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Amuse-Bouche und Ohrenschmaus
Musik und Text — ob Lyrik oder Prosa, ob erzählerisch, narrativ oder kontemplativ, beschreibend — sind seit den Anfängen der belegbaren Kulturgeschichte eng miteinander verbunden. Davon zeugt unter anderem die Geschichte des Wortes ‹singen› in allen indoeuropäischen Sprachen, das ursprünglich ‹feierlich vortragen, rezitieren› bedeutete.
Dasselbe gilt für die romanischen Sprachen, für das lateinische ‹canere›, für das italienische ‹cantare›, für das französische ‹chanter›. Auch das Wort ‹Lyrik› selbst, das vom in der Antike beliebten Musikinstrument, der Lyra, abgeleitet ist, erinnert an die Nähe und Verschränktheit beider Künste: Während unsere Vorstellung, dass die griechische Sappho und der lateinische Ovid beim Rezitieren ihrer Verse zugleich die Saiten einer Lyra zupften, den Begriff ‹Lyrik› als Gattungsbezeichnung für literarische Texte im Versmaß, also für Gedichte, geprägt hat, bezeichnet das italienische Wort ‹lirica› die Oper.
Nun hat es in der abendländischen Geschichte der letzten drei Jahrtausenden verschiedene Weisen gegeben, Literatur und Musik zu vermählen: Das bereits erwähnte Hinterlegen von Versen mit Rhythmen und Akkorden, die Fanfaren und Trommelwirbel zur Eröffnung und Ankündigung von Proklamationen, schließlich die symbolische Funktion einer kurzen Melodie, die eine bestimmte Phase einer Zeremonie, eines Rituals einleitet, was wir heute ein Signet nennen.
Die Idee, Melodien nicht mehr nur Begleitinstrumenten zur Untermalung einer sprachlichen Rezitation zuzuweisen, sondern diese mit der Stimme selbst zu gestalten — zu singen im heutigen Sinn —, schuf die Vokalmusik; Lied, Motette, Kantate, Oratorium, Singspiel, Melodram, Musical, Ode, Hymne.
In der ersten Konzert-Lesung zu den ‹Linguistischen Amuse-Bouche› wurde der Titel noch ziemlich wörtlich als Vorgabe für das Projekt genommen: Analog zu den literarischen Artikeln, die in unüblicher Weise die Sprache selbst zum Gegenstand von Erzählungen machen, wurden durch die ungewöhnliche Besetzung von Flöten, Horn und Alphorn, für die es kaum Literatur gibt, Möglichkeiten ausgelotet, aus neuen Perspektiven die Neugier für vermeintlich Vertrautes und scheinbar Triviales neu zu wecken, letztlich eben Appetit anzuregen. Wenn wir nun in einer zweiten Konzert-Lesung zur gleichen Thematik davon ausgehen, dass der Appetit bereits angeregt ist, möchten wir gleichsam die Hauptspeise auftragen und aus der Perspektive des durchaus vertrauten Flöten-Duos die ‹lirica› in der Bearbeitung von Maestro Rossinis ‹Barbiere› und in Daniel Schnyders poetischen Sprachbildern ausleuchten. Die Frage zu beantworten, welche Gedanken jeweils dazu geführt haben, ein bestimmtes Musikstück mit einer bestimmten Amuse-Bouche zu verbinden, sei dem Publikum überlassen, denn jede Antwort, die subjektiv als die richtige empfunden wird, ist genau die Antwort, zu der wir führen möchten.