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Dmitrij Matwejtschew erregte Mitte März 2022 einige Aufmerksamkeit. Der Dumaabgeordnete forderte öffentlich, die USA sollten Alaska an Russland abtreten. Die Rückgabe der ehemaligen russischen Kolonie sei, so erklärte er, eine angemessene Kompensation für all die Schäden, die der „vaterländischen“ Wirtschaft durch westliche Sanktionen entstünden. Einige US-amerikanische TV-Sender griffen die Meldung auf und Mike Dunleavy, der Gouverneur Alaskas, twitterte: „Good luck with that!“ Doch angesichts der dramatischen Nachrichten vom Krieg Russlands gegen die Ukraine geriet das Thema rasch wieder in Vergessenheit. Dabei gehört die Idee, der Verkauf Alaskas an die USA im Jahr 1867 müsse – wie auch immer – rückgängig gemacht werden, bereits seit einiger Zeit zum Grundrauschen des russischen Neoimperialismus.
„Wir haben die Krim zurückgeholt, ihr müsst Alaska zurückholen!“
Insbesondere seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim im Jahr 2014 wird die Rückgabe der Region von russischen Politikern und Meinungsmachern immer wieder thematisiert. Dass viele dieser Äußerungen im Gewand scheinbar scherzhafter Bemerkungen daherkamen (etwa, wenn Wladimir Putin das Wortspiel „Eis-Krim“ nutzte), ermöglichte es, das Thema zu setzen und zugleich als absurd zurückzuweisen.
Dennoch – oder gerade deshalb – fanden sich in Inszenierungen und Repräsentationen der neuen russischen Größe immer öfter auch Verweise auf das „russische“ Alaska. Ganz offensiv wurde und wird dabei der Zusammenhang zur Halbinsel im Schwarzen Meer hergestellt: „Wir haben die Krim zurückgeholt, ihr müsst Alaska zurückholen!“ lautet etwa die Inschrift auf einer 2016 errichteten Marmortafel in der Stadt Jewpatorija. Manchem mögen auch noch die hellen Stimmen jener jugendlichen Kadetten im Ohr klingen, die 2017 in einem professionell produzierten Video mit dem Titel „Onkel Wowa, wir sind mit Dir“ unter anderem davon sangen, dass sie dereinst Alaska „in den Hafen der Heimat“ zurückführen würden. Und 2021 erklärten führende Protagonisten der russischen Verwaltung auf der Krim, wenn es den USA ernst sei mit historischer Gerechtigkeit, sollten sie den ersten Schritt gehen und Alaska zurückgeben.
Ökonomische Potenziale und „russische Besitztümer“
Doch je lauter die Forderung nach einem russischen Alaska artikuliert wurde – so etwa vom unlängst verstorbenen Enfant terrible der russischen Politik Wladimir Schirinowski – desto offenkundiger schien es, dass es sich dabei um substanzlose Gedankenspiele handelte. Doch aus zwei Gründen wird der neo-imperiale Alaskadiskurs nun ernster genommen: Erstens wird die Region unter geostrategischen Aspekten in den kommenden Jahrzehnten an Bedeutung gewinnen. Aufgrund des Klimawandels verringern sich die Eismengen in den arktischen Meeren und es entstehen dauerhaft nutzbare Routen, die den globalen Handel verändern werden. Zugleich könnten bislang unzugängliche Rohstoffvorkommen in der Arktis erschlossen werden. Und schließlich stellt das tauende Eis auch eine militärische Herausforderung dar. Russland hat ökonomische sowie strategische Risiken und Potenziale dieser gravierenden Veränderungen erkannt und baut im Zuge einer Arktisstrategie seine Präsenz im Norden massiv aus. Die USA reagieren mit Manövern und dem Ausbau ihrer Truppenpräsenz in der Region. In diesem beginnenden „Kalten Krieg“ kommt Alaska eine zentrale Rolle zu.
Und zweitens zeigt Russlands Krieg in der Ukraine, wie lebendig in Moskau das Denken in imperialen Kategorien ist. Der Verweis auf die imperiale Vergangenheit Alaskas ist in diesem Zusammenhang nicht als konkrete Restitutionsforderung zu begreifen. Sie steht hier vielmehr für ein Russland, das sich seiner „historischen“ Grenzen bewusst ist. Als etwa der amerikanische Präsident Joe Biden am 26. März 2022 in Warschau erklärte, Russland begebe sich mit dem Krieg gegen die Ukraine auf den Weg zurück ins 19. Jahrhundert, hieß es auf dem offiziellen Twitter-Account der russischen Botschaft in Kanada: Mit Blick auf Alaska sei das eine gute Idee. Dazu wurde eine historische Karte veröffentlicht, auf der die „russischen Besitztümer in Amerika“ verzeichnet waren.
Ein schlechtes Geschäft?
Solchen revisionistischen Ideen liegt die in Russland durchaus populäre These zugrunde, bei dem 1867 abgeschlossenen Geschäft sei es nicht mit rechten Dingen zugegangen und Russland habe nach wie vor einen historisch begründeten Anspruch auf die Region. In zahllosen Dokumentationen, Artikeln, Büchern und Internetforen wird dieser Gedanke diskutiert. Fraglich scheint dabei lediglich, wer Schuld an dem angeblichen Debakel trug: Mal wird der russische Unterhändler Baron von Stoeckl bezichtigt, sich an dem Vertrag bereichert zu haben, mal werden die „Verräter“ in Petersburger Ministerien vermutet. Andere Autoren argumentieren hingegen, das Territorium wäre lediglich für 99 Jahre verpachtet worden und Leonid Breschnew habe es in seiner Eigenschaft als Generalsekretär versäumt, berechtigte Ansprüche geltend zu machen. Kurzum: Letztlich basieren all diese Theorien auf der Annahme, am 30. März 1867 sei nicht Alaska, sondern Russland „verkauft“ worden.
So vertraut uns diese Denkfigur imperialer Zurücksetzung und Demütigung heutzutage auch erscheinen mag, die Zeitgenossen hatten eine völlig andere Wahrnehmung der Dinge: Als das Russische Imperium seine nordamerikanische Kolonie an die USA verkaufte, löste dies nicht in Russland, sondern in den USA erheblichen Widerspruch aus. Das Geschäft sei eine miserable Idee und ein fataler Fehler, hieß es in der US-amerikanischen Öffentlichkeit. Der Kaufpreis von 7,2 Millionen Dollar sei viel zu hoch für dieses vermeintlich wertlose Territorium. Von „Ice-Bergia“ und „Wal-russia“ schrieben die Zeitungen.
In Russland hingegen gab es kaum Proteste gegen die im kleinsten Kreis um Zar Alexander II. getroffene Entscheidung, die einzige russische Überseekolonie aufzugeben. Im Gegenteil: Mit diesem Schritt entledigte sich das Imperium auf einen Schlag mehrerer Probleme, die seit einigen Jahren immer drängender geworden waren und für die sich keine Lösung abzeichnete. Zunächst einmal erforderte der Unterhalt der Kolonie wesentlich größere Mittel, als sie Gewinne einbrachte. Denn die Seeotter, deren wertvolle Felle ganz entscheidend zur russischen Expansion in den Nordpazifik beigetragen hatten, waren nach etwas mehr als einem Jahrhundert russländischer Kolonialherrschaft beinahe ausgerottet. Andere Einnahmequellen gab es praktisch nicht; die Gold- und Ölvorkommen Alaskas waren noch weitgehend unbekannt. Doch nicht nur ökonomisch, sondern auch militärisch wurde die Kolonie unhaltbar. Die russischen Truppen in der Region zählten lediglich einige hundert Mann und hätten gegen einen ernsthaften Angriff kaum etwas ausrichten können.
Diese Abkehr vom nordpazifischen Raum war nicht zuletzt eng mit der Geschichte der Krim verbunden. Denn eine Episode des so genannten Krimkriegs (1853-1856) spielte sich nicht am Schwarzen Meer, sondern im Nordpazifik ab: 1854 attackierten britische und französische Kriegsschiffe den Hafen Petropawlowsk auf Kamtschatka. Zwar wurde der Angriff abgewehrt (ein bis heute intensiv kommemoriertes Ereignis), doch er zeigte auch, wie verwundbar das Imperium am Nordpazifik war. Auch deshalb gerieten Alaska und die gesamte Region aus dem Fokus des imperialen Zentrums. Spätestens seit Beginn der 1860er Jahre richteten sich die Ambitionen Russlands auf die Eroberung Zentralasiens und die Durchdringung des Fernen Ostens. So fiel etwa die Gründung der Festung Wladiwostok („Beherrsche den Osten“) in diese Phase der imperialen Neuausrichtung.
Deutungen und Forderungen
Seit 1867 war „Russisch-Amerika“ in erster Linie ein Fall für Historiker:innen. Im Zentrum ihrer Debatten stand zumeist die Frage, ob und inwiefern es sich bei der Überseekolonie um einen Sonderfall russisch-imperialer Herrschaft handelte. Dabei spielten auch die grausame Dezimierung indigener Bevölkerungen auf den nordpazifischen Inseln sowie die ökologischen Folgen der rücksichtslosen Ressourcenausbeutung eine wichtige Rolle.
Im Denken von Nostalgikern und Revisionisten des Imperiums sind solche Themen irrelevant. Ihnen geht es um Dimensionen wie Macht, Größe und imperiales Prestige. Der Verkauf der Kolonie stellt in dieser Perspektive eine Niederlage dar, die sich zwar nicht wettmachen lässt, die aber auch nicht als endgültig anerkannt werden kann. Daraus resultiert eine diskursive Melange, in der sich ernsthaftes historisches Interesse, Drohgebärden und pseudo-ironische Bemerkungen miteinander verbinden. Ihren Ausdruck findet sie in territorialen Forderungen, dem Ruf nach der Bewahrung des „russischen Erbes“ oder in der Vorstellung, die Geschichte der nordamerikanischen Kolonie müsse als Geschichte russischer Zivilisierungsmission und Dominanz geschrieben werden.
Zumindest die Übergabe Alaska an die neuen Besitzer am 18. Oktober 1867 bot dafür kein geeignetes Anschauungsmaterial: Die russische Flagge zerriss, als sie ein letztes Mal feierlich eingeholt werden sollte, und Maria Maksutowa, die Frau des letzten russischen Gouverneurs, fiel daraufhin in Ohnmacht. Im Logbuch des amerikanischen Marineschiffs, mit dem die Delegationen beider Seiten gemeinsam zur Zeremonie angereist waren, hieß es am Abend dieses Tages: „No longer Russian America.“ Und dieser Satz gilt. Bis heute.