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Die Regenwürmer und der Mythos (inkl. Apfel)
Konzept, Regie, Spiel, Bühne, Dramaturgie, Technik Patrick Gusset
Regenwald und Savanne in Boa Vista, Pedokomparator, Holzlatten, Wissenschaftsforschung, Bruno, Rettungsdecken, Mythos, Regenwürmer, Apfel.
Wie um Himmels willen kommt das alles (und noch mehr) in einer Aufführung zusammen?
Oder: Wie wird Wirklichkeit wirklich? Zumindest jene im Theater? Welche wirklichen Effekte hat diese spezifische «Theaterwirklichkeit»; für den Akteur sowie für die Zuschauer?
Und: Was sind die Bedingungen, die zwangsläufig den künstlerischen Prozess und dessen Ergebnis bestimmen? Aus welchen Fäden wird diese Theaterwirklichkeit gestrickt?
Oder anders formuliert: Wie kommt die Aufführung, welche der_die Zuschauer_in unmittelbar sieht, zustande und welches spezifische Wissen (um die Form der Aufführung und allfällig weiteres) wird in diesem explorativ-experimentellen Prozess «fabriziert»?
«Die Regenwürmer und der Mythos (inkl. Apfel)» setzte sich aus einem praktischen sowie reflexiven Teil zusammen und ist zwischen den Feldern künstlerische Forschung und angewandte Theaterwissenschaft zu verorten. Im Zentrum der Untersuchung standen der Probenprozess und das Werden der Aufführung. Ausgehend von Bruno Latours Aufsatz «Zirkulierende Referenz» handelte die Arbeit von Transformationsprozessen, bei welchen folgende wissenschaftsphilosophische Frage zentral war: «Wie fassen wir die Welt in Worte?». Im Zusammenhang mit theatraler Praxis resultierte daraus die Frage, wie etwas innerhalb einer Theaterwirklichkeit (Theateraufführung) in Wirkung gebracht wird. In Form einer «performativen Untersuchung» wurde schliesslich an zwei Aufführungen folgenden Fragestellungen nachgegangen: Wie kommt die Aufführung, welche der_die Zuschauer_in unmittelbar sieht, zustande und welches spezifische Wissen (um die Form der Aufführung und allfällig weiteres Wissen) wird in diesem explorativ-experimentellen Prozess fabriziert?
In der Arbeit richtete sich der Fokus an der Analogie zwischen theatraler und wissenschaftlicher Praxis aus. In Bruno Latours Aufsatz («Zirkulierende Referenz») wird am Beispiel einer Forschungsexpedition (von Pedologen_innen und Biologen_innen) ins Amazonasgebiet beschrieben, wie Fakten und Wissen geschaffen werden. Ihn interessiert dabei vor allem wie das getan wird. Aus diesem Ansatz entstand schliesslich die von ihm mitbegründete Akteur-Netzwerk-Theorie, welche ich für meine Masterarbeit ebenfalls nutze, um den Alltag theatraler Praxis, genauer die Probenbindungen, zu untersuchen.
Um die Bodenbeschaffenheit eines bestimmten Gebiets zu analysieren, arbeiten Pedologen_innen mit dem sogenannten Pedokomparator; ein Koffer mit einem gitterförmigen Einsatz, in welchen Bodenproben übertragen werden können. Dieses Prinzip der Übertragung habe ich in den Bühnenraum übertragen, daraus entwickelte ich über die Proben ein Szenokomparator, der es ermöglicht eine Szenenchronologie zu überschauen, zu analysieren und modellhaft umzustellen.
In der Performance wurden Darstellungsweisen, theatrale Mittel, Konzepte, szenographische Elemente, Licht sowie Musik gleichermassen thematisiert wie reflektiert. Ich folgte einer Struktur, jedoch keinem genauen Skript, dies sollte den Modus der Probe begünstigen und die Oszillation zwischen Probe und Aufführung herstellen.