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Brasília, 21. Januar 2008
Die brasilianischen Ureinwohner trinken immer mehr Alkohol. Auf diese besorgniserregende Entwicklung machte nun die brasilianische Gesundheitsbehörde Funasa aufmerksam. Bemühungen, den Konsum innerhalb der indigenen Gruppen einzudämmen, sei in den letzten Jahren gescheitert, so Carlos Coloma, der zuständige Projektleiter der Funasa.
Die Aktivitäten wurden in diesem Bereich bereits 1999 gestartet und stellen einen Schwerpunkt bei der “geistigen Gesundheitsvorsorge“ der verschiedenen brasilianischen Ethnien dar. Besonders im Bundesstaat Rio Grande do Sul habe ein Pilotprojekt nicht die gewünschten Wirkungen gezeigt. Es ist nach Coloma nicht möglich, massiv den Alkoholismus unter den Indios zu bekämpfen, wenn man die Hintergründe nicht versteht oder wenn keine Kenntnisse über die Motivation des Alkoholkonsums für die einzelnen Gruppen vorliegen. Mittlerweile sei das Problem als epidemisch zu bezeichnen.
Derzeit wird ein stetiger Kampf gegen den Alkoholismus in sieben der 34 Verwaltungsbezirke der Gesundheitsfürsorge für indigene Gruppen geführt, dort wo die Kennzahlen am dramatischsten sind. Dies sind die Guarani in Rio Grande do Sul, die Kaigang in Paraná, die Pankararu in Pernambuco, die Guarani Kaiowa un Nhandeva in Mato Grosso do Sul, die Tremembé in Ceará, die Karajá und Javaé im Grenzgebiet der Bundesstaaten Tocantins, Mato Grosso und Goiás sowie die Tikuna in der Region Rio Alto Solimões in Pará.
Die Methoden, welche die Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden vor Ort anwenden, sind für die normale Bevölkerung teilweise schwer zu verstehen. So wurden in Rio Grande do Sul für die jüngeren Indios so genannte “Götterboten“ geschaffen, die die Worte des indianischen Gottes Ianderu in der ganzen Gemeinschaft verbreiten. Und nach Ianderu ist in einem gesunden Leben kein Alkohol enthalten.
Grösstes Problem ist auch der Zugang zum Alkohol. In vielen Reservaten und Dörfern ist die Droge sehr leicht zu bekommen. Meist liegen die Indiogemeinschaften in der Nähe von brasilianischen Städten und Gemeinden. Und dort herrscht selbstverständlich eine riesige Auswahl an alkoholischen Getränken, die bereitwillig verkauft werden. Allerdings greifen die Indios kaum auf Bier oder Wein zurück. Beliebtestes Getränk ist der Cachaça, ein Schnaps aus Zuckerrohr mit einem Alkoholgehalt von um die 40 Prozent.
Auch die Art des Konsums unterscheidet sich von der generellen brasilianischen Bevölkerung. Wenn die indigenen Gruppen in ihren Dörfern feiern, dann trinken alle kollektiv mit. Und zwar solange der Vorrat reicht. Es sind dann wahre Massenbesäufnisse, glaubt man den Aussagen der Funasa. Der Verkauf von flüssigem Alkohol ist in den Indianersiedlungen verboten, als Gel darf es jedoch erworben werden. Aber auch dies löst nicht das Problem, da sie daraus ein Gelee machen und es dann aufs Brot schmieren.
Doch noch weitere Faktoren bestimmen den „indigenen Alkoholismus“. Neben extrem niedrigen Preisen für den hochprozentigen Schnaps ist die soziale Ausgrenzung von der übrigen brasilianischen Gesellschaft und der zunehmende Verlust ihrer Lebensräume Hauptindikator, warum immer mehr junge Indios zur Flasche greifen. Und durch den exzessiven Alkoholmissbrauch stieg die Selbstmordrate unter den indigenen Völkern in den vergangenen Jahren rapide an. Ohne Zukunftsperspektiven, mehr Freiräumen für die ursprüngliche Lebensweise oder eine verbesserte Integration in die brasilianische Gesellschaft wird sich diese Entwicklung weiter fortsetzen.
Dietmar Lang für BrasilienPortal