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Direktion
Corona war zwar auch in der Olympia-Saison 2021/22 ein steter Begleiter, gleichwohl durfte sich Swiss-Ski zusammen mit der gesamten Schneesport-Familie über eine allmähliche Rückkehr zur Normalität freuen. Sportlich erlebte der Verband wiederum einen insgesamt sehr erfolgreichen Winter – mit den Olympischen Spielen und der dortigen Rekordanzahl an Medaillen als Höhepunkt.
Im Interview äussert sich Bernhard Aregger, CEO von Swiss-Ski, zu den goldenen Tagen von Peking, zur anhaltenden Hausse der Alpinen, zu den Erfolgen der Freestylerinnen und Freestyler sowie zu den Herausforderungen bei den Nordischen. Und er spricht über anstehende Projekte des Verbandes sowie seine Erwartungen mit Blick auf den bevorstehenden WM-Winter 2022/23.
Bernhard Aregger, alle 15 Medaillen an den Olympischen Spielen in Peking wurden von Kader-Athletinnen und -Athleten von Swiss-Ski gewonnen. Nie war der Skiverband bei Winterspielen erfolgreicher – sowohl was die Gesamtzahl an Medaillen als auch was die Anzahl Goldmedaillen anbelangt. Musstest du dich ab und zu kneifen, um zu realisieren, welch wunderbaren Geschichten im fernen China geschrieben wurden?
Bernhard Aregger: Es war sehr häufig ein schönes Erwachen während den Olympischen Spielen. Die meisten Events, bei denen es Medaillen für unsere Athletinnen und Athleten gab, habe ich live gesehen. Wir wussten, dass wir in vielen Bereichen Potenzial haben. Wir haben nie eine bestimmte Anzahl Medaillen als Zielsetzung herausgegeben, sondern immer gesagt, dass wir dort eine Medaille gewinnen wollen, wo wir über Potenzial hierfür verfügen. Das ist uns sehr oft gelungen, aber nicht überall. Trotz der gewonnenen Anzahl von 15 Medaillen müssen wir uns die Frage stellen, warum wir es bei Wettkämpfen, wo Podestplätze ebenfalls möglich gewesen wären, nicht geschafft haben. Gesamthaft waren die 16 Olympia-Tage eine hervorragende Zeit.
Die Schweizer Alpinen haben mit fünfmal Gold eine weltweit zuvor nie dagewesene Bestmarke bei Olympischen Spielen aufgestellt. Mit Marco Odermatt gewann erstmals nach zwölf Jahren wieder ein Schweizer Skifahrer den Gesamtweltcup bei den Männern. Was stimmt dich zuversichtlich, dass die alpine Erfolgswelle auch in den kommenden Jahren nicht abebbt?
Es gibt zwei Ebenen: Auf der einen Seite haben wir arrivierte Fahrerinnen und Fahrer, die auch in der kommenden Saison am Start stehen werden. Wenn diejenigen unter ihnen, die genau wissen, was es braucht, um schnell Ski zu fahren, in den kommenden Jahren gesund bleiben, dann werden wir auch in Zukunft auf sie zählen können. Zuversichtlich stimmt mich zudem, was auf den unteren Stufen passiert. Im Europacup haben wir die Nationenwertung gewonnen und neun Fixplätze für die nächste Weltcup-Saison herausgefahren. Das sind ganz tolle Zeichen. Und wenn man unsere junge Equipe gesehen hat, die beim Team Event beim Weltcup-Finale im Méribel siegreich war, dann ist das jene erfrischende Generation, die Druck machen kann auf die Arrivierten, die ich zu Beginn erwähnt habe.
Zu den Erfolgsgaranten gehören seit Jahren auch die Ski-Freestyle- und Snowboard-Teams von Swiss-Ski. Zuletzt nicht nur im Weltcup, sondern auch bei den Winterspielen in Peking. Die Heim-Weltmeisterschaften in drei Jahren dürften so ein ganz besonderes Ereignis werden.
Das ist genau der Grund, warum wir solche Anlässe bei uns in der Schweiz austragen wollen. Wir bewerben uns nicht, nur damit wir sagen können, dass wir eine Ski-Freestyle- und Snowboard-WM durchgeführt haben. Das Ziel ist es, 2025 mit einer tatkräftigen Equipe am Start stehen zu können. Wir wollen vorne mitmischen. Darum gilt es, bei jenen Disziplinen, bei welchen wir zuletzt etwas an Terrain verloren haben, genau hinzuschauen – beim Alpin-Snowboard etwa. Zuletzt bei den Olympischen Spielen hat es dort im Vergleich zu den Vorjahren nicht funktioniert. Im Bereich Big Air und Slopestyle wiederum haben wir Junge, die nachkommen. In den Regionen draussen wird gut gearbeitet. Wir sind aktiv daran, die Nachwuchsfördermechanismen in den Leistungszentren zu überprüfen, um im Hinblick auf die Grossanlässe ab 2025 bis 2030 einen Schritt vorwärts machen zu können und in bestimmten Bereichen die Erfahrungen, die wir mit den Leistungszentren der Alpinen machen konnten, zu transferieren.
Swiss-Ski teilt die Bereiche Ski Freestyle und Snowboard auf die kommende Saison neu auf. Dann wird es zwei Sportcluster geben – «Style» und «Speed», welche von Christoph Perreten, bisher Chef Freestyle, und Ralph Pfäffli, bisher Cheftrainer Skicross, geführt werden. Was erhofft sich der Verband davon?
Es geht darum, die Kompetenzen zu bündeln und – im Bereich «Speed» beispielsweise – Wissen von anderen Sportarten, etwa Ski Alpin, zu übertragen. Wenn jemand innerhalb einer Sportart für «Style» und «Speed» gleichzeitig die Hauptverantwortung trägt, ist alles viel komplexer. Mit der neuen Aufteilung wird deshalb einiges einfacher.
«Die Telemark-Equipe verwöhnt uns mit Erfolgen.»
Im Telemark ist die Schweiz die alles dominierende Nation – selbst wenn die beste Telemarkerin der Geschichte, Amélie Wenger-Reymond, eine Babypause einlegt. Sämtliche Kristallkugeln gingen an Bastien Dayer und Martina Wyss.
Die Telemark-Equipe verwöhnt uns mit Erfolgen – das hat fast schon Tradition. Es wird dort seit Jahren eine sehr erfrischende Arbeit geleistet, entsprechend verdient es unser Telemark-Team, dass wir es so supporten, damit die Athletinnen und Athleten mit Martina Wyss und Bastien Dayer an der Spitze ihren Sport bestmöglich ausüben können. Gefreut hat mich neben all den Erfolgen, dass wir bei uns zwei Heim-Weltcups durchführen konnten – in Melchsee-Frutt und in Mürren. Im Berner Oberland fanden anlässlich des Weltcups auch noch die Junioren-Weltmeisterschaften statt.
An den Olympischen Spielen wie zuletzt auch an den Weltmeisterschaften war die Schweiz sowohl in der Nordischen Kombination als auch im Frauen-Skispringen nicht vertreten. Wie gross ist deine Hoffnung, dass es in diesen Sportarten demnächst wieder Schweizer Teilnehmende auf Weltcup-Niveau hat? Und was wird hierfür von Seiten Verband unternommen?
Es gibt Entwicklungen, die Anlass zur Hoffnung geben. Namentlich nennen möchte ich Sina Arnet, die im vergangenen Winter ihr Weltcup-Debüt gab und dabei auch in die Punkteränge sprang. Die Gesamtwertung des FIS-Cups hat sie gewonnen, am Europäischen Olympischen Jugendfestival (EYOF) sprang sie auf Platz 3. Und was auch sehr erfreulich war: Unser junges Mixed-Team mit Sina Arnet, Emily Torazza, Yanik Wasser und Lean Niederberger errang dort ebenfalls Bronze. Das sind jetzt ein paar Namen, aber es gibt auch noch jüngere Athletinnen, die noch etwas weiter hinten sind. Das Präsidium von Swiss-Ski hat sich dazu bekannt, dass wir Frauen-Skispringen fördern wollen. Ich bin überzeugt, dass wir an den nächsten Olympischen Spielen arrivierte Athletinnen am Start haben werden. In der Nordischen Kombination sind wir sehr dünn besetzt. Wir haben aber mit Pascal Müller einen Kader-Athleten, der nun auch schon erste Weltcup-Erfahrungen gemacht hat. Mit dem Deutschen Skiverband DSV haben wir eine Vereinbarung dahingehend, dass Pascal Müller mit dem deutschen Team trainieren kann. Ansonsten versuchen wir, diese Sportart auf der Jugendstufe – in Kandersteg und Einsiedeln – wieder aufzubauen. Das ist aber eine Herausforderung, die über eine ganze Generation geht.
«Es gilt, eine Winner-Mentalität auf allen Ebenen reinzubringen.»
Welche Ursachen wurden für die zuletzt nicht zufriedenstellenden Ergebnisse bei den Nordischen ausgemacht?
Wir haben in den nordischen Disziplinen in den vergangenen Jahren mehr investiert, wir haben Highlights in die Schweiz geholt wie den erstmaligen Biathlon-Heim-Weltcup 2023 und die Weltmeisterschaften 2025. Die Ansprüche sind entsprechend hoch. Wir wollen nicht primär zeigen, dass wir solche Anlässe durchführen können, sondern wir wollen an diesen sportlich top sein und Medaillen gewinnen. Es gilt, eine Winner-Mentalität auf allen Ebenen reinzubringen. Wir haben klar kommuniziert, was die Ansprüche sind. Es geht um Leistungssport – nur einfach mitmachen, das genügt nicht. Entsprechend werden wir uns organisieren. Das gilt für alle nordischen Disziplinen.
Im Langlauf verliert die Schweiz mit Dario Cologna den erfolgreichsten Schweizer Schneesportler in diesem Jahrhundert. Inwieweit kann Swiss-Ski auch nach dem Rücktritt vom sportlichen Vermächtnis Colognas profitieren?
Dario Cologna hat den nachfolgenden Generationen aufgezeigt, was möglich ist mit entsprechendem Talent, aber natürlich auch mit Fleiss, Hartnäckigkeit und Ausdauerfähigkeit. Er hat eine unglaubliche Geschichte geschrieben mit all seinen Erfolgen. Es gibt schon seit einigen Jahren die Nachwuchsserie Dario Cologna Fun Parcours. Er wird ein Vorbild bleiben, sodass weiterhin Junge durch ihn zum Langlauf finden werden. Wir sind seitens Verbandes mit ihm auch nach seinem Rücktritt im Austausch und führen Gespräche. Für uns ist es natürlich wünschenswert, wenn er dem Schweizer Langlauf in irgendeiner Weise erhalten bleibt.
Im letzten Herbst wurde bekannt, dass Swiss-Ski auf die neue Saison hin die Biathlon Arena Lenzerheide AG von Michael Hartweg übernimmt. Bis anhin hat Swiss-Ski bewusst nie in Infrastruktur-Projekte investiert. Was gab den Ausschlag, diesbezüglich die eigene Haltung zu ändern?
Es ist eine Opportunität, die aus der Situation entstanden ist. Wir haben das nicht aktiv gesucht. Wir haben uns das genau angeschaut und gesehen, dass das Ganze auch unabhängig von den Grossveranstaltungen in den kommenden Jahren Potenzial hat im Hinblick auf die Entwicklung im Biathlon, betreffend die Ausbildung innerhalb des Verbandes, aber auch im Hinblick auf ein Kompetenzzentrum für Swiss-Ski, wo auch andere Sportarten ihren Platz haben sollen. Wir haben kein Restaurationsbetrieb oder ein Hostel gesucht. Wir sind da, um den Sport zu fördern.
Sämtliche Schweizer Heim-Weltcups konnten im Winter 2021/22 vor Zuschauern und meist bei bestem Wetter ausgetragen werden. Nach dem diesbezüglich verkorksten vorherigen Winter mit grossem Corona-Einfluss und einigen wetterbedingten Absagen war dies Balsam auf die Schweizer Schneesport-Seele.
Das war unheimlich wichtig. Wir hatten schon im Dezember bei den Weltcups in Graubünden gute Bedingungen, obschon es zu jenem Zeitpunkt nicht so einfach war wegen Corona. Etwas, was mir nachhaltig in Erinnerung bleibt, ist, wie ich in Adelboden ins Stadion gekommen bin und hinter mir waren tausende Leute mit Schweizer Fahnen. Das hat beim einen oder anderen, noch bevor der erste Fahrer gestartet ist, eine Freudenträne ausgelöst – nur schon deshalb, weil man das endlich wieder erleben konnte.
«Wieder tausende Fans im Stadion – das hat eine Freudenträne ausgelöst.»
Auch im Nachwuchs- und Breitensport gab es – die Absage des JUSKILA ausgenommen – eine Rückkehr zur Normalität. Wie gross ist die Erleichterung bei Swiss-Ski darüber?
Die Erleichterung ist sehr gross. Während der Saison 2020/21 hatten wir aufgrund der Corona-bedingten Absagen unserer Nachwuchs- und Breitensport-Events die «Challenge 21» ins Leben gerufen. Das war wichtig. Jetzt konnten wir wieder gemeinsam auf den Schnee gehen, Freude vermitteln, Erlebnisse teilen – die Kinder untereinander, aber auch die Familien. Im vergangenen Winter war das Wetter über weite Strecken sehr gut. Wir durften uns über Rekordanmeldungen freuen. Der Wintersport hat immer in irgendeiner Form stattgefunden – nun hat er aber wieder richtig stattgefunden – wie früher, mit sehr vielen Leuten.
Trotzdem war Corona auch im Winter 2021/22 ein steter Begleiter – vor allem für die Athletinnen und Athleten sowie die Betreuer-Teams. Logistisch und administrativ war der Aufwand kaum geringer als in der Vorsaison.
Er war nicht kleiner, ja. Er war aber auch anders. Wir haben aus dem Winter zuvor gelernt, damit umzugehen, insbesondere, was die Abläufe anbelangt. Wir waren insgesamt gelassener, wenn es darum ging, auf veränderte Lagen zu reagieren oder auf behördliche Entscheide zu warten. Das heisst aber nicht, dass der vergangene Winter nicht herausfordernd gewesen ist. Bei den Veranstaltern geht es um grosse Ressourcen und um sehr viel Geld. Letztlich dürfen wir im Nachhinein aber sagen, dass wir die richtigen Entscheide getroffen haben. Nichtsdestotrotz war Corona omnipräsent, vor allem für die Athletinnen und Athleten, die sich ständig testen lassen mussten. Besonders gross waren die Anspannung und Unsicherheit natürlich vor den Olympischen Spielen. Im Weltcup konnten wir leider zu viele Athletinnen und Athleten wegen Corona nicht an den Start gehen lassen.
«Eine permanente Aufgabe ist es, unsere Mittel bestmöglich für den Sport einzusetzen.»
Welche sind aus deiner Sicht die wichtigsten Projekte, die Swiss-Ski im vergangenen Geschäftsjahr angestossen hat und die nun im Fokus stehen?
Seit dem 1. Mai liegt die Verantwortung des Betriebs der Biathlon Arena in Lenzerheide in der Verantwortung von Swiss-Ski. Das ist – wie bereits erwähnt – Neuland, welches wir betreten. Es gilt, hier den ausgearbeiteten Business-Plan umzusetzen. Ein grosses Projekt sind zudem die vier neuen Weltcup-Rennen am Fusse des Matterhorns. Die Renndaten Ende Oktober und Anfang November sind seitens der FIS bestätigt. Es gibt hier zuvor keine Testevents, entsprechend gehen wir von 0 auf 100. Das wird uns im Sommer stark beschäftigen. Eine permanente Aufgabe ist es, unsere Mittel bestmöglich für den Sport einzusetzen. Hier werden die ganzen Vorbereitungen eng begleitet und die strukturellen Änderungen – etwa bei den Nordischen – vorangetrieben. In der nächsten Saison finden in allen elf Sportarten von Swiss-Ski Weltmeisterschaften statt. Ein weiteres Projekt, das wir vorantreiben, ist der Standortwechsel unseres Verbandssitzes von Muri bei Bern nach Worblaufen in einem Jahr.
Was sind die Gründe für diesen Umzug nach Worblaufen?
Wir sind mittlerweile seit mehr als drei Jahrzehnten in Muri bei Bern zuhause, wo es uns gut gefällt. Aber das Gebäude ist sanierungsbedürftig. Zudem wächst unser Verband ständig – und dies sehr schnell. Die Einzelbüros, wie wir sie derzeit noch haben, sind nicht mehr zeitgemäss und passen nicht zu den interaktiven Arbeitsformen. Am neuen Verbandssitz bietet sich uns die Möglichkeit, ein zeitgemässes Arbeitsplatz- respektive Flächenkonzept umzusetzen, welches die Zusammenarbeit unter den verschiedenen Abteilungen optimiert. Die Zugänglichkeit zu den Lagern ist derzeit suboptimal, wir müssen die verschiedenen Dinge zweimal in die Hand nehmen, ehe sie am richtigen Ort sind. Unser neuer Standort in Worblaufen ist besser an den öffentlichen Verkehr angebunden, was Vorteile für die Mitarbeitenden mit sich bringt und im Sinne der ökologischen Nachhaltigkeit ist. Eine positive Begleiterscheinung ist, dass Swiss Snowsports, der Dachverband der Schweizer Skischulen und Skilehrerinnen und Skilehrer, als Untermieter mit viel Synergiepotenzial in unser neues Domizil einziehen wird.
Mit der abgelaufenen Saison endete auch ein Olympia-Zyklus. Mit welchen Erwartungen und Hoffnungen blickst du dem WM-Winter 2022/23 entgegen?
Wenn unsere Leistungsträgerinnen und Leistungsträger in den verschiedenen Sportarten gesund bleiben, können wir auf die erfolgreiche vergangene Saison aufbauen. Dort, wo wir über Potenzial verfügen, dies aber zuletzt nicht abrufen konnten, gilt es die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ich bin überzeugt, dass in der kommenden Saison einige neue Namen intern Druck ausüben werden auf die Arrivierten. Ich freue mich deshalb sehr auf den kommenden Winter und bin optimistisch, dass wir den Schweizer Schneesportfans wiederum viel Freude bereiten können.