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10.07.2009, KVP Schweiz
Enzyklika „Caritas in veritate“:
Souveräne Aktualisierung der Soziallehre

Die KVP begrüsst die neueste Enzyklika von Papst Benedikt XVI. und dankt dem Papst für seine reichhaltige Arbeit.
Die Enzyklika enthält im Wesentlichen das, was Papst Benedikt XVI., insbesondere auf seiner Brasilienreise, und seine Vorgänger bereits in früheren Stellungnahmen und Verlautbarungen gesagt haben, zum Teil freilich mit ausführlicherer Begründung, interessanten Ergänzungen und aktuellen Beispielen.
Der Papst geisselt insbesondere Betrügereien, Spekulation, Protektionismus, mangelnde Kohärenz, Fehlen des brüderlichen Geistes, Vergrösserung von Reichtum einerseits und Armut anderseits, Verantwortungslosigkeit bei internationalen Hilfen, Grenzzölle, die schwerwiegenden Verzerrungen und Missstände, die kosmopolitische Klasse von Managern mit Konzentration auf den Shareholder-Value, Technikgläubigkeit, die Unwirksamkeit der kostspieligen bürokratischen Verwaltungsapparate internationaler Organisationen, die Ausbeutung der Ressourcen, Hörigkeit und Manipulation der Menschen, Missbrauch der Biotechnologie, die tragische Plage der Abtreibung, die Einsamkeit des Menschen, das Demographieproblem, die Reduktion der Seele auf Aspekte der Psychologie und Neurologie.
Er fordert die vom christlichen Glauben vertretenen Werte ein, das Recht auf Ernährung und Wasser, eine Agrarreform, kreative Einsätze, den Geist des Schenkens, die Zivilisierung der Wirtschaft, Teilen der wechselseitigen Pflichten, eine menschenfreundliche Ethik, die an Wahrheit, dem Guten und der Gerechtigkeit ausgerichteten Kommunikationsmittel, die Realisierung des Subsidiaritätsprinzips über die Zivilgesellschaft, die Reform der UNO und der internationalen Wirtschafts- und Finanzgestaltung, den transzendenten Wert der natürlichen moralischen Normen und die Suche nach dem Wahren, Schönen und Guten.
Zentral erscheint die Option für die Armen und die Option für das Leben, also die Verbindung der „Ethik des Lebens“ und der „Sozialethik“. Auch Humanökologie und Umweltökologie bedingen sich gegenseitig. „Das Buch der Natur ist eines und unteilbar“. „Das entscheidende Problem ist das moralische Verhalten der Gesellschaft.“
Insofern bestätigt die Enzyklika die Grundoptionen, welche die KVP in ihrem Parteiprogramm führt. Grosse Überraschungen blieben aus.
Relativ wenig wird auf die für die Wirtschaft entscheidenden Bibelstellen mit ihrer verbindlichen Interpretation abgestellt, ebensowenig auf Enzykliken vor dem Konzil. Der Begriff der sozialen Marktwirtschaft taucht nirgends auf. Insofern wurde zu wenig auf die ganze Tradition zurückgegriffen.
Zu kurz kamen die Finanzwirtschaft und die Rolle des Geldes. Der Wucher wurde an einer einzigen Stelle erwähnt. Die derzeitige Verschuldung des Menschen und der Staaten, die bereits wieder Grund für die nächste globale Krise sein können, blieb unerwähnt. Zu der von Papst Johannes XXIII. geäusserten Vorstellung einer Weltautorität zur Lenkung der Globalisierung hätte man sich konkretere Vorgaben des Vatikans gewünscht. Einen Superstaat lehnt die katholische Kirche nach wie vor ab. Wo bestehen aber die Unterschiede?
Selbstverständlich muss diese Enzyklika vertieft analysiert und durch Wissenschaft und Praxis erprobt und verfeinert werden. Hier sollen ein paar zusätzliche Gedanken wiedergegeben werden, die besonders gefallen:

Methodisch plädiert der Papst für eine „Ökonomie der Liebe“ – auch im öffentlichen Bereich. Das freut die KVP, postuliert sie doch in konstanter Praxis den Begriff der Liebe als Politikbegriff, selbstverständlich „in der Wahrheit“. Hierin liegt nach Ansicht des Papstes „der institutionelle – wir können auch sagen politische – Weg der Nächstenliebe“, wenngleich „die Verkündigung Christi der erste und hauptsächliche Entwicklungsfaktor ist“.
Rolle der Soziallehre
Die „Soziallehre ist ein besonderer Aspekt dieser Verkündigung“, hat einen missionarischen Aspekt. „Alles soziale Handeln setzt eine Lehre voraus.“ „Ohne Aussicht auf ein ewiges Leben fehlt dem menschlichen Fortschritt in der Wellt der grosse Atem“.
Die Soziallehre ist kohärent und zugleich stets neu, sagt der Papst. Die Werte des Christentums sind ein unverzichtbares Element für den Aufbau einer guten Gesellschaft. Was sind Werte und welches sind diese Werte im Einzelnen? Eine Übersicht – und wäre sie auch nur im Sinne einer Zusammenfassung – wäre hilfreich gewesen.
Die Forderung nach Achtung der legitimen Rechte der einzelnen Völker verdient ebenfalls eine Hervorhebung. Genau so wesentlich sind die „Berufung“ und Verantwortung des Einzelnen, ohne die Globalisierung nicht gelingen kann. Überzeugend ist immer auch wieder die ganzheitliche Betrachtungsweise, welche den Papst in seinen Überlegungen leitet.
Es braucht einen neuen Humanismus, eine neue humanistische Synthese und neue Regeln. Der Vernunft allein gelinge es nicht, Brüderlichkeit zu schaffen.
Arbeit und Kapital
Gewürdigt werden das Recht auf Arbeit und der Zugang zur Arbeit für alle. Der Papst spricht sich gegen die Senkung des Rechtsschutzniveaus für Arbeiter und gegen den Verzicht auf Mechanismen der Umverteilung des Gewinns nur um der Stärkung des Wettbewerbs willen aus. In vielen Fällen sind Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung das Ergebnis der Verletzung der Würde der menschlichen Arbeit. Das Recht auf angemessene Entlohnung und auf Sicherheit der Person des Arbeitnehmers und seiner Familie wird genannt. Ferner Arbeit, die es gestattet, die Bedürfnisse der Familie zu befriedigen, eine Arbeit, die den Arbeitnehmern erlaubt, sich frei zu organisieren und ihre Stimme zu Gehör zu bringen; eine Arbeit, die genügend Raum lässt, um die eigenen persönlichen, familiären und spirituellen Wurzeln wiederzufinden, eine Arbeit, die den in die Rente eingetretenen Arbeitnehmern würdige Verhältnisse sichert. In diesem Kontext vermisst man eine Interpretation des Grundsatzes von „Ora et labora“.
Der Fortschritt ist nach wie vor ein „offenes Problem“. Die Wirtschaft kann keine Autonomie beanspruchen, ohne moralische Beeinflussung. Die Marktwirtschaft ist nicht auf eine Quote von Armut und Unterentwicklung angewiesen, um bestmöglich zu funktionieren. Profitstreben braucht es. Es braucht aber auch andere Räume für wirtschaftliche Tätigkeit. Dazu gehören die Unentgeltlichkeit von Leistungen, auch ausserhalb des Staates, und neue Unternehmensformen. Denn die Umverteilung nur durch den Staat ist heute eine ungenügende Sicht geworden. Der Begriff der Effizienz ist nie wertneutral.
Der Wucher wird genannt, ebenso neue Finanzformen. Die Rolle des Geldes und des Zinses hätten aber im Rückblick auf die Tradition tiefergehende Ausführungen verdient. Besprochen werden müssen spätestens bei der Reform der globalen Wirtschaftsarchitektur auch die regionalen Wirtschaftskreisläufe, alternative Währungssysteme sowie der wertvolle Tauschhandel.
Familie
Erwähnt wird die Gefahr der Arbeitsmobilität für die eigene konsequente Lebensplanung, auch im Hinblick auf die Ehe. Der Papst weist auf das soziale Ungenügen der sehr kleinen und kleinen Familien hin. Die Staaten sind aufgerufen, die auf der Ehe zwischen Mann und Frau gegründete Familie wirtschaftlich und finanziell zu fördern.
Umwelt
Die Enzyklika sieht den Stellenwert der Natur, warnt aber von einem Pantheismus. Monopole werden abgelehnt. Der Energieverbrauch ist zu verringern, der Lebensstil aufgrund einer Ökologie des Menschen zu überprüfen.
Von Überbevölkerungsdiskussionen will der Papst weiterhin nichts wissen.
Religionspolitik
Religionen sind nicht gleich. Das Christentum mit seinem Prinzip von Liebe und Wahrheit bietet gute Grundlagen, um das Humanum zu interpretieren. Dies zu sehen ist „vor allem für den, der politische Gewalt ausübt, erforderlich“. Gott muss auch im öffentlichen Bereich, insbesondere im politischen, Platz finden, um das öffentliche Leben über die Wahrheiten des Glaubens und die transzendenten Fundamente der Menschenrechte zu unterrichten. Gleichwohl lassen sich Wahrheit und Liebe „nicht produzieren“; man kann sie nur empfangen. Abgelehnt wird der religiöse Fundamentalismus.
Die politische Vernunft bedarf der Reinigung durch den Glauben, die Religion der Reinigung durch die Vernunft. Wünschenswert gewesen wären genauere Überlegungen zur Religionsfreiheit, bildet dieses Prinzip doch einen gewissen Bruch mit der Tradition (Robert Spaemann).
Staat und internationale Gemeinschaft
Es braucht nach Ansicht des Papstes eine neue Wertbestimmung der Staaten, sodass sie wieder imstande sind – auch durch neue Modalitäten der Ausübung – sich den Herausforderungen der heutigen Welt zu stellen. Die Staaten behalten ihre Rolle, erlangen sogar verlorene Kompetenzen wieder zurück, müssen aber gleichwohl enger zusammenarbeiten.
Das Subsidiaritätsprinzip ist das wirksamste Gegenmittel zu jeder Form eines bevormundenden Sozialsystems. Hier liegt auch der Tätigkeitsbereich der Zivilgesellschaft. Die Subsidiarität ist ein Prinzip zur Lenkung der Globalisierung. Es verhindert eine gefährliche universale Macht monokratischer Art und gestattet die Zusammenarbeit von Gläubigen und Nichtgläubigen. Der päpstliche Vorschlag der steuerlichen Subsidiarität ist originell. Sie soll den Bürgern gestatten, über den Bestimmungszweck von Anteilen ihrer dem Staat erbrachten Steuern zu entscheiden. Das Subsidiaritätsprinzip hätte freilich auch Anlass geben können, sich über Alternativwährungen, regionale Wirtschaftskreisläufe und den Tauschhandel vertieft Gedanken zu machen.
Eine globale Autorität soll auf subsidiäre und polyarchische Art und Weise zur Lenkung der Globalisierung organisiert werden und nicht den Zweck haben, die Macht der Staaten einzuschränken.
Kultur und Naturrecht
Es gefallen ferner die Ausführungen zur kulturellen Verflachung und zum kulturellen Relativismus, welche die Integration gefährden. Integration heisst echter Dialog.
Alle Kulturen haben vielfältige ethische Übereinstimmungen, die im Naturrecht ihren Niederschlag finden. Ausführungen über das heute vielfach verkannte Naturrecht kommen indes zu kurz. Das Naturrecht ist nach traditioneller Lehre mit der Vernunft zu begreifen, auch von Nichtgläubigen. Gehören die zehn Gebote nicht auch zum Naturrecht?
Gemäss dem Papst reicht die Vernunft indes nicht aus, ein bürgerliches Zusammenleben herzustellen. „Fern von Gott ist der Mensch unstet und krank.“ Glück und Heil können daher nicht in immanenten Formen des materiellen Wohlstandes und des sozialen Engagements gefunden werden.
Gut so, Heiliger Vater!