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Der Brief an Philemon wird als ein «Meisterwerk der Kunst des Briefeschreibens» betrachtet und ist der persönlichste aller Paulusbriefe. Eine Übersicht.
Aufgrund der Warmherzigkeit und Liebe, die im Philemonbrief zum Ausdruck kommt, wird das Schreiben auch mit dem alttestamentlichen Buch Ruth verglichen. Es handelt sich um Zeilen aus der Zelle, das heisst, um einen Brief des Apostels Paulus aus dem Gefängnis in Rom, und zwar an seinen reichen Freund Philemon, der allen Anschein nach in Kolossä lebte (Kol 4,7-10). Dort war er, neben Archippus (Kol 4,17), Mitältester in der Gemeinde und stellte sein Haus für die Gemeindeversammlung zur Verfügung (Phlm 1,2). Paulus schrieb den Brief um 62 n.Chr., und die Scofield-Bibel gibt ihm den Titel: «Ein Beispiel der Liebe». William MacDonald bemerkt dazu: «Dieser kleine Brief zeigt die Höflichkeit, den Takt – mit einem Quäntchen Humor – und das liebende Herz des Paulus.»
Es geht in diesem Schreiben um das Ringen des Apostels um einen Sklaven namens Onesimus. Dieser war im Hause des Philemon beschäftigt gewesen und hatte seinen Herrn wahrscheinlich bestohlen (V. 18). Infolge seiner Flucht nach Rom war er dort irgendwie im Gefängnis gelandete, hatte unter den Gefangenen Paulus kennengelernt und sich bekehrt. Nun schickte Paulus ihn zurück, zusammen mit einem Mitarbeiter namens Tychikus, der einen Brief des Apostels an die Kolosser und einen an Philemon mitnahm (Kol 4,7-10).
Im Philemonbrief sehen wir die Retterliebe des Apostels inmitten seiner eigenen Gefangenschaft gegenüber einem Menschen, der in Sünde gefangen war. Paulus hatte ein Herz für Könige, Statthalter, Fürsten, Soldaten und Sklaven gleichermassen. Sowohl der reiche Philemon als auch der arme Sklave Onesimus wurden von Paulus mit dem Evangelium erreicht. Beachtenswert ist dabei, wie Paulus die Stellung eines für seinen Mandanten hingegebenen Anwaltes einnimmt und diesen vertritt. Der grosse Apostel kämpft, ringt und verbürgt sich für Onesimus, der doch «nur» ein Sklave war.
Wir sehen auch, dass das Wirken des Heiligen Geistes nicht gebunden werden kann. Trotz Gefangenschaft war Paulus frei. Der Herr kann auch die widrigsten Umstände unseres Lebens gebrauchen, um daraus etwas zum Lob Seines herrlichen Namens zu machen. So benutzt der Herr nicht nur gross angelegte, gut vorbereitete Versammlungen, um Menschen in unserer Umgebung zu retten, sondern unseren Alltag und die Situation, in die wir gerade gestellt sind. Paulus konnte gleicherweise vor Königen, in Synagogen, auf dem Areopag in Athen und im Gefängnis das Evangelium verkündigen. Er liess sich überall gebrauchen und machte seinen Zustand nicht zum Hindernis für das Zeugnis seines Herrn.
Der Philemonbrief zeigt uns überdies, wie das Evangelium Menschen verändern kann: einerseits im Verhältnis eines Sünders zu Gott, aber andererseits auch in der zwischenmenschlichen Beziehung. Dabei sehen wir, wie wichtig es ist, begangenes Unrecht, trotz Vergebung, wieder gut zu machen. Onesimus wird zurück zu seinem Herrn geschickt. Hierbei wird die Vergebung gross geschrieben, aber begangenes Unrecht muss auch vor Menschen bereinigt und in Ordnung gebracht werden.
Aus dem Brief des Apostels lernen wir weiter, wie die Weisheit siegt. – Paulus tritt weise, bewusst nicht als Apostel, sondern als Freund und Bruder, sogar in einer gewissen Unterwürfigkeit dem Philemon gegenüber auf. Dadurch gewinnt er diesen teuren Bruder aufs Neue für sein Anliegen. «Der Mund des Gerechten redet Weisheit, und seine Zunge lehrt das Recht» (Ps 37,30). Und: «der Weise gewinnt Seelen». Im Philemonbrief erweist sich der Heilige Geist als Der, der Takt besitzt und vermittelt. Die Scofieldbibel macht die Anmerkung: «Der Brief ist von unschätzbarem Wert als Unterweisung in praktischer Gerechtigkeit, in christlicher Bruderschaft, in christlicher Höflichkeit und in dem Gesetz der Liebe.»
Martin Luther schrieb: «Dieses Epistel zeigt ein meisterlich liebliches Exempel christlicher Liebe. Denn da sehen wir, wie St. Paulus sich des armen Onesimus annimmt und ihn gegen seinen Herrn vertritt mit allem, was er vermag, und stellt sich nicht anders, als sei er selbst Onesimus, der sich versündigt habe. Doch tut er das nicht mit Gewalt oder Zwang, wozu er wohl Recht hätte, sondern entäussert sich seines Rechtes, womit er zwingt, dass Philemon auf sein Recht auch verzichten muss. Eben wie uns Christus getan hat gegenüber Gott dem Vater, also tut auch St. Paulus für Onesimus gegenüber Philemon … Denn wir sind alle seine Onesimi, wenn wir’s glauben.»
Und zu guter Letzt lernen wir: Wenn jeder von uns sich selbst als ein Onesimus sehen, für den Bruder und die Schwester aber wie ein Paulus eintreten würde, dann käme es gut im Reich Gottes und wir hätten keine brüderlichen Schwierigkeiten.