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Zürich, den 19. Oktober 1872.
Hochverehrter Herr und Freund!
Mit geschätztem Schreiben vom 16. dss. Mts, welches ich gestern Abend bei meiner Rückkehr von einer kleinen Abwesenheit vorfand, theilen Sie mir mit, daß die Beschwerden, welche von Italienischer Seite geltend gemacht werden, wesentlich darin bestehen, daß 1., bei der Konkurrenzausschreibung für den großen Tunnel kein «cahier des charges» vorgelegen und daß 2., Herr Oberingenieur Gerwig am 13. Juni dss. J. dem Herrn Grattoni eine Rechnung zugestellt habe, aus welcher sich ergebe, daß zwischen dem Angebote von Favre und demjenigen der Italienischen Gesellschaft nur ein Unterschied von höchstens 7 Millionen Franken bestanden habe, während dieser Unterschied jetzt auf 12½ Millionen Franken angegeben werde.
Sie ersuchen mich sodann, Ihnen über beide Punkte, namentlich aber über den zweiten, genauen Aufschluß zu ertheilen.
ad 1., Die Direktion der Gotthardbahn hat allerdings, indem sie die Ausführung des großen Gotthardtunnels unter dem 5. April d. J. zu allgemeiner Konkurrenz ausschrieb, kein cahier des charges aufgestellt, sondern es für geeigneter erachtet, die Bauunternehmer | einzuladen, ihr «in möglichst bestimmter Fassung mitzutheilen, unter welchen Bedingungen, nach welchem Verfahren, innerhalb welcher Frist und mit welchen Garantien sie sich anerbieten, den Gotthard tunnel oder die eine Hälfte desselben fertig herzustellen.»
Ohne Zweifel stand es der Direction frei, diesen Weg einzuschlagen und daß sie wohl daran gethan hat, ihn zu betreten, dürfte aus dem Erfolge, der erzielt worden ist, auf das unzweideutigste hervorgehen.
Warum es bei dieser Art zu verfahren «unmöglich» gewesen sein soll, «genaue und zuverlässige Angebote zu machen», ist schwer einzusehen. Die Angebote, die erfolgt sind und die ich Ihm, falls Sie es wünschen sollten, mit Vergnügen zur Einsicht vorlegen werde, beweisen am besten das Gegentheil und unter denselben ließ gerade dasjenige der Italienischen Baugesellschaft wenn auch sehr viel hinsichtlich der Preise, doch hinwieder gar nichts mit Bezug auf seine «Genauigkeit und Zuverlässigkeit» zu wünschen übrig.
Wenn dann noch behauptet wird, «diejenigen Bewerber seien im Vortheile gewesen, welchen die Direktion mündlich und als besondere Gunst die erforderlichen Aufschlüsse gegeben habe,» und wenn damit offenbar angedeutet werden will, die Direction habe den verschiedenen Bewerbern gegenüber nicht das gleiche Verfahren in Anwendung gebracht und die Italienische Gesellschaft sei das Opfer dieser ungleichen Behandlung geworden, so stehen wir neuerdings vor einer Behauptung, deren Unwahrheit glücklicher Weise auf aktenmäßigem Wege nachge| wiesen werden kann. In Folge der mit den einzelnen Bewerbern gepflogenen Verhandlungen waren, wie die Direction in ihrem Schreiben an den Bundesrath vom 17. August, vermittelst dessen sie die Genehmigung des Vertrages Favre nachsuchte, in einläßlichster Weise dargelegt hat, nur noch zwei Konkurrenten übrig geblieben, die in Betracht kommen konnten, und zwar Herr Favre und die Italienische Baugesellschaft. Diese beiden Konkurrenten wurden nun zu einer letzten und abschließlichen Verhandlung über ihre Angebote nach Zürich berufen, Herr Favre auf den 28. Juni und die Italienische Gesellschaft auf den 29. Juni. Sie wollen in der Beilage I No 1–6 die hierüber mit der Italienischen Gesellschaft gepflogene Korrespondenz einsehen. Am 28. Juni fand die Verhandlung mit Herrn Favre Statt. Sie wurde an demselben Tage zu Ende geführt und hatte zur Folge, daß Herr Favre ein letztes Angebot, welches sein früheres mehrfach präcisirte und modifizirte, einreichte. Am 29. Juni sodann erschien am Vormittage vorest als alleiniger Repräsentant der Italienischen Gesellschaft Herr Commandeur Borelli. Herr Oberingenieur Gerwig und ich sprachen nun das Angebot seiner Gesellschaft, Artikel für Artikel in der einläßlichsten Weise mit ihm durch und wir verfehlten nicht, ihm alle Stipulationen des Angebotes, welche wir für unzuläßig hielten, unter Angabe der Gründe, welche uns hiebei leiteten, zu bezeichnen, sowie ihn des nachdrücklichsten darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn die Italienische Gesellschaft mit Aussicht auf Erfolg konkurriren | wolle, sie ihre Forderungen noch in sehr erheblichem Grade ermäßigen müsse. Am 29. Juni Nachmittags fand sich Herr Borelli neuerdings, und zwar dießmal in Begleitung von zwei Mitgliedern des Verwaltungsrathes der italienischen Gesellschaft, bei mir ein. Es wurde hauptsächlich die finanzielle Seite des Angebotes der Italienischen Gesellschaft besprochen. Ich äußerte mich wieder in gleichem Sinne, wie ich es am Vormittage Herrn Borelli gegenüber gethan. Schließlich lud ich die Repräsentanten der Italienischen Gesellschaft ein, nunmehr auf Grundlage der mit ihnen Statt gehabten Verhandlungen ein abschließliches Angebot an die Direction gelangen zu lassen. Herr Borelli bat mich, ihm zu diesem Behufe verschiedene Redactionen, welche im Laufe der Statt gehabten Konferenz von Herrn Oberingenieur Gerwig und von mir zu Sprache gebracht worden waren, in schriftlicher Ausfertigung zustellen zu wollen. Ich entsprach diesem Wunsche, wie aus Beilage I No 7 zu ersehen ist. Herr Borelli hatte dann am 30. Juni und 1. Juli noch verschiedene informative Unterredungen mit Herrn Oberingenieur Gerwig und am 1. Juli reichte er Namens der Italienischen Gesellschaft ein abschließliches Angebot ein, dessen Wortlaut in Beilage I No 8 und 9 enthalten ist. Nach dieser aktenmäßigen Darlegung des Sachverhaltes wollen Sie nun selbst darüber urtheilen, ob wir nicht mit der Italienischen Gesellschaft «mündlich» verhandelt und ihr «die erforderlichen Aufschlüsse» ertheilt haben. |
ad 2., Ueber diesen Punkt habe ich Herrn Oberingenieur Gerwig um eine Berichterstattung ersucht, von welcher ich Ihnen eine Abschrift als Beilage II zu übermitteln das Vergnügen habe. Ich denke, Sie werden mit mir finden, daß die darin enthaltene Auskunft nichts zu wünschen übrig läßt.
Zum Schlusse glaube ich Ihnen noch mittheilen zu sollen, daß Maraini mir neuerdings aus Italien schreibt, es sei nicht daran zu denken, daß das Italienische Ministerium es wagen dürfte, uns wegen des Verfahrens, das wir bei Vergebung des großen Tunnels in Anwendung gebracht haben, Schwierigkeiten zu bereiten.
Mit freundschaftlichem Gruße
Ihr 1