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Gestrandet im Suezkanal
Drei Tage Blockade? Diese Schiffe warteten acht Jahre
Die aktuelle Blockade im Suezkanal bedeutet für viele Handelsschiffe kein Weiterkommen – und dies tage-, wenn nicht gar wochenlang. Im Gegensatz zur Wartezeit der sogenannten Gelben Flotte ist das allerdings mehr als annnehmbar.
Bereits seit drei Tagen blockiert das Containerschiff «Ever Given» den Suezkanal – eine der wichtigsten Wasserstrassen der Welt. Der Frachter war am Dienstag auf Grund gelaufen und hatte sich quergestellt, so dass keines der folgenden oder entgegenkommenden Schiffe mehr passieren kann.
Und so heisst es warten: mehr als 200 Schiffe stauen sich bereits auf beiden Seiten und hoffen auf eine baldige Bergung des Containerriesen. Noch ist nicht klar, wie lange dass tatsächlich dauern wird – einige Tage oder gar mehrere Wochen – im Vergleich zur Wartezeit der «Gelben Flotte» wird sie sicherlich überschaubar bleiben.
In den 1960er-Jahren kam es im Suezkanal zu einer Blockade, die die beteiligten 14 Schiffe aus acht Nationen fast acht Jahre in Wartestellung hielt. Der Grund war damals kein havariertes Schiff, sondern der Ausbruch eines Krieges, gefolgt von einer andauernden diplomatischen Krise.
Am 5. Juni 1967 durchquerte ein Konvoi aus 14 Frachtern den Suezkanal Richtung Norden. Damals war es üblich, dass mehrere Schiffe aus verschiedenen Ländern gemeinsam den Kanal in eine Richtung befuhren, um den Verkehr leichter kontrollieren zu können.
Zwischen den Fronten
Doch weiter als bis zum Grossen Bittersee, der breitesten Stelle des Kanals, kamen die Schiffe diesmal nicht. Der Grund: Der Sechstagekrieg zwischen Israel und den arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien war ausgebrochen. Peter Flack war damals Mitglied der Handelsmarine und befand sich auf dem britischen Frachter Agapenor, ebenfalls Teil des Konvois. Im Podcast von «99percentinvisible» berichtet Flack vom Morgen des 5. Juni.
Gerade hatte er seine Schicht angetreten, als sein Kapitän ihm von dem ausgebrochenen Krieg mitteilte. Kurz darauf flogen bereits Kampfjets über die wartenden Schiffe hinweg – israelische Flieger bombardierten Ägypten. Die Crews der Agapenor und der anderen Schiffe befanden sich plötzlich mitten zwischen den Fronten.
Wie Cath Senker, Autorin des Buches «Stranded in the Six-Day War» berichtet, wurden die Schiffe des Konvoi aufgefordert, vor Anker zu gehen und auf weitere Anweisungen zu warten. Zwar dauerte der Krieg nur eine Woche, doch die diplomatische Krise hielt weiter an. Und so befahl Ägypten einen kompletten Stillstand auf dem Kanal.
«Erstens wollten sie nicht, dass Israel Zugang zum Kanal hat», erklärt Senker. Und zweitens konnte ihn so niemand nutzen und «keine feindliche Macht konnte dort hineinkommen». Zur Sicherheit hatte man den Kanal durch die Versenkung alter Schiffe blockiert – und der Konvoi war gefangen.
Ein Fussballplatz an Deck
Drei Monate vergingen, bis zumindest die Crews wieder nach Hause konnten. Zwar wurde der Suezkanal noch nicht wieder geöffnet, doch man hatte einen Kompromiss aushandeln können, dass zumindest die Crewmitglieder von Bord gehen konnten. Da die Reedereien ihre Schiffe aber nicht aufgeben wollten, schickten sie im Halbjahrestakt neue Besatzungen auf die Frachter.
Und so entwickelte sich nicht nur nach und nach ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Crews, im Oktober 1967 gründete man sogar eine Vereinigung mit dem Ziel der Förderung der Freundschaft und der gegenseitigen Hilfe: die Great Bitter Lake Association (GBLA).
Durch die Vereinigung sollte der inoffizielle Handel, der zwischen den Schiffen entstanden war, reguliert werden. Der neu entstandenen, aber noch provisorischen Gemeinschaft wollte man Struktur gegeben. Die Mitgliedschaft in der GBLA beinhaltete unter anderem auch Veranstaltungen, die jede Woche von einem anderen Schiff veranstaltet wurden.
Man tat sich zusammen, und teilte, was man teilen konnte: Mit Rettungsbooten fuhr man Regatten, auf einem Frachter wurde ein Fussballplatz angelegt, ein anderes beheimatete das Fitnessstudio, während wieder ein anderes Schiff zum medizinischen Anlaufpunkt wurde. Sogar die «Great Bitter Lake Olympics» fanden in Anlehnung an die Olympischen Spiele 1968 statt.
Heimreise nach acht Jahren
Als 1974 der Suezkanal endlich wieder aufging, war die Blütezeit der GBLA schon lange vorbei. Es dauerte noch bis 1975, bis die Schiffe ihren Ankerplatz verlassen konnten. Zunächst musste der Kanal wieder geräumt werden: Teile von Brücken, Panzern, Schiffwracks und 750'000 Sprengkörper befanden sich im Wasser.
Acht Jahre nach Beginn der Blockade konnten die Schiffe ihre Heimreise antreten. Allerdings nicht ohne Hilfe: die meisten Frachter mussten geschleppt werden, lediglich die zwei aus West-Deutschland stammenden Schiffe schafften es aus eigener Kraft zurück in den Hamburger Hafen.
Dabei stellte eines der beiden, die «Münsterland», nicht nur einen Rekord für die längste Seeschifffahrt auf, Teile der transportierten Güter, die sich über die gesamten acht Jahre, drei Monate und fünf Tage an Bord befunden hatten, hatten auch noch an Wert gewonnen: Wolle, Stahl, Blei und Erzsand waren plötzlich 1000 Prozent mehr wert.
Von 1967 bis 1975 dienten über 3'000 Männer und eine Frau auf der «Gelben Flotte», die sich ihren Namen übrigens durch den gelben Sand, der von der Wüste auf die Decks wehte, verdiente. Einige Mitglieder der Crews treffen sich noch immer ein Mal pro Jahr, um sich an ihre gemeinsame Zeit im Suezkanal zu erinnern.