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ERICH SCHMID
(Katalogtext zur Bill-Ausstellung im Museum MARTA Herford, 2008)
Max Bill war in seinem Leben politisch nicht ganz harmlos. Immerhin beobachtete ihn der schweizerische Staatsschutz mehr als ein halbes Jahrhundert lang lückenlos. Was einen dabei aufatmen lässt, im nachhinein, ist der Umstand, dass Bill insofern immer auf der richtigen Seite stand, als ihm die Geschichte jedes Mal recht gegeben hat. Er war in ganz jungen Jahren ein militanter Antifaschist der ersten Stunde, er arbeitete schon während des Krieges am künftigen Wiederaufbau, auch am geistigen, er protestierte im kalten Krieg umgehend gegen die atomare Aufrüstung, er war Erstunterzeichner des prominentesten Aufrufs gegen den Vietnamkrieg in der New York Times 1965, und er plädierte schon in den 50er Jahren für eine Umweltgestaltung, die eine taugliche Basis war für den heutigen Umweltschutz. Sein Leben, aber auch sein kreatives Schaffen verstand er immer politisch. Auch wenn er ein Bild male, meinte er, male er es für die Öffentlichkeit und vertraue es der Gesellschaft an. Jede(r) Einzelne stehe in einer gesellschaftlichen Verantwortung.
Doch der Reihe nach: Bills polizeiliche Observierungen begannen im Oktober 1936, nachdem er den in Nazideutschland verfolgten und in der Schweiz untergetauchten Journalisten Alfred Thomas bei sich zu Hause versteckt hatte. Thomas hatte für eine antifaschistische Nachrichtenagentur gearbeitet und hatte sein Beziehungsnetz im Umfeld des Schauspielhauses Zürich, das ein Zufluchtsort war für zahlreiche prominente Flüchtlinge wie Therese Giese, Leopold Lindtberg, Teo Otto, Kurt Hirschfeld und Karl Paryla. Alfred Thomas wurde aufgrund eines anonymen Schreibens an die Stadtpolizei Zürich, das ihn als illegalen Emigranten denunzierte, verhaftet, und zwar in der Wohnung des Schauspieler-Ehepaars Paryla. Bei den Einvernahmen verweigerte Thomas jede Aussage. Doch dann drohte die Polizei den Parylas mit der Ausweisung aus der Schweiz, falls sie nicht bekannt geben würden, bei wem und wo Alfred Thomas wohne. Auf diese Weise erfuhren die Behörden, dass Thomas bereits mehr als ein halbes Jahr im Gästezimmer des damaligen Wohn- und Atelierhauses von Max Bill in Zürich-Höngg Unterschlupf gefunden hatte. Alfred Thomas wurde mit Beschluss der Landesregierung im Mai 1936 ausgeschafft. Sein Schicksal blieb unbekannt, und Max Bill erhielt eine, wie es in den Akten heisst, "gesalzene Busse", da er ein notorischer Wiederholungstäter war und schon öfter Verfolgte aus dem nationalsozialistischen Deutschland und dem faschistischen Italien bei sich beherbergt hatte, ohne sie ordentlich bei der Einwohnerkontrolle zu melden. (Hätte er sie angemeldet, wären sie ebenfalls ausgeschafft worden).
Es wohnten zwei Jahre zuvor bei ihm und seiner Frau Binia schon die Künstler Friedrich Vordemberge-Gildewart mit seiner jüdischen Frau Leda, der ehemalige Bauhausschüler und Architekt Roman Clemens und Max Ernst, während er 1934 im Corso-Theater in Zürich jenes berühmte Wandbild malte, das später abgetragen und ins Kunsthaus Zürich disloziert wurde.
Im Sommer 1934 fuhr Bill mit Max Ernst nach Comologno ins Tessin, wo der jüdische Rechtsanwalt Wladimir Rosenbaum aus Zürich eine stattliche Villa besass. Rosenbaum hatte die Herausgabe der von Bill gestalteten und vom italienischen Exil-Schriftsteller Ignazio Silone redigierten Kampfschrift "Information" finanziert. In der Villa mit dem Namen "La Barca" planten Max Bill und Max Ernst gemeinsam ein politisches Attentat auf den nationalsozialistischen Religionswissenschaftler Wolfgang Hauer (1881-1962), der in Ascona an einer Tagung im Umfeld des Psychiaters C. G. Jung teilgenommen hatte. Die beiden planten in Allegorie auf die Bibel, über die Kleider des Opfers Pech auszugiessen und es anschliessend mit Federn zu bestreuen. Gleichzeitig sollte die Aktion fotografiert und in der New York Times publiziert werden, doch das Attentat fand nicht statt.
Über seine antifaschistischen Aktivitäten im Untergrund, an denen sich auch andere namhafte Schweizer Künstler beteiligten, hat Max Bill kaum je gesprochen, öffentlich schon gar nicht. Bill leistete jedoch im geistigen Widerstand der 30er Jahre in der Schweiz einen beträchtlichen typografischen Beitrag. Er gestaltete vor allem für den Verlag von Emil Oprecht in Zürich, der die Literatur der meisten Exil-Schriftsteller publizierte, Kataloge und Bücher. Bei Büchern, die über die Konzentrationslager informierten und nach Nazideutschland geschmuggelt wurden, verwendete Bill für die Umschläge alte runenähnliche Schrifttypen, damit sie nach aussen nicht auffielen. Auch die Typografie der damals berühmtesten Schweizer Wochenzeitung, "Die Nation" , stammte ebenso von Bill wie Plakate und Flugblätter von Hilfsaktionen für die Opfer aus dem spanischen Bürgerkrieg.
So war es bloss konsequent, dass Max Bill sich nach dem 2. Weltkrieg dem Wiederaufbau in Deutschland widmete. Die Amerikaner hatten ihn im Rahmen des Marshallplans mit einer Studie über die Zustände an deutschen Hochschulen beauftragt. Daraus ergaben sich Kontakte zur Familie der in München ermordeten Geschwister Hans und Sophie Scholl. Diese stammte aus Ulm, wo die Schwester Inge Scholl zusammen mit Otl Aicher kurz nach Kriegsende eine Volkshochschule betrieb. Max Bill erbaute mit den kargen Mitteln, die zur Verfügung standen, die legendäre Hochschule für Gestaltung (hfg-ulm), die heute unter Denkmalschutz steht. In Ulm wollte er als Rektor die Bauhaus-Ideen, wo er 1927-29 studiert hatte, fortführen, wie wenn das Bauhaus nie von den Nazis geschlossen worden wäre. Doch das Hochschul-Experiment, für welches Walter Gropius Pate gestanden hatte, lebte nur 13 Jahre. Im Jahr 1968 wurde die HfG-Ulm vom baden-würtembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger geschlossen - mit den Worten: "Für den Aufbau von etwas Neuem, bedarf es der Liquidierung des Alten". Diese Äusserung rief Erinnerungen an düstere Zeiten wach, umso mehr als Filbinger selbst ein ehemaliger Nazirichter war. Zwar hat der heutige Ministerpräsident, Günther Oettinger, erst unlängst versucht, Filbinger als "NS-Gegner" darzustellen, doch dies scheiterte am öffentlichen Protest, der weit über die deutschen Grenzen hinaus zur Kenntnis genommen worden war.
Max Bill seinerseits hat Filbinger für die Schliessung der hfg-ulm nie verantwortlich gemacht. Er war selber allzu stark in die Widersprüche des Experiments verstrickt und sah die Ursachen des Niedergangs vielmehr in der Unfähigkeit des Rektoratskollegiums, das ihn nach seinem Weggang im Jahr 1957 abgelöst hatte. Denn das neue Schuldirektorium hatte sich exakt von jenen Bauhaus-Ideen distanziert, die Bill sowohl in politischer wie auch in kreativer Hinsicht fürs Leben geprägt hatten. Am Bauhaus in Dessau hatte er die politischen Gegensätze zwischen Links und Rechts, zwischen Fortschritt und Konservativismus, in aller Schärfe erlebt; und niemals wollte er aufgeben, was das Bauhaus ihm als ganz jungen Menschen auf den Lebensweg mitgegeben hatte: "Wer etwas für die Öffentlichkeit gestaltet, muss dafür gegenüber der Gesellschaft Verantwortung übernehmen".
Diesen Grundsatz konnte jedoch die neue Generation bei der Produktegestaltung, auf der das Schwergewicht der hfg-ulm lag, immer weniger aufrecht erhalten. Denn die Zeiten änderten sich und mit ihnen die allgemeine Nachfrage. Konkret war in der aufkommenden Konsumgesellschaft immer weniger die Verantwortung für den Inhalt der gestalterischen Aufgabe gefragt als vielmehr die Tauglichkeit, das gestaltete Produkt vermarkten zu können. Oder einfacher gesagt: Die Verpackung wurde zunehmend wichtiger als der Inhalt.
Es ist vielleicht sein grösstes Verdienst, dass Bill sich diesem Diktat niemals unterworfen hat, auf keinem seiner Gebiete, weder in der bildenden Kunst, noch in seiner Lehrtätigkeit als Professor für Umweltgestaltung, noch in der Architektur (wo er konsequenterweise oft brotlos blieb), und auch nicht in den vielen anderen gestalterischen Aufgaben, die er wahrgenommen hatte. Einzig in real-politischer Hinsicht war er kompromissfähig.
Die Erfahrungen in Ulm waren es, die Bill bewogen, selber in die Niederungen der alltäglichen Politik zu steigen, zuerst während mehrerer Legislaturperioden im Stadtparlament von Zürich, dann von 1967 bis 1971 im schweizerischen Nationalrat in Bern. Als zivilcouragierter Politiker kritisierte er in den USA den Vietnamkrieg schon in einer Zeit, als die europäische Öffentlichkeit für das Thema noch kaum sensibilisiert war. Gleichzeitig engagierte er sich in der Anti-Atomkraft-Bewegung und beim Umweltschutz, wobei er damals noch von Umweltgestaltung sprach.
Die 68er-Bewegung in der Schweiz hatte Bill, in Unkenntnis seiner politischen Vergangenheit, missverstanden. Denn er hatte sich im Jahr der internationalen Jugendrevolten die Freiheit genommen, in einer Dankesrede zum Kulturpreis der Stadt Zürich vom "Behagen im Kleinstaat" zu sprechen, während draussen die Strasse nahe am Siedepunkt war. Doch Bill blieb radikal genug, um als Nonkonformist nicht nur mit seiner Kunst, sondern auch in politischer Hinsicht zu provozieren und zu polarisieren.
Bill lebte im und vom Widerspruch, und oft war er selbst einer. Er liess sich 1936 einladen, den Schweizer Pavillon der Triennale in Milano zu gestalten - und nahm dabei die Gelegenheit wahr, darin die verbotenen Bücher von Ignazio Silone im faschistischen Italien auszustellen. In den 70er Jahren folgte er trotz bedenklicher Menschenrechtslage einer Einladung von Schah Reza Pahlevi und Farah Diba in den Iran - und hoffte dort mit einer seiner Skulpturen einen Beitrag zum Aufbau einer Kunstsammlung des Museums of Contemporary Art zu leisten, die in der Tat auch im heutigen Mullah-Regime immer noch beachtlich ist. Bill war durch und durch rational, also alles andere als religiös, und dennoch musste er beseelt gewesen sein von einem unerschütterlichen Zukunftsglauben. Als die Achsenmächte die Schweiz eingekesselt hatten, und es rundherum bedrohlich war, exponierte er sich im Glauben an das Ephemere des Schreckens. Er war sich immer bewusst, dass es nicht nur das entsetzliche Deutschland gab, sondern auch ein anderes, das allerdings grossenteils emigrieren musste. So war es kein Zufall, dass Bill sich mit diesen Emigranten und ihrem Geist auseinander setzte und ihnen mit Liebe ein Denkmal schuf: als Einsteins Geburtshaus in Ulm in Trümmern lag und die Aufräumenden die Türschwelle auf die Halde kippen wollten, lud er sie in den Wagen und fuhr damit in die Schweiz, wo er die Erinnerung aus Granit in seinen Garten legte. An der Stelle, wo er die Schwelle entnahm, steht heute eine Bill-Skulptur, das Monument aus rotem Granit für Albert Einstein.
Für den Philosophen Ernst Bloch, ein deutscher Flüchtling derselben Stunde, baute Bill in Ludwigshafen eine endlose Treppe, ebenfalls aus Granit, und für die Vorgänger Karl Marx und Georg Büchner entstanden wunderbare Modelle, die mangels Auftrag leider nicht zur Ausführung kamen. Eine seiner eindrücklichsten Archi-Skulpturen war schliesslich das Denkmal für den unbekannten politischen Gefangenen aus dem Jahr 1952. Es hätte begehbar sein sollen, von drei Seiten durch treppenartige offene Kuben, die auf einen kleinen Innenhof führten, wo in der Mitte eine schmale dreikantige Säule aus spiegelndem Material stand, in der sich jede Besucherin und jeder Besucher selber einmal erblickt hätte, als könnte auch sie oder er einmal in jene Situation geraten, für welche das Objekt stand; es geht also um einen Unbekannten, und man sieht sich selbst - welche Poesie! Obschon als Wettbewerbsarbeit in England "honourable mentioned", blieb es (bis heute) ein Modell.
Erich Schmid, Autor des Films "bill – das absolute augenmass", 2008
Quellen: Buchmanuskript von Angela Thomas zur Biografie von Max Bill, 2008
Zumikon, 21. November 2007
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