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Roy hat uns über Sifaya und die Kinder auf dem Laufenden gehalten. Die Nachricht im Juni, dass sie aus der kleinen Lehmhütte, für die sie, wie wir im nachhinein erfahren haben, Miete bezahlen musste, in eines der Flüchtlingscamps gezogen seien, hat uns schockiert.
Auf Nachfrage hat er uns erklärt, dass für die Regierung nur obdachlos ist, wer auch in einem Obdachlosencamp wohnt. Wären sie nicht dort hingezogen, hätten sie keinen Anspruch auf ein Häuschen der Regierung (siehe Hambantota) gehabt.
Wir haben sie dort mit Roys Schwägerin Zariya und deren Tante besucht und haben auf ihr Anraten den Korb Gemüse, den wir für sie gekauft hatten, in Zariyas Haus gelassen, wo sie ihn später abholen sollten. Mit einem Korb Gemüse in ein Lager von 192 dicht gedrängten Hütten zu gehen, ist nicht sinnvoll.
Die Begrüssung war sehr herzlich und mittlerweile ist auch Sifayas Vater vom Hochland nach Hambantota gezogen, die Umstände für die junge Witwe ohne ein männliches Familienmitglied wurden zu schwierig. Ein umgekehrter Umzug Sifayas zu ihren Eltern hätte zur Folge gehabt, dass sie von allen Hilfsleistungen der Regierung ausgeschlossen worden wäre. Somit hausen nun drei Erwachsene und zwei Kinder auf knapp sechzehn Quadratmetern und wieder sprang die Küchenecke ins Auge.
Sie erzählten, dass der Vater am nächsten Tag wegen des Todes seiner Schwester ins Hochland zurückfahren müsse, und die Mutter fing an zu weinen. Die Schwester sei erst 52 gewesen und was, wenn ihr oder ihrem Mann etwas zustossen würde, bevor Sifaya wieder verheiratet sei. Einzig eine Heirat würde ihren, wenn auch nur sozialen, Status aufwerten. Daraufhin fing Sifaya an zu weinen; sie hatte schon im März erklärt, unter keinen Umständen wieder heiraten zu wollen.
Zariyas Tante erklärte uns mit ungewohnter Offenheit, weshalb sich Sifaya so vor einer Neuverheiratung fürchten würde: In ihrem Fall sei die Gefahr nicht, dass sich der neue Mann zu wenig um die Mädchen kümmern könnte, sondern eher zuviel und in einer Weise, wie es in Sri Lanka in erschreckender Weise und Häufigkeit vorkommt. Frauen ohne Männer und Kinder ohne Väter sind nichts und haben somit auch keine Rechte. Sie sind alle drei sehr hübsch und es kamen bereits mehrere Heiratsanträge, auch aus der Verwandtschaft ihres verstorbenen Mannes. Wir haben Sifayas Mutter unmissverständlich übersetzen lassen, dass wir unsere Hilfe einstellen würden, falls Druck auf die Tochter ausgeübt werden sollte. Wir wissen, dass wir die „Gesetze“ in Sri Lanka nicht auf den Kopf stellen können, aber wir werden alles daran setzen, dass wenigstens Sifaya und die Mädchen nicht zu jenen gehören werden, die diesen „Gesetzen“ unterworfen werden.
Nasmila, die kleinere der Beiden, hatte einen fürchterlichen Ausschlag an Füssen, Beinen und dem rechten Arm. Sie haben im Spital eine Salbe bekommen, aber die hätte nicht viel geholfen. Wir sind mit ihr dann zu einem Arzt gefahren, der nach einem kurzen Blick die Diagnose: „scabies“ gestellt hat. Wir mussten fünf Stunden auf die Übersetzung aus der Schweiz warten. Mit zwei b: Kellerassel, mit einem b: Krätze. Die Milben sind sehr ansteckend und alle Kleider und Decken sollten ausgekocht werden. Unnötig zu erwähnen, dass es im ganzen Lager nicht eine einzige Waschmaschine gibt und wie dies mit den gegebenen Möglichkeiten zu bewerkstelligen sein sollte, konnte der Arzt auch nicht sagen. Dann sollte eben alles an die Sonne gelegt werden, lautete sein Rat, und die Kleine solle die Finger nicht in den Mund nehmen, da die verschriebene Lotion sei giftig.
Wir waren deshalb auch glücklich zu hören, dass sie schon die feste Zusage für ein neues Häuschen hatten und bei unserem nächsten Besuch schon dort wohnen würden.
Als wir mit Faye und Humaid wieder dort ankamen, sassen sie noch immer in ihrer Holzhütte. Sie hatten die Schlüssel, wollten aber erst umziehen, wenn sie Anfang Dezember die Hütte verlassen müssten. Wir verstanden die Welt nicht mehr.
Schon auf der Fahrt zu der Siedlung 6 km ausserhalb der Stadt fingen wir an zu begreifen: Auf der lehmigen Holperpiste fährt kein öffentliches Verkehrsmittel und nur schon die Kinder in die Schule zu schicken, ist entweder zu teuer oder ein Ding der Unmöglichkeit. Das Haus selber verschlug uns den Atem. Das Fundament wurde, wie alle anderen auch, einfach in den Dreck gesetzt und ist von den Regenfällen an einer Ecke bereits unterspült.
Die Haustüre liess sich nicht ganz öffnen, weil sie schief hing, und die ca. 6 cm „dicken“ Wände wiesen bereits Risse auf. Die Dachziegel lösten sich an der Stelle, an der das Haus dann irgendeinmal an den Strom angeschlossen wird. Für den ebenfalls noch nicht vorhandenen Wassertank stand ein Rohrgestell bereit, auf dem sich in der Hitze dessen Boden verformen wird. Die Fenster bestanden aus scharfkantigen Glaslamellen, von Farbe verschmiert und sogar von aussen entfernbar.
Die Regierung spendet das Land, (oder besser gesagt bestimmt, wo sie die Leute haben will), die Hilfsorganisationen geben örtlichen Bauunternehmen unsere Spendengelder und machen sich dann vom Acker. Die Bauunternehmen stellen für einen Bruchteil des eingestrichenen Geldes einen billigen Pfusch hin, für den sogar Buddhisten nicht wiedergeboren, sondern in der Hölle braten werden. Zu guter Letzt knöpfen sie den Leuten noch Geld ab. Ansonsten gibt es keinen Anschluss an Wasser und Strom. Die Ausgaben für die Hausschlüssel hätten sie sich auch sparen können.
Selbst Roy, der uns ebenfalls begleitete, stieg betreten von einem Bein auf das andere. Die anderen Hilfsorganisationen hätten etwas besser gebaut und die Häuser von den Taiwanesen seien sogar richtig gut. Er musste allerdings zugeben, dass Sifayas Haus in spätestens zwei Jahren zusammenkracht und jede Rupie, es ausbessern zu wollen, hinausgeworfenes Geld wäre.
Es wird ihr trotzdem nichts anderes übrig bleiben, als dort einzu-ziehen. Das Land, auf dem ihre und die anderen 191 Hütten stehen, gehört zum Friedhof und wird anderweitig gebraucht.
Wir haben auf ihren Namen für den Vater ein einfaches Motorrad gekauft, damit er die Kinder in die Schule bringen kann, und sie haben schon eifrig Pläne für einen Aufbau gemacht, mit dem er ausserdem Fische zum Verkauf ins Inland transportieren kann.
Faye hat für uns Sifaya mit Fragen gelöchert, vor allem über ihren Vater, und kam zum Schluss, dass er ein sehr rechtschaffener Mensch ist und Alkohol nicht anrührt – Alkoholmissbrauch ist in Sri Lanka ein Riesenproblem. Uns hat gefallen, wie zutraulich die Mädchen mit ihm umgegangen sind.
Bei den Befragungen kam auch heraus, dass Sifaya ein Stück Land an der Lagune besitzt, das vom Tsunami nicht betroffen war. Das Haus, das sie durch den Tsunami verloren hatte, war zwar von ihrem Mann erbaut worden, aber da das Land Verwandten gehörte, hat sie keinerlei Anspruch auf den Boden oder Ausgleichszahlungen von der Regierung. Sie planten, auf dem eigenen Gründstück ein neues Haus zu bauen. „Wenn du Gott lachen hören möchtest, erzähl ihm von deinen Plänen“!?
Humaid hat Kontakt zu einem Bauunternehmer hergestellt, der für keine Hilfsorganisation gearbeitet hat, arbeitet oder arbeiten wird, und wir haben mit ihm zusammen das Grundstück besichtigt. Es ist ca. 800 qm gross, liegt in sehr netter Nachbarschaft ungefähr 2 km ausserhalb der Stadt. Eine Bauruine vom Vorbesitzer müsste abgerissen werden.
Ein solides, etwa 65 qm grosses Steinhaus käme nach seinen Schätzungen auf ungefähr 8500 CHF zu stehen.
Sifaya hat die Papiere im Tsunami verloren und muss sie sich bei der Behörde neu beschaffen. Sie hat dies bisher nicht in Angriff genommen, weil ein Hausbau jenseits aller Möglichkeiten lag.
Wir wissen nicht, wie viel Zeit die Beschaffung der Papiere, die Baubewilligung etc benötigt und wie viel Palmoil ( hat mit Palmen nichts zu tun, sondern kommt von palm: Handinnenfläche) bei den Behördengängen von Nöten sein wird. Aber wir hoffen, Sifaya und den Mädchen ein Haus bauen zu lassen, bevor das von der Regierung zusammenkracht.