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Die hier folgenden Berichte von Ausflügen und Reisen dienen als Erinnerungsstütze für Mitreisende, sollen Anregungen und Informationen für weitere Besuche bieten und auch Einzelreisende zu Entdeckungen inspirieren.
Wenn wir eine Reise oder einen Ausflug vorbereiten, treibt uns die Kombination von Nichtwissen und Neugier an. Wir bemühen uns um ein Verständnis der Orte, die wir besuchen, und der Menschen, die dort leben und gelebt haben
Bad Säckingen, 9. September 2023
Den Vormittag des 9. September beginnen wir mit einem Spaziergang dem Rhein entlang vom Bahnhof Stein-Säckingen zur längsten gedeckten Holzbrücke Europas. Der Himmel ist wolkenlos, aber der Weg liegt im Schatten. Auf der anderen Seite des ruhig fliessenden Rheins zeigen sich bald die Türme des Fridolinsmünsters.
Wir sind noch in der Schweiz. Auf der anderen Seite des Flusses liegt Deutschland, dazwischen, im Fluss, die Grenze. Wer hat bestimmt, dass hier eine Grenze verläuft?
Ein Rastplatz neben dem Wander- und Radweg ist unser Rahmen für Gedanken zum Thema.
Gesetze werden von Staaten erlassen und durchgesetzt. Sie gelten auf dem Territorium des jeweiligen Staates, das durch Grenzen definiert ist. Ist das gut so? No border, no nation, steht als Losung an Wände gesprayt. Wäre dies ein erstrebenswertes Ziel? Wie könnte eine Ordnung ohne Grenzen aussehen? Sollen weltweit die gleichen Gesetze gelten? Aber wie kann man sich einigen? Am einfachsten ist wohl, wenn die mächtigen Staaten ihre Gesetze auch gleich im Gebiet der weniger mächtigen durchzusetzen. Oder braucht es Grenzen, um dies zu verhindern?
Eine andere Frage ist, ob der Rhein eine natürliche Grenze ist.
Er ist ein natürliches Hindernis im Kriegsfall. Hingegen ist nicht selbstverständlich, dass er eine Grenze bildet. Im Gegenteil. Viele Städte sind um Brücken herum gewachsen, Basel, Laufenburg, viele andere. Die Brücke von Säckingen, erstmals erwähnt 1272, wurde nicht als Brücke über eine Grenze erbaut, sondern als Verbindung innerhalb eines Herrschaftsgebiets.
Säckingen mit seinem mächtigen Damenstift stand damals seit einem Jahrhundert unter einem habsburgischen Reichsvogt und blieb habsburgisch bis zum Zweiten Koalitionskrieg. Vor dem Ende des Ancien Régime war diese Brücke Teil des vorderösterreichischen Strassennetzes.
Heute bildet der Rhein die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz. Die Annahme liegt nahe, dass die beiden Länder sich einmal auf diese Grenzziehung geeinigt haben. Aber weder Deutsche noch Schweizer waren an dieser Grenzziehung beteiligt.
Die Abtretung des Fricktals an die Französische Republik ist Teil eines Geheimvertrags zwischen den Abgesandten des Kaisers Franz II, der in Wien herrschte, und Bonaparte, damals Oberbefehlshaber der französischen Truppen in Italien. In geheimen Zusatzartikeln zum Vertrag von Campoformio vom 17. Oktober 1797, der den Ersten Koalitionskrieg beendet, steht: Sa Majesté Impériale et Royale cédera … à la République Française la souveraineté et propriété de Frickthal et de tout ce qui appartient à la maison d’Autriche à la rive gauche du Rhin entre Zurzach et Bâle.
Bonaparte, der erfolgreiche General und spätere Kaiser, dachte in militärischen Kategorien. Er wollte einen möglichen Angriff gegen Frankreich von linksrheinischem Gebiet aus verhindern. Ein fast gleichlautender Artikel wie der oben zitierte wird im Vertrag von Lunéville vom 9. Februar 1801 wiederholt. Zu diesem Vertrag, der den Zweiten Koalitionskrieg beendet, gibt es keine geheimen Zusatzartikel.
Bemerkenswert ist der folgende Passus über das Fricktal in den geheimen Artikeln des Vertrags von Campoformio: La République Française réunira les dits pays à la République Helvétique… Bemerkenswert ist der Passus, weil im Oktober 1797 in der Schweiz noch niemand etwas von der bevorstehenden Gründung der Helvetischen Republik wusste. Erst im Dezember 1797 bat der Waadtländer Anwalt Frédéric-César de la Harpe das Direktorium in Paris, Frankreich solle als Garantiemacht im Waadtland intervenieren, um die Rechte der Waadtländer gegen die Herrschaft Berns zu schützen. Ende Januar 1798 war das Waadtland befreit oder besetzt (die Beurteilungen in der Waadt und in Bern unterschieden sich bis heute). Im März zogen die Franzosen in Bern ein, erst im April 1798 wurde die Helvetische Republik in Aarau offiziell gegründet.
Europa veränderte sich, die Grenze blieb. Nördlich des Rheins entstand das Grossherzogtum Baden, auf beiden Seiten des Flusses bestätigte man die Grenze. Das territorial zerstückelte Vorderösterreich, zu dem das Fricktal im 18. Jahrhundert gehört hatte, wurde beim Wiener Kongress nicht wieder zum Leben erweckt. So bleibt die Grenze bis heute dort, wo General Bonaparte und der Kaiser in Wien sie seinerzeit festgelegt haben. Nach den ersten Verträgen verläuft sie entlang des Talwegs, also an der tiefsten Stelle, heute in der Flussmitte. Aufgrund neuerer Vermessungen verschiebt sie sich nächstens auf der Holzbrücke zwischen Stein und Bad Säckingen um 8 Meter und 20 Zentimeter, wie wir der lokalen Presse entnehmen. Die kleine Schweiz wird noch kleiner.
Im ersten Haus links am Ende der Holzbrücke hat während seines Aufenthalts Joseph Viktor Scheffel (1826-1886) gewohnt, Autor einer Liebesgeschichte in Versen mit dem Titel Der Trompeter von Säkkingen. Sogar seinen Schreibprozess auf der Insel Capri beschreibt der Autor in Versen:
Unbarmherzig dichtend schritt ich
Auf dem Dach, – es widerhallte
Metrisch, und der Bann gelang mir,
In vierfüßigen Trochäen
Angefesselt liegen jetzo,
Die den Traum der Nacht mir störten.
Von der Holzbrücke sind es nur wenige Schritte durch die Altstadt zum Fridolinsmünster. Über dem Eingang Statuen des Heiligen Fridolin mit einem Skelett des Glarners Urs, der für kurze Zeit von Fridolin aus seinem Grab geholt wurde, um vor Gericht zu bestätigen, dass er zu Lebzeiten die Hälfte der Talschaft Glarus dem Stift Säckingen vermacht hatte. Die sterblichen Überreste des Heiligen Fridolin, der als irischer Mönch zu merowingischer Zeit das Kloster Säckingen auf einer Insel im Rhein gründete, liegen in einem silbernen Reliquienschrein aus dem 18. Jahrhundert und schützen die Kleinstadt bis heute vor Unheil.
Nach einer Mittagspause begeben wir uns zum Grabstein für das Paar, das Scheffel zu seinem Werk inspirierte. Dem bürgerlichen Handelskaufmann und späteren Ratsherr Franz Werner Kirchhofer (1633-1690) gelang es, die adelige Maria Ursula von Schönau (1632-1691) zu heiraten gegen den Widerstand ihrer Familie.
Dann begeben wir uns zum Wohnsitz dieser Familie, zum Schloss Schönau, heute Museum für das Gebiet Hochrhein. Das Museum besitzt eine bedeutende Sammlung von Trompeten und zeigt bis Ende September eine Sonderausstellung über die letzte Fürstäbtissin, Maria Anna von Hornstein-Göffingen. Leider hat das Museum gerade am 9. September einen ausserordentlichen Schliesstag, über den wir etwas erstaunt sind. Wir lesen deswegen im Schatten noch einige Verse von Scheffel, begeben uns zum Bahnhof von Bad Säckingen und fahren mit der Hochrheinbahn, die ohne Stromleitungen auskommt, nach Rheinfelden (Baden). Dort überqueren wir die Grenze ein zweites Mal und gelangen in die Altstadt. An der zentralen Marktgasse liegen das Rathaus mit seiner österreichischen Flagge und das Museum Fricktal, das wir all denen empfehlen, die sich für das vorderösterreichische Erbe interessieren.
Rheinfelden eignet sich, um über die kurze Geschichte des Kantons Fricktal zu sprechen, der 1802 entstand, aber wegen internen politischen Streitereien den richtigen Moment verpasste, um rechtzeitig Teil der zerfallenden Helvetischen Republik zu werden. Das Gebiet der uneinigen Fricktaler teilte Napoleon deswegen in der Mediationsverfassung von 1803 dem Kanton Aargau zu.
Wir erzählen auch, warum die barocke Stadtkirche von Rheinfelden weder römisch-katholisch noch evangelisch-reformiert ist.
Bei der Hitze, die wir an diesem Spätsommertag erleben, geniessen wir in der verkehrsfreien und belebten Innenstadt das kühle Bier, das in der grössten Brauerei der Schweiz hergestellt wird, und die lokalen Eisspezialitäten.
Franche-Comté und Burgund, 5. bis 12. Juli 2023
Auf dieser Reise besuchen wir in erster Linie das Kulturerbe, das die burgundischen Herzöge des 14. und 15. Jahrhunderts der Nachwelt hinterlassen haben. Das Burgund von 1363 und 1476 unter den Herzögen Philippe II le Hardi / Philipp der Kühne, Jean Ier sans Peur / Johann Ohnefurcht, Philippe III le Bon / Philipp der Gute und Charles le Téméraire / Karl der Kühne war ein mächtiges und reiches Staatswesen, das nach den Niederlagen von Grandson (2.3.1476), Murten (22.6.1476) und Nancy (5.1.1477) so geschwächt war, dass es sein historisches Kernland an Frankreich abtreten musste.
Wir beginnen diese Reise mitten in der Hauptreisezeit, aber ganz gemütlich. Wir treffen unsere Gruppe in der Bahnhofhalle von La Chaux-de-Fonds an einem eher regnerischen Mittwoch kurz vor Mittag und setzen uns bei kühlen Temperaturen in den Dieseltriebwagen der französischen Staatsbahn nach Besançon. Der Zug braucht für die 84 Kilometer eine Stunde und 43 Minuten, daraus ergibt sich eine Reisegeschwindigkeit von 49 Kilometern pro Stunde.
Entschleunigung also, slow travel durch eine bewölkte, aber ansprechende Juralandschaft. Der letzte Halt in der Schweiz ist Le Locle-Col des Roches, früher ein Grenzbahnhof für den Güterverkehr, heute ist die Bahnanlage überdimensioniert. Dann geht es durch einen Tunnel, und schon sind wir in Frankreich. Der Zug fährt dem Hang entlang nach unten und überquert kurz vor Morteau das Flüsschen Doubs. Den Doubs, der nach einem weiten Weg nach Norden zu einem beachtlichen Fluss angewachsen ist, überquert der Zug wieder kurz vor unserer Ankunft in Besançon. Von den Jurahöhen über 1000 Metern ist der Zug abwärts gefahren bis Besançon, das auf etwa 250 Meter über Meer liegt, wo die Sonne scheint und die Temperaturen angenehm sommerlich sind.
Vom Bahnhof Besançon-Viotte lassen wir unsere Rollkoffer hinunterrollen bis zum Pont Battant. Hinter der Brücke, im alten Stadtzentrum, beziehen wir zu Beginn des Nachmittags unser Hotel am Quai Vauban, in einer schnurgeraden Häuserzeile aus jurassischem Kalkstein, die aus dem 17. Jahrhundert stammt. Dann gehen wir zu Fuss durch die verkehrsfreie Hauptstrasse, machen eine Kaffeepause und besuchen das Musée du Temps im Palais Granvelle.
Die grosszügige Renaissance-Residenz wurde erbaut von Nicolas Perrenot de Granvelle. Er war Kanzler des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Charles Quint / Karl V, der nebenbei auch als Carlos I König von Spanien und der weltweiten spanischen Eroberungen war. Der Grossvater von Charles Quint war der Habsburger Kaiser Maximilian I, seine Grossmutter war Maria von Burgund, die Tochter Karls des Kühnen, die Erbin des burgundischen Herzogtums. Aufgewachsen ist Charles Quint in den burgundischen Niederlanden, kulturell ist er also ein Burgunder.
Der Jurist Nicolas Perrenoud de Granvelle ist etwa 35 Jahre alt, als er Vertrauensperson und Kanzler des 19-jährigen Kaisers wird. Er dient dem Kaiser über 30 Jahre lang. Seine Frau stammt aus dem lokalen Adel. Durch seine Position erwirbt der Kanzler sich einen Reichtum, der ihm den Bau seines Palais und den Erwerb einer beachtlichen Kunstsammlung erlaubt, die dazu beiträgt, dass wir am nächsten Tag im Kunstmuseum Besançon hochkarätige Kunst bewundern können.
Besançon wird 1674, zur Zeit des expansiven Sonnenkönigs Louis XIV, von französischen Truppen erobert. Bilder der Belagerung betrachten wir in der Residenz des Kanzlers. Im Jahr 1793, vier Jahre nach dem Sturm der Bastille und fünf Jahre vor dem Ende des Ancien Régime in der Schweiz, wird in Besançon die Manufacture Française d’Horlogerie gegründet. Uhrmacher aus der Schweiz werden angeworben.
Das Musée du Temps zeigt die Entwicklung der französischen Uhrenindustrie, die durch das Aufkommen der Quarzuhren in den 1970-er Jahren in eine schwere Krise gestürzt wurde. Von der europäischen Linken unterstützt wurde der Arbeitskampf in der Uhrenfabrik Lip Mitte der 1970-er Jahre mit einer Periode der Selbstverwaltung der Beschäftigten.
Hinter dem Musée du Temps befindet sich ein Park mit einem Denkmal für Victor Hugo, der 1802 in Besançon geboren wurde, mit dem folgenden Text, dessen Bedeutung wir der Gruppe erklären:
Alors dans Besançon, vieille ville espagnole
Jeté comme la graine au gré de l’air qui vole,
Naquit d’un sang breton et lorrain à la fois
Un enfant sans couleur, sans regard et sans voix.
Für das gemeinsame Abendessen am ersten Abend unserer Reise wählen wir das Restaurant L’Umalôme. Es handelt sich um ein neues Lokal mit einer sehr schmackhaften Küche aus frischen Zutaten lokaler Produzenten. Die Website des Restaurants erklärt, was sich der Gründer dabei denkt.
Den ersten Morgen in Besançon verbringen wir mit einem Spaziergang zum Geburtshaus des anarchistischen Theoretikers Pierre-Joseph Proudhon und zum Denkmal des Schriftstellers Louis Pergaud. Dann besuchen wir das Musée des Beaux-Arts et d’Archéologie, entstanden aus der ersten, seit 1694 öffentlich zugänglichen Kunstsammlung Frankreichs. Das Museum wurde 2018 nach einer vier Jahre dauernden Renovation neu eröffnet. Leider sind einige bedeutende Werke bei unserem Besuch ausgeliehen. Bild: Detail aus der Kreuzabnahme von Bronzino – ein Geschenk von Cosimo de’ Medici an Granvelle.
Am Nachmittag fahren wir mit dem Bus zur Citadelle. Die Festung wurde unter der Aufsicht des französischen Militäringenieurs und Architekten Sébastien le Prestre, Seigneur de Vauban in den zwei Jahrzehnten nach der französischen Eroberung gebaut. Sie ist mit elf weiteren Vauban-Festungen auf dem französischen Staatsgebiet Teil des von der UNESCO geschützten Weltkulturerbes.
Militärische Bauten als Kultur? Wir machen uns Gedanken über die gewaltigen Ressourcen, die für den ambitiösen Bau verwendet wurden, steigen auf die höchsten Punkte der Festung und staunen über die strategische Lage der Stadt, die schon Caius Julius Caesar in seiner Schrift De bello gallico hervorhebt. Auf dem Rückweg in die Stadt besichtigen wir die Kathedrale Saint-Jean.
Von nun an bis zum letzten Abend unserer Reise ist das Wetter sonnig und heiss. Besançon behalten wir als eine sehenswerte Industrie- und Kulturstadt in Erinnerung, in der viele revolutionäre Gedanken entstanden sind, und die vom Massentourismus bis heute weitgehend verschont geblieben ist.
Am dritten Tage unserer Reise machen wir einen Tagesausflug von Besançon aus. Unser erstes Ziel ist die königliche Salzfabrik von Arc-et-Senans, erbaut 1775-79 nach Plänen von Claude-Nicolas Ledoux.
Nach den Plänen des Architekten wurde das Salzwasser für die Produktion von den salzhaltigen Quellen von Salins aus in einer siebzehn Kilometer langen Rohrleitung, die einen Meter unter der Erde verlief, in die saline von Arc-et-Salins geleitet. In einem langgezogenen Gebäude, einem Gradierwerk neben dem Fluss Loue, wurde das Salzwasser hydraulisch in die Höhe gepumpt und über das Gebäude, durch das der Wind blies, feinverteilt, so dass das Salzwasser durch Verdunstung weiter konzentriert wurde. Anschliessend wurde die Salzlake in den zwei grossen Produktionshallen der Saline erhitzt. Das Brennholz dazu kam aus der Forêt de Chaux gleich nebenan. Im Erdgeschoss des zentralen Hauses des Direktors befindet sich eine lehrreiche Ausstellung über die Geschichte der Salzgewinnung.
Weil die Bauten von Ledoux, unter anderem die Zollstationen am Pariser Stadtrand, einem verhassten Regime zur Besteuerung der Bevölkerung dienten, endete die Karriere des Architekten mit der Revolution. Ledoux zeichnete aber weiter Pläne für allerlei utopische Bauten und veröffentlichte sie 1804. Für das Museum der Saline sind diese Pläne als Modelle nachgebaut worden. Es zeigt sich in ihnen eine Modernität, die der damaligen Zeit weit voraus war.
Von Arc-et-Senans nach Dole dauert die Fahrt mit dem Zug 17 oder 19 Minuten, aber es fahren nur zwei Züge pro Tag. Dreimal pro Tag hält in Dole dafür der TGV von Lausanne nach Paris. Dole ist bis zur französischen Eroberung Hauptstadt der Franche-Comté und zwischen 1423 und 1691 Universitätsstadt.
Nach einem Mittagessen stellen wir die Persönlichkeiten vor, die in der Geschichte der Stadt eine Rolle spielten und auf dem fresque des Dolois von 2017 abgebildet sind. Dann besuchen wir das kleine, aber feine Kunstmuseum. Anschliessend staunen wir über die Ausmasse des Hôtel-Dieu, des Krankenhauses im Stil der Renaissance aus dem 17. Jahrhundert, gehen zur Brücke über den Doubs (Bild) und ins Quartier neben dem Canal des Tanneurs und steigen hoch zur gotischen Stiftskirche Notre Dame mit Renaissance-Einbauten, deren 75 Meter hoher Turm im Sommer an einigen Wochentagen geöffnet ist. Von oben überblicken wir die ganze Stadt, am Horizont sind Jurafelsen zu sehen. Es wird behauptet, dass man bei ganz klarem Wetter den Mont-Blanc sieht.
Von Dole nach Besançon fahren wir mit dem Regionalexpress TER, der jede Stunde verkehrt. Als wir uns in Besançon am nächsten Morgen von unserem Hotelier verabschieden und ihm mitteilen, dass wir nach Dijon reisen, fragt er: Vous allez manger des escarcots?
Hat uns das Hotel in Besançon gefallen? Die zentrale Lage hat Vorteile, aber für Menschen, die nachts gerne mit offenem Fenster schlafen, auch einen Nachteil. Die nachtaktive Jugend feiert gerne und laut. Einerseits ein Nachteil für den Schlaf, andererseits ein Zeichen für die Vitalität der Stadt.
Besançon ist mit 119,000 Einwohnerinnen und Einwohnern auf Position 32 der grössten Städte Frankreichs, Dijon mit 159,000 Personen auf Position 16. Die Region Franche-Comté, die Freigrafschaft, ging hervor aus dem Comté de Bourgogne und war Teil des Reiches, anders als das Herzogtum Burgund, Duché de Bourgogne, das meist zum Königreich Frankreich gehörte. Durch die Verwaltungsreform von 2016 bilden die beiden früheren Regionen Burgund und Franche-Comté jetzt zusammen die Région Bourgogne Franche-Comté mit der Hauptstadt Dijon.
In Besançon und Dijon benutzen wir die Strassenbahn. In Besançon gab es Strassenbahnen von 1887 bis 1952, in Dijon von 1888 bis 1961, wieder eingeführt wurden sie in Dijon 2012, in Besançon 2014.
In Dijon lassen wir unser Gepäck im Hotel, das sich neben dem herzoglichen Palast befindet, neben dem Palais des ducs et des états de Bourgogne, in dem die drei Herzöge Jean Sans Peur / Johann Ohnefurcht, Philippe le Bon / Philipp der Gute und Charles le Téméraire / Karl der Kühne das Licht der Welt erblickten. Noch im Hotel verschaffen wir der Gruppe einen Überblick über das Leben und die Verdienste der zwei ersten der vier grossen Burgunderherzöge, die aus der französischen Königsfamilie der Valois stammen.
Der erste dieser vier ist Philippe le Hardi / Philipp der Kühne (1342-1404), Sohn des französischen Königs Jean II le Bon. Sein Grabmal befindet sich heute im Herzogspalast Dijon. Durch seine Heirat mit der Erbin der Grafschaft Flandern kamen die reichen Hafenstädte Gent und Brugge zum Herzogtum Burgund. Sein Nachfolger und Sohn Jean sans Peur / Johann Ohnefurcht (1371-1419) ist vor allem dadurch bekannt, dass er seinen Cousin Louis d’Orléans in Paris ermorden liess, den Bruder des durch Anfälle von Wahnsinn geschwächten französischen Königs Charles VI. Nicht zufällig wurde Johann Ohnefurcht dann von dessen Sohn ermordet, dem Dauphin und zukünftigen Charles VII, gekrönt in Reims 1429 dank dem beherzten Eingreifen der heldenhaften Jeanne d’Arc, verbannt als Ketzerin 1431, heiliggesprochen 1920. Wobei wir die Frage offenlassen wollen, ob Charles le Fou, der seit August 1392 meist geistesgestörte Phasen hatte und sich auch nicht mehr waschen wollte, wirklich der Vater des 1403 geborenen Dauphins war, ob der von Jeanne d’Arc unterstützte Kandidat also wirklich der dynastisch rechtmässige Nachfolger war. Dazu müssten wir seine Mutter Isabeau de Bavière befragen, die bei der Unterzeichnung des Vertrags von Troyes 1420 meinte, der Dauphin sei in Wirklichkeit ein Bastard, könne also enterbt werden. Dieser Vertrag, inzwischen als Tiefpunkt in der Geschichte der französischen Nation interpretiert, wurde vom Sohn des ermordeten Jean sans Peur / Johann Ohnefurcht, vom Burgunderherzog Philippe le Bon / Philipp dem Guten, Nummer drei der vier Herzöge, eingefädelt. In ihm steht, dass die französische Krone dem englischen König Henry V zusteht, der zwei Jahre später stirbt.
Auf dem halbrunden Platz gegenüber dem Herzogspalast essen wir in einem Restaurant ein leichtes Mittagessen, das zum heissen Sommerwetter passt. Dann begeben wir uns in den Palast selbst, in dem sich das Kunstmuseum befindet.
Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehören das Grabmal von Philippe le Hardi / Philipp dem Kühnen mit seinen dreissig pleurants, Statuen aus Alabaster, die einen Trauerzug darstellen. Das Grabmal wurde geschaffen von Claus Sluter, einem Bildhauer aus den burgundischen Niederlanden, der von etwa 1350 bis 1405 oder 1406 gelebt hat. Er wird der Epoche der Gotik zugerechnet, und doch kündigen seine Werke die kommende Renaissance an. Im gleichen Raum befinden sich auch die Grabmäler für seinen Sohn und Nachfolger Jean sans Peur / Johann Ohnefurcht und für dessen Gemahlin Marguerite de Bavière / Margarete von Bayern, Tochter des Grafen von Hainaut / Hennegau, von Holland und von Zeeland. Ursprünglich standen die Grabmäler in der eigens dafür erbauten Abteikirche von Champmol, die nach dem Vorbild von Saint-Denis als Begräbniskirche der herzoglichen Dynastie diente. Von dort stammen auch die prachtvollen gotischen Altäre des Holzschnitzers Jacques de Baerze und des Malers Melchior Broederlam, die zwischen 1390 und 1399 entstanden sind (von dort das Bild mit der Verkündigung weiter oben).
Wir lenken die Aufmerksamkeit unserer Reisegruppe im Museum auch auf das politische Kunstwerk Glorification de la Bourgogne zu Ehren der princes de Condé, die das Burgund vor der Revolution verwalteten, an der Decke des Saals mit den Skulpturen – ein Kunstwerk, das als Kopie des barocken Deckengemäldes Trionfo della Divina Provvidenza im römischen Palazzo Barberini bestellt worden war. Zu Ehren der Gouverneure wurde übrigens auch der Triumphbogen Porte Guillaume errichtet, an dem wir auf dem Weg vom Stadtzentrum zum Bahnhof jeweils vorbeigehen.
Die Kunstmuseen von Besançon und Dijon sind Orte, die man auch ein zweites Mal besichtigen kann, ohne sich zu langweilen. In Dijon halten alle direkten Züge von Zürich und Basel nach Paris, was die Planung eines Aufenthalts für alle Bahnreisenden vereinfacht.
Am Ende des Nachmittags nehmen wir an einer Führung des Tourismusbüros teil, die uns auf verschlungenen Pfaden auf den Turm des Herzogspalasts (Tour Philippe le Bon) führt, von wo wir die Altstadt überblicken.
Am Sonntagmorgen fahren wir mit dem Zug den prestigeträchtigen Weinbaugebieten des département Côte d’Or entlang nach Beaune. Wir kommen früher an als die Hitze und die vielen anderen Menschen, die sich die hospices de Beaune ansehen wollen, eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Region.
Sohn und Nachfolger von Herzog Jean sans Peur war wie erwähnt Philippe le Bon / Philipp der Gute (1396-1467), der 1404 nach dem Mord an seinem Vater die Regierung des Herzogtums übernahm. Ihm diente Jean Rolin während vierzig Jahren als Kanzler. In dritter Ehe war Jean Rolin mit Guigone de Salins verheiratet. Ihren Reichtum verwendeten die beiden für den Bau des Hospizes für die Armen und Kranken der Stadt Beaune, das während mehr als fünfhundert Jahren im gleichen Gebäude untergebracht war.
Buntglasierte Ziegel und Schiefertafeln decken die verschiedenen Gebäudeteile. Der geräumige Saal des Hospizes, damals noch in Betrieb, war Schauplatz des Kultfilmes La grande vadrouille mit Louis de Funès und Bourvil von 1966. Der Film war während vierzig Jahren der erfolgreichste Film Frankreichs.
Die Gebäude selbst sind eine Sehenswürdigkeit. Der Besuch würde sich aber auch allein wegen dem Gemälde Le Jugement dernier / Das Jüngste Gericht von Rogier van der Weyden lohnen, welches vor der Eröffnung des Hospizes Ende 1451 gemalt wurde, seither in Beaune geblieben ist und in einem klimatisierten Raum vor dem Ende des Rundgangs ausgestellt ist. Auf den Aussenflügeln des Alters sind in Grisaille oben die Verkündigung mit Maria und der Engel Gabriel zu sehen, unten ebenfalls in Grisaille die Heiligen Sebastian und Antonius, links und rechts aussen etwas farbiger Nicolas Rolin und Guigone de Salins kniend und betend als Stifter. Die neun Bildtafeln des 5.5 Meter langen geöffneten Altars strahlen dafür in prachtvoller Farbigkeit. Die zentrale Bildtafel zeigt den auferstandenen Jesus als Richter und den Erzengel Michael, der die Seelen wägt.
Nach einem Mittagessen in Beaune fahren wir nach Dijon zurück und besichtigen das archäologische Museum, wo wir die Statue der Heiligen Sequana suchen und finden, sowie die Kirche Notre-Dame aus dem 13. Jahrhundert. An ihrer Westfassade befinden sich drei Reihen von fantastischen Figuren, die wie Wasserspeier aussehen. Im Innern betrachten wir Glasfenster aus der Erbauungszeit.
Am Montag, wenn die meisten Museen geschlossen sind, besuchen wir in der ehemaligen Abtei Champmol, etwa zwanzig Minuten zu Fuss vom Bahnhof Dijon, die Begräbniskirche der Herzöge, in der ursprünglich die drei Grabmäler standen, die wir am Samstag im Herzogspalast von Dijon gesehen haben. Der Bildhauer Claus Sluter hat am Mittelpfeiler des Eingangsportals die Heilige Maria dargestellt, links vom Eingang steht Johannes der Täufer, rechts die Heilige Katharina, beide Figuren sind gross, klein knien vor den beiden Heiligen Herzog Philippe le Hardi / Philipp der Kühne und seine Gemahlin, Marguerite III de Flandre / Margarete von Flandern, beide richten sich im Gebet auf Maria in der Mitte. Noch bekannter als dieses Portal ist ein späteres Werk Sluters im Innenhof des Gebäudekomplexes, der heute eine psychiatrische Klinik ist, nämlich der sogenannte Mosesbrunnen. Dort sind sechs Propheten dargestellt, unter ihnen Moses. Der Realismus der Statuen nimmt nach Ansicht von Kunsthistorikern die Renaissance vorweg. Der erhaltene Teil war anfänglich Sockel eines Kalvarienberges, auf dem ein grosses Kreuz stand. Die sechs ausdrucksvollen Engelstatuen trauern um den Gekreuzigten.
Gegen Ende des Vormittags setzen wir uns in den Bus und fahren für einen Tagesausflug durch die burgundische Hügellandschaft nach Autun. Die Stadt hatte in römischer Zeit ein Theater mit 20,000 Plätzen. Heute leben hier noch gerade 13,000 Menschen, Tendenz seit Jahrzehnten sinkend. Von Dijon nach Autun fahren wir mit einem direkten Ersatzbus der Staatsbahn.
Seit einigen Jahren fährt kein Zug mehr nach Autun – die übliche öV-Anbindung erfolgt über den Bahnhof Étang-sur-Arroux auf der Linie Dijon-Nevers und von dort per Bus. Von Juli 2023 bis Februar 2024 ist die Linie Chalon-Nevers wegen Bauarbeiten ausser Betrieb.
In Autun interessieren uns nach einem günstigen Mittagessen im gut bewerteten und zentralen Restaurant Le Central nicht die erhaltenen römischen Stadttore, sondern die Kathedrale aus dem 11. Jahrhundert mit ihren romanischen Skulpturen im Tympanon über dem Hauptportal und an den Kapitellen des Kirchenschiffs. Sind sie schön? Im 18. Jahrhundert fand man die Darstellungen des Tympanons so hässlich, dass man sie mit Mörtel bedeckte. So ändern sich menschliche Wertvorstellungen.
Der Bildhauer selbst fand sein Werk immerhin so bedeutend, dass er es signierte: Gislebertus hoc fecit. Das war damals unüblich. aber wir geben ihm Recht. Am meisten gefallen mir persönlich die Kapitelle, die meisten mit Darstellungen biblischer Szenen. Vor wenigen Jahren sind die Kapitelle von ihrer Schmutzschicht befreit worden, sie sehen deswegen aus wie neu. Sie sind auch gut beleuchtet.
Einige bekannte Kapitelle befinden sich im Kapitelsaal, der zurzeit leider wegen Arbeiten nicht zugänglich ist. Geschlossen bis 2026 bleibt auch das Musée Rolin im hôtel particulier, das der Kanzler Nicolas Rolin für sich in seiner Heimatstadt Autun erbauen liess.
Am Dienstag packen wir in Dijon unsere Siebensachen, fahren mit der kostenlosen Navette zum Bahnhof, setzen uns in den Zug, steigen in Mâcon um und kommen am frühen Nachmittag in Bourg-en-Bresse an, wo wir in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Zimmer beziehen in einem Hotel mit einem grossen Park, der sich hinter hohen Mauern verbirgt.
Die grösste Sehenswürdigkeit von Bourg-en-Bresse befindet sich ausserhalb des Zentrums dieser Stadt mit 42,000 Einwohnern. Es handelt sich um die Begräbniskirche der ehemaligen königlichen Abtei Brou. Bourg-en-Bresse gehört heute nicht mehr zum Burgund, sondern zur Region Auvergne-Rhône-Alpes. Wir kämpfen uns tapfer durch die Hitze, das Thermometer, zeigt 38 Grad Celsius.
Die Abteikirche Brou ist ein Werk von Künstlern aus den burgundischen Niederlanden, vor allem aus Brabant. Bauherrin war Marguerite d’Autriche / Margarete von Österreich, Tochter von Kaiser Maximilian und Maria von Burgund, Erbin Karls des Kühnen. Als Dreijährige wurde Margarete im Rahmen eines Friedensschlusses mit dem zehn Jahre älteren Dauphin verheiratet, anschliessend wuchs sie am französischen Hof als zukünftige Königin auf. Weil die politischen Prioritäten Frankreichs sich änderten, wurde sie dreizehnjährig zurückgeschickt zu ihrem Vater nach Flandern. Im April 1497 heiratete sie in Burgos den spanischen Thronfolger Felipe. Der starb aber nach wenigen Monaten. Schliesslich ein dritter Versuch: sie heiratete, inzwischen fast zweiundzwanzigjährig, Ende 1501 in Romainmôtier im savoyischen Waadtland Herzog Philibert II von Savoyen. Margarete liebte ihren Gatten sehr, aber ihr Glück endete 1504, als Philibert starb, vermutlich an einer nicht behandelten Lungenentzündung.
Nach drei Ehen wollte Marguerite nicht mehr heiraten. Ihr Vater Maximilian bot ihr die Regentschaft über die burgundischen Niederlande an, die sie bis zu ihrem Tod von Mechelen aus verwaltete. In Bourg-en-Bresse, nicht weit von dem Ort, wo ihr dritter Mann gestorben war, liess sie von 1513 bis 1532 eine Begräbniskirche erbauen für ihn, für dessen Mutter Marguerite de Bourbon und für sich selbst.
Marguerite d’Autriche war eine gebildete Frau, sie erzog an ihrem Hof auch den im Jahr 1500 geborenen späteren Kaiser Charles Quint / Karl V, den Sohn ihres früh verstorbenen Bruders. Sie kannte die wichtigsten Vertreter des Humanismus persönlich. Erasmus von Rotterdam schrieb 1516 im Hinblick auf die Erziehung ihres Zöglings einen Leitfaden für eine friedliche Politik auf der Basis christlich moralischer Grundsätze mit dem Titel Institutio Principis Christiani / Die Erziehung des Christlichen Fürsten.
Die Grabmäler im Monastère royal de Brou sind inspiriert von den Grabmälern im Herzogspalast von Dijon. Die Statuen von Trauernden aus Alabaster ähneln denen in Dijon. Die Statuen von Philibert und Marguerite d’Autriche sind verdoppelt: oben liegen die Verstorbenen in ihrem herrschaftlichen Ornat, unten so, wie sie beim Jüngsten Gericht vor ihrem Richter erscheinen.
Die Abteikirche ist sehr gut erhalten mit ihren feinen Steinmetzarbeiten. Sie stellen Margeriten dar, mit steinernen Seilen verflochtene Buchstaben P und M, Inschriften mit der Devise der Bauherrin FORTUNE INFORTUNE FORT UNE. Gut erhalten sind auch die Glasfenster mit den Wappen der Gebiete, in denen Philibert und Marguerite geherrscht haben, und mit Darstellungen der beiden als Stifter, kniend und betend.
Unsere Reise hat während einer ausgesprochenen Hitzewelle stattgefunden, zeitweise sogar während einer alerte canicule, die wir nicht eingeplant hatten. Tröstlich ist der Umstand, dass alte Kathedralen und Kirchen im Hochsommer einen willkommenen und natürlichen Schutz vor Hitze bieten.
Den letzten Abend unserer Reise verbringen wir während einem ersten heftigen Gewitter bei einem gemeinsamen Abendessen im Restaurant Le Français im Stadtzentrum von Bourg-en-Bresse. Es ist ein gutbürgerliches französisches Restaurant alter Schule mit entsprechendem Publikum, Personal und Dekor, mit einer geringen Auswahl an vegetarischen Gerichten, aber dafür mit lokalen Geflügelspezialitäten – für das Poulet de Bresse gibt es schliesslich sogar eine Appellation d’origine contrôlée (AOC).
Am nächsten Vormittag steigen wir in Bourg-en-Bresse in den TGV Paris-Genf und fahren durch die wolkenverhangene Schlucht des Flusses Ain, der dem Département 01 den Namen gibt, und dem See von Nantua entlang nach Bellegarde und in die Schweiz.
Als Organisator der Reise haben mich die politischen Rahmenbedingungen interessiert, in denen die besuchten Kulturdenkmäler entstanden sind. In vielen Buchhandlungen im Burgund liegt zurzeit das Buch des belgischen Autors Bart van Loo: Les Téméraires, die Geschichte der vier burgundischen Herzöge auf 689 Seiten. Als ich das Buch gelesen hatte, sah ich, dass es auch in einer deutschen Fassung veröffentlicht wurde mit dem Titel Burgund. Das verschwundene Reich. Das Buch ist spannend geschrieben, oft mit einem leichten ironischen Unterton, der durchaus wohltut angesichts der unzensurierten Schilderung von Intrigen, Morden und kriegerischen Untaten. Es hält sich aber an historische Fakten, so behauptet zumindest der Autor, der auch Historiker ist. Leider behandelt der Autor die Auseinandersetzung Karls des Kühnen mit den Eidgenossen, die zum katastrophalen Ende der burgundischen Eigenstaatlichkeit führte, nur ganz am Rande und etwas gar oberflächlich. Für diesen Aspekt habe ich mich in meinem eigenen Büchergestell bedient, da half mir die vierbändige Geschichte Berns von Professor Richard Feller von 1946 weiter. Gewiss gibt es da aber noch weitere Quellen, keine Frage.
Lohnt es sich, die nahe Region Bourgogne-Franche-Comté mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bereisen? Wir haben auf einige kulturelle Höhepunkte verzichtet, weil sie so nur umständlich oder gar nicht zu erreichen sind: auf die Kirche von Vézelay zum Beispiel, auf die Abteien Cluny und Cîteaux, von denen allerdings nur noch wenig zu sehen ist, auf die Abtei Fontenay, auf das Courbet-Museum in Ornans, auf die unterirdischen Hebewerke des Salzbergwerks in Salins, auch auf Sehenswürdigkeiten der Natur, die uns sehr gefallen, wie die von Courbet oft gemalte Quelle der Loue, die Wasserfälle des Hérisson oder die Source Bleue hinten im Tal des Flüsschens Cusançin.
Andere Orte haben wir nicht in unser Programm aufgenommen, weil jede Reise einmal enden muss. Durchaus mit dem Zug zu erreichen sind das von kleinen Wasserläufen durchflossene Städtchen Arbois mit seinen jurassischen Weinen, unweit davon die Stadt Lons-le-Saunier, dann die Stadt Sens kurz vor Paris, aber noch im Burgund, mit ihrer gotischen Kathedrale, weiter das Städtchen Tournus an der Sâone mit seiner romanischen Kirche, nicht zu vergessen die bekannten Weinbaugebiete zwischen Dijon und Macon, die Industriestadt Le Creusot und die Städte Belfort, Montbéliard und Luxeuil-les-Bains im Norden. Sogar Ronchamp mit der bekannten Kapelle Notre-Dame du Haut von Le Corbusier ist per Bahn erreichbar. Reisen ohne eigenes Auto sind mit Geduld und guten Schuhen also durchaus möglich. An die Orte, die nicht per Bus zu erreichen sind, fahren die eigenen Fahrräder oder die Taxis.
Einige erwähnte Orte wirken ausserhalb der Saison etwas verschlafen. Seit vierzig Jahren fahren die Hochgeschwindigkeitszüge von Paris nach Lyon und Südfrankreich ohne Halt durch das Burgund. Die Region, ein altes Zentrum europäischer Kultur, grösser als die Schweiz und mit einer Bevölkerung von nur 2,8 Millionen, ist ein Randgebiet geworden. Gut für Menschen, die in der Nähe der hektischen Schweiz Ruhe und Beschaulichkeit suchen.
Schaffhausen, 20. Mai 2023
Den Ausflug nach Schaffhausen habe ich in unser Programm aufgenommen aus Neugier. Ich wusste wenig über die Stadt an der nördlichen Peripherie der Schweiz. Sie ist ja auch kaum je in den Schlagzeilen.
Es ist klar, dass Einheimische mehr über ihre Stadt wissen als ich Auswärtiger. Einem Fremden fallen aber Dinge auf, die den Lokalen selbstverständlich erscheinen. Beispiel: Der Aushang der Schaffhauser AZ. Wo gibt es das noch? Eine Zeitung lesen beim Stehen auf der Strasse, ohne sie zu kaufen, ohne auf das Mobiltelefon zu blicken, ohne Fragen zu Cookies.
Die Schaffhauser AZ ist der letzte Rest einer wichtigen Tradition. Die Arbeiterschaft hatte bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre Printmedien, Alternativen zu den Zeitungen des Bürgertums. In ihnen äusserte sich eine andere Meinung. In ihnen wurden andere Perspektiven entwickelt. Diversität!
Nach einer Einführung gehen wir weiter zum Schwabentor am nördlichen Rand der Altstadt. Dort angebracht als Begrüssung für die Gäste die Tafel mit dem Spruch Lappi tue d’Augen uf. Darüber ein Relief, ein gebückter Mann mit Mütze und einem Ferkel unter dem Arm. Wohl kein Kuhschweizer, vermutlich ein Sauschwabe. Der Person zu Füssen zwei Autos. Offiziell keine Beleidigung der Nachbarn, sondern eine Aufforderung, auf den Strassenverkehr zu achten.
Wir machen rechtsumkehrt und sehen uns das Haus zum Käfig an, an dem wir schon vorbeigegangen sind, mit einer Fassadenmalerei aus dem Jahr 1675, die im Laufe der Zeit mehrmals erneuert wurde. Der damalige Besitzer, Gerichtsherr und Grossrat, zeigte mit den Inschriften in fünf Sprachen nicht nur seine Bildung, sondern feierte auch den Triumpf des Rechts über die Tyrannei. In einem Käfig ist der gefangene Sultan Bayezid I abgebildet, der im Jahr 1402 in der Schlacht von Ankara vom zentralasiatischen Herrscher Tamerlan (Timur) gefangen genommen wurde.
Erklärend steht lateinisch Gloriae per violentiam partae tandem finis est infamia, das heisst: das Ende der durch Gewalt erzeugten Ehre ist schliesslich die Schande, und darunter als Bildlegende der Reim:
Der türkisch Kaiser Bayazet will jedermann bezwingen,
und under sein tyrannisch joch und stolzen waaffen bringen
das blätlein aber wendt sich umm der dapfre Tamerlan
der tartarn fürst bindt in im krieg an guldne fäszel an
sperrt in ihn ein grosz kefich ein, zum sigs gepräng zu zeigen
für einen schämel braucht er in, wan er zu pferd wolt steigen
der strik der jemand andern legt wirdt selbsten im zu lon
wer ruhm sucht durch gewalt und list, findt schaden spott und hon.
Nach dieser Belehrung sehen wir uns den Erker an der Vorstadt 17 an, wo fünf Figuren die fünf Sinne darstellen, und gehen weiter zum Mohrenbrunnen (das Original der Brunnenfigur im Museum Allerheiligen) und zum Fronwagplatz, wo früher die Waren gewogen wurden, die auf dem Rhein in Schaffhausen ankamen und auf Fuhrwerken bis ans untere Ende des Rheinfalls transportiert wurden. Auf dem Platz die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass sich in Schaffhausen die Wappen für die Stadt und für den Kanton unterscheiden.
Am Rathaus dann die Skulptur eines Schafbocks, auch hier: das Original ist im Museum. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite an einem Erker das Rad der Fortuna.
Vor dem Rundgang habe ich mir die Frage gestellt, warum wir uns im christlichen Europa nicht von der heidnischen Göttin Fortuna trennen konnten. Dass Fortuna menschlichen Auf- und Abstieg durch das Drehen eines Rads verursacht, widerspricht der christlichen Mehrheitsmeinung, die uns bei guter Lebensführung allerlei Belohnungen verspricht, spätestens im Jenseits. Sie passt auch nicht zur calvinistischen Vorstellung der Prädestination, nach welcher der allmächtige und unbestechliche Gottvater schon zum vornherein festgelegt hat, ob wir gerettet werden oder zu ewiger Verdammnis verurteilt sind. Fortuna dreht am Rad, kümmert sich nicht darum, wer gut oder böse ist, und lacht über die Moral der Menschheit.
Der unschuldig zum Tod verurteilte Philosoph Boethius (Lebensdaten 480 oder 485 bis 524 oder 526), der im Jahr 524 oder 526 stirbt, lässt Fortuna in seiner Schrift Trost der Philosophie als Person auftreten. Fortuna treffen wir wieder bei Dante, bei Bocaccio, bei Macchiavelli. In der Renaissance wird sie wie andere Götter der Antike wieder populär.
Beim bemalten Haus zum Ritter, etwas weiter unten an der Vordergasse, bleiben wir wieder stehen. Es wurde bemalt 1568-70 vom Schaffhauser Maler Tobias Simmer, der sich im Bild selbst auch dargestellt hat. Von Simmer stammt ein Porträt des bedeutenden Zürcher Renaissancegelehrten Conrad Gessner, das im Museum Allerheiligen ausgestellt ist. Weitere Figuren an der Fassade des Hauses sind der Römer Marcus Curtius, Odysseus und seine Gefährten, Circe sowie der Baum der Lotophagen, dargestellt als nackte Frauenfigur. Seine (oder ihre) Früchte sind so süss, dass die Mannschaft ihre Odyssee nicht fortsetzen will.
An der gleichen Gasse liegt auch das Geburtshaus der Maria Meyer (1802-1855), die als vaterloses Kind der missratenen und deswegen im städtischen Arbeitshaus verwahrten Helene Meyer zu Verwandten kommt und dann im württembergischen Ludwigsburg den Dichter Eduard Mörike kennenlernt, der sich in sie verliebt, sich aber wegen ihrem Lebenswandel bald wieder von ihr trennt. Mörike denkt weiter an sie und setzt seiner Peregrina literarische Denkmäler.
Ein gewichtiges literaturgeschichtliches Denkmal ist die viereinhalb Tonnen schwere Schillerglocke neben dem Kreuzgang des Klosters Allerheiligen. Das Motto vivos voco mortuos plango fulgura frango – ich rufe die Lebenden, beklage die Toten, breche die Blitze – steht auf der Glocke geschrieben und dient Friedrich Schiller als einleitende Worte zum Lied von der Glocke.
In dem langen Gedicht beschreibt er das Giessen einer Glocke. Besonders bekannt ist die folgende Textstelle:
Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
Doch wehe, wenn in Flammenbächen
Das glühnde Erz sich selbst befreit!
Blindwütend mit des Donners Krachen
Zersprengt es das geborstne Haus,
Und wie aus offnem Höllenrachen
Speit es Verderben zündend aus;
Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten,
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.
Geschrieben wird das Gedicht 1799, als sich abzeichnet, dass die Französische Revolution mit ihrer expansiven Vorstellung von Freiheit zu Krieg und Zerstörung führt. Vielleicht hat die Warnung des Autors auch in der Gegenwart ihre Berechtigung. Gerechte Kriege im Namen der Freiheit und der Menschenrechte haben wir 1999 gegen Jugoslawien gesehen, 2003 gegen den Irak, 2011 gegen Libyen, zwanzig Jahre lang gegen die afghanischen Taliban. Der ewige Krieg geht auch heute jeden Tag weiter, mit scharfer Munition, immer für die Freiheit und gegen das Böse, mit europäischer Beteiligung und mit den allerbesten Absichten.
Im Münster, in der ehemaligen Klosterkirche, finden wir die (neu, aber nach dem Original gehauenen) Grabplatten der Stifterfamilie des Klosters Allerheiligen aus dem 11. Jahrhundert und die Grabplatte eines im Dreissigjährigen Krieg gefallenen Pappenheimers.
Weil wir unterwegs Kaffee trinken, auch die Stadtkirche besuchen und doch einiges zu erzählen haben, reicht es vor der Mittagspause nicht mehr für eine Besichtigung der massiven, 1564-1589 erbauten Festung Munot. An dieser Stelle nur ein Satz, zitiert aus der entsprechenden Broschüre der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte: Wehrtechnisch gesehen war der mit ungeheuren Kosten errichtete Munot eigentlich schon von Anfang an veraltet…
Glücklicherweise zeigen sich keine Feinde. So wird der grosse Platz oben auf der Festung bald ein Treffpunkt zum Tanzen. Daran erinnert das neckische Liedchen vom Munotglöckchen von 1911, das wir vorlesen (bessere Stadtführer würden es gewiss singen).
Nach der Mittagspause und dem Besuch des Museums Allerheiligen fahren wir mit einigen Unentwegten zum Rheinfall, zum mächtigen, permanenten, unaufhaltsamen Spektakel für Schaulustige aller Herren Länder.
Wenn das Reisen in Gruppen verboten ist, bleibt als Ausweg das Gehen allein oder zu zweit in der näheren Umgebung. Ein Bericht über zehn Wanderungen durch schweizerische Kultur- und Naturlandschaften, meist abseits der bekannten Wanderrouten. Sieben Wanderungen führen geradeaus nach Osten, drei nach Westen. Eine Wegbeschreibung finden Sie hier