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Neuerscheinungen
Mit Wasserfarbe über Ölgemälde malen
Nachdem die Flaming Lips ein viertel Jahrhundert lang entfernte, bunte Galaxien bereist und beschrieben haben, lassen sie nun ihre eigene, düstere Welt entstehen.
von Philip Leu
Alle Jahre wieder erscheint dem aufmerksamen Beobachter des Musikhimmels ein kleines Raumschiff am Himmel. Der Pilot, ein Mann namens Wayne Cone, hat mit seiner Mannschaft schon die merkwürdigsten Welten besucht. Die ersten Reisen begannen 1983 von Oklahoma City aus, der Laderaum gefüllt mit (angeblich aus einer Kirche geklauten) Instrumenten, und wohl jeder der Menschheit bekannten psychedelischen Droge. Die Zusammensetzung der Mannschaft änderte sich beinahe nach jedem Flug, zeitweise dockten sie an der Raumstation von Mercury Rev an, trieben friedlich und beinahe unbemerkt durchs All, bis sie 1993 mit „She Don’t Use Jelly“ hart im öffentlichen Bewusstsein landeten, bei MTV und sogar bei Beverly Hills 90210 auftraten. Bis zu diesem Punkt wurde das Raumschiff vor allem durch Gitarren angetrieben, das zwei Jahre später erschienene Album „Clouds Taste Metallic“ bildete aber den Abschluss dieser Odyssee, denn darauf folgte das polyphone Meisterwerk „Zaireeka“, welches dem Ausdruck „in die Musik eintauchen“ eine völlig neue Bedeutung zu geben vermochte und sich mit seinen sphärischen, beinahe meditativen, Klängen deutlich von den Vorgängern abhob.
Dieser neue, schon ins Opulente driftende Kurs fand sein Ziel im Nachfolger „The Soft Bulletin“, der zugänglicher und mehr von Ohrwürmern geprägt war, als die ersten Alben, aber auch mit allen möglichen elektronischen Effekten abseits der traditionellen Gitarrenmusik experimentierte, als hätten sie auf ihren Reisen ein Paralelluniversum entdeckt, in dem die Sechziger- und Neunziger-Jahre zu einem verschmolzen waren. In diesem Universum, wie auch im darauf folgenden, in dem kleine asiatische Karatemädchen gegen böse Roboter kämpfen, stehen grossartige Popmelodien, gesprenkelt mit elektronischen Spielereien. Ein bisschen so, als würde man mit Wasserfarbe über Ölgemälde malen, ein bisschen so, als würde ein hyperaktives, bunt bemaltes Kind johlend durch mächtige Säulengänge rennen. Dieser Verspieltheit, dieses ironische Augenzwinkern in Richtung melodramatischer Popmusik, nur um sich im selben Moment mit genialen Einfällen über sie zu stellen, blieben sie auch beim Nachfolger „At War With The Mystics“ treu. Allerdings ging da die Rechnung zum ersten Mal nicht ganz auf und die Fülle an Einflüssen überwogen die Fülle an eigenen Ideen, die einzelnen Teile waren stärker als die Summe.
Bei „Embryonic“ ist genau das Gegenteil der Fall, sie haben keine Lieder gemacht, sie haben ein Lied, verteilt auf zwei CDs gemacht, durchstreifen und berichten nicht aus einer fernen Welt, sondern erschaffen sie. Die Welt ist düster, fremd, in seiner Dichte manchmal fast bedrohlich. Man bräuchte einen Maler und keinen Rezensenten, um sie zu beschreiben und zwar nicht wie bisher einen Expressionisten, sondern jemanden wie Hieronymus Bosch. Bewohnt wird die Welt von altbekannten Gefährten wie Pink Floyd oder ELO und neuen Ankömmlingen wie MGMT, die eine echte Ergänzung bilden und Karen O, die sich damit begnügen muss, Waynes Texte mit den entsprechenden animalischen Geräuschen zu untermalen. Das erwähnte ironisch verspielte Augenzwinkern ist weg, die Flaming Lips haben zum ersten Mal eine wirklich ernste Platte gemacht. Waynes Stimme ist nackt, beinahe schmerzhaft entblösst, geht bruchstückhaft in den dumpfen, meist ruhigen Klängen auf, die so vielseitig und unter sich verschieden sind, dass es schwer fällt sie mit den traditionellen Instrumenten der Beschreibung festzuhalten, um dann wieder in irre, krachende Ausbrüche über zu schwappen. Andere Bands hätten aus einer solchen Fülle an Ideen und Kreativität wohl drei oder vier Alben gemacht.
Wie „The Soft Bulletin“ stellt auch „Embryonic“ einen Wendepunkt dar und glaubt man dem Albumtitel ist dies erst der Anfang einer neuen Reise, ist diese Platte das prophetische Wunderkind des kommenden Jahrzehnts.
Seit 13. Oktober 2009 im Handel.
Anspieltipps:
> See the Leaves
> Sagittarius Silver Announcement
> Worm Mountain
> Silver Trembling Hands
Diskographie:
> Hear It Is (1986)
> Oh My Gawd!!!…The Flaming Lips (1987)
> Telepathic Surgery (1989)
> In a Priest Driven Ambulance (1990)
> Hit to Death in the Future Head (1992)
> Transmissions from the Satellite Heart (1993)
> Clouds Taste Metallic (1995)
> Zaireeka (1997)
> The Soft Bulletin (1999)
> Yoshimi Battles the Pink Robots (2002)
> At War with the Mystics (2006)
> Embryonic (2009)