Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03453.jsonl.gz/2880

Im vertrauten Umfeld zeigt das Kind keinerlei Auffälligkeiten in der Kommunikation und plaudert munter drauflos. Sobald jedoch Fremde zugegen sind, verstummt es vollständig. Dieses Verhalten wird als selektiver Mutismus bezeichnet. Warum kommt es dazu? Und wie können Eltern ihr Kind unterstützen?
Was ist selektiver Mutismus?
Das lateinische Adjektiv "mutus", das im Begriff "Mutismus" steckt, bedeutet "stumm" oder "sprachlos". Kinder, die von einem selektiven Mutismus betroffen sind, sind jedoch weder das eine noch das andere. Sie sprechen allerdings nur dort, wo sie sich gut aufgehoben und sicher fühlen. Gegenüber Fremden oder ausserhalb ihres vertrauten Umfelds schweigen sie beharrlich. Darum wird der Mutismus als selektiv (oder elektiv) bezeichnet. Betroffen sind meist Kinder im Vorschul- oder Primarschulalter, Mädchen deutlich häufiger als Jungen. In seltenen Fällen hält die Störung bis ins Jugend- und Erwachsenenalter an.
Selektiver Mutismus kann unterschiedlich ausgeprägt sein. So spricht das eine Kind daheim mit Eltern und Geschwistern vollkommen unbeschwert, schweigt jedoch, sobald es das Haus verlässt. Ein anderes spricht mit ihm vertrauten Personen auch ausserhalb des Hauses, verstummt hingegen, sobald eine ihm fremde Person hinzukommt und verschliesst sich komplett, wenn es sich in einer wenig bekannten Umgebung befindet. Wieder ein anderes schweigt in der Kindergruppe zwar weitgehend, kommuniziert aber mit einzelnen "Gspänli" flüsternd.
Welche Anzeichen deuten auf selektiven Mutismus hin?
Dass ein Kind in einem ihm unbekannten Umfeld schüchtern ist, die Lage beobachtet und schweigt, ist zunächst einmal nicht ungewöhnlich. Selektiver Mutismus geht jedoch klar über diese anfängliche Schüchternheit hinaus. Für Eltern ist es oft schwierig, das Problem zu erkennen, da ihr Kind zu Hause meistens keinerlei Schwierigkeiten mit der Kommunikation zeigt und sich lebhaft mit den anderen Familienmitgliedern unterhält. Die Auffälligkeiten machen sich vielfach erst beim Eintritt in eine Spielgruppe, in den Kindergarten oder in die Schule bemerkbar. Oft sind es Rückmeldungen von Betreuungs- und Lehrpersonen, die Eltern hellhörig werden lassen. Die folgenden Verhaltensweisen können Hinweise auf selektiven Mutismus sein:
Das beharrliche Schweigen hält länger als einen Monat an und beschränkt sich nicht auf den ersten Monat nach Kindergarten- oder Schulbeginn. Auch nachdem das Kind ausreichend Gelegenheit hatte, sich um neuen Umfeld einzuleben, schweigt es weiterhin konsequent. Es zeigt sich keine Entwicklung hin zu einem etwas entspannteren Verhalten.
Das Kind schweigt nur in bestimmten Situationen oder gegenüber bestimmten Personen, also z. B. in der Schule oder wenn ihm fremden Personen zu Besuch kommen.
Das Kind scheint zu versteinern, wenn es angesprochen wird, eine Antwort geben oder vor anderen sprechen sollte. Es meidet den Blickkontakt, wirkt verkrampft und hat einen starren Gesichtsausdruck. Möglicherweise wird es von seinem Umfeld als störrisch und abweisend wahrgenommen. Das Schweigen wird als Ausdruck von Trotz missverstanden.
Begrüssen, Verabschieden und Danke sagen fallen dem Kind ausgesprochen schwer, auch dann noch, wenn es bereits viele Gelegenheiten gehabt hätte, dies einzuüben.
Wenn das Kind vom Kindergarten oder von der Schule nach Hause kommt, redet es nahezu unablässig, als ob es einen Nachholbedarf hätte.
Manche Kinder sprechen im Kindergarten oder in der Schule zwar nicht, signalisieren durch Mimik, Gestik und Handlungen jedoch, dass sie mitmachen wollen und kommunizieren auf diese Weise auch mit ihrem Umfeld. Dies vor allem dann, wenn sie sich nicht beobachtet fühlen. Grössere Kinder teilen sich zuweilen gerne schriftlich mit.
Bei anderen Kindern ist das Schweigen so ausgeprägt, dass sie auch Geräusche zu vermeiden versuchen. So lacht beispielsweise ein betroffenes Kind im Kindergarten nie laut, bemüht sich sehr darum, möglichst geräuschlos zu husten oder zu niesen und macht beim Spielen keine begleitenden Geräusche wie z. B. "brumm brumm", wenn es mit einem Lastwagen spielt.
Welche Ursachen stecken hinter dem Schweigen?
Es gibt nicht die eine Ursache, warum ein Kind in bestimmten Situationen nicht spricht. Meist spielen verschiedene Faktoren zusammen. Betroffene Kinder sind in der Regel ängstlich und schüchtern. Fachleute gehen davon aus, dass dies zum Teil erblich bedingt ist. Doch nicht nur die Veranlagung, sondern auch das Vorbild von anderen Familienmitgliedern kann eine wichtige Rolle spielen. Treten Eltern und Geschwister ebenfalls sehr schüchtern und zurückhaltend auf, hat dies einen prägenden Einfluss darauf, wie das Kind sich im Umgang mit anderen verhält.
Das Entstehen eines selektiven Mutismus wird durch weitere Faktoren begünstigt.
Eher ängstliche Kinder empfinden Übergänge und Veränderungen als beunruhigend und bedrohlich: Die vielen Kinder im Kindergarten, die neue Umgebung nach einem Schulhauswechsel, eine unbekannte Sprache und ungewohnte Bräuche nach einem Umzug in ein fremdes Land. Oft steckt hinter dem schweigsamen Verhalten die Angst, nicht dazuzugehören, etwas "falsch" zu machen oder ausgelacht zu werden, weil man etwas "Dummes" gesagt hat.
Lebt eine Familie sozial isoliert, kann dies bei einem Kind ebenfalls dazu führen, dass es sich nicht zugehörig fühlt und deshalb in die Rolle des stummen Beobachters schlüpft.
Verunsichernde Begegnungen können sich bei ängstlichen Kindern nachhaltig auf das Verhalten auswirken: Der etwas forsche Nachbar, der es zwar nie böse meint, aber sich halt trotzdem öfter mal im Ton vergreift; die entnervte Lehrerin, die der ganzen Gruppe eine laute Standpauke hält, obschon nur einige Frechdachse über die Stränge gehauen haben; die grossen Schülerinnen auf dem Pausenplatz, die immer so schlagfertig und selbstbewusst wirken. Manche Kinder ziehen aus solchen Erfahrungen den Schluss, dass es besser ist, sich still und unauffällig zu verhalten, um nicht plötzlich ungewollt zur Zielscheibe zu werden.
Der selektive Mutismus tritt auch im Zusammenhang mit Sprech- oder Sprachstörungen auf. So erlebt beispielsweise ein Kind, das stottert, dass es von Fremden schlecht verstanden wird. Es spricht daher lieber nicht mehr und hat so natürlich auch weniger Möglichkeiten, seine Sprachfertigkeiten zu trainieren und zu verbessern.
Mutismus kann in Verbindung mit einer sozialen Angststörung stehen. Diese kann sowohl Ursache als auch Folge des beharrlichen Schweigens sein.
Was auch immer der Auslöser des selektiven Mutismus sein mag, einen Punkt sollten sich Erwachsene immer wieder in Erinnerung rufen, wenn ein Kind nicht redet: Es tut dies nicht aus Trotz oder Lust an der Provokation. Es möchte sprechen, kann dies jedoch unter bestimmten Bedingungen einfach nicht. Es in einem solchen Moment zum Reden zu drängen, verschlimmert das Problem nur. Einmal mehr fühlt sich das Kind, als hätte es versagt, weil es nicht die Worte über die Lippen bringt, die man von ihm erwartet.
Was tun, wenn das Kind Anzeichen von Mutismus zeigt?
Der Grossteil der betroffenen Kinder legt das Schweigen im Laufe der Entwicklung ab - die einen ganz von selbst, die anderen mithilfe einer Therapie. Tatsache ist jedoch auch, dass sich das schweigsame Verhalten verfestigen kann, je länger es anhält. Vermeidet das Kind nicht nur das Sprechen, sondern mit der Zeit auch neue Situationen, weil es die Begegnung mit anderen fürchtet, wird es in seinen Erfahrungen stark eingeschränkt. Es erlebt dann immer seltener, dass sich die Furcht vor dem Sprechen überwinden lässt. Das konsequente Schweigen erschwert nicht nur die Beziehungen zu den Mitmenschen, es wirkt sich auch auf die schulischen Leistungen aus, da die mündliche Teilnahme am Unterricht kaum möglich ist. Es ist daher wichtig, das Kind mit seinem Schweigen nicht einfach alleine zu lassen.
Zeigt Ihr Kind Anzeichen von selektivem Mutismus und bleiben diese auch nach der Eingewöhnungszeit an einem neuen Ort bestehen, sollten Sie das Thema beim Kinderarztbesuch ansprechen. Damit ihm gezielt geholfen werden kann, müssen die möglichen Ursachen für sein Schweigen ausgemacht werden. Warum es schweigt, lässt sich natürlich längst nicht in jedem Fall zweifelsfrei feststellen und oft gibt es mehrere mögliche Gründe. Aus den Beobachtungen von Eltern und Betreuungspersonen sowie dem Verhalten des Kindes lassen sich aber doch hilfreiche Hinweise finden. Wichtig ist zudem eine allgemeine Untersuchung der kindlichen Entwicklung, damit Entwicklungsstörungen wie z. B. Autismus ausgeschlossen werden können. Ein zentraler Unterschied: Bei einem autistischen Kind machen sich die Auffälligkeiten auch zu Hause bemerkbar, während ein Kind mit selektivem Mutismus im vertrauten Umfeld ohne Schwierigkeiten kommuniziert.
Die Art der Unterstützung richtet sich nach den möglichen Ursachen. Bei einem kleineren Kind, dessen schweigendes Verhalten sich noch nicht verfestigt hat, reicht oft schon die liebevolle und aufmerksame Begleitung durch Eltern und Betreuungspersonen. Spricht ein Kind nicht, weil es die Landessprache noch nicht beherrscht, ist ihm mit Sprachunterricht und Unterstützung bei der Integration am besten gedient. Fühlt es sich in der Kindergruppe unsicher, kann eine Psychomotorik-Therapie oder eine Spieltherapie in kleinen Gruppen dem Kind helfen, die Kommunikation mit anderen zu erlernen. Steht das Schweigen im Zusammenhang mit einer Sprech- oder Sprachstörung, ist eine logopädische Behandlung angezeigt. Liegt dem Mutismus eine Angststörung zugrunde, benötigt das Kind eine psychotherapeutische Begleitung. Zuweilen braucht es auch die Zusammenarbeit von verschiedenen Fachpersonen, weil mehrere Faktoren das Verhalten des Kindes gleichermassen beeinflussen.
Wie können Eltern ihr Kind unterstützen?
Wenn ein Kind ausser Hause beharrlich schweigt, belastet dies auch die Eltern. Zum einen, weil sie mit ihm mitleiden. Zum anderen, weil sie sich schnell einmal dem Vorwurf ausgesetzt sehen, sie hätten es "falsch erzogen". Dadurch geraten auch sie unter Druck, wenn das Kind mit Erwartungen konfrontiert wird, denen es nicht genügen kann. Da kann es schnell einmal passieren, dass einer Mutter oder einem Vater rausrutscht: "Nun sag schon Danke! Ist doch nicht so schwer!" Und schon fällt es dem Kind bei der nächsten Gelegenheit noch schwerer, etwas zu sagen ...
Damit dies nicht geschieht, ist es ganz wichtig, Druck wegzunehmen. Informieren Sie die Menschen in Ihrem Umfeld über die Schwierigkeiten Ihres Kindes. Diese können dann einfühlsamer reagieren, wenn es auf einen freundlichen Gruss oder eine Frage mit beharrlichem Schweigen reagiert. Auch Sie selbst fühlen sich so weniger dazu gedrängt, es zum Reden zu bewegen. Rufen Sie sich zudem immer wieder in Erinnerung: Das Verhalten Ihres Kindes richtet sich nicht gegen Sie oder gegen andere Personen. Das hilft Ihnen, solche Situationen gelassener zu nehmen.
Drängen Sie Ihr Kind nicht dazu, dem Nachbarn "lieb Grüezi zu sagen", der Lehrerin zu erzählen, was es am Sonntag im Zoo erlebt hat oder im Kindergarten einfach mal auf die anderen Kinder zuzugehen. Es hat sich wohl schon unzählige Mal ausgemalt, wie mutig es bei der nächsten Gelegenheit solche Situationen meistern wird - und hat dann doch wieder kein Wort über die Lippen gebracht, als es ernst galt. Suchen Sie besser nach Wegen, wie es trotz seiner Schwierigkeiten mit seinem Umfeld in Kontakt treten kann. Könnte es den Nachbarn auch mit einer freundlichen Geste begrüssen, solange ihm die Worte dazu fehlen? Möchte es der Lehrerin das Stoffzebra zeigen, das es im Zoo bekommen hat, um ihr auf diese Weise mitzuteilen, was es am Wochenende erlebt hat? Fällt es ihm leichter, mit Ihrer Hilfe ein Kind aus dem Kindergarten nach Hause einzuladen, damit es ihm vertrauten Umfeld mit ihm spielen kann?
Vermutlich schätzt es Ihr Kind gar nicht, in einer Gruppe im Mittelpunkt zu stehen. Stille Tätigkeiten in kleiner Runde wird es daher vorziehen. Erwachsene sollten jedoch gut darauf achten, dass es nicht an den Rand gedrängt wird. Um sich in Gruppenaktivitäten einbringen zu können, braucht es die Unterstützung von Betreuungs- und Lehrpersonen. Bestimmt gibt es wichtige Aufgaben, die es übernehmen kann, ohne dabei zu sprechen. So könnte es beispielsweise in einer Gruppenarbeit das Plakat schön gestalten. Auf diese Weise bekommt es die Gelegenheit, sich aktiv zu beteiligen.
Bei allen Bemühungen ist eines wichtig: Das Sprechen lässt sich nicht erzwingen. Den Schritt, das Schweigen zu brechen, muss das Kind selber tun. Sie können es geduldig begleiten. Sie können es immer wieder sanft aus der Reserve locken, damit es sich nicht angewöhnt, herausfordernden Situationen aus dem Weg zu gehen. Sie können sich dafür einsetzen, dass es die fachliche Unterstützung bekommt, die es braucht. Und Sie können im Alltag vermehrt Aktivitäten einplanen, bei denen es Ihrem Kind leichter fällt, mit anderen in Kontakt zu treten - ob mit Worten oder ohne.