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Liebe Frauen und Männer
ich verlese euch einen Bericht über das, was von heute Samstag früh bis in den Nachmittag hinein zu leisten war. Ich halte also gewissermassen eine Instant-Rede:
Ich hätte die Rede den Herren Roediger und Furrer - welche diese schönen Anlässe für uns verdienstvollerweise zu organisieren pflegen, wofür ihnen herzlich gedankt sei (unter Umständen mit einem kleinen Applaus) - eigentlich bis gestern Freitagabend übers Internet zuschicken sollen. Dies habe ich nicht getan. Hauptsächlich aus drei Gründen:
1. aus Zeitnot
2. Lass ich mich von denen natürlich nicht in die Pfanne hauen, indem sie dann anstelle einer anständigen INTRODUCTIO, welche wir jetzt doch noch gehört haben, einfach die Rede des ersten, der zu sprechen hätte, halten und dieser dann - mangels Zeit ohne alternative Präparation - vor dem wortlüsternen Auditorium steht, mit heissen Ohren und NICHTS mehr zu sagen hat, was nicht schon gesagt ist - was bei einem solchen Thema doppelt peinlich wäre.
3. - und diesen seinstheoretischen Grund will ich ausführlich begründen - verstehe ich unter einer Tischrede nicht etwas, was sich übers Internet schicken liesse. Eine Rede ist ja in gewissem Sinne etwas Authentisches. Ich verstehe unter einer Tischrede einen mündlichen Sprechakt in einer Tischgesellschaft, von ausreichender Länge und hinreichendem Gehalt mit situativ verordnetem Thema - dieses ist hier nicht durch die Anwesenheit einer Jubilarin oder eines anderen zu feiernden Gegenstandes gegeben, sondern bloss den erwähnten Herren angegeben worden.
Wenn ich dergestalt meine Rede - die als solch noch gar nicht ist oder - damals, d.h. gestern Freitagabend - gewesen war in das Internet geschickt hätte, wäre dann nicht die Existenz meiner Rede dadurch beeinträchtigt, ja mitbestimmt worden? Ich versuche im Folgenden den Aufstieg in die Meta-Ebene, den Versuch einer Rede über die Rede, die ich jetzt halte! Was ist meine Rede? Wo und wann beginnt diese Rede; ich frage nach ihren räumlichen Grenzen und ihrem Entstehen und Vergehen. Nach Letzterwähntem zuerst, dann erst nach dem, was sie ausmachen sollte. Wann hat meine Rede begonnen? Klammer auf: (ich habe meine Rede als einen Bericht über einen Teil des heutigen Tages qualifiziert. Um diese Zeit (8:55) nahm ich Roderick Milton Chisholm ontologischen Essay A realistic theory of categories zur Hand, das Buch, zu dem ich eine Lizentiatsarbeit zu schreiben versuche. Ich könnte hier eine weitere Klammer aufmachen, welche das Entstehen und Vergehen dieser Arbeit und ihren ontologischen Status betrifft, ihr Wesen als materielles, textliches Objekt oder meinen Lizentiatsbegriff mit dem meines Professors vergleichen usw., aber ich denke, das würde dann zu weit führen. Und sicher sind alle froh darüber, dass ich so denke und halten ebenso dafür, dass ich diese Klammer jetzt schleunigst wieder schliesse. Jenes Buch hatte auf alle Fälle Einfluss auf das für heute Vorbereitete. Klammer zu)
Wann hat meine Rede begonnen? Kann ich die Frage beantworten ohne zuerst zu wissen, was begonnen haben soll? Ich denke nicht! Ich helfe mir, indem ich den gesunden Menschenverstand voraussetze (eine Voraussetzung, die man seinem Gegenüber gegenüber nur dann ohne Gefahr trifft, wenn sie auch wirklichen im Gegenüber gegeben ist. Wen dies erbost, lässt performativ erkennen, ddss die Voraussetzung zu Unrecht vorgenommen wurde). Mit dem gesunden Menschenverstand ist zu verstehen, was eine - meine - Rede ist: meine Rede ist, was ich am Samstag, den 29. Mai 1999, im Restaurant Cèdre in Zürich, Schweiz, zu einer Tischgesellschaft von interessierten Nicht-Philosophinnen, -philosophen, Philosophinnen und Philosophen gesagt habe. Wisst ihr nun, was meine Rede ist? Die Rede ist noch nicht zu Ende, was ich selber aus meinem Willen weiterzusprechen und ihr aus der offenkundigen Tatsache, dass der Redner immer noch nichts zum Thema gesagt hat, abzuleiten berechtigt seid. (Dann war Kaffeepause, 9:35, diese war um 10:20 zu Ende)
Wenn aber das, worauf der gesunde Menschenverstand mit dem Ausdruck "meine/deine/seine Rede" referiert, noch nicht zu Ende ist, worauf referiert er dann? Ich denke, meine Rede müsste als abgeschlossenes Ganzes stattgefunden haben, damit dies möglich werden kann. Wir sehen, dass die Frage nach dem "was" mit der Frage nach dem "wie" (und eventuell auch mit der Frage nach dem "wo") verschränkt ist.
Wir suchen Hilfe in der Annahme - und hier mag man mir meinetwegen den Vorwurt eines unzulässigen Physikalismus machen, mit dem der ontologische Kern meiner Rede ohnehin nicht erfasst wäre-: notwendiger Bestandteil des kontingenten Ganzen, auf das ich sprachlich durch den Ausdruck" das, was ich am Samstag, den 29. Mai 1999, im Restaurant Cèdre in Zürich, Schweiz, zu einer Tischgesellschaft von interessierten Nicht-Philosophinnen, -philosophen, Philosophinnen und Philosophen gesagt habe" (kurz: "meine Rede") sind die durch meinen Sprechapparat erzeugten Schallwellen, die wir als bewegte Luft verstehen wollen, "Luft" wie "bewegt" als undefiniert, so ausreichend verständliche Ausdrücke verstanden. Wir haben neun Möglichkeiten, die Eigenschaft des bewegt-Seins der Luft zuzusprechen:
1. Die Luft ist so, dass sie bewegt ist
2. Die Luft war so, dass sie bewegt ist
3. Die Luft wird so sein, dass sie bewegt ist
3. Die Luft ist so, dass sie sich bewegt hat
4. Die Luft war so, dass sie sich bewegt hat
5. Die Luft wird so sein, dass sie sich bewegt hat
6. Die Luft ist so , dass sie bewegt werden wird
7. Die Luft war so, dass sie bewegt werden wird
8. Die Luft wird so, dass sie bewegt werden wird
Wir haben vor uns drei gegenwartsorientierte, drei vergangenheits- und drei zukunftsorientierte Eigenschaften. Alle diese zeitrelativen Möglichkeiten von Eigenschaften treffen auf die notwendigen Bestandteile - die bewegte Luft - des kontingenten Ganzen - meine Rede - zu. Hat meine Rede also widersprüchliche oder nicht miteinander vereinbare Eigenschaften? Kann,was gegenwärtig ist, auch zukünftig sein, vergangen sein, und das zur gleichen Zeit. Die Situation war nicht einfacher, als meine Rede noch nicht begonnen hatte. Schon damals hat sie vergangenheits-, gegenwarts- und zukunftsorientierte Eigenschaften auf sich vereinigt. Ebenso wird die Situation sein, wenn die Rede zu Ende ist. Wir können sagen, dass dies ein Merkmal aller raumzeitlichen Phänomene von Dauer ist. Der Begriff der Zeit - in dieser Form zur Anwendung gebracht, beunruhigt. Ich vergesse ihn. Ich versuche stattdessen, den Begriff zu erfassen so, dass die Rede zeitlos ist, aber dennoch stattfindet. So kann ich fragen: ist meine Rede nicht, jetzt? Seinstheoretisch wäre dies für uns alle eine schwere Belastung, da ihr einem etwas zuhören würdet, das nicht ist, und ich etwas halte, eine Rede, die nicht ist. Das wäre schlimm! Wir treten hinter die Annahme zurück, die bewegte Luft meiner Rede als notwendigen Teil der ganzen, kontingenten Rede anzunehmen. Das "was" meiner Rede, das "was" dessen, "was ich am Samstag, den 29. Mai 1999, im Restaurant Cèdre in Zürich, Schweiz, zu einer Tischgesellschaft von interessierten Nicht-Philosophinnen, -philosophen, Philosophinnen und Philosophen gesagt habe", muss sich ohne Physik bestimmen lassen. Damit bleibt nur die Frage zurück: was habe ich gesagt? Und zu wem? Das Datum aber bleibt aussen vor, dieselben Schwierigkeiten, welche wir aus der Annahme raumzeitlich bestimmter Bestandteile meiner Rede - der Schallwellen - hatten, würden uns auch bei seiner Bestimmung erwachsen. Was habe ich gesagt? Wie gebe ich darauf eine ontologische, nicht eine semantische Antwort? Ursprünglich mögen wir davon ausgegangen sein, dass meine Rede ein Ereignis ist. Dies hat dazu geführt, den Versuch einer Beschreibung der Rede zu liefern. Dies hat uns bald in Schwierigkeiten geführt. Wir treffen eine andere Annahme.
Wir nehmen an: meine Rede ist Teil meines aktuellen Zustandes, und damit kein - oder nicht nur - ein Gegenstand. (Wie hätte ich also einen Zustand ins Internet schicken sollen, Alexanders?) Der Zustand ist: ich halte eine Rede. Der Ausdruck "meine Rede" ist nicht deskriptiv, sondern verweist bloss auf meinen jetzigen Zustand. Dieser konstituiert sich aus einer Substanz - mir - und einer Eigenschaft - dem eine-Rede-halten. Das genügt aber noch nicht: euer Zustand ist der, dass ihr einer Rede zuhört. Damit ist expliziert, was sich im Ausdruck "eine Rede halten" verbirgt. Zur Rede gehören mindestens zwei Zustände. Ohne die Theorie hier weiter zu entwickeln: wir sehen, dass es unter Umständen auch sinnvoll ist, zu sagen, dass "meine Rede" dennoch ein Ereignis ist, das aus mehreren Zuständen sich zusammensetzt.
Mit der Frage "was ist meine Rede" habe ich den Versuch einer Instant-Selbstreflexion unternommen. Der Versuch ist verwirrend verlaufen. Vor ... Minuten hat für mich nicht eine Rede begonnen, sondern vermutlich ein aus mehreren Zuständen bestehendes Ereignis. Ich will, dass dies Ereignis nun bald zu Ende gehen wird. Dazu muss ich gehen. Bliebe ich hier, könnte ich im Lauf des Abends genötigt sein, noch einmal ein Wort gemeinsam an alle Anwesenden zu richten. Wäre das dann eine Fortführung des Zustandes, in dem ich jetzt bin? Oder könnte der Zustand Pause gemacht haben? Würde ich den Zustand bis dahin nicht ändern, und mich bis dahin offensichtlich gleich verhalten, wie andere hier: dasitzen, essen, nicht zu allen Anwesenden sprechen, jemandem, der zu allen Anwesenden spricht, zuhören usw. könnte man aus dem offensichtlichen Verhalten zu schliessen geneigt sein, dass so alle im gleichen Zustand sind heute abend, also alle im Zustand des eine-Rede-Haltens. Wenn aber alle eine Rede hielten heute abend, gäbe das eine sehr lange Angelegenheit. Oder es wäre einfach nicht mehr auszumachen, was eine Teilnehmerin, die eine Rede hält, von einem Teilnehmer unterscheidet, der keine Rede hält. Und das wollen wir doch alle nicht. Und dies wäre dann nur, weil ich - eigentlich - nach meiner Rede nicht habe die Klappe halten können?! Dies sei vermieden. Ich gehe. Ich wünsche euch allen einen guten Appetit, einen schönen Abend und bedanke mich bei euch für die Aufmerksamkeit.
Ich habe geschlossen.
[Anmerkung der Red.: Hierauf verlässt der Redner unverzüglich und wortlos die Veranstaltung.]