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Ein krummer Arm nach einem nicht richtig verheilten Bruch oder eine bleibende Furcht vor der Einsamkeit – auch nach über 50 Jahren. Es sind äusserliche und innere Verletzungen, die zurückgeblieben sind, auch wenn die ehemaligen «Schrankkinder» heute fest im Leben stehen.
Am stärksten präsent ist aber immer noch «diese Angst ... diese stumpfe Angst, erwischt zu werden», wie Catia Porri (69) erzählt.
Saisonniers in der Schweiz
- Das Saisonnierstatut war ein Instrument, um Kurzaufenthaltsbewilligungen für ausländische Arbeitskräfte zu regeln.
- Es galt von 1934 bis 2002, bis zum Inkrafttreten der Personenfreizügigkeit mit der EU.
- Damit konnten Schweizer Unternehmen ausländische Angestellte während einiger Monate pro Jahr (eine Saison) beschäftigen.
- Diese wurden je nach wirtschaftlichem Bedarf in die Schweiz geholt, beispielsweise in der Industrie, im Baugewerbe oder im Tourismus.
- In der Hochkonjunktur in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg stieg der Bedarf an Saisonniers stark.
- Eine Niederlassung oder ein Nachzug der Familie war bei den Saisonniers ursprünglich nicht vorgesehen. Später konnte nach einigen Jahren eine Jahresbewilligung beantragt werden, womit auch der Familiennachzug möglich wurde.
- Um 1970 lebten laut Schätzungen 10'000 bis 15'000 Saisonnierkinder illegal in der Schweiz, sogenannte «Schrankkinder».
- In diesem Umfeld kam die Überfremdungsinitiative von James Schwarzenbach zustande, die am 7. Juni 1970 mit 54 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt wurde.
«Diese endlose Warterei, jeder Tag gleich wie der andere, immer warten, bis es besser wird.» Sechs Monate lang war sie jeweils eingesperrt in einem der zwei kleinen Mansardenzimmer, die ihre Eltern unter dem Dach eines Hauses am Zürichberg gemietet hatten, neben den Bediensteten des Hauses.
Catia Porri durfte sich nicht bewegen, keinen Lärm machen, geschweige denn aus dem Fenster blicken – nur liegen, lesen und zeichnen: «Ich musste total unscheinbar sein. Das war ein lethargischer Zustand, in dem man alles runterfahren muss. Nur eines konnte man nicht runterfahren: die Angst meiner Eltern. Sie redeten immer leise. Und auch mir wurde ständig eingebläut: Sei still, rede leise. Trotzdem hätte ich es fast lieber gehabt, wenn man mich entdeckt und wieder nach Florenz zurückgeschickt hätte. Das wäre besser gewesen als eingesperrt zu sein.» Und so hat Catia Porri auch heute noch manchmal Mühe, mit Momenten der Einsamkeit zurechtzukommen.
Stundenlang allein im Wald
Auch Egidio Stigliano (60) ist ein ehemaliges verstecktes Kind. Allerdings musste er sich nicht in einem Zimmer (oder bei Besuch in einem Schrank) verstecken, sondern im Wald – am Ortsrand von Altstätten im St. Galler Rheintal, wo er mit seinen Eltern wohnte. Und so schickten diese den kleinen Jungen tagsüber nach draussen, wo er im Schutz und Schatten der Bäume stundenlang allein an einem Bach verbrachte und zu fischen versuchte.
Du bist schuld, wenn deine Familie aus dem Land geworfen wird.
Als er sich bei einem Sturz den Arm brach, durfte er nicht ins Spital gehen, vor lauter Angst, die Familie könnte ausgewiesen werden. «Du bist schuld, wenn deine Familie aus dem Land geworfen wird», redete er sich ein.
Und so steckt ihm dieses beklemmende Gefühl auch heute noch in den Knochen, wenn er darüber spricht. Zwar fand sich ein Dorfarzt, der den Buben mit einem Verband behandelte. Ohne Gips konnte der Bruch aber nicht richtig verheilen, und so blieb ein krummer linker Arm als bleibende Erinnerung zurück.
Egidio Stigliano kam mit sieben Jahren aus der Region Basilicata in Süditalien in die Schweiz. Nachdem seine Nonna gestorben war, holten ihn seine Eltern nach Altstätten, wo sie bereits seit vier Jahren als Saisonniers arbeiteten.
Beim Schulbesuch wurde die Fremdenpolizei hellhörig
Eines Tages wurde er im Wald von einer Ordensschwester und Lehrerin entdeckt. Diese setzte sich dafür ein, dass der Bub die Schule besuchen konnte. Daraufhin wurde allerdings die Fremdenpolizei hellhörig und wollte die Familie ausweisen. Sie konnte nur bleiben, weil sich der Arbeitgeber des Vaters, ein Bauunternehmer, vehement für die Familie einsetzte. Egidios Vater war sehr begabt im Bauen von Steinmauern, und darauf wollte der Chef nicht verzichten.
«Meine Schulzeit in der Schweiz war eine Katastrophe», sagt Catia Porri. Sie war 12, als sie mit ihren Eltern in die Schweiz einreiste. Der Vater arbeitete als Schweisser, die Mutter als Näherin in einer Hutfabrik. Catia kam mit einem Touristenvisum ins Land.
Ihr Vater meldete sie an der Schule an, worauf sie als 12-Jährige in eine Klasse mit 9-jährigen Schülerinnen und Schülern gesteckt wurde, da sie kein einziges Wort Deutsch sprach. In der Primarschule am Zürichberg war sie eine Exotin, und der Lehrer nahm keine Rücksicht auf ein Kind, das die Sprache nicht konnte.
Illegale Leidenszeit
Zu allem Übel wurde sie von der Fremdenpolizei nach Ablauf des Touristenvisums wieder nach Italien zurückgeschickt. Der Vater brachte sie im Kofferraum seines Lancias zwar gleich wieder zurück. Damit begann für das Mädchen aber die Leidenszeit als verstecktes Kind, allein in der Illegalität.
Sechs Monate im Mansardenzimmer, dann folgten jeweils sechs Monate mit dem Touristenvisum in der Schule. Drei Jahre hintereinander. «Nach den ersten sechs Monaten in meinem Zimmer steckten sie mich gleich noch einmal mit den 9-Jährigen in eine Klasse, damit ich besser Deutsch lernen konnte. Ich hatte im halben Jahr als Schrankkind ja keine Fortschritte machen können, auch wenn mir mein Vater manchmal Tierheftchen als Lektüre mitbrachte. Und so war ich noch einmal ein Jahr älter und musste mit Mitschülerinnen und Mitschülern in dieselbe Klasse gehen, die nun vier Jahre jünger waren. Das war noch schlimmer als beim ersten Mal, weil ich schon wieder von vorn anfangen musste.»
Ich hatte im halben Jahr als Schrankkind keine Fortschritte machen können, auch wenn mir mein Vater manchmal Tierheftchen als Lektüre mitbrachte.
Und doch: Catia Porri blieb in der Schweiz und schaffte es später mit viel Hartnäckigkeit an die Kunstgewerbeschule. Sie wurde Fotografin, arbeitete als Bildmischerin beim Schweizer Fernsehen und später im Sozialbereich.
Nur an Weihnachten und in den Sommerferien zusammen
Egidio Stigliano lernte an der Primarschule in Altstätten zwar rasch Deutsch, wurde aber nach wenigen Jahren von seinen Eltern wieder nach Italien zurückgeschickt. Die Eltern dachten, sie würden sowieso nicht lange in der Schweiz bleiben. Am Ende wurden aber über 40 Jahre daraus.
Und so wuchs Egidio Stigliano schliesslich bei seiner Tante auf, die ihn wie einen eigenen Sohn behandelte. Die Eltern sah er nur noch an Weihnachten und in den Sommerferien. Vor deren Ankunft konnte er vor lauter Aufregung jeweils kaum schlafen – und doch blieb ihm der Vater später fremd.
Erst mit über 30 Jahren kam er wieder in die Schweiz. Heute lebt er in Liechtenstein und arbeitet er als Neuropädagoge in den Kliniken Valens, wo er Schlaganfall- und Schleudertrauma-Patienten in der Reha unterstützt. Mit Altstätten fühlt er sich versöhnt und immer noch verbunden. Beispielsweise, wenn er durch das Waldstück seiner Jugend spaziert und die dortige Luft einatmet: «Hier fühle ich mich zu Hause.»