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Haben Chinas Seefahrer Amerika entdeckt?
«Wir haben über hunderttausend Li des gewaltigen Ozeans befahren und riesige Wellen bezwungen, die wie Berge bis zum Himmel ragten. Wir haben unseren Blick auf barbarische Gegenden geworfen, weit entfernt und verborgen hinter der blauen Transparenz dünner Nebelschleier, während unsere Segel, Wolken gleich, Tag und Nacht Kurs hielten. Und wir befuhren wilde Wellen, als schritten wir über eine Strasse», verkündet stolz eine Steintafel, die sich Zheng He, Admiral einer Ming-Armada von bis zu 300 Schiffen mit 30’000 Mann Besatzung, 1432 nach sieben Entdeckungs- und Eroberungsfahrten von China bis an Afrikas Küste errichten liess.
Wegen der gewaltigen Ausmasse muss diese Flotte – aus teils achtmastigen Dschunken, mit Spezialschiffen voller Trinkwasser, Pferdetransportern und Kräuterreservoirs für die Schiffsapotheke sowie schnellen Signalschiffen – mit ihren Segeln wie eine schwimmende Stadt aus roter Seide gewirkt haben.
Die Monsterflotte mit palastähnlichen Gemächern
Am Bug war jedes Schiff mit aufgerissenen Augen verziert, und 24 Bronzekanonen auf jedem Grossschiff zeigten die grandiose Übermacht dieser Mischung aus Eroberungsarmee und Expeditionskorps. In palastähnlichen Gemächern residierte Admiral Zheng He, dem der Ming-Kaiser Yongle (Fortdauernde Freude) die Führung dieser Seemacht übertragen hatte.
Wie aus dem Nichts hatte Zheng He die Armada in wenigen Jahren auf der Basis der bewährten Frachtdschunken zusammenzimmern lassen. Für die Hochsee wurden die Schiffe in fast unsinkbarer Schottenbauweise errichtet. Auch den Kompass und eine Art Stundenglas kannten die Chinesen schon. Die Monsterflotte war für grosse Fahrt gerüstet.
Zheng He hatte als Nachkomme lokaler muslimischer Aufständischer eine ungewöhnliche Karriere hinter sich. Mit zehn Jahren wurde er entmannt, gewann aber als Hofeunuch des Prinzen Zhu Di dessen volles Vertrauen und war bewährter Kämpfer in vielen Schlachten gegen mongolische Angreifer, als der Prinz den rechtmässigen Erben stürzte und Kaiser wurde.
Alle Konkubinen und Verwandten des Konkurrenten konnte Yongle zwar massakrieren lassen, doch der Konkurrent entkam wahrscheinlich. So hatte Zheng He auf den Reisen stets den Auftrag, achtzugeben, ob dieser sich nicht irgendwo versteckt halte.
Die wahre Route der Drachenflotte?
Eigentliches Ziel der Drachenflotte waren die profitablen Gewürz- und Handelshäfen in Indien und am Persischen Golf. Der Landweg nach Westen, die Seidenstrasse, war zur Zeit der ersten Fahrt 1405 unsicher geworden. Die neue Schiffsroute diente als Entlastung, um Handel und Vasallentreue zu bekräftigen. Was hatte man noch vor?
Die hunderttausend Li, von denen Zheng He spricht, hätten zur Weltumseglung gereicht, ganz zu schweigen von der ausgereiften Seefahrtslogistik der Flotte, die den Sprung über den Südatlantik locker hätte schaffen können.
Bis zur Südspitze Afrikas war man wohl vorgedrungen. Als Vasco da Gama 1497 von Westen her das Kap der Guten Hoffnung umrundet hatte und auf der Höhe Madagaskars bei den Ureinwohnern simple Glasperlen gegen wertvolle Schätze eintauschen wollte, lachten die ihn aus. Es seien schon gigantische Schiffe da gewesen, meinten sie, und deren Matrosen hätten natürlich mehr geboten.
Zheng Hes Fahrten sind durch die Berichte seines Übersetzers und Chronisten Ma Huan recht gut dokumentiert, doch es fehlen eineinhalb Jahre der 6. Reise.
Theorien «alternativer Geschichtsforscher»
In diese Lücke stossen nun alle Theorien «alternativer Geschichtsforscher» über die Entdeckung beider Amerikas durch nachgeordnete Admiräle. Besonders der pensionierte britische U-Boot-Kommandant Gavin Menzies hat daraus eine «Wissenschaft für sich» gemacht, mit Fan-Gemeinde, eigener Website und mehreren dicken Wälzern, die von sich wissenschaftlich gebenden Fussnoten nur so wimmeln.
Menzies «entdeckt» Reste zurückgelassener Dschunken in Mexiko, chinesische Schriftzeichen in Peru und die exakte Küstenlinie Floridas schon aus einer Zeit vor deren Entdeckung durch Ponce de Léon 1513. Auch chinesische Reissorten, die in Lateinamerika gar nicht existieren sollten.
Tatsächlich gibt es eine Reihe Unstimmigkeiten in der grossen Erzählung der europäischen Entdeckungen. So soll Fernando Magellan bei seiner Weltumrundung ab 1520 eine geheime Karte aus dem portugiesischen Staatsschatz gehabt haben, die ihm die Einmündung in die Durchfahrt der Magellanstrasse zum Pazifik erleichtert habe. Gar eine chinesische Seekarte?
Hatten die europäischen Entdecker eine chinesische Seekarte?
Auch auf der Weltkarte des osmanischen Admirals Piri Reis gibt es Hinweise auf die Mündungsregion des Rio de la Plata, mit etwas Einfühlungsvermögen auch auf die schwierige Durchfahrt lange vor deren tatsächlicher Entdeckung. Wie dem auch sei: Zu echten Beweisen, dass die Chinesen um Zheng He Amerika entdeckt haben könnten, führt das alles nicht.
Das Rätsel bleibt ungelöst, ebenso wie das Geheimnis um das plötzliche Ende der chinesischen Seeexpansion nach dem Schlaganfall von Yongle. Offenbar hatten im Palast diejenigen Kräfte die Macht ergriffen, die einer Isolation Chinas mit Grosser Mauer an der Grenze und fest verschlossener Verbotener Stadt mitten in Peking das Wort redeten.
Zheng Hes Flotte wurde abgewickelt, wenig später verbot man sogar hochseetaugliche Dschunken. Die Hofbeamten schrieben in einem Memorandum: «Ihre Diener hoffen, dass Eure Majestät sich nicht zu kriegerischen Plänen und zu Ruhmgewinn durch Expeditionen in ferne Länder herbeilassen wird. Geben Sie die sterilen fremden Länder auf, und schenken Sie dem Volk eine Periode der Ruhe.» Damit war der Weg frei für die europäischen Kolonialabenteurer.