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Vor 65 Jahren wurde Friedrich Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame» uraufgeführt. Was in dieser tragischen Komödie noch Aktuelles drinsteckt, zeigt das Berner Theater an der Effingerstrasse.
Die Handlung von Dürrenmatts Stück, das ihn berühmt machte, ist bekannt: Claire Zachanassian kehrt, steinreich geworden, in ihren Heimatort zurück: Güllen ist finanziell am Ende, seine Zukunft sieht düster aus. Die Güllener, vor allem die Geschäftemacher, die Fabrik- und Restaurantbesitzer, erwarten von der glamourösen «Jetsetterin» finanzielle Hilfe. Dabei blenden die Güllener aus, dass diese, die als junges Mädchen Kläri Wäscher geheissen hatte, vor Jahrzehnten geflohen war, weil ihr Liebster Alfred Ill damals nicht hatte anerkennen wollen, dass er der Vater des Kindes war, das Kläri erwartete. Er leugnete die Vaterschaft vor Gericht und kam durch, denn er hatte zwei «Zeugen» bestochen. Nun ist Claire zurück, aber nicht als gutwillige Wohltäterin, sondern um Rache zu nehmen: Güllen erhält eine Milliarde, wenn Alfred Ill zur Rechenschaft gezogen und mit dem Tode bestraft wird.
Wie geht ein kleines Theater mit diesem Stoff um? Immerhin bezieht Dürrenmatt die Güllener Dorfgemeinschaft in sein Drama ein – im Grunde ist ja die gesamte kleinbürgerliche, engstirnige Gesellschaft angeklagt. Am damaligen Ateliertheater, aus dem später gleichenorts das Theater an der Effingerstrasse hervorging, hatte Friedrich Dürrenmatt das Stück für diese kleine Bühne selbst bearbeitet und in der Spielzeit 1959/60 einstudiert.
Für die diesjährige Aufführung bearbeitete die Basler Dramatikerin Gornaya das Stück, indem sie die Handlung im wesentlichen auf die Beziehung zwischen Alfred Ill und Claire Zachanassian reduzierte, ohne die anderen Rollen total auszublenden. Dadurch reduziert sich die Zahl der Schauspielerinnen und Schauspieler auf vier Personen.
Von links nach rechts: Katharina Halus, Hannes Perkmann & Tobias Krüger. Im Hintergrund der Chor. Foto: © Severin Nowacki
Melanie Herbe als Claire Zachanassian spielt den kalten Racheengel, der die Gier der Güllener benutzt, um sich für das erlittene Unrecht in ihrer Jugend zu rächen. Ob sie nun als schwarze Eleganz – schön, aber unerbittlich – auftritt oder in der Mitte des Stücks als glänzend weisse Braut, da sie gerade ihren neunten Mann heiratet, immer erscheint sie unnahbar und gefühllos. Sie spielt eine Rolle, wie sie in das Vorstellungsvermögen der Kleinbürger passt: Als in der Welt vernetzte reiche Frau wird sie geachtet und man erhofft sich alles von ihr. – Als junges Mädchen, das sich nicht an den Kleinbürgermief gewöhnen wollte, war sie verachtet worden. Als Prostituierte wurde Klara von den Männern ausgenutzt, als Claire Zachanassian nutzt sie ihre Ehemänner aus um deren Reichtum willen.
Melanie Herbe & Hannes Perkmann. Foto: © Severin Nowacki
Hannes Perkmann verkörpert als Alfred Ill dessen wechselnde Gefühlslagen. Zunächst gibt er sich der Illusion hin, er könne bei der kommenden Gemeindeversammlung zum neuen Bürgermeister gewählt werden, er scheint im Dorf beliebt zu sein, er lässt sich blenden. Dann folgt der Absturz, stufenweise und schmerzhaft, dazwischen klammert er sich an Erinnerungen, sieht von seiner Liebesgeschichte mit Klara nur die schönen Momente. Es dauert lange, bis er merkt, dass den Güllener das Geld unendlich viel wichtiger ist als sein, Alfreds Leben.
Die Masken der Katharina Halus. Foto: © Severin Nowacki
Diese Inszenierung lebt von einer raffinierten Entscheidung: Alle anderen Figuren, die der Kürzung nicht zum Opfer fielen, werden von Katharina Halus und Tobias Krüger verkörpert. Die beiden müssen wir uns als Darstellende wechselnder Rollen vorstellen, als Lehrer, Pfarrer, Bürgermeister, Arzt, Polizist. Auch Alfreds Frau tritt auf: als kleines Püppchen. Zugleich bringen diese beiden das gesamte Kleinstädtchen auf die Bühne: Denn gleichsam als Chor werden im Hintergrund Stangen mit Fotos von Köpfen auf die Bühne geschoben, deren Münder auf- und zugeschoben werden können, so kann der Chor sprechen. – Für die Zuschauerin eine der überzeugendsten Regie-Ideen dieses Abends.
Möglich wurde dies durch die vielfältigen Kompetenzen von Katharina Halus. Sie ist nämlich nicht nur eine ausgezeichnete Schauspielerin, sondern erweitert durch ihre Ausbildung als Puppenspielerin die Möglichkeiten des Theaters. Regisseur Alexander Kratzer, Katharina Halus und Katia Bottegal, Fachfrau für Puppenbau und Kostüm, entwickelten gemeinsam den Einsatz von Puppen und Masken. Besonders eindrucksvoll wirkt die Maske des Bürgermeisters: Das Gesicht erinnert an Friedrich Dürrenmatt – eine kleine Hommage an ihn, ohne ihn auf diese Figur fixieren zu wollen?
Dem Lehrer – auch er eine Maske – gebührt die Rolle, die Gerechtigkeit als moralischen Wert hochzuhalten – aber hört ihm jemand zu? Hier geht es vielmehr darum, wie Massen sich beeinflussen lassen. Und wie Massen im Chor nachplappern, was gerade angesagt ist. Das muss uns zu denken geben. Dürrenmatt hat das schon vor Jahrzehnten geschrieben. Wir denken heute an die (sozialen) Medien, und wie Meinungen gemacht und verbreitet werden. Und wir denken auch an die Käuflichkeit der Politiker, an Bestechung, daran, wie leicht sich Menschen verführen lassen. Wie sehr sie sich vom Geld abhängig machen.
Melanie Herbe & Hannes Perkmann. Foto: © Severin Nowacki.
Ein Theaterbetrieb wie dieser hat, wer würde es anders erwarten, kein unbegrenztes Budget. So erstaunt es nicht, dass die Theaterleute auch selbst ihre Bühne ein- und ausräumen. Am Ende des Stück werden die verschiedenen Podeste und Quader aufgestellt und wir haben GÜLLEN vor uns. – Ein kleines Detail, das zeigt, wie sorgfältig hier Regie geführt wurde.
Das Stück bezeichnet Friedrich Dürrenmatt selbst als «tragische Komödie». Die Zuschauerin meint, an diesem Abend eine bittere Satire auf die Auswüchse der ungebremsten Konsum- und Wachstumsgesellschaft gesehen zu haben. Für Gerechtigkeit und Menschenwürde bleibt da wenig Platz.
Das Theater an der Effingerstrasse Bern führt «Der Besuch der alten Dame» bis 27. November 2021 auf.
Titelbild: Katharina Halus (mit Maske), Hannes Perkmann, Tobias Krüger (Maske) & Melanie Herbe. Foto: © Severin Nowacki