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| Hilarius von Poitiers († 367) - Abhandlungen über die Psalmen.

Ps. 124
Abhandlung über den Psalm.
3.
Fürs Erste nun muß man bemerken, daß von keinem andern Berge, als von Sion, Erwähnung geschieht. Wir lesen nämlich, daß auch Choreb ein Berg des Herrn sey, zu dem zuerst Moses nach vielen Mühen gelangt ist, daß auch Sina ein Berg des Herrn sey, auf welchem dem Volke das Gesetz gegeben wurde. Ein solcher Berg ist auch Sion, welcher über Jerusalem emporragt. Weil aber die Weissagung in Beziehung auf diesen Berg keinen Sinn gewährt, so muß man sehen, was unter dem Berge verstanden werden müsse. Der beste Führer, welcher sich uns zur Aufschließung des Sinnes darbietet, ist Isaias. Denn nachdem er vorher von dem hohen Berge des Herrn gesprochen hatte, zu welchem die Heiden kommen würden, sagt er:1 „Deßwegen spricht der Herr so: Siehe! ich lege in Sion einen herrlichen Grundstein, einen auserwählten, einen [S. 251] Eckstein, einen kostbaren Stein zu seinem Grunde; und wer an ihn glaubt, der wird nicht zu Schanden werden.“ Und es unterliegt keinem Zweifel, daß der Apostel Christum einen Grundstein genannt habe; und darum scheint es, daß unter dem Berge jene selige Kirche des Leibes des Herrn, deren Grundstein Christus ist, verstanden werde, welche der nämliche Apostel auch Jerusalem nennt, indem er sagt:2 „Welches das jetzige Jerusalem ist, und dienstbar ist mit seinen Kindern; das obere Jerusalem aber ist frei, und das ist unsere Mutter.“ Wir haben also Sion den Berg des Herrn, und haben auch Jerusalem die Stadt Gottes; die Bedeutung des Namens Sion ist Beschauung. So also finden wir bei Daniel, wie der Berg des Herrn aus einem Berge zu einem Stein, und wieder aus dem Steine zum Berge ward; denn er hat, da er Gottes Gestalt hatte, sich selbst entäußert, und Knechtes-Gestalt angenommen; und nachdem er durch sein Leiden die Welt mit ihren Irrthümern und Schrecken überwunden hat, ist er in der Herrlichkeit Gottes des Vaters, und ist Gott über Alles, indem er wegen der Schwachheit des Fleisches aus einem Berge zu einem Steine entäußert, aber wegen des herrlichen Leidens aus dem Steine wieder zu einem Berge gemacht worden ist; er, der emporragende und hohe Berg, in welchem wir uns selbst der Annahme unsers Fleisches und Leibes, zu Folge schauen.
1: Isai. XXVIII, 16.
2: Galat. IV, 25, 26.