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Schilddrüsenfunktion ist noch über 30 Jahre danach beeinträchtigtDie Folgen des Chemieunfalls von Seveso hinterlässt nach über 30 Jahren noch Spuren: Babys, deren Mütter hohen Dioxin-Werten ausgesetzt waren, leiden vermehrt unter Schilddrüsen-Unterfunktion. Dioxine sind giftige Chemikalien, die sich beispielsweise während der Verbrennung von Abfall bilden, aber auch in der Natur etwa bei Waldbränden entstehen. Die Substanzen sind allgegenwärtig und reichern sich besonders auch im Fettgewebe des Menschen an. Aus Tierversuchen ist bekannt, dass Dioxin-belastete Muttertiere oft Junge mit verminderter Schilddrüsenfunktion und entsprechenden Entwicklungsstörungen gebären. Die Umweltmedizinerin Andrea Baccarelli von der «Harvard School of Public Health» in Boston wollte nun wissen, ob dies auch beim Menschen der Fall ist.
Dazu haben sie und ihr Team sich ein Forschungsfeld ausgesucht, das vor 32 Jahren traurige Berühmtheit erlangte, nämlich die oberitalienische Gegend um Seveso. Dort waren im Juli 1976 während eines Chemieunfalls grössere Mengen von TCCD, dem giftigsten Vertreter der Dioxin-Klasse, in die Umwelt gelangt. Viele Bewohner erkrankten damals an der für Dioxin-Vergiftung typischen Chlorakne.
Baccarelli und ihr Team machten nun 1772 Frauen ausfindig, die zum Unfallzeitpunkt nahe der Unglücksfabrik gelebt hatten. Deren Gesundheitsdaten wurden verglichen mit denen von 1772 Geschlechtsgenossinnen aus der weiteren, nicht betroffenen Region um Seveso. Zusammen hatten die 3544 Frauen zwischen 1994 und 2005 insgesamt 1014 Babys zur Welt gebracht. Um die Fitness der Schilddrüse zu kontrollieren, wird bei Neugeborenen routinemässig der Gehalt des Hormons TSH im Blut ermittelt. Ein hoher TSH-Wert lässt im allgemeinen auf eine verminderte Schilddrüsen-Aktivität schliessen.
Das Forscherteam konnte nun zeigen, dass Babys, deren Mütter nahe der Unglücksfabrik gelebt hatten, verglichen mit der Kontrollgruppe über sechsmal häufiger einen erhöhten TSH-Blutspiegel aufwiesen. In 51 Fällen konnte sogar ein direkter Zusammenhang zwischen Dioxinbelastung der Mütter und den TSH-Werten ihrer Babys nachgewiesen werden.
Noch sei unklar, was dies konkret für die Entwicklungschancen der betroffenen Kleinkinder bedeute, schreiben die Forscher in der Wissenschaftszeitschrift PLOS, dazu brauche es eine längere Beobachtungszeit. Aber immerhin sei jetzt erwiesen, dass eine Dioxinbelastung der Mütter – aus welchen Quellen auch immer – noch jahrzehntelang die Schilddrüsenfunktion von Neugeborenen stören könne.
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