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Schlosshof, öffne dich!
Aufwertung und Restaurierung des Schlosses von Locarno
Der Beitrag «Pivot» zur Aufwertung des Schlosses von Locarno trumpft nicht mit grossen architektonischen Gesten auf, sondern besticht mit einer lapidaren Idee: Der Schlosshof soll für das Publikum zugänglich und zum Dreh- und Angelpunkt des ganzen Quartiers werden.
Die Schlossanlage bildet den Schlussstein einer Neuordnung der Achse, die von der Schiffsanlegestelle über die Piazza Grande bis zum grossen Kreisel (Rotonda) führt. Mit der Restaurierung will die Stadt Locarno das Schloss zu einem kulturellen und touristischen Magneten machen. Dazu hat sie eine Analyse mit Umbauvorschlägen und eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Zur Aufwertung des Schlossareals und seiner Umgebung gehört die Restaurierung und Sanierung des Bestands, die Erneuerung der Haustechnik und die Erweiterung der Ausstellungsräume des städtischen und archäologischen Museums. Auch die horizontale und vertikale Erschliessung soll neu organisiert werden.
Einstufiger Projektwettbewerb im selektiven Verfahren
Das Schloss von Locarno aus dem Jahr 1342 lag ursprünglich am Langensee und hatte einen befestigten Hafen. Mit der Zeit hat die Maggia mit ihrem Geschiebe das Delta so ausgeweitet, dass das Schloss von Land umschlossen wurde und den Bezug zum See verlor. Heute liegt es am Rand der Altstadt in unmittelbarer Nähe der Rotonda, die den Autoverkehr Richtung Ascona, Maggiatal, zur Innenstadt und zum Strand von Locarno verteilt. Die Schlossanlage besteht aus dem eigentlichen Schlossgebäude und dem Palazzo Casorella (Casa degli Orelli).
Das Schloss ist als Baudenkmal von nationaler Bedeutung im Kulturgüterschutzinventar eingetragen. Es beinhaltet das städtische und archäologische Museum von Locarno. Prunkstück ist eine bedeutende Sammlung römischer Gläser, die bei Ausgrabungen im Tessin entdeckt wurden. Nach der Sanierung des Schlosses soll ein neues Ausstellungskonzept mit einem permanenten und einem temporären Bereich entwickelt werden. Der Palazzo Casorella aus dem 16. Jahrhundert liegt über der mittelalterlichen Mauer der Festung; er wurde kürzlich restauriert und zu einem Kunstmuseum umgebaut. Er enthält die permanente Kunstsammlung der Stadt Locarno und temporäre Ausstellungsräume.
Um Lösungsansätze zur Aufwertung des Schlossareals zu erhalten, hat die Gemeinde Locarno einen Projektwettbewerb im selektiven Verfahren durchgeführt. Zehn interdisziplinäre Teams aus Architekten, Bauingenieuren, Elektro- und HLKS-Planern wurden zur Teilnahme am Wettbewerb selektioniert. Alle zehn eingereichten Beiträge wurden zur Beurteilung zugelassen.
Öffentlicher Schlosshof
Die Jury empfiehlt einstimmig den Entwurf «Pivot» von Sanchez Garcìa, Krausbeck Santagostino Margarido zur Ausführung. Dieser sieht vor, den Hof für das Publikum zu öffnen. Diese überraschende Idee ist für die Integration des Schlosses in das Stadtgefüge zentral. Damit gewährt die Gemeinde Locarno einem breiten Publikum einen niederschwelligen Zugang zu den Veranstaltungen und Ausstellungen auf dem Schlossareal. Von der Via al Castello gelangt man über einen gedeckten Bereich in den Schlosshof, der zum Ausgangspunkt des Besuchs wird. Diagonal gegenüber liegt die Kasse, von wo sich der Hof und die Zugänge zu den Museen einfach überwachen lassen.
Vom Schlosshof gelangt man über eine neue Treppe im alten Munitionsturm direkt zum Hof des Palazzo Casorella. Dieser ist teilweise mit einer Stahlkonstruktion überdacht, die mit einem Gewebe bespannt ist, und kann für öffentliche Veranstaltungen genutzt werden. Der Beitrag gehört mit Investitionen von 10.6 Millionen Fr. zu den günstigeren Projekten. Weil eine Person die Kasse bedienen und die Höfe überwachen kann, ist auch der Betrieb der drei Museen wirtschaftlich. Das überzeugende Konzept öffnet den Schlosshof für Einheimische und Touristen und weckt das Interesse für die Angebote der unterschiedlichen Museen. Einzelne Eingriffe in die historische Bausubstanz sind zu überprüfen, generell zeichnet sich das Projekt aber durch einen sehr sorgfältigen Umgang mit dem Bestand aus.
Drei eigenständige Museen
Der mit dem zweiten Preis ausgezeichnete Beitrag «Angilberga» von Christ & Gantenbein und Baukuh reaktiviert den Zugang von der Eingangspforte zwischen Schloss und dem Palazzo Casorella mit einem neuen Pavillon. Die drei Museen erhalten eine eigene Identität. Das archäologische Museum ist neu direkt vom Haupteingang her zugänglich. Dadurch werden die beiden Obergeschosse des Schlosses frei. Sie sollen für öffentliche Veranstaltungen genutzt werden oder als Raumreserve dienen. Das Schloss etabliert sich als eigenständiges, städtisches Museum, während das Kunstmuseum im Palazzo Casorella bleibt.
Die Eingriffe in die bestehende Bausubstanz sind minim. Sämtliche Installationen für die Haustechnik konnten im neuen Boden aus Kunststeinplatten integriert werden. Die Jury lobt das überzeugende Raumkonzept, die Funktionalität und die klare Strategie für die Restaurierung. Sie kritisiert hingegen den Aussenlift, der sich an den Munitionsturm anlehnt und den historischen Bestand konkurrenziert. Auch den Pavillon als Bindeglied zwischen dem Schloss und dem Palazzo Casorella sieht die Jury als Fremdkörper.
Der Freiraum zur Rotonda wird in Anlehnung an den ursprünglichen Rebberg als öffentlicher Garten gestaltet. Personen mit eingeschränkter Mobilität können das Schloss über verschiedene Rampen erreichen. Auch hier ist die Jury von der Gestaltung nicht überzeugt. Sie würdigt zwar die Absicht, die Fussgängerachse zwischen Piazza Grande und Rotonda über einen öffentlichen Grünraum zu verbinden, kritisiert aber die Bepflanzung mit Hochstammbäumen vor dem Schloss.
Verbindende Freiräume
Das Projekt «Collegare» von Elisa Valero erhielt den dritten Preis. Die historische Stadt am Hang und die neuere Stadt am Fuss sollen über die einheitliche Gestaltung der Aussenräume verknüpft werden. Verbindendes Element ist der bestehende Bodenbelag aus einer Kieselpflästerung und Granitplatten als einheitliches Gestaltungselement. Die baulichen Ergänzungen sind alle aus Lärchenholz. Die Beschränkung auf wenige Materialien zeichnet diesen Beitrag aus. Der Hauptzugang, die Kasse und der Museumsshop bleiben am heutigen Ort. Der Hof des Palazzo Casorella ist mit einer fest installierten Metallkonstruktion und verschiebbaren Gläsern überdacht. Diese Konstruktion hat aber den Nachteil, dass sie die Sicht auf die Fassade des Palazzo Casorella permanent verstellt.
Für den Zugang zum Schloss und die Besucherrundgänge sind drei Eingriffe mit einheitlicher Materialisierung und Konstruktion vorgesehen. Eine zweigeschossige Brücke zwischen Schlosshof und dem Hof des Palazzo Casorella, ein Turm mit Lift im kleinen Innenhof des Schlosses und ein Balkon übereck. Die Jury zweifelt an der Machbarkeit dieser filigranen Holzkonstruktionen, womit eine wesentliche Qualität des Entwurfs – der Kontrast von leichten Neubauten und behäbigem Bestand – infrage gestellt ist. Zur Haustechnik fehlen Angaben, sodass die Machbarkeit nicht überprüft werden konnte.
Architektur ohne Ausrufezeichen
Der Beitrag «Collegare» verbindet die Schlossanlage über einheitlich gestaltete Freiräume mit der Umgebung. Das sorgfältig erarbeitete Projekt schafft geschickt neue Zugänge und interne Verbindungen. Die Jury bezweifelt aber Machbarkeit und Beständigkeit der fragilen Holzkonstruktion.
Das Projekt «Angilberga» setzt ganz auf die beliebten Gegensätze von Alt und Neu. Es besteht aus acht Eingriffen, die unabhängig voneinander realisiert werden können. Daher lässt es sich gut etappieren, was sowohl logistisch wie auch wirtschaftlich sinnvoll ist. Die Jury vermisste aber bei diesem Beitrag eine harmonische und respektvolle Einordnung in den historischen Kontext.
Der Entwurf «Pivot» überzeugt mit sehr zurückhaltenden Eingriffen in die geschichtsträchtige Bausubstanz und der schlichten Idee, den Schlosshof für das Publikum zu öffnen. Die Schlossanlage vernetzt sich so ganz selbstverständlich und ohne grosse architektonische Gesten mit dem umliegenden Quartier und der Stadt.
Jurybericht und Pläne auf competitions.espazium.ch
Auszeichnungen
1. Rang / 1. Preis: «Pivot»
Sanchez Garcìa, Krausbeck Santagostino Margarido, Mendrisio
2. Rang / 2. Preis: «Angilberga»
Christ & Gantenbein, Baukuh, Basel
3. Rang / 3. Preis: «Collegare»
Elisa Valero, Granada (E)
4. Rang / 4. Preis: «Urbana Arx»
Baserga Mozzetti Architetto, Muralto
FachJury
Pia Durisch Nolli, Architektin, Massagno; Bernhard Furrer, Architekt, Bern; Markus Scherer, Architekt, Merano (I); Felix Wettstein, Architekt, Lugano (Ersatz)
SachJury
Alain Scherrer, Ingenieur, Stadtpräsident von Locarno; Giuseppe Cotti, Jurist, Stadtrat von Locarno; Ronnie Moretti, Geograf, Stadtrat von Locarno (Ersatz)