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Es ist nicht klug, wenn ich meinen richtigen Namen verrate. Meine früheren Arbeitskollegen hier in Basel nennen mich Ciran, das heisst auf Kurdisch der Nachbar oder die Nachbarin. Diesen Namen bekam ich deshalb, weil ich bei der Arbeit stets das Lied «Ciran» sang. Auf die immer wiederkehrende Frage, warum ich hier lebe, pflege ich ich mit einem Spruch aus meiner kurdischen Heimat im Nordirak zu antworten: «Ich bin ein Kind der Winde, die haben mich hierher geblasen!»
Ich habe neun Brüder und sieben Schwestern. Vor knapp zehn Jahren kam ich als Siebzehnjähriger nach einer einmonatigen, mühsamen Reise durch eine wahre Hölle in die Schweiz, die mir damals so schön vorkam wie ein Paradies. Meine Freude war grenzenlos, weil ich schon in jungem Alter das Paradies gefunden hatte, während die anderen für den Eintritt in dasselbe ein ganzes Leben lang beteten. Mein Enthusiasmus dauerte aber nicht lange: Nach drei Jahren erhielt ich den negativen Asylbescheid, infolgedessen ich später fünfzehn Monate lang in Ausschaffungshaft gesetzt wurde. Mein einziges Delikt war folgendes: die Behörden wollten mich ausschaffen! Punkt. Drogenhändler verbringen weniger Zeit in Haft. «Du musst nur stark sein, nur einen grossen Lebenswillen haben, um diese ungerechte Haft auszuhalten!», riet mir mein inneres Ich.
Nein, ich bin nicht verbittert. Sie sehen ja, dass ich lache. Ich habe Freude am Leben, Freunde zum Reden und Liebe im Herzen. Es tut mir natürlich Leid, in der Ausschaffungshaft Kosten verursacht zu haben. Dafür entschuldige ich mich aber nicht. Denn bis kurz vor der Haft hatte ich noch meine Wohnung, die Quellensteuer und die AHV-Beiträge von meinem eigenen Verdienst bezahlt. Jetzt bekomme ich Nothilfe, das sind alle zwei Wochen 181 Franken. Ich kaufe mit diesem Geld ein Mal pro Tag etwas zu essen, und ich schlafe bei einem Landsmann.
In Basel habe ich Pizzaiolo gelernt. Dieses Wort kenne ich in Kurdisch nicht. Wer aber eine erste Pizza von mir gegessen hat, ist bestimmt wieder gekommen, denn ich habe dieser Pizza neben vielen anderen Zutaten auch viel Freude beigefügt. Ob auch der Chef des Migrationsamtes je eine Pizza aus meiner Hand gegessen hat, das entzieht sich meiner Kenntnis. Mein früherer Arbeitgeber, ein Schweizer, sagt mir zuweilen, dass er mich morgen anstellen würde, wenn ich heute eine Arbeitsbewilligung bekäme.
Meine Heimat ist Basel. Wenn ich von Basel nach Zürich oder Bern reise, will ich am selben Tag wieder zurückkommen, denn ich vermisse Basel und den Rhein schnell. Warum ich nicht nach Kurdistan zurück will? Vor zehn Jahren liebte ich eine Schulfreundin, die auch mich liebte. Ihre Eltern warfen mir vor, ich hätte sie geschändet, also entjungfert. Das stimmt überhaupt nicht. Aus Angst, ihre Familie könnte mir etwas antun, gehe ich nicht zurück. Das Mädchen ist längst mit einem anderen verheiratet.
In der Schweiz gefallen mir am besten die Pünktlichkeit der Menschen und die Gesetze. Ich lese in Ihrem Blick, eben diese Gesetze hätten ja mir kein Bleiberecht gegeben. Meine Freunde, darunter eine Lehrerin, ein Fernsehjournalist, ein Schauspieler und ein Restaurantbesitzer, sagten mir kürzlich beim Tee, dass ich als einer, der sich in der Schweiz nichts habe zu Schulden kommen lassen, absolut das Recht habe, hier zu bleiben. Das entsprechende Amt müsse das Gesetz nur richtig anwenden. Ein Mann, der Chef eines Amtes ist, sagt mir aber leider: «Nein, du musst gehen!» Mehr Glück hätte ich vielleicht, wenn ich auch diesen Amtschef als Freund gewonnen hätte...
Angst habe ich keine mehr im Leben, nach den fünfzehn Monaten Ausschaffungshaft. Schlimmeres kann mir kaum mehr passieren. Lebenspläne habe ich aber viele: Wenn ich eines Tages nach Kurdistan reisen darf, werde ich als Erstes bei den Einwohnerbehörden ein Foto meiner Mutter suchen. Als sie starb, war ich erst zwei Jahre alt. Ich erinnere mich nicht an sie. Mein Vater sagte, es gebe ein Foto von ihr, er hat es mir aber nie gezeigt. Vater selbst ist seit sieben Jahren einseitig gelähmt, er wird sich bestimmt freuen, wenn er mich in die Arme schliessen kann.
Ich habe immer geglaubt, dass Spanien Europameister wird. Mit ihren Kurzpässen übten sie sich so lange in Geduld, bis sie Gelegenheit zu Toren hatten und letztere auch geschossen haben. Meine eigene Hoffnung und Geduld verstehe ich ebenfalls als Taktik in einem Tiki-Taka-Spiel und ich bin überzeugt, dass diese eines Tages zu einem Tor führen werden. Ich werde noch weitere zehn Jahre Geduld aufbringen können.
Yusuf Yesilöz ist Schriftsteller und Filmemacher. Er lebt in Winterthur.