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«In den abgelegenen Gebieten des Südsudans sind 100 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft abhängig. Dabei müssen sie beim Ackerbau mit den einfachsten Werkzeugen zurechtkommen», erklärt Franco Majok.
Doch 2020 waren die klimatischen Bedingungen für eine erfolgreiche Ernte denkbar ungünstig, so Majok weiter. Während in einigen Regionen des Landes der Regen viel zu spät einsetzte und sich deshalb eine Dürre ausbreitete, kämpften andere Gebiete mit starken Regenfällen, welche die Saat überfluteten. Infolgedessen konnten letztes Jahr nur etwa 20 Prozent der Bewohner im CSI-Einsatzgebiet, dem Nördlichen Bahr-el-Ghazal, auf eine erfolgreiche Ernte zurückblicken.
Corona-Krise – Politische Instabilität
Die Corona-Pandemie hat die Hungerkrise zusätzlich verschärft. Zwar haben sich im Südsudan offiziell nur sehr wenige Menschen mit dem Virus infiziert. Doch die beschlossenen Abriegelungen im In und im grenznahen Ausland haben den Import von Nahrungsmitteln drastisch erschwert.
Ein weiterer ungünstiger Faktor sind die politischen Beziehungen zum nördlichen Nachbarn Sudan. Die Grenze ist seit Jahren dicht. Deshalb müssen die Menschen im Nördlichen Bahr-el-Ghazal Nahrungsmittel aus den entfernteren Nachbarstaaten Uganda und Kenia beziehen. Wegen der schlechten Strassen und der prekären Sicherheitslage in einigen Gebieten des Südsudans dauert die Einfuhr von Lebensmitteln zum Nördlichen Bahr-el-Ghazal sehr lange. «Vor allem auch deshalb kletterten die Preise für einen 100-Kilo-Sack Sorghum auf bis zu 200 Dollar», bemerkt Majok. So konnten sich viele Menschen nicht einmal ein Kilogramm Sorghum leisten.
Grosseinsatz für mehrere 1000 Familien
CSI erkannte diese dramatische Lage und erwarb in Südsudans Hauptstadt Juba 149,2 Tonnen Sorghum. «Diese 1492 Säcke konnten zu sehr guten Preisen in die Kleinstadt Wanyjok im Nördlichen Bahr-el-Ghazal transportiert werden», blickt Franco Majok zurück. Im August und September 2020 verteilte CSI Lebensmittel an lokale Gemeinden im Nördlichen Bahr-el-Ghazal. Die Verteilung kam 6060 Familien zugute. Eine Familie erhielt im Schnitt also rund 25 Kilo Sorghum. Die Leiter der örtlichen Gemeinden gaben bekannt, welche Familie wie viele Kilo erhalten würde.
Generell hat CSI bei der Nahrungsmittelverteilung die am meisten gefährdeten Menschen berücksichtigt. Diese mussten zum Teil einen Fussweg von bis zu zwei Tagen zurücklegen, um zum Verteilzentrum in Wanyjok zu gelangen. Dies, weil der schlechte Zustand der Strassen den Transport der Nahrungsmittel in entlegene Dörfer erschwerte. «Eine junge ausgehungerte Frau war mit ihren Kräften derart am Ende, dass sie bei der Verteilung der Lebensmittel zusammenbrach. Zum Glück konnte sie mit kaltem Tee wiederbelebt werden. Wir haben ihr einen Sack von 100 Kilogramm Sorghum überreicht», erinnert sich Franco Majok.
«Nach drei Monaten endlich wieder genug zu essen»
Eine der vom Hunger bedrohten Familien ist auch jene von Ahok Dut Garang. Ihre Ernte misslang, weil der Regen so spät einsetzte. Die fünffache Mutter sammelte Tag und Nacht Wildkrautsamen. Doch selbst dies genügte nicht, um ihre Kinder und ihren blinden Ehemann zu ernähren. Zu allem Übel zog sie sich eine Verletzung an ihren Füssen zu, weil sie ohne Schuhe in den Wald gehen musste, um die Samen zu sammeln. Als CSI ihr 50 Kilogramm Sorghum übergab, dankte sie Gott und den freiwilligen Helfern mit einem Strahlen im Gesicht: «Endlich hat meine Familie wieder genug zu essen. Zum ersten Mal seit drei Monaten erhalten wir das Gefühl eines vollen Magens. Ich danke Ihnen allen von ganzem Herzen.»
Die Nahrungsmittelverteilung von CSI hatte noch einen wichtigen, positiven Nebeneffekt: Die Preise für Sorghum auf den lokalen Märkten sanken. Menschen, die Sorghum bekamen, teilten es ausserdem mit anderen Menschen, die es nicht zum Verteilzentrum schafften.
2021: Über sieben Millionen Südsudanesen vom Hunger bedroht
Lange aufatmen konnten die Hungernden im Nördlichen Bahr-el-Ghazal indes nicht. Nachdem im Sommer gerade im Nördlichen Bahr-el-Ghazal zu wenig Regen fiel und die Menschen von der Dürre heimgesucht wurden, setzten im Oktober heftige Niederschläge ein wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Der sintflutartige Regen dauerte über zwei Monate an und setzte ganze Dörfer unter Wasser. Die Überschwemmungen zerstörten unzählige Behausungen. Auch die wenige Saat, die für eine Ernte vielversprechend heranwuchs, wurde grösstenteils vernichtet. Brücken wurden eingerissen und die vielfach ohnehin schon holprigen Strassen noch weniger gut befahrbar.
Die Unwetter führten zu einer Massenflucht von betroffenen Menschen. Dazu Franco Majok: «Zahlreiche Familien sind wegen der Überschwemmungen aus ihren Häusern geflohen. Viele von ihnen fanden bei Verwandten Unterschlupf, die von den Fluten nur geringfügig oder gar nicht betroffen waren.» Unzählige Betroffene erkrankten überdies an Malaria.
Das UNO-Welternährungsprogramm schätzt, dass aufgrund der starken Niederschläge etwa 7,5 Millionen Südsudanesen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein werden. «Damit wären weitaus mehr als die Hälfte der Wohnbevölkerung von rund 12 Millionen Menschen vom Hunger betroffen», folgert Majok. Der CSI-Projektmanager macht sich ausserdem Sorgen, dass die Nahrungsmittelpreise auf den Märkten wieder ansteigen, sodass viele mittellose Menschen nicht in der Lage sein werden, genügend Sorghum zu kaufen.
Hilfe naht
Wegen der äusserst prekären Lage wird CSI zu Beginn dieses Jahres im Nördlichen Bahr-el-Ghazal einen ähnlichen Grosseinsatz wie 2020 leisten, um hungernden Menschen eine Hoffnung zu geben und sie vor dem drohenden Hungertod zu bewahren. Bei Franco Majok läuft die Vorbereitung für die nächste Nahrungsmittelverteilung auf Hochtouren. «Wir wissen, dass die Leute wegen des Hungers bald wieder der Verzweiflung nahe sein werden. CSI wird für die Nahrungsmittelverteilung rechtzeitig vor Ort sein, so wie dies schon bei vergangenen Hungerkrisen der Fall war.»
Geplant ist, dass CSI Nahrungsmitteln aber auch Medikamente und Startsäcke verteilt. Diese enthalten unter anderem Wasserkanister, Moskitonetze, um sich vor einer Malaria-Ansteckung zu schützen, aber auch eine Sichel, um Schilf für ein Hausdach zu schneiden. So können sie neue Behausungen errichten.
Schliesslich richtet Franco Majok einen grossen Dank an die treuen Spender in der Schweiz: «Sie sind immer da für die Menschen im Südsudan, wenn sie ihre Unterstützung brauchen. Und dieses Jahr werden sie noch mehr Hilfe brauchen.»
Reto Baliarda
Hilfe für Sudanesen in den Nuba-Bergen
CSI leistet auch im Süden des Sudans Nahrungsmittelhilfe, und zwar im Gebiet der Nuba-Berge. Dabei erhielten etwa 200 Familien einen Gutschein für Nahrungsmittel im Wert von rund 90 Franken. Bei den Nuba-Ethnien handelt es sich um schwarzafrikanische Stämme. Unter ihnen sind Christen, Muslime sowie Stammesleute. Die ethnischen Nuba werden häufig von der arabischen Bevölkerung und den Behörden des Sudans diskriminiert und bedrängt.