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Was macht ein Baum, wenn niemand hinsieht? Die offensichtliche Antwort auf diese philosophische Spitzfindigkeit wäre, dass er einfach ein Baum ist. In Georgien jedoch kann es geschehen, dass der Baum unvermittelt Beine bekommt und neuerdings im Privatpark des ehemaligen Premierministers zwischen prächtigen Artgenossen steht. Denn Bidsina Iwanischwili hat ein exzentrisches Hobby, das sich nur die Reichsten der Reichen ausdenken können und nach einer orientalischen Sage oder einem Dürrenmatt-Stück klingt: Im ganzen Land sucht er nach den schönsten Bäumen, zahlt den Besitzer*innen eine für sie stattliche Summe Geld, verspricht Strassen zu bauen und der ganzen Gemeinschaft etwas Gutes zu tun. Sein Lohn sind einzig uralte Bäume, die er aufwändigst über Land und Wasser in eine neue, mit gepflegtem Rasen und Sprinkleranlagen versehene Heimat verfrachtet.
Die georgische Filmemacherin Salomé Jashi begleitete dieses bizarre Schauspiel mit Fokus auf jene Menschen, die kamen, um die Bäume mitzunehmen, und auf jene, die zurückblieben, wenn sie aus der Landschaft geschnitten wurden. Denn viel spannender als ein Porträt von Iwanischwili und seinem irren «Natur»-Park sind die vorprogrammierten und nach einem universellen Drehbuch sich ausspielenden Konflikte, die die zwiespältigen Kaufangebote mit sich bringen.
Die einen in den Dörfern hängen an den Bäumen und klagen über den Verkauf der Heimat. Jene, die sie verkaufen, rechtfertigen sich damit, dass niemand sich je um die Bäume geschert habe und wer bitte wäre schon darauf gekommen, dass man eines Tages sogar Geld mit ihnen verdienen würde. Dazu gesellen sich die Abgespiesenen auf dem Weg, den der jeweilige Baum zurücklegen muss und natürlich jene pragmatischen Existenzen, die die fragwürdige Arbeit verrichten. Alleen werden getrimmt oder komplett abgeholzt, um die Durchfahrt des Riesen zu ermöglichen; die Anwohner*innen werden mit erpresserisch kleinen Summen stillgestellt, nachbarschaftliche Querelen aufgetaut, und alte Damen klagen über den Durchzug, den der Kahlschlag verursachen wird. Gefühlt stundenlang wird in dunklen Stuben gesessen und lamentiert, geraucht, angeschwärzt und in eine Ausweglosigkeit wie in ein schwarzes Loch gestarrt.
Jashis Dokumentarfilm glänzt nicht mit packend komponierten Bildern, die diese prächtigen, durchs Land schwebenden Giganten hätten produzieren können. Zweifelsohne brennt sich zwar das ikonische Bild des aufrechten Baumes, der mitten im weiten Meer steht, ein. Das emotionale Zentrum von Taming the Garden aber bildet die Prozession stummer und niedergeschlagener Dorfbewohner*innen, ungerührter Jugendlicher mit gezücktem Smartphone, und Helfeshelfern, die sich beim Abzug hinter dem hölzernen Riesen bildet. Jashi richtet die Kamera – sozusagen über die Schulter des scheidenden Kolosses schauend – konsequent auf sie, die Zurückgelassenen, die genauso entwurzelt dahinzotteln wie der Baum, der vor ihren Augen entschwindet. Denn darin kulminiert am Ende die aufwühlende Botschaft des Films: Wenn ein politisches und finanzielles Schwergewicht sein Land wie ein Open-Air-Shoppingcenter behandelt, dann zerreisst er nicht nur den Stammplatz eines Baums und dessen Umgebung, sondern schneidet auch ein Loch in das soziale Gewebe einer Gemeinschaft. Nicht ohne Grund wurde der Film in Georgien bis nach den Regionalwahlen im Herbst 2021, um eine politische Polarisierung zu vermeiden, nicht gezeigt.
START 09.12.2021 REGIE, BUCH Salomé Jashi KAMERA Goga Devdariani, Salomé Jashi SCHNITT Chris Wright MUSIK Celia Stroom PRODUKTION Mira Film, Sakdoc film, Corso Film, GE 2021 DAUER 86 Min. VERLEIH Vinca Film
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