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Es ist der 2. Dezember 1952, ein regnerischer Spätnachmittag in Lausanne. Vor dem Hotel Beau-Rivage fährt ein Cadillac vor, ein Mietauto, in dem Charlie Chaplin und seine Ehefrau Oona sitzen. Chaplin, der seit vierzig Jahren in den USA lebt und arbeitet, hat einen Aufenthalt in seiner britischen Heimat hinter sich und will nun noch ein paar Wochen in der Schweiz verbringen. Doch weil der Schauspieler und Regisseur mit seinen Filmen und seinen kritischen Äusserungen den Unmut der amerikanischen Behörden auf sich gezogen hat, wollen diese ihn nicht mehr ins Land zurücklassen. Chaplin überlegt sich, in der Schweiz zu bleiben und ein Domizil für sich und seine Familie zu suchen. Als das Ehepaar Chaplin das Auto verlässt und das Hotel betritt, hält ein junger Fotograf den Moment fest: Der 27-jährige Yves Debraine, gebürtiger Franzose, der seit vier Jahren in Lausanne lebt, hat zuvor von der Ankunft Chaplins erfahren und beschlossen, seine Chance zu nutzen. Zwar gelingen ihm ein paar Schnappschüsse, doch das ist ihm nicht genug. Also wartet er vor dem Hotel, bis die Chaplins wieder auftauchen. Als das Paar das Hotel verlässt, hört Debraine, wie Chaplin zu seiner Frau sagt, er wisse nicht, wo sie essen gehen sollten, er kenne nichts in Lausanne. Spontan ergreift der Fotograf das Wort und empfiehlt das Restaurant La Pomme de Pin, in dem es hervorragendes Poulet an Rahmsauce gebe. Chaplin sagt, das möge er, und weist den Chauffeur der Limousine an, sie zu dem Restaurant zu fahren. Debraine folgt dem Paar ins Restaurant, kann im Verlauf des Abends weitere Fotos schiessen und erhält schliesslich die Einladung, die Chaplins am nächsten Tag nach Gstaad zu begleiten, wo sie sich ein Haus ansehen wollen.
So begann die Geschichte von Chaplins Leben in der Schweiz (die Familie liess sich schliesslich 1953 im Manoir de Ban in Corsier-sur-Vevey nieder), und so begann auch die Beziehung zwischen dem Weltstar und dem Fotografen. Zwanzig Jahre lang besuchte Yves Debraine die wachsende Familie Chaplin (1962 kam das achte und letzte Kind zur Welt) immer wieder in ihrem Landhaus oder begleitete sie auf Ausflügen. So entstanden an die 3000 Bilder, von offiziellen Familienfotos für Weihnachtskarten bis zu sehr persönlichen Aufnahmen aus dem Leben der Grossfamilie. Der Verlag Noir sur Blanc hat diese Bilder jetzt erstmals in Buchform veröffentlicht, und bis zum 5. April sind die Fotografien in einer Sonderausstellung im Museum Chaplin’s World zu entdecken.
Gestaltet hat Buch und Ausstellung Yves Debraines Sohn Luc Debraine, der das Archiv seines 2011 verstorbenen Vaters verwaltet. «Die Bilder sind persönlich, ohne voyeuristisch zu sein», sagt er. Sein Vater habe immer Wert auf eine gesunde Mischung aus Nähe und Distanz gelegt. «Zwischen ihm und Charlie Chaplin herrschte keine enge Freundschaft, sondern eine berufliche Beziehung, die auf gegenseitigem Respekt und Vertrauen beruhte.» Dies sei umso bemerkenswerter, als Chaplin gegenüber Journalisten und Fotografen sonst eher misstrauisch gewesen sei. 1973 schoss Yves Debraine das letzte Foto der Familie Chaplin in ihrem Haus, ein Bild für eine Glückwunschkarte. Charlie Chaplin war damals 84 Jahre alt. Danach habe sein Vater aufgehört, Chaplin zu fotografieren, weil er ihn nicht vom Alter gezeichnet habe zeigen wollen, erzählt Luc Debraine.
Faszination Zirkus
Der Rundgang durch die Ausstellung setzt an jenem 2. Dezember 1952 ein, als Yves Debraine in Lausanne die ersten Bilder von Charlie und Oona Chaplin schoss. Die Aufnahmen vor dem Beau-Rivage sind ebenso zu sehen wie jene aus dem Restaurant La Pomme de Pin und solche von dem Besuch in Gstaad.
Ein eigenes Kapitel ist dem Thema Zirkus gewidmet. Slapstick- und Zirkuskünstler hatten Charlie Chaplin schon immer fasziniert und inspiriert. In Vevey besuchte er mit der Familie jeden Herbst den Circus Knie und 1953 auch eine Vorstellung des Zirkus Grock. Eine Aufnahme von Yves Debraine zeigt, wie sich Chaplin und der Schweizer Clown Grock, einer der grössten seines Fachs, nach der Vorstellung die Hände schütteln. Auf den Zirkus-Fotos wirkt Chaplin stets gelöst und gut gelaunt. «Im Zirkus legte er seine britisch-reservierte Art ab, liess sich gehen und war ganz bei sich», sagt Luc Debraine.
Szenen eines Familienlebens
Nicht fehlen darf eine Auswahl der Familienfotos, die jedes Jahr für die Weihnachtskarten der Chaplins gemacht wurden, sorgfältig inszeniert von Regisseur Chaplin. Die Vergrösserung eines Kontaktabzugs aus dem Jahr 1958 zeigt, dass es für den Fotografen trotzdem nicht einfach war, im richtigen Moment abzudrücken und die ganze Kinderschar im rechten Licht zu zeigen. Aber auch spontanere und intimere Bilder entstanden im Verlauf der Jahre im Haus der Familie; einige davon sind jetzt erstmals öffentlich zu sehen.
Gelegentlich hat Yves Debraine die Familie Chaplin auch ausserhalb ihres Heims begleitet. Davon zeugen zum Beispiel Aufnahmen von einem Besuch in den Weinbergen des Lavaux 1953, in Begleitung des damaligen Staats- und Nationalrats und späteren Bundesrats Paul Chaudet. Ebenfalls 1953 entstand bei einem Ausflug nach Territet eine allerliebste Bilderserie der damals achtjährigen Géraldine Chaplin, die fröhlich Grimassen schneidet und ihre Zukunft als Schauspielerin erahnen lässt. 1957 fotografierte Debraine einen beinah anonym wirkenden Charlie Chaplin am Bahnhof Lausanne; dieser hatte soeben Blumen gekauft und war unterwegs ins Spital zur Geburt seiner Tochter Jane.
Die Ausstellung schliesst mit dem einzigen Farbfoto, das hier zu sehen ist: einer Aufnahme vom 8. Juli 1962, die Charlie Chaplin mit seinem soeben geborenen Sohn Christopher zeigt. Das Foto sei nicht ganz scharf, aber voller Freude, habe sein Vater dazu notiert, so Luc Debraine. Darum habe er es unbedingt ausstellen wollen: «Es zeigt, so kitschig es tönt, dass Charlie Chaplin in der Schweiz wirklich das Glück gefunden hatte.»
Ausstellung: Chaplin’s World, Route de Fenil 2, Corsier-sur-Vevey. Bis zum 5. April. Täglich 10 bis 17 Uhr (bis zum 30. März) respektive 9 bis 18 Uhr (ab dem 31. März).
Buch: «Chaplin Personal (1952–1973)», Editions Noir sur Blanc, 144 Seiten mit 110 Fotografien. Erhältlich im Buchhandel und im Museumsshop.
«Die Beziehung zwischen Yves Debraine und Charlie Chaplin beruhte auf gegenseitigem Respekt und Vertrauen.»
Luc Debraine
Sohn von Yves Debraine
Chaplin’s World
Zum ersten Mal eine Sonderausstellung
Die Ausstellung «Chaplin Personal» ist im Dachgeschoss des Manoir de Ban zu sehen, des früheren Wohnhauses der Familie Chaplin, das heute das Herz von Chaplin’s World ist. Es ist die erste Sonderausstellung im 2016 eröffneten Museum. Künftig soll hier jedes Jahr eine Wechselausstellung stattfinden. Die Ausstellung markiert den Auftakt einer Reihe von Veranstaltungen, die das Museum dieses Jahr zum 130. Geburtstag von Charlie Chaplin plant. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Kameramuseum in Vevey, das seit 2018 unter der Leitung von Luc Debraine steht.
Chaplin’s World hat in weniger als drei Jahren über 700 000 Besucherinnen und Besucher aus mehr als 75 Ländern angezogen. 2018 wurde es als bestes europäisches Museum ausgezeichnet.