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„Wenn richtig oder falsch lediglich Koordinaten innerhalb eines Weltbildes sind, was ist dann Wahrheit, und wie können wir sie erfassen?“ S. 134.
„Wahrheit ist die Qualität einer Beziehung, die sich immer wieder neu entfaltet. Sie ist etwas, das im Augenblick geschieht. Wir können sie nicht festhalten. Wir erfahren Augenblicke der Wahrheit auf ganz verschiedene Weise: als Tiefe, als Stille, als Lebendigkeit oder auch als Funkeln. Etwas zeigt sich auf eine Weise, in der es sich zuvor nicht gezeigt hat. In einem Wort, einem Kunstwerk, der Natur, einer philosophischen oder physikalischen Theorie oder auch in einer menschlichen Begegnung. Was Martin Heidegger als „offene Mitte“ bezeichnet, ist nicht leicht zu erfassen. Aus der Perspektive der feststellbaren Tatsachen ist es ebenso zart wie flüchtig. Es fällt durch das Netz unserer vertrauten Gedankenformen. Philosophen wie Martin Heidegger wird deshalb oft vorgeworfen, dass sie eine Sprache sprechen, die niemand versteht. „Offene Mitte“, was soll das denn bedeuten? Unsere vertrauten Worte und Satzstrukturen reproduzieren jedoch stetig das bekannte Netz unserer Gedankenformen. Ideen, die das Netz dieser Gedankenformen grundlegend verändern, können nicht in unserer vertrauten Sprache ausgedrückt werden. Neue Gedankenformen brauchen immer auch eine neue Sprache. Nur wenn wir uns Zeit nehmen, für diese neue Sprache ein Gefühl zu entwickeln, können wir das Netz unserer Gedankenformen verändern. Deshalb lohnt es sich auch für Laien, sich mit schwierigen philosophischen Texten auseinanderzusetzen. Gerade weil wir diese Sprache nicht sofort verstehen, öffnet sie uns eine Tür für neue Erkenntnisse.“ S. 136f.
Knapp 2011, div. Seiten.