Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03153.jsonl.gz/1014

Haupt, Isabel
Der deutsche Architekt Christian Traugott Weinlig hat in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine ungewöhnliche Karriere in der sächsischen Baubehörde durchlaufen. Ein kurfürstliches Stipendium ermöglichte es ihm, nachdem er bereits erste Berufserfahrungen gesammelt hatte, von 1766 bis 1770 eine Bildungsreise nach Paris und Rom zu unternehmen. Weinlig profitierte vom Unterricht an der Pariser Académie Royale d'Architecture, an der Jacques-François Blondel und Julien-David Leroy als Lehrer wirkten. In Rom lernte der junge Architekt den Gelehrten Johann Joachim Winckelmann kennen, der seinen Blick auf die antiken Monumente nachhaltig prägte. Neben den Zeugnissen antiker Baukunst boten Weinlig besonders Raffaels Loggien im Vatikan mit ihrem Grotteskenornament die Grundlagen für eine lange währende künstlerische Auseinandersetzung. Zurück in Dresden wurde Weinlig 1773 zum Oberbauamtszahlmeister befördert und prüfte in dieser Position 25 Jahre lang Rechnungen. Er konnte lediglich einen Neubau - die frühklassizistische Reithalle hinter dem Zwinger in Dresden (1794/95) - selbständig verwirklichen und wurde dennoch 1799 zum Oberlandbaumeister und somit zum Leiter der obersten Baubehörde berufen.
Die Spielräume für Weinligs Laufbahn waren wesentlich von der ökonomischen und politischen Situation Sachsens bestimmt. Die staatliche Verwaltungstruktur wurde nach der Niederlage im Siebenjährigen Krieg im Zuge des kursächsischen Rétablissements unter merkantilistischen Gesichtspunkten modernisiert. Der Spardruck führte zu einer Reduktion staatlicher Bauaufträge, aber auch private Bauherrn scheuten sich vor Investitionen im Immobiliensektor. Das übliche Muster beruflichen Aufstieges innerhalb der Baubehörde - es lässt sich mit »Warten und Aufrücken« umschreiben - versuchte Weinlig mehrfach erfolglos zu durchbrechen. Zu Weinligs vielfältigen Bemühungen, der ungeliebten Verwaltungsstelle im Rechnungswesen zu entkommen, zählen seine Teilnahmen an den Jahresausstellungen der Dresdner Akademie zwischen 1779 und 1787. In den frühen Akademie-Entwürfen inszenierte sich Weinlig als »gelehrter Architekt«, der auf seinen Planzeichnungen die Zitate architektonischer Elemente oftmals durch die schriftliche Benennung des historischen Vorbildes offen zu legen pflegte. Die Hoffnungen auf einen Grossauftrag, die Weinlig mit den Ausstellungsbeteiligungen verknüpfte, schienen in greifbare Nähe zu rücken als der Kurfürst ihn 1782 beauftragte, ein neues Schloss für Pillnitz zu entwerfen. Dieses unverwirklichte Projekt führt eindrücklich Weinligs architekturhistorischen Horizont und sein architektonisches Anspruchsniveau vor Augen. Zahlreiche bei den Ausstellungen präsentierte Innenraumentwürfe sowie die Publikation seiner arabesken Wanddekorationen in den Œuvres d'Architecture (1784-87) belegen ferner Weinligs Bemühungen, private Auftraggeber zu gewinnen. Mit der sorgfältig kolorierten Stichfolge erwarb sich Weinlig ein Renommée als Neuerer von Innengestaltungen. Weinligs Beiträge zur Architekturtheorie, besonders die Briefe über Rom (1781-1787), lassen sich als weitere karrierestrategische Massnahme begreifen, die auf eine Befreiung aus dem Korsett des Rechnungswesens hoffen liess. Die Analyse dieses Werks, dem Weinlig seinen Nachruhm zu grossen Teilen verdankt, zeigt deutlich, dass es nicht ohne weiteres als Dokument der römischen Jahre 1767-70 gelten kann. Die Briefform als Textgattung und die gezielte Besetzung spezifischer architekturtheoretischer Themenfelder verraten eine umfangreiche Textredaktion um 1780. Der daraus resultierende Entstehungszeitpunkt der Briefe - 10 Jahre später als bisher angenommen - mindert aber Weinligs Bedeutung als Vermittler protofunktionalistischer italienischer Theorien zur Materialechtheit nicht. Eine fast wissenschaftliche Annäherung an den Untersuchungsgegenstand kennzeichnet nicht nur Weinligs architekturtheoretisches Werk, sondern auch seine spärliche Entwurfs- und Bautätigkeit. So nutzte er beispielsweise den Auftrag zum Umbau von Schloss Augustusburg (1797-1801), um sein bautechnologisches Interesse an der modernen Bohlendachkonstruktion einer Praxisprobe zu unterziehen.
Weinligs Laufbahn veranschaulicht beispielhaft das Spannungsfeld »Baubeamter - Hofkünstler«, dem in Behörden tätige Architekten in der Zeit vor, während und nach der französischen Revolution ausgesetzt waren. Die unflexible Struktur der Baubehörde bot viele Sackgassen, Auswege eröffneten die sich neu konstituierenden Akademien sowie das sich verändernde Pressewesen und der Buchmarkt. Weinlig repräsentiert damit als Baubeamter und Architekturschriftsteller ein im 19. Jahrhundert noch fortwirkendes Modell der Berufsausübung, das aber bereits in die Krise geraten war und schliesslich dem an einer polytechnischen Schule ausgebildeten, freiberuflich tätigen, »modernen Architekten« weichen musste.
Laufzeit: 2005 abgeschlossen