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Gesundheit
Mit ADHS umgehen
Dem Kinderfacharzt Wolfdieter Jenett geht es in seinem 184 Seiten umfassenden Ratgeber darum, Eltern und Lehrer praktische Hilfestellungen im alltäglichen Umgang mit Kindern zu geben, die unter der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden. Das Buch ist in sechs Abschnitte unterteilt und ermöglicht dem Leser, für sein spezifisches Problem mit diagnostizierten ADHS-Kindern - sei es das morgendliche Aufstehen, der Umgang mit Fernsehen und Computer, das Schreiben von Diktaten, das Pausenverhalten, bis hin zur Entdeckung und Förderung von Hochbegabung - eine Möglichkeit des konstruktiven Umgangs zu finden. Insofern hält der Autor das ein, was der Untertitel des Buches verspricht.
Jenett charakterisiert ADHS als "genetisch determinierte Veranlagung für unstetes, fahriges, schwer voraussagbares Verhalten, das übliche Erziehungserwartungen auf eine schwere Probe stellen kann" (12). Damit wird die Frage, ob ADHS (allein) eine Krankheit im Sinne einer biologischen Dysfunktionalität oder (auch) Symptom einer Wettbewerbsgesellschaft mit zunehmenden Leistungsdruck, in die einiger Kinder so nicht mehr hineinpassen, mehr oder weniger explizit zugunsten des Krankheitsbegriffs beantwortet. Krankheiten gilt es zu heilen, sofern die Betroffenen (Kinder, Eltern, Lehrer) unter den Symptomen leiden. Jenett legt hier den Einsatz von Medikamenten nahe, um Entwicklungsunterschiede zu Gleichaltrigen nicht unnötig größer werden zu lassen und um die Basis für eine erfolgversprechende Beratung und ein gelingendes Training zu ermöglichen (14). So gesehen kann "ADHS. 100 Tipps für Eltern und Lehrer" durchaus auch als Trainingsratgeber gelesen werden. Trainiert werden soll ein Verhalten, das Störungen minimiert oder gar vermeidet (13), gerade angesichts einer als gerechtfertigten postulierten gesellschaftlichen Forderung nach Leistungsbereitschaft. Hilfsmaßnahmen müssen - so Jenett - daher beim Maß der Konformität ansetzen (121).
Das Kind mit ADHS-Diagnose gesellschaftskonform zu machen, es anzupassen, es nicht unangenehm auffallen zu lassen, das "kranke" Kind als Störfaktor auszuschalten - das ist der Kerngedanke des Buches, der die in diesem Sinne überaus eingängigen Hilfestellungen durchzieht. Ist man sich dessen bewusst und kann man mit dieser Prämisse leben, erweist sich die Lektüre als kurzweilig und informativ. Dem Leser ist es möglich, gezielt nach einem Problem und dessen möglicher Lösung zu suchen. Richtig spannend wird der Autor an den Stellen, an denen er über die bloße Symptombeschreibung hinausgeht und mögliche Gründe jenseits des Krankheitsdiktums aufzeigt. So sieht Jenett den außergewöhnlichen Bewegungsdrang von ADHS-Kindern gar als Ausdruck eines existenzielles Moments: "Ich bewege mich, also bin ich!" (66). Insgesamt wird allerdings in den meisten Fällen von tieferen Begründungen für Auffälligkeiten abgesehen. Schreibprobleme bleiben dann eben jene sensomotorischen Entwicklungsstörungen, von denen 50 Prozent der ADHS-Kinder betroffen sind (62), und die Schwierigkeiten bei der Silbentrennung werden dann auf die bei solchen Kindern typischen akustischen Wahrnehmungsdefizite zurückgeführt (66).
Es spricht bei alledem für den Autor, wenn er nicht müde wird zu betonen, dass das störende Verhalten von Kindern mit ADHS ein Krankheitszeichen und kein Charakterfehler, auch kein böser Wille ist (27), es zeigt seine Sympathie für diese Kinder, und sein Ratgeber kann guten Gewissens als ernsthafter Versuch gedeutet werden, diejenigen dabei zu unterstützen, die ADHS-Kindern bei der besseren Anpassung an ihre Umwelt helfen wollen. Ob aber das Beseitigen der Störungen dem gerecht wird, was durch diese Störungen zum Ausdruck kommen soll, bleibt überaus fraglich - allerdings nicht für den Autor. Wenn Jenett in den ersten Sätzen seiner Einleitung schreibt: "Schwierige Kinder hat es immer gegeben, und alle Epochen hatten ihre Art und Weise, damit umzugehen [...]. [...] [S]chwarze Pädagogik ist heute glücklicherweise überwunden. Doch was haben wir dem zeitgemäß entgegenzusetzen?", dann ist die Antwort auf diese Frage: 100 Tipps, die helfen, Störenfriede auf sanfte, aber bestimmte Weise zum Schweigen zu bringen, und zwar ganz in ihrem eigenen Sinne, um das, was sie wirklich sind, zu Wort kommen zu lassen. Damit aber ist Jenett näher an der Schwarzen Pädagogik, als ihm vermutlich lieb ist.