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«Das Gehirn eines Kindes ist wie ein Schwamm – es lernt Sprachen ohne Anstrengung.»
Diese Aussage höre ich oft von Linguisten und Laien gleichermassen. Es wird als gegeben erachtet, dass Kinder Sprachen mühelos erlernen. Aber wieso finden es dann viele Familien schwierig, ihr Kind mehrsprachig aufwachsen zu lassen? Und was können sie tun, damit es trotzdem gelingt?
Der springende Punkt ist, die obige Aussage stimmt nur bedingt. Es ist wahr, dass Kinder Sprachen schnell erlernen. Zugleich ist Sprachenlernen immer mit Anstrengungen verbunden, auch bei Kindern.
Sprache ist ein Überlebenswerkzeug
Kinder erlernen Sprachen schnell, weil ihr junges Gehirn äusserst formbar und auf den frühen Erwerb einer oder mehrerer Sprachen vorbereitet ist. Sie benötigen Sprache, um mit ihren Versorgern zu kommunizieren. Im Grunde genommen ist Sprache ihr Überlebenswerkzeug.
Säuglinge sind fähig, zwischen den Lauten ihrer Muttersprache und denen anderer Sprachen zu unterscheiden. Diese Fähigkeit hilft ihnen, sich auf Erstere zu konzentrieren und Letztere auszublenden. So können sie die Sprache, die sie brauchen, effizient erlernen.
Aber auch Kinder lernen Sprachen nicht einfach zum Vergnügen. Um eine neue Sprache zu sprechen, muss das Kind seine Komfortzone verlassen. Es muss neue Wörter lernen, neue Laute erzeugen und insbesondere wird es nicht alles, was in seinem Umfeld gesprochen wird, verstehen. Damit es anfängt, eine neue Sprache zu sprechen, muss es einen Vorteil darin erkennen. Ein Kind in Deutschland wird zum Beispiel mit seiner Grossmutter Türkisch sprechen, wenn Grossmama nur Türkisch kann. Wenn Grossmama aber auch Deutsch spricht und es sonst niemanden gibt, mit dem Türkisch gesprochen wird, dann wird das Kind auch mit Grossmama Deutsch sprechen und Türkisch ignorieren.
Kurz und gut, der Erwerb einer Sprache ergibt sich aus dem Bedürfnis und der Motivation eines Kindes zu kommunizieren. Wenn Sie möchten, dass Ihr Kind mehrsprachig aufwächst, sollten Sie ihm ein Umfeld schaffen, das es dazu bewegt, mehr als eine Sprache zu erlernen.
Sprachen lernen in der Schule
Kleine Kinder lernen Sprachen schnell, weil ihre Sprache ihren noch wenig entwickelten geistigen Fähigkeiten entspricht. Kleinkinder sprechen eine einfache Sprache, d.h. sie sprechen nur über den unmittelbaren Kontext, machen einfache und kurze Sätze und wiederholen, was sie hören und wovon sie wissen, dass es zielführend ist. Sie beginnen mit einzelnen Wörtern und bilden dann daraus Drei-Wort-Sätze, bevor sie längere Sätze bilden können.
Wenn Kinder älter werden, entwickeln sich ihre mentalen und somit auch ihre sprachlichen Fähigkeiten. Folglich wird auch das Erlernen einer Zweitsprache herausfordernder (Quelle). Es wird schwieriger, eine Sprache ausschliesslich durch Interaktionen zu erlernen, weil ältere Kinder komplexere Sätze über komplexere Inhalte machen. In der Schule lernen Kinder eine Zweitsprache am besten, wenn sie die Sprache sowohl im Unterricht als auch auf dem Pausenhof sprechen. Das ist echte Immersion.
Wenn das Erlernen einer Zweitsprache nur im Schulzimmer geschieht, dann fällt die Kompetenz in der Erstsprache ins Gewicht. Die Forschung hat gezeigt, dass ein besseres Verständnis von grammatikalischen Strukturen in der Erstsprache das Lernen weiterer Sprachen erleichtert. Dies ist einer von vielen Gründen, weshalb gute Erstsprachenkenntnisse wertvoll sind.
Sobald Kinder eine Sprache fliessend sprechen, können sie sie intuitiv verwenden und tun dies, solange es erforderlich ist. Wenn sie keinen weiteren Nutzen für die Sprache haben, wird diese aus ihrem Gedächtnis verschwinden. Das kindliche Gehirn ist äusserst effizient und wenn es eine Sprache nicht braucht, wird eine andere Sprache oder Fähigkeit diesen Platz einnehmen.
Was fördert Mehrsprachigkeit?
Was können Sie also tun, um das Sprachenlernen Ihres Kindes zu fördern? Zwei Dinge: Erstens, schaffen Sie die Notwendigkeit, die gewünschte Sprache zu sprechen. Und zweitens, stellen Sie ihm die Ressourcen zur Verfügung, die es braucht, um diese Sprache zu lernen.
Oftmals kommt die Notwendigkeit einer Zweitsprache von alleine. Meine Töchter sprechen drei Sprachen fliessend: Spanisch, Deutsch und Englisch. Wieso? Weil sie sie brauchen. Sie wachsen mit Spanisch auf und reisen regelmässig in spanischsprachige Länder. Deutsch kam in der Schule dazu. Englisch, ihre dritte Sprache, haben sie aufgeschnappt, weil ich mit vielen Menschen auf Englisch interagiere und sie das ebenso tun möchten. Heute sprechen sie Spanisch in der Familie, Deutsch mit Freunden und in der Schule und Englisch im internationalen Umfeld. Möglicherweise werden noch weitere Sprachen hinzukommen, aber das überlasse ich ihnen.
Wenn Sie eine Herkunftssprache in der Familie haben, sollten Sie es ihrem Kind ermöglichen, Zeit in dieser Sprache zu verbringen. Versuchen Sie wenn möglich, nur in Ihrer Herkunftssprache mit Ihrem Kind zu sprechen. Bringen Sie Materialien, wie Bücher, Lieder oder Filme ins Spiel. Dennoch bleibt die persönliche Interaktion die wichtigste Quelle und Motivation für Ihr Kind. Unterhalten Sie sich mit Ihrem Kind in Ihrer Sprache über Gott und die Welt.
Je höher Ihre Sprachkompetenz in der Herkunftssprache ist, umso kompetenter kann Ihr Kind werden. Falls Sie an einen Punkt gelangen, an dem Sie die Sprache wechseln, wird Ihr Kind dasselbe tun. Ermutigen Sie Ihr Kind, sich sprachlich zu entfalten, denn wenn ein Kind merkt, dass seine Sprachkompetenz geschätzt wird, wird es an dieser arbeiten. Aber wenn eine Sprache eher negative Gefühle weckt, oder wenn ein Kind für seine Art zu sprechen kritisiert wird, wird es aufhören, die Sprache zu sprechen. Meine ältere Tochter hat einmal aufgehört, Deutsch zu sprechen, nachdem sie für ihren unbeliebten Dialekt kritisiert worden war.
Sollten Sie merken, dass Ihre sprachlichen Impulse zu Hause nicht ausreichen, dann kann es hilfreich sein, wenn Ihr Kind auch ausser Haus Gelegenheit erhält, diese Sprache zu sprechen. Idealerweise verbringt Ihr Kind auch Zeit in Ihrem Herkunftsland. Viele marokkanische Einwohner in Spanien zum Beispiel schicken ihre Kinder während der Sommerferien nach Marokko, damit sie in die arabische Sprache eintauchen können. Das funktioniert gut, denn so lernen sie die Sprache in derer Kultur.
Weitere Möglichkeiten sind Spielgruppen, Schulen oder Sportlager in der Zielsprache. Denken Sie daran, dass ein Kind zum Erlernen einer Sprache sowohl Motivation als auch Ressourcen benötigt. Wenn seine Motivation mit positiven Gefühlen in Verbindung gebracht wird, ist der Erfolg vorprogrammiert.
Nehmen Sie Druck weg
An dieser Stelle noch ein persönlicher Ratschlag von mir: Seien Sie geduldig. Vergessen Sie nicht, dass Sprachenlernen meistens ausserhalb der Komfortzone geschieht. Wir können nicht alle Sprachen wie Literaturprofessoren sprechen. Mehrsprachige Kinder werden oft zu sogenannten «semi-speakers» in einzelnen Sprachen mit unterschiedlichen Repertoires. «Semi-speakers» sprechen mehrere Sprachen fliessend, besitzen das spezifische Vokabular mancher Themenfelder aber nur in einer Sprache.
Nehmen Sie Druck weg. Sprachen öffnen Türen und Perspektiven, aber sie können auch negative Gefühle auslösen und zur Last werden. Wenn Sie ein Umfeld schaffen, in dem Ihr Kind zum Sprachenlernen motiviert ist und auch die Ressourcen dazu hat, dann wird seine Mehrsprachigkeit erblühen!