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Titel
Domleschg
(Kt. Graubünden,
Bez. Heinzenberg).
Thalschaft des Kantons Graubünden.
Der Name
Domleschg wird in doppeltem Sinn gebraucht. Im geographischen Sinn bezeichnet
er die unterste von den drei Stufen des Hinterrheinthals, dessen mittlere u. obere Stufen das
Schamser- u. Rheinwaldthal sind.
Im politischen Sinn ist
Domleschg einer der drei Kreise des bündnerischen Bezirks
Heinzenberg u. umfasst
nur die rechte
Seite der untern Rheinthalstufe von
Sils bis
Feldis, während die linke
Seite mit dem
Heinzenberg den Kreis
Thusis
bildet und der dritte Kreis des genannten Bezirks das
Safienthal umfasst. Das
Domleschg als Thalstufe erstreckt sich vom Ausgang
der Viamala bei
Thusis bis zur Vereinigung des Hinterrheinthals mit dem Thal des
Vorderrhein bei
Reichenau
und ist flankiert rechts von der Kette des
Stätzerhorns, links vom
Rücken des
Heinzenbergs. Etwas ausserhalb Rotenbrunnen
treten die Berghänge von beiden
Seiten nahe an den
Rhein, so dass eine Thalenge entsteht. Von
Thusis bis hierher hat
das
Domleschg eine Länge von etwa 10 km, bis nach
Reichenau hinaus aber sind es 15 km. Der Abstand der
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einschliessenden Bergkämme beträgt etwa 10 km, wovon auf das eigentliche Thal (Thalboden u. untere Abhänge) etwa 5 km kommen.
Das
Domleschg ist eines der schönsten und reichsten Thäler Graubündens. Zwar hat der Rhein die flache Thalsohle auf weite
Strecken verheert. Denn früher hatte derselbe kein festes Bett. In zahlreichen Serpentinen und in viele
Arme zerteilt, die oft ihre Lage änderten, durchströmte er mit geringem Gefälle das breite Thal. Besonders verheerend
trat er jeweilen auf, wenn bei anhaltenden und starken Regengüssen die hochangeschwollene Nolla bei Thusis ihm ihre schwarzen
Schlamm- und Geschiebefluten zuwälzte.
Wiederholt ist es dabei vorgekommen, dass die sonst so kleine Nolla den Rhein förmlich staute, bis er dann mit umso grösserer Gewalt sich durchbrach und die flachen, einst fruchtbaren Uferlandschaften durchwühlte u. mit seinen Sand- und Kiesmassen bedeckte. Lange Zeit bot darum der breite Thalboden ein trostloses Bild der Zerstörung. Weite Sand- und Kiesflächen, Sümpfe und trübe Wasserlachen breiteten sich an Stelle der Wiesen und Fruchtfelder aus. Zum Teil ist es jetzt noch so. Doch hat der Mensch nicht ohne Erfolg den Kampf mit den Elementen aufgenommen.
Grossartige Verbauungen schlugen die Nolla in Fesseln. Dem Rhein wurde durch gewaltige Dämme ein festes und geradlinig verlaufendes Bett gegeben, durch welches er einen ungehemmten raschen Abzug findet. Zahlreiche Querdämme gehen rechtwinklig von den Hauptwuhren aus, durch welche der Thalgrund in rechteckige Parzellen zerlegt wird. Da hinein leitet man durch kleinere Kanäle das Flusswasser, damit dieses in den so entstehenden und nach Belieben regulierbaren Lachen seinen Schlamm absetzen kann. So entsteht allmählig eine fruchtbare Schicht über den Sändern und Steingeröllen, und es bedeckt sich die wüste Fläche in ein bis zwei Jahrzehnten mit Buschwerk, Wiesen und Aeckern.
Von der Strasse und Eisenbahn aus, die das Thal längs dem Fuss des Heinzenbergs durchziehen, kann man diese Anlagen u. die
durch sie bewirkten Veränderungen teilweise überblicken. Schöner aber ist der Blick auf die gegenüber
liegende Seite, das
Domleschg im engern Sinn. In sanft ansteigenden Terrassen erhebt sich der Boden gegen die ö. Bergkette,
überall geschmückt mit Dörfern und Weilern, mit Kirchen und Kapellen, mit hochtronenden Schlössern und zerfallenen Ritterburgen.
Fruchtfelder wechseln mit grünen Matten, Obstbaumhaine mit kleinen Waldpartien. Darüber folgt der untere Steilabsturz der Stätzerhornkette, meist dicht bewaldet, seltener den kahlen Fels zeigend, vielfach aber durchrissen von engen Bachrunsen. Nur im äussern Teil des Thals, von Rotenbrunnen an auswärts, treten diese Steilhänge unmittelbar an das Flussbett u. zeigen hier auch schroffe Formen mit manchen kahlen Felspartien. Auch von der Höhe dieser Steilhänge schauen noch einzelne Dörfer herunter (Feldis, Scheid u. Trans 1200-1500 m hoch gelegen od. 500-800 m über der Thalsohle).
Noch weiter oben folgen, wieder sanfter ansteigend, die Alpweiden und über diesen die meist gerundeten Formen der nicht sehr hohen, aber aussichtsreichen Gipfel, darunter das vielbesuchte Stätzerhorn (2576 m), eine bündnerische Rigi. Auch die linke Thalseite oder der Heinzenberg steigt in meist sanften Bodenwellen an. Zwischen einer untern und einer obern Waldzone breitet sich eine weite Terrassenlandschaft aus, die mit ihrer Perlenschnur von Dörfern einen gar malerischen Anblick gewährt. Diese Dörferreihe liegt in einer Höhenzone von etwa 1200 m. Nur wenige Ortschaften liegen tiefer als ¶
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1000 m. Dafür erreicht aber auch Tschappina in einem schlimmen Rutschgebiet über dem finstern Tobel der Nolla eine Höhe von
fast 1600 m. Ueber der obern Waldzone folgen breite Alpweiden, die bis auf den sanft gerundeten Rücken des Berges steigen,
dem man es von der
Domleschgerseite nicht ansieht, mit welcher Schroffheit er nach dem Safienthal abfällt.
Durch die Nollaschlucht vom Heinzenberg getrennt erhebt sich die schöne Pyramide des Piz Beverin, mit gerade 3000 m der höchste
Berg des
Domleschg, das weithin sichtbare Wahrzeichen desselben. Ein östlicher Ausläufer erstreckt sich bis zu der weltberühmten
Schlucht der Viamala. In der Gabel zwischen dieser und der Schynschlucht gewährt die nördlich steil abfallende
Muttnerhöhe (2003 m) den schönsten und vollständigsten Ueberblick über das ganze
Domleschg.
Alle diese Gebirge setzen sich aus Bündnerschiefer zusammen, der in sehr mannigfaltigen Formen auftritt und ungemein gefaltet ist. Dunkelgraue oder fast schwarze Thonschiefer wechseln mit mehr sandigen oder kalkigen oder auch glimmerigen und talkigen Schichten ab, die im ganzen von SW.-NO. streichen und nach SO. fallen, wenn auch manche Abweichungen davon vorkommen. Ueber das Alter dieses Gesteinskomplexes wird immer noch gestritten. Die einen teilen ihn dem Lias zu, andere lassen ihn durch Mittel- und Oberjura und durch die Kreide bis ins Eocän und Oligocän des Tertiär gehen.
Das weiche und leicht verwitternde Gestein veranlasst die rundlichen Gipfel und sanften Kammlinien seiner Gebirge, sowie die breiten Gehänge und weiten Alpen derselben, aber auch zahlreiche tiefeingerissene Bachrunsen und Tobel, die sich nach oben meist vielfach verzweigen und unten im Thal oft wüste Verheerungen anrichten. Die Nollaschlucht ist als Typus dieser Tobel schon erwähnt. Aber auch das benachbarte Porteinertobel, das zwischen Thusis und Katzis hervorbricht, hat wiederholt grossen Schaden angerichtet und soll an der Stelle von Summaprada einst ein Dörfchen verschüttet haben.
Viele solcher Tobel kommen von der Stätzerhornkette herunter. Die grössten davon sind das Scheider- oder Tomilser-, das Duschner-, Almenser- u. Scharansertobel. Alle haben unten im Thal ihre Schuttkegel aufgehäuft und mussten mehr oder weniger verbaut werden, um weitern Schaden zu verhüten. Aber abgesehen von solchen in steter Bewegung und Veränderung befindlichen Stellen liefert der Bündnerschiefer einen sehr fruchtbaren, wenn auch etwas schweren Boden.
Die Thalböden und untern Terrassen geben darum dem Landwirt reichen Ertrag, und die Abhänge sind bis hoch hinauf in schöne Weiden und Wälder gekleidet. Letztere steigen an manchen Stellen bis auf 1900 und selbst bis auf 2000 m und darüber, so z. B. ö. über Paspels, Almens und Scharans gegen das Stätzerhorn, den Piz Danis und Piz Scalottas. Die Alpweiden reichen hier und am Heinzenberg bis auf die Kämme und Gipfel, d. h. bis 2200 und selbst bis über 2400 m.
Das
Domleschg erfreut sich bei seiner tiefen und geschützten Lage eines ungemein milden Klimas. Dies erklärt
in Verbindung mit dem fruchtbaren Schieferboden seine reiche Vegetation, die auch manche südliche Typen aufweist. Bei Tomils
und beim Schloss Ortenstein finden sich noch kleine Weinberge, ebenso beim Schloss Baldenstein an der Albula, wo ausserdem auch
einige Edelkastanien vorkommen. Früher war der Weinbau ausgedehnter u. ging bis nach Thusis. Hier wie
noch an einigen andern Stellen stehen auch einige Maulbeerbäume, die früher der Seidenraupenzucht dienten.
Doch ist letztere, wie auch der einst betriebene Tabakbau, aufgegeben, aber weniger aus klimatischen als aus wirtschaftlichen
Gründen, da andere Kulturen besser rentieren. Sehr bedeutend ist der Obstbau, und das
Domleschger Obst erfreut sich
weithin eines guten Rufs. Auch die Nussbäume sind zahlreich und erlangen eine stattliche Grösse. Neben
Kartoffel-, Gemüse- und Kornfeldern finden sich auch Maispflanzungen. In den Wäldern aber fehlt die Buche, die überhaupt
in Graubünden
nur wenig verbreitet ist und nur im untern Rheinthal, im Prätigau und Schanfigg waldbildend auftritt.
Ein von Natur so reich ausgestattetes Thal ist natürlich auch dicht bevölkert. Die beiden Kreise
Domleschg
und Thusis zählen zusammen 5861 Ew. und zwar der erstere 2680, der letztere 3181 Ew. Im Kreis Thusis kommen 2019 Ew. allein
auf die zwei grossen Ortschaften Thusis (1281 Ew.) und Kazis (738 Ew.), so dass für den Heinzenberg 1162 Ew.
übrig bleiben. Diese Bevölkerung verteilt sich sowohl auf der
Domleschger- als auf der Heinzenbergseite auf zahlreiche
kleine Dörfer und Weiler, die gar malerisch über die Terrassen und sanfteren Gehänge zerstreut sind und 22 politische Gemeinden
bilden (12 auf der
Domleschger- und 10 auf der Heinzenbergseite).
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