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Lisa Tralci
Unbewohnt
Die Frau legt ihren Körper beiseite.
Der Mann riecht nach faulem Wasser.
Morgen wird sie ihre Mutter besuchen. Stumm an
ihrem Bett sitzen. Zwei lange Stunden.
Der Mann liegt auf ihrem Körper. Atmet schwer.
Seine Hände an ihren Brüsten. An den Schenkeln.
Die Mutter wird künstlich ernährt. Sie hat sich gegen
die Sonde gewehrt. Die Hände liegen jetzt in Gurten.
Die Frau sieht das gerötete Gesicht des Mannes.
Ihre Mutter hat ein starkes Herz, hat der Arzt gesagt.
Und ihr dabei nicht in die Augen gesehen.
An der Lampe verbrennt ein Nachtfalter die Flügel.
Die Frau sieht ihm zu. In ihrem Körper der Mann.
Später duscht sie lange. Die kleinen Brandwunden
am linken Innenarm bestreicht sie mit Abdeckcrème.
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 226.
Erstpublikation: Lisa Tralci: Gegenrede. Lyrik, Kurzprosa. Herisau: Appenzeller Verlag, 1998. S. 131.