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Mit über 2700 Quadratkilometern Fläche ist der Mau-Wald, der sich im Südwesten Kenias über die Berglandschaft des Rift Valley ausbreitet, der grösste noch intakte Primärwald Ostafrikas. Er ist nicht nur ein wichtiger Biodiversitätsanker für Kenia, sondern seit Jahrhunderten auch Lebensraum der Ogiek, einer indigenen Bevölkerungsgruppe. Schon lange gibt es heftige Auseinandersetzungen darüber, wer in der Region heute ein Niederlassungsrecht hat – und auf wessen Kosten der Erhalt des Waldes gewährleistet werden soll. Bereits seit 2004 finden punktuelle Vertreibungen statt.
Milka Chepkorir ist in den Cherang’any-Hügeln etwas nördlich des Mau-Waldes aufgewachsen. Seit Jahren schon kämpft die Anthropologin, die der Community der Sengwer angehört, für die Landrechte der indigenen Gemeinschaften in der Region. Im Juni letzten Jahres kam ein ermutigendes Signal vom Afrikanischen Gerichtshof für Menschenrechte im tansanischen Arusha: Den Ogiek, die Klage gegen gewaltvolle Vertreibungen durch den kenianischen Staat eingereicht hatten, wurde ein Bleiberecht im Mau-Wald zugesprochen.
Der Druck auf die indigenen Gemeinschaften wächst indes weiter. Auch infolge der globalen Klimapolitik, in deren Rahmen sich reiche Industriestaaten derzeit von ihren CO₂-Reduktionsverpflichtungen freikaufen wollen: Sie leisten Kompensationszahlungen an emissionsärmere Länder, die dafür Kohlenstoffsenken und Naturschutzgebiete erhalten sollen. In diesem Zusammenhang stehen mutmasslich auch die Zwangsräumungen von zwei Ogiek-Dörfern, die jüngst von den kenianischen Behörden gewaltsam vollzogen wurden.
WOZ: Frau Chepkorir, seit Beginn dieses Monats kam es wieder zu Vertreibungen indigener Dorfgemeinschaften im Mau-Wald. Wie haben Sie auf die Neuigkeiten reagiert?
Milka Chepkorir: Ich weiss nicht, wie ich damit umgehen soll, die Situation lastet schwer auf mir. Es ist eine Schande, wie der kenianische Staat seine Würde und Integrität aufs Spiel setzt. Für finanzielle Profite ignoriert er ein rechtsgültiges Urteil des Afrikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte.
Sie sprechen es an: Gemäss Medienberichten besteht die Möglichkeit, dass die emiratische Firma Blue Carbon, die weltweit mit CO₂-Emissionszertifkaten handelt, bei den Vertreibungen eine Rolle spielt. Zuletzt hat sie ein Rahmenabkommen mit Kenias Regierung abgeschlossen: Es geht um Kompensationsgelder für Zigmillionen Hektaren Land, die vor allem in Waldgebieten als CO₂-Senken erhalten werden sollen. Wie schätzen Sie die Einflussnahme von Blue Carbon ein?
Ich kann nicht genau sagen, welche Parteien für die aktuellen Vertreibungen verantwortlich sind. Für mich besteht aber keinerlei Zweifel daran, dass die Mittel für diese Operation von externen Geldgebern stammen. In irgendeiner Form müssen internationale Interessenvertreter Einfluss genommen haben. Die regulären Geldmittel der kenianischen Regierung sind zu gering, als dass sie damit solche Räumungen lancieren würde.
Die Umweltaktivistin
Milka Chepkorir (33) ist im Kabolet Forest in den Cherang’any-Hügeln im Westen Kenias aufgewachsen. Sie studierte Anthropologie an der Maseno-Universität in Kisumu, derzeit belegt sie Gender and Development Studies in Nairobi.
Chepkorir ist Ko-Koordinatorin des ICCA-Konsortiums, eines internationalen Zusammenschlusses indigener Organisationen, die sich für den Schutz indigener Lebensräume einsetzen.
Weder die Regierung noch Blue Carbon haben bisher aber Stellung zu den Vorwürfen genommen.
Das ist das übliche Vorgehen bei Finanzierungsverfahren. Die Regierung initiiert und plant Projekte mit internationalen Geldgebern unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Absicht unserer Regierungen war es immer schon, den Zugang zu den Ressourcen der Wälder herzustellen: zu unseren kostbaren roten Zedern und anderen einheimischen Hölzern. Und aktuell bedroht uns eben der Markt der Emissionszertifikate.
Es geht immer um Geld, um Profite. Meine Vermutung zielt in die Richtung: Wenn der Staat weite Teile unseres Waldes als staatliches Reservat ausweist und die indigene Bevölkerung vertreibt, muss er keinen Anteil der internationalen CO₂-Kompensationszahlungen aus dem Emissionsmarkt an die lokalen Gemeinden auszahlen.
Letztes Jahr forderten die Sengwer – die Bevölkerungsgruppe, der Sie selbst angehören – internationale NGOs deshalb in einem offenen Brief dazu auf, die Strategie der CO₂-Kompensationen zu überdenken. Was droht Ihrer Community aufgrund der jüngsten Ereignisse als Nächstes?
Ich fürchte die Zwangsevakuierung sämtlicher indigener Waldbewohner:innen, auch der Sengwer in den Cherang´any-Hügeln. Die Behörden unterscheiden dabei nicht, wer indigen ist und wer nicht. Sehen Sie: Der Mau-Wald ist Ahnenland der Ogiek, die teils bis heute einen Lebensstil als Jäger- und Sammlergesellschaft pflegen. Seit den fünfziger Jahren ist der Wald teilweise als staatliche Waldreserve deklariert. Seither siedelten sich weitere Bevölkerungsgruppen an, von denen manche Ackerbau und Viehwirtschaft betreiben, was den Wald bedroht. Ungeachtet dieser Unterschiede will die Regierung einfach alle rausschmeissen – dabei ist es das Verdienst von uns Indigenen, dass die Primärwälder in Kenia überhaupt noch existieren und vor illegalem Holzschlag geschützt sind.
Welche Verantwortung tragen internationale Geldgeber wie die EU?
Seit Jahren verfolge ich den direkten Zusammenhang zwischen episodischen Vertreibungen und internationalen Umweltschutzprogrammen. Aber die Entwicklungspartner hören uns nie zu. Bevor es eine Reaktion gibt, müssen immer zuerst Menschen sterben.
Ein Beispiel: 2016 hat die Europäische Kommission das «Kenyan Water Tower Project» lanciert, ein grosses Programm für den Schutz wichtiger Wasserreservate. Als wir davon Wind bekamen, wandten wir uns wiederholt an die EU, um aufzuzeigen, dass ihre Gelder Zwangsräumungen zur Folge hätten; dass diese in die Beschaffung von Waffen und Munition fliessen würden, die uns am Ende im Namen der regionalen Entwicklung und des Umweltschutzes töten. Die EU-Kommission antwortete, die Umsetzung des Projekts liege nicht in ihrem Zuständigkeitsbereich, sondern in jenem der kenianischen Regierung. Erst zwei Jahre später, nach wiederholten Vertreibungen, sistierte die EU-Kommission das Programm – nachdem der Uno-Sonderbeauftragte für Menschenrechte erfahren hatte, dass bei Forstarbeiten eine indigene Person getötet worden war.
Im September fand in Kenias Hauptstadt Nairobi der erste afrikanische Klimagipfel statt. In welchem Licht erscheint er rückblickend?
In einem düsteren. Die jüngsten Vertreibungen im Namen von Umwelt- und Klimaschutz stehen im krassen Gegensatz zur dort verabschiedeten «Erklärung von Nairobi», in der unter anderem steht, indigene Gemeinschaften sollten in ihrer Rolle beim Erhalt von Ökosystemen unterstützt werden.
Schon im Vorfeld hatte sich aber abgezeichnet, dass indigene Gemeinschaften auch an dieser Konferenz nichts zu sagen haben würden. So blieb ich ihr fern.
Ende dieses Monats steht der nächste Uno-Klimagipfel an, die COP28 in Dubai. Welche Erwartungen oder Hoffnungen haben Sie?
Die COP28 wird in grossem Mass durch die extraktiven Industrien finanziert. Welches positive Ergebnis können wir also erwarten? Und: Wie kann man vom Mau-Wald nach Dubai reisen, wenn vieles darauf hindeutet, dass eine Firma aus dem Gastgeberland – die erwähnte Blue Carbon – die Vertreibung indigener Gruppen unterstützt?
Ich habe schon an anderen, sinnvolleren Klimakonferenzen teilgenommen. Im Rahmen der New Yorker Klimawoche im September wurde zum Beispiel heftig kritisiert, dass der Markt der Klimakompensationen derzeit gemeinhin als einzig praktikable Lösung der Klimakrise dargestellt wird. Der Ansatz folgt ausschliesslich dem Geld, und er birgt so viele Gefahren, wie eben die gewaltsame Vertreibung indigener Gemeinschaften.
Wenn die Klimakonvention der Uno dieses Problem nicht adäquat berücksichtigt: Welche Alternative als übergeordnete Struktur wäre denn sinnvoller?
Die Bevölkerungen in den schützenswerten Gebieten können auch ohne Geld aus dem CO₂-Kompensationsmarkt die Natur erhalten. Nur so bleiben wir Akteur:innen auf Augenhöhe und verhindern, dass diejenigen, die mehr CO₂ in die Luft abgeben, über uns bestimmen. Meine Vision: Globale Uno-Abkommen sollten nicht zuerst auf globaler Ebene unterzeichnet werden, sondern sich von der Basis her bis zur obersten Ebene hocharbeiten.
Die alljährlichen Klimagipfel im derzeitigen Rahmen könnte man genauso gut abschaffen und die Uno-Prozesse grundlegend überdenken. Ein grosses Problem ist die zentralisierte Macht des Uno-Sicherheitsrats: Die Annahme der Uno-Konvention für Biodiversität im vergangenen Jahr in Montreal zum Beispiel dauerte sehr lange, weil Russland und die USA ihr Veto einlegten. Sobald dann die beiden Vetomächte mit dem Inhalt einverstanden waren, wurde es so dargestellt, als hätte der ganze Rest der Welt der Kompromisslösung, der «30 by 30»-Initiative, ebenfalls zugestimmt – was aber gar nicht stimmte. So geht es nicht weiter. Wir müssen über Regionalisierung reden, also über einen Bottom-up-Ansatz.
Wie könnte das aussehen?
Wir brauchen Ansätze, die Autonomie, Grundbedürfnisse und Prinzipien indigener Bevölkerungsgruppen respektieren – und ihnen ermöglichen, mit ihrem Land verbunden zu bleiben, ohne daraus Kapital schlagen zu müssen. Der im kolonialen Geist implementierte Naturschutz zielt, historisch bedingt, darauf ab, alle ansässigen Menschen aus Schutzgebieten zu evakuieren. Das Umweltprogramm der Uno oder auch andere internationale Initiativen sollten aber die Leitlinien der Menschenrechtscharta und der Internationalen Erklärung der Uno über die Rechte der indigenen Völker bedingungslos anwenden.
Sie arbeiten derzeit an der Wiederbelebung des Sengwer Community Centre, eines selbstverwalteten Kulturzentrums. Welches Ziel verfolgen Sie dabei?
Uns geht es um den Erhalt unserer Kultur, unserer Wissenssysteme. Dabei mobilisieren wir aber keine grossen Ressourcen. Geht es nämlich um viel Geld, verliert man immer rasch den Fokus. Und wenn viel Geld fliesst, sind damit oft auch Auflagen verbunden, es entstehen Abhängigkeiten. Wenn wir unsere Lebensweise mit einem Minimum an Mitteln unterstützen, wird das bereits viel bewirken.
Wie kämpfen Sie nun weiter gegen die Vertreibungen?
Wir sind Teil eines Netzwerks, das aus verschiedenen afrikanischen Organisationen für Indigenenrechte besteht. Derzeit sind wir dabei, rechtliche Schritte zu erörtern. Solange wir viele lokale, kommunale Perspektiven bündeln, werden wir uns vielleicht erfolgreich zur Wehr setzen können.