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Mensch Xaver,
fehlende Absätze – so im Werk 1, so in beiliegendem Text, das von merkwürdigen Begebenheiten daselbst berichtet –, machen es beinahe unerträglich. Kann Fehlendes überhaupt tragbar sein? Kann Fehlendes getragen, sich betragen und überhaupt: ertragen werden? Gemeint sei hier: Fehlendes als Mangel, als das, was immer zu wenig ist. Das, was bleibt, was übrigbleibt, wenn alles da und schon wieder weg ist. Vielleicht liefert dir, lieber Leser dieses Briefes und des beiliegenden Werkes, der du hier den zugegebenermassen etwas generischen Namen Xaver trägst, die Lektüre des Werkes eine Antwort auf die dir – durch dieses Werk – aufgezwungene Frage.
Falls nicht, seis drum.
Dein Werk 1.
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Benoît hat sich im Werk 1 eingefunden. Das Werk ist im Dorf, wo es steht, und weit darüber hinaus bekannt für die Textilien, die es produziert. Benoît ist verantwortlich dafür, das Werk und seine Werke zu inspizieren. Bei seinen morgendlichen Rundgängen stellt er sicher, dass alles steht, wo es stehen soll. Falls einmal ein Werk, das kurz nach Fertigstellung nicht ist, nicht korrekt beschriftet wurde oder Fehler, verursacht etwa durch Leerstellen im Gesamtzusammenhang, aufweist, so korrigiert Benoît sie und rapportiert diese umgehend. Eines Morgens, und davon berichtet diese Anekdote als Werk aus dem und über das Werk 1.
Als Benoît, der nur durch das Werk ist, sein Haus verliess, sah er eine Frau, die in Begleitung ihres Körpers auf die Strassenbahn wartete. Ihm war klar, dass in Zeiten der Konzernskandale kein Arbeitnehmer mit seinem Arbeitgeber identifizieren sich will. Das Subjekt des Spätkapitalismus ist sich, so ist Benoît sich sicher, selbstentfremdet, sodass Person und Körper, deutlich voneinander unterscheidbar bleiben. Das insbesondere dann, wenn der Kopf das Eine will und der Körper auf die Strassenbahn wartet. Mit einer unscheinbaren Bewegung gab ihm die unbekannte Frau einen Brief, der seinerseits von einem Werk begleitet war. Benoît war zwar verdutzt, ob der zierlich ausgeführten Geste, bedankte sich aber umgehend über die Gabe und begann damit, zunächst den Brief und sodann den Text zu lesen.
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Benoît ist im Werk angekommen, wo er eigentlich schon immer ist, weil er nur durch dieses ist. Er begibt sich in die Ordnung der Buchstaben und der Gegenstände, die ihren Ort haben, wie auch die Arbeiter einen haben, wenn sie unablässig neue Werke produzieren. Doch an diesem Morgen bleibt ein Platz leer, unbesetzt und doch bildet dieser freie Platz keine Leerstelle im System, denn er schiebt nichts auf, nicht einmal die Arbeit, die dort nicht verrichtet wird.
Benoît rapportiert diesen Umstand umgehend seinem Buchmacher. Der Buchmacher, Benôit und deren Chefin setzen sich zusammen und diskutieren die Frage, was sie tun können. Sie beschliessen, einen Brief an die Belegschaft zu schreiben, um kund zu tun, dass freier Platz besetzt werden muss, sodass auch die weiteren Werke aus Werk 1 fertiggestellt und die Produktanweisungen, die sich wie Klappentexte lesen sollen, geschrieben werden können.
Der Buchmacher hält fest, dass der Brief, den die drei zusammen verfassen, wichtig sei. Und gibt zu bedenken, dass es sie, aufgrund der genug freien Plätze endlich beginnen sollen.
Unsicher fragt die Chefin, was ein freier Platz bedeute.
Der Buchmacher „Ich glaube, das ist der Moment, in dem der Kollege mit den flachen Hierarchien Stellung beziehen sollte“, sagt er und meint Benoît. Benoîts Qualitätskontrolle ist gegen die Hierarchien und nur am Geflecht aus Fäden und Worten interessiert.
Benoît moniert, dass er den Faden verloren habe, und weil er keine Sprecherrolle habe, nicht fragen könne, was denn gemeint sei. Die anderen beiden quittieren Benoîts Regung mit keinem Blick, nicht einmal mit einem abfälligen.
Der Buchmacher folgert, dass freie Plätze zuerst und zuletzt eine Verbildlichung des Ausstiegs sind. Die Chefin hält dagegen und diktiert, ein freier Platz zeigt, dass auch der Platz jedes anderen Arbeitnehmers frei sein könnte. Freie Plätze als letzte Bedeutung des Arbeitens, als Leerstelle, die keine ist, weil, wenn gefüllt, der Platz nicht mehr frei ist.
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In die Lektüre vertieft, als wären die Worte, die Benoît liest, eine Anekdote aus einem anderen Leben. Benoît fällt nicht auf, was am Bahnsteig passiert. Er folgt der Geschichte, als würde er die Geschichte selbst erleben, durch die Lektüre ist es ihm Einerlei, wie die anderen Menschen auf den Bahnsteig kommen und von ihm weggehen. Sie steigen die Treppen hinunter und in den Zug ein, oder sie steigen aus dem Zug aus und verlassen das Bahnhofsgebäude in Richtung Stadt. Einige Pendler setzen sich auf den freien Platz neben Benoît, stehen auf, sobald der Zug einfährt und setzen sich dann alsbald auf einen freien Platz im Zug. Inzwischen haben sich einige Menschen neben Benoît gesetzt und sind wieder aufgestanden.
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Die Chefin gibt zu bedenken, dass der Brief sich an alle Menschen richten solle, da jede und jeder am einen oder anderen Werk beteiligt sei. Benoît, der sich als Schreiberling engagiert, fasst zusammen: Wir schreiben einen offenen Brief an Menschen.
Verehrter Mensch
mensch Mensch
Mensch?
MENSCH!
Der Buchmacher wirft ein, dass das Werk sich auch an alle Grossbuchstaben richtet, die noch keine Menschen seien. Umgekehrt wären aber gerade die kleinen das Problem. Denn Grossbuchstaben würden bereits anzeigen, dass es sich um Subjekte handelt.
Der Buchmacher schnauzt freimütig wie immer: „welcher Grossbuchstabe?“. Benoît schlägt den Buchstaben X vor. X als Variable. X als Zitat auf Malcolm X. Als Zitat auf jene Minoritäten, die kleine Literatur verfassen. Und kleine Literatur lesen.
„Mensch Xaver“, ist die Anrede, auf die sich die drei einigen können. Im Brief ist die Rede von fehlenden Absätzen.
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Benoît sitzt noch immer am Bahnsteig. Hebt seinen Kopf, nimmt sein Notizbuch hervor und schreibt einen Brief.
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Mensch Xaver,
seit langem will ich dir schreiben. Schreiben aus Wohlwollen und Neugierde. Was ich heute erlebt habe, wirst du mir nicht glauben wollen. Ich bin aufgestanden und machte mich wie an jeden Tag auf zur Arbeit. Dann gab mir eine Frau, die ebenfalls auf die Strassenbahn wartete, einen Brief, der begleitet wurde von einem Manuskript mit Werkstatus. Der Brief war an dich adressiert. An dich als Mensch. An dich als jene Person, die diesen Brief liest. Mensch Xaver. Wer bist du? Ich glaubte zu wissen, wer du bist und verstehe nichts. So wahr ich dir schreibe, ich sass und las. Las in diesem Text, der diesem Brief vorangegangen ist, während Züge und Menschen kamen und gingen. Das Werk, in dem ich las, wurde von einem Brief begleitet. Das Werk, du glaubst es nicht, erzählt die Geschichte, wie ich im Werk sitze und jenen Brief schreibe, den ich heute von einer unbekannten Frau erhalten habe. Hier. Und nur hier trinke ich Tee. Nicht jenen Buchstaben, mit dem Worte wie Text oder Textil beginnen, sondern das Getränk. Heisser, frischer Tee. Mensch, Xaver. Wo bist du?
Dein,
Benoît.