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Wenn das Erbe der modernen Architektur als technisch fragil bezeichnet wurde, so war damit stets die «weisse» Architektur der 1920er und 1930er Jahre gemeint. Ihre «Zerbrechlichkeit» war eine Folge der Experimente hinsichtlich der verwendeten neuen Materialien und Konstruktions-Technologien. Zu diesem Thema ist mittlerweile eine umfangreiche Literatur vorhanden, sowohl zu den Restaurierungstechniken als auch zu den verschiedenen Formen der Unterschutzstellung.
Derzeit zeigen die italienischen Nachrichten, dass angesichts der zu Recht angemahnten Energieeffizienz auch die Architektur der Nachkriegszeit bedroht ist. Anschauung bieten die jüngsten Fälle in Mailand: das Wohngebäude von Luigi Caccia Dominioni in der Via Ippolito Nievo 10 und das Gebäude von Gio Ponti in der Via San Vigilio 1.
Der Zeilenbau von Caccia Dominioni mit seinen Fensterbändern und der rostfarbenen Keramikverkleidung wurde 1964-65 erbaut und gehört zu den herausragenden Beispielen der Mailänder Berufskultur, die zum Wiederaufbau der Stadt in der Nachkriegszeit beigetragen und den Dialog mit der Tradition auf originelle Weise wieder aufgenommen hat (vgl. wbw 12–2013). Das gilt auch für das Gebäude von Ponti aus dem Jahr 1971. Es ist das letzte, das der Architekt gebaut hat und ein wichtiges städtebauliches Signal in der Mailänder Peripherie. Seine schräggestellten Fronten betonen die Vertikalität und bewirken unterschiedliche farbliche Effekte auf der grünen Keramik-Verkleidung.
Gerade wurde ein Appell verbreitet, um ein weiteres Projekt vor dem Ruin zu bewahren: Das von Piero Bottoni 1958 errichtete INA-Gebäude am Corso Sempione. Das Scheiben-Hochhaus gilt ebenso als Ikone der Mailänder Moderne.
Alle drei Gebäude wurden im Gegensatz zu den modernen Pionierbauten der Vorkriegszeit solide und fortschrittlich gebaut und beerben damit das Mailänder Novecento mit raffinierten Details. Viele der Bauten der Nachkriegszeit sind erstaunlich gut gealtert. Die aktuelle Forderung nach Energieeffizienz hat nun diese Beständigkeit in Frage gestellt; bei den Bauten von Caccia Dominioni und Ponti wurde bereits die keramische Verkleidung entfernt. Im Falle des ersteren wird eine früher erfolgte thermische Ertüchtigung ersetzt, und es ist zu hoffen, dass sich am Erscheinungsbild nichts ändert. Im Falle des Gebäudes von Ponti soll eine neue Dämmschicht addiert werden. Ein solcher Eingriff von aussen ist sicherlich einfacher und billiger als eine Dämmung von innen, welche die zeitweilige Nutzung verunmöglichen würde – was für die Wohnungen schwer wiegt.
Doch das Ergebnis ist gravierend für die Architektur: Die Veränderung der Tiefe der Öffnungen und eine allgemeine Verzerrung der Fassadenkomposition.
Die italienischen Behörden haben nach der schwersten Phase der Pandemie Gesetze zur Erleichterung solcher Massnahmen erlassen. Doch damit nicht genug. Denn sie verfolgen das Ziel, die Wirtschaft anzukurbeln und sehen die Finanzierung der gesamten oder eines Teils der Investitionen durch den Staat vor – in einigen Fällen bis zu 110 Prozent, was Superbonus genannt wird! Steuererleichterungen sollen dies ermöglichen und Kredite einer Bank oder der Auftragnehmer (um keine Mittel durch den Staat vorzuschiessen). Das sind sehr günstige und effiziente Bedingungen, die jedoch keine Form des Schutzes der Qualität des baulichen Erbes vorsehen. Um die zahlreichen Missbräuche zu bekämpfen, die durch überhöhte Preise entstehen, hat die Regierung in jüngster Zeit die Vorteile verringert, die Finanzverfahren komplizierter gemacht und die Baupreise einer strengeren Kontrolle unterworfen. Doch dies ändert nichts am Grundproblem des forcierten Qualitätsverlusts: In den genannten Gesetzen ist auch festgelegt, dass Änderungen an Fassaden, die der Verbesserung der Energieeffizienz dienen, als «Instandhaltung» eingestuft werden und daher nicht der vorherigen Prüfung durch die Landschaftsschutzkommissionen unterliegen.
Die genannten Bauten haben seit den 1990er Jahren das Interesse vieler Schweizer Architekturschaffenden geweckt und deren eigene Arbeit inspiriert, vor allem in Zürich. Doch bei den Mailänder Protagonisten geht die Qualität weit über das Formale hinaus – und die aktuellen Veränderungen am Originalbestand beeinträchtigen direkt die Qualität der Stadtlandschaft. Die verputzten oder mit keramischen Materialien verkleideten Fassaden zeichnen sich durch feine Reliefs aus, die wie Schnörkel, Pilaster und Gesimse wirken; wenn all dies von einer Isolationsschicht überdeckt wird, verarmt eben diese Landschaft und die Bauten verlieren ihren Charakter und ihr Datum.
Zugegeben: Nachhaltigkeit ist ein grosses Thema. Doch wenn thermische Sanierungen auf die blinde Minimierung von Energieverlusten zielen und nicht auf die Reduktion von CO2, beispielsweise durch den Einbau neuer Heizsysteme, so darf der mit dem Superbonus angestrebte Weg angezweifelt werden. Wird Nachhaltigkeit alleine technisch interpretiert, so besteht auch die Gefahr, dass die in den letzten Jahren mühsam entwickelte Kultur des Schutzes der modernen Architektur infrage gestellt wird. Die Bemühungen waren vor allem notwendig, um die in Italien weit verbreitete Überzeugung zu überwinden, dass nur antike Architektur geschützt werden muss, während die Architektur des 20. Jahrhunderts keinen vergleichbaren Wert besitzt. Dies gilt vor allem für ein Land, in dem die jüngeren Baudenkmäler zwar gebildete Eliten, aber nicht die grosse Mehrheit der Bevölkerung erreicht hat.
Ein Problem im Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeit und Baukultur liegt sicher bei der Ausbildung von Architekturschaffenden. In Italien, in der Schweiz und an vielen Universitäten in Europa hat die Vermittlung von Nachhaltigkeit als notwendiger Parameter für die architektonische Qualität endlich einen prominenten Platz erhalten – aber sie hat oft den Geschichtsunterricht verdrängt. Was heute fehlt, ist eine kritische Kultur, d.h. die Fähigkeit, zu unterscheiden, was bewahrt werden muss und was aus unserer Stadtlandschaft entfernt werden kann. Darüber hinaus mangelt es grundsätzlich an einer öffentlichen Debatte und damit dem einzigen Instrument, das geeignet ist, um Baukultur zu verbreiten.
Was den Schutz der jüngeren Architektur betrifft, so gab es auch im Tessin in letzter Zeit einige negative Vorfälle, wie etwa die Veränderung der Fassaden des Hotels Milano in Mendrisio (1969–74) von Tita Carloni zeigt – oder der Versuch, das Postgebäude auf der Piazza Grande in Locarno (1992–95) von Livio Vacchini in einen Supermarkt umzuwandeln. Die öffentliche Reaktion der Tessiner Sektion des BSA trug dazu bei, die Gegnerschaft des letztgenannten Projekts zu stärken und lässt es derzeit möglich erscheinen, dass die Stadt das Vorhaben ablehnen wird. — Alberto Caruso
Aus dem Italienischen von Tibor Joanelly.
Testo originale italiano