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Vom Bahnhof zehn Minuten die Rue de la Gare hinauf, und schon sind wir im hübschen Kern von Gland, dem einstigen Winzerdörfchen oberhalb des Genfersees. Wir gehen ans Ende der Rue Grande, die in die Avenue du Mont Blanc einbiegt. Statt nordwärts in die Weingebiete von La Côte abzuschweifen, stechen wir seewärts, der stark befahrenen Avenue entlang, vorbei an einem Industrie- und Gewerbegebiet, und überqueren die Rue de Malagny: vor uns ein Waldstück, das wir passieren, bis wir vor der lauten Route Suisse stehen.
Von der gegenüberliegenden Strassenseite ermahnt uns das erste Portal monumentalen Reichtums: La Bergerie , der Herrensitz von Ernesto Bertarelli (Vermögen: zehn Milliarden Franken), jenem Grosserben, der durch den Verkauf des Biotechkonzerns Serono mitverantwortlich dafür ist, dass in Genf unlängst 1250 Menschen ihre Arbeit verloren haben. Mit den Milliarden, die er daraus gezogen hat, leistet er sich Spielzeuge wie das Alinghi-Team und finanziert zwei Lehrstühle im Zentrum für Neuroprothesen an der ETH Lausanne. Derweil wir, eindringlich auf die Schlaflosigkeit gewisser Hunde hingewiesen, durch das Gestrüpp spienzeln, erhalten wir eine erste Ahnung davon, wie viel Raum ein Mensch für seine Untätigkeiten in Anspruch zu nehmen vermag.
Südwestwärts entlang der Kantonsstrasse erstarren wir kurz vorm Portal von La Crique, die seit einem Jahr im Besitz des britischen Steuerflüchtlings James Ratcliffe ist (Vermögen: fünf Milliarden) . 130 000 Quadratmeter und sieben Gebäude umfasst das Gelände, das sich der Chef des Chemiekonzerns Ineos Group Holdings 75 Millionen Franken kosten liess.
Auf der Route du Domaine Impérial folgen wir den Pfeilen, die auf einen Golfplatz hinweisen. Vorsichtig nähern wir uns dem Portal, das uns vor dem nächsten Paradies schützt: La Réserve . Im Fokus einer Videokamera verneigen wir uns vor dem Formel-1-Piloten Michael Schumacher (Vermögen: 650 Millionen).
Kein Mensch auf weiter Flur. Am Rand des 45-Millionen-Geländes entlangstreifend, aber fast schon am Ende der Route du Domaine Impérial, hören wir von weitem Gehämmer, und nachdem wir ein Loch in der Hecke gefunden haben, sehen wir in der schumacherschen Landschaft einen grossen Kran. Bleibt er nun also doch im Land, nachdem er unlängst in einem Sonntagsblatt angesichts einer drohenden Aufhebung der Pauschalbesteuerung mit dem Auszug drohte? «Ich bringe etwas in die Schweiz ein, wovon jeder, der hier lebt, profitiert», gab er fürsorglich zu bedenken. «Wenn man sich das Gesamtvolumen der so generierten Steuern, die wegfallen würden, vor Augen führt, ist das eine Summe, für die dann der normale Steuerzahler zusätzlich aufkommen müsste.»
Nun aber zurück! Vorbei nochmals an La Réserve, La Crique, La Bergerie und nordostwärts an weiteren Herrensitzen: Le Cottage, wo Peter Bemberg, Finanz- und Weinhändler (Vermögen: 2,5 Milliarden) residiert; weiter den Chemin de la Falaise entlang, wo die Paradiese kleiner werden: La Tourangelle (Sitz der Familie von Catherine Labouchère, Präsidentin der waadtländischen Liberalen), Vers le Lac, La Falaise – beim Hotel de la Plage haben endlich auch wir Seezugang.
Via den Chemin de la Falaise und die Rue du Perron taumeln wir zurück zum Bahnhof, vorbei an bürgerlichen Villen zunächst, die nun plötzlich lächerlich wirken, als wären es Attrappen des Reichtums, an Landhäuschen mit rührenden Gärtchen, Allerweltseinfamilienhäuschen. Und endlich wieder, auf der Zielgeraden der allmählichen Kommunalisierung: hundsnormale Zwei-, Mehrfamilien- und Mietshäuser. Zurück in der Normalität!
Hinfahrt: Von St. Gallen Bahnhof mit dem Stadtbus Nr. 2 oder 8 bis Kirche St. Georgen.
Rückfahrt: Mit der Appenzeller Bahn ab Lustmühle zurück nach St. Gallen.
Ausrüstung: Turn- oder Wanderschuhe, Regenschutz, Karte, eventuell Stöcke.
Markierte Wanderwege, abgesehen vom Abstecher in Niederteufen.