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Joseph bereitet sich aufs Ende vor
Beobachter-Kolumnistin Caroline Fux setzt sich mit Josephs Wunsch, dem Abschliessen mit dem Leben auseinander und erklärt, warum der November ein Monat der Transformation ist.
Joseph strahlt und sagt: «Ich bin satt.» Dann ergänzt er, immer noch strahlend: «Das Verrückte ist: Niemand will es mir glauben.»
Josephs Aussage wäre leichter zu verdauen, wenn wir beim Essen sitzen würden. Dann könnte ich auf seinen Teller schielen, im Rorschach-Bild der Essensreste eine Fledermaus erkennen und den Stich in meinem Bauch ignorieren. Joseph und ich sitzen nicht beim Essen. Wir reden auch nicht darüber. Joseph und ich reden übers Leben. Und Joseph ist satt.
Joseph ist nicht irgendein Joseph. Joseph ist mein Freund und Mentor. Wir haben zusammen ein Buch geschrieben, wir haben Fälle verhandelt, Visionen gehabt, Trampolin-Gymnastik gemacht (nacheinander, nicht zusammen), gelacht, geweint.
Joseph ist also satt, und er ist dabei, abzuschliessen.Caroline Fux, Psychologin
Ich sitze dann auf dem etwas provisorischen Stuhl, der eigentlich unbequem sein sollte, es aber niemals ist, weil kein Stuhl, der Zeuge ist von wirklich guten Gesprächen, je unbequem sein könnte. Ich schiele auf die Bücherwand, von der Joseph jedes Mal behauptet, sie wäre aussortiert und reduziert, von der ich allerdings von Besuch zu Besuch stärker vermute, dass hinter der ersten Lage Bücher einfach eine zweite wartet.
Die Sattheit fordert heraus
Joseph ist also satt, und er ist dabei, abzuschliessen. Er macht keinen Hehl daraus, dass dieser Prozess eine Herausforderung ist. Dass er wichtig ist, darüber müssen wir nicht diskutieren. Also sitze ich da und lerne. Lerne einmal mehr von dem Mann, der mir so viel in Bezug auf das Leben und das Beraten beigebracht hat.
Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass mich Josephs Sattheit nicht herausfordert. Sie ist ein Vorbote eines nahenden Abschieds, von dem mein Freund und Mentor nicht nur spricht, sondern den er offensichtlich handfest vorbereitet.
Die Leute wollen fertig sein, es hinter sich haben, darüber hinweg sein.Caroline Fux, Psychologin
Der Flirt mit der Endlichkeit ist eine hohe Kunst. Eine, die die meisten von uns mehr zelebrieren könnten. Nicht, um ungebremst in Trübsal abzutauchen, sondern um der Tatsache Respekt zu zollen, dass so gut wie alles im Leben in Zyklen passiert.
Dass Dinge entstehen, sind und gehen, unaufhaltsam. Und dass es nicht nur Anfänge und klare Enden zu erleben gibt, sondern auch Grenzgänge, Flauten und Zwischenphasen.
Ich habe selten gute Karten, wenn ich diese Dinge den Menschen bei mir in der Beratung anbiete. Die Leute wollen fertig sein, es hinter sich haben, darüber hinweg sein.
Nur geht dabei vergessen, dass es für ein Ende auch einen Weg dorthin braucht. Und der ist oft herausfordernd. Weil man meistens zuerst mal mehr von dem antrifft, das man unbedingt hinter sich lassen will.
Dem Bedrohlichen ins Auge sehen
Wer den Mut hat, mit den dunklen Seiten und Prozessen des Lebens zu sitzen, schafft überhaupt erst die Voraussetzung, dass sich Dinge verändern können. Ein Schmerz muss sein dürfen, damit er vergehen kann.
Ein Problem muss Raum haben, damit sich Alternativen finden lassen. Das Unaussprechliche muss in Worte gefasst werden, damit es seine Bedrohung verlieren kann. Das Ungeliebte muss respektiert werden, damit es seine Klebrigkeit ablegt.
Mich hat der November immer ein bisschen beleidigt mit seiner blöden Endzeitenergie.Caroline Fux, Psychologin
Der November ist eine wunderbare Zeit, um über diese Dinge nachzudenken. Weil er ein Monat des Endens und der Transformation ist und nicht mal ansatzweise so tut, als hätte er grosse Geschenke im Gepäck.
Mich hat der November immer ein bisschen beleidigt mit seiner blöden Endzeitenergie. Soll er sich doch ein Beispiel nehmen am Dezember. Dem Monat des Endes, nicht des Endens . Aber eben: Wie soll es ein Ende geben, wenn die Dinge sich nicht Zeit zum Enden nehmen können?
Joseph nimmt sich diese Zeit. Und dafür bewundere ich ihn. Also denke ich darüber nach, wie oft ich wohl noch auf diesem Stuhl sitzen werde, und ich bin dankbar. Dankbar dafür, dass Joseph eine Bühne für etwas schafft, das so oder so kommen wird und das wir entweder feiern oder ignorieren können.
Plötzlich fällt mir auf, wie wunderschön der banale Unterschied zwischen «satt sein» und «es satthaben» ist. Dann schenke ich mir eine weitere Tasse Tee ein.
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