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2. Sonntag im Advent, 4. Dezember 2005

"Jammern ist berechtigt"
Liebe Gemeinde, "Ich kann nicht klagen", sagen manche. Das können glückliche Menschen sein, die keinen Grund haben zu klagen. Es können aber auch sehr unglückliche Menschen sein, sie können nicht mehr klagen, weil sie niemanden haben, dem sie ihr Leid klagen können. Oder sie haben so viel Leid, dass sie keine Worte dafür haben.
Der in Berlin lebende russische Schriftsteller Wladimir Kaminer hat Fragen beantwortet, die ihm von deutschen Mitbürgern gestellt wurden. Seine Antworten wurden als "Lexikon der deutschen Merkwürdigkeiten" im Internet veröffentlicht (www.audibleblog.de). Eine Frage, die ihm gestellt wurde, lautete: "Warum gibt es das Wort Jammertal nur in der deutschen Sprache?" Um diese Frage zu beantworten, geht der Schriftsteller auf das Bild zurück, das seiner Meinung nach die Menschen von Gott und Staat haben. Er meint, in Russland denken die Menschen, Gott erwarte von ihnen, dass sie einmal in der Woche in die Kirche gingen, und damit erschöpfe sich die Beziehung zwischen Gott und Mensch. In Deutschland sähen die Menschen Gott als eine Art Kolchosvorsitzenden an, der sich um ihre kleinen und großen Probleme kümmere. Ebenso sei es auch mit dem Staat. Der Schriftsteller sagt, in Russland würden sich Politiker sich um ihre Angelegenheiten kümmern und die Leute versuchten -so gut es geht- ihre Probleme zu lösen, zwischen den Welten gäbe es fast keine Berührung. In Deutschland dagegen verstehe sich jeder als Teil des Gemeinwesens. Selbst die Alkoholiker auf der Parkbank, an denen der Schriftsteller täglich vorbeikommt, würden über Politik reden und wählen gehen. Auch sei das Leben in Deutschland seiner Meinung nach viel öffentlicher als in Russland. Die Deutschen erzählten sich ihre Probleme, weil sie davon ausgingen, mit ihren Problemen nicht allein zu sein. Sie glaubten, dass ihre Probleme die anderen interessieren und erwarteten, dass andere für ihre Sorgen zuständig seien. Der Autor schließt daraus: "Jammern ist berechtigt,... in Deutschland, woanders nicht ".
Wenn ich den Autor recht verstehe meint er, jammern kann ich dann, wenn ich jemanden gegenüber jammere, wenn mir jemand zuhört, wenn sich jemand Sorgen um mich macht.
Ein anderes Beispiel: Ich war einmal mit einem fünfjährigen Kind auf dem Spielplatz. Unterwegs fiel das Kind hin und verletzte sich am Knie. Die Verletzung war aber nicht schlimm und das Kind spielte bald wieder fröhlich. Als wir aber nach Hause kamen, und das Kind seine Mutter in der Tür stehen sah, fing das Kind wegen dieses fast vergessenen Kratzers am Knie wieder an zu weinen. Es wollte noch einmal dafür getröstet werden.
Liebe Gemeinde, Der Predigttext ist ein Psalm aus dem letzten Teil des Buches des Propheten Jesaja. Es geht in diesem Teil um das Leben des Volkes mit Gott nach Vertreibung und Rückkehr. Die Menschen, zu denen Jesaja spricht, hatten schon eine Geschichte mit Gott. Sie hatten erlebt, wie Gott das Unmögliche wahr macht, wie das mächtige Reich der Babylonier fällt und es den verbannten Israeliten möglich wurde, zurückzukehren in ihre Heimat. Hatte man so etwas schon jemals gehört? Und doch scheint es, dass auf die große Freude eine Art Katerstimmung folgte. Die Menschen waren zurückgekehrt, in ihr eigenes Land, aber es war nicht alles automatisch gut. Das Leben hatte so seine alltäglichen Schwierigkeiten. Die Menschen hatten ihre Häuser wieder aufgebaut,und lebten nicht allzu schlecht, aber es gab neue Probleme. Es gab Streit zwischen Dagebliebenen und Zurückgekehrten und es gab auch noch Krankheiten und Missernten. Das Leben im Gelobten Land war noch kein Leben im Paradies. Früher hatten die Israeliten auf die Rückkehr in ihr Land gewartet, worauf sollten sie nun warteten? Früher hatten sie zu Gott geklagt, und um ihre Heimat getrauert, worüber sollten sie jetzt klagen, sie hatten doch alles?
Ich denke, es ging den Menschen damals so ähnlich wie uns jetzt, nach dem Fall der Mauer und Ende des kalten Krieges.
Damals, im alten Israel, meldete sich der Prophet Jesaja zu Wort, berichtete von Gottes Verheißungen, weckte neue Hoffnung. Unser Predigttext ist ist jedoch keine Verheißung, sondern ein Gebet, ein Klagepsalm. Das Volk fleht Gott an, sich ihnen wieder zuzuwenden. So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht.
Wer den Psalm betet, erwartet viel von Gott, von Gott der da ist, nicht bereits gestorben, wie die Vorväter Abraham und Jakob. Er oder sie hat auch ein fast kindliches Vertrauen.- Ich erinnere mich, als mein Neffe vor Jahren einmal beim Spielen etwas kaputtgemacht hatte, versucht er eine Weile, es selber zu reparieren, dann kam er mit den Teilen zu seinem seinem Vater und sagte: "Papa, dranmachen". Er sagte das mit dem Vertrauen eines Zweijährigen, der der festen Überzeugung ist, dass es kein Problem auf der Welt gibt, dass sein Papa nicht lösen kann.-
Im Psalm geht es um dieses Vertrauen, aber noch um mehr.
"Ach dass du die Himmel zerrissest und führest herab." Liebe Gemeinde, diese Klage erinnert mich an die Zeichentrickserien der 80er und 90er Jahre - ich weiß nicht, ob sie noch gezeigt werden. - Wenn die Probleme mit menschlichen Mitteln nicht mehr zu lösen sind, wenn die Umwelt verseucht ist oder der Böse übermächtig wird, dann kommt Captain Planet, He-Man oder sonst eine übermächtige Gestalt und rettet alles, was schon verloren schien. Man braucht, um diesen Retter zu rufen, einen magischen Gegenstand - einen Ring oder ein Schwert - und das richtige Beschwörungswort. In den "Hallo Spencer"- Sendungen war es "Galaktika, vom fernen Stern Andromeda" in die alle Probleme löste, wenn sie mit einem Reim gerufen wurde. Alle diese übermächtigen Retter in den Kinderfilmen haben etwas gemeinsam: Sie kommen, wenn die Not am größten ist und sie mit dem richtigen Spruch und einem magischen Gegenstand gerufen werden. Sie helfen, weil dass ja schließlich ihre Aufgabe ist, und sie verschwinden wieder, wenn das Problem gelöst ist. Sie erwarten nichts weiter von den Menschen und belästigen sie auch nicht weiter. Und wenn in der nächsten Folge ein neues Problem auftaucht dann ruft man sie eben wieder...
Liebe Gemeinde, Im Advent bereiten wir und auf die Ankunft eines ganz anderen Retters vor: Jesus Christus. Ähnlich wie bei den Helden der Kinderfilme gibt es eine ganze Reihe von Ritualen, mit denen wir sein Kommen vorbereiten: Gedichte, Weihnachtsplätzchen, Lichter, Adventskränze. Nun ist es aber so, dass wir mit diesen Ritualen Jesus nicht herbei beschwören können. Er kommt, wenn er kommt. Und wenn Jesus kommt, so kommt er nicht, wie die Filmhelden mit Gewalt und der richtigen Erkennungsmelodie, sondern schwach als Kind in der Krippe, als der Mann, der am Kreuz starb. Und Jesus verschwindet auch nicht einfach, nachdem er seine Aufgabe erfüllt hat, wie die Helden im Kinderfilm. Im Gegenteil, er bleibt, auch nach seinem Tod! Und Jesus verlangt auch mehr von uns, als einen magischen Gegenstand hochzuhalten und das richtige Wort zu sagen. Er möchte, dass wir bereit sind, uns einzulassen, auf eine dauernde Beziehung zu Gott. Er möchte, dass wir bereit sind, die Liebe anzunehmen, die Gott uns schenkt.
Dass wir zu Gott eine Beziehung brauchen, weiß schon der Prophet Jesaja. In dem Klagepsalm Jesajas klagt das Volk sich selber an, Gott nicht angerufen zu haben. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.
Gott ist der Vater, der unsere Not kennt, unser rufen hört, er ist Gott, dem gegenüber wir klagen können. Aber Klage setzt eine Beziehung voraus, eine Liebesbeziehung, keine Geschäftsbeziehung. Eine dauernde Beziehung, nicht nur eine Notrettung.
Liebe Gemeinde, in der Adventszeit wünsche ich Ihnen, dass sie Grund zur Freude über das Kommen Jesu haben. Ich wünsche Ihnen aber auch, dass sie eine Beziehung zu Gott haben, die ihnen erlaubt, Gott gegenüber alles zu klagen, was ihnen auf dem Herzen liegt. Mit eigenen Worten, oder mit den Worten das Propheten Jesaja.
Amen
Sibylle Reh

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