Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03575.jsonl.gz/1301

Kurz bevor der Platzspitz im Februar 1992 von den Behörden überstürzt geschlossen worden ist, gründeten engagierte Ärzte die «Arbeitsgemeinschaft für einen risikoarmen Umgang mit Drogen» – kurz Arud. Am 30. November 2021 feiert der Verein, der inzwischen zu einer der bedeutendsten suchtmedizinischen Einrichtungen herangewachsen ist, sein 30-jähriges Bestehen. Mit kurzen Clips gibt die Arud zum Jubiläum Einblick in ihre Arbeit.
Die Zustände auf dem Zürcher Platzspitz, damals Europas grösste offene Drogenszene, waren in den 1980er-Jahren katastrophal: das Elend und die Verwahrlosung der Menschen, die sich dort mit Substanzen eindeckten, war enorm, Infektionskrankheiten wie HIV sowie Hepatitis B und C grassierten und die Aggressivität der Dealenden hatte immer mehr zugenommen. Freiwillige Helfer:innen unterstützen die Betroffenen mit warmen Mahlzeiten vor Ort, organisierten Hepatitis-B-Impfungen oder verteilten saubere Spritzen und Nadeln, um das Ansteckungsrisiko mit HIV zu verringern. Letztere Massnahme stiess bei den Behörden anfänglich auf grossen Widerstand – der damalige Zürcher Kantonsarzt drohte gar damit, den Ärzt:innen ihre Zulassung zu entziehen, sollten sie sich an dieser Aktion beteiligen. Grund für das behördliche Verbot war die irrige, damals jedoch noch weit verbreitete Annahme, dass der Drogenkonsum mit der Zurverfügungstellung von hygienischem Injektionsmaterial gefördert würde.
Von der Pionierorganisation zu einem der grössten ambulanten Suchtzentren Europas
In diesem restriktiven Umfeld, das als Antwort auf das Drogenproblem primär auf strafrechtliche denn auf medizinische Massnahmen setzte, tat sich eine Gruppe engagierter Ärzte und Fachleute zusammen und gründete am 30. November 1991 die «Arbeitsgemeinschaft für einen risikoarmen Umgang mit Drogen» – kurz Arud. Das Ziel der Arud war von Anfang an, Betroffene mit umfassenden medizinischen Massnahmen zu unterstützen und sich gesellschaftlich und politisch für sie einzusetzen, um weiteres Leid zu verhindern. So erhielten schwerstabhängige Personen in der Arud niederschwellig Methadon und Diaphin (medizinisches Heroin) – damals ein Novum, das nicht unumstritten war und gegen etlichen politischen Widerstand verteidigt werden musste. Später kamen weitere Substanzen (Opioidagonisten) wie Morphin oder Buprenorphin hinzu, um für jede und jeden Patient:in die bestmögliche Option anbieten zu können – denn jede:r reagiert unterschiedlich auf die Wirkungen der Medikamente. Deshalb war für die Arud von Anfang an zentral, die Behandlungen wissenschaftlich zu evaluieren, um aufzeigen zu können, dass die neuen Ansätze funktionieren und die Qualität gut ist.
Alles unter einem Dach: Hausärzt:in, Infektiolog:in, Psychiater:in und Sozialarbeiter:in
Dank dieser sogenannten Opioid-Agonisten-Therapie fällt für die Betroffenen der permanente Beschaffungsstress weg und ihr Tag erhält eine Struktur, die ihnen erstmals wieder ermöglicht, sich sozial und beruflich zu integrieren. Ausserdem sind die abgegebenen Medikamente rein und nicht wie auf dem Schwarzmarkt gestreckt und verunreinigt; das Injizieren wiederum findet unter hygienischen Bedingungen und unter Aufsicht statt. Begleitend werden die Betroffenen in der Arud hausärztlich und infektiologisch versorgt. Auch Sozialarbeiterinnen stehen ihnen zur Seite, um ihre Sozialkompetenz zu stärken und sie bei der Alltagsbewältigung zu unterstützen. Und ganz wichtig: Mit unserem psychiatrisch-psychotherapeutischen Angebot erhalten sie die Möglichkeit, nicht nur ihre Abhängigkeitserkrankung, sondern auch erlittene Traumata oder allfällige weitere Begleiterkrankungen zu behandeln. Denn häufig geht eine Abhängigkeitserkrankung mit weiteren psychischen Störungen wie ADHS, Depressionen, Angst-, Belastungs-
oder Persönlichkeitsstörungen einher. Eine solch umfassende, integrierte Versorgung ist im Suchtbereich einzigartig und bietet unseren Patient:innen den grossen Vorteil, dass sie alles unter einem Dach finden und nicht umständlich Termine mit unterschiedlichen Spezialist:innen vereinbaren müssen. Gerade auch für Patient:innen, die sonst vielfach durch die Lücken des Systems fallen, ist das eine wesentliche Voraussetzung, um eine gute medizinische Versorgung zu erhalten.
Abstinenz muss nicht immer das Ziel sein
Heute kommen nur noch wenige neue Patient:innen aufgrund einer Opioidabhängigkeit in die Arud – Heroin entspricht nicht mehr dem Zeitgeist, sondern wurde von anderen Substanzen abgelöst. Von den rund 2‘500 Patient:innen der Arud ist ungefähr die Hälfte wegen einer Opioidabhängigkeit in Behandlung; eine ständig zunehmende Zahl kommt wegen Problemen mit Alkohol, Tabak, Cannabis, Kokain oder Medikamenten oder auch aufgrund nicht-substanzgebundener Abhängigkeiten wie Glückspiel- oder Onlinesucht. Der Behandlungsansatz, den die Arud dabei verfolgt, ist derselbe: Respektvoll und unvoreingenommen werden die Patient:innen von unseren Therapeut:innen auf ihrem Weg zu mehr Lebensqualität und Gesundheit begleitet. Welches Ziel bezüglich des Konsumverhaltens angestrebt wird, entscheidet der oder die Patient:in aufgrund eigener Vorerfahrungen und Präferenzen: Das kann die Reduktion des Konsums sein oder auch eine vorübergehende oder längerfristige Abstinenz. Denn es hat sich immer wieder gezeigt: Wird einzig die Abstinenz als Ziel vorgegeben, wird jeder Rückfall umso mehr als Versagen empfunden – mit verheerenden Auswirkungen auf das Selbstvertrauen und die Eigenmotivation der Patient:innen. Dabei ist eine nachhaltige Reduktion des Konsums oder die Wahl einer weniger risikoreichen Konsumform (wie z.B. der Wechsel von der herkömmlichen Zigarette zur E-Zigarette) bereits von grossem gesundheitlichem Nutzen. Mit unserer zieloffenen Haltung fühlen sich die Patient:innen in ihrer Autonomie gestärkt – und ernst genommen. Für viele ist auf diese Weise die Umstellung auf risikoärmere Konsumformen und eine schrittweise Reduktion des Konsums möglich.
Einblicke in die Arud: So arbeiten wir
Kurze Clips, die wir im Rahmen unseres 30-jährigen Jubiläums produzieren liessen, geben nun einen Einblick in unsere Arbeit und Arbeitsweise. Und sie zeigen, was unseren Mitarbeitenden und Patient:innen an der Arud gefällt:
30 Jahre Arud
Seit der Gründung im November 1991 setzt sich die Arud für Menschen ein, deren Suchtverhalten problematisch ist. Nebst Opioiden betrifft das den problematischen oder abhängigen Konsum von Alkohol, Tabak, Kokain, Cannabis und Benzodiazepinen sowie nicht substanzgebundene Süchte. Spezialistinnen und Spezialisten aus den unterschiedlichsten medizinischen Fachbereichen bieten individuelle Unterstützung und Behandlung bei allen Abhängigkeitserkrankungen und bei Infektionskrankheiten wie Hepatitis C und HIV. Nebst der suchtspezifischen und sonstigen psychiatrischen Behandlung ist die medizinische Versorgung und die soziale Betreuung der Betroffenen ein wichtiges Arbeitsfeld der Arud. Heute ist die Arud eine Non-Profit-Organisation mit über 130 Mitarbeitenden an zwei zentralen Standorten in Zürich und Horgen. Die suchtmedizinischen Leistungen werden über die Krankenkassen abgerechnet. Darüber hinaus ist die Arud für ihr Engagement auf Spendengelder angewiesen.
Mehr über die Geschichte der Arud erfahren Sie auf unserer Website.