Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03509.jsonl.gz/1248

Hintergrund
Lastenträger, Kartoffelbauern, Bergführer, Taxifahrer, Grossstadt-Banker, Recycling-Spezialisten: Jeder hat seinen eigenen Stundenplan, und doch ist allen Nepalesen eines gemein: Ihr Tagesablauf richtet sich stark nach dem Gang der Sonne. Das gilt insbesondere für jene 85 Prozent der Bevölkerung, die ihr Geld als Bauern verdienen. Doch auch in den Grossstädten ist nach Sonnenuntergang kaum mehr viel los.
Tipp
Die Geschichtensammlung "Tilled Earth" der nepalesischen Schriftstellerin Manjushree Thapa gewährt Einblicke ins Privatleben von Nepalesen in verschiedensten Lebenslagen. Thapa schildert, wie sich ein alter Bauer im chaotischen Kathmandu verirrt, wie der Gehilfe des Innenministers die Freuden des Computerspiels "Solitaire" entdeckt, wie ein junger Student gegen den Willen seiner Eltern in die Politik eintritt und wie ein armes Mädchen vor lauter Gwunder in einem Bücherladen ein Buch klaut.
Bäuerin in der Früh und Richterin am Nachmittag
Rasch wischt Sita Rai die Hirsebüschel von der Veranda ihres orangen Lehmhauses direkt am Dorfplatz des 200-Seelen-Dorfes Sisne Khola im Osten des Landes. Sie stürmt ins dunkle Innere der Wohnstube und kommt eine Minute später mit einer frischen Strickjacke über den Schultern wieder heraus. Sie lächelt etwas verlegen. Mit so hohem Besuch aus dem fernen Europa hätte sie nicht gerechnet. Dabei weiss die 37-jährige Mutter zweier Söhne genau wie es ist, im Zentrum des Interesses zu stehen. Seit nunmehr fünf Jahren präsidiert sie den Dorfrat, bei dem in Sisne Khola alle Fäden zusammenlaufen. Als Dorfpräsidenten wacht sie über die Einhaltung der lokalen Gesetze, legt Strafen fest für die gelegentlichen Übeltäter, wacht über das Dorfvermögen, entscheidet über Kreditvergaben und berät sich einmal monatlich mit den Abgeordneten der 35 Haushalte über neue Investitionen und Anschaffungen.
„In unserer Gemeinde sind fast alle erwachsenen Männer in die Hauptstadt oder ins Ausland gereist, um dort Geld zu verdienen. Deshalb entscheiden in Sisne Khola die Frauen über das Schicksal der Dorfgemeinschaft“, erzählt Sita Rai und rückt sich die selbstgestrickte Mütze zurecht. Es ist kühl an diesem Mittag auf knapp 2000 Metern über Meer, das merkt jetzt auch die quirlige junge Frau.
Seit fünf Uhr morgens ist sie auf den Beinen, hat ihre beiden Auerochsen auf die Weide geführt, in ihrem üppigen Gemüsegarten gejätet, die beiden Söhne ein Weilchen auf dem langen Schulweg nach Rumjatar begleitet, Dal gekocht für den alten Nachbarn, die Hühner gefüttert und die Hirse zum trocknen ausgelegt. Verschnaufpausen gönnt sich Sita Rai keine. Als Mutter, Hausfrau, Bäuerin, Bürgermeisterin, Richterin und Chef-Bankerin hat sie alle Hände voll zu tun.
„In zwei Tagen setzen sich die Frauen des Dorfes zum monatlichen Dorfrats-Treffen zusammen. Wir entscheiden dann über den Bau einer öffentlichen Toilette neben dem Gemeindehaus.“
Ganz überzogen vom teuren Bauvorhaben sind die Dorfbewohnerinnen aber noch nicht. Deshalb will Sita am Nachmittag bei einzelnen Rats-Mitgliedern vorbeigehen und politische Überzeugungsarbeit leisten, bevor um vier Uhr ihre beiden Söhne hungrig von der Schule nach Hause kommen. Sita selbst ging nie zur Schule. Als Bauernmädchen war ihr das vergönnt.
Sie kann weder lesen noch schreiben. Weit gebracht hat sies aber allemal. Nur das mit dem Reisen, das wurmt sie jeden Tag.
„Ich würde wahnsinnig gerne mal nach Kathmandu fahren, oder Indien sehen. Aber, es bleibt keine Zeit, es ist viel zu viel zu tun.“