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Um zu leben, hatte er aus eigener Kraft an die Oberfläche kommen müssen, seine etwa 30, vielleicht auch 50 Kilogramm hinaufstrampeln zur Wasseroberfläche und atmen. Acht Monate lang war er von seiner Mutter gesäugt worden, sie hatte ihn auf dem Rücken durch die Tiefen des Weissen Nils getragen und ihn in der Nacht bald mitgenommen zu den weiter entfernten Weidegründen.
Wenn er schlief, glich er einem kleinen grauen U-Boot, das alle zwei Minuten wieder auftauchte, Luft holte, um sich dann abermals auf den Grund des Flusses sinken zu lassen.
Es war ein ruhiges Leben, das er lebte, und tagsüber verbrachte er es im Wasser. Musste er es doch einmal verlassen, sonderte seine Haut eine rötlich schimmernde Flüssigkeit ab, eine Art Sonnencreme, die ihn vor Austrocknung schützte. Denn schwitzen konnte er nicht.
Er hatte gesehen, wie ein Bulle sein Revier zu markieren pflegt. Wie dieser seinen Kot durch Schwanzwedeln verteilt, ihn auftürmt zu mächtigen Hügeln mit einer Fläche von mehreren Quadratmetern.
Hatte gesehen, wie die ausgewachsenen Tiere seiner Herde ein Krokodil angriffen, das sich anmasste, in ihr Territorium einzudringen. Wie sie es aus dem Wasser ins Gras verfolgt und mit ihren scharfen Zähnen zerbissen haben.
Und er hatte gesehen, wie die Männer seine Mutter abstachen. Im Sterben noch rannte sie zu ihm in die hohen Gräser, wollte ihn beschützen, doch verriet den Jägern damit bloss sein Versteck. Er versuchte sich ins Wasser zu retten, wo sich plötzlich etwas Metallenes tief in sein Fleisch bohrte, ein spitzer Schmerz durchzuckte ihn, und als er fliehen wollte, sich mit seinen Beinen am Grund abstossend, hielt ihn jener Widerhaken zurück, und mit jedem Versuch, davonzukommen, schien sein Rücken noch entsetzlicher zerfetzt zu werden.
Bald gab seine Kraft nach, er ergab sich dem Schmerz, wurde von mehreren Händen an der Harpunenleine in ein Kanu gezogen, wo er sich noch ein letztes Mal aufbäumte, tobte und unter grausigem Wehklagen das Boot zum Kentern brachte.
Doch es half nichts. Er war von den Soldaten des ägyptischen Paschas gefangen worden. Abbas I. hatte dafür vom britischen Botschafter in Kairo jede Menge Windhunde für seine Jagd bekommen. Nun sollte er das Nilpferd nach London verschiffen lassen, wo es im Regents Park Zoological Garden die Massen gleichermassen anziehen wie aufklären sollte.
Denn das Hippopotamus amphibius, wie sein wissenschaftlicher Name lautet, war seit der letzten Zwischeneiszeit – also der Eem-Warmzeit zwischen 128'000 und 117'000 Jahren vor heute – von der Insel verschwunden.
Nun, im Jahre 1849, sollte Obaysch – benannt nach der Nil-Insel, von der man ihn geraubt hatte – das erste Flusspferd nach so langer Zeit in Europa sein, das neue Juwel des Londoner Tiergartens. Mit seiner Anwesenheit würden künftig alle anderen Zoos und Menagerien, jene höfische Tiersammlungen mächtiger Herrscherhäuser, überstrahlt werden.
Dafür wurde das knapp einjährige Tier mit einem speziell dafür umgebauten Boot nach Kairo und dann weiter nach Alexandria gebracht. Zehn nubische Soldaten fütterten es während der Reise mit Kuhmilch und Datteln.
Dann ging es weiter nach South Hampton – auf der SS Ripon, die neben dem Nilpferd ausserdem Löwen, Pelikane, Wildschweine, Adler, Luchse, Gazellen, Moschuskatzen, Steinböcke, Ziegen, Kängururatten, Eidechsen, Schlangen und ihre dazugehörenden arabischen Beschwörer mit sich führte. Obaysch aber verfügte über einen eisernen Wassertank mit 1515 Liter Fassungsvermögen, und sein Pfleger Hamet schlief mit ihm in seinem Nilpferdhaus. Zu ihm hatte das Tier Vertrauen. Und entfernte er sich einmal zu lange von seinem Schützling, fing Obaysch ganz fürchterlich zu grunzen an und wühlte sich durch Hamets Kleider in der Hoffnung, ihn darin irgendwo zu finden.
16 Tage dauerte die Überfahrt und verschlang eine stattliche Summe von 500 Pfund – nach heutiger Rechnung rund 66'000 Pfund. In South Hampton lud man Obaysch gemeinsam mit seinem Haus und seinem Tank auf den Zug, der ihn nach London bringen sollte. Beim Umsatteln auf die Geleise scharte sich dann auch zum ersten Mal eine stattliche Menschenmenge um ihn, ganz zum Betrüben des Premierministers von Nepal, der gemeinsam mit Obaysch und seiner gesamten Entourage angereist war, dem aber in Anbetracht des grauen Riesenbabys niemand auch nur einen Funken Beachtung schenkte.
Auch in seinem neuen Gehege im Londoner Zoological Garden lebte Hamet mit Obaysch zusammen. Mehrmals täglich holte ihn dieser mit seinem Stock aus dem Häuschen, um ihn den in Scharen anreisenden Besuchern vorzuführen, ihnen zu zeigen, wie das an Land so plump erscheinende Ungeheuer sich in seinem Schwimmbecken in ein elegant schwimmendes Wesen verwandelte.
Dass Nilpferde nicht wirklich schwimmen können, sondern sich vielmehr mit den Füssen vom Grund abstossen, war nur eine der Tatsachen, die man nicht über jenes exotische Tier wusste.
Manch einem Besucher schwante, dass der Haferbrei nicht die richtige Ernährung war für ein Nilpferd, dass sein Gehege viel zu klein, sein Pool viel zu winzig und das Wasser darin viel zu kalt war. Dass er tagsüber viel lieber schlafen würde als sich vor einer Horde kreischender Menschen inszenieren zu müssen.
Doch die Leute zahlten einen extra Schilling, um das nachtaktive Tier zu sehen, sie hatten mehr verdient als einem grauen Fleischberg beim Schnarchen beizuwohnen.
Und so wurde Obaysch im Namen der Wissenschaftlichkeit, hier ein Tier in seinem gewohnten Habitus studieren zu können, in den ersten 14 Wochen von 465 Leuten pro Stunde beäugt und brachte dem Zoo damit – in heutigen Dimensionen gerechnet – etwas unter 21 Millionen Pfund ein.
Allein Queen Victoria besuchte das Nilpferd mit ihren Töchtern fünf Mal, so belustigt war sie «von seinem delfinartigenHerumtollen im Wasser», so verzaubert «von den intelligenten Augen des Tiers».
Im ersten Jahr war Obaysch der unangefochtene Star, dann bekam er von einem Babyelefanten und einer Riesenschildkröte Konkurrenz, letztere überlebte den Winter allerdings nicht.
Die satirische Zeitschrift «Punch» druckte im Mai 1850 ein Gedicht mit dem Namen «The Lament of the Hippopotamus» ab, die bittere Klage Obayschs über seine verloren gegangene Popularität:
«But let the clumsy infant its triumph now enjoy;
the brute must quit its babyhood, and cease to be a toy,
Oh, then, farewell forever, its glories and its charms!
It can't remain forever an Elephant in arms.
'Tis then Hippopotamus will reassume its sway,
Growing in popularity, as well as size, each day.
Glories will light upon our race - the public will allot 'em us; Then, hip! hip! hip! hip! hip! hurrah!
hip! hip!
for the Hippopotamus!»
Übersetzung:
«Aber lasst das ungeschickte Kleinkind seinen Triumph jetzt geniessen;
der Rohling muss seine Kindheit verlassen und aufhören, ein Spielzeug zu sein,
Oh, dann lebt wohl, für immer, seine Herrlichkeiten, seine Reize!
Es kann nicht ewig ein bewaffneter Elefant bleiben.
Das Nilpferd wird seine Herrschaft wiedererlangen, jeden Tag an Beliebtheit und Grösse gewinnen.
Ruhm wird auf unsere Rasse leuchten – die Öffentlichkeit wird sie uns zuteilen;
Dann, hipp, hipp, hipp, hipp, hurra!
hipp! hipp!
für das Nilpferd!»
Obaysch wuchs und bekam zuweilen auch ein grösseres Gehege, den Nil aber bekam er nicht zurück. Dennoch schien er die stetigen kleinen Verbesserungen, die Investitionen in eine Tribüne für rund 1000 Leute vor seinen Gitterstäben, noch immer wert zu sein.
Die Zeitungen feierten ihn als sanften Riesen, als durch seine Übersiedlung nach London gleichsam von seinen wilden, gewalttätigen, afrikanischen Instinkten befreites Geschöpf. Hier nun, der Primitivität des schwarzen Kontinents entronnen, bettete man es in einen weichen viktorianisch-imperialistischen Rahmen, wo Obaysch als vollends domestiziertes Tier erschien.
Und alles, was dieses Bild störte, was jenen europäischen Überlegenheitsduktus ins Wanken brachte und die Vorstellung von einem vollends friedvollen und genügsamen Tier zu bedrohen vermochte, hielt man unter Verschluss.
Und so schenkte man Hamets Wissen über die Lebensweise von Nilpferden keinerlei Beachtung – schliesslich war er Araber – und achtete tunlichst darauf, dass niemand erfuhr, was Obaysch mit dem Hündchen angestellt hatte, das sich eines heissen Sommertages durch die Gitterstäbe des Nilpferdgeheges zwängte, um sich am Wasser zu laben.
In keiner Zeitung war zu lesen, dass es in Obayschs Maul in Stücke zermalmt worden war. Besonders aggressives Verhalten, vor allem auch gegenüber Menschen, konnte im schlimmsten Fall die Tötung des Tieres nach sich ziehen – und eben dies fürchteten die Mitglieder der Zoologischen Gesellschaft am meisten. Würde es für ihr Unternehmen doch ein finanzielles Desaster bedeuten.
Als Obaysch fünf Jahre alt war, bekam er eine Freundin; Adhela, 18 Monate alt, abermals ein Geschenk vom ägyptischen Pascha. Sicher würden die Aggressionen des Nilpferds, gespeist aus astreiner sexueller Frustration, sich nun legen, werweissten die Zoo-Verantwortlichen.
Und so sehr man auch wollte, dass sich die beiden paarten, das Wissen, wie solcherlei bei Flusspferden vonstattenging, war verschwindend gering. Adhela hatte noch nicht einmal ihre Geschlechtsreife erreicht, schon füllte man sie mit den wildesten Hoffnungen auf Nachwuchs. Obayschs Wasserbecken bot für eine anständige Begattung zudem nicht genügend Platz und man machte auch keinerlei Anstalten, dies zu ändern. Warum sollten sich die Tiere auch im Wasser vereinigen, wo ihnen doch das vor neugierigen Blicken geschützte Nilpferdhaus zur Verfügung stand?
16 Jahre später aber war das Wunder trotz aller Widrigkeiten vollbracht. Adhela wurde schwanger und gebar acht Monate später ein gesundes kleines Nilpferdbaby. Bloss fand es die Zitzen der Mutter nicht und starb nur drei Tage, nachdem es zur Welt gekommen war.
Das zweite kam zwei Jahre später, nuckelte an Adhelas Ohren und an ihren Füssen, überall, nur nicht dort, wo es Milch gab. Und so entrissen sie der Mutter ihr Kälblein mit Gewalt. Ein kleines kaltes Häufchen war es bloss, das sie nun warm einpackten und mit Eselsmilch zu füttern versuchten. Erst als es ganz still um es herum war und man ihm eine Augenbinde angelegt hatte, trank es endlich. Doch es war bereits zu spät.
Dann, am 5. November 1872, erblickte Guy Fawkes, benannt nach dem Attentäter, der genau 265 Jahre zuvor versucht hatte, das englische Parlament zu sprengen – das Licht der Welt. Inzwischen hatte man in Erfahrung gebracht, dass die Kuh ihr Jungtier im Wasser zur Welt bringt und ebenda auch säugt.
Obaysch hatte sein Werk getan. Er war müde und wurde immer müder, bis er schliesslich, mit 30 Jahren, am 11. März 1878, seine Augen für immer schloss. Laut seiner Pfleger starb er an Altersschwäche, aber seine Artgenossen in freier Wildbahn werden beinahe doppelt so alt. Wäre er also nicht nach London gebracht worden, wer weiss, wie sein Leben ausgesehen hätte. Sicherlich aber hätte er tagsüber im warmen Nilwasser schlafen können, seine Haut wäre nicht so brüchig geworden und an seinen Beinen hätte er keine Geschwüre bekommen, er hätte Gras statt Brei fressen können und wäre nicht so klein geblieben.
Doch am Ende blieb Obaysch ein Tier, noch dazu eines, über das man in Europa nichts wusste und dafür alles hineinprojizierte. Sein Leben interessierte nicht wirklich, was dieses Nilpferd für die Leute bedeutete, allein das war von Belang.
Einzig im Gedicht, das zwölf Tage nach seinem Tod in der satirischen Zeitschrift «Punch» erschien, klingen die Töne eines Freiheitsliedes an, gesungen vom sterbenden Obaysch. Es bleibt, gleichwohl imaginiert, die wahrste Auseinandersetzung mit Obayschs Leben, das schliesslich nichts weiter als reine Gefangenschaft war.
«Well, I have had my day,
Better indeed had men but let me stay
In sledgy Obaysch, island of my birth,
That cosy lair on White Nile, whence white men
Brought me, a babe, to this tank and pen.
I dreamt of it last night – the unctuous ooze,
Where one might take one's ease, and bask and snooze,
The warm Egyptian glow, the wap and wash
Of water in the reeds! Once more to dash
Big-bulked through rushy reaches, strong and free!
Methinks 'twould yet revive me. But I see
Kind Bartlett's boding head-shake. Good old man!
He has done all he can
To make my cage a home for a poor brute,
If in this clammy clime one could strike root.
Ah, well! I've had my triumphs and am yet
A public Pet!»
Übersetzung:
«Nun, ich hatte meine Zeit,
Besser wär's, wenn die Männer mich hätten bleiben lassen
Im glitschigen Obaysch, der Insel meiner Geburt,
Dem gemütlichen Schlupfwinkel am Weissen Nil, woher weisse Männer
Brachten mich, ein Baby, in dieses Becken und diesen Stall.
Ich träumte letzte Nacht von ihm – dem salbungsvollen Schlamm,
In dem man sich entspannen kann
und sich sonnt und döst,
Die warme ägyptische Glut, das Schwappen und Wogen des Wassers im Schilf! Noch einmal zu stürzen
Durch buschige Gefilde, stark und frei!
Mich dünkt, das würde mich wiederbeleben. Doch ich sehe
Bartletts vielsagendes Kopfschütteln. Guter alter Mann!
Er hat alles getan, was er konnte
Um meinen Käfig zu einem Heim für eine arme Bestie zu machen,
Wenn man in diesem feuchten Klima Wurzeln schlagen könnte.
Ach, wie schön! Ich habe meine Triumphe gehabt und bin doch
Ein öffentliches Haustier!»
Forscher in Guadeloupe haben das grösste bisher bekannte Bakterium entdeckt. Das Thiomargarita magnifica ist mit einer Grösse von bis zu zwei Zentimetern 5000 Mal grösser als durchschnittliche Bakterien und hat eine komplexere Struktur, wie es in einer am Donnerstag in der Fachzeitschrift «Science» veröffentlichten Studie heisst.