Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03104.jsonl.gz/72

Theater Biel Solothurn – Théâtre Bienne Soleure, Biel/Bienne BE, Solothurn SO
Sprech- und Musiktheater mit festem Ensemble und Gästen
Die theatralen Aktivitäten in den Städten Biel und Solothurn lassen sich über Jahrhunderte zurückverfolgen. In Biel kann man Ende des 14. Jahrhunderts Aufführungen an Festtagen, Hochzeiten und fürstlichen Besuchen nachweisen. Bürger- und Schüleraufführungen sind seit dem 16. Jahrhundert belegt. Bereits im 17. und 18. Jahrhundert wurden in Biel temporäre Spielstätten (ephemere Bretterbühnen im Rathaussaal, später im Rathauskeller) von professionellen Wandertruppen bespielt. Volksbelustigungen jeder Art fanden auf dem Rathausplatz statt. 1842 erhielt Biel eine permanente Spielstätte. In das ehemalige, der Burgergemeinde gehörende Zeughaus wurde ein Theatersaal eingebaut. Wie auch in anderen Schweizer Städten mietete eine Theatergesellschaft, die 1841 gegründet worden war, das Haus und verpachtete es an wandernde Schauspielergesellschaften und an lokale Vereine weiter.
Die ehemalige Ambassadorenstadt Solothurn kann ebenfalls auf eine lange Theatertradition zurückblicken, die vor allem in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit aufwändigen Aufführungen von Tragödien christlichen und antiken Inhalts vor der St.Ursen-Kathedrale sowie mit öffentlichen Schüleraufführungen der Stiftsschule einen ersten Höhepunkt erlebte. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts trat das Jesuitenkollegium jedes Jahr mit Schüleraufführungen hervor. Drei Spielgruppen prägten im Weiteren die Theaterlandschaft Solothurns: das Schultheater, das bürgerliche Laienspiel und Gastspiele wandernder professioneller Schauspielergesellschaften. Zwei Spielstätten wurden genutzt: ein Raum im Kaufhaus an der Aare (am Landhausquai) und ein Saal im Jesuitengymnasium (für die Schulaufführungen). Zudem präsentierten Schatten- und Marionettenspieler, "starke Männer" und Seiltänzer jährlich ihre Künste auf öffentlichen Plätzen in Solothurn. Nach der Auflösung des Jesuitenordens ging der Saal im Gymnasium an die Stadt über. 1778/79 wurde ein richtiger Theatersaal eingebaut. Ab diesem Jahr sind häufige Bespielungen durch wandernde Schauspielergesellschaften nachzuweisen.
Die Theaterdirektoren führten die Theater Biels und Solothurns als Unternehmen. Gewinn und Verlust des Geschäfts mussten sie selbst tragen. Geringfügige, oft indirekte Subventionen von Seiten der Städte verringerten das Risko kaum. Nur eine hohe Publikumsfrequenz und gute Einnahmen garantierten den Bestand der Schauspielergesellschaft. Im 19. Jahrhundert wurden die beiden Städte regelmässig bespielt. Ensembles mit ihren Direktoren, unter diesen in den sechziger und siebziger Jahren häufiger →Carl Friedrich Heuberger und Gustav Detloff, gaben meist im Frühjahr und Winter Vorstellungen, vor allem Lustspiele und Schwänke, gelegentlich auch Klassiker, Opern und Ballette, seltener zeitgenössische Schauspiele. Ab Herbst 1897 übernahm der Direktor Eugen Otto Schmitt für mehrere aufeinander folgende Wintersaisons die Stadttheater von Solothurn und Biel und spielte vor Neujahr in Solothurn, nach Neujahr in Biel. 1909–12 leitete Cornelia Donhoff das neu gegründete Städtebundtheater Schaffhausen-Solothurn, bis 1914 führte Ludwig Spannuth-Bodenstedt dieses unter dem Namen Vereinigte Stadttheater Schaffhausen-Solothurn weiter. 1924–26 war Percy Marx Direktor der Vereinigten Stadttheater Solothurn-Biel. Die Pachtübernahme für eine weitere Saison lehnte er ab, da er die von ihm gewünschte Erhöhung einer kleinen Subvention von Seiten der Städte nicht erhielt. Für die Spielzeit 1927/28 fand man in →Leo Delsen, damals Sänger am →Stadttheater Bern, einen geeigneten Direktor, der die beiden Theater nun als Städtebundtheater Biel-Solothurn bis zu seinem Tod 1954 erfolgreich leitete. Dieses neue Theater verfügte über ein Kammerorchester mit fest engagierten Berufsmusikern, pflegte vermehrt die Oper, förderte junge Schweizer Autoren, Musiker und Bühnenkünstlerinnen und Bühnenkünstler und gab unter anderem Gastspiele in Burgdorf, Langenthal, Grenchen und Olten. 1955–66 wurde das Haus mit grossem Erfolg von →Markus Breitner geführt. Im Schauspiel wie im Musiktheater bewährte sich sein pluralistischer Spielplan. Höhepunkte seiner Direktion bildeten die ins Bieler "Capitol" verlegten Opernfestaufführungen. Nach dieser fast vierzig Jahre währenden Ära der Kontinuität, aber auch der grossen finanziellen Eigenverantwortung der Theaterleiter nahmen die Städte Mitte der sechziger Jahre ihre Verantwortung auch im finanziellen Bereich wahr. Mit dem Engagement Carl-Heinrich Kreiths, der nur die Spielzeit 1966/67 leitete, wurde die persönliche Gewinn- und Verlustbeteiligung des Direktors abgeschafft. Das Theater vermochte sich jedoch noch nicht neu zu positionieren: Im raschen Wechsel folgten nach einer Interimsleitung durch Breitner 1968–70 Heinz Zimmermann und 1970/71 →Hanspeter Blumer. Personelle und finanzielle Schwierigkeiten, das Auslaufen des jahrzehntelangen Städtebundvertrags und das Suchen nach neuen organisatorischen wie ästhetischen Formen bewog die Gemeinderäte von Biel und Solothurn dazu, den Theaterbetrieb des Städtebundtheaters Biel-Solothurn 1971 einzustellen und das gesamte Personal zu entlassen. 1971/72 funktionierten beide Theater als Gastspielhäuser, 1972/73 nahm das Städtebundtheater seinen Betrieb als reines Sprechtheater unter Direktor →Alex Freihart mit →Manfred Schwarz als Hausautor und Dramaturg wieder auf. Die Musiktheateraufführungen der beiden Städte wurden ab diesem Zeitpunkt bis 1996 von der →Orchestergesellschaft Biel, die als Provisorium nach der Schliessung des Theaters die engagementslosen Theatermusikerinnen und -musiker aufgenommen hatte, weiter produziert. Unter der Direktion Freiharts bot das Theater neben dem konventionellen Programm Raum für viel beachtete Experimente und Auftragswerke, die so genannten Kontrastprogramme. Klassiker und Gegenwartsstücke nicht zuletzt von Schweizer Autoren prägten die Spielpläne von →Peter-Andreas Bojack während seiner Direktionszeit 1983–95. 1995 gründeten die Einwohnergemeinden von Biel und Solothurn mit der Orchestergesellschaft Biel die Stiftung Neues Städtebundtheater als Grundlage für die künftige Subventionierung der beiden Bühnen, an der auch der Kanton Bern beteiligt ist. Die Umbenennung in "ensemb!e Theater der Regionen Biel/Bienne-Solothurn" zeugt von dieser neuen organisatorischen Struktur, in die auch das Musiktheater wieder eingegliedert wurde, und dem Versuch, den geografischen Aktionsradius des Theaters auszuweiten. Das Ensemble Theater der Regionen bespielte – 1996–2002 unter der Direktion von →Peter Theiler, der vor allem im Musiktheater Akzente setzte – neben den eigenen Bühnen verschiedene Gastspielhäuser der deutsch- und französischsprachigen Schweiz sowie der grenznahen Gebiete Frankreichs. Zudem brachte es Opernkoproduktionen mit ausländischen Theatern heraus. Seit Herbst 1998 steht dem Theater für grössere Opernprojekte zeitweise das umgebaute Kino "Palace" in Biel zur Verfügung. 2002/03 übernahm →Hans J. Ammann die Direktion und gab dem Haus den heutigen Namen. In den ersten beiden Spielzeiten setzten er und die künstlerische Leiterin des Schauspiels, →Ariane Gaffron, mit einem nur aus wenigen Festengagierten bestehenden Ensemble und Gästen im Rahmen der Möglichkeiten auf Neues im Schauspiel wie in der Oper. Verbandsmitglied: →SBV.
Spielstätten
Stadttheater Biel, Burggasse 19, 2500 Biel. Alexander Köhli baute das 1589–91 errichtete Zeughaus 1842 zu einem Theater mit Zuschauerraum und Bühne um. Es folgten bis in die dreissiger Jahre des 20. Jahrhunderts weitere Ausbauten, beispielsweise wurde das Erdgeschoss, die ehemalige Zeughaus- und Burghalle, zum Theaterfoyer umgestaltet. 1979/80 renovierten die Architekten G. Baumann und F. Khanlari das Haus umfassend. Zuschauerraum mit zwei Rängen. Platzkapazität: 260 Plätze. Guckkastenbühne. Bühne: 8 m breit, 7 m tief und 4,5 m hoch. Portal: 6,5 m breit, 4,5 m hoch. Orchestergraben: 30 Plätze. Palace-Theater, Wyttenbachstrasse 4, 2502 Biel; Kinosaal, Platzkapazität: 550 Plätze, Bühne: 15 m breit, 9 m tief. Portal: 6–10 m breit, 4,3–6,3 m hoch.
Stadttheater Solothurn, Theatergasse 16–18, 4500 Solothurn. 1647 wurde die deutsche Schule für die Jesuiten umgebaut, die sie als Gymnasium (mit Theatersaal) nutzten. 1778 wurde das Theater vom Kaufhaus in dieses Gebäude transferiert. 1803 ging es in den Besitz der Stadt Solothurn über; Zuschauerraum mit zwei Rängen. Platzkapazität: 280 Plätze. Guckkastenbühne. Bühne: 8 m breit, 6 m tief und 4,2 m hoch. Portal: 6,2 m breit, 4,2 m hoch. Orchestergraben: 30 Plätze. Mehrfache Umbauten, unter anderem 1856 und 1881/82. 1936 Erweiterung des Theatergebäudes. 1991 wurde die Bühne durch den Architekten Dieter Butters saniert.
Literatur
- 50 Jahre Städtebundtheater Biel-Solothurn, [1977].
- Gojan, Simone: Spielstätten der Schweiz, 1998.
- Stefan Hulfeld: Zähmung der Masken, Wahrung der Gesichter, 2000.
- Gojan, Simone/Krafka, Elke (Hg.): Theater Biel Solothurn – Théâtre Bienne Soleure, 2004.
Autor: Marco Badilatti
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
Badilatti, Marco: Theater Biel Solothurn – Théâtre Bienne Soleure, Biel/Bienne BE, Solothurn SO, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1848–1850, mit Abbildungen auf S. 1848 und S. 1849.