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Unser Mann auf Java: Das kurze unglückliche Leben des Zürcher Naturforschers Heinrich Zollinger
Stefan Ungricht
Vor 200 Jahren – wir schreiben das Jahr 1816, das unheilbringende Jahr ohne Sommer – war Heinrich Zollinger noch nicht geboren. Aber 1847 wird er als erster versuchen, den gefürchteten Vulkan Tambora zu bezwingen, der mit der verheerendsten historischen Vulkaneruption auf Erden dieses Klimaphänomen und die folgenden Hungersnöte verursacht hatte.
Vor 200 Jahren – wir schreiben das Jahr 1816, das unheilbringende Jahr ohne Sommer – war Heinrich Zollinger noch nicht geboren. Aber 1847 wird er als erster versuchen, den gefürchteten Vulkan Tambora zu bezwingen, der mit der verheerendsten historischen Vulkaneruption auf Erden dieses Klimaphänomen und die folgenden Hungersnöte verursacht hatte.
Geboren wird Heinrich Zollinger 1818 in Feuerthalen, im äussersten Norden des Kantons Zürich. Ab 1837 studiert er bei den damals führenden Botanikern Augustin-Pyramus de Candolle und dessen Sohn Alphonse in Genf, wo ihn aber Geldsorgen bereits nach zwei Semestern zur Aufgabe zwingen. Sein jugendlicher Wunsch Naturforscher in fernen Ländern zu werden, ist jedoch inzwischen zu einem festen Ziel gereift. Bei einem ersten längeren Aufenthalt auf Java, der indonesischen Hauptinsel – damals noch als Niederländisch-Indien unter Kolonialverwaltung – versucht er sich darum ab 1842 als Pflanzensammler (mit einer eigenen Aktiengesellschaft) im Dienste der grossen Herbarien Europas.
Faszination und Abscheu
Welche Rolle Zollinger als individueller Forscher und Akteur im niederländischen Kolonialsystem spielte ist die Kernfrage, um welche sich die Diplomarbeit von Urs Rohr an der Universität Zürich dreht. Seine detaillierte und doch sehr lesbare Abhandlung, die sich insbesondere auf die Tagebücher Zollingers stützt, zeigt einen mittellosen und darum abhängigen Schweizer, hin- und hergerissen zwischen Faszination und Abscheu für die exotische Inselwelt Indonesiens beziehungsweise deren Bevölkerung mit barbarischen Sitten auf der einen Seite und den ausbeuterischen Kolonialisten aus Europa auf der anderen Seite.
Im Jahr 1846 nimmt Zollinger am Feldzug der Holländer gegen Bali teil und wird im darauffolgenden Jahr vom General-Gouverneur auf die Kleinen Sunda-Inseln östlich von Java und Bali geschickt, wo er dann auf der Insel Sumbawa versucht, als Erster den Vulkan Tambora zu besteigen. Begleitet von 15 einheimischen Trägern erreicht Zollinger in nur zwei Tagen tatsächlich den Rand der riesigen Caldera und wird nach der Rückkehr im Sultanat als unerschrockener Held gefeiert. Sein hunderttägiger Aufenthalt auf Sumbawa sollte seine ergiebigste Reise im Archipel bleiben.
Erfolg und Scheitern
Wissenschaftlich war Zollinger auf den ersten Blick zwar sehr produktiv. So beschrieb er in Zusammenarbeit mit dem befreundeten Bündner Botaniker Alexander Moritzi zahlreiche für die Wissenschaft neue Pflanzenarten und sogar einige neue Gattungen. Ausserdem interessierte er sich neben der Botanik auch für die Vulkanologie, Ethnographie und Linguistik. Aber die bahnbrechenden Arbeiten zur Naturgeschichte der indonesischen Inselwelt verfasst von seinen berühmten Konkurrenten Franz Wilhelm Junghuhn aus Deutschland und Alfred Russel Wallace aus England waren international ungleich einflussreicher. Immerhin, der noch heute gebräuchliche biogeographische Begriff Malesiana für diese Inseln im Übergangsbereich von der Orientalis zur Australis geht auf eine Veröffentlichung Zollingers im zweiten Band der Vierteljahrsschrift unserer Gesellschaft zurück.
Zollinger kehrt 1848 in die Schweiz zurück, wird Seminardirektor in Küsnacht, heiratet und wird Vater. Doch die Tropen lassen ihn, wie viele nach ihm, nicht mehr los. Und nach einigen Jahren macht er sich mit Kind und Kegel auf zu einem zweiten Abenteuer in Indonesien, wo er sich nunmehr als Pflanzer auf einer Kokos-Plantage im Osten Javas beweisen will. Doch schon 1856 stirbt sein Sohn Heinrich an Dysenterie und 1859 erkrankt Zollinger selbst und stirbt schliesslich – wahrscheinlich als Spätfolge einer früheren Malaria-Infektion – im Alter von 41 Jahren. In der fernen Heimat wird ihm im Botanischen Garten von Zürich drei Jahre später mit einer Büste ein dauerhaftes Denkmal gesetzt—sein Grab auf Java ist längst in der tropischen Vegetation aufgegangen.
Verwendete Biographie
– Rohr, Urs (1993) Die Rolle des Forschers im kolonialen Prozess: Aufgezeigt am Wirken des Zürcher Naturalisten Heinrich Zollinger. Diplomarbeit am Geographischen Institut der Universität Zürich. 150 Seiten.
In unseren eigenen Seiten
Wanner, Hans (1984) Heinrich Zollinger: Ein Zürcher Schulmann als Naturforscher und Pflanzer in Indonesien—Sein Leben und seine Zeit. Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich. Band 186. 32 Seiten.
Weiterführende Informationen zum Vulkan Tambora
Weiterführende Informationen zum Jahr ohne Sommer
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