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Brunos Tramnotizen – N°89
Die Zweihunderternote fiel lautlos zu Boden. Niemand schien etwas bemerkt zu haben. Ausser dem Rentner, dem die Note buchstäblich vor die Füsse fiel. Der Rentner wusste nicht recht wie ihm geschah, sass erst da wie gelähmt, vergewisserte sich, ob nicht noch jemand bemerkt hatte, was soeben passierte, dann bückte er sich, fingerte mit zittriger Hand nach dem Schein, nahm ihn zu sich, schaute auf die Note, dann zur Dame, die das Geld verloren hatte. Der Rentner machte eine zaghafte Handbewegung zur Dame, sagte leise Hallo. Die Dame sah zwar in Richtung des Rentners, würdigte ihn jedoch keines Blickes. Sie telefonierte – und dies sehr laut. Der Rentner faltete den Schein zusammen, machte ihn dann wieder auf, schaute wieder zur Dame hinüber, räusperte sich und winkte mit der Hand. Die Dame bemerkte zwar, dass der Herr etwas von ihr wollte, ignorierte aber seine Geste, wandte sich von ihm ab, telefonierte weiter. Im Kopf des Rentners schien sich derweil ein kleines Durcheinander an Gedanken abzuspielen. Zweihundert Franken – das sind in etwa ein Zehntel seiner AHV-Rente! Wenn man sich sein Budget durchrechnen würde, wären zweihundert Franken ungefähr das, was er als Haushaltsgeld für eine Woche zur Verfügung hat. Für ihn ist das viel Geld. Die Dame, die das Geld beim Herauskramen ihres Mobiles verloren hatte, schien dagegen gut situiert zu sein, sie trug modische und teure Kleidung, allein ihre Handtasche kostete weit mehr als seine AHV-Rente. Der Rentner war nervös, auch der dritte Versuch, die Dame anzusprechen, fruchtete nichts. Die Dame stand schliesslich auf, telefonierte dabei unentwegt weiter, ging zur Tür. Jetzt stand auch der Rentner auf, wollte die Dame ansprechen, diese drückte sich jedoch an ihm vorbei, tätigte den Türöffner. Der Rentner hielt einen Moment inne, zögerte einen kurzen Moment, gab sich dann doch einen Ruck, ging zur Dame, klopfte ihr auf die Schulter, sagte, sie habe etwas verloren. Die Dame reagierte mit einem erstaunten Blick, zupfte sich die Note mit zwei Fingern, sagte bloss, das sei nett, drehte sich wieder um und stieg telefonierend aus dem Tram. Der Rentner schaute der Dame entgeistert hinterher, setzte sich dann auf die nächste Bank. Der Mann schräg vis-à-vis meinte nur, die Welt von heute sei eben so, oberflächlich und gleichgültig. Der Rentner klagte, wenigstens danke hätte sie sagen können, das sei viel Geld gewesen. Seit er keinen Nebenjob mehr habe, sei es schwierig geworden, von der Rente könne man ja nicht leben. Der Mann stutzte eine Weile, fragte dann den Rentner, ob er Lust auf einen Teilzeitjob habe, er suche jemanden, der in seinem Betrieb die interne Post organisiere. Der Rentner schien ob der Frage wie vom Blitz getroffen, sagte sofort freudig zu, sah urplötzlich um zwanzig Jahre jünger aus und war definitiv kein Rentner mehr.
30. Oktober 2016