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Aus den Anfängen der Fotografie in Wädenswil 1. Teil
Quelle: Gewerbezeitung Dienstag, 07. September 2021 von Peter Ziegler
Im Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2020 hat Leonie Ruesch unter dem Titel «Von Daguerre bis digital» die Entwicklung der Fotografie in Wädenswil im Wandel der Zeit beschrieben. Dabei ging es ihr hauptsächlich um technische Aspekte und um die Geschichte der neueren Geschäfte. Dieser Beitrag forscht den Namen der Fotografen und der Standorte ihrer Ateliers nach bis zu Beginn der 1930er Jahre.
Wädenswil um 1880. Aufnahme von Th. Richard.
Reisende Fotografen
1839 kam das von Louis Daguerre entwickelte erste kommerziell nutzbare Fotografie-Verfahren auf den Markt: die Daguerreotypie. In Wädenswil war diese Neuerung spätestens ab 1850 bekannt. Von diesem Jahr an erschienen immer wieder Fotografen, die sich für ein paar Tage in einem Gasthof oder bei einem Privaten einquartierten und im «Anzeiger vom Zürichsee» ihre Dienste anboten. 1850 liess sich der Fotograf Johann Jakob Scheller beim Tierarzt Hofmann an der Türgass nieder. Er empfahl sich am 23. Januar für das Anfertigen von Porträts in Darguerrotypie oder Ölfarben, auch solcher von Verstorbenen. 1852 logierte M. Weber während einiger Tage im Gasthof Engel, wo man sich von ihm «daguerrotypiren» lassen konnte. 1855 hielt sich der Fotograf Robert Geyser für kurze Zeit in der «Krone» auf und 1858 warb Carl Koller wie folgt um Kunden:
«Der Unterzeichnete gedenkt, sich einige Zeit in Wädensweil bei Herrn Lautfritz mit Anfertigung photographischer Porträts zu beschäftigen. Ich erlaube mir die Bemerkung zu machen, dass meine Porträts nebst präziser Ähnlichkeit auch eine seltene Klarheit und Harmonie in den Tönen besitzen, welche in chemischer und technischer Ausführung jeder künstlerischen Anforderung entsprechen. Die Preise sind von 5 bis 10 Fr., je nach Grösse oder Zahl der Personen, festgestellt. Zu geneigten Aufträgen empfiehlt sich höflichst Carl Koller.»
1859 konnte man sich bei Johann Jakob Schramm im «Hirschen» ablichten lassen, 1860 vom Fotografen Heinrich Mahler aus Zürich, 1861 durch Johann Jakob Graf bei Herrn Rusterholz an der Hirschengasse, 1862 durch F. Baumli bei Hafner Hüni an der Seefahrt und 1866 beim Fotografen Bosshard, der im Gasthof Sonne wohnte und im Schützenhaus fotografierte.
Fotograf P. Hüni, Wädensweil
1864 wird Heinrich Theiler bei der «Hamburg» als erster in Wädenswil ansässiger Fotograf genannt. Er empfahl sich dem Publikum «zur Aufnahme von photographischen Bildern bei guter und schneller Bedienung». Besser bekannt ist die Geschichte von Fotograf P. Hüni, der 1866 unterhalb von Steinmetzmeister Frick an der Hinteren Lände – heute Parkplatz Weinrebe – ein Fotoatelier eröffnete. Hier konnte er bei jeder Witterung Aufnahmen machen. «Durch geschmackvolle Arbeit und billige Preise werde das Zutrauen meiner werthen Gönner zu erwerben suchen», schloss er sein Inserat im «Anzeiger» vom 18. August 1866. Bereits im Oktober 1866 inserierte er wieder: «Von Unterzeichnetem werden alle Tage und bei jeder Witterung nur noch von Morgens 9 Uhr bis Abends 5 Uhr Bilder aufgenommen. Preise: Auf Glas von 1 bis 15 Fr., Visitenkarten das Dutzend 8 Fr., Brustbilder das Dutzend 8 Fr., wofür sich bestens empfiehlt P. Hüni, Photograph, hintere Lände, Wädensweil».
Ein weiteres Inserat von P. Hüni erschien am 1. Dezember 1866: «Meinen werthen Gönnern die ergebene Anzeige, dass ich den Winter durch nur an Sonntagen Bilder aufnehme, und zwar von Morgens 10 bis Abends 3 Uhr; für Aufnahmen an andern Tagen muss ich einen Tag vorher berichtet werden. Minderjährige Kinder werden den Winter durch nicht angenommen. Achtungsvoll P. Hüni, Photograph, an der hinteren Lände, Wädensweil». Am 15. August 1868 machte Fotograf Hüni das Folgende bekannt: «Bei Unterzeichnetem werden von jetzt an die Visitenkarten jeder Art zu folgenden Preisen erlassen: Ein Dutzend mit Album à 9 Fr., 1 Stück Fr. 1.50, 3 Stück Fr. 2.50, 6 Stück Fr. 4, das erste Dutzend Fr. 7, das zweite Dutzend Fr. 6, für Medaillons oder Broschen Fr. 1.50. Auch übernehme ich das Reinigen der Daguerreotyp-Bilder und empfehle mich ferner bestens. P. Hüni, Photograph, hintere Lände, Wädensweil.»
1870 erwuchs dem Fotografen Hüni Konkurrenz durch Traugott Richard aus Männedorf. Darum veröffentlichte er im «Anzeiger» diese Anzeige: «Wegen muthwilliger Concurrenz verfertige ich von jetzt an das Dutzend Visitenkarten à Fr. 5. Der sich bestens empfehlende P. Hüni, Photograph, hintere Lände, Wädensweil.» Die letzten Hinweise auf den Fotografen P. Hüni stammen aus dem Jahre 1872. Ob wohl der 1873 erwähnte Fotograf Fritz Steiger mit Atelier «zur Weinrebe» sein Nachfolger war?
Fotograf Traugott Richard
Am Ostermontag 1870 gab Traugott Richard, Fotograf in Männedorf, bekannt, dass er im Haus «zum Wasserfels» (Schlossgass 2) in Wädensweil ein weiteres Atelier eingerichtet habe und lud die Bevölkerung zur Besichtigung ein. Jeden Sonntag und Mittwoch machte er hier Aufnahmen, nebst «Visitenkarten nach neusten Manieren» auch grössere Porträts in allen Formaten. 1876 suchte Traugott Richard ein näher beim Dorf gelegenes Lokal, wurde offenbar nicht fündig und entschloss sich dann zu einem Neubau. Auf der Wiese unterhalb des Hauses «Holderbaum» von Kommandant Carl Brupbacher-Hauser liess er 1877 ein Baugespann aufstellen. Ausgeführt wurde dieser Bau nicht. 1878 richtete er daher sein Atelier im «Schönegg» beim Bahnhof ein und machte Aufnahmen je Sonntag, Dienstag und Freitag von 9 bis 15 Uhr. Wegen Insolvenzerklärung eröffnete Notar J. Nägeli am 25 Februar 1880 über den Fotografen Traugott Richard den Konkurs. Offenbar konnte ihn der Angeschuldigte abwenden und das Geschäft im Haus Schönegg, das ihm zu einem Fünftel gehörte, weiterführen. Im September 1880 schrieb er eine Kollektion von acht Wädensweiler Ansichten aus:
Nr. 1 Wädensweil vom Rötiboden aus aufgenommen
Nr. 2 Ansicht vom Bahnhof und Giessen von der Fortuna aus
Nr. 3 Ansicht vom Hotel Engel und Streifansicht gegen den Bahnhof
Nr. 4 Ansicht von Wädensweil, vom Giessen einwärts aufgenommen
Nr. 5 Ansicht vom Sekundarschulgebäude, Zugerstrasse, Neuwiesenquartier und Gessner Bürgli
Nr. 6 Ansicht Dorfmitte
Nr. 7 Ansicht vom Primarschulhaus, Bahnhof, Plätzli, Gasfabrik auswärts mit Giessen
Nr. 8 Ansicht von Wädensweil vom See aus aufgenommen
1881 inserierte Traugott Richard für Visitenkarten, Porträts und Gruppentableaux, für Vergrösserungen nach Visitenkarten und für Augenblicks-Aufnahmen im Atelier. Doch bald scheint das Ende gekommen zu sein: 1885 empfahl sich Fotograf Gustav Bär im «Atelier Richard z. Schönegg beim Dampfschiffplatz» als Nachfolger.
Reklame Th. Richard Männedorf.
Reklame Fotograf Grossmann.
Fotograf Ferdinand Gerstner
Im August 1876 eröffnete Jakob Ferdinand Gerstner (1848–1914) am Kreuzweg in Wädensweil ein Fotoatelier. Der in Sindelfingen heimatberechtigte Deutsche wuchs in Richterswil auf und verheiratete sich 1879 in erster Ehe mit Elisabetha Hüni (1849–1886) von Horgen und 1897 in zweiter Ehe mit Amalie Pfister (1864–1954). 1897 wurde Gerstner Bürger von Wädenswil.
Im Schreiben zur Eröffnung des Ateliers werden folgende Arbeiten angekündigt: «Portraits in jedem Format nach den neusten Genres glasiert und bombiert, Gruppen in verschiedener Zusammenstellung, Reproduktionen und Vergrösserungen sowie billigste Anfertigung von Albums von Mustern für Gewerbetreibende. … Werde mich bestreben, nur schöne Arbeit abzugeben, was ich schon bei Anlage des Ateliers ins Auge gefasst und Mühe und Kosten nicht gescheut habe, um den w(erten) Einwohnern die Versicherung zu verschaffen, dieser Empfehlung stets nachzukommen. Es empfiehlt sich achtungsvoll J. F. Gerstner.»
1882 zog Ferdinand Gerstner vom Kreuzweg ins Haus Schönegg beim Bahnhof um und 1889 in sein neu gebautes Haus mit Atelier, das er «zur Daguerre» nannte. Es stand zwischen den Bauten am Plätzli und dem Gebäude «Holderbaum», trug später die Adresse Eintrachtstrasse 7, wurde 1914 auf Amalie Gerstner vererbt, 1915 dem Sattler Heinrich Huber verkauft und 2007 abgebrochen. 1890 vereinigte sich Gerstner, der laut Angabe auf der Rückseite seiner Fotografien auch in Stäfa tätig war, mit dem seit 1886 in Wädenswil niedergelassenen Fotografen J. Grossmann zur Firma Gerstner & Grossmann. Krankheitsbedingt gab Ferdinand Gerstner den Beruf schon früh auf. 1905 trat Emil Listenow die Nachfolge an.