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Gemälde des Louis Wyrsch von Jost Vital Traxler (NM 740)
Objekt des Monats Juli 2021
Portrait von Louis Wyrsch, NM 740
"Borneo Louis", dies ist der geläufige Übername eines Herren namens Louis Wyrsch (1793 – 1858), der für seine Zeit weit in der Welt herumkam und – wie der Spitzname es bereits andeutet – auf seinen Reisen bis auf die südostasiatische Insel Borneo gelangt ist. Anhand eines Portraits von Jost Vital Traxler, welches sich im Besitz unserer Sammlung befindet, soll der interessante Lebensweg von Louis Wyrsch präsentiert werden.
Geboren wurde Louis als Sohn der aus Buochs stammenden Familie Wyrsch im Tessin. Sein Vater war zu dieser Zeit Landvogt der Riviera und dementsprechend dort wohnhaft. Ausserdem war sein Vater in spanischen Diensten als Hauptmann tätig und so genoss denn auch der junge Louis – dem väterlichen Vorbild folgend – eine militärische Ausbildung am königlichen Seminar San Pablo im fernen Valencia und im Regiment seines alten Herren. Nach dem frühen Tod Franz Alois’ im Jahre 1807 kehrte Louis – wenn auch nur vorübergehend – in heimische Gefilde zurück und besuchte zur geistigen Bildung die Klosterschule Rheinau im heutigen Kanton Zürich. Bald zog es ihn allerdings wieder in die Ferne und er absolvierte eine Kaufmannslehre im französischen Belfort. Seine Interessen schienen aber weiterhin primär militärischen Belangen zu gelten und so begab er sich nach Abschluss der Lehre als Soldat in holländische Dienste und nahm unter anderem 1815 an der berühmt-berüchtigten Schlacht bei Waterloo teil. Die holländischen Dienste waren es schliesslich auch, die ihn in für die damalige Zeit völlig abseits der bekannten Welt liegende Regionen unserer Erde gelangen liessen und ihm seinen eingangs erwähnten Spitznamen einbrachten.
Nach einer monatelangen und sicherlich beschwerlichen Schiffsreise ins damals holländische Ostindien und Einsätzen für die Kolonialtruppen auf Java und Bali verschlug es ihn schliesslich auf die Insel Borneo, wo er sich als Militär- und Zivilkommandant der Süd- und Ostküste sehr verdient machte beim Aufbau kolonialer Infrastruktur. Hierfür wurde er vom holländischen König gar in den Stand eines Ritters des Wilhelmsordens erhoben. Er gründete gar eine Familie mit einer Einheimischen Frau namens Ibu Silla. Dennoch kehrte Louis im Jahre 1832 nach über 17 Jahren zurück in seine Nidwaldner Heimat und dieses Mal wurde der Wandervogel dort tatsächlich dauerhaft sesshaft. Ob diese Rückkehr gewollt war oder eher den Spätfolgen einer schweren Kriegsverletzung (eine Gewehrkugel hatte ein Loch in seinen Gaumen gerissen) geschuldet war, muss unklar bleiben. Begleitet wurde er offenbar lediglich von seinem Sohn namens Alois und einer Tochter mit dem Namen Constantia. Seine Frau und sein jüngstes Kind liess er auf Borneo zurück. Später wurde gar versucht, durch das Herausschneiden entsprechender Textstellen in Louis Wyrschs Tagebuch, deren Existenz zu verschleiern.
Nach seiner Rückkehr ermöglichte ihm die mit seiner militärischen Erfahrung und liberalen Einstellung einhergehende breite politische Akzeptanz eine Zweitkarriere als Politiker auf regionaler und nationaler Ebene. Ausserdem war er als Kommandant des Nidwaldner Bataillons im Sonderbundskrieg zumindest kurzzeitig nochmals mit militärischen Aufgaben betraut. Neben einer stattlichen holländischen Pension bezog er einen Teil seines Einkommens auch als Müller in Ennetbürgen, wo er 1858 als allseits bekannter und geachteter Mann starb. Zumindest sein Sohn Alois Wyrsch schien sich – für jene Zeit doch etwas überraschend – nahtlos in die Nidwaldner Gesellschaft einzufügen und schlug gar als erste Person of color eine Karriere als Bundesparlamentarier ein.
Persönlichkeiten vom Stande eines Louis Wyrsch besassen im 19. Jahrhundert ein besonderes Selbstverständnis für ihre Stellung in der Gesellschaft. Die alten Standesdünkel waren mit dem Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft 1798 zwar abgeschafft worden, umso wichtiger wurde nun aber die standesspezifische Repräsentation der ehemals federführenden und nach wie vor einflussreichen Geschlechter wie den Wyrschs. Ein geeignetes Mittel für diese Zurschaustellung waren – bis zur Erfindung und Verbreitung der Fotografie – eigens von Künstlern für einen guten Lohn hergestellte Büsten oder Portraits, welche die jeweilige Person wie in den "guten" alten Zeiten von ihrer besten Seite und in entsprechender Pose und Kostümierung zeigen sollten. So verwundert es nicht, dass jeder Landammann des Kantons Nidwalden – welche nach wie vor fast ausnahmslos Vertreter der alten Elite waren – verpflichtet war, auf eigene Kosten ein Gemälde von sich anfertigen zu lassen. Louis Wyrsch war selbst ab 1840 bis zu seinem Tod Nidwaldner Landammann und daher liess selbstverständlich auch er ein Portrait von sich anfertigen. Dieser Aufgabe nahm sich niemand Geringeres an als Jost Vital Troxler.
Jost Vital Troxler war Mitte des 19. Jahrhunderts ein äusserst bedeutender Maler. Er machte sich vor allem mit der Erstellung von religiösen Bildnissen einen Namen, die sich gerade in katholischen Gebieten zu jener von Umbrüchen geprägten Zeit wieder grosser Beliebtheit erfreuten. Troxler stammte aus dem luzernischen Beromünster, war aber als Schüler des bedeutenden religiösen Malers Paul von Deschwanden aus Stans bald in der Region ansässig.
Seinem guten Ruf verdankte Troxler nun den Auftrag, Louis Wyrsch zu porträtieren. In welchem Jahr genau das besagte Bild geschaffen wurde, ist heute leider nicht mehr ersichtlich. Wahrscheinlich ist allerdings die Zeit um 1850.
Das Gemälde zeigt Louis Wyrsch mit ernster Miene, gekleidet in einen edlen Anzug mitsamt Fliege. Auffällig ist, dass er den holländischen Wilhelmsorden trägt sowie einen Anstecker mit Schweizerkreuz. Auch diese Präsentation der eigenen Erfolge (Orden) und der Liebe zum neugegründeten und von ihm mitgeprägten Bundesstaat Schweiz (Schweizerkreuz) sind sinnbildlich für die Darstellung der Elite jener Zeit. Die linke Hand hat Wyrsch in seine Westentasche gesteckt. Dies ist ein ebenfalls damals verbreiteter Ausdruck der vornehmen Stellung einer Person. Er liess den Arm nicht einfach schlaff herunterhängen, sondern nahm durch diese Pose eine selbstbewusste und gleichzeitig ruhige Position ein. Man nennt diese Körperhaltung auch Napoleongeste, da der französische Kaiser und Feldherr Napoleon Bonaparte sie anfangs des 19. Jahrhunderts besonders stilprägend benutzte. Allerdings ist sie seit der Antike als würdevolle Pose bekannt. Louis Wyrsch legte also augenscheinlich grossen Wert auf seine Aussenwirkung und man kann wohl behaupten, dass Jost Vital Troxler diese treffend eingefangen hat.
Das Portrait verblieb als Besitz der Familie Wyrsch lange in den Händen der Nachkommen des "Borneo Louis" und wurde letztlich von diesen der Sammlung des Nidwaldner Museums übergeben.
Autor: Cyrill Willi, Praktikant
Literatur
Schär, Bernhard C., Wie eine Frau aus Borneo die Gründung der Schweiz prägte, in: Republik. Das digitale Magazin für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur, Version vom 15.12.2020. Online: https://www.republik.ch/2020/12/15/wie-eine-frau-aus-borneo-die-gruendung-der-schweiz-praegte, konsultiert am 01.07.2021.
Schleifer, Karin: "Wyrsch, Louis", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 04.12.2013. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/005217/2013-12-04/, konsultiert am 07.06.2021.
Datenblatt Jost Troxler, in: Sikart. Lexikon zur Kunst in der Schweiz, Version vom 17.11.2020. Online: https://www.sikart.ch/KuenstlerInnen.aspx?id=4029570&lng=xx, konsultiert am 09.06.2021.
Datenblatt Melchior Paul von Deschwanden, in: Sikart. Lexikon zur Kunst in der Schweiz, Version vom 17.11.2020. Online: https://www.sikart.ch/KuenstlerInnen.aspx?id=4022883, konsultiert am 11.06.2021.
Textile Geschichten. Kulturblog rund um Nadel, Faden, Kleidung, Stoffe, Version vom 4.11.2018. Online: https://textilegeschichten.net/2018/11/04/was-macht-die-hand-in-der-weste-maenner-mit-napoleongeste/, konsultiert am 15.06.2021.