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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache,
Viersen/Westdeutschland
Der Philosoph Peter Sloterdijk schreibt in seinem Buch „Sphären I“ im Kapitel „Das Sirenen-Stadium“ über den Einfluss des Hörens auf das Individuum und auf das Miteinander.
„Es ist die konstitutive Hörgemeinschaft, die Menschen in die ungegenständlichen Ringe gegenseitiger Erreichbarkeit füreinander einschliesst. Im Ohr besitzen Intimität und Öffentlichkeit ihr verbindendes Organ.“
Der Philosoph beschreibt das Hören im Mutterleib und im täglichen Leben, nicht nur das Hören, sondern auch das Weghören, das Ausklinken von Geräuschen und Lärm. Ein sich anbietendes Beispiel ist die Episode in Homers „Odyssee“, denn wenn sich Odysseus vom Sirenengesang hätte verführen lassen, wäre das der Untergang gewesen. Die Gefährten wurden mit Wachs taub gemacht, und er selbst an den Mastbaum gefesselt.
Ich persönlich bin sehr geräuschempfindlich. Um Schlafen zu können, soll es möglichst still sein, ein geschlossenes Fenster ist ideal, und in fremder Umgebung mit vielen Aussengeräuschen benutze ich Stöpsel fürs Ohr. Ich muss sie oft ein wenig zurechtrücken, will ich nicht meine Herztöne hören. Meine Fähigkeit, Geräusche „auszuklinken“, ist begrenzt, im Gegensatz zu anderen Menschen, die im grössten Lärm schlafen können. (Ich berichtete darüber in einem Blog aus Indien.)
Sloterdijk schreibt innerhalb seiner Überlegungen über die jüngere psychoakustische Forschung, insbesondere des Oto-Rhino-Laryngologen und Psycholinguisten Alfred Tomatis. Der Wissenschaftler hat sich mit der Frühentwicklung des menschlichen Ohres im Mutterleib beschäftigt:
„Wie Tomatis zu betonen nicht müde wird, wäre der Aufenthalt des Kindes im Mutterleib ohne die Fähigkeit zum spezifischen Weghören und zum Abdunkeln grosser Geräuschbereiche unerträglich, weil die Herztöne und die Verdauungsgeräusche der Mutter, aus nächster Nähe wahrgenommen, dem Lärm einer bei Tag und Nacht betriebenen Baustelle entsprechen oder dem Geräuschpegel einer prallen Wirtshausunterhaltung gleichkommen. Würde das Ohr nicht von früh auf lernen wegzuhören, so würde das werdende Leben durch eine permanente Lärmfolter verwüstet.“
Darüber dachte ich nach, als ich im Hallenschwimmbad meine Bahnen schwamm. Ich bin nämlich ein notorischer Rückenschwimmer und der Überzeugung, diese Schwimmart verhindere Rückenbeschwerden. Auf dem Rücken zu schwimmen bedeutet aber, dass sich die Ohren unter der Wasseroberfläche befinden. Das unterdrückt die Geräusche im Bad. In diesem Fall waren es nicht nur die gewöhnlichen Geräusche von sich unterhaltenden Erwachsenen und Kindergeschrei, sondern laute Musik, die die Trainerin als Begleitung für die Übungen aus dem Lautsprecher tönen liess, um ihre Gruppe im Wasser zu verschiedenen körperlichen Bewegungen zu animieren. Ich empfand das als unangenehm, denn ich mag diese Art von Musik nicht.
Der Fötus oder Fetus im Mutterleib lebt im Fruchtwasser. Dieses Fruchtwasser müsste, so meine Überlegung, die Geräusche vermindern. Was hört der Fötus wirklich?
Tomatis schreibt in seinem Buch „Klangwelt Mutterleib“, Männer machten sich lächerlich, wenn sie vor dem Bauch ihrer schwangeren Partnerin knien und mit sonorer Stimme zum Kind sprechen, denn Ungeborene nähmen nur hohe Töne wahr, und das vor allem über das Gehör der Mutter oder über ihren Kehlkopf, wenn sie selbst zum Baby spricht. Er betont die Wichtigkeit der liebevollen Kommunikation der Mutter zum Ungeborenen, und die Hauptaufgabe des Vaters sei es, für ein Wohlbefinden der Mutter beizutragen.
Die Geräuschübertragung im Mutterleib erfolgt nicht nur über das Gehör des Fötus, das übrigens ab der 22. Schwangerschaftswoche voll funktionsfähig ist, sondern auch über die beiden Körper der Mutter und des Kindes. Extremer Lärm kann zu Frühgeburten und nach der Geburt zu Hörverlusten im höheren Frequenzbereich führen.
Geräusche erzeugen Schwingungen. Vibrationen kann der Körper auch ohne das Hören wahrnehmen. Bei Gehörlosen haben sich oft andere Techniken der Geräuschaufnahme entwickelt; sie fühlen die Schwingungen oft viel intensiver als Hörende.
Tomatis wird als Wegbereiter der Musik- und Klangtherapie und der pränatalen Psychologie bezeichnet und untersuchte mögliche Auswirkungen von pränataler Lärmbelastung auf das spätere Befinden des Menschen. Er weist auch Erfolge bei schizophrenen und autistischen Kindern nach, die er mittels der Mutterstimme „mental ins fötale Stadium“ zurückversetzt.
Es ist nicht der Mutterleib, dem ich nachsehne, wenn ich im Schwimmbad einen kleinen Ausflug in die Tiefe unternehme. Für die kurze Zeit, die mir ohne Atem zu holen bleibt, geniesse ich die Stille in der Umgebung des Wassers, und nur die Umwälzpumpengeräusche dringen gedämpft an mein Ohr.
Meine Frau erinnerte mich an eine Radwanderung, die wir auf der Halbinsel Usedom an der Ostsee unternahmen. Wir kamen in einen Wald und haben uns dort etwas abseits vom Weg, fern ab von allem, auf das Moos gelegt und ausgeruht. Es umgab uns absolute Stille, kein Vogel, kein Wind-, kein Strassengeräusch, keine menschliche Unterhaltung, keine Schritte. Wohltuende Ruhe und ein Blick hoch durch die Baumgipfel auf den blauen Himmel. Wir empfanden das als etwas Besonderes und es prägte sich als ein erinnerungswürdiges Erlebnis dieses Urlaubs ein. Dann kamen Kinder des Weges, die sich laut unterhielten. Wir waren wieder „unter Menschen“.
Wenn ich Sloterdijk richtig verstanden habe, war das ein kleiner Sphärenwechsel:
„Alle Fruchtblasen, organische Modelle autogener Gefässe, leben auf ihr Zerplatzen zu; mit der Geburtsbrandung wird jedes Leben an die Küste härterer Tatsachen gespült.“
Quellen
Sloterdijk, Peter: „Sphären I, Blasen“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 1998.
Tomatis, Alfred: „Klangwelt Mutterleib“, Kösel Verlag, München 1994.
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