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Ist das närrische Treiben eine Jahrhunderte alte Tradition oder das Ergebnis einer Wiederbelebung?
Fasnacht, Fastnacht, Fasching, Karneval - um für die fünfte Jahreszeit eine historische Erklärung zu liefern, darf vieles zitiert werden: die Feste der Römer, Fruchtbarkeitsriten unserer Vorfahren, Bräuche aus dem Mittelalter. Es wird verschiedentlich sogar die These vertreten, das närrische Treiben sei auf die katholische Volkserziehung der mittelalterlichen Kirche zurückführen. Was im Fasching eigentlich gezeigt werde, sei die Welt, wie sie eben nicht sein sollte: die in Sünde gefallene Civitas Diaboli (der "Teufelsstaat") nach dem Zweistaatenmodell des Kirchenvaters Augustinus. Bis zum Aschermittwoch dürfen sich die Menschen das sündige Leben anschauen, das sie eigentlich nicht führen sollten. Einmal jährlich spielten sie es mit Masken nach. Ist die Fasnacht ein großes szenisches "So nicht, liebe Leute"?
Aus dieser Denkweise heraus könnten sich Teufel oder Dämonen als frühe Fasnachtsfiguren entwickelt haben. Eine weitere zentrale Figur der damaligen Fasnacht, der Narr, wurde als Inbegriff von Vergänglichkeit, Gottesferne und Tod gesehen. Während die Forschung noch bis in die 1980er-Jahre davon ausging, dass die Fasnacht einen nicht-christlichen Ursprung hat, ist sie sich heute einig, dass die Existenz der Kirche notwendige Bedingung zur Entstehung der Fasnacht war. Sicher ist auch, dass in der Fasnacht häufig Kritik an Obrigkeit und Kirche geübt wurde, was nicht selten zu Fasnachtsverboten führte.
Demnach hat es zu allen Zeiten und in allen Gesellschaftsformen einen Tausch der Rollen, die "Riten der Status-Umkehrung" gegeben. In dieser Zeit wurden die Gegensätze von hoch und niedrig, arm und reich, männlich und weiblich jedes Jahr für eine bestimmte Zeit auf den Kopf gestellt. Männer verkleideten sich als Frauen, Bettler als reiche Kaufleute, Kinder als Könige. Danach kehrte jeder in die vorgegebene Rolle zurück. Später wurden die wahrscheinlich schon bestehenden Verkehrungsriten, Verkleidungen und Vergnügungen vor der strengen Fastenzeit als fester Bestandteil betrachtet und auf die drei "tollen Tage" vor Aschermittwoch zusammengedrängt. So passte sich der Karneval in die Berechnungen des Kirchenjahres ein.
Wie der rheinische Karneval hat auch die schwäbisch-alemannische Fasnacht ihren Ursprung in Festen, die dazu dienten, verderbliche Lebensmittel vor Beginn der Fastenzeit aufzubrauchen. Derartige Veranstaltungen sind für ganz Mitteleuropa spätestens im 13. Jahrhundert nachgewiesen. Allerdings waren diese nicht mit der heutigen Fasnacht zu vergleichen und regional höchst unterschiedlich.
Ergänzend zum exzessiven Nahrungsmittelkonsum wurden ab dem 14. Jahrhundert Bräuche wie Tänze, Umzüge oder Fasnachtsspiele üblich. Auch hier spielten Speisen zunächst eine zentrale Rolle, beispielsweise in den Schembartläufen, den Fastnachtsumzügen der Nürnberger Zünfte, die vor allem im ausgehenden 15. und dem beginnenden 16. Jahrhundert Konjunktur hatten. Auch sind Metzgertänze aus anderen Städten belegt, an denen sich die tanzenden Metzger an Wurstringen zum Reigen festhielten.
Bislang war das Bild der Fasnacht von relativ einfachen Verkleidungen geprägt. Mit dem Aufkommen des Barock kam es im 17. Jahrhundert zu einer wesentlichen Aufwertung und Verfeinerung der Fasnachtsgestalten. Das gilt insbesondere für die verwendeten Masken, die nun statt wie bisher aus Ton oder Papier aus Holz geschnitzt wurden. Hinzu kam ein deutlicher italienischer Einfluss, fussend auf der Commedia Dell ‘arte.
Mit einem Streit zwischen den beiden Konfessionen um die Fasnacht sind wir bei der ersten schriftlichen Erwähnung der Fasnacht in Altstätten angelangt. Wir finden dies in einem Band „Manuscripte des reformierten Capitels im Rheintal“.
Am 9, April 1617 bat die evangelische Kirchgemeinde ihre katholischen Mitbürger: «...... es möchte das unnütze, unverschämte, heidnische Fasnachtswesen, nämlich die Mummerei und das Butzenwerk, aus welchem allerlei Übels und Unraths entstehe, sowie auch des Fackeln- und Funkenbrennen, das Scheibenschlagen und ähnliche Dinge, welche oft Ursache von Zwietracht und Lästerungen seien, obrigkeitlich verboten werden .... .
Am 19. April 1617 erhielten sie die Antwort, die hiess: "...... Stadtammann und Rat geben niemandem die Erlaubnis, sich als Butz zu verkleiden."
Nach dieser erstmaligen Erwähnung von „Mummerei und Butzenwerk“ folgt eine längere Periode ohne irgendwelche Erwähnungen. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts (im Jahre 1857 – Allgemeiner Anzeiger) ist wieder ein Verbot des Gemeinderates publiziert. Weitere Verbote, resp. mit der Zeit nur noch Warnungen und Einschränkungen für gewisse Gassen und Plätze. Es wird zusätzlich auch auf das „bettelhafte Maskengehen“ der Kinder (vermutlich Heischebrauch) hingewiesen und das Maskengehen auf die letzten 14 Tage der Fasnacht eingeschränkt. Das "Butzengehen" muss in einer viel heftigeren Form durchgeführt worden sein. Wird doch in den obigen Verboten von unanständigem Maskengehen, Benetzen von Personen und Gebäuden, sowie Schlegeln mit Blasen (vermutlich Blaternbutzen) berichtet. Aus den sich wiederholenden Verboten bis letztmals anno 1911 muss geschlossen werden, dass sich ein alter und verwurzelter Brauch nicht so ohne weiteres verbieten liess.
Ab dem Jahre 1864 wurde versucht, die Altstätter Fasnacht zu „kultivieren“, indem eine „gehobene Schau-Fasnacht“, im Gegensatz zur „Volksfasnacht“ wie sie damals von den Röllelibutzen verkörpert wurde, einzuführen. Aus dieser Zeit bis zur Jahrhundertwende sind Umzüge verzeichnet, mit mehr als 1'000 Mitwirkenden. Hierzu dürften auch die „Schlacht am Stoss-Aufführungen“ beigetragen haben. Infolgedessen werden die Röllelibutzen zwischenzeitlich eine „Wandlung“ durchgemacht und sich – wenigstens teilweise - an solchen Umzügen beteiligt haben.
Im Jahre 1919 folgte ein weiteres regierungsrätliches Verbot. Trotz diesem Verbot wurde ein Röllelibutzen-Umzug abgehalten, zumal kurz vorher der Röllelibutzen-Verein gegründet wurde. In diesem neugegründeten Verein wurde sehr stark auf Ordnung und Disziplin geachtet. Der Röllelibutzen-Verein hat sich schon damals zum Ziel gesetzt, alljährlich die Bevölkerung durch Fasnachtsumzüge und -Vorführungen zu belustigen.
Das Auffallendste am Kostüm des Röllelibutzen ist der Hut. Er ist helmartig aufgebaut und reich geschmückt mit Glaskugeln, bunten Bändern, Blumen und Federn. Am Hut wurden im Laufe der Zeit wohl die größten Änderungen vorgenommen, Vergleichen wir doch die Hüte um das Jahr 1900, so ersehen wir, dass diese viel kleiner und mit größeren Blumen und Kugeln (teilweise Christbaumkugeln) geschmückt wurden. Ursprünglich dürfte es sich um einen einfachen Filzhut gehandelt haben, der jeweils an der Fasnacht mit bunten Bändern, Kugeln, Blumen usw. geschmückt wurde. Ein gewisser Wettstreit um den «schönsten» Hut wird wohl zur heutigen Ausführung geführt haben. Eine Vereinheitlichung trat zudem ein, als die Hüte nicht mehr selbst, sondern nur noch von 2-3 Frauen gefertigt wurden.
Die Kleidung des Röllelibutzen besteht im Weiteren aus: dunklem Veston, weißer Hose, roter oder dunkler Weste, schwarzen Stiefeln und der Brustbänder in den Farben des Altstätter- und des St. Gallerwappens. Unter dem Veston (Kittel) trägt der Röllelibutz ein «Geröll», an welchem hinten eine bunte Quaste angebracht ist.
Zur Vervollständigung des Kostüms gehören eine fleischfarbene Drahtmaske und die Wasserspritze. Mit der Wasserspritze wird während des Umzuges oder nach der Polonaise Jagd auf Mädchen und Bekannte gemacht. Das Spritzen könnte sogar das Urelement der Altstätter Fasnacht sein.
Der Brauch der Röllelibutzen verkörpert weniger das Schreckhafte, Dämonische, sondern vielmehr Motive der gabenspendenden, eine glückliche Zukunft verheissenden Fruchtbarkeit. Die fleischfarbene Maske, welche die Jugend verkörpert und die mit Wasser angefüllte Spritze, das Zeichen des die Kulturen betauenden Wassers –ein alter Reinigungs- und Fruchtbarkeitszauber - sind in dieser Richtung zu deuten.
Im Butzentum sind auch Symbole von Rechtsbräuchen enthalten. So erinnern die Federn am Hute an die mittelalterliche Gerichtsbarkeit. Damals wurde der Verurteilte vor dem Antritt der Strafverbüssung an den Schandpfahl gebunden, wo er von den Vorübergehenden bespuckt und gelästert werden konnte. Bei Zustandekommen des Berufungsrechtes wurde dem Verurteilten als Zeichen der Begnadigung oder Verordnung einer milderen Straftat ein Arvenreis überreicht.
Der reiche Blumenschmuck am Hute bringt die sogenannten Frühlingsfeste in Erinnerung. Sie können als Symbol für das Wiedererwachen der Natur nach der strengen Winterzeit gedeutet werden. Die Bänder und auch die Ähren am Hute deuten auf die Erntefesttage am Kornberg hin. Dieser erhielt seinen Namen, da zur selben Zeit der Unfruchtbarkeit der Rheinebene wegen, das Korn am Berg gepflanzt werden musste. Der Name Kornberg steht auch im Zusammenhang mit der Pflicht der Zehnten Abgabe an die Abtei St. Gallen, urkundlich genannt im Zehntenbuch Jahrgang 1200-1300.
Die Ähre war schon immer das Sinnbild des Segens, darüber hinaus wird sie auch zum Symbol fruchtbringender Arbeit erhoben. Die Perlen oder Glaskugeln versinnbildlichen die Sonnenwende am 21./22. März und den Übergang von Winter auf den Frühling.
Die weissen Hosen, schwarzen Stiefel, dunkler Veston deuten auf das zunftgemässe Auftreten. Das Geröll, mit den klingenden Glocken, die während des Springens Lärm verursachen, ist als Symbol zur Vertreibung des Bösen zu werten. Mit viel Lärm glaubten unsere Vorfahren, die bösen Geister von Haus und Stall fernzuhalten.
Am Schluss der Umzüge an der Fasnacht wird jeweils auf der Breite eine Polonaise (eigentlich polnischer, feierlich geschrittener Tanz) abgehalten. Diese Polonaise besteht aus vier verschiedenen Reigen, die jeder ein anderes «Bild» ergibt. Die Polonaise ist vermutlich erst anfangs des 20. Jahrhunderts (kultivierte Fasnacht) in die Darbietungen der Röllelibutzen aufgenommen worden.
Abschließend noch einige Bemerkungen zur Namensbezeichnung «Röllelibutzen».
Als Röllelibutz werden unsere Masken bezeichnet, weil sie ein um die Lenden gegürtetes Rölleliband tragen. Früher war dieses Rölleliband ein «Pferdegeröll» mit vielen hell klingenden Rölleliglöckchen, wie sie für Schlittenfahrten usw. benützt werden.
Unter einem «Butz» — fälschlicherweise auch «Putz» geschrieben — versteht man eine verlarvte oder vermummte Person oder Maske. In einem deutschen Wörterbuch von 1860 wird ein «Butz» als «Schreckensgespenst, verlarvtes Wesen» und der «Butzenmann» als «Kinderschreck und Scheusal» beschrieben.