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Bernhard Russi: «Das war immer mein Problem»
Er gehört zu den bekanntesten Schweizer Persönlichkeiten. Bernhard Russi spricht über seinen Fatalismus, erzählt von einer Idee, die er gerne dem Bundesrat unterbreiten würde – und denkt über den Tod nach.
Café Sprüngli, Paradeplatz, Zürich: Er sitzt am Tisch und lächelt. Zierlicher Russi. Was für ein Quatsch, dass ein Skirennfahrer ein kräftig gebauter Mensch sein muss. Zumindest früher war dem nicht so. Damals, also in den 1970er-Jahren, war Beweglichkeit wichtiger, als möglichst viele Muskeln zu haben.
Bernhard Russi, 71, bestellt ein Tartar, der Journalist Salat. Zum Einstieg: ein bisschen Vergangenheit und etwas Bauchweh.
Herr Russi, wir machen heute ein Frage-Antwort-Spiel: Ich stelle Ihnen in den nächsten 30 Minuten möglichst viele Fragen, und Sie antworten möglichst schnell und spontan. Passt Ihnen eine Frage nicht, sagen Sie einfach «weiter».
Okay.
Als Kind litt ich wegen Ihnen oft unter Bauchkrämpfen ...
... ich denke, ich weiss worauf sie hinauswollen. Während meiner Karriere als Rennläufer gewann ich «nur» zehn Weltcuprennen. Sie mussten also ziemlich oft leiden.
Stimmt, ich war während der Abfahrtsrennen derart nervös, dass ich Bauchschmerzen bekam und mich auf der Toilette fast übergeben musste.
Solche Geschichten hörte ich nach dem Ende meiner Karriere als Rennläufer häufiger. Während meiner aktiven Zeit war mir nicht klar, dass meine Fans derart mitfühlten und sogar litten, wenn ich nicht gewann. Heute kann ich zudem erklären, warum das damals so war: Das Medium Fernsehen war Anfang der 1970er-Jahre noch neu und die Leute während Live-Übertragungen total euphorisch.
Meine Mutter hatte weniger Freude an Ihnen – sie fand, Sie seien «ein arroganter Sonnyboy».
Da! Auf diese Frage reagiert Russi auch mimisch. Er lächelt in sich hinein, lässt sich einen Moment lang Zeit, um die Frage zu beantworten.
Ich kann mir denken, woher diese Abneigung kam: Wer Sonnyboys nicht mag, empfindet diesen Typ Mensch oft als arrogant. Ihre Mutter müsste mich einmal persönlich kennenlernen – mal schauen, ob sie danach immer noch gleich urteilen würde. Und noch etwas: Ich war zwar ein Sonnyboy, aber ich fühlte mich nie als «Siebesiech». Wenn ich Sieger war, sinnierte ich stets darüber, wo die anderen Fehler gemacht haben.
Eine Zeitungsschlagzeile von damals habe ich bis heute nicht vergessen: «Klammer gewinnt, Russi fährt schöner.»
Diesen Vorwurf hörte ich während meiner Aktivzeit ab und zu. Dazu kann ich folgende Geschichte erzählen: Einer meiner ersten Trainer sagte einmal: «Du musst dir bei jedem Sprung vorstellen, dass unten rechts ein Fotograf steht, dann springst du richtig.» Mein Trainer wollte erreichen, dass ich aktiv statt passiv springe – und das hat er geschafft.
Sind Sie durch den Sport ein gerechterer Mensch geworden?
Gerechtigkeit haben mir meine Eltern gelehrt. Unter Gerechtigkeit verstehe ich auch, bereit zu sein, seinen Mitmenschen und sich selbst das Machen von Fehlern zuzugestehen. Was mich der Sport gelehrt hat, ist, eine Zielsetzung zu haben und nach Niederlagen hart weiterzutrainieren.
Heisst das auch: Niederlagen machten Sie stärker?
Unbedingt – auch deshalb, weil die Erziehung meiner Eltern darauf abzielte, sich nicht zu wichtig zu nehmen, also am Boden zu bleiben.
Wirklich wahr, dass Franz Klammer heute einer Ihrer besten Freunde ist?
Das stimmt. Durch unsere sportlichen Konkurrenzkämpfe haben wir uns menschlich angenähert – nicht zuletzt wegen der Olympischen Spiele 1976 in Innsbruck, Franz schlug mich dort knapp.
Andere Sportler mit ähnlichen Fights während ihrer Karriere sind sich auch Jahre später noch spinnefeind. Warum ist das bei Ihnen beiden anders?
Natürlich war ich im ersten Moment enttäuscht über den zweiten Platz. Aber nachdem ich vier Jahre zuvor in Sapporo Olympiasieger geworden war, war für mich bereits kurz nach dem Rennen klar: Ich habe Silber gewonnen, nicht Gold verloren. Franz Klammer war jahrelang der weltbeste Abfahrer. Es wäre ein Drama gewesen, wenn er in Innsbruck nicht gewonnen hätte. Ich war bereits unten im Ziel, als er startete. Nachdem er bei der ersten Zwischenzeit langsamer war als ich, spürte ich, wie ich mich innerlich zweiteilte. Ein Teil von mir wollte unbedingt gewinnen, der andere Teil sagte: «Das darf nicht sein, Klammer darf nicht verlieren.»
Russi, der Anekdotenerzähler. Er holt gern aus, redet überhaupt gern, will die Geschichten erzählen, die sein Leben geschrieben hat. Und das ist gut so.
Warum ist die Marke Bernhard Russi über 40 Jahren nach Ihren sportlichen Grosserfolgen nach wie vor gefragt?
Ich kann das bis heute nicht erklären – und sowieso: Viel wichtiger als berühmt oder bekannt zu sein, ist persönliche Zufriedenheit. Das, was ich am Abend im Spiegel sehe, ist Tatsache und nicht irgendwelche Schlagzeilen in der Presse oder im Internet.
Der «Spiegel» nannte Sie «Alpen-Clooney».
Ich nehme an, diese Bezeichnung war als Kompliment gedacht – auch wenn ich nicht annähernd ein so guter Schauspieler wie George Clooney bin (lacht).
Sportkapitel vorbei – zunächst. Wir wollen jetzt näher an ihn heranzoomen.
Ihre TV-Karriere – Glück gehabt oder warum gerade Sie?
Auch diese Frage kann ich nicht schlüssig beantworten. Ich ging nicht zum Schweizer Fernsehen und fragte, ob man mich engagieren möchte. Ich wurde angefragt – danach bin ich langsam reingewachsen. Ein Glück war sicher, dass ich ab 1986 Matthias Hüppi in der Kommentatoren-Kabine neben mir hatte. Wir verstanden uns fast blind.
Macht Geld glücklich?
Ich glaube nicht – aber zu wenig Geld kann unglücklich machen.
Ist die Welt heute gerechter als vor 40 Jahren?
Ich denke nicht.
Finden Sie es richtig und wichtig, dass reiche und berühmte Menschen sich für Mitmenschen, denen es nicht so gut geht, einsetzen?
Ja. Ich finde es grundsätzlich wichtig, dass man gegenseitig auf sich achtet und – wenn nötig – hilft.
Sie engagieren sich für die Schweizer Berghilfe und die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete. Warum?
Ich wurde angefragt – und habe «ja» gesagt. Ich komme selber aus den Bergen. Ich liebe die Berge. Und ich glaube, ich kann beurteilen, wie schwer es manche Menschen in den Bergen haben. Gleichzeitig weiss ich aber auch, wie wundschön es in den Bergen sein kann. Natürlich gibt es oben auf einer Alp viel zu tun, und es ist ein hartes Leben, aber ich weiss, die Menschen erleben dort oben auch wunderbare, ruhige Momente. Es ist also nicht Mitleid, dass mich dazu bewogen hat, mich für die Berghilfe zu engagieren.
Sie sind Jurypräsident des Prix Montagne 2019: Können Sie in zwei, drei Sätzen erklären, um was es bei diesem Preis geht?
Der Preis will Projekte auszeichnen, die zur Entwicklung der Bergregionen beitragen. Und ganz wichtig dabei: Es sollen nicht Ideen, sondern bereits umgesetzte Projekte prämiert werden. Was bringen uns Visionen, wenn sie nicht verwirklicht werden?
Der diesjährige Prix Montagne wird am 4. September in Bern verliehen: Verraten Sie, welches der sechs nominierten Projekte Ihr Favorit ist?
Nein.
Ist man als Bergler dem Himmel näher?
Theoretisch ja.
Und praktisch?
Ich glaube nicht. Aber unter uns gesagt: In den Bergen oben ist der Himmel schöner, weil er von weniger Fremdlicht verschmutzt wird. Wir sehen die Sterne klarer. Und die Luft ist sauberer.
Heimat – was bedeutet das für Sie?
Heimat ist dort, wo ich meine Wurzeln habe. Ohne Wurzeln ist es für einen Menschen oft schwierig im Leben vorwärtszukommen, besser zu werden und zufrieden zu sein.
Wo ist die Schweiz am allerschönsten?
Ich mag Berge, ich mag Wasser, und ich liebe Schnee. Überall, wo diese Dinge in der Schweiz vorhanden sind, ist es schön.
Warum sollte ein Kind Skifahren?
Ich möchte Ihre Frage leicht abändern – und zwar wie folgt: Warum sollte ein Schweizer Kind Schneesport ausüben?
Okay.
Die Schweiz hat etwas zu bieten, was viele andere Länder nicht haben – nämlich Schnee und Eis. Und wenn wir schon das Glück haben und diese beiden Elemente unser Eigen nennen dürfen, dann sollten wir diese auch nutzen. Sollte je ein Bundesrat Grosses bewirken wollen, und er würde mich um Rat fragen, was er tun solle, dann würde ich ihm Folgendes vorschlagen: Ich finde, es sollte für jedes Kind hierzulande obligatorisch sein, das Gleiten auf Schnee und Eis zu erlernen. Keine Angst, mein Vorschlag zielt nicht auf den Spitzensport ab. Ich will nur, dass die Kinder hierzulande wissen, was man mit Schnee und Eis alles machen kann.
Das Risiko, dass er von anderen verlangt, übernahm Russi auch selbst. 1969 jagte er zwar als Statist Geheimagent James Bond die Piste hinterher und brach sich dabei Hand und Halswirbel. Doch richtig unvorsichtig wurde er nie. So verzichtete er zweimal auf die Besteigung des Matterhorns – schlechtes Wetter.
Die Frage, auf die alle helvetischen Skisportfreunde warten: Warum sind die Österreicher nach wie vor besser als wir Schweizer?
Im Moment ist es so, dass die Österreicher mit Marcel Hirscher den aktuell weltbesten Skifahrer in ihren Reihen haben. Zudem ist Österreich grösser als die Schweiz, und der Skisport hat bei unserem östlichen Nachbarn eine deutlich grössere Bedeutung. Und trotzdem wage ich zu bezweifeln, dass die Österreicher so viel besser sind als wir: Auch die Schweizerinnen und Schweizer gewinnen regelmässig Rennen.
Leiden Sie, wenn die Schweizerinnen und Schweizer verlieren?
Das war immer mein Problem als Co-Kommentator beim Schweizer Fernsehen. Ich musste neutral sein, obwohl mir manchmal mein Herz schmerzte, wenn die Schweizer eine Niederlage einsteckten. Heute darf ich das zum Glück wieder etwas mehr ausleben, kann zusammen mit meinen Kollegen in einer Beiz ein Skirennen anschauen und je nach Resultat jubeln oder fluchen. Das finde ich cool.
Wirklich wahr, dass Sie als Junior-Rennfahrer in den Feldgottesdienst statt an die Streckenbesichtigung gegangen sind?
Das stimmt. Es war bei einem Regionalrennen in Heiligkreuz. Mario Bergamin – er war ein talentierter Slalomfahrer und damals in der Nationalmannschaft – fragte mich während dem freien Skifahren: «Jetzt findet dann gleich noch ein Feldgottesdienst statt. Kommst du auch mit?» Ich wäre damals froh gewesen, er hätte mich nicht gefragt. Aber weil er mich fragte, dachte ich, ich kann nicht «nein» sagen, sonst ist das ein schlechtes Omen. Ich bin streng katholisch aufgewachsen und war damals überzeugt davon: Man muss am Sonntag in die Kirche gehen.
Haben Sie das Rennen dank des guten Gewissens gewonnen?
Ich wurde Zweiter.
Sind Sie gläubig?
Ich war Messdiener, Oberdiener, Kirchenchorsänger. Aber als ich mit 16 langsam ins Leben rauskam, versuchte ich, die Theorie der Kirche weniger wortgenau, weniger klischeemässig zu verstehen.
Das müssen Sie erklären.
Ich bin gläubig, aber ich rede nicht wie die Katholische Kirche von Gott. Ich bin überzeugt davon, dass es eine grössere Macht gibt. Ja, ich glaube, dass das, was wir sehen nicht alles ist und wir längst nicht alles verstehen und wahrscheinlich nie verstehen werden.
Beten Sie regelmässig?
Nein. Wer weiss, vielleicht hat das mit meiner fatalistischen Ader zu tun.
Wie meinen Sie das?
Für mich muss nicht alles erklärbar sein. Könnten wir dies, wäre unser Leben viel weniger spannend.
Optimist oder Pessimist?
Mein Motto ist: Es kommt schon alles richtig raus.
Welches Kompliment Ihres Vaters – Ihre Skifahrerkünste betreffend – werden Sie nie vergessen?
Bergler verteilen nicht viele Komplimente. Bleiben sie ruhig, ist meist alles gut. Nie vergessen werde ich, als mir mein Vater mit Tränen in den Augen zu meinem ersten Weltmeistertitel gratuliert hat. Nach solchen Glücksmomenten ging es aber jeweils nicht sehr lange, bis mich mein Vater mit einem Ratschlag wieder auf den Boden der Realität zurückholte. Heute denke ich, diese Ratschläge waren viel wichtiger als alle Komplimente zusammen.
Hat Ihnen Ihr Vater die Frauen betreffend je einen Ratschlag gegeben?
Nein.
Russi hatte lange Zeit das Image eines erfolgreichen Sonnyboys. Bis ein Dokumentarfilm vor zwei Jahren zum ersten Mal die dunkleren Seiten in seinem Leben aufzeigte.
«Mein Vater ist gestorben, als ich ihn am meisten gebraucht hätte. Meine erste Frau ist in einer Lawine ums Leben gekommen. Meine kleine Schwester ist seit frühester Kindheit schwerstbehindert. Ein Bruder ist an einer Infektion unerwartet gestorben. Mein anderer Bruder war ein riesiges Skitalent, hat aber seinen Weg im Leben nie richtig gefunden. Ich bin Bernhard Russi. Man sagt, ich sei ein Sonnyboy.» – Mit diesen Worten beginnt der Dok-Film «Von hohen Gipfeln und dunklen Tälern», der 2017 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde.
Als das Schweizer Fernsehen mit dem Wunsch an mich herantrat, einen Dok-Film über mein Leben zu drehen, war ich zuerst nicht begeistert von der Idee. Ich befürchtete, dass 40 Jahre nach meiner Karriere als Rennläufer nochmals jeder meiner Siege, jede Medaille, jeder Blumenstrauss, jeder Empfang abgefeierte werden sollte. Darin sah ich keinen Sinn.
Es kam anders. Warum redeten Sie damals zum ersten Mal über die dunkleren Seiten Ihres Lebens?
Der Zufall wollte es, dass mich Michael Bühler, der Produzent des Dok-Filmes, im Vorfeld der Olympischen Winterspiele 2018 für einen Sport-Beitrag nach Südkorea begleitete. In Pyeongchang war ich für den Bau der Abfahrtspiste verantwortlich. Während dieser Woche sprachen wir auch immer wieder über private Dinge – bis mich Bühler irgendwann fragte: «Ist deine Schwester verheiratet?» Dann erzählte ich ihm vom Schicksal meiner Schwester. Danach fragte er mich: «Wieso weiss das niemand?» Ich antwortete: «Weil mich noch nie jemand danach gefragt hat.» Damals realisierte ich, dass der Film eine Hilfe sein könnte für Leute, die meinen, dem Russi gelinge alles. Es gelang und gelingt mir vieles, aber es gibt auch die andere Seite in meinem Leben.
Wollten Sie im Alter Ihr Sonnyboy-Image korrigieren?
Im Gegenteil. Ich habe mir lange überlegt, ob es richtig ist, für den Film meine Schwester im Heim zu besuchen. Um dies zu entscheiden, holte ich Rat bei den Heim-Mitarbeitern. Geholfen hat mir während dieses Prozesses auch meine Frau. Schlussendlich wurde mir klar: Behinderte Menschen gehören zu unserem Leben, wir dürfen sie nicht ausgrenzen. Genauso wie ich meinen Bruder nicht ausgrenzen darf, obwohl er Alkoholiker war.
Kurz nach der Ausstrahlung des Filmes sagten Sie: «Ich spüre, dass mir das für die Verarbeitung gutgetan hat.»
Ich gebe zu, ich gehöre zu den Menschen, die Dinge, die weh tun, lieber nicht so genau anschauen. Ich blocke ab, verdränge gern. Vielleicht hängt das mit meinem Fatalismus zusammen. Warum sollte ich über etwas nachdenken, was nicht zu ändern ist? In diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben darf: Seit der Ausstrahlung des Filmes hat mein Bruder keinen Schluck Alkohol mehr getrunken.
Heilt die Zeit alle Wunden?
Ich weiss nicht, ob die Zeit alle Wunden heilt, aber sie heilt Wunden.
Welches Workout-Programm für den Kopf empfehlen Sie?
Das allerwichtigste ist, die Natur bewusst wahrzunehmen.
Diesen Sommer schon ein gutes Buch gelesen?
Nein (lacht). Jetzt haben Sie mich auf dem linken Fuss erwischt, ich bin kein grosser Leser. Das gebe ich offen zu. Ich habe einige Bücher gelesen, die man gelesen haben muss. Aber in diesem Sommer habe ich noch keines gelesen.
Was raten Sie Menschen ab 50, die sich bis jetzt nicht so viel bewegt haben?
Für diese Menschen ist es höchste Zeit, mit der Bewegung anzufangen. Und all jene, die sich schon bewegen, sollten ab dem 50-igsten Lebensjahr unter keinen Umständen damit aufhören. Albert Einstein hat einmal gesagt: «Das Leben ist wie Fahrrad fahren. Um die Balance zu halten, musst du in Bewegung bleiben.» Ein wunderbarer Satz.
Was sagen Sie zum Trend, dass alle Menschen zwar alt werden wollen, aber niemand alt sein will?
Das ist ganz tief in der DNA des Menschen verankert. Er will ständig besser werden. Welches Tier würde auf einen Berg klettern, auf dem es nichts zu essen gibt? Nur der Mensch tut so etwas.
Welchen Stellenwert hat die körperliche Bewegung für Sie heute im Gegensatz zu früher?
Sie ist genauso wichtig, aber natürlich bin ich mit 71 nicht mehr so beweglich wie mit 20.
Traurig darüber, dass Sie die «Streif» in Kitzbühel nicht mehr hinunterrasen können?
Die «Streif» ist ein ganz spezielles Abfahrtsrennen, und deshalb sind die meisten Rennfahrer froh, wenn sie diese Strecke nach ihrer Karriere nicht mehr herunterrasen müssen. Ich auch.
Und das Lauberhorn in Wengen?
Das Lauberhorn ist einfacher zu bewältigen, aber nicht einfacher zu gewinnen. Da würde ich gern noch einmal auf der Ideallinie hinunterfahren.
Danke, das war toll. Nun kommen wir aber nicht um den Klassiker umhin: Fragen zum Tod.
Denken Sie manchmal daran, richtig alt oder auch gebrechlich zu sein?
Nein.
Was ist Ihr persönlicher Tipp, um in Würde älter zu werden?
Nicht aufhören zu leben (lacht). Als Fatalist habe ich mir bisher noch nicht viele Gedanken über den Tod gemacht.
Mitglied einer Sterbeorganisation?
Nein.
Patientenverfügung?
Ja, die habe ich gemacht, selbstverständlich.
Haben Sie ein Testament?
Habe ich teilweise gemacht – und für den Rest glaube ich an unsere Gesetzgebung.
Finden Sie es eine Frechheit, dass man sterben muss?
Wer geboren werden will, darf es nicht als Frechheit empfinden, dass er irgendwann wieder gehen muss. Ich denke, vieles, was wir während unseres Lebens erleben dürfen, hätte nur halb so viel Wert, wenn das Leben kein Ende hätte.
Was soll dereinst auf Ihrem Grabstein stehen?
Nichts – ich will keinen Grabstein.
Soll Ihre Asche in den Bergen verteilt werden?
Sehr wahrscheinlich – aber das möchte ich nicht selbst bestimmten. Meine Familie soll das dereinst tun.Zurück zur Startseite