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Es ist die letzte Station der Linie 2, die Arbeitenden haben die Metro längst verlassen, die multikulturellen Quartiere hat die Metro hinter sich gelassen. Die Hautfarbe der Menschen ist vorwiegend hell. Wer jetzt noch hier ist, wohnt entweder in einem der reichsten Quartiere der Stadt oder studiert an der Dauphine. Draussen regnet es – als wollte man nicht nass werden, rennt man getrieben von der Masse über die Strasse.
Es sind vorwiegend wohlhabende Menschen, die hier durch die Türen der Universität Paris-Dauphine strömen und den Beweis dafür in den Händen halten, dass es ihnen gebührt, dieses Gebäude zu betreten. Sie alle sind irgendwie markiert, sei es auf ihren Taschen, den Jacken, den T-Shirts, irgendwo steht Paris-Dauphine. Und wenn es nicht steht, dann glaubt man es ihnen an der Kleidung anzusehen. Dem Ritual an einem Flughafen gleichend, zeigen sie ihre Taschen und ihre Ausweise. «Ich bin eine von hier. Ich studiere hier. An der Universität Paris-Dauphine.»
Es war an einem Samstagabend, in meiner Lieblingsbar (am anderen Ende der Stadt, in der Nähe meiner Wohnung), als mir das Willkommensgeschenk der Universität Paris-Dauphine aus der Tasche fiel. Ein langweiliges graues T-Shirt mit hellblauem Aufdruck: Paris-Dauphine International University. Ich würde es höchstens zum Schlafen oder vielleicht für Gartenarbeiten benutzen. Ein Freund griff danach, um es aufzuheben. Als ob es sich um einen wertvollen Gegenstand handeln würde, riss er die Augen auf, spannte das Shirt zwischen seinen Händen und erwartete dieselbe Reaktion der anderen Anwesenden.
Eine Chance für viele
Und sie kam: «Styléee!» freuten sie sich über mein Pyjama. Stylisch war das Shirt bestimmt nicht, wichtig war die Tatsache, dass ich es geschafft hatte, ich war eine von ihnen, eine Studentin der Paris-Dauphine. Sie erzählten mir Geschichten darüber, wie sie versucht hatten, ins Programm «égalité des chances» aufgenommen zu werden. Die Universität gibt besonders talentierten Schülern aus dem Banlieue oder von etwas weniger wohlhabenden Familien die Chance, an der Dauphine zu studieren. Meine Geschichte hingegen ist simpel. Ich stamme weder aus einer wohlhabenden Familie, noch musste ich besonders gute Leistungen vorweisen, ich musste noch nicht einmal Französisch sprechen, aber ich bin Schweizerin. Ich trage dazu bei, dass die Universität ihren internationalen guten Ruf beibehält. Natürlich bin ich zurzeit nur Erasmus-Studentin und trotzdem wird auf meinem Zeugnis stehen, dass ich an der Universität Paris-Dauphine studiert habe.
Ich quasselte eine für eine Schweizerin vernünftige Rechtfertigung: Mir sei es nicht wichtig, an welcher Universität ich studieren würde, solange die Vorlesungen interessant seien. Da die Dauphine vor allem eine Wirtschaftsuni ist, würde ich ohnehin viel lieber an einer anderen Universität studieren, die der Soziologie etwas gerechter wird. Beispielsweise an der Sorbonne. Aber Luzern hat nun mal ein Abkommen mit der Dauphine. Angesichts der Tatsache, dass man bis anhin an der Universität Luzern gar nicht reine Wirtschaft studieren konnte, irgendwie paradox. Aber das muss ja keinen Sinn ergeben. Hauptsache, ich studiere an einer Eliteuni in Paris.
Beruflicher Erfolg
Aber darum ginge es nicht. Sie alle hatten studiert, ähnliche Fächer wie ich und bevorzugten interessante Vorlesungen. Doch wer an der Universität Dauphine studiert habe, hätte damit nicht nur ein Pyjama, sondern den Garantieschein für den beruflichen Erfolg. Beim aktuellen französischen Arbeitsmarkt ist das ein wahres Geschenk. Natürlich kennen wir in der Schweiz auch ein paar namhafte Universitäten/ Hochschulen, doch im Grossen und Ganzen spielt es keine Rolle, wo man studiert hat, sondern wie man danach damit umgeht, was man daraus macht. Wir tragen keine Pullis unserer Universität, um damit den Wohlstand unserer Eltern zu kennzeichnen, haben aber nach unserem Abschluss auch keinen Garantieschein für einen erfolgreichen beruflichen Einstieg.
Am nächsten Tag fuhr ich wieder mit der Metro durch ganz Paris, vorbei an den verschiedenen Quartieren bis zur letzten Station. Ich eilte durch die Kontrolle wie alle anderen und tauchte für einen weiteren Tag ein in ein anderes Paris, in das Reich der Elite und versuchte, irgendwie dankbar zu sein, obwohl die Vorlesung alles andere als interessant war.
Veröffentlicht am 27. Oktober auf zentralplus.ch