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Johann Madutz
Ein Pionier der Schweizer Alpen.
Von Rudolf Bühler.
Aus dem im Juniheft 1939 dieser Zeitschrift erschienenen Bericht über die Erstersteigung des Piz Linard am 1. August 1835 durch Professor Dr. Oswald Heer ist zu entnehmen, dass seinem Führer Johann Madutz ein wesentliches Verdienst an der gelungenen Besteigung des höchsten Gipfels der Unterengadinerberge zukommt Nicht sehr viele Alpinisten werden eine nähere Kenntnis von diesem Manne haben, der das weite Alpengebiet in allen Richtungen durchwandert und in der Bezwingung der Hochgipfel Bedeutendes geleistet hat. Wer war dieser Mann? Darüber gibt ein von Pfarrer Dr. Coolidge in Grindelwald 1917 verfasstes Schriftchen Auskunft. Wir entnehmen diesem folgendes: Johann Madutz wurde 1800 in Württemberg geboren. Bald darauf siedelten seine Eltern nach dem Bergdorf Matt im glarnerischen Sernftal über. Er besuchte hier die Schule und erlernte das Schneiderhandwerk. Nach seiner Verehelichung erkaufte er sich das Bürgerrecht von Matt. Er war hager und schlank, aber zähe und mit einem gesunden Mutterwitz aus- gestattet. Neben seinem Beruf soll er auch die Gemsjagd betrieben haben, wodurch er sich wahrscheinlich viele Erfahrung in der Begehung der Bergwelt erworben hat. Er starb 1861 in Matt.
In seinem Leben spielte das dortige Pfarrhaus eine grosse Rolle. Er wuchs mit dem Pfarrerssohn, dem später berühmt gewordenen Naturforscher Oswald Heer, auf und pflegte mit ihm lebhafte Bergfreundschaft. Das Datum seiner ersten grösseren Bergfahrt mit ihm ist unbekannt. Sicher ist, dass Oswald Heer im Jahre 1832 die erste Ersteigung des Ruchenglärnisch und Hausstockes ausführte und von einem Gemsjäger begleitet wurde. 1834 reisten Heer und Madutz miteinander über den Panixerpass ins Vorderrheintal und von da über etliche weitere Pässe ins Rheinwald, Bergeil, Oberengadin, Livignotal, Münstertal und Unterengadin bis nach Davos. Auf dieser vom 14. Juli bis 12. August dauernden Tour erstiegen sie den Piz Costainas ( 3007 m ), Piz Ciantun ( 3028 m ) und Piz Minschun ( 3072 m ). Im folgenden Jahr ging 's über den Panixer wieder ins Bündnerland, wo sie während eines ganzen Monats kreuz und quer über zum Teil hohe Pässe und durch entlegene Talschaften wanderten. Dabei erstiegen sie im Engadin den Piz Lavirum ( 3054 m ), den Piz Linard ( 3414 m ) und die noch jungfräuliche östliche Spitze des Piz Palü ( 3839 m ). Auf diesen Wanderungen zeigten sich immer mehr die Führerfähigkeiten des Madutz. Heer sagte von ihm, dass er ein Pfadfinder ersten Ranges war, ein verwegener und doch vorsichtiger Kletterer, ungemein anstellig, so dass er sich in jeder Lage zurechtzufinden wusste. Nicht ohne Rührung gedenkt er der treuen Anhänglichkeit dieses Mannes, der aus einem Führer sein Freund geworden war.
Auf Empfehlung von Oswald Heer wurde Madutz 1836 von einem zweiten Bergherrn, dem Geologen Arnold Escher von der Linth, als ständiger Führer engagiert, der ihn bei einem Ferienaufenthalt im Pfarrhaus zu Matt kennen gelernt hatte. Madutz begleitete Escher auf seinen Erforschungen in den Glarner- und Urnerbergen. Dann gingen sie miteinander 1841 ins Berner Oberland und biwakierten einige Zeit mit den Alpenforschern Desor und Agassiz in ihrem auf der Moräne des Unteraargletschers erbauten Zufluchtsort. Es wurde die Umgebung des Aletsch- und Vieschergletschers durchforscht. Dann verliessen sie das « Hôtel des Neuchâtelois » und gingen über ein paar Pässe ins Zermatter- und Saastal. 1842 nahm diese Gesellschaft zum zweitenmal Aufenthalt auf dem Unteraargletscher und bestieg unter anderm das Grosse Lauteraarhorn ( 4043 m ). 1843 begaben sich Escher, Bernhard Studer und Madutz nach Chamonix, dann nach Saas und Zermatt und beendeten ihre Wanderungen mit der Erforschung der Veltlinerberge. Die Reise dauerte vom 29. Juli bis 23. September. Besonders erwähnt wird dabei die Ersteigung der Dent de Mordes. 1844 statteten sie den Rheinquellen einen Besuch ab und unternahmen die Erforschung des Safien- und Calancatales. 1845 bereisten sie die Dauphiné und die piemontesischen Waldensertäler, 1846 erfolgte die Besteigung der Scesaplana, und 1850 wurde die Umgebung des Piz Languard untersucht. Escher sagt von seinem Führer Madutz, dass er ihn bewundern musste, der mit der Behendigkeit einer Gemse vorauslief und die wenigst schlimmen Passagen aufsuchte, über die er ihm sichernd hinauf- und hinunterhalf, öfter war er auf dem Punkte umzukehren, und nur die Versicherung von Madutz nach vorgenommener Rekognoszierung, dass es gehe, bestimmte ihn, ihm zu folgen. Später trat sein ebenso tüchtiger Sohn Fridolin an seine Stelle, der Escher während langen Jahren auf seinen geologischen Wanderungen begleitete.
Der dritte und vielleicht der wichtigste Bergherr, dessen Bekanntschaft Madutz unzweifelhaft der Empfehlung Eschers verdankte, war Professor Melchior Ulrich in Zürich. Mit diesem war es Madutz vergönnt in den Jahren 1847 bis 1858 die schönsten und wichtigsten Bergtouren auszuführen, er war sein ständiger und treuer Begleiter, sowohl im Wallis als später bei den Besteigungen des Tödi und Glärnisch. Ulrich hatte, schon bevor er mit Madutz zusammen ging, die Alpen sehr viel durchstreift, aber die Gletscherregion wenig besucht. Er fasste die Idee, die mächtige zwischen Saas und Zermatt gelegene Bergkette zu untersuchen, und nahm hierfür die Führerdienste des Madutz in Anspruch. Die erste Fahrt führte sie auf den Monte Moro und nachher über den Allalinpass ( 3670 m ) nach Zermatt. In ihrer Begleitung waren noch Antiquar Siegfried in Zürich, Pfarrer Schooch in Dielsdorf und Pfarrer Imseng in Saas. Über mehrere Gletscher und Pässe in den Berner Alpen kehrten sie wieder nach Hause zurück. 1848 führte Madutz mit Siegfried die erste Ersteigung des Vrenelisgärtli ( 2910 m ) über die Ostkante aus. Siegfried schrieb in sein Führerbuch: « Sein Talent, sich zurechtzufinden, selbst an Orten, wo er zum erstenmal hinkommt, setzt in Erstaunen. » Im gleichen Jahr begleitete Madutz Ulrich über den Gemmipass wieder nach Saas, von wo sie in Begleitung von Imseng über den Riedpass ( 3530 m ) nach Zermatt hinüber wanderten, nachdem sie das südlich vom Pass gelegene Ulrichshorn ( 3929 m ) erstiegen hatten. Im folgenden Jahr unternahmen sie in Begleitung eines Zermatterführers vom Gornergrat aus die Besteigung des damals noch unerstiegenen Monte Rosa. Sie erreichten den Silbersattel. Wegen des fürchterlichen Windes verzichtete Ulrich auf weiteres Vordringen, während die andern höher hinauf drangen und den noch unerstiegenen Grenzgipfel ( 4631 m ) erreichten. Über den Lötschen- und Hohtürlipass reisten dann Ulrich und Madutz ins Berner Oberland und kehrten durchs Muota- und Bisital und über die Karrenalp wieder nach Hause zurück. Im Jahr 1849 kamen sie mit Statthalter Gottlieb Studer in Saas zusammen, in der Absicht, noch einen andern Übergang über die Bergkette zwischen Saas und Zermatt zu suchen. Sie wählten den heutigen Adlerpass ( 3798 m ), dessen erste Begehung ihnen gelang. Dann wollte Ulrich nochmals versuchen, die Dufourspitze zu ersteigen. Sie stiegen in Begleitung von zwei jungen Zermatterführern wieder zum Silbersattel hinauf, wo sie abermals ein scharfer Wind zum Rückzug zwang. Da Studer zu dieser Zeit gerade mit der Ausgabe einer Karte über einen Teil der südlichen Wallisertäler beschäftigt war, ging die Gesellschaft über den Col d' Hérens ( 3480 m ) ins Eringertal hinunter und machte von Arolla aus die Überschreitung des Pas de Chèvres ( 2851 m ), sowie diejenige des Col de Seiion ( 3200 m ) und des Mont Rouge ( 3941 m ).
1850 unternahmen Ulrich, Studer und Siegfried neuerdings eine Reise unter der Führung des « treuen und unentbehrlichen » Madutz. Von Kandersteg aus wanderten sie über den Lötschenpass ( 2695 m ) ins Lötschental hinüber. Schlechtes Wetter verhinderte sie an der Überschreitung des Beichgrates nach der Bellalp. Sie stiegen nach Gampel hinunter und zogen zum Simplonpass hinauf. Ihr Trachten ging nach der Eroberung des östlich vom Pass gelegenen, mächtig aussehenden Monte Leone ( 3561 m ). Die Mönche des Hospizes rieten ihnen davon ab, da noch niemand hinaufgekommen sei. Sie liessen sich aber nicht zurückhalten, und es gelang ihnen die Erstbesteigung des Berges. Dass sie dies erreichten, schreibt Studer dem « geschickten » Madutz zu. Weil Ulrich die Fletschhörner erforschen wollte, marschierten sie über den Zwischenbergenpass ( 3248 m ) nach Saasfee hinunter. Infolge schlechten Wetters mussten sie den Versuch, das Weisstor ( 3621 m ) zu ersteigen, aufgeben, und sie begaben sich nach Aigle, mit dem Gedanken, die damals noch unerstiegenen Diablerets ( 3246 m ) zu erklettern, was ihnen auch am 15. August gelang.
Im Jahre 1852 machten Ulrich, Studer und Madutz wieder eine 14tägige Bergfahrt. Aus dem Berner Oberland überschritten sie den Geltenpass nach Sitten und begaben sich ins Hérémencetal. Über mehrere vergletscherte Pässe gelangten sie ins Valpellinetal und nach Aroila. Sie stiegen alsdann ins Rhonetal ab und gingen von Siders ins Einfischtal hinein, mit dem Vorhaben, einen direkten Übergang nach Zermatt ausfindig zu machen, das heutige Triftjoch, woran sie aber durch anhaltend schlechtes Wetter verhindert wurden. Die Reise ging dann auf dem Talweg nach Zermatt. Hier führten sie den Übergang übers Weisstor nach Saas aus. 1853 gelang Ulrich, Studer und Siegfried mit Madutz und Linthaler Führern die vollständige Ersteigung des Glarnertödi ( 3601 m ) am 13. August. Ein Jahr später führten Ulrich und Studer mit Madutz und einem Linthaler Führer eine Besteigung des Vrenelisgärtli aus, und kurze Zeit nachher setzten Studer und Madutz ihren Fuss auf den noch jungfräulichen Gemsfayrenstock ( 2974 m ). Coolidge schliesst seine Biographie mit den Worten: « Madutz nimmt mit vollem Recht unter den Bergführern einen Ehrenplatz ein. Sein Alpenleben dauerte bestimmt von 1834 bis 1858, also fast ein Vierteljahrhundert. Es ist sicher, dass in jener Zeit sehr wenige gleich ihm die Alpen in so ausgiebigem Masse durchwanderten. Es ist leicht begreiflich, dass Madutz nicht sehr viele hohe Spitzen zu ersteigen hatte, weil er sich selbstverständlich den Wünschen seiner Herren anzupassen hatte. Aber welch grosse Zahl vorher noch wenig oder gar nicht bekannter Bergpässe hat er während seiner Laufbahn überschritten! Mit der Ersteigung des Grenzgipfels im Monte Rosa-Gebiet hat er am 12. August 1848 den Höhenrekord seiner Zeit aufgestellt. » Die Leistungen von Madutz und seiner Herren sind um so höher einzuschätzen, als zu jener Zeit noch keine Eisenbahnen und Autos in die Gebirgstäler hineinführten und deshalb grosse Anmärsche an den Fuss der Berge gemacht werden mussten. Auch bestanden noch keine Clubhütten und Berghotels, von denen aus die Besteigungen unternommen werden konnten. Ebenso fehlte es an guten Karten und Beschreibungen. Die Aufstiege mussten noch gesucht werden, und der Proviant war oft für mehrere Tage mitzuschleppen. Das Bergreisen war viel beschwerlicher als heutzutage.
Die Alpen — 1940 — Les Alpes.26