ¶
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«Tristenlandschaft» umgewandelt. - 2) Die weniger feuchten Teile dienen als Futterwiesen. Diese bilden im allgemeinen einen Streifen von sehr wechselnder Breite, die sog. Härti, rings um das Moorland herum. Längs der Strassen Iberg-Sihlboden, Euthal-Steinbach, Willerzell-Einsiedeln und des Sihlstückes ob Gross durchqueren aber vier Mattenzüge das Thal. In der Nähe der Wohnungen sind sie Fettmatten vom Typus der Windhalm- und Raygraswiese. Entfernter von den Siedelungen treffen wir Magermatten, besonders mit Bromus erectus und Nardus stricta, während die Blaugrashalde mit Sesleria coerulea an die aus Nummulitenkalkstein gebildeten Gehänge bei Steinbach und Euthal gebunden ist. - 3) An geeigneten Stellen ist der Moorboden durch Entwässerungskanäle in Ackerland, die sog. «Moorgärten», umgewandelt worden.
Durch Gräben von 1 m Tiefe ist z. B. das Schützenried (zwischen Minster und Sihl) in lauter Beete von 3,5 m Breite und 30 m Länge eingeteilt. Auf den hochgewölbten Beeten wird in einer Art Dammkultur auf einer Fläche von 20 ha die Kartoffel gebaut. Diese überwiegt alle Gewächse der schwarzen, leichten Torferde; doch werden auch noch Flachs, Saubohne, Rüben, Kohlrabi, Kopfkohl, Bohnen und Hafer gepflanzt. Die Moorgärten haben zusammen eine Fläche von 143 ha und liegen in Ried, Schützenried, Ahornweid, Rustel, Grossmoos, Lachmoos, Tschuppenmoos, Klammern-Hochmatten, Almeind-Waldweg. - 4) Weiden: Sulzelalmeind, Ahornweid, Kalch.
Zu den Flachmooren kommen noch eine Reihe von Hochmooren. Das einzige, das dem obern Thalstück angehört, liegt in den Breitenrietern, die andern finden sich alle unterhalb Willerzell: Schachen, Meersaum, Todtmeer, In dem Meer (westl. der Sulzelalmeind), Roblosen, Hühnermatt. Alle gehören dem kombinierten Moortypus an. Die Profile zeigen am Grunde immer Seggentorf, darauf in vielen Fällen Scheuchzeriatorf (in Todtmeer-Roblosen 2 m), sodann Sphagnum- und Wollgrastorf.
Die erstern zwei Torfsorten gehören dem Flachmoor-, die letztern beiden dem Hochmoortypus an. Ein grosser Teil der Hochmoordecke ist durch Abbau verschwunden. Wo sie noch vorhanden ist, wölben sich 1-3 m breite Rundhöcker aus Heide, Moos-, Heidel- und Preisselbeeren, Sphagnum, Wollgras, etc., gekrönt mit zwerghaften Rottännchen, Wachholdern und Hakenföhren, oder dehnen sich Sphagnumfluren, liegen in wasserreichen Mulden Scheuchzeriawiesen oder Rasen des überschwemmten Bärlapp, der weissen Schnabelsaat, der Schlauchsegge und des Bitterklees, oder leuchten endlich schneeige Fluren des Wollgrases.
Durch künstliche und natürliche Drainage (Einschneiden der Sihl) trockneten die Hochmoore z. T. aus, worauf die Rasenbinse an Stelle der Moose und Wollgräser trat und die Rentierflechte die Sphagnumhügel zu überziehen begann. Botanische Seltenheiten dieser Hochmoore sind: Betula nana (Zwergbirke), Juncus stygius (stygische Simse), Trientalis europaea (europäischer Siebenstern), Saxifraga hirculus (goldblumiger Steinbrech), Orchis Traunsteineri (Traunsteiners Knabenkraut), Malaxis paludosa (Sumpfweichkraut), Meum athamanticum (augenwurzähnliche Bärenwurzel).
Die mittlere Mächtigkeit des Torfes nimmt thalaufwärts ab von etwa 3 m im Todtmeer auf etwa 1 m in der Gegend von Unter Iberg; grösste Mächtigkeit bei Hühnermatt 5,25 m. Der Torf wird in der Gegend seit 1748 ausgebeutet und zwar entweder durch horizontales Stechen von Hand oder mittels Maschinen, die den sog. Presstorf herstellen, wobei der Torf bis auf ¼ seines Volumens zusammengepresst und dabei fest wie Holz wird. Die Torfausbeute dauert von Anfang Juni bis Ende Juli. Das Produkt wird nach dem Zürichsee exportiert. Der grösste Betrieb befindet sich im Todtmeer, wo auf etwa 80 ha Fläche zwischen kleinen, schneeweissen Flecken von Alpenwollgras braune Torfwände, schwarz belegte Böden und 300 im Sonnenglanz schimmernde kleine Hütten sich zeigen - ein herrliches Bild der vorübergehenden Kolonisation in einem Tagbaudistrikt (Früh).
Verkehrsgeographisch wirkt das Moor wie ein See, indem die Siedelungen ringsum auf der sog. «Härti» erstellt worden sind, rechts die Weiler Sihlboden, Euthal, Willerzell und Langrütiegg, links Rüti, Gross, Birchli und ringsum zahlreiche Höfe. Klimatisch ist das Moor von übelm Einfluss: es hat 10 Tage später Frühling als die Umgebung, im Mai noch in der Tiefe gefrorenen Boden, erzeugt viel Nebel im Sommer und vergrössert die täglichen und jährlichen Temperaturschwankungen (jährliche: 50°). Im Uebrigen haben die Thäler des obern Sihlgebietes einen späten Frühling (kein Föhn), dagegen dann rasches Wachstum infolge intensiver Insolation, viel O.- und N.-Winde, eine grosse Regenmenge (Einsiedeln 1600 mm, 150 Regentage, 158 frostfreie Tage) und klare Spätsommer.
3. Wasserhaushalt.
Da die Sihl von Schindellegi an in der Hauptsache nur Abflusskanal des bereits gesammelten Wassers ist, zeigt der gesamte Lauf des Flusses die selben Erscheinungen im Wasserhaushalt. Pegelstationen sind eingerichtet bei Untersiten (ob der Teufelsbrücke am Etzel) Sihlbrugg (selbst registrierend), im Untern Sihlwald (mit telegraphischem Hochwassernachrichtendienst) und in Zürich bei der Papierfabrik. Die Sihl ist ein typisches Voralpengewässer, von dessen Sammelgebiet 83% auf die Berg- und Alpenregion, d. h. auf Höhen über 700 m entfallen. Ihr hydrographisches Jahr (1. November bis 31. Oktober) beginnt mit dem winterlichen Niederwasser der ¶