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Heute werde Leonardo da Vinci fast nur noch als genialer Erfinder von erstaunlichen Maschinen gefeiert, meint Kia Vahland. Der Maler, der er eigentlich gewesen sei, als den er sich eigentlich selber gesehen habe, werde darob ganz vergessen. (Ich habe andernorts schon festgehalten, dass ich das nicht ganz so einseitig sehe. Aber es stimmt insofern, als jede Laudatio, die ich dieses Jahr zu seinem 500. Todestag gelesen habe, in ihrem Titel einen Hinweis auf den „großen Erfinder“ trug, auch wenn diese seine angebliche Größe danach praktisch jedes Mal relativiert wurde. Auf den Maler da Vinci ging man gleichwohl kaum ein. Aber ich vermute hier eine Diskrepanz zwischen dem Bild, das sich die Zunft der Kulturjournalisten von da Vinci gemacht hat, und dem Bild, das im breiteren Publikum zu finden ist.) Gleich zu Beginn ihrer Biografie hält Kia Vahland fest, dass sie Leonardo da Vinci vor allem (in seiner Entwicklung) als Maler schildern wolle. Schließlich habe sich der Mann aus Vinci selber als Maler begriffen, auch wenn er sich schon mal – teils in naiver Selbstüberschätzung, teils gezwungen, sozusagen den Anforderungen des Marktes genügen zu müssen – als großartigen Tüftler und Konstrukteur von Kriegsmaschinen angepriesen habe. Den Ruf des großen Erfinders verdanke da Vinci vor allem einer Ausstellung, die 1933 in Mailand stattfand, und in der der Faschismus da Vinci als den „ersten Italiener der Vergangenheit“ feierte. (So Mussolini, der sich dann neben da Vinci stellte als den „ersten Italiener der Gegenwart“.)
Dem Maler also folgt Vahland und beginnt mit der Lehre des jungen Mannes in Florenz bei Andrea del Verrocchino. Schon früh muss sich Leonardo da Vinci seiner Homosexualität bewusst gewesen sein, aber damals konnte er sie nur im Versteckten ausleben. Die Kehrseite des blühenden Humanismus um Ficino, die Kehrseite der Renaissance vor allem von Plato, die Leinkauf einen christlichen Platonismus nennt, war eine rigide Interpretation der platonischen Liebe, die zur keuschen, fast asexuellen, und rein ehelichen Liebe umgebogen wurde. Florenz sollte kurze Zeit später unter die zeitweilige Herrschaft des Eiferers Savanarola geraten, der nun alles verfolgte, das einen irgendwie weltlichen, sündigen Geruch hatte. Da aber war da Vinci schon in Mailand, wo er nicht nur offen homosexuell lebte (leben durfte), sondern auch seinen extravaganten Geschmack in puncto Kleidung auslebte. (Da Vinci war, wie es Vahland ausdrückt, sein Leben lang ein Dandy, der vor allem auffallende Hosen über alles liebte, und der seine Kleidung sorgsam pflegte und dafür sorgte, dass keinerlei Schmutz auf sie fiel – auch und gerade dann nicht, wenn er mit den schmutzigeren Arbeitsprozessen z.B. eines Bildhauers beschäftigt war.)
Nichts desto trotz liegen die Neuerungen und die Großartigkeit des Malers da Vinci in seiner Malerei, in seinen Frauenporträts. Er befreite die Frau aus dem sturen Korsett der damaligen Konvention, die das Bild der Gattin nur als Nebenstück desjenigen ihres Mannes sah: im Profil von links, weil es den Gatten anzusehen hatte, der auf einem andern Bild daneben im Profil von rechts saß. Der Betrachter wurde von der Gemalten dabei ignoriert. Leonardo schuf nun Porträts, die die Frauen im Halbprofil zeigten, den Blick nicht mehr schüchtern gesenkt, sondern sozusagen über den Betrachter schweifend. Auf diese Weise konnte der Maler seinen Modellen – die durchaus brave Gattinnen und Mütter ihrer den regierenden Schichten diverser italienischer Stadtstaaten angehörenden Familien waren – eine Eigenständigkeit und vor allem einen eigenen (auch sexuellen) Reiz zuweisen. Für damalige Verhältnisse eine Revolution, die nur noch von jener anderen da Vincis übertroffen wird, der als erster sich, den Künstler und seine Kunst, in den Mittelpunkt stellte. Nachdem er Berühmtheit in Italien erlangt hatte, war er der erste, der sich nicht mehr vom Markt, von der potentiellen Klientel, die Bedingungen diktieren liess, sondern diese umgekehrt dem Markt diktierte. Er malte, wann er wollte, wen er wollte, wie er wollte. Die jüngeren Maler und Nachfolger in der Gunst des Publikums, Michelangelo und Raffael, sollten davon profitieren.
In der Befreiung der Frau aus den sturen (malerischen) Konventionen der Zeit einerseits, der Befreiung des Malers vom Status des unterwürfigen Auftragnehmers andererseits, sieht Via Kahland die großen Taten des Leonardo da Vinci, nicht in seinen meist in der Praxis nie erprobten Maschinen. Man kann ihr nach der Lektüre dieses Buches nur Recht geben – ein Buch, das im Übrigen vor allem aus einer Interpretation der drei Schlüsselwerke besteht: der Bergtigerin (der Ginevra de’ Benci ), der Schönen mit dem Biest (der Dame mit dem Hermelin) und der Weltenfrau (der Mona Lisa). Die übrigen Frauendarstellungen, vor allem da Vincis Madonnenbilder und die Anna selbdritt werden natürlich auch vorgestellt, während sein berühmtes Abendmahl hier so marginal gehalten wird wie es Vahlands Meinung nach auch in seinem Schaffen als Randerscheinung zu betrachten ist. Man mag hierin anderer Meinung sein, aber Kia Vahlands Argumentation ist schlüssig. Ein interessantes Buch, detailreich geschrieben, großzügig (wenn auch etwas wirr) illustriert, das durchaus mit Genuss und Gewinn zu lesen ist.
Kia Vahland: Leonardo da Vinci und die Frauen. Berlin: Insel, 2019

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