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Unter dem Titel «Einsiedeln, seine Sagen und Geschichten» mischt Kurt Zeltner in einer Ausstellung im Chärnehus erfundene Geschichten unter Sagen aus der Region. Dargestellt werden diese als Bilder und Skizzen in Acryl, als Collagen in Mischtechnik sowie auf Texttafeln.
Der 53-jährige Willerzeller Künstler steht Red und Antwort über seine Graphic Novel.
Magnus Leibundgut: Wie sind Sie ausgerechnet auf die Sagen von Einsiedeln gestossen?
Kurt Zeltner: Ich stamme aus dem Berner Seeland, wo es viel Nebel hat und dementsprechend auch viele Geister- und Gespenstergeschichten, die mich schon immer fasziniert haben. Als ich vor 15 Jahren an den Sihlsee gezogen bin, habe ich angenommen, dass es auch in Einsiedeln viele Sagen gibt, war aber etwas enttäuscht: Ich fand neben der Geschichte mit dem heiligen Meinrad und den beiden Raben nicht viele Sagen aus dem Klosterdorf. Also habe ich diese mit geschichtlichen Ereignissen aus der Region und frei erfundenen Geschichten ergänzt.
Die historischen Ereignisse stehen denn also in einem Zusammenhang mit dem Klosterdorf?
Das ist in der Tat so. Zum Beispiel geht es in einer Geschichte um 400 Einsiedler, die in einem Gefecht bei Wollerau im Jahr 1798 zur Zeit der Helvetischen Republik gegen die Franzosen kämpften. Beat Steinauer, als Einsieder in französischen Diensten, wollte vermitteln und den Krieg verhindern, weil er überzeugt war, dass die französische Revolution eine gute Sache ist. Sicher besser als der Feudalismus aus dem Mittelalter. Steinauers Friedensmission endete dann vorzeitig in seiner Heimat Einsiedeln. Religiöse Eiferer legten ihn bis zum Eintreffen der Franzosen in Ketten. Auch zwei Geschichten von Meinrad Lienert werden dargestellt.
Stehen Ihre erfundenen Geschichten in einem Bezug zur Wirklichkeit?
In einem Fall war ich hautnah dabei: Am 24. Juni 2007 stand ich am Abend auf dem Schnabelsberg und beobachtete wie sich zwei Gewitter – eines zog von Alpthal her, das andere über den Sihlsee – just über dem Klosterdorf zu einer Superzelle vereinigten und massive Unwetterschäden in Einsiedeln hinterliessen. Das Gewitter ist gewissermassen die Rahmenhandlung einer Geschichte, die sich um den «Hüslitrümmler» dreht: Dieser weigerte sich, für den Sihlsee Land zu verkaufen, was ihm zum Verhängnis wird.
Glauben Sie selber an Geister?
Ja, durchaus. Nicht in dem Sinne, dass Geister als Gespenster in Nachthemden und in Ketten durch die Gegend ziehen würden. Eher in der Art, dass die Aura gewisser Wesen vorhanden ist. Und auch, dass es Menschen gibt, die diese spüren können.
War denn die Vergangenheit damals so sagenhaft, dass es Sagen über Geister gab? Oder ist unsere Gegenwart so entgeistert, dass die Geister von dieser Welt entflohen sind?
In einer Art und Weise war die Vergangenheit früher magisch. Sie wurde durch die Wissenschaft entzaubert und entmystifiziert. Es gibt Natur-Phänomene, die kann heutzutage die Physik erklären. Früher machten die Menschen dafür Geistwesen verantwortlich. Aber trotz einer kompletten Durchdringung der Wirklichkeit durch die Wissenschaft bleibt Raum für unsere Phantasie. Und damit für Geister. Es lässt sich nicht alles erklären.
Sie stellen diese Geistergeschichten bildlich dar und schreiben auch die Texte dazu: Sind Sie nun eher ein Kunstmaler oder vielmehr ein Schriftsteller?
Ich sehe mich als singenden, malenden Geschichtenerzähler. Es gibt verschiedene Arten, wie man erzählen kann. Ich trenne diese nicht. Wenn ich eine Geschichte lese, sehe ich Bilder. Wenn ich Bilder sehe, fällt mir ein Text dazu ein, und Musik turnt sowieso immer durch meinen Kopf. Kern der Ausstellung bildet die Graphic Novel «A Stack of Black», die ich musikalisch verarbeitet habe. «Ein Stapel Schwärze» ist also ein Album, das an der Ausstellung in Buchform gezeigt wird. Das nächste Projekt wird nun sein, einen Verlag zu finden. Die Idee ist natürlich schon, dass man das Buch bestellen kann ...
«Ein Stapel Schwärze» tönt verhängnisvoll: Ist «Black» ein Vorbote des Bösen, das uns heimsucht?
In einem Kapitel geht es um einen pädophilen Priester und die Moral von Gutbürgern und Dorfbewohnern, die diesen Pfarrer lynchen. Im Kern geht es um die Doppelmoral und darum, dass die Bürger sich am Ende auch mit «Sünde» beladen – im Wahn, die Guten zu sein.
Wie sind Sie überhaupt Künstler geworden?
Jeder ist Künstler. Jeder in seiner Form. Ich unterscheide nicht zwischen Kunst und Nichtkunst. Ich weiss, dass die Leute Schubladen brauchen, um alles einordnen zu können. Ich selber würde mich aber nie «Künstler» nennen. Hätte ich jemals von der Kunst leben wollen, wäre ich längst verhungert (lacht). Beruflich bin ich Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens, das sich mit Raumakustik auseinandersetzt.
Von der Kunst alleine zu leben ist nicht möglich?
Man muss es einfach durchziehen. Konsequent. Dann ist alles möglich. Mit Familie ist das allerdings schwierig. Und man müsste Chancen auch erkennen, wenn sie sich einem bieten. (lacht). So habe ich zum Beispiel Harald Szeeman kennengelernt, ohne zu wissen, wer er ist: Er hat mir seinerzeit ein selbstgebasteltes Kunstwerk geschenkt. Die «Büchse der Pandora ». Da ich nicht wusste, mit wem ich es zu tun hatte, fand das Werk dank meiner Ignoranz und Arroganz wohl bei irgendeiner Zügelei den Weg in die Kehrichtverbrennung. Als ich zehn Jahre später mit Schrecken in der Tagesschau am Fernsehen von dessen Tod erfuhr, verbrachte ich den Rest des Abends im Estrich auf der Suche nach besagter Blechbüchse. Natürlich erfolglos ...
Was hat Sie schliesslich von den Niederungen des Berner Seelands ins Einsiedler Hochtal verschlagen?
Der Nebel (lacht). Nein, berufliche Gründe führten mich ins Zürcher Oberland. Als Berner wollen sie keine Zürcher Plakette am Auto. Vor allem aber waren es die Berge und die Region, die von der Landwirtschaft und der Natur geprägt sind. Das färbt auch auf die Menschen, die Einsiedler, ab. Ich fühle mich hier sehr wohl. Die Menschen hier erinnern mich stark an mein «altes Zuhause».
Ist das Klosterdorf ein Künstler- und Musiker-Mekka?
Es leben tatsächlich viele Musiker in Einsiedeln. Selber spiele ich in verschiedenen Formationen Musik mit Leuten zusammen aus dem Klosterdorf. Das Kloster Einsiedeln hat sicherlich seinen Teil dazu beigetragen, dass im Klosterdorf Kunst, Kultur und Musik einen hohen Stellenwert besitzen. Die Kulturkommission des Bezirks hat übrigens mit einer schönen Geste meine Ausstellung unterstützt. Der Kanton Schwyz wiederum zeigt sich wenig spendabel, wenn es um die Unterstützung von kulturellen Projekten geht: Kultur scheint für den Kanton ein Fremdkörper zu sein. Trotzdem hat es Einsiedeln geschafft, mit seinem Welttheater für Furore zu sorgen.
Wohin bewegt sich die Welt?
Die Corona-Krise hat als positiven Effekt vorübergehend für eine Entschleunigung gesorgt. Allerdings stelle ich fest, dass sie nicht zu einer nachhaltigen Veränderung in unserer Gesellschaft führen wird. Bereits ist wieder eine Kompensation, wenn nicht gar schon eine Überkompensation im Gange. Die Welt bewegt sich also in dieselbe Richtung weiter wie vor der Pandemie. Es ist schwierig, das zu ändern. Die Krise hätte eine Chance sein können.
Die Gretchenfrage zum Schluss: Wie haben Sie es mit der Religion?
Ich bin sehr religionskritisch eingestellt. Ich liebe die Diskussion darüber, würde aber nie einem gläubigen Menschen meine Ideen aufzwängen wollen. Religionen – und da sind Naturreligionen miteingeschlossen – zementieren meines Erachtens die Macht der Mächtigen. Ihre Existenzgrundlage verdanken sie alleine dem Umstand, dass der Mensch zu klein ist in diesem ganzen umfassenden Mysterium des Kosmos. Beruflich liebe ich übrigens den verkaufspsychologischen Mechanismus der Kirche ....
Wie meinen Sie das konkret?
Über Jahrhunderte haben uns die Religionen eingeimpft: «Das Gute kommt von oben», «Dunkel ist negativ, hell ist positiv», «Hölle unten, Himmel oben». Wenn Sie nun den Grundriss einer Kirche nehmen mit dem Tabernakel als «verbotenem Ort», können Sie das praktisch auf jede Marke, Ladengrundrisse, zum Teil auf einzelne Produkte legen – und Sie erhalten ein Raster, das heute noch einwandfrei funktioniert, um Menschen in Räumen zu steuern. Zum Tabernakel dürfen nur ganz wenige Auserwählte, es möchten aber im Prinzip alle Gläubigen zumindest symbolisch dorthin. Wer dort ist, dürfte als besonders rein und religiös gelten. Diese Faszination, dass ein Grundriss von Lourdes – aber auch der von Einsiedeln – einer gigantisches Shoppingcenter-Mall ähnelt, liess mich nicht mehr los. Ich finde es nach wie vor unglaublich spannend.
Die Ausstellung «Einsiedeln, seine Sagen und Geschichten»
umgesetzt in der Bildsprache von Kurt Zeltner, geht im Chärnehus vom 26. Juni bis am 5. Juli über die Bühne. Kurt Zeltner wird während den Öffnungszeiten der Ausstellung im Chärnehus präsent sein.
Zur Person
In Gampelen am 11. Juni 1967 geboren und aufgewachsen, besuchte Kurt Zeltner nach den Grundschulen die Kunstgewerbeschule in Biel und die Schule für Gestaltung in Bern. Nach der Lehre als Dekorationsgestalter wurde das bildnerische Gestalten lange Zeit von der Musik verdrängt, die immer einen grossen Platz in seinem Leben beanspruchte. Im Jahr 2018 schaffte es Kurt Zeltner mit dem Song «Black» aus seinem Album «A Stack Of Black» in die Playlist von SRF3. Vor wenigen Jahren fand er zurück auf die «bemalte» Leinwand. Traumatisiert von seinen Erfahrungen im Kunstgeschichtsunterricht mied Kurt Zeltner seit seiner Ausbildung jedes Kunstmuseum und die meisten Galerien. In dieser gesuchten Unwissenheit und selbst auferlegten visuellen Stille hat er seinen eigenen, von aussen fast unbeeinflussten Stil entwickelt. Kurt Zeltner ist Geschäftsführer eines Unternehmens, das sich mit Raumakustik auseinandersetzt. Seit 2006 lebt er in der Region Einsiedeln, ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Einsiedler Anzeiger / Magnus Leibundgut