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93 - III. Kontingenz als Eigenwert der modernen Gesellschaft
93 Unter den häufigsten Beschreibungen der modernen Gesellschaft findet man immer wieder den Hinweis auf ein ungewöhnliches Maß an Kontingenz.
Der neuzeitliche Kulturbegriff impliziert sowohl Reflexivität im Sinne von Selbstanalyse als auch das Wissen, dass es andere Kulturen gibt, also Kontingenz der Zugehörigkeit bestimmter Items zu bestimmten Kulturen.
94 Doppelte Kontingenz… verstanden als wechselseitige Abhängigkeit komplementärer (nicht: gleicher!) Erwartungen.
95 Die Erkenntnistheorie hat im „Radikalen Konstruktivismus“ (wie immer schillernd und umstritten dieser Begriff) ein Verhältnis zur eigenen Kontingenz gefunden, in dem sie Zirkularität nicht mehr ausschließt. Damit wird auch die Problemstellung des alten Skeptizismus überwunden. Denn dieser hatte die Möglichkeit einer festen, wahrheitsfähigen Beziehung zwischen Erkenntnis und Realität nur bezweifelt, weil alles immer anders sein kann, während man heute sieht, dass eine solche Beziehung gar nicht bestehen darf, weil dies zu einer Überlastung mit Informationen führen und Erkenntnis damit ausschließen würde.
96 Innerhalb des Apparats modallogischer Begrifflichkeit ist der Begriff der Kontingenz rasch und eindeutig definiert. Kontingent ist alles, was weder notwendig noch unmöglich ist.
Der Begriff wird also durch Negation von Notwendigkeit und Unmöglichkeit gewonnen. Das Problem dabei ist, dass diese beiden Negation sich nicht auf eine einzige reduzieren lassen. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn man Negation als identischen Operator behandeln und diese nur auf verschiedene Aussagen anwenden müsste. Hier wird aber ein Begriff durch zwei Negation konstituiert, die dann im weiteren Einsatz des Begriffes als Einheit behandelt werden müssen.
Das hat schon im Mittelalter zu der Ahnung geführt, dass Kontingenzprobleme sich mit einer auf Ontologie (Sein/Nichtsein) bezogenen zweiwertigen Logik nicht adäquat behandeln lassen, sondern einen dritten Wert der Unbestimmbarkeit erfordern. Das konnte aber im theologischen Kontext auf das Geheimnis der Schöpfung und auf und erklärbare Eigenschaften des Schöpfers (alles höchste hat und erklärbare Eigenschaften) zurückgeführt werden, also auf ein offen lassen der Frage, weshalb Gott die Welt eingerichtet hat und so eingerichtet hat, wie sie ist, obwohl er es hätte lassen oder auch ganz anders machen können.
Erst in der neueren Zeit hat die Suche nach einer mehrwertigen Logik systematisch begonnen. Es genügt, hier den Namen Gotthard Günther zu nennen oder auch auf die Möglichkeit einer matrix-förmigen Präsentation eine Mehrheit von logischen Werten hinzuweisen.
Bemerkenswert bleibt, dass Kontingenz im Vergleich zu Notwendigkeit und Unmöglichkeit eine voraussetzungsschwache Generalisierung darstellt und gerade deshalb den komplexen logischen Apparat erfordert - so als ob Verluste an Welt Eindeutigkeit mit logischen Mitteln kompensiert werden müssten. Das könnte auch erklären, dass die Forschungen über eine Mehrwert gegen Logik oder einem Modallogik mit mehreren Formen der Negation (die Sache selbst und ihre Modalitäten betreffend) zu Formalismen führt, die schwer zu interpretieren sind.
98 Im folgenden machen wir den Versuch, den Begriff der Kontingenz durch den Begriff der Beobachtung zu interpretieren, um auf diese Weise zu eine Theorie zu kommen, die für ein Verständnis der modernen Gesellschaft aussagekräftig ist.
Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir den Begriff der Beobachtung ungewöhnlich formal fassen, denn nur so lässt sich der Anschluss an den modaltheoretischen Begriff der Kontingenz gewinnen. Beobachtung soll jede Art von Operation heißen, die eine Unterscheidung vollzieht, um deren eine (und nicht deren andere) Seite zu bezeichnen.
Mit der Abhängigkeit der Bezeichnung von einer Unterscheidung ist die Bezeichnung selbst Kontingent gegeben, denn mit einer anderen Unterscheidung bekäme das Bezeichnete selbst (auch wenn es den gleichen Namen haben würde) einen anderen Sinn.
Für den abstrakten Begriff der Beobachtung kommt es nicht darauf an, wer sie vollzieht; und auch nicht darauf, wie sie vollzogen wird, sondern nur die Merkmale des Unterscheidens und bezeichnen sie realisiert sind, also zwei Seiten zugleich mit einem Blick erfasst sind.
Der Begriff übergreift damit klassische Unterscheidungen (Unterscheidungen!); Und zwar sowohl die Unterscheidung von Erleben und Handeln als auch die Unterscheidung von rein physischen Operationen, die über Aufmerksamkeit disponieren, und sozialen Operationen, die Kommunikation vollziehen. Auch ein Zweckhandeln ist also ein Beobachten anhand der Unterscheidung des im Zweck markierten und des anderenfalls eintretenden Zustandes; und auch Kommunizieren ist Beobachten mit der Bezeichnung einer Information im Unterschied zu dem, was sonst noch hätte möglich sein können.
Die Theorie des Beobachtens übergreift damit ein Problem, das im klassischen Konzept von Subjekt und Objekt nur durch Trennung kognitiver und volitiver Weltrelationen lösbar war - nämlich die Möglichkeit, Aussagen wahrzumachen dadurch, dass man den zunächst fälschlich beschriebenen Zustand herstellt. Für die Theorie des Beobachtens liegt darin einfach eine zirkuläre Vernetzung verschiedener (sagen wir: sensomotorischer) Aktivitäten.
99 Beobachtungen einfacher Art benutzen Unterscheidungen als Schema, aber erzeugen damit allein für den Beobachter selbst noch keine Kontingenz. Denn die Unterscheidung wird im Bezeichnen vorausgesetzt, aber nicht bezeichnet. Sie ist keine eigenständige andere Operation. Sie wird deshalb auch nicht intendiert und wirkt nicht in einer Form mit, die erkennbar macht, dass es auch anders sein könnte.
100 Der Beobachter konstituiert die Unterscheidung, in dem er bezeichnet - in dem er vom „unmarked space“ zum „marked space“ übergeht. Und auch das Bezeichnete selbst ist im Vollzug der Beobachtungsoperation unmittelbar gegeben und erscheint daher ohne Modalisation - als das, was es ist.
Boe: Aller sprachlichen Beschreibung liegt Beobachtung erster Ordnung zugrunde.
Erst Beobachtungen zweiter Ordnung geben Anlass, Kontingenz mitzumeinen und eventuell begrifflich zu reflektieren. Beobachtungen zweiter Ordnung sind Beobachtungen von Beobachtungen.
Alles wird kontingent, wenn das, was beobachtet wird, davon abhängt, wer beobachtet wird. Denn diese Wahl schließt auch die Wahl zwischen Selbstbeobachtung (interner Beobachtung) und Fremdbeobachtung (externer Beobachtung) ein.
101 Beobachten zweiter Ordnung beruht auf einer scharfen Reduktion der Komplexität der Welt möglicher Beobachtungen: es wird nur Beobachten beobachtet, und erst so vermittelt kommt man zur Welt, die dann in der Differenz von Gleichheit und Verschiedenheit der Beobachtungen (erster und zweiter Ordnung) gegeben ist. Wie so oft gilt aber auch hier: die Reduktion von Komplexität ist das Mittel zum Aufbau von Komplexität. Die operative Schließung (hier: zum rekursiven Beobachten nur von Beobachtungen) nimmt Indifferenz gegen alles andere in Anspruch, kann sich deshalb konzentrieren und führt so zum Aufbau von Eigenkomplexität beobachtender Systeme.
In der modernen Welt wird mehr und mehr auch, oder in vielen Fällen nur, auf Beobachter zugerechnet. Das mag als ein Symptom für das Kontingentwerden aller Welterfahrung gelten. Über den immer möglichen Zweifel hinaus, ob ein anderer etwas richtig oder falsch bezeichnet, benutzt man die Beobachtung seines Beobachtens, um ihn selbst zu beobachten, zu kennzeichnen, zu verstehen.
103 Ein rekursives Koppeln von Beobachtungen an Beobachtungen erzeugt „Eigenwerte“, die dann stabil bleiben, wenn das System dieser Praxis überhaupt erhalten bleibt, und Kontingenz scheint dann die, mindestens eine Form dieser Eigenwerte zu sein. Das System geht, wenn und soweit es sich auf Beobachtungen zweiter Ordnung gründet, zu einem (im Vergleich zu Notwendigem und Unmöglichem) Voraussetzung schwächeren Eigenwert über.
104 Nach diesen vorbereitenden Analysen dürfte es kein Zufall sein, dass Zusammenhänge zwischen Kontingenzannahmen und Beobachtungen zweiter Ordnung sich auch historisch nachweisen lassen.
Boe: für Exkurs Ideenevolution – Seiten 104 – 115
117 Die Operation Beobachtung (womit durchaus Handeln gemeint sein kann) zeichnet sich durch eine systembildende (statt: subjektiv verankerte) Zwangsläufigkeit aus. Oder besser gesagt: Sie kommt überhaupt nur in rekursiven Netzwerken vor, die Zeit, und damit Differenz zur Umwelt, in Anspruch nehmen. „Beobachtung* und „System“ sind einander wechselseitig bedingende Begriffe. Damit meint "Beobachtung", verstanden als Operation, dass solche Systeme nur aus autopoietische produzierten Ereignissen bestehen, also nur fortdauern, wenn und solange Anschlussereignisse produziert werden können. Und "System" besagt das trotz, ja gerade wegen dieser Selbsteinschätzung hohe strukturelle Komplexität erreichbar ist.
Boe: "wechselseitig bedingende Begriffe" - Gegensatzpaare - Antinomien - konditionierte Koproduktion
Niklas Luhmann Beobachtungen der Moderne