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Karen Blixen, eigentlich Karen Christence von Blixen-Finecke, geborene Dinesen (1885-1962), schrieb ihre literarischen Texte meist zuerst auf Englisch, bevor sie sich dann selber ins Dänische übersetzte. Auf Englisch veröffentlichte sie als „Isak Dinesen“, während derselbe Text auf Dänisch von „Karen Blixen“ stammte. Warum sie im deutschen Sprachraum dann als „Tania Blixen“ publiziert (wird), entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.
Isak Dinesens Seven Gothic Tales von 1934 sind denn auch als Tania Blixens Die Sintflut von Norderney und andere seltsame Geschichten 1937 zum ersten Mal auf Deutsch erschienen, 1979 dann – immer noch von Tania Blixen – als Sieben phantastische Geschichten. Mit diesen sieben Erzählungen hat Blixen, nach langen, in Afrika verbrachten Jahren, ihr Début in der Literatur gegeben, im zarten Alter von fast 50 Jahren also. Sie hatte unmittelbar Erfolg, was ihr erlaubte, ihren Lebensunterhalt in Zukunft als Autorin zu verdienen. Sie wurde noch zu Lebzeiten ein grosser Star und hätte 1962 vielleicht gar den Nobelpreis für Literatur erhalten, wenn sie nicht in diesem Jahr verstorben wäre. (Nachdem sie jahrelang an den Folgen einer Ansteckung mit Syphilis gelitten hatte!)
Um ehrlich zu sein, war ich nach der Lektüre der Seven Gothic Tales dann doch erstaunt über Blixens sofortigen Erfolg. Sicher, die Erzählungen an sich sind so übel nicht. Aber sowohl das örtliche Setting (meist Italien; Norderney ist schon fast die einzige Ausnahme – aber Norderney ist gewählt, weil hier die schreckenerregende Natur in Form einer Beinahe-Sintflut eine Rolle zu spielen hat), wie die Zeit der Handlung (alle Geschichten spielen so zwischen 1830 und 1860 – also lange vor der Lebenszeit der Blixen) sind ganz einfach – romantisch. Eine Epigonin also, der man hier nicht anmerkt, dass sie später ungeheuer spannende Charaktergemälde liefern würde: Ehrengard, Babettes Fest – um nur die bekanntesten zu nennen.
Meine Ausgabe (Folio Society) ist mit einem Vorwort von Margaret Atwood versehen. Die kanadische Autorin leidet unter derselben Krankheit wie ich, der nämlich, Väter und Vorväter eines Werks zu suchen. Sie leidet allerdings zusätzlich an der US-amerikanischen (und offenbar auch kanadischen) Krankheit, ausser der eigenen, amerikanisch-englischen Tradition wenig aus der Literaturgeschichte zu kennen. (Wir haben das schon bei Jonathan Franzen gesehen.) So will sie denn nicht nur als Ur-Ur-Ahnen die Geschichten aus 1001 Nacht und Boccaccios Decamerone, sondern als Ahnen auch Robert Louis Stevenson. Warum letzteren, ist mir nicht ganz klar. Stevenson hat seinen Horror meist aus fremden Kulturen übernommen; Blixen bezieht überhaupt nichts aus Afrika, dem Kontinent, in dem sie so lange lebte. Erstere wegen der Struktur von Blixens Erzählungen; in ihnen sind nämlich verschiedene Erzählebenen verkettet: Rahmenerzählung und Binnenerzählung, die ihrerseits wieder zum Rahmen einer weiteren Erzählung dient. Zum Schluss erweist es sich jeweils, dass all diese Erzählungen einen sachlichen Zusammenhang haben. Doch gerade dies ist weder in 1001 Nacht noch im Decamerone der Fall, sondern weist auf eine andere Ahnenschaft hin, die Atwood offenbar nicht kennt: die deutsche Romantik. Diese Form der Verschachtelung von Erzählebenen war eine Spezialität der Brentano, von Arnim und – vor allem – des jungen Tieck. Es ist anzunehmen, dass Blixen die Erzähltradition des grossen Nachbarn Dänemarks sehr gut kannte.
Weitere Ahnen Blixens sieht Atwood in jenen viktorianisch-edwardianischen Horror-Autoren wie
- Arthur Conan Doyle (der aber nie derart raffinierte Verschachtelungen verwendet hat)
- Henry James (dessen Turning of the Screw auf ganz andere Art raffiniert ist, raffinierter tatsächlich als die Romantiker es waren)
- Oscar Wilde (The Picture of Dorian Gray ähnelt Blixens Erzählungen tatsächlich am meisten, aber auch Wilde hat viel von der kontinental-europäischen Tradition übernommen)
- H. G. Wells (die Ähnlichkeit erschöpft sich hier allerdings im Horror der frühen Stories; und Welles schöpfte den Horror aus der wissenschaftlichen Entwicklung, nicht aus Zauberspuk)
- Bram Stoker (aber Dracula ist die Geschichte einer unterdrückten Sexualität – davon finden wir bei Blixen nichts)
- H. Rider Haggard (She – hier gilt in Kombination, was oben bereits von Doyle und von Stoker gesagt wurde: nicht so raffiniert und es geht um Sex)
und nennt als Geschwister im Geiste u.a. Borges, Calvino und Ray Bradbury. Auch die wären mehr oder minder anzuzweifeln. Jedenfalls haben weder Borges noch Bradbury (Calvino weiss ich jetzt nicht) klassische romantische Settings verwendet, auch wenn zumindest Bradbury ein rückwärts gewandter Autor war. All diese Ahnen und Brüder im Geiste sind also zumindest diskutabel – dafür fehlt, nebenbei gesagt, natürlich noch der Romantiker Dänemarks: Hans Christian Andersen, dessen Märchen in einer ähnlichen Parallel-Welt zu spielen scheinen.
Man sieht: Ich verhänge mich im Vorwort, weil ich so wenig zu den Erzählungen selber zu sagen habe. Sie sind gut gemacht, und wenn Blixen 100 Jahre früher gelebt hätte, würde ich sie wahrscheinlich sogar bewundern. So aber stört mich das Epigonale ungemein. Nur zwei Stellen haben mir ein bewunderndes Kopfnicken abgerungen.
Da ist einmal der Erzähl-Rahmen von The Dreamers. Wir sind auf einem Schiff, das an der Küste Afrikas sich vorwärts bewegt. Die Darstellung des Meers, des Schiffs und dessen Fortbewegung, auch die erste Darstellung der Träumer hat zwar auch ihre Väter (Lord Dunsany und H. P. Lovecraft haben ähnliche Traumszenen rund um Schiffe verfasst), aber auch die hier ist gut, sehr gut. Leider verlassen die Binnen-Erzählungen diesen Raum wieder, um in Italien oder auf dem Gotthard-Massiv zu spielen.
Dann ist da der Schluss der vielleicht verzwicktesten Erzählung, einer Erzählung, wo häufige Identitätswechsel stattfinden, ohne dass Blixen für einmal auf Übernatürliches zurückgreifen muss: das der ersten deutschen Übersetzung den Titel gebende The Deluge at Norderney. Die vier Protagonisten finden sich im obersten Geschoss eines Bauernhofs wieder, rund herum steigt die Flut, die untern Geschosse des Gebäudes sind bereits überflutet. Sie wissen, dass man sie am nächsten Morgen retten wird, und so erzählen sie sich die Nacht über ihre Lebensgeschichten. So weit, so gut, und so typisch romantisch. Ich will jetzt auch nicht alle Spitzkehren und Pointen der Story verraten. Zum Schluss aber stehen die alte Frau und der alte Mann da und schauen aufs Wasser hinaus. Es beginnt, langsam hell zu werden. Das Wasser aber steigt noch immer. Werden die vier gerettet? Wir erfahren es nicht, denn der Schluss-Satz gehört – in einem romantischen Spiel von Erzählebenen und Literaturrezeption – der alten Frau (und ist im Original Französisch):
A ce moment de sa narration, Scheherezade vît paraître le matin, et, discrète, se tut.