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Rousseau, unermüdlicher Kämpfer für den Dialog
Am 19. Januar haben in Genf die Feierlichkeiten zum 300. Geburtstag von Jean-Jacques Rousseau begonnen. Der grosse Autor und Aufklärer, der als einer der Wegbereiter der Moderne gilt, wird 2012 aber auch in vielen anderen Ländern geehrt.
Er war Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Naturforscher und Komponist der Aufklärung. Von seiner Geburtsstadt Genf aus strahlte Rousseaus vielschichtiges Wirken in zahlreiche Länder auf fast allen Kontinenten. Diese Universalität widerspiegeln Konferenzen, Kolloquien, Ausstellungen, Opern, Konzerte, Theateraufführungen, die 2012 zu seinen Ehren seines 300. Geburtstages abgehalten werden.
"Vorschläge erreichten uns aus Europa, den beiden Amerika und Afrika", sagt François Jacob, Direktor des Voltaire-Instituts und -Museum und der Rousseau-Bibliothek in Genf. "Dank eines Kompetenzzentrums, das uns die Unesco zur Verfügung stellte, gelang es uns, den Feiern die nötige Bedeutung zu verleihen", sagt der Rousseau-Spezialist, der als Projektleiter für die Feierlichkeiten verantwortlich zeichnet.
swissinfo.ch: Welche Wirkung Rousseaus wirken in Europa bis heute nach?
François Jacob: Ich spreche in diesem Zusammenhang nicht von Europa, ist dies doch eine Realität des Jetzt. Das heutige Europa entspricht nicht dem Europa der Aufklärung, wie man es im 18. Jahrhundert gekannt hatte.
Es gab Gräben zwischen den Staaten, die mit den heutigen Zerwürfnissen nichts gemein haben. Damals war Französisch die internationale Sprache. Das bedeutet, dass die Kultur anders zirkulierte: Sie war einem kleinen Kreis von Personen in Frankreich, der Schweiz und Russland vorbehalten, die Rousseau lasen, ungehindert von sprachlichen oder gedanklichen Grenzen.
swissinfo.ch: Inwiefern hat Rousseau zur Definition der Idee der Nationalität beigetragen?
F.J: Im 18. Jahrhundert waren es die herrschenden Familien, die ein Land definierten. In Russland stammte Katharina die Zweite aus Deutschland, die Bourbonen Spaniens waren aus Frankreich etc. Es gab gewissermassen kein Nationalgefühl.
Rousseau zimmerte für dieses Gefühl ein Gerüst aus Verträgen (Gesellschaftsvertrag, Bildungsvertrag, Politikvertrag etc.). Dieses Vertragswerk bildete die Grundlage für das Bewusstsein als Volk. Beispielsweise arbeitete er 1770/71 an seinen Betrachtungen zur Regierung Polens. Er dachte dabei aus Sicht der Polen, nicht aus Sicht der Schweizer.
Anderes Beispiel: In seinem Aufsatz über die Herkunft der Sprache ging er davon aus, dass ein Mensch einerseits durch das Gebiet geformt wird, in das er geboren wurde, andererseits durch die Kultur der Menschen, die dort leben. Laut Rousseau drückt also das Herkunftsgebiet den Menschen seinen Stempel auf.
Dieses neue Konzept der Identität wurde später von der Französischen Revolution aufgenommen. Diese wiederum stand am Ursprung der Idee der Staaten.
swissinfo.ch: Was würde Rousseau, würde er heute leben, zum "Kampf der Kulturen' sagen, den aktuellen Spannungen zwischen Orient und Okzident?
F.J: Ich denke, sein Blick auf das Geschehen von heute wäre sehr negativ und sehr optimistisch zugleich. Ich gehe davon aus, dass Rousseau an der heutigen Globalisierung keinen Gefallen gefunden hätte, weil sie die Idee von nationalen Identitäten negiert. Voltaire als überzeugter Internationalist hätte die Globalisierung sicher anders beurteilt.
Zur positiven Sicht: Rousseau ist ein Befürworter des Dialogs. Dies gilt auch für Völker untereinander. Dieser Dialog darf jedoch nicht zum Ziel haben, dass die die Bewohner Genfs, Berlins oder Londons ihre Lebensweisen einander angleichen.
swissinfo.ch: Es überrascht, dass Länder wie Brasilien oder die USA zu den Feiern zu Rousseaus 300. Geburtstag beitragen. Woher rührt dieses Engagement?
F.J: Brasilien ist ein gutes Beispiel, denn dort sind die Feiern am bedeutendsten. Am Symposium, das im September in Sao Paulo stattfinden wird, werden hundert Spezialisten auftreten, was enorm ist. Dies erklärt sich dadurch, dass die Gedanken Rousseaus perfekt dem entsprechen, was die Menschen im Brasilien von heute herausfordert: ihre Beziehungen zur Sprache und insbesondere zu Natur und Umwelt.
Es ist daher kein Zufall, kommen die besten Interpreten der Gedanken Rousseaus aus Brasilien. Das Land ist auf der Suche nach einer politischen Identität als einem Rahmen, die Verfassung 'zu leben'.
Wenn wir von Verfassung sprechen, weise ich darauf hin, dass diejenige der Vereinigten Staaten zahlreiche Anleihen aus Rousseaus Gesellschaftsvertrag übernommen hat. Daher rührt auch das Interesse der Amerikaner, zu seinem 300. Geburtstag beizutragen. Im Sommer finden in Washington ein Symposium und eine Ausstellung statt. Beide Anlässe werden von der Bibliothek des US-Kongresses (Parlament, die Red.) in Zusammenarbeit mit der Rousseau-Bibliothek in Genf organisiert.
swissinfo.ch: Welchen Rat gäbe Rousseau als "Bürger von Genf" der Welt des 21. Jahrhunderts?
F.J: Einen politischen Rat mit zweierlei Stossrichtungen, einer gesellschaftlichen und einer individualistischen. Rousseau sagt, dass die kollektive Lebensweise so gestaltet sein soll, dass es jedem Individuum möglich ist, auf seine Kosten zu kommen.
Was den Einzelnen betrifft, geht Rousseau davon aus, dass jeder in seiner Umgebung glücklich werden könne. Die Schweiz als sein Geburtsland stellt seinen Bewohnern dazu ein Modell des Ausgleichs zur Verfügung, wie es Rousseau befürwortet.
Diese Ordnung basiert nicht auf einem Föderalismus (Rousseau selber hat diesen Begriff nie verwendet), sondern auf einem Konsens über einfache Prinzipien, die auf einen harmonischen Ausgleich abzielen.
Hätte das Europa von heute diesen Rat befolgt, wären ihm viele seiner aktuellen Probleme erspart geblieben. Ganz sicher wäre das Wohlergehen seiner Bewohner nicht der Illusion einer ökonomischen Prosperität geopfert worden.
Jean-Jacques Rousseau
Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Naturforscher und Komponist. Geboren 1712 in Genf, 1778 in Ermenonville (Frankreich) gestorben.
1712-1728: jugendliche Begeisterung für republikanische Ideen, als Lehrling erste Erfahrung von Ungerechtigkeit.
1728-1742: Jahre des Glücks mit Madame de Warens, seiner Lehrerin. "Die Träumereien des einsamen Spaziergängers" erscheinen 1782.
1742-1756: Wirken als Komponist und Autor.
1756-1762: Arbeit an den zwei Hauptwerken "Julie oder Die neue Heloise" und "Emile oder über die Erziehung".
1762-1770: Dunkle Jahre: Starke Kritik an "Emile", Flucht nach England, wo er mit dem Philosophen Hume in Streit gerät. Weiterreise nach Frankreich, Hochzeit mit Thérèse Levasseur. Arbeit an "Die Bekenntnisse", die 1782 postum erscheinen.
1794: Beisetzung seiner sterblichen Überreste im Pariser Panthéon, dem nationalen Heiligtum Frankreichs.End of insertion
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