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Als sein Lebensmittelpunkt noch in Karlsruhe lag, lebte Peter Sloterdijk in der schönsten Bücher-Höhle der Stadt. Alle Wände seiner Wohnung waren mit Bücherregalen verkleidet, mit Ausnahme von Badezimmer und Küche. Und in dieser Bibliothek konnte, wer lange suchte, auch ein paar Bände des Sozialphilosophen, Hayek-Schülers und «Schweizer-Monatshefte»-Autors Roland Baader finden. Ich weiss es, weil ich einmal zufällig darauf stiess. Und in einem von Baaders Büchern hat Sloterdijk eine Formulierung von Hayeks Lehrer Ludwig von Mises entdeckt, die er sich zu eigen machte. Von Mises sprach von «Halbsozialismus», Sloterdijk prägte den Ausdruck von «steuerstaatlich zugreifendem Semisozialismus auf eigentumswirtschaftlicher Grundlage», um die real existierenden fiskalischen Verhältnisse in Mitteleuropa zu beschreiben. Dieser Ausdruck hat unter Liberalen längst Kultstatus erlangt.
Aber so viel Sloterdijk von den Austrians hält, so sehr legt er den Finger in die Wunde ihrer theoretischen Defizite, sprich einer belastbaren Geldtheorie und einer überzeugenden Anthropologie unternehmerischen Handelns. Denn der unternehmerische Mensch spart nicht wie ein Geizkragen, um ein wenig Kapital zu bilden, das er dann investiert, wie die meisten Austrians glauben. Wäre es so, würden wir, wie Joseph Schumpeter einmal treffend schrieb, immer noch in der «Steinzeit» leben. Vielmehr verschuldet sich der Unternehmer massiv, womit er seine gesamte Existenz aufs Spiel setzt, und reitet – so wiederum Schumpeter, den Sloterdijk extensiv zitiert – «auf seinen Schulden» zum Erfolg. Der Unternehmertypus ist im Herzen ein Abenteurer – und hat also mit dem Philosophen mehr gemein, als es auf den ersten Blick scheint.
Der erfolgreiche Unternehmer ist mithin kein geiziger, sondern ein grosszügiger Mensch. Er hat verinnerlicht: Wer sät, der erntet. Wer gibt, dem wird noch mehr gegeben. Oder moderner: Er weiss, dass eine nach oben offene Upside nur durch eine furchterregende Downside zu haben ist. Was den Unternehmer antreibt – Schumpeter spricht vom Energiker, den er dem Hedoniker gegenüberstellt –, ist der Thymos, nicht der Eros. Und damit wären wir bei Sloterdijks äusserst fruchtbaren Anthropologie angelangt, die den Menschen als Wesen mit Doppelantrieb begreift.
Eros ist frei nach Platon das Begehren nach dem, was dem Menschen fehlt. Und weil ihm stets etwas mangelt – Geld, Energie, Ideen, Emotionen, Sex –, hält er nach dem Ausschau, was er nicht hat. Das Menschenwesen kompensiert ständig, es sublimiert, es ist tendenziell unglücklich, denn das Loch, das in ihm klafft, lässt sich nicht stopfen. Die ganze Erotik beruht auf dieser Idee: Ich will haben, was ich noch nicht habe. Eros meint also: Habenwollen, es meint Akkumulation, es meint Kalkulation, es meint – im Extremfall – Gier.
Thymos bezeichnet hingegen das Stolzzentrum der Seele und ist das Gegenstück zum Eros: nicht Habenwollen, sondern Gebenwollen. Der Mensch ist in dieser Sicht das luxurierende Wesen, das stets im Überfluss lebt. Es hat von allem zu viel: zu viele Ideen, zu viel Kraft, zu viel Können, zu viel Aktivität, zu viel Würde. Der thymotisch Angetriebene sucht Gelegenheiten, um seinen Überfluss auszuleben. Es geht ihm weniger um materiellen Besitz als um die mentale Bestätigung des eigenen Könnens. Thymos meint Lebensfreude, es meint Erfolg, Verausgabung und Aufopferung. Für dieses thymotische Wesen gilt mein Lieblings-Sloterdijk-Satz: Da-Sein heisst In-Form-Sein.
Die Theorien der Moderne – von einem verkürzten Liberalismus bis hin zur Psychoanalyse – sehen den Menschen primär als erotisches Wesen. Stichworte hier lauten: Eigeninteresse, Materialismus, Homo oeconomicus, Freiheit als Wahlfreiheit. Diese Theorien vergessen den Thymos, an den uns eben Peter Sloterdijk erinnert. Stichworte hier lauten: Selbstbehauptung statt Eigeninteresse, Würde statt Materialismus, Abenteurer statt Homo oeconomicus, Grosszügigkeit statt Wahlfreiheit.
Dieser Typus entstand in der Renaissance, und daran erinnert Sloterdijk in dieser wunderbaren Passage. Die Unternehmer sind die…