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Wenn ich Lehrende frage, ob sie sich je einen Überblick über die Geschichte der Pädagogik verschafft hätten, wird mir oftmals mit Kopfschütteln geantwortet. Nicht Scham spricht aus den Augen des Gegenübers, sondern vielmehr Gleichgültigkeit. Weshalb sollte die Vergangenheit relevant für das Handeln von heute sein? Wie sollte beispielsweise die Pansophie eines Comenius für den Unterricht in einer 28-köpfigen Klasse mit vielen fremdsprachigen Kindern hilfreich sein? (Übrigens: Comenius schrieb in der Zeit während und nach des Dreissigjährigen Krieges und beschäftigte sich z. B. intensiv mit der Frage, wie dem Mangel an Lehrkräften begegnet werden konnte. Er entwickelte Ideen, wie Schüler andere Schüler lehren konnten.) Wir wechseln das Fachgebiet. Es geht um die Wissenschaftsgeschichte. Ein typisches wissenschaftliches Lehrbuch setzt sich mit Entdeckungen und Forschungsergebnissen auseinander. Diese jedoch mit den dahinter liegenden philosophischen und religiösen Grundannahmen und Motiven zu verknüpfen, liegt ausserhalb des Blickfelds eines solchen Lehrbuches (xi).
Das Ziel dieses Werkes, geschrieben von der bekannten Wissenschaftsjournalistin Nancy Pearcey und dem promovierten Chemiker und dem auf Wissenschaftsgeschichte spezialisierten Forscher Charles Thaxton liegt darin, den Fokus auf diese kaum beachteten Zusammenhänge zu richten. Ihre These: Der christliche Glaube war die dominante intellektuelle Kraft in den meisten Bereichen der westlichen Kultur. Vor und nach dem Aufstieg des philosophischen Materialismus war das Christentum der eigentliche Antrieb für die rasante Entwicklung der Wissenschaften. Für einen Christen und für jeden an Ideengeschichte Interessierten kann ein solches Buch als Augenöffner für das reiche intellektuelle Erbe dienen. „Die heutige Wissenschaft lebt immer noch vom angehäuften Kapitel der Jahrhunderte christlichen Glaubens.“ (42)
Entgegen dem heute verbreiteten Bild, dass sich Religion und Wissenschaft feindlich gegenüberstehen, kann die Beziehung zwischen Glaube und Wissenschaft in den Jahren 1500 – 1800 als innige Allianz beschrieben werden (19). Inwiefern unterstützte die christliche Weltsicht die Entwicklung der Forschung? Die Autoren nennen im ersten Kapitel folgende Argumente (21-34):
- Die Bibel lehrt, dass die Natur real ist und damit als mögliches Objekt für wissenschaftliche und philosophische Studien in Frage kommt.
- Gott hat die Schöpfung gut geschaffen. Sie ist es wert untersucht zu werden.
- Die Natur darf nicht mit Gott selbst verwechselt werden. Sie ist geschaffen und kann darum untersucht werden.
- Die Erde ist ein Ort, in der sich Ereignisse in einem zuverlässigen, vorhersehbaren Rahmen abspielen.
- Die Ordnung des Universums kann in Naturgesetzen ausgedrückt werden.
- Diese Gesetze können in präzisen mathematischen Formeln beschrieben werden.
- Menschen sind in die Lage versetzt, die Ordnungen des Universums zu entdecken.
- Damit verbunden ist die Grundannahme, dass die Ordnung durch den menschlichen Intellekt erfasst werden kann.
- Weil die Schöpfung ein Abbild der Logik des Schöpfers darstellt, können wir manche Reaktionen gleichwohl nicht voraussehen.
Im zweiten Kapitel wird ein Blick auf die aktuellen wissenschaftsphilosophischen Ansätze geworfen. Der positivistische Ansatz stellt das Mittelalter und auch die beginnende Neuzeit als dunkle, wissenschaftsfeindliche Epoche dar, angefüllt mit Alchemie, Astrologie und Magie. Erst die Aufklärung habe die grosse Wende herbeigeführt und die Wissenschaft auf die Strasse des Fortschritts gebracht. Was dabei vergessen ging, ist die Tatsache, dass diese Historiker der Aufklärung gleichzeitig eifrig die Weltsicht des Säkularismus verbreiten wollten. Demnach gleicht die positivistische Interpretation der Wissenschaftsgeschichte einer Schilderung aus Sicht des Siegers. Trotz der Einseitigkeit ist es dieser Schule gelungen, das Bild der Menschen in der westlichen Welt nachhaltig zu prägen (49). Der idealistische Ansatz weist die positivistische Sicht als verzerrt zurück. Er betont, dass der Historiker zugleich sein Objekt der Untersuchung verstehen, also den Kontext in seinen Forschungen berücksichtigen muss. Jeder Fortschritt müsse darum im Licht dieses Kontextes bewertet werden. Diese Sicht führte zu einer Rehabilitation des Mittelalters. Die seit den 1950-er Jahren aufgekommene Disziplin der Wissenschaftsgeschichte weiss sich mehrheitlich dem idealistischen Ansatz verpflichtet. Dadurch gewann aber eine andere Gefahr an Bedeutung: Es ist das eine, auf die alten Quellen der mittelalterlichen Gelehrten Bezug zu nehmen und ein anderes, alles aus ihnen erklären zu wollen (55). Der Disziplinen-übergreifende soziale Konstruktivismus lässt alles standpunktgebunden erscheinen. Ironischerweise lebt jedoch die gegenwärtige Forschung zu einem grossen Teil von „naiven Realisten“, die sich auf erkennbare, zuverlässige Fakten abstützen und gerade aufgrund dieser Annahme zu neuen Erkenntnissen gelangen.
Im zweiten Teil (Kapitel 3-5) setzen sich die Autoren mit der ersten wissenschaftlichen Revolution auseinander. „Jede philosophische Tradition inspirierte eine spezifische Art von Forschung und wandte einen interpretierenden Rahmen an, um die Resultate zu verstehen.“ (75) Im Bewusstsein, mit breiten Strichen zu zeichnen, werden drei Strömungen ausführlich behandelt. Im Einzelfall kann nicht jeder Denker einer einzigen Schule zugeordnet werden. Die Autoren unterscheiden drei Hauptkategorien:
- Die Aristotelische Strömung: Aristoteles analysierte alle Veränderungsprozesse in Kategorien, die dem Wachstum und der Entwicklung von lebenden Organismen entlehnt waren (Biologie). Das christliche Erbe interpretierte diese Formen jedoch als Produkte des göttlichen Willens.
- Die Neoplatonische Strömung: Die bevorzugte Metapher war die des göttlichen Kunsthandwerkers (artisan). Die Betonung lag eher auf der schöpferischen Kraft der geistigen Kräfte. Christen sahen Ideen nicht losgelöst, sondern zuerst in Gottes Geist vorhanden und von ihm ausgehend.
- Die Mechanistische Strömung: Während die Aristotelische Richtung Gott als grossen Logiker sah, betrachteten ihn die Neo-Platonisten als grossen Magier, die mechanistischen Philosophen als den ersten mechanistischen Ingenieur.
Den Annahmen liegt die Frage zugrunde: In welcher Beziehung steht Gott zur Welt? Jede einzelne Strömung legte die Betonung etwas anders: Die mechanistische Tradition legte Wert auf Gottes Transzendenz, die mechanistisch orientierte verliess sich auf ausserordentliche Ereignisse wie Wunder als Zeichen von Gottes Gegenwart; Neo-Platoniker neigten eher dazu, Gottes Immanenz herauszustreichen (80). Sehr instruktiv sind die Beispiele zu lesen. So wusste ich beispielsweise nicht, dass Kopernikus‘ neue Einsichten nicht auf seine Beobachtungen, sondern auf seine Verpflichtung gegenüber dem Neo-Platonismus zurückzuführen sind (64). Ebenso sah ich Newton in neuem Licht: Seine Sicht war teilweise von der mechanistischen Sicht inspiriert; er kombinierte diese jedoch mit neo-platonistischen Ideen (73). René Descartes entwickelte die erste mechanistische Philosophie, Thomas Hobbes gab ihr eine komplett materialistische Interpretation (86-87). In der Biologie bestimmte die christliche Sicht der Schöpfung jahrhundertelang die Bemühungen der Forschung (101). Erst de Buffon (1707-1788) führte eine neue Sicht der Naturgeschichte – dynamisch, kausal, nicht-teleologisch und historisch – ein (108). Darwin übernahm vom Aristotelianismus die Idee der Anpassung und versah sie mit einer alternativen Erklärung: Es gibt keine spezifische Absicht, dies scheint durch den Mechanismus der natürlichen Selektion nur so (115). Er führte damit einen positivistischen Ansatz des Erkenntnisgewinns in die Wissenschaft ein.
Im dritten Teil (Kapitel 6-8) wird der Aufstieg und Fall der Mathematik beschrieben. Während Jahrhunderten war die Mathematik der Schlüssel zur Wahrheit des Universums bzw. Struktur der geschaffenen Welt (123). Die Disziplin stand in einer pythagoräisch-platonischen Tradition. Dies verband sich mit der Einsicht, dass Gott die Welt in einer konsistenten und vorhersehbaren Struktur geschaffen hatte. Sobald die Mathematik sich jedoch vom Glauben an die göttliche Schöpfung verabschiedete, blühte sie zwar erst noch weiter und begann dann aber zu welken (130). Die Suche nach Sicherheit innerhalb der Mathematik widerspiegelte die Säkularisierung des religiösen Konzepts von Wahrheit (134). Zwischen der Welt und der Wahrnehmung der Welt tat sich eine grosse Kluft auf. Kant und Hume waren wegweisend für diesen neuen Leitsatz der Epistemologie. Solange die Mathematiker davon überzeugt waren, dass Gott der Begründer der Strukturen darstellte und diese zu entdecken waren, wurden sie auch durch logische Lücken in ihrer Arbeit nicht verunsichert (145). Nachdem Mathematik den Status eines Götzen eingenommen hatte, wurde sie im 19. Jahrhundert definitiv entthront.
Während der dritte Teil über die Geschichte der Mathematik inhaltlich der spannendste war, war der vierte Teil der anspruchsvollste zum Lesen. Die Autoren schildern beispielhaft die zweite Revolution in der Wissenschaft und vor allem in der Wissenschaftsphilosophie. Die Vorannahmen wurden nochmals gründlich verändert. Durch Einstein wurden Raum und Zeit relative Grössen (166). Es gibt keinen absoluten Bezugsrahmen mehr, auf den ein Modell ruhen kann. Die Zeit selbst wurde relativ zum Bezugsrahmen (174). Einstein wurde aber zum Rationalisten, inhaltlich gehörte er letztlich der mathematischen Schule der Logiker an. Der Aufstieg der neuen Physik beeinflusste die drei Bereiche der Philosophie – Epistemologie, Metaphysik und Ethik – nachhaltig (209).
Fazit und Bewertung: Die ersten 100 Seiten legen, wie man aus dieser Besprechung sehen kann, die entscheidenden Grundlagen. Vor allem das Nachverfolgen des Aufstiegs und Falls der Mathematik war eindrücklich zum Verfolgen. Für den letzten Teil fehlten mir genügend Fachkenntnisse, um ganz folgen zu können. Sehr klar waren für mich jedoch die Schlussfolgerungen, die gezogen wurden. Ich empfehle das Buch dringend allen Studenten nicht nur der Naturwissenschaften, sondern auch der Geisteswissenschaften. Gerade letztere sind sich ihrer philosophischen Grundannahmen viel zu wenig bewusst.