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| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Einundzwanzigste Unterredung, welche die erste des Abtes Theonas ist, über die Nachsicht in der Quinquagesima.
12. Antwort über die Natur jener Dinge, die gut oder böse oder in der Mitte sind.
Darauf bediente sich Abt Theonas folgenden Anfanges seiner Rede: „Es gehört sich zwar, daß wir dem Ansehen der Väter und der Gewohnheit der Vorfahren, die sich durch eine so lange Reihe von Jahren bis auf unsere Zeit fortgesetzt hat, nachgeben, wenn wir auch den Grund nicht einsehen, und daß wir sie so, wie sie von Alters her überliefert wurde, mit beständiger Achtsamkeit und Ehrfurcht bewahren. Weil ihr aber doch einmal die Ursachen und den Grund dieses Verhaltens 1 erfahren wollt, so höret kurz, [S. 295] welche Überlieferungen wir von unsern Vorfahren über diese Einrichtung erfahren haben. Bevor wir jedoch die Autorität der göttlichen Schrift anführen, wollen wir, wenn es gefällig ist, über die Natur und Beschaffenheit des Fastens selbst Einiges sagen, damit dann das Ansehen der hl. Schrift nachfolgend unsere Abhandlung bestätige. Die göttliche Weisheit hat durch den Prediger erklärt, daß für jede Sache, also für Alles, ob es nun für Glück oder für Unglück und Trübsal gehalten wird, eine bestimmte Zeit sei, und sagt: 2 „Alles hat seine Zeit, und jede Sache unter dem Himmel die ihrige. Es ist eine Zeit zur Geburt und eine zum Sterben; eine Zeit zum Pflanzen und eine zum Ausreissen des Gepflanzten, eine Zeit zum Tödten und eine zum Heilen, eine Zeit zum Zerstören und eine zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine zum Lachen, eine Zeit zum Klagen und eine zum Tanzen, eine Zeit, Steine zu werfen und eine, sie zu sammeln, eine Zeit zur Umarmung und eine Zeit, sich davon fern zu halten, eine Zeit zum Erwerben und eine Zeit zum Vergeuden, eine Zeit zum Bewahren und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreissen und eine zum Flicken, eine Zeit zum Schweigen und eine zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit zum Kriege und eine zum Frieden.“ Und weiter unten sagt er: „Weil eine Zeit ist für jedes Ding und für jedes Thun.“ Er hat also erklärt, daß Nichts von Diesem ein ewiges Gut sei, als wenn Etwas davon zur rechten Zeit und passend geschehen ist; so daß Ebendasselbe, was rechtzeitig geschehen, gut von Statten geht, sich als unnütz und schädlich erweist, wenn man es zur ungünstigen oder unpassenden Zeit sich erlaubt; mit Ausnahme dessen jedoch, was an und für sich und von vornherein gut oder schlecht ist, und nie in das Gegentheil umschlagen kann, wie z. B. die Gerech- [S. 296] tigkeit, die Klugheit, der Starkmuth, die Mäßigung und die übrigen Tugenden, oder auf der andern Seite die Laster, deren Begriffe durchaus nicht abwechselnd in das Gegentheil übergeben können. Wenn aber Etwas zeitweilig beide Eindrücke machen kann, so daß es je nach der Beschaffenheit des Handelnden entweder als gut oder als bös sich zeigt, so hält man das nicht schlechthin wegen seiner Natur, sondern je nach der Stimmung des Thäters und nach der passenden Zeit entweder für nützlich oder für schädlich.
1: Die Alten hatten eine doppelte Quinquagesima oder Fünfzigtagezeit, die eine zur Buße mit Fasten vor Ostern, die andere zur Freude und Erholung nach Ostern bis Pfingsten.
2: Pred. 3, 1—8.