Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03503.jsonl.gz/172

Lothar Schmid, Karl-May-Verleger und Schachgrossmeister, ist am 18. Mai 2013 in Bamberg 85-jährig gestorben.
An Karl May liebte er das Abenteuerliche und die Phantasie. Er selber betrieb das Schachspiel. Es gab eine Gemeinsamkeit zwischen beidem: die klaren Fronten. Solche herrschten auch in der Weltpolitik. Im Schach seien “Helden mit Genialität” gefragt, sagte er. Wie bei Karl May.
Weisse und Rote: Lothar Schmid, Chef des Bamberger Karl-May-Verlags. (1995)
Sein Jahrgang sollte es nicht einfach haben: Geboren 1928, geriet Lothar Schmid in die Hitlerzeit. Und dann in den Umbruch auf deutschem Boden. Seine Eltern besassen in Radebeul bei Dresden eine Belle-Epoque-Villa. Sie waren hergezogen aus Bamberg, weil der Vater den ortsansässigen Karl May kennengelernt hatte und dessen Verleger geworden war. Nun gab er die bekannten grünen Bände heraus, die Karl May zum meist verkauften deutschen Schriftsteller machen sollten: «Winnetou», «Der Schatz im Silbersee», «Durchs wilde Kurdistan».
Lothar las als Bub alle. Er liebte sie, die edlen Apachen. Oder Old Shatterhand, den edlen Deutschen. Er liebte die Kämpfe, wo stets klar war, wer gut und wer ein Schurke war, und begeisterte sich für «Ehrlichkeit, Standhaftigkeit, Treue», wie er erzählte.
Von einem Onkel, der Pastor war, hatte er ein Schachspiel erhalten. Auf dem Brett konnte er bald selber Schlachten durchkämpfen. Und da er ein kühl denkender junger Mann war, wurde er Stadtmeister von Dresden, Gaumeister von Sachsen und Zweiter an der Reichsmeisterschaft der Hitlerjugend in Wien. Als der Krieg zu Ende war und Deutschland am Boden und besetzt, lautete sein Titel 1947 «Meister der sowjetischen Besatzungszone».
Im neu geschaffenen Staat DDR im Osten Deutschlands verschwanden die grünen Bände von Karl May aus den staatlichen Buchhandlungen. Der galt dem Regime als dekadent, religiöselnd und deutschtümelnd. Sie wurden ersetzt durch die blauen Bände von Karl Marx. Später dann, als man nicht umhin kam, auch einige Karl-May-Bücher zuzulassen, wurden diese zensuriert. «Winnetou» etwa, in dessen Einleitung steht: «Ja, die rote Nation liegt im Sterben.» Das konnte man bös missverstehen.
Weil also der Karl-May-Verlag im Osten keine Druckerlaubnis mehr erhielt, verlegten die Schmids das Unternehmen schrittweise zurück nach Bamberg, woher sie gekommen waren. Lothar, der Jus studiert hatte und als juristischer Beirat ins Geschäft eintrat, zog dahin. Und als der Gründervater 1951 starb, übernahm er mit zwei Brüdern die Leitung.
Ein freundlicher, attraktiver Mann, aber auch zurückhaltend und hartnäckig. Er befasste sich mit Rechtsfragen und Verkauf und führte etwa langwierige Verhandlungen mit DDR-Behörden um die Übertragung der Rechte aufs Westunternehmen. Selbst als die Rechte an Karl Mays Schriften ausliefen, intervenierte er erfolgreich, wenn Verlage nach Texten griffen, um sie zu publizieren, und drohte Prozesse an. Einen Triumph erzielte er in Verhandlungen mit einem Filmproduzenten, die zur Kinoreihe (mit Pierre Brice als Winnetou) führten und der Popularität Karl Mays ungeahnte Schubkraft gaben. Fast Jahr für Jahr konnte der Verlag einen neuen Band ausliefern.
Seine privaten Abenteuer auf dem Spielbrett pflegte Schmid weiter. Nachdem er 1954 in Zürich ein Turnier gewonnen hatte, erhielt er den damals noch seltenen Titel Grossmeister und galt als einer der Spitzenspieler Deutschlands, genauer Westdeutschlands. Denn man war im Kalten Krieg. Die Mächtigen spielten Geo-Schach mit den Fronten: West gegen Ost. Auch in Sport und Schach.
Anfang siebziger Jahre wagt ein junger US-Amerikaner, Bobby Fischer, den Schachweltmeister Boris Spasski herauszufordern und damit die dominierende Macht Russland. Schmid als Jurist und Schachgrossmeister wird zum Schiedsrichter bestellt im Treffen in Reykjavik, das als Jahrhundertturnier bezeichnet wird. Seine Umsicht und seine Selbstbeherrschung wird er brauchen müssen.
Erst ist nicht sicher, ob Fischer antritt, da geht’s noch um Geld. Dann tut der einen dummen Zug und verliert Spiel 1. Worauf er die TV-Kameras im Raum beanstandet, die seine Konzentration störten. Er droht, abzureisen. Schmid verhandelt. «Ich habe die Ampeln zwischen Hotel und Spielhalle von der Polizei auf Grün stellen lassen, falls er es sich noch einmal überlegt.» Fischer erscheint aber nicht und verliert erneut. Als vor dem dritten Spiel auch Spasski mit Abreise droht, tut Schmid Unerhörtes. Er hält regelwidrig Spasskis Uhr an und redet beiden zu, wie es der kluge Lehrvater der Apachen, Klekih-petra, getan hätte: «Boris, du hast versprochen . . .», «Bobby, sei nett . . .» Und er drückt sie in die Sessel. Und Spasski macht halbautomatisch den ersten Zug, das Turnier ist gerettet (aus dem dann der geniale Fischer als Sieger hervorgeht).
Nach dem Untergang der DDR verhandelte Schmid über die Rückgabe des Karl-May-Nachlasses nach Dresden. Seine Geldforderungen waren horrend. Er beharrte: «Franz Kafka hat den siebenfachen Preis erzielt. Beides waren geniale Schriftsteller.»
Quelle: Willi Wottreng, NZZ am Sonntag, 2.6.2013