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Der Fall ist simpel und komplex zugleich. Caster Semenya wurde vor 31 Jahren in Südafrika als Mädchen geboren. In der Leichtathletik erbringt sie aber Leistungen wie ein Mann und gewann (unter anderem) zwei olympische Goldmedaillen. Mitverantwortlich für die Parforceleistungen: Semenya weist einen natürlich erhöhten Testosteronwert auf. Hätte sie diesen künstlich auf dieses Niveau gebracht, würde sie in der Dopingkontrolle hängen bleiben.
Um Fairness und Chancengleichheit herzustellen, verlangt der Internationale Leichtathletikverband, dass die Südafrikanerin vor Wettkämpfen ihren Testosteronwert medikamentös senkt. Dagegen beschritt die Sportlerin den Rechtsweg, blitzte aber sowohl vor dem Schweizer Bundesgericht als auch vor dem Internationalen Sportgerichtshof (TAS) ab.
Deshalb wandte sie sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte – und klagt gegen die Schweiz. In einer Podiumsdiskussion an der Universität Zürich stritten sich vergangene Woche Experten der Justiz, der Medizin und eine Ex-Sportlerin über den Fall – und vertraten diametral andere Ansichten.
Während Helen Keller, Menschrechtsexpertin und frühere Richterin am Gerichtshof für Menschrechte, den Sport ebenso anprangerte («die menschliche Würde steht über allem») wie der Tessiner Anwalt und Sportrechtsexperte Marco Vedovatti («die Sportjustiz ist nie unabhängig»), sagt der Berner Sportmediziner Bernhard Segesser: «Der Sport kann nur funktionieren, wenn er nach eigenen Regeln funktioniert. In letzter Konsequenz würde sogar das Anti-Doping-Reglement gegen die Menschenrechte verstossen, weil es die Integrität des eigenen Körpers einschränkt.» Gianna Hablützel Bürki, Olympiasilbermedaillen-Gewinnerin im Degenfechten, geht sogar noch einen Schritt weiter: «Sport und Menschrechte sind nie kompatibel. Denn es gibt bei uns immer Siegerinnen und Verliererinnen. Erhält Semenya recht, könnte dies faktisch das Ende des Frauensports bedeuten.»
Die Diskussion erinnerte an einen Zusammenstoss der Kulturen. Hier die Juristen, die nach Paragraphen und Gesetzesabsätzen argumentieren, da die Praktiker, die den Sport aus eigener Erfahrung kennen. Auf das finale Verdikt darf man gespannt sein. Für das Publikum aber bleibt zu hoffen, dass Caster Semenya ins Leere läuft. Sonst muss man künftig die Zeitmessung durch Gerichtsbeschlüsse ersetzen.
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