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Hyper-systemizing und hyper-learning als Erklärung von Stärken
Im Leben eines autistischen Kindes scheint mir vieles extremer zu sein. Die Hyper-Funktionalität des Gehirns mit überdurchschnittlich ausgeprägter Wahrnehmung, einer erhöhten Aufmerksamkeit, einem ausserordentlichen Erinnerungsvermögen und Hyper-Emotionalität – wie es uns die Intense World Theory nahe legt – schreit förmlich nach Strategien zur Bewältigung “der Welt”. Ob nun mit hyper-learning als Zuflucht in einem spezialisierten Kokon nach Markram oder hyper-systemizing entstanden aus Baron-Cohens Theorie eines extrem männlich ausgeprägten Gehirns, um die Welt mithilfe eines Systems durchschaubar zu machen … beides bietet Erklärungen, warum du Zahlen, Ordnung und Systeme liebst und dich darin mit einer enormen Lern- und Gedächtnisverarbeitung vertiefen magst.
Vom Liftfahren, von Vegetariern und von der Fibonacci Folge
Noch nicht mal jährig hast du entdeckt, dass man die Welt berechenbar machen kann, wenn man ein System durchschaut.
“This is because when you systemize it, it is easiest to keep everything constant, and only vary one thing at time (Baron-Cohen).” Georg Theunissen
Wir wohnten damals noch in einer Mietwohnung nahe der Bahnlinie im ersten Stock. Das Liftfahren war unser Alltag: UG, EG, 1. Stock, 2. Stock, 3. Stock und 4. Stock. Im UG waren Garage, Veloraum, Waschküche und Keller. Im EG Wohnungen, die Briefkästen und der Eingang mit dem Topfpflanzenzwist, im 1. Stock eben wir und daneben die bekannte Politikerin, im 2. Stock die lustig-laute WG mit nach Hanf duftendem Balkon, im 3. Stock die wenig jüngere Elin, welche ab und zu bei uns klingelte und Amber aus Südafrika, eine Lehrerin mit grossem Herz für alle Menschen und im 4. Stock die Kunstmalerin mit den bunten Bildern und der Psychologe, mit dem ich ab und zu über den Schetismus lateralis plauderte. Die Stockwerke mit den Zahlen waren das Konstante – der Lift das Variable. Aufgrund des Systems hingegen – durchschaubar. Einmal hatte der Lift einen Tilt und dachte bei Stock Nr. 2, er sei erst in Stock Nr. 1. So kam man nicht mehr – per Lift – in den 4. Stock. Ein System im Durcheinander. Nichts desto trotz war das der Beginn einer grossen Leidenschaft für Mathematik.
Kurz vor deinem zweiten Geburtstag fuhren wir in die Toscana in die Ferien – sprich Gavorrano. In einem kleinen Häuschen “Casa di Carla” inmitten eines Olivenhaines war für zwei Wochen unser zu Hause. Im nahegelegenen coop gab es ein ganz anderes Sortiment als zu Hause. (Es gab frische Steinpilze – aber das interessierten nur Papi und Mami.) Du liebtest die kleinen Quärkli von dort. Aber auch das Essen dieser Quärkli packtest du in ein System: jedes Quärkli braucht einen eigenen Löffel mit 1:1 Zuordnung. Denselben Löffel nochmals zu benützen schien dir mathematisch inkorrekt.
“Des Weiteren wird uns signalisiert, dass sich das erhöhte Systematisieren als ein kreativer Prozess vollziehen kann, der zu Spezialinteressen sowie zu unkonventionellen, aber ebenso kreativen, neuartigen Ergebnissen führen kann, indem Dinge in einem neuen Licht erscheinen und damit Impulse für weitere Forschungen, Weiterentwicklungen oder gar gesellschaftlichen Fortschritt gegeben werden. Folgerichtig verdient das erhöhte Systematisieren pädagogische Wertschätzung und Verständnis – dies in der Form, dass zum Beispiel auch das Bedürfnis nach Routine und Ordnung oder repetitives Verhalten (sprachlich, motorisch), das sogenannte stimming, für die betreffende Person hoch zweckmässig zur Erfassung und Aneignung von Welt sein kann. (…)” Georg Theunissen
Georg Theunissen macht im letzten Satz seines Zitates auf das Stimming aufmerksam – ebenfalls ein Versuch die Welt in ein System zu bringen und berechenbar zu machen. Somit bekommt das repetitive “Licht an – Licht aus – Licht an – Licht aus” eine ressourcenorientierte Bedeutung. Die wiederholende Handlung zeigt, dass ‚etwas‘ durchschaut worden ist und damit gleichzeitig beruhigt. In der Kleinkindzeit erlebten wir mit dir etliche solche Systematisierungen: Licht an/aus, Türklinke rauf/runter, dem Plüschaffen die glatten Glasaugen reiben etc.
Mit drei Jahren hast du in der Spielgruppe bereits berechnet, wie viele Tische und Stühle es braucht, wenn alle Kinder mit den Eltern zum Frühstücksanlass kommen. Sowieso hast du dort die Kinder unbewusst zum Zählen animiert: vorwärts, rückwärts, nur die gerade Zahlen, die ungeraden etc. Die neuronale Hyper-Funktionalität kann nach der Intense World Theory bei manchen Kindern im Autismus-Spektrum tatsächlich zu einem super-learning führen.
Auch kommunikativ half dir ein System. Oft wähltest du ein wiederkehrendes Thema und startetest stereotyp Gespräche damit. Sehr interessant fandest du lange Zeit, warum dein Onkel Vegetarier ist. Ja, weil er als passionierter Weltenbummler in Georgien Fleisch aufgetischt bekam, was übrigens nichts mit Georgien als Land zu tun hat – nur mit der dortigen Unterkunft, das ihn phobisch an Menschenfleisch erinnerte und seither … vegetarisch. In stereotyper Manier. Für mich ist klar – auch hier bietet das System Sicherheit.
Systeme sind für dich aber nicht nur Stressbewältigung – auch Lust. So begeisterte dich im Kindergarten die Fibonacci Folge als ein interessantes System. Oder in der Unterstufe entdecktest du selber, wie man schriftlich grosse Zahlen zusammenzählen kann. Wäre das nicht schon entdeckt worden – es wäre dein System und somit benannt nach dir: deine Erfindung 🙂 . Gesellschaftlichen Fortschritt erwarte ich dennoch nicht von dir, auch wenn ich noch nicht weiss, wo du als Erwachsener beruflich landen wirst. Ich freue mich aber sehr über deine eigenen Lernwege, wenn du dich leidenschaftlich in eine Problemlösung vertiefst.
Ich weiss nicht, ob das Eltern neurotypischer Kinder in der gleichen Intensität erleben dürfen.
PS: Diese Woche habe ich dir das Systematisieren unabsichtlich erschwert. Ich schrieb auf den SJW Elternbrief, dass du für maximal 20.- Heftli kaufen darfst. Nun gibt 3 x 6.- nach Adam Riese 18.-. Rest 2.- . Das fandest du ganz schlimm. Ich verspreche dir, dass wir das nächste Mal den Betrag gemeinsam bestimmen.
Literaturangaben
Theunissen, G. (2004). Menschen im Autismus-Spektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer.