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Von den heute sieben Fakultäten der Universität Basel ist die Philosophisch-Historische die grösste. Über ein Viertel der Studierenden ist hier immatrikuliert und die Zahlen steigen jedes Jahr an. Bemerkenswert ist dieses Wachstum insbesondere deshalb, weil durch die jüngere Verselbständigung zweier Fächer zu neuen Fakultäten der Zustrom in einigen Bereichen versiegte. Doch wurden nicht nur Fächer aus dem traditionellen Kanon entlassen, es kamen auch neue hinzu.
Die Philosophisch-Historische Fakultät zeichnet sich heute nicht nur durch Wachstum, sondern auch durch stete Erneuerung aus. Die gegenwärtige Fächerstruktur hat sich in einem andauernden Prozess seit der Gründungszeit der 1460er Jahre herausgebildet. Während der ersten 350 Jahre der Universität kam den philosophischen Fächern die Aufgabe zu, die Studierenden auf den Eintritt in eine der Hauptfakultäten vorzubereiten (Theologie, Medizin, Jurisprudenz). Eine organisatorische Gleichstellung mit den anderen Fakultäten erfolgte erst 1818 mit dem neuen Basler Universitätsgesetz. Ein weiteres Jahrhundert später gliederten sich mit dem Universitätsgesetz von 1937 die geistes- und die naturwissenschaftliche Abteilung in je eigenstädige Fakultäten.
Mehr Studierende, mehr Fächer, mehr Professuren - die Geisteswissenschaften im 20. Jahrhundert
Die junge Philosophisch-Historische Fakultät umfasste aufgrund dieser Trennung zunächst eine weit geringere Anzahl Studierender, ohne aber dadurch zu einer kleinen Fakultät zu werden. Im Wintersemester 1944/45 zählte sie 527 Immatrikulationen und befand sich damit an zweiter Stelle; nur um zwanzig Einschreibungen lag sie hinter der Medizin zurück. Diese beiden Fakultäten wiesen während den folgenden 20 Jahren in etwa dieselbe Grösse auf, bis in den Geistes- und Sozialwissenschaften anfangs der 1960er Jahre ein starkes Wachstum einsetzte. Zahlenmässig begann sich die philosophische Fakultät nun klar abzusetzen und erst Mitte der 70er Jahre flachte die Wachstumskurve vorerst wieder ab.
Mit dem Zustrom der Studierenden stieg auch die Zahl der Ordinariate. Verfügte die Fakultät 1960 über 18 ordentliche Professuren, konnte sie bis ins Jahr 1985 mit einem Anstieg auf 40 mehr als eine Verdoppelung verzeichnen. Davon profitierten auch eine Reihe von Fächern, die bis anhin noch nicht über ein Ordinariat verfügt hatten wie beispielsweise die Soziologie, die Islamwissenschaft und die Ethnologie.
Strukturen im Wandel - die Fakultät um die Jahrtausendwende
Ein Jahrzehnt später sah sich die Philosophisch-Historische Fakultät nach langem Wachstum allerdings wieder einer Trennung und damit einem Verlust von Studierendenzahlen gegenüber. 1996 verselbständigten sich die Wirtschaftswissenschaften und 2003 die Psychologie, um je eigene Fakultäten zu bilden.
Auf diese Entwicklungen, welche die Fakultätslandschaft als Ganze betrafen, folgten organisatorische Änderungen im Innern der Fakultät. Die Umstellung der Studiengänge auf das Bolognamodell im Wintersemester 2005/2006 sah auch eine grundsätzliche Neustrukturierung der Fakultät vor. Bis anhin hatte die Philosophisch-Historische Fakultät aus einem einzigen Departement «Geistes- und Kulturwissenschaften» bestanden. Die in den Jahren 2006 bis 2008 eingeführte Gliederung umfasst fünf thematisch organisierte Einheiten mit je eigener Geschäftsleitung: Die Departemente Altertumswissenschaften, Gesellschaftswissenschaften und Philosophie, Historische Wissenschaften, Religionswissenschaft sowie Sprach- und Literaturwissenschaften. Sie führen jeweils zwischen drei und neun Seminare bzw. Institute mit wissenschaftlich verwandten Fachgebieten zusammen, um innerdepartementale Strategien zu entwickeln und sich durch Schwerpunktbildungen national und international deutlicher zu profilieren. Durch eine koordinierte Methodenausbildung und die Schaffung von Synergien in Lehre und Forschung soll eine fruchtbarere Nutzung des wissenschaftlichen Potenzials erzielt werden.
Das anhaltende Wachstum legt eine solche Bündelung der Kräfte nahe. Im Herbstsemester 2007 zählte die Philosophisch-Historische Fakultät 3006 Studierende; die Philosophisch-Naturwissenschaftliche Fakultät folgt in beträchtlichem Abstand mit 2375 Einschreibungen auf dem zweiten Platz. 70 Jahre nach ihrer Trennung stehen die beiden Fakultäten damit zahlenmässig weiterhin an der Spitze.
Die interkulturellen Verflechtungen einer mehr und mehr globalisierten Welt und die damit verbundenen Veränderungen in unseren europäischen Gesellschaften stärken die Nachfrage nach sozial- und kulturwissenschaftlichen Kompetenzen. Ein Blick auf andere schweizerische Universitätsstädte, in denen ähnliche Entwicklungen stattfinden, erhärtet diesen Eindruck.
Gute Zahlen, wenig Geld und die Frage nach dem Nutzen
In Basel wird die zahlenmässige Spitzenposition der Geisteswissenschaften allerdings zunehmend zur Belastung für den Lehr- und Forschungsbetrieb. Auf etwa 3000 Studierende fallen heute rund 50 ProfessorInnen, was ein Betreuungsverhältnis von 60 Studierenden auf eine Professur ergibt. Stagniert die Professorenzahl weiterhin, steht unweigerlich auch eine Verschlechterung dieses Verhältnisses an.
Die Kluft zwischen studentischer Nachfrage und finanzieller Ausstattung hat ihren Grund hauptsächlich in der Schwierigkeit, die Ergebnisse der Geistes- und Sozialwissenschaften in den Parametern ihrer wirtschaftlichen Nützlichkeit abzubilden. Bereits 1944 wies Alexander von Muralt, der spätere Gründer des Schweizerischen Nationalfonds, darauf hin, dass es schwer falle, «sich eine Vorstellung vom arbeitsbeschaffenden Einfluss der Geisteswissenschaften zu machen».
Seit der neoliberalen Renaissance der 1980er Jahre dringt der Ruf nach Effizienz und gesellschaftlich unmittelbar verwertbaren Forschungen auch in die Philosophischen Fakultäten. Im Dossier «Stiefkind Geistes- und Sozialwissenschaften», das die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften Ende 2007 publizierte, äusserte sich der Historiker Hans-Ulrich Jost kritisch gegenüber dieser anhaltenden Tendenz: «Angesichts der nur noch auf Produktivität, Gewinnmaximierung und Effizienz ausgerichteten Gesellschaft fällt es tatsächlich schwer, den Nutzen der Geistes- und Sozialwissenschaften zu begründen. Man kann bestenfalls darauf verweisen, dass möglicherweise die Gesellschaft ohne soziale, geistige und kulturelle Anstrengungen riskiert, ihre schöpferische Substanz und die Kunst des politischen Überlebens zu verlieren. [...] Und wenn Soziologie oder Politologie nur noch dazu dienen, um der Verwaltung und der Politik rasch zusammengebastelte, politikkonforme Gutachten oder der Wirtschaft erfolgversprechende Marktanalysen zu liefern, dann wird auch die kritische, für die Zukunftsgestaltung unabdingbare Gesellschaftsanalyse schweren Schaden nehmen.»
Die vom Bund vorgeschlagenen Leitlinien für die Jahre 2008-2011 stellen in erster Linie darauf ab, «zukunftsträchtige anwendungsorientierte Forschungs- und Entwicklungsvorhaben» zu fördern. Die Geistes- und Sozialwissenschaften dürften damit nicht als erstes gemeint sein.
Und doch sprechen sich die Leitlinien nicht gegen die Förderung der Geistes- und Sozialwissenschaften aus: Zusätzliche Mittel sollen «bei den kantonalen Universitäten, insbesondere zur Verbesserung der Betreuungsverhältnisse in den Geistes- und Sozialwissenschaften» eingesetzt werden. Die philosophischen Fakultäten der Schweiz dürfen damit hoffen, dass man ihren Nutzen auch jenseits einer direkt quantifizierbaren Nützlichkeit sucht.