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Castelgrande
Vom Kastell der spätrömischen Kaiserzeit sind nur archäologisch fassbare Spuren übriggeblieben, aber immerhin haben die Ausgrabungen von 1967 gezeigt, dass die heutigen Ringmauern der Burg, errichtet im Hoch- und Spätmittelalter, teilweise auf den spätantiken Fundamenten stehen und sich die heutige Burganlage somit aus dem römischen Kastell heraus entwickelte. Wer das Castel Grande besucht, hat freilich Mühe sich ein Bild vom Aussehen der Burg in der Zeit vor dem grossen Umbauten des 14. und 15. Jahrhunderts zu machen, die das heutige Antlitz der Feste prägen. Die Ausgrabungen im südlichen abschnitt der Burg haben immerhin wichtige Anhaltspunkte über die älteren Bauphasen der Feste geliefert, so dass nun auch die schriftlichen Notizen über die Gebäulichkeiten des Castel Grande etwas besser verständlich sind.
Rechts der Eingang zum Aufzug, der bis in den Hof des Schlosses führt.
Vom Städtchen Bellinzona aus kann man über verschiedene, meist enge Treppen zur Burg hinaufsteigen. Der alte Zugang befand sich auf der Südseite des Hügels und war mit einer Reihe von äusseren Toranlagen, Zwingern mit zinnenbekrönten Umfassungsmauern sowie sonstigen Annäherungshindernissen bewehrt. Das alte Haupttor, das ins Innere der Feste führte, öffnete sich auf der Südostseite der Ringmauer. Es konnte von einem Maschikuli-Erker aus verteidigt werden. Nach dem Durchqueren des Tors steht man heute in einem weiten Innenhof. Hier erhob sich einst die bis ins spätantike Zeit zurückreichende Kirche S. Pietro, die alte Kastellkirche. Ihre genaue Lage hat sich 1967 anlässlich der Grabungen nicht feststellen lassen, doch entdeckte man das zur Kirche gehörende Gräberfeld, das bis ins Frühmittelalter zurückreicht, im 13. Jahrhundert aber offenbar aufgelassen worden war. Im südlichen Abschnitt des Burgareals erhebt sich ein langgestreckter, innen an den Bering angelehnter Gebäudetrakt, der aus mehreren Einzelbauten zusammengewachsen ist. In den ältesten Teilen gehört er noch dem 13. Jahrhundert an, doch steht er an der Stelle wesentlich älterer Gebäude. Die Ausgrabungen haben die Fundamente eines Viereckturms aus dem 9. Jahrhundert, zweier einfacher Holzhäuser aus dem 6. oder 7. Jahrhundert sowie eine Vielzahl von Bauresten aus dem 10. bis 12. Jahrhundert zutage gefördert. Offenbar war das Castel Grande seit dem Ende der Römerzeit dauern bewohnt.
Im Mittelpunkt des weitläufigen Burgareals erhebt sich ein mächtiger Viereckturm, die Torre Nera. Von diesem Bauwerk aus laufen drei gestreckte Wehrmauern zur äusseren Ringmauer hinaus, wodurch die Anlage in drei ungefähr gleich grosse Sektoren unterteilt wird. Ein zweiter Wehrturm, schlanker als die Torre Nera, steht etwas weiter östlich, umgeben von einem wehrhaften Mauergeviert. Es handelt sich um die Torre Bianca im Innern des Ridotto. Dieser Gebäudekomplex bildet innerhalb der weitläufigen Anlage eine Art Kernburg. Hier ist der kaiserliche Palazzo zu vermuten, der in den Urkunden erwähnt wird und später im Besitz des Bischofs von Como erscheint.
Heute mach das Innere des Burgareals einen etwas leeren Eindruck, weil sich ausser den beiden Türmen, dem Ridotto und dem Südtrakt mit dem rechtwinklig angebauten Arsenale, einem Bau des 19. Jahrhunderts, alle Gebäude, die sich einst im Innern des Berings erhoben, verschwunden sind. Aus zahlreichen schriftlichen Nachrichten wissen wir jedoch, dass in früheren Jahrhunderten ein grosser Teil des Burgareals überbaut gewesen sein muss. Es wird Aufgabe künftiger Grabungen sein, den Spuren dieser nun abgetragenen Bauten nachzugehen und ihren Standort festzustellen. Bedeutende Baureste sind beispielsweise im Westhof zu erwarten, wo sich heute mächtige Schuttmassen ausbreiten und wo noch jetzt die Fundamente einer älteren, wohl hochmittelalterlichen Ringmauer sowie einer weiteren Kirche beobachtet werden können.
Die gewaltige Ausdehnung der Anlage das Castel Grande misst über zweihundert Meter in der Diagonalen brachte es mit sich, dass die Verteidigungseinrichtungen vor allem an der Peripherie der Burg angelegt wurden. In der Ringmauer, die in weitem Vieleck das Felsplateau umgibt, zeichnet sich eine lange und bewegte Baugeschichte ab. In den ältesten Partien stammt der heutige Bering noch aus dem 10. und 11. Jahrhundert. Seit dem 12. Jahrhundert ist er stets umgebaut, erhöht und verstärkt worden. Wiederholte Belagerungen und Eroberungen verursachten schwere Schäden, die aufwendige Reparaturarbeiten nötig machten. Einzelne Bauten, vor allem solche aus der Spätzeit des 15. Jahrhunderts, hat man offenbar in grosser haust aufgeführt, weshalb sie sehr rasch baufällig wurden und niedergelegt werden mussten. So scheint der viereckige Flankierungsturm an der Westecke des Südtraktes, von dem heute nur noch ein Fundamentstumpf steht, keine lange Lebensdauer gehabt zu haben: Er wurde um 1480 errichtet und bald nach 1500 wieder abgebrochen. Stark befestigt war anscheinend von Anfang an der südliche Plateaurand, dessen Abhang leicht erstiegen werden konnte, was die Gefährdung durch einen Sturmangriff erhöhte. Die nördlichen Partien des Berings, die sich unmittelbar über lotrecht abfallenden Felswänden erheben, sind erst im späten Mittelalter entstanden. Die heute noch sichtbare Bekrönung der Ringmauer mit Zinnen, hinter denen einst ein Wehrgang verlief, stammt aus dem 15. Jahrhundert; im Mauerwerk zeichnen sich aber die Spuren älterer, tiefer ansetzender Zinnenreihen ab.
Die archäologisch nachweisbare Weiterbenutzung des Castel Grande nach dem Ende des Römischen Reiches im späten 5. Jahrhundert findet ihre Bestätigung in der historischen Überlieferung. Offenbar gelangte Bellinzona an die Nachfolger Roms, gegen 500 an die Ostgoten unter König Theoderich, dann an das byzantinische Reich und schliesslich an die Langobarden, die sich in Oberitalien im Verlauf des 6. Jahrhunderts festgesetzt hatten. Bereits im Jahr 590 befand sich Bellinzona in langobardischer Hand. Wie ein fränkischer Chronist berichtet, fiel in jenem Jahr eine Schar Franken nach Italien ein, wobei ein Anführer, der sich zu nahe an die Mauern der von Langobarden verteidigten Burg heranwagte, von einem Geschoss tödlich getroffen wurde. Anscheinend gelang es den langobardischen Königen, Bellinzona als Stützpunkt ihrer Macht in die Hand zu bekommen. In späteren Jahrhunderten waren es zunächst die karolingischen Herrscher und im 10. Jahrhundert die ottonischen Kaiser, die sich des festen Platzes Bellinzona bemächtigten. Zur Zeit Karl des Grossen scheint ein heftiger Brand das Castel Grande verwüstet zu haben, doch ist uns die Ursache dieser Feuersbrunst unbekannt. Unter den ottonischen Herrschern wurde die baufällig gewordene Ringmauer aus römischer Zeit durch einen Neubau ersetzt. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts übertrugen die Kaiser die Obhut über die wichtige Festung den Bischöfen von Como, ihren treuen Parteigängern. Da es ausser dem kaiserlichen Ridotto, der sich von nun in der Hand des Bischofs von Como befand, noch weitere Grundstücke gab, die als Privatbesitz adligen Herren aus Como und aus der Umgebung Bellinzonas gehörten, entwickelte sich in der Folgezeit eine rege Bautätigkeit auf der Burg, weil jeder auf seinem Grund und Boden einen Turm oder ein festes Haus zu errichten gedachte. Die Torre Nera dürfte um 1200 auf dem Privatareal eines adligen Geschlechts entstanden sein.
Das 12. Jahrhundert rückte Bellinzona in den Mittelpunkt heftiger Auseinandersetzungen. Friedrich Barbarossa, wegen seiner Italienpolitik auf die Beherrschung der südlichen Alpenausgänge angewiesen, entzog dem Bischof von Como die Herrschaft über Bellinzona, weil er dem geistlichen Herrn und dessen ritterlichen Gefolge misstraute, und stellte die Burg zunächst unter die Gewalt des reiches. 1192 wurde Bellinzona jedoch der staufisch gesinnten Stadtgemeinde Como übertragen. Nun hielt der Comasker Stadtadel Einzug auf der Burg und setzte sich in den bestehenden Wohntürmen und Steinhäusern fest.
Die politischen Auseinandersetzungen zwischen den Staufern, den Ghibellinen und ihren Widersachern, den Guelfen, verschärften sich unter Kaiser Friedrich II. Como, vorübergehend guelfisch gesinnt, trat 1239 aus lauter Feindschaft zu Mailand ins Lager Friedrichs II über, womit die Ghibellinen wichtige Stützpunkte in den südlichen Alpentälern in die Hand bekamen. Friedrich II liess die Befestigungsanlagen von Bellinzona verstärken und auf dem Ceneri Verteidigungseinrichtungen anlegen, da der nahe Flecken Locarno, beherrscht von den Orelli, zum guelfischen Mailand hielt. Der Rückschlag für die Ghibellinen erfolgte 1242. Simon von Orelli und Heinrich von Sax nahmen das Castel Grande nach harter Belagerung ein, wodurch die Südrampe des Gotthards wieder unter guelfische Kontrolle geriet. Obwohl im Friedensschluss von 1249 Bellinzona an die Stadt Como zurückerstattet wurde, hatte der Fall der Feste im Jahr 1242 den Zusammenbruch der staufischen Machtstellung am südlichen Alpenfuss bewirkt.
Mit dem Tot Friedrichs II im Jahr 1250 sank der Gegensatz zischen Guelfen und Ghibellinen im Norditalien auf die Stufe regionaler Machtkämpfe ab. Die Gegend um Bellinzona blieb bis um die Mitte des 14. Jahrhunderts der Schauplatz heftiger Auseinandersetzungen das Castel Grande wurde in jenen Jahrzehnten mehrmals angegriffen, belagert, erobert, beschädigt und wiederhergestellt - , doch bewegten sich alle diese Konflikte im Rahmen lokaler Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft über Como und dessen Territorium. Als Sieger gingen aus diesen Wirren die Rusca hervor. Obwohl es dieser weitverzweigten Familie nicht gelang, sich dauernd der Herrschaft über Como zu bemächtigen, vermochte sie sich doch im Besitz Bellinzonas zu behaupten. Nach mancherlei Rückschlägen setzte sich Franchino Rusca 1310 in Bellinzona fest.
Die Mauern
Vor den Restaurationsarbeiten:
gegen 1950
Luftaufnahmen (1946)
Mit der Gründung des Kantons Tessin zu Beginn des 19. Jahrhunderts fielen die Befestigungsanlagen an den Staat. Dieser richtete um 1820 die Gebäulichkeiten des Castel Grandes als Zeughaus und als Gefängnis ein. Die Innenausstattung des Südtrakts und der Torre Nera erinnern noch an diese Zeit. Um das Raumbedürfnis zu decken, errichte man verschiedene Nebenbauten, die aber heute bis auf einen Flügel wieder abgebrochen worden sind. Für die gegenwärtig noch aufrechten Bauten des Schlosses, insbesondere für den historisch wertvollen Südtrakt, wird zur Zeit eine umfassende Restaurierung vorbereitet, nachdem Montebello, Sasso Corbaro, die wichtigsten Partien der Stadtbefestigung und neuerdings auch die Murata seit Jahren in Etappen renoviert worden sind.
Die drei Schlösser und das verstärkte Dorf von Bellinzona stehen von nun an auf der Liste der Monumente und der Standorte des weltweiten Kulturgutes, das von der UNESCO geschützt wird. Sie kommen zu den drei anderen Weltkulturerbe hinzu, die schon in der Schweiz ausgewählt wurden: das Kloster von St. Gallen, jenes von Mustair und die Altstadt von Bern.
Zwei Jahre Untersuchungen, Austausch und Verhandlungen mit Gutachten und die Diplomatie haben das ICOMOS (internationaler Rat der Monumente und der Standorte) von der Bedeutung und die Integrität der Festung überzeugt. Das ICOMOS hat seinerseits die Kandidatur der monumentalen Gesamtheit mit der Zustimmung des Ausschusses untermauert, die es während seiner 24. jährlichen Tagung ratifizierte, die in Cairns (Australien) im letzten November stattgefunden hat.
Das kulturelle Erbe, das vom schweizerischen Bund vorgeschlagen und das durch eine eindrucksvolle Dokumentation über seine Geschichte, seine Integrität und seinen Schutz unterstützt wurde, hat den ganzen Auswahlkriterien entsprochen.
Die kantonalen Behörden haben bestätigt, dass die monumentale Gesamtheit nicht nur eine Zeugenaussage der Bedeutung der Militärarchitektur im Mittelalter, sondern ebenfalls ein einmaliges Beispiel in Europa der Entwicklung eines Standortes in konstanter Anpassung an die Bedürfnisse des Menschen nach Zeitaltern war und, dass in diesem Zusammenhang es verdiente, auf der Liste des weltweiten Kulturgutes enthalten zu sein.
In der Tat enthüllen die prähistorischen Entdeckungen, die etwa 60 Jahrhunderte zurückdatieren, die Anwesenheit menschlicher Einrichtungen seit dem Neolithikum (4, Jahrhundert v. Chr.) auf dem felsigen Kap von Castel Grande. Diese natürliche Schranke, die sich auf einem engen Übergangsort befindet, in der Mitte eines tiefen Tales, das den Norden vom derzeitigen Europa mit dem Süden verband, hat schon immer den Menschen angespornt, die Stelle zu bebauen, umzuwandeln und zu verbessern, und im Laufe der Jahrhunderte in eine echte Verteidigungsfestung zu verwandeln, die durch eine Mauer bis ins Tal am Fluss Ticino führte.
Es wurde ebenfalls daran erinnert, dass die Konsolidierung der Gesamtheit, die zwischen dem 13. und 15. Jahrhunderten errichtet wurde, seine "Echtheit" oder, wenigstens die Vorstellung, von dem, was davon bleibt, bis ins Ende des Mittelalters zurückdatiert. Was die Demolierungen und die aufeinander folgenden Hinzufügungen betrifft, wurden sie meistens durch den Willen diktiert, die Gebäude nach den derzeitigen Bedürfnissen wieder zu verwenden. Aber ist es trotzdem dank der Pracht des Ortes und seiner natürlichen strategischen Lage, dass die Ruine stetig restauriert wurde, und dass die Gesamtheit bis zu unseren Tagen überlebt hat.
Die letzte Restaurierung von Architekten Aurelio Galfetti ist eine gewollte zeitgenössische Herausforderung, die sowohl eine klare Lektüre der Geschichte Europas durch die Geschichte der Festung als auch eine funktionelle Benutzung der Gebäude und des Parks durch die Einwohner des Dorfes von Bellinzona, dem Hauptort des Kantons Tessin erlaubt.
Bibliographie