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von Markus Schär, 07.11.2019
Geboren am 18. Januar 1963 in Scherzingen, Kanton Thurgau: So steht es auf Wikipedia, und so plappern es Journalisten und Moderatorinnen nach, auch hierzulande, wo sie wissen könnten, dass Peter Stamm einfach wie die Hälfte der Thurgauerinnen und Thurgauer im Kantonsspital Münsterlingen geboren wurde. Viel wichtiger ist, wie auf Wikipedia weiter unten steht, dass er als Sohn eines Buchhalters in Weinfelden aufwuchs. Und zwar wichtig für den Autor, aber auch für die Gemeinde: Sie ehrt deshalb den bedeutendsten Kulturschaffenden, den sie je hervorbrachte (sorry, Hans Ulrich Obrist), schon zu Lebzeiten mit einem Weg; die Einweihung findet am 23. November statt.
Was aber bedeutet Weinfelden für Peter Stamm? Er wohnte während seiner ganzen Jugend im Dorf, erst im Neugut, der ersten Überbauung der Sechzigerjahre, dann an der gutbürgerlichen Paul-Reinhart-Strasse im einstigen Industriequartier südlich der Bahnlinie, den «Südstaaten», wie die Weinfelder spötteln. Und er ging da in die Schule, bis hin zur kaufmännischen Lehre. Doch danach floh er aus dem Thurgau, nach New York, Paris und Skandinavien. Der erste gedruckte Roman, «Agnes» von 1998, mit dem er gleich weltweit den Durchbruch schaffte, spielt in den USA, der zweite Roman, «Ungefähre Landschaft», vorwiegend in Norwegen. Im ganzen Werk von Peter Stamm, mit sieben Romanen und drei Erzählungsbänden, fällt der Name von Weinfelden nur einmal.
«Ich bin Lehrerin, sagte Lydia», steht im Band «Seerücken», «und als Alfons sie verständnislos anschaute, ich wohne in Weinfelden, aber ich arbeite hier.» «Hier» ist Pfyn, doch den Namen dieses Dorfes nennt der Autor nicht. Es diene nur als Vorbild, sagt er dazu, der Name würde also stören: «Doch die Lehrerin in dieser Geschichte muss sagen, dass sie aus Weinfelden kommt; es wäre unnatürlich, wenn sie es nicht täte.» Denn der Autor, der wie sein Vater die Doppelte Buchhaltung lernte, achtet auf Genauigkeit.
«Selbst wenn niemand die Fakten überprüfen kann, müssen sie stimmen», meint Peter Stamm. «Ich könnte irgendetwas dichten, aber es gibt eine Qualität der Genauigkeit.» Was er als Szenerie beschreibt, das kennt er genau. Und weil er sich die Recherchen gerne erspart, schreibt er häufig über die Orte und die Landschaften, die er am besten kennt. So kam Peter Stamm nach Weinfelden zurück.
Auch Andreas, von dem der dritte Roman, «An einem Tag wie diesem» von 2006, erzählt, ist aus seiner Heimat geflohen; er arbeitet als Deutschlehrer in Paris. Nachdem er mit seinen beiden Geliebten gebrochen und von einer drohenden Erkrankung erfahren hat, fährt er aber zurück, begleitet von einer jungen Praktikantin. Und das ganz gewöhnliche Dorf seiner Herkunft, über das sich kaum etwas sagen lässt, ist: Weinfelden.
Das Hotel im Zentrum, wo das Paar absteigt, kennt Peter Stamm genau, denn er hat im «Thurgauerhof» zeitweise als Nachtportier gearbeitet:
Der Ort deprimiere sie schon jetzt, schimpft Delphine, die junge Begleiterin, noch bevor sie etwas davon gesehen hat. Andreas schaut sich deshalb allein in der Gegenwart seiner Vergangenheit um:
Andreas erzählt Delphine später dennoch Kindheitserinnerungen, so von seinem Schulweg über die (jetzt überbaute) Wiese zwischen Paul-Reinhart- und Tälligstrasse, wo er vor der Schulweihnacht die mitzubringende Kerze ganz allein abbrannte. Und er verbringt mit der Begleiterin einen Abend an einem Ort, wo sich Peter Stamm in seiner Jugend offenbar so wohl fühlte, dass er in seinem Werk gleich mehrfach daran erinnert:
Aber eigentlich sucht Andreas im Ort, wo er aufwuchs, seinen Schulschatz: Fabienne lebt immer noch hier, verheiratet, mit Familie, im Eigenheim in einem Neubauquartier. Auch das Vorbild für dieses Quartier, das es in seiner Jugend noch nicht gab, findet Peter Stamm in Weinfelden:
Andreas fährt schliesslich wieder nach Frankreich; Peter Stamm, der jetzt mit seiner Familie in Winterthur lebt, kehrt aber gerne nach Weinfelden zurück. Er möchte nicht da wohnen, auch in keinem anderen Dorf, sagt er: «Aber ich finde Weinfelden nicht übel. Je älter ich werde, desto eher fühle ich mich den Leuten dort verwandt. Ich merke, dass ich halt doch da hingehöre.»
Das gilt allerdings nicht für Thomas, den Mann, der im Roman «Weit über das Land» von 2016 aus seinem Leben davonläuft. Er wohnt in Weinfelden, und zwar im Haus an der Paul-Reinhart-Strasse, in dem Peter Stamm aufwuchs und in dem er schon Andreas im Roman «An einem Tag wie diesem» aufwachsen liess. «Ich brauchte einfach ein Haus in Weinfelden», sagt der Autor, «also fragte ich meine Mutter, ob es für sie okay sei, dass ich ihres nahm. Es störte sie nicht, ich beschreibe das Haus ja auch nicht so detailliert.»
Mit dem ersten, langen Satz von «Weit über das Land» zeigt Peter Stamm die gutbürgerlichen Häuser an der Paul-Reinhart-Strasse aber als Gefängnis:
Deshalb macht sich Thomas am Sonntagabend auf, weit über das Land. Und ortskundige Leser können ihm auf Schritt und Tritt folgen, so anfangs auf dem Weg an der Fohlenweide vorbei zum Dreispitz:
Die Frau von Thomas aber bleibt in Weinfelden, Astrid wartet bis zum Ende des Romans auf ihren Mann. Die Lesenden können ihr folgen, wenn sie Thomas sucht:
Oder wenn sie schliesslich zur Polizei geht:
Diese Passage zeigt einmal mehr, wie präzise Peter Stamm schreibt. Der ortskundige Leser glaubt, ihn dabei ertappt zu haben, dass er Weinfelden nicht durch die Augen seiner Figur sieht, sondern mit seinen eigenen als Rückkehrer: Weshalb sollte sich Astrid daran erinnern, dass der Polizeiposten früher an der wenig belebten Bankstrasse war? Die Frau wolle sich nicht dabei sehen lassen, dass sie zur Polizei gehen müsse, weil man sich dafür im Dorf immer noch schäme, erklärt der Autor, in der Seitenstrasse hätte ihr das weniger gedroht als am Bahnhofplatz.
Ob Thomas am Schluss von «Weit über das Land» leibhaftig zu Astrid nach Weinfelden zurückkehrt, bleibt offen. Aber Peter Stamm hält dem Ort seiner Herkunft die Treue, auch wenn er ihn am Anfang seines jüngsten Romans, «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» von 2018, grau in grau malt. Ein Schriftsteller, der denselben Erstling geschrieben hat wie Peter Stamm, kommt da für eine Lesung ins Dorf seiner Jugend, «unruhig beim Gedanken, vor Menschen zu lesen, die mich schon als Kind gekannt hatten und die von den Figuren des Romans auf mich und mein jetziges Leben schliessen könnten». Und auch er bleibt über Nacht im Hotel «Thurgauerhof»:
Danach spielt der Roman vorwiegend in Stockholm und in Barcelona. Aber er endet in Weinfelden, genauer: am Fluss, «wo eine Hängebrücke für Fussgänger und Radfahrer ins Nachbardorf führt». Der Erzähler erinnert sich daran, dass in seiner Jugend einmal auf dem steilen Anstieg nach dem Ganggelisteg ein alter Mann im Schnee lag und wie er ihn mühsam ins Heim brachte, «ein grosses altes Gebäude, das etwas abseits in einer Mulde neben einem Bahnviadukt steht». Während er nach Hause geht, stellt er sich vor, so zu enden wie der alte Mann, «von allem befreit dem Leben zu entkommen, ohne eine Spur zu hinterlassen». Und er sagt als Schlusssatz: «Seltsam ist, dass mir diese Vorstellung schon damals nicht traurig vorkam, sondern angemessen und von einer klaren Schönheit und Richtigkeit wie dieser Wintermorgen vor langer Zeit.»
Versöhnt zeigt sich Peter Stamm auch mit Weinfelden, gerade weil es oft grau und gewöhnlich ist:
Das lokalpatriotische Publikum von Peter Stamm, das hoffentlich dank der Ehrung noch wächst, kann sich also auf weitere Erinnerungen freuen. Und der bedeutendste Künstler der Gemeinde hätte mit seiner weltweit gewürdigten Hommage à Weinfelden die Ehrenbürgerschaft schon jetzt verdient.
Peter Stamm, geboren 1963, aufgewachsen in Weinfelden, studierte einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie und übte verschiedene Berufe aus, unter anderem in Paris und New York. Er hat für verschiedene Magazine auch lange als Reporter gearbeitet. Seit 1990 arbeitet er als freier Autor. Er schrieb mehr als ein Dutzend Hörspiele. Seit seinem Romandebüt »Agnes« 1998 erschienen sechs weitere Romane, fünf Erzählungssammlungen und ein Band mit Theaterstücken, zuletzt die Romane »Weit über das Land« und »Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt« sowie unter dem Titel »Die Vertreibung aus dem Paradies« seine Bamberger Poetikvorlesungen. »Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt« wurde ausgezeichnet mit dem Schweizer Buchpreis 2018.
Weitere Literaturpreise:
Rheingau Literatur Preis 2000Bodensee-Literaturpreis 2012Friedrich-Hölderlin-Preis 2014Cotta Literaturpreis 2017ZKB-Schillerpreis 2017Solothurner Literaturpreis 2018
Der Peter-Stamm-Weg: Die Stadt Weinfelden benennt nun einen Weg nach dem berühmten Sohn der Stadt: Am 23. November soll der Peter-Stamm-Weg zwischen Storchen- und Rathausstrasse entlang des Giessens eingeweiht werden. Mehr dazu gibt es hier.
Weitere Texte über Peter Stamm:
«Literatur muss wahrhaftig sein, aber nicht wahr»: Ein Gespräch über das Unterwegs-Sein, den Schweizer Buchpreis, Kritiken und die Folgen des Relotius-Skandals für den Journalismus.
Im Spiegelkabinett des Peter Stamm: Besprechung seines aktuellen Romans «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt»
Zum Zuhören: Peter Stamm liest aus seinem Roman «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt»
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Literatur
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