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Hans Coaz ist 90 Jahre alt, in Walenstadt aufgewachsen, liebt das Gärtnern und hat vor 60 Jahren mit seiner Familie die Schweiz für Kalifornien verlassen. Eine Lebensgeschichte.
Hans Coaz, 90 Jahre alt, biegt mit seinem Toyota in eine Strasse namens Oak Street ein. Ein Schild mit der Nummer 17 hängt an seinem Haus. Farbenfrohe Blumen zieren die Treppe, die zur braunen Eingangstüre hinaufführt. Neben den Stufen stehen mitten im Kiesboden ein paar Stühle, dahinter ist ein junger Baum gepflanzt. Hans Coaz hat ihn eingesetzt, nachdem der über 200 Jahre alte «Oak»-Baum, eine Eiche, vor zwölf Jahren plötzlich umgefallen ist. Ein Pilz hatte die Wurzeln der Eiche angegriffen. Die Geschichte des umgefallenen Baumes war es einem Lokaljournalisten wert, einen Artikel darüber für die Zeitung «Los Altos Town Crier» zu verfassen. Hans hat den Zeitungsausschnitt aufbewahrt. Zum Text ist ein Bild abgelichtet, welches ihn und den Baum zeigt, dessen Stamm so breit ist wie er hoch. Hans’ Heimat Los Altos liegt zwischen San Francisco und San José, zwei Grossstädten an der Küste Kaliforniens. 30 000 Einwohner leben hier in Einfamilienhäusern mit grossen Gärten, die an die Vorstädte in amerikanischen Filmen erinnern.
Die ersten Jahre in Walenstadt
Los Altos war nicht immer Hans’ Zuhause. Im Herbst 1928 erblickt er in Walenstadt das Licht der Welt. Seine Mutter Carla Heule stirbt kurz nach der Geburt, seither werden Hans und seine Schwester Hanny von ihrer Grossmutter grossgezogen. Die ersten Lebensjahre verbringen sie im Stadtner «Bürerhaus», später ziehen sie mit ihrem Vater – der wieder heiratete und zwei weitere Kinder bekam – in die Gärtnerei am Bahnhof. Hans’ Grossvater Albert Heule – gestorben 1921 – war Redaktor bei der «Sarganserländischen Volkszeitung», einer liberalen Zeitung in Walenstadt und Bad Ragaz von damals. Hans’ Vater Johann Coaz war der Urenkel des bekannten Forstingenieurs und Gebirgstopografen Johann Wilhelm Coaz. Zu seiner Schwester Hanny und seinem Halbbruder Walti pflegt der gebürtige Stadtner auch als Erwachsener regen Kontakt. Mit Hanny verbindet ihn das Fernweh: Auch sie wandert aus und lebt bis zu ihrem Tod in der Türkei. Nur mit seinem kleinen Halbbruder bleibt ihm dieser Kontakt missgönnt – dieser stirbt früh. Ein Schicksalsschlag, der Hans sein Leben lang begleitet.
Ein Leben als Gärtner
Hans zeigt seinen Vorgarten an der Oak Street 17. Der kleine Baum vor dem Haus wird wachsen. Ein prachtvoller Garten mit Sträuchern, Bäumen und Blumen umkreist das Haus. Wer kümmert sich um deren Unterhalt? «Ich selber», antwortet der passionierte Gärtner und zeigt mit seinem treuherzigen Lächeln, dass er es nicht übel nimmt, dass ihm als 90-Jährigem diese Frage gestellt wird. Er trägt ein blaues T-Shirt und schwarze Trainerhosen. Neben der Gärtnerei gehört das Schreiben und Recherchieren zu seinen Hobbys. Er erzählt gerne aus seinem Leben, hat vieles davon aufgeschrieben und lange Tagebuch geführt. In der geräumigen Küche bringt er Ordner und Bücher an den Tisch. Ein abgelegtes Dokument heisst «A Lifetime of Gardening» – frei übersetzt «ein Leben fürs Gärtnern». Der erste Satz passt zu seiner Leidenschaft: «Als kleiner Junge in Grossmutters grossem Garten habe ich mir wohl die Liebe zum Säen, Pflanzen und Ernten angeeignet.» Eine Liebe, die sein Leben lang anhält. Hans absolviert eine Gärtnerlehre in Brugg und nach der Gartenbauschule in Oeschberg BE arbeitet er als Landschaftsdesigner, später in Bern in der Landschaftsgärtnerei von Hans Zaugg. Dort trifft er auf die Frau, die für den Rest seines Lebens an seiner Seite stehen wird: seine Heidy.
Heidy, Hans’ grosse Liebe
Heidy Müller und Hans begegnen sich erstmals im Jahr 1951, er tätig bei Hans Zaugg, sie arbeitet für Radio Bern. Heidy ist jede Woche einmal bei der Familie Zaugg – Frau Zaugg ist ihre Patentante – zum Essen eingeladen. Hans und Heidy führen eine erfüllte Beziehung, heiraten im Mai 1955, ihre erste Tochter Claudia kommt zur Welt. «Alles schien so wundervoll zu sein», sagt Hans. Doch etwas beschäftigt das Paar: der Traum der Zukunft – die Idee vom Auswandern nach Amerika. Heidy verbrachte bereits in jungen Jahren ein Jahr als Au-pair in London, eine ihrer Tanten lebt in Oakland, Kalifornien. Und Hans, ebenfalls ein Schwärmer für Amerika, hatte bereits Englischlektionen in der Migros-Klubschule genommen, bevor er Heidy kennenlernte. Als die Träumereien konkreter werden, sie Pläne schmieden und sich ein Leben in Kalifornien vorstellen, kauft sich Hans ein Gärtnerbuch für Kalifornien. Heidy hilft beim Übersetzen. Der Entscheid steht fest.
Der Traum vom Auswandern
Während all den Erledigungen rund um den Papierkram für die Auswanderung vergehen zwei Jahre. «Wir wollten die Schweiz als richtige Emigranten verlassen, da wir die Absicht hatten, in den USA zu bleiben», so Hans. Er spricht mal schweizerdeutsch, mal englisch. Der Plan ist, das Leben in der Schweiz im August 1958 hinter sich zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt sind die Habseligkeiten der Coaz bereits auf dem Ozean, auf dem Weg nach Amerika. Kurz vor ihrer Abreise werden sie mit einer schönen Überraschung konfrontiert: Heidy ist in Erwartung des zweiten Kindes. Hans will alles abblasen, aber – und daran erinnert er sich noch ganz genau – seine Frau widerspricht: «Ich kann überall auf der Welt ein Kind haben.» So verlassen Hans, Heidy, Claudia und die kleine Luzy in Heidys Bauch Bern. Auch dieses Abenteuer hat der Senior fein säuberlich notiert und während der letzten Jahre ins Englische übersetzt. In seinen Aufzeichnungen erzählt er von der neuntägigen Schifffahrt von Le Havre, Frankreich, bis nach New York, von seiner Reise mit dem Gepäck quer durch die USA, während Heidy und Claudia den Flieger nehmen, und von ihrem ersten Auto in Kalifornien, einem 52 Oldsmobile für 300 US-Dollar. «We made it to California», steht auf einer Seite in Grossbuchstaben: «Wir haben es nach Kalifornien geschafft.»
Gärtner und Unternehmer
Einen kleinen Unterbruch gibt es in den 60 Jahren seit der Auswanderung: Nach zwei Jahren Kalifornien zieht die Familie Coaz zurück in die Schweiz, weil Hans mit seinem ehemaligen Ausbildner Hans Zaugg ein Gartencenter auf die Beine stellt. Wegen persönlichen und finanziellen Gründen scheitert das Projekt. Die beiden lösen die Partnerschaft auf und die Familie Coaz emigriert endgültig in die USA. Wieder zurück an der Westküste, leben die Coaz vier Jahre in Mountain View, ganz in der Nähe von Los Altos, wo sie später ihre Wohnstätte finden: das Haus Nummer 17 an der Oak Street. Hans Coaz gründet sein eigenes Unternehmen. Er wirkt als Bauführer bei Gartenanlagen für Einfamilienhäuser. Nie hat er mehr als sechs Arbeiter angestellt. Heidy erledigt die Büroarbeiten.
Hans, der Lebemann
1993, mit 65 Jahren, treten Hans und Heidy in den Ruhestand. Ein anderer Betrieb übernimmt die Belegschaft. Sie geniessen die freie Zeit und das Leben ohne Betriebssorgen, reisen oft in die Schweiz, besuchen dort unter anderem Halbbruder Walti oder Schwester Hanny in der Türkei. «Aber die Kinder waren wahrscheinlich mein wichtigstes Hobby», steht in einem seiner Dokumente. Mit Kinder meint Hans nicht seine eigenen, sondern seine Enkel. Er weiss, dass er des Geschäftes wegen nie viel Zeit für seine eigenen Kinder hatte. Das will er so wieder gutmachen. Weiter schwärmt er über das Gärtnern, das ihn nach wie vor erfüllt, und den Computer in seinem Büro. Sein Schwiegersohn hat ihn in die Welt der Technologie eingeführt. Der Rentner mag Fotos, Texte, Geschichten und schreibt im 91. Lebensjahr E-Mails. In seinem Regal stehen Bücher über Walenstadt vom regionalen Historiker und seinem Bekannten Paul Gubser.
Ein bisschen Schweiz in Los Altos
Auf den Bildern in Hans’ Haus sind seine Kinder, Enkel, Urenkel, Verwandte und Freunde zu sehen. Mit den Grosskindern pflanzt «Grandpa» Aprikosen an, isst Fondue und schaut Fussballspiele der Schweizer Nationalmannschaft. Auf einem eingerahmten Foto ist Heidy zu sehen. Darauf trägt sie ein Kleid und lacht. Ihre ausgelassene Art strahlt aus dem Bild heraus. Auf den meisten Bildern ist sie zu sehen, aber Heidy ist nicht mehr da. Im letzten Sommer, am 4. August, ist sie im Alter von 90 Jahren verstorben. 63 Jahre haben Hans und Heidy gemeinsam verbracht. Im Oktober hat Hans seinen 90. Geburtstag gefeiert. Ein grosses Fest mit Geschenken, Schweizer Fähnchen und Partyhüten, vielen Gästen, viel Kuchen und vielen Freunden. Kombiniert wurde das Fest mit einer Erinnerungsfeier für Heidy. Dafür hat Hans’ Familie ein Foto von ihr in Grossformat gedruckt. Es zeigt Heidy, lachend in einem Heissluftballon, und steht im Wohnzimmer.
Eine gute Entscheidung
Hans nennt Heidy seine Seelenverwandte. «Wir haben immer alles gemeinsam gemacht.» Heidy hat ihm durch schwierige Zeiten geholfen, wie beispielsweise Ende 1953, als Hans erfuhr, dass sein Vater die Gärtnerei in Walenstadt verkauft hatte – ohne ihn zu informieren. Das ist ihm sehr nahegegangen. Nun geht das Leben an der Oak Street ohne Heidy weiter. «Ein neues Leben», wie Hans sagt, «in langsamerem Tempo und neuem Rhythmus.» Es gebe Hunderte Tätigkeiten, die er sich wieder aneignen müsse und die er jahrelang nicht mehr gemacht habe. Ob er es jemals bereut habe, ausgewandert zu sein? «Nein», antwortet Hans. Sie hätten immer die finanziellen Mittel auf der Seite gehabt, um wieder in die Schweiz zurückzukehren. Gute Arbeit, ein stetiges Einkommen, tiefe Lebenskosten und ein wunderbares Klima hätten die Entscheidung, für immer in Kalifornien zu bleiben, einfach gemacht. Beide – Hans und Heidy – hatten in der Schweiz Fernweh nach einem Leben in den USA. Sie haben ihren Traum verwirklicht, mit allen Konsequenzen, und dabei eine neue Heimat gefunden – und die alte nie vergessen.