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Bei ihren ersten Kontakten mit den Nicht-Indios in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, nannten die Tupari-Indios die Weissen “Tarüpa“ – schlechte Geister, weil sie Krankheiten einschleppten und ihnen noch andere Probleme bescherten. Die Tupari teilten sich mit anderen eingeborenen Völkern Rondônias eine historische Kontaktaufnahme, die zuerst von ihrer Ausbeutung und Enteignung durch Latexsammler geprägt war, und ab der 1980er Jahre auch von Holzfällern und Goldschürfern. In den letzten Jahren versuchen die Tupari dieses Bild umzukehren, zusammen mit anderen eingeborenen Völkern dieser Region kämpfen sie gegen die Errichtung von Staudämmen im Rio Branco.
Tupari

Andere Namen: unbekannt

Sprachfamilie: Tupari
Population: 517 (2010)
Region: Bundesstaat Rondônia
|INHALTSVERZEICHNIS

Lebensraum und Bevölkerung
Geschichte des Erstkontakts
Die Tupari und die offiziellen Indio-Schutzorgane
Produktive Aktivitäten
Extrativismus und die Barracões
Lebensweise
Kosmologie
Die Welt der Toten
Rituale
Weibliche Initiation
Chicha-Feste
Schamanismus
Nach einer Aufstellung der NGO Kanindé befanden sich im Jahr 2005 insgesamt 329 Tupari im Indio-Territorium (IT) Rio Branco, gelegen im Munizip von Costa Marques, im Bundesstaat Rondônia. Dort leben auch die “Makurap, Arikapu, Kanoê, Aikanã, Aruá“ und die “Djeoromitxí“.
Nach Erhebungen der FUNAI gab es im Jahr 2005 im Indio-Territorium Rio Guaporé 49 Tupari-Indios, verteilt auf sieben Familien – dort leben auch Gruppen der “Wajuru, Aikanã, Aruá, Kanoê, Wari, Makurap, Mequém, Arikapu“ und der “Djeoromitxí“. Dieses IT befindet sich im Munizip von Guarajá-Mirim, im Bundesstaat Rondônia.
Es gibt Schätzungen, die sich auf zirka 3.000 Tupari zu Beginn des 20. Jahrhunderts belaufen. Der Ethnologe Franz Caspar nahm an, dass sie dem weissen Mann zum ersten Mal während der 1920er Jahre begegneten. Seither hielten sie einen dauernden Kontakt mit Latexsammlern und anderen Nicht-Indios aufrecht. Der erste Ethnologe, der sie zu Gesicht bekam, war Snethlage (1943), als er nur noch 250 Individuen vorfand. Caspar registrierte dann 200 im Jahr 1948 und bei seinem zweiten Besuch im Jahr 1955 (nach einer Masernepidemie), nur noch 66.
Wie dieser Zeitzeuge hervorhebt, war die Anwesenheit der Latexsammler, Gummibarone und anderer Weisser in jener Epoche bereits unumgänglich, und die schleppten Krankheiten in den indigenen Dörfern ein und betrogen die gutgläubigen Eingeborenen beim Tauschhandel. Registriert von Caspar wurde auch die Rolle der Makurap-Indios als erste und einzige Dolmetscher zwischen Tupari und den Weissen. Caspar kommentiert, dass die Makurap-Sprache sich in der Region als Umgangssprache entwickelte, die von der Mehrheit der anderen indigenen Gruppen beherrscht wurde. Der Ethnologe hebt auch hervor, dass der Kontakt der Tupari mit den Nicht-Indios öfter unterbrochen wurde. Die Indios machten Besuche in den Camps und boten sich als Arbeiter an im Tausch gegen Beile, Messer, Kleidung, Salz und Tabak, dann waren sie plötzlich zwei bis drei Jahre verschwunden. São Luís, das dem Dorf der Tupari nächst gelegene Camp, befand sich acht oder neun Tage zu Fuss entfernt.
Es ist wahrscheinlich, dass das erste Latex-Camp der Region am Rio Branco stand, in der Nähe des Rio Guaporé, im Jahr 1910. Ein Deutscher eröffnete eine andere Latex-Sammelstelle am Rio Colorado im Jahr 1912. Das nächste Camp war das der nordamerikanischen “Guaporé Rubber Company“ in Paulo Saldanha (1927). Unter Mitarbeit von Ex-Beamten des SPI (Indianerschutz-Organisation) entstand 1934 ein weiteres Sammellager für Latex in São Luís – das wurde 1980 in den Indigenen Posten Rio Branco verwandelt, als die neu gegründete FUNAI in diesem Gebiet einzog (Leonel, 1984).
Einige Latexsammler der Region erzählten Caspar vom Verschwinden der indigenen Gruppen durch von den Weissen übertragene Krankheiten – “sie ertragen keine Erkältungen“ – oder wegen Konflikten (und Kannibalismus) in die die Tupari verwickelt waren. Jedoch fand zwischen diesen Gruppen auch ein intensiver Kulturaustausch statt, mit Eheschliessungen und Chicha-Festen. Bevor er das Tupari-Dorf besuchte, nahm Caspar teil an einem Fest auf Einladung eines Aruá (er identifizierte sich als letzter Überlebender seines Dorfes), an dem Jabuti, Makurap und Tupari-Indios teilnahmen.
Damals, zu Caspars Zeiten, waren die schlimmsten Feinde der Tupari die Hamno, bekannt als wilde Kopfjäger. Jedoch bekam der Ethnologe nie irgend ein Mitglied dieser Gruppe zu Gesicht, und jene Generation der Tupari, so schien es ihm, hatte sie auch noch nie erblickt.
Als Franz Caspar nach Brasilien zurückkehrte, um die Gruppe zu besuchen (1955), fand er sie mit nur noch 66 Personen vor – eine Masern-Epidemie hatte ein Jahr zuvor in dem Dorf gewütet. Das offizielle Indio-Schutzorgan SPI (Servico de Proteção aos Índios) hatte sie aus ihren Dörfern gelockt, um sie zur Mitarbeit im Camp São Luís zu bewegen, wo sie sich ansteckten. Der Ethnologe schätzt, dass mehr als 400 Personen aus verschiedenen Gruppen im Latex-Sammelcamp gestorben sind.
Der SPI selbst war schon seit den 1930er Jahren nicht mehr in dieser Region präsent, als es dem Organ plötzlich einfiel, zirka die Hälfte dieser indigenen Gruppen in eine Arbeitskolonie in der Nähe von Guajará Mirim zu verlegen und später zum Indigenen Posten Ricardo Franco (Caspar, 1955:152).
Erst im Jahr 1980 installierte die FUNAI (Indio-Schutzorgan, das den SPI ab 1967 ablöste) einen Indigenen Posten in der Region des Rio Branco, und der brasilianische Staat begann die territorialen Rechte der Tupari und der anderen benachbarten Indios anzuerkennen. Zu jener Zeit waren die Indios, welche die grossen Epidemien überlebt hatten, schon ein bisschen resistenter gegen die von Einwanderern eingeschleppten Krankheiten. Trotzdem wies der Waldläufer Mauro Leonel, der das Gebiet 1984 besuchte, auf Dutzende von komplizierten Grippefällen und Tuberkulose hin. Auch die Malaria, bisher kaum vorhanden, wurde ab 1983 endemisch in diesem Gebiet. Im Februar 1984 gab es mehr als fünfzehn Fälle nur im Dorf von São Luís – ohne lokale medizinische Versorgung (der ausgebildete Krankenpfleger hatte Ferien, und es gab keinen Ersatz für ihn).
Das Arbeitsverhältnis mit den Gummibaronen war geprägt von jenem Abhängigkeitssystem, durch das die Indios zu ewigen Schuldnern gemacht wurden – sie mussten ihre Arbeitskraft im Tausch gegen Industriegüter zu weit überzogenen Preisen in den so genannten “Barracões“ (Materiallager) verkaufen. Zu Beginn der 1980er Jahre veröffentlichte die FUNAI einen Identifikationsbericht über das Gebiet, welches als “Indio-Territorium Rio Branco“ vorgesehen war – dort lebten 86 Indios versklavt von einem Gummibaron. Weiter im Süden, in einem Gebiet, welches später in das Biologische Reservat des Guaporé verwandelt wurde, arbeiteten 68 Indios versklavt von einem Fazendeiro. Lediglich 33 Indios – Kinder, Kranke und gebrechliche Ältere – waren nicht ins Joch dieser beiden Herren eingespannt.
Im Jahr 1983 wurde das Indio-Territorium Rio Branco endlich demarkiert. Leider verblieben bei der damaligen Fläche von 240.000 Hektar sieben Dörfer unberücksichtigt, also ausserhalb der Grenzen zurück. Im Norden verblieben vier Dörfer, Hauptsächlich bewohnt von Makurap, ebenfalls ausserhalb der Territoriumsgrenzen – ihr Areal war dazu ausersehen, 10.000 Einwanderer-Familien innerhalb eines Besiedlung-Projekts des Rio Branco als Lebensraum zu dienen. Weitere drei Dörfer der Tupari verblieben ausserhalb des demarkierten Gebietes, weil sie sich zu nahe an dem Biologischen Reservat des Guaporé befanden.
Über diese Unangemessenheit der demarkierten Fläche hinaus, fuhr einer der Latexcamp-Herren fort, die Indios auf ihrem eigenen Territorium auszubeuten. Wie der Bericht von Mauro Leonel andeutet, waren die Zustände im Indigenen Posten Rio Branco 1984 menschenunwürdig – die Indios mussten darum betteln, dass ein Beamter des Postens ihre Kranken und ihre Produkte in die Stadt transportierte, und diese Transporte mussten von der Kantine der Kommune selbst bezahlt werden. Diese Kantine war 1980 unter Zustimmung der FUNAI gegründet worden, um damit jenem Besitzer des illegalen Latex-Camps das Wasser abzugraben, der bis dato als einziger Handelsposten von den Bedürfnissen der Indios profitiert hatte.
Für den Unterhalt ihrer eigenen Kantine mussten die Indios 30% vom Verkauf des Latex und 100% der Paranussproduktion zur Verfügung stellen – dafür wurde sie vom Administrator des Postens mit Gütern bestückt und verwaltet. Jedoch wegen der fehlenden Infrastruktur des Postens kam der Herr des Latex-Camps auf die Idee, den Indios seine Waren bis zu ihren Feldern anzuliefern, wo die Familien arbeiteten. Und seine Rechnung ging auf: Obwohl er höhere Preise verlangte, zogen viele Indios es vor, sie von ihm geliefert zu bekommen, als den langen Weg zum Posten unter die Füsse zu nehmen (Leonel, 1984:204).
Trotzdem sie seit Jahrzehnten in Kontakt mit den Weissen standen, lernten ein paar Tupari erst im Jahr 1989 zum ersten Mal eine Stadt kennen. Bis dato kannten sie nur den Regenwald und die Latex-Sammellager. Ab 1988 wurde ihr Territorium systematisch von Sägewerken invadiert, und sie wurden von lokalen, wirtschaftlich interessierten Gruppen unter Druck gesetzt, die Edelhölzer auf ihrem Gebiet zu verkaufen und Goldschürfer zu tolerieren (Mindlin, 1993:17).
Die Landwirtschaft stellt die bedeutendste produktive Aktivität der Tupari dar. Traditionell ist die Arbeit auf den Feldern einer Rollenteilung unterworfen, so berichtet Franz Caspar – das Abbrennen und säubern des Terrains ist Männerarbeit, auch die Vorbereitung der Erdlöcher, in die anschliessend die Frauen die Samen einlegen. Die Ernte steht dann ebenfalls unter dem Regime der Frauen, von denen auch die Produkte in aus Palmfasern geflochtenen Taschen und Körben ins Dorf transportiert werden. Zu Caspars Zeit pflanzten sie hauptsächlich Mais, Maniok, Cará, Erdnüsse, Zuckerrohr, Bananen, Bohnen und verschiedene andere Knollenfrüchte an.
Heute bestehen die Tupari-Dörfer aus Häusern, deren Mehrheit mit Palmstroh gedeckt ist und Wände aus Lehm oder feuchtigkeitsbeständigem Paxiúba-Palmholz (Socratea exorrhiza) besitzt. Das Dorf der Tupari, welches Franz Caspar 1948 besuchte, bestand aus den beiden Gemeinschaftshäusern zweier Grossfamilien, und die zwei grössten Felder gehörten den beiden Chefs dieser Familien. Alle Mitglieder arbeiteten auf den Feldern gemeinsam, jedoch hatte jeder Mann sein eigenes Feld, wo er seinen Tabak pflanzte und einiges mehr, was seiner Familie wünschenswert erschien. Viele Dorfbewohner besassen sogar mehr Zuckerrohr auf ihren Feldern als ihr Chef, das lag daran, dass ihre Frauen das süsse Zuckerrohr besonders schätzten. Für ihre Frauen pflanzten die Männer auch Baumwolle und Urucum (zur Körperbemalung). Die Tupari lieben ausserdem Erdnüsse, die sie gekocht oder geröstet verzehren.
Die grosszügigen Felder der Dorfoberhäupter erlaubten diesen, alle ihre Mitbewohner zu Festen einzuladen, bei denen viel gegessen und getrunken wurde, und die in der Regel drei Tage und Nächte dauerten. Mit den Worten von Caspar: “Einen Acker zu besitzen, mit einer immensen Pflanzung an Mais, Inhame, Taiobá, Erdnüssen, und vor allem Maniok, um während des ganzen Jahres seine Leute und die Nachbarn zu Festen einladen zu können und dadurch das Prestige eines perfekten Gastgebers zu erlangen, das gehörte zu den grössten Anstrengungen eines Chefs, und auch die deutlichste Demonstration seiner Autorität. Um das zu erreichen, war ein Dorfoberhaupt gezwungen, viel mehr und intensiver zu arbeiten als seine Untergebenen. Er war der erste Aktive und der Letzte, der nach Hause ging. Nur so respektierten ihn seine Mitbewohner und waren bereit, ihm bei der Arbeit zu helfen. Und so wie sie ihm halfen, musste auch er einem jeden von ihnen helfen. Die Menge seiner Mitarbeiter und der vergossene Schweiss beim Umlegen der Bäume für die Felder, zum Beispiel, waren ein guter Gradmesser für seinen Einfluss im Volk“ (:129-30).
Neben der Feldarbeit sind Jagd, Fischfang und die Ernte Aktivitäten, die einen Grossteil des Alltags in den Tupari-Dörfern beanspruchen. In den 1940er Jahren gab es Perioden, in denen fast alle Tupari ihr Dorf in kleinen Gruppen zu verlassen pflegten – mit einem Bogen und einem Pfeilbündel auf der linken Seite, und auf dem Rücken eine kleine Reise-Hängematte und einige Maiskolben. So konnten sie zwischen fünf und zehn Tagen mit Jagen und Fischen verbringen. Viele nahmen Frau und Kinder zu diesen Ausflügen mit (Caspar, 1948:191). Das Fleisch von Affen war sehr beliebt. Ausserdem jagten sie Pacas, Agutis, Auerwild, Leguane, Gürteltiere, und andere.
Während sich die Männer auf der Jagd befanden, unternahmen die Frauen manchmal Tagesausflüge in den Wald – in grossen oder kleineren Gruppen. Bei Einbruch der Nacht kehrten sie zurück mit ihrer Sammlung von kleinen Fischen, Krebsen und anderen Krustentieren, Insektenlarven (die sie gemischt mit Honig verehrten), Grillen, Käfern und Eidechsen verschiedener Spezies. Diese Produkte wurden auf der Glut geröstet, zusammen mit Erdnüssen und bestimmten Wurzeln, um anschliessend verspeist zu werden.
Innerhalb ihrer “Malocas“ (Behausungen) hat der Ethnologe folgende Alltagsszenen beschrieben: Die Frauen widmen sich der Unterhaltung des Feuers, sie drehen rohe Baumwolle zu Fäden oder stellen ein wenig Chicha für den täglichen Konsum her – oder sie lausen sich gegenseitig, andere bemalen ihre Gesichter oder schneiden sich gegenseitig die Haare. Ab und an scheuchte eine Frau die Hühner und Enten weg, die aus den Töpfen oder vom Grill einen Happen stibitzen wollten – oder riss erschreckt eines der Kleinkinder in ihre Arme, das dem Feuer zu nahe gekommen war . . . (:131).
Jedoch, unter sämtlichen alltäglichen Aktivitäten der Tupari hebt der Ethnologe die Tatsache hervor, dass sie grosse Konsumenten des Chicha seien, hergestellt von den Frauen und in besonders grossen Mengen verkonsumiert während ihrer Feste. “Die Maniok der Pflanzungen und der Mais in den Speichern der Tupari scheinen unerschöpflich zu sein. Ein Fest folgt dem andern“ (:172). Für den Chicha aus Maniok wird diese Wurzelknolle geschält, zerkleinert und gekocht – Ergebnis ist eine Paste, die von den Frauen durchgekaut und dann in Töpfe gespuckt wird. Anschliessend wird die Masse in einem Mörser gestampft, durchgesiebt und lange gerührt. Danach lässt man sie einige Tage ruhen, um zu gären. Für den Chicha aus Mais bringen die Frauen eine Menge Maiskolben aus dem Speicher ins Haus. Sie waschen Krüge mit Wasser vom Bach sorgfältig aus – während die gespülten Maiskörner in grossen Töpfen auf dem Feuer gekocht werden – um schliesslich ebenfalls in den Mörser zu wandern und zu einer Paste zerstampft zu werden. Der Fermentierungsprozess ist dem der Maniok ähnlich.
Jahrzehnte nach Caspars Bericht, in den 1980er Jahren, wurde die wirtschaftliche Organisation der Tupari von dem Indiokenner Mauro Leonel beschrieben als eine Mischung ihrer traditionellen Formen mit der Ausbeutung des Latex, sowie der Ernte und dem Verkauf oder Tausch dieser Produkte auf dem Markt. Zu jener Zeit standen die “Barracões“ der Gummibarone, mit ihren Industriegütern aus der Stadt, im Mittelpunkt des Konsumbegehrens der Indios – hier tauschten sie ihre Waldprodukte ein, sehr zu ihrem Nachteil, wie schon berichtet wurde.
Erst mit Eintreffen der FUNAI 1980 begannen die Indios ein bisschen Geld zu besitzen – zirka US$ 50 bis 100 pro Jahr für jedes Familienoberhaupt. Eine Kantine am FUNAI-Posten belieferte sie mit dem Nötigsten: Öl, Streichhölzer, Kerosin, Macheten, Zucker, Salz, Werkzeuge, Batterien, Seife, Munition, und ein paar andere Artikel.
Im Juni begannen die Indios mit den Vorbereitungen für die Latex-Gewinnung, sie errichteten behelfsmässige Unterstände, suchten die Bäume (Hevea brasiliensis) aus zur Extraktion der Latex-Milch und markierten sie. Im September legten sie eine Pause ein zum Anlegen ihrer Felder und der entsprechenden Säuberung, gefolgt vom Pflanzen der Maniok. Im Oktober pflanzten sie Reis und Mais. Im November kehrten sie zur “Latex-Strasse“ zurück zum Anschneiden der Bäume und der anschliessenden Latex-Räucherung über Feuer zu festen Kugeln, die dann auf dem Markt angeboten wurden. Dezember und Januar waren dem Ernten und Sammeln von Paranüssen gewidmet. Februar und März verbrachte man mit dem Abernten der Felder, besonders von Reis und Mais, sowie der Bohnenpflanzung. Im April folgte das Umgraben der alten Felder und eine Rodung der neuen im Mai (Leonel, 1984).
Die traditionellen Felder hatten eine mittlere Grösse zwischen ½ bis 1 Hektar. Man pflanzte in der Regel Maniok, drei Sorten Mais, Bananen, Reis, Cará, Erdnüsse, Tabak und Süsskartoffeln. Als Leonel bei ihnen weilte, im Jahr 1984, gab es sieben Felder im Norden des FUNAI-Postens São Luís und einundzwanzig im Süden. Acht Grossfamilien verfügten über prekäre “Casas de farinha“ (Hütten zur Maniok-Verarbeitung).
Alle Aktivitäten werden, immer wenn es möglich ist, unterbrochen von der Jagd und dem Fangen von Fischen. Der Gebrauch von “Timbó“ zum Fischen ist eine traditionelle Fangtechnik aller Gruppen, die jedoch inzwischen durch kleine Wasserkraftwerke behindert wird (siehe Abschnitt „Zeitgenössische Herausforderungen“). Wildtiere für die Jagd sind inzwischen ebenfalls selten geworden, aber man findet noch Wildschweine, Gürteltiere, Pakas, Hirsche, Cutias, Tapire, Nasenbären, Affen und Schildkröten. Sie jagen auch Vögel und lieben Honig, Früchte und Erdnüsse.
Kunsthandwerk für den Verkauf war in den 1980er Jahren sehr selten, heutzutage jedoch hat es sich zu einer der bedeutendsten Einnahmequellen der Tupari entwickelt. Besonders beliebt unter den Kaufinteressenten sind ihre berühmten Körbe aus Tucumfasern. Aus demselben Material fertigen sie auch Armreifen und Ohrgehänge mit Muscheln aus dem Fluss, und ihre Bogen, Pfeile und Keulen sind ebenfalls von guter Qualität.
Das Zusammenleben der Tupari wird durch ein uxorilokales Reglement bestimmt, was bedeutet, das ein frisch gebackener Ehemann fortan im Haus seines Schwiegervaters wohnt und für ihn arbeiten muss. Wenn der Bräutigam allerdings schon älter ist, besonders wenn er den Respekt eines Anführers geniesst, kann er seine Braut auch ohne diese Auflage mit sich nehmen.
Was ihren Körperzierat betrifft, so benutzten die Tupari ein gelbes Blatt zum Bedecken ihres Penis. Die Nasenscheidewand war perforiert, so wie die Lippen und die Ohrläppchen. In der Nasenscheidewand trugen sie ein Röhrchen vom Durchmesser eines Bleistifts, oder ein buntes Hölzchen, das fast die Nasenlöcher verschloss und sie breiter wirken liess. In die Lippenlöcher steckten sie zwei Stacheln vom Stachelschwein. In den Ohren trugen sie Ohrringe aus Perlmutt und Glasperlen.
Sie schmückten ihren Körper mit Ketten, Armreifen und Baumwollbänder an den Handgelenken und Beinen. Einige trugen einen Gürtel aus kleinen schwarzen Muscheln. Alle jedoch hatten ihren Körper bemalt, von oben bis unten, mit Punkten und gewellten Linien in Schwarz. Einige hatten auch ihr Gesicht bemalt. Das glatte Haar war in der Mitte geteilt und reichte beim einen oder anderen fast bis zu den Schultern. Sie rasierten die Augenbrauen ab und entfernten auch sämtliche Bart- und Körperhaare.
Die Gemeinschaftshäuser wurden von Caspar als rund und gewölbt beschrieben. Ein Dorf bestand damals aus zwei Gemeinschaftshäusern. Im Haupthaus, so schätzte Caspar, wohnten um die einhundert Personen – zirka dreissig Familien. Und im etwas kleineren zirka zehn Familien. Im Zentrum des Hauses brannten stets mehrere Kochfeuer – hier traf man sich auch zum gemeinsamen Schwatz. Ein grosser Kreis von Chicha-Krügen wurde durch einen breiten Korridor getrennt. Von diesem Korridor zweigten kleinere Gänge ab, die zu den Hängematten der einzelnen Familien führten.
Zwischen den beiden Häusern befand sich ein kleiner Platz, mit Hühnerställen und Speicherhütten. Hier pflegten die Männer auf holzgeschnitzten Bänkchen zu sitzen und Gedanken auszutauschen.
Vor sehr langer Zeit gab es auf der Erde weder Tupari noch irgendwelche andere Personen. Unsere Vorfahren wohnten unter der Erdoberfläche, wo die Sonnen niemals hinkommt. Sie hatten immer grossen Hunger, denn ausser Palmfrüchten gab es für sie nichts Essbares. Eines Nachts entdeckten sie ein Loch in der Erde und krochen nach draussen. Der Ausgang befand sich nicht weit von der Hütte der antiken Schamanen Eroté und Towapod. Unsere Vorfahren entdeckten dort die Erdnuss- und Maispflanzungen der Schamanen. Sie schlugen sich den Bauch voll, und als der Morgen graute, verschwanden sie wieder durch das Loch, das zwischen Felsen gut versteckt war. Nacht für Nacht kehrten sie zurück, um sich satt zu essen. Eroté und Towapod dachten, dass es Agutis sein könnten, die ihnen ihre Früchte stahlen – dann entdeckten sie die Spuren unserer Vorfahren und fanden auch das Loch zwischen den Felsen. Sie entfernten den Stein, der die Öffnung verschloss, und stiessen eine lange Stange hinein und rührten mit ihr darin herum . . . unsere Vorfahren begannen herauszuquellen, im Massen, bis die beiden Schamanen das Loch wieder verschlossen.
Unsere Vorfahren waren scheusslich anzusehen. Sie besassen lange Reisszähne und Hauer wie Wildschweine, dazu Membranen zwischen den Fingern und Zehen, und Füsse wie Enten. Eroté und Towapod brachen ihnen die Zähne ab und formten ihnen Hände und Füsse. Seither haben die Menschen keine Reisszähne mehr und auch keine Schwimmhäute, sondern schöne Zähne, Finger und Knöchel.
Jedoch verblieben viele von ihnen noch in der Erde. Sie heissen “Kinno“ und leben dort bis heute. Wenn einmal alle Menschen auf der Erde sterben, dann kommen die Kinno hervor, um hier oben zu wohnen. Die von Eroté aus der Erde geholten Menschenwesen lebten hinfort nicht am selben Ort. Wir, die Tupari, blieben hier, die andern wanderten weiter, nach allen Richtungen. Sie sind unsere Nachbarn, die “Arikapu, Jabuti, Makuráp, Aruá“ und die restlichen Stämme.
Ausser Waitó, dem bedeutendsten Schamanen zur Zeit Caspars, und sein wichtiger Informant, war es der junge Schamane Padi, der ihm von den Geistern der Toten erzählte. Er sagte, dass es sehr weit weg “ein grosses Wasser und ein grosses Dorf“ gebe, wo die toten Tupari hausen… die “Pabid“. Niemand kann sie sehen. Nur Schamanen gelingt es, die Pabid in ihren Träumen zu besuchen. Und während der schamanistischen Sitzungen finden sich die Pabid in den Häusern der Lebenden ein (:182).
Wenn ein Tupari stirbt, dann verlassen die Pupillen der Augen seinen Körper und verwandeln sich in einen Pabid. Der Pabid bewegt sich nicht auf der Erde, wie die lebenden Menschen, sondern er reist in das Reich der Toten, indem er über den Rücken zweier riesenhafter Krokodile wandert und zweier immenser Schlangen, einer männlichen und einer weiblichen. Die gewöhnlichen Menschen sehen diese Krokodile nicht, nur die Schamanen im Traum. Manchmal erheben die Schlangen ihre Köpfe gen Himmel, bilden einen Bogen, dann kann man sie während des Regens erblicken. Die Pabid treffen sich auch mit wilden Jaguaren, die ihnen mit drohendem Knurren begegnen. Aber sie können ihnen nichts Böses antun. Schliesslich erreichen sie ihr neues Heim, das sich am Ufer eines grossen Flusses befindet, Mani-Mani. Zuerst sehen sie gar nichts, denn ihre Augen sind noch verschlossen. Wenn sie angekommen sind, werden sie von zwei dicken, langen Würmern empfangen, einem männlichen und einem weiblichen, die ein Loch in ihren Bauch machen und alle ihre Innereien auffressen. Dann kommen sie wieder heraus.
Jetzt erscheint “Patobkia“, der höchste Schamane und Herr des Totenhauses. Er tropft einen stark brennenden Pfeffersaft in die Augen der gerade Angekommenen, und erst dann können die Pabid sehen, wo sie sich befinden. Sie sehen sich erstaunt um und entdecken nur Unbekannte. Alle haben sie einen hohlen Bauch, weil die Würmer schon ihre Innereien gefressen haben. Dann präsentiert ihnen Patobkia einen Becher mit Chicha. Der neue Pabid trinkt, und Patobkia geleitet ihn ins Innere des Dorfes der Toten. Zwei uralte Schamanen erwarten den Neuankömmling. Wenn dieser ein Mann ist, muss er die alte Riesin “Wau’ge“ vor aller Augen befriedigen. Wenn der Neuzugang eine Frau ist, dann wird sie vom alten “Mpokálero“ vorgenommen. Danach kopulieren die Pabid nicht mehr nach Art der Lebenden – die Männer blasen auf eine Handvoll brennender Blätter und senden den magische Rauch in den Schoss der Frauen – sie werden schwanger und gebären die Kinder.
Die Pabid wohnen in grossen, runden Häusern, aber sie schlafen nicht in Hängematten sondern im Stehen, angelehnt an Stützpfosten, und sie bedecken die Augen mit den Armen. Sie fällen keine Bäume und bearbeiten auch nicht die Erde. Patobkia erledigt diese Arbeiten alle mit magischen Gesten und mit seinem heiligen Atem. Der Chicha aus Erdnüssen, den die Frauen der Pabid herstellen, ist nicht fermentiert, so können ihn die Toten trinken, ohne davon betrunken zu werden. Allerdings singen und tanzen sie sehr oft, alle geschmückt mit Kopfschmuck. Die Schamanen der Tupari können ihre Gesänge hören, wenn sie in ihren Träumen die Dörfer der Pabis aufsuchen.
Ausser den Pabid gibt es eine zweite Seele der Toten, die nicht ins Dorf der Pabid wandert, sondern in den Weltraum aufsteigt, einige Zeit nach dem Tod. Mit den Worten von Padi: “Wenn eine Person stirbt, und ihre Pupillen sich zu den Pabid begeben, dann begraben wir ihren Körper in einer Hütte, die wir anschliessend abbrennen. Kaum ist der Körper der Erde übergeben, beginnt das Herz der toten Person in ihrem Körper zu wachsen, und nach ein paar Tagen ist es so gross wie ein Kinderkopf. Im Innern dieses Herzens erscheint ein Teilchen, das wächst und schliesslich das Herz aufbricht, so wie ein Vögelchen seine Eierschale aufbricht. Das ist der “Ki-apoga-pod“. Das kleine Wesen kann sich allerdings nicht vom Boden erheben und schreit vor Hunger und Durst. Deshalb begeben sich die Angehörigen des Toten auf die Jagd. Nach ihrer Rückkehr organisieren sie drei Rapé-Sitzungen mit den Schamanen.
Der oberste Schamane hebt den “Ki-apoga-pod“ vom Boden auf, wäscht ihn und formt sein Gesicht und seine Arme und Beine. Wenn er vom Boden aufgehoben wird, sieht er aus wie ein Klumpen Erde ohne bestimmte Form. Nachdem der Schamane ihm zu essen und zu trinken gegeben hat, lässt er ihn frei an der Luft. Die “Ki-apoga-pod“ leben dort oben. Wenn der Tote in seinem Leben selbst Schamane gewesen ist, dann fliegt sein Ki-apoga-pod nicht gen Himmel sondern verbleibt im Dorf. Hier essen die Seelen der toten Schamanen die Nahrung ihrer lebenden Angehörigen und trinken vom Chicha der Lebenden. Von der Kuppel der Häuser aus verzaubern sie die Lebenden während der Nacht und schicken ihnen Träume – auch die Seelen der Frauen der Schamanen schweben dort herum.
Als Franz Caspar unter den Tupari weilte, waren sie der Meinung, dass eine Frau nicht schwanger werden könnte, wenn nicht einer der beiden Schamanen Antaba oder Kolübé, heimlich im Dunkel der Nacht, ihr ein Kind übergeben würde. Dieses Kind wächst aus dem Fleisch der beiden “Kiad-pod“ und hat ungefähr Faustgrösse. Die Geister des Himmels nähern sich der schlafenden Frau, und mittels Zauberei verpflanzen sie das kleine Wesen in ihre Brust – dort wächst es heran, bis es auf die Welt kommt.
Nachdem das Kind geboren war, rasierte die Mutter die Stirn ihres Kindes mit einem Halm vom Schneidgras und bemalte seinen Kopf mit der schwarzen Farbe der Jenipapo-Frucht. Sie durchstach seine Ohrläppchen und zog einen Bastfaden von einem Palmblatt durch das Loch. Das Gesicht des Babys wurde mit schwarzen Punkten und Linien nach Art der Erwachsenen bemalt.
Nachdem das Kind soweit gewachsen war, dass man es mit Palmenlarven füttern konnte, schrieb das Reglement den Eltern vor, fünf Fastentage einzulegen. Danach nahmen sie an einem Ritual unter Leitung der Schamanen-Gruppe teil, das aus Bädern in einer Schüssel mit Kräutern bestand, verschiedenen Sitzungen mit Rapé-Rauchen, einem Essen mit gebratenen Affen, die vom Vater des Kindes geschossen worden waren, einem Chicha-Gelage und anderen Vorschriften. Der Höhepunkt des Rituals war der Moment, als das Kleinkind zum ersten Mal eine der dicken, lebenden Palmen-Larven verspeiste.
Wenn ein Mädchen zum ersten Mal ihre Periode bekam, teilte seine Mutter dies dem obersten Schamanen mit. Dann errichtete man innerhalb des Gemeinschaftshauses eine Art “spanischer Wand“ aus Palmwedeln, hinter die sich das betroffene Mädchen zurückzog – fünf Tage lang bekam sie weder Wasser noch Nahrung, bis schliesslich der Schamane einen kleinen Krug mit nicht fermentiertem Chicha segnete und ihr übergab. Auch in den darauf folgenden Monaten war der Chicha die Hauptnahrung der werdenden jungen Frau. Sie durfte weder ihr verschlossenes Versteck verlassen, noch ein Bad nehmen oder sich waschen. Sie verblieb auf dem Boden oder in ihrer kleinen Hängematte sitzend, drehte Fäden aus Rohbaumwolle, um später daraus eine Hängematte für ihren zukünftigen Ehemann zu flechten. Und wenn sie bereits einen versprochenen Ehemann hatte, durfte sie ihn während dieser ganzen Zeit weder sehen noch ein Wort mit ihm wechseln.
Erst nach zwei bis drei Monaten wurde diese “Reklusion“ von den Schamanen aufgehoben. Der Bräutigam der jungen Frau und seine nächsten Verwandten begaben sich auf eine zehn Tage währende Jagd. Für die junge Frau hiess das, weitere fünf Tage rigoros zu fasten, während die Frauen der Grossfamilie feuchte Erde auf ihren Kopf häuften, um die Haarwurzeln weich zu machen. Nachdem die Jäger zurück waren, wurden sie von den Schamanen in eine Zeremonie eingebunden, bei der alle Beteiligten eine Pudermischung aus Tabak und Angico schnupften, und der oberste Schamane wendete sich mit Beschwörungen an die junge Frau. Derweil rissen ihr die weiblichen Angehörigen sämtliche Haare vom Kopf, um anschliessend Kopf und Körper bis zu den Fusszehen mit roter und schwarzer Pflanzenfarbe zu bemalen. Erst danach erhielt die junge Frau wieder ihre gewohnten Speisen und kehrte zurück in die Gemeinschaft ihrer Familie. Jedoch erst nachdem ihre Haare wieder voll nachgewachsen waren, durfte sie in die Arme ihres Bräutigams zurückkehren, um von da an eine Eheleben zu führen.
Heutzutage, so berichtet der Anthropologe Samuel Cruz (von der NGO Kanindé), finden die traditionellen Feste der Tupari nur noch einmal pro Jahr statt. Caspar dagegen kommentiert in seinem Werk unzählige Male die Häufigkeit, mit der die Tupari zu feiern pflegten, Feste, die stets drei ganze Tage dauerten, und bei denen man eine immense Menge an fermentiertem Chicha aus Maniok oder Mais verkonsumierte. Sowohl Männer wie Frauen tranken sehr viel. Obwohl den Frauen die Chicha-Produktion oblag, bekamen sie bei den so genannten “maskulinen Festen“ von ihren Männern nur kleine Becher mit Chicha gereicht. Während es bei den so genannten “femininen Festen“ die Frauen waren, die sich volllaufen liessen und ihren Männern nur gelegentlich einen kleinen Becher voll Chicha anboten.
Zu jedem Fest gehört auch eine schöne Körperbemalung – dazu benutzen die Tupari vorzugsweise den Saft der Jenipapo-Frucht. Die Frauen kauen die grünen Früchte gut durch und spucken sie in eine kleine Kürbisschale (Cabaça). Als “Pinsel“ dient ein Stäbchen, dessen Spitze mit Baumwolle umwickelt ist (wie ein Q-Tip) – die damit aufgetragene Zeichnung ist zuerst fast unsichtbar, dann dringt sie in die Haut ein und färbt sich blau-rot. Das gesamte Design aus Wellenlinien, Kreuzen und Punkten verblasst dann nach etwa einer Woche.
Als Franz Caspar nach Monaten des Zusammenlebens mit den Tupari wieder im Begriff war, sie zu verlassen, forderten sie ihn auf, sein Hemd auszuziehen. Dann begannen ein paar Frauen ihre Körper an dem Ethnologen zu reiben, und eine der Frauen erklärte ihm diese Geste so: “Wir haben für dich gekocht, und wir haben dir zu essen gegeben. Jetzt müssen wir diese Gaben zurücknehmen, die in dir ruhen, denn sie könnten uns eines Tages fehlen“. Dann begannen die Kinder sich an ihm zu reiben – und folgende Erklärung wurde ihm präsentiert: “Du hast mit unseren Kindern gespielt und sie herum getragen, deshalb sollst du nicht fortgehen, ohne aus ihren Körpern deinen Atem zurück zu nehmen, denn später könnte er dir fehlen“!
Wie der bereits zitierte Anthropologe Samuel Cruz berichtet, haben alle Tupari-Dörfer einen Schamanen, der sich bei vielen Ritualen jener Angico-Samen bedient, die eine halluzinogene Wirkung auf den menschlichen Organismus haben. Die Samen werden zu Pulver zerstampft, dann gemischt mit einem besonderen Tabak, der extra für diesen Zweck angebaut wird. Dieses Pulver wird mittels eines Bambusröhrchens inhaliert, dessen Extremität enthält und an einem Nasenloch des Schamanen anliegt. Ins andere Ende des Röhrchens bläst eine andere Person hinein – der “Schnupftabak“ wird vom Schamanen inhaliert.
Caspar erlebte verschiedene schamanistische Sitzungen dieser Art während seines Aufenthalts bei den Tupari. Eine fand statt, weil eine ältere Frau vor Schmerzen schrie. Der Schamane Tadjuru, auf seinen Fersen hockend, strich mit seiner Hand über den Körper der Patientin, um anschliessend seine Arme in die Luft zu strecken – es schien, als ob er etwas von seinen Armen abstreifte – das wiederholte er mehrere Male. Gegen Ende der Sitzung beugte er sich über die reglos daliegende Kranke und fing an, an der Haut in ihrem Genick zu saugen. Wieder in der Hocke, kroch er bis zum Ausgang, wo er das Böse ausspuckte, das er aus dem Körper der Frau gesaugt hatte.
Am häufigsten waren Heilbehandlungen der Schamanen, bei denen das Saugen und Ausspucken des die Kranken peinigenden Bösen im Mittelpunkt der Behandlung standen. Ausnahme war die schwere Krankheit eines Mannes, deren Austreibung durch den Schamanen Waitó Caspar beschreibt. Die Frau des Kranken brachte einen grossen Topf mit einer Suppe herbei, in der ein gerösteter Affe schwamm. Waitó schnitt den Kopf des Affen ab und strich mit ihm über den gesamten Körper des kranken Mannes, Beschwörungen murmelnd, heftig atmend und mit der Zunge schnalzend. Später erklärte der Schamane dem Ethnologen, dass ein Affenkopf in der Lage sei, die Krankheit aus dem Körper zu saugen und zu verschlingen.
In der Beschreibung einer anderen schamanistischen Sitzung beschreibt der Ethnologe, dass sich ein halbes Dutzend Männer in einem Halbkreis versammelten (Schamanen und ihre Lehrlinge). Die Teilnehmer nahmen die Stöckchen aus der Nasenscheidewand und Waitó und Kuayó (erster und zweiter Schamane) bliesen in die Nase jedes Anwesenden zirka zwanzig Prisen Rapé (so nennen sie die bereits erwähnte Angico-Tabak-Mischung). Sie selbst schnupften zum Schluss zirka vierzig solcher Prisen. Dann drehten sich alle auf ihren Bänkchen in Richtung der Türöffnung und führten eine Reihe von Beschwörungen durch. Mit den Worten von Franz Caspar: “Sie winkten mit ihrer rechten Hand nach draussen, schnauften und bliesen in diese Richtung, fingen unsichtbare Dinge aus der Luft und warfen sie weit fort. Sie gaben ungewöhnliche Laute von sich, es schien als ob sie am Ersticken waren. Währendessen versuchten sie ein mysteriöses Wesen mit den Händen zu greifen, das für mich absolut unsichtbar war. Endlich fielen sie ausser Atem auf ihre Bänkchen zurück und murmelten unverständliche Worte . . .“ (:107).
Bei solchen Sitzungen war es auch üblich, dass man die Geistwesen fütterte, die sich bei den Schamanen befanden, vorzugsweise mit gebratenen Affen und Mais-Chicha. Sowohl zu den bereits beschriebenen Geburten-Ritualen, als auch denen anlässlich eines Sterbefalls, berichtete Caspar, dass es üblich war, vor den schamanistischen Sitzungen Affen zu jagen, die dann den Geistern angeboten wurden, um anschliessend von den Teilnehmern der Rituale aufgegessen zu werden.
Unter den Instrumenten entdeckte der Ethnologe eine kreisrunde, etwa faustgrosse, Rassel aus dem Gehäuse der Paranüsse. Sie wurde benutzt, um die Geister der Toten zu rufen. Caspar war Zeuge einer schamanistischen Sitzung, in der einem vor kurzem verstorbenen Kind der Weg zum Himmel geöffnet werden sollte. Ausser den bereits beschriebenen Dingen – wie Kräuterbad, Rapé, Chicha, gebratenen Affen und anderen, wie Mais und Erdnüssen – breitete man bei diesem Ritual auf einer Matte aus Palmblättern auch verschiedenen Körperschmuck aus, der dem Kind mit ins Grab gegeben werden sollte: “Federn für die Ohren, Stöckchen für die Nase, Stachelschweinborsten für die Lippen, Armreifen, eine Halskette aus Perlmuttblättchen, einen Kamm, eine kleine Kugel Urucumfarbe und ein Schälchen mit Öl“ (:184).
Nach zwei Runden Rapé, Beschwörungen und dem ununterbrochenen Schütteln der Rassel, erschienen die Geister. Waitó näherte sich ihnen respektvoll. Er war der Einzige, des es erlaubt war, sich ungestraft zu erheben und auf die unsichtbaren Wesen zuzuschreiten. Er wandte sich an eines von ihnen, von dem Caspar annahm, das es der Geist des verstorbenen Kindes war, wusch es mit frischem Wasser und kämmte ihm sodann die Haare. Dann bot er ihm den Schmuck für die Ohren, Nase und Lippen an, dann die Kette und den Armreif, stets einen nach dem andern, um dem Geist Zeit zu geben, sich den Schmuck anzulegen. Schliesslich rieb er den “Pabid“ mit Öl ein und gab dann auch den anderen Pabid zu essen – dazu streckte Waitó seine Finger mit einem Stückchen Fleisch aus du bot es den unsichtbaren Wesen an – mit einer bewundernswerten Geduld. Dann füllte er Chicha in eine kleine Kürbisschale mit einem Löffel und bot ihn den Gästen aus dem Jenseits ebenfalls an.
Schliesslich erhoben sich die Geistwesen, um zu gehen. Waitó begleitete sie mit hochgereckten Armen bis zum Ausgang, wobei er einen Singsang intonierte. Kaum waren die Pabid verschwunden, stürzten sich die Indios auf das Essen und verschlangen alles in grosser Hast. Sie erklärten Caspar, dass sie im Begriff waren, den Atem der Pabid zu essen. “Die Zeremonie endete nach fast fünf Stunden. Die erschöpften Schamanen, und auch ihre Adepten, konnten sich nun endlich in einem Bad im Fluss erfrischen und ihren Durst mit Chicha stillen, den die Frauen in riesigen Krügen für sie bereithielten…“ (:185).
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther