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23.04.2013 - Dieter Schupp
23.04.2013
Dieter Schupp
Ich lasse mich gern motivieren
Aus gegebenem Anlass zum Beispiel von Urs Meyer.
Den entscheidenden Anstoss bekam ich von ihm, dem a.o. Professor, Germanistische Literaturwissenschaft an der Université de Fribourg.
Durch einen Zufall hörte ich, dass er 2012 in Bad Boll einen Vortrag hielt mit diesem Titel: „Der will nur spielen! Der Sekundärkanon des blitzgescheiten und belesenen Analphabeten Johann Gottfried Seume.“
Johann Gottfried Seume. Wer?
Muss man den kennen? Muss ich den kennen? Dass es irgend wann einmal einen deutschen Schriftsteller namens Seume gegeben hat, das war mir bekannt. Mehr aber nicht.
Doch jetzt „… des blitzgescheiten und belesenen Analphabeten…“! Heisst das etwa, Seume mag zwar blitzgescheit gewesen sein, aber auch belesen? Ein Analphabet, und dennoch ein Schriftsteller?
Lexikon hilf!
„Seume, Johann Gottfried, geboren 1763 in Poserna (Sachsen-Anhalt), gestorben 1810 in Teplitz (Böhmen), dt. Schriftsteller.“ Aha. Also doch ein Schriftsteller, der allerdings – so der Professor aus Fribourg – ein Analphabet gewesen sein soll!?
Analphabeten sind doch – einer Webdefinition zufolge – Personen, die kulturell und/oder bildungs- und psychisch bedingte individuelle Defizite haben und weder schreiben noch lesen können…“
Doch selbst im schmalen Lexikon steht über ihn zu lesen: „Ausgedehnte Reisen durch ganz Europa fanden ihren Niederschlag in seinen sozialhistorischen, aufschlussreichen Memoiren, u. a. «Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1803».“
Ich werde, da bin ich mir ziemlich sicher, dieses Buch wohl niemals lesen.
Reiste er etwa zu Fuss?
Mein Interesse an Seume versiegte schon am Abend, erwachte jedoch am nächsten Morgen gleich wieder.
Syrakus? Hat nicht einst der römische Staatsmann und Schriftsteller Cicero diese Stadt als die grösste und schönste Stadt auf Sizilien beschrieben?
Und da ist Seume eines Tages gewesen… Doch wie ist er dahin gekommen? Zusammen mit anderen oder etwa ganz allein? Mietete er sich eine Kutsche, wie andere auch? Aber konnte er sich das finanziell leisten?
Oder reiste er etwa zu Fuss? Mehr als 2000 km zu Fuss? Ein ‚Spaziergang’ über München – Innsbruck – den Brenner – Bologna – Rom – und weiter? Und zurück über Rom – Bologna – den Gotthart – Lugano – Zürich – Basel – Stuttgart – Ulm – Poserna?
Und überhaupt: Als Analphabet konnte sich der Seume doch keine Notizen machen, es sei denn, er war mit Freunden unterwegs, die ihm die Schreibarbeit abgenommen haben.
Eine Italienreise
Irgendwas stimmt da nicht. Aber was? Seume, der Wanderer, war in Italien wie viele andere in jenem Zeitraum auch. Gryphius zum Beispiel, Winckelmann, Lessing, Herder, Goethe.
Sie alle haben darüber berichtet, auch gedichtet. Goethes Gedicht aus dem Jahr 1786 ist zum klassischen Ausdruck der Italien-Sehnsucht geworden:
„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
kennst du es wohl?
Dahin! Dahin möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!“
Sein Geburtstag jährt sich 2013 zum 250. Mal
Ausser den Dichtern und Schriftstellern unternahmen auch Händler, Maler und Architekten die weite Reise nach Italien. Die einen um zu kaufen und zu verkaufen, die anderen suchten dort nach kreativen Inspirationen. Auch wanderten Pilger, tatsächlich oft zu Fuss, vor allem nach Rom, um so zu einem Sündenablass zu kommen.
Doch über keinen sonst könnte man einen Vortrag in der Evangelischen Akademie Bad Boll halten mit dem Titel: „Der will nur spielen! Der Sekundärkanon des blitzgescheiten und belesenen Analphabeten…“
Da wollte ich über diesen Mann mehr wissen, der angeblich weder schreiben noch lesen konnte, dennoch ein Schriftsteller war und dessen Geburtstag sich 2013 zum 250. Mal jährt.
Am besten – und dieses Wissen gebe ich gerne weiter – von Professor Dr. Urs Meyer selbst, – Germanistische Literaturwissenschaft, Fribourg.
Was ich da von und über Johann Gottfried Seume im Internet fand, war nicht nur interessant, sondern überaus lohnend und aussergewöhnlich, kurzweilig und spannend, anregend und sehr unterhaltsam.
Alle Leser und Leserinnen, die ich mit dieser Kolumne nun neugierig gemacht habe auf die Person Seume und die nun, wie ich, mehr über ihn wissen möchten, verweise ich auf Meyers Webseite: www.ursmeyer.ch/vortrag.htm.
Aus den vielen Aphorismen Seumes, die man dort finden kann, habe ich diesen gewählt:
„Die meisten Menschen haben überhaupt gar keine Meinung, viel weniger eine eigene, viel weniger eine geprüfte, viel weniger vernünftige Grundsätze.“