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Der Stettler Markus ist so, wie man sich einen Emmentaler vorstellt: bedächtig und behäbig, einer, den nichts aus der Ruhe zu bringen scheint, «e Gmüetsmoore». Dass er nach der Ausbildung an der Müllereifachschule im fernen St.Gallen wieder nach Eggiwil in den Betrieb seiner Vorfahren zurückkehren würde, sagt Stettler, sei für ihn nie in Zweifel gestanden. «Hier sind meine Wurzeln. Hier bin ich zu Hause.»
Wenn Markus Stettler die Geschichte seines Familienbetriebs, der Stomeg AG, bestehend aus Mühle und Kleinkraftwerk, erzählt, muss er weit ausholen: bis ins Mittelalter, bis ins Jahr 1410, um genau zu sein. Der Landvogt von Thun und der Freiherr Kuno von Thun erteilten damals die Konzession zur Nutzung der Wasserkraft in ihrem Hoheitsgebiet, zu dem auch das Emmental gehörte. Am Röthenbach, zwischen Chapf und Chnubel, waren eine Schleife und eine Rindenmühle im Betrieb, später eine Ölmühle zur Produktion von Brennstoff für die damals üblichen Pfunzeln.
Markus Stettlers Urgrossvater Christian erkannte gegen Ende des 19.Jahrhunderts, dass dieses Zeitalter langsam zu Ende ging. Wo die Öle stand, baute er eine Getreidemühle. Und einige Jahre später, 1897, installierte er das erste Wasserkraftwerk in der Region. Er kaufte auf der Anhöhe ein Stück Land und liess dort eine Grube für einen Stauweiher ausheben. Rohre wurden in die Erde verlegt, um das Wasser zu sammeln und vom See ins Tal hinunterzubringen. Gleich neben der Mühle installierte er eine Turbine samt Generator. Im Dorf hielten sie ihn für verrückt. Manch einer dachte, der Stettler Christian sei ein Fall für die Anstalt in Münsingen. Aber dann brannte in Stettlers Haus das erste elektrische Licht im Tal – und manch einem ging ein Lichtlein auf.
Wie in Eggiwil entstanden zu jener Zeit Hunderte von Wasserkraftwerken, ein dezentrales Netz von winzigen Elektrizitätswerken. Der mit der Wasserkraft erzeugte Strom diente vor allem dazu, Häuser und Strassen zu beleuchten. Später wurde er auch für den Antrieb von Maschinen genutzt. Die «weisse Kohle» befeuerte die Industrialisierung, weckte den Innovationsgeist und sorgte in den Fabriken für eine gewaltige Steigerung der Produktivität.
Anfang des 20.Jahrhunderts zählte man bereits 7000 Kleinkraftwerke, und die Wasserkraft erlangte innert Kürze eine derartige Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes, dass ihre Nutzung zur nationalen Angelegenheit wurde. 1906 wurde unter dem Schlagwort «Die schweizerischen Wasserkräfte dem Schweizer Volk» eine Volksinitiative eingereicht, die dazu führte, dass der Bundesrat die Oberaufsicht über die Nutzbarmachung der Wasserkraft erhielt. Zur gleichen Zeit nahmen die Kantone die Stromversorgung unter ihre Hoheit. Sie gründeten kantonale Elektrizitätswerke, organisierten Stromverbünde, beteiligten sich an Kraftwerken und Versorgungsgesellschaften.
In den 1920er Jahren wurden die ersten Projekte für Grossanlagen wie die Etzelwerke mit der Flutung des oberen Sihltals spruchreif. Und nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Wasserkraft ihre Hochblüte mit dem Bau gigantischer Kraftwerkanlagen. Für die Stauseen wurden ganze Bergtäler geflutet, die Dörfer Innerthal, Zervreila, Emosson und Marmorera verschwanden für immer im Wasser. Der Widerstand aus der Bevölkerung hielt sich in Grenzen; der Landschaftsschutz war bis Mitte der 1980er Jahre kein Thema. Noch wurden die Kraftwerkanlagen als Monumente des Fortschritts und der schweizerischen Ingenieurskunst gefeiert.
In den 1960er Jahren stammten 97 Prozent der Stromproduktion aus der Wasserkraft. Mit der Inbetriebnahme der Kernkraftwerke in den 1970er Jahren ging der Anteil bis 1985 auf 60 Prozent zurück. Heute liegt er bei etwa 56 Prozent. Die Wasserkraft ist jedoch klar die wichtigste einheimische Quelle erneuerbarer Energie, der Anteil von Sonne und Wind liegt erst bei etwa 3 Prozent. Der weitaus grösste Teil des mit Wasserkraft produzierten Stroms stammt aus grossen Zentralen – Grimsel, Grande Dixence, Linth-Limmern. Die Kleinkraftwerke mit einer Leistung von weniger als 10 Megawatt steuern noch etwa 10 Prozent des Stroms aus Wasserkraft bei. Über die Jahrzehnte stetig geschrumpft ist auch die Zahl der Anlagen, von 7000 auf gerade noch 1500.
In Eggiwil im Emmental dreht sich die Turbine wie eh und je. Markus Stettler öffnet die Tür zum Familienkraftwerk. Es ist nicht grösser als eine Waschküche. Eine Hochdruckturbine ist in den Boden eingelassen. Das Wasser für den Antrieb schiesst durch ein armdickes Rohr auf die Schaufelräder der Turbine. «18 Liter pro Sekunde, 15 bar Druck», erklärt Stettler. Der Generator brummt. Er läuft mit voller Leistung, 92 Kilowatt. Damit gehört das Kraftwerk von Eggiwil zur Kategorie der Kleinstwasserwerke. Aber es gibt noch viel kleinere, solche mit einer Leistung von bloss 50 Kilowatt.
1998 hat Stettler die Anlage des Urgrossvaters auf eigene Kosten komplett erneuert. Dort, wo die Tante einst ihren Gemüsegarten hatte, liess er das neue Kraftwerk hinbauen. Neu ist auch die Druckleitung vom 150 Meter höher gelegenen Stauweiher beim Chnubel. Das verästelte Netz an Zuleitungen, mit denen Regenwasser, Wasser von Drainagen des trockengelegten Moors, Überlaufwasser von Brunnen auf abgelegenen Bauernhöfen gesammelt wird, ist hingegen dasselbe, das Urgrossvater Christian vor über hundert Jahren angelegt hatte. Es ist mehrere Kilometer lang und führt – immer schön abwärts, damit das Wasser fliessen kann – zum idyllisch am Waldrand gelegenen Weiher. Der fasst 2500 Kubikmeter Wasser. Arbeitet das Kraftwerk mit voller Leistung, ist er in einem halben Tag leer.
400000 Franken und Hunderte Stunden Fronarbeit hat die Erneuerung der Anlage gekostet. Doch es hat sich gelohnt. Im Jahr erzeugt das erneuerte Kraftwerk im Schnitt 500000 Kilowattstunden. Damit könnte der Bedarf von etwa 90 Haushalten gedeckt werden. Gut die Hälfte der Energie benötigt Stettler selber für den Betrieb seiner Getreidemühle, die berühmt ist für ihr Zopfmehl («Wosch e gueti Züpfe ha, de muesch ds Mäu vor Stomeg ha!»). Was übrigbleibt, speist er ins lokale Netz ein. Es gehört der Fritz Stettler AG seines Cou-Cousins. Der Fritz rechne dann mit den Bernischen Kraftwerken ab, sagt Stettler. Einmal im Quartal bekomme er von ihm eine Gutschrift. In einem guten Jahr können das bis zu 40000 Franken sein. Mit dem Kraftwerk allein werde man zwar nicht reich, sagt Stettler. Aber die Einkünfte ergäben in der Buchhaltung doch «es schöns Bödeli».
Müsste Stettler seinen Strom nach Marktpreisen verkaufen, sähe seine Buchhaltung anders aus: Die Grosshandelspreise schwanken hier zwischen 3 und 6 Rappen pro Kilowattstunde, Stettler erhält für seinen Strom von seinem Cou-Cousin 15 Rappen, so viel beträgt die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV), die er zugute hat. Die KEV ist ein Instrument des Bundes, das der Förderung erneuerbarer Energien dient, indem es die Differenz zwischen den Produktionskosten und dem Marktpreis ausgleicht.
Die schweizerische Energiepolitik ist ein Monstrum der Planwirtschaft, ähnlich wie die Agrarpolitik. Die einheimische Produktion wird mit verschiedenen Instrumenten vor dem Wettbewerb geschützt, gelenkt und vom Staat subventioniert. Wie in der Landwirtschaftspolitik gibt es einen Dschungel von Regelungen und Fördermitteln: Investitionsbeiträge, Marktprämien, Kontingente, Lenkungsmassnahmen – fehlen eigentlich nur noch die Direktzahlungen.
Nutzniesser dieses Systems sind zum einen die Bergkantone. Das Recht, über die Wasserkraft zu verfügen, liegt nicht mehr wie einst bei Landvögten und Freiherren, sondern bei den Kantonen – aber auch die schöpfen tüchtig Zinserträge ab. Denn sie können diese Rechte an private Konzessionäre übertragen – Stromkonzerne wie Axpo, Alpiq, BKW oder Repower – und dafür einen Wasserzins erheben.
Aktuell bringt der vom Bund festgelegte Wasserzins den Kantonen und Gemeinden 550 Millionen Franken, mehr denn je. Hinzu kommen weitere Kompensationen, der Lizenznehmer kann zum Beispiel verpflichtet werden, eine gewisse Menge an freiem Strom oder Vorzugsstrom zu einem reduziertem Preis an die Gemeinde abzugeben, die ihm das Wasserrecht übertragen hat. Rechnet man diese Kompensationen sowie die Investitionsbeiträge, die Steuern und Gehälter dazu, spült die Wasserkraft jährlich gegen 1 Milliarde Franken in die Kassen der Bergkantone.
In einzelnen Gemeinden stammen gar 80 Prozent der gesamten öffentlichen Einnahmen aus der Wasserkraft. In Eisten im Wallis zum Beispiel fliessen die Wasserzinsen so reichlich, dass die Gemeinde die Einkäufe im Dorfladen verbilligen kann: Die Einheimischen erhalten einen Rabatt von 20 Prozent und eine Einkaufsgutschrift von 1000 Franken pro Jahr. Zusätzlich gibt es für die 200 Einwohner einen Zustupf an die Krankenkassenprämien von 500 Franken. Insgesamt gibt die Gemeinde von den jährlichen Wasserzinsen eine Viertelmillion Franken an die Bürger weiter.
Da erstaunt es nicht, dass dieses System von den Bergkantonen – der sogenannten Alpen-Opec – mit Klauen und Zähnen verteidigt wird. Allein, für die Konzessionäre, also die Stromkonzerne, ist die Wasserkraft seit einigen Jahren alles andere als ein lukratives Geschäft. Einer der Hauptgründe: die Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 und der daraufhin beschlossene Atomausstieg mit Subventionen in Milliardenhöhe für den Ausbau der Solar- und Windenergie in Deutschland. Seither herrscht auf dem europäischen Strommarkt ein Überangebot. Die Preise sind im Keller, und das bekommen auch die hiesigen Stromkonzerne zu spüren, die einen Teil ihrer Produktion im freien Markt an Grosskunden verkaufen müssen.
Jasmin Staiblin, die Chefin des Stromkonzerns Alpiq, beziffert das jährliche Defizit der im teilliberalisierten Markt verkauften Wasserkraft auf rund eine Milliarde Franken – die Gestehungskosten der Wasserkraft sind derzeit etwa doppelt so hoch wie die Grosshandelspreise. Die Stromkonzerne drängen deshalb auf eine Senkung des Wasserzinses oder zumindest eine Anbindung der Entschädigung an die Strompreise. Bisher mit wenig Erfolg: Nach kurzer Diskussion wurden erste Vorschläge des Bundesrates im letzten Herbst bereits wieder in der Schublade versenkt. Ende 2019 läuft die geltende Regelung allerdings endgültig aus, spätestens dann muss der Wasserzins neu verhandelt werden.
Für die Kleinwasserkraftwerke sind die Zeiten üppig sprudelnder Subventionen schon jetzt Vergangenheit. Die vor zehn Jahren zur Förderung erneuerbarer Energien eingeführte kostendeckende Einspeisevergütung bewirkte einen bloss temporären Aufschwung: Eingemottete Anlagen wurden saniert und wieder in Betrieb genommen, neue Kraftwerke gebaut. Insgesamt gingen Hunderte von Gesuchen für neue Anlagen ein, jedes Bächlein, so schien es, sollte zur Stromproduktion genutzt werden. Die Umweltverbände schlugen Alarm: Sie kritisierten die negativen Auswirkungen der geplanten Kraftwerke auf die Pflanzen- und Tierwelt und forderten Massnahmen zum Schutz von Landschaft und Gewässern.
Im Rahmen der von Volk und Ständen angenommenen Energiestrategie 2050 werden nun – aus Rücksicht auf den Gewässerschutz und aus Gründen der Effizienz – nur noch Kleinwasserkraftwerke mit einer Leistung von über 1000 kW gefördert. Martin Bölli, Geschäftsleiter von Swiss Small Hydro, spricht von einer «Hüst-und-hott-Politik». Vor zehn Jahren förderte man die Kleinwasserkraftwerke nach Kräften, nun krebse man auf Druck des Gewässerschutzes zurück. Über 100 bewilligte und baureife Projekte seien zur Makulatur geworden. Betroffen seien vor allem kleinere Elektrizitätswerke und Private, die Verluste in Millionenhöhe erlitten. Dabei wäre seiner Meinung nach durchaus noch Potential vorhanden. 1000 Gigawattstunden Strom oder 25 Prozent der heutigen Stromproduktion könnten die Kleinwasserkraftwerke zusätzlich erzeugen. Das entspricht etwa einem Drittel der Produktion des AKW Mühleberg.
Ein weiterer Vorteil der Kleinwasserkraftwerke: viele liegen verstreut übers Mittelland in tieferen Lagen und profitieren damit von den häufigeren Schneeschmelzen. So produzieren sie auch im Winter, wenn viel Strom benötigt wird, mit grosser Leistung. «Sie sind eine zuverlässige Energiequelle ohne grosse Schwankungen übers Jahr.» Bölli hofft, dass sich das Blatt bald wieder wende. Etwa dann, wenn trotz Widerstand gegen den Ausbau grosser Anlagen für erneuerbare Energien und trotz dem Ausstieg aus der Kernenergie die Ziele der Energiestrategie irgendwie erreicht werden müssen.
Das Kraftwerk in Eggiwil, so viel ist klar, wird weiterlaufen. Bis 2035 hat Stettler den Fördertarif auf sicher – und bis dahin fliesst noch viel Wasser den Röthenbach hinunter. Er sei kein «Jammeri», sagt Stettler, sondern zuversichtlich, dass er die Anlage wie bereits sein Urgrossvater, sein Grossvater und sein Vater an die nächste Generation übergeben könne.
Letztlich gehe es auch um die Versorgungssicherheit. Als der Sturm Lothar wütete und mehrere Bäume auf die Hochspannungsleitung krachten, war Eggiwil tagelang ohne Strom. Überall war es zappenduster, die Bauern brachten nicht mal mehr das Futter für ihr Vieh aus dem Silo. Nur hinten im Tal bei Stettlers Mühle brannte noch Licht. Es war wie vor 120 Jahren.
Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.