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Der Schwarzgefleckte Bläuling (Maculinea arion)
oder
Spezialisten leben gefährlich
© 1987 Markus Kappeler
Spezialisten haben's nicht leicht. Das zeigt sich am Beispiel des Schwarzgefleckten Bläulings, der sich im Kampf ums Überleben mit seinen Feinden, den Ameisen, verbündet hat. In ganz Mitteleuropa ist er schwer bedroht, auf den Britischen Inseln gar ausgestorben. Der Grund: geringfügige Umweltveränderungen.
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Wie alle Tagschmetterlinge durchläuft der Schwarzgefleckte Bläuling (Maculinea arion)
in seinem Leben die vier Phasen Ei/Raupe/Puppe/Falter. Dabei hat er im Unterschied zu anderen Schmetterlingen einen besonderen «Trick» entwickelt, um im Raupenstadium einen gedeckten Tisch zu haben, gleichzeitig vor Feinden sicher und erst noch im Winter nicht den Unbilden der Witterung ausgesetzt zu sein: Er produziert Zuckersaft und lässt sich als Gegenleistung von Ameisen betreuen.
Der Schwarzgefleckte Bläuling fliegt in einer Generation von Mai bis August. Er hält sich vorzugsweise auf trockenen Wiesen auf. Das Weibchen legt seine befruchteten Eier auf den Feldthymian, seltener auf den Dost. Die Raupen ernähren sich anfänglich von den Thymianblüten. Nach der zweiten Häutung entwickeln sich Rückendrüsen, welche ein zuckerhaltiges Sekret abgeben. Die Raupen erregen in diesem Stadium das Interesse von Knotenameisen der Gattung Myrmica
. Während diese Ameisen andere Schmetterlingsraupen vielfach angreifen, töten und in ihren Bau schleppen, betrillern sie die Bläulingsraupen mit den Fühlern, bis diese ihre süsse Flüssigkeit abgeben, und nehmen das Sekret dann gierig auf.
Nach der dritten Häutung verlässt die Raupe ihre Nährpflanze und beginnt auf dem Boden umherzukriechen. Nun packen die Ameisen die Raupe und tragen sie in ihr Nest. Erstaunlicherweise darf sie sich dort von den Ameisenlarven ernähren - wenn sie dafür nur den begehrten Trunk liefert. So verbringt die Raupe den Winter, geschützt vor Feinden, Schnee und Eis. Im folgenden Frühjahr verpuppt sie sich im Ameisenbau. Der nach etwa drei Wochen ausschlüpfende Falter muss auf dem schnellsten Weg den Ameisenbau verlassen, da er im Gegensatz zur Raupe kein Gastrecht geniesst. Zum Schutz vor den aggressiven Ameisen ist sein Körper mit wolligen Schuppen bedeckt, die in den Kiefern seiner ehemaligen Gastgeber zurückbleiben, wenn er den Ausgang sucht.
Dieses lohnende Arrangement des Schwarzgefleckten Bläulings mit den Knotenameisen, das sich im Laufe langer Zeiträume entwickelt hat, besitzt leider auch seine Kehrseite. Der Bläuling ist heute auf Gedeih und Verderben vom Funktionieren dieses Zusammenwirkens abhängig. Ohne die Hilfe seiner Ameisen vermag er sich nicht mehr zu entwickeln. Wie rasch solche hochgradigen Abhängigkeiten zu tückischen Überlebens-Engpässen werden können, hat sich in England gezeigt, wo die Art - trotz aller Schutzbemühungen - kürzlich ausgestorben ist:
Im Laufe dieses Jahrhunderts wurde der Rückgang des Schwarzgefleckten Bläulings in England mit zunehmender Besorgnis verfolgt. Mancherorts erwies sich die Zerstörung seines Lebensraums als Ursache. Die meisten Verluste aber waren unerklärlich, da sie in Gegenden vorkamen, die so geeignet wie eh und je erschienen. So verschwand der Schmetterling sogar aus den fünf Naturschutzgebieten, die eigens zu seiner Rettung geschaffen worden waren! Als schliesslich der Bläuling in den siebziger Jahren dem Aussterben nahe war, wurde von den britischen Naturschutzkreisen ein grossangelegtes Forschungsprogramm in die Wege geleitet. Dieses brachte schon bald den wahren Grund für den rapiden Schwund der Blaeulingsbestände an den Tag. Obschon nämlich fünf verschiedene Knotenameisen-Arten im Lebensraum des Falters vorkommen, kann die Schmetterlingsraupe nur im Bau einer einzigen Art, Myrmica sabuleti
, gedeihen. Ausserdem muss diese Art in grosser Zahl vorkommen, da eine Ameisenkolonie kaum mehr als einen einzigen Schmetterling aufs Mal verkraften kann. Sabuleti
-Knotenameisen in ausreichender Zahl kommen aber nur an warmen, trockenen Hängen vor, wo der Rasen vom Vieh so stark abgegrast und niedergetreten ist, dass die Sonne die unterirdischen Bauten der Ameisen genügend erwärmen kann. Wächst das Gras zwei oder drei Zentimeter zu hoch, so geben die Ameisen ihre Nester auf, und der Schwarzgefleckte Bläuling stirbt an diesem Ort aus.
Nun war alles klar: Da in den letzten Jahrzehnten die meisten trocken-warmen Böschungen von der Landwirtschaft aufgegeben worden waren, erloschen die Vorkommen des Bläulings eines nach dem anderen - obschon noch andere Knotenameisen-Arten vorhanden waren und auch durchaus genügend Raupenfutterpflanzen dort wuchsen. Deshalb war der Falter auch so rasch aus den für ihn eingerichteten Naturschutzgebieten verschwunden, aus denen man mit den Sammlern auch gleich das Vieh ausgeschlossen hatte...
Als die ökologischen Bedürfnisse des Schwarzgefleckten Bläulings endlich aufgeklärt waren, gab es leider auf den Britischen Inseln bereits keine Vertreter dieser Art mehr. Ein Wiedereinbürgerungsversuch läuft derzeit - mit noch ungewissem Ausgang.
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