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Kinosophie: Warum P.T. Barnum nicht der Grösste, aber zumindest der Glücklichste ist
In «The Greatest Showman» versucht P.T. Barnum ein Ziel zu erreichen: die Zufriedenheit. Bei diesem Versuch macht er lange vieles falsch. Erst am Schluss schlägt er den richtigen Weg ein.
Filme sind weit mehr als reine Unterhaltung. Als audiovisuelle Realisierung von Geschichten stellen und beantworten Filme die ganz grossen - und auch kleinen - philosophischen Fragen. in der Serie «Kinosophie» geht Freelancer Thomas diesen Fragen auf den Grund.
Häufig werden drei Arten von Glück unterschieden: das Glück durch Zufall, das Glück als höchstes Gefühl und das Glück als gelungenes Leben. Das Glück durch Zufall bezeichnet positive, einigermassen zufällige Ereignisse wie zum Beispiel den Fund eines seltenen Diamanten während eines Spaziergangs im Wald oder das Wetter, das bei einer geplanten Wanderung mitspielt.
Das Glück als höchstes Gefühl bezeichnet den Schub von Glückshormonen durch bestimmte Ereignisse wie Achterbahn fahren, ein Ziel erreichen oder verliebt sein. Das Glück als gelungenes Leben bezeichnet schliesslich die Zufriedenheit über das eigene Leben eines Menschen. Hierbei stehen aber nicht einzelne Momente des Lebens im Fokus, sondern das Leben in seiner Gesamtheit. Dieses Glück bezieht sich auf die Frage, ob das eigene Leben gelungen, d. h. man darin zufrieden ist oder nicht. Platons Schüler Aristoteles erklärte vor 2500 Jahren, wie dieses gelungene Leben zu erreichen sei. Und darin findet sich auch, was P.T. Barnum in The Greatest Showman von Beginn weg falsch macht.
Gemäss Aristoteles gibt es drei verschiedene Lebensweisen. Die erste Lebensweise bezeichnet er als das Leben des Viehs. Geht es im eigenen Leben nur darum, seinen Trieben zu folgen, d. h. etwas zu essen, zu schlafen oder ähnliches, dann gliche das Leben zu sehr dem Leben von Tieren. Das wird im ersten Teil von The Greatest Showman ersichtlich. P.T. Barnum strebt schlichtweg danach, möglichst viel Geld zu verdienen, damit er sich und seine Familie ernähren - oder in seinem Fall eine Villa kaufen - kann.
Die zweite Lebensweise ist das politische Leben. Für Aristoteles lebt ein Mensch auf diese Weise, wenn Anerkennung bzw. Ehre angestrebt wird. Das Problem dieser Lebensweise besteht aber in der grossen Gefahr des Scheiterns. P.T. Barnum dient auch hier als Exempel. Nachdem er seiner Familie die Villa gekauft und ihr finanziell eigentlich alles geboten hat, lässt er seine Pläne und Visionen nicht in einer Schublade verstauben, sondern will immer mehr und mehr. Konkret in Form einer US-Tour mit der besten europäischen Sängerin Jenny Lind. Es geht ihm nur noch um Anerkennung. Und genau so wie man es mit Aristoteles vorhersieht, scheitert Barnum. Die privat-berufliche Situation zwischen Lind und ihm eskaliert und sein Showgebäude brennt nieder, beziehungsweise wird niedergebrannt.
Als dritte Lebensweise sieht Aristoteles das theoretische Leben. Dieses ermöglicht einem ein gelungenes, d. h. glückliches Leben. Der Kerngedanke besteht daraus, dass Menschen im Vergleich zu anderen Lebewesen einen Verstand besitzen. Und wenn er schon zur Grundausstattung gehört, soll er auch gebraucht werden. Aristoteles macht dies mit Vergleichen deutlich: Pflanzen haben die Fähigkeit zu wachsen. Deshalb wachsen sie. Tiere können zudem wahrnehmen und empfinden. Wer schon einmal einer Katze auf den Schwanz gestanden ist, weiss das. Und Menschen haben zusätzlich den Verstand. Sie sollen ihn brauchen, weil er ihnen eigentümlich ist.
Barnum gelingt das Nachdenken, Sprechen und Philosophieren nach dem Brandereignis. Erstens sitzt er mit seiner Truppe und dem Kritiker bei der Ruine und reflektiert das Vergangene. Zweitens reflektiert er sein bisheriges ruhmsüchtiges Leben im Lied «From Now On». Drittens schliesslich fokussiert er sich auf das für ihn vernünftigerweise wichtigste - seine Familie -, indem er einem Ballettabend seiner Töchter beiwohnt. Und genau das macht das Leben gemäss Aristoteles zu einem erfüllten Leben, nämlich Zeit mit seinen Liebsten zu verbringen und sich irgendwie intellektuell - hier in Form eines kulturellen Abends - zu betätigen.