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Von Daniel Lüthi
Eine neue Rubrik auf «Zeitnah»: Das Zitat der Woche beleuchtet jeweils einen Auszug aus Literatur oder Tagesgeschehen von einer eigenen Seite. Den Anfang macht der Eröffnungsparagraph aus «Lady Chatterleys Liebhaber» (1928) von D.H. Lawrence.
Unser Zeitalter ist seinem Wesen nach tragisch, also weigern wir uns, es tragisch zu nehmen. Die Katastrophe ist hereingebrochen, wir stehen zwischen den Trümmern, wir fangen an, neue kleine Gewohnheiten zu bilden, neue Hoffnungen zu hegen. Es ist ein hartes Stück Arbeit: Kein ebener Weg führt in die Zukunft; wir umgehen die Hindernisse jedoch oder klettern über sie hinweg. Wir müssen leben – einerlei, wie viele Himmel eingestürzt sind.
In aller Kürze fasst Lawrence hier nicht nur die Tragödie des Ersten Weltkriegs zusammen, sondern stellt uns gleichzeitig das Gefühlsleben der Hauptfigur Connie Chatterley vor. Ihr Mann Clifford kehrte gelähmt aus dem Krieg zurück und pflegt mit seiner Frau fortan rein geistigen und intellektuellen Kontakt. Lady Chatterley beginnt eine Affäre mit dem Wildhüter Oliver, die in ihrer Leidenschaft immer grössere und fatalere Kreise zieht.
Als das Buch 1930 erstmals in Grossbritannien erschien (zwei Jahre zuvor veröffentlichte Lawrence es privat in einer kleinen italienischen Bücherei), ging ein Aufschrei durch die Literaturwelt, dessen Echo dreissig Jahre lang nicht verhallt sein sollte: «Lady Chatterleys Liebhaber» galt als Pornographie, da Wörter wie «penis» oder «fuck» im Buch unverblümt gebraucht wurden. Trotz der hochliterarischen Sprache und dem Anspruch des Buchs wurden vor allem diese Passagen hervorgehoben und steigerten sich zum Skandal. Lawrence schrieb einen Essay, in dem er sein Werk verteidigte, doch erst eine bereinigte Fassung durfte zögerlich und halbwegs unter dem Ladentisch verkauft werden.
1960 kam es zu einem aufsehenerregenden Prozess, nachdem Penguin Books elf Exemplare der unzensierten Fassung von «Lady Chatterleys Liebhaber» verkaufte und sich gleichzeitig selbst anzeigte. Die anschliessende Gerichtsverhandlung sollte endgültig entscheiden, ob Lawrences Buch als Pornographie verdammt werden würde oder nicht. Es kam zu einem Freispruch: Penguin Books gewann den Prozess und veröffentlichte die unzensierte Version von «Lady Chatterleys Liebhaber», die in der bevorstehenden sexuellen Revolution der 1960er-Jahre zum Bestseller wurde.
Das Anfangszitat unterstreicht das Grundthema von Lawrences «Lady Chatterleys Liebhaber»: Nicht billige Erotik und schwülstige Sexszenen, sondern die Traumas unerfüllter Sehnsucht und unbewältigter Katastrophe bestimmen das Buch. Lawrence ging es um die Einheit von Geist und Körper, den Verzicht auf Scham betreffend sexueller Wünsche und Leidenschaften. In diesem Sinn wandte er sich gegen die Mechanisierung des Menschen in der aufkommenden Industriegesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts, wie sie im Ersten Weltkrieg angewandt worden war. Heute ist «Lady Chatterleys Liebhaber» ein Klassiker der Weltliteratur, der Sexualität weder verdammt noch vermarktet, sondern 1928 erstmals befreite.
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