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Einst kamen am Pier 54 an der Westseite von New York Überlebende von der gesunkenen «Titanic» an. Rund 100 Jahre später ist der Kai verrostet und verlassen. Die Diskussion über seine Zukunft hält die Stadt in Atem: Ein schwimmender Park? Ein Kunstwerk daneben? Beides?
«Cunard White Star» steht in verblichenen Buchstaben auf einer verrosteten Stahlstruktur. Der Überrest des Eingangs ist die einzige sichtbare Erinnerung daran, dass an dieser Stelle, am Pier 54 an der Westseite Manhattans, einmal eine Anlegestelle für Ozeanriesen der britischen Schifffahrtsgesellschaft war.
1912 legte hier die «Carpathia» an, mit mehr als 700 geretteten Passagieren der gesunkenen «Titanic» an Bord. 1915 legte von hier die «Lusitania» ab, wenig später wurde sie vor der Südküste Irlands von einem deutschen U-Boot versenkt, knapp 1200 Menschen starben.
Rund 100 Jahre später diskutiert ganz New York über die Zukunft von Pier 54. An dessen tragische Geschichte erinnert auf den ersten Blick nichts mehr, das Hafengebäude verfiel und wurde schliesslich abgerissen.
Barry Diller hat einen ziemlich genauen Plan für den Pier. Gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Designerin Diane von Fürstenberg, finanzierte der Medienmogul bereits die Wiederbelebung der ehemaligen Hochbahnlinie High Line. Sie ist jetzt eine Parkanlage, direkt neben dem Pier, und eine der beliebtesten Touristen-Attraktionen der Stadt.
Diller vs Douglas: Milliardäre im Clinch
Vor einigen Jahren kündigte Diller dann an, an der Stelle von Pier 54 eine Art schwimmenden Park mit Theater und Kulturprogramm - Pier 55 genannt - errichten zu wollen. All das im Hudson River und direkt am Hudson River Park, der sich von der Südspitze Manhattans die Westseite hinauf zieht. Rund 35 Millionen Dollar wollte der Medienmogul für das in New York rasch als «Diller Island» bezeichnete Projekt ausgeben.
Doch das Vorhaben zog sich hin. Eine Gruppe Aktivisten mit finanzieller Unterstützung des Milliardärs Douglas Durst protestierte unaufhaltsam. Umweltschutzgründe, ästhetische Gründe, immer mehr Prozesse begleiteten das Pier-Projekt. «Es war ja ein gut durchdachtes Programm», sagte einer der Kläger, Tom Fox, der «New York Times», «aber warum muss es im Fluss sein?» Schnell stiegen die Kosten für Diller auf 250 Millionen Dollar. Dann hatte er genug.
Im September rief der Medienmogul Madelyn Wils an, die Vorsitzende der Verwaltung des Hudson River Park, und sagte das Vorhaben ab. «Es war, als würde ich neben mir stehen», erinnerte sich Wils später. «Man ist sich nicht sicher, ob man das, was man da gehört hat, wirklich gehört hat.»
Whitney Museum mischt sich ein
Aber während die Gegner von «Diller Island» jubelten und sich viele New Yorker geschockt zeigten, trat schon der nächste Spieler auf den Plan: Das Whitney Museum für amerikanische Kunst, seit einem Neubau 2015 direkt neben dem Pier gelegen, kündigte sein eigenes Pier-Projekt an. Am Pier 52, direkt neben dem geplanten Ort für «Diller Island», wo derzeit ein Gebäude der Stadtreinigung abgerissen wird, solle ein Werk des US-Künstlers David Hammons aufgestellt werden.
Das Werk solle mit Stangen die Umrisse des längst abgerissenen Hafengebäudes an dieser Stelle nachzeichnen, aus dem der Künstler Gordon Matta-Clark in den 70er Jahren einst verbotenerweise mehrere Stücke herausgeschnitten hatte.
Von der Idee sei sie «begeistert», sagte Jessamyn Fiore, Tochter der Witwe von Matta-Clark. «Für mich und meine Mutter ist es von riesiger Bedeutung, dass es eine dauerhafte Installation geben soll, die sich an Gordon Matta-Clark anlehnt und jeden an dieses grossartige Werk erinnert.»
Gouverneur macht klar Schiff
Dann kam die Stunde des Andrew Cuomo, Gouverneur des Bundesstaats New York. Rund einen Monat nachdem Diller seine Inselpläne zurückgezogen hatte, verkündete er: «Diller Island» wird doch etwas.
Nun sind Bauarbeiter am Pier 55, vormals 54, zu sehen. Aber wann der schwimmende Park wirklich eröffnen könnte und ob direkt daneben auch das geplante Kunstwerk des Whitney Museums entstehen wird, das alles ist immer noch nicht sicher. In der Pier-Posse, so glauben es viele New Yorker, ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen. (sda/dpa)