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Ich traf Umberto Eco anlässlich seines 80. Geburtstags zu einem Gespräch. Er erwartete mich in der Lobby eines Hotels – und war genau so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte: geistreich und schlagfertig. Noch selten hat mich ein Gespräch mit einem Menschen so beeindruckt. Mich berührte sein unglaublicher Humor, verbunden mit einer Warmherzigkeit.
Den Schalk im Nacken
Umberto Eco war ein charmanter Gesprächspartner. Doch wer sich mit ihm unterhielt, musste achtgeben. Wenn er Geschichten erzählte, wusste man nie genau, ob er einen auf den Arm nimmt. Er scherzte gerne und sah alles zwei- und mehrdeutig, wie sich das für einen Semiotiker gehört. Er lachte aber auch gerne über sich selbst. Selbstironie, so meinte er, gehöre zu einem kritischen Geist. Für Umberto Eco waren Leute ohne Selbstironie unerträglich. Und Politiker, aber auch Autoren, die sich selbst zu wichtig nahmen, ein Gräuel.
Umberto Eco war einer der bekanntesten zeitgenössischen Universalgelehrten. Er war Philosoph und Wissenschaftler und unterrichtete 36 Jahre lang Semiotik an der Universität Bologna. Er forschte und publizierte unter anderem über die Semiotik, die Ästhetik und die Kunsttheorie.
Als Wissenschaftler war er eine Ausnahmeerscheinung im universitären Betrieb. Er vertrat die Meinung, eine wissenschaftliche Arbeit müsse so spannend geschrieben sein wie ein Krimi. Mit dieser Meinung stiess er in universitären Kreisen auf Kritik. Als junger Wissenschaftler sei er für seine «unterhaltsamen» Abhandlungen von seinen Professoren getadelt worden.
Durchbruch als Romanautor
Zum Medienstar wurde Umberto Eco mit fünfzig, als Anfang der 1980er-Jahre sein erster Roman «Der Name der Rose» erschien – ein krimiartiger historischer Roman über die politischen, religiösen und sozialen Verhältnisse im späten Mittelalter.
Seither hat er neben seinen Essays und wissenschaftlichen Arbeiten sieben Romane geschrieben, die alle Bestseller wurden. Umberto Eco verband darin fundierte Recherche mit unterhaltsamem Erzählen. In seinem letzten Roman «Nullnummer» rechnete er mit dem Medienbetrieb ab.
Auf die Frage, warum er als Wissenschaftler Bestsellerromane schreibe, meinte er: In seinen Romanen könne er Dinge ausdrücken, die er als Philosoph nicht zu sagen vermöge. In theoretischen Abhandlungen müsse er Thesen aufstellen oder Antworten geben auf ein Problem. In einem Roman hingegen könne er Widersprüche ins Szene setzen und das Leben in seiner ganzen Tiefe zeigen. Dass er mit seinen Romanen so grossen Erfolg hatte, liegt wohl daran, dass er es schaffte, komplexe Themen in eine spannende Handlung zu verpacken.
Faible für Verschwörungstheorien
Umberto Eco besass eine kostbare Bibliothek mit bis zu 40'000 Büchern. Er habe für seltene alte Bücher ein Vermögen ausgegeben. Gesammelt hat er vor allem Fälschungen. Er war fasziniert von den immensen Irrtümern, die es im Leben gibt, und er war überzeugt, dass esimmer wieder Fälschungen gegeben hat, die den Gang der Weltgeschichte veränderten. Fälschungen und Verschwörungstheorien waren deshalb oft Thema in seinen Romanen.
Kritischer Beobachter des Zeitgeschehens
Umberto Eco wurde 1932 geboren und wuchs in einer einfachen Familie im Piemont auf. Als Kind und Jugendlicher hat er den Faschismus und den zweiten Weltkrieg hautnah miterlebt. Das hat ihn geprägt.
Zeitlebens war er ein engagierter Bürger. Er beobachtete und kommentierte das Zeitgeschehen in Kolumnen und Essays. Dabei zeigte er sich als vehementer Gegner von Silvio Berlusconi. In zahlreichen Kolumnen und Zeitungsartikeln hat er dessen Politik scharf kritisiert.
Von einigen Politikern hielt er nicht viel. Vor allem von denjenigen, die nichts aus der Geschichte lernen wollten. Aber würden sie das, meint er lachend, dann wären sie nicht Politiker, sondern Professoren für Semiotik an der Universität von Bologna.
Zwei Leben
Als Umberto Eco aus Anlass seines 80. Geburtstages auf sein Leben zurückblickte, meinte er schmunzelnd, er sei doch noch ein sehr junger Romanautor. Da er erst mit fünfzig seinen ersten Roman veröffentlicht habe, sei er jetzt ein 30-jähriger Romancier. Er lachte und streckte mir seine Hand entgegen. Er sei ja nicht abergläubisch, aber wenn ich die Lebenslinie in seiner Hand betrachte, dann könne ich sehen, dass sie etwa in der Mitte der Hand aufhöre, er müsste also etwa mit vierzig Jahren sterben. Aber wenn man genau hinschaue, dann mache sie einen Schwenk hinüber auf eine andere Linie. Und er interpretiere es so, dass er einfach zwei Leben habe.
Nun sind beide Leben erloschen, Umberto Eco ist in der Nacht auf heute verstorben.
Sondersendungen zu Umberto Eco
- Das «Echo der Zeit» gedenkt Umberto Eco. Samstag, 20.2.2016, 18 Uhr, SRF 1.
- «Der Name der Rose» als Filmdrama (1986). Samstag, 20.2.2016, 23:20 Uhr, SRF zwei.
- Die «Sternstunde Philosophie» wiederholt ein Gespräch von 2009: «Umberto Eco – Perpetuum mobile der Literatur». Sonntag, 21.2.2016, 11.55 Uhr, SRF 1.