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Wenn alle bisherigen Versprechungen im Rahmen des Pariser Klimaabkommens realisiert würden, stiegen die Treibhausgas-Emissionen bis 2030 trotzdem weiter an. Sämtliche europäischen Massnahmen könnten das Gesamtbild im besten Fall etwas beschönigen – den Takt aber gibt Asien an.
Originalbeitrag «Schlumpfs Grafik, Folge 17» im Nebelspalter vom 25. Oktober 2021.
Zur Vorbereitung der Klimakonferenz, die am 31. Oktober in Glasgow starten wird, hat die zuständige Kommission der Vereinten Nationen am 17. September dieses Jahres einen Synthese-Bericht herausgegeben, der den aktuellsten Stand aller abgegebenen Versprechungen im Rahmen des Pariser Klimaabkommens zusammenfasst. Bei der Präsentation der Resultate vor dem Plenum der Generalversammlung hat UN-Generalsekretär António Guterres ein düsteres Bild gemalt: Die Welt befinde sich am Abgrund und bewege sich weiter in die falsche Richtung, die Klimakrise müsse endlich ernst genommen, und im Kampf dagegen rasch gehandelt werden.
Derzeit 56 Milliarden Tonnen Treibhausgase pro Jahr
Die 191 Länder, die dem Pariser Klimaabkommen von 2015 beigetreten sind, haben sich dort verpflichtet, Pläne zur Reduktion des nationalen Treibhausgasausstosses vorzulegen, damit das Ziel einer Limitierung der Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erreicht werden kann. Was bisher dabei herausgekommen ist, zeigt die folgende Grafik (Fig. 9 aus dem Bericht):
(Click auf Grafik vergrössert diese) Gezeigt wird der Stand der jährlich weltweit ausgestossenen Treibhausgas-Emissionen (Global GHG emissions) zwischen 2010 und 2060. Die dicke schwarze Linie links oben (Historical) beschreibt den bisherigen Verlauf bis 2019, wo wir bei 56 Gigatonnen (56 Milliarden Tonnen) CO2-Äquivalent angekommen sind. CO2-Äquivalent ist die Messgrösse, in der alle Treibhausgase in die Einheit von CO2 umgerechnet werden.
16 Prozent mehr Emissionen bis 2030
Die aktuellsten länderspezifischen Pläne (Nationally Determined Contributions, NDC), die bis zum 30. Juli 2021 eingereicht wurden, beschreiben alle klimarelevanten Massnahmen, die jedes einzelne Land bis ins Jahr 2030 umsetzen will. Zählt man die Auswirkungen all dieser Pläne auf die Treibhausgas-Emissionen zusammen, so ergibt sich der dunkelrote Kurvenverlauf in der Grafik (NDCs): Im Schnitt steigen die Emissionen bis 2030 um 16 Prozent. Und dies wohlverstanden aber nur, wenn all diese Pläne auch tatsächlich umgesetzt werden. Verfehlen einige Länder ihr Versprechungen, würde die Kurve noch mehr steigen.
Warum UN-Generalsekretär Gutteres von einer falschen Richtung gesprochen hat, die wir eingeschlagen haben, wird klar, wenn man diese rote Kurve mit den im unteren Teil der Grafik eingezeichneten Verläufen vergleicht. Diese zeigen die notwendigen Reduktionspfade der jährlichen Treibhausgas-Budgets in drei Weltklimarat-Szenarien, mit denen die Pariser Ziele zu erreichen wären. Um die heute gültige Vorgabe der Limitierung auf unter 1,5 Grad Celsius zu erreichen, wäre bis 2030 eine Reduktion der Emissionen um 45 Prozent notwendig.
Trittbrettfahrer sind herausgefordert
Wunsch (minus 45 Prozent) und Wirklichkeit (plus 16 Prozent) klaffen also massiv auseinander, und nur weltfremde Fantasten können glauben, dass ein Absenkungspfad, wie ihn der Weltklimarat fordert, in den nächsten neun Jahren möglich ist. Nicht zuletzt auch deshalb, weil das Pariser Abkommen keine Sanktionen vorsieht, um Länder mit ungenügenden Plänen zu Verbesserungen anzuhalten, oder nichteingehaltene Versprechungen einzufordern. Ein solches System fordert das Trittbrettfahren geradezu heraus: Bei den geringsten Problemen scheint es am günstigsten, zuerst einmal abzuwarten, was andere tun, bevor man selbst Massnahmen einführt, die zum grossen Teil unpopulär sind.
Was aber ist mit den ambitionierten Ankündigungen der Europäischen Union, ihre Emissionen bis 2030 um 55 Prozent gegenüber 1990 zu senken? Oder der Schweiz die auf 50 Prozent kommen will? Selbstverständlich sind sie in die rote Kurve der Grafik eingearbeitet, haben aber gegenüber den dominierenden, vor allem asiatischen Emittenten viel zu wenig Gewicht. Tatsächlich hätten alle in letzter Zeit eingereichten neusten Pläne zu einer Reduktion von 12 Prozent geführt – in der Gesamtabrechnung aber sind diese Länder zu schwach, um das Ruder herumzureissen.
Asien macht die Reduktionen Europas bei Weitem zunichte
Dies wird klar, wenn man Europa und Asien im Zeitraum von 1990 bis 2019 vergleicht. Laut BP-Statistik der CO2-Emissionen hat Asien in diesen 30 Jahren seinen Ausstoss um 11,9 Gigatonnen gesteigert (7,5 davon allein in China), während derjenige Europas um 1,3 Gigatonnen zurückgegangen ist. Asien hat also nicht nur alle Reduktionen Europas zunichte gemacht, sondern noch das 8-Fache neu hinzugefügt (mehr dazu in meiner nächsten Grafik-Kolumne in einer Woche). Angesichts solcher Grössenordnungen dürfte es den Europäern zunehmend Mühe machen, ihre weltweit strengsten Vorgaben durchzusetzen.
Aber auch landesintern zeigen sich Schwierigkeiten. Wir haben es gerade bei uns gesehen: Das revidierte CO2-Gesetz wäre ein wichtiger Baustein gewesen, um das Pariser-Abkommen, das der Bundesrat in Eigenregie unterschrieben hat, umzusetzen. Nach der Ablehnung ist jetzt nicht klar, ob wir die gemachten Versprechungen einhalten können. Aber auch in der EU brechen gerade jetzt zunehmend Spannungen auf, wie mit den steigenden Energiepreisen umzugehen ist. Hier spiegelt sich das klassische Dilemma der Klimapolitik: Sie sollte die Ware (Energie) verteuern, damit eine Lenkung stattfindet, geht sie aber zu weit, protestieren die Leute.
Appelle an die «Bockigen» absehbar
Wenn in wenigen Tagen die nächste Klimakonferenz in Glasgow beginnt, werden wir wie immer Katastrophenwarnungen einer Erdüberhitzung zu hören bekommen, auf die die «guten» Regierungen wohl mit weiteren Verschärfungen ihrer angekündigten Massnahmen und mit Appellen an die «Bockigen» reagieren werden. Ob sie danach aber das Versprochene umsetzen, und die «Bösen» spuren werden, ist angesichts des hier gezeigten Dilemmas wohl reines Wunschdenken.