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Eine Stadt nicht als Bild, sondern als historische und gesellschaftliche Struktur verstehen und weiterbauen: Dies lehrte Giancarlo De Carlo seine Freunde vom Team X.
Im Herbst 1966 erschien in der Zeitschrift Zodiac ein begeisterter und aufschlussreicher Artikel von Aldo van Eyck über die neuen Studentenwohnheime von Giancarlo De Carlo in Urbino. Van Eyck schrieb nur selten über einen Kollegen, aber das Urbino-Projekt bot offensichtlich Anlass, über bestimmte Themen nachzudenken, die für den Diskurs im Team X von grosser Bedeutung waren. Vor allem interessierte ihn die Beziehung zwischen Geschichte und moderner Architektur genauso wie das Verhältnis zu Öffentlichkeit und Stadtstruktur.
Die Studentenwohnheime in Urbino bieten einen ausgezeichneten Schlüssel, um die Entwicklung De Carlos und anderer Mitglieder des Teams X zu verstehen. Van Eyck hatte die Wohnheime kurz zuvor besucht; den Anlass dazu bot das von De Carlo im September 1966 organisierte Treffen des Team X, an dem er der Gruppe sein soeben abgeschlossenes Projekt zeigte.
De Carlo hatte schon seit 1951 im Auftrag der (privaten) Libera Università von Urbino gearbeitet; Carlo Bo, seit 1947 deren Rektor, beauftragte ihn damals mit der Restrukturierung der Universitätsgebäude und der Schaffung eines echten Campus für die Studierenden. Dies war der Beginn eines einzigartigen Projekts: Während fünf Jahrzehnten ermöglichte hier ein und derselbe Bauherr1 seinem Architekten, den historischen Kern einer Stadt und ihr Umland in langfristiger Planungsarbeit zu gestalten. Diese grosse Herausforderung zwang den Architekten dazu, das Problem der Beziehung zwischen der historischen Substanz – einer herzoglichen Stadt aus dem 15. Jahrhundert – und der modernen Architektur anzugehen.
Der Besuch von Team X fand an einem sehr heiklen Punkt in De Carlos Karriere als Architekt statt: Nach langen Vorstudien und nach Abschluss der ersten Phase der Bauarbeiten auf dem Kerngelände der Universität (1952–60) und der Wohnungen für ihre Mitarbeiter (1955), hatte De Carlo gerade seinen Masterplan für die Stadt und ihr Umland (1958–64) vorgelegt. Seine Methodik für diesen Plan fasste er 1966 im Buch Urbino, la storia di una città e il piano della sua evoluzione urbanistica zusammen. Im selben Jahr stellte er den Wohnheimkomplex der Collegi del Colle fertig. Er bildet den Kern dessen, was in den kommenden Jahren zum eigentlichen Universitätscampus werden sollte. Zugleich stand das Projekt der juristischen Fakultät im Zentrum von Urbino kurz vor der Ausführung: ein reifer Ausdruck von De Carlos Philosophie des Bauens im historischen Gefüge der Altstadt.
Van Eyck greift in seinem Artikel die Kontroverse um De Carlos Wohnprojekt in Matera (1957) auf und rückt damit dessen Arbeit für Urbino ins richtige Licht. Statt sich in eine Polemik über Stil und Form zu verstricken, versucht er, einen anderen Weg einzuschlagen und erklärt, dass «alte Bilder, ob Urbino oder Matera, noch immer eine echte zeitgenössische Bedeutung haben können, wenn Architekten mit Einsicht und Integrität auf ihre Botschaft reagieren und sie in gebauter Form zum Nutzen der Menschen von heute interpretieren. Das historische Zusammenspiel von Urbino und seinem Architekten Di Giorgio Martini verrät ebenso wie 400 Jahre später De Carlo und sein Studentenwohnheim, dass Einheit und Vielfalt ambivalente Begriffe sind.»2 Bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte geht es daher nicht um die Notwendigkeit, eine stilistische Beziehung zum Kontext herzustellen. Vielmehr muss der Architekt das komplexe System an physischen und räumlichen Phänomenen verstehen lernen, in dem Menschen harmonisch gelebt haben.
Zum Stellenwert der Geschichte sagt van Eyck weiter: «Es scheint mir, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Kopf als Kontinuum wirksam sein müssen.»3 Dabei zitiert er De Carlo, der sagte: «Geschichte ist für mich der Erwerb einer genauen Kenntnis der Probleme, mit denen wir als Architekten zu tun haben. Unsere Lösungen und Entscheidungen müssen sich in eine fortdauernde Realität einschreiben und zugleich fortschrittlich sein. Die Geschichte beschäftigt sich nicht mit der Vergangenheit, sondern mit der Gegenwart – und gibt der Zukunft die Richtung vor.»4
In einer so stark dem Modernismus verpflichteten Gruppe wie dem Team X vertraten van Eyck und De Carlo eine innovative Interpretation der Geschichte und ihrer Relevanz für die moderne Architektur. Diese leitet sich aus einer wichtigen Strömung der italienischen Moderne im zwanzigsten Jahrhundert ab, die Persönlichkeiten wie Giuseppe Pagano und Ernesto Nathan Rogers verband: Auch sie interpretierten Geschichte als eine aktive Kraft der Kontinuität, die ein moderner Architekt mit einem bewussten methodischen und kulturellen Ansatz nutzen konnte.
Beeinflusst von der zeitgenössischen italienischen Architektur versuchte De Carlo gleichzeitig, sein eigenes Vokabular aufzubauen, indem er sich mit einem weiter gefassten, modernistischen Umfeld beschäftigte. Dies zeigt sich im Wohnheimkomplex der Collegi del Colle, wo sein Vokabular allmählich vom Einfluss von Franco Albini und Ignazio Gardella gereinigt erscheint und wo er sich den erfolgreichen Entwürfen jüngerer Zeitgenossen zuwandte – James Stirling mit seinen Wohnungen am Ham Common (1958) und O.M. Ungers’ Kölner Wohnbauprojekt (1958). Der dramatische Umgang mit Licht und Schatten in den Zugangsgalerien aus Beton und die stark taktile, brutalistische Qualität des Zusammenspiels von Ziegelfüllungen und Betonkonstruktion zeigen unverkennbar den Einfluss der Maison Jaoul und ganz allgemein des Spätwerks von Le Corbusier.
Doch den eigentlichen Horizont des Projekts bildete für De Carlo seine tiefe Reflexion über Urbino als ein organisches System von Architektur und Landschaft und als Wirkungskreis Francesco di Giorgio Martinis, des Hofarchitekten des Herzogs von Montefeltro. Seine Projekte und theoretischen Schriften scheinen nicht nur Einfluss auf De Carlo, sondern auch auf Aldo van Eyck und die Smithsons ausgeübt zu haben.
Van Eyck bezeichnet di Giorgio als den «von allen italienischen Architekten humanistischsten und funktional phantasievollsten»;5 Peter Smithson verwies viel später im illustrierten Essay Drei Generationen (1981)6 auf eine symbolische Beziehung zwischen der späthumanistischen Generation di Giorgios und der dritten Generation der Moderne, zu der sich die Smithsons und das Team X zählten, und die beide ihre historische Rolle nach dem Ende einer Periode umfassender Erneuerung neu zu finden hatten.
De Carlo betrachtete Urbino als Einzelfall, aus dem sich methodische und theoretische Prinzipien ableiten und auf andere städtische Realitäten übertragen liessen. Seine Analyse des städtischen Gefüges in seinem Buch über Urbino diente ihm vor allem dazu, einen städtebaulichen Ansatz zu entwickeln, bei dem er den Wert einer Poesie der Realität gegen den rationalistischen Anspruch, die Form zu kontrollieren, hervorheben konnte.
Viele Mitglieder des Team X zeigten grosses Interesse an diesem Ansatz, er prägte deren Interpretation der Stadt als fliessender Organismus, als ein Ort komplexer physischer und mentaler Hierarchien, in die der Architekt «von Fall zu Fall» eingreifen sollte. In dieser Hinsicht erwies sich Baldassare Castigliones Beschreibung des Herzogspalastes von Urbino als «Palast in Form einer Stadt». in den Diskussionen von Team X als fruchtbar: «Er ist beides zugleich, ein Zugangs- und Kommunikationsweg, offen und geschlossen, innen und aussen; gross und klein; und er hat vor allem sowohl eine individuelle als auch eine kollektive Bedeutung. Diese ist Teil des ‹Gebäudes› ebenso wie des ‹Orts›; tatsächlich ist das Gebäude durch sie zugleich der Ort und der Ort das Gebäude.»7
De Carlos Studentenwohnheime sind als ein anspruchsvoller Komplex von Beziehungen entworfen – zwischen den Räumen und ihren Bewohnern, zwischen den neuen Gebäuden und der Landschaft, zwischen den Bewohnern und ihrer Erfahrung der Umwelt. Die Zirkulation von Verkehrsflüssen, Orten und menschlichen Beziehungen spielt im Entwurfsdenken des Team X eine besondere Rolle und war eines seiner zentralen Themen am Treffen in Urbino 1966, wo das Verhältnis von Stadt und Mobilität im Vordergrund stand. Im Team X sah man diese nicht als technische Frage, sondern als starken, wertebezogenen Teil der komplexen Beziehung zwischen Mensch und zeitgenössischer Stadt. Die rigiden funktionalistischen Schemata der Moderne wichen in diesen Diskussionen der Sorge um die Humanität der Stadt und das Verhältnis zwischen dem Individuum, den Massen von Individuen, ihren Bedürfnissen und der Gestaltung des zeitgenössischen Raums.
Die Werte der Partizipation und der kollektiven Diskussion, die bei all diesen Treffen deutlich zum Ausdruck kamen, blieben eine der wichtigsten Konstanten von De Carlos kulturellen und politischen Aktivitäten. Die Art und Weise, wie er Team X als informelle Gruppe sah – offen, nicht orthodox in ihrer Struktur und ihren Zielen – erklärt seine langfristigen Entscheidungen. Die Erfahrung der «Jungen», die 1955 in La Sarraz ausgesperrt worden waren, gewann eine stark symbolische Bedeutung. Sie wurde mit der Gründung des ILAUD 1976, das sich nach dem Ende des CIAM zur wichtigsten offenen, internationalen Denkwerkstatt entwickelte, zum eigentlichen System erhoben.
Das ILAUD (International Laboratory of Architecture and Urban Design) bestand von 1976 bis 2003, und Urbino war bis 1981 sein erster Sitz – vor Siena, San Marino und Venedig. Der Geist von Team X war der kulturelle Kern des Labors, das einige der Hauptmitglieder wie die Smithsons und Aldo van Eyck mit aufstrebenden Architekten wie Sverre Fehn, Renzo Piano und Enric Miralles und den beteiligten internationalen Universitäten zusammenbrachte.
Neue Gemeinschaften, Geschichte und moderne Sprache, Vielfalt, zeitgenössische Infrastrukturen und offener Dialog wurden zum konzeptionellen Gerüst des ILAUD, wo die Idee eines langen Seminar in Residence die imaginäre und die Design-Methodik zweier Generationen von Architekten aus aller Welt prägte. Giancarlo De Carlo blieb der Hauptakteur und Pionier des Labors und Urbino der Ort, der seine Poesie und Vision von Architektur als Lebensraum nährte, an dem sich Menschen und eine grosszügige Vision des Lebens treffen.
Luca Molinari (1966) ist Architekt sowie Kurator und führt ein Studio in Mailand. Er hat vielfach über die italienische Nachkriegsarchitektur, wie Ernesto Nathan Rogers oder das Team X publiziert. Daneben ist er Redaktor im Skira-Verlag und unterrichtet an der Università degli Studi della Campania in Napoli.
Adaptierte Fassung von: Luca Molinari, «The spirits of architecture: Team 10 and the case of Urbino», in: Max Risselada, Dirk van den Heuvel (Hg.) Team 10 1953–81, in search of a Utopia of the present, Rotterdam 2005, S. 301–306.
Aus dem Englischen von Suzanne Leu
1 Carlo Bo selbst amtete uüber 50 Jahre – von 1947 bis 2001 – als Rektor der Universität, die heute seinen Namen trägt.
2 Aldo van Eyck, «University College in Urbino by Giancarlo De Carlo», in: Zodiac 16, 1966, S. 17.
3 Aldo van Eyck, wie Anm. 2.
4 Aldo van Eyck, wie Anm. 2.
5 Aldo van Eyck, wie Anm. 2.
6 Peter Smithson, «Three Generations», in: ILAUD Annual Report 1980, Urbino 1981.
7 Aldo van Eyck, wie Anm. 2