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«Der RUZ-Unternehmensphilosoph»: Die Krise, die Opportunitäten und Sokrates.
Im Moment profitieren nur wenige KMU von der Krise. Gemäss einer am 2. April 2020 veröffentlichten Studie des Luzerner KMU- und Gewerbeverbandes erwarten nur 2,76% der befragten Unternehmen im April eine Umsatzsteigerung gegenüber März.
Not macht bekanntlich erfinderisch, aber nicht jeder von uns ist notwendigerweise ein Genie der Kreativität. Im Angesicht der Krise, die in wenigen Tagen das Paradigma jahrelanger fruchtbarer Arbeit nach bewährtem Muster verändert, sind viele Menschen stark gefordert, alles umzudenken. Wie können wir diese Kreativität fördern? Die sokratische Denkweise ist ein möglicher Weg.
Sokrates: ständiges Hinterfragen
Sokrates, der 399 v. Chr. starb, war der erste der griechischen Philosophen, welcher der breiten Öffentlichkeit bekannt ist. Er hat keine Schriften hinterlassen. Wir kennen seine Philosophie hauptsächlich aus Dialogen, die von späteren Philosophen wie Platon, der auch sein Schüler war, geschrieben wurden.
Die sokratische Methode war denkbar einfach: Sokrates lief durch die Strassen von Athen und stellte den Passanten Fragen. Er gab vor, unwissend zu sein, und führte seine Gesprächspartner dazu, ihre eigenen Ideen zu entwickeln. Im Laufe der Diskussion zeigte er die Widersprüchlichkeit ihrer Meinungen auf, indem er ihnen immer mehr Fragen stellte. Dies ist, was man «Maieutik» genannt hat: ein schöner Ausdruck, der so viel heisst wie «Gebärkunst». Mit anderen Worten, Sokrates stellte die richtigen Fragen: die unbequemen. Er hinterfragte die Denkweise seiner Zeitgenossen.
Sokrates tut uns in der gegenwärtigen Situation gut. Die geltenden Verbote zwingen uns, unser Geschäftsmodell in Frage zu stellen. Warum sich nicht mit einer kritischen Meinung Dritter konfrontieren – die, wie Sokrates, vorgefasste Ideen aufbrechen muss, um neue Quellen der Innovation zu erforschen? Die Übung ist naturgemäss individuell. Probieren wir das Experiment an drei Beispielen aus.
Die Rechtsberatung
Wenn es eine konservative Branche gibt, dann die Rechtswissenschaft. Gerichtliche Verhandlungen mit ihrem Zeremonial unterstreichen die Macht des Richters durch die Sitzordnung im Gerichtssaal. Warum genau ist dies notwendig? Können wir nicht per Videokonferenz Fragen an Zeugen und Parteien stellen und so stundenlange Reisen vermeiden? Wird das Protokoll dadurch anders geschrieben? Wenn der Richter sein Urteil fällt, schaut er auf die Akten... und nicht, so hoffen wir, auf die Sympathie, die diese oder jene Partei in ihm geweckt hat.
Eine Anwaltskanzlei hat in der Regel eine Bibliothek mit Rechtskommentaren im Regal und Stapel von Kundenakten. Da der Anwalt der Versuchung nicht ganz widerstehen kann, dem Klienten das Gefühl seiner Autorität zu vermitteln, ist das Treffen in einem schön eingerichteten Büro Teil des Rituals. Ist es allerdings nicht effektiver, nach dem ersten Treffen zur Vertrauensbildung Videokonferenzen einzusetzen? Was sind die Argumente gegen die Einführung der elektronischen Akte in allen Beratungs- und Verfahrensstadien? Gibt es keine modernen Mittel, um die verschwendete (und verrechnete) Zeit zu vermeiden, die hinter einem Drucker/Kopierer am Vorabend einer gerichtlichen Frist verbracht wird? Wie hoch ist der Anteil der Aufmachung, und wie hoch ist der Anteil eines echten Mehrwerts für den Kunden?
Wäre es nicht möglich, durch diese Umstellung der Arbeitsmittel virtuelle Netzwerke von Anwälten zu schaffen, anstatt Kanzleien im Stadtzentrum mit teuren Mieten und zahlreichen Pendlern zu verpflanzen? Könnte ein solches Modell nicht auch auf andere Berufe im Bereich der Beratung übertragen werden?
Online-Ausbildung
Die Aus- und Weiterbildung ist ein Bereich, der lange vom herkömmlichen Modell gezehrt hat: eine Klasse von Schülern, die in einem Raum zusammengepfercht sind und dem Lehrer respektvoll zuhören, wie er seine Lektion vorliest. Die Pandemie hat einen Wandel im Bildungsbereich initiiert, der noch lange nicht abgeschlossen ist.
Nehmen wir den Fall der Weiterbildungskurse. Wie viele Kilometer haben wir in der Vergangenheit zurückgelegt, um diesen oder jenen Kurs in einer anderen Stadt zu besuchen? Inwiefern ist die physische Präsenz der Videokonferenz mit integrierten Forumfunktionalitäten wirklich qualitativ überlegen, zumindest für den Theorieteil? Wenn das familiäre Umfeld keine ausreichende geistige Konzentration zulässt, ist es dann nicht besser, einen Kurs in einer dörflichen Coworking-Einrichtung zu besuchen? Der Preis wird niedriger sein als der Preis für Zugbillet oder Benzin; Reisezeit und Infrastruktur werden eingespart.
Und was ist mit den Executive MBAs, die ihre Studenten für ein bis zwei Wochen durch die Welt fliegen lassen? Entspricht der Mehrwert in Bezug auf das Lernen den Kosten für Transport, Unterkunft und Kursgebühren, ganz zu schweigen von den externen Umwelteffekten? Die zaghafte Einführung von Online-Kursen durch einige Universitäten in den letzten 10 Jahren wird wahrscheinlich (und hoffentlich) erheblich zunehmen.
Das weit verbreitete «Drive-in»
Ich gehe gerne in die Landi, um diesen oder jenen praktischen Gegenstand zu kaufen. Aber seien wir ehrlich: Würde es nicht ausreichen, eine Landi virtuell zu betreten, wie auf Street View, via Bildschirm zwischen den Artikeln herumzustöbern und Gegenstände auszuwählen, indem man sie in den virtuellen Regalen sieht? Wenn es bereits möglich ist, touristische Orte virtuell zu besuchen: was hält uns dann davon ab, dasselbe für unsere Einkäufe zu tun? Sollte sich das Einkaufserlebnis auf die Alternative zwischen Online-Shops, die langweiligen Katalogen gleichen, und überfüllten Megazentren beschränken?
Stellen wir uns folgendes Paradigma vor: Der Konsument kauft zu Hause ein (Phase 1) und, je nach Wunsch, lässt sich die Waren liefern oder holt sie am Drive-in ab (Phase 2). Übrigens erledigt er Phase 1 während einer Arbeitspause im Home-Office. Und der Drive-in erhält seine Artikel von mehreren Händlern oder Herstellern, auch von lokalen; kurz gesagt, es ist ein universeller Vertriebspunkt. Dadurch ist es möglich, in jedem Dorf einen Drive-in zu schaffen und den Individualverkehr zu reduzieren. Ist dies wirklich eine Utopie?
«Alles muss sich ändern, damit alles gleich bleibt.»
Dieses literarische Zitat, das durch den Film «Der Gepard» von Visconti berühmt wurde, bringt die Situation gut auf den Punkt. Überleben erfordert Anpassung.
Der Architekt der Gegenwart wird sein Werk für eine hypothetische Zukunft nicht von sich aus dekonstruieren. Er braucht einen Ansporn, einen Ideengeber, einen kritischen Partner mit einem scharfen Argument. Sokrates ist aktueller denn je.
Die RUZ-Reihe «Der Unternehmensphilosoph» greift ausgewählte unternehmerische Themen auf, um sie aus philosophischer oder manchmal historischer Sicht zu beleuchten. Die Serie zielt darauf ab, dem Unternehmer-Leser einen zusätzlichen Blickwinkel zu geben und Perspektiven zu eröffnen. Die Meinungen des Autors in dieser Serie spiegeln nicht unbedingt die Ansichten des RUZ oder der Raiffeisen-Gruppe wider.
Über den Autor: Louis Grosjean, lic.iur., Inhaber eines Anwaltspatents, ist seit mehr als 10 Jahren in der Raiffeisen-Gruppe tätig, unter anderem für das RUZ. Aus einer Unternehmerfamilie stammend, hat er sich in den Bereichen Wirtschaft und Philosophie weitergebildet und seine eigene Firma gegründet. Mit dem RUZ setzt er sich für das Unternehmertum in der Schweiz ein.