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Der Apfel und sein «Bitschgi», «Bütschgi» oder «Groibschi». Die Schweizer Sprachlandschaft mit ihren Dialekten könnte nicht vielfältiger sein. Adrian Leemann, Sie sind Assistenzprofessor für forensische Phonetik an der bekannten Universität Lancaster in Grossbritannien. Die Schweiz scheint für Ihre Forschung wie geschaffen zu sein?
Das ist ein Phänomen. In der Deutschschweiz sind die Dialekte noch sehr ausgeprägt. Sie sind eine Art «Abzeichen auf der Brust». Sie weisen sofort darauf hin, aus welcher Gegend, aus welchem Kanton man stammt. In Deutschland zum Beispiel werden fast keine Dialekte mehr gesprochen. Nur in Süddeutschland oder in Teilen Österreichs sind Dialekte noch ähnlich präsent. Gleiches gilt für Norwegen.
Wie sieht es in der Ostschweiz und in Graubünden aus?
Hier zeigt sich eine komplexe und gleichsam spannende Situation. Der Thurgauer Dialekt wird sehr einheitlich wahrgenommen. Die St.Galler sprechen greller. Die Wörter werden weiter vorne ausgesprochen und enden oftmals mit spitzen und hellen «A’s» oder «Ä’s». In den beiden Appenzell oder auch im Kanton Glarus finden wir Ausdrücke, die auf alpine Gebiete hindeuten. So spricht der Glarner vom «Schniie» und nicht vom «Schneie». Typisch für den Kanton Graubünden sind die Abschwächungen bei «tringga» anstatt «tricke».
Gibt es denn überhaupt noch reine, klar abgegrenzte Dialekte?
Die hohe Mobilität verwässert natürlich die verschiedenen Dialekte. Es gibt teilweise auch eine Abflachung. Es gibt aber lautliche Merkmale, durch die man eine Person einer Region zuordnen kann. Diese Merkmale sind noch tief in uns eingebrannt. Obwohl wir das Jahr 2017 schreiben und obwohl die Dialekte sich stetig verändern, bleiben die Merkmale erhalten. So findet eine kleine aber feine Abgrenzung statt.
Trotzdem gibt es beliebte und gleichsam unbeliebte Dialekte in der Schweiz?
Da stolpern wir wohl über unsere vorgefertigten Meinungen. Der Berner und der Bündner Dialekt schneiden immer am besten ab, das zeigen diverse Dialekt-Rankings. Dabei wird auf die schönen offenen Vokale oder die langsame Sprachmelodie verwiesen. Vielmehr verbinden wir mit diesen Kantonen oder Regionen positive Erfahrungen wie ein Ferienerlebnis, welche dann eng daran gekoppelt sind, wie wir ein Dialekt wahrnehmen. Es geht wirklich nicht um das sprachliche Signal, sondern um die positiven Erfahrungen.
Kommen wir noch zum Image-Problem des Ostschweizer Dialekts. Lässt sich diese Unbeliebtheit erklären?
Wir haben das erforscht. Dabei haben wir einer Gruppe aus Frankreich und Grossbritannien Sätze im Berner Dialekt und Thurgauer Dialekt vorgespielt. Das Ergebnis ist erstaunlich: Die Teilnehmer konnten die Dialekte zwar unterscheiden, am Schluss sprach sich die Hälfte für den Thurgauer Dialekt aus. Das Berndeutsche wurde also nicht positiver beurteilt. Den gleichen Test machten wir auch in Zürich. Dabei hatte der Berner Dialekt ganz klar die Nase vorn. Das zeigt beispielhaft: Sobald die positiven Erfahrungen fehlen, wird keiner der beiden Dialekte bevorteilt. Beide klingen dann gleich «schön».
Der grelle, «gäggeli-gääl»-Klang des Ostschweizer Dialekts hat also gar keinen Einfluss?
Die Sache ist in der Tat komplexer. Vielleicht lässt es sich tatsächlich auf einen einzigen Buchstaben, das «Zäpfli R», einschränken. Fehlte nämlich in den vorgespielten Wörtern und Sätzen ein «R», hatten die Probanden in Zürich keine Präferenzen mehr. Das «hintere R», welches in der Kehle ausgesprochen wird, scheint effektiv etwas zu sein, das die Leute nicht gerne hören und als «weniger schön» beurteilen. Der Unterschied liegt offenbar im «Gurgeli».