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Das Zinktäfelchen von Bern wurde im Thormebodenwald in bei der Aare von Raubgräbern in den 1980er Jahren entdeckt. Nur per Zufall ist es in die Hände der Wissenschaft gelangt. Es misst nur 11 mal 14 Zentimeter und ist heute im bernischen historischen Museum prominent ausgestellt.
Auf dem Täfelchen ist in griechischen Schriftzeichen ein vier Worte umfassender Text in Gallisch eingestanzt. Es ist weit und breit der einzige erhaltene Text in gallischem Keltisch, zumindest aus der antiken Zeit. Es handelt sich also um eine Sensation und um eine ganz einzigartige Gelegenheit, die aus Ortsnamen rekonstruierten gallischen Wörter mit einem Text zu vergleichen.
Beim Text handelt es sich um eine kurze Weiheinschrift der wohl in Zusammenhang mit einem Tempel aus religiösen Gründen geschrieben und dann deponiert wurde.
Der Text auf dem Täfelchen lautet:
ΔΟΒΝΟΡΗΔΟ ΓΟΒΑΝΟ ΒΡΕΝΟΔΩΡ ΝΑΝΤΑΡΩΡ
Die übliche Transliteration in lateinische Schrift lautet:
Dobnoredo Gobano Brenodor Nantaror1)wikipedia.de, Berner Zinktafel, am 11.11.2016
Schon die Transliteration des Textes muss korrigiert werden. Wenn der Schreiber sowohl O wie auch Ω verwendet, so wird er aller Wahrscheinlichkeit nach zwei verschiedene Laute gemeint haben, es sei denn man unterstellt eine rein zufällige Auswahl der Buchstaben, was aber unwahrscheinlich ist.
Wenn der Buchstabe O dem lateinischen O entspricht, dann liegt nahe, dass Ω einen andern Laut darstellen sollte, aller Wahrscheinlichkeit u. So wird Brenodor zu Brenodur, womit das -dur offenbar dem bekannten gallischen Wort „dur“ entspricht.
Entsprechend auch beim Η in ΔΟΒΝΟΡΗΔΟ, es handelt sich wohl um den Lautwert i, da das E in ΒΡΕΝΟΔΩΡ vermutlich für den Lautwert e steht.
Die korrekte Transliteration ist also:
Dobnorido Gobano Brenodur Nantarur
Die Übersetzung im Einzelnen
Dobnorido:
Doppelwort, Dobno vom Stamm Dub = schwarz, dunkel, siehe „dub“ im DIL, gemäss Celtic personal names of Roman Britain (CPNRB) „dubno- = deep, underworld“, hier also: tief unten oder eben: in der Unterwelt.
-rido könnte von mehreren Wörtern her kommen, im Kontext allerdings scheint „ridhe = field, bottom of a valley better righe. See ruighe.“ aus dem schottischen Gälisch, das Wort zu treffen.2)The Highland Society’s [Dictionary of the Gaelic Language], 1828, wie hier gesagt tritt das Wort im Inselkeltischen meist als „rige“ auf, als solches ist es auch im DIL, wo es allerdings als „the act of stretching or distending“ beschrieben wird, das „sich ausdehnende“.
Die Übersetzung als „fahren, reisen“3)Fellmann et al, Das Zinktaefelchen vom Thormebodewald auf der Engehalbinsel bei Bern und seine keltische Inschrift, 1999, AKBE 4A, online unter: https://www.academia.edu/6999462 ist vermutlich falsch, da im Gallischen fahren resp. Weg mit „rot“, „rota“ bezeichnet wurde, wie sich aus diversen Toponymen resp. Hydronymen ergibt. (Bsp.: Rotsee, Rotach)
Es könnte mit diesem ersten Wort also sowohl „das Feld unten“ – das entspräche dem realen Fundort –, als auch die Unterwelt gemeint sein.
Gobano:
Muss „Schmied“ heissen. Im DIL unter gobae aber mit den Formen: gobann, gobha, gabha, gaba, gabann, Gobha. Es kann aber gerade in religiösem Kontext auch der Schmiedgott, der heilige Schmied, gemeint sein.
Brenodur:
Doppelwort, Breno- wohl von braine 1: protruding or prominent part – deutsch: hervorragend, hinausragend. Das Wort wurde aber im Gallischen mit Sicherheit auch (oder nur?) als „Stamm, Holz, Stab, Baum“ gebraucht, wie wiederum diverse Toponyme belegen. (Brenner etc.)
Im Endlicher Glossarium als „prenne = grosser Baum” verzeichnet9, gerade wenn man eher an eine grosse Tanne als an eine Eiche denkt, wird die Bedeutungsverwandtschaft zu Stamm/Stab offenbar.
-dur vgl. DIL dúr = hard, rigid, solid, (hart) in Toponymen wie Solo-thurn als -dur = von harter Mauer geschützte Stadt.
Allerdings könnte Brenodur der keltische Name der Stadt Bern sein, aber nur unter der Voraussetzung, dass es von Berenodur her stammt. Dies wäre möglich, wenn das erste -e- unbetont gewesen wäre, oder der Schreiber es aus andern Gründen weggelassen hat, etwa um Platz zu sparen, oder weil es – wie gesagt – wenig betont wurde.
Eine Abstammung von Bren- hingegen ist nicht möglich, weil dann die Veränderung zu Bern nicht nachvollziehbar wäre.
Nantarur:
Doppelwort, Nanta- = Tal, diese Übersetzung ist unbestritten, die Trennung in Nant- und -arur aber irreführend. Das Wort ist übrigens, abgesehen vom Gallischen, nur im Kymrischen überliefert.
Im Gälischen findet sich nur: nán = small, a dwarf (klein, Zwerg) was auf Nant- als Bezeichnung eines kleinen oder engen Tals hindeutet.
-rur = ruiri (vgl. DIL: „a king, supreme ruler“ also, Herrscher, König, wobei die weibliche Form Herrscherin, Königin nicht ganz auszuschliessen ist.
Einen Zusammenhang mit dem Namen der Aare, wie ihn manche vermutet haben, ist meines Erachtens praktisch ausgeschlossen.
Zusammenfassende Übersetzung
Vorab muss gesagt werden, dass der Fundort des Täfelchens im tief ausgeschnittenen Tal der Aare vor Bern liegt. Dort unten gibt es eine Halbinsel, eine ebene Fläche wo sich eine Schmiedeesse befunden haben könnte. Jedenfalls war dort der heilige Bezirk, in dem das Täfelchen gefunden wurde.
Zum Zweiten ist der Text aller Wahrscheinlichkeit nach im weiteren Sinne ein magischer Text, er sollte dem, der es geopfert oder geweiht hat, etwas bringen. In unserm Fall ist es entweder der Schmied, der etwas will, da er ja der einzige Handlungsfähige ist, oder es ist ein Unbekannter, der an den Schmiedegott appelliert, in seinem Sinne zu handeln.
Zum Dritten fehlt, wenn man meiner Übersetzung folgt, ein Verb, es ist also kein eigentlicher Satz, sondern eher eine vereinfachte Formulierung eines Wunsches.
Ferner ist nicht zu vergessen, dass die ersten zwei Worte genauer und schöner gestanzt sind, als die zweiten zwei. Wie Stefan Zimmer schreibt: „Nach Ausweis ähnlicher lateinischer Inschriften weist dies nach bisheriger Ansicht auf eine Votivinschrift, deren Anfang bereits vorgefertigt war, und die dann nach Wunsch des bzw. der Kunden (Dedikanten) vollendet wurde.“4)Stefan Zimmer: Dobnoredo Gobano Brenodor Nantaror, in Munus amicitiae, Beech Stave Press, 2014 Dies deutet im übrigen auch ganz klar auf einen galloromanischen Entstehungszeitraum – also ab dem ersten Jh. n. Chr.
Rohübersetzung:
|Dobnorido||Unten auf dem Feld/ In der Unterwelt|
|Gobano||Schmied, Schmiedegott|
|Brenodur||Bern oder harter Stab|
|Nantarur||König des Tals (Nicht ganz auszuschliessen: Königin des Tals)|
Zusammen übersetzt:
Wenn Brenodur der alte Name von Bern ist:
Auf dem Feld unten vor Bern
ist der Schmied der König des Tals.
Dies scheint mir im Moment am plausibelsten. Weitere Übersetzungsmöglichkeiten:
Wenn Brenodur „harter Stab“ bedeutet:
Schmiedegott in der Unterwelt (mach dass)
(mein) harter Stab der König des Tales (ist).
Wenn man den Schmied als Person und nicht als Gott ansieht, wäre die Übersetzung:
Drunten auf dem Feld (ist)
der harte Stab des Schmieds der Herrscher des Tals.
oder gar:
Unten auf dem Feld –
der harte Stab des Schmieds im Tal der Königin.
Schlusswort:
Auch wenn die Übersetzung des Täfelchens nie ganz sicher sein wird, hoffe ich doch, dass wir mit diesem Beitrag in ein vergleichsweise enges Feld möglicher Übersetzungen gelangt sind.
Anmerkungen [ + ]
|1.||↑||wikipedia.de, Berner Zinktafel, am 11.11.2016|
|2.||↑||The Highland Society’s [Dictionary of the Gaelic Language], 1828|
|3.||↑||Fellmann et al, Das Zinktaefelchen vom Thormebodewald auf der Engehalbinsel bei Bern und seine keltische Inschrift, 1999, AKBE 4A, online unter: https://www.academia.edu/6999462|
|4.||↑||Stefan Zimmer: Dobnoredo Gobano Brenodor Nantaror, in Munus amicitiae, Beech Stave Press, 2014|