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Auf einigen Andengipfeln in Ecuador
einigen
Andengipfeln in Ecuador
Jean Sesiano, Genf
1 Edward Whymper, ( Travels amongst the great Andes of the Equator ), London 1892.
227 Die Anden oder südamerikanischen Kordilleren - eine ausserordentlich lange Gebirgskette - erstrecken sich über etwas mehr als 7000 km entlang der Westküste Südamerikas. Sie verlaufen durch Chile und Argentinien, Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbien bis nach Venezuela. In Peru und Bolivien sind sie am breitesten; ihr höchster Gipfel ist der Aconcagua ( ca. 6960 m ) auf der Grenze zwischen Chile und Argentinien. Unter den Anden-Ländern ist Ecuador, obgleich siebenmal so gross wie die Schweiz, ein Zwerg. Doch in diesem Land wurden die Anden zum ersten Mal erkundet und systematisch erforscht. Dies geschah im vorigen Jahrhundert, 1879 und 1880, vor allem durch Edward Whymper und seinen getreuen Führer Carrel. Ihrer Expedition gelang die Bezwingung verschiedener Gipfel zwischen 4700 m und 6300 m, darunter des Chimborazo, des höchsten Berges von Ecuador, der lange Zeit auch als einer der höchsten der Welt galt1. In Ecuador sind die Anden schmal und bestehen aus zwei parallelen Ketten. Die westliche erstreckt sich mehr als 100 km von der Küste des Pazifischen Ozeans entfernt. Zu ihr gehören unter anderem Gipfel wie der Chimborazo, der Illiniza, der Pichincha und der Cotacachi, alle vulkanischen Ursprungs und einige noch tätig. Auch in der Ostkette, die die Amazonas-Ebene überragt, liegen verschiedene mehr als 5000 m hohe Vulkane, darunter der Cayambe, der Antisana, der Cotopaxi, der Altar, der Sangay und der Tungurahua. Die Grenze des ewigen Schnees reicht überall auf ungefähr 4900 m herab. Ein Hochtal, eine Art , verläuft von Nord nach Süd und trennt die beiden Ketten; dort liegt auf 2850 m die Hauptstadt Quito.
Unser Ziel ist die Besteigung einiger Gipfel, wobei die Auswahl allerdings von den klimatischen Gegebenheiten bestimmt wird. Juni und Juli oder aber Dezember und Januar scheinen die günstigsten - oder doch die am wenigsten ungünstigen - Monate zu sein, denn zu diesen Zeiten ist die nördliche oder südliche Sonnendeklination am grössten und daher die Sonne am Äquator am weitesten vom Zenit entfernt. Dadurch ist die Tageser-wärmung geringer und folglich das Risiko gewittriger Niederschläge begrenzter. Dieses sehr einfache Schema wird allerdings durch die Tatsache kompliziert, dass Wassermassen ( der Pazifik ) und Kontinentalmassen ( das Amazonasgebiet ) sehr verschieden auf Erwärmung reagieren. Es scheint, dass in der Westkette die Bedingungen im Juni und Juli günstiger sind, während in der Ostkette eine Verschiebung von sechs Monaten festzustellen ist; dies sind die beiden Trockenzeiten. Dagegen sind die Monate März und September- in denen die Sonne durch den Zenit geht - zum Bergsteigen ungünstig, denn dann herrscht Regenzeit. Weiter im Süden, näher zum Wendekreis des Steinbocks, sind natürlich die Bedingungen anders. Man sollte sich jedoch nicht zuviel Illusionen machen: In den Äquato-rialgebieten herrscht ständiger Tiefdruck und sehr oft Nebel im Übermass.
Unser erster Eindruck bei der Ankunft in Quito am 7. Juli 1985 ist positiv: Die Sonne strahlt am blauen Himmel. Bernard, der neun-zehnjährige Sohn eines Freundes, erwartet uns dort seit einigen Tagen. Er wird meine Tochter Laurence und mich auf unseren Exkursionen begleiten. Zwar ist das Gebirge nicht seine Leidenschaft, doch möchte er diese Welt kennenlernen.
Unser Akklimatisierungsprogramm beginnt: In den ersten beiden Tagen Ruhe. Am dritten Tag geht es zu einem kleinen, die Stadt überragenden Gipfel, dem Ungui ( 3600 m ). Am folgenden Tag mieten wir einen geländegängi- Die Ostwand des Chimborazo ( 6310 m ): Die beiden Hütten sind in der unteren ( mittleren ) Bildhälfte zu sehen gen Wagen, den wir für unsere Fahrten zu den verschiedenen Bergmassiven benutzen wollen, deren Entdeckung durch ein kürzlich erschienenes Büchlein2 erleichtert wird.
Ende des Nachmittags starten wir zum Gu-agua Pichincha ( 4794 m ), der etwa 15 km von Quito entfernt aufragt. Ein schlechter Weg führt uns bis auf zehn Minuten Entfernung an eine am Osthang des Vulkans errichtete Hütte ( ca.4500 m ) heran. Wir befinden uns knapp unter der Wolkendecke. Eine abwechslungsreiche Vegetation, vor allem Moose, dichte Gräser, Lobelien, bedeckt den Boden. Die Hütte ist offiziell geschlossen, doch wir gelangen durch eine unverriegelte Tür ins Innere. Neun Schlafstellen, jede mit einer Schaumstoffmatratze versehen, ausserdem ein Tisch und einige Stühle - alles aus Metall, weil man Vandalenakte fürchtet - bilden das ganze Mobiliar. Wir haben unsern Gaskocher angezündet, der jedoch sogleich Feuer fängt und bald den grossen Cheminée der Hütte erleuchtet, in den wir ihn befördert haben. Zu seiner Entschuldigung muss gesagt werden, dass er alt war! Pah, eine kalte Mahlzeit ist nicht so schlimm, auch bei einer Aussentemperatur um den Nullpunkt.
Am nächsten Morgen ist die Umgebung weiss verschneit, Ostwind bläst, und Nebel hüllt uns ein. Ein schmaler Pfad führt uns auf den Bergkamm, dem wir bis zum Gipfel folgen; noch mehrmals im Verlauf des Tages kehren wir dorthin zurück, doch vergeblich: Der Krater bleibt, trotz einiger flüchtiger Aufhellungen, unseren Augen verborgen.
Verärgert von dieser ersten Begegnung, beschliessen wir, uns nach Süden zu wenden. Von Regen, Nebel und Kälte verfolgt, quartieren wir uns in Machachi ein, einem kleinen Ort 40 km südlich von Quito. Dort haben wir Glück und finden einen Spirituskocher. Unser nächstes Ziel ist der Illiniza, ein Berg mit Zwillingsspitzen von mehr als 5000 m, nur getrennt durch einen 4750 m hohen Sattel. Die völlig verhängten Berge und das immer noch scheussliche Wetter veranlassen uns jedoch.
2 R. Rachowiecki, ( Climbing and hiking in Ecuador ), Bucks ( England ) 1984.
noch weiter nach Süden zu ziehen. Linker Hand sollten wir den Cotopaxi sehen, den höchsten tätigen Vulkan der Erde, doch Schneestürme ziehen über seine Hänge. Wir bringen die nächste Nacht in Latacunga zu, und werden wieder vom Geräusch des Regens in den Schlaf gewiegt. Unser Entschluss steht fest: Wenn sich die entfesselten Elemente die Hochebene zum Lieblingsort erwählt haben, werden wir uns dem Amazonasgebiet zuwenden; im Osten der Kordilleren sollten die Bedingungen doch recht anders sein. Wir studieren unsere Karte und wählen eine Strasse, die auf ungefähr 4200 m die Gebirgskette überqueren soll. Auf rund 3700 m lassen wir die letzten stroh- oder blechgedeckten Häuser und die letzten Kulturen hinter uns. Nebel hüllt uns ein, überall rieselt Wasser, zeitweise wirbeln Schneeflocken. Gelegentlich ahnt man ausgedehnte Torfmoore, an andern Orten sind die Flächen mit hohem dichtem Gras bestanden. Wir sind vollkommen allein. Die Fahrt auf die Amazonasseite hinunter führt über eine steinige, steile und schmale Piste, die sich unser Wagen mit einem Bergbach teilen muss. Der Himmel scheint sich aufklären zu wollen. Etwas weiter unten begegnen wir einem kleinen Jeep; sein Fahrer erklärt uns, dass gut 10 km weiter die Strasse unterbrochen ist und Instandsetzungsarbeiten frühestens in einigen Jahren vorgesehen seien. Wir kehren um, wobei wir mit Sorge feststellen, dass unser Fahr- zeug Ermüdungserscheinungen zeigt und immer mehr Öl und Benzin verbraucht; Auswirkungen der Höhe, sagen wir uns. Erst zwei Wochen später werden wir erfahren, dass wir die ganze Zeit auf nur drei Zylindern gefahren sind. Noch einmal überqueren wir den Pass und gelangen auf die Hochebene zurück. In Ambato, 50 km weiter südlich, biegt eine Strasse in Richtung auf Banos und das Amazonasgebiet ab, und schon am nächsten Tag sind wir in eine üppige Vegetation unter einem nun endlich blauen Himmel eingetaucht. Zwei Tage später setzt Regen ein; wir schliessen daraus, dass sich das Wetter im Hochland gebessert haben muss. Wir folgen der Gebirgskette nach Norden und finden den Weg, der sie in Richtung Quito überquert. Eine lange silbrige Schlange begleitet uns die ganze Strecke: Es ist die Nabelschnur des Landes, die das an den Ufern des Rio Napo, eines Amazonas-Nebenflusses, gewonnene Schwarze Gold zu den Raffinerien des Pazifik-hafens Esmeralda bringt. Wir kommen nahe an Quito vorbei und steuern, zur Abwechslung, wieder nach Süden. Noch einmal verbringen wir eine Nacht in Machachi, doch diesmal ist der Himmel sternklar.
Der Krater des Cotopaxi ( 5920 m ) 30 km südwestlich erhebt sich der Illiniza. Wir haben es auf seinen Nordgipfel abgesehen, der felsig ist, mit 5126 m nicht zu hoch und sich ausgezeichnet für eine Trainingstour eignet. Auf einem ungemein holprigen Fahrweg kommen wir bis auf 4200 m Höhe, doch weiter ist er zu ausgewaschen für das hinfäl-lige Vehikel, das man uns vermietet hat: Die Hupe, die im südamerikanischen Verkehr unbedingt nötig ist, hat schon vor einigen Tagen den Geist aufgegeben; der Ölstand sinkt so schnell, dass schon mehr als einmal am Messstab keine Ölspuren zu sehen waren; die Reifen, einschliesslich des Ersatzrades, verlieren langsam Luft; schliesslich funktionieren nur drei von vier Zylindern - aber das wissen wir ja noch gar nicht.
Wir erreichen die Hütte ( 4650 m ), setzen aber, ohne uns aufzuhalten, den Weg zum Sattel fort und gelangen auf den Ostgrat des Nordgipfels. Unglücklicherweise behindert der in den letzten Tagen über 4800 m reichlich gefallene Schnee die Ausführung unserer Pläne durch Formationen, die in den Alpen -worauf schon Whymper hingewiesen hat ( vgl. Anm. 1, S. 133 f.unbekannt sind: Der feuchte Schnee, von starkem und ständigem Wind getrieben, klebt bis zu mehreren Metern dick an den Felsen und macht manchmal jedes Vorankommen unmöglich. Das Unglück will, dass wir an den stark verschneiten Südhängen aufsteigen, während die Nordhänge fast aper sind, die Felsen dort jedoch steil und sehr brüchig. 50 m vom Gipfel entfernt macht eine lange, unter diesen Verhältnissen zu heikle Traverse ein weiteres Vordringen unmöglich. Schade! Aber wir haben wenigstens das gute Wetter genutzt. Am Abend kehren wir nach Machachi zurück, wo wir uns, um unsere Kasse zu schonen, mit einem Hotel zu 3.25 Schweizer Franken pro Person und Nacht bescheiden.
Heute geht es weiter in Richtung Ambato, das gut 100 km südlicher liegt. Das Wetter ist schön, doch zum Ausgleich streikt unser Vehikel: Die Höchstgeschwindigkeit übersteigt 50 km/h nicht mehr, und wegen eines schlechten Kontakts haben wir Schwierigkeiten beim Starten. Ein kurzer Aufenthalt in einer kleinen Garage und das Wechseln der Kerzen wirken wie eine Verjüngungskur. Auf unserm Programm steht der Carihuairazo ( 5020 m ). Das ist jedoch einer der wenigen Berge, die wir während unseres Aufenthaltes niemals zu Gesicht bekommen werden, weil Nebel und Schnee ihn stets verbergen. Der Fahrweg dorthin ist zwar auf einer Karte im Massstab 1:25000 verzeichnet, besteht aber nur auf 2 km, um dann im vulkanischen Sand zu verschwinden. Es stimmt, dass die Luftaufnahmen - die Kartengrundlage - vor dreissig Jahren gemacht wurden, und seitdem hat der Wind sehr viel Sand dahergetrieben.
Wir sind auf dem Weg zum Chimborazo und möchten einen Angriff wagen, auch wenn das im Programm nicht vorgesehen war und wir noch längst nicht völlig akklimatisiert sind. Die blendendweisse vereiste Kuppe des Chimborazo bildet einen einmaligen Farbkontrast mit der dunklen Lava und dem blauen Himmel. Wir erreichen den Parkplatz auf 4800 m über einen guten Fahrweg; ein kurzer Aufstieg bringt uns zu der 200 m höher gelegenen Hütte, die am Westhang in einer Mulde unterhalb einer Gletscherzunge steht. Zum Glück für den Bau zeigt der Gletscher keinerlei Neigung zu wachsen, im Unterschied zu andern, von denen später die Rede sein wird.
Vor der Hütte tanzt lässig eine Gruppe von Jugendlichen aus Riobamba. Ende des Nachmittags legt sich der Wind, am Abend herrscht völlige Stille; der Hüttenwart und die Jungen sind ins Tal abgestiegen. Die Nacht bricht schnell herein, gegen 19.00 Uhr ist es bereits sehr dunkel. Wecken ist für 2.30 Uhr vorgesehen, doch um Mitternacht fallen Wild-gewordene in die Hütte ein, allerdings dauert der Lärm nicht lange. Dafür beginnen die Bleche des Daches erneut zu klappern, denn der Wind hat wieder eingesetzt. Abmarsch mit Stirnlampe. Zunächst geht es über ermüdend lange Geröllhänge, wo sich keinerlei Spuren ausmachen lassen, obgleich der Gipfel häufig erstiegen wird. Auf 5300 m erreichen wir den Westgrat des Vulkans, wo ein heftiger Wind uns anfällt. Laurence gerät unter seinem Ansturm ins Wanken, und zeitweise kommen wir auf diesem Grat nur auf allen vieren voran. Der vulkanische Sand wird aufgewirbelt und dringt überall ein. Und unter diesen Umständen sollen wir noch 1000 m aufsteigen? Der Einsatz lohnt sich nicht: Wir kehren um. Der Abstieg ist durchaus keine Erholung, doch um 5.00 Uhr löst der erste Schein der Morgendämmerung die matten Stirnlampen ab. Im Geröll finden wir ein altes Steigeisen von ungewöhnlicher Form, wohl die Arbeit eines Handwerkers. Es wird die Sammlung unserer Sektion bereichern. Wir sind froh, zur Hütte zurückgekehrt zu sein, denn der Gipfel steckt in einer undurchdringlichen Nebelkappe, aus der er während des Tages nicht mehr auftaucht.
Da die meteorologischen Verhältnisse sich verschlechtern, beschliessen wir, uns wieder nach Norden zu wenden. Eine kleine Pause am Strassenrand benutzen wir dazu, im Windschutz zu essen. Den Kocher stellen wir seitlich neben den Wagen, weil uns der Spiritus-geruch stört. Schliesslich wollen wir abfahren. Doch halt, es scheint, als läge ein Bremsschuh unter einem Rad! Ein Blick aus dem Wagen, und wir entdecken einen Messingfladen: Das war einmal ein Kocher! Die Atmosphäre im Wagen ist dabei sogar wärmer geworden.
Der Gipfel des Tungurahua ( 5016 m ) ist von Wolken umhüllt, und der Neuschnee auf seinen Flanken reicht sehr tief herab. Der Berg gehört zur Ostkette, die das Amazonasgebiet überragt, und Niederschläge fallen dort reichlicher als in der Westkette, in der wir bis jetzt geblieben sind.
Wir starten wieder zum Illiniza und hoffen auf einen vom Glück begünstigten Angriff auf den Südgipfel ( 5263 m ). Zum zweiten Mal fahren wir über die unbefestigte Piste, dann geht es über die Moräne aufwärts zur Hütte. Dort sind wir allein. Mit der Erwärmung während des Tages zerstreuen sich die Wolken, und die Sonne vollendet ihren Lauf in einer Farborgie. Nach einer ruhigen Nacht läutet Bernards Wecker um 6.00 Uhr. Spät, würde man sagen, doch der geringe Höhenunterschied, der uns bevorsteht, und die Exposition der Hänge erklären unseren ( gemütlichen ) Aufbruch.
Der Gletscher beginnt auf dem Sattel, auf etwa 4800 m; der zunächst sanfte Hang wird steiler. Wir seilen uns an, setzen gelegentlich eine Schraube und schlagen geräumige Standplätze. Bald steilt sich ein Couloir vor uns auf, in dem die Verhältnisse ungünstiger werden. Die vor zehn Tagen gefallene schöne Schneedecke ist geschmolzen, nur eine winzige Kruste belassend, die sich schlecht mit dem Eis verbunden hat. Der Wind hat eine gleichmässige und ununterbrochene Verbindung zwischen Eis und Schnee verhindert.
Für den Aufstieg benutzen wir die Frontzacken, denn die Neigung des Hanges erreicht jetzt 50 bis 60°. Übrigens ist dies einer der am schwierigsten zu ersteigenden Fünftausender Ecuadors. Für Bernard, der nicht mit Frontzacken ausgerüstet ist, endet das Abenteuer hier, auf einer guten Plattform, gesichert an einer Eisschraube. Ich setze mit Laurence den Aufstieg fort. Bald wird der Hang flacher, das heikelste Stück liegt hinter uns. Zwei Seillängen von 40° bringen uns auf den Gipfelgrat, der zwar ziemlich breit, dessen Fels aber mit vom Wind aufgewühltem Schnee bedeckt ist. Wir überschreiten einen Vorgipfel, es folgen ein Abstieg zu einer kleinen Einsattelung, dann ein luftiger Aufstieg auf kunstvoll eingerollten Schneegebilden, deren Konsistenz Schlagsahne ähnelt.
Wir erreichen den Gipfel gegen 11.00 Uhr, zugleich mit dem rasch sich bildenden Nebel; schnell noch einige Photos, dann schreiten wir schon zum Abstieg. Die Steigeisen setzen jetzt Klumpen an -was doppelte Vorsicht erheischt. Im Augenblick, als wir die Eiskehle in Angriff nehmen, steigt die Spannung noch um einen Grad, aber alles geht gut. Bernard, dem die Zeit nicht zu lang geworden ist, wird wieder in die Seilschaft aufgenommen, und wir setzen unseren Weg fort. Man sieht einige kleine Spalten; an der Oberfläche sind sie nicht breiter als einen Meter, doch erweitern sie sich nach unten und erreichen Tiefen von einigen zehn Metern. Wir erreichen den unteren Rand des Gletschers. Ein Blick auf die Zunge zeigt, dass er sich trotz der Existenz verschiedener kleiner Moränenbogen in etwa 10 m Entfernung in einem stationären Zustand befindet. Schliesslich gelangen wir zur Hütte, sammeln unser dort belassenes Material ein und steigen dann zu unserem Wagen ab. Die Nacht verbringen wir in einem kleinen Hotel in Saquisili; donnerstags findet in der Stadt ein grosser Markt statt, und der Tag nach unserer Ankunft ist ein Donnerstag. Er wird zum Ruhetag erklärt: Wir bummeln herum, kaufen da oder dort etwas ein und machen viele Photos. Die farbenprächtigen Gewänder der Indios, die Vielfalt exotischer Früchte und das Menschengewimmel liefern uns genügend Vorlagen für schöne Aufnahmen.
Tags darauf starten wir zum Cotopaxi; Ausbrüche dieses Vulkans ereigneten sich recht häufig, die letzten grossen um 1942 und 1975. Die Höhe des Berges steht nicht genau fest, die Angaben schwanken zwischen 5880 und 6005 m. Immerhin aber überragt der Gipfel dieses regelmässig geformten Kegels die Hochebene um gut 2000 m. Wir lassen unsern Wagen auf 4600 m und steigen zu der 200 m höher gelegenen Hütte auf. Eine Gruppe Grin-gos3, die um 3.00 Uhr zum Gipfel aufgebro- 3 Gringo: im spanischsprachigen Südamerika ein Fremder nichtromanischer Herkunft, vor allem ein Nordamerikaner.
chen ist, kehrt um 16.00 Uhr in die Hütte zurück: Ermüdete und nur mühsam vorankom-mende Teilnehmer sowie schadhafte Ausrüstungsgegenstände hatten ihnen Schwierigkeiten bereitet.
Da nicht genügend Matratzen vorhanden sind, richten wir uns auf dem Boden des Ess-raums ein, dessen Mitte ein grosser Cheminée einnimmt. Am Abend entzündet der Hüttenwart darin ein Feuer, jedoch haben die erschöpften Mitglieder der Gruppe zu dieser Zeit schon ihre Schlafstätten aufgesucht.
Um 3.30 Uhr stehen meine Tochter und ich auf, und eine halbe Stunde später sind wir unterwegs. Zunächst queren wir die Flanke des Vulkans und traversieren zwei Gletscherzungen, die es vor einigen Jahren noch nicht gab. Bei der Rückkehr sehen wir dann, dass sie alle Anzeichen starken Wachstums tragen. Es folgt der eigentliche Aufstieg, dessen kritisch-ste Passage auf den Gletscher führt; seine Neigung beträgt hier etwa 40°. Die Spuren unserer Vorgänger sind noch frisch, das gibt uns Sicherheit, denn wir sind allein an diesem Berg. Wir kommen schnell voran; inzwischen steigt die Sonne am wolkenlosen Himmel auf. Bald nehmen wir den letzten steilen Anstieg zum Gipfel in Angriff, doch die Höhe beginnt fühlbar zu werden. Um 9.15 Uhr stehen wir auf dem höchsten Punkt; wir sind zeitlich sehr gut dran, denn man rechnet fünf bis neun Stunden für den Aufstieg -wir scheinen demnach gut akklimatisiert zu sein. Wir stehen oberhalb des riesigen Kraters von 600 m Durchmesser und 300 m Tiefe, aus dem Fumarolen aufsteigen, deren Geruch von Zeit zu Zeit bis zu uns herüberdringt. Aus dem Schnee ragt ein kleines Holzkreuz auf, das nach einer in der Hütte angeschlagenen Mitteilung neuen Vermessungen dienen soll, mit denen man die wahre Höhe des Cotopaxi feststellen will. Der Nebel, der die Hochebene zum Teil bedeckt, steigt langsam zu uns empor. In der Ferne unterscheiden wir die schneebedeckten Gipfel der andern grossen Vulkane dieses Landes. Wir wollen den Vorteil des noch gefrorenen Schnees nutzen und beginnen darum ohne zu zögern mit dem Abstieg. In etwas weniger als zwei Stunden sind wir wieder in der Hütte. Doch anstelle des gestrigen friedlichen Hafens finden wir ein wahres Volksfest vor: Zahl- Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern.
lose Ecuadorianer steigen vom Parkplatz her zur Hütte, mit Kindern, Transistorradios und Esswaren. Der Lärm hört erst am Abend auf. Wir wollen ohnehin nur noch eine Nacht in der Hütte zubringen, um am nächsten Tag früh abzusteigen und Photos zu machen, wenn der Berg sich wolkenfrei zeigt.
Am Morgen liegt eine leichte Schneeschicht auf den Hängen bis herab zum Parkplatz, aber der Himmel ist wolkenlos klar. Während ich den Cotopaxi filme und photographiere, wechseln Laurence und Bernard ein Rad, dessen Schlauch endgültig den Geist aufgegeben hat.
Das Ende unseres Aufenthalts in den Anden rückt näher. Wir beschliessen, in die Gegend nördlich von Quito zu fahren, in die Nähe von Otavalo, wo der 4939 m hohe felsige Gipfel des Cotacachi aufragt, der als leicht gilt. Doch wieder wirken die verschneiten Felsen als Spielverderber.
Wir haben den Wagen auf 4000 m in der Nähe eines Fernseh-Relais gelassen, das die Laguna Cuicocha, einen grossen grünblauen Kratersee, überragt. Zunächst geht es durch eine seltsame und üppige Vegetation, dann, von 4600 m an, ist die Welt nur noch steinern und gespenstisch, denn wir irren durch dicken Nebel. Es bläst ein heftiger Ostwind. Der Hang wird steiler, die Schneedecke auf den Felsen nimmt zu, Leere tut sich auf. Ohne Steigeisen, Seile und Pickel - eine Ausrüstung, die man an diesem Berg, den die Wolken uns stets verbargen, normalerweise nicht braucht - wäre es gefährlich, auf unserm Vorsatz zu beharren. Wir ahnen, dass der Gipfel ganz nah ist, in den Wolken, die über uns treiben. Wir wollten ihn eigentlich durch ein sehr steiles Couloir von ungefähr 40 m erreichen, aber wir entschliessen uns nun zur Umkehr. Weiter unten, nach einem etwas schwierigen Abstieg, verlieren wir im Nebel die Richtung. Zum Glück gibt es eine kurze Aufhellung, und wir entdecken den Kamm, der zum Wagen führt.
Es war vielleicht enttäuschend, dass wir unsern Aufenthalt mit einer solchen Erfahrung abschliessen mussten, doch hier plant der Mensch und die Natur bestimmt. Was macht 's, uns hat das Land gefallen! Die Bewohner sind fröhlich und sympathisch, die Landschaft ist reizvoll, und die Berge sind schön und wild. Als wir über das Amazonasgebiet fliegen, ist bereits eine nächste Ecua-dor-Expedition geplant; hoffentlich zeigt sich dann das Wetter von einer besseren Seite.