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Die Generation Y (zwischen 1980 und 2000 Geborene) sei nicht mehr so arg Burnout-gefährdet wie ihre Vorgänger, war unlängst in der „Aargauer Zeitung“ zu lesen. Wenn nun aber Lehrpersonen an der Alten Kantonsschule Aarau meinen, sie hätten in den letzten zwei, drei Jahren vermehrt Arztzeugnisse mit der Diagnose „Erschöpfungsdepression“ vorgesetzt bekommen, täuscht dann dieser Eindruck?
Was jetzt? Glaube nur jener Statistik, die du selber erstellt hast? Und überhaupt, wer ist das eigentlich, diese Generation Y? Da hat jemand genau auf den Buchstaben geschaut, dazu englisch gedacht – und „why“ gesagt. Die Warum-Generation bevölkert also derzeit die Gymnasien. Man könnte zum Schluss kommen, dass die Schülerinnen und Schüler von heute mehr Fragen stellen würden als solche, die längst die Matura in der Tasche haben. Oder dass die Jungs und Mädels von heute sich ernsthaftest selbst hinterfragen?!
Es gibt Menschen mit Depressionen wie auch solche mit Autismus – oder andere mit einer Laktose-Intoleranz. Bleiben wir aber bei den (temporär) niedergedrückten Menschen. Dieses Attribut sagt etwas aus, es bezeichnet ein Symptom, spricht von einem Druck, der auf einen Menschen wirkt. Ein Symptom deshalb, weil die Ursache des Drucks damit noch nicht genannt, nicht erkannt ist. Mit der Diagnose „Erschöpfungsdepression“ wird ein solcher Zustand scheinbar genauer beschrieben. Scheinbar. Denn ein kausaler Zusammenhang von Erschöpfung (als Ursache) und Niedergedrücktheit (als Wirkung) lässt sich so klar nicht nachvollziehen. Es sei denn, die Erschöpfung würde als Ungenügen empfunden in dem Sinne, man habe nicht genügend Energien aufbringen können für die (von sich selbst) erwartete Leistung. Eine verfängliche Geschichte, nicht wahr? Tatsächlich sind Ursache und Wirkung bei der Bezeichnung „Erschöpfungsdepression“ nicht eindeutig voneinander zu unterscheiden. Die Erschöpfung könnte auch eine Folge der Niedergedrücktheit sein; oder haben wir es am Ende mit einer Tautologie zu tun? Zwei Möglichkeiten des Umgangs bieten sich an: Entweder man lernt mit der Unschärfe haushalten oder man versucht herauszufinden, was denn die Ursache für eine Erschöpfungsdepression sein könnte.
Ich glaube, wir leben in einer Zeit der unbedingten Deklarationspflicht. Das ist ein Wahn für sich: Nachweisbarkeit, Rechtfertigung, Leistungsausweis, Kompetenzbescheinigungen usw. Darüber noch nachdenken? Oder deswegen leiden? Am Wahn oder am Denken? Sowohl als auch …
Diagnose und Dilemma
Lassen wir die Metaphysik (noch) beiseite und halten uns stattdessen weiter an die Wissenschaft. Die Schulmedizin hilft da allerdings nur bedingt weiter. Genau genommen gibt es weder die Diagnose „Erschöpfungsdepression“ noch „Burnout“. In den diagnostischen Manualen (in Europa der ICD 10, in den USA der DSM V) findet sich nur die Depression, und diese wird lediglich deskriptiv definiert. Für eine differenzierte Diagnose hinzugezogen wird ein Katalog sogenannter „Anpassungsstörungen“. Diese beruhen auf erschwerten Lebensbedingungen, werden aber von Versicherungen und Krankenkassen als weniger gravierend taxiert. Handelt es sich im konkreten Fall um eine schwere Depression, die eindeutig auf erschwerte Lebensbedingungen zurückzuführen ist, sehen sich Psychiater heute bei der „offiziellen“ Diagnose in einem Dilemma.
Depression, das meinte ursprünglich – sprich lateinisch – eine „Niedergedrücktheit“; freilich ist das heute komplizierter geworden. Ich bin überzeugt davon, dass die Klassifizierung als „psychische Störung“ schon der erste Schritt in die falsche Richtung war. Heute gilt alles, was ein klein wenig von der Norm abweicht, als Störung (wahlweise als Fehler, Makel, Ungenügen, Versagen, Krankheit). Man könnte glatt auf die Idee kommen, beim Menschen handle es sich um ein normiertes Wesen, das es allerdings störungsfrei nicht gibt. Doch ist es nicht fragwürdig, ein Wesen so zu definieren, wie es nicht ist? Das ist nicht nur fragwürdig, sondern falsch.
Jeder Mensch hat etwas, etwas, was seine Eigenart ausmacht. Und jeder Mensch fühlt sich zuweilen niedergedrückt. Kein Mensch ist davor gefeit, in einen Teufelskreis zu geraten, immer dann, wenn sich etwas potenziert, sie oder er in einen Strudel gerät. Wir sprechen dann von einer Sucht oder einem Zwang, einer Gewalt, die die Selbstbestimmung einzuschränken beginnt, sodass wir unseren Pflichten (und auch den Freuden) nur noch teilweise oder dann, im schlimmsten Fall, gar nicht mehr nachkommen können.
Eine klare Trennlinie zwischen „noch gesund“ und „bereits krank“ lässt sich nicht ziehen, nicht zuletzt auch deshalb, weil ein solcher Übergang von jedem anders empfunden wird. Was aber steht am Anfang einer solchen Spirale? Ob Fachliteratur oder Hochglanz-Magazine, überall wird uns von der Work-Life-Balance erzählt, und dabei wird gern und stillschweigend vorausgesetzt, dass sich diese beiden Bereiche selbstverständlich scharf voneinander trennen liessen. Das ist Quatsch. Das weiss, glaube ich, jeder. Doch es klingt verlockend, erweckt den Anschein eines praktikablen Rezepts: Unterscheide strikt zwischen Arbeit und Freizeit, stelle beides in ein gesundes Verhältnis zueinander und dir wird es gut gehen!
Ungeteilt – und ohne Vergleich?
Der Mensch, so zerrissen Einzelne auch sein mögen, ist kein zweigeteiltes Wesen, sondern ein Individuum. Seine Durchlässigkeit (und seine Empathie) sind Stärke und Schwäche zugleich. Lassen wir einmal dahingestellt, ob nun die Generation Y oder jene, die diese gerade unterrichtet, mehr Burnout-gefährdet ist, denn beide befinden sich in derselben (Leistungs-)Gesellschaft, sind also konfrontiert mit Nachweisbarkeit, Rechtfertigung, Leistungsausweis, Kompetenzbescheinigungen usw. Darüber noch nachdenken? Oder deswegen leiden? Warum?
Wer sich misst, verliert … eigentlich immer; ganz egal, ob der Gegner Roger Federer, Scarlett Johansson, Vladimir Putin oder Madonna heisst. Denn es gibt immer jemand, der besser ist, effizienter, leistungsfähiger, schöner, reicher, mächtiger … trallala.
Sich dem Vergleichen zu entziehen, von der Messbarkeit zu abstrahieren, ist gewiss keine leichte Aufgabe. Allzu einfach machen es sich diejenigen, die den Druck lediglich weitergeben (Arbeitgeber, Eltern, Lehrpersonen), ohne sich selbst damit tatsächlich zu entlasten; denn es handelt sich doch oft um Gläubige (Hörige, Abhängige), die gar in missionarischem Eifer handeln – und also über kurz oder lang ausbrennen, sei es als Opfer eigener Verheerungen, oder sei es aus Mangel an Achtsamkeit, den andern oder doch vor allem sich selbst gegenüber. Wie das die Schülerinnen und Schüler von heute aushalten? – Offen gestanden, ich weiss es nicht. Ich setze aber darauf, dass es für alle, jung oder älter, noch Felder zu bespielen gibt, die sich einer Messbarkeit entziehen. Man könnte sich zur Abwechslung ja in Bereichen stark machen, denen nicht gleich ein Bewertungsraster übergezogen wird. Womöglich sind die gar nicht weniger wert und, wer weiss, vielleicht ermöglichen derlei Aktivitäten – wie nebenbei – den aufrechten Gang.
Von Markus Bundi
Der Autor dankt Dr. med. Thomas Moehlecke, Facharzt FMH Psychiatrie und Psychotherapie, Baden, für den wissenschaftlichen Rat zu diesem Artikel.