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1775 – die Verlobung mit der Frankfurter Bankierstochter Lili Schönemann war soeben in die Brüche gegangen – zog Johann Wolfgang Goethe von Frankfurt nach Weimar um. Im Gepäck befand sich unter anderem der Entwurf für ein Drama um den berüchtigten Magier Doktor Faustus aus dem 16. Jahrhundert. Goethe kannte wahrscheinlich das entsprechende Volksbuch, ganz sicher das von diesem abgeleitete Puppentheater, das allerdings nur noch einen rudimentären Faust zu bieten hatte. Diese Version von Goethes Faust war parallel entstanden zu seinen Leiden des jungen Werthers, anders als diese aber nicht veröffentlicht worden.
Es war – und das ist nicht ganz unwichtig – diese Version des Faust, die die Weimarer Gesellschaft kennen lernte. Diese Version des Faust – und damit auch: diese Version des Mephistopheles. Erst, wenn man den Mephistopheles des Urfaust zum Beispiel in der so genannten Schülerszene als Hochschullehrer amtieren sieht, wenn man hört, wie er mit dem angehenden Studiosus vor jeder Entscheidung für ein bestimmtes Studium über Unterkunft und Essen sich unterhält – und zwar vom schlechtest möglichen – erst dann wird man verstehen, warum Goethe den Jugendfreund Merck „Mephistopheles“ nennen konnte. (Denn dieser hatte tatsächlich zu jener Zeit eine zynisch-satirische Ader, die bei allem erst einmal die schlechten Seiten erblickte.) Der Mephistopheles von 1805, also jener Version, die wir heute üblicherweise als Faust I bezeichnen, war höflicher, staatsmännischer – anders gesagt: weich gespült. Bezeichnenderweise fehlen zum Beispiel in seiner Ansprache an den angehenden Studiosus solche Passagen, wie diese hier über Essen und Unterkunft.
Generell ist der Urfaust noch sehr skizzenhaft, und man versteht, dass ihn Goethe nicht vor ein größeres Publikum stellen konnte noch wollte. Es wird nicht klar, wie Faust überhaupt an Mephisto gekommen ist; der ist einfach plötzlich da. Viele Szenen fehlen und waren wohl erst im Kopf des Verfassers vorhanden. Hingegenn ist der Bruch in der Gesamtanlage, der aus der Faust-Tragödie plötzlich eine Gretchen-Tragödie macht, bereits zu finden. Das Schicksal jener Frankfurter Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt hat offenbar schon den jungen Goethe zu sehr beschäftigt, als dass er es aus dem Kopf gebracht hätte. Er musste es irgendwie verarbeiten und hielt nun das Drama, das er gerade in der Mache hatte, wohl für das beste Medium dafür. Wahrscheinlich war schon im Stadium des Urfaust geplant, dass Gretchen in ihrer Unschuld zur Errettung des Genie-Menschen Faust vor dem vom Teufel vorgesehenen Schicksal beitragen sollte. Dafür musste die Beziehung der beiden mehr oder weniger subtil auf diese Unschuld ausgerichtet werden. Und so erleben wir schon im Urfaust den im Grunde genommen psychologisch schwer verständlichen Bruch, wie aus dem soeben noch einfach nur auf Gretchens Körper erpichten (mit andern Worten: geilen) Bock Faust praktisch von einem Satz zum andern ein verliebter Gockel wird, ein Liebhaber wie so manch anderer. Nur, dass Faust über einen etwas speziellen Diener verfügt, einen mit sehr, sehr viel Ressourcen. Er kann seinen Teufel damit beauftragen, alles zu organisieren, damit er bei seinem Liebchen Eindruck schinden kann. So nebenbei erleben wir hiermit die Wandlung des Teufels vom zynischen Satiriker zum Erfüllungsgehilfen Fausts – zu jener typisierten Rolle des schlauen und erfindungsreichen Bediensteten, von der vor allem das zeitgenössische französische Theater wimmelte. Marlowe und Shakespeare scheinen von Goethe vergessen worden zu sein.
Dabei hatte Goethe im Urfaust sogar noch etwas eingebaut, das – wenn er es so belassen hätte – der Figur des Magiers Faust einiges Relief verliehen hätte. Die Szene nämlich in Auerbachs Keller, die es auch schon im Urfaust gibt, wird mit einer leicht anderen Rollenverteilung durchgeführt. In den späteren Versionen des Faust ist der gute Faust ja – nachdem er einmal seine alchemistische Beschwörung des Erdgeistes hinter sich hat (die es auch im Urfaust gibt, allerdings ohne die folgende Selbstmord-Szene) – ist Faust also letzten Endes einfach nur derjenige, der Magie befiehlt, selber keine mehr ausübt. In der Keller-Szene des Urfaust ist es aber noch er, Faust, der den Studenten ihre jeweils gewünschte Wein-Sorte aus dem Tisch zapft, und der sie nachher, als sie in Streit geraten, so verzaubert, dass sie sich um ein Haar gegenseitig umgebracht hätten. In der Version von 1805 übernimmt das Mephisto, und Faust bleibt bei der Geschichte in Auerbachs Keller passiver Zuschauer. Schon an Faust I zeigen sich erste Züge von dem, was später Vischer sinngemäß an Faust II monieren sollte: Faust ist mehr oder weniger Zuschauer seines eigenen Lebens.
Last but not least gehört, wann immer der Urfaust erwähnt wird, ein Wort des lobenden Danks an Luise von Göchhausen. Goethe selber war, was eine Aufbewahrung seiner Werke betraf, notorisch unsorgfältig – ob es sich nun um die Manuskripte handelte oder um fertig Gedrucktes: Er verlor oder vergass, wem er was ausgeliehen hatte. Selbst von den ihm so wichtigen Beilagen zur Farbenlehre war bekanntlich schon bald gar nichts mehr in seinem Besitz. Dasselbe Schicksal hätte das Manuskript des Urfaust getroffen (denn in Goethes Nachlass finden wir zwar Akten zur Frankfurter Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt, aber keine Frühversionen des Faust) – alles also wäre verloren gewesen, wenn nicht die Hofdame von Anna Amalia den Tick gehabt hätte, Texte des Weimarer Freundeskreises, die sie interessierten, in eigene Kladden zu kopieren. Diese Hefte blieben zum Glück erhalten, auch wenn sie erst mehr als 100 Jahre später ausgewertet wurden.
Gleich mit gelesen habe ich noch Faust. Ein Fragment. Diese Faust-Version enthält bereits einige Szenen mehr als der Urfaust, ist allerdings immer noch nicht vollendet. Goethe erstellte um 1790 gewissermaßen eine Not-Version. Nachdem schon der Freund Schiller seit längerem auf eine Fertigstellung des Faust gedrängt hatte, stand nun Goethe noch von anderer Seite unter Druck. Er war wegen der zunehmenden Raubdrucke seiner Werke genötigt, eine kleine Werkausgabe zusammen zu stellen. Diese musste natürlich neben alt Bekanntem auch Neues enthalten, und so fiel Goethes Wahl unter anderem auf den guten alten Faust. Anders als beim Urfaust, wo noch vieles einfach in Prosa ausgeführt war, hatte der Autor nun das meiste versifiziert – Hans Sachs’ Knittelverse, die er gerade kennen gelernt hatte, boten sich da als einigermaßen der Epoche Fausts entsprechend geradezu an.
Diese Variante des Faust I ist heute wenig bekannt, und ich habe sie – anders als den Urfaust – auch nie auf einem Theaterzettel gefunden. Wir haben in dieser Version schon einiges mehr als in der Version von 1775 – so ist auch die Szene in der Hexenküche zu finden. Aber es fehlt noch einiges, zum Beispiel, wie auch im Urfaust, die eigentliche Wette zwischen Faust und Mephisto. Es bleibt dem Publikum überlassen, sich solches selber zusammen zu reimen. (Was in Anbetracht der Tatsache, dass Volksbuch und Puppentheater wohl vielen präsent waren, nicht so schwierig gewesen sein dürfte.)
Eine Version also, die heute vor allem den Literaturgeschichtler interessieren dürfte.
Gelesen in folgender Ausgabe:
Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Nachdruck der Ausgabe Zürich: Artemis, 1950. (= Artemis-Gedenkausgabe zu Goethes 200. Geburtstag, herausgegeben von Ernst Beutler et al., Band 5)

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