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Von 2003 bis 2007 erlebte das Team Alinghi einen organisatorischen Sprint. Eine Austragungsstadt musste gewählt, der Cup organisiert und der Sieg verteidigt werden. Die abenteuerliche Geschichte ist als einer der grössten Publikumserfolge in die Annalen des America’s Cups eingegangen.
Text: PIERRE-ANTOINE PRETI
Alinghi-Veteranen haben für die verschiedenen America’s-Cup-Kampagnen ihre eigenen Begriffe. Mit «Alinghi 1» betiteln sie die geniale Alchemie und den Sieg von 2003, mit «Alinghi 3» die juristische Schlammschlacht und die bittere Niederlage von 2010. «Alinghi 2» nimmt in diesem ungleichen Trio einen Sonderplatz ein – etwas, das es beim ältesten Sportwettbewerb der Moderne noch nie gegeben hat. Es bezeichnet den historischen Triumph von Alinghi, das die Silberkanne mit einem noch nie erlebten Medien- und Publikumserfolg verteidigte.
Mit dem Sieg in der fünften Regatta am 2. März 2003 in Auckland wurde das Schweizer Team mit einem Schlag vom Challenger zum Defender. Denn am America’s Cup gilt: «The winner takes it all». Der Jäger wird zum Gejagten. Alle träumen davon, ihm wie einem shakespearschen König das Messer in den Rücken zu rammen. Allein gegen alle muss er «seinen» Cup verteidigen und ihn gleichzeitig organisieren.
Diese schwierige Aufgabe hatte diesmal Alinghi. Ernesto Bertarelli beschloss, das Syndikat zu splitten: auf der einen Seite das Sportteam unter der Leitung von Russell Coutts, auf der anderen Seite das Organisationsteam, das sogenannte America’s Cup Management (ACM), dem Michel Bonnefous vorstand.
Da das massgebende Testament des America’s Cups, die sogenannte Deed of Gift, eine Regatta auf dem Meer vorschreibt, durfte die Schweiz den Anlass nicht auf einem See austragen. Dies hätte auch Ernesto Bertarellis Wunsch widersprochen, die alte Trophäe in die Galaxie der internationalen Sportveranstaltungen einzureihen.
Das Protokoll des 32. America’s Cups wurde wenige Minuten nach dem Sieg von Alinghi 1 vom Golden Gate Yacht Club des amerikanischen Milliardärs Larry Ellison unterzeichnet. Mit diesem berühmt-berüchtigten Challenger of Record musste sich Ernesto Bertarelli also einigen. Als Gegenleistung für den begehrten Sonderstatus musste der Chef von Team Oracle einer Regelung zustimmen, die ihm ganz und gar nicht behagte: Der Louis Vuitton Cup würde Vorregatten, die sogenannten Acts, enthalten. Sie sollten den Teams zu mehr Bekanntheit verhelfen, vor allem aber dem Defender ermöglichen, sich bis zum Louis Vuitton Cup mit den Gegnern zu messen. Das war im America’s Cup völlig neu. «Bis dahin war der Defender komplett von den Challengern isoliert und musste sich allein auf den Finalkampf vorbereiten», erinnert der damalige ACM-Direktor Michel Bonnefous.
Zurück in der Schweiz hatten Michel Bonnefous und Marketingchef Michel Hodara kaum Zeit, den Sieg von Alinghi 1 zu feiern. Sie machten sich sofort auf die Suche nach einer Gaststadt. Das Auswahlverfahren beruhte auf dem olympischen Modell. Zwölf Städte bewarben sich, vier kamen auf die Shortlist: Marseille, Lissabon, Neapel und Valencia. Sie liessen nichts unversucht, um die Gunst der Organisatoren zu gewinnen. Die stellvertretende Bürgermeisterin von Marseille reiste bis nach Auckland. Der spanische König höchstpersönlich meldete sich telefonisch bei Ernesto Bertarelli. Die Stadtverwaltungen und lokalen Konsortien waren zu allem bereit, um den 32. America’s Cup ausrichten zu dürfen.
Neun Monate arbeiteten die beiden Michels mit ihrem Team Tag und Nacht, einschliesslich am Wochenende. Am 26. November gab das ACM seine Wahl bekannt. Die Siegerstadt hiess Valencia. Michel Hodara erinnert sich: «Valencia wollte den Cup aus den richtigen Gründen. Mit diesem Anlass wurde es von einer Provinzzu einer Weltstadt und von den Spaniern ganz anders wahrgenommen.» Zum Dank baute die energische Bürgermeistern Rita Barbera den alten Handelshafen Darsena in eine fantastische Kulisse für den America’s Cup um.
Voll und ganz auf die Vorbereitung konzentriert, schauten die Organisatoren des 32. America’s Cups weder nach links noch nach rechts und spürten den unheilbringenden Wind nicht. Im Sportteam machte sich Unruhe breit. Russell Coutts, der Ausnahmesegler mit Divastatus, war mit seiner sportlichen Rolle nicht mehr zufrieden. Er sei mit der Wahl der Gaststadt nicht einverstanden, hiess es. Viele vermuteten aber einen anderen Grund: Der Neuseeländer soll mit dem Machtverlust, den die Gründung des ACM für ihn bedeutete, gehadert haben. Im Juni 2004 wurde in Newport (USA) die UBS Trophy, eine Freundschaftsregatta gegen Oracle, gesegelt. Coutts, ein Bier in der Hand, weigerte sich, ins Boot zu steigen. Dann brach sich sein Busenfreund Brad Butterworth bei einem Autounfall auch noch das Fussgelenk und war nicht in der Lage zu schlichten. In den Bars von Newport waren die Querelen Gesprächsthema Nummer 1. Schon bald berichtete auch die Presse davon.
Die Situation spitzte sich von Woche zu Woche zu. Russell Coutts hatte seinen Vertrag gebrochen. Ernesto Bertarelli blieb keine andere Wahl, als ihn zu feuern. Gemäss Reglement durfte Coutts an diesem Cup mit keinem anderen Team segeln. Der Streit wurde vor Gericht gebracht. In dem monatelangen juristischen Hickhack verdienten sich die Staranwälte eine goldene Nase. Derweil wurde Taktiker Brad Butterworth zum Alinghi-Skipper ernannt.
Jetzt fehlte noch ein Steuermann. Alinghi verpflichtete gleich zwei amerikanische Stars. Der gelassene Ed Baird und der impulsive Peter Holmberg wurden in Konkurrenz gesetzt. Das Gleiche geschah mit den restlichen Crewmitgliedern. Alinghi stellte zwei komplette Teams zusammen. Mit dem so geschaffenen internen Wettstreit sollte die fehlende Regattatätigkeit der letzten zwei Monate wettgemacht werden.
Im September 2004 wurde es ernst. In Marseille fand der erste der 13 Louis Vuitton Acts statt. Erstmals in ihrer Geschichte trugen die Class America Flottenregatten aus. Sechs Teams segelten bei Starkwind um die Wette. Oracle gewann vor Alinghi. In der Nacht riss ein Sturm drei Boote von ihren Lagerböcken. NZL82, USA76 et SUI64 wurden stark beschädigt und notfallmässig repariert.
Anfang 2005 war die zwölf Boote starke Flotte komplett. An den Louis Vuitton Acts dominierten die Big Four: Emirates Team New-Zealand, BMW Oracle Racing, Alinghi und Luna Rossa führten die Konkurrenz regelrecht vor.
Dahinter folgte die zweite Garde mit Desafio Espanol, K-Challenge aus Frankreich, China Team, +39 Challenge und Mascalzone Latino Capitalia Team aus Italien, United Internet Team Germany, Victory Challenge aus Schweden und Team Shosholoza, das erste südafrikanische Syndikat in der Cupgeschichte.
In diesem Jahr gewann Alinghi fünf der sechs Acts. Besonders in Erinnerung geblieben ist aber der gigantische logistische Aufwand, den die europäische Tournee der Louis Vuitton Acts 4 bis 9 im Jahr 2005 verursachte. 2000 Tonnen Material, 86 Festrumpfschlauchboote und 13 Class America wurden von Valencia nach Malmö–Skåne in Schweden und von dort nach Trapani in Sizilien transportiert. «Nach jeder Etappe dachten wir, dass die folgende niemals so erfolgreich sein würde. Und jedes Mal wurden unsere Erwartungen von Neuem übertroffen», erinnert sich Michel Hodara, der die logistischen Fäden zog.
2006 stand im Zeichen der Technologie. Die drei Challenger der Big Four wasserten je ein neues Boot ein (NLZ 84, ITA 86 und USA 87). Während ein paar Monaten bespitzelten die Teams einander wie in den guten alten Zeiten. Falsche Touristen mit riesigen Teleobjektiven verbrachten Stunden in den Sesseln von Estrella Damm, der direkt neben der Kanaleinfahrt gelegenen Bar. In Valencia hatte sich der Handelshafen in eine hoch- moderne Marina verwandelt. Die zwölf Basen der Challenger umrahmten die Darsena. Auf Höhe der Kanaleinfahrt überragte das kolossale Gebäude Veles e Vents den Hafen und empfing die Zuschauer. Valencia war bereit, es konnte losgehen.
In der Schweiz blieb Alinghi nicht untätig. An der Alinghi Swiss Tour kämpften Nach- wuchssegler im Match-Race-Modus für den Einzug ins Finale vor der Genfer Société Nautique. Die Alinghi Swiss Roadshow begrüsste bei ihrer Tournee durch die Schweizer Städte 70 000 Fans. Und die Zusammenarbeit mit der ETH Lausanne wurde medienwirksam vermarktet. Die Schweiz als Binnenland identifizierte sich mit Alinghi und sah das Team als einen ihrer besten Vertreter im Ausland.
Im Winter eignet sich Valencia nicht zum Segeln. Die Amerikaner und die Kiwis verla- gerten ihr Training daher nach Auckland. Alinghi flog mit 224 Tonnen Material und 60 Personen nach Dubai, veranstaltete dort Materialtests und interne Regatten. Doch das grösste Geheimnis wurde nicht gelüftet: Butterworth weigerte sich, den Namen des ersten Steuermanns preiszugeben.
2007 begann mit einem Striptease. Am Unveiling Day lassen die Class America traditionsgemäss ihre Hüllen fallen, Kiel und Rümpfe werden erstmals öffentlich sichtbar. 19 Boote hatten die zwölf Teams insgesamt gebaut. Die Vermessungsvorschriften der Class America gelten seit 1988, doch der Teufel steckt im Detail. Als Brad Butterworth von seinem Rundgang durch die anderen Basen zurückkam, meinte er erleichtert: «Was ich sehe, stimmt mich zuversichtlich. Wir haben ein hervor- ragendes Boot!» Drei Tage später gab ihm der letzte Act recht. Trotz zwei schlechter Starts siegte Alinghi dank des deutlich schnelleren Boots. Es war die letzte Regatta der Schweizer vor dem grossen Finale. Bis dahin zogen sie sich aus dem Wettkampf zurück.
Der Louis Vuitton Cup 2007 umfasste zwei Round Robins. An der ersten dominierten die Amerikaner. Die Kiwis wachten auf und gewannen die zweite. Somit lagen die Teams gleichauf und die Bonuspunkte aus den Acts mussten entscheiden, wer gegen den Dritt- und wer gegen den Viert-platzierten antreten durfte. Emirates Team New Zealand (ETNZ) mit der höheren Punktzahl segelte im ersten Halbfinale gegen Desafio Español und schlug es klar mit 5:2. Im anderen Halbfinale kam es zu einem Paukenschlag. Die hochfavorisierten Amerikaner von Oracle wurden vom italienischen Team Luna Rossa regelrecht zerpflückt (1:5). Larry Ellison raste und feuerte Skipper Chris Dickson noch vor Ende der Regatta.
Im Finale liess ETNZ den Italienern nicht den Hauch einer Chance. Dean Barker zwang James Spithill mit enger Raumdeckung in die Knie. 5:0 lautete das ernüchternde Resultat.
Am 23. Juni 2007 war in Valencia die Hölle los. Die Patrouille Suisse, Micheline Calmy- Rey und 70 000 Zuschauer erwiesen dem America’s Cup die Ehre. Eigentlich war der Match 2007 kein Finale, sondern ein Rückspiel, denn Dean Barker und seine Männer wollten die Schmach der 0:5-Niederlage wettmachen. Es galt der Best-of-Five-Modus: Wer zuerst fünf Regatten für sich entschied, hatte gewonnen.
Alinghi enthüllte erstmals seine SUI 100. Ed Baird sollte sie steuern, er hatte das Rennen gegen Holmberg gemacht. Die erste Regatta stimmte zuversichtlich. Alinghi gewann dank der höheren Vorwindgeschwindigkeit. Doch die Euphorie war von kurzer Dauer. Nach einer schlechten Deckung des Gegners im zweiten Lauf und tückischen Wind- bedingungen im dritten Lauf stand es plötzlich 2:1 für die Kiwis. «Ein reines Las Vegas», meinte Ernesto Bertarelli genervt. Das unfaire Lotteriespiel löste Kopfschütteln aus, doch der Schweizer Segler Yves Detrey sah darin eine jener Chancen, die den Lauf der Geschichte ändern können: «Die unglückliche Niederlage in diesem dritten Lauf hat uns noch mehr zusammengeschweisst», meinte er.
Team Alinghi begehrte auf. Im vierten Rennen gewannen die Schweizer den Start und alle Bojenmanöver. Es stand wieder 2:2. In der fünften Wettfahrt verhedderte sich der Spi der neuseeländischen Jacht im Holepunkt und bescherte Alinghi einen weiteren Sieg (3:2). Ein verlorenes Wendeduell kostete ETNZ den sechsten Lauf (4:2).
Der Matchball war ein erbitterter Kampf. Dean Barker versuchte Ed Baird mit ag- gressivem Vorgehen aus der Fassung zu bringen. Doch der Schuss ging nach hinten los, die Kiwis kassierten einen Strafkringel. Kurz vor dem Ziel brach der Spibaum der SUI 100. Die Kiwis näherten sich rasant. Alinghi schaffte es mit Müh und Not, das 24 Tonnen schwere Schiff wieder in Fahrt zu bringen und querte die Ziellinie schliesslich mit einem minimalen Vorsprung von einer Sekunde.
«Eine Sekunde für die Ewigkeit», schrieben die Medien. Die Darsena befand sich in einem Ausnahmezustand. Die Alinghi-Basis verwandelte sich in einen hawaiianischen Strand, auf dem bis in die frühen Morgenstunden gefeiert wurde. An jenem Abend des 3. Juli 2007 ging der 32. America’s Cup zu Ende. Im Mondschein Valencias, nach einem unglaublichen organisatorischen Sprint, leuchteten die Sterne für Alinghi.
Ernesto Bertarelli, am Cup gilt die Devise «The winner takes it all». Trotzdem haben Sie das Organisationsteam vom sportlichen Team getrennt. Das war eine Premiere am America’s Cup. Was hat Sie zu dieser Entscheidung veranlasst?
Für unser Projekt war das ganz einfach die beste Lösung. Wir wollten einen neutralen Organisator. Niemand hat uns damals geglaubt, aber das war wirklich der Grund. Der Cup musste im Ausland stattfinden, das war Vorschrift. Gleichzeitig mussten wir so viele Akteure wie möglich für den Cup gewinnen und die Erwartungen der Teams und des Publikums erfüllen. Die Zahl der Syndikate und die Zuschauerzahlen haben dann ja gezeigt, dass die Entscheidung richtig war. Ganz zu schweigen vom sportlichen Ergebnis.
13 Jahre sind seither vergangen. Was hat im Nachhinein betrachtet die Originalität des 32. America’s Cups ausgemacht?
Der 32. America’s Cup ist mit keinem anderen vergleichbar. Sportlich haben wir es den Teams ermöglicht, zwischen zwei Matches gegeneinander zu segeln. Damit hat Alinghi den Defender aus seiner Isolation befreit. Wahrscheinlich lag hier und beim technologischen Vorsprung, den wir uns während der Kampagne 2003 auf den Class America ersegelt hatten, der Schlüssel zum Erfolg. Unsere Nachfolger haben dieses Modell übernommen.
Sie sind nicht nur sportlich, sondern auch in Bezug auf das Eventmanagement neue Wege gegangen.
Ja, ich denke, dass wir die DNA des America’s Cups während vier Jahren geändert ha- ben. Wir wollten eine moderne Sportveranstaltung, dadurch hat der 32. Cup ein anderes Ausmass und auch eine neue Tragweite erhalten. Das Medienecho war noch nie so gross. Diese Ausrichtung entsprach unserem Grundgedanken und wir haben unser Versprechen Punkt für Punkt eingelöst, vom Blueprint bis zum abschliessenden Sieg. Am Ende des 32. America’s Cups konnte das ACM sogar erhebliche Dividenden an sämtliche Beteiligtenausschütten. Darauf waren wir sehr stolz.
Blueprint: ein visionäres Dokument
Alinghi 1 bezog in den Büros von Ernesto Bertarellis Jugendfreund Michel Bonnefous an der Rue du Cendrier 24 in Genf Domizil. Dort ent- stand auch das leicht verrückte Projekt. Im Juni 2002 bildete Michel Bonnefous eine Taskforce bestehend aus dem Juristen Hamish Ross, einigen Mitgliedern des Design Teams und mehreren Marketing- und Kommunikationsspezialisten. Ihre Aufgabe bestand darin, über eine Strategie für die Organisation des 32. Cups nachzudenken, für den Fall, dass Alinghi den Sieg davontragen würde. Bonnefous zog sich zusammen mit Michel Hodara ein paar Tage nach Lissabon zurück. Sie brachten die theoretischen Grundlagen für den 32. Cup zu Papier, obwohl der 31. noch nicht einmal begonnen hatte. Aus ihrer Retraite ging ein wegweisendes Dokument hervor. Es wurde in einem dicken Bundesordner abgelegt und «Blueprint», der Entwurf, genannt.
In den stressigen Momenten auf dem Weg zum Sieg bestimmte der Blueprint das Vorgehen. Mit erstaunlicher Treffsicherheit beschrieb er, was fünf Jahre später geschah. Dort ist alles zu lesen, was die Originalität des «Schweizer» America’s Cups ausmachte – von der Form des Hafens über das Budget bis zur Anzahl der teilnehmenden Syndikate.