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Betonträume der 1950er-Jahre:
Die Grossüberbauung Auwiesen-Wyden: Töss Süd war schon mal geplant
Am 9. Juni 2023 hat der Winterthurer Stadtrat den sogenannten «Masterplan Winterthur- Süd» festgesetzt. Der soll die Grundlage für eine Verlegung der Autobahn in den Ebnet und die Entwicklung eines neuen Stadtquartiers bilden. Die Idee dafür allerdings ist so neu nicht: bereits 1941 sollte in dem fraglichen Gebiet eine riesige Wohnüberbauung entstehen. Über 20 Jahre, bis zum Bau der Autobahn, kämpfte der Stadtrat für seine Pläne. Nadia Pettannice hat diese Pläne im Stadtarchiv aufgespürt…
Nach den verheerenden Überschwemmungen von 1876 wurde die Töss mittels der staatlich verordneten Korrektion in geordnete Bahnen gezwungen und gezähmt. Dabei wurden die ursprünglichen Nebenarme des Flusses aufgeschüttet und das umliegende Gebiet ausgeebnet. Auf diese Weise entstand zwischen dem Fluss und der Zürcherstrasse ein etwa 20 Hektaren umfassender Landstrich, der sich nun als Bauland eignete. Da der Wohnbedarf damals besonders in der Nähe der Industriezentren sehr gross war, plante die Stadt 1941 die durchgehende Besiedlung der Auwiesen und Inneren Wyden. Der in diesem Kontext erstellte Bebauungsplan gibt Einblicke in eine Vision von Töss-Süd ohne Autobahn, dafür mit Schulhaus, Sportanlage und Kindergarten.
Verwaltungspanne führt zu Verzögerung
Das städtische Vorhaben fand Zustimmung beim Gemeinderat und auch der eine oder andere Rekurs wurde schliesslich vom Zürcher Regierungsrat zugunsten der Stadt entschieden. Hierbei kam es allerdings zu einer verhängnisvollen Panne, denn die Stadt Winterthur interpretierte das Urteil gegen den Rekurs als grundsätzliche Zustimmung des Regierungsrates für den Plan. So versäumte die Stadt, diesen vorschriftsgemäss dem Zürcher Regierungsrat zur Genehmigung vorzulegen. Peinlich berührt holte Winterthur dies im Dezember 1944 nach und kassierte prompt eine Zurückweisung. Der Kanton war zu diesem Zeitpunkt schon mit dem Ausbau des Fernverkehrsnetzes Zürich Winterthur beschäftigt, dessen geplante Strassenführung nun mitberücksichtigt werden musste. Doch auch die revidierte Version wurde 1950 von der kantonalen Baudirektion mit Änderungsauflagen zurückgewiesen. Auch 1952 wurde der Bebauungsplan weiterhin munter herumgeschoben – zu dieser Zeit hatte allerdings die Firma Rieter gemeinsam mit weiteren Landeigentümern bereits ein Überbauungsprojekt ausgearbeitet, um die Wohnungsnot ihrer Arbeiterfamilien zu lindern.
Fünf 16-geschossige Hochhäuser für Töss
Insgesamt sechs Landeigentümer waren an den Plänen der Grossüberbauung Auwiesen-Wyden beteiligt. Die Architekten Klaiber&Affeltranger fertigten 1959 eine Überbauungsstudie an, die zwölf Hochbauten vorsah und Platz für 856 Wohnungen bieten sollte. Das waren gewaltige Dimensionen! Zum Vergleich – die Siedlung Gutschick umfasste kurz nach Erstellung 370 Wohnungen. Die Studie sah fünf 16-geschossige Hochhäuser entlang des Tössufers vor, während auf der Seite der Zürcherstrasse und im Zentrum der Anlage sieben 8-geschossige Längsbauten entstehen sollten. Die Baukörper wurden dem Terrain entsprechend gestaffelt angeordnet. Die Architekten begründeten ihre Bauweise wie folgt: «Durch die starke Höhen-Staffelung entsteht ein interessanter Aspekt, dem vor allem die 8-geschossigen Bauten, insbesondere aber die fünf Hochhäuser ein grosszügiges Gepräge verleihen, das am Eingang zur Stadt Winterthur gut präsentieren wird.» Die Vorteile der Hochhäuser lagen für die Architekten auf der Hand – mit ihrer Hilfe konnten viele Wohnungen auf kleiner Fläche realisiert werden, ohne dass die Abstände zwischen den einzelnen Bauten reduziert werden mussten. Das geplante Areal verfügte entsprechend auch über grosszügige Grünflächen. Die Stadt war von den Hochhäusern weniger angetan – sie argumentierte, dass es gerade entlang der Töss ohnehin schon genügend Grünflächen gebe und damit der Bau von Hochhäusern nicht zu rechtfertigen sei.
Autobahn verhindert Realisierung
Überbauungsstudie der Architekten Klaiber&Affeltranger aus dem Jahr 1959. Foto: Stadtarchiv Winterthur, Signatur A2/322
Die Grundeigentümer waren 1960 dennoch erpicht darauf, bald die Bagger auffahren zu lassen. Allerdings blockierte das langwierige Autobahnprojekt die Aussicht auf eine baldige Umsetzung, und mit jedem Überarbeitungsschritt wurde die Schnellstrasse im Hinblick auf die benötigten Landreserven gefrässiger. Der Landverlust war derart erheblich, dass die ursprüngliche Bebauungsstudie innert weniger Jahre obsolet war. Die Landeigentümer nahmen diesen Umstand zerknirscht zur Kenntnis und forderten von der Stadt endlich klare Ansagen. Bis 1964 liefen noch Verhandlungen mit der Stadt. Danach bricht die Überlieferung im Verwaltungsarchiv ab. Die Bagger fuhren auf – allerdings für die Autobahn. Das Grossprojekt «Auwiesen-Wyden» hingegen verschwand in den Schubladen. Zum Glück, mag man vielleicht raunen? Eines steht fest: Das südliche Einfallstor von Winterthur wäre so oder so eine Betonmeile geworden. Sei es bewohnt – oder befahren.
Nadia Pettannice