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WOZ: Diese Woche kommt Erwin Wagenhofers neuer Dokumentarfilm «Let’s Make Money» ins Kino. Sie treten darin auf. Kannten Sie den Namen Wagenhofer?
Gerhard Schwarz: Nein, und ich habe auch nicht recherchiert, wer das ist. Eine gewisse Naivität muss ich mir da vorwerfen.
Haben Sie den Film gesehen?
Ja. Handwerklich ist er gut, schön gefilmt, aber nicht sehr spannend. Und mich stört, wie dieser sogenannte Dokumentarfilm gemacht wurde.
Warum?
Ich habe mit Herrn Wagenhofer viele Stunden verbracht. Davon sind ganz wenige Minuten verwendet worden. So ist wahrscheinlich sehr vieles in diesem Film entstanden. Die Aussagen sind nur Ausschnitte, die nicht die Realität abbilden. Es ist etwas entstanden, das ich Thesenjournalismus nenne – einerseits durch die ausgewählten Aussagen und andererseits durch den Schnitt, die Komposition der Bilder.
Sie sind Mitglied bei der Mont Pelerin Society. Was tut diese Gesellschaft?
Die ursprüngliche Idee ihrer Treffen war, dass man eine Woche zusammenkommt. Da gibt es dann – ähnlich wie an einer wissenschaftlichen Konferenz – Referate, Diskussionen, Workshops. Die Liberalen dachten nach dem Krieg: Wir sind in der Minderheit, ob Nationalsozialismus oder Sozialismus, überall ist der Glaube an eine staatlich gesteuerte Wirtschaft umgesetzt worden. Also wollte man sich gegenseitig den Rücken stärken, unter Gleichgesinnten sein. Solche Treffen geben einem wieder intellektuelle Munition.
Heute sind Sie nicht mehr in der Minderheit . . .
Aber auch nicht unbedingt in der Mehrheit. Und das war gewiss nicht geplant! Gewisse Leute glauben, alles auf der Welt sei geplant. Das ist ein Grundirrtum. Sehen Sie, das ist so eine Form von Manipulation des Wagenhofer-Films. Es gibt keine Off-Stimme, aber Zwischentitel. Und das Kapitel, in dem ich eingeführt werde und über die Mont Pelerin Society spreche, ist beschriftet mit dem Titel: «Von langer Hand geplant». Das ist absurd.
Im Film sagen Sie – nach einer langen Passage über die Ausbeutung der Baumwollpflücker in Burkina Faso – den denkwürdigen Satz, dass Grenzen offen sein sollen für Güter, für Geld und für Dienstleistungen – nicht aber für Menschen. Da brauche es eine Art Eintrittsgeld, wie in einem Tennisclub.
Offensichtlich hat meine Aussage viele Leute provoziert . . .
. . . weil im Film klar wird, dass die Leute in Burkina Faso den Eintrittspreis schon lange bezahlt haben. Unser Wohlstand gründet auf deren Armut.
Man kann es auch umgekehrt sehen. Das Überleben der Produzenten gründet darauf, dass wir ihre Ware kaufen. Die These, dass wir reich sind, weil sie arm sind, halte ich für falsch. Ein Tausch ist gerecht, wenn er freiwillig zustande kommt. Die Manipulation durch den Schnitt im Film ist eine doppelte. Es ging in meinem Statement nicht um Asylbewerber, sondern um alle Immigranten, auch solche aus entwickelten Ländern. Und es ging darum, zu zeigen, dass es verschiedene Formen der Zuteilung von Einwanderungsplätzen gibt, etwa «first come, first served», die Auswahl nach bestimmten Kriterien, Aufnahmeprüfungen, bürokratisches Ermessen oder eben Eintrittspreise. Keine Gesellschaft verkraftet eine unkontrollierte Zuwanderung. Das gibt es – mit Recht – nirgends auf der Welt. Also stellt sich die Frage, wie man die Zuteilung vornimmt.
Das Problem der Armut wird dadurch nicht gelöst.
Wir können auf dieser Welt nicht alle Probleme lösen. Aber ich glaube, dass wir die Situation mit freiem Kapitalfluss verbessern, wenn also Kapital dorthin fliesst, wo viel Arbeit vorhanden ist und wenig Kapital. Wenn wir dort Geld investieren, werden auch Arbeitsplätze geschaffen. Durch freien Fluss von Waren erreichen wir das auch.
Im Film sagt ein Baumwollproduzent, dass das eben nicht der Fall sei. Die USA subventionierten die eigene Baumwollproduktion mit drei Milliarden US-Dollar jährlich. Protektionismus für die einen, Liberalismus für die anderen?
Das gehört ebenfalls zur Manipulation in diesem Film – dass Wagenhofer nicht mich das sagen lässt, sondern den Mann aus Burkina Faso.
Sie sind damit einverstanden, was er sagt?
Ja, natürlich. Das habe ich Wagenhofer auch so gesagt. Aber die Frage ist doch, wie wir die Situation in Burkina Faso verbessern. Indem wir dort investieren, Arbeitsplätze schaffen, Güter kaufen . . .
. . . zu einem fairen Preis.
Was faire Preise sind, kann niemand festlegen – Käufer und Verkäufer werden das immer unterschiedlich sehen. Es gibt keine fairen Preise. Es gibt nur Preise.
Gerhard Schwarz (57) arbeitet seit 1981 bei der «Neuen Zürcher Zeitung». Er leitet das Ressort Wirtschaft und ist stellvertretender Chefredaktor.