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D as Haus des früheren Stallmeisters dient als Arbeitszimmer, komplett entkernt wohlgemerkt und bis hoch ins Deckengebälk vertäfelt mit Mahagoni. Ein Gemälde des französischen Realisten Gustave Courbet hängt an der Wand, daneben ein fast kinogrosser Flachbildfernseher, auf dem eine Börsensendung läuft. Der Ton ist abgedreht - statt dessen läuft klassische Musik.
Vornehm und zurückgezogen lebt der Börsenmagnat Thomas Peterffy. Sein Anwesen - ein altes Landgut auf einem weitläufigen Areal komplett mit Pferdegestüt und Apfelbaumwiesen gut eine Stunde ausserhalb von New York in Connecticut. «Falls es in den USA zu einem Aufstand der Massen kommen sollte, bin ich hier gut abgeschirmt», sagt der Selfmade-Milliardär. Er meint es nur halb im Scherz - dafür hat Peterffy genug politische Systeme kommen und gehen sehen. Zur Welt kam der Chef und Gründer des Discountbörsenhändlers Interactive Brokers während russischer Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg in einem Budapester Luftschutzkeller. Als junger Mann wuchs er im Kommunismus auf und floh später über die Schweiz in die USA.
Rund um den Globus flüchten sich die Börsen in Fusionen. Nyse Euronext spannt mit der Deutschen Börse zusammen, die kanadische TMX will mit der britischen LSE zusammengehen, Singapur und Sydney suchen ebenfalls die Fusion. Und irgendwie hat Peterffy diesen Prozess unmerklich mit angestossen.
Denn der Exil-Ungar ist der Revolutionär der elektronischen Weltbörsen - er brachte als Erster die Finanzmärkte mit Computertechnologie zusammen. Seiner Vision ist es massgeblich zu verdanken, dass elektronische Börsen den Parketthandel weltweit verdrängen. Doch Peterffy bleibt bescheiden: «Hätte ich das nicht gemacht, wäre jemand anders einige Monate später damit gekommen.»
Ein iPad schon vor 30 Jahren
Eines ist sicher: Peterffy hat es in der Börsenwelt weit gebracht. Der 66-Jährige ist mit 1,4 Milliarden Dollar Vermögen einer der reichsten Männer in den USA. Er führt mit Timber Hill einen der wichtigsten Marketmaker der Welt, der in 600 000 Wertpapieren an 80 Börsen Kurse und Liquidität stellt, und rangiert mit seinem Brokerbetrieb Interactive Brokers auf Platz 16 der grössten Wertpapierhandelshäuser Amerikas. Das Europageschäft siedelte er im schweizerischen Zug an, nicht nur, um Steuern im Eigenhandel zu sparen, sondern auch weil er die Schweiz mag.
Schon deutlich vor den Professoren Black und Scholes, die für ihre Arbeit später den Nobelpreis erhielten, ersann er sich eine Formel, wie man den Preis der Optionen richtig einschätzt. Doch statt darüber Vorlesungen zu halten, kaufte sich der Exil-Ungar 1977 einen Sitz an der American Stock Exchange und setzte als Optionshändler seine Formel in Geld um. Als seine ausgedruckten Listen zu unhandlich wurden, baute er sich einen handgehaltenen Computer mit Touchscreen - eine Art iPad 30 Jahre vor seiner Zeit.
Die Idee, dass man einen «richtigen» Preis für ein Gut herausfinden könnte, kam Peterffy schon als jungem Briefmarkensammler in Budapest: «Briefmarken waren eine der wenigen Waren, für die ein freier Markt zugelassen war», erzählt er. Der Bub beobachtete, wie einige Marken ihrer Beliebtheit wegen extrem im Preis stiegen, während andere billig blieben. Umgeben von kommunistischen Parolen wunderte er sich über die kapitalistische Urwahrheit, dass Angebot und Nachfrage den Preis bilden.
An diese fundamentale Einsicht erinnerte er sich, als er 1965 in New York ankam, nachdem er über München und die Schweiz in die Vereinigten Staaten geflohen war. Ohne Ausbildung und ohne ein Wort Englisch zu sprechen, arbeitete Peterffy zunächst in einem Kartographierbüro, wechselte dann zu einem Goldhändler, ehe er sich als Händler an der Börse American Stock Exchange selbstständig machte. Mit seiner Formel zur Berechnung des fairen Preises einer Option war er lange Zeit der einzige, der in Echtzeit wusste, was ein solches Wertpapier wirklich wert war. Das war wie ein Lizenz zum Gelddrucken. Zunächst belächeln ihn die übrigen Händler, bei denen eine laute Stimme und eine ordentliche Präsenz zum Geschäft gehören. Peterffy ist eher kurzgewachsen und damals noch ein schüchterner junger Mann mit vielen Zetteln. Doch als sie bemerken, wie erfolgreich seine Transaktionen laufen, folgen einige ihm hinterher, um seine Käufe nachzuahmen.
Der Trick mit dem Geheimcode
Die Gegebenheiten auf dem Parkett trieben Peterffy zu einer technischen Erfindung nach der anderen. Erst schuf er ein Netzwerk für seine Rechner. Die waren auf dem Parkett allerdings verboten. Also schuf Peterffy ein Farbsystem, mit dem Helfer ihm die Preise aufs Parkett signalisierten, das die im Backoffice versteckten Rechner ihm ausspuckten. Als 1990 die Deutsche Terminbörse als Erste den vollelektronischen Handel einführt, ist Peterffy von der ersten Stunde an als Marketmaker dabei.
Alles läuft vollelektronisch beim Exil-Ungarn. Nur um die Bestimmung zu erfüllen, dass ein Marketmaker entsprechend seiner Wertpapiere eine gewisse Anzahl von Mitarbeitern braucht, stellt er Leute ein. Die haben nichts zu tun - so weit ist Peterffy seiner Zeit voraus.
Um an allen Börsen der Welt handeln zu können, baut Peterffy ein internationales Ordersystem auf, dessen Kapazitäten weit über dem liegen, was er für seinen Eigenhandel braucht. Die Idee für Interactive Brokers als Onlinebroker für Privatleute und Profis war geboren. 1995 wurde sie umgesetzt. Gemäss den Regeln der Deutschen Terminbörse gründete Peterffy 1990 seine erste europäische Firma in Deutschland, doch er träumte von einem Sitz in der Schweiz: «Das Land liegt mir sehr am Herzen.»
Als er 1965 in den Westen floh, machte er sechs Wochen halt bei einer Cousine in Luzern. Auf der Wiese vor ihrem Haus grasten die zwei Kühe der Nachbarn vor einem schönen See. «Hinter dem Eisernen Vorhang war alles grau und schwarz gewesen. Noch immer verbinde ich die leuchtenden, funkelnden Farben der Schweiz mit Freiheit», sagt Peterffy. Sobald 1993 die Bedingung, dass Mitglieder der Deutschen Terminbörse auch deutsche Unternehmen sein mussten, aufgehoben wurde, zog er mit Interactive Brokers um nach Zug und führt seither von der Kleinstadt aus sein gesamtes Europa-Geschäft.
Peterffy schätzt das Geschäftsklima der Schweiz: «Die eidgenössischen Finanzmärkte sind im Vergleich zu anderen in der Welt stets fair und effizient.» Nur die Banken operieren seiner Meinung mit zu hohen Gewinnspannen. Etwa alle zwei Jahre kommt Peterffy in die Schweiz: «Ich freue mich stets auf Zuger Kirschtorte und Pflümli», lacht er.
Wolken am Horizont
Peterffy ist für seine schnelle Handelssoftware bekannt, die Kursunterschiede an verschiedensten Börsen aufzeigt und binnen Sekundenbruchteilen massiv Orders platzieren kann. Doch ausgerechnet jetzt wird der Unternehmer, der in gewisser Weise die Parketthändler auf dem Gewissen hat, selbst rechts aussen überholt - von den Hochfrequenzhändlern. Die rasieren die Preisunterschiede zwischen Kauf- und Verkaufskursen, von denen Timber Hill als Marketmaker lebt, noch schneller als Peterffy ab. «Wir Marketmaker stellen auch in schlechtem Börsenklima Kurse, während sich Hochfrequenzhändler nur bei Sonnenschein blicken lassen.»
Aktuell ringt Peterffy mit der amerikanischen Finanzaufsicht um eine Regulierung - er will einen Preisvorsprung von einer Zehntelsekunde für Marketmaker einführen: «Sonst werde ich selbst Hochfrequenzhändler und stelle bei hoher Volatilität keine Kurse mehr.» Peterffys technologische Innovationen haben ihn zum reichen Mann gemacht. Doch er beteuert, dass es ihm aufs Geld an sich nie ankam: «Das ist mir nicht so wichtig. Ich wollte stets nur das nächste Problem meistern.»