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Lärm hallte in den engen Gassen des altertümlichen Bergstädtchens wider. Der hereinbrechende Herbst brachte kalte, scharfe Winde mit sich. Die Windstösse brausten durch die schmalen Gassen des Dorfes und trugen den Lärm weit über die Dorfgrenze hinaus. Die wenigen verbleibenden Dorfbewohner störten sich nicht am Lärm. Sie hatten sich daran gewöhnt, seit Jahrzehnten erfüllte er das Dorf am Tage und in der Nacht. Der Lärm kam aus einer kleinen Werkstatt mit schiefen Fenstern am Fusse des Berges. Je näher man der Werkstatt kam, desto klarer konnte man hören, dass es sich bei dem Lärm um Hämmern, Meisseln und Schleifen handelte. Manchmal war auch das Ächzen eines alten Mannes zu vernehmen. Keiner der Dorfbewohner wusste, was in dieser verschrobenen Werkstatt vor sich ging, die Tür war immer verschlossen. Man sagte sich, dass dort ein äusserst begabter Bildhauer lebte, der Figuren aus Stein meisseln konnte, welche aussahen, als ob sie vor Leben sprühen würden und sich jeden Moment aus ihrer Starre lösen könnten.
Der alte Mann verliess seine Werkstatt sehr selten und wenn, dann nur bei Nacht, gehüllt in den Schutz der Dunkelheit. Seine Haltung war gekrümmt, sein Bart zerzaust und sein Haar so weiss, dass es im Mondlicht leuchtete. In der Werkstatt reihten sich seine Statuen sorgfältig geordnet aneinander, alle mit ihren Gesichtern zur Tür gerichtet. Andere mochten diese durchdringenden Blicke der Statuen erschrecken, aber der alte Bildhauer fühlte sich willkommen, wenn er in seine Werkstatt trat. In der Mitte hatte er sich ein Feuer und seinen Arbeitsplatz eingerichtet. Nichts bereitete dem alten Mann mehr Freude, als tagelang einen Stein zu bearbeiten, eine Figur daraus zu schaffen mit den feinsten Gesichtszügen und dem wohlgeformtesten Körper. Wenn er mit einer Arbeit begann, meisselte, schleifte und hämmerte er wie im Wahn, legte sein Werkzeug nicht aus der Hand, bis er die Figur fertiggestellt hatte. Der Greis besass eine Gabe, die kein anderer besass: Er konnte Figuren zum Leben erwecken, wenn er besonders fein arbeitete. Nur wenige wussten von dieser Gabe, die meisten schenkten der Geschichte keinen Glauben, hielten es für märchenhaften Unsinn. Dennoch gab es einige, die daran glaubten. Sie sagten, er hätte die Hände von Prometheus, mit denen er Leben schaffen könnte.
An einem kalten Herbsttag klopfte es an der Tür der Werkstatt. Der Bildhauer schreckte von seiner Arbeit auf und blickte verwundert zur Tür. Nie zuvor hatte er Besuch bekommen. Er war sich sicher, dass er sich verhört hatte, und wollte sich wieder an die Arbeit machen, als es wieder klopfte, dieses Mal kräftiger und mit mehr Ungeduld. Er hatte sich also nicht verhört. Nervös strich er seine staubigen Hände an den Kleidern ab, fuhr sich hastig durch das Haar und den Bart, im Versuch einen etwas gesitteteren Eindruck zu machen, doch vergeblich. In ungelenken Schritten eilte er zur Türe und atmete, dort angekommen, tief durch. Eigentlich mochte er Besuch nicht, er störte ihn beim Arbeiten und ihm war es nicht wohl, wenn Fremde sein heiliges Reich betraten. Nichtsdestotrotz öffnete er seine Türe vorsichtig einen Spalt weit. Draussen stand ein älterer Mann von guter Statur und ausgestattet mit teurer Kleidung. Er war einer der Wenigen, die von seiner aussergewöhnlichen Gabe gehört hatten, und war nun hier, um diese für sich auszunutzen. Als der reiche Herr den Bildhauer erblickte, lächelte er erhaben und streckte ihm seine Hand entgegen. Der Bildhauer war sich unsicher, strich sich über seinen Bart, öffnete schliesslich die Tür und schüttelte tollpatschig die Hand des anderen Mannes. Der Mann trat ein, schreckte zuerst einen Schritt zurück, als er die täuschend echten Statuen bemerkte, die ihn mit durchdringendem Blick anstarrten. Der Mann, er kam von weit hergereist, erklärte dem Bildhauer, er brauche eine Figur, so schön, dass niemand ihr widerstehen könne. Diese Figur solle der Bildhauer zum Leben erwecken. Er sprach mit monotoner Stimme, liess seinen Blick aber mit sichtlichem Interesse durch die Werkstatt schweifen. Er war dem Bildhauer vom ersten Moment an unsympathisch, er mochte seinen arroganten Blick nicht, sein hochmütiges Geschwafel, seine Art sich zu kleiden, aber vor allem mochte er seine kalten Augen nicht, in denen der Alte keine Seele entdecken konnte. Dennoch wollte er diese Figur schaffen und zum Leben erwecken. Er sah es als Herausforderung, eine noch schönere, noch vollkommenere Figur zu schaffen, und so sagte er zu. Sobald der Fremde die Werkstatt verlassen hatte, machte er sich ans Werk. Er holte seinen besten Steinblock und fing an zu meisseln. Wieder verfiel er in diesen Wahn. Seine Hände arbeiteten wie von selbst, als gehörten sie nicht zu seinem Körper. Flink benutzen sie die Werkzeuge, wechselten sich ab und formten in harmonischem Zusammenspiel den Körper einer Frau. Draussen war es bereits dunkel, als der alte Mann innehielt und von seinem Werk abliess. Sein gekrümmter Rücken schmerzte von der harten Arbeit. Er tat einige Schritte weg von der Figur und betrachtete sie im weichen Licht des Feuers. Die Schatten der Flammen umzüngelten den Körper der Frau, und er war sich sicher, dass er noch nie zuvor eine schönere Figur geschaffen hatte. Voller Stolz blickte der alte Mann auf sein Werk, es fehlte nur noch das Gesicht. Zärtlich strich er über den kalten Stein, seine Finger folgten den weiblichen Kurven der Figur und seine Augen glänzten vor Freude. Die Figur wuchs ihm immer mehr ans Herz und der Gedanke daran, sie abgeben zu müssen, schmerzte ihn. Doch getrieben vom Wahn, konnte der Greis keine Figur unfertig lassen, griff wieder zu seinem Werkzeug und liess seine Hände zaubern. Er dachte nichts mehr, existierte nicht mehr; er war nur noch seine Hände. Lärm erfüllte die Werkstatt, der schneidende Herbstwind trug ihn durch die Gassen des Dorfes, brausend, bis hinunter ins Tal. Das Gesicht nahm Form an; Mund, Nase, Ohren, Haare, nur die Augen fehlten noch. Der alte Mann verlieh ihr ein feines, kindliches Gesicht, mit dem sie das Vertrauen und die Liebe von jedem gewinnen würde. Wieder schreckte er aus seiner Trance auf, streckte sich und tat einige Schritte zurück, um seine Kreation zu betrachten. Voller Entzücken rieb er sich die Hände, am liebsten wäre er vor ihr auf die Knie gefallen, so vollkommen erschien sie ihm. Ihr fehlte lediglich das linke Auge. Eine plötzliche Unruhe packte ihn, er ging in seiner Werkstatt auf und ab und raufte sich die Haare. Er verfiel in Grübeln und dachte darüber nach, was mit seiner Figur geschehen würde, wenn sie lebendig würde. Sie war ihm so lieb geworden, so kostbar. Er war nicht einfältig. Er konnte erahnen, dass der Fremde kein guter Mann war und sicherlich keine guten Absichten hegte mit seiner Kreation. Seine Zweifel und seine Unentschlossenheit quälten ihn, flehend streckte er seine Hände gegen den Himmel, in der Hoffnung auf eine Eingebung. Er fiel auf die Knie, und plötzlich war ihm klar, dass er sie vor diesem Schicksal beschützen musste. So legte er sein Werkzeug nieder und fasste es nie mehr an, der Fremde kam vergebens wieder und verliess das Dorf mit rasender Wut. Sie war die erste Figur, die er nicht beendete, die erste, die unvollkommen war. Er taufte sie Pandora.
Von Marion Müller, G4L