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An der Nord- und Südseite lassen die schroff abstürzenden Gebirge nur einen schmalen Küstensaum; nur nach W. senkt sich
das Bergland sanfter und in mehreren Terrassen dem Meer zu. Die Küsten selbst sind fast überall steil
und ausgebuchtet, namentlich auf der Westseite in seltenster Weise ausgezackt; längs der Südküste reichen die steilen und
hohen Felsenmassen oft bis an das Meer. Nach dem Innern dachen sich die Randgebirge allmählich ab und bilden die im Durchschnitt
800-1000 m ü. M. gelegene Scheitelfläche von Kleinasien, welche
teils aus welligen Becken, teils aus völlig horizontalen Plateaus besteht und eine Menge unregelmäßiger Bergzüge und einzelne
Hochgipfel enthält.
An den Berghängen finden sich wohl einzelne gut bewässerte Strecken sowie fruchtbare Thalmulden; im ganzen aber ist das
innere Tafelland (fast ein Drittel des Ganzen) ein wasserloses, pflanzenarmes, oft sogar steppenartiges,
daher einförmiges und heißes Gebiet, während die Randterrassen sich durch eine reiche Vegetation und hochstämmige Wälder
auszeichnen. Das Tafelland hat das Klima
[* 5] des nördlichen Frankreich oder Deutschland,
[* 6] nur daß die Winter viel kälter und die
Sommer viel heißer und trockner sind.
Kleinasien ist in Bezug auf historische Erinnerungen und auf die Lage für den Handel mit keinem andern Lande des
Orients zu vergleichen, obschon es sich gegenwärtig infolge der Türkenherrschaft in einem traurigen Zustand befindet,
und nicht ohne Grund hat Roß das Land deutschen Kolonisten eifrig empfohlen. Der Boden ist, mit Ausnahme der sterilen Strecken
der Tafelfläche, ergiebig und zum Teil sehr fruchtbar; er wird nie gedüngt und nur von einem sehr rohen
Pflug
[* 10] aufgerissen, und dennoch gibt er immer Frucht.
Mohn, zur Bereitung von Opium, wird in ganz Kleinasien gebaut, besonders aber auf den Plateaus im großen. AllesOpium Kleinasiens führt England nach Ostasien. Unter dem Vieh in Kleinasien ist vor allen die Angoraziege zu nennen, die nur in Einer
Gegend, westlich vom Kisil Irmak, fortkommt und in jeder andern ausartet, deren Zahl aber durch Futtermangel und Kälte im
Winter 1874/75 beträchtlich reduziert wurde. Auf den hohen Tafelländern nomadisieren Herden von Schafen,
Ziegen und Pferden, von denen besonders letztere (Nachkommen der alten kappadokischen Rasse) durch Behendigkeit und Stärke
[* 18] ausgezeichnet
sind.
Der SeeTusGöl ist eine einzige ungeheure Masse kristallinischen Salzes, auch die Salzsümpfe des WilajetsSiwas sind
reich an
Salz.
[* 24] Seesalz gewinnt man an den Küsten. Unter den Metallwerken Kleinasiens befindet sich nur eine einzige nach europäischer
Art eingerichtete Hütte, zu Tokat. Der Binnenhandel Kleinasiens ist unbedeutend. Wie oben schon erwähnt,
ist ein fahrbarer Wasserweg in ganz Kleinasien nicht vorhanden; aber auch an gebahnten Wegen fehlte es bis vor kurzem
dem Land. Erst in den letzten Jahren ist ein verhältnismäßig dichtes Netz von Chausseen gebaut worden, beziehentlich im Bau
begriffen.
Die Küsten sind reich an Baien und Reeden, die sich für Handelsorte auf das trefflichste eignen; aber
die meisten sind verödet. Der Exporthandel geht in den Hafenstädten des Südens meist durch die Hände europäischer Spekulanten,
die dadurch den ganzen Vorteil an sich ziehen. An der den Nordwinden sehr ausgesetzten Nordküste ist Trapezunt durch seine
Verbindung mittels österreichischer und englischer Dampfschiffe nach Konstantinopel jetzt deshalb wichtig geworden, weil der
schwierige Karawanenweg nach Smyrna allmählich aufgegeben wird und die Produkte ihren Weg nach Trapezunt nehmen, wie denn auch
die europäischen Waren nicht mehr über Smyrna, sondern über Konstantinopel und Trapezunt in das Innere befördert werden. -
Die Bevölkerung
[* 26] wird auf 5-6 Mill. geschätzt und ist im W. am dichtesten (rund 1½ Mill.). Den Hauptteil derselben bilden
die ottomanischen Türken; 1/20 der Bewohner mögen Griechen sein, welche besonders im W., an der nordöstlichen Küste und
in Kappadokien ansässig sind und nebst den Armeniern und Juden fast den ganzen Handelan sich gerissen haben.
Außerdem finden sich Turkmenen, nomadisierende Juruken, Kurden, wenige Araber und eine kleine Anzahl Zigeuner im Land.
Geschichte. In der Geschichte ist als das Übergangsglied vom Morgenland zum Abendland von nicht geringer
Bedeutsamkeit, nicht sowohl, weil seine Bewohner jemals eine Gesamtnation oder Ein politisches Ganze gebildet hätten, sondern
weil es von jeher der Kampfplatz und die Beute der sich hier in Krieg und Handel begegnenden Völker gewesen ist. Selbständige
Reiche der Halbinsel waren immer nur vorübergehende Gebilde, die fremden Eroberern unterlagen. In ältester
Zeit waren die Reiche der Phrygier und der Lydier mächtig, und der mit griechischen Kolonien bedeckte Westrand war eine bewegte
Stätte blühenden Handels und reger geistiger Entwickelung.
Bei der Teilung des römischen Reichs in eine östliche und eine westliche Hälfte (395) fiel an das Ostreich.
Bald nach dem Aufkommen des Islam wurde es mehrfach von arabischen und turanischen Horden überfallen und stückweise besetzt;
dennoch gelang es den Türken, welche im 11. Jahrh. eindrangen und hier das Sultanat von
Ikonion gründeten, erst zu Ende des 13. Jahrh. die Zivilisation zu ertöten, besonders nachdem der wilde Osman im 14. Jahrh.
in Bithynien ein selbständiges Reich errichtet hatte.