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Hagebuttenpulver wird seit einigen Jahren gegen Rheuma und insbesondere bei Arthrose angewendet. Inzwischen existieren mehrere Studien zur Wirksamkeit, doch bleiben auch noch viele offene Fragen.
Die “Zeitschrift für Phytotherapie” (Nr. 5/2009) publizierte eine Übersicht zum Stand des Wissens. Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:
– Zum antientzündlichen Wirkungsmechanismus der Hagebutte
Das antientzündliche Wirkspektrum der Hagebutte ist vergleichbar mit demjenigen der synthetischen Schmerzmittel. Wässrige Extrakte aus der Hagebuttenscheinfrucht und der Schale waren in den In-vitro-Tests (also im Labor, im Reagenzglas) unwirksam. Im Gegensatz dazu waren lipophile Extrakte aus den Schalen der Hagebutte im COX-1- und COX-2-Assay wirksamer als Extrakte aus den Scheinfrüchten und hemmten darüber hinaus auch die LOX (Lipoxygenase).
Kommentar Koradi: Es geht hier um die Hemmung von Entzündungsstoffen (Prostaglandine, Leukotriene).
Bei Patienten mit entzündlichem Rheuma reduzierte sich der krankhaft erhöhte Wert des Entzündungsparameters CRP signifikant unter der Einnahme von Hagebuttenpulver, stieg jedoch nach Beendigung der Einnahme wieder auf die Ausgangswerte an.
In Hagebuttenpulver wurden als wirksamkeitsmitbestimmende Inhaltsstoffe neben Polyphenolen und Vitamin C auch ein Galaktolipid und verschiedene ungesättigte Fettsäuren identifiziert.
– Zur Wirksamkeit von Hagebuttenpulver
Zum Hagebuttenpulver existieren 5 Studien: 3 Doppelblindstudien bei Arthrosebeschwerden, eine Anwendungsbeobachtung bei akuten Exazerbationen chronischer Rückenschmerzen und eine Doppelblindstudie bei Patienten mit rheumatoider Arthritis.
Kommentar Koradi: Exazerbation = Verschlechterung im Krankheitsverlauf einer chronischen Erkrankung.
Ein 2006 publiziertes systematisches Review analysierte 4 Veröffentlichungen zur Wirksamkeit eines Hagebuttenpulver-Präparates bei Patienten mit Arthrosebeschwerden. Beim Auflisten der Qualitätsmerkmale dieser Studien vermuteten die Autoren, dass es sich bei den 2 Kongressbeiträgen um Subgruppenanalysen der bereits veröffentlichten Originalarbeit handelte. Ein anschließend publiziertes Review schloss sich dieser Vermutung an. Eine Meta-Analyse schloss aber die beiden Subgruppenanalysen (insgesamt 126 Patienten) als separate Studien in die Berechnung ein, sodass die Wirkgröße des Hagebuttenpulver-Präparates überschätzt wurde. Die später veröffentlichte Originalarbeit stützte sich auf 3 Originalarbeiten.
Eine Nachforschung zeigte, dass die von Rein und Mitarbeitern bei einem Kongress im Jahr 2004 präsentierten Daten nach Auskunft eines der Autoren doch eine separate Studie gewesen sein soll. Bei der Ethikkommission wurde aber nur ein Studienprotokoll ohne Amendment (Änderung, M.K.) eingereicht, obwohl die Studienpopulation und die Messinstrumente in den beiden Studien sich unterschieden. Auch sind die Kollegen des zweiten medizinischen Zentrums, das zur Studie beigetragen hatte, im Manuskript nicht erwähnt.
Die Beweislage für die Wirksamkeit des Hagebuttenpulvers Litozin® bei Arthrosebeschwerden ist auf der Grundlage von 2 oder 3 explorativen Studien »mäßig« und muss bei entzündlichem Rheuma bzw. bei Rückenschmerzen wegen der Existenz von nur je einer explorativen Studie als »schlecht« eingestuft werden. Wörtlich schreiben die Autorinnen und der Autor dann: “Dennoch besteht an der Wirksamkeit des Hagebuttenpulvers in Anbetracht der nachgewiesenen antioxidativen und antientzündlichen Wirkung kein Zweifel.”
Einen indirekten Hinweis auf Wirksamkeit sehen sie auch aus dem Vergleich der Responder in den Jahresstudien mit dem Hagebuttenpulver Litozin® und dem wässrigen Teufelskrallenwurzelextrakt Doloteffin® . In diesen Studien wurde dasselbe Studienprotokoll verwendet und das Konsens-Kriterium der amerikanischen Orthopädiegesellschaften OMERACT und OARSI eingesetzt. Dieses Kriterium soll zum Einsatz kommen, damit die Wirkgrößen von Arzneimitteln besser verglichen werden können. Der Prozentsatz an OMERACT-OARSI-Respondern unterschied sich zwischen den Studien nicht, sodass Litozin® Hagebuttenpulver bei Unverträglichkeit von Doloteffin® oder als Ersatz bei der Langzeitbehandlung rheumatischer Beschwerden verwendet werden könnte.
Die Autorinnen und der Autor halten jedoch fest: “Dennoch muss betont werden, dass zunächst dringend die Durchführung konfirmativer Studien erforderlich ist, um die klinische Bedeutung der beobachteten Wirkung einschätzen zu können, auch unter dem Aspekt, ob dem Hagebuttenpulver ein Platz in den von Leitlinien empfohlenen Behandlungsstrategien zusteht.”
(konfirmativ = Bekräftigend, befestigend, M.K.)
– Allgemeine Hinweise zum Hagebuttenpulver
Der Artikel schliesst mit allgemeinen Hinweisen zum Hagebuttenpulver:
Als unerwünschtes Ereignis könne während der Einnahme von Hagebuttenpulver gelegentlich eine Allergie auftreten. Eine allergische Reaktion mit einem generalisierten Hautausschlag und gastrointestinalen Beschwerden habe sich auch nach Trinken eines Hagebuttentees gezeigt.
Die ansonsten aufgetretenen gastrointestinalen Beschwerden seien teilweise durch eine nicht angepasste Flüssigkeitszufuhr bedingt. Bei Reizdarm mit Verstopfung sollen 300-500 ml Flüssigkeit bei Einnahme des Hagebuttenpulvers getrunken werden, weil die Pflanzenfasern in der Flüssigkeit quellen, wodurch das Stuhlvolumen steige und der Darmtransport im Sinne einer abführenden Wirkung angeregt werde. Bei Reizdarm mit Durchfall würden die Pflanzenfasern bei geringer Flüssigkeitszufuhr den flüssigen Darminhalt aufsaugen und linderten dadurch die Beschwerden.
Wie für alle Präparate aus pflanzlichen Fasern gelte auch für die Einnahme von Hagebuttenpulver, dass ein Abstand von 2 Stunden zwischen der Einnahme des Pulvers und der Zufuhr anderer Medikamente eingehalten werden solle, um einer verzögerten Aufnahme von Medikamenten vorzubeugen.
Quelle:
Zeitschrift für Phytotherapie 2009;
30: 227-231
DOI: 10.1055/s-0029-1242924
Sigrun Chrubasik, Cosima Chrubasik, Elena Neumann, Ulf Müller-Ladner;
Zur antientzündlichen Wirksamkeit von Pulver aus der Hagebutte
Kommentar & Ergänzung:
Dass Hagebutten plötzlich eine Bedeutung bekommen in der Behandlung von Rheuma bzw. Arthrose – wer hätte das vor ein paar Jahren gedacht. Erfreulich ist zudem, dass es wissenschaftliche Bestrebungen gibt, um die Wirksamkeit des Hagebuttenpulvers fundiert zu belegen. Allerdings sind die Verkaufsaktivitäten losgaloppiert, bevor auch nur im Ansatz die wichtigsten Fragen geklärt wurden. Auch sind die Hagebutten-Präparate als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen, nicht aber als Heilmittel angemeldet. Eine Wirksamkeit ist daher gegenüber von Heilmittelbehörden nicht dokumentiert worden.
Auch die im Artikel beschriebenen Ungereimtheiten in der Hagebutten-Forschung legen eine vorsichtige Einschätzung der Hagebutten-Wirkung nahe.
Die Autorinnen und der Autor schreiben ja:
“Dennoch besteht an der Wirksamkeit des Hagebuttenpulvers in Anbetracht der nachgewiesenen antioxidativen und antientzündlichen Wirkung kein Zweifel.”
Ich vermute aufgrund der vorliegenden Daten ebenfalls, dass Hagebuttenpulver eine günstige Wirkung hat im Bereich Rheuma bzw. Arthrose. Dass aber kein Zweifel mehr besteht, scheint mir doch etwas stark ausgedrückt. Laborexperimente mit antioxidativen und antientzündlichen Effekten sagen noch wenig über tatsächliche Wirkungen an Rheumapatienten aus.
Das als wichtiger Wirkstoff der Hagebutte herausgehobene Galaktolipid soll übrigens fettliebend (lipophil) sein. Das spricht gegen eine gute Wirksamkeit von Hagebuttentee, weil sich das Galaktolipid im wässrigen Milieu wohl schlecht lösen wird.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
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