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Emsy hatte gelernt, die Nächte zu Hause zu verbringen. Am frühen Morgen, wenn die Sonne aufging, machte er sich wieder auf den Weg ins Gartenzenter. Noch immer sah man die rote Kruste auf seinem Gesicht, die er stolz allen zeigte. Jetzt, wo er so verletzt und hilflos aussah, waren alle Kunden noch viel, viel zärtlicher zu ihm. Sie hatten grosses Mitleid mit dem schwarz/weissen Kätzchen, das einen so traurigen Eindruck machte.
Während seiner Abwesenheit hatte sich im Zenter einiges verändert. Die bekannten Gesichter waren nicht mehr da, vermutlich in den Ferien. Die Dame an der Kasse schaute ihn verwundert an, als er mit hochgestelltem Schwanz an ihr vorbeistolzierte. Auch das Angebot auf den Gestellen hatte sich verändert. Die duftenden Blumen wurden durch Stauden und winterharte Bäumchen ersetzt. Die Zeit der blumigen Düfte war vorbei. Emsy legte sich wie gewohnt unter die Blumenständer und döste vor sich hin, als plötzlich eine Frau bei ihm stand, die ihn sehr kritisch beobachtete. Sie tastete mit ihrer Hand über seine Narbe. Er reagierte nicht, was der Frau Panik verursachte. Plötzlich hörte er ihre hysterische Stimme, die der Verkäuferin klarmachen wollte, dass diese Katze umgehend zum Arzt müsse.
Die Aushilfsverkäuferin telefonierte mit dem Kundendienst am anderen Ende des Zenters. Sie war ratlos, was die Dame noch mehr in Rage brachte. Sie schnappte sich Emsy und trug ihn quer durchs ganze Gartenzenter. Bei der Information stellte sie ihn auf die Theke und wollte wissen, wohin diese Katze gehörte. Der Angestellte hatte auch keine Erklärung für Emsy. Er schüttelte nur den Kopf. Die Dame wurde über die Gleichgültigkeit der Angestellten sehr wütend und erhob ihre Stimme. Die Kunden, die an der Kasse standen, drehten bereits ihre Köpfe zur Information und tuschelten untereinander. Den Kundendienst angestellten wurde die Situation sehr unangenehm. Auch die Rückfrage beim Zenterchef brachte keine Erklärung für Emsy.
Die aufgebrachte Dame liess sich von niemandem beruhigen. Sie war sich ganz sicher, dass Emsy dringend ärztliche Hilfe brauchte. Sie hinterliess beim Kundendienst die Nachricht, dass sie die Katze ins nächste Tierheim bringen werde, damit sie dort geschützt und unter ärztlicher Aufsicht sei.
So landete Emsy im Tierheim und wurde in einen Käfig gesetzt. Es gab dort viele Gitterstäbe, einen Futternapf und eine Katzentoilette. Um ihn herum sah er viele Gehege, in denen etliche Katzen sassen oder schliefen. Sie begrüssten ihn aufgeregt und fragten ihn, wie er heisse, woher er denn komme und wovon seine Narbe im Gesicht sei. Emsy erzählte ihnen von seinem Unfall und seinen Ausflügen in die Freiheit. Sie hörten ihm gespannt zu, hätten sich liebend gern zu ihm gesetzt. Dies konnten sie aber nicht, da die Gitterstäbe die Katzen voneinander trennten.
Er erzählte ihnen stundenlang von seinem Leben, von der Firma Roche, den Feldern, in denen etliche Mäuse lebten und von seinen Katzengeschwistern. Sie sassen da und hörten ihm gespannt zu. Sie beneideten ihn sehr. Dann erzählten sie ihm von ihrem Leben und ihren Erfahrungen. Jede der Katzen hatte ihr eigenes Schicksal. Sie sprachen mit Emsy den ganzen Abend und die ganze Nacht. Sie erzählten ihm ihre Lebensgeschichten. Der Rothaarige hatte einem alten Mann gehört, der vorige Woche gestorben war. Sie weinte jämmerlich und liess sich kaum beruhigen. Sie hatte ihren Besitzer doch so lieb gehabt. Die Tigerdame wurde vor einem Monat von ihrer Familie ausgesetzt, als diese festgestellt hatte, dass ihre Mieze Junge erwartete. Sie sass nun dort mit ihrem dicken Bauch und war sehr, sehr traurig. Sie wusste, dass niemand eine trächtige Katze wollte, die demnächst werfen würde. Die schwarze langhaarige Schönheit hatte auch kein besseres Schicksal. Sie wurde einem kleinen Mädchen auf den Geburtstag geschenkt. Als dieses den Spass an Selaja verloren hatte, wurde sie ins Tierheim abgeschoben. Es war ein trostloser Haufen Fell, der da sass und jammerte. Sie alle waren sehr traurig und hofften insgeheim, dass bald jemand kommen würde, der sie mit zu sich nahm. Als Emsy die Geschichten der anderen Katzen hörte, wurde ihm klar, dass er in paradiesischen Verhältnissen lebte. Er bekam regelmässig Qualitätsfutter und durfte die ganze Freiheit eines Hauskaters geniessen. War es draussen kalt oder nass, konnte er auf seinen Hochsitz liegen in der trockenen warmen Wohnung. Und Tina war immer für ihn da und streichelte ihn, so oft er das wollte. Danach sehnte er sich jetzt ungemein. Wie schön wäre es doch jetzt, wenn Tina da wäre und ihn hinter den Ohren kraulte.
Er fühlte sich eingesperrt und verloren. Da plötzlich begriff Emsy, welch Schicksal der böse Zottel, sein Wohngenosse, hinter sich hatte. Er konnte nun verstehen, wieso Zottel ab und zu so aggressiv war. Wenn man längere Zeit so eingesperrt ist, muss man bösartig reagieren, das wusste er nun. Er wollte raus, das war klar. Er schrie aus Leibeskräften und verlangte, dass man das Tor öffnete. Doch nichts rührte sich. Er versuchte mit der Pfote, am Gitter zu kratzen, ohne Erfolg.
Am Abend stellte man ihm etwas Futter hin, das er aber verschmähte. Es gefiel ihm hier überhaupt nicht. Zudem wusste er gar nicht, was er hier eigentlich zu suchen hatte. Er dachte an Tina und seine Geschwister und wünschte sich, sie würden kommen und ihn hier rausholen. Panik stieg in ihm auf. Was würde passieren, wenn Tina ihn nicht suchte? Sie war sich ja gewohnt, dass er tagelang rumstreunte. Sein Nackenfell sträubte sich und Emsy bekam es mit der Angst zu tun. Würde er in Zukunft hier leben müssen? Es war eine schreckliche Vorstellung für ihn. Er schlief kaum etwas und dachte unentwegt an sein zukünftiges Schicksal. Bald würde er genau so unglücklich sein wie seine Mitbewohner. Erst gegen Morgen fiel er in einen tiefen erholsamen Schlaf.
Am Morgen brachte man ihm frisches Wasser und Trockenfutter, das er nicht anrührte. Er wollte nichts zu fressen, wollte einfach nach Hause gehen. Von draussen schien bereits die Morgensonne in den Raum. Noch immer sass er im Käfig fest, der kaum einen Quadratmeter gross war. Er konnte nur zwei Schritte nach rechts und zwei nach links machen. Die anderen Miezen wurden für einen kurzen Aufenthalt ins Freigehege gelassen. Er musste drin bleiben, eingesperrt und ungeliebt.
Da hörte er von weit weg das bekannte Geräusch einer Autotüre. Er spitzte die Ohren und hörte Schritte und die vertraute Stimme von Tina. Er schrie so laut er nur konnte. Sie musste ihn doch hören, musste ihn hier rausholen. Er versuchte erneut, sich durch die Gitterstäbe zu zwängen. Noch immer schrie er aus Leibeskräften. Seine neuen Freunde halfen ihm mit lauter Stimme mit. Es war mehr als ein grosser Katzenjammer, es war ein tosender Katzenchor. Er war ganz ausser sich, als Tina in der Türe stand und auf ihn zuging. Sie war seine Rettung, jetzt würde alles gut werden. Die Käfigtüre wurde geöffnet und Emsy konnte seiner Retterin in die Arme springen. Vor lauter Glück vergass er sogar, sich von seinen neuen Freunden zu verabschieden. Er wollte nur nach Hause, zu Smokie und seiner Familie.
Erst als sie daheim angekommen waren, legte sich Emsys Aufregung. Er fühlte sich ganz plötzlich unheimlich hungrig und todmüde. Noch selten hatte das Katzenfutter so gut gemundet wie an diesem Morgen. Er verschlang es, als habe er eine Woche nichts gefressen.
Tina sass da und betrachtete Emsy, der tüchtig zulangte. Sie hatte im Gartenzenter erfahren, was gestern passiert war. Jetzt musste sie etwas unternehmen, so konnte das nicht weitergehen. Sie konnte doch nicht jeden Tag ihrem Streuner nachspringen und ihn irgendwo einsammeln. Sie nahm ein Lederhalsband, das mit einem kleinen Anhänger versehen war, auf dem Emsys Name und Adresse stand. Dieses Halsband legte sie Emsy um. Erstaunlicherweise liess er es ohne Gegenwehr geschehen. Schon zwei Mal hatte sie ihm ein Halsband angezogen, das er aber jeweils am gleichen Tag abgestreift hatte.
Doch dieses Mal schien alles anders. Emsy liess es mit sich geschehen. Der ungewollte Ausflug ins Tierheim war ihm so unter die Haut gefahren, dass er das Halsband eben ohne Knurren tragen wollte. Von jetzt an würde jedermann sehen, dass er hier wohnte und kein streunender, herrenloser Kater war. Jetzt würde man ihn in Ruhe lassen und akzeptieren, dass auch ein Hauskater ab und zu eine kleine Wunde auf der Stirn haben darf, ohne dass man ihn gleich zum Arzt oder ins Tierheim schleppen musste.
Er dachte an seine Tierheim-Freunde und verabschiedete sich in Gedanken von ihnen. Er wünschte ihnen von Ferne alles Gute und dass sie bald eine Familie fänden, die ihnen das bieten kann, was sie sich so sehr wünschten. Er nahm sich vor, in Zukunft ein braver Kater zu sein und abends immer nach Hause zu kommen. Er hatte eine Lehre fürs Leben gezogen und enorm Glück gehabt.
Damit eine solche Geschichte nicht nochmals passierte, schrieb Tina einen originellen Brief mit Fotos von Emsy ans Gartenzenter. Sie stellte darin ihren streunenden Kater vor und gab die Adresse bekannt, wo Emsy eigentlich zu Hause war. So konnte sie vermeiden, dass Emsy erneut im Tierheim landete.
Bald kannten ihn alle im Dorf und Tina erfuhr von allen Seiten, was Emsy sich wieder geleistet hatte. So erzählte man ihr im Einkaufszentrum eines Tages, dass Emsy einer Dame einen Riesenschrecken eingejagt hatte. Er lag nämlich friedlich vor der Eingangstüre und schlief den Schlaf der Gerechten. Rechts und links von ihm drängten sich Passanten mit ihren Einkaufswagen vorbei, doch Emsy liess sich nicht stören. Er träumte von Mäusen, dicken Würsten und Katzenmilch. Auch die eine ältere Dame wollte dort ihre Einkäufe machen, als sie den Kater entdeckte, der dort auf der Seite lag und alle Viere von sich streckte. Ueber seinem Gesicht verlief noch immer eine unübersehbare rote Narbe. Sie schaute ihn von allen Seiten an - er bewegte sich nicht. Sie schubste ihn sachte an, doch er blieb regungslos liegen. Die Einkaufswagen fuhren dicht an ihm vorbei, doch der Kater bewegte sich überhaupt nicht. Sie erschrak fürchterlich, denn hier stimmte etwas nicht. Sie stürmte in den Laden, direkt auf die Kassiererin zu und meldete aufgeregt, vor der Eingangstüre läge eine tote Katze. Frau Feuermann, selbst eine grosse Tierfreundin, wollte schauen, ob diesem Tier noch zu helfen war und rannte mit der Kundin vor die Ladentüre. Als sie Emsy da liegen sah, musste sie laut lachen. Sie kannte den kleinen Kater unterdessen und konnte die aufgeregte Kundin beruhigen. Emsy war nicht tot, sondern einfach müde. Er hatte sich nur schlafen gelegt und war in einen Tiefschlaf gesunken, der ihn alles um ihn herum vergessen liess. Emsy hatte wieder einmal gezeigt, dass er ein unerschrockener Streuner war.
Tina wurde von links und rechts informiert. Es trafen Fax, Nachrichten und Mails ein, die sie stets über den Aufenthaltsort von Emsy informierten. Auch die Tatsache, dass er ein Halsband mit der Adresse umhatte, beruhigte sie. Sie wusste, wenn etwas passieren würde, könnte man sie informieren. Es war eine anstrengende, jedoch aufregende Zeit mit Emsy dem Streuner. Besonders er hatte Tina fest im Griff. Wenn sie wieder mal von der Arbeit wegspringen musste, um den kleinen Streuner an einem fremden Ort abzuholen und Unmut in ihr aufstieg, drückte er bei ihrer Ankunft sein Köpfchen ganz fest an Tinas Wange und leckte ihr mit seiner rauen Zunge über die Hand. Wenn sie dann in seine grossen runden Augen sah, schmolz sie wie warme Butter. Dann verging ihr Unmut und sie konnte ihm nicht böse sein. Sie war in der Falle, in den Fängen der Samtpfoten. Sie war wie eine kleine gefangene Maus, die sich ihrem Schicksal ergeben musste. Und diese runden dicken, samtweichen Pfoten hielten sie fest und liessen sie nicht mehr los. Sie war ihm und seinem sanften Wesen ausgeliefert.