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| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Zehnte Unterredung, welche die zweite des Abtes Isaak ist, über das Gebet.
5. Antwort über den Ursprung der oben gemeinten Häresie.
Isaak: Es ist kein Wunder, daß ein ganz einfacher Mann, der über das Wesen und die Natur der Gottheit nie ganz belehrt wurde, in dem Fehler der Ungebildetheit und der Angewöhnung an den alten Irrthum bis jetzt hingehalten und gelauscht werden konnte und, um mich wahrer auszudrücken, in dem alten Irrthum beharren konnte, der nicht, wie ihr meint, erst jetzt durch eine neue Täuschung der Teufel eingegeben wird, sondern durch die Unkenntniß des alten Heidenthums, so daß man also nach der gewohnten Weise jenes (heidnischen) Irrthums, in welchem man Dämonen in Menschengestalt verehrte, auch jetzt noch jene unbegreifliche und unaussprechliche Majestät der wahren Gottheit in der Begränzung irgend eines Bildes glaubte anbeten zu müssen. Diese Leute meinen, gar Nichts mehr zu haben, wenn sie nicht irgend ein Bild sich vorstellen, das sie im Gebete beständig ansprechen, im Geiste mit sich herumtragen und immer fest vor Augen haben. Auf diesen ihren Irrthum kann man passend jenen Ausspruch anwenden: 1 „Und sie vertauschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit dem Gleichbilde des vergänglichen Menschen.“ Auch Jeremias sagt: 2 „Mein Volk vertauschte seine Herrlichkeit mit einem Götzenbilde.“ Auf besagte Weise also ist dieser Irrthum Manchen in den Sinn gewachsen; aber er hat sich auch in den Gemüthern Anderer, [S. 584] die nie sich mit heidnischem Aberglauben befleckten, festgesetzt, unter dem Vorwande jenes Schriftzeugnisses, in welchem es heißt: „Laßt uns den Menschen nach unserm Bilde und Gleichnisse machen!“ Das machte eben ihre Unkenntniß und Unbildung, so daß auch die Häresie der Anthropomorphiten durch diese verwerfliche Auslegung entstand, welche mit hartnäckiger Verkehrtheit behauptet, die unermeßliche und einfache göttliche Substanz sei nach unsern Umrissen und nach menschlichem Bilde gestaltet. Das wird nun Jeder, der in den katholischen Dogmen unterrichtet ist, als eine heidnische Gotteslästerung verabscheuen und so zu jener ganz reinen Beschaffenheit des Gebetes gelangen, die nicht nur kein Bild der Gottheit und keine körperlichen Umrisse in ihr Flehen mischt, — was man ja ohne Sünde gar nicht einmal sagen kann, — sondern die auch keine Erinnerung an irgend ein Wort, keine Vorstellung einer That, überhaupt keine Form von irgend welcher Beschaffenheit in sich zuläßt.
1: Röm. 1, 23.
2: Jerem. 2, 11.