Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03114.jsonl.gz/2588

Israel entstand in Basel
Theodor Herzl organisierte vor 120 Jahren im Stadtcasino den Ersten Zionistenkongress – eigentlich eher per Zufall
Von Pierre Heumann
Vor einigen Jahren kamen zwei Israelis ins Hotel «Les Trois Rois», um das Zimmer zu sehen, wo Theodor Herzl, der Gründer des politischen Zionismus, während der ersten Zionistenkongresse ab 1897 gewohnt hatte. Die Dame an der Réception warf einen Blick ins Reservierungssystem, tippte den Namen Herzl ein und sagte: «Tut mir leid, Herr Herzl ist bereits abgereist.»
Doch weshalb führte Herzl den Kongress eigentlich ausgerechnet in Basel durch? Was veranlasste den Wiener Journalisten, dem der grosse Erfolg mit seinen Theaterstücken versagt blieb, seine zionistischen Gesinnungsfreunde vor 120 Jahren in diese Stadt einzuladen?
Basel war für Herzl ursprünglich nur eine Notlösung, lediglich die dritte Wahl. Am liebsten hätte er die Gründungsversammlung in Zürich durchgeführt, weil Zürich schon damals eben doch etwas weltoffener war als Basel. Herzl wollte für seine Bewegung eine grossartige Bühne schaffen, um den Zionismus der Welt vorzustellen. Deshalb stand für ihn Zürich im Vordergrund.
Aber dann erkannte er: Zürich wäre zu riskant. Denn in Zürich studierten am Ende des 19. Jahrunderts zahlreiche Studenten aus Russland, die beim Zaren als Regimekritiker verrufen waren. Ein Kongress in Zürich, befürchtete Herzl deshalb, würde den Zaren veranlassen, die Zionisten als Revoluzzer einzustufen. Weil es angeblich in Zürich von russischen Spitzeln nur so wimmelte, musste er zudem befürchten, dass viele russische Zionisten nicht nach Zürich kommen würden.
Zürich, die «alte Nihilistenstadt»
Seine zweite Wahl war nicht Basel, sondern München. Alles war schon vorbereitet, ein Saal gemietet, die Einladungen gedruckt – doch dann gab es plötzlich unerwartete Probleme. Die Juden von München drohten, sie würden während des Kongresses protestieren. Ihr Motiv: Sie seien Deutsche, und die jüdische Nationalbewegung sei nicht in ihrem Sinn. Herzl musste also befürchten, dass er in München keine würdige Kulisse für seinen Kongress haben werde. Also sagte er München kurzfristig ab.
Und jetzt? Die Zeit war knapp, der Kongress bereits angekündigt. Eine Verschiebung hätte das Aus der jungen Bewegung bedeuten können. In der Not wandte sich Herzl an David Farbstein, einen aus Polen stammenden Rechtsanwalt, der in Zürch eine Kanzlei hatte, und fragte ihn: Gibt es eine Stadt in der Schweiz, die Sie mir empfehlen können? Nach den schlechten Erfahrungen Herzls mit den Münchner Juden betonte Farbstein zunächst einmal generell, dass die Schweizer Juden «harmlos» seien. Sie würden sich gegenüber dem Kongress «neutral» verhalten und «weder nützen noch schaden.»
Dann stellte Farbstein, der später SP-Nationalrat wurde, für Herzl eine Liste mit möglichen Tagungsorten in der Schweiz zusammen. St. Gallen sei etwas abgelegen, der Kurort Baden zu teuer. Bern sei zu klein. Zürich sei beim Zaren als «alte Nihilistenstadt» verschrien – doch das wusste Herzl bereits. Deshalb bleibe eigentlich nur Basel. Dort gebe es ein «feines koscheres Restaurant» und einen «anständigen Rabbiner.» Zudem sei Basel «in politisch-revolutionärer Hinsicht weniger verrufen als Zürich.» Das lag vor allem daran, dass die Basler Uni damals eine restriktive Aufnahmepraxis verfolgte.
Es war also nicht die Weltoffenheit Basels, die die Zionisten an den Rhein lockte, sondern die Gewissheit, nicht mit «anarchistischen, kommunistischen oder sozialistischen Ideen» in Verbindung gebracht zu werden. Es ist mithin letztlich der restriktiven Aufnahmepraxis der Basler Uni zuzuschreiben, dass Basel für die junge Bewegung unbedenklich schien.
Herzl kam am 25. August 1897 in Basel an. Er überwachte die letzten Vorbereitungen. Der Kanton stellte ihm an der Freien Strasse 17 einen Raum zur Verfügung, der vorübergehend logistisches Zentrum war. Es handelte sich um eine Schneiderwerkstatt, die kurz zuvor Konkurs gegangen war. Mit seinem ausgeprägten Sinn für PR verdeckte Herzl das Schild mit einem Tuch. Er wolle «faulen Witzen zuvorkommen»: Niemand sollte der zionistischen Bewegung vorwerfen, in einer bankrotten Werkstatt gegründet worden zu sein.
Auch mit einem zweiten Entscheid bewies er sein Flair für den Effekt von Symbolen. Vor Herzls Ankunft in Basel war vorgesehen gewesen, dass der Kongress in der Burgvogtei stattfinden würde. Doch die schien Herzl zu wenig vornehm, er bezeichnete sie als «Tingeltangelbühne», sie sei unwürdig, um den Zionismus als politische Kraft zu begründen. In letzter Minute kam stattdessen der Vertrag mit dem Stadtcasino zustande, wo der Erste Zionistenkongress in aller Würde durchgeführt werden konnte.
Spick mit lateinischen Buchstaben
Am Samstagmorgen, bevor der Kongress eröffnet wurde, besuchte Herzl den Gottesdienst an der Leimenstrasse. Er war zwar kein religiöser Mensch – heute würden wir ihn als säkular bezeichnen –, aber er tat es aus Respekt zur Religion, wie er in seinem Journal festhielt. Und natürlich vor allem, um die religiösen Juden anzusprechen. Er legte deshalb wert darauf, dass seine Anwesenheit in der jüdischen Presse vermeldet wurde. Herzl wurde zur Tora aufgerufen – eine Ehre, mit der er nicht gerechnet hatte.
Jetzt hatte er ein Problem. Was sagt man, wenn man zur Tora aufgerufen wird? Ein Freund, der ihn in die Synagoge begleitet hatte, half ihm aus der Patsche. Er schrieb ihm den hebräischen Segensspruch in lateinischen Buchstaben auf einen Spickzettel. Herzl notierte etwas später: «Die paar Worte der hebräischen Broche sorgten bei mir für mehr Aufregung als die Willkommensadresse vor dem Kongress-Plenum, das aus rund 200 Teilnehmern bestand.» Von diesen 200 repräsentierten übrigens bloss 69 eine Organisation, die man als zionistisch bezeichnen kann. Die übrigen waren Personen, die Herzl persönlich eingeladen hatte, die vor allem für sich selber sprachen.
«Basel»-Strassen in Israel
Der damaligen Presse entnehmen wir, wie die Basler auf das ungewohnte Strassenbild reagierten, das sich ihnen vor 120 Jahren rund um den Barfüsserplatz präsentierte. Die Basler, so berichteten Zeitgenossen, staunten zwar über die fremden Zionisten mit den fremden Sprachen, über die russischen und polnischen Rabbiner mit ihren langen Bärten und dem langen Kaftan. Doch die Kongressgäste wurden von der Bevölkerung, wie es scheint, wohlwollend aufgenommen. Die Basler halfen den Gästen, sich in der fremden Stadt zurechtzufinden. «Se woll worschinli zum Congress vo der Jude,» wird ein Basler in der zionistischen Presse zitiert. «Kimme sie, ich werd ena zeige.»
Herzl und seine Mitstreiter fühlten sich wohl in Basel. «In unserem Basel lässt sich gut arbeiten», hiess es einmal anerkennend in der Welt, dem Organ der zionistischen Bewegung. Auf den Segensspruch «Mazel tov» anspielend sprach Herzl einmal von «Basel tov», also Basel ist gut. Berühmt ist sein Tagebucheintrag: «Fasse ich den Basler Kongress in einem Wort zusammen – das ich mich hüten werde, es öffentlich auszusprechen –, so ist es dieses: In Basel habe ich den Judenstaat gegründet.» Und er fügte hinzu: «Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf, jedenfalls in fünfzig Jahren wird es jeder einsehen.»
Herzl sollte recht behalten. Er lag mit seiner Vision nur um ein Jahr daneben. 1948 entstand der Staat Israel.
Basel spielte bei der Realisierung von Herzls Vision eine Schlüsselrolle. Das zeigt sich auch daran, dass die Ziele des Zionismus fortan als «Basler Programm» diskutiert wurden. Es besagte: «Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer öffentlich-rechtlichen gesicherten Heimstätte in Palästina für diejenigen Juden an, die sich nicht anderswo assimilieren können oder wollen.» Die Zionisten schätzten die Neutralität der Schweiz und die Versammlungsfreiheit sowie das freundliche Klima. Israels Verbundenheit mit Basel hat sich bis heute erhalten. In mindestens einem halben Dutzend Städten Israels gibt es «Basel»-Strassen.
Eine glückliche Wahl
Der Name der Stadt Basel wurde für die Zionisten zum Synonym für die Kongresse schlechthin. Herzl spielte vorübergehend sogar mit dem Gedanken, in Basel ein eigenes Kongresshaus zu bauen. Im Juli 1898 schrieb er in sein Tagebuch: «Das Judenhaus in Basel wird eine Merkwürdigkeit der Schweiz, aber vor allem ein Symbol für die Judenheit werden.» Im Tagebuch skizzierte er Einzelheiten und liess sich vom Architekten Oskar Marmorek einen Entwurf anfertigen, den er dann aber als «nichtssagend» verwarf. Zudem hatte er zu wenig Geld, um dieses «Judenhaus» zu bauen.
Zwei Fragen sind noch offen: Wie schaffte es Herzl, in so kurzer Zeit das Stadtcasino zu organisieren? Und welche Rolle spielte die jüdische Gemeinde?
Als sich Herzl für Basel entschied, wusste er wohl noch nicht, wie glücklich seine Wahl war. Denn in Basel gab es eine aktive christliche Gemeinschaft. Ein grosser Teil der Elite war tiefprotestantnisch und bibelgläubig. Der damalige Regierungsrat Paul Speiser liess es sich zum Beispiel nicht nehmen, am Ersten Kongress anwesend zu sein, und Herzl wurde zudem im Rathaus empfangen. Das Motiv: Viele Christen hofften aus endzeitlichen Gründen auf eine Rückkehr der Juden ins Gelobte Land.
Führende Exponenten der christlichen Gemeinschaft halfen Herzl deshalb dabei, in letzter Minute den Vertrag mit dem Stadtcasino auszuhandeln, und sie hatten auch für Kontakte zur Basler Regierung gesorgt. Herzl bedanke sich am Ende des Ersten Kongresses denn auch «bei allen christlichen Zionisten, die wir als unsere Freunde ansehen».
Unter Basels Juden aber überwiegte anfänglich die Skepsis. Im Studierzimmer des Basler Rabbiners Arthur Cohn führten Zionisten hitzige Debatten darüber, ob der Zionismus mit der jüdischen Religion vereinbar sei. Cohn befürchtete, dass die Religion im künftigen Judenstaat nicht beachtet werde. Er fürchte, dass Juden gezwungen sein könnten, die Heiligkeit des Shabat zu verletzen. Erst als Herzl Cohn versprach, dass der Zionismus nichts beabsichtige, was die religiösen Überzeugungen religiöser Juden verletzen könne, erklärte sich Cohn bereit, den Ersten Zionistenkongress kurz zu begrüssen.
Kongress mit Koscherstempel
Aus der Sicht Herzls war dieser Kompromiss ein Coup: Der Zionismus erhielt vom Basler Rabbi eine Art Koscherstempel, auch das Prädikat «unbedenklich». Später lobte Cohn den Zionistenkongress als Markstein in der religiösen Entwicklung des jüdischen Volkes.» Er widersprach seinen deutschen Rabbiner-Kollegen, die behaupteten, der Zionismus verstosse gegen die messianische Verheissung. Seine Rechnung war einfach: Da nicht alle Juden nach Palästina auswandern würden, bliebe dem Messias immer noch genügend Arbeit, um Juden von den vier Enden der Welt zu sammeln.
Interessant ist, dass der Basler Rabbiner mit seinen Bedenken und Einwänden einen der schärfsten Konflikte im heutigen Israel vorweggenommen hat: den Stellenwert der Religion. Manchmal würde man sich allerdings wünschen, dass seinem Pragmatis-mus heute auch in Israel nachgelebt würde.
Pierre Heumann, Nahost-Korrespondent der Basler Zeitung und der Weltwoche, veröffentliche 1997 zum 100-Jahr-Jubiläum des Ersten Zionistenkongresses das Buch: «Israel entstand in Basel. Die phantastische Geschichte einer Vision» . Das Buch ist als E-Book bei Amazon erhältlich. Heumann spricht heute Abend im «Trois Rois» am Anlass: «Schweizer Blick auf den Zionismus. Ein Beitrag der Schweizer Juden zum 120-Jahre-Jubiläum des Ersten Zionistenkongresses in Basel», organisiert vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund. Die Veranstaltung ist ausgebucht.