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Einige „herkömmliche“ Wissenschaftsdisziplinen verhindern (bzw. verhinderten) für Durkheim die Herausbildung einer eigenständigen Soziologie. Welche die Konstituierung dieses neuen „Faches" störenden Probleme benennt Durkheim?
Hans-Peter Müller benennt Emile Durkheim vier störende Probleme, die die Entstehung und Entwicklung der Sozialwissenschaften behindern.1. die normative Kunstlehre, 2.Dualismus, 3.Abstraktion und 4. menschliche Willensfreiheit.
Das erste Problem ist laut Durkheim der Gegensatz zwischen normativer Kunstlehre und Sozialwissenschaft. Er begründet diesen Gegensatz damit, dass die normativen Idealkonstruktionen nichts oder nur wenig über die soziale Wirklichkeit aussagen und keine empirischen Realtypen zu entwerfen erlauben. Durkheim bezeichnet diese Überlegungen als Kunstlehren, weil diese den Blick auf das, was sein soll richten und nicht auf das was ist.
Als zweites Problem benennt Durkheim Dualismus versus Monismus. Die Vorstellung der Gestaltbarkeit von Gesellschaften führt zu einer dualistischen Weltauffassung. Auf der einen Seite die Natur, die kausalen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, als Gegenpol, die Gesellschaft, die nicht den Naturgesetzen sondern dem menschlichen Gestaltungswillen unterliegt.
Abstraktion versus Konkretion ist das dritte Problem auf das Durkheim hinweist. Die Idealkonstruktionen reduzieren sich auf einige grundlegende Ideen über den Menschen und die Gesellschaft. Die Wissenschaft aber untersucht die Vielfalt der Menschen und Institutionen in ihrer historisch-empirischen Eigenart.
Beim vierten Problem, menschliche Willensfreiheit versus Sozialwissenschaft setzt sich Durkheim mit den Vorstellungen der Befürworter politischer Kunstlehre auseinander, die die Gesetzmäßigkeit im sozialen Leben als einen Angriff auf die menschliche Freiheit betrachten. Ihre These lautet, wie kann ein Mensch frei sein, wenn seine Umwelt ihn zu einem bestimmten Verhalten nötigt. Durkheim hält dies für ein Scheinproblem, war aber selbst von Zweifeln zu diesem Problem geplagt.
Erläutern Sie, welche Merkmale laut Durkheim für die sogenannten „sozialen Tatsachen“ charakteristisch sind
Émile Durkheim definiert soziale Tatsachen als „jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die die Fähigkeit besitzt, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben; oder auch, die im Bereiche einer gegebenen Gesellschaft allgemein auftritt, wobei sie ein von ihre individuellen Äußerungen unabhängiges Eigenleben besitzt“.
Somit ergeben sich als charakteristische Merkmale
1. Äußerlichkeit. Sie sind nicht etwas, was aus dem Individuum heraus gebildet wird. Soziale Tatsachen wirken von außen auf den Akteur. Sitten, Bräuche, Normen werden durch die Gesellschaft getragen, das Befolgen von Regeln wird durch andere überwacht und gegebenenfalls sanktioniert.
2. Zwang. Soziale Tatsachen üben Druck auf das Individuum aus. Wenn ein Akteur im Miteinander mit anderen verstanden werden will, so muss er sich der Sprache bedienen, die diese anderen sprechen. Andernfalls kann er nur sehr eingeschränkt am Sozialleben teilnehmen.
3. Allgemeinheit der sozialen Tatbestände betont, dass sie weit verbreitet im täglichen Umgang der Menschen miteinander zu finden sind. Sie hinterlassen „Spuren“ in Statistiken wie Geburten-, Ehe- oder Selbstmordraten. Diese sozialen Tatsachen sind nach Durkheim historisch in den Gesellschaften gewachsen und keinesfalls natur- oder gottgegeben.
4. Unabhängigkeit betont, dass die sozialen Tatsachen ein Eigenleben führen, dass losgelöst von individuellen Interpretationen fortbesteht. Die Unabhängigkeit verkörpert sich in statistischen Raten, in denen individuelle Fälle neutralisiert erfasst werden und sich mit der Masse eine Signifikanz darstellen lässt.
Als Beispiel für eine soziale Tatsache, die alle vier Charakteristika abdeckt, kann die Sprache herangezogen werden: Sprache kommt von außen, wird im Umgang mit anderen gelernt, sie kommt nicht aus den Menschen selbst heraus. Wie oben angeführt, muss ich, um mit anderen interagieren zu können, zwingend eine Sprache sprechen, die die anderen ebenfalls beherrschen. Sprache ist allgemein verbreitet, wird selbstverständlich benutzt, wenn mehrere Akteure aufeinandertreffen. Sprache ist unabhängig von individuellen Interpretationen. Man muss sich der allgemein anerkannten Bedeutung bedienen, um verstanden zu werden. Ein Einzelner kann nicht beschließen, die Bedeutung der Wörter oder die Grammatik zu ändern. Sprache ändert sich im andauernden Gebrauch vieler über einen langen Zeitraum hinweg.
Erarbeiten Sie den Zusammenhang zwischen Gesellschaftsform, Arbeitsteilung und Solidarität anhand der zentralen Begrifflichkeiten Durkheims
Müller gibt an, das Durkehim sich in seiner Studie "Über soziale Arbeitsteilung" mit dem Zusammenhang zwischen der Arbeitsteilung und der Solidarität auseinandersetzt. Ganz in der französischen Denktradition. Die Arbeitsteilung stellt für ihn eine "dynamische Triebkraft" (Müller, 21) dar. Es ist ein in allen Bereichen der Gesellschaft vorhandenes Strukturprinzip. Somit ist es für Durkheim ein "soziales Phänomen sui generis" (Müller, 21). Die Solidarität stellt einen Zusammenhang dar, zwischen der sozialen Organisation und den Werten und Normen einer Gesellschaft. Befinden sie sich im Gleichgewicht existiert eine Solidarität. Es wird von Durkheim als "genuin moralisches Phänomen" (Müller, 21) bezeichnet.
Durch die Aufteilung in eine archaische Gesellschaft und eine Moderne Gesellschaft so Müller versucht er die Moral in Bezug auf die Arbeitsteilung herauszukristallisieren. Eine archaische Gesellschaft ist definiert durch eine kleine, wenig komplexe Gesellschaft. Sie hat laut Müller ein "starkes Kollektivbewusstsein" (Müller, 21) und eine hohe Ähnlichkeit der Individuen innerhalb dieser Gesellschaft. Ihre Arbeitsteilung ist gering. Sie bindet direkt in die Gesellschaft ein, mittels der mechanischen Solidarität. Die Moderne Gesellschaft hingegen bindet die Individuen indirekt in die Gesellschaft ein. Dadurch entsteht organische Solidarität. Hier ist für die Gesellschaft kennzeichnend, das sie eine hohe Arbeitsteilung aufweist, aus einer großen in funktionalen Bereichen aufgeteilte Gesellschaft besteht und wenig Ähnlichkeit in Bezug auf ihre Individuen innerhalb der Gesellschaft aufweist.
Laut Müller bleibt der Zusammenhang der Arbeitsteilung und der organischen Solidarität unklar. Man erfährt erst bei den pathologischen Formen der Arbeitsteilung (Anomie, Zwang, Anormal)mehr über die Entstehung der organischen Solidarität. Aber trotz allem bleibt dieser Zusammenhang unklar.
Nennen und erläutern Sie die vier Selbstmordtypen nach Durkheim. Gehen Sie dabei auch auf die beiden Dimensionen ein, in denen Durkheim seine Selbstmordtypen verortet.
Durkheim klassifiziert vier Selbstmordtypen, die sich in zwei Gegensatzpaare einteilen lassen. Diese Paare beziehen sich auf den Inhalt von Regeln bzw. auf verschiedene Regelzustände.
Als ersten Typus definiert Durkheim den egoistischen Selbstmord. Im Bereich der Religion sieht Durkheim die moralische Gemeinschaft der Gläubigen als Ursache einer geringeren Selbstmordrate. Dies überträgt er auch auf die Familie, je größer und moralisch gefestigter die Gemeinschaft (Ehe, Kinderzahl), desto geringer die Selbstmordrate. Auch Revolutionen und Kriege stärken die Gemeinschaft und wirken so reduzierend auf eine Selbstmordrate.
Diesem Typus gegenüber steht der altruistische Selbstmord. Dieser ist eher ein traditionelles Relikt und kommt in modernen Gemeinschaften kaum noch vor. Aus einer Überintegration des Einzelnen heraus entsteht dabei eine höhere Selbstmordrate.
Beide Typen beziehen sich auf den Inhalt von Regeln. Individualismus kann zu einem exzessiven Übermaß führen (egoistischer Selbstmord), Kollektivismus kann zu einem exzessiven Maß degenerieren (altruistischer Selbstmord).
Der dritte Typus wird von Durkheim als anomischen Selbstmord. Diesen Typus stellt er in Zusammenhang mit Konjunkturzyklen. Eine höhere Selbstmordrate entsteht bei wirtschaftlichen Krisen, aber auch bei plötzlichem Wohlstand. Er erklärt dies mit desorientierten Entwicklungen für das Individuum (soziale Deklassifizierung und Reklassifizierung), wodurch der Einzelne seine Maßstäbe verliert und Anomie entsteht. In der wirtschaftlichen Entwicklung sieht er einen konstanten Krisenherd der Moderne.
Diesem Typus gegenüber steht als vierte Klasse der fatalistische Selbstmord. Dieser Typus entsteht aus einer Überintegration in ein Regelsystem, er wird aber von Durkheim nicht weiter diskutiert, da er in modernen Gesellschaften nicht vorkommt, ähnlich wie der altruistische Selbstmord.
Die beiden letztgenannten Typen beziehen sich auf verschiedene Regelzustände. Die Anomie entspricht einer kompletten Abwesenheit von Regeln, der Fatalismus der Überreglementierung.
In welcher Hinsicht kann Durkheims Werk „Der Selbstmord“ als Meilenstein soziologischer Forschung bezeichnet werden?
Nach Hans-Peter Müller kann Durkheims Werk der "Selbstmord" deshalb als Meilenstein soziologischer Forschung bezeichnet werden, weil Durkheim den Beweis nicht aufgrund des individuelle Charakters, sondern als gesellschaftliches Problem definiert hat und damit die Einordnung des Selbstmords dem Bereich der Soziologie zugeordnet und damit ihre Notwendigkeit untermauert hat.
In der Erforschung des abweichenden Verhaltens hat Durkheim den Begriff Anomie für seine Theorie der Integration und der Regulation die er Entwickelt hat verwendet. Mit seiner Typologie legte er den Grundstein für weitere soziologische Studien.
Der Selbstmord darf auch heute noch als Meilenstein der empirischen Sozialforschung gelten, da es sich um die erste Monographie der empirischen Sozialforschung handelt und die wesentlichen Aussagen der Studie mit zusammengetragenen und ausgewerteten Datenmaterial untermauert sind.
Müller bezeichnet Emile Durkheim als den Klassiker im Bereich der Erforschung von Devianz, sowie eines Paradigmas der sozialen Kontrolle andererseits. Durkheims "Selbstmord" hat die Entwicklung und Diskussion in der Soziologie, Prägung der Soziologie des abweichenden Verhaltens und der Kriminologie bereichert und mitbegründet.
Erläutern Sie Durkheims Unterscheidung von heilig und profan anhand des von Ihm analysierten Totemismus.
Durkheim vollzog laut Müller eine Kulturwende, er wendete sich von der Sozialstruktur hin zur Kultur oder wie Marx es ausdrückte, von "der Basis zum Überbau" (Müller, 61). Dadurch entstand das Werk "Elementare Formen" dadurch wollte Durkheim die elementaren Formen der Religion darstellen, aber auch ihre Funktion für die Gesellschaft beschreiben. Für Durkheim stellte der Totemismus in Australien die primitiviste Religion dar. So ist laut Durkheim die Welt entzweit. Auf der einen Seite profane Welt und auf der anderen Seite die heilige Welt. Diese beiden Welten stehen sich antagonistisch gegenüber und sind von einer Hierarchie geprägt, denn das Heilige gilt als wertvoller als das Profane. Für Durkheim ist die profane Welt alles, worauf Verbote sich beziehen. Sie müssen eine gewisse Distanz zu allen Heiligen aufweisen. Das Heilige ist in Durkheims Augen alles was Verbote zu schützen haben so Müller. In der das Heilige wertvoller als das Profane ist (vgl. Müller, 65). In Bezug auf seine Totemismus Studie definiert er die Profane Welt der Australier als das nachgehen seiner alltäglichen, gewohnten Tätigkeiten wie Jagen oder Fischen. Dem gegenüber existiert eine andere Welt für den Australier, die Welt des Heiligen. In diese Welt, falls er in sie eindringt, wird er mit einer großen Macht in Kontakt geraten, die ihn bis zur "Raserei" (Müller, 68) bringt. Darin werden religiöse Feste und Riten vollzogen, im kollektiven Beisammensein. Gerade in solchen Momenten "kollektiver Massenhysterie" (Müller, 68) enstehen laut Durkheim neue Glaubenssysteme oder aber stabilisieren sich Alte. Religiöse Tätigkeiten sind in Australien fast ausschließlich auf solche Versammlungen konzentriert. Dieser Mechanismus von "Kreation und Rekreation" (Müller, 68) ist in die Gesellschaft fest integriert und ist von der sozialen Umgebung abhängig. Dieser soziale Zusammenhang hat nicht nur eine fördernde Wirkung auf religiöse oder politische Erneuerungen, sondern auch eine begrenzende Wirkung.
Erläutern Sie Durkheims Unterscheidung von utilitaristischem und moralischem Individualismus.
Der Utilitarismus huldigt nach Müller in Anschluss an Durkheim dem egoistischen Kult des Ichs, kennt nur ein Dogma, die Apotheose des Wohlergehens und der Privatinteressen, und einen Ritus, die Lehre der Nützlichkeit. Davon völlig zu trennen ist jedoch der moralische Individualismus mit seinem Kult des Individuums, seinem einzigen Dogma, der Autonomie der Vernunft und seinem Ritus, der Lehre von der freien Prüfung. Während die erste Auffassung tatsächlich in moralische Anarchie einmündet, führt die zweite zu organischer Solidarität und sozialer Ordnung. Der moralische Individualismus ist ohne ein gewisses Maß an Intellektualismus undenkbar, weil die Gedankenfreiheit Grundlage einer rationalen Moral ist. Doch bedeutet diese Freiheit nicht, dass das Individuum sein Denken und Handeln zum alleinigen Maßstab aller Dinge machen würde. Im Gegenteil: So wie der Wissenschaftler laufend ungeprüft Wissensbestände aus anderen Gebieten übernimmt, beugt sich das Individuum dem Rat seiner Mitmenschen, sofern sie gute Gründe dafür vorbringen. Der moralische Individualismus verkörpert deshalb das höchste und letzte Kollektivideal der menschlichen Zivilisation. Wenn die Menschheit den Menschen „heiligt“ durch die Unverletzlichkeit und die Würde seiner Person, dann hätte eine säkulare, auf Vernunft gebaute Gesellschaft ihre wahren und einzig möglichen sakralen Grundlagen gefunden. Gleichsam die optimale Synthese von Wissen und Glauben, Vernunft und Religion, Säkularität und Sakralität.
Quelle: Hans-Peter Müller, Emile Durkheim, S. 46-47