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Maurice Yves Sandoz (1892-1958)
Maurice YvesSandoz
Schriftsteller, Komponist und Sammler
Maurice Yves Sandoz
Maurice Yves Sandoz war ein Mann mit vielen Facetten. Nach einer wissenschaftlichen Ausbildung (Doktorat in Chemie an der Universität Lausanne, 1916) führte ihn seine Liebe zu Kunst, Literatur und Musik zur Sammelei und zum Kunsthandwerk.
Stets auf Reisen lebte er in Burier in der Schweiz, in Rom und Neapel, New York sowie Lissabon und verbrachte längere Aufenthalte in Nordafrika, Indien, England, Brasilien und Mexiko. Als unvergleichlicher Gastgeber empfing er an seinen diversen Wohnsitzen intellektuelle Künstler und Persönlichkeiten aus allen möglichen Ländern.
Seine Leidenschaft für seltene Mineralien und die ausgeklügelten Mechanismen der Fabergé-Kreationen sowie die ungewöhnlichen Begegnungen, die er Zeit seines Lebens machen sollte, prägten seine ausserordentliche, vielseitig geformte Persönlichkeit als Schriftsteller, Dichter und Komponist.
Seine Bibliographie der 20er bis 50er Jahre ist eine Abfolge von Novellen und Erzählungen (Erzählungen und Novellen, Neues Erinnern, Am Rande, Schweizer Erzählungen, etc.), Romanen (Das Labyrinth, das Haus ohne Fenster), Theaterstücken (La Maîtresse, The Balance) aber auch von Gedichtbänden und Reiseerzählungen. Etwa fünfzehn Titel wurden insgesamt 66 Mal in fünf Sprachen übersetzt. Die jüngsten Neuauflagen erfolgten 1992 (Der Friedhof von Skutari, Limatt Verlag, Zürich) und 1994 (Das Labyrinth, Editions Melchior, Genf). Aus seinen Erzählungen sind Surrealismus und Phantastik nicht wegzudenken. Viele davon wurden von berühmten Künstlern wie Salvador Dali, den er Ende der 30er Jahre in Rom kennenlernte, illustriert.
Die im Vergleich zur schriftstellerischen Tätigkeit von Maurice Sandoz weniger umfangreichen musikalischen Werke, die anfänglich von Schumann beeinflusst waren, konnten später mit der französischen Schule eines Duparc, Debussy oder Fauré verglichen werden. Zu seinen Stücken, hauptsächlich für das Klavier und den Gesang komponiert, zählt eine für Serge de Diaghilev komponierte choreographische symphonische Suite, die 1913 mit Ernest Ansermet am Dirigentenpult in Montreux aufgeführt wurde.
Maurice Yves Sandoz
Bibliographie
Neuauflagen von Werken von Maurice Sandoz
- Contes suisses, Erzählungen, illustriert von Fabius Gugel, Editions de l'Aire, Lausanne, 1990.
- Das Labyrinth, Roman, aus dem Französischen übersetzt von Gertrud Droz-Ruegg, Bibliothek des Phantastischen, Dumont Verlag, Köln, 1991.
- Der Friedhof von Skutari, Unheimliche Geschichten, aus dem Französischen übersetzt von Luise Wolf, Gertrud Droz-Ruegg und Heidi Brang, illustriert von Salvador Dalí, Limmat Verlag, Zürich, 1992.
- Le Labyrinthe, Roman, Editions Melchior, Genf, 1994.
Über sein Werk und seine Sammlungen
- Rencontres Fantastiques, Austellungskatalog, Bibliographie, FEMS, Pully, 1992.
- Montres et automates, la collection Maurice Sandoz, collectif, sous la direction de Bernard Pin, FEMS, Pully, 2011
- Watches and Automata, The Maurice Sandoz Collection, by Bernard Pin and alii, FEMS, Pully, 2012
Ausstellungen
- 1992 : « Rencontres fantastiques », Musée Historique du Vieux-Vevey, Vevey.
- 2010 : « Masterpieces of the Sandoz Collection, restored by Parmigiani Fleurier », exposition du 20ème anniversaire du Salon International de la Haute Horlogerie, SIHH, Genève.
- 2011 : « Mechanical Wonders, The Sandoz Collection », for the benefit of the Jazz Foundation of America, A la Vieille Russie, 781 Fifth Avenue, New York.
Auszüge
Der Liebesbrief
Mein Gast, der berühmte Tänzer, lehnte eine zehnte Zigarette ab, nahm aber noch eine Tasse Tee und, wie man es in seiner Heimat Ruthenien zu tun pflegt, legte er Stück Zucker, das ich ihm anbot, unter die Zunge und schlürfte dazu die bernsteinfarbene bittere Flüssigkeit.
« Sie haben », sagte er zu mir, « meine ,Triumphe‘, wie Sie es nennen, miterlebt. Sie müssen mir aber gestatten, diese umzutaufen in meine ,Erfolge‘. Meine Bescheidenheit ist aufrichtig, Sie dürfen es mir glauben, und ich will Ihnen deren Grund anvertrauen, den ich sonst noch niemandem gestanden habe. Ich glaube, mein bewegtes Dasein wird bald zu Ende gehen », (aus Höflichkeit machte ich eine ablehnende Handbewegung, die er aber geflissentlich übersah), « und auf alle Fälle hat die Stunde geschlagen, da ich mit meiner Tätigkeit aufhöre. Wenn also das, was ich Ihnen sagen will, bekannt würde, so könnte es mir nichts mehr schaden.
Nun also, das ist die Wahrheit : Nie, verstehen Sie, nie während der vierzig Jahre,da ich auf den Bühnen der ganzen Welt auftrat,habe ich auch nur einen einziegen Liebesbrief bekommen. »
« Das ist leicht erklärlich », unterbrach ich, « Ihre Verehrerinnen waren von vornherein überzeugt, Sie bekämen so viele Liebesbriefe, daß sie nicht wagten, ihr Glück zu versuchen. »
Aber mein Gast schüttelte den Kopf.
« Nein, nein », meinte er, « Ihre Überlegung ist nicht richtig; denn bei meiner Partnerin lagen die Dinge völlig anders. Etwas sadistisch bat sie mich jeweilen, ihr die vielen Briefe zu öffnen, die sich in ihrer Garderobe anhäuften (besonders wenn ihr die Schrift auf dein Umschlag nicht bekannt war).
Diese Briefe, ich muß es sagen, waren sich alle ziemlich ähnlich :
,Sie kennen mich nicht, mein Fräulein, und doch bin ich täglich unter Ihren Zuschauern; denn seit dem Tage, da ich Sie zum erstenmal tanzen sah, habe ich nur noch einen Gedanken usw. usw.‘ »
Ich sah eine neue Möglichkeit, den Tänzer zufriedenzustellen :
« Wenn Sie keine solchen Briefe bekommen haben »,sagte ich, selber nur halb überzeugt, « so war dies nur deshalb der Fall, weil die Frauen mehr Zurückhaltung üben als die Männer; sie sind weniger mitteilsam, und da sie Sie zudem immer mit der gleichen Partnerin sahen, haben sie wahrscheinlich angenommen, dieses sei Paar sei … unzertrennlich.
« Nun », sagte der Tänzer nachdenklich, « diesmal kann ich Ihrer Überlegung eher folgen. Aber », fuhr er nach einem Augenblick fort, und zwar mit ziemlich lauter Stimme, wie die Russen es oft zu tun pflegen, wenn sie überzeugen wollen, « es hätte doch eine Ausnahme geben sollen, die AUSNAHME, mit großen Buchstaben geschrieben; es hätte einen Menschen geben müssen, der sich um all dieses Schicklichkeit nicht gekümmert hätte, eine Frau, die sich an mich gewendet hätte … aus letzter Verzweiflung. » Ich hätte den Künstler mit den angegrauten Schläfen gerne getröstet, indem ich ihm gesagt hätte, daß sein Fall durchaus nicht vereinzelt sei und daß meine Laufbahn als Schriftsteller mir auch keine Liebesbriefe eingetragen habe. Aber ein solches Geständnis wäre nicht ehrlich gewesen; denn seit Anfang des Jahres bekam ich zu Beginn jedes Monats einen kleinen malvenfarbenen Briefumschlag (ich kannte ihn nun schon von weitem); er enthielt eine gleichfarbene Karte, die mir eine lakonische Botschaft brachte, immer die gleiche, aus den drei Worten bestehend : « Je vous aime. »
Keine Unterschrift, kein Datum und selbstverständlich keine Adressenangabe … Nur die Marke gab einigen Aufschlulß, denn sie war immer auf der Hauptpost von Neuenburg abgestempelt.
Da aber Neuenburg mehr als fünfzigtausend Einwohner zählt, blieb das Rätsel ungelöst.
Ich verzichtete also darauf, meinem Freund von diesem « Erfolg » zu erzählen, und er verließ mich, gesenkten Hauptes, ziemlich niedergeschlagen, wie mir schien.
Durch einen glücklichen Zufall besuchte mich kurze Zeit nach dieser Unterhaltung eine Verwandte, die sich ziemlich oft für kurze Zeit bei mir aufhielt.
Da aber meine Kusine Graphologin war, und sogar eine angesehene Graphologin, so kam ich bald auf die Idee, ihr eine dieser merkwürdigen anonymen « Erklärungen » vorzulegen.
Nachdem sie einen Augenblick die drei so klar geschriebenen Worte angeschaut hatte, geriet sie zu meiner Überraschung in Verlegenheit, und auch ein wenig Mißtrauen schien dabei zu sein. Sie zögerte sichtlich, sich auszusprechen.
Schließlich entschuldigte sie sich. « Ich kann dir erst morgen meine Beobachtungen mitteilen », erklärte sie, als ob sie Zeit gewinnen wollte. Und sie zog sich auf ihr Zimmer zurück, indem sie die kurze Botschaft mitnahm, die ihr so sehr zu missfallen schien.
Am nächsten Morgen, beim Frühstück, fing sie zuerst von dem Briefchen
zusprechen an; ich muß gestehen, daß ich die kleine Sache vergessen hatte, was beweist, daß ich ihr nicht viel Bedeutung beimaß.
Mit der Energie der Schüchternen rief sie aus : « Nun, das ist ja nett, diese Botschaft ist von einem Mann geschrieben ! » Und sie gab mir die malvenfarbene Karte mit einer Gelassenheit zurück, die mir erheuchelt schien.
« Von einem Mann ! » rief ich aus, oder vielmehr schrie ich zurück.
« Von einem Mann, das ist todsicher », fuhr meine Kusine fort, die von einer schweren Last befreit schien, « alle Graphologen der Welt werden mir recht geben. Aber wenn dich das beruhigen kann », fuhr sie alsbald weiter, « so will ich dir gleich sagen, daß der Verfasser dieser Botschaft kein (sie zögerte, indem sie die Worte suchte) « kein "Laffe" ist. Nein, es ist die Schrift eines Mannes von gewissem Alter, eines Patriziers, der viel erlebt hat, wie dies sowohl an der Eleganz des Schriftzuges wie an dem leichten Zittern erkennbar ist, das entweder auf eine Neigung zur Parkinsonschen Krankheit oder auf eine heftige Leidenschaft für dich hindeutet. »
« Die zweite Hüpothese wäre mir lieber », sagte ich lachend, sie ist schmeichelhafter … Aber, wie du siehst, bin ich sehr überrascht zu hören, daß ich im Alter der Kahlköpfigkeit eine heftige ,Leidenächaft‘ (um deinen Ausdruck zu gebrauchen) erwecken soll bei einem Menschen meines Geschlechts und von reifem Alter. Das ist bestürzend und könnte mich an der Graphologie zweifeln lassen… »
« ,Von reifem Alter‘, das ist der passende Ausdruck », bestätigte meine Kusine, ohne auf meinen Angriff gegen ihre Kunst einzugehen. « Die Buchstaben, die er schreibt, sehen aus wie die Vorlagen, die man den Schülern zu einer Zeit gab, da der Schreiblehrer seinen Zöglingen noch die Gänsekiele zuschnitt und sie allerlei Schnörkel machen lehrte, die heute ganz in Vergessenheit geraten sind. Was die ,Vornehmheit‘ anbelangt, die ich dem Verfasser dieser Zeilen (oder genauer gesagt, dieser Zeile) zuschreibe, so ersehe ich sie aus der Sicherheit des Schriftzuges, aus der tadellosen Darstellung der j und der s, die früher sehr ähnlich aussahen, wie du beim Durchlesen von Originalschriften Jean-Jacques Rousseaus hast feststellen können; diese Schrift erinnert mich übrigens ein wenig an die seinige. »
Ich hatte nicht mehr daran gedacht, daß meine Kusine Spiritistin war. Nun, sagte ich mir, vielleicht wird sie annehmen, diese Botschaften seien geisterhaften Ursprungs.
« Wohlan denn, meine Liebe »,sagte ich hierauf, « ich will annehmen, du habest das Geschlecht des Schreibenden erraten; wäre es dir nicht möglich, noch etwas mehr über seinen Charakter, seinen Beruf, seine Persönlichkeit zusagen ? »
Meine Kusine hatte die Nacht offensichtlich ohne Schlaf verbracht und hatte die Buchstaben der geheimnisvollen Botschaft gründlich studiert; denn sie wußte ihr Urteil auswendig und sagte es mir auf wie eine gut gelernte Aufgabe. « Bejahrte Persönlichkeit, die die Einsamkeit liebt, männlichen Geschlechts, elegant, vornehm, aber ohne Phantasie. Egoistisch, so furchtbar egoistisch, daß ich sogar überrascht bin, daß er ein … zärtliches Gefühl ausdrückt. Tatsächlich scheint alles darauf hinzuweisen, daß diese Person nur von sich selber eingenommen ist. Es ist ein Fall von vollkommenem Narzißmus. Ich füge noch dazu, daß dein Briefschreiber wahrscheinlich von adliger Herkunft ist, denn das v in dem Wort ,vous‘ ist in Wirklichkeit das v des deutschen Alphabets, und er hebt es unwillkürlich hervor, was mich glauben läßt, daß in seinem Namen ein ,von‘ steht (aber ich gebe zu, daß diese Hypothese kühn ist). Schließlich möchte ich noch sagen, daß er peinlich exakt ist : Schau den Punkt auf dem i an; er ist vollkommen rund und genau in der Verlängerung des Buchstabens angebracht. »
« Gut, gut », sagte ich lachend, « wenn ich je etwas von meinem mysteriösen Bewunderer erben sollte, werde ich es dir mitteilen, und du sollst ein Andenken bekommen. »
Meine Kusine schien entzückt, daß ich ihre Aussagen nicht allzu ernst genommen hatte.
Und zweifellos wäre es mit der Untersuchung der malvenfarbenen Kärtchen dabei geblieben, hätte dabei bleiben müssen, wenn nicht die Neugier eines jungen Mädchens dazu gekommen wäre, das hie und da zu mir kam, um kleine Geschenke entgegenzunehmen, die die Freundschaft erhalten sollten (erhalten ist das richtige Wort). Das Unglück wollte es, dass sie über meine Sammlung der Liebeskärtchen geriet. Und sie wollte nicht mit Schweigen über diese Entdeckung hinweggehen, die, wie sie meinte, die Existenz einer Rivalin bewies, welche ohne Zweifel von mir mit den herrlichsten Geschenken überhäuft werde. Diese Rivalin suche sie aus meiner Liebe zu verdrängen, und sie müsse dieser « widerwärtigen » Korrespondenz eine Ende bereiten ! Ihr Glück oder mein Unglück wollte es, dass sie mit einem Berufsdetektiv befreundet war.
Dieser Experte versuchte sie zuerst abzuweisen und ihr die zwei Kärtchen zurückzugeben, die sie ihn als « greifbaren Beweis meiner Untreue » vorgelegt hatte; aber dann besann er sich eines andern : Der Detektiv erwachte in ihm.
« Ohne daß sie es wollten, haben sie mich vor ein ziemlich beunruhigendes Problem gestellt. Diese zwei Karten sind nicht am gleichen Tag und auch nicht mit der gleichen Tinte geschrieben worden. Und doch könnte man fast schwören, daß es sich um getreue Reproduktionen eines dritten Dokumentes handle, das ihnen vollkommen gleichsähe.
Sehen sie, wie die Worte auf diesen beiden Karten sich gleichen und wie man sie genau aufeinander legen kann, wie ein Filmnegativ und eine Kopie; und doch handelt es sich hier nicht um photographisches Material und auch nicht um lichtempfindliches Papier. »
Der Detektiv kratzte sich ratlos das Kinn.
« Auf alle Fälle erscheint nicht dieses malvenfarbene Papier als etwas Besonderes; es könnte uns helfen, den Absender zu ermitteln. Könnten Sie mir ein Exemplar überlassen ? »
« Gerne », erwiderte das junge Mädchen, dessen Neugier aufs höchste gereizt war und das nicht gezögert hätte, dem Detektiv den Eiffelturm zu leihen, wenn es sicher gewesen wäre, daß er durch dieses umfangreiche Dokument die Rivalin entdecken würde, der es die Augen auskratzen wollte.
« Mein Freund wird das Fehlen eines Billetts nicht bemerken. Die Menge dieser Botschaften ist unzählbar. »
Sie übertrieb, denn es waren nur vier oder fünf. Aber sonst hatte sie recht; ich bemerkte nicht, daß die malvenfarbene Karte aus jener Schublade verschwand, die ich nicht verschlossen hielt, da ich mir eigentlich nichts vorzuwerfen hatte.
* * *
Ein Monat verging, ohne daß der Detektiv, der anderes zu tun hatte, ein Lebenszeichen gab.
Dann, eines Tages, telephonierte er an Claudine (er war klug genug, nie zuschreiben, wenn es sich um Frauen handelte) und sagte ihr, er habe ohne Mühe die Papeterie gefunden, die dieses hübsche, altmodische Bristol-Papier verkaufe. Ein einziger Kunde kaufe regelmäßig davon : es sei ein bekannter Uhrmacher, den das Museum von Neuenburg mit dem Unterhalt und der Beaufsichtigung seiner Uhren betraut habe. Und er sagte ihr den Namen. « Wir sind so weit », sagte Claudine am andern Ende des Drahtes, « er hat eine reizende Tochter… »
Und da sie glaubte, ich werde « den Weg der Geständnisse » beschreiten, wenn sie mich vor solche beweiskräftige Tatsachen stelle, so machte sie mir von ihrer Entdeckung Mitteilung.
« Ich kenne diesen netten Mann », begnügte ich mich voller Überraschung zusagen, « aber ich versichere Ihnen, daß ich von der Existenz seiner Tochter, sei sie nun hübsch oder nicht, gar nichts gewußt habe. »
« Das können sie andern weismachen », schrie Claudine so vulgär, daß es mir weh tat.
« Das ist so wahr », entgegnete ich ärgerlich, « daß wir ihm sogleich anläuten und ihn fragen, ob er mir, oder vielmehr uns, den Schlüssel zu diesem Rätsel geben könne. »
Plötzlich kam mir die Erleuchtung, und ich brach in Gelächter aus.
« Ihr Lachen klingt falsch », schrie Claudine außer sich (in diesem Augenblick bemerkte ich, dass sie nicht so hübsch war, wie ich gemeint hatte).
Ich brauchte einige Zeit, bis ich mich wieder fassen konnte.
« Nein », sagte ich schliesslich, nachdem ich mich erholt hatte, « hören Sie gut zu, Claudine : Es ist weder der ausgezeichnete Uhrmacher noch seine hübsche Tochter, die diese erstaunlichen Botschaften schreiben; sie übermitteln sie mir bloß. »
« Von wem denn ? » fragte Claudine mit erzürnten Augen, die ihr aus dem Kopfe standen wie Hummeraugen.
« Sie sind vom Uhrmacher redigiert, aber geschrieben vom … Schreiber. »
« Vom Schreiber ? Was für ein Schreiber ? Was wollen sie mir da vormachen ? » schrie Claudine, die sich noch nicht besänftigen konnte.
« ,Derächreiber‘ von Jacquet Droz, dieser Automat, der wie ein Knabe aussieht, dieser Automat, oder genauer ausgedrückt diese Marionette, die zur Zeit Marie Antoinettes so viel von sich reden machte und die nun, zusammen mit der fröhlichen Orgelspielerin und dem Zeichner, im Museum der Stadt Neuenburg untergebracht ist.
Diese drei Automaten werden zum großen Vergnügen der Besucher am ersten Tag jedes Monats lebendig (woraus sich erklärt, warum ich immer zu Anfang des Monats die ,Liebeäbriefe‘ erhielt, die der Schreiber mit so viel Sorgfalt und Eleganz aufzeichnete).
Ich habe tatsächlich mithelfen können, diesem von unsern französischen Nachbarn vergessenen Automaten etwas von seinem früheren Ruhm zurückzugeben, indem ich dessen Reise nach Paris erleichterte, wo er im Conservatoire des Arts et Métiers vor einer begeisterten Menge von Besuchern tausend Heldentaten vollführte.
Um mir − auf eine wahrlich originelle Weise − für diese Vermittlung zu danken, schickt mir der Direktor des Museums jeden Monat diese ,Handschreiben‘ und bezeugt damit die etwas überbordende Dankbarkeit des mechanischen Schreibers … und die seine ! »
« Aber warum braucht er diese Botschaften so oft zu wiederholen ? » fragte Claudine, immer noch mißtrauisch.
« Das ist sehr einfach : Ich habe mehrere Adressen, ich reise viel, und die Botschaften wurden vorsichtshalber in mehreren Exemplaren und nach allen Enden der Welt geschickt. Es handelte sich um einen bloßen Scherz; aber Ihr Mißtrauen hat die Komödie in ein Drama verwandelt und hat ihr eine Bedeutung gegeben, die sie nie hätte haben sollen. »
« Es ist mir lieber so », sagte Claudine beruhigt (ach, nun kam sie mir wieder reizend vor).
* * *
Vierzehn Tage später befand ich mich im Museum von Neuenburg, wo ich an diesem Tag der einzige Besucher war. Ich versank in die Betrachtung des wieder heimgekehrten Schreibers.
Ich fand ihn reizend, und da kein Aufseher in der Nähe war, erlaubte ich mit einen recht kindischen Spaß : Ich gab dem molligen kleinen Künstler einen Kuß (« un bec », wie der Welschschweizer sagt).
In diesem Augenblick vernahm ich einen Seufzer. Ich war aber doch allein in dem leeren, hallenden Raum.
Aber da entdeckte ich zu meiner Bestürzung, daß die Nachbarin des « Schreibers », die « Musikerin », tief Atem Schöpfte, und von ihr kamen diese Seufzer, die das Herz erweichten (wenigstens das meine).
Sie ist verliebt in den Schreiber, dachte ich, und sie ist eifersüchtig wie …Claudine ! Ein kleiner Schauder, wie ihn das Unerklärliche hervorruft, kroch mir über den Rücken. Mit wahrer Erleichterung sah ich den Konservator des Museums den Raum betreten.
« Sagen sie mir, mein Herr », fragte ich ein wenigschüchtern, « bin ich das Opfer einer Sinnestäuschung oder des allzu guten Neuenburger Weines, aber mir scheint, Ihre Musikerin bewege sich und Seufze … ! »
« Sie haben recht. Soeben haben wir dem Maharadscha von Corola die Künste der Musikerin vorgeführt. Die Mechanismen für die Bewegung der Finger der Musikerin und für ihre Atembewegungen sind voneinander getrennt. Wenn die erste Bewegung aufhört, bleibt die zweite noch lange in Aktion, damit die Illusion wirklichen Lebens erweckt werde. Frappierend, nicht wahr ? »
« Allzu frappierend », sagte ich erleichtert.
Wie dem auch sei, ich habe in meinem Leben schon viele Briefe verbrannt; aber die Liebesbriefe, die mir ein kleiner Knabe geschrieben hat, der mehr als hundertsechzig Jahre alt ist, werde ich auf alle Fälle behalten.
Ist er nicht das einzige Wesen auf der Welt, das noch tausend Jahre nach meinem Tode die gleichen Briefe, ebenso sorgfältig, ebenso herzlich, ebenso unwiderruflich an mich richten könnte ?
* * *
Als ich einen Monat später in Zürich durch die Bahnhofstraße ging, sah ich den Tänzer, der mich erkannte und auf mich zukam.
Nach den gebräuchlichen Begrüßungsworten hatte ich die unglückliche Idee, auf das zurückzukommen, was er mir anvertraut hatte. Ich konnte es mir nicht verkneifen, ihm zusagen, ich würde es vorziehen, keine Liebesbriefe zu bekommen, als solche − wie es mir geschehen war −, die von einem Roboter geschrieben waren.
« Roboter ? » fragte der Tänzer, für den dieses Wort neu war.
« Roboter, oder Automat, wenn Sie lieber wollen », antwortete ich.
Ich sah, wie sein Gesicht sich verzerrte.
« Entschuldigen Sie », sagte er, indem er auf seine Armbanduhrschaute, « aber ich habe furchtbar viel zu tun. Spokoinonotche (gute Nacht) », fügte er hinzu, und ohne mir die Hand zu geben, überquerte er hastig die breitestraße, sichtlich bestrebt, möglichst viel Raum zwischen uns zu legen. Und seit diesem Gespräch hat er mich nie mehr aufgesucht.
Seltsame Erscheinung
Wenn ein Romanschriftsteller seine Leser (so er welche hat) in eine gruselige Stimmung versetzen will, sorgt et dafür, daß die Personen seiner Erzählung einen entsprechenden Hintergrund bekommen. Es muß unbedingt ein einsames Landhaus her oder, was noch unheimlicher und viel vornehmer ist, ein historisches Schloß, so mittelalterlich, wie man es sich nur wünschen kann. Nachdem er so für das Notwendigste gesorgt hat, entfesselt er alle Elemente. Donnerrollen folgt auf Blitzeszucken, der Regen schlägt an die Fensterscheiben, Windstöße öffnen unvermutet die bestgeschlossenen Türen, und das Klagen der Meereswellen, das kunstgerecht mit den Seufzern der Verwundeten auf dem Schlachtfeld verglichen wird, vervollständigt das Bild. lch fürchte sehr, daß es mir nicht gelingen wird, meinen Lesern die tiefe und einzigartige Erregung mitzuteilen, die ich eines Abends erlebte.
Denn um dem wahren Verlauf meiner Erzählung zu folgen, muß ich die Leser ins Herz einer großen und lebhaften Stadt führen. Sie ist erfüllt von dem Lärm der Autos, die wie die Wasser eines Flusses durch die breiten Straßen strömen. Es ist eine Stadt, die nicht einmal nachts geheimnisvoll wird; denn das Geheimnis flieht vor den blendenden Neon-Lichtreklamen und vor den endlosen, festlich erleuchteten Schaufensterauslagen.
Ich spreche von Zürich. Nicht weit von der Peterskirche gibt es ein kleines, den Feinschmeckern wohlbekanntes Gasthaus. Denen, die die Neugier oder die Lust zu einem Leckerbissen dorthin führen sollte, möchte ich sagen, daß die Fensterläden weiß und grün gestreift sind und dass man durch die Fenster nicht nur die Peterskirche sieht, sondern auch das reizende Pfarrhaus, das einst Lavaters Heim war.
Oft bin ich die Eichentreppe hinaufgestiegen, die in den altmodischen Raum führt, wo man die Wildenten ißt, die ihren Ruhm verdienen einen Ruhm, den ich oft bejammert habe, nämlich jedesmal, wenn ich unverrichtetersache wieder abziehen mußte, weil ich mir keinen Tisch bestellt hatte. Diese Treppe ist nach außen abgeschlossen durch eine Schutztüre aus mattem Glas, die mit Weintrauben verziert ist. In der Mitte sieht man eine recht feine Ätzarbeit, die Goethe als Fünfziger darstellt.
Das Bild des Dichters findet man so ziemlich überall in diesem Hause.
Eine Miniatur hält die Züge seiner Jugend fest, eine Rötelzeichnung die ernste Schönheit seines reifen Alters. Und schließlich zeigt uns ein Porträt aus der Schule Tischbeins das Bild eines ehrfurchtgebietenden Greises, der einen weiten Reisemantel und einen riesigen Hut trägt, dessen Krempe aber das lange, angegraute Haar nicht ganz verdeckt. Vor einem Tisch stehend, stützt sich der Meister auf die rechte Hand, eine lange und feingliedrige Hand, deren Mittelfinger einen riesigen, sichelförmig geschnittenen Türkis trägt. Diese Hand allein schon verrät den Ästheten, den Dichter, den Schriftsteller.
Treu wahrt dieses Haus das Andenken Goethes. Hier hat er oft gegessen. Diese Treppenstufen haben unter seinem Fuß geknarrt. An einem dieser Tische hat er gesessen und hat bald die Weine der Rhone, bald die des Rheins gekostet. Er hat den innerschweizerischen Rahmkäse probiert und die mit Zucker überstreuten Apfelküchlein, deren Rezept sich erhalten hat und die man heute noch ißt. Aber ich muss mich entschuldigen wegen dieser langen Abschweifung, und ich komme nun zu dem Vorfall, den ich erzählen möchte.
Es sind kaum einige Monate her, daß ich einen Abend in Zürich verbrachte. Getrieben von der Macht der Gewohnheit und noch mehr von feinschmeckerischen Gelüsten, stieg ich wieder einmal die gewichste Holztreppe hinauf.
Gleich bei meiner Ankunft merkte ich, daß die Beleuchtung schlecht war. Die elektrischen Lampen brannten wie Nachtlichter. In diesem Halbdunkel nahm der kleine Raum wieder den etwas strengen Charakter an, den er hundert Jahre früher gehabt haben mochte, als er noch von Kerzen beleuchtet war. Ich äußerte mich darüber zur Serviertochter.
« Es ist das erste Mal, daß dies vorkommt », antwortete sie. « Es ist übrigens nicht so schlimm, da ja niemand hier ist. » « Was ! Niemand ? »
« Niemand ! » bestätigte sie noch einmal. « Und das ist sehr merkwürdig. Es ist auch das erste Mal, daß ich so etwas erlebe, seit ich hier bin, und das sind doch schon bald fünfzehn Jahre. » Tatsächlich, wenn auch die Tische gedeckt waren und einige an die Tische gelehnte Stühle Täuschungen erwecken sollten, war ich doch wirklich der einzige Gast und blieb es beinahe. Während ich mich unelegant (ich gestehe es), aber siegreich mit Froschschenkeln herumschlug, bemerkte ich, daß die Geräusche der Stadt nach und nach verklangen und nur noch schwach zu mir drangen.
Kein Autohupen mehr, kein Motorrattern, nicht einmal mehr das Geräusch von Schritten. Immer mehr erfüllte die Stille den Raum, stets wachsend, so daß ich mich schliesslich nicht ohne Besorgnis fragte, ob dies nicht vielleicht eine subjektiv bedingte Erscheinung sei und ich im Begriffe sei, taub zu werden. Das geräuschvolle Eintreten der Serviertochter, die mir die « champignons farcis » brachte, beruhigte mich wieder.
« Es schneit », sagte sie. « Die Flocken fallen so dicht, daß man keinen Meter weit sieht. Darum ist das Licht schlecht. Man sagt, daß die Drähte reissen, wenn so viel neuer Schnee darauf fällt. »
Ich erhob mich und ging zum Fenster; ich schob die Vorhänge beiseite und schaute hinaus. Der Schnee fiel in dichten Flocken. In dieser geräuschlosen Lawine erstarb nach und nach aller Lärm der Stadt. In die Stille fielen von der Turmuhr der Peterskirche zehn dumpfe Schläge. Und plötzlich glaubte ich mich in den vier Wänden dieses schlecht erleuchteten Raumes, in den die Geräusche von draußen nur gedämpft eindrangen, hundert Jahre zurückversetzt. Sogar der Ton dieser Glocke kam mir wie ein Seufzer resignierten Alters vor... Plötzlich vernahm ich ein fremdartiges Geräusch, dessen Anachronismus zu meiner Träumerei paßte. Es war Schellengeklingel, begleitet vom leisen Getrappel eines Zweigespanns. Ich horchte angestrengt. Aber ich täuschte mich nicht. Das Geräusch näherte sich und wurde immer deutlicher. Ich hätte sogar geschworen, daß die unsichtbare Equipage umsonst hatte ich mich aus dem Fenster gebeugt, in der Hoffnung, sie zu sehen vor der Türe des Gasthauses anhielt.
Das ist die Pferdepost der alten Zeit, dachte ich. Sie hielt hier an zum Pferdewechsel. Oder ist es am Ende gar eine Geisterkutsche ?
Die Treppe knarrte unter einem festen, gleichmäßigen Tritt. Dann näherten sich die Schritte, und die Türe öffnete sich.
Ein Greis von hohem Wuchs trat in das Zimmer. Er trug einen weiten Reisemantel und einen breitkrempigen Hut, den der Schnee in einen weißen Kuchen verwandelt hatte. Er zog seinen Mantel aus, schüttelte seinen Hut, warf einen raschen Blick auf das Porträt von Tischbein und setzte sich.
Ich kam aus dem Staunen nicht heraus.
Vor mir, unter dem Porträt, saß dessen genaue, aber lebendige Kopie.
Die gleiche Adlernase, die gleichen langen, angegrauten Haare, die gleiche stolze Bewegung des zürückgeworfenen Kopfes und eine Kleinigkeit, die unglaublich erscheint der gleiche gestärkte Kragen von einer heute verschwundenen Form, der das Kinn stützte, indem seine beiden Spitzen darunter hervorragten.
Das Mädchen hatte die Speisekarte geholt und legte sie vor ihn auf den Tisch. Erst dann zog er seine Handschuhe aus.
Ich sah eine lange, feinnervige Hand, ausdrucksvolle Finger. Der Mittelfinger trug einen riesigen Türkis, der sichelförmig geschnitten war.
Einen Augenblick fragte ich mich, ob ich träume. Ein plötzliches Aufleuchten des Lichtes überzeugte mich, daß ich vollkommen wach war. Der Mann war wirklich da. Er saß in seiner Ecke und stellte in aller Ruhe sein Menu zusammen. Und während er aß, ließ ich ihn nicht aus den Augen.
Er schien dies zuerst nicht zu bemerken. Sein Auge schweifte einen Moment umher und traf dann sekundenlang mit meinem Blick zusammen; ich glaubte, ein leicht schalkhaftes Lächeln zu beobachten. Dann beendigte er sein Nachtessen und schien sich nicht weiter um meine Gegenwart zu kümmern.
Als er fertig war, zog er seinen Mantel, seinen Hut, seine Handschuhe wieder an, verlangte die Rechnung, lächelte der Serviertochter zu, was ihm ein freundliches Kopfnicken eintrug, und, ohne ein Wort zu sagen, ging er eilig fort, als fürchtete er, angesprochen zu werden. Man hörte ihn rasch die Treppe hinuntergehen. Die Eingangstüre öffnete und schloß sich wieder, draußen tönte Schellengeklingel.
Hastig zahlte ich meine Rechnung und stürzte mich in die Küche. « Wer war der Herr, der eben weggegangen ist ? » fragte ich den Wirt, der mit seinen Pfannen beschäftigt war.
Ich stellte diese Frage in einem Ton, der dem Herrn des Hauses offenbar merkwürdig vorkam; denn er zögerte einen Augenblick mit der Antwort.
« Es ist ein Herr aus Weimar », sagte er schliesslich. « Er fährt heute nacht dorthin zurück, um der Eröffnung einer Ausstellung beizuwohnen, die man zu Ehren seines Urgroßvaters veranstaltet... Wolfgang Goethes. »
Einen Augenblick später verließ ich das Haus und war froh, nun ebenfalls einen Schlitten zu finden; denn die Straße war des vielen Schnees wegen für Autos nicht mehr fahrbar. Ich hüllte mich in die Ziegenfelle ein, die als Decken dienten, schloß die Augen und lauschte mit Behagen dem silbernen Lachen der Schellen. Mir schien, sie machten sich lustig über unsere Zivilisation...