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Mitten im UNESCO-Biosphärenpark Grosses Walsertal liegt die Propstei St. Gerold an einem sanft abfallenden Hang im Sonnenschein. Sie strahlt Ruhe und Kraft aus. Es erstaunt nicht, dass dieser Ort auf eine tausendjährige Geschichte zurückschauen kann.
Von der Einsiedelei zum Zufluchtsort
Der Legende nach soll der heilige Gerold, der der Propstei ihren Namen gab, ein Herzog von Sachsen gewesen sein, der im 11. Jahrhundert lebte. Aus religiösen Gründen verzichtete er auf seinen Titel und zog sich als Eremit und Büsser in das Grosse Walsertal zurück. Der damalige Besitzer schenkte ihm ein Grundstück, das der heilige Gerold gegen Ende seines Lebens dem Kloster Einsiedeln weiterschenkte. So weit die Legende. Sicher ist, dass die Propstei spätestens im 13. Jahrhundert in den Besitz des Klosters Einsiedeln gelangte. Die heute noch erhaltenen Dokumente bezeugen die wechselhafte Geschichte der Propstei, die im 17. Jahrhundert eine Blütezeit erlebte. In dieser Zeit schickte der damalige Abt von Einsiedeln neben dem Propst auch vorwiegend ältere Patres und Brüder nach St. Gerold, sodass sich eine kleine klösterliche Gemeinschaft bildete.
Als Ende April 1798 französische Soldaten Einsiedeln belagerten, floh ein Grossteil der Mönche nach St. Gerold. Auch die Schwarze Madonna wurde dorthin in Sicherheit gebracht. Erst ab 1803 konnten die Patres und Brüder nach Einsiedeln zurückkehren. Zur selben Zeit wurde im Rahmen des Reichsdeputationshauptschlusses von Regensburg die Propstei dem Kloster Einsiedeln enteignet. Einige wenige Brüder durften – gegen Pachtzinsen – in St. Gerold bleiben.
Während mehrerer Jahre versuchte Einsiedeln, die Propstei zurückzukaufen, obwohl die dort ansässigen Brüder der Meinung waren, dass St. Gerold eher eine Belastung für das Kloster darstelle. Die politisch unruhigen Zeiten im Kanton Schwyz in den 1830er-Jahren verstärkten den Wunsch, St. Gerold als Zufluchtsort zurückzugewinnen, da die Existenz des Klosters Einsiedeln mehrfach gefährdet schien. Am 12. Dezember 1839 konnte Einsiedeln einen Bruchteil der ehemaligen Propsteiherrschaft nach jahrzehntelangen Bemühungen zurückkaufen.
Ab dem Ersten Weltkrieg wurde die wirtschaftliche Lage immer schwieriger. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Patres als unerwünschte Ausländer aus Österreich ausgewiesen und konnten erst 1947 zurückkehren. Die Propstei zerfiel zusehends. Dass St. Gerold heute wieder ein blühendes Leben aufweist, hat sie P. Nathanael Wirth zu verdanken, der 1958 eigentlich nur zur Erholung kam, dann aber unverhofft die Verantwortung zu übernehmen hatte.
Eine Vision nimmt Gestalt an
«P. Nathanael hatte eine Vision», erklärt P. Kolumban Reichlin, der nun schon seit fast zehn Jahren Propst in St. Gerold ist. «Wir möchten jedem Gast den Mantel der Wertschätzung, der Schönheit und der Güte hinhalten. Durch die intakte Natur, die Sozialwerke der Propstei, die Gastfreundschaft, die vielen Kunstwerke im Haus und auf dem Areal mit ihren spannenden Geschichten, durch die Konzerte, durch das gute Essen, den feinen Wein wie auch durch die Ästhetik im Bau.» Dieses Konzept entspringt gleichsam einem schöpfungstheologischen Ansatz. «Wir legen in der Kirche den Finger auf die Erlösungsbedürftigkeit, doch noch vor der Bedürftigkeit des Menschen stehen sein einmaliger Wert und seine unverbrüchliche Würde und die Berufung, mit seinem Sein, seinen Talenten und Begabungen die Evolution mitzugestalten und weiterzubringen», hält P. Kolumban mit Nachdruck fest. «Wir alle sind gerufen, auch im Kleinen schöpferisch zu sein, etwas Schönes, Sinnstiftendes und Nachhaltiges zu realisieren und dadurch einander zu helfen und zu erbauen!»
Aus diesem Geist heraus organisiert die Propstei jährlich 15 bis 20 Kulturveranstaltungen: Konzerte von Klassik über Jazz bis Volksmusik, Lesungen, Vorträge usw. Sie besitzt acht Pferde für therapeutisches Reiten und verschenkt im Rahmen einer «Sozialferien-Oase» jährlich 700 bis 1000 Tage an Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Die Propstei pflegt ein breites Beziehungsnetz zu Ärzten, Psychotherapeuten, Sozialstellen und Seelsorgern im Land Vorarlberg und darüber hinaus. Wer durch das soziale Netz fällt, findet in St. Gerold einen Zufluchtsort, um sich zu erholen und neue Kraft zu schöpfen.
Auch der Friedhof ist ein Zeichen dieser gelebten Wertschätzung. Hier liegen Menschen begraben, die anderswo keine letzte Ruhestätte fanden. Unter anderem ein Mörder, der im Gefängnis Selbstmord verübte. Sein Heimatpfarrer wollte ihn nicht begraben. «Wir üben Wertschätzung gegenüber jedem Menschen, ob sein Leben in unseren Augen gelungen ist oder nicht», sagt P. Kolumban und fragt nachdenklich: «Ist es nicht so, dass das Leben vieler gerade durch die fehlende Wertschätzung nicht zur Blüte gelangt?»
Kirche der Zukunft
Die Verbundenheit zwischen der Propstei und ihrem Mutterkloster Einsiedeln zeigt sich an zwei Orten: In der Gnadenkapelle von St. Gerold befindet sich eine (barocke) Kopie der Einsiedler Madonna. Umgekehrt wird in Einsiedeln eine romanische Trinkschale aufbewahrt, die man im 17. Jahrhundert dem Grab des heiligen Gerold entnommen hat. Jedes Jahr an seinem Gedenktag (19. April) wird diese Schale beim Mittagstisch mit Wein gefüllt und alle Mönche trinken einen Schluck daraus als Zeichen der Verbundenheit mit dem heiligen Gerold und mit der Propstei.
Mitbrüder in Einsiedeln fragen bisweilen, ob sich das Beibehalten von St. Gerold lohnt. P. Kolumban hat hierzu eine klare Meinung: «Wir erreichen in der Propstei weit über 20 000 Personen jährlich, denen wir hier durch unser Sein und Tun eine Erfahrung und Botschaft mit auf den Weg geben können, wie es in dieser Dichte in einer normalen Pfarrei kaum möglich ist. Das ist Kirche der Zukunft – Schöpferin und Vermittlerin einer wertschätzenden, erbauenden, sinnstiftenden Erfahrung zu sein, im Gottesdienst wie im konkreten Leben der Menschen.»
Um diese Zukunft sicherzustellen, ist eine Gesamtsanierung nötig. Die zweite von sechs Bauetappen wurde gerade abgeschlossen. Doch die Bauarbeiten werden noch einige Jahre in Anspruch nehmen. Die Dauer hängt von der Finanzierungssicherung ab. Beiträge vom Kloster Einsiedeln, vom Land Vorarlberg sowie von der Stiftung und vom Freundeskreis der Propstei decken knapp 50 Prozent der Kosten, der Rest muss mittels Fundraising sichergestellt werden – eine grosse Herausforderung! So bleibt die Prop- stei St. Gerold auf die Unterstützung grosszügiger und weitsichtiger Menschen angewiesen, die deren umfassendes Engagement schätzen, die Liebe zu dieser besonderen Stätte teilen und ihre bauliche Zukunftssicherung mittragen.
Rosmarie Schärer