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Es gibt noch Erwachsene, die finden: «Nicht meckern ist genug gelobt.» Meist wird viel zu oft gelobt. Die Leistungen von Kindern ignorieren ist genauso falsch wie zu viel Lob. 2011 hat die genannte, als «Tiger-Mom» bekannt gewordene, Amy Chua moniert, dass Loben kein gutes Mittel ist, um Kinder zu fördern. Sie hat heftig kritisiert, dass es in Amerika üblich ist, Kinder für jede noch so kleine Anstrengung sofort und überschwänglich zu loben, zum Beispiel schon für einen kleinen Kritzel auf einem weissen Papier. Damit würden Eltern ihren Kindern im Westen zu verstehen geben, dass sie zu wenig auf deren Talente vertrauen. (Chua, 2011)
In diesem Punkt hat Amy Chua recht. Überschwängliches Loben ist weit verbreitet, doch es schadet mehr als von vielen gedacht. Etwas überspitzt könnte man sagen: «Loben ist das neue Strafen.» Denn mit andauerndem Lob werden Verhaltensweisen evoziert, die im Grunde unerwünscht sind. Bereits Vierjährige fordern oft schon nach der kleinsten Aktivität eine Rückmeldung. Kaum haben sie einen Strich auf ein Blatt gezeichnet, fragen sie: «Ist das gut?» Oder: «Ist das schön?» Lehrpersonen und Eltern machen Kinder von ihrem Lob abhängig. So verlernen sie, intrinsisch motiviert zu agieren. Sie verlernen, die Aufmerksamkeit auf das eigene Interesse zu richten und sind nur damit beschäftigt, herauszufinden, was die Erwachsenen loben könnten. Die Selbstwahrnehmung kann so nicht entwickelt, der Selbstwert nicht aufgebaut werden. Dafür werden Unsicherheit und Neurosen erzeugender Egoismus gefördert. Müller-Wieland bezeichnete Kinder, die ständig Rückmeldungen einfordern, als «seelisch verschüttet». Sinnvoller als Loben ist, wenn Eltern und Lehrpersonen Interesse zeigen für sein Tun, etwa, wenn sie sich, jenseits jeglichen Wertens, mit Kindern über Einzelheiten darüber unterhalten, was es gerade tut.