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Vor fünf Jahren übernahm das Sozialarchiv das Archiv von «Sonos». Nun sind auch die umfangreichen audiovisuellen Bestände online zugänglich, insbesondere die Filme; hinzu kommen mehrere hundert neu erschlossene Fotos.
Sonos hat eine lange und bewegte Verbandsgeschichte. 1911 gründete der gehörlose Dichter und Journalist Eugen Sutermeister (1862-1931) den «Schweizerischen Taubstummenverein» und lancierte damit erste Bestrebungen, gehörlose Menschen schulisch und beruflich zu fördern, um ihnen ein selbständiges Leben zu ermöglichen. Aus dem Verein wurde später ein Verband, der nach mehrfachen Namensänderungen seit 2018 die Bezeichnung «Sonos – Schweizerischer Hörbehindertenverband» trägt (Näheres zum Archivbestand siehe SozialarchivInfo 2/2017).
Das Sonos-Archiv enthält fünf Filme, wobei noch nicht geklärt ist, ob tatsächlich alle Filme auf Initiative des Verbandes entstanden sind. Hinweise darauf fehlen sowohl auf den Verpackungsmaterialien als auch bei den Filmcredits. Ebenso existiert kein eigentliches Kontextmaterial beim Schriftgut wie etwa Drehbücher oder Unterlagen über die Entstehung oder Verbreitung der Filme.
Der älteste der überlieferten Filme entstand 1939 offenbar für die Landesausstellung und trägt den Titel «Taubstumme Kinder in der Anstalt und Berufslehre». In vier Kapiteln dokumentiert der Stummfilm wesentliche Aspekte einer zeitgenössischen gehörlosen Existenz. Zuerst durchlaufen die Zöglinge einer «Taubstummen-Anstalt» ihre Grundausbildung. Sie eignen sich die Lautsprache an und bereiten sich im Handfertigkeitsunterricht auf eine spätere Berufslehre vor. Der zweite Teil widmet sich dem Alltag im Heim, wo der Tag ab frühmorgens von steter Tätigkeit geprägt ist. Ein weiteres Kapitel widmet sich den Freizeit- und Sportaktivitäten von Gehörlosen. Den Abschluss bildet die Berufswahl und damit die «Erziehung zum tüchtigen Arbeiter».
20 Jahre später dreht die renommierte Produktionsfirma Condor-Film AG den Imagefilm «Unsichtbare Schranken» (1959). Deutlich spürbar werden die Emanzipationsbestrebungen der Nachkriegszeit: Fast durchgängig wählt der Filmkommentar jetzt die Selbstbezeichnung «gehörlos» anstelle des allmählich aus der Mode kommenden «taubstumm». Für Kinder im Vorschulalter steht ein Gehörlosen-Kindergarten zur Verfügung; um die Anliegen von Erwachsenen kümmert sich die speziell ausgebildete Fürsorgerin.
1973 entsteht der Film «Auch unsere Stimme soll gehört werden». Im Zentrum steht die Rolle der Sprache. Zum ersten Mal werden in einem Film gehörlose Menschen gezeigt, die sich mit der Gebärdensprache verständigen. An den Schulen war damals der lautsprachliche Unterricht immer noch die Norm, im zwischenmenschlichen Austausch zwischen Gehörlosen setzte sich jedoch die Gebärdensprache immer mehr durch.
Der Film «Ich bin gehörlos – verstehen Sie mich?» (1990) schliesslich setzt pionierhaft vieles von dem in die Tat um, was heute (fast) selbstverständlich ist. «Taubstumm» wird explizit als zu meidendes Wort gebrandmarkt und die Gebärdensprache wird als eigenständige Sprache etabliert, die auch von Hörenden gelernt werden kann und soll. Der Film ist untertitelt und erfüllt damit eine alte Forderung von Hörbehinderten. Ebenfalls vorgestellt werden Gehörlosen-Dolmetscher, damals noch ein Novum.
Der Archivbestand von Sonos im Sozialarchiv:
- Ar 621 Sonos, Schweizerischer Hörbehindertenverband (Schriftgut)
- F 5153 Sonos – Schweizerischer Verband für Gehörlosen- und Hörgeschädigten-Organisationen (Bildarchiv)
Siehe auch SozialarchivInfo 5/2019; der Bildbestand erfuhr nun nochmals eine wesentliche Erweiterung um Fotos aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
- F 9070 Sonos – Schweizerischer Verband für Gehörlosen- und Hörgeschädigten-Organisationen (Filmarchiv)
Sonos hat im Rahmen des Projekts «Schweizerisches Gehörlosenarchiv» in Zusammenarbeit mit der ETH auch die zwei wichtigsten Gehörlosen-Zeitschriften digitalisiert: Rund 30’000 Seiten von «Sonos» (inkl. seiner Vorgänger-Titel) und «Visuell plus» sind nun auf E-Periodica zugänglich.