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Kriegswörter sind für die Linguistik echte Knacknüsse. Obwohl die Geschichte der Menschheit wie auf einem einzigen Schienenstrang von zwei parallelen Schienen, nämlich auf der Geschichte der Kriege und auf der Geschichte der Sprachen verläuft, vermodern die spursichernden Schwellen zwischen ihnen offenbar immer wieder und sehr schnell. Die Sprachen scheinen den Krieg und der Krieg die Sprachen nicht sonderlich zu mögen.
Dass Kriegführende, vor allem die Aggressoren, das, was sie tun oder zu tun beabsichtigen, nicht gern beim Namen nennen, ist nichts Neues. Seit jeher hat man für den Krieg euphemisierende, beschönigende Begriffe geschöpft und den Chroniken aufgezwungen: Kampagne, Operation, Expedition, Intervention, Befreiung, Grenzsicherung, Friedenssicherung, Belagerung, Feldzug, Kreuzzug, Christianisierung, Islamisierung, Säuberung, Zivilisierung und einige mehr.
Die durch nichts zu rechtfertigenden frühimperialistischen Aggressionskriege gegen die Völker, die im 11., 12. und 13. Jahrhundert im Landstreifen zwischen Mittelmeer und dem Jordan lebten, nennt man auf Französisch ‹Croisades›, auf Spanisch ‹Cruzadas›, auf Italienisch ‹Crociate›, auf Englisch ‹Crusades›, auf Deutsch ‹Kreuzzüge› und auf Lateinisch von Anfang an ‹expeditiones sacrae› (heilige Expeditionen) oder ‹Sancti Sepulcri Liberationes› (Befreiungen des Heiligen Grabes). Auch im Arabischen zieht man es oft vor, statt von ‹الحرب› [al-harb] (Krieg), von ‹الجهاد› [al-dschihad] (Anstrengung) zu reden.
Das eigentliche Problem für die Sprachwissenschaft ist jedoch ein anderes: Die Wörter für ‹Krieg› sind in allen indoeuropäischen Sprachen unbeständig, lassen sich nicht weit zurück verfolgen, werden immer wieder aufgegeben und durch neue Wortstämme ersetzt. Der Ursprung des deutschen, dänisch-norwegischen und schwedischen Wortes ‹Krieg› beziehungsweise ‹krig› bleibt trotz aller Deutungsversuche unklar. In den älteren Sprachstadien entsprechen nur Mittelhochdeutsch ‹kriec› (Anstrengung, Bemühen, Streben) und Althochdeutsch ‹krēg› (Hartnäckigkeit, Sturheit, Uneinsichtigkeit). Das althochdeutsche Wort für Krieg war aber ‹uuerra›, das in den germanischen Sprachen lediglich im Englischen als ‹war› und vielleicht im Niederländischen ‹oorlog› (nicht gesichert!) überlebt hat. Dafür hat das althochdeutsche ‹uuerra› oder ‹werra› in den romanischen Sprachen ‹guerre› (Französisch) und ‹guerra› (Spanisch, Portugiesisch, Italienisch) generiert und dort den lateinischen Stamm ‹bellum›, der seinerseits etymologisch genauso ungeklärt ist, vollkommen verdrängt. Auch den alten Griechen ging’s nicht besser: Ihr Wort für Krieg war ‹πόλεμος› [pólemos] und davon sind in den modernen Sprachen nur noch vergleichsweise zivile Spuren geblieben: ‹Polemik› und ‹polemisch›.
Ich möchte nicht polemisch sein, aber Martialisches (von ‹Mars, Martis› = Kriegsgott Mars) und Sprachliches scheinen miteinander auf Kriegsfuß zu stehen.