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OA: Leipzig, F. A. Brockhaus, 1859. Vorliegende Ausgabe: ein Fasksimile-Reprint von 2014 bei Finis Mundi. (Ein Verlag, der mir übrigens auch an der Frankfurter Buchmesse aufgefallen ist durch seine schön gestalteten Reprints, v.a. von Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts: Leineneinband, Lesebändchen, gutes Papier…)
Pantschatantra (heute auch: Panchatantra) ist eine Sammlung von fünf Büchern und stammt ca. aus dem 6. Jahrhundert u.Z. Jedes Buch umfasst (normalerweise) eine Rahmenerzählung, in die weitere Binnenerzählungen eingeflochten sind. Manchmal enthält die Binnenerzählung ihrerseits noch eine Erzählung. Tiefer verschachtelt wird eigentlich nicht. Die Legenden um diese fünf Bücher wollen, dass ein weiser indisch-buddhistischer Philosoph sie geschrieben habe, um den absolut nutzlosen und wenig Intelligenz zeigenden Söhnen eines indischen Herrschers beizubringen, wie ein Fürst zu regieren habe, worauf er zu achten habe. So stehen alle fünf Bücher unter einem bestimmten Motto:
- Verfeindung von Freunden
- Erwerbung von Freunden
- Krieg (der Krähen und der Eulen)
- Verlust von schon Besessenem
- Handeln ohne sorgfältige Prüfung
(Natürlich ist es dem Weisen gelungen, seine Zöglinge für ihr zukünftiges Amt herzustellen. Jede Erzählung trieft von moralischen Sentenzen und Nutzanweisungen, die nur zum Teil den Akteuren in den Mund gelegt werden, zum grossen Teil sind sie von der Erzählung unabhängig – ja, jede Erzählung wird explizit eingeführt als Exemplifizierung der soeben dargereichten Sentenz. Ein höchst pädagogischer Text also in Struktur und Inhalt.)
Helden aller Lehrgeschichten des Pantschatantra sind Tiere. Benfeys Ausgabe ist so strukturiert, dass der erste Band nur Einleitung ist. Die Geschichten selber folgen im zweiten Band, inklusive weiterer Anmerkungen und Erklärungen. Der erste Teil, die Einleitung, ist deshalb so gross, weil sich Benfey bemüht, alle Varianten der Überlieferung des Pantschatantra aufzulisten und so auch Varianten nachzuerzählen; weil er sich auch bemüht, die geografischen Wanderungen der Märchen aufzuzeigen. Ausgangspunkt ist dabei seiner Meinung nach oft das antike Griechenland – Fabeln, die Äsop zugeschrieben wurden. Benfey zeigt dann auf, wie diese Fabeln aus oder mit dem Pantschatantra weiter gewandert sind: bis in die Mongolei einerseits (dies mit der Verbreitung des Buddhismus, der gemäss Benfey am Ursprung der Sammlung steht), aber auch in Einzelstücken bis in die Märchen aus 1001 Nacht, in (andern) Einzelstücken bis in die europäische Literatur: in die Gesta Romanorum, ins Decamerone von Boccaccio (und andere wiederum an Boccaccios Vorbild ausgerichtete Novellensammlungen), ja in die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm.
Ich kann hier gar nicht alles wiederholen, was Benfey aufgezählt hat. Man sieht ordentlich, wie sein Philologen-Herz gelacht haben muss: ein ganzer Band, 600 Seiten Einleitung, in der er die Wege der Fabeln zu rekonstruieren sucht; im zweiten Band etwas über 350 Seiten eigentliche Übersetzung, eigentlicher Text, dann nochmals rund 200 Seiten Anmerkungen und Nachträge. Benfeys philologische Resultate gelten heute m.W. als überholt. Wissenschaftsgeschichtlich sind sie dennoch interessant, aber das Augenmerk des Lesers wird wohl auf dem eigentlichen Text des Pantschatantra liegen. Wer Äsop oder La Fontaine mag, wird auch mit dem Pantschatantra auf seine Rechnung kommen. Der Text ist bedeutend strukturierter, auch wenn die einzelnen Bücher immer kürzer und nachlässiger komponiert werden. Die meisten Fabeln kennen wir Europäer ja doch nicht, oder nicht in dieser spezifischen Form. Den ersten Band, und auch die Anmerkungen und Nachträge darf man hingegen heute wohl überschlagen – eine Augenweide sind die beiden Bände von Finis Mundi dennoch.