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Was sagen Sie jenen Menschen, die einen WM-Boykott fordern?
Murat Yakin: Jeder Mensch darf und soll selbst entscheiden können, was er sich anschauen will und was nicht.
Nervt es Sie, dass Sie als Trainer mit gesellschaftlichen und politischen Fragen konfrontiert werden?
Nicht unbedingt. Aber wenn ich ständig auf Dinge angesprochen werde, die nicht in meiner Kompetenz liegen, die ich nicht zu verantworten habe, die auch nicht in meinen Zuständigkeitsbereich fallen, wünsche ich mir Fragen, die ich als Trainer kompetent beantworten kann. Mein Job besteht darin, mit meiner Mannschaft die bestmögliche Leistung abzurufen.
Mit welchen Gefühlen treten Sie in Katar an?
Sportlich betrachtet freue ich mich riesig. Es ist meine erste WM überhaupt, denn ich habe sie als Spieler zweimal verpasst.
Weil Sie vor der WM 1994 zu lange an der Hotelbar sitzengeblieben sind.
Meine Ausbootung aus dem Kader war unberechtigt. Denn ich war nicht der einzige Spieler, der den Zapfenstreich überzogen hat. Aber an mir wurde ein Exempel statuiert. Schwamm drüber: 20 Jahre später hat sich der damalige Trainer Roy Hodgson in irgendeinem Interview dafür entschuldigt.
Dabei hat Hodgson einst selbst einen Brief an die Behörden geschrieben und darin gebeten, man möge Sie möglichst schnell einbürgern.
Ja. Ich durfte dann in der Qualifikation zur WM 1994 auch einige Spiele bestreiten. Doch an die WM fuhren auch Spieler, die keinen grossen Anteil hatten und ich musste zu Hause bleiben. Natürlich empfand ich das damals als hochgradig unfair.
Endrunden und Murat Yakin, das ist bislang keine Liebesgeschichte.
Leider. 1994 nicht nominiert. Die EM 1996 verpasste ich wegen eines Kniescheibenbruchs. Danach haben wir uns einige Male nicht qualifiziert. An der EM 2004 war ich zwar dabei. Wobei ich wegen eines kurz zuvor auskurierten Muskelfaserrisses nicht in Topform war. Und 2006 war ich schon nicht mehr Fussballprofi.
Können Sie als Trainer wenigstens von dieser einen Endrunden-Teilnahme etwas rausziehen?
Ich weiss nicht. Hilfreicher ist, dass wir in der Nations League so etwas wie den Turniermodus simulieren konnten. Kommt dazu, dass wir mit Spanien, Portugal und Tschechien hochkarätige Gegner hatten. Das war eine optimale Vorbereitung auf die WM.
Wie lautet Ihre Zielsetzung? An der letztjährigen EM erreichte die Nati den Viertelfinal. Also soll es an der WM mindestens wieder die Runde der letzten acht sein, so die öffentliche Wahrnehmung.
Mit Erinnerungen kann man sich nichts kaufen. Eineinhalb Jahre sind im Fussball eine enorm lange Zeit. Darum gilt es, immer wieder neue Ziele anzupeilen. Klar, wir haben das Potenzial, wie an der EM 2021 etwas Aussergewöhnliches zu schaffen.
Granit Xhakas Bonmot vor einer Endrunde lautet: Ich packe bis zum Final. Machen Sie es wie er?
Granit ist ein Winnertyp. Einer, der gerne auch mal provoziert. Aber er ist keiner, der nur grosse Taten verspricht. Nein, Granit liefert Leistung. Immer. Von dieser Sorte Fussballer gibt es nicht viele. Ständig auf Understatement zu machen, das kennen wir von früher, als ich selbst noch Fussballer war, zur Genüge. Wir waren in der Schweiz schon zufrieden, wenn wir an Endrunden teilnehmen durften. Dabei sein, aber nichts gewinnen, das war früher typisch schweizerisch. Wer im Sport etwas erreichen will, muss mutig sein, darf das Risiko nicht scheuen. Ich hoffe, nein, ich bin überzeugt, dass Xhaka nicht der einzige Spieler bei uns ist, der Gross denkt. Auch Manuel Akanji hat sich schon ähnlich geäussert wie Xhaka. Ich bin jedenfalls kein Trainer, der die Spieler bremst.
Sie haben Druck aus dem eigenen Haus. Als Sie mit Ihrer Frau Anja letztes Jahr die Sports Awards schauten, soll Sie Ihnen gesagt haben, dass sie Sie auch mal auf dieser Bühne sehen will.
Die Sports Awards sind wohl die einzige Sportsendung, die meine Frau und ich zusammen schauen. Die Geschichte stimmt so aber nicht ganz. Als Yann Sommer zum wertvollsten Spieler gewählt worden ist, bedankte er sich während seiner Rede auch bei seiner Frau. Das wiederum hat meiner Frau Eindruck gemacht. Sie sagte, sie würde das auch schätzen.
Zurück zu Xhaka. Es war kein problemfreier Start zwischen Ihnen beiden. Lange war er gar nicht dabei. Und als er diesen Frühling im Test gegen den Kosovo endlich unter Ihnen in der Nati auflief und ausgewechselt wurde, reagierte er wütend.
Ich habe seine Reaktion nie als Kritik an meiner Person empfunden. Ich hatte mit ihm immer einen sehr engen, freundschaftlichen Austausch. Ich kenne auch seine Familie sehr gut. Er hat sich damals extrem viel vorgenommen, weil wir ohne ihn die WM-Qualifikation geschafft haben. Und dann spielen wir auch noch gegen die Heimat seiner Eltern.
Nach jenem Spiel sagte Xhaka: «Trainer, die mich kennen, wissen, wo sie mich aufstellen müssen.» Das ist doch als unmissverständliche Kritik an Ihnen zu deuten. Oder hätte zu Ihrer Zeit als Spieler ein Trainer wie Christian Gross eine solche Aussage durchgehen lassen?
Das ist auch mal vorgekommen.
Was?
Dass ich in der Öffentlichkeit mal etwas gesagt habe, was dem Trainer vielleicht nicht gefallen hat. Wenn ein Spieler noch adrenalingetränkt ist, auf dem Platz alles gegeben hat und es nicht wunschgemäss gelaufen ist, kann es schon mal zu einem emotionalen Ausbruch kommen. Das sind Momente, in denen ein Trainer vieles kaputtmachen kann, wenn er ebenfalls emotional reagiert. Da braucht es Gelassenheit.
Wie war das bei Ihnen?
Unangenehm. Da sitzt du dann plötzlich im Kreuzverhör mit Trainer, Sportchef, Präsident und Verwaltungsrat. Sicher, ich war damals vielleicht 20. Granit ist heute 30. Aber Emotionen sind keine Frage des Alters. Man hat sie, oder man hat sie nicht. Wichtig ist, dass man diese Emotionen in positive Bahnen lenken kann. Und dafür braucht es alle. Den Spieler, den Trainer und so weiter.
Wie haben Sie im persönlichen Gespräch mit Xhaka die Episode aufgearbeitet?
Ich habe ihm gesagt: Granit, betrachte mich in diesem Moment nicht als Trainer, sondern als Freund und Begleiter. Ich fühle mich durch deine Worte nicht angegriffen. Aber ich weiss auch, warum ich dich eng begleiten will, dich mehrfach in London besuchen werde. Und: Wir können gerne alle Positionen aufzählen, die du bei Arsenal schon gespielt hast. Beispielsweise linker Aussenverteidiger und linker Flügel. Oder habe ich was Falsches gesehen und muss nun sofort meine Trainerlizenz abgeben? Egal, ob Xhaka oder ein junger Spieler wie Vargas oder Okafor unzufrieden ist: In solchen Situationen musst du eher der fürsorgliche Freund und nicht der autoritäre Trainer sein.
Heisst das: Sie reagieren bei jedem Spieler so?
Es ist situationsbedingt. Es kommt auch darauf an, ob es das erste Mal ist oder nicht. Ich habe in dieser Situation Granit gespürt und es wirkte auf mich sehr glaubwürdig, wie er mit mir darüber gesprochen hat.
Für Ihre Nachsicht werden Sie belohnt. Nun sehen wir den wohl besten Granit Xhaka, auch im Nationalteam.
Arbeit trägt Früchte. Ich habe mich sehr intensiv mit ihm auseinandergesetzt und umgekehrt auch. Und er hat auch umgesetzt, was ich ihm mit auf den Weg gegeben habe. Beispielsweise sein Vorangehen auf dem Platz oder die Art, wie er in Zweikämpfe geht. Heute kassiert er kaum noch eine unnötige Verwarnung.
Xhaka hatte unter ihrem Vorgänger Vladimir Petkovic eine Sonderstellung. Brauchte er schlicht auch Zeit, um sich an Sie und Ihren Stil zu gewöhnen?
Ich habe eine ähnliche Situation mit meinem Bruder Hakan erlebt, als er in Luzern mein Spieler war. Spieler mit der 10 auf dem Rücken sind besondere Typen. Die muss man speziell behandeln. Keine Sonderbehandlung, weil darunter das Team leiden könnte. Aber individuell und vertrauensvoll.
Was heisst das?
Wenn die Speicherkarte voll ist, muss man erst gewisse Dinge wieder löschen, um wieder neue draufzuladen. So funktionierte es mit Hakan. Und so funktioniert es mit Granit. Denn diese 10er sind Unterschieds- und Entscheidungsspieler. Die bringen sehr viel mit. Mich interessiert nicht, wie das Verhältnis zwischen Petkovic und Xhaka war. Aber ich kenne die Familie Xhaka, hatte Taulant beim FC Basel schon unter mir und entsprechend gab es zwischen uns schon viele Berührungspunkte.
Ragip, der Vater der Xhaka-Brüder, sagte Ihnen einst: Du hast die Karriere von Taulant gerettet, ich lege dir das Schicksal meiner Söhne in die Hände.
Schicksal ist zu hoch gegriffen. Es besteht aber ein Vertrauensverhältnis zwischen Ragip und mir.
Obwohl Xhaka nicht mehr der einzige, unbestrittene Leithammel wie unter Petkovic ist, scheint sein Standing innerhalb des Teams höher zu sein. Oder spaltet er gerade deswegen nicht mehr?
Ich weiss nicht, wie es früher war. Aber ich sagte ihm auch: Es braucht nicht immer erst Nebengeräusche wie letztes Jahr an der EM, um Topleistungen zu bringen.
Sie sprechen die Coiffeur-Affäre an?
Wenn Sie mich fragen, was ich von der WM erwarte: Es wäre schön, mal ohne Nebengeräusche in ein Turnier zu starten, wir uns nur auf den Fussball konzentrieren. Es kann doch nicht sein, dass wir erst von den Journalisten eins auf den Deckel kriegen, bevor wir erwachen und unsere beste Leistung abliefern. Ich sage den Jungs: Ihr könnt vieles machen, aber macht es clever, macht es geräuschlos.
Ist es nicht genau diese Wagenburg-Mentalität, wir gegen den Rest der Welt, der diese Mannschaft stärker macht?
Der Zusammenhalt dieser Mannschaft ist unglaublich. So etwas habe ich noch nie erlebt. Eine verschworene Gemeinschaft ist nur der Vorname. Wer einen Spieler kritisiert, greift alle an. Deshalb bin ich auch sehr zuversichtlich, wenn es darum geht, junge Spieler zu integrieren. Beispielsweise Ardon Jashari von Luzern. Da war selbst Granit Xhaka nach dem ersten Training überrascht von dessen Fähigkeiten. Diese Mannschaft hat die Wagenburg-Mentalität nicht nötig.
Verstehe ich Sie richtig, dass eine Aktion wie bei der letzten EM mit dem eingeflogenen Coiffeur verboten ist?
Nein, ganz und gar nicht. Ich habe geräuschlos gesagt. Cleverness heisst das Zauberwort. Die braucht es auch auf dem Platz. Wenn du als Spieler ein offenes Buch bist, durchschaut dich jeder Gegner.
Ein anderes Thema: Vom divenhaften Verhalten, das man Xherdan Shaqiri früher nachgesagt hat, ist nichts mehr zu sehen. Einverstanden?
Xherdan ist geerdet. Er hatte sein 100. Länderspiel, in Abwesenheit von Xhaka einige Einsätze als Captain, das alles war eine grosse Genugtuung für ihn. Xherdan ist so ein feiner Mensch, immer positiv eingestellt. Er geniesst, was alles noch kommt. Aber stets mit der geforderten Ernsthaftigkeit. Weshalb er für uns ein wichtiger Entscheidungsspieler ist. Mit ihm sind wir absolut happy. Und dass er nicht mehr im Zentrum, sondern auf der Seite spielt, haben wir zusammen angeschaut. Er akzeptiert es nicht nur, sondern findet es auch richtig so.
Eine andere, sehr positive Entwicklung hat Manuel Akanji gemacht. Dortmund war schon gross. Aber Manchester City ist ein Weltklub. Und Akanji entzückt. Wird er der erste Schweizer Weltstar im Fussball?
Manu ist so ein abgezockter Typ, so ein cooler Hund. Zwei oder drei Tage vor Transferschluss habe ich mit ihm telefoniert. Zu diesem Zeitpunkt sass er immer noch in Dortmund auf der Tribüne, weil er den 2023 auslaufenden Vertrag nicht verlängert hat. Ich habe schon Spieler erlebt, die in einer ähnlichen Phase nur noch rumgehypert sind und fast stündlich ihren Manager gefragt haben, ob er denn nun endlich einen neuen Arbeitgeber habe.
Und Akanji?
Er sagte mir: «Mach dir keine Sorgen um mich. Sobald das Transferfenster geschlossen ist und ich keinen neuen Verein habe, spiele ich in Dortmund wieder.» Ich dachte: wow, okay, schön. Diese Selbstüberzeugung - die braucht es, um in einem Klub wie Manchester City zu bestehen - sieht man nur bei den allergrössten Spielern.
Sie haben Akanji noch besser gemacht, in dem Sie ihn von der halblinken auf die halbrechte Innenverteidigerposition verschoben haben?
Bei seinen Einsätzen in Dortmund habe ich gesehen, dass er es nicht mag, wenn er auf der halblinken Position von einem Stürmer gepresst wird.
Warum?
Er hat den Ball auf dem rechten Fuss und deckt mit dem linken ab. Also wendet er sich leicht Richtung Zentrum ab. Das bedeutet: Luchst ihm der Stürmer den Ball ab, ist der Weg frei Richtung Tor. Wenn das gleiche aber auf der halbrechten Position passiert, ist das Zentrum geschlossen, weil er diesen Raum mit seinem linken Fuss abdeckt.
Details, die entscheidend sind?
Ja. Und bei Manchester City hat er sogar schon als rechter Aussenverteidiger gespielt. Stellen Sie sich vor, ich würde ihn in der Nati auch dort aufstellen. Das bräuchte einigen Erklärungsbedarf.
Nochmals: Ist Akanji auf dem Weg zur absoluten Weltklasse?
Ja. Er ist unglaublich schnell, im Zweikampf derart kompromisslos, gutes Kopfballspiel, torgefährlich, er bringt alles mit, was ein Weltklasse-Innenverteidiger braucht.
Kamerun, Brasilien, Serbien. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als die WM-Gegner zugelost wurden?
Es sind attraktive, schwierige Gegner. Für mich macht es die Vorbereitung aber etwas leichter, weil wir die Spieler dieser Mannschaften schon kennen. Das wäre bei Katar, Kanada oder Saudi-Arabien etwas anders.
Sie wissen also, was auf Sie zukommt?
Ja. Klar werden wir unsere Aufgaben erledigen, aber ich will mir nicht zu viele Gedanken über die Gegner machen. Ich habe meine Mannschaft und glauben Sie mir: Alle unsere Gegner werden sich mindestens so viele Gedanken über uns machen wie wir über sie.
Den Gegner zu dechiffrieren ist doch genau eine Ihrer grossen Stärken, weshalb Sie mit Ihren Teams gegen stärkere Widersacher - mit Basel gegen Chelsea und Tottenham, mit der Nati gegen Italien und Spanien - häufig für Exploits sorgten. Der Brasilien-Match ist also wie gemacht für Sie.
Vielleicht. Aber um Kräfteverhältnisse zu verschieben, braucht man als Trainer auch die richtigen Spieler. Nehmen wir das Spiel gegen Spanien vom September als Beispiel: Mit welcher Leidenschaft und Leidensfähigkeit die Spieler aufgetreten sind, beeindruckte mich.
Wie machen Sie das gegen Brasilien?
Das kann ich noch nicht sagen. Klar ist: Brasilien ist für viele Fussballer das Nonplusultra. Auch für mich wird dieses Spiel zu einem absoluten Highlight meiner Karriere. Und Kamerun: Wir haben mit Breel Embolo einen Berührungspunkt. Und Serbien: Viele unserer Spieler spielen im Klub mit Serben zusammen. Ich habe mich kürzlich mit meinem früheren Teamkollegen Ivan Ergic zum Abendessen getroffen. Ein wunderbarer Mensch.
Was sagte Ergic über die heisse Affiche zwischen der Schweiz und Serbien?
Mit den gesellschaftspolitischen Aspekten, die in diese Partie hineininterpretiert werden, beschäftige ich mich nicht. Ich sagte zu Ergic: Das was, wie und warum interessiert mich nicht.
Leider muss man damit rechnen, dass es aus Serbien hageln wird an Provokation gegen die Nati-Spieler mit kosovarischen Wurzeln. 2018 gossen vor allem Politiker Öl ins Feuer. Der Aussenminister Ivica Dacic provozierte: «Gegen wen spielen wir? Gegen die Schweiz? Gegen Albanien? Oder gegen Pristina?»
Wenn eine Person diesen Fehler ein zweites Mal macht, fehlt es ihr definitiv an Respekt und Intelligenz. Es wäre völlig fehl am Platz, wenn sich Politiker ein zweites Mal auf diese beschämende Art profilieren wollen. Es geht uns, und hoffentlich allen anderen auch, allein um Fussball und um nichts anderes.
Sind Sie überzeugt, dass die zu befürchtenden Provokationen an der Nati und ihren Spielern abprallen wird?
Ich kann nicht in den Menschen hineinfühlen. Ich war an der WM 2018 beim 2:1-Sieg der Schweiz gegen Serbien im Stadion. Und für mich war schon im Voraus klar: Dieses Spiel wird durch Spieler entschieden, die besonderen Emotionen ausgesetzt waren (Red. Xhaka und Shaqiri erzielten die Tore). Nun, wir werden in dieser Begegnung gegen Serbien versuchen, uns nur auf den Sport zu fokussieren. Und eines noch.
Ja, bitte?
Egal, was in der Vergangenheit war: Für 90 Minuten muss jeder für das Team funktionieren. Auch wenn es unmöglich ist, die persönlichen Erlebnisse oder Ansichten zu vergessen.
Allein sportlich ist diese Partie ein Knüller. Denn Serbien ist einiges stärker als vor vier Jahren.
Das sind wir auch. Allein weil die Serben eine gute Mannschaft haben, gilt es, unseren Fokus vor dem letzten Gruppenspiel vollumfänglich auf die sportlichen Belange zu legen.
Kamerun, der erste WM-Gegner, verlor zuletzt gegen Usbekistan und Südkorea. Das tönt aus Schweizer Sicht nicht besorgniserregend.
Auf die Resultate aus diesen Testspielen gebe ich nicht allzu viel. Ich lasse mich davon nicht blenden. Denn die Kameruner spielen alle bei guten Klubs in Europa. Wenn die in Katar sind, werden sie Vollgas geben.
Der Gastgeber in der Dauerkritik, die WM erstmals im Winter und ungewohnt viel Desinteresse in der Bevölkerung: Wie gehen Sie und die Spieler mit diesen Rahmenbedingungen um?
Die Spieler und auch ich habe den Fokus auf den Sport gerichtet. Auf das Spiel und auf unsere Aufgabe. Wir haben gleichzeitig einen Verband, der sich sehr proaktiv in die politische Debatte eingebracht hat, was gut und wichtig ist.
Ihr Bruder Hakan hat einst in Katar gespielt.
Deshalb ist es auch kein Neuland für mich. Nicht nur, weil es meine erste WM überhaupt ist, glaube ich, dass wir sportlich betrachtet eine der besten Weltmeisterschaften erleben werden, weil die Spieler mitten in der Saison auf ihrem besten Niveau sind. Und wenn am 20. November die Leute den Fernseher einschalten, werden die zweifellos negativen Begleiterscheinungen dieser WM vielleicht auch wieder vermehrt in den Hintergrund rücken.
Ist das die Kraft des Fussballs?
Ja.
Weil er dafür sorgt, dass wir für kurze Momente aus der Wirklichkeit mit all ihren Krisen wie Krieg, Corona, Inflation, Energieengpass und so weiter flüchten können?
Wahrscheinlich. Wenn ich darüber sinniere, was in unserer verrückten Zeit alles passiert, bin ich richtig froh, dass ich mich im Fussball betätigen kann. Es gibt Leute, die sich leider zu sehr mit Problemen beschäftigen müssen.
Obwohl nicht mit dem goldenen Löffel aufgewachsen, hatten wir beide eine sorglose Jugend. Wie also sehen Sie das Leben unserer Kinder?
Was ich mit Erstaunen zur Kenntnis nehme, ist der Leistungsdruck in der Schule. Was meine Mädchen lernen und können müssen, ist sehr anspruchsvoll. Ich in ihrem Alter habe die Schulsachen in die Ecke geschmissen und bin raus zum Kicken. Meine Mädchen (Red. 8 und 10) hingegen büffeln nach der Schule nochmals eine Stunde und begehren deswegen nicht mal auf. Ich frage mich manchmal: Wie viel Kind dürfen unsere Kinder noch sein?