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16. Feb 2023
Professor Rico Baldegger ist für den europäischen Teil des Women's Entrepreneurship Report verantwortlich. Er erläutert die Ergebnisse des internationalen Berichts und analysiert die unternehmerische Tätigkeit in der Schweiz.
Ein Unternehmen in der Schweiz gründen? Nichts leichter als das! Zumindest aus verwaltungstechnischer Sicht. In der Praxis sieht es anders aus. Damit aus einer genialen Idee ein Geschäftsprojekt entsteht, sind mehrere Voraussetzungen nötig. Der Women's Entrepreneurship Report, eine internationale Studie über das Unternehmertum von Frauen, die auf dem Global Entrepreneurship Monitor (GEM) 2021/2022 basiert, zeigt, dass in diesem Stadium der Unterschied zwischen den Geschlechtern bereits sichtbar wird. Die Hochschule für Wirtschaft Freiburg (HSW-FR) leitete die Europa-Abteilung.
Erste Feststellung des Berichts: "Europa weist nach wie vor die niedrigsten Quoten für unternehmerische Absichten und die Beteiligung von Frauen auf. Die Quote schwankt zwischen 3,1 % in Polen und 23,4 % in Weißrussland. In der Schweiz liegt sie bei 12,1 % (14,9 % bei den Männern). Der für das Projekt verantwortliche Direktor Rico Baldegger ist nicht überrascht: "Die Arbeitsmarktsituation in der Schweiz bringt weder Frauen noch Männer dazu, ein Unternehmen zu gründen, weil sie keine Arbeit finden würden. Wir stellen kein Unternehmertum aus Not (necessity entrepreneurship) fest, sondern beobachten ein Unternehmertum aus Gelegenheit (opportunity entrepreneurship)." Auf globaler Ebene ist die Absicht umgekehrt proportional zum Durchschnittseinkommen.
Eine unattraktive Karrierewahl
Rico Baldegger nennt einen typisch schweizerischen Faktor als Erklärung für die niedrige Rate an unternehmerischen Absichten: Es ist nicht attraktiv, sich als Unternehmer zu betätigen. Nur 37,9 % der Schweizerinnen (43 % der Schweizer) sind der Meinung, dass es eine gute Karriereoption ist, ein Unternehmen zu gründen. Auf europäischer Ebene sind es 62,6 % (60,7 % der Männer), während der weltweite Anteil bei 70,8 % der Frauen (71,1 % der Männer) liegt. Rico Baldegger fügt hinzu, dass in der Schweiz die Wahrnehmung in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz besser zu sein scheint als in der Deutschschweiz.
Kommt diese geringe Neigung zur Selbstständigkeit aus der Angst vor dem Scheitern? Nicht wirklich. 57,6 % der Schweizerinnen lassen sich nicht entmutigen (Weltdurchschnitt 49,7 %), während es bei ihren männlichen Landsleuten 65,9 % sind (Weltdurchschnitt 54,3 %).
Neue Möglichkeiten ergeben sich durch angesagte Themen wie soziale Innovation oder Nachhaltigkeit.
Für Frauen, die sich dennoch als Unternehmerinnen versuchen, ist die Finanzierung oft ein Stolperstein. "Die mediane Höhe der Investitionen war bei Frauen um etwa ein Drittel geringer als bei ihren männlichen Kollegen", heisst es in dem Bericht. Der Grund dafür? Wir beobachten, dass Unternehmen in den Bereichen IT und Hightech leichter Finanzierungen erhalten als solche in den Bereichen Gesundheit oder Ethik. In den erstgenannten Bereichen sind Frauen weniger stark vertreten als in den letztgenannten", sagt Rico Baldegger. "Allerdings ergeben sich neue Möglichkeiten durch Trendthemen wie soziale Innovation oder Nachhaltigkeit, die auch bei Frauen beliebt sind."
Das Problem eines Systems
Aber ein weiteres Hindernis erschwert die Gründung von Unternehmen, fährt der Direktor der HSW-FR fort. Es gibt berufliche Netzwerke, die eine starke männliche Tradition haben, und es ist für eine Frau schwierig, dort hineinzukommen. Wenn man sich auf diese Art von Netzwerken stützt, kann man leichter Türen öffnen. Neben dem ungleichen Zugang zu Finanzmitteln, der vom Tätigkeitsbereich, den Verhandlungen mit Investoren und den Netzwerken abhängt, "liegt das Problem in einem ganzen System", bedauert Rico Baldegger.
Dieses System verdeutlicht die mangelnde Unterstützung für Familien. Während Unternehmerinnen und Unternehmer von ihren Familienmitgliedern gefördert werden, ist es hingegen schwierig, Berufs- und Privatleben zu vereinbaren. "Vor allem fehlt es an Kinderbetreuungsplätzen", beklagt Rico Baldegger.
Um die Gründung von Unternehmen durch Frauen zu fördern, ist es schließlich unerlässlich, dass sie Vorbilder haben, d. h. Unternehmerinnen, mit denen sie sich identifizieren können. Laut dem Direktor der HSW-FR ist es Aufgabe der Medien und der Gesellschaft, diese in den Vordergrund zu stellen.