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Sie fahren mit Ihrer Schwiegermutter im Auto durch eine verschneite Winterlandschaft und unterhalten sich. Als sie auf einer Bergstrasse eine enge, abschüssige Kurve befahren, beginnt ihre Schwiegermutter zu zittern, wird panisch und will sofort nach Hause. Sie haben keine Ahnung was los ist. Später fragen sie ihren Mann und erfahren, dass seine Schwester vor zehn Jahren kurz nach Neujahr auf einer kurvigen Bergstrecke tödlich verunglückt ist. Seither ist ihre Schwiegermutter depressiv und wollte nie mehr Silvester feiern, da der Tod der Tochter sie immer noch sehr belastet. Darüber spricht die Schwiegermutter aber nicht. Dies ist ein Beispiel für eine spontane Problemaktualisierung durch die abschüssige Kurve.
Gemäss Grawe (1995) ist die Problemaktualisierung eine der vier therapieschulenübergreifenden Wirkfaktoren von Psychotherapie.
Definiert ist die Problemaktualisierung als das unmittelbare Erfahrbarmachen der Probleme, zu deren Bewältigung die Psychotherapie dienen soll. Der Therapeut lenkt die Aufmerksamkeit des Patienten auf das Problem, um dieses mit geeigneten Methoden gemäss dem Leitsatz „Der einzige Weg aus dem dunkeln Tunnel heraus, geht durch ihn hindurch.“ bearbeiten zu können.
Problemaktualisierung soll nach Grawe auf der Basis einer guten therapeutischen Beziehung immer zusammen mit Ressourcenaktivierung stattfinden.
Um beispielsweise einen depressiven Patienten bei der Bewältigung seiner Probleme zu unterstützen, müssen die Inhalte zuerst erlebbar gemacht, sprich aktualisiert werden. Die Kognitionspsychologie nimmt an, dass sämtliche Inhalte des menschlichen Gedächtnisses in sogenannten Schemata repräsentiert sind, sodass die Problemaktualisierung als eine Form der Schemaaktivierung angesehen werden kann. Komponenten von Schemata sind: die auslösende Situation, die begleitenden Gedanken und Gefühle, die Motivation sowie die konkrete Handlung. Schemata können über jede der genannten Komponenten aktiviert werden.
Problemaktualisierung kann sensorisch oder symbolisch, beabsichtig oder unbeabsichtigt bzw. so wie im Eingangsbeispiel zufällig sein.
Die verschiedenen Therapieschulen bieten vielfältige Möglichkeiten, Probleme zu aktualisieren. In der Verhaltenstherapie stellt die Exposition bei Ängsten eine klassische Form der absichtsvollen Problemaktualisierung im Einzelsetting dar. Mit einem unter Höhenangst leidenden Patienten wird z.B. das Besteigen eines Turmes geübt, wodurch die Angst zuerst aktualisiert wird und es dann zur korrigierenden Erfahrung kommt, dass die Angst ausgehalten werden kann und dann abnimmt. In unserem Eingangsbeispiel, bei dem es sich um eine chronifizierte Trauerreaktion handelt, geht es darum, einen Umgang mit Schmerz und Trauer zu finden.
Problemaktualisierung kann gezielt über das therapeutische Setting hergestellt werden. So können interaktionelle Probleme vorteilhaft in Gruppen, familiäre Probleme in Familiensitzungen und Paarprobleme in Paarsitzungen oder die Aktualisierung problematischer Emotionen in Stuhlübungen bearbeitet werden.
Nachdem die Probleme aktualisiert worden sind, können sie gezielt bearbeitet und verändert werden, um die gesteckten Therapieziele zu erreichen.
In diesem Sinne einen guten und reibungslosen Start ins neue Jahr!
Literatur:
Martin Grosse Holtforth. (2017). Was ist Problemaktualisierung. Psychotherapeut 62:77-82.
Lic. phil. Uta Liechti Braune