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30. Juni 2019
Alles in Allem ist eine Theaterreise quer durch Zürich in 12 Stunden mit dem theater sogar.
Alles in Allem basiert auf dem gleichnamigen 1200-seitigen Roman von Kurt Guggenheim und beschreibt das Leben in Zürich in der Zeit zwischen 1900 und 1945.
Die Stationen der Reise sind:
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Villa Patumbah Riesbach
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Gasmuseum Schlieren
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Zeughaus Waffensaal Aussersihl
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Zeughaus Holzsaal Aussersihl
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Polithek Aussersihl
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Zehntenhaus Zürich-Affoltern
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Seewasserwerk Moos Wollishofen
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Kulturmarkt Wiedikon
Alle acht Orte haben einen Bezug zum Roman.
Alle kursiv geschriebenen Texte stammen aus dem Roman.
Kurt Guggenheim von Zürich und Lengnau (AG) kam am 14. Januar 1896 in Zürich als Sohn des jüdischen Kaufmanns Hermann und seiner Frau Frieda, geborene Ris zur Welt. 1939 heiratete er Gertrud Schlozer (1911-1994), verwitwete Kloter. Kurt Gugggenheim starb am 3. Dezember 1983.
Sein Roman Alles in Allem erschien erstmals als vierteiliger Zyklus zwischen 1952 und 1955.
Villa Patumbah
Der frühere Besitzer Karl Fürchtegott Grob (1830-1893) hat der zwischen 1883 und 1885 erbauten Belle-Époque-Villa, die für damalige Verhältnisse sagenhafte 500 000 Franken kostete, den Namen «Patumbah» verliehen, was auf Malaiisch «ersehntes Land» bedeutet. Eine Reminiszenz an Sumatra, wo er durch Tabakanbau viel Geld verdiente, und zu einem der reichsten Zürcher wurde. Allerdings: Der Wohlstand basierte auf sklavischer Ausbeutung von Arbeitern aus China, Java und Indien. Das gleiche Architekturbüro baute 1884 auch die Synagoge an der Löwenstrasse, die in Guggenheims «Alles in Allem» verschiedentlich vorkommt.
So fängt der Roman an:
DIE STADT ZÜRICH liegt unter 47° 23′ nördlicher Breite und 8° 33′ östlicher Länge von Greenwich am nördlichen Ende des Zürichsees und an beiden Ufern der Limmat in einer nach Süden und Norden offenen Talmulde. Der Seespiegel glänze bei mittlerern Wasserstand 406 Meter über Meer.
Und hört so auf.
In vierzehn verschiedenen Darstellungen führte darauf ein athletisch gebauter, schnauzbärtiger und nur mit einer Badehose bekleideter Mann jene Übungen aus, mit denen zu Beginn dieses Jahrhunderts ein auf Elastizität und guten Stoffwechsel bedachter Herr seinen Tag begann.
Meng war eben dabei, die letzte dieser Übungen, den Liegestütz, zu beenden. Hochrot, mit geschwollener Stirnader, die Zähne zusammengebissen, steif der Nacken, knickte er die Arme, bis sein Gesicht nur noch handbreit über der Kokosmatte schwebte, dann stemmte er sich wieder hoch.
Foto Ruth Voegtlin
Foto Ruth Voegtlin
Gasmuseum Schlieren
Die Arbeit im Gaswerk war hart. Lange musste die Kohle von Hand in die Öfen geschaufelt werden. Zwar wurde die Produktion mit den Jahren weitgehend automatisiert, die Arbeit der Ofenarbeiter blieb angesichts der Hitze aber weiterhin anstrengend. Zudem machten den Arbeitern die Staubbelastung und die giftigen Dämpfe zu schaffen. Max Kübler
«Meint ihr denn», sagte der Gärtnermeister Johann Wettstein zum Liegenschaftenhändler Jakob Reiss, «wir seien so dumm, das wir nicht merkten, wo es hinaus soll? Seit der Stadtrat den Kredit für den Ausbau der Industriestrasse bis zum Gaswerk Schlieren bewillige hat, kommt jeden Hundeschiss einer da heraus».
Man nannte uns im Dorf die «Gäsler». Das war der freundlichere Name. Meist aber waren wir für die alteingesessenen Schlieremer die «Negerdörfler». Das hatte seinen Grund nicht etwa nur darin, dass in unser Quartier alles vom schwarzen Kohlestaub aus dem Werk bedeckt war und auch die Arbeiter, die an den Retorten beschäftigt waren, diese schwarze Farbe im Gesicht hatten. Viel mehr fiel ins Gewicht, dass man diese Ballung von links gerichteten Arbeitern in den bürgerlichen Kreisen im Dorf irgendwie exotisch empfand. Heidi und Kurt Scheitlin
Gasometer als temporäre Lagerstätte des Gases
Im Innern des Gasometers
Wasserturm
Die Kraftcentrale: die 1904 erbaute und ab 1986 restaurierte Dampfdynamogruppe der Gebrüder Sulzer und der Maschinenfabrik Oerlikon.
Sie diente ursprünglich zur Erzeugung elektrischer Energie für den Betrieb des Gaswerks.
Stadtspaziergang
Vor der aus rotem Sandstein in einem maurischen Stil erbauten Synagoge sammelten sich nach Beendigung des Gottesdienstes die Mitglieder der Gemeinde. Aaron sah diese Anlässe stets mit Unbehagen herankommen. Es war vor allem das Göxlein, das er trug, das ihn mit der wildesten Wut erfüllte. Hierzulande ganz unüblich für Jünglinge seines Alters, erregte diese grossstädtisch-zierliche Kopfbedeckung bei den ihm begegnenden Passanten beträchtliches Aufsehen, Lachen und spöttische Bemerkungen.
Schanzengraben
Ehemalige Warenhalle zur Sihlbrücke
Kaserne Hauptgebäude
«Noch ist die Zeit nicht gekommen, die aus Schwertern Pflugscharen und aus Kasernen Schulhäuser macht». Zürcher Kalender 1875
Die Zürcher Kaserne wurde ausserhalb der Stadtgrenzen auf dem Gebiet der damals autonomen Gemeinde Aussersihl errichtet. Sie wurde 1875 eröffnet. Die Kaserne ist ein bedeutendes schlossähnliches Bauwerk, fristet aber seit der Verlegung des Waffenplatzes im Jahre 1986 ins Reppischtal ein provisorisches Dasein. Zentrale Räume stehen leer und sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Das Areal und die Gebäude stacheln seit drei Jahrzehnten Nutzungsfantasien an.
Zeughaus Waffensaal
Hier im Waffensaal kamen Ende des 19. Jahrhunderts die noblen und herrschaftlichen Gäste Zürichs zusammen, um das stattliche Arsenal an Rüstungen, Hellebarden, Speeren, Kanonen und anderen Kriegsmaterialien zu bewundern.
Leib Gidionovics, Inhaber einer Schürzenmanufaktur…
… und sein Bruder Ruben, Inhaber der Warenhalle zur Sihlbrücke…
…streiten sich.
Zeughaus Holzsaal
Eine Gruppe deutscher Dienstmädchen, die sich am Sihlquai ergingen, lachte ihn an, und Aaron hörte, wie eine von ihnen sich äusserte, der da stehe im selben Regiment wie ihr August.
Wegen der vielen Schaulustigen, die sich an der Umzäunung amüsierten, hielt sich der Drill noch ziemlich in Grenzen.
Polithek (ehemalige Militärkantine)
Da ist beispielsweise die Geselligkeit, welche wir manchmal abends in der Zürcher Militärkantine erleben durften. Dort sangen wir oft Soldaten- aber auch Lumpenlieder, unter Begleitung zweier musizierenden Kameraden. Wegen des überaus freundlichen Wesens der Wirtin und des Bedienpersonals wurde für uns die Kantine zu einem beliebten Aufenthaltsort. Sogar nach der Rückkehr aus den Urlauben oder vom Ausgang in die Stadt, richteten wir es öfters so ein, dass wir vor dem Zimmerverlesen noch schnell die Kantine besuchen konnten. Paul Studach
Den späten Heimkehrern bot sich das Schauspiel einer zwischen den Eckblöcken der Rämistrasse hervorbrechenden und über den mondbeschienenen Asphalt des Bellevueplatzes sich ergiessende Lava wolliger Leiber und nickenden Köpfe, die mählich den weiten Raum überfluteten. Auf dem rauschenden Untergrund der träppelnden Hufe schwammen die hellen und klagenden»Bäh»-Laute wie Signale, die aus den dunklen Massen zwischen den hohen Mauern jenen nach vorne zugerufen wurden, die hinter dem Hirten bereits mit misstrauisch vorgestreckten Mäulern die breite Brücke betraten. Die Stadt schlief.
Und wenn man liest, wie sich Laubscher eine radikale Veränderung des Limmatquais vorstellt – wie den Aufbau eines weissen Ozeandampfers, mit Deckpromenaden und Reihen von Fenstern, die auf den Strom hinausblicken, nach den Ideen des Meisters, des Architekten Jeanneret aus La Chaux-de Fonds gestaltet – könnte einem schon jene den Rippen eins Stieres nachempfundene halbrunde Konstruktion in den Sinne kommen, mit welcher der Architekt Santiago Calatrava Jahrzehnte später weit rechts davon den Bahnhof Stadelhofen überdacht hat.
Am Samstagabend, dem Tag der Bauernfasnacht – es ging gegen neun Uhr und es war noch empfindlich kalt – stand auf dem Bellevueplatz vor dem Eingang des Café Odeon, in einen dunklen Mantel mit Pelzkragen gehüllt, eine rote damastseidene Halbmaske vor dem Gesicht, eine unschlüssige Frauensperson.
Hast du Proust gelesen? – Jacqueline nickte. «A la recherche du temps perdu». – Das ist auch so einer, und dann hat er es gefunden, verwirklicht in der Stille seines verhängten Krankenzimmers, mit seinen Schulheften auf der Bettdecke, nach einem langen vertrödelten Leben im Abendcape, und er wird etwas hinterlassen, eben ein Werk.
Schabkarton-Bilder von Hannes Binder
Zehntenhaus Affoltern
Trotz des Namens handelt es sich bei der Liegenschaft nicht um die einstige Zehntenscheune, die das Kloster Wettingen nicht weit davon betrieb.
Das ehemals stadtbürgerliche Landgut stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert und zeigt vom junkerlichen Lebensstil der städtischen Oberschicht im Zeitalter des Absolutismus. Vom ursprünglichen Gebäude ist ausser den Grundmauern nicht mehr viel vorhanden; 1911 wurde es zu einem Magazin mit Wohnhaus umgebaut. Hans von Dach, der das Haus mit acht Wohnungen 1961 erwarb betrieb eine Metallwerkstatt, die sein Sohn Rudolf nach dem Ausscheiden seines Vaters bis 2013 weiterführte. Weil die Immobilie lange als Abbruchobjekt galt, wurde nichts in den Hausunterhalt investiert.
Nun wird die ehemalige, sechs Meter hohe Werkstatt mit einer Grundfläche von 120 Quadratmetern als temporärer Quartiertreff benutzt.
Foto Jojo Kunz
Aus dem Tagebuch von Kurt Guggenheim: Das Theater mit seiner Illusion, seiner Fiktionsbereitschaft heischenden Irrealität ist realer und uns näher als Kino. Bei im gibt es Farbe, Plastik, Wort und Sprache.
Seewasserwerk Moos
Das Seewasserwerk Moos wurde 1914 in Wollishofen erbaut. Gut 70% unseres Trinkwassers kommen aus dem See, der Rest sind zu 15% Grundwasser und zu 15% Quellwasser. Wie das Grund- und Quellwasser ist auch das Zürichseewasser dank der strengen Gewässerschutzauflagen von sehr guter Qualität.
Aus dem See werden täglich bis 100 000 Kubikmeter Trinkwasser bezogen und in sieben Stufen aufbereitet.
Ein Liter Leitungswasser kostet in Zürich weniger als 1 Rappen.
Ein Liter Markenwasser kostet ungefähr 1 Franken.
1867 wurde die sogenannte Kloakenreform von den Stimmbürgern verabschiedet und Zürich richtete ein geschlossenes Kanalisationssystem und eine Kübelabfuhr ein. Dabei wurde Flüssiges und Festes getrennt: Mittels Fallrohren gelangte der Kot in Kübel, die bei den Gebäuden aufgestellt waren. Durch ein Sieb sickerte das Flüssige in die Kanalisation, mit Fuhrwerken wurden die Behälter eingesammelt, geleert und gereinigt.
Ab 1868 wurde in der Stadt Zürich mit dem Bau von Frischwasserzuleitungen begonnen.
Auf den flachen Dächern der Filtergebäude hat sich dank extensivem Unterhalt eine spezielle Flora erhalten. Hier gedeihen 170 Pflanzenarten, darunter neun verschiedene Orchideenarten, dazu 20 Spinnengattungen.
Wir sind 80 Meter unter der Erde im 7 Kilometer langen Verbindungsstollen zwischen dem Seewasserwerk Moos und dem Reservoir Lyren.
Diese mit Hüst und Hott, Glockenklang und klirrenden Schaufelbrettern wöchentlich durch die Strassen der Stadt geführten Bazillenherde der Kehrichtabführungen erschienen ihm als ein eigentlicher Triumphzug der Unwissenheit. Mit Sorgfalt und Beharrlichkeit, fast wie die Erfüllung der Absichten böser Mächte, der geheimen Feinde der Menschheit, wurden die Tetanus-, Koli-Anthraxbazillen, die Keime der Diphtherie, des Kindbettfiebers täglich von Haus zu Haus geführt; statt sie zu vernichten, sorgten die Verblendeten für ihre Verbreitung.
Da wohnte er draussen in Wollishofen, auf dem Moränenhügel an der Grenze der Stadt, über dessen Kuppe und Osthang die Häuser der Siedlung in lockerer Ordnung wie die Steine eines Dominospiels sich staffelten, so frei und sauber hingestellt in den Raum und das Licht, dass sie selbst die Menschen zu wandeln schien, die sie bewohnten; dass die Männer anfingen die Hüte zu Hause zu lassen, entblössten Halses herumliefen, die Schlipse und Westen vergessend, und die Frauen den Mut zu den Farben wieder fanden, kanariengelbe Pullover trugen, ziegelrote Schärpen, blaue Schürzen und Tessiner Zoccoli an den strumpflosen Beinen; dass sie aus hellen Kuben der Zimmer die gedrechselten Möbel verbannten, die sie noch herausgebracht hatten, als sie einzogen, die tannenen Kästen, bunt bemalte Bücherregale, Tische und Truhen aus hellen Arvenholz hinstellten, Lampen und Stühle aus blanken Metall, jeden Tag duschten in den funkelnden Badezimmern und in winzigen, komfortablen Küchen neuartige Mahlzeiten bereiteten aus ungewöhnlichen Früchten, Zucchetti, Auberginen und Kürbissen, die Tomatensaucen mit Rosmarin würzten aus dem eigenen Gärtchen, aus verachteten Meerfischen fremdartige Suppen bereiteten; und selbst die Rösti und die Basserdorfer Schüblinge bekamen in den gebrannten und von Hand bemalten Geschirr ein anderes Ansehen und eine Geschmack, der den Durchbruch eines befreiten Lebensstils zu verkünden schien.
Kulturmarkt
Es war, zum Erstaunen aller, der Vater des Bräutigams, der alte Schürzenfabrikant Leib Gidionovics, der, bevor die Tournedos aufgetragen wurden, sich erhob und in einer kaum noch von einer fremden Färbung getrübten Mundart das Wort zu einer kleinen Ansprache ergriff.
Die Rede liess sich nicht gut an, nach den starr auf die Teller gerichteten Gesichtern der beiden Sippen zu schliessen. Einzig Nora, die Krankenschwester, die dem Redner zur Seite gesetzt worden war, blickte lächelnd zu Maly hinüber, die ihrerseits bei diesen Worten an die Umstände ihrer eigenen Verehelichung dachte. Über die Jungen, Schörschli, der mit Fräulein Schneebeli etwas zu tuscheln hatte, und die Geschwister Töni und Piorina, die etwas über ihre Produktion verhandelten, gingen die Worte unverstanden hinweg.
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