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Adèle Lüscher-Simonius, die Ehefrau des Kunstmalers Jean Jacques Lüscher, betätigte sich ebenfalls als Malerin. Sie lebte mit Unterbrüchen ab 1918 im Neuen Wettsteinhaus in Riehen.
Tochter des Friederich Heinrich Paul Simonius (1849–1886; Wollgrosshändler) und der Johanna Rosalie Veillon (1862–1935). Heirat 1912 mit Jean Jacques Lüscher (1884–1955; Kunstmaler). Eine Tochter, zwei Söhne.
Adèle Simonius, deren Vater bereits vor ihrer Geburt verstarb, wuchs mit ihrem Bruder August (1885–1957), dem späteren Professor für römisches Recht und Obligationenrecht an der Universität Basel, an der Gartenstrasse 5 in Basel in grossbürgerlichen Verhältnissen auf. Über ihre Ausbildung ist wenig bekannt. Sie war eine talentierte Pianistin und Malerin. 1912 heiratete sie den ebenfalls musikalisch begabten Kunstmaler Jean Jacques Lüscher (1884-1955). Im gleichen Jahr kam die Tochter Marie Adèle Elisabeth zur Welt, die später Karriere als Ärztin und Chefchirurgin an der Schweizerischen Pflegerinnenschule mit Frauenspital in Zürich machte. Von 1913 bis 1914 hielt sich die junge Familie in Südfrankreich auf, kehrte aber bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach Basel zurück. Während des Krieges gebar sie die beiden Söhne Hans Jakob, genannt Joggi (1914–2017), und Paul Martin (1917–1979).
1918 zog die Familie von Basel nach Riehen ins Neue Wettsteinhaus. Dank Adèles ererbtem Vermögen konnte das Paar das historische Gebäude mit grossem Umschwung von Jean Jacques Vater Rudolf Lüscher (1853–1930) erwerben. Zwischen 1920 und 1926 lebte die Familie Lüscher-Simonius erneut in Südfrankreich, damit sich Jean Jacques von seiner Tuberkulose erholen konnte, die er sich im Militärdienst zugezogen hatte.
Das Neue Wettsteinhaus, auch Lüscherhaus genannt, wurde ab Mitte der 1920er-Jahre zum Treffpunkt der Basler Kunst- und Kulturszene. Hier fanden Hauskonzerte mit weltbekannten, zeitweise in Riehen wohnhaften Musikern statt – wie dem Geiger Adolf Busch und dem Pianisten Rudolf Serkin. Aus dieser Zeit stammen auch die meisten Werke von Adèle.
Ab 1940 hielten sich Adèle und Jean Jacques Lüscher-Simonius regelmässig im Tessin und ab 1945 auch in Villeneuve-lès-Avignon in der Provence auf, wo sie ihren Lebensabend verbrachten.
Adèle starb am 7. November 1960 in Riehen. Sie ist neben ihrem bereits 1955 verstorbenen Gatten auf dem Friedhof am Hörnli bestattet.
Adèle Lüscher dokumentierte in den wenigen von ihr überlieferten Malereien das Leben im Lüscherhaus. Auf kleinen Holztafeln und Kleinmöbeln entstanden vornehmlich Szenen aus dem Familienleben. Adèle malte direkt auf Holzplatten, Metall oder Kleinmöbel wie Truhen oder Schränke, aber auch auf gewöhnliche Haushaltsgegenstände wie Brotkästen mit glatten Oberflächen. Die Innenräume und die Architektur des historischen Lüscherhauses dienten als Kulisse für ihre figürlichen Szenen, auf denen man häufig Bilder ihres Ehemanns erkennt.
Im Gemälde ‹Abendgesellschaft›, entstanden um 1928, gab die Malerin den grossen Festsaal im Lüscherhaus detailliert wieder und benannte alle Festbesucher und -besucherinnen handschriftlich auf der Rückseite des Gemäldes. Unter den Gästen befinden sich in der Mitte am Tisch sitzend Jean Jacques und Adèle, dahinterstehend Adolf Busch mit Violine. Ebenfalls am gleichen Tisch sitzen der Maler Numa Donzé und leicht vornüber geneigt der Pianist Rudolf Serkin. Auch der kleine Martin Lüscher ist dargestellt, ebenso die Malerfreunde Karl Dick und Niklaus Stoecklin, dessen Tochter Noëmi im Jahr 1944 Lüschers Sohn Martin heiratete. In der Bildmitte erkennt man das Gemälde ‹Frauenraub› von Lüschers Malerfreund Numa Donzé, das sich heute im Kunstbesitz der Gemeinde Riehen befindet.
Andere Werke geben Einblick in private Momente, wie ein undatiertes Gemälde, das ihren Ehemann Jean Jacques als gesetzten Herrn in Anzug und Krawatte zeigt, vertieft in seine Lektüre. Er sitzt im Sessel neben dem Kachelofen und vor einem Staffelfenster des Neuen Wettsteinhauses.
Ihre minutiös gemalte und detailtreue Bildwelt zeugt von einem hohen künstlerischen Anspruch, war aber wohl kaum für ein breites Publikum bestimmt. Die auf den ersten Blick naiv wirkenden, gleichzeitig handwerklich perfekt ausgeführten Werke, durchaus verwandt mit folkloristischer Bauernmalerei, erweisen sich Jahrzehnte später als unschätzbare Quelle. Sie geben Einblick in die Wohnkultur der Familie Lüscher und in ihr gesellschaftliches Netzwerk.
Die Werke von Adèle Lüscher befinden sich alle im Nachlass der Familie.
2021 wurde eine Auswahl davon in der Ausstellung ‹Ins Licht gerückt – Der Maler Jean Jacques Lüscher› im Kunst Raum Riehen erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.
Autorin / Autor: Dina Epelbaum | Zuletzt aktualisiert am 19.1.2023
Epelbaum, Dina: Ins Licht gerückt – Der Maler Jean Jacques Lüscher (1884–1955). In: Jahrbuch z’Rieche 2022. S. 28–41.
Epelbaum, Dina: Jean Jacques (Johann Jacob) Lüscher. In: SIKART. Lexikon zur Kunst in der Schweiz, 2022. URL: https://www.sikart.ch/KuenstlerInnen.aspx?id=4023393 (09.01.2023)
Schmid, Denise: Fräulein Doktor. Das Leben der Chirurgin Marie Lüscher. Zürich 2022.