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Kultur
Mythen und ihre Geschichte
John F. Kennedy wurde von der CIA ermordet, oder war es das FBI? Im "Area 51" leben seit den 50er-Jahren Außerirdische; im Internet kann man Katzen in allen Formen und Farben bestellen; die Mondlandung fand nie statt, sondern wurde in einem Filmstudio produziert; auf der amerikanischen Ein-Dollar-Note befindet sich das geheime Symbol der Illuminaten: eine 13-stufige Pyramide; aus einer literarischen Schöpfung des bekannten Horrorschriftstellers H. P. Lovecraft, dem "Necronomicon", wurde eine bibliophile Rarität, für die Sammler eine horrende Summe zahlen würden - doch niemand hat auch nur ein Exemplar davon gesehen - was auch ungewöhnliche wäre für ein Buch, das nie existiert hat. Was alle diese von vielen Menschen geglaubten "Fakten" gemeinsam haben? Es sind so genannte moderne Mythen, an denen kein Wort wahr ist und die mit dem ursprünglichen Begriff von Mythen nicht das Geringste zu tun haben.
Karen Armstrong, eine der weltweit renommiertesten Religionswissenschaftlerinnen, beschäftigt sich in ihrem Buch "Eine kurze Geschichte des Mythos" mit der Entstehung von Mythen. Dabei versucht sie, den Zeitraum von ca. 20.000 vor Christus bis in die Neuzeit sowie verschiedenste Kulturkreise abzudecken.
Dieses Buch ist das erste einer vom Berlin Verlag initiierten Reihe, in welcher Autoren von Weltrang alte Mythen neu entdecken helfen, neue Wege der Betrachtung eröffnen wollen und dies, ohne die Leserschaft mit wissenschaftlichen Erklärungen zu langweilen oder trockenem Schreibstil zu ermüden. Allerdings benötigt solch ein Mammutprojekt eine wissenschaftliche Einführung. Diese wird von Karen Armstrong vorgelegt. Und sie ist weder langweilig noch ermüdend, sondern anregend, informativ und inspirierend. Wie nebenbei erfährt man auch Hintergründe von Riten, welche noch heute in Teilen oder Abwandlungen vollzogen werden und deren Ursprung teils mehrere Tausend Jahre zurück reichen.
Die Autorin will einen großen Zeitraum abdecken und verschiedene Kulturkreise betrachten. Bei gerade einmal 140 Buchseiten müssen allerdings Schwerpunkte gesetzt werden. Dies gelingt hervorragend, da dieser bei den frühesten Mythen liegt. Durch die geduldige und sorgfältige Aufbereitung der ältesten Mythen ist es leicht zu verschmerzen, dass die Mythenbildung ab etwa 200 Jahre vor Christus bis heute sehr kurz gefasst wird, wohingegen die Zeit davor fast 100 Seiten umfasst.
"Eine kurze Geschichte des Mythos" ist genau das, was im Buchtitel versprochen wird. Es ist kein Lehrbuch, sondern ein Wegbereiter für die weiteren Bände der Reihe. Es soll Appetit machen auf die nächsten Bücher, es zeigt die Sichtweise, in der Autoren unterschiedlichster Nationalität, Kultur- und Sprachräume literarisch mit Mythen umgehen werden. Und es ist ein leicht lesbarer, sehr informativer und trotzdem wissenschaftlich fundierter Einführungstext. Darüber hinaus eignet sich das Werk hervorragend als Einstieg für diejenigen, die sich für den Ursprung heutiger Religionen interessieren, aber bisher davor zurückschreckten, ein mehrere 100 Seiten umfassendes, rein wissenschaftliches Werk durchzuarbeiten.