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Der Koloss von Prora
Der flache Sandstrand von Prora ist der vielleicht schönste von Rügen. Er schliesst nördlich an den des Nobel-Ferienorts Binz an und bildet einen mehrere Kilometer langen sanften Bogen. Diese Naturschönheit ist Schauplatz einer wahnwitzigen Idee aus den 1930er Jahren. In kurzem Abstand zum Meer erhebt sich über eine Strecke von fast fünf Kilometern ein gigantisches monotones Bauwerk, das den weiten Schwung der Küstenlinie verdoppelt.
Gigantische KdF-Anlage
Acht sechsgeschossige, je 550 Meter lange und völlig baugleiche Bettenhäuser waren bestimmt für insgesamt 20'000 Menschen, die hier unter der Regie der NS-Organisation «Kraft durch Freude» ihren jeweils zweiwöchigen Urlaub verbringen sollten. Die 10’000 Zimmer, alle auf der Meerseite, waren vollkommen gleich: auf fünf Mal zweieinhalb Metern karg ausgestattet, dafür aber mit einem Orwellschen Lautsprecher versehen. Die sanitären Einrichtungen lagen zentral in den landseitigen Treppenhäusern. Riesige offene und beheizbare Liegehallen sollten bei schlechtem Wetter den Strandaufenthalt ersetzen. Für die Mahlzeiten waren Speisesäle für je tausend Personen vorgesehen, für die Freizeit Kinos, Wellenbäder, Sport- und Aufmarschplätze sowie eine zentrale Festhalle, in der alle zwanzigtausend Bewohner Platz finden sollten.
«Kraft durch Freude» (KdF) plante fünf solche Seebäder und weitere Ferienanlagen, unterhielt vier KdF-Kreuzfahrtschiffe und wollte einen billigen KdF-Wagen für die Massenmotorisierung herausbringen. Ziele der von Robert Ley aufgebauten Organisation waren die Hebung des allgemeinen Lebensstandards und die Zufriedenstellung des Volks. Organisierte Ferien sollten die Arbeitskraft der Werktätigen regenerieren. Urlaub durfte nicht Amüsement oder gar Langeweile bedeuten, sondern musste nach Leys Vorstellung die Menschen «neu ausgerichtet» – das heisst ideologisch indoktriniert – der Produktion zurückgeben. KdF folgte der Idee einer «Wohlfühldiktatur» (Götz Aly). Mit der Förderung der Volksgesundheit zielte der NS-Staat aber auch auf Widerstandsfähigkeit und Kriegstüchtigkeit der Massen.
Der 1936 begonnene Bau der KdF-Anlage Prora wurde nie vollendet. Bei Kriegsbeginn wurden die Arbeiten vollständig eingestellt. Die Bettenhäuser waren zum Schluss teils einigermassen fertig, teils standen sie im Rohbau. Die riesige Festhalle war schon vorher aus dem Plan gestrichen worden. Prora konnte nie für den ursprünglichen Zweck in Betrieb genommen werden.
Gelenkte Massen
Der grössenwahnsinnige Bau ist auch als Torso und Ruine das eindrückliche Mahnmal eines totalitären Staates. Bei einer Belegung mit 20'000 Menschen und einer Urlaubsdauer von 14 Tagen wären pro Tag rund 1'500 Anreisende vom eigens gebauten Bahnhof durch einen riesigen Säulengang in die Empfangshalle gekommen und von da mit Bussen auf die Bettengebäude verteilt worden. Sie hätten hier als gelenkte Masse einen durchorganisierten Urlaub verbracht, morgens über Lautsprecher in den Zimmern geweckt, mit peniblen Zeitplänen für die Benützung der Waschräume, die Mahlzeiten und die Freizeit, die jedoch, dem KdF-Zweck entsprechend, alles andere als frei gewesen wäre.
Die schiere Grösse der Anlage war dazu bestimmt, jede Individualität zu ersticken und dafür das grandiose Wir-Gefühl der Zugehörigkeit zum überlegenen Deutschen Reich zu vermitteln.
Mythen um Prora
1945 sprengten die Russen einen kleineren Teil der Anlage. In der DDR-Zeit wurde sie militärisch genutzt. Die Bauten dienten als Kasernen für bis zu 10'000 Mann der Nationalen Volksarmee. Das Areal war Sperrgebiet. Dieser Umstand förderte die Mythenbildung. So hielt sich das Gerücht, der «Koloss von Prora» könne nicht beseitigt werden, weil die Gebäude «unsprengbar» seien. Von einer unterirdischen Bahnverbindung zwischen den Teilen der Anlage war die Rede. Selbst von einem geheimen, unter den Gebäuden liegenden U-Boot-Hafen wollten manche wissen.
Nach der Wiedervereinigung 1990 wurde die Anlage kurzzeitig von der Bundeswehr genutzt; seit 1993 ist sie erstmals öffentlich zugänglich. Die Gebäude wurden – abgesehen von den in der DDR-Zeit vorgenommenen Änderungen und Ergänzungen – unter Denkmalschutz gestellt. Doch was mit diesem Denkmal geschehen soll, ist eigentlich bis heute unklar und strittig.
Doppeltes totalitäres Erbe
Wie bei so manchen Hinterlassenschaften der DDR ist es eine Bürgerinitiative, hier mit dem Namen «Denk-MAL-Prora», die sich um die Aufarbeitung und Vermittlung der Geschichte kümmert. Sie versucht nebst der sich monumental präsentierenden NS-Vergangenheit auch die Nachkriegsperiode bis zur Wende von 1989 zu thematisieren und zu dokumentieren. Das erweist sich allerdings als schwierig, da die DDR-Zeit hier materiell wenig in Erscheinung tritt. Wenn dann aber bei der vom Dokumentationszentrum angebotenen Führung durch die Anlage der Mitarbeiter von seiner eigenen Zeit als Bausoldat in Prora erzählt, so ist der Einbezug auch der zweiten Diktatur auf überzeugende Weise verwirklicht.
Neben dem Dokumentationszentrum gibt es in dem Komplex eine Disco, eine Jugendherberge mit 400 Plätzen und einen Jugend-Zeltplatz. Am südlichen, nahe bei Binz gelegenen Ende der Gebäudezeile befinden sich heute hochwertig sanierte Blöcke mit Eigentumswohnungen. Auf der anderen Seite sind grosse Teile der Anlage nur provisorisch gesichert, manches ist auch einsturzgefährdet und abgesperrt. Meer, Wind und Vegetation haben sich das vernachlässigte Gelände zurückgeholt. Vor dem viereinhalb Kilometer langen und zwanzig Meter hohen Gebäuderiegel, der einst direkt vor dem Wasser lag, ist ein dichter Strandwald hochgewachsen. Dessen Bäume geben immer nur einen Blick auf Teilstücke frei und verdecken gnädig die Sicht auf die jedes menschliche Mass verachtende Imponierfront des Kolosses.