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Hans Fehr, Salomon Landolt-Weg 34, 8193 Eglisau
Von Hans Fehr, Nationalrat von 1995-2015, in dieser Eigenschaft Mitglied der Staatspolitischen sowie der Sicherheitspolitischen Kommission, OberstleutnantTeil 7 meiner Erlebnisse aus rund 1400 Tagen Militär
1991 erreicht mich ein "Ruf" der damaligen Territorialzone (Ter Zo) 4 unter dem Kommando des mir seit der Offiziersschule bekannten und sehr geschätzten Divisionärs Hansruedi Ostertag. Man bietet mir an, einen WK im Stab der Betreuungsabteilung (Betreu Abt) 42 zu leisten mit der Möglichkeit, danach das Kommando zu übernehmen. Nach anfänglicher Skepsis sage ich zu - und bin in der Folge positiv überrascht. Die Dienstleistungen in dieser mir bislang unbekannten Formation erweisen sich als hochinteressant.
Der Auftrag der Abteilung lautet: "Errichtet und betreibt Kriegsgefangenen- und Militärinterniertenlager". Es geht - laut Reglement vom 1.1.1981 - darum, Militärpersonen, welche in der Schweiz Aufnahme finden (Militärinternierte) oder Angehörige einer feindlichen Streitmacht, die in unsere Hände gefallen sind (Kriegsgefangene), zu verwahren. Konkret heisst das, sie kontrolliert aufzunehmen, zu registrieren, zu beherbergen, zu ernähren, zu kleiden, zu pflegen und für ihr Wohlergehen und ihre Sicherheit zu sorgen. Dazu braucht es die verschiedensten Spezialisten, die in der Stabskompanie und in den drei Betreuungskompanien eingeteilt sind. Es sind Bauleute, Architekten, Schreiner, Zimmerleute, Maurer, Soldaten für die Bewachung und Sicherung - aber auch Depositen-, Dokumenten- und Sprachspezialisten. Weil zum Teil auch völkerrechtliche Fragen aktuell sein können, ist im Abteilungsstab zudem ein Rechtsoffizier (Rechts Of) eingeteilt. Grundsätzlich gilt: Einem Kriegsgefangenen dürfen beispielsweise die folgenden Gegenstände nicht weggenommen werden: Erkennungsmarke, persönliche Effekten, Helm und Schutzmaske. Zudem muss er auf Befragen hin lediglich seinen Namen, Vornamen, das Geburtsdatum, die Matrikelnummer und den militärischen Grad nennen.
Eine Betreuungskompanie muss in der Lage sein, innert 48 Stunden ein Lager für 500 Personen einzurichten; die maximale Kapazität liegt bei 750 Personen. Das alles ist für mich recht viel "Neuland". Aber die Kader und Soldaten unserer Abteilung, vorwiegend aus dem Kantonen SG, TG, AI und AR, sind sehr kooperativ. Oberst Jakob Rutz, Kommandant des Territorialkreises 45, dem wir unterstellt sind, führt umsichtig und mit trockenem Appenzeller Humor. Nachdem ich seine ur-appenzellischen Ausdrücke wie "näbis" (öppis, etwas) verstehe, gibt es keine Verständigungschwierigkeiten mehr.
Wir führen u.a. eine längere Übung in den Fabrikhallen der Firma Cilander in Herisau durch, mit allem Drum und Dran. Nach intensiven Vorbereitungen werden uns in verschiedenen Wellen Marqueure als "Militärinternierte" und "Kriegsgefangene" zugeführt. Bald funktioniert das Lager, in genau definierte Sektoren gegliedert, zur vollen Zufriedenheit. Falsche Dokumente werden "enttarnt" und verdächtige Saboteure und Spione der Ter Zo zugeführt. Sicherheitszäune, Waffenstellungen zum Schutz des Lagers, hunderte von Pritschen, Toiletten, eine recht moderne Lagerküche, Freizeitmöglichkeiten und dergleichen werden in Betrieb genommen. Nach etlichen Tagen mit verschiedenen Überraschungen ergibt die Übungsbesprechung unter Leitung von Major Hans-Rudolf Merz, der dem Stab der Ter Zo angehört (und später als Bundesrat mit dem Libyen-Abenteuer und dem "Bündnerfleisch-Lachanfall" Schlagzeilen macht) ein positives Bild.
In einer "Gefechtspause" besuche ich das wunderschöne Appenzell und auch den ehrwürdigen Grossratssaal. Vor einigen Jahren habe ich dort mit einigen Kollegen auf Einladung des damaligen Landammans Carlo Schmid einer Sitzung der sogenannten Gallenrats-Session beiwohnen dürfen, die ich nie vergessen werde: Während längerer Zeit diskutiert der Rat über die Zonenplanung, über Bauten in der Landwirtschaftszone - und auch über die "Stöckli", wo die "Alten" wohnen, wenn die "Jungen" den Bauernbetrieb übernommen haben. Gegen Ende der Sitzung fragt Carlo Schmid, ob noch jemand eine Frage habe. Ein Grossrat hebt die Hand, und Schmid sagt: " De Herr Grossrat Fässler hät s'Wort." Darauf meint dieser: "Hochgeachteter Herr Landammann, sött me ned au emol d'Frag vo dene Steckli (Stöckli) diskutiere?" Darauf erwidert Schmid trocken: "Herr Grossrat Fässler, über da reded mer jo gad set anderthalb Stond!"
Mit der "Armee 95" werden die seit 1981 bestehenden 16 Betreuungs-Abteilungen leider aufgelöst. Ich erachte das als grossen Fehler. Denn diese Formationen fehlen genau dann, wenn grössere Migrations- oder Flüchtlingsströme auf die Schweiz zukommen, welche die zivilen Kapazitäten an ihre Grenze bringen.
Speziell an diesem denkwürdigen WK 1989 ist auch die Tatsache, dass am 26. November - nach zwei Wochen WK - die Abstimmung über die Volksinitiative zu Armee-Abschaffung stattfindet. Spannung liegt in der Luft. Die zentrale Frage der Soldaten beim Abtreten in den Urlaub lautet: "Müssen wir im Fall einer Annahme überhaupt noch für die letzte Woche einrücken?" Die Antwort ist natürlich JA. Denn bei einem JA zur Initiative hätten Bundesrat und Parlament zuerst das genaue Prozedere festlegen und beschliessen müssen.
Anfang 1993 absolviere ich die vierwöchige Zentralschule II für Bataillons- und Abteilungskommandanten in der Caserne de La Pontaise In Lausanne. Wir werden intensiv beübt und echt gefordert im Raum Lausanne, im Gros de Vaud, in der Region Mézière, dem Geburtsort von General Guisan, im Gebiet der Festung Savatan und lernen unser "Handwerk" als Kommandanten und Stabsangehörige. Unser vorbildlicher Klassenlehrer, Oberst i Gst Marfurt, "schlaucht" uns, bis wir die Abläufe im Blut haben. Jeder Entschluss wird vom ihm gnadenlos seziert nach Kriterien wie Klarheit, Einfachheit, Konzentration der Kräfte, Überraschung, Reservebildung etc.
Das genaue Gegenteil habe ich in einem Minenwerfer-Schiesskurs im Jahre 1977 in Walenstadt erlebt. Hier ging es bei der Beurteilung von Entschlüssen ganz anders zu: Jeden noch so fadenscheinigen "Entschluss" kommentierte jener Klassenlehrer mit der Bemerkung: "Jawohl, auch eine mögliche Lösung." Wir im eher jugendlichen Übermut nutzen dies natürlich bald aus und präsentieren mit Absicht möglichst unsinnige Entschlüsse. Und tatsächlich: Der Klassenlehrer bleibt eisern bei seiner "Beurteilung": Jawohl, auch eine mögliche Lösung."
Zur Halbzeit der Zentralschule II dislozieren wir für eine Woche nach Wil SG. Wieder haben wir einen hervorragenden Klassenlehrer. Wir machen Lagebeurteilungen und fassen Entschlüsse in und um Wil, auf der Plattform der Eberle-Mühlen - bei Kälte, Eis und Schnee - und werden zudem "beübt" durch Divisionär Kurt Lipp, den charismatischen Kommandanten der Grenzdivision 7. Dabei bildet sich u.a. die "Erkenntnis" heraus: "Alle Wege führen nach Wil". Das heisst: Wer Wil militärisch "besitzt", dominiert auch den Grossraum Wil.
Am Ende der Zentralschule II werden wir von Divisionär Lipp inspiziert. Übungsannahme: Ein Grossflugzeug ist auf Biel abgestürzt. Das Schadenbild: Brände, schwere Verwüstungen, Verletzte, Tote. Die zivilen Behörden fordern militärische Unterstützung an - Soldaten, Spezialisten, allerlei Gerätschaften und diverses Material. Einige Kollegen erstellen Listen mit vielen Schaufeln, Pickeln und weiterem Kleingerät, das sie den "Zivilisten" liefern wollen. "Tumme Chabis!" kritisiert Lipp und lobt den Beschluss unserer Gruppe, die ein Luftschutz- bzw. Katastrophenhilfebataillon aus dem WK in einen Bereitschaftsraum am Bieler Stadtrand befiehlt, wo die Absprachen für den Einsatz vor Ort getroffen werden.
(Fortsetzung folgt)