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Früher hätte es Jamie vermutlich vermieden, Berichterstattungen über sich mitzuhören und er blieb im Türrahmen vor dem Massageraum kurz stehen, als er merkte, dass der Fernseher lief. Als er nach einigen Sekunden keine Nervosität in sich aufsteigen spürte, sah er keinen Anlass, Umstände zu machen. Er betrat den Raum, der nach aromatischen Ölen und dem Plastikleder des Massagetisches roch, auf dem der Schweiss tausend ängstlicher Sportler schon einen Film gebildet hatte. Er zog sich aus, hing die Kleider, die ihm lächerlich gross vorkamen, an den Kleiderhaken und legte sich auf den Tisch. Er atmete tief diesen Schweiss, er mochte den Geruch. Sein Team begann, ohne ein Wort mit ihm zu wechseln, seine Muskeln zu lockern. Jamie schloss die Augen.
Magno, kam die Ehre zu, das Fernsehen gleich nach der Begrüssung mit einer Enthüllung zu überraschen. Die perfekten Zahnreihen blitzten auf, als er zu sprechen begann. «Zuerst einmal müssen wir gestehen, dass wir geblufft haben. Obwohl heute das erste Mal ist, wo Xia und Jamie in einem Einzelfinal aufeinandertreffen, stimmt es nicht, dass sie nicht schon früher gegeneinander gespielt hätten. Aber um das herauszufinden, mussten wir tief in den Tabellen der Regionalspiele graben, in die Tasche unseres Studios greifen, und 14 NSA-Hacker einschalten.» Alle im Studio hörten ihm lächelnd zu, auch Françoise. Die NSA-Witze erfreuten sich, drei Jahre nach dem Skandal, immer noch grösster Beliebtheit beim chinesischen Publikum. «Und seht an, das ist unser Resultat. Das grosse Duell ist nicht das einzige.»
«Im Jahr 2012 spielten sie bereits in einem Viertelfinal im Mixed gegeneinander», sagte Françoise. «Xia Song verbündete sich mit seiner damaligen Partnerin Ying Xun, Jamie Li Smuts stand mit Ma Chen auf dem Platz. Damals gewannen die jüngeren, Song und Xun, allerdings nur, weil Ma Chen mit Nasenbluten aufhören musste. Der heutige Final ist also nicht das erste, sondern das zweite Spiel dieser Grössen. Wer hätte das gedacht? Und was bedeutet das? War das ein Abbild der Kräfteverhältnisse und der junge Xia wird die Legende Smuts besiegen? Oder wird sich der geduldige Jamie für die Niederlage rächen? Wer lag damals vorn? Erinnern sich die beiden an das Spiel und was nehmen sie davon mit?»
Jamie keuchte, während seine Schulterblätter auseinandergeschoben wurden. Was die Reportage aufdeckte, stimmte nicht ganz. Es war zwar richtig, dass sie schon damals in Chongching im Mixed-Viertelfinal aufeinandergetroffen waren. Aber es war Ying Xun, Xias Partnerin, gewesen, die Nasenbluten hatte. Sie war schlechter klassiert als die anderen auf dem Feld, aber sie schlug sich wacker. Zwischen jeden Punkten mussten die Feldpfleger Blutspritzer vom Boden aufwischen, aber Ying dachte nicht daran, aufzuhören. Die Schultern ihres Shirts waren rot. Sie wehrten sich gut gegen Jamie und die vierfache Olympiasiegerin Ma Chen, die wie immer keine Schwächen zeigte. Damals schon achtete er auf das junge Talent Xia, das so still wie ein Schatten und mit finsteren Augenbrauen um seine Mitspielerin herumschwirrte, aber er schien nicht recht bei der Sache. Nie hatte er das Gefühl gehabt, Xia wollte gewinnen. Er schien aber auch nicht abgelenkt vom Nasenbluten. Er sprach kein Wort, nicht einmal, um bei Ying nachzufragen, ob alles in Ordnung sei. Jamie dachte damals schon gehört zu haben, dass sie zusammen waren. Sie schienen beide ohne Rücksicht auf Verluste zu kämpfen und waren sich in diesem Ziel völlig einig und verbunden. Das giftige Spiel, das Xia spielte, seine angetäuschten Drops und Querschläger, war nur ein Vorgeschmack, wie Jamie ahnte. Sie erkämpften sich beim ersten Satz einen respektablen Punktestand von 17:21. Dann wurde das Spiel doch noch abgebrochen, aber nicht von ihnen, wie M&F meinten, sondern von Jamies Partnerin Ma Chen, die sich über das Licht der Halle beschwert hatte; und tatsächlich konnte der Schiedsrichter bei genauer Prüfung das Flackern bestätigen. So durfte man nicht weiterspielen. Der Schiedsrichter fragte Jamie, ob er es auch sah? Jamie sah es, aber es störte ihn nicht direkt. Es hätte ihm zumindest nicht viel ausgemacht, weiterzuspielen, und was sich bei seinen Gegnern abzeichnete, machte ihn neugierig. Aber er hatte auch gelernt, sich nicht auf die Hypes zu stürzen und so manche junge Talente lenkten von den wirklich gefährlichen Gegnern ab. Und wenn Ma Chen nicht weiterspielen wollte, so hatte das seine strategische Richtigkeit, die ihm nicht klar war. Er nickte und sagte: So könne man auf keinen Fall spielen.
Das Spiel wurde verschoben, doch er und Ma Chen tauchten nicht mehr auf dem Platz auf. Der Verschiebungstermin war kurz vor der Olympiade — und es gab keinen Grund, seine Kräfte für ein Regionalturnier zu verbrauchen: Der Punktverlust beförderte sogar die Chancen bei der Auslosung besser wegzukommen. Song und Xun gewannen das Spiel sofort und schieden erst im Finale aus.
Daran konnte sich kaum noch jemand erinnern.
Während Jamie auf den weiss gekachelten Boden starrte, wurde er von einem seiner Masseure rau angestumpft. Er hatte sich zu verkrampfen begonnen. Die Masseusin schaltete den Fernseher aus.
Aber noch etwas anderes war nicht ganz richtig. Er und Song hatten sich nicht erst zweimal getroffen, sondern drei Mal.
Doch das konnten Mango und Françoise nicht wissen.
Genau genommen erinnerten sich nur Jamie Li Smuts und Xia Song selbst daran. Als er das warme Öl auf seinem Körper spürte als sässe er in einer Plazenta, erinnerte er sich, dass sie sich drei Mal begegnet waren. Von einer vierten Begegnung dürfen wir vermuten, dass es sie gab: eine, von der sie nichts ahnten. Ob es die Bedeutung dieses Aufeinandertreffens schmälerte? Eines war sicher: Hätten Mango und Françoise um eine weitere Begegnungen gewusst, hätten sie und die Presse kein Halten mehr gekannt. Bereits jetzt wurde kein Aufwand gescheut, Statistiken und vergangene Leistungen gegeneinander aufzurechnen, ohne nennenswerten Erfolg: Die beiden schienen so unterschiedlich, dass man sich ein Aufeinandertreffen nicht auszumalen wagte. Als gäbe es ein metaphysisches Verbot, das sich der Vorstellung auferlegte. Wenn sie einander begegneten, bestand eine gewisse Gefahr, dass das Universum explodierte.