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Die geisteswissenschaftliche Kannibalismus-Forschung fragt kaum nach den kulturphilosophischen Implikationen ihres Gegenstandes, stattdessen erklärt sie den Kannibalen meist zum bösartigen Phantasma; er diene als Projektionsfläche des ‚Fremden’, auf welches die eigenen Ängste und Leidenschaften gebannt werden. Eine solche psychologische Relativierung ist problematisch: Der Kannibale taucht zuweilen nicht als der ominöse ‚Andere’ auf, sondern als ein verständiger, manchmal besonders humaner oder für seine Mitmenschen speziell repräsentativer Zeitgenosse.
Um dieser diskursiven Alternative nachzugehen, müssen auch methodisch andere Wege beschritten werden. Für die Untersuchung auf der kulturhistorischen Makroebene ist die Diskursanalyse anleitend. Sie gesteht den Künsten die Sonderrolle zu, mit Gegendiskursen soziale Strukturen jenseits etablierter ethischer und ästhetischer Normen zu kritisieren. Der Vergleich dieser Diskurse zwischen verschiedenen Kulturräumen – insbesondere dem deutsch-, französisch- und englischsprachigen Raum – fordert übergreifende, aber auch distinkte Entwicklungslinien zutage. Auf der Mikroebene müssen die kritischen Positionen der einzelnen Werke im Detail herausgearbeitet werden. Dies geschieht sowohl im Sinne einer Poetologie des Wissens, die sich mit zeitgenössischen Wissensbestanden auseinandersetzt, als auch mithilfe der Rhetorikforschung, welche nach spezifischen Formen des Sprechens uber das Schreckliche fragt. Aufgrund ihrer poetischen und rhetorischen Qualitäten stehen insbesondere literarische Texte und Filme im Fokus.
Indem das Habilitationsprojekt prekare Grundlagen der menschlichen Selbstbeschreibung von der fruhen Neuzeit bis heute im Schlaglicht literarischer und filmischer Darstellungen des Kannibalismus analysiert, richtet es sich neben Spezialisten der vergleichenden Kultur- und Literaturwissenschaft auch an ein breites Publikum.