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Verdummung oder Demokratisierung? Die politische Sprache wird immer einfacher. Das ist jetzt bewiesen und auch gut so!
Wer eine politische Rede von vor 200 Jahren liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die politische Kommunikation an sprachlichem Niveau verloren hat. Dass das nicht nur mit der historisch bedingten Veränderung von Sprache zu tun hat, hat die Nachrichtenseite Vocativ.com jetzt nachgewiesen.
Ein Fundus von 600 Reden der US-amerikanischen Präsidenten von 1789 bis heute wurde dem Flesch-Kincaid-Lesbarkeitstest unterzogen. Diese allgemein anerkannte Formel verrechnet hauptsächlich zwei Faktoren: Die Satz- und die Wortlänge. So lässt sich überraschend präzise feststellen, wie komplex ein Text ist.
Die Vocativ-Studie fand heraus, dass die durchschnittliche Komplexität der Präsidentenreden sich zwar am Publikum orientiert, aber insgesamt sehr deutlich abfällt. Die Reden von George Washington (1789 – 1797) und Thomas Jefferson (1801 – 1809) konnten zum grössten Teil nur von akademischem Publikum verstanden werden. Calvin Coolidge (1921 – 1923) und Franklin D. Roosevelt (1933 – 1945) dagegen richteten sich offenbar an ein Publikum, das die durchschnittliche Bildung eines High School-Abschlusses hatte.
Heute gilt Barack Obama (seit 2009) als grosser Redner und sein Vorgänger George W. Bush (2001 – 2009) als rhetorisch wenig begabt. Die Komplexitätsanalyse zeigt aber, dass beide sich an identisch gebildetes Publikum wenden: Ein Achtklässler würde sie verstehen.
Diese Erkenntnis wurde bereits auch seit vielen Jahren von führenden Politikern in der Schweiz erkannt. So hat Alt-Bundes- und Nationalrat Christoph Blocher gemäss eigenen Aussagen seine Reden immer wieder seinen Kindern vorgetragen und diese gefragt, ob sie verstanden hätten, was er sagen wolle – eine gute Methode, um seine Verständlichkeit zu testen.
Ebenso beherzigt die GOAL AG diese Erkenntnis. Unser Ansatz ist aber noch „demokratisierender“: Wir gehen davon aus, dass uns Sechstklässler verstehen müssen….
Diese Entwicklung mit dem populären Kulturpessimismus „Wir werden halt dümmer“ zu erklären, ist wenig hilfreich. Vielmehr sollte man die einfacher werdende Sprache der Politik unter dem Aspekt der Demokratisierung betrachten: Je mehr Menschen den Aussagen folgen können, desto einfacher lassen sie sich einbinden und begeistern. Wer heute erfolgreich kommunizieren will, muss einfach sprechen!
Zum Abschluss noch eine Randnotiz. Dieser Text hat übrigens einen Flesch-Kincaid-Wert von 36 und ist für einen Mittelschüler gut verständlich.