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Internationales Alpinistentreffen in den Julischen und Steiner Alpen 1968
VON HEINZ LEUZINGER, ERSTFELD
Mit 1 Bild ( 72 ) Julische und Steiner Alpen:
Diese bis auf höchstens 2800 Meter aufragenden Berge haben eine besondere Eigenart: sie sind überwiegend aus Kalkstein aufgebaut, dessen Oberfläche von Wasser, Frost und Schnee zernagt wird, was zur Folge hat, dass die Julischen Alpen und die Steiner Alpen ( Kamniske planine ) kahle, zerklüftete Grate, scharf herausgearbeitete Gipfel, vielgestaltige Nadeln, Zähne und Zacken haben, und dies ist auch der Grund, weshalb sie so malerisch und dynamisch wirken. Ihre helle, fast weisse Farbe ist bezeichnend, ebenso die reinen, überaus klaren Bergwasser. Auf den Nordseiten liegen ausgedehnte Schneefelder bis in den Spätsommer hinein, und obwohl diese Alpen niedriger sind als die österreichischen, französischen, italienischen oder Schweizer Alpen, gibt es doch auf der Nordseite des Triglav einen kleinen Gletscher, Zeleni sneg ( Grünschnee ) genannt, und einen zweiten auf der Nordseite der Skuta in den Steiner Alpen, in einer Höhe von 1700 Metern, den südlichsten Gletscher der Alpen überhaupt. Aber einstmals überdeckte auch diese Alpen eine dicke Eisdecke, welche von den Gipfeln langsam in die Täler hinunterglitt. Dabei hat das Eis in Tausenden von Jahren die steilen Wände ausgewetzt, die Täler ausgebreitet und ihre charakteristische trogartige Form gebildet. Mit dem Gestein, das die Gletscher von den Höhen heruntergebracht und abgelagert haben, sind heutzutage viele Täler und grosse Kare ausgefüllt. Über steile Wände stürzen viele helle Wasserfälle, durch die Bergtäler reissen klare Bäche, unter Geröllhalden und in den Becken, einst von Gletschern ausgeschürft, ruhen tiefblaue Seen. Bergflüsse verlieren sich im Schatten der Talengen und Schluchten, die das Wasser im Verlauf von Jahrtausenden durch die Schichten des Kalksteines grub.
Nur wer einmal im wilden Kessel des Planica-Tales unter der etwa 8 Kilometer langen Mauer der 600 bis 1000 Meter hohen Wände gestanden hat, weiss von der Schönheit und Romantik dieser Berge. Wenn die letzten Sonnenstrahlen die bleichen Wände mit einem sanften Rot überziehen, das immer kräftiger wird und schliesslich wieder erlischt, und wenn die Berge dann ohne Licht und Plastik wie eine dunkle Mauer vor einem stehen, muss man unwillkürlich an ihre Erschliessungsgeschichte denken: Keine Geringeren als Julius Kugy, Emilio Comici, Ciril Debeljak und Paul Aschenbrenner haben sich daran beteiligt.
Dank einem Zufall durften Hansueli Brunner und ich zu einem herrlichen Bergerlebnis in diesen Alpen kommen.
Der Slovenische Alpenverein, der 1968 sein 75jähriges Bestehen feierte, organisierte zu diesem Anlass ein internationales Alpinistentreffen, zu dem aus zwölf europäischen Ländern je zwei Bergsteiger zum Klettern eingeladen waren.
Freitag, 14. Juni 1968:
Da wir am Samstag um 15 Uhr in Ljubljana, der Hauptstadt Sloweniens, sein müssen, treten wir unsere Reise heute morgen an; sie führt von Erstfeld über den Gotthard—Chiasso—Mailand bis in die Poebene, wo wir auf einem Feldweg das Zelt aufschlagen, um eine erholsame Nacht zu verbringen. Unser Vorhaben wird jedoch schmählich durchkreuzt von den Fröschen, die mit ihrem lauten Gequake unsere unruhigen Träume musikalisch untermalen, und von den Mücken, die blutrünstig über unsere wehrlosen Leiber herfallen.
Samstag, 15. Juni: Ankunft in Ljubljana Im Stadtzentrum werden wir auf einen vor uns fahrenden gestikulierenden PW-Fahrer aufmerksam, gondeln hinter dem Fremden durch die Stadt, verwundert, wohin uns wohl der Lotse führe, und kommen uns fast vor wie in einem Kriminalroman. Plötzlich hält der Fremde an und fordert uns auf, ihm zu folgen. So gelangen wir direkt ins Büro des Slowenischen AV, wo wir von den Organisatoren herzlich empfangen werden und mit den andern Teilnehmern Bekanntschaft schliessen. Beim darauffolgenden Mittagessen am späten Nachmittag lernen wir auch den jugoslawischen Sliwowitz ( oder Slibowitz ) kennen, der uns gar nicht unsympathisch ist. Kurz darauf bringt uns eine wilde Autocarfahrt ins Logar-Tal und damit in die Steiner Alpen. Nach der offiziellen Eröffnung des Treffens durch den Präsidenten des Slowenischen AV werden uns Dossiers von Routenbeschreibungen mit dazugehörigen Photos abgegeben, und mit grossen Tourenplänen schlafen wir abends ein.
Sonntag, 16. Juni: NE-Wand der Mala-Rinka, 2230 Meter ( 350 m,V ) Nach einem etwa zweistündigen Marsch zum Okreselj-Haus, nach einem fröhlichen Empfang durch das Personal in der Hütte und dem Unterkunftsbezug macht sich alles kletterbereit. Wir entschliessen uns, hinter dem hervorragenden Alpinisten-Ehepaar Barbara und Peter Scetinin aus Ljubljana in die NE-Wand der Mala-Rinka einzusteigen. Es handelt sich um eine Route mit Schwierigkeitsgrad V durch eine 350 Meter hohe Wand. Hinter uns folgen zwei belgische Kameraden. Nach der ersten, etwas brüchigen Seillänge wird der Fels sofort fest und griffig. Wir versuchen das flotte Tempo der ersten Seilschaft zu halten und kommen sehr schnell vom Fleck, während die Belgier sich zur Angewöhnung etwas mehr Zeit lassen, « auf sicher » gehen, so dass wir von diesen Kameraden bald nur noch das Hämmern vom Hakenschlagen vernehmen. Das Wetter ist nicht ausgesprochen gut; von Westen her hören wir den Donner rollen, was uns zur Eile antreibt, unsere Freude an der genussvollen Kletterei jedoch nicht trübt. Am E-Grat, zwei Seillängen unterhalb des Gipfels, sind die Schwierigkeiten überwunden. Hier überrascht uns auch der Regen. Barbara und Peter warten voller Aufopferung auf die Belgier am Ausstieg. Wir jedoch bringen uns in Gipfelnähe unter einem schützenden Überhang in Sicherheit, wo bereits die Italiener und Spanier warten, die eine einfachere Route gewählt hatten. Eine Steilrinne, mit Schnee gefüllt, bringt uns später in schneller Rutschfahrt zum Einstieg zurück.
Beim Nachtessen werden Pläne für den morgigen Tag geschmiedet, und entsprechend früh suchen wir das Lager auf. Die Tschechen, Polen, Russen und Bulgaren übernachten im Klemens-kova-Haus, westlich von uns.
Montag, 17. Juni: Direktna NE-Wand der Stajarska-Rinka, 2456 m ( 600 m, V bis VI- ) Beim Rufe des Kuckucks wird eine reichhaltige Zwischenverpflegung gefasst. Wie schon gestern, so sind auch heute wieder Grapefruits als willkommene Durstlöscher dabei. Schon früh wird es recht heiss - wir sind ja auch nur auf etwa 1500 Meter über Meer. Unser heutiges Ziel ist die Direktna an der NE-Wand der Stajarska-Rinka. Diese Route ist in der Beschreibung als eine der schwersten Touren der Steiner Alpen angegeben. Die beiden Deutschen, die die Wand gestern durchstiegen haben, versichern uns, dass von der ersten Winterbegehung, die im letzten Winter erfolgte, genügend Haken stecken würden. Schwitzend und inmitten eines Fliegenschwar- mes erreichen wir den Einstieg, wo bereits die Schwierigkeiten beginnen. Vor uns ist die Seilschaft der Österreicher im Fels. In der Führung abwechselnd, kommen wir relativ schnell voran. Beim Beginn des zweiten Wanddrittels versperrt ein mächtiges Dach den Weg; die Route führt an einer unmöglich scheinenden Stelle über kleinere Überhänge und eine senkrechte Verschneidung direkt unter die linke Begrenzung des Daches. Weit weg von der Wand plätschert ein Rinnsal in die Tiefe; die Szenerie ist grossartig. Von unten jauchzen zurückgebliebene Kameraden; uns aber bleibt für die Erwiderung nicht viel Zeit, denn wir haben unsere eigenen Probleme. 15 hakentechnisch sehr schwierige Meter führen in leicht überhängendem Gelände nach links in eine Nische zu einem guten Standplatz. Einzelne Haken kann ich als Nachfolger von Hand herausziehen. Nach dem Quergang wird das Gelände leichter; doch haben wir noch etwa 300 Höhenmeter zu überwinden. Zügig geht es jetzt vorwärts in Richtung des Gipfelaufbaus, wo wir bei einsetzendem leichtem Regen unsere österreichischen Kameraden sowie die bekannten Italiener Silvia Metzeltin und Gino Buscaini treffen. Alle andern « turnen » etwas rechts um einen Pfeiler, obwohl sie aus der Beschreibung - wie wir - auch nicht klug werden. Ich selber glaube den Text doch etwas besser zu verstehen, und so klettern wir in immer brüchigerem Fels gerade hoch, werden aber nach anderthalb Seillängen von Überhängen abgewiesen. In einem kurzen Wortgefecht über die Schuldigkeit des Fehlbaren wägen wir unsere Chancen ab, wobei wir es nicht unterlassen können, unseren Disput mit ein paar Kraftausdrücken zu beleben. Als ob sich der Berg für uns schämte, hüllt sich der Gipfel alsogleich in Wolken, wodurch unser Problem natürlich nicht durchsichtiger wird. Da die Hauptschuld am « Verhauer » mich trifft, will ich die Sache wieder gutmachen. In einer heiklen Querung nach rechts um eine glatte Kante gelingt es mir, gangbares Gelände zu erreichen.
Nach total sieben Stunden erreichen wir den Gipfel, der uns mit einer herrlichen Fernsicht belohnt. Noch am gleichen Abend steigen wir ins Tal ab und wieder zum Klemenskova-Haus auf, denn am nächsten Morgen wollen wir in die N-Wand der Ojstrica.
Dienstag, 18. Juni Zwischen Regengüssen und Gewittern versuchen wir, zusammen mit den Deutschen, die N-Wand der Ojstrica ( Herle-Führe ) zu durchsteigen. Nachdem wir wieder einmal einen Verhauer gemacht haben, blasen wir zum Rückzug. Am Abend sitzen wir alle um ein mächtiges Holzfeuer im Freien, trinken Wein und singen Bergsteigerlieder zum Abschied von den Steiner Alpen.
Mittwoch, 19. Juni Der frühe Abstieg ins Tal und eine Generalreinigung in einem kleinen Bergbach bereiten uns für die angenehmen Strapazen der Dislokation in das Planica-Tal vor. Die Fahrt geht zuerst zurück nach Ljubljana, dann nach Krain und weiter in Richtung der östlichen Julischen Alpen, bis wir schliesslich beim Eindunkeln im wilden Kessel von Tamar, direkt bei der Hütte, ankommen. Auch hier erhalten wir nach dem Bezug der Unterkunft ein Dossier mit Routenbeschreibungen und Photos.
Donnerstag, 20. Juni: Jalovec-Comicikante, 2643 Meter ( 400 m, V, Ausstieg - VI ) Bei kaltem Wind stehen wir auf dem Wandsockel direkt unter der Kante, am Beginn der Schwierigkeiten. Uns folgen die Russen, Belgier und Spanier, während sich die Jugoslawen und Österreicher etwa 100 Meter links von uns in der gleich schweren NE-Wand befinden. Die Deutschen, eine jugoslawische Seilschaft und die Tschechen sind an der Site, die Italiener an der Trav-nik-NE-Kante, die Bulgaren an der grossen Mojstrovka. Von Zeit zu Zeit reissen böige Wind- stösse Löcher in den Nebel und lassen die hellen Kalkwände für kurze Zeit sichtbar werden. Die ersten 70 Meter im Riss, in der Beschreibung mit IV+ angegeben, kommen uns bei dem kalten Wetter recht heikel vor, so heikel, dass wir die beiden schnellen Russen überholen lassen. Ein luftiger Quergang führt uns nun 20 Meter um die Kante und in die rechte Wand. Die Russen queren zu weit in die Wand in Richtung einer nassen, vereisten Schlucht. Mit meinem einzigen russischen Wort, mit « njet », kann ich die beiden nicht von ihrem Irrtum überzeugen, was zur Folge hat, dass diese zwei Kameraden bald in der nassen Schlucht herumschlossern, während wir und die Belgier der richtigen Route folgen. Einer der Spanier erleidet im Quergang einen leichten Sturz, so dass diese Seilschaft zum Rückzug bläst; hinzu kommt, dass es plötzlich zu regnen anfängt. Wir geben aber noch nicht auf und folgen immer dem festen Fels dieser steilen Kante. Die Standplätze sind sehr gut, Zwischenhaken stecken jedoch nicht viele. Erst im obern Kantenteil wird der Fels auf einer kurzen Strecke sehr brüchig; die Situation wird sogar sehr ungemütlich, als mir ein zentnerschwerer Block mitten aus kompaktem Fels ausbricht. Es ist typisch für die Julischen Alpen, dass der Fels eisenfest, dann aber von einem Meter zum andern höchst brüchig sein kann.
Immer noch sind wir gespannt auf den Abschlussüberhang, der im Führer mit -VI und als anstrengend bezeichnet ist. Vom letzten Standplatz aus steige ich zuerst durch einen etwa 8 Meter hohen Riss auf eine kleine Plattform, direkt unter den Kantenüberhang, um die Sache zuerst einmal zu begutachten; dann mache ich mich, mit sämtlichen Karabinern und Schlingen behangen, ans Werk. Die erste Hälfte dieses mächtigen Überhanges kann ich an guten Griffen frei erklettern, dann helfen Trittleitern weiter, und ich muss achtgeben, dass die Seile sich nicht verklemmen. Oft hänge ich zwei bis drei Karabiner in einen Haken, dann wieder eine solide 10-Millime-ter-Schlinge. Fast am Ende des Überhanges muss frei ausgestiegen werden. Hansueli gibt mir kurz vorher leichten Zug, so dass ich mit verschränkten Beinen in den Trittleitern ausruhen kann, bevor ich den anstrengenden Ausstieg in Angriff nehme. Dann folgt das Kommando: « Alles laufenlassen », und mit ein paar Klimmzügen erreiche ich flacheres Gelände und einen guten Standplatz. Es war eine herrliche Kletterstelle, um so mehr, als man den Gipfel von hier aus in 45 Minuten erreichen kann. Hansueli steht bald bei mir, und wir bedauern, dass wir wegen des Nebels um das Vergnügen des wohl gewaltigen Tiefblickes kommen. Wir warten noch auf die nachfolgenden belgischen Kameraden, um dann ohne Seil zum Gipfel des Jalovec zu eilen. Nur einen Moment lang wird uns der Blick in die Tiefe auf die Südseite freigegeben; dann zieht sich der Nebelvorhang sofort wieder zu. Wir drücken einander den Gipfelstempel auf die Steinschlaghelme und machen uns sofort an den Abstieg, einem vorzüglich markierten und mit Eisenstiften gesicherten Weg entlang. Wir müssen das zwischen dem Jalovec und der Site hinunterziehende steile Schneecouloir erreichen, das uns schnell in das Planica-Tal hinunterleiten soll. Leider geht die Sache schief, denn wir laufen im Nebel am Einstieg vorbei, mehrere hundert Höhenmeter, bis üppige Vegetation sichtbar wird. Nach allzulangem Hin und Her entschliesst man sich, wieder zurückzusteigen und das richtige Couloir zu suchen. Glücklicherweise finden wir es auch, und zum Nachtessen sind wir in der Hütte; aber noch ist die Gesellschaft nicht vollzählig; denn fast die Hälfte der Teilnehmer hat sich verlaufen, und erst am nächsten Mittag treffen die letzten « Nachzügler » in der Tamar-Hütte ein.
Freitag, 21. Juni Tourenpläne sind zwar gefasst, doch heute fallen diese samt und sonders ins Wasser: Donner rollt durch den wilden Felsenkessel, von den Wänden mehrfach zurückgeworfen, Sturzbäche rau- sehen in den Rinnen und Schluchten - und uns ist es gar nicht unangenehm, einmal ausschlafen, etwas den Körper pflegen und Karten schreiben zu können. An diesem Tage, am Nachmittag, machen wir bei einer plötzlichen Aufhellung einen Spaziergang unter die Wände der Moistrovka und haben dabei Gelegenheit, einander etwas besser kennenzulernen. Trotz einer gewissen Ermüdung nach der intensiven Tourentätigkeit ist die Stimmung glänzend.
Die Organisation des Treffens, die in den Händen des hervorragenden slowenischen Alpini-sten-Ehepaares Peter und Barbara Scetinin liegt, spielt bestens. Alle sind gute Freunde, und wenn man auch oft nicht viel von der Sprache des anderen versteht - wenn es um die Berge geht, kann man sich immer verständigen.
Samstag, 22. Juni: Versuch an der Travnik-N-Wand, Aschenbrenner-Route, 2379 Meter ( VI ) 03.00 Uhr Tagwache. Wir wollen also in die 1000 Meter hohe N-Wand des Travnik. Lange vor uns sind bereits eine jugoslawische, eine tschechisch-polnische, eine bulgarische und österreichische Seilschaft zum Einstieg gegangen. Wir gewinnen diesen durch eine Schneerinne in fünfviertel Stunden, zusammen mit den Deutschen, steigen als letzte Seilschaft nach einer Wartezeit von zwei Stunden ein. Leider hat eine Seilschaft vor uns sichtlich Mühe und hindert so die Österreicher, Deutschen und uns. Auch Steine surren immer wieder ganz bedrohlich um unsere Köpfe. Etwa 150 Meter über dem Wandfuss und nach einer 100 Meter langen, teilweise heiklen Querung kommt mein Seilgefährte in eine ziemlich dichte Steinschlagkanonade und wird an seinem schon von einem früheren Unfall her geschwächten Armgelenk getroffen. Gesamthaft haben wir bereits vier Stunden vertrödelt, und ein Biwak wäre gewiss. Zudem scheint das Wetter nicht sehr stabil. Aber trotz all dieser Umstände fällt uns der Entschluss umzukehren nicht leicht. Doch auch der Rückzug kann ein Erlebnis sein. Zurückquerend und abseilend, erreichen wir den Wandfuss, zwei Stunden später baden wir in einem Firnbach, während wir 1000 Meter über uns die Kameraden als kleine Punkte in der Wand herumkrabbeln sehen. Eine Seilschaft muss biwakieren, die meisten andern erreichen erst in der Nacht den Gipfel. Uns und die « Schlachten-bummler » bringt der Bus in das Vrata-Tal, das neue Tätigkeitsgebiet im Bereiche der Triglav-Nordwand, die sich noch an diesem Abend in ihrer ganzen Wucht und Majestät über unserer Hütte, dem Aljezew-Dom, zeigt.
Sonntag, 23. Juni: Triglav, 2863 Meter, Nordwand, deutscher Weg ( 800 m, II--III, stellenweise IV ) Nachdem wir ausgeschlafen haben, gelingt uns diese Tour zusammen mit dem Bruder des grossen slowenischen Alpinisten Louis Golob.
In kürzester Zeit, alle gleichzeitig kletternd, bringen wir die Wand hinter uns. Auch hier wieder ein paar Regentropfen und Nebel. Doch den Hauptgipfel, den höchsten Berg der Julischen Alpen, der sogar einen kleinen Gletscher besitzt, auf den die Slowenen stolz sind, erstiegen wir doch noch.
Montag, 24. Juni: Ruhetag Dienstag, 25. Juni: Triglav-Nordwand, Oberkrainer Weg—Cop-Pfeiler ( 1250 m, IV+; oberer Teil, 200 m,VI ) Der Cop-Pfeiler bildet die schwerste Route in der gewaltigen Nordwand des Triglav. Er wurde durch Joze Cop und Paula Jesih ( vom 26. bis 30. Juni 1945 ) erstmals begangen.
10 Die Alpen - 1969 - Les Alpes145 Früh am Morgen stehen der Österreicher Hans Etschmayer und ich, leicht fröstelnd, im Schatten an der Basis der mächtigen Wand. Hoch über uns ist eine tschechisch-polnische Seilschaft, die aber nicht zu sehen ist, am Werk. Wir wissen nur von der frühen Tagwache unserer Kameraden. Uns folgen noch drei weitere Seilschaften, alle mit dem Ziel, den Oberkrainer Weg zu begehen. Rasch und in bester Stimmung seilen wir uns an, und schon geht 's, oft gleichzeitig kletternd, mit keuchendem Atem aufwärts. Um 19 Uhr ist im Aljazew-Dom die offizielle Abschlussfeier, an der wir unbedingt teilnehmen wollen. Bald sehen wir von den nachfolgenden Seilschaften nichts mehr, gewinnen unerhört schnell an Höhe, und schliesslich empfängt uns die Sonne, die mit ihrer Wärme unser Tempo etwas drosselt. Auf dem Oberkrainer Turm, nach etwa 900 Höhenmetern, gehen wir ans Doppelseil, behängen uns mit der notwendigen « Schlosserei » und geniessen noch eine herrlich saftige Grapefruit aus der reichhaltigen Zwischenverpflegung. Der Cop-Pfeiler sieht von hier aus beängstigend steil und eindrücklich aus: ein schmaler Pfeiler, der sich nach oben in einer überhängenden Wand verliert. Es scheint, als wäre er dazu da, diese Wand zu stützen. Dort, wo er den Blicken entschwindet, sind die Hauptschwierigkeiten - ein Riss, schwarz vom Wasserfliessen, zieht sich in die Höhe. Fast regelmässig wird dieser Riss von Höhlen und Übergängen unterbrochen: unsere Route. Noch schnell werden ein paar Photos geschossen, und schon queren wir auf sehr luftigem Bande in eine vereiste Schlucht und noch eine Seillänge weiter nach rechts an die Pfeilkante. Inzwischen sind unsere Frühaufsteher etwa 100 Meter über uns, inmitten der Schwierigkeiten, sichtbar geworden. Die Kletterei ist herrlich: eisenfester Fels, genügend Sicherungshaken, freies Klettern über einem 1000 Meter tiefen Abgrund, bis zu den Schneefeldern, die sich vom hellen Schutt des Kars am Wandfuss kaum abheben. Schon haben wir die grosse Höhle am Beginn der Hauptschwierigkeiten erreicht und können nicht genug loben, wie es uns heute gut « rolle ». Inzwischen haben die andern Seilschaften den Oberkrainer Turm erreicht. Das Wetter lässt nichts zu wünschen übrig. Noch einmal werden die Knoten angezogen, und schon geht es über den ersten Überhang in die nächste, kleinere Höhle, dann weiter über eine leicht überhängende Hakengalerie. Heute fühlen wir uns so fit, dass wir wiederholt den Photoapparat zücken. Hans arbeitet sich höher. Der vielen eingehängten Haken wegen lasse ich das Seil einfach durch die Hände laufen. Plötzlich - ein Geschoss - und bevor ich recht weiss, was passiert ist, hängt Hans gleich mit drei ausgerissenen alten Haken über mir! Zum Glück hat sich mein Seilgefährte nur ein wenig den kleinen Finger und den Handrücken geschürft. Der kurze Sturz scheint ihm nicht viel ausgemacht zu haben, denn nachdem wir beide die ungetreuen im Seile hängenden Haken gebührend verwünscht haben, können wir unsern Aufstieg fortsetzen. Mit U-Profil-Haken, die nur im Dreck stecken, hat Hans die Seillänge geschafft. Nachfolgend kann ich die Dinger teilweise von Hand wieder herausziehen. Mit leicht gedämpftem Übermut klettern wir in Richtung eines hellen, nach links leitenden und etwa drei Meter ausladenden Überhanges. Darüber scheint die Nachmittagssonne an den Fels. Das Monstrum ist gut genagelt; ganz aussen auf der Kante ruhe ich mich einmal aus, denn ich möchte mich ein wenig umsehen. Prächtig ist 's da oben! Etwas rechts unter mir gleitet der Blick über eine helle Platte, die von einem dunkeln Wasserstreifen überzogen ist und unvermittelt, im Farbkontrast zum dunklen Wandfuss-Gelände, in einem Dach abbricht. Darüberhin schiesst ein Wässerlein, in der Sonne glitzernd, durch die freie Luft in die Tiefe; über mir bäumt sich der nächste Überhang auf.
Die Route zieht sich jetzt nach links, äusserst ausgesetzt, zu einem Standplatz, wie er luftiger kaum auszudenken ist. Ein fallender Gegenstand würde hier die Wand wohl nicht berühren, bis er nach 1200 Metern am Wandfuss endlich zur Ruhe käme.
Wir stehen in der Sonne. Wunderbare Freikletterei leitet in zwei letzten Seillängen zum Ausstieg, dem Gipfel des Skalaschka-Turmes. Noch bei diesen Seillängen versuche ich das Erlebnis dieses freien Raumes in mich aufzunehmen, um diese Eindrücke nicht so schnell zu vergessen. Dann folgt der Ausstieg - glückliches Händeschütteln - Grapefruit-Essen bei einer kurzen Rast.
Trotz eines neuerlichen Verhauers beim Abstieg - mit entsprechender Gegensteigung - sind wir zur rechten Zeit beim Abschiedsessen.
Mittwoch, 26. Juni Rückreise in zwölf Stunden von Ljubljana über St. Bled-Jesenice-Wurzenpass-Villach-Linz-Franzensfeste-Brenner-Arlberg-Erstfeld.
Jetzt, da wir wieder zu Hause sind, bleibt die Erinnerung an unsere herrlichen Kletterfahrten, und aufs neue werde ich die Bücher, die von den Julischen Alpen erzählen, zur Hand nehmen, um jene erhabene Bergwelt wenigstens im Geiste noch einmal zu erleben.