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Anmerkungen zu den zwölf Büchern des Quintus Curtius
Einführung: Lucie Claire (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 10.02.2023.
Entstehungsdatum: terminus ad quem 1555 (dieses Jahr ist am Ende des Widmungsbriefs der Annotationes genannt).
Ausgaben: Quinti Curtii de gestis Alexandri Magni libri XII. Quorum, qui temporis iniuria interciderant, duo priores, ex Arriano, Diodoro, Iustino aliisque probatissimis authoribus restituti: lacunaeque hinc inde repletae: duo vero posteriores Henrici Glareani studio distincti. Ita ut Curtius antea mancus octoque saltem libris cognitus, nunc integer dici possit. Quibus Alexandri Magni vitam praeposuimus. Praeterea adiecimus Alexandri ad Aristotelem de Indiae situ, populis et belluis Epistolam. Item Erasmi Roterodami Annotationes: et Elegantiarum flores Hulderichi Hutteni in Curtium. Postremo Henrici Glareani Annotationes, nunc primum in lucem editae, adiectae sunt. Cum locupletissimo rerum verborumque Indice, Basel, Heinrich Petri, 1556, fol. AA6r°-v° und DD8r°-v°; Quinti Curtii de gestis Alexandri Magni libri XII. Quorum, qui temporis iniuria interciderant, duo priores, ex Arriano, Diodoro, Iustino aliisque probatissimis authoribus restituti: lacunaeque hinc inde repletae: duo vero posteriores Henrici Glareani studio distincti. Ita ut Curtius antea mancus octoque saltem libris cognitus, nunc integer dici possit. Quibus Alexandri Magni vitam praeposuimus. Adiecimus praeterea Alexandri ad Aristotelem de Indiae situ, populis et belluis Epistolam. Item Erasmi Roterodami Annotationes: et Elegantiarum flores Hulderichi Hutteni in Quintum Curtium: una cum Henrici Glareani in libris XII Curtii Annotationibus elaboratis, nunc primum in lucem editis. Postremo accessit iam pridem Gnomologia ex XII libris Quinti Curtii, cura et studio Nicolai Hoenigeri Franci collecta: et Index rerum verborumque locupletissimus, Basel, Heinrich Petri, März 1575, fol. AA5r°-v° und DD5v°.
1556 verliess ein dem Quintus Curtius gewidmeter dicker Oktavband die Druckerwerkstatt des Heinrich Petri; er war das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen dem Basler Buchdrucker und Glarean. Er enthält in seinem hinteren Teil insbesondere Annotationes Glareans, die den Text des Alexanderhistorikers erläutern sollen. Diese Publikation ist Teil einer dem Quintus Curtius wohl gewogenen Bewegung von europäischem Ausmass; dieser Autor genoss beim Lesepublikum der Renaissancezeit eine grosse Popularität. Man kann zwischen 1471, dem Jahr der venezianischen editio princeps der Historien, und dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts mehr als hundert lateinische Ausgaben zählen.
Die Kommentatoren legten für Quintus Curtius allerdings weniger Eifer an den Tag als die Herausgeber. Zwischen der editio princeps und den ersten Kommentaren liegt ein Zeitraum von fünfzig Jahren: 1518 liess Erasmus in Strassburg Annotationes erscheinen, und 1528 erschienen, ebenfalls in Strassburg, posthum die dem Sallust und dem Quintus Curtius gewidmeten Flores des Ulrich von Hutten. Diese beiden Arbeiten beschränken sich auf das sprachliche Gebiet, ohne andere Wissensfelder zu erforschen. Es war Glarean vorbehalten, mit seinen 202 Annotationes den Quintus Curtius-Kommentaren einen grösseren thematischen Umfang zu verleihen.
Dass Glarean sich mit dem alexandrinischen Schriftsteller beschäftigte, erklärt sich nicht nur durch ein Verlangen danach, den Text des Quintus Curtius wiederherzustellen; aller Wahrscheinlichkeit nach wurzelt er in der Vorliebe des Humanisten für die antiken Historiker, die seine Arbeiten über Livius, Dionysios von Halikanassos, Caesar, Sallust, Valerius Maximus, Sueton und Justin bezeugen. Das Werk des Quintus Curtius bietet ausserdem eine ausgezeichnete Gelegenheit, um zwei Leidenschaften Glareans zum Ausdruck zu bringen: Chronologie und Geographie, die in den Historien ein anregendes Anwendungsfeld finden und innovativer sind als die blosse Wiederherstellung des Textes. Die zwei hier präsentierten Auszüge aus den Annotationes bezeugen dies.
Der erste Auszug, das «Kritische Urteil Glareans über die Bucheinteilung bei Quintus Curtius», ist ein Vorspiel zu den Annotationes. Der Humanist verteidigt hier seine Neuordnung der Historien: Der traditionellen Einteilung in zehn Bücher stellt er eine annalistische Struktur in zwölf Büchern gegenüber, wobei er sich auf die Autorität der Griechen Arrian und Didodorus Siculus stützt, die er zu Vorbildern des römischen Historikers erklärt. Nach Glarean hätte auch Quintus Curtius danach gestrebt, die Länge seiner Bücher einheitlich zu gestalten, was ihn dazu geführt habe, den Bericht über Ereignisse am Ende eines Jahres an den Anfang des folgenden Buches zu verschieben, so wie der Autor es selbst am Anfang des fünften Buches der Historien (des sechsten Buches bei Glarean) darlegt, wenn er die Konsequenzen der Schlacht von Gaugamela schildert, von der er im vorherigen Buch erzählt hatte (Buch 4 endet mit der berühmten Schlacht am 1. Oktober 331, während Buch 5 mit den Ereignissen der letzten Monate desselben Jahres beginnt). Aufgrund dieser Prinzipien zerschneidet Glarean Buch 4 (in der aktuellen Zählung) in zwei Teile, weil es zweimal so umfangreich ist wie die anderen und die Ereignisse von zwei Jahren Alexanderherrschaft umfasst. In der gleichen Weise geht er mit Buch 10 (in der aktuellen Zählung) um, das wegen drei bedeutsamen Lakunen am Ende der Kapitel 1, 3 und 4 sehr verstümmelt und verkürzt überliefert ist. Die anderen Bücher erfahren keine Modifikation; nur ihre Nummerierung verändert sich automatisch.
So verführerisch sie auch ist, so hält Glareans Neuordnung einer kritischen Analyse nicht stand. Selbst wenn Unsicherheiten bleiben, laden zahlreiche Tatsachen dazu ein, die Abfassung der Historien des Quintus Curtius in die zweite Hälfte des 1. Jh. n. Chr. zu setzen; ein Einfluss Arrians (um 89 bis nach 166) scheint sich demgemäss ausschliessen zu lassen. Was Diodorus Siculus angeht (1. Jh. v. Chr.) angeht, so ist bekannt, wie willkürlich er in chronologischer Hinsicht mit Fakten umgeht. Der Grieche beschränkt in seiner Historischen Bibliothek die Ereignisse der Alexanderherrschaft auf eine Dauer von zwölf Archontenjahren (335-334 v. Chr. bis 324-323 v. Chr.). Indem er den Beginn der Herrschaft des Makedonen mit einem neuen Archontenjahr zusammenfallen lässt (Juli 335), während Philipp schon im Sommer 336 ermordet worden war, schafft Diodor «un retard initial d’environ neuf mois entre la date réelle des événements et celle [qu’il] leur assigne» [«eine anfängliche Verzögerung von ungefähr neun Monaten zwischen dem realen Datum der Ereignisse und dem Datum, das er ihnen zuschreibt»], eine Verspätung, die er schrittweise aufholt, um Alexander der historischen Wahrheit gemäss im Juni 323 v. Chr. sterben lassen zu können. Ein weiterer fragiler Punkt in Glareans Überlegungen: Nichts beweist, dass Quintus Curtius die Historische Bibliothek Diodors gekannt hat. Allenfalls kann man die Existenz einer oder mehrerer gemeinsamer verlorener Quellen für die beiden Historiker annehmen. Im Übrigen bringt Quintus Curtius zumindest in den erhaltenen Büchern nicht zum Ausdruck, dass er die Intention hat, den Grundsätzen der Annalistik, einem bei den antiken Historikern häufigen Kompositionsprinzip, zu folgen. Die zu Beginn des V. Buches geäusserten Vorsätze unterstreichen nur eine Spannung zwischen seinem Willen, sich an die chronologische Reihenfolge der Ereignisse zu halten, und seiner Absicht, seine Erzählung thematisch zu gliedern. Schliesslich sprechen die incipit- und explicit-Formeln in den vor allem mittelalterlichen Textzeugen der Historien dafür, eine Gliederung in zehn Bücher anzunehmen.
Die Hypothese einer Aufteilung in zwölf Bücher erweckt den Stolz ihres Urhebers, wie der polemische und grosssprecherische Tonfall des Schlussparagraphen des «Kritischen Urteils» ebenso zeigt wie der Nachdruck, den er auf der Titelseite auf dieses Thema legt. Sie stammt unzweifelhaft nicht nur aus der Lektüre des Diodorus Siculus, sondern mehr noch aus der persönlichen Faszination Glareans für diese Zahl, die so harmonisch ist, dass sie bei der Komposition antiker Epen eine Rolle spielt (die Ilias und die Odyssee umfassen jeweils vierundzwanzig, die Aeneis zwölf Gesänge). Der Humanist hat ihr schon in seiner im Dodekachordon von 1547 dargelegten Musiktheorie einen besonderen Platz zugewiesen, oder auch in seiner Studie zu Gewichten und Massen, die er 1550 in De asse präsentierte, wo er die Idee verteidigte, dass jede Einheit an ein Prinzip von zwölf Teilungen rückgebunden sei. Keiner der Herausgeber oder Kommentatoren des Quintus Curtius nach Glarean griff diese Aufteilung auf, die noch das Interesse des Jesuiten Matthaeus Rader erweckte: Letzterer erwähnt sie in dem Widmungsbrief zu seiner wichtigen Ausgabe des Quintus Curtius (Köln, Johann Kinckius, 1628); er nennt aber nicht den Namen des Schweizers und begnügt sich damit, die Möglichkeit einer Gliederung der Historien in zwölf Bücher festzustellen.
Der zweite Auszug, Anmerkung Nr. 92, illustriert die Art und Weise, in der Glarean seine geographischen Kenntnisse bei seiner Lektüre des Quintus Curtius fruchtbar macht. Die Anmerkung bezieht sich auf das Lemma Duo terrae eius velut brachia excurrunt media («Mitten in diesem Land brechen gleichsam zwei Arme hervor») in 6,4,16 (Buch 7 bei Glarean). In Editionen der Gegenwart hat diese Passage eine andere Interpunktion; sie ziehen media in den folgenden Satz des lateinischen Texts. Die Passage spielt in dem Moment, in dem Alexander und seine Soldaten 330 v. Chr., nachdem sie das Parthien durchquert hatten, Hyrkanien erreichten, eine Region südöstlich des Kaspischen Meeres, die grosso modo der Ebene von Gorgan im Iran entspricht. Quintus Curtius verstärkt die Spannung in seinem Bericht über das Vorrücken des makedonischen Eroberers, indem er einen kurzen geographischen Exkurs zu Hyrkanien und dem Kaspischen Meer einschaltet. Es ist der zweite Satz dieser geographischen Beschreibung, der das Interesse Glareans erweckt.
Der Humanist zeigt keine Nachsicht für den römischen Historiker, dem er nacheinander zwei Vorwürfe macht: seine schlechte Kenntnis der Grenzen Hyrkaniens und der Völker, die darin leben. Von seinem Urteilsvermögen überzeugt, unternimmt es Glarean, das von Quintus Curtius mitgeteilte geographische Wissen zu verbessern. Es ist interessant, dass das Analyseraster des Schweizers zwischen der Mythologie, antiken Quellen (besonders den Griechen Strabon und Ptolemaios) und einem aktualisierenden Vorgehen schwankt, vor allem, was den Gebrauch von Toponymen angeht; so leben die Amazonen entlang der Wolga und im Moschischen Gebirge. Das offensichtliche Paradox, das antike Kenntnisse und moderne Erfahrung miteinander verbindet, kehrt bei den Geographen der Renaissance immer wieder.
Im Übrigen scheint Glarean seine Annotationes für eben diese Geographen verfasst zu haben: Der Ausdruck «geographischer Experte» (peritus geographiae) kehrt mehrfach wieder, und die Trockenheit bestimmter Erörterungen muss Leser, die in dieser Disziplin nicht versiert sind, wohl entmutigen.
Die Anmerkung Nr. 92 bekräftigt ausserdem die Konzeption Glareans, dergemäss die Geographie eine wertvolle Ressource für den Philologen darstellt: Ihre Beherrschung bietet günstige Voraussetzungen für die Wiederherstellung antiker Texte. Aufgrund seiner gelehrten Kenntnis der Völker der Kaspischen Meerregion schlägt Glarean vor, die Passage der Geographie des Ptolemaios zu verbessern, auf die er sich in seiner Diskussion des Quintus Curtius bezieht; er zieht den Namen Turci dem der Tusci vor, der ihm normalerweise begegnet. Seine Konjektur wird von den modernen Herausgebern der Geographie nicht aufgegriffen, die an der Lesart Τοῦσκοι festhalten.
Die Ausführungen enden etwas abrupt in dem Moment, als sie die Frage nach dem Umfang des Moskowiterreiches berühren; Glarean nennt als Grund dafür die Beschränkungen, die ihm die Gattung der Annotationes auferlegt, der er die Commentarii gegenüberstellt. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Bezeichnungen oder Kategorien der humanistischen Exegese ist bei Glarean nichts Neues; er hatte sie schon 1532 formuliert: Im Vorwort zu seinen dem Dionys von Halikarnassos gewidmeten Annotationes (Basel, Froben, 1532), konstatiert Glarean, dass Commentarii und Annotationes aus einer ganz verschiedenen Perspektive heraus verfasst sind – um so mehr, was ihre Länge angeht; während die erstgenannten den intellektuellen Qualitäten ihres Autors dienen, werden letztere im Interesse des Lesers verfasst.
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