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1872 wurden der Staudamm und später das Kraftwerk Magere Au gebaut, zuerst als Wasserreservoir, dann als Krafterzeuger für die erwachende Industrie in Freiburg.
Langsam. Sehr langsam füllte sich der Pérolles-See. Er war 1872 mit einer eindrücklichen Mauer gestaut worden. Diese Mauer feiert heuer ihr 150-jähriges Bestehen. Es war die erste Stauung der Saane und die erste Betonstaumauer überhaupt in Europa. Die Anlage wurde zwar immer wieder um- und ausgebaut, strukturell hat sie sich aber kaum verändert.
Der Neuenburger Ingenieur Guillaume Ritter hatte sich mit der Anlage einen Traum erfüllt. Er lieferte mit seiner Privatfirma aus dem See Trinkwasser in die höher gelegene wachsende Industriestadt Freiburg. Und vor allem lieferte die gebändigte Saane Kraft für die Maschinen auf der Pérolles-Ebene. Nicht als elektrischen Strom, nein, sondern als schiere Energie, welche riesige Transmissionsriemen antrieb. Diese wurden über eine grosse Relaisstation in einen Turm geschlauft und durch einen Tunnel gezogen. «Eine geniale Konstruktion», sagt Saida Lafrikh, verantwortlich für das Kraftwerk bei einer Begehung. Aber ja, es sei auch eine etwas verrückte Idee gewesen, die Kraft der Saane über Kabel hinauf auf die Pérolles-Ebene zu führen.
Ritter brachte aus seiner Heimat die Idee mit, die Kraft der Saane für die Industrie und die Haushalte zu nutzen. 1869 gründete er dafür die Société générale Suisse des Eaux et Forêts. Der Grosse Rat gab dieser die nötige Konzession. Doch schon 1874 war es zu Ende mit der Gesellschaft. Der Kanton übernahm sie 1888 aus der Konkursmasse. Kostenpunkt: 585’000 Franken, das war damals ein Heidengeld.
Das Trinkwasserreservoir war zu wichtig für die Stadt. Die Waggonfabrik, die staatliche Sägerei, die Giesserei und später eine Fabrik für chemische Düngemittel: Es gab viel Bedarf für zuerst mechanische, dann vor allem elektrische Energie. Die beiden ersten Turbinen mit einer Leistung von 300 PS dienten vor allem dem Betrieb der Wasserversorgung. Eine Pumpe beförderte das gereinigte Wasser ins Reservoir im erhöhten Guintzet-Quartier. Es wurde nicht nur an die Haushalte verteilt, mit dem Druck wurden auch hydraulische Motoren in der Industrie betrieben. Eine weitere Turbine trieb die Kabel von 1,7 Kilometern Länge oben auf dem Pérolles-Plateau an. Diese brachten die Kraft der Saane hoch zu den Fabriken; über 20 Jahre lang.
Freiburg wird elektrifiziert
Erst seit 1895 ist die Anlage tatsächlich ein hydroelektrisches Kraftwerk. Mit ein Grund für den Wechsel war die steigende Nachfrage nach Elektrizität für die Strassenbeleuchtung, das neu eingeführte Tram und die Haushalte. Im Keller des Rathauses sorgten Batterien für Versorgungssicherheit.
Wie das «Bulletin technique» im Jahr 1905 schrieb, war die Ur-Staumauer für damalige Verhältnisse eine technische Meisterleistung: 180 Meter lang, sechs Meter breit oben an der Krone und 16 Meter an der Basis. Ihr Gesamtvolumen betrug stattliche 40’000 Kubikmeter Beton.
Die Staumauer schuf den Pérolles-See. Entlang des nun gebremsten Flusses entstanden Schilfflächen, die Landschaft veränderte sich in den letzten 150 Jahren massiv. Das heutige Naturschutzgebiet beherbergt viele Tier- und Pflanzenarten, darunter auch seltene wie den Eisvogel oder den Gänsesäger. Der See ist Rastplatz für Wasser- und Zugvögel und gilt als Reservat von nationaler Bedeutung.
Mauer wird genau vermessen
Eine Folge des Staumauerbaus: Ständig blieben und bleiben noch immer Sedimente, die der Fluss von weiter oben herunterbringt, am Fuss der Mauer hängen. Eine Skizze zeigt, dass rund zwei Drittel der Mauerhöhe bereits aufgefüllt sind. Das Problem ist nicht einfach zu lösen, sagt Lafrikh. Wer die Grafik auf einer Tafel neben der Mauer anschaut, kann sich vorstellen, wie schwierig es wäre, die Sedimente zu heben.
Die Mauer – sie steht noch heute scheinbar wie ein Fels in der Brandung. Genaue Messgeräte zeigen jedoch, dass sie sich trotz allem leicht bewegt; eine horizontale Bewegung von vier Millimetern, abhängig von der Jahreszeit. «Das sind normale Schwankungen», stellt Lafrikh klar. Zudem dehnt sich der Beton im Sommer natürlich aus, das sei ganz normal. Über 50 Verankerungen im Boden sorgen für die nötige Stabilität, auch im Erdbebenfall.
Nach dem Bau der Anlage Magere Au 1872 wurde 1908 das grosse Ölberg-Projekt realisiert. Dafür wurde die Staumauer erhöht. Heute verbinden zwei Stollen die Saane bei der Betonkrone der Staumauer mit dem Kraftwerk auf der anderen Seite des Hügels. Seither wurde die ganze Infrastruktur immer wieder den Bedürfnissen angepasst und modernisiert. Letztmals geschah das im grösseren Stil Anfang der 2000er-Jahre, auch unter dem Eindruck starker Hochwasserschäden im Jahr 2005. Sie haben gezeigt, dass die Saane trotz Stauung noch immer stark anschwellen und Schaden anrichten kann. Deshalb wurden umfangreiche Schutzmassnahmen an der Mauer und entlang dem Unterlauf ergriffen.
Wer sich die historische Staumauer und den malerischen Stausee zu Gemüte führen will, kann einen Rundgang um den See in Angriff nehmen oder entlang dem Ritterweg, benannt nach dem Erbauer, die reiche Industriegeschichte kennenlernen.
Zahlen und Fakten
Ein Hindernis für Fische
Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde eine Fischtreppe installiert. Dies mit der Absicht, dass die Lachse – von denen es damals unzählige gab in der Saane – hoch wandern könnten. Doch die Stauung der Aare weiter flussabwärts stoppte die Wanderungen der Fische, und die Treppe verlor ihre Bedeutung. Der Gedanke des Artenschutzes gab der Idee in den letzten Jahren wieder Auftrieb. Und das Kraftwerk erhielt anstelle einer aufwendigen Treppe einen regelrechten Lift. Die Zahl der Passagiere sei allerdings hoch, sagt Lafrikh. Rund 6000 Tiere verschiedener Arten zähle man pro Jahr. Es ist eine der grössten Anlagen der Schweiz dieser Art, überwindet 17 Meter Höhendifferenz vom Unterlauf zum See und kostete 1,3 Millionen Franken. Der Lift ist 24 Stunden pro Tag in Betrieb und fährt alle zwei Stunden. fca