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Geschichte einer Pioniertat
Klimatologische Untersuchungen im Jahr 1972 haben ergeben, dass sich auf dem Gebiet der Gemeinde Bremgarten häufig und zu jeder Jahreszeit stationäre Luftmassen bilden können (sog. Inversionslage). Diese Luftmassen reichern sich mit Luftschadstoffen aus Motorfahrzeugverkehr und Heizanlagen an, was die Luftqualität innert kurzer Zeit verschlechtert.
Im April 1983 beschloss die Gemeindeversammlung deshalb, die Basisinfrastruktur zur Versorgung eines Teils des Gemeindegebiets mit gereinigtem Wasser aus der ARA Region Bern (vis-à-vis der Neubrücke) zu erstellen und zu betreiben. 1984 fiel der Startschuss zum Bau des Wärmekollektivs Bremgarten – und damit zu einer schweizweiten Premiere: Nirgendwo sonst betrieb eine Gemeinde in Eigenregie eine Anlage, die im grossen Stil geklärtes Abwasser zum Heizen von Gebäuden nutzt.
Ursprünglich förderten die Pumpen in der ARA Region Bern das gereinigte Abwasser in einem offenen System direkt zu den Wärmepumpen der einzelnen Siedlungen. Dies führte zu erheblichen Problemen wegen Verunreinigungen und Druckschwankungen. 2005 wurde die Anlage deshalb umgebaut und in zwei Kreisläufe getrennt. Seither wird die Abwärme in der ARA in grossen Wärmetauschern gefasst und an das Verteilnetz abgegeben, welches die Abwärme zu den einzelnen Siedlungen transportiert. Diese Aufteilung hat das System zwar stabilisiert. Es bleibt aber fehleranfällig, und die Abwassertemperatur ist nicht konstant. In seltenen Fällen kann sie bis auf 7 Grad absinken, was den Betrieb der Wärmepumpen stark erschwert oder gar verhindert.
Das Wärmekollektiv Bremgarten ist ein sogenannter «kalter Wärmeverbund». Das Wasser zirkuliert in der Heizsaison mit rund 10 bis 15 Grad durch das Verteilnetz. Wärmepumpen liefern daraus die Grundleistung zum Heizen der Liegenschaften. In kalten Tagen reicht dies nicht aus, und ein mit fossiler Energie (Gas oder Öl) betriebener sog. Spitzenkessel sorgt für die benötigte zusätzliche Wärme.
Gemeinderat plant Zukunft des Wärmekollektivs
In wenigen Jahren wird das Wärmekollektiv 40 Jahre alt, und verschiedene Komponenten haben das Ende ihrer Lebensdauer erreicht. In der Vergangenheit musste bereits drei Mal ein Leck repariert werden. Nach einem vierten, welches zu einem Wasserverlust von rund 40'000 Litern pro Tag führt, wird aktuell (Frühling 2019) mit Hochdruck gesucht. Die Beispiele machen deutlich: Der Handlungsbedarf ist gross.
Die ARA Region Bern plant zudem diverse Ausbauten, weshalb die Förderstation des Wärmekollektivs umziehen muss. Diese Ausgangslage hat den Gemeinderat bewogen, Optionen zur Zukunft des Wärmekollektivs zu prüfen. Dazu hat er bei der Firma eicher + pauli eine Variantenstudie in Auftrag gegeben.
Die Fachleute empfehlen in ihrem Bericht, den heutigen kalten Wärmeverbund nach Ende seiner Lebensdauer 2025 in einen warmen, mit rund 80 Grad betriebenen Wärmeverbund umzubauen. Dieser würde neben der Abwärme der ARA Region Bern zusätzlich jenen Dampf verwenden, den Energie Wasser Bern (ewb) aus der Energiezentrale Forsthaus zur ARA leitet, wo er aber nur teilweise verwendet wird. Der Gemeinderat hat die Variantenstudie von eicher + pauli durch die Firma Ryser Ingenieure verifizieren lassen. Das Zweitgutachten stützt die Empfehlung für den Umbau des Wärmekollektivs in einen warmen Wärmeverbund.
Gemeinderat setzt auf warmen Wärmeverbund
Aufgrund der Resultate der Gutachten und weiterer Abklärungen hat sich der Gemeinderat entschieden, einen Umbau des heutigen, kalten in einen warmen Wärmeverbund anzustreben. Erstens ist dies die wirtschaftlichste und zugleich ökologischste Option. Zweitens kann das erneuerte Wärmekollektiv künftig durch einen sog. Konzessionär betrieben werden. Dieser finanziert den Bau des warmen Wärmeverbunds und schliesst mit den Wärmebezüger/innen Wärmelieferverträge ab (sog. Contracting). Für den Gemeinderat steht als Konzessionär ewb im Vordergrund, welches das Wärmekollektiv heute bereits betreibt. Energie Wasser Bern hat in Gesprächen mit dem Gemeinderat Interesse an einem Contracting gezeigt.
Der Gemeinde Bremgarten bietet sich mit dieser Strategie die Chance, den Bau und Betrieb des neuen, warmen Wärmekollektivs für einen einmaligen Betrag von rund 1 Million Franken an einen Konzessionär zu übergeben. Damit wird auch das jährliche Defizit des Wärmekollektivs von rund 130'000 Franken, das heute Bremgartens Steuerzahlende tragen, der Vergangenheit angehören.
Gemeindeversammlung unterstützt die Pläne des Gemeinderats
Mit Blick auf die Gemeindeversammlung am 3. Juni 2019 hat der Gemeinderat der Bevölkerung seine Strategie zur Zukunft des Wärmekollektivs offen kommuniziert und seine Beweggründe detailliert dargelegt. Neben dem Versand einer Informationsbroschüre hat der Gemeinderat mehrere Informationsveranstaltungen durchgeführt. Die dort gezeigten Folienpräsentationen finden Sie am Ende dieser Seite unter «Dokumente».
An der Gemeindeversammlung vom 3. Juni 2019 haben die anwesenden Stimmberechtigten die Strategie des Gemeinderats klar unterstützt. Die folgenden Anträge wurden mit grossem Mehr angenommen:
Umzug der Förderstation des Wärmekollektivs in ein neues Gebäude auf dem Areal der ARA Region Bern
Revidiertes Wärmeverbundreglement
Umbau des kalten in einen warmen Wärmeverbund
Übertragung des Wärmekollektivs an einen Konzessionär bis spätestens 2025
Wie geht es weiter?
In einem ersten Schritt wird der Gemeinderat nun einen Konzessionsvertrag ausarbeiten. Stimmen ewb und die ARA Region Bern dem geplanten Vorgehen zu, beginnt eine rund zweijährige Projektierungs- und Bewilligungsphase. Danach folgt der Bau des warmen Wärmeverbunds, welcher – bei optimalem Verlauf der Planungs-, Bewilligungs- und Bauarbeiten – voraussichtlich bis Ende 2023 dauern wird.
Fragen und Antworten
Das heutige Wärmekollektiv beschert der Gemeinde Jahr für Jahr ein Defizit. Wie hoch ist dieses und wer deckt es?
In den letzten drei Jahren betrug das Defizit im Durchschnitt rund 130'000 Franken. Seit 2004 flossen insgesamt 1,56 Millionen Franken ins Wärmekollektiv. Das Defizit wird via Steuermittel von allen Einwohnerinnen und Einwohnern der Gemeinde getragen, also auch von jenen 80%, die nicht ans Wärmekollektiv angeschlossen sind.
Wer trägt die Schuld an diesem Defizit bzw. wo liegen dessen Gründe?
Schuldzuweisungen helfen in der aktuellen Diskussion nicht weiter. Da in der Überbauungsordnung für gewisse Gemeindegebiete eine Anschlusspflicht gilt, können die Bewohner/innen dieser Gebiete nichts «dafür», nicht kostendeckende Wärme zu beziehen, zumal die Gemeinde die Konditionen festlegt. Fakt ist aber auch, dass der Wärmepreis, den die Bezüger/innen heute zahlen, viel zu tief ist. Das liegt daran, dass er seit 2005 reglementarisch fest an den Gaspreis gebunden ist. Dieser ist in den vergangenen Jahren – entgegen früherer Annahmen – kontinuierlich gesunken. Gleichzeitig sind die Ausgaben aufgrund des zunehmenden Unterhaltsaufwands des Wärmekollektivs angestiegen.
Ist der tiefere Wärmepreis aufgrund des ökologischen Mehrwerts des Wärmekollektivs nicht gerechtfertigt?
Das Wärmekollektiv wurde in den 1980er-Jahren gebaut, um etwas gegen die schlechte Luftqualität in Bremgarten zu tun. Somit war es politisch auch gerechtfertigt, den Wärmepreis gegenüber den billigen Ölheizungen zu stützen. Heute ist das aber anders. In Bremgarten haben in den letzten Jahren viele Hausbesitzer auf erneuerbare Heizungen umgesattelt. Es ist schlicht unfair, wenn jemand, der eine Erdwärmesonde installiert hat, die relativ teure erneuerbare Energie liefert, ans Defizit des Wärmekollektivs zahlen muss.
Die Gemeindeversammlung hat einen Umbau des Wärmekollektivs in einen warmen Wärmeverbund beschlossen. Wieviel teurer wird das für die Wärmebezüger/innen?
Beim Bau eines warmen Verbunds werden die Wärmekosten um rund 4.6 Rappen pro Kilowattstunde steigen. Das ergibt pro Haushalt 787 Franken zusätzliche Heizkosten pro Jahr oder durchschnittlich plus 65 Franken pro Monat. Dieser Preis enthält sämtliche Kosten für Amortisation, Wartung, Betrieb und Energie.
Ebenfalls beschlossen wurde die Auslagerung des warmen Wärmeverbunds an einen Contractor. Macht sich die Gemeinde damit nicht abhängig?
Nein. Die Gemeinde wird mit dem Contractor einen Konzessionsvertrag abschliessen. Darin sind Rahmenbedingungen definiert – zu Preisgestaltung, Versorgungssicherheit, Haftungsfragen usw. Im überarbeiteten Wärmekollektivreglement, welches an der Gemeindeversammlung vom 3. Juni ebenfalls angenommen wurde, sind die zu vereinbarenden Rahmenbedingungen aufgeführt. Die Gemeinde hat also einen grossen Handlungsspielraum und wird diesen selbstverständlich im Interesse ihrer Bürgerinnen und Bürger ausschöpfen. Im Übrigen verfügt die Gemeinde schlicht nicht über die Geldmittel und das technische Personal, um einen derart grossen Wärmeverbund (kalt oder warm) selber zu finanzieren, zu bauen und zu betreiben.
Gemäss Gemeinderat steht für ein Contracting ewb im Vordergrund. Weshalb?
ewb verfügt über grosse Erfahrung beim Bau und Betrieb von Wärmeverbünden. Das Unternehmen betreibt bereits das heutige Wärmekollektiv und kennt die Verhältnisse vor Ort deshalb bestens. Es liefert zudem den Dampf von der Energiezentrale Forsthaus an die ARA und ist der regionale Gasversorger. Ein anderer Konzessionär müsste somit seinerseits Dampf und Gas bei ewb einkaufen. Das macht wenig Sinn.
Verschiedene Bürgerinnen und Bürger möchten künftig an einen warmen Verbund anschliessen. Wie gross ist das Ausbau- und Erweiterungspotenzial?
Das Wärmepotenzial des Abwassers der ARA Region Bern wird mit dem warmen Verbund nur zu etwa 10% genutzt. Das Erweiterungspotenzial ist (theoretisch) also sehr gross, wird aber durch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen begrenzt: Es braucht eine entsprechende Wärmedichte (MWh/a und Hektar), damit die Investitionen mit einem bezahlbaren Wärmepreis amortisiert werden können. Es wird Aufgabe des Contractors sein, das konkrete Ausbauvolumen zu berechnen und mit den anschlusswilligen Eigentümern bzw. Siedlungen Anschlusskonditionen zu verhandeln.
Haben Sie eine Frage zum Wärmekollektiv? Schicken Sie uns ein E-Mail an <email-pii>