Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03167.jsonl.gz/440

Der erste Anstoß zu seinem Film sei der Wunsch gewesen, »eine Geschichte mit zwei Protagonistinnen zu erzählen«, sagt Mario Soldini. Zu den beiden Hauptfiguren – der vierzigjährigen Elena (Licia Maglietta) und der dreißigjährigen Maria (Valeria Golino) – gesellen sich im Lauf der Geschichte noch zwei weitere: die Greisin Anita (Mira Sardoc) und das Mädchen Teresa (Angela Marraffa). Er finde es stimulierend, »die Welt durch die Augen weiblicher Figuren zu betrachten«, sagt der 1958 in Mailand geborene Filmautor, der in den Jahren 1979 bis 1982 in New York das Filmhandwerk erlernte, um dann in seine Heimat zurückzukehren. Nach seinem Spielfilmerstling L'aria serena dell'ovest, der 1990 im Wettbewerb von Locarno zu sehen war, und dem 1993 in Venedig gezeigten Un'anima divisa in due ist Le acrobate Soldinis dritter abendfüllender Spielfilm. Auch er hat den Weg nach Locarno gefunden. Und wie die beiden vorangehenden wurde er von Schweizer Firmen mit produziert. Soldini betrachtet die drei Filme als Trilogie und begründet dies mit den Worten: »Es sind Geschichten von Menschen, die mit ihrem Leben irgendwie unzufrieden sind, die sich nach etwas sehnen, häufig jedoch ohne diese Sehnsucht benennen zu können, und die versuchen, ihrem Leben eine Wende zu geben.«
Elena und Maria in Le acrobate entsprechen dieser Charakterisierung genau. Soldini erklärt, der Blick, den sein Film auf Gesten, Objekte und Dialoge werfe, sei »offen für das Magische«. Damit meint er einerseits den »magischen Faden«, der die drei Frauen miteinander verbindet, anderseits die bis in identische Gesten hinein zum Ausdruck gebrachte Ähnlichkeit zwischen Elena und Maria, die an Motive aus Kieslowskis La double vie de Véronique erinnert. Anders als Kieslowski stellt Soldini solch »metaphysische« Zusammenhänge indes nicht in den Vordergrund.
Le acrobate erreicht mit einem Minimum an Handlung ein Maximum an Bewegung (im wörtlichen wie im übertragenen Sinn): So lernt die in Norditalien lebende Elena Anita kennen, indem sie diese mit ihrem Wagen fast überfährt. Aus dem Schuldbewußtsein der einen und der unwirschen Abweisung der andern entsteht zwischen den beiden Frauen eine ungewöhnliche Freundschaft. Nach dem Tode Anitas findet Elena in deren Nachlaß einen Brief aus Taranto im Süden Italiens, der einen Milchzahn und die Photographie eines Mädchens enthält. Elena macht sich auf die Suche und stößt auf Teresa und deren Mutter Maria. Die beiden Frauen erkennen ihre Wesensverwandtschaft, und Maria fährt mit Teresa aus dem armen Süden in den reichen Norden – und weiter mit Elena bis ins Gebirge zum ewigen Schnee, der hier zum Symbol des Neuen und Zukünftigen wird. Es ist dies gleichzeitig eine Fahrt entlang der unsichtbaren Grenze zwischen rationalem und magischem Denken. Die symbolhafte Sichtweise Soldinis ist bis in den Titel hinein erkennbar: Mit den »Akrobatinnen« sind drei antike griechische Terracotta-Statuetten aus dem Museo Nazionale Archeologico gemeint, in denen Soldini Präfigurationen seiner drei Protagonistinnen erkennen möchte.