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Leonardo da Vinci - Ein Genie in seiner Zeit
Europa in der Renaissance, die Welt an der Schwelle zur Neuzeit: welch ein Glück, in einem solchen Jahrhundert geboren zu sein. Welch ein Glück für die Zeit, ein solches Genie zum Zeugen zu haben.
Eine historische Synchronisierung von Fred Baumgärtel
Als das Mittelalter der Renaissance wich, war Florenz der Mittelpunkt Europas. Ein Florentiner schrieb das erste Buch in der Volkssprache, die »Göttliche Komödie«. Florentiner Baumeister errichteten den ersten massiven Kuppelbau seit der Antike, in Florenz entstand die erste Aktstatue der Renaissance, die erste Oper; »Eurydike«, die ersten Statistiken und das moderne Bankwesen. Florentiner entdeckten die Perspektive, Niccolò Machiavelli, der Vater der Staatslehre, war Florentiner und Boccaccios Bericht im »Decamerone« über die Symptome der Pest ist eine Pionierarbeit der medizinischen Literatur.
Es war die Blütezeit der bildenden Kunst und Literatur; von Wissenschaft, Philosophie, Politik und Religion. Jetzt war das Weltall nicht mehr etwas, das sich um die Erde drehte, um zur Erbauung des Christenmenschen zu dienen, sondern ein Teil des Universums, das man erforschen, prüfen und untersuchen musste. Solange, bis es schliesslich seine Geheimnisse preisgab.
»Du bist es also«, sagte etwas spöttisch Papst Eugen IV, Filippo Brunelleschi musternd: »der sich zutraut, die Welt aus den Angeln zu heben?«. »Gebt mir nur einen Punkt, Eure Heiligkeit, wo ich meinen Hebel ansetzen kann, und ich werde es Euch zeigen!«, sagte der Baumeister; der die Perspektive in der bildenden Kunst erfunden hat. So sind sie, die Florentiner; witzig, ein wenig keck und immer sicher ihrer Selbst.
In diese Neue Welt mit ihren neuen Anschauungen, wurde am 15. April 1452 in Vinci Leonardo geboren. Als Sohn des florentiner Notars Ser Piero und des Bauernmädchens Caterina. Leonardo starb am 2. Mai 1519, auf Schloss Amboise, in den Armen von Franz I., König von Frankreich. Dazwischen lagen ereignisreiche Jahre - für Leonardo und für die Welt um ihn.
Christoph Kolumbus, der Seefahrer; der nicht daran glauben mochte, dass die Erde eine Scheibe sei, war ein paar Monate vor Leonardo in Genua zur Welt gekommen. Im gleichen Jahr wie Leonardo wurde im nahen Ferrara ein anderer grosser Mann der Renaissance geboren: Girolamo Savonarola, der Dominikanerpater; dessen aufrührerischen Predigten ihn 1498 direkt auf den Scheiterhaufen führen sollten.
Sultan Mohammed II. hatte 1452 mit seinen Janitscharen Konstantinopel erobert und dem Abendland das Fürchten gelehrt. Johannes Gutenberg, der Erfinder der Buchdruckerkunst, publizierte in Mainz die erste Bibel. Sie hatte 1282 Folioseiten und war aus drei Millionen gegossenen Lettern zusammengesetzt.
Über die Jugendjahre Leonardos wissen wir nur wenig. Wahrscheinlich wuchs er im Hause seines Vaters in Florenz auf, der ihn mit 15 Jahren in die Lehre zu Andrea del Verrocchio steckte. Bei ihm erlernte er nicht nur Malerei und Plastik, sondern auch die technischen Künste und was sonst zu einer umfassenden Ausbildung gehört. 1472, er war gerade 20 Jahre alt, wurde Leonardo in die renommierte Florentiner Malergilde von San Luca aufgenommen.
In Florenz regierten die Medici. Nach Cosimo und dessen Sohn Piero, »il Gottoso« (der Gichtige) genannt, hatte Lorenzo der Prächtige 1469 das Amt des Stadtherren übernommen.
In Nürnberg wurde in dieser Zeit Albrecht Dürer geboren. Ebenso Niccolò Machiavelli in Florenz und auch Vasco da Gama, der erste Europäer, der bald Indien auf dem Seeweg erreichen würde, und Lukas Cranach d. Ältere. 1473 wurde in Thorn Nikolaus Kopernikus, der Astronom und Begründer eines neuen Weltbildes geboren. Und natürlich nicht zu vergessen: Michelangelo Buonarroti, Bildhauer, Maler, Architekt, Poet, absolutes Genie seines Jahrhunderts.
Während der Rest Europas noch mit den Fingern isst, erscheint 1474 das erste Kochbuch der Neuzeit, verfasst von Maestro Martino: »Von den eerlichern, zimmlichen auch erlaubten Wollust des Leibs«, heisst der Titel. Es sind 250 Rezepte, die meisten ohne Salz als Gewürz. Salz war noch zu teuer. Ein Salzfass stand nur auf den Tischen der Reichen und Mächtigen.
Was hat Leonardo in den ersten zwanzig Jahren seines Lebens getan und geschaffen? Wir wissen es nicht. Sein erstes erwähntes Werk ist eine Federzeichnung des Arno Tales aus dem Jahre 1473, in den Uffizien ist sie zu sehen, und sein erstes Bild, »Die Madonna mit der Nelke«, aus dem Jahre 1475 hängt in München in der Alten Pinakothek.
»The Game and Play of Chess«, das erste in England gedruckte Buch kam in diesem Jahr auf den Markt. Ludwig XI. verbündete sich mit den Schweizern gegen Karl den Kühnen, den sie 1476 in der Schlacht von Murten auf und davon jagten.
Und nicht zu vergessen, die Geburt eines Spaniers namens Francisco Pizarro. Man wird später mehr von ihm hören, wenn er auf der Suche nach den Goldschätzen der Neuen Welt mit gerade 62 Reitern und 100 Fussoldaten das riesige Reich der Inka erobert.
1483, im Geburtsjahr von Martin Luther und Raffael, beginnt Leonardo sein berühmtes Bild der »Maria in der Felsengrotte«, Botticelli mit den ersten Skizzen zur »Geburt der Venus«.
Richard von Gloucester hat gerade Edward V. und seinen jungen Bruder Richard im Tower von London ersticken lassen und sich als Richard III. auf Englands Thron gesetzt.
Leonardo malt sein berühmtes Bild »Die Dame mit dem Hermelin«. Es hängt im Museum Narodowe in Prag. Noch sind es fast zwanzig Jahre bis zu seinem berühmtesten Werk.
Matthias Corvinus, König der Ungarn, besetzt Wien. Kurz zuvor hatte er bei Leonardo ein Gemälde der »Geburt Jesu« in Auftrag gegeben. Söldnerheere, unter ihnen Tausende von Schweizer Landsknechten, die ihr Glück im Beutemachen suchen, ziehen brandschatzend durch Oberitalien.
1489 besetzte Venedig Zypern. Veit Stoss erschafft den Hochaltar der Marienkirche in Krakau, in Deutschland erscheint der »Hexenhammer« - das Buch zur gnadenlosen Hexenverfolgung, und Leonardo beginnt seine anatomischen Studien. Heimlich seziert er nachts die Körper der Toten in der Leichenhalle des Krankenhauses Santa Maria Nuova.
Martin Behaim kehrt nach langen Entdeckungsfahrten nach Nürnberg zurück und lässt - allen Besserwissern zum Trotz, die immer noch glauben, die Erde sei eine Scheibe - den ältesten Globus konstruieren.
1492 betritt Kolumbus einen neuen Kontinent. Es ist Freitag, der 12. Oktober. Der Mann, nachdem er später benannt werden wird, ist im gleichen Jahr wie Kolumbus geboren. Er heisst Amerigo Vespucci und ist - wen wundert's - Florentiner. Ironie der Geschichte, die beiden begegneten einander nie persön-lich im Leben.
Ein Jahr später wird in Einsiedeln, im Kanton Schwyz, Theophrast von Ho-henheim geboren. Wir werden von ihm als einen der grossen Ärzte und Naturforscher des Jahrhunderts hören. Zeitweise ist er Stadtarzt in Basel, bekannt wird er unter dem Namen Paracelsus.
Noch ein Jahr später werden in Nürnberg Hans Sachs, »der Schuhmacher und Poet dazu« und in Chinon Francois Rabelais, Humanist und Schriftsteller, geboren.
Albrecht Dürer, Nürnberger wie Hans Sachs, bricht zu seiner ersten Reise nach Italien auf. Adam Kraft erschafft das Sakramentshaus in der Nürnberger Lorenzkirche.
Nürnberg ist in dieser Zeit die Stadt der Kunst und des Handwerks, bekannt als »des Deutschen Reiches Schatzkästlein«.
Leonardo arbeitet am Tag - und bei Nacht im Schein der Pechfackeln - im Refektorium von Santa Maria delle Grazie in Mailand. Das 9,20 Meter lange und 4,20 Meter hohe Wandgemälde - die Darstellung des Heiligen Abendmahls - wird eines seiner Meisterwerke.
Zum erstenmal werden 1497 in Europa der Tabak und die Rauchsitten der Indianer aus der Neuen Welt erwähnt. Aber an Selberrauchen denkt noch keiner. Vorerst wird die selt-same Pflanze von jenseits der Meere als Heilmittel gegen die Pest und als schön blühende Gartenpflanze verwendet.
Es ist das Jahr 1501 und Michelangelo arbeitet verbissen an der gewaltigen Marmorstatue des David. Lucrezia Borgia heiratet zum drittenmal, diesmal Alfonso d'Este, und das erste Schiff mit Sklaven von der westafrikanischen Küste segelt in Richtung Amerika.
In einem winzigen Haus in St. Rémy in der Provence wird 1503 Nostradamus geboren. Später sehen wir ihn als Leibarzt Karls IX. Aber berühmt ist er für seine düsteren Prophezeiungen, die er in gereimte Vierzeiler fasste. Seine Anhänger, und es gibt heute noch viele, behaupten, seine Weissagungen würden auf historische und zukünftige Ereignisse zutreffen.
1505 beendet Leonardo sein berühmtestes Bild. Ein Gemälde, das seitdem die Phantasie des Betrachters beflügelt: Das Bildnis der rätselhaften Mona Lisa. Heute der Star im Louvre in Paris.
Leonardo stand jetzt im Zenit seines künstlerischen Ruhms. Von den aufkommenden Genies der jungen Generation, wie Raffael, ohne Einschränkung neidlos bewundert, eifersüchtig-widerstrebend anerkannt von den Älteren, Michelangelo an der Spitze.
In Rom regierte Papst Julius II., der bedeutendste Renaissance-Papst. Er hatte den Neubau der Peterskirche befohlen und dazu Bramante als Baumeister sowie Michelangelo und Raffael nach Rom beordert.
Am 21.Januar 1506 gründete er die Schweizergarde. Heute nur noch eine Operettenarmee, in den unruhigen Zeiten des 16. Jahrhunderts lebensnotwendig, um Palast und Person des Papstes zu schützen. Die Uniform, die sie heute noch tragen, entwarf Michelangelo Buonarotti.
Der beginnt 1508 mit dem Ausmalen der Sixtinischen Kapelle. Knapp 18 Jahre alt besteigt Heinrich VIII., der soviel Ärger mit den Frauen und dem Papst haben wird, den Thron von England.
Peter Henlein baut - wir schreiben das Jahr 1510 - als Erster eine kleine Uhr in Dosenform. Die hat, Wunder der Technik, eine vierzigstündige Gangreserve und Stundenschlag.
Jakob Fugger, den man zu Recht »den Reichen« nennt, baut das Kupfermonopol in Europa aus und finanziert Kaiser Maximilian, die Päpste und zahllose kleine Fürstenhäuser.
Albrecht Dürer, von seiner zweiten italienischen Reise zurückgekehrt, tritt in die Dienste Maximilians. Ein Jahr später entsteht sein wohl berühmtester Kupferstich »Ritter, Tod und Teufel«.
Im Januar 1517 verlässt Leonardo Rom, das ihm zu wenig Aufträge hat zukommen lassen. Enttäuscht, verbittert, krank, folgt er der Einladung von König Franz I.
Der schenkt ihm ein kleines Schlösschen bei Amboise und ernennt ihn grossherzig zum »Ersten Hofmaler, Architekten und Mechanikus des Königs«.
Doch bei Leonardo beginnt der körperliche Verfall. Die linke Hand, seine Malhand ist ge-lähmt. Nur mit äusserster Anstrengung und unter Schmerzen kann er den Pinsel führen.
Trotzdem entstehen jetzt seine berühmten »Sintflut«-Blätter, eine Serie von düsteren Zeichnungen, die den Untergang der Welt thematisieren.
Er stirbt am 2. Mai 1519. König Franz I., der Leonardo da Vinci so bewunderte und förderte, hält den Freund - so heisst es - auf dem Sterbebett in den Armen.
Im gleichen Jahr trägt man auch Lucrezia Borgia zu Grabe, der man so viel Böses nachgesagt hat, und die doch von ihren Untertanen in Ferrara geliebt und geachtet wird. Gefolgt von Maximilian, dem Kaiser; den man den »letzten Ritter« nannte. Eine Epoche neigt sich ihrem Ende zu.
Zwei Jahre vorher, am 31. Oktober des Jahres 1517, hatte Martin Luther seine 95 Thesen wider den Ablasshandel an das Portal der Schlosskirche in Wittenberg geschlagen.
Bald wird Papst Leo X. gegen ihn die Bulle »Exsurge Domini« erlassen, die Truppen Kai-ser Karl V. werden Rom plündern und die Türken Wien belagern.
Die Geschichte, die sich oft hinter trockenen Zahlen versteckt, geht ihren Gang. Die Genies, die Michelangelos, die Tizians, ein Leonardo da Vinci, bleiben.
Leonardo wurde im Kreuzgang der Kirche von St. Florentin auf dem Schlossberg von Amboise zur letzten Ruhe gebettet. Als man 1808 die Kirche abbrach, gingen auch seine Gebeine verloren.

R Buckminster Fuller
Ein Genie des 20. Jahrhunderts

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Hintergrundbild: >> The Dymaxion World of R. Buckminster Fuller