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Der Rothenthurmer Dorfhistoriker Albert Marty hat eine Geschichte der Gemeinden Steinen, Sattel, Steinerberg und Rothenthurm verfasst. «Wie die Kirche ins Dorf kam» heisst das Buch von Albert Marty: Es fasst die 750-jährige Geschichte von vier Dörfern zusammen, die ursprünglich eine Gemeinde bildeten. Deren Wurzeln bildeten die Kirchgemeinden – auch wenn die Kirche hierbei nicht immer im Dorf geblieben ist.
Wie kam die Kirche ins Dorf Rothenthurm?
Im Jahr 1665 war der Wunsch der Rothenthurmer zur Trennung von Sattel und zur Erhebung einer eigenen Pfarrei immer dringender geworden. Die Zustimmung für eine selbstständige Kirchgemeinde Rothenthurm trägt das Datum vom 3. Juli 1776. Nach dieser Trennung wurden die Grenzen der Gemeinden definitiv festgelegt. Zu diesem Zeitpunkt zählte die Gemeinde Rothenthurm etwa 350 Einwohner. Die Kapelle von Rothenthurm, erbaut von Landvogt Josef Anton Stadler, wurde im Jahr 1721 eingeweiht. Ab 1776 wurde die Kapelle, mit einer Bestuhlung für 200 Personen, als Pfarrkirche von Rothenthurm anerkannt.
Welche Bedeutung hat die heutige Pfarrkirche von Rothenthurm?
Die Pfarrkirche St. Antonius gehört zu den markantesten Gotteshäusern innerhalb des Kantons Schwyz. Der Grundstein wurde im Jahr 1873 gelegt. Nach einer langen Bauzeit wurde die heutige Pfarrkirche 1940 eingeweiht. Der mächtige Kronleuchter Napoleons III. aus der Klosterkirche Einsiedeln gliedert den weiten Raum in vorteilhafter Weise. Markant ist die Grösse der Kirche mit dem hochragenden Kirchturm und die farbigen Inschriften auf dem Dach: «Sanct Antonius, bitt für uns», heisst es da auf der Nordseite des Kirchendachs.
Verläuft die Kirchengeschichte in den vier Dörfern Steinen, Sattel, Steinerberg und Rothenthurm parallel?
Die Kirchgenossen von Rothenthurm, Sattel und Steinerberg gehörten bis zur Abtrennung zum Kirchgang Steinen. Die Gemeinde Sattel mit der Filiale Rothenthurm wurde im Jahre 1598 selbständig. Die Tatsache, dass Sattel, Steinerberg und Rothenthurm zusammen mit Steinen ursprünglich eine Gemeinde bildeten, ist heutzutage kaum mehr im kollektiven Gedächtnis vorhanden. Während Sattel mit Rothenthurm zusammen quasi zum Armenhaus dieser Gemeinde gehörte, waren Steinen und Steinerberg reich dagegen.
Gibt es in der Entwicklung dieser vier Gemeinden Unterschiede zu Einsiedeln?
Unbedingt. Einsiedeln wurde in seiner Entwicklung stark vom Benediktinerkloster geprägt und war damit mit dem Haus Habsburg verbunden. In dieser Funktion war das Kloster auch Besitzer eines Viertels von Steinen und wurde dementsprechend als Herr wahrgenommen. Das Kloster hatte auch das Recht, jede vierte Pfarrwahl in Steinen zu bestimmen.
Hat sich das Kloster auch in das Pfarreileben der Kirchgemeinden eingemischt?
Nicht wirklich, zumindest nicht in den Streit zwischen zwei Dorfgeistlichen in Sattel in den 20er-Jahren. Der damalige Pfarrer galt bei den Bürgern als «Militärgrind» und war unbeliebt. Sein Widersacher war ein Kaplan, der ihn bekämpfte. Schliesslich schalteten sich der Dekan und das Bistum Chur ein. Am Ende mussten beide Geistliche Sattel verlassen.
Ist dieser Konflikt ausserordentlich?
Ausserordentlich war an diesem Konflikt, dass ihn die Sattler so lange unter dem Deckel behalten konnten. Kaum jemand erfuhr davon. Dramatischer war im Vergleich dazu der Tod von mehr als zwanzig jungen Schwestern in Steinerberg, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts an Tuberkulose starben. Schuld am Ausbruch der Krankheit war unter anderem das nächtliche Beten in der Kirche, wie man damals annahm. Das war das Ende des Frauenklosters Steinerberg. Die letzten Schwestern wurden aus dem Haus fortgejagt.
Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, dieses Buch zu schreiben?
Ausgelöst hat das Buch der Loskauf der Kirchgenossen «zu Steinen und am Sattel» von Habsburg im Jahr 1269: Zweifellos waren es zu jener Zeit die Habsburger, die in unserer Gegend als Inhaber von grundherrlichen Rechten Einfluss ausübten. Der Verkauf dieser Rechte an die Kirchgenossen lässt sich am ehesten wohl mit der bekannten dauernden Geldnot der Habsburg-Laufenburger erklären.
Was ist das Bemerkenswerte in der 750-jährigen Geschichte der vier Gemeinden?
Dass sie so verschieden verläuft und sie so viele spannende Geschichten in sich birgt. Die Legende von Steinerberg etwa erzählt von einer Pilgerin aus den Niederlanden, die im Jahre 1500 auf dem Weg nach Einsiedeln beim «Helgenhüsli» in Steinerberg Rast gemacht habe. Sie habe eine Statue der heiligen Anna bei sich gehabt, die sie vor dem Bildersturm in ihrer Heimat gerettet habe. Die Frau wollte dieses Bild eigentlich nach Maria Einsiedeln bringen, doch das Bild habe sich nicht mehr von der Stelle bewegen lassen. Erst als man versprochen habe, für das Bild eine Kapelle zu bauen, habe sich das Bild wieder bewegen lassen. Und so sei die Statue der «Sankt Anna selbdritt» in Steinerberg geblieben.
Hat diese Statue also die ganze Wallfahrt ausgelöst?
Die Wallfahrt zur heiligen Anna in Steinerberg setzte Anfang des 16. Jahrhunderts unvermittelt und intensiv ein. 1513 errichtete man schon eine eigene Kaplanei. Eine eigene Pfarrei, abgekurt von der Mutterpfarrei Steinen, wurde Steinerberg erst in den 1640er-Jahren. 1570/72 wurde die heutige Pfarrkirche gebaut. Die blühende Wallfahrt hatte auch noch weitere Folgen für den Kirchenbau: 1616 wurde die Sakristei angebaut oder umgebaut. 1684 sollen in Steinerberg um 5000 Kommunionen verteilt worden sein. Noch 1820 seien am Tag der heiligen Anna noch über zwanzig portable Beichtstühle in Steinerberg aufgestellt worden.
Worin liegt der Erfolg dieser Wallfahrt?
Der Erfolg der Wallfahrt zur heiligen Anna in Steinerberg wird mit einer Menge aussergewöhnlicher Wunder erklärt. Traditionell gilt die heilige Anna ja vor allem als Patronin der Ehe, der Mütter, Witwen, Hausfrauen, für Kindersegen und als Helferin für eine glückliche Geburt. In Steinerberg wurden besonders auch kranke Kinder der Fürbitte anempfohlen. Für den Erfolg des Steinerberger Andachtsbildes mitverantwortlich war aber sicher auch die ideale Lage am Pilgerweg von Arth am Zugersee nach Maria Einsiedeln. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts ging man noch von vielen Pfarreien zu Fuss «mit Kreuz und Fahne » auf einen Bittgang zur Sankt Anna. Nach 1800 nahm aber die Bedeutung der Wallfahrt nach Steinerberg allmählich ab und ist heute praktisch erloschen.
Die Wallfahrt ist sang- und klang erloschen?
Nicht ganz. Im 19. Jahrhundert wurde die Wallfahrt nach Steinerberg mit einer zweiten «Attraktion» zu beleben versucht: mit der Reliquie eines Katakombenheiligen. Man besann sich in Steinerberg noch einmal der barocken Frömmigkeit mit ihrer Verehrung von Katakombenheiligen. Im Jahr 1841 wurden in einer prächtigen Prozession die Gebeine eines heiligen Viktors in die Pfarrkirche Steinerberg getragen. Die Knochen waren am 27. November 1823 in einer römischen Katakombe gefunden und feierlich geborgen worden. Unklar ist, wie diese Reliquie 18 Jahre später nach Steinerberg gelangte. Viktor wird als «Muster der Liebe», «Muster der Unschuld», «Vorbild der Jugend» und «Gegenstand der Belehrung für Eltern» empfohlen.
Wie sind Sie selber in diese Geschichte geraten? Wie die Jungfrau zum Kind?
Das kann man so sagen. Ich bin da ganz organisch gewissermassen hineingewachsen, weil ich mich für das Brauchtum, Land und Leute sowie die Natur interessiert habe. Die Geschichte hat mich immer mehr interessiert als alles andere. Und so habe ich dann schliesslich auch meine Frau mit ins Boot geholt. Das Interesse für Geschichte geht ja immerzu Hand in Hand einher mit Sammeln. Und für diese Tätigkeit habe ich früh in meinem Leben eine Leidenschaft gefunden. Bereits als Bub bin ich durch die Wälder gestreift, um Sachen und Dinge zu sammeln. Später habe ich dann begonnen, Schriften, Kataloge und Ansichtskarten zu sammeln. Schliesslich habe ich dann den Kulturverein Rothenthurm gegründet und angefangen, Vorträge zu halten und Exkursionen ins Hochmoor zu organisieren.
Wie war das für Sie, als Ihr Dorf wegen der Rothenthurm-Initiative im Jahr 1987 über Nacht im ganzen Land bekannt wurde?
Das war keine gute Zeit in Rothenthurm. Ich war damals im Gemeinderat. Dieser versuchte neutral zu sein bezüglich dieser Initiative, währenddem das Dorf komplett gespalten war in dieser Frage. Die Moorlandschaft hatte damals eine völlig andere Bedeutung als heute. Sie war einfach ein Arbeitsfeld, auf dem Torf abgebaut wurde und das die Landwirte meliorieren wollten. Man hat sich gar nicht vorstellen können, dass der Schutz des Hochmoores in die Bundesverfassung geschrieben werden könnte.
Wieso ist das Buch viel dicker geworden als ursprünglich geplant?
Sie können sich gar nicht vorstellen, wie umfangreich die Akten zu den Geschehnissen in den letzten 750 Jahren in unserer Region sind. Es liegt ein reichhaltiger Fundus an Informationen vor, der erst rudimentär entdeckt und verarbeitet wurde. Da liegen noch manch andere Geschichten und Schätze verborgen. Der Streit unter den Geistlichen in Sattel im letzten Jahrhundert oder die Geschichte des Frauenklosters Steinerberg im 19. Jahrhundert sind da nur zwei Beispiele davon unter ganz viele anderen.
Was planen Sie als nächstes Werk?
Es geistert in mir erst einmal die Idee herum, ein Buch über unsere Jugendzeit zu verfassen. Über die damalige Zeit in Rothenthurm, in der wir aufgewachsen sind und unsere Freizeit im Wald verbracht haben. Das Buch soll den Geist der damaligen Zeit aufnehmen und in erster Linie aus den Erinnerungen geschaffen werden.
War das eine heile Welt damals?
Sicher blieb damals die Kirche noch im Dorf, als wir als Buben durch das Dorf schwadronierten (lacht). In der Tat ist es ja so, dass der Glauben entschwindet, dass die Religion in unserer Zeit nicht mehr denselben Stellenwert hat wie damals, weil wir sie nicht mehr so nötig haben. Das mag man getrost beklagen, es ist einfach ein Fakt. Dass wir nicht mehr in einer heilen Welt leben, ist klar: Die Welt bewegt sich in eine beunruhigende Richtung. In dieser ist der Klimawandel weiss Gott nicht die einzige Katastrophe, die uns erwarten mag.
Bleibt Rothenthurm als Dorf eine Insel in einer sturmumtosten Welt?
Rothenthurm ist ein Ort auf einer Wasserscheide: Es steht für sich alleine und hat einen inneren und äusseren Abstand zu den umliegenden Gemeinden und wenig Kontakt zu den anderen Orten. Die Rothenthurmer bleiben gerne unter sich, und sie bleiben auch gerne im Dorf und verbringen dort ihr ganzes Leben. Sie sind einen ganz eigenen Schlag von Leuten. Allerdings bleibt die Zeit auch in Rothenthurm nicht stehen: Das Dorf ist sehr gewachsen und hat seine Einwohnerzahl innerhalb von dreissig Jahren mehr als verdoppelt. Dementsprechend wurde in Rothenthurm aufgrund der vielen Neuzuzüger die Infrastruktur im grossen Stil ausgebaut. Wer weiss, wo das Dorf in 750 Jahren stehen wird.
Zur Person
Albert Marty ist am 13. Dezember 1948 in Rothenthurm geboren und aufgewachsen. Nach einer Ausbildung zum Pöstler hat er auf der Sihlpost in Zürich gearbeitet. Nachdem Albert Marty in Rapperswil die Handelsschule besucht hatte, wurde er Disponent in verschiedenen Unternehmen und schliesslich Mitarbeiter im Verkauf einer Versicherung. Albert Marty war Präsident des Velo-Moto Clubs Rothenthurm und hat im Jahr 1995 den Kulturverein Rothenthurm gegründet. Er hält Vorträge und macht Führungen über die Rothenthurmer Geschichte sowie Exkursionen in der Moorlandschaft. Der Lokalhistoriker schrieb verschiedene lose Berichte, die Jubiläumsschrift «100 Jahre Schulhaus Rothenthurm», das Heimatbuch Rothenthurm – mehr als «Turpnä » und «Ischä» sowie das Jubiläumsbuch «Wie die Kirche ins Dorf kam». Albert Marty ist verheiratet, hat drei Kinder und acht Grosskinder und lebt in Rothenthurm.
Einsiedler Anzeiger / Magnus Leibundgut
Autor
Einsiedler Anzeiger
Kategorie
- Literatur
Publiziert am
Webcode
schwyzkultur.ch/k9ypVT