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Notre-Dame – die Schatzkiste der Grande Nation
Am 15. April brannte der hölzerne Dachstuhl der Pariser Kathedrale Notre-Dame aus
Der Grossbrand in Notre-Dame wirft nicht nur die Frage nach dem historischen Wert der Pariser Kathedrale auf. Auch religiös ist sie von immenser Bedeutung.
Frankreich ist wie Italien, Deutschland, Spanien und England ein Land der Kathedralen; ein Land mit immensen Kunst- und Kulturschätzen des europäischen Mittelalters. Paris ist die unangefochtene Hauptstadt Frankreichs, der «ältesten Tochter der Kirche». Und Notre-Dame ist die unangefochtene Hauptkirche der Hauptstadt. Der Grossbrand ist nicht nur ein Kulturverlust ersten Ranges. Es ist auch ein symbolischer Stoss ins religiöse Herz der Franzosen.
Notre-Dame ist die Kirche des Pariser Erzbischofs, daher der Titel «Kathedrale» (vom lateinischen cathedra: Sitz, Stuhl). Vorgängerbauten auf der Île de la Cité, der Kernstadt auf der Seine-Insel, lassen sich bis um das Jahr 540 zurückverfolgen. Allerdings ist Notre-Dame nicht die christliche Keimzelle von Paris, sondern der Montmartre. An diesem «Hügel der Märtyrer» soll um 250 nach Christus der Stadtpatron Bischof Dionysius (französisch Saint-Denis) auf seinem Richtplatz sein abgeschlagenes Haupt genommen und damit sechs Kilometer nach Norden gegangen sein. Wo er sich schliesslich niederlegte, steht heute die Basilika Saint-Denis, Grablege der französischen Könige und erstes Beispiel der französischen Gotik.
Mit den Jahrhunderten verlagerte sich das religiöse Herz der Nation immer stärker nach Notre-Dame – so wie das politische Herz mit der Rückkehr des Königshofes Ende des 16. Jahrhunderts fortan in Paris schlug. 1455 wurde der Revisionsprozess um Johanna von Orléans in Notre-Dame eröffnet. 1572, mitten in der heikelsten Phase der Religionskriege, fand hier die Trauung des künftigen Königs Heinrich IV. statt. Allerdings nur im Portal der Kirche, da der reformierte Bräutigam die katholische Kathedrale nicht betreten wollte. Die Brautmesse wurde anschliessend ohne ihn gefeiert. 1643 wurden die Eingeweide König Ludwigs XIII., 1715 die des «Sonnenkönigs» Ludwigs XIV. in der Kathedrale beigesetzt.
Der Brand in der Pariser Notre-Dame hat weltweit Bestürzung und eine grosse Welle der Solidarität ausgelöst. Zwei Tage nach der Katastrophe dankte der Pariser Erzbischof Michel Aupetit den «mutigen Feuerwehrleuten, die den Dom vor einer totalen Katastrophe bewahren konnten».
Gegenüber der Tageszeitung «Le Figaro» zeigte sich Aupetit zudem «tief berührt» von der spontanen Welle aus Gebet und grosszügigen Spendenzusagen für den Wiederaufbau der Kathedrale. Notre-Dame sei angesichts ihrer Historie «die Seele Frankreichs», sagte Aupetit. «Sie ist das Zeichen für den Glauben dieser Nation, die, auch wenn sie es vergisst, die ‹älteste Tochter der Kirche› bleibt.»
kath.ch