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Pascaline Sordet
18. Februar 2020
«Sechs Schwedinnen auf der Alm» (1983) wurde von Erwin C. Dietrich geschrieben und produziert. © Collection Cinémathèque suisse
Die Schweizer Filmgeschichte besteht nicht nur aus «Die Schweizermacher» und «More Than Honey». Es gibt auch Pornofilme, die alles andere als vernachlässigbar sind. In den 1970er-Jahren war Erwin C. Dietrich ein umtriebiger Produzent, der damals bewies, dass die Grenzen zwischen Erotik- und Autorenfilmproduktion durchlässig sein können. Er machte sein Vermögen mit zwielichtigen B-Movies, bevor er mit seiner Firma Elite-Films – der späteren Ascot Elite – zu einer angesehenen Persönlichkeit wurde. Wir verdanken ihm sowohl die erotische Komödie «Sechs Schwedinnen auf der Alm» aus dem Jahr 1983 als auch den Klassiker «The Wild Geese» mit Richard Burton und Roger Moore (1978), der ihm internationale Anerkennung brachte. Eine grosse Spanne, die der Cinémathèque nicht entging: «Es ist unser Auftrag, Helvetica zu erhalten, das heisst, Schweizer Filme, die in der Schweiz gedreht und von Schweizern produziert und realisiert wurden, und in einer zweiten Kategorie auch Filme zu archivieren, die in der Schweiz in den Verleih gekommen sind, also auch Pornofilme. Es macht keinen Unterschied, ob wir einen Pornofilm, einen Blockbuster oder einen Autorenfilm in unsere Bestände aufnehmen», erklärt Frédéric Maire, Direktor der Institution. Pornofilme sind Kulturprodukte, die wie andere auch archiviert und untersucht werden.
Ein Kollektiv aus Lausanne
Dies umso mehr, als die Schweiz bis Anfang der 1980er-Jahre und bis zum allmählichen Aufkommen des VHS eine Hochburg der Pornoproduktion war. Deshalb dieses Archiv. Es umfasst 25ʼ000 Filmrollen und stammt aus jener Epoche, als man erotische Filme in den Kinosälen konsumierte und Edi Stöckli eines der wenigen Filmimperien in unserem Land aufbaute, indem er die gesamte Verwertungskette kontrollierte. Seit Pornofilme auf Kassetten, später auf DVDs und heute im Streaming in Umlauf kamen, hat die Cinémathèque sie nicht mehr auf dem Radar. Somit gibt es aktuell keine Archivierung mehr: «Wenn wir heute noch welche erhalten, dann sind es alte Bestände, die in einem Keller versenkt waren und auf Filmmaterial gedreht wurden. Alles, was in letzter Zeit produziert wurde, geht an den klassischen Kinematografie-Strukturen völlig vorbei, es sei denn, ein Schweizer Regisseur stelle einen Porno her. Dann nehmen wir ihn natürlich auf», ergänzt Frédéric Maire. Und das kommt tatsächlich vor.
Nora Smith ist Fotografin; seit ihrem Studium an der ECAL stellt sie Pornografie her und hat mit fünf anderen das Kollektiv Oil Productions gegründet. «Exodia» von Pierre Allain-Longvalle, der erste ihrer sechs Filme, ist auf ihrer Website zu sehen. Ein heterosexuelles Paar liebt sich auf ganz klassische Weise, grün und violett beleuchtet. «Alternative Pornografie geht nicht zwingend mit atypischen Praktiken einher», sagt Nora Smith. Das Kollektiv, das für die sechs Mitglieder mehr als ein Hobby sein soll, produziert ausserdem Performances, Podiumsgespräche und bald auch einen Podcast mit politischem Anspruch.
Die Millionenfrage: mit welchem Geld? «Zu Beginn mussten unsere Ersparnisse reichen, dann erhielten wir Mittel für Performances, die Unterstützung von der Stiftung Émilie Gourd für einen Podcast und eine Privatspende», berichtet die Fotografin. «In Zukunft müssen wir mit Kondom- oder Sex-Toy-Marken zusammenarbeiten, damit wir unsere Produktionen finanzieren können. Ausserdem planen wir, unsere Filme pro Sichtung abzurechnen, idealerweise zu ungebundenen Preisen». Nora Smith räumt ein, dass alles noch Experimentiercharakter hat und von Kinofilm- und Werbebudgets weit entfernt ist. Es bleibt kompliziert, mit Pornografie Geld zu verdienen: Paypal akzeptiert keine pornografischen Inhalte, Mastercard auch nicht, Patreon hat seine Bedingungen verschärft, und gewisse spezialisierte Plattformen behalten 35% bei jeder Transaktion. «Wir werden uns auf der Gasse treffen müssen, um USB-Sticks auszutauschen», lacht Nora Smith.
«Alternativer Porno»
Der andere, vorerst nur angedeutete Weg, ist der einer öffentlichen Finanzierung. Denn «es handelt sich um etwas, das sehr direkt von der Gesellschaft handelt, aber öffentlich so wenig sichtbar ist, dass wir es kaum fassen können.» Weshalb sollte der Staat nicht ethische Pornoproduktionen unterstützen, wo doch die Stadt Lausanne und der Kanton Waadt das Festival Fête du Slip, das solche Produktionen verbreitet, fördern und das Bundesamt für Gesundheit eine zuverlässige und kostenlose Internetplattform für Kleinanzeigen von Sexarbeiterinnen, callmetoplay.ch, finanziert? «Das ist eine hervorragende Idee», sagt die Journalistin Marie Maurisse, Autorin von «Planète Porn». Wenn wir klassische Filme unterstützen, die mitunter schlecht gemacht sind und ihr Publikum nicht finden: Weshalb unterstützen wir dann nicht gut gemachte Pornofilme, die ihr Publikum erreichen? Sie könnten der Sexualerziehung und sogar der Allgemeinheit dienen, das wäre doch grossartig. Doch so weit wird es nie kommen».
Der «alternative Porno», auch als feministisch oder ethisch bezeichnet, zeigt explizite Inhalte, die durchaus «hardcore» sein können. Seine Produktionsbedingungen aber gelten, anders als im Mainstream-Porno, als respektvoll. Indem alternativer Porno auf aktuelle Debatten über sexuelles Einverständnis, die Respektierung und die Fluidität der Geschlechter reagiert, hat er das Potenzial, die Hinterzimmer zu verlassen und einen erzieherischen Wert zu erhalten. Die in Lausanne lebende Journalistin Marie Maurisse hat angesichts seiner explosiven Verbreitung im Web und der feministischen Bewegungen der letzten Jahre eine umfassende Untersuchung über Pornografie durchgeführt, von ihrer Verbreitung in Kalifornien über die spanischen Studios bis nach Budapest: «Insbesondere in den USA hat sich insofern etwas verändert, als nun die Gewerkschaften eingreifen und Frauen und Sexarbeiter für die Erstellung von Verhaltenskodizes mobilisiert werden, die Missbrauch verhindern sollen.» Oil Productions lässt sich in seiner Arbeit ebenfalls von einem Kodex leiten. Wichtige Punkte sind das Einverständnis aller Beteiligten mit allem, was auf dem Set geschieht; der Grundsatz des «Safe Space», der die physische, emotionale und psychologische Sicherheit der Beteiligten umfasst; eine Arbeitsethik, die auf Gesundheit, gerechter Entlöhnung und dem Recht, ein Bild abzulehnen beruht, die die Meinung der Darsteller berücksichtigt und diese unterstützt.
Schliesslich: Wie soll man rücksichtsvoll mit Schauspielerinnen oder Schauspielern umgehen, die sich ausziehen? Hier könnte der klassische Film vom ethischen Porno lernen. «Bei den Dreharbeiten, an denen ich anwesend war, wird der Stellung der Darstellerinnen und Darsteller enorm viel Bedeutung beigemessen», sagt Marie Maurisse. Alle wissen genau, was geschehen wird, doch es bleibt immer noch viel Raum für Spontaneität, für den lebendigen Körper. In einem schönen Pornofilm geht es nicht nur ums Vögeln um des Bildes willen, sondern es geht um das Paar, die Begegnung, die Zärtlichkeit, die Alchemie». Und für all das braucht es Technik.
Vom Porno zum Filmset
Ita O’Brien ist «Intimacy Coordinator», ihr Auftrag ist es, die intimen Szenen zu koordinieren. Der Netflix-Film «Sex Education» ist die erste TV-Produktion, für die sie engagiert worden ist. «Fehlt ein solcher Koordinator, wissen zwar alle, dass die Sexszene im Drehbuch steht, doch man spricht nicht oder kaum darüber», sagt sie. Am Tag X gibt der Regisseur bekannt, was die Szene beabsichtigt und wird dann entweder die Schauspieler bitten, ohne Anleitung und Struktur selber zurechtzukommen oder den Set schliessen und sich ins Abenteuer stürzen, was bedeutet, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler nicht genau wissen, wie sie berührt werden und mangels Klarheit und Zusammenhang auch keine Ahnung haben, wie die Szene der Geschichte dienen soll.» Mit anderen Worten: Gibt es keine präzise Choreografie für solche Szenen, können sich die Darsteller in ihrem Spiel nicht frei entfalten. «Es ist den Menschen peinlich, explizit über die Inhalte zu sprechen. Man geht davon aus, dass alle ein Sexualleben haben und man dafür kein besonderes Know-how braucht. Doch es handelt sich um simulierten Sex, und das erfordert eine gewisse Technik».
Doch was noch schlimmer ist: Die fehlende Kommunikation führt zu Situationen, die die Schauspielerinnen (und Schauspieler) nicht mehr akzeptieren wollen. Ein berühmtes Beispiel: Marlon Brando sitzt im roten Rollkragenpulli auf dem Boden einer leeren Wohnung und fordert Maria Schneider auf, ihm die Butter zu bringen, um danach anal in sie einzudringen. Die Schauspielerin sprach immer wieder über die Entstehung dieser Szene aus «Der letzte Tango in Paris». Im Originaldrehbuch kam sie nicht vor, sie erfuhr erst am selben Tag davon. Sie hätte ihren Agenten oder Anwalt anrufen sollen, doch sie habe nicht gewusst, dass ihr dieses Recht zusteht und nicht Nein sagen können, habe sich jedoch vergewaltigt gefühlt. Bernardo Bertolucci anerkannte das später, doch er wollte, dass sich die junge Darstellerin gedemütigt fühlte. 50 Jahre und #MeToo später wollen Schauspielerinnen und Schauspieler wissen, wann, wie und wo sie berührt werden, damit sie anschliessend spielen können und nicht alles einfach über sich ergehen lassen müssen. Schliesslich käme niemand auf die Idee, einem Schauspieler in einer Kampfszene die Faust ins Gesicht zu schlagen, um echte Emotionen zu bewirken. Beim Sex gilt dasselbe.
Den Sex choreografieren
Der Filmset ist nur die Spitze des Eisbergs. Ita O’Briens wichtigste Aufgabe ist der Aufbau einer offenen und transparenten Kommunikation zwischen dem Produzenten, der Regisseurin, den Schauspielerinnen und Schauspielern, dem Ankleidedienst, der die Genital Patches in der richtigen Hautfarbe liefern muss, und dem ersten Assistenten, der auf dem geschlossenen Set arbeitet. «Wie bei einem Stunt braucht es Zeit für Proben, Anhalten einer Szene, damit sie nachher mehrere Male neu gedreht werden kann». Die Koordinatorin hört oft, dass sie die Szene «dirigiere» und den Regisseur oder die Regisseurin ersetze, was sie aber mit pädagogischem Feingefühl widerlegt. Ihre Arbeit gleiche der einer Choreografin, und dem Tangolehrer werfe man auch nicht vor, den Platz des Regisseurs einzunehmen.
Als weiteres Instrument bedient sich Ita O’Brien einer Reihe von Richtlinien, die sich am Kodex von Oil Productions orientieren, deren Ziel der Schutz der Schauspielerinnen und Schauspieler ist und die ihnen ermöglichen, Machtspiele in einem gesunden Umfeld darzustellen. Sie erlauben zudem, gewisse Szenen zu entmystifizieren, unangemessenes Verhalten zu verhindern und das Wohlergehen aller zu gewährleisten. «Wie die Stunts bergen auch Sexszenen Risiken, doch diese sind psychologischer und emotionaler Art. Diese Realität rückt erst langsam ins Bewusstsein der Beteiligten». Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind klar die verletzlichsten, doch sie sind nicht die einzigen, die den Sexszenen ausgesetzt sind. Bei den Dreharbeiten von Oil Productions sind auch Techniker und Technikerinnen in die Inhaltsdiskussionen eingebunden, und wenn die eine oder der andere sich bei einer Szene unwohl fühlt, kann er oder sie sich zurückziehen. «Ein Safe Space bedeutet nicht nur, Ja oder Nein zu sagen, sondern bietet einen Raum, in dem du dies auf natürliche Weise und jederzeit sagen kannst, weil du weisst, dass man dir zuhört und du dich legitimiert fühlst, deine Meinung zu äussern, selbst wenn dich niemand fragt», erklärt Nora Smith. Auch wenn du deine Kleider nicht selber ausziehst.
«Intimacy on Set»: Am 2. und 3. Mai findet in Zürich ein Focal-Workshop mit Ita O'Brien statt. Einschreibefrist: 2. April.
▶ Originaltext: Französisch