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Die Herzensammlerin aus dem Aargau
Dies ist die unglaubliche Geschichte einer Schauspielerin, die im kleinen Dorf Mumpf, Kanton Aargau, zur Welt kam. Und die später die Bühnen Europas eroberte und die Herzen von Herren aller Schichten. Und die in der Schweiz kaum einer kennt.
Die Rede ist von Elisa Rachel Felix. Sie war als Schauspielerin Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem auf Frankreichs grossen Bühnen eine gefragte Reformerin, weil sie mit ihrem schnörkellosen, kräftigen Stil Tragödien besondere Intensität verlieh. Sie befreite das Theater vom zuvor herrschenden Pathos. Sie trat auf als Rachel oder Mademoiselle Rachel und verkörperte die grossen Rollen der damaligen Zeit. Ein grosser Fan ihrer Darstellungskunst war auch der Schweizer Dichter Gottfried Keller, der sie in Berlin mit Dramen von Corneille und Racine sah.
In Paris spielte sie an der berühmten Comédie Française, in Wien vor dem Kaiser, in St. Petersburg vor dem Zaren, in London vor der königlichen Familie. Der Preussenkönig Friedrich Wilhelm IV. war so begeistert, dass er ihr zu Ehren auf der Berliner Pfaueninsel eine Statue errichten liess. Die Rachel aus Mumpf im Aargau war ein Star in ganz Europa!
Tochter jüdischer Kleinkünstler
Doch noch mehr als durch ihre Bühnenkunst machte sie durch ihr turbulentes Privatleben von sich reden. Sie hatte viele und sehr berühmte Liebhaber, manche für eine Nacht, andere für länger, aber niemanden fürs Leben. So soll sie unter anderen die Mätresse von Kaiser Napoleon III. gewesen sein, aber auch von Napoleon Bonapartes unehelichem Sohn Alexandre Colonna-Walewski – der letzten Verbindung entsprang ihr erster Sohn Alexandre. Der Vater des zweiten Sohnes, Gabriel-Victor, genannt Zozo, war auch ein Bekannter der damaligen Zeit, nämlich ein Enkel des Generals Henri-Gratien Bertrand.
Aber was hat die Künstlerin, die sich auf dem gesellschaftlichen Parkett ebenso geschickt zu bewegen wusste wie auf den Bühnenbrettern, mit der Schweiz zu tun? Mit dem Dorf Mumpf bei Rheinfelden?
Sie kam per Zufall in der Schweiz zur Welt, genauer: im Zimmer 13 des Mumpfer Gasthofs Sonne. Ihre Eltern Jacob und Esther Felix waren wandernde jüdische Kleinkünstler, Hausierer und Händler. Die Familie stammte aus dem Elsass, war auf der Durchreise von Deutschland nach Frankreich und legte mit der hochschwangeren Esther bei Mumpf am Rhein eine Rast ein. Die Wehen nahmen zu, die lokale Hebamme Theresa Toni wurde gerufen, und Elisabeth Rachel kam am 21. Februar 1821 zur Welt.
Bereits nach ein paar Tagen reiste die Familie weiter, begleitet wie immer vom Mischlingshund Mouton, der die Kinder, wenn sie müde waren, auf seinem Rücken reiten liess. Das Zimmer 13 in der «Sonne» hiess noch während Jahrzehnten «das Judenzimmer». Bereits als Kleinkind musste Elisa-Rachel auf den Strassen singen und für die Familie Geld verdienen.
Die Tourneen setzten ihr zu
Als die Rachel bereits eine europäische Berühmtheit war, kam sie nochmals in die Schweiz. Sie gab am 4. Juli 1848 nochmals ein Gastspiel in Basel. Ob sie dann auch ihren Geburtsort Mumpf besucht hat, ist leider nirgends festgeschrieben. Aber es ist eher unwahrscheinlich: Denn sie hatte damals einen Säugling, den am 26. Januar geborenen Gabriel. Und eigentlich war sie von Juni bis Oktober in Amsterdam unter Vertrag. Zudem brandete in Paris die Revolution auf, an der sie sich beteiligte. Nacht für Nacht sang sie in der überfüllten Comédie die Marseillaise. Da hatte sie wohl für Mumpf keine Zeit.
Das ständige Unterwegssein kannte sie zwar seit ihrer Kindheit, dennoch setzte es ihr zu. Nach anstrengenden Tourneen durch Russland und durch die USA litt sie an Lungentuberkulose und starb 1858 im Alter von 36 Jahren in Südfrankreich bei Freunden.
Ihr Geburtshaus in Mumpf steht nicht mehr: Das Hotel Sonne brannte 1984 ab, und die Parzelle wurde mit einer Wohnüberbauung überzogen. Die Erinnerung an die berühmte Elisa Rachel ist verblasst.
«The Rachel Portfolio» von Owen Hyde Clark. Die Zeichnungen wurden für eine Bühnenproduktion von 1947 über das Leben der Schauspielerin angefertigt.