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In diesem Blog geht es um Lokalpolitik, Bergsteigereien, Sprachwandel – und andere Tollheiten des täglichen Lebens. Wer sich wenigstens ein bisschen fürs eine oder andere interessiert, sei hier ganz herzlich willkommen.
Ja, es ist tatsächlich nicht ganz einfach, historische Figuren auf Bildern zu ientifizieren. Im Fall der Albert-Heim-Hütte habe ich die Angaben aus einem wissenschaftlichen Beitrag übernommen, muss allerdings sagen, dass diese ziemlich sicher falsch sind. Es geht um die Person, die ich auf dem Bild zur Eröffnung der Hütte als Heinrich Bräm angeschrieben habe. In Tat und Wahrheit handelt es sich bei der Person um Hans Frick, den Direktor der mechanischen Seidenstoff-Weberei Adliswil (MSA), der mit grossem persönlichen Engagement die Finanzierung des Hüttenbaus sicherstellte.
In einem Zeitschriftenartikel zur Geschichte der Seidenindustrie habe ich ein Bild von Frick gefunden – und die Ähnlichkeit ist so gross, dass kaum noch Zweifel bestehen. In den besten Zeiten beschäftigte die MSA rund 1300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Patron war zuerst Robert Schwarzenbach (1839-1904), doch die Firma ging in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts in den Besitz der Familie Frick über. Auf Heinrich Frick (1845-1910) folgte Hans Frick (1872-1936). In den dreissiger Jahren war dann aber endgültig Schluss: Der Firma ging es immer schlechter, bis sich die Banken aus dem Geschäft zurückzogen. Zudem war Hans Frick in den letzten Jahren immer kränker geworden.
Hans Frick war hauptsächlich dafür verantwortlich, dass der Bau der Albert-Heim-Hütte des SAC mit privaten Geldern erstellt werden konnte. Gustav Kruck, der Zürcher Stadtrat und Initiator des Hüttenbaus, dankte Frick in seinem Buch “Die Klubhütten der Sektion Uto” von 1922 überschwenglich für seinen Einsatz. Man darf annehmen, dass Frick noch viel mehr gezahlt hat als offiziell bekannt wurde. Eine Vereinigung von “12 Freunden der Berge” übergab den ersten Betrag von 10’000 Franken an Kruck, sammelte später aber weiter, weil die Kosten deutlich höher wurden. Die Spender wollten anonym bleiben, was den Verdacht stärkt, dass vor allem Frick in die Tasche gelangt hatte. In Fricks Werkstätten in Adliswil wurden später auch die Schreiner-, Glaser- und Zimmerarbeiten für die Hütte gemacht, bevor die einzelnen Teile dann von Männern aus Realp zur Baustelle auf 2500 Metern Höhe hochgetragen wurden.
Warum die Albert-Heim-Hütte des SAC so heisst, wissen wahrscheinlich die wenigsten, die dort übernachten. Ihnen schweben bei ihrem Aufenthalt wohl eher der Galenstock, das Chli Bielenhorn oder die Lochberglücke vor als ein Geologieprofessor, der von 1849 bis 1937 gelebt hat. Nun mussten sich die Hüttengäste aber überraschenderweise doch mit dem Mann befassen: Am 14. April wurde auf der Hütte deren hundertjähriges Bestehen gefeiert. Der Hüttenverwalter Robert Lienert und der Hüttenwart Roman Felber hatten zur Veranstaltung geladen, zu der ich einen kurzen Vortrag über die vielfältigen Interessen Albert Heims beisteuern durfte. Zuvor hatte der Geologe und langjährige Tourenleiter Rolf Bleiker die Verdienste Heims als Geologe und Hochschullehrer gewürdigt.
Ein ganz spezieller Artikel erschien 1892 im Jahrbuch des SAC: «Notizen über den Tod durch Absturz». Heim beschrieb darin nicht nur seinen eigenen Absturz am Säntis zwanzig Jahre zuvor, er befragte auch zahlreiche andere Opfer und deren Angehörige. Er selber habe beim Unfall, nach dem er eine halbe Stunde bewusstlos war, sein ganzes Leben «in zahlreichen Bildern sich abspielen» sehen. Er sei in einen Himmel mit rosa und violetten Wolken geschwebt und habe gleichzeitig sich selber frei durch die Luft fliegen sehen. Dabei hab er weder Angst noch Schmerz empfunden. Eigentlich wollte Heim den Angehörigen von Absturzopfern Mut machen, ihnen zeigen, dass dieser Tod weniger schrecklich ist als man damals annahm. Mit seinen Schilderungen wurde er aber auch ein Vorläufer all der Bücher und Berichte über sogenannte Nahtoderlebnisse. Heim war übrigens kein religiöser Mensch, sondern nüchterner Wissenschafter. Kurz vor seinem Tod sagte er einmal: «Mich freut, was ich im Leben leisten konnte; es wird fortwirken. Dieses Jenseits genügt mir vollauf.»
Heim war auch ein ausdauernder Berggänger, der seinen Studenten auf Exkursionen bis ins hohe Alter zackig voranstieg. 1866, mit erst 17 Jahren wurde er Mitglied der Sektion Uto des Schweizer Alpenclubs SAC, die drei Jahre zuvor gegründet worden war. Er war begeistert von deren Sitzungen im Zunfthaus zur Saffran, an der viele seiner alpinistischen Vorbildern teilnahmen, unter vielen anderen etwa Heinrich Zeller-Horner oder Johann Müller-Wegmann. Immer wieder hielt Heim den SAC-Mitgliedern Vorträge über geologische Themen – und als er im Alter nicht mehr selber vorbeigehen konnte, schickte er längere Texte, die dann vorgelesen wurden. Albert Heim wurde nicht nur Ehrenmitglied der Sektion; mitten im Ersten Weltkrieg beschloss man, ihn zusätzlich mit der Benennung der neuen Hütte im Furkagebiet zu ehren. Heim bedeutete das sehr viel, schliesslich hatte er auch mitgeholfen, den genauen Standort der Hütte zu bestimmen. In einem allerdings irrte der Geologieprofessor: Er begründete die erhöhte Lage des Neubaus damit, dass sie auf diese Weise sicher sei vor dem allenfalls vorstossenden Tiefengletscher.
Nach der Feier folgt jetzt eine längere Durststrecke für all jene, die sich in diesem Gebiet tummeln: Die Hütte wird nun umfassend saniert und erweitert. Ab Spätsommer 2019 wird sie dann mit gesteigertem Komfort alten und neuen Gästen wieder offenstehen.
Jahr für Jahr wird in Zürich gejammert über die zahlreichen Baustellen, die für Staub und Dreck sorgen und einem den Weg versperren. Blickt man 150 Jahre zurück, relativiert sich allerdings die Situation gewaltig. Ich durfte für die Stadtzunft, die gerade ihr 150-jähriges Bestehen feiert, einen längeren Beitrag für ihr Jubiläumsbuch schreiben und konnte mich wieder einmal wundern darüber, wie rasch und tiefgreifend sich Zürich damals innert weniger Jahrzehnte verändert hat. In den dreissiger Jahren gab es einen ersten richtigen Schub: Die Schanzen wurden abgebrochen, was Raum bot für zahlreiche Bauten im inneren Kern der Stadt. Durch die engen Gässlein wurde eine neue Achse geschlagen, die den Postkutschen komfortablere Verhältnisse schuf. Beim heutigen Sechseläutenplatz entstand ein Kornhaus, die Münsterbrücke wurde gebaut, und zwischen Münsterhof und Paradeplatz wurde eine neue, breite Strasse angelegt. Passenderweise wurde an dieser Strasse die neue Post angelegt, wo die Kutschen ankamen und wegfuhren, die zuvor die engen Gassen der Altstadt verstopft hatten. Die Reiseführer lobten damals das neue Gebäude – und das gegenüber liegende Hotel Baur, das nobelste Gasthaus der Stadt. Gleichzeitig entschuldigte man sich bei den Touristen: Zürich sei ja normalerweise eine saubere Stadt. Weil aber momentan so viel gebaut werde, sei es entsprechend staubig und dreckig. Nach 1860 wurde die Stadt dann regelrecht umgestochen: Schanzengraben und Sihlkanal wurden verlegt, der Fröschengraben zugeschüttet und darauf die Bahnhofstrasse angelegt, ganze Quartiere neu gebaut – und andere vollständig beseitigt. Die schöne neue Post war nun ebenso überflüssig geworden wie das Kornhaus auf dem Sechseläutenplatz: Das Postgebäude wurde vorübergehend an die Kreditanstalt vermietet, das Kornhaus zur Tonhalle umgebaut und deren Betrieb in ein neues Gebäude beim Bahnhof verlegt. Die Bahn hatte innert kurzer Zeit die Kutschen überflüssig gemacht.
Man muss der Stadtzunft danken dafür, dass sie nicht einfach eine Jubiläumsbroschüre verfasst hat, sondern mit einigem Aufwand ein richtiges Zürich-Buch geschaffen hat, das die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in allen Facetten beleuchtet. Diverse namhafte Autoren haben sich daran beteiligt und beispielsweise die Bereiche Wirtschaft, Kultur oder politische Geschichte näher untersucht. Eingerahmt werden diese Fachartikel durch einen Stadtspaziergang um 1867 und einen Ausblick auf die weitere Entwicklung Zürichs. Und fast noch mehr als über die Geschichte der Stadt lässt sich staunen über die grosse Zahl von Bildern, die davon noch Zeugnis ablegen. Viele Fotos und Illustrationen hat man noch nie oder wenigstens schon sehr lange nicht mehr in einer Publikation gesehen.
Anfang 1868 errangen die Demokraten einen unglaublichen Sieg: Mit einer überaus deutlichen Mehrheit beschlossen die Stimmberechtigten, eine neue Verfassung mit deutlich erweiterten Volksrechten ausarbeiten zu lassen. Liberale und Konservative verstanden die Welt nicht mehr – vor allem aber das Volk. Sie kauften deshalb die NZZ und setzten einen neuen Chefredaktor ein, um mit diesem Volk eine «engere Fühlung» zu schaffen. Selbstverständlich ging die Sache schief. Aber zunächst der Reihe nach: Zentrale Figur in diesem Drama ist der Zürcher Jurist Eugen Escher (1831-1900). Wie einige seiner Zeitgenossen hatte er eine unglaubliche Fülle von Posten und Aufgaben: Er war Zürcher Stadtschreiber und gleichzeitig Gerichtsschreiber am Bundesgericht. Dazu Kantonsrat, National- und schliesslich auch Ständerat (nachdem ihn Alfred Escher überzeugt hatte, diesen Posten auch noch anzunehmen). Wir wissen relativ viel über Eugen Eschers Leben und Denken, weil seine Lebenserinnerungen nach seinem Tod in der NZZ erschienen sind. Zu finden sind diese unter dem Titel «Lebenslauf in ruhigen und bewegten Zeiten» auch als Separatdruck.
Eugen Escher war ein offener Geist und suchte auch in seiner Rolle als Stadtschreiber grösstmögliche Transparenz: «Vor allem bemühte ich mich, die noch immer sich zeigende, aus älteren Zeiten überkommene Geheimnistuerei über die Vorgänge und Bestrebungen in der Stadtverwaltung zu beseitigen und an deren Stelle eine regelmässige, sich gegenseitig stützende und fördernde Wechselwirkung zwischen Bevölkerung und Behörden zu setzen.» Er erfindet zu diesem Zweck Jahresberichte, Berichte zu Rechnung und Budget, Stadtratsmitteilungen und die öffentlichen Sitzungen des grossen Stadtrats (heute Gemeinderat), also alles Dinge, mit denen wir Lokaljournalisten uns täglich herumschlagen.
Die zusätzlichen Volksrechte, die sich die Demokraten auf die Flagge geschrieben hatten, waren Escher dann aber doch zu viel. Er habe zwar eine gewisse Sympathie für die Forderungen, stelle sich aber gleichwohl gegen die Demokraten, meinte er. Der Konflikt war aber auch einer zwischen Zürich und Winterthur, zwischen NZZ und «Landboten». Als Escher einmal fand, die baulichen Bestrebungen in Zürich würden über Gebühr von den demokratischen Kräften behindert, griff er selber zum Griffel und wandte sich vehement gegen eine Artikelserie im «Landboten», mit der seiner Ansicht nach die Landbevölkerung gegen Zürich aufgewiegelt wurde.
Der Sieg der Demokraten war für Escher ein schwerer Schlag. Vor allem aber schmerzte ihn, dass auch in Zürich selber eine Mehrheit für die neue Verfassung zusammenkam. Jetzt machte sich, so Escher in seinen Lebenserinnerungen, «in liberalen und konservativen Kreisen die Ansicht geltend, dass mit den Stimmberechtigten eine engere Fühlung geschaffen und hiefür insbesondere der Presse eine erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet werden müsse». Gegner der Verfassungsrevision kauften darauf die NZZ, nachdem die Idee zur Gründung einer Konkurrenzzeitung verworfen worden war. Das Unternehmen wurde zur AG, Eugen Escher zum neuen Chefredaktor. Doch es war ein schwieriger Start. Escher erhöhte sofort die Preise für Abonnements und Inserate, brachte die Zeitung dafür zwei Mal täglich auf den Markt. An der Redaktion verzweifelte er fast: Das «vorhandene Redaktionspersonal» sei nicht nur numerisch unzureichend, «sondern auch in der Mehrzahl ungeeignet», fand er. Aber es gebe auch kaum genügend Leute auf dem Markt für diese Posten.
Es folgen: Ein Lob auf die neue Turicensia-Lounge in der Zentralbibliothek und dann, was ich mir schon lange vorgenommen hatte, die Richtigstellung einer groben Falschmeldung, die seit Jahren durch Bücher und Zeitungsartikel geistert. Zum Lob aber zuerst: Die Zentralbibliothek hat umgebaut und für die Studentinnen und Studenten ganz viele Nischen gebaut, in denen sie sich auf ihre Prüfungen vorbereiten können. Die Sache erinnert mich stark an Hasenställe, weshalb ich nun immer gleich in die sogenannte Turicensia-Lounge fliehe, die für einen lokalhistorisch interessierten Zeitgenossen natürlich das Paradies ist (obwohl sich die sprachverliebten Zeitgenossen noch einen Bindestrich zwischen Turicensia und Lounge wünschen würden). Dieser Ort ist zwar neu geschaffen worden, er wirkt aber dennoch so, als wäre er ein wenig aus der Zeit gefallen. Es gibt hier alle möglichen Lokalzeitungen und -heftli, daneben Bücher und Broschüren über Zürichs Vergangenheit und Gegenwart. Sogar ein paar Bände der Zürcher Wochenchronik, dieser wundervollen Quelle zur Lokalgeschichte, sind dort greifbar.
Bei den Büchern steht unter anderem der Jubiläumsband zum Hundertjährigen der Offenen Rennbahn in Oerlikon – ein schöner, sorgfältig gemachter Bildband, der aber leider einen groben inhaltlichen Bock enthält. Schon im ersten Titel wird versprochen, dass man etwas über Mussolinis Rede erfahre, die ja eben in der Offenen Rennbahn stattgefunden haben soll. Dieser Unsinn geistert nun seit Jahren durch alle möglichen Publikationen, weshalb ich mir erlaube, die Sache endlich klarzustellen. Rein zeitlich wäre es natürlich möglich gewesen: Die Rennbahn in Oerlikon wurde 1912 eröffnet, Mussolini sprach am 1. Mai 1913 zu den “italienischen Genossen”. Er ging damals noch als Sozialist durch und wurde angekündigt als “Direktor des Avanti, Mailand”.
Auf dem Plakat zum “Arbeiter-Weltfeiertag” steht ferner, dass der Anlass im “Velodrom” stattgefunden hat. Die Autoren des Jubiläumsbuchs hätten eigentlich wissen müssen, dass man die Offene Rennbahn nicht Velodrom genannt hatte. Die Halle mit diesem Namen stand nämlich damals noch in Wiedikon, an der Ecke Manesse-/Zurlindenstrasse und diente der Zürcher Arbeiterbewegung sehr häufig als Veranstaltungslokal.
Wer mehr über Mussolinis Auftritt erfahren will, wird fündig in Ettore Cellas Buch “Das Damokles-Schwert”. Darin schildert der 2004 verstorbene Schauspieler die Geschichte seines Vaters, Enrico Dezza, der das Restaurant Cooperativo geführt und im ersten Stock des gleichen Hauses eine sozialistische Zeitung redigiert hatte. Ettore Cella war im gleichen Jahr geboren worden, in dem Mussolini nach Zürich kam. Dieser sei “morgens im Velodrom im Sihlhölzli und nachmittags im Volkshaus” aufgetreten, lesen wir in seinem Buch.
Mussolini verkehrte im “Cooperativa”, wie das Lokal damals noch hiess, übernachtete aber bei Bekannten. Er fürchtete sich vor Hotels, weil er zehn Jahre zuvor verhaftet und aus der Schweiz ausgewiesen worden war. Jahre später “wuchsen die Märchen über jenen Aufenthalt ins Unendliche. Alle wollten ihn gekannt und unterstützt haben”, schrieb Cella. Auch dass Mussolini im Café Odeon seinen Kaffee getrunken haben soll, gehört in dieses Kapitel.
Endlich habe ich die Erweiterung des Basler Kunstmuseums von Christ & Gantenbein nun auch noch gesehen. Man muss ja als Zürcher wissen, was die Erbauer des neuen Landesmuseums andernorts Tolles schaffen. Die Journalisten waren ob des Baus ins Schwärmen geraten, am heftigsten der Kollege vom “Standard”, der fand, die marmorne Stiegenbrüstung zaubere “mit einer gewissen Speckigkeit so etwas wie Softporno-Erotik in die Architekturwelt”. Das habe ich genauso nicht gesehen, obwohl mir das marmorne Geländer schon auch sehr gut gefallen hat. Es ist übrigens fast eine Kopie der Marmorbrüstung im Altbau – was natürlich bestens ins Konzept passt. Christ & Gantenbein haben ja auch beim Landesmuseum mit Alt und Neu gespielt – und den altehrwürdigen Gull-Bau in einer bestens nachvollziehbaren Art erweitert.
Der Kontrast zwischen dem Modernen, zum Teil Groben, und den feinen Details, die immer wieder Bezug nehmen auf traditionelle Museumsbauten, ist schon sehr ansprechend. Fast schon altmodisch erscheinen einem die Parkettböden und die omnipräsenten Marmorelemente. Dem stehen der eigenwillige Grundriss, die hohen Innenhöfe, die blechernen Türen und Wände in den Nebenräumen gegenüber, die ein bisschen Industrie-Ästhetik ins edle Bauwerk bringen.
Die unterirdische Verbindung zwischen Alt- und Neubau ist genial gelöst: Unter der Strasse liegt ein riesiger Ausstellungsraum, der vom einen in den andern Teil führt. Man geht die (neue) Treppe hoch und steht dann plötzlich im Altbau. Man kann nur hoffen, dass der Durchgang bei der Erweiterung des Zürcher Kunsthauses annähernd so gut gelöst wird. Ich habe ein paar Zweifel.
Eher enttäuschend ist, wie die Museumsverantwortlichen mit dem als offenes Haus konzipierten Erweiterungsbau umgehen. Als ahnungslosen Besucher zog es mich natürlich zuerst in den Neubau, von wo ich sofort wieder zurück zum alten geschickt wurde, weil nur da Tickets verkauft werden. Zu allem Übel gab es dann noch Tickets, die je nach Stockwerk unterschiedlich teuer waren. Wer im Erweiterungsbau Parterre oder zweiten Stock besuchen wollte, zahlte mehr, die erste Etage war billiger. Das hatte nun natürlich zur Folge, dass man auf jedem Stockwerk wieder sein Billett zeigen musste. Schon ein wenig mühsam. Überhaupt habe ich mich selten so verfolgt gefühlt wie in diesem so offenen Haus. An diesem Konzept könnte man also noch ein wenig feilen, finde ich.
Nur einen Tag hat es gedauert, bis das Rätsel um die bislang unbekannte Schweizer Kommission gelöst war (siehe Beitrag vom 26. April). Auf Twitter haben der Historiker Thomas Schmid (@th_schmid), Martin Grandjean (@GrandjeanMartin) und das Forschungsprojekt Diplomatische Dokumente der Schweiz (@Dodis) sehr effektiv und rasch die drei Herren umzingelt und enttarnt. Zuerst wurde Professor William Emmanuel Rappard identifiziert, dann folgten die beiden anderen Männer, die 1917 tatsächlich auf einer speziellen Mission in der USA unterwegs waren.
Der Vorsteher des Politischen Departements, Bundesrat Hoffmann, berichtet im entsprechenden Dodis-Dokument von der “ungünstigen Stimmung”, die in den USA gegenüber der Schweiz herrsche. Diese dürfte sich zwar mit dem neuen Botschafter, Jean Adophe Sulzer, deutlich verbessern. Dennoch wolle man nichts unversucht lassen, um die Beziehungen weiter zu verbessern und Vorurteile abzubauen. Deshalb schickte der Bundesrat zusätzlich die Dreierdelegation in die USA, um dort mit wichtigen politischen und wirtschaftlichen Kräften zu sprechen. Sehr schön zeigt das ein Bild in der Zeitung The Arizona Republican, auf dem der neue Botschafter mit Familie und der Delegation zu sehen sind. Die drei der “Swiss Mission” wurden ausgewählt, weil sie in irgendeiner Form Beziehungen zur USA hatten. Professor Rappard lebte bis zu seinem 18. Lebensjahr in den USA, Nationalrat John Syz wurde dort geboren und unterhielt geschäftliche Beziehungen. Und der Verleger Wilhelm Stämpfli schliesslich hatte immerhin eine Ehefrau amerikanisch-deutscher Abstammung. Interessant ist noch das sehr, sehr offene Pflichtenheft: “Ein Programm der Tätigkeit ist für die Delegierten noch nicht entworfen, es wird auch schwer zu entwerfen sein. Doch wird eine nähere Prüfung den richtigen Weg schon zeigen.”
Die Library of Congress bietet im Internet seit Jahren digitalisierte Fotos in sehr guter Qualität an. Darunter hat es auch viele Bilder mit Schweizer oder Zürcher Themen, etwa eine riesige Sammlung sogenannnter Photochrom-Bilder mit Schweizer Landschaften. Photochrom bezeichnet ein Druckverfahren, mit dem aus Schwarzweissbildern farbige Ansichten hergestellt werden können. Diese Technik wurde ab 1880 bei Orell Füssli in Zürich entwickelt, weshalb auch die Zürcher Zentralbibliothek über eine umfangreiche Sammlung der sehr hübschen Bilder verfügt. Daneben findet man in der Library of Congress alle möglichen Schweizer Sujets, die von der Käseherstellung bis zum Eislaufen auf gefrorenen Seen reichen.
Eine ganz spezielle Sammlung innerhalb der Library of Congress bildet der Nachlass des Fotohauses Harris & Ewing Inc., das 1905 gegründet worden war und in den dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts bereits der grösste Betrieb seiner Art war. George W. Harris und Martha Ewing betrieben fünf Studios und beschäftigten 120 Mitarbeiter. Sie machten alles, was ein klassischer Fotografenbetrieb tut – von Hochzeitsbildern bis zu Porträtaufnahmen. Ein wichtiges Standbein war aber die News-Fotografie, für die ein wahres Heer von Freelancern beschäftigt wurde. Als der Betrieb aufgelöst wurde, erhielt die Library of Congress 50’000 News-Bilder und 20’000 Porträtfotos, teils auf Negativfilmen, teils aber auch noch auf Glasplatten.
Eine dieser Glasplatten aus der riesigen Sammlung hat es mir besonders angetan, vielleicht auch, weil man nicht weiss, wer darauf abgebildet ist. “Swiss Commission” heisst der Titel des Bildes, entstanden ist es laut den Bibliotheksangaben zwischen 1905 und 1945. Von der Foto geht ein ganz eigener Reiz aus, vermutlich wegen der unterschiedlichen Positionen der Hände, die entfernt an die drei Affen erinnern, die sich Augen, Ohren und Mund zuhalten. Und ja, ein bisschen schweizerisch wirken sie doch auch.
Am 30. Juli 1935 wurde die Säntis-Luftseilbahn – oder wie es korrekt heisst: die Schwebebahn – in Betrieb genommen. Die erste Fahrt konnten die Verwaltungsräte geniessen, die beiden weiteren, “bei keineswegs reizlosem Nebeltreiben”, geladene Gäste aus der ganzen Schweiz, wie es in einem zeitgenössischen Bericht hiess. Carl Meyer, der Initiant der Bahn, mochte an diesem Tag nicht nur jubeln: zu gross waren die Hindernisse, die man ihm in den Weg gelegt hatte, zu gross war auch der Widerstand der Behörden gegen sein Projekt gewesen. “Einen Berg von Schwierigkeiten” habe er bewältigen müssen, bis der andere Berg, der Säntis, endlich bezwungen war, sagte er bei seiner Eröffnungsrede.
Erst gut achtzig Jahre alt ist also die Geschichte der Säntis-Schwebebahn, und doch hat sie immer wieder tiefgreifende Veränderungen erlebt. 1960 etwa wurde die Stütze 1 auf der Schwägalp, die gewissermassen zum Markenzeichen der Bahn geworden war, ersatzlos niedergerissen. Aus der Stütze 3, bei der man aus- und einsteigen kann, wurde dadurch die Stütze 2. im Lauf der ersten grossen Ausbauphase in den siebziger Jahren wurde die Talstation verlegt; sie war nun nicht mehr mit dem Restaurant auf der Schwägalp verbunden, sondern bekam den neuen Standort, von dem aus sie noch immer startet.
Die alte Talstation war aber am Bau des Bergrestaurants noch immer ablesbar; die Spitze des Gebäudes in Richtung Säntis zeigte an, wo die Gondeln in den ersten 25 Jahren starteten. Mit dem Neubau des Hotels/Restaurants ist nun aber auch das Ende des Altbaus mit Restaurant und ehemaliger Bahnstation gekommen. Seit Mitte März wird abgebrochen – oder schöner und korrekter gesagt: Stück für Stück zurückgebaut. Kein Bauteil geht verloren, alles wird schon gleich nach der Entfernung aus dem altehrwürdigen Gebäude auf je separate Haufen gelegt: Holz, Stein, Metall, Keramik usw.
Der “Abbruch” ist ein Spektakel für die zahlreichen Wanderer und Töfffahrer, die es mit den steigenden Temperaturen ins Freie und auf die Höhe zieht. Der Neubau bietet aber einen durchaus befriedigenden Ersatz. Er steht etwas am Rand der Schwägalp, weshalb er die Landschaft deutlich weniger beeinträchtigt als die alte Anlage. Die moderne Architektur dürfte für den einen oder andern noch etwas gewöhnungsbedürftig sein (vor allem die Metallornamente an der Fassade). Ich bin aber sicher, dass der Neubau von den zahlreichen Besucherinnen und Besucher bald ebenso ins Herz geschlossen wird wie das beim Altbau der Fall ist. Spätestens wenn letzterer vollständig abgetragen ist, wird man das Konzept und den zusätzlichen Freiraum auf der Schwägalp zu schätzen wissen.
In Zürich wird momentan der Arzt, Sprach- und Naturwissenschafter Conrad Gessner gleich in mehreren Ausstellung gewürdigt. Gessner lebte von 1516 bis 1565, der Anlass für die Feierlichkeiten ist also sein 500. Geburtstag. Vieles ist schon geschrieben worden über die Hauptwerke Gessners, mit denen er in ganz Europa bekannt wurde. Am berühmtesten ist wohl seine “Historia animalium”, die ihn zu einem Pionier der modernen Zoologie machte – und die sich der schönen Bilder wegen auch sehr gut für Ausstellungszwecke eignet. Der Universalgelehrte verfasste auch eine “Bibliotheca universalis”, die erste gedruckte Bibliographie, in der das Wissen der damaligen Zeit schön handlich aufgelistet war.
Ein Aspekt, der ob der gewichtigen anderen Themen ein wenig untergeht, ist Gessners Liebe zu den Bergen. Er war nämlich trotz seiner umfangreichen Studien alles andere als ein Stubenhocker. Immer wieder zog es ihn in die Berge, deren Schönheit er in den höchsten Tönen pries. 1555 etwa bestieg er den Pilatus, wozu es damals noch eine Bewilligung des Schultheissen von Luzern brauchte. Gessner erhielt die Erlaubnis, wurde aber begleitet von einem Stadtboten, der wohl als Aufseher darüber zu wachen hatte, dass er dem verwunschenen Pilatussee nicht zu nahe kam. Als Bergführer wurde zusätzlich der Senn der Alp Trockenmatt verpflichtet. Die Expedition führte via Eigental zum Mittaggüpfi – und schliesslich doch noch zum Pilatussee bei der Oberalp. In seiner kurz nach dem Besuch erschienenen Schrift “Descriptio montis fracti sive montis Pilati” lässt er die Leserschaft dann wissen, wie wenig er von der Sage des Pilatus hält, der in diesem sumpfigen Seelein herumgeistern soll. Ausführlich beschreibt er schliesslich, wie sehr ihm das Bergsteigen Freude bereite: “Es gibt in der Tat keinen unserer Sinne, der im Gebirge nicht ganz besonders auf seine Rechnung kommt.”