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Junge Journalistinnen und Journalisten haben sehr ähnliche Motive und Rollenvorstellungen wie ihre Vorgängerinnen und Vorgänger. Nur: Sie sind weniger zufrieden, leiden unter Stress und Überstunden. Und eine Mehrheit von ihnen glaubt nicht, dass sie ihr ganzes Berufsleben im Journalismus tätig sein wird. Das zeigt eine Studie von Lauro Mombelli und Daniel Beck.
Interview Bettina Büsser
EDITO: Sie haben in einer Umfrage nach den «Zielen, Arbeitsbedingungen und Zukunftsperspektiven von Journalistinnen und Journalisten in der Schweiz am Anfang ihrer Karriere» gefragt. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?
Lauro Mombelli: Zu den wichtigsten Punkten gehören die Motive zur Berufswahl: Es sind vor allem Motive, die sich dem Bereich «Selbstverwirklichung» zuordnen lassen, also etwa, weil Journalismus eine abwechslungsreiche und aufregende Tätigkeit ist, bei der man kreativ sein kann. Idealistische Motive, zum Beispiel, sich für Freiheit und Demokratie einzusetzen, sind ebenfalls wichtig. Materielle Motive wie Gewinn oder Status spielen eine deutlich geringere Rolle. Übrigens liegt das mittlere Bruttoeinkommen der Befragten zwischen 5000 und 6000 Franken pro Monat. Positiv ist, dass die Autonomie, die die Befragten bei ihrer Arbeit verspüren, relativ hoch ist.
Wo gab es weniger positive Ergebnisse?
Mombelli: Beim Thema Überstunden und Stress. Fast die Hälfte der Befragten leistet mehr als drei Überstunden pro Woche, zwei Drittel der Befragten erleben Stress bei der Arbeit. Im Vergleich zu früheren Umfragen hat die Zufriedenheit abgenommen. Und eine Mehrheit der Befragten hält es für unwahrscheinlich, dass sie ihr ganzes Berufsleben im Journalismus tätig sein wird.
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Laut der Studie würde ausserdem ein Viertel der Befragten davon abraten, den Beruf zu ergreifen. Hat euch das überrascht?
Daniel Beck: Mich hat vor allem das Resultat überrascht, das sich zeigte, als wir noch zwischen der Gruppe der 19- bis 24-Jährigen und der Gruppe der 25- bis 31-Jährigen unterschieden haben: Bei der jüngeren Gruppe haben 75 Prozent gesagt, sie würden den Beruf weiterempfehlen, bei den Älteren, die ja in der Regel schon ein paar Jahre Berufserfahrung haben, waren es nur noch 53 Prozent. Die Leute kommen also topmotiviert in den Beruf, aber bereits nach ein paar Jahren folgt eine grosse Ernüchterung. Das ist ein Signal. Die Arbeitsbedingungen müssen in den nächsten Jahren besser werden, damit man die Leute nicht so rasch vergrault.
Mombelli: Allerdings können wir nicht sagen, wie es in anderen Berufen aussieht, ob man auch dort am Anfang im neuen Beruf sehr motiviert ist und mit den Jahren dann die Ernüchterung kommt.
«Die Autonomie, die die Befragten
bei ihrer Arbeit verspüren, ist relativ hoch.»
Lauro Mombelli
Gibt es in anderen Berufen ähnliche Studien über Berufsanfängerinnen und -anfänger?
Beck: Wir haben nicht systematisch danach gesucht, denn wir haben unsere Resultate eher mit früheren Studien zur Situation von Journalistinnen und Journalisten verglichen, die sich nicht speziell auf junge Leute beschränkt haben, so etwa die «Worlds of Journalism Study» (WJS), die 2016 erschienen ist. Es gibt jedoch allgemeine Umfragen des Bundesamts für Gesundheit zum Thema Stress im Beruf. Dort sieht man, dass die Belastung im Journalismus überdurchschnittlich ist.
Wenn ihr eure Resultate mit früheren Studien wie die WJS-Studie vergleicht, bei denen ähnliche Fragen von Journalistinnen und Journalisten aller Altersklassen beantwortet wurden: Wo gibt es die grössten Unterschiede zwischen den «Jungen» und den «Alten»?
Beck: Bei den «Jungen» arbeiten mehr frei oder sind befristet angestellt, entsprechend sind auch die Durchschnittslöhne tiefer. Zudem ist der Frauenanteil bei den «Jungen» höher, bei unserer Umfrage kamen etwa
60 Prozent der Antworten von Frauen. Bei den älteren Generationen sind die Männer in der Mehrheit. Ausserdem arbeiten bei den «Alten» Frauen häufiger Teilzeit als Männer, das ist bei den «Jungen» nicht mehr so: Wir haben bei der Teilzeitarbeit keine Unterschiede nach Geschlechtern festgestellt.
Gab es sonst grosse Unterschiede in Bezug auf die Geschlechter?
Beck: Bei den Frauen lagen die Löhne leicht tiefer als bei den Männern. Das hat vor allem damit zu tun, dass mehr Frauen bei privaten elektronischen Medien, bei reinen Online-Medien und als freie Journalistinnen arbeiten, und dort sind die Löhne tiefer. Keine Unterschiede gab es bei den Themen Stress oder Berufszufriedenheit.
Es wurden ja in letzter Zeit in der Medienbranche Fälle mit übergriffigen oder distanzlosen Vorgesetzten bekannt. Gab es dazu irgendwelche Hinweise in den Antworten?
Beck: Wir haben nicht explizit nach Übergriffen gefragt, aber Fragen wie «Gibt es Probleme in der Redaktion mit Kolleginnen und Kollegen?» gestellt. Das hat rund ein Sechstel der Befragten angekreuzt.
Eine Mehrheit der Befragten hält es für unwahrscheinlich, dass sie ihr ganzes Berufsleben im Journalismus tätig sein werden. Ein Viertel würde anderen davon abraten, diesen Beruf zu ergreifen.
Es gab auch Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer aus der französischsprachigen Schweiz. Gab es da Unterschiede zur Deutschschweiz?
Beck: Leider hatten wir nur etwa 20 bis 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der französischsprachigen Schweiz, das reicht nicht für statistisch gesicherte Aussagen. Das liegt daran, dass wir via Verbände rekrutiert haben und den grössten Teil via Junge Journalistinnen und Journalisten Schweiz (JJS), die vor allem in der Deutschschweiz aktiv sind. Frühere Studien haben aber kaum Unterschiede festgestellt. Ausser, dass in der Romandie weniger Journalistinnen und Journalisten in den sehr tiefen Einkommensklassen sind. Das liegt wohl daran, dass dort im Print- und Online-Bereich noch ein Gesamtarbeitsvertrag existiert.
Wo gibt es kaum Unterschiede zwischen «Alten» und «Jungen»?
Beck: Beim Rollenselbstverständnis gibt es über alle Altersklassen hinweg einen breiten Konsens. Alle identifizieren sich am stärksten mit der Rolle des neutralen Berichterstatters. Auch bei den Motiven für die Berufswahl gibt es kaum Unterschiede.
Die Zustimmungsrate der «Jungen» zur Rolle des Entertainers, also «Unterhaltung», liegt tief und ist nur wenig höher als bei «Alten». Da habe ich mich bei einem Vorurteil ertappt: Da die Jüngeren ja viel stärker mit Klickraten sozialisiert wurden, dachte ich, die Zustimmung würde höher ausfallen.
Mombelli: Ich kann verstehen, weshalb diese Vorstellung von der Entertainerrolle existiert. Aber: Wenn man wirklich für die Unterhaltung leben will, gibt es mittlerweile Plattformen, insbesondere Social Media, wo sich das noch besser ausleben lässt als im Journalismus. Ich habe bei meiner journalistischen Tätigkeit in verschiedenen Redaktionen nie erlebt, dass man Inhalte, die seriös sein sollten, in einen Infotainment-Charakter hineintransferiert hat, um die Klickrate zu erhöhen.
Beck: Frühere Studien zeigten, dass Rollenbilder wie «Dienstleister» und «Unterhalter» an Bedeutung gewonnen hatten. Deshalb hätte ich schon erwartet, dass wir bei der Identifikation mit publikumsorientierten Rollen deutlichere Unterschiede zu früheren Studien sehen. Aber das ist nicht der Fall.
«Die Arbeitsbedingungen müssen besser werden,
damit man die Leute nicht so rasch vergrault.»
Daniel Beck
Gab es sonstige Überraschungen beim Auswerten der Daten?
Mombelli: Bei mir nicht. Die Resultate haben sich eigentlich immer mit meinem Gefühl, meiner Wahrnehmung der Situation gedeckt.
Beck: Für uns war vieles nicht überraschend, wir wussten ja um die Probleme etwa bei den Arbeitsbedingungen. Unsere Studie kann nun zeigen, dass etwa Zeitdruck und Überstunden von einer grossen Zahl der jungen Leute in diesem Beruf als problematisch wahrgenommen werden.
Die Redaktionen und Medienunternehmen sind gefordert, im Rahmen ihrer Mittel zu reagieren. Es braucht auch ein offenes Ohr für die Ideen und Anliegen junger Journalistinnen und Journalisten, damit sie motiviert sind, im Beruf zu bleiben. Und wir müssen in Bezug auf Medienförderung dafür schauen, dass die notwendigen Ressourcen vorhanden sind, damit man anständige Arbeitsbedingungen bieten kann.
Mombelli: Heute wird von den Journalistinnen und Journalisten immer mehr verlangt, sie müssen immer mehr bieten und erhalten dafür immer weniger. Das ist eine Rechnung, die nicht aufgeht. Sie führt zu einem Nachwuchsproblem.
Du, Lauro, arbeitest nicht mehr im Journalismus, sondern in der Unternehmenskommunikation. Ist dieser «Seitenwechsel» auf die Umstände im Journalismus zurückzuführen?
Mombelli: Ich habe zehn Jahre lang Radio gemacht, mir aber vorgenommen, nach dem Masterabschluss auch noch einen anderen Bereich der Kommunikation kennenzulernen. Eine Rolle spielt auch, dass die Entwicklungsmöglichkeiten im Journalismus nicht exorbitant sind. Eine nächste Stufe wäre für mich vielleicht noch gewesen, beim öffentlichen Rundfunk Sendungen zu moderieren. Weitere Aussichten habe ich nicht gesehen. Ich hänge aber immer noch sehr stark am Journalismus und bin auch wieder als freier Mitarbeiter beim Radio tätig.
Das Gespräch fand am 10. Mai via Zoom statt.
Daniel Beck, 50, ist Lektor und Studienberater im Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Freiburg und Geschäftsführer der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft (SGKM). Neben seinem Studium in Geschichte, Politikwissenschaft und Medienwissenschaft arbeitete er von 1994 bis 1999 als Journalist beim «Thuner Tagblatt».
Lauro Mombelli, 27, ist seit 2022 Juniorfachspezialist Unternehmenskommunikation bei der Berner Kantonalbank. Er war bereits in seiner Gymnasiumszeit für Radio RaBe tätig. Danach arbeitete er neben seinem Studium in Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Universität Freiburg unter anderem beim Studentenfernsehen UNICAM sowie fünf Jahre lang als Moderator bei RadioFr. Er ist zudem Präsident der Programmkommission der SRG Bern Freiburg Wallis.
Bettina Büsser
Redaktorin EDITO
Aktuell
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