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1910 veröffentlichte Rilke «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge». Darin schildert er die komplexen Erfahrungen eines sensiblen jungen Mannes, der sich, aus dem ländlichen Dänemark stammend, in der pulsierenden Weltstadt Paris niederlässt.
In der Art eines Tagebuchs schildert der angehende Schriftsteller Malte seine Impressionen vom ebenso faszinierenden wie brutalen Alltag in der Grossstadt. Es ist der entfesselte technische Fortschritt, der den Takt vorgibt und neben schnellem Reichtum massenhaftes Elend produziert. Rilke - in Gestalt des erzählenden Ichs Malte - versucht, der Überfülle an Eindrücken sprachlich einen adäquaten Ausdruck zu verleihen. Dabei verfährt er nicht linear, realistisch und psychologisch. Vielmehr sprengt Rilke als erster im deutschen Sprachraum konsequent den Rahmen des klassischen Romans. Er erfindet für sein «Prosabuch», wie er es nennt, eine offene Form. Statt einer durchgängigen Handlung schafft Rilke ein immer wieder irritierendes Konstrukt aus Assoziationen, Brüchen, Rückblenden und Zeitverschiebungen. So wird der sichere Grund des Wahrnehmens und Erzählens mutwillig verlassen, zugunsten einer sprachlichen Grenzerfahrung.
Sprecher: Gert Westphal
Neu eingerichtet und technisch aufbereitet: Mirjam Emmenegger und Reto Ott 2014
Produktion: SRF 1973