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Lieber Herr Rihm, zunächst eine ganz schlichte Frage: Komponieren Frauen anders als Männer?
Nein. Was ich beobachte: Komponistinnen sind ebenso wie Komponisten den Zwängen und Klischee-Angeboten ihrer jeweiligen Gegenwart ausgeliefert. Das heisst: Sie machen identische «Fehler» und sind den gleichen Individuationsanstrengungen ausgesetzt, um sich zu emanzipieren von den etwa durch männliche und weibliche Kritik gleichermassen etablierten Schein-Standard-Angeboten zeitgemässer Kunstproduktion. Überleben kann nur, wer sich individuiert. Das ist unabhängig vom Geschlecht. Und es muss ausgehalten, ertragen werden.
Es wäre also falsch, davon auszugehen, dass sich komponierende Frauen im Musikleben anders als ihre männlichen Kollegen positionieren müssen?
Sollte sich jemand allein aufgrund seines Geschlechts zu einer Individuationsgestalt stilisieren, würde er oder sie einen weiteren entscheidenden «Fehler» machen. Ich rate also von solchen Strategien ab, da sie vom Entscheidenden ablenken: der Gestalt des Werks. Da diese immer auch aus dem Körper des oder der Schaffenden mitbestimmt wird, ist die Geschlechtsfrage tautologisch, also eigentlich sekundär.
Wenn Sie etwa im Bereich der Oper Musik für eine weibliche Figur komponieren, oder wenn Sie vom Gedicht einer Autorin zu einer Vertonung angeregt werden, bildet Ihre Musik dann das Geschlecht ab? Und wie ginge das überhaupt – denn die Opernkonventionen des 19. Jahrhunderts liegen ja weit hinter uns?
Eine weibliche oder männliche Gestalt im musikdramatischen Kontext zu formen, hat naturgemäss etwas mit deren Weiblich-Sein oder Männlich-Sein zu tun. Das ist aber etwas ganz anderes als etwa die Dichtung eines Mannes oder die einer Frau zu vertonen, deren artistische Gestalt nicht vergleichbar ist mit der einer agierenden Menschengestalt, einer Person. Musik kann Charakterzüge darstellen helfen, nicht aber «das Geschlecht abbilden». Das hat mit «Opernkonventionen» überhaupt nichts zu tun. Wenn ich etwa eine männliche Gestalt durch eine Frau darstellen lasse, ist es dennoch eine männliche Gestalt, die da agiert.
Wenn Sie zurückblicken: Wie schätzen Sie die Situation von Frauen im Musikleben im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte ein? Gab es so etwas wie einen stetigen «Normalisierungsprozess» oder eher ein Auf und Ab? Und verläuft die Entwicklung bei schöpferischen und nach-schöpferischen Künstlerinnen – also: bei Komponistinnen und Interpretinnen – parallel, oder sind hier Unterschiede auszumachen?
Wenn wir unter «Normalisierungsprozess» etwas verstehen, das die Fragestellung nach und nach immer exotischer erscheinen lässt, dann sind wir noch lange nicht am Ziel. Und was wäre das Ziel? Dass kein «Gewese» mehr um all das gemacht werden muss. Sicher haben es Interpreten – männliche und weibliche – zunächst einmal leichter, als ernstzunehmende Figuren wahrgenommen zu werden. Aber war das nicht immer so? Und warum sollten wir das grundsätzlich beklagen? Für Komponistinnen und Komponisten gilt: Es braucht Zeit, bis überhaupt wahrgenommen werden kann, was sie tun. Dafür allerdings dauert ihre «Gegenwart» länger an. Interpreten haben ihre Zeit. Komponisten haben Zeit.
Fördern Sie junge Musikerinnen, etwa in Ihrer Karlsruher Kompositionsklasse, besonders?
Ich hatte von Anfang an (also über 30 Jahre) einen vergleichsweise hohen Anteil von Studentinnen in meiner Kompositionsklasse. Aber nicht aus programmatischen Überlegungen, sondern weil sich zu den Aufnahmeprüfungen immer wieder viele begabte junge Komponistinnen anmelden. Wie oben schon angedeutet, haben diese mit exakt den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen wie ihre männlichen Kollegen.
Genie ist sicherlich kein männliches Alleinstellungsmerkmal. Doch hatten es Komponistinnen – genau wie ihre Kolleginnen in Malerei und Literatur – in vergangenen Epochen schwer, aufgeführt oder überhaupt wahrgenommen zu werden. Wen würden Sie unbedingt zur «Entdeckung» empfehlen?
Ich durchforste die Zeiten nicht nach «Genies», um mich deren Werk zuzuwenden. Vielmehr werde ich von Kunstwerken berührt und angeregt, mich mit ihnen zu beschäftigen. Die Sorge, dass es Kunstwerke gibt, die wir gar nicht kennenlernen können, weil sie im Verborgenen existieren, kann ich gut verstehen. Ich halte diese Sorge aber für überbewertet angesichts der schonungslosen Präsenz, zu der die medialen Möglichkeiten unserer Gegenwart noch das Geringste heraufrufen.
Interview: Malte Lohmann
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