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Am 15. August 1781 wurde ein „Avertissement“ in einer Kleinauflage von 50 Ex. in Weimar gedruckt und verteilt bzw. verschickt. Darin hiess es u.a.:
„Es ist eine Gesellschaft von Gelehrten, Künstlern, Poeten und Staatsleuten, beyderley Geschlechtes, zusammengetreten, und hat sich vorgenommen alles was Politick, Witz, Talente und Verstand, in unsern dermaligen so merkwürdigen Zeiten, hervorbringen, in einer periodischen Schrift den Augen eines sich selbst gewählten Publikums, vorzulegen.“
Schon am Folgetag „erschien“ dann die erste Nummer – das „Tiefurter Journal“ war geboren. Allerdings wurden es dann nie mehr als ungefähr ein Dutzend Exemplare pro Ausgabe. Das „Tiefurter Journal“ wurde nicht gedruckt, sondern von Schreibern kopiert, hierin die Correspondance littéraire von Melchior Grimm gleichzeitig imitierend und persiflierend. Auch, was die Beiträger betrifft, war die Ankündigung sehr vollmundig geraten – die Gelehrten und die Staatsleute waren ziemlich mager vertreten. Meist waren es poetische und musikalische Amateure, nur wenige Profis. Als Gelehrter ginge allenfalls Johann Heinrich Merck durch, und der war eigentlich nur assoziiertes Mitglied. Und als „Staatsleute“ nahmen nur sporadisch der Herzog Carl August und – wenn man die nun ja nicht mehr regierende Frau dennoch darunter zählen will – seine Mutter Anna Amalia teil. August, Prinz von Sachsen-Gotha und Altenburg, regierte nie. Konsequenterweise finden wird dann auch das Versprechen von Beiträgen zur Politik nicht eingelöst. Das „Journal von Tiefurt“ war ja im Grunde genommen die Hauszeitung der Herzogin-Mutter Anna Amalia von Weimar und diente dem Kreis, der sich jeweils in ihrer Sommerresidenz in Tiefurt um sie versammelte, als Identifikationspunkt und Zeitvertreib. Es bildete so den Nukleus, um den sich die Legende vom Weimarer Musenhof zu ranken begann und damit auch den Kristallisationspunkt der Deutschen Klassik.
Neben den bereits Angeführten finden wir Beiträge von Carl Theodor von Dalberg (auch er eigentlich ein Externer), Friedrich Hildebrand von Einsiedel (der zugleich – zusammen mit der Göchhausen – die Redaktion übernahm), ebendiese Luise von Göchhausen, Johann Wolfgang Goethe, Caroline Herder, Johann Gottfried Herder, Anna Louisa Karsch (genannt die Karschin – auch sie extern, und ob sie um Erlaubnis zur Publikation ihres einen Gedichtes gefragt wurde, weiss ich nicht), Karl Ludwig von Knebel, Jakob Michael Reinhold Lenz (eine nachträgliche Wiedergutmachung an dem von Goethe sehr unsanft aus der Stadt gedrängten ehemaligen Freund?), Sophie von Schardt, Karl Siegmund von Seckendorff, Philipp Seidel (oder waren es doch Goethes Beiträge?) Friedrich Leopold zu Stolberg (ein weiterer Externer), Georg Christoph Tobler, Emilie von Werthern, und last but not least Christoph Martin Wieland.
Bei diesem disparaten Teilnehmerfeld wundert es nicht, dass die Art und Qualität der Beiträge ebenfalls äusserst unterschiedlich ausfällt. Eigenes und Übersetztes, Lyrik und Prosa gehen bunt durcheinander, in einigen aber nicht allen Exemplaren finden sich auch Lied-Kompositionen. Von einer ursprünglichen satirischen Ausrichtung, durchsetzt mit (milder!) Hofkritik, entwickelt sich das Journal weg – literaturhistorisch gesehen: rückwärts – zu einer Spielart von Anakreontik, in dem das Landleben weit über eine städtische Existenz gestellt wurde. So ist es kein Zufall, wenn Gedichte von Anakreon (oder was man damals als seine Gedichte ansah) übersetzt wurden, wenn aus Vergil sein Lob des Landlebens übersetzt wird, wenn Prinz August Rousseaus Verteidigung des Rückzugs aus Paris nach Montmorency gegen Diderot übersetzt und aufrecht erhält. Vorgegeben wird die ganze Richtung durch eine eigene Übersetzung von Anna Amalia, die „Amor und Psyche“ von Apulejus beisteuert. Dieser ihr einziger Beitrag (neben einer ungesicherten Komposition), der dafür als Fortsetzung über mehrere Hefte erschien, hat typischerweise alle satirischen Spitzen des Originals ebenso wie dessen deftigeren sexuellen Anspielungen ausgelassen oder umformuliert, so, dass zum Schluss wirklich fast ein anakreontisches Schäferspiel vor unsern Augen steht. (Dabei muss bemerkt werden, dass Wieland, der die Übersetzung noch korrigierte, diese Tendenz verstärkte. Die Herzogin-Mutter übersetzte dabei aus einer italienischen Übersetzung, die Wieland offenbar noch mit dem lateinischen Original verglich.)
Für die Geschichte der deutschen Literatur interessant ist das „Tiefurter Journal“ vor allem wegen der Teilnahme Goethes. Oder eben Nicht-Teilnahme. Da ist nämlich das „Fragment“ überschriebene Stück Hymne an die Natur („Natur. Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend aus ihr heraus zu treten und unvermögend tiefer in sie hinein zukommen. […]“), das im 32. Stück erschien. Es wird heute zwar eher Tobler oder Johann August von Einsiedel, dem Bruder des Redakteurs, zugeschrieben, auch wenn Goethe im Alter – nicht mehr wissend, ob nun oder nicht – sich als möglichen Verfasser sah und den Hymnus in seine Werkausgabe aufnahm. Auch mir will scheinen, dass der Text für den immer in konkreter Anschauung verhafteten Goethe zu sehr im Allgemeinen, Hymnischen bleibt – aber es drückt in dieser Allgemeinheit Goethes damaliges Naturgefühl sehr gut aus. Sicher von Goethe ist sein bekanntes Gedicht „Das Göttliche“, das im 40. Stück, noch ohne den Titel, zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt: „Edel sey der Mensch // Hülfreich und gut […]“.
Um die Mitarbeit der Beiträger anzuregen, wurden auch regelmässig „Preisauschreiben“ gemacht, die im Stil der grossen Universitäten und Akademien gehalten waren, aber durchaus nicht (nur) ernsthaft beantwortet sein wollten. Auf die erste dieser Preisfragen („Wie ist eine unocupierte Gesellschaft für die Langeweile zu bewahren?“ (1. Stück) – Man sieht die Selbstbezüglichkeit in verschiedener Hinsicht!) hat im übrigen auch Merck geantwortet. War sein Beitrag zu satirisch? Die Redaktion hat ihn noch bearbeitet, aber dann trotzdem nicht veröffentlicht. Vielleicht fühlte sie sich zu sehr selber betroffen – immerhin mokiert sich Merck zuerst einmal über die Unschärfe des Begriffs „unocupiert“.
Von den übrigen Beiträgen verdienen vielleicht noch die Proben seiner Übersetzungkunst eine Erwähnung, die Knebel lieferte, auch wenn von der vielgerühmten Übersetzung des Lukrez, der auch thematisch nicht gepasst hätte, nichts figuriert. Und ein kleines Gedicht der Göchhausen. Nicht, weil es literarisch so wertvoll wäre, sondern weil es einen Einblick gewährt in die Befindlichkeit der verwachsenen und oft nicht ernst genommenen Gesellschaftsdame. Ich meine „Die beyden Linden, an Linna“, mit dem das 15. Stück anhebt, und in dem die Göchhausen die Verletzlichkeit und das Leiden auch einer scheinbar nicht leidenden Natur beschreibt im Bilde von zwei Linden, die von rohen Holzfällern und einem rohen Hof umgehauen werden.
Zu meiner Ausgabe:
Ich habe die als Band 74 der Schriften der Goethe-Gesellschaft von Jochen Golz herausgegebene diplomatische Abschrift des im Herder-Nachlass gefundenen Journals gelesen, die 2011 im Wallstein-Verlag erschienen ist. Die Ausgabe ist, wie beim Verlag und der Goethe-Gesellschaft üblich, gut gemacht und auch reich illustriert – mit Noten, wo welche existierten, mit Zeichnungen der Beiträger, meist von andern Beiträgern verfertigt. Die Anmerkungen sind hilfreich, wenn auch für meinen Geschmack ein bisschen allzu viele davon Worterklärungen sind von Wörtern, deren Bedeutung einem Liebhaber der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts (und wer sonst würde sich dieses Buch besorgen?) m.M.n. klar sein sollten. Einziger Wermutstropfen: Ich verstehe nicht, warum auf dem Buchrücken ein „Journal zu Tiefurt“ figuriert, nachdem dieser Begriff nirgends sonst auftaucht und auch im „Avertissement“ von einem „Tagebuch oder Journal von Tieffurth“ die Rede ist …