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蒲松齡 (in neuerer Transkription „Pu Songling“ – die von der Bibliothek von Babel verwendete Form „P’u Sung-Ling“ entstammt einer älteren, heute kaum mehr verwendeten Transkription-Methode, um chinesische Schriftzeichen (Laute) in unsere westlichen umzuwandeln) – Pu Songling also lebte von 1640 bis 1715 nach unserer Zeitrechnung und wurde zu seiner Zeit an seinem Ort der letzte Unsterbliche oder auch Quelle der Weisheit genannt. Es ranken sich viele Erzählungen um ihn. So ist er offenbar immer wieder daran gescheitert, die für eine Beamtenlaufbahn obligatorischen kaiserlichen Examen zu bestehen, weshalb er sein Leben in ärmlichen Verhältnissen als Wirt eines Teehauses verbrachte. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, literarisch tätig zu sein (wohl aber daran, die Früchte seiner literarischen Tätigkeit veröffentlichen zu können – es fehlte ihm dafür das Geld).
Eines der Werke, das wohl bekannteste, das wir seinem Versagen bei den Examen verdanken, nennt sich Seltsame Geschichten aus einem Gelehrtenzimmer und ist 1697 entstanden – man sagt, aus Erzählungen, die der Wirt seinen Gästen abgelauscht und abgeluchst hat. Immer wieder kommen in diesen Erzählungen Geister und Götter vor. Das war wohl auch der Grund für Jorge Luis Borges, eine Auswahl aus den Seltsamen Geschichten Pu Songlings in seine Bibliothek von Babel aufzunehmen. Die Geschichten galten in Pus Zeit als realistisch, was daran liegt, dass im Daoismus chinesischer Ausprägung solche die Natur beseelenden Geister als real galten.
Wir finden in Borges’ Auswahl aus Pus Geschichten immer wieder junge Männer, die von einem Geist gequält werden, aber auch welche, die von einem Gott bevorzugt werden. (Immer wieder übrigens auch junge Männer, die die vorgeschriebenen kaiserlichen Examen nicht bestanden – man darf sich fragen, warum der Autor für dieses Thema ein Faible hegte…) Diese Geister und Götter sind in einer Region zu Hause, die in meiner Ausgabe mit dem Wort Hölle übersetzt ist. Sie sind manchmal böse, manchmal hilfreich. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie nicht anders denken und handeln als gewöhnliche Menschen. Sie essen und trinken, ja betrinken, sich wie ihre menschlichen Gastgeber. Die Gemeinsamkeiten gehen so weit, dass sogar die Gesellschafts- oder Staatsform jener Hölle mit der menschlichen (chinesischen) identisch zu sein scheint. Selbst bestechliche Richter gibt es im Jenseits, und es gibt dieselbe oder eine ähnliche Beamtenhierarchie wie auf der Erde, im damaligen China, mit denselben Möglichkeiten für die Verstorbenen, in diese Hierarchie ein- und später darin aufzusteigen. Diese kleine Rache liess sich Pu nicht allerdings nehmen, dass Verstorbene, die zu Lebzeiten die Examen nicht geschafft hatten, nach ihrem Tod durchaus zu tüchtigen und hochgestellten Funktionären werden konnten.
Warum Borges den Geschichten Pu Songlings noch zwei kleine Geschichten anhängt, die er aus dem Traum der Roten Kammer von 曹雪芹 genommen hat, kann ich nicht sagen. (Auch hier: Meine Ausgabe der Bibliothek von Babel verwendet mit der Namensform „Tsao-Hsueh-Chin“ für den Autor, eine heute als veraltet geltende Transkription, die modernere wäre „Cáo Xuěqín“.) Dieser Roman gehört zu den vier großen Klassikern der chinesischen Literatur (dem einzigen, den ich (noch?) nicht gelesen habe) und ist runde 50 Jahre nach Pu Songlings Seltsamen Geschichten aus einem Gelehrtenzimmer entstanden. Da schon Pus kurze Geschichten immer wechselnde Protagonisten kennen, und das hier ebenso der Fall ist, auch die Beschreibung von Aussehen und Verhalten der agierenden Dämonen dieselbe, lässt sich für ein westliches Publikum nur auf Grund der zwei kurzen Ausschnitte kein Unterschied zwischen den Seltsamen Geschichten und dem Traum feststellen. (Obwohl, was die deutsche Version betrifft, die Texte sogar von verschiedenen Personen aus dem Chinesischen übersetzt worden sind.)
Für das ganze kleine Büchlein gilt also: Daoistische Satire auf damalige chinesische Verhältnisse, mit einem Hauch Humor und einem Hauch Exotik, sowie vielen seltsamen Dämonen. Wenig bis keine Erotik. Da auch allgemein menschliche Fehler der Satire unterworfen werden, auch heute noch, auch im europäischen Westen, durchaus mit Genuss lesbar. Auch wenn hin und wieder Köpfe abgeschlagen oder Bäuche aufgeschlitzt werden, sind es im Großen und Ganzen doch nette, kleine Gute-Nacht-Geschichten, da die chinesischen Geister und Götter zumindest auf uns Westliche so skurril wirken, dass sie uns keine Alpträume zu verursachen vermögen.