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Schützenhaus
Geschichte des Schützenhauses
Eine Zeitreise
Früher donnerte und knallte es mitten im Dorf Speicher.
Bereits 1705 wurde im Moos eine Schützenstatt errichtet mit Zielrichtung Scheibengut. (Oberdorf)
1765 entstand ein neues Schützenhaus in Oberwilen.
Mit der Erweiterung von Häusern und Strassen im Dorf mussten diese zwei Schiessanlagen verlegt werden, da es über Fahrwege und in Nähe zu Wohnhäusern viel zu gefährlich war, dort zu schiessen.
1845 wurde der Bau eines neuen Schützenhauses im Brand genehmigt. Das Schützenhaus Oberwilen wurde nach Trogen verkauft und dort zu einer Jacquardfabrik umgebaut. Beim Neubau der Schützenstube im Brand wurde ein 2. Raum geschaffen. Dieser wurde der Schule für das Schulturnen bei schlechter Witterung zur Verfügung gestellt.
Beizenschiessen erlaubt
1850 erteilte die Obrigkeit eine erste Erlaubnis für ein Freischiessen des Schützenvereins. Auch in verschiedenen Wirtschaften in Speicher durfte geschossen werden, so in der «Harmonie», im «Einfang», in der «Buchschwendi» und im «Schützengarten».
Leere Kasse und Schulden
1866 übernahm die Gemeinde die Schützenstatt, da der Schützenverein verschuldet war und keine Verbesserung in Aussicht stand. Nur so konnte der Verein mit seinen 24 Mitgliedern und damit auch das Schiesswesen in Speicher gerettet werden.
Später wurde auf dem Birt ein weiterer Schiessplatz errichtet, der vor allem den Schützen der Militärschützengesellschaft diente.
Befehl aus Bern
Die beiden Schiessplätze Brand und Birt wurden von eidgenössischen Experten nicht mehr abgenommen. Nun war die Gemeinde Speicher gefordert, denn ein Ersatz für die beiden Schiessplätze musste gefunden werden.
Ja zum Schützenhaus
1920 bekannte sich das Stimmvolk an einer ausserordentlichen Urnenabstimmung zu einem einheitlichen Schützenstand und einfachen Schützenhaus auf der Vögelinsegg für die Feld- und Militärschützen.
Fr. 18’000.- Franken waren für das Schützenhaus budgetiert, die Gesamtausgaben mit Scheiben und Zubehör betrugen Fr. 76’637.-. Die beiden Schützenvereine steuerten zusammen Fr. 14’000.- bei. Die Subventionen von Bund und Kanton beliefen sich zusammen auf Fr. 7’200.-.
Nach fast 100 Jahren ist Schluss
Während fast 100 Jahren diente das Schützenhaus Speicher unzähligen Schützen als Schiessplatz.
Sinkende Mitglieder- und Schusszahlen, Überalterung, Spardruck, problematische Belastung der Böden durch Blei und andere Schwermetalle aus dem Schiessbetrieb, sowie Lärmemissionen sprachen auch in Speicher für eine Schliessung der Schiessanlage auf Vögelinsegg. Eine Sanierung der Schiessanlage schloss die Gemeinde aus, da sie viel zu teuer zu stehen gekommen wäre.
Deshalb wurde der Schiessbetrieb nach dem Endschiessen am 7. September 2019 eingestellt.
Anfragen von Vereinen und Privaten, welche Räumlichkeiten für kulturelle Anlässe in unserer Gemeinde suchten, zeigten auf, dass Kulturraum, in welchem längerfristig etwas entstehen oder Dauerausstellungen ihren Platz finden können, fehlte.
Kantonales Schutzobjekt
Das Schützenhaus war etwas in die Jahre gekommen und der Zustand war nicht der Zeit entsprechend. Was mit dem Schützenhaus geschehen sollte, war deshalb lange ungewiss. Ein Verkauf wurde ausgeschlossen, denn die Gemeinde Speicher wollte die Kontrolle über dieses geschichtsträchtige Gebäude bei sich behalten. Der Grund: «Das Schützenhaus Speicher ist ein kantonales Schutzobjekt».
Transformation zum Mehrzweckraum
Das Schützenhaus auf der Vögelinsegg sollte deshalb zu einem Kultur- und Veranstaltungsraum umgebaut werden. Das Gebäude bedurfte aber einer sensiblen Renovation. Unter anderem würde eine Isolierung, wie auch der Einbau zusätzlicher Fenster, dem Raum die entsprechenden Nutzungsmöglichkeiten bringen. Eine Photovoltaikanlage mit 10kW Leistung würde genug Energie erzeugen für Licht und Heizung.
Für die Umbauarbeiten wurden fast ausnahmslos Handwerksbetriebe aus Speicher beauftragt. Dies bedeutete gute und effiziente Zusammenarbeit mit und unter den Handwerkern. Pandemiebedingte, sowie wegen des Krieges in der Ukraine verursachte Lieferengpässe für Photovoltaik-Elemente und Heizung konnten gelöst werden.
Entstanden ist ein heller, heizbarer Mehrzweckraum für maximal 100 Personen, mit separater Küche, WC-Anlage und Garderobe, der nun allen Interessierten zur Verfügung steht. Der Zugang zum Gebäude wurde behindertengerecht gestaltet. Zugleich wurde das Gebäude ans Internet angeschlossen, damit für Präsentationen ein direkter Zugriff aufs Netz möglich ist. Ebenso kann das Gebäude ferngesteuert geheizt werden.
Im Betriebskonzept sind klare Vorgaben festgehalten:
Es sind keine Parkplätze vorhanden, die Anlieferung und Abholung von Material und Menschen mit Beeinträchtigung per Auto ist erlaubt.
10 öffentliche Parkplätze sind auf dem Parkplatz Vögelinsegg vorhanden (ohne Reservierungsmöglichkeit), 10 weitere private Parkplätze können über die Gemeinde bei der Berit-Klinik kostenpflichtig gebucht werden.
Die Betriebszeit ist von 06.00h bis 22.00h festgelegt. Auf massvolle Lärmemissionen und geringe Aussenaktivitäten ist zu achten.
Das Schiesswesen in Speicher
Erste Schützenvereine bildeten sich in Städten, um sich gegen Überfälle zu schützen. Später wurden daraus Vereinigungen reicher und angesehener Bürger mit geselligem Charakter.
Das Schiesswesen hatte auch in Speicher eine lange Tradition, denn schon vor dem ersten Kirchenbau im Jahre 1614 gab es einen Schützenverein, so wie dies auch von anderen Gemeinden bekannt ist. Und meist blieb es nicht bei einem einzigen Schützenverein, ein Grund für eine gewisse Rivalität unter den Vereinen:
- 1613 entsteht die Feldschützengesellschaft.
- 1873 wird der Jägerschützen-Verein aktenkundig.
- 1878 werden die Infanterie-Schützen erstmals erwähnt.
- 1883 erfolgt die Gründung des Militärschützenvereins, weil die Feldschützen es ablehnten, für die «Militärpflichtige Mannschaft» Schiessübungen durchzuführen.
- Die Infanterie-Schützen und der Militärschützenverein schliessen sich 1887 zur Militärschützengesellschaft zusammen.
- 1890 schenkt sich die Militärschützengesellschaft eine neue Fahne.
- 1897 wird der Zimmerschützengesellschaft gegründet.
Furchtbare Krisis
1919 musste der Schiessbetriebs in die ausserkantonale «Schaugen» verlegt werden, bis 1921 Notstandsarbeiten in Speicher ausgeführt wurden und das neue Schützenhaus in Betrieb gehen konnte.
Mit der Verlegung des Schiessbetriebes einher ging auch ein Mitgliederschwund: So bemerkte der damalige Präsident: «…hoffe aber gerne, diese 8 bleiben noch lange der Fahne treu, die zwar auch am Zerfallen ist…..».
Vielleicht war auch ein Grund, dass der vergangene 1. Weltkrieg eine gewisse Schiessmüdigkeit hervorgerufen hatte.
Schwierige Zeiten
Während des zweiten Weltkrieges von 1939 -1945 waren viele Schützen zum Aktivdienst aufgeboten. Daher mussten viele Versammlungen verschoben werden, was für die Vereine nicht gerade förderlich war.
1943 trat die Militärschützengesellschaft dem Kantonalverband bei. Als Anlass zur ersten Teilnahme am Feldschiessen fand in Speicher trotz Kriegszeit ein Umzug statt.
1946 fand das erste obligatorisches Schiessen für Schweizer Schützen statt.
Anlass zum Feiern
1959 übergab die Feldschützengesellschaft als Patensektion die Standarte an die Militärschützen beim Vögelinsegg - Denkmal. Danach wurde im Lindensaal gefeiert: «Der Abend war nicht prunkvoll, dafür aber mit kameradschaftlichem Geist erfüllt».
Auf ins Computerzeitalter
Zum 100-Jahre-Jubiläum 1987 konnte die Auswertung der Schiessresultate erstmals per Computer erfolgen.
Die Schiessanlage wurde auf den neusten Stand gebracht. 8 elektronische Scheiben mit Schutztunnels standen nun zur Verfügung.
Die Zeiten ändern sich
- 1996 wurde die Feldschützengesellschaft Speicher aufgelöst.
- 2001 folgten die Pistolenschützen.
- 2021 der Militarschützenverein.
Feldschützen, Militärschützen, Pistolenschützen, Zimmerschützen - diese vier Sportvereine prägten lange Zeit das Schiesswesen von Speicher.
Noch heute sind die Zimmerschützen aktiv und üben im Luftschutzraum im Zentralschulhaus.
Vögelinseggschiessen
Das Schiesswesen in Speicher wurde geprägt vom Vögelinseggschiessen, das 1933 zum ersten Mal durchgeführt wurde. Dass es dazu kam, war ein grosser Verdienst der Feldschützengesellschaft Speicher.
Ein Anlass, weit über die Region hinaus
Der frisch gegründete Vögelinsegg-Schützenverein diente als Trägerschützenverband mit Sektionen aus den Regionen (SG/TG). Selbst ein Schützenverein aus der Romandie gehörte dem Vögelinsegg-Schützenverein an.<br
In Anlehnung der Gedenkanlässe auf dem Stoos wurden die Vögelinseggschiessen zur festen Tradition mit bis zu 1500 Schützen in Spitzenzeiten. Dabei hatte der Anlass nebst dem sportlichen Wettkampf auch einen gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Zweck.
Nach 65 Jahren wurde der Vögelinsegg-Schützenverein im Jahre 2019, mit der Beendigung des Schiessbetriebes auf Vögelinsegg, aufgelöst.
Quellen:
Text: Ursula Langenauer, Paul Hollenstein 2023
Fotos: Gemeinde Speicher, Schützenmuseum Trogen, Andreas Bänziger, Architekt