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Fährt man mit dem Zug vom Wankdorf her in den Berner Hauptbahnhof ein, liegt linkerhand im Wylerfeld langgezogen ein Fabrikgebäude, an dessen Fassade der Abdruck abmontierter Leuchtschriftbuchstaben hell den Schriftzug WIFAG erkennen lässt. Er erinnert daran, dass hier vor einigen Jahren ein Stück schweizerischer Industriegeschichte untergegangen ist.
Carl Winkler: Mehr Konstrukteur als Kaufmann
Am 18. Februar 1904 eröffnen drei Männer mitten in Bern, an der Schwanengasse 5, ein Geschäftslokal, weil sie einen Handel mit Maschinen und Utensilien der graphischen Branche aufziehen wollen. Sie heissen Carl Winkler, Fritz Fallert und Otto Wagner. Ihre Kommanditgesellschaft nennen sie «Winkler, Fallert & Cie.»
Kopf der Firma wird Winkler, ein Deutscher aus Leipzig, der auf seiner Wanderschaft als Buchdruckereitechniker in Bern hängengeblieben ist und hier seit einiger Zeit eine Velohandlung betrieben hat. Er ist ein hochbegabter Konstrukteur und will nicht nur Handel treiben. Sofort beginnt er eine ganze Palette graphischer Hilfsmaschinen zu entwickeln – Schliessrahmen, Schliessplatten, Schliessetzschiffe. 1910 folgt die «Kniehebel-Prägepresse», 1917 die erste «Frontbogen-Schnellpresse».
Als die Firma 1912 das Stadtzentrum verlässt und an der Wylerringstrasse das neugebaute Büro- und Fabrikgebäude bezieht, ist die Belegschaft bereits auf hundert Angestellte angewachsen. Zwei Jahre später stoppt der Ausbruch des Ersten Weltkriegs die erfolgreiche Pionierphase: Die Nachfrage bricht ein, das Geld wird knapp. Schlimmeres verhindert neues Geld, das Financiers in die Firma einschiessen. Kurz nach dem Krieg, am 10. April 1919, wird die Kommanditgesellschaft in die «Winkler, Fallert & Co. AG» umwandelt, für die ab Mitte der zwanziger Jahre das Kürzel «Wifag» gebräuchlich wird.
Die Nachkriegszeit bringt einen explosionsartigen Aufschwung. «Carl Winkler», berichtet eine Chronik, «treibende Kraft, konstruktiv hochbegabt, baut sein Imperium rasant aus. Der Zug ins Grosse dominiert; sein Unternehmertum grenzt ans Abenteuerliche, Gewagte, Unbesonnene.» 1922 kommt es zwischen Winkler und seinen Kompagnons zum Bruch. Fallert und Wagner verlassen die Firma und Winklers Wifag schlittert – trotz wachsender Verkäufe von Rotationsmaschinen, die die Schnellpressen abgelöst haben – in die nächste Krise: Unzulängliche Kalkulation, Kursverluste und aufwendige technische Nacharbeiten führen bis Ende 1923 zu Verlusten von 3 Millionen Franken bei einem Aktienkapital von 4 Millionen. 1924 wird wieder eine finanzielle Sanierung nötig. Sie wirkt so wenig nachhaltig, dass die Wifag am 28. Mai 1926 um Stundung nachsuchen muss. Die zweite finanzielle Sanierung gelingt dank grossem finanziellem Engagement der Spar- und Leihkasse Bern, die im Gegenzug ein eigenes Verwaltungsratsmitglied zum Wifag-Direktor macht. Carl Winkler bleibt technischer Delegierter.
Der ruhmlose Abgang des Firmengründers
Das folgende Jahr bringt eine Konsolidierung, der einsetzende Aufschwung wird aber bereits im Oktober 1929 durch den New Yorker Börsenkrach und die anschliessende Weltwirtschaftskrise wieder gestoppt. Auch die europäische Druckmaschinenbranche gerät in die Abwärtsspirale von Rückgang der Aufträge, Preiszerfall, Beschäftigungsmangel, Lohnkürzungen, Kurzarbeit und Entlassungen. Ab 1931 schreibt die Wifag Defizite. 1933 verlässt Carl Winkler seine Firma, «nach längeren Auseinandersetzungen», wie berichtet wird. Eine andere Quelle erwähnt «Unregelmässigkeiten bei der Verwendung von ‘Provisionen an Dritte’». Die Krise verschärft sich, als Ende 1935 die Spar- und Leihkasse Bern selber in eine akute Krise gerät und um Stundung nachsuchen muss. 1936 bricht der Spanische Bürgerkrieg aus, was mit Spanien und Frankreich zwei der wichtigsten Absatzmärkte praktisch wegbrechen lässt. In diesem Jahr erreichen die Bestellungen einen Tiefpunkt. Die Existenz der Wifag hängt an einem Faden.
Über Wasser halten kann sich die Maschinenfabrik schliesslich aus drei Gründen: Erstens bringt eine Frankenabwertung im September 1936 verbesserte Verkaufspreise. Zweitens gelingt Ende 1937 die Sanierung der Spar- und Leihkasse Bern, die nun vorübergehend Hauptaktionärin der Wifag wird. Und drittens beginnt man neben dem serbelnden Druckmaschinenbau neu Werkzeugmaschinen zu produzieren. Es gibt Quellen, die vermuten, dass die Wifag Ende der dreissiger Jahre eine grössere Serie von solchen Maschinen für die nationalsozialistische Waffenproduktion nach Deutschland liefert. Gesichert ist zur Zeit aber bloss, dass sie damals Gussteile als Rohmaterial aus Deutschland bezogen hat.
Trotzdem wird im November 1940 für die Wifag mit ihren rund 420 Angestellten die Krise wieder akut, als die Spar- und Leihkasse entscheidet, das finanzielle Risiko für den unsicheren Geschäftsgang der Firma nicht mehr länger verantworten zu wollen. Wieder droht die Liquidation.