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Die Schrift ist ein Artefakt, und das bedeutet, eine Schrift kann gut oder schlecht sein, was man von einer Sprache nicht so ohne weiteres würde sagen wollen. […] Bei einer Schrift fällt das leichter, ähnlich wie etwa bei einem Zahlennotationssystem. […] Tatsache ist freilich, dass sich die Menschen davon viel weniger leicht überzeugen lassen als im Falle von Zahlennotationssystemen oder dass sie weniger darum geben, dass eine Schrift besser ist als eine andere. Wenn man sich daran erinnert, wie viele durchaus vernunftbegabte (wenn auch nicht immer vernünftige) Menschen sich darüber ereifern konnten, ob man «Schifffahrt» mit zwei oder drei «f» schreiben soll, erkennt man sofort, dass hier technische, kulturelle und soziale Aspekte der Schriftlichkeit ineinander greifen und dass sich Schrift nicht so leicht auf eine reine Technik reduzieren lässt.
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Coulmas, Florian
Das große Ereignis ist gerade, daß das Genomprojekt die menschliche Erbinformation entschlüsselt hat, ohne Rest. Wenn im Erbtext auch nur ein Wort falsch buchstabiert wird – so wissen wir jetzt –, kann nicht das korrekte Protein produziert werden, was zu Erbkrankheiten führt. […] Ist nicht die Rede vom falsch buchstabierten genetischen Wort der beste Beweis dafür, daß es wirklich im tiefsten Urgrund unserer Existenz eine richtige Schreibweise gibt und Orthographien keineswegs mehr oder weniger willkürliche und am Ende recht unwichtige Konventionen sind? Nur Häretiker können so etwas behaupten.
Das interessanteste Konzept, das die Fachleute beschäftigt, ist das eines neuen Mediävismus, nämlich eines Gesellschaftssystems, in dem die internationalen Dimensionen der politischen und der Rechtsordnung anerkannt und in den Vordergrund gestellt werden. Das Rechtsmonopol des Staates wird gebrochen, und übergreifende Formen der Autorität werden akzeptiert. Die neue Mittelalterlichkeit ist vor allem für Minderheiten in Grenzgebieten attraktiv. Sie würde es zum Beispiel den Basken und Katalanen auf beiden Seiten der spanisch-französischen Grenze erleichtern, auf bestimmten Ebenen wie Kultur und Schule Verwaltungseinheiten zu bilden. Die niederländisch-flämische Sprachunion ist eine grenzübergreifende Organisation, die auf die Sprachgemeinschaft, nicht die nationale Gemeinschaft bezogen ist. Die deutsche Rechtschreibreform wurde von Vertretern aller deutschsprachigen Länder beraten.
Zum sechshundertsten Mal jährt sich im September der Geburtstag von König Sejong (1397–1450). […] Er war es auch, der die koreanische Schrift, Hangul, einführte. […] Erst unter japanischer Kolonialherrschaft (1910–1945) begannen sich Teile der Elite Koreas für den Gedanken einer nationale Schrift zu erwärmen. Hangul wurde zum Symbol des Widerstands […]. In der Zeitung «Tongnip Shinmun» (die Unabhängigkeit) schrieben progressive Intellektuelle auf koreanisch in Hangul, die sich freilich noch immer gegen die Konservativen durchsetzen mussten, welche […] weiterhin chinesisch schrieben. Zur offiziellen Schrift Koreas wurde Hangul erst nach der Unabhängigkeit, fünfhundert Jahre nach der gescheiterten Reform. So lange dauert es zwar nicht immer, eine Schrift- oder Orthographiereform durchzusetzen; gleichwohl ist die allgemeine Lehre, die aus dem koreanischen Beispiel gezogen werden kann, dass es kaum etwas Konservativeres gibt als eine etablierte Schrifttradition.
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