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Selbst 50 Jahre nach der Entkolonialisierung gilt Afrika noch vielerorts als der «verlorene Kontinent». Zu Unrecht, findet Anton Schaad von der Hyposwiss Privatbank.
Anton Schaad ist Fondsmanager bei der Hyposwiss Privatbank, Zürich
Unbemerkt von den meisten Anlegern entwickelt sich Afrika jedoch politisch und wirtschaftlich mit zunehmendem Tempo. Dies belegen die ökonomischen Kennzahlen, insbesondere der Sub-Sahara-Zone, der letzten Jahre.
Während die grossen Industrienationen nur noch wenig wachsen und au Grund ihrer strukturellen Probleme, wie der hohen Verschuldung und der Überalterung der Bevölkerung, zunehmend stagnieren, weisen Länder wie Nigeria, Ghana, Botswana, Ruanda oder Kenia eindrückliche Wachstumsraten auf.
Gesellschaftlicher Wandel eine Realität
Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt das jährliche Wachstum der Zone bis 2016 auf rund 5,5 Prozent, wobei einigen Ländern wie Sambia ein deutlich höheres Wachstumspotenzial (7 Prozent) attestiert wird.
Fachleute beurteilen die mittel- und langfristigen Aussichten positiv, da sich Afrika nicht nur in einer zyklischen und teils rohstoffinduzierten Konjunkturbeschleunigung befindet, sondern nach Jahrzehnten von Krisen, Kriegen und Naturkatastrophen einen grundlegenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel durchmacht.
Die wichtigsten Eckpfeiler einer positiven Einschätzung sind:
1. Neue Generation
Die junge Generation ist besser ausgebildet, besser informiert (Handy-Durchdringung: 60 Prozent) und verfügt über Unternehmergeist und Ambitionen.
2. Stark verbesserte Fundamentaldaten
Besonders erwähnenswert ist die tiefe Staatsverschuldung. Diese liegt zum Beispiel in Nigeria unter 20 Prozent des Bruttoinlandproduktes.
3. Massiver Anstieg der Direktinvestitionen
Die ausländischen Direktinvestitionen vor allem aus China und Indien, aber auch von vielen Grossunternehmen wie zum Beispiel Nestlé und Siemens, haben sich in den letzten acht Jahren vervierfacht.
4. Sich verbessernde Governance
Beispiele für die sich verbessernden politischen Rahmenbedingungen sind die geordnet abgelaufenen Wahlen in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, in welchen im Mai 2011 mit Goodluck Jonathan ein relativ fortschrittlicher Präsident bestätigt wurde, und die im November 2010 in einer Volksabstimmung angenommene liberale Verfassung von Kenia.
Die Transparenz in der Administration und in der Rechnungslegung der Unternehmen – viele rapportieren nach IFRS – hat stark zugenommen.
5. Entstehen einer Mittelklasse
Afrikas Mittelklasse (heute 300 Millionen Menschen) mit frei verfügbarem Einkommen und entsprechend steigendem Konsum wächst beträchtlich. Dadurch erhält Afrikas Wirtschaft auch eine Eigendynamik. Ohnehin sind nur rund 25 Prozent des Wachstums der vergangenen Jahre bedingt durch den Rohstoffabbau.
6. Infrastrukturausbau
Hier liegt die grösste Schwäche, aber auch die grösste Chance Afrikas. Grosse Defizite bestehen bei den Transportwegen und in der Elektrizitätsversorgung. Gelingt es, diese Defizite in den nächsten Jahren zu reduzieren, rechnen wir mit einem zusätzlichen deutlichen Wachstumsimpuls für die Binnenmärkte.
Und die Vorzeichen stehen gut: Jährlich werden 72 Milliarden Dollar in die Infrastruktur investiert.
7. Finanzmärkte
Die grossen Mittelzuflüsse in Afrika bestehen heute vor allem aus ausländischen Direktinvestitionen und Private-Equity-Anlagen, wie dies im frühen Entwicklungsstadium eines Landes typisch ist. Portfolioinvestitionen stehen erst am Anfang.
Die Finanzmärkte in der Sub-Sahara-Zone sind noch klein, wenig liquid und teilweise erst in der Entstehungsphase (wie zum Beispiel Ruanda). Durch Börsengänge (IPO) und die Einführung moderner Handelssysteme entwickeln sich die Börsen jedoch schnell.