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Gebetshaus
11. Januar 2017
Das Erste zuerst: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“
Wie man weiss, beginnt die Bibel mit den Worten: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Was als eine einfache Aussage daherkommt, kann sich für unser Verständnis von Kunst als sehr wichtig erweisen. Auf die komplexe Diskussion zum Thema Schöpfung und Evolution soll hier nicht eingegangen werden; dafür auf die Tatsache, dass die Bibel betont: Himmel und Erde haben denselben Ursprung und bilden somit einen Einheit. Daraus ergibt sich notwendig die Schlussfolgerung, dass die Erde dem Himmel nicht untergeordnet ist; denn beide haben ihren Ursprung in derselben göttlichen Weisheit – oder in der ewigen Torah (dem ewigen Gesetz), wie einige Traditionsquellen sagen würden.
Dies ist von Bedeutung, wo wir Kunst und ihren Stellenwert in der von Gott gesetzten Wirklichkeit verstehen wollen.
In meiner Kindheit wurde mir in unserer Kirche deutlich klargemacht, dass ein Musikstudium und der Musikerberuf für mich nicht in Frage kämen. Denn Musik sei nach Genesis 4,21 (“ Sein Bruder hiess Jubal; er war der Vater aller Zither- und Flötenspieler”) sündhaft: Jubal war schliesslich der Abkomme des Mörders Kain, und Musik taucht in der Schrift zum ersten Mal dort auf, wo von der gottlosen Kultur der Nachkommen Kains die Rede ist. Diese Kultur wird am Ende der Zeit von Gott verdammt werden (Offenbarung 18, 22 an Babylon gerichtet: „Und die Stimme der Sänger und Saitenspieler, Pfeifer und Posaunenbläser soll nicht mehr in dir gehört werden“). Man gab mir sogar zu verstehen, in der Musikwelt gebe es keine gläubigen Menschen.
Später begann ich zu begreifen, dass diese Ablehnung von Kunst die Folge eines Weltbildes ist, das den Himmel und die Welt einander entgegensetzt (unter dem Einfluss von Gnostizismus und Neo-Platonismus): Demnach ist der Himmel ein heiliger Ort, nachdem wir streben sollten, während die Welt ein unheiliger Ort ist, den wir fliehen müssen. Der theologische Fehler dahinter besteht in der Verwechslung von ‚unheiliger Welt’ und ‚erschaffenen Erde’. In der Bibel steht nämlich das Wort ‚Welt’ für das System, wo seit der Revolte des Menschen gegen Gott die Sünde regiert (an der wir laut eindringlicher Warnung keinen Anteil haben sollen!); die Erde jedoch ist der Ort, den Gott als Heimat für den Menschen bestimmt hat (Psalm 115,16: „…aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben“), und in der alles Geschaffene grundsätzlich gut ist (1. Timotheus 4,4: „Denn alle Kreatur Gottes ist gut, und nichts ist verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird“).
Allzu oft wurde in den Kirchen die musikalische (und generell die künstlerische) Weiterentwicklung behindert – eben aufgrund dieses geistlichen Irrtums, wonach Himmel und Erde, Geist und Körper Gegensätze bilden. Eines der besten Beispiele dafür – unter vielen – ist Calvins Verbannung der Musikinstrumente aus dem Gottesdienst. Calvin argumentierte, Gott habe den Juden den Gebrauch der Instrumente nur deshalb erlaubt, weil sie geistlich noch auf einer niedrigen Stufe stünden – im Unterschied zu den Christen.
Von der ziemlich grossen Arroganz dieser Begründung einmal abgesehen: ihr Hauptfehler besteht darin, dass sie den Menschen als Geschöpf überbewertet. Sie übersieht, dass Gott jedem Menschen ein Bedürfnis nach Schönheit und Harmonie gegeben hat. Und sie missachtet sie den Segen, den Gott zur Stillung dieses Bedürfnisses in die Schöpfung hineingelegt hat. Schliesslich zwingt sie den Menschen zu einem Leben, das ohne diese Segnungen auskommt (s. 1.Timotheus 4,1-3). Solche Gesetztlichkeit führt zu allerlei Problemen – zu emotionalen, psychosomatischen und wohl sogar geistlichen Problemen.
Doch Musik wurde nicht von den Nachkommen Kains erfunden. Vielleicht haben diese als erste erkannt: Musik wohnt dem Wesen der Schöpfung inne. Musik (und Kunst) haben ihre Wurzel auch nicht in Genesis 4, sondern in Genesis 1, wo Gott den Menschen nach seinem Bild erschafft, und dies heisst: als schöpferische Menschen, die Schätze erkunden, die die Schöpfung verbirgt. Kunst ist ein von Gott gegebener Schöpfungs-Segen. Deshalb ist künsterisches Wirken – als Antwort auf ein tiefes menschliches Bedürfnis, in sich bereits ein Akt der Anbetung. Und es ist zugleich ein Eingeständnis, dass wir ein gottgegebenes Bedürfnis nach Schönheit, Harmonie und Sinnerfüllung in uns tragen.
Fragen:
1. Haben Mit-Christen deine Kunst je mit geistlichen Argumenten in Frage gestellt? Wenn dies der Fall war: Haben sie in ihrem Denken einen Gegensatz zwischen Himmel und Erde hergestellt?
2. Zweifelst du manchmal daran, dass dein Wunsch nach künstlerischem Wirken, geistlich gesehen, gut ist? Wenn dies der Fall ist: Neigst du dazu, in deinem Denken einen Gegensatz zwischen Himmel und Erde zu konstruieren – vielleicht, weil es dir so beigebracht hat?
Dr. Marcel S. Zwitser / Übersetzung: Beat Rink