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Es tat verdammt gut. Ecuador, Kolumbien, Peru, Bolivien, Argentinien. Vier Monate lang Neuland, kopfüber ins kalte Wasser, ohne Schwimmhilfe. Ich bin erfrischt.
Ich war auf tagelangen Busfahrten, kletterte auf 4600 Meter und schlief im Dschungel im Zelt. Ich kaute Coca-Blätter, tanzte ums Lagerfeuer, schwamm mit Krokodilen, Piranhas und pinken Delfinen. Mir war speiübel. Ich sah eines der neuen sieben Weltwunder, einen roten Papagei und einen professionellen Striptease zu später Stunde in einer Bar. Ich wurde in den Arm genommen und auf den Arm genommen. Vieles, auch ich, verlor an Gewicht. Ich fühle mich leichter. Und reicher. Kommen Sie, ich gebe Ihnen etwas von meinem Reichtum ab. Wenn Sie mögen, blättere ich rasch durch meine Reisenotizen. Hier ein wilder Mix, unchronologisch, verknappt, ohne Hierarchie, stichwortartig – und los gehts:
• In Lima springt ein als Mönch verkleideter Mann jeden Tag von einer hohen Klippe ins Meer. Er lässt dadurch eine Legende aufleben, wonach ein liebeskranker Mönch vor Jahrhunderten auf diese Weise ums Leben gekommen sein soll. Der aktuelle «Mönch» springt schon seit 24 Jahren von dieser Klippe, es ist sein Beruf. Nach dem Sprung ins eiskalte Wasser klettert er die Klippe wieder hoch und kommt Geld einsammeln. Unter der Mönchskutte trägt er einen Neopren-Anzug.
• Am schneeweissen Strand in Cartagena nutze ich die Happy Hour und schlürfe Caipirinhas. Bis ich den Barkeeper dabei beobachte, wie er aus dem mit Essensresten gefüllten und von Fliegen umschwärmten Mülleimer neben der Bar gebrauchte Strohhalme fischt und diese in die Drinks tut.
• Im Bus: je gefährlicher die Strasse, je tiefer die Schlucht, je dichter der Nebel, desto euphorischer und lauter die Musik, die aus den Boxen dröhnt. Und wer kann, singt mit.
• Unser Hostal in Medellin ist nicht einfach zu finden. Der Taxifahrer hält am Strassenrand und fragt eine Passantin nach dem Weg. Meine Freundin ruft ihr vom Rücksitz durch das halb geöffnete Fenster energisch den Namen der Bleibe zu: «Buddha, Buddha!» Nun, das sei kein Grund, vulgär zu werden, meinte die Passantin freundlich. Sie hatte «puta», Nutte, verstanden.
• Schuhputzer ist ein weitverbreiteter Beruf. In Bogotà trägt man dazu häufig Hemd, Bundfaltenhose und Sakko. In La Paz aber vermummt man sich zum Schuhputzen, denn hier gilt es als niedrigste Arbeit.
• Die plastische Schönheitschirurgie boomt in Südamerika. Kolumbianische Schaufensterpuppen haben massiv grössere Brüste und Hintern als unsere Schaufensterpuppen.
• Ein Taxifahrer fährt uns in Medellin zum Flughafen. Er hört einen religiösen Radiosender und betet während der 40-minütigen Fahrt ununterbrochen mit.
• Je schöner die Landschaft, desto ruchloser scheinen viele Einheimische mit ihr umzugehen. Müll wird einfach weggeworfen, aus dem Auto, aus dem Taxi, aus dem Boot.
• Auf der Busfahrt von Quito nach Cali lernen wir Anna und ihre Tochter Maria kennen. Sie helfen uns beim Grenzübergang und bieten in Cali eine Bekannte auf, die uns mit dem Auto zum Hostal fährt. Anna ist danach drei Tage lang unsere Reiseführerin. Sie zeigt uns ihre Lieblingsplätze und zum Schluss noch ihre bescheidene Wohnung. «Seht», sagt sie entschuldigend, «wäre sie nicht so klein, hätte ich euch bei mir untergebracht.» Als wir uns zum Abschied ein Erinnerungsfoto mit ihr wünschen, weint Anna vor Rührung.
Zur Person
Simon Libsig (1977) kann lesen und schreiben. Mit dieser Fähigkeit gewann der Badener bereits mehrere Poetry Slams und den Publikumspreis Swiss Comedy Award 2009. www.simon-libsig.ch