Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03106.jsonl.gz/331

Mode, Handel und verstecktes Bargeld bei Treuhandbüros im Tessin
Federico Franchini, 5. Oktober 2021
Via Cantonale 19: ein anonymer Bau an der Ecke einer stark befahrenen Strasse, die ins Zentrum von Lugano führt. Die Adresse beherbergt 163 Unternehmen (362, wenn man die gelöschten hinzunimmt) und führt zur Schwarzgeldaffäre der Lega Nord. Denn ein hier niedergelassenes Treuhandbüro namens Dreieck verwaltete das Unternehmen auf den Bahamas, das die panamesische Gesellschaft kontrollierte, die Fidirev (die Treuhänderin der Fidinamgruppe in Italien) angeblich verstecktes Geld überwiesen hatte. Der vielsagende Name Dreieck für ein Unternehmen, das in Offshore-Domizilen operiert, ist bereits Programm.
Aber es ist nicht die einzige interessante Treuhandgesellschaft an dieser Adresse. Das Gebäude beherbergt auch die Büros von Lardi & Partners SA, einem Adelio Lardi gehörendes Unternehmen. Sein Name ist im Tessin nur allzu bekannt: Er wird als Erfinder des Steuersystems des multinationalen französischen Modekonzerns Kering betrachtet, der über Jahre Gewinne in der Höhe von mehreren Milliarden Euro ins Tessin transferiert hatte, um von dessen Laschheit in Steuerfragen zu profitieren. 2012 wurden dort nahezu 70% der Konzerngewinne verwaltet, wie eine Fallstudie von Public Eye enthüllt hatte. Auf dem Papier war die Produktivität der 600 Angestellten in der Schweiz gewaltig. Ohne eine Nähmaschine zu berühren, verdiente jede*r durchschnittlich 117 Mal mehr als Kolleg*innen in anderen Ländern. Es war Lardi, der im Tessin die Firma Gucci SA gründete, die spätere Luxury Goods International SA (LGI), die bis 2019 von Kering Luxemburg (und heute von Kering Holland NV) kontrolliert wurde. Das Unternehmen LGI steht im Zentrum dieser Steueraffäre, die Kering vor zwei Jahren in Italien eine Rekordstrafe von 1,25 Milliarden Euro bescherte.
Adelio Lardi ist seit jeher Verwaltungsrat der LGI mit Sitz im Dorf Cadempino, dem Wohnort des Finanzintermediärs. Doch das ist nicht alles: Dank der Marke Gucci konnte Lardi mehrere Unternehmen der Kering-Gruppe verwalten, wie Bottega Veneta und andere Modelabels, die sich im Tessin niedergelassen haben, darunter Abercrombie & Fitch, Tom Ford und Loro Piana. Manche dieser Marken waren an der Adresse Via Cantonale 19 gemeldet. Das gilt für Macedonio International (heute an einer anderen Adresse in Liquidation), das die italienisch-japanische Schuhmarke Ishikawa führte. Letztere musste in Italien wegen mutmasslicher Steuerhinterziehung 3,5 Millionen Euro bezahlen.
Adelio Lardi, der im Vorstand von 93 Tessiner Unternehmen sass, ist auch Mitglied des Verwaltungsrats der an einer anderen Adresse domizilierten DXT Commodities, ein Handelsunternehmen (Energie und Gas), das heute als das wichtigste Tessiner Unternehmen gilt und 2020 einem Gewinn von 112 Millionen erzielt hat. Die von Lugano aus operierende DXT Commodities wird von einer Luxemburger Holdinggesellschaft kontrolliert, die über eine Unternehmenskette im Grossherzogtum letztlich einem in Liechtenstein niedergelassenen Trust gehört.
DXT Commodities scheint dem Italiener Bruno Bolfo zu gehören, der die Duferco-Gruppe gegründet hat, die weltweit im Stahlhandel führend ist. Dieses Unternehmen wird von einer Holding in Luxemburg kontrolliert (deren Mehrheitsanteile die chinesische Hebsteel hält; Bolfo hält eine Aktienminderheit), operiert aber von Lugano aus. Von 1996 bis 1998 hatte Duferco seinen Firmensitz an der Adresse Via Cantonale 19 und Adelio Lardi war von 1996 bis 2008 Mitglied im Verwaltungsrat. Als Duferco 1982 im Tessin gegründet wurde, war Bruno Bolfo nicht zugegen. Vor dem Notar erschien Elio Borradori, der sich als Finanzverwalter von Saddam Hussein einen Namen machen sollte.
Als ein Jahr später in Luxemburg das erste Unternehmen der Duferco Holding gegründet wurde, war das Vorgehen genau gleich: Die Kontrolle wurde Laconfida in Vaduz, einem Unternehmen von Borradoris Anwaltskanzlei, übertragen, von wo aus viele mehr oder weniger verborgene Finanzgeheimnisse über das treuhänderische Milieu Luganos weitergegeben werden. Wo ist heute der Sitz von Laconfida? Richtig, an der Via Cantonale 19.
Weitere Informationen
-
Methodik: Mehrstufige Analyse
Gleich vorweg: Unsere Daten bleiben eine Momentaufnahme der aktuellen Unternehmensstruktur. Sie belegen die wirtschaftliche Struktur eines gegebenen Kantons zum Zeitpunkt unserer Datenextraktion von der Website Zefix.ch. Dieses Eintauchen in den Zentralen Firmenindex der Schweiz erlaubte uns eine erste Zuordnung von Adressen mit den meisten Firmensitzen und jenen mit den meisten c/o-Firmennamen.
Damit konnten wir Zehntausende Unternehmen erfassen, von denen jene in Liquidation abzuziehen sind. In grossen Einkaufszentren gibt es logischerweise über hundert Unternehmen. Ebenso in Spitälern und Kliniken, wo Ärzte ihre Praxen registrieren. Auch die Entwicklung von Coworking Spaces führt zur Konzentration gewisser Firmen an ein und derselben Adresse. Wir haben sie aus unserer Analyse folglich herausgenommen.
Die verschiedenen Handelsregister haben uns ebenfalls erlaubt, über die Technik des Extrahierens von elektronischen Daten (scraping) eine Auflistung von Personen und Kanzleien vorzunehmen, die am meisten Unternehmen pro Kanton verwalten.
Danach mussten wir uns mit der Substanz dieser Unternehmen, der Anzahl ihrer Angestellten in Vollzeitäquivalenten (VZÄ), befassen. Anonymisierte Daten (ohne Firmennamen) sind auf der Website des Bundesamts für Statistik (BFS) öffentlich einsehbar. Sie beziehen sich unter Angabe der geografischen Koordinaten auf die Unternehmen und die Anzahl Angestellte. Doch Ergebnisse für Firmen mit weniger als vier Angestellten werden nicht detailliert aufgeführt und die Behörde hat zudem darauf geachtet, die beiden letzten Ziffern der Geolokalisierungsdaten systematisch zu ersetzen, um die Identifizierung der Unternehmen zu erschweren. Die Schweiz scheint die Anzahl der Angestellten als hochsensible Daten zu erachten.
Um die nicht veröffentlichten Daten des Jahres 2018 (der letzten zum Zeitpunkt der Erhebung zugänglichen Statistik) zu erhalten, mussten wir eine Datenschutzvereinbarung unterzeichnen, die unser Recht auf Verbreitung allzu genauer Ergebnisse auf Unternehmensebene oder die Nennung von Unternehmen mit weniger als fünf Angestellten einschränkt. Auf der Grundlage dieser dritten Datenbank konnten wir also einen Durchschnittswert von Vollzeitäquivalenten pro Adresse errechnen. Diese haben wir verwendet, um über die Geolokalisierungs-API von Google Geocoding die Adressen zu lokalisieren. Das Adressverzeichnis wurde durch Recherchen auf Google Maps und Besuche der verschiedenen Eingangsbereiche und Stockwerke von Gebäuden sowie dem Telefonverzeichnis Search.ch ergänzt. Fehlende Telefonnummern können ein Hinweis auf die fehlende Substanz von Unternehmen sein.
Auf die Frage nach den Gründen für die Vertraulichkeit ihrer Statistiken begnügte sich das BFS mit dem Hinweis, es wende die «geltende Gesetzgebung zum Datenschutz» an, und verwies auf eine Website.