Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03336.jsonl.gz/1130

Doo Wop und wahre Grösse
Am 4. Januar strahlte das Erste Deutsche Fernsehen ARD eine Doku aus mit dem Titel 20 Feet From Stardom. Dieser Dok-Film hört dorthin, wo man sonst nicht hinhört und bringt jene Sängerinnen in den Kegel des Scheinwerferlichts, die sonst im Schatten stehen: die Background-Sängerinnen. Das 2014 mit dem Oscar für die beste Dokumentation prämierte Meisterwerk von Morgan Neville (kein Mitglied der New Orleans-Familie) konzentriert sich auf die Schwarzen Background-Sängerinnen der 1960er bis 1980er Jahre, als Musiker von Ray Charles bis Frank Sinatra und von Neil Diamond bis zu David Bowie ihren Sound anreicherten mit Backgroundsängerinnen, die zumeist namenlos blieben, obwohl sie erstens wunderbare Stimmen haben und zweitens oftmals die Lieder so grundlegend veränderten, dass sie bedeutend mehr waren als ein Teil der Instrumentierung. Der Dok-Film erzählt die Geschichten von Schwarzen Sängerinnen, die wohl gerne selbst im Rampenlicht gestanden hätten, aber es nie schafften, und die daher bis heute Geheimtipps blieben.
Wer hätte schon einmmal von Darlene Love gehört? Oder von Merry Clayton? Lisa Fisher? Von Tata Vega vielleicht? Oder von Judith Hill? Vielleicht kennt man die Namen nicht, aber die Stimmen sehr wohl. Merry Clayton hat eine einzigartige und eingängliche Stimme, die jeder und jede, der oder die sich mit der amerikanischen Musik der letzten 30 Jahre beschäftigt hat, garantiert schon gehört hat. Lisa Fisher gilt als «Weiblicher Rolling Stone», weil sie seit 1989 jeweils gerufen wird, wenn Sir Mick einen weiblichen Gegenpart braucht.
Der Film von Morgan Neville, der unter anderem auch auch Regisseur war von Keith Richards : Under the Influence (2015), Pearl Jam Twenty (2011) Ray Charles America (2010) und Johnny Cash’s America (2008) gewann 2014 den Oscar für den besten Dok-Film. Während äusserst kurzweiligen 75 Minuten erzählt er die Geschichte des Schwarzen Background-Gesangs, der anscheinend vorwiegend von Frauen bestritten wurde, die Kirchenchor-Erfahrung mitbringen und die «harmonisieren» können, also zu einer Melodielinie die zweite und dritte Stimme finden können.
Die Frauen schildern die Träume und Schwierigkeiten ihres Lebens, denn wie Bruce Springsteen bemerkt, sind die «20 Fuss» zwischen Background-Mikrophon und dem zentralen Mikrophon des oder der Headliner eine weite Reise. Der Film erzählt von den Aufgaben und der Freude des Background-Gesangs und er schildert anhand zweier eindrücklicher Beispiele, was damit geschieht: Sweet Home Alabama (Background: Merry Clayton) und Lou Reeds Take a Walk On The Wild Side. Beides Songs, die ohne Background-Gesang nicht funktionieren (man stelle sich Wild Side vor ohne «Dub doo-dub, dub-dooroo-dub-doo-dub»).
Schwierig wird es, wo die Frauen mehr wollen, eine Solo-Karriere nämlich. Hier zeigt sich die Härte des Show-Business. Man merkt, irgendwas hat nicht geklappt, aber das liegt nicht an der Stimme: Darlene Love und Merry Clayton brauchen sich stimmlich nicht vor Aretha Franklin oder Tina Turner zu verstecken, aber trotzdem wurden sie nicht in diesem Masse berühmt.
Vielleicht ist er gerade hierfür, dass man diese Damen ins Herz schliesst und sich mit ihnen identifiziert. Und wenn Judith Hill (Sang u.a. mit Michael Jackson) von ihrem Solo-Traum erzählt, wünscht man ihr von Herzen alles Gute. Aber die wahre Grösse zeigt sich eben auch darin, sich in der Rolle bescheiden zu können. Oder wie Tata Vega sagt: «ich bin noch hier. Wäre ich ein Star geworden, wäre ich wohl an einer Überdosis gestorben». Das ist wahre pragmatische Grösse!
Der Film thematisiert die Rassenproblematik nicht, aber das ist auch nicht nötig: zu auffällig sind die Schwarzen Frauen aus kirchlichem Umfeld, die eine Show-business-Karriere wollten, die aber nicht bereit waren, dafür alle – inklusive ihrer Würde und ihres Körpers – in die Waagschale zu werfen. Schwarze Frauen aus der hier proträtierten Generation sind so sehr vom US-Rassismus betroffen gewesen, dass man gar nicht mehr weiss, wo man beginnen sollte. Immerhin finden sie in ihrer Arbeit, in ihrem Gesang, und in ihrer Teamstruktur als Background-Gruppe einen Zusammenhalt, eine Kameraderie, die für den entgangenen kommerziellen Verlust mindestens etwas entschädigen dürfte.
Die DVD ist für wenig Geld verfügbar, und wer die Fensehsendungen der letzten Tage noch aufnehmen kann: am 4. Januar zeigte die ARD um 23:15 den Film. Im Replayer des Senders ist der Film von der Schweiz aus leider nicht anwählbar, da müsste man dem Host-Computer schon vorgaukeln, man wäre in Deutschland.