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Akademische Resilienz
Autorin: Dr. des. Sabrina Lisi
Abstract:
Welche Erkenntnisse lassen sich aus der Analyse schulischer Selbstkonzeptprozesse für eine gerechtere Verteilung von Bildungschancen gewinnen?
Resilienz beschreibt ein Phänomen, wonach Personen trotz erheblicher Widrigkeiten eine positive Entwicklung durchlaufen (vgl. Garmezy, 1993). In Übereinstimmung mit der neueren Forschung verstehe ich Resilienz stärker als Entwicklungsergebnis eines gelungenen Anpassungsprozesses denn als Fähigkeit eines Individuums (vgl. Kalisch, 2017). Im Rahmen dieser entwicklungspsychologischen Auffassung bedeutet Resilienz, dass eine vulnerable Person trotz vieler Widrigkeiten, welche ihre Entwicklung beeinträchtigen, ein relativ gutes Leben führt (Rutter, 2001). Das Phänomen Resilienz ist also an das Konzept der Vulnerabilität und darin wiederum an den Risikobegriff gebunden (vgl. Kronig, 2007). In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit Resilienz und Vulnerabilität im Kontext von Bildung und Bildungssystemen, was in der angelsächsischen Forschung als "academic resilience" bezeichnet wird (vgl. Agasisti, Avvisati, Borgonovi, & Longobardi, 2018).
Ich arbeite zur Beantwortung meiner Leitfrage drei personaleRessourcen (schulisches Selbstkonzept, schulische Selbstwirksamkeitserwartungen und günstige Misserfolgsattributionen) und eine sozialeRessource (Lehrpersonen als Bezugspersonen) heraus, die Resilienzentwicklungen unterstützen und dazu beitragen, dass vulnerable Jugendliche in der Schule Widrigkeiten überwinden. Die modellierten Wirkzusammenhänge dieser vier Ressourcen fasse ich unter dem Begriff „schulische Selbstkonzeptprozesse“. Ich untersuche diese, indem ich schulische Selbstkonzeptprozesse von resilienten Jugendlichen (vulnerabel und sehr gute Noten in der 9. Klasse) mit denjenigen von anderen Jugendlichen, die entweder vulnerabel (tiefer SES, kein Deutsch zuhause), aber nicht resilient (ungenügende Noten in der 9. Klasse) oder gar nicht erst vulnerabel (hoher SES, Deutsch zuhause) sind, vergleiche. Daraus ergibt sich die Leitfrage: Welche Erkenntnisse lassen sich aus der Analyse schulischer Selbstkonzeptprozesse für eine gerechtere Verteilung von Bildungsressourcen gewinnen? Die dieser quantitativen Untersuchung zugrundeliegenden Daten stammen aus der ADDISCO-und der TIDES-Studie. Die Daten erlauben Einblick in psychologische Variablen, soziökonomische Verhältnisse, die zuhause gesprochene Sprache und Schulnoten.
Die Analyse des generierten Resilienzmodells, welches schulische Selbstkonzeptprozesse untersucht, ergab Folgendes: Für alle untersuchten Gruppen ergeben sich dieselben Modellparameter, das heisst wiederum, unerwartet keine resilienzspezifischen Effekte. Unabhängig der Vulnerabilität und Schulnoten wirken sich hohe schulische Selbstwirksamkeitserwartungen und selbstwertdienliche Misserfolgsattributionen günstig auf das schulische Selbstkonzept aus. Aber, die Beziehung zu den Lehrpersonen hat nur dann einen günstigen Effekt auf das schulische Selbstkonzept, wenn sie über die selbstwertdienliche Misserfolgsattribution vermittelt wird: Lehrpersonen können demnach durch eine konstruktive Feedback-Kultur gezielt positiv auf schulische Selbstkonzeptprozesse Einfluss nehmen, was insbesondere vulnerablen Jugendlichen hilft, vorhandenes Potenzial auszuschöpfen, wodurch die Chancengerechtigkeit verbessert wird.