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Literatur
Mailand sehen und sterben
"Wo ist jemand, der uns trösten könnte, einen nach dem anderen?" fragt Anna Maria Carpi am Ende ihres Gedichtes "Das ist ein Viertel", das sich auch am Ende dieser literarischen Einladung nach Mailand befindet, wozu diese Anthologie verschiedenster italienischer Autorinnen und Autoren lädt. Die Genres sind breit gestreut, es handelt sich sowohl um Lyrik als auch um Prosa, manches mal auch einfach nur um Ausschnitte aus einem Roman eines Autoren oder eine Anekdote einer Autorin. Was sie alle vereint ist Mailand, die einzigartige Metropole Italiens, die zugleich eine moderne Großstadt mit dem berühmten Teatro alla Scala, dem Dom, der Mode, dem Möbel-Design, Museen, Verlagen, Campari & Aperol ist, darüber hinaus aber auch ein lebendiger literarischer Topos, den der Herausgeber Henning Klüver hier zu einem vielteiligen Kaleidoskop komponiert hat.
Mailand aus verschiedenen Winkeln
Autoren und Autorinnen wie Carlo Emilio Gadda, Anna Maria Ortese, Giovanni Testori, Dino Buzzati, Umberto Eco, Dario Fo, Aldo Nove, Carlo Feltrinelli, Alda Merini, Andrea De Carlo, Giorgio Fontana, Marco Balzano, Laura Pariani, Paolo Cognetti und Marco Missiroli beschreiben ihr Mailand, das in vorliegenden Geschichten nicht nur durch eine "Bank in der Kirche, eine Loge in der Scala, ein Grab auf dem Monumentale" verkörpert wird, sondern auch durch die großen Straßen und enormen Palazzi, die Oper, Theater, Museen, die Kunstakademie, die wichtigsten Buch- und Zeitungsverlage, elegante Bars, Galerien und Modehäuser charakterisiert werden kann. Mailand ist aber auch die Finanzmetropole Italiens, Schauplatz politischer Ranküne und Ort für ehrgeizige Emporkömmlinge, wie der Herausgeber weiß oder wie es Laura Pariani in ihrer Geschichte ausdrückt: Mailand ist ein dunkler Wald.
Mailand einmal anders
Im "Allegro" ihres Beitrages beschreibt sie das Viertel um den Milano Centrale, den Hauptbahnhof, der in der Umgangssprache "Berber City" genannt wird und selbst die Clochards haben dort Angst vor Dieben. "On còrp san 'l pissa come on cane" heißt es hier in Abwandlung des berühmten Spruchs vom gesunden Geist in einem gesunden Körper: Ein gesunder Körper pisst wie ein Hund. Die Gliederung des Herausgebers in "Auftakt", 1943-1960, 1960-1980, 1980 bis 2000 und "im neuen Jahrhundert" mag willkürlich erscheinen, aber sie zeigen allzu deutlich den Wandel nicht nur in den "Ansichten einer Stadt", sondern auch von deren Darstellungen: "Mailand, herrlich unter den Städten, wie die Rose oder die Lilie unter den Blumen, die Zeder im Libanon, der Löwe unter den Vierbeinern und der Adler unter den Vögeln", schreibt Bonvesin de la Riva über das Milano des Jahres 1288 (!). Und wer es immer noch nicht glaubt: Mailand hat auch eine Menge Kanäle, siehe das Naviglio-Viertel. Ein herrliches Potpourri einer herrlichen Stadt. So haben Sie Mailand noch nie gesehen!