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Die Kirche Sainte Bernadette du Banlay in Nevers (F), gebaut von Claude Parent und Paul Virilio zwischen 1964 und 1966, ist das Manifest der französischen Architekten- und Künstlergruppe Architecture Principe. Die Eröffnung des Bauwerks war ein Skandal. Jean Nouvel war als junger Architekt im Büro von Parent und Virilio tätig. Der Kirchenbau in Nevers schlägt dadurch eine Brücke zur radikalen Architektur des KKL in Luzern.
Nevers. Seit 1958 hatte sich Paul Virilio mit der Archäologie der Bunkeranlagen aus dem II. Weltkrieg entlang des Atlantikwalls in der Normandie beschäftigt. Zusammen mit dem Architekten Claude Parent, dem Maler Michel Carrande und dem Plastiker Morice Lipsi gründete Virilio die Gruppe Architecture Principe. Sie löste sich 1968 wieder auf. In der kurzen Zeit ihres Bestehens erschienen zwischen Januar und Dezember 1966 neun Ausgaben der gleichnamigen Zeitschrift. Gleichzeitig wurde die Kirche Sainte Barnadette du Banlay im französischen Nevers realisiert. Sie gilt als gebautes Manifest der Gruppe.
Jean Nouvel arbeitete nach seinem Studium an der École des Beaus-Arts bei den beiden philosophes de l’urbanisme Parent und Virilio. Ihm wird in Erinnerung sein, dass der Neubau in Nevers bei der Eröffnung ein kleiner Skandal war. “C’est une église”, titelte das Blatt L’Union am 10. Dezember 1966 lakonisch. Und die Architectural Review nannte die Architekten “incorrigible propagandists”. Hätte sich ob der Radikalität von Jean Nouvels KKL Luzern 1998 anlässlich der Eröffnung des Konzertsaals nicht auch Ähnliches ereignen können?
Die Schräge und der Monolith als Programm
Avantgardistisch und kritisch gegenüber der Moderne und den in die Höhe schiessenden Bauten der 1960er Jahre unternahm die Gruppe Architecture Principe den Versuch, das Spannungsverhältnis zwischen Begriffen, Verfahren und der Materialisierung in der Architektur und im Städtebau neu auszuloten. Daraus entstand eine kritische Ästhetik gegenüber dem, was die Disziplinen Architektur und Städtebau damals hervor brachten. Die Architekten- und Künstlergruppe wollte partout nicht mehr daran glauben, dass die geschlossene architektonische Form, der Monolith, die Notwendigkeiten und Probleme der Zeit weiterhin befriedigen konnte – schon gar nicht solange das Entwerfen und Bauen auf die Horizontale und die Vertikale beschränkt wurde. Also propagierte sie zwei neue programmatische Sinnfelder im architektonischen Entwurf: die Schräge und der aufgebrochene Monolith.
Kriegerische Architektur schafft ihren Kontext selbst
Die Anreise nach Nevers, ein Wallfahrtsort mit dem seit 1925 unverwesten Leichnam der barmherzigen Schwester Bernadette Soubirous (1858 Seherin von Lourdes) als Hauptattraktion, erledigt ein GPS problemlos. Vor Ort gleicht der Versuch, die Kirche zu besichtigen, einem Abenteuer. So auch am Sonntag, den 10. Juli: Weder die Versuche vor Ort noch mehrere Telefonate an die Kirchgemeinde führten zum Ziel: Die Eingangstür blieb verschlossen, die Meldungen auf dem AB des lokalen Tourismusbüros unbeantwortet. Für den alternativen Rundgang um das Gebäude herum besteht kein Wegenetz. Das Gebäude ist von einer homogenen Grasfläche umgeben. Erst bei näherem Hinschauen zeigen sich die Formen von Zementstreifen ab, die in die Wiese eingelegt sind. Dezent aber formal bestimmt stecken sie ein rechteckiges Territorium ab. Geprägt wird die Landschaftsarchitektur zudem durch augenfällige Terrainsprünge, den frontal angelegten Zugangsweg mit gelber Führungslinie, die an dem Beton-Sockel am Strassenrand ansetzen.
Im Kopf entstehen bei der Begehung schnell Bilder, die an ein für Zivilisten unzugängliches militärisches Gelände erinnern. Auch das Gebäude zeigt sich gegenüber Besuchenden und dem umliegenden Quartier programmatisch borstig und ablehnend: Die Architektur wirkt augenfällig ortsfremd, so, als wäre sie überhaupt nicht für diesen Ort gebaut; Bunkerarchitektur im wahrsten Sinn des Wortes. Beim Betrachter wird die gängige Erwartung, dass gute Architektur vom Kontext mit geprägt ist, radikal auf den Kopf gestellt: Der Kontext sind die kriegerische Architektur und ihr abgestecktes Territorium, ein Oxymoron: Sainte Bernadette de Banlay hat gleichzeitig die totale Kontrolle über den Ort und demonstriert rundum Abwesenheit. Der Monolith ist präsent und gleichzeitig Tarnung.
Zahnloser Engel zeigt den Weg
Zur Dialektik zwischen Kontrolle und Abwesenheit passt der Zufall, dass am zweiten Tag – Kraft der heiligen Bernadette – die Sonne scheint und ein Quartierbewohner den Weg hinein ermöglicht. Der zahnlose Engel weiss, dass der Schlüssel gleich um die Ecke, im Pfarrhaus für Besuchende hinterlegt ist. Zehn Minuten später stehen wir im Innern von Sainte Bernadette du Banlay und erleben die Wirkung des ständigen Wechsels zwischen Sonnenlicht und Wolken. Das Experiment mit der Schräge wirkt im Hauptraum direkt und physisch erlebbar. Überall dort, wo der Monolith aus Stahlbetonrippen seine Bruchstellen aufweist, wo sich die zwei Gebäudevolumen im Schnitt und im Grundriss, wo schiefe Ebenen und Wände partout nicht aufeinandertreffen dürfen, fällt gelbes Licht in den Baukörper hinein. Das Experiment wird zum Erlebnis: Virilio und Parent ging es in ihrer kritischen Haltung um eine veränderte Wahrnehmung durch Desorientierung. Ihre Architektur verfolgt das Ziel einer individuellen, kritischen, körperlichen und visuellen Erfahrung, die überhaupt erst aus der freiwilligen oder unfreiwilligen Aufmerksamkeit von Körper und Augen für das bisher Ungewohnte und Unbekannte entstehen kann.
Die bewegte Form überschreitet Grenzen
Es ist davon auszugehen, dass Jean Nouvel die Ereignisse in Nevers über seine ersten Berufsjahren hinaus mitgeprägt haben, dass die Jahre bei Claude Parent “nicht spurlos an Jean Nouvel vorbeigegangen” sind, wie Olivier Boissière (1992 Artemis) sich erinnert. In seinem Beitrag zur deutschen Ausgabe von architecture principe, 1966 und 1996 (Bernd Wilczek, Editions de L’ Imprimeur, 2000) huldigt Nouvel durchaus auch seinen ehemaligen Chef, “einen Utopisten seiner Zeit, (…), ein unermüdlich Neugieriger, der die künstlerische Avantgarde ständig herausforderte”, wie Bossière schreibt. Mit den eigenen Worten von Nouvel gesprochen: “Das Wesen der Architektur besteht darin, über ihre eigenen Grenzen hinauszugehen.”
Beim KKL in Luzern (1995-2000) lotete Jean Nouvel die Grenze der Disziplin mit dem weit auskragenden Flügeldach aus, zu dem, im Vorfeld der demokratischen Abstimmungen, die Bauherrschaft eine öffentliche Haushaltdiskussion tunlichst vermied. Ein Besuch der Kirche von Virilo und Parent in Nevers lässt nun aber erahnen, dass auch die monolithische Form und Konstruktion des Konzertsaals am Europaplatz mit dem Neverskomplex in Verbindung gebracht werden können; mit jener radikal kritischen Haltung, welche die Grenzerfahrung zwischen Körper und Raum auslotet und taktisch in Architektur umsetzt. Tatsächlich sitzt auch der Konzertsaal in Luzern, akustisch hermetisch abgeschlossen im Bauch des KKL, von aussen in der ganzen Höhe unter dem Flügeldach sichtbar. Im mehgeschossigen Foyer beherrscht das Saalvolumen die Raumwahrnehmung der Besuchenden, ohne dass sein Innenleben unmittelbar offenbar wird. Ähnlich wie in Nevers demonstriert damit auch der Konzertsaal, das Herz des KKL, die Gleichzeitigkeit der architektonischen Kontrolle und Abwesenheit. Die Radikalität der Kirche in Nevers verliert der Saal jedoch durch seine Oberfläche. Die monolithische Betonkonstruktion präsentiert sich lieblich aus einem Holz, das an die Rückseite einer Geige erinnert.
Der Koloss aus Beton, die architektonische Tatsache der rigorosen akustischen und räumlichen Abgeschlossenheit, soll in den Augen der Betrachter bildlich als Musikinstrument erscheinen. Man könnte auch sagen: Der Bauch des Konzertsaals ist eine Einladung, einzutreten in die Welt der Musik. Ein schöne Referenz an die Kirche Sainte Bernadette du Nevers stellte der Saal in Luzern noch als Rohbau dar. Auch der Eingang in das Parkett-Geschoss erinnert an den Kirchengang in Nevers: Zunächst steigt der Weg hinein in den Saal kurz an, bevor der Boden im Saalinnern sich zur Bühne hinab einem leichten Gefälle folgt. Die Schräge bestimmt auch hier das Erleben der eigenen Bewegung im Raum.
Eingeschlossene Radikalität
Wäre dem luzernischen Konzertsaal nicht die Verkleidung aus Holz und damit das architektonische Bild eines übergrossen Musikinstruments hinzugefügt worden, hätte die lokale Presse 1998, anlässlich der Eröffnung des KKL, vielleicht analog zur Presse 1966 in Nevers getitelt: “Das ist ein Konzertsaal”. Was denn sonst? Es kam anders, und das mit gutem Grund: Das KKL ist kein gebautes Manifest, eher Ausdruck einer radikal verinnerlichten Taktik, wie unter den Bedingungen des globalen Wettbewerbs unter Kulturstandorten, am Standort Luzern, kurz vor der Jahrtausendwende gute Architektur realisiert werden konnte. Die architektonische Radikalität, die in Nevers 1:1 an der Gestaltqualität des Bauwerks ablesbar ist, liegt in Luzern hinter einer architektonisch stimmigen und im lokalen Kontext machbaren Logistik der öffentlichen Erzählung und Wahrnehmung über die Nutzung und Bedeutung einer Architektur für das 21. Jahrhundert verborgen.
Nouvels Architektur als Gegenstand der öffentlichen Wahrnehmung musste politisch korrekt sein, und sie ist deshalb folgerichtig mehr ein architektonischer Event und ein Bilderbuch, kein Manifest oder das Abbild einer Selbstverwirklichung eines Autorenarchitekten. So erinnert das Bauwerk in Luzern in seiner Form und Gestalt auf den ersten Blick kaum noch an die Ideen der Propagandisten aus der Gruppe Architecture Principe. In Erinnerung an den Rohbau bleibt für den Kritiker die gedankliche Brücke zwischen Luzern und Nevers trotzdem ein nennenswertes und erlebbares Ereignis. Am Endpunkt in Luzern lässt es sich begrifflich einordnen: Als Konzept des dirty realism beschreibt die Architekturtheorie in den 90er Jahren des letzten Jahrtausends als eine Taktik im Programmieren, Entwerfen und Bauen von Architektur. Sie schaffte es, eigenständige (und durchaus radikale) Haltungen und Ideen in den Disziplinen Architektur und Städtebau in einen dafür noch nicht vorgesehenen, jedoch aus fachlicher Sicht in der gegeben Zeit und für die nahe Zukunft stimmigen Kontext einzuschliessen. Nouvel verglich diese Vorgehensweise im Entwurf mit einem Judokampf. Damit ist vielleicht auch beantwortet, weshalb er seinen Entwurf für Luzern als l’inclusion beschrieben hat: Die Architektur des KKL hat sich auf eine radikale Art und Weise in den Kontext der touristischen Landschaft und die Köpfe der Einheimischen eingeschrieben und schuf gleichzeitig einen eigenen, neuen Ort.