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Im Januar wurde bekannt, dass sämtliche Häuser aus dem Besitz des verstorbenen Immobilienunternehmers Bruno Stefanini an seine Stiftung gehen. Die Zukunft des günstigen Wohnens in Winterthur hängt damit wesentlich von der Strategie der Stiftung ab.
Eine Woche nach Bruno Stefaninis Tod im Dezember 2018 tauchten sie plötzlich auf, an den Toilettenwänden von alternativen Bars, auf Handyhüllen und Laptopdeckeln von Punks und KünstlerInnen: Aufkleber mit dem holzschnittartig stilisierten Porträt der Winterthurer Stadtlegende, auf dem Kopf ein Béret mit Stern.
Bruno Stefanini, der Kunstsammler und Besitzer unzähliger Häuser, noch vor einigen Jahren vom Magazin «Bilanz» mit einem Vermögen von knapp einer Milliarde als einer der 300 reichsten SchweizerInnen gelistet – ein Held des Proletariats?
Nach seinem Tod hinterliess Bruno Stefanini neben rund 200 Immobilien auch eine monumentale Sammlung von Kunstwerken und historischen Objekten. Neben mehreren Schlössern, allerlei militärhistorischen Geräten und Bildern von Albert Anker und Ferdinand Hodler finden sich darin auch Kuriositäten wie ein Milchzahn von Kaiserin Sisi von Österreich oder ein Teller, von dem Napoleon Bonaparte während der Schlacht von Waterloo gegessen haben soll. Finanziert hat Stefanini seine Sammlertätigkeit mit dem Gewinn aus den Immobilien. Ein grosser Teil der über 100 000 Gegenstände ist noch nicht inventarisiert. Die 1980 zwecks Sammlung gegründete Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG), in der inzwischen Stefaninis Tochter Bettina Stefanini den Ton angibt (vgl. «Der Streit um den Stiftungsrat» im Anschluss an diesen Text), rechnet mit jahrelanger Arbeit.
Wie nach der Testamentseröffnung im Januar bekannt wurde, gehen sämtliche Immobilien sowie die dafür zuständige Verwaltungsfirma, die von Bruno Stefanini gegründete Terresta AG, in den Stiftungsbesitz über. Diese Konzentration von Kapital und der sanierungsbedürftige Zustand vieler Häuser befeuern derzeit in Winterthur Befürchtungen über grossflächige Aufwertungen und die Vertreibung von MieterInnen mit niedrigem Einkommen.
Profitabler Bauboom
Der Winterthurer Historiker Miguel Garcia beschreibt in seiner Stefanini-Biografie die Entstehung dieses Immobilienimperiums. Vater Giuseppe Stefanini siedelte um 1900 vom Piemont in die Schweiz über, wo er unter anderem am Bau der Lötschbergbahn mitarbeitete. In den dreissiger Jahren wurde er in Winterthur Wirt des Restaurants Zum Salmen und Vorsteher einer Konsumgenossenschaft. Ins Immobiliengeschäft stieg er während des Zweiten Weltkriegs ein. 1946 bekam Bruno Stefanini von seinem Vater seine ersten beiden Liegenschaften überschrieben.
Zwischen 1945 und 1975 stieg der Anteil der Baubranche am Bruttoninlandsprodukt der Schweiz von drei auf elf Prozent. In dieser Zeit des Baubooms wurde Bruno Stefanini mit dem Bauen und Vermieten reich. Der Ankauf von potenziellem Bauland brachte ihm früh den Ruf eines Spekulanten ein. Zeit seines Lebens hielt er dem entgegen, er würde nur kaufen und nicht verkaufen. Ein Grundsatz, an den er sich tatsächlich meist gehalten hat.
Dass sich genau das schnell ändern könnte, befürchtet die Interessengemeinschaft der BewohnerInnen und BenutzerInnen der Stefanini-Liegenschaften (IGBBSL). Sie versteht sich als Vernetzungs- und Informationsplattform und als Interessenvertreterin der BewohnerInnen gegenüber der Stiftung. Ihr oberstes Ziel ist der Erhalt von bezahlbarem Wohnraum. Im Sommer 2015 wandte sich die IGBBSL mit einem Fragebogen zur Zukunft der Stefanini-Liegenschaften an die Konfliktparteien des Streits um die Stiftung. Verbindliche Antworten blieben aus, heute stellen sich die gleichen Fragen wie damals. Vor allem die Frage, wo überall Kündigungen und Mietaufschläge infolge von umfassenden Sanierungen drohen. Gänzlich unbezahlbar würde der Wohnraum, wo Häuser abgerissen und neu gebaut werden, befürchten zwei Vertreterinnen der IGBBSL, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchten. Als sich Bruno Stefanini infolge seiner Krankheit immer mehr aus dem Geschäft zurückgezogen habe, hätten die Renovationen zugenommen, sagen sie.
Das jüngste Beispiel: Im vergangenen November haben die MieterInnen von über zwanzig Wohnungen an der Feldstrasse 41 im Winterthurer Stadtteil Veltheim wegen Totalsanierung die Kündigung erhalten. An eine Kündigung dieser Grössenordnung in Winterthur könne sich bei ihnen niemand erinnern, so die zwei Vertreterinnen der IGBBSL.
Lea Bernhard von der Terresta bestätigt die Kündigung auf Anfrage. Den MieterInnen seien jedoch Nachfolgelösungen und die Rückkehr in die sanierten Wohnungen angeboten worden. Die meisten MieterInnen würden sich jedoch selbstständig eine neue Wohnung suchen. Renoviert werden Küchen und Badezimmer, Böden und Heizungen. Wie stark die Mieten steigen würden, sei noch nicht bekannt.
Für Winterthur, wo sich die meisten der über 200 Liegenschaften und mehrere Tausend Wohnungen aus Stefaninis Nachlass befinden, besteht angesichts der Sanierungsbedürftigkeit vieler Liegenschaften «ein soziales und kulturelles Klumpenrisiko», wie die AL-Gemeinderätin und ehemalige Leiterin der Winterthurer Geschäftsstelle des Mieterinnen- und Mieterverbands (MVW), Katharina Gander, sagt. «Es gibt hier viele Menschen, die auf günstigen Wohnraum angewiesen sind. Wenn sie nicht gegen besser verdienende Mieter ausgetauscht werden sollen, darf es keine weiteren Aufwertungen im grossen Stil geben.» Schon heute seien die Folgen dieser Fehlentwicklung in der starken Zunahme von Wohnzuschüssen sichtbar, die die Stadt jährlich entrichtet. Diese machen mit dreissig Prozent den grössten Posten der Winterthurer Sozialhilfeausgaben aus. Es sei also auch im Interesse der Stadt, dass die Stefanini-Häuser «etappiert und moderat» saniert würden.
Stefanini und die Subkultur
Während Bruno Stefanini Gemälde und Oldtimer sammelte, förderte er in Winterthur auch die Entstehung einer lebendigen Subkultur. In den besetzten Stefanini-Häusern wie der «Gisi», dem «Sanatorium» oder der «Endstation» wird dank teilweise jahrzehntealten Nutzungsverträgen bis heute alternativ gewohnt, Konzerte finden statt und wilde Gärten werden gepflegt. In einem Altstadthaus und im «Sanatorium» an der Zürcherstrasse werden in sogenannten Restessbars Lebensmittel gesammelt und gratis abgegeben, die sonst weggeworfen würden. «In den Stefanini-Häusern konnten kulturell und ökologisch wertvolle Räume entstehen, die mindestens so erhaltenswert sind wie seine Bilder und Schlösser», sagt Simon Karas, ein ehemaliger Bewohner des «Sanatoriums».
Mitte Januar informierte die SKKG im auch der Stiftung gehörenden Sulzer-Hochhaus über ihre künftige Ausrichtung. So detailliert die Erläuterungen zu den anstehenden Inventarisierungen am Beispiel einer mittelalterlichen Handgranate waren, so vage blieben die Äusserungen zur Zukunft der Häuser.
Doch ein Satz liess aufhorchen: «Gentrifizierung ist nicht mein Ding», sagte Bettina Stefanini. Auch dass künftig zum Verkauf kommende Objekte nicht prinzipiell an die Meistbietenden gehen müssten, sondern auch Genossenschaften berücksichtigt werden könnten, schloss sie auf Nachfrage nicht aus. Weil die Aktien der Terresta AG erst in einigen Wochen in den Stiftungsbesitz übergehen würden, habe der Stiftungsrat derzeit keine Einsicht in Verwaltungsakten. Deshalb könne sie noch keine näheren Angaben dazu machen, was mit den Immobilien geschehe. «Klar ist aber, dass wir uns als steuerbefreite Stiftung im Spannungsfeld zwischen sozialer Verantwortung und der Erwirtschaftung von Erträgen zur Finanzierung unseres Stiftungszwecks befinden», so Bettina Stefanini.
Wohin steuert die SKKG?
Dass die Zukunft des günstigen Wohnens in Winterthur so stark von der Stiftung abhängt, hat auch historische Gründe. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts zogen grosse Industriebetriebe wie Sulzer oder Rieter Menschen nach Winterthur. Die Siedlungen für ihre ArbeiterInnen bauten und vermieteten die Firmen selber. Nach den Krisen mit Werkschliessungen und Entlassungen um 1990 wurden Fabrikgebäude an Private verkauft, statt günstigen Wohnraums entstanden Einkaufszentren und teure Wohnungen. Erst dank politischem Druck habe die Stadt in jüngster Zeit bei Arealentwicklungen vermehrt mit Genossenschaften zusammengearbeitet, sagt AL-Gemeinderätin Gander. «Weil es in Winterthur keine Tradition für den kommunalen Wohnungsbau gibt, ist das dringend nötig.»
Auch in der Raumplanung besteht Spielraum für politische Gestaltung. So kann die Politik bei Aufzonungen, also wenn EigentümerInnen auf ihrem Land mehr bauen wollen, auf die Gestaltungspläne einwirken, etwa indem sie fordert, dass ein Teil des entstehenden Wohnraums spekulationsgeschützt nach dem Prinzip der Kostenmiete vermietet werden muss. Das heisst zu einem Preis, der sich fix an den Aufwendungen des Vermieters für die Liegenschaft bemisst.
Seit Dezember 2017 können gemeinnützige Wohnbauträger in Winterthur zudem aus einem Rahmenkredit von zehn Millionen Franken Darlehen zur Förderung von gemeinnützigem Wohn- und Gewerberaum beantragen. Die wohnpolitischen Abstimmungen der letzten Jahre hätten deutlich gezeigt, dass die Förderung von günstigem Wohnraum dem Willen der Winterthurer Bevölkerung entspreche, sagt Gander.
Die Vertreterinnen der IGBBSL hoffen, dass sich die neue Eigentümerin ihrer sozialen Verantwortung bewusst ist. Auch mit bezahlbaren Mieten lasse sich genügend Geld verdienen, das habe Bruno Stefanini ja bewiesen.
Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte
Der Streit um den Stiftungsrat
Der verstorbene Immobilienbesitzer Bruno Stefanini litt seit 2013 an rasch fortschreitender Demenz. Seither streiten sich seine Kinder Bettina und Vital mit den ehemaligen StiftungsrätInnen und den Vertrauten Stefaninis, Umit Stamm und Markus Brunner, um die Macht in der von Bruno Stefanini gegründeten Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte. Brunner und Stamm sind ausserdem Geschäftsleiter und Finanzvorsteher der Immobilienverwaltung Terresta.
Anstoss des Streits war ein Passus in der Stiftungsurkunde, den Brunner und Stamm ändern wollten. Er besagt, dass mindestens ein Mitglied der Familie Stefanini im Stiftungsrat vertreten sein soll und dass die Befugnis zur Bestimmung der Mitglieder an seine Nachkommen übergeht, sollte Bruno Stefanini aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage dazu sein. Seine Kinder fochten die 2014 in einer Sitzung des damaligen Stiftungsrats vollzogene Änderung des Passus an. Im letzten Sommer gab ihnen das Bundesverwaltungsgericht endgültig recht.
Gegen beide Konfliktparteien laufen derzeit noch Strafverfahren. Gegen Brunner und Stamm hat die Zürcher Staatsanwaltschaft Anklage wegen Urkundenfälschung erhoben. Wie kürzlich publik wurde, läuft auf Anzeige Brunners gegen Bettina Stefanini ein Verfahren wegen Nötigung.
Pablo Rohner