Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03636.jsonl.gz/1690

Predigt am 22.10.2023 in der EMK Adliswil
Liebe Gemeinde,
vermutlich im Sommer des Jahres 50 n.Chr. kam der Apostel Paulus auf seiner zweiten Missionsreise nach Korinth. In der pulsierenden Hafenstadt blieb er eineinhalb Jahre und gründete eine christliche Gemeinde. Diese scheint schnell gewachsen zu sein und hat Menschen unterschiedlichster Couleur angezogen. Die Gemeinde erlebte schon in den ersten Jahren eine turbulente Geschichte. Das spiegelt sich auch in einem wechselhaften Verhältnis zwischen der Gemeinde und ihrem Gründer. Die beiden Briefe an die Korinther lassen da Vieles durchscheinen: Nachdem Paulus weitergezogen war, kamen nämlich andere christliche Missionare nach Korinth. Sie legten neue Schwerpunkte und widersprachen Paulus in manchen Punkten. So entstanden konkurrierende Richtungen in der Gemeinde. Es drohten sogar Spaltungen. Paulus versuchte zu vermitteln, wie sein erster Brief zeigt. Dennoch kam es zum zwischenzeitlichen Zerwürfnis. Schliesslich aber versöhnten sich Paulus und die Korinther wieder.
Der zweite Korintherbrief ist im Tonfall sehr wechselhaft. Darum wurde oft vermutet, er sei aus mehreren Briefen nachträglich zusammengesetzt. Sicher bestand der Briefwechsel zwischen Paulus und der Gemeinde nicht nur aus den beiden im NT erhaltenen Schreiben. Aber nicht nur die Briefe der Gemeinde an den Apostel, sondern wohl auch Briefe des Apostels sind verloren gegangen.
Der Abschnitt, der meiner heutigen Predigt zugrunde liegt, gehört in die spannungsvolle Beziehung zwischen Paulus und den Korinthern. Es geht um die Legitimation Paulus‘ als Apostel. Nachdem andere Missionare Empfehlungsschreiben (von wem auch immer) vorgelegt hatten, wurde offenbar die Autorität des Apostels von manchen in Korinth angezweifelt. Paulus wehrt sich mit dem Hinweis darauf, dass die von ihm gegründete Gemeinde sein – lebendiges — Empfehlungsschreiben sei (Paulus schreibt ‚unser‘, weil er den 2. Kor zusammen mit Timotheus verfasst hat). – Ich lese nun 2.Korinther 3,1–6:
Fangen wir jetzt schon wieder damit an, uns selbst zu empfehlen? Brauchen wir etwa wie gewisse Leute Empfehlungsschreiben von euch oder an euch? Unser Empfehlungsschreiben seid doch ihr. Ihr seid in unsere Herzen geschrieben, und alle Menschen können es lesen und verstehen. Ja, es ist offensichtlich: Ihr seid ein Empfehlungsschreiben, das von Christus kommt. Zustande gekommen ist es durch unseren Dienst. Es wurde nicht mit Tinte geschrieben, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes. Es steht auch nicht auf Steintafeln, sondern in den Herzen der Menschen.
Diese Zuversicht haben wir durch Christus. Sie gilt auch gegenüber Gott. Von uns aus sind wir dazu gar nicht fähig. Wir können uns nicht etwas zuschreiben, als hätten wir es aus eigener Kraft erreicht. Sondern es ist Gott, der uns dazu befähigt hat. Er hat uns die Fähigkeit verliehen, Diener des neuen Bundes zu sein. Und die Grundlage dieses Bundes sind nicht Buchstaben, sondern der Heilige Geist. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.
Wie gesagt: Paulus kämpft dagegen, dass ihm seine Legitimation als Apostel abgesprochen wird. Er hat den Korinthern zwar kein Empfehlungsschreiben vorgelegt. Aber aus seinem missionarischen Wirken ist die Gemeinde entstanden. Ganz verschiedene Menschen haben Christus kennen und lieben gelernt. Die rettende Kraft von Gottes Geist wurde erfahren. Das spricht doch für sich. Die entstandene Christus-Gemeinde selbst ist das beste Empfehlungsschreiben, das sich ein Apostel wünschen kann.
Man kann und darf das Bild von der konkreten Situation lösen. Dann beschreibt es Sinn und Zweck (= Auftrag) einer Kirche/Gemeinde: Sie ist ein Brief Christi, der von der Liebe Gottes erzählt. Geschrieben vom Heiligen Geist an alle Menschen. Wobei es nicht auf die einzelnen Buchstaben ankommt, sondern darauf, dass Leben geweckt und Vertrauen ermöglicht wird.
Mir gefällt dieses Bild sehr. Auch wir als Gemeinde/Bezirk sind ein Brief Christi. Unser Daseinszweck besteht darin, dass der Liebesbrief Gottes gelesen wird, dass so Menschen von Verhärtungen und Verkrustungen erlöst werden und Gottes Geist bewirkt, dass sie ihre Lebendigkeit entfalten und feiern.
Das Bild der Gemeinde als Liebesbrief Christi hilft mir zu erklären und einzuordnen, was wir als Bezirksvorstand im SLI-Prozess machen (bzw.: womit wir anfangen und in was wir die Bezirksgemeinde einbinden zu können hoffen): Wir suchen nach Antworten auf die Frage: Wie können wir heute als EMK-Bezirk für die Menschen im Sihltal und in Wollishofen dieser Liebesbrief Christi sein? Möglichst viele sollen verstehen: Christi Brief ist an mich persönlich gerichtet. Sie sollen den Brief als herzliche Einladung lesen können. Sie sollen die Einladung annehmen können und das Leben, die Lebendigkeit finden, die Christi Geist schenkt. – Was können wir in der Art, wie wir Gemeinde organisieren und leben, dazu beitragen? Wie dienen wir am besten dem Ziel, dass Christi Liebe viele Menschen erreicht.
Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen haben wir eine Vision und Werte formuliert. Wobei – das ist wichtig – es nicht auf die einzelnen Buchstaben ankommt. Das steht ja auch im Predigttext. Nicht Buchstaben, sondern der Geist macht lebendig. Insofern bleiben alle Formulierungen vorläufig und müssen je nach Zeit und Situation wieder neu geschrieben werden.
Wir haben Vision und Werte im September bei einem Kirchenkaffee vorgestellt … und realisiert, dass Vieles auch missverständlich ist. Darum möchte ich an dieser Stelle zweierlei festhalten:
Erstens: Manche waren etwas enttäuscht, weil sie empfanden: „Das ist ja gar nicht neu!“ – Das stimmt. Wir erfinden Kirche/Gemeinde nicht neu. Das ist auch nicht nötig. Sie ist ja schon erfunden – von Christus. Und der Auftrag, ein Liebesbrief Christi zu sein, ist zeitlos.
Wir suchen nur nach den Formulierungen, die uns am besten helfen, diesen Auftrag auch umzusetzen. Sprache ist ja etwas Lebendiges und stetiger Veränderung unterworfen. Dem tragen wir Rechnung und versuchen, das ‚Alte‘/Bisherige neu und aktuell zu formulieren.
Zweitens: Manche waren auch etwas irritiert und reagierten mit der Frage: „War denn früher alles schlecht?“ – Nein! Natürlich nicht. Vieles war gut, sogar sehr gut. Wir sind und bleiben sehr dankbar dafür, wie z.B. der Chor über viele Jahre die Gemeinde belebt und getragen hat.
Es geht im SLI überhaupt nicht um eine (negative) Bewertung der Vergangenheit. Wie sollten wir auch aus heutiger Sicht angemessen beurteilen können, was vor 15 oder 25 Jahren gut war und was nicht. – Wir kommen aber nicht umhin festzustellen, dass heute nicht mehr funktioniert, was damals gut ging. Wir möchten herausfinden, was denn heute die Menschen um uns herum so gut auf die Liebe Christi hinweisen könnte, wie es z.B. der Chor lange konnte
Auch heute sind wir herausgefordert, ein Liebesbrief Christi an die Menschen um uns herum zu sein. Wie das gelingen kann, versuchen wir im SLI herauszufinden. Und es ist uns ein grosses Anliegen, alle in dieses Fragen einzubeziehen. Schliesslich sind wir dann ja auch alle gefordert, die hoffentlich zu findenden Antworten zu leben und umzusetzen. – Darum nehme ich mir übrigens vor, Anfang 2024 eine Predigtreihe zu den Werten unserer Gemeinde zu erarbeiten und zu halten
Kommen wir nun noch einmal zurück zum Predigttext aus 2.Kor 3,1–6: Neben dem Bild des Briefes/Empfehlungsschreibens enthält er ein zweites Element, das mir ausgesprochen wichtig scheint: In drei Begriffspaaren umreisst Paulus einen Gegensatz: Buchstabe – Geist; tot – lebendig; Steintafeln – Herzen.
Glaube weckt Leben. Und Leben bringt Veränderung. Gemeinde und Kirche, in denen Glaube wachsen, müssen deswegen auch etwas Lebendiges sein. Da gehört Veränderung dazu. Es lässt sich weder in Buchstaben giessen noch in Felsen meisseln, was es mit dem Glauben auf sich hat. Sondern es muss lebendige Herzen prägen. Der Geist muss hindurchströmen wie das Blut durch das Herz. Es geht darum, das Leben, das Christus schenkt, zu feiern.
Marion Moser, die einige Jahre in Adliswil reformierte Pfarrerin war, hat danach eine lange Pilgerwanderung gemacht. Sie ist von Nord nach Süd durch ganz Deutschland gewandert. Darüber hat sie ein Buch geschrieben, das kürzlich erschienen ist: Meine Füsse, der Rucksack und ich. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre. (ich habe übrigens noch ein – leicht gebrauchtes — Expl. zu verschenken).
Darin beschreibt sie einmal, wie sie vor ihrer Wanderung auf grosse Inspiration und spirituelle Impulse gehofft hatte. Doch die blieben aus. Sie sammelte zwar viele Gedanken und Anregungen, machte nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich viele Schritte. Aber auf die grosse Erleuchtung, die durchdringende Offenbarung wartete sie vergeblich. – Das enttäuschte sie mehr und mehr. Und sie begann sich zu fragen, ob sie womöglich in einer Glaubenskrise steckte. Eine Freundin, der sie davon erzählte, tröstete sie dann aber und erklärte: „Du hast keine Glaubenskrise. Du hast nur eine Dogmatikkrise!“
Ich finde, das bringt etwas ganz Wesentliches auf den Punkt: In Kirchen und Gemeinden versuchen wir immer wieder, den Glauben, den Geist, die Liebe etc. so genau wie möglich zu erfassen. Dabei schleifen wir an Formulierungen und definieren Begriffe. Wir erstellen Glaubenssysteme (® Dogmatiken) und sind enttäuscht, wenn sich das Leben nicht daran hält. Wenn sich der Geist nicht von Buchstaben fangen und in Rahmen pressen lässt.
Vielleicht ist wirklich, was uns oft Mühe macht, gar keine Glaubenskrise, sondern ‚nur‘ eine Dogmatikkrise. Wir spüren, dass wir den Geist, den Glauben nicht so festhalten können, wie wir möchten. Dass unsere Dogmatik nicht funktioniert. Dass wir den Glauben nicht ein für alle Mal definieren können. Sondern dass wir uns von der Liebe und vom Geist mitreissen, in Bewegung bringen lassen müssten. Dass wir vertrauen müssten statt zu kontrollieren. – Ich hoffe sehr, dass das, was wir mit dem SLI anstossen wollen, uns hilft, mehr im Strom der Liebe Christi mitzuschwimmen und weniger ihn erklären und definieren zu wollen. Paulus hat schon recht, wenn er sagt: «Es ist Gott, der uns befähigt hat. Er hat uns die Fähigkeit verliehen, Diener des neuen Bundes zu sein. Und die Grundlage dieses Bundes sind nicht Buchstaben, sondern der Heilige Geist. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.» Amen