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von Dr. Martin Tomasik
Die meisten von uns waren schon einmal in einer Situation, die für sie peinlich gewesen ist. Im Gegensatz zu ähnlichen Situationen, in denen wir „lediglich“ Scham oder Schuld empfinden, zeichnen sich peinliche Situationen durch einen direkten sozialen Bezug aus. Jemand Anderes ist anwesend und beobachtet uns bei einer albernen oder unangemessenen Handlung. Das motiviert uns zu zwei Dingen. Erstens möchten wir die Situation verlassen, was häufig mit der Redewendung „in Grund und Boden versinken wollen“ umschrieben wird. Zweitens möchten wir unser positives Bild gegenüber Anderen wiederherstellen, was die Redewendungen „Angst vor Gesichtsverlust“ oder „das Gesicht wahren“ recht gut ausdrücken.
Eine aktuelle Studie von Ding und Kollegen hat nun in dem Zusammenhang untersucht, wie sehr solche Redewendungen unser Handeln leiten können und ob ein symbolisches „Sich-Verbergen“ und „Gesicht wahren“ tatsächlich funktionieren kann. Die Grundidee dabei war, dass Studienteilnehmer, die ein peinliches Ereignis vor Augen hatten, sich eher für Objekte interessieren würden, die ihnen diese symbolische Funktion des „Sich-Verbergens“ und „Gesicht Wahrens“ erfüllen würden. Dazu wurden zunächst zwei ähnliche Studien durchgeführt, bei denen eine Hälfte der Studienteilnehmer zunächst eine tatsächlich erlebte peinliche Geschichte aufschreiben sollte. Die andere Hälfte der Studienteilnehmer sollte dagegen einen typischen Tag aus ihrem Leben berichten. Im Anschluss daran wurden alle Studienteilnehmer gebeten, noch ganz kurz an einer angeblich anderen Studie teilzunehmen und Produkte zu bewerten, die angeblich auf den Markt kommen sollten. In der ersten Studie handelte es sich dabei um unterschiedlich grosse und unterschiedlich dunkle Sonnenbrillen. In der zweiten Studie waren es entweder Produkte, die das Gesicht verdeckten (z.B. Sonnenbrillen), Produkte, die einen anderen Körperteil bedeckten (z.B. Schals) oder aber Produkte, die mit der Gesichtspflege zu tun hatten (z.B. Feuchtigkeitscremes). In beiden Studien zeigte sich, dass die Studienteilnehmer in der Peinlichkeits-Bedingung Produkte bevorzugten und auch eher kaufen wollten, die ihr Gesicht verdeckten. Hinzu kam in der ersten Studie, dass besonders grosse und besonders dunkle Sonnenbrillen im Vergleich zu kleinen und hellen auch besonders stark bevorzugt wurden. Die Kontrollgruppe dagegen interessierte sich für alle Sorten von Sonnenbrillen weniger stark.
Die Befunde der beiden Studien sind ein Hinweis darauf, dass wir zu symbolischen Handlungen neigen, um mit peinlichen Situationen umzugehen. Die Frage, die sich den Autoren aber dann stellte, war, ob diese symbolischen Handlungen auch dafür nützlich sein können, dass wir wieder ungezwungener mit Anderen umgehen. Die Grundidee war, dass ein symbolisches „Sich-Verbergen“ und „Gesicht wahren“ nach einem peinlichen Zwischenfall die Bereitschaft erhöhen würde, sich einer sozialen Situation auszusetzen. Um diese Annahme zu überprüfen, haben Ding und Kollegen eine dritte Studie durchgeführt, in der sie wieder zwei Gruppen von Studienteilnehmern gebildet haben. Wieder wurde eine Gruppe gebeten, ein peinliches Erlebnis aufzuschreiben, während die andere Gruppe einen typischen Tagesablauf aufschreiben sollte. Neu an dieser Studie war, dass nun ein Teil der Studienteilnehmer gebeten wurde, während des Versuchs eine Sonnenbrille zu tragen und ein anderer Teil eine Gesichtscreme zu testen. Eine dritte Gruppe diente als Kontrollgruppe. Wie in den ersten beiden Studien wurde den Studienteilnehmern auch jetzt gesagt, dass es darum ging, Produkte zu bewerten, die angeblich auf den Markt kommen sollten. Am Ende des Versuchs sollten alle Studienteilnehmer angeben, was sie in diesem Augenblick gerne tun würden. Sie konnten dabei zwischen Aktivitäten wählen, die gemeinsam mit Anderen stattfinden (z.B. mit Freunden essen gehen) oder die gewöhnlich alleine durchgeführt werden (z.B. auf dem Laufband trainieren). Wie vermutet zeigte sich, dass die Studienteilnehmer in der Peinlichkeits-Bedingung eher an sozialen Aktivitäten interessiert waren, wenn sie während des Versuchs eine Sonnenbrille trugen oder die Gesichtscreme aufgetragen hatten. Für die Gesichtscreme war der Effekt sogar besonders ausgeprägt, was damit zu tun haben könnte, dass die Sonnenbrillen lediglich dazu dienten, sich symbolisch zu verbergen, während die Gesichtscremes symbolisch halfen, das „ursprüngliche Gesicht“ wiederherzustellen. In der Kontrollgruppe spielten diese Produkte gar keine Rolle für die bevorzugten Aktivitäten.
Die vorgestellten Studien zeigen eindrücklich die Macht symbolischer Handlungen beim Umgang mit peinlichen Situationen. Sie demonstrieren ausserdem, dass unser Verhalten eng mit den sprachlichen Metaphern verbunden ist, die wir jeden Tag benutzen.
Quelle: Dong, P., Huang, X., & Wyer, R. S., Jr (in Druck). The illusion of saving face: How people symbolically cope with embarrassment. Psychological Science.
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.
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