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Wir leben in der Schweiz in einem hochtechnisierten, empfindlichen Gesamtsystem. Wie die Sicherheitsverbundübung 14 (SVU 14) deutlich zeigte, gerät dieses aber schnell ins Chaos. Das SVU-Szenario basierte auf einer Pandemie, auf Strommangellagen (geografisch und zeitlich begrenzte Stromausfälle), die mehrmals durch Hacker herbeigeführt wurden; zusätzlich ereignete sich auch ein Blackout. So wurde simuliert, wie mittels Stromausfällen (z.B. durch erzwungene Abschaltung eines AKW's) während mehrerer Monate die Versorgung der Schweiz mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen mehrmals zum Erliegen gebracht wurde. Aufgrund dessen stellten sich binnen weniger Wochen schleichend kriegsähnliche Zustände ein, ohne dass eine fremde militärische Einwirkung stattgefunden hätte. Die bestehenden Polizeikorps, wären nach kurzer Zeit nicht mehr in der Lage gewesen, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Relativ rasch wäre ein Armeeeinsatz (Ordnungsdienst) unausweichlich geworden.
Dass dies nicht unrealistisch ist, können alle bestätigen, die wie ich damals am Abend des 22. Juni 2005 die chaotischen Zustände in den Bahnhöfen und Zügen miterlebt hatten, welche durch die „Strompanne“ bei den SBB ausgelöst wurden. Tausende von Pendlern, Touristen, Schulreisen steckten entweder in den Bahnhöfen fest oder sassen bei Gluthitze in den Waggons, weil dort keine Klimaanlage mehr funktionierte - die WC's übrigens auch nicht. Obwohl es nur einen Abend lang dauerte, war es für einige recht stressig – im SVU-Szenario wären es mehrere Monate geworden, dies in grossen Teilen des Landes - und das wäre für sehr viel mehr Menschen sehr unangenehm geworden.
Die SBB-Strompanne zeigte, dass unsere hochtechnisierte Gesellschaft sehr verletzlich ist – der Unterbruch einer Versorgungsleitung führte damals sehr schnell zu einem zeitweisen Zusammenbruch des Verkehrssystems. Wenn wir uns nun vorstellen, dass die Energieproduktion durch den Ausfall eines Kraftwerkes über längere Zeit lahmgelegt würde, dann ist klar, dass wir sehr schnell Chaos-ähnliche Zustände zu bewältigen hätten.
Gerade dies ist ein Argument für die Energiewende: wir müssen diese gefährlichen Klumpenrisiken endlich beseitigen, welche unsere AKW's in ökologischer Hinsicht wie punkto Versorgungssicherheit darstellen. Wenn wir dies tun und auf Technologien umsteigen, welche ich nachfolgend aufzeige, so schaffen wir uns einerseits diese Versorgungssicherheit auch bei Engpässen in der normalen Lage. Gerade hier behaupten ja die Gegner der Energiewende paradoxerweise, dass Versorgungssicherheit nur durch Atomstrom gewährleistet sei. Tschernobyl und Fukushima zeigen uns das Gegenteil …
Der Beschluss, vermehrt Energie aus Wasserkraft zu gewinnen, der an der vergangenen Session gefasst wurde, zielt aus ökologischer Sicht in die richtige Richtung, sofern vor allem bestehende Anlagen saniert und verbessert werden und nur dort Neue gebaut werden, wo eine hohe Ausbeute garantiert ist. Aber es handelt sich auch hier wieder um Klumpenrisiken, vor allem, wenn wir grosse Wasserkraftwerke betrachten.
Deshalb wäre es klug, das Risiko auf viele kleine Kraftwerke zu verteilen und Strom dort zu produzieren, wo er gerade gebraucht wird sowie allfällige Überproduktionen ins Netz zu speisen. Jetzt werden Sie sich sagen, das tönt ja schön und gut und fragen, wie will man das machen?
Die Zauberworte heissen neben Wind- und Solarenergie auch Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), Blockheizkraftwerke (BHKW) oder Brennstoffzellen-Systeme (BZS). Gegenwärtig "verbraten" die meisten Hausheizungen die Energie, welche im Brennstoff steckt, nur zu Wärme und dies bei einem niedrigen Wirkungsgrad. Dabei existieren mit KWK's, BHKW's und BZS' bereits Systeme, welche Wärme und Strom gleichzeitig liefern und dies mit Gesamtwirkungsgraden von weit über 90%. Sie können mit konventionellen Brennstoffen betrieben werden, aber auch mit Biogas, Biodiesel oder Alkohol, welcher z.B. aus pflanzlichen Ernteabfällen produziert wird, was die Geschichte zudem CO2-neutral macht. Letztendlich existieren auch Systeme, die mit Holz und Sägespänen betrieben werden können (Sterling-Prinzip), was sie für Sägereien und Schreinereien interessant macht.
Verschiedene Förderprogramme existieren diesbezüglich im umliegenden Ausland und sie scheinen nach heutigem Wissenstand erfolgreich und finanziell sehr rentabel zu funktionieren (z.B. Enefield-Projekt). Es ist schade, wenn in grossen Städten, wo Gasnetze existieren, Erd- und Biogase praktisch nur verbrannt werden, bloss um Warmwasser und Heizwärme- anstatt zusätzlich noch Strom zu produzieren. Deshalb muss hier der Bund lenkend eingreifen, am besten mittels eines Fördersystems für neue Gesamtenergiesysteme, welche es für ein Einfamilienhaus genauso wie für die Beheizung und Stromversorgung ganzer Siedlungen bereits gibt.
Wenn ich als Sozialdemokrat die Themen Sicherheitspolitik und Energiewende miteinander verbinde, dann tue ich dies einerseits in der Hoffnung, Verständnis zu wecken für die Notwendigkeit eines Wandels im sicherheitspolitischen Denken: das Szenario der SVU 14 zeigte, wie schnell es gehen könnte, bis in unserem Land immer chaotischere Zustände herrschen. Und die SBB-Strompanne zeigte, dass die Annahmen im Szenario durchaus realistisch waren. In einem derart dicht besiedelten Land wie der Schweiz, sind Entscheidungen, die wir in anderen Politikbereichen treffen, häufig auch von sicherheitspolitischer Relevanz. Dies gilt mit Bestimmtheit für die Energieproduktion und -Verteilung.
Andererseits hoffe ich den gegenwärtig eher engen Energie-Blickwinkel auf diese neuen energieeffizienten Technologien auszuweiten. Ich hoffe, dass alle zu wählenden Politikerinnen und Politiker sowie ihre Wählerinnen und Wähler erkennen, dass es diese neuen Technologien ermöglichen, im Verbund mit der Wasserkraft, Wind- und Solarenergie die angestrebte Energiewende tatsächlich zu realisieren, ohne die Natur zusätzlich zu belasten oder die Wirtschaft zu gefährden. Dass wir auf diesem Weg die Versorgungssicherheit sogar noch verbessern, davon werden auch künftige Generationen profitieren können.
Die Energiewende ist realisierbar und notwendig – wir können und wollen!