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Viele Länder oder ihre Bewohner werden insbesondere von ihren Anrainern auf unterschiedlich liebenswürdige Weise umschrieben. Oft spielen tatsächliche oder angenommene Eigenschaften, manchmal auch beharrliche Vorurteile dabei eine grosse Rolle. So deutet hierzulande das vergleichsweise eher wenig boshafte «grosser Kanton» auf den unbestritten grösseren nördlichen Nachbarn, wo jedoch das «Land der Dichter und Denker» als Beschreibung weit eher verstanden wird. Viele andere Länder geben sich selbst meist ebenso schmeichelhafte Umschreibungen: In Italien gilt «Bel Paese» weiterhin als gültige, wenn auch zusehends umstrittene Bezeichnung, und als «God’s Own Country» betrachten sich neben den USA auch Neuseeland sowie ein paar weitere Länder. Auch «Alpenland» teilen sich sowohl als Fremd- wie auch als Eigenbenennung mindestens Österreich und die Schweiz.
Anders verhält es sich mit der Bezeichnung «la Grande Nation» für Frankreich und seine Bewohner. Der von Napoleon I. während des damals vorübergehend realisierten imperialen Anspruchs gerne benutzte Begriff wird heute in Frankreich, abgesehen von ein paar Bonapartisten und Anverwandten, kaum mehr verwendet, oft wird nicht mal verstanden, was damit gemeint sein könnte.Ganz anders in deutschsprachigen Gegenden: Hier scheint es ausgemacht, dass der Franzose sich morgens die Zähne im stolzen Bewusstsein putzt, ein Teil der einzigen Grossen Nation zu sein. Getreu der Regel, dass man dasselbe Wort nicht zu oft hintereinander setzen soll, greifen insbesondere deutschsprachige Medien in einsamer Häufigkeit zu «Grande Nation» als stehender Alternative zu Frankreich. Vor allem auf den Sportseiten der Tageszeitungen kommt der Begriff ausgesprochen grosszügig zum Einsatz. Mit mittelschwerer ressortspezifischer Häme wird die beliebte Umschreibung besonders gerne aus Anlass einer französischen Niederlage (des Landes, der Fussballmannschaft, des Velorennfahrers) in den Text gesetzt.Bis zu einem bestimmten Punkt ist diese anscheinend unerschütterliche Praxis auch nachvollziehbar. Auch aktuelle – sonst üblicherweise vertrauenswürdige – deutsche Nachschlagewerke (nicht aber Diktionäre) führen unter dem Stichwort «Grande Nation» etwa die eher veraltete Erklärung «Selbstbezeichnung des franz. Volkes» auf. Weiter ist davon auszugehen, dass auch der neue französische Präsident von seinem Land durchaus als einer grossen Nation spricht. Aber eben, von «une grande nation», kleingeschrieben, und nicht von der grossgeschriebenen «Grande Nation».Ein französischer Bekannter befand einmal, er halte diese hartnäckige journalistische Sitte beim Bezeichnen von Frankreich für ebenso «kolossalement» überflüssig wie Körner im Salat. Womit er wiederum dezente Seitenhiebe auf vermeintliche und auch in seinen Augen abwegige kulinarische bzw. sprachliche Eigenschaften von Deutschsprachigen placierte. Er bevorzuge jedenfalls die ebenso prosaische wie geometrisch grosszügige Selbstbezeichnung «l’hexagone», wobei auch er nicht ganz sicher war, ob dies nun gross oder klein geschrieben werden sollte.
*Boris Boller ist im Thurgau geboren, besuchte die Schulen in Bern und lebt heute in Freiburg. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem französischsprachigen Lehrstuhl der Universität und wechselt zwischen den Sprachgemeinschaften hin und her. Boris Boller ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen zur Zweisprachigkeit bearbeitet. Der Inhalt braucht sich nicht zwingend mit der Meinung der Redaktion zu decken.
Autor: Von BORIS BOLLER*