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Samstag, 01. November 2014 23:30
Schluckt die schwangere Mutter Schmerzmittel, kann das Kind geschädigt werden. Foto: Colourbox
Für Kinder ist das Risiko, an der psychischen Störung ADHS zu erkranken, 37 Prozent höher, wenn ihre Mutter während der Schwangerschaft Dafalgan eingenommen hat. Das zeigen zwei neue Studien.
Nervös, unkonzentriert, zappelig. Wegen des sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts- Syndroms (ADHS) schlucken in der Schweiz rund 140 000 Kinder und Jugendliche Ritalin.
Jetzt kommt der böse Verdacht auf, dass ein Teil von ihnen Opfer eines anderen Medikaments wurde. Zwei neue Studien zeigen, dass das Schmerzmittel Paracetamol, das in der Schweiz unter anderem als Dafalgan und Panadol verkauft wird, bei ungeborenen Kindern schwere körperliche und psychische Schäden verursachen kann. In einer grossen Erhebung aus diesem Jahr wurden 64 322 dänische Mütter und ihre Kinder untersucht. Das Resultat: Kinder, deren Mutter in der Schwangerschaft regelmässig Paracetamol schluckte, haben ein 37 Prozent höheres Risiko, an ADHS zu leiden als Kinder, deren Mütter kein Paracetamol eingenommen hatten.
Eine norwegische Studie mit 48 631 Kindern kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Kinder, die während der Schwangerschaft mehr als 28 Tage dem Medikament ausgesetzt waren, wiesen häufiger Störungen in der motorischen Entwicklung und im Kommunikations- und Sozialverhalten auf, zudem eine verstärkte Hyperaktivität und ein erhöhtes Asthmarisiko. Ausserdem gibt es Hinweise, dass Paracetamol bei Knaben das Risiko für Hodenkrebs und Unfruchtbarkeit erhöht.
Diese Ergebnisse sind alarmierend, denn Paracetamol ist in der Schweiz und vielen anderen Ländern das meistverkaufte Schmerzmittel. Es ist günstig, bis zu einer gewissen Dosis rezeptfrei zu haben und galt bisher in der Schwangerschaft als unbedenklich. Schwangeren Frauen wird es seit Jahrzehnten als Standardarznei verabreicht, wenn sie unter Schmerzen leiden.
Im «European Journal of Pain», einem der Leitorgane der Schmerzmedizin, warnen nun Forscher vor den Folgen eines zu sorglosen Umgangs mit dem Schmerzmittel. Studienautor Kay Brune, Pharmakologe an der Universität Erlangen-Nürnberg, fordert, Paracetamol rezeptpflichtig zu machen.
Zwar wird in beiden Studien darauf hingewiesen, dass der Zusammenhang zwischen der Einnahme von Paracetamol in der Schwangerschaft und den Nebenwirkungen noch nicht eindeutig belegt ist. Trotzdem seien die neusten Studienergebnisse sehr ernst zu nehmen, sagt Gert Printzen, Vorstandsmitglied und Departementsverantwortlicher für Heilmittel der Ärztevereinigung FMH. «Nur schon aus reiner Vorsicht müssen wir bei einem solchen Verdacht handeln, um das ungeborene Leben zu schützen. Ich habe immer noch Contergan im Hinterkopf.»
Printzen verweist damit auf einen der grössten Medikamentskandale aller Zeiten: In den Sechzigerjahren verursachte das Beruhigungsmittel Contergan, das lange als unbedenklich galt, bei weltweit etwa 5000 bis 10 000 Kindern schwere Fehlbildungen.
Die Hersteller müssten nun den Warnhinweis in der Packungsbeilage verschärfen, fordert Printzen. Schwangeren und stillenden Patientinnen müsse im Beipackzettel abgeraten werden, das Medikament während mehr als einer Woche zu nehmen. Und sie müssten darauf hingewiesen werden, in jedem Fall einen Arzt aufzusuchen, wenn sie Schmerzmittel benötigten. Printzen sieht auch die Ärzte in der Pflicht. Sie dürften Paracetamol nicht mehr unbeschränkt an schwangere Frauen abgeben. Die FMH werde die Ärzteschaft in Fachartikeln entsprechend aufklären.
Noch weiter geht Ulf Klostermann, Leiter des Schmerzzentrums Zofingen. Er fordert die Rezeptpflicht für alle Dosierungen. Die Heilmittelbehörde Swissmedic steht diesem Schritt skeptisch gegenüber. Die rezeptfrei erhältlichen Dosierungsstärken seien in der Schweiz schon jetzt kleiner als in anderen Ländern, sagt Sprecher Lukas Jaggi.
Wegen der alarmierenden Studienergebnisse überlegt sich Swissmedic aber, den Warnhinweis im Beipackzettel zu verschärfen. Jaggi sagt: «Swissmedic beobachtet die potenziellen Risiken der Paracetamol-Einnahme aufmerksam und wird überprüfen, ob der bestehende Warnhinweis angepasst werden soll.»