Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03589.jsonl.gz/226

Hitlers Zuwendungen (Schlechthin unwürdig)
Korruption auf hohem Niveau
(Von Winfried Vogel / 28.März 1997)
Mit hohen Dotationen in Reichsmark oder Immobilien versuchte Hitler, Feldmarschälle und Generäle der Wehrmacht zu korrumpieren. Einigen gelang es, noch mehr zu ergattern!
Ein weitgehend unbekanntes Kapitel in der Geschichte des Nazireiches sind die Dotationen, die Adolf Hitler als Führer des Grossdeutschen Reiches vorwiegend an Führungspersönlichkeiten verlieh. Wie die sicherlich nicht vollständigen Akten des Bundesarchivs ausweisen, wurden für die damalige Zeit gewaltige Summen als Geldgeschenk in Reichsmark oder als Immobilie Parteigenossen, Künstlern, Generälen und Feldmarschällen der Wehrmacht übereignet - natürlich steuer- und abgabenfrei.
Hitler nahm damit im nationalsozialistischen Volksstaat eine Tradition des absolutistischen Ständestaates wieder auf, die mit dem Ersten Weltkrieg eigentlich zu Ende gegangen war. Als Dotationen (von lateinisch dos = Mitgift, Geschenk, Gabe) werden Anerkennungen des Staates für besondere Dienste bezeichnet. Der Zweck war unzweideutig: Thron und Gefolgsmann sollten durch den materiellen Dank enger aneinander gebunden werden.
Schon Friedrich der Grosse machte von dieser Möglichkeit reichen Gebrauch auch Napoleon, Usurpator eines Throns, versuchte, seine Generäle und Marschälle durch reichliche Geldgeschenke an sich zu binden. So erhielt jeder Marschall für den Feldzug des Jahres 1809 gegen Österreich eine Million Franken.
In Preussen wurde die Vergabe von Dotationen nach den Freiheitskriegen 1812 bis 1815, in grossem Masse aber nach den Einigungskriegen 1864, 1866 und 1870 an Heerführer und Staatsmänner üblich. Allein aus den französischen Kriegskontributionen des Jahres 1871 wurden dafür vier Millionen Taler ausgegeben.
Ein Paradebeispiel für eine Serie von Dotationen ist der preussische Ministerpräsident und spätere Reichskanzler Otto von Bismarck.
Nach dem deutsch-dänischen Krieg 1864 erhebt ihn Wilhelm I. in den erblichen Grafenstand. Nach dem Sieg Preussens über Österreich 1866 wird Bismarck zum General ernannt und erhält eine Dotation von 400'000 Talern. Der König empfiehlt der Frau seines Ministerpräsidenten, damit Grundbesitz zu erwerben, "welcher mit dem Ruhm ihres Mannes und ihrer Familie dauernd erhalten bliebe". Bismarck kauft in Hinterpommern das Gut Varzin, 22'500 Morgen gross, inklusive fünf Dörfern. Nach dem deutsch-französischen Krieg wurde Graf Bismarck 1871 in den erblichen Fürstenstand erhoben und ihm der Dominalbesitz Schwarzenbek mit Sachsenwald im ehemaligen Herzogtum Lauenburg mit einer Grösse von 25'000 Morgen und einem Wert von einer dreiviertel Million Talern übertragen.
Während der Invalide sehen musste, wie er sich weiter durchs Leben schlug, und Bauern und Bürger die Kriegsschäden auf eigene Kosten zu reparieren hatten, wurden Minister und hohe Offiziere für ihre Kriegstaten grosszügig belohnt. Höchstens ein paar Sozialrevolutionäre kritisierten diesen Brauch, das Volk nahm ihn, wie vieles im Leben, als von Gott gefügt in Demut und Dankbarkeit an.
". . . schlechthin unwürdig"
Nach der Wahl des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten wurde schon in der Weimarer Republik das Denken in Kategorien des Ständestaates wieder "hoffähig". Der hochverehrte "Ersatzkaiser" empfing zu seinem 80. Geburtstag am 2. Oktober 1927 eine grosszügige Spende der deutschen Wirtschaft, die ihm ermöglichte, Gutsherr auf Gut Neudeck in Ostpreussen zu werden.
Bemühungen um die Befreiung des Gutes und seines Gutsherrn von Reichs- und Landessteuern folgten. Der Erfinder der Dolchstosslegende und Betreiber einer Restauration im Sinne der Hohenzollern wurde vom deutschen Steuerzahler belohnt.
Die erste grosse aufsehenerregende, aber von allgemeiner Zustimmung getragene Dotation des Nazireiches erhielt der andere Held des Ersten Weltkrieges, Generalfeldmarschall August von Mackensen.
Mit ihm betrieb die NS-Führung insbesondere nach dem Tode Hindenburgs 1934 einen öffentlichkeitswirksamen Kult. Am 10. März 1935 wurde entschieden, Mackensen das aus Beständen des preussischen Domänenbesitzes entnommene Gut Brüssow in der Uckermark zu übertragen. Es war fast 1250 Hektar gross, hatte rund 4'000 Morgen Nutzfläche, ein schönes Herrenhaus, drei Vorwerke, einen See von rund 300 Morgen, einen Wald von 150 Morgen, eine Belegschaft von rund 200 Personen.
Etwa seit 1938 begann sich die Dotationsspirale immer schneller zu drehen. Waren es zunächst kleine Mitarbeiter des Generalbauinspektors Albert Speer, die zwischen 500 und 1'000 Reichsmark Dotation erhielten, so sind es in den Jahren seit 1940 Reichsminister, Generalfeldmarschälle und Künstler, die zwischen 250'000 und über eine Million einstreichen durften. In den über 130 von mir festgestellten Einzelaktionen steigen die Höhe der Dotationen und der Rang des Empfängers stetig.
Hitler hat sich, wie man im Tagebuch seines Heeresadjutanten, Major Engel, nachlesen kann, über den Sinn der Dotationen offen geäussert: Die grosszügigen Geschenke der Könige und Cäsaren seien "eine ganz kluge Sache gewesen, denn je mehr man eine Heldentat und Leistung honoriere, umso mehr verpflichte man sich den Betreffenden und binde ihn, ganz unabhängig von dessen Einstellung, doch an seinen Eid und verpflichte ihn demjenigen gegenüber, dem er diese Ehrung zu verdanken habe".
Von seinen Offizieren verlangte er nicht, dass sie Nationalsozialisten seien, aber er forderte "von einem General und Offizier, dass er sich politisch völlig der Staatsführung unterordne und blindlings die Befehle ausführe, die die politische Führung von ihm verlange.
". . . schlechthin unwürdig"
Das würde jedem leichter fallen, auch gegen innere Überzeugung, wenn er entsprechende Ehrungen durch den Staatsführer erhalten habe und sich diesem dadurch von selbst und damit auch dem Staat gegenüber verpflichtet fühlen müsse". Mit dem letzten Satz ist deutlich: Verpflichtung, man kann auch bösartiger sagen: Korrumpierung der Eliten ist das erklärte Ziel.
Zuständig für die Bearbeitung von Dotationen war der Leiter der Reichskanzlei, Reichsminister Hans Heinrich Lammers. Der ehemalige preussische Beamte des Reichsinnenministeriums wurde engster juristischer Berater Hitlers. Ausgestattet mit fähigen Mitarbeitern, oblag es ihm, die Wünsche des Führers für eine Dotation zu erfüllen oder die Anregungen Dritter nach dessen Billigung zu exekutieren.
Alles erledigte die Bürokratie der Reichskanzlei mit Akribie und Bravour die preussische Staatsmaschine lief auch im "Dritten Reich" wie geschmiert weiter.
Besonders die Militärs wurden reichlich bedacht. Angesichts der Fülle und der Höhe der Dotationen fallen Beträge wie 38'000 Mark für ein Gemälde zum fünfzigjährigen Dienstjubiläum des Grossadmirals Raeder kaum auf. Feldmarschall Sperrles Gemälde kostet 90'000 Mark, die Generäle Hube und Hossbach erhalten 50'000 Mark als Geldgeschenk, SS-Oberstgruppenführer Sepp Dietrich 100'000 Mark, die Feldmarschälle Rundstedt, Milch, Keitel und Kluge, ebenso Grossadmiral Raeder 250'000 Mark, Generaloberst von Kleist 480'000.
Gerade die Generalität, die so viel Wert auf ihr preussisches Verständnis von Dienen, Ehre und Sauberkeit legte, konnte nicht ohne innere Befangenheit dem Führer und seinen Parteigrössen entgegentreten, wenn sie solche Geldbeträge entgegennahm. Degoutant - um nicht zu sagen skandalös - sind die Fälle der Dotationen an die Generalfeldmarschälle Leeb und Keitel und an Generaloberst Guderian. Denn hier wurden Dotationen nicht nur in Empfang genommen, sondern geradezu erschlichen oder, im Fall Guderian, "erobert".
Generalfeldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb, Jahrgang 1876, aus bayerischer Offiziersfamilie, geadelt für seine Tapferkeit im Ersten Weltkrieg, wurde im März 1938 von Hitler als Generaloberst verabschiedet, aber bald wieder reaktiviert. Der Frankreichfeldzug 1940 brachte ihm - wie elf anderen hohen Generälen - den Feldmarschallstab ein. Als im Russlandfeldzug der Angriff seiner Heeresgruppe Nord auf Leningrad scheiterte, seine Panzerverbände durch Abzug in andere Abschnitte geschwächt wurden und Eingriffe Hitlers und des Oberkommandos des Heeres seine Befehlsbefugnisse stark beeinträchtigten, bat er am 12. Januar 1942 um seinen Abschied. Ritter von Leeb war kein Nazi, er missbilligte den Bruch der belgischen und niederländischen Neutralität und stand der Führungskunst seines Oberbefehlshabers Hitler kritisch gegenüber.
Aber gerade dieser Offizier, dessen Ehrbegriffe noch in kaiserlichen und königlichen Zeiten wurzelten, ist ein Paradebeispiel für die Verführungskraft des Geldes. Am 5. September 1941 feierte man auf dem Gefechtsstand der Heeresgruppe Nord den 65. Geburtstag des Feldmarschalls. Um elf Uhr erschien der Adjutant des Führers, Oberst Schmundt, überbrachte dessen Glückwünsche sowie einen Scheck über 250'000 Mark. So steht es in den Tagebuchaufzeichnungen des Feldmarschalls, die Georg Meier vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt ediert hat. Der Scheck wurde diskret überreicht, wie das üblich war. Herausgeber Meier behauptet, das Geschenk habe den Generalfeldmarschall verwirrt und bestürzt. Woher er das hat, bleibt sein Geheimnis.
". . . schlechthin unwürdig"
Immerhin hat sich Leeb schon nach elf Tagen bei Reichsminister Lammers handschriftlich für die Steuerfreiheit des stattlichen Betrages bedankt.
Am 26. März 1943 schreibt Leeb einen "Bettelbrief" an Lammers: Zusätzlich zu seinem kleinen Anwesen in Solln bei München möchte er auch einen Besitz auf dem Lande haben, "um dort im Sommer einige Monate in Ruhe und fern von den täglich drohenden Fliegerangriffen verbringen zu können". Für den Landerwerb würde er gern die Dotation verwenden, und da er von Landwirtschaft nichts verstehe, wünsche er zu seinem einfachen Landhaus einen grösseren Wald. Der Feldmarschall schliesst mit der Bemerkung, "dass die Angelegenheit als vertraulich anzusehen ist, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung".
Lammers trägt im Mai das Problem dem "Führer" vor dieser beauftragt ihn, geeignete Schritte zu unternehmen. Und nun beginnen sich in München die Räder der Verwaltung zu drehen. Von Gauleiter Giessler bis zu einigen Oberforstämtern und landwirtschaftlichen Behörden bemüht man sich, ein geeignetes Objekt zu finden. Der Gauleiter möchte im Finanzrahmen von höchstens 300'000 Reichsmark bleiben, doch dafür gibt es kaum etwas Geeignetes, was dem Generalfeldmarschall gefällt. Bis Oktober waren Leeb etwa zwanzig Waldobjekte in Schwaben, Ober- und Niederbayern angeboten worden.
Der Generalfeldmarschall entschied sich schliesslich für ein Objekt von beträchtlicher Grösse im Bereich des Forstamtes Seestetten, westlich von Passau an der Donau. Wie Gauleiter Giessler dem "Führer" berichtete, sei diese Waldparzelle 211 Hektar gross und habe einen Schätzwert von mindestens 660'000 Mark. Hitler ist bereit, so die Aktennotiz der Reichskanzlei, "den die Bar-Dotation übersteigenden weiteren Betrag Ritter von Leeb als weitere Dotation zu bewilligen".
Ergebenst bedankt sich der Feldmarschall bei Reichsminister Lammers und am 23. November 1943 auch beim "Führer". Er schätze sich glücklich, schreibt er, "einen deutschen Wald besitzen zu dürfen, dessen pflegliche Behandlung ich mir besonders angelegen sein lassen werde". Er teilt Hitler auch mit, dass er mit heissem Herzen die schweren Kämpfe im Osten verfolge. Er habe den Eindruck, "dass die Angriffskraft der Sowjets sich doch abschwächen muss und für die Ostfront wieder eine Zeit der Festigung und Sammlung kommen wird".
Als sich die Angelegenheit des Grunderwerbs noch länger hinzieht, drängt Leeb in einem Brief vom 5. April 1944 wegen seines hohen Alters auf eine baldige Übereignung. Am 13. Juli 1944 schliesslich entscheidet Hitler grossherzig, dass die erste Dotation von 250'000 Mark nicht angerechnet werden solle, so dass insgesamt dem Feldmarschall rund 880'000 Mark zufliessen.
Die Urkunde für den Waldbesitz wird notariell am 28. August 1944 in Vilshofen hinterlegt. Zuvor hatte der Feldmarschall in einem handschriftlichen Brief vom 26. Juli 1944 Hitler herzlich für die grosszügige Überweisung gedankt: "Ich benutze die Gelegenheit, Ihnen für die wunderbare Errettung vor dem ruchlosen Anschlag meine tiefstgefühlten Glückwünsche auszusprechen. Sieg dem deutschen Heere. Heil Hitler! Leeb". Mit dem ruchlosen Anschlag ist das Attentat vom 20. Juli 1944 gemeint.
". . . schlechthin unwürdig"
Getreu seiner Devise "Nicht kleckern, sondern klotzen" betrieb auch der Panzergeneral Guderian seine eigene Dotation. Heinz Guderian, Jahrgang 1888, in Kulm (Chelmno) an der Weichsel geboren, war im "Dritten Reich" die bewegende Kraft beim Aufbau der Panzerverbände.
1940 in Frankreich, beim Stoss durch die Ardennen, schreibt der General Kriegsgeschichte, beim Überfall auf die Sowjetunion führt er die Panzergruppe, später 2. Panzerarmee, bis in den Raum Tula südlich von Moskau. Wegen Differenzen über die weitere Kriegführung wird er während der Winterschlacht vor Moskau 1941 entlassen, im Februar 1943 als Generalinspekteur der Panzertruppe wieder einberufen. Nach dem 20. Juli 1944 wurde er anstelle von General Zeitzler Chef des Generalstabs des Heeres. Ausserdem berief man ihn in den Ehrenhof des Heeres, der die am Attentat beteiligten Offiziere, insgesamt mehrere hundert, aus dem Heer ausstiess. Nach freimütigen Diskussionen mit Hitler über die Operation wurde er im März 1945 entlassen.
Mit einem Brief vom 30. Oktober 1942 teilt der Gauleiter und Reichsstatthalter im Reichsgau Wartheland, Arthur Greiser, dem Reichsminister Lammers mit, Generaloberst Guderian habe ihm erklärt, der "Führer" beabsichtige, ihm im deutschen Osten ein Gut zuzuweisen und er solle sich etwas Passendes aussuchen. "Er beabsichtige in der Heimat seiner Vorfahren wieder sesshaft zu werden und durch dieses grossmütige Geschenk des Führers sich im Warthegau anzusiedeln". Nach längerem Hin und Her - Guderian hatte weder Lammers noch andere Behörden informiert - beginnt im Frühjahr 1943 die Suche nach Grund und Boden.
Im Mai 1943 schreibt Gauleiter Greiser an Lammers einen deutlichen Brief: Er habe eine Liste von Betrieben aufstellen lassen, die mit einer gesunden Mischung von Wald und Landwirtschaft eine gute Bodenqualität böten. Doch sollte man einem Generalobersten als Dotation im deutschen Osten nicht mehr geben, als seinerzeit der "Führer" dem Feldmarschall von Mackensen in Pommern geschenkt habe: nämlich 4'300 Morgen.
Zwar habe Guderian mit seiner Frau und seinem Sohn zahlreiche Objekte besichtigt, aber dann ein ganz anderes Gut ausgesucht, das gar nicht auf der Liste stand. Dieser Besitz, Schöngarten geheissen, im Kreise Gostingen, war 7'000 Morgen gross und gefiel Frau Guderian wegen des Wohnhauses, das in kulturell und baulich gutem Zustand war, und wegen des schönen Parks. Der Gauleiter hatte, gedeckt durch die Zustimmung des Reichsführers SS Heinrich Himmler, die Hergabe dieses Betriebes abgelehnt. Die letzte Rücksprache mit Guderian sei im Übrigen "unliebsam" gewesen. Er habe ihm jetzt eine neue Liste mit zehn bis fünfzehn Betrieben ausgehändigt.
Greiser fragte Lammers, was man, wenn schon ein Generaloberst 7'000 Morgen erhielte, dann einem Feldmarschall als Dotation übereignen solle: "Wenn das so weiter geht, wird ein grosser Teil meines Gaugebietes bezüglich der landwirtschaftlich genutzten Fläche an Dotationsinhaber vergeben, die naturgemäss nicht den Ehrgeiz haben, hier zu wohnen und mit ihren Familien den Verdeutschungsprozess zu verstärken, sondern diese Dotation lediglich als Sommersitz und als Einnahmequelle betrachten werden".
Am 1. Juni 1943 wird der Sachverhalt Hitler vorgetragen. Die Akte trägt den Vermerk: "Der Führer stimmt der Auffassung des Reichsstatthalters Greiser grundsätzlich zu". Keitel und Himmler werden über die Meinung des "Führers" informiert. Der Reichsführer SS lässt mitteilen, er unterstütze die Ansicht des Gauleiters. Auf nicht ganz rekonstruierbaren Wegen betreibt der Generalinspekteur der Panzertruppen seine Dotation dennoch weiter. Dem Reichsleiter Martin Bormann, der gar nicht zuständig ist, teilt er am 15. Oktober 1943 mit, vor vier Tagen sei ihm das Gut Deipenhof im Kreis Hohensalza, Warthegau, als Dotation des Führers durch SS-Standartenführer Hübner aus Posen übergeben worden. Zweierlei möchte er noch wissen: 1. Ist Schenkungssteuer zu zahlen? 2. Wer macht das Gut dotationsfähig, das heisst, wer setzt es instand?
". . . schlechthin unwürdig"
Bormann schickt die Sache zu Lammers, und der erfährt von Gauleiter Greiser, dass es sich bei Deipenhof um eines der besten Ertragsgüter des Kreises Hohensalza handele, nämlich mit über 974 Hektar Äcker, Wiesen, Wald, Gärten, Park und Hof geschätzter Ertragswert (nicht Verkehrswert): 1'230'011 Mark vorgesehen für Um- und Neubauten etwa 43'000 Mark. Ein Mitarbeiter von Minister Lammers bezeichnete in einem Sachvermerk die Form, in der die Dotation ausgeführt wurde, "als schlechthin unwürdig".
Im Oktober 1944 muss Guderian, jetzt Generalstabschef, dem Feldmarschall von Manstein (der ebenfalls ein Gut im Osten sucht) zugeben, dass die ehedem polnischen Besitzer von Deipenhof schon nicht mehr dort gewesen seien, als er das Gut übernahm. Und wo sie abgeblieben seien, wisse er nicht.
Nicht weniger skandalös ist die Art, wie Feldmarschall Wilhelm Keitel seine Dotation von 250'000 Mark vermehrt hat. Keitel, nach Hitler oberster Soldat der Wehrmacht und später in Nürnberg wegen Kriegsverbrechen gehängt, teilt Minister Lammers Ende 1942 mit, er wolle mit dem Geld das väterliche Gut Helmscherode arrondieren.
Da er noch 50 000 Mark Eigenkapital habe, bitte er um Hilfe bei der Beschaffung geeigneter Waldstücke. Im Visier hat er einen Forst der Hannoverschen Klosterkammer, welcher der Oberförsterei Lamspringe gehört und an sein Gut grenzt. Da die amtlichen Schätzwerte höher sind, als Keitel meinte, muss er sich deutlicher äussern.
Nun wird klar, dass der OKW-Chef durchaus ein strategischer Kopf ist. Listig legt er zwei Entwürfe für Kaufverträge vor. Entwurf eins enthält die Grundstücke, die er zur Zeit, bei 50 000 Mark Eigenkapital, ankaufen könnte: insgesamt 173,8570 Hektar. Entwurf zwei enthält alle gewünschten Grundstücke (Gesamtgrösse 246,2880 Hektar. Als Preis dafür ermittelt Keitel 739'340,76 Mark. Bei der kleineren Fläche ist kein Preis angegeben. Keitel wusste, dass auf die Grossherzigkeit des "Führers" Verlass war. Dieser entscheidet am 13. Juli 1944, so lange zieht sich die Sache hin, dass der Waldbesitz nach Vertragsentwurf zwei zum Preise von 739'340,76 Mark dem Feldmarschall zu übertragen sei und die 1942 gewährte Bardotation von 250'000 Mark nicht in den Kaufpreis eingerechnet werden soll!
Trotzdem ist Keitel noch nicht zufrieden. Am 18. August 1944 beschwert er sich bei Lammers, der Landeskulturfonds in Hannover mache ihm immer neue Schwierigkeiten, um den Verkauf zu verzögern. In einem kühlen Antwortschreiben erklärt der zuständige Kultusminister Rust die Verzögerungen mit Kriegsfolgen: Das Personal der Forstmeisterei Lamspringe ist im Osteinsatz Dienstgebäude der Verwaltung Hannover sind durch Luftangriffe zerstört und alle Akten, auch der Keitelsche Kaufvorgang, verbrannt. Mit den überalterten Dienstkraftfahrzeugen käme man nur mühsam nach Lamspringe und sei deshalb auf zeitraubende Eisenbahnreisen angewiesen.
Nach zähem Schriftverkehr und Streit über Verzinsung des Kaufpreises und Verwaltungskostenzuschläge wird im Oktober 1944 der Kaufvertrag unter Dach und Fach gebracht. Der Feldmarschall, der auf den Schlachtfeldern keine Erfolge aufweisen kann, hat immerhin sein väterliches Gut (220 Hektar mit Forst) in grossem Stile auf Kosten des Volksvermögens erweitert.
". . . schlechthin unwürdig"
Die Höhe der Bar- und Sachdotationen allein in diesen drei Fällen sprengt auch bei wohlwollendster Betrachtung jeden Rahmen in einem Staat, der sich als ein Reich von Volksgenossen begriff und monatlich einen Eintopfsonntag als Symbol von Gleichheit und Bescheidenheit beging. Das schlechte Gewissen der Gebenden zeigte sich darin, dass die Aktionen meist geheim abliefen oder verschleiert wurden.
Das der Empfänger zeigt sich bis heute: In Memoiren werden die korrumpierenden Wohltaten verschwiegen, in Biographien nicht erwähnt oder beschönigt.
So hat mir der bayerische Staatsminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten auf die schlichte Frage, ob sich die als Dotation an Feldmarschall Ritter von Leeb dem Freistaat Bayern entzogenen grossen Waldungen in Niederbayern wieder im Staatsbesitz oder noch im Besitz der Familie Leeb befinden, nach sechs Wochen mitgeteilt, er habe 52 Jahre danach in seinem Haus darüber keine Unterlagen mehr. Dabei hätte ihm sein zuständiges Forstamt auf Anfrage sogleich bestätigt, dass die Forstflächen noch der Familie Leeb gehören.
Eine Bitte um Auskunft über das "arrondierte" Gut Keitels in Lamspringe ist noch in Bearbeitung. In den Nürnberger Prozessen wurde nur Schuld gesühnt. Bereicherung stand nicht in der Anklageschrift.
Die Bundesrepublik hat offensichtlich versäumt, hier korrigierend einzugreifen.
Eine unvollständige Liste:
- Reichsmarschall, Reichsluftfahrtminister, Beauftragter für den Vierjahresplan, Reichsjägermeister usw. Hermann Göring (6'000'000 Reichsmark in bar)
- die Nachkommen des preussischen Generaloberst Erich Ludendorff (Grundbesitz im Wert von 1'612'400 Reichsmark)
- Generalfeldmarschall Keitel (Agrarland und Bargeld im Wert von 1'014'331 Reichsmark)
- Generaloberst Heinz Guderian (ein Gut, den Deipenhof bei Kruschwitz) im Warthegau (Grundbesitz im Wert von 1'240'000 Reichsmark)
- Reichsaussenminister Joachim von Ribbentrop (1'000'000 Reichsmark in bar)
- der Leiter der Deutschen Arbeitsfront Robert Ley (1'000'000 Reichsmark in bar)
- Generalfeldmarschall Ritter von Leeb (Bargeld und Grundbesitz im Wert von insgesamt 880'000 Reichsmark)
- der Bildhauer Arno Breker (800'000 Reichsmark in bar)
- Generalfeldmarschall Günther von Kluge (250'000 Reichsmark in bar)
- 1944 erhielten die Nachkommen von Generalfeldmarschall Walther von Reichenau eine Dotation an Grundbesitz im Wert von 1,01 Millionen Reichsmark.
Adolf Hitler – Massenmörder und Multimillionär
(Von Wolf Stegemann)
|092_71/Berghof auf dem Obersalzberg, rund eine Milliarde Reichsmark flossen in das Anwesen||092_72/Hitlers Arbeitszimmer im Berghof, auf dem er rund ein Viertel seiner Amtszeit verbrachte|
|092_73/Der Speisesaal des Berghofs|