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Literaturnobelpreis
«Bob Dylan wäre Johannes der Täufer»
Der wohl bekannteste Song von Bob Dylan, «Like a rolling stone», hat folgenden Refrain: «How does it feel/To be without a home/Like a complete unknown/Like a rolling stone?» Rechtfertigen solche Zeilen einen Literaturnobelpreis?
Klingt etwas banal, nicht? Der Text ist 1965 entstanden, und man sollte ihn nicht unterschätzen. Zum einen schreibt sich Dylan damit in die amerikanische Musiktradition ein. «Rollin‘ Stone» heisst ein Song, den der Bluesmusiker Muddy Waters 1950 aufgenommen hat. Dylan ist ein Virtuose der Traditionsbezüge über die Hautfarbengrenzen hinweg.
Und zum anderen?
Zum anderen schreibt er diese Traditionen fort und um. Im Refrain, den Sie zitieren, wendet er sich an eine ziemlich verwöhnte Frau. Sie hat auf die «Rolling Stones» – Landstreicher und Herumtreiber – immer herabgeschaut. Nun ist sie selber obdachlos, und der Refrain konfrontiert sie auf ziemlich schneidende Weise damit. Dylan gelingt es, aus einer Tradition eine Szene zu zimmern, die wie eine Sekundenaufnahme von 1965 wirkt: Ein junger, vermutlich weisser Mensch fühlt sich frei, inspiriert, erhaben über die alte Gesellschaft – und wird plötzlich mit eigenen Vorurteilen konfrontiert. Genau dieses präzise Weiterspinnen amerikanischer Traditionen führte die Stockholmer Akademie als Begründung für die Preisverleihung an.
Hätte man Dylan auch den Friedensnobelpreis geben können?
Falls ihn sonst Bono erhalten hätte: Ja. Aber im Ernst: Ich wüsste nicht warum.
Sie finden den Entscheid des Komitees richtig.
Ja – und nicht mal besonders mutig. Schaut man sich die Reaktionen in den Feuilletons an, wird der Entscheid reihum begrüsst. Früher wäre das natürlich ein Aufreger gewesen, aber heute hält kaum mehr jemand diese Differenz zwischen der angeblich banalen Populär- und der einzig wahren Hochkultur aufrecht. Dylans Texte gehören längst zum Kanon der grossen Literatur, Hunderte von Sprachwissenschaftlern haben Tausende von Stunden in Dissertationen über die Texte dieses seltsam krächzenden Sängers investiert. Insofern könnte man schon fast von einer logischen Wahl sprechen.
Nicht nur der Refrain bei «Like a rolling stone» zeigt, dass Dylan immer ein Bewusstsein für Randständige und Ausgegrenzte hatte. Sehen Sie darin einen religiösen Zug?
Dylan ist ja ein changierendes Wesen. Er hat viel ausprobiert, und ja, irgendwann in den 1970ern machte er den Glauben explizit und konvertierte, ein geborener Jude, zum Christentum. Er war aber auch Polit-Aktivist, Elektro-Gitarrist, Familienmensch, Star ... Aber um zum Refrain zurückzukommen: Es hat wohl mehr damit zu tun, dass Folk-Lieder meist von Aussenseitern, Verlierern, Stolpernden handeln.
Aber Dylan hat eine religiöse Aura.
Eine Aura hat er bestimmt. Die hat mit seinem Changieren zu tun, seiner Unberechenbarkeit und dem Eindruck, dass er dann doch voll und ganz da ist, wenn er irgendwo irgendwie auftaucht. Seine Stimme hat er ja selber als quecksilbrig bezeichnet. Dylan ist selbst wie Quecksilber: Versucht man ihn zu fassen, entgleitet er. Diese Unfeststellbarkeit produziert eine Aura. Für das Religiöse fehlt ihr aber das Verbindliche, die Absicht, irgendjemanden zu überzeugen.
Mit welcher Figur aus dem Neuen Testament könnte man Dylan vergleichen?
Dylan ist definitiv kein moderner Jesus. Er hat keine Heilsbotschaft, und wenn doch, dann versteckt er sie gut. Wenn man schon einen Vergleich aus dem Neuen Testament sucht, dann ist Dylan eher Johannes der Täufer. Eine etwas kratzige und kauzige Figur, die weiss, dass grosse Dinge passieren, aber doch auch froh ist, dass sie nicht den Lead übernehmen muss.
1963 trat er bei der Abschlusskundgebung des «Civil Rights March on Washington» auf, bei der Martin Luther King seine berühmte Rede «I Have a Dream» hielt. Was verbindet Dylan mit ihm?
Luther King war ein schwarzer Pfarrer und Bürgerrechtler, der 1964 den Friedensnobelpreis erhielt und 1968 ermordet wurde. Dylan hat den Bürgerrechtskampf der Afroamerikaner zwar nach Kräften unterstützt. Aber seine Biografie blieb die eines weissen intellektuellen Poeten mit einer seltsam ungeölten Stimme.
1979 konvertierte Dylan zum Christentum. Das Album «Slow train coming» stammt aus dieser christlichen Phase. Der Titel suggeriert, dass die Wiederkunft Christi wie ein Güterzug langsam, aber unaufhaltsam auf uns zukomme. Wie finden Sie die Metapher?
Das ist die ins Industriezeitalter übersetzte Metapher der neutestamentlichen Samen-Bilder: Das Reich Gottes ist eigentlich schon da, aber es dauert doch noch ein wenig, bis es wirklich da ist. Mir gefallen die Samen-Bilder besser.
Hat er das Christentum unterdessen wieder abgelegt?
Ich glaube nicht, dass Dylan Identitäten annimmt und wieder ablegt. Er hat ja dann später auch einmal vor Johannes Paul II. ein Lied gesungen. Er ist alles gleichzeitig, nur interessiert ihn nicht alles gleichzeitig gleichermassen. In diesem Sinn ist er das Gegenteil der momentanen Läuterungskultur.
Wie meinen Sie das?
Unsere Zeit leidet gerade unter einem schwierigen Authentizitätsbegriff, der ständig zu Entscheidungen zwingt: Ich bin das, ich bin das nicht. Dylan kann hier zu einer gewissen Entspannung beitragen. Die Menschen könnten sich wieder mehr trauen, wie Bob Dylan zu sein: Unfestgelegt, vieles aufs Mal und durchaus offen, auch ein bisschen Jesus in ihr Leben treten zu lassen.
In dem Sinn ist er christlich?
Ja. Nicht ich muss wissen, wer ich bin. Es reicht, dass Gott das weiss. Aber diese Aussage würde vermutlich auch jeder Jude unterschreiben – also doch kein Beweis für Dylans christliche Identität, wenn Sie mir diesen Scherz erlauben.
Matthias Böhni / ref.ch / 14. Oktober 2016
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Matthias Bachmann (51) ist reformierter Pfarrer. Bis vor kurzem war er Musikjournalist des «Züri-Tipps» des «Tages-Anzeigers», wo er insbesondere über Hip Hop, Singer-/Songwriter und Punk schrieb. Jetzt arbeitet er für das Reformprojekt «KirchGemeindePlus» der Zürcher Landeskirche.