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Das Museum Heiden stellt ethnografische Schätze und Fotografien aus Niederländisch-Indien aus. Diese stammen grösstenteils aus der Sammlung von appenzellischen Kaufleuten, die in den Kolonien ihr Glück versuchten und teils auch fanden.
Die Schweiz beteiligte sich nicht an der Eroberung von Kolonien. Was keineswegs bedeutet, dass Schweizer sich nicht als Kolonialisatoren betätigten, auch wenn sie selber sich eher als Händler oder Investoren sahen. Daran war nicht nur die Familie Escher aus Zürich beteiligt, die derzeit in ihrer Heimatstadt leicht unter Druck steht, sondern auch etliche Familien aus Appenzell Ausserrhoden. Die Ausbeutung in Sumatra, Java oder Borneo (der vier Hauptdonatoren der Sammlung) wird im ausführlichen Buch von den Herausgebern Andreas Zangger und Ralph Harb keineswegs verschwiegen.
Appenzell Ausserrhoden war bereits im 18. Jahrhundert kein reines Bauernland mehr. Da der karge Boden die Bevölkerung kaum mehr ernährte, kam neben dem traditionellen Söldnertum die Textilindustrie auf: Im Ausserrhodischen vor allem in Form von Heimarbeit. Dies bedeutete eine zweifache Abhängigkeit, aber natürlich auch eine zweifache Chance. Sie waren abhängig von ihren Auftraggebern und diese wiederum von der internationalen Nachfrage. Der Binnenmarkt spielte dabei eine recht kleine Rolle. Textilien aus Appenzell – zuerst noch von St. Galler Abnehmern und Produzenten in die weite Welt geschickt – verkauften sich in den Metropolen, waren aber auch in Indien und China teilweise begehrt. Es war eine Nischenproduktion, die die Appenzeller Kaufleute (mit der Familie Zellweger aus Trogen an der Spitze) in eigene Hände nahmen. Im Gegensatz zu den zünftisch gebundenen Händlern aus den Städten waren sie in ihren Handlungen frei. Grosse Gewinne reizten, auch wenn das Risiko (finanziell und persönlich) gross war.
An der Kolonisation, vor allem der Niederländischen, beteiligten sich die Schweizer und auch Ausserrhödler schon lange als Söldner, deren Aufgabe darin bestand, die einheimische Bevölkerung unter Kontrolle zu halten und sich mitunter auch an kriegerischen Auseinandersetzungen um das Land zu beteiligen. Sie führten im allgemeinen ein miserables Leben, rund die Hälfte starb meist an Krankheiten und weniger an Verletzungen. Zum Leben etlicher junger Männer gehörte bereits im 18. Jahrhundert wie bei Handwerksgesellen ein Auslandaufenthalt. Die Appenzeller waren längst in vielen Städten mit Handelsvertretungen oder mit Beteiligungen an Handelshäusern präsent. Somit lag es auf der Hand, dass die riesigen Gewinne, die etwa mit dem Handel von Gewürzen zu erzielen waren, sie anzogen. Zumal das Leben in Indonesien mit Exotik lockte, in der sie die Rolle der weissen Herrscher spielen konnten. Dass dies vielen nicht gelang und sie ein eher ärmliches Leben führten, steht auf einem anderen Blatt geschrieben.
Vier Beispiele
Das Museum Heiden erhielt seine Schätze von vier Donatoren aus dem 19. Jahrhundert, die für vier recht unterschiedliche Formen des privaten Kolonialismus stehen. Johann Conrad Sonderegger kam 1834 in Wald auf die Welt. Nach dem Besuch der Kantonsschule St. Gallen absolvierte er eine kaufmännische Lehre bei Zellweger in Trogen und begab sich anschliessend nach Hamburg und Amsterdam, wo er in Handelshäusern Anstellungen fand. 1855 zog er nach Batavia auf Java, arbeitete sich im Handelshaus Moormann empor, lernte dabei malaisch und stieg im Haus zum Geranten auf. Er wurde Schweizer Konsul in Batavia, errichtete sich ein grosses Netzwerk, investierte in Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen, verstarb 1885 bei einer Leberoperation in Amsterdam. Er reiste als Junggeselle zurück, allerdings in Begleitung einer Einheimischen. Ob sie seine Haushälterin oder auch seine Lebensgefährtin war, blieb unklar. Klar war damals, dass Weisse keine Einheimische heirateten, dass sie aber viele Beziehungen mit ihnen pflegten: Das reichte von der schnell ausgetauschten Bettgefährtin bis zu einer stabilen Beziehung, ohne Absicherung für sie. Johann Conrad Sonderegger blieb Händler. Er investierte zwar in Produktionen, aber er selber betrieb keine.
Die Gebrüder Hermann und Johannes Küng gingen einen anderen Weg. Hermann erlernte zwar auch den Beruf des Kaufmanns und wanderte 1864 mit 22 Jahren nach Singapur in ein Handelshaus aus. Nach der Heirat kaufte er 1869 in Deli Medan in Singapur Land, um dort eine Tabakplantage aus dem Boden zu stampfen. Das gelang ihm halbwegs, wobei seine fehlenden landwirtschaftlichen Fachkenntnisse ihn teils teuer zu stehen kamen. Zudem kam es mit seinen Angestellten oft zu Auseinandersetzungen und er wurde 1871 auf der Plantage ermordet. Sein Bruder Johannes übernahm sie, die den Namen «Saentis Estate» trug, und betrieb sie bis zum Verkauf 1888. Seine Frau und seine Kinder kehrten bereits 1881 nach Heiden zurück, er selber starb recht wohlhabend 1908 in Heiden. Um ganz reich oder ein Grosser zu werden, war seine Plantage zu klein, auch waren die «Schwierigkeiten» mit dem Personal zu gross. Man arbeitete kaum wie in den USA mit Sklaven, sondern mit Chinesen, die unter Kontrakt standen. Ihre Situation unterschied sich von jenen der Sklaven kaum: Mit der Ausnahme, dass sie sich oft mit Gewalt wehrten. Deren Unterdrückung kostete und verlangte auch einiges an Geschick, das längst nicht alle Plantagebesitzer besassen.
Den Vierten, Johann Traugott Zimmermann würde man heute als Spekulanten bezeichnen. Nach einer Kaufmannslehre übersiedelte er 1873 mit 19 Jahren nach Batavia, wo er die inländische Witwe eines holländischen Kapitäns heiratete, die ihm ein gastfreundliches Haus ermöglichte. Er wurde Schweizer Konsul, sammelte Geld für die Investitionen in Gruben für Edelmetalle und Erzvorkommen. Die Niederländer gingen dabei mit brutaler Militärgewalt vor und Händler wie Zimmermann nutzten die Gewinnsucht anderer aus und nahmen viel mehr Geld an, als auch bei einer erfolgreichen Schürfung als Gewinn herausschauen konnte. Er überlebte es gut und verbrachte seinen Lebensabend unauffällig, aber durchaus wohlhabend in Heiden.
Im Buch sind Fotografien von Zimmermann aus Indonesien abgebildet. Sie gehören zu jenen Fotos, die Klassengegensätze zeigen, bei denen die Armut aber irgendwie auch ästhetisch wirkt. Das ist eine Feststellung, kein Vorwurf. Das Buch ist ausgesprochen informativ und steht auch ohne Ausstellung für sich.
Andreas Zangger & Ralph Harb: Ferne Welten, fremde Schätze. Edition clandestin, 2020, 188 S., 42 Fr.
Ausstellung: «Ferne Welten – fremde Schätze», bis (mindestens) Ende März 2021, Museum Heiden, Kirchplatz 5, Heiden. www.museum-heiden.ch