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1922 eröffnete in Leysin ein Tuberkulose-Sanatorium, dessen laufender Betrieb sich aus jährlichen Beiträgen aller schweizerischen Studierenden, Privatdozenten und Professoren finanzierte.
"Le 2 octobre 1922, nous arrivait, porté sur une civière, notre premier malade, élève de l’Ecole polytechnique fédérale." Für den Arzt Louis Vauthier, Initiator und spiritus rector des Projektes, war die Ankunft des ersten Patienten ein bewegender Moment. Das in Form einer Stiftung organisierte Sanatorium wurde von ihm als "rapprochement national", als nationale Annäherung zwischen den deutschschweizerischen und westschweizerischen Universitäten begrüsst (Le sanatorium universitaire 1923, 1). In der Schweiz waren in den ersten dreissig Jahren des 20. Jahrhunderts immer noch zwischen 12 und 15 Prozent aller Todesfälle durch Tuberkulose verursacht (Senti/Pfister 1946, 139). Die Idee der von allen Hochschulen gemeinsam getragenen Stiftung war es, Hochschulangehörigen mit heilbarer Tuberkulose einen verbilligten Kuraufenthalt zu ermöglichen. Alle Studierenden und Privatdozenten zahlten obligatorisch 10 Franken, die Professoren 20 Franken im Jahr in den Stiftungsfonds ein. So konnte der Tagessatz für Kost, Logis und Behandlung mit 6,50 Franken sehr günstig angeboten werden konnte.

||Mit dem Sanatorium für "Geistesarbeiter", das auf 1450 Metern Höhe in den waadtländischen Alpen lag, verband sich eine weitere Absicht. Den Studenten und Professoren sollte die Teilnahme am akademischen Alltag auch während ihres Kuraufenthalts möglich sein, handelte es sich in der Regel doch um sehr lange Absenzzeiten von den regulären Lehr- und Studienorten.|
Thomas Mann beschrieb in seinem Roman "Der Zauberberg" von 1924 eindrücklich, was offenbar allgemein bekannt war: Im Kurbetrieb der Bergstationen herrschte zuweilen eine seltsam unwirkliche Atmosphäre. Die Patientinnen und Patienten liefen Gefahr, sich in medizinische Selbstbeobachtung zu vertiefen und darüber pflichtvergessen der Zeitlosigkeit zu verfallen. "Man ändert seine Begriffe", warnte der lungenkranke Joachim Ziemssen im Roman seinen Vetter Hans Castorp, den angehenden Ingenieur und berühmtesten aller Gäste in Schweizer Sanatorien, bei dessen Ankunft in Davos. Diesem Wirklichkeitsverlust wollte das Universitätssanatorium vorbeugen. Um die Verbindung zu der im Zauberberg "Flachland" genannten Arbeits- und Lebenswelt nicht zu verlieren, hatten die Kranken vor der Abreise nach Leysin einige Vorkehrungen zu treffen.
"Unterlassen Sie es nicht, Ihre Studien- und Wörterbücher mitzubringen (wenn Sie sie nicht alle brauchen, können Ihre Kameraden Nutzen davon haben), ebenso wie Ihr Mikroskop und ihre Sammlungen mikroskopischer Präparate, falls Sie Studierender der Naturwissenschaften oder der Medizin sind. Falls Sie sich mit Malerei, Musik oder Photographie beschäftigen, so bringen Sie ja das Nötige mit, um diese Künste, welche (Ausnahmefall vorbehalten) gestattet werden, pflegen zu können. Falls Sie einer studentischen Verbindung angehören, bringen Sie ja Ihre Mützen und Abzeichen mit.
Fragen Sie die Professoren, auf die Sie in der gegenwärtigen Periode Ihrer Studien besonders angewiesen sind, wie Sie am zweckmässigsten Ihren Aufenthalt im Sanatorium gestalten können. Bitten Sie einen oder zwei unter ihnen, während Ihres Fernseins von der Hochschule Ihr steter Begleiter zu sein."

Der Sanatoriumsleiter Vauthier wollte den Genesungsprozess so produktiv wie möglich gestalten. Das Stiftungsratsmitglied Francis de Quervain aus Bern, ebenfalls Mediziner, sah in dem Konzept "eine Wohltat für den während seiner Studien tuberkulös erkrankten akademischen Bürger" (de Quervain 1927). Natürlich solle die Kur, so de Quervain, Hauptzweck sein und das Studium ein fakultativer, allerdings "für das geistige Gesundbleiben" wichtiger Nebenzweck. Vauthier hatte freilich eine echte "thérapie par l’intelligence", "une sorte de noothérapie" im Sinn (Le sanatorium universitaire 1923, 15). Er verteilte die Studienzeiten individuell dosiert, weil er meinte, damit eine zugleich stärkende und beruhigende Wirkung zu erzielen. Sogar ruhelose Neurastheniker und notorische Faulpelze liessen sich nach Vauthiers Bericht vom arbeitsamen Rhythmus des Sanatoriums anstecken.

Vauthier hatte es geschafft, einen interbibliothekarischen Leihverkehr mit allen Universitätsbibliotheken zu etablieren und organisierte immer wieder Vortragsreihen und Seminare mit Wissenschaftlern, Professoren, Künstlern oder Schriftstellern. Auf der geräumigen Sanatoriumsgalerie wurden Diskussionsnachmittage und Vorlesungen veranstaltet und das Verfassen von Abschlussarbeiten oder Prüfungsvorbereitungen war ausdrücklich erwünscht: Im ersten Jahr wurden drei Dissertationen geschrieben sowie fünf Dissertationen und drei Prüfungen vorbereitet.
Vauthier pflegte das Klischee der besonderen Sensibilität von Intellektuellen: besonders anfällig für Neurasthenie - "la neurasthénie qui guette si souvent les représentants de la classe intellectuelle" - aber durch die doppelte Schwächung nach einer TBC-Infektion mit einem umso empfänglicheren und kreativeren Geist gesegnet. So glaubte er wohl daran, dass ein wissenschaftlich gut ausgestattetes Sanatorium ein privilegierter Ort des Lernens und Schaffens werden könnte.
Die Hausordnung verbot im Wissen um die Tröpfcheninfektion den Kranken strengstens, "in ihre Taschentücher, in die closets und die Wascheinrichtungen oder auf den Boden zu spucken" (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 562:23, Sanatorium Universitaire International de Leysin, Hausordnung). Die Spucknäpfe der Patienten wurden jeden Abend sterilisiert und die ausgeliehenen Bücher vor Rückgabe desinfiziert. Auch Kochs Heilmittel gegen Tuberkulose, das Tuberkulin, kam zur Anwendung, doch wagte Vauthier ein Jahr nach der Eröffnung noch keine Bilanz - therapeutisch sollte Tuberkulin ohne grosse Wirkung bleiben.
Im ersten Betriebsjahr nahm das Sanatorium 32 Patienten auf. Ende der 1920er-Jahre waren ein Ausbau von 40 auf über 200 Betten und die Internationalisierung des Angebots geplant, ökonomisch erwiesen sich diese Pläne aber als Illusion. Während sich Studentenschaft und Stiftungsrat anfangs für Vauthier begeisterten, schlug die Stimmung Ende der 1930er-Jahre um. Vauthier wurde die medizinische und wirtschaftliche Leitung des Hauses entzogen. Er blieb jedoch der ideelle Mentor des stark mit seiner Person verknüpften Projektes. Der Ruf des Hauses hatte indes gelitten, trotz grosser finanzieller Vergünstigungen liessen sich 1954 nur knapp die Hälfte der an Tuberkulose erkrankten Studierenden im universitätseigenen Sanatorium behandeln. Auch der allgemeine Rückgang an Tuberkulosefällen brachte es mit sich, dass Betten immer häufiger leer standen. 1961 wurde das Sanatorium endgültig geschlossen.
Andrea Westermann