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14 Apr. 2021
Anlässlich des Tages der Provenienzforschung stellt Joanna Smalcerz, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Provenienzforschungsteam des Kunstmuseums Basel, die Geschichte von Paul Cézannes Gemälde «Cinq baigneuses» vor.
Ziel der Provenienzforschung ist es, die Geschichte der Eigentümerschaft der Kunstobjekte möglichst lückenlos zu dokumentieren. Die Provenienz von Kunstwerken war historisch schon immer wichtig, da das Nachvollziehen der Herkunft des Werks der Bestätigung der Authentizität des Werks gleichkam. Aus diesem Grund haben berühmte Vorbesitzer eines Kunstwerks durch die Klärung der Provenienz immer auch zu seinem Wert beigetragen. Das Interesse an der Herkunft der Kunstobjekte stieg exponentiell an, als die Washingtoner Konferenz im Jahr 1998 neue Standards für die Erforschung der Besitzgeschichte von Kulturgütern während der Zeit des Nationalsozialismus schuf. Seit 1998 bemühen sich die meisten westlichen Museen, die Herkunft der Kunstwerke in ihren Sammlungen zu rekonstruieren, um den Verdacht zu beseitigen, dass sie während des Zweiten Weltkriegs unter Zwang verkauft wurden oder unter Ausnutzung asymmetrischer Machtverhältnisse im kolonialen Kontext angeeignet worden sind. Der folgende Beitrag zeigt am Beispiel eines Gemäldes von Paul Cézanne die Komplexität der Spuren in Archivmaterialien und Veröffentlichungen, die durch fortlaufende Übertragungen und Ausstellungen eines Kunstwerks ganz selbstverständlich erzeugt werden, und die für die Dokumentation seiner Herkunft von entscheidender Bedeutung sind.
Im Fall von «Cinq baigneuses» fand der letzte Eigentumswechsel 1960 statt, als das Werk vom Kunstmuseum Basel erworben wurde. Die Recherche im Museumsarchiv brachte drei Arten von Dokumenten ans Licht, aus denen hervorgeht, dass das Werk am 6. Januar des Jahres von der Galerie Ernst Beyeler in Basel gekauft worden ist: zwei Kunstkommissionsprotokolle vom Dezember 1959 und Januar 1960 (Abb. 1), ein Jahresbericht für 1960 sowie diverse Quittungen im Ankaufsdossier.
Weiterhin lieferte das Archiv ein Authentizitätszertifikat des Cézanne-Experten Lionello Venturi (1885–1961) aus dem Jahr 1959, in dem er erklärt, das Werk befände sich im Besitz des jüdischen Kunstsammlers Alphonse Kann (1879–1948). Diese Information wurde durch den Katalogeintrag einer Cézanne-Ausstellung 1995/96 in der Tate Gallery in London bestätigt. Dort steht: «Eggisto Fabbri erwarb dieses Gemälde von Ambroise Vollard. 1928 befand es sich im Besitz des Händlers Paul Rosenberg, Paris. 1936 Venturi führte es als Teil der Sammlung von Alphonse Kann auf, aus der es von Paul Rosenberg wiedererlangt wurde. Das Kunstmuseum in Basel kaufte es 1960.» Zwischenhändler scheint Ernst Beyeler gewesen zu sein.
Während diese Liste von Eigentümern (Vollard, Fabbri, Rosenberg, Kann, Rosenberg, Beyeler) auf den ersten Blick ausreicht, um die Überprüfung der Provenienz hinsichtlich eines NS-verfolgungsbedingten Vermögensentzugs abzuschliessen, steht dem gegenüber die Tatsache, dass der Kunsthändler Paul Rosenberg (1881–1959, Abb. 2) und der Sammler Alphonse Kann beide jüdischer Herkunft waren und ihre beiden Sammlungen von den Nationalsozialisten im besetzten Frankreich geplündert wurden. Insofern bedurfte es genauerer Daten der zwei Transaktionen zwischen Rosenberg und Kann, um den Verdacht auszuräumen, dass das Gemälde irgendwann illegal beschlagnahmt wurde.
Eine Frage, die es zu klären galt, war, ob das Gemälde zu denjenigen Werken gehörte, die 1940 in Kanns Anwesen in Saint-Germain-en-Laye beschlagnahmt wurden. Ein berühmtes Beispiel dieser Konfiskation war das Gemälde «Jockey blessé» von Edgar Degas. Tatsächlich findet sich auf der Liste der Werke, die die Nationalsozialisten nach der Beschlagnahme der Sammlung Kann anlegten, ein Gemälde mit «Badenden» von Cézanne. Allerdings handelte es sich um eine andere Fassung. Die Basler Version wurde also höchstwahrscheinlich bei Kanns vor 1939 erfolgter Emigration nach London mitgenommen und so vor der Beschlagnahme in Frankreich bewahrt.
Auf den Rückseiten von Gemälden finden sich häufig Nachweise, die für die Rekonstruktion der Eigentumsgeschichte des Werks relevant sind – etwa in Form von Exlibris der ehemaligen Eigentümer, Etiketten von Ausstellungen oder von Zollstempeln, die internationalen Grenztransfer dokumentieren, häufig mit Datumsangaben. Auf dem Schmuckrahmen von «Cinq baigneuses» gibt es einen Aufkleber von Paul Rosenberg & Co, New York, mit der Aufschrift «Nr. 5456», der den Wiederankauf durch Paul Rosenberg dokumentiert. Der Aufkleber ist allerdings nicht datiert.
Anspruchsvolle Klärung der Besitzverhältnisse
Durch die Erforschung von Ausstellungsgeschichte und Veröffentlichungen über das Gemälde wurde versucht festzustellen, ob historische Ausstellungskataloge den jeweils aktuellen Besitzer des Gemäldes nennen und somit Zeitpunkte festzulegen wären, an denen das Gemälde mit Sicherheit entweder in die Sammlung von Rosenberg aufgenommen wurde oder in diejenige von Kann. Basierend auf Angaben im Ausstellungskatalog Exposition Cézanne (1839–1906) (21.2.1939–1.4.1939) sowie in einer Publikation von Bernard Dorival aus dem Jahr 1948 (Bernard Dorival, Cézanne, Paris: Pierre Tisné, 1948) kann der Schluss gezogen werden, dass sich das Gemälde sicher zwischen 1939 und 1948 in der Sammlung von Alphonse Kann befand. Weitere Recherchen im Nachlass von Paul Rosenberg, der vom Museum of Modern Art in New York verwahrt wird, taten zahlreiche Briefe zwischen Rosenberg und Kann sowie zwischen Rosenberg und Ernst Beyeler auf. Durch deren Auswertung wäre es wahrscheinlich möglich, genaue Daten für die Übertragung des Gemäldes von Rosenberg zu Kann, von Kann zu Rosenberg und von Rosenberg zu Beyeler festzulegen.
Der Eintrag in der oben erwähnten Publikation Exposition Cézanne erwähnt unter den Eigentümern des Gemäldes ausser Paul Rosenberg und Alphonse Kann auch den Sammler, dem das Gemälde gehörte, bevor Rosenberg es zum ersten Mal erwarb, Eggisto Fabbri (1866–1933). Diese Information wurde auch im Katalog der 1995/96er Cézanne-Ausstellung in der Tate Gallery in London veröffentlicht. Fabbri war Maler und einer der ersten Sammler, der Werke von Cézanne über den Pariser Händler Ambroise Vollard (1868–1939) kaufte. Daher wird angenommen, dass das Gemälde von Fabbri direkt bei Vollard in Paris gekauft wurde. Das genaue Datum des Verkaufs ist jedoch nicht feststellbar. Es ist auch nicht nachvollziehbar, wann das Gemälde in die Sammlung von Vollard aufgenommen wurde. Die Informationen über Fabbri auf der Website der National Gallery of Art in Washington weisen darauf hin, dass Fabbri 1926 beschlossen hatte, den grössten Teil seiner Sammlung an Paul Rosenberg zu verkaufen, hauptsächlich aus finanziellen Gründen. Somit ist 1926 der wahrscheinliche Zeitpunkt für die erste Erwerbung des Werks durch Rosenberg, insbesondere weil aus dem 1995/96er Katalog der Tate Gallery bekannt ist, dass es im Jahr 1928 bereits bei Rosenberg war.
Cézannes «Cinq baigneuses» sind zurzeit leider nicht ausgestellt. Sie werden spätestens in der Ausstellung Camille Pissarro im Herbst 2021 wieder zu sehen sein. Zum Werkeintrag in der Sammlung online geht es hier.
Bildnachweise:
Abb. 1: Ankauf Cézanne «Cinq baigneuses», Auszug aus Kunstkommissions-Protokoll des Kunstmuseum Basel, 26. Januar 1960 (Ausschnitt), Bildquelle: Archiv Kunstmuseum Basel
Abb. 2: Paul Rosenberg in seiner Pariser Galerie, vor 1914, Archives Paul Rosenberg & Co., New York, Bildquelle: NZZ, 1.07.2017, Im Januar Braque, im Februar Seurat ...: https://www.nzz.ch/feuilleton/kunsthaendler-paul-rosenberg-im-januar-braque-im-februar-seurat--ld.1303778?reduced=true