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Die uralte paraguayische Pflanze süsst mehr als Zucker, ist aber kalorienfrei. Angesichts der wachsenden Nachfrage der Nahrungsmittel-Industrie greifen Firmen wie die Schweizer Evolva zur synthetischen Biologie, um chemische Alternativen der Stevia herzustellen. Universitäten und NGO bezeichnen diese Praxis als Biopiraterie.
Eine lohnende Verwechslung
Die Steviablätter besitzen in sehr geringen Mengen Moleküle (Steviol-Glycoside), die den süssen Geschmack erzeugen. Um sie zu vermehren, greifen auf synthetische Biologie spezialisierte Firmen auf genetische Manipulation zurück, um "süssere" Pflanzen zu erzeugen.
Gleichzeitig benützen sie vielfältige Produkte und lange chemische Verfahren, um die Steviol-Glycoside unter anderem mittels Filtrierung mit Harzen, Salzen und Ionenaustausch zu reinigen. Diese Verfahren sind durch Patente geschützt.
Der Grossteil der Nahrungsmittel-Giganten vermarktet gegenwärtig Produkte, die mit Steviol-Glycosiden und nicht mehr mit Steviablättern gesüsst werden. Auf den Verpackungen wird dies allerdings nur selten vermerkt.Infobox Ende
Die Guarani kennen die Blätter der Pflanze Ka´a he´e seit mehr als tausend Jahren, bewahrten aber das Geheimnis über Generationen hinweg. Auf Guarani bedeutet der Name nicht zu Unrecht "süsses Kraut", denn es süsst 350-mal mehr als Zucker.
Für uns heisst die Pflanze dank einem Schweizer Wissenschaftler Stevia Rebaudiana Bertoni: "1887 identifizierte und klassifizierte sie Moises Bertoni erstmals. Wenig später identifizierte der paraguayische Chemiker Ovidio Reubaudi deren chemische Zusammensetzung. Dies erklärt den wissenschaftlichen Namen der Ka´a he´e", erläutert Juan Barboza, Präsident der Paraguayischen Kammer für Stevia.
Es scheint zu schön, um wahr zu sein: Stevia besitzt antioxidative, bakterizide, diuretische und wundheilende Eigenschaften. Doch vor allem ist sie eine mächtige Verbündete im Kampf gegen Übergewicht und Diabetes.
"Stevia ist ein natürliches Süssmittel und kann Teil einer Diät oder eines gesunden Lebensstils sein, da sie weder Kalorien noch Kohlenhydrate enthält und somit den Blutzuckerspiegel nicht beeinflusst", bestätigt die Leiterin des Global Stevia Instituteexterner Link in Oak Brook, Illinois, Priscilla Samuel.
Den Nahrungsmittelriesen, die Getränke wie Pepsi Next oder Coca-Cola Life mit Steviol-Glykosiden süssen, aber auch Ricola oder dem Hersteller der Getränke Beodrinx in der Schweiz sind diese Eigenschaften nicht entgangen.
Opfer des Erfolgs
Bis in die 70er Jahre war Stevia für die internationale Nahrungsmittelindustrie eine unbekannte Pflanze.
Japan machte den Wendepunkt zur Internationalisierung der Ka´a he´e. "Vor etwa 40 Jahren entdeckte eine Gruppe Japaner die Vorzüge der Pflanze. Sie füllten einen Frachter mit paraguayischer Stevia, um die Pflanze lokal anzubauen", erinnert sich Juan Barboza.
Einige Jahre danach "hatten die Japaner Raumprobleme und beschlossen, den Anbau nach China zu verlegen, wo keine Restriktionen bestehen. Heute ist China mit einer Anbaufläche von 25´000 Hektaren der grösste Stevia-Produzent, während Paraguay weniger als 2000 Hektaren anbaut.
Inzwischen bauen unter anderen auch Indien, Brasilien, Argentinien, Taiwan und Mexiko Stevia an, doch das Angebot kann die Nachfrage nicht befriedigen.
Auf der Suche nach der "chemischen Stevia"
Aus gesundheitlichen Gründen verbieten Märkte wie die USA, die EU und die Schweiz die Einfuhr von Steviablättern, bewilligen jedoch den Gebrauch von Steviol-Glykosiden.
Das Wissenschaftskomitee der Europäischen Kommission für menschliche Ernährung kam zum Schluss, dass die vorhandene Information über Steviablätter nicht ausreichend ist, um diese für den menschlichen Konsum freizugeben. "Mit den verfügbaren Daten kann ein gewisses Risiko für die menschliche Gesundheit nicht ausgeschlossen werden", erklärt Eva von Beck, Sprecherin des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit, Ernährung und Tiergesundheitexterner Link.
Doch das sehr reine Extrakt, das aus Steviablättern gewonnen und für Nahrungsmittel verwendet wird, ist für den menschlichen Konsum vollständig sicher, was ein Kompendium von mehr als 200 wissenschaftlichen Studien belegt", betont Dr. Samuel.
Dies erklärt, weshalb laut Schätzungen der Beratungsfirma Industry ARCexterner Link der Wert von mit Steviol-Glycosiden gesüssten Nahrungsmitteln und Getränken 2015 zwischen 8 und 11 Mrd. US$ schwankte. Viermal mehr als 2010.
Abkommen mit Kleinproduzenten
Das Ministerium für Land- und Viehwirtschaft Paraguays fördert den Anbau von Stevia als Teil des Plans zur landwirtschaftlichen und ländlichen Entwicklung. Der Markt für Steviablätter ist jedoch unbeständig. So verzichtete zum Beispiel Japan 2011 aus Angst vor einer Infizierung mit der Maul- und Klauenseuche in Paraguay auf den Import von Stevia. Doch 2015 änderte es seine Meinung und kündigte einen Vertrag zum Ankauf der gesamten Stevia-Exporte Paraguays an.
Das Zukunftspotential der Steviol-Glycoside ist äusserst gross. Die WHO schätzt, dass sie in den kommenden Jahren 30% der Süssmittel ausmachen könnten. Deshalb suchen auf synthetische Biologie spezialisierte Firmen nach chemischen Ersatzprodukten, die nicht durch Wetterbedingungen oder Seuchen beeinträchtigt werden.
Damit die auf beiden Seiten der brasilianisch-paraguayischen Grenze lebenden Guarani an den Gewinnen aus dem Anbau von Stevia und dessen Derivate teilhaben können, meint die Erklärung von Bern, dass Regierungen und Unternehmen mit den Guarani einen Vertrag aushandeln sollten.
Und zuallererst müsse irreführende Werbung gebremst werden, die Steviol-Glycoside als "natürliche" Produkte etikettiert.Infobox Ende
Laut Juan Barboza verzerrt die unaufhaltbare Nachfrage den Markt, da multinationale Firmen nicht von Stevia stammende synthetische Süssmittel herstellen, ohne ihre Kunden zu informieren. "An vielen nationalen und internationalen Foren haben wir uns energisch gegen diese fragwürdigen Praktiken gewehrt, da sie die guarani Kleinbauern und viele kleine Stevia-Produzenten in anderen lateinamerikanischen Ländern ernsthaft benachteiligen.
Biopiraterie und die Rechte indigener Völker
Eine Gruppe von Experten der ONG Erklärung von Bern, der unabhängigen Organisation Pro Stevia Schweiz, der Universität Hohenheim (Deutschland) sowie des Forschungszentrums für Landrecht und Landreform (Paraguay) teilt diese Besorgnis. In der Studie Der bittersüsse Geschmack der Stevia (2015) behaupten sie, dass Multinationale die Rechte indigener Völker verletzen.
Das Abkommen über Biodiversität und das Protokoll von Nagoya weisen darauf hin, dass die Besitzer traditionellen Wissens das Recht haben, aus diesem Nutzen zu ziehen. Und die UNO-Erklärung über die Rechte indigener Völker bestätigt dies. Dennoch wird das Recht der Guarani, Nutzen aus diesen Verkäufen zu ziehen, missachtet.
Laut François Meienberg, Sprecher der Erklärung von Bern, "entfesselte der Boom der Steviol-Glycoside ein Wettrennen zur Patentierung synthetischer Herstellungsmethoden, anstatt sie aus Steviablättern zu gewinnen. Dies verwirrt den Kunden, der glaubt, ein natürliches Produkt zu konsumieren."
"In naher Zukunft werden Grossfirmen Steviol-Glycoside verkaufen oder verwenden, die vom Anbau der Steviapflanze vollständig unabhängig sind. Eine der Spitzenfirmen ist die Schweizer Evolvaexterner Link, die mit der amerikanischen Cargillexterner Link (Coca-Cola und Pepsi) zusammenarbeitet", kreidet Meienberg an.
Nicht alles ist schlecht
Neil Goldsmith, Generaldirektor und Mitgründer von Evolva, verteidigt sein Projekt als wertvollen Zuckerersatz ohne die Nachteile von Stevia oder der Steviol-Glycoside, die bei höherer Konzentration in Nahrungsmitteln einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.
Es wird ein "erschwinglicheres Produkt sein und die Auswirkungen auf die Umwelt vermindern, weil die Produktion weniger Land, Wasser und Energie benötigt." Das Ziel von Evolva ist zudem nicht, Stevia, sondern Eversweet zu ersetzen, das für mit traditionellem Zucker gesüsste Produkte verwendet wird.
Bezüglich der Nachteile, die dieser neue Markt "synthetischer Stevia" den Guarani und anderen Kleinbauern verursachen könnte, antwortet Goldsmith ohne Zögern, dass NGO oft einige Details vergessen: "Der Grossteil der Stevia, die heute konsumiert wird, stammt nicht von Kleinbauern, sondern von Grossproduzenten in China und Ostasien. Das romantische Bild stimmt somit nicht mit der Wirklichkeit überein."
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