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Von ‒ 3. Juli 2020
Lukas Schmocker ist Theaterpädagoge und Kampfchoreograph, unterrichtet Bühnenkampf an der ZHdK in Zürich und hat ein Jugendtheater gegründet. Mit seiner Familie wohnt der Wahlzolliker in einem gemeinschaftlich organisierten Wohnhaus und ging auch schon für einige Monate auf eine Alp, um sich um Ziegen zu kümmern.
Wer im Internet nach Lukas Schmocker sucht, die Seite des von ihm mitbegründeten Jugendtheaters LAB Junges Theater Zürich entdeckt und dort nach Informationen über den Kreativschaffenden stöbert, findet auf den ersten Blick nicht viel. Name, Alter und Beruf sind aufgeführt, gefolgt von einer kurzen Aufzählung von Dingen, die er mag («kämpfen, sich verrenken, sich verwandeln») sowie einige Stichworte dazu, was er nicht mag («hetzen, sich verletzen, den Kopf in den Sand stecken»). Auf den zweiten Blick steckt in diesen Zeilen jedoch einiges, was spätestens dann Aufschluss über seine Person gibt, wenn man ihn persönlich danach fragt.
«Die Arbeit mit dem Körper liegt mir», antwortet der 49-Jährige. Den Körper bewusst sprechen zu lassen, ist für Lukas Schmocker ein Bedürfnis, dem er sich schon als Kind mit Leidenschaft hingibt. Bereits im Alter von zwölf Jahren bewegt er sich regelmässig im Jugendzirkus Basel und später als Jugendlicher auf verschiedenen Theaterbühnen. Den Wunsch, direkt nach der Grundschule die renommierte Accademia Teatro Dimitri zu besuchen, muss der gebürtige Basler aber aufgrund einer Verletzung begraben. Stattdessen absolviert er eine zweijährige Ausbildung zum Primarlehrer, später unterrichtet er an der Ecole d’Humanité, einem Internat in der Berner Gemeinde Hasliberg. Dem Theater bleibt er aber treu, wirkt über die Jahre weiterhin als Schauspieler in diversen Stücken mit und studiert schliesslich Theaterpädagogik an der Hochschule für Musik und Theater, der heutigen Zürcher Hochschule der Künste.
Als Assistent seines damaligen Dozenten entdeckt er dort «eher zufällig», wie er sagt, sein Faible für Bühnenkampf: Er muss für einen Schauspielkollegen einspringen und innert zwei Wochen ein Gefecht einüben. Nach Abschluss seines Studiums im Jahr 2000 ist er als freischaffender Theaterpädagoge und Regisseur tätig. In dieser Zeit häufen sich die Anfragen für Kampfchoreographien und Lukas Schmocker findet so allmählich seine Nische. Er absolviert zusätzlich eine bewegungspädagogische Ausbildung in der Franklin Methode und nimmt 2003 die Stelle als Dozent für Bewegung und Bühnenkampf an der ZHdK an, die er bis heute innehat.
Daneben bekommt er Engagements an verschiedenen Theaterhäusern. «Nach meinem Studium habe ich so ziemlich alles gemacht», erinnert er sich. Er habe damals gehofft, seine Karriere dadurch erfolgreich voranzutreiben. Doch mit jedem Projekt schwindet sein persönlicher Karrieregedanke, an dessen Stelle, je älter er wird, sein pädagogischer Anspruch tritt. «Heute ist mir die gesellschaftliche Relevanz dessen, was ich mache, wichtiger.»
So gründet er 2014 aus der Überzeugung, dass Zürich einen Theaterort für Jugendliche braucht, das LAB Junges Theater Zürich. «Wir verstehen uns als Theaterlabor, wo sich junge Menschen auf künstlerische Weise mit der Welt und unserer Gesellschaft auseinandersetzen können», erklärt er sein Projekt.
In den Jahresprojekten setzen sich die jungen Menschen denn auch immer kritisch mit aktuell relevanten Fragestellungen unserer Gesellschaft auseinander. Im diesjährigen Stück «Whatever ‹Love› Means?», das im Oktober 2020 gezeigt wird, fragen sie sich, woher unsere Vorstellung von der idealen Liebesbeziehung kommt und suchen anhand verschiedener Ansätze nach möglichen Antworten. Für Lukas Schmocker ist dabei auch spannend zu erleben, welche politische Bandbreite das Zusammenkommen der verschiedenen Jugendlichen aufzeigt. «Sich gegenseitig Sichtweisen zu offenbaren und gemeinsam zu diskutieren ist für unsere Gesellschaft enorm wichtig», sagt er. «Die Arbeit im LAB ist für mich also immer auch ein Stück weit politisch.» Dabei sei es eindrücklich, wie divers die junge Theatergruppe aufgestellt ist. «Der Austausch geschieht hier aktiv. Wo passiert das momentan sonst noch?»
Reger Austausch ist für Lukas Schmocker auch bei der Entwicklung der Stücke wichtig. Während an grösseren Theatern strikte Hierarchien und getrennte Aufgabenbereiche auch heute noch üblich sind, geht sein Jugendtheater den Prozess bewusst als Kollektiv an. «Die altmodischen Strukturen im Theater sind nicht mehr zeitgemäss», erklärt der Pädagoge bestimmt. Zurzeit ist Lukas Schmocker nebst seiner Anstellung an der ZHdK auch für ein Theaterprojekt an der Kantonsschule Küsnacht tätig, probt wöchentlich mit seinem Jugendtheater und wirkt als Bewegungschoreograph bei den seit 1899 durchgeführten Tellspielen in Altdorf mit.
Das Kollektiv scheint auch privat die Lebensform zu sein, die ihm am ehesten zusagt. Die vierköpfige Familie des Wahlzollikers lebt mit sieben weiteren Menschen in einem gemeinschaftlichen Wohnhaus, das die Mitglieder der Genossenschaft vor zehn Jahren gemeinsam gekauft und umgebaut haben. Sie teilen sich die Kinderbetreuung, kochen füreinander und unterhalten den Gemeinschaftsgarten. Zudem organisieren die Bewohner regelmässig kulturelle Veranstaltungen. «Uns ist wichtig, das Haus immer wieder für die Gemeinschaft zu öffnen», bekräftigt Lukas Schmocker das gemeinsame Anliegen, Dinge miteinander zu teilen und aktiv am Leben der anderen teilzunehmen.
Vor zwei Jahren entschied sich die Familie, gemeinsam eine längere Auszeit zu nehmen. Dazu gehörte auch die Erfahrung, sich für vier Monate auf einer Alp um eine Ziegenherde mit 120 Tieren zu kümmern, Käse herzustellen, einmal richtig mit der Natur verbunden zu sein. «Der Einstieg war allerdings heftig», erinnert sich Lukas Schmocker. «Das ist ein harter Vollzeitjob, der dich den ganzen Tag beschäftigt hält.» Da beide Eltern ein Lehrerdiplom besitzen, war zumindest das Homeschooling kein Problem. Von der Alp ging es weiter auf Reise durch Australien, Japan und Indien, wo Lukas Schmocker gemeinsam mit seiner Frau ebenfalls ein Theaterprojekt realisierte. «Die Alpzeit blieb uns als Familie aber am intensivsten in Erinnerung», sagt er und lacht.
Mit dem Lockdown brach für Lukas Schmocker der Grossteil seiner Arbeit von einem Tag auf den anderen weg. Dank seiner Festanstellung an der ZHdK war die Pause finanziell zwar zu verkraften, sie löste dennoch einiges bei ihm aus. «Es fühlte sich fast wie ein vom Staat ausgesprochenes Berufsverbot an. Plötzlich merkst du, dass du nicht systemrelevant bist.» Die Kunstschaffenden müssten auch jetzt noch dafür kämpfen, gehört zu werden. Ihm habe die Situation aber gezeigt, dass der analoge Austausch nach wie vor enorm wichtig sei. «Es ist einfach etwas anderes, wenn du einen Menschen persönlich vor dir hast.»
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