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Von Tom Gsteiger, Journalist und Dozent für Jazzgeschichte

I
Der Jazz hat eine rasante Entwicklung hinter sich. Der französische Musikwissenschafter André Hodeir hat aufgezeigt, wie der Jazz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine ähnliche musikalische Evolution durchlief, wie die abendländische Kunstmusik in den zehn Jahrhunderten davor. Gemäss dem britischen Historiker Eric Hobsbawm hat die «extraordinary expansion» des Jazz «practically no cultural parallel for speed and scope except the early expansion of Mohammedanism.» Die gesellschaftliche Bedeutung des Jazz hat sich ebenfalls mehrmals grundlegend geändert.
Wie Cathy Ogren in ihrer Studie «The Jazz Revolution: Twenties America and the Meaning of Jazz» zeigt, war der Jazz in seinen Anfängen tatsächlich ein Angriff auf die eurozentristische kulturelle Hegemonie. Mit einer plebejischen Geste warf er fast alles über den Haufen, was in der klassischen Musik hoch und heilig ist. Später sorgten dann bspw. Thelonious Monk, Ornette Coleman oder John Zorn mit dem «shock value» ihrer Musik dafür, dass es auch innerhalb der Jazzszene zu heftigen Kontroversen kam.
Heute sind wir mit einer Akademisierung der Jazzausbildung konfrontiert, die nicht mehr aufzuhalten scheint. In der Deutschschweiz ist die Integration der Jazzschulen in die Musikhochschulen besonders weit gediehen. Die einen sehen darin eine längst überfällige Aufwertung des Jazz und eine grosse Chance. Es gibt aber auch kritische Stimmen, die vor der endgültigen Domestizierung des Jazz warnen. Aufbruch oder Apotheose?
II
Die drei wichtigsten Jazzmusiker – Louis Armstrong, Duke Ellington, Charlie Parker – waren afro-amerikanische Autodidakten. Die rhythmischen, harmonisch-melodischen und klanglichen Innovationen dieser Visionäre kamen ohne (tiefgehende) Auseinandersetzung mit europäischen Einflüssen zustande. Ellington lehnte Angebote von Komponisten, ihm umsonst Unterricht zu geben, ab, weil er einen Verlust an Originalität befürchtete.
Der Jazz hat also eine eigene Tradition, eine eigene Ästhetik (dazu gehören u.a. ganz spezifische Instrumentaltechniken) und auch eine eigene Ethik. Daher darf sich die Jazzausbildung nicht an Modellen orientieren, die am Konservatorium entwickelt wurden, sondern muss den Mut haben, eigene Wege zu gehen.
Während Swing und Blues-Feeling manchmal nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle im Jazz spielen, ist die Improvisation omnipräsent, und zwar findet sie nicht nur als solistisches Komponieren in Echtzeit statt, sondern auch in Form kollektiver Interaktion. Martin Williams, verstorbener Doyen der amerikanischen Jazzkritik, schreibt:
«In all its styles, jazz involves some degree of collective ensemble improvisation, and in this it differs from Western music even at those times in its history when improvisation was required. The high degree of individuality, together with mutual respect and co-operation required in a jazz ensemble carry with them philosophical implications that are so exciting and far-reaching that one almost hesitates to contemplate them. It is as if jazz were saying to us that not only is far greater individuality possible to man than he has so far allowed himself, but that such individuality, far from being a threat to a co-operative social structure, can actually enhance society».
Für die Praxis lässt sich auch so ein wichtiger Wunsch ableiten, nämlich, dass die Jazzausbildung dem interaktiven, kollektiven Aspekt der Improvisation ebenso grosse Beachtung schenken sollte wie der individuellen solistischen Kompetenz.
Eine Schriftstellerin oder ein Komponist sind in der Regel froh, wenn sie ihre Werke in Ruhe und Abgeschiedenheit ausbrüten können. Ein Jazzmusiker braucht ebenfalls Phasen der Introspektion, doch um richtig aufzublühen, ist er auf den Kontakt zur «Jazz Community» angewiesen.
In gewisser Weise sind heutzutage die Jazzschulen ein Ersatz für die «Jazz Community». Es ist daher darauf zu achten, dass der spirit“ des Jazz an diesen Schulen in möglichst vielen, unterschiedlichen Formen präsent ist. So ist es unverzichtbar, dass an Jazzschulen auch Lehrer unterrichten, die selber als Performer tätig sind.
Die Auseinandersetzung mit der Jazzgeschichte gehört ebenfalls in dieses Kapitel. Dass es von fast allen herausragenden Jazzmusikern repräsentative Aufnahmen gibt, ist eine Herausforderung an das Aufnahme- und Differenzierungsvermögen der Studierenden. Diese Aufnahmen sind nicht tote Materie“: Wer sich ihnen im Wechsel von emphatischer Osmose und analytischer Decodierung nähert, wird mit Sicherheit mehr über das Geheimnis des Jazz erfahren, als jemand, der stundenlang Skalen und Licks übt.