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Keine Idylle
Resumée über die 4 Informationsabende zum Idyllprozess in der evangelisch-reformierten Landeskirche beider Appenzell
hmz - An vier Abenden trafen sich im August und September dieses Jahres die Mitarbeitenden und Behördenmitglieder zur Information zum Wandel in der reformierten Appenzeller Landeskirche. In Teufen, Trogen, Heiden und Herisau stellte der Kirchenrat den Stand des vor zwei Jahren angedachten Idyllprozesses vor. Seinen Namen erhielt das Projekt vom Durchführungsort der ersten Vorstellung im Ferien- und Seminarhotel Idyll in Gais.
Nach dem Nichteintreten der Synode auf das vom damaligen Kirchenrat aufgegleiste Projekt „Zuekunft zöösle“ war das Thema für die Landeskirche in keiner Weise erledigt. Es wurde in der Behörde weiterhin über mögliche Szenarien nachgedacht. Die in den kommenden Jahren anstehenden Pensionierungen von gut einem Drittel der Pfarrpersonen ohne Aussicht auf umgehende Neubesetzung der vakantenStellen und die zunehmend rückläufigen Finanzen zwangen zur Auseinandersetzung. Es entstanden 3 Szenarien, die den Kirchenvertretungen im Januar 2016 vorgestellt und mit ihnen diskutiert wurden. Szenario 1 beinhaltete den Vorschlag zum Zusammenschluss (Fusion) von zwei oder mehreren Kirchgemeinden zu jeweils einer Gemeinde. Szenario 2 reduzierte die gegenwärtig 20 Kirchgemeinden auf noch 3 bis 5 Gemeinden und Szenario 3 reduzierte durch Zentralisierung die Gemeinden auf eine und als Verwaltungsebene wurden 3 bis 5 Kirchrhoden vorgesehen. Als 4. Szenario wurde der Status Quo aufgeführt.
Die kritischen Reaktionen blieben nicht aus, was jedoch ebenso begann, war eine differenziertere Wahrnehmung der eigenen Situation. Bei aller Skepsis kamen die angesprochenen Themen an die Oberfläche und führten zu Überlegungen, die nicht an den eigenen Kirchgemeindegrenzen Halt machten.
Mit dem im Juni dieses Jahres von der landeskirchlichen Projektkommission organisierten öffentlichen Anlass unter dem Titel „Kirchgemeindestrukturen in anderen Landeskirchen“ in Herisau wurde der Idyllprozess thematisch ergänzt und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Der Blick über die Kantonsgrenzen hinaus machte deutlich, dass die Veränderungen nicht eine isolierte Appenzeller Angelegenheit sind.
Nach den vier Abenden ist für den Kirchenratspräsidenten Koni Bruderer und für die Ratsschreiberin und Geschäftsstellenleiterin Jacqueline Bruderer deutlich, dass das Bewusstsein zugunsten von Veränderungen deutlich zugenommen hat.
Im Rückblick ist klar, der Austausch über die eigenen Kirchgemeindegrenzen hinaus ist entscheidend. Selbst der Kirchenrat und die Geschäftsstelle nehmen sich nicht aus dem Prozess heraus. «Es kann ja sein, dass beschlossen wird, dass man die Zentrale in Trogen in der gegenwärtigen Form nicht mehr braucht», meint Koni Bruderer. Dann wäre zumindest finanziell ein rechter Anteil eingespart. Für den Kirchenratspräsidenten und die Geschäftsführerin ist das denkbar, gleichzeitig muss dann jedoch die Koordination und die Vertretung in übergeordnete Gremien neu gedacht werden. Der Verzicht auf die Exekutive kann nicht einfach mit einem Verzicht auf die diesem Gremium zugeordneten Aufgaben gelöst werden. «Verzicht bedeutet immer auch Leistungsabbau, das muss gut überlegt sein», bemerkt Jacqueline Bruderer.
Für Koni Bruderer stehen nicht die Finanzen im Zentrum. Ihn beschäftigt vor allem die demografische Entwicklung. Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden gehören zu den am stärksten überalterten Kantonen der Schweiz. Deutlich haben das die Ausführungen von Martina Tapernoux-Tanner, Pfarrerin in Reute-Oberegg gemacht. In der Kirchgemeinde Reute-Oberegg mit ihren ca. 570 Mitgliedern sind nur gerade noch 70 unter 16 Jahre alt. In einem Jahrgang bestand die Konfirmandenklasse gerade noch aus einem einzigen Konfirmanden.
Dass die Kirche für die gesetztere Bevölkerungsgruppe da sein muss, ist für Bruderer unbestritten, gleichzeitig gilt es jedoch, auch für die jüngere Generation präsent zu sein und dort Angebote zu haben, die diesen Menschen ein gutes Gefühl für die Kirche vermitteln. Dass die Volkskirche mit ihrer Offenheit hier Probleme mit der Profilierung bekommt, ist Teil der Realität. «Letztlich ist das alles ungemein personenabhängig», so Koni Bruderer. «Vielfalt in den Angeboten und Verschiedenheit in der theologischen Ausrichtung gehört zu unserer Kirche.» Das Reformationsjubiläum, welches im Appenzellerland im Mai 2017 gestartet wird, kommt eigentlich zu einem guten Zeitpunkt. 500 Jahre Reformation können ein guter Einstieg dazu sein, sich mit Herkunft und Zukunft der Reformierten tiefgreifender auseinander zu setzen und dabei zu erkennen, dass Verschiedenheit und Vielfalt eine direkte Folge des von den Reformatoren in Gang gesetzten Prozesses sind. Und auch die Erkenntnis, dass man sich schon damals mit Verschiedenheit schwer tat, wie der Umgang mit der Täuferbewegung deutlich macht.
«Unser Leitbild basiert auf der Kirche als einer Weggemeinschaft», resümiert Koni Bruderer, «wir sind unterwegs, Veränderung ist dabei der stetige Begleiter, der Glaube eine Konstante, die immer wieder den Aufbruch ermöglicht. Im Unterwegssein sind wir verbunden, auch wenn die Wege verschieden sind, wie es sich an den vergangenen Informationsabenden gezeigt hat. Es gilt, sich an den Wegkreuzungen die Zeit zum Austausch zu nehmen und von den gemachten Erfahrungen zu lernen.»
Der Idyllprozess ist nur dem Namen nach idyllisch. Nach Idyll 1, 2 und 3 werden nun in Phase 4 und 5 mit dem Lernteil und der Anpassung an die Vorstellungen der Gemeindemitglieder die ersten Konsequenzen gezogen. Und auch das alles nur auf Zeit, weil dann vielleicht eine neue Generation neue Wege wählt, die nicht minder unumstritten und gewagt sind. Vielleicht sind sie jedoch erfüllt von einer Qualität, welche die Menschen gerne in die Kirche führt, weil dort Kompetenz und Lebensqualität besteht, die im hektischen Alltag fehlt oder zu kurz kommt. «Wir sind unterwegs und wir werden dranbleiben.» Darin sind sich Koni und JacquelineBruderer einig. Ihr Gesichtsausdruck verrät dabei, dass eine Prise Humor vieles leichter machen kann, was heute noch unrealistisch erscheint.