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Javier ist Musiker – und ein Sans-Papiers, der derzeit in Luzern lebt. In der Coronakrise verlor er seinen Job und kam von Genf hierher. Seit Monaten verdient er nichts mehr. Doch jammern mag er nicht.
«Je dis toujours que c’est la musique qui m’a sauvé.»
«Ich sage immer, dass die Musik mich gerettet hat.»
Das sagt Javier, ein Sans-Papiers, als wir ihn in der Luzerner Sans-Papiers-Beratungsstelle zum Gespräch treffen. Javier heisst eigentlich anders. Doch er hat Angst, aufzufliegen. Die Behörden wissen nicht, dass er hier ist.
Ende 2014 reiste er in die Schweiz, hielt sich erst in Genf auf und kam Anfang der Coronakrise nach Luzern. Der Mann – freundliche Augen, um die 50 Jahre alt – ist Musiker. Hauptsächlich spielt er Gitarre, beherrscht aber auch das Pianospielen, Schlagzeug und Bass. An mehr als 500 Konzerten hat Javier in der Schweiz mitgewirkt – viele davon im Grand Théâtre de Genève.
Javier wurde bedroht, bis er es nicht mehr aushielt
Javier hatte es in seinem Heimatland zuerst eigentlich gut. Er hatte einen festen Job bei einer Firma, er hatte einen guten Lohn, ein gutes Apartment. Seine Mutter starb, als er 16 Jahre alt war. Sein Vater heiratete erneut. Nach dem Tod seines Vaters zerbröckelte alles. Die zweite Frau seines Vaters und deren Familie bedrohten Javier. Und auch die Frau, mit der Javier zusammen war, bereitete ihm Sorgen. Er fiel in Depressionen, betäubte seinen Schmerz mit Alkohol, trank immer mehr, bis er Alkoholiker wurde. Die Bedrohungen wurden nicht weniger. «Eines Tages bekam ich so Angst, dass ich alles zurückliess, für immer gegangen bin.»
Das war 2014. Javier verliess seine Heimat nicht, um reich zu werden. Javier ging, mit einem «coeur brisé», einem gebrochenen Herzen. Er fasst sich mit der Hand an die Brust. Javier ging, um neu anzufangen, ein Leben in Würde zu leben. Javier ging, um sich selber zu retten, wie im Verlaufe des Gesprächs klar wird. «Wenn ich da geblieben wäre, wäre ich schon lange tot.» Jetzt hat Javier glänzende Augen.
Seit der Corona-Krise verdient Javier nichts mehr als Musiker
Erst lud ein Freund Javier zu sich, dann reiste er weiter, in die Schweiz. Javier landete erst auf den Genfer Strassen. Bis er an Volontariat-Konzerten mitwirken konnte, sich auf der Strasse als Musiker noch ein paar Franken zusätzlich verdiente. So kamen rund 20, 30 Franken täglich zusammen. «Ich habe nie viel verdient, aber alles, was ich hatte, reichte fürs Leben.»
«Damit verdiene ich nichts. Aber ich mache Musik, weil es mich erfüllt.»
Javier
Dann kam die Coronakrise. Javier verlor seinen Job, viele Projekte sind auf Eis gelegt. Aufgehört zu musizieren hat Javier deswegen aber nicht. Er komponiert neue Musik, arbeitet mit anderen Sängerinnen zusammen, macht Musikvideos, die er ins Internet stellt. «Damit verdiene ich nichts. Aber ich mache Musik, weil es mich erfüllt.» Auch hofft er, mit den Videos Weichen für die Zukunft stellen zu können. «Wer nichts mehr macht und wer nicht mehr träumt, der ist bereits gestorben.» Javier hat grosse Träume. Sein grösster ist es, den Menschen in seiner Heimat – einem korrupten Land – zu helfen. «Ich kenne viele, die zu sehr fest da leiden», sagt Javier.
Javier lebt von der Hand in den Mund. Sein Erspartes hat er aufgebraucht. Doch er hat viele Freunde, die ihm unter die Arme greifen. Er kann bei Freunden schlafen, andere laden ihn zum Essen zu sich nach Hause ein.
… und dann flatterte eine teure Rechnung ins Haus
Eine Rechnung bereitete ihm besonders viel Sorgen. Sie kam ausgerechnet dann, als Javier seinen Job verlor, sein Lohn gestrichen wurde. Seit Javier in der Schweiz ist, machen ihm Zahnprobleme zu schaffen. Er liess zwar seine Zähne flicken, einige musste er auch ziehen. Die Zahnprobleme blieben weiterhin, er hatte Schmerzen beim Essen und auch optisch störten ihn die Zahnlücken. Javier, der oft und gerne lächelt, getraute sich nicht mehr, auf der Bühne zu lächeln.
«Javier beklagt sich nie, er bettelt nicht.»
Barbara Hosch, Verein Sans-Papiers Luzern
So kam es, dass er eine Zahnprothese benötigte, doch nicht wusste, mit welchem Geld er dieses bezahlen soll. Er stiess allerdings auf grosse Solidarität. Durch die Gelder, die von Stiftungen und der Glückskette zusammengekommen sind, konnte der Luzerner Verein Sans-Papiers auch Javiers Gesundheitskosten übernehmen.
Javier jammert nicht. Auch wenn er gerade mal so über die Runden kommt. «Ich verstehe nicht, wie man weinen und jammern kann, wenn man sehen, hören und laufen kann.» Barbara Hosch, die bei der Beratungsstelle Sans-Papiers tätig ist und Javier berät, ergänzt: «Javier beklagt sich nie, er bettelt nicht. Er nimmt, was er bekommt, und ist mit wenig zufrieden.»
Javier will nicht reich, sondern glücklich und frei sein
Javier fühlt sich in der Schweiz zuhause. Hier fühlt er sich wohl, er fühlt sich frei. Javier ist glücklich.
Doch er hat auch Angst, auf der Strasse von der Polizei kontrolliert zu werden. So hofft er, dass sein Aufenthalt legalisiert wird, beziehungsweise reguliert wird, bevor er auffliegt.
«La Régularisation – c’est la libérté totale.»
Javier
Javier denkt gerne an seine Heimat zurück, er hat viele Freunde und Bekannte da, zu denen er Kontakt pflegt. Bereits jetzt schickt Javier von dem wenigen Geld, das er hat, Geld an seine Freunde oder bezahlt deren Stromrechnungen. Auch mit den Menschen, die ihn bedroht haben, hat er Frieden gefunden. Javier hat keine Rachegefühle, hat ihnen verziehen.
Letztens hat er mit seiner Tante telefoniert – sie ist über 90 Jahre alt. «Sie weinte viel und fragte mich, wann ich komme. Ob ich komme, bevor sie tot ist.» Das macht Javier traurig. Er würde sie gerne besuchen. Doch das kann er momentan nicht, da er keine gültige Aufenthaltsbewilligung hat.
Einmal sei Javier von einem Freund gefragt worden, ob er nun ein reicher Mann in der Schweiz geworden sei. Doch das ist Javier nicht wichtig. Was er hier in der Schweiz gewonnen habe, an Erfahrungen und Freunden, das sei viel wertvoller. «Ich bin nicht hier, um ein reicher Mann zu werden. Denn ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein.» Auch wenn er irgendeinmal auffliegen würde, die Schweiz verlassen müsste – Javier hätte hier seinen Rucksack gepackt, voller guter Erlebnisse und Begegnungen.
Es ist die Musik, die ihn am Leben gehalten hat, und es ist die Schweiz, wo er mit sich selber Frieden gefunden hat.
Mehr über die Situation von Sans-Papiers in Luzern liest du hier:
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