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Wer Alan Frei ein Geschenk bringt, kann es einige Stunden später auf der Gartenmauer vor dem Block, in der er wohnt, wieder abholen. Mal steht da ein Buch, dann eine Tasse und heute morgen ein Geschenkkorb mit Wein. «Die Mauer ist mein Bermudadreieck, dort verschwindet alles.» Frei macht mit einem Gedanken ernst, der zwischen Kleiderschrank und Bücherwand jeden von uns schon überfallen hat: Wäre man nicht glücklicher mit weniger Besitz?
So weit wie Frei sind wenige bereit zu gehen. Kein Bild hängt an der Wand, kein Teppich dämpft die Schritte. Würde hier ein Dieb einsteigen, er liesse aus Mitleid etwas zurück. Zu holen gibt es exakt 119 Dinge, darunter einen Tisch, einen Stuhl, ein Bettsofa, einen Fernseher, zwei Hosen, sieben Hemden, einen Kugelschreiber, einen Laptop, ein Handy, einen Rasierapparat und bis vor zwei Monaten die Breitling-Uhr, die er von seinem Vater geerbt hat. Sie ist das letzte Opfer seines Drangs zur Einfachheit: Frei schenkte sie seinem Bruder. Der Kamm, den er ebenfalls schon verbannt hatte, bekam Aufschub, als die Haare wieder länger wurden. Dass er seine Freunde draussen in der Stadt trifft und in seiner Wohnung keine Abendgesellschaften unterhält, verrät ein Blick in die Küchenschublade: ein Messer, ein Löffel, eine Gabel.
Frei ist 34 Jahre alt. Seit drei Jahren bemüht er sich, los zu werden, was er nicht braucht. Inspiriert haben ihn der obdachlose Millionär Nicolas Berggruen, dessen Habe in einer Reisetasche Platz findet, und der moderne Vagabund Andrew Hyde, der seinen Besitz verkaufte und mit fünfzehn Gegenständen um die Welt gondelte. Die Bewegung des Minimalismus gründet auf der Erkenntnis, dass sich mit wenig Besitz sorgenfreier lebt als mit Ferienhaus und Sportwagen. Es ist nicht so, dass Alan Frei das alles verachtet, bloss kümmern darum will er sich nicht. Das unterscheidet ihn von einem Asketen: Er hat keine Probleme damit, einen Sportwagen zu mieten oder an einer Party über die Stränge zu schlagen.
Die Minimalisten sind ein bunter Haufen. Manche wollen die Umwelt schützen, andere stemmen sich gegen den Kapitalismus. Frei macht nichts von dem, ihm geht es allein um sein Lebensglück. Aufgewachsen ist er im Schweizer Mittelstand, wo Sonntagsbesteck und Zweitwagen als Zeichen dafür gelten, dass man jemand ist. Er schwamm mit dem Strom, studierte Betriebswirtschaft, kaufte ein Auto und eine Saftpresse. «Ich war nicht unglücklich dabei, aber ich habe mir nie bewusstgemacht, was ich im Leben will.»
Er wollte unabhängig sein, nicht nur bei der Arbeit, wo er heute Chef seines eigenen Unternehmens ist, sondern auch von Dingen. Seine überzähligen Schirme liess er an der Tramstation liegen. Seine Markenpullover versuchte er erfolglos im Internet zu verkaufen, schliesslich landeten sie in der Kleidersammlung. Einmal verschenkte er einen Monat lang jeden Tag eine seiner Habseligkeiten. Hundert sollten es höchstens noch sein.
Die Zahl stammt vom Buch «The 100 Thing Challenge» von 2010, in dem der amerikanische Unternehmer Dave Bruno erzählt, wie er seinen Besitz in einem Jahr auf hundert Gegenstände verkleinerte. Das Buch ist eine Mogelpackung, denn Bruno hat eine eigenwillige Art zu zählen: Was die Familie gemeinsam besitzt – von der Polstergruppe bis zum Auto –, geht nicht in die Rechnung ein. Noch verlogener ist, dass Bruno seine Bibliothek als einen Gegenstand zählt. So überrascht es nicht, dass am Ende des Jahres ein Zelt und ein Surfbrett zu Brunos unentbehrlicher Habe gehören. Der Titel des Buches hingegen war ein Geniestreich und animierte weltweit Leute, es selber zu versuchen.
Am Anfang war auch Alan Frei auf die Zahl Hundert fixiert. Er hatte es zum Beispiel mit weniger als sieben Hemden versucht, um die Grenze zu erreichen, doch dann musste er zweimal pro Woche waschen. Bald setzte sich das Credo durch: «Ich will nicht möglichst wenige Dinge besitzen, ich will ein möglichst einfaches Leben haben.» Trotzdem verspürt er eine kindliche Freude, wenn aus seinen Siebensachen sechs werden. Kürzlich wurde ihm sein Velo gestohlen. Seither geht er eine Stunde zu Fuss zur Arbeit und unterhält sich auf dem Weg mit Hörbüchern wie «How to Stay Motivated» oder «The First Billion is the Hardest».
Und wenn er eines Tages tatsächlich viel Geld verdient? Sein Leben würde sich nicht ändern, ist er überzeugt. «Es gibt nur eine Zahl, die mich interessiert: Wie viele Monate reicht das Geld, ohne dass ich arbeiten muss», sagt Frei. Im Moment sind es 24. Nicht dass er aufhören möchte mit Arbeiten, aber er will die Freiheit spüren, es zu können. «Ich habe das Bedürfnis nach dieser Bünzlisicherheit, deshalb bin ich kein Aussteiger, der auf die Alp geht.» Freis Leidenschaft ist im Gegenteil das Reisen. Im Moment ist er daran, jede Landeshauptstadt Europas zu besuchen.
Ein Umstand lässt Alan Freis Leben als Minimalist seltsam erscheinen. Als er vor drei Jahren mit einem Freund über Geschäftsideen sprach, blieben sie bei einem Internetversand für Sexspielzeuge hängen. Eben war die Erotiktrilogie «Fifty Shades of Grey» ein Weltbestseller geworden. Der Zeitpunkt war günstig, der Branche das Schmuddel-Image zu nehmen. Heute hat Freis Firma Amorana 18 Angestellte, und er muss mit dem Widerspruch leben, dass er nichts haben will, aber davon lebt, anderen möglichst viel zu verkaufen.
Die schlimmste Zeit für einen Minimalisten ist Weihnachten. Freis Freunde wissen, dass sie ihm anstelle einer Eieruhr besser ein Nachtessen schenken, aber seine Göttikinder sind im Alter, in dem sie ihm mit Teigwaren beklebte Kalender bringen. Kinder sind die natürlichen Feinde des Minimalismus. Jeder Fünfjährige ist ein Agent der Überschussgesellschaft. Alan Frei möchte auch einmal eine Familie. Was das für seine Küchenschublade bedeutet, will er sich überlegen, wenn es so weit ist.
Lukas Fischer ist gerade auf dem Weg an den Flughafen, als er am Hauptbahnhof Zürich Zwischenstation macht. Er will in der Black Rock Desert in Nevada am Burning-Man-Treffen teilnehmen, dem legendären Alternativfestival, für das 70 000 Teilnehmer in der Wüste eine Stadt gründen. Gepackt hatte er schnell. «Bei mir stellt sich nicht die Frage, was ich einpacke», sagt der 34jährige, «ich nehme einfach meinen Stapel T-Shirts und lege sie in den Koffer, dann bin ich schon bereit.» Das stimmt nicht ganz, Fischer hat auch alle seine Hosen dabei – zwei –, einen grossen Teil seiner Unterhosen und die Hälfte seiner Socken. Die zehn Hemden, die er zur Arbeit trägt, und sein Jackett blieben zu Hause.
Fischer denkt in grossen Zusammenhängen: «Wir haben viel zu viel von allem.» Das überfordere nicht nur den Einzelnen, es sei auch für die Umwelt untragbar. «So können wir nicht weitermachen.» Fischer hat sich schon immer engagiert. Er sass im Schülerparlament, veranstaltete Konzerte und gründete ein Start-up für Kleinstproduzenten. Kürzlich initiierte er in Luzern eine Raumbörse mit dem Ziel, private Räume besser zu nutzen. Vor vier Jahren begann er seine Habe zu verkleinern. Auch ihm geht es nicht einfach darum, möglichst wenig zu besitzen und nichts mehr zu kaufen. Vielmehr achtet er auf die Qualität, wenn er etwas anschafft. Die Dinge, mit denen er sich umgibt, sollen lange halten und einfach zu flicken sein. Dahinter steckt der ökologische Gedanke, dass man aus unseren begrenzten Rohstoffen langlebige Produkte fertigen sollte. Sein iPhone entspricht zwar nicht unbedingt dieser Philosophie. «Aber in meinem Job gibt es keine wirkliche Alternative.»
Lukas Fischer leitet seine eigene Onlinemarketing-Agentur in Luzern. Er ist gut ausgebildet und verdient anständig. Das ist typisch für die neuen Minimalisten, denn man kann nur auf Dinge verzichten, die man sich leisten könnte. Wer aus Not wenig besitzt, ist nicht stolz auf einen leeren Kleiderschrank. Früher wäre einer wie Fischer vielleicht in einer Kommune gelandet. Heute stehen die Minimalisten mitten im Leben und können virtuos mit Technik umgehen.
Computer, Mobiltelefon und das Internet sind Voraussetzung für den neuen Lebensstil. Dass das Handy Jukebox und Bibliothek ist, macht es einfacher, sich von CD und Büchern zu trennen. Doch gleichzeitig bergen sie die Gefahr, die Abhängigkeit von Dingen durch die Abhängigkeit von der virtuellen Welt zu ersetzen. Auch Fischer hatte schon das Gefühl, zu viel Zeit auf Facebook zu verbringen. Vor einem Jahr machte er bei der Aktion «99 Days of Freedom» mit, bei der man Facebook gute drei Monate fernbleibt.
Am meisten mit sich gerungen hat Fischer bei persönlichen Erinnerungen. Hin und her gerissen steckte er eines Tages zwei Schachteln mit alten Fotos und Briefen in einen Abfallsack. Am nächsten Morgen fischte es sie wieder heraus. Seither hat er einiges gescannt und weggeworfen, anderes behalten. Doch richtig zufrieden macht ihn diese Lösung nicht. Erst kürzlich sagte er wieder zu sich: «Weg mit dem Scheiss.» Er beschreibt Erinnerungsstücke als emotionalen Ballast. «Ich lebe jetzt, was bringt es mir, wenn ich in der Vergangenheit schwelge.» Dass er das später, wenn er vielleicht selber Kinder hat, anders sehen könnte, ändert nichts an seiner Entschlossenheit. Er ist abgehärtet, schliesslich hat ihn jeder Gegenstand, den er los werden wollte, angebettelt: Bitte behalte mich, bestimmt kannst du mich irgendwann noch gebrauchen.
Bei einem Thema fällt es Fischer schwer, konsequent zu bleiben: beim Reisen. Der Flug nach San Francisco, den er in ein paar Stunden antritt, ist eine ökologische Todsünde. «Da bin ich mir selber nicht treu», gibt er zu, «es ist ein Riesendilemma.» Der einzige Trost ist, dass er es mit vielen jungen Leuten teilt, die der Versuchung, die Welt zu sehen, nicht widerstehen können, obwohl zu fliegen ihrer ökologischen Haltung widerspricht.
Das Reisen einzuschränken ist Minimalismus für Fortgeschrittene, Anfänger beginnen beim Kleiderschrank. Einerseits gibt es ohnehin in jedem Kasten Stücke, die nie getragen werden, andererseits lassen sich Kleider in der Textilsammlung mit gutem Gewissen los werden. Wegwerfen gilt vielen Minimalisten nämlich als die schwerwiegendste Form der Ressourcenverschleuderung. Doch bis für jedes Buch ein gutes Plätzchen gefunden ist, kann es dauern. Kaufen ist einfacher als los werden.
Auch Nicole Frei (nicht verwandt mit Alan Frei) hat beim Kleiderschrank angefangen, am Ende brauchte sie nicht einmal mehr den Schrank selbst. Heute liegen ihre Kleider samt Schuhen auf drei Tablaren in einem Regal. Die Zeiten, als sie die Wut packte, weil sie vor dem vollgestopften Schrank nicht wusste, was anziehen, sind vorbei. Das Ausmisten war nicht immer einfach. Einmal bereute sie, ein Kleid in den Sammelcontainer geworfen zu haben, und erwog, bei Texaid anzurufen: «Mir ist versehentlich etwas in die Tonne gefallen.» Aber das war ihr dann doch zu peinlich, und drei Tage später war der Trennungsschmerz überwunden.
Es war ein Buch, das Frei den Anstoss gab, ihr Leben zu verändern. In «5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen» berichten Menschen am Ende ihres Lebens, was sie lieber anders gemacht hätten. Dazu gehörte, weniger zu arbeiten und mehr Zeit für sich selbst zu haben und mit seinen Lieben zu verbringen.
Frei hatte eine 90-Prozent-Stelle auf einem Sekretariat und bewohnte mit ihrem Freund eine Wohnung mit Blick über Basel, den sie aber kaum geniessen konnte, weil sie immer arbeitete. Also senkte sie ihr Arbeitspensum auf 50 Prozent, zog in eine billigere Wohnung und verkleinerte ihren Besitz derart, dass sie jetzt zu den wenigen Frauen gehört, die für einen Fremden stolz den Spiegelschrank im Bad öffnen. Weil sie immer schon gerne schrieb, startete sie vor eineinhalb Jahren den Blog bewusstgluecklich.ch. Die Reaktionen waren nicht nur positiv. Die Leute fragten sich, warum eine 29jährige, gesunde Frau ohne Kinder nicht Vollzeit arbeite. «Was machst du denn den ganzen Tag? Faul herumliegen?»
Viele Minimalisten sind Einzelkämpfer, deshalb teilen sie ihre Erfahrungen im Internet mit Gleichgesinnten. Auf Blogs beichten sie den jüngsten Spontankauf, und in Foren trösten sie einander, wenn sie im Aufräumrausch zu weit gingen. Manche schreiben Bücher mit Titeln wie «Buddha räumt auf» oder «Ich kauf nix!» – ausser dieses Buch, müsste es heissen.
Es ist kein Zufall, dass viele Minimalisten alleine leben. Die Meinungen darüber, ob der gemeinsame Haushalt eher die Stoffservietten oder die Playstation entbehren kann, gehen auseinander. Nicole Freis Freund, mit dem sie seit acht Jahren zusammenlebt, ist nicht Minimalist, und das führt manchmal zu Reibungen, wenn sie den gemeinsamen Besitz dezimiert. Als sie etwa Tassen entsorgte, aus denen sie nie tranken, sagte er: «Das hat doch alles Geld gekostet.» Doch im nachhinein gefalle es ihm auch, wenn weniger herumstehe, sagt Frei. Sie kann sich nicht vorstellen, wieder so viele Dinge wie früher zu kaufen. «Es geht mir gut so, ich sehe keinen Grund, etwas zu ändern.»
Es gibt allerdings Fälle, in denen neue Lebensumstände Minimalisten vom Pfad der Tugend abbringen. Der amerikanische Programmierer Kelly Sutton wurde mit seinem Versuch, so wenig wie möglich zu besitzen, 2010 weltberühmt. Seine Website «The Cult of Less» war die Anlaufstelle der globalen Minimalistengemeinde. Heute ist sie stillgelegt, und auf seiner persönlichen Seite findet sich der Kommentar: «Ich war früher bekannt für ‹The Cult of Less›. Heute habe ich eine Freundin und ein Waffeleisen.»
Reto U. Schneider ist stellvertretender Chefredaktor von NZZ-Folio.