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Florence Foster Jenkins, „die schlechteste Sängerin“, hat an sich selbst geglaubt und deshalb Erfolg geerntet. Im Berner Effingertheater wirkt das überzeugend.
Nicht irgendeine Bühnengestalt ist sie, nein. Florence Foster Jenkins wurde 1868 in Pennsylvania (USA) als Tochter aus wohlhabendem Hause geboren. Zweimal scheiterte ihr Temperament an Schicksalsklippen. Zuerst weigerte sich ihr Vater, ihre talentierte Stimme ausbilden zu lassen. Jahre später, so vermutet man, steckte ihr Gatte sie mit Syphilis an. Als Folge der damals üblichen Behandlung mit Quecksilber-Arsen-Präparaten dürfte sie nicht nur ihr Haar verloren, sondern auch ihr Nervensystem und das Gehör dauerhaft beschädigt haben. Als geschiedene 41-Jährige setzte sie die Hinterlassenschaft ihres Vaters in die Lage, ihren Traum zu erfüllen und als Sängerin über 30 Jahre lang mit buchstäblich sagenhaftem Erfolg aufzutreten. Als die 76-Jährige die Carnegie-Hall mietete und die rund 3000 Platzkarten umgehend verkaufte – eine lange Schlange Tausender von Fans erhielt keinen Einlass mehr – war der Höhepunkt ihrer Karriere und ihrer Beliebtheit erreicht. Sie hatte sich so sehr verausgabt, dass sie erkrankte und einen Monat später starb.
Mehr als eine Biografie
Die Uraufführung von Peter Quilters Stück «Glorious!» fand 2005 in London statt, die Deutsche Erstaufführung (übersetzt von Horst Johanning) 2007 in Bonn. Der Autor zeichnet übereinstimmend die Biografie der von sich selbst so begeisterten Sängerin in vier Stationen nach: Zu Beginn erfährt man, wie der begleitende Pianist engagiert wird. Anfänglich mehr als nur schockiert, arbeitet er aber dann gut dreissig Jahre lang mit ihr zusammen. Ein nächster Teil spielt im Aufnahmestudio, ein dritter auf einem der zahlreichen Wohltätigkeitsveranstaltungen mit höchsten Kreisen als Publikum. Der vierte Hauptteil schliesslich zeigt das legendäre Konzert in der Carnegie-Hall. Vor diesem Höhepunkt eingebaut läuft eine dramatisch und komödiantisch geschickt eingeflochtene Art von retardierender „seitlicher Arabeske“, jedoch mit eher wenig direkter Bedeutung für den Inhalt oder den Ablauf der Handlung. (Dafür allerdings mit grossem komödiantischem und überraschendem Effekt.) Ein Epilog am Schluss erzählt von Triumph, Krankheit und Tod der einmaligen Frau.
Der Freundeskreis der Florence auf der Bühne entspricht dem der damaligen Realität. Im Stück ist vermutlich einzig die Haushalthilfe hinzugefügt. Diese hat es in dieser Inszenierung allerdings in sich. Unter anderem auch, weil Agnieszka Wellenger die atemlos spanisch schwadronierende Mexikanerin mit der tänzerisch beschwingten Grazie einer Clownin spielt. Man freut sich an ihr sogar, wenn sie die einfachen Kulissen des Spielraums verschiebt.
Dieser stammt von Luis Graninger und ist konzeptionell auf einen Flügel, immer wieder frisch aufgestellte Blumen und verschiebbare Rahmen reduziert. Die Kostüme von Alexia Engl wirken aufreizend und sowohl aufeinander als auch auf Handlung und Ausstattung der Inszenierung abgestimmt.
Dennoch ist diese Komödie, in Zusammenarbeit mit den Vereinigten Bühnen Bozen produziert und von Christian Mair inszeniert, mehr als eine Biografie. Es ist ein Feuerwerk der Kalauer; die Pointen jagen sich oft mit verblüffenden rhetorischen Effekten. Den absurdesten Situationen wird der perlende Charme eines auch oft ins Ironische spiegelnden Witzes des Worts, der Gestik und der Mimik abgewonnen. Dorothy, die aufgetakelte Freundin und Assistentin der Florence, erhält von Patrizia Pfeifer eine belustigende Mischung von Femme fatale und ziellos sich ausbreitender Schwärmerin. In die verbissen verkrampfte Überbringerin einer Petition gegen die Unmusikalität bei den Veranstaltungen mit der schieftönenden Sängerin verwandelt sich nochmals Agnieszka Wellenger so gut, dass man sie kaum wiedererkennt.
Von links: Patrizia Pfeifer (Dorothy), Agnieszka Wellenger (Mrs. Verindah-Gedge), Horst Krebs (St.Clair Bayfield), Brigitte Jaufenthaler (Florence Foster Jenkins).
Horst Krebs wirkt als Manager und Liebhaber St. Clair Bayfield vielseitig, jovial und, wenn er auch ein Flirtchen mit Dorothy kaum ablehnen könnte, als wahrhaft guter, aufrichtiger Freund. Dem armen Cosme McMoon schmerzen die Ohren ob den halsbrecherischen, abenteuerlich falsch tönenden Koloraturen und Melodieführungen der begeisterten Sängerin. Das Geheimnis seiner jahrelangen Treue als deren Begleiter am Flügel ist kaum zu verstehen. Wie Florian Eisner jedoch diesen widersprechenden Gefühlen und Situationen Glaubwürdigkeit verleiht, das wirkt eindrücklich.
Florence Foster Jenkins (Brigitte Jaufenthaler) als Königin der Nacht in der Carnegie-Hall
Bleibt Florence Foster Jenkins. Schon zu ihren Lebzeiten hat man darüber den Kopf geschüttelt, dass sie den Spott und das Gelächter ihres falschen Singens wegen kaum wahrnahm. Hier auf der Bühne wird sie als Frau mit einer fast riesenhaften Kraft gezeichnet, mit welcher sie nicht nur an sich selber glaubt, sondern sogar noch überzeugt ist, ihre zahllosen Bewunderer mit ihrem Gesang glücklich zu machen. Brigitte Jaufenthaler macht es möglich, dass auch die Menschen im Zuschauerraum letztlich daran glauben. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, hat die reale Miss Foster noch falscher gesungen als Brigitte Jaufenthaler in dieser Inszenierung, und das ist bemerkenswert. Es braucht nämlich grosse Konzentration und nicht unbeträchtliches Können, um neben einer fehlerfreien Klavierbegleitung dermassen „nur ein wenig“ falsch zu singen. Die relative Nähe am korrekten Melodieverlauf, die wenigen tapsigen falschen Töne – beides wirkt so als Darstellung des Schiefen, Unglaublichen noch stärker. Es wird dem Urbild auch gerechter. So kann das Menschliche durchscheinen und ertrinkt nicht im Grotesken. Das ist die Stärke an Brigitte Jaufenthalers Interpretation. Sie gestaltet aus dieser tragischen Gestalt keine schwankhafte Karikatur, sondern eine Person voller positiver Energie, voll unerschütterlichem Glauben an sich selbst und an ihren Traum. Damit wird aus dem Feuerwerk der Kalauer etwas, das im Innersten auch noch andere Saiten zu berühren vermag.
Am Anfang: Die Sängerin und der Pianist Cosme McMoon (Florian Eisner)
Bilder: © Marco Riebler
Weitere Aufführungen bis 22. April