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Grönlandwale sind als eisliebende Wale in der Arktis bekannt, denn meist entdeckt man diese Giganten nahe oder sogar mitten im Packeis. Lange ist man davon ausgegangen, dass die Tiere dort ihre Nahrungsgebiete haben und auch Schutz vor Räubern haben. Orcas sind bekannt dafür, dass sie Jagd auf Grönlandwale machen, vor allem auf die Kälber. Jetzt haben Forscher bestätigt, dass sich Grönlandwale vor allem aus Furcht vor den Orcas im Eis aufhalten, nicht so sehr wegen des Nahrungsangebotes.
Die Resultate der Wissenschaftler um Cory Matthews von der kanadischen Fischerei- und Meeresbehörde sind insofern bemerkenswert, als dass sie klar zeigen, wie die bis zu 18 Meter langen und bis zu 70 Tonnen schweren Tiere sich in den eisigen Bereichen der Arktis bewegen. Generell halten sich die Tiere nämlich bei fehlenden Fressfeinden gerne im offenen Wasser auf. Dort finden sie auch viel mehr Nahrung, weil die Basis dort das zahlreiche Phytoplankton ist, was wiederum von einer grossen Menge an tierischem Plankton gefressen wird. Sobald aber Orcas in die Gebiete kommen, ziehen sich die Grönlandwale entweder in das dichte Packeis oder an die mit Festeis besetzten Küstenbereiche zurück. Dort finden sie zwar auch Nahrung, jedoch nicht in grossen Mengen. Dies stellt aber für Tiere, die in gutem Nährzustand sind, kein Problem dar. Auch die Kälber können längere Perioden im Eis überstehen, solange die Kuh genügen Milch liefert. Auch das Eis macht Grönlandwalen keine Mühe, denn mit ihren massiven, vorne verstärkten Schädeln durchbrechen sie bis zu Zentimeter dicke Eisschollen. Orcas hingegen mögen die Eisdecken nicht und wagen sich selten in Bereiche mit geschlossener Eisdecke.
Das Forscherteam markierte im Bereich des Golfes von Boothia in der ostkanadischen Arktis mehrere Grönlandwale verschiedenen Geschlechts und später auch mehrere Orcas weiter westlich. Die Satelliten-gestützten Marker wurden dann während Wochen verfolgt und die Resultate mit Eiskarten verknüpft. Modelle, mit verschiedenen Parameter gefüttert, zeigten dann, dass die Wanderung ins Eis mit der Ankunft der Orcas signifikant korrelierte und nicht durch Nahrung oder andere Faktoren beeinflusst worden war. Auf den durch die Modelle erstellten Karten ist dieser Zusammenhang klar ersichtlich. Die Forscher schreiben in ihrer Arbeit, dass dieses Verhalten bei den Inuit schon lange bekannt war und als «aarlirijuk», Angst vor Orcas, bezeichnet wird. Doch das Novum der Studie lag vor allem in der räumlichen und zeitlichen Breite des Verhaltens.
Eine der Fragen, die durch die Studie aufgeworfen wurde, ist, wie Grönlandwale von der Anwesenheit der Orcas erfahren. Denn die Wale hatten ihr Verhalten bereits geändert, als die Orcas noch 100 und mehr Kilometer entfernt gewesen waren. Dies ist zu weit, um die Orcas entweder akustisch oder am Geruch oder sogar visuell entdecken zu können. Das Team um Matthews spekuliert, dass die Wale entweder von Artgenossen, die bereits Kontakt mit den Orcas hatten, durch tieffrequente Töne gewarnt werden; Oder dass es artspezifische oder sogar heterospezifische Warnsignale gibt, die bisher nicht entdeckt worden sind. Grönlandwale sind zwar nicht sehr soziale Tiere, aber in Gegenden mit gutem Nahrungsangebot sind die Tiere häufiger anzutreffen. Die Forscher kommen weiter zum Schluss, dass der durch den Klimawandel hervorgerufenen Verlust des arktischen Meereises für die Tiere das Risiko, verstärkt durch Orcas angegriffen zu werden, massiv vergrössert. Ausserdem weisen sie darauf hin, dass ihre Arbeit die Theorie stützt, der Druck durch die Orcas sei für die Entwicklung der Wanderrouten und Aufenthaltsorte von arktischen und antarktischen Walarten mitverantwortlich.
Quelle: Matthews et al. (2020), PNAS, https://doi.org/10.1073/pnas.1911761117