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Erst seit wenigen Jahrzehnten liegen in ausreichender Zahl methodisch abgesicherte Erhebungen und Umfragen vor, die uns detaillierte Auskunft über die Verbreitung und Anwendung von Verhütungsmitteln geben. Das war im 19. Jahrhundert noch anders. Nur ganz selten wagten es Mediziner, in ihrem Patientenkreis entsprechende Daten zu erheben. Zu ihnen gehört die amerikanische Ärztin Clelia Duel Mosher (1863–1940). Zwischen 1892 und 1912 befragte sie 47 verheiratete Frauen, die in den 1850er-und 1860er-Jahren geboren waren, nach deren Sexualverhalten und nach den von ihnen angewandten Verhütungsmethoden.
Die Mehrheit der befragten Frauen (42,2 Prozent) gab Scheidenspülungen («douching») als das Mittel ihrer Wahl an, knapp ein Viertel vertraute auf die Rhythmus-Methode. Ein Fünftel praktizierte den Coitus interruptus. Auffallend ist, dass das Kondom als Verhütungsmittel bei den Befragten offenbar so gut wie gar keine Rolle spielte. Nur in einem Fall wird die «französische» Methode der Empfängnisverhütung erwähnt, und zwar von einer Frau, die zuvor mit ihrem Partner den Coitus interruptus praktiziert hatte und damit unzufrieden war. Für Deutschland, das lange Zeit auf dem Gebiet der Sexualforschung führende Land, sind hingegen erst für den Beginn des 20. Jahrhunderts vergleichbare Erhebungen vorhanden.
Dominanz traditioneller Formen
Wie die wenigen zeitgenössischen Erhebungen zum Sexualverhalten andeuten, dominierten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eindeutig noch die traditionellen Formen der Empfängnisverhütung, wobei der Coitus interruptus fast immer an erster Stelle rangierte. Nur eine kleine Minderheit experimentierte mit neuen oder verbesserten Methoden, wie zum Beispiel dem Gummikondom oder der «Spirale», die bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem Markt waren und die erst viele Jahrzehnte später zu einem «Massenartikel» wurden.
Der Coitus interruptus ist bekanntlich eine der ältesten, wenngleich keine der besonders zuverlässigen Methoden, eine Schwangerschaft zu vermeiden. Der amerikanische Kulturhistoriker Peter Gay vermutet, dass sich diese Verhütungsmethode deshalb so lange gehalten hat, weil man sich nicht im Klaren darüber war, wie unsicher diese Technik in Wirklichkeit ist. Im 19. Jahrhundert gab es bekanntlich noch keinen Pearl-Index als Gradmesser für die Zuverlässigkeit eines Verhütungsmittels.
Dennoch lassen die wenigen Befragungen zum Sexualverhalten aus der Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erkennen, dass Männer und Frauen sich keine Illusionen über das mit dem «Sich-in-Acht-Nehmen» des Mannes verbundene Risiko machten. So antwortete beispielsweise eine verheiratete Frau (Jahrgang 1862) der bereits erwähnten amerikanischen Sexualforscherin Clelia Duel Mosher, dass sie in dreissig Jahren Ehe zwar Familienplanung betrieben, aber bewusst keinen Coitus interruptus praktiziert habe, da es besser sei, «etwas zu gebrauchen als den Mann einen Rückzieher machen zu lassen».
Die Vermutung, dass sich die meisten Anwender der geringen Zuverlässigkeit des Coitus interruptus als Verhütungsmittel nicht bewusst waren, wird unter anderem auch dadurch widerlegt, dass bei den zeitgenössischen Befragungen von Frauen und Männern sehr häufig noch eine zusätzliche Methode (meist die Scheidenspülung) erwähnt wird. Wenn Männer und Frauen im 19. Jahrhundert den Coitus interruptus als Verhütungsmethode ablehnten, dann geschah dies also häufig mit dem Hinweis auf ein «Versagen» und weniger mit Blick auf die in der populärmedizinischen Literatur immer wieder beschworenen gesundheitlichen Gefahren.
Wandel im 20. Jahrhundert
Wenn man die «Antibabypille» als Neuentwicklung einmal beiseite lässt, so fällt auf, dass sich das Spektrum und die Rangfolge der beliebtesten Verhütungsmittel in den letzten hundert Jahren geändert haben. In Deutschland lag vor dem Ersten Weltkrieg der Coitus interruptus mit einem Anteil von 62 Prozent an den in zeitgenössischen Befragungen erhobenen Methoden eindeutig an der Spitze. An zweiter Stelle rangierten vaginale Spülungen (30 Prozent), gefolgt vom Kondomgebrauch (25 Prozent). Pessare und Intrauterinstifte kommen in dieser Rangskala immerhin noch auf 19 Prozent.
Zu Beginn des dritten Jahrtausends hat sich das Bild gewandelt. Auf den ersten drei Plätzen findet man nun die hormonale Kontrazeption (62,3 Prozent), Kondome (39 Prozent), Gebärmutter- und Scheidenpessare sowie Spiralen (10,6 Prozent).
Zuverlässigkeit, Frauensache, Gesundheit
Mehrere allgemeine Trends fallen bei den Entwicklungen im 20. Jahrhundert ins Auge:
Erstens werden die unsicheren Methoden weniger angewandt. Für die Beurteilung der Zuverlässigkeit waren die Forschungen des amerikanischen Wissenschaftlers Raymond Pearl Anfang der 1930er-Jahre von weitreichender Bedeutung. Seit dieser Zeit gibt es den sogenannten Pearl-Index, dessen Berechnung auf der Anzahl der Monate des Gebrauchs von Verhütungsmitteln und der Anzahl der in diesem Zeitraum aufgetretenen Schwangerschaften basiert. Die Versagerquote bezieht sich auf 100 Frauenjahre (= 1200 Anwendungsmonate). Wenn man von der Sterilisation einmal absieht, so gilt die «Mikropille» als die sicherste Methode (0,2–0,5), gefolgt von der Spirale (1,5–3,0) und dem Scheidendiaphragma (2,0–3,0). Erst an vierter Stelle steht das Kondom mit einem Pearl-Index zwischen 3,0 und 7,0. Diese Rangfolge der Sicherheit spiegelt sich teilweise auch in den Statistiken wider, die über die Anwendung von Verhütungsmitteln vorliegen.
Zweitens ist seit den 1930er-Jahren die Verhütung wieder überwiegend «Frauensache». Bevor sich das weibliche Geschlecht auf die «Pille» verlassen konnte, nahmen bereits andere, ebenfalls von Frauen anzuwendende Verhütungsmethoden (Diaphragma, Pessare, Rhythmus-Methoden) in der Praxis an Bedeutung zu. In Kanada beispielsweise griffen Frauen in den 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts vor allem auf spermizide Cremes als Verhütungsmittel zurück. Um 1930 praktizierten noch 60 Prozent aller weissen Paare in den USA den Coitus interruptus. Zehn Jahre später standen bereits vaginale Spülungen mit lokal wirksamen chemischen Substanzen an erster Stelle, was offenbar nicht zuletzt mit der intensiven und erfolgreichen Werbekampagne der amerikanischen Hygieneartikel- industrie zusammenhängt. Gleichwohl ist dieser Trend nicht einheitlich. Während er in den Vereinigten Staaten klar zu erkennen ist, scheinen die Daten für Grossbritannien dieser Entwicklung zu widersprechen; denn dort ist im selben Zeitraum das Präservativ immer noch das beliebteste Verhütungsmittel. Erst mit AIDS wird in den USA (und nicht nur dort) das Kondom wieder populär und macht schliesslich sogar der «Pille» Konkurrenz.
Drittens spielen bei der Bevorzugung bestimmter Verhütungsmethoden nicht nur Überlegungen hinsichtlich der Zuverlässigkeit eine Rolle. Präferenzen können sich im Laufe der Zeit aus unterschiedlichen Gründen ändern. Ein wichtiger Faktor ist neben der Sicherheit nicht nur die Anwendungsfreundlichkeit eines Produkts, sondern auch das gesundheitliche Risiko, das damit verbunden ist oder vermieden werden könnte. Dass Kondome mittlerweile wieder in vielen Ländern an zweiter Stelle in der Anwendungsstatistik stehen, hängt sowohl mit den inzwischen bekannten Nebenwirkungen hormoneller Kontrazeptiva als auch mit der wachsenden Gefahr einer HIV-Übertragung beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr zusammen. So stieg beispielsweise der Kondomverbrauch in den USA im Zeitraum zwischen 1982 und 1990 von 12 auf 18 Prozent.
Selbst wenn in naher Zukunft die «Pille für den Mann» für jedermann zu haben sein wird, so macht doch ein Blick in die Vergangenheit wahrscheinlich, dass andere Verhütungsmittel, darunter vor allem die von Frauen gebrauchten sowie der Coitus interruptus, weiterhin eine grosse Rolle spielen werden. Das hängt nicht zuletzt mit weitgehend festgefügten Geschlechterrollen und tradierten Verhaltensweisen zusammen. Die Geschichte der Empfängnisverhütung erweist sich somit als medizinhistorisches Paradebeispiel für eine Geschichte der langen Zeiträume, für die der französische Sozialhistoriker Fernand Braudel den Terminus «longue durée» geprägt hat.
Robert Jütte