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sich bei mittlerem Gletscherstand in vollendeter Schalenform und kann beim Maximalstand im Verhältnis zur Breite wieder zu lang werden. Die Stirn des Rhonegletschers liegt nun beim Minimalstand in dem dem Gletscher eigenen Thälchen (1904: 250 m hinter der Mündung des Muttbaches). Sie setzt bei jedem Vorstoss über den Muttbach hinweg, der dann in einem Eistunnel unter der Muschel durchfliesst und sich ebenfalls noch unter dem Eis mit dem eigentlichen Gletscherbach (d. h. der jungen Rhone) vereinigt. Es liegen keine Beobachtungen oder Ueberlieferungen darüber vor, dass dieser Eistunnel jemals verstopft oder verschlossen worden sei und dass sich dann - ähnlich wie dies bei andern Gletschern in analogen Fällen leider nur zu oft der Fall ist - infolge Aufstauung des Wassers des Muttbaches durch das Eis des Rhonegletschers oberhalb der linken Seitenmoräne ein temporärer Gletschersee gebildet hätte. Während der letzten Rückzugsphase von 1860-1890 haben wir beobachtet, dass der an den Fuss des Längisgrates anstossende Teil der Muschel durch die Ueberreste der im Winter auf ihn niedergegangenen Lawinen vor der Ablation geschützt wurde und so einen sehr schmutzigen toten Gletscher bildete, der nur langsam schmolz und weit über die rascher zurückschmelzende Gletscherstirn hervorragend blieb.
Die Wassermenge des dem Rhonegletscher entspringenden Baches ist vom eidgenössischen hydrometrischen Bureau mehrfach gemessen worden und betrug per Sekunde im Augustmaximum 1902 8,8 m3, im Februarminimum 1903 noch 0,1 m3. Es trifft somit beim maximalen Wasserstand auf je einen km2 des 22,8 km2 messenden Einzugsgebietes des Gletschers eine Wassermasse von 0,4 m3 per Sekunde. Der auf den obern Abschnitt des Gletschers gefallene Schnee ist seit 1898 gemessen worden und kann nach diesen Messungen auf 142 cm Wasser geschätzt werden, was je einem km2 der Fläche pro Jahr im Mittel 0,04 m3 Wasser per Sekunde liefern würde.
Die maximale Wasserführung des Muttbaches betrug im August 1902 mit 0,8 m3 per Sekunde blos einen Zehntel derjenigen der Rhone. In Gletsch erhält diese letztere einen von den Chroniken Rottanquelle geheissenen, berühmten Zufluss, der einige hundert Meter nw. vom Hotel in Gletsch als Thermalquelle von 15 Sekundenliter Stärke dem Boden entspringt. Seine unveränderliche Temperatur ist von Hor. Bén. de Saussure 1783 zu 14,5 °R., d. h. 18,1 °C bestimmt worden. Eine von Ch. Dufour vorgeschlagene Korrektion ändert diese Zahl in 17,9 °C, was genau der von uns selbst 1870-71 beobachteten Temperatur entspricht. Diese in 1765 m Höhe entspringende und im Winter mitten in ihrer eisstarrenden Umgebung warm bleibende Quelle hat von jeher die Gemüter der Bergbewohner und der Reisenden, die alle voller Erstaunen und Respekt von ihr sprechen, lebhaft beschäftigt.
Infolge seiner Lage am Rand einer grossen Poststrasse und in der Nähe von sehr komfortabeln Gasthöfen und Schutzhütten bildet der Rhonegletscher für den Naturforscher, der sich hier keine Nahrungs- und Unterkunftssorgen zu machen braucht, ein vorzügliches Studienobjekt. Hier haben Ch. Dufour und F. A. Forel 1871 und 1872 ihre Untersuchungen über den Betrag der Kondensation des Wasserdampfes auf dem Gletscher angestellt und durch direkte Beobachtungen und Messungen gezeigt, dass der Niederschlag des verdichteten Wasserdampfes in einer Stunde eine Höhe von 0,1-0,3 mm erreichen kann, was einer stündlichen Wassermenge von 100-300 m3 auf einen km2 entspricht. Es ist somit die direkte Kondensation auf dem Eis und Schnee des Hochgebirges ein für die Erhöhung der Wasserführung der alpinen Flüsse wichtiger Faktor (vergl. Bulletin de la Soc. vaud. des sc. nat. 10 [1870], S. 621).
Hier am Rhonegletscher hat auch die Schweizerische Gletscherkommission seit 1874 die ersten längere Zeit andauernden, systematischen Beobachtungen über den Gang eines Gletschers vorgenommen. Diese nach dem Vorschlag von Eugen Rambert vom Schweizer Alpenklub und der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft 1869 gemeinsam bestellte Kommission hat sich, unter verschiedener äusserer Form, bis heute erhalten und stand der Reihe nach unter dem Präsidium von Eduard Desor aus Neuenburg, Ludwig Rütimeyer und Eduard Hagenbach-Bischoff aus Basel. Als Aufgabe stellte sie sich die Herstellung einer physischen und topographischen Karte eines bestimmten Gletschers, sowie das Studium des Fliessens dieses Gletschers und der diese Erscheinung bedingenden Ursachen. Als Studienobjekt wurde der Rhonegletscher ausersehen.
Die Kommission hatte das Glück, sich zugleich die Mitwirkung des der Reihe nach von H. Siegfried, J. Dumur, J. J. Lochmann und L. Held geleiteten Eidgenössischen topographischen Bureaus zu sichern, dessen Ingenieure ¶
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Ph. Gosset, L. Held und H. Wild mit ihren Mitarbeitern und Gehilfen (von welch' letztern besonders Felix Im Ahorn aus Oberwald genannt zu werden verdient) alle Arbeiten am und auf dem Gletscher besorgt haben. Diese Arbeiten bestanden u. a. in der Anlage eines trigonometrischen Spezialnetzes, der Aufnahme und Zeichnung einer Gesamtkarte in 1:25000 und einer Spezialkarte der Gletscherzunge in 1:5000, in Messungsserien der die Physik des Gletschers betreffenden wichtigen Erscheinungen, wie z. B. des Fliessens des Gletschers, der Aenderungen in der Mächtigkeit des Eises und der Gletscherlänge, der Ablation, des Schneefalles etc. Die bedeutendste der vorgenommenen Arbeiten bestand in der Anlage von 5 in gerader Linie quer über den Gletscher gelegten Profilen.
Diese wurden nach dem Vorschlag von Prof. Heim durch faustgrosse und farbig bemalte Steine markiert, die in ununterbrochener Reihe aneinander gelegt wurden und zwischen die man von je 10 zu 10 Metern einen kopfgrossen Stein einschaltete, der eine bestimmte Ordnungsnummer erhielt und der Vornahme der genauesten Messungen zu dienen bestimmt war. Es wird nun jedes Jahr gegen Ende August die Lage aller der nummerierten Steine nach ihrem horizontalen und vertikalen Wert bestimmt und auf die Karte und die Profilzeichnungen eingetragen.
Die die Lage dieser Steine in den einzelnen aufeinanderfolgenden Jahren darstellende Karte zeigt auf den ersten Blick die Linien des oberflächlichen Fliessens, d. h. den Stromstrich des Gletschers. Von 1882 an hat man mit Hilfe von Holzlattentetraedern, die in den Schnee eingegraben worden sind, auch über den Firn solche Profile gezogen. Es wurden also markiert: 2 Profile auf dem Grossen Firn, 2 auf dem Thälifirn, 2 auf dem obern Gletscher über dem Eisfall und 3 auf der Muschel. Im folgenden geben wir deren Höhenlage und Entfernung von der Rhonebrücke vor dem Hotel in Gletsch, die Zeit ihrer Herstellung und ferner die Lage einiger anderer interessanter Punkte des Gletschers:
|Zeit||Höhe m||Entfernung v. d. Brücke von Gletsch m|
|Gletscherstirn||1818||1767||150|
|Gletscherstirn||1874||1780||850|
|Gletscherstirn||1904||1801||1670|
|Schwarzes Profil||1874-1882||1820||1250|
|Grünes Profil||1874-1900||1847||1600|
|Blaues Profil||1895-1904||1920||1860|
|Gelbes Profil||1874-1904||2400||3350|
|Rotes Profil||1874-1904||2560||4550|
|Firnlinie||1904||2780||5850|
|Unteres Profil am Thälifirn||1882-1904||2745||6985|
|Unteres Profil am Grossen Firn||1882-1904||2820||6985|
|Oberes Profil am Thälifirn||1882-1904||3030||8755|
|Oberes Profil am Grossen Firn||1882-1904||2950||8755|
Der Gletscher fliesst am schnellsten in oder nahe seiner Axe. Die Geschwindigkeit schwankt von einem Jahr zum andern nur wenig und hängt ab von der Mächtigkeit oder Dicke des Gletschers, die beim Vorstossen eine andere ist als beim Zurückgehen. Zu einer Zeit ausgesprochenen Rückganges betrug die mittlere Geschwindigkeit der Steinreihen der vier Hauptprofile 1874-1881:
|Im Jahr (m)||Im Tag (cm)|
|Rotes Profil; nahe der Firnlinie||101||28|
|Gelbes Profil; 0.8 km oberhalb des Eisfalles||110||30|
|Grünes Profil; am Fuss des Eisfalles||27||7|
|Schwarzes Profil; nahe der Gletscherstirn||5||1|
Die mittlere jährliche Geschwindigkeit des Fliessens des Firnfeldes, aus 14jährigen Messungen berechnet, betrug für den untern Abschnitt des Grossen Firns 98 m. Die Geschwindigkeit schwankt in der Längsrichtung des Gletschers je nach dem Gefälle seiner Oberfläche, das den Gefällsänderungen der Felsunterlage entspricht, und je nach der Breite des Thales. So betrug die mittlere jährliche Geschwindigkeit in der Gletscheraxe während des Rückzugsstadiums 1874-1904 über dem Eisfall 100-125 m, im Eisfall selbst dagegen 230 m. Die Reise der Reihen von farbigen Steinen über den Eisfall hinunter hat zu den interessantesten Beobachtungen Anlass gegeben. Selbst mitten in diesem scheinbar regellosen Gewirr von Eispyramiden kreuzen sich die Linien des Stromstriches nirgends. Alle nummerierten Steine hat man am Fuss des Eisfalles in ihrer richtigen Folge aufgereiht wieder gefunden, und während der ganzen vierjährigen Dauer des Abstieges über diesen ungeheuern Fall gefrorenen Wassers hat sich kein einziger aus seiner Reihe verschoben.
Der Rhonegletscher ist von 1874 bis 1904 beständig zurückgegangen. Die einzelnen Vorstossversuche, besonders derjenige von 1892, zu welcher Zeit viele der Alpengletscher die kleine sog. «crue de fin du 19e siècle» zeigten, sind hier ganz unbedeutend geblieben. Das Nivellement der Querprofile hat einen nur sehr geringen Unterschied in der Dicke des Gletschers ergeben, indem das Eis im ganzen blos um einige Meter eingesunken ist. Diese geringen Aenderungen in der Höhe des Eisstromes haben kaum genügt, die zwischen der Geschwindigkeit des Fliessens und der Dicke des Gletschers sicherlich bestehenden gesetzmässigen Beziehungen ahnen zu lassen: ¶