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Persönlich finde ich, dass Gretchen in Goethes Faust Tragödie, die Züge einer modernen jungen Frau trägt. Was meine ich damit? Nun, zunächst einmal ist ja aus dem Text von Goethe nicht wirklich viel völlig klar, was das Gretchen betrifft. Wir wissen dennoch einiges über sie, das zusammen genommen doch ein Bild ergeben kann. Wir wissen, dass sie eine kränkliche, strenge aber immerhin lebendige Mutter hat, mit der sie in einem Haus wohnt. Wir wissen auch, dass sie einen Bruder hat, der wohl während der Hauptereignisse als Soldat unterwegs ist. Sie hatte auch eine kleine Schwester, die sie gepflegt hat, die aber gestorben ist. Ebenfalls gestorben ist ihr Vater. Dieser hat der kleinen Familie ein bescheidenes Vermögen hinterlassen, das der Familie anscheinend eine gewisse Unabhängigkeit schafft, sie aber nicht völlig von der Erwerbsarbeit befreit hat. Gretchen bewegt sich durch ihre Lebensunterschiede, also aus Notwendigkeit, bereits sehr selbstständig und durch ihre gewissenhaft gelebte Verantwortung gereift in ihrer Umgebung. Sie ist selbständig geworden und bis zu einem gewissen Grad selbstbestimmt.
Sie findet keinen Halt in ihrer Mutter oder dem Rest der Familie (von dem wir kaum etwas erfahren). Sie sucht Orientierung bei der Nachbarin der Familie, die sie als eine Art Ersatz-Mutter behandelt. Und sie sucht Unterstützung durch den Kirchgang und ganz besonders in einer religiösen Hinwendung zur Mutter Maria. Die Art ihrer religiösen Praxis scheint vor allem durch das Pflegen der katholischen Sakramente und durch das Gebet zu Mutter Maria geprägt. Es scheint aber nicht durch ein aktives soziales Leben getragen zu sein.
Modern erscheint mir Gretchen daher unter anderem durch folgende Punkte:
- Sie lebt in einer dysfunktionalen Familienstruktur.
- Sie lebt ohne eine tragfähige, dauerhaft ausgerichtete soziale Einbindung.
- Sie lebt relativ anonym in einer städtischen Gesellschaft.
- Sie lebt ohne verlässliche Einbindung in ein vertrauenswürdiges externes Wertesystem.
- Sie lebt auf der Basis einer individualisierten Religion oder Spiritualität.
Als wir Gretchen kennen lernen, befindet sie sich nahe dem heiratsfähigen Alter. Das zeigt unter anderem das Gespräch am Brunnen. Dieses Gespräch offenbart, dass in ihrem Freundeskreis die Themen (voreheliche) sexuelle Beziehungen und Heirat Hochkonjunktur haben. Gretchen zeigt hier auch, dass sie ihre vorgängig angenommene Haltung in Bezug auf die im Umfeld der Gleichaltrigen allgemein sanktionierte und dennoch verbreitete Praxis vorehelicher Sexualbeziehungen revidiert hat. Dazu haben natürlich ihre Erfahrungen mit Faust beigetragen.
Aus meiner Sichtweise ergibt sich, dass Gretchen durch ihre Lebensumstände und eine durch Krieg geprägte, verunsicherte Gesellschaft, eine beschleunigte Individualisierung durchmacht. Diese wird durch eine frühe Übernahme von Verantwortung und die frühe Konfrontation mit Krankheit und Tod im engsten Familienkreis geprägt. Diese Individualisierung wird durch die Umstände – konkret durch das sich Verlieben in Faust – auch in das Gebiet der engen persönlichen Beziehungen ausgedehnt und umfasst zudem das Gebiet der Sexualität.
Was sich im Faust von Goethe aus dem Umständen und – im Kontext der Tragödie – nicht ganz zeitgemäss zu ergeben scheint, ist für die meisten jungen Frauen der Gegenwart eine aktuelle kulturelle Anforderung zur Ausbildung einer selbständigen Persönlichkeit. Gretchen ist für mich daher wie Faust eine Gestalt, die eine frühe Form der Individualisierung und selbstständigen Lebensführung in allen Bereichen darstellt. Goethe thematisiert daher in seiner Faust Tragödie nicht nur eine männliche Perspektive auf die Entwicklungsdramatik der Individualisierung, sondern im Gretchen auch eine weibliche Perspektive. Diese ist allerdings nicht so vordergründig und nicht ganz gleichwertig angelegt. In ihren Grundzügen halte ich sie allerdings ebenfalls für eine starke Darstellung bestimmter Aspekte einer immer noch aktuellen Entwicklungsdramatik.