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Die Anfänge der Fotografie waren Männersache. Frauen wagten sich kaum an die komplizierten chemischen Verfahren und die technischen Probleme heran. Doch es gibt eine Ausnahme: Franziska Möllinger. Sie dürfte nicht nur erste Fotografin der Schweiz gewesen sein, sondern sie hinterlässt uns eine Reihe seltener Landschaftsbilder.
In der Geschichte der Fotografie kennen wir nur wenige Frauen, die mit den technischen Problemen und den gefährlichen chemischen Stoffen früher photographischer Verfahren umzugehen wagten. Eine der ersten daguerreotypierenden Frauen (vielleicht sogar die erste) war Franziska Möllinger. Sie wurde im Jahre 1817 in Speyer in der Rheinpfalz geboren und verbrachte ihr ganzes Leben an der Seite ihres Bruders Otto (1814-1886), der als Professor der Mathematik 1836 an die Kantonsschule Solothurn gewählt und später sogar Kantonsrat wurde.
Wie Franziska Möllinger dazu kam, sich mit der Daguerreotypie auseinander zu setzen, dem ersten fotografischen Verfahren, das auf Grund der notwendigen Quecksilberdämpfe nicht ungefährlich war, wissen wir nicht. Aber es gibt eine Vermutung: Otto Möllinger war nicht nur an der Kantonsschule Solothurn als Mathematikprofessor tätig, sondern er redigierte auch den «Verbreiter gemeinnütziger Kenntnisse», eine «Zeitschrift für Volksbildung». In der Ausgabe Nr. 4, April 1839, also vier Monate vor der offiziellen Bekanntgabe des Verfahren durch Arago in Paris, beschreibt Otto Möllinger das Verfahren von Daguerre und seine Bedeutung für die Menschheit auf mehreren Seiten und bezieht sich dabei auf einen Artikel von J. Janin im «Journale de l’Artiste». Auch berichtet das «Solothurner Blatt» in der Ausgabe Nr 69 vom 28. August 1839 über die offizielle Bekanntgabe von Daguerres Verfahren in Paris, wie viele andere Tageszeitungen auch. In der Dezember-Ausgabe des «Verbreiters» beschreibt Möllinger das Verfahren sehr detailliert, woraus wir annehmen dürfen, dass entweder er oder seine Schwester Franziska sich intensiv und mit praktischen Versuchen mit dem Verfahren Daguerres beschäftigt hatten.
Franziska Mölliger dürfte sich, unter wissenschaftlicher Anleitung ihres Bruders, sehr intensiv mit der «neuen französischen Kunst» auseinandergesetzt haben, denn am 8. April 1843 geht aus einer Anzeige im Solothurner Blatt Nr. 28 hervor, dass sie nun auch fotografische Porträts anbiete:
«Lichtportraite. Unterzeichnete bringt zur öffentlichen Kenntnis, dass sie vollkommen getreue und durch Schönheit ausgezeichnete Lichtportraite verfertigt, und hat um mehrseitig geäusserten Wünschen zu entsprechen, folgernde billige Preise festgesetzt:
1) Für ein einzelnes Portrait mit Rähmchen 7 Schw. Fr.
2) Für eine Familiengruppe mit Rähmchen 8 Schw. Fr.
Zeit des Portraitierens von 10 1/2 Uhr Vormittags bis 4 Uhr Nachmittags. Dauer einer Sitzung 20 Sekunden bis 5/4 Minuten. Muster können bei der Unterzeichneten eingesehen werden.
Franziska Möllinger, wohnhaft bei Hrn. Füeg vor dem Bernthor»
Franziska Möllinger betrieb die Daguerreotypie neben ihres Brotwerwerbs auch aus Liebhaberei. Sie liebte die landschaftlichen Schönheiten der Schweiz, die Berge und die damaligen Städte, was sie bewog, mit Daguerres Verfahren Gesehenes festzuhalten. Aber Daguerreotypien waren Unikate, man konnte keine Kopien davon herstellen, mit welchen die schöne Landschaft einem weiteren Kreis hätte zugänglich gemacht werden können. Und so war es für sie naheliegend, ein Verfahren zu nutzen, um ihre Landschaftsaufnahmen in Lithografien umzuwandeln und diese drucken zu können.
Die «Daguerreotypirten Ansichten»
Franziska Möllinger war nicht die erste, die auf die Idee kam, Fotografiertes von einem Lithographen manuell auf den Stein übertragen zu lassen. 1840 gab Charles Philipon in Paris ein Buch mit sechzig getönten Lithographien heraus, die nach Daguerreotypien angefertigt worden waren. Ob Franziska Möllinger dieses erste derartige Werk kannte, ist uns nicht bekannt. Jedenfalls wurde sie von der gleichen Idee geleitet und brachte im Selbstverlag 1844 den ersten Teil von «Daguerrotypierte Ansichten der Hauptstädte und der schönsten Gegenden der Schweiz» heraus. Das ganze Werk hätte in dreissig Lieferungen zu vier Blättern erfolgen sollen, insgesamt also 120 Lithographien, doch erschienen lediglich deren 15 oder 16.
Die Titelseite der ersten Mappe mit vier Lithographien
Lassen wir Franziska Möllinger selbst über ihr Werk sprechen: «Zum ersten Male erscheint hier eine Reihe von Ansichten der Hauptstädte und der schönsten Gegenden der Schweiz, in welchen sich nicht nur alle Häuser, Berge, Bäume und Gesträuche, sondern auch die kleinsten, kaum sichtbaren Theile aller in den Grenzen des Rahmens befindlichen Gegenstände durch die von ihnen ausgegangenen Lichtstrahlen (Dank sei der herrlichen Erfindung Daguerre’s) gleichsam selbst abgebildet haben. Es ist das treueste und das vollkommenste Abbild des schönen theuren Vaterlandes, das in diesen Ansichten jedem Schweizer vor die Augen und vor die Seele tritt und gewiss eine Reihe der schönsten Erinnerungen in ihm zurückrufen und neu beleben wird. Jede Ansicht, welche in dieser Sammlung erscheint, ist 10″ 6″ lang und 8″ 2″ hoch und auf das sorgfältigste, sowohl nach Form und Umriss als in Bezug auf Licht und Schatten nach mehreren Originalsilberplatten, welche eine und dieselbe Gegend darstellen und mittelst eines grossen und ausgezeichneten Voigtländer’schen Apparates erhalten worden sind, in doppeltem Massstabe zeichnet und auf das sehr fein in Kreidemanier ausgeführt, so dass alle diese Ansichten in Glas und Rahmen gefasst, als Tableau selbst in schön geschmückten Zimmern zur Zierde aufgehängt werden können. Aus dem Obigen ergibt sich wohl von selbst, dass eine solche Sammlung einzig in ihrer Art ist und keine der bis jetzt erschienenen Sammlungen von Schweizergegenden den Vergleich mit ihr aushalten kann; denn jene vollkommene Perspektive und Beleuchtung wie sie nach Daguerreotyplatten erhalten wird, ist wie leicht zu begreifen, selbst dem ausgezeichnetsten Künstler nicht erreichbar. Dabei haben wir den Preis so äusserst billig gestellt, dass wer immer Sinn für das Schöne hat und nur etwas weniges zu seinem Vergnügen erübrigen kann, im Stande ist, sich dieses schöne Nationalwerk anzuschaffen.»
Diaschau der Lithographien nach Daguerreotypien von Franziska Möllinger (Quelle: Zentralbibliothek Solothurn)
Die erste Lieferung zeigte nicht den erwarteten Erfolg, so dass beschlossen wurde, die je vier Blätter anstatt für 24 Batzen für 18 Batzen zu verkaufen und die Anzahl Lieferungen von den geplanten dreissig auf nur zehn herabzusetzen. Die zweite Lieferung wurde zugunsten «der durch die Luzerner-Ereignisse vom 2. April 1845 hilfsbedürftig gewordenen Familien» herausgegeben, in der Hoffnung, dass für diesen guten Zweck ein kauffreudigeres Publikum erreicht werden könnte.
Was war an jenem 2. April 1845 in Luzern geschehen? Die Stadt Luzern gewährte den Jesuiten Asyl, und im zweiten Freischarenzug sollte die Stadt dazu bewogen werden, die Jesuiten auszuweisen. Der Zug scheiterte am 1. April weitgehend an mangelhafter Organisation der Freischaren, rund achtzehnhundert Teilnehmer wurden gefangengenommen, in einem späteren Prozess enteignet und hundertvier getötet. So wurden viele Familien in verschiedenen Kantonen der Schweiz hilfsbedürftig.
Der Lithograph, der das Bild der Daguerreotypien auf den Stein übertrug, war Johann Friedrich Wagner in Bern. Er wurde am 1. Juli 1801 in Stuttgart getauft und kam 1834 als Landschaftmaler nach Bern, wo er ein Lithographenatelier eröffnete. Hier fertigt er viele Landschaftsbilder nach Zeichnungen und Daguerreotypien an, darunter auch jene von Franziska Mölllinger, bis er 1850 nach Amerika übersiedelte, wo sich seine Spuren verloren.
Das Blatt «Panorama des Faulhorns» weicht in Gestaltung und Grösse von den anderen Blättern ab (Quelle: Zentralbibliothek Solothurn)
Die Blätter, welche Wagner nach den Daguerreotypien von Franziska Möllinger angefertigt hatte, hatten eine Grösse von 36 x 45 Zentimetern. Erschienen sind im Rahmen des Mappenprojektes lediglich fünfzehn Ansichten, obwohl eigentlich bei vier Lieferungen à je vier Blättern sechzehn Lithographien existieren müssten. Tatsächlich zeigt eine der wenigen kompletten Mappen in der Zentralbibliothek Solothurn sechzehn Ansichten, doch ist das letzte Blatt, das «Panorama des Faulhorns», von den andern in Gestaltung und Grösse derart unterschiedlich, dass angezweifelt werden muss, ob es ursprünglich in diese Serie gehörte. Zudem wurde es vom Lithographen J. Bachmann in Zürich hergestellt, was einen Hinweis darauf gibt, dass das Blatt nach Wagners Wegzug aus Bern entstand.
Das Blatt «Rosenlauigletscher» entstand höchstwahrscheinlich als letztes
Ausserhalb der Mappe ist noch die «Ansicht des Rosenlauigletscher» als weiteres Blatt erschienen, das ebenfalls von J. Bachmann in Zürich als Lithographie umgesetzt wurde. Denkbar, dass Franziska Möllinger damit einen zweiten Versuch starten wollte, die Idee der grossformatigen Drucke nochmals aufleben zu lassen.
Die einzige erhaltene Daguerreotypie von Franziska Möllinger zeigt das Schloss Thun (Quelle: Schloss Thun)
Franziska Möllinger hinterlässt uns neben den bereits ausführlich erwähnten Lithographien eine einzige Daguerreotypie, die das Schloss Thun darstellt und wahrscheinlich auch 1844 angefertigt wurde. Sie wird heute im Historischen Museum Thun aufbewahrt und gehört zu den kostbarsten Daguerreotypien.
Professor Möllinger machte sich einen Namen durch verschiedene Publikationen über mathematische und astronomische Probleme, und die Gemeinde Günsberg nahm ihn gerne als Bürger auf. Einige Jahre später, 1869, verfasste er eine sehr gewagte Schrift, die den Titel «Die Gottidee der neuen Zeit und der notwendige Ausbau des Christentums» trug. Für seine darin verbreitete monistisch-pantheistische Glaubenlehre zeigte man in Solothurn wenig Verständnis, so dass Möllinger seiner Ämter enthoben wurde und 1872 mit Franziska nach Fluntern bei Zürich übersiedelte. Hier betrieben die Geschwister ein Vorbereitungsinstitut für Maturanden, dem zugleich ein Pensionat angeschlossen war.
Ob Franziska Möllinger in Zürich noch fotografisch tätig war, entzieht sich unserer Kenntnis. Sie stirbt am 26. Februar 1880 an einer Lungenschrumpfung, und wenn wir uns daran erinnern, dass die zur Herstellung von Daguerreotypien erforderlichen Quecksilberdämpfe lebensgewährlich waren, so sehen wir Franziska Möllinger in den Reihen jener vielen damaligen Fotografen, die aus Unkenntnis oder aus Unachtsamkeit früher oder später ein Opfer ihres Berufes wurden.
Urs Tillmanns
|Werkverzeichnis von Franziska Möllinger|
|1. Bern von der Enge aus||9. Bern von der Thuner-Strasse aus|
|2. Solothurn||10. Thun, Ansicht vom Kirchhof|
|3. Biel||11. Giessbachfälle|
|4. Einsiedlerei St. Verena bei Solothurn||12. Aarmühle|
|5. Bern||13. Unterer Grindelwald-Gletscher|
|6. Thun||14. Oberer Reichenbach|
|7. Unterseen||15. Interlaken|
|8. Hofstetten bei Thun|
|16. Panorama des Faulhorn *|
|17. Ansicht des Rosenlauigletscher *|
|18. Daguerreotypie Schloss Thun *|
|* gehören nicht zu den Bildermappen-Editionen|
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