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Der Journalist Adolf Stock wurde 1951 geboren, also nur wenige Jahre nach Adolf Hitlers Tod. Wegen seines Namens hat er peinlich berührte Arbeitskollegen erlebt und war selbst peinlich berührt von einer Reaktion in New York. Mittlerweile hat er sich seinem Namen quasi gestellt und darüber geforscht.
SRF News: Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Sie einen speziellen Namen haben?
Adolf Stock: Das war ziemlich spät, glaube ich. Ich war damals bereits Student in Berlin, als es mir bewusst wurde. Als Kind war mein Name überhaupt kein Problem, er war irgendwie ganz selbstverständlich. Ich war eigentlich stolz darauf, Adolf zu heissen. Alle meine Schulkameraden hiessen Uwe oder Wolfgang und ich hatte einen Namen, der nur mir gehörte. Die Zusammenhänge habe ich dann eben erst viel später verstanden.
Warum haben Ihre Eltern diesen Namen gewählt?
Mein Grossvater sowie mein Vater hiessen auch Adolf – es war einfach eine Unbedachtheit. Ich denke, dass ein richtiger Nazi seinen Sohn in dieser Zeit nicht Adolf genannt hätte. Meine Eltern haben sich damals gar nicht klargemacht, was sie mir damit auf den Weg geben.
War Ihr Vater ein überzeugter Nationalsozialist?
Nein, das kann man nicht sagen. Mein Vater kam aus sehr einfachen Verhältnissen. Während dem Krieg konnte er zum ersten Mal reisen. Das alles war für ihn ein grosses Erlebnis. Später war er in Russland, wo er schwer verletzt wurde. Der Krieg war dann nicht mehr so lustig. Mein Vater kam als gebrochener Mann zurück. Die ganzen Erlebnisse waren völlig unpolitisch. Mein Vater war in seiner Naivität durch die Zeitgeschichte geschubst worden. So reime ich mir das zusammen, nicht um ihn in Schutz zu nehmen.
Sie haben vorhin gesagt, dass ein richtiger Nazi seinen Sohn nicht mehr Adolf taufen würde. Aber gab es während der Zeit von Hitler viele Adolfs?
Im Dritten Reich war es schon so, dass die Leute versucht haben, ihre Kinder Adolf zu nennen. Auf dem Standesamt haben einem die Beamten aber gesagt, dass der Führer das nicht will. Wirklich verboten waren weibliche Formen, wie zum Beispiel Adolfine. Dann sind die Leute ausgewichen und haben ihre Söhne entweder Horst, nach Horst Wessel (Sturmführer der SA und «Märtyrer» der Nationalsozialisten), oder Hermann, nach Reichsmarschall Hermann Göring, genannt.
Sie sagen, Hitler wollte nicht, dass man die Kinder Adolf nannte. Warum?
Da kann ich nur spekulieren. Ich denke er wollte nicht, dass der Name inflationär gebraucht wird, sondern dass er für ihn vorbehalten ist. Darauf hat Hitler schon Wert gelegt. Und wenn Sie sich mal umhören, so viele Adolfs aus der Nazizeit gibt es tatsächlich nicht.
Was erlebt man, wenn man Adolf heisst?
Ich war bei Freunden in Amerika. Mein Kollege hatte Karten für die Show «The Colbert Report» besorgt. Die satirische Comedy-Show war damals absolut Kult in New York. Der Einheizer, der vor der Show für Stimmung sorgte, sprach mit einem jungen jüdischen Mann. Auf eine Frage des Einheizers sagte der Junge: ‹Ich weiss nicht so recht, was ich mit meinem Leben anfangen soll.› Danach kam ich dran. Ich sagte: ‹Ich bin Adolf aus Berlin.› Im Raum herrschte Schweigen, bevor der Einheizer sagte: ‹Adolf from Berlin.› Dann fingen die Leute laut an zu lachen und der Einheizer setzte noch einen drauf und machte sogar noch Witze über Juden. Ich bin dann mit sehr ambivalenten Gefühlen raus gegangen.
Ich bin Adolf aus Berlin.
Umgekehrt reagiert man in Deutschland wahrscheinlich mit einem peinlichen Schweigen auf den Namen Adolf.
Merkwürdige Erfahrungen habe ich eigentlich weniger mit den Deutschen, als vielmehr mit meinen Berufskollegen gemacht. Ich bin Journalist mit dem Schwerpunktthema Architektur. Als zum Beispiel das jüdische Museum in Berlin eröffnet wurde, hatte ich den Auftrag, die Architektur zu beschreiben. Der Libeskind-Bau ist sehr prominent, deshalb hatten wir eine Live-Sendung aus dem Museum. Dann wurde mein Bericht eingespielt. Bei der Abmoderation sagte mein Kollege: ‹Das war ein Beitrag von Alfred Stock.› Das gab es häufiger.
Hat Ihnen Ihren Name eine Aufgabe gegeben?
Mittlerweile glaube ich, bin ich ein lebender Stolperstein. Als ob ich ein Schild vor mir her trage, wo drauf steht: Ich komme aus einer merkwürdigen oder zweifelhaften Vergangenheit. Und ich bin mittlerweile auch gewillt, das ernst zu nehmen. Wenn jemand mich auf meinen Namen anspricht, will ich nicht mehr nur über meine Befindlichkeiten reden, sondern auch darüber, was mit diesem Namen eigentlich passiert ist.
Das Gespräch führte Peter Voegeli.
Wie der Vorname einen Menschen prägt, damit beschäftigt sich auch der Namenforscher Thomas Liebecke. Es gäbe grundsätzlich folgendes zu beachten: «Ein Name ist zuerst ein Etikett, eine Marke, ein Wort, um das Kind zu identifizieren», ist Liebecke überzeugt. «Für ein Kind bedeutet der Name also zunächst einmal ‹ich›.» Dabei würden aber auch immer Informationen mitschwingen.
«Bei Adolf ganz klar die Zuordnung als männlicher, altmodischer Name», beschreibt Liebecke. Zudem sei dieser Name mehrheitlich auch als unsympathisch, nicht wohlklingend, einzelgängerisch und unattraktiv belegt. «Das zeigt sein Wirkungsprofil, das Onogramm, ganz deutlich», so der Experte.
Bei der Frage, ob der Vorname tatsächlich den Namenträger prägt, ist Liebecke skeptisch. «Ich denke nein, zumindest sehe ich keine verlässlichen Anhaltspunkte dafür.»
Onogramm
Übergreifende Wahrnehmungen zu Vornamen können in Wirkungsprofilen dargestellt werden, sogenannten Onogrammen. Dazu werden die Wertungen zu vorgegebenen Konnotationspaaren erfasst und grafisch aufbereitet. Zu 2'300 Namen können Sie hier , Link öffnet in einem neuen FensterOnogramme abrufen.
Das Wesen eines Menschen würde in erster Linie durch sein Umfeld geprägt, ist der Experte überzeugt. «Vor allem durch die Eltern.» Und das Umfeld sei es auch, dass die Namenwahl trifft. «Eltern, die ihr Kind Maddox nennen, bewegen sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in einem anderen sozialen oder räumlichen Umfeld, als Eltern, die ihr Kind Constantin nennen.»
Wenn sich Menschen gleicher Namen also tatsächlich in ihren Wesenszügen ähneln, könne das vor allem darauf zurückzuführen sein, dass sie in einem ähnlichen Umfeld aufgewachsen sind. «Nicht der Name formt den Menschen, sondern die Namengeber», bemerkt Liebecke.
Wirkungsprofile werden von Eltern nur selten berücksichtigt
«Ähnlich ist es mit dem Alter. Wir können viele Namen in eine bestimmte Generation verorten.» Gertrud gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts zu den beliebtesten Namen für Mädchen, ähnlich wie derzeit Mia. Bei einer Gertrud ist es wahrscheinlich, dass sie am Ende ihrer Lebensspannen angekommen ist, Mia steht noch am Anfang. «Beide sind nicht mit den selben Werten aufgewachsen.»
Eltern, die Namen im Vorfeld bewusst auf mögliche negative Assoziationen abklopfen, seien eher selten. «Dabei ist es mit den Wirkungsprofilen, den Onogrammen, ohne weiteres möglich, schnell zu schauen, ob ein Name vielleicht als unsympathisch gilt oder altmodisch belegt ist.»
Kindlich anmutende Vornamen sind im Trend
Dass in der Schweiz vermehrt kurze Vornamen verwendet werden, hat gemäss Liebecke drei Gründe. Zum einen sei die Tradition als Motiv der Namenwahl in den Hintergrund getreten. Zum anderen gibt es ein verstärktes Eindringen von Namen aus anderen Sprachen, «vor allem aus dem englischen Raum».
Ein jüngerer Trend komme hinzu: offenen Silben, wohlklingende Vokale und weichen Konsonanten – ma, mi, mo, le, la, na, ni usw. – seien beliebte Bausteine für Vornamen. Allein aus solchen Silben würden dann kurze, weiche, irgendwie kindlich anmutende Vornamen entstehen. «Das ist wohl Zeitgeist», so Liebecke.