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Die formale brasilianische Bildung hat, wie wir Brasilianer wissen, ein euro-amerikanisches Fundament. Wenn wir die Schule beenden, haben wir eine allgemeine Vorstellung von französischer, englischer oder nordamerikanischer Kunst und Literatur, die damit das kulturelle Repertoire eines gebildeten Bürgers ausmachen.
Annahmen, dass sich diese Bildung später in ästhetischen und intellektuellen Ausdrucksformen äussert, sind jedoch von einer immensen und langjährigen Kluft geprägt. Wir wissen praktisch nichts über indigene Völker (von den Afrikanern ganz zu schweigen), viele ignorieren ihre Denkweise und Schöpfungsordnungen völlig.
Wenn wir in Mexiko wären, hätten wir in der Mitte des zentralen Platzes der Hauptstadt eine riesige aztekische Steinpyramide. Ihre imposante Größe dient als Warnung vor dem Prozess der Beherrschung (physisch und geistig), der vor fünf Jahrhunderten begann. Mit Ausnahme vielleicht dessen, was im heutigen Amazonasgebiet geschieht, wo die Indios
eine größere Präsenz in den Städten bilden, ignoriert Brasilien weiterhin die kulturellen Produktionen seiner indigenen Völker.
Die Lücken im Bildungssystem sind nicht nur für die systematische Ignoranz indigener Universen verantwortlich, sondern auch für die Verbreitung einer Reihe von Stereotypen, die ein, wenn auch minimales, Verständnis für diese Völker unmöglich machen. Wir stellen uns also vor (und selbst wenn wir mit den Bewohnern des Waldes sympathisieren), dass sie noch im Zustand der Natur verharren, dass sie primitiv, simpel, unkultiviert, repetitiv oder sogar naiv sind. Daher der Grund für die Veröffentlichung und Übersetzung ihrer Geschichten in Kinderbücher, die sich automatisch all jener generischen Populärkultur annähern, die von “Sacis, Cecis, Peris” und kopflosen Maultieren bevölkert wird.
Wir stellen uns also vor, dass es etwas ganz anderes ist als die klassische Literatur, die aus dem antiken Griechenland und dem alten Kontinent stammt und von der Zivilisation durch die Erfindung der Schrift hervorgebracht wurde. Dieses eindeutig ethnozentrische Panorama dient dazu, die Unterwerfung der indigenen Völker unter unsere politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kriterien zu rechtfertigen, wenn auch im Verborgenen. Aber was haben sie schließlich damit zu tun? Welche Art von kreativem Denken haben sie in den letzten Jahrtausenden hervorgebracht?
Vor allem ist es notwendig, einen Punkt zu klären: Es gibt unerschöpfliche Möglichkeiten, Komplexität (des Denkens, der Bedeutung) zu produzieren, trotz derjenigen, die wir gewohnt sind, abgeleitet von der Schrift und von einer Zivilisation, die sich durch ihre Beherrschung der Technik auszeichnet. Unter der scheinbaren Entblößung ihrer Konstruktionen und Artefakte bauten die indigenen Völker Denksysteme und kreative Ausdrucksformen auf, die sich bis heute dem Verständnis der besten Wissenschaftler der großen westlichen Universitäten entziehen. Diese Systeme entsprechen nicht gerade unserem allgemeinen Bild von Populärkultur (die natürlich auch einen unschätzbaren Wert hat). Die indigenen Systeme kommen eher den chinesischen oder japanischen Gedanken und Künsten sehr nahe.
Gehen wir einmal davon aus, dass es überall Poesie gibt. Trotzdem kann man für die literarische Gattung, die wir bezüglich Camões oder Fernando Pessoa studieren, nicht die einheimischen poetischen Erfahrungen zugrunde legen. Dichtung bedeutet überall unterschiedliche Formen des Erlebens und Schaffens. Diese sind durch unterschiedliche Sprach- und Denkstrukturen, aber auch durch politische Institutionen, Bildungsprozesse und andere Merkmale gekennzeichnet. Dadurch vervielfachen sich die Probleme der Interpretation und Übersetzung, aber nicht so sehr, dass sie zu einem Hindernis für das Verständnis der Poesie des Waldes werden.
Ihre verbalen Künste, oder Künste des Wortes, sind also ganz anders als das, was wir als geschriebene Literatur zu erleben gewohnt sind. Sie folgen anderen Kriterien der Komposition, Kreation, Autorschaft, Rezeption und ästhetischen Verwirklichung. Sie haben ihren Sinn in einem anderen Register der Realität, das wir im Gegensatz zu den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen als “mythisch” oder “fiktiv” zu bezeichnen pflegen.
Bei indigenen Völkern ist es möglich, Lieder von Tiergeistern zu lernen. Tatsächlich stammt ein Großteil der Kultur der Waldvölker von ihnen. Die “Marubo” zum Beispiel, ein Volk aus dem Javari-Tal (Amazonasgebiet), sagen, dass ihr Vorfahre Vimi Peiya von den Menschen, die in den Flüssen leben, gelernt hat, große Malocas und Körbe herzustellen sowie mit Pfeil und Bogen zu jagen.
Das sind, genau genommen, die Geister der Anakondas und anderer Wasserbewohner, die sich als Menschen begreifen. Viele von uns Westlern gehen auf der Suche nach Wissen in Universitäten. Im Amazonasgebiet kann ein Schamane (oder eine Schamanin) seine Gesänge von den Geistern der Bäume erhalten, die unsterblich, kenntnisreicher und schöner sind als wir, die Lebenden.
Um die indigenen Erzählungen und Gesänge zu verstehen, ist es dann notwendig, etwas mehr über die Welten zu wissen, in denen sie entstanden sind. Siehe die Übersetzung des Gesangs des Marubo-Schamanen, Armando Cherõpapa. Sein Gesang gehört dem Geist des schwarzen Falken, der Armandos Körper besucht und durch ihn singt. Deshalb sagen die Eingeborenen im Amazonasgebiet gewöhnlich, dass die Schamanen (oder pajés) “wie ein Radio sind”. Sie sind verantwortlich für die Übermittlung der Worte und Gesänge der Geister Tiere, Bäume und anderer Elemente dessen, was wir “Natur” nennen. Armando ist in der Tat nicht der Autor des folgenden Gesangs, sondern sein Träger und Übermittler:
koin rome owaki
menokovãini
naí koin shavaya
shavá avainita
ave noke pariki
yove mai matoke
koin mai matoke
shokoivoti
Tabakblüte – Flocke
Im Fallen und Gleiten
Zum Ort des Himmelsnebels
fliegen wir wirklich
so waren wir schon immer
auf dem Geist-Erde-Hügel
vor langer Zeit wohnten wir
auf dem Erdnebelhügel.
Der Geist des Falken ist da und erzählt, wie er entstanden ist: aus den abgetrennten Tabakblüten, die zum Himmelsnebel fliegen, der letzten der himmlischen Schichten in der Marubo-Kosmologie. Ja, in dieser Welt gibt es mehrere himmlische Ebenen oder Schichten, die ihre verschiedenen Bewohner, Dörfer, Feste und Lieder haben. Die Geister, die dort leben, sind älter als die Marubo; sie existieren seit der Zeit der Entstehung der Welt.
Diese Art des Gesangs, die dort übersetzt wird, kann also allgemein als “schamanischer Gesang” oder “Schamanengesang” bezeichnet werden. Viele indigene Völker haben ähnliche Gesänge, wie z.B. die Araweté und Kayabi (aus dem Xingu), die Yanomami von Roraima, und viele andere.
Neben den schamanistischen Gesängen gibt es noch einige andere Gattungen, wie z.B. die Reden des Häuptlings, die Lieder zur Heilung, die verschiedenen Lieder für Feste und Rituale und mythische Erzählungen, um nur einige zu nennen. Jedes Volk hat seine eigenen Sprachkünste, die allesamt anspruchsvoll, abwechslungsreich und auch heute noch sehr lebendig sind.
Was jedoch fehlt, sind Bücher und Übersetzungen, die dies auch uns Nicht-Indios verständlich machen könnten. Die Anthropologin und Linguistin Bruna Franchetto, eine der größten Spezialistinnen für indigene Sprachen in Brasilien, übersetzte diesen schönen verliebten Gesang der Kuikuro (Xingu), der hier teilweise wiedergegeben ist:
Mögen uns Flügel wachsen.
um hinter der Wasserkante zu landen
Ich werde fliegen wie ein Kolibri,
Denn wir können hier nicht bleiben –
damit wir uns lieben können,
nimm mich mit!
Lass uns in dein Dorf gehen –
“Ich komme mit dir”,
sagte die Frau zu mir
und mit dem Kanu fuhr sie
vor uns her –
dort in Aitolóu.
Ich werde dich vermissen,
dort im Land der Bakairi –
wie werde ich dich vermissen! (…)
Dieses Gesangs-Gedicht, das sich auf die Beziehungen zwischen Liebenden bezieht, ist ein gutes Beispiel für den Lyrismus, der in vielen indigenen Dichtungen zu finden ist. Sie sind in der Regel durch die Entfernungen und Trennungen gekennzeichnet, die verwandtschaftliche Beziehungen kennzeichnen, die sich oft zwischen verschiedenen Dörfern erstrecken, die durch lange Flussreisen getrennt sind.
Dies verleiht vielen ihrer verbalen Schöpfungen eine gewisse nostalgische Qualität, die auch in mythischen Erzählungen zu finden ist. Diese beziehen sich aber nicht nur auf Gefühle oder Eindrücke von bestimmten Themen, wie in den beiden oben genannten Liedern. Sie behandeln verschiedene Themen wie die Entstehung des Himmels und der Erde, die Ahnen, die Tiere und die Weißen selbst, neben anderen Episoden, die die Grundlage des indigenen Wissens bilden.
Die Guarani besitzen auch eine reiche Mythologie, sowie eine große Sammlung von zeremoniellen Gebeten und Liedern. Sie sind der lebende Beweis dafür, dass gesellschaftliche Veränderungen nicht zwangsläufig zum Verschwinden von traditionellem Wissen führen, auch wenn sie ihr Leben und die Prozesse der Weitergabe ihrer Lieder sehr schwierig machen.
Das Problem entgeht übrigens nicht der Reflexion der Sänger-Dichter selbst, wie wir in dieser Übersetzung des Dichters Douglas Diegues (aus einem von Guilhermo Sequera gesammelten Gesang) entnehmen können. Ich gebe, auch in diesem Fall, nur einen Auszug wieder:
Wir wollen
das Land mit Leben füllen –
wir, die wenigen (Mbyá), die noch übrig sind –
alle unsere Enkelkinder,
alle die Verlassenen –
wir wollen, dass alle erleben,
wie sich das Land öffnet wie eine Blume!
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther