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Verena Stark
Ursi, 1925
In Geflochtene Leben erzählt die Verfasserin die Lebensgeschichten von vier Frauen, von ihrer Grossmutter, ihrer Mutter, ihrer Tochter – und von sich selbst als Ursi, geboren 1925. Der Auszug behandelt die 1930er Jahre.
Hinter dem gegenüberliegenden Hag, der niedriger war mit seinen verbogenen rostigen Spitzen, lag der Hof, der zu den grossen Häusern gehörte. Darin war früher gestickt worden. Ein weites, helles Treppenhaus zeigte noch, wie wohlproportioniert man sie als Fabrikli geplant und gebaut hatte. Nun waren die Hallen in Wohnungen umfunktioniert, mit grossen Stuben und weiten Gängen, engen Küchen, kalt und unwohnlich, mit nur einem Abtritt für zwei Familien. Aber billig waren sie, spottbillig. Hier liess der Besitzer der Ausrüstwerke seine Arbeiter wohnen, wofür sie dankbar zu sein hatten und es auch waren. Sicher, er zahlte schlecht – wer nicht? –, aber er schickte keinen weg, auch wenn er alt und langsam geworden war. Solange einer die Gesundheit und den Willen hatte, konnte er bleiben. Zu Erspartem zu kommen war schwer, das Armenhaus als Ende eines Arbeitslebens zu ertragen noch schwerer. Sie blieben gern.
Weber gab es nicht mehr, und die Sticker hatten ihre Maschinen verschrotten lassen müssen. Der Stickereiverband zahlte zweihundert Franken Alteisengeld und vierhundert Franken Prämie, wenn man versprach, nie mehr eine Maschine aufzustellen im Haus.
Sie waren nun Bleicher, Senger und Staber (1), schlurften in Holzschuhen, riesige Stoffballen auf die krummen Rücken geladen, von Halle zu Halle, hatten sich längst an Chlorgestank und heisse, stickige Trockenluft gewöhnt. Stets hofften sie, dass der Direktor nie selber vorbeikäme, um blaue Briefe zu verteilen oder verteilen zu lassen, weil auch hier die Aufträge immer spärlicher hereinkamen.
Im Hof lag schwarze Schlacke, spitzig und stechig. In einer Ecke wuchs eine niedrige Traueresche, breitete ein dunkles Blätterdach über den Tisch rund um ihren Stamm und die Bank davor. Darauf sassen die Frauen an warmen Nachmittagen, strickten dicke, graue Socken, stichelten an Hemdenflicken und nähten Stoffstücke auf Löcher in den Hosen. Sie hatten Buben, die auf Dreiangel spezialisiert waren, und Mädchen, die den Schürzen nicht weniger zusetzten. Über beides ärgerten sie sich, redeten leise miteinander, zerrten verdächtige Umstände in ein scharfes Licht, immer bestrebt, von der eigenen Misere kein Eckchen sehenzulassen!
Ursi bekam manch giftigen Blick – «was braucht die kleine Kröte überall herumzuhorchen?» –, auch wenn sie ein freundliches Kind war. Freundlich war sie zu allen, eben auch zur Anhalderin, zu dieser Fremden mit dem jungen, rosigen Gesicht und dem Kopf voll silberweisser Löckchen. «Wie konnte eine junge Frau, die eben mit dem vierten Kind ging, nur solche Haare haben? Und eine Schürze trug sie wieder: Ganz bunt geblümt und erst noch mit rotem Passepoil! Wirklich, man konnte sich nur wundern. Zudem war der Mann viel älter und katholisch, die Buben noch ein gut Teil frecher als die eigenen …», dachten die Frauen. Das leise Schwatzen war allmählich zum Flüstern geworden. Die Frau stand auf, rollte ihre Strickerei zusammen. «Adieu, Frau Anhalder», sagte Ursi und bedauerte, dass sie ging. Sie sah so gern zu, wie die Löckchen über den Ohren tanzten.
Wenn vom Fabrikkamin der heisere Feierabendpfiff ertönte, verschwanden die Frauen in ihren Wohnungen. Bald stieg dünner Rauch aus den Herdkaminen, Zichorienkaffee und Milch sotten in den russigen Pfannen, Brot gab es dazu, ein Stück Käse, saure Konfitüre, trockene Rösti oder Kartoffeln in der Schale.
Die Männer erschienen bald wieder; einige hatten unten am Bach ein Stück Garten, andere schulterten Beil und Säge. Im Kahlschlag am Hang oben gruben und sprengten sie die zähen Stöcke aus dem Boden, stockrot und morsch im Kern. Bald darauf wuchsen Himbeerstauden. Die Frauen holten sich die Beeren mit Kesseln und Körben, ebenso wie die Heidelbeeren und den wilden roten Holunder.
Wenn man nur nicht so viel Zucker hätte drantun müssen! Auch der gröbste, härteste kostete mehr als er sollte. Und da gab die Anhalderin ihren Buben gar ein Häuflein in ein Tellerlein, damit sie die sauren Apfelschnitze dreintunken konnten. Äpfel bekam man gratis vom Baumbestand der Fabrikliegenschaft, auch die rauhen Mostbirnen für den Znünimost. Aber Zucker für halbwüchsige Buben? «So durfte man die Gofen nicht verwöhnen, wenn etwas Rechtes aus ihnen werden sollte! Und wenn als viertes gar ein Mädchen käme, wohl, das gäbe ein verzogenes Balg, das würde man schon sehen, hätte es immer gesagt …» Ursi kauerte sich schnell wieder in ihren Sandhaufen, duckte sich tief, obwohl sie genau wusste, dass man keine Angst haben musste. Die Frauen waren nicht bös.
Ein paar Jahre später sassen die Frauen nur noch selten unter der Esche. Die Firma Hubatka aus dem Rheintal vergab eine ganz neue Heimarbeit: Filetstickerei; Tischdecken, grosse und kleine, und Vorhänge, riesige Stücke, mit viereckigen Zwischenräumen geknüpfte Netze, auf zweimeterlangen Rahmen aufgespannt, in die mit Kunstseidengarn wunderschöne Ornamente, Festonränder und kunstvolle Mittelstücke gestickt wurden.
Im heissen Wettstreit entwickelten die Frauen sich zu wahren Meisterinnen. Die Bank unter der Esche wurde schwarz und wurmstichig; die Stuben boten nur noch den Wänden entlang ein bisschen Wohnraum. Den besten, hellsten Platz brauchte der Filetrahmen. Die Gesichter wurden ein bisschen grauer vor lauter Stubenluft, die Schürzen und Blusen aber ein bisschen bunter, und der Metzger Bodenmann konnte auf seine Kundentour ordentlich mehr Servelatwürste, Landjäger und Schüblig mitnehmen.
[Ursis Vater] Hans Schadegg hörte die Nachrichten nur noch einmal am Tag. Wenn er nach dem letzten Kurs vor seiner Schüssel mit den in Butter gebratenen Teigwaren sass, konnte man wieder mit ihm plaudern. Die drei Mädchen schliefen längst. Die kleine Helene – das zarte, sonst so folgsame Kind – war einfach nicht ins Bett zu bringen, bevor die grösseren auch kamen. Das war doch gewiss nicht gesund für ein Zweijähriges … [Die Mutter] Ursela musste schnell noch ein bisschen darüber kummern. Hans hatte derweil ganz andere Gedanken hinter der Stirn, auf der der Mützenrand einen roten Streifen verewigt hatte: Seine heimliche Trinkgeldkasse zeigte nach der letzten Zählung einen Betrag, der ausreichen sollte für eine Reisewoche an die Riviera, ans Meer! Nicht gerade grossartig, verglichen mit den Plänen und Träumen seiner Jugendjahre, aber doch prickelnd und verheissungsvoll sollte die Reise werden. Schön brav mit dem Zug würden sie fahren, weder Luft- noch Seekrankheit konnten Ursela gefährlich werden, und Kopfweh hatte sie ja auch daheim.
«Und die Kinder?!» Der Ton war schon fast ein Nein-Sagen, aber dann liess sich Mutter Ursela überreden, Geissen, Katzen und Hühner eine Woche dem Gottlieb zu überlassen, und der Schnellzug in die südliche Ferne konnte abfahren.
Die Woche bekam Kindern und Tieren problemlos gut. Glücklich und begeistert kehrten die Reisenden zurück. Das ganze Dorf nahm neugierigen, neidischen, freundschaftlichen Anteil, die Freude hielt lange, lange vor. – Das musste sie auch!
(1) Berufe / Tätigkeiten zur Veredlung von Textilien (Red.)
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 264–266.
Erstpublikation: Verena Stark: Geflochtene Leben. Sarmenstorf: Verlag Papillon, 1993. S. 101–105.