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Kannst du mir verzeihen? 9-11
Mein Vater starb, als ich neun Jahre alt war. Sein letztes Lebensjahr wurde immer wieder von lebensbedrohenden Schocks überschattet. Als er einmal nach solch einem dramatischen Ereignis mit dem Krankenwagen nach Hause gebracht wurde, versteckte ich mich, obwohl ich ihn über die Massen vermisst hatte. Kann ich mir so etwas verzeihen?
Vierzig Jahre später holte mich diese Dramatik durch eine Romanszene wieder ein: Ein neunjähriger Junge ist nach dem Angriff auf das World Trade Center mit seinen MitschülerInnen heimgeschickt worden. Niemand weiss, dass der Junge zu Hause ist. Mehrere Male ruft in diesem Moment der Vater des Jungen an und spricht auf den Anrufbeantworter. Von Mal zu Mal dringlicher. Der Junge ist nicht in der Lage, ans Telefon zu gehen und steht zur Säule erstarrt. Nach dem letzten Anruf – er sieht auf den Fernseher, in eben diesem Moment stürzen die Zwillingstürme ein – reisst er den Anrufbeantworter an sich, jagt auf die Strasse, kauft einen neuen Apparat und ersetzt ihn durch einen ohne Nachrichten. Die Spur ist verwischt. Aber sie verfolgt ihn bis in seine nicht abreissenden Alpträume hinein. Und immer wieder hört er den Apparat ab, den er natürlich sorgsam versteckt hat.
Der Junge ist und bleibt allein mit den entsetzlichen Erinnerungen an die zusammenbrechenden Türme. Besessen schaut er immer wieder youtube-Filme an, in denen die Menschen in den Tod springen. Er lässt die Filme wieder und wieder rückwärts laufen. Kein Erwachsener ist fähig, eine Frage zu stellen, die an das Leiden des Jungen rühren könnte. Er wird zu einem Psychiater geschickt, aber auch der ist nicht in der Lage, in die Welt des Kindes zu gelangen.
Und dann kommt, nach einem Jahr voller Schrecken, voller Irrungen und vergeblicher Bemühungen etwas ganz Unerwartetes: Dem Jungen begegnet ein Mensch, dem er endlich erzählen kann, dass sein Vater in den Zwillingstürmen umgekommen ist und dass er die letzten Minuten von dessen Leben am Telefon miterlebt hat, ohne in der Lage gewesen zu sein, mit ihm zu sprechen und ihm zu sagen, dass er ihn unendlich liebt. Und er fragt diesen ihm vollkommen unbekannten Menschen: „Kannst du mir verzeihen?“
Geht so etwas? Kann ich einen fremden Menschen bitten, mir etwas zu verzeihen, womit der andere nichts zu tun hatte? Kann ein Mensch einem anderen vergeben, ganz ohne irgendwie geartete Autorität? Ich denke ja, nichts und niemand bindet die beiden, weder eine Religion, noch eine Familienbeziehung, noch eine Therapie, noch ein Richteramt, lediglich ein einziger, ein unwiederholbarer, ein unglaublicher existentieller Moment. Der Mensch ist ein Wildfremder für den Jungen. Und doch ist er der einzige, der sagt: „Ich verzeihe dir.“ Mir selbst hat diese Erzählung verziehen, dass ich mich damals versteckt habe.
Aber für die Geschichte, die erzählt wird, gilt noch etwas anderes. Dieser existentielle Moment, in dem ein Mensch verzeiht, ist im Roman an einen unauslöschlichen, qualvollen Moment unserer Geschichte gebunden. Die Welt steht an einem Abgrund von Aggression, Hass und Zerstörung. Und es scheint ausser diesem Jungen niemanden zu geben, der weiss, dass er Verzeihen bitter nötig hat.
Jonathan Safran Foer (engl 2005/ dt 2007) Extrem laut und unglaublich nah. Fischer Verlag