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Umweltnetz-Schweiz: Eure Idee ist es, ein Produkt zu entwickeln, welches weg kommt vom Erdöl. Könnt ihr kurz erklären, auf welcher Basis eure Handyhülle hergestellt wird?
Dominic: Wir sind momentan noch am Abwägen. Es gibt zwei Alternativen, wie man solche Werkstoffe herstellen kann, die dann auch dieselben mechanischen Eigenschaften haben wie die erdölbasierten Kunststoffe. Das sind einerseits Produkte, die hauptsächlich aus Mais und Zucker hergestellt sind und andererseits solche hauptsächlich aus Pflanzenöl. Das heisst, das sind vollends biobasierte Materialien. Wir sind momentan noch am Abwägen, für welchen Rohstoff wir uns entscheiden. Beide haben ihre Vor- und Nachteile. Der eine Kunststoff basiert auf Rizinusöl; das ist ein Baum, dessen Früchte nicht essbar sind. Dieser wächst auch auf einem Boden, der trocken ist, daher konkurrenziert er die Nahrungsmittelindustrie überhaupt nicht. Wiederum gibt es Materialien, die hauptsächlich auf Mais und Zucker basieren. Bei denen muss man sagen, die konkurrenzieren die Lebensmittelindustrie ein wenig. Der grosse Vorteil der beiden Stoffe ist, dass sie ohne Erdöl hergestellt werden. Über den Lebenszyklus des Produkts können die CO₂-Emissionen daher um bis zu 70% reduziert werden. Man geht also einen sehr grossen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit.
Pascal Arnold und Dominic Zajonc (v.l.) im Gespräch (Bild: Sidonie Spörri)
Un-S: Was würdet ihr Kritikern entgegnen, die behaupten, das ginge nicht, wenn man den gesamten Kunststoffbedarf mit biobasierten Materialien decken wollte?
D: Es gibt tatsächlich einige Studien, die sich mit dieser Thematik befassen, und es wurde zum Beispiel auch schon berechnet, wieviel Ackerfläche benötigt würde, wenn man alle Kunststoffe biobasiert herstellen würde. Wir bräuchten ungefähr 1% der momentanen Anbauflächen, welche für Lebensmittel genutzt werden. Also ist es nicht so, dass man nochmal die ganze Erde benötigte. Eine andere Studie setzte die Anbaufläche der 80 kg Lebensmitteln, welche pro Kopf und Jahr weggeworfen werden, ins Verhältnis dazu, wieviel Bio-Kunststoff dafür angebaut werden könnte. Die Anbaufläche für unsere weggeworfenen Lebensmittel in der Schweiz würde ausreichen, um 577 Tonnen Bio-Kunststoff herzustellen. Allein die weggeworfenen Lebensmittel in Deutschland würden die Hälfte des landeseigenen Kunststoffbedarfs decken. So sind weggeworfene Lebensmittel eine viel grössere Problematik, als es der biobasierte Kunststoff wäre.
Un-S: Woher kam denn die Idee gerade Handyhüllen herzustellen?
D: Es ist nicht so, dass wir denken, dass nach den Handyhüllen schon Schluss ist. Wir mussten einfach irgendwo starten und haben uns für Handyhüllen entschieden. Es ist auch ein bisschen eine Leidenschaft von mir. Und auch vom Produktdesign lag uns das am Herzen. Von der Vertriebsstrategie her konnten wir in diesem Bereich bereits auf Beziehungen zurückgreifen.
Un-S: Geplant wären dann also noch ganz viele andere Produkte aus diesem Ausgangsmaterial?
D: Genau, ja.
Pascal: Ein weiterer Grund ist auch, dass die Handyhülle halt kein Produkt ist, welches man ein Leben lang besitzt. Viele ersetzen die Hülle bereits nach einem halben Jahr wieder. Daher ist es dort besonders ersichtlich, was man eigentlich einsparen könnte mit einem biobasierten Produkt.
D: Genau. Und wenn man beispielsweise Kugelschreiber herstellt, ist halt auch die Bereitschaft nicht sehr gross, für eine biobasierte Alternative mehr Geld auszugeben. Produkte, die hochwertiger sind – seien das Smartphone-Cases oder Tupperware – bieten sich eher an. Deshalb auch der Entscheid gegen den Kugelschreiber (lacht).
Ein Prototyp zeigt, wie die Bio-Handyhüllen aussehen könnten (Sidonie Spörri)
Un-S: Du deutest damit an, dass die biobasierte Produktion kostenintensiver ist. Was hat euch denn persönlich dazu motiviert, trotzdem auf Erdöl zu verzichten?
D: Bei mir ist es der Nachhaltigkeitsgedanke. Wenn man auf der Strasse jemanden fragt, woraus Kunststoffe gemacht werden, wissen das die meisten nicht einmal. Die Menschen wissen nicht, dass eigentlich fast alles, was wir in die Hand nehmen – jede Verpackung, jedes Babyspielzeug – aus Erdöl gemacht wird. Das hat uns dann dazu bewegt, diese Information an die Menschen zu bringen und zu sagen: „Hey, Kunststoffe sind erdölbasiert und es gibt Alternativen. Die sind zwar ein bisschen teurer, aber nicht so teuer, dass man sie nicht kaufen könnte.“
P: Natürlich sind die Materialkosten höher. Mit prozessoptimierten Vertriebswegen kann man jedoch dennoch attraktive Verkaufspreise garantieren. Als Produktionsstandort kommt für uns natürlich nur die Schweiz in Frage. Wir wollen lokal produzieren. So kann man viel Energie und Erdöl einsparen. Daher finden wir, es sollte überall so gemacht werden.
D: Wir produzieren im Mittelpunkt der Schweiz im Kanton Obwalden. Klar, in China könnte man das Gleiche für einen Bruchteil des Geldes machen lassen, aber dann wäre ja auch nicht mehr unser Gedanke dahinter. Wir wollen nämlich zeigen: Man kann solche Produkte zu einem angemessenen Preis hier in der Zentralschweiz produzieren. Man muss nicht immer nach China auslagern, wie das viele Firmen tun. Wenn wir in der Schweiz produzieren, sind natürlich die Transportwege sehr viel kürzer, das hat dann auch auf den Footprint des Produkts positive Auswirkungen.
Un-S: War das für euer Projekt eine Schwierigkeit, dass sich einige Menschen der Problematik gar nicht erst bewusst waren?
P: Ja, eindeutig. Wir mussten zuerst einmal Aufklärungsarbeit leisten und darauf aufmerksam machen, woher die Problematik rührt. Die Zielgruppe, die das bereits weiss, ist extrem klein. Aber wir hatten das Glück, dass der Trend in diese Richtung bereits begonnen hat. Der Mehrwert von Bio-Kunststoff leuchtet den Leuten sehr schnell ein.
Un-S: Was sind so die Schwierigkeiten, mit denen man in der Anfangsphase eines Projekts am meisten zu kämpfen hat?
P: Also zuerst einmal die Bekanntheit. Egal, welches Produkt man verkauft, man braucht zuerst das Vertrauen der Menschen. Sonst finden sie es seltsam, wenn man mit biobasiertem Kunststoff daherkommt, von dem die meisten noch nie gehört haben. So ist es schwierig zu positiver Resonanz zu kommen. Aber wenn die Leute das ein- zweimal gehört haben, nimmt alles seinen Gang. Zeitgleich kam noch die Welle mit den Säckli, die Coop und Migros nicht mehr gratis abgegeben haben. Das hat auch uns geholfen, das Bewusstsein zu stärken, dass erdölbasierte Rohstoffe für den Planeten schädlich sind.
Dominic und Pascal besprechen die 3D-Zeichnungen der Handyhülle (Bild: Sidonie Spörri)
Un-S: Ich habe gesehen, euer Projekt wird über Crowdfunding finanziert. Könnt ihr da etwas dazu sagen?
P: Wir haben das eigentlich vor allem als Marketing-Instrument aufgegleist, um an Resonanz zu gelangen, auch international. Natürlich fangen wir zuerst einmal hier in der Schweiz an, aber wir wollten auch das Feedback aus dem Ausland abwarten. Die Crowdfunding-Kampagne ist schliesslich fehlgeschlagen. Wir haben unser Ziel nicht erreichen können. Dafür haben wir, während die Kampagne noch lief, schon Gespräche mit Investoren geführt, die uns voraussichtlich auch finanziell unterstützen werden. Übers Crowdfunding haben wir vor allem eine positive Medienresonanz erzielt. Jetzt schauen wir, dass wir den Rest so schnell wie möglich mit externen Geldern finanzieren können.
Un-S: Was sind denn nun die nächsten Schritte für Biocase?
P: Wir haben bereits Anfragen von grossen Händlern und Telekomanbietern in der Schweiz. Jetzt stellt sich die Frage, welche Handy-Modelle wir abdecken wollen und welche Händler uns ins Sortiment aufnehmen. Sobald Biocase in den Schweizer Läden erhältlich ist, zielen wir dann auch eine Expansion an.
Un-S: Könnt ihr also euer Versprechen halten, dass im Herbst die ersten Handyhüllen erhältlich sein werden?
P: Zum Glück ist der Herbst ein flexibler Termin (beide lachen).
D: Also wir müssen ehrlich sein, es wird sehr eng. Aber wir sind zuversichtlich, dass wir es bis zum Weihnachtsgeschäft schaffen können, die ersten Produkte im Onlineshop sowie in zwei, drei Läden anzubieten.
Un-S: Ihr habt vorhin angetönt, dass ihr beide noch andere Standbeine habt, also einerseits eine andere Firma, aber auch Studium. Wie arrangiert ihr euch damit?
D: Es ist manchmal nicht sehr einfach, aber das ist es ja nie. Ich habe mir in der letzten Zeit einfach gesagt, mein Herz ist hier bei Biocase. Eine Prüfung im Studium muss ich deshalb wiederholen (lacht).
P: Bei mir ist es die eigene Firma, und so lässt es sich gut arrangieren. Die Woche hat 7 Tage, und die beiden Dinge konkurrenzieren sich in dem Sinne nicht. Ich habe mehrere Kunden. Biocase ist für mich wie ein weiterer Kunde, bei dem ich halt einfach auch persönlich engagiert bin.
Un-S: Um nochmals kurz auf euer Produkt zurückzukommen, wie sieht es mit der Langlebigkeit aus?
D: Uns war es schon ein Anliegen, dass wir einen Werkstoff finden, von dem die Konsumenten lange etwas haben und keine Qualitätsabstriche machen müssen. Und das müssen sie auf keinen Fall. Wir sind sogar der festen Überzeugung, dass unsere Hüllen qualitativ besser sein werden als viele der Pendants aus China.
P: Bei der Langlebigkeit ist es halt immer eine Gratwanderung. Ein Case ist nicht unbedingt der Gegenstand, den man jahrelang behält, und die Telekomanbieter haben daran auch kein Interesse. Wir haben beobachtet, dass der Durchschnitt innerhalb von zwei Jahren zwei- bis dreimal die Handyhülle wechselt.
Un-S: Oh, da bin ich wohl nicht im Durchschnitt. Na dann, ich bedanke mich vielmals, dass ihr euch Zeit für das Interview genommen habt, und wünsche euch für die Zukunft alles Gute.
Dominic Zajonc absolvierte das Bachelorstudium in Maschinenbau an der Hochschule Luzern und befindet sich seit 2 Jahren im Masterstudium im Bereich Umwelt (Energy and Environment). Dort geht es vor allem darum, Prozesse nachhaltig zu gestalten und Energie einzusparen. Dabei stiess er auf die Problematik mit dem Kunststoff.
Pascal Arnold begann ein BWL-Studium und arbeitete bereits währenddessen im Marketing. Vor zwei Jahren gründete er „Pixels Kingdom“, eine Werbeagentur in Luzern und Zürich. An einem Start-up-Event lernte er Dominic kennen.
Zusammen mit ihren Kollegen Kevin Brozio und Paul Gutjahr haben sie das Projekt Biocase ins Leben gerufen. Kevin Brozio studierte ebenfalls BWL und arbeitet momentan bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Paul Gutjahr absolvierte ein Studium in Kommunikationsdesign und arbeitet momentan als Art Direktor bei einer Werbeagentur.