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Gott baut um
Eines Tages merkte Gott, dass er einsam geworden war. Hatte er nicht die Welt geschaffen, um Gesellschaft zu haben? Hatte er nicht die Menschen nach seinem Bild geformt, um mit ihnen sprechen zu können? Das war lange her. Nun sass Gott in seinem Himmel und fühlte sich sehr allein.
Seit er die Welt geschaffen hatte, sah er es als seine Pflicht an, darin zum Rechten zu sehen und dafür zu sorgen, dass sie nicht an der Unordnung zugrunde ging, die die Menschen so gern anrichteten. Das machte ihm viel Arbeit, mehr als er bei der Schöpfung vermutet hatte. Allmählich spürte Gott, dass diese Arbeit ihn ermüdete und die ständige Beaufsichtigung der Menschen ihn missmutig machte.
«Da sitze ich die ganze Zeit auf dem Richterstuhl und verurteile Übeltäter, und die Menschen haben zwar Respekt vor mir und sogar Angst, aber gern haben sie mich nicht. Die Welt, wie ich sie geschaffen habe, wird im Innersten von Gesetzen zusammengehalten. Das macht sie zu einem Gerichtshof, und in einem Gerichtshof lebt sichs nicht fröhlich miteinander. Kein Wunder, dass ich so einsam bin», sagte Gott zu sich selbst.
Er überlegte, was zu tun sei. Wie er im Überlegen seine Augen durch die Welt schweifen liess, sah Gott in einer kleine Stadt namens Nazareth in Galiläa einen Burschen und ein Mädchen, die gerade dabei waren, sich ineinander zu verlieben. Aber ihrer Liebe stand viel entgegen. Denn der Bursche kam aus einer angesehenen Handwerkerfamilie, die sogar den König David zu ihren Vorfahren zählte. Die Eltern des Mädchens hingegen waren zwar wohlhabend, aber eine Mischehe, der Vater Israelit, die Mutter Syrerin, wie es in Galiläa oft vorkam. Gesellschaftliche und religiöse Gesetze standen einer Verbindung der beiden jungen Leute entgegen. Das bedrückte Joseph, so hiess der Bursche, und Maria, so hiess das Mädchen. Joseph überlegte sich, Maria zu verlassen, und Maria dachte, vielleicht wäre es gescheiter, auf Joseph zu verzichten.
Gott sah es und dachte: «Schade, die zwei wären ein schönes Paar.» Und mit einemmal war ihm klar, was er ändern musste. Es durfte nicht sein, dass in seiner Schöpfung die Gesetze über die Liebe bestimmten. Gut herauskommen könnte es für die Welt und ihn selbst nur, wenn die Liebe stärker war als die Gesetze.
Darum blies Gott beiden, Maria und Joseph, einen starken Hauch Liebe ins Herz. Er war so stark, dass die beiden sich über alle Hürden hinwegsetzten, einander liebten und miteinander von daheim durchbrannten, um sich bei der Volkszählung in Josephs Heimatgemeinde Bethlehem als richtiges Ehepaar registrieren zu lassen. Gott schaute zu und hatte Freude an ihnen und auch daran, dass das Mädchen alsbald ein Kind erwartete. Und erst recht freute er sich, als das Kind in Bethlehem geboren wurde. Dass es in einem Stall geschah, fand er sehr passend; er beschloss: «Dieses Kind soll mein Botschafter der Liebe für die Welt werden und ihr sagen, dass ich die Schöpfung umbaue. Nicht mehr Gesetze werden ihre Grundlage sein, sondern die Liebe.» Und Gott schickte einen Stern nach Bethlehem, dass er über dem Stall leuchte, wo sein Botschafter zur Welt gekommen war.
Seither ist Gott dabei, die Schöpfung nach seinem neuen Plan der Liebe umzubauen. Vorläufig muss er selbst noch im Himmel ausharren und darüber wachen, dass wir die Gesetze beachten, damit uns die Welt nicht über dem Kopf zusammenbricht. Wenn aber der Umbau fertig ist, dann zieht Gott selbst aus dem Himmel aus und nimmt Wohnsitz in der Welt mitten unter uns, und wir werden fröhlich miteinander leben wie eine grosse Familie. Denn dann wird die Welt der Himmel sein.
Ulrich Knellwolf