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Der Begriff Ü. geht auf das berühmte Werk "Les rites de passage" (1909, dt. 1986) des Volkskundlers und Ethnologen Arnold Van Gennep zurück. Nach Van Genneps weit gefasster, gelegentlich auch kritisierter Definition begleiten Ü. Änderungen der Rechtsstellung, den Übergang von einem Lebensalter zum nächsten, Berufs- und Ortswechsel sowie den Jahreszeitenwechsel und die Kalenderzyklen (Bräuche, Feste). Sie prägen die versch. Lebenszyklen von der Wiege bis zum Grab: Geburt, Pubertät, Ehe und Tod. Ü. spielen eine Rolle bei den Brüchen und abrupten Übergängen im zeitl. und gesellschaftl. Verlauf des Lebens. Sie können als symbol. Akte verstanden werden, die es erlauben, solche Brüche und Übergänge zu meistern, indem die dadurch hervorgerufenen Ängste gesellschaftlich bewältigt und in der Gemeinschaft sichtbar gemacht werden.
Der 1934 begründete "Atlas der schweiz. Volkskunde" behandelte 1959 mit seiner kartograf. Darstellung von Bräuchen, die bei Hochzeiten, in Jungmannschaften und bei Tod und Begräbnis gepflegt wurden, implizit Ü. in der Schweiz der 1930er und 40er Jahre. Richard Weiss stellte in seiner "Volkskunde der Schweiz" (1946) fest, dass als Folge des zunehmenden Individualismus das Bewusstsein für die Verbindung des individuellen Lebens mit der Gemeinschaft abnehme, hob aber auch die Langlebigkeit von Ü. hervor, die den Übertritt und die Aufnahme in eine neue Gruppe kennzeichnen, z.B. die Beständigkeit von Ü. zum Erwachsenenalter wie Konfirmation und Firmung, den Eintritt in Knabenschaften, das Ende der Primarschulzeit und Zeremonien, die mit der Aufnahme als Jungbürger und mit der militär. Aushebung verbunden sind. Zu Beginn des 3. Jt. ist der Fortbestand von Riten, die einst zu den versch. Lebensphasen in der Gemeinschaft gehörten, allerdings in Frage gestellt.
Früher wirkten Riten religiösen Charakters durch gegenständl. und gestische Sinnbilder wie Bekleidung, Kronen, Kultobjekte und Segnungen. Sie führten zu einem Austausch von Symbolen zwischen den Teilnehmern der Zeremonie, erneuerten eine unausgesprochene Übereinkunft und verstärkten das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit. Wie in weiten Teilen Europas übernahmen auch in der Schweiz bis kurz nach dem 2. Weltkrieg die Kirchen solche Rituale, weil sie als legitime Hüter des Sakralen galten. Wie die kirchl. Statistiken zeigen, nimmt deren Bedeutung seit den 1960er Jahren beträchtlich ab: Die Zahl der Taufen, Konfirmationen und Firmungen sinkt, diejenige der standesamtl. Trauungen und der Konkubinatspaare hingegen steigt. In geringerem Mass betrifft diese Aushöhlung auch die Riten bei Tod und Bestattung. Schweizerinnen und Schweizer wechseln also nicht mehr im vorgegebenen Rahmen einer festen Gemeinschaft von einer Lebensetappe zur nächsten. Die Kirchen ihrerseits bestehen vermehrt auf der möglichst expliziten Willensbekundung der Gläubigen, die sich nicht mehr automatisch aus der Teilnahme am gesellschaftl. und religiösen Integrationsprozess ergibt.
Ein grosser Teil des heutigen Lebenszyklus ist nicht durch Rituale geprägt, v.a. die Ehescheidung und das Eingehen einer nichtehel. Partnerschaft kennen keine solchen. Gleichzeitig nehmen soziale Gruppen wie die Homosexuellen, welche die Gesellschaft bisher mehr oder weniger an den Rand drängte, verstärkt konventionelle Rituale in Anspruch, v.a. die Trauung. Diese Entwicklung zeigt sich in einer ganzen Reihe weltl. Feste und Feiern, die wie Karneval, Festivals oder Gedenkanlässe an einen säkularisierten Kalender oder an die versch. Etappen des Berufslebens gebunden sind.
Zeitgenöss. Riten stehen weniger für vorgegebene Übergänge als für die Aufnahme in bestimmte Gruppen oder für den Beginn eines neuen Abschnitts in Ausbildung oder Berufsleben. Zu den neuen Ritualen gehören etwa das Pflanzen eines Baums anlässlich der Geburt eines Kindes (seit den 1970er Jahren im Aargau und in der Zentralschweiz), kleine Feiern am ersten Schultag oder bei der Pensionierung, Polterabende vor Hochzeiten, die das Charivari wieder aufleben lassen, sowie die noch relativ junge Gepflogenheit, das neue Jahr mit einem Feuerwerk zu begrüssen.
Neue Ausprägungen zeigen die Aufnahmerituale von Jugendbanden, die Gruppenidentität, Schutz und soziale Unterscheidung ausdrücken sollen. An manchen Schulen werden bei Neueintritten alte oder neu belebte, nicht selten schikanöse Aufnahmerituale vollzogen, etwa an der Drogistenfachschule oder am Gymnasium in Neuenburg. Neben Ritualen, die an Feste oder an den Kalender gebunden sind, haben sich, ausgehend von Niederlassungen dt. und amerikan. multinationaler Unternehmen in der Schweiz, jüngst auch berufsbezogene Rituale verbreitet, die untrennbar mit der Firmenidentität verbunden sind und die Bindung der Angestellten an die Firma stärken sollen.
Es wäre also falsch, vom Ende der Riten zu sprechen, denn in der vom Individualismus dominierten postindustriellen Gesellschaft geht die Fragmentierung von identitätsbestimmender Zugehörigkeit Hand in Hand mit einem verstärkten Bedürfnis nach Ritualen, die allerdings oft ausserhalb des institutionellen Rahmens von Kirchen und polit. Körperschaften ausgeübt werden.
Literatur
– A. Van Gennep, Ü., 1986 (franz. 1909)
– R. Weiss, Volkskunde der Schweiz, 1946 (21978)
– ASV, Kommentar Tl. 2, 5. Lieferung, 1959
– Les rites de passage aujourd'hui, hg. von P. Centlivres, J. Hainard, 1986
– C. Burckhardt-Seebass, «Lücken in den Ritualen des Lebenslaufs», in Ethnologia Europaea 20, 1990, 141-150
– P. Centlivres, «Die Übergangsriten heute», in Hb. der schweiz. Volkskultur 1, hg. von P. Hugger, 1992, 223-230
– S. Civelli, «Ü.», in Kind sein in der Schweiz, hg. von P. Hugger, 1998, 199-212
– M. Segalen, Rites et rituels contemporains, 1998
– P. Hugger, Meister Tod, 2002
Autorin/Autor: Pierre Centlivres / CBA