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New York City mit seiner vielfältigen Kultur war für Leonard Bernstein ‒ vor allem in seinen jüngeren Jahren ‒ ein sehr inspirierender Schauplatz und der Einfluss, den er auf die musikalische Signatur dieser Weltstadt hatte, ist bestimmt nicht zu unterschätzen. Waren in den 1940er-Jahren das Ballett Fancy Free und das daraus weiterentwickelte Musical On the Town noch weitgehend heiter und beschwingt, kamen im folgenden Jahrzehnt in On the Waterfront und West Side Story vermehrt die dunklen Seiten der Metropole zum Vorschein.
Auch wenn On the Waterfront ‒ Leonard Bernsteins einziger Filmscore ‒ in seiner Originalform erst dieser Tage seine Erstveröffentlichung erfuhr, hat die Musik natürlich längst einen Bekanntheitsgrad, der weit über «normale» Filmmusik hinausgeht; das liegt zum einen am Status des Komponisten, der zu den bedeutendsten Figuren der amerikanischen Musik des 20. Jahrhunderts gehört, und zum anderen an der rund 20-minütigen sinfonischen Suite, die Bernstein schon kurz nach Erscheinen des Films erstellte und die zu den hervorragendsten konzertanten Werken gehört, die je einem Hollywoodfilm entsprangen.
In ihrer reinen Funktion sah sich die Musik jedoch auch seit jeher mit dem Vorwurf konfrontiert, sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen, was zum Teil bestimmt nicht ganz unberechtigt ist und mit der Unerfahrenheit Bernsteins mit dem Medium Film zu erklären ist. Nachgerade die mit Percussion und jazzigen Bläsern geladenen, dramatischen oder gewaltvollen Parts, die teilweise Stravinskis Le sacre du printemps nachempfunden wurden und daher einen ziemlich tänzerischen Charakter besitzen, sind zwar zweckdienlich, aber eben auch sehr eigenständig.
Andere Themen halten sich mehr zurück, bilden mit Schmerz und Sehnsucht das tief emotionale Rückgrat des Kampfes von Dockarbeiter Terry Malloy (Marlon Brando auf dem Höhepunkt seiner Karriere) für ein besseres Leben: das wichtige «Dignity», wie bei der Suite auch beim Filmscore für die Eröffnung durch ein Waldhorn besorgt, «Love», in sinfonischen Bearbeitungen für Streicher und Holzbläser, aber auch als Tanznummer in Waterfront Love Theme, «Pain», besonders eindringlich durch Oboe in Roof Morning und Streicher in Dead Pigeons, und als Source Music in Blue Goon Blues.
Obwohl die sinfonische Suite an Emotionen und Dramatik kaum zu überbieten ist, enthält sie doch nicht alle Höhepunkte des Scores, wie zum Beispiel das elegische Cab and Bedroom, aber Bernstein wird schon gewusst haben, warum er diese und andere Sequenzen nicht berücksichtigt hat. Wie der Beginn, ist aber auch der Schluss bei Suite und Filmscore identisch, mit dem vollorchestralen «Dignity»-Thema, aus dem die Solo-Trompete heraussticht. Die Solo-Trompete als Symbol für den tragischen Helden, das war inspirierend für nachfolgende Filmkomponisten. Als eines der prominentesten Beispiele dafür kann L.A. Confidential von Jerry Goldsmith genannt werden.
Diese lange als verloren geglaubte, komplette Originaleinspielung mit dem Columbia Pictures Orchestra unter Morris Stoloff ist auf unverhoffte Weise letztendlich nun doch noch aufgetaucht, zwar nur in Mono, und auch sonst liesse sich klanglich das ein oder andere kritisieren. Aber das sollte man tunlichst vermeiden und diesbezüglich bei einem Score, der für jede repräsentative Filmmusiksammlung Pflichtbestandteil sein sollte, beide Augen zudrücken.