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Ich erinnere mich: Am Morgen des 15. Juni 2008 bin ich in Zürich-Kloten gelandet, nachdem ich vier Monate im Haus von Heidi Kabangu-Stahel in Kinshasa verbracht hatte. Sie hatte mich gewarnt: Das wird ein Schock! In fünf Jahrzehnten zwischen Schaffhausen und Kinshasa habe sie gelernt, jedes Mal eine Art Schalter umzulegen: Schweiz on, Kongo off. Anders seien die Gegensätze nicht auszuhalten. Aber das könne man beim ersten Mal noch nicht.
Vom Kongo in die Schweiz
Die Rückkehr in die Schweiz am 15. Juni 2008 war tatsächlich ein Schock: Die A1 zwischen Zürich und Wil ist dermassen perfekt, dass mir angst und bang wird, und auch Toggenburg aufwärts gen Wattwil, wo ich wohne, stört kein einziges Schlagloch die zügige Fahrt. Zuhause kann ich es kaum glauben: Aus dem Wasserhahn strömt trinkbares Wasser, kalt, warm oder heiss. Ich dusche. In Kinshasa habe ich kein einziges Mal so geduscht. Mit Blechkübeln schöpften wir Wasser aus Eimern, die der Nachtwächter irgendwann spät gefüllt hatte, wenn während zwei oder drei Stunden Wasser aus der Leitung kam.
Kinshasa ist keineswegs arm an Wasser, denn der Kongo, an dem die Elf-Millionen-Megacity liegt, ist einer der mächtigsten Flüsse der Welt. Aber es ist arm an funktionierender Infrastruktur. Warum? Weil sich niemand für die Erneuerung maroder Rohre und Kabel zuständig fühlt. Warum nicht? Weil seit der Diktatur von Mobutu Sese Seko das Land von korrupten Typen regiert wird. Warum hat davor, am17. Januar 1961, wer auch immer den demokratisch gewählten Präsidenten Patrice Lumumba ermordet? Vielleicht weil Konzerne die vielen Rohstoffe, die in der kongolesischen Erde liegen, am besten ausbeuten können, wenn niemand sie mit Gesetzen und Steuerforderungen belästigt? Welche Konzerne? Solche zum Beispiel, die ihren Sitz am schönen Zugersee haben? Sind deshalb die Schweizer Nationalstrassen so aalglatt, während Schulen, Wasserleitungen und Stromnetze im Kongo verrotten?
Die globale Care-Gesellschaft
Das Buch, das ich gerade gelesen habe, heisst »Die Service-Public-Revolution«. Es hat viele Erinnerungen an Kinshasa wachgerufen. Beat Ringger und Cedric Wermuth schreiben zwar vor allem über die Schweiz, aber sie haben eine umfassende Vision: »Die Service-public-Revolution soll ... konsequent internationalistisch sein.«(9) Flächendeckende, staatlich finanzierte Leistungsnetze wie Wasser- und Stromversorgung, Schienenverkehr, Kitas oder Spitäler sollen ins Zentrum einer weltumspannenden »Politikwende« (9) rücken. Das bedeutet, »den Bereich unserer Gesellschaft auszubauen, der nicht der Logik der ... Gewinnorientierung unterworfen ist. ... Es bedeutet gleichzeitig, Verantwortung zu übernehmen ... für eine globale Care-Gesellschaft.«(9f)
Eine globale Care-Gesellschaft? Das würde ja bedeuten: Trams, regelmässige Stromversorgung, trinkbares Wasser, stabile Währung, verlässliche Geldtransfers, Altersheime nicht nur im Toggenburg, sondern auch in Bukavu? Das ist schier unvorstellbar, aber nichts als logisch. Denn warum sollten Leute, die in Mombele geboren wurden, weniger Anspruch auf Fürsorge und Förderung haben als Leute aus Nesslau? »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren...!« heisst es im 1. Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948.
Geist der Brüderlichkeit
Der Artikel 1 geht allerdings noch weiter: »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen...« - Nach der Lektüre der ersten hundert Seiten der »Service-public-Revolution« war ich dermassen müde von brüderlicher Old-School-Kampfrhetorik, dass ich dringend in den Garten musste, um nachzusehen, wie es den Krautstielen geht. Oh Mann! Muss man mir wirklich nochmal Marx rauf und runter erklären, aber der Frage, warum es acht Männer sind, die mehr besitzen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, keine nennenswerte Aufmerksamkeit schenken? (21ff) - Klar ist es erfreulich, dass ihr den Care-Begriff von der Frauenbewegung übernehmt, dass ihr höhere Löhne fürs mehrheitlich weibliche Pflegepersonal fordert, dass ihr den grössten Wirtschaftssektor, die unbezahlte Arbeit in Privathaushalten, nicht wie üblich ausblendet, dass ihr ausserfamiliäre Kinderbetreuung zum Service public zählen wollt. Aber soll es, wenn »Geschlechtergerechtigkeit« am Horizont erscheint, dann doch wieder um »Karriere« (174) statt um Revolution gehen? Um »volkswirtschaftliche Nutzeneffekte« und »Investition in die Kinder« (175) statt um Paradigmenwechsel? Wollen wir uns mal zusammensetzen und gemeinsam an argumentativer Stringenz arbeiten? Und übrigens auch an einer Theorie, die die Kategorie »Sinn« nicht auf die allerletzten Zeilen verbannt, sondern in die Mitte des Nachdenkens über den Service-public rückt?
Aus einer der serbelnden Institutionen, die ökosystemrelevante Sinnstiftung leisten könnten, bin ich am 18. Juni 2018 ausgetreten, weil ich an ihrer Selbstbezogenheit verzweifelt bin. Daran, dass die Sinnfrage womöglich die heikelste Frage ist, nachdem kein schwaches Geschlecht mehr zuhause gratis Liebe, Harmonie und Zuversicht produziert, ändert das aber nichts. Im Gegenteil: Habt ihr euch schon gefragt, wer in Zukunft die postpatriarchalen Sinnressourcen entwickeln und pflegen soll, die es der Menschheit überhaupt erst ermöglichen, ihr eigenes Überleben im zerbrechlichen Lebensraum Erde zu wollen?
Bleiben wir dran
Es ist trotzdem sehr gut, dass mitten in der Pandemiekrise dieses Buch in die Welt gekommen ist. Heidi Kabangu-Stahel würde das wohl auch so sehen. Denn wir wollen ja nicht weiterhin den Schalter umlegen müssen, wenn wir auch in Zukunft noch behutsam von der einen in die andere Weltregion reisen: Zürich on, Kinshasa off, weil die riesigen Unterschiede anders nicht auszuhalten sind.
Ja, es braucht eine globale Care-Gesellschaft, und wie wir uns Schritt für Schritt auf sie zu bewegen können, dafür gibt dieses Buch in all seiner Vorläufigkeit viele praktisch-politische Anregungen. Sprechen wir darüber und bleiben wir dran!
Ina Praetorius, feministische Theologin, Ethikerin, Autorin. www.inapraetorius.ch