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Jung, Escher Briefe, Band 6, S. 9–10.
Prof. Dr. Joseph Jung
1Den Motor der wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Entwicklung der jungen
Schweiz nach 1848 stellte der von Alfred Escher 1852 massgeblich erwirkte Entscheid für den
privaten Eisenbahnbau dar. Denn der erbitterte Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen
Bahngesellschaften stiess weitere grundlegende Initiativen und Infrastrukturen an. Und
so bestimmte das Eisenbahnprojekt, die Schlüsselfrage des 19. Jahrhunderts, auch das Schicksal
der Schweiz. Die Situation erforderte Politiker mit Visionen, deren zukunftsgerichtete
Lösungen neue Horizonte erkennen liessen; Politiker mit Realitätssinn, die zu diagnostizieren
wussten, woran die Schweiz krankte, und die auch den Mut hatten, dem Land die richtige
Medizin zu verschreiben; Politiker, die dank einer starken Hausmacht in Regierung und Parlament
in der Lage waren, sich durchzusetzen, denn zur Durchsetzung grosser kantonaler wie
eidgenössischer Infrastrukturvorhaben brauchte es grundsätzliche Mehrheiten. Die Situation
erforderte Wirtschaftsführer, die bereit waren, sich in der Politik zu engagieren und sich für
das öffentliche Wohl aufzuopfern; Pioniere, die in der dynamischen Gründerzeit das Vorankommen
von Ideen und Projekten mehr gewichteten als betriebswirtschaftliche Überlegungen,
die Risikobereitschaft lebten, auch wenn als Konsequenz die finanziellen Probleme oftmals
nicht lange auf sich warten liessen. Die Situation erforderte Persönlichkeiten, die nach
Aufbruch drängten und den «Spirit of 48» atmeten. Das im jungen Bundesstaat noch wenig
ausgereifte rechtliche Regelwerk und das Fehlen direktdemokratischer Instrumente schufen
für die nach Fortschritt strebenden Kräfte geradezu ideale Bedingungen.1
2Die junge Schweiz bedurfte dieser dynamischen Phase der 1850/60er Jahre, der einzigen,
kurzen Periode in der Schweizer Geschichte von 1848 bis heute, die nicht auf der direkten,
sondern auf der repräsentativen Demokratie fusste. Erst dieses wirtschaftsliberale Zeitfenster
ermöglichte und ertrug die Ausnahmeerscheinung Alfred Escher. Und nur in diesem
Kontext ist das «System Escher» denkbar, das wichtige Ämter und Funktionen – Politik, Wirtschaft,
Wissenschaft – zusammenschloss, um den gewaltigen Herausforderungen, mit denen
sich die Schweiz konfrontiert sah, gewachsen zu sein. Für zwei Jahrzehnte wurde die Schweiz
zum Laboratorium des Fortschritts und für Escher zum Land der beinahe unbegrenzten Möglichkeiten.
Die Konzeption des Jahrhundertprojekts «Gotthardbahn» illustriert diesen weiten
Blick, der Baubeginn des Gotthardtunnels 1872 markiert so gesehen den Höhepunkt des
liberalen Bundesstaates – doch zugleich auch sein Ende.
3An der Spitze moderner, wirtschaftsliberaler Strömungen stehend, ist Escher die Personifikation
des fulminanten Aufbruchs zur modernen Schweiz. Escher war ein Macher und hinterliess
entsprechende Spuren. Er schreckte nicht davor zurück, grosse Projekte zielstrebig und
energisch anzugehen. In der Öffnung der Schweiz und im Bereitstellen von modernen Infrastrukturen
sah er eine für den jungen Bundesstaat existentielle Notwendigkeit. Gleichzeitig
musste die Schweiz aber ihren eigenständigen und neutralen Charakter bewahren. Escher war
ein Titan. Dabei wusste er seine Macht und seine Einflussmöglichkeiten gezielt einzusetzen.
Geschickt und ganz unbefangen liess er das Netzwerk seiner Beziehungen spielen und nützte
seine bis heute einzigartige Kumulation und Verflechtung von Machtpositionen und Ämtern.
Eschers Profil provozierte die von seinem System Ausgeschlossenen: Zukurzgekommene, Unzufriedene,
Personen mit anderen staatspolitischen Vorstellungen, darunter auch viele Kleingeister. In Zürich legten Eschers Gegner in den 1860er Jahren zu. Einzelne Bevölkerungsgruppen
hatten mehr als andere unter der sich verschlechternden Konjunktur zu leiden, andere
unter hygienisch-medizinischen Miseren und sozialer Not. Das Volk verlangte nach mehr Mitsprache.
Doch das System sah diese Zusammenhänge nicht und nahm die Warnsignale zu
wenig ernst. Und so zogen die Attacken gegen die liberale Hegemonie weitere Kreise. Von
Winterthur ausgehend, erfasste die demokratische Bewegung zusehends die Landschaft und
schliesslich die Kapitale. Aufgeputscht von Demagogen aller Art und berauscht von deren
Giftspritzen, wurde skandalisiert. Die Stunde des Pamphletisten Friedrich Locher
war gekommen.
In diesem Kontext war die repräsentative Demokratie à la longue nicht zu retten.
4In diesen wilden 1860er Jahren, als die Stürme der Opposition über Escher und sein
System einbrachen, stand die Schweiz am Scheideweg. Zwar hatte sie sich in den 1850er
Jahren aus dem Nichts an die Spitze der mit Eisenbahnverbindungen dichtest erschlossenen
Staaten Europas katapultiert, doch noch fehlte die Krönung, die Verbindung über oder durch
die Alpen. Ohne diese Nord-Süd-Verbindung drohte das Land ein weiteres Mal den Anschluss
an den internationalen Verkehr zu verlieren. Die Schweiz würde zu einem «von dem großen
Weltverkehr umgangenen und verlassenen Eilande herabsinken»2, wie dies Escher in den
autobiographischen Aufzeichnungen formulierte. In dieser Zeit nun, als er sich der grössten
Konfrontation mit den politischen Gegnern ausgesetzt sah, mobilisierte Escher zusätzliche
Kräfte und verhalf letztlich dem Gotthardprojekt zum Sieg über die andern Alpenbahnvorhaben.
Auf der Basis der internationalen Gotthardkonferenz von Bern (1869)
und der anschliessenden
staatspolitischen Verträge zwischen der Schweiz, Italien und dem Deutschen Reich
(1870/71) konnte die Gotthardbahn-Gesellschaft ihr grosses Vorhaben in Angriff nehmen.
Eine Glanztat Eschers war das Finanzierungsmodell
der konzipierten Gotthardeisenbahn,
grandios und nach heutigen Maßstäben unvorstellbar sein Wirken als operativer Chef der
Gotthardbahn-Gesellschaft (1871–1878).
5In einer Zeit, die nicht mehr die seine war und er durch die existentielle Krise der Nordostbahn-Gesellschaft zusätzlich gefordert war, setzte Escher mit dem Jahrhundertprojekt
«Gotthardbahn» seinem Lebenswerk die Krone auf. Nicht nur in Zürich und in anderen Kantonen,
auch auf Bundesebene hatten die Wirtschaftsliberalen ihre dominanten Stellungen
eingebüsst. «Wir werden immer weniger.»3 Tatsächlich: Eschers Erkenntnis von 1876, aus
dem Tod etlicher Weggefährten gewonnen, bekommt Symbolkraft. Escher war ein Relikt aus
einer anderen Welt geworden. Daran änderte nichts, dass er über alle diese Jahre hinweg als
Grossrat und Nationalrat vom Zürchervolk mit Spitzenergebnissen gewählt wurde – auch in
der Zeit der grössten politischen Konfrontation. Escher wurde zu einem Anachronismus. Denn
ausgerechnet in der direktdemokratisch gewordenen Schweiz mit der ihm fremden neuen
Bundesverfassung war ihm das Werk gelungen, mit dem er Weltgeschichte schrieb: die
Durchbrechung der Alpen auf dem Schienenweg. Das Gotthardprojekt, das Escher persönlich
auch zur grössten Niederlage und zur schmerzlichsten Enttäuschung seines Lebens geriet,
eröffnete den Beziehungen zwischen Italien, der Schweiz und Deutschland neue Möglichkeiten
und legte somit den Grundstein für das moderne Transitland Schweiz.
1
Vgl.
Jung, Projekt Schweiz.
2Autobiographische Aufzeichnungen Alfred Escher, zit.
Jung, Aufbruch, S. 1018.
3
Alfred Escher an Johann Heinrich Fierz, 8. Mai 1876.
© Alfred Escher-Stiftung
Alfred Escher-Stiftung, c/o Zentralbibliothek Zürich, Zähringerplatz 6, 8001 Zürich, Schweiz
Zitiervorschlag: Jung Joseph (Hrsg.), Digitale Briefedition Alfred Escher, Launch Juli 2015 (laufend aktualisiert), Zürich: Alfred Escher-Stiftung.
https://briefedition.alfred-escher.ch/kontexte/uberblickskommentare/Weltgeschichtliche_Groesse/