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Wollte man versuchen, das 21. Jahrhundert auf einen Haupttrend zu beschränken, käme dafür nur ein Kandidat in Frage: die Urbanisierung. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. In den Medien wird vor allem die Frage diskutiert, welche Auswirkungen dieser Prozess auf das weltweite Wirtschaftswachstum haben wird. Dabei sollte man jedoch nicht vergessen, dass die Urbanisierung einen ebenso nachhaltigen Einfluss auf die Diplomatie haben dürfte – und auf die Selbstbestimmung von Nationalstaaten.
Das lässt sich am Beispiel von zwei grossen, weltweiten Problemen zeigen: der Sicherheit und dem Klimawandel. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York oder 2008 in Mumbai machten sich beide Städte daran, ihre Sicherheitsinfrastruktur und ihre Nachrichtendienste zu stärken. Inzwischen ist es ihnen gelungen, in Eigenregie eine weit bessere Terrorabwehr zu entwickeln, als Washington oder Delhi sie ihnen hätten bieten können. Im Nahen Osten hat das glamouröse Dubai in Sicherheitsfragen ebenfalls das Zepter übernommen und tritt zunehmend aus dem Schatten von Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate.
Nun liesse sich einwenden: Das ist ja ganz schön, aber was sollen einzelne Städte gegen den Klimawandel unternehmen können? – Zwei Jahrzehnte Klimadiplomatie haben leider kaum Fortschritte erzielt. Noch immer gibt es zur Verringerung von CO2-Ausstössen kein wirklich effektives globales Programm. Doch dafür entstehen zunehmend vielversprechende Städtekooperationen. Die C40-Initiative, 2006 von Ken Livingstone, damals Bürgermeister von London, gegründet, vereint über 60 Städte. Deren Vertreter treffen sich regelmässig, um sich über die besten Verfahren, Technologien und Public-Private-Partnerships zur Senkung des CO2-Fussabdrucks auszutauschen. Was die Nachhaltigkeit von Gebäuden, Entsorgungssystemen und Transportmitteln angeht, übertreffen die von den C40-Mitgliedern gesetzten Standards inzwischen die in zwischenstaatlichen Verhandlungen beschlossenen Vorgaben erheblich.
Städte beginnen zunehmend, diplomatische und ökonomische Funktionen zu übernehmen, die bisher das Privileg von Nationalstaaten waren. Deshalb kann man sich zu Recht fragen, ob es angemessen ist, noch von internationalen Beziehungen zu sprechen.
Urbanes Mittelalter
Um die Rolle, die Städte in diesem Jahrhundert übernehmen werden, zu verstehen, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Städte waren die erste Form befestigter Siedlungen, welche die Menschen kannten – und lange vor Nationalstaaten wohl auch die ersten diplomatischen Akteure. Die antiken mesopotamischen und anatolischen Städte beispielsweise sandten regelmässig diplomatische Vertreter aus, um sich gegenseitig anzuerkennen; ihre Kaufleute brachen zu gegenseitigen Handelsmissionen auf. Im Mittelalter und während der Renaissance stützte sich die Diplomatie weiterhin auf Stadtstaaten, vor allem in Italien, während in Nordeuropa die Hanse den Ton angab. Die intensive diplomatische Konkurrenz dieser beiden Akteure trug zum Niedergang des Heiligen Römischen Reiches bei, befeuerte aber gleichzeitig die kommerzielle Revolution und die Entdeckungsfahrten über den Atlantik und nach Asien. Selbst nach dem Westfälischen Frieden von 1648, der weithin als der Beginn einer Bewegung hin zu eigenständigen Nationalstaaten betrachtet wird, blieb die Diplomatie eine heterogene Angelegenheit. Das änderte sich erst nach dem Wiener Kongress. Nationalstaaten sind also erst seit etwa zweihundert Jahren die einzigen diplomatischen Akteure. Aus «städtischer» Sicht ist das eine sehr kurze Zeitspanne.
Selbst die Globalisierung beinhaltet mehr als bloss das Verschwinden von Landesgrenzen. Sie ist auch ein zwischenstädtisches Phänomen. Laut einer Studie des McKinsey Global Institute wird die gesamte Weltwirtschaft von ungefähr 400 Städten repräsentiert. Entsprechend stützen sich die weltweiten Verbindungen im Flugverkehr auf die Entwicklung stabiler Hubs wie Chicago, London, Zürich oder Singapur. Diese wiederum tragen die Globalisierung weiter zu kleineren Städten in ihrem Einflussbereich. So färbt die Internationalität Zürichs und Genfs auf beide Regionen und über die Landesgrenzen hinaus bis in das Umland ab.
Magnete für ausländisches Kapital
Das Globalization-and-World-Cities-Forschungsprojekt (GaWC) der Universität von Loughbourough zeigt auf, dass Weltstädte ganze Netzwerke von Unternehmensdienstleistern angezogen und so – gemeinsam mit der Finanzbranche und dem privaten Sektor…