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Eigentlich habe ich es schon geahnt. In Kanada vor 15 Jahren, als meine japanische Studienkollegin bei jedem Einkauf freudig ihre Kreditkarte zückte und auf meine Frage, ob ihre Eltern denn die Kreditkartenrechnungen von Japan aus beglichen, mit einem selbstsicheren «Was interessieren mich die Rechnungen von morgen, wenn mir diese Schuhe heute gefallen!» antwortete, eröffnete sie mir eine mir damals noch unbekannte Sichtweise auf den Umgang mit Geld. Wie Sie sich bestimmt denken können, blieb es nicht bei einem Paar Schuhe.
Es scheint, als sei diese Sichtweise in den letzten Jahren gang und gäbe geworden. Wenn sich Kinder nach den Weihnachtsferien auf dem Pausenplatz darum streiten, wer das teuerste und schickste Geschenk hat, welches Kind traut sich da noch zuzugeben, dass die Winterjacke von der Oma oder die schulnotwendigen Bücher von den Eltern dieses Jahr das Höchste der Gefühle darstellen? Und wo der Auszug aus dem Elternhaus früher mit einer Matratze und ein paar Holzkisten aus dem Warenlager stattgefunden hat, stehen heute Kreditaufnahmen für teures Mobiliar.
Ursachen für die Verschuldung
Wer wenig Bedürfnis- und Belohnungsaufschub aushält und bei Entscheidungen zur Variante mit dem gegenwärtig grösseren Nutzen neigt, also dem Meliorationsprinzip folgt, neigt auch eher zu Verschuldung. Bei dem bekannten Marshmallowtest von Mischel wurden Kinder eine Zeit lang mit einem Marshmallow alleine gelassen mit der Instruktion, den einen Marshmallow jetzt entweder aufzuessen – oder nicht, und dafür dann im Anschluss als Belohnung einen zweiten zu erhalten. Der Test zeigte, welche Kinder eine eigene Strategie entwickeln konnten und welchen es misslang, dem Objekt der Begierde kurz zu widerstehen.
Das Meliorationsprinzip erklärt auch, warum in Kauf genommen wird, sich zu verschulden, um Genuss- und Suchtmittel, Vergnügungen oder Luxusgüter zu konsumieren. Nicht selten folgen den Verschuldungsursachen weitere Konsequenzen, welche unbekannt und langfristig eher schädlich sind. Im Moment bevorzugen wir Fast Food, statt uns gesund zu ernähren oder wir bevorzugen eine teure Kleinkreditaufnahme, um unser Wunschmobiliar zu erwerben, anstatt vorgängig dafür den Sparstrumpf zu füttern.
Die Gruppenzugehörigkeit und der soziale Druck sind weitere bekannte Ursachen für die Verschuldung. Idole können für junge Menschen Vorbilder in Sachen Mode sein. Fehlen die finanziellen Mittel für die Beschaffung von typischer Kleidung oder symbolhaften Accessoires, um einer Gruppenzugehörigkeit zu entsprechen, kann dies bei den Betroffenen zu sozialem Druck und Ausgrenzung führen.
Verzögerte Reaktionen auf neue Lebenssituationen können ebenfalls zu Verschuldung führen. Verliert beispielsweise eine erwachsene Person ihren Job, ist sie normalerweise in der Lage, die neue Situation und die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel neu zu beurteilen, weil sie bereits jahrelange Erfahrung im Umgang mit ihren Finanzmitteln hat. Bei Situationsänderungen ist wichtig, dass Betroffene in der Vergangenheit gelernt haben, eigene Strategien bei neuen Gegebenheiten zu erarbeiten, wie beispielsweise ein Budget mit Einnahmen und Ausgaben zu erstellen. Wer das nie gelernt hat, wird Mühe haben, sich in die neue finanzielle Lage einzufinden.
Welche Rolle die Eltern spielen
Kinder lernen durch Experimentieren, Kopieren, aus eigenen Erfahrungen - und von den eigenen Eltern. Bleiben diese Erfahrungen teilweise aus, beispielsweise im Umgang mit Taschengeld, kann dieser Erfahrungsmangel zu fehlendem Verständnis für das eigene Ausgabeverhalten, blindem Wetteifern mit den finanziellen Mitteln von Klassenkameraden und fehlendem Selbstbewusstsein führen. Eltern als Vorbilder, für die Schulden aufzunehmen selbstverständlich ist, können für junge Menschen Wegbereiter der eigenen Verschuldung sein. Kinder und Jugendliche übernehmen oft die ökonomischen Verhaltensmuster ihrer Eltern.
Schuldenprävention leistet Aufklärung
Wer in jungen Jahren in die Schuldenfalle tappt, wird einen steinigen Weg vorfinden und es schwer haben, aus eigener Kraft wieder aus der Falle herauszukommen. Einrichtungen zur Schuldenprävention sind üblicherweise bei den Kantonen angegliedert. Die Stadt Zürich leistet sich aber eine eigene Schuldenprävention, welche Oberklassenschulen besucht und Workshops durchführt. Solche Schulbesuche bezwecken, dass Jugendliche gezielter in Budgetierung geschult werden und selbstbewusster im Umgang mit Geld werden. Ausserdem sollen sie lernen, besser zu erkennen, wo die eigenen Grenzen finanzieller Mittel sind, sowie Belohnungsaufschub durch vorgängiges Sparen anstatt durch Schuldenaufnahmen zu tätigen. Gerade bei Jugendlichen, welche aus Familien stammen, in denen das Schuldenverhältnis vorgelebt wird, ist es wichtig, sie frühzeitig auf die Konsequenzen hinzuweisen und andere Optionen aufzuzeigen.
Zahlungsbefehle meist wegen unbezahlten Steuer- und Krankenkassenrechnungen
Im Übrigen ist dem nicht so, dass die meisten Zahlungsbefehle für offene Kreditkartenschulden oder Kleinkreditaufnahmen ausgestellt werden, sondern für offene Steuer- und Krankenkassenschulden. Betroffene äusserten sich in diversen Studien, dass sie die jährliche Steuerrechnung völlig vergessen hatten und sie das vom Lohn monatlich übriggebliebene Geld nach der Bezahlung aller Rechnungen, bereits ausgegeben hatten. Diese Menschen erzählten zudem, dass sie froh gewesen wären, wenn die Steuerzahlungen als monatliche Lohnabzüge stattgefunden hätten. Zur Erinnerung: Solche Vorstösse haben Bundesrat und Parlament in den vergangenen Jahren abgelehnt.
Schulden führen nicht immer ins Horrorszenario
Zum Schluss möchte ich noch ergänzen, dass Schuldenmachen nicht unbedingt negativ assoziiert werden muss. Als Investition in die Zukunft einen Kredit zur Studiumsfinanzierung aufzunehmen, mit der Aussicht nach dem Studium einen höheren Lohn zu erzielen, kann beispielsweise sehr sinnvoll sein.
Was ich schon in Kanada geahnt habe? Ob ein junger Mensch in die Schuldenfalle gerät, steht meist in direktem Zusammenhang mit seiner Sozialisierung also was ihm Eltern und Umfeld vorleben.
Weiterführende Informationen und Quellen:
Link zur Schuldenprävention der Stadt Zürich und zum SRF-Beitrag Jung und überschuldet