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Kapitel eins
Normale Menschen essen keine rohen Quitten. Doch ich versenke die Zähne in der pelzigen Haut eines prallen gelben Exemplars, und sofort zieht die Bitternis des Fruchtfleischs mir Gaumen und Gesicht zusammen. Die Quitte habe ich gestern Nacht, gegen zwei Uhr früh, vom Baum im Vorgarten meines Vaters gepflückt, als ich seiner Trage zum Rettungswagen folgte. Er befand sich auf Messers Schneide, aber heute Vormittag ist Dad wieder stabil und dämmert in seinem hohen, akkurat bezogenen Krankenhausbett vor sich hin. Der Ausblick hier oben, aus dem neunten Stock des University College Hospital, ist spektakulär, aber Dad bekommt davon nichts mit. Ich lehne die Stirn gegen das große umlaufende Eckfenster und bedampfe das Glas mit einem Kreis meines Quittenatems.
»Wo ist Feynman?«, meldet sich Dad plötzlich.
Ich setze ein Lächeln auf und drehe mich zu ihm um. »Er ist zu Hause«, antworte ich.
»Warst du mit ihm Gassi?«
»Ja, ich bin heute früh mit ihm um den Block.«
Dad nickt.
Ich nehme den zerkratzten Plastikbecher von Dads Tablett mit dem unangerührten Mittagessen und hebe den biegbaren Trinkhalm an seinen Mund.
»Wo ist Feynman?«, wiederholt Dad.
»Er ist tot«, murmle ich.
»Wann ist er gestorben?«
»Vor dreiundzwanzig Jahren.«
Dad nickt erneut.
Als ich den Becher auf dem wischfesten Tisch über dem Bett abstelle, schweift mein Blick zu dem reglosen alten Mann im Bett gegenüber und der neben ihm sitzenden schwitzenden Frau, die in dicken Wollstrümpfen steckt, obwohl es für September recht mild ist.
»Wo ist Feynman?«, fragt Dad schon wieder.
»Wer ist Feynman?«, entgegne ich unwirsch.
»Unser Hund!«
»Hab noch nie von ihm gehört.«
Bei dieser letzten Entgegnung sehe ich Panik in Dads wässrigen Augen aufflackern. Herrje. Was soll’s, dass wir dieses Gespräch heute schon zehnmal geführt haben. Immerhin bringt sich mein gebrechlicher, zerschlagener Vater die fünfzehn Sekunden, die es dauert, aktiv ein. Als ich mir mit dem Unterarm übers Gesicht wische, bleibt eine feuchte Schneckenspur meiner Tränen darauf zurück.
Feynman war ein wunderschöner goldener Labrador, der mir und meinem Bruder Reece gehörte, als wir noch Kinder waren. Er war nach Dads persönlichem Helden, dem schrulligen Quantenphysiker Richard Feynman, benannt. Beide Feynmans sind schon lange tot. Und wie der Zufall es will, erlagen sie beide einem Nierenleiden. Feynman der Physiker starb 1988, und seine letzten Worte lauteten angeblich, dass Sterben langweilig sei. In Anbetracht von Dads schleichendem Verfall die letzten sechs Monate, seit ich bei ihm eingezogen bin, kann ich ihm nur von ganzem Herzen beipflichten. Zumindest aus meiner Warte. Da Dad mittlerweile über das Gedächtnis eines Goldfischs verfügt, ist er sich seines nahenden Todes entweder völlig unbewusst, oder aber die Erkenntnis holt ihn wie ein fürchterlicher Schock tagtäglich immer wieder von Neuem ein. Ich hoffe aufrichtig, dass Ersteres der Fall ist. Reece, der schon immer mein genaues Gegenteil war, würde auf Letzteres hoffen.
Feynman der Hund starb 1996 infolge einer N