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| Hieronymus († 420) - Zur Erinnerung an die Witwe Marcella, an die Jungfrau Principia. (Epistula 127)

4.
Ihre Begeisterung für die göttlichen Schriften war unglaublich. Immer sang sie den Vers: "In meinem Herzen habe ich Deine Worte geborgen, damit ich vor Dir nicht sündige"1 , oder jenes Wort, das vom vollkommenen Manne gesagt ist: "Im Gesetze des Herrn ist sein Wille, und über seine Gebote sinnt er nach Tag und Nacht"2 . Die Betrachtung des Gesetzes bestand aber für sie nicht darin, daß sie bloß las, was geschrieben war, wie es die jüdischen Pharisäer machten. Vielmehr übte sie es nach dem Worte des Apostels: "Ihr möget essen oder trinken oder sonst etwas tun, tuet alles zur Ehre Gottes"3 , und nach dem Ausspruch der Propheten: "Aus Deinen Geboten schöpfte ich Einsicht"4 . So wußte sie, daß sie nach Erfüllung der Gebote des Verständnisses der Schrift gewürdigt werde. Dasselbe lesen wir ja auch anderswo: "Jesus fing an zu tun und zu lehren"5 . Denn jede noch so ausgezeichnete Lehre muß erröten, wenn das eigene Gewissen sie Lügen straft. Vergeblich predigt die Zunge eines Menschen Armut und Almosen, wenn er selbst in dem Reichtum eines Krösus schwelgt, wenn er zwar in einen schlichten Mantel gehüllt ist, aber aus seidenen Kleidern Motten ausklopft. Das Fasten übte Marcella in mäßiger Weise durch Enthaltung von Fleischspeisen. Wein kannte sie wegen ihres Magens und ihrer häufigen Schwächeanfälle mehr dem Gerüche als dem Geschmacke nach. Selten ließ sie sich in der Öffentlichkeit blicken und hielt sich vor allem aus den Häusern der vornehmen Damen fern, um nicht ansehen zu müssen, worauf sie verzichtet hatte. Die Basiliken der Apostel und Märtyrer besuchte sie, um dort im stillen zu beten; denn sie vermied es sich unter viel Volk zu mischen. Ihrer Mutter gehorchte sie so sehr, daß sie zuweilen tat, was ihr persönlich mißliebig war. Denn als jene ihr eigenes Blut vergaß und, weil selbst ohne Söhne und Enkel, alles den Kindern ihres Bruders zukommen lassen wollte, da konnte Marcella doch auch der Mutter nicht widersprechen, obwohl sie die Armenpflege als Beruf gewählt hatte. Schmucksachen und sonstiges Hausgerät überließ sie als vergängliches Gut den Reichen, und lieber wollte sie ihr Geld verlieren, als ihre Mutter betrüben.
1: Ps. 118, 11.
2: Ps. 1, 2.
3: 1 Kor. 10, 31.
4: Ps. 118, 104
5: Apg. 1, 1.