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Seit Ende des 19. Jahrhunderts gerät die Repräsentativität belletristischer Mimesis in die Krise: Der soziale Raum, den Belletristinnen in zunehmend atomisierten Gesellschaften aus eigener Erfahrung in den Blick nehmen können, ist sehr klein, tendenziell beliebig und immer weniger repräsentativ geworden.
Dass aus dieser Krise schon vor gut hundert Jahren ein journalistischer Impuls entstehen konnte, zeigt die Biografie von Egon Erwin Kisch (1885-1948): Er beginnt als Jugendlicher ab 1900 Lyrik und Erzählungen zu schreiben, entwickelt aber dann ab 1906 in der Prager Zeitung «Bohemia» die journalistische Form der Reportage. Obschon er sich auch später ab und zu mit belletristischen Formen befasst (einem Roman 1914, Theaterstücken in den zwanziger Jahren), kennt man ihn heute als Belletristen nicht mehr. Er gilt als grosser Journalist, insbesondere als Verfasser der Reportagensammlung «Der rasende Reporter» (1925).
Kisch war ein Pionier, der das journalistische Feld literarisch urbar machte, ohne vorerst verstanden zu haben, dass nichtfiktionale Mimesis zwar gut erzählt, aber nicht Belletristik sein kann. Über dieses allgemach aus dem Nebel der Schöngeistigkeit auftauchende Grenzgebiet zwischen Belletristik und Journalismus spricht auch Hannah Arendt, wenn sie 1949 für die «Kunstform des Romans» eine Krise konstatiert und beifügt: «Eine Erzählerkunst, die vor einem halben Jahrhundert noch als Zeichen ungewöhnlicher Begabung gegolten hätte, kommt heute leicht als selbstverständliche Fazilität des guten Reporters zutage. […] Tatsache [ist], dass rein Handwerkliches heute von so vielen beherrscht wird und das allgemeine Niveau sich so sehr gehoben hat, dass dem eigentlichen Künstler sein Handwerkzeug selbst notwendigerweise suspekt werden muss.»»[1]
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde diese Einsicht zur Binsenwahrheit: Erzählkunst ist eine Frage von Bildungsprivilegien, nicht von literarischer Genialität. Allein in der literarischen Provinz der Deutschschweiz wären heute tausende von Gutgeschulten fähig, passable Belletristik zu schreiben – einfach, weil sie schreiben können. Bloss: Was bringt diese immer unrepräsentativere Dichterei?
Die Pionierleistung von Egon Erwin Kisch ist es, dass er im Grenzgebiet zwischen Belletristik und Journalismus den Perspektivenwechsel salonfähig gemacht und damit gesagt hat: Wem es um die Menschen geht, dem ist journalistische Sprache ein Mittel, sie ins Bild zu rücken. Und umgekehrt: Wer die belletristische Sprache ins Bild rückt, dem ist die Welt – und damit der Mensch – nur ein Mittel zum Zweck.
[1] Hannah Arendt: Hermann Broch und der moderne Roman, in: Arendt/Broch: Briefwechsel 1946-1951. Frankfurt (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag) 1996, S. 176.
(bis 11.11.2012; 08.+15.01.; 16.07.2018)