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Stell dir vor, du teilst deinen Körper mit einem anderen Menschen. Du bist eine eigene Person, mit deinen eigenen Vorstellungen und Wünschen, aber dein Unterleib ist zugleich der eines anderen. Du kontrollierst deine Hand, der andere seine. Wenn du rennst, bewegst du dein Bein, der andere seins. Jede Entscheidung muss gemeinsam getroffen werden. Anziehen, Kaffee machen, Autofahren – alles ist Teamwork.
So geht es Abigail und Brittany Hensel. Die beiden Schwestern sind siamesische Zwillinge des Typs Dizephalie: Ihre Körper sind an der Hüfte miteinander verwachsen; sie teilen ihre Blase, ihre Leber, ihren Darm und ihre Fortpflanzungsorgane. Ihr Kreislauf ist gemeinsam. Sie haben drei Nieren und vier Lungenflügel, von denen zwei miteinander verwachsen sind, und auch das Nervensystem ist partiell gemeinsam. Die Schwestern haben jede ihr eigenes Herz, ihren Magen, ihre Wirbelsäule und ihre Speiseröhre. Ein dritter, unterentwickelter Arm wurde amputiert, als die Mädchen vier Monate alt waren.
Heute sind Abby, wie Abigail sich nennt, und Brittany 31 Jahre alt. Die Schwestern führen ein erfolgreiches Leben – was keine Selbstverständlichkeit ist, denn die Überlebenschancen von siamesischen Zwillingen sind geringer – je nach Art und Ausgeprägtheit ihrer Verwachsung (siehe Infobox). Das höchste Alter von noch verbundenen siamesischen Zwillingen erreichten Ronnie und Donnie Galyon, die 2020 im Alter von 68 Jahren starben.
Die Ursache für die Entwicklung von siamesischen Zwillingen ist nicht wirklich geklärt. Wie andere eineiige Zwillinge entwickeln sich siamesische Zwillinge, wenn eine befruchtete Eizelle sich in einem sehr frühen Entwicklungsstadium in zwei Zellpopulationen teilt. Früher nahm man an, dass siamesische Zwillinge dann entstehen, wenn diese Teilung erst nach dem 13. Tag nach der Befruchtung geschieht, doch neuere Untersuchungen haben diese Annahme mittlerweile erschüttert.
Sicher ist hingegen, dass diese Doppelfehlbildung sehr selten ist; sie tritt nur bei einer von 60'000 bis 200'000 Schwangerschaften auf. Etwa drei von zehn siamesischen Zwillingen sterben bereits im Mutterleib, deshalb kommt auf eine Million Lebendgeburten nur ein lebensfähiges siamesisches Zwillingspaar. Hinzu kommt, dass sich werdende Eltern oft für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, wenn die Vorsorgeuntersuchung siamesische Zwillinge feststellt.
Überleben siamesische Zwillinge Schwangerschaft und Geburt, stellt sich die Frage, ob sie operativ getrennt werden sollen – was oft zu unlösbaren ethischen Dilemmata führt. In einigen Fällen ist die operative Trennung kein grosses Problem, etwa wenn die Zwillinge lediglich oberflächlich über eine Hautbrücke zusammengewachsen sind. Wenn die Zwillinge jedoch stärker miteinander verwachsen sind, kann die Trennung zu Verstümmelungen oder Behinderungen führen. Teilen sie lebenswichtige Organe, ist ein solcher Eingriff kaum möglich, ohne dass einer der beiden stirbt.
Eltern von siamesischen Zwillingen stehen vor schwierigen und schmerzhaften Fragen. Wie sehen die Überlebenschancen und die Lebensqualität ihrer Kinder aus? Könnte eine Trennung diese verbessern – oder wäre es besser, wenn die Kinder miteinander verwachsen bleiben? Im Extremfall müssen sie sich sogar entscheiden, ob sie das Leben eines Kindes opfern sollen, um das Überleben des anderen zu ermöglichen, oder ob sie keine Trennung vornehmen lassen, was die Lebenserwartung beider Kinder beeinträchtigt.
In den meisten Fällen wird ein siamesisches Zwillingspaar heute getrennt, sofern es möglich ist. Weltweit leben derzeit nur etwa 20 ungetrennte Paare. Eines von ihnen sind Abby und Brittany. Als die Schwestern am 7. März 1990 im Carver County im US-Staat Minnesota geboren wurden, war die Prognose der Ärzte schlecht: Die Mädchen würden die Nacht wohl nicht überleben, sagten sie den Eltern.
Ein Schock – die Mutter Patty, eine Krankenschwester, hatte zuvor nicht einmal gewusst, dass sie Zwillinge im Leib trug. Das erfuhr sie erst, als sie zur Entbindung ins Krankenhaus kam. Nach der Geburt brachte man die Zwillinge sofort in eine Klinik in der nächsten Grossstadt. Sie überlebten. Und sie blieben zusammen, denn ihre Eltern dachten nie daran, sie trennen zu lassen, obwohl ihnen die Ärzte diese Möglichkeit aufzeigten. Zu gross war die Angst, dass eines der Mädchen oder gar beide sterben würden.
«Als wir sie das erste Mal sahen, fanden wir sie wunderschön», sagte Patty Hensel Jahre später. Sie und ihr Mann Mike, ein Tischler und Landschaftsgärtner, nahmen die Mädchen mit nach Hause, in den kleinen Ort New Germany in Minnesota, wo sie mit zwei jüngeren Geschwistern, einer Schwester und einem Bruder, behütet aufwuchsen. Die Zwillinge mussten sich in der Kindheit einigen Operationen unterziehen; so wurde eine Wirbelsäulenverkrümmung korrigiert und die Brusthöhle erweitert, um ihnen die Atmung zu erleichtern. Abgesehen von einer verstärkten Anfälligkeit für Erkältungen sind die beiden heute jedoch gesund.
Die Eltern schirmten ihre zwangsläufig berühmten Zwillinge konsequent vor neugierigen Blicken ab und bedienten auch nicht die Sensationslust der Medien – sie willigten nicht in Home-Storys ein und gaben nie Interviews. Allerdings sperrten sie die Mädchen auch nicht weg, sondern sorgten im Gegenteil dafür, dass sie am sozialen Leben teilnahmen.
Nur bei wenigen Gelegenheiten richtete sich das Scheinwerferlicht auf Abby und Brittany: 1996, als sie sechs Jahre alt waren, waren sie bei der prominenten Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey zu Gast. Zudem hatten sie eine eigene Reality-Show und spielten in mehreren Dokumentarfilmen mit, etwa «Joined for Life» (2003) und «Extraordinary People: Twins Who Share a Body» (2007).
Diese vergleichsweise behütete Kindheit und Jugend steht in starkem Kontrast zum Schicksal, das vielen siamesischen Zwillinge früher zuteilwurde. Oft blieb ihren Eltern und später ihnen selbst keine andere Wahl, als diese «Laune der Natur» vor einem neugierigen Publikum in heute menschenverachtend anmutenden «Freak Shows» zur Schau zu stellen.
Schon das Zwillingspaar Chang und Eng Bunker, auf das die Bezeichnung «siamesische Zwillinge» zurückgeht (die Brüder stammten aus Thailand, das damals Siam hiess), wurden ab 1829, als sie 18 Jahre alt waren, auf Jahrmärkten als Sensation präsentiert. Später wanderten sie in die USA aus und verdienten ihren Lebensunterhalt als Entertainer. Die italienischen siamesischen Zwillinge Giovanni Battista und Giacomo Tocci hingegen, die schon ab dem Alter von vier Wochen auf Ausstellungen herumgereicht worden waren, zogen sich bei ihrer Volljährigkeit vollkommen zurück, um nie wieder neugierigen Blicken ausgesetzt zu sein.
Abby und Brittany hingegen sind nicht auf die Zurschaustellung ihres gemeinsamen Körpers angewiesen; sie schlossen ihr Studium 2012 ab und verdienen ihren Lebensunterhalt heute als Mathematiklehrerinnen. Allerdings beziehen sie nur ein Gehalt, da sie notgedrungen nur eine Stelle besetzen. Den Führerschein mussten sie allerdings zweimal machen, obwohl sie sich nur gemeinsam ans Steuer setzen können – dies wirft ein Schlaglicht auf Probleme, mit denen sich wohl nur siamesische Zwillinge herumschlagen müssen.
Dass die Schwestern, die sich den Unterleib teilen, überhaupt Auto fahren können, verdanken sie einer bewunderungswürdigen Koordinationsleistung. Sie lenken das Auto gemeinsam – Abby kontrolliert den rechten Arm, Brittany den linken. Gangschaltung und Pedale sind Abbys Bereich, während Brittany für das Licht und den Blinker zuständig ist.
Als Kinder mussten die beiden zusammen laufen lernen; dies war keineswegs einfach, da jede von ihnen ein Bein kontrolliert und ihre Beine zudem unterschiedlich lang sind – ohnehin ist Brittany rund 10 Zentimeter kleiner als Abby. Das Laufen erlernten die zuvor erwähnten Brüder Tocci übrigens zeitlebens nie. Das lag zum einen daran, dass einer der beiden einen Klumpfuss hatte – etwa 10 bis 20 Prozent der siamesischen Zwillinge leiden nebst ihrer Verwachsung an weiteren Fehlbildungen. Zum anderen dürfte aber auch das geschäftliche Interesse ihrer Eltern an der Zurschaustellung sie daran gehindert haben; die beiden Brüder wurden ständig herumgereicht und liessen sich obendrein besser kontrollieren, wenn sie nicht laufen konnten.
Das permanente Teamwork, das Abby und Brittany für alltägliche Verrichtungen ausführen müssen, wäre ohne eine tiefe, intuitive Verbundenheit im psychischen Sinne wohl nicht möglich. Eineiigen Zwillingen sagt man ja schon eine tiefe Verbundenheit nach; bei siamesischen Zwillingen ist sie vermutlich noch extremer ausgeprägt. In der Tat sprechen Abby und Brittany oft gleichzeitig, wobei sie dasselbe sagen, oder sie beenden die Sätze, die die andere angefangen hat.
Trotz dieser Verbundenheit und der Tatsache, dass sie sich ihren Körper teilen, haben die beiden Schwestern ihre je eigene Persönlichkeit ausgebildet. Ihre Charaktere und Vorlieben sind durchaus unterschiedlich: So interessiert sich Abby mehr für Mathematik, während Brittany sich eher für Sprachen und Kunst begeistern kann. Brittany leidet unter Höhenangst, Abby ist schwindelfrei. Sie haben einen unterschiedlichen Modegeschmack, was sie dadurch unterstreichen, dass sie oft verschiedene Schuhe tragen.
Abby und Brittany sind keineswegs scheu. So sehen sie in ihrem Job, bei dem sie ständig vor einer Schar von Kindern präsent sind, nicht zuletzt auch eine Möglichkeit, Vorurteile abzubauen und Verständnis für Andersartigkeit zu wecken. Sie sind auch auf den Sozialen Medien aktiv und gewähren ihren Followern auf Instagram Einblicke in ihr Leben.
Doch exhibitionistisch sind die beiden ebenso wenig. Obwohl sie gern Fragen zu ihrem besonderen Leben beantworten, bewahren sie ihre Privatsphäre, insbesondere in intimen Dingen. Gerade hier dürfte die Neugier bei Leuten besonders gross sein, die ihre Schlafzimmertür jederzeit abschliessen können.
Abby und Brittany haben schon erklärt, dass sie einst Mütter werden möchten, aber sie möchten nicht über Details reden. Gerüchte, wonach Brittany einen Freund habe, dementierten sie energisch. Sie wären jedenfalls nicht die ersten siamesischen Zwillinge mit Nachwuchs: Chang und Eng Bunker heirateten 1843 ein Schwesternpaar und zeugten insgesamt 21 Kinder.