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Brasilien, die neue Heimat von damals
Auf den Spuren der Schweizer, die 1819 ausgewandert sind, um Nova Friburgo zu gründen
In Nova Friburgo existieren eine «Schweizer Galerie» und ein Einkaufszentrum «Willisau». Die Stadt geht aber trotz ihrer Geschichte, die unweigerlich mit der Schweiz verbunden ist, ihren eigenen Weg.
Von Jean-Luc Brülhart (Text und Bilder)
Die Fahrt mit dem Bus von Rio de Janeiro auf das 850 m ü. M. gelegene Nova Friburgo, kurz «Nova» genannt, dauert rund zwei Stunden. Dabei muss auch ein rund 1000 Meter hoher Pass überwunden werden. Schon den Schweizer Auswanderern vor bald 200 Jahren ist aufgefallen, dass das Gebiet um Nova grosse Ähnlichkeit hat mit Landschaftszügen in ihrer Heimat. Bewaldete Hügel und schroff abfallende Felsen erinnern in der Tat an die Voralpenregion des Oberen Sensebezirks. Die Stadt ist in einer Talsenke angesiedelt, Quartiere entstehen auf zum Teil steilem Gebiet.
Nova befindet sich auf der Südhalbkugel auf der Höhe des Wendekreises. Im Oktober ist deshalb dort Frühling. Obwohl es tagsüber bei Sonnenschein angenehm warm ist, herrschen nach Sonnenuntergang empfindlich tiefe Temperaturen.
10 000 Kilometer von zu Hause entfernt erhält Freiburg/Fribourg eine zusätzliche, exotische Dimension: das brasilianische Nova Friburgo. Zu wissen, dass die Stadtgründer vor bald 200 Jahren aus der Schweiz eingewandert sind und die Stadt den gleichen Namen trägt wie die Schweizer Stadt, mutet seltsam an (noch 200 Jahre früher hatten Niederländer in Nordamerika die Stadt New Amsterdam, das heutige New York, gegründet). In der heutigen Zeit ist es kaum vorstellbar, dass Wirtschaftsflüchtlinge in einem fremden Land ihre eigene Stadt gründen.
Am 4. Juli 1819 haben sich rund 2000 Menschen aus elf Kantonen, davon 830 aus dem Kanton Freiburg und 500 aus dem Kanton Bern, in Estavayer-le-Lac eingeschifft. Mit viel Abenteuerlust und Idealismus sind sie nach Brasilien aufgebrochen, um eine neue Existenz aufzubauen. Damals – als Folge der Hungersnot von 1816 und 1817 – machte die Schweiz wirtschaftlich eine schwere Zeit durch. Es wurde sogar eine Ausdehnung des Landes in Betracht gezogen, weshalb in Übersee ein 23. Kanton entstehen sollte.
In Nova leben 200 000 Menschen. Die Präfektur umfasst ein Gebiet von rund 1000 Quadratkilometern (der Kanton Freiburg erstreckt sich über rund 1500 Quadratkilometer). Der Hauptwirtschaftszweig ist die Unterwäsche-Industrie. Gemäss Präfektin Saudade Brada trägt jede dritte Frau Brasiliens Unterwäsche, die in Nova hergestellt wurde. «Wir sind die Hochburg der Unterwäsche in Brasilien.» Tausende von Arbeitsplätzen, die mehrheitlich von Frauen besetzt sind, werden dadurch geschaffen
Der Tourismus – im Speziellen der Binnentourismus – ist die zweitwichtigste Einnahmequelle. Die Reisenden stammen vor allem aus den Bezirken Rio de Janeiro, São Paulo und Minas Gerais. Unberührte Landschaften und Naturattraktionen gehören ebenso zu den Sehenswürdigkeiten wie die Fahrt mit der Sesselbahn oder der Besuch der Schulkäserei, die in einer Zusammenarbeit der schweizerischen und der brasilianischen Vereinigung «Nova Friburgo – Fribourg» gegründet wurde. Heute bietet die Käserei ein Museum, in welchem die Geschichte der Auswanderer aufgezeigt wird. Verschiedene Freizeitaktivitäten (Wandern, Riverrafting, Mountainbike oder Fischen) runden das touristische Angebot ab.
Im Tourismus wie auch in der Wirtschaft (Exporte) sieht die Präfektin ein grosses Potenzial. Die Metallindustrie und die Landwirtschaft sind ebenfalls wichtige Wirtschaftszweige. Nova ist Brasiliens zweitwichtigster Produzent von Steckblumen. Es wird auch Kaffeeanbau betrieben.
Mit der Auswanderung ins unbekannte Brasilien wollten die Behörden Armen und Erniedrigten eine neue Perspektive bieten. Der König von Portugal und Brasilien hatte in einem Abkommen eingewilligt, dass die Einwanderer 150 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro eine neue Kolonie gründen. Die Schweiz musste sich damals den Vorwurf gefallen lassen, dass nicht freie Menschen, sondern Heimatlose und Vagabunden auf die beschwerliche Reise geschickt wurden.
Die rund 1,5 Kilometer lange wichtigste Einkaufsstrasse Novas säumen zahlreiche Schuh- und Kleiderläden sowie Lebensmittelgeschäfte. Es herrscht ein emsiges Treiben. Wie in ganz Brasilien kann auch in Nova mit Ausnahme von Lebensmitteln fast alles auf Kredit gekauft werden. In den Schaufenstern sind deshalb die meisten Produkte mit Ratenpreisen angeschrieben. Der Mindestlohn beträgt 240 Reais, was 120 Schweizerfranken entspricht (zum Vergleich: Ein Big-Mac kostet in Nova umgerechnet Fr. 2.50).
Vor fünf Jahren zählte die Stadt 170 000 Einwohner. Die steigende Bevölkerungszahl ist gemäss der Sozialistin Braga darauf zurückzuführen, dass Pensionierten aus umliegenden Bezirken das gemässigte Klima Novas behagt und sie sich hier ansiedeln.
In Nova fällt auf, dass in der Bevölkerung in Bezug auf die Hautfarbe ein heterogenes Bild herrscht. So erstaunt es auch nicht, dass in Brasilien, das mit 8,5 Millionen Quadratkilometern über 200 Mal grösser ist als die Schweiz, bei einer Volkszählung betreffend Hautfarbe 130 verschiedene Brauntönungen angegeben wurden.
Die Schiffsreise führte damals über Basel und Köln nach Holland. Das schnellste der sieben Schiffe, dessen Fahrt über den Atlantik 55 Tage gedauert hatte, kam am 4. November in Rio de Janeiro an. Das langsamste Schiff war fast dreimal so lang unterwegs. Krankheiten, Strapazen und schlechte Bedingungen auf den Schiffen haben über 300 Menschen das Leben gekostet. Bereits auf der Reise nach Holland sind 46 Auswanderer gestorben. Unterwegs gab es auch 14 Geburten.
Die Beziehung zwischen Nova Friburgo und Freiburg wird gerne als «Zwei Länder – ein Herz» beschrieben. In Zukunft soll die Verbindung dank der Vereinigung «Nova Friburgo – Fribourg» gestärkt werden. Ebenfalls soll das Bewusstsein in Bezug auf die Geschichte und damit ein Stück Schweizer Kultur beibehalten werden. Bereits wird vom grossen Ereignis, der 200-Jahr-Feier Novas, gesprochen.
In Nova haben sich auch zahlreiche Menschen aus Japan, Italien, Frankreich und Spanien niedergelassen. «Mit keinem anderen Land ist der Kontakt aber so intensiv wie mit der Schweiz», versicherte die Präfektin. Auch mit Freiburg im Breisgau/D wird der Austausch gepflegt.
Die Kolonisten hatten nach ihrer Ankunft in Rio de Janeiro einen fünftägigen Fussmarsch zu bewältigen. In Nova Friburgo erwarteten sie provisorische Hütten. Sie mussten alles von Grund auf aufbauen. Weil damals Regenzeit herrschte, war vorerst an Feldarbeit nicht zu denken. Im ersten halben Jahr nach der Ankunft starben – immer noch an de Folgen der in Holland verbreiteten Malaria – zusätzlich 131 Kolonisten. Die ersten Jahre waren gezeichnet von Missernten und Misserfolgen. Zahlreiche Personen zogen nach Rio de Janeiro. Erst als im Jahr 1872 die Stadt ans Eisenbahnnetz angeschlossen wurde, ging es mit Nova Friburgo aufwärts. Die Eisenbahnlinie existiert heute nicht mehr.
Der Anteil an Analphabeten soll in Nova rund fünf Prozent betragen. In erster Linie seien Erwachsene betroffen, die in den Aussenquartieren wohnen. Gemäss Braga werden spezielle Kurse organisiert, um diesen Personen das Lesen und Schreiben beizubringen.
Die Präfektin hat in ihrer Amtszeit die Schulausbildung für Kinder gefördert. Damit soll der Analphabetismus bekämpft werden. Als Ziel für die Legislatur, in einem Jahr