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Früher war man wahnsinnig, hysterisch oder neurotisch. Heute ist man depressiv. Der Soziologe Alain Ehrenberg erklärt weshalb.
Mit den Lebensverhältnissen der Menschen ändern sich auch die Herausforderungen und Risiken, denen sie ausgesetzt sind. So bringt denn jede historische Zeit ihre je besonderen Krankheiten hervor. Allerdings: Ob jemand krank oder gesund ist, worin seine Krankheit besteht, welche Ursachen sie hat und wie sie sich therapieren lässt, ist immer auch eine Frage des medizinischen Blicks. Und auch dieser verändert sich im Laufe der Zeit. In seinem Buch «La Fatigue d’être soi», das nun in einer (etwas holprigen) deutschsprachigen Übersetzung mit dem Titel «Das erschöpfte Selbst» vorliegt, geht der französische Soziologe Alain Ehrenberg der Frage nach, weshalb wir heutigen Menschen, wenn wir psychisch erkranken, nicht mehr wahnsinnig, hysterisch oder neurotisch, sondern depressiv werden.
Ehrenbergs Argumentation setzt auf zwei unterschiedlichen Ebenen an. Zum einen will er soziologisch erklären, weshalb sich die Depression in der Gegenwartsgesellschaft massenhaft ausbreitet. Zum anderen liefert das Buch eine detaillierte Aufarbeitung eines innerwissenschaftlichen Paradigmenstreits: des Kampfes zwischen der medizinischen Psychiatrie, der Verhaltenspsychologie und der Psychoanalyse um die angemessene Bestimmung, Erklärung und Behandlung dessen, was von einem bestimmten historischen Zeitpunkt an als eine «depressive» Erkrankung gilt.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so Ehrenberg, war das Leben der Menschen durch gesellschaftliche Normen, Konventionen und Rollenerwartungen weitgehend reguliert. Die Frauen kamen gewissenhaft ihren Pflichten als Gattinnen, Mütter, Hausfrauen nach. Die Männer unterwarfen sich fügsam und diszipliniert der Autorität ihres Arbeitgebers und verhielten sich auch bei ihren vermeintlichen Eskapaden hochgradig konformistisch. Dann aber, 1968, kam es zum «Erdbeben der Emanzipation». Ob Mann oder Frau, Kapitalist oder Arbeiter, höhere Tochter oder Kindermädchen, Bauernbub oder Arztsohn: Plötzlich mussten die Menschen sie selber sein und sich selber verwirklichen; plötzlich musste ihnen nun alles als möglich erscheinen. Die erlangte Freiheit forderte ihren Preis – denjenigen der Überforderung, der inneren Leere, der Depression.
Diese Geschichte ist nicht neu. Der Münchner Soziologe Ulrich Beck erzählt sie uns seit rund zwanzig Jahren, sprachgewandter zudem als Ehrenberg. Allerdings fügt dieser ihr ein Kapitel hinzu, das ihr eine gewisse Differenziertheit verleiht. Ehrenberg lässt der «ersten Welle der Befreiung», derjenigen von 1968, eine zweite folgen. Radikal wirft der Neoliberalismus der neunziger Jahre die Menschen auf sich selber zurück und verlangt von ihnen die totale Aktivität. Beim Einsatz ihrer Arbeitskraft haben sie flexibel, unternehmerisch und initiativ, bei der Darstellung ihrer Selbst stilsicher und souverän zu sein. Und weil sie nie wissen können, wann eine neuerliche Restrukturierungswelle ihren Job wegschwemmen wird, haben sie – vor allem sich selbst gegenüber – permanent Rechenschaft über ihren Wert, ihre «employability», abzulegen.
Was aber, fragt Ehrenberg, geschieht mit jenen, die ständig an sich arbeiten, sich aber trotzdem nie fit fühlen? Sie errichten sich entweder den Schutzwall der Depression oder sie stopfen sich voll mit aktivierenden Substanzen. Auf die zunehmende Medikalisierung nicht nur der Psychiatrie, sondern des Lebens überhaupt geht Ehrenberg in denjenigen Kapiteln ein, die sich mit der Medizingeschichte der Depression befassen.
Sigmund Freuds Entdeckung des Unbewussten und der kindlichen Sexualität hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Verständnis des menschlichen Seelenlebens (und seiner Erkrankungen) grundlegend revolutioniert. Jeder Mensch, so Freud, hat im Verlaufe seiner Entwicklung das ganze Drama der menschlichen Zivilisation noch einmal durchzuspielen. Er muss seine Triebe in den Griff bekommen und sich mit seiner Kastrationsangst arrangieren. Die psychoanalytische Therapie sollte den Patienten bei der Aufarbeitung schlecht bewältigter Konflikte unterstützen, damit dieser zu einem selbstbestimmten Leben frei von neurotischen Zwangshandlungen, Ängsten und inneren Blockaden finde; damit er zum autonomen Subjekt werde.
Detailreich legt Ehrenberg dar, wie diesem «Konfliktmodell» der menschlichen Entwicklung (und ihrer Irrwege) schon zu Freuds Zeit Konkurrenz seitens eines viel einfacher konstruierten Modells psychischer Erkrankungen erwuchs: Das «Defizitmodell» der medizinischen Psychiatrie und der Verhaltenspsychologie begreift den Menschen als eine Maschine. Wenn sie nicht mehr funktioniert, muss sie entweder neu aufgeladen oder geflickt werden. Der Verhaltenstherapeut oder Psychiater macht sich den Patienten zum Objekt, an dem er eine Reparatur vornimmt. Beweist denn nicht die neurowissenschaftliche Forschung, dass es sich bei der Depression schlicht um eine Funktionsstörung bei der Informationsübertragung im zentralen Nervensystem handelt? «Nehmen Sie eine Pille und seien Sie glücklich!», heisst es in der Werbung für die jüngste Generation von Antidepressiva.
Ehrenbergs Buch lässt sich als wortreiche Verteidigung des Konfliktmodells der Psychoanalyse gegen das «Maschine kaputt»-Modell der Verhaltenspsychologie sowie der medizinischen Psychiatrie lesen. Doch besonders geschickt stellt sich Ehrenberg dabei nicht an. «Tatsächlich gehören auch neurochemische Störungen und Probleme der neuronalen Informationsbearbeitung zu uns.» Will er mit dem «auch» etwa markieren, dass wir uns auf die alte Leib-Seele-Dichotomie zurückbesinnen sollen? Unklar bleibt des Weiteren, wie sich Ehrenberg den Zusammenhang zwischen seiner soziologischen und der psychoanalytischen Erklärung depressiver Erkrankungen (diese läuft unter dem Begriff der «Borderline-Störung») vorstellt. Meint er vielleicht, dass eine antiautoritäre, auf Konfliktvermeidung ausgerichtete Erziehung labile Persönlichkeiten hervorbringt, die schlecht auf die Herausforderungen des Neoliberalismus vorbereitet sind? Darüber liesse sich diskutieren.
Freuds Neurosenlehre war nicht das Ergebnis kluger zeitdiagnostischer Reflexionsarbeit am Schreibtisch. Vielmehr entwickelte er seine allgemeinen Kategorien ausgehend von der analytischen Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von Einzelfällen. Von einem solchen Verständnis von Forschung, von dem sich seit längerem auch Soziologinnen und Soziologen leiten lassen, ist in Ehrenbergs Buch wenig, eigentlich gar nichts zu spüren. So wirkt denn die Formel «Herr und Frau X. leiden, weil sie es leid sind, sich selbst und initiativ sein zu müssen» irgendwie konstruiert.