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Judith schreibt an einer religionswissenschaftlichen Dissertation. Sie will mit Rauchen aufhören. Deshalb will sie ihre Finger beschäftigen. Judith bewohnt in einem heruntergekommenen Haus in der Berner Altstadt eine Einzimmerwohnung. Ihre Nachbarn sind Junkies und Künstler. Die Gemeinschaftsdusche befindet sich im Keller. Dort suchen auch Obdachlose Zuflucht: «Sie kommen oft vom FU, was keine Abkürzung für [sic] geheimnisvolles Land ist, sondern fürsorgerische Unterbringung bedeutet, die maximal sechs Wochen dauert und dann wieder auf der Strasse endet.»
Dreiecksbeziehung
Bei Judith wohnt auch Abel. Er ist ihr Freund. Abel, so die Ich-Erzählerin, ist ein Nihilist. Er hat sein Studium nicht beendet, weil er von der Uni geschmissen worden ist. Aus Protest hat er kein anderes gewählt. Er scheint auch sonst nichts zu tun, als bei Judith in der Wohnung herumzuhängen und ab und zu mit ihr zu diskutieren. Im ganzen Buch bleibt unklar, woher er kommt und seit wann er bei Judith wohnt. Er scheint immer da zu sein. «Manchmal denke ich, dass auch ich nie von ihm loskommen werde», so wie Licht nie ohne Schatten ist, und Schatten ohne Licht nicht existiert. Trotzdem werden Judith und Abel «niemals ein Paar sein wie Salz und Pfeffer oder Tag und Nacht».
Irgendwann zieht auch Agnes ein. Auch bei ihr ist nicht klar, wann dies geschieht: «Ich überlege mir jetzt, wie sie überhaupt in mein Leben gekommen ist: Es war wie ein kleiner Einbruch in meine vier Wände.» Agnes ist eine junge Latina, die sich mit Autos auskennt und nachts über die Autobahn rennt, um sich zu berauschen. Sie lebt im Moment, denn sie muss sich ihr Leben immer wieder neu aufbauen. Denn Agnes leidet an Schizophrenie und muss regelmässig in die Klinik eingewiesen werden. Judith, Abel und Agnes beginnen eine Dreiecksbeziehung. «Na gut, machen wir freie Liebe», sagt Judith zu Abel.
Irritierende Brüche
Die Geschichte ist bruchstückhaft erzählt. Beim Lesen verschwindet die Zeit. Meist ist Sommer. Einzelne Episoden spielen im Winter oder Herbst. Doch ist nicht nachvollziehbar, wie lange die Menage à trois währt. Die Figuren bleiben unfassbar. So wie Agnes und Abel aufgetaucht sind, verschwinden sie: «Meine Wohnung ist leer und niemand ist da. (…) Es ist schwierig, festzustellen ob sie wirklich weg sind.»
«Das Oszillieren der Geschichte zwischen Amour fou und Wahnvorstellung macht die Qualität des Buches aus.»
Naomi Jones
Für die Dauer einer Episode wechselt die Erzählperspektive von der Ich-Erzählerin Judith in eine auktoriale Position, in der Judith eine der drei Figuren ist. Beim Lesen ist dieser Perspektivenwechsel verwirrend. Doch taucht hier zum ersten Mal die Vermutung auf, dass der Roman keine gewöhnliche Dreiecksbeziehung schildert, sondern eine multiple Persönlichkeit. Judith, Abel und Agnes, die gemeinsam in einer Einzimmerwohnung leben, sind in Wirklichkeit eine Person.
Nicht Agnes ist wahnsinnig, sondern Judith: «Ich bin die Realität in Agnes [sic] Leben. Ich bin das, was man fix berühren kann und noch da ist, wenn die Medikamente sie bereits wieder aus der Psychose herausgebrochen haben.» Judith ist die ursprüngliche Persönlichkeit der Ich-Erzählerin. Judith ist die Identität der Ich-Erzählerin, wenn sie ihre Medikamente genommen hat. Agnes ist der lebensfrohe und zugleich kranke Aspekt ihrer Persönlichkeit, Abel der traurige und liebeshungrige.
Distanzierte Figuren
«Flieger stören Langschläfer» ist kein einfaches Buch. Oberflächlich liest es sich leicht. Doch irritieren die ständigen Brüche. Die Figuren bleiben seltsam flach und distanziert, obwohl von Leidenschaft und Liebe die Rede ist. Weder das besonders Reizvolle, noch das Schwierige einer Dreiecksbeziehung lässt sich im Lesen des Textes miterleben und erfahren.
Erst beim zweiten Lesen schliessen sich die Lücken. Das Oszillieren der Geschichte zwischen Amour fou und Wahnvorstellung ist faszinierend und macht die Qualität des Buches aus. Schade nur, dass es schlecht lektoriert wurde. Der Tippfehler im letzten Satz ist eine von mehreren sprachlichen Unsauberkeiten wie Fallfehler oder missglückte Metaphern.