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Sicht der Denkmalpflege
Kantonaler Denkmalpfleger, lic. phil. Markus Bamert
Die am alten Weg von Lachen Richtung
Reichenburg gelegene Kapelle St. Jost gehört zu den wenigen im
Kanton Schwyz erhaltenen mittelalterlichen Sakralbauten mit
spätgotischer Ausstattung, die nicht der barocken Erneuerungswelle
des späten 17. und 18. Jahrhunderts zum Opfer gefallen sind.
Was auf den ersten Blick einheitlich in
Erscheinung tritt, ist das Resultat einer bewegten Baugeschichte. Um
die Mitte des 14. Jahrhunderts wurde hier eine Kapelle erbaut, die im
Wesentlichen noch der heutigen Kapelle entspricht. Angebaut war auf
der Südseite ein Gebäude unbekannter Nutzung, das
archäologisch
nachgewiesen werden konnte.
Zu dieser Epoche gehören das
elegante
Zwillingsfenster in der Mauermitte hinter dem Altar sowie die
fragmentarisch erhaltenen Malereien an der Ost- und Nordwand. Diese
zeigen an der Ostseite im Bereich des Mittelfensters das Haupt
Christi umgeben von männlichen Heiligen, an der Nordwand sind
Szenen
aus der Vita Christi zu sehen. Ornamentbänder und Figurenstil
entsprechen der im 14. Jahrhundert international verbreiteten
sogenannten höfischen Gotik, wie sie etwa aus der vermutlich in
Zürich entstandenen Manesse-Handschrift bekannt ist. Ein
bedeutendes
Zentrum dieses Stils war das Gebiet, das sich vom Bodenseeraum
über
Winterthur bis Zürich erstreckte. Unter diesem Einfluss sind auch
die Malereien in Galgenen zu sehen.
Um und nach 1500 sind die beiden
Altäre im Chor der Kapelle zu datieren, wobei der Hochaltar mit
drehbaren Flügeln wohl einer in der Umgebung tätigen
Werkstatt,
eventuell von aus dem süddeutschen Raum zugewanderten
Künstlern,
zugeschrieben werden kann. Der elegantere Anna-Altar hingegen
dürfte
aus dem süddeutschen Raum, aus der Gegend Ulm oder Augsburg,
importiert worden sein. Der sogenannte Hegner-Altar in der Chormitte
entspricht wegen seines originellen Aufbaus nicht dem
landesüblichen
Schema spätgotischer Schreinaltäre mit beweglichen
Flügeln. Es
muss ein versierter Kunsthandwerker gewesen sein, der diesen
Mechanismus schreinerte, der bis heute recht gut funktioniert. Der
Schnitzer hingegen besass eine etwas derbe Hand.
Das Anna-Retabel auf
dem Seitenaltar kann ursprünglich nicht in der Kapelle gestanden
haben, da es in der Gesamthöhe mit seinem Aufbau, dem sogenannten
Gesprenge, in der Kapelle mit der nachgewiesenen Flachdecke gar
nicht Platz gehabt hätte. Die heutige Holztonne mit achtfacher
Brechung und den eingelassenen Deckenbildern von Martin Leonz Zeuger
entstand erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Am Anna-Altar fehlen
zudem die üblicherweise dazugehörigen beweglichen
Flügel,
lediglich die Angel zur derer Aufhängung sind erhalten. Der
Figurenstil wie auch die rückseitige Bemalung mit dem
Jüngsten
Gericht sind qualitativ hochstehende Arbeiten.
1584 wurde eine
originelle Holzempore, die auf dem Boden abgestützt ist,
eingebaut.
In den Jahren 1622/23 erfuhr die Kapelle ihre wohl wesentlichste
Veränderung in ihrer rund 650-jährigen Geschichte. Die beiden
neuen
Sandsteinportale sowie die beiden grossen spitzbogigen
Sandsteinfenster im Chor sind Zeugnisse dieser Epoche. In diesen
Jahrzehnten war es in der Innerschweiz Mode, mehr als 100 Jahre
zurückliegende spätestgotische Formen insbesondere bei
Steinmetzarbeiten wieder aufzunehmen. Man darf dies nicht als letzten
Ausläufer der Gotik bezeichnen. Vielmehr sind es bewusste
Rückgriffe
auf diesen älteren Stil.
Um 1623 kamen zudem bedeutende
Wandmalereizyklen an den Wänden der Kapelle dazu. Diese sind im
Wesentlichen der Stifterfamilie der Hegner zu verdanken, die sich
entsprechend mit Wappen und Inschriften verewigt haben. Auf der
Südwand ist der Zyklus aus dem Leben des Kapellenpatrons, des hl.
Jost in 12 Bildern zu sehen. Auf der Nordwand sind Szenen aus dem
Leben von Bruder Klaus in epischer Breite sowie ein grosses
Visionsbild dargestellt, das als Stifterbild der Familie Hegner mit
Wappen der Brüder Heinrich und Hans Hegner zu deuten ist. Dabei
wurden das kleine gotische Doppelfenster im Chor sowie dasjenige an
der Südwand, das archäologisch nachgewiesen ist, zugemauert
und der
gotische Zyklus des 14. Jahrhunderts übertüncht.
Das heutige
Aussehen der Kapelle ist das Ergebnis vergangener Restaurierungen.
Dabei wurden ungesehen der Lesbarkeit und der Zusammengehörigkeit
die älteren gotischen Malschichten wieder freigelegt. Diese sind
heute zusammen mit den Bildzyklen des 17. Jahrhunderts zu sehen.
Ebenso rahmen im Chor die beiden grossen Fenster des 17. Jahrhunderts
das kleine Doppelfenster des 14. Jahrhunderts. Bei den damaligen
Restaurierungskonzepten galt als wertvoller, was älter war. So
wurden ältere Bildzyklen freigelegt, ja jüngere Bildschichten
gar
zerstört, um auf ältere Bildfragmente vorstossen zu
können. Trotz
diesen Massnahmen, die für die ersten Jahrzehnte des 20.
Jahrhunderts landesweit typisch sind, gehört die Raumausstattung
der
Kapelle St. Jost zu den wertvollsten und interessantesten innerhalb
unseres Kantonsgebietes.
Eidgenössischer Denkmalpfleger, Dr. Hans Rutishauser
Galgenen, Kapelle St. Jost
Konservierung, Restaurierung,
Renovation
Die Kapelle St. Jost birgt eine bedeutende Ausstattung: Wichtige
Wandmalereien aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, zwei
Bildzyklen sowie Architekturmalerei aus der ersten Hälfte des 17.
Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert wurden zudem drei Tafelbilder an die
damals neue Deckentonne aus Holz gemalt.
Die bewegliche Ausstattung ist vor allem wertvoll wegen der beiden
spätgotischen Altaraufsätze. Der ältere der beiden
Retabel ist der, wohl vor 1500 in Süddeutschland gefertigte,
Annen-Altar als linker Seitenaltar. Er ist nachträglich in der
Kapelle aufgestellt worden, dabei hat man auch die beweglichen
Seitenflügel entfernt. Der Hegner-Altar als Hauptaltar ist wohl
eine Generation nach dem Annen-Altar gebaut worden. Auch er ist im
süddeutsch-schwäbischen Raum entstanden.
Es grenzt an ein Wunder, dass diese spätmittelalterlichen
Altarretabel auch nach fünfhundert Jahren, mithin nach
über 20 Generationen, noch erhalten sind. Der
Gefährdungen in diesem Zeitraum waren viele: Hochwasser,
Dachwassereinbrüche, Murgänge, Feuersbrünste, Erdbeben,
Schäden durch Insekten und Pilze, Abbau durch Sonnenlicht. Aber
auch mutwillige Schäden durch Menschenhand beeinträchtigen
die Schnitzwerke: Kriege, Diebstahl, Bildersturm als Folge der
Reformation aber auch durch falsche Auslegung der Beschlüsse des
Zweiten Vatikanischen Konzils. Schliesslich entstehen Substanzverluste
durch wohlgemeinte technische Installationen, wie Heizungen,
Scheinwerfer, Strahler und zu dichte neue Fenster. Zuletzt dürfen
die Gefährdungen nicht unerwähnt bleiben, die den
Flügelaltären durch putzeifrige Kirchendiener, aber auch
durch unbedachte Eingriffe von Kirchenmalern und Restauratoren
zugefügt worden sind.
Beide Kunstgattungen, die bemalten Schnitzwerke und die bemalten
Wände, reagieren auf Klimaschwankungen sehr empfindlich. In beiden
Fällen reagieren die Trägerschichten (Holz, bzw. Grundputz)
unterschiedlich zu den Farbschichten der bemalten Oberfläche, es
kommt zu Rissen und Abstossungen der Farboberfläche.
Man mag sich fragen, wieso heute erneut eine umfassende Massnahme der
Konservierung ansteht? Allerdings liegt die letzte Innenrestaurierung
bereits wieder zwei Generationen, also 50 Jahre zurück.
Im Falle der Erneuerung der Kapelle St. Jost haben sich seit mehr als
150 Jahren massgebende Fachleute um die Substanzerhaltung bemüht.
Albert Jörger hat im Kunstdenkmälerband von 1989 die
wichtigsten Massnahmen und Personen seit 1854 chronologisch
festgehalten:
1854 erfolgte eine Erneuerung des Bruder-Klaus-Zyklus durch den Maler
Johann Anton Krieg.
1911/12 wurde die Restaurierung vom Zürcher
Kunstgeschichtsprofessor Johann Rudolf Rahn und seinem Schüler Dr.
Josef Zemp, Vizedirektor des Landesmuseums in Zürich, geleitet.
Damals wohl die besten Kenner mittelalterlicher Kunst in der Schweiz.
Die Restaurierung der Wandbilder erfolgte durch Christian Schmidt, jene
der Altäre durch Prof. Josef Regl, beide aus Zürich und
beides ausgewiesene Spezialisten ihres Fachgebietes, die sich bereits
an einer Vielzahl von Baudenkmälern bewährt hatten.
1938 wurde der St. Jost-Zyklus restauriert und teilweise übermalt
vom Maler Josef Krieg.
1953 Restaurierung der Wandbilder und Teile der Altäre durch Franz
Xaver Sauter aus Rorschach, dieser hatte kurz zuvor die karolingischen
und romanischen Wandbilder in der Klosterkirche Müstair in
Graubünden freigelegt und restauriert.
1959/60 Gesamtrestaurierung unter Architekt Felix Schmid aus Rapperswil
und Bundesexperte Prof. Linus Birchler, Präsident der
Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege. Erneut war
Franz Xaver Sauter in der Kapelle tätig und legte die
neuentdeckten Wandbilder des 14. Jahrhunderts frei. Dabei wurden
zugunsten der älteren Malerei solche von 1622/30, die
darüberlag, geopfert!
1987/88 unter dem heutigen Architekten Toni Schnellmann erfolgte die
Dachstuhl- und Aussenrestaurierung. Experten waren Alois Hedinger und
Hans Meyer Winkler. Die Aussenmalerei der drei Eidgenossen, der
Muttergottes samt St. Karl Borromäus und Bruder Klaus, sowie der
Christophorus wurden von der Firma Oskar Emmenegger, von Paco Coello,
nach alten Fotos rekonstruiert.
All diese Massnahmen sind zu ihrer Zeit nach dem Stand des damaligen
Wissens ausgeführt worden. Wenn wir auch heute die eine oder
andere Technik bedauern, weil wir wissen, dass sie auch Schäden
verursacht haben, ist es doch erstaunlich, dass die Kapelle stets
fachmännisch betreut worden ist. Im Wissen, dass auch unsere
jüngsten Konservierungen nicht die letzten sein werden, ist man
heute bestrebt, alle Massnahmen so sorgfältig und
zurückhaltend wie möglich auszuführen. Wenn immer
möglich sollten sie rückführbar, d.h. reversibel
stattfinden, damit allfällige Fehler später korrigiert werden
können. Wir wissen heute, dass künftigen Generationen neue,
andere und bessere Mittel und Methoden der Restaurierung zu
Verfügung stehen werden. Diese künftig anzuwenden wird nur
sinnvoll sein, wenn möglichst viel von der originalen Substanz des
Baudenkmals und seiner Ausstattung erhalten ist. Dass sich die
Kirchgemeinde Galgenen darum mit beträchtlichen Mitteln
bemüht, das danken ihr heutige und künftige Generationen
frommer und kunstbeflissener Benutzer, Besucher und Bewunderer der
Kapelle St. Jost.