Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03331.jsonl.gz/532

Der 22-jährige Isaiah Boodhoo hielt es für einen "absoluten Scherz", als er auf Facebook den Mietpreis für ein Schlafzimmer in einem Herrenhaus in Vancouver sah: nur 1'100 kanadische Dollar pro Monat. Umgerechnet sind dies 830 Franken.
Es stellte sich heraus, dass die Kronleuchter aus Glas, die luxuriösen blauen Vorhänge, das Dampfbad und der Billardtisch echt waren. Das herrschaftliche Anwesen mit neun Schlafzimmern, das von den 14 Studenten, die zusammen in dem Haus wohnen, "the Castle" (das Schloss) genannt wird, gehört laut Boodhoo offenbar einem afghanischen Pop-Künstler. "Ehrlich gesagt, ich würde so lange hier bleiben, wie ich könnte", sagt er und setzt sich auf eine weisse Couch, während er an einem Becher Slurpee nippt. "1.000 Dollar für all das?"
Andere werden sich bald ebenso glücklich schätzen. Mehr Besitzer von Luxusanwesen in der Stadt wollen diese nun vermieten, um eine neue Steuer auf leer stehende Häuser zu vermeiden. In der neuen Welt des Wohnungsmarkts von Vancouver, in der chinesische Investoren abwandern und niedrige Offerten die Norm sind, könnte es dazu kommen, dass Studenten von Luxus umgeben leben.
Unbehagen im Immobilienmarkt
Vorbei ist die vor einigen Jahren herrschende Markteuphorie, als die Stadt im Zentrum eines globalen Immobilienbooms stand. Die Preise hatten sich in den zehn Jahren bis 2016 mehr als verdoppelt und übertrafen die Zuwächse in New York und London. Aber die Politik der Regierung zur Zügelung des Marktes - von neuen Steuern bis hin zu strengeren Hypothekenvorschriften - hat einen Einbruch der Verkäufe angeheizt, die auf das niedrigste Niveau seit der globalen Finanzkrise gesunken sind. Nach Angaben des Real Estate Board of Greater Vancouver sind die Preise gegenüber ihrem Höchststand im Juni um 8,5 Prozent gesunken.
Die Stadt hat eine florierende Technologie- und Tourismus-Szene und liegt in der Provinz mit der niedrigsten Arbeitslosenquote des Landes. Das Unbehagen auf dem Immobilienmarkt ist dennoch spürbar.
Die glücklichen Mieter
Da die Steuern für ein leer stehendes Haus in Vancouver sich möglicherweise auf eine jährliche Abgabe von 3 Prozent addieren, wollen Hausbesitzer ihre Häuser möglichst schnell vermieten, berichten Immobilienmakler. Das führt zu Schnäppchen in einer Stadt, in der die Leerstandsrate nahe null Prozent liegt.
"Es gibt Häuser im Wert von 4 Millionen kanadische Dollar, die für 4'500 kanadische Dollar vermietet werden", sagte Steve Saretsky, ein Immobilienmakler aus Vancouver, dessen beliebter Immobilien-Blog auf Risse im Markt hinwies, obwohl die Benchmark-Preise im vergangenen Jahr ihren Höhepunkt erreichten. Potenzielle Mieter werden mutig, berichtet Kevin Wang, der mit seinem Zwillingsbruder Jerry ein Team für den Verkauf und die Vermietung von Immobilien leitet. Sie haben Anrufe von Leuten erhalten, die anbieten, bei der Gartenarbeit oder Instandhaltung zu helfen, gegen kostenloses Wohnen in einem Luxus-Anwesen.
Student Isaiah Boodhoo seinerseits hat nicht nur eine Luxusbude an Land ziehen können, er hat auch seine Anfahrtszeit für den Musikunterricht von zwei Stunden auf 18 Minuten verkürzt. "Jeden Tag komme ich von der Schule nach Hause und sehe nur die Zipfel vom Castle und dann denke ich, das ist mein Haus", sagte Boodhoo, der sich auf den Pool im Hinterhof freut. Er sollte bis Juni gefüllt sein.
(Bloomberg)