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Armenwesen.
Der Begriff der Armut umfaßt nur diejenigen Personen, deren wirtschaftlicher Besitz zu ihrem Lebensunterhalte nicht ausreicht. Es gehören dahin einerseits die Erwerbsunfähigen, andererseits die Erwerbsfähigen, die aus zeitlichen oder persönlichen Gründen nicht erwerben können oder wollen. Völlig verschieden davon ist das «Proletariat» (s. Proletarier). Nach den Ursachen, welche bei den einzelnen Personen die Armut hervorrufen, spricht man von unverschuldeter und verschuldeter Armut.
Unmündige, die kein Vermögen besitzen und ihren Ernährer verloren haben, Personen, die ohne ihr Zuthun durch Krankheit oder Unglücksfälle ihr Eigentum eingebüßt haben und arbeitsunfähig geworden sind, Arbeiter, denen ungünstige Verhältnisse im Lande die Erwerbsquellen verschließen, sind unverschuldet arm. Nicht überall ist die Armut gleich verbreitet. Wenig Arme giebt es z. B. bei wilden Volksstämmen in warmen Klimaten, in Ländern, die sich vorzugsweise mit Ackerbau und Viehzucht [* 2] beschäftigen, und wo die meisten Einwohner Grundbesitzer sind.
Viele Arme dagegen finden sich überall da, wo die Bevölkerung stark angewachsen ist, die Industrie fast alle Hände in Anspruch nimmt, der Wettbewerb eine große Rolle spielt, der Grundbesitz in den Händen weniger liegt u. s. w. Gerade die großen und reichen Städte beherbergen besonders auch deshalb viele Arme, weil dort am freigebigsten und oft ganz planlos Almosen gespendet werden. Stellt sich in einem Lande ein Zustand ein, in dem viele Menschen sich außer stande sehen, sich den notwendigen Lebensunterhalt zu erwerben, so nennt man diesen Zustand Massenarmut, Pauperismus (s. d.). Auf die Armut wirken die Zeitereignisse oft mächtig ein. Bedeutende Stockungen in wichtigen Erwerbszweigen, schlechte Ernten, starke Erhöhung der Preise vieler Güter, Revolutionen und Kriege können in wenigen Jahren die Armut außerordentlich steigern.
Die gesamte Thätigkeit zur Beseitigung der
Armut faßt man unter der Bezeichnung
Armenwesen zusammen. Zu diesem gehören alle diejenigen
Maßregeln, welche das Entstehen der
Armut verhindern sollen, die vorbeugenden
Mittel; ferner diejenigen, welche
die
Armen und namentlich solche, die ihre
Armut verschuldet haben, zwingen sollen, sich mit eigenen Kräften ihre Lebensbedürfnisse
zu verschaffen, die Maßregeln der Armenpolizei; drittens die Unterstützung der zeitig und dauernd erwerbsunfähigen
Armen,
die Armenpflege, sei sie nun öffentliche oder private Armenpflege, und endlich die Beseitigung der vorhandenen Armennot
durch allgemeine Einrichtungen sehr verschiedener Art, wie z. B. Arbeitsanstalten,
Arbeitsvermittlungsstellen,
Verpflegungsstationen,
Arbeiterkolonien,
Auswanderung u. s. w.
Was die Mittel zur Verhütung der Armut betrifft, so gehören zu ihnen alle diejenigen, welche den Volkswohlstand zu heben geeignet sind; alle Maßregeln, die die körperliche, geistige und sittliche Entwicklung der einzelnen Staatsbürger fördern, Kenntnisse und Geschicklichkeiten unter den arbeitenden Klassen, aus denen zumeist die Armen hervorgehen, verbreiten, den Zutritt zu einträglichen Beschäftigungen erleichtern, die Produktion kräftigen, die bessere Verteilung der Güter ermöglichen und auf die Ausdehnung [* 3] des Verkehrs hinwirken.
Außer diesen entferntern Mitteln zur Verhütung der Armut giebt es aber auch andere näherliegende, z. B. die Sparkassen (s. d.), das Gesamtgebiet der Arbeiterversicherung (s. d.), die Hilfs- und Darlehnskassen und -bureaus (s. d.), die Anstalten, die den Ärmern den billigen Ankauf der Lebensbedürfnisse ermöglichen u. s. w. Alle diese Mittel setzen aber freilich, wenn sie wirksam sein sollen, voraus, daß die Personen, denen sie geboten werden, den festen Willen haben, sich vor der Armut zu schützen.
Mit den Personen, die diesen Willen nicht haben, beschäftigt sich die Armenpolizei. Ihr Zweck ist, diejenigen, welche durch eigene Verschuldung arm sind und die Verschuldung fortsetzen, durch Verbote und Zwangsmaßregein zur Erwerbung des eigenen Unterhalts und des ihrer nächsten Angehörigen anzuhalten. In erster Linie hat es die Armenpolizei zu thun mit Bettlern, arbeitsscheuen Landstreichern, sittlich verwahrlosten Kindern u. s. w. In der Regel ist dabei der Armenpolizei das Recht zugesprochen, die bestraften Bettler und Landstreicher nach Abbüßung ihrer Strafe auf Monate und Jahre in Besserungsanstalten und Arbeitshäuser (s. d.) zu verweisen und sie dort zu regelmäßiger Arbeit anzuhalten und an dieselbe zu gewöhnen. Außerdem darf sie dieselben in ihre Heimatsgemeinde zurückschicken und die Entfernung ans derselben untersagen. Ebenso ist ihr die Befugnis erteilt, sittlich verwahrloste Kinder in Rettungshäusern (s. d.) unterzubringen.
Vorzugsweise beschäftigt sich mit den Armen die öffentliche Armenpflege. In der Regel liegt dieselbe in der Hand [* 4] der Gemeinde, der die Armen angehören, seltener in der Hand von Vereinen und Genossenschaften, denen eine gesetzliche Verpflichtung obliegt. Fast allgemein ist die Verpflichtung des Staates und der Gemeinde zur Gewährung der Armenunterstützung anerkannt. Die öffentliche Armenpflege hat sich in der Regel nur mit den ganz oder teilweise erwerbsunfähigen Armen zu beschäftigen. Zu den erwerbsunfähigen Armen gehören in erster Linie arme Kinder, die elternlos (Waisen), oder deren Eltern für sie ausreichend zu sorgen nicht im stande sind oder diese Pflicht versäumen.
Für den Unterhalt solcher Kinder hat die öffentliche Armenpflege ganz und gar oder nur teilweise einzutreten. Das erstere ist der Fall bei den armen Waisen, mit denen sich die Waisenpflege, als Zweig der Armenpflege, beschäftigt, indem sie dieselben in eigenen Anstalten (Waisenhäusern, s. d.) unterbringt und erzieht oder geeigneten Familien als sog. Kostkinder gegen Entschädigung zur Unterhaltung und Beköstigung anvertraut. Ähnlich wird mit Findelkindern verfahren, für die in einigen Staaten (nicht in Deutschland) [* 5] eigene Anstalten, die sog. Findelhäuser (s. d.), bestehen.
Ebenfalls erwerbsunfähig sind auch Personen in hohem Alter und Geisteskranke, für die weder Angehörige, noch, beim Fehlen einer Versicherung, irgendwelche Versicherungsanstalten zu sorgen haben. Erstere werden in Armenhäuser, Versorgungsanstalten, Hospitäler, u. s. w. aufgenommen oder durch Geld unterstützt; letztere in Irrenhäusern untergebracht. Für die armen, hilflosen Kranken sind Krankenhäuser fast überall vorhanden; bringt man sie in Familien unter, so sorgt die Armenpflege für Wohnung, Unterhalt, Pflege, ärztliche Behandlung und Arznei. Zu den teilweise Erwerbsunfähigen dagegen gehören diejenigen Personen, welche durch Körperschwäche, Gebrechen, Kränklichkeit, herannahendes Alter u. s. w. ¶
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nur einen Teil ihres Unterhalts zu beschaffen vermögen. Bei ihnen tritt die Armenpflege nur ergänzend ein. Ausnahmsweise werden von der Armenpflege auch arbeitsfähige Personen berücksichtigt, wenn sie aller Bemühungen ungeachtet Arbeit nicht zu finden vermögen. Der Nachweis, daß die Bemühung vergeblich gewesen sei und daß Arbeitsscheu nicht vorliege, muß indes geführt sein, und überhaupt wird diese Art Unterstützung nur dann zugelassen, wenn infolge von ungünstigen Verhältnissen im Lande die Produktion daniederliegt. Doch auch in diesem Falle wird in manchen Ländern, z. B. in England, die unmittelbare Armenunterstützung nicht gewährt, sondern der Eintritt in ein Arbeitshaus (workhouse) gefordert (s. Arbeitshäuser). Ein sehr bedeutsamer Zweig der Armenpflege ist die Armenschulpflege (s. Armenschulen).
Die Bedingungen der Armenunterstützung und die Formen der Armenpflege werden am zweckmäßigsten durch eine Armenordnung bestimmt und geregelt. Dieselbe setzt fest, wer als arm anzusehen, welche Unterstützungen den einzelnen Klassen der Armen und wie sie gewährt werden sollen, welche Behörden an der Spitze der öffentlichen Armenpflege stehen, durch welche Organe (Armenpfleger, Armenkommissionen) die Bedürftigkeit ermittelt und die Armenunterstützung verteilt werden soll, wie die nötigen Mittel zu beschaffen sind, wer verpflichtet ist, einzelnen Armen (z. B. als Anverwandter, Berufsgenosse) zu Hilfe zu kommen, u. s. w.
Vielfache Nachahmung hat das zuerst in Elberfeld [* 7] durchgeführte System erfahren, das eine strenge Individualisierung der Armenpflege mit persönlicher Beratung und Wiederaufrichtung der einzelnen verarmten Personen anstrebt und die thätige Teilnahme der wohlhabenden Einwohner zu Gunsten ihrer notleidenden Mitbürger fordert. Elberfeld ist in verschiedene Armenbezirke und mehrere hundert Quartiere so eingeteilt, daß der einzelne Armenpfleger in der Regel nicht mehr als 4 Familien seine Thätigkeit zu widmen hat.
Dieses System bietet noch den großen Vorteil, daß die öffentliche Armenpflege sich in engste Beziehung zu der Verwaltung der privaten Wohlthätigkeitsanstalten und Vereine setzen kann. Die Kosten der öffentlichen Armenunterstützung werden entweder durch besondere Armensteuern (s. d.) aufgebracht oder von den Gemeinden oder dem Staate bestritten. Letzteres ist das Richtige. Besondere Armensteuern schwächen bei den Steuerzahlern den Trieb zur Privatwohlthätigkeit und erwecken bei den Armen den Gedanken eines persönlichen Rechtsanspruchs. Die Bezeichnung Armentare ist den Engländern entlehnt, welche die Kosten der Armenpflege vorzugsweise durch Armensteuern zu beschaffen pflegen.
Es betrugen die Kosten der öffentlichen Armenpflege in:
|Jahr||England im ganzen Pfd. St.||England auf 1 Einw. Pfd. St.||Schottland im ganzen Pfd. St.||Schottland auf 1 Einw. Pfd. St.||Irland im ganzen Pfd. St.||auf 1 Einw. Pfd. St.|
|1876/80||7653874||0,31||881752||0,24||1073655||0,20|
|1881/85||8316411||0,31||886567||0,23||1268167||0,25|
|1886/90||8342928||0,30||887661||0,23||1382296||0,29|
|1891||8643318||0,29||880458||0,22||1405514||0,30|
|1892||8847678||0,29||912838||0,22||1411701||0,30|
|1893||9217514||0,31||926544||0,23||1402353||0,32|
Die Zahl der Unterstützten war folgende in:
England:
|Januar||Erwachsene, arbeitsfähige Arme||Sonstige Arme||Arme überhaupt||Auf 100 E.|
|1876/80||106592||665211||771803||3,08|
|1881/85||104661||687040||791701||2,96|
|1886/90||107065||705030||812095||2,82|
|1891||98794||676111||774905||2,60|
|1892||99534||654951||754435||2,56|
|1893||107178||669280||776453||2,61|
|(Juli) 93 949||651606||745555||2,50|
|1894||116478||695963||812441||2,70|
Schottland:
|Mai||Registrierte Arme||Deren Angehörige||Arme überhaupt||Auf 100 E.|
|1876/80||62380||34811||97191||2,69|
|1881/85||59915||33507||93422||2,43|
|1886/90||58344||32937||91281||2,31|
|1891||57673||30610||38233||2,29|
|1892 Januar||56903||30458||87362||2,15|
|1893||60914||32793||93707||2,29|
|1394||62087||33237||95324||2,31|
Irland:
|Januar||Arme in Armenhäusern||Arme in Specialanstalten||Arme in offener Pflege||Arme überhaupt Auf 100 E.|
|1876/80||50112||660||36155||86927||1,65|
|1881/85||52315||745||57683||110743||2,20|
|1886/90||46928||692||63364||110984||2,31|
|1891||42601||1102||63426||107129||2,29|
|1892||42018||1112||60709||103839||2,23|
|1893||42755||1109||59001||102865||2,23|
|1894||43685||1176||59170||104031||2,26|
Im Deutschen Reiche weist die Armenstatistik auf Grund der Erhebungen vom J. 1885 (seitdem nicht wiederholt) folgende Zahlen auf:
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Die Privatarmenpflege wird sich, wenn sie wahrhaft wohlthätig wirken soll, immer den durch die staatliche und kommunale Armenpflege gegebenen Schranken anbequemen müssen, während diese ihr Augenmerk darauf zu richten hat, den engsten Zusammenhang mit der Privatwohlthätigteit und deren ausgiebigste Ergänzung zu suchen. Die amtliche Armenpflege muß sich auf das Dringendste beschränken, während doch darüber hinaus vieles wünschenswert erscheint, was nur durch freie Mildthätigkeit, wenn auch keineswegs durch blindes Almosengeben, erreichbar ist.
Ohne organisatorische Einrichtungen wird die Privatarmenpflege fast immer so gut wie wirkungslos bleiben. Dazu drängt schon der Umstand, daß für solche Einrichtungen sich Verhältnismäßig leichter Teilnahme im Volke erwecken läßt als für Almosenspenden. Bisher sind beispielsweise durch Privatwohlthätigkeit für die Jugend Krippen oder Säuglingsbewahranstalten, Kinderhorte, Sonntags-, Nachhilfe- und Erwerbsschulen, Anstalten zur Versorgung mit Schulbüchern und Bekleidung, Taubstummen- und Blindeninstitute, für erwachsene Leute Arbeits- und Arbeitsnachweisungsanstalten, Leih- und Rentenanstalten, Wasch- und Badehäuser, Rettungsinstitute und Vorschußkassen, Suppenanstalten, Einrichtungen zur billigen Beschaffung der Lebensbedürfnisse, Baugesellschaften zur Herstellung guter Wohnungen, für ältere Leute Alters- und Invalidenheime und andere Einrichtungen begründet worden.
In der Regel wirkt die Privatwohlthätigteit durch freie Vereine für bestimmte Zwecke; seltener sind allgemeine Armenpflegevereine. Außerdem beteiligen sich an ihr Vereine und Genossenschaften, und namentlich haben in neuerer Zeit auch in Deutschland die kirchlichen Gemeinden eine eigene kirchliche Armenpflege, welche materielle Unterstützung mit sittlicher und religiöser Hebung [* 9] verbindet, hervorzurufen gesucht. So dürfte in dem Zusammenarbeiten des Staates und der Gemeinde mit der Kirche und der Privatwohlthätigkeit die Zukunft der Armenpflege liegen.
Aus der umfänglichen Litteratur über
Armenwesen sind hervorzuheben: de Gérando, De la bien-faisance publique
(4 Bde., Par. 1839);
Aschrott, Das englische
Armenwesen (Lpz. 188ss);
ders., und Wohlthätigkeit in den Vereinigten Staaten [* 10] von Nordamerika [* 11] (Jena [* 12] 1889);
Ratzinger, Geschichte der kirchlichen Armenpflege (2. Aufl., Freiburg [* 13] 1884);
Uhlhorn, Die christl. Liebesthätigkeit (Stuttg. 1882, 1884, 1890);
Böhmert, Das in 77 deutschen Städten u. s. w. (2 Bde., Dresd. 1880-88);
ders., Die Armenpflege (Gotha [* 14] 1690);
Roscher, System der Armenpflege und Armenpolitik (Bd. 5 des «Systems der
Volkswirtschaft», 2. Aufl., Stuttg. 1894"; die Artikel
Armenwesen, Armenstatistik und Armenlast im «Handwörterbuch
der Staatswissenschaften», Bd. 1 (Jena 1890), wo auch ausführliche Litteraturübersicht.