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Dieses Sommercamp in Kalifornien betreut Transgender-Kinder ab vier Jahren
Auf Transgender spezialisierte Kliniken in den USA verzeichnen wachsenden Zulauf, die Patienten werden immer jünger. Und in Kalifornien bietet ein Tagescamp Ferienbetreuung für Transgender-Kinder ab vier Jahren.
Lunchpakete, Basketball spielen, Freundschaftsarmbänder knüpfen, Lieder singen, herumalbern: Auf den ersten Blick wirkt das Rainbow Day Camp im kalifornischen El Cerrito wie jedes andere Sommerlager. Doch schon am Morgen, wenn die Kinder von ihren Eltern gebracht werden, ist alles anders: Dann können die Vier- bis Zwölfjährigen auf Namensschildern wählen, wie sie angesprochen werden wollen - mit er, sie, sie im Plural, einer Kombination aus er und sie oder ganz ohne Pronomen. Manche ändern ihren Namen täglich, um herauszufinden, was sich richtig anfühlt.
Das Camp in der San Francisco Bay Area betreut Transgender-Kinder und ist damit nach Einschätzung von Experten weltweit wohl einzigartig für Kinder im Vorschulalter. Seit seiner Eröffnung vor drei Sommern verdreifachten sich die Anmeldungen, heute kommen rund 60 Kindergartenkinder und Schüler aus Los Angeles, der Hauptstadt Washington und sogar aus Afrika. Nächstes Jahr soll es einen Ableger in Colorado geben, Organisationen und Familien aus Atlanta, Seattle und Louisiana wollen ähnliche Projekte aufbauen.
An einem heiteren Sommermorgen im Camp tanzt die sechsjährige Gracie Maxwell zu einem Miley Cyrus-Song im Sonnenschein. Für einen «Crazy Hair Day» hat das sommersprossige Mädchen das Haar auf einer Seite zum Zopf geflochten, auf der anderen Seite zum Ponyschwanz gebunden. Gracie kam als Junge zur Welt, fühlte sich in diesem Geschlecht aber nie wohl: «Sobald sie reden konnte, sagte sie immer nur "Ich bin ein Mädchen"», betont ihre Mutter Molly Maxwell, die immer noch über das «sie» stolpert. «Dann wurde es intensiver: "Ich bin eine Schwester. Ich bin eine Tochter. Ich bin eine Prinzessin." - Wir haben gestritten, sie war verwirrt, wir waren verwirrt.»
Dass die Familie in der liberalen Metropolregion um San Francisco lebt, machte es leichter: Die Maxwells fanden eine Spielgruppe für Transgender-Kinder und konsultierten Fachleute. Mit vier Jahren liess Gracie die Haare wachsen, zog Mädchenkleidung an und änderte ihren Namen. «Ich sehe sie jetzt und vergleiche das mit früher», erzählt ihre Mutter. «Wie sie herumstolziert und tanzt und singt und wie sie über sich selbst spricht. Nicht auszudenken, wenn sie gezwungen würde, jemand anders zu sein."
«Ich fühle mich wohl damit, wer ich bin und wer ich sein will»
Fachleuten zufolge spiegelt die steigende Popularität des Camps, was auf Transgender spezialisierte Kliniken im ganzen Land erleben: Immer mehr Kinder, die schon in jungen Jahren ihre Geschlechtsidentität in Frage stellen. Grund: Mehr Offenheit und ein grösseres Bewusstsein für die Anliegen von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen. Auch die Eltern seien sensibler geworden. «Noch vor einem Jahrzehnt hätte dieses Camp nicht existiert. Eines Tages wird es gar nicht mehr so innovativ sein», glaubt Initiatorin Sandra Collins.
Auch für 13- bis 17-Jährige gibt es ein solches Tagesheim. Collins gründete das Camp, weil ihr eigenes Kind als Junge geboren wurde und ein Mädchen sein wollte: «Ich wusste nicht, dass man schon in sehr jungen Jahren Transgender sein kann. Aber meine Tochter wusste das mit zwei Jahren schon ganz sicher.»
Scarlett Reinhold ist inzwischen eine selbstbewusste Neunjährige mit langen, dunklen Locken und Rüschenrock. Sie sagt, im Camp kann sie sie selbst sein: «Ich fühle mich wohl damit, wer ich bin und wer ich sein will.» Ihre Mutter betont: «Viele dieser Kinder wurden gemobbt und hatten eine traumatische Zeit in der Schule. Dies ist eine Welt, in der so etwas nicht passiert, und wo sie in der Mehrheit sind. Für Kinder, die sich sonst verstecken müssen und klein fühlen, ist das eine neue Erfahrung.»
Über Kinder, die sich als Transgender bezeichnen, gibt es nur wenige Daten. Doch Fachleuten zufolge hat sich mit der wachsenden Zahl sehr junger Patienten in den spezialisierten Kliniken auch die medizinische Betreuung verändert: Inzwischen ermutigen Mediziner getreu des «gender affirmative»-Ansatzes ihre kleinen Patienten, in dem Geschlecht zu leben, mit dem sie sich identifizieren - bis sie alt genug sind für medizinische Optionen wie Pubertätsblocker und später Hormonbehandlungen.
Das Center for Transyouth Health and Development an der Kinderklinik in Los Angeles begann vor zehn Jahren mit rund 40 Patienten. Heute sind mehr als 900 zwischen drei und 25 Jahren registriert und 150 auf der Warteliste, wie die medizinische Direktorin Johanna Olson-Kennedy angibt. «Es gibt viel mehr Offenheit für die Einsicht, dass Trans-Erwachsene als Trans-Kinder anfangen», erklärt sie. «Wenn die Leute sagen "Ist das nicht zu jung?", dann frage ich: "Zu jung für was? Wie jung müssen Leute sein, um ihr Geschlecht zu kennen?" Manche kennen es mit drei, manche mit 30.»
«Danke dafür, dass Ihr mich so glücklich gemacht habt»
Diane Ehrensaft ist Direktorin für Psychische Gesundheit an der Transgender Kinder- und Jugendklinik der Universität von San Francisco. Bei ihr verdreifachten sich die Patienten-Anmeldungen in den vergangenen Jahren: «Es ist fast wie ein Tsunami, wie viele kleine Kinder mit ihren Familien hier jetzt auftauchen.» Auch aus dem Ausland, etwa aus Südafrika, Äthiopien, Hongkong, Belgien und England, bekomme sie immer mehr Anrufe.
Studien zufolge gibt es bei Transgendern im Erwachsenenalter höhere Selbstmord- und Depressionsraten als im Bevölkerungsdurchschnitt. Laut einer Studie der Universität Washington 2016 sind Trans-Kinder jedoch psychisch genauso gesund wie ihre Altersgenossen, wenn sie ihr bevorzugtes Geschlecht leben können und von ihren Eltern unterstützt werden.
Im Rainbow Day Camp stehen den Kindern Therapeuten zur Verfügung, am Morgen auch mit den Eltern. Viele Therapeuten sind selbst Transgender und für die Kinder positive Vorbilder: «Ich möchte diesen Kindern zeigen, wie eine selbstbewusste, glückliche, erfolgreiche Trans-Person aussieht», sagt der Camp-Leiter Andrew Kramer. Der 30-Jährige hatte sein Coming-Out als Transsexueller mit 26. «Wir bringen ihnen bei, dass sie normal sind, Zuneigung verdient haben und nicht alleine sind.»
Eine Familie reiste aus Afrika an, um ihrem Sohn drei Wochen im Rainbow Day Camp zu ermöglichen. Aus Angst vor Repressalien zuhause bat die Familie um Anonymität. Der Neunjährige nennt sich Nao, bezeichnet sich aber nicht offiziell als Mädchen. Seine Mutter Miriam betont, ihr Kind blühe in dem Camp förmlich auf. Nao sei glücklicher und habe weniger Wutanfälle, habe Freunde gefunden, erzähle offener über Hänseleien in der Schule und will nächsten Sommer wiederkommen: «Zum ersten Mal fühlt sich Nao wie ein normales Kind.» Vor dem Rückflug schrieb Nao noch an die Therapeuten: «Danke dafür, dass Ihr mich so glücklich gemacht habt.»