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Ein gängiges Klischee über Studierende ist es, dass sie mit ihren «klugen und wissenschaftlich fundierten Beiträgen» lockere Gespräche zum Stillstand bringen. Das ist schade und sollte vermieden werden. Doch auch das Gegenteil ist möglich und gelegentlich verhindern sinnfreie Kommentare jede weitere Diskussion.
Stellen Sie sich vor, Sie sässen in der Luzerner Altstadt, an der Reuss, oder am See. Vielleicht tränken Sie ein Bier, ässen ein Eis und unterhielten sich mit Ihrer Begleitung über die schönen und weniger schönen Dinge im Leben. Von mir aus über die globale Klimaveränderung, oder über die «Salle Modulable».
Und dann plötzlich gesellt sich jemand zu Ihnen und fabuliert irgendwas zusammen, das besonders gebildet wirken soll, bei Ihnen jedoch nicht mehr als ein Kopfschütteln bewirkt. Ein typisches Bild eines Studenten! Ein weiterführendes Gespräch ist nach so einem «akademischen» Einschub kaum noch möglich. Leider.
Auf dem Niveau eines leeren Blecheimers
Allerdings geht das Ganze auch umgekehrt, wenn nämlich wissenschaftliche Diskussionen aufgrund der emotionalen Begeisterung einzelner Kommilitonen auf das Niveau eines leeren Blecheimers sinken: laut scheppernd, aber ohne Inhalt. Folgendes Beispiel soll dies verdeutlichen:
In einem Seminar der Wissenschaftsforschung: Ein Text befasst sich mit den traumatischen Erfahrungen von Fliegersoldaten und der psychischen Verarbeitung dieser Erlebnisse, oder so ähnlich. Der Autor dieses Textes schrieb ihn nach dem Zweiten Weltkrieg, vielleicht im Auftrag des Militärs, aber sicher vor einem politisch motivierten Hintergrund. Die Perspektive ist also eindeutig.
«Die Diskussion könnte einem Emil-Sketch entstammen.»
Denkt denn niemand an die Kinder?
Der Vortrag meiner Mitstudierenden war in Ordnung, wir hätten in die Diskussion übergehen können, als sich ein Kommilitone oder eine Kommilitonin zu Wort meldet: «Die Kinder, denkt denn niemand an die Kinder?» Nein, so hat er oder sie das nicht gesagt, aber sinngemäss genau das. Denn: Die Menschen im Bunker, so die Überzeugung, welche sich vor den Luftangriffen zu schützen gesuchten, haben sicher mehr gelitten als diese «Piloten».
Nun, das mag ja nicht ganz falsch sein, ich weiss es ehrlich gesagt nicht. Aber es steht in diesem Zusammenhang einfach nicht zur Diskussion. Das Thema war die historische Entwicklung eines Krankheitsbildes.
Die darauffolgende Diskussion könnte einem Emil-Sketch entstammen. Während der betreffende Kommilitone ein Plädoyer für die armen Kinder hält, erklärt ein anderer die Bedeutung des Zusammenhaltes zwischen Fliegersoldaten (alles Offiziere!) und deren Motivation, sich am Krieg zu beteiligen.
«Bestimmte Situationen verlangen nach einer bestimmten Form der Unterhaltung.»
Man redet aneinander vorbei, es wird wild gestikuliert und der Dozent versucht mit viel Ruhe und gelegentlichen Einwänden, die Diskussion in geordnete Bahnen zu lenken. Es gelingt nicht und ich beginne, mich für die Möwen und die Dampfschiffe auf dem Vierwaldstättersee zu interessieren, die ich aus dem Fenster des Seminarraums beobachten kann.
Eine gewisse Notwendigkeit
Sicher ist es schön, wenn sich Mitstudierende auch emotional im Seminar einbringen, aber bestimmte Situationen verlangen nach einer bestimmten Form der Unterhaltung. Und an der Universität bilden Diskussionen einen wesentlichen Bestandteil des Lernens, weshalb gerade dort eine gewisse wissenschaftliche Sprache notwendig ist.
Genauso sollte man jedoch darauf bedacht sein, diese Form des Gespräches nicht bei Sonnenuntergang und Bier in der Buvette fortzuführen – und auch darüber lässt sich diskutieren. In welcher Form, weiss ich noch nicht …