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von Brian Cardini
Bestimmt kennen Sie den jahrhundertealten Diskurs darüber, wer in uns eigentlich das Sagen hat: Ist es unser Verstand oder sind es unsere Emotionen? Die Philosophie beschäftigt sich mit dieser Frage bereits seit der Antike, zum Beispiel in Form des Stoizismus. Auch modernere Epochen, allen voran die Aufklärung, waren von dieser Frage stark geprägt. Die Psychologie, eine vergleichsweise junge akademische Disziplin, hat erst vor kurzem begonnen, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Da der Fokus der Psychologie auf dem Erleben und Verhalten des einzelnen Individuums liegt, haben Psychologinnen und Psychologen über die Jahre hinweg interessante neue Herangehensweisen an diese Frage entwickelt. So zum Beispiel die U.S. Forschenden Brett Ford, Sandy Lwi, Amy Gentzler, Benjamin Hankin und Iris Mauss. Ausgehend von der Tatsache, dass jede Person im Verlauf ihres Lebens eine eigene Theorie darüber entwickelt, wie sehr sie ihre Gefühle kontrollieren kann, haben die Forschenden die folgende Fragestellung formuliert: Unterscheiden sich Personen, die glauben, dass Emotionen nicht kontrolliert werden können von solchen Personen, die glauben, dass Emotionen kontrolliert werden können hinsichtlich ihrer psychischen Gesundheit? Das Argument der Forschenden ist, dass Personen, die Emotionen als unwiderruflich ansehen, auch allgemein weniger Strategien verwenden, die darauf abzielen, das eigene emotionale Erleben zu verändern (sogenannte Neubewertungs-Strategien). Hingegen sollten Personen, die Emotionen als kontrollierbar ansehen, öfters von solchen Strategien zur Veränderung des emotionalen Erlebens Gebrauch machen. Allerdings sollten sich die Personen jedoch nicht darin unterscheiden, wie häufig sie Strategien anwenden, die darauf abzielen, emotionale Konsequenzen zu unterdrücken (sogenannte Unterdrückungs-Strategien). Aus der Forschung ist bereits bekannt, dass Neubewertungs-Strategien wie beispielsweise das positive Umdeuten einer stressigen Situation einen positiven Effekt auf die psychische Gesundheit haben können. Andererseits können Unterdrückungs-Strategien wie beispielsweise das Unterlassen eines zornigen Gesichtsausdrucks einen negativen Effekt auf die psychische Gesundheit haben. Auf dieser Grundlage stellten die Forschenden die folgende Hypothese auf: Personen, die glauben, dass Emotionen kontrollierbar sind, sind im Mittel psychisch gesünder als Personen, die glauben, dass Emotionen unwiderruflich sind. Dies aus dem Grund, weil die ersteren mehr Gebrauch von Neubewertungs-Strategien machen als die letzteren.
Um diese Hypothese empirisch zu untersuchen, baten die Forschenden 223 AmerikanerInnen im Alter zwischen 21 und 60 Jahren anzugeben, wie sehr sie daran glauben, dass ihre Emotionen unwiderruflich sind (z.B. „Ganz egal, wie sehr man es auch versucht, kann man seine Emotionen nicht ändern“ oder „In Wahrheit haben Menschen sehr wenig Kontrolle über ihre Emotionen“). Die Stärke der Zustimmung wurde auf einer Skala von 1 (stimme überhaupt nicht zu) bis 7 (stimme völlig zu) gemessen. Anschliessend begleiteten die Forschenden die Teilnehmenden 14 Tage lang in ihrem Alltag. Die Personen gaben an jedem Abend an, ob in den letzten 24 Stunden ein stressiges Ereignis stattgefunden hatte, und wenn ja, wie sehr sie als Antwort darauf von Neubewertungs- und Unterdrückungs-Strategien Gebrauch gemacht hatten (z.B. „Haben Sie über eventuelle positive Auswirkungen dieses Ereignisses nachgedacht?“ oder „Haben Sie versucht, zu verheimlichen, wie Sie sich dabei gefühlt haben?“). Die Stärke der Zustimmung wurde auf einer Skala von 1 (gar nicht) bis 5 (sehr) gemessen.
Die Ergebnisse bestätigen die Hypothese der Autoren: Personen, die glauben, dass Emotionen unwiderruflich sind, machten in ihrem Alltag weniger Gebrauch von Neubewertungs-Strategien als Personen, die glauben, dass Emotionen kontrollierbar sind. Die Personen unterschieden sich allerdings nicht in ihrem Gebrauch von Unterdrückungs-Strategien. In einer Follow-up-Studie mit amerikanischen Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren fanden die Autoren ausserdem Evidenz für den vermuteten Zusammenhang zwischen Emotionseinstellungen und psychischer Gesundheit: Jugendliche, die glauben, dass ihre Emotionen unwiderruflich sind, berichteten im Mittel über mehr depressive Symptome als Jugendliche, die glauben, dass Emotionen kontrollierbar sind. Dieser Zusammenhang konnte durch den Gebrauch von Neubewertungs-Strategien erklärt werden. Spannenderweise konnte die persönliche Einstellung gegenüber den eigenen Emotionen auch teilweise vorhersagen, wie viele depressive Symptome dieselben Jugendlichen 18 Monate nach der ersten Befragung berichteten.
Diese Reihe von Studien zeigt schön auf, was man in der Psychologie schon lange annimmt: Jede Person kann ihr eigenes Erleben und Verhalten zumindest teilweise durch die eigenen Einstellungen und Handlungen mitbeeinflussen. Ihre persönliche Überzeugung davon, wie viel Einfluss Sie auf psychologische Prozesse wie beispielsweise Ihre Emotionen nehmen können, kann sich also sowohl kurzfristig als auch längerfristig auf Ihre psychische Gesundheit auswirken. Lassen Sie also nicht jemand anderes diese wichtige Frage für Sie beantworten. Im Gegenteil – Überlegen Sie sich selber, wie Sie auf die Eingangsfrage zu antworten gedenken: Haben Sie das Gefühl, dass Sie Ihre Emotionen kontrollieren können oder nicht?
Literaturangaben:
Ford, B. Q., Lwi, S. J., Gentzler, A. L., Hankin, B., & Mauss, I. B. (2018). The cost of believing emotions are uncontrollable: Youths’ beliefs about emotion predict emotion regulation and depressive symptoms. Journal of Experimental Psychology: General, 147, 1170-1190.
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