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Reiss die Hände in die Luft!
Warum Gutes mit oben assoziiert wird und wie räumliche Metaphern unser Denken prägen
Wer glücklich ist oder Erfolg hat, befindet sich auf einem Höhenflug. Wer bedrückt ist, der ist am Boden, die Stimmung kann geradezu unterirdisch schlecht sein. Bereits bei der Wortwahl assoziieren wir Gutes mit der Orientierung nach oben, Schlechtes mit unten. Doch kommt wirklich alles Gute von oben?
Von Belinda Lamatsch
Lektoriert von Ladina Hummel und Isabelle Bartholomä
Illustriert von Belinda Lamatsch
Bist du gerade auf einem Hoch oder schwebst du im Moment gar auf Wolke sieben? Oder ist deine Stimmungslage eher ein ständiges auf und ab? In unserem alltäglichen Sprachgebrauch verwenden wir viele Metaphern für unsere Gefühle. Um unser Inneres zum Ausdruck zu bringen, fehlen uns oft die treffenden Worte und wir greifen auf Umschreibungen und Sinnbilder zurück. Auffällig ist dabei, dass positive Affekte vielmals mit einer Aufwärtsbewegung in Verbindung gebracht werden, negative hingegen richten sich tendenziell nach unten. Das Paradies als Allegorie für das Gute befindet sich im Himmel und wird oben angesiedelt. Derjenige, der Schlechtes tut, wird nach unten in die Hölle verbannt. Ausgehend vom neutralen Bewerten können wir einen Sachverhalt abwerten oder aufwerten. Verzeichnen wir berufliche Erfolge, so klettern wir auf der Karriereleiter nach oben.
Der Zusammenhang zwischen Affekt und räumlicher Lage
Haben diese Zuschreibungen einen Effekt auf unsere Einschätzung der jeweiligen Emotion oder der damit verbundenen Situation? Dieser Frage haben sich die Autoren Meier und Robinson gestellt. Dafür haben sie drei Studien durchgeführt (Meier & Robinson, 2004).
Bereits 1993 stellten Stepper und Strack in einer Studie eine Verbindung zwischen räumlicher Positionierung und Emotionen fest. Das Gefühl von Stolz wird verstärkt, wenn wir uns in einer aufrechten Haltung befinden. Auf der anderen Seite hingegen wird es abgeschwächt, wenn wir zusammengesackt und in nach unten gebeugter Körperhaltung verweilen (Stepper & Strack, 1993). Diese Wechselwirkung von Emotionen und körperlichen Parametern stellt bis heute eine zentrale Frage in der Emotionsforschung dar.
In einem ersten Versuch sollten die Teilnehmenden ihre Aufmerksamkeit auf einen Bildschirm richten, auf dem nacheinander verschiedene Wörter erschienen (Meier & Robinson, 2004). Diese Wörter sollten sie auf einer Skala von eins = positiv bis fünf = negativ bewerten. Ein Beispiel für ein positives Wort könnte Held sein, ein negatives wäre Lügner. Nachdem zuerst einige Wörter in der Mitte des Bildschirms erschienen waren, wurden die darauffolgenden Begriffe entweder oberhalb dieser ersten Referenzbegriffe oder im Bildschirmbereich darunter eingeblendet (Meier & Robinson, 2004). Gemessen wurde nicht nur, ob die Wörter richtig bewertet wurden, sondern vor allem, wie schnell die Wörter korrekterweise der entsprechenden Bedeutung zugeordnet wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass die Evaluation positiver Begriffe schneller und treffsicherer erfolgte, wenn diese in der oberen Hälfte des Bildschirms eingeblendet wurden. Negative Wörter hingegen wurden schneller als solche erkannt, wenn sie weiter unten positioniert waren. Ist die vertikale Positionierung eines Stimulus kongruent mit seiner Bedeutung, fällt uns die Verarbeitung dementsprechend leichter (Meier & Robinson, 2004).
«Participants were faster to evaluate positive words when presented at the top of the screen, whereas they were faster to evaluate negative words when presented at the bottom.»Meier & Robinson, 2004, S. 245
Den Untersuchungen von Meier und Robinson (2004) sind bereits Studien von Wapner, Werner und Krus aus dem Jahre 1957 vorangegangen. Schüler*innen, die gerade eine gute Note erhalten hatten, unterlagen einem «Upward Bias», als sie kurz darauf aufgefordert wurden, ein Quadrat in zwei gleich grosse Hälften zu teilen (Wapner et al., 1957). Das heisst, wer gerade eine gute Note erhalten hatte und somit in euphorischer Stimmungslage war, tendierte dazu, eine Verzerrung nach oben zu zeigen und setzte beim Einzeichnen der gefragten Mittellinie weiter oben an, als sie tatsächlich zu verorten wäre. Schüler*innen, die hingegen ein Testresultat mit einer ungenügenden Note ausgehändigt bekommen hatten, zeigten beim Zweiteilen der geometrischen Figur eine Tendenz nach unten (Wapner et al., 1957).
Eine mögliche Erklärung
In ihrer Erklärung für die Resultate berufen sich die Autoren auf den Entwicklungspsychologen Piaget und sein Stufenmodell (Piaget, 1929). Die menschliche Kognition bildet sich ausgehend von sensomotorischen Erfahrungen. Wir lernen zuerst Konkretes, indem wir die physische Welt über unsere Sinne wahrnehmen. Kleine Kinder berühren Gegenstände, nehmen sie in den Mund oder beobachten, welche Geräusche ein Objekt macht. Sie schaffen sich zunächst ein Weltbild aufgrund von Sinneseindrücken. Erst später können wir Abstraktes verarbeiten (Inhelder & Piaget, 1958). Nachdem wir die Welt mit all ihren handfesten Gegenständen erkundet haben, entwickeln wir ein Verständnis für theoretische Konstrukte oder lernen Symbole in ihrer stellvertretenden Funktion zu verwenden (Inhelder & Piaget, 1958). Um abstrakte Gedanken in Worte zu fassen, um unseren Mitmenschen – manchmal auch uns selbst – unser Innenleben zu veranschaulichen, greifen wir auch später wieder auf Vergleiche mit physischen Phänomenen zurück, um unsere Ideen zu konkretisieren und verständlich zu machen (Lakoff & Johnson, 1999). Auch die anfangs genannten Metaphern nutzen Begriffe, die sinnbildlich für ein Gefühl oder eine Erregung stehen. Die Gefühle, die wir mithilfe solcher Umschreibungen auszudrücken versuchen, stellen wiederum etwas Gegenstandsloses dar. Die physischen Metaphern erlauben es uns, solche komplexen Vorgänge zu beschreiben (Lakoff & Johnson, 1999).
Die Tendenz, unsere Arme als Reaktion auf Erfolg nach oben zu reissen, ist angeboren. In einer Studie haben Tracy und Matsumoto im Jahre 2008 Athlet*innen der Olympischen Spiele und der Paralympics beobachtet und dabei festgestellt, dass auch blindgeborene Menschen als Ausdruck von Stolz intuitiv die Faust in die Luft strecken. Scham oder Erniedrigung wird hingegen bei olympischen wie paralympischen Athlet*innen durch geduckte Körperhaltung ausgedrückt (Tracy & Matsumoto, 2008).
Wie durch die im vorherigen Abschnitt präsentierten Studien gezeigt wird, aktiviert unsere Bewertung eines Stimulus räumliche Metaphern, die damit verbunden sind. Die Verarbeitung fällt uns leichter, wenn die beiden Faktoren – also die vertikale Lokalisation und die tatsächliche positive oder negative Bedeutung – übereinstimmen (Meier & Robinson, 2004). Andersrum fällt uns die Bewertung schwerer, wenn die beiden Komponenten nicht kongruent sind und eine Diskrepanz zwischen der lokalen Verortung und dem Affekt besteht. In Meier und Robinsons Studie (2004) äusserte sich dies durch eine leicht verzögerte Reaktionszeit.
Die Ergebnisse von Meier und Robinson zeigen, dass unser Denken von Metaphern geprägt ist. Aber auch, dass abstrakten Gefühlen und den dafür verwendeten Beschreibungen konkrete und greifbare Bilder zugrunde liegen, die wir aus gesammelten Erfahrungen ableiten (Meier & Robinson, 2004).
Die Verknüpfung von gut mit oben und schlecht mit unten geschieht automatisch und ohne, dass wir uns dessen bewusst sind. Denn die Metaphern, mit denen wir Affekte räumlich verorten, sind so stark in unsere alltägliche Ausdrucksweise integriert, dass wir sie ganz unbewusst verwenden.
Wenn du also das nächste Mal ein lustiges Video mit einem Daumen nach oben bewertest oder jemandem ein High Five gibst, dann ist das, weil dieser positive Affekt direkt mit der räumlichen Assoziation einhergeht.
Zum Weiterlesen
Meier, B. P., & Robinson, M. D. (2004). Why the sunny side is up. American Psychological Society, 15(4),243–247. https://doi.org/10.1111/j.0956-7976.2004.00659.x
Literatur
Inhelder, B., & Piaget, J. (1958). The growth of logical thinking from childhood to adolescence. Basic Books.
Lakoff, G., & Johnson, M. (1999). Philosophy in the flesh: The embodied mind and its challenge to western thought (Vol. 640). Basic books.
Meier, B. P., & Robinson, M. D. (2004). Why the sunny side is up. American Psychological Society, 15(4),243–247. https://doi.org/10.1111/j.0956-7976.2004.00659.x
Stepper, S., & Strack, F. (1993). Proprioceptive determinants of emotional and nonemotional feelings. Journal of Personality and Social Psychology, 64(2), 211–220. https://doi.org/10.1037/0022-35<ip-pii>
Tracy, J. L., & Matsumoto, D. (2008). The spontaneous expression of pride and shame: Evidence for biologically innate nonverbal displays. PNAS. https://doi.org/10.1073/pnas.0802686105
Wapner, S., Werner, H., & Krus, D.M. (1957). The effect of success and failure on space localization. Journal of Personality, 25, 752–756. https://doi.org/10.1111/j.1467-6494.1957.tb01563.x