Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03401.jsonl.gz/426

Die erste Landung von Europäern in “Terra de Vera Cruz“, (so bezeichneten die Portugiesen damals das heutige Brasilien), fand im Süden des heutigen Bundesstaates Bahia statt. Der Portugiese Pedro Álvares Cabral ging an einer Stelle an Land, die von einem weithin sichtbaren Berggipfel geprägt war, den er “Monte Pascoal“, den Osterberg, nannte, weil seine Landung mit der Osterwoche zusammenfiel – am 22. April 1500. Später, nach der Aufteilung von “Vera Cruz“ in so genannte “Capitanias“ (Erblehen) durch den portugiesischen König João III., wurde Bahia an den Adligen Francisco Pereira Coutinho vergeben, der im Jahr 1535 dort landete.
Die anfänglichen Relationen mit den Tupinambá-Indios waren gut, auch deshalb, weil bereits ein Portugiese schon einige Zeit unter ihnen weilte: Diogo Álvares, den sie “Caramuru“ – den Herrn des Donners – nannten. Jedoch verwässerten die Portugiesen bald das gute Verhältnis durch exzessive Forderungen und den Indios unverständliche Habgier und Arroganz. Zehn Jahre nach seiner Ankunft verliess Coutinho das Land, unfähig, die Kämpfe zwischen rivalisierenden Gruppen von Portugiesen und ihren indigenen Verbündeten zu stoppen. Die Tupinambá daran interessiert, dass die Lieferungen von Waffen und Metallwerkzeugen weitergingen, riefen Coutinho zurück. 1547 folgte er ihrem Ruf und lief in der “Baia de Todos os Santos“ (Allerheiligenbucht) auf ein Riff vor der Insel “Itaparica“ – sein Schiff sank. Die Überlebenden wurden von den Indios getötet und innerhalb einer rituellen Zeremonie verspeist.
Die Allerheiligenbucht bekam ihren Namen von dem in portugiesischem Auftrag segelnden “Amerigo Vespucci’, der am 1. November (Allerheiligen) des Jahres 1501 die weitläufige Bucht entdeckte und sie nach dem Jahrestag seiner Landung benannte: “Baía de Todos os Santos“.
Trotz des ungünstigen Anfangs der Kolonie erkannte man an, dass die Allerheiligenbucht von strategischer Bedeutung war. Deshalb wurde sie zum Zentrum bestimmt, von dem aus man die neue Kolonie Brasilien regieren würde. Und nachdem sie sich die Bedrohung durch Indio-Attacken vom Hals geschafft hatten, begannen die Portugiesen von Land und Klima zu profitieren, bestens geeignet für die Zuckerproduktion.
Der erste Gouverneur, General Tomé de Sousa, übernahm am 23. März 1549 die Aufgabe, in der Allerheiligenbucht eine befestigte Stadt zu errichten, von der aus er die portugiesischen Interessen gegen die konstante Bedrohung holländischer und französischer Invasionen verteidigen sollte. Salvador wurde formell am 1. November 1549 gegründet – und behielt seinen Status der Hauptstadt Brasiliens bis 1763. Eine kurze Unterbrechung seines Wachstums verursachten die Holländer, die die Stadt 1624 einnahmen – ein Jahr später wurden sie von den Portugiesen (verbündet mit den Spaniern) wieder vertrieben.
Durch den Export von Zucker und den Import afrikanischer Sklaven, um auf den Plantagen zu arbeiten, entwickelte sich Salvador zu einer reichen Stadt. Im 18. Jahrhundert war sie die bedeutendste Stadt im portugiesischen Imperium nach Lissabon – ideal gelegen in einem geschützten, sicheren Hafen auf der Handelsroute der “Neuen Welt“. Ihre Schätze wurden noch vergrössert durch die Entdeckung von Diamanten in ihrem Hinterland, jedoch konnte man durch diese Einnahmen den plötzlichen Abstieg auf dem Zucker-Weltmarkt nicht kompensieren, der schliesslich zum Verlust von Salvadors Hauptstadt-Status an Rio de Janeiro führte. Bis zur Einführung der Industrien des 20. Jahrhunderts – der Petrochemie und dem Tourismus – konnte die lokale Wirtschaft mit den Gold- und Kaffee-Booms des brasilianischen Südostens nicht mehr Schritt halten. Aber Salvador spielte weiterhin eine einflussreiche Rolle im politischen und kulturellen Leben des Landes.
Bahia heute
Bahia ist der südlichste Bundesstaat des so genannten “brasilianischen Nordostens“, mit einer Bevölkerung von mehr als 14 Millionen Menschen auf einer Fläche so gross wie Frankreich. Die meisten Einwohner leben entlang der Küste, jedoch gibt es eine Menge kleinerer Städtchen und Dörfer im Innern. Das “Recôncavo“ ist eine fruchtbare Gegend rund um die Allerheiligenbucht, in der einstmals extensiver Anbau von Zuckerrohr und Tabak betrieben wurde. Der “Rio São Francisco“ durchquert den rauen “Sertão“ und verbindet den Bundesstaat Minas Gerais mit dem Atlantischen Ozean an der Grenze von Sergipe und Alagoas.
Der Tourismus ist heute ausserordentlich wichtig für den Bundesstaat. Die Hauptstadt Salvador hat sich zum Zentrum der bahianischen Musik entwickelt, die heutzutage im ganzen Land, und weit darüber hinaus, eine überraschende Popularität geniesst. Kakao wird fast ausschliesslich im Süden Bahias angebaut – im Hinterland des Exporthafens “Ilhéus“ – allerdings haben die Ernteerträge durch Schädlingsbefall ihre Spitzenposition auf dem Weltmarkt eingebüsst. Einige der bedeutendsten Erdölvorkommen befinden sich im Bundesstaat Bahia, und in letzter Zeit haben Ausländer zunehmend in die bahianische Industrieproduktion investiert, die durch die relativ geringen Lohnkosten motiviert worden sind.
Hauptstadt Salvador
“Salvador da Bahia de Todos os Santos“ (Erlöser der Bucht aller Heiligen), wie die Hauptstadt mit ihrem vollständigen Namen heisst, ist die drittgrösste Stadt Brasiliens, mit rund 2,5 Millionen Einwohnern. Die Stadt ist ein “Muss“ für alle Brasilienreisenden, und man kann sich leicht vorstellen, zwischen dieser Mischung aus kolonialen Gebäuden, herrlichen Stränden, afrikanischer Kultur und mitreissenden musikalischen Rhythmen seinen ganzen Urlaub zu verbringen.
“Salvador“ liegt auf einer breiten Halbinsel an der Mündung der Allerheiligenbucht, der grössten Meeresbucht Brasiliens und der zweitgrössten unseres Planeten, bestückt mit 38 grösseren und kleineren Inseln – sie bedeckt eine Fläche von 1.233 Quadratkilometern. Hoch über die Bucht ragt an der Ostseite ein steiles Felsenplateau, das die Landschaft beherrscht – dicht gruppiert obendrauf, 71 Meter über dem Meer, die antiken Stadtteile von Salvador, mit Gebäuden, die aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen.
Der kommerzielle Teil der City und ihr Hafen befinden sich auf der von der Bucht beschützten westlichen Seite der Halbinsel – die Wohnbezirke und Strände liegen an der offenen Atlantik-Seite. Das Stadtzentrum ist unterteilt in zwei Levels – die “Cidade Alta“ (historische Oberstadt) und die “Cidade Baixa“ (Unterstadt), mit modernen Geschäften, Büros und den Hafendocks. Die beiden Stadtteile sind mit steilen “Ladeiras“ (Gassen) verbunden. Die einfachste Art von unten nach oben zu kommen – oder umgekehrt – ist der “Elevador Lacerda“, der die “Praça Cairu“ (Unterstadt, Zentrum – vor dem “Mercado Modelo“) mit der “Praça Municipal Tomé de Sousa“ (Oberstadt) verbindet.
Salvador ist heute eine Stadt mit 15 Forts, 166 katholischen Kirchen, 1.000 “Candomblé-Zirkeln und einer faszinierenden Mischung aus alt und modern, reich und arm, afrikanisch und europäisch, religiös und profan. Es gehört immer zu den grösseren Häfen, exportiert Früchte, Kakao, Sisal, Sojabohnen und petrochemische Produkte. Seine bedeutendste Industrie ist jedoch der Tourismus. Nach Rio de Janeiro ist Salvador die zweitgrösste Tourismusattraktion des Landes – auch für die Brasilianer selbst, die Bahia als eine exotische Destination betrachten. Die lokale Regierung hat viel dafür getan, die einst heruntergekommene, verarmte und schmutzige Stadt wieder auf Vordermann zu bringen, und die meisten Besucher finden in dem Kulturreichtum Entschädigung genug für eventuelle Unstimmigkeiten, die ihnen vielleicht während ihres Aufenthalts begegnen könnten.
Grössere Investitionen sind in die Infrastruktur und die Volksgesundheit geflossen. Ein neues Abwassersystem wurde in der gesamten Stadt verlegt, um die Lebensbedingungen der Bürger zu verbessern und die Umweltverschmutzung zu mindern. Die einstmals vergessenen Stadtteile der Unterstadt – Ribeira und Itapagipe – wurden akribisch restauriert. Bahia hat seine Industrie erweitert und Investitionen von multinationalen Unternehmen der automotiven und petrochemischen Industrie bekommen – besonders für seinen Industrie-Komplex “Camaçarí“, 40 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Die bahianische Wirtschaft ist gegenwärtig die am schnellsten wachsende Brasiliens.
Die Bewohner
Das interessante Volk der Bahianer entstand aus einer Mischung der eingeborenen Indios mit Europäern und afrikanischen Sklaven. “Wir sind ein Mischvolk mit einzigartigen Eigenschaften, die sich in unserer Kultur und Religiosität ausdrücken“. Der Bahianer ist von Natur aus gastfreundlich, von einnehmendem Wesen, sympathisch und festbegeistert.
Der ethnische Vermischungsprozess begann bereits während der so genannten “Epoche der Entdeckung“ – also etwa in der Mitte des 16. Jahrhunderts, als die Portugiesen in Brasilien Wurzel schlugen und mit indigenen Frauen Familien gründeten. Der Zyklus setzte sich fort mit der Ankunft der afrikanischen Sklaven aus verschiedenen Ethnien.
Der europäische Einfluss
Aus der portugiesischen Kolonisation sind die Einflüsse in Kultur, Politik, Administration und der barocken Architektur unverkennbar – Häuser, Villen und öffentliche Gebäude des Historischen Zentrums, sowie Dutzende von Kirchen, Kapellen und Kathedralen aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, prägen das besondere Flair der Stadt Salvador.
Seit dem Einzug von Tomé de Sousa in der antiken “Vila do Pereira“ (wo sich heute der Hafen und die “Ladeira da Barra“ befinden), einer Gegend, in der einst Francisco Pereira Coutinho, der erste Regent der “Capitania da Bahia“ residierte, wuchs die bahianische Hauptstadt nach Orientierung und Vorschriften des damaligen Königs von Portugal, Dom João III. Die ersten Gebäude wurden im oberen Teil der Stadt errichtet, aus protektionistischen Gründen. An Häusern, Villen und öffentlichen Gebäuden hinterliessen die Kolonisatoren ihre architektonische Vorliebe zum zeitgenössischen Trend des Barock – eine Vielzahl dieser Bauten findet sich im gegenwärtigen “Centro Histórico de Salvador“ – 1985 von der Unesco zum “Kulturerbe der Menschheit“ erklärt.
Auch in anderen Städten Bahias haben sich die portugiesischen Charakteristika erhalten, jedoch kann man auch die Einflüsse der indigenen Völker, der Afrikaner und der Mestizen feststellen. Ein grosser Teil der regionalen Küche, der künstlerischen, kulturellen und religiösen Manifeste Brasiliens wurde von Indios, Afrikanern und Mestizen geprägt. Die Vermischung ihrer Kulturen schuf neue Elemente, aus der die brasilianische Identität hervorging. Sogar die portugiesische Sprache erfuhr unzählige Veränderungen durch die Aufnahme von Vokabeln aus den unterschiedlichen Kulturen.
Aus diesem kulturellen Mosaik fallen ausser der europäischen Architektur auch die Rituale der Katholischen Kirche auf, bestimmte folkloristische Aspekte in Musik und Tanz, sowie eine typisch portugiesische Küche mit ihren “Caldeiradas“ (Gemüsesuppen), den “Bacalhau“ (Stockfisch) Gerichten, und vor allem den Süssspeisen.
Der afrikanische Einfluss
Salvadors erster Reichtum kam vom Anbau des Zuckerrohr und des Tabaks – die Arbeitskraft der Plantagen kam von den in portugiesischen Schiffen heran geschleppten Menschen der afrikanischen Westküste, denn die Portugiesen selbst hielten nicht viel von ihrer eigenen Hände Arbeit. Drei Jahrhunderte lang war Salvador ein Zentrum blühenden Sklavenhandels. Und heute ist Salvador die afrikanischste Stadt der westlichen Hemisphäre – mehr als 80% seiner Bevölkerung stammen von afrikanischen Vorfahren ab, und die Universität von Bahia präsentiert stolz den einzigen Lehrstuhl Amerikas in der “Yoruba-Sprache“. Der afrikanische Einfluss ist überall in der City gegenwärtig: Auf der Strasse verkauftes “Fast-food“ ist das Gleiche wie in Senegal, Nigeria oder Angola, bahianische Musik basiert auf pulsierenden afrikanischen Polyrhythmen, Männer und Frauen gleichermassen tragen enorme Lasten vorzugsweise auf ihren Köpfen, Fischer paddeln ihre typisch afrikanischen Einbäume durch die Bucht und das Tempo des Alltags ist etwas langsamer als anderswo.
Um diesen Einfluss noch ein bisschen aufzuwerten, entwickelte man ein neues touristisches Segment: den “Turismo Étnico“ – den ethnischen Tourismus. Hierbei handelt es sich um spezielle Programme, wie zum Beispiel ein Besuch des Stadtteils “Liberdade“, mit der grössten afrikastämmigen Bevölkerung des Landes – zirka 600.000 Einwohner. Ein besonders starkes Motiv in diesem “Bairro“ (Stadtteil) ist der “Bloco Afro Ilê Aiyê“, gegründet 1974, Pionier in Sachen gesellschaftlicher Eingliederung und Aufwertung der afrikanischen Wurzeln. Besuche der Projekte jenes Vereins, die Shows ihrer Band in der “Senzala do Barro Preto“ in “Curuzu“, begeistern die Touristen.
Ein Event-Kalender mit touristischen Programmen hinsichtlich afro-brasilianischer Ethnien soll als Guide für Besucher Salvadors dienen, er präsentiert für jede Zeit des Jahres täglich wechselnde Programm-Optionen. Innerhalb dieser Programmgestaltung sind auch Besuche von “Candomblé-Kulten“ vorgesehen – mit Vorbereitungskursen auf diese religiösen Zeremonien und auf den Respekt gegenüber afrikanischen Traditionen.
Der indigene Einfluss
Als die portugiesischen Invasoren im Süden des heutigen Bahias landeten, im Jahr 1500, war die Küste dieser “Neuen Welt“ bereits besetzt von Eingeborenen aus der Sprachfamilie “Tupi-Guarani“ – die Vorherrschaft lag bei zwei der grössten Gruppen der Tupi-Nation: den “Tupiniquim“ und den “Tupinambá“. Die erste Gruppe bewohnte den Küstenstreifen von “Camamu“ bis zur Grenze mit “Espirito Santo“. Die zweite Gruppe beherrschte die ausgedehnte Küste von “Sergipe“ bis hinunter nach “Ilhéus“. Im Innern des Bundesstaates waren vor allem die “Aimoré“ und “Botocudo“ die tonangebenden Völker – denen die Portugiesen allerdings erst einige Jahre später begegneten.
Von Anfang an hatte sich zwischen Kolonisatoren und Eingeborenen ein friedliches Verhältnis stabilisiert. Die Indios lieferten den Siedlern Nahrungsmittel, Holz zum Hausbau und ihre Arbeitskraft beim Fällen von Bäumen. Dafür erhielten sie Werkzeuge, Kleidung und andere Utensilien ihres Konsums, der seit ihrer Begegnung mit den Weissen wesentlich gestiegen war.
Im Zug der Ausweitung des Kolonisationsprozesses wuchsen auch die Forderungen der Siedler, und ihr Verhältnis zu den Indios begann sich zu verändern. Ihre Versuche, sich die Indios untertan zu machen, von ihnen Dienstleistungen zu verlangen, die sie selbst als niedere Arbeiten scheuten, wurden häufiger. Die aber provozierten den Unwillen auf der anderen Seite, denn die Indios lehnten sich gegen diese neue Art von Relation auf. In den darauf folgenden Kämpfen gegen die waffentechnisch überlegenen Kolonisten wurden die Tupiniquim dezimiert. Darüber hinaus sorgten die von den Siedlern eingeschleppten Viren dafür, dass die Zahl der Indios durch Pocken-, Masern-, und andere Epidemien weiter geschwächt wurde – im extremen Süden Bahias starben allein in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zwei Drittel der indigenen Bevölkerung.