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Freiburg: Offshore auf dem Land
Robin Moret und Adrià Budry Carbó, 5. Oktober 2021
«Briefkastenfirmen: Freiburg gibt sich bedeckt» titelte 1988 die Korrespondentin der Presseagentur SDA («Sociétés boîtes aux lettres: Fribourg se voile la face»). Der süffig geschriebene Beitrag bot den Lesenden einen historischen Überblick über die wichtigsten Daten, die den Kanton dazu gebracht haben, Holdings, Domizilgesellschaften und Zweigniederlassungen internationaler Unternehmen von Steuern zu befreien, sowie einen lobenswerten Versuch in Transparenz und Rechtfertigung der lokalen Behörden.
Die kantonale Steuerverwaltung schätzte die Zahl der Briefkastenfirmen damals auf 1500 bis 1600, konnte ihr «Steueraufkommen» aber nicht beziffern. Ebenso wenig die geschaffenen Stellen. Der kantonale Finanzdirektor rechtfertigte die Tatenlosigkeit bereits damals mit der mangelnden Steuerharmonisierung und der Gefahr von Standortverlagerungen:
«Freiburg kann nicht allein Harakiri begehen, allein brav bleiben.»
So hatte beispielsweise die Vicpart Holding 1999 beschlossen, sich an der Rue Saint-Pierre 18 bei einem Treuhänder niederzulassen, der auch die Revision des Unternehmens erledigte. Keine Spur von Büro oder Angestellten; das Unternehmen machte sich nicht einmal die Mühe, bei den zahllosen Briefkästen ein eigenes Namensschild anzubringen. Die Vicpart Holding schien nur im Handelsregister zu existieren, wurde aber trotzdem im Oktober 2008 Eigentümerin von 96,82% der Anteile der weissrussischen Bank JSC Credexbank. Also nach zehn Jahren ohne Tätigkeit.
Die Justiz der Vereinigten Staaten verdächtigte das Freiburger Unternehmen, russisches Geld zugunsten der Credex weisszuwaschen. Letztere hatte Anfang 2010 eine Milliarde US-Dollar an Unternehmen mit Sitz in verschiedenen Ländern überwiesen, während ihr Aktienkapital damals laut einem Bericht der FinCen, der US-amerikanischen Ermittlungsbehörde gegen Wirtschaftskriminalität, rund 10 Millionen US-Dollar betrug. Das Unternehmen wechselte mehrmals die Wirtschaftsprüfer und die Presse griff das Thema auf. Im Zuge dieser Affäre wurde die Holdinggesellschaft liquidiert und im März 2014 schliesslich gelöscht. Das Treuhandbüro, bei dem die Vicpart Holding ihren Sitz hatte, änderte mehrfach den Firmennamen und die Adresse, ist heute aber noch immer in Freiburg tätig.
Nicht alle Holdinggesellschaften und substanzlosen Unternehmen machen illegale Geschäfte. Ein weiterer Vorteil der Gründung solcher juristischen Personen ist die Steueroptimierung. So hat sich beispielsweise die Inditex-Holding, jene Gruppe, die die Modeketten Zara, Massimo Dutti und Bershka besitzt, an der Adresse Rue Louis-d'Affry 6 in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Freiburg niedergelassen. Das Unternehmen ist zweifellos mehr als eine Briefkastenfirma, aber Inditex hatte dort drei miteinander verflochtene Unternehmen gegründet: ITX Trading SA, ITX Holding SA – die im Januar 2020 mit dem Ende der Statusgesellschaften gelöscht wurde – und ITX Merken BV (Freiburger Niederlassung).
Unter diesem Firmennamen sind zumindest bis vor Kurzem buchhalterisch erhebliche Teile der Gewinne «repatriiert» worden, die zuvor in Ländern mit weniger vorteilhaften Gesetzgebungen realisiert wurden. Die Wirtschaftsagentur Bloomberg geht davon aus, dass Inditex damit zwischen 2009 und 2012 rund 325 Millionen Franken an Steuern gespart hat.
Zum Vergleich: Der Freiburger Finanzdirektor schätzte 2008 die Steuereinnahmen aller im Kanton niedergelassenen Holdings auf 2 oder 3 Millionen Franken (2018: 3,5 Millionen). Ein geringer öffentlicher Nutzen angesichts der von Grossunternehmen gemachten Einsparungen. Genau diese Praktiken will die internationale Steuerreform abschaffen, um die Besteuerung von Multis zu harmonisieren.
Gemäss den Schätzungen von Public Eye (Methodik siehe unten) gibt es in Freiburg 3064 Unternehmen ohne Substanz. Angesichts der grossen Offshore-Zentren Zug und Genf wird der Landwirtschaftskanton nicht gerade ermutigt, «allein brav» zu bleiben.
Weitere Informationen
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Methodik: Mehrstufige Analyse
Gleich vorweg: Unsere Daten bleiben eine Momentaufnahme der aktuellen Unternehmensstruktur. Sie belegen die wirtschaftliche Struktur eines gegebenen Kantons zum Zeitpunkt unserer Datenextraktion von der Website Zefix.ch. Dieses Eintauchen in den Zentralen Firmenindex der Schweiz erlaubte uns eine erste Zuordnung von Adressen mit den meisten Firmensitzen und jenen mit den meisten c/o-Firmennamen.
Damit konnten wir Zehntausende Unternehmen erfassen, von denen jene in Liquidation abzuziehen sind. In grossen Einkaufszentren gibt es logischerweise über hundert Unternehmen. Ebenso in Spitälern und Kliniken, wo Ärzte ihre Praxen registrieren. Auch die Entwicklung von Coworking Spaces führt zur Konzentration gewisser Firmen an ein und derselben Adresse. Wir haben sie aus unserer Analyse folglich herausgenommen.
Die verschiedenen Handelsregister haben uns ebenfalls erlaubt, über die Technik des Extrahierens von elektronischen Daten (scraping) eine Auflistung von Personen und Kanzleien vorzunehmen, die am meisten Unternehmen pro Kanton verwalten.
Danach mussten wir uns mit der Substanz dieser Unternehmen, der Anzahl ihrer Angestellten in Vollzeitäquivalenten (VZÄ), befassen. Anonymisierte Daten (ohne Firmennamen) sind auf der Website des Bundesamts für Statistik (BFS) öffentlich einsehbar. Sie beziehen sich unter Angabe der geografischen Koordinaten auf die Unternehmen und die Anzahl Angestellte. Doch Ergebnisse für Firmen mit weniger als vier Angestellten werden nicht detailliert aufgeführt und die Behörde hat zudem darauf geachtet, die beiden letzten Ziffern der Geolokalisierungsdaten systematisch zu ersetzen, um die Identifizierung der Unternehmen zu erschweren. Die Schweiz scheint die Anzahl der Angestellten als hochsensible Daten zu erachten.
Um die nicht veröffentlichten Daten des Jahres 2018 (der letzten zum Zeitpunkt der Erhebung zugänglichen Statistik) zu erhalten, mussten wir eine Datenschutzvereinbarung unterzeichnen, die unser Recht auf Verbreitung allzu genauer Ergebnisse auf Unternehmensebene oder die Nennung von Unternehmen mit weniger als fünf Angestellten einschränkt. Auf der Grundlage dieser dritten Datenbank konnten wir also einen Durchschnittswert von Vollzeitäquivalenten pro Adresse errechnen. Diese haben wir verwendet, um über die Geolokalisierungs-API von Google Geocoding die Adressen zu lokalisieren. Das Adressverzeichnis wurde durch Recherchen auf Google Maps und Besuche der verschiedenen Eingangsbereiche und Stockwerke von Gebäuden sowie dem Telefonverzeichnis Search.ch ergänzt. Fehlende Telefonnummern können ein Hinweis auf die fehlende Substanz von Unternehmen sein.
Auf die Frage nach den Gründen für die Vertraulichkeit ihrer Statistiken begnügte sich das BFS mit dem Hinweis, es wende die «geltende Gesetzgebung zum Datenschutz» an, und verwies auf eine Website.