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by Adam Schwarz
Er ist wohlbeleibt und gefühlvoll, er interessiert sich nur für sinnliche Genüsse, hat schon überall gearbeitet, doch nirgends für lange. Wenn er sich plötzlich erhebt und anfängt, hemmungslos zu tanzen, scheint er, obwohl er über sechzig ist, wieder wie ein Kind. Und wie ein Kind traut er sich, die grossen Fragen zu stellen, Fragen, die die meistens längst aufgegeben haben. Eine solche Figur ist Alexis Sorbas aus Nikos Kazantzakis gleichnamigem Klassiker.
Berichtet wird uns die Geschichte von ihrer Hauptfigur, einem von Welt- und Selbstekel erfüllten Schriftsteller, der namenlos bleibt. Als er nach Kreta übersiedeln möchte, wo er ein Kohlebergwerk besitzt, trifft er am Hafen von Piräus auf Sorbas. Der Mazedonier drängt sich ihm als Koch auf. Er koche gute Suppen, behauptet er und nötigt den Erzähler erst einmal, sich einen Rum zu genehmigen. Später gibt Sorbas zu, dass er dem Schriftsteller angesehen habe, dass er Suppen mag. Diese instinktive Intelligenz Sorbas‘ wird sich noch oft zeigen.
Die beiden erreichen Kreta, das sich so präsentiert, wie man es als Tourist kaum mehr erleben kann: Enge Dörfer und Menschen, die ebenso gut drei Jahrtausende früher hätten leben können. Sie mieten sich bei Madame Hortense ein, einer alten, abgetakelten Französin. Sorbas macht ihr sofort den Hof. Er kann es nicht mitansehen, wenn eine Frau alleine bleiben muss. Deshalb ist er empört, als der Schriftsteller es nicht wagt, die schöne junge Witwe des Dorfes anzusprechen, obwohl man doch sieht, dass sie sich nach ihm sehnt. Aber der Roman ist nicht nur eine Liebesgeschichte und Sorbas mehr als ein alter Schürzenjäger. Der Schriftsteller ernennt ihn zum Vorarbeiter. Der Mazedonier erweist sich dabei als sehr geschickt. Wenn er arbeitet, dann ist er ganz Arbeit, wenn er liebt, ganz Liebe, sagt er. Ein echter Erdmensch eben. Ganz im Gegensatz zum Schriftsteller, der darunter leidet, eine „papierfressende Maus“ zu sein und dennoch Sorbas Fragen nach Gut und Böse nicht beantworten zu können. Wozu, fragt ihn Sorbas einmal, liest du all die Bücher, wenn du doch keine Antwort weisst? Der junge Intellektuelle möchte von Sorbas lernen. Sorbas, der anfing, wie ein Wilder zu tanzen, als sein dreijähriger Sohn starb. „Die anderen glaubten, ich wäre verrückt geworden, aber ich wäre verrückt geworden, hätte ich es nicht getan.“
Der Roman lebt vom Gegensatz zwischen dem Erzähler und Sorbas, dem Gegensatz zwischen einem Buddha verehrenden Theoretiker und dem Genussmenschen in all seiner Pracht. „Alexis Sorbas“ beeinflusst das Griechenlandbild noch heute. Es mag deshalb naheliegen, den Gegensatz zwischen den zwei Figuren als den Gegensatz zwischen West- und Südeuropa zu lesen und Sorbas Nachfolger im griechischen Volk für die Verschuldung des Landes verantwortlich machen. Aber: Nicht nur müsste man da ausser Acht lassen, dass Sorbas eine positive Figur ist, sondern man würde vergessen, dass man Menschen wie Sorbas auf der ganzen Welt überall finden kann. Wenn man Glück hat jedenfalls.
„Alexis Sorbas“ von Nikos Kazantzakis ist zum Beispiel im Piper-Verlag erschienen. Der Roman wurde 1965 mit Anthony Quinn als Alexis Sorbas verfilmt.
Adam Schwarz