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Als die Welt noch jung war und frei von aller Sünde, da gab es nur ein einziges Meer: die karibische See, blau und grün zugleich. Mitten in diesem unendlichen Wasser lag ein erloschener Vulkan und aus dessen Boden wuchs eine riesige Königspalme. Dieser Baum war so hoch, dass seine Krone bis weit in den Himmel hinein reichte – kein Affe war so schwindelfrei, dass er bis in ihr Gefieder hätte klettern können. Und der Stamm war so dick, dass ein Dutzend Männer, wenn sie sich bei den Händen fassten, ihn nicht umkreisen konnten. Diese stolzeste aller Königspalmen trug zahllose Früchte, die waren leuchtend rot wie die Kambala [eine alte Tomatensorte], grün wie die Schuppen fliegender Fische, dunkelbraun wie der Kakao oder perlweiss wie das Fruchtfleisch der Kalparik. Manche sagen, diese Früchte hätten Juwelen geglichen – andere behaupten gar, dass es tatsächlich Edelsteine waren, die da in der Krone des Baumes funkelten.
Eines Nachts jedoch zog ein wilder Sturm auf. Heftige Wirbelwinde fuhren heulend in das Gefieder der grossen Palme, so dass die Früchte schliesslich ins Meer hinab fielen. Lange schwammen sie verloren im Wasser herum. Eines Tages jedoch wurden diese Juwelen-Früchte zu wunderschönen Inseln. – Der Liebe Gott, der Grosse Geist, der über alles wacht, wusste erst nicht recht, was er denn nun mit diesen Inseln anfangen sollte. Dann aber gab er ihnen Namen – und wohl waren das die Namen jener geheimnisvollen Juwelen, die er einst in der Krone der grossen Palme hatte wachsen lassen. Er nannte die Inseln zum Beispiel Antigua oder Dominica, Grenada und Martinique, Bonaire, Tobago oder Jamaica, Saint Thomas und Santa Lemusa. – Wenig später traten die ersten Menschen auf. Erst kamen die Arawak, dann die Kariben mit ihren langen Kanus. Diese Indianer waren wild, sie waren die Plage des Hungers gewohnt und brachten sich deshalb auch immer wieder gegenseitig um. Ihre Nachfahren jedoch gewöhnten sich schnell an das Leben auf den Inseln: Sie ernteten all die funkelnden Früchte, die da wuchsen, sie lebten in Frieden und niemand brauchte zu hungern.
Manchmal allerdings schickt der Grosse Geist, launisch wie er ist, auch heute noch einen Wirbelsturm los, der all die stolzen Bäume schüttelt. Trotzdem muss niemand fürchten, dass ihm eine Insel auf den Kopf fallen könnte. Denn all die Früchte der grossen Königspalme sind längst schon ins Meer gefallen. Auch scheint nach jedem Sturm, so heftig er sein mag, irgendwann wieder die Sonne und dann, ja dann funkeln unsere Inseln wie einst, als sie noch hoch oben in der Krone der grossen Königspalme hingen.
Der hier wiedergegebene Text stammt aus: «Krapo pèd ké ay (Comment Crapaud perdit sa queue) et autres contes créoles». Sentores: Imprimerie Vallon, 1998.
First Publication: 2003
Modifications: 26-2-2009, 2-11-2011