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BILANZ: Sie treten am 1. Juni gegen Fifa-Präsident Joseph Blatter an. Wie sehen Sie Ihre Chancen – fifty-fifty?
Mohamed Bin Hammam: Ja. Ich habe unerwartet viel Zuspruch für meine Kandidatur aus aller Welt erhalten. Anrufe, Mails von den Verbänden, Konföderationen, es war mehr, als ich dachte. Und die Leute stimmen mir zu: Es braucht den Wechsel, jetzt ist die Zeit reif.
Wie reagierte Joseph Blatter, als er begriff, dass Sie Ernst machen mit der Kandidatur? Bot er einen Deal an – gib mir noch vier Jahre, danach helfe ich dir?
Er war vor ein paar Wochen in Malaysia, wo auch der Asiatische Fussballverband, den ich präsidiere, sein Büro hat. Er fragte, ob er mich sehen könne. Aber sein Terminvorschlag passte zeitlich nicht, ich konnte ihn nicht treffen.
Das war vor der Ankündigung Ihrer Kandidatur?
Ja, einen Tag davor.
Sie wollen das desaströse Image des Weltfussballverbandes verbessern. Ist der Fifa-Präsident schuld daran oder der Verband?
Es ist das Image der Fifa insgesamt, die speziell in den Augen der Öffentlichkeit und der Medien als sehr korrupte Organisation gilt. Und ich bleibe dabei: Blatter ist nicht mehr in der Position, die Reputation der Fifa zu verteidigen. Im Gegenteil: Je mehr er über die Fifa spricht, umso mehr Menschen gehen in Opposition. Das andere ist: Ich habe viel Erfahrung im Weltfussball, ich kenne mich aus, und ich bin 61 Jahre alt – wann ist meine Zeit? Wenn ich 70 bin, suche ich sicher keinen Posten mehr.
Sie wollen definitiv nur zwei Amtszeiten machen?
Hundertprozentig. Ich denke, das wäre auch fürs Image der Präsidenten aller Konföderationen gut – nicht mehr als zwei Amtszeiten. Der Fussball ist so weit entwickelt, kein Präsident kann nach acht Jahren noch etwas einbringen, es sollte dann etwas Neues kommen. Für den Fussball muss keiner 15 oder 20 Jahre an der Spitze bleiben.
Dann ist es bloss Eigenprofilierung, wenn Blatter jetzt, nach 36 Jahren als Direktor, Generalsekretär und Präsident, sagt, er brauche noch weitere vier Jahre, um seine Mission zu vollenden?
Leider. Ich erinnere daran, dass er das schon 2002 sagte. Er brauche nur noch vier Jahre, dann sei Schluss. Aber dann hätte er das Amt 2006 abgeben müssen.
Sie selbst wirkten bisher nicht allzu ambitioniert. Hätten Sie auch einen anderen Kandidaten unterstützt?
Ja. Wäre da jemand, der eine neue Fifa gestalten könnte, hätte ich ihn unterstützt. Es geht hier nicht um mich, sondern um den Fussball.
Haben Sie einen anderen Kandidaten gesucht?
Ja. Ich habe vergangenes Jahr Michel Platini angesprochen. Ich drängte ihn zu kandidieren.
Und?
Er erbat Bedenkzeit. Dann sagte er, er habe seine Aufgaben als Präsident der Uefa noch nicht beendet.
Jetzt sieht es so aus, als sei Platini auf Blatters Seite. Wenn er ihm hilft, könnte er Blatter vielleicht innerhalb des nächsten Vierjahresturnus folgen.
Ich wünsche mir, dass Platini hier neutral bleibt. Das werde ich ihm sagen.
Wie wollen Sie die Kontinental- verbände stärken?
Über mehr Zuständigkeit in Management und Verwaltung. Heute wird alles von der Fifa aus Zürich gesteuert. Sie organisiert von Zürich aus Kurse in Tahiti. Warum nicht Ozeanien, warum richtet die Fifa nicht da eine Abteilung ein? Absolut bürokratisch, so steigen Kosten schnell von 13 000 auf 130 000 Franken. Vergessen Sie nicht: Das Gesamtbudget der Fifa für Entwicklungen in einem Vierjahresturnus beläuft sich auf über 750 Millionen Dollar. Da könnte eine Menge über Kontinentalverbände investiert werden, die machen das viel besser. Die Fifa braucht eine Dezentralisierung in der Verwaltung und mehr Fokussierung auf das Spiel, auf die WM. Sie hat genug zu tun mit Spieler- und Transferfragen.
Bedeutet die Bündelung der Finanzfragen in Zürich nicht das System Blatter – er wahrt die Kontrolle über jede Bewegung und sichert die eigene Macht ab?
Blatter oder nicht, das ist das System. Es ist nicht korrekt. Das hat früher gepasst, heute haben wir neue Medien, Video, Internet, Menschen kommunizieren interaktiv. Die Zeiten ändern sich, man muss das nutzen.
Haben Sie all dies schon früher im Fifa-Vorstand angeregt, dem Sie angehören?
Ja, sogar viele, viele Male.
Ohne Erfolg?
Ja. Das ist mit ein Grund, warum ich kandidiere: Solange Sie nicht an der Spitze der Pyramide sind, ist es sehr schwer, Dinge zu verändern.
Was konkret strebt Blatter, der sein Amt ja als unerfüllt sieht, noch an?
Ich sehe da nichts. Auch in seiner jetzt ablaufenden Amtszeit sehe ich null, nicht eine Vision für die Fifa. Blatter ist erschöpft. Denken Sie an die Torlinien-Technologie: Kein neuer Ansatz kommt in die Fifa. Ich sehe bei Blatter keine Kreativität mehr.
Apropos Torlinien-Technologie: Wie stehen Sie dazu?
Wir müssen den Schiedsrichtern helfen. Früher, als es keine Kameras gab, war das zu akzeptieren. Aber jetzt, da Kameras jeden Zentimeter des Spielfelds erfassen – warum sollen wir so tun, als sei das menschliche Auge besser? Auch der Referee will lieber Gewissheit. Warum helfen wir ihm nicht? Daran erkennt man die mangelnde Glaubwürdigkeit einer Person an der Spitze.
Wann und warum ist die Freundschaft zwischen Sepp Blatter und Ihnen zerbrochen? Kam der Bruch 2009, als der Fifa-Präsident versuchte, Ihre Abwahl als Chef des Asien-Verbandes zu betreiben?
Es gab einen Versuch. Aber ich habe diesen Zwischenfall verarbeitet. Ich habe auch Fehler gemacht. Wir sprachen darüber, für mich ist das Problem beseitigt, wenn es eines war.
Aus dem damaligen Streit resultiert ein Satz, der Ihnen anhängt: Sie würden jedem, der sich in Ihren Weg stelle, Kopf, Hände und Füsse abhacken.
Ich habe das gesagt, und ich habe es bedauert. Aber als ich es sagte, habe ich gelacht. Das ist ein Ausdruck, den wir benutzen, um Entschlossenheit zu zeigen.
Blatter erhielt einst massive Wahlkampfhilfe von Ihnen: das Flugzeug des Emirs, und Sie besorgten viele Stimmen in Asien und Afrika. Wie lief das konkret?
Ich habe ihn in allem unterstützt. Blatter war Einzelkämpfer, die Uefa stand mit all ihrer Macht gegen ihn. Und er durfte keine Fifa-Mittel benutzen, um den Wahlkampf und seine Reisen zu organisieren. Wir versorgten ihn mit allem, was er brauchte. Neben diesem Geld nutzten wir unsere Verbindung zu Landesverbänden in Afrika und Asien. Er hing zu 100 Prozent von mir ab. Ich habe einen Brief von Sepp Blatter, in dem er schreibt: «Ohne dich, mein Bruder, wäre ich nicht in diese Position gekommen.»
Hat Blatter Ihnen jemals etwas dafür versprochen?
Nein. Ich bin eine unabhängige Person, und ich bin loyal. Es gab da eine besonders emotionale Geschichte: Eines Nachts, bevor wir aus Paris nach Südafrika fliegen wollten, rief meine Frau an und sagte, mein Sohn habe einen Unfall gehabt, die Ärzte gäben ihm nur noch 24 Stunden. Es war schlimm. Der Südafrika-Termin war auch wichtig, viele Mitgliedländer erwarteten uns. Was sollte ich tun? Mit Blatter fliegen – oder meinen Sohn zum vielleicht letzten Mal sehen? Ich schlief die Nacht nicht. Morgens um sechs rief ich meine Frau an und sagte, sorry, ich komme nicht. Blatter braucht mich, und mein Sohn braucht Ärzte, er braucht Gott. Ich opferte die Möglichkeit, meinen Sohn zum vielleicht letzten Mal zu sehen, für die Unterstützung von Sepp Blatter. Ich denke, ich habe ihm wirklich viel geholfen.
Was passierte in der legendären Nacht 1998 vor Sepp Blatters Wahl in Paris, als Geldcouverts an afrikanische Delegierte verteilt wurden? Funktionäre entschuldigten sich weinend bei Blatters Gegner, dem Uefa-Chef Lennart Johansson.
Wenn Geld verteilt wurde, war ich in keiner Weise beteiligt.
Aber Sie kennen die Gerüchte?
Ehrlich gesagt: Ja, ich hörte diese Gerüchte – aber ich hörte sie zu beiden Kandidaten. Es gab später einen Herrn aus Somalia, der vor der Heimreise aus Paris pleite war. Er bat mich um Hilfe. Was immer ich aus humanitärer Sicht für ihn tat – er sagte den Medien, dass ich ihm etwas gegeben hätte.
Könnte Blatter jetzt als Präsident seinen Wahlkampf mit Fifa-Mitteln und -Personal betreiben?
Das ist für persönliche Lobbyarbeit verboten. Ich fordere die Fifa mit meiner Kandidatur auch auf, in diesem Wahlkampf genau zu beobachten, dass keine Regeln gebrochen werden.
Präsident Blatter redet ständig von Transparenz. Sie sitzen in der Finanzkommission – kennen Sie seinen Lohn?
Ich sollte ihn kennen. Es liegt am Weltfussballverband und nicht an mir, ihn publik zu machen.
Würden Sie Ihr Gehalt als Fifa- Präsident offenlegen?
Ja. Ich schlage ein Exekutivbüro vor, mit dem Präsidenten der Fifa und den sechs Kontinentalverbänden. Dieses Büro ist verantwortlich für die Entscheidungen, jeder hat eine Zuständigkeit. Ich werde alle Bezüge dieses Büros und der Board-Mitglieder offenlegen. Es gibt nichts, wofür wir uns schämen müssten.
Wo sehen Sie heute die grössten Herausforderungen für den Fussball?
Das Spiel selbst ist weit entwickelt, das populärste der Welt. Die Herausforderung ist das Verhältnis der Beteiligten zueinander, also der Klubs, Ligen, Verbände, Fans – und es ist nicht das beste. Es geht um die Verteilung von Geld und Rechten. Und um die Transparenz unserer Arbeit. Wir müssen schauen, was die Amateure brauchen. 99,9 Prozent sind ja keine Profis. Wir müssen moderne Technologie einführen.
Katar erhielt den WM-Zuschlag für 2022. Schätzen Sie die Art, wie die Fifa den WM-Ausrichter kürt?
So war das Prozedere bisher, niemand wollte es ändern. Katar gewann auf Basis der geltenden Regeln. Aber es ist eine geheime Abstimmung, das ist der Punkt: Ist das transparent? Wenn jemand vorschlägt, lasst uns offen per Handzeichen wählen, würde das vieles klären. Jetzt ist es ja auch so, dass zwei, drei Kandidaten bittend zu dir kommen und es einem schwerfällt, zu sagen, nein, dich wähle ich nicht. Man achtet auf Gefühle. Also sagt man, okay, vielleicht – manche nehmen das als Zusage, was falsch ist. Wenn man in Zukunft per Handheben abstimmt, sagen möglicherweise viele: Sorry, aber ich wähle dich nicht. Dann gibt es keine Überraschungen und Enttäuschungen mehr.
Werden Sie das anregen?
Ja. Wir müssen offen für neue Ideen sein.
Sind Sie für das Handzeichen?
Ich habe kein Problem damit. Ich würde auch keine Kandidatenpräsentation am Tag der Wahl machen, sondern in einer angemessenen Zeit davor. Jeder kann zeigen, was er hat – am Ende entscheidet das Handzeichen. Da gibt es keinen Grund, Deals zu konstruieren.
Was sagen Sie zur Debatte über den Termin der Katar-WM: Sommer oder Winter?
Katar hat sich für den Sommer beworben, und es hat nicht die Absicht, das zu ändern. Aber auch das können wir alle gemeinsam bereden. Es ist nicht richtig, darüber in den Medien zu diskutieren, wir verwirren die Leute.
Angefangen haben nicht die Medien. Es waren die Klubs und die Ligen.
Es ging in der Fifa los, Blatter kam damit. Hat er das mit den Klubs beraten, mit den Verbänden? Mit dem Fifa-Exekutivboard besprochen? Nichts davon ist geschehen.
Warum sagte Blatter im Januar laut BBC, die Bewerber Katar und Spanien/Portugal hätten gekungelt, nur habe ihr Pakt nicht funktioniert? Vor der WM-Kür fand das Ethikkomitee keine Belege. Greift er damit Sie an?
Ich war immer gegen diese Idee, die WM 2018 und 2022 gemeinsam zu vergeben, und machte mich damit unpopulär. Ich sagte, das Exekutivkomitee wolle hier etwas entscheiden, das in der Verantwortung der Vorstandsmitglieder von 2016 liege. Vielleicht ist keiner von uns mehr dabei. Wir greifen auch Leuten vor, welche die Welt im Jahr 2016 besser beurteilen können als wir heute. Schauen wir, was passiert ist: Es gab neun Kandidaturen – acht hatten Mitglieder im Exekutivkomitee. Erwarten Sie, dass wir uns da nicht austauschen? Nicht im Sinne von Korruption, einfach über die Vorgänge.
Waren Katars Gespräche mit Spanien intensiver als mit anderen?
Jeder hat mit jedem gesprochen.
Rechnen Sie damit, dass es ein schmutziger Wahlkampf wird?
Blatter und ich haben die Chance, der Welt zu zeigen, dass Personen in der Fifa nicht korrupt sind. Das haben wir beide stets betont. Jetzt müssen wir das mit einem sauberen Wettbewerb beweisen.
Der Kopf hinter der WM 2022
Der Katarer Mohamed Bin Hammam, Jahrgang 1949, ist Präsident des Asiatischen Fussballverbandes (AFC). Er sitzt seit 1996 im Fifa-Exekutivkomitee und wird am Fifa-Weltkongress in Zürich (31. Mai / 1. Juni) gegen Präsident Sepp Blatter antreten. Bin Hammam war mit dem Emir des Kleinstaates eine der treibenden Kräfte für die Fussball-WM in Katar (2022).