Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03304.jsonl.gz/310

Mit dem Bau eines Pizzaofens mit Kindern und Quartierbewohner/innen versuchten wir, Fragen nach dem ‹Common Living› nachzugehen. Während mehrerer Nachmittage bauten Mädchen aus unterschiedlichen Kulturen gemeinsam mit spontan dazustossenden Passant/innen einen Ofen aus Lehm und Sand. Auf diese Weise entstanden Begegnungen, haben wir gemeinsam gekocht und eine Gemeinschaft entstehen lassen. Diskutiert haben wir dabei über die Rechte von Mädchen und Frauen, Migrationserfahrungen und verschiedene Essgewohnheiten.
Einen Lehmofen selber bauen
Es gibt viele verschiedene Vorgehensweisen, wie man einen Ofen aus Lehm und Sand bauen kann. Die folgende Anleitung zeigt Schritt für Schritt, wie der Ofen auf der Allmend gebaut wurde und setzt sich zusammen aus den verschiedenen Ofenbauerfahrungen von Quartierbewohnerinnen, der Beratung durch einen Ofenbauer sowie aus Youtube-Tutorials.
● Damit der Pizzaofen nicht nass wird, wird in einem ersten Schritt ein Häuschen gebaut. Dafür nimmt man ein Europalett und schraubt an allen vier Ecken Dachlatten an. Auf die Dachlatten schraubt man quer ein einfaches Dachgerüst, auf das anschliessend die Blache gespannt werden kann. Das Dachgerüst eignet sich gut, um eine Beschriftung anzubringen.
● Zum Ofen: Der Untergrund muss feuerfest und stabil sein. Um das Fundament zu bauen, stampft man Sand (2 Teile) und Lehm (1 Teil) zu einer Masse. Dafür einfach Sand und Lehm und Wasser in eine grosse Wanne kippen und mit den Füssen so lange stampfen, bis eine einheitliche Masse entsteht. (Das dauert lange und ist anstrengend, je mehr Füsse mitstampfen, desto schneller geht es)
● Hat die Masse eine Konsistenz etwa so klebrig wie feuchter Schnee, um Schneeballkugeln zu bauen, wird eine erste Schicht auf den Untergrund gepackt. Als Untergrund eignet sich beispielsweise ein Europalett, auf das man ein grosses Holzbrett schraubt.
● Die erste Schicht Lehm-Sand-Gemisch ist etwa zehn Zentimeter hoch. In diese weiche Masse werden die Schamottsteine gelegt. Die Schamottsteine sollten möglichst flach und nah aneinander liegen und seitlich von der Lehm-Sand-Mischung eingepackt sein. Das Fundament des Ofens soll nun mindestens über eine Nacht trocknen. Die Lehm-Sand-Mischung sollte hart sein, bevor man den Ofen darauf baut.
● Nun zum Ofen selbst: Das Innere des Ofens ist etwa einen halben Meter breit. Wir können also einen Kreis mit einem Durchmesser von einem halben Meter auf die Schamottsteine malen. Für die Öffnung des Ofens malt man einen tunnelartigen Ausgang auf den Untergrund. Dieser sollte so breit sein, dass eine Pizza durchpasst.
● Der Hohlraum des Ofens, in dem später ein Feuer brennen und eine Pizza gebacken wird, wird nun mit Sand festgesetzt. Dafür wird zuerst Sand mit Wasser gemischt. Die Sand-Wasser-Mischung sollte wieder eine klebrige Konsistenz aufweisen. Auf den Kreis auf dem Fundament wird Sand getürmt. Auch die Tunnelöffnung des Ofens wird mit Sand geformt. In der Höhe sollte die tunnelartige Öffnung etwa ein Drittel so hoch wie der Sandberg sein und in der Breite eben so breit, dass eine Pizza durchpasst.
● Der Sandberg wird anschliessend mit einer Schicht nassem Zeitungspapier gedeckt. Das Zeitungspapier dient als Abgrenzung der verschiedenen Schichten, damit man am Ende den Sand einfach herauskratzen kann.
● Auf das nasse Zeitungspapier wird der eigentliche Ofen gebaut. Dazu wird in einem ersten Schritt eine Schicht Lehm-Sand-Mischung auf den Sandberg gepackt. Für die Lehm-Sand-Mischung wieder Lehm und Sand im Verhältnis zwei Drittel Sand und ein Drittel Lehm mit Wasser mit den Füssen gestampft bis eine homogene Mischung entsteht. Diese Schicht wird etwa fünf Zentimeter dick. Die Schicht sollte überall etwa gleich dick sein, damit es nicht zu Spannungen kommt und keine Risse entstehen. Dazu formt man am besten kleine Bälle, die man Schritt für Schritt an den Sandberg ansetzt. Nun muss auch diese Schicht wieder mindestens über Nacht trocknen.
● Für die nächste Schicht fügt man zum Lehm und Sand Stroh dazu. Dieses dient der Isolation des Ofens. Dazu wird also Lehm, Sand und Stroh mit Wasser gestampft bis wieder eine klebrige Masse entsteht. Da das Stroh sehr trocken ist, kann etwas mehr Wasser hinzugefügt werden. Diese Masse wird auf die nun getrocknete Schicht von Lehm und Sand aufgetragen. Diese Schicht ist die äussere und sichtbare Schicht. Sie sollte möglichst gleichmässig dick sein, damit durch die Hitze keine Spannungen und damit Risse entstehen können. Auch diese Schicht wird nun mindestens über eine Nacht getrocknet.
Sind nun alle Schichten aufgetragen und getrocknet, kann man mit einer kleinen Schaufel den getrockneten Sand aus dem Innenraum rauskratzen bis man zur Zeitungspapierschicht kommt. Das Zeitungspapier sorgfältig herausnehmen. Auch nach diesem Schritt wurde der Ofen für einige Tage getrocknet.
Der Ofen kann endlich eingefeuert werden! Dazu ganz langsam mit sehr wenig Hitze beginnend über mehrere Stunden den Ofen einfeuern. Ist das Holz so weit runtergebrannt, dass der Innenraum des Ofens heiss ist und es noch Glut hat, die Glut auf die Seite schieben und die Pizza mit einer Pizzaschaufel in den Ofen schieben.
Der Ofen als «Common»
– oder: eine kurze Geschichte des Kochens und Essens als gemeinschaftliches Ereignis
Von Brooke Jackson und Paulina Kerber, Gastgeberinnen im Stadtlabor Gutschick
Die Geschichte des Ofens auf der Allmend Grüzefeld beginnt bereits mit dem Namen seines Standortes – Allmend. «Allmend» ist das alte deutsche Wort für «Gemeingut» oder «gemeinschaftliches Eigentum» und bedeutet laut Duden «etwas, was jeder Einzelne einer größeren Gemeinschaft als seinen Besitz bezeichnen kann». Heute wird im Zusammenhang von «Gemeingütern» häufig von «Commons» gesprochen. Ein «Common» ist eine gemeinsam geschaffene Ressource, ein offener Ort, der für viele zugänglich ist. Ein «Common» ist also vereinfacht gesagt etwas, was einer Gruppe von Menschen gehört. Dazu gehört der Begriff «Commoning» – das gemeinsame Tun und Handeln. Folgt man dieser Definition, ist auch die Allmend Grüzefeld eine Form eines «Commons». Faktisch gehört die Allmend Grüzefeld der Stadt Winterthur und damit ihren Bewohner/innen. Die Allmend Grüzefeld ist aber an einen Bauern verpachtet, der auf dem Feld Ackerbau betreibt. Die Allmend Grüzefeld ist heute also nur bedingt ein «Common» im Sinne eines gemeinschaftlich geschaffenen Ortes, der offen und unbeschränkt ist.❶ Dem Bau eines öffentlich zugänglichen Lehmofens auf der Allmend lag deshalb die Idee zugrunde, ein konkret erlebbares gemeinsames Gut zu schaffen und damit eine Form des «Commoning» auszuprobieren – ein selbstorganisiertes Produzieren und Nutzen.
Aber warum ein Ofen? Das gemeinsame Kochen und Essen ist eines der ältesten Rituale unserer Gesellschaft und spielt bis heute eine wichtige Rolle in sozialen Beziehungen – es ist ein sozialer Akt und erzählt damit auch von gesellschaftlichen Verhältnissen. Thematisieren wir also das Kochen und Essen, kommen wir nicht daran vorbei, uns auch die geschlechtsspezifische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau in der Geschichte des Kochens anzusehen.
Blicken wir einige Jahrtausend zurück – zu den Menschen, die sich als Sammler und Jägerinnen durchschlugen. Das Bild der sammelnden Frau, die bei der Höhle bleibt, und des jagenden Mannes prägt die Rollenaufteilung der Geschlechter bis heute, auch wenn Forschungen mittlerweile zeigen, dass diese Vorstellung viel zu kurz greift.❷ Unbestritten ist aber, dass in der Urzeit in den Magen kam, was man auf dem Weg entdeckte – gegessen wurde das Obst oder die Nüsse alleine an Fundort- und Stelle. Erst mit der Entdeckung des Feuers entwickelte sich ein Koch- und Essverhalten, das unsere Gesellschaft bis heute prägt. Das Feuer diente nicht nur dazu, Speisen durch Erhitzen verträglicher zu machen, sondern hatte auch eine Funktion als sozialer Versammlungsort. Mit dem Übergang vom kalten zum warmen Essen, das über dem Feuer zubereitet wurde, entstand eine gesellschaftliche Praxis; das Kochen und Aufnehmen von Nahrung waren von nun an gebunden an einen bestimmten Ort. Das Essen wurde gemeinsam gekocht und geteilt und damit Gemeinschaft gebildet.
Mit der Sesshaftigkeit und dem Bau eigener Hütten fand das Feuer über die Jahrhunderte seinen Weg in die Wohneinheiten. Hier diente es nicht nur zum Kochen, sondern heizte auch den Raum und gab Licht. In dem Zimmer, in dem das Feuer brannte, wurde gelebt und gewohnt; es diente als Wohn-, Arbeits- und Gemeinschaftsraum. Um die erste Jahrtausendwende fand das Feuer den Weg von der Mitte des Raumes hin an die Wand, und man begann Rauchabzüge zu bauen. Gekocht und gearbeitet wurde nach wie vor in einem gemeinsamen Raum, der Haushalt lag dabei im Zuständigkeitsbereich der Frauen. Erst in der frühen Neuzeit wurde die Kochstelle in reicheren Schichten aus dem Wohnraum ausgelagert. In Schlössern von Adligen gab es eigene Kochflügel, um die Wohnräume vor Rauch und Dünsten zu bewahren. Mit der sich verbessernden Ausstattung der Küche in adligen Schichten und dem Drang zu Prunk und Repräsentation entwickelten sich in Schlössern zwei Arten von Küchen: eine repräsentative Küche, die nur zur Schau diente, und eine echte Kochküche, in der es heiss und stickig war. Ende des 18. Jahrhunderts kam es zu einer wichtigen Entwicklung in der Bändigung des Feuers in der Küche: Das Feuer wurde in einem gemauerten Feuerkasten eingeschlossen. So konnte Holz gespart und die Hitze kanalisiert werden.
Es dauerte aber bis Ende des 19. Jahrhunderts, bis diese Art Kochherd in allen Schichten und Wohnungen Eingang fand. Mit dem eingeschlossenen Feuer war es nun – im Unterschied zum Kochen auf dem offenen Feuer – möglich, ein Essen mit verschiedenen Komponenten zuzubereiten und abwechslungsreichere Gerichte zu kochen. Der geschlossene Herd war nicht nur funktional, er wurde um 1900 auch ästhetisch neu gedacht. Während das Zimmer, in dem der Herd stand, in ärmeren Wohnungen weiterhin ein multifunktionaler Raum blieb, beschäftigten sich Vertreter/innen der aufkommenden Moderne damit, wie man in bürgerlichen Wohnungen vom Wohnbereich getrennte Küche möglichst funktional und ästhetisch einrichten konnte. Hier kamen nun auch sozialpolitische Überlegungen ins Spiel. Mit der «Privatisierung» der Küche in den eigenen vier Wänden wurde die Position der Frau eingegrenzt und festgeschrieben – sie kochte, putzte, machte die Hausarbeit und sorgte sich dabei gleichzeitig um die Kinder. Anfang des 20. Jahrhundert wehrten sich Frauen gegen den ihnen zugewiesenen isolierten Arbeitsplatz und erste Ideen eines «Einküchenhauses» kamen auf. In einer zentralen Küche sollten mehrere Familien gemeinsam kochen, sich Aufgaben teilen und zusammen die Kinder betreuen – die Sorgearbeit also vergemeinschaftlicht und eine Form von «Commoning» praktiziert werden. Auch wenn die Idee des Einküchenhauses nur ganz vereinzelt realisiert wurde, hat die Idee dahinter auch spätere Generationen begleitet.
1926 wurde die sogenannte Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky im Auftrag von Ernst May in Deutschland vorgestellt. Die Einbauküche war funktional und auf Effizienz, aber auch Design ausgelegt. Sie sollte es der Frau ermöglichen, in einem kleinen Raum alle Küchenutensilien zu verstauen und durch erleichterte Arbeitsabläufe mit weniger Aufwand zu kochen. Die Küchenschränke waren fest fixiert und vor allem in den Städten wurde ein Gasherd eingebaut. Die so entstandene Einbauküche übertrug die Rationalisierungsprozesse von der Fabrik auf die Privatsphäre und zementierte zugleich die klaren Raum- und Rollenverteilungen der Geschlechter. Während des 20. Jahrhunderts war die Küche nun in einem kleinen, von den Wohn- und Schlafzimmern separierten Raum untergebracht und galt als Wirkungsraum der Frauen. Im Kampf der Frauen um ihre Rechte und gesellschaftlichen Wandel war die Küche ein entsprechend relevanter Ort. Um sich infolge hoher Inflation gegenseitig vor Armut, aber auch vor gewalttätigen Männern zu schützen, entstanden beispielsweise in den 80er Jahren in Peru und Chile die «ola communes» – Gemeinschaftsküchen, für die kollektiv eingekauft und in denen gemeinsam gekocht und die Sorgearbeit geteilt wurde.❸ Das so verwirklichte «Commoning» der gemeinsamen Interessen stellte für alle Beteiligten Verbundenheit und Sicherheit dar.
Zeitgleich verbreitete sich in den westlichen Ländern in den 1980er Jahren die Idee einer offenen Küche mit einer Kochinsel in der Mitte. Die Küche sollte wieder zu einem kommunikativen Raum werden, in dem gemeinsam gekocht wurde – und in dem auch Männer im Zuge einer eingeforderten gerechteren Haushalts-Aufteilung vermehrt wirken sollten. Die Küche als Gemeinschaftsraum erlebte damit ihre Wiedergeburt und die Kochinsel wurde zum Statussymbol in grossen Wohnungen und Villen. Die offene Schauküche ist heute selbst in Bäckereien und Restaurants im Trend und steht für modernes Kochen und Backen. Gleichzeitig wird in Neubauprojekten insbesondere von Wohngenossenschaften öfters wieder eine Zentralküche eingebaut, in der gemeinsam gekocht und gelebt wird. Ideen der «Commons» und des «Commonings» dienen dabei häufig als Ausgangslage für diese neue Wohnformen.
Wie die Sorgearbeit in Zukunft organisiert wird und welche Rolle dabei «Commons» und «Commoning» spielen, wird sich zeigen. Der Bau des Ofens auf der Allmend war unser Versuch, der Praxis des «Commoning» einen Schritt näher zu kommen. Mit seinem fixen Standort neben dem Kiosk, der offen zugänglich für alle ist, sollte der Ofen zu einem Versammlungsort werden, an dem gemeinsam Pizza gebacken und geteilt wird. Wir wollten die Geschichte des gemeinsamen Kochens im Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen in Erinnerung rufen und herausfinden, wie ein Ofen – der als «Common» allen frei zur Benutzung steht – Gemeinschaft bilden kann.
❶ Vgl. Hofmann, Euler, Zurmühlen, Helfrich 2022
❷ Vgl. Röder 2014
❸ Vgl. Federici 2012
Literatur:
Brigitte Röder: Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?, i. A. d. Archäologischen Museums, Freiburg im Breisgau 2014.
Silvia Federici: Aufstand aus der Küche Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution, Münster 2012.
Vera Hofmann, Johannes Euler, Linus Zurmühlen, Silke Helfrich: Commoning Art – Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst, Bielefeld 2022.