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Von den 18 im neuen Tagungsband enthaltenen Fachbeiträgen stammen zehn Beiträge aus Deutschland, fünf aus der Schweiz, zwei aus Frankreich und ein Beitrag aus Tschechien, ehemals Österreich-Ungarn. Rund die Hälfte beschreiben die Geschichte und Besonderheiten von einzelnen Firmen, mehrere Beiträge befassen sich mit Dessins, unterschiedlichen Druckverfahren und Verwendungen von bedruckten Tüchern, andere wiederum mit der Baumwollproduktion, der Herkunft und Entwicklung von Farbstoffen, dem Wandel der handwerklichen Heimarbeit zur industriellen Massenproduktion, sowie dem weltweiten Handel und Warenverkehr seit dem 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts.
Der Tagungsband erschliesst vielfältige Zugänge ins breite Spektrum der globalen Industriekulturgeschichte und begeistert den Leser für den historischen Tuchdruck. Auch die auf das Glarnerland bezogenen Beiträge eröffnen den Blick auf dessen weltumspannende Vernetzung. Bedenkt man die geographische Lage des Linth-Kantons, die politischen Umstände Europas seit der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg, bedenkt man den tiefgreifenden sozialen und strukturellen Wandel durch den enormen Schub der Dampfkraft und die Nutzung der Wasserkraft hin zur maschinellen Fabrikarbeit, die ferne Herkunft von Baumwolle und Farbstoffen aus tropischen und subtropischen Klimazonen, den beschwerlichen Transitverkehr über See, flussaufwärts oder auf dem Land über die Hindernisse der Alpenpässe, oder bedenkt man die damals für den Westen exotischen Wünsche, Bedürfnisse und Gepflogenheiten ferner Absatzmärkte im Orient, so gelangt man in eine Sphäre globaler Kultur- und Gesellschaftsgeschichte, die man anhand erlesener Stoffe nachvollziehen kann. Sie sind unter anderem in den Sammlungen des Museums des Landes Glarus im Freulerpalast in Näfels, im Glarner Wirtschaftsarchiv in Schwanden oder im Comptoir Daniel Jenny in Ennenda erhalten.
Was die Glarner Zeugdruckgeschichte anbelangt, finden sich in diesem Tagungsband unter anderem die Beiträge von Bettina Giersberg, Direktorin des Museums des Landes Glarus, zu den Handelsbeziehungen der Netstaler «Rabenfabrik» der Familie Weber zu Syrien und den dortigen Lebensbedingungen der angehörenden Schweizer Familie; von Helen Oplatka, Wirtschaftshistorikerin im Glarner Wirtschaftsarchiv, zur Geschichte des Artikels «Yasma» (im Glarnerland auch «Türkenkappen» genannt), Schleier- und Turbantücher für den Orient, hier am Beispiel der Produktion der Gebrüder J. & J.R. Streiff in Glarus und dessen Einfluss auf die Glarner Wirtschaftspolitik; sowie von Daniel Aebli, Kunsthistoriker, zu politisch motivierten Bildertüchern der Firmen Barth. Jenny & Cie. in Ennenda und Jenny & Co. in Ennetbühls nach Bulgarien im Kontext spannungsgeladener europäischen Zeitgeschichte. Anhand zweier Notizen von 1849, zum einen betreffend Einkauf von roher Baumwolle aus Louisiana in Liverpool, zum anderen betreffend Verkauf von bedruckten Kopftüchern nach Konstantinopel, und weiterer zeitnaher Quellen im Comptoir Archiv, verfolgt Reto Jenny den Ablauf der Produktion und des Handels vom Anbau der Baumwolle in den Südstaaten Amerikas, der Verarbeitung im Glarnerland, der Fracht auf strapaziösen Verkehrswegen, bis hin zum Verkauf des fertigen Produktes im östlichen Mittelmeerraum.
Die spezielle kunst-, wirtschafts- und sozialgeschichtliche Bedeutung des geschilderten Zeugdrucks und der einstigen Manufakturen in der Schweiz wird auch von Helen Bieri Thomson, Direktorin des Schweizerischen Nationalmuseums Château de Prangins hervorgehoben. Daselbst soll in naher Zukunft ein Zentrum für Zeugdruck geschaffen werden und eine Dauerausstellung entstehen, welche die Erzeugnisse alter Manufakturen als erste Waren des globalen Handels zeigen. Erweitert wird die Ausstellung durch eine Internet-Plattform mit dem Ziel, den Nutzern eine Gesamtsicht der schweizerischen Zeugdruck-Produktion zu bieten.
Der Tagungsband der «Siegburger Tuch Gespräche» zum Thema «Stoffe lesen – Stoffe erzählen Geschichte» ist erhältlich im Glarner Buchhandel und im Fabrikladen «Baumwollblüte» in Ennenda. 208 Seiten, Format A 4, reichhaltig und farbig illustriert für Fr. 36.–
ISBN 978-3-033-07530-6 Edition Comptoir Blätter 16/17, 2020