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annabelle: Gabriella Carli, Sie dirigieren in Mailand ein Konzert, das den Menschenrechten gewidmet ist. Warum?
Gabriella Carli: Das Motto der diesjährigen Expo in Mailand ist „Feeding the Planet, Energy for Life“, und weil Ernährung ein Menschenrecht ist, passt unser Benefizkonzert, das dem Frieden und den Menschenrechten gewidmet ist, thematisch sehr gut. Gemeinsam mit dem Blockflötisten Maurice Steger habe ich das Projekt bereits letzten Juli eingereicht. Es wurde anschliessend aus den zahlreichen Eingaben ausgewählt, doch die Organisation gestaltete sich als äusserst kompliziert und langwierig. Italien war einmal die Wiege der Kunst, mittlerweile ist es zu deren Grab geworden mit all seinen bürokratischen Hindernissen.
Vor sieben Jahren wurden Sie Opfer eines gewaltsamen Überfalls. Wie hat dieser Schicksalsschlag Ihre Arbeit verändert?
Bei dieser Attacke habe ich die Hand gebrochen. Es folgten zwei komplizierte Operationen und über ein Jahr Spital und Rehabilitation. In jener Zeit konnte ich deshalb weder Klavier spielen – ich bin gelernte Pianistin – noch dirigieren. Eigentlich hatte ich genau zu diesem Zeitpunkt mehrere Konzerte anlässlich von Herbert von Karajans 100. Geburtstag geplant. Nach diesem Vorfall dirigierte ich nur noch Benefizkonzerte und habe einen Verein für Gewaltopfer mit dem Namen „Steh wieder auf“ gegründet. Vor jedem meiner Konzerte lege ich deshalb eine Schweigeminute ein für die Opfer dieser Welt. Dieses Ritual ist mir sehr wichtig.
Sie waren während mehrerer Jahre die Assistentin des legendären Dirigenten Herbert von Karajan. Wie kam es dazu?
Mein Vater war Geiger in Triest. Er kannte daher viele Musiker, unter anderem einen Geiger, der Karajan offenbar das Leben gerettet hatte. Karajan setzte sich kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs nach Italien ab, und nach Kriegsende versteckte ihn ebendieser Geiger. Der Maestro war angeklagt, bei den Nationalsozialisten tätig gewesen zu sein – dass er einige Zeit Mitglied der NSDAP war, weiss man heute. Davon wusste ich aber damals nichts, ich war sehr jung, als ich Karajan kennen lernte. Ausserdem ist es für mich unvorstellbar, dass der Karajan, den ich kennengelernt habe, bei den Nationalsozialisten tätig war. Der Bekannte meines Vaters hat mir Karajan vorgestellt. Ich studierte zu diesem Zeitpunkt Germanistik und wollte dieses Studium erst abschliessen, bevor ich mich ganz der Musik widmete. Heute würde ich vor den Opernhäusern campieren, wenn ich nochmals die Chance hätte, für Karajan zu arbeiten (lacht). Ich studierte dann bei Sergiu Celibidache das Dirigieren und traf einige Jahre Karajan wieder in Luzern, wo ich an einem Wettbewerb für Jungdirigenten teilnahm. Er erkannte mich sofort wieder und meinte, ich solle zu ihm nach Berlin kommen, wo er Chefdirigent der Philharmoniker war, denn ich müsse noch viel lernen. Er besorgte mir ein Stipendium, und nach einem erfolgreichen Vordirigieren wurde ich seine Assistentin. Er war wie ein Vater für mich.
Ich wurde angefeindet, weil ich eine Frau war
Was waren das für Zeiten?
Es waren grossartige Zeiten, es war die Zeit des grossen Maestros! Diese Jahre in Berlin waren die besten Jahre meines Lebens, obwohl ich vorher schon bei anderen grossen Musikern wie Carlo Zecchi und Franco Ferrara lernen durfte. Die Jahre bei Karajan waren eine Art Quintessenz von allem, was ich zuvor gelernt hatte. Zudem hatte ich als Assistentin die Erlaubnis, in alle Proben der Berliner Philharmoniker zu gehen, was ein riesiges Privileg war. Zu den Proben hatten nur Karajans Assistenten und Musiker wie Anne-Sophie Mutter, mit denen er arbeitete, Zutritt. Keine anderen Mitarbeiter der Oper und schon gar nicht Aussenstehende.
Sie waren bis 1991 in Berlin. Weshalb haben Sie die Stadt verlassen?
1989 starb der Maestro, sieben Monate zuvor war mein Vater gestorben. Es war, als hätte ich in kurzer Zeit zwei Väter verloren. Ich dirigierte zehn Tage nach dem Mauerfall die Philharmoniker – es sollte mein letztes Konzert in Berlin sein. Die Philharmonie wurde für zwei Jahre geschlossen, und Karajans Nachfolger Claudio Abbado wollte mich nicht als Assistentin, da wir beide von einer anderen musikalischen Schule kamen. Also verliess ich Berlin und ging zurück nach Italien. Da war ich in eine Reihe Autounfälle verwickelt und kam deshalb in die Schweiz zur Rehabilitation – und blieb.
Wie schwierig war es damals, als Frau zu dirigieren?
Es war sehr schwierig, ich wurde auch angefeindet, weil ich eine Frau war. Das Hauptproblem ist, dass man als Frau mindestens zwanzigmal besser sein muss als ein Mann, und trotzdem bekommt man die Stelle oder das Konzert nicht. Auch an Wettbewerben war man als Frau benachteiligt: Ich habe einmal an einem Wettbewerb um ein Stipendium in Tokio teilgenommen. Die Schweizer Dirigentin Sylvia Caduff, die als erste Frau die Berliner Philharmoniker dirigierte, hat mir im Nachhinein erzählt, dass ich im Final des Wettbewerbs stand. Sie wollte, dass ich gewinne, weil sie aber mit vier Männern in der Jury sass, wurde sie überstimmt.
Wie kritisch ist Ihr Ohr heute, wenn Sie selbst klassische Konzerte besuchen?
Sehr kritisch (lacht). Entspannt bin ich während Konzerten eigentlich kaum, weil ich immer mit den Konzerten vergleiche, die ich schon gehört habe. Auch finde ich, dass es immer weniger Spitzendirigenten gibt. Wen ich heute sehr schätze, ist Nikolaus Harnoncourt oder Bernard Haitink. Oft nehme ich auch Leute, die noch nie in einem klassischen Konzert waren, mit und versuche sie für die klassische Musik zu begeistern.
— Tickets und das volle Programm www.ticketone.it
Infos zum Konzert
Am 2. Mai dirigiert Gabriella Carli im Mailänder Teatro Dal Verme das Ensemble Archi di Milano, das aus aktuellen und ehemaligen Orchestermusikern der Mailänder Scala besteht, und den Schweizer Blockflötisten Maurice Steger. In der ersten Hälfte des Konzertes wird Barock – unter anderem Stücke von Gluck und Vivaldi – gespielt, in der zweiten modernere Stücke von Jules Massenet und Edward Elgar.