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In Bürglen, beim Eingang ins Schächental, standen einst im Mittelalter vier Türme.
Heute ist noch einer davon, der Meierturm, wohl in seiner ganzen ursprünglichen Höhe erhalten und mit einem Dach geschützt. Südöstlich davon sind die Fundamente eines zweiten Turms im Keller des heutigen Pfarrhauses zu erkennen. Es ist wahrscheinlich schon früh teilweise geschleift und beim Bau des Pfarrhauses in das neue Gebäude integriert worden. Das „Turmzimmer“ im Pfarrhaus erinnert noch daran. Ungefähr zwanzig Meter weiter südlich erhebt sich der dritte Bau, der Wattigwilerturm, der im 19. Jahrhundert beim Anbau eines Bauernhauses stark beschädigt wurde. Dieses Bauernhaus ist in unserem Jahrhundert abgebrochen worden, so dass der ursprüngliche Zustand wieder sichtbar geworden ist. Im Hotel „Tell“ schliesslich verbergen sich auf der Ostseite die Überreste des vierten ehemaligen Turms zu Bürglen. Bei der letzten Rennovation des Gebäudes wurden die Mauerreste zum Teil wieder sichtbar gemacht. Um 1850 ragte der Turm noch weit empor, doch beim Bau des Hotels „Tell“ um 1860 wurde er bis auf eine Höhe von kläglichen drei Metern abgerissen. Im nördlich angebauten Raum befand sich der Sodbrunnen von zehn Metern Tiefe und einem Durchmesser von 2.5 Metern Der Brunnen ist heute nicht mehr sichtbar.
Im dritten Turm zu Bürglen, dem Wattigwilerturm mit seinem schmalen, hölzernen Anbau, ist seit 1966 das Tellmuseum Bürglen eingerichtet. Vom ursprünglichen Bau aus dem 13. Jahrhundert standen nur noch wenige Überreste, so dass anlässlich der Restaurierung von 1965 ungefähr die Hälfte der Anlage abgebrochen und neu aufgemauert werden musste. Der Turm bildet im Grundriss ein Rechteck von 8 auf 9.5 Meter. Die Mauerstärke variiert und verjüngt sich vom Kellergeschoss mit 1.9 Metern auf drei Seiten nach oben auf 1.2 Meter. Es konnte nicht abgeklärt werden, weshalb auf der Nordseite die Mauerstärke im Kellerbereich 2.6 Meter beträgt. Im oberen Teil des Turms wurde ein gekuppeltes Spitzbogenfenster eingemauert, das von der alten, abgebrochenen gotischen Kirche von Bürglen stammen könnte.
Das Tellmuseum enthält zahlreiche bildliche und archivalische Quellen, Chroniken, ferner Münzen und Medaillen, Portraits und Plastiken, welche die Geschichte des Helden Tell und des Standes Uri dokumentieren. Vor dem Wiederaufbau konnte das Schweizerische Landesmuseum Zürich im Spätherbst 1960 eine kleine archäologische Untersuchung am Wattigwilerturm durchführen. Fassen wir die Ergebnisse kurz zusammen: das Terrain, auf dem der Turm erbaut wurde, besteht aus Geschiebematerial und wurde seit der Errichtung des Turms nicht mehr erhöht. Der Eingang des Turms lag ebenerdig, und nicht etwa wie vermutet in einem oberen Stockwerk. Eine grosse Steinplatte als Schwelle und ein mächtiger Türsturz markieren in der Ostseite den Eingang, der sicher ursprünglich ist. Auch der mittelalterliche Fugenstrich ist in der Eingangspartie noch erhalten. Zwei grosse herausragende Ecksteine an der Nordost- und Südostkante weisen an der Oberkante das gleiche Niveau auf wie die Schwelle des Eingangs. Ein Graben, wie er sonst im Mittelalter als Schutz eines Turms üblich war, fehlt hier oder befand sich ausserhalb des Grabungsgeländes. Die Ausgräber vermuten, dass der tiefer liegende Kellereingang auf der Nordseite des Gebäudes ebenfalls aus der Bauzeit des Turms stammt, so dass er sich hier gar nicht um einen wehrhaften Turm im üblichen Sinne handeln kann. Die Frage, ob es sich bei diesem Bauwerk um ein „hübsch stein hus“ handelt, wie zum Beispiel im Weissen Buch von Sarnen (um 1470) über des Stauffachers Haus berichtet wird, das als Sitz eines höhergestellten Verwalters fremder Güter, eines Meiers, diente, ist nicht blosse Spekulation.
Der zuerst erwähnte Turm zu Bürglen wird Meierturm genannt. Er hat vermutlich den Meiern des Fraumünsterstifts als Wohnung gedient. Ein Konrad, genannt Zant, wird um 1256 als Meier von Bürglen urkundlich erwähnt. Entstanden ist der Turm wohl im Hochmittelalter. Heute ist er noch ungefähr sechzehn Meter hoch und weist einen rechteckigen Grundriss von etwa neun auf zehn Meter auf. Die ganze Mauerfront ist von Efeu überwuchert, was ihm ein malerisch-romantisches Aussehen verleiht, dem Mauerwerk aber nicht gerade gut tut. Die Mauern bestehen aus mächtigen, unbehauenen Steinblöcken und weisen die beträchtliche Dicke von 1.8 Metern auf. Eine Plattform mit Zinnen bekrönte ursprünglich den Bau Der elf Meter über dem Boden gelegene Eingang war ein Meter breit und zwei Meter hoch. Die Türgewände bestehen aus grossen, sorgfältig behauenen Tuffblöcken. Unterhalb des Eingangs stehen zwei grosse Steine aus der Mauerflucht hervor, sie bilden die stützen einer früheren hölzernen Treppe. Von den einstigen Fenstern haben sich nur schmale scharten erhalten; die gekoppelten Rundbogenfenster sind erst bei der Restaurierung von 1893/94 eingefügt worden.
Man hat früher vermutet, die vier Türme zu Bürglen seien in römischer Zeit erbaut worden. Obwohl Bürglen bereits 857 urkundlich erwähnt wird (burgilla), war bei den Sondierungen am Wattigwilerturm kein römisches Mauerwerk festzustellen. Das aufsteigende Mauerwerk stammt sicher aus hochmittelalterlicher Zeit, denn auch in der Fundamentgruppe fanden sich keinerlei römische Spuren. Andere Forscher äussern die Vermutung, die vier Türme hätten zusammen mit der Kirche von Bürglen zu einer wirksamen Talsperre des Schächentals gehört und stünden deshalb in enger Verbindung mit der Erschliessung des Gotthardweges. Nach neuesten Forschungen ist die gefährliche Passage der Schöllenen nicht schon um 1130, sondern erst um 1230 erschlossen worden, so dass die willkürlich angenommene Erbauungszeit der vier Türme um 1130 als gewagte Vermutung erscheint. Zudem ist aufgrund der verschiedenen Bauart der einzelnen Türme nicht anzunehmen, dass sie gleichzeitig errichtet wurden.
Zum Vergleich seien hier die Masse und Mauerstärken der einzelnen Türme angeführt:
Meierturm:
Grundfläche 9.7 x 8.7 m
Mauerdicke allseitig 1.8 m
Wattigwilerturm:
Grundfläche 9.6 x 8m
Mauerdicke Ostseite 1.8 m
Mauerdicke Südseite 1.9 m
Mauerdicke Westseite 1.9m
Mauerdicke Nordseite 2.6 m
Turm im Pfarrhaus:
Grundfläche 6.5 x 6.5 m
Mauerdicke 1.4 m
Turm im Hotel „Tell“
Grundfläche 7.9 x 7.9 m
Mauerdicke 1m
Die unterschiedlichen Aussenmasse und Mauerstärken zeigen, dass die vier Türme nicht nach einem einheitlichen Plan und nicht von demselben Baumeister gebaut worden sind. Auch die Art der Mauerung, die Auswahl der Steinart, die Schichtung des Mauerwerks, die Mörtelmischungen und Bearbeitungen der Steinblöcke deuten nicht nur auf verschiedene Hände, sondern auf verschiedene Zeiten hin. So wurden wohl kaum alle vier Bauwerke gleichzeitig als Meiertürme benützt.
Bis 1426 gehörte Bürglen, dessen Ortsname von den Burgen herrührt, zum Güterkomplex der Fraumünsterabtei Zürich. Diese hatte die Meierämter von Bürglen, Erstfeld und Silenen zur Verwaltung ihres Besitzes eingesetzt.
Gewiss, die Zusammenballung von vier Türmen auf relativ kleiner Fläche ist auffällig. Ohne ausgedehnte archäologische Untersuchungen jedoch kann die Frage nach Datierung und Funktion der Türme nicht beantwortet werden. Immerhin darf die Erbauung der Türme der Oberschicht des Lokaladels zugeschrieben werden.
Bibliographie