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Dirk Wegener: Grundsätzlich hat die Pandemie in vielen Branchen eine Krisensituation ausgelöst, die oft und zu Recht als existenzgefährdend eingestuft wurde. Entsprechend wurden in den Unternehmen die Krisenreaktionspläne ausgelöst und die Risikomanager und -managerinnen haben im Zusammenwirken mit den relevanten Bereichen in den jeweiligen Unternehmen versucht, die Auswirkungen der Pandemie so weit wie möglich zu begrenzen.
Mit welchem Resultat?
Insgesamt ist mein Eindruck, dass diese Krisenreaktion technisch gut gelungen ist, beispielsweise der schnelle Umstieg auf «Work from Home», und wo dies nicht möglich ist, der Infektionsschutz der Mitarbeitenden am Arbeitsplatz. Die Privatwirtschaft hat dadurch auch ihren Beitrag zur Eindämmung des Infektionsgeschehens geleistet. Dies ändert aber nichts daran, dass insbesondere durch Lock-down-Massnahmen in vielen Branchen erhebliche finanzielle Schäden entstanden sind, die ohne finanzielle Hilfe von staatlicher Seite sicherlich trotz allem Risikomanagement existenzbedrohend sind.
90 Prozent der Antwortenden waren der Ansicht, dass ihre Unternehmen gut oder einigermassen gut vorbereitet waren, um mit der Pandemie umzugehen. Wesentliche Risikomanagement-Massnahmen waren Business-Continuity-Pläne und allgemeine Massnahmen zur Schadenvermeidung. Bei knapp einem Drittel der Antwortenden war eine Pandemie übrigens schon im Vorjahr, also im September 2019, Teil des Risikoregisters ihres Unternehmens. Zwei Drittel gaben an, dass ihre Versicherungen – und speziell solche für Betriebsunterbrechungsschäden ohne vorangehenden Sachsubstanzschaden – nicht den Anforderungen ihrer Unternehmen entsprochen haben. Das Interesse an Versicherungsprodukten für Pandemien oder andere Katastrophenrisiken ist entsprechend vorhanden. Dass der Bedarf an Risikomanagement durch die Pandemie steigen wird, erwarten 75 Prozent der Teilnehmenden.
Lassen sich auch Learnings ableiten?
Obwohl sich die allermeisten Unternehmen gut oder zumindest ziemlich gut auf die Folgen einer Pandemie vorbereitet fühlten, gab und gibt es erhebliche operationale Störungen und in der Folge finanzielle Verluste. Da die Pandemie leider weiter andauert, sind die endgültigen Verluste selbst heute noch nicht ermittelbar. Wir glauben aber, dass wir langfristig den Wert flexibler Risikomanagement-Massnahmen wie Business-Continuity-Pläne erkennen werden, um die Widerstandsfähigkeit und die Rückkehr zum Normalbetrieb der Unternehmen zu unterstützen.
Und bezüglich finanzieller Verluste?
Hier haben die abgeschlossenen Versicherungen die Unternehmen weit überwiegend nicht im gewünschten Umfang unterstützt. Da besteht ein grosses Interesse für zukünftige Absicherungen. Die Risikomanager und -managerinnen arbeiten schon sehr lange mit der Versicherungswirtschaft zusammen. In diesem Sinne wären wir gerne Teil einer Lösung, in der ein Risikotransfer angeboten wird, in dem wir beziehungsweise unsere Unternehmen unsere Risikoerfahrung einbringen können.
«Gutes Risikomanagement muss unbedingt in die Unternehmensorganisation eingebettet sein.»
Welche Forderungen stellen Sie an die Versicherungswirtschaft?
Es hat sich gezeigt, dass der überwiegende finanzielle Schaden für die Privatwirtschaft durch die Betriebsunterbrechung entstanden ist, und zwar durch die angeordnete direkte Schliessung im Lockdown oder durch eine mittelbare Unterbrechung der Zuliefererketten. Diese Betriebsunterbrechungsschäden ohne vorhergehenden physischen Schaden sind in der Regel durch die gängigen Versicherungsprodukte nicht abgedeckt. Nur 5 Prozent der Unternehmen, die an unserer Covid-19-Umfrage teilgenommen haben, hatten hierfür Versicherungsschutz.
Dafür können Sie aber nicht nur die Versicherungswirtschaft verantwortlich machen.
Nein, es ist uns natürlich bewusst, dass Privatversicherer das nicht alleine tragen können. Deshalb werben wir für eine Lösung, in der die Expertise der Versicherungen in der Bewertung und Tarifierung von Risiken und die finanziellen Möglichkeiten des Staates kombiniert werden, um letztlich eine risikobasierte und damit gerechtere Verteilung von Steuergeldern zu erreichen.
Wie meinen Sie das?
Mit risikobasiert meinen wir insbesondere, dass die Tarifierung auf Basis unternehmensindividueller Risikoparameter erfolgen soll, sodass zwar einerseits ein gutes Risikomanagement über die Prämie incentiviert wird, aber anderseits der Versicherer auch nicht zur Zeichnung unverhältnismässig schlechter Risiken gezwungen ist. Konkret: Eine Pflichtversicherung halten wir nicht für sinnvoll. Hier würden wir uns von der Versicherungswirtschaft eine selbstbewusste und kons truktive Mitarbeit an konkreten Lösungsvorschlägen wünschen und kein oft wiederholtes Mantra: Pandemie = systemisches Risiko = unversicherbar!
Risikomanager sind selten direkt in Geschäftsleitungen vertreten; sie stehen in aller Regel weiter unten in der Hierarchie, eingebettet bei der Finanz oder der Compliance. Eine Achillesferse in den Konzernen?
Ich würde sagen, wichtiger als die formale Einordnung ist die hierarchische Durchlässigkeit der Organisation für das spezifische Fachwissen der Risikomanager und -managerinnen. Dies gilt nach oben Richtung Geschäftsleitung, aber vor allem auch nach «unten» und in die Breite. Ein gutes Risikomanagement muss unbedingt in die gesamte Unternehmensorganisation eingebettet sein und in diesem Sinne kurze Wege haben. Dies nicht nur im Krisenfall, sondern auch beim Aufbau eines adäquaten Risikomanagements für das Unternehmen. Auch unsere Risk-Manager-Umfrage, mit der wir alle zwei Jahre die Entwicklungen im Berufsbild der Europäischen Risikomanager und -managerinnen abfragen, hat 2020 ergeben, dass nur 8 Prozent der Befragten keinen formalen Berichtsprozess zum Risiko management haben. Weitere 8 Prozent gaben an, keinen Kontakt zum CEO zu haben. Demgegenüber haben 44 Prozent direkten Kontakt zum CEO und 28 Prozent indirekt über ihre Vorgesetzten. Es ist aus unserer Sicht also sichergestellt, dass die Risikomanager unternehmensintern ihr volles Potenzial als Copiloten des Vorstandes in Fragen des Risiko- und Versicherungsmanagements voll ausschöpfen.
Offenbar besteht noch Luft nach oben …
In der Tat ist es eine der Kernaufgaben der Ferma als berufsständische Interessenvertreterin, das Profil von und die Wertschöpfung durch Risikomanager gegenüber den politischen Entscheidern in Brüssel zu vertreten und dafür die angemessene Anerkennung zu finden. Wir haben durchaus den Eindruck, dass wir ein geschätzter und anerkannter Gesprächspartner für Mitglieder des EU-Parlaments, der Kommission, aber auch für Institutionen wie die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung Eiopa sind. Aber natürlich kann alles immer noch ein wenig besser sein.
Wo sehen Sie in der nahen Zukunft die grössten Veränderungen für Ihren Berufsstand?
Die Digitalisierung ist nicht nur ein Risiko, sondern auch eine Gelegenheit, die sich positiv nutzen lässt. Die Verfügbarkeit vielfältiger risikorelevanter Daten wird sowohl den Bereich der Schadenverhütung als auch der Risikoanalyse und -modellierung durch KI-basierte Programme verändern. Stichworte hierzu sind Internet of Things und Smart Home. Schliesslich könnte auch die Blockchain-Technologie den Risikotransfer verändern. Der Beruf Risikomanager/-managerin wird also verstärkt IT-Kenntnis erfordern.
DIE ORGANISATIONEN
Ferma und Sirm – EU und die Schweiz
Ferma In der Dachorganisation Federation of European Risk Management Associations (Ferma) mit Sitz in Brüssel sind 22 Risk-Mana-gement-Vereinigungen in 21 europäischen Ländern organisiert. Diese repräsentieren rund 5000 professionelle Risikomanager aus allen Branchen.
Sirm Die Schweiz ist mit der Vereinigung der Insurance und Risk Managers (Sirm) vertreten. Heute zählt die Sirm mehr als siebzig Mitgliederfirmen aus der Industrie, dem Handel und dem Dienstleistungssektor, vertreten durch ihre jeweiligen Ver-sicherungs- und Risikomanager.
Der Herausforderer
Dirk Wegener ist seit 2019 Präsident der Federation of European Risk Management Associations (Ferma) und vertritt die Interessen der Europäischen Verbände der Risiko- und Versicherungsmanager gegenüber den Institutionen der Europäischen Union und anderen multinationalen Organisationen. Im Hauptberuf ist er der Global Head of Corporate Insurance der Deutschen Bank in Frankfurt am Main.