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Urteile über andere Menschen kommen uns schnell in den Sinn und über die Lippen – eine kulturelle Prägung, der wir uns kaum entziehen können. Häufig sagt das Urteil mehr über den Urteilenden aus als über die beurteilte Person. Das illustriert eine Geschichte von Paulo Coelho, die ich hier nacherzähle:
«Ein frisch verheiratetes Paar war an einen neuen, für sie noch unbekannten Ort gezogen. Beim Frühstück am ersten Morgen schaute die junge Frau aus dem Fenster und sah eine Nachbarin im Garten ihre Wäsche zum Trocknen aufhängen. ‹Die Wäsche ist nicht sehr sauber›, sagte sie, ‹ich glaube, die Frau hat keine Ahnung, wie man richtig wäscht. Bestimmt benutzt sie ein ganz falsches Waschmittel.›
Ihr Mann hörte zu, ohne etwas zu erwidern. Jedes Mal nun, wenn die Nachbarin Wäsche im Garten aufhängte, kommentierte die junge Frau es mit einer abschätzigen Bemerkung.
Einen Monat später schaute die Frau wieder hinüber und war überrascht, als sie plötzlich schöne, saubere Wäsche an der Leine entdeckte. Sie sagte zu ihrem Mann: ‹Sieh mal an, sie hat endlich gelernt richtig zu waschen. Wer ihr das wohl beigebracht hat?› Der Mann blickte sie an und antwortete: ‹Heute bin ich früh am Morgen aufgestanden und habe unsere Fenster geputzt.›»
Ein Sprichwort sagt: «Wer den Zeigefinger auf andere richtet, der deutet mit drei Fingern auf sich selbst.» Meistens stören uns besonders solche Verhaltensweisen oder Eigenschaften, die wir an uns selbst nicht akzeptieren. Wenn wir wieder einmal über jemanden urteilen und denken oder sagen: «Der ist aber …», dann ist es heilsam hinzuzufügen: «Genau wie ich selbst!»