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|*Schiller, *Dante und der Anfang von *Faust II - eine Vermutung

Für Michael - ad multos annos.
Martin Stern
Als *Goethe den so stark an schweizerische Landschaften erinnernden Eingangsmonolog des vom "Heilschlaf" erwachten *Faust komponierte, war *Schiller seit mehr als einem Vierteljahrhundert tot. Aber ist es deswegen abwegig zu vermuten, dass nicht nur das titellose Gedicht "Im ernsten Beinhaus wars", sondern auch dieser Monolog (Der Tragödie zweiter Teil, V. 4679-4727) eine geheime Fortführung des Gesprächs zwischen dem Autor und dem verstorbenen *Freund war? Es gibt dafür nur Indizien, aber sie scheinen mir gewichtig genug, und sie sind m.W. in der Goetheforschung noch nie zusammengestellt worden.
Die Hauptstütze für meine Vermutung sind Form und Aussage von Goethes philosophischem Lehrgedicht "Im ernsten Beinhaus wars". Riemer und Eckermann gaben 1833 in den Nachgelassenen Werken dem Gedicht die Überschrift "Bei Betrachtung von Schillers Schädel"; bei E. v. Hellen in der Jubiläums-Ausgabe steht es unter dem Titel "Schillers Reliquien" (ein Zitat aus einem Brief Goethes an Zelter); in der Weimarer Ausgabe findet man es titellos im Abschnitt "Gott und Welt" und in der neuen Münchener Ausgabe ebenfalls titellos am Ende der Wanderjahre. So hatte es Goethe nämlich 1829 ein einziges Mal selbst veröffentlicht. Dieses bekenntnishafte Gedicht entstand aber nicht nur in zeitlicher Nähe zu den erwähnten Faust-Versen, sondern benützt wie diese auch die feierliche "Endlosform" aba bcb cdc etc. der Terzine, die in Goethes gesamtem Werk - sonst nicht mehr vorkommt.
Doch nun zuerst ein Wort zur Entstehung des Gedichts: Das wie der Faust-Monolog mit einer Gnome endende "Im ernsten Beinhaus wars", das Schillers Namen nicht nennt, entstand laut Handschrift am 25. September 1826; und am 26. meldet das Tagebuch: "die Terzinen abgeschrieben". Am 29. September äusserte der Autor gegenüber Kanzler von Müller: "Terzinen müssen immer einen grossen reichen Stoff zur Unterlage haben, wenn sie gefallen sollen."
Wie Goethe zu dieser Überzeugung gelangte, ist aus seinen Lektürenotizen zu erschliessen: Er hatte kurz zuvor Teile der neuen *Dante-Übertragung von Streckfuss studiert, die er später auch rezensierte; und die Divina Commedia war ja nun eindeutig ein "grosser reicher Stoff". Die Wiederbegegnung mit ihr blieb auf den deutschen Dichter nicht ohne Wirkung. Goethe übernahm, wie angedeutet, Dantes Vers für zwei wenig später entstandene Texte. Und das könnte uns doch die Frage nahelegen, ob diese zwei Texte in Terzinenform nicht noch anderes miteinander und mit Dante verband.
Der eigentliche Anlass für das Lehrgedicht Goethes war nicht seine Dante-Lektüre, sondern ein lokalgeschichtliches Ereignis: Schiller war 1805 in einen einfachen Tannensarg gebettet und im sogenannten Kassengewölbe des Jacobi-Friedhofs zu Weimar beigesetzt worden. Dieses Gewölbe war 1826 überfüllt und die Särge am Zerfallen. Der Weimarer Bürgermeister persönlich machte mit Hilfe des Totengräbers Schillers Sarg ausfindig, und ihr Fund wurde durch ein phrenologisches Gutachten zweier Ärzte bestätigt. Am 17. September 1826 wurde daraufhin Schillers Schädel in Anwesenheit von dessen Sohn Ernst in die Herzogliche Bibliothek überführt und im Sockel von Danneckers Schiller-Büste vorläufig untergebracht. Goethe liess sich dabei durch seinen Sohn vertreten, doch kam der Schädel wenig später in sein Haus am Frauenplan, wo er durch einen Chirurgen und den Bibliothekar noch fachgerecht präpariert wurde. In dieser Zeit, als Goethe dem ehrwürdigen Fund Gastrecht gewährte, entstand sein Gedicht. Es nahm gleichsam, wie Wolfgang Martens gezeigt hat, mehrere Topoi der barocken "memento mori"-Literatur zum Ausgangspunkt, um den Tod dann aber unter Verzicht auf alle christlichen Hoffnungen eines persönlichen Überlebens in einer Licht- und Geistvision spinozistischer Prägung "aufzuheben", in staunendem Innehalten vor dem Geheimnis der Verwandlungen von Geist in Materie und von Materie in Geist.
Die Schillersche "Reliquie" selbst, der aus dem Gewölbe geborgene Schädel, erregte noch im gleichen Jahr auch Wilhelm von Humboldts Aufmerksamkeit. Er schrieb darüber in einem Brief vom Dezember 1826 an seine Frau, man könne sich "an der Form dieses Kopfes nicht satt sehen". Schillers Schädel wurde übrigens zusammen mit einem von Goethe in Rom 1788 bestellten Abguss des [vermuteten] Schädels von Raffael verglichen und gewürdigt.
Doch nun zurück zu unserer Vermutung und damit zur Frage nach der Beziehung zwischen dem Schädelgedicht und dem Faustmonolog. Seit langem gesichert ist die zeitliche Nachbarschaft der beiden Texte. Albrecht Schöne nimmt für den Monolog als frühesten Zeitpunkt 1828 an; Norbert Oellers hingegen verlegt dessen Entstehung in den Jahreswechsel 1826/27, eine Datierung, der ich den Vorzug gebe. Beide lokalisieren jedenfalls die Faust-Verse in einem Zeitmoment nach der erneuten Beschäftigung Goethes mit Dante, nach der Bergung von Schillers Schädel und nach der Entstehung des Gedichts.
Betrachtet man Monolog und Gedicht vergleichend, so ist zu erkennen, dass Goethe darin zweimal seinen induktiven, von einer konkreten Situation ausgehenden Erkenntnisweg propagiert: Erst die Anschauung führt den jeweils Redenden, das lyrische Ich, zur Idee und zu moralisch-weltanschaulichen Folgerungen. Das war, wie schon das erste gewichtige Gespräch der beiden Dichter vom August 1794 in Jena ergab, nicht Schillers Methode, sondern ihr Gegenteil; aber es enthielt zweimal auch einen Widerspruch zu Dantes Heilsweg: Der italienische Dichter vertraute sich der Führung durch Vorgänger im Amt des Sehers und Sängers und durch erlöste Lichtgestalten an; Goethe hingegen vertrat den Glauben an eine aktive Entwicklung der Entelechie durch Metamorphose und Steigerung, letztlich daher eine Selbsterlösung.
So kann unsere These nun differenziert und präzisiert werden: Wohl bildete die Dante-Lektüre einen Anstoss zum Gedicht und zum Monolog; aber in beiden gab Goethe auch seine Differenz zu Dantes wie zu Schillers Denkweise zu erkennen. Er widersprach vor allem Dante wohl mit Lust in dessen eigener Versform, der Terzine; denn für ihn, den Spinozisten, war keine historisch noch so verbürgte Schrift, wohl aber die Natur das Medium der Offenbarwerdung des Göttlichen. Gemeinsam ist den Gedichten Dantes und Goethes ihr Ausgangspunkt - die Menschheitsfrage: "Ubi sunt qui ante nos?"
Ich bin mir bewusst, mit dieser Skizze weder dem Faustmonolog noch dem Schädelgedicht als Ganzem gerecht zu werden. Beide sind aber von vielen Interpreten, seit es eine Goetheforschung gibt, sachkundig kommentiert und ästhetisch-philosophisch gewürdigt worden. Erstaunlich schien mir nur, dass dabei die gemeinsame Dante-Beziehung fast unbeachtet blieb. Sie gibt allerdings neue Rätsel auf, die hier nur noch genannt werden sollen: Wie denn wären nun die eindeutigen Anklänge des Faust-Schlusses an Dantes Paradiso zu deuten, wenn der Anfangsmonolog des zweiten Teils auch als impliziter Widerspruch zu Dantes Heilsweg zu verstehen ist? Und warum liess Goethe in diesem bis heute von zahlreichen Leserinnen und Lesern als katholisch empfundenen "Endspiel" Gretchen eine Funktion übernehmen, die so verblüffend jener der Beatrice in Dantes opus magnum gleicht? Ist für den gealterten Dichter das "ewig Weibliche" wirklich zum Analogon von Dantes Fürbittern und Gnadenspenderinnen geworden?
Diese und weitere Fragen werden wohl noch Generationen beschäftigen, so lange jedenfalls, als Literatur uns als Medium der Selbsterfahrung und -erkenntnis gilt, auch und gerade dort, wo sie keine Rezepte bereithält, sondern Probleme....
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