Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03625.jsonl.gz/2106

Tourist_innen lieben den morbiden Charme Kubas. Ursprünglich wollte Fidel Castro die Insel vor der Infiltration des Kapitalismus bewahren und den Tourismus unterbinden. Doch in den Neunzigerjahren wurde klar, dass der sozialistische Traum Kubas nicht finanzierbar war und das Geld der Reisenden die Löcher in der Staatskasse stopfen helfen musste. Seither steigen dank dem Nostalgiebedürfnis vor allem der Europäer_innen die Besucherzahlen kontinuierlich.
Candelaria spielt Mitte der Neunzigerjahre, als Kuba, nachdem die Hilfe der Sowjetunion wegfiel, seine Bevölkerung kaum mehr ernähren konnte. Die Jüngeren basteln Flosse, um die gefährliche Reise ins Exil nach Florida auf sich zu nehmen und der Not zu entkommen. In Kuba selbst blüht ob der knappen Versorgungslage der Schwarzmarkt, für den man sich entweder begehrte Tauschwaren oder Dollars besorgen muss. Doch es kommen auch Ausländer_innen – und bringen Veränderung ins Land. So beginnt der Film mit einem Kontrast: mit dem Urlaubsvideo eines amerikanischen Paars, dazu liest ein Mann mit heiserer Stimme Nachrichten aus Kuba vor. So treffen zwei Realitäten aufeinander: Die Lust der einen, die das Einfache und Schäbige schön finden, und das harte Leben der anderen, das durch maximalen Verzicht gezeichnet ist.
Der Kolumbianer Jhonny Hendrix Hinestroza erzählt in Candelaria von einem älteren Ehepaar in Havanna: Candelaria und Victor Hugo müssen im hohen Alter noch arbeiten und sich ihr kleines Gehalt zusätzlich mit dem Verkauf gestohlener Zigarren und mit Singen für Tourist_innen aufbessern. Abends nehmen sie während des täglichen Stromausfalls in ihrer heruntergekommenen Wohnung gemeinsam eine magere Mahlzeit ein. Trotz Kerzenlicht will zwischen ihnen aber keine Romantik mehr aufkommen. Candelaria schenkt stattdessen ihre ganze Liebe den fünf von ihr gestohlenen kleinen Küken, als wären es ihre Kinder. Trotz Hunger würde sie sie nie essen.
Eines Tages findet Candelaria bei der Arbeit in der Hotelwäscherei eine Videokamera und nimmt sie mit nach Hause. Dieses kleine Gerät, von einem Touristen aus den USA nach Kuba mitgebracht, wird ihre Beziehung zu Victor Hugo verändern. Dank der belebenden Kommunikation mittels Kamera und dem Spinnen von Fiktionen entflammt die Liebe wieder. Gemeinsam können sie wieder lachen und träumen nochmals in einem fast jugendlich Übermut von einer besseren Zukunft. Mal filmt Victor Hugo seine Frau heimlich, wenn sie, nur in ein Handtuch gehüllt, aus dem Bad kommt, dann nimmt Candelaria als Antwort darauf sich selbst auf und entkleidet sich verführerisch für ihn. Als die Kamera in die Hände eines Hehlers gerät und dieser die erotischen Filme des Paars an Touristen verkauft, eröffnet sich gar die Möglichkeit, viel Geld damit zu verdienen. Die beiden werden vor die Frage gestellt, wie weit sie für Geld bereit sind zu gehen. Wollen sie sich in Pornofilmen an Menschen verkaufen, die sich an ihren alten Körpern aufreizen?
Man könnte so die beiden Hauptfiguren mit Kuba selbst gleichsetzten und grundsätzlich über eine Ästhetik des Alterns nachdenken. Wie sehr ist auch die Nostalgie der Tourist_innen für das verfallende Kuba zugleich eine Erniedrigung von dessen Bevölkerung? Unweigerlich fühlt man sich als Zuschauerin, die sich an der neu aufgeflammten Liebe zwischen Candelaria und Victor Hugo erfreut hat und die Machenschaften des Hehlers verurteilt, gleichwohl ertappt, denn: Sind diese Figuren, ihre heruntergekommene Wohnung und die verfallene Stadt, so wie sie die Kamerafrau Soledad Rodríguez fotografiert, nicht wunderschön?
Doch Hinestroza hat seine Figuren aus Liebe konzipiert. Basierend auf der sehr engen Beziehung mit dem alternden Vater und einer Begegnung in Havanna mit einer älteren Frau, die Candelaria hiess und die ihm ihre Geschichte, die Geschichte des Films, erzählte. Der Regisseur behandelt auch die beiden Schauspieler_innen Verónica Lynn und Alden Knigth mit grossem Respekt. Die sonst selten im Kino dargestellte körperliche Liebe alter Menschen wirkt hier alles andere als voyeuristisch. Und so sind auch wir zum Glück nicht in der Position derer, die ihre Lust mit den Videos von Candelaria und Victor Hugo befriedigen. Vielmehr berühren sie uns, wie sie am Ende ihres Lebens, das durch zu wenig Essen und Krankheit bedroht ist, dank Fantasie die Liebe wiederfinden. Sie tun das, was Filme tun: Mithilfe einer Kamera erzählen sie sich Geschichten.