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Das Gehirn von zweisprachigen Personen ist in der Lage, je nach Kontext unterschiedliche Strategien zu entwickeln und anzuwenden. Zu diesem Resultat kommt Professor Jean-Marie Annoni vom Labor für kognitive und neurologische Wissenschaften der Universität Freiburg nach einer Testreihe mit zweisprachigen Probanden.
Laut einer Mitteilung stammen die Umfrageteilnehmer aus den Kantonen Freiburg und Bern. An den Studien beteiligt waren auch Alzheimerpatienten. Der Studienleiter begründet diese Wahl mit der Absicht, die Organisation des Sprachenzentrums im Gehirn besser zu verstehen.
Mehrere Studien
Eine Studie befasste sich mit dem Einfluss der Sprache auf die Lesestrategien. Die Forscher arbeiteten dabei mit dem Departement für Neurologie der Uni Bern zusammen. Sie studierten die Augenbewegungen zweisprachiger Testpersonen beim Lesen. Den französisch- und deutschsprachigen Personen wurden während einer Stunde Wortlisten vorgelegt, zuerst in der einen, dann in der anderen Sprache.
Zusätzlich hatten die Wissenschaftler erfundene Wörter hinzugefügt, wie «Batalu» oder «Otil». Das Resultat: Beim Lesen der deutschen Wörter setzte sich das Auge der Testpersonen auf eine Stelle jeweils kurz vor dem Anfang eines Wortes. Französische Wörter jedoch erfasst das Auge in der Mitte.
Auch klinische Studien
Der Grund ist laut den Forschern: Jeder Buchstabe in der deutschen Sprache entspricht einem Ton, während im Französischen jeder Buchstabe verschiedene Töne bedeuten kann–je nach Kombination mit anderen Buchstaben. Indem das Auge das französische Wort in der Mitte erfasst, hat es einen globalen Eindruck der Buchstaben und erkennt, wie sie zu lesen sind.
In einer weiteren, diesmal klinischen Studie konnte mit Hilfe der Abteilung für Neuropsychologie des Freiburger Spitalnetzes HFR gezeigt werden, dass die französische und die deutsche Sprache bei Alzheimerpatienten im selben Ausmass von der Krankheit beeinflusst werden. Über eine längere Zeit könnten sich zwar Unterschiede bemerkbar machen, trotzdem lasse sich nicht belegen, dass eine der beiden Sprachen schneller und stärker von der Krankheit beeinträchtigt werde.
Resultate für die Praxis
«Das Verhalten des Auges beim Lesen wurde bereits in anderen Studien getestet, aber noch nie wurden die Unterschiede zwischen zwei Sprachen verglichen, die sich so nahestehen und von derselben Person zu gleichen Teilen gesprochen werden», erklärte Annoni. Die Resultate führen zu einem besseren Verständnis der Strategien, die das Gehirn im Bereich der Sprache anwendet, um sich an eine neue Situation anzupassen. Dies könnte eine Verbesserung der Therapiemassnahmen bei Patienten mit Aphasie ermöglichen–das ist eine erworbene Störung der Sprache durch eine Schädigung des Gehirns. «Die Daten könnten uns dabei helfen, neue Lehrmethoden zu entwerfen», ergänzte Annoni. So sei bekannt, dass der Anteil an Personen, die unter Legasthenie litten, höher sei bei opaken Sprachen wie dem Französischen als bei transparenten Sprachen wie dem Deutschen. fca