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Kein Sportanlass zieht die Menschen mehr in den Bann als Olympische Spiele, die seit 1896 zum weltweit wichtigsten Sportereignis geworden sind. Und keine Ausgabe der Sommerspiele blieb ohne ihre eigene kuriose Geschichte.
Olympische Spiele. Das sind Geschichten von Siegern und Verlierern, von erfüllten Träumen und geplatzten Hoffnungen. Die Spiele liefern Anekdoten, die für jedes Drehbuch zu kitschig wären. Aber sie sind passiert. Die seltsamsten Episoden stammen aus der Antike. Eine davon ist jene von Kaiser Nero, der in den ersten Jahren unserer Zeitrechnung Olympiasieger werden wollte und sich zum Sieger des Wagenrennens erklären liess, obwohl er während des Wettkampfs vom Wagen gefallen war.
Auch in jüngerer Zeit ereignete sich Merkwürdiges. 1960 zeichnete das IOC einen Dänen aus, der sich zu Tode gedopt hatte. Enemark Jensen brach während des 100-km-Rennens zusammen und verstarb. Das OK der Spiele verlieh ihm eine Goldmedaille. In der damaligen Zeit galt Doping noch als Kavaliersdelikt.
Solche Trouvaillen gibt die Geschichte der Olympischen Spiele immer wieder her. Hier eine chronologische Auswahl:
... wurde Spyridon Louis Sieger im Lauf von Marathon nach Athen. Er profitierte davon, dass Albin Lermusiaux, der nach 20 km an der Spitze lag, und der Australier Edwin Flack, der bis kurz vor Schluss führte, aufgeben mussten, weil sie während des Rennens ausschliesslich Alkohol tranken.
... wurde John Arthur Jarvis, von Beruf Bäcker, zu einem der dicksten Olympiasieger aller Zeiten. Jarvis war Dauerschwimmer und seiner Zeit weit voraus. Er beherrschte perfekt das sogenannte «Hand-über-Hand-Schwimmen», den Vorläufer des später erfundenen Crawl-Stils. Jarvis gewann über 1000 und 4000 m, wobei der Vorsprung 1:13.4 respektive 10:31.4 Minuten betrug.
... wurde George Lyon Golf-Olympiasieger. Vor den Abschlägen entspannte er sich mit Handständen; die Konkurrenz irritierte er bei deren Schlägen, indem er Lieder sang und Witze erzählte. Zur Siegerehrung ging Lyon auf Händen. 1908 reiste Lyon vergebens über den Atlantik zur Titelverteidigung nach London. Lyon hatte nicht mitbekommen, dass Golf aus dem Programm gekippt worden war.
... bewies der Hürdenläufer Forrest Smithson seine technische Überlegenheit, indem er mit einer Bibel in der linken Hand lief und trotzdem Gold gewann. Im Marathon lief Dorando Pietri als Erster ins Stadion ein, im Zustand schwindender Sinne wusste er aber nicht, wohin es ging. Auf der Schlussrunde stürzte er mit glasigen Augen fünf Mal. Jack Andrew, der Organisator des Marathons, half Pietri über die Ziellinie – und disqualifizierte ihn später wegen «Inanspruchnahme fremder Hilfe».
... gab es im Ringen noch keine Regeln. Deshalb rangen Martin Klein und Alfred Asikainen im Mittelgewicht 10:15 Stunden miteinander, dann wurde der Kampf abgebrochen. Im Halbschwergewicht dauerte der Final zwischen dem Finnen Ivar Böhling und dem Schweden Anders Ahlgren neun Stunden, wobei sich die beiden meist nur scharf in die Augen schauten. Auch dieser Kampf wurde abgebrochen. Beide Ringer erhielten Silber.
... gewann Hubert van Innis als 54-Jähriger seine sechste Goldmedaille im Bogenschiessen. Seine ersten Medaillen hatte er 1900 in Paris gewonnen, dazwischen konnte er aus verschiedenen Gründen nie teilnehmen, sonst hätte er wohl alle Olympiarekorde gebrochen.
... wurde im Boxen Joe Lazarus von den Punktrichtern zum Verlierer erklärt, nachdem er Oscar Andren k. o. geschlagen hatte.
... zählte der Kampf der argentinischen Fans gegen die Polizei nicht zum olympischen Boxturnier, war aber der Tiefpunkt der Veranstaltung. Vorher war der Niederländer Lambertus van Klaveren zum Sieger über den Argentinier Victor Peralta erklärt worden, wobei ausser den Punktrichtern niemand den Niederländer als Sieger gesehen hatte.
... schickte Brasilien seinen Sportlern Sortimente an Kaffeebohnen mit, die verkauft werden mussten, um die Mannschaft zu finanzieren. Die Regeln im Ringen gestatteten es, dass Wolfgang Ehrl fünf Siege erkämpfte, einen gegen den Goldmedaillengewinner Giovanni Gozzi, ungeschlagen blieb und dennoch nur Zweiter wurde.
... nahm Dora Ratjen im Hochsprung teil. 21 Jahre später überraschte Ratjen mit einem «Coming Out»: Der richtige Vorname sei Heinrich statt Dora; die Nazi-Bewegung habe sie zur Maskerade gezwungen. Die Rechnung von Hitler-Deutschland ging nicht auf, Ratjen kam nur auf den 4. Platz. Dafür gewann Stella Walasiesicz Silber über 100 m. Bei ihrem Tod 1980 stellte man fest, dass «sie» keine Frau, sondern ein Mann war.
... wurde Schweden als Mannschaftssieger im Dressurreiten disqualifiziert. Die Schweden hatten Feldweibel Gehnäll Persson für die Dauer der Spiele zum Leutnant befördert, weil im Dressurreiten nur Offiziere und Gentlemen (reiche Zivilisten) starten durften. Persson trug in London eine Soldatenkappe statt der Offizierskappe, weshalb der «Kunstgriff» aufflog.
... brillierte das Ehepaar Zatopek. Es gewann viermal Gold. Zwei Monate vor den Spielen hatte der Doktor Emil Zatopek wegen einer Infektion die Teilnahme verboten. Zatopek, wegen seines stampfenden Laufstils «Lokomotive» genannt, wurde über 5000 m abgehängt, kämpfte sich aber heroisch noch an den Gegnern vorbei. Zatopek spielte später beim «Prager Frühling» eine aktive Rolle und wurde aller Ämter enthoben.
... traf Ungarn im Wasserball auf die Sowjetunion – und das kurz nach der blutigen Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes. Wasserball erhielt an diesem Tag eine neue Dimension. Es war eine Schlacht, die von den Schiedsrichtern beim Stand von 4:0 für die Ungarn abgebrochen wurde. Das Zwischenresultat wurde in die Wertung genommen, so dass Ungarn am Ende Gold und die Sowjetunion Bronze gewannen.
... gewann Abebe Bikila, Soldat der äthiopischen Palastwache des Kaisers, den Marathonlauf. Bikila bestritt das Rennen durch die Strassen Roms barfuss und meinte nachher, dass er sein Leben lang so gelaufen sei und auch künftig so laufen werde. Vier Jahre später holten Bikila nur die Vermarkter ein: Bei der erfolgreichen Titelverteidigung trug er Socken und Puma-Schuhe, womit er die Konkurrenz um fünf und mehr Minuten distanzierte. Kokichi Tsuburaya, der Bronzemedaillengewinner, verkraftete diese Schmach nicht. Er bekam Depressionen, erachtete die Fortsetzung der Karriere als aussichtslos und beging Selbstmord.
... machte der Fliegengewichts-Boxer Choh Dong-Kih den Sitzstreik historisch. Zuvor war er wegen eines Kopfstosses disqualifiziert worden. Weil der Südkoreaner das Urteil nicht akzeptieren wollte, setzte er sich für 51 Minuten in die Ringmitte und weigerte sich, die Kampfstätte freizugeben. Dann ging er doch – und in die Geschichte ein.
... wurde Boxer Boris Lagutin wie 1964 Olympiasieger. Zu Beginn des ersten Kampfes ging er aber auf den Ringrichter los statt auf den Gegner. Als die Zuschauer Münzen in den Ring warfen, bemerkte er den Irrtum. Schon vier Jahre vorher hatte er grösste Mühe bekundet, sein Können zu zeigen. Der erste Gegner wurde disqualifiziert, der zweite trat nicht an, der dritte, und das war schon der Finalist, wurde wiederum disqualifiziert, weil er nicht fassen konnte, dass Lagutin statt zu boxen zu ringen begann.
... gewann der russische Gewichtheber Wassili Alexejew überlegen Gold im Superschwergewicht, nachdem er zum Frühstück 26 Spiegeleier gegessen hatte.
... glaubte der farbige Ringer Lloyd Keaser nach fünf Siegen, er könne bei einem gewonnenen Punkt (erfolgreicher Griff) so hoch verlieren wie nur möglich und trotzdem Gold gewinnen. Er tat dies denn auch mit Absicht und einem breiten Grinsen auf dem Gesicht mit 1:12. Keaser und die amerikanische Ringer-Delegation hatten sich aber verrechnet. Keaser blieb nur Silber.
... fehlten wegen des Afghanistan-Krieges über 60 Nationen. Das Niveau in einigen Sportarten war unsäglich schwach. Im Springreiten (Russland gewann den Nationenpreis!) waren die Teilnehmer nicht olympiareif. Nach fast jedem Reiter musste der gesamte Parcours neu aufgebaut werden.
... fehlte wegen Boykotts der gesamte Ostblock. Darüber nicht unglücklich war der Architekt des Olympiastadions. Kurz vor Beginn der Spiele hatte der Deutsche Uwe Hohn mit einem Speerwurf-Weltrekord auf 104.80 m die Fachwelt geschockt. Weil durch Hohn die Stadien zu klein geworden waren, wurden die Vorschriften für die Konstruktion des Speers verändert.
... genoss der kolumbianische Tennisspieler Urbina Jordan eine Woche lang das Leben unter den anderen Sportlern im olympischen Dorf. Einen Tag vor seinem Einsatz im Männer-Doppel (fürs Einzel war er nicht qualifiziert gewesen) musste er abreisen, weil sein Chef ihm die Ferien nicht verlängerte.
... überraschte der Amateurboxverband bei Halbzeit der Spiele seine Kampfrichter mit einem Alkoholtest. Ein Dutzend hatte den Grenzwert von 0,7 Promille überschritten.
... holte Boxer Paea Wolfgramm von den Tonga-Inseln Silber. Wolfgramm, ein 140-kg-Brocken mit stattlichem Hüftspeck, hatte erst kurz vor den Spielen erstmals geboxt. Die zu den schwergewichtigsten Völkern zählenden Südsee-Insulaner wurden im Namen des machthabenden Königs aufgefordert, einen Fastentag einzulegen und zu beten. Hätte Wolfgramm den Final gewonnen, hätte ihm der König halb Tonga geschenkt.
... legte Judoka Debbie Allan bei der Wägezeremonie einen Striptease hin. Weil die Waage immer noch zu viel anzeigte, riss sich die Europameisterin in der 52-kg-Klasse aus Verzweiflung auch noch die Unterwäsche vom Leib, nachdem sie schon ihre langen Haare abgeschnitten und drei Stunden lang geschwitzt hatte. Alles half nichts: 50 Gramm zu viel bedeuteten das Olympia-Aus.
...wurde die Britin Paula Radcliffe von ihrem Sponsor zum Teufel gejagt, nachdem sie sowohl über 10'000 m wie im Marathon aufgegeben hatte. Der Hersteller von Birchermüesli hatte mit Radcliffe und dem Slogan geworben: «Es hilft dir ins Ziel». Mehr Glück hatten die US-Turner mit ihrem Sponsor. Sie kooperierten mit der beliebtesten Radiostation von Kansas City. Diese spielte den gleichen Song so lange ohne Unterbruch, bis genug Geld gespendet worden war.
... rastete Angel Matos, Olympiasieger von Sydney im Taekwondo, im Kampf um Bronze aus. Der Kubaner führte 3:2, als er sich bei einer Aktion am Fuss verletzte. Matos wurde disqualifiziert, weil er am Ende der Behandlungszeit noch nicht wieder kämpfen konnte. Darauf verlor Matos die Nerven und setzte den Schiedsrichter mit perfekter Fusstechnik ausser Gefecht. Matos wurde lebenslänglich gesperrt.
... wollten in der Schlussphase der Badminton-Vorrunde gleich vier Teams mit Absicht verlieren. Und schnell wurde klar: Zum Verlierer wird, wer aus Versehen den Federball übers statt ins Netz spielt. Die Teams erhofften sich eine bessere Ausgangslage für die K.o.-Phase. Die Rechnung ging nicht auf. Alle acht Spielerinnen wurden ausgeschlossen. (sda/drd)