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«Fädlikinder» in der Fabrik
Ein anschauliches Buch beschreibt die Entwicklung der Kinderarbeit in Schweizer Spinnereien des 19. Jahrhunderts bis zu ihrem Verbot.
Text: Annegret Honegger
Aufstehen bei Sonnenaufgang, Frühstück, Arbeit in der Fabrik, Schule, Mittagessen, Schule, Fabrikarbeit bis Sonnenuntergang – so sah der Alltag von Kindern in Textilfabriken im 19. Jahrhundert aus. Bernadette Zemp hat die Geschichte dieser «Fädlikinder» aufgeschrieben, die während der Industrialisierung in Spinnereien beliebte Arbeitskräfte waren.
Kinderarbeit verbreitete sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts rasch. 1801 nahm die erste mechanische Grossspinnerei der Schweiz in Hard bei Winterthur ihre Tätigkeit auf. In den Spinnereien erledigten nun Maschinen die schwere Arbeit und die Menschen erhielten die Aufgabe, diese zu bedienen.
Fädlikinder, auch Fädlilängerkinder oder Knüpfkinder genannt, hatten in den Spinnereien gerissene Fäden wieder einzufädeln und die Walzen von Baumwollfetzen zu befreien. Weil sie klein und flink waren und feine Hände hatten, waren sie als einzige dazu im Stande. Bereits Sechsjährige arbeiteten unter meist miserablen Bedingungen.
Wichtiger Beitrag zum Familieneinkommen
Da die tiefen Löhne der Erwachsenen nicht ausreichten, um eine Familie zu versorgen, leisteten die Fabrikkinder einen wichtigen Beitrag zum Familieneinkommen. Dass sie dabei ihre Gesundheit riskierten, Schläge einstecken mussten und kaum Zeit für Schule und Hausaufgaben blieb, wurde in Kauf genommen – selbst wenn die Eltern für das Fernbleiben ihrer Kinder von der Schule mit Geld- oder sogar Gefängnisstrafen belegt wurden.
1824 waren im Kanton Aargau 433 Kinder in Fabriken beschäftigt. Wie die Erwachsenen arbeiteten sie bis zu 15 Stunden täglich. Viele hatten offene Beine vom langen Stehen. Verwachsungen an Armen und Beinen waren häufig. Und die Augen litten unter den schlecht belichteten und belüfteten Fabriksälen. Krankheiten wie Lungentuberkulose, Bleichsucht, Blutarmut und Magenleiden grassierten. Fabriklerkinder waren durch die Mangelernährung und die hohe Arbeitslast oft weniger weit entwickelt als ihre Altersgenossen.
Forderungen nach Abschaffung der Kinderarbeit blieben lange ungehört. Erst 1877 verbot das eidgenössische Fabrikgesetz Kinderarbeit für unter 14-Jährige. Erstmals wurden Richtlinien zum Schutz von jungen und erwachsenen Arbeiterinnen und Arbeitern festgelegt. Die normale Arbeitszeit sollte nicht mehr als 12 Stunden betragen, am Samstag zehn Stunden. Ausserdem hafteten die Unternehmer für körperliche Schädigungen, Unfälle und Gewerbekrankheiten.
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde die Kinderarbeit weiter eingeschränkt und schliesslich ganz verboten. Weltweit wird geschätzt, dass 160 Millionen Mädchen und Jungen heute Kinderarbeit leisten und damit ihrer elementarsten Rechte und Chancen beraubt werden.
Wie damals «Anneli» im Buch von Olga Meyer
Bernadette Zemp hat sich eines Themas angenommen, das in den Geschichtsbüchern kaum erwähnt wird. Mit ihrem Buch möchte sie Kindern eine Stimme verleihen, die damals keine hatten. Die Leserinnen und Leser werden von Anneli begleitet, der Hauptperson aus dem Buch «Anneli kämpft um Sonne und Freiheit» von Olga Meyer aus dem Jahr 1927. Es beruht auf der Geschichte von Olga Meyers Mutter, die um 1870 im Zürcher Tösstal in einer Spinnerei arbeiten und ihre Familie finanziell unterstützen musste. Passagen daraus beschreiben Annelis Erfahrungen und Gefühle aus dem Blickwinkel einer Betroffenen. Zur Authentizität tragen auch die dunklen Schabzeichnungen von Rahel Henn bei, die diese Abschnitte illustrieren. Ein Glossar und ein Interview zu Kinderarbeit heute runden das Buch ab.