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Solidarökonomie in der Landwirtschaft früher und heute
Prinzipien der Solidarökonomie allgemein
Solidarökonomie ist ein Konzept, welches innerhalb des bestehenden kapitalistischen Systems alternative ökonomische Strukturen und Praktiken aufzubauen sucht. Die vordergründigen Ziele der Solidarökonomie bei der Reproduktion von Gütern und Bereitstellung von Dienstleistungen gelten nicht der grösstmöglichsten Gewinnmaximierung und Kapitalakkumulation, sondern der Umsetzung einer sozialökologisch verträglichen, bedürfnisorientierten nachhaltigen Entwicklung für das Gemeinwohl. Produzenten und Konsumenten, welche solidarökonomischer Konzepte in der Landwirtschaft umsetzen, wollen dadurch wieder mehr Mitbestimmung und Einfluss auf die Produktions- und Konsumprozesse im Ernährungssektor gewinnen und den gesamten Sektor nachhaltiger gestalten.
Ältere Formen der Solidarökonomie in der Landwirtschaft
Eine der ältesten Formen von Solidarökonomie in der Landwirtschaft ist die Allmende, welche als Gemeingut frei geteilt und deren Nutzung gemäss den Bedürfnissen einer Gemeinschaft partizipativ und in einem Prozess der Selbstorganisation geregelt wurde. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Genossenschaftsbewegung mit solidarökonomischen Grundprinzipien wie Selbsthilfeprinzip, Selbstverwaltung, bzw. Demokratieprinzip, Identitätsprinzip, Prinzip der Gleichbehandlung, etc. für die weitere Entwicklung der Landwirtschaft relevant. Genossenschaften spielten beim Prozess der monokapitalistischen vertikalen Integration der bäuerlichen Landwirtschaft in dem sich schrittweise herausbildenden «Agrar-Industrie-Komplex» des Ernährungssektors eine tragende Rolle. Es waren primär Genossenschaften, die industriell hergestellte Hilfsmittel auf Bauernhöfe vermittelten, die Finanzierungen für Neuinvestitionen ermöglichten, sowie produzierte Güter über Verwertungs- und Handelsgenossenschaften zu den Konsumenten brachten. Dabei gerieten jedoch viele (grössere) Genossenschaften zwangsläufig selber immer mehr unter die Kontrolle des Kapitals aus Industrie, des Finanzsektors und des Handels und entzogen den Bauern, nicht minder als andere marktmächtige Akteure, die Verfügungsgewalt über den bäuerlichen Produktionsprozess. Genossenschaften mit ihren Grundprinzipien, insbesondere auch Reproduktionsgenossenschaften, konnten dennoch als solidarökonomisch Organisationen für Bauern und Konsumenten, immer wieder erfolgreich Einfluss auf eine nachhaltigere Entwicklung im Ernährungssektor nehmen. So war z.B. die Anbau- und Verwertungsgenossenschaft (AVG) Galmiz nach 1946 eine der wichtigen Pioniere im Bereich Solidarökonomie und Biolandbau in der Schweiz.
Neue Formen der Solidarökonomie in der Landwirtschaft
Solidarökonomische landwirtschaftliche Initiativen, welche besonders in den letzten zwei Jahrzehnten entstanden sind, wie z.B. die «regionale Vertragslandwirtschaft» in der Schweiz, die «solidarischen Landwirtschaft» in Deutschland, die «Associations pour le maintien d'une agriculture paysanne» in Frankreich oder viele Foodcoops, streben eine Demokratisierung der Lebensmittelversorgung an. Die Beteiligten solcher solidarökonomischen Initiativen wollen die Produktion, Verarbeitung und den Vertrieb von Nahrungsmitteln selbstbestimmt regeln und nicht durch immer grösser werdende Nahrungsmittelkonzerne und staatliche Vorgaben bestimmen lassen. Voraussetzung für die Verwirklichung dieses Zieles ist die Herstellung eines auf Vertrauen basierenden partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Produzenten und Konsumenten und somit die Bereitschaft aller Beteiligten, die der landwirtschaftlichen Produktion innewohnenden Risiken und Kosten gemeinsam zu tragen. Umgesetzt wird dies u.a., indem die jährlich budgetierten Gesamtbetriebs- und Produktionskosten die direkte Bezugsbasis für die Preisbildung der produzierten Nahrungsmittel darstellen. Weiter haben die Konsumenten Verständnis für die Saisonabhängigkeit und Heterogenität der landwirtschaftlichen Produkte und akzeptieren natürliche Reproduktionsschwankungen, welche sich auch in den wöchentlichen Liefermengen – und Zusammensetzungen bei gleichbleibender Kostenbeteiligung niederschlagen können. Solidarökonomische Landwirtschaft produziert lokal, will regionale Wirtschaftskreisläufe ankurbeln und verfolgt das Ziel, die Ernährungssouveränität für die Beteiligten der Initiativen, aber auch für die Region zurückzugewinnen. Zu ihren Prinzipien gehören weiter eine standortgerechte ökologische Produktion, welche auf einer nachhaltigen, die Biodiversität fördernden Nutzung von Boden, Pflanzen und Tieren basiert.