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Interview mit David S. - Eine italienisch-schweizerische Geschichte
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Ich bin 1971 in Bern geboren. Meine Eltern kamen Ende der 1950er-Jahre in die Schweiz, um zu arbeiten. Zu Beginn als Saisoniers. Mein Vater arbeitete als Maurer, meine Mutter in einer Textilfabrik. Hier in der Schweiz haben sie sich kennengelernt, obwohl ihre Heimatdörfer im Nordosten Italiens nicht weit auseinanderliegen. Sie heiraten 1963. 1964 kommen mein älterer, 1973 mein jüngerer Bruder zur Welt. Die Aufenthalts-Bewilligung erhalten sie kurz nach der Heirat, die Niederlassungs-Bewilligung nach der Geburt meines älteren Bruders.
Völlig verschieden von den Schweizer Kindern habe ich mich nie gefühlt, obwohl es eine ganze Reihe von Merkmalen gab, die mich als fremd identifizierten: Sprache, Kleidung, Gewohnheiten, Äusserliches. Ein bisschen anders als die Kinder meiner Umgebung fühlte ich mich schon, aber entfremdet fühlte ich mich nicht. Fremdenfeindlichkeit gehörte in den Jahren meiner Kindheit und Jugend dazu, aber eher punktuell. Sie war unerfreulich, aber nicht tragisch. Zuhause sprachen wir Italienisch, die Eltern untereinander sogar das Dialekt aus dem Veneto. Mein Schweizerdeutsch war im Kindergarten am Anfang entsprechend nicht so ausgebildet, ich lernte aber die Sprache schnell.
Meine Eltern pflegten kaum engere Beziehungen mit Schweizerinnen und Schweizern. Die Sprachbarriere war einfach zu hoch. Die Kontakte beschränkten sich auf alltägliche Situationen. Es gab aber auch Ausnahmen: Ich erinnere mich an Nachbaren, die aus dem italienischsprachigen Valposchiavo stammten, bei der die gemeinsame Sprache natürlich eine Verbindung schuf. Ganz anders waren die Kontakte zu anderen Italienerinnen und Italienern, die sich in Bern und Umgebung niedergelassen hatten: da entstanden Freundschaften, es wurden Feste gefeiert, man lud sich gegenseitig ein, machte gemeinsame Ausflüge.
Ich ging immer gerne in den Kindergarten und in die Schule, obwohl ich ein sehr schüchternes und zurückhaltendes Kind war. Auch heute noch pflege ich Kontakte zu ehemaligen Schulkolleginnen und Schulkollegen aus der Primarschule, der Sekundarschule und dem Gymnasium.
Ich hatte das grosse Glück, dass ich meist sehr offene, fordernde und fördernde Lehrerinnen und Lehrer hatte. Ich war in meinem Lernverhalten sehr selbständig, trotzdem unterstützten meine Eltern - so weit es ihnen möglich war - meine schulische Bildung. Die Schule hatte für sie einen hohen Stellenwert. Eine Aufgabenhilfe, wie sie innerhalb der italienischen Gemeinschaft gab, nahm ich nicht in Anspruch. Prüfungsfrei schaffte ich den Übertritt in die Sekundarschule.
Mein Vater - Jahrgang 1935 - hatte nur 5 Jahre Schulunterricht erhalten. Er wuchs auf einem Bauernhof in einer zahlreichen Pächterfamilie auf. Die Arbeit spielte ins seinem Leben eine zentrale Rolle, aber Bauer auf einem gepachteten Hof wollte er nicht bleiben. Deshalb folgte er seinem älteren Bruder in die Schweiz, wo dieser bei einer Baufirma, welche von italienischen Einwanderern aus dem Veneto eine Generation vorher gegründet, Arbeit gefunden hatte. Mit der Referenz seines Bruders konnte mein Vater sich so seine erste Arbeitsstelle, sein erstes eigenes Geld und ein Stück Unabhängigkeit verdienen. Diese Netzwerke, wer wo Arbeit bieten konnte, waren sehr wichtig. So fand auch meine Mutter – Jahrgang 1940 - als 20-jährige eine Stelle in einer Textilfabrik im sanktgallischen Kaltbrunn, nachdem sie in Italien als Haushaltshilfe gearbeitet hatte. Auch sie wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Immerhin besass ihre Familie einen eigenen Hof und ein bisschen eigenes Land.
In der italienischen Sprache und Kultur blieb ich immer fest verwurzelt: über meine Eltern, über das italienische Radio, das bei uns zu Hause über Mittelwelle ständig lief, über das Tessiner Fernsehen und später auch über das italienische Fernsehen RAI. Aber noch viel wichtiger war - ergänzend zur Schweizer Schule - die italienische Schule, welche jeweils am schulfreien Mittwochnachmittag stattfand und italienische Kultur in Sprache, Geschichte und Geografie vermittelte. Diese erlebte ich als ungemein bereichernd. Ich verdanke meine Italienischkenntnisse dieser Bildungsinstitution.
Der Sprung von der Sekundarschule ins Gymnasium war wirklich happig. Es wurde einem klargemacht, dass der Besuch des Gymnasiums auf freiwilliger Basis beruht. Sprich: niemand hat auf dich gewartet, reichst du nicht, darfst du wieder gehen. In einigen Fächern bekundete ich grosse Mühe. Es war nicht einfach für einen spätpubertierenden Jugendlichen. Ich musste ein Jahr repetieren, biss mich aber anschliessend mit intensivem Lernen durch und schaffte die gymnasiale Maturität.
Nach dem Gymnasium kam ich in eine Findungsphase, geprägt durch viele Unklarheiten, was ich in meinem Leben machen wollte. Vielleicht hängt das auch mit meinem Migrationshintergrund zusammen und damit, dass meine Eltern in einem völlig anderen Milieu aufgewachsen sind, ohne eine Ausbildung mit einem formellen Abschluss – vermutlich pflanzt sich hier doch Etwas fort im Positiven wie im Negativen. Von uns drei Geschwistern hat mein jüngerer Bruder einen Lehrabschluss gemacht. Mein älterer Bruder hat nach der Maturität und abgebrochenem Studium erfolgreich Karriere im Grafik und Design gemacht. Die Universität – ich habe Archäologie studiert, auch das vielleicht ein Zeichen meiner Suche nach der eigenen Herkunft - habe ich kurz vor Abschluss, ich arbeitete bereits an meiner Abschlussarbeit, abgebrochen. Letztlich bin ich an einem fast ganz anderen Ort gelandet: zwar nicht in der Dokumentation von archäologischen Funden und Befunden, aber trotzdem in der Dokumentation, und zwar in der Mediendokumentation.
Mehrere meiner Verwandten mütterlicherseits wohnten in Bern, sie gingen jedoch alle wieder zurück nach Italien. Anfangs der 1980er-Jahre hatten wir in Bern keine Verwandten mehr. Obwohl auch viele meiner italienischen Kolleginnen und Kollegen wieder nach Italien zurückwollten, war dies in meiner Familie und bei mir selbst nie ein Thema. Die Eltern nahmen dabei auch auf unseren Schulabschluss und unsere Ausbildung in der Schweiz Rücksicht. Beides war ihnen sehr wichtig.
Die Beziehung zu den Grosseltern in Italien war immer schon sehr distanziert. Sie lebten ja im Veneto und damit schlicht auch zu weit weg, um eine enge Beziehung aufzubauen. In den Ferien haben wir nonna Fermina, die Mutter meines Vaters, selbstverständlich besucht. Die anderen Grosseltern lebten da bereits nicht mehr. Wenn ich daran denke, wie wichtig Grosseltern für ein Kind sein können – ich sehe es bei meinen eigenen Kindern - muss ich sagen: leider nein, das habe ich alles nicht erleben dürfen. Der Bruch durch die Migration hat es nicht erlaubt, eine enge Beziehung zu meinen Grosseltern aufzubauen.
Meine Eltern gingen 1999, nach der Pensionierung, zurück in den Veneto. Sie lebten sich dort schnell wieder ein, auch weil der kulturelle Unterschied zur Schweiz nicht so riesig war und sie enge Beziehungen zu Verwandten und Freunden immer wieder pflegten.
Den Bruch durch die Migration habe ich zwar nicht selbst direkt erlebt, aber über die Familiengeschichte doch auch mitbekommen so, dass ich selber Teil dieses Bruchs geworden bin. Insbesondere die Distanz zur Verwandtschaft empfinde ich rückblickend als eine schwierige Situation. In den Erzählungen meiner Eltern und deren Erinnerung an ihre Jugend und als junge Erwachsene war Italien oft präsent. Zum greifen nah und trotzdem sehr weit weg. Italien war nicht eine gelebte Realität. Und wenn Italien real gelebt wurde, war es doch erschreckend fremd. Sehr viel prägender war und ist das Leben in Bern und in der Schweiz.