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1949 geriet die Anstalt Rathausen in die Kritik.
Im Zentrum standen vor allem die rigide Strafpraxis, der Massenbetrieb und die mangelhafte Aus- und Weiterbildung des darüber hinaus knapp bemessenen Personals. Auch Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe an Heimkindern wurden laut. Der Direktor, der dem Heim seit 1926 vorstand, wurde vom Regierungsrat entlassen und im Laufe der 1950er- und insbesondere der 1960er-Jahre wurden einige Reformen eingeleitet. Im neuen «Kinderdörfli», wie sich das Heim ab 1951 nannte, wurde das im Heimwesen propagierte Familiensystem eingeführt, um dem bisherigen Massenbetrieb entgegenzuwirken. Die Kinderzahl wurde von über 200 auf 150 reduziert und die Heimkinder in kleinere Gruppen, sogenannte Familien, aufgeteilt.
Die alte Klosteranlage weicht modernen Wohnpavillons
Die grossen Schlaf- und Esssäle in der alten Klosteranlage hob man nach und nach zugunsten kleinerer Schlafzimmer und Essräume auf. Auch Toiletten und Waschräume wurden verlegt und modernisiert. Neben der Klosteranlage wurden in den 1950er- und 1960er-Jahren etappenweise moderne, helle Wohnpavillons errichtet. In diesen lebten jeweils rund 25 Heimkinder in einer «Familie» mit einer Ingenbohler Schwester als «Gruppenmutter». Dort assen und schliefen sie.
In den 1960er-Jahren wurde ein Schwesternhaus eröffnet, das den Schwestern eine zeitgemässe Unterkunft bot.
Psychologen, Psychiater und Heilpädagogen werden beigezogen
Im Verlaufe der Nachkriegszeit wurde in der Heimerziehung der Einbezug von Fachleuten wie Heilpädagogen, Psychologen und Psychiater zunehmend wichtig. In Rathausen wurde 1950 etwa ein psychiatrischer Dienst eingerichtet, bestehend aus einem Luzerner Psychiater, der bei «erzieherischen Schwierigkeiten und Versagen bei schulischen Leistungen» beigezogen wurde. Inwiefern die in den 1950er-Jahren aufkommenden Psychopharmaka in Rathausen eingesetzt wurden, wie wir das aus anderen Heimen kennen, ist bislang nicht bekannt.
Auch Gespräche der Erziehungsperson mit dem Kind unter vier Augen wurden eingeführt. Diese waren mit dem «Appell an das Ehrgefühl» und dem «Anruf an die vielfach verborgenen guten Kräfte im Menschen» verbunden.