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In unserem Land gibt es keine Könige, aber mindestens zwei «Könige der Bergführer» – den Walliser Alexander Burgener und den Berner Oberländer Melchior Anderegg, über den eben eine Biografie erschienen ist. Vom Walliser Bergführerkönig ist im ersten der besprochenen Bücher die Rede, und da aller guten Bücher drei sind, ist eines auch noch den Brüdern am Seil gewidmet – familieninterne Demokratie am Berg sozusagen.
One glorious day at the end of June, 1880, Burgener and I had finished the more important part of our day’s work (crossing the Col Tournanche), and were whiling away the time basking on a warm rock just above the level expanse of the Tiefenmatten glacier. The pipe of peace was wreathing tiny clouds and threads of smoke amongst the overhanging rocks, whilst before us towered the grandest wall the Alps can boast, the huge western face of the Matterhorn. Gradually my attention was riveted by the Col du Lion, and it was brought home to my mind, that no more difficult, circuitous, and inconvenient method of getting from Zermatt to Breuil could possibly be devised than by using this same Col as a pass. I communicated this brilliant and, as I fondly imagined, original idea to Burgener, but he did not immediately respond with the enthusiasm I had anticipated. On the contrary, he told me that many Herren and many guides had been possessed of the same desire, but on closer examination had invariably abandoned it. However, as we discussed a bottle of Bouvier, first one bit and then another of the couloir was pronounced practicable, and by the time Burgener had indulged in a final and prolonged pull at the brandy flask, to obviate any ill effects that well-shaken Bouvier might cause in the human system, he decided that, „Es geht gewiss,“ provided, firstly, that we could get into the couloir at the bottom, and secondly, that we could get out of it at the top.
„Es geht gewiss“: Einer der bekannteren und (kürzeren) Sprüche in der Geschichte des Alpinismus. Ausgesprochen und aufgeschrieben von zwei der berühmtesten Alpinisten: vom Walliser Alexander Burgener, König der Bergführer, und vom Engländer Albert Frederick Mummery, Autor des Klassikers „My Climbs in the Alps and Caucaus“. Die ersten drei Kapitel schildern die erste Begehung des Zmuttgrates am Matterhorn am 3. September 1879, die erste Ersteigung des Furggengrates am gleichen Berg bis unterhalb des Gipfelkopfes am 19. Juli 1880, und eben die erste Traversierung des Colle del Leone auf der Westseite des Matterhorns am 6. Juli 1880. Dieser Übergang von Zermatt nach Breuil-Cervinia, von Mummery als der schwierigste, umständlichste und unbequemste beschrieben, war genau so und hätte den beiden mutigen, wegen des getrunkenen Bouvier vielleicht auch übermutigen Bergsteigern fast das Genick gebrochen. Sie kamen zwar ohne grössere Probleme unten hinein in das gewundene und steinschlägige Couloir, aber oben fast nicht mehr heraus. Wer mit Burgener und Mummery dort lesend mitklettert, spürt, wie gefährlich nahe das vorzeitige Ende der höchst erfolgreichen Seilschaft war.
Mit Burgener-Mummery beginnt ein neues alpinistisches Geschichtsbuch: „Insieme in vetta. Le cordate famose e le loro imprese“, nun auch auf Französisch als „Cordées célèbres“ erhältlich. Die Autorenschaft Alessandro Gogna und Alessandra Raggio hat 20 berühmte Seilschaften und ihre Meisterleistungen ausgewählt, von einst bis heute, also bis zu den immer noch aktiven Heinz Mariacher und Luisa Iovane sowie Alexander und Thomas Huber. Spannende und auch spannungsreiche Touren werden aufgerollt, glücklich und tragisch verlaufene. Von den insgesamt 42 nur mit Text und ohne Bilder vorgestellten Alpinisten sind bloss drei Frauen, und eine rein weibliche Seilschaft sucht man bzw. frau leider vergeblich. Dabei gab (und gibt) es das durchaus, zum Beispiel Alice Damesme und Miriam O’Brien, die 1929 als erste „cordée féminine“ den Grépon traversierten und 1932 das Matterhorn bestiegen.
Schon schwieriger wäre es für das Duo Katja Solderer & Clemens Kratzer gewesen, berühmte Schwestern, ja wenigstens Geschwister am Seil zu finden. So heisst denn ihr alpinistischer Porträtband „Brüder am Seil“. Anhand aktueller und historischer Beispiele berichten die Autoren in Interviews, Reportagen und Porträts über Erfolge und Misserfolge, Motivationen und gemeinsame Pläne, aber auch über den schmerzlichen Verlust eines Bruders. Folgende Brüder-Seilschaften werden vorgestellt: Hermann, Adolph und Robert Schlagintweit; Markus und Georg Kronthaler; Otto und Emil Zsigmondy; Sean und Timmy O’Neill; Andreas und Christian Bindhammer; Claude und Yves Remy; Franz und Toni Schmid; Nicolas und Olivier Favresse; Johann und Michael Innerkofler; Martin und Florian Riegler; Eneko und Iker Pou; Willy Merkl und Karl Maria Herrligkoffer; Thomas und Alexander Huber; Reinhold und Günther Messner.
Und wenn von berühmten Seilschaften die Rede ist: Druckfrisch ist das Buch „Pionier und Gentleman der Alpen“ von Natascha Knecht. Sie schildert Leben und Erfolge des Meiringener Bergführers Melchior Anderegg, einer der ganz grossen Figuren des sogenannten Goldenen Zeitalters des Alpinismus und der Jahre danach. Lieblings- und einziger Führer von Lucy Walker; an seinem Seil besteigt sie beispielsweise Eiger, Matterhorn und Aiguille Verte als erste Frau. Auf die Frage, warum sie nicht heirate, antwortete die Pionierin des Frauenalpinismus: „Ich liebe die Berge und Melchior – aber der hat schon eine Frau!“ Mit Leslie Stephen, Autor des wegweisenden Buches „Playground of Europe“, bildete Anderegg eine der schlagkräftigsten Seilschaften, die es je gab; die Erstbesteigungen so grandioser Gipfel wie Rimpfischhorn, Alphubel, Blümlisalphorn, Monte della Disgrazia und Zinalrothorn zeugen davon. Und so wie von Burgener ein berühmter Satz überliefert ist, gibt es einen solchen auch von Anderegg. Unter einem gefährlichen Couloir sagte einer seiner Gäste: „Es geht!“. Antwort von Melchior: „Ja Herr, es geht, aber ich gehe nicht!“
Alessandro Gogna, Alessandra Raggio: Cordées célèbres. Éditions Glénat, Grenoble 2014, Fr. 33.80.
Katja Solderer, Clemens Kratzer: Brüder am Seil. Dramen, Erfolge, Geschichten. Edition Raetia, Bozen 2014, Fr. 26.20.
Natascha Knecht: Pionier und Gentleman der Alpen. Das Leben der Bergführerlegende Melchior Anderegg (1828-1914) und die Blütezeit der Erstbesteigungen in der Schweiz. Limmat Verlag, 2014, Fr. 36.-
Grosses Fest am Samstag, 13. September 2014, ab 15 Uhr auf dem Casinoplatz in Meiringen: Einweihung der durch die einheimische Künstlerin Clarissa Kessler geschaffenen Statue von Bergführer Melchior Anderegg und seinem englischen Lieblingsgast Leslie Stephen. Grussworte verschiedene Redner, unter anderem von Adolf Ogi. Buchvernissage von „Pionier und Gentleman der Alpen“. Im Kirchgemeindehaus wird ein riesiger Anderegg-Stammbaum mit über 1500 Familienangehörigen ausgestellt. Im gleichen Raum ist eine Lichtbildershow zu sehen, die den Arbeitsplatz eines Bergführers bildlich darstellt. Noch bis zum 12. Oktober 2014 im Hasli-Museum Meiringen: Sonderausstellung zum 100. Todestag von Melchior Anderegg.