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Titel
Haydn,
1) Joseph, Komponist, geb. zu Rohrau, einem Dorf in Niederösterreich unweit der ungarischen Grenze, war der Sohn eines armen Stellmachers (das älteste von 20 Kindern) und erhielt seinen ersten Unterricht in Haimburg beim ¶
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Schulmeister, seinem Vetter, wo er, neben Lesen, Schreiben und dem Katechismus, Singen sowie fast alle Blas- und Saiteninstrumente spielen lernte. Nach etwa drei Jahren als Chorknabe für die Musikaufführungen in der Stephanskirche zu Wien [* 3] mit vorgeschlagen, bestand er die Probe und trat nun als Schüler in das Kapellhaus der Stephanskirche ein, wo er bis zum 16. Jahr blieb und durch den Kapellmeister Reuter neben gründlichem Gesangunterricht auch Anregung zum Kompositionsstudium erhielt.
Weitere Belehrung auf letzterm Gebiet schöpfte er privatim aus Matthesons »Vollkommenem Kapellmeister« und Fux' »Gradus ad Parnassum«, und in seinem Produktionsdrang wagte er sich bald an 8 und 16stimmige Sätze. Mit dem 16. Jahr wurde er, weil seine Stimme gebrochen war, entlassen und mußte sich nun auf eigne Hand [* 4] fortzubringen suchen. Er gab Lektionen, spielte bei Nachtständchen und in Orchestern um Geld, übte sich dabei fleißig in der Komposition und beneidete, nach seinem eignen Ausdruck, keinen König, wenn er an seinem alten, von Würmern zerfressenen Klavier saß.
Seine äußere Stellung wurde indessen immer mißlicher, und er sah sich dem bittersten Mangel ausgesetzt, als ihm 1751 ein
günstiger Zufall zur Bekanntschaft mit dem Dichter Metastasio und durch diesen mit dem neapolitanischen Komponisten und Gesanglehrer
Porpora verhalf, welch letzterer ihm vielfach die Klavierbegleitung bei seinen Lektionen übertrug, wofür
Haydn sich dazu verstehen mußte, von ihm als Bedienter benutzt zu werden - eine Rolle, die er übrigens um so williger durchführte,
als er dem Umgang mit Porpora neben materiellen Vorteilen noch den künstlerischen verdankte, die italienische Gesangs- und
Kompositionsmethode gründlich kennen zu lernen. Um diese Zeit entstanden seine ersten Klaviersonaten,
Trios und Serenaden, im folgenden Jahr (1753) auch seine erste Oper: »Der krumme Teufel«, welche indessen keine Verbreitung fand,
da sie als Satire auf den hinkenden Theaterdirektor Affligio schon nach der dritten Aufführung verboten wurde;
endlich schrieb er auch im genannten Jahr sein erstes Streichquartett, in welcher Kunstgattung er später das Höchste zu leisten berufen war.
Nachdem inzwischen verschiedene seiner Arbeiten ohne sein Zuthun in den Handel gelangt waren, erhielt
er 1759 seine erste Anstellung als Musikdirektor des Grafen Morzin, für dessen Kapelle er seine erste Symphonie in D dur schrieb.
Jetzt, auf seinen geringen festen Gehalt fußend, wagte er die Tochter eines Friseurs Keller, der sich
früher seiner angenommen hatte, zu heiraten; die Ehe war aber nicht glücklich. Kinder- und liebelos dauerte sie bis 1800,
wo die Frau in Baden
[* 5] bei Wien starb. 1760 ward
Haydn Kapellmeister des Fürsten Esterházy mit 400 Gulden Gehalt
und der besten Gelegenheit, nach allen Seiten hin sein Talent zu bewähren.
Der Fürst hatte eine eigne Opern-, Konzert- und Kirchenmusik, und
Haydn stand allem vor, mußte schreiben, einstudieren, dirigieren,
Unterricht geben, sogar seinen Flügel im Orchester stimmen. Dreißig Jahre lang, bis zum Tode des Fürsten 1790,
wo die Kapelle aufgelöst wurde, befand sich
Haydn wohl in dieser wenn auch äußerlich nicht glänzenden, doch seinem
freudigen Schaffensdrang vollauf genügenden Lage. Während dieser Zeit meist zu Eisenstadt in Ungarn
[* 6] und nur im Winter zwei
oder drei Monate in Wien lebend, schuf er die Mehrzahl seiner Symphonien, viele Quartette, Trios, Konzerte etc.,
die Kompositionen für das Baryton (eine Art Violoncell, das Lieblingsinstrument des Fürsten), 18 Opern, das Oratorium »Il ritorno
di Tobia« (1774),
Messen und sonstige Kirchenstücke, zahlreiche
Lieder etc. Auch eine Musik zu Goethes »Götz von Berlichingen«
und die Komposition der »Sieben Worte« entstanden in dieser Epoche. Unterdes war
Haydns Ruhm auch ins Ausland
gedrungen, obschon er selbst kaum etwas davon wußte. Man riet ihm, nach Italien
[* 7] und Frankreich zu ziehen, um sich vorzüglich
der Oper zu widmen; allein erst nach dem Tode des Fürsten Esterházy überwand er seine Scheu vor der Fremde und ließ sich von
dem englischen Konzertunternehmer Salomon (s. d.), welcher sich gerade auf der Rückreise aus Deutschland
[* 8] nach London
[* 9] befand, bewegen, ihn dorthin zu begleiten.
Hiermit begann für
Haydn die Zeit der eigentlichen Ernte
[* 10] und zugleich die Periode seiner größten Schöpfungen. Während dieses
ersten Aufenthalts und eines zweiten 1794 und 1795 (im ganzen etwa drei Jahre) in London schrieb er die
Oper »Orfeo ed Euridice«, seine zwölf sogen.
englischen Symphonien, Quartette und viele andre geistliche und weltliche Sachen. Daneben mußte er unaufhörlich in Konzerten
und Gesellschaften dirigieren, spielen und singen, unterrichten, Besuche machen und empfangen und endlose Ehren- und Liebesbezeigungen,
darunter seine Ernennung zum Doktor der Musik von seiten der Universität Oxford,
[* 11] entgegennehmen.
Reich belohnt und ehrenvoll anerkannt wie selten ein Künstler, kehrte
Haydn nach Wien zurück. Auch die Anregung zu seinem erfolgreichsten
Werk, dem Oratorium »Die Schöpfung«, verdankt er jenem Aufenthalt in England; den ihm vom dortigen Dichter Lidley anvertrauten
Text brachte er nach Wien, ließ ihn, da er der englischen Sprache
[* 12] nicht hinreichend mächtig war, um das
Original zu komponieren, vom Freiherrn van Swieten frei ins Deutsche
[* 13] übersetzen und vollendete die Komposition 1798. Der glänzende
Erfolg der »Schöpfung« bei ihrer ersten Aufführung in Wien 1799, welcher sich unmittelbar darauf in allen Hauptstädten Europas
wiederholte, veranlaßte den Künstler, noch ein zweites gleichartiges Werk zu schreiben, und so entstanden 1800 »Die
Jahreszeiten«
[* 14] (nach Thomsons Lehrgedicht »The seasons«),
eine Arbeit, welche mit ihrer Frische und Jugendkraft die 68 Jahre ihres Autors nirgends spüren läßt. Nach der Vollendung dieses mit gleichem Beifall wie die »Schöpfung« aufgenommenen Oratoriums schwand seine Produktionskraft mehr und mehr; 1803 beschloß er seine schöpferische Thätigkeit mit dem 83., unvollendet gebliebenen Streichquartett, dann genoß er noch sechs Jahre, als Künstler wie als Mensch hochverehrt, auf sein kleines Besitztum in der Wiener Vorstadt Gumpendorf zurückgezogen, der Ruhe bis zu seinem am während des Einzugs der französischen Armee erfolgten Tod. Vor der Mariahilfer Kirche zu Wien wurde ihm 1887 ein Marmordenkmal (von Natter) errichtet.
Ungeachtet des wohlverdienten Ruhms, den sich als Vokalkomponist erworben, liegt doch seine Hauptstärke in der Instrumentalmusik, deren Formen er zwar bereits fertig vorfand, ihre Entwickelung von innen heraus jedoch so kräftig und liebevoll förderte, daß er mit Recht als der Schöpfer der modernen Instrumentalmusik gelten darf. Namentlich danken ihm die Orchestersymphonie und das Streichquartett ihre Ausbildung, in welchen beiden Gattungen seine hohe Meisterschaft in der thematischen Arbeit, der Kunst, aus einem manchmal unscheinbaren Motivkern die reichsten musikalischen Gebilde erstehen zu lassen, sich glänzend bewährte. Bei aller Natürlichkeit und allem Reichtum der Erfindung weiß er stets Maß zu halten, so daß seine Arbeiten hinsichtlich der Formvollendung und wahrhaft klassischen innern Harmonie selbst von ¶
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seinen großen Nachfolgern Mozart und Beethoven nicht übertroffen worden sind. Die kindliche Frömmigkeit und Naivität, die ihn als Menschen kennzeichneten, sind auch das charakteristische Merkmal seiner Musik, zu deren klarer Heiterkeit übrigens auch sein langjähriger Aufenthalt fern vom Getreibe der Menschen beigetragen haben mag. Der stete Verkehr mit der Natur in seiner Eisenstädter Einsamkeit machte ihn, wie Riehl sagt, zum Naturpoeten der Instrumentalmusik, welcher nicht bloß in der »Schöpfung« und den »Jahreszeiten«, sondern noch viel reizender und tiefer in so vielen Symphonien und Quartetten seine helle Freude an Gottes frischer, freier Welt bald jubelnd, bald kindlich-andachtsvoll in alle Lande hinausgesungen hat.
Die Ruhe des Landaufenthalts und damit verbundene strenge Ordnung der Lebensweise während seiner fruchtbarsten Jahre erklären auch die erstaunliche Menge seiner Arbeiten: nach einem von ihm selbst 1805 aufgesetzten, aber noch unvollständigen Verzeichnis 118 Symphonien, 83 Quartette, 24 Trios, 19 Opern, 5 Oratorien, 163 Kompositionen für das Baryton, 24 Konzerte für verschiedene Instrumente, 15 Messen, 10 Kirchenstücke, 44 Klaviersonaten mit und ohne Begleitung, 42 deutsche und italienische Lieder, 39 Kanons, 13 drei- und vierstimmige Gesänge, die Harmonie und das Akkompagnement zu 365 altschottischen Melodien und noch viele Divertimenti, Phantasien, Capriccios, fünf-, sechs-, sieben-, acht- und neunstimmige Instrumentalstücke.
Vgl. C. F. Pohl, Joseph
Haydn (Berl. 1875-1881, Bd. 1 u.
2);
Derselbe, Mozart und
Haydn in London (Wien 1867);
v. Wurzbach, Joseph und sein Bruder Michael (das. 1862);
Reißmann, Joseph
Haydn (Berl.
1879).
2) Johann Michael, Bruder des vorigen, geb. zu Rohrau, bildete sich in Wien zum Musiker, wurde. 1757 Musikdirektor des Bischofs von Großwardein, [* 16] 1762 Konzertmeister und Domorganist in Salzburg, [* 17] wo er starb. Er war ebenfalls ein tüchtiger Komponist, vorzüglich im Fach der Kirchenmusik, ohne jedoch die geniale Begabung seines Bruders zu besitzen. Von seinen Werken (Messen, Litaneien, Motetten, Symphonien, Quartetten etc.) ist nur wenig in die Öffentlichkeit gekommen.