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Geradezu überwältigt von der Schönheit der Landschaft fühlt man sich, wenn man auf dem Corcovado steht: Auf dem Hausberg der Millionenstadt Rio de Janeiro liegen einem der Regenwald, der Zuckerhut, das Häusermeer, Sandstrände und der Atlantik zu Füssen. Spätestens jetzt versteht man, weshalb die Einheimischen von der «Cidade maravilhosa», von der wunderschönen Stadt, sprechen.
Auch der Bieler Fabio Blaser (27), der seit Sommer 2011 in der zweitgrössten Stadt Brasiliens lebt, schwärmt: «Rio befindet sich in einer dramatisch schönen Szenerie und gehört zu den attraktivsten Städten der Welt.
Sieben Prozent der Stadtfläche besteht aus Wald, teilweise befindet er sich mitten im Zentrum.» Deshalb fühle er sich nicht so verloren im Dschungel aus Beton und Stahl. Eine Attraktion seien auch die Strände und das Meer: «Wenn ich im Stau stehe – was wegen der Bauarbeiten für die Olympischen Spiele oft der Fall ist –, geniesse ich fast immer eine schöne Aussicht.»
Fabio Blaser studierte Fotografie in Südwestengland, wo er seine heutige Frau Clarissa (32) kennenlernte – eine Carioca, wie die Bewohner von Rio heissen. Die Ozeanografin und der Fotograf beschlossen, die Zelte dort aufzuschlagen, wo einer der beiden zuerst einen Job finden würde – 2011 erhielt Clarissa eine Anstellung als Umweltanalystin in Rio; Fabio arbeitet für Firmen und Privatkunden, er knipst Bilder von Anlässen, Restaurants, Models oder Luxusapartments und zählt zu den rund 6500 Schweizern, die in der Region leben.
Das Paar wohnt in einer kleinen Dreizimmerwohnung im 13. Stockwerk in der Nähe des Stadtteils Santa Teresa – inzwischen mit Pedro, der im September 2015 auf die Welt gekommen ist. Vom Fenster in ihrer Wohnung aus blickt man auf eine vierspurige Strasse und den grünen Rio Comprido, der sich wie ein kleines Tal ausbreitet. Lehnt man sich weiter hinaus, zeigt sich Rios Wahrzeichen, die fast 40 Meter hohe Jesusstatue auf dem Corcovado.
Das Herz oder vielmehr die Pulsschlagader von Santa Teresa bildet die Rua Almirante Alexandrino: Die oberhalb der Küste thronende kurvige Strasse, auf der einst eine klapprige Strassenbahn fuhr, ist verkehrsarm und gesäumt von Kunsthandwerkläden, Bars und Restaurants.
Eine Frage der Sicherheit
Als Oase entpuppt sich das zur Hotelvereinigung Relais & Châteaux gehörende Fünf-Sterne-Boutiquehotel Santa Teresa. Vor Jahren geriet es in die Schlagzeilen: Bewaffnete hatten mitten in der Nacht die Aussenmauern überwunden, sich Zutritt zu mehreren Gästezimmern verschafft und Geld, Wertgegenstände und Pässe gestohlen.
Auch Fabio wurde beinahe Opfer eines Überfalls: Er war beruflich zu Fuss unterwegs auf einem Radweg des Flamengo-Parks, wo die Aussicht auf den Zuckerhut besonders schön ist und die Bewohner Sport treiben. An einem Morgen um zehn Uhr kamen zwei Männer auf ihn zu – einer von vorne, einer von hinten: Sie hatten es auf seine Kamera abgesehen. Fabio konnte nicht mehr ausweichen und fragte deshalb im breitesten Dialekt der Cariocas, was die Gestalten von ihm wollten. Die Männer waren perplex, dachten, der Bieler sei ebenfalls ein Einheimischer – und zogen weiter.
«Meine Frau wurde schon mehrmals überfallen. Auf den Strassen im Stadtzentrum telefoniert sie nicht mehr, weil sie Angst hat, Taschendiebe könnten ihr das Handy entreissen.»
Die Wirtschaftskrise in Brasilien bei einer Inflation von knapp elf Prozent fördert solche Entwicklungen. In Fabio Blasers Wohnviertel werden vermehrt Autos gestohlen und Passanten überfallen. Schiessereien hingegen hört der Schweizer selten. Schon immer war die Kluft zwischen Arm und Reich im Land der politisch angeschlagenen Präsidentin Dilma Rousseff enorm: am Strand der Copacabana die Geschäfte des Luxusjuweliers H. Stern, im Süden von Rio die Favela Rocinha mit rund 250'000 Einwohnern – die grösste Armensiedlung Brasiliens.
Die Sicherheit sei allerdings je nach Gebiet sehr unterschiedlich, räumt Fabio Blaser ein. «Ich wohne in einer Gegend, die nicht touristisch ist und deshalb für die Polizei auch nicht erste Priorität hat.» Mit anderen Worten: Wer tagsüber als Tourist die Sehenswürdigkeiten besucht, hat nicht mehr zu befürchten als in vielen anderen Metropolen der Welt. Und wenn am 5. August 2016 die Olympischen Sommerspiele feierlich eröffnet werden, dürfte Rio dank des Einsatzes der Polizei und der Armee zu den sichersten Metropolen zählen – so war es zumindest bei der Austragung der Fussball-WM.
Aber selbst während des Grossereignisses sollte man immer nur das Nötigste dabeihaben, rät Fabio. Also keine teuren Uhren, keinen Goldschmuck und nur wenig Bargeld. Die Kamera trägt man mit Vorteil nicht zur Schau.
Imposante Ein- und Aussichten
Zum Einsatz kommt der Fotoapparat, wenn es um die Sehenswürdigkeiten der Stadt geht: Fabio liebt die verwinkelten Gässchen von Santa Teresa mit den historischen Häuserzeilen. Im Juni ist Tag der offenen Tür; dann zeigen die Künstler ihre Ateliers. Der Stadtteil ist zudem bekannt für seine Graffitis – was nicht in jedem Reiseführer steht. Vom Mirante Dona Marta aus geniesst man eine überwältigende Aussicht auf Rio, den Corcovado und die Lagune.
Im touristischen Strandviertel Ipanema, das südwestlich an die Copacabana anschliesst, lädt das Meer zum Bade – im Gegensatz zu den Buchten von Flamengo, Botafogo, Urca und Guanabara, wo das Meer durch stinkende Abwässer verschmutzt ist. In Guanabara finden die olympischen Segelwettbewerbe statt.
Die eigentlich traumhaft schöne Bucht von Urca, gleich neben dem Zuckerhut, sei bekannt für ihre Bars, Imbissbuden und romantischen Sonnenuntergänge, verrät Fabio.
Zu den neuesten Attraktionen zählt das Museu do Amanhã. Der spektakuläre Bau des «Museums von morgen» ist das neue Wahrzeichen des Hafenareals Porto Maravilha. Entworfen hat es der spanisch-schweizerische Stararchitekt Santiago Calatrava – gekostet hat es über 50 Millionen Franken. Ein so aufsehenerregendes Gebäude ist für Rio keine Ausnahme: Wie ein Ufo erhebt sich das Museu de Arte Contemporânea auf einem Felsvorsprung an der Küste in Niterói ausserhalb der Stadt.
Kulturstätten und Nachtleben
Unbedingt einen Besuch wert ist der Stadtteil Centro: Hier lassen sich diverse historische Bauten bestaunen: Gotteshäuser, die Oper, die Nationalbibliothek oder das über 120 Jahre alte Café Confeitaria Colombo – alles rund um die Avenida Rio Branco. Am besten setzt man sich in ein Taxi und fährt von der Copacabana via Stadtteil Flamengo und den erwähnten Park, der von Joggern und Bikern eingenommen wird.
Die Altstadt kombiniert man mit dem Stadtteil Lapa, wo sich das Epizentrum des vibrierenden Nachtlebens befindet, genauer: an der Kreuzung der Rua do Lavradio und der Avenida Mem de Sá. «Lapa ist der Partyort, weniger geeignet in Sachen Restaurants, aber ideal für Bar- und Discobesuche», sagt Fabio.
Nach dem Einnachten sollte man keine öffentlichen Busse mehr benutzen. Die 15-minütige Taxifahrt zurück zur Copacabana kostet knapp 30 Real, umgerechnet also weniger als 10 Franken.
Der Wert des Frankens gegenüber der einheimischen Währung hat sich in den vergangenen drei Jahren verdoppelt, was den Aufenthalt für Besucher zurzeit besonders attraktiv macht.
Eine Attraktion sind auch die Cariocas, die zwar meist keine Ahnung von Samba haben, dafür ein entspanntes Flipflop-Lebensgefühl ausstrahlen. «Mir gefällt, wie herzlich die Einwohner sind. Ich lerne hier sehr schnell Menschen kennen», sagt Fabio Blaser. Vielleicht zeigt sich die Lebensfreude der Cariocas am besten sonntags, wenn der Verkehr entlang der Copacabana gesperrt ist und der Strand überfüllt mit Sonnenanbetern, Fussball- und Volleyballspielern. Wer dann bei einem Saft der Açai-Superbeere aus dem Amazonas entspannt, vergisst für einen Moment die Sorge um die Sicherheit und träumt von der Weite des Ozeans.
Bilder: Reto E. Wild