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März 2024
Seit Herbst 2023 kursieren Berichte, wonach ein Hafen in Otschamtschire, einem Distrikt in Abchasien an der östlichen Küste des Schwarzen Meeres, eine neue Hauptbasis für die russische Schwarzmeerflotte werden soll und dass dies den blutigen Krieg in der Ukraine auf den Kaukasus ausweiten könnte. Vom Swiss Institute for Global Affairs (SIGA) zusammengetragene Satellitenbilder und Drohnenaufnahmen des Hafens in Otschamtschire zeigen jedoch, dass sich dort bisher nichts von Relevanz getan hat — und dass die Etablierung eines grossen russischen Marinestützpunkts in Otschamtschire unwahrscheinlich bleibt.
Der Hafen von Otschamtschire an der Ostküste des Schwarzen Meeres (22. November 2023; David Katsarava / Anti-Besatzungsbewegung Stärke in Einheit)
Kleiner Hafen, grosse Behauptungen
Seit Oktober 2023 geben zahlreiche Berichte an, dass der kleine Hafen in Otschamtschire in Abchasien zu einem geopolitischer Brennpunkt werden wird (siehe beispielsweise hier, hier, und hier). Diese Berichte behaupten regelmässig, dass ukrainische Angriffe gegen russische Kriegsschiffe im Schwarzen Meer und in Häfen auf der Krim und an der russischen Schwarzmeerküste die russische Marine gezwungen hätte, Schiffe der unter Beschuss stehenden Schwarzmeerflotte weiter weg von ukrainischen Streitkräften zu bringen. Dementsprechend würde die russische Marine, die bereits aufgehört hat, den eigentlichen Haupthafen der Schwarzmeerflotte in Sevastopol auf der Krim zu benutzen, und die meisten Kriegsschiffe ins weiter entfernte Novorossiysk verlegt hat, nach gar noch weiter weg liegenden Häfen Ausschau halten. Letzteres soll namentlich den Hafen in Otschamtschire an der Küste Abchasiens betreffen. Abchasien ist ein kleines Gebiet zwischen dem Schwarzen Meer und dem Kaukasusgebirge, dass sich selber als ein unabhängiger Staat sieht, jedoch nur von fünf Ländern der Welt, darunter Russland, als solcher anerkannt wird, wohingegen die überwiegende Mehrheit der internationalen Gemeinschaft Abchasien als integralen Teil Georgiens sieht. Seit einem Krieg unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den frühen 1990er Jahren hat Georgien in Praxis die Kontrolle über Abchasien verloren, welches sich de facto und mit russischer Unterstützung selber regiert.
Daher und da der ukrainische Präsident Volodymyr Zelenskiy am 24. Oktober 2023 erklärt hatte, dass die Ukraine russische Kriegsschiffe «überall» im Schwarzen Meer angreifen würde, wobei dies auch Otschamtschire mit einschliesse, sahen Beobachter ein Risiko, dass ukrainische Streitkräfte russische Schiffe im Hafen von Otschamtschire attackieren könnten — und dass die dann den Krieg nach Abchasien und aufgrund des georgischen Anspruches auf Abchasien auch nach Georgien bringen könnte (siehe beispielsweise hier).
All diese grossen Behauptungen wurden durch eine kurze Bemerkung des de facto Präsidenten von Abchasiens, Aslan Bzhania, ausgelöst. In einem Interview, welches Bzhania der russischen Zeitung Iswestija gab und welches am 5. Oktober 2023 veröffentlicht worden war, sagte Bzhania, dass Abchasien «eine Vereinbarung [mit Russland] unterzeichnet hat, wonach es in naher Zukunft einen permanenten russischen Marinestützpunkt im Otschamtschire Distrikt geben werde». Dies war fast alles, was er zu diesem Thema sagte; er fügte lediglich generisch an, dass dieser Plan eine «Erhöhung des Niveaus der Verteidigungskapazität von Russland und Abchasien» zum Ziel hätte. Der grosse Rest des Interviews betraf sodann eine Anzahl anderer Themen, wovon die meisten Bzhania und dem Interviewer signifikant wichtiger als angebliche Pläne zu Otschamtschire zu sein schienen, da diese detaillierter diskutiert wurden.
De facto Präsident von Abchasien Aslan Bzhania (17. November 2020; Quelle: http://presidentofabkhazia.org/region/photogallery/368/13095/)
Die russische Regierung, die die andere angeblich involvierte Partei sein soll, hat sich, soweit dies bestimmt werden konnte, bisher nicht zu angeblichen Plänen für eine russischen Marinebasis in Otschamtschire geäussert und Bzhanias Aussage wurde in Russland kaum zur Kenntnis genommen. [1] Bemühungen von SIGA, einen russischen Kommentar einzuholen, blieben erfolglos.
Während Bzhanias Bemerkung immer weitere Kreise zog, gab es wenig bis gar keine faktischen Informationen, ob und falls ja was in Otschamtschire vor sich geht. Am 23. Oktober 2023 behauptete der stellvertretende Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes, Vadim Skibizkiy, dass in Otschamtschire «aktive Arbeiten» im Gange seien, namentlich dass «Russen [den Hafen] ausgebaggert und in einigen Teilen Infrastruktur wieder aufgebaut haben, um die Stationierung von Kriegsschiffen dort sicherzustellen». Im Dezember 2023 berichtete die BBC sodann ebenfalls von Zeichen von Ausbaggerungen im Hafen. All diese Behauptungen blieben jedoch unsubstantiiert oder fraglich.
Keine signifikanten Veränderungen
Um abzuklären, was in Otschamtschire passiert, hat SIGA jüngere Satellitenphotos und Drohnenaufnahmen des dortigen Hafens zusammengetragen, wobei das neuste verfügbare Photo vom 5. März 2024 stammt. Die Satellitenphotos und diesbezügliche Analysen wurden freundlicherweise von Alcis zur Verfügung gestellt. Die Drohnenaufnahmen wurden von David Katsarava und der Anti-Besatzungsbewegung Stärke in Einheit gefilmt, einer privaten Initiative von georgischen Bürgern, die unter anderem die Kontrollline zwischen Georgien und Abchasien beobachten und die Abchasien als von Russland besetztes Gebiet sehen.
Und diese Aufnahmen beweisen, dass bisher nichts von Bedeutung in Otschamtschire geschehen ist. Wie aus den unterstehenden Photos sowie weiterem SIGA vorliegendem Bildmaterial ersichtlich wird, sieht der Hafen praktisch gleich aus wie seit mindestens 2016.
Die wenigen neuen Bauten, die seit Russlands Grossinvasion der Ukraine am 24. Februar 2022 im Hafen von Otschamtschire erstellt worden sind — namentlich ein zusätzlicher kleiner Pier auf der westlichen Seite des Hafenbeckens und eine überdachte Konstruktion nord-nordwestlich des Hafens — wurden geraume Zeit vor Bzhanias Behauptungen über eine russische Marinebasis in Otschamtschire gebaut, da sie bereits auf Aufnahmen vom 21. Januar 2023 zu sehen sind (siehe rote Rechtecke).
Diese Bauten sind offenbar nicht militärischer Natur. «Der kleine zusätzliche Pier erfüllt keine militärische Funktion, da er von offenem, ungesicherten Gelände erreicht wird,» sagte ein
westlicher Marineoffizier, der die Entwicklungen in Otschamtschire genau verfolgt hat, gegenüber SIGA. Die generell und im Verhältnis zu andere Kais des Hafens in Otschamschire sehr
kleine Grösse des neuen Piers würde diesen im Hinblick auf die angebliche Stationierung grösserer Kriegsschiffe so oder so irrelevant machen. «Die überdachte Konstruktion scheint sodann mit dem
Kohleverladehafen im Zusammenhang zu stehen,» erklärte der Marineoffizier weiter, wobei er auf den nördlich des Hafenbeckens gelegenen kommerziellen Teil verwies, via den Kohle aus Otschamtschire
verschifft wird. Die Konsultation älterer Aufnahmen des Hafens in Otschamtschire zeigt auch generell, dass alle Veränderungen der letzen Jahre offenbar das Verschiffen von Kohle oder andere
zivile Aktivitäten betrafen.
Förderband zum Verladen von Kohle im Hafen von Otschamtschire (Dezember 2022; Doğuş Kürkan, Google Maps)
Basierend auf der Durchsicht von SIGA zur Verfügung stehendem Bildmaterial führte der Marineoffizier weiter aus, dass er keinerlei Anzeichen für ein signifikantes Ausbaggern des Hafens sehen könne, wobei er anfügte, dass offenbar beschränkt stattgefundenes Ausbaggern wohl nur zwecks Unterhalt geschehen sei. Satellitenphotos zeigen in der Tat, dass das im genannten BBC Artikel hervorgehobene Ausbaggern nahe des Wellenbrechers am Eingang des Hafens von Otschamtschire (siehe auch orange Rechtecke in obigen Photos) irgendwann zwischen 22. Februar und 30. Oktober 2022 (nicht publiziertes von SIGA gesehenes Photo) — und somit lange vor Bzhanias Aussage von Oktober 2023 und auch lange vor jeglichen Behauptungen, dass Russland ein relevantes Interesse an Otschamtschire haben solle — geschehen ist. Aus anderen Satellitenphotos wird zudem ersichtlich, dass das Ausbaggern nahe des Wellenbrechers offenbar regelmässig stattfindet und nichts Aussergewöhnliches ist.
In diesem Zusammenhang bestätigte Generalmajor Vakhtang Kapanadze, ein ehemaliger Offizier der georgischen Streitkräfte, der in der Vergangenheit als Chef der georgischen Armee sowie als stellvertretender Direktor des georgischen Auslandgeheimdienstes gedient hatte, dass der Hafen in Otschamtschire in der Tat schon immer regelmässig ausgebaggert werden musste, um die ursprüngliche Tiefe, welche gemäss Generalmajor Kapanadze seit 2009 ungefähr 9 Meter betrage, zu behalten. Die erwähnte Tiefe von 9 Metern wurde auch in einer Analyse des Hafens genannt, die Anfang 2022 von der Rondeli Foundation, einem unabhängigen georgischen Think Tank, publiziert worden war.
Dies gesagt blieb der Teil südlich des Hafenbeckens, welcher seit 2009 von Grenzwachteinheiten des föderalen Sicherheitsdienstes Russlands (Федеральная служба безопасности (ФСБ) (FSB)) genutzt wird und der sich aufgrund der blauen Dächer der respektiven Gebäude einfach ausmachen lässt, per 5. März 2024 unverändert. Diese und andere FSB-Einheiten sind mit offizieller Bewilligung der abchasischen Regierung in Abchasien stationiert und unterstützen letztere im Grenzschutz. Die SIGA vorliegenden Aufnahmen von Otschamtschire implizieren diesbezüglich sogar, dass es derzeit nicht nur keine zusätzlichen FSB-Patrouillenboote in Otschamtschire hat, sondern deren Anzahl zurückgegangen ist. [2]
Stützpunkt von FSB-Grenzwachteinheit mit Patrouillenbooten im Hafen von Otschamtschire (22. November 2023; David Katsarava / Anti-Besatzungsbewegung Stärke in Einheit); später aufgenommene Satellitenphotos (siehe u.a. obiges Photo vom 5. März 2024) sowie Drohnenaufnahmen (siehe unten) bestätigen, dass es seither zu keinen Veränderungen gekommen ist.
Der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, dass Satellitenbilder vom 15. Januar 2024 und Drohnenaufnahmen vom 28. Februar 2024 eine Massierung einer beträchtlichen Anzahl von Booten im Hafen von
Otschamtschire zeigen. Während nicht bestimmt werden konnte, was all diese Schiffe in Otschamtschire machten, waren diese mit grosser Sicherheit nicht militärische, sondern kommerzielle Schiffe,
wahrscheinlich Fischerboote. Daher und da die Ansammlung zahlreicher Boote im Hafen von Otschamtschire bereits auf früheren Satellitenbildern abgelichtet ist, inklusive auf solchen, die vor der
russischen Grossinvasion der Ukraine im Februar 2022 aufgenommen worden waren, steht dies offenbar so oder so nicht im Zusammenhang mit erhöhter russischen Marineaktivität im Schwarzen Meer.
Drohnenaufnahme vom 28. Februar 2024; David Katsarava / Anti-Besatzungsbewegung Stärke in Einheit
Unwahrscheinliche Aussichten für grossen Marinestützpunkt
Dass bisher nichts Relevantes in Otschamtschire geschehen ist, wurde auch vom Sekretär des Sicherheitsrates von Abchasien, Sergei Shamba, bestätigt. Gemäss Berichten vom 12. Januar 2024 hat dieser erklärt, dass es derzeit noch zu keinerlei Konstruktionsarbeiten im Zusammenhang mit dem angeblich geplanten Stützpunkt in Otschamtschire gekommen sei. Shamba fügte jedoch an, dass die fragliche Basis bereits im Verlaufe des Jahres 2024 ihren Betrieb aufnehmen könnte, wobei er relativierte, dass es «schwer zu sagen sei, wann genau und was dann dort sein werde».
Eine baldige Benützung des Hafens in Otschamtschire durch Schiffe der russischen Schwarzmeerflotte wäre technisch möglich, selbst im Zustand, in dem der Hafen sich gemäss jüngster Aufnahmen befindet, und unter der realistischen Annahme einer Hafentiefe von 9 Metern. «Jedes der Schiffe der russischen Marine, die derzeit im Schwarzen Meer sind, könnte individuell im Hafen von Otschamtschire anlegen,» sagte ein unabhängiger Marineanalyst, der verschiedene Aufnahmen des Hafens untersucht hat. «Die grössten solche Schiffe sind zwei Fregatten der Admiral-Grigorovich-Klasse mit einer Länge von 124.8 Metern und einem Tiefgang von 4.2 Metern und ein Landungsschiff der Ivan-Gren-Klasse mit einer Länge von 135 Metern und einem Tiefgang von 3.8 Metern, die alle in Otschamtschire ankern könnten,» führte der Analyst weiter aus. Laut demselben Analysten könnten solche Schiffe mit der derzeitig in Otschamtschire existierenden Infrastruktur auch be- und entladen werden, umso mehr als dass sich die russische Schwarzmeerflotte derzeit in einem Kriegszustand befindet. Wenn man mit Schiffen in Otschamtschire Heck voran und nicht seitwärts anlegen würde, wie die russische Marine es in anderen Häfen teilweise auch macht, könnte das Problem des limitierten Platzes auf vorhandenen Kais in Otschamtschire ebenfalls und zumindest teilweise reduziert werden, wie der Analyst und oben erwähnte Offizier bemerkten.
All das muss jedoch relativiert werden. Alle zitierten Experten, der Marineoffizier, der Analyst, und Generalmajor Kapanadze, gaben unabhängig voneinander an, dass der derzeitige Hafen in Otschamtschire relativ klein und für einen grösseren Marinestützpunkt gar viel zu klein sei. Dies wird auch schnell klar, wenn man Satellitenphotos vom Hafen in Otschamtschire mit Aufnahmen des ehemaligen Haupthafens der russischen Schwarzmeerflotte in Sevastopol und dem jetzigen Hauptankerplatz in Novorossiysk vergleicht.
Sevastopol (Quelle: Google Maps)
Novorossiysk (Quelle: Google Maps)
Der Analyst und Marineoffizier führten diesbezüglich weiter aus, dass grössere russische Kriegsschiffe zwar technisch in den Hafen von Otschamtschire passen würden, die Grösse des Hafens dies aber alles andere als praktisch macht. In diesem Zusammenhang erklärte der Marineoffizier weiter, dass ein Anlegen Heck voran, zwar das Ankern von mehreren grösseren Kriegsschiffen ermöglichen könnte, dies dann aber schnell mit Wendemanövern im Hafenbecken in Konflikt geraten würde. Das Hafenbecken zu vergrössern wäre sodann theoretisch machbar, würde aber die Demolierung von Teilen des existierenden Hafens, sowie das Wegraben von beträchtlichen Landflächen, und das Bauen neuer Kais und anderer Infrastruktur erfordern, was ein gröberes Unterfangen wäre, dass mehrere Jahre beanspruchen würde. (Die Aussage des Direktors des georgischen Staatssicherheitsdienstes Giorgi Liuashvili vom 19. Oktober 2023, wonach der Bau eines russischen Marinestützpunktes in Otschamtschire mindestens drei Jahre beanspruchen würde, verweist wahrscheinlich auf ein solches oder ein ähnliches Szenario.)
Dementsprechend sind sich alle Experten einige, dass kleinere Kriegsschiffe, namentlich Korvetten, eine realistischere Option für eine Stationierung im Hafen von Otschamtschire wären. Da solche Korvetten mit Raketen bewaffnet sein können, inklusive Kalibr-Marschflugkörpern, welche gegen Ziele in der Ukraine eingesetzt wurden und werden, wäre dies, falls es geschehen sollte, jedoch eine signifikante Entwicklung.
Aber auch ein solches Szenario muss relativiert werden. «Kriegsschiffe benötigen regelmässige Wartung, umso mehr wenn sie oft in einem Kriegszustand eingesetzt werden,» erklärte der Marineoffizier SIGA. «Dementsprechend würden Korvetten oder andere Kriegsschiffe, falls sie permanent oder langfristig in Otschamtschire stationiert werden sollten, Wartungsmöglichkeiten in Otschamtschire benötigen, die derzeit nicht existieren,» führte er weiter aus. Wie der Offizier auf verfügbaren Aufnahmen des Hafens in Otschamtschire zeigte, verfügt dieser wartungstechnisch in der Tat nur über einen Wartungsplatz, der es nur erlaubt, die FSB-Patrouillenboote oder andere kleiner Schiffe zwecks Wartung mittels einer Wiege an Land zu bringen, jedoch nicht grössere Schiffe. Während der Bau von Trockendocks zur Wartung von grösseren Schiffen in Otschamtschire möglich wäre, wäre dies laut dem Marineoffizier nicht nur kostspielig, sondern würde auch geraume Zeit und selbst im besten Fall mehr als der von Shamba genannte Zeithorizont von weniger als einem Jahr in Anspruch nehmen. In diesem Zusammenhang und da andere Investitionen wohl einen direkteren Einfluss auf russische Kriegsbemühungen hätten, warf der Marineoffizier auch Zweifel über die Annahme auf, dass Russland grössere Investitionen in Otschamtschire tätigen könnte.
FSB-Stützpunkt mit hervorgehobenem Wartungsplatz für kleinere Schiffe (22nd of November 2023; David Katsarava / Anti-Occupation Movement Strength in Unity)
«Ein anderes Problem ist, dass Otschamtschire ziemlich weit weg vom Hauptoperationsgebiet der russischen Marine im nördlichen Teil des Schwarzen Meeres ist. Dies macht den Hafen zwar betreffend potentieller ukrainischer Angriffe sicherer, beschränkt aber auch signifikant die Nützlichkeit jeglicher dort stationierter Schiffe,» sagte der Marineoffizier weiter. Die grosse Reichweite von einigen Kalibr-Versionen könnte dies zwar zum Teil relativieren, würde das aufgeworfene Problem der Distanz jedoch nicht vollständig lösen.
In Anbetracht des Ausgeführten und falls es in der Tat Russlands Ziel sein sollte, einen neuen Marinestützpunkt zu haben, der weiter von der Ukraine entfernt ist, aber dennoch nahe genug, um effektiv im nördlichen Teil des Schwarzen Meeres operieren zu können, gäbe es wohl besserer Optionen als Otschamtschire. Der Marineoffizier stimmte dem zu und nannte den Hafen in Tuapse nordwestlich von Sochi an der russischen Schwarzmeerküste als ein Beispiel. Während der Hafen in Tuapse derzeit und soweit dies bestimmt werden konnte offenbar nicht militärisch genutzt wird, wäre eine Umfunktionierung angesichts der grösseren Ausmasse des Hafens und der dortigen Infrastruktur wahrscheinlich einfacher als ein Ausbau des Hafens in Otschamtschire.
Dies wurde indirekt auch von Generalmajor Kapanadze untermauert, der angab dass die Umstände in Otschamtschire, inklusive der Sedimentierung im Hafenbecken, welche regelmässiges Ausbaggern erfordert, den Ort zu keinem guten Platz für einen Hafen machen. Generalmajor Kapandze erklärte weiter, dass dies einer der Gründe gewesen sei, weshalb die Sowjetunion, selbst als der Hafen von Otschamtschire während des Zweiten Weltkriegs aktiv genutzt und benötigt wurde, nie geplant hatte, dort einen grösseren Marinestützpunkt zu bauen.
Schlussfolgerung
Angesichts des Ausgeführten ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Hafen in Otschamtshire ein bedeutender russischer Marinestützpunkt werden wir klein. Dies gilt trotz der gegenteiligen Behauptungen von abchasischen Offiziellen, unter anderem da solche Behauptungen vage blieben und nie von anderer Seite bestätigt worden sind, namentlich nicht von Russland [3].
In diesem Zusammenhang ist auch zu betonen, dass Bericht über einen grösseren russischen Marinestützpunkt in Otschamtschire alles andere als neu sind. So zitierte die staatliche russische Nachrichtenagentur TASS beispielsweise im Januar 2009 eine anonyme Quelle im Hauptquartier der russischen Marine, die damals angegeben haben soll, dass «die fundamentale Entscheidung über die Etablierung einer Schwarzmeerflottenbasis in Otschamtschire getroffen worden ist», dass «praktische Arbeiten, inklusive Ausbaggern» noch im selben Jahr hätten beginnen sollen, und dass solch ein Stützpunkt «in über einem Jahr» hätte fertiggestellt werden sollen. Nichts von alledem passierte dann jedoch (wie oben erwähnt gehören existierende Patrouillenboote in Otschamtschire zu einer FSB-Grenzwachteinheit und nicht zur Schwarzmeerflotte). Dementsprechend ist es ohne gegenteilige faktische Hinweise in der Tat sehr gut möglich, dass derzeitige abchasische Behauptungen lediglich eine Wiederholung solcher nie umgesetzter Pläne sein könnten.
Ungeachtet dessen ist es möglich dass der Hafen in Otschamtschire — ob in der derzeitigen oder in einer ausgebauten Form — allenfalls in einer untergeordneten Rolle für russische Marineoperationen wie Versorgung oder Betankung genutzt werden könnte. Aufgrund der oben genannten Gründe wäre dies aber sehr viel weniger signifikant als von derzeitigen Berichten über den Hafen behauptet und würde nicht das Ausmass einer permanenten Stationierung einer relevanten Anzahl russischer Kriegsschiffe in Otschamtschire bedeuten. In der Tat würden in einem solchen Szenario wohl nur einige wenige Schiffe der russischen Schwarzmeerflotte Otschamtschire anlaufen und wahrscheinlich nur kurzzeitig dort verweilen — was bedeuten würde, dass die russische Marine, falls sie ihre Schwarzmeerflotte anders stationieren wollen sollte, andere permanente Häfen und Lösungen für die Schwarzmeerflotte finden müsste.
Der Vollständigkeit halber ist in diesem Kontext zu erwähnen, dass sowohl der zitierte Analyst als auch Generalmajor Kapanadzde unabhängig voneinander angaben, dass Otschamtschire als Zwischenstopp oder Start- oder Endpunkt für existierende russische Frachtoperationen zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer, inklusive Häfen im mit Russland alliierten Syrien, genutzt werden könnte.
Angesichts all des Obigen sollten selbst solche Szenarien bis zum Vorliegen gegenteiliger faktischer Indikationen wie Beweisen, dass russische Kriegsschiffe in Otschamtschire angelegt haben oder dass die Konstruktion von militärisch relevanter Infrastruktur im Gange ist, mit Vorsicht betrachtet werden, da voreilige Schlussfolgerungen sich als fragwürdig herausgestellt haben [4].
[1] Am 5. Oktober 2023 verwies Dmitry Peskov, der Pressesekretär des russischen Präsidenten Wladimir Putin, eine Frage über eine angebliche Vereinbarung für einen russischen Marinestützpunkt in Otschamtschire an das russische Verteidigungsministerium, welches, soweit ersichtlich und wie andere russische Behörden, diesbezüglich nie etwas verlautbaren liess. Dass Bzhanias Aussage in Russland kaum ein Thema war, wurde von Leuten in Moskau berichtet.
[2] Generalmajor Kapanadze sowie die bereits erwähnte Analyse der Rondeli Foundation von Anfang 2022 geben an, dass die Patrouillenboote in Otschamtschire der Mangust- und Sobol-Klasse angehören. Der zitierte Bericht der Rondeli Foundation erwähnte dabei zusätzlich, dass Anfang 2022 zehn russische Patrouillenboote in Otschamtschire stationiert gewesen sein sollen. Dies gesagt, lassen von SIGA untersuchte neuere Aufnahmen, inklusive eines Satellitenphotos vom 5. März 2024, darauf schliessen, dass derzeit weniger als zehn Patrouillenboote in Otschamtschire stationiert sind; dies konnte jedoch nicht definitiv bestätigt werden.
[3] Die Annahme, dass Russland angebliche Pläne für einen Marinestützpunkt in Otschamtschire bewusst verschweigen könnte, ist nicht überzeugend.
Falls Russland solche Pläne verbergen wollen sollte, wäre es unwahrscheinlich, dass diese aus Versehen in einem Interview des mit Russland verbündeten abchasischen Präsidenten herausrutschen würden.
Das Szenario, dass der Kreml beabsichtigen könnte, durch Berichte über einen Marinestützpunkt in Abchasien Georgien unter Druck zu setzen, sei dies im Allgemeinen oder um Georgien davon abzubringen, den geplanten kommerziellen Tiefwasserhafen in Anaklia, welches nur 40 km südlich von Otschamtschire liegt, zu bauen, und dies verdeckt oder indirekt machen wollte und deshalb abchasische Beamte für solche Ankündigungen vorschiebt, ist ebenfalls fragwürdig. Dies ergibt sich namentlich aus dem Umstand, dass russische Beamte in der jüngeren Vergangenheit keineswegs Skrupel hatten, Georgien direkt unter Druck zu setzen, wie beispielsweise dieser Tweet des Repräsentationsbüros des russischen Aussenministeriums auf der Krim vom März 2023 zeigt.
[4] Ein anderes Beispiel für eine höchst fragwürdige voreilige Schlussfolgerung sind Berichte von Oktober 2023, die angeben, dass russische Systeme zur elektronischen Kriegsführung in Pitschori, einer 35 km südlich von Otschamtschire und unmittelbar hinter der Kontrolllinie zwischen Abchasien und Georgien gelegenen Basis, stationiert worden seien, um ukrainische Drohnenangriffe auf Otschamtschire zu verhindern (siehe z.B. hier, hier, und hier). Aufgrund der von Otschatmschire aus gesehenen nordwestlichen Lage der Ukraine sowie der langen Distanzen ist die Annahme, dass ukrainische Drohnen versuchen könnten, Otschamtschire von Süden anzugreifen, wo Pichori liegt, höchst unwahrscheinlich. Darüber hinaus würden russische Systeme zur Blockierung von Steuersignalen von Drohnen, die Otschamtschire angreifen könnten, wohl so oder so eher in Otschamtschire selber oder in unmittelbarer Nähe des Hafens stationiert werden, wofür es gemäss vorliegenden Drohnenaufnahmen des Gebietes vom 22. November 2023 keinerlei Anzeichen gibt. Dementsprechend stehen die auf Photos ersichtlichen Systeme in Pichori, die nicht definitiv identifiziert werden konnten und allenfalls keine Störsender, sondern Apparaturen zum Abhören von Funksignalen sind, wohl nicht in direktem Zusammenhang mit Otschamtschire.