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Wer braucht Coaching 3.0? – oder, am Anfang ist der Mut
Freitag, 01 April 2016
Wer braucht Coaching 3.0? Die kurze Antwort ist: Vor allem diejenigen, welche dies selber noch nicht gemerkt haben. Doch im Ernst: Was ist Coaching 3.0 denn überhaupt? Wie die Nummerierung mit Bezug auf die Softwareindustrie andeutet, ist dies die dritte wesentliche Erweiterung von Coaching 1.0. Dieses wiederum ist im Personalwesen die vertrauliche Beziehung zwischen dem Coach und einer Führungskraft irgendwo zwischen Top- und Middle Management, oft privat finanziert. Beim Coaching 2.0 wird zusätzlich der oder die Vorgesetzte des Gecoachten einbezogen, während das Coaching 3.0 den nächsten konsequenten Schritt weiter geht und weitere Anspruchsgruppen wie Peers oder die Mitarbeitenden des „Coachees“ einbezieht.
Der Vorteil dieser vom amerikanischen Coaching-Guru Marshall Goldsmith wesentlich mitentwickelten Methode mit dem Titel "Stakeholder Centered Coaching" liegt auf der Hand: Seriös ausgeführt ermöglicht Coaching 3.0 eine wesentlich genauere und auch objektivere Situationsanalyse mit der zugehörigen Palette an Entwicklungsmöglichkeiten als der rein bilaterale Prozess des Coaching 1.0 oder die „Vogelperspektive“ von Coaching 2.0. Eine offene Kommunikationskultur vorausgesetzt ermöglicht Coaching 3.0 gleichsam eine dreidimensionale Darstellung von Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken einer Führungspersönlichkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Was sind die Voraussetzungen für ein gutes Coaching 3.0 beim Coachee, und welche Hindernisse existieren?
- Demut: Die erste Voraussetzung ist, dass jemand in einer Verantwortungsposition überhaupt erkennt, dass er Hilfe brauchen kann, vielleicht sogar dringend braucht. Und damit bereit ist, Hilfe einer grösseren Stakeholder-Gruppe anzunehmen. In vielen Fällen fehlt diese Bereitschaft. Immer wieder kommt es zu Situationen wie in der Firma Muster, wo ein Mann mit grossen fachlichen Qualitäten plötzlich Chef wird. Der branchenfremde Verwaltungsratsratspräsident ist derart weit vom mittleren Kader entfernt, dass er nur zu hören bekommt, was er ohnehin gerne hört. George Orwell lässt grüssen. Und der neue Chef – im Innersten vermutlich gar nicht so souverän und sicher – überspielt seine fehlende Führungssicherheit mit Arroganz und schart eine Gruppe von Jasagern auf der nächsten Führungsstufe direkt unter sich. Hier wäre ein typischer Bedarf für ein Coaching 3.0. Leider findet es nicht statt.
- Mut: Hier sind wir wieder beim überhaupt nicht salopp gemeinten Eingangssatz dieses Textes: Es gehört als Chef Mut dazu, einen Coaching-Bedarf zu äussern und sowohl Vorgesetzte wie Untergebene in diesen Prozess einzubeziehen. Jim Yong Kim, Präsident der Weltbank, hat diese Courage gehabt und Marshall Goldsmith engagiert. Da könnte man eigentlich meinen, Kaderleute mit zehn- bis hundertmal weniger Verantwortung könnten dies viel leichter tun? – Irrtum. Man muss ja nicht gleich die Demut von Sokrates mit seinem berühmten Dictum „Ich weiss, dass ich nichts weiss“ an den Tag legen.
- Diszplin: Ist der erweiterte Kreis von Anspruchsgruppen für ein Coaching einmal aufgesetzt, braucht es wie bei allen Entwicklungsprozessen viel Disziplin, um dran zu bleiben. Ohne konsequent regelmässigen Austausch mit Feedforward- und Feedback-Schlaufen ist die Initialzündung rasch verpufft. Dies kennen alle, die an einem extrem guten und begeisternden Teamevent waren. Man hat gemeinsam gelitten, Brücken gebaut, auch physische, sich auf ein Motto eingeschworen und einen Aktionsplan erstellt. Ohne Disziplin und Verantwortlichkeit sowie Folgeveranstaltung ist der Event nicht einmal das Geld wert das er gekostet hat. Ganz nach unserem Motto: Personalentwicklungsmassnahmen ohne Follow Up sind Unterhaltung. Teamentwicklung ohne Verantwortlichkeit ist Tagträumen.
Coaching 3.0 birgt ein unglaubliches Potential für die Weiterentwicklung nicht nur von der gecoachten Führungspersönlichkeit sondern, von einem ganzen System. Im Idealfall entsteht eine völlig neue Achtung für und Interaktion mit dem Chef genauso wie in einer gut geführten Fussballmannschaft. Und – Hand aufs Herz: für einen Captain und Stürmer, den man respektiert, rennen alle schneller und weiter.
Also liebe Leserinnen und Leser: Vergessen Sie nicht: Am Anfang ist der Mut. Dies ist übrigens auch das Motto der britischen Elitetruppe, des Special Air Service Regiment: „Who dares wins!“
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