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Wie Sherlock Holmes und Dr. Watson nach Meiringen kamen...
„Mein Herz ist schwer, nun da ich zur Feder greife, um ein letztes Mal die einzigartigen Gaben, die meinen Freund Mr. Sherlock Holmes auszeichneten, in Worten festzuhalten.“ So beginnt Dr. John H. Watson „Das letzte Problem“ („The Final Problem“), erstmals erschienen in der Dezember-Ausgabe 1893 des „Strand Magazine“. „Das letzte Problem“ führt Sherlock Holmes und Dr. Watson 1891 auf der Flucht vor dem Erzfeind Professor Moriarty von London quer durch den Kontinent bis in die Schweiz.
Dr. Watson berichtet: „Eine bezaubernde Woche lang wanderten wir das Rhone-Tal hinauf, dann, bei Leuk abzweigend, über den noch tief verschneiten Gemmi-Pass und gelangten so, über Interlaken, nach Meiringen. (…) Am 3. Mai erreichten wir das kleine Dorf Meiringen, wo wir im ‚Englischen Hof’ abstiegen, der damals von Peter Steiler dem Älteren geführt wurde. (…) Auf seinen Rat hin machten wir uns am Nachmittag des 4. auf in die Berge, in der Absicht, die Nacht in dem Weiler Rosenlaui zu verbringen. Man hatte uns indes dringend eingeschärft, am Reichenbachfall, der etwa auf halbem Wege bergan liegt, unter keinen Umständen vorbeizugehen, sondern den kleinen Umweg zu machen und ihn anzusehen.“ („Das letzte Problem“; in: Arthur Conan Doyle, Die Memoiren des Sherlock Holmes, Zürich 1985, S. 288-290)
Der "Englische Hof" (Parkhotel du Sauvage) um die Jahrhundertwende
Der "Englische Hof" (Parkhotel du Sauvage) mit der englischen Kirche und den Reichenbachfällen um die Jahrhundertwende
Es folgt das Unvermeidliche. Dr. Watson wird nach Meiringen zurückgerufen, da er einer kranken englischen Dame ärztlichen Beistand leisten solle. In Meiringen entdeckt Dr. Watson, dass er in eine Falle getappt ist – niemand weiss von einer kranken Dame. Zurück an den Reichenbachfällen sucht Dr. Watson vergebens nach Holmes.
Illustration von Sidney Paget für das Strand Magazine (Dezember 1893)
„Ich stand ein, zwei Minuten still, um mich zu fassen, denn ich war vom Entsetzen gelähmt. Dann begann ich an Holmes’ eigene Methoden zu denken und zu versuchen, sie bei der Deutung dieser Tragödie anzuwenden. Es war, ach!, nur allzu leicht. (…) Zwei Fussspuren zeichneten sich deutlich auf dem entfernten Ende des Pfades ab, beide führten sie von mir weg. Es kehrten keine zurück. Ein paar Yards vor dem Ende war die Erde aufgewühlt zu einem einzigen Morast, und die Brombeersträucher und das Farnkraut, die die Kluft säumten, waren verdreckt und zerrauft. (…) Ich schrie; doch nur das nämliche, halb menschliche Brüllen des Wasserfalls schlug an meine Ohren zurück. (…) Eine Untersuchung durch Experten lässt wenig Zweifel, dass ein Handgemenge zwischen den beiden Männern damit endete – wie es in einer solchen Situation auch kaum anders enden konnte -, dass sie hinuntertaumelten, einer den andern umklammert haltend. Jeder Versuch, ihre Leichname zu bergen, war absolut hoffnungslos, und dort, tief unten in jenem schrecklichen Kessel voll wirbelndem Wasser und brodelndem Schaum, werden sie für alle Zeiten ruhen: der gefährlichste Verbrecher einer Generation und ihr vornehmster Streiter für das Recht.“ (a.a.O, S. 292-295).
"The Death of Sherlock Holmes" - Illustration von Sidney Paget für das Strand Magazine (Dezember 1893)
"The Death of Sherlock Holmes" - nachgestellt von Marcus Geisser (Sherlock Holmes) und Michael A. Meer (Prof. Moriarty) im Jahr 1995
Szene aus "The Final Problem" (Granada TV 1985) mit Jeremy Brett (Sherlock Holmes), David Burke (Dr. Watson) und Eric Porter (Prof. Moriarty), aufgenommen an den Reichenbach- und Giessbachfällen im Berner Oberland
Die Welt wähnte den grossen Sherlock Holmes tot, bis Dr. Watson im Jahr 1903 die wahre Geschichte in „Das leere Haus“ („The Empty House“) preisgibt. Im Jahr 1894 sorgt der Mord am Ehrenwerten Ronald Adair in London für Aufsehen. Verkleidet als sonderbarer alter Büchersammler besucht Sherlock Holmes seinen alten Freund Dr. Watson, gibt sich zu erkennen und erklärt:
„Nun also zu jener Schlucht. Ich hatte keine ernstlichen Schwierigkeiten, dort herauszukommen, und zwar aus dem sehr einfachen Grund, weil ich nie darin gewesen bin. (…) Als ich ans Ende [des schmalen Pfads beim Reichenbachfall] gelangte, war ich in die Enge getrieben. [Professor Moriarty] zog keine Waffe, sondern stürzte sich auf mich und schlang seine langen Arme um mich. Er wusste, dass er ausgespielt hatte, und war nun darauf aus, sich an mir zu rächen. Wir taumelten zusammen am Rande des Abgrunds. Ich besitze jedoch einige Erfahrung in Baritsu, dem japanischen System des Ringkampfes, das mir schon mehr als einmal höchst nützlich gewesen ist. Ich entwand mich seinem Griff, und er strampelte mit entsetzlichem Kreischen einige Sekunden lang wie wahnsinnig herum und hieb mit beiden Händen in die Luft. Doch all seinen Anstrengungen zum Trotz vermochte er sein Gleichgewicht nicht zu wiederzufinden und stürzte ab. Ich hatte mich über den Rand vorgeschoben und sah in lange Zeit fallen. Dann streifte er einen Felsen, prallte ab und klatschte ins Wasser.“ ("Das leere Haus", in: Arthur Conan Doyle, Die Rückkehr des Sherlock Holmes, Zürich 1985, S. 14f.)
Aus Angst vor einem weitern Anschlag von Moriartys Gefolgsleuten entschloss sich Holmes, unterzutauchen. Er bereiste als norwegischer Forscher Sigerson zwei Jahre lang Tibet, zog durch Persien und vertiefte seine chemisch-kriminalistischen Forschungen in Montpellier. In der Holmes-Forschung wird diese Zeit auch als "Great Hiatus" bezeichnet. Der Fall Adair bot Holmes im Frühjahr 1894 schliesslich Gelegenheit, nach London zurückzukehren und Moriartys Bande hochgehen zu lassen.
Jahre später sollte ein Fall das Detektiv-Duo erneut in die Schweiz führen. In der 1911 erschienenen Geschichte „Das Verschwinden der Lady Frances Carfax“ („The Disappearance of Lady Frances Carfax“, auf deutsch erschienen in: Arthur Conan Doyle, Seine Abschiedsvorstellung, Zürich 1988) ermitteln Holmes und Watson in Lausanne am Genfer See – ein Brief aus dem Hôtel National in Lausanne war das letzte Lebenszeichen der adligen Dame und Ausgangspunkt für die Aufklärung ihres mysteriösen Verschwindens.
Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu Sherlock Holmes in Meiringen finden Sie auf dieser Google-Karte und zu den Reichenbachfällen hier.
Im September 1988 enthüllte die Sherlock Holmes Society of London in Meiringen eine lebensgrosse Statue des Meisterdetektivs, gestaltet vom englischen Künstler John Doubleday. Auf der Statue und den dazugehörenden Tafeln sind sechzig Hinweise versteckt - einer für jede der sechzig Originalgeschichten mit Sherlock Holmes aus der Feder von Conan Doyle. Einige dieser clues sind offensichtlich - andere sind es nicht. Viel Vergnüngen beim Suchen und Finden, Deduzieren und Kombinieren!
Sherlock Holmes-Statue und englische Kirche mit Sherlock Holmes-Museum in Meiringen
Am 5. Mai 1991 wurde im Beisein von Dame Jean Conan Doyle, der jüngsten Tochter von Arthur Conan Doyle, in Meiringen das Sherlock Holmes-Museum eröffnet. Das Museum befindet sich in der Krypta der englischen Kirche beim Parkhotel du Sauvage (dem "Englischen Hof" aus "Das letzte Problem") und beherbergt neben einigen Exponaten zu Sherlock Holmes, Conan Doyle und ihrer Zeit in Schaukästen eine originalgetreue Reproduktion des Wohnzimmers von Sherlock Holmes und Dr. Watson in der 221b Baker Street, London.
Eröffnung des Sherlock Holmes-Museums am 5. Mai 1991 (v.l.n.r. Tim Owen als Dr Watson, Tony Howlett als Prof. Moriarty, Dame Jean Conan Doyle, Eileen Holman, Philip Porter als Sherlock Holmes)
Der Platz vor dem Museum wurde an diesem Tag in "Conan Doyle Place" benannt.
Gedenktafeln in Meiringen und an den Reichenbachfällen
Verschiedene Gedenktafeln und Zeichen weisen auf den denkwürdigen Kampf zwischen Sherlock Holmes und Dr. Watson in Meiringen und an den Reichenbachfällen hin (kommentierte Google-Karte hier).
Die erste Gedenktafel wurde im November 1952 von den Old Soldiers of Baker Street, einer Vereinigung von Offizieren der US-amerikanischen Besatzungszone in Heidelberg, unter der Leitung von W.T. Rabe im Hotel Rössli in Meiringen angebracht. Das Hotel Rössli wurde von den Old Soldiers of Baker Street damals als "Englischer Hof" identifiziert. Die heute dort angebrachte Tafel ist (vermutlich) eine spätere Reproduktion.
Tony Howlett, prominentes Mitglied der Sherlock Holmes Socitey of London, hatte zuvor bereits die exakte Stelle des Todeskampfes ausfindig gemacht und mit einem weissen Stern markiert. Die Stelle liegt, wie von Conan Doyle beschrieben und von Sidney Paget trefflich ins Bild gesetzt, an der östlichen Seite der Fälle. Der weisse Stern ist von der Bergstation der Reichenbachfälle gut sichtbar.
An dieser Stelle haben die kanadische Sherlock Holmes-Gesellschaft The Bimetallic Question of Montreal und die Reichenbach Irregulars im Mai 1992 eine Gedenktafel angebracht.
Am Park-Hotel du Sauvage, dem "Englischen Hof", prangt neben dem Haupteingang folgende Tafel (enthüllt 1991):
Auf deutsch lautet die Inschrift: "In diesem Hotel, von Sir Arthur Conan Doyle der "Englische Hof" genannt, verbrachten Mr. Sherlock Holmes und Dr. Watson die Nacht vom 3. auf den 4. Mai 1891. Von hier aus brach Mr. Holmes auf zu den Reichenbachfällen, wo es zum tödlichen Zusammentreffen mit Professor Moriarty kam, dem Napoleon des Verbrechens."
The Reichenbach Irregulars
Conan Doyle Place, Postfach 688
CH-3860 Meiringen
E-mail: meer (at) 221b.ch