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Herr H war schon 82 Jahre alt als ich ihn 2018 kennenlernte. Ich sollte ihn zu Haus behandeln wegen Gangunsicherheit und verminderter Belastbarkeit. Ich traf einen etwa 190 grossen Mann an, dessen rechter Arm und rechte Bein nicht gut funktionierten, wie nach einem Schlaganfall. Er selbst meinte auch es wäre ein Schlaganfall gewesen. Da er Bluthochdruck hatte, Diabetiker war, Staublungen und ein schwaches Herz mit Herzklappenprobleme hatte, erschien mir das schon möglich. Was nicht daran stimmte, war, dass bei einem Schlaganfall mit Ausfallerscheinungen an der rechten Körperhälfte das Sprachzentrum im Kopf auch betroffen ist. Man kann z.B. entweder die richtigen Wörter nicht finden oder sie aussprechen. In dem Fall hatte Herr H keine Störung im Sprachzentrum, wenn man mal davon absieht, dass er ununterbrochen geredet hat. Seine Frau dagegen, etwa 150cm gross und von feiner Gestalt, sprach nur das höchstnötige.
Herr H war sehr unternehmensfreudig. Da er sich Fuss nur noch mit Rollator fortbewegen konnte, suchte er sich im Internet ein geeignetes Fortbewegungsmittel und fand das in Form eines E-Dreirades mit Schalensitz: Dem `` Van-Raam-Easy-Rider``.
Hinten montierte er eine Plattform für seinen Rollator und schon war Unternehmen ``ich bin mal kurz weg`` gestartet. Und wie er weg war. Klingnau, Endingen, Bad Zurzach. Zum OBI. Und alles mit dem Dreirad.
An einem Freitag, unserem wöchentlichen Therapietag und wie immer um 10 Uhr, bemerkte ich, wie sein rechtes Bein völlig zerkratzt war. `` Haben Sie sich eine Katze zugelegt? `` fragte ich. `` Die hat er schon lange`` rief seine Frau aus der Küche, ``frag ihn mal, was er wieder gemacht hat``.
Ich sah ihn an und er sagte mit er sei mit dem Dreirad am Rhein entlang von Koblenz in Richtung Bad Zurzach gefahren. ``Über der Waldpfad? `` fragte ich ungläubig. ``Da geht es bei der Ruine der Römerwache aber steil bergauf mit vielen Steinen und Wurzeln. Ging das? ``
`` Halbwegs`` antwortete er. `Dann bin ich stecken geblieben. Ich bin dann ausgestiegen und wollte das Rad hochschieben, aber als ich die Bremse löste, rollte es zurück gegen mein Bein. Da blieb es dann stehen, aber ich konnte nicht weiter. ``
`` Und wie sind Sie dann heimgekommen? `` ``Ein paar Spaziergänger kamen nach etwa 5 Minuten vorbei und haben das Rad hochgeschoben bis oben. Ich bin dann über die Hauptstrasse zurück nach Hause``.
Am 3 Februar weckte er nachts seine Frau. Es ginge ihm nicht gut. Es gab, so sagte er ihr, einen ``Knall`` hinter dem Brustbein und er bekäme kurz keine Luft. Er meinte er müsse sterben. Seine Frau rief den Hausarzt an, der ihr riet, direkt 144 (Notruf) anzurufen und ihren Mann nach Baden bringen zu lassen.
Nachmittags um etwa 13.30 Uhr rief er vom KSB (Kantonspital Baden) aus an und erzählte seiner Frau, er müsse entweder nach Basel oder Zürich mit dem Hubschrauber, um operiert zu werden. Wenn er in Baden bliebe, müsse er sterben. Die Aortaklappen wären defekt. ``Was würdest du machen?`` fragte er seine Frau. ``Was sind die Chancen, dass die Operation gelingt?`` war darauf ihre Antwort. ``Kaum. `` antwortete er. ``Dann würde ich das nicht machen lassen`` sagte sie. `` ich danke dir``, sagte er erleichtert. `` Das war auch meine Meinung``. Nach einer kurzen Stille sagte er dann: `` Wenn ich dich nicht mehr sehe, möchte ich dir danken, dass du all die Jahre für mich da warst.``
Nachdem er aufgelegt hatte, beeilte die Frau H sich mit ihrem 86 Jahren im Auto nach Baden. Da hörte sie, dass ihr Mann unmittelbar nach dem Telefonat friedlich eingeschlafen war.
Gestern, es war Freitag 10 Uhr, war ich bei Frau H zu Besuch. Es ging ihr gut. Sie hat anderthalb Stunden gesprochen und erzählt über sich und ihr Leben mit ihm. Ununterbrochen.