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| Cassian († 430/35) - Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis)

Viertes Buch: Regeln für die Novizen.
27. Demuth und Gehorsam des Abtes Mucius, der auf Befehl des Oberen sein eigenes Kind ohne Zaudern in einen Bach warf.
Das Wenige, was ich bis jetzt von dem Abte Johannes erzählt, möge genügen. Jetzt will ich eine merkwürdige That des Abtes Mucius kurz berichten. Dieser nämlich, voll Verlangen der Welt zu entsagen, harrte so lange an den Pforten des Klosters, bis er durch seine unwandelbare Beharrlichkeit gegen alle Gewohnheit der Klöster seine und seines achtjährigen Söhnchens Aufnahme durchsetzte. Nach ihrer Aufnahme erhielten sie verschiedene Vorgesetzte, sowie verschiedene Zellen zur Wohnung angewiesen. Diese Maßregel sollte in dem Vater den durch den beständigen Anblick des Kleinen geweckten Gedanken ertödten, daß von seiner ganzen Habe und seinen fleischlichen Neigungen, denen er gänzlich entsagt, wenigstens der Sohn übrig geblieben sei; sie sollte ihn ferner mit dem Gedanken vertraut machen, daß er, wie er sich nicht mehr reich wisse, so auch sich nicht mehr als Vater wisse. Um nun gründlicher zu erforschen, ob er mehr nach der Neigung seines Blutes und nach der Liebe zu seinem eigenen Fleisch und Blut handle, als nach dem von [S. 81] Abtödtung begleiteten Gehorsam Christi, den jeder Ordensmann jener Liebe vorziehen muß, wurde der Knabe absichtlich vernachläßigt. Er war eher mit Lumpen umhüllt, als mit Kleidern angethan, und so voller Schmutz, daß er des Vaters Auge mehr zu beleidigen als zu ergötzen geeignet war, so oft er ihn anschaute. Auch Backenstreichen und Schlägen von verschiedenen Seiten war der Knabe ausgesetzt, die gewöhnlich vor den Augen des Vaters dem unschuldigen Kinde gegeben wurden, so daß er dessen Wangen nur mit schmutzigen Thränenspuren befleckt sah. Und obwohl man täglich unter seinen Augen so mit seinem Kinde verfuhr, blieb doch um der Liebe Christi und der Tugend des Gehorsams willen sein Inneres starr und unbewegt. Denn er betrachtete den Sohn nicht mehr als sein Eigenthum, seitdem er ihn zugleich mit sich Christo dargebracht hatte. Auch war er nicht bekümmert über die ihm in seiner Gegenwart zugefügten Unbilden, sondern frohlockte vielmehr darüber, weil er sich überzeugt hatte, daß die Ertragung derselben ihm stets reiche Früchte eintrug. Dabei war er weniger auf des Kindes Thränen als auf seine eigene Demuth und Vollkommenheit bedacht. Der Vorsteher des Klosters durchschaute seine innere Abtödtung und seine unwandelbare Strenge gegen sich, wünschte jedoch eine gründliche Probe seiner Standhaftigkeit. Als er daher einst das Kind wieder weinen sah, befahl er, als sei er gegen dasselbe aufgebracht, dem Vater, es zu ergreifen und in den Fluß zu werfen. Gleichsam als hätte er von Gott diesen Befehl erhalten, ergriff er sofort eiligst sein Kind und trug es mit eigenen Armen an den Fluß, um es hineinzuwerfen. Dieß wäre vielleicht bei der Glut seines Vertrauens und Gehorsams geschehen, wenn man nicht absichtlich zur Vorsorge Brüder beauftragt hätte, die besorgt am Ufer standen, um den in den Fluß geworfenen und von seinen Wellen beinahe verschlungenen Knaben herauszuziehen, wodurch sie die gänzliche Ausführung des Befehles, die bei dem demüthigen Gehorsam des Vaters sicher zu erwarten stand, schließlich verhinderten.