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„Nur noch ein wenig weiter“, sagte Ganga Saud (nicht zum ersten Mal), als der Wagen über eine Reihe besonders grosser Schlaglöcher auf einer sich immer höher schraubenden Strasse holperte. Mein Kollege Rukmini Adhikari und ich schauten uns ängstlich an – nicht wegen der Strasse an sich, sondern weil wir uns in die entgegengesetzte Richtung als ursprünglich vorgesehen bewegten, und jeder Tropfen Kraftstoff ist in Kathmandu derzeit kostbar. Die politische Situation, die zur Sperrung der indischen Grenze führte, hat Millionen Menschen in Nepal in Not gebracht: unmöglich vollgepackte Busse, Stromabschaltungen (aufgrund eines erhöhten Stromverbrauchs für Kochen und Heizung), Knappheit bei der Grundversorgung, die Rückkehr zu Brennholz zum Kochen und Einkommensverluste bei vielen unsicheren Jobs.
Im Prinzip waren wir auf dem Rückweg zu unserer Niederlassung in Kathmandu, nachdem wir einen Hersteller von handgefertigtem Lokta-Papier besucht hatten, der die Fair-Trade-Sparte von Helvetas beliefert. Lokta (so der nepalesische Name), zu Deutsch Seidelbast, ist ein Busch, der in Wäldern in grosser Höhe wächst – im Frühjahr werden Wanderer ihn an seinen kleinen rosaweissen Blüten erkennen, die die Luft mit ihrem besonderen Duft erfüllen. Wird es richtig gemacht, kann die faserige Rinde nachhaltig geerntet werden; die Stränge werden eingeweicht und erhitzt, in Zellstoff verwandelt und auf einem Gazenetz ausgebreitet. Dies wird dann in der Sonne getrocknet, um Papier daraus zu machen. In der Fabrik von Nepali Paper Products (P) Ltd. werden die rohen Bögen gefärbt, bedruckt und in attraktive Bücher, Schachteln, Dekoration und Einpackpapier verwandelt.
Die 45-jährige Ganga ist eine der Fabrikarbeiterinnen, mit denen wir ausführlicher sprachen. Als sie uns sagte, dass sie nach Schichtende um 15 Uhr zu spät nach Hause kommen würde, boten wir ihr an, sie nach Hause zu bringen. Die meisten Arbeiter wohnen in Gehdistanz von der Fabrik, doch Ganga sagte, sie müsse den Bus nehmen. Mit ihren 22 Jahren Arbeitserfahrung ist Ganga mit am längsten in der Fabrik beschäftigt, und sie mag ihre Arbeit. Diese hat sich im Laufe der Jahre wenig verändert – tagaus, tagein färbt sie das Papier in verschiedenen Farben und bringt die Bögen zum Trocknen ins Freie (in die Sonne oder unter eine Abdeckung, je nach Wetterlage). So konnte sie ihre zwei Söhne allein aufziehen und ausbilden – ihr Mann hatte sie verlassen, als diese noch klein waren. Inzwischen sind sie erwachsene Männer, die beide eine Ausbildung haben, während sie selbst keine hat. Ganga arbeitet jeden Tag ausser am Sonntag. Sie verlässt ihr Zuhause um 6 Uhr, ihre Schicht beginnt um 8 Uhr. Die Heimfahrt am Abend dauert länger, daher ist sie erst um 18 Uhr zuhause, nachdem sie die Fabrik um 15 Uhr verlassen und zwei verschiedene Busse genommen hat. Dennoch begriffen wir erst, wie beschwerlich ihr Weg ist, als wir es selbst erlebten, wenn auch mit dem Komfort eines guten Wagens statt in zwei vollgepackten Bussen inklusive Wartezeit beim Umsteigen.
Die 35-jährige Gita Tamang arbeitete lediglich sieben Jahre in der Fabrik, doch sie sprach ebenfalls von der Bedeutung einer regelmässigen bezahlten Arbeit. Wie Ganga ist Gita Analphabetin. Zuerst arbeitete sie in der Papierfärberei, doch nun sitzt sie innen an einem Tisch mit anderen Frauen und faltet und schneidet Papier für kleine Geschenkschachteln. Langweilige Arbeit? Sie lachte. „Es ist viel besser, als schwere Lasten zu tragen, wie ich es sonst im Dorf tat.“ Dank ihres Lohns können ihre zwei Kinder – ein Mädchen und ein Junge – zur Schule gehen. Das Einkommen ihres Ehemanns aus dem Verkauf von Steinstatuen an Touristen war nicht zuverlässig genug.
Gedanken an das Erdbeben im Frühling 2015 sind natürlich nicht fern. Die Fabrik und das Nebengebäude sind solide aus Stahlbeton gebaut und wurden nicht beschädigt. Gitas Zuhause erlitt nur leichte Schäden, aber Ganga hat ihr Haus verloren und lebt jetzt in einem provisorischen Wellblechbau. Ihr ältester Sohn ist nach Saudi-Arabien gegangen, um dort Geld zu verdienen für den Wiederaufbau des Hauses. Seine Frau und zwei kleine Kinder liess er zurück, sie wohnen jetzt bei Ganga. Gitas Ehemann ist ebenfalls in Saudi-Arabien; er ist schon vor dem Erdbeben gegangen.
Nach dem Besuch der Fabrik war ich überzeugt, dass fairer Handel den Menschen eine ordentliche Beschäftigung ermöglicht – hier waren mehr als 90 Prozent von ihnen Frauen – und ihr Leben durch diese Möglichkeit tatsächlich besser wird. Kleine Details wie zum Beispiel Sonnenhüte für Aussenarbeiter, saubere Übermäntel, Hintergrundmusik und gute Beleuchtung im Innenbereich trugen dazu bei, diesen Eindruck zu festigen.
Allgemeiner betrachtet ist jedoch das Ausmass der Arbeitsmigration schlicht unglaublich. Einem aktuellen Bericht zufolge steigen die Zahlen jedes Jahr, und es heisst, dass jeden Tag mehr als 1500 Menschen (die grosse Mehrzahl von ihnen Männer) fortgehen – hauptsächlich in die Golfstaaten oder nach Malaysia.
So bleiben viele Frauen zurück und müssen ihre Kinder allein aufziehen – die Verluste durch das Erdbeben haben diesen Trend nur verstärkt. Gita sagte zum Abschied: „Sagen Sie den Schweizern, dass sie viele unserer Produkte kaufen sollen, damit unsere Jobs sicher bleiben und wir weiterhin bezahlt werden. Nepal benötigt viel, viel mehr Möglichkeiten für eine ordentliche und regelmässige Beschäftigung, um das Leben besser zu machen.“