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Zwischen Sophokles und Marihuana
“Leaves of Grass” von Tim Blake Nelson
Wer in einem Film wie “Leaves of Grass” ein Walt Whitman Biopic befürchtet, darf aufatmen. In Tim Blake Nelsons jüngster Regiearbeit geht es um eine andere Art Gras, als jenes, welches Whitman als Metapher für seine Lyrik heranzog. Wird man den Titel in zehn Jahren googeln, wird man trotzdem eher wenige Suchresultate finden, welche sich nicht auf den amerikanischen Dichter beziehen. Denn zum Klassiker wird Nelsons Film leider kaum werden.
Von Lukas Hunziker
Dabei wäre die Ausgangslage so vielversprechend. Bill Kincaid, ein von seinen Studentinnen angehimmelter Professor für Klassische Philosophie, reist nach Jahren in seine Heimatstadt in Oklahoma zurück, nachdem er vom Tod seines Zwillingsbruders Brady erfahren hat. Brady ist allerdings alles andere als tot, sondern sah in der falschen Todesnachricht schlicht die einzige Möglichkeit, seinen Bruder in die Heimat zu locken und seine Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Brady trennt nämlich nur noch ein Problem von einem anständigen Leben als Familienvater: der jüdische Drogenbaron Pug Rothbaum. Dieser ist ganz und gar nicht glücklich, dass Brady, welcher das beste Marihuana in ganz Oklahoma anbaut, aussteigen will, und pocht auf die Bezahlung kürzlich bei ihm gemachter Schulden. Brady und sein Kumpel Bolger lassen sich allerdings gar nicht gerne von Drogenbossen herumschubsen, und wollen mit Pug Klartext reden. Da sie allerdings wissen, dass die Auseinandersetzung blutig enden könnte, soll Bill sich währenddessen als Brady vom Sheriff sehen lassen und seinem Bruder so ein Alibi verschaffen.
Die klingt zwar nach einer munteren Mischung aus Guy Ritchie und den Coen Brothers, doch “Leaves of Grass” vermag nur in der ersten Hälfte zu amüsieren. Als Bill seine Mutter besucht, mit der er seit Jahren kein Wort gesprochen hat, und sich an einem heiteren Abend bei Brady in eine junge Dichterin verliebt (die dann natürlich Whitman zitiert), vermischt sich die Gangsterkomödie mit einem Familiendrama, das einfach nicht dazu passen will. “Leaves of Grass” leidet darunter, dass der Ton sich andauernd ändert und man bald keinen Schimmer hat, ob das nun lustig oder ernst gemeint ist, ob man sich ein unfreiwillig komisches Drama, ein Drama mit komischen Szenen, oder eine teilweise misslungene Komödie anschaut.
Edward Norton als Joker
Trotz aller inhaltlichen Schwächen muss man aber einräumen, dass zumindest wer den Trailer gesehen hat den Film nicht wegen der Story schaut, sondern wegen der Doppelrolle von Edward Norton. Dieser stellt seine Wandlungsfähigkeit in “Leaves of Grass” nämlich endlich einmal wieder unter Beweis, indem er sowohl Bill als auch Brady spielt. Norton als langhaariger, kiffender Südstaatler, der seine Mutter täglich im Krankenhaus besucht, muss man gesehen haben. Mag sein, dass der Schauspieler von dieser Traumrolle so begeistert war, dass er die Schwächen des Skripts (oder des Regisseurs) ignorierte. Ohne ihn wäre “Leaves of Grass” wohl kein Film, der je bei uns auf DVD erschienen wäre, trotz Susan Sarandon in einer gelungenen Nebenrolle. Den Grossteil der Lacher, und davon hat der Film doch einige, verdankt Tim Blake Nelson dem Talent seines Hauptdarstellers.
Ausstattung
Das Bonusmaterial besteht aus einem kurzweiligen ‘Making of’, welches den Film jedoch nur wenig bereichert.
Seit dem 28. Oktober 2010 im Handel.
Originaltitel: Leaves of Grass (USA 2009)
Regie: Tim Blake Nelson
Darsteller: Edward Norton, Susan Sarandon, Tim Blake Nelson, Keri Russell
Genre: Komödie, Drama
Dauer: 101 Minuten
Bildformat: 1,85:1
Sprache: Englisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Making of, Trailer
Vertrieb: Impuls