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Puerto Edén
Puerto Edén wirkt verschlafen unter dem wolkenverhangenen, tristen Himmel. Man trifft kaum jemanden von den 176 Einwohnern. Alle suchen sie in ihren kläglichen Häusern Schutz vor dem unaufhörlichen Nieselregen. Die Feuchte kriecht richtiggehend unter die Kleider. Auf dem Schiff sind wir froh, dass wir von Zeit zu Zeit die Heizung betätigen können, damit die Feuchte draussen bleibt. Das Dorf, umgeben von hohen, schneebedeckten Bergen, liegt eingebettet in einer zwar kargen, aber liebreizenden Gegend. Es dürfte eine der abgelegensten Ortschaften der Welt sein. Geplagt von beständig schlechtem Wetter hält es mit 320 Regentagen (und im Jahresmittel 5.745 mm Niederschlag) wahrscheinlich den Weltrekord des feuchtesten Ortes unseres Planeten. Eine abstruse Idee also, hier eine Siedlung zu errichten.
Es war Ende der 30iger Jahre des letzten Jahrhunderts, als die FACH (Fuerza Aérea de Chile), also die chilenische Luftwaffe hier eine Basis für ihre Wasserflieger einrichtete. Es war die Zeit der legendären Postflieger, wie sie von Antoine de Saint-Exupéry betrieben und in seinen packenden Büchern beschrieben wurde (vol de nuit / Nachtflug). Er arbeitete damals für seine Gesellschaft in Argentinien, dannzumal dem reichsten Land Südamerikas und richtete dort Postflug- und Luftfrachtlinien ein. Hier, in der Nähe von Edén, einem Platz den Indianern als Yetarkté bekannt, wurde für die Fluglinie Puerto Montt – Punta Arenas die Zwischenstation eingerichtet, wo die Flieger auftanken konnten. Zugleich wurde der von der Armada betriebene Leuchtturm San Pedro erbaut. Die beiden Basen waren Anziehungspunkte für den Rest der schon beinahe ausgerotteten Indianer des Alcaluf-Stammes (auch Qawasquar- oder Kawéskar-Indianer). Das sesshafte, immer mehr von den Weissen abhängige Leben bekam ihnen aber nicht gut. Bisher über Jahrhunderte im Einklang mit der Natur stehend, konnten diese Indianer trotz der äusseren, harschen Bedingungen, als Jäger und Sammler ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die Weissen, jetzt vor allem britische und amerikanische loberos, Seehundjäger erwirtschafteten im Tauschhandel mit den Indigenen beachtlichen Reichtum. Seehund- und Biberfelle (nutria/coipo) gegen billige Ponchos und Decken, gefertigt aus Materialien, die für diese feuchte Gegend völlig ungeeignet waren. riefen Krankheiten, wie Lungenentzündungen hervor, die vorher völlig unbekannt waren und sich rasant ausbreiteten. Oft wurden die Indianer auch als billige Arbeitskräfte eingesetzt, bezahlt mit Nahrungsmitteln, Werkzeugen, vor allem aber Alkohol. Im Rahmen eines von der chilenischen Regierung Projekts wurde 1969 Puerto Edén gegründet und die damals 43 in Yetarkté übrig gebliebenen Alcalufindianer dorthin zwangsumgesiedelt.
Andere Siedler, die meisten aus Chiloé, waren Fischer oder Muschelsammler, vorwiegend aber illegale Seehundjäger. Die Zentralregierung versucht mit allen Mitteln die Bevölkerungszahl zumindest stabil zu halten. Die Anzahl der Vollblutindianer ist heute unter zwanzig gesunken. Die Ortschaft, nur auf dem Wasserweg erreichbar, wird ein- oder zweimal pro Woche von der Navimagfähre besucht, die einzige Verbindung zur Aussenwelt. Sie stellt die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sicher. Selbst Gemüse und Obst müssen herangeführt werden, da in der Umgebung nichts angepflanzt werden kann.
Der Boden in der Gegend besteht lediglich aus teils mit Moos überwachsenen Granitfelsen, dazwischen Sumpf, kein Humus, in dem man etwas anpflanzen könnte. Die verschiedenen Ortsteile erreicht man über Holzstege und Treppen, die durch die Moorlandschaft gezogen wurden.
Die Vegetation wird wieder üppiger
Die Ankunft der Fähre ist das Wochenereignis, nach welchem man sich im lokalen Laden zur Einkaufstour trifft. Das ist dann auch die Gelegenheit für einen Schwatz. Der leutselige Fischer hat uns Diesel angeboten, den er auch prompt in Kanistern auf KAMA* lieferte. Gut gefiltert füllten wir dann diesen wertvollen Saft in die Tanks. Ein gutes Geschäft für den Fischer. Wir buchen es unter Entwicklungshilfe ab, sind aber auch froh um den kleinen Beitrag zugunsten unseres Tanks, win-win. Tourismus gibt es ausser den paar Bötlifahrern hier kaum. Woher man auch kommt, die Anreise beträgt immer sicher mindestens 24 Stunden. Zwar gibt es eine Hostelerìa und einen Aussichtspunkt. Mangels vernünftigen Internet lässt sich in dieser Hospedaje nur schwierig ein Bett buchen. Elektrischer Strom wird während ein paar Stunden mittels eines Generators ausserhalb des Dorfes produziert.
Festgebunden am Steg geniessen wir während fünf Tagen das sorglose Landleben und die Gesellschaft der anderen Segelschiffe. Auf kleinen Wanderungen erkunden wir die Umgebung. Die sich unter dem beständigen Nieselregen duckende Landschaft strahlt eine wunderbare Ruhe und Zufriedenheit aus, die sich auf unser Inneres überträgt und wirkt trotz der tief hängenden Wolkendecke befreiend. Das lag wohl daran, dass wir uns vorher während Tagen durch die engen Kanäle gequetscht haben. Etwas gebeugt, wie die windgebeutelten Büsche, durchstreifen wir die triefende Landschaft und erdulden mit stoischer Gelassenheit die Unbill der Natur. Weder Yoga noch sonst eine Meditation hätten in uns ähnliches bewirken können. Wir getrauen kaum, uns laut zu unterhalten. Eigenartig, hier am Ende der Welt, so zu sich zu finden. Derart geläutert, zufrieden und ausgeruht stand unserer Weiterreise nichts mehr im Wege.