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Datierung
1941
Bildmasse
21 x 27 cm
Technik/Material
Holzschnitt
Nennung
Sammlung Museum Haus Konstruktiv
Schenkung der Sammlung Rolf und Friedel Gutmann
Inv.-Nr.
SK08084
L'angle d'incidance = l'angle de réflexion
Universelles Denken prägt das bildnerische Unterfangen, mit dem der Belgier Georges Vantongerloo (1886, Antwerpen, BE – 1965, Paris, FR) seinen Rang als visionärer Akteur der geometrisch-konstruktiven Avantgarde begründete. Im Frühwerk noch der Figuration verhaftet, begann er 1917 in Holland nach der Lektüre mathematisch-philosophischer Schriften den Raum als expansiv-integrative Grösse höherer Ordnung zu erforschen, wofür er seine Mittel rigoros reduzierte. Mit neuartigen Plastiken, den «Constructions dans la sphère», trat er in Austausch mit Theo van Doesburg und wurde Mitunterzeichner des ersten Manifests von De Stijl. In Brüssel (1918–1920) und Menton (1920–1927) entwickelte er den neoplastizistischen Ansatz anhand von nunmehr orthogonal organisierten «Rapports de volumes» weiter und übertrug die gewonnenen Einsichten – gestützt auf die noch junge nicht-euklidische Geometrie, die die Idee sich treffender Parallelen nicht mehr verwarf – auch auf Gebrauchsobjekte und imposante Architektur.
1928, im Jahr seiner Übersiedlung nach Paris, wo er bald schon führend für die Künstlervereinigungen Cercle et Carré und Abstraction-Création eintrat, begann Vantongerloo die mathematischen Prämissen seiner Kunst auch durch den Einschluss von Formeln in die Bildtitel zu betonen. Zugleich weitete er sein Bezugsfeld von Quadraten, Kreisen und Ellipsen auf Parabeln und Hyperbeln aus und bekräftigte damit sein tief reichendes Interesse am grenzenlosen Raum. Zu diesen Arbeiten, die den zweiten grossen Werkblock des reifen Schaffens bilden, zählt auch die 1931 datierte, nur scheinbar intuitiv angelegte Gouache mit dem roten, gelben und grünen Akzent (SK08027), die 2007 mitsamt einer zugehörigen Studie (SK08028) und zwei weiteren Arbeiten des Künstlers als Teil der umfangreichen Schenkung von Rolf und Friedel Gutmann ihren Weg in die Sammlung des Museum Haus Konstruktiv fand. Die zum Titel erhobene Formel beschreibt im Zähler eine quadratische Funktion, deren Graph, angezeigt durch das negative Vorzeichen, parabelförmig nach unten weist und bezüglich seiner Weite sowie in seiner horizontalen und vertikalen Verortung über die Parameter a, b und c dreifach bestimmt ist. Den Nenner besetzt die Ableitung oder Tangentengleichung derselben Funktion, was den Quotienten zu einem wichtigen Wert bei der Suche nach der Nullstelle der Parabel im Newton-Verfahren macht, welcher seinerseits wiederum Graphen in Hyperbelform generiert. Auf dieser optionsreichen Grundlage definierte Vantongerloo die Eckpunkte des flächigen Gebildes. Zudem erzeugte er nach der gleichen Methode eine einheitlich hellgrau bemalte Holzskulptur identischen Titels (GV 69), die das Interagieren verschiedener «groupes» im Raum visualisiert.
1937 wurde die Bedeutung der dynamischen Kurve für Vantongerloos Werkkonzeption auch formal direkt ablesbar, als geschwungene Elemente das rechtwinklige De Stijl-Prinzip ablösten. Von dieser Wendung, die im Kosmos-Bezug des Spätwerks ihre Fortsetzung fand, spricht auch L’angle d’incidence = l’angle de réflexion (1942). Wie der Titel besagt, thematisiert die Komposition die Übereinstimmung von Einfalls- und Austrittswinkel laut Reflexionsgesetz in der Optik. Im schwarz-weissen Holzschnitt (SK08084) sowie in einer farbigen Ölfassung (GV 162) samt zugehöriger Studie geschieht dies in radikal auslassender, zergliedernder Form. Drei weitere Studien zeigen jedoch ein reges Hin und Her von Bogenlinien, die die vermeintlich isolierten Bildelemente räumlich zueinander in Relation setzen und dabei sphärisch gewölbte Schalen umschreiben. Wenn auch vorderhand erst implizit, so steht die Werkgruppe also für einen Einbezug des Lichts als weitere, wichtige Komponente, mit der sich das energieerfüllte Verhältnis von Raum, Materie, Bewegung und Zeit erkunden liess – nicht nur wissenschaftlich-rational, sondern auch nach dem freieren Bemessen einer nach Harmonie strebenden Kunst.
Astrid Näff