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Ich treffe Flavia Ghidossi beim Zürcher Kloster Fahr, gleich an der Limmat. An einem abgesonderten Platz breitet sie eine Decke aus, setzt sich darauf und fängt an, ihre Utensilien auszupacken: Steine und Kristalle, zwei Rasseln, verschiedene Gewürze und zwei Tassen.
Bevor wir das Wasserritual beginnen, möchte mir Flavia Ghidossi eine Tasse rohen Kakao geben. Der Kakao soll mir helfen, «ins Herz zu kommen», meint sie. Dadurch sei es einfacher, sich mit den Elementen zu verbinden. Ich weiss noch nicht, was mich erwartet. Deshalb nehme ich zuerst einmal nur ganz wenig Kakao.
Körperlich soll der Kakao den Blutkreislauf stimulieren. Und das spüre ich tatsächlich ein wenig später während des Rituals: Mein Herz pumpt stark.
Was ist nochmal Schamanismus?
Das Wort «Schamane» (šaman) stammt ursprünglich von tungusischen Völkern in Sibirien und wird übersetzt mit «jemand, der weiss». Schamanismus verstehen wir deshalb als einen Kult, rund um einen solchen Schamanen oder eine Schamanin.
Heute verwendet man den Begriff als Sammelbegriff für spirituelle oder rituelle Spezialistinnen und Spezialisten, die mit einer «geistigen» Welt kommunizieren. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprechen oft lieber von «Schamanismen» im Plural, da so betont wird, dass es ein Sammelbegriff ganz unterschiedlicher Traditionen ist.
Diese «Schamanismen» sind oft animistisch geprägt, das heisst, sie glauben daran, dass alles einen «Spirit», einen Geist oder ein Bewusstsein hat und man deshalb auch mit allem kommunizieren kann.
Lektionen eines Lebensquells
Während ich an meinem bitteren Kakao nippe, erklärt mir Ghidossi einige Grundsätze ihrer Arbeit. Aus schamanischer Sicht habe alles einen «Spirit» oder Geist. Sie nennt dies auch «ein Bewusstsein». Deshalb sei es möglich, mit allem zu kommunizieren und sich zu verbinden.
Flavia Ghidossi meint, dass wir von allen Elementen lernen könnten. Vom Wasser könnten wir lernen, wie alles «im Fluss bleibe», dass wir nirgends festfahren, dass unsere Gefühle nicht einfrieren oder verdampfen. Wasser sei stark mit unseren Emotionen verbunden.
Ghidossi kommt ans Wasser, wenn sie Fragen an das Wasser hat. Wenn sie zum Beispiel wissen möchte, wie sie ruhig bleiben kann, wenn neben oder in ihr gerade ein reissender Fluss tost.
«Wo steckst du fest im Leben?»
Wir beginnen die Zeremonie. Zum Einstieg singen wir. Auch Gesang soll helfen, uns besser auf unsere Gefühle einzulassen und weniger «verkopft» zu sein. Nach dem Singen führt mich Flavia Ghidossi durch eine Meditation. Wir sitzen dem Wasser zugewandt mit überkreuzten Beinen auf der Decke.
Ich schliesse die Augen und höre Flavia Ghidossi zu. Sie stellt Fragen, die ich für mich beantworten soll, wie zum Beispiel: «Was möchtest du heute vom Wasser lernen? Wo steckst du fest im Leben?»
Das Wasser der Limmat ist unglaublich laut. Dennoch hat es eine beruhigende Wirkung auf mich. Nach der Meditation gehen wir ein paar Schritte runter zum Fluss, stellen unsere Füsse ins Wasser und benetzen unsere Arme, Beine und das Gesicht. An diesem heissen Mittag kommt diese Abkühlung zur rechten Zeit.
Der Zauber der Zitronenmelisse
Dann ist es an der Zeit für ein «Offering»: Sich mit dem Wasser zu verbinden heisse, dass man dem Wasser auch etwas zurückgeben soll. Flavia Ghidossi legt einen Büschel Zitronenmelisse ins Wasser. Die Zitronenmelisse wachse so schnell. Sie nehme sich den Platz ein, den sie zum Leben brauche.
Flavia Ghidossi wünscht sich damit, dass sich auch das Wasser den Platz einnehmen kann, das es braucht. Wir beenden die Zeremonie mit Gesang: «Danke für deine Medizin, liebes Wasser», singen wir.
Neue alte Erfahrung
Nach dieser Zeremonie fühle ich mich entspannt. Ob es mir nun gelungen ist, mich mit dem Wasser zu verbinden, kann ich nicht sagen. Ich bin mir auch nach der Zeremonie nicht sicher, was es genau bedeutet, sich mit einem Element zu verbinden.
Unabhängig davon habe ich etwas gelernt: Flavia Ghidossi macht in ihren naturreligiösen Ritualen etwas, das ich auch schon instinktiv vorher gemacht habe. Wenn ich angespannt bin, suche ich die Natur auf – insbesondere das Wasser. Dann sitze ich da, lausche dem Wasser, berühre es und erfrische mich darin. Ich habe wohl mein erstes Wasserritual hinter mir. Aber so neu war das alles gar nicht.