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Bei diesem Werkstück handelt es sich um eine leicht umredigierte Passage aus dem Aufsatz «Die Kunst, der Aufbruch zu verteidigen»[1].
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Nach zehn Jahren Reithalle Bern stellt sich die Frage: Inwiefern ist sie heute noch Teil der Subkultur? Allgemein: Inwiefern ist Subkultur innerhalb einer Gegenkultur möglich? Hierzu vier Thesen:
1.
Gegenkulturen geraten tendenziell unter das Primat von territorialen Auseinandersetzungen, weil extra-legal eroberte Räume durch die Mitglieder der Gegenkultur kontrolliert werden müssen. Deshalb haben seit 1987 nicht zuletzt territoriale Konflikte die bisherige Geschichte auf dem Reitschulareal geprägt:
a) Geglückte Durchsetzung einer Gegenkultur in der Gegenkultur: Raumnahme durch die Frauen gegen die Männer;
b) Gescheiterte Durchsetzung von Gegenkulturen in der Gegenkultur (Konflikt mit der Outcast-Subkultur auf dem Vorplatz, die schliesslich zu ihrer von der «Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule» ([IKuR] gebilligten Vertreibung durch die Stadtpolizei führte; Reithalle-intern organisierte Vertreibung der drogendealenden Gegenkultur aus dem Wohnhaus);
c) Gescheiterte «Besitznahme» von Raum (grosse Halle, deren Nutzung heute von einem externen Verein organisiert wird).
2.
Durch die Raumnahme gerät Gegenkultur in das dialektische Spannungsfeld zwischen Desintegration und öffentlicher Wirkung. Je vollumfänglicher eine Raumnahme gegen das Recht der gesellschaftlichen Mehrheit durchgesetzt werden kann, desto grösser wird die Desintegration und desto kleiner die gesellschaftliche Ausstrahlung (exemplarisch belegt das die Zaffarayasiedlung, die heute [1998, fl.] ohne jede gesellschaftliche Ausstrahlung als eine Art geduldeter Standplatz von neuen Fahrenden auf einem Autobahnzubringer im Neufeld-Quartier existiert).
3.
Die Verfestigung von Subkultur in Gegenkultur ist der Versuch, die flüchtige Substanz der Subkultur durch Raumnahme in einen in der Zeit haltbaren Zustand zu überführen. In dem Mass, in dem sich Subkultur zu Gegenkultur verfestigt, schwächen sich die ursprünglichen, subkulturellen Impulse ab, und zwar bezogen auf die fünf Bestimmungen von Subkultur wie folgt:
1. Die Prozesse verlangsamen sich.
2. Der ideelle Anspruch läuft Gefahr, als bunte Kulisse eine realpolitische Sachzwanglogik zu verdecken.
3. Der öffentliche Auftritt verliert seine Umstrittenheit und wird zunehmend zur pragamatischen Opposition.
4. Die informelle Struktur beginnt sich zu formalisieren.
5. Die Ökonomie wird zur kapitalistischen Vernunft genötigt.
4.
Eine Gegenkultur, die weiter bestehen würde, nachdem sämtliche subkulturellen Impulse abgestorben wären, würde Teil der gesamtgesellschaftlichen Feierabendunterhaltung: Sie würde Teil der kompensatorischen Reproduktionskultur für die Rädchen in der Maschine des Systems.
[1] Die Kunst, der Aufbruch zu verteidigen, in: Hansdampf [Hrsg.]: Reithalle Bern. Autonomie und Kultur im Zentrum. Zürich (Rotpunktverlag), 1998, S. 18-25.
(1998; 18.12.2017; 15.07.2018)