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Zum Jahresanfang ein humoriger Blick in die Vergangenheit. Wer gemeint hat, dass es vor rund 70 Jahren in den ehrwürdigen Hallen der ETH gesittet zu und her ging, hat sich getäuscht.
Der Präsident des Schweizerischen Schulrats Arthur Rohn (1878-1956) sah sich jedenfalls im Oktober 1947 gezwungen, ein Schreiben an den Rektor, die Hausvorstände und die vorstehenden Professoren der einzelnen Abteilungen zu schicken, um die „erheblichen Schäden an den Einrichtungen unserer Hochschule“ von Seiten der Studentenschaft zu beklagen.
Offenbar hatten die Sachbeschädigungen an Gebäude und Mobiliar ein derart störendes Ausmass erreicht, dass sich sogar der Präsident des Schweizerischen Schulrates – immerhin damals die amtshöchste Person innerhalb der ETH – mit dieser „Erscheinung“ befassen und Gegenmassnahmen einläuten musste.
Arthur Rohn äusserte sich in seinem Schreiben vom 3. Oktober 1947 wie folgt zu den Missständen an der ETH:
Brief des Präsidenten des Schweizerischen Schulrates Arthur Rohn vom 03.10.1947 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, SR3: 1947, Reg. 133.30 G, Nr. 6582/ad 9)
Vorkehrungen, die in vorangehenden Semestern getroffen worden waren wie schriftliche Bekanntmachungen und Aufrufe an den Anschlagbrettern, waren von den Studierenden nicht beachtet worden und im Sande verlaufen.
Da war die Sache mit dem Rauchen: Zigarettenstummel überall, Zündhölzer, Pfeifentabak, wenn möglich noch brennend, achtlos auf den Boden geworfen. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass Rauchen damals sogar während der Vorlesung gestattet war.
Dann die Beschädigungen am Mobiliar, den Bänken und Tischen, die mit Schuhen traktiert wurden. Unvorstellbar heute, dass Studierende mit Schuhen über Tische und Bänke klettern … Auch in den Laboratorien wurde zu den kostspieligen Einrichtungen keinerlei Sorge getragen. Es war nicht nur eine Sache des fehlenden Anstands und der Erziehung, sondern auch eine der anstehenden Reparaturkosten, die zu Buche schlugen.
Nun sollten die Professoren in der ersten Vorlesung des Wintersemesters 1947/48 die Studenten mit einem Appell zur Räson bringen und sie zu Sorgfalt und angemessener Verhaltensweise ermahnen:
Mutwillige Beschädigungen und unsachgemässe Behandlung von Haus und Mobiliar der ETH durch die Studentenschaft waren sicher schon früher vorgekommen. Sie mussten aber gemäss Arthur Rohn, der 1947 sein Amt als Schulratspräsident schon mehr als 20 Jahre innehatte, in den Jahren nach dem Krieg eine nicht mehr tolerierbare Dimension angenommen haben. Vielleicht war Rohn auch einfach empfindlicher als andere Schulratspräsidenten vor ihm. Leider lässt sich das nicht überprüfen. (Besonders die herumliegenden Zigarettenkippen scheinen ihn – wohl auch zu Recht – sehr gestört zu haben.)
Eine ernsthaftere Frage soll abschliessend erlaubt sein: Waren eventuell die langen Kriegsjahre von 1939 bis 1945, in denen die Studenten vor allem Militärdienst leisten mussten, Schuld an dieser Verrohung der Sitten?
Man darf nicht vergessen: die Meisten von ihnen hatten ihr Studium unterbrechen müssen, weil sie Aktivdienst leisten mussten. Beim Militär ging es sicher nicht zimperlich zu und her.
Frust vielleicht also auch und Unzufriedenheit wegen der im Militärdienst verbrachten (und verpassten) Jahre? Studiengänge mussten wieder- und Abschlüsse nachgeholt werden. Aber auch die Professorenschaft hatte Militärdienst geleistet, so etwa der von 1953 bis 1957 amtierende ETH-Rektor Karl Schmid (1907-1974), der insgesamt 2300 (!) Diensttage absolviert hatte.
Vielleicht so viel: In der Nachkriegszeit nach Jahren der Entbehrung und Einigelung waren die Studierenden begierig darauf, aus- und aufzubrechen: Bruch mit der alten Welt, Aufbruch in eine neue, bessere Zukunft. Laut VSETH suchte die Studentenschaft nach dem Krieg rasch Kontakt mit notleidenden Studierenden aus dem kriegsversehrten Europa. Der Krieg war zwar vorbei, die Wunden aber noch lange nicht geheilt. Eine vom Krieg geprägte und destabilisierte Jugend suchte sich einen Weg in eine bessere Zukunft.
Quellen:
Urs Lengwiler et al.: Was Studenten bewegt. 150 Jahre Verband der Studierenden an der ETH. Hg. Durch den Verband der Studierenden an der ETH, VSETH. Baden 2012, S. 72-77.