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von Karsten Redmann, 28.06.2023
Das Buch Natali
In ihrem zweiten - vielfach in den Medien besprochenen - Roman „Immer zwei und zwei“ beleuchtet die aus dem Thurgau stammende Autorin und Literaturvermittlerin Tabea Steiner das Beziehungsgeflecht einer jungen Mutter, die ausserhalb einer rigide anmutenden Glaubensgemeinschaft nach innerer Ordnung und Orientierung sucht und einen Neuanfang fern von gesellschaftlichen Konventionen wagt. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Die 1981 in Münsterlingen geborene Tabea Steiner ist im Schweizer Literaturbetrieb keine Unbekannte: Neben ihrer Arbeit als Schriftstellerin tritt sie seit vielen Jahren als Literaturvermittlerin auf, initiierte mehrere Literaturfestivals, moderierte etliche Lesungen und sass diversen Literaturkommissionen als Sachverständige bei. Von 2016 bis 2022 war sie Mitglied der Jury der Schweizer Literaturpreise, von 2020 bis 2022 deren federführende Präsidentin. Mit den Schweizer Autor:innen Julia Weber, Michelle Steinbeck, Sarah Elena Müller, Katja Brunner, Anaïs Meier und Gianna Molinari gründete sie zudem vor vier Jahren das feministische Autorinnenkollektiv „Rauf“.
Aufgrund ihrer Nominierung für den Schweizer Buchpreis im Jahr 2019 wurde die in Zürich wohnende Schriftstellerin einem grösseren Publikum bekannt. Ihr erster Roman mit dem Titel „Balg“, erschienen im Luzerner Verlag „Edition Bücherlese“, wurde im Schweizer Feuilleton breit besprochen und im Vorfeld mit zahlreichen Stipendien und diversen Förderungen ausgezeichnet.
Rund vier Jahre später, im Februar 2023, erscheint im gleichen Verlag ihr zweiter Roman „Immer zwei und zwei“.
Erzählt wird die Geschichte von Natali, einer Teilzeit arbeitenden Mutter von zwei kleinen Kindern, die in der Beziehung zu Manuel, ihrem Vollzeit arbeitenden und meist wohlmeinenden Ehemann, nicht das Verständnis und den Halt findet, die sie sich in einer engen und vertrauten Beziehung wünschen würde. Stattdessen leben beide aneinander vorbei, reden zwar miteinander, aber ohne sich wirklich zu verstehen. Ein Beispiel:
„Manuel suchte Natalis Gesicht ab, aber du rauschst doch nicht. Doch, ich rauche auch, auf Natalis Stimme hatte sich ein Pelz gelegt. Sie räusperte sich und spülte den Hals mit Tee. Kristin hat von meinen Zigaretten geraucht. Sie legte ihre Finger um die handwarme Tasse, ich rauche eigentlich schon sehr lange. Aber doch nicht, als du schwanger warst? Natali hielt dem Blick ihres Mannes stand, nein, damals habe ich nicht geraucht. Er starrte sie an, und erst nach einer Weile schüttelte er den Kopf, aber warum? Warum was? Warum zerstörst du deinen Körper, und warum weiss ich nichts davon?“
Die Gräben werden tiefer
Es geht um Missverständnisse in der direkten Kommunikation, um fehlende Absprachen und einseitige Handlungen, die die Gräben zwischen dem Paar tiefer und tiefer werden lassen – so tief, dass am Ende eine Trennung unvermeidlich scheint. Im Dialog zwischen Natali und Christof, ihrem Künstlerfreund, wird die Problemlage offenkundig geschildert:
„Dass Manuel in der Stube geschlafen hat, ist egal, meinte Christof. Wichtig ist, dass die Kinder nicht hineingezogen werden. Natali lachte auf, wie soll ich das anstellen, dafür müsste ich in dieser Kirche bleiben. Sie hielt inne, ich weiss wirklich nicht, ob ich da noch bleiben will. Leise sagte sie es, fast stimmlos.“
Natalis Leben mit Kleinfamilie, Teilzeit-Job als Lehrerin und all den Verpflichtungen in der Freikirche, engen ihre Freiheit und Freizeit erheblich ein; nur hin und wieder schafft sie sich kleine Auszeiten, zum Beispiel mit der kreativen Tätigkeit in ihrem Atelier, in dem sie mit Materialien wie Ton und Stein arbeitet. Als sie bei einer Weiterbildung Kristin, eine freischaffende Theologin, kennenlernt, spürt sie recht schnell und intensiv die Nähe und Verbundenheit zwischen ihnen.
Die Nebenstränge der Geschichte
Neben dem Hauptstrang mit der Geschichte über Natali, ihrem Familienleben und seinem langsamen Auseinanderbrechen, gibt es im Roman einige Nebenstränge. Einer davon erzählt von Rosalie, einer Freundin von Natali, und Tobias, einem seit Jahren in der Freikirche sehr aktiven und lange Zeit allein lebenden Mann, die sich mehr und mehr annähern und am Ende, gegen den Rat Natalis, auch heiraten wollen. Ein weiterer Strang nimmt immer mal wieder Kristin in den Fokus und gibt Einblicke in ihr Privatleben.
Dass es im Buch in erster Linie um starre Regeln und deren Einhaltung in einer Glaubensgemeinschaft geht, wie es hin und wieder in einzelnen Buchbesprechungen hiess, ist wenig plausibel, da der Schwerpunkt der Geschichte vor allem die Hauptfigur Natali beleuchtet, ihre innere Zerrissenheit aufzeigt sowie ihre Suche nach Selbstbestimmung thematisiert.
Nur vordergründig geht es um das System Freikirche
Warum der Verlag seinerseits folgende Formulierung verwendet: „In ihrem zweiten Roman dringt Tabea Steiner tief in die engen Strukturen einer religiösen Gemeinschaft ein …“ ist am Ende der rund 200 Seiten starken Lektüre somit kaum nachvollziehbar; schliesslich geht es im Roman zwar vordergründig um das System Freikirche, aber eine wirklich tiefreichende Auseinandersetzung mit dieser Institution bleibt aus. Die hauptsächlichen Konflikte innerhalb des Romangeschehens drehen sich – wie oben erwähnt - eher um Probleme in Sachen Kommunikation, sei es die toxisch anmutende Kommunikation zwischen Natali und Manuel, oder auch die fehlgeleitete Kommunikation zwischen Natali und Kristin, die ein sich Annähern über längere Zeit verunmöglicht. Im Text heisst es:
„Sie [Natali] ist verheiratet, hat zwei schulpflichtige Kinder, einen Mann, und ausserdem steckt sie tief in einer Freikirche. Kristin trank einen Schluck, sie hat deutlich gesagt, dass sie bleiben will, wo sie ist. Und mir dann doch wieder geschrieben, sie vermisse mich.“
Stärken und Schwächen des Romans
Tabea Steiners Erzählen ist dann besonders überzeugend, wenn sie von Kindern im allgemeinen und den beiden Töchtern von Natali und Manuel im Besonderen berichtet, sie diese in Situationen wunderbar charakterisiert und dabei nahe an den Figuren bleibt. Weniger überzeugend sind die Handlungsweisen der weiteren Haupt- und Nebenfiguren: Immer wieder kommt es im Buch zu fragwürdigen Szenen, wo die Motive und Motivationen der Figuren nicht besonders überzeugend dargelegt werden. Vor allem die Liebesbeziehung zwischen Natali und Kristin bleibt bis zum Ende hin völlig unterbelichtet und eher behauptet. Auch manche Leerstellen im Text – wie etwa jene mit den auf Distanz gehenden Eltern von Natali -, schwächen den Text eher, als dass sie ihn stärken würden.
Insgesamt ist der Autorin aber ein komplex konstruierter Roman mit einigen überzeugenden Umsetzungsideen gelungen. Vor allem die schnellen Schnitte und Zeitsprünge im Kapitel „Das Buch Natali“ haben eine schöne Intensität und fordern beim Lesen eine hohe Konzentration. Auch dass die vielen Dialoge in den eigentlichen Fliesstext integriert sind, ist kreativ und innovativ umgesetzt. Eine besondere Dynamik erzeugen zudem die vielen inhaltlichen Sprünge von einer Figur zur nächsten. Leider hat das mitunter den Nebeneffekt, dass der Lesefluss darunter leidet.
Lesungen in Frauenfeld & Gottlieben
Wer Natalis selbstbestimmten und emanzipativen Weg in „Immer zwei und zwei“ besser nachvollziehen möchte, sollte zu einer der kommenden Lesungen nach Frauenfeld oder Gottlieben kommen. Tabea Steiners zweites Buch ist eine Einladung, tief einzutauchen in komplexe Beziehungsgeflechte und den Zumutungen starrer Wert- und Glaubensvorstellungen.
Weiterlesen: Tabea Steiner schreibt auch als Kolumnistin für thurgaukultur.ch. Alle ihre bei uns erschienen Texte sind hier gebündelt.
Von Karsten Redmann
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