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Mit dem Generalsekretär Gianni Infantino hat die UEFA in letzter Minute einen Kandidaten für die FIFA-Präsidentschaftswahl aus dem Hut gezaubert. Wer ist der Mann, der am 26. Februar die Nachfolge Blatters antreten könnte?
Der König ist tot, lang lebe der Infant.
Vor gut einer Woche hatten die 54 Mitglieder der Uefa ihrem angeschlagenen Präsidenten Michel Platini die volle Unterstützung ausgesprochen und ihn als Kandidaten für die FIFA-Präsidentschaftswahl vom 26. Februar 2016 gestützt. Jetzt haben sie ihn fallengelassen wie eine heisse Kartoffel. Die Zwei-Millionen-Zahlung, die Platini 2011 für eine Tätigkeit für die FIFA zehn Jahre zuvor erhalten hatte, wog zu schwer. Stattdessen soll nun Gianni Infantino, Generalsekretär der UEFA und damit jahrelang rechte Hand Platinis, für den europäischen Kontinentalverband in den Ring steigen.
«Wir glauben, dass Infantino über sämtliche Qualitäten verfügt, um die bevorstehenden, grossen Herausforderungen zu meistern und die Reformen auf den Weg zu bringen, die für die Wiederherstellung der Integrität und Glaubwürdigkeit der FIFA notwendig sind», schreibt die UEFA in einer Stellungnahme am Mittwoch Nachmittag, wenige Stunden vor Ablauf der Bewerbungsfrist. Das Communiqué der UEFA liest sich wie eine einzige Lobeshymne.
Infantino kam 1970 in Brig, Wallis zur Welt. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften machte er sich beim 1995 gegründeten Internationalen Zentrum für Sportstudien (CIES), der Kaderschmiede der Fussballfunktionäre, an der Universität Neuenburg einen Namen. In seiner Funktion als Generalsekretär des Instituts beriet Infantino verschiedene nationale und internationale Fussballgremien.
2000 folgte Infantino dem Ruf der UEFA. Langsam erklomm er die Stufen des Verbands. Am Anfang standen kommerzielle, rechtliche und Profifussballangelegenheiten, 2004 wurde er zum Direktor des Rechtsdienstes ernannt, im gleichen Jahr noch Interims-Generaldirektor. Seit 2009 amtet er als stellvertretender Generalsekretär bevor er im Oktober 2009 die operationelle Spitze erklimmt: Das Amt des Generalsekretärs.
Infantino hat sich den Ruf eines hartnäckigen Aufklärers und integren Schaffers erarbeitet, schmutzige Wäsche tauchte bei ihm bisher nicht auf. Er hat Einsitz in der seinerseits von Blatter gegründeten Reformkommission der FIFA, Prunkstück seiner Amtszeit als UEFA-Generalsekretär ist das Financial-Fairplay. Damit sollten die europäischen Fussballvereine dazu angehalten werden, nachhaltiger zu wirtschaften. Mit viel Vorschusslorbeeren 2010 gestartet, schlug dem Programm in den vergangenen Jahren aber ein härterer Wind entgegen. Das Weiterwursteln der mit Scheich-Milliarden gespritzten Klubs wie Manchester City und Paris St.Germain führte dazu, dass das Financial-Fair-Play-Programm von vielen als Papiertiger betrachtet wird.
Infantinos grösste Schwäche aber dürfte seine Farblosigkeit sein. Als Generalsekretär spielte er zwar jeweils den Zeremoniemeister bei Champions-League-Auslosungen, das Charisma eines Michel Platini oder Sepp Blatters geht dem Juristen aber ab. Eine schillernde Persönlichkeit ist er nicht, viel eher ein nüchterner Technokrat. Im FIFA-Zirkus, in dem ein joviales Schulterklopfen oftmals mehr zählt als ernsthafte Reformen, ist das nicht die allerbeste Voraussetzung.
Dafür kommt ihm seine Vielsprachigkeit zugute: Gleich sechs Sprachen spricht der schweizerisch-italienische Doppelbürger. Deutsch, Italienisch, Französisch, Englisch, Spanisch und Arabisch. Ein Pluspunkt beim Schachern um die begehrten Stimmen der Verbände. Und: Infantino gehört innerhalb der Fussball-Funktionärsfamilie zur jüngeren Generation. Der Korruptionsschmutz der verknöcherten FIFA-Garde haftet dem 45-Jährigen nur schon wegen seines Alters kaum an.
Der ehemalige FIFA-Kadermann Guido Tognoni brachte am Sonntagabend als erster den Namen Infantino ins Spiel. Er wäre nicht überrascht, wenn die Uefa ihren Generalsekretär ins Rennen schicken würde, sagte Tognoni in der SRF-Tagesschau. Waren da hellseherische Fähigkeiten im Spiel? Nein, sagt, Tognoni lachend, er habe einen Tipp gekriegt.
Dass die Uefa nach dem Fiasko mit Platini einen neuen Kanidaten präsentieren musste, war für Tognoni aber immer klar. «Platini war derart angeschlagen, dass der Verband handeln musste. Die scheinbare Unterstützung für den Präsidenten war nicht mehr als eine Höflichkeitsbekundung.» Für den FIFA-Kritiker Tognoni ist Infantino ein guter Kandidat, nicht zuletzt weil er die gesamte FIFA- und Uefa-Krise bis anhin einigermassen unfallfrei überstanden hat. «Das sagt aber vielleicht mehr aus über seine Konkurrenten, als über ihn selber.»
Die Nähe zu seinem Ziehvater Platini dürfte Infantino nicht schaden, das Schicksal des ehemaligen FIFA-Generalsekretärs Jérome Valcke, der wegen Verdachts auf Bereicherung suspendiert wurde, dürfte ihm erspart bleiben. Eher schon könnte seine Loyalität zum ehemaligen Weltfussballer Platini zum Verhängnis werden. Falls nämlich die provisorische Sperre gegen Platini aufgehoben werden sollte, so wird der «Spin-Doctor des heimlichen Fussball-Gegenpapsts» wohl zugunsten seines Mentors auf die Kandidatur verzichten.
Infantino hat sich als Kronfavorit der Uefa in eine exzellente
Ausgangslage manövriert. Trotzdem erwartet Tognoni einen wüsten
Wahlkampf. «Blatter wird Infantino bekämpfen, Sperre durch die
Ethikkommission hin oder her. Wenn Blatter
das, was er als seine Mission bezeichnet, gesichert haben will, müsste
er Jérôme Champagne unterstützen, obwohl er ihn vor einigen Jahren
entlassen hat.» Und da sind dann noch die anderen Kandidaten, von
denen der südafrikanische Anti-Apartheid-Held Toyko Sexwale und der Bahrainer Scheich Salman bin Ibrahim al-Khalifa am
meisten Stimmen auf sich vereinen dürften. Vorausgesetzt, sie bleiben nicht beim FIFA-internen Integritätscheck hängen. Tognoni jedenfalls glaubt, dass es ein enges Rennen wird: «Gut möglich, dass
schlussendlich ein Zufallsmehr die Entscheidung bringen wird».
Die Ära Blatter geht am 26. Februar zu Ende. Ob dann auch das System Blatter zu Ende geht, wird sich weisen. Sollte der «aus der Not geborene» Kandidat Infantino tatsächlich den FIFA-Chefposten übernehmen, entbehrte das nicht einer gewissen Ironie. Infantino und Blatter stammen beide aus dem Wallis, Infantino aus Brig, Blatter aus Visp. 9,6 Kilometer oder zehn Autominuten trennen die beiden Gemeinden voneinander. Geographisch ein Katzensprung, in der Welt des Fussballs zusätzlich ein paar symbolische Meilensteine.