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Auch in der Opernwelt gibt es schwere Geburten. Solche sogar, die Jahrzehnte dauern können! Zu diesen gehört Giacomo Meyerbeers letzte Oper «L’africaine», die in ihrer Endfassung auch unter dem Namen «Vasco de Gama» bekannt ist.
Als sich der grosse Erfolg der Zusammenarbeit des Librettisten Eugène Scribe und des Komponisten Meyerbeer einstellte – «Robert le Diable» (1831) und «Les Huguenots» (1836) –, bestellte Meyerbeer bei seinem Textfabrikanten gleich das Libretto für eine neue Oper. Sie sollte einem gemeinsamen Vertrag aus dem Jahr 1837 gemäss die Geschichte einer afrikanischen Königstocher zum Inhalt haben, die die Liebe zu einem portugiesischen Marineoffizier entdeckt und dadurch in unlösbare Konflikte gerät zwischen eigenen religiösen Traditionen und jenen einer angereisten kolonialistisch gesinnten «europäischen» Kultur. Wir kennen das Thema aus der um Jahrzehnte später entstandenen Oper «Madame Butterfly» (1904) von Giacomo Puccini, in der es um die tragische Begegnung zwischen einem amerikanischen Marineoffizier und einer japanischen Geisha geht.
Meyerbeers «Afrikanerin» blieb aber beim Komponisten liegen, weil dieser sich zunächst anderen Opernprojekten zuwandte. Erst um 1850 herum griffen die beiden das Thema wieder auf. Inzwischen kamen sie überein, aus dem anonymen Marineoffizier den bekannten Seefahrer und Entdecker des Weges nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze des afrikanischen Kontinents namens Vasco da Gama zu machen. Dies hatte zur Folge, dass aus der afrikanischen Königstocher nun eine indische Schönheit Sélika hinduistischen Glaubens wurde, die in afrikanische Gefangenschaft geraten ist, dort von Vasco auf dem Sklavenmarkt gekauft wurde und nun zusammen mit ihrem Begleiter Nélusko sich in Lissabon in Gefangenschaft befindet. Dort versucht Vasco, Auftrag und Mittel vom Königshaus zu erwirken, um eine neue Entdeckungsexpedition von Ostafrika nach Indien durchzuführen, die ihn zu seiner ersten Indienreise führen wird.
Freier Umgang mit Geschichte
Eine Oper interessiert sich mehr für tragische Liebesgeschichten als für historische Fakten. Darum haben wir auch hier einen Haudegen zur See, der in einen Konflikt zwischen zwei Frauen gerät, zu denen er sich hingezogen fühlt. Die eine ist Inès, Tochter eines geadelten portugiesischen Admirals, die, um ihren Geliebten Vasco zu retten, Don Pedro, den Präsidenten des königlichen Rates von Portugal heiratet. Die andere ist die Sklavin Sélika, die sich nach einem Schiffbruch im indischen Meer als die Königin eines indischen Küstenreiches erweist. Mit der Realgeschichte des historischen Entdeckers Vasco da Gama hat das freilich wenig zu tun. Dafür lässt sich daraus eine tragische Liebesgeschichte einer edlen «wilden» Einheimischen mit einem zwischen zwei Frauenherzen schwankenden Seehelden und Eroberer zimmern.
Um das Ende vorwegzunehmen: «Vasco de Gama» – wie er in der französisch gesungenen Oper heisst – wird sich mit seiner portugiesischen Inès wieder nach Lissabon für die Rückfahrt einschiffen. Sélika erkennt, dass es für sie im Leben Vascos keinen Platz gibt. In den giftigen Düften der Blüten eines Manzanilla-Baums sucht sie, auf einem Felsvorsprung des indischen Kontinents ihrem entschwindenden Lebensglück nachblickend, den Tod. Das tut auch ihr getreuer Begleiter und Diener Nélusko, der seine Königin ebenso aussichtslos liebte wie diese ihren Helden Vasco.
Meyerbeers Pech
Das Unglück wollte es, dass der Librettist Scribe 1861 unerwartet starb, bevor die Endfassung vorlag. Meyerbeer wandte sich an Hilfsschreiber, die ihm aus der Not helfen sollten. Bevor eine definitive Fassung vorlag, starb Anfang Mai 1864 auch Meyerbeer selbst. Man weiss, dass Meyerbeer in der Probenzeit gern noch an seinen Partituren feilte und verbesserte. Als die Erstaufführung im April 1865 in Paris über die Bühne ging, hörte das Publikum eine aus den vorhandenen Materialien gezimmerte und gekürzte Fassung, für die der belgische Musikwissenschaftler François-Joseph Fétis verantwortlich war. Die Aufführung war ein Riesenerfolg. Die Oper wurde zum weltweit meistgespielten Werk Meyerbeers. Erst die Nationalsozialisten setzten der Beliebtheit des jüdischen Meisters der «Grand Opéra» durch Aufführungsverbote ein tragisches Ende.
2014 erschien die erste Gesamteinspielung der Oper nach der im Verlag Ricordi publizierten neuen «kritischen Ausgabe» von «L’africaine» des nunmehr definitiv «Vasco de Gama» genannten Werkes durch Jürgen Schläder. Seither weiss man endlich, welches Gesamtmaterial bereitstand, als Meyerbeer die Probenarbeit dieses Werkes in Paris aufnehmen wollte. Offen bleibt, was passiert wäre, wenn er selbst bei dieser hätte dabei sein und mitentscheiden können.
Alles, was sich Opernliebhaber wünschen
Dass es sich bei seiner letzten Oper um eine grossartige Mischung alles dessen handelte, was man bei einem musikdramatischen Werk zu dieser Zeit erwarten durfte: Dafür hat der alte Routinier Meyerbeer bestens gesorgt. Das Werk verfügt über dankbare ariose Herausforderungen für Solisten aller Stimmlagen, über Duette und Ensembles bis zu siebenstimmigen Szenen in abwechslungsreicher Abfolge, über publikumswirksame dramatisch einprägsame grosse Chorszenen und über eine in fünf Akten durchgehaltene faszinierende Orchestrierung. Also grosse Oper vom Besten, was man in Opernhäusern erwarten darf.
Das Besondere an Meyerbeer ist allerdings, dass er es schafft, kritische Distanz zu wahren zu jeder ideologischen Verherrlichung von religiöser und staatlicher Macht. So ist sowohl die katholisch-christliche Inquisition in Portugal und Spanien in der Epoche der Weltentdeckungen in seinem Dissens markierenden Visier als auch die uneinsichtige Starrheit der hinduistisch-brahmanischen Priesterschaft. Darin bleibt Meyerbeer ein Sohn der Aufklärungszeit, dem das Schicksal der von Glauben und Irrglauben betroffenen Individuen immer mehr am Herzen lag als die Verbreitung kollektiver Anliegen und Ideologien, so mächtig die dazu treibenden Kräfte und Mächte in Europa oder anderswo auch gewesen sein mögen.
Die Arie von Weltruhm
Wie es oft der Fall ist in der Opernwelt: Die Wahrnehmung des Publikums bezüglich Schönheit und Einmaligkeit einer Musik bleibt selektiv. Das gilt auch in diesem Fall. Den Vorzug gab das Publikum damals wie heute einer Tenorarie aus dem 4. Akt, die in ekstatischer Art und Weise die berückende Schönheit der Natur feiert. Ob wir uns da an der afrikanischen Ostküste, auf Madagaskar oder an der indischen Westküste befinden, ist unerheblich. Für Vasco ist dieses Land, das sich hier aus den Meereswellen erhebt, ein «pays merveilleux», ein «jardin fortuné» – ein herrliches Land, ein vom Glück begünstigter Garten, ein strahlender Naturtempel.
Auf einmal ist der Eroberer überzeugt: Du bist mein, du neue Welt, die von nun an zu meinem Land gehört! «Soi donc à moi, ô beau pays!» Selten wurde eine Landnahme in herrlicheren Tönen besungen als hier. Für Vasco ist der Ort seiner sinnlichen Verzauberung der wiedergefundene Garten Eden, den er unter keinen Umständen wieder verlieren möchte. «Neue Welt, du gehörst mir! / Sei mein, du schönes Land!»
Keiner der grossen Tenöre des Zeitalters reproduzierbarer und konservierbarer Musik hat sich diese Prachtarie entgehen lassen, vom damaligen Pionier von tonalen Aufnahmen Enrico Caruso bis zum heutigen Jonas Kaufmann. Wir hören hier eine Version mit Plácido Domingo aus seiner tenoralen Glanzzeit. Von ihm existieren im Netz sogar mehrere Versionen dieser Vorzugsarie vieler «tifosi dell’opera».