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Kommentar von PERKUNAS-Kampagnenleiter, Reinhard Grabler: Mit nur 500 verbliebenen Exemplaren der nordöstlichen Schweinswalpopulation sind die Ostsee-Schweinswale als vom Aussterben bedroht eingestuft worden. Als Beifang in Fischernetzen zu verenden, stellt die grösste Bedrohung für die Tiere dar. Dennoch ist das Fischen sogar in Meeresschutzgebieten erlaubt. Im Rahmen von Sea Shepherds PERKUNAS-Kampagne dokumentiert und überwacht die Crew der EMANUEL BRONNER tödliche Stellnetze in den Schutzgebieten der Ostsee. Doch der Unfalltod in Fischernetzen ist nicht die einzige vom Menschen verursachte Bedrohung für diese Tiere. Eutrophierung, Unterwasserlärm, Vermüllung, Überfischung und die Grundschleppnetzfischerei schädigen auch das Ökosystem der Ostsee und wirken sich sowohl auf den Schweinswal, als auch die von ihr abhängigen lokalen Bevölkerung aus.
Eutrophierung
Die Ostsee ist ein brackiges Binnenmeer, das von neun nordeuropäischen Ländern umgeben und einem Prozess namens Eutrophierung ausgesetzt ist. Ein zu hoher Nährstoffeintrag, der vor allem den Abflüssen aus der industriellen Landwirtschaft geschuldet ist, führt zu einem Algenwachstum, das verminderte Lichtverhältnisse im Wasser und Sauerstoffmangel zur Folge hat. Daher gelten 97% der Ostsee als eutrophiert, was sie zu einem der grössten sauerstoffarmen Gebiete der Erde macht. Es entstehen sogenannte „tote Zonen“, in denen kein Leben möglich ist. Dies betrifft letztendlich nicht nur die Ostsee-Schweinswale, sondern auch die Fischereiindustrie.
Unterwasserlärm
Unterwasserlärm ist eine besonders gefährliche Bedrohung für Wale und Delfine. Schweinswale haben ein ausgezeichnetes Gehör unter Wasser und sind für ihre Orientierung, Kommunikation und Nahrungssuche auf Geräusche angewiesen. Zu den tödlichen Auswirkungen des Unterwasserlärms auf die Meeresbewohner gehören Massenstrandungen und gestörtes Fressen. Dauerschallquellen sind Offshore-Windkraftanlagen, die Schifffahrt, Bootsfahrten, Brücken und Tunnel. Der geplante Fehmarnbelttunnel erscheint absurd: Der geplante Unterwassertunnel zwischen Dänemark und der deutschen Insel Fehmarn wird direkt durch das Meeresschutzgebiet Fehmarnbelt führen, welcher ein wichtiges Durchzugsgebiet für Schweinswale ist. Die Begünstigten dieses Projekts sind unklar, aber die Verlierer sind sicher: die Tierwelt der Ostsee, die unter dem zerstörten Meeresboden, dem ständigen Lärm und den Vibrationen leiden wird. Zusätzlich sind plötzliche Lärmbelästigungen, wie z.B. militärische Tests, eine besondere Gefahr für die Tiere. Wenn es den politischen Willen gäbe, könnte dieser zusätzliche Lärm durch Taktiken wie Luftpolstervorhänge reduziert oder sogar verhindert werden, doch sie werden kaum genutzt. Am besten wäre es, Lärm ganz zu vermeiden, wie der für diesen Herbst geplante Beschuss der ausgemusterten Fregatte KARLSRUHE im Militärgebiet Schönhagen vor der deutschen Ostseeküste. Die Schockwelle solcher Unterwasserexplosionen kann zu Gehörverlust, schweren Verletzungen oder sogar zum Tod von bis zu sieben Kilometer entfernten Schweinswalen führen. Darüber hinaus besteht keine Notwendigkeit, mehr Munition in die Ostsee zu entsorgen, während Munition aus dem Zweiten Weltkrieg immer noch Wasserverschmutzungen durch korrodierte Behälter verursacht, die Quecksilber in das Meer abgeben.
Meeresvermüllung
Meeresmüll in verschiedenen Grössen und Materialien schädigt das Ökosystem. Mancher Müll ist leicht zu sehen, anderer befindet sich unsichtbar auf dem Meeresboden, zerfällt langsam und verstärkt seine Wirkung, indem er in die marine Nahrungskette gelangt. Grössere Müllteile verschlechtern die Qualität des Lebensraums und können bei vielen Arten zu Verletzungen oder zum Tod führen, wenn sie sich darin verfangen oder den Müll aufnehmen. Etwa 70% der in der Ostsee dokumentierten Abfälle stammen von Kunststoffen, die vom Menschen genutzt werden. Kunststoffe können sich jahrzehntelang auf dem Meeresboden halten und durch Wasserströmungen oder in den Körpern wandernder Arten weite Strecken zurücklegen. Zurückgelassene, verlorene oder weggeworfene Fischereiausrüstung, sogenannte Geisternetze, sind besonders bedenklich, da sie nicht nur aus Kunststoff bestehen, sondern auch über Jahrhunderte hinweg unbeabsichtigte oder gar geschützte Arten fangen.
Überfischung und Grundschleppnetzfischerei
Übermässige Fischerei ist ein grosses Problem in der Ostsee. Immer mehr Fischbestände gelten als überfischt, was bedeutet, dass sich Zielarten nicht schnell genug vermehren können, um die gefangenen Mengen zu ersetzen. Was wie ein rentables Geschäft aussieht, schmälert tatsächlich die Profite der Fischerei und bedroht die Existenz anderer Meeresbewohner, die von Fischen als Nahrung abhängig sind. Um den Zusammenbruch der Fischbestände zu vermeiden, werden die Fangquoten jedes Jahr von der EU festgelegt. Leider berücksichtigen diese Quoten nicht immer den Rat von Wissenschaftlern, was zu Zahlen führt, die nicht nachhaltig sind. Ausserdem hat die Geschichte gezeigt, dass die Fischer ihre Praktiken nicht ändern, wenn es keine ausreichenden Kontrollen gibt, was zu einer unbekannten Anzahl illegal gefangener Fische führt. Ein Rückgang der Fischbestände bedeutet letztlich einen Rückgang der Nahrungsquellen für Schweinswale. Darüber hinaus zerstört die gängige Praxis der Grundschleppnetzfischerei den Meeresboden, der für das Laichen vieler Arten wichtig ist.
Aktionsaufruf
Störungen des marinen Ökosystems sind nicht nur eine Bedrohung für die Tierwelt, sondern auch für den Menschen. Millionen von Menschen sind nicht nur auf die Ostsee als Nahrungsquelle angewiesen, sondern ein gesundes Ökosystem ist die Grundlage für das Leben in dieser Region. Es ist nicht eine Person oder Aktivität, die ernsthafte Auswirkungen auf die Umwelt hat, sondern die millionenfache Multiplikation dieser Aktivitäten. Dies sind Probleme, die nur in kleinen Schritten angegangen werden können, und es gibt Probleme, die jetzt schon angegangen werden können. Die beiden wichtigsten Prioritäten für den Schutz der Schweinswale in der Ostsee bestehen darin, das Risiko, als Beifang getötet zu werden, zu stoppen und die Lärmbelästigung zu verringern. Beides ist leicht möglich, wenn der politische Wille vorhanden ist. Sea Shepherd fordert daher ein Verbot von Stellnetzen und anderen zerstörerischen Fanggeräten in Schutzgebieten, die Einstellung des Fehmarnbelt-Tunnelprojekts und ein Verbot der Abwrackung der stillgelegten Fregatte KARLSRUHE.