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Red. Der hier folgende Artikel der in Baden wohnenden Philosophieprofessorin Ursula Pia Jauch wurde von der Redaktion der Aargauer Zeitung Ende 2019 bestellt und im Februar 2020 abgeliefert. Der amtierende Chefredaktor Patrik Müller verweigert aber dessen Publikation bis heute. Vor allem aber hat diese Geschichte zu einer bemerkenswerten Auseinandersetzung in der Stadt Baden geführt, auf die Infosperber in einem Folgeartikel in den nächsten Tagen zu sprechen kommen wird. (cm)
Der unergründliche Ratschluss der Dame Fortuna wollte es, dass ich im akademischen Jahr 1991/92 an die Gestade des Pazifiks gespült wurde, an einen himmlischen Ort, genannt Santa Monica. Das kalifornische Städtchen, gelegen zwischen Pacific Palisades (Thomas Mann!), Malibu (Thomas Gottschalk!) und Brentwood (Marilyn Monroe!) war schon damals eine berühmte Muscle Beach und erinnerte kaum mehr an die Heilige Monika von Tagaste, früher noch bekannt als die Mutter des Hl. Augustinus, der wiederum ein bedeutender Kirchenvater war und mit seinen «Bekenntnissen» in der abendländischen Kulturgeschichte so einiges Heil und Unheil gestiftet hat. Kurz: Im Santa Monica der 1990er Jahre hatte kaum jemand mehr etwas zu gestehen, stattdessen highlife & fun everywhere. Besonderen Wert legten die schlauen kalifornischen Tourismusbehörden auf die bedeutenden Namen ihrer jungen Kulturgeschichte: Vladimir Nabokov hat in Santa Monica an einem Roman gearbeitet, Arnold Schönberg hat komponiert, Lion Feuchtwanger lebte und schrieb in Santa Monica, und sowieso: kaum ein bedeutender Architekt, der vor den Nazis fliehen musste, der nicht in Kalifornien gebaut hat. Das historische Architektur-Sightseeing in greater Los Angeles ist ein attraktives Tourismus-Programm, und all diese Bauten (die zum Teil in die Jahre gekommen sind) werden ebenso geschätzt wie ihre Erbauer und (leider wenige) Erbauerinnen, an die weiterhin erinnert wird. Und zwar trotz smashing Angelina Jolie, Leonardo di Caprio & Co.
Einige Jahre später hat es mich für ein Jahr nach Berlin verschlagen, in ein Wissenschaftskolleg, gelegen im ruhigen Grunewald. Auch da gab es viele Bücher und bedeutende Wissenschafter. Aber vor allem: eine Umgebung, die getränkt war (und ist) von Geschichte und Biografien, auf die eine kluge Stadtverwaltung die Besucher mit Hinweisschildern (und neuerdings elektronisch) aufmerksam machte. Man macht also einen kleinen Nachmittagsspaziergang und begegnet dem Philosophen Fritz Mauthner (ja, der Atheisten-Mauthner), der Schriftstellerin Vicky Baum (richtig, «Menschen im Hotel»), der Dichterin Ingeborg Bachmann, die an ihrer Romantrilogie «Todesarten» schrieb (und sich endlich von Max Frisch getrennt hatte); ums Eck hatte Isadora Duncan ihre Berliner Tanzschule eröffnet, Walter Benjamin verbrachte sowieso seine ganze «Berliner Kindheit» in und um den Grunewald. Das alles kann der Flaneur bequem erfahren, denn Berlin ist stolz auf seine Geschichte und die Persönlichkeiten, die sie geprägt haben. Makaber genug übrigens, dass gleich vor der Wallotstrasse (an der das Wissenschaftskolleg beheimatet ist) am Morgen des 24. Juni 1922 Walther Rathenau, der damalige Aussenminister der Weimarer Republik, im offenen Wagen erschossen wurde. Ein grosser Gedenkstein erinnert an diese brutale Tat. Jeden Tag ging man daran vorbei und dachte sich dieses und jenes. Vielleicht, wie wenig bedeutend der einzelne Mensch doch ist; ein kleines Rädchen im Lauf der Geschichte; ein Stäubchen zwischen Nichts und Nichts. Und wie wichtig es dennoch ist, an die grossen Lineaturen der Kulturgeschichte zu erinnern. Denn wir sind nicht die Ersten, und noch dürfen wir hoffen, nicht die Letzten zu sein. Item. Zurück in der Schweiz, lebte ich an der Zürcher Spiegelgasse. Dort habe ich mit Erstaunen beobachtet, wie viele mehrheitlich russische Touristen sich täglich ehrfürchtig vor dem kleinen Schild versammelten, das mitteilte, es habe hier einmal der grosse Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin gelebt. 1917 allerdings ist er im plombierten Wagen zurück nach Russland gefahren. Die Weltrevolution rief. Wieviel Gutes sie der Welt wirklich gebracht hat, wollen wir hier nicht diskutieren. Der Bürgerkrieg, der ab 1918 Russland spaltete, hat um die 10 Millionen Menschen das Leben gekostet.
Später bin ich um die 24 Kilometer limmatabwärts gezogen, in eine hübsche kleine Stadt, lauschig gelegen in einer Klus. Ein gnädiges Klima besonnt die umliegenden Weinberge, warmes Thermalwasser sprudelt hier frei und frank aus dem Boden, als ob die Stadt mit einer subterranen Nabelschnur ans Paradies angebunden wäre. Freilich leidet das Städtchen heute an einer eigenartigen Geschichtsvergessenheit (Martin Heidegger hat analog einmal von der Seinsvergessenheit gesprochen). Denn etwas vom wenigen, was definitiv nicht provinziell ist in diesem Paradiesflecken, ist die illustre Gästeschar, die vor Zeiten einen kosmopolitischen, ja verwegenen Hang in diesen Ort brachte; Anarchisten, Humanisten, Mäzeninnen, Revoluzzer und Philosophinnen (ich nenne nur Poggio Bracciolini, Michel de Montaigne, Michail Bakunin, Georg Herwegh, Emma Siegmund, verheiratete Herwegh). Heute dagegen brilliert das Städtchen mit gefühlten fortyseven Sommerbeizen; die Strassen und Plätze heissen wenig originell Badstrasse, Bäderstrasse, Bahnhofstrasse, Kirchplatz, Schulhausplatz etc.; also keine Place Michel de Montaigne, kein Emma-Herwegh-Weg, die auf die grosse kulturelle Vergangenheit hinweisen würden. Man wundert sich. Das Städtchen wirbt überdies mit grossen Plakaten an den Ausfallstrassen gen Bern und Zürich trotzig damit, eine «Kulturstadt» zu sein. Während aber, wie gesagt, der historisch höchst umstrittene Lenin in Zürich kulturell kräftig beworben wird, werden die grossen kosmopolitischen Figuren, die den Flecken am Limmatknie besuchten und mit bedeutenden Schriften beehrten, in einer komatösen kulturellen Nicht-Existenz gehalten, obwohl weder die Kulturabteilung noch das Standortmarketing (Eigenwerbung: «Smart City») personell unterdotiert sind.
Vielleicht war der grosse Humanist Michel de Montaigne einfach zu smart bzw. zu klug, als dass man sich heute in B**** noch an ihn erinnert und ihm eine Place Michel de Montaigne mitten im Bäderquartier gönnen würde? Immerhin: Montaigne (1533 bis 1592) ist der Philosoph, der dem unsicheren menschlichen Wesen, das in all seinem Tun doch immer nur «Versuche» macht und dauernd irren oder scheitern kann, mit seinen «Essais» weltliterarische Geltung gegeben hat. Wer sich durch den ganzen Goethe und meinetwegen durch alle Tweets des amerikanischen Noch-Präsidenten durchgelesen hat, sollte es vielleicht wieder mal mit den «Essais» probieren, deren denkerischer Reichtum für ein ganzes Lektüreleben ausreicht und in denen sich nicht wenige Einsichten finden, die auch in der aktuellen Weltpolitik taufrisch bleiben (etwa: «Auch auf dem höchsten Posten sitzt der Mensch doch nur auf seinem Hintern»). 1580 war der von Nierensteinen schwer geplagte Franzose auf eine Reise aufgebrochen, zu den berühmten Bädern und natürlich zu Pferd, auf dass die Steine beim Reiten durchgeschüttelt und durch das Thermalwasser abgehen würden. Wirklich gesundet ist Montaigne nicht. Aber das von dieser eineinhalbjährigen Reise (sie führte von Paris über Deutschland und die Schweiz nach Italien) erhaltene Reisetagebuch ist publiziert. Der bibliophil veranlagte Mensch greift also zur schönen Ausgabe, die 2002 im Berliner Eichborn-Verlag in der Übersetzung von Hans Stilett erschienen ist. Dort, ab Seite 44, findet sich ein Lob der Stadt B****, wie es ein spätmodernes Stadtmarketing kaum besser (und vor allem nicht glaubwürdiger) verfassen könnte. Montaigne berichtet von den Bädern als den «denkbar angenehmsten und zweckmässigsten», die «Unterkünfte sind grossartig». Und weiter, als ob es um ein Lob à la Wakkerpreis avant la lettre ginge: Die Stadt sei zwar «klein, aber sehr schön, denn nicht nur sind die Strassen breiter und offner als die unsern, die Plätze weiträumiger und fast alle Fensterfronten grosszügig verglast, sondern man folgt überdies dem Brauch, so gut wie alle Häuser aussen zu bemalen und mit Sinnsprüchen zu versehen, so dass sie einen höchst gefälligen Anblick bieten. Zudem gibt es keine Stadt, in der nicht zahlreiche Brunnen plätschern; sie sind an den Wegkreuzungen in kunstvoll bearbeiteten Holz- und Steinfassungen errichtet. Das lässt die Schweizer Städte weitaus hübscher aussehen als die in Frankreich.» Wer Damen zu begleiten habe, «die unbelästigt bleiben wollen», könne sie bedenkenlos nach B**** führen. Zudem sei der hiesige Volksstamm «sehr umgänglich» und die Einwohner könnten sogar mit Messer und Gabel essen. Ähnlich favorisierend (aber mit anderen Hintergründen) hatte sich schon im 15. Jahrhundert der grosse Humanist Poggio Bracciolini über das nämliche Städtchen geäussert.
Wenn man bedenkt, dass mit Montaigne und Poggio Bracciolini die kosmopolitischen Meisterdenker der Renaissance und des Humanismus einst in den engen Gassen auf- und abspazierten und heute niemand mehr an sie erinnert: was für eine Schande bzw. (für die Werbebranche) what a waste! Man kann sich vorstellen, was etwa die Zürcher Tourismusabteilung aus der nämlichen Situation herausschlagen würde: Eine Place Michel de Montaigne, eine Scaletta Poggio Bracciolini, einen Bakunin-Platz und sowieso: einen Emma Herwegh-Weg. – Kolonnen von Romanistinnen und Humanisten, ganze Russenströme und Vormärzpilger würden sich in Bewegung setzen, die Hotels und die Sommerbeizen füllen und abends Lesungen lauschen. Ja, man könnte, wenn man nur wollte. Vielleicht wird das Städtchen am Limmatknie doch einmal eine Place Michel de Montaigne haben? Courage! Es wäre die erste und einzige in der Schweiz. Jedenfalls – und mit Montaigne: «Dünkel entsteht nicht aus Mangel, sondern aus Überfluss.»
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Red.cm. Man beachte am 17. Januar 2022 den Beitrag von Christian Müller: «Der Schildbürgerstreich-Award 2021 geht an die Stadt Baden»
Am 17. Januar 2022 um 13.10 Uhr ist aus Baden folgende Gegendarstellung eingegangen:
GEGENDARSTELLUNG
Um 13.10 Uhr ist aus Baden folgende Gegendarstellung eingegangen:
In den Artikeln von Christian Müller und Ursula Pia Jauch heisst es, ich hätte gegen einen Artikel von Frau Jauch ein Veto eingelegt. Richtig ist: Ich habe sie gebeten, ihren Text auf 7000 Zeichen zu kürzen (entspricht mit Bildanteil beinahe einer ganzen Zeitungsseite). Eine Reaktion auf diese Bitte habe ich von Ursula Pia Jauch nicht erhalten. Weder die AZ noch ich erhielten die Gelegenheit, zum im Infosperber-Artikel gemachten Vorwurf Stellung zu beziehen.
Patrik Müller, Chefredaktor Zentralredaktion & Schweiz am Wochenende
Bemerkung der Redaktion: Ursula Pia Jauch hatte den von der Redaktion bestellten Artikel im Februar 2020 abgeliefert. Das Angebot des Chefredaktors, ihn abzudrucken, sofern er auf 7000 Zeichen gekürzt und stringenter werde, wurde der Autorin erst am 1. Dezember 2020 unterbreitet.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Frau Prof. Dr. Ursula Pia Jauch ist Professorin für Philosophie und Kulturgeschichte an der Universität Zürich.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.