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Orchestermusik zum 150. Geburtstag
Christof Escher hat acht bisher unveröffentlichte Orchesterwerke von Paul Juon, dem «schweizerischen Tschaikowsky», erstmals ediert.
Zu den interessantesten Wiederentdeckungen und Neubewertungen von schweizerischen Romantikern zählt seit den 1980er-Jahren nebst Johann Carl Eschmann, Theodor Fröhlich, Hans Huber und Joachim Raff auch Paul Juon (1872–1940). Der Altersgenosse von Alexander Skrjabin und Enkel eines aus Graubünden nach Russland ausgewanderten Zuckerbäckers nimmt nicht nur seiner Biografie wegen eine Sonderstellung ein.
In Moskau geboren und dort am Konservatorium von Jan Hřímalý (Violine), Anton Arensky und Sergei Tanejew (Komposition) unterrichtet, verbrachte Juon den grössten Teil seines Lebens in Russland und in Deutschland, bevor er 1934 an den Genfersee übersiedelte. Sein Kompositionsstudium hatte er bei Woldemar Bargiel an der Hochschule für Musik in Berlin fortgesetzt, wo er selber Komponisten wie Philipp Jarnach, Heinrich Kaminski, Nikos Skalkottas, Pantscho Wladigerow oder Stefan Wolpe ausbildete. 1896 wurde er mit dem Mendelssohn-Preis ausgezeichnet, 1919 Mitglied der Preussischen Akademie der Künste und 1929 Beethoven-Preisträger. Einen Namen schuf er sich auch mit musiktheoretischen Handbüchern und als Übersetzer.
Obschon er sich von Tschaikowsky stärker als von Brahms beeinflussen liess, ging er zusammen mit Alexander Glasunow, Nikolai Medtner und Sergei Tanejew als «russischer Brahms» in die Musikgeschichte ein. Die Bezeichnung «schweizerischer Tschaikowsky» wäre passender gewesen.
Sein ausserdem nordisch geprägtes Schaffen – Juon revidierte mehrere Werke von Jean Sibelius — setzt mit Musik im Stil der spätrussischen Nationalromantik ein und leitet mit harmonischen und rhythmischen Experimenten sowie mit metrischen Reihen in die Moderne hinüber. Jene weisen, erstmals 1903 angewandt, auf die um 1950 von Boris Blacher entwickelten «variablen Metren» voraus. Nach dem Prinzip von Liszts Klaviersonate h-Moll schuf Juon einsätzige Kompositionen, die aus mehreren satzartigen Teilen bestehen.
Unter den 99 Kompositionen mit Opuszahlen ragen zwei Sinfonien, drei Violinkonzerte, fünf Klaviertrios, vier Streichquartette, mehrere Sonaten und viel Klaviermusik hervor.
Die auf Anregung des Bündner Juon-Biografen Thomas Badrutt 1998 in Zürich gegründete Internationale Juon-Gesellschaft IJG hat vor zehn Jahren eine Orchester-Edition begonnen. Zum 150. Geburtstag des Komponisten am 8. März schliesst sie nun die Aufbereitung aller acht unveröffentlichten Orchesterwerke ab. Darunter befindet sich mit der 1. Sinfonie fis-Moll op. 10 (1895) ein Hauptwerk, das sich durch typisch russische Färbung auszeichnet. Der Schweizer Dirigent Christof Escher hat es zusammen mit der 2. Sinfonie, der Fantasie Vaegtervise und der Suite op. 93 in Lugano und Moskau aufgenommen und als CD-Ersteinspielung bei Sterling herausgebracht (Sterling 1103-2: Fantasie, Sinfonie Nr. 2; Sterling 1104-2: Suite, Sinfonie Nr. 1).
An der von Escher geleiteten Edition wirkte der Schulmusiker Ueli Falett, seit 2012 Präsident der IJG, leidenschaftlicher Bratschist und Leiter von Orchesterwochen, in enger Zusammenarbeit mit. Die mühsame Arbeit des Spartierens auf der Basis von Orchesterstimmen und die Herstellung von Aufführungsmaterialien anhand autografer Partituren rundete Escher mit selber verfassten Vorworten ab.
Nebst kleineren Stücken liegen jetzt die folgenden Werke in Partitur und Stimmen vor: Ballettsuite aus dem Tanzpoem «Psyche» op. 32a, Symphonische Skizzen «Aus einem Tagebuch» op. 35, Tanz-Capricen op. 96, Thema mit Variationen o. op., Drei sinfonische Skizzen o. op. Sie alle befinden sich in der Bibliothèque cantonale et universitaire Lausanne (BCU), wobei nur die Partituren frei aufgerufen und heruntergeladen werden können: https://patrinum.ch/search?cc=AM-Fonds+Paul+Juon&ln=fr&c=AM-Fonds+Paul+Juon
Die Stimmen sind bis Ende 2022 zu bestellen über: <email-pii>