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Er hat für mich einen magischen Klang, fast schon wie Che Guevara. Viel weiss ich allerdings nicht über ihn. Am ehesten noch, dass es sich um einen unkonventionellen Kirchenmann handelt. Das Internet bestätigt dies, darüber hinaus ist er auch Schriftsteller und sogar so etwas wie ein Revolutionär. Die Neugier ist also geweckt, weshalb diese Persönlichkeit ausgerechnet ins Rafzerfeld kommt.
Ich mache mich deshalb an diesem Vorfrühlingstag auf den Weg und biege bei Eglisau links ab Richtung Wil im Kanton Zürich. Vorbei an riesigen Kratern, offensichtlich wegen des überall betriebenen Kiesabbaus, mache ich von weitem eine Kirche aus, hoch über der aufgerissenen Erde. Sie ist tatsächlich das gesuchte Ziel, das ich viel zu früh erreiche und deshalb auch einen bequemen Parkplatz belegen kann. Ich nütze die Zeit zu einem kleinen Rundgang um den Kirchenhügel, auf dessen Südseite bis zuoberst Reben angepflanzt sind.
Langsam treffen Besucher ein, auch auffallend viele deutsche. Kein Wunder, denn die Grenze liegt nicht weit hinter dem Dorf. Vor und in der Kirche sind Infostände aufgebaut, bei denen ich mich mit dem Einladungsprospekt bediene. Auf einer noch leeren massiven Holzbank lasse ich zunächst das Innere der Kirche auf mich wirken, das die Form eines überdimensionalen Indianer- oder Beduinen-Zelts hat, ganz in Holz mit einer Empore und zwei Glasfenstern. Es gefällt mir ausgezeichnet, trotz der harten Bank, und ich mache mich mit ein paar zusätzlichen Informationen vertraut. Ernesto Cardenal ist einerseits Priester, oder genauer Priester gewesen, denn er ist vom Papst höchstpersönlich suspendiert worden nach seiner aktiven Teilnahme an der sandinistischen Revolution in Nicaragua. Nach dem Sturz des Diktators Somoza und dem Sieg der Revolution hat er sich eine Zeitlang als Kulturminister vor allem für die Alphabetisierung der unteren Bevölkerungsschichten eingesetzt. Aber immer hat er sich auch als Schriftsteller und Lyriker betätigt.
Die Kirche in Wil hat sich unterdessen gefüllt und aus einer Seitentüre betritt schliesslich auch die Hauptperson mit einer kleinen Gruppe von Begleitern den Raum. Von eher kleiner Statur ist er dennoch dank seines schlohweissen langen Haares und seines Berets gut auszumachen. Er braucht etwas Hilfe, um sich an den Tisch auf einem kleinen Podium unterhalb der Kanzel schwingen und dem Publikum zuwinken zu können. Schliesslich hat er schon 86 Jahre auf dem Buckel. Der deutsche, ebenfalls weisshaarige Sprecher nimmt neben ihm Platz, während wahrscheinlich ein lokaler Pfarrer die Veranstaltung eröffnet und sich bei Ernesto Cardenal erkundigt, wie es der Revolution gehe. Die ersten zehn Jahre seien die schönsten gewesen und wahrscheinlich sei die Revolution damals die schönste der ganzen Welt gewesen, gibt er zur Antwort. Als Übersetzer hat ein Mitglied der Band geholfen, die gleich darauf südamerikanische Rhytmen zu spielen beginnt.
Ein erstes Mal liest dann Ernesto Cardenal aus seinem Werk vor, mit gleichmässiger, fast monotoner Stimme in einem wenig akzentuierten Spanisch, für mich und meine limitierten Spanisch-Kenntnisse nur schwer verständlich. Fast unbeweglich sitzt er am Tisch, das eindrucksvolle Haupt tief zwischen den Schultern, nachdem er das Mikrophon zu sich her geholt hat. Manchmal vor, manchmal nach seinem Vortrag wird dafür die deutsche Übersetzung um so deutlicher vorgetragen. Und die beiden umarmen sich jeweils, wenn eine Serie von Texten zu Ende ist und die Band wieder zu spielen beginnt. Dies in immer wieder wechselnder Zusammensetzung und in stetem Wechsel der recht exotischen Schlag- und Rhythmus-Instrumente, welche mich teilweise an eine Art von Staubsauger erinnern..
Mehrmals äussert er sich kritisch über den Kapitalismus, beispielsweise mit einer Anklage der erzkapitalistischen Wallstreet, was wenig verwunderlich ist. Aber auch mit der Ausbeutung eines bestimmten Materials im Kongo, wo davon die grössten Reserven liegen sollen, die offenbar in allen Handys der Welt gebraucht werden, ohne dass die dortige Bevölkerung etwas davon hat. Aber auch die ganze Welt, die umfassende Liebe, die Sterne und vieles mehr wird besungen, erstaunlicherweise auch Marilyn Monroe, als er einer Klosterschule von ihrem Tod erfährt. In seinem Text bittet er den Himmel um ihre gnädige Aufnahme, und verurteilt gleichzeitig die gnadenlosen Filmbosse.
Während ich seinen Texten und abwechselnd auch der dargebotenen Musik lausche, mache ich mir immer auch Gedanken, wo und wie ich ihm in oder vor der Kirche wohl am besten persönlich begegnen könnte. Obschon er nicht ganz den gleichen Status hat wie der Papst oder der Dalai-Lama, wirkt er doch fast wie ein Heiliger, mit einer natürlichen Ausstrahlung und einer grossen Verehrung, die überall zu spüren ist. Seine ganze Erscheinung verstärkt dies nicht unwesentlich, und ebenso meine Hemmungen, ihn direkt anzusprechen. Vielleicht würde er meine Bitte um ein Autogramm mit schnöder Verachtung strafen, wer weiss. Oder eine unangenehme Frage stellen.
Plötzlich wird einen Pause angesagt. Ernesto Cardenal bleibt an seinem Tisch sitzen und unterhält sich mit dem deutschen Sprecher. Wie ich bemerke, dass jemand sich eine CD signieren lässt, bin ich auch sofort bei ihm. Ich habe keine CD, schon wegen meiner Spanisch-Kenntnisse, sondern halte ihm nur die Einladung mit seinem grossen Konterfei hin, mit der Bitte um ein „autogrammo“. Vielleicht heisst es ja „autografo“, wie im Italienischen und wie mir letzthin ein ehemaliger italienischer Ministerpräsident an der Universität Zürich nach seinem Vortrag korrigierend mitgeteilt hat.
Jedenfalls versteht er mich und ohne zu zögern setzt er seinen Namen unter sein Bild auf dem Einladungs-Prospekt. Offensichtlich hat er dies nicht zum ersten Mal gemacht und ist nichts besonderes für ihn. Artig bedanke ich mich mit „muchas gracias“, während ich in seine wachen Augen blicke, die mir überdies mehr gütig als kritisch oder hart erscheinen. Seine knappe Antwort ist nur ein „bien“, also „bitte sehr“. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass er mich an Max Daetwyler erinnert, den Mann mit der weissen Fahne, der damit durch die halbe Welt gewandert ist, in Ost und West während des Kalten Krieges. Und immer wieder belächelt worden ist.
Wieder einmal hat mir eine ganz kurze Begegnung einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Und wieder einmal ist es mir gelungen, mit ein paar persönlichen Sekunden einer eindrücklichen Persönlichkeit beschenkt zu werden.
Christian Schlüer
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