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An der herrschaftlichen Villa an der Stockerstrasse 23 in Zürich glänzen heute die Schilder der amerikanischen Investmentbank Merrill Lynch und der Basler Kantonalbank. Von der Tempus Privatbank, die dort bis vor sieben Jahren residierte, lassen sich keine Spuren mehr entdecken. Die Bank ist Geschichte. Ihr Gründer aber, der heute 66-jährige Ex-Bankier Oskar Holenweger, steht dieser Tage wieder in den Schlagzeilen. Er steht in Bellinzona vor dem Bundesstrafgericht.
Es war im Sommer 2003, als die Schweizerische Bundesanwaltschaft eine Untersuchung gegen Holenweger einleitete. Seine Bank soll von ihm zur Geldwäsche benutzt worden sein, so der Vorwurf. Im Dezember wurde der charismatische Banker festgenommen und für beinahe zwei Monate in Untersuchungshaft gesteckt. Das Ende einer schillernden Karriere. Der Aufstieg des von vielen als brillant beschriebenen Holenweger fand sein Ende.
Wenige Monate später, im März 2004, wurde die Tempus Privatbank für 15 Millionen Franken verkauft, wohl weit unter ihrem Wert. Es war vermutlich aber genug Geld, um die Kredite zurückzuzahlen, die Holenweger eingegangen war, um die Mehrheit an der Tempus Bank von der Sandoz-Stiftung zu übernehmen.
Magerer Leistungsausweis
Obwohl die Ermittlungen mehr als sieben Jahre dauerten, hat sich gegen die Geschäftstätigkeit der Bank kaum ein Vorwurf erhärten lassen. Das überrascht ehemalige Weggefährten Holenwegers nicht. «Die Bank war sauber», so ein Kenner des Unternehmens. Das Institut sei vorsichtig geführt worden, sowohl bei den Anlageentscheiden als auch bei der Compliance, heisst es. Die Anklage scheint auch nur in einem einzigen Fall einen Bezug zur Tempus Bank gefunden zu haben, in dem des verdeckten Ermittlers «Markus Diemer». «A. (Oskar Holenweger) wird vorgeworfen, von einem verdeckten Ermittler angebliche Drogengelder entgegengenommen und in den legalen Geldkreislauf eingeführt zu haben», heisst es auf der Internetseite des Bundesstrafgerichts in Bellinzona. Der Hauptvorwurf der Staatsanwaltschaft besteht darin, dem französischen Industriekonzern Alstom geholfen zu haben, über verschiedene Offshore-Gesellschaften schwarze Kassen zu alimentieren und anschliessend diese Gelder für Alstom möglichwerweise als Bestechungsgelder an Dritte weitergeleitet zu haben.
Holenweger habe seine übrigen Geschäfte und die Tempus strikt getrennt, berichten ehemalige Mitarbeiter der Bank. Strafrechtlich lässt sich daher kaum etwas gegen seine Tätigkeit in der Bank vorbringen. Dafür fällt der Leistungsausweis als Unternehmer eher bescheiden aus. Die 1997 gegründete Tempus Privatbank war bis zu ihrem Ende 2004 zu keinem Zeitpunkt erfolgreich.
Nichts geht mehr
Insider machen vorab den Karrierebanker Holenweger dafür verantwortlich. Begonnen hätten die Schwierigkeiten nach dieser Quelle im Jahr 2002. Damals wurde Eric Stauber als Geschäftsführer abgesetzt. Holenweger war bis dahin Mehrheitsaktionär und Verwaltungsrat, mischte sich aber nicht ins Tagesgeschäft ein. Erst danach war er auch operativ für den Geschäftsgang des jungen Geldinstituts verantwortlich. «Das war das Ende der Bank, von da an ging nichts mehr», berichtet ein Kenner der Vorgänge. Zu den Vorwürfen will der Anwalt von Oskar Holenweger gegenüber der «Handelszeitung» keine Stellung nehmen.
Holenweger ging bei der Führung des Betriebs offenbar forsch ans Werk. Kundenberater sollen mit der Aussicht angestellt worden sein, Teilhaber der Tempus zu werden, wenn sie genügend Neugelder anziehen könnten. Als die Ziele erreicht waren, sei aber davon nicht mehr die Rede gewesen, berichten Beteiligte. Stattdessen sei gar versucht worden, einige Berater wieder loszuwerden.
Auch aufgrund solcher Vorfälle haben von dem guten Dutzend Mitarbeiter der Tempus Bank schon vor dem Verkauf fast alle zu einem anderen Arbeitgeber gewechselt. Die Tempus Bank verwaltete, je nach Schätzung, 400 bis 600 Millionen Franken Kundenvermögen. Vorwiegend waren es Gelder von Privatkunden aus der Schweiz, Europa und den USA. Vieles davon sei unversteuert gewesen, wie ein Sonderbericht des Buchprüfers KPMG im Auftrag der Eidgenössischen Bankenkommission festhält.
Damals war dieser Umstand weniger problematisch als heute. Die Schwierigkeit bestand aber darin, dass die betreuten Kundenvermögen offenbar nicht ausreichten, um genügend Erträge zu generieren, die Infrastruktur zu zahlen und so profitabel zu arbeiten. Dazu wäre rund die doppelte der eingesammelten Summen notwendig gewesen. Holenweger selber habe kaum Kunden für die Bank gewinnen können, berichten mehrere Insider. Der Grossteil der Kundengelder soll von Beratern gekommen sein. Auch zu dieser Kritik nimmt der Anwalt von Holenweger keine Stellung.
Die Bank wartete demnach auf einen Glückstreffer, also auf einen einzigen Kunden, der das nötige Geld einbringen würde. Doch der Befreiungsschlag gelang nie, trotz des weitreichenden Netzwerks Holenwegers. 2002 musste das Institut saniert werden. Es erfolgte ein Kapitalschnitt von 30 auf 20 Millionen Franken. Ende 2003 betrug das Eigenkapital dann noch etwas mehr als 10 Millionen Franken. Das entsprach gerade noch der regulatorischen Mindestanforderung.
Die Schweizer Tochter von M.M. Warburg, einer der grössten Privatbanken Deutschlands, verleibte sich die Tempus Privatbank 2004 trotzdem ein. Branchenkenner vermuten, dass sich die Deutschen durch den Kauf mehr Kundenvolumen im umkämpften Schweizer Markt erhofften. Der Verkaufpreis betrug laut Branchenschätzungen rund 15 Millionen Franken. Andere Banken sollen offenbar ebenfalls mit dem Kauf geliebäugelt haben. Dazu dürfte auch der Sonderbericht von KPMG beigetragen haben. Er zeigte auf, dass die Braut, abgesehen von der Affäre «Diemer», keine weiteren Leichen mehr im Schrank hatte.
Ein gutes Geschäft?
Für Branchenkenner ist jedoch die Marktsituation einer Bank genau so entscheidend für deren Wert. Ob die Käufer für die schlingernde Tempus tatsächlich Schlange gestanden hatten, bleibt daher strittig. Ebenfalls offen ist, wie gross der Anteil der Kundenvermögen war, die wirklich von M. M. Warburg übernommen werden konnten. Einige Vermögen sollen auch wieder an die Ex-Berater der Tempus Bank zurückgeflossen sein.
Normalerweise verstreichen zwei bis drei Jahre, bis klar ist, ob sich eine Akquisition gelohnt hat. Schon im ersten Jahr nach dem Kauf wurde im Geschäftsbericht der M. M. Warburg sogar ein ausserordentlicher Ertrag aufgrund der Übernahme von 6 Millionen Franken ausgewiesen. «Sollte der Preis stimmen, hat Warburg ein gutes Geschäft gemacht», sagt ein Insider. Denn laut Szenekennern lassen sich im gesättigten Schweizer Private Banking nur durch solche Übernahmen bedeutende Kundenvolumen akquirieren. M. M. Warburg hat seither weiter in das Zürcher Standbein investiert.
Erst im letzten Jahr übernahm M. M. Warburg die Mehrheit am Zürcher Family Office Private Client Partners. Zu dessen Gründungsmitgliedern zählte auch Pietro Supino, der heutige Verwaltungsratspräsident von Tamedia. Auch Teile des Vermögens der Verlegerfamilie Coninx, laut «Bilanz» insgesamt rund 1,25 Milliarden Franken, werden vom Family Office verwaltet. Die Tempus ist Geschichte, aber M. M. Warburg wird weiter von sich reden machen.
Der Fall
Aufstieg
Nach einer kaufmännischen Ausbildung legte der ehrgeizige Oskar Holenweger im Militär und in der Finanzwelt eine aufsehenerregende Karriere hin. Bei der Bank Vontobel war er der erste Vorsitzende der Geschäftsleitung, der nicht aus der Familie stammte.
Bruch mit Vontobel
1995 musste Holenweger die Bank Vontobel nach einem internen Machtkampf verlassen. Danach war er für die Sandoz-Stiftung tätig, die spätere Hauptaktionärin der Tempus Bank. Die Bank wurde 1997 gegründet und 1998 operativ tätig. Holenweger kaufte der Stiftung noch im selben Jahr die Aktienmehrheit an der Tempus ab.
Die Vorwürfe ...
2003 informierte der vermeintliche Drogenbaron Ramos die Bundeskriminalpolizei über einen Zürcher Banker, der Gelder aus dem Drogenhandel des Kolumbianers Pablo Escobar wasche. In der Folge wurde eine Untersuchung gegen Holenweger eröffnet.
... werden entkräftet
Die Ermittlungen gegen Holenweger brachten kaum etwas zutage. KPMG überprüfte die Tempus im Auftrag der EBK. Nur die Überweisungen des verdeckten Ermittlers weisen Züge von Geldwäscherei auf.
Folgen
Die Affäre gipfelte 2006 im Rücktritt von Bundesanwalt Valentin Roschacher, in der Fax-Affäre um den Eidgenössischen Untersuchungsrichter Ernst Roduner und den ominösen «H-Papieren». Acht Jahre nach den ersten Ermittlungen steht das Verfahren vor dem Abschluss.