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Boris Johnson hat Grossbritannien vom Corona-Versager zu Europas Impfmeister gemacht. Den Erfolg hat er einer Frau zu verdanken, die zunächst höchst umstritten war – und nun als Heldin hervorgeht.
Boris Johnson wird derzeit europaweit als Vorbild im Kampf gegen das Corona-Virus gefeiert. Der Grund seines Erfolgs ist, dass Johnson auf die Expertise einer Frau gehört hat. Die Risikokapitalunternehmerin Kate Bingham übernahm im Mai 2020 die Leitung der britischen Corona-Taskforce.
Sie setzte früher als andere auf die Strategie des schnellen, umfassenden Impfens und sicherte Grossbritannien frühzeitig so viel Impfstoff wie nur möglich – sogar als die Wirkung der Vakzine noch gar nicht nachgewiesen war. Wer ist diese Frau, der Johnson seinen Aufschwung verdankt und zu deren Hobbys das Moorschnorcheln gehört?
Im Mai 2020 fragte Johnson die Biochemikerin Kate Bingham, ob sie die neu gegründete Corona-Taskforce leiten wolle. Der Auftrag, den Johnson zu vergeben hatte, war eindeutig: «Rette Leben, so schnell wie möglich!» Bingham sagte zu – und erfüllte ihren Auftrag. Doch der Anfang war enorm schwierig. Am 5. Mai 2020 überschritt Grossbritannien mit 32'000 Todesfällen die Fallzahlen von Italien und wurde in der Folge das am schwersten von der Pandemie betroffene Land Europas.
Es folgte eine leichte Entspannung der Lage bis September, dann schlug die zweite Welle der Corona-Pandemie in Grossbritannien mit voller Wucht zu. Das Gesundheitssystem des Vereinigten Königreichs drohte zu kollabieren. Ende 2020 gab es Neuinfektionszahlen von über 50'000 – am Tag. Über 70'000 Menschen waren bis Dezember an oder mit dem Coronavirus gestorben. Doch Bingham hatte einen Plan, hielt an ihm fest und setzte sich durch. «Flink, kooperativ und unterstützend», so beschrieb Bingham ihre Arbeitsweise.
Doch bevor Bingham in der britischen Presse zur Heldin und «Impf-Zarin» hochgejubelt wurde, hagelte es Kritik. Die 55-Jährige ist mit dem konservativen Politiker und Staatssekretär im Finanzministerium Jesse Norman, mit dem sie drei Kinder hat, verheiratet. Ihr Vater, Lord Bingham von Cornhill, war einer der höchsten Richter in Grossbritannien. Zudem ist sie eine Schulfreundin von Johnsons Schwester Rachel.
Zuerst wurde ihr Vetternwirtschaft vorgeworfen, später, dass sie Hunderttausende Pfund für PR-Arbeit ausgegeben habe. Beides bestreitet Bingham, die die Leitung der Corona-Taskforce ehrenamtlich übernahm, vehement. Ihre Berufung habe absolut nichts mit ihren Kontakten zu tun, sondern sei ausschliesslich aufgrund ihrer Expertise und Erfahrung erfolgt. Über den Vorwurf der Geldverschwendung für Werbezwecke sei sie «komplett schockiert» gewesen: «Es ist lächerlich, das Geld wurde für die Erstellung eines Impfregisters ausgegeben», erklärte sie in einem Interview mit der «Times».
Bingham – eine Biochemikerin mit Oxford-Abschluss und Absolventin der Harvard Business School – war keine Expertin für Impfstoffe, sondern für Investitionen in innovative medizinische Technologien. Sie hatte aber einen extrem grossen Vorteil – viel Erfahrung und damit verbundene Kontakte: «Ich bin seit 30 Jahren in der Branche. Das Team, mit dem ich gearbeitet habe, teilweise sogar länger.
Wir haben sehr viele Verbindungen im gesamten Sektor.» Zum Beispiel zu Sean Marett, Vorstand von Biontech in Mainz. «Ich kenne Sean seit 20 Jahren. Vor ein oder zwei Jahren haben wir uns noch hier in London zum Lunch getroffen. Ich kann einfach mein Telefon nehmen und Leute anrufen», erklärte Bingham in einem Interview Anfang Februar.
Und diese Verbindungen – verbunden mit schneller und präziser Analyse der Daten – nutzte Bingham von Beginn an. Diese Präzision und Geschwindigkeit, plus Mut zum Risiko, zahlten sich aus. Damit ging Bingham bewusst einen anderen Weg als die EU. Sie beschleunigte Analysen und Zulassungen, sodass Grossbritannien schon am 8. Dezember 2020 mit ersten Impfungen beginnen und über die ersten Wochen massiv Tempo aufbauen konnte. Impfzentren eröffneten im Wochentakt, auch Hausärzte und Apotheken durften mithelfen.
Schnell wollten Konservative diesen Erfolg als Folge des Brexit verkaufen, doch da wehrte sich Bingham: «Unsere Arzneimittelagentur hat als Schnellste zugelassen – auf Basis von EU-Recht. Die Leute hier sind nicht brillanter als in der EU oder haben mehr Erfahrung.» Dennoch heisst das im Klartext: Auch die EU hätte deutlich früher mit dem Impfen beginnen können, wäre sie bei der Zulassung und Bestellung von Vakzinen flexibler gewesen.
Bingham schlug ebenfalls aus, am europäischen Impfstoffprogramm teilzunehmen. Auch hier fürchtete sie unnötige Verzögerungen. «Wir hatten das Gefühl, dass die Bedingungen zu eng waren und wir schneller hätten handeln können, wenn wir unabhängig vorgehen. Im Nachhinein glaube ich, dass es die richtige Entscheidung war», erklärte Bingham ihr Vorgehen im britischen Parlament.
Einen deutlichen Unterschied zur EU verfolgten die Briten unter der Führung von Bingham auch bei der Beschaffung von ausreichend Impfstoff. Noch bevor sicher war, wie wirksam das Biontech-Vakzin wirklich ist, sicherte sich Grossbritannien über 30 Millionen Dosen des Impfstoffs im Juli 2020 – drei Monate vor dem EU-Deal mit Biontech. Ebenfalls deutlich vor Brüssel bestellte die britische Regierung bei Astrazeneca 100 Millionen Dosen. Insgesamt hat sich Grossbritannien bis heute 357 Millionen Dosen von sieben Herstellern gesichert. Das Wort «Impfstoffmangel» kennen die Briten nicht.
Binghams Corona-Strategie ist eine mit hohem Risiko, die aber nun voll aufzugehen scheint. Die Briten haben schon über 20 Millionen Bürger mit der ersten Dosis geimpft, in Deutschland wurden bisher knapp sechs Millionen Menschen geimpft (Stand 01.03.2021). Auch die Zahlen der Neuinfektionen, Krankenhauseinweisungen und der Todesfälle sinken seit Jahresbeginn kontinuierlich. Johnson glänzt im Erfolg, der massgeblich auf Bingham beruht, und konnte sogar schon «unwiderrufliche» Lockerungen der harten Corona-Beschränkungen versprechen.
Ihre Erfahrung in der Taskforce fasste Bingham so zusammen: «Es war einfach nur extrem harte Arbeit, absolut rund um die Uhr, an Abenden und Wochenenden.» Eine Arbeit, die sich gelohnt hat, wie die «Times» befindet: «Das Impfprogramm ist eine der wenigen Erfolgsgeschichten im Umgang der Regierung mit der Pandemie. Als die Todeszahlen in die Höhe schossen und die wirtschaftlichen Folgen immer gravierender wurden, haben Miss Bingham und ihre Taskforce den Zugang zu 357 Millionen Dosen der erfolgversprechendsten Vakzine gesichert.»
All das nimmt Bingham mit Abstand zur Kenntnis. Im Dezember hat sie die Leitung der Corona-Taskforce abgegeben. Nun dürfte sie wieder mehr Zeit haben, ihrem bizarren Hobby nachzugehen. Bingham betreibt Moorschnorcheln. Dabei muss mit einer Schnorchel-Ausrüstung und Schwimmflossen ein rund 55 Meter langer schlammiger Wassergraben durchquert werden.
Beendet ist Binghams Beschäftigung mit dem Coronavirus aber noch nicht. Sie hat neue Ziele. Ihr Traum: Die Behandlung des Virus' einfacher machen, etwa mit Pflastern oder Tabletten anstatt einer Spritze. Es könnte die nächste Erfolgsstory von Grossbritanniens «Impf-Zarin» werden.