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Der Kapitalbegriff ist nach der letzten Wirtschafts- und Bankenkrise in aller Munde, was sich nicht zuletzt an Buchtiteln wie Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ zeigt. Allerdings hat er mittlerweile keinen besonders positiven Beigeschmack. Wenn ein Begriff überwiegend negativ oder positiv dargestellt wird, sollte dies philosophischen Widerspruchsgeist herausfordern, wenn wir denn an einer umfassenden und möglichst vorurteilsfreien Sicht auf einen Sachverhalt interessiert sind. Aufgabe der Philosophiegeschichte ist es nun, eine Sache oder einen Begriff aus einer anderen historischen Perspektive in den Blick zu nehmen und sich so um ein vollständigeres Bild zu bemühen, das im besten Fall Lösungsansätze für heutige Probleme bereithält. Aus diesem Grund lohnt es sich, den historischen Wurzeln des Begriffs des Kapitals nachzugehen. Ausgerechnet der Franziskaner Petrus Johannis Olivi war Ende des 13. Jahrhunderts der erste, der den Kapitalbegriff in die philosophische Debatte einführte, nachdem dieser schon seit einiger Zeit im Okzitanischen im Gebrauch war. Obwohl Olivi sich vehement für die extreme franziskanische Armut einsetzte, entwickelte er eine richtungsweisende Kapitaltheorie, in der er zum ersten Mal bloßes Geld vom fruchtbaren Kapital unterscheidet. In seinem Traktat über Verträge betont Olivi die Wichtigkeit der Kaufleute, da sie raum-zeitliche Verteilungsdifferenzen von Waren ausnutzen und so Mangel entgegenwirken. Dafür dürfen sie auch teurer verkaufen als sie eingekauft haben. In die Bestimmung des Preises einer Ware gehen drei Faktoren ein: (1) die Tauglichkeit in Bezug auf unseren Nutzen, (2) die Knappheit einer Ware, (3) das Wohlgefallen unseres Willens an der Ware – dies zeigt die Freiwilligkeit des Kaufvertrags. Der relative Wert, der sich aus diesen Faktoren ergibt, ist Schwankungen unterworfen, und es gibt bei der Bestimmung des gerechten Preises einen Ermessensspielraum. Gäbe es keinen Spielraum, wäre die Festlegung des Preises ein Automatismus und würde der Freiwilligkeit des Kaufvertrags widersprechen, ohne ihn gäbe es keine Preisdifferenzen und keinen Profit. Indem eine Ware zum Kauf angeboten wird, geht sie gewissermaßen in die menschliche Gemeinschaft ein und gehört nicht mehr nur dem Verkäufer. Dieser kann daher keine völlig willkürlichen Preise verlangen, sondern muss sich nach dem Marktpreis und den gemeinschaftlichen Regeln richten, natürlich mit besagtem Ermessensspielraum. Der Verkäufer muss sich also, wie alle Marktteilnehmer, laut Olivi am bonum commune orientieren, der Preis wird im Idealfall aus der Perspektive der Gemeinschaft heraus festgesetzt. Preise können nicht einfachhin nur den individuellen Bedürfnissen der Käufer Rechnung tragen, sonst wären Wasser und Grundnahrungsmittel unermesslich teuer, weil sie zum Überleben erforderlich sind. Dann würde jede menschliche Gemeinschaft zerstört und dem Einzelnen übergroße Lasten aufgebürdet. Die Ökonomie ist bei Olivi also an das bonum commune zurückgebunden; die menschliche Gemeinschaft und nicht das Gewinnstreben oder die besondere Bedürftigkeit Einzelner bestimmen die Regeln des Marktes.
Wäre der Warenpreis zu allen Zeiten und Orten konstant, müssten keine Preise ausgehandelt werden und die Arbeit des Kaufmanns wäre überflüssig. Tatsächlich gibt es aber zeitliche und räumliche Preisdifferenzen, die vor allem dem Wertfaktor Knappheit geschuldet sind. In einem Jahr gibt es eine reiche Ernte, im anderen Jahr herrscht Dürre; in Indien sind Gewürze in Überfülle vorhanden, in Nordfrankreich seltener. Die Aufgabe der Kaufleute besteht nun laut Olivi darin, lokale oder temporäre Engpässe zu kompensieren. Die Kaufleute sorgen für die gerechtere und gleichmäßigere Verteilung der lebensnotwendigen Güter, ihre Arbeit dient daher dem Gemeinwohl. Weil zu dieser Arbeit Erfahrung wie auch moralische Integrität erforderlich ist, können die Produzenten sie nicht selbst übernehmen. Auch fehlen Bauern und Handwerkern die dazu erforderlichen finanziellen Mittel. Händler fallen also auch unter die raritas, sie sind seltener als einfache Produzenten, daher steht ihnen eine angemessene Entlohnung zu. Diese Entlohnung besteht darin, dass sie ihre Waren teurer verkaufen dürfen, als sie sie eingekauft haben. Olivi betont dies weitaus deutlicher und ausführlicher als Thomas von Aquin in der Summa theologiae II-II, q. 77, a. 4; er schätzt die Bedeutung des Handels weitaus höher ein als die meisten zeitgenössischen Theologen. Der Profit des Händlers hat Anreizfunktion und dient vor allem auf zweierlei Weisen dem Gemeinwohl: Einerseits führt er zu einer gleichmäßigeren Verteilung der lebensnotwendigen Güter, andererseits garantiert er den Profit der Bauern und Handwerker, die ihre Waren ja möglichst regelmäßig verkaufen müssen. Olivi geht sogar so weit zu behaupten, dass die mannigfachen Gelegenheiten zu Kauf und Verkauf und zum Profit der Ordnung der göttlichen Vorsehung entspringen und der Gewinn der Händler eine Gottesgabe ist (ex Dei dono provenit), wenn es denn zu keinen verwerflichen Preisexzessen kommt.
Der anfallende Gewinn eines Händlers ist Kompensation der kaufmännischen Arbeit und Erfahrung, lässt sich aber auch auf das eingesetzte Kapital zurückführen. Was versteht Olivi unter Kapital? Olivi ist der erste Theoretiker im Mittelalter, der überhaupt einen Kapitalbegriff in die Debatte einführt: Kapital ist Geld mit einer samenhaften Bestimmung zum Gewinn. Der Begriff der samenhaften Bestimmung ist den Stoikern und Augustinus entlehnt. Dabei ist Olivi, was die legitimen Ausnahmen vom mittelalterlichen Zins- und Wucherverbot angeht, weitaus freizügiger als seine Vorgänger: Wenn ein König einen Kaufmann dazu auffordert, Notleidenden Naturalien oder Geld zu leihen, kann der Kaufmann für den entgangenen Gewinn (lucrum cessans) durch Zinsen entschädigt werden. Es handelt sich immer um Fälle, in denen das Gewähren eines Darlehens (mutuum) moralisch oder politisch geboten ist, immer geht es um das Gemeinwohl. Es zeigt sich also: Für Olivi sind ethische Erwägungen und das Gemeinwohl gerade auch für die ökonomische Welt maßgeblich. Während in der Neuzeit, z.B. bei Adam Smith, das individuelle Verfolgen des Eigeninteresses automatisch zum Gesamtwohl aller beiträgt – Stichwort „unsichtbare Hand“ –, dringt Olivi darauf, dass schon die individuellen ökonomischen Transaktionen nicht allein am eigenen Nutzen, sondern auch am bonum commune auszurichten sind. Ein franziskanischer Armutstheoretiker des 13. Jhs. wertet so offenbar die traditionelle Ständegesellschaft um, indem er den Franziskanern eine radikale Auslegung ihres Armutsgelübdes nahelegt. Zugleich kooperieren Denker wie Olivi mit der neuen aufsteigenden Elite der Händler und Kaufleute, indem sie als ihre Beichtväter und Wirtschaftsprüfer fungieren. Die Bettelorden nähern sich der untersten Schicht ihrer Gesellschaft freiwillig auf extremere Weise als andere an, liefern aber zugleich den theoretischen Überbau für die prosperierende Profitwirtschaft der neureichen Elite, die in der alten Ständegesellschaft als wucherisch verpönt war. Gerade die Wertschätzung der Ökonomie mit ihren Eigengesetzlichkeiten und zugleich ihre Rückbindung an das Gemeinwohl, das bonum commune, stellt einen Aspekt der mittelalterlichen Theorie dar, den wir auch heute nicht aus dem Blick verlieren sollten.
Weiterführende Literatur:
Langholm, Odd: Economics in the Medieval Schools: Wealth, Exchange, Value, Money and Usury according to the Paris Theological Tradition, 1200–1350. Leiden 1992.
Little, Lester K.: Religious Poverty and the Profit Economy in Medieval Europe. London 1978.
Rode, Christian: „Die Geburt des Kapitalismus aus dem Geist der franziskanischen Armutsbewegung. Der Kapitalbegriff bei Petrus Johannis Olivi“, in: G. Mensching (Hrsg.): Geistige und körperliche Arbeit im Mittelalter, Würzburg 2016, S. 107-122.