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Die Wahl der Zwiebel, mit der man so intim werden wird, ist eine Wahl fürs Leben.
In den Achtzigerjahren schälte und kochte ich als Kochlehrling eine Million Zwiebeln. Es waren namenlose Zwiebeln von einem namenlosen Zwiebelfeld. Doch 2020 ist mein Bewusstsein gereift. Ich verarbeite eine Zwiebel nicht mehr, nein, ich bereite sie sanft zu. Ich spüre sie, streichle sie und singe ihr ein Requiem, während ich sie hacke, auch Mitzwiebelinnen und -zwiebeln haben Gefühle. Und wenn ich sie zuletzt in meinen Leib aufnehme und wir eins werden, sollen sich nur positive Energien verbinden.
Die Wahl der Zwiebel, mit der man so intim werden wird, ist eine Wahl fürs Leben: Welche Zwiebel passt zu mir? Welche ergänzt mich, welche löst die richtigen Vibes aus? Könnte es die originale AOC-Roscoff-Zwiebel sein? Die Roscoff-Zwiebel «besticht durch ihr kupferrosa Schalenkleid, und wenn sie einmal aufgeschnitten ist, so sieht man ihre rosa/ violetten Streifen. Sie ist die einzige rosa Zwiebel, die sich von weissen, gelben oder roten Zwiebeln unterscheidet. Ihr Geschmack ist zart und süss. Aufgrund ihres hohen Wassergehalts ist die Roscoff-Zwiebel sehr empfindlich. Das bedeutet, dass sie sehr sorgfältig von Hand bearbeitet und verpackt werden muss.»
Rosazart empfindlich, sorgfältig, oh. Früher kamen mir beim Zwiebelschälen die Tränen wegen der Säure. Heute kommen sie mir wegen der überwältigenden Liebe. Eine Roscoff-Zwiebel profan zu «kaufen», zeugt von toxischer Männlichkeit. Ich möchte sie nicht kaufen. Ich möchte sie adoptieren. Und das kann ich bei Crowdfarming. «Es ist ein neuer, nachhaltiger und transparenter Weg, um Lebensmittel zu kaufen: Adoptiere einen Baum, ein Tier oder einen Obstgarten. Erhalte frische Lebensmittel, die direkt von den Bauern für dich angebaut werden. Hilf mit, Lebensmittelabfälle zu bekämpfen. Erfahre, wer deine Lebensmittel wie und wo anbaut. Erhalte deine Lebensmittel bewusst. Kaufe direkt beim Erzeuger. Hilf, Einnahmen und Arbeitsplätze in ländlichen Gebieten zu schaffen. Plane deine Einkäufe und ermögliche es dem Farmer, auf Bestellung anzubauen. So können wir die Verschwendung von Lebensmitteln vermeiden, die angebaut werden und keinen Abnehmer finden. Belohne Farmer, die sich für Verpackungsmaterialien und eine Anbauart einsetzen, die im Einklang mit der Umwelt stehen.» Ist das noch Text oder bereits Gebet?
So adoptiere ich denn also bei Crowdfarming zwei Quadratmeter Zwiebelfeld von Tiphaine und ihrem Bruder vom Hof Ferme de Kergus in Roscoff in der französischen Bretagne. Tiphaine «war zuerst nicht wirklich für diese Tätigkeit bestimmt», hat sie doch zuvor in Paris im Marketing gearbeitet. Aber dann hat sie den elterlichen Hof übernommen, denn «ich wollte eine nützliche und sinnvolle Arbeit haben. Was könnte nützlicher sein, als Menschen zu ernähren?»
Ob so viel sinnerfüllter Bestimmung wird der frischgebackene Zwiebeladoptivvater von tiefen Glücksgefühlen übermannt. «Die Farmerin Tiphaine kümmert sich um deine Adoption und macht ein Foto. Du lädst dir eine Adoptionsurkunde herunter und planst einen Besuch auf der Plantage oder dem Betrieb, wenn du möchtest.» Das Foto meiner zwei Quadratmeter Adoptivzwiebelfeld werde ich goldrahmen lassen, und für meine nachhaltige Reise in der Bretagne schneidere ich mir ein Pilgerkleid aus Jute.
Ach so, ja, natürlich: «Du gehst keine langfristige Verpflichtung ein: Sobald du die Ernte erhalten hast und dir die Erfahrung gefallen hat, kannst du entscheiden, ob du die Adoption verlängern möchtest.» Die Erfahrung besteht aus einem jährlichen Paket mit fünf Kilo Zwiebeln. Vermutlich hat der Pöstler beim Ausliefern meiner Zwiebelerfahrung einen entrückten Blick. Ich werde eine Kuh dazuadoptieren. Aus der Herde von «GAEC Arrokiaia» in Ahaxe /Ahatsa an der französisch-spanischen Grenze. «Erhalte deine Ernte in Form von Bio-Tomme-Käse aus dem Baskenland direkt zu dir nach Hause. Der Farmer Xabi kümmert sich um deine Adoption und macht ein Foto von ihr. Du kannst dir eine Urkunde herunterladen…»
Hübsch wären ausserdem 7,5 Quadratmeter Safrankrokusfeld sowie 80 Quadratmeter Kichererbsen in Spanien, eine Rebe für französischen Rotweinessig, einen Kakaobaum auf den Philippinen und die Ziege Beate von der Manuela auf dem Vulkanhof im deutschen Gillenfeld, geboren Ende April 2020 (Beate, nicht Manuela). Ich muss Beate allerdings mit 44 andern Crowdfarmern teilen, von denen jeder für 50 Euro ein Kilo Ziegenschnittkäse erfährt. Die 4.25 Euro pro Kilo Bioorangen von Angelo im italienischen Monasteri – meinen Baum habe ich Andrea getauft und die Adoptionsurkunde heruntergeladen – sind indes absolut konkurrenzfähiger Preis. Sofern die Früchte ihre Reise in passablem Zustand überstehen und sofern die Ernte etwas geworden ist. Andernfalls muss Angelo mir halt irgendwelche anderen Orangen schicken. Wichtig ist dabei einfach, dass er möglichst viel Geschichtenschwurbel mitliefert. Dann lässt man seinen Adoptivorangen ja so manchen Fehler durchgehen.