Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03353.jsonl.gz/2262

Die ArbeiterInnen einer argentinischen Fliesenfabrik produzieren seit 2001 in Eigenregie - und schreiben schwarze Zahlen. Doch es fehlt der politische Wille, daraus ein Zukunftsmodell zu machen.
«Wir sind nicht verrückt! Wir wissen, wie es funktionieren kann», sagt Rosa Maldonado über die Fliesenfabrik Zanón in der argentinischen Provinz Neuquén, die sie mit anderen verwaltet. Seit über sieben Jahren produziert Zanón als FaSinPat, als «Fabrik ohne Chefs». Der Betrieb kann Erfolge vorweisen. Die ArbeiterInnen erhalten - anders als früher - nicht nur anständige Löhne. Sie erhöhten auch die Belegschaft von 270 auf 470 Personen und unterstützen soziale Projekte wie 2005 den Bau einer Klinik.
Hinter dem Erfolg stecken Jahre beharrlicher Arbeit. Im Zuge der argentinischen Wirtschaftskrise, die 2001 im Staatsbankrott mündete, hatten die ArbeiterInnen ihre Fabrik besetzt, als Luigi Zanón, der damalige Besitzer, die ArbeiterInnen aussperrte, weil sie auf ihre Rechte pochten. Ein Gericht erlaubte dann den Ausgesperrten, die Bestände zu verkaufen, damit sie sich die Löhne auszahlen konnten. Nach dem Verkauf beschlossen sie zu bleiben. «Was hätten wir tun sollen? Wir hatten Familien zu ernähren», sagt Rosa Maldonado.
2004 erhält die FaSinPat von einem Gericht für ein Jahr den Kooperativenstatus zugesprochen, 2005 dann für weitere drei. Auf den Vorschlag der Regierung, dass die Kooperative die Firma übernehmen könne, wollte sich die Belegschaft nicht einlassen. Der damalige Präsident Néstor Kirchner hatte dies 2003 den überall entstandenen Kooperativen angeboten. «Wir haben uns geweigert, die Schulden der Fabrik zu übernehmen. Das taten viele der anderen Kooperativen, die schnell legalisiert werden wollten, nicht. Deshalb stehen sie heute am Abgrund», so Maldonado.
Bis heute werden in der Firma wichtige Entscheidungen gemeinsam getroffen. Die ersten drei Jahre in der Illegalität überstanden die FliesenproduzentInnen, weil sie ein Solidaritätsnetz aufbauen konnten. Bereits als die Ausgesperrten mit ihren Familien vor den Fabriktoren campierten, spendete die Bevölkerung Lebensmittel. Später kamen aus der Universität von Buenos Aires IngenieurInnen, die halfen, die Fabrik wieder zum Laufen zu bringen.
Doch der Anfang war mühsam. Die Firma hatte früher in siebzehn Länder exportiert. Nun verteilte die Belegschaft Handzettel in der Nachbarschaft und konnte so ein paar Quadratmeter Fliesen verkaufen. Die alten Zulieferer und Abnehmer boykottierten die FaSinPat. Es fehlte an Verpackungs- und Rohmaterial wie an KäuferInnen. Nur langsam konnten die ArbeiterInnen die Isolation der Firma durchbrechen - so als die indigenen Mapuche-Gemeinden Zanón Lehm zur Verfügung stellten. Als die Kooperative 2004 dann vorübergehend legalisiert wurde und sich herumsprach, dass sie gute Ware zu gutem Preis bot, begannen die Beschäftigten schwarze Zahlen zu schreiben.
Trotzdem wurde nun im Oktober die Duldung als Kooperative nicht erneuert. Doch die ArbeiterInnen halten an ihrer ursprünglichen Idee fest: Der Staat solle die Fabrik enteignen und ihnen übertragen. Eine Übernahme der Altschulden lehnen sie aber nach wie vor ab. Die Fabrik habe schliesslich von der Regierung früher hohe Kredite und Subventionen erhalten. Dennoch blockiert die Regierung bisher diesen Lösungsvorschlag. «Eine Räumung», so Maldonado, «hätte hohe soziale Kosten zur Folge.»
Inzwischen hat die Belegschaft eine Verlängerung um ein weiteres Jahr beantragt, über die nun entschieden wird. Für Maldonado ist es deshalb nach wie vor wichtig, dass der KundInnenkreis der FaSinPat erweitert wird. Eine Idee ist, dass die Provinz- und Bundesregierung Fliesen für die öffentliche Einrichtungen bei Zanón kaufen, statt bei multinationalen Unternehmen. «Damit hätten wir eine Chance.» Denn irgendwann, das ist ihr klar, muss auch Zanón in neue Produktionsmittel investieren.