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«Die Sinnhaftigkeit der Arbeit sollte höher gewichtet werden»
33 Fragen an Andreia Fernandes, Seabrand International GmbH, Cham
Interview: met.
Hatten Sie als Kind einen Traumberuf?
Ich hatte dieses Bild von mir, wie ich in einem kreativen Beruf mit anderen Menschen zusammenarbeite, schöne Produkte kreiere, viel Spass habe und dabei die Welt irgendwie besser mache - ein ganz normaler Mädchentraum also. Klar war, dass ich voll arbeiten und sicher nicht Hausfrau werden würde.
Was würden Sie anders machen, wenn Sie nochmals neu beginnen könnten?
Ich würde viel mehr riskieren, hätte wahrscheinlich schon vor 15 Jahren eine erste Firma gegründet. Die Einsicht, dass man, wenn ein Projekt nicht klappt, vor allem gescheiter wird und eben nicht «gescheitert» ist, kam mir erst viel später, als ich in den USA oft mit Partnern dort arbeitete.
Wie wurden Sie von Ihren Lehrern eingeschätzt?
Da gab es das ganze Spektrum - vom Buchhaltungslehrer, der schier an mir verzweifelte, bis hin zum Strategiedozenten oder zur Französischlehrerin, die mir auch einmal Buchtipps gab, damit ich im Unterricht nicht so unterfordert war. Während des Studiums wurde ich wohl als verbissen eingeschätzt. Ja, ich habe die meisten Klischees einer Streberin bedient, in der ersten Reihe sitzend, viele Fragen stellend. Das lag hauptsächlich daran, dass ich das Studium selbst finanzierte und jede vermasselte Prüfung, jedes zusätzliche Semester Implikationen auf meinen Lebensstandard gehabt hätte. Da wünschte ich mir oft, dass auch meine Kommilitonen schon einmal gearbeitet hätten, um vieles in vielleicht realistischeren, weniger akademischen Kontext zu bringen.
Auf welche ausserschulische Leistung in Ihrer Jugend sind Sie noch heute stolz?
Bei Georg Fischer, dem Industriekonzern, in welchem ich vor bald 20 Jahren mit einer kaufmännischen Lehre ins Berufsleben startete, mussten im ersten Lehrjahr alle Lehrlinge einen Monat in der Lehrwerkstatt arbeiten. Unser Projekt war, eine Lampe aus Metall mit CNC-Maschinen zu fräsen. Ich erinnere mich gut, wie der Lehrmeister schwer davon beeindruckt war, dass ich - als KV-Lehrling und Mädchen - wusste, was eine Erdung beim Stromstecker ist. Das Beste daran: Diese Lampe steht auch heute noch auf meinem Schreibtisch und funktioniert!
Ist die Management-Ausbildung auf der Höhe der Zeit?
Einerseits gibt es zeitlose Klassiker wie etwa die Arbeiten von Steven Covey oder Dale Carnegie. Andererseits sollte die Management-Ausbildung beispielsweise neue Aspekte wie mobile Arbeitsplätze oder Teilzeitarbeit, aber auch den Umgang mit Fehlern und Mitarbeitern unterschiedlichster Kulturen berücksichtigen.
Wo würden Sie in der Führungsschulung andere Akzente setzen?
Es mag zwar spannend sein, über Hochleistungs-Manager zu reden, die 80 Stunden pro Woche arbeiten und nebenbei noch einen Marathon laufen. Aber bewundernswert ist das nicht, denn es ist nicht nachhaltig und kreiert falsche Vorbilder. Der Fokus sollte viel mehr auf Sinnhaftigkeit der Arbeit und Life-Balance liegen. Ja - nicht «Work-Life-Balance», denn das implizierte ja, dass wir entweder arbeiten oder leben. Ich hoffe sehr, dass es mehr Menschen gibt, die sich bei ihrer Arbeit auch lebendiger fühlen. Ausserdem sollte mehr Bewusstsein auf die Unterschiede von weiblichem und männlichem Leadership geschaffen werden. Dass wir Frauen, wenn es um uns selbst geht, schlechter verhandeln, erklärt einen Teil, aber nicht die ganze Lohndifferenz.
Wer hat Sie am meisten gefördert?
Nicht eine einzige Person. Es gab Schlüsselmomente, da ich das Glück hatte, einen inspirierenden Menschen zu treffen, der mir weiterhalf.
Welche Person ist für Sie ein berufliches Vorbild?
Ich hatte das Glück, früh in meiner Laufbahn eine Chefin gehabt zu haben, die ich als Leadership-Role-Model sah und für ihre Führungsarbeit bewunderte. Als sie ins Ausland versetzt wurde, litt ich jahrelang darunter, dass ich danach feststellen musste, wie viele schlechte Chefs es gibt. Ich bin froh, dass ich mir heute die Vorbilder auch aus anderen Bereichen holen kann. Sie sind auch einmal jünger als ich, bringen aber Erfahrung auf Gebieten mit, in denen ich viel lernen kann.
Welches ist für Sie die wichtigste Tugend eines Vorgesetzten?
Das Bewusstsein, dass man eine Vorbildfunktion hat.
Welche Eigenschaften Ihrer Mitarbeitenden halten Sie für besonders wertvoll?
Proaktive und offene Kommunikation, Mitdenken im Alltag und selbständiges Arbeiten. Wichtig ist auch Loyalität. Dazu gehört, dass man als Vorgesetzte auf Kritisches hingewiesen wird und konstruktives Feedback erhält.
Was bringen Frauenquoten?
Auf befristete Zeit einen Anschub, um gemischte Gremien zum Normalzustand zu machen und «Old Boys Networks» zu durchbrechen. Leider aber auch die Gefahr für uns Frauen, als «Quotenfrau» abgestempelt zu werden. Mittlerweile gibt es aber mehr als genug Studien, die für gemischte Führungsteams eine bessere Performance belegen.
Haben sich Ihre Führungsprinzipien im Lauf der Zeit verändert?
Sie sind bis heute unverändert. Einzig meine Angst, nicht von allen gemocht zu werden, musste ich ablegen. Ich habe mich mit dem Gedanken angefreundet, dass ich als Vorgesetzte auch einmal anecke.
Die Berufswelt sei hektischer, belastender geworden, geht die Klage.
Wir haben heute so viele Möglichkeiten zum Entspannen und Entschleunigen wie noch nie. Eher neu ist die Einsicht, dass es hier um ein gutes Stück Eigenverantwortung geht. Das erlebe ich oft in meinen Coachings mit Managern, die mehrere Projekte gleichzeitig betreuen, dabei aber vergessen, dass auch das eigene Wohl gemanagt werden muss. Von mehr Stress generell heute würde ich nicht reden.
Das Thema Nachhaltigkeit bewegt. Ihr Beitrag, heute und in Zukunft?
Ich habe 2015 das ökologisch nachhaltige und soziale Modelabel Sexy Little Bag gegründet. Die Upcycling-Produkte, die wir lancieren, werden beispielsweise von Langzeitarbeitslosen und Flüchtlingen hergestellt.
Worüber haben Sie zuletzt gestritten?
Ich habe mich über miserablen Kundenservice beschwert und darauf bestanden, dass das Kundenversprechen eingehalten wird, für welches ich bezahlt hatte. Mit Erfolg.
Was bedeutet Ihnen Geld?
In unserer konsumorientierten Welt wird es immer stärker überbewertet, wogegen der Wert der Dinge geringer eingeschätzt wird. Der Umgang mit Geld sollte viel früher gelehrt werden. Ein besseres Konsumbewusstsein würde uns guttun.
Welches ist der Stellenwert sozialer Netzwerke für Sie, beruflich wie privat?
Obwohl ich theoretisch Digital Native bin, fühle ich mich im Gespräch mit meinen jüngeren Angestellten manchmal als Digital Immigrant und dem Tempo der Neuerungen etwas ausgeliefert. Beruflich nutze ich Netzwerke wie Linkedin, um mit meinen Kunden und potenziellen Kunden in Kontakt zu bleiben.
Hören Sie auf Ratschläge aus Ihrem privaten Umfeld?
Aus dem privaten Umfeld am meisten auf meinen Partner. Wenn ich ihn um Rat frage, bringt er die Dinge immer wieder auf den Punkt und weist mich auf Dinge und Perspektiven hin, die ich so meist noch nicht berücksichtigt hatte. Leider kommen im Übrigen oft nicht jene Menschen, die die wirklich guten Ratschläge hätten, ungefragt auf uns zu.
Wo waren Sie jüngst in den Ferien?
Ich bin gerade diese Woche aus New York zurückgekommen, wo mein Partner und ich eine tolle Auszeit genossen haben.
Wie gut kochen Sie?
Daran gemessen, dass ich oft koche oder backe und wahnsinnig gern gut esse, sicher nicht schlecht. Gäste kommen gern zu uns essen. Und gemeinsames Kochen halte ich für sehr entspannend.
Olympische Spiele, grosse Fussballturniere - besondere Tage für Sie?
Ich ziehe vor, selbst Sport zu treiben. EM- und WM-Finalrunden packen mich aber auch am Fernsehen.
Aus welchem Misserfolg haben Sie besonders viel gelernt?
Nicht aus einem Misserfolg an sich, sondern eher aus hinderlichen Charaktereigenschaften, mit denen ich mir in der Corporate-Welt lange selbst im Weg stand. Ich musste als einzige Frau im Management eines Unternehmens schnell lernen, viel selbstbewusster aufzutreten und hartnäckiger zu verhandeln. Dazu gehörte - paradoxerweise -, diplomatischer zu kommunizieren.
Auf welchem Gebiet haben Sie sich zuletzt weitergebildet?
Ich setze mir jeweils ein jährliches Weiterbildungs-Motto. 2016 war das Investieren mein Fokusthema. Die letzten zwei Weiterbildungen galten dem Thema Venture Capital und Impact Investment - spannend und zielführend, ich bin jetzt Investorin!
Welchem Satz misstrauen Sie besonders?
«Trust me, I am honest.» Vertrauen spürt man - oder eben nicht.
Was missfällt Ihnen als Staatsbürgerin?
Ich bin dankbar für das grosse Privileg, portugiesisch-schweizerische Doppelbürgerin zu sein. Ich liebe beide Länder und beide Kulturen. Interessant ist dabei, dass ich in Portugal die typisch schweizerische Qualität, Neutralität, vermisse und in der Schweiz die portugiesischen Vorzüge wie mediterrane Entspanntheit und Offenherzigkeit gegenüber fremden Menschen.
Zur Person
Andreia Fernandes, 34, ist Gründerin der Seabrand International GmbH mit Sitz in Cham (Kanton Zug), einer Boutique-Beratungsfirma für innovative Akzente in Strategie, Marketing und Leadership. Zu ihren Kunden im In- und Ausland zählen sogenannte Unicorns der Startup-Szene, ehemalige Diplomaten sowie international tätige Firmen. Neben ihrer Arbeit als Coach und Beraterin ist sie Ausbilderin für Marketing, interkulturelles Management und Leadership, wobei sie ihre Erfahrungen aus der internationalen Tätigkeit als Geschäftsführerin einer NGO und als globale Produktmanagerin sowie aus privaten Reisen in 55 Länder einfliessen lässt. In den Bereichen Kultur, Psychologie und persönliche Entwicklung verfügt sie über ein ausgedehntes Netzwerk. Andreia Fernandes hat einen MBA der Universität St. Gallen erworben. Davor hat sie Internationales Management an der ZHAW in Winterthur und in Israel studiert.