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Eine Chronologie
18. März 1905. Ein wichtiges Datum für die Geschichte der italienischen Emigration. Eine Gruppe von in der Schweiz lebenden italienischen Sozialdemokraten - unter ihnen Domenico Armuzzi, Francesco Lezzi, Alessandro Biagini, Amilcare Malpeli, Enrico Dezza - gründet die Società Cooperativa Italiana Zurigo, die zum Zweck hat, die "sozialistische Zusammenarbeit zu fördern". Gleichzeitig wird das Restaurant Cooperativo eröffnet, um den Emigranten die Möglichkeit zu geben, zu vernünftigen Preisen gesund und nahrhaft zu essen. Die Statuten sahen ebenfalls ein Programm für die Volksbildung und die Gründung einer kleinen Bibliothek mit Werken aus der Arbeiter-bewegung vor.
Der erste Sitz
Der erste Sitz des Coopi befand sich an der Zwinglistrasse, im Kreis 4. Mit einer Sammlung waren Fr. 200 zusammengekommen, danach wurden zinslose Anteilscheine von Fr. 10.- ausgegeben, welche unter den Sozialisten guten Absatz fanden. Einer der Gründungsmitglieder, ein junger Mann aus der Romagna, Enrico Dezza, führte das Restaurant bis 1909, und leitete es erneut, zusammen mit Erminia Cella, von 1935 bis 1952. Das Paar hatte einen einzigen Sohn, Ettore Cella, der in die Geschichte des Schweizer Films und Theaters als Schauspieler und Regisseur eingegangen ist. Er ist letztes Jahr im Alter von über 90 Jahren gestorben.
Ein Treffpunkt
Von Anfang an war das Cooperativo ein Treffpunkt von engagierten Emigranten mit gewerkschaftlichem Bewusstsein und ständiger Schauplatz politischer Auseinandersetzungen, wie z.B. beim Bauarbeiterstreik von 1911, der der Polizei als Vorwand diente, um 1200 Italiener auszuweisen. Sie wurden mit einem Sonderzug nach Mailand ausgeschafft. 1913 kam Mussolini: Damals noch Sozialist und Chefredaktor der Zeitung L'Avanti! Er hielt eine Rede an der Zürcher 1. Mai-Feier. Selbst Lenin verzehrte hier seine letzte Mahlzeit bevor er den Zug bestieg, der ihn 1917 am Vorabend der Revolution nach Russland zurückbringen sollte.
Die dunklen Jahre des Faschismus
Die Bedeutung des Cooperativo wächst in den dunklen Jahren des Faschismus und des Exils. Viele Verbannte kamen nach Zürich und fuhren jeweils in Richtung Frankreich weiter. Gast des Coopi in dieser Zeit war auch Filippo Turati, der Gründer der Sozialistischen Partei Italiens. Seine Büste steht heute noch im Coopi. Auch Angelica Balabanoff, eine Journalistin russischen Ursprungs, kam auf ihrer Flucht nach Zürich, wo sie Sekretärin der Zimmerwald-Bewegung und Redakteurin von L'Avvenire dei Lavoratori wurde. Sie war eine überzeugte Sozialistin, die mit Greulich und Platten befreundet war. Später wurde sie verhaftet und 1918 als angebliche bolschewistische Agentin des Landes verwiesen.
An der Militärstrasse
Seit 1912 hatte das Restaurant seinen Sitz an die Militärstrasse 36 verlegt, wo sich auch die Redaktion der Zeitung L'Avvenire dei Lavoratori befand, die den nationalistischen, autoritären Bewegungen in Italien und Deutschland Widerstand leistete. Gemacht wurde die Zeitung von den Italienern im Exil. Unter den Autoren befanden sich Berühmtheiten, wie z.B. Nenni, Saragat, Modigliani und der Schriftsteller Ignazio Silone. Ihre Schriften aus dem Widerstand gelangten mittels Kuriere, die oft ihr Leben aufs Spiel setzten, zurück nach Italien. Nach Zürich kamen auch Antifaschisten wie Giacomo Matteotti (auch von ihm hängt im Restaurant noch heute ein Bild) oder die Gebrüder Rosselli, die später von den Schergen Mussolinis ermordet wurden. Als Frankreich vor den Nationalsozialisten kapitulierte, wurde der Avanti von Paris nach Zürich verlegt. L'Avanti wurde zur einzigen oppositionellen Zeitung in italienischer Sprache. Pietro Bianchi, ein Maurer aus der Gegend von Como, war eingebürgerter Schweizer und stellte sich darum als Chefredaktor zur Verfügung. Er war der Garant gegenüber den schweizerischen Behörden in Bern.
Pietro Bianchi, der Arbeiter-Chefredaktor
Bianchi erzählt, wie er den Auftrag von Modigliani, dem prominenten Juristen aus Livorno und Bruder des berühmten Malers, erhalten hatte. Modigliani war von Paris gekommen und wartete neben ihm im Cooperativo. Er schien gelangweilt. Er warte, so sagte er, auf den Herrn, der die Leitung einer Zeitung übernehmen sollte. Als Bianchi ihm erklärte, dass er das sei, war Modigliani fassungslos. Pietro Bianchi war pro forma der Chefredaktor in den härtesten Kriegsjahren, als l'Avanti! und L'Avvenire dei lavoratori in Koffern mit doppeltem Boden nach Italien geschmuggelt wurden.
Die Rolle der Geheimpolizei
In Zürich war die faschistische Geheimpolizei OVRA besonders aktiv. Sie bezahlte Fr. 50.- (damals eine grosse Summe) für jede Information aus dem Cooperativo. Es kam oft vor, dass wer im Lokal verkehrte mit bürokratischen Schikanen seitens des italienischen Konsulats zu rechnen hatte: Der Pass wurde nicht verlängert oder es kam sogar vor, dass man bei der Fremdenpolizei wegen umstürzlerischen Tätigkeiten angezeigt wurde. Zwischen den italienischen und den schweizerischen Antifaschisten (u.a. Hans Oprecht und Guglielmo Canevascini) bestanden rege Beziehungen.
Die Scuola Libera des Cooperativo
Während des Faschismus befand sich im ersten Stock des Gebäudes, das das Cooperativo beherbergte, die Scuola Libera Italiana di Zurigo. Geleitet wurde sie von Prof. Fernando Schiavetti. Er lebte mit seiner Frau Giulia Bondanini und den beiden Töchtern Franca und Annarella in Zürich. Mit seiner Schule versuchte er, eine demokratische Antwort auf die damalige regimetreue Schule der italienischen Regierung zu geben, die in der Casa d'Italia untergebracht war. Die Tochter von Prof. Schiavetti, Franca Magnani, war eine berühmte Journalistin und während vielen Jahren Italien-korrespondentin des deutschen Fernsehens. Sie ist auch Autorin eines Buches über diese Jahre mit dem Titel "Eine italienische Familie". Ihre Schwester Annarella Rotter-Schiavetti ist eine bekannte Kunstmalerin.
Die Nachkriegsjahre
In den Nachkriegsjahren weht im Cooperativo ein neuer Wind: Die Beziehungen zur schweizerischen sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Bewegung werden intensiver. Mit der grossen Emigrationswelle aus Italien in den 50er und 60er Jahren fällt dem Coopi nun eine gänzlich neue Aufgabe zu: Die Integration der vorwiegend aus dem Süden Italiens stammenden Arbeitern zu fördern. Eine Aufgabe, die von einem herausragenden Gewerkschafter übernommen wird, dem Tessiner Ezio Canonica. Als es darum geht, eine Nachfolge für die in den Krisen- und Kriegsjahren ausgebildete Funktionärsgeneration zu finden, öffnet Canonica den Jungen die Türen. Es ist eine Generation, die den Problemen der Emigranten grosse Aufmerksamkeit schenkt. Zu dieser Generation gehört auch der Luganeser Maler Comensoli, ein Freund von Canonica. Es ist darum kein Zufall, dass seine Bilder im neuen Cooperativo am Werdplatz hängen. Die Kunst Comensolis mit ihrem grossen sozialen Engagement wurde ein fester Bestandteil des Coopi.
Die neuen Herausforderungen des Cooperativo
Canonica wird Präsident der Società Cooperativa. Hier hält er auch strategische Sitzungen und engagierte Reden gegen die grassierende Fremdenfeindlichkeit von James Schwarzenbach. Canonica war Nationalrat und Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Er starb viel zu früh, am 5. Januar 1978. Das Cooperativo beschloss, den Saal im ersten Stock nach ihm zu benennen. Mit der 68er-Bewegung verändert sich die Kundschaft des Lokals: Studenten, junge linke Rechtsanwälte, wie der künftige Bundesrat Moritz Leuenberger, Künstler, Architekten treffen sich hier. Das Coopi-Team wurde bis vor wenigen Jahren von Tanino Ferrari geführt, einem Mann aus Kalabrien, der es mit seiner Frau zusammen verstanden hat, eine familiäre und gastfreundliche Stimmung zu schaffen. Dass das Cooperativo auch heute noch eine grosse Bedeutung im Bewusstsein der linken Bewegung hat, zeigt das Ergebnis der sozialdemokratischen Sammelaktion "SP pro Coopi": in wenigen Monaten kamen mehr als CHF 151'000.- zusammen. Spenden, die es dem Restaurant ermöglichen sollen, sein Prestige auch in Zukunft voll und ganz aufrecht zu halten.
Veranstaltungen
In den vergangenen 100 Jahren haben sich im Coopi Tausende von Vereinen getroffen; Zehntausende von Versammlungen, Vorträgen, Debatten und Zusammenkünften fanden im Saal statt; nicht weniger als zwei Millionen Gäste haben einmal im Restaurant gegessen. Im Coopi liessen sich die verschiedensten politischen, philosophischen und religiösen Meinungen des 19. Jahrhunderts vernehmen. Bertolt Brecht wunderte sich, anlässlich eines Besuchs im Coopi, dass neben dem Porträt von Karl Marx dasjenige Lenins, der ja seinerseits vorbeigekommen war, oder dasjenige Stalins fehlte. Im Cooperativo sei kein Platz für Diktatoren, antwortete man ihm, "auch nicht an den Wänden". Die Brecht'sche Anekdote ist bezeichnend: Das von italienischen Emigranten ursprünglich als Gewerkschaftslokal gegründete Cooperativo, ist ein Ort der Freiheit und der Demokratie. Diese Werte wurden auch in den schlimmsten Zeiten des vergangenen Jahrhunderts hochgehalten. Pazifisten, die sich dem ersten Weltkrieg widersetzten, fanden hier Gastfreundschaft wie auch die antifaschistischen Exilierten, die den Mut hatten, jedem autoritären Regimes, jeder Orthodoxie und jedem Dogmatismus die Stirn zu bieten. Dadurch erklärt sich die historische Bedeutung und auch die Aktualität dieses Zürcher Lokals, dessen Jubiläum mit einer Reihe von Veranstaltungen gefeiert wurde. Die schönsten und denkwürdigsten Momente dieses Jubiläumsjahres werden in einem speziellen Band des L'Avvenire dei Lavoratori gesammelt und veröffentlicht.
BIBLIOGRAFIE