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BILANZ: Herr Forster, der letzte Bond-Film war der profitabelste aller Zeiten. Mussten Sie den neuen grösser, schöner, marktgängiger machen?
Marc Forster: Nein, ich machte genau den Film, den ich mir vorstellte. Aber natürlich erzeugt so etwas Druck (lacht). Ich kann schlecht kommen und sagen: «Los, machen wir es weniger erfolgreich!» Andererseits muss ich ja den Film machen, den ich für den besten halte. Und ich ging den Film mehr als Kunstfilm an. Denn Bond ist ja ohnehin schon sehr kommerzialisiert, also wollte ich mich ums Künstlerische bemühen.
Haben die Produzenten nicht gestöhnt, als sie das mitbekommen haben?
Als ich Barbara Broccoli und Michael G. Wilson das erste Mal traf, sagte ich ihnen: «Den Film will ich nicht machen, da fragen Sie den Falschen!» Denn was sollte es mir bringen? An jenem Punkt meiner Karriere konnte ich völlig frei diese mittelteuren Filme machen wie «Stranger Than Fiction» oder «The Kite Runner», und niemand ging mir auf die Nerven. Aber mit einem 200-Millionen-Dollar-Film, da hat man plötzlich die Pflicht, dass er einschlagen muss.
Das bringt Sie doch als Regisseur auf die nächste Stufe der Leiter.
Es ist so: Wenn der Film kein Erfolg wird, schadet das meiner Karriere bei den kleineren Filmen. Und wenn er ein Erfolg wird, dann bringt es mir nichts als offene Türen für andere grosse Hollywood-Produktionen – worauf ich in Wahrheit gar keine Lust habe.
Warum also doch Bond?
Ich las diesen Spruch von Orson Welles zur Frage, was er in seinem Leben am meisten bedauere: «Dass ich nie einen kommerziellen Film gemacht habe.» Und ich dachte, das ist ein interessanter Standpunkt. Ich habe Action immer gemocht, Daniel Craig ist ein interessanter Schauspieler, und als ich ihn traf, konnte ich nicht mehr Nein sagen. Wir hatten gleich eine Ebene. Denn sein Einfühlungsvermögen, seine Ideen waren so gut, dass ich ihm sagte: «Okay, ich mache den Film.»
Broccoli und Wilson wollten Sie noch?
Die sagten Ja. Ich konnte meine eigenen Leute mitbringen, den Film machen, den ich machen wollte. Und tatsächlich ging ich es wie einen Kunstfilm an. Da habe ich Elemente hereingebracht, die ich an Bond-Filmen mag: etwa Umgebungen, die an die futuristischen Designs von Ken Adams erinnern, der «Goldfinger», «Diamantenfieber» ausstattete oder die Unterwasserstation im «Spion, der mich liebte» entwarf. Ausserdem ging ich zurück zu Hitchcocks «North by Northwest» (deutsch: «Der unsichtbare Dritte»), zu Alan J. Pakulas «The Parallax View» – zu Szenen in diesen Filmen, die ich stilistisch mag. Solche Dinge habe ich in den neuen Bond integriert.
Bonds Sponsoringpartner, manche sagen Schleichwerber, steuern zusammen wohl einen dreistelligen Millionenbetrag zum Budget bei. Wie frei können Sie entscheiden, wie oft, wie lange oder wie nah Sie die Armbanduhr, das Auto, den Anzug, den Wodka oder sonst etwas zeigen?
Mir hat nie jemand gesagt: «Zeig dies und jenes, und zwar so und so lange.» Ich habe den Produzenten gesagt: Ich habe noch nie einen Werbespot gedreht und sehe mich auch nicht als Verkäufer. Ich respektiere, dass Sponsoren da sind, aber damit hat es sich. Wenn eine Armbanduhr für die Geschichte wichtig ist, dann okay. Aber sinnlose Einstellungen drehe ich nicht. Ich mache nur solche Bilder, welche die Geschichte vorantreiben oder Einblicke in das Innenleben der Charaktere geben.
Kein Zoom auf den Aston Martin oder die Omega-Uhr?
Natürlich kann man ausserhalb dieses Rahmens immer sagen, man dreht quasi künstlerische Bilder, welche die Story bereichern. Aber grundsätzlich mag ich Filme, in denen nur solche Szenen stattfinden, die den Film weiterbringen. Hinter jeder Szene sollte eine Idee stehen, der Gedanke der Story durchscheinen.
Sie mussten keine kommerziellen Kompromisse eingehen? Wir reden hier über Bond!
Als ich den Job übernahm, hab ich natürlich den Rahmen akzeptiert: die Frauen, die Autos, das ist schliesslich Teil von Bonds Welt. Grundsätzlich vergleiche ich meine Situation mit der eines Filmemachers in einem politischen Regime mit scharfer Zensur. Innerhalb dieser Zensur kreiert man immer noch seine persönliche künstlerische Vision. Barbara Broccoli und Michael G. Wilson waren sehr aufgeschlossen für all meine Ideen, die ich ihnen vortrug.
Sie konnten drehen, was und wie Sie wollten?
Die einzigen Kompromisse waren finanzieller Art – das Budget von 200 Millionen musste ich einhalten.
Worauf mussten Sie also verzichten?
Ich wollte zum Beispiel in Peru drehen, es wäre aber zu teuer geworden, alles dorthin zu bringen. Also fiel das aus. Oder es gibt eine Verfolgungsjagd mit Booten in Panama. Ein Ort, an dem ich drehen wollte, wäre auch zu teuer geworden. Mir blutet immer noch ein bisschen das Herz, die Szenerie wäre unglaublich gewesen.
Aber Sie hielten das Budget ein?
Nicht nur das. Im Drehplan waren 103 Tage vorgesehen, und ich habe pünktlich abgeschlossen. Das hat es bei einem Bond-Film noch nie gegeben.
Wenn ein Aston Martin in den Gardasee fällt, kommt dann der Produzent und sagt: «Marc, spar das woanders wieder ein»?
Also, erst mal: Der Aston Martin, der im See landete, gehörte gar nicht uns. Die Presse hat den uns nur zugerechnet, weil wir in der Gegend am Drehen waren. Ein Aston-Martin-Ingenieur fuhr den, aber das hatte nichts mit uns zu tun.
Und wenn es Ihrer gewesen wäre?
Keine Ahnung, was Aston Martin für einen Deal hat. Klar, das ist Product Placement, aber ich weiss nicht, ob die Autos umsonst sind oder nicht. Grundsätzlich versucht man immer zu sparen. Aber es gibt ein Budget, und es gibt Notfallreserven. Solange ich im Budgetrahmen liege und zeitlich nicht im Verzug bin, können mir die Produzenten nicht dreinreden. Nur wenn etwas absehbar zu teuer wird, gehen die Diskussionen los.
Was hat Michael G. Wilson Ihnen zum Beispiel gestrichen?
Für die Szenen in Panama hätte ich gern eine bestimmte Yacht gehabt. Das Boot lag in der Karibik, war also nicht weit weg. Aber dann wollte der Eigentümer einen Haufen Geld pro Tag haben. Und da sagte Wilson: «Das ist zu teuer. Da ist ein anderes Boot, das könnten wir umsonst haben.» Und er zeigte mir ein fürchterliches Boot, künstlerisch war das nicht akzeptabel. Schliesslich einigte man sich dann: Wir hatten nicht das Boot, das ich wollte, nicht jenes, das wir umsonst bekommen hätten, aber eines, mit dem ich leben konnte. Das war nicht essenziell für mein künstlerisches Verständnis.
Würden Sie gern einen weiteren Bond drehen?
Jedenfalls jetzt nicht. Ich glaube, auch sonst nicht. Ich bevorzuge kleinere Filme. Verstehen Sie mich richtig, es machte schon Spass, aber man hat kein Leben. Ich habe keine Freunde mehr gesehen, man geht nachts um eins ins Bett und steht um sieben Uhr früh wieder auf. Darauf bin ich nicht wirklich scharf.
Aber es hat sicher seine Vorteile?
Klar. Wenn ich im Bond-Set sage: «Seht ihr den Vorhang dort vorm Fenster? Der gefällt mir nicht!» Schon ist er weg. Als ich «The Kite Runner» drehte, war es hingegen so: Ich sagte: «Kann ich mehr Wasser in diesem Glas haben?» Da kam zurück: «Wir haben kein Wasser.» – «Dann Apfelsaft?» – «Nein. Wir haben gar keine Flüssigkeiten hier. Übrigens, wir haben auch nur ein einziges Glas. Also pass auf, dass du es nicht kaputt machst!»
Interview: Dirk Ruschmann