Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03272.jsonl.gz/240

Rund 6900 Sprachen gibt es laut der «Linguistic Society of America» derzeit – wobei es allerdings für die Abgrenzung zwischen Sprache und Dialekt keine standardisierten Kriterien gibt. Die Tatsache, dass fremde Menschen ein komplett unverständliches Idiom sprechen können, muss die Menschen von Anbeginn an irritiert haben. Die Bibel erklärt die linguistische Vielfalt denn auch als Strafe Gottes für die Hybris des Menschen: Die Babylonische Sprachverwirrung beseitigte demnach eine zuvor herrschende, harmonische Einheitssprache.
Kein Wunder, gibt es Leute, die diesen Sprach-Wirrwarr beseitigen möchten und den Traum von einer weltumspannenden, alle Menschen umfassenden Einheitssprache hegen. Oder, etwas bescheidener, von einer neutralen Zwischensprache, die leicht verständlich und ohne grosse Mühe zu erlernen ist.
Zu letzteren gehört Valcarcel Riveiro, ein Professor aus der spanischen Region Galizien, der an der Universität von Vigo Englisch, Französisch und Deutsch unterrichtet. Machen wir die Probe aufs Exempel: Verstehst du, was Riveiro hier in diesem Video sagt?
Riveiro kam während des coronabedingten Lockdowns im Frühjahr 2020 auf die Idee, Tiktok-Videos für seine Studenten zu produzieren. Und zwar in einer Sprache, die er zwar schon seit Jahren beherrschte, aber so gut wie nie gesprochen hatte: Interlingua. «Niemand benutzte Interlingua auf TikTok, also erwartete ich nicht, dass sich ausser meinen Studenten jemand die Videos anschauen würde», sagte Riveiro dem Digitalmagazin «Daily Dot».
Mittlerweile hat der Professor 20'000 Follower auf der Plattform – obwohl er dort ausschliesslich eine Sprache verwendet, die weltweit nur wenige hundert Sprecher aufweist. Riveiro gibt in seinen Videos beispielsweise Tipps, wie man Französisch oder Englisch korrekt ausspricht, oder er teilt Wissenswertes über die Welt der romanischen Sprachen – aber er tut dies stets in Interlingua.
Interlingua ist nicht die erste Plansprache. Tatsächlich halten nicht wenige, die eines der Videos von Riveiro gesehen haben, diese Sprache für Esperanto – die bekannteste und am weitesten verbreitete Plansprache überhaupt, die 1887 erschien. Erste Versuche, die Sprachverwirrung der Menschheit zu heilen und eine Einheitssprache zu schaffen, gehen sogar zurück bis ins 17. Jahrhundert.
Damals versuchten sich Gelehrte allerdings eher daran, eine Sprache a priori zu schaffen, also eine von Grund auf künstliche Sprache, die nicht auf vorhandenen Idiomen basierten. Dieser wenig praktische Ansatz wich im nächsten Jahrhundert dem Ansatz, Sprachen a posteriori zu bilden, also auf Grundlage von natürlichen Sprachen.
Von diesen frühen Plansprachen erlangte besonders das 1879 vom badischen Prälaten Johann Martin Schleyer geschaffene Volapük («Weltsprache») eine nennenswerte Verbreitung, bevor es noch im 19. Jahrhundert wieder in nahezu totaler Bedeutungslosigkeit versank. Heute beherrschen nur noch sehr wenige Leute diese Plansprache.
Die meisten Volapük-Anhänger wechselten zu Esperanto, einer Schöpfung des Augenarztes Ludwik Lejzer Zamenhof. Er lebte in der Stadt Bialystok, die damals zum Russischen Kaiserreich gehörte. Unter der sehr diversen Einwohnerschaft – Polen, Litauer, Deutsche und Juden – kam es wiederholt zu Konflikten und Pogromen, was Zamenhof auf den Gedanken brachte, eine einheitliche, neutrale Sprache könne Ghettobildung und Rassismus verhindern.
Esperanto und Interlingua weisen gewisse Gemeinsamkeiten auf; so entlehnt auch Esperanto viele Wörter aus dem Latein oder den romanischen Sprachen. Allerdings bedient es sich auch stark bei den germanischen und teilweise auch bei den slawischen Sprachen.
Interlingua macht sich die Tatsache zunutze, dass sogenannte Internationalismen in zahlreichen Sprachen nahezu gleichbedeutend und -lautend vorhanden sind. Die meisten stammen aus dem griechisch-lateinischen Wortschatz und sind uns auf Anhieb verständlich: Telefon, Radio, System oder Medizin zum Beispiel. Die starke Anlehnung an Latein und die romanischen Sprachen führt dazu, dass Sprecher einer dieser Sprachen das stark vereinfachte Interlingua ziemlich problemlos verstehen können. Da zudem Englisch einen sehr hohen Prozentsatz von ursprünglich französischen oder lateinischen Wörtern aufweist, verstehen auch jene, die Englisch beherrschen, schon ziemlich viel.
Die Entwicklung dieses «modernen Lateins», wie Interlingua auch oft genannt wird, begann in der Zwischenkriegszeit – als völkerverbindende und pazifistische Ideen nach dem Schock des Ersten Weltkriegs eine Weile blühten – mit der Gründung der neutralen «International Auxiliary Language Association» (IALA) im Jahr 1924. Zu Beginn stand nicht die Entwicklung einer neuen Plansprache auf dem Programm, sondern die Weiterentwicklung und Fusion bestehender Plansprachen wie Esperanto, Ido oder Novial. Keine dieser Sprachen konnte jedoch den Ansprüchen der IALA genügen, und so entstand zwischen 1934 und 1951 Interlingua.
Keine dieser Plansprachen fand jedoch massenhaften Zuspruch, lediglich Esperanto dürfte etwa eine Million Sprecher aufweisen. Es ist auch die einzige Plansprache, die einige Muttersprachler aufweist, da sie tatsächlich in einigen Familien im Alltag gesprochen wird. In der alltäglichen Wirklichkeit behalfen sich die Menschen jedoch eigentlich immer mit einer bereits existierenden Sprache, die sie als Verkehrssprache nutzten – allenfalls in kreolisierter Form. Naturgemäss waren dies jeweils die Sprachen von politisch, wirtschaftlich und kulturell dominierenden Gesellschaften.
In Europa erfüllte lange Zeit Latein diese Funktion einer lingua franca, zumindest für den Klerus und die Gelehrten; nach dem Untergang des Römischen Reiches handelte es sich bald um eine tote Sprache, die gewissermassen neutral war. Nach dem Dreissigjährigen Krieg übernahm zunehmend Französisch diese Rolle, das wiederum im 20. Jahrhundert durch Englisch abgelöst wurde.
Es scheint so, dass die Vorteile einer solchen dominierenden Verkehrssprache im Vergleich mit einer künstlichen Alternative schlicht zu gross sind. Englisch ist heute eine nahezu weltumspannende lingua franca; wer sie erlernt, erhält nicht nur einen leichteren Zugang zu einem bedeutenden Kulturraum, sondern kann sich praktisch weltweit verständigen – sehr oft mit Leuten, die Englisch ebenfalls nicht als Muttersprache sprechen.