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In der Einladung zu einer von engagierten Musikern betriebenen Konzertreihe lese ich dieser Tage: «Wir sind als Interpretierende und Komponist, die auch organisieren, inzwischen eine Ausnahme im Konzertbetrieb, der immer mehr von Kulturmanagern dominiert wird.» Der leise, aus der Not des kriselnden Konzertlebens geborene Wink an die Melomanen ruft mir die sich stets noch verschärfenden Prozesse der «Professionalisierung» und Bürokratisierung in Erinnerung, die wir im Kunstbereich seit Jahren nun verfolgen. Und erinnert mich an eine Passage in den Gesprächen, die unser Kompatriot Jean-Luc Godard 1978 in Montréal im Rahmen einer universitären Filmreihe zur Filmgeschichte geführt hat («Introduction à une véritable histoire du Cinéma», Paris 1980) – spontane Gedanken, die er später zu seinen verschiedenen Versionen der «Histoire(s) du Cinéma» ausgearbeitet hat.
«Professionell? Das hängt vom Wortsinn ab, ob er anerkennend oder abwertend gemeint ist. Wenn ich mich mit Fachleuten streite, beschuldige ich sie oft, unprofessionell zu sein, weil sie sich als Professionelle bezeichnen. Aber wenn andere Professionelle mich beschuldigen, unprofessionell zu sein, erkläre ich, ein Amateur zu sein, und sage ihnen: ‹Ihr seid keine Filmliebhaber, ihr seid Professionelle, die sogar noch schlimmer sind als Baseball-Profis…›.
Ja, es ist so: es ist eine Kaste… es ist eine Mafia. Und die Leute haben Angst vor ihr. Man sieht es beim Video, das alles ein bisschen vereinfacht: (…) man will nicht sehen, was man damit alles machen könnte, also fängt man nichts damit an.» (S. 79)
War Godard nun ein Professioneller? Waren Kafka oder Gerhard Meier, die von kanzlistischer oder technischer Arbeit lebten, professionelle Schriftsteller? Und wie steht es mit dem Fleisch- und Weinproduzenten Yello-Meier? Was meint Suisseculture, wenn der Zusammenschluss von Kreativen, von Autoren und Künstlerinnen sich als Dachverband der «professionellen Kulturschaffenden der Schweiz» vorstellt?
Der Begriff des Professionellen will so gar nicht zu ernsthafter Kunstarbeit passen. Weder sind ja nur vollberuflich oder hauptberuflich Arbeitende gemeint – sehr viele der in den Berufsverbänden Organisierten, übrigens auch die meisten Galeristen, überleben nur dank einem Nebenerwerb –, noch sind die Organisierten immer formell Qualifizierte – diplomierte, brevetierte, prämierte… – oder lauter engagierte Dienerinnen und Diener ihrer Künste.
Der Vorwurf des Unprofessionellen passt bei der Schlamperei oder beim Kunstfehler eines Schuhmachers oder Tischlers, gar eines Arztes oder Juristen, kaum aber in einer ernsthaften Kunstarbeit beim Regelverstoss, der aus der Logik des Werks und nicht sinnlos um seiner selbst willen unternommen ward.
Sich aber einen professionellen Kulturschaffenden zu nennen hat ein gewisses Geschmäckle – nicht nur, weil die schon im Latein und heute im Französischen noch lebendige Bedeutung Prostituierte (lat. professae, Dirnen) – im Hintergrund mitmischt. Der inflationäre Gebrauch des Wortes professionell im merkantilisierten Kunstbetrieb hat das breite alte Bedeutungsspektrum – Bekenntnis, Fach, Berufstätigkeit, Gewerbe, Käuflichkeit – längst zur verschwommenen Idee einer bloss handwerklichen Qualität auf der Skala zwischen gut und schlecht verkümmern lassen. Verbreitet ist das Wort zumal im Bereich der künstlerischen Zuhälterbetriebsamkeit: so preist sich ein Musiker den Kulturmanagern an als
«… ausgebildeter professioneller Pianist, Gitarrist und Komponist aus der Schweiz und seit 1989 als freischaffender Künstler tätig. Seine Kompositionen wurden seit 2003 zahlreich in in- wie auch ausländischen TV und Film Produktionen verwendet.»
Förderer verlangen typischerweise «Professionalität» als Zugangskriterium:
Die schleichende Verlagerung vom Qualitätsurteil zu formellen, quantifizierbaren Kriterien zeigt sich als Folge der Bürokratie im breit ausgebauten, politisch gesteuerten Förderwesen, das mehr und mehr meint, ohne fachgebildete und erfahrene Persönlichkeiten auszukommen, die mit Autorinnen oder Künstlern auf Augenhöhe diskutieren können. Begünstigt werden damit der hohle Karrierist oder die heute schon in der Ausbildung zu gewieften Antragsmanipulatoren abgerichteten Artisten gegenüber Unangepassten oder gar Autodidakten, die historisch nicht selten, wie unter den Komponisten Dvořak, Schoenberg oder Charles Ives, Entscheidendes geleistet haben.
Professionalisierung
Schon seit an der Zürcher Kunsthochschule eine Filmausbildung eingerichtet ist, sehe ich in deren Betrieb die Angst herumgeistern, arbeitslose Künstlerexistenzen zu produzieren. Statt künstlerische Impertinenz, Mut und Radikalität in Form und Denken zu ermutigen, den Austausch mit den Innovatoren des Metiers weltweit und mit den anderen Künsten zu pflegen, wurde Sittsamkeit gepflanzt und jene gediegene Bravheit eingeübt, mit der unsere Filme – trotz steigenden Budgets und behördlichem Streben nach Verkäuflichkeit – international die Aufmerksamkeit verspielt haben. Mit ganz bescheidenen Mitteln hatten unsere Tanner, Soutter oder Goretta mit kleinen Equipen Filme gemacht, die in Paris Schlangen vor die Kinokassen lockten; mit «professionellen» Budgets, «professionellem» Drehbuchdoktern, Beratern zum Ausfüllen von Antragsformularen usw. haben wir uns in die Marginalität geritten.
Berufsverbände wie der frühere Verband der Filmgestalter (heute Regie und Drehbuch Schweiz), die einstmals ohne Subvention und Vorstandsentgelt für unsere Schaffensmöglichkeiten, für die Kunstfreiheit und die Ausgestaltung von Förderinstrumenten militierten, finden heute nur schwer engagierte Vorstandsmitglieder, obwohl, wie ich vor einigen Jahren recht erstaunt bemerkte, heute nicht selten Sitzungsgelder bezahlt werden, ja sogar Honorare fürs Aktenstudium, das wir seinerzeit als segensreiche Bildung zum Verstehen des Betriebs gesehen haben. Das Ehrenamt im Künstlerverband dient manchen vorab der Karriereförderung; Proteste gegen die weltweite Repression unserer Kolleginnen und Kollegen sind nicht erst seit der allgemeinen Depolitisierung des Kunstdiskurses, der Inkriminierung gewaltfreier Boykotte und mit der herrschenden medialen Skandalisierung alles Ungebärdigen im politischen Diskurs versiegt.
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War der manchmal rätselhaft orakelnde Jean-Luc Godard, der uns vor kurzem verlassen hat, nun also ein Professioneller – oder ein Filmgeschichte schreibender Liebhaber des Films wie Alain Cavalier, der im Alter, nachdem er, früh mit einer Miss France verheiratet, mit Vedetten wie Romy Schneider, Alain Delon, Jean-Louis Trintignant, Catherine Deneuve oder Michel Piccoli «grosse» Filme realisiert hatte, seit der Jahrtausendwende mit kleinen Videokameas ganz allein meisterliche, berührende Preziosen schuf: zusammen mit seiner Lebenspartnerin, der Editorin Françoise Widhoff; ohne Produktionsapparat, an allen Förderschranzen vorbei?
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In seinem Vortrag «Politik als Beruf» (1919) hat Max Weber von den Qualitäten gesprochen, die Menschen haben sollten, wenn sie sich hauptberuflich der Politik widmen wollen. Er redete da nicht von «Professionalität», vielmehr vom Sich-berufen-Fühlen, also von Profession im ursprünglichen Sinn von Bekenntnis, Engagement: vom Beruf zur Politik; zentral vom ausgewogenen Bedarf an Gesinnungsethik und Verantwortungsethik, deren es dazu bedarf, und schliesst: «Nur wer sicher ist, dass er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, daß er all dem gegenüber: ‹dennoch!› zu sagen vermag, nur der hat den ‹Beruf› zur Politik.» (S. 67)
Erwägungen, die auch für die Arbeit in den Künsten und Medien gelten, wollen sie sich nicht als Zudiener des verdorbenen gesellschaftlichen Betriebs betätigen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Mathias Knauer ist Musikwissenschaftler, Filmemacher und Publizist. Er ist seit Jahren in der Kulturpolitik engagiert. Er war Mitbegründer der Filmcooperative und des Filmkollektivs Zürich. Als Mitglied des Verbands Filmregie und Drehbuch Schweiz war er an der Ausarbeitung des «Pacte de l’audiovisuel» und anderer filmpolitischer Instrumente beteiligt. Er ist Vizepräsident von Suisseculture und Mitbegründer der Schweizer Koalition für die kulturelle Vielfalt, in deren Vorständen er u. a. das Dossier Medienpolitik betreut.
Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf, widerspricht aus journalistischen oder sprachlichen Gründen und reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.