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Joseph Henrich analysiert das westliche Leben, als wäre er ein Beobachter von einem anderen Stern. Unsere Anschauungen und Verhaltensmuster sind aus seiner Perspektive bei weitem nicht so selbstverständlich, wie sie uns erscheinen. In der Weltgesellschaft bilden wir eine Minderheit.
Der Westen erlebt derzeit eine neue kopernikanische Wende. Seine Grundannahme, dass Demokratie und Menschenrechte das Zentrum der kulturellen und politischen Welt bilden, erweist sich als Irrtum. Er ist umgeben von politischen Kulturen, die diese westlichen Werte nicht teilen und auch nicht anstreben. Und bei genauerem Hinschauen muss der Westen erkennen, dass er sich im Weltmassstab in einer gradezu prekären Minderheitenposition befindet.
Man kann fragen, was an der Philosophie der Aufklärung und den aus ihr folgenden politischen Theorien und Bewegungen nicht stimmt. Der Anthropologe, Systemingenieur und Evolutionsbiologe Joseph Henrich, Professor an der Harvard Universität, wählt einen weitaus radikaleren Ansatz. Er untersucht, worin sich westliche Mentalitäten von den meisten anderen auf dieser Welt in ihren innersten Motiven und Mechanismen unterscheiden. Wie tickt der Westler und wie ticken die anderen auf dieser Welt? Dazu legt er umfangreiche sozialpsychologische, ethnologische und geschichtliche Studien vor.
Werte und Normen
Henrich trifft eine Unterscheidung, die schlagartig klar macht, warum der Westler buchstäblich auf einem anderen Planeten lebt als der Rest der Welt: Der westliche Mensch denkt von Werten und Normen her, während in anderen Kulturen andere Orientierungen gelten, die auf persönlichen Beziehungen beruhen. Dazu bringt er viele eindrückliche Beispiele. So wurde in verschiedenen Kulturen untersucht, wie sich Menschen in folgendem Konfliktfall entscheiden:
Sie sitzen auf dem Beifahrersitz neben einem Freund, der in einer Zone mit Geschwindigkeitsbegrenzung zu schnell fährt. Dieser Freund überfährt ein Kind, und Sie müssen unter Eid aussagen, ob dieser Freund zu schnell gefahren ist oder nicht. Eindeutig erweisen sie Untersuchungen, dass Menschen aus den westlichen Kulturkreisen, also in Europa, Nordamerika, Kanada aber auch Australien, sich überwiegend an den gesetzlichen Normen orientieren und gegen den Freund aussagen. In anderen Ländern spielt die Orientierung an der persönlichen Beziehung eine weitaus grössere Rolle, und eine falsche Aussage fällt subjektiv weitaus weniger ins Gewicht als der Wert der persönlichen Beziehung.
Die Normorientierung des westlichen Denkens und die hohe Bedeutung von Institutionen wie früher der Kirche und später des Staates und der Justiz erklären, warum aus westlicher Sicht das Verhalten der Menschen in anderen Kulturen nahezu unbegreiflich ist – und umgekehrt. Was aus westlicher Sicht zum Beispiel Korruption oder Nepotismus ist, erscheint aus anderen Perspektiven als pure Selbstverständlichkeit.
Kooperatives Verhalten
Henrich bringt zahllose Untersuchungen aus der Sozialpsychologie, der Ethnologie und Erhebungen auf der Basis geschichtlicher Daten. Dadurch ufert sein Buch mit mehr als 900 Seiten aus. Auf der anderen Seite ist es verdienstvoll, die dramatischen Unterschiede zwischen den Mentalitäten der westlichen Kulturen und der übrigen Welt zum Teil bis in ihre Wurzeln zurückzuverfolgen. Dabei stösst Henrich auf ein Paradox, das er als «Henne-Ei-Problem» bezeichnet. Dabei geht es um die Tatsache, dass westliche Normen eng an Institutionen und – nicht zu vergessen – die Religion geknüpft sind. Institutionen aber setzen jenes normative Denken voraus, das sich wiederum an ihnen ausrichtet. Was war also zuerst?
Ethnologisch lässt sich recht gut zurück verfolgen und zum Teil bei indigenen Völkern auch heute noch beobachten, dass sich kooperatives Verhalten auszahlt. Denn wer sich in seiner Gruppe als verlässlich erweist, bekommt mehr Unterstützung. Wettbewerb wiederum ist auch sehr wichtig, und in diesem Zusammenhang bringt Henrich Beispiele zum Thema Monogamie und Polygynie. Die Polygynie bringt in Jäger- und Sammlergesellschaften den Frauen den Vorteil, dass sie sich einem starken Mann anschliessen können und nicht einen schwächeren heiraten müssen. Umgekehrt kann der Wettkampf in polygynen Gesellschaften ins Destruktive ausarten, während die monogamen Lebensformen auch zu einer Zähmung der Männer beitragen.
Die Kirchen wiederum hatten seit jeher ein grosses Interesse an der Monogamie und setzten sie durch. Dadurch gewannen sie enorm an Macht und Einfluss. Und sie wurden zur zentralen Instanz für das Gewissen. Henrich führt einige Untersuchungen an, aus denen hervorgeht, wie stark die Beobachtungsfunktion Gottes – «Gott sieht alles» – das Verhalten von Christen steuert. Sehr hübsch ist die Beobachtung, dass an Sonntagen der Porno-Konsum amerikanischer Christen deutlich niedriger ist als an Wochentagen.
Klima der Verlässlichkeit
Der westliche Individualismus hängt mit der Bindung des Einzelnen an Normen und Institutionen zusammen: Ihnen gegenüber fühlt er sich verpflichtet und verantwortlich, auch wenn er gerade nicht direkt beobachtet oder kontrolliert wird. Seine inneren Instanzen wirken. Er allein ist für seine Handlungen verantwortlich. So zeigen Untersuchungen, dass diejenigen, die an den «freien Willen» glauben, im Schnitt weniger kriminell oder gewalttätig sind. Umgekehrt führt der Druck der Eigenverantwortung auch zum Bedürfnis, sich an anderen zu orientieren, also zur Konformität. Damit ist wiederum der Konsum verbunden: Man möchte den anderen in nichts nachstehen.
Die Orientierung an Institutionen und Normen und die starke Einhegung individueller Gewalt sind ein entscheidender Faktor für wirtschaftliche Prosperität. In dem Masse, wie Menschen auf übergeordnete Instanzen vertrauen, kooperieren sie auch über die eigenen engeren Bezugsgruppen hinaus. Im Klima der Verlässlichkeit gedeihen wirtschaftliche Pläne und Zusammenschlüsse. Auf diese Weise wurde der Westen reich.
Henrichs Beobachtungen sind sehr aufschlussreich. Der Kern seiner Erkenntnis aber beunruhigt: Unsere Werte und Normen, unsere selbstverständlichen Orientierungen und Verhaltensweisen sind im Weltmassstab betrachtet alles andere als selbstverständlich, sondern in höchstem Masse seltsam.
Joseph Henrich: Die seltsamsten Menschen der Welt. Wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde. Aus dem Amerikanischen von Frank Lachmann und Jan-Erik Strasser. 918 Seiten, Suhrkamp 2021, ca. 34 Euro