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Der niederländische Künstler Anton van Dyck (Antwerpen 1599-London 1641) ist nicht nur als Maler von aussergewöhnlichen und zum Teil überlebensgrossen Porträts in die Kunstgeschichte eingegangen. Er bleibt auch durch seine gedruckte Bildnisserie, die im 18. Jh. den Namen Iconographia erhielt, unvergessen.
Über 100 Porträts berühmter Zeitgenossen sollten schliesslich darin vereint werden. Über den Beweggrund, dieses ehrgeizige Projekt in Angriff zu nehmen, kann nur gerätselt werden.
Porträt von Erasmus von Rotterdam (1466–1536), 1630/33, Radierung von Anton van Dyck, Zustand NHD (New Hollstein Dutch) I/V „avant la lettre“
Van Dyck, der mit der Tradition der Künstlerbiographien und Porträtbücher bestens vertraut war, dürfte für sich im Medium der Druckgraphik die Möglichkeit erkannt haben, seine gefeierte Bildniskunst erfolgreich zu vermarkten. Vermutlich begann der Meister ab 1627, nach der Rückkehr von seiner sechsjährigen Italienstudienreise, das Projekt zu planen und radierte die ersten Porträts selbst. Nach dem er aber 1632 von König Charles I. von England zum Hofmaler ernannt wurde und nach London zog, lieferte er für alle weiteren Platten lediglich die Entwürfe und Skizzen und überliess die Ausarbeitung seinen Stechern.
Wem die Ehre zuteil wurde von van Dyck selbst in einer Radierung verewigt zu werden, hatte es wahrlich in den auserwählten Kreis des Meisters geschafft. Rund 18 Bildnisse soll er selbst geschaffen haben. So auch dieses Porträts des Erasmus von Rotterdam (1466-1536), das als einziges Bildnis der Iconographia keinen Zeitgenossen van Dycks zeigt. Erasmus von Rotterdam war auch noch im 17. Jahrhundert ein gerne gelesener Dichter und Philosoph der Renaissance. Sein gesellschaftskritisches Werk Lob der Torheit (1509) war auch noch damals in gebildeten Kreisen, zu denen sich auch Anton van Dyck zählte, sehr populär.
Als Vorlage diente van Dyck ein Gemälde, das Hans Holbein d. J. (ca. 1497-1543) im Jahre 1530 von dem berühmten Humanisten schuf (heute in der Galleria Nazionale in Parma). Auch wenn Holbein van Dyck zu dem Erasmus-Porträt angeregt hat, so darf dabei keinesfalls von einer Reproduktion oder Kopie gesprochen werden. Vielmehr darf man das Werk als geniale Variation auf das Thema bezeichnen, in der van Dycks ganz persönliche Handschrift erkennbar wird.
Die Druckgraphik dürfte für den Maler Neuland gewesen sein, hatte er doch auf dem Gebiet keine professionelle Ausbildung erhalten. Die schwarzen Flecken und Verunreinigungen am linken unteren Blattrand deuten auf seine etwas unbedarfte Handhabung der Platte hin. Auch wenn das Blatt den einen oder anderen Schönheitsfehler aufweist, ist es beispielhaft für van Dycks unverwechselbare Arbeitsweise: Besonders sorgfältig und genau arbeitet er das Antlitz aus, den Rest des Körpers deutet er lediglich mit einigen wenigen prägnanten Strichen an. Eben diesem spontanen, unfertigen Charakter verdankt das kleinformatigen Bildnis seine besondere Anziehungskraft.
Das Porträt des Erasmus von Rotterdam ist noch bis 28. Juni 2013 im Rahmen der aktuellen Ausstellung „Markante Köpfe. Anton van Dyck und sein illustrer Kreis im Portrait“ in der Graphischen Sammlung der ETH zu bewundern.