Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03343.jsonl.gz/1114

«Es ist eine utopische Idee», sagt der angehende Architekt Yanik Wagner. Der Henggarter macht keinen Hehl daraus, dass er dennoch an sie glaubt. Sein Interesse gilt der Raumplanung und insbesondere dem effizienten Umgang mit der Bodenfläche.
Auch seine Masterarbeit, welche er im Juli an der Berliner Universität der Künste eingereicht hat, zielt darauf ab, das Bodenpotenzial eines Quartiers effizienter zu nutzen. Als Grundlage für seine Arbeit diente ihm ein älteres Einfamilienhausquartier in der Nähe des Bahnhofs Hettlingen. Dabei stellte Yanik Wagner fest, dass die dort angesiedelten 27 Eigenheime nur mehr zur Hälfte ausgelastet sind. «Konzipiert sind solche Häuser oftmals für eine mehrköpfige Familie. Nach dem Auszug der Kinder bleiben die Eltern aber alleine darin», sagt er und nennt dies eine «massive Unternutzung». Aufgrund des tiefen Hypothekarzinssatzes ist es für ältere Hausbesitzer finanziell attraktiver, im Haus zu bleiben als in eine Mietwohnung zu ziehen.
Weiteres ungenutztes Potenzial von Einfamilienhäusern liegt in den oftmals grossen Gärten, welche ältere Häuser umgeben, die sogenannten Abstandsflächen. «Wurden sie früher von den Kindern als Spielplatz genutzt, wird später nur mehr der dort spriessende Rasen gemäht.» Yanik Wagner betont, dass er nicht die Eigentümer in Frage stelle, sondern die gesetzlichen Rahmenbedingungen. «Ich kann nicht in einem Mehrgenerationenhaus wohnen, das zusammengebaut ist, weil der Zonenplan dies gar nicht vorsieht», sagt der 28-Jährige. Gerade solches schwebt ihm jedoch vor. In seiner Abschlussarbeit entwarf er eine Wohnform, die gleichzeitig dynamisch ist und die Vorzüge eines Einfamilienhauses aufweist.
Drei Aspekte machen das Modell von Yanik Wagner aus. Erstens: Bei den bestehenden 27 Eigenheimen in Hettlingen wird das Dachgeschoss ausgebaut und mit einem Flachdach versehen, sodass ein vollwertiges Wohngeschoss entsteht. Das Haus liesse sich horizontal unterteilen, und das Obergeschoss wäre von aussen separat zugänglich. Für ein älteres Ehepaar, das sich entschliesst, nur mehr im Erdgeschoss zu leben, wäre es in der Folge möglich, in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Mit dem Verkauf des Obergeschosses und eines Teils des Gartens würde es zudem einen Verkaufserlös erzielen. Ändern würde sich das Besitzverhältnis. Das Ehepaar würde zum Stockwerkeigentümer.
Zweitens: Auf die verkaufte Fläche zwischen zwei Gebäuden kommt ein Neubau. Insgesamt entsteht aus den so zusammenhängenden Einheiten ein einziger Baukörper mit mäandrierender Form. Jede Wohnpartei (Familie, Paar, …) verfügt über einen individuellen Zugang von aussen.
Drittens: Da sich die Eigentumsverhältnisse ändern, entsteht Raum für gemeinschaftlich genutzte Flächen, sogenannter Freiraum. Im Hettlinger Ortskern befinden sich bereits jetzt Flächen, bei denen «die Grenzen aufgeweicht sind und Aushandlungsprozesse beginnen», sagt Yanik Wagner.
Übertragbar auf das Mittelland
Obschon das Modell auf dem Hettlinger Quartier gründe, lasse es sich auf andere Einfamilienhausquartiere im Schweizerischen Mittelland übertragen, meint Yanik Wagner. Doch damit seine Idee umgesetzt werden könnte, müssten die jetzt geltenden Pläne durch ein anderes Regelwerk ersetzt werden. Als Beispiel nennt er Monte Carasso im Tessin, das einen Regelkatalog erschaffen hat und die Gemeinde nach diesem wachsen lässt. «Dort kommunizieren die Gebäude mit dem Raum und miteinander», schwärmt der gelernte Hochbauzeichner.
Im Kanton Zürich schreibt hingegen der kommunale Zonenplan präzise vor, welches Gebäude wo errichtet werden und wie viele Stockwerke es besitzen darf, sowie welche Abstände zur nächsten Parzelle einzuhalten sind. Ein weiterer Parameter, den Yanik Wagner hinterfragt, ist die Ausnützungsziffer. Diese legt genau fest, wie viel eines Grundstücks bebaut werden darf. Eine flexible Nutzung sei so nicht möglich.
Für Yanik Wagner ist klar, dass mit dem Boden haushälterisch umgegangen werden muss. Seine Idee zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine Verdichtung anstrebt, welche die vorhandene Bausubstanz erhält. Es werden also nicht erst bestehende Häuser abgerissen, um durch einen grösseren Bau ersetzt zu werden. Kreative Ideen sind gefragt.
yanikwagner.ch/dorfbau.html