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Original text in German
Haupttext
Die Inzidenz von SARS-CoV-2 in der Schweiz ist momentan höher als im gesamten bisherigen Pandemieverlauf. In den vergangenen sieben Tagen wurden etwa 230’000 Menschen in der Schweiz positiv auf SARS-CoV-2 getestet[1]. Es wurden ca. 720’000 individuelle Tests durchgeführt. Im Herbst und Winter 2020/21 wurde die Dunkelziffer auf 2.7 (95% CI: 2.3 to 3.1) geschätzt anhand von Seroprävalenzstudien[2], bei einer Testpositivität von rund 25% [3]. Die Test-Positivitätsrate liegt aktuell bei rund 38%. Es ist deshalb wahrscheinlich, dass auch die Dunkelziffer der nicht bestätigten Fälle aktuell höher liegt als im Herbst und Winter 2021/22. Angesichts der hohen Dunkelziffer und des Umstands, dass Infizierte sich nur für 5 Tage isolieren müssen, kommt der eigenverantwortlichen Ansteckungsprävention und der Selbstisolation eine grosse Bedeutung zu.
Der Anstieg der bestätigten Fälle hat sich im Verlauf der letzten drei Wochen deutlich verlangsamt. Der geschätzte R-Wert ist von rund 1.6 Ende 2021[4] auf einen Wert von 1.19 (95% UI: 0.98 – 1.40) gesunken. Diese Verlangsamung des Anstiegs der bestätigten Fälle könnte darauf hindeuten, dass ein Höchststand der Omikron-Welle bald erreicht ist. Allerdings könnte er auch durch die Grenzen der Erfassung durch Tests zustande kommen. Ein Vergleich der geschätzten R-Werte zeigen Unterschiede zwischen den Grossregionen: ein geschätzter R-Wert von unter 1 weist im Tessin auf einen möglichen Rückgang der Infektionen hin, während die R-Werte für die übrigen Regionen zum Teil signifikant über 1 liegen4. Ausserdem gibt es deutliche Unterschiede in verschiedenen Altersklassen: Bei den 20-29-Jährigen ist die Zahl der bestätigten Fälle seit Ende KW1 2022 rückläufig, während die unter 10-Jährigen aktuell den schnellsten Anstieg zeigen[5]. Bei den über 60-Jährigen gab es bislang während der Omikron-Welle keinen markanten Anstieg der bestätigten Fälle[5], und der prozentuale Anteil der Infizierten, die über 60 Jahre alt sind, hat seit Anfang Jahr kontinuierlich abgenommen[5].
In der Schweiz ist aktuell die SARS-CoV-2 Variante Omikron dominant. Die Häufigkeit von Delta ist in KW 2, 2022, auf unter 10% gefallen. Ein Subtyp von Omikron, BA.2[6],[7], wurde auch in der Schweiz nachgewiesen und weist eine steigende Tendenz auf. Allerdings ist BA.2 in der Schweiz momentan noch so selten, dass die Unsicherheit über die aktuelle Entwicklung der Häufigkeit in der Schweiz gross ist. In Dänemark, Indien und den Philippinen hat BA.2 eine Häufigkeit von über 50% unter den sequenzierten Fällen. BA.2 ist schwieriger von Delta zu unterscheiden als die in der Schweiz dominante Omikron-Variante, die in der Pango-Nomenklatur[8],[9] BA.1 heisst. BA.1 weist einen sogenannten “S-Gen Target Failure” (SGTF) auf und kann somit ohne Genomsequenzierung relativ einfach und schnell von anderen Varianten (z.B. Delta) unterschieden werden. BA.2 weist keinen SGTF auf und kann so nicht mit herkömmlichen PCR-Tests von Delta unterschieden werden. Über die relevanten Eigenschaften von BA.2 – Übertragbarkeit, mögliche Immunevasion, Virulenz – liegen noch wenig Informationen vor.
Die Zahl der neuen COVID-19 Hospitalisationen pro Tag lässt sich im Moment nicht gut abschätzen, weil die Meldungen verzögert eintreffen. Es lässt sich momentan deshalb nicht bestimmen, ob die Zahl der neuen Hospitalisationen pro Tag aktuell zu- oder abnimmt. Eine Analyse der Hospitalisationsdaten[3] der Schweiz zeigt auf, dass zum Zeitpunkt der offiziellen Bekanntgabe am Folgetag die Anzahl der gemeldeten COVID-19 bedingten Spitaleintritte bei rund 65% der tatsächlichen Spitaleintritte liegt. Innerhalb von zwei Wochen steigt dieser Anteil durch Nachmeldungen auf rund 90%. Die Zahlen zu COVID-bedingten Spitaleintritten werden deshalb während rund zwei Wochen systematisch unterschätzt und müssen nachkorrigiert werden. Angesichts dieser Meldeverzögerungen ist die Belegung der Spitäler mit COVID-19-Patient:innen in dieser Situation ein robusteres Mass für die Spitalsituation.
Die Belegung der Normalstationen mit COVID-19-Patient:innen ist seit Anfang Jahr zuerst angestiegen und ändert sich im Moment nur noch langsam; die Belegung der Intensivstationen ist rückläufig[10]. Daten aus Genf, die in den vergangenen zwei Wochen konsolidiert werden konnten, erlauben eine direkte Abschätzung der momentanen Hospitalisationsrate: für Infektionen mit Omikron werden, basierend auf diesen Daten, pro 10’000 bestätigte Fälle momentan rund 20-40 Patient:innen hospitalisiert[11]. Die aktuelle Hospitalisationsrate ist tief im Vergleich zu früheren Phasen der Epidemie in der Schweiz[5], auch weil bislang bei Menschen über 60 Jahre, welche ein stark erhöhtes Hospitalisationsrisiko aufweisen, verhältnismässig wenige Omikron-Infektionen stattgefunden haben[5]. Das Risiko einer Hospitalisation nach einer Infektion ist bei den älteren Altersklassen nach wie vor hoch: auf 10’000 bestätigte Fälle von Menschen über 80 Jahren kommen etwa 1’300 Hospitalisation; bei Menschen zwischen 70 und 80 Jahren etwa 400 Hospitalisationen; und bei Menschen zwischen 60 und 70 Jahren etwa 80 Hospitalisationen.
Vor zwei Wochen hatten wir den Anteil der Bevölkerung, der sich zum Höhepunkt der Omikron-Welle innerhalb einer Woche anstecken wird, durch Modellierung auf 10-30% abgeschätzt[12]. Die Summe der in den letzten sieben Tage gemeldeten Fälle zusammen mit einer angenommenen Dunkelziffer von 3-4 bedeutet, dass sich innerhalb der letzten sieben Tage rund 8-11% der Bevölkerung infiziert hatten. Somit ist der untere Bereich unserer Abschätzungen des Höchstwerts an Infektionen bereits erreicht.
Möglicherweise reduzieren individuelle, freiwillige Verhaltensanpassungen angesichts der sehr hohen Viruszirkulation die infektiösen Kontakte[12]. Ein Hinweis auf eine mögliche Verhaltensanpassung ergibt eine Analyse der Gesamtmobilität in der Bevölkerung, die bisher im Januar deutlich niedriger ist als im Dezember 2021[13]. Wie oben erwähnt, besteht im Moment wegen der hohen Test-Positivität grosse Unsicherheit bezüglich der Dunkelziffer, und damit bezüglich der Zahl der tatsächlichen Infektionen pro Tag und der epidemiologischen Entwicklung.
Eine epidemiologische Verlangsamung hat günstige Folgen für die unmittelbar zu erwartende Spitzenbelastung des Gesundheitssystems. Falls die Anzahl der Ansteckungen zum Höhepunkt der Omikron-Welle im unteren Bereich der groben Abschätzung vom 11.01.2022 [12] bleibt, wird sich das auch auf die erwartete Anzahl Hospitalisationen auswirken. Wie oben erwähnt gibt es aber im Moment noch Unsicherheit bezüglich der weiteren epidemiologischen Entwicklung. Es ist möglich, dass sich das aktuell beobachtete langsame Anwachsen noch fortsetzt, dass eine zunehmende Dunkelziffer dazu führt, dass die bestätigten Fälle das tatsächliche Infektionsgeschehen immer schlechter wiedergeben, oder, dass der Höhepunkt der Omikron-Welle abgeflacht und verlängert wird, was die Dauer der hohen Belastung erhöhen könnte. Ein wichtiger Faktor ist auch die Altersverteilung der Infizierten. Falls der Anteil der über-65-Jährigen unter den Infizierten mit Omikron weiterhin tief bleibt im Vergleich zur Situation mit Delta[14], wird sich das positiv auf die Hospitalisationen auswirken; falls der Anteil zunimmt, werden auch die Hospitalisationen zunehmen.
Verkürzungen in der Dauer von Isolation und Quarantäne führen zu einer Erhöhung der erwarteten Ansteckungen. Omikron-Infektionen (im Vergleich zu Delta) verlaufen mit einer etwas kürzeren Inkubationszeit (3 Tage versus 4 Tage,[15],[16],[17]) zeigen im Nasenrachenraum möglicherweise eine niedrigere maximale Virenmenge (2-20-fach niedriger,[18]) und die Dauer der infektiösen Phase von Infizierten wird rund einen Tag kürzer geschätzt (10 versus 11 Tage,[18]). Da die infektiöse Phase länger als 5 Tage dauert, führt eine Verkürzung von Quarantäne und Isolation auf 5 Tage zu einer Erhöhung der Ansteckungen. Um Virusübertragungen nach Abschluss der 5-tägigen Isolation oder Quarantäne zu verhindern, bietet es sich aus Gründen der öffentlichen Gesundheit an, einfach verständliche Verhaltensregeln für weitere 5 Tage zu kommunizieren. Je höher die Dunkelziffer der nicht diagnostizierten Infektionen wird, desto wichtiger werden Anweisungen zur sofortigen Selbstisolation auch bei schwachen Symptomen, die mit COVID-19 zu vereinbaren sind. Aktuell, in KW 4, 2022, hat nämlich jede Person, die sich entscheidet, wegen Symptomen oder wegen eines Kontaktes einen Test durchführen zu lassen, bereits eine Wahrscheinlichkeit von rund 35%, infiziert zu sein.
Detaillierte Darlegungen
1. Epidemiologische Situation
Allgemeine Situation
Dynamik
Der geschätzte R-Wert hat Ende Dezember 2021 einen Wert von ungefähr 1.6 erreicht (was dem höchsten Wert seit Sommer 2021 entspricht) und ist seitdem gesunken.
Der 7-Tageschnitt der schweizweiten Reproduktionszahl ist bei 1,19 (95% Unsicherheitsintervall, UI: 0,98-1,4); dies reflektiert das Infektionsgeschehen vom 08.01. – 14.01.2022[21].
Tagesbasierte Schätzungen der effektiven Reproduktionszahl Re für die Schweiz betragen:
- 1,19 (95% UI: 1,08-1,31) aufgrund der bestätigten Fälle, per 14.01.2022.
- 0,92 (95% UI: 0,81-1,03) aufgrund der Hospitalisationen, per 08.01.2022; wie oben erwähnt ist diese Schätzung aber verfälscht durch Meldeverzögerungen. Zum Vergleich: aufgrund der bestätigten Fälle wird Re für den selben Tag auf 0,94 (95% UI: 0,87-1,01) geschätzt.
- 0,99 (95% UI: 0,7-1,33) aufgrund der Todesfälle, per 02.01.2022. Zum Vergleich: aufgrund der Hospitalisationen wird Re für den selben Tag auf 0,95 (95% UI: 0,84-1,06) geschätzt. Aufgrund der bestätigten Fälle wird Refür den selben Tag auf 1,3 (95% UI: 1,14-1,47) geschätzt.
Wegen Meldeverzögerungen und Fluktuationen in den Daten könnten die Schätzwerte nachkorrigiert werden. Insbesondere sind Spitalmeldungen zur Zeit unvollständig. Wir weisen darauf hin, dass die Re Werte das Infektionsgeschehen nur verzögert widerspiegeln, weil eine gewisse Zeit vergeht zwischen der Infektion und dem Testresultat oder dem etwaigen Tod. Für Re Werte, die auf Fallzahlen basieren, beträgt diese Verzögerung mindestens 10 Tage, für Todesfälle bis zu 23 Tagen.
Parallel bestimmen wir die Änderungsraten der bestätigten Fälle, Hospitalisationen und Todesfälle über die letzten 14 Tage[22]. Die bestätigten Fälle nahmen mit einer Rate von 14% (UI: 28% bis 1%) pro Woche zu. Die gemeldeten Hospitalisierungen fielen mit einer Rate von -12% (UI: -3% bis -20%) pro Woche, wobei diese Zahl wegen den oben erwähnten Meldeverzögerungen verfälscht ist. Die Todesfälle mit -16% (UI: 9% bis -35%) pro Woche. Diese Werte spiegeln das Infektionsgeschehen vor mehreren Wochen wider.
Die Entwicklung der Fallzahlen, Hospitalisierungen und Todesfällen stratifiziert nach Alter kann auf unserem Dashboard verfolgt werden[23]. Die Zahl der Fälle nahm in den Altersgruppen der 0-9, 10-19, 30-39 und 40-49 Jährigen signifikant zu. Mit der Rate von 74% (95% UI: 54-96%) war der Anstieg in den 0-9 Jährigen am stärksten.
Absolute Zahlen
Die kumulierte Anzahl der bestätigten Fälle über die letzten 14 Tage liegt bei 4751 pro 100’000 Einwohner:innen. Die Testpositivität liegt bei 38,4% (Stand 21.01.2022, das ist der letzte Tag für welchen nur noch wenige Nachmeldungen erwartet werden).
Die Anzahl der COVID-19-Patient:innen auf Intensivstationen lag über die letzten 14 Tage im Bereich von 266-281 [24] Personen (die Änderung war -1% (UI: 13% bis -13%) pro Woche).
Die Zahl der täglichen laborbestätigten Todesfälle lag über die letzten 14 Tage zwischen 8 und 29[25].
Varianten
Eine Zusammenfassung findet sich auf[26]. Eine Zusammenfassung zur Situation bezüglich der beiden Omikron-Varianten BA.1 und BA.2 findet sich im Haupttext.
2. Entwicklung der Hospitalisationen relativ zu den bestätigten Fällen
Die Zahl der Hospitalisationen relativ zu den bestätigten Fällen ist ein wichtiger Parameter, um die zu erwartende Spitalbelastung abzuschätzen. Bei SARS-CoV-2 hängt die Zahl der Hospitalisationen relativ zu den bestätigten Fällen bei stabiler Testsituation und konstanter Dunkelziffer vorwiegend vom Alter und vom Immunitätsstatus der infizierten Personen ab; eine zunehmende Dunkelziffer trägt zu einer Erhöhung der Zahl der Hospitalisationen relativ zu den bestätigten Fällen bei. Zusätzlich spielt die intrinsische Virulenz der vorherrschenden Virusvariante eine Rolle. Da wir in der Schweiz den Immunitätsstatus von bestätigten Fällen nicht systematisch und individuell erfassen, muss dieser Parameter durch Seroprävalenzdaten abgeschätzt werden. Seroprävalenzdaten unterschätzen wegen der Zeitverzögerung die momentane Immunität in der Bevölkerung, insbesondere in Zeiten hoher Viruszirkulation und aktiver Impfkampagnen.
Die Zahl der Hospitalisationen relativ zu den bestätigten Fällen geht seit Mitte Oktober 2021 stetig zurück. Für die Gesamtbevölkerung ist dieser Wert von Mitte Oktober bis Mitte Dezember 2021 von 2.5% auf 1.5% zurückgegangen (Abbildung 1). In diesem Zeitraum war in der Schweiz Delta dominant. Dieser Rückgang kann damit erklärt werden, dass der Schutz gegen Ansteckung mit Delta deutlich stärker nachgelassen hat als der Schutz vor Hospitalisation. Ab Ende Dezember 2021 bis Mitte Januar 2022 ist die Zahl der Hospitalisationen relativ zu den bestätigten Fällen für die Gesamtbevölkerung von 1.3% auf 0.4% abgefallen. Dieser Abfall fällt zeitlich mit der Dominanz von Omikron zusammen; beigetragen zum Abfall hat wahrscheinlich auch der zunehmende Anteil der Bevölkerung, die dreifach geimpft sind[27]. Bei den über 60-Jährigen ist der Abfall besonders ausgeprägt (ein 2-3-facher Abfall). Der ausgeprägte Abfall bei den über 60-Jährigen ist wahrscheinlich auf folgende Faktoren zurückzuführen: 1) der Grossteil der Infektionen mit Omikron haben bei bei jüngeren Menschen mit inhärent niedrigem Hospitalisationsrisiko stattgefunden. 2) Bei Personen über 60 Jahre lag die Impfabdeckung in der Schweiz Ende Dezember bei >90% (2 Dosen) respektive >60% (3 Dosen). Erstere schützt zu ca 70% vor Hospitalisation, letztere ungefähr zu 90% [28]. Das Ausmass dieser Immunität ist entscheidend für die sinkende altersspezifische Hospitalisationsrate. 3) Die intrinsische Virulenz wird bei Omikron tiefer als bei Delta geschätzt, was gemäss ECDC zu einer Verminderung des Hospitalisationsriskos nach Infektion um 50-60% führt[29]. Diese drei Faktoren tragen entscheidend dazu bei, dass die Belegung der Spitäler im bisherigen Verlauf der Omikron-Welle nicht stärker angestiegen ist.
Abbildung 1: Zahl der Hospitalisationen relativ zu den positiven Fällen, in Prozent (mit 95% Vertrauensintervall) für die Schweizer Gesamtpopulation (links oben) und aufgeschlüsselt nach Altersgruppen. Quelle: BAG-Daten. Gezeigt wird ein gleitender 7-Tagesdurchschnitt ab dem Datum des positiven Testes. Die senkrechte, rote gestrichelte Linie markiert das Ende der Kalenderwoche 51/2021 (26. Dez. 2021), ab welcher Omikron in der Schweiz dominant war.
Für den weiteren Verlauf der Spitalbelastung in den kommenden Wochen wird es entscheidend sein, wie sich die Zahl der Infektionen insbesondere bei den über-60-Jährigen entwickelt. Drei Faktoren spielen eine wichtige Rolle: Drittimpfungen, Vorkehrungen an Gesundheitsinstitutionen und Altersheimen, um Ansteckungen innerhalb der Institutionen zu minimieren, und die individuelle Vermeidung von Risikokontakten besonders für Menschen in diesen Altersklassen.
3. Meldeverzögerungen von Hospitalisationen beeinflussen die Messung der Spitalbelastung und die Abschätzung der epidemiologischen Dynamik
Die offiziellen Meldungen der Spitaleintritte sind erst mit einer Verzögerung von rund 2 Wochen zu über 90% vollständig. Eine Analyse von Daten[30] zeigt, dass zum Zeitpunkt der offiziellen Bekanntgabe am Folgetag die Anzahl der gemeldeten COVID-19 bedingten Spitaleintritte bei rund 65% der tatsächlichen Spitaleintritte liegt. Nach zwei Wochen steigt dieser Anteil durch Nachmeldungen auf 90%.
Die Meldeverzögerungen haben zwei Konsequenzen: erstens bilden die Zahlen der letzten zwei Wochen die tatsächlichen absoluten Spitaleintritte nicht korrekt ab; und zweitens geben die Meldungen der letzen zwei Wochen die tatsächliche relative Entwicklung (dh. Zu- oder Abnahme) der Hospitalisationen nicht korrekt wieder. Die Meldeverzögerungen führen dazu, dass die gemeldeten Daten in den letzten zwei Wochen tendenziell eine abfallende Tendenz zeigen, auch in Perioden, in denen die tatsächliche Zahl der Hospitalisationen pro Tag zunimmt. Abbildung 2 zeigt, dass die tatsächliche Zahl der Spitaleintritte seit Ende November im Bereich von 100-125 pro Tag liegt.
Abbildung 2: nachlaufender 7-Tage-Durchschnitt der Hospitalisationen, Datenstand (1) eine Woche nach dem Berichtszeitraum, (2) zwei Wochen nach dem Berichtszeitraum und (3) am 24.1.2022. Daten, die weniger als zwei Wochen zurückliegen (und für die die Nachmeldeperiode deshalb weniger als zwei Wochen beträgt) sind in blau dargestellt.
4. Mögliche Auswirkungen der Verkürzung oder Aufhebung von behördlich angeordneter Isolation und Quarantäne
Omikron und Delta weisen Unterschiede im Infektionsverlauf auf, die Entscheidungen über die Dauer von Isolation und Quarantäne beeinflussen können. Mehrere Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Zeit zwischen Ansteckung und Symptomen – die sogenannte Inkubationszeit- bei Omikron mit 3 Tagen rund einen Tag kürzer sein könnte als bei Delta[15],[16],[17]. Eine noch nicht unabhängig begutachtete Studie einer beinahe täglich mittels PCR aus Nasen- und Rachenabstrich getesteten kleinen Gruppe von Sportlern konnte folgende Unterschiede im virologischen Infektionsverlauf zwischen Omikron und Delta feststellen[18]: Der Anstieg der Virusmenge dauerte bis zum Peak jeweils 3-4 Tage, war bei Delta jedoch steiler als bei Omikron. Bei Omikron wurde eine 2-20-fach niedrigere maximale Virenmenge erreicht. Die Kinetik des Abfalls der Virenmenge nach dem Peak war identisch, durch den niedrigeren Peak war jedoch die Dauer bis zum Erreichen eines wahrscheinlichen Grenzwertes der Infektiosität bei Omikron um rund einen Tag kürzer. Insgesamt ist die Dauer der wahrscheinlich infektiösen Phase von Infizierten in dieser Studie bei Omikron um rund einen Tag kürzer als bei Delta. Die hier festgestellten Unterschiede zwischen Infektionen durch Delta und Omikron könnten auch dadurch bedingt sein, dass die meisten Studienteilnehmer zwischen der Delta-Welle und der Omicron-Welle eine dritte Dosis eines mRNA-Impfstoffes erhalten hatten. Ausserdem handelt es sich um eine, bezüglich Alter, Gesundheitszustand und Gesundheitsüberwachung stark selektionierte Population, sodass Rückschlüsse auf die Allgemeinbevölkerung nur bedingt möglich sind. Detaillierte Vergleiche des virologischen Infektionsverlaufes zwischen Delta und Omikron bei Menschen ohne vorbestehende Immunität sind aktuell nicht verfügbar. Mögliche epidemiologische Auswirkungen einer Verkürzung oder Aufhebung der behördlich angeordneten Quarantäne auf die aktuelle Situation haben wir im wissenschaftlichen Update vom 11.01.2022 diskutiert[12].
Welche wirtschaftlichen Konsequenzen hat die Quarantäne in der aktuellen Situation? In Situationen mit tiefer Inzidenz und tiefer Dunkelziffer kann Quarantäne und Isolation effizient Infektionen verhindern und Fallzahlen auf tiefem Niveau halten[31]. In der momentan sehr hohen Inzidenz ist dies nicht mehr der Fall. Im Wissenschaftlichen Update vom 11. Januar haben wir abgeschätzt, dass momentan die Quarantäne den R-Wert nur um rund 3% senken kann. Aufbauend auf der Analyse in diesem Update[12] haben wir analysiert, inwieweit der wirtschaftliche Nutzen einer Aufhebung der 5-tägigen Quarantäne durch einen resultierenden Anstieg der Ansteckungen (und somit Isolierungen) verringert oder gar zunichte gemacht würde. Ausgangspunkt sind die Unter- und Obergrenzen der verschiedenen epidemiologischen Szenarien, die im Wissenschaftlichen Update vom 11. Januar diskutiert wurden. Basierend auf der oben dargelegten aktuellen Situation ist es wahrscheinlich, dass die weitere Entwicklung näher bei der Untergrenze verlaufen wird. Solche Pandemiewellen und die damit einhergehenden vorübergehenden Verluste von Arbeitskräften würden im Falle einer 5-tägigen Quarantäne die Gesamtwertschöpfung um etwa 900 Millionen bis 2.3 Milliarden CHF reduzieren. Ohne 5-tägige Quarantäneregelung, aber unter der Annahme, dass sich dadurch die Fallzahlen nicht ändern, würde sich dieser Verlust auf zirka 800 Millionen bis 2.1 Milliarden CHF verringern. Die Annahme, dass Quarantäneregeln keinen Einfluss auf das Ansteckungsgeschehen haben, ist jedoch nicht realistisch. Wenn wir davon ausgehen, dass die Reproduktionsrate durch eine generelle Abschaffung der Quarantänepflicht um 3% steigen würde (siehe Scientific Update vom 11. Januar), würde das die oben erwähnte Spannbreite nur geringfügig ändern. Der gesamte Wertschöpfungsverlust würde netto immer noch bis zu zirka 10% tiefer ausfallen als unter Beibehaltung der 5-tägigen Quarantäneregel. Diese Berechnungen beruhen auf einer Vielzahl von Annahmen. Es wird z.B. davon ausgegangen, dass die Auslastung des Gesundheitssystems auch im Fall einer Abschaffung der Quarantänevorschriften nicht mehr an eine kritische Grenze stossen, und damit weitere wirtschaftliche Einschränkungen erfordern würde.
Trotz spürbaren Beschäftigungsausfällen hält sich die Wirtschaft recht gut. Vorläufige Ergebnisse der KOF[32] Konjunkturumfragen für den Monat Januar 2022 zeigen, dass in fast allen Branchen der Anteil der Firmen, die angeben, dass die Verfügbarkeit und der Einsatz von Personal die Tätigkeit ihres Unternehmens beeinträchtigen, deutlich gestiegen ist. In allen Sektoren berichten zwischen 30% und 45% der Unternehmen über derartige Probleme. Gleichzeitig bleibt jedoch die Verfügbarkeit von Waren, Betriebsmitteln und/oder Vorräten im Allgemeinen das wichtigste Hindernis, das sich aus der Pandemie ergibt. Mit Ausnahme des Gastgewerbes ist der Anteil der Unternehmen, die ihre Existenz als gefährdet bezeichnen, im Januar kaum gestiegen. Dieser Anteil ist in allen Sektoren deutlich niedriger als während der zweiten Welle der Pandemie, im Herbst und Winter 2020/21.
Unter den befragten Firmen hat die Zahl Personen, die in Isolation und Quarantäne sind, in den letzten zwei Wochen zugenommen. In der Online-Stichprobe (mit in den vergangenen zwei Wochen zirka 600 teilnehmende Firmen) zeigt der Vergleich des Durchschnitts des Anteils der Beschäftigten, die sich in den vorausgehenden zwei Wochen in Quarantäne oder Isolation befanden, einen deutlichen Anstieg zwischen dem 8. und 14. Januar und dem 15. und 21. Januar. Bei den Unternehmen, die jeweils in einem dieser Zeiträume geantwortet haben, steigt der Anteil von etwa 6 auf 9 %. Der Anstieg des Prozentsatzes der Abwesenden war in den meisten Wirtschaftszweigen zu beobachten. Trotz der Verringerung des Arbeitseinsatzes hielten sich die Umsatzeinbussen bisher in Grenzen. Bei den beteiligten Unternehmen berichten 8% von einem Umsatzrückgang aufgrund pandemiebedingter Arbeitsausfälle. Der durchschnittliche Umsatzrückgang beläuft sich über alle Unternehmen hinweg auf etwa 1%. In der Periode vom 8. bis zum 21. Januar sind beide Anteile leicht angestiegen.
Die Umfrageergebnisse deuten auch auf das Vorhandensein von Schwelleneffekten hin. Unternehmen mit einem kleinen Anteil an Arbeitsausfällen sind nur in geringem Masse von Produktionseinbussen betroffen. Wenn mehr als zirka 15 % der Belegschaft in Isolation oder Quarantäne sind, verstärken sich tendenziell die Umsatzrückgänge, d. h. wir beobachten dann eine wesentlich höhere Umsatzelastizität der Arbeit. Aber selbst dann ist der Umsatzrückgang prozentual immer noch weitaus geringer als der Beschäftigungsrückgang. Zudem dürfte dieser Schwellenwert stark branchenspezifisch sein, da die physische Anwesenheit der Beschäftigten nicht überall von gleicher Bedeutung ist. Insgesamt können aber solche Schwellenwert-Phänomene dazu führen, dass die Einbussen disproportional zunehmen falls die Omikron Welle weiterwächst.
Quellen:
[11] Die Abschätzung wird allerdings erschwert durch den Umstand, dass in diesen Daten rund 40% der Proben von Personen, die wegen COVID-19 hospitalisiert werden, keinen der für den dominierenden Omikron-Typ charakteristische “S-Gen Target Failure” (SGTF) aufweisen; die meisten dieser 40% gehen wahrscheinlich auf Infektionen mit Delta zurück, ein Teil auch auf Infektionen mit der Omikron-Untervariante BA.2.
[15] Centers for Disease Control and Prevention. Investigation of a SARS-CoV-2-B.<ip-pii>9 (Omicron) Variant Cluster—Nebraska- November-December 2021. MMWR Early Release. Vol. 70. December 28, 2021.
[16] Brandel LT, MacDonald E, Veneti L, Ravio T, Lange H, Naseer U, et al. Outbreak caused by SARS-CoV-2 Omicron variant in Norway, November to December 2021.Euro Surveill.2021;26(50):pii=2101147 https://doi.org/10.2807/1560-7917.ES.2<ip-pii>1147external icon
[17] Lee JJ, Choe YJ, Jeong H, Kim M, Kim S, Yoo H, et al. Importation and transmission of SARS-CoV-2 B1.1.529 (Omicron) variant of concern in Korea, November 2021. J Korean Med Sci. 2021 Dec 27;36(50):e346 https://doi.org/10.3346/jkms.2021.36.e346 eISSN 1598-6357·pISSN 1011-8934
[21] https://sciencetaskforce.ch/reproduktionszahl/und https://ibz-shiny.ethz.ch/covid-19-re-international/: Die Schätzungen von Reüber die letzten Tage können leichten Schwankungen unterliegen. Diese Schwankungen treten insbesondere in kleinen Regionen, bei sich ändernder Dynamik und bei niederen Fallzahlen auf.
[22] https://ibz-shiny.ethz.ch/covidDashboard/trends: Aufgrund von Melderverzögerungen werden die letzten 3 respektive 5 Tage für bestätigte Fälle und Hospitalisationen/Todesfälle nicht berücksichtigt.