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Nachdenken über das Streben des Menschen angesichts einer Welt, die im Wandel steht.
Ein Mensch wird geboren. Um die neun Monate lang hat er sich dahin entwickelt. Im Laufe der sechsten Schwangerschaftswoche begannen die ersten Organe, Form anzunehmen – sein Herz fing an zu schlagen. Etwa ab der 15. Schwangerschaftswoche war er in der Lage, zu schlucken und sein Fruchtwasser zu trinken. Ab ungefähr der 24. Schwangerschaftswoche war es ihm möglich, mehrere Stunden lang durchzuschlafen. Zudem begannen die Lungenzellen mit der Produktion des sogenannten Surfactant, einer Substanz, die die Oberflächenspannung der Lungenbläschen reduziert, damit sich die Lunge gut entfalten kann – ein weiterer entscheidender Schritt in Richtung Überlebensfähigkeit.
Ein Mensch wird geboren: Eine Erfolgsgeschichte? Gleichwohl es ein natürlicher Prozess ist, ist es keine Selbstverständlichkeit, dass er tatsächlich vollzogen wird. Man denke nur daran, was sich alles an Komplikationen in der Zeit von der Zeugung bis zur Geburt ereignen kann, die erschweren oder gar verunmöglichen, dass die mikroskopische kleine Keimzelle heran- und ausreift. Auch während oder direkt nach der Geburt. Wird beispielsweise der erste Stuhl des Kindes, Mekonium genannt, bereits in der Gebärmutter abgegeben und nicht in den ersten Tagen nach der Geburt, drohen gefährliche Folgen für das Kind, beispielsweise kann es zu einer schweren Lungenentzündung durch Mekoniumaspiration kommen.
Ein Mensch wird geboren. Bleiben wir dabei, dass das ein Erfolg ist, jedes Mal, wobei freilich zunächst der Begriff definiert werden muss. Das althochdeutsche Verb «erfolgen» bedeutet erstmal nichts weiter als dass eine Handlung zu einem Ergebnis führt. Erfolg folgt also aus dem, was man tut; etwas wird erreicht respektive wird einem zuteil. Das ist gross gefasst und impliziert eine Beliebigkeit, die dem gängigen Gebrauch nicht mehr entspricht. Gelingt es, morgens aus dem Bett zu steigen und sich eine Tasse Kaffee zu machen, würde niemand von Erfolg sprechen oder vielleicht nur die, denen das antriebsbedingt enorm schwer fällt.
Der Duden beschreibt Erfolg als «positives Ergebnis einer Bemühung» oder «Eintreten einer beabsichtigten, erstrebten Wirkung». Erfolgreich zu sein heisst demnach, das zu bekommen, was man will. Oder anders ausgedrückt: Die erbrachte Leistung liegt mindestens auf, besser noch über dem Bereich der selbst und/oder von anderen gesetzten Erwartung. Der kapitalistisch geprägte Mensch ist überdies darauf konditioniert, Erfolg in Zusammenhang mit monetärem Zugewinn zu stellen; ins Sichtbare gebracht durch Statussymbole gemäss der legendären Sparkassen-Werbung: «Mein Haus, mein Auto, mein Boot.»
Nun aber ist der Mensch ganz wesenhaft dafür begabt, zu scheitern …
von Sylvie-Sophie Schindler
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Sylvie-Sophie Schindler ist philosophisch und pädagogisch ausgebildet und hat über 1500 Kinder begleitet. Die Journalistin ist Trägerin des Walter-Kempowski-Literaturpreises und publiziert unter anderem bei der «Weltwoche».
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