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Sonderbar abgehackt klingen diese Texte, wie gefriergetrocknet. Sie erinnern an Poetry Slam. Möglich auch, dass jemand in der Strassenbahn jugendlich-unbekümmertes Geschnatter mitgeschnitten hat.
Er ist beim Spiel gegen Südkorea einfach aus dem Tor gerannt.
Die südkoreanische Mannschaft hat dann ein Tor gemacht.
Das Spiel war sowieso ein Reinfall.
Aber Neuer hat es total versaut.
Das geht nicht.
So kommentierte die Berliner Tageszeitung «taz» das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft aus der WM 2018. Und folgendermassen informiert die Stadt Köln auf ihrer Homepage über die Modalitäten der Hundeanmeldung:
Wenn Sie einen Hund haben:
Dann müssen Sie Hunde-Steuer bezahlen.
Es ist Ihre Pflicht:
Ihren Hund anzumelden.
Wenn Ihre Hündin schwanger ist und Babies bekommt:
Dann dürfen die jungen Hunde 6 Monate alt werden.
Nach den 6 Monaten müssen Sie die Hunde innerhalb von 4 Wochen anmelden.
Und auch wenn der Kanton St.Gallen, genauer das Departement des Inneren, Amt für Soziales, auf seine Angebote für Behinderte hinweist, klingt das fast schon lyrisch:
Wenn man auf ein Amt muss.
Wenn man in einen Verein will.
Wenn man etwas nicht versteht.
Zum Beispiel: einen Brief.
Oder:
Wenn jemand eine Arbeit sucht.
Wenn jemand nach einem Unfall wieder eine Arbeit sucht.
Wenn jemand mit anderen Menschen Ferien machen will.
«Leichte Sprache» ist das. Alle diese Mitteilungen bedienen sich einer Art Schrumpfform des Deutschen, die sich zurzeit im deutschen Sprachraum offenbar unaufhaltsam verbreitet. Was einst so selbstverständlich und trivial erschien wie das Atmen und das Essen, gilt vielen heute als umständlich und mühsam: Lesen. Und Schreiben. Was kann man da machen? Bessere Schulen? Leseförderung? Schwer! Leichter dagegen: «Deutsch light».
Leichte Sprache war anfangs bloss als eine Art literarischer Treppenlift für geistig behinderte Menschen gedacht. Sie war ursprünglich ein Projekt von Behindertenverbänden wie der US-Organisation People First, die seit den 1990er Jahren mit einfacheren Modellen der geschriebenen Sprache experimentieren. In Deutschland engagiert sich ein «Netzwerk Leichte Sprache» für Leichte Sprache. Schwere Sprache, so heisst es, kann als Zugangsbehinderung wirken, so wie Bordsteinkanten, Treppenstufen oder zu kleine Buchstaben auf einer Website. Sie dient dem Ausschluss, und das in einem Bereich, der immer mehr an Bedeutung gewinnt: Wer mit der geschriebenen Sprache nicht klarkommt, dem ist der freie Zugriff auf das zentrale Gut der Zukunft verbaut – die Information.
Doch wie erleichtert man eine Sprache? Man beseitigt kurzerhand alle sprachlichen Stolpersteine und Schwellen. Weg mit den komplizierten Genitiven und Konjunktivformen! Schluss mit Negationen und Nebensätzen! Präteritum? Braucht niemand! Passivkonstruktionen werden ebenso verboten wie lange Sätze und zusammengesetzte Hauptwörter. Ochsenschwanzsuppe und Schlaganfall sind schwere Sprache. Leichte Sprache sorgt für Übersicht, zum Beispiel mit dem Mediopunkt. Dieser (oder ein Bindestrich) sorgt für die Ochsen·schwanz·suppe light oder einen leichten Schlag·anfall.
Die Übersetzung von schwerem in leichtes Deutsch funktioniert meist so: ein geübter, mit den Regeln für Leichte Sprache vertrauter Spezialist «erleichtert» zum Beispiel einen Betreuungsvertrag oder eine ärztliche Anweisung. Dann redigiert ein Betroffener den Text, also ein Behinderter prüft, ob das Resultat für ihn lesbar sei. Erst dann wird gedruckt oder hochgeladen. Im kleinen Rahmen wurde Leichte Sprache bald ein Erfolg, die Übersetzer übersetzten immer mehr, und schon gab es auch Bibeltexte, Fussballregeln und Literaturklassiker in einer Lightversion.
Eine grosse Sache wurde aus dem Nischenphänomen im Jahre 2006. Damals verabschiedete die Uno die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung. 2008 trat sie in Kraft, und man setzte sie in nationales Recht um. Aus der Idee wurde Recht, aus dem Recht wurde Politik.
Ab sofort wurden überall in der sprachlichen Kommunikation Stufen und Lücken entdeckt, diskriminierende Barrieren, die auf dem Weg zu einer gelungenen Inklusion zu verschwinden hatten. Ganz vorn dabei war die Politik, als es galt, das neue Betätigungsfeld für sich zu entdecken:
Jedes Land hat einen eigenen Chef.
In Deutschland ist das Frau Angela Merkel.
Das finden wir gut.
Das soll so bleiben!
So geht Wahlkampf in leichtem Deutsch. Manche Politiker waren auch ein bisschen zu eilig: Der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Anton Hofreiter, schrieb auf seiner Website:
Ich bin ein Politiker von den Grünen.
Ich habe mich gekümmert, damit unser Fluss, die Isar, wieder sauberer wird.
Und dass die S-Bahnen und Busse besser und öfter fahren.
Ich habe mich auch gekümmert, dass Solar-Anlagen gebaut werden.
Solar-Anlagen sind gut, weil sie uns Strom oder warmes Wasser bringen.
Das Nachrichtenmagazin «Focus Money» fiel daraufhin süffisant über Hofreiter her – und rein. Man hielt die Zeilen für geplanten Unfug, die Abschaffung des Genitivs für Provokation; das Konzept der Leichten Sprache kannten die Redaktoren bei Focus noch nicht.
Die erstaunlichsten Veränderungen betrafen jedoch zweifellos die Behördenverlautbarungen. Analog zur Gebärdensprache und zu Layout-Lösungen für Sehbehinderte gab es plötzlich auf zahllosen Internetauftritten von Verwaltungen blaue Knöpfe, auf denen ein lesendes Männchen lächelt und ein zustimmender Daumen gereckt wird. Das Logo für Leichte Sprache war geboren.
Die UN-Konvention hatte eine Reihe von Auswirkungen. Unmittelbar einleuchtend war der Vorteil, dass der Text der Konvention nun in Leichte Sprache übersetzt wurde – und die Betroffenen sich selber über ihre Rechte informieren konnten. Zum Beispiel über die Würde des Menschen:
Jeder Mensch muss gut behandelt werden. Jeder Mensch hat Würde.
Das bedeutet:
Jeder Mensch ist ein besonderer Mensch. Und jeder Mensch ist viel wert. Jeder Mensch hat das Recht, so zu sein, wie er ist.
Unter Behinderten und Inklusionsaktivisten war das blaue Männchen mit dem optimistischen Daumen natürlich bald bekannt. Doch in der Folge geschah etwas Unerwartetes: Auch Menschen, die ursprünglich gar nicht gemeint waren, klickten auf das Leichte-Sprache-Logo. Migranten und Flüchtlinge, die Deutsch nur rudimentär verstanden; Menschen mit Lese-/Rechtschreibschwierigkeiten und solche, die aus anderen Gründen kaum lesen können. Die erste Auflage der Erbrechtsbroschüre des Niedersächsischen Justizministeriums («erben-vererben») in Leichter Sprache traf auf unerwartet grosses Interesse und war innerhalb weniger Monate vergriffen. Mehrere Zehntausend Broschüren wurden verteilt – vermutlich vorwiegend an «normale» Leser, die die Chance sahen, das Erbrecht endlich zu verstehen.
Aus einer gutgemeinten Initiative für Benachteiligte erwuchs ein gesellschaftliches Phänomen. Die Nachfrage nach übersetzten Stoffen schnellte hoch. In vielen Städten wurden spezialisierte Übersetzerbüros eröffnet, plötzlich gab es sogar Spezialverlage für Leichte Sprache, viele Bibliotheken legten Sammlungen an. Ein Markt für Leichte Sprache entstand. Schon kam Streit auf über die Frage, wer (gegen Geld) Zertifikate ausstellen und wer damit Übersetzungen als regelkonform auszeichnen dürfe. Besonders die gern weitererzählten Zahlen zur potentiellen Kundschaft sorgten für viel heisse Luft.
Man rechnet in Deutschland mit 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten, also Menschen, die so schlecht lesen und schreiben, dass sie nur mit Mühe am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. In der Schweiz, das ergab 2006 die grosse internationale Studie «Adult Literacy and Lifeskills», können 800000 Menschen keinen längeren Text lesen. Von dieser Zahl geht der Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben auch heute noch aus – das bedeutet, dass jeder sechste Erwachsene ein Fall für Leichte Sprache wäre. Millionen von Menschen in den deutschsprachigen Ländern wären also mögliche Kunden von Leichtsprachprodukten. Dabei sind die zahllosen Wenigleser und die ungeübten Leser, die am liebsten mit Icons und Emoticons oder Sprachnachrichten kommunizieren, noch gar nicht eingerechnet.
In Deutschland, Österreich und der Schweiz reicht die Nachfrage für mittlerweile weit über 100 Übersetzungsbüros. 2014 etablierte sich in der Schweiz das erste «Büro Leichte Sprache», beim Wohnwerk, einer über 100 Jahre alten Stiftung für geistig Behinderte in Basel. Pro Infirmis Zürich unterhält mittlerweile ebenfalls ein Büro für Leichte Sprache, in der Westschweiz gibt es das entsprechende «Bureau francophone de traduction en langage simplifié» von Pro Infirmis Freiburg. Neue Berufe entstehen. Die Caritas Augsburg bildet gemeinsam mit dem Netzwerk Leichte Sprache Menschen mit geistiger Behinderung in zwölf Monaten zu Übersetzungsspezialisten aus. Der Beruf heisst «Fachkraft für Leichte Sprache». Und auch die Universitäten sind froh über neue Lehrstühle. An der Uni Hildesheim gibt es seit vier Jahren am Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation eine Forschungsstelle Leichte Sprache, deren Website natürlich auch leicht lesbar ist:
Die Forschungs·stelle Leichte Sprache ist an der Universität Hildesheim.
Hildesheim ist eine Stadt im Süden von Niedersachsen.
Die Forschungs·stelle Leichte Sprache ist ein Büro.
Und die Forschungs·stelle Leichte Sprache beschäftigt sich mit Leichter Sprache.
Christiane Maass ist die Chefin von der Forschungs· stelle Leichte Sprache.
Auch an der Uni Leipzig erforschen Wissenschafter die Möglichkeiten der Leichten Sprache in ihrem Projekt LeiSA, das sich so vorstellt:
LeiSA ist die Abkürzung für Leichte Sprache im Arbeitsleben.
Das ist ein Forschungs-Projekt.
Das Projekt geht 3 Jahre lang.
Das Projekt wird an der Uni Leipzig durchgeführt.
Forscher aus drei Fach-Bereichen arbeiten zusammen.
Es forschen:
• Sozial-Wissenschaftler
• Sprach-Wissenschaftler
• Sonder-Pädagogen
Die Sprach-Wissenschaftler wollen herausfinden: Wie muss Leichte Sprache sein, damit sie gut verstanden wird.
Die Sozial-Wissenschaftler wollen herausfinden: Wie hilft Leichte Sprache bei der Arbeit.
Und schon gibt es auch, wesentlich inspiriert von der Hildesheimer Sprachwissenschafterin Maass, einen Duden «Leichte Sprache». 560 Seiten stark, kommt dieser Duden erstaunlich bescheiden daher, er verkündet keine Regeln, sondern stellt «Hypothesen» zur Leichten Sprache auf. Bevor ein stabiles Regelwerk entstehen kann, gibt es nämlich noch vieles zu erforschen. Etwa, wie man Genitiv, Konjunktiv, Präteritum oder Negation kompensieren kann, die allesamt in Leichter Sprache verboten sind.
Leichte Sprache, so scheint es, ist inzwischen überall angekommen. Selbst Zeitgenossen, die noch nie davon gehört haben und dieser Behelfssprache auch nicht bedürfen, stolpern über ihre Aussenposten. Der Deutschlandfunk hat Nachrichten in Leichter Sprache, ebenso wie MDR und NDR. Im WDR wird über Karneval und die Bundestagswahl in Leichter Sprache informiert. Grosse Aufregung gab es in Bremen, als vor einer regionalen Wahl fast 500000 Bürger so angeschrieben wurden:
Am 10. Mai 2015 ist die Wahl von der Bremischen Bürgerschaft.
Und die Wahl vom Beirat.
In diesem Brief sind zwei Hefte.
Die Hefte sind Muster-Stimm-Zettel.
Das weisse Heft ist für die Wahl von der Bürgerschaft.
Das gelbe Heft ist für die Wahl von dem Beirat.
Eine Ansprache in Leichter Sprache halten viele Nichtbehinderte für eine Provokation. In Basel freuten sich Ende 2017 nicht alle Eltern mit Kindern in der Primarschule Hirzbrunnen, als bekannt wurde, dass Elternbriefe mit Blick auf ausländische Eltern in Leicht-Deutsch abgefasst werden. Ein Vater wandte sich an den «Blick» und sorgte sich wegen «einer Verfälschung der deutschen Sprache», was die Chefredaktion dankbar aufgriff und über «Debil-Deutsch» lamentierte.
Vielleicht wird das Thema umso bedrohlicher, je näher es an die Schule rückt. Denn nicht nur die Mitverfasserin des Dudens «Leichte Sprache» wirft den eigentlich naheliegenden Gedanken auf, dass man mit Deutsch light ja auch generell in den Sprachunterricht einsteigen könnte. Über die leichte zur schweren Sprache. Dann wäre Leichte Sprache nicht nur eine Schreib- und Leseerleichterung, sondern würde auch einen niederschwelligen Zugang zur gesprochenen Sprache ermöglichen. Für Migranten und Flüchtlinge wäre das womöglich eine Chance.
Man ahnt, was viele Freunde der Sprache von solchen Aussichten halten. Nicht nur Mitglieder des Dortmunder Vereins Deutsche Sprache, der den Anglizismen und der gendergerechten Sprache den Kampf angesagt hat, schäumen über die «Verunglimpfung der deutschen Sprache». Der Publizist Ludwig Hasler schrieb in der NZZ: «Versimpeln wir die Sprache, bagatellisieren wir die Wirklichkeit.» Und der Philosoph Konrad Paul Liessmann befürchtete ebenfalls in der NZZ, Leichte Sprache werde nicht nur von geistig Behinderten und sprachunkundigen Migranten begrüsst, sondern von den Faulen, denen eine seichte Sprache reiche.
Es kann allerdings sein, dass alle Diskussionen über den Tod des Genitivs verblassen angesichts ökonomischer Megatrends. Shoppen geschieht zunehmend am heimischen Rechner. Virtuelle Marktplätze tun sich im Internet auf. In deren Folge blähen sich die Online-Reklamations- und -Supportabteilungen auf. Gleichzeitig sparen Banken, Versicherungen und Berater Mieten und Personal ein und schliessen ihre Filialen. Man besuche sie doch künftig auf der Website!
Nur: Was ist mit den Kunden, die dahin gar nicht folgen können? Solche, die Lese- und Schreibprobleme haben und weder Bestellungen im Netz aufgeben noch online Kaufverträge lesen, verstehen und abschliessen können?
Eine Firma wie das Zürcher Übersetzungsbüro Supertext (mit Büros in Berlin und Los Angeles) bietet deshalb auf ihrer Homepage neben Englisch, Französisch und Italienisch unübersehbar einen neuen Übersetzungsservice an:
Es gibt eine Sprache, die 95% der Menschen verstehen.
Sie heisst Plain Language.
Sie schafft Vertrauen.
Sie entlastet den Support.
Und sie ist neu im Angebot von Supertext.
Plain Language, einfache Sprache, ist so etwas wie eine Softversion der Leichten Sprache. Sie ähnelt der Sprache der Boulevardzeitungen oder dem Stil, in dem Donald Trump seine präsidialen Twittererklärungen verfasst. Bisher, so Supertext, schreiben Unternehmen, Behörden und Organisationen wie Spitäler auf einem Sprachniveau, das zwei Drittel der Schweizerinnen und Schweizer gar nicht verstehen. Es wäre doch fatal, verlöre man beim grossen Umzug von Wirtschaft und Verwaltung ins Internet die Mehrheit der Bevölkerung.
Burkhard Strassmann ist Journalist; er lebt in Bremen.