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| Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)

Buch IV.
5.
So erweist sich die Chaldäerkunst als widersinnig. Wenn aber jemand sagte, auf Grund von Erkundigungen werde die Geburtskonstellation des Fragenden [S. 48] oder dessen, bezüglich wessen einer fragt1, berechnet, so werden wir beweisen, daß sich auch auf diese Weise kein genaues Ergebnis erzielen läßt. Denn wenn sie, denen man eine solche Sorgfalt in ihrem Gewerbe nachrühmt, selber zu keinem genauen Ergebnis kommen, wie wir bewiesen haben, wie hätte der Laie den Augenblick der Geburt genau erfaßt, damit der Chaldäer sie von ihm erfahre und das Horoskop richtig stelle? Aber auch bei der Betrachtung des Horizontes zeigt sich nicht durchweg der Aufgang des gleichen Sternes, sondern an dem einen Ort ergibt sich für das Horoskop die Deklination, an den andern die Aszension, je nach der Aussicht der Beobachtungsorte, die bald niedriger, bald höher liegen, so daß auch in dieser Beziehung die Voraussage nicht genau wird, da viele auf der ganzen Welt im gleichen Augenblick geboren werden und der eine die Sterne so, der andere anders sieht. Nichtig ist auch die mittels der Wasseruhr übliche Beobachtung. Denn das unten angebohrte Gefäß hat nicht gleich starken Abfluß, wenn es voll ist, wie wenn es halb leer ist, während sich nach ihrer Ansicht das Himmelsgewölbe mit gleicher Kraft und gleicher Geschwindigkeit bewegt. Wenn sie sich aber dahin ausreden, sie nähmen die Zeit nicht genau, sondern nur approximativ, so werden sie gewissermaßen durch den Ausgang der vorhergesagten Ereignisse selber Lügen gestraft. Denn die Menschen, die in der gleichen Zeit geboren wurden, erlebten nicht das gleiche Los, vielmehr waren die einen beispielsweise Könige, die anderen wurden in Fesseln alt. So hatte der Makedonier Alexander keinen seinesgleichen, obwohl viele auf der Welt zu gleicher Zeit wie er geboren wurden, keinen seinesgleichen der Philosoph Plato. So wird der Chaldäer, der nur im allgemeinen die Geburtszeit kennt, nicht genau sagen können, ob der um dieselbe Zeit Geborene glücklich sein wird. Viele um dieselbe Zeit Geborene waren (werden) unglücklich, deshalb ist auch die Gleichheit der Konstellation ohne Bedeutung. Nachdem wir also von verschiedenen Gesichtspunkten aus in mannigfacher Weise die vergeblich sich [S. 49] bemühende Forschung der Chaldäer widerlegt haben, wollen wir auch darauf hinweisen, daß ihre Vorhersagungen zu unlösbaren Schwierigkeiten führen. Denn wenn nach der Redeweise der Mathematiker der unter der Pfeilspitze des Schützen Geborene unfehlbar gewaltsamen Todes stirbt, wie kam es, daß die vielen Tausend Barbaren, die bei Marathon oder Salamis gegen die Griechen kämpften, zu gleicher Zeit niedergemetzelt wurden? Sie hatten doch wohl nicht alle miteinander dasselbe Horoskop. Ferner, wenn der unter dem Eimer des Wassermannes Geborene Schiffbruch leidet, wie kam es, daß die von Troja zurückkehrenden Griechen an den Klüften Euböas mitsammen im Meer ertranken? Es ist doch nicht anzunehmen, daß sie alle mit ihren großen Altersunterschieden unter dem Eimer des Wassermannes geboren waren. Denn man kann nicht sagen, daß wegen eines Einzigen, dem es vom Schicksal bestimmt ist, auf dem Meere umzukommen, alle auf dem Schiffe mitumkommen müssen. Weshalb ist denn sein Schicksal stärker als das aller übrigen? Es werden doch nicht wegen des Einen, dessen Schicksal es ist, auf dem Lande zu sterben, alle gerettet!
1: Diels.