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Der literarische Dadaismus ist ein akustisches Phänomen. Während ein traditioneller Literaturvortrag durch Unruhe im Saal behindert bis unmöglich gemacht wird, nutzten die Dadaisten Geräusche aus dem Publikum und schufen ein lärmendes Gesamtkunstwerk. Entscheidend bei der Entstehung Dadas ist der Ort. Der Tradi-tion des literarischen Kabaretts folgend, war das Cabaret Voltaire von Hugo Ball und Emmy Hennings zwar als «[e]ine lebendige Zeitschrift gewissermassen» (so Ball in einem Brief an Käthe Brodnitz vom 29. Dezember 1915) gegründet worden, aber der grössere Teil des Publikums wollte keine ästhetisch anspruchsvollen Vorträge. Das Cabaret Voltaire war schliesslich kein erhabenes Kulturinstitut, sondern das Hinterzimmer einer Bierwirtschaft.
Der permanente Zwang zur Rezitation konfrontierte die späteren Dadaisten mit dem Klang ihrer Worte, was schon bald zu Sprachexperimenten führte. Wenn Literatur gesprochen und inszeniert dargestellt wird, erhält sie eine Mehrdimensionalität, die sie in gedruckter Form niemals erreichen würde. Durch die akustische und die optische Dimension erweitert, entstehen neue Perzeptionsmöglichkeiten. Der reine Wortlaut verliert an Bedeutung zugunsten rhythmischer, stimmlicher und mimischer Akzentuierung.
Provokation als poetisches Prinzip
Das Cabaret Voltaire diente den späteren Dadaisten als literarisches Laboratorium. Zwischen Februar und Juli 1916 entstanden hier ihre wesentlichen Textformen, noch bevor die Gruppe unter dem Signet «Dada» agierte. Als man dann am 14. Juli erstmals an einem anderen Ort, dem Zunfthaus zur «Waag» auftrat, war die Konsolidierung des Dadaismus abgeschlossen.
Zunächst erweiterte Richard Huelsenbeck das performatorische Spektrum des Kabaretts, indem er seine «Negergedichte» mit einer Trommel begleitete. Er scheint als erster seinen dadaistischen Ton gefunden zu haben und führte die Provokation des Publikums als poetisches Prinzip ein. In seine Verse mischte er pseudo-primitive Bruitismen, also stimmlich zu erzeugende Geräuschpartikel, und montiert unterschiedliche Bildbereiche mit Passagen, in denen jede Syntax fehlt: «oder oder birribum birribum saust der Ochs im Kreis herum oder Bohraufträge für leichte Wurfminen-Rohlinge 7,6 cm Chauceur Beteiligung Soda calc. 98/100 % Vor-stehund damo birridamo holla di funga qualla di mango damai da dai umbala damo» («Ebene»).
Durch Wiederholungen, Wortdehnungen und metrische Wechsel entstehen komplexe rhythmische Strukturen, refrainartige Zeilen machen die Texte zu amelodischen Musikstücken. Die wie ein Kehrreim immer wiederkehrende Phrase «es schliesset der Pfarrer den Ho-osenlatz rataplan rataplan» dürfte Huelsenbeck mit voller Lautstärke herausgebrüllt haben. Es ist gut vorstellbar, dass ihn das Publikum dabei grölend unterstützt hat.
Huelsenbecks Gedichte sind wohl die Initialzündung für Dadas Bruitismus. Ohne dass er sich ernsthaft mit den Dichtungen fremder Völker beschäftigt hätte, stehen seine «Negergedichte» in der avantgardistischen Tradition des «Primitivismus», so wie sich die Protodadaisten ohnehin an poetischen Innovationen ihrer Zeit orientiert haben. Der entscheidende Impuls für die sprachlichen Lärmexperimente kam vom Futurismus. F.T. Marinetti forderte bereits 1913 dazu auf, durch die «mutige Einführung von klangmalerischen Akkorden (…) auch die kakophonischsten Töne und Geräusche des modernen Lebens wiederzugeben» («Zerstörung der Syntax. Drahtlose Phantasie. Befreite Worte»).
Babylonisches Unverstehen
Der Begriff der «lyrischen Simultaneität» stammt ebenfalls von Marinetti, aber -Henri-Martin, genannt Barzun, und Fernand- -Divoire waren 1911/12 die ersten, die in Paris verschiedene Gedichte gleichzeitig vorgetragen haben. Diese Simultaneität steht in Opposition zum klassischen Erzählen; die Gleichzeitigkeit mehrerer voneinander unabhängiger Ereignisse wird in einer Form wiedergegeben, die Logik und Syntax vollständig vernachlässigt. Es kommt zu einem «Stream of Consciousness», bei dem mehrere Ströme parallel geschaltet sind. Die konsequenteste Umsetzung der Simul-taneität boten jedoch als erste Tzara, Janco und Huelsenbeck im Cabaret Voltaire mit ihrem Simultangedicht «L’amiral cherche une maison à louer», dessen Hauptausdrucksmittel der Krach ist.
Die drei Akteure werden versucht haben, sich gegenseitig zu übertönen, lärmender Höhepunkt war das «intermède rythmique». Laut Wortpartitur erscheint es ohne Rücksicht auf Satzzusammenhänge einfach in der Mitte des Textes. Janco blies in eine Pfeife, Tzara bediente eine Rassel…