Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03409.jsonl.gz/1345

Der Katzenwelpe wird uns nach einen Sturz aus dem 3. Stock vorgestellt. Ausser einer gewissen Apathie, einer schnellen Atmung und einer deutlichen Lahmheit scheint das Tier keine schwereren Verletzungen davongetragen zu haben. Nachdem Schmerzmittel verabreicht und ein Venenkatheter zur intravenösen Infusion und Schockbekämpfung gesetzt wurde, werden Röntgenbilder des rechten Hinterbeines angefertigt.
CHURRO, Hauskatze, männlich, 3 Monate alt
Röntgenuntersuchung
Die Langknochen scheinen auf den Röntgenaufnahmen unauffällig; die Beckenregion erscheint aber unübersichtlich und ist nicht abschliessend auf einer seitlichen Aufnahme beurteilbar. Erst in der Aufnahme in Rückenlage ist ersichtlich, dass sich die Katze den Oberschenkelhals des rechten Hinterbeines gebrochen hat. Dadurch dass "Churro" noch sehr jung ist, weisen seine Knochen noch Wachstumsfugen auf - Zonen, in denen der Knochen sein Längswachstum bewerkstelligt und welche nicht mineralisiert (verknöchert) und dadurch wenig stabil sind. In einer solchen Wachstumszone hat sich dieser Bruch nun ereignet.
Weiteres Vorgehen
Trotzdem das Tier sehr jung ist und die Knochenheilung deshalb sehr schnell verläuft, kann der Bruch nicht so belassen werden. Länger andauernde Schmerzen und eine Fehlstellung würden sich bei einer konservativen Behandlung nicht vermeiden lassen.
Therapeutisch bleiben in dieser Situation 2 Möglichkeiten: Einerseits kann versucht werden, den Oberschenkelkopf mit feinen Nägeln wieder am Oberschenkel zu befestigen. Diese Option ist relativ kostenintensiv und bedingt, dass die Katze sich in der Zeit nach der Operation ruhig verhält. Die zweite Möglichkeit beinhaltet eine sogenannte Femurkopfresektion: Hierbei wird der abgebrochene Oberschenkelkopf entfernt und die Bruchstelle am Oberschenkelhals geglättet. So entsteht ein "Pseudogelenk", welches rein durch Muskulatur und Narbengewebe gebildet und schmerzfrei ist. Erstaunlicherweise liefert diese Methode bei Hüftgelenksfrakturen bei Katzen und Hunden bis etwa 25 kg Gewicht sehr gute Resultate.
Aufgrund des geringen Nachsorgeaufwandes und der einfacher zu bewerkstelligenden Operation entscheiden sich die Besitzer zu einer Femurkopfresektion.
Chirurgie
Nach einem kleinen Schnitt in der Haut werden die Muskeln der Region stumpf voneinander getrennt und der Oberschenkelhals freigelegt. Nach Zug am abgebrochenen Oberschenkelkopf kann zuerst nur ein Teil des abgebrochenen Stücks entfernt werden - die durch ein Band an der Beckenpfanne befestigte knorplige Kappe des Oberschenkelkopfs löst sich (ebenfalls an der relativen Schwachstelle einer Wachstumsfuge) vom Rest des Knochenfragments und muss separat entfernt werden. Danach wird der Oberschenkel mit einer Hohlmeisselzange von vorstehenden Knochenresten befreit, die Muskeln mit einem resorbierbaren Faden wieder miteinander vernäht und die Hautwunde verschlossen.
Die Aufwachphase verläuft turbulent - "Churro" erwacht schlagartig aus der Narkose, torkelt unkontrolliert in der Boxe herum und schreit. Ein starkes Schmerzmittel und Valium kontrollieren diese Exzitation, und die Katze beruhigt sich wieder.
Weiterer Verlauf
10 Tage nach der Operation werden die Fäden gezogen. Die Wunde ist schön verheilt, und "Churro" belastet das Bein schon sehr viel besser als vor der Operation. Es ist zu erwarten, dass er bis in zwei Monaten lahmheitsfrei laufen kann.
Wissenschaftliches
Stürze aus grosser Höhe müssen bei Katzen nicht zwingend mit schweren Verletzungen oder Knochenbrüchen enden. Durch die gewinkelte Anatomie der Beine und die Geschmeidigkeit der Katze sowohl im Fall als auch bei der Landung gehen viele Balkon- oder Fensterstürze auch aus grosser Höhe glimpflich aus.
"Churro" erlitt unter diesen Umständen eine eher unübliche Fraktur. Das geringe Alter der Katze war daran nicht ganz unschuldig: Bei wachsenden Jungtieren sind in allen Knochen die sogenannten Wachstumsfugen noch offen und stellen einen natürlichen Schwachpunkt in der Knochenstabilität dar. Diese Wachstumszonen bestehen aus knorpligem Material, welches Zellen bildet und somit für das Längenwachstum der Knochen verantwortlich ist. Nach der Bildung der Zellen wird dieses Gewebe mineralisiert, in Knochenmaterial umgebaut und ist demzufolge deutlich stabiler. Knochenbrüche bei Jungtieren finden deshalb häufig in den Wachstumsfugen statt.