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Boliviens Indigene am Wendepunkt
Evo Morales, das erste indigene Staatsoberhaupt Boliviens, hat am 10. November 2019 seinen Rücktritt bekanntgegeben nachdem Vorwürfe der Wahlmanipulation gegen ihn erhoben wurden. Sein Rücktritt und seine Flucht ins Exil durch mehrere Länder, stürzten Bolivien ins politische Chaos. Die Krise des Landes bekommt auch Luz Jimenez zu spüren. Die im bolivianischen Cochabamba lebende Beraterin des Elisabethenwerks fürchtet um die Demokratie ihrer Heimat und um die Zukunft der indigenen Bevölkerung.
Vielfalt im Namen
Bolivien hat einige Superlative zu bieten: Es besitzt den höchsten internationalen Flughafen, ist das Zuhause des höchstgelegenen Sees und der höchstgelegen Millionenstadt der Welt. Es ist aber auch das ärmste Land Südamerikas. Bolivien, dessen offizieller Name Plurinationaler Staat Bolivien lautet, setzt sich aus vielen verschiedenen Bevölkerungsgruppen zusammen, die unter unterschiedlichen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben. Über die Hälfte der Bolivianerinnen und Bolivianer gehören zu den indigenen Völkern, die zur spanischen Kolonialsprache 35 indigene Amtssprachen beitragen. Die Geschichte der bolivianischen Indigenen ist die Geschichte eines langen und schmerzvollen Kampfs um Gleichberechtigung und Anerkennung, gegen Diskriminierung und für soziale, wirtschaftliche und politische Gleichheit. Nach der Wahl von Evo Morales 2006 wurden die Forderungen der indigenen Völker, die sich jahrzehntelang für ein plurinationales Land eingesetzt haben, endlich gehört. In einer neuen Verfassung wurde ihnen Ausdruck verliehen. Diese Verfassung stärkte die Menschenrechte, förderte die Umverteilung der Macht in den verschiedenen Regionen, erkannte die Plurinationalität an und stärkte die Interkulturalität. Die neue Verfassung machte Bolivien demokratischer und frauenfreundlicher. Diese Demokratie ist in nun Gefahr.
Pachamama versus Wirtschaftswachstum
Trotz der rechtlichen Gleichstellung der Indigenen, sind die Herausforderungen an die Lebensqualität der Bevölkerung nach wie vor gross. Die Umweltbedingungen für viele dieser Menschen haben sich in den letzten zehn Jahren verschlechtert, denn ihr Leben im Einklang mit der Schöpfung wird durch Industrialisierung bedroht. Die Traditionen der indigenen Bevölkerung und ihre Identität werden vom Anspruch ans Wirtschaftswachstum verdrängt. Sie leiden unter den Folgen des Bergbaus, der Wüstenbildung im Hochland, der Rodung ihrer Wälder für Weideflächen und dem flächendeckenden Anbau von Nutzpflanzen. Die Auswirkungen betreffen Wasser, Luft und Boden. Die verheerenden Brände der Chiquitanía, der Savannenregion im östlichen Bolivien, sind die Folgen der Geringschätzung von Mutter Erde.
Das Elisabethenwerk für die Schöpfung
Besonders die Entwaldung grosser Gebiete zur Schaffung von Landwirtschaftsflächen zerstört das Ökosystem und beansprucht die natürlichen Wasserressourcen so, dass für Menschen und Tiere kaum noch Wasser übrig bleibt. Wasser gehört auf der ganzen Welt zu den wichtigsten Lebensgrundlagen, im Berner Oberland genauso wie im bolivianischen Hochland. Mithilfe des Elisabethenwerks engagieren sich dort Bäuerinnen für sauberes Wasser und für mehr Wassergerechtigkeit. Mit einer Wanderschule sollen noch mehr Frauen erreicht und für ihren Einsatz geschult werden. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Kartierung der natürlichen Wasserressourcen und der Wasserqualität in vom Bergbau betroffenen Gebieten.
Enttäuschte demokratische Hoffnungen
Die Wahlen am 20. Oktober 2019 waren ein Symbol der Hoffnung, denn sie wurden als Gelegenheit angesehen, dem gemeinsam bewohnten Haus namens Bolivien und seiner Vielfalt Sorge zu tragen. Sie sollten dem Volkswillen Ausdruck verleihen, doch stattdessen wurden sie manipuliert, die Hoffnung durch die darauffolgenden Demonstrationen und den kollektiven Unmut verdrängt. Die Unruhen, die durch die versuchte Wahlmanipulation hervorgerufen wurden, bewirkten etwas, was zuvor noch nie passiert ist, nämlich die Spaltung der indigenen Völker Boliviens.
¿Bolivia, adónde vas?
Was ist der Ausweg aus diesem sozialen Zusammenbruch, aus dem Schmerz und der Spaltung? Der demokratische Weg mit Neuwahlen ist der einzige Ausweg. Das bolivianische Volk, geeint und als Ganzes, soll entscheiden, wie der Aufbau eines plurinationalen Staates, der die Vielfalt respektiert, weitergeführt werden soll.
Luz Jimenez ist Konsulentin des Elisabethenwerks in Bolivien
Impressionen aus dem Projekt des Elisabethenwerks in Bolivien
«Die Wahlen im März 2020 sind eine grosse Herausforderung für die Demokratie, wer auch immer gewählt werden wird. Als armes Land ist Bolivien am Gewinn aus dem Bergbau interessiert. Aber dient dieser dem Wohlergehen von Mensch und Natur?
Viele Verbesserungen im Bereich des Gesundheits- und Schulwesens zugunsten von Indigenen und Frauen konnten erreicht werden. Sie können sehr leicht wieder verloren gehen. So oder so: Das Elisabethenwerk setzt sich weiter aktiv für Bolivien ein.»
Elisa Moos
Programmverantwortung Elisabethenwerk (Uganda und Bolivien)
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