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Von Maximilian Filsinger und Markus Freitag, Uni Bern[nbsp]
Wir haben untersucht, wie in der Schweiz die Internetnutzung mit der Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit in Vereinen in Verbindung gebracht werden kann. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Internetnutzer weniger wahrscheinlich in Vereinen freiwillig tätig sind als Personen, die das Internet seltener konsumieren. Dies gilt aber nicht für alle Bevölkerungsgruppen gleichermassen: Ältere Freiwillige profitieren von der Nutzung des Internets. Der Internetgebrauch jüngerer Menschen steht hingegen in einem negativen Verhältnis zur Neigung, sich in Vereinen unbezahlt zu engagieren. Dies trifft insbesondere auf diejenigen Internetnutzer zu, die sich in der digitalen Welt nicht vernetzen.[nbsp]
Freiwilligenengagement meint, dass Bürgerinnen und Bürger aus freien Stücken und weitgehend unbezahlt Zeit, Geld und Energie aufbringen, sich für andere Menschen und Organisationen einzusetzen und einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Ein Blick auf die Entwicklung der freiwilligen Arbeit in der Schweiz zeigt, dass sich das Reservoir an freiwillig Tätigen in Vereinen seit Ende der 1990er-Jahre tendenziell verkleinert. Landauf landab werden darum Stimmen lauter, die sich über die fehlende Bereitschaft des gesellschaftlichen Engagements in der Schweiz beklagen.[nbsp]
Dieser Rückzug ins Private wird allenthalben mit dem Aufkommen des Internets und der Digitalisierung unserer Lebenswelten in Verbindung gebracht: it is precisely those Americans most marked by this dependence on televised entertainment who were most likely to have dropped out of civic and social life who spent less time with friends, were less involved in community organizations, and were less likely to participate in public affairs ( ) At the very least, television and its electronic cousins are willing accomplices in the civic mystery we have been unraveling, and more likely than not, they are ringleaders (Putnam 2000: 246).[nbsp]
Freiwilligenarbeit als sozialer Kitt
Die Bandbreite freiwilliger Tätigkeiten bewegt sich vom Engagement in Sport-, Hobby- und Freizeitvereinen, unentgeltlicher Arbeit im sozialen, gesundheitlichen oder kulturellen Bereich, über die freiwillige Übernahme politischer Ämter bis hin zur gegenseitigen Hilfe unter Nachbarn oder freundschaftlich verbundenen Bekannten.
All dies verdeutlicht, dass Freiwilligkeit aus der Gesellschaft nur schwerlich wegzudenken wäre, ohne zugleich einen schmerzlichen Verlust an Vielfalt und vor allem an Qualität des gesellschaftlichen Lebens in Kauf zu nehmen. Das freiwillige Engagement der Bürgerinnen und Bürger setzt grosse Teile täglicher Abläufe in Gang und gilt als der soziale Kitt, der die Gesellschaft als Ganzes zusammenhält.
[nbsp]Im Gegensatz zur Nachbarschaftshilfe ist die Freiwilligenarbeit in Vereinen durch ein noch höheres Mass an Regelmässigkeit und Verpflichtung gekennzeichnet und damit verwundbarer, wenn es um den Einsatz und die Abrufbarkeit zeitlicher Ressourcen geht. Für unsere Untersuchung rückt deshalb die institutionalisierte Freiwilligenarbeit in Vereinen als zu erklärende Grösse in den Mittelpunkt des analytischen Interesses.[nbsp]
Die negativen Effekte des Internets
Wir untersuchen den Zusammenhang zwischen Internetnutzung und Vereinsengagement auf Grundlage einer zukunftspessimistischen Sichtweise, wonach Internetnutzung zu einer Abnahme sozialer Beziehungen in der realen Welt führt und somit soziale Isolation wahrscheinlicher macht. Diese Annahme basiert vor allem auf dem Gedanken, dass Freizeit als eine begrenzte Ressource zu verstehen ist, um die eine leicht zugängliche Internetaktivität und eine anspruchsvolle Freiwilligenarbeit konkurrieren.[nbsp]
Weniger Engagement, aber nicht bei allen
Die Ergebnisse unserer logistischen Regressionsmodelle zeigen zunächst eine negative Beziehung zwischen der Internetnutzung und der Wahrscheinlichkeit innerhalb eines Vereins freiwillig tätig zu sein. Dieser Zusammenhang gilt allerdings nicht für alle Befragten. So sind Personen unter 38 Jahren weniger wahrscheinlich in Vereinen freiwillig tätig, wenn sie das Internet täglich nutzen (siehe Abbildung 1). Umgekehrt engagieren sich die älteren Befragten (ab 55 Jahren) wahrscheinlicher freiwillig in Vereinen, wenn sie das Internet täglich gebrauchen.[nbsp]
Unsere Ergebnisse legen nahe, dass mit dem Gebrauch des Internet gerade für ältere Personen ein gewisser Mobilisierungseffekt eintritt. Durch das Internet können ältere Freiwillige einfacher und schneller kommunizieren, Informationen können rascher gefunden und Termine müheloser arrangiert werden. Darüber hinaus verliert eine mögliche eingeschränkte Mobilität den Status einer unüberbrückbaren Barriere, da bestimmte Aufgaben auch online erledigt werden können.[nbsp]
Der Einfluss sozialer Medien
Ein Unterschied macht indes die Art der Internetnutzung. Dabei wird argumentiert, dass gerade soziale Medien wie Facebook und Twitter nicht isolierend wirken, sondern interaktiv ausgelegt sind und die Zahl sozialer Kontakte beflügeln. Weitere Auswertungen scheinen diese Perspektive zu unterstützen: So gelten die berichteten Zusammenhänge vor allem für Personen, die nicht bei Facebook oder Twitter angemeldet sind. Vernetzende Aktivitäten über das Internet verhindern eine soziale Abgeschiedenheit, da sie im Gegensatz zu reinen Streaming Plattformen wie Netflix, sozialen Austausch ermöglichen. Diese Internetnutzer sind somit nicht isoliert, sondern ergänzen ihre offline Beziehungen mit online Kontakten.
Das Internet und die Zivilgesellschaft
Unsere Ergebnisse differenzieren die bisherigen Zusammenhänge zwischen Internetnutzung und gesellschaftlichem Engagement. Der tägliche Gebrauch des World Wide Web geht durchaus zu Lasten der Bereitschaft, sich freiwillig in Vereinen zu engagieren. Allerdings trifft dieser Befund eher für junge Menschen zu, die das Internet nicht nur für Vernetzungsaktivitäten benutzen. Bei älteren Menschen steigt hingegen die Wahrscheinlichkeit für Freiwilligenarbeit mit zunehmender Internetnutzung. In Zeiten einer zunehmenden Alterung der Gesellschaft und einer wachsenden Digitalisierung unserer Lebenswelten mögen diese Ergebnisse die eine oder den anderen sicher hoffnungsfroh stimmen.
Ergänzende Fragen der SGG
Die Untersuchung, wie sich die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit im digitalen Zeitalter bei den verschiedenen Generationen, Geschlechtern und sozialen Milieus verändert hat und weiter verändern wird, soll an dieser Stelle nicht nur präsentiert werden. Vielmehr sollen die Thesen Anlass geben zu anregenden Gesprächen am Familientisch, am Arbeitsplatz und im Freundeskreis. Die SGG stellt vier Fragen:[nbsp]
- Die Untersuchung erwähnt die kulturpessimistische These, dass Internetnutzung zu einer Abnahme sozialer Beziehungen in der realen Welt führt und somit soziale Isolation wahrscheinlicher macht. Die Autoren waren sich auch bewusst, dass diese Perspektive nicht zwingend ist. Denn es ist ein Unterschied, ob ich im Internet stundenlang Ferienangebote oder Schuhmodelle vergleiche, wissenschaftliche Recherchen betreibe, einen Blog-Artikel verfasse oder via Skype Trauernde begleite oder per WhatApp Suizidären berate. Die Nutzung an sich sagt wenig aus über die tatsächliche soziale Interaktion bzw. Isolation. Diese These der Autoren bietet darum zweifellos Gesprächsstoff für mehrere Abendessen am Familientisch.[nbsp]
- Die Untersuchung erwähnt auch die Annahme, dass Freizeit eine begrenzte Ressource ist, in der sich Internetaktivität und Freiwilligenarbeit konkurrieren. Die Autoren waren sich selbstverständlich bewusst, dass auch diese Annahme keine dogmatische Aussage ist. Denn obwohl sich Erwerbsarbeit und Freiwilligenarbeit ebenfalls konkurrieren, sind es dennoch die Personen, die beruflich stark engagiert sind, welche sich neben ihrer Erwerbsarbeit überdurchschnittlich in Vereinen engagieren. Es werden vor allem jene für ein Engagement in Vereinen angefragt, die über ein weites Beziehungsnetz verfügen. Wenn das Beziehungsnetz einer Person auch im virtuellen Raum existiert, macht dies die Person zusätzlich attraktiv für eine Vereinsarbeit. Die Lesenden werden also eingeladen, diese These der Konkurrenz von Internetaktivität und Freiwilligenarbeit bei sich selbst und in ihrem Umfeld zu verifizieren zu verifizieren und zu diskutieren.[nbsp]
- Nur nebenbei erwähnen die Autoren neben dem Internet auch die Nutzung von Social Media. Ihnen ist selbstverständlich bewusst, dass die eher passive Nutzung des Internet und die aktive Nutzung von Social Media zwei Paar Schuhe sind. Es wäre interessant zu erfahren, ob und wie stark sich Aktivitäten in den Social Media und die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit gegenseitig konkurrenzieren oder fördern. Die wenigen existierenden Untersuchungen zeigen, dass WhatsApp, Facebook, Instagram und Snapchat leider eher dem Rückzug ins Private dienen und zu digitalen Stammesgemeinschaften führen. Wie verhalten sich bei Ihnen die Aktivitäten in den Sozialen Medien und die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit?[nbsp]
- Schliesslich belegen die Autoren textlich und grafisch die Aussage, dass sich der Internetgebrauch bei älteren Menschen positiv und bei jüngeren Personen negativ auswirkt auf ein Freiwilligenengagement in Vereinen. Zweifellos surfen jüngere Menschen mehr im Internet als ältere, während sich ältere Menschen mehr in Vereinen engagieren als jüngere. Daraus den kausalen Zusammenhang abzuleiten, dass es die Internetnutzung sei, die sich je nach Generation unterschiedlich auf die Bereitschaft zur formellen Freiwilligenarbeit auswirkt, lässt nicht nur Philosophie-Studierende im ersten Logik-Semester leer schlucken. Denn genauso gut könnte man sagen: Junge Menschen gehen häufiger in die Disco als ältere. Und ältere Menschen spenden mehr Geld als Jüngere. Folglich wirkt sich der Discobesuch bei Jüngeren negativ auf das Spendenverhalten aus, während der Discobesuch ältere Menschen zum Spenden anregt. Aber mal abgesehen von logischen Zusammenhängen: Wie verhalten sich Internetgebrauch und Freiwilligenarbeit in Vereinen in den 3-4 Generationen Ihrer Familie?