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Schloss Versailles – symbolhafter Ort französischer Geschichte
Der Name Versailles steht bis heute für die Glanzzeit des französischen Königtums. Es war der berühmte „Roi Soleil“ Ludwig XIV., der 1682 seine Residenz vor die Tore von Paris verlegte. Für gut 100 Jahre wurde Versailles königlicher Wohnsitz und Mittelpunkt Frankreichs.
Wie kein Bauwerk repräsentiert Schloss Versailles dabei den Absolutismus französischer Herrscher und das Ancien Régime. Die Revolution sollte der höfischen Prachtentfaltung schon nach wenigen Generationen ein Ende bereiten. Dass es so weit kam, daran hatten auch das Schloss und das dort stattfindende höfische Gepränge ihren Anteil.
Aus einem Jagdschloss entstanden
Ursprünglich befand sich an der Stelle des heutigen Monumentalbaus ein sehr bescheidenes Jagdschlösschen, das sich Ludwig XIII. – der Vorgänger des Sonnenkönigs – in dem wildreichen Gebiet des unbedeutenden Marktfleckens Versailles bei Paris hatte errichten lassen. Dieser Bau wurde in den Jahren 1631 bis 1634 durch ein repräsentativeres Jagdschloss ersetzt. Es handelte sich um ein Gebäude aus rotem Backstein mit drei Flügeln im Stil des frühen französischen Barock.
Das Jagdschloss sollte später in den Gesamtkomplex von Schloss Versailles integriert werden. Es bildet de facto bis heute den Kernbereich des weitläufigen Palastes. Als Ludwig XIII. starb, erbte sein Nachfolger Ludwig XIV. das Schloss. Der junge König schätzte diese Residenz im Grünen sehr. Er nutzte das Schloss nicht nur für Jagdausflüge, sondern auch als Sommersitz und für festliche Vergnügungen.
Mit dem Gedanken, seine Hauptresidenz nach Versailles zu verlegen, hatte sich der König wohl schon länger getragen. Ludwig XIV. fühlte sich in dem stets unruhigen Paris und dem beengten Tuilerien-Palast, dem Hauptschloss der französischen Könige, nie wirklich wohl. Die Verlegung des königlichen Sitzes nach Versailles bot Gelegenheit, der ungeliebten Hauptstadt zu entfliehen. Ausserdem ergab sich durch das weiträumige Gelände die Chance, architektonische Träume zu verwirklichen.
Um den Hofstaat aufnehmen und die repräsentativen Funktionen erfüllen zu können, war eine grundlegende Um- und Neugestaltung des Jagdschlosses erforderlich. In dem Neubau sollten die Macht und der Glanz des französischen Königtums zum Ausdruck kommen. Schloss Versailles war von Anfang an auch als Herrschaftsinstrument gedacht. Diesem Anspruch musste und sollte das neue Schloss gerecht werden.
Schloss Versailles und seine Gartenanlagen
Ab 1668 wurde mit den Bauarbeiten zur Erweiterung und Neugestaltung begonnen, 1677 verkündete der König seine Absicht, seine Residenz hierher zu verlegen, und ab dem 5. Mai 1682 zog der Hofstaat in die neuen Räumlichkeiten um. Zu diesem Zeitpunkt war das Schloss aber noch längst nicht fertig. Der Nord- und der Südflügel wurden erst im Verlauf der 1680er-Jahre fertiggestellt. Die Hofkapelle vollendete man 1710, und als letzter bedeutender Erweiterungsbau entstand bis 1770 die Hofoper.
Schloss Versailles hat dabei zwei Gesichter. Zur Gartenseite hin zeigt sich der Palast mit einer monumentalen Fassade aus hellem Sandstein, die einer strengen Symmetrie folgt und sehr einheitlich wirkt. Die Gestaltung erfolgte im Stil des klassizistischen Barock. Zur Stadtseite hin wirkt der Komplex dagegen sehr viel kleinteiliger, das Schloss scheint hier aus mehreren Einzelgebäuden zu bestehen, die sich im Aussenbild deutlich unterscheiden. Das alte Jagdschloss gruppiert sich dabei um einen kleinen Ehrenhof im Zentrum, der den Abschluss von insgesamt drei Höfen im Eingangsbereich des Palastes bildet.
Die Gartenanlage sollte wie ein Spiegelbild des Schlosses die Herrlichkeit der königlichen Herrschaft verkörpern. Der Schlosspark wurde ganz nach barocken Vorstellungen gestaltet. Er folgt einem dreiteiligen Aufbau mit geometrischen Strukturen und wurde auf mehreren Ebenen mit Terrassen angelegt. Im unmittelbaren Umfeld von Schloss Versailles liegen die sogenannten Parterres. Sie zeichnen sich durch niedrige Bepflanzung mit ornamentalen Mustern aus, die den Blick auf die Schlossfassade freigibt. Zu den Parterres gehören auch zwei zentrale Wasserbecken und mehrere kleinere Bassins.
An die Parterres schliessen sich die Bosketten an. Die insgesamt 15 Bosketten sind den Sälen des Schlosses nachempfunden. Mit Hecken und Bäumen wurden kunstvoll gärtnerische Räume gestaltet. Skulpturen, Brunnen und dekorativ beschnittene Pflanzen bilden den Schmuck dieses Bereichs. Zentrale Elemente von Parterres und Bosketten sind der Latona-Brunnen und der Apollon-Brunnen, aus dem der Sonnengott symbolisch dem König entgegen aufsteigt. Darauf folgt ein waldbestandenes Areal, das sich um den Grand Canal im Zentrum ausbreitet.
Grand und Petit Trianon – private Rückzugsorte
Im Bereich der Parkanlagen von Schloss Versailles gibt es auch noch zwei weitere kleinere Schlösser. Ludwig XIV. liess sich mit Grand Trianon einen privaten Rückzugsort erbauen. Grand Trianon wurde als eingeschossiges, weitläufiges Gartenschloss mit einer eigenen Parkanlage errichtet. Petit Trianon ist dagegen ein Geschenk von Ludwig XV. an seine Mätresse, die berühmte Madame de Pompadour. Diese starb allerdings bereits vor der Fertigstellung.
Später schenkte Ludwig XVI. den Bau seiner Frau Marie Antoinette. Sie machte den anmutigen Bau, der eher an eine vornehme Villa erinnert, zum Mittelpunkt ihres eigenen kleinen Reiches, der „Domaine de La Reine“. Im Umfeld von Petit Trianon liess sie ein pittoreskes Dorf entstehen, in dem sie ihren Träumen von einem einfachen Landleben nachhängen konnte. Rund um einen Dorfteich wurde eine Reihe von Gebäuden im „typischen“ bäuerlichen Stil errichtet, sogar eine Mühle findet sich darunter. Das „Le Hameau“ genannte Dorf war allerdings weit von der damaligen Wirklichkeit der französischen Bauern entfernt. Es handelte sich um eine verspielte Kunstwelt, aus der die Königin jäh entrissen werden sollte.
Schloss Versailles war nicht nur Wohnort des Königs, auch ein grosser Teil des Hofstaates lebte hier ständig. Der Palast bot daher neben den grossen Repräsentationsräumen auch über 200 Appartements für Wohnzwecke, daneben eine Vielzahl weiterer Zimmer und Räumlichkeiten. Für die königliche Familie alleine waren rund 150 Zimmer reserviert. Der Hofstaat umfasste insgesamt etwa 10’000 Personen. Rund die Hälfte davon wohnte direkt im Schloss, der Rest in umliegenden Gebäuden oder im weiteren Bereich von Versailles.
Die Verteilung der Wohnräume an den Adel und die Höflinge folgte dabei streng nach Rang und Stellung bei Hof. Das Schloss war daher tatsächlich so etwas wie eine kleine Stadt in sich. In den Gängen und Sälen des Schlosses herrschte ein reges Treiben, was noch dadurch verstärkt wurde, dass auch die gemeine Bevölkerung Zugang zum Palast hatte. Schloss Versailles war daher im wahrsten Sinne des Wortes ein öffentlicher Ort, und es ist nachvollziehbar, wenn französische Könige hier das Bedürfnis nach mehr Privatsphäre empfanden.
Trotz Prunk – eng und unbequem
Der Platzmangel war ein allgemeines Problem. Trotz der gigantischen Ausmasse des Baus platzte Schloss Versailles aus allen Nähten. Mancher Adlige musste sich sogar mit einer Dachkammer begnügen, und das Wohnen war für heutige Verhältnisse mehr als unbequem. Längst nicht jeder Raum verfügte über einen eigenen Kamin, es war recht zugig und an fliessendes Wasser war nicht zu denken. Toiletten waren unbekannt, für die persönlichen Bedürfnisse dienten Leibstühle und Nachttöpfe, deren Inhalte in Sickergruben entleert wurden. Da war es schon eine kleine Sensation, als Ludwig XVI. sich das erste Wasserklosett seines Reiches einbauen liess.
Einmal im Jahr zog der ganze Hofstaat nach Schloss Fontainebleau, um Platz für eine dringend nötige Grundreinigung zu machen. Das unkomfortable Leben am Hofe stand in starkem Kontrast zur prunkvollen Umgebung. Dennoch nahm der Adel diese Unbequemlichkeit gerne in Kauf und drängte nach Schloss Versailles. Die Nähe zum König nährte die Illusion, Teilhaber der königlichen Macht zu sein. Der Monarch wusste sich die Loyalität mit kleinen Privilegien, klangvollen Titeln und ebenso gut dotierten wie nutzlosen Posten zu erhalten und damit Machtgelüste des Adels im Zaum zu halten. Es war eine kostspielige, dekadente Gesellschaft, die dem Müssiggang frönte.
Das Hofleben spielte sich vor allem in den öffentlichen Repräsentationsräumen und Staatssälen von Schloss Versailles ab. Deren Kulminationspunkt bildet die Spiegelgalerie, die die gesamte Breite des mittleren Baus einnimmt und 75 Meter lang ist. 17 grosse, von Pilastern aus Marmor getrennte Spiegelflächen säumen die Innenseite der Spiegelgalerie. Sie sind das Pendant zu den Fenstern der Gartenfront. Kostbare Lüster reflektieren das einfallende Licht zusätzlich. Der ganze Raum wird von grossartigen, stuckumrahmten Deckengemälden überwölbt und bietet dem Betrachter einen geradezu majestätischen Anblick. Die der Galerie benachbarten Salons des Krieges und des Friedens bilden die Übergänge zu den früheren Wohnräumen des Königs und der Königin.
Königliches Leben in der Öffentlichkeit
Eine zentrale Bedeutung hatte in Schloss Versailles das königliche Schlafzimmer, in das man ebenfalls von der Spiegelgalerie aus gelangt. Das „Lever“ und „Coucher“ – das Aufstehen und Zubettgehen – des Königs waren öffentliche Ereignisse, die nach strenger Etikette unter Anwesenheit und mit genau geregelten Diensten des Hofstaats vollzogen wurden. Das Schlafgemach war insofern ein zeremonieller Raum. Auch andere Ereignisse im Leben der königlichen Familie fanden unter Beobachtung und Teilnahme des Publikums statt. Das galt für die Einnahme der Mahlzeiten ebenso wie für Geburten und das Sterben. In diesem ganz auf den König zugeschnittenen Hofleben kam die zentrale Stellung und Bedeutung des Monarchen im Zeitalter des Absolutismus zum Ausdruck – eine anstrengende Rolle.
Öffentliche Räume per se waren natürlich auch die Hofkapelle und die Hofoper. Die Hofkapelle besteht aus zwei Etagen. Die obere, von griechischen Säulen getragene war dabei dem König und seiner Familie vorbehalten. Der ganze, 25 Meter hohe Raum wird von schönen Deckenfresken geschmückt. Die Errichtung der Hofoper fällt in die Endzeit des Ancien Régime. Sie wurde anlässlich der Hochzeit von Ludwig XVI. und Marie Antoinette erbaut und diente nicht nur für Theater- und Opernaufführungen, sondern auch für Feste und Bankette. In der Hofoper von Schloss Versailles finden auch heute noch regelmässig Aufführungen statt. Die Repräsentationsräume des Schlosses und viele andere Räumlichkeiten waren mit wertvollen Möbeln ausgestattet. Das Gros davon ging allerdings in den Wirren der Französischen Revolution verloren.
Ein Schlossbau sprengt den Staatshaushalt
Bereits der Bau von Schloss Versailles strapazierte den Staatshaushalt der Monarchie auf das Äusserste. Mehrfach mussten die Bauarbeiten unterbrochen werden, wenn Kriege zu einer Beschränkung der finanziellen Ressourcen führten. Obwohl im Etat riesige Positionen – rund ein Siebtel des Staatshaushaltes – für den Schlossbau vorgesehen waren, reichte das Geld selten. Oft mussten noch grossartigere Pläne der knappen Finanzen wegen gestutzt werden.
Ludwig XIV. verbaute in seiner Regierungszeit die gigantische Summe von 300 Millionen Livres, ein Geldbetrag, dessen heutiger Wert sich kaum ausdrücken lässt. Zu den reinen Baukosten kamen noch die ständigen Ausgaben für die Hofhaltung und die Dotierung der zahllosen Positionen bei Hofe hinzu. Sie verschlangen jedes Jahr etwa 6 % des Staatshaushaltes.
Nicht zuletzt dieser Ausgaben wegen trug der Bau von Schloss Versailles von Anfang an den Keim des Untergangs in sich. Bereits unter dem Sonnenkönig setzte eine Zerrüttung der Staatsfinanzen ein, die sich unter seinen beiden Nachfolgern Ludwig XV. und Ludwig XVI. noch dramatisch fortsetzen sollte. Hohe Kosten im Zusammenhang mit erfolglosen Kriegen und aussenpolitischen Abenteuern kamen hinzu. Über Jahrzehnte behalf man sich mit Krediten zur Deckung des stetig wachsenden Staatsdefizits.
1788 – ein Jahr vor der Revolution – erreichte der Schuldendienst mit einem Etat-Anteil von über 60 % ein nie gekanntes Ausmass. Um einen Ausweg aus der Schuldenkrise zu finden, berief Ludwig XVI. 1789 schliesslich die Generalstände in Versailles ein. Dies wirkte ungewollt als Initialzündung für die Revolution. Sie führte auch zu einem plötzlichen Ende des höfischen Lebens in Versailles. Am 5. Oktober 1789 zog ein Demonstrationszug von Pariser Marktfrauen und anderen Revolutionären nach Versailles und stürmte den Palast. Der König und seine Familie wurden gezwungen, Schloss Versailles zu verlassen und nach Paris zu ziehen. Es sollte ein Umzug ohne Wiederkehr sein.
Das Schloss nach der Revolution
In der Revolutionszeit wurde das Schloss mehrfach geplündert und stand danach leer. Im 19. Jahrhundert wurde es für museale Zwecke hergerichtet. Zweimal sollte es noch eine bedeutende historische Rolle spielen. Am 18. Januar 1871 fand im Spiegelsaal von Schloss Versailles die Proklamation des preussischen Königs Wilhelm zum deutschen Kaiser statt. Vorausgegangen war der Deutsch-Französische Krieg, der mit der Niederlage Frankreichs endete. Die Kaiserproklamation an diesem Ort war aus französischer Sicht eine Schmach.
Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgten in Schloss Versailles die Verhandlungen zum Abschluss eines Friedensvertrags der Siegermächte mit Deutschland. Der am 28. Juni 1919 abgeschlossene Friedensvertrag wurde in Deutschland als Diktat empfunden und war später einer der Gründe für den Aufstieg Hitlers.
Auch in anderer Hinsicht sollte das Schloss noch auf die europäische Geschichte ausstrahlen. Zahlreiche bedeutende und weniger bedeutende Monarchen versuchten, den Glanz von Versailles in ihren Residenzen nachzuvollziehen. Schloss Versailles inspirierte bis ins 19. Jahrhundert hinein zu Nachahmungen, denen wir zahlreiche herausragende Baudenkmäler zu verdanken haben. Schloss Schönbrunn, die Würzburger Residenz oder Schloss Peterhof sind nur drei Beispiele von vielen. Zu den grössten Bewunderern des Sonnenkönigs und von Versailles gehörte der bayerische König Ludwig II., der mit seinem Schloss Herrenchiemsee eine nahezu originalgetreue Kopie errichtete. Sein Traumschloss war allerdings ihm alleine vorbehalten, höfisches Treiben war hier nicht vorgesehen. Sein Traum blieb unvollendet.
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