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Grossereignisse belasteten die Suva in besonderem Masse – wie der Abbruch des Allalingletschers am 30. August 1965. Damals starben 88 Arbeiter auf der Grossbaustelle Mattmark. Mattmark war aber nicht das einzige Grossereignis in der Suva-Geschichte. Vor allem in den Sechzigerjahren häuften sich die Katastrophen.
In den Vierzigerjahren begann die Schweiz, die infrastrukturelle Erschliessung der Alpen zu beschleunigen. Nicht zuletzt aufgrund der Kriegsgefahr baute sie Passstrassen aus, erstellte Befestigungsanlagen und plante Kraftwerke. Nach dem Krieg kam es in den Alpen zu einem regelrechten Bauboom. Zwischen der Waadt und Graubünden, zwischen St. Gallen und dem Tessin entstanden Dutzende von Wasserkraftwerken mit Staudämmen, Staumauern und mit kilometerlangen Verbindungsstollen quer durch die Alpen. In den Siebzigerjahren folgten die grossen Tunnelbauten für den Strassenverkehr.
«Der Hauptgrund der hohen Unfallhäufigkeit liegt … bei den kurzen Baufristen, die Unternehmer und Arbeiter unter Druck setzen.» Walter Amstalden zu einer auffälligen Häufung von Unfällen auf den Grossbaustellen in den Alpen
Grossbaustellen in den Alpen stellten ein besonderes Risiko dar. Sie waren abgelegen und den Naturgefahren ausgesetzt; die Arbeiter – häufig Gastarbeiter aus Italien – leisteten Schwerstarbeit unter extremen Bedingungen und unter Zeitdruck. Grossbaustellen waren ein Klumpenrisiko, deshalb reagierte die Suva schon in den Vierzigerjahren mit der Anstellung von Unfallverhütungsinspektoren und der Schaffung von Werkspitälern.
Der technische Fortschritt betraf die Suva aber nicht nur in der Berufsunfallversicherung. Die zunehmende Mobilität führte zu einer Häufung von Verkehrsunfällen – nicht nur auf der Strasse, sondern auch auf der Schiene und in der Luft. Und dort ereigneten sich die schweren Unglücke. In den Sechzigerjahren kulminierten die Ereignisse. Es war ein unheilvolles Jahrzehnt – auch für die Suva.
Grossereignisse bedeuteten für die Suva nicht nur Schadenbewältigung. Sie stellten auch Fragen nach den Erwartungen an die Sozialversicherung, die über den Gesetzesauftrag hinausgingen. Dies zeigen die Unglücke von Dürrenäsch und Robiei.
Dürrenäsch stellte die Schweiz auf die Probe – auch die Suva. 22 Todesopfer waren Versicherte der Anstalt, die Frage nach der finanziellen Belastung stand im Raum. Heftig waren aber die Auseinandersetzungen mit der Swissair. Diese wollte der Suva nahelegen, auf den Rückgriff auf die Versicherung der Swissair zu verzichten. Das kam für die Suva nicht in Frage, sie müsse die Interessen ihrer Versicherten wahren, «eine Privilegierung der verunfallten Flugpassagiere gegenüber den Verunfallten im Strassenverkehr» sei «nicht angängig», so Fritz Lang, Direktor der Suva.
Problematisch war, dass es wegen der Vorbehalte der Suva zu einer Verzögerung der Auszahlungen an die Angehörigen der Unfallopfer kam. Für die Suva war es ein Dilemma. Erst zwei Jahre nach der Katastrophe einigten sich die Suva und die Swissair auf einen Vergleich – die Swissair erklärte sich bereit, die geforderte Regresssumme an die Suva zu überweisen.
«Jedenfalls wäre die Suva bis jetzt die einzige Instanz, welche die Behauptung aufstellte, die Swissair sei für das Unglück in Dürrenäsch verantwortlich. Kann sie dies tun?» Fritz Lang über das Dilemma der Suva im Regressstreit mit der Swissair, 9. Juni 1965
Wie konnte Gas aus einem Stollen austreten? Genügten die Sicherheitsvorkehrungen in der Schweiz? Der tragische Vorfall von Robiei mit 17 Todesopfern führte zu erheblichen Spannungen mit Italien – insbesondere nach der Katastrophe von Mattmark nur ein halbes Jahr zuvor. Die italienischen Behörden und Medien stellten Grundsatzfragen.
«Es hat sich gezeigt, dass es bei dieser Kommission lediglich darum geht, innenpolitisch unter Beweis zu stellen, dass für die italienischen Arbeiter interveniert wird.» Stanislas Nicolet zu den Erfahrungen mit einer gemischten Expertengruppe, 2. Oktober 1967
Um die Wogen zu glätten, willigte die Suva ein, eine gemischte Expertengruppe mit Italien einzusetzen. Für die Suva war aber klar, dass es sich «nur um einen gegenseitigen Erfahrungsaustausch und keinesfalls um gemeinsame technische Kontrollbesuche handeln» könne. Tatsächlich waren die schweizerischen Vertreter schon nach der ersten Sitzung ernüchtert. «Die schweizerischen Spezialisten» könnten «von ihren italienischen Kollegen wenig lernen», rapportierte der zuständige Subdirektor der Suva. 1967 wurde die Gruppe aufgelöst, Italien fühlte sich übergangen, erst 1973 kam es aber zu einer Wiederaufnahme der Gespräche.
Wie kein anderes Ereignis hat sich die Katastrophe von Mattmark in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation, damals einer ganzen Nation, eingebrannt. Für die Suva ist es noch heute das Grossereignis schlechthin – wegen der Tragweite und wegen der Nachwirkungen.
30. August 1965, 17.15 Uhr: In der oberbayrischen Gemeinde Murnau verabschiedet sich Karl Obrecht, Verwaltungsratspräsident der Suva, von den deutschen Gastgebern. Erstmals in der Geschichte der Anstalt befindet sich die Führungsspitze der Suva auf einer Auslandreise. Verwaltungsausschuss und Direktion besichtigen das Staatliche Versorgungskrankenhaus in Bad Tölz und das berufsgenossenschaftliche Unfallkrankenhaus in Murnau, um Eindrücke und Ideen für das geplante Nachbehandlungszentrum in Bellikon zu sammeln.
Es ist ein Schicksalsmoment für die Suva. Zu der gleichen Zeit, als man in Murnau aufbricht, ereignet sich in der Schweiz das, was als die «Katastrophe von Mattmark» in die Geschichte eingeht. Oberhalb der Baustelle für den Mattmark-Staudamm bricht der Allalingletscher ab und stürzt auf das Barackendorf der Arbeiter. 88 Menschen sterben, 86 Männer und 2 Frauen – davon 56 Italiener, 23 Schweizer, 4 Spanier, 2 Deutsche, 2 Österreicher und 1 Staatenloser, hält die Suva fest, und weiter: «37 waren ledig, 51 verheiratet, davon 41 mit 79 rentenberechtigten Kindern; dazu kommen noch 5 Witwen und 1 Braut in Erwartung.»
Noch in Bayern verspricht der Direktor der Suva, Fritz Lang, «er werde dafür besorgt sein, dass diese Fälle demonstrativ rasch erledigt werden». Und so geschieht es: Die ersten Rentenentscheide werden bereits vor der Trauerfeier am 9. September 1965 gefällt. Damit habe «die Anstalt im In- und Ausland in hervorragender Weise für ihr Ansehen geworben», sagt Karl Obrecht später.
So schnell die Suva mit den Auszahlungen der Renten war, so lange zog sich die Aufarbeitung des Unglücks hin. 1971 wurde schliesslich Anklage gegen 17 Personen erhoben, darunter die Verantwortlichen der involvierten Unternehmen, ein Glaziologieprofessor, Beamte des Kantons Wallis und zwei Suva-Mitarbeiter. Sie wurden der fahrlässigen Tötung beschuldigt. Entscheidend war die Frage, ob ein derartiger Gletscherabbruch voraussehbar war. Immerhin befanden sich die Baubaracken in der direkten Falllinie des Allalingletschers.
Nach einem mehrtägigen Prozess erging das Urteil des Kreisgerichtes Oberwallis am 2. März 1972. «Vernünftigerweise im Leben» habe man mit einer derartigen Eislawine nicht rechnen müssen, sie habe «eine allzu entfernte Möglichkeit dargestellt».
In den Medien herrschte wenig Verständnis für das Urteil. Vor allem die Gewerkschaften protestierten gegen den Freispruch. Eine ungeschickte Bemerkung des Anwalts der beiden Suva-Mitarbeiter hinterliess auch den Eindruck, als ob die Suva aus Kostengründen auf Sicherheitsmassnahmen verzichtete und «Risiken für Gesundheit und Leben von Arbeitern in Kauf» nähme, wie es in einem parlamentarischen Vorstoss von Ezio Canonica, Gewerkschaftsführer und SP-Nationalrat, hiess.
Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die zivilen Kläger zogen das Urteil weiter, für die Familien der Opfer endete der zweitinstanzliche Prozess im September 1972 aber mit einer bitteren Enttäuschung. In seinem Urteil bestätigte das Kantonsgericht nicht nur den Freispruch, es auferlegte den Zivilparteien auch die Hälfte der Gerichtskosten.
Für viele Beobachter war diese Kostenauflage unnötig, sogar «skandalös». Noch heute dauern die Kontroversen um die angeblichen «Fehlurteile» an.
Mattmark war der Inbegriff der Gefahren, die auf Grossbaustellen in den Alpen herrschten. Dort, wo Hunderte von Männern zusammenkamen, um an Strassen, Befestigungswerken oder Staudämmen zu arbeiten, waren die Bedingungen hart. Nicht nur das Klima machte den Arbeitern zu schaffen, auch die Unterkünfte waren dürftig. Es gab kaum ein Leben neben der Arbeit.
Schwierig war auch die medizinische Versorgung – abgelegen, meist Kilometer von Ärzten und Spitälern entfernt. Bereits in den Vierzigerjahren begann die Suva deshalb, Werkspitäler zu errichten, die Teil der Gerossbaustellen waren. Sie umfassten bis zu 40 Betten. 1941 entstand das erste Werkspital auf der Steinalp am Steingletscher, auf der Berner Seite des Sustenpasses, wo die neue Sustenstrasse gebaut wurde. 1977 schloss das letzte Werkspital in Vättis. Dort wurden die Kraftwerke im Calfeisental gebaut, jährlich wurden über 1000 Patienten behandelt, das Spital stand auch der lokalen Bevölkerung offen. Innerhalb von 36 Jahren hatte die Suva ebenso viele Werkspitäler betrieben.
Grund für die Schliessung der Werkspitäler waren die neuen Möglichkeiten der mobilen Rettungsdienste, vor allem der Flugrettung. Verletzte wurden nun mit der Rettungsflugwacht von den Baustellen ausgeflogen.
Verletzte auf Grossbaustellen wurden in Werkspitälern behandelt. Sondereinrichtungen richtete die Suva schon früh auch für Schwerverletzte und Invalide ein. Zunächst, das heisst schon 1928, betrieb sie eine Bäderheilstätte in Baden, dann baute sie das Nachbehandlungszentrum in Bellikon. Dieses ist seit 1974 in Betrieb, 1999 kam eine zweite Rehabilitationsklinik in Sitten dazu.