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Die Meerhexe warnt die kleine Seejungfrau auch noch vor dem, was mit ihr geschieht, wenn der Prinz eine andere als sie heiratet: Dann wird sie sich am Morgen nach der Hochzeitsnacht in Schaum auflösen. Bleich wie der Tod versichert die Meerjungfer, dass sie das alles auf sich nehmen will. Dann erst kommt die Meerhexe auf die Bezahlung zu sprechen und verlangt für den Zaubertrank, in den sie ihr eigenes Blut mischen muss, die wunderbare Stimme der kleinen Seejungfer.
„Streck deine kleine Zunge hervor, dann schneide ich sie ab, zur Bezahlung, und du bekommst dafür den kräftigen Trank!“
Noch vor dem Sonnenaufgang erreicht die kleine Meerjungfrau das Schloss des Prinzen, trinkt an der prächtigen Marmortreppe das Zaubermittel und verliert das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kommt und den schneidenden Schmerz spürt, steht der junge Prinz vor ihr, und weil sie nackt ist, hüllt sie sich in ihr langes Haar. Der Prinz fragt, wo sie herkomme, aber die kleine Meerjungfrau kann nicht sprechen, denn die Hexe hat ihr ja die Zunge abgeschnitten. Sie wird mit kostbaren Gewändern eingekleidet und im Schloss aufgenommen. Zwar kann sie weder sprechen noch singen, aber alle beneiden sie um ihre Schönheit, ihren anmutigen Gang und ihren schwebenden Tanz. Niemand ahnt, dass sie jeden Schritt so empfindet, als träte sie auf scharfe Messerklingen. Nachts, wenn alle schlafen, geht sie die Marmortreppe hinunter, um ihre brennenden Füße im Meerwasser zu kühlen.
Der Prinz hat sie von Tag zu Tag lieber, aber er behandelt sie wie ein Kind und kommt gar nicht auf die Idee, sie zu seiner Frau zu machen. Schließlich soll er sich mit der schönen Tochter des Königs im benachbarten Reich vermählen. Auf der Schiffsreise dorthin nimmt er auch die kleine Meerjungfer in seinem Gefolge mit. Für die Hochzeitszeremonie erhält die kleine Meerjungfrau ein Kleid aus Gold und Seide, denn sie soll die Schleppe der Braut tragen. Nach der Trauung in der Kirche begibt sich die Hochzeitsgesellschaft auf das Schiff, wo bis spät in die Nacht gefeiert wird. Nur die kleine Meerjungfrau ist traurig, denn sie weiß, dass sie den Prinzen zum letzten Mal sieht und am nächsten Morgen sterben muss. Für ihn verließ sie ihre Heimat, opferte ihre schöne Stimme und litt entsetzliche Qualen, aber er ahnt es nicht einmal.
Als alle bis auf den Steuermann und der kleinen Meerjungfrau zu Bett gegangen sind, tauchen ihre Schwestern aus den Fluten auf. Sie sind kahl, denn sie haben der Meerhexe ihr schönes Haar gegeben und dafür ein scharfes Messer bekommen, das die kleine Meerjungfrau dem Prinzen ins Herz stoßen soll.
„Bevor die Sonne aufgeht, musst du es dem Prinzen ins Herz stoßen, und wenn sein warmes Blut über deine Füße spritzt, wachsen sie zu einem Fischschwanz zusammen und du wirst wieder eine Seejungfer, kannst zu uns ins Wasser herniedersteigen und noch dreihundert Jahre leben, ehe du zu totem, kaltem Meeresschaum wirst.“
Die kleine Seejungfer beugt sich über das schlafende Paar, küsst den Prinzen auf die Stirn und schleudert das Messer ins Meer. Bald darauf steigt die Sonne aus dem Meer empor. Da wird die kleine Meerjungfrau durchsichtig und verwandelt sich in eine Tochter der Luft.
Märchen von Hans Christian Andersen