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Im Alter von 27 Jahren reist der entlaufene Sklave Frederick Douglass mit dem Schiff aus den USA nach Europa. 1845 betritt er erstmals in seinem Leben irischen Boden. Dieser historische Moment sei am Anfang seines neuen Romans gestanden, sagt Colum McCann: «Ich sah den jungen Schwarzen vor meinem inneren Auge, wie er von Bord geht, sich von reichen Briten herumkutschieren lässt, überall flammende Reden gegen die Sklaverei hält und unterwegs Zeuge einer verheerenden Hungersnot wird. Dabei wird ihm klar: Er ist nicht der einzige, der ein schweres Schicksal durchmachen musste.»
Von Bildern inspiriert
Colum McCann lässt sich eher von Bildern als von Ideen zu Büchern inspirieren. «Ein Bild gibt den Anstoss zu einer Geschichte. Wohin sie mich dann trägt, weiss ich nicht; aber ich bin zuversichtlich, irgendwann am Ziel anzukommen.» So gesehen fühle er sich als Autor stets wie ein Abenteurer: «Du besteigst ein Boot und meistens kenterst Du oder wirst gegen einen Felsen geschmettert. Aber irgendwann strandest Du auf einer Insel und entdeckst dort eine neue Welt.»
Wie so oft in den Werken von McCann treten auch in «Transatlantik» verschiedene reale historische Persönlichkeiten auf. Etwa der bereits erwähnte, legendäre Schriftsteller und Abolitionist Frederick Douglass, den sowohl Barack Obama wie auch Martin Luther King als Vorbild nannten. Er spielt im Roman eine wichtige Rolle. Ebenso die beiden Aviatik-Pioniere John Alcock und Arthur Whitten Brown, die 1919 den ersten Nonstop-Flug über den Atlantik schafften. Oder der ehemalige Senator George Mitchell, der im Auftrag von Bill Clinton nach Belfast reiste und die langwierigen Friedensverhandlungen in Nordirland 1998 endlich zu einem glücklichen Ende brachte.
Grandioser Geschichtenerzähler
Diese drei historischen Ereignisse haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Verknüpft werden sie erst durch fiktive Frauenfiguren aus vier verschiedenen Generationen. Einmal mehr erweist sich Colum McCann in «Transatlantik» als grandioser Geschichtenerzähler, der uns die Welt aus den Augen der einfachen Leute präsentiert: einer Magd in den Diensten der reichen, protestantischen Briten im 19. Jahrhundert, einer Journalistin, die über den ersten Transatlantik-Flug berichtet oder einer Mutter, die im Nordirland der jüngeren Vergangenheit ihren einzigen Sohn bei einem Terroranschlag verliert.
«Ich wollte über diese kleinen, anonymen, menschlichen Momente schreiben, die sich in die grosse Weltgeschichte hineinschmuggeln», betont der Schriftsteller. «Genau sie zeigen uns, dass das Leben jedes Einzelnen zählt. Vergessen wir nie: wir sind wertvoll.»
Eine «fliessende Identität»
Der Titel «Transatlantik» gibt nicht nur in diesem Roman das inhaltliche Programm vor; er könnte auch als Motto für das persönliche Leben von Colum McCann stehen. Aufgewachsen im Dublin der 1960er-Jahre, verliess er als junger Journalist die grüne Insel und zog in die USA. «Nicht wie die meisten Iren aus wirtschaftlichen Gründen, sondern aus reiner Neugier», erinnert er sich.
Aus dem geplanten halben Jahr wurde ein Daueraufenthalt. Heute lebt er mit seiner Familie in New York und besitzt auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Vor fünf Jahren gelang ihm der Geniestreich, als gebürtiger Ire den National Book Award – den begehrtesten US-Literaturpreis – zu gewinnen. Er erhielt die Auszeichnung für seinen Roman «Die grosse Welt.» Ihm gefällt die Vorstellung einer «fliessenden Identität», wie er es nennt. «Ich bin ganz klar ein irischer Schriftsteller und reise auch mehrmals jährlich nach Dublin; als Bürger gehöre ich aber nach New York. Also sagen wir: ich bin ein irischer New Yorker.»
Buchhinweis
Colum McCann: «Transatlantik». Übersetzt von Dirk van Gunsteren. Rowohlt, 2014.