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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2002 Gaby Schneider
Auf der Hinteren Au liess General Johann Rudolf Werdmüller 1650/51 ein Landhaus im venetianischen Stil bauen: das Schloss Au. Nach mehreren Handänderungen kam dieses 1887 in den Besitz von Fanny Moser-Sulzer, die hier glanzvoll residierte und ein grosses Haus führte. 1917 wurde Hans von Schulthess-Bodmer neuer Eigentümer der Liegenschaft. Er liess das Landhaus abbrechen und 1928/29 durch das heutige Schloss Au ersetzen, das seit 1989 dem Kanton Zürich gehört.
Sommer 1890. Ein Reisender aus Wien übergibt am Bahnhof Au sein Gepäck dem Kutscher. Der schlanke bärtige Herr ist Doktor Sigmund Freud. Die Fahrt geht zum Schloss Au, dem derzeitigen Wohnsitz der Baronin Moser-Sulzer. Ein romantischer Teich und gepflegte Gartenanlagen umgeben das herrschaftliche Gebäude. Die Baronin Fanny Moser-Sulzer empfängt ihren Gast, den sie bereits von einem Sanatoriumsaufenthalt in Wien kennt. Er soll wieder Frieden in die Familie der Witwe bringen und die zerrütteten Nerven der Hausherrin beruhigen.
Fanny Moser-Sulzer (1848–1925)
DIE TOCHTER MÖCHTE STUDIEREN
1890 ist Mentona, die jüngere Tochter der Baronin, 15 Jahre alt. Ein Jahr zuvor wurde die ältere Schwester Fanny in einem Mädchenpensionat untergebracht. «Als sie nach Hause kam, machte sie einen sehr erwachsenen Eindruck, zwischen ihr und der Mutter kam es zu heftigen Szenen», erinnert sich Mentona. In ihrer Not schrieb die Mutter an Doktor Freud und bat ihn zu kommen. Auf Freuds Rat erfüllte die Mutter den sehnlichen Wunsch der älteren Tochter: Sie durfte studieren. So fortschrittlich er sich der Mutter gegenüber gab, in seinen Studien zeichnet er ein Bild von der Tochter, das nicht schmeichelhaft ist. Freud beobachtet bei ihr eine pathologische Veranlagung und ähnliche hysterische Zustände wie bei der Mutter.
Die Hausherrin Fanny Moser (1848–1925), eine Frau von damals knapp 40 Jahren, hatte schon vieles erlebt. Als 21-Jährige heiratete sie einen um 43 Jahre älteren Mann, den Schaffhauser Industriellen Heinrich Moser, der sein Vermögen mit Uhren in Russland gemacht hatte. Dies gegen den Willen ihrer Eltern, auch die Kinder aus erster Ehe Heinrich Mosers sind über die Wiederverheiratung nicht sehr glücklich.
1872 wird die erste Tochter Fanny geboren. Am 23. Oktober 1874 stirbt Heinrich Moser, nur drei Tage nach der Geburt der zweiten Tochter Mentona. Von Mentona wissen wir, wies im Schloss Au zu Zeiten ihrer Frau Mama zu- und herging. In ihren Lebenserinnerungen «Ich habe gelebt» schildert sie die Mutter als launische Frau, die stets als Dame von Welt auftrat. Das konnte sie auch dank dem beträchtlichen Vermögen, das sie von ihrem Mann geerbt hatte. Die Liste der Gäste, die hier ein- und ausgingen, kann sich sehen lassen: die Familien von Salis, Escher, Wille, die Dichter Conrad Ferdinand Meyer oder Meinrad Lienert, Albert Heim, Geologe, Marie Heim-Vögtlin, erste praktizierende Ärztin der Schweiz, der Gelehrte Auguste Forel und der Psychiater Eugen Bleuler.
GROSSES VERMÖGEN
Fanny Moser, geborene Freiin Sulzer-von Wart, liess sich mit Baronin ansprechen. In Adelskreise wurde sie dennoch nicht aufgenommen, da sich das hartnäckige Gerücht hielt, sie habe ihren Mann vergiftet, auch wenn die Leiche des Ehemanns exhumiert wurde und keinerlei Gift nachgewiesen werden konnte. Sich wieder verheiraten wollte Fanny Moser Sulzer auch nicht so recht, da sie nicht wegen ihres Vermögens geheiratet werden wollte.
Die Ehelosigkeit scheint nicht mühelos an ihr vorübergegangen zu sein. Freud erkannte dies:
«Als ich wie erwähnt einige Tage als Gast in ihrem Landhaus zubrachte, war bei einer Mahlzeit ein Fremder anwesend, der sich offenbar bemühte, angenehm zu sein. Nach seinem Weggehen fragte sie mich, wie er mir gefallen habe, und setzte beiläufig hinzu: «Denken Sie sich, der Mann will mich heiraten.» Freud vermutete, dass sie sich nach einer neuen Ehe sehnte, «aber in der Existenz der beiden Töchter das Hindernis gegen die Verwirklichung ihrer Absicht fand».
ROLLE DER WOHLTÄTERIN
Tochter Mentona betrachtete ihre Mutter kritisch, nervte sich, wenn die reiche Frau vor Armen die Wohltäterin spielte. In diesem schwierigen Mutter-Tochter-Verhältnis war Mentona gar nicht unglücklich, als sich Madame Moser im Frühjahr 1889 nach Wien in ein Sanatorium begeben hatte. Kinder, Erzieherin und Zofe lebten derweil in einer Fremdenpension und besuchten die Mama. Einmal trat Dr. Freud ins Zimmer: Mentona erinnert sich: «Er war klein und schmächtig, hatte blauschwarze Haare und grosse dunkle Augen. Er wirkte fast schüchtern und sehr jung, machte aber einen tiefen Eindruck auf mich.»
Die Behandlung Fannys alias Emmy von N. beschreibt Freud in dem Werk «Studien über Hysterie», das er zusammen mit seinem Freund und Kollegen Josef Breuer verfasste. Er schreibt: «Am 1. Mai 1889 wurde ich der Arzt einer etwas 40-jährigen Dame, deren Leiden wie Persönlichkeit mir so viel Interesse einflösste, dass ich ihr einen grossen Teil meiner Zeit widmete. Sie war Hysterika, mit grösster Leichtigkeit in Somnambulismus zu versetzen, und als ich dies merkte, entschloss ich mich, das Breuer'sche Verfahren der Hypnose bei ihr anzuwenden. Was sie spricht, ist durchaus zusammenhängend und bezeugt offenbar eine nicht gewöhnliche Bildung und Intelligenz.
Wohnzimmer im Landhaus von Fanny Moser-Sulzer auf der Hinteren Au. Aufnahme um 1912.
Umso befremdender ist es, dass sie alle paar Minuten plötzlich abbricht, das Gesicht zum Ausdrucke des Grausens und Ekels verzieht, und dabei mit angsterfüllter Stimme die Worte ruft: <Seien Sie still, reden Sie nichts, rühren Sie mich nicht an.>»
Sie klagt auch über Schmerzen im Bein. Doktor Freud: «Ich ordne warme Bäder an und werde sie zweimal täglich am ganzen Körper massieren.» Freud beseitigt durch die Hypnose die schmerzlichen Zustände. Freud: «Ihr Wohlbefinden hatte mehrere Monate angehalten und war dann einer neuerlichen psychischen Erschütterung erlegen.» Freud behandelte Fanny Moser im Jahre 1889 sieben, im Jahr darauf acht Wochen.
NAME ÜBERRKLEBT
Wie für ihre prominenten Gäste üblich durfte sich auch Doktor Freud im Gästebuch eintragen. Freuds Worte für Frau Moser hat sie später überklebt. Er war bei ihr in Ungnade gefallen, vermutlich deshalb, weil sich bald herumgesprochen hatte, wer diese Emmy von N. sei, oder weil sich die Baronin mit allen Ärzten verkrachte. Fanny Moser lebte bis 1917 in der Au. Der Erste Weltkrieg hinterlässt auch bei ihr seine Spuren. Sie meint zu verarmen, verkauft Schloss Au panikartig und zieht nach Kilchberg, wo sie 1925 stirbt.