Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03401.jsonl.gz/420

Jedes Jahr beginnt mit Sonne, Sand und Meer. Zumindest in den Ferienprospekten, die im Januar und im Februar überall verteilt werden. Wenn das Mittelland im Nebel sitzt, verkaufen die Reisebüros ihre süssen Träume. Seite für Seite sehen wir glückliche Paare unter gesunden grünen Palmen bunte Cocktails schlürfen. Keine Sandflöhe stören das Idyll, keine betrunkenen Touristen grölen, und kein Öltanker ist gesunken.
Obwohl viele lieber an einem Waldfest in die Bratwurst beissen würden, als um die halbe Welt zu reisen, stellen sie sich in Hanoi schwitzend in die Schlange vor einer mobilen Küche und diskutieren die ganze Mahlzeit über, ob die Stücklein, die in der Suppe schwimmen, früher vier Beine hatten, mehr als vier oder gar keine.
So tun, als ob man verreisen würde
Nun ist es natürlich glamouröser, nach den Ferien vor Arbeitskollegen über kleine Unzulänglichkeiten des Neun-Sterne-Hotels in Dubai zu lästern, als ihnen sagen zu müssen, man habe die Ferien zu Hause verbracht. Zumal das Umfeld möglicherweise daraus schliesst, man habe keine originellen Reiseziele gefunden. Doch es gibt einen Ausweg aus diesem Dilemma: Sie tun nur so, als ob Sie verreisen würden, bleiben aber da. Damit das keiner merkt, haben wir die wichtigsten Punkte für ungestörte Ferien zu Hause zusammengestellt:
- Lehnen Sie das Angebot von Tante Susi ab, Ihre Blumen zu giessen. Sagen Sie ihr, Ihre neue, Fleisch fressende Pflanze sei derzeit ungewöhnlich aggressiv oder die Spinne in Ihrer Yucca-Palme habe gerade Junge bekommen.
- Verbreiten Sie das Gerücht, Sie hätten sich eine Schaltuhr geleistet, die Licht, Stereoanlage und Fernseher zu jeder Tages- und Nachtzeit einschalte, um Einbrechern Ihre Anwesenheit vorzugaukeln.
- Bestellen Sie die Zeitung ab, und lassen Sie die Post zurückhalten. Öffnen Sie die Tür nicht, wenn jemand klingelt. Die Nachbarin könnte Sie, weiss Gott, ausgerechnet in Ihren Ferien um einen kleinen Gefallen bitten wollen!
- Programmieren Sie Ihr Telefon so, dass es behauptet: «Der gewünschte Teilnehmer ist momentan nicht erreichbar.» Klauben Sie die SIM-Karte aus dem Mobiltelefon und die Batterie aus dem Radiowecker.
- Decken Sie sich üppig mit Lebensmitteln, Klopapier und anderem Notwendigem ein – Sie dürfen sich ja die ganzen Ferien lang nicht draussen blicken lassen! Vergessen Sie nicht, ein Badeöl zu kaufen, etwa «Waldesruh aus Engelberg».
- Schliessen Sie Ihre Wohnungstür und die Fensterläden, ziehen Sie die Vorhänge, und sprechen Sie – falls Sie Mitbewohner oder Haustiere haben sollten – gedämpft. Dann legen Sie sich aufs Sofa und ruhen sich genüsslich vom Ferienstress aus.
Diaabend mit Möwen und Burgruinen
Währenddessen hat Ihr Brieffreund in Cornwall oder Portugal von Ihnen bereits beschriebene Ansichtskarten frankiert und in den Briefkasten geworfen. Den Text dafür lieferte jene Post, die Sie von Tante Lina und Onkel Alois anno 1975 erhalten hatten: «Liebes Trudi, du meinst vielleicht, wir hätten dich vergessen. Dem ist nicht so. Wir sind gut angekommen und lassen es uns hier gut gehen. Das Wetter geht so, und das Essen ist nicht wie bei Mutter. Wir hoffen, es geht dir auch gut, und grüssen dich herzlich.»
Kein Mensch wird mehr Fragen stellen als «Wie wars?» oder «Isst man dort gut?». Sollte sich tatsächlich jemand erdreisten, genauer nachzufragen, laden Sie ihn umständlich zu einem Diaabend ein, mit der Aussicht auf viele Bilder von einsamen Felsen, kreischenden Möwen und idyllischen Burgruinen. Er wird sofort das Thema wechseln.