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Natürlichkeit(172)
Unterstützt von Sabine Leuenberger
"Der Jazz", hatte Nina Pit erklärt, "glaubt daran, dass jeder Mensch einen persönlichen musikalischen Aus-druck hat, so wie er einen persönlichen Fingerabdruck hat. Es geht darum, den zu finden."
"Und wie tue ich das?", hatte er gefragt, worauf sie lachend gesagt hatte: "Wüsste ich das, wäre ich nicht Plattenverkäuferin geworden."
Also hatte er andere gefragt, als erste Petzi. "Viel-leicht hast du ihn schon", hatte sie geantwortet. "Ich finde jedenfalls, so wie du klingt keiner."
Das war nett, doch es befriedigte ihn nicht, und so klingelte er, auf Petzis Anraten, bei Selina. "Wie komme ich zu einem persönlichen Ausdruck?", fragte er.
"Oh, keine Ahnung", sagte sie. "Im Schauspiel ist das ein paar wenigen vorbehalten. Die meisten sind Fußvolk, so wie die meisten Musiker. Wenn du im Orchester Geige spielst, und man hört dich raus, fliegst du ja auch. Im Theater musst du vor allem mimen können, pointiertes Beobachten ist wichtiger als Charakter. Wenn die Schauspieler sich auf der Bühne so darstellen würden, wie sie im realen Leben sind, würde das Publikum davonlaufen. Es geht um Blendung, Theater ist Show. Das sage ich dir heute, morgen bin ich sicher anderer Meinung. Aber auch das ist typisch für unseren Beruf: Wir sind Fähnchen im Wind. Warum fragst du nicht einen Musiker?"
Das wollte auch Nina wissen. "Warum bist du nie im ‚Moods'?", fragte sie.
"Ich habe das Geld nicht", gestand er.
"Würdest du CDs verkaufen, gegen freien Eintritt?", fragte sie.
"Ja, natürlich", sagte er, und von da an ließ sie ihn ab und zu den Verkaufstisch betreuen.
Und wenn ihm auch längst nicht alles gefiel, was gespielt wurde, erschlug ihn doch regelmäßig die Wucht der Menschen auf der Bühne. Lloyd King etwa, ein dunkelhäutiger Tenorsaxofonist aus Chicago, der vor dem Konzert eine Klappenfeder seines ‚Horns' noch schnell mit einer Büroklammer flickte, weil er kein Geld für eine Reparatur hatte. Wenn er sein Saxofon blies, vibrierte der Beton, und es war völlig unerheblich, was er spielte, es war die schiere Präsenz, die es ausmachte. Nach dem Konzert saß er mit Nina und zwei Gästen klein und krumm an einem der Tischchen und trank, was immer ihm angeboten wurde. Endlich winkte Nina Pit an den Tisch und sagte: "Lloyd, das ist Pit, er spielt Klavier, und er hat eine Frage."
"Wie weiß man, dass man seinen Ausdruck gefunden hat?", fragte Pit - sie sprachen Englisch.
Darauf lachte Lloyd - es wurde mehr ein Husten. "Was für einen Ausdruck?", fragte er. "Ich habe elf Kinder mit vier Frauen, die kosten Geld. Wenn man mich lässt, spiele ich an sieben Tagen die Woche von abends um acht bis morgens um sechs. Da fragst du dich nur: Was gibt die Lunge noch her? Fühle ich meine Finger noch? Wer über Musik nachdenkt, ist kein Musiker. Spiel so, wie du auch aufs Klo gehst. Wenn die Leute dich dafür bezahlen, mach weiter, sonst such dir etwas anderes."
Danach vergrub Pit sich eine Woche lang im Übungsraum im Quartierhaus und versuchte, im Spiel einen Zustand zu erreichen, der all seine Zweifel beseitigte. Doch es gelang ihm nicht. Dann traten Alexander von Schlippenbach und Aki Takase mit ihrer Großformation auf, sie spielten eine komplexe, messerscharfe Musik, völlig anders als Lloyd King, doch ebenso erschlagend. In der Pause kam Pit mit dem Tubaisten Pelle ins Gespräch und fragte: "Wie kommt man an den Punkt, dass man sich in einer solchen Musik zuhause fühlt? Oder spielst du nur, was sie von dir verlangen?"
"Nein, wenn du mit solchen Cracks auftrittst, musst du dagegenhalten können", sagte Pelle, "sonst faulst du raus. Natürlich verlangen sie, dass ich spiele, was sie brauchen, aber eben auf meine ganz eigene Art. Das ist das Schöne an dieser Musik, wir sind ein Kollektiv von Individualisten, das gibt ihr überhaupt den Schub."
"Und was braucht es dazu?", fragte Pit.
"Technik", sagte Pelle, ohne zu zögern. "Je breiter dein Rüstzeug ist, desto leichter fällt es dir, bei dir zu sein. Wenn du darum kämpfen musst, im Spiel zu bleiben, ist dein Stresspegel schon zu hoch. Übe Tonleitern, Changes, ganz konservativ. Deinen Charakter als Musiker findest du sowieso erst, wenn du ins kalte Wasser geworfen wirst. Was es mit dir macht, mit einer Aki oder einem Alex auf der Bühne zu stehen, kannst du gar nicht voraussehen."
Und Roscoe Mitchell, den er erst anzusprechen wagte, als er schon im Mantel war und halb aus der Tür, brauchte gerade mal sechs Worte, um Pits Weltbild ein weiteres Mal zu verrücken. "Have fun", sagte er. "No fun, no sound."
Dann stellte ihm Nina in ihrem Laden eine Kundin vor, Bettina. Sie war erst 17, ging noch aufs Gymnasium, und Nina ließ ihr gerade ein Stück von Steve Lacy mit Irene Aebi laufen, die eigentlich Cellistin war, aber hier sang sie. "Schrecklich", sagte Bettina, "ich mag sie." Und danach kaufte sie gleich alles, was die beiden herausgebracht hatten.
"Warum hast du sie mir vorgestellt?", fragte Pit, als Bettina den Laden verlassen hatte.
"Weil ich glaube, ihr zwei habt eine gute Reibung", sagte Nina. "Geh mal mit ihr Kaffee trinken, sie kommt immer mittwochs um diese Zeit, da hat sie zwei Freistunden. Sie besitzt eine ganz schöne Plattensammlung, allein das könnte dich interessieren."
Und obwohl er Bettina nicht auf Anhieb mochte - sie hatte orangerot gefärbtes Haar, roch nach Patschuli und trug die lindgrünen Adidasschuhe, die er zwei Jahre zuvor überall vergeblich gesucht hatte -, kam er am nächsten Mittwoch wieder. Bettina lachte laut, sobald sie ihn kommen sah, und rief: "Wir haben eine Kupplerin!" Dann hakte sie sich bei ihm ein, zog ihn wieder aus dem Laden und sagte: "Lass uns ins ‚Karl der Große' gehen."
"Was hat Nina zu dir gesagt?", fragte er auf dem Weg dorthin.
"Du meinst, wie sie dich angepriesen hat?", fragte sie zurück. "Gar nicht. Ich hatte sie gebeten, dich mir vorzustellen. Mir gefällt dein Wuschelhaar, da wollte ich zu gern mal reinfassen." Und das tat sie auch gleich. "Außerdem suche ich schon länger einen Pia-nisten. Bei uns an der Schule ist nichts zu finden."
"Ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin", sagte er. "Was spielst du denn?"
"Was mir gerade Spaß macht", sagte sie, "wie Ornette Coleman, oder eben Irene Aebi. Schlagzeug, Flöte, Posaune. Aber vor allem singe ich."
"Ich will auf die Jazzschule", erklärte er, um seine Ernsthaftigkeit zu betonen.
"Ich will in die Carnegie Hall", erwiderte sie unbeschwert und sang zwei Takte Lady sings the blues, und zwar mit einer Stimme, die so verhangen und brüchig klang wie die von Billie Holiday.
Das beeindruckte ihn, trotzdem sagte er nur: "Ich glaube nicht, dass Standards das sind, was ich spielen will. Deshalb gehe ich auch nach Luzern."
"Puh, du bist ein sturer Hund", sagte sie. "Eine Billie Holiday singt keine Standards, sie singt einfach. Und das tue ich auch." Und weil sie ihn - zu Recht - verdächtigte, die Musik von Billie Holiday gar nicht richtig zu kennen, lud sie ihn auf einen Plattennachmittag nach Kilchberg ins Haus ihrer Eltern ein.
Es war für ihn eine Reise in eine andere Welt, nicht nur der Villa wegen, in der sie wohnte. Sie hörten vier Stunden lang Musik, nur Sängerinnen, von Billie Holiday zu Barbra Streisand ("auch so eine aus Kolumbien", sagte sie dabei, und es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass sie Columbia Records meinte - solche Scherze machte sie oft), von Björg zu Christa Ludwig. Oft sang oder summte sie mit. Die Auswahl war nicht beliebig, offensichtlich wollte sie ihm etwas demonstrieren, denn sie sagte immer wieder: "Hörst du? Es ist alles dasselbe", bis er irgendwann entnervt antwortete: "Kunststück, sie singen alle."
Daraufhin grinste sie und sagte süffisant: "Hurra, er hat begriffen. Dann zu Lektion zwei." Danach legte sie Instrumentalisten auf: Ornette Coleman, Miles Davis, Carla Bley, Eric Dolphy. Und endlich, ohne daraus irgendeinen Schluss gezogen zu haben, sprang sie auf, zog ihn hoch und schob ihn zu einem Klavier, das im Esszimmer stand.
"Spiel", bat sie.
"Ich kann nicht, mein Kopf ist voll von der ganzen Musik, die wir gehört haben", sagte er.
"Meiner auch. Spiel, ich zähle bis drei", sagte sie zum Spaß, dann sang sie einen ersten Ton, gleichzeitig drückte er wahllos ein paar Tasten. Aber offenbar hatte er doch eine Wahl getroffen, oder sogar sie beide gemeinsam, denn in jenem ersten Klang erkannte er einen Akkord aus Mahlers Kindertotenliedern. Das führte ihn zu den nächsten Tönen, und erst schien ihm, dass Bettina denselben Weg ging, dann machte sie aber mit der Stimme einen ganz kleinen Schlenker, der genügte, dass er Sarah Vaughan darin erkannte: In the mood for love. Daraufhin musste er lachen, vor allem aus Überforderung, und sie brachen ab.
"Was ist?", fragte Bettina.
"Ich schwimme total", gestand er.
"Ja, ich auch", sagte sie, "cool, oder? Es ist wie Tauchen im Meer, nachts, mit Klippen, bei Neumond. Keine Ahnung, wo ich bin, keine Ahnung, was da noch ist. Besser als ein Trip. Komm, nochmal."
Sie setzten neu an, und er versuchte, das Schwimmen zu genießen. Doch er fand, dass er viel zu viel Käse spielte, und brach wieder ab.
"Mensch, was ist das Problem?", fragte sie leicht genervt. "Was kann dir passieren? Wir spielen doch nur."
Und weil er darauf nichts sagte und nur auf die Tastatur starrte, begann sie ohne ihn. Sie sang sich kreuz und quer durch allerlei, was sie am Nachmittag gehört hatten, und erst klang es, als zappe sie durch verschiedene Radiokanäle. Doch es hatte auch etwas ganz Eigenes, das ihn, als er die Augen schloss, mit Bildern erfüllte.
Er sah ein trällerndes Mädchen, das sich durch ein verlassenes Haus bewegt. Die Räume schienen alle noch zu atmen, obwohl die Menschen fortgegangen waren, und das Mädchen war von zwei Kräften getrieben,: die Neugierde zwang es vorwärts, die Angst wollte es zurückhalten, doch das Mädchen versuchte sie wegzuträllern. Pit hörte nicht mehr darauf, was Bettina sang, er spielte zu den Bildern, die er sah, und anfangs begriff er nicht einmal, dass er wieder zu spielen begonnen hatte. Er legte auch nur einzelne Akkorde oder Cluster unter ihren Gesang. Dann sah er ein Vögelchen, das sich ins Haus verirrte, und spielte, wie es durch die Zimmer flatterte und damit vielleicht das Mädchen lockte oder auch führte, vielleicht war es nur ein zufälliges Zusammenspiel, und beide strichen ganz für sich durchs Haus. Und endlich öffneten sich die Räume, eine ganze Wand brach weg, und von einer Veranda aus sah er viel und sattes Grün, er sah gewitternasse Bäume, die der Wind bewegte, dann auch Sonne, doch das Grün war stärker. Zuletzt stiegen sie irgendwie über alles empor, dort oben war nur noch Wind und zartes, milchiges Blau.
"Na also", sagte Bettina, er öffnete die Augen wieder und sah, wie sie etwas Spucke vom Kinn wischte. "Machen wir weiter? Samstag?"
Er war noch ganz in Trance, und bevor er antworten konnte, sagte sie: "Na, überleg's dir. Ich muss jetzt eilig etwas essen und dann ab zum Unihockey."
Im Vorbeigehen griff sie wahllos ein paar CDs, drückte sie ihm in die Hand und riet: "Spiel dazu, das ist die beste Übung", dann stellte sie ihn auf die Straße.
Und weil in Kilchberg zur Abendbrotzeit niemand unterwegs war, brauchte er eine ganze Weile, ehe er zur Busstation zurückfand.