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10.01.2021 - Maja Petzold
10.01.2021
Maja Petzold
Die Dichterin und das Meer
Eine femme de lettres im wahrsten Sinne des Wortes war die Argentinierin Alfonsina Storni. Sie stammte aus dem Tessin. Leider ist sie im Land ihrer Väter fast nicht bekannt. Noch nicht! Denn nun erscheinen viele ihrer Arbeiten auf Deutsch.
„Eines Tages werden die Frauen es wagen, ihr Inneres zu offenbaren. An jenem Tag wird die Menschheit eine andere Richtung einschlagen. Sitten und Gewohnheiten werden sich verändern.“ Das schreibt eine Frau irgendwann in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Buenos Aires. Ihr Selbstbewusstsein als Frau und ihren Platz als Schriftstellerin musste sie sich allein erkämpfen.
Alfonsina Storni – um sie geht es in diesem Artikel – wurde 1892 in Sala Capriasca TI geboren, vier Jahre später schon wanderten ihre Eltern mit ihr aus wirtschaftlichen Gründen nach Argentinien aus. Schon als junges Mädchen muss Alfonsina einen starken Willen besessen haben und bereit gewesen sein, jeden Weg zu gehen, der sie dem näher brachte, was sie erstrebte.
eines der seltenen Fotos von Alfonsina Storni
(ohne Angabe des Aufnahmedatums)
Als sie mit 13 Jahren die Schule verlassen musste, da ihre Familie auch in Argentinien in ärmlichen Verhältnissen lebte, riss sie daheim aus und schloss sich einem Wandertheater an. So konnte sie eine Ausbildung als Land-Lehrerin abschliessen; für den Lehrerberuf in Buenos Aires hätte sie einen Schulabschluss gebraucht. Schon mit 19 Jahren gebar sie einen Sohn, nie in ihrem ganzen Leben erzählte sie, wer der Vater war.
Alfonsina Storni setzte sich über einengende Konventionen hinweg, als Persönlichkeit war sie wohl stets faszinierend. In Argentinien gehörte sie schnell in den Kreis von Künstlern und Poeten – oft waren es Männer und berühmte dazu wie Jorge Luis Borges, Tangosänger Carlos Gardel oder die chilenische Nobelpreisträgerin Gabriela Mistral, von Alfonsina in einem feinsinnigen Artikel portraitiert. Storni schrieb Gedichte, die bald vertont wurden. Auch über sie entstand ein Chanson, gesungen von Mercedes Sosa ist es bis heute bekannt: Alfonsina y el mar.
Neben ihren Gedichten schrieb Alfonsina Storni Erzählungen, Reisenotizen, Aphorismen, Reisenotizen und Kolumnen, die regelmässig in Zeitungen erschienen, es war ihr Lebenserwerb über viele Jahre. Von der hohen Qualität dieser Prosa können wir uns in zwei handlichen Büchern überzeugen, die gerade erschienen sind: CUCA. Geschichten. und gleichzeitig CHICAS. Kleines für die Frau. Beide Texte enthalten verschiedene Textformen, von Hildegard E. Keller adäquat übersetzt und neu bearbeitet.
Über Alfonsina Storni sagt Hildegard Keller: “ Sie war nicht nur eine passionierte Erzählerin von klassischen sowie experimentellen Story-Formen, sondern auch Literaturkritikerin und Beobachterin des Literaturbetriebs in Buenos Aires und darüber hinaus.“ Alfonsina Storni, heisst es, zähle zu den ersten Feministinnen in Argentinien. Aus Sicht der Schreibenden möchte ich ergänzen, dass sie wohl durch ihre Ausstrahlung, ihren Geist und ihr Handeln wirkte, nicht durch Forderungen, die im konservativen Argentinien nur Widerstand hervorgerufen hätten.
Kaum haben wir uns in eines der beiden Bändchen vertieft, fällt die Sprache der Autorin auf: präzis, plastisch, lebendig und farbig. Darin zu lesen, ist ein kurzweiliges Vergnügen. Die Aphorismen offenbaren, dass Alfonsina ebenso klar denkt, wie sie schreibt. Nicht nur in Chicas. Kleines für die Frau, sondern auch in Cuca erkennen wir, dass eine Frau damals in Argentinien in eine Frauenrolle gezwungen wurde: Sie durfte schreiben, aber fast nur für Frauenzeitschriften. In den vorliegenden Büchern wird das durch die Illustrationen augenscheinlich: Annoncen, vorwiegend für Leserinnen – eine geschickte Entscheidung der Herausgeberin, denn so bildet das Lokalkolorit einen Rahmen für die Texte. Alfonsina macht das Beste aus den Gegebenheiten. Sind denn nicht Frauen schon lange als dankbare Leserinnen bekannt?
Da lesen wir Catalina, eine Kurzgeschichte über Vogelspinnen, die bekanntlich Angst und Schrecken hervorrufen, wenn man sie entdeckt. Hier befindet sich die Erzählerin in einem ländlichen Hotel, wo die Tochter der Wäscherin sie eines Tages auf eine Spinne in ihrem Zimmer hinweist. Ihre erste Reaktion ist, sie zu töten. Das Mädchen aber bittet: „Mach sie nicht tot, die Arme“. Die Erzählerin gibt der Kleinen nach, lässt die Spinne leben – und gibt ihr einen Namen: Catalina. Aber wohl ist ihr nicht, vor allem nicht, als sie das Maul der Spinne anschaut. Immerhin fühlt sie sich den anderen, furchtsameren Hotelgästen überlegen und ihrem Vorbild, dem heiligen Franz von Assisi nahe. Die Geschichte geht für die Vogelspinne schlecht aus, und Alfonsina erlaubt sich den Scherz, die Erzählung als literarisches Totengebet zu erklären, für das sie sogar ein Honorar erhalten werde. – Klischees, wie eine Frau zu fühlen und zu handeln habe, bedient Storni nicht.
Elisa Marianini: Die Stimme der Muschel, zu Ehren von Alfonsina Storni (La voce della conchiglia, in omaggioad Alfonsina Storni) / commons.wikimedia.org
Reisen gehören zu Alfonsinas Leben, in die argentinische Pampa, nach Brasilien und 1929 erstmals seit ihrer Kindheit nach Europa. Schiffstagebuch enthält Notate von den Wochen auf hoher See. Selbstironisch beschreibt sie, wie sich ihre Vorstellung vom Meer mit dem Erlebnis selbst verändert, wie sie die Gewalt der Wogen erlebt und wunderbar beschreibt – als Lesende sehe ich ein wildes Seestück vor mir. Das Meer führt sie zu sich selbst zurück, zu ihren Bedürfnissen, zum Schiffsessen.
An dieser Stelle ist unbedingt zu erwähnen, dass Kulinarisches in den beiden Bändchen nicht zu kurz kommt. Die Edition Maulhelden widmet sich stets auch den Gaumenfreuden. So finden wir, abgesetzt durch die Farbe der Seiten, eine Anzahl Rezepte, die zum Nachkochen verlocken.
Das Meer führt zum letzten Kapitel in Alfonsinas Leben: Im Oktober 1938 wählte sie, die schon einige Jahre unheilbar an Krebs erkrankt war, den Freitod im Meer vor Buenos Aires. Das erwähnte Lied, geschrieben von den Argentiniern Ariel Ramírez und Félix Luna, spielt darauf an.
Alfonsina Storni, Chica. Kleines für die Frau. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Hildegard E. Keller. Edition Maulhelden Nr. 3. Zürich 2021. 261 Seiten.
ISBN 978-3-907248-03-4
Alfonsina Storni, Cuca. Geschichten. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Hildegard E. Keller. Edition Maulhelden Nr. 4. Zürich 2021. 261 Seiten.
ISBN 978-3-907248-04-1