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von Cornelia Hüsser • 03.04.2023
Verlag: Limmat Verlag
208 Seiten, Hardcover
Erscheinungstermin: Februar 2023
ISBN: 978-3-03926-051-5
Ein Mädchen wächst in einem ideologisch verzerrten Umfeld auf: als Kind von 68er-Eltern geniesst es viele Freiheiten, wird aber mit Fragen alleingelassen. Was es nicht versteht, muss es mit eigenen Annahmen beantworten – und flieht sich in Fantasiewelten.
Das namenlose Kind lebt – mehr oder weniger isoliert – mit seinen Eltern in einem abgelegenen Bergdorf in der Schweiz. Viel Aufmerksamkeit bekommt es nicht; die Mutter ist mit ihrer Kunst beschäftigt, der Vater mit der Rettung bedrohter Tierarten. Weil die Eltern ausserdem dem Fernsehen misstrauen, verbringt das Mädchen viel Zeit beim Nachbarn Ege. Die Widersprüchlichkeit darin scheint die Eltern nicht zu stören, sie lassen ihre Tochter gewähren.
Eges Wohnung ist voller Geräte und Videos, die er gedreht hat. Hier darf das Mädchen so lange fernsehen, wie es möchte. Und hier sieht erblickt es auch zum ersten Mal den Engel, der sie fortan regelmässig besucht und sich mit ihr unterhält. Das Mädchen ist sich nicht sicher, was es genau gesehen hat, und berichtet der Mutter davon. Diese händigt ihr jedoch nur ein Buch über griechische Gottheiten aus und wendet sich sogleich wieder ihren Skulpturen zu.
Im Stockwerk über Ege wohnt seine Partnerin Gisela. Diese zeichnet sich vor allem dadurch aus, hervorragend die Augen verschliessen zu können – vor den stets abgedunkelten Fenstern, vor Eges Trinkerei und vor allem vor der Tatsache, dass er das Mädchen zu filmen beginnt.
Nach und nach eröffnet sich den Lesenden, was das Kind gesehen haben muss: Ege und seinen Sohn, festgehalten auf Band von Gisela. Diese weist jedoch jede Mitschuld von sich; das Kind sei schliesslich auch kein Engel, es sei selbst schuld, weil es die Schule schwänze und so viel Zeit mit Ege verbringe. Auch mit Eges Versuch der Abstinenz ist sie überfordert; lieber räumt sie die leeren Weinflaschen weg.
«Bild ohne Mädchen» ist ein Kaleidoskop der Sprachlosigkeit. Obwohl der Roman mit einfachen und klaren Sätzen arbeitet, sind sie doch alles andere als deutlich. Sie müssen sorgfältig voneinander genommen, zusammengefügt und durchschaut werden. Dies gelingt erst mit fortschreitendem Lesen, oft entfalten Aussagen erst rückblickend ihre volle Bedeutung.
Dieser Verzicht auf ein explizites Darstellen des Missbrauchs ist sensibel und macht den Text zugleich umso eindringlicher. Die Sprache scheint, obwohl kunstvoll, einem Kind angemessen. Und gerade dadurch trifft die Autorin die Lesenden mit voller Wucht.