Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03459.jsonl.gz/208

Vor 2500 Jahren war es in Athen nicht still. Die Stadt war voller Geräusche. Auch die Musik war einfach da, sie gehörte dazu. Sie war Erziehungsgut und Sklavenwerk, konnte Kunststück sein und unanständig in einem. Der Musiklehrer war zur Bildung des eigenen Sohnes unentbehrlich, sein Renommee und seine Entlöhnung jedoch waren äusserst gering.
Wir können nicht wissen, welche «Musikstücke» gespielt wurden. Was wir aber wissen, ist, dass die Musik der klassischen griechischen Antike in grösster Abhängigkeit vom Instrument und dessen spezifischer Spieltechnik steht. Das ergibt Klangmuster und Formeln, die in einem bestimmten Masse veränderbar und anpassungsfähig sind. Die Formeln speisen sich aus den wenigen Tönen, die auf den einzelnen Melodieinstrumenten möglich sind.Die Sprache der griechischen Lyrik, wie sie uns aus dem 6. und 5. vorchristlichen Jahrhundert überliefert ist, erlaubt uns ein Verständnis des musikalischen Rhythmus. Kurzen und langen Sprachsilben entsprechen kurze und lange Töne. Durch die Aneinanderreihung von rhythmischen Zellen entstehen auch hier formelhafte Wendungen und Wiederholungen. Ein weiteres an musikalischer Information birgt die Sprache: Mit ihren Sprachakzenten Akutus, Gravis und Circumflex werden keine Gewichtungen als vielmehr melodische Richtungen angedeutet, steigend, fallend oder auch verweilend.
Bringen wir nun alle Elemente sowohl der Sprache als auch der Instrumente (respektive exakter Nachbauten) mit den ihnen ureigenen Klangfarben und eingeschriebenen Spieltechnik zusammen, darf man sich auch heute ein klein wenig erlauben, von altgriechischer Musik ganz konkret zu sprechen, auch wenn wir aus der griechischen Klassik keine Notation kennen, die in eindeutiger Weise Auskunft über die aufgeführte Musik geben könnte.
Bild: Paul J. Reichlin-Moser