Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03114.jsonl.gz/3785

rd Geistige
„Mit dem einen Zeichen Unendlichkeit. Die waagrecht liegende Acht.“
„Wahnsinnig. Das schlägt mich um. Das hatten wir heute aber bereits schon.“
„Wie denn?“
„Diese Form mit einem Loch darin. Wir haben doch den ganzen Abend nach dem Herrn gesucht, der das mit dem Loch mathematisch erfasste.“
„Wir haben ihn gefunden. Darin liegt die Stärke der Mathematik: Die Präzision. Die Sprach benötigt tausend Worte, um die Ewigkeit zu beschreiben. Die Wissenschaft bedarf eines Zeichens und alles ist erklärt.“
„Aber nicht geklärt.“
„Mit ihren fest definierten Zeichen wie der liegenden Acht oder der N errechnet die Mathematik ihre exakten Resultate. In der Präzision der Beschreibung der Unendlichkeit zieht die Wissenschaft mit Ihrer Kompositionstechnik gleich, Herr Schnaptepürä, welche ich als einen wertvollen und zukunftsweisenden Ansatz zum Ausbau des bestehenden Musikschatzes erachte.“
„In dem Fall stellt sich die Frage, ob sich die Ewigkeit auch durch mein Kompositionssystem kürzen lässt.“
„Aufgrund des Unendlichkeitszeichens der Mathematik lässt sich die Unendlichkeit in eine Formel einbauen und somit kürzen.“
„Das muss geprüft werden. Ich, jedoch, bin, wie ich schon sagte, kein Mathematiker, und was sich mit der Mathematik alles anstellen lässt, das ist mir nicht bekannt. Wenn man die Unendlichkeit ausserhalb der Mathematik kürzen will, dann muss man etwas haben, das sich kürzen lässt, eine Geschichte zum Beispiel.“
„Liefert die Mathematik die Geschichte?“
„Die Unendlichkeit, die Präzision, die Addition, die Division, die Dividenden – auch diese müssen ausgerechnet werden.“
„Eine Banken-Geschichte?“
Wie ein Endlos-Wasserfall sprudelten die Worte ohne still zu halten aus den putzmunteren Sprechorganen der beiden sich wunderbar ergänzenden Kontrahenten, welche aus verschiedenen Welten stammten: aus der präzisen Wissenschaft und aus der wandelbarer Kunst. Sie hielten wie beabsichtigt die Sätze kurz. Die Länge deckte sich mit jener der Atempausen, die der Eine dem Anderen gewährte, damit dieser frische Luft holen konnte, um zur Replik ansetzen zu können.
Das Gespräch ging fröhlich voran, überwand jede, auch die unscheinbarste Klippe, welche durch ein logisches und gründliches Nachfragen aus ihrem Versteck unter Wasser über Wasser geholt worden wäre; die sich als Fussangel im Unterwasserbereich bereit hielt, um durch fremde Nachfrage an die Oberfläche gezogen zu werden, wären Fremde zu Wort gekommen. Die beiden Herren genügten sich in ihrem Gespräch vollkommen selbst.
Das Reden setzte sich als Folge von Gedankenblitzen, die in keinem Zusammenhang mit dem bereits Gesagten standen, jeweils mit kräftigen Sprüngen über Rückfragen, Einwände und Vorbehalte hinweg, tauchte eine solche Gedankenschnelle wider Erwarten doch im Redefluss der Beiden auf. Das Gespräch ging schneller voran, als gedacht wurde. Wie ein Sturzbach krachte und knallte es um jede Ecke, die aus der Redeflut heraus stand. Kein elementarstes gedankliches Steingerippe, klare Struktur der geschliffenen Redekunst, hielt solch flüchtiger Gesprächsakrobatik Stand; wurde austariert, abgewetzt, weggeputzt.