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Im Traum kommt nachts oder spätabends meine Mutter in mein altes Zimmer in Inseldorf. Ich habe schon geschlafen, sie zieht wortlos den Rolladen hoch. Eine fürchterliche Angst befällt mich. Etwas stimmt ganz und gar nicht. Sie verbirgt etwas vor mir. Am Rand nehme ich war, daß das Fensterbrett voller Kakteen ist. Ich flehe meine Mutter an, daß sie mir sagt, was los ist, aber sie schweigt.
Warum habe ich diesen Traum? Und nimmt dieser Traum nicht ein echtes Ereignis auf? Spielt mit einem Erlebnis aus früher Kindheit, als in Wirklichkeit meine Mutter zu mir ins Zimmer kam und (nach meiner vielleicht nicht zuverlässigen Erinnerung) etwas mit dem Vorhang (hatten wir Vorhänge?) machte, ihn beiseite raffte oder erst noch vors Fenster zog? (Als wollte sie mich damit von allem Übel, von allen schlechten Nachrichten bewahren; oder als sollte ich sie genau sehen, um sie beizeiten kennenzulernen?)
Im Traum verschweigt mir meine Mutter, was passiert ist, und daraus erwächst die grauenhafte Angst. Die schlechte Nachricht damals: meine Großmutter väterlicherseits war gestorben. Aber nicht diese Nachricht (ich war noch keine vier Jahre alt und hatte kaum Gelegenheit gehabt, meine Großmutter richtig kennenzulernen) erschreckte mich. Was mir einen eiskalten Schrecken eingab, waren die Tränen meiner Mutter. Es dürfte das erste Mal gewesen sein, daß ich meine Mutter weinen sah, und das war so entsetzlich, daß ich sie damals bat, das Zimmer zu verlassen. An mehr erinnere ich mich nicht. Ob es verletzend für sie war, ob sie darauf noch etwas gesagt hat, mit welchen Gedanken ich wieder eingeschlafen bin, nichts davon weiß ich noch. Der Vorfall ist, soweit ich weiß, nie wieder zur Sprache gekommen, und ich weiß bis heute nicht, was meine Mutter bewogen haben mochte, ihren drei- oder vierjährigen Sohn mitten in der Nacht zu wecken, um dem Kind zu sagen, daß seine Großmutter gestorben sei.
Ich kann diese fast fünfzig Jahre zurückliegende Szene nicht ansprechen, also auch nichts darüber herausfinden. Im Grunde will ich auch gar nicht daran rühren. Ich hätte Angst, daß meine Frage (warum bist du damals ins Kinderzimmer gekommen, um mich zu wecken und mir den Tod meiner Großmutter mitzuteilen?) wie ein Vorwurf klänge. Und ich will nicht ansprechen, wie sehr mich das Weinen meiner Mutter immer bestürzt hat. Weinen überhaupt bestürzt mich und läßt mich schreckenskalt und -starr werden, zum Trösten unfähig. Eigentlich bei allen Menschen, aber besonders habe ich bei meiner Mutter — die selten, sehr selten weint — Weinen schrecklich gefunden. Vielleicht, weil darin die Erkenntnis lag, daß sie, dieser stärkste aller Menschen, wie ich es als Kind empfand, eben auch schwach war, nicht allem gewachsen, selbst des Trostes bedürftig.
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In der Schulzeit fuhren wir Grüppchen Schüler aus unserem Dorf, die in dieselbe Klasse aufs Gymnasium im benachbarten Städtchen gingen, gemeinsam mit dem Fahrrad zur Schule. Einmal waren wir nur zu zweit, H., die Tochter unserer Vermieter, die im selben Haus wohnten, und ich. Etwas Schlimmes war passiert, ich weiß nicht mehr, ob H. es mir erzählte oder ob ich es von anderen wußte, und H. ging es sichtlich schlecht. Ihr Blick war starr und leer, abwesend, kalt wie Münzen, ihre Lippen verpreßt, und die ganze Fahrt über fiel kein Wort. Von ihr keins der Klage, von mir keins des Trostes. Ich wußte, alles war falsch an der Situation, das Schweigen, das Fahren, das Weiterschweigen, das Anhalten und Weiterfahren an einer Kreuzung, und alles andere wäre auch falsch gewesen, das einzige, was richtig gewesen wäre, aber war völlig unmöglich und irrwitzig und unleistbar, es wäre gewesen, schlicht “Halt mal an” zu sagen, abzusteigen und H. wortlos in den Arm zu nehmen, damit sie endlich hätte weinen können. Diesen Schritt zu tun, dachte ich, hätte ich ein ganz anderer Mensch sein müssen, aber es ist auch das andere wahr, daß ich, hätte ich es getan, in diesem Moment ein ganz anderer Mensch geworden wäre.
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Trösten ist schwierig. Aber warum? Weil uns etwas von dem fremden Schmerz trennt, der nicht unserer ist. Mitgefühl ist eine Paradoxie. Es ist ein narratologisches Empfinden, ein Feuern von Spiegelneuronen, eine Phantasie. Selbst wenn wir selbst einmal einen ähnlichen Schmerz empfunden haben, jetzt fühlen wir ihn nicht. Und wenn doch, dann sind wir selbst des Trostes bedürftig.
War meine Mutter des Trostes — meines Trostes — bedürftig? Und was ist mit meinem Vater, dessen Mutter es doch war, die gestorben war? Und wie hätte ich Vierjähriger trösten können? Vielleicht tat ich es, ganz einfach, weil ich da, ihr gemeinsames Kind und am Leben war. Vielleicht mußte meine Mutter deshalb ins Kinderzimmer kommen und mich wecken, um sich des Lebendigen zu vergewissern, für das ich junges Leben stand, ein Unterpfand gegen die Vergänglichkeit, gegen die Negation, gegen die lebensfeindlichen Kräfte. Meine Mutter war damals Anfang zwanzig, und dieser Tod war der erste in ihrem Umfeld, unter ihren Lieben. Ihre eigenen Eltern sollten da noch über fünfzig Jahre leben. Sie hatte den Tod bislang nur als ein Phänomen kennengelernt, das Fremden (ihren Patienten) geschah. Es ist auch gut möglich, daß sie in dem Moment einfach Angst um mich hatte, ihren ersten Sohn (ob mein Bruder da schon geboren war, weiß ich nicht). In jedem Fall muß es ein Knacks gewesen sein, ein Begreifen, ein Erwachen in einer kälteren Welt, das in ihr vielleicht das Bedürfnis nach der schläfrigen Wärme ihres Kindes weckte.