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Schöpfung und Evolution: Gegensätze aushalten
Von Frank Jehle
Bilder sagen manchmal mehr als Worte. Man betrachte den Holzschnitt aus der Cranach-Werkstatt in der ersten Gesamtausgabe der Lutherbibel von 1534: «Gott erschafft die Welt.»
Vom demütigen Vaterglauben . . .
Ein väterlicher Gott mit königlichem Mantel neigt sich liebevoll über die Erde, die als paradiesische Insel umgeben vom Meer dargestellt ist, das seinerseits vom Himmel mit Sonne, Mond, Sternen und Wolken eingegrenzt wird. Das erste Menschenpaar steht im Mittelpunkt zusammen mit wilden und zahmen Tieren. Es ist ein wunderbares Bild, das ein grosses Vertrauen in die Schöpfung ausstrahlt. Dazu kann man aus Luthers «Kleinem Katechismus» zitieren: «Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat mit allen Kreaturen.»
. . . zum selbstbewussten Forscherdrang
Und dann betrachte man den erstmals 1888 vom französischen Astronomen Flammarion publizierten Holzstich, der ebenfalls die Welt zeigt. Ein Mensch kniet vorne links und streckt neugierig seinen Kopf aus der Käseglocke, die über das traditionelle Bild der Welt gestülpt ist. Ausserhalb gibt es zahllose andere Welten. Die Welt der Lutherbibel ist nur ein kleiner Ausschnitt. Anstelle des Weltbildes mit der Erde als Mittelpunkt ist ein anderes getreten, in dem die Erde um die Sonne kreist und es noch andere Sonnensysteme gibt.
Widerstand in den Kirchen
Die beiden Bilder dokumentieren, dass zwischen dem Reformationszeitalter und dem 19. Jahrhundert eine Revolution stattgefunden hat, die sich mit den Namen Kopernikus, Kepler, Galilei, Newton und anderen verbindet. Das antike und mittelalterliche Weltbild fiel dahin. Aus Angst davor, dass infolgedessen der ganze christliche Glaube zusammenbrechen könnte, weigerten sich zuerst sowohl protestantische als auch katholische Theologen, dies zu akzeptieren.
«Diese Narren wollen die ganze astronomische Wissenschaft umkehren, aber die Heilige Schrift sagt uns, dass Josua die Sonne still stehen hiess und nicht die Erde», sagte Luther, als man ihm von Kopernikus erzählte. Galilei wurde in Rom mit der Folter bedroht und zum Widerruf gezwungen. Als der Zürcher Naturforscher Scheuchzer die «kopernikanische Meinung von der Bewegung der Erde» in einer Publikation vertrat, teilte die Zensur ihm 1721 mit, dass er damit den Erkenntnissen der «Hohen Obrigkeit» widerspreche und «die allgemeine Ruhe der Kirche und Schule» gefährde.
Entstehung des Fundamentalismus
Im Zusammenhang mit der Abstammungslehre Darwins, wonach der Mensch eng mit den Affen verwandt ist, gingen die Wogen um das Jahr 1900 ein weiteres Mal hoch. Der Fundamentalismus entstand als christliche Widerstandsbewegung gegen die modernen Naturwissenschaften. Strenge Fundamentalisten vor allem in den USA behaupten auch heute noch, dass die Welt erst 6000 Jahre alt sei. (Gemäss dem englischen Theologen Lightfoot wurde sie genau am 23. Oktober 4004 vor Christus um neun Uhr morgens geschaffen!) Eine bedauerliche Folge war, dass viele in der Wissenschaft Tätige meinten, zwischen ihrem Beruf und dem christlichen Glauben wählen zu müssen. Die Kirchen haben aus diesem Grund leider viele Naturwissenschafter und Gebildete verloren.
So muss es aber nicht sein! Bereits der an und für sich fromme Galilei wies treffend darauf hin: «Der Zweck des Heiligen Geistes in der Heiligen Schrift ist viel höher, als uns Weisheit dieser Welt zu lehren.» Und: «Die Absicht des Heiligen Geistes ist, uns zu lehren, wie man in den Himmel komme, nicht wie der Himmel sich bewege.» Die grossen evangelischen und katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts stimmen darin überein, dass es verhängnisvoll ist, einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Glauben und Wissenschaft zu konstruieren.
Verhältnis wie Orgel und Staubsauger
Besonders «träf» sagte es der fast 79-jährige Karl Barth im Jahr 1965. Eine Grossnichte besuchte das Lehrerinnenseminar und hatte offenbar Mühe damit, das, was sie im Biologieunterricht lernte, in Einklang mit dem Glauben zu bringen. Barth schrieb ihr: «Hat euch im Seminar niemand darüber aufgeklärt, dass man die biblische Schöpfungsgeschichte und eine naturwissenschaftliche Theorie wie die Abstammungslehre so wenig miteinander vergleichen kann wie, sagen wir: eine Orgel mit einem Staubsauger! dass also von Einklang ebenso wenig die Rede sein kann wie von Widerspruch?»
Weiter sagte Barth, in der Naturwissenschaft beschäftige man sich mit dem, was schon vorhanden ist, während der Glaube den geheimnisvollen Vorgang des eigentlichen Werdens anspricht den Sprung vom Nichts zum Dasein. Die Abstammungslehre sei eine wissenschaftliche Theorie, die Schöpfungstexte der Bibel seien im Gegensatz dazu ein Zeugnis des Glaubens.
Ergänzen kann man, dass es sich beim biblischen Schöpfungstext um ein Zeugnis von Menschen im 6. Jahrhundert vor Christus handelt, welche auf Grund ihrer Schicksalsschläge allen Grund gehabt hätten, nicht nur an der Schöpfung, sondern überhaupt an Gott zu zweifeln. Aber sie taten es nicht! Im Gegenteil: Als Deportierte in der Babylonischen Gefangenschaft, als Geschwächte, als Menschen ohne Hab und Gut, trauten sie Gott zu, dass er es ist, auf den unsere ganze Wirklichkeit zurückgeht alles, auch ihre jetzige Situation der Schwäche. Mit diesem Glauben wagten sie es, dem Gesetz des Stärkeren zu widersprechen.
Die Schöpfungstexte in der Bibel und die Abstammungslehre Darwins liegen nicht auf der gleichen Ebene. Sie ergänzen sich vielmehr und betrachten die Wirklichkeit aus verschiedenen Perspektiven. Wer meint, dass er zwischen dem Schöpfungsglauben und der Abstammungslehre wählen muss, hat entweder das eine oder das andere nicht verstanden oder sogar beides nicht.
Von der «Biosphäre» zur «Noosphäre»
Als besonders hilfreich wurde von vielen das Lebenswerk des französischen Theologen und Paläontologen Teilhard de Chardin (18811955) empfunden. Er war Mitglied des Jesuitenordens, lebte lange in China, wo er an der Ausgrabung des Pekingmenschen beteiligt war. Als tiefgläubiger Christ versuchte er, Abstammungslehre und christlichen Glauben zusammenzudenken. In einer hintergründigen mystischen Schau war der Kosmos für ihn ein grosser Prozess, eine Entwicklung von der Schöpfung zur Erlösung, vom Alpha zum Omega. Christus steht am Anfang und am Schluss, er ist unsere Herkunft und unser Ziel. Die Evolution strebt von der Materie zum Geist, von der «Biosphäre» zur «Noosphäre». Gerade für den gläubigen Christen ist der Evolutionsgedanke nicht eine Erschwerung des Glaubens, sondern er entspricht diesem sogar besser als ein statisches Weltbild.
Frank Jehle war Seelsorger und Dozent an der Universität St.Gallen. Er ist Autor zahlreicher Bücher. Demnächst erscheint im Theologischen Verlag Zürich sein Sammelband «Von Johannes auf Patmos bis zu Karl Barth Theologische Arbeiten aus zwei Jahrzehnten»
Bild oben: Gott wacht fürsorglich über seine Schöpfung. Holzschnitt von Lukas Cranach.
Bild unten: Auf in ein neues Weltbild: Der Mensch als forschendes Wesen.
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