Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03662.jsonl.gz/2676

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
In Aislings Heften sind viele Seiten herausgerissen. Vielleicht fand er vieles als zu banal und nicht mitteilungswürdig genug, oder wollte er, dass ihm ein etwaiger Leser nicht zu nahe treten kann. Wie lange hatte er als frisch gebackener Schauspieler in London ausgeharrt? Kleinere Rollen mochten für ihn abgefallen sein. Aber es ist mehr als wahrscheinlich, dass er sich mit „Gigs“ (Engagements) in Pubs und Clubs über Wasser hielt.
Im 4. Heft vermerkte Aisling, dass er immer wieder in den Londoner Docks versucht hatte, sich als Matrose auf einem Überseefrachter zu verdingen. Endlich begegnete er dort dem „Skipper“ (Kapitän) eines verwahrlosten Frachters, ausserdem ein Landsmann. Nur mit Mühe konnte er den Namen des Schiffes entziffern: KINKELLA. Aber lassen wir hier Aisling zu Wort kommen:
„Was lungerst du hier herum“, fragte mich barsch ein dickbäuchiger, struppiger Mann. Seine Mütze mit verblassten Goldstreifen sass schief auf seinem Kopf. Sein Wams war aufgeknöpft. „Es ist doch keine Schande, auf einem Schiff Arbeit zu suchen, oder?“
„Ein Grünschnabel, eine Landratte wie du hat kein Platz auf meinem Schiff“, sagte er, kehrte mir den Rücken und nahm einen Schluck aus seiner Whiskybuddel. Aber ich liess nicht locker. „Da“, deutete er auf die vielen Säcke auf dem Quai, „hilf beim Verladen.“
Ich schuftete stundenlang und konnte die schweren Säcke kaum heben. Waren sie mit Altmetall gefüllt? Der Holzsteig zum Schiff wankte. Mehrmals wäre ich fast ins Dreckwasser geplumpst.
Als alles verladen war, erschien der Kapitän wieder und bezahlte die Taglöhner. „Ich habe noch einen Sack, den ich aufs Schiff bringen muss“, sprach ich ihn keck an und wies auf meine Habseligkeiten.
„Du bist ein hartnäckiger Wurm“, schnauzte er mich an und spuckte aus.
„Ich stamme aus County Cork“, sagte ich, bloss, um etwas zu sagen.
Der Kapitän merkte auf und sagte: „Ich auch! Also geh‘ hoch. Wenn du mir Schwierigkeiten machst, schmeisse ich dich über Bord.“
Der Anker wurde gelichtet. Ich war an Bord ‒ Ahoi! ‒ und half beim Einrollen der Seile. Die Mannschaft verzog sich in den Bauch des Schiffs. Ich fügte mich mit einer Blechschale in die Reihe. Der Koch schöpfte eine dicke Kohlsuppe mit Kartoffeln und einigen wenigen Fetzen Suppenfleisch aus einer dampfenden Tonne, die mich an unsere Waschküche erinnerte. Ich fasste Mut und fragte einen der Gesellen: „Wohin geht’s?“ Er verschluckte sich beinahe ob meiner dummen Frage. „Hast du schon von Shanghai gehört?“ Ich nickte und sagte: „Ein toller Hafen, einer der grössten auf der Welt.“ Wie gut, dass ich in der Geografie aufgepasst hatte.
In der Kajüte fand ich meinen Schlafplatz. Der Gestank stach mir in die Nase. Ringsum mich grölten und soffen die Seebären. Sollte ich es jetzt schon wagen, meine Zither zu spielen? Ich kuschelte mich in einem Winkel. Niemand bemerkte meine zaghaften Laute. Erst als ich meine Fistelstimme beigab, horchten einige auf.
Ich weiss, dass die Iren sehr sentimental sein können. Mehrere stimmten in den Gesang ein. Meine Kapriolen amüsierten sie. Ich war in guter Gesellschaft und trank wacker mit, wohl zu viel, denn am Morgen erwachte ich mit einem Kater. Das Schiff schaukelte, und mir wurde noch übler. Zum Kotzen! Während den 1. Tagen musste ich viele Handlangerdienste leisten und Schiffsplanken schrubben. So konnte es nicht weitergehen. Ich würde Shanghai als Leiche erreichen.
Der Koch stammte aus Indonesien, und ich fragte ihn, ob ich seine Küchenhilfe sein könnte. „Ask ‚Kajatan‘ O’Leary", damit meinte er den Kapitän. Jeden Tag wurde die gleiche Suppe aufgetischt. Mit dem gleichen Aufwand, schloss ich, liesse sich ein „Irish Stew“ anrichten, mit weniger Kartoffeln doch mehr Reis, und gab es kein Fleisch, könnten es auch Fische, notfalls sogar Fischköpfe, sein …
Mehrere Tage vergingen, oder sind es Wochen gewesen? Und noch immer war ich unentschlossen, denn ich wollte nicht über Bord geworfen werden. Die Bräuche auf hoher See müssen anders als auf dem Land sein. Und ich hatte nicht einmal einen Pass … Niemand würde nach mir krähen. Wie konnte ich dem Kapitän meinen Vorschlag anbringen? Er war ein Dickwamst, und das kam gewiss nicht vom Frass, den die Mannschaft bekam, folgerte ich. Auch hatte ich festgestellt, dass es in der Küche 2 Ein- und Ausgänge gab, einer führte über eine Treppe ins höhere Revier, die dem Kapitän, dem Steuermann und anderen Bevorzugten vorbehalten war. Ein Kasten in der Küche war verriegelt. Was konnte er enthalten?
Also denn, schlich eines Tages zum Steuermann hoch und fragte ihn, wo der Kapitän sei. „Ganz gewiss nicht hier“, antwortete er lachend. „Er schläft um diese Zeit seinen Rausch aus.“
Und nachher, ist er dann umgänglich gestimmt?“
„Schwer zu sagen. Willst du ihm eine Ballade vorsingen?“
Immerhin hatte ihn mein Ruf erreicht – und den Kapitän hoffentlich auch. Ich fand den Steuermann recht sympathisch und dankte ihm für die Auskunft.
„Was führst du im Schilde?“
Ich vertraute ihm an, dass ich Küchenhilfe werden möchte, denn ich weiss, wie man ein gutes Irish Stew zubereitet.
„Das möchte ich geniessen“, grinste der Steuermann. „Ich werde ein gutes Wort für dich einlegen.“
Der Steuermann hielt sein Versprechen. Der Kapitän winkte mich eines Tages zur Seite. „Kaum bist du hier, willst du schon mehr verdienen, willst sogar den Küchenchef ersetzen. Ein Irish Stew hast du gesagt …“
„Ganz genau so, wie es meine Mutter gemacht hat“, versicherte ich ihm, „ solange es hier die rechten Zutaten gibt.“
„Die rechten Zutaten – hoffentlich ohne Currypulver“, brummte er.
„Und fehlt etwas, werde ich improvisieren“, versprach ich.
Genug über das Irish Stew. Ich wurde in die Küche abkommandiert. Das Gericht gelang. Mein Leben wurde erträglicher. An mehreren kurzen Zwischenhalten unterwegs nach Shanghai deckten wir uns mit Proviant, Whisky und Trinkwasser ein.
Als wir endlich in Shanghai anlegten, bat ich den Steuermann, mein Führer in der fremden Stadt zu sein. „Die Bordelle findest du allein, aber wenn du mehr sehen willst, bin ich dabei.“
Wer von London kommt, der findet sich auch im Tumult dieser Stadt zurecht. „Willst du die Tempel besichtigen?“
Ich nickte begeistert. So klopften wir Sehenswürdigkeiten wie den Langhua und Jade Buddha Tempel ab, besichtigen die Malereien von Ren Xiong. Ich saugte so viel von der chinesischen Kultur auf, wie ich nur konnte. Der Steuermann brachte mir sogar einige Brocken Mandarin bei. Allein schon deswegen hatte sich meine Reise gelohnt.
Inzwischen war das Altmetall, oder was immer in den Säcken lag, ausgeladen. Leichtere Säcke, wohl voller Stoffballen, wurden verladen, auch viele Kisten mit Porzellan. Auf der Rückfahrt nach London kam es zu einem Zwischenfall, der bös hätte enden können. In Singapore bestiegen Zollbeamte das Schiff. Die Ladung musste auf das Deck befördert werden. Und was wurde von einem Zollbeamten in einigen Säcken entdeckt? Opium! Es gelang dem Kapitän zum Glück, diesen Beamten zu bestechen.
Wieder zuhause, plante ich meine nächste Fahrt in die weite Welt – diesmal nach Amerika – bedeutend umsichtiger. Viele Iren sind nach Amerika ausgewandert. Auf denn nach New York, wo ich viele Jahre verbrachte und einige Bühnenerfolge genoss.
*
Was ist mit seiner Muse Caitlin geschehen? Hoffentlich hat Aisling diese Seiten nicht aus seinen Heften gerissen.
Hinweis auf die vorangegangenen Aisling-Blogs