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Sollen alle afrikanischen Gegenstände aus europäischen Museen wieder zurück nach Afrika? Diese Debatte hat grossen Aufschwung erhalten, seit mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron erstmals überhaupt ein Staatsoberhaupt versprach, alle afrikanischen Artefakte an die ehemaligen Kolonien zurückzugeben.
Immer mehr afrikanische Gemeinschaften fordern ihre Kulturgüter zurück. Zum Beispiel die Pokomo in Kenia. Ihnen hatten die britischen Kolonialherren vor über hundert Jahren eine gigantische Trommel weggenommen.
Trommel in der Abstellkammer
«Sie klang wie Donnergrollen, unsere Trommel, liess deinen ganzen Körper vibrieren», sagt der 84-jährige Pfarrer Michael Gafo. «Wie das Gebrüll mehrerer Löwen im Wald – und das Echo davon!», erwidert Jugendvertreter David Morowa in der Männerrunde auf Plastikstühlen im abgelegenen Dorf Makere Ya Gwano in der Provinz Tana River.
Doch gehört haben die Männer den Klang der übermannshohen Trommel, der Ngaji, alle noch nie. Die britische Kolonialregierung hatte die Trommel vor über hundert Jahren konfisziert, seither steckt sie in einem Lagerraum im British Museum in London.
Vor sechs Jahren hat ein Mitglied der Pokomo-Gemeinschaft die Ngaji in dem Londoner Museum nach langer Suche entdeckt. Nun fordern die Pokomo ihre heilige Trommel zurück.
Machtsymbol der Pokomo
Die Ngaji ist von höchstem kulturellen, spirituellen und politischen Wert für die Pokomo, eine Volksgruppe mit über 150'000 Mitgliedern. Die Ngaji sei schlicht das Machtsymbol der Pokomo, erklärt Haye Makorani-a-Mungase VII, der König der Pokomo: «Sie ist zu vergleichen mit den britischen Kronjuwelen. Wenn die Briten ihr Parlament eröffnen, dann müssen die Kronjuwelen dabei sein, weil es so Tradition ist. Warum versteht die Welt nicht, dass wir unserer Ngaji denselben hohen Stellenwert zuschreiben?»
Zumal auch auf der Ngaji nur dann gespielt wurde, wenn das höchste Gremium in der politischen und spirituellen Ordnung der Pokomo zusammentrat. Nur dessen Mitgliedern war es überhaupt erlaubt, die Ngaji zu Gesicht zu bekommen. Darum gibt es bis heute kaum Bilder der gigantischen Trommel. Mit dem Kolonialismus und dem Verlust der Ngaji brach auch das ausgeklügelte Politsystem der Pokomo zusammen. Christentum und Islam übernahmen.
Trauma der Gemeinschaft
Die Pokomo hätten viel verloren, Kultur, Reichtum, Macht, so König Haye Makorani-a-Mungase VII. «Einige von uns glauben, dass dies mit dem Verlust unserer Trommel zu tun hat. Die Ngaji und unsere Institutionen zu verlieren, war traumatisch für unsere Gemeinschaft. Darum wollen wir die Ngaji zurück», so der König.
Dabei geht es um mehr als eine massive Trommel. Es geht um Stolz und Identität, wie Pfarrer Michael Gafo unterstreicht: «Ich will, dass unsere Kinder verstehen, dass wir ein eigenes Regierungssystem hatten, bevor der weisse Mann kam.»
Wo ist die kenianische Raubkunst überhaupt?
Doch dass die Rückgabe von Kulturgütern keine einfache Sache ist, weiss niemand besser als die Mitglieder des International Inventories Programme (IIP), ein Zusammenschluss von Museen und Kunstschaffenden in Kenia und Deutschland. Seit einem Jahr ist die Gruppe daran, eine Datenbank zu erstellen mit allen Kunst- und Kulturgütern, die sich ausserhalb Kenias befinden.
Filmemacher Jim Chuchu vom IIP hat die Anzahl der Objekte überrascht: «Wir haben Institutionen entdeckt, die 9000 Objekte aus Kenia besitzen, die sie aber nie ausstellen. Oder andere mit 2000 kenianischen Pfeilen. Oder 50 Löffeln. Da fragt man sich schon, was all diese Objekte in den europäischen Museen verloren haben.»
Mittlerweile hat das IIP über 18'000 Objekte ausfindig gemacht. Doch die Museen antworteten nur langsam – oder gar nicht. Das sei oft frustrierend, so Jim Chuchu. Auch, dass viele Museen sich weigerten von Diebstahl und Raubkunst zu sprechen. «Sie sagen, wir haben das Objekt gekauft, es wurde uns freiwillig gegeben. Aber die grundlegende Frage hier ist: Kann ein Soldat überhaupt Kulturgüter kaufen? Wir dürfen die Machtverhältnisse des Kolonialismus nicht ausklammern.»
Besonders ärgerlich aber sei, dass die Museen in Europa festlegten, unter welchen Bedingungen sie ein Objekt zurückgeben wollten. «Diejenigen, die das Verbrechen begangen haben, bestimmen nun, wie es aufgelöst werden soll und welche Entschädigung angebracht ist.»
Beleidigender Diskurs
Auch Juma Odeng von den National Museums of Kenya und IIP-Mitglied stört sich am Diskurs, der in westlichen Museen geführt wird.
Diese Debatte beleidigt mich zutiefst.
Vor allem an der Debatte darüber, ob Afrika überhaupt die Fähigkeit hätte, sich um sein eigenes Kulturerbe zu kümmern: «Diese Debatte beleidigt mich zutiefst. Was wir mit unseren eigenen Kulturgütern anstellen, geht Europa nichts an. Wenn wir unsere Gegenstände vergraben wollen, weil unsere Kultur das so vorsieht, dann vergraben wir sie – auch wenn sie in Europa davor jahrzehntelang im Museum lagen.»
Hürden in Kenia
Aber auch in Kenia selbst gibt es Hürden für die Rückführung des Kulturerbes. Selbst wenn kenianische Gemeinschaften, wie im Fall der Pokomo, wissen, wo sich ihr vermisster Gegenstand befindet, gibt es in Kenia bis heute keine Anlaufstelle in Sachen Raubkunst. Es existiert kein offizielles Vorgehen, wie Gemeinschaften ihre Kulturgüter zurückverlangen können.
Auch hingen zurückgeführte Holzfiguren, sogenannte Vigango, jüngst monatelang am Zoll fest, weil dieser absurd hohe Importzölle verlangte. Als die kenianische Regierung endlich eine Lösung fand, waren die Holzfiguren nicht mehr dort.
Entschädigung mit Museen
Die Debatte um die Rückgabe von Kulturgütern stösst in Kenia auf grosses Interesse. Das zeigt sich an einer vom IIP organisierten Diskussionsrunde im Nairobi National Museum. Dutzende Kenianerinnen und Kenianer diskutieren in der Eingangshalle des Museums. Ein Mann mit Hut erhebt sich und sagt: «Wir müssen die Dinge endlich beim Namen nennen: Das war kultureller Genozid. Viele der gestohlenen Gegenstände sind für unsere Gemeinschaften schlicht Teil ihrer Existenz, ihrer kulturellen und spirituellen Identität. Darum ist auch die Frage wichtig: Wie kompensieren wir die Leute für ihren spirituellen Verlust?»
Der Mann mit Hut ist der 56-jährige Kommunikationsberater Michael Otieno. Für ihn ist klar, dass Kenia für diesen Verlust entschädigt werden soll. Nicht mit Geld: «Baut ein Museum für die Gegenstände, die ihr gestohlen habt. Oder bildet unsere Kuratoren aus, damit sie wissen, wie die Objekte am besten aufzubewahren sind. Das wäre eine angebrachte Entschädigung.»
Die Debatte rund um koloniale Raubkunst trifft in Kenia einen wunden Punkt – und ist gerade darum so wichtig. Bald 60 Jahre nach dem Ende der Kolonialisierung steht für die Kenianer fest: Es ist Zeit, dass ihr Kulturerbe zurück nach Hause kommt.