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Personenzentrierte Pflege
- Würde und Respekt: Die Mitarbeitenden hören achtsam zu und respektieren die Meinungen und Entscheidungen der Bewohnerinnen und Bewohner. Würde, Wert und Identität der Bewohnerinnen und Bewohner werden während des gesamten Krankheitsverlaufs gewahrt und jederzeit respektiert. Werte, Überzeugungen und kulturelle sowie spirituelle Hintergründe der an Demenz erkrankten Personen und ihrer Angehörigen werden bei der Planung und der praktischen Pflege berücksichtigt.
- Informationsaustausch: Das Pflegepersonal stellt den Bewohnerinnen und Bewohnern und ihren Angehörigen wertschätzende und hilfreiche Informationen zur Verfügung, die es ihnen gestatten, sich effektiv an der Pflege und Entscheidungsfindung zu beteiligen.
- Partizipation: Das Pflegepersonal ermutigt und unterstützt demenzkranke Bewohnerinnen und Bewohner und ihre Familien, sich im von diesen selbst gewünschten Umfang an der Entscheidungsfindung und Pflege zu beteiligen. Diese Beziehung fusst auf der Partizipation der Bewohnerinnen und Bewohner, unabhängig vom Grad ihrer kognitiven oder körperlichen Beeinträchtigung sowie auf der Grundlage ihres mutmaßlichen Willens. Ziel ist es, die Beziehung ganz auf die Person auszurichten unter Einbeziehung der Angehörigen.
- Zusammenarbeit: Die Institution betrachtet die Bewohnerinnen und Bewohner und ihre Angehörigen als Partner und begrüsst ihre Rückmeldungen. (Alzheimer Society of Canada, 2011)
Pflegephilosophie Gineste-Marescotti® (Humanitude®)
Die Mitarbeitenden unserer Einrichtung sind täglich mit Menschen konfrontiert, die verhaltensbezogene (behaviorale) und psychologische Symptome der Demenz (BPSD) aufweisen: Schreien, Beschimpfen, Kratzen, Kneifen, Apathie, Rückzug in sich selbst etc. Diese Störungen nehmen tendenziell beim Vollzug von Pflegehandlungen zu, insbesondere bei der Körperpflege, die von der Betreuungsperson potentiell fälschlicherweise als Übergriff interpretiert und erlebt wird. Solche Verhaltensweisen entspringen einer defensiven Haltung. Die Person mit Demenz weiss möglicherweise nicht mehr, wo sie ist, erkennt die Betreuungsperson nicht und begreift nicht, was ihr widerfährt. Ihre Reaktionen beruhen auf einer Fehlinterpretation der Situation, bedingt durch die kognitiven Beeinträchtigungen, durch welche Menschen mit demenziellen Erkrankungen besonders empfindlich werden für die paraverbalen (Tonfall) und nonverbalen Elemente der Interaktion (z. B. die Haltung der Pflegeperson und die Art und Weise, wie diese sie berührt).
Um diesen Verhaltensstörungen vorzubeugen und ein positives Erleben von Pflegehandlungen zu fördern, wenden wir in unserer Einrichtung die Pflegemethode nach Gineste-Marescotti® an.
Der erste Grundsatz dieser Methode besteht darin, angemessen auf die kognitiven Beeinträchtigungen der Person, die sie überempfindlich für die paraverbalen und nonverbalen Botschaften beim Umgang mit ihr machen, zu reagieren. Diese Reaktion soll es der Person ermöglichen, die Pflegehandlung nicht als Aggression, sondern als Zuwendung zu interpretieren. Dabei kommen gezielt Blick, Ansprache und Berührungen zum Einsatz. (Luquel, L., 2008)
Humanitude® stützt sich auf folgende 4 Säulen:
- Blickkontakt: Er bildet den wichtigsten Kanal der Humanitude-Methode. Unser Selbstbild entsteht durch die Augen der anderen. Durch einen Blick erhalten wir Bestätigung. Nicht angeschaut zu werden, heisst, ignoriert zu werden. Eine Person mit einer demenziellen Erkrankung im fortgeschrittenen Stadium sucht nicht mehr automatisch den Blickkontakt zum Gegenüber, da ihr Gesichtsfeld durch das Tunnelsehen wie beim Blick durch eine Röhre eingeschränkt ist. Alle Mitarbeitenden (Pflegekräfte, Assistenz- und Betreuungskräfte, Mitarbeiterinnen aus dem Sozialdienst, Hauswirtschaft und Verwaltung) achten darauf, ihren Blick in Bezug auf emotionale (liebevoll, zärtlich, anerkennend, fürsorglich) und technische Merkmale (auf Augenhöhe, von vorne, nahe und lange) zu schulen. Sie achten auch darauf, die Betroffenen auf deren Höhe (horizontal) und aus einer Nähe von ca. 50 cm mindestens 3 Sekunden lang anzusehen, um ein gleichberechtigtes Beziehungsverhältnis zu schaffen. Sie blicken die Bewohnerinnen und Bewohner «auf Augenhöhe» und nicht von oben herab an. (Luquel, L., 2008)
- Ansprache: Die verschiedenen sprachlichen Codes, die uns unsere Eltern von Geburt an übermitteln, nähren unsere konzeptionelle Kompetenz und unsere Beziehung zur Welt. Mündliche Kommunikation umfasst Wörter und Tonfall. Bei unzureichendem Verständnis des Gesprochenen flacht das Interesse am Gegenüber ab und es stellt sich allzu oft Schweigen ein. Unsere Mitarbeitenden (Pflegekräfte, Assistenz- und Betreuungskräfte, Mitarbeiterinnen aus dem Sozialdienst, Hauswirtschaft und Verwaltung) achten darauf, verstärkt verbal zu kommunizieren und dabei den angemessenen Ton zu verwenden. Dieser besteht in einem sanften, warmen Tonfall, der das emotionale Gedächtnis der betreuten Person anspricht. Dieses Gedächtnis bleibt von der Geburt bis zum Tod erhalten. Häufig lässt bei dieser Technik das Schreien – ein Ausdruck von Angst, Einsamkeit oder Verlassensein – nach und es stellen sich eine Beruhigung auf körperlicher (Entspannung von Gesichts- und Körpermuskulatur) und psychischer Ebene (hört auf zu schreien, lächelt) sowie ein Sicherheitsgefühl ein. Die Mitarbeitenden achten im Übrigen darauf, ihre Pflegehandlungen (auch nonverbal, z.B. durch eine Initialberührung) anzukündigen und bei der Durchführung zu beschreiben und auf diese Weise die Kommunikation aufrechtzuerhalten, ohne eine Antwort zu erwarten. Durch dieses Ankündigen und Beschreiben der Handlungen kann die verbale Kommunikationszeit um den Faktor sieben bis acht erhöht werden. Damit lässt sich bereits oft verhindern, dass sich bei der betagten Person durch die Stille ein Gefühl von Unbehagen oder Bedrohung einstellt. (Luquel, L., 2008)
- Berührung: Die Fachperson muss lernen, andere in ihrem Menschsein zu berühren. Die Berührung durch die Pflegenden wird bei diversen Methoden als Aspekt der emotionalen Pflege berücksichtigt. Unsere Pflegekräfte berühren vorzugsweise mit dem «Wiegengriff» (im Gegensatz zum «Zangengriff»). Dieser ist progressiv (es werden nicht gleich sensible oder intime Bereiche berührt), anhaltend (der einmal hergestellte Kontakt wird aufrechterhalten) und beruhigend (eine sanfte Berührung, die sich über grosse Abschnitte des Körpers zieht). Dieses Berühren reduziert sich nicht auf eine zweckgebundene technische Geste, es wird vorgeschlagen und nicht aufgezwungen; so wird es zu einer zwischenmenschlichen, einer «liebkosenden Berührung». (Luquel, L., 2008)
- Vertikalität: Die vierte Säule der Methode Humanitude ist die Vertikalität. Die Vorstellung vom «Menschen in der aufrechten Position» appelliert an das Selbstwertgefühl und fördert die Aufrechterhaltung der Propriozeption. Wir vermeiden es nach Möglichkeit, die Körperpflege im Bett vorzunehmen und vertikalisieren unsere Bewohnerinnen und Bewohner mit Demenz so oft wie möglich. (Luquel, L., 2008)
Die Pflegezeit, in der die verschiedenen Techniken betreffend Blick, Ansprache und Berührung kombiniert eingesetzt werden, wird wiederum in drei Abschnitte unterteilt, um drei Phasen besser gegeneinander abzugrenzen: (Luquel, L., 2008)
1. Vorbereitung auf die Pflegehandlung: Vor Beginn einer Pflegehandlung stellen wir einen Kontakt her, der es uns ermöglicht, die Zustimmung der Person einzuholen. Erfolgt keine Zustimmung, wird die Pflegehandlung aufgeschoben. Diese sinnliche Abklärung erfolgt über die drei Humanitude-Säulen (Blick-Ansprache-Berührung) und stellt die Voraussetzung für jede Art von Pflegehandlung dar. Wenn diese Vorarbeit nach drei Minuten noch nicht zur Zustimmung der betroffenen Person geführt hat, wird die Pflegehandlung aufgeschoben. (Luquel, L., 2008)
2. Sinnliche Rückkopplung: Sie ist kennzeichnend für die während der Pflegehandlung kombiniert zum Einsatz kommenden Techniken und beschreibt das Lösen von Verspannungen, das sich einstellt, wenn mindestens zwei Sinneswahrnehmungen den im emotionalen Gedächtnis gespeicherten Eindruck von Geborgenheit und Wohlbefinden auslösen. (Luquel, L., 2008)
3. Emotionale Konsolidierung: Schlussphase der Pflegehandlung; der Moment, in dem die pflegende Person explizit und mit positivem Nachdruck den erfolgreichen Verlauf der Pflegehandlung quittiert. Damit soll über das emotionale Gedächtnis eine positive Gefühlsmarke gesetzt werden. (Luquel, L., 2008)
Diese Pflegemethode ermöglicht es, pathologisch agitiertes Verhalten um mehr als 90 % zu reduzieren. (Luquel, L., 2008)
Caring nach J. Watson
Caring (übersetzt etwa «mitfühlendes Umsorgen») ist ein von Jean Watson vorgeschlagenes Pflegekonzept. Dieses Modell geht von einem breiteren humanistischen Ansatz aus, der den geistigen Aspekt des Menschenseins berücksichtigt. Caring ist das Wirken, das darauf ausgerichtet ist, eine andere Person in ihrem Gedeihen und ihrer Entwicklung zu unterstützen, d. h. ein Prozess oder ein Vorgehen, um mit einer anderen Person in eine Beziehung zu treten, die ihrer Entwicklung dienlich ist. (Watson, Waingnier & Caas, 1998)
Für Jean Watson ist Caring eine Gesamtheit von Faktoren (die sie im Gegensatz zu den «kurativen» als «karative Faktoren» bezeichnet), die einem Pflegeprozess zugrunde liegen, der sowohl die Entwicklung resp. Aufrechterhaltung der Gesundheit als auch einen friedlichen Tod begünstigt. (Watson et al., 1998)
Das Modell geht von den folgenden Grundvoraussetzungen aus:
- Ganzheitliche Vorstellung vom Menschsein: Der Mensch wird als Ganzes betrachtet, bestehend aus einem Körper (Physis), einem Geist (Intelligenz, Denken, Emotionen, Erinnerungen, Empfindungen etc.) und einer Seele (Spirituelles, Kultur, Religion, tiefe Überzeugungen und Werte). (Watson et al., 1998)
- Ein Umfeld physischer, sozialer, familiärer, gemeinschafts- und bevölkerungsbezogener Art ist bei Pflegenden und Gepflegten durch ständige gegenseitige Wechselwirkungen gekennzeichnet. (Watson et al., 1998)
- Die Gesamtheit an Wahrnehmungen, Werten, Kultur, Emotionen, Bedeutungen etc., die sich aus vergangenen, gegenwärtigen und erwarteten zukünftigen Erfahrungen ergibt, stellt den Bezugsrahmen oder das phänomenale Feld einer Person dar. (Watson et al., 1998)
- Eine transpersonale Beziehung entsteht in einem Caring-Moment zwischen zwei Individuen, wenn ihre jeweiligen Felder sich zur Generierung eines zwischenmenschlichen Prozesses überlappen. Die Beziehung strebt ein moralisches Ideal an, mit dem Anliegen, die Menschenwürde der gepflegten Person zu schützen, zu stärken und zu bewahren. (Watson et al., 1998)
Die Pflege in unserer Einrichtung wird von humanistischen und altruistischen Werten geleitet. In unseren Beziehungen zu den Bewohnerinnen und Bewohnern achten wir auf authentisches, bewusstes und offenes Auftreten, damit die Beziehung von allen als transformativ erlebt werden kann.
Die zehn karativen Faktoren nach J. Watson (Watson et al., 1998) sind:
1. Entwicklung eines altruistisch-humanistischen Wertesystems
2. Berücksichtigung und Förderung des Glaube-Hoffnung-Systems
3. Kultur der Sensibilität gegenüber sich selbst und anderen
4. Aufbau einer auf Hilfe und Vertrauen basierenden Beziehung
5. Förderung und Akzeptanz des Ausdrucks positiver und negativer Gefühle
6. Systematischer Einsatz wissenschaftlicher Problemlösungsmethoden in der Entscheidungsfindung
7. Förderung von interpersoneller Lehre / interpersonellem Lernen
8. Schaffung einer schützenden, förderlichen und/oder korrektiven mentalen, physischen, sozialen und spirituellen Umgebung
9. Hilfestellung bei der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse
10. Berücksichtigung existenziell-phänomenologischer Faktoren.
Für ältere Menschen adaptierte Montessori-Methode
Maria Montessori, eine italienische Kinderpsychiaterin, beschäftigte sich während eines Grossteils ihrer medizinischen Laufbahn mit psychomotorisch retardierten Kindern. Bei der Arbeit mit ihnen entwickelte sie eine pädagogische Methode, die hauptsächlich auf den Prinzipien von Freiheit und Autonomie beruht und deren Erfolg ihr weltweites Ansehen verschaffte.
Den Anstoss für die Anpassung der Montessori-Methode für ältere Menschen gab Professor Cameron J. Camp, der sich insbesondere mit Kognition und Altern befasste.
Das Konzept von Maria Montessori wurde im Laufe der Zeit erweitert. Die Neurowissenschaften haben zu einem besseren Verständnis der Gehirnfunktion beigetragen und gezeigt, dass bei einer demenziellen Erkrankung bestimmte Hirnareale auch bis in fortgeschrittene Stadien noch aktiv bleiben können. Laut Professor Camp «übernimmt bei einer Störung des rationalen Gehirns das emotionale Gehirn; bei einer Störung des deklarativen Gedächtnisses übernimmt das prozedurale Gedächtnis.» (Camp, 2015)
Darüber hinaus stellte Cameron J. Camp fest, dass «Menschen mit Alzheimer-Krankheit oder verwandten Demenzleiden eine Betreuung benötigen, die reich an regelmässiger kognitiver Stimulation, Austausch und sozialer Teilhabe sowie häufigem Training ist, um ihre Schwierigkeiten bei den Aktivitäten des täglichen Lebens abzubauen. Mangelnde Aktivität führt oft zu Apathie sowie Angst oder Agitiertheit. Hauptziel des Ansatzes nach Montessori ist es, den betreuten Personen die Möglichkeit zu geben, in ihrem Alltag wieder eine gewisse Autonomie und damit Würde und Freude zu erlangen und so letztlich eine Besserung der Verhaltensstörungen herbeizuführen, bei eventuell reduziertem Bedarf an Psychopharmaka wie Antidepressiva und Anxiolytika.
Älteren Menschen eine Wahlfreiheit zu lassen und sie mit Beschäftigungsangeboten systematisch wieder zu aktivieren, ist von zentraler Bedeutung. Die Wahlfreiheit kann auf ein oder zwei Optionen beschränkt sein, um eine Überforderung zu vermeiden, wird aber gewahrt, um der Person die Entscheidungsbefugnis zu überlassen.
Diese Betreuungsphilosophie fördert unter anderem Entwicklung und Selbstwertgefühl, Wahlfreiheit, Autonomie und Ressourcenerhaltung. Die in Maria Montessoris Schriften hervorgehobenen Grundwerte sind der unverbrüchliche Respekt gegenüber der Person, ihrer Einzigartigkeit und ihren Entscheidungen, die Achtung ihrer Würde bei sozialen Interaktionen und das Vertrauen in ihr Entwicklungspotenzial. Es geht also für die Betreuenden insbesondere darum, ihre Sichtweise und Haltung dahin gehend zu ändern, dass nicht die Krankheit und die damit einhergehenden Defizite, sondern die betroffene Person selbst und ihre verbliebenen Fähigkeiten im Vordergrund stehen. Das bedeutet, die betagte Person bei ihren Entscheidungen und Verrichtungen zu unterstützen und nicht an ihrer Statt zu entscheiden und zu handeln. Daher ist es von grundlegender Bedeutung für die Bewohnerinnen und Bewohner, dass sie Bindung durch Nähe und Geborgenheit erfahren, aktiv in die soziale Gemeinschaft eingebunden werden, auf der Grundlage ihrer Biografie Beschäftigung erleben sowie ihre Identität mittels detaillierter Kenntnisse über ihre individuelle Lebensgeschichte und einer empathischen Grundhaltung bewahren.
In unserer Einrichtung versuchen wir herauszufinden, was das Leben der betroffenen Person mit Sinn erfüllt. Um sie näher kennenzulernen, legen wir besonderes Augenmerk auf ihre Lebensgeschichte und ihre Interessen. Insbesondere beobachten wir ihre motorischen, sensorischen, sozialen und kognitiven Fähigkeiten und bieten ihr stets eine Auswahlmöglichkeit an. Ziel ist es, dass die Person durch alltägliche Gesten so weit wie möglich die Kontrolle über ihr Leben behält. Wir erlauben ihr, im Alltag ein Ziel zu verfolgen und aktiv am Gemeinschaftsleben teilzuhaben. (Super User, 2019)
Pflegeansatz nach M. Billé
Der französische Soziologe Michel Billé hat ein ausgeprägtes Interesse an der Gerontologie entwickelt. Seine Überlegungen laden ein, Handlungen an kranken Personen aus einer Betreuungsethik heraus zu betrachten, die permanent kritisch zu hinterfragen ist. Sein Ansatz konzentriert sich insbesondere auf die Haltung gegenüber den Betroffenen und ihrer Symptomatik sowie auf die Notwendigkeit, die Bedeutung der Symptome zu ergründen. Billé weist ferner auf die Wichtigkeit der Wortwahl hin, da diese einen starken Einfluss auf das Denken und Handeln hat. An den Betroffenen vorgenommene Handlungen verstehen sich im Rahmen einer Betreuungsphilosophie, die ein gewisses Mass an Nähe und Teilhabe sowie eine bestimmte physische und beziehungsdynamische Haltung impliziert. Weiter fordert er dazu auf, den kleinen alltäglichen Dingen Sinn zu verleihen und Wahlmöglichkeiten anzubieten in einem Alltag, in dem alles seine Bedeutung hat. Sein Ansatz impliziert daher die verbale Präsenz in Form einer einfachen, sanften und liebevollen Sprache. Die Beziehung bildet somit das Herzstück dieser Philosophie. Die verbale Präsenz wird durch andere Kommunikationsmittel ergänzt, z. B. Berührung, Musik (gehört und gespielt), Malen, Gestalten oder Modellieren, den Geschmack eines liebevoll zubereiteten Gericht geniessen etc. (Billé, 2012)
Psychosozialer Ansatz – Schlüsselelemente
Die tägliche Betreuung einer Person mit einer demenziellen Erkrankung konfrontiert die Pflegenden mit Herausforderungen, die ihnen eine kontinuierliche Selbsthinterfragung sowie ein hohes Mass an Demut abverlangen. Folgende Ziele sollten angestrebt werden:
- Weiterentwicklung der Interventionspraktiken: Auch bei ausgeprägten kognitiven Einschränkungen behält der betagte Mensch seine Vitalität, sein Entwicklungspotenzial und seine Identität. Hier einige empfehlenswerte Grundhaltungen:
· Unterteilen Sie die Welt nicht in Menschen mit und ohne neurokognitive Beeinträchtigungen.
· Achten Sie uneingeschränkt die Menschenwürde der betagten Person und gestatten Sie ihr auch, ihre Einstellung zu sich selbst und die Haltung anderer ihr gegenüber tiefgreifend zu verändern.
· Heben Sie hervor, was die Person mit anderen verbindet, und konzentrieren Sie sich auf ihre noch vorhandenen Fähigkeiten sowie ihre Möglichkeiten, sich zu entwickeln und wohlzufühlen.
· Wählen Sie einen Ansatz, der die Einzigartigkeit der Person in den Mittelpunkt stellt; unterstützen Sie ihre Wünsche und fördern Sie ihre Lebensqualität, ihr Wohlbefinden und ihre gesellschaftlichen Bindungen.
· Tragen Sie der Heterogenität der problematischen Aspekte des Alterns durch eine individualisierte, personenzentrierte Herangehensweise Rechnung, unter Berücksichtigung der vielfältigen Faktoren, die den Lebensweg der Person und ihre aktuelle Situation geprägt und beeinflusst haben.
· Interpretieren Sie Verhaltensweisen aus dem Zusammenhang heraus, unter Berücksichtigung von Biografie, Lebenserfahrungen und körperlichen Einschränkungen und Symptomen (z.B. Schmerz).
· Versuchen Sie, Ursache, Bedeutung und Zweck des Verhaltens zu verstehen.
· Erkennen und anerkennen Sie Ausdrucks- und Handlungsfähigkeit.
· Fördern Sie psychologische und psychosoziale Massnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Angehörigen:
§ Konzentriert auf konkrete Alltagsziele
§ Plurifaktoriell und auf die Probleme und noch vorhandenen Fähigkeiten im Einzelfall zugeschnitten (keine «Wunderprogramme»)
§ Durch Förderung generationenübergreifender Beziehungen, die Aufrechterhaltung einer Funktion innerhalb der Gemeinschaft, das Vermitteln eines Gefühls von Identität und persönlicher Kontinuität sowie durch Kreativität; durch Abbau von Stigmatisierung und Stereotypen (Bedeutung von Wortwahl und Kommunikation) (Van der Linden, 2016)
- Verfolgen eines individualisierten funktionalen Ansatzes auf Basis der unbefriedigten Bedürfnisse: Gehen Sie nach einem individualisierten, auf den unbefriedigten Bedürfnissen basierenden funktionalen Ansatz vor, unter Berücksichtigung von «Zweck» und «Funktion» des problematischen Verhaltens. (Cohen-Mansfield, 2015) Mittels funktionaler Analyse lässt sich beispielsweise erkennen, dass aggressives Verhalten eine Möglichkeit sein kann, Einsamkeit und Angst auszudrücken, Scham zu vermeiden oder aber eine Reaktion auf Beschwerden, Schmerzen oder Angst darstellen kann. Diese unbefriedigten Bedürfnisse können verschiedene Ebenen betreffen:
· Schmerzen, Gesundheit und körperliche Beschwerden
· psychologisches Unbehagen
· Bedürfnis nach sozialen Kontakten
· unbehagliche Umgebung
· unangemessene Interaktionen (z. B. infantilisierende Zuwendung)
· unzureichende Stimulation (zu viel, zu wenig, unangemessen) (Van der Linden, 2016)
- Verfolgen eines bedürfnis- und lebensqualitätsorientierten Ansatzes: Bewältigung der vier Übel Einsamkeit, Ohnmacht, Langeweile und sinnlose Aktivitäten:
· Schaffung einer auf den Menschen zugeschnittenen Einrichtung, die stets den engen Kontakt zu anderen Personen (Vertrauensförderung), Kindern, Tieren und Pflanzen ermöglicht
· Sicherstellung, dass die Betroffenen das Gefühl haben, die Kontrolle und Verantwortung über ihren Alltag zu behalten
· Abwechslungsreiche und flexible Alltagsgestaltung, Förderung der Zugewandtheit gegenüber anderen
· Anbieten von persönlich als sinnvoll erachteten Beschäftigungsmöglichkeiten (Van der Linden, 2016)