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Die Natur kehrt in die Städte zurück – mit innovativen Konzepten und Weitblick.
Beton, soweit das Auge reicht, schlechte Luft, Smog und beengte Verhältnisse – eine Vorstellung von urbanem Raum, die einem schon beim Lesen Kopfschmerzen bereitet. Während in vielen Städten die Stadtplanung lange Zeit in Richtung einer möglichst effizienten Raumnutzung ging, blieb die Lebensqualität oft auf der Strecke. Grünräume in Städten verbessern nicht nur optisch das Stadtbild, sondern sorgen auch für eine bessere Luftqualität, erhöhen die Biodiversität und – was vor allem in den kommenden Jahrzehnten ein wichtiges Thema sein wird – dienen der Temperatur-Regulation an heissen Tagen. Dass Wien über viele Jahre hinweg als lebenswerteste UND grünste Stadt der Welt bezeichnet wurde, überrascht wohl niemanden. Es ist eine Tatsache, dass Stadtnatur vor der Haustüre und der regelmässige Aufenthalt darin merklich Stress reduziert, einer der Hauptfaktoren von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die vor allem in Mitteleuropa weit verbreitet sind. Die Begrünung einer Stadt wird nicht nur in touristischer Hinsicht zum Vorteil, denn auch die Einsparungen im Gesundheitssystem sind nicht zu verachten. Vegetation und unversiegelte Böden speichern Wasser besser und können dazu beitragen, bei Starkregen Überschwemmungen zu verhindern. Die grosse Bedeutung von Natur- und Grünräumen in Städten wurde bereits seit den 1970er und 1980er-Jahren erkannt und in spannenden Projekten auf der ganzen Welt umgesetzt.
Am Wasser gebaut
Der Jardin del Turia in Valencia ist einer der grössten Stadtparks in Spanien und durchzieht die Stadt auf neun Kilometern Länge. Der Fluss Turia sorgte im Laufe der Jahrhunderte für zahlreiche verheerende Überschwemmungen, zuletzt im Oktober 1957. Im Anschluss wurde der «Plan Sur» festgelegt, der den Fluss heute südlich an der Stadt vorbei zum Hafen und weiter ins Mittelmeer leitet. Übrig blieb ein leeres Flussbett, das die Stadt von Westen nach Osten durchquert und an das historische Zentrum angrenzt. Pläne während des Franco-Regimes, dieses in eine Stadtautobahn umzubauen, wurden nach dem Ende der Diktatur zum Glück nicht weiterverfolgt. Stattdessen wurden in den 1980er-Jahren Massnahmen zur Gestaltung einer grossen Parkanlage vorangetrieben. Das ehemalige Flussbett, das von 18 Brücken überquert wird, wurde in mehrere Abschnitte gegliedert und jeder davon von einem anderen Stadt- oder Landschaftsplanungs-Team gestaltet. Heute ist der Garten eine Oase mit Palmen, Orangenbäumen, Springbrunnen, Kiefernwäldchen, Teichen, Sportanlagen und Rosenbeeten.
Auch oder besonders wenn die Wasserquelle noch besteht, lassen sich vielfältig nutzbare Grünräume und Übergänge zwischen Stadtteilen schaffen. Mit ihrem Konzept für das mittlere Paderquellgebiet in Paderborn hat WES LandschaftsArchitektur auf rund 11’000 m2 ein grünes Kleinod geschaffen, für das sie 2020 mit dem 1. Preis des deutschen «Bundespreises Stadtgrün» ausgezeichnet wurde. Die Hauptanliegen, die mit dem Projekt umgesetzt wurden, waren vor allem die Renaturierung der Flussläufe und Quellen, aber auch eine verbesserte Wegeführung zur Förderung der Wahrnehmbarkeit des Flusses, die Neugestaltung von Freiflächen sowie das Schaffen von Aufenthaltsmöglichkeiten inmitten der Natur. Dabei fügt sich das neu gestaltete Naherholungsgebiet respektvoll in die städtisch geprägte Kulturlandschaft von Paderborn ein und verweist an einigen Stellen auf die Geschichte der Stadt. So wurde auf dem Areal des ehemaligen Haxthausenhofes mittels Setzung raumbildender Strauchpflanzungen ein städtischer Garten geschaffen, und durch eine Rasenmodellierung konnte der Standort der 2006 abgerissenen Villa festgehalten werden.
Dem Himmel so nah
Asien ist bekannt für seine oftmals sehr dicht bebauten Städte und problematischen Luftverhältnisse. Innovative Renaturierungen sollen diesen Entwicklungen Einhalt gebieten. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist der Seoullo 7017 Skygarden. Einst als Seoul Station Overpass in den 1970er-Jahren erbaut, diente die Stadtautobahn als Verkehrsverbindung vom grössten Markt von Seoul im Osten über das Bahnhofsgelände zu den verschiedenen Parks im Westen der südkoreanischen Hauptstadt. Bei Sicherheitsinspektionen der 17 Meter hohen Überführung im Jahr 2006 wurden massive Mängel festgestellt und in weiterer Folge Pläne zum Abriss und Neubau der Hochstrasse entworfen. Nach Beratungen mit Anwohnern und Experten entschied man sich schliesslich jedoch dafür, die rund 9’600 m2 Fläche in einen Fussgängerweg und öffentlich genutzten Raum umzuwandeln. Das Architekturbüro MVRDV konnte die Ausschreibung für sich entscheiden. Das erklärte Ziel des Entwurfs: den Raum so grün wie möglich zu gestalten und durch gemeinschaftliche Plätze sowie Cafés und Shops zu ergänzen. In gruppierten kreisrunden Pflanzgefässen wurde eine Art Pflanzen-Lexikon platziert. Zahlreiche in Südkorea heimische Pflanzen können hier, sortiert nach ihren Namen und deren Platz im koreanischen Alphabet, bestaunt werden. Dazwischen finden die Spaziergänger am Seoullo 7017 Skygarden einladende Tee-Cafés, Blumenläden, Bibliotheken und Strassenmärkte.
Einen weiteren Überflieger in Sachen Natur in der Stadt bietet der Changi Airport in Singapur. Auf dem Areal des Flughafengebäudes gibt es neben abenteuerlichen Zeitvertreiben wie Sky Nets, einem Spiegelkabinett, einem Irrgarten und einer Art Spielplatz-Skulptur auch einen Indoor-Garten der Superlative. Inmitten der grünen Oase befindet sich der höchste Indoor-Wasserfall der Welt, der für ein spektakuläres Ambiente sorgt. Dieser Rückzugsort neben dem regulären Flughafengebäude wird dank einer Lichtinstallation, beruhigender Hintergrundmusik und einem Dufterlebnis zu einem meditativen Kleinod inmitten des hektischen Trubels zwischen An- und Abreise.
Nationalpark findet Stadt
Ein neues, vielversprechendes Projekt zur Förderung der Renaturierung urbaner Räume basiert auf der Idee, Städte rund um die Welt mit dem Prädikat «National Park City» auszuzeichnen. Als erste Stadt darf sich London seit 2019 mit dieser Bezeichnung schmücken. Die britische Hauptstadt ist nicht nur Heimat von rund neun Millionen Einwohnern, sondern beherbergt auch fast so viele Bäume sowie ca. 15’000 verschiedene Tierarten. Die Stadt kann auf eine lange Tradition zurückblicken, wenn es um den Schutz und die gemeinschaftliche Nutzung des natürlichen Erbes geht. Die Corporation of London, die Greater London Authority, die königliche Familie, unzählige Kleingärtner, Landwirte, Aktivisten, Bauherren und Vereine haben London im Laufe der Zeit zu einer der grünsten Städte der Welt gemacht.
Der gemeinschaftliche Gedanke zum Erhalt einer grünen, gesunden und lebenswerten Stadt liegt dem Projekt «National Park Cities» zugrunde. Dazu wurde ebenfalls im Jahr 2019 eine Charta verfasst, welche die Kriterien absteckt, die nötig sind, um dieses Prädikat zu erhalten. Zu den Unterstützern des Projekts gehören Wissenschaftler, Künstler, Ärzte, Umweltschützer, Investoren, Autoren und Aktivisten aus Europa, Australien und Nordamerika. Erklärtes Ziel der Initiative ist es, Städte vor dem Hintergrund des Prädikaterwerbs zu motivieren, ein Ort zu werden, an dem gemeinsam langfristig gehandelt wird, um das Leben von Menschen und Tieren zu verbessern und die Natur zu erhalten bzw. ihr mehr Raum zu geben – stets in Einklang mit der gewachsenen Kulturlandschaft. Der Fokus liegt dabei auf dem Ausbau der Grünflächen, der Pflege von Flüssen und Wasserwegen, auf Verbindungen zwischen natürlicher und bebauter Umwelt, auf Schutzzonen für Wildtiere und dem Erhalt ihrer natürlichen Lebensräume sowie der Bereitstellung von gemeinschaftlichen Flächen, die das Lernen, Spielen, die Kunst, aber auch das Zusammenkommen fördern. Anwerber auf den Platz der zweiten Nationalparkstadt der Welt sind Adelaide in Australien, Glasgow in Schottland, Galway in Irland und Newcastle upon Tyne in England. Ein Ziel, dem hoffentlich noch viele Städte rund um den Globus folgen werden, im Sinne eines klima‑, menschen- und tierfreundlichen Lebens im urbanen Raum.
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