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In den 70er-Jahren lehrte an der Universität Bern ein gewisser Hermann Gottlieb Bieri. Der inzwischen verstorbene Mann ist nicht als genialer Ökonomieprofessor in die Geschichte eingegangen. Und
doch habe ich bei kaum einem Lehrmeister so viel gelernt wie bei ihm.
Anderen dürfte es ähnlich ergangen sein: Bei Bieri waren die Hörsäle stets gut besucht.
Der Andrang hatte auch damit zu tun, dass Bieri ein äusserst unterhaltsamer Zeitgenosse war. Drang schallendes Gelächter in die Gänge, durfte man davon ausgehen, dass Bieri seine Vorlesung hielt. Einmal kam während der Vorlesung ein Mann in den Hörsaal und wechselte mit dem Ökonomieprofessor einige Worte. Es stellte sich heraus, dass es sich um einen Theologen handelte. Bieri sagte, als der Mann wieder gegangen war: «Das Bodenpersonal vom lieben Gott hat sich im Hörsaal geirrt.»
Nichts liebte Hermann Gottlieb Bieri mehr, als die Ökonomenzunft auf die Schippe zu nehmen. Während andere Volkswirtschafter mit komplizierten Gleichungen und mathematischen Formeln den Eindruck erwecken wollen, Ökonomie sei eine exakte Wissenschaft, versuchte Bieri zu relativieren, wo er nur konnte. «Wer recht hat, wissen wir nicht», beliebte er
zu sagen.
Einmal erzählte er etwas von der Waldau. Darauf suchte er mit seinem stechenden Blick die Augen eines dunkelhäutigen, Afrika-stämmigen Kommilitonen, der in der ersten Reihe sass. «Wissen Sie, was die Waldau ist?» fragte Bieri rhetorisch. «Die Leute draussen sagen, die Leute drinnen spinnen. Und die Leute drinnen sagen, die Leute draussen spinnen Wer recht hat, wissen wir nicht.»
Es mangelt an Leuten, die der Volkswirtschaftslehre mit derselben Skepsis begegnen wie Volkswirtschafter Bieri. Politiker von links und rechts berufen sich auf ökonomische Theorien und behaupten, zu wissen, wie sich ein gesetzlicher Mindestlohn, die Erhöhung der Mehrwertsteuer oder ein zu starker Franken auf die Wirtschaft auswirken werden. Manchmal haben sie recht. Manchmal auch nicht. Oder in den Worten von Hermann Gottlieb Bieri: «Wer recht hat, wissen wir nicht.»
Erschienen in der BZ am 21. Januar 2014