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Dann wurde sie schwanger. Und jetzt, zehn Jahre später, ist mein Leben voller Kinder, die sich aber endlich selber anziehen können, die selber einschlafen und durchschlafen und mir etwas bringen können, ohne es zu verschütten. Endlich bin ich im Haushalt wieder komplett nutzlos. Und ich denke: «Das nächste Bébé, das ich im Arm halte, ist mein Grosskind.
Es ist Zeit, einen Schnitt zu machen. Ich lasse mich sterilisieren.» Und ich sage meiner Lieblingsfrau: «Wenn du noch ein Kind von mir willst, nimm’s dir jetzt! Letzte Gelegenheit.» Sie sagt: «Merci, für den Moment reichts. Und sollte ich später doch nochmals wollen, muss es ja nicht wieder mit dir sein.» Aber ob ich mir denn sicher sei, fragt sie mich, was sei, wenn ich selber nochmals Kinder möchte.
Ich nehme sie am Arm und ziehe sie in mein Arbeitszimmer. Meine Robert-Walser-Gesamtausgabe ist vollgekritzelt mit infantilen Mikrogrammen, der Schreibtisch ist übersät mit Makramee-Uhus, Krepppapierpiraten und bemalten Maienkäfersteinen aus dem Kreativ-Zwangsarbeitslager Kindertagesstätte. «Dass ich mir noch mehr solche Dinge um mich herum wünsche, ist unwahrscheinlich», sage ich meiner Lieblingsfrau, «viel wahrscheinlicher ist, dass ich im hohen Alter in einer Oldies-Disco meine Arthroseschmerzen mit Gin Tonics dämpfe, mich von meiner Spitex verführen lasse und neun Monate später meinen erwachsenen Kindern einen Halbbruder vorstellen muss. Nein, das wäre mir peinlich. Ich schütze mich vor mir selbst und stelle mich tapfer in die Reihe unerschrockener Männer, die verantwortungsvoller als Roger Schawinski, Charlie Chaplin oder Bernie Ecclestone ihre Altersblödheit beizeiten präventiv einschränken.»
Natürlich geht es mir um Geld. Ein Kind grosszuziehen, kostet auch dann noch viel, wenn man es nicht mit I-Phones, alljährlichen Badeferien in Thailand und einundzwanziggängigen Velos frühzeitig zum Arschloch macht. Auch ein bescheidenes Kind kostet, was bei mir heisst: Mit jeder verhinderten Schwangerschaft unter meiner Beteiligung erspare ich dem Staat Ausgaben im Umfang von einer halben Million Franken. Was ich den Staat als Künstler koste, das gebe ich ihm als Ochse wieder zurück.
Leider kann mir die Urologin im Vorabklärungsgespräch bei meinen dringlichsten Fragen nicht weiterhelfen: Ob sich der Geschmack und die Konsistenz meines Ejakulats ändern werden? Vom Proteinshake mit räucherforelliger Note hin zu etwas eher Fadem, Veganem?
Und was denn nun mit den nicht mehr benötigten Samen aus den Nebenhoden passiere? Ob die sich vielleicht über die Blutbahn in meinen Körper verteilen, und ich nun wegen einer kleinen Schnittwunde am Zeigefinger beim Sex zwar kein Präservativ mehr, dafür aber Plastikhandschuhe tragen müsse?
Die Operation führt die Urologin Meierhans aus, assistiert von einer Krankenschwester. Ich mache mich frei und lege mich auf den Operationstisch. Wie jeder Mann mit runtergelassener Hose fürchte ich mich, vor den freundlichen Damen zu erigieren. Ich darf jetzt einfach nicht daran denken, dass weibliches Arzt- und Pflegepersonal unter ihren grünen Schürzen, wie man weiss, absolut nichts trägt.
Ist es nicht schön, einmal im Leben ins Spital zu gehen, nicht weil man das notfallmässig muss, sondern weil man es ganz einfach selber will? So eine Sterilisation ist für uns Männer dasselbe wie eine Schönheitsoperation für Frauen in der Menopause. Etwas, das wir uns einfach mal gönnen und für uns selbst tun. Ich frage die Urologin, ob es mir erlaubt sei, mich in der Hundestellung operieren zu lassen. Mir scheint, die Hundestellung sei sowohl die gemütlichste Geburtsstellung wie auch die ideale Defertilisationsposition.
Sie erlaubt es nicht, und aufgestützt auf meine Ellenbogen verfolge ich mit, was sie am Sitz meiner Seele macht. Das Skalpell legt den Samenleiter frei und mir wird schlecht, ich betrachte den Kandinsky an der Wand und das Stillleben aus Siemens-Computer, Tritel-Telefon und Infusionsständer, und als ich mich wieder dem Geschehen zuwende, wird gerade etwas verschweisst. Zwischen meinen Beinen steigen Rauchzeichen auf und es riecht leicht verbrannt. Aha, denke ich, das ist nun meine Fruchtbarkeit, die mit dem Geruch einer Fliege, die in einer Halogenlampe verglüht, engelsgleich entschwebt.
Meine Herren im zeugungsfähigen Alter! Ein paar Tage nach einer Vasektomie können Sie wieder ohne Kissen zwischen den Schenkeln schlafen, das Veilchenblaugelbgrünviolett klingt ab, und Sie spüren, wie Ihr Leben viel wirklicher und intensiver ist als vorher. Das Gras grüner, der Holunder weisser, die Sonne heller. Ihre Gefährtinnen spüren Ihre neue Zugänglichkeit und geniessen Ihre entspannte Art, der Zukunft entgegenzuschreiten. Fruchtbarkeit ist heilbar.