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Mitglieder der franziskanischen Familie veröffentlichen hier alle zwei Wochen einen Blogbeitrag. Sie kommentieren aus persönlicher Sicht aktuelle Ereignisse.
Br. Agostino del-Pietro, Provinzial der Schweizer Kapuziner, würdigte bei der Buchvernissage von «Von der Not der Zeit getrieben» die Schriften von Maria Theresia Scherer und von Theodosius Florentini, indem er dem Begriff «Mut» in deren Schriften nachging. Im Folgenden die lesenswerte und ermutigende Ansprache:
Von der Not der Zeit getrieben
Maria Theresia Scherer – Theodosius Florentini
Briefe und Schriften
Mut brauchte es, ja wirklich Mut, um daran zu glauben, dass man allein mit einigen jungen Frauen eine Institution aufbauen könne, welche sich in einer Zeit schwerer ideologischer und konfessioneller Spannungen der katholischen Jugenderziehung widmen sollte. Es brauchte Mut, mit nur fünf Franken im Sack den Hof zu erwerben, auf welchem die ganze Anlage erbaut wurde, in der wir uns heute befinden. Es brauchte Mut zu glauben, dass aus den Fabriken eines Tages Klöster würden. Es brauchte Mut zu erwarten, dass ein von den Jesuiten in aller Eile verlassenes Gymnasium wieder eine humane und intellektuelle Bildungsstätte werden könnte.
Ja wirklich, es brauchte Mut, die Leitung einer dauernd wachsenden Schwesternkongregation anzunehmen und vor allem dann für mehr als dreissig Jahre darin zu auszuharren. Es brauchte Mut, sich an den Berg von Schulden aus dem Erbe des Gründers heranzumachen. Es brauchte Mut, immer neue Aufgaben im Apostolat zu übernehmen und neue Institute für die Pflege von Kranken und Behinderten zu gründen – und das im In- und Ausland und sowohl in katholischen wie in reformierten Gebieten.
Ja wirklich, sowohl Pater Theodosius Florentini wie auch Mutter Maria Theresia Scherer hatten eine riesige Portion Mut.
In der Brief- und Schriftensammlung, die heute der Öffentlichkeit vorgestellt wird, kommt das Wort Mut recht häufig vor. Wenn ich richtig gezählt habe, sind es sechsundzwanzig Mal. Am meisten wird es von Mutter Maria Theresia gebraucht, nämlich achtzehn Mal gegenüber acht Mal bei Pater Theodosius. Ein einziges Mal braucht er es, um Mutter Maria Theresia zu ermutigen – und zwar in einem Brief von 1854 mit dem Wunsch: “Gott erhalte dich, und stärke doch deinen Muth”. Die weiteren Stellen mit dem Wort Mut in den Schriften von Theodosius finden sich ausschliesslich in Briefen an Sr. Alexandrina Krotz, Pionierin der Schwesternpräsenz in Böhmen und Leiterin der Textilfabrik in Oberleutensdorf. Sie brauchte es!
In den Schriften von Mutter Maria Theresia findet sich die erste Stelle mit dem Wort Mut im Entwurf einer Autobiographie, die sie für den geistlichen Assistenten Franz Carl von Berlage 1887 schrieb – ein Jahr vor ihrem Tod. In Bezug auf ihren Wunsch, als junge Frau in das von P. Theodosius ins Leben gerufene Institut einzutreten, vermerkt Maria Theresia, dass die Familie und ihre Bekannten zuerst dagegen waren und dass nur ihre Standhaftigkeit und die Hilfe der Vorsehung diese dazu gebracht hätten, ihre Meinung zu ändern: Es war schwierig; allein auch da half der l[iebe] Gott, indem Er die Personen, auf die ich horchen musste als minderjährig, ganz umänderte, so daß sie in kurzer Zeit einwilligten, indem sie sahen, daß, je mehr sie dagegen waren, desto mehr Mut und Verlangen hatte ich gerade dafür.
Der grösste Teil der übrigen Stellen mit dem Wort Mut in den Schriften von Mutter Maria Theresia sind Ermahnungen, die sich in Briefen an Mitschwestern finden – meistens in der Formulierung: Nur den Muth nicht verlieren! oder ähnlich. Eine Stelle finden wir in einem Brief an eine Frau, die nicht Schwester aber doch mit der Kongregation sehr verbunden war: die Gräfin Mathilde Revertera von Salandra. Es geht dabei um alltägliche Schwierigkeiten im Wirken von Pater Theodosius und Mutter Maria Theresia: Daß sich vielleicht noch allerlei Schwierigkeiten erheben, ist wohl nicht zu bezweifeln, allein gerade dieses soll uns Muth machen «Was nichts kostet, ist auch Nichts werth», pflegt man bei uns in der Schweizersprache zu sagen. In einem Brief von 1882 an ihre Assistentin Sr. Pankratia Widmer zählt sie verschiedene im Moment schwierige Umstände auf und scheint dabei fast den Mut zu verlieren: Ich fürchte schon bald für die Provinz, weil kein Takt unter den Obern ist und gar keine Einigkeit. Pasta [sic] Ich versichere Sie, ich meine oft, daß ich es gar nicht mehr aushalte. Es will mir auch aller Muth entschwinden mit dieser Provinz und mit so vielem Andern. Wo hat Mutter Maria Theresia in all den schwierigen Umständen in ihrem Leben wohl immer wieder neu die Kraft gefunden, weiter zu machen und neuen Mut zu fassen? Es scheint mir, dies zeigt ein Rat, den sie Sr. Pankratia Widmer in einem Brief von 1883 gibt: Ich bete täglich für Sie; haben Sie guten Muth und wenn es Ihnen gar schwer fällt, so laufen Sie 1 Minute zum Allerheiligsten.
Liebe Zuhörer, liebe Schwestern, als ich in der Einleitung zum heute der Öffentlichkeit vorgestellten Buch gelesen habe, dass es etwa 1000 Briefe und Schriften von Pater Theodosius und Mutter Maria Theresia sind, die vor allem aus dem Archiv von Ingenbohl, aber auch aus andern Archiven stammen, da habe ich mir gesagt: Die Schwestern von Ingenbohl haben grossen Mut gezeigt, deren Veröffentlichung an die Hand zu nehmen. Mut und Ausdauer brauchten sicher auch die Mitglieder der Arbeitsgruppe, die beauftragt waren, die 199 Dokumente dieses Buches zu übertragen, auszuwählen und mit einem kritischen Apparat zu veröffentlichen.
Was würde Mutter Maria Theresia wohl sagen angesichts der noch anstehenden Arbeiten im Hinblick auf die vorgesehenen Übersetzungen dieser Dokumente in Englisch, Italienisch, Kroatisch, Slowakisch, Tschechisch und Portugiesisch – und noch weitere Sprachen.
Wahrscheinlich würde sie sagen: Nur den Muth nicht verlieren!
Frate Agostino Del-Pietro