Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03215.jsonl.gz/2871

Jedes Jahr stellen sich Swissmilk-Vertreter*innen in den Schulen auf und verteilen ihr weisses Gold an die Kinder. Die freuen sich und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Primarlehrerin Alma weigert sich dagegen.
Jedes Jahr im November werden Schulkindern am «Tag der Pausenmilch» 2dl Milch spendiert, unter der Bedingung, dass Lehrer*innen Broschüren, Plakate sowie «Lehrmittelflyer» von Swissmilk dazu bestellen. Etwa 340’000 Kinder werden auf diese Weise jedes Jahr erreicht.
Als 2017 die Lehrpersonen an meiner Schule aufgerufen wurden, ihre Schüler*innen in den grossen Pausen zur Milchausgabe zu schicken, weigerte ich mich. Das fanden meine Erstklässler*innen unfair. Wie sollte ich ihnen, die zum Teil noch nicht einmal wussten, woher die Milch kommt (nicht aus der Migros), dies erklären? Ich bereitete mich darauf vor, Fragen von Eltern nach den Gründen dazu zu beantworten, die spätestens dann, wenn die vorlaute Schülerin, nennen wir sie Emma, zu Hause davon erzählen würde, wie sie nicht in den Genuss der Pausenmilch gekommen sei. Ich war gefasst auf Vorwürfe ihrer Eltern, den Kindern die Milch vorzuenthalten. Ich legte mir Argumente zurecht, auch für den Fall der Fälle, dass Emmas Vater, nennen wir ihn Herr Meier, nach der Schule auftauchen sollte. Ich war auf seine Empörung darüber, dass ich als einzige Lehrperson der Schule nicht am feuchtfröhlichen Milchtrinkgelage mitmachte, vorbereitet.
«Es ist so, Herr Meier, dass ich keine Firmen und Organisationen unterstützen möchte, welche Tiere für unsere Zwecke nutzen.», würde ich sagen und weiter ausführen: «Ich finde, das missachtet die Würde eines Tieres. Dabei besagt das Schweizer Tierschutzgesetz (an dieser Stelle würde ich meinen vorbereiteten Ausdruck zur Hand nehmen):
Ein Grundsatz des Tierschutzgesetzes lautet, dass niemand einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, es in Angst versetzen oder in anderer Weise seine Würde missachten darf.
Es ist nicht allen bekannt, aber um Milch in den Mengen zu generieren, die wir heute konsumieren, muss eine Kuh dauerhaft in einen trächtigen Zustand versetzt werden. Denn wie die weiblichen Menschen geben Kühe nur dann Milch, wenn sie schwanger sind. Jahrelang schwanger zu sein wünsche ich keiner Frau und auch keiner Kuh. Das Kalb, dass sie immerhin neun Monate lang in ihrem Bauch getragen hat, und zu dem diese natürlicherweise eine enge Verbindung hat, wird ihr unmittelbar oder nach wenigen Tagen weggenommen. Kalb und Mutter rufen tagelang nacheinander – Ein Rufen, das weh tun würde, würde man es denn hören.Wissen Sie Herr Meier, wie viele Liter Milch eine Kuh unter normalen Umständen pro Tag geben würde? Nein? Es sind 8 Liter. Und wissen Sie, wie viele Liter einer Milchkuh heutzutage täglich abgepumpt werden? 50 Liter. Entzündete Euter, Stoffwechselstörungen und ausgemergelte Körper sind nur einige der möglichen Folgen einer derartigen Ausbeutung. Vom psychischen Stress fange ich gar nicht an. Nach vier Jahren werden die meisten Mutterkühe geschlachtet, weil sie nicht mehr genug Milch geben. Kennen Sie die normale Lebensdauer einer Kuh? Nein? Es sind 20 Jahre. Den Bauern ist es übrigens frei gestellt, zu welchem Zeitpunkt und in welchem Zustand sie ihre Mutterkühe schlachten. Es kann durchaus sein, dass die Kuh zum Schlachtzeitpunkt gerade schwanger ist. Laut Proviande kontrollieren nur 30% der Tierhalter*innen, ob die Kuh gerade trächtig ist.» So würde ich argumentieren.
Ich würde Herrn Meier darauf hinweisen, dass der beschriebene Aspekt mit dem Milchgeschäft nur einer von vielen ist. Dass ich über die unzähligen geschlachteten Kälber, die als Nebenprodukt der Milchindustrie anfallen, noch gar nicht gesprochen habe und auch nicht über den Umstand, dass es doch eigentlich seltsam ist, dass so wenige hinterfragen, warum wir als einziges Säugetier auch im Erwachsenenalter noch Babynahrung zu uns nehmen. Dies noch dazu von einem Tier, das uns biologisch nicht wirklich ähnlich ist.
Alles, was heute mit Kühen in der Milchproduktion passiert, widerspricht dem anfangs erwähnten Tierschutzgesetz. Da sind Schmerz und Leid vorhanden, wenn auch nicht immer sicht- und hörbar. «Stimmt, Herr Meier», würde ich bei seinem Hinweis, dass viele Kühe gut gehalten werden, erwidern. Doch rechtfertigt die gute Haltung nicht, dass wir den Kälbern ihre Milch wegtrinken. Unser anerzogene Durst nach Milch gibt uns auch nicht das Recht über das Leben eines anderen empfindsamen Wesens zu bestimmen. Wir können sehr gut ohne oder mit pflanzlicher Milch leben. Daher sehe ich es als ungerechtfertigt, Kühe diesen Qualen auszusetzen.
Zum Schluss würde ich Herrn Meier noch darauf hinweisen, dass die Schule für mich nicht der Ort ist, um Werbung für irgendetwas zu machen. Sei das Coca Cola, Red Bull oder eben Milch.
Vielleicht würde er mich noch fragen, wie ich denn meine Entscheidung den Kindern erklärt hatte, die im Schulzimmer bleiben mussten, während sich die anderen draussen mit Milch bedienen durften. Mit Tierliebe, würde ich ihm antworten. Eine Liebe, die ich mit der grossen Mehrheit meiner Schüler*innen teile. Schüler*innen, die noch nicht wissen können, dass nicht alle Kühe so ein tolles Leben führen wie Lovely, die velofahrende Werbekuh von Swissmilk.
Bevor dann Herr Meier, verständnisvoll oder verärgert, das Zimmer verliesse, würde ich ihm das tierleidfreie Kochbuch «Immer schon vegan» von Katharina Seiser empfehlen. Ein ideales Weihnachtgeschenk für die ganze Familie. Ob das gut ankäme, bleibt zu bezweifeln.
Herr Meier stand dann doch nicht vor der Tür. Und auch sonst beschwerte sich niemand. Vielleicht in diesem Jahr, wenn ich mich erneut weigere, bei der Pausenmilchaktion mitzumachen.
Alma unterrichtet seit 11 Jahren auf der Primarstufe und liebt die unverblümte Offenheit ihrer Schüler*innen und deren direkten Fragen. Was denkst du über den Tag der Pausenmilch? Lass es uns mit einem Kommentar wissen! Und übrigens: Kennst du schon den Tag der Pausenchips?
______________
Was du tun kannst
Du arbeitest selbst an einer Schule oder deinem Kind wurde heute ein Becher Milch angeboten und das ärgert dich? Du kannst dich bei der Schule beschweren. Je mehr Leute das tun, desto besser stehen die Chancen. Achte dabei darauf, sachlich zu bleiben und mit Fakten zu argumentieren. So hat sich beispielsweise die Schulleiterkonferenz der Gemeinde Wallisellen von der Aktion distanziert. Sie beurteilt das Sponsoring durch Swissmilk kritisch und führt den Pausenmilchtag dieses Jahr erstmals nicht mehr durch. Hoffen wir, dass das Beispiel Schule macht.