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Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe
[…] Es geht um die Zeit (und Hartmanns diagnostizierte Chronophobie): die Zeit zeichnen, die Zeit rechnen, über die Zeit sprechen, über die Lebenszeit, das Ende der Zeit, der Anfang der Zeit, es geht um den Zeitpunkt des Photos, um die Zeiten des Tages.
[…] Nur wenn die Zeit von ihrer gewöhnlichen Linearität ausgeht, können wir sie und ihr Vergehen fühlen. Schlussendlich ist es die erfahrene Zeit des Filmes, worüber der Film spricht.
In der Mitte seiner statistisch gerechneten Lebenszeit hat der Filmemacher Philipp Hartmann seinen ersten Langfilm realisiert. Dieser behandelt das Phänomen der Zeit (und Hartmanns diagnostizierte Chronophobie, der Angst vor dem Verrinnen der Zeit): die Zeit zeichnen, die Zeit rechnen, über die Zeit sprechen, über die Lebenszeit, das Ende der Zeit, der Anfang der Zeit, es geht um den Zeitpunkt des Photos, um die Zeiten des Tages. Hartmann verbindet die verschiedenen Aspekte der Zeit mit relativ losen Filmsequenzen und bildet damit ein Kaleidoskop von reizvollen Szenen und Inszenierungen. Der Film zeigt eine reichhaltige und derweil humorvolle Palette von Besonderheiten wie beispielsweise die Beschreibung der Atomuhr von Deutschland, die Ausführungen eines Kindes über die Eiszeit, die Zeichnungen von Uhren von Alzheimer Patienten, eine berührende Bilderreise mit Dias des verstorbenen Vaters und ein Zeit-Raum Experiment mit dem Messen der Renngeschwindigkeit in der Wüste.
Wenn die klugen Ideen, die wunderschönen und bemerkenswerten Bilder (Kamera Helena Wittmann) und die interessanten und philosophischen Überlegungen über die Zeit sicherlich die Stärken des Filmes sind, könnte eine oberflächliche Betrachtung zwei Schwächen aufweisen: eine zu wenig flüssige Montage und die praktische Abwesenheit von Musik. Wir denken jedoch, dass genau durch diese hypothetischen Mängel die spannendsten Aspekte und die Originalität des Filmes zu entdecken sind. Die grossen Sprünge in der Montage sind bewusst gewählt, um eine Sprache der freien Assoziation zu bilden, wobei das Publikum einem eigenen, roten Faden folgen kann. Die Nicht-Linearität überlässt dem Text (voice over) die Rolle des Klebestoffes in der Montage: Die parallelen Spuren von Bild und Text konstruieren so eine komplexe Polyphonie, welche die Kohärenz des Filmes stützen. Dabei ist die wichtige Arbeit des Dramaturgen Herbert Scharze hervorzuheben.
Genauso trägt die Abwesenheit von Musik dazu bei, den nicht-linearen Zeitfluss zu erfahren. Zudem ist die besonders feine Erarbeitung der Tonspur von Pablo Paolo Kilian zu erwähnen, welche die Expressivität des Filmes massgeblich beeinflusst.
Mit diesem charakteristischen Zusammenwirken von Text, Ton und Bild, entdecken wir die Möglichkeit für ein tieferes Verständnis des Filmes: Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe ist nicht nur ein filmischer Essay über die Zeit, sondern liefert auch die Erfahrung einer aufgebrochenen Zeit. Nur wenn die Zeit von ihrer gewöhnlichen Linearität ausgeht, können wir sie und ihr Vergehen begreifen. Schlussendlich ist es die erfahrene Zeit des Filmes, worüber der Film spricht.