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Der Basler Konzern Syngenta entstand erst 2000, blickt aber auf eine lange Tradition zurück, die Basel zu einem der weltweit führenden Zentren der Chemie machte. Er steht für eine Ära der Industriegeschichte, die reich an Erfolgsgeschichten, dem Image der Schweiz aber nicht immer hilfreich war.
Die Ursprünge von Syngenta reichen bis ins Jahr 1758 zurück, als Johann Rudolf Geigy-Gemuseus ein kleines Geschäft eröffnet, das sich auf chemische und pharmazeutische Produkte spezialisiert.
Das Familienunternehmen, von einer Generation an die nächste weitergereicht, beginnt aber erst ein Jahrhundert später so richtig zu blühen, als Johann Rudolf Geigy-Merian mit der Herstellung organischer und synthetischer Farbstoffe für Wolle, Seide und Holz beginnt.
Jener Sektor verzeichnet um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine starke Zunahme in Basel am Rhein, einem verkehrsgünstig gelegenen Zentrum für Handel und Austausch zwischen der Schweiz und Nordeuropa. Zudem verfügt die Stadt über eine der ersten europäischen Universitäten.
1859 gelingt es dem französischen Geschäftsmann Alexandre Clavel, Fuchsin (Magenta) herzustellen, ein rotblauer Farbstoff für Textilien. Er eröffnet 1884 in Basel eine Firma namens Ciba. Zwei Jahre später steigt ebenfalls in Basel eine neue Konkurrentin ins Geschäft: Sandoz, das sich ebenfalls auf die Herstellung von Farbstoffen spezialisiert.
Agrochemische und pharmazeutische Produkte
Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts beginnen die drei Basler Chemieunternehmen, ihre Aktivitäten zu diversifizieren. Dies besonders in zwei Bereichen: Ihre Labors konzentrieren sich zunehmend erfolgreich auf Forschung und Entwicklung von Medikamenten.
Sie eröffnen zudem weitere Fabriken in Basel, wo sie Pestizide und Insektizide herstellen. Darunter auch das berüchtigte DDT, das während Jahrzehnten auf der ganzen Welt eingesetzt und schliesslich von den meisten Ländern verboten wird.
Chemie und Pharma werden so zu einem der Pfeiler der Schweizer Industrie, und zahlreiche Forscher werden nebst anderen Preisen mit dem Nobelpreis für Chemie oder Medizin ausgezeichnet. Unter ihnen auch Paul Hermann Müller, Chemiker bei Geigy, der 1939 die Wirksamkeit von DDT als Insektizid entdeckt. Dieses wird während einiger Zeit im Kampf gegen Malaria und Typhus eingesetzt.
Ein anderes der kontroversen und weltweit bekannten Produkte der Basler Labors ist LSD, dessen halluzinogene Wirkung der Sandoz-Forscher Albert Hofmann 1943 im Selbstversuch entdeckt.
Geigy, Ciba und Sandoz bleiben vom Zweiten Weltkrieg verschont und sind damit über viele Jahre ohne deutsche und französische Konkurrenz. Ab der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gehören sie zu den führenden Chemieunternehmen der Welt.
Zunehmend bauen sie ihre Aktivitäten im Ausland aus. Während Sandoz dank der Übernahme anderer europäischer und amerikanischer Unternehmen wächst, entscheiden sich Ciba und Geigy 1970, ihre Position auf den internationalen Märkten zu festigen, indem sie in Zukunft gemeinsame Wege gehen.
Von einer Fusion zur nächsten
Es ist nur die erste in einer Reihe von Fusionen, die am Ende zur Geburt von Syngenta führen. 1996 schliessen sich Sandoz und Ciba-Geigy zu Novartis zusammen, es entsteht der grösste Pharma- und Chemiekonzern der Schweiz. 2015 beträgt der Umsatz über 55 Milliarden Franken.
Vergleichbar mit dem neuen Riesen auf dem Schweizer Markt bleibt lediglich die Roche-Gruppe, die 2015 einen Umsatz von 48 Milliarden Franken erzielt.
Während sich Roche seit ihren Anfängen 1896 auf den medizinisch-pharmazeutischen Bereich spezialisiert, ist Novartis in seiner Geburtsstunde ein Unternehmen mit sehr unterschiedlichen und komplexen Tätigkeiten. Das Management des Multis beschliesst deshalb, den agrochemischen Bereich abzutrennen, da dieser Markt bereits seit einiger Zeit viel weniger Wachstum als die Bereiche Pharma und Diagnostika verzeichnet.
Der Entscheid hängt aber auch mit der Tatsache zusammen, dass die chemische Industrie einen immer grösseren negativen Einfluss auf das Image des Unternehmens hat und dessen Aktivitäten im pharmazeutischen Bereich schädigen könnte. Während lange Zeit grosse Hoffnungen auf der chemischen Industrie liegen, haftet ihr später jahrzehntelang das Image einer "schmutzigen" Produktion an, mit negativen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt.
Dieser Eindruck erhärtet sich spätestens 1986, als ein Unfall in einer Fabrik der Sandoz in Schweizerhalle zu einer nie dagewesenen Verseuchung des Rheins führt, von Basel bis nach Rotterdam.
Umsatz verdoppelt
Im Jahr 2000 fusioniert Novartis seine Agrochemie mit jener der Gruppe AstraZeneca, die erst ein Jahr zuvor aus der Fusion der schwedischen Astra und der britischen Zeneca entstanden war. So entsteht Syngenta, dessen Kapital ursprünglich zu 61% von Novartis und zu 39% von AstraZeneca stammt.
In seinen sechzehn Jahren macht der erste Multi, der sich nur auf den Agrochemie-Sektor konzentriert, eine schwankende Entwicklung durch, die grösstenteils mit den Preisschwankungen im Agrarsektor auf den internationalen Märkten zusammenhängt. Dank einiger Übernahmen kann der Basler Konzern seinen Umsatz bis heute trotzdem mehr als verdoppeln. Letztes Jahr übersteigt er 13 Milliarden US-Dollar.
Der Basler Agrochemie-Gigant, der weltweit über 28'000 Personen beschäftigt, versucht seit seiner Gründung, das Image eines verantwortungsvollen Konzerns zu erfüllen, sei es im sozialen oder im Umweltbereich. Bereits 2001 wird die Syngenta Stiftung für nachhaltige Landwirtschaft gegründet.
Trotzdem findet sich der Schweizer Konzern in vielen Ländern weiterhin inmitten grosser Proteste gegen seine Aktivitäten bei Herstellung und Verkauf von Pestiziden, Insektiziden und gentechnisch veränderten Landwirtschaftsprodukten. Nichtregierungs-Organisationen werfen Syngenta vor, der Konzern gefährde durch die Beherrschung der Hälfte des weltweiten Saatgutmarkts und – zusammen mit vier anderen grossen multinationalen Agrochemie-Konzernen – des Besitzes der Hälfte aller Patente auf Pflanzen die Existenz vieler Kleinbauern auf der Welt.
(Übertragen aus dem Italienischen: Christian Raaflaub)