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3 MINUTEN MIT ZBINDEN
„Buchausstattung: Emil Zbinden Bern“
Wer Emil Zbinden an der Brunngasse besuchte, machte buchstäblich einen „Glockenzug“ an der mechanischen Haus-glocke und las darunter „Emil Zbinden, Grafiker im 3. Stock“.
„Grafiker“, nicht „Holzschnittkünstler“.
Dazu lesen wir bei Guido Magnaguagno:
„Seine Holzstichkunst steht in enger Verbundenheit zur Kunst des Büchermachens. Die typographische Lehrzeit, vor allem seine Berliner und Leipziger (die «Bücherstadt») Wanderjahre haben ihn in diese Welt eingeführt. In einem Kreis von Eingeschworenen bedeutete die Liebe zur Literatur nicht allein geistige Auseinandersetzung, sie wuchs vielmehr im Akt des Produzierens, der Typenwahl, des Setzens, des Drucks, der Ausstattung. Zbindens lebenslanger Umgang mit dem Buch ist von wunderbarer Einheit: der Mitgestalter als Leser, der Leser als Illustrator.“
in: G. Magnaguagno, Emil Zbinden, Das graphische Werk, 1. Freie Blätter 1926-1981, Hauterive 1982 (Verlag Xylon), S. 10
Viele Bücher sind nicht illustriert, sondern „nur“ ausgestattet, eingebunden, mit einem Schutzumschlag versehen – und von Zbinden gelesen!
Hier drei Beispiele, Aussenansicht und Leseprobe.
Der Roman „Die Kluft“ von Ellen Wilkinson (1891-1947) erzählt einen Bergarbeiterstreik. Die Protagonistin ist die 26-jährige Joan Craig, „Red Joan“, Gewerkschaftssekretärin, Kämpferin für streikende Bergarbeiter und ihre Familien im Norden Englands.
Ausschnitt:
Joan ist eingeladen, in einem bürgerlichen Kreis in London für finanzielle Unterstützung zu werben. Aber sie will sich nicht kaufen lassen. Sie spricht:
„Zuerst stelle ich klar, dass ich gegen meinen Willen heute hier gesprochen habe; denn mir, die ich mein Leben lang mein Brot selbst verdiente, fiel es sehr schwer, die Hilfe von Frauen anzurufen, denen Mühe und Plage anderer den Luxus gewährleisten. Ich demütige mich, um für die Bergleute zu bitten, ohne die Sie ihren Krieg [1914-18] nicht gewonnen hätten, diesen Krieg, der Ihre Dividende sicherte und die Behaglichkeit Ihrer Heime aufrechterhielt. Jeden Tag riskieren diese Männer ihr Leben für den Komfort egoistischer Nichtstuer wie Sie, und hätten Sie heute etwas für die Kinder gegeben, so wäre damit nur ein ganz winziger Teil Ihrer Dankesschuld abgetragen worden. Was ich jetzt sagte, wird Ihre Börsen verschliessen. Aber ich kenne die Männer aus den Kohlenrevieren zu gut, um nicht überzeugt zu sein, dass sie mir nach den Worten, die hier gefallen sind, danken werden, weil ich ihnen die Demütigung ungern und widerwillig gegebener Almosen erspart habe.“
Und wenig später zu ihrem Mitkämpfer:
„Sie hatten recht, Gerry. Es ist und bleibt ein Kampf der Klassen, und über diese Kluft gibt es keine Brücke.“ (S. 210f.)
Ellen Wilkinson, Die Kluft, Berlin 1931, (Büchergilde Gutenberg)
Ausstattung und Einband von Emil Zbinden
Ausschnitt:
Karl Fehr führt uns an den Anfang des literarischen Werkes von Albert Bitzius, Pfarrer in Lützelflüh. Bitzius war der eigentliche Name von Jeremias Gotthelf. Fehr bringt dazu ein Zitat von Jakob Reithard, der u.a. Redaktor des „Volksfreunds“ in Burgdorf war:
(…) Kein Wunder, dass ihn [Reithard] Pfarrer Bitzius
bald zum Vertrauten seiner verborgenen Pläne machte.
Reithard berichtet uns darüber in seinem Nachruf auf Jeremias Gotthelf folgendes: «Nach vielen, meist vergeblichen Versuchen, seinen schriftstellerischen Drang auf dem Wege der Publizistik zu befriedigen, überschrieb Bitzius endlich planlos einige Papierbogen mit Szenen aus dem Berner Volksleben und Reflexionen darüber in jener eigentümlichen Weise, der er in der Folge stets treu geblieben. Zufällig bekam ein sachkundiger Freund (Reithard meint damit sich selber) bei einem Besuche diese Bogen zu Gesichte und erstaunte über die tiefen psychologischen Einblicke und die Originalität der Darstellung, die sie enthielten.
Er ermunterte den Verfasser, ein Ganzes zusammenzufügen, und noch an jenem Abend wurde die Disposition zum ,Bauernspiegel’ beim traulichen Kaminfeuer zustande gebracht.» (S. 209f.)
Karl Fehr, Jeremias Gotthelf, Zürich 1954 (Büchergilde Gutenberg)
Buchausstattung: Emil Zbinden, Bern
Russland nach der Ersten Revolution 1905. Der Roman „Die Mutter“ erschien zuerst 1906 auf Englisch, Gorki war in Amerika. 1907 Ausgabe in Russland, dort aber bald unterdrückt. Die Handlung geht von Tatsachen aus: Pawel Wlassow, revolutionärer Arbeiter. Seine Mutter Pelageja Nilowna Wlassowa lässt sich von den Ideen ihres Sohnes überzeugen. An einer Erstmaidemonstration wird Pawel verhaftet. Im Prozess hält er seine Verteidigungsrede. Urteil: Sibirien. Die Mutter lässt die Rede des Sohnes drucken, will sie verbreiten und wird dabei, ausspioniert, selbst verhaftet.
Ein Ausschnitt aus der Rede:
"Wir, die Arbeiter, sind diejenigen, durch deren Arbeit alles geschaffen wird, von riesigen Maschinen bis zum Kinderspielzeug, wir sind diejenigen, die man des Rechts beraubt hat, für ihre Menschenwürde zu kämpfen, uns will und kann jeder in ein blosses Werkzeug verwandeln, um seine Zwecke zu erreichen. Wir wollen jetzt so viel Freiheit haben, dass wir durch sie in die Möglichkeit versetzt werden, mit der Zeit alle Macht zu erobern. Unsere Losung ist einfach: Fort mit dem Privateigentum, alle Produktionsmittel dem Volke, alle Macht dem Volke, die Arbeit eine Pflicht für alle! Sie sehen, wir sind keine Rebellen!"(S. 377)
„Der Mitgestalter als Leser, der Leser als Illustrator“ (Magnaguagno), selbst wenn der Einband die einzige Illustration bleiben muss.
Emil Zbinden hat mehr als 100 Bücher ausgestattet oder illustriert.
Maxim Gorki, Die Mutter, Frankfurt/Main, Wien, Zürich 1968, (Büchergilde Gutenberg)
Einband: Emil Zbinden, Bern