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watchhans18 hat geschrieben: ↑03 Aug 2021, 16:21
Erstens: es kommt mir nicht in den Sinn, irgend jemanden "arrogant abzukanzeln", wie Du dich auszudrücken pflegst. Ich hätte mich vielleicht klarer ausdrücken müssen, und erwähnen das ich den Link eben gerade leider nicht zur Hand hatte.
Auch wenn ich Dir glauben mag dass Du es nicht so gemeint hast, es kam halt exakt so rüber und der Beitrag wurde mir gemeldet:
Darf ich Dich bitten, einmal selbst danach zu suchen?
Danke! Soweit ich mich erinnern kann, stand da auch nicht viel mehr.
So eine Zurechtweisung würde ich nicht mal als Betreiber/Moderator raus lassen, es sei denn der Fragende hätte schon tausendmal dumme Fragen gestellt und sich hinsichtlich der Forumssuche als dauerhaft beratungsresistent erwiesen. Als normaler Benutzer wäre in diesem Fall keine Antwort die besser Antwort gewesen.
Zweitens: nicht nur ich lerne nie aus. Vielleicht hättest Du die Freundlichkeit, um hier niemanden (mich eingeschlossen) zu verunsichern, den Unterschied zwischen "Justieren" und "Regulieren" uhrmacherisch korrekt zu erklären.
Aber sicher doch.
Zuerst einmal sollte man festhalten, dass selbst die umfangreichen Tätigkeiten, die eine Régleuse bzw. einen Régleur ausmachen, streng genommen auch keine Regulierung sind, denn selbst hier existiert kein wirklicher Regelkreis. Ein solcher besteht immer aus einem Sollwert, einem Istwert und einer Rückkopplung. Eine einmal festgelegte Stellgrösse würde also auch bei Änderung anderer Parameter automatisch nachgeführt werden.
Mir ist klar dass der Ausdruck sehr oft falsch angewandt wird, bei der Musikanlage spricht man fälschlicherweise auch vom Lautstärkeregler und nicht, wie es eigentlich korrekt wäre, vom Lautstärkesteller. Es wird ja schliesslich nichts geregelt, die Lautstärke wird am Ausgang nicht konstant gehalten wenn sich der Eingangspegel ändert.
Genau so wie beim Uhrwerk. Das Manipulieren am Rücker ist nur ein Geschwindigkeitssteller, ohne Gewähr dass diese bei Änderungen von Einflussgrössen konstant gehalten wird, also ohne Regelkreis.
Dass man trotzdem von Regulieren spricht liegt daran, dass der Vorgang, das Räderwerk einer Uhr so weit wie möglich unabhängig von Einflussgrössen mit konstanter Geschwindigkeit ablaufen zu lassen, um Welten komplexer ist als an einem Rücker zu schieben und in gewisser Weise ebendiese weitgehende Unabhängigkeit der Ausgangs- von den Eingangsparametern ermöglicht.
Obwohl heute, dank moderner Fertigungsmethoden, Werkstoffe und dem Einsatz von Computer gesteuerter Produktions- und Messtechnik das Berufsbild der Régleusen/Regléure im Produktionsbereich nur noch vereinzelt gefragt ist, findet man diese noch immer im Konstruktionsbereich wo sie, auch wegen ihres Wissens über die Tribologie, massgeblich an der Entwicklung neuer oder Optimierung bestehender Uhrwerke beteiligt sind.
Hier wären mal grob die Basis-Aufgaben des genannten Berufsbildes, so wie sie heute immer noch an der Schweizer Uhrmacherschulen gelehrt werden:
- Anpassen von Spirale und Unruh auf der Abzählmaschine
- Auswuchten der Kombination unter Berücksichtigung von Lagen und Temperaturschwankungen
- Anpassen des inneren und äusseren Hörnerspiels sowie des Sicherungsstifts
- Anpassen des verlorenen Wegs
- Einstellen des Höhenspiels der Lager
- Legen der Spirale für gleichmässiges Atmen
- Minimieren des Abfallfehlers
Bei Uhrwerken für Chronometer Wettbewerbe haben die Régleusen/Régleure auch die Zugfeder bearbeitet und das gesamte Räderwerk optimiert.
Unter Regulieren versteht man also aus oben genannten Gründen NICHT das Manipulieren der Grundgeschwindigkeit mittels Rücker oder Masseschrauben. Diese Justage wird zwar nach dem Regulieren final ebenfalls durchgeführt, ist aber weit weniger anspruchsvoll als die Reglage und verbessert die Gangqualität des Werks in keiner Weise.
Wer dieses Thema vertiefen möchte, dem empfehle ich einen Besuch am Uhrmacherstammtisch im Restaurant beim Hôtel de Ville in Le Sentier. Dort treffen sich regelmässig die Grössen der umliegenden Manufakturen und tauschen sich beim Getränk aus. Interessierte Gäste sind gerne gesehen, ich würde aber vermeiden das Rückerschieben als Réglage zu bezeichnen. Zu schnell ist die Berufsehre angekratzt und der Abend endet mit einem Betonklotz am Bein im Lac-de-Joux.