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Arme und Reiche in Gossau
Gossau ist im 19. Jahrhundert eine arme Gemeinde. Deshalb versuchen die Behörden bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, die Zuwanderung sozial schwacher Bevölkerungsgruppen zu unterbinden. Mit den Armen gehen sie – wie übrigens die meisten Schweizer Gemeinden – stets unzimperlich um, vor allem auch, weil sie als faul gelten und ihr Schicksal als selbstverschuldet angesehen wird. Unterstützungsleistungen für Armengenössige, die seit der Helvetik zu den Pflichten der Gemeinden gehören, werden protokollarisch festgehalten und offen publiziert. Die Armen in Gossau werden aber nicht einfach im Stich gelassen. 1855 gründen wohltätige Frauen und Männer des Dorfes einen Armenverein, der schnell zu einer wichtigen Institution in der Gemeinde wird.
Um in ärmlichen Verhältnissen zu leben, muss man aber nicht gleich armengenössig sein. Arm sind nämlich auch die Kleinbauern und Heimarbeiter, die in kleinen und kleinsten Wohnungen zusammengepfercht leben, zumeist in niedrigen, verwinkelten Flarzhäusern, wie sie für das ganze Zürcher Oberland typisch sind. Sie bestehen aus mehreren Wohnungen, Scheunen, Schöpfen, Abort- und Stallanbauten und wachsen im Lauf der Zeit organisch. Bei Bedarf werden sie unterteilt und mit neuen Wohnanbauten versehen. Die Stube wird von den Heimarbeitern in der Textilindustrie oft als Arbeitsplatz genutzt.
Die meisten Flarze sind in der Riegelbauweise erstellt, die vor allem im 18. Jahrhundert Verbreitung findet, als das Holz in den übernutzten Wäldern immer knapper wird. Statt aus Holzbohlen werden die Wände zwischen dem Balkengerippe nun aus einem lehmbestrichenen Ruten- und Strohgeflecht erstellt. Auch die wohlhabenden Vollbauern, Gewerbler und Unternehmer Gossaus bauen sich Riegelhäuser, allerdings in weit prächtigeren Varianten als die Flarze. Beispiele sind etwa das Bebiehaus in Bertschikon (1709) oder das Dürstelerhaus in Unterottikon (vor 1592). Im 19. Jahrhundert verliert der Riegelbau für die Wohlhabenden an Attraktivität und macht dem Massivbau aus Stein Platz.
Das Kirchenunglück von Gossau
Inmitten der politischen Wirren der nachhelvetischen Zeit spielt sich auf dem Gossauer Berg 1820 ein Drama ab, das in der ganzen Schweiz Entsetzen auslöst. Am 22. Juni 1820 freut sich ganz Gossau auf die bevorstehende Feier zur Aufrichte der neuen reformierten Kirche. Von der Decke sind erst die Querbalken und ein provisorischer Bretterboden angebracht, das Stützwerk des Dachstuhls fehlt aber noch, und das erweist sich als fatal. Obwohl sie die Handwerker abzuhalten versuchen, stürmen die Festteilnehmer massenweise den luftigen Ausguck auf dem Dachboden. Schliesslich drängelt sich auf dem ungesicherten Dachboden eine Menschenmenge, deren Zahl “man bey siebenhundert schätzt”, wie ein historisches Trauerlied zu berichten weiss.
Eine halbe Stunde nach Beginn der Feier ist plötzlich ein Ohren betäubendes Krachen zu hören, die Querbalken brechen in der Mitte entzwei und fallen samt den Menschen in die Tiefe. “Jetzt aber erhob sich ein Mark und Gebein durchdringendes Geschrey der in die Balken eingekeilten Verwundeten, Zerschlagenen”, gab der Pfarrer danach zu Protokoll. Die traurige Bilanz: 25 Tote und gegen 300 Verletzte. In der ganzen Schweiz rollt eine beispiellose Solidaritätswelle an. Rund 6000 Gulden werden gespendet. Am 25. Juni 1820 werden die Opfer in Begleitung von mehr als 10’000 Menschen beerdigt.
Die Schule wird ausgebaut
Mit der liberalen Revolution von 1831 bricht im Zürcher Bildungswesen eine neue Ära an. Die Schule ist nun für alle Kinder obligatorisch. Gossau errichtet in dieser Zeit sein erstes Schulhaus an der Halden. Es kann nur dank vieler Frondienste und gratis geliefertem Bauholz gebaut werden. Die im 19. Jahrhundert erstellten Schulhäuser genügen den Bedürfnissen lange Zeit. In Gossau-Dorf muss erst 1950 ein neues Primarschulhaus gebaut werden, ein Jahr später folgt das erste Oberstufenschulhaus. Seither hat sich das Schulwesen in Gossau parallel zum Bevölkerungswachstum stark entwickelt.
Neue Treffpunkte im Dorf
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entstehen in Gossau erste Vereine, die sich rasch zu einem wichtigen Teil des Dorflebens entwickeln. 1845 wird der Männergesangsverein Ottikon gegründet, 1870 der Männerchor Gossau. In den folgenden Jahrzehnten erblicken viele weitere Vereine das Licht der Welt. Sie sind nicht nur Teil der Freizeitgestaltung, sondern ein gesellschaftspolitischer Brennpunkt. Wer im Dorf ein Wort mitreden, in die lokale oder kantonale Politik einsteigen will, tut gut daran, sich in einem möglichst einflussreichen Verein zu engagieren.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts treten neben die Vereine auch kommerzielle Freizeitangebote. Besonders initiativ ist dabei Baumeister und Kantonsrat Wilhelm Heusser. Er veranlasst 1915 den Bau der ersten Gossauer Badi, initiiert die Einrichtung eines Eisfeldes, gründet die Altrüti-Stiftung, verhilft der Gemeinde zu einem kulturellen Zentrum und ruft den Jugendfestfonds ins Leben. Heute verfügt Gossau über ein vielfältiges Freizeitangebot und ein reges Vereinsleben mit rund 50 Vereinen.
Die Katholiken sind zurück
Die Reformation hat im Zürcher Oberland so nachhaltig gewirkt, dass die katholische Kirche quasi vom Erdboden verschwunden ist. Erst nach und nach ziehen wieder Katholiken nach Gossau. Die Sonntagsmesse besuchen sie vorerst in Wetzikon, wo 1890 die Missionspfarrei gegründet und 1923 die Sankt Franziskuskirche eingeweiht wird. Mitte der 1950er-Jahre verwirklicht die katholische Gemeinde Gossaus ihren Traum eines eigenen Gotteshauses. Am Laufenbach findet sich ein preisgünstiges Grundstück. Für die Finanzierung gewähren einige wohlhabende Katholiken zinsgünstige Darlehen, daneben wird ein Wochenbatzen eingeführt. Auch die in die ganze Schweiz verschickten Bettelbriefe werden von grosszügigen Spendern erhört. Schliesslich kann am 5. Mai 1959 die neue katholische Mariae-Krönungs-Kirche eingeweiht werden.
Das Wachstum als Freude und als Ärger
Zu Beginn der 1950er-Jahre setzt in Gossau ein weiteres, kräftiges Bevölkerungswachstum ein, das bis heute anhält. Die einst mausarme Gemeinde gewinnt deutlich an Finanzkraft. Zwischen die idyllischen Flarze, Riegel- und Steinhäuser zwängen sich mehr und mehr moderne Neubauten. Bis 1955 sind es vor allem Einfamilienhäuser, danach verlagert sich die Entwicklung zu Wohnüberbauungen. Von 1965 bis 1975 wächst die Gemeinde von 3381 auf 6003 Einwohnerinnen und Einwohner, 2010 zählt sie bereits 9600. Der kontinuierliche Zuzug zeugt davon, dass Gossau mit seiner gesunden Durchmischung von Wohnen, Gewerbe und Landwirtschaft als attraktive Gemeinde empfunden wird.