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Die Wasserfälle aus der Liebe geboren
Verteilt auf unterschiedlich grosse Dörfer am Ufer des schönen Flusses Rio Iguassu, bildete der Stamm der Caingang einst eine mächtige indianische Nation. Ihre Götter waren Tupa, der Vater alles Guten – und M’Boy, sein rebellischer Sohn, der Gott alles Bösen. Letzterer wurde für die Krankheiten unter den CAINGANG verantwortlich gemacht, für Unwetter, die Schädlinge in den Pflanzungen und die Angriffe von feindlichen Stämmen oder wilden Tieren.
Um sich vor den gefürchteten Exzessen des bösen Gottes zu schützen, weihten die Caingang dem M’Boy in jedem neuen Frühling eine Jungfrau ihres Stammes zur Gemahlin – der Auserwählten war es für immer untersagt, einen irdischen Mann zu lieben. Obwohl ein grosses Opfer für die Betroffenen, bedeutete diese Wahl andererseits ein unvergleichliches Privileg – diesen Frauen wurden, für den Rest ihres Lebens, grosse Ehren zuteil und ihre Familien und ihr Dorf waren sehr stolz auf eine solche Mitbürgerin.
Dann fiel die Wahl auf Naípi, Tochter eines grossen Häuptlings, deren Schönheit überall unter den Caingang gerühmt wurde. Glücklich über diese Entscheidung der Ältesten des Stammes, erwartete sie ungeduldig den Tag, an dem sie die Gemahlin jenes gefürchteten Gottes werden sollte. Und ihr Volk begann mit den Vorbereitungen für das Fest. Eingeladene Gäste kamen aus allen Dörfern, um die auserwählte Jungfrau kennen zu lernen. Unter ihnen auch Tarobá, ein mutiger Krieger, den man wegen seiner zahlreichen Siege über die Feinde schätzte und respektierte.
Nun geschah es – vielleicht durch Intervention des guten Göttervaters Tupa – dass Tarobá und Naípi sich ineinander verliebten. Um sich nahe zu sein, trafen sie sich heimlich am bewaldeten Flussufer. Aber M’Boy beobachtete die beiden, ohne dass sie ihn je bemerkten, und seine Wut über die Untreue seiner zugesprochenen Braut steigerte sich von Tag zu Tag.
Auch am Vorabend der Brautweihe trafen sich die beiden Liebenden noch einmal an ihrem Lieblingsplatz am Ufer des Rio Iguassu. Tarobá rüstete ein Kanu mit Vorräten aus, mit dem sie beide in der Frühe des übernächsten Tages fliehen wollten, wenn das Volk noch im Tiefschlaf liegen würde – ermüdet von den Tänzen und unter dem betäubenden Einfluss des genossenen fermentierten Manioksaftes.
Die Flucht gelang. Unter den kräftigen Paddelschlägen der beiden jungen Leute entfernte sich das Kanu rasch von dem schlafenden Dorf – und die Strömung des Flusses, den sie hinab fuhren, half ihnen ebenfalls beträchtlich. Aber sie hatten nicht mit der Rache des bösen M’Boy gerechnet. Der warf sich mit seinem mächtigen Körper, in Form einer Riesenschlange, aus dem Raum in die Mitte des Flusses – seine zornige Gewalt schuf einen riesigen Kraterkessel auf dem Flussgrund, und die ehemals ruhigen Wasser des Rio Iguassu stürzten plötzlich in Form von Wasserfällen über den Kraterrand. Das zerbrechliche Kanu von Tarobá und Naípi wurde von den Wassermassen zerschlagen.
M’Boy verwandelte Tarobá in eine Palme, die noch heute am Scheitelpunkt des Hauptfalls zu sehen ist – und Naípi in einen Felsblock am Fuss desselben. Von oben kann der verliebte Jüngling zu seiner Geliebten hinabschauen, ohne sie je berühren zu können. Wenn eine Brise sein Blattwerk bewegt, meint man, seine sehnsuchtsvollen Liebesworte vernehmen zu können, die der Wind zu seiner Naìpi hinabweht. Immer im Frühling streut er seine Blüten für Naípi aufs Wasser, Boten seiner unendlichen Liebe. Seine Geliebte ist stets von einem transparenten Schleier frischen Wassers umgeben, welcher die Hitze ihrer Gefühle abkühlt.
Und noch heute versteckt sich M’Boy in einer der vielen dunklen Höhlen um die Fälle, um die beiden Liebenden nicht aus den Augen zu lassen. Es gibt Einheimische, die behaupten, dass, wenn der Regenbogen jene Palme mit besagtem Felsen verbindet, man ein Licht sehen kann, welches die beiden Liebenden in ihrer menschlichen Gestalt umfliesst – und dann kann man sie Liebesworte murmeln hören und ihr Schluchzen dazwischen vernehmen.
Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther für BrasilienPortal