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Die Taube im Titel von «En duva satt på en gren och funderade på tillvaron» («Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach») denkt darüber nach, dass sie kein Geld hat. Davon handelt ein Gedicht, das ein kleines behindertes Mädchen am Vorführabend der Schule aufsagen möchte. Sie habe es selber gemacht, erklärt sie dem Lehrer.
Farblos und dennoch stark
Der Schwede Roy Andersson macht ein skurriles Kino der grotesken Überzeichnung: Seine Filme sind nicht laut und schrill – sie bestehen aus ruhigen Bildern, als Standbilder beginnen die Szenen, als Tableaux vivants mit bleichen Menschen in farblos beige-grauen Umgebungen. Manchmal erinnern diese Bilder an die Bühnenstücke Christoph Marthalers. Der Film ist nach «Songs from the Second Floor» (2000) und «You, the Living» (2007) der dritte Teil seiner Trilogie über das menschliche Wesen.
Treffen mit dem Tod
Dieser dritte Teil beginnt erst einmal mit dem Tod. Mit drei Toden, um genau zu sein. Die sind in Zwischentiteln als «Treffen mit dem Tod Nr. 1» und so weiter angekündigt. Drei Alltagstode, denen in der Folge keine Beachtung mehr geschenkt wird.
Die Welt, in der Anderssons Film spielt (man erfährt im Film einmal, dass wir in Göteborg sind), ist seltsam zeitlos und unbewegt. Die Menschen stehen oder sitzen da, in Bilder platziert, die man alle als Kunstfotografien in eine Kunstausstellung hängen könnte. Die Dialoge klingen wie absurdes Theater und drehen sich dennoch immer nur um Menschlich-Allzumenschliches.
Formelhafte Wiederholungen
Im Zentrum des Films stehen zwei Durchschnittstypen, die mit ihren Vertreterkoffern durch dieses Andersson'sche Universum irren. Sie verkaufen Scherzartikel, Vampirzähne, Lachsäcke und eine Maske mit Namen «Der Onkel mit nur einem Zahn». Sie wollen, so sagen sie immer und immer wieder, etwas Spass ins Leben der Menschen bringen.
Überhaupt wird in diesem Film fast alles, das gesagt (oder gesungen) wird, mehrmals wiederholt, wortwörtlich. In unzähligen Telefongesprächen wird immer nur ein Satz gesagt: «Ich bin froh, dass es dir gut geht.» Gerade diese formelhafte Bemerkung zum menschlichen Befinden wirkt unglaublich entseelt und menschenfremd.
Kaleidoskop über das menschliche Wesen
Dieses derart grotesk und absurd inszenierte Kinotheater, das Andersson macht, diese Tableaus, die dann plötzlich zu leben beginnen, sind, so seltsam starr sie sind, auch unglaublich mehrschichtig. In jeder Szene geht es um menschliche Dramen, um Liebe, Freundschaft, aber auch um Selbstzweifel, um Pessimismus, ums Altwerden.
Der Film ist ein einziges Kaleidoskop des menschlichen Wesens. Das sagt auch der letzte Zwischentitel: «Homo Sapiens» heisst er – natürlich stellt Andersson das «Sapiens» des «Homo» mit seinem Film immer wieder in Frage. Menschlich, ja – aber weise?
Auch der Hintergrund steht im Fokus
Auch bildlich ist der Film mehrschichtig: Immer passiert im Hintergrund etwas hinter einer Scheibe, hinter einem Fenster, das mindestens so wichtig (oder so seltsam) ist wie die Handlung im Vordergrund. Man wundert sich dann schon gar nicht mehr, wenn plötzlich in einer Stadtrandbar die gesamte Armee von König Karl XII. vorbeimarschiert und der König selber in der Bar ein Mineralwasser trinkt. (Das war der König, der mit seinen Kriegen Anfang 18. Jahrhundert die Vormacht Schwedens für immer verspielte.)
Das Gedicht übrigens, das von der Taube handelt, die über Geld nachdenkt, bekommen wir nicht zu hören. Dafür aber sind wir mit einer wunderbaren Filmperle aus Schweden beschenkt worden.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 15.1.15, 8.15 Uhr