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Flüssiggas soll russisches Erdgas ersetzen. Aber das geht nicht so schnell.
Andreas Schwander
iStock Litauen hat im Hafen von Klaipėda schon vor Jahren einen eigenen, mobilen LNG-Terminal namens «Independence» gebaut und ist nun komplett unabhängig von russischem Gas.
Was hat Europa doch gelacht, als das litauische Parlament 2007 beschloss, die Energieversorgung des Landes mit einem eigenen schwimmenden Flüssigerdgas-(LNG-)Terminal von Russland unabhängig zu machen. 2011, im gleichen Jahr, in dem das einsame, störrische Litauen sein LNG-Spezialschiff bestellte, das künftig stationär im Hafen von Klaipėda Gas ins Netz einspeisen sollte, ging ein paar Dutzend Kilometer vor der litauischen Küste die neue Gaspipeline Nord Stream 1 in Betrieb. Europa hatte den russischen Bären domestiziert, die Versorgung mit billigem russischem Gas über Jahrzehnte gesichert. Weshalb sollte man sich da ein teures, unwirtschaftliches, subventioniertes LNG-Terminal beschaffen?
Doch die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen warnen seit Jahren vor einer zu grossen europäischen Abhängigkeit von russischem Gas. Sie kennen ihren grossen Nachbarn Russland nur zu gut und wollten deshalb auch schnellstmöglich in die Nato. Das litauische Gasterminal mit dem vielsagenden Namen «Independence» (Unabhängigkeit) wurde zwar mit EU-Geldern mitfinanziert, doch allgemein hiess es: «Zu gross, zu teuer, Steuergeldverschwendung.» Denn die jährliche Transferkapazität der «Independence» beträgt mehr als den doppelten Verbrauch des Landes, der zudem laufend zurückgeht, weil es seine Fernheizsysteme nach und nach auf Biomasse umgestellt hat.
Mit Erdgas aus der Abhängigkeit des Nahen Ostens Energieunabhängigkeit und Gas haben eine lange gemeinsame Geschichte. Die Verwendung von Erdgas war nämlich nach dem im Nahen Osten verursachten Ölschock der 1970er-Jahre eine Offenbarung: Es gab die Energie direkt unter den Füssen Europas – in den Niederlanden, in Deutschland und in Frankreich. Das Gasfeld von Groningen konnte lange den niederländischen Gasbedarf zu 100 Prozent decken und trotzdem noch Gas exportieren. Doch Erdgas wurde zum Opfer des eigenen Erfolgs, als sich das Leitungsnetz ironischerweise wieder in unzuverlässige Länder auszudehnen begann – sehr unzuverlässige, wie man seit dem 24. Februar 2022 weiss.
Das Gegenmittel heisst, wie Litauen schon lange predigt, Flüssiggas (LNG, Liquefied Natural Gas). Das ist Erdgas, das auf minus 162 Grad abgekühlt und damit verflüssigt wird. Das Volumen schrumpft dabei auf ein Sechshundertstel des Gases, d. h. auf 0,16 Prozent. Für Flüssiggas gibt es nämlich, ähnlich wie für Öl, einen weltweiten, relativ liquiden Markt. Dagegen sind Kunden beim Röhrengas an einzelne Lieferanten gebunden. Der Nachteil ist, dass das Verflüssigen sehr viel Energie braucht. Die Rede ist von 10 bis 25 Prozent der ursprünglichen Energie des Gases. Damit ergibt sich eine Distanzgrenze, für die Flüssiggas sinnvoll ist. Auf kürzere Distanzen sind Pipelines sinnvoller, auf längere LNG-Transporte, vor allem per Schiff, allenfalls aber auch per Zug oder Lastwagen. Doch auch hier gibt es Nuancen. Generell gelten Strecken über 2500 Kilometer als LNG-tauglich. Allerdings reicht das europäische Pipeline-Netz deutlich weiter in den Osten, auch weil auf dem Weg von Westsibirien, etwa von der russischen Jamal-Halbinsel, schon nach etwa 1500 Kilometern mit Petrosawodsk oder St. Petersburg grosse Zentren liegen, auf der alten Südroute auch Minsk und Kiew. Auf dem Weg weiter nach Westen kommt den russischen Gasexporteuren deshalb entgegen, dass sich ein Ballungszentrum ans andere reiht und dass die Ostsee nicht sehr tief ist, womit sich Pipelines relativ einfach bauen lassen. Allerdings sind auch Flüssiggasterminals in der russischen Arktis geplant, vom einzigen privaten russischen Gaskonzern Novatek, gemeinsam mit europäischen Banken und dem französischen Energiekonzern Total, um das Gas per Schiff transportieren und die Märkte ausdehnen zu können. Mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine dürften die Pläne nun Makulatur sein.
Flüssiggas per Bahn und Schiff So trifft man Flüssiggastanker mit ihren gewaltigen kugelförmigen Tanks mittlerweile häufig auf allen Weltmeeren. Im Gegensatz zu den Motoren von Containerschiffen und normalen Öltankern laufen ihre Maschinen nicht mit Schweröl, sondern mit dem ausgasenden Gas ihrer Ladung. Deshalb ist auch der Transport deutlich umweltschonender als jener von Kohle oder Öl. Doch auch der Bahntransport ist sinnvoll. In den USA, wo viele Kohlekraftwerke auf Gas umgestellt wurden, war Kraftwerkskohle jahrzehntelang das wichtigste Transportgut der Eisenbahn. Mittlerweile ist ein grosser Teil davon Flüssiggas, mit der sogenannten rollenden Pipeline.
Die Technologie für Förderung, Verflüssigung und Transport von LNG ist etabliert, doch schnell geht die Substitution von russischem Gas nicht. Freie LNG-Kapazitäten gibt es nicht viele, weder bei Produktion und Transport noch bei der Einspeisung ins Gasnetz. Die grossen LNG-Ströme sind in Asien – mit Katar und Australien als grössten Exporteuren –, die grössten Importeure sind China und Japan, das seit dem Fukushima-Atomdesaster vermehrt auf Gaskraftwerke setzt. Katar hat den grössten Teil seiner Produktion um Jahre voraus verkauft, ebenso wie Australien, das zwar Kohle nach Europa liefert, aber für LNG etwas gar weit weg ist. Bleiben die USA, aber auch da sind die Kapazitäten nicht unbeschränkt. Sowohl für den Kapazitätsaufbau bei den Produzenten, den Aufbau der Transportkapazität mit neuen LNG-Tankern wie auch bei den LNG-Terminals in Europa bräuchte es drei bis vier Jahre. Das geht auch dann etwa so lange, wenn jetzt sofort die Bestellbücher der südkoreanischen Werften, die solche schwimmenden Terminals wie die «Independence» bauen können, mit Bestellungen geflutet werden.
Mehr Effizienz – und auf die Balten hören Für Europa gilt deshalb: weniger verbrauchen, andere Gaslieferanten finden und LNG-Terminals bauen – so schnell, wie es halt geht. Dass dafür ausgerechnet ein grüner deutscher Wirtschaftsminister im Nahen Osten über Gaslieferungen verhandeln muss, ist Ironie des Schicksals. Es zeigt aber, dass sich eine jahrzehntelange konservative Energiepolitik nicht einfach innert weniger Monate um 180 Grad drehen lässt. Auch wenn man wild am Steuerrad kurbelt, fährt der Supertanker erst einmal noch eine ganze Weile geradeaus. Da kann Europa nur die Litauer beneiden. Als die «Independence» im Oktober 2014 im Hafen Klaipėda in Betrieb ging, lud Litauen auch seine Nachbarn ein, über das Terminal Gas zu beziehen. Und es lag goldrichtig. Die «Independence» ist mittlerweile mit den Gasnetzen von Lettland und Estland verbunden, und eine neue Leitung nach Polen ging im Frühling 2022 aufgrund des russischen Angriffs auf die Ukraine um Monate früher in Betrieb als geplant, um auch Polen etwas von der Abhängigkeit von russischem Gas zu entlasten.
Mittlerweile wünscht sich ganz Europa, es hätte den Balten geglaubt und Litauen hätte noch viel grösser geplant. Es gibt 37 LNG-Terminals in ganz Europa, mit einer höheren Kapazität als jener des ganzen russischen Liefervolumens. Doch zu lange haben die deutsche SPD-Regierung unter «Gas-Gerd» Gerhard Schröder und dann die CDU-Regierung unter Angela Merkel blauäugig-konsequent die europäische Energieversorgung auf Russland ausgerichtet. Die freien Kapazitäten an den europäischen Terminals betragen vielleicht 15 Prozent. Der Abschied von der Gasabhängigkeit von Russland wird zäh, langwierig und teuer. Wirklich unabhängig sind nur die Litauer mit ihrer «Independence». Sie haben es den anderen immer gesagt. Aber jetzt lacht wenigstens niemand mehr darüber.
Flüssiggastanker mit ihren riesigen kugelförmigen Gastanks operieren auch unter schwierigen Wetterbedingungen – in der Ostsee manchmal auch mithilfe von Eisbrechern.
In Flüssiggasterminals wie im Energiehafen Krk in Kroatien wird das von Tankern angelieferte Gas ins Pipeline-Netz eingespeist.