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Schwarzstorch
Ciconia nigra
© 2005 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Zur Familie der Störche (Ciconiidae) gehören neben den Eigentlichen Störchen in der Gattung Ciconia noch die Wollhalsstörche, Sattelstörche und Grossstörche, ferner die Marabus, Nimmersatte und Klaffschnäbel. Insgesamt umfasst die Familie zwar bloss 19 verschiedene Arten, doch gehören diese zweifellos zu den bekanntesten aller Vögel. Das hat zum einen mit ihrer stattlichen Grösse zu tun. Zum anderen spielt eine Rolle, dass sie ökologisch gesehen allesamt sehr erfolgreich sind und darum als Sippe ein sehr weites Verbreitungsgebiet haben. Tatsächlich finden sich Störche in den meisten Bereichen aller Kontinente ausser Antarktika und auch auf vielen grösseren Inseln.
Zwei Storcharten brüten in Europa. Es handelt sich einerseits um den weit verbreiteten, allbekannten Weissstorch (Ciconia ciconia)
und andererseits um den erheblich selteneren und weniger bekannten Schwarzstorch (Ciconia nigra)
. Von letzterem soll auf diesen Seiten berichtet werden.
Fische bilden seine Hauptspeise
Der Schwarzstorch ist etwas kleiner als der Weissstorch, gehört aber dennoch zu Europas grössten Vogelarten. Die erwachsenen Individuen weisen eine Länge von ungefähr einem Meter auf, wobei die Männchen im Durchschnitt etwas grösser sind als die Weibchen. Die Flügelspannweite bemisst sich auf etwa 1,5 Meter, und das durchschnittliche Gewicht liegt bei rund 3 Kilogramm.
Das Brutareal des Schwarzstorchs ist zwar überaus gross, doch kommt der Vogel darin nicht flächendeckend, sondern weit verstreut in vielen kleinen, separaten Beständen vor. Das Areal erstreckt sich von der Iberischen Halbinsel und Frankreich im Westen bis nach Nordchina und zur russischen Insel Sachalin im Osten. Eine separate Brutpopulation findet sich sodann im südlichen Afrika.
Innerhalb seines Verbreitungsgebiets besiedelt der Schwarzstorch vorzugsweise Gebiete, welche ein Mosaik von ausgedehnten, alten Hochwäldern einerseits und Bächen, Weihern, Sumpfgebieten und Feuchtwiesen andererseits aufweisen. Grössere Fliess- oder Stillgewässer meidet er im Allgemeinen ebenso wie das Offenland. Er unterscheidet sich hierin deutlich vom Weissstorch.
Bei der Nahrungssuche bewegt sich der Schwarzstorch gewöhnlich einzeln umher. Er ist ein Pirschgänger, der langsam und umsichtig durch seichtes Wasser oder feuchtes Grasland schreitet und jeweils unvermittelt, blitzschnell und zielsicher mit seinem spitzen, 16 bis 19 Zentimeter langen Schnabel zustösst, wenn er ein Beutetier entdeckt hat. Den Grossteil seiner Beutetiere bilden Fische, die er im seichten Wasser fängt. Ferner fallen ihm viele Frösche, Molche und Salamander sowie Heuschrecken und andere grosse Insekten zum Opfer. Auch Reptilien, Kleinsäuger und nestjunge Vögel verschmäht er nicht, wenn er ihnen begegnet, doch machen diese einen bescheidenen Teil seiner Kost aus.
Ein ungeselliger Brüter
Mit den Brutvorbereitungen beginnen die Schwarzstörche, sobald sie im Frühling, von Süden her kommend, in ihrem Brutgebiet eingetroffen sind, was in den meisten Bereichen des eurasischen Verbreitungsgebiets in der zweiten Aprilhälfte der Fall ist. Ihrem einmal gewählten Nistplatz bleiben sie in der Regel ein Leben lang treu. Ferner brüten Jahr für Jahr dieselben Paare am selben Ort. Lange Zeit ging man davon aus, dass die Vögel monogam sind, also ihrem Partner lebenslang die Treue halten. Heute wissen wir, dass sich der Paarbund ausserhalb der Brutsaison auflöst und sich die beiden Partner dann unabhängig voneinander umherbewegen. Es deutet also manches darauf hin, dass die (scheinbare) Treue zum Partner bloss eine Folge der Treue zum Nistplatz ist.
Im Unterschied zu den meisten anderen Storcharten, welche oftmals in kleineren, lockeren Kolonien zur Brut schreiten, ist der Schwarzstorch ein ausgesprochen ungeselliger Brüter. In Gebieten mit gesunden Schwarzstorchbeständen liegen die Nester gewöhnlich mindestens einen Kilometer voneinander entfernt. In der Tat verhalten sich die Vögel territorial, das heisst sie dulden während der gesamten Brutsaison keinen fremden Artgenossen in der näheren Umgebung des Nests und greifen etwaige Eindringlinge sofort und heftig an.
Zeig her dein Gefieder!
Selbst jene Schwarzstorchpaare, die schon im Vorjahr bzw. in den Vorjahren zusammen gebrütet haben, zeigen ausgedehntes ritualisiertes Balzverhalten, wenn sie beim Nistplatz eintreffen. Auch im Verlauf der Brut lassen sich immer wieder Teile des Balzverhaltens zwischen den beiden Partnern beobachten. Häufig und auffällig ist vor allem das ausgeprägte Begrüssungsritual, das jeweils beim Schichtwechsel stattfindet. Dabei stellen sich die beiden Partner mit horizontal gehaltenem Leib und leicht angehobenen Flügeln gegenüber. Dann fächern sie ihre Schwanzfedern auf und bewegen den Schwanz langsam auf und nieder. Zudem pendeln sie mit dem Kopf bei gestrecktem Hals und horizontal gehaltenem Schnabel auf und ab und äussern dazu leise, pfeifend-keuchende Lautfolgen.
Solche «Zeremonielle» dienen dazu, den Paarbund zwischen den beiden Partnern zu festigen. Soviel steht fest. Weniger einfach zu beantworten ist die Frage, weshalb sie im Laufe der Stammesgeschichte der Vögel genau die Form angenommen haben, die sie heute aufweisen. Hier die wahrscheinlichste Erklärung: Dank der Balzhandlungen erhalten beide Partner die Möglichkeit, die Fitness ihres Gegenübers einzuschätzen. Wäre ein Individuum nämlich nicht wirklich fit, könnte es die oftmals komplexen Bewegungsabläufe nicht oder nur eingeschränkt vollführen. Auch das Sträuben von Gefiederpartien und das Auffächern der Schwanz- und Schwungfedern dürften dem Darlegen des Gesundheitszustands dienen, denn aus dem Zustand des Gefieders eines Vogels ist dessen Fitness besonders gut ersichtlich.
Dass jeder Schwarzstorch ein grosses Interesse daran hat, einen Partner mit guter Fitness zu haben und kontinuierlich über dessen Gesundheitszustand informiert zu sein, liegt auf der Hand. Erstens gilt es sicherzustellen, dass die Nachkommen gute Gene vererbt bekommen. Zweitens muss gewährleistet sein, dass der Partner aktiv zur Aufzucht der Jungen beizutragen vermag. Denn sonst besteht die Gefahr, dass die Fortpflanzung - und damit die biologische Hauptaufgabe auch des gesunden Partners - misslingt. Dank der ausgedehnten und komplexen Balzhandlungen zu Beginn der Brutsaison vermag also jeder Schwarzstorch rechtzeitig abzuklären, ob sein Partner fit und fortpflanzungsfähig ist. Falls nicht, ist es zu diesem Zeitpunkt nämlich noch möglich, sich nach einem anderen Partner umzuschauen.
Das Nest der Schwarzstörche befindet sich gewöhnlich gut getarnt innerhalb der Krone eines grossen alten Baums, meistens in ein bis zwei Dutzend Metern Höhe über dem Boden. Sobald es gebaut bzw. instand gesetzt ist und auch die Balzzeremonielle zu beider Partner Zufriedenheit vollführt sind, erfolgt die Paarung. Zwei Tage später beginnt das Weibchen mit der Eiablage. Das Gelege umfasst gewöhnlich drei bis fünf Eier, welche in zweitägigem Abstand gelegt werden. Das Bebrüten, bei dem sich Männchen und Weibchen partnerschaftlich abwechseln, beginnt, sobald das erste oder die ersten beiden Eier gelegt sind. Das Schlüpfen der Jungvögel erfolgt darum - nach einer Entwicklungszeit der Keimlinge von je 35 oder 36 Tagen - gestaffelt. Während der ersten zehn bis fünfzehn Tagen werden die Jungvögel ständig vom einen der beiden Altvögel betreut. Danach ist es nötig, dass beide Altvögel Futter für ihre nimmersatten Jungen herbeischaffen, weshalb letztere tagsüber für längere Zeit allein gelassen werden. Nachts hält sich jedoch weiterhin einer der beiden Altvögel bei den Jungen im Nest auf, während der andere auf einem nahe gelegenen Ast oder Baum übernachtet. Die Jungen sind im Alter von neun oder zehn Wochen flugfähig, verlassen dann das Nest und machen sich alsbald selbstständig. Sie schreiten ihrerseits im Alter von ungefähr drei Jahren erstmals zur Brut. Schwarzstörche können ein Alter von mindestens achtzehn Jahren erreichen.
Gemächliche Wanderer
Mit Ausnahme eines Teils des iberischen Bestands sind die Schwarzstörche Europas und Asiens Zugvögel, welche nach der Brutsaison ihre Brutgebiete verlassen und den Winter in weiter südlich gelegenen, wärmeren Gefilden verbringen. Die Erwachsenen wie auch die Jungvögel verlassen ihr Brutgebiet bald, nachdem letztere flügge geworden sind, das heisst im Allgemeinen Ende August, Anfang September. Die europäischen Brutbestände überwintern praktisch ausnahmslos in Afrika südlich der Sahara, während die nordasiatischen Brutbestände für den Winter den Indischen Subkontinent, das südliche China und ein paar angrenzende Bereiche Ostasiens aufsuchen.
Wie andere grosse Vögel, die sich möglichst im Energie sparenden Segelflug vorwärts bewegen, vermögen die Schwarzstörche grössere Wasserflächen wie das Mittelmeer, über denen sich keine thermischen Aufwinde bilden, nur mit Mühe, das heisst im Kräfte zehrenden Ruderflug zu überqueren. Sie umfliegen darum dieselben nach Möglichkeit. Vom westlichen und zentralen Europa aus «umschiffen» sie das Mittelmeer auf zwei hauptsächlichen Routen: Im Westen setzen sie bei der Meerenge von Gibraltar nach Marokko über, im Osten gelangen sie beim Bosporus zunächst nach Kleinasien und fliegen dann via den Nahen Osten nach Ägypten.
Bis vor kurzem nahm man an, dass alle Schwarzstörche eines regionalen Brutbestands dieselbe Zugroute nehmen und dass zumindest die Brutpaare, vielleicht sogar die ganzen Familien auf dem Zug beisammen bleiben. Eine neuere Studie, bei welcher besenderte Schwarzstörche aus Tschechien über mehrere Jahre hinweg bei ihrem Zug in den Süden, bei ihren Streifzügen im Winterquartier und anschliessend wieder bei ihrer Rückkehr ins Brutgebiet beobachtet wurden, hat uns eines besseren belehrt. Hier die wichtigsten Erkenntnisse: Erstens bewegten sich die Partner von Brutpaaren sowohl auf dem Zug als auch im Winterquartier völlig unabhängig voneinander und auch unabhängig von ihrem Nachwuchs umher. Zweitens folgten sie teils sehr unterschiedlichen Zugrouten. Drittens erwiesen sie sich als sehr gemächliche Reisende, welche für ihre 5000 bis 7000 Kilometer weite Reise vom Brutgebiet ins Winterquartier bis zu fünfzehn Wochen aufwendeten. Vor allem in Südeuropa, beispielsweise auf dem Balkan, und im Nahen Osten rasteten sie immer wieder ein paar Tage oder sogar Wochen lang am selben Ort, bevor sie weiterreisten. Sobald sie Afrika erreicht hatten, zogen sie allerdings zielstrebig weiter und legten etwa beim Überqueren der (von starken Thermiken geprägten) Sahara bis zu 400 Kilometer je Tag zurück. Viertens zeigten die untersuchten Vögel zwar eine grosse Treue gegenüber ihrem «persönlichen» Winterquartier. Sie folgten jedoch Jahr für Jahr unterschiedlichen Zugrouten, wobei das Wetter einen starken Einfluss auf die Routenwahl auszuüben schien. Fünftens begannen die Vögel ihre Rückreise meistens schon zwischen Mitte Februar und Mitte März. Sie nahmen sich aber unterwegs wiederum viel Zeit fürs Rasten und erreichten darum ihre Brutgebiete oftmals erst etwa zehn Wochen später.
Neben diesen interessanten Informationen über das Verhalten der Schwarzstörche ausserhalb der Brutsaison lieferte die besagte Studie auch verschiedene Hinweise auf die Gefahren, die ihnen auf der Wanderschaft drohen. So wurden mindestens drei der besenderten Individuen abgeschossen, je eines in Frankreich, Italien und Spanien, obschon die Art seit langem in der gesamten Europäischen Union unter striktem Schutz steht.
Menschenscheu
Im westlichen Europa scheint der Schwarzstorch nie besonders häufig gewesen zu sein. Ausserdem waren in den vergangenen Jahrhunderten seine Bestände hier stark rückläufig. Dabei scheint die Art vor allem unter dem Verlust geeigneter Lebensräume und den Störungen durch den Menschen gelitten zu haben. Im Gegensatz zum Weissstorch, der sich überaus gut an die Nähe des Menschen gewöhnt hat, meidet der Schwarzstorch nämlich den Kontakt mit dem Menschen nach Möglichkeit. Er gibt sein Nest oder auch sein Jagdrevier schnell einmal auf, wenn die menschlichen Störungen in deren Umgebung zu gross werden. Seine Menschenscheu ist insofern verständlich, als der besagte Bestandsrückgang zu einem nennenswerten Teil auch auf Abschuss zurückging.
In jüngerer Zeit hat sich die Art mancherorts erfreulich zu erholen vermocht. Die immer geringer werdende Nachfrage nach Bau- und Brennholz hat in den vergangenen Jahrzehnten zu einer nennenswerten Zunahme der Waldfläche und zum Hochwachsen vieler Wälder geführt. Zusammen mit besseren Schutzgesetzen und -massnahmen zugunsten der Vögel selbst als auch zugunsten ihrer Lebensräume sowie einem in der Öffentlichkeit besser verankerten Bewusstsein für den Naturschutz hat dies zu einer Umkehr der Bestandsentwicklung beim Schwarzstorch geführt. Schon 1938 kehrte er als Brutvogel nach Österreich zurück, wo er während Jahrzehnten vermisst worden war. Er besiedelte Frankreich in den 1970er- und Belgien, Dänemark sowie Luxemburg in den 1980er-Jahren. Noch sind diese Bestände allerdings gering.
Im östlichen Europa finden sich von alters her umfangreichere Schwarzstorchbestände als im westlichen Europa, und sie waren in historischer Zeit erheblich geringeren Bestandsschwankungen unterworfen. Dies gilt auch für Weissrussland, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, welches im Herzen Europas liegt und über grossflächige, alte Hochwaldgebiete verfügt. Hier kommt der Schwarzstorch noch weit verbreitet vor, so auch in mindestens zwei Schutzgebieten: im 900 Quadratkilometer grossen Pripyatsky-Nationalpark im Süden und im 1200 Quadratkilometer grossen, rund hundert Kilometer nördlich der Hauptstadt Minsk gelegenen Berezinsky-Biosphärenreservat. Solange diese Bestände entlang ihrer Zugrouten und in ihren Winterquartieren einigermassen sicher sind, spricht nichts dagegen, dass sie auch zukünftig hier gedeihen werden.
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