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«Anne Cuneo war eine Kämpferin für die Sache der Literatur, die Rechte der Autoren, die Rechte der Frau», sagt Literaturkritikerin Marion Graf. «Die Schweiz verliert mit ihrem Tod eine produktive, unermüdliche Autorin, die fast jedes Jahr ein dickes Buch veröffentlicht hat.»
Die 1936 in Paris geborene Cuneo wuchs zunächst in Italien auf. Nach dem Krieg kam sie als Elfjährige nach Lausanne. Später lebte sie in Zürich. Ab 1973 arbeitete sie als Assistentin, Drehbuchautorin, Regisseurin und Journalisten für das Westschweizer Fernsehen, später auch für das Deutschschweizer Fernsehen.
Kosmopolitische Vergangenheit
Cuneo widmete ihr ganzes Leben dem Schreiben in seinen verschiedensten Formen: Autobiografien, Gedichte, Theater, Journalismus – Cuneo beherrschte die verschiedensten Genres. Sie war sehr aufmerksam gegenüber den Ereignissen ihrer Gegenwart – ein Interesse, das sie im Journalismus ausgelebt hat. «Doch auch in ihren Romanen hat sie sich konsequenterweise engagiert für randständige Figuren, für Künstler, für Migranten: Das ist ein gemeinsamer Nenner zwischen all ihren verschiedenen Aktivitäten», so Graf.
In ihrer zweibändigen Autobiografie «Portrait der Autorin als gewöhnliche Frau» (1980 und 1982) setzte sich Cuneo mit ihrer kosmopolitischen Vergangenheit auseinander – sie schrieb über Themen, die sie in ihren späteren historischen Romanen zusehends bearbeitet und fiktionalisiert hat.
Literatur für viele Leser
Cuneo war vom Surrealismus fasziniert, ebenso von den grossen amerikanischen Erzählern wie Hemingway, Faulkner, Steinbeck. «Sie glaubte an die grosse Form, der Roman war ihr Haus», so Graf. Sprachlich hingegen schlug sie eine andere Richtung ein. «Cuneo wollte verstanden werden: Ihre Bücher sind direkt geschrieben, es ist Literatur für sehr viele Leser.»
Die Waadtländerin mit italienischen Wurzeln war die meistgelesene Autorin der Westschweiz. Ihre Bücher wurden aber auch auf Deutsch und in andere Sprachen übersetzt. Cuneo erhielt zahlreiche Preise, unter anderem den Schiller-Preis für ihr Gesamtwerk sowie den Grossen Kulturpreis des Kantons Waadt. Auch mit dem französischen Nationalverdienstorden wurde sie ausgezeichnet.
Eine Hommage ans Zürcher Schauspielhaus
Für den 1993 erschienen Roman «Trajet d'une rivière» («Der Lauf des Flusses») wurde Cuneo mit dem Literaturpreis «Madame Europe» und dem Prix des Auditeurs des Westschweizer Radios geehrt. Zu ihren wichtigsten Werken gehören «Eine Messerspitze Blau», «Station Victoria», «Vor Tau und Tag», «Die Zeit der weissen Wölfe» und «Hotel Venus». Um die Jahrtausendwende befasste sich Anne Cuneo mehrheitlich mit dem Krimi – ein Genre, in dem sie ebenfalls sehr produktiv war.
Ihr jüngster Roman ist zugleich auch das wichtigste Zeugnis aus ihrer Zürcher Zeit und eine Hommage an das Zürcher Schauspielhaus: Der Roman «La tempete des heures» («Schon geht der Wald in Flammen auf»), eine Fiktion, die 1914 stattfindet und anhand erfundener und realer Figuren aufzeigt, wie das Schauspielhaus Zufluchtsort für jüdische Schauspieler und Regisseure wird.