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Hochverehrt und schlecht bezahlt
Während das Schiff unter ihnen versank, harrten sie spielend aus. Viele Legenden ranken sich um das Geschick der Musiker auf der Titanic. Die nüchternen Tatsachen zu ihren Anstellungsbedingungen sind dagegen wenig erhebend.
Am 14. März diesen Jahres ging eine verblüffende Nachricht durch die englische Presse: Die Geige von Wallace Hartley sei wieder aufgetaucht. Das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel titelte tags darauf: «Violine des Titanic-Kapellmeisters auf Dachboden entdeckt.» Tatsächlich stellte das britische Auktionshaus Henry Aldridge and Son der Öffentlichkeit ein «sensationelles Fundstück» vor. Sieben Jahre habe er die Echtheit des Instruments von Kriminaltechnikern und Forschern der Universität Oxford testen lassen, berichtete Andrew Aldridge, es gäbe keinen Zweifel.
Dies sollte also die Geige sein, die sich der Musiker in einem initialengeschmückten Lederetui an die Brust band, bevor er ins Wasser stürzte. Sein erfrorener Körper wurde zehn Tage nach dem Unglück geborgen. Die Geige soll seiner Verlobten übersandt worden sein. Sie hatte ihm das Instrument ja auch geschenkt. Bei ihrem Tod geriet das geschichtsträchtige Stück in Vergessenheit ... Allerdings wurde nach dem Schiffsunglück sehr genau protokolliert, was die gefundenen Opfer auf sich hatten. Hartley trug seine Musikeruniform mit den grünen Blenden, Schulterstücken und Knöpfen der White Star Line. Von einer Geige war aber nicht die Rede.
Die Berichterstattung über das Wiederauftauchen des Instruments lässt deutlich durchklingen, dass die Journalisten Zweifel an der Echtheit des Fundstücks mit den Salzwasserflecken hegen. Kein Zweifel besteht dagegen an dem unverminderten öffentlichen Interesse, das die Titanic-Katastrophe immer noch erregt, die sich genau 101 Jahre vor der Präsentation der Violine ereignet hatte.
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Verschlechterte Anstellungsbedingungen
Wallace Hartley war Geiger und Chef der achtköpfigen Musikergruppe auf der Titanic. In der Regel spielten sie in zwei Gruppen. Ein Klaviertrio unterhielt die Gäste in der Lounge des A-la-Carte-Restaurants und im Café Parisien. Um das kontinentale Flair zu unterstreichen, waren ein belgischer Geiger und ein französischer Cellist engagiert worden. Ein Quintett spielte im Speisesaal oder in der First Class Lounge auf. Percy Cornelius Taylor spielte sowohl Klavier wie auch Cello. Es waren also Auftritte als (tiefes) Streichquintett möglich (zwei Violinen, zwei Celli, Kontrabass,) oder als Klavierquintett. Man nimmt an, dass in der fatalen Nacht zum ersten Mal alle acht zusammenspielten.
Anstellungen auf Ozeandampfern waren bei den Musikern in jener Zeit begehrt, obwohl sich die Arbeitsbedingungen gerade in der Zeit vor der Jungfernfahrt der Titanic verschlechtert hatten. Früher hatten die Reedereien die Musiker direkt engagiert. Nun traten vermittelnde, aber natürlich auch mitverdienende Agenturen auf den Plan. In einem Bericht der Internationalen Musikerföderation FIM, verfasst von John Swift, steht dazu: «Während die Titanic sich in Besitz der White-Star-Reederei befand, waren ihre Musiker von der Schifffahrtsagentur, C. W. & F. N. Black engagiert und als Passagiere der zweiten Klasse gebucht worden. Black war in der Lage, günstigere Konditionen anzubieten, indem die Gage der Musiker von ursprünglich 6 bis 10 auf 0 bis 4 Pfund herabgesetzt, die monatliche Uniformzulage von 10 Shilling zurückgezogen und die Kosten für Noten den Musikern von der Gage abgezogen wurden. Proteste der Vereinigten Musikergewerkschaft AMU, eines Vorläufers der heutigen Musikergewerkschaft, endeten ergebnislos.»
Die Musiker mussten ein vielseitiges Repertoire beherrschen, sowohl Salon- und Tanzmusik wie Auszüge aus Orchesterwerken und Opern. Sie spielten die angesagten Schlager der Zeit, begleiteten aber auch Andachten an Bord. Auf Deck E in der Nähe der Wäscherei war ihnen ein Raum zugewiesen worden, in dem sie morgens üben konnten.
Heldentum statt Leben
Kaum ein Bericht vom Untergang der Titanic kommt ohne die Erwähnung der heldenmütigen Kapelle aus. Die Worcester Evening Gazette zitierte fünf Tage nach dem Unglück die Überlebende Mrs. John Murray Brown: «Die Kapelle ging von Deck zu Deck und spielte immerzu. Als das Schiff sank konnte ich immer noch Musik hören. Als ich die Musiker zum letzten Mal sah, kam ihnen das Wasser bis zu den Knien.» Aber schon die verschiedenen Augenzeugenberichte, die von einer Untersuchungskommission akribisch zusammengetragen wurden, waren sich in vielen Punkten uneins.
In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 um 23.40 Uhr kollidierte das Schiff mit einem Eisberg. Eine Stunde später begann die Kapelle an Deck zu spielen, zehn Minuten bevor das erste Rettungsboot (halbleer!) ins Wasser gelassen wurde. Noch schätzte man die Gefahr sehr unterschiedlich ein. Und die fröhlichen Klänge («lively airs»), die gespielt wurden, verstärkten die Verwirrung möglicherweise noch. Hinter der Anweisung an die Musiker stand das Ziel, eine Panik zu vermeiden.
Um 2.10 Uhr waren alle verfügbaren Boote gewassert, aber immer noch gut zwei Drittel der Menschen an Deck oder irgendwo in den labyrinthischen Untergründen des Schiffsbauchs. Der Dampfer neigte sich so bedrohlich, dass das baldige Sinken offensichtlich war. «In diesem Augenblick klopfte Kapellmeister Hartley auf den Boden seiner Geige. Die Ragtime-Musik verstummte, und die Klänge der Episkopal-Hymne Automn fluteten über das Deck, und trieben in der stillen Nacht weit hinaus über das Wasser. In den Booten lauschten die Frauen wie auf etwas Wunderbares.» So wird später – romanhaft verklärt – über diesen schicksalhaften Moment berichtet (Walter Lord, Die letzte Nacht der Titanic, Scherz 1955).
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- National Postal Museum, Washington
Die Zeugen sind sich einig, dass nur wenige Minuten vor dem endgültigen Sinken und bevor nur noch Schreie zu hören waren, Musik erklang. Uneinig sind sie sich allerdings bezüglich des Stücks. Die Presse, die sich auf die Überlebenden stürzte, trug wohl auch zur mehrfachen Legendenbildung bei. Die New York Times vom 21. April 1912 titelte: «Die Kapelle des sinkenden Schiffs wählte den passenden Choral.» Sie zitierte den geretteten Funker Harold Bride, der die geistliche Hymne Automn erkannt haben wollte. Sie enthält die suggestive Zeile: «Halte mich aufrecht in gewaltigen Wasserfluten». Andere Zeugen erinnerten sich an den Choral Näher mein Gott zu dir. Spätere Kommentatoren wiesen darauf hin, dass es zu der Zeit zwei bekannte Stücke mit dem Namen Automn gegeben habe, den Choral und eine Art Sportpalastwalzer zum Mitpfeifen.
Dieser Punkt wird wohl nie aufgeklärt werden. Sicher ist, dass die geistlich-heroische Variante durch viele Nacherzählungen verbreitet wurde und dass die Musiker der Titanic in besonderem Mass heroisiert wurden. Natürlich liess sich mit dieser Verehrung auch Geld machen. Findige Verleger druckten Notenblätter mit den in Frage kommenden Stücken und dem Bild von Wallace Hartley oder sie brachten neue Stücke heraus, die die Katastrophe musikalisch verarbeiteten: Just as the Ship went down – a Song of the Sea oder The Wreck of the Titanic – a descriptive Composition for Piano solo.
Keiner der Musiker überlebte die Katastrophe. Von dreien, eben auch von Hartley wurde der Körper geborgen. Der Romanautor Joseph Conrad, der selbst zur See gefahren war, spottete über die posthume Hochstilisierung: «Viel schöner wäre es gewesen, wenn die Band der Titanic gerettet worden wäre, anstatt spielend untergehen zu müssen – was auch immer sie spielten, die armen Teufel ...»
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Unrühmliches Nachspiel
Im Bericht der FIM steht weiter: «Nach dem Unglück erhielten die Hinterbliebenen mindestens eines Musikers, aber wahrscheinlich alle, eine Rechnung und eine Kostenaufstellung der Agentur. In der Kostenaufstellung wurde unglaublicherweise dargelegt, dass aufgrund dessen, weil der Vertrag des verstorbenen Musikers in dem Moment ausgelaufen war, als das Orchester nicht mehr spielen konnte, dessen Gage anteilsmässig nicht ausreichend war, um alle durch ihn entstandenen Kosten zu decken, einschliesslich der Reversbesätze der White Star Reederei auf der Jacke, dem Aufnähen von White Star-Knöpfen auf seiner Uniform und seinen Notenblättern. Dies wurde ohne jegliche Anteilnahme oder Beileidsbezeugung mitgeteilt.»
Der Brief an die Familie des erst 21-jährigen Geigers John «Jock» Hume, der diese ungeheuerlichen Forderungen bestätigt, ist erhalten. Die Agentur verlangte von der Familie zudem fünf Shilling zurück, die sie dem jungen Mann zum Kauf eines neuen Anzugs vorgestreckt hatte. Entschädigungsforderungen der Hinterbliebenen verwies sie an die White-Star-Reederei. Aber auch diese drückte sich um die Zahlung (wie sie auch die Heueransprüche ihrer Angestellten genau zum Zeitpunkt des Sinkens einstellte) und verwies wiederum auf die Agentur Black. Nur dank Benefizkonzerten verschiedener Orchester konnte den Familien schliesslich eine Entschädigung gezahlt werden. Geld brachte auch das von der Musikergewerkschaft gedruckte Erinnerungsblatt mit den Porträts der acht Bordmusiker ein, das innert Monatsfrist 80 000 Mal verkauft wurde.
Vermutlich befeuert durch die schäbige Haltung von Reederei und Agentur wurden Anklagen der Angehörigen laut, man habe die Musiker ganz absichtlich geopfert. Der Vater des französischen Cellisten Roger Bricoux befragte ein überlebendes Besatzungsmitglied und bekam zu hören, «... dass die Musiker die Anweisung erhielten, die ganze Zeit über weiterzuspielen (...) dass keiner von ihnen eine Schwimmweste trug und (...) dass sie aufgrund dieser Anweisungen geopfert werden sollten, um zu verhindern, dass an Bord Chaos ausbrach.» (Bericht FIM)
Es leuchtet ein, dass die Kapelle mit Schwimmwesten nicht wirklich Normalität ausgestrahlt hätte. Als aber Wallace Hartleys Leiche – mit oder ohne Geige – aus den eisigen Fluten geborgen wurde, trug er eine Schwimmweste.
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