Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03274.jsonl.gz/1356

«Poor Things» als Spiegel unserer Gesellschaft
Emma Stone begeistert gerade in der Rolle der Bella Baxter in «Poor Things», dem neuen Film von Yorgos Lanthimos. Sie spielt darin eine weibliche Frankenstein-Figur, eine Frau, die kurz nach ihrem Tod im Labor eines Arztes mit dem Gehirn ihres eigenen, ungeborenen Babys ausgestattet wird. Der Film erzählt, wie diese Bella als erwachsene Frau mit dem Gehirn eines Kleinkindes die Welt entdeckt. Weil dabei ihre Sexualität eine grosse Rolle spielt, wird der Film auch scharf kritisiert. Doch Bella Baxter kombiniert als Figur zwei Archetypen der Kulturgeschichte: das zum Leben erwachte Experiment (oder Kunstwerk) und das mit dem Leben konfrontierte naive Wesen. Beide, das erwachte Kunstwerk und die Naive, haben immer schon als Kunstgriff zur Gesellschaftskritik gedient. Als Wesen ohne Scham und Moral spiegeln sie nämlich unverstellt, wie die Gesellschaft funktioniert. Ich glaube deshalb, «Poor Things» kritisiert genau das, was dem Film vorgeworfen wird. In meinem Wochenkommentar tauche ich diese Woche ein in den Film. Ich zeige Ihnen die Urtypen der Bella-Figur und den Bezug zu unserem Alltag. Zu unserer heutigen Gesellschaft.
Beginnen wir mit der Geschichte von «Poor Things» von Yorgos Lanthimos. Wenn Sie den Film noch nicht gesehen haben und Filme lieber ohne Vorwissen sehen möchten, sollten Sie die folgenden Informationen also überspringen. Etwa im Jahr 1870 springt in London Victoria Blessington (Emma Stone) in die Themse. Der Körper der jungen Frau wird von Dr. Godwin Baxter (Willem Dafoe) geborgen. Godwin Baxter, etwas überdeutlich «God» genannt, ist ein ebenso brillanter wie exzentrischer Arzt. Er schafft es, die junge Frau wiederzubeleben, indem er ihr das Gehirn ihres ungeborenen Kindes einsetzt. Künftig nennt er sie Bella. Und weil sie «sein» Experiment ist, kriegt sie seinen Nachnamen: Baxter. Diese Bella Baxter ist also ein Wesen, das halb Homunkulus, halb vom Tod wiederauferstanden ist. Vor allem aber ist Bella eine erwachsene Frau mit dem Hirn eines Kleinkindes, das die Welt entdecken und alles ausprobieren will. Wie ein kleines Kind kennt sie dabei weder Scham noch Moral. Das hat Konsequenzen, als sie die Lust und Freude entdeckt, die ihr Sexualität verschafft.
Vor allem aber versuchen die Männer in ihrer Umgebung, sie zu kontrollieren und zu formen. Allen voran Godwin Baxter. Für ihn ist sie sein Experiment. Er respektiert weder den Sterbewunsch von Victoria Blessington, noch die Lebensbegierde von Bella Baxter und schon gar nicht, dass sie selber denken könnte. Schon indem er sie Bella nennt, also «die Schöne», reduziert er sie auf ihr Äusseres. Er möchte sie mit seinem Assistenten Max McCandles (Ramy Youssef) verheiraten und in seinem Haus einsperren. Auch den weiteren Männern, mit denen Bella zu tun hat, geht es vor allem um sich selbst. Max möchte Liebe, der hedonistische Anwalt Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo) sucht Lust, ihr ursprünglicher Mann Alfie will sie kontrollieren.
Der Film «Poor Things» geht auf den gleichnamigen Roman zurück. Geschrieben und illustriert hat ihn der schottische Schriftsteller Alasdair James Gray 1992. Im Roman ist die Geschichte rund um Bella und Dr. Baxter aus der Sicht seines Kollegen und Assistenten Archibald McCandless erzählt. Stärker noch als im Film ist Bella hier eine weibliche Form von Frankenstein-Geschöpf. Das Buch rückt die Experimente von Baxter und seinem Kollegen ins Zentrum und erzählt auch ausführlich die Vorgeschichte dazu. Der Film fokussiert sich dagegen auf Bella, ihre Perspektive und ihre Entwicklung.
Der Archetypus des Unschuldigen
In Bella kombinieren Film und Buch zwei Archetypen. Bella ist zum einen das Resultat eines Experiments, sie ist ein zum Leben erwachtes Werk eines Menschen. Das ist ein uraltes Motiv. Schon Ovid erzählt in seinen «Metamorphosen» vor über 2000 Jahren die Geschichte von Pygmalion, einem Bildhauer, der sich in eine von ihm geschaffene Marmorstatue verliebt. Er bittet Venus, sie zum Leben zu erwecken. Als er in sein Atelier zurückkehrt und seine Statue liebkost, erwacht diese tatsächlich zum Leben. In späteren Adaptionen der Geschichte heisst sie Galatea.
Es ist eine archetypische Geschichte: Pygmalion und Galatea stehen für den Wunsch des Menschen, etwas Lebendiges zu erschaffen und damit auch für die Hybris, Gott spielen zu wollen. Die Szene, wie Galatea zum Leben erwacht, ist von Künstlern immer wieder dargestellt worden. So zum Beispiel von Auguste Rodin, der die Szene der erwachenden Galatea in Marmor dargestellt hat, oder von Jean-Léon Gérôme, der in einem Gemälde den Übergang von Marmor zum lebendigen Menschen eindrücklich zeigt.
Von Pinocchio zu Data
Dieses Motiv des erwachenden Werks taucht in ganz unterschiedlichen Formen in der Literatur auf. Die bekannteste Geschichte ist sicher die von Pinoccio, der Holzpuppe von Schnitzer Geppetto, die zum Leben erwacht. Pinoccio reisst aus und erlebt eine Reihe von Abenteuern, bis er reumütig und geleutert zu seinem Vater respektive Schöpfer Gepetto zurückkehrt. Die Geschichte ist über 35 mal verfilmt worden, zuletzt im Auftrag von Disney von niemand Geringerem als Robert Zemeckis, dem Regisseur von «Forrest Gump» und der «Back to the Future»-Trilogie.
Eine moderne Form von Pinoccio ist Lieutenant Commander Data aus der Serie «StarTrek: The Next Generation», die Paramount 1987 bis 1994 produziert hat. Im Team von Captain Jean-Luc Picard dient Data als zweiter Offizier. Er ist ein Androide, also ein humanoider Roboter. Sein positronisches Gehirn kann wie ein Computer beliebig viele Informationen speichern und ist in der Lage, Sachverhalte blitzschnell zu analysieren. Aber er hat keine Emotionen und keinerlei Empathie, kein Humor und kein Taktgefühl. Er scheitert deshalb immer wieder in einfachsten sozialen Situationen.
Naive Geschöpfe
Galatea, Pinoccio, Data und Bella Baxter haben also einiges gemeinsam. Sie sind das Resultat menschlicher Schaffenskraft und menschlicher Hybris. Sie wurden von Männern geschaffen und sind auch Objekte deren Begierde. Und vor allem sind sie naiv: Mental sind es Kinder in den Körpern von Erwachsenen, ohne Takt, ohne soziales Bewusstsein und deshalb ohne Scham und Moral. Sie spiegeln damit unverstellt und unverblümt die Gesellschaft um sie herum. Deshalb spielt die Figur des Naiven in der Geschichte der Literatur immer wieder eine wichtige Rolle, wenn es um die Gesellschaftskritik geht: Die naive Figur macht sichtbar, wie die Gesellschaft wirklich tickt. Die Figur des Naiven ist der zweite Archetypus, den Bella Baxter verkörpert.
Denn auch Bella Baxter hält der Gesellschaft den Spiegel vor. Der Film wird zuweilen kritisiert, weil Bella, sagen wir: ein ausgeprägtes Sexualleben hat. Sie entdeckt ihre eigene Lust und gibt sich ihr ausschweifend hin. Beim Essen, beim Tanzen, im Bett. Das sei keine feministische Perspektive, sagen vor allem Kritikerinnen, sondern der typisch männliche Blick auf eine Frau als Objekt. Vielleicht ist es aber gerade umgekehrt: Als naive Galatea-Pinoccio-Figur zeigt Bella Baxter unverblümt, wie die Gesellschaft um sie herum tickt. Sie spiegelt eine hedonistische Gesellschaft, die auf Konsum und Lustgewinn fokussiert ist.
Was uns Bella heute sagt
Am Ende des Films erwacht Bellas eigenes Denken, weil sie beginnt, Bücher zu lesen, sich mit Philosophie zu beschäftigen und auch dank einer Freundin, die sie in Paris kennenlernt. Diese Freundin sagt ihr: «Wir müssen alles erleben, nicht nur das Gute. Sondern auch die Erniedrigung, das Grauen und die Traurigkeit. Erst das macht uns ganz … Dann können wir die Welt erkennen.» «Das will ich», antwortet Bella. Das ist der Moment des Erwachsenwerdens im Film, als Bella aus sich heraustritt, den Fokus über den eigenen Körper, den Konsum und Lustgewinn hinaus erweitert und sich für die Welt zu interessieren beginnt. Die ganze Welt.
Die Geschichte rund um Bella Baxter ist im viktorianischen England angesiedelt, also Ende des 19. Jahrhunderts. Der Film ist aber in der Gegenwart gedreht worden und wir schauen ihn uns hier und heute an, im Jahr 2024. Daraus ergibt sich eine Frage: Welche Werte der Gesellschaft würde eine Pinoccio-Data-Bella-Figur heute spiegeln? Relevant ist die Frage deshalb, weil wir heute vor einer ganz realen Bella oder Galatea stehen. Einer Figur, die nicht wie Galatea aus Marmor besteht und nicht wie Bella einen Menschenkörper hat. Unsere Galatea, unsere Bella Baxter ist die künstliche Intelligenz.
Diesmal ist es aber keine Legende, keine Kindergeschichte und kein Film. Diesmal ist es Realität: Die Menschen haben etwas geschaffen, das ihnen antwortet. Die Menschen haben ein künstliches Gegenüber geschaffen. Wie Bella und Data verfügt die KI weder über Moral noch über Scham. Zwar werden der KI mit viel Mühe Leitplanken einprogrammiert, im Wesentlichen spiegelt aber die KI wie Bella unverblümt und unverstellt, wie die Gesellschaft um sie herum tickt. Das ist es, was mir wirklich Angst macht in Sachen KI. Nicht ihre Intelligenz. Die ist nur simuliert. Auch nicht ihre Power. Die ist, jenseits der medialen Verblüffung, so gross nun auch wieder nicht. Nein: Was mir wirklich Angst macht, das ist, dass die KI wie Bella und Data uns spiegelt. Wie im Film «Poor Things» darf uns das nicht gefallen. Das aber liegt wie bei Bella oder Data nicht am Spiegel. Das liegt an uns.
Basel, 16. Februar 2024, Matthias Zehnder <email-pii>
PS: Nicht vergessen – Wochenkommentar abonnieren. Dann erhalten Sie jeden Freitag meinen Newsletter mit dem Hinweis auf den neuen Kommentar, einen Sachbuchtipp, einen Tipp für einen guten Roman und das aktuelle Fragebogeninterview. Einfach hier klicken. Und wenn Sie den Wochenkommentar unterstützen möchten, finden Sie hier die entsprechenden Möglichkeiten – digital und analog.
PPS: Wenn Sie den Wochenkommentar nur hören möchten, gibt es auch eine Audioversion. Hier der Link auf die Apple-Podcast Seite oder direkt auf die Episode:
Quellen:
Bild: KEYSTONE/Everett Collection
Emma Stone und Mark Ruffalo als Bella Baxter und Duncan Wedderburn in «Poor Things» von Yorgos Lanthimos (Searchlight Pictures 2023)
Brody, Richard (2024): A Fuller Picture Of The Oscars’ Best Picture Race. In: The New Yorker. [https://www.newyorker.com/culture/the-front-row/a-fuller-picture-of-the-oscars-best-picture-race; 16.2.2024].
Gray, Alasdair (2001): Poor things. Chicago: Dalkey Archive Press.
Guardian (2024): ‘She’s bound and gagged for laughs’: is Poor Things a feminist masterpiece – or an offensive male sex fantasy? In: The Guardian. [https://www.theguardian.com/film/2024/jan/24/bound-gagged-poor-things-feminist-masterpiece-male-sex-fantasy-oscar-emma-stone-ruffalo; 16.2.2024].
Höbel, Wolfgang (2024): Emma Stone in «Poor Things»: Das Aufregendste, was es seit langer Zeit im Kino zu sehen gab. In: Der Spiegel. [https://www.spiegel.de/kultur/kino/emma-stone-in-poor-things-frankensteins-tochter-a-1f242d6e-c6a6-49d9-9731-e7159f5d1dd1; 16.2.2024].
Lanthimos, Yorgos (2023): Poor Things. Searchlight. [2023; 16.2.2024].
Levitt, Barry (2024): ‘Poor Things’ sex scenes may be controversial. They’re also pivotal. In: Mashable. [https://mashable.com/article/poor-things-sex-body-autonomy; 16.2.2024].
Prenner, Christoph (2024): Screen Lights: Let’s (not) talk about sex! – »Poor Things« von Yorgos Lanthimos. In: The Gap. [https://thegap.at/screen-lights-poor-things-yorgos-lanthimos/; 16.2.2024].
Wiesner, Maria (2024): Warum wollen Sie Ihre Filme nicht sehen, Yorgos Lanthimos? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. [https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/poor-things-regisseur-giorgos-lanthimos-im-interview-ueber-die-arbeit-mit-emma-stone-19376237.html; 16.2.2024].