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Es war die Angst vor Atomwaffen, die besorgte Menschen seit den 50er-Jahren Ostern für Ostern an den Friedensmarsch lockte. Zur gleichen Zeit setzte Jahr für Jahr die österliche Flucht in den Süden ein – Osterstau inklusive.
Dieses Bild dokumentiert einen doppelten Moment: den in der Nordwestschweiz durchgeführten Ostermarsch von 1965 sowie die Zeit, in der es solche Protestbewegungen überhaupt gab. Seit den 1950er-Jahren richtete sich eine europaweit organisierte Bewegung gegen die militärische Atomrüstung – «Ban the Bomb». Dass der vor dem Baselbieter Tafeljura festgehaltene Umzug ein Teil dieser globalen Bewegung war, zeigen die Spruchbänder und zeigt das hochgehaltene Zeichen: das 1958 von Gerald Holtom entwickelte Pazifisten-Logo, eine Kombination der Initialen N und D (im Winkler-Alphabet) für Nuclear Disarmament, eingeschlossen von einem den Globus ausdrückenden Kreis.
Obwohl es auch heute noch Grund genug gäbe, sich von Atombomben bedroht zu fühlen, richtet sich das Angstpotenzial unserer Tage vor allem gegen die zivile Kernkraftnutzung. Die Formierung dieser Opposition setzte gegen Ende der 1960er-Jahre ein, weil sich damals eben neue Oppositionsobjekte an den Zivilhorizonten abzuzeichnen begannen. Damals kam es auch in der Schweiz zu einem Richtungswechsel: Das Interesse an der privatwirtschaftlichen Nutzung der Kernenergie führte zur Preisgabe der sonderbaren Ambition, eine mit Atombomben ausgerüstete Schweizer Armee zu haben.
Während sich die ältere Antiatombewegung an der Konstellation des Kalten Krieges orientierte, lebte die jüngere Bewegung stark von lokalen Betroffenheiten. Sie hatte aber gerade in der oberrheinischen Region auch eine grenzüberschreitende Dimension. An der 1971 – ebenfalls an Ostern – durchgeführten Grossdemonstration gegen das französisch-elsässische AKW Fessenheim engagierten sich selbstverständlich auch deutsche und schweizerische Atomkraftgegner. Kaiseraugst sollte erst Mitte der 1970er-Jahre ein Thema werden. Darum, so kann man sagen, marschierte dieser Protestzug, hier in Pratteln, diesbezüglich noch unbesorgt und ruhig gleichsam an Kaiseraugst vorbei.
Es ist aber nicht zufällig, dass hier an Ostern marschiert wurde. Man kann diese Demo als zivile Variante zu anderen Ostermärschen beziehungsweise Osterprozessionen verstehen: Prozessionen sind rituelle Verwirklichungen des Näherkommens (Prozederes) an das Heil, ein Auferstehen nach der Winterstarre bei Frühlings Erwachen.
Prozessionen werden in der Regel zu Fuss zurückgelegt. Auf dem Bild von Kurt Wyss kann man aber auch eine andere, ebenfalls zeittypische Bewegung feststellen, eine Art ungewollter Kontermarsch auf Rädern. Wir sehen hier einen eindrücklichen Beleg der in den 1960er-Jahren einsetzenden Massenmobilität und nichts weniger als eine Frühvariante des berüchtigten Osterstaus.
Artikelgeschichte
Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 06.04.12