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Ohne Geisteswissenschaften keine Politik
In den Augen der Politiker sind nicht alle Wissenschaften gleichwertig, und die Zuteilung der Mittel wird von einer unausgesprochenen Regel beherrscht: Technische Wissenschaften bringen Geld, Medizin ist zwar kostspielig, aber unerlässlich, Humanwissenschaften sind – mehr oder weniger – nutzlos.
Das Verblüffendste am Parlamentsbetrieb ist die Unkenntnis über die grundlegenden Rechtsprinzipien, an denen die Legislative ununterbrochen herumbastelt. Ein Jurist eines beliebigen Departements arbeitet einen Text aus, und die zuständige Kommission macht sich daran, dieses Werkstück zu zerlegen. Sie schlägt vor, hier einen Artikel aufzuheben, da einen hinzuzufügen, und die einfachsten Sätze arten durch das Einfügen von Präzisierungen, Bedingungen und Vorbehalten aus. Später werden die Gesetzestexte in der Plenarsitzung des Erstrats weiter misshandelt und das Prozedere wiederholt sich im Zweitrat. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Räten führen zu einem Hin und Her, das allzu oft in einer Schlichtungsverhandlung endet. Wenn diese scheitert, gerät das Gesetz in Vergessenheit, wenn sie erfolgreich ist, dann oft per Zufall oder aus reinem Überdruss. Man braucht nur einmal in einem Übersetzungsausschuss zu arbeiten, um die Ungereimtheiten aufzudecken, die zwangsläufig aus dieser laienhaften Fliessbandarbeit von Amateuren hervorgehen, die nicht immer die besten Absichten hegen. Einigen Gesetzen wird die ursprüngliche Substanz entzogen, andere werden derart verschärft, dass man sie gar nicht mehr anwenden kann.
Dabei gäbe es eine andere Art, die Staatsführung zu konzipieren: Sie bestünde darin, zu verstehen und auch zu akzeptieren, dass das Geistige mit dem Kulturellen, das Kulturelle mit der Politik und die Politik mit der Wirtschaft verknüpft ist.
All dies liegt natürlich Lichtjahre entfernt vom berühmten «Code Napoléon», dem Meilenstein des französischen Zivilrechts und Inspirationsquelle für zahlreiche andere Gesetzgebungen. Damals, am 22. April 1794, ernannte der französische Nationalkonvent eine Parlamentskommission, zusammengesetzt aus Cambacérès, Couthon und Merlin de Douai, die den Auftrag hatte, «einen kurz gefassten und vollständigen Kodex der bisher erlassenen Gesetze zu verfassen und dabei jene auszulassen, die inzwischen unklar geworden sind».
Doch die Arbeit der Legislative heute ignoriert diese Prämisse. Plötzlich liegt eine Geisteswissenschaft wie Jura in Reichweite eines jeden, der bei seinen Entscheidungen den gesunden Menschenverstand walten lässt. Konsequenterweise sollte das, was für die Rechtswissenschaft gilt, auch für die Wirtschaftswissenschaften gelten. Doch von keinem Finanzminister – ob auf Bundes- oder Kantonalebene – wird je verlangt, über die Legitimität seiner Wissenschaft Auskunft zu geben: Was darauf hindeutet, dass im Grunde gar keine nötig ist. Man ist der Meinung, kein Studium der Welt könne ein Budget ausgleichen, das einer ungünstigen Konjunktur ausgesetzt ist. Und so weiter und so fort. Von der Legitimation von Geisteswissenschaften wie Soziologie, Ethnologie oder Philosophie wollen wir erst gar nicht reden. Obwohl wahrscheinlich alle einen rationellen Beitrag zu den Debatten über diese Themen zu leisten hätten.
Dabei gäbe es eine andere Art, die Staatsführung zu konzipieren: Sie bestünde darin, zu verstehen und auch zu akzeptieren, dass das Geistige mit dem Kulturellen, das Kulturelle mit der Politik und die Politik mit der Wirtschaft verknüpft ist – und dieser Einsicht entsprechend zu handeln. Die Geisteswissenschaften sind per Definition der Nährboden der Politik. Doch ihnen hängt der Ruf an, keine greifbaren Resultate zu erbringen, kraftlos, beliebig und disziplinlos zu sein. Mit dieser Einstellung ist es in der Tat einfach, die Humanwissenschaften zu ignorieren und sich stattdessen auf Ideologien, auf den Volksglauben und auf vorgefasste Meinungen zu verlassen.
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