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Ödön (Edmund) von Horváth (1901 – 1938)
Sohn eines ungarischen Diplomaten. Die Familie zog oft um, der kleine Ödön wechselte viermal die Unterrichtssprache. Seine Theaterstücke wie Die Bergbahn (1927), Geschichten aus dem Wienerwald (1930), Glaube Liebe Hoffnung (1932), Kasimir und Karoline (1933) gehören zu den Klassikern des 20. Jahrhunderts. Romane: Der ewige Spiesser (1930), Jugend ohne Gott (1936), Ein Kind unserer Zeit (1937). In Deutschland und Österreich dem Naziterror ausgesetzt, wurden seine Werke verboten. Als er nach Amerika auswandern wollte, wurde er in Paris 1938 von dem herabfallenden Ast einer Kastanie erschlagen. Es gab keine Zeugen.
Etablierung als Bühnenautor
Horváth begann 1920 zu schreiben. Der erste literarische Text Horváths, Das Buch der Tänze, auf Anregung Siegfried Kallenbergs entstanden, wurde 1922 konzertant in München und 1926 szenisch in Osnabrück aufgeführt. Ab 1923 lebte Horváth vor allem in Berlin, Salzburg und bei seinen Eltern im oberbayerischen Murnau am Staffelsee. Er widmete sich immer intensiver der Schriftstellerei, vernichtete jedoch viele Texte aus dieser Zeit. Er band sich an keine Partei, sympathisierte aber mit der Linken; er sagte als Zeuge in einem NS-Prozess aus und warnte in seinen Stücken, z. B. in Sladek, der schwarze Reichswehrmann (1929), zunehmend vor den Gefahren des Faschismus. 1929 trat er aus der katholischen Kirche aus.
Im März 1931 wurde sein Stück Italienische Nacht in Berlin uraufgeführt. Horváths Ruhm als Dichter erlebte im Herbst 1931 den ersten Höhepunkt, als er auf Anregung Carl Zuckmayers gemeinsam mit Erik Reger mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde und am 2. November 1931 sein Bühnenstück Geschichten aus dem Wiener Wald, heute sein erfolgreichstes, uraufgeführt wurde.
Als die SA nach Adolf Hitlers „Machtergreifung“ 1933 die Villa seiner Eltern in Murnau durchsuchte, verließ Horváth Deutschland und lebte die folgenden Jahre in Wien und in Henndorf am Wallersee bei Salzburg als eines der wichtigsten Mitglieder des Henndorfer Kreises um Carl Zuckmayer. 1933 heiratete er die jüdische Sängerin Maria Elsner. Die Ehe wurde ein Jahr darauf geschieden. Um zu überleben, kehrte Horváth 1934 wieder nach Deutschland zurück. Im Juli 1936 wurde er aus Deutschland verwiesen.
Verfolgung und Emigration
Weil seine Stücke in Deutschland nicht mehr aufgeführt wurden, verschlechterte sich Horváths finanzielle Situation zusehends. Erst 1937, als sein Roman Jugend ohne Gott in Amsterdam erschien, konnte er wieder einen größeren Erfolg verzeichnen; der Roman wurde in mehrere Sprachen übersetzt, aber bereits 1938 in die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ aufgenommen und im Reichsgebiet eingezogen.
Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 fuhr Horváth nach Budapest, bereiste einige andere Städte und kam Ende Mai nach Paris. Am 1. Juni traf er im Café Marignan den Regisseur Robert Siodmak, um mit ihm über die Verfilmung des Romans Jugend ohne Gott zu sprechen. Doch noch am selben Abend wurde Horváth während eines Gewitters auf den Champs-Élysées (gegenüber dem Théâtre Marigny) von einem herabstürzenden Ast erschlagen. Seine Beerdigung fand in Anwesenheit vieler Exilautoren am 7. Juni 1938 auf dem Pariser Friedhof Saint-Ouen statt.
Trivia
Ein Wahrsager prophezeite Horváth, dass ihm in den ersten Tagen des Juni 1938 auf einer Reise „das bedeutendste Ereignis seines Lebens“ bevorstünde. Daraufhin benutzte der abergläubische Horváth u. a. keine Fahrstühle mehr. Am Tag seines Unfalltods lehnte er das Angebot der Siodmaks, ihn mit dem Auto ins Hotel zurückzubringen, mit der Begründung ab, dass dies zu gefährlich sei, und machte sich zu Fuß auf den Weg; so wurde er von dem fallenden Ast getroffen.
Literarische Bedeutung
Sozialpolitische Stoffe bilden den Kern von Horváths dramatischem Gesamtwerk. Als Ziel seiner Arbeit nennt er selbst die „Demaskierung des Bewußtseins“. Anhand von Einzelschicksalen verarmter, perspektivloser Kleinbürger sowie von Frauengestalten in patriarchalischer Abhängigkeit zeichnet er Bilder einer entfremdeten und sozial deprivierten Gesellschaft. In späten Arbeiten treten religiöse Fragestellungen im Sinne von Verantwortung und Schuld als Kategorie menschlichen Handelns hinzu. Bereits in seinem Volksstück Italienische Nacht analysiert er nicht nur die sozialen, sondern auch die psychologische Komponente im Verhalten der Faschisten. Aus dieser Analyse geht hervor, dass das Verhalten von einem brutalen sowie masochistisch-sentimentalen Minderwertigkeitsgefühl bestimmt wird. Auch in seinem Prosa-Spätwerk (Romane Jugend ohne Gott und Ein Kind unserer Zeit) setzt Horváth sich mit dem Faschismus auseinander, allerdings direkter und bitterer: „Der Einzelne wird, da wo er sich auflehnen will, von der Gesellschaft, und das ist nunmehr der faschistische Staat, zerrieben, wenn er nicht resigniert.“
Horváth gilt als Erneuerer des Volksstücks. In seinem Verständnis sollen die Probleme möglichst volkstümlich behandelt und gestaltet werden. In seinen dramatischen Arbeiten kritisiert er den artifiziellen „Bildungsjargon“, den er mittels einer künstlichen und kommunikationslosen „Dialogsprache“ zu entlarven trachtet: „Es hat sich nun durch das Kleinbürgertum eine Zersetzung der eigentlichen Dialekte gebildet, nämlich durch den Bildungsjargon. Um einen heutigen Menschen realistisch schildern zu können, muß ich also den Bildungsjargon sprechen lassen. Der Bildungsjargon (und seine Ursachen) fordert aber natürlich zur Kritik heraus – und so entsteht der Dialog des neuen Volksstücks, und damit der Mensch und damit erst die dramatische Handlung – eine Synthese aus Ernst und Ironie.“