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|Cartagena - San Blas Inseln - Colon ( Panama )

Am Freitag 10. Oktober 03 verlassen wir Cartagena und segeln unserem nächsten Ziel den 250 Seemeilen entfernten San Blas Inseln entgegen. Am ersten Abend erhalten wir Besuch von einigen Seeschwalben, welche erschöpft auf unser Schiff flattern und sich auf der Reling, in unseren Doghouse und sogar im Schiff unten niederlassen. Sie scheinen in der Dunkelheit nicht richtig zu sehen und setzen sich auch auf unseren Händen nieder oder kuscheln sich in die Wärme unserer Körper.
Die Nächte sind lau und vollmondhell wenn nicht gerade eine Gewitterwolke durchzieht. Häufig sieht man nur ein Wetterleuchten in weiter Entfernung. Das Plätschern der Wellen, die silbrigen Schaum-kämme und das Windgeräusch passen zur Musik aus dem Walkman. So vergehen die drei Wache-stunden rasch. Selten sehe ich ein anderes Schiff am Horizont auftauchen und wieder verschwinden. Leider schläft der Wind am Sonntagmorgen ein, so dass wir uns entscheiden müssen: entweder noch eine Nacht zu segeln oder unter Motor zu laufen, um Porvenir ( Einklarierungsort auf den San Blas Inseln) noch bei Tageslicht zu erreichen.
Die San Blas Inseln, insgesamt ungefähr 350 kleine und kleinste Inseln, sowie der Festlandstreifen von der Grenze Kolumbiens bis nach Porvenir ist das Gebiet der Kuna Indianer ( Kuna Yala) und wird auch von diesen verwaltet. 1925 stimmten die Kuna zu, ein Teil der Republik Panama zu sein unter der Bedingung, dass Panama ihre Gesetze, Kultur und Traditionen respektiert. 1945 wurde das Kuna-parlament und 1953 die volle administrative und gerichtliche Eigenständigkeit bestätig.
Sie leben in einer demokratischen Gemeinschaft. Jedes Dorf hat einen Sahila und 2-3 untergeordnete Sahila, welche für verschiedenste Aufgaben, wie bei uns Gemeinderäte, zuständig sind. Es gibt einen Polizisten, einen Übersetzer usw.
Alle 48 „Gemeinden“ sind in 3 Distrikte zusammengefasst ( mit je einem gewählten Distriktchef „Cacique“) und alle Halbjahre treffen sich die Abgeordneten zum Congresso, welcher immer in einem anderen Dorf stattfindet.
In den noch traditionell lebenden Dörfern treffen sich alle Einwohner abends im Dorf- Congresso, d.h. in der grössten speziellen Hütte des Dorfes, wo alles diskutiert und geregelt wird. Der Sahila und seine Helfer liegen in den Hängematten und die Leute sitzen auf Bänken rundherum.
Früher lebten diese Indianer in der Bergen Dariens, siedelten sich jedoch zunehmend auf den Inseln an, wo sie weit weniger der Mückenplage, Schlangen und Raubzügen anderer Stämme ausgesetzt waren. Die Kunas haben keinen eigenen Grundbesitz und die Nutzung der Wälder ( am Festland) erfolgt gemeinsam. Einzig die Kokospalmen auf den einzelnen Inseln haben immer einen Besitzer. Nie darf man auf einer noch so kleinen und einsamen Insel eine Kokosnuss mitnehmen.
Bei den Kuna herrscht ein Matriarchat und der erwählte Mann muss bei der Heirat auf die Insel und in die Hütte der Frau ziehen. Schlecht ist ein Gesetzt, welches nur Heiraten zwischen Kunas erlaubt ( sei jetzt gelockert worden), mit allen Konsequenzen von Verwandtenheirat. Oft sieht man Albinos, selten auch behinderte Kinder.
All diese Informationen hatten wir aus Büchern und waren nun sehr gespannt diese Volkgruppe selbst kennen zu lernen und Kontakte zu knüpfen.
Kaum hatten wir vor Porvenir geankert, kamen schon die ersten Ulus längsseits ans Schiff. Ulus sind Einbäume, welche mit sehr viel Geschick mit einem Paddel gesteuert und sehr rasch vorwärts bewegt werden. Die grösseren haben noch ein Segel, so dass der Wind für längere Distanzen zum Festland oder zu anderen Inseln genutzt werden kann.
Indianerfrauen in traditionellen Kleidern kamen um uns Molas zu verkaufen. Molas sind Patchwork-arbeiten und normalerweise Teil der Vorder- und Rückseite der Blusen. Um die Taille haben die sehr kleinwüchsigen und schlanken Frauen ein knielanges Tuch geschlungen und Arme und Unterschenkel sind mit bunten feinen Glasperlenketten umwickelt. Die kurzgeschnittenen schwarzen Haare sind von einem roten Kopftuch teilweise bedeckt und viele tragen einen goldenen Nasenring und eine feine schwarze Linientätowierung von der Nasenwurzel bis zur Nasenspitze.
An beinahe allen Ankerplätzen kamen Molaverkäuferinnen längsseits. Der Verkauf dieser Hand-arbeiten ist beinahe die einzige Einnahmequelle der Indianer. Der Kokosnussverkauf an die Kolum-bianer, welche mit kleinen Handelsschiffen einige Inseln anlaufen, einige Dinge des täglichen Bedarfes bringen und Kokosnüsse mitnehmen und das Lobsterfischen der geschickten Kunataucher bringen nochmals einige Dollars. Vereinzelte Inseln haben seit dem 2. Weltkrieg rissige, baufällige Flugpisten, wo kleine ein- bis zweimotorige Flieger zum Personen- und Gütertransport landen können.
Unser Einklarieren in Porvenir können wir nur teilweise erledigen. Der Immigrations- Offizier ist vor einiger Zeit mit dem eingenommenen Geld abgehauen. Nach spätestens 14 Tagen müssen wir in Colon die Anmeldung nachholen. So können wir vorläufig nur einen ersten Eindruck der Kuna Indianer mitnehmen, aber wir werden nochmals in die Inselwelt zurückkehren.
In Colon erledigen wir alles Administrative und rekognoszieren Einiges für unsere anfangs 2004 geplante Kanalpassage. Colon ist als eine sehr kriminelle Stadt verschrien. Gemäss Bücher darf man sich ausserhalb des Yachtclubs, wo wir einen Platz fürs Schiff finden, nur im Taxi bewegen. Anfänglich halten wir uns daran, doch bald merken wir, dass wir auch zu Fuss in die Stadt und zum Internetcafé gelangen können. Wir sind ohne Uhren und Schmuck und mit wenig Bargeld in der Tasche unterwegs, vermeiden die kleinen Gassen und halten uns an die Hauptstrassen. Es ist ohnehin nicht sehr „gluschtig“ in den engen, verschmutzten Gassen, entlang völlig verlotterter, zerfallener Häuser zu flanieren. Alles ist in einem desolaten Zustand, Türen und Fenster fehlen, Dächer sind am Einstürzen, auf den zerfallenden Balkonen wächst Gras. Bei einem kleinen Erdbeben stürzten drei 2- stöckige Häuser ein und über 300 Leute wurden obdachlos.
Den Gemüse- und Früchtemarkt besuche ich zusammen mit dem Taxichauffeur. Hier bekomme ich ungekühltes frisches Gemüse. Ich muss uns für die nächsten 4-6 Wochen auf den San Blas Inseln verproviantieren.
In Colon erleben wir eine Parade, an welcher alle Institutionen teilnehmen. Polizei, Staatsbetriebe, Krankenschwestern, alle Schulen und Universitäten defilieren vorbei.
Wir sind mitten im Gewühle und fühlen uns wohl.
Am 4.11. segeln wir wieder ostwärts. Diesmal ankern wir über Nacht. Einmal in der Bucht von Portobello, dann hinter der Isla Linton.
In Porvenir müssen wir wieder ins Kuna Yala Gebiet einklarieren und segeln dann zur Isla Gertie. Kaum ist unser Anker gefallen kommen die ersten Ulus. Diesmal sind es nicht die Molaverkaufenden Frauen, sondern die Kinder. Geschickt manövrieren die 5-7 jährigen die Ulus und bald paddeln 6 oder mehr Schiff um uns herum. Die Kinder sind „gwunderig“, versuchen einen Blick ins Innere unseres Schiffes zu werfen und verfolgen alle unsere Tätigkeiten. Sie lachen, schwatzen und sind fröhlich, nie aufdringlich. Wir verschenken unsern Bleistift- und Kugelschreibervorrat oder auch mal Guetzli. Wir bleiben 4 Tage vor Anker und täglich kommen die Kinder in den Booten zu uns ans Schiff. Das Kanufahren entspricht dem Velofahrvergnügen der Schweizerkinder. Wir besichtigen die Insel und sind ebenso neugierig einen Blick in ihre Behausung zu werfen. Es hat nur traditionelle Hütten: Palmblätterdach ( dicht für ca. 15 Jahre), Stützpfosten aus dickeren Baumstämmen und Wände aus dicht aneinander gereihten dünnen Stecken/Schilfrohren. Gekocht wird meistens an einer Feuerstelle im Haus, geschlafen wird in einer Hängematte. Die Bewohner und Hütten wirken sauber. Die Kinder zeigen uns eine Schulhaushütte, in einer andern können wir Brot kaufen. Zwischen den Häusern wachsen Palmen, etwas Zuckerrohr, mal ein Brotfruchtbaum und auch Nonifrüchte, welche zu Heilzwecken verwendet werden.
Die Kunas essen Fische, Langusten, Bananen, Kokosnüsse, Maniokwurzeln.
Im Morgengrauen fahren die Männer zum Fischfang aus oder ans Festland, um im Urwald Maniok, Ananas usw. zu holen, oder auf andern Inseln die Kokosnüsse zu ernten. Nachmittags sind oft die Familien in den Ulus unterwegs und die Kinder lernen spielerisch das Paddeln und Segeln von Kindsbeinen an.
Das Frischwasser muss in den Flüssen am Festland geholt werden. Eine Flussfahrt lockt uns auch, so dass wir mit unserem Beiboot in den Rio Torti fahren. Aussenbordmotoren sind auf den meisten „Trinkwasserflüssen“ verboten. So rudern wir den schmalen Fluss hoch. Bald hören wir hinter uns ein Riesengeschrei und zwei mit Kindern besetzte Ulus versuchen uns aufzuholen, was ihnen natürlich ohne Mühe gelingt. Wir werden überholt und unsere Ruderei entsprechend kommentiert und belacht. Dafür sind die Kinder einen Moment unaufmerksam und fahren ins Ufer. Ein Knabe wird rausgespickt und steht dann in untiefen Fluss. Wir laden ihn in unser Gummiboot und fahren den andern nach. Plötzlich hört der Fluss auf, d.h. er ist nicht mehr befahrbar und das Wasser plätschert über eine kleine Felsstufe. Hier ist die Stelle, wo die Wasserbehälter gefüllt werden und auch im Süsswasser gebadet wird.
Die nächste Insel ist Acuadup. Kaum sind wir an Land werden wir von einem Kunamann in eine Hütte geführt. Er zeigt uns einen Säugling voll mit eiternden kleinen Wunden und ein Mädchen mit eiternden geschwollenen Zehen und einem entzündeten Fuss. Die meisten Dorfbewohner haben Hautpusteln und Infekte. Alle scheinen mit Krätze infiziert und kratzen natürlich die juckenden Stellen auf. Ich hole auf dem Schiff Betadienelösung, Antibiotikasalben und für das Mädchen ein Breitspektrum-Penicillin. Auf einer Zeichnung stelle ich dar, wie die Medizin angewendet werden soll. Später kommen zwei Kanus längsseits an unser Schiff, ein Mann braucht Schmerztabletten, ein anderer Ohrentropfen.
Drei Inseln, resp. Inselgruppen sind „anzivilisiert“ und nicht mehr schön (Narganà, Azucar, Carti). Es gibt gemauerte Häuser, Fernseher in den Hütten, elektrischen Strom vom Generator und oft werden diese Inseln vom Touristenstrom der Kreuzfahrtschiffe überschwemmt.
Wir haben vor vielen unbewohnten Inseln geankert, haben eine Einfahrt zwischen den Riffen gesucht, um an einem besonders schönen Plätzchen einige Tage zu verbringen. Wie Robinson haben wir die Inseln entdeckt, am Sandstrand Muscheln gesucht und unter Palmen gesessen oder waren am Schnorcheln. Einige Landgänge haben wir rasch abgebrochen und uns wieder aufs Schiff zurück gezogen, bevor wir von den winzig kleinen Nonseeums völlig zerstochen waren.
Die Wochen auf den San Blas Inseln waren nur zu schnell vorbei. Anfangs Dezember segelten wir wieder in zwei Etappen nach Colon zurück, wo wir wieder einen Stegplatz im Panama Canal Yachtclub fanden. Hier werden wir das Schiff während unserm Schweizeraufenthalt lassen.