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Seit dem Beginn der systematischen Temperaturmessungen vor 136 Jahren war weltweit kein Monat wärmer als der Juli 2016. Die neun Monate zuvor stellten ebenfalls Hitzerekorde auf und 2016, das ist jetzt schon sicher, wird als wärmstes je gemessenes Jahr in die Geschichtsbücher eingehen.
Doch was sind seine Auswirkungen? Worauf müssen wir uns in der Schweiz gefasst machen? Auf wenig Positives und viel Negatives. Denn die alte Mär, dass die Schweiz von der Klimaerwärmung profitieren werde, ist längst widerlegt.
Die Schneefallgrenze verschiebt sich pro Grad Temperaturerhöhung um etwa 150 Meter in höhere Regionen. Zwar sieht das Pariser Abkommen vor, die Klimaerwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf unter zwei Grad einzudämmen, in der Schweiz ist die Temperatur aber bereits um 1,5 Grad gestiegen. Es gilt zu bedenken, dass die Pariser Klimaziele nur erreicht werden, wenn bis 2040 weltweit die Verbrennung fossiler Brennstoffe eingestellt wird.
Ende dieses Jahrhunderts werden 60–80 Prozent der Schweizer Gletscherflächen verschwunden und die Eisriesen nur noch in den hochgelegenen Gebieten der Berner und Walliser Alpen zu finden sein, schreibt das Bundesamt für Umwelt. Das Engadin und das Tessin sind bis Ende Jahrhundert vollständig eisfrei.
Die höhere Durchschnittstemperatur sorgt dafür, dass die Winter in der Schweiz niederschlagsreicher, allerdings nicht zwingend schneereicher werden. Der Anteil des Festniederschlags (Schnee) geht zurück. Deshalb wird die Gefahr von Hochwasser nicht wie bisher im Frühling, sondern im Herbst und Winter am grössten sein. Ob die Gefahr von Hochwasser generell zunimmt, kann aufgrund der kleinen Fallzahl nicht prognostiziert werden.
Die Punkte 1 bis 3 haben Einfluss auf den Winter-Tourismus. Rund die Hälfte aller Skigebiete wird keinen Schnee mehr halten können. Bis zur Mitte des Jahrhunderts kann dies noch mit Schneekanonen kompensiert werden, die Saison wird allerdings deutlich kürzer ausfallen. Einige wenige Gemeinden wie Laax oder Saas Fee dürften aufgrund ihrer Höhenlage allerdings sogar profitieren. Sie werden die Übernachtungen der weniger schneesicheren Gemeinden abschöpfen.
In den freigelegten Mulden der Gletscher werden sich in den nächsten Jahrzehnten bis zu 600 neue Seen mit einer Gesamtfläche von ca. 60 Quadratkilometern bilden – mehr als der Thunersee. Das tönt zwar romantisch, die Wassermassen bedeuten aufgrund ihrer Lage allerdings eine Gefahr für die Zivilisation: Fällt Geröll in diese Seen oder kommt es zu Erdrutschen, drohen Sturzfluten. Konkret bedroht ist zum Beispiel das Dorf Naters unterhalb des grossen Aletschgletschers.
Im Rekordsommer 2003 gab es in der Schweiz Regionen mit 42 Hitzetagen (über 30 Grad). Damals starben in der Schweiz rund 1000 Menschen an den Folgen der Hitze und die Sterblichkeit stieg um 7 Prozent. Im Jahre 2085 wird dies die Normalität. Für das Tessin und den Genfersee werden 50 oder mehr Tropennächte (Temperatur fällt nicht unter 20 Grad) pro Jahr prognostiziert. Besonders für ältere Menschen können Hitzetage gefährlich sein. Eine Gruppe Klimaseniorinnen droht deshalb nun, die Schweiz zu verklagen.
5 Prozent der Schweizer Fläche besteht aus Permafrostböden. Bei mehr als der Hälfte dieser Fläche bewegt sich die Temperatur zwischen 0 und -3 Grad. Nur schon ein kleiner Temperaturanstieg reicht aus, um zu einem Auftauen und damit zu einer Destabilisierung zu führen. Die Gefahr von Erdrutschen und Felsstürzen nimmt damit zu.
Die Klimaerwärmung äussert sich nicht nur zu Land, auch die durchschnittliche Wassertemperatur wird zum Leidwesen unserer Kaltwasserfische zunehmen. Diese verenden bei Temperaturen ab 25 Grad, welche gerade in seichten Gewässern erreicht werden können.
Eine höhere Durchschnittstemperatur des Wassers befeuert die Verunreinigung durch Parasiten. Ausserdem wird von einer zukünftig rückläufigen Abflussmenge und einer schlechteren Durchmischung unserer Seen im Sommer ausgegangen, was sich auf die Wasserqualität auswirkt. Frohlocken dürfen aber die Winzer und Liebhaber hiesiger Weine: Höhere Temperaturen ermöglichen einen breiteren Rebsortenanbau.
In einem wärmeren Klima können sich diverse Schädlinge wie der Maiszünsler, der Maiswurzelbohrer, die Blattlaus, der Kartoffelkäfer, der Borkenkäfer und der Apfelwickler besser vermehren, was eine Bedrohung für unsere Fauna darstellt.
Steigende Temperaturen bei hoher Luftfeuchtigkeit führen zu einer Abnahme der Milchleistung und Veränderungen der Milchqualität, schreiben die Forscher Jürg Fuhrer und Pierluigi Calanca von der Forschungsanstalt Agroscope in der Zeitschrift Agrarforschung Schweiz. Dem könnte mit einer Weidehaltung in höheren Gebieten entgegengewirkt werden.
Was im Winter an Heizenergie eingespart werden kann, wird im Sommer durch Kühlung und den Konsum anderer Güter wieder verbraucht. In der Wissenschaft wird dies Rebound-Effekt genannt. Pessimisten gehen davon aus, dass der Energieverbrauch in Zukunft sogar noch steigen wird.
Höhere Temperaturen sorgen für weniger Nebel und damit für mehr Sonneneinstrahlung. Gleichzeitig geht man davon aus, dass der Schweiz weniger Wasser zur Energienutzung zur Verfügung stehen wird. Es wird mit rund sechs Prozent weniger Strom durch Wasserkraft bis 2085 gerechnet.
Bereits heute wurden im Tessin vereinzelte Exemplare der Asiatischen Tigermücke gesichtet. Dies wird mit höchster Wahrscheinlichkeit zunehmen. Die Asiatische Tigermücke kann Viren übertragen, die wiederum das Dengue- oder das Chikungunya-Fieber auslösen.
Aller Unkenrufe zum Trotz. Als James Hansen, der Direktor des Umweltinstituts der renommierten Columbia University gefragt wurde, wo man am sichersten sei vor den Auswirkungen des Klimawandels, antwortete er: «Nun, die Schweiz wäre wohl ein guter Tipp.» Er begründet seine Aussage damit, dass die Schweiz ein Binnenland sei und im Gegensatz zu vielen anderen Ländern die Klimaerwärmung ernst nehme. Hinzu kommt, dass die Schweiz trotz Veränderungen des Wasserhaushalts das Wasserschloss von Europa bleibt und die meisten Studien darauf schliessen lassen, dass die Schweiz nicht von grossen Wellen von Umweltflüchtlingen überrollt werden wird.
Nichtsdestotrotz wird man sich auch hierzulande auf Veränderungen einstellen müssen, denn wie das Bundesamt für Umwelt (BAFU) auf seiner Homepage schreibt, wird erwartet, dass die Schweiz «voraussichtlich überdurchschnittlich stark» von der Klimaerwärmung betroffen sein wird.