Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03459.jsonl.gz/2491

Am See von Galiläa brachte man einen Taubstummen zu Jesus, mit der Bitte, ihm die Hände aufzulegen. Mk 7, 31 f
Jesus tat, worum er gebeten wurde. Er legte seine Finger in die Ohren des Mannes, benetzte dessen Zunge mit seinem Speichel, blickte zum Himmel, seufzte und sprach: „Effata, öffne dich!“ Und damit war der Mann geheilt.
Markus schrieb sein Evangelium vier oder fünf Jahrzehnte nach Jesu Tod. Und seins war zeitlich das erste der insgesamt vier Evangelien. Er hatte somit keine Vorlage, musste das literarische Genre quasi neu erfinden. Nämlich: eine Geschichte des Lebens Jesu anhand von mündlich überlieferten Erzählungs-Elementen. Die Geschichte eines Mannes, in dessen Reden und Handeln die Wirklichkeit Gottes erfahrbar werden sollte. Und das zwangsläufig mit Bildern, die zwar dem Alltag entstammen könnten, die aber dennoch Ergebnisse zeitigen, die über den Alltag hinausweisen. Ein Wunder, hier dargestellt mit der Heilung eines Taubstummen, entzieht sich willentlicher Machbarkeit. Wo es geschieht, ist es nicht erklärbar. Es geschieht als Dokumentation einer anderen Wirklichkeit, für die Markus den Jesus stehen lassen will.
Ist nun unser Text , die Heilung des Taubstummen, ein Tatsachenbericht? Quasi auch mit historischer Relevanz? Ja und nein. Hatte Jesu Speichel wirklich Heilungskraft in sich? Vielleicht eher doch nicht. Biologisch jedenfalls. Es war wohl eher ein authentisches Mittel liebevoller Zuwendung, mit dem er den Taubstummen aus seiner Isolation hinausführte und ihm Lebensmut trotz allem schenkte.
Damit sind aber auch wir selbst irgendwie in die Handlung einbezogen. Weniger mit Speichel wohl, aber mit gewährter Zuwendung, deren Auswirkung wir freilich nicht steuern können. Es geschieht etwas, oder es geschieht nichts, im guten Fall ein Wunder.
Niklaus Reinhart