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Der gebürtige New Yorker J. Robert Oppenheimer (1904–1967) war ein wissenschaftliches Genie und ein Pionier der Quantenphysik. Seine Theorien waren für die Entwicklung der Atombombe derart entscheidend, dass er in den Augen der Welt «der Vater der Atombombe» ist.
Unter Kollegen war Oppenheimer zudem für seine Rastlosigkeit bekannt. Nobelpreisträger Murray Gell-Mann (1929–2019) zum Beispiel, der 1951 als junger Physiker mit ihm zusammenarbeitete, meinte über ihn: «He didn’t have Sitzfleisch.» (sic!)
Für den englischen Regisseur und Drehbuchautor Christopher Nolan, der mit vertrackten und oft verschachtelten Werken wie «Inception», «Interstellar» und «Tenet» das Kinopublikum gerne intellektuell (über-)fordert, ist Oppenheimer sogar der wichtigste Mensch, der je gelebt hat. Daher inszenierte er nun ein Biopic über ihn, das er mit IMAX-Kameras filmen liess. Da Nolan gewisse Passagen in Schwarzweiss drehte, entwickelte Kodak erstmals überhaupt monochromes Filmmaterial für IMAX.
In drei Stunden deckt Nolan Schlüsselmomente im Leben von Oppenheimer (Cillian Murphy) ab. Angefangen bei seiner Studienzeit in Harvard, Cambridge und Göttingen sowie seiner Professur an der Uni Berkeley. Für Helvetia vielleicht enttäuschend, dass Nolan Oppenheimers Gastspiel an der ETH Zürich etwas vernachlässigt. Dafür nimmt natürlich seine Arbeit am «Manhattan Project», eben der Entwicklung der Atombombe, im Zweiten Weltkrieg eine umso gewichtigere Stellung ein.
Doch Nolan widmet sich auch der Privatperson Oppenheimer: Wie seine Depressionen oft selbstzerstörerische Züge annehmen; wie er in Gedanken versunken eine Zigarette nach der anderen quarzt anstatt vielleicht mal was zu essen; und wie er durch seine politische Gesinnung mit der kommunistischen Partei der USA liebäugelt, was ihn in den 50er-Jahren zum Opfer der Kommunistenhatz macht. Diese Schmutzkampagne gegen Oppenheimer während der McCarthy-Ära avanciert in der zweiten Hälfte gar zum zentralen Thema.
Gerade dies macht die Biographie reichhaltiger, als es ihr Trailer (siehe unten) und ihre Vermarktung im Vorfeld vermuten lässt: Oppenheimer war eben nicht nur der Erfinder der Atombombe – er war auch ein Gegner der Konzipierung weiterer Massenvernichtungswaffen. So sprach er sich vehement gegen die Entwicklung der Wasserstoffbombe aus, was die patriotischen Kräfte der USA gelinde formuliert irritierte: Ist er etwa ein Pazifist oder – noch schlimmer! – ein Sowjet-Spion?
Die Gegenüberstellung von Oppenheimer, der getriebenen Koryphäe der theoretischen Physik, ohne den die USA niemals den «Wettkampf» um die Atombombe gewonnen hätten, und Oppenheimer, dem Waffengegner, dem der Kalte Krieg ein Gräuel war, gibt dem Film den immer stärkeren Vibe eines Thrillers, der aus der Sicht seiner innerlich zerrissenen Hauptfigur regelrecht zum blanken Horror wird. Nolan macht Oppenheimer quasi zum Repräsentanten (oder sogar Musterbeispiel) des Paradoxons Mensch.
Zu guter Letzt setzt Nolan sein Porträt auch makellos in den historischen Kontext und zeichnet ein so beeindruckendes wie bedrückendes Zeitbild. Dafür stellt er dem grandiosen Cillian Murphy eine tolle Besetzung zur Seite, allen voran Emily Blunt als Ehefrau Kitty, Robert Downey Jr. als Chef der US-Atomenergiekommission und Matt Damon als militärischer Kommandant des «Manhattan Project».
Somit liefert Christopher Nolan einmal mehr pures cineastisches Gold, das mitreisst und begeistert, im IMAX-Format das Publikum womöglich förmlich erschlägt – und das im besten Sinne.
Biographie | Regie & Drehbuch: Christopher Nolan
Mit Cillian Murphy, Emily Blunt, Robert Downey Jr., Matt Damon, Gary Oldman, Josh Zuckerman
GB/USA 2023, ab 20. Juli 2023 im Kino