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Der Unternehmer und Förderer der Reformbewegung Gerard Daniel ist mit 102 Jahren in den USA verstorben.
Kurz nachdem Gerard Daniel (1916–2018), Sohn eines im Hamburger Grindelviertel ansässigen Privatbankiers, um 1932 realisiert hatte, dass es für Juden keine Zukunft mehr in Hitler-Deutschland geben würde, begann er, sich in einer zionistischen Jugendgruppe zu engagieren. 1936 emigrierte der 19-Jährige, der gerade an der Talmud-Thora-Oberrealschule erfolgreich das Abitur abgelegt hatte, nach Palästina. Seine Eltern blieben in Deutschland – sie wurden ins Getto nach Lodz deportiert, wo sie 1942 verhungerten.
Die Eltern waren der aus Posen stammende Max (1879–1942) und seine Frau Wally (1888–1942). Um 1900 war der junge Max Daniel aus seiner Heimat im polnisch-deutschen Grenzgebiet in den Westen aufgebrochen. In Halberstadt absolvierte er zuerst eine Lehre zum Bankkaufmann. Ab 1902 baute er sich in der Innenstadt von Hamburg eine Existenz als Bankier auf. Spezialisiert auf Obligationen, widmete sich der versierte Währungsexperte solventen Privatkunden, darunter auch Grossbankiers der Hansestadt wie das Bankhaus Warburg. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit sollen Geschäfte mit osteuropäischen Kunden gewesen sein, weil er seiner Herkunft wegen über die entsprechenden Kontakte verfügte. Zeitweise beschäftigte die Daniel-Bank ein Dutzend Angestellte. Im September 2016 tätigte Bruno Lowitsch von der Stolperstein-Initiative Recherchen – vor dem Haus Hallerstrasse 6 im Grindelviertel ist für Max und Wally ein solcher Gedenkstein verlegt worden – und fand heraus, dass die Daniels die längste Zeit ihrer Hamburger Jahre an verschiedenen Strassen in sehr wohlhabenden Verhältnissen in diesem von jüdischen Bewohnern geprägten Viertel der Stadt lebten. Zuletzt in der Hallerstrasse.
Visum brachte nichts mehr
Ab 1938 dufte Max Daniel keinen Börsenhandel mehr betreiben. Weil er sich weigerte, sich durch einen nicht jüdischen Bevollmächtigten vertreten zu lassen, wurde die Daniel-Bank Ende Dezember 1938 aus dem Handelsregister gelöscht. Da hatte der Oberfinanzpräsident bereits verfügt, dass Privatbankier Max Daniel – «weil damit zu rechnen ist, dass er auswandern wird» – über sein Vermögen nicht mehr frei verfügen dürfe. Gerard Daniels Mutter Wally wiederum war eine in Hamburg sozial sehr engagierte Frau. Sie arbeitete im Vorstand in einer der jüdischen Gemeinden Hamburgs mit, war im Elternbeirat der Talmud-Thora-Schule und im Vorstand des jüdischen Siechenhauses tätig. Sie hielt ihre drei Söhne –Gerard hatte zwei ältere Brüder – ebenfalls zur Hilfe für andere an, die Jungen machten Krankenbesuche und gaben Nachhilfestunden. Das philanthropische Engagement, das auch das Leben von Gerard Daniel auszeichnete, hat hier seine Wurzeln.
Erfolg und Engagement
Mitte der dreissiger Jahre nach Palästina übersiedelt, begann Gerard Daniel in Tel Aviv eine Banklaufbahn, die er, so Bruno Lowitsch, kriegsbedingt 1940 wieder abbrechen musste. Er begegnete dort seiner zukünftigen Frau Ruth Feilchenfeld, deren Familie aus Berlin stammte. Die beiden heirateten 1941 und bekamen zwei Kinder, die in Tel Aviv das Licht der Welt erblickten. Gerards Eltern aus Hamburg besuchten ihren ausgewanderten Sohn 1938 in Palästina, kehrten aber nach wenigen Wochen nach Hause zurück. «Sie glaubten nicht an eine lange Lebensdauer der Nazi-Regierung und zogen es vor, in Hamburg zu bleiben», schrieb Gerard 2016 im Alter von 100 Jahren aus Amerika über die damaligen Motive und die fatale Entscheidung seiner Eltern. Einer seiner Brüder hatte noch versucht, im Januar 1941 auf die Hilferufe des Vaters aus Hamburg zu reagieren und für die Eltern ein Visum nach Kuba zu bekommen, was dank erheblicher Geldzahlungen auch gelang. Retten konnte er die Eltern trotzdem nicht mehr, da die ersten Deportationsbefehle bereits ergangen waren.
In Palästina begann Gerard Daniel eine jahrzehntelange Karriere als Geschäftsmann, zuerst jedoch nur im Kleinen. Der deutsche Emigrant kaufte und verkaufte Altwaren. In der von seinen Hinterbliebenen veröffentlichten Traueranzeige («Die Welt», 22. Dezember 2018) hiess es «britisches Surplus» (nicht mehr benötigtes Material). 1947, kurz vor der Proklamation des Staates Israel, zog Gerard Daniel nach Paris. 1949 ging «Gerry» mitsamt Familie in die Vereinigten Staaten nach New York. Dort gründete er mit seiner Frau die Firma «Gerard Daniel & Company», die Hightech-Drahtgewebe und Filtermaterial aus Europa und Asien importierte. Später stellte die Firma das Material selbst in Fabriken in Europa, Asien und Kalifornien her. Die Produkte wurden unter anderem für die Raumfahrtindustrie gebraucht. 40 Jahre später, 1986, verkaufte das Ehepaar das erfolgreiche Unternehmen, und liess sich in Sarasota, Florida, und Chevy Chase, Maryland, nieder. Gerry Daniel engagierte sich auch in Amerika für jüdische Fragen. Er war Präsident von Larchmond Temple in Westchester County, New York, und 1980 bis 1988 Präsident der World Union for Progressive Judaism, die weltweit agierte und liberale Synagogen errichtete. Der von Gerry und Ruth 1991 angestossene Bau der nach ihnen benannten Beit-Daniel-Synagoge in Tel Aviv setzte eine Reformbewegung in Gang. Ruth engagierte sich, in Israel wie in Amerika, vor allem für zahlreiche Projekte zugunsten benachteiligter Kinder. Kurz nach ihrem Tod im Juni 2006 wurde das nach ihr benannte Zentrum in Yafo (Mishkenot Ruth Daniel) für jüdisch-arabische Zusammenarbeit und Begegnung eröffnet. Der Bürgermeister von Tel Aviv-Yafo würdigte das Engagement des Paares 2007 mit der Verleihung eines Ehrentitels an Gerard Daniel. Auch weitere philanthropische Aktivitäten, etwa zugunsten jüdischer Organisationen in Sarasota, wurden ausgezeichnet. Als Gerard Daniel 100 Jahre alt geworden war, schickte er aus den USA einen Brief in seine alte Heimat, worin er «Meine Erinnerungen an den Grindel» zu Papier gebracht hatte. Im 102. Lebensjahr ist Gerard Daniel am 14. Dezember 2018 in Chavy Chase verstorben.