Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03493.jsonl.gz/2457

Der Begriff Trichotillomanie leitet sich aus dem Griechischen ab von thrix, was für Haar steht, tillein was rupfen bedeutet und mania, was den Wahn bezeichnet. Trichotillomanie bezeichnet demnach eine Impulskontrollstörung, deren Hauptsymptomatik das schwer kontrollierbare Ausreissen der eigenen Körperhaare umfasst. Die Symptomatik wurde bereits 1889 durch den französischen Arzt François Henri Hallopeau beschrieben, dessen Patient sich die Kopfhaare ausriss. Die Trichotillomanie wurde jedoch erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts als eigenes Störungsbild anerkannt.
Ursache
Die Trichotillomanie tritt in den meisten Fällen erstmals im Verlaufe der Pubertät auf. Bei ca. 6% der Betroffenen tritt die Störung bereits vor dem 6. Lebensjahr auf. Es gibt jedoch auch Fälle, bei denen sich die Störung erst im Erwachsenenalter ausbildet. Die Ursache der Trichotillomanie ist derzeit noch unklar. Es wird vermutet, dass die Ausbildung der Erkrankung auf verschiedene Faktoren zurückzuführen ist. Im Vordergrund stehen psychosoziale, genetische wie auch neurobiologische Faktoren. In einigen Fällen wird berichtet, dass der Auslösung der Erkrankung belastende traumatische Ereignisse, wie der Tod eines nahen Angehörigen, Scheidung, Missbrauch oder Stress vorausgingen.
Als Auslöser für die Störung können häufig familiäre Spannungen, Probleme in der Schule und Konflikte mit Gleichaltrigen identifiziert werden. Dies gehört zu den psychosozialen Faktoren. Betroffene berichten von Gefühlen der Erschöpfung, Ärger, Langeweile oder von depressiver Symptomatik. Das Ausreissen der Haare wirkt in solchen Situationen ablenkend, tröstend oder spannungsabbauend. Diese positiven Gefühle, die mit der Handlung einhergehen, verfestigen das Auftreten. Trichotillomanie wird von den Betroffenen häufig unbewusst zur Emotionsregulation eingesetzt. Das Verhalten kann aber auch lediglich als genussvoll empfunden und deswegen ausgeführt werden.
Die genetischen Faktoren beinhalten, dass der Störung eine erbliche Komponente zugrunde liegt. Dies lässt sich aus der Beobachtung, dass die Störung familiär gehäuft auftritt, vermuten. Daraus lässt sich schliessen, dass die Wahrscheinlichkeit zur Ausbildung der Störung steigt, wenn bereits ein Familienmitglied an der Störung erkrankt ist.
Zu den neurobiologischen Faktoren gehören zum Beispiel Mutationen von bestimmten Genen, zum Beispiel dem Gen hoxb8, die einen Einfluss auf das Nervensystem haben. Tierversuche haben gezeigt, dass solche Mutationen das Körperpflegeverhalten verändern können. Weitere Tierversuche haben bestimmte Proteine im Gehirn, zum Beispiel das Synapsenprotein SAPAP3, als mögliche Auslöser identifizieren können. Des Weiteren konnten mittels bildgebender Verfahren strukturelle Veränderungen im Gehirn bei Betroffenen festgestellt werden. Die Nervenzellen sind in bestimmten Regionen auf der Grosshirnrinde, dem Striatum, der Amygdala sowie dem Hippocampus dichter vorhanden, als bei Menschen ohne Trichotillomanie. Das Striatum ist bei dir Bildung von Gewohnheiten beteiligt, während die Amygdala und der Hippocampus bei Lernvorgängen, die mit Emotionen verknüpft sind, beteiligt sind. Diese beiden Besonderheiten können zur Entstehung von Trichotillomanie beitragen. Zuletzt könnte auch ein Mangel an bestimmten Botenstoffen, wie zum Beispiel Serotonin, zur Störungsausbildung beitragen. Serotonin konnte bereits mit anderen Verhaltensstörungen, wie Impulskontrollstörungen sowie repetitive Bewegungen, in Verbindung gebracht werden. Bei der Trichotillomanie sind die Befunde bisher uneindeutige, weshalb die Ursachen weiterhin unklar sind.
Diagnose
Das Störungsbild der Trichotillomanie ist häufig mit Gefühlen von Scham verbunden, weshalb es Betroffenen schwerfällt, sich Hilfe zu suchen. Einige versuchen den Haarverlust durch das Tragen von den Haarverlust überdeckenden Kleidungsstücken zu kaschieren. Die Betroffenen stellen sich ärztlich häufig dann vor, wenn eine Unfähigkeit besteht, mit dem Ausreissen aufzuhören oder es zu einer psychischen Belastung kommt. In diesem Kontext kann die Diagnose gestellt werden. Die Diagnosekriterien der Trichotillomanie umfassen 1. das Entfernen von Haaren, was zu Haarausfall führt, 2. wiederholte Versuche, das Ausreissen der Haare zu unterdrücken oder gänzlich zu beenden und 3. einen erheblichen Leidensdruck oder eine beeinträchtigte Funktionsfähigkeit. Beim Entfernen der Haare ist zu berücksichtigen, dass dies nicht aus kosmetischen Gründen geschieht, keine Folge einer Haarentzündung oder anderweitigen Erkrankung und keine Folgen von Sinnestäuschungen oder anderweitigen psychotischen Symptomen ist.
Trichotillomanie tritt häufig gemeinsam mit weiteren psychischen Erkrankungen auf. Zu den häufigsten Begleiterkrankungen gehören depressive Störungen, Angsterkrankungen, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen sowie Dermatillomanie.