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Von Peter Bernet (2019)
Einst sassen vier Grindelwalder gleichzeitig im Nationalrat
Im Bundeshaus ergab sich 1930 eine überraschende Konstellation: Vier Oberländer Nationalräte sassen gleichzeitig im eidgenössischen Parlament und alle stammten aus der Jungfrauregion. Sie waren in Grindelwald aufgewachsen und dort zur Schule gegangen.
Einer war Ernst Nobs, der spätere Bundesrat. Er war an der Spillstatt in Grindelwald aufgewachsen. Eine dortige Gedenktafel erinnert noch an ihn. Der «rote Nobs» entwickelte sich zu einem hartnäckigen Politiker und Anführer im Generalstreik 1918. Man konnte es später in seinem Heimattal kaum fassen, als es eines Tages hiess, der «jung Nobs» sei Stadtpräsident von Zürich geworden und bald sogar Bundesrat. Je älter Ernst Nobs wurde, umso mehr erinnerte er sich mit Wehmut an sein Jugendland. So kam um 1950 eine fröhlich das Grindelwaldlied singende Klasse der Sekundarschule Grindelwald zu einem unerwarteten Anblick: Ein Bundesrat stand vor ihnen in Tränen. Nobs war ein Heimwehgrindelwalder.
Der zweite Nationalrat aus Grindelwald war Hans Roth. Er stammte aus einem alteingesessenen Grindelwalder Geschlecht und war der Sohn von «Bodmi Hans». Vater Roth unterrichtete als Lehrer im Endwegschulhaus, wo er, wie es hiess, «nicht nur Schule hielt, sondern auch erzog». Hans Roth Sohn wurde Sekundarlehrer in Interlaken und war massgebender Initiant der 1919 gegründeten Volkswirtschaftskammer Berner Oberland. Er wurde 1925 in den Nationalrat gewählt und blieb es nach Wiederwahlen 30 Jahre lang.
Der einzige Nationalrat, der immer in Grindelwald wohnte
Gleichzeitig sass Peter Balmer im Nationalrat. Er war ein bedeutender Initiant für den Bau der Firstbahn. Peter Balmer gehörte der freisinnigen Partei an und blieb lange Zeit der erste bürgerliche Grindelwalder im Nationalrat. Er war auch der einzige Nationalrat, der das Tal nie verliess und immer im Grund wohnte, dort wo heute die V-Bahn entsteht.
Im Itramenschulhaus an der Männlichenseite unterrichtete einst Hans Wagner, der als 19-Jähriger aus dem Lehrerseminar nach Itramen «zwangsversetzt» wurde und erklärte, höchstens ein halbes Jahr zu bleiben. Nach 52 Jahren war er immer noch dort. Der «Chummerzhilf» Wagner verfasste für wenig schreibgewohnte Itramer Briefe und Verträge, alles gegen ein Stück Käse. Man nannte ihn den «Gmeindsschriiber hinder Itramen». Sein begabter Sohn Robert half ihm dabei. Sohn Robert Wagner studierte, doktorierte zum Dr.iur. und Dr.phil., wurde Oberrichter und kam als Sozialdemokrat 1928 als vierter Grindelwalder in den Nationalrat.
Von den damaligen vier Grindelwalder Nationalräten gehörten also drei der Sozialdemokratischen Partei an. Das entsprach natürlich nicht den politischen Verhältnissen im mehrheitlich bürgerlichen Tal.
«Der bedeutendste Grindelwalder Politiker»
1935 wurde der Grindelwalder Lehrer und Bergführer Samuel Brawand in den Nationalrat gewählt. In jungen Jahren war er an der vielbeachtete Erstbesteigung des Mittellegigrates am Eiger beteiligt. Auch er war Sozialdemokrat und wechselte 1947 in den bernischen Regierungsrat wie kürzlich Christine Häsler. Als Baudirektor eröffnete er die erste Autobahn der Schweiz im Grauholz sowie das Tierspital. Für seine Verdienste wurde er 1962 mit dem Dr. h.c. der Universität Bern ausgezeichnet. Lokalchronist Rudolf Rubi schrieb 1993 mit Recht: «Samuel Brawand ist der bedeutendste Grindelwalder Politiker gewesen, von der Gemeinde über den Kanton bis ins eidgenössische Parlament.»
Zwei Lauberhornsieger
1954 wurde der Sozialdemokrat Christian Rubi in den Nationalrat gewählt. Er war in der Schwendi aufgewachsen, ein «Rubi vorem Stäg», und hatte 1930 das erste Lauberhornrennen gewonnen. Rubi war Lehrer und Bergführer in Wengen, sowie Mitbegründer des Schweizerischen Skischulverbandes und galt lange Zeit als «Skipapst der Schweiz». Damit waren ihm als Sozialdemokraten viele bürgerliche Stimmen im Oberland sicher. Sein Sohn Dr. Fred Rubi, heimatberechtigt in Grindelwald, wurde 1967 SP-Nationalrat. Er gewann 1950, wie einst sein Vater, die Lauberhornabfahrt und war als Adelbodner Kurdirektor Mitbegründer der international bekannten Adelbodner Weltcuprennen.
Über Marcel Brawand, den achten Nationalrat mit Grindelwald als Heimatort, weiss man nur gerade, dass er einer von «z’Bräwis» im Grund gewesen sei. Er wurde im Welschland geboren und 1963 wählten ihn die Waadtländer als SP-Politiker in den Nationalrat.
Die Bürgerlichen blieben in der Minderheit
1987 wurde der in Grindelwald im Grund aufgewachsene Hanspeter Seiler von der SVP Nationalrat und 1999 als Nationalratspräsident «höchster Schweizer». Er ist seit dem freisinnigen Peter Balmer erst der zweite bürgerliche Grindelwalder im Nationalrat. Alle anderen gehörten den Sozialdemokraten an, die als Partei im Grindelwaldtal aber ein eher bescheidenes Dasein fristete.
In Grindelwald gab es bis 1930 nur die Freisinnigen als politische Partei. Selbst der bekannte Gletscherpfarrer Gottfried Strasser zählte zu ihnen. Er war 1908 von der Freisinnigen Partei Berner Oberland als Kandidat für den Regierungsrat aufgestellt worden, allerdings erfolglos. In den Dreissigerjahren wurden in Grindelwald die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei BGB, die spätere SVP, sowie die Sozialdemokratische Partei gegründet. Von den acht bisherigen Grindelwalder Nationalräten waren, mit Ausnahme von Peter Balmer und Hanspeter Seiler, alle Sozialdemokraten und dann dazu, mit Christine Häsler, erstmals eine Frau und Grüne. Sie widerspiegelten die politischen Verhältnisse im Grindelwaldtal bei Weitem nicht, aber ihre Leistungen für das Tal waren, im Rückblick gesehen, beachtenswert.
Ernst Nobs, in Grindelwald aufgewachsen, Nationalrat 1919 bis 1943 und Bundesrat von 1944 bis 1951.
Peter Balmer, Initiant der Firstbahn, war Nationalrat von 1928 bis 1935.
Nationalrat Peter Balmer links mit Bundesrat Ernst Nobs bei der Firstbahneröffnung 1947.
Samuel Brawand war Nationalrat 1935 bis 1947 und 1955 bis 1967.
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