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Szene in einem Büro: Einem Mitarbeiter, der im Moment in grossen privaten Schwierigkeiten steckt, unterläuft ein fataler Fehler. Er bemerkt ihn selber und versucht zu retten, was noch zu retten ist. Dann kommt der Chef in sein Büro und schreit ihn an: «Kannst du nicht besser aufpassen, weisst du, was das jetzt bedeutet?» Der Chef erholt sich kaum mehr davon, schreitet fluchend durch alle Büros, schreit sämtliche Mitarbeitenden an, welche dann selber auch noch alle aus dem Konzept geraten. Es herrscht grosse Unruhe, ein Klima der Angst, gegenseitige Beschuldigungen und Anfeindungen folgen. Kurz und gut: Alles geht drunter und drüber. Dabei arbeiten doch in diesem Büro lauter sehr intelligente Menschen an hochkomplexen Projekten. Doch Intelligenz alleine reicht bekanntlich nicht aus, um sämtliche Probleme im Leben zu lösen. Technische Probleme vielleicht schon, aber zwischenmenschliche Probleme erfordern eine andere Fähigkeit: emotionale Intelligenz!
Der Begriff «Emotionale Intelligenz» wurde erstmals 1990 an der Universität New Hampshire und an der Yale University verwendet.
Zusammenfassend beschreibt der Begriff die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle korrekt wahrnehmen zu können, diese zu verstehen und adäquat damit umgehen zu können.
Der Psychologe Daniel Goleman definiert die emotionale Intelligenz folgendermassen: «Bei der emotionalen Intelligenz geht es darum, die eigenen Emotionen zu erkennen und zu akzeptieren.»
Viele Menschen fühlen sich ihren Gefühlen ausgeliefert; sie haben ihre Gefühle, beziehungsweise ihre Emotionen nicht im Griff und handeln dann entsprechend. Oder sie bekämpfen ihre Gefühle, sie verdrängen ihre Gefühle, sie vermeiden ihre Gefühle oder lehnen sie ab. Dabei vergessen sie, dass man – auch wenn das nicht immer einfach ist – Gefühle und Emotionen im Allgemeinen auch steuern und beeinflussen könnte. Und das, bevor es zu einer Eskalation kommt und schliesslich viel Geschirr zerschlagen wird.
Emotionen zu beeinflussen könnte heissen, Gefühle so zu handhaben, dass sie der Situation angemessen sind, statt zu dramatisieren oder zu verharmlosen.
Dem eingangs erwähnten Chef ist dies offenbar gar nicht gelungen. Er sah den Fehler seines Mitarbeiters, ärgerte sich grün und blau darüber und konnte seine Emotionen nicht unter Kontrolle halten. Dabei hat er vergessen, dass er mit seinem Verhalten alles noch schlimmer macht. Und dass mit seinem emotionalen Ausbruch das Problem sicher nicht gelöst werden kann. Würde dieser Chef über ein Mindestmass an emotionaler Intelligenz verfügen, so hätte er versucht, sich zuerst zu beruhigen – und dann in aller Ruhe mit dem betreffenden Mitarbeitenden das Problem zu besprechen und nach einer Lösung zu suchen. Gefragt gewesen wäre die Fähigkeit, die eigenen Emotionen so zu beeinflussen, dass sie bei der Erreichung des Zieles helfen.
Empathie, also das Einfühlungsvermögen in andere, ist das Fundament zwischenmenschlicher Beziehungen und deshalb ein wesentliches Kriterium der emotionalen Intelligenz. Ein Mensch, der erkennen kann was andere fühlen, ist in der Lage herauszufinden, was sein Gegenüber braucht oder will, was ihm guttut; oder auch, was ihm im Moment gerade schaden könnte. Das gilt für sämtliche Arten von Beziehungen, die wir Menschen leben: Eltern und Kinder, Chef und Untergebene, das gilt ganz besonders auch für Partnerbeziehungen, Freundschaften, Nachbarschaften oder den Umgang mit Kollegen in einem Verein, einer Musikgruppe oder einer Sportmannschaft.
Dem eingangs erwähnten Chef fehlte es an dieser Fähigkeit. Und ihm war wohl auch nicht bewusst, welchen Schaden er sich und der Firma durch sein Geschrei zugefügt hat. Der fehlbare Mitarbeitende hat ja kaum absichtlich einen Fehler begangen; und er war sich der Konsequenzen des Fehlers auch bewusst. Wenn danach ein Chef derart heftig reagiert, so verunsichert er seinen Mitarbeiter zusätzlich und es besteht die Gefahr, dass weitere solche Fehler passieren.
Leider noch nicht überall, doch zunehmend ist ein hoher Intelligenzquotient für Arbeitgeber zweitrangig. Sie haben erkannt, dass die emotionale Intelligenz mindestens gleichermassen wichtig ist wie fachliche Kompetenz und ein Superhirn. Das hat mehrere Gründe:
Schliesslich bleibt noch die Frage, ob emotionale Intelligenz geerbt oder erlernt werden kann. Die Frage ist wohl kaum schlüssig zu beantworten; sicher ist aber, dass kleine Kinder ihren Eltern vieles abschauen und nachahmen. Wer also schon als Kind sieht, wie andere sich tolerant, einfühlsam, kontaktfreudig, rücksichtsvoll oder auch empathisch verhalten, wird diese Fähigkeiten eher erlernen als Kinder, denen diese Verhaltensweisen vorenthalten werden. Und so könnte man sagen, dass emotionale Intelligenz von Generation zu Generation weitergegeben werden kann.
Und wer emotionale Intelligenz als Kind nicht erleben durfte, dem bleibt nichts anderes übrig, das als erwachsene Person selber zu erlernen. Was sicher nicht immer ganz einfach, aber möglich ist. Wer sich emotional intelligent verhält, wird übrigens schnell merken, dass dieses Verhalten sich in allen Belangen auswirkt. Emotional intelligente Menschen tun nicht nur sich selbst einen grossen Gefallen, sondern auch allen, mit denen sie im Verlaufe des Lebens zu tun haben. Und das sind in der Regel sehr viele …