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"Bruno Ganz hat alles, um die Rolle zu verkörpern"
Luc Bondy, der Schweizer Regisseur mit internationalem Renommee, hat im Odéon Théâtre Paris das Stück "Die Heimkehr" von Harold Pinter inszeniert. In der Hauptrolle spielt Bruno Ganz einen herrschsüchtigen Vater. Im Interview kontert Bondy auch harte Kritik.
Seit März 2012 leitet Luc Bondy das Odéon Théâtre in Paris, das frühere Théâtre de l'Europe. Ziel des Hauses ist es, dem Publikum die grössten Autoren und Autorinnen des europäischen Theaters zu präsentieren. Um die anspruchsvolle Aufgabe zu lösen, will Luc Bondy an die Theatertradition von Giorgio Strehler, einem seiner Vorgänger, anknüpfen. Der bekannte italienische Schauspieler – er starb 1997 in Lugano – war der erste, der die europäische Mission des Odéons ausführte, als er 1983 dessen Direktor wurde.
In seiner ersten Spielzeit zeigt Luc Bondy als erstes Stück "Le Retour" von Harold Pinter, dem britischen Literatur-Nobelpreisträger von 2005.
swissinfo.ch: Das Stück von Pinter erzählt von den schwierigen Beziehungen zwischen einem Vater und seinen Söhnen. So wie Sie es inszenieren, entspricht es dem Mikrokosmos einer totalitären Macht, wie sie heute noch in gewissen Ländern existiert?
Luc Bondy: Ich glaube, dass die politischen Diktatoren jenen in den Familien sehr ähnlich sind. Um dieses Stück zu schreiben, hat sich Pinter stark von der repressiven Atmosphäre inspirieren lassen, welche die Polizei-Verhöre in faschistischen Ländern charakterisieren. Im Stück "Le Retour" finden Sie Situationen, die am Anfang sehr harmlos sind, sich aber in Folge eines unerträglichen psychologischen Drucks zu einem Drama wenden.
Ich denke zum Beispiel an die Szene, in welcher der jüngste Sohn im Kühlschrank erfolglos sein Sandwich sucht. Er fragt seinen älteren Bruder, der aus Amerika heimgekehrt ist, beschuldigt diesen, das Sandwich entwendet zu haben, und wirft ihm vor, von Amerika total verdorben worden zu sein.
Das ist eine Form der stalinistischen Einschüchterung, die Pinter in den Haushalt überträgt. Der Autor weiss genau, dass im Kern der Familie (genau wie im Zentrum eines despotischen Staates) oft eine Person versucht, die Macht an sich zu reissen, sie zu halten und sie jedes Mal gegen andere einzusetzen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.
swissinfo.ch: Sie haben die Rolle des despotischen Vaters Max dem Schweizer Schauspieler Bruno Ganz anvertraut. Aus welchem Grund? Weil er ein Landsmann ist, aus Bewunderung für den Schauspieler, oder beides?
L.B.: Aus beiden Gründen. Ganz hat alles, um diese Rolle zu verkörpern: Das Alter, 71 Jahre, und die Energie. Im Leben ist er sanft, aber als Schauspieler steckt in ihm die Gewalt, die es für diese Persönlichkeit braucht. Er hat noch die Kraft zuzuschlagen und vermittelt den Eindruck, ein harter Mann zu sein.
Es wäre mir schwer gefallen, einen andern Schauspieler zu finden. Vielleicht Michel Piccoli, wenn er 20 Jahre jünger wäre. Wenn ich es mir aber jetzt vorstelle, komme ich zum Schluss, dass auch Piccoli, der einer meiner bevorzugten Schauspieler ist, für die Person von Max nicht der Richtige wäre. Ich hätte ihn verletzt, wenn ich ihn gefragt hätte, diese gewalttätige Rolle zu spielen.
swissinfo.ch: Sie haben eine grosse Vorliebe für die Spitzenleute der Schweizer Bühnen. Auch Christoph Marthaler ist eingeladen, in dieser Saison zwei Aufführungen zu zeigen. Werden auch jüngere Talente, wie der ausserordentliche Solothurner Regisseur Stefan Kaegi, eines Tages einen Platz in ihrem Programm haben?
L.B.: Natürlich, warum nicht. Ich habe Kaegi übrigens nach Wien eingeladen, als ich die Wiener Festwochen geleitet habe. Aber am Odéon Theater ist das Geld mein Problem. Ich rechne mit Budget-Kürzungen im nächsten Jahr, welche die Anzahl Produktionen bestimmt verkleinern und einige meiner Träume verhindern werden.
Ideal wäre es, an die Theaterpolitik von einem meiner Vorgänger, Giorgio Strehler, anzuknüpfen, der in den 1980er-Jahren das Odéon zu aussergewöhnlichen europäischen Abenteuern geführt hatte. Die Zukunft wird zeigen, ob dies möglich ist. Angesichts der ökonomischen Krise wird meine Aufgabe nicht leicht sein.
swissinfo.ch: Sie sprechen vom Geld. Die französische Presse wirft Ihnen vor, ein überhöhtes Gehalt zu beziehen und Bruno Ganz eine hohe Gage zu bezahlen. Einige Journalisten kritisieren ausserdem schonungslos ihre Vorstellungen. Was sagen Sie dazu?
L.B.: Das ist skandalös. Wir haben in den französischen Zeitungen eine Gegendarstellung publizieren lassen, um klar zu stellen, dass in der Presse falsche Angaben zur Gage von Bruno Ganz veröffentlicht wurden.
Die Angriffe, denen ich wegen meines Einkommens ausgesetzt bin, sind diffamierend. Mein Salär wird in den Zeitungen veröffentlicht und man wie zufällig vergisst zu sagen, dass dieses nicht nur meine Tätigkeit als Direktor, sondern auch meine Arbeit als Regisseur am Odéon umfasst.
Die negative Kritik über "Le Retour" gewisser Zeitungen enthält keine begründeten Argumente, sondern aggressive Regungen. Sie versucht vor allem zu zerstören. Ich bin verblüfft, dass man sich in einem Europa der Freiheit derart benehmen kann.
swissinfo.ch: Sehen Sie darin eine Intrige?
L.B.: Vielleicht, aber es ist nicht wichtig…was für mich zählt, ist das Urteil des Publikums. Der Saal ist jeden Abend voll. Wir müssen sogar täglich Besucher abweisen.
Vorstellungen
"Le Retour" von Harold Pinter. Régie Luc Bondy. Odéon-Théâtre de l'Europe in Paris. Bis am 23. Dezember.
Danach am Schauspielhaus Zürich, vom 23. bis 25. Januar 2013. Mit u.a. Bruno Ganz, Emmanuelle Seigner, Pascal Greggory.End of insertion
Handlung
"Le Retour" handelt vom Leben einer kleinbürgerlichen Familie in London, deren täglicher Trott durch die Heimkehr des älteren Sohns Teddy aus den Fugen gerät.
Teddy hatte zuvor sechs Jahre als Lehrer in den USA gearbeitet und bringt nun seine Frau Ruth, ein ehemaliges Aktmodell und Prostituierte, mit in die Familie. Dazu gehört Teddy Vater, ein ehemaliger Metzger, seine beiden Brüder Lenny und Joey, sowie Onkel Sam.
Die Anwesenheit der sehr begehrenswerten Ruth im Kreis der Männer, die alle unter dem gleichen Dach leben, vereinigt die negativen Energien einer Familie, die zu ersticken droht. Ruth fördert die bisher in ihrer Frustration eingesperrten Persönlichkeiten ans Licht.End of insertion
Luc Bondy
1948 in Zürich geboren. Theater- und Opern-Regisseur. Kindheit in Frankreich. Er besucht die Pantomime-Schule von Jacques Lecoq in Paris, und macht seine ersten Schritte am Théâtre universitaire international.
1969 beginnt er die Zusammenarbeit mit grossen deutschen Theatern, wie dem Thalia in Hamburg und der Schaubühne in Berlin.
Als seine internationale Karriere lancieret war, erhielt er Engagements von den prestigeträchtigsten Bühnen der Welt.
2001 wird er zum Direktor der Wiener Festwochen ernannt, die er 2012 verlässt, um das Odéon-Théâtre de l'Europe in Paris zu leiten.
Bondy hat auch Filme gedreht und mehrere Bücher über das Theater geschrieben.End of insertion
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