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Der Lavasee des Erta Ale. Ein seltenes Phänomen
Ein seltenes Phänomen
Der Lavasee des Erta Ale
Der äthiopische Schildvulkan Erta Ale gehört zum ostafrikanischen Rift-system. Spektakulär ist sein aktiver Lavasee, einer von dreien weltweit. Besucht wurde er auch von Mitgliedern der Société de Volcanologie de Genève.
Der im Nordosten von Äthiopien gelegene Vulkan Erta Ale hat Liebhaber und Wissenschaftler schon immer angezogen. In den letzten zehn Jahren, vor allem aber in den Jahren 2001 und 2002, hatten auch Mitglieder der Société de Volcanologie de Genève SVG Gelegenheit, mehrere Expeditionen zum legendenumwo-benen Vulkan Erta Ale in Äthiopien zu unternehmen. Hauptattraktion dieses Vulkans ist der See voll ﬂüssiger Lava, der in der Tiefe eines vertikalen Schacht-kraters liegt, eines der spektakulärsten und aussergewöhnlichsten Phänomene überhaupt.
Ein Vulkan über 30 km Der Erta Ale ist ein Schildvulkan, der im Afar-Dreieck in Äthiopien liegt. Afar bedeutet « rauchender Berg » und zeugt von der fast permanenten Aktivität des Vulkans. Der riesige Berg erstreckt sich über 30 km entlang einer Achse, die parallel zum grossen Rift Valley verläuft, und erhebt sich 700 m über die Danakil-Depression. 1 Sein Gipfel besteht aus einer riesigen ovalen Caldera von 1,8 km Länge und 0,7 km Breite. Der Vulkanismus des Erta Ale stösst vor allem wegen des Lavasees auf grosses Interesse, denn dieses Phänomen kann weltweit nur noch an zwei anderen Vulkanen beobachtet werden: am Pu'u O'o auf Hawaii und am Erebus in der Antarktis. Die Ausbrüche am Erta Ale gehören zur Kategorie der effusiven Eruptionen, die durch den Ausbruch von sehr ﬂüssiger Basaltlava, die dem Berg seine typische, abgeplattete Form gibt, charakterisiert sind.
Beobachtungen zwischen 1968 und 1995 Der Erta Ale wurde von den Vulkanologen noch wenig studiert. Die ersten Beobachtungen gehen auf die Arbeiten des französisch-italienischen Teams Haroun Tazieff und Giorgio Marinelli zwischen 1968 und 1972 zurück. 1968 gab es noch zwei Lavaseen: Der eine mit einer Grösse von 100 m Durchmesser lag 160 m tief in einem Krater im Norden der Caldera, der andere, kleinere und weniger aktive in der Tiefe eines Schachts im mittleren Teil der Nordzunge der Caldera. 1992 stellte man anlässlich einer weiteren Expedition fest, dass der nördliche See verschwunden war. Er war von einer Schuttlawine, ausgelöst vom Einsturz einer Kraterwand, verschüttet worden. Davon übrig geblieben ist einzig die intensive Aktivität von Fumarolen. Der andere See lag 100 m tiefer in dem Schacht und war auf eine Grösse von 40ϫ70 m geschrumpft.
Annäherung an den Vulkan Im Februar 2001 erreichte eine Gruppe der SVG den Vulkan auf dem Landweg durch die beeindruckende Danakil-Wüste. 2 Nach drei Tagen Fahrt im Off-Road-Auto erreichten wir Dodom, das letzte Lager am Fuss des Vulkans. Von dort brachte eine Trägerkarawane das Material von rund einer Tonne an den Rand der Caldera. Zu dieser Karawane gehörten 20 Dromedare und ihre Treiber, ein Küchenchef und seine Helfer, ein Verbindungsoffizier zur äthiopischen Regierung und ein paar Soldaten, die für unseren Schutz sorgen sollten – in der Gegend waren Rebellen des Front de Libération Afar gesichtet worden. Die von Basaltströmen bedeckten Hänge machten das Vorwärtskommen auch für die Dromedare nicht einfach. Um 10 Uhr nachts waren wir aufgebrochen, gegen 7 Uhr morgens erreichte die Spitze der Karawane den Rand der grossen Caldera. Der Nordschacht machte sich durch grosse Fumarolen bemerkbar, und etwas
1 Plattentektonik ist der Grund für die Öffnung der Tiefseeplatte in Ostafrika. Sie zeigt sich in einem beeindruckenden Netz von Verwerfungen und Brüchen der Erdstruktur, welche das Grosse Ostafrikanische Grabensystem – Great Rift Valley – bilden. Dieser Bruch, auf dessen Verlauf zahlreiche Vulkane liegen, teilt Ostafrika auf einer Länge von über 8000 km in zwei Teile. Am tiefsten liegen jene im Afar-Dreieck in der Danakil-Wüste, nämlich unter dem Meeresspiegel, der höchste ist der Kilimanjaro mit 5895 m. 2 Auskünfte über die Logistik und die notwendigen Bewilligungen für die Organisation einer Expedition in diese Gegend sind bei der Société de Volcanologie de Genève,. " " .Postfach 6423,. " " .1211 Genf 6, Fax 022 776 22 46, E-Mail SVG(at)worldcom.ch, Website http://www.volcan.ch, erhältlich.
Die Danakil-Depression ( 80 m unter dem Meeresspiegel ). Im Hintergrund der Afrera-See und die vulkanische Gebirgskette Amarta-Barouli Mit dem Helikopter überfliegen wir die Caldera des Erta Ale.
näher gelegen konnte man die elliptische Öffnung des Südschachts – mit dem hoffentlich noch existierenden Lavaseeerkennen. In der Nähe des aktiven Schachtkraters richteten wir dann unser Basislager ein.
Surrealistischer Anblick Etwas ganz Besonderes war dann der erste Blick ins Innere des Schachts und auf den Lavasee: diese ﬂüssige Lava, die aussieht, als sei sie von einer metallisch glänzenden, elastischen Haut überzogen, aus deren Rissen weiss glühende Lava austritt. Die Oberﬂäche des Sees wird von Lavafontänen in ständiger Bewegung gehalten. Manchmal ereignen sich mehrere Explosionen gleichzeitig, bei denen extrem ﬂüssige Lava 10 bis 20 Meter in die Luft hinaufgeschleudert wird. Dann ist die Hitzestrahlung am stärksten. In der Nacht ist der Anblick noch surrealisti-scher, denn der See wirft ein fantastisches Rot auf die Schachtwände.
Ein aktiver Lavasee wie der Erta Ale besteht aus einem Magmastrom, der ständig von einer unterirdischen Quelle gespeist wird. Heisse Lava, die reich an Gas und deshalb weniger dicht ist, steigt an die Oberﬂäche. Gleichzeitig wird entgaste und abgekühlte Lava, die dichter ist, in die Tiefe gezogen.
Der Lavasee in der Tiefe des Schachts. Ein permanenter Lavasee ist ein seltenes Phänomen, das ausser am Erta Ale in Hawaii und in der Antarktis zu beobachten ist.
Ein Abstieg in den Schacht ist nur mit Schutzkleidung möglich.
Vor allem in der Nacht ist der Lavasee ein grossartiges Erlebnis.
Fo to s:
Yv es Be ss ar d Foto: Olivier Grunewald DIE ALPEN 10/2003
Abstieg in den Schlund Ziel der Expedition waren das Beobachten der Aktivität eines Lavasees unter perfekten Sichtbedingungen – also wenig oder gar kein Gas im aktiven Schachtsowie eine gewisse Zahl von topograﬁschen Messungen – mit GPS und tele-metrische Messungen –, Temperaturmessungen der Fumarolen sowie von thermischen Messungen unter geringen Störungen so nah wie möglich am See. Dazu musste ein Teil des Teams mit schwerem Material wie Stangen und Platten aus Stahl, Schutzanzügen usw. in den Schacht steigen.
Die Minuten vor dem Abstieg im Schachtinnern sind ganz spezielle Momente, in denen eine eigenartige Mischung aus Angst und Erregung aufkommt. Die Tatsache, dass man bis auf wenige Meter an den Lavasee herankommt, bringt eine zusätzliche Dimension ins Spiel. Man spürt nämlich deutlich die kleinen Erdbeben, die die Be-obachtungsplattform erzittern lassen, und bekommt auch noch intensiver die Hitzewellen mit, die von den Lavafontänen ausgehen, sowie die Gasschwaden voller Schwefelanhydrid. Beeindruckend auch das Geräusch, das von den Lava-wellen stammt, wenn sie an die Kraterwände schlagen, oder das Krachen der Basaltplatten, die auf ihrer Drift durch den Lavasee aneinander prallen. Dann das typische Geräusch der instabilen Felsbrocken, die von den Wänden abbrechen und in diesen riesigen Resonanz-kasten stürzen.
Messungen der Lavatemperaturen Obschon zwischen dem Rand der Plattform und dem eigentlichen See rund 15 m liegen, konnte eine Oberﬂächen-temperatur von ca. 350 °C ermittelt werden, während die Lavafontänen im Durchschnitt 1150 °C heiss sind – die höchste gemessene Temperatur betrug 1217 °C. Es wurden auch Messungen über eine bestimmte Zeit vorgenommen, vor allem in der Nacht. Während mehrerer Dutzend Minuten ( mit einer Messung pro Sekunde ) wurden Tausende von Daten gesammelt. Aus diesen Daten konnte eine Differenz von 20 °C zwischen den Temperaturmaxima am Rand und am Grund des Schachts ermittelt werden. Auf der Basis all dieser Angaben wurde der von der Abstrahlung verursachte Wärmeﬂuss auf 100 MW berechnet. Die im Gelände gemessenen Daten gaben zahlreiche Informationen über den Erta Ale, die uns helfen, dessen Mechanismen besser zu verstehen. Wenn man sich allerdings ein noch genaueres Bild über das Funktionieren des Vulkans machen wollte, müsste man die gleichen Messungen über eine Zeit von mehreren Jahren vornehmen. a
Yves Bessard, Sierre ( ü ) Ein spektakulärer Moment: Eine Lavafontäne fällt in sich zusammen.
Foto: Yves Bessard DIE ALPEN 10/2003
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