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«Das Leben ist hart – aber ich habe keine Wahl.»
Von Peter Lüthi, Biovision
Hinter dem türkisfarbenen Vorhang hängt ein zweites Tuch im Dunkeln. Dahinter liegen auf dem nackten Boden ein paar Kartonfetzen und zwei abgewetzte Tücher. Das ist das Bett von Mery Nakode und ihren beiden Töchtern Paulina und Insina. Auch der vordere Raum der Wohnung ist praktisch leer: Ein paar Kochtöpfe und Geschirr am Boden, auf dem Fenstersims das Allernötigste für den Haushalt, und an der kahlen Wand drei Bogen beschriebenes Altpapier mit Kinderzeichnungen. Das ist alles.
In diesem verlassenen Militärgebäude im kenianischen Chumvi Yare, gewähren die Behörden Mery mit ihren beiden Kindern Unterschlupf, nachdem ihr Lehmhaus Opfer eines Sturms wurde. Sie will ihr eigenes Heim baldmöglichst wieder aufbauen. Aber das Projekt muss warten. Einstweilen ist Mery froh, wenn sie ihren Kindern täglich etwas zu essen besorgen kann.
Mery ist 22-jährig, ihre Tochter Paulina acht und Insina vier. Die Ältere geht zur Schule, die Kleine besucht den Kindergarten. «Meine Kinder müssen lernen, damit sie später selbständig durchkommen», sagt die junge Mutter. Sie selber durfte nicht zur Schule, ihre drei Schwestern und vier Brüder auch nicht. In ihrer Herkunftsfamilie wurden alle als Arbeitskräfte eingespannt. Mery musste als Drittjüngste die Ziegen hüten. Heute bereut sie sehr, dass ihr die Schule verwehrt blieb. Immerhin brachte sie sich selber Einiges bei. «Wenn es ums Geld geht, kann ich sehr gut rechnen», sagt sie und lacht, obwohl ihr sehr ernst ist dabei.
Mit fünfzehn war Mery von ihren Eltern an einen 22 Jahre älteren Mann verheiratet worden. «Ich war alles andere als glücklich», erinnert sie sich, «aber das ist nun mal Tradition bei uns.» Mery Nakode gehört den Turkana an, einem Volk von Pastoralisten in Kenia.
Ihr Mann arbeitet als Nachtwächter 20 Kilometer entfernt in der Stadt Isiolo und kommt nur übers Wochenende heim. Von den 8000 Kenia Shilling (ca. 73 CHF), die er monatlich verdient, übergibt er ihr jeweils ca. 5000. Dazu kommen 1500 KSH, die Mery als Köhlerin erwirtschaftet. Jeden Monat stellt sie drei Säcke Holzkohle her, die sie für je 500 KSH verkauft. Damit müssen sie durchkommen. «Das Geld ist sehr knapp, Nahrungsmittelhilfe erhalten wir nicht», sagt sie und fügt bitter an, dass sie manchmal die Mitbewohner des Dorfes um Unterstützung bitten muss. «Das Leben ist hart, aber ich habe keine Wahl.»
Mery wurde von ihrer Gemeinde als Teilnehmerin an dem von Biovision unterstützten Kamelprojekt in Chumvi Yare ausgewählt. «Ich hoffe sehr, dass meine Stute bald trächtig wird, damit wir Milch bekommen und mit der Weiterzucht beginnen können.» Doch das Tier hat noch eine andere Bedeutung für sie: «Ich bin sehr dankbar für das Kamel, denn es hat meinen Status in der Gesellschaft verbessert.»