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Der Lukmanier als Verkehrsweg in alter und neuer Zeit
von Buholzer, Columban, Disentis aus: Bündner Monatsblatt: 1934, Heft 9, mit ergänzenden Fussnoten zum heutigen Stand durch Gion Tenner
Der Name des Passes ist Gegenstand verschiedener Deutungen geworden: P. Plazidus a Spescha leitet den Namen Lukmanier von Lucus magnus = grosser Wald ab. Italienisch heisst der Berg Locomagno, und romanisch Cuolm Santa Maria oder auch Lukmagn. Die ältesten Erwähnungen des Namens sind:
1136: Loco magno1, und 1303 in einem österreichischen Urbar heisst er Luggenmain2, woraus dann der Name Lukmanier entstanden sein soll. Früher hiess der Pass Mons Barnabas oder Barnabasberg, nach einem am Passweg stehenden und dem hl. Barnabas geweihten Hospiz genannt3. Der Bergübergang von Graubünden nach dem Tessin ist der westlichste Rheinpass und der niedrigste die Alpen überschreitende Pass, mit Ausnahme des Maloja. Schon frühzeitig muss dieser Alpenübergang benützt worden sein. Er nimmt in der Geschichte eine bedeutende Stellung ein. Es wird behauptet, die Strasse über den Pass sei schon den Römern bekannt gewesen. Zum Beweis wird darauf hingewiesen, dass in Malvaglia 1852 eine grosse Zahl römischer Münzen aus der Zeit Aurelians bis Konstantin gefunden wurde. Auch in Biasca fand man römische Münzen4. Auf römischen Ursprung weisen viele Namen im Bleniotal hin. Im oberen Teil des Tales verzeichnet Olivone nebst steinzeitlichen auch römische Funde, ebenso Ludiano, wo 1926 solche von gallorömischen Gegenständen gemacht wurden5. Auf der Passhöhe des Lukmaniers wurde 1876 beim Strassenbau ein eiserner Wurfspiess aus der Römerzeit gefunden6. Auf der Nordseite, im Medelsertal, wird eine Brücke über den Rhein Römerbrücke genannt; auch ein alter Weg von Medels über die Vergera nach Mompe-Medels und St. Agatha wird noch Römerweg geheissen. Gegen die Benutzung des Passes durch die Römer spricht aber der Umstand, dass weder die peutingerische Karte aus dem 3. Jahrhundert, noch das Itinerarium Antonini aus dem 4. Jahrhundert einen Lukmanierweg aufweisen7. Ferner spricht dagegen das Fehlen von Münzfunden am oberen Teile des Passes auf beiden Seiten, ebenso römische Meilensteine. Die alten Teile der Lukmanierstrasse sind fast genau so wie die alte Gotthardstrasse mit ähnlichen Breiten und gleich schmalem Trasse. Der Gotthardsaumpfad wurde aber erst Ende des 13. Jahrhunderts verbessert8. Trotz dieser Bedenken gegen Benutzung des Passes durch die Römer ist es nicht ausgeschlossen, dass zur römischen und frühmittelalterlichen Zeit doch ein Weg über den Lukmanier geführt hat. Eine eigentliche Passstrasse war aber nur möglich, als der Verkehr über den Berg zunahm, also im Hoch- oder Spätmittelalter9.
Als Rätien im Jahre 536 unter Merowingerherrschaft kam, bauten diese mit Vorliebe an alten Römerorten und deren Kultusstätten Gotteshäuser zu Ehren ihres Nationalheiligen St. Martin. Daraus erklärt sich, warum in Rätien eine ansehnliche Zahl der ältesten Kirchen diesem Heiligen geweiht sind10. Besonders auffallend ist das im Vorderrheintal längs der Lukmanierroute zu verfolgen. An den Hauptetappenpunkten in gewissen Abständen folgen sich die Orte mit Martinspatrozinien: Chur, Flims, Ilanz, Obersaxen, Brigels, Truns, Disentis-Platta. Am Südhang des Lukmaniers im Bleniotal lassen sich folgende Ortschaften nachweisen, deren Kirchen dem hl. Martin dediziert sind: Olivone, Ponte-Valentino, Malvaglia und die Kapellen zu Lodrino11 und Corzenoso. Die Martinskirchen waren für die Zukunft Stützpunkte für die Christianisierung des Landes, und ihre grosse Anzahl in Alemannien und Rätien weist auf die unleugbare Tatsache hin, dass nicht wenige gerade fränkische Glaubensboten daselbst christianisierend wirkten. Ob nicht Disentis den Martinskult an der Lukmanierroute verbreiten half, da St. Martin ein beliebter Patron der Benediktiner war? Gauss vertritt in bezug auf die Martinskirchen die Ansicht, dass dieselben zumeist auf römischen Trümmern stehen und dass man nach ihnen die Römerstrassen verfolgen könne12. Wie schon früher bemerkt, ist letztere Ansicht betreffend den Lukmanier von einigen bezweifelt worden. Gewiss ist aber, dass dieser zur fränkischen Zeit schon bekannt war und begangen worden ist; das bezeugt das Martinspatrozinium in den Ortschaften längs der Lukmanierroute.
Dass der Pass zur Zeit der Karolinger seine Bedeutung hatte, davon spricht der Münzfund, der 1904 bei Ilanz gemacht wurde, und der Umstand, dass Karl der Grosse und alle seine Nachkommen das Kloster Disentis als Eigenkloster des Reiches zu erhalten bestrebt waren13.
Die erste beglaubigte Benutzung des Passes fällt in das Jahr 965 durch Otto den Grossen und 1004 durch Heinrich II.; ferner führte 1164 und 1186 auch Friedrich Barbarossa sein Heer über ihn14. Unerwiesen dagegen ist die Überlieferung, dass die Avaren 670 über den Lukmanier gekommen sind; ebenso eine Benutzung des Lukmaniers durch Karl Martell 730, Pippin 754 und 755, Karl d. Gr. 781 und 800, Lothar 824, Karl den Dicken 875 und 88315. 1419 und 1431 soll Kaiser Sigismund den Weg über den Lukmanier genommen haben16. Seither mehren sich die Nachrichten stark. Um 1104 finden wir auf der Südseite des Passes die Hospize S. Sepolchro und Barnabae in Casaccia, 1282 S. Martin Vidualis in Corzenoso, und 1303 das Hospiz Camperio. Auf der Nordseite entstanden die Hospize St. Maria 1374, St. Gail 1261 und S. Gion (Johann)17. Diese Hospize wurden zum Schutze der Reisenden von den Äbten von Disentis zu verschiedenen Zeiten gegründet. Seit der Eröffnung der Schöllenen und des Gotthardpasses und den Bestrebungen des Bischofs von Chur, die Septimerstrasse fahrbar zu machen, geriet der Lukmanier etwas ins Hintertreffen trotz den Erleichterungen in Bezug auf Zoll und Fracht; denn infolge seiner Länge konnte er niemals mit den übrigen Pässen konkurrieren18. Heute hat der Pass seine internationale Bedeutung verloren und dient nur noch als bequeme Verbindung zwischen dem Bündner Oberland und dem Kanton Tessin19.
Der Lukmanier, einer der günstigsten Übergänge über die Alpenkette, galt zu Beginn der sechziger Jahre des abgelaufenen Jahrhunderts20 allgemein als der Punkt, wo die Eisenbahn die Alpen überschreiten sollte. Die Idee der Lukmanierbahn kann als das älteste Alpenbahnprojekt gelten. Ingenieur La Nicca war schon 1839 mit der Untersuchung beschäftigt, eine passende Stelle zwischen dem Gotthard und Splügen zu finden, an welcher Stelle mittelst des Durchstiches eine den Bodensee mit dem Langensee21 verbindende Bahn durchgeführt werden könnte. Er erkannte als solche den Lukmanier. Dieses und ein späteres Alpenbahnprojekt, das bei Disentis einen Tunnel nach Uri durch den Oberalpstock vorsah, fand keinen Anklang.
1855 wurde durch eine Abstimmung beschlossen, die Strasse über den Lukmanier zu bauen, falls keine Lukmanierbahn zustande komme22. Es ging aber noch eine ziemliche Weile, bis der Strassenbau über den Lukmanier zur Ausführung kam. Erst anfangs der siebziger Jahre, 1871—74, wurde das erste Teilstück Disentis–Platta gebaut. Es war ein kühnes Unternehmen, die Strasse durch die sogenannte Medelserschlucht mit den vielen Tunnels zu bauen. Gegner dieses Projektes waren der Ansicht, es wäre besser gewesen, die Strasse über den Berg zu führen, also über Mompé-Medels, Vergera, Mutschnengia, was nur in vielen Schlingen und Steigungen möglich gewesen wäre. Dieses Trasse wäre aber viel länger gewesen als der heutige Weg durch die Schlucht mit nur geringer Steigung. Der alte Weg, der früher von Disentis über den Lukmanier führte, war nur ein mühsamer Saumweg. Er führte von Disentis aus über St. Agatha (nach der Überlieferung Talkirche von Disentis, Medels und Tavetsch) nach Cuflons zum Vorderrhein hinunter, um dort die Brücke zu überschreiten. Auf der andern Seite führt ein steiler Weg nach Mompé-Medels hinauf, wo am Wege früher einmal auf einer Anhöhe die Burg Deragisch (Wurzenstein) stand. Von der Höhe herab grüsst das Kirchlein von St. Valentin, das bald erreicht ist. Vor der Kapelle, dessen Inneres einen spätgotischen Flügelaltar birgt, hat man einen prächtigen Ausblick auf die Landschaft von Disentis und die Oberalpkette. Oberhalb des Weilers zieht sich der Weg weiter gegen die Vergera, wo die Höhe erreicht ist. Ein verfallenes Gemäuer erinnert uns, dass hier einmal eine Kapelle stand. Nur wenige Reste verraten den einstigen Römerweg, der hier vorbeiführte. Gegen Süden öffnet sich dem Wanderer das liebliche Medelsertal. Das weisse Band der Serpentinen der neuen Strasse verfolgen wir südwärts zum Lukmanier und zählen die zahlreichen Kirchlein, Höfe und Weiler des Tales23. Der Abstieg führt durch eine Wiesenhalde nach dem Weiler Mutschnengia; das Kirchlein daselbst besitzt zwei wertvolle Ölgemälde. Der Weg führt nun zum Mittelrhein hinunter, dann über die sogenannte Römerbrücke, die Halde hinauf zur jetzigen Strasse. Weiter aufwärts kann der alte Weg an einzelnen Stellen verfolgt werden, verliert sich dann und geht in der neuen Strasse auf. Diesen Weg hatten einst auch die Karolinger, Ottonen und Hohenstaufen benützt, um ihre kriegerischen Heerhaufen nach der Lombardei und Rom zu führen24.
Die heutige Lukmanierstrasse zieht sich von Disentis südlich über die wiesenreiche Salaplauna und senkt sich am Ende derselben nach Fontanivas zum Zusammenfluss des Mittel- und Vorderrheines hinunter. Hat man bei Fontanives die Brücke überschritten, so biegt die Strasse plötzlich nach links ab und umgeht den ersten Felsrücken, der sich ihr entgegenstellt, auf dem ehedem die Burg Chistlatsch stand. Nun betritt der Wanderer die romantische Medelserschlucht, im Volksmund als Val d’Uffiern = Höllental geheissen. Der Reihe nach nehmen uns elf Tunnels auf, die wir fast bangen Herzens durchschreiten. Der letzte Tunnel bietet eine willkommene Überraschung, fast ein zweites Urnerloch; vor uns liegt das anmutige Gelände des Medelsertales. Vor mehr denn hundert Jahren hat eine einheimische Gesellschaft den ersten Versuch gemacht, eine Kunststrasse durch das Höllental zu bauen. Noch sieht man am rechten Ufer beim oben genannten letzten Tunnel an den Felswänden Mauerreste kleben. Auf diesem schwindeligen alten Kunstweg führten die Säumer Pferde, Vieh und Waren nach Disentis hinunter. Aus dem Jahre 1794 ist noch eine Urkunde vorhanden, welche das Weggeld für Benutzung der Strasse festsetzt, zum Beispiel für eine Person ein Blutzger, für ein Saumpferd zwei Batzen, für einen Ochsenkarren drei Blutzger usw. Die Bauunternehmer waren Mistral und Capitani Giachem Rest Casanova und Mistral Balzer Demont, beide von Truns. Doch die Einnahmen und Unterhaltungskosten an der Kunstbaute waren wohl nicht miteinander in Einklang zu bringen, so fiel das kühn angelegte Werk den Naturgewalten und Felsstürzen wieder zum Opfer25. Jenseits der steinernen Brücke am südlichen Ende der Schlucht führen zwei ansehnliche Strassenschlingen langsam zum Dorfe Curaglia (1332 m) empor, 5,5 km von Disentis26. Diese erste Ortschaft liegt auf einer Wiesenterrasse und ist als Luftkurort bekannt. Das folgende Dorf heisst Platta und ist der eigentliche Hauptort des Tales. Platta war in neuerer Zeit viel genannt wegen der Lawinenkatastrophe, die sich im Februar 1931 zugetragen hat, der sieben Menschenleben zum Opfer fielen. Die Pfarrkirche hat noch den romanischen Turm von der früheren Kirche bewahrt. Dieser hat viel Ähnlichkeit mit den Kampanilen im Bleniotal und übrigen Tessin. An der Südwand hat sich noch ein riesiges spätgotisches Christophorusbild erhalten; es ist dem vom Lukmanier Kommenden von weitem sichtbar. Die bisher durchwanderte Landschaft gehört zu den grossartigsten der Schweiz. Der Bau der Strasse über den Lukmanier dauerte von 1871 bis 1878 und kostete die Summe von 1’104’900 Franken27. Das Medelsertal ist ein fünf Stunden langes Quertal; dasselbe hat eine ansehnliche Breite, und in schöner Gruppierung winken uns Dörfchen und Höfe mit weissen Kapellen entgegen28. Es ist ein schöner, kräftiger Volksschlag der rätoromanischen Rasse, welcher das Tal bewohnt. Aus dem geraunten Antlitz schauen kluge, dunkle Augen, aus denen oft auch der Schalk der Alpenbewohner schaut29. Im vorderen Tale wechseln Wiese und Feld, trotzdem es rauher und windiger ist als im Tavetsch, zieht man hier noch Getreide, Flachs, Hanf, Kartoffeln und Rüben, in Curaglia gar noch Obst. Auch Platta (1380 m) hat noch Fruchtfelder; die höheren Lagen gestatten nur noch Alpwirtschaft30, von St. Johann bis St. Maria herrscht gänzliche Waldlosigkeit . Hinter Platta verengt sich das Tal von neuem und wird wilder. Es folgen die Weiler Pardi, Fuorns und Accla. Ersterer Ort ist bemerkenswert durch die malerische Kapelle mit dem steinernen Glockenträger, ein Beispiel, wie man es öfters in Berggegenden trifft. In der Kapelle von Accla sieht man noch einen spätgotischen Flügelaltar, der vermutlich einmal in der Pfarrkirche gestanden ist31. Oberhalb Accla kommt man am imposanten Wasserfall Fumatsch vorbei. Bei einer Strassenkehre bei Perdatsch bekommt man einen prächtigen Einblick in das wildromantische Christallinatal, das sich hier gegen Süden öffnet. Am Ende desselben zweigen die Seitentäler des Val Uffiern und des Val Casaccia ab. Der Christallinapass (2404 m) mit mehreren Alpseen, darunter der bedeutendste der Lago Retico ist, führt nach Olivone hinab. Diese Wege erschliessen grossartige Teile der Alpenwelt32. Bei Perdatsch nimmt die Gegend alpinen Charakter an, hier ist die Waldgrenze, dafür umrahmen im Frühsommer bis Ende Juli reich blühende Alpenrosenfelder die Strasse. Das Christallinatal war schon im 15. Jahrhundert eine ergiebige Einnahmsquelle der Bewohner von Medels durch die Ausbeute der schönen grossen Bergkristalle, die damals in die Schleifereien der oberitalischen Städte Florenz, Venedig und Mailand verbracht und zu geschätzten Kunstsachen verarbeitet wurden. Auch Bergbau wurde im vierzehnten Jahrhundert in diesem Tale betrieben33.
Das Silberbergwerk im Medelsertal im 14. Jahrhundert ist durch die nachfolgenden Angaben belegt: Inbetriebsetzung des Bergwerks im Medelsertal (Val Christallina), Verpachtung desselben an Auswärtige, nämlich Leute der Urkantone, worüber die Synopsis berichtet. Über die vermeintliche Verletzung ihrer Rechte ist die vermutlich noch von anderer Seite beeinflusste dortige Bevölkerung so erbittert worden, dass irregeleiteter fanatischer Patriotismus dann glaubte, durch Beseitigung des tyrannischen Grundherrn die Freiheit des Vaterlandes retten zu sollen. Es war die Zeit, wo der Sinn für Freiheit und Unabhängigkeit überall mächtig aufloderte. Das Haupt der Verschwörung, ein gewisser Simon von Montalta, soll übrigens seine Tat durch reiche testamentarische Vergabungen zu sühnen gesucht haben. In einem Aktenstück vom 3. März 1368, das Kan. G. Maier im vatikanischen Archiv in Rom entdeckte, fand sich die Stelle: Abt Jakob II. fiel als Opfer einer Verschwörung, das Todesdatum dürfte der 17. November 1366 gewesen sein, an welchem das alte Disentiser Nekrologium den Abt Jakob verzeichnet. Wahrscheinlich hatte der Abt einen Vermittlungsversuch im Tale machen wollen, der aber ohne Erfolg war. Die Stelle der Tat soll bei der Brücke Urlengia sein. Noch zu Menschengedenken bezeichnete ein Kreuz dort die Stelle. Unter dem 3. März 1368 befahl Papst Urban V. dem Generalvikar von Chur, diejenigen Leute des Tales Disentis, welche sich an der Ermordung des Abtes Jakob nicht beteiligt hatten, von den über sie verhängten Kirchenstrafen zu entbinden34.
Nun wird die Gegend einsamer. Der nächste Ort heisst St. Johann und war früher ein Hospiz mit Kapelle; letztere barg früher einen spätgotischen Flügelaltar von Jörg Kendel 1516, der jetzt renoviert in Vigens (Lugnez) sich befindet. Weiter oben folgt das Hospiz St. Gail in einförmiger Umgebung, nun zur Alphütte degradiert. Bei der 1929 erfolgten Renovation der Hospizkapelle wurde an der Altarwand ein Fresko letztes Abendmahl nebst zwei andern Figuren freigelegt, welches wahrscheinlich anfangs des 14. Jahrhunderts entstanden ist. St. Gail wird bereits 1261 als bestehend genannt35. Bald erreicht man das dritte, aber heute noch gastliche und bewirtschaftete Hospiz St. Maria (1840 m) auf dem Hochplateau der Lukmanierroute. Obwohl St. Maria urkundlich erst im 14. Jahrhundert als Hospiz genannt wird, darf angenommen werden, dass dort schon früher eine Art von Unterkunftsmöglichkeit bestanden hat. Bei der 1932 erfolgten Renovation der Hospizkapelle sind an der Altarwand Malereien entdeckt worden. Die Kapelle wurde unter Abt Christian von Castelberg 1577 erneuert; aus dieser Zeit mögen die Malereien stammen. St. Maria ist 12 km von Platta entfernt und liegt am Fusse des aussichtsreichen, 3200 m hohen Scopi, der von hier aus in vier Stunden erstiegen werden kann36. Die Passhöhe des Lukmaniers, eine flache Wasserscheide darstellend, liegt 1917 m über Meer, wo sich kaum merklich die Wasser zwischen Rhein und Brenno-Tessin scheiden. Um 1300 stand auf der Passhöhe ein Kreuz37. Hier ist die Tessiner Grenze. Im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts wurde ein Projekt viel besprochen, das die Hochebene von St. Maria in einen Stausee verwandeln wollte behufs Gewinnung von elektrischer Kraft38. Das Hospiz und die Strasse hätten bergseits verlegt werden müssen. Das Projekt kam nicht zur Ausführung, dafür wird der Ritomsee im Val Piora gestaut zur Gewinnung von elektrischer Energie für die Bundesbahnen. Ein Teil des Wassers vom Mittelrhein aus dem Lac Lai blau wird mittelst eines Stollens in den Ritomsee abgeleitet. Für die Konzession erhält die Gemeinde Medels, in deren Gebiet der Mittelrhein ist, jährlich eine bedeutende Summe Geldes.
Von St. Maria aus führt der Pass dell’Umo in das interessante Val Piora zum Ritomsee und Airolo. Mit sanftem Gefäll geht die Strasse südöstlich ins Val St. Maria hinunter. Casaccia war früher eines der Hospize, die am Südhang standen. S. Sepulchro und Barnabae wird schon 1104 genannt39. Die Kapelle ist heute profaniert. Von Unheil verfolgt scheint Casaccia zu sein; ein Brand zerstörte 1885 das Hospiz40, ferner verheerte eine Rüfe das Gelände um Casaccia und richtete grossen Schaden an. Weiterhin durchzieht die Strasse den Pian di Segno; Acqua Calda ist eine Posthaltestelle und Gasthaus. Corzenoso St. Martin Vidualis war ein Hospiz, das 1282 genannt ist 41 und den Reisenden diente, die vom oder über den Lukmanier kamen oder gingen. Corzenoso liegt im Bleniotal bei Prugiasco am rechten Ufer des Brenno gegenüber Aqua rossa. Über Campra gelangt man nach Camperio, welches ehedem eines der Hospize auf der Südseite war. 1303 wird S. Defendente zu Camperio als bestehend genannt42.
Die Fahrstrasse über den Lukmanier von Disentis bis Olivone ist 38,3 km lang und durchgehend 4,8 m breit; daran schliesst sich die 29,4 km lange und durchgehend 6 m breite Talstrasse Olivone–Biasca an, die schon 1820 fertiggestellt wurde und 880 000 Franken gekostet haben soll43/44.
Als Handelsstrasse kommt dem Lukmanier nur eine untergeordnete Stellung zu; als solche mit Hospizen, Zöllen und Lagerhäusern erscheint der Lukmanier erst im 14. Jahrhundert45. Es ist bekannt, dass Bündner mit ihrem Vieh die Märkte im Tessin besuchen und umgekehrt Tessiner auch auf Bündner Märkte kommen.
Als Heeresstrasse wurde der Lukmanier im Mittelalter benutzt. Auch beim Einfall der Franzosen 1799 ins Bündner Oberland benützte eine Abteilung von Val Piora herkommend den Lukmanier, als sie ins Medelsertal einfielen. Auch von Pilgern, die nach Italien wollten, wurde der Lukmanier benützt. Schon im 7./8. Jahrhundert zogen fremde Pilgerscharen über die Alpen. Nach Unterwerfung des Langobardenreiches im 8. Jahrhundert nahmen die Pilgerfahrten zu. So wird schon für das 9./10. Jahrhundert mancher Einzelpilger den Lukmanier überschritten haben, dessen Weg von Chur her über die alte Stadt Ilanz nach Disentis, dem gastfreundlichen Kloster führte, um dann den Weg über den wenig steigenden Pass zu nehmen, der sie dann nach Biasca und Bellinzona führte. Man kann von einer südlichen Mönchsstrasse im 9./10. Jahrhundert reden, deren Hauptpunkte Pfäfers, Disentis, Biasca und Como waren46. Aber auch umgekehrt lässt sich sagen, dass mitunter Pilger aus Italien über den Lukmanier kamen, um das Grab der Heiligen Plazidus und Sigisbert zu verehren47. Im Heere König Pipins, der 754 aus Italien über Disentis heimgekehrt sein soll, soll sich ein Graf Wido von Lomello befunden haben, der krank in Disentis ankam, aber am Grabe der Heiligen Plazidus und Sigisbert die Gesundheit wieder erlangte, der sich dann in der Folge als Wohltäter des Klosters erwies48. Die erste sichere Notiz über Lomello und seine Grafen stammt erst aus dem Jahre 953. Etwa 200 Jahre später, im Januar des Jahres 965, war Kaiser Otto d. Gr. über den Lukmanier gekommen und im Kloster als Gast abgestiegen. Im Juni 1004 kam Kaiser Heinrich der Heilige als königlicher Pilger aus dem Süden nach Disentis und genoss im Kloster Gastfreundschaft49. Einige Jahrhunderte später, 25./26. August 1581, war der Kardinal Karl Borromäus, Erzbischof von Mailand, über den Lukmanier kommend, auf einer Pilgerreise nach Disentis begriffen. Er soll mit zehn Begleitern im Hospiz St. Maria gerastet und dann die Weiterreise nach Disentis fortgesetzt haben. In Disentis wurde der hohe Gast in feierlicher Prozession abgeholt und zum Kloster begleitet. Der Aufenthalt des Heiligen in Disentis soll nicht ganz zwei Tage gedauert haben, da er am 8. September wieder in Mailand sein wollte. Der Rückweg erfolgte wieder über den Lukmanier, wo genächtigt wurde. Am folgenden Morgen zelebrierte der Kardinal in der Hospizkapelle die hl. Messe50.
Nach dem Vorstehenden kann gesagt werden, dass der Lukmanierpass von jeher als einer der günstigsten Alpenübergänge mit sanftem An- und Abstieg gegolten hat. Der Gotthardpass, dessen ehemaliger Konkurrent der Lukmanier war, ist mehr als 200 m höher. Wirtschaftliche Überlegungen haben ihm den Vorzug gegeben. Aber der klassische Alpenübergang im Gotthardgebiet ist und bleibt der Lukmanier51/52.
|Anmerkungen|
|1||Müller, P. I., Anfänge des Klosters Disentis S. 137 (Jahresb. der Hist.-Antiq. Gesellsch. 1931).|
|2||Hist.-Biogr. Lexikon der Schweiz S. 730.|
|3||Geogr. Lexikon der Schweiz S. 211.|
|4||Hist.-Biogr. Lex. S. 730.|
|5||Müller, P. I., S. 128.|
|6||Geogr. Lex. S. 211.|
|7||Hist.-Biogr. Lex. S. 730.|
|8||Müller, P. L, S. 131.|
|9||Derselbe S. 131.|
|10||Purtscher, Jahresb. 1911 S. 44.|
|11||Farner, Jahresb. 1925 S. 69.|
|12||Purtscher S. 45.|
|13||Hist.-Biogr. Lex. S. 730.|
|14||Geogr. Lex. S. 212.|
|15||Hist.-Biogr. Lex. S. 730.|
|16||Geogr. Lex. S. 212.|
|17||Hist.-Biogr. Lex. S. 730.|
|18||Ebenda S. 730.|
|19||Geogr. Lex. S. 211.|
|20||[gemeint ist hier der 19. Jahrhundert]|
|21||[Luganersee]|
|22||Hist.-Biogr. Lex. S. 730.|
|23||Hager, P. K., Führer für Disentis S. 9.|
|24||Derselbe S. 6.|
|25||Ebenda S. 9.|
|26||[Mit dem Kraftwerksbau in den 1950er Jahren baute man eine neue Strasse, die noch heute benutzt wird. Seit 2012 wird diese Strasse saniert]|
|27||Hager, P. K., Curaglia S. 9.|
|28||Bündner Oberland S. 96.|
|29||Hager, P. K., Curaglia S. 14.|
|30||Bündner Oberland S. 96.|
|31||[Die Kapelle wurde 1975 durch eine Lawine zerstört udn darauf neu aufgebaut]|
|32||Ebenda S. 97.|
|33||Hager, P. K., Curaglia S. 19.|
|34||Schumacher, P. A., Album Desertinense S. 20, und Carnot, P. Maurus, Ein Seitenstück zur Tellüberlieferung (Urner Neujahrsblatt 1932 S. 87—88).|
|35||Hist.-Biogr. Lex. S. 730.|
|36||Bündner Oberland S. 97.|
|37||Hist.-Biogr. Lex. S. 212.|
|38||[Die heutige 117 m hohe Bogenstaumauer Sontga Maria der Kraftwerke Vorderrhein wurde 1968 fertiggestellt. Länge der Mauerkrone: 560 m, Breite: 8 m breit, am Fuss 21 m]|
|39||Hist.-Biogr. Lex. S. 730.|
|40||Geogr. Lex. S. 211.1282|
|41||Hist.-Biogr. Lex. S. 730.|
|42||Hist.-Biogr. Lex. S. 730.|
|43||Geogr. Lex. S. 211.|
|44||[Die neue Strasse mit dem Aufstieg über den Staussee ist 39.0 km]|
|45||Müller, P. I., S. 131.|
|46||Derselbe S. 135.|
|47||[Disentis ist Wahlfahrtsort, was wenigen heute bekannt ist]|
|48||Müller, P. L, S. 142.|
|49||Derselbe S. 138—139.|
|50||Cahannes, Pilgerreise Karl Borromeos nach Disentis 1581, S. 29.|
|51||Hiltbrunner, Graubünden S. 36.|
|52||[Seit 2001 wird der Lukmanier auch wieder im Winter offen gehalten. Die Winteröffnung soll den Tourismus, aber auch die alten Verbindungen aufleben lassen.]|