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Das meist genannte Wort im Zusammenhang mit der aktuellen Finanzkrise ist Gier. Gier als Ausdruck für massloses Gewinnstreben und exzessive Bonusbezüge von Bankmanagern, was zu hochriskanten Bankgeschäften und in der Folge zu deren Kollaps und einer globalen Finanzkrise geführt hat.
Wie entsteht Gier? Meine Frau sagt mir immer wieder, ich sei gierig, weil ich zu schnell esse. Und in der Tat, schon als Kleinkind soll ich nach jedem Löffel Brei, den meine Mutter mir in den Mund steckte, mörderisch geschrien haben, weil es nicht rasch genug ging, bis der nächste Löffel kam. Heisst das nun, dass Menschen mit schlechten Essgewohnheiten nicht Bankmanager werden sollten? Wohl kaum, obwohl darin ein Körnchen Wahrheit liegen mag. Doch die wahren Ursachen für die Bankenkrise liegen tiefer.
In einer betriebswirtschaftlichen Diplomarbeit über Ethik bei Führungskräften in der Schweiz (1997) wurden in einer Umfrage folgende Fragen gestellt: Welche Werte sind in unserer Gesellschaft am lebendigsten, welche Werte werden am wenigsten gelebt, welche Institutionen spielen in der Wertevermittlung eine Rolle, was ist in meinem Leben wichtig, gegenüber wem fühle ich mich verantwortlich, was sind meine Lebensphilosophie und Handelsmaxime? Die Auswertung der Umfrage ergab folgendes Bild: Die eigene Bedürfnisbefriedigung steht im Vordergrund, Gott und Kirche werden als Wertevermittler kaum wahrgenommen und Richtschnur für das eigene Handeln ist das eigene Gewissen, oft im Sinne „Ich selbst bin mir Gesetz; der Nächste ist mir wichtig, doch nur soweit er mir nützt. Wichtig ist, was ich leiste, ich bin der massgebende Wert. Dieses Ich umfasst auch mein unmittelbares Umfeld, soweit ich es beherrsche.“ Der Verfasser schliesst daraus, dass in den Führungsetagen schweizerischer Firmen eine ausgesprochene Ich-Kultur herrscht, die zu einem materiellen und hedonistischen, an Genuss orientierten, Denken und Handeln führt.
Zu einem andern Schluss kommt der Verfasser einer betriebswirtschaftlich-theologischen Diplomarbeit aus dem Jahr 2007. Er untersuchte, inwieweit Leitbilder von Schweizer Firmen christlich-biblische Werte widerspiegeln. Dazu stellte er zwei Thesen auf: 1. Die Bibel enthält klare Richtlinien zum Thema Unternehmens-/Führungsethik. 2. In den Leitbildern von Schweizerfirmen sind die wesentlichen christlichen Grundwerte für Unternehmensführung enthalten. Beide Thesen bestätigten sich: Eine Mehrheit der befragten Firmen bejahte, dass die Bibel umfassend Werte mit einem Bezug zur unternehmerischen Tätigkeit enthalte, wie z.B. zur Unternehmungsplanung, finanziellen Führung, Lohnpolitik oder Mitarbeiterführung. In der Mehrheit der untersuchten Leitbilder seien zudem biblische Grundwerte wie Verlässlichkeit, Integrität, korrektes Verhalten, Treue, Vertrauen, Toleranz, Achtung und Respekt verankert.
Wie erklären sich die unterschiedlichen Aussagen der beiden Untersuchungen? Sind unsere Führungsverantwortlichen rücksichtslose Egoisten oder Heilige? Vermutlich keines von beidem. Kein Zweifel besteht, dass die Finanzkrise durch Grossbanken respektive deren Führungsverantwortliche ausgelöst wurde, weil zentrale ethische Werte missachtet wurden. Unreflektiertes Gewinn- und Machtstreben haben blind gemacht für offensichtliche Marktrisiken. Doch bedeuten ethische Werte in Unternehmensleitbildern nicht unbedingt, dass diese Firmen auch ethisch geführt werden. Denn der Weg vom Wollen zum Tun ist besonders in internationalen Grosskonzernen meistens beschwerlich und lang. Letztlich sind es aber weniger die in Leitbildern ausformulierten Werte, die zu ethischem Handeln führen, sondern die Gesinnung der obersten Führungsverantwortlichen. Ein im christlichen Glauben gefestigter Firmenleiter führt sein Unternehmen bewusster nach biblischen Werten als ein Nichtgläubiger. Er befolgt das biblische Prinzip der Haushalterschaft, das besagt, dass alles, was der Mensch besitzt, führt oder verwaltet, letztlich Gott gehört. In Psalm 50 steht in Vers 12 geschrieben: „… denn der Erdkreis ist mein und alles was, was darauf ist.“ Wer als Unternehmer und Firmenleiter so denkt, entscheidet und handelt, übernimmt Verantwortung nicht nur gegenüber Kunden, Mitarbeitern, Aktionären und der Gesellschaft als Ganzem, sondern auch gegenüber seinem Schöpfer und Gott. Das bewirkt Demut und Dankbarkeit und bewahrt vor Masslosigkeit und Gier.
Von Dr. Bernard Siegfried