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Eigentlich wollte ETH-Professor Kurt Wiesinger mit seiner Frau und den zwei kleinen Kindern in die wohlverdienten Sommerferien nach Braunwald fahren. Als er aber am 1. August 1914 auf der Zugsfahrt ins Glarnerland an jeder Brücke und jedem Tunneleingang bewaffnete Soldaten bemerkte, kehrte er schnurstracks nach Zürich zurück. Wiesinger war zwei Jahre zuvor aus Deutschland an die ETH berufen worden und rückte nun zum deutschen Heer ein.
Wiesinger als Leutnant der Landwehr hoch zu Ross, Kommandant des Divisions-Brücken-Train Nr. 18,
aufgenommen in Hamburg 1914 (Hochschularchiv der ETH Zürich, Hs 326:1, S. 41 verso)
Schon am 13. August 1914 erlebte Wiesinger seine Feuertaufe an der Westfront. Zwei Tage später wurde er bei der Belagerung der Festung Lüttich in Belgien verletzt und ins Hinterland versetzt. Im Januar 1915 kam er wieder an die Front, dieses Mal in Ostpreussen. Von diesem Kampfeinsatz trug Wiesinger psychische Schäden davon. Er berichtete selbst von Nervenschwäche, Appetitlosigkeit und Gedächtnislücken, die wiederholte Klinikaufenthalte nötig machten. Einigermassen wiederhergestellt, wurde er nach Berlin in die Daimler-Werke versetzt, wo er sein Fachwissen als Maschineningenieur beim Bau von Armeelastwagen einbringen konnte. Wiesinger sehnte sich jedoch auf seinen Lehrstuhl in der Schweiz zurück. Die Befreiung vom deutschen Militärdienst gelang ihm schliesslich 1916, so dass er an die ETH zurückkehren konnte.
Wiesinger war nicht der Einzige unter den 26 ETH-Professoren mit ausländischer Staatsbürgerschaft, der im Ersten Weltkrieg kämpfte. So setzte der Physiker Pierre Weiss (1865-1940) seine Fachkenntnisse im französischen Heer ein, indem er Schallmessgeräte zur Aufklärung von Artilleriestellungen baute. Der Mathematiker Hermann Weyl (1885-1955) kämpfte auf deutscher Seite als Infanterist an der Westfront, bis er 1916 dank Unterstützung der Hochschulleitung wieder auf seinen Posten an der ETH zurückkehren konnte. Auch der Agrikulturchemiker Georg Wiegner (1883-1936) kehrte 1916 nach Zürich zurück, nachdem er als deutscher Infanterieleutnant bei einem Sturmangriff auf englische Stellungen schwer verletzt worden war. Wenig später gelang auch Karl Kuhlmann, der 1915 nur ungern die ETH verlassen hatte, die Rückkehr auf seinen Lehrstuhl für Elektrotechnik.
Wiesinger als Oberleutnant der Landwehr mit seinen Kindern Senta (geb. 1911) und Klaus (geb. 1913),
aufgenommen in Berlin 1915 oder 1916 (Hochschularchiv der ETH Zürich, Hs 326:1, S. 45 verso)
Nach seiner Rückkehr nach Zürich engagierte sich Wiesinger in einer ganzen Reihe von Hilfsvereinen für deutsche Staatsangehörige, darunter der „Hilfsbund für deutsche Kriegerfürsorge“ oder auch der „Deutsche Kriegerbund Germania“. Seine betont deutschnationale (später auch antisemitische) Haltung war in Zürich nicht überall gern gesehen. Wiesinger erhielt anonyme Briefe, die ihn als unerwünschten Ausländer verunglimpften.
Ausschnitt aus Wiesingers Memoiren (Hochschularchiv der ETH Zürich, Hs 326:1, S. 56)
Auch an der ETH wurde Wiesinger zur Zielscheibe antideutscher Ressentiments. Er berichtet dazu in seinen Memoiren:
„Erwähnen möchte ich nur, dass kurz vor dem deutschen Zusammenbruch in meiner Hauptvorlesung auf der einen Schiebewandtafel, die zunächst durch die andere verdeckt war, beim Wechseln der Tafeln sich in grosser, etwa vier Meter langer Kreideschrift die Bemerkung ‚Espion allemand‘, zeigt. Als ich dies las, wischte ich es nicht fort, sondern tat so, als ob die Tafel sauber wäre und machte meine weiteren Angaben über diese Herausforderung hinweg. Sehr erstaunt hatte es mich immerhin, dass von den anwesenden über 50 Studierenden niemand daran Anstoss nahm, sondern alle eisig schwiegen.“ (S. 56)
Dass zur selben Zeit an der ETH auch etliche Franzosen studierten, die im Krieg verletzt und danach in der Schweiz interniert worden waren, mag zu dieser Episode beigetragen haben. Aber dazu mehr ein ander Mal.
Den Teil I dieser Serie über die ETH-Studenten und Professoren im Ersten Weltkrieg finden Sie hier.
Quellen:
Kurt Wiesinger (1879-1965) verfasste Memoiren unter dem Titel „Aus dem Leben eines Ingenieurs und Erfinders“, die im Hochschularchiv der ETH Zürich einsehbar sind. Zu Wiesingers politischer Haltung in den 1930er Jahren vgl. Peter Kamber: Geschichte zweier Leben – Wladimir Rosenbaum und Aline Valangin, Zürich 1990