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Vor 100 Jahren wurden in den USA Häuser aus dem Katalog bestellt
Von 1908 bis 1942 wurden in den USA sogenannte «Sears-Häuser» aus dem Katalog bestellt. Zur Auswahl standen über 370 Hausdesigns, die zwischen 360 und 2‘890 US-Dollar kosteten. Geliefert wurde das Objekt als Bausatz, der vor Ort teils selbstständig montiert wurde.
Quelle: Gemeinfrei
Model Nr. 2050: «The Osborn» aus dem Sears-Katalog von 1918.
Quelle: Gemeinfrei
Model Nr. 2094: «The Verona» aus dem Sears-Katalog von 1918.
Bezeichnungen wie «Hathaway», «Elsmore» oder auch «Magnolia» standen früher nicht etwa für angesagte Bade- oder Freizeitmode in den USA. Hinter ihnen versteckten sich tatsächlich fixfertige Häusermodelle, die in Versandkatalogen von verschiedensten Anbietern angepriesen wurden. Das Werbeversprechen: ästhetische und moderne Fertighäuser, deren kompletter Materialbedarf bequem per Schiff und Zug an den vorgesehenen Standort geliefert wurde.
Zwar nicht das grösste, aber sicher eines der erfolgreichsten Unternehmen dieses Geschäftsmodells war zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Einzelhändler Sears, Roebuck und Co. Dieser verkaufte seine Kataloghäuser hauptsächlich an Kunden in den Ostküstenstaaten und im mittleren Westen. Davon zeugen auch heute noch einige «Sears-Häuser», unter anderem in Florida oder Kalifornien.
Bis zu 100‘000 moderne Fertighäuser verkauft
Das Geschäftsmodell funktionierte. In der rund 34-jährigen Geschichte des Angebots verkaufte Sears nach Schätzungen zwischen 70‘000 und 100‘000 solcher Häuser. Der Erfolg verwundert aber auch nicht, wenn man bedenkt, dass die als «Modern Homes» beworbenen Objekte damals allerneuste Technologien boten: Zentralheizung, moderne Inneninstallationen und Elektrizität.
Ein Modell im Katalog beinhaltete eine Visualisierung des Hauses, die Grundrisse mit genauen Angaben zu den Stockwerken sowie Informationen zum Stil des Objektes. Als Beispiel das Modell «Hathaway», das mit einem einladenden Beschrieb startet: Amerikanische Touristen seien in Europa immer wieder von den englischen «Cottage Homes» mit ihren von Pflanzen und Rosen bewachsenen Fassaden tief beeindruckt. Mit dem Modell könne man ein solches nun auch sein Zuhause nennen.
Quelle: Gemeinfrei
Das Häusermodell «The Hathaway» gabs damals für schlappe 1'299 US-Dollar.
Ein Bausatz für ein Haus
Die Montage des Wunschhauses war allerdings nicht im Angebot von Sears inbegriffen. Denn hatte sich ein Käufer für ein konkretes Modell im Katalog entschieden und es beim Unternehmen bestellt, wurde lediglich das komplette Material für den Bau des Hauses an seinen künftigen Standort transportiert. Und dort wie ein Bausatz entweder selbstständig vom Käufer und seiner Familie oder aber von einem lokalen Schreiner zusammengebaut, den man dafür beauftragte.
Letzteres war vor allem sinnvoll, da die Holzplatten im Sears-Paket teilweise nicht vorgefertigt waren. Für die Montage musste man das Material also selbst in die richtigen Masse bringen, um später dann auch das idyllische Häuschen zu erhalten, das man bestellt hatte. Erst ab 1916 zählte auch die Vorfertigung der Materialien zum Angebot von Sears. Damit wurde auch fleissig geworben. Die Bauzeit sollte mit dem Vorschneiden um bis zu 40 Prozent reduziert werden.
Errichtet wurden die Häuser meist mittels «Balloon Framing», einer Holzrahmenbauweise, die im frühen 19. Jahrhundert vor allem in den USA und Kanada verbreitet war. Ihr Hauptmerkmal sind Wandpfosten, die durchgehend über alle Etagen reichen. Die Konstruktionen wurden in der Regel mit Zypressenschindeln, Mauerwerk oder Stuck verkleidet. Der Innenraum mit Eichen-, Kiefern- oder Ahornholz ausgestattet.
Quelle: Gemeinfrei
Model Nr. 2092: «The Preston» aus dem Sears-Katalog von 1918.
Bis zu 25 Tonnen schwere Bausätze
In den Katalogen wurde auch darauf hingewiesen, was alles im Preis enthalten war. Für das «Hathaway» garantierte Sears zum Preis von 1‘299 US-Dollar die Lieferung des gesamten Materials für den Bau des 4-Zimmer-Cottages. Dazu zählten unter anderem Bauholz, Latten, Dächer, Fenster, Bodenbelag, Regenrinne, Beschläge sowie Tapeten, Farben und Lacke. Man würde sicherstellen, dass genügend Material vorhanden sei.
Nicht im Preis inbegriffen waren Zement, Ziegel oder Gips. In der Regel waren zudem auch das Fundament, die Verkleidung für das Mauerwerk sowie der Putz nicht Teil des Servicepakets. Trotz diesem Umstand hatte ein durchschnittlicher Haus-Bausatz von Sears aber ein stattliches Gewicht von rund 25 Tonnen und bestand teilweise aus über 30‘000 Einzelteilen. Inneninstallationen, Öfen, elektrische Leitungen oder Badezimmer konnte man bei Bedarf als Zusatzoption buchen.
Die Logistik hinter den «Modern Homes» war für damalige Verhältnisse sehr effizient. So wurden die Kunden jeweils per Postkarte über den Versand eines Produkts sowie das voraussichtliche Ankunftsdatum informiert. Verschickt wurde das Material in der Regel per Bahn, da dies effizient und relativ kostengünstig war. Teilweise wurden die Ressourcen je nach Baufortschritt auch in Etappen geliefert.
Quelle: Gemeinfrei
Ein noch stehendes Objekt des Hausmodells «Magnolia» in Benson, North Carolina.
Quelle: Gemeinfrei
So präsentierte sich das Hausmodell «Magnolia» in einem der «Modern Homes»-Kataloge.
Weltwirtschaftskrise führte zur Einstellung
Um sich gegenüber seinen Konkurrenten einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, bot Sears seinen Kunden auch Finanzierungspläne mit Hypothekendarlehen an. Als die Weltwirtschaftskrise 1929 ausbrach, belastete dieser Aspekt das «Modern Homes»-Programm allerdings stark, weil viele Kunden mit der Kreditzahlung in Verzug gerieten. Sears war daraufhin gezwungen, etliche davon zu Betreiben und untergrub damit das Vertrauen vieler Familien mit mittleren Einkommen.
Schliesslich stellte Sears seinen «Modern Homes»-Katalog nach 1940 ein. Der Verkauf wurde daraufhin noch bis 1942 über lokale Bürostellen fortgesetzt, ehe der Service endgültig eingestellt wurde. Leider wurden die Verkaufsunterlagen zu den Häusern bei einem Brand vernichtet. Da nur ein kleiner Prozentsatz der Sears-Objekte beim Bau komplett dokumentiert wurde, erfordert das Auffinden der Objekte in den USA heute deshalb aufwändige Recherchen.
200 Sears-Häuser in Elgin
Eine weitere Herausforderung bei der Suche nach den Fertighäusern ist auch die Bestimmung des Herstellers. Denn zu dieser Zeit verkauften neben Sears noch andere Unternehmen solche Bausätze, zum Teil kopierten sie ihre Pläne und Designs voneinander. Deshalb ist es schwierig, heute herauszufinden, ob ein einzelnes Haus tatsächlich von Sears stammt.
Einzig in der Stadt Elgin in Illinois findet man heute noch etwa 200 Sears-Häuser, die wirklich verifiziert sind. Ausfindig gemacht hat sie die Forscherin Rebecca Hunter, die im Auftrag der Denkmalschutzorganisation «Elgin Heritage Comission» zwischen 1997 und 2004 entsprechende Nachforschungen zur Herkunft der Häuser angestellt hat.
Quelle: Gemeinfrei
Cover der «Sears Modern Homes»-Katalog um 1922.