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Ortsbezeichnung: Herbrig (Uf de Herbrig)
Die Stadel sind Zeitzeugen aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Das Gebäude am Wanderweg datiert aus dem Jahre 1313 und der Stadel dahinter aus dem Jahre 1261. Wir stehen hier vor dem ältesten Stadel Europas.
Die Stadel sind Kornscheunen (Getreidescheunen), dienten also nur zur Lagerung und Trocknung der Getreidegarben aus den Ackerterrassen oberhalb des Wieslandes. Sie besitzen im Unterschied zu den Speichern nur eine Türöffnung, die in der Regel in der Mitte gelegen ist. Unmittelbar dahinter erstreckt sich die Tenne in der ganzen Länge des Gebäudes. Jeder Besitzer hatte auf der rechten oder linken Seite des Sta¬dels sein Abteil, in dem er die eingebrachten Garben lagerte. Wenn diese trocken waren, wurden sie auf der Tenne gedroschen. Das so gewonnene Korn wurde dann talwärts getragen und in den Speichern gelagert oder direkt gemahlen und zu Brot gebacken.
Details zum ältesten Stadel Europas
Die Siedlung auf dieser Aussichtsterrasse heisst im Dialekt „Herbrig“, ein Name, den das Forschungsteam unter Professor Werlen im Oberwallis 15-mal fand. Der Ortsna¬me meint ursprünglich nicht nur die Herberge, also eine Unterkunft für Fremde, son¬dern auch ganz einfach die Wohnung. Hier in Zermatt ist der Ort „uffn den Herbrigen“ 1552 schriftlich erwähnt. Man darf annehmen, dass der Ort, wie mehrere Weiler rund um Zermatt, zumindest vom Frühjahr bis in den Spätherbst bewohnt war, vor der Kli-maverschlechterung sogar ganzjährig.
Im Sterbebuch der Pfarrei Zermatt notierte Pfarrer Johann Biderbost 1767 aus alten Dokumenten Todesfälle, darunter jenen 1588 von Christina, Frau des Johannes Mooser „auf den Herbrigen“ und zwei Wochen später auch von Johannes Mooser junior „auf den Herbrigen“.
Heute beﬁnden sich hier zwei Gebäudegruppen. Der Grund dafür ist eine Lawine, die hoch oben in den Flühen bricht. Von dort stürzt sie über Felsen und Steilhänge her-unter und fegt mitten über die Ebene der Herbrig, verschont aber die Randbereiche der Fläche. Die Natur hat auch hier die Siedlungsräume abgegrenzt. So stehen links und rechts des Lawinenzuges die Gebäude.
Taleinwärts sehen wir den südwestlichen Teil der Siedlung, „d vorder Herbrig“, die vordere Herbrig. Dort stehen sieben, acht Gebäude, fast alles Stallscheunen für das Vieh. Die Eigentümer verfütterten hier im Frühjahr und im Herbst, d. h. vor und nach der Alpung, für einige Wochen das im Sommer geerntete Heu an das Vieh. Heute dienen einige umgebaute Stallscheunen als Freizeithäuschen.
Einer der Letzten, der hier noch Landwirtschaft betrieb, war Gregor Julen (1906–1987). "Er war wohl der Letzte, wahrscheinlich in den 1980er-Jahren, der hier Heu in die Scheune eingebracht und das Vieh gefüttert hat", berichtet Othmar Perren.
Der Charakter der zweiten Gebäudegruppe ist ein anderer: Die talauswärtige, nord-östlich gelegene „hinner Herbrig“ umfasst eine umgebaute Stallscheune, vor allem aber vier Stadel. Oberhalb der Herbrig fanden sich einst Ackerparzellen, von denen noch einige Mauern und Terrassierungen zeugen. Auch den Roggen aus den nahen Äckern bei der „Lengu Flüe“ trug man hierher und stellte die Getreidegar¬ben in die Stadel. Bis zu Beginn der 1950er-Jahre wurde in dieser Gegend noch Getreide angepflanzt.
Wie alt mögen die von der Sonne dunkel gebrannten Bauten aus Lärchenholz wohl sein? Inschriften finden wir keine. Aus den Stadeln wählte Dendrochronologe Martin Schmidhalter die beiden südwestlichen aus, die direkt oberhalb des Wanderweges stehen.
Die Untersuchung zeitigte erstaunliche Resulta¬te: Der Stadel direkt am Wanderweg besitzt einen Schwellenkranz, der im 15./16. Jahrhundert bei Reparaturarbeiten wiederholt erneuert wurde. Der hochgebockte Stadel selbst ist aber deutlich älter: Das Holz wurde im Jahre 1313 geschlagen.
Die Analyse der Holzjahrringe zeigt: Der Schwellenkranz weist Bäume aus den Jah¬ren 1438, 1487 und 1588 auf, was von Unterhaltsarbeiten zeugt: Der wetterexponierte Unterbau musste erneuert werden. Sechs Proben stammen aus dem ersten Geschoss, direkt oberhalb der Stadelbeine: Eine Probe endet mit dem Jahr 1313, drei 1312, eine 1311 und 1310 eine ohne Waldkante (äusserster Rand des Stammes mit Rinde). Das Holz für den Stadel wurde 1313 gefällt und der gesamte Bau entstand in einem Guss. Lediglich ein Kantholz aus der Südwand, das vierte Kantholz mit Waldkante von unten, womit das Fälljahr präzise ersichtlich ist, stammt von 1145. Offenbar wurde hier Altholz bereits bestehender Bauten wiederverwendet. Von diesen noch früheren Bauten wissen wir leider nichts.
Aus dem Sockel, dem ersten und dem zweiten Geschoss des dahinter stehenden Stadels wurden elf Proben entnommen, die alle auf das Jahr 1260 und 1261 weisen. Auch der First stammt aus dieser Zeit, wir haben also ein komplettes Gebäude aus dem Jahre 1261 vor uns. Ob die gerundete Steinmauer in der Basis von einem Vorgängerbau stammt, bleibt mangels einer archäologischen Untersuchung unklar.
Wir haben ein Resultat vor uns, das man im wahrsten Sinne des Wortes als sensationell bezeichnen darf: Vor uns steht nicht nur der bisher älteste Stadel des Wallis, sondern – soweit wir heute wissen – ganz Europas.
Nun ist das enorm beeindruckend. Aber es geht um mehr als nur ein möglichst hohes Alter. Offenbar kann Lärchenholz, sofern die Dächer intakt gehalten werden, mehrere Jahrhunderte überdauern. Die Blockbauweise ist dermassen solide, dass sie allem standhält. Auch verheerende Brände oder Kriegszüge suchten diesen Weiler nicht heim. So haben wir heute einen 750-jährigen Zeugen vor uns, der uns ans Ende des Hochmittelalters / den Beginn des Spätmittelalters führt, eine Zeit, aus der wir für Zermatt noch kaum eine schriftliche Nachricht finden. Wir wissen nun, dass diese Gegend in der Zeit um 1260 bereits intensiv besiedelt und bewirtschaftet wurde und dass man sich damals bereits mit Getreide selber versorgen wollte. Im Besonderen zeugt der Stadel vom damaligen Getreidebau: Für Getreide als Grundnahrungsmittel erstellten die Bauern bereits einen eigenen Gebäudetypen, eben den Stadel. Nach dem Einlagern der Getreideernte im Stadel wurde hier auch gedroschen, die Getreidekörner aus den Garben geschlagen. Anschliessend bewahrte man die Körner in einem Speicher auf, brachte sie später zur Mühle und buk dann mit dem Mehl das lange haltbare Roggenbrot, das geradezu zu einer Art Symbol des Wallis wurde.
Übrigens: Wie die landwirtschaftlichen Flächen sind auch die landwirtschaftlichen Bauten in kleine Anteile gegliedert. Typisch für die Walliser Verhältnisse ist die Besitzlage unserer beiden Stadel: So zählt der auf 1313 datierte Stadel neun Besitzer, deren acht verschieden grosse Anteile zwischen ¼ und 1/32 ihr Eigen nennen, der neunte Besitzer ist unbekannt und hat Anrecht auf 61/224. Im Stadel von 1261 fiden wir gar elf Besitzer, die Anteile zwischen ¼ und 1/16 beanspruchen. Und: Es gab hier auch Gebäude, die inzwischen verschwanden – Klaus Julen fand in den Teilbriefen (teilen meint, das Erbe aufteilen) seiner Familie auch Anteile an einem Stadel auf der Herbrig, der heute nicht mehr existiert. Von Abbau und Neuerstellung solcher Gebäude erfahren wir am nächsten Ort mehr.