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|Landgrabbing|

Landgrabbing: Kolonialismus mit juristischen Mitteln
Der Wettlauf von Firmen und Staaten um riesige Landflächen in armen Ländern („Land grabbing“) läuft auf Hochtouren. Bauern- und Nichtregierungsorganisationen warnen vor einer weiteren Marginalisierung der Landbevölkerung. Der Verkauf oder die Verpachtung von Land an andere Staaten und ausländische Investoren verschärfen Armut und Hunger zusätzlich
2009 erklärt Esaya Kebede, Direktor der äthiopischen Agricultural Investment Agency, dass Äthiopien bereits drei Millionen Hektar Land ausgezont habe, um es an ausländische Investoren zuverpachten. Eine Fläche so gross wie Belgien. Gleichzeitig sind mindestens 6,2 Millionen Menschen in Äthiopien von Hunger und Mangelernährung betroffen und auf Lebensmittelhilfe angewiesen.
Doch Äthiopien ist bei Weitem kein Einzelfall: Ähnliches geschieht im Sudan, in Sambia, Mosambik, Madagaskar, Laos, Kambodscha und vielen weiteren Staaten, in denen die Mangelernährung der Bevölkerung gravierende Ausmasse erreicht hat.
Paradoxerweise sind gerade diejenigen Länder, die den Ausverkauf ihrer Landreserven vorantreiben, oftmals von wiederkehrenden Hungersnöten oder von einer verbreiteten Mangelernährung der Bevölkerung betroffen. Verfehlte Entwicklungsvorstellungen sind der Hauptgrund dafür, dass Regierungen trotzdem grosse Landstriche an ausländische Investoren freigeben. Einige Regierungen glauben, dass die Verpachtung und der Verkauf von Land zur Steigerung des Bruttosozialprodukts und zu neuen Einnahmen führen, womit es automatisch allen besser gehen sollte.
Kolonialismus mit juristischen Mitteln
Aufstrebende Wirtschaftsnationen wie China oder Indien und vor allem rund 1000 westliche Investment- und Hedge-Funds sowie Banken kaufen oder pachten Ackerland in armen Ländern. Als «Land Grabbing» (Land an sich reissen, Landnahme) bezeichnete die internationale Nichtregierungsorganisation Genetic Resources Action International (Grain ) diese Vorgänge erstmals im Jahr 2008 und etablierte damit einen neuen Begriff. Die Weltbank und viele Regierungen sprechen lieber vornehm von «landwirtschaftlichen Investitionen», denn diesen haftet kein neokolonialer Beigeschmack an. Doch sogar Jacques Diouf, Direktor der Uno-Ernährungs- und Landwirtschafts-organisation (FAO), warnte unlängst vor dem Neokolonialismus, der mit dieser Art von Landnahme verbunden sei. Die heutigen Vorgänge sind allerdings subtiler als zu Kolonialzeiten. Waren es früher Armeen, die Land annektierten, so sind es heute Juristen, die im Auftrag von Firmen und Regierungen komplizierte und undurchsichtige Übernahmeverträge abwickeln; oft in einem quasilegalen Rahmen, häufig verbunden mit Korruption und unter Verletzung bestehender nationaler Gesetze.
Laut Schätzungen der FAO aus dem Jahr 2009 belief sich der auf diese Weise abgewickelte Landausverkauf alleine in Afrika auf 20 Millionen Hektaren.
Zurückzuführen ist die neue Gier nach Landressourcen auf die Krisen der jüngsten Zeit: Die Explosion der Nahrungsmittelpreise im Jahr 2008 führte dazu, dass importabhängige Regierungen den Lebensmittelanbau im Ausland als neue Strategie zur nationalen Ernährungssicherung anzusehen begannen. Staaten wie China, Indien oder Saudi Arabien realisierten, dass ihr steigender Bedarf an Nahrungs- und Futtermitteln auf dem Weltmarkt nicht mehr abgedeckt werden konnte. Vor diesem Hintergrund trieben staatliche und halbstaatliche Firmen mit der Unterstützung ihrer Regierungen den grenzüberschreitenden Handel mit Ackerland voran.
Mit der globalen Finanzkrise wurden bebaubare Flächen auch für die Finanzindustrie interessant. Investitions- und Hedge-Funds sowie Banken bot das Geschäft mit dem Boden nach der Hypotheken- und Finanzkrise neue und sichere Anlagemöglichkeiten mit gutem Renditepotenzial.
Im Zuge der Nahrungsmittelkrise wurde vielen Entwicklungsländern zudem vorgeworfen, den Nahrungsmittelsektor vernachlässigt zu haben. Das Verpachten und Verkaufen von Land erachten offenbar verschiedene Regierungen als Möglichkeit, etwas für die Landwirtschaft zu tun – ungeachtet der beträchtlichen sozialen, ökonomischen und ökologischen Auswirkungen.
(Bericht von Miges Baumann, Brot für Alle. Gekürzt und redigiert vom SUKE)
Grafik, die aufzeigt, wer gibt und wer nimmt:
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|Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 07. Dezember 2012 um 10:34 Uhr|