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Ist man mit 40 zu alt, um seine Träume zu verwirklichen? Eigentlich nicht – es sei denn, man kommt aus Harlem, ist schwarz, dick und eine Frau. Radha Blank erzählt in ihrem Debütfilm die sehr persönliche Geschichte einer Autorin, die ihren 40. Geburtstag vor sich hat, auf nur wenige Höhepunkte zurückblickt und unscheinbar durch den Alltag stolpert, gepaart mit dem Gefühl des Stillstandes im Leben und in der Karriere, und der Frage: «Steht es mir überhaupt zu, mein Leben neu zu planen?»
Der erste und einzige Erfolg von Radha (Radha Blank) als Theaterautorin liegt zehn Jahre zurück. Seitdem verdient sie ihren Lebensunterhalt als Schauspiellehrerin an der örtlichen Highschool, wobei sie sich von den respektlosen Schüler*innen so einiges gefallen lassen muss. Daneben nippt sie den ganzen Tag an ihren Diätdrinks und hofft, dass Archie (Peter Kim), ihr langjähriger bester Freund und Agent, jemanden findet, der ihr neues Stück «Harlem Ave» auf die Bühne bringt. Radhas Stück handelt von der stärker werdenden Gentrifizierung im New Yorker Stadtteil Harlem und stellt ein schwarzes Ehepaar, das seinen Gemischtwarenladen nicht verlieren möchte, in den Vordergrund.
Archie drängt Radha dazu, sich mit dem einflussreichen Produzenten Josh Whitman (Reed Birney) zu unterhalten, der sich selbst als Förderer von «Women-of-Color-Produktionen» versteht und auf herablassende Weise Änderungen im Stück verlangt, um es in Wahrheit seinem eher älteren und weissen Publikum zugänglicher zu machen, und nicht, wie er behauptet, um dem Ganzen mehr «Authentizität» abzuringen. «Das Theater vermisst Sie so sehr!», schleimt Whitman, worauf Radha entgegnet: «Ach wirklich? Sucht es auch nach mir? Ich war doch immer hier». Dennoch fügt sie sich, nachdem sie den Produzenten vor Zorn fast erwürgt hätte.
Ihr Bühnenstück «Harlem Ave» wird ihr mehr und mehr aus der Hand genommen. Eine weisse Regisseurin setzt es um, das Stück verwandelt sich zunehmend in eine Art «Poverty Porn» – ähnlich einem Sklaven-Musical, worüber sich Radha einst lustig machte, indem sie sagte, dass sie sogar so etwas schreiben würde, um den Weg zurück auf die Bühne zu finden. Ihr ständiges Scheitern wird liebevoll und witzig erzählt, ohne die Ernsthaftigkeit und Melancholie ihrer Lebensthematik – sie wird bald 40, trauert um ihre verstorbene Mutter und ist beruflich erfolglos – zu untergraben.
Sie entschliesst sich aber auch, etwas Neues zu probieren und als RadhaMUSPrime Hip-Hop zu machen. Ihre Reime werden aus der Sicht einer Fast-40-Jährigen erzählt; im jungen «D» (Oswin Benjamin) findet sie auch ihren «Beatmaker». Ihre Hip-Hop Texte gestaltet sie frei, und auch «D» ermutigt sie, mehr daraus zu machen. Radha ist hin- und hergerissen zwischen dem Theaterprojekt und der Musik. Und auch ihre Nachbarschaft hat einiges zu sagen. In kurzen Sequenzen werden Anwohner*innen interviewartig eingeblendet und tun ihre Meinungen darüber kund, was eine Frau mit 40 Jahren zu beschäftigen hat («Eine Single-Frau mit 40 ist wie eine Frucht, die runterfällt und von Käfern gefressen wird»). Das ist genauso erfrischend wie Radhas Schüler*innen, die sie mit ihren absurden Projektideen («Komm und lebe! Die alte Spermie will Sie verführen…») fast in den Wahnsinn treiben.
«Solche Szenen und der Rhythmus von Radhas Texten verleihen ‹The Forty-Year-Old Version› einen aussergewöhnlichen Flow. ‹Gewöhnliche› Alltagshürden werden mit witzigen und pointierten Dialogen gewürzt; es entsteht ein stimmiges Bild des Lebens einer Frau, die laut Radha selbst ‹so unscheinbar ist, dass sie nicht einmal auf der Strasse belästigt wird›.»
Solche Szenen und der Rhythmus von Radhas Texten verleihen «The Forty-Year-Old Version» einen aussergewöhnlichen Flow. «Gewöhnliche» Alltagshürden werden mit witzigen und pointierten Dialogen gewürzt; es entsteht ein stimmiges Bild des Lebens einer Frau, die laut Radha selbst «so unscheinbar ist, dass sie nicht einmal auf der Strasse belästigt wird». Die Ziellosigkeit der Protagonistin sowie die vielen Themen und Figuren sorgen allerdings bei einer Länge von 129 Minuten doch auch zu einigen Durchhängern, da der sprichwörtliche rote Faden immer mal wieder verloren geht.
Visuell zeichnet sich der Film dadurch aus, dass er fast gänzlich in Schwarzweiss gedreht ist. Kameramann Eric Branco ermöglicht somit auch einen sehr atmosphärischen Blick auf Orte in New York, die sonst wenig wahrgenommen werden. Ein Effekt, der durchaus auch von Spike Lees Erstling «She’s Gotta Have It» (1986) inspiriert sein könnte, hat Radha Blank doch auch einige Episoden der darauf basierenden Fernsehserie, die von 2017 bis 2019 lief, geschrieben. Die Protagonistin der «She’s Gotta Have It»-Serie lebt im Gegensatz zu Radha allerdings in einem schicken Apartment und verfügt auch über ein aktives Liebesleben.
«Visuell zeichnet sich der Film dadurch aus, dass er fast gänzlich in Schwarzweiss gedreht ist. Kameramann Eric Branco ermöglicht somit auch einen sehr atmosphärischen Blick auf Orte in New York, die sonst wenig wahrgenommen werden.»
Der Film hat überdies auch Parallelen zu Curtis Hansons «8 Mile» (2002), wo sich ein weisser Rapper (Eminem) innerhalb einer schwarzen «Subkultur» in Detroit behaupten muss und nur ein Ziel hat: Er will ein Rap-Battle gewinnen, um sich den Traum eines Plattenvertrages zu erfüllen und seinem trostlosen Jetzt zu entkommen. Er blamiert sich beim ersten Versuch, als ihm schlicht die Worte fehlen. Ähnlich ergeht es Radha, als sie zum ersten Mal auf der Bühne steht und ihre ganze Schulklasse zuschaut, als sie nicht mehr als «Yo, yo, yo» herausbringt.
In beiden Filmen werden Grenzen aufgebrochen, aber auch gezeigt, dass die Vorstellung von Gleichberechtigung jederzeit neu ausformuliert werden muss. War es in «8 Mile» geradezu revolutionär – und sehr direkt –, dass ein weisser Mann die Hip-Hop-Szene aufmischt, zeigt sich die Konfrontation mit der Ungleichbehandlung in «The Forty-Year-Old Version» subtiler und erinnert daran, dass es noch ein langer Weg bis zur völligen Gleichheit von Geschlecht, Hautfarbe und Alter ist.
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Jetzt auf Netflix
Filmfakten: «The Forty-Year-Old Version» / Regie: Radha Blank / Mit: Radha Blank, Reed Birney, Peter Kim, Oswin Benjamin, Imani Lewis, Haskiri Velazquez, Antonio Ortiz / USA /2020 /129 Minuten
Bild- und Trailerquelle: NETFLIX ©2020 / Hillman Grad
Mit viel Selbstironie zeigt Radha Blanks Netflix-Komödie «The Forty-Year-Old Version», dass es nie zu spät ist, seine Träumen zu verwirklichen.