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Mit den Pflastersteinen begann das Paradies zu sterben. Es ist zwei Jahre her, da kamen die Arbeiter in ihren blauen Anzügen auf die Insel und klopften und hämmerten die Steine in den Boden, bis aus Sandpisten feste Strassen und Gassen geworden waren. Viele «nativos», Ureinwohner, ja, so nennen sich hier die Nachfahren der Portugiesen, der afrikanischen Sklaven, der amerikanischen Hippies stolz, protestierten, aber es half nichts, niemand hält den Fortschritt auf, so bekamen sie es gesagt. Heute laufen an jedem Abend Frauen in Cocktailkleidern auf hohen Hacken über die Strassen, Männer führen ihre Rolex-Uhr spazieren. Kinder rollen mit Skateboards den üppig beleuchteten Marktplatz entlang, man wähnt sich auf Ibiza. Was so ein paar Steine ausmachen.
Auch Báda hat protestiert, als sie ihm seine Sandwege nahmen, er scharte seine Freunde, die anderen Fischer, um sich, schrie die Vertreter der Inselverwaltung an, zumindest sollten die nicht denken, dass die Ureinwohner weiter alles mit sich würden machen lassen.
Báda ist klein und sehnig, seine Zehen kurz und knubbelig, Hobbit-Zehen, in seinem Lächeln klaffen Zahnlücken, und er sagt, dass er Schuhe hasse, er habe noch nie welche getragen, nicht einmal Badelatschen, die die Brasilianer gewöhnlich so lieben. Mit seinen 61 Jahren gehört Báda zu den Alten auf der Insel, er ist hier geboren, wuchs hier auf, als die Häuser noch keine Türen hatten und die wenigen Türen keine Schlösser. Alle grüssen ihn, und er grüsst alle. Aber es gibt auch neue Bewohner, und es scheint, als würden viele davon die Insel auf ihre Art zu schätzen wissen, eine Art, die Báda nicht gefällt.
So wie Felipe Vilani. Er wohnt erst seit anderthalb Jahren auf der Ilha de Tinharé im ehemaligen Fischerdorf Morro de São Paulo, der Heimat von Báda. Vilani hat Aquaponik studiert, eine Wissenschaft, die Aquakultur und Hydroponik verbindet zur Aufzucht von Fischen und Nutzpflanzen; in Neuseeland hat er als Student Krabben und Muscheln gezüchtet. Ein Mann, der lange gelernt hat, was er tut.
Der schütter-blonde Vilani glaubt, dass Aquaponik und Aquakultur auch die Zukunft für Morro de São Paulo und seine Fischer ist. «Morro schläft! Ich will es aufwecken, hier gibt es Potenzial für vieles. Die Leute können nichts für ihr Unvermögen », sagt Vilani. Er weiss, dass er ganz langsam vorgehen muss, Fisch für Fisch sozusagen, er sollte sich keine Feinde machen.
Kurz nach Mittag, Báda trinkt zu Hause den zweiten Kaffee des Tages. Im Stehen, er sitzt nicht gern. «Ich muss mich immer bewegen. Wenn ich mich einmal nicht mehr bewege, bin ich tot.» Er ging nur vier Jahre zur Schule, Lesen und Schreiben
sind heute noch nicht seine Sache, aber er ist, bei Gott, ein ganzer Fischer.
Frühmorgens um fünf mag Báda seine Insel am liebsten. Das Meer ist ruhig, gischtend nur von Zeit zu Zeit. So ein Kanu hat seine Vorzüge gegenüber den neueren, grossen Fischerbooten: Zu zweit lässt sich die Arbeit am besten verrichten, der eine paddelt, der andere wirft das Netz aus und holt es wieder ein; arbeiten im Team, wie sie es schon immer taten auf der Insel. Genug Zeit, kein Druck, kein Stress, die richtige Mischung, wie gesagt. Beide Männer im Boot bekommen danach ihren Anteil am Fisch, Bádas Anteil ist natürlich grösser, denn es ist sein Kanu. Báda sagt, das Gemeinschaftsgefühl unter den Insulanern gehe verloren. «Wir stehen nicht mehr zusammen. Hier hat sich so viel verändert, seit ich ein kleiner Junge war. Aber manche Sachen werden auch noch so sein, wenn wir alle tot sind», sagt Báda und meint damit wohl Ebbe und Flut.
Virani lebt mit seiner Freundin am Rande von Morro, abseits der Pousadas und Bars, dort, wo auch die alten Bewohner hingezogen sind. Auf dem runden Tisch im Wohnzimmer liegt ein Laptop. Vilani zeigt Diagramme zur Anwendung von Aquakultur auf einschlägigen Webseiten. Sein Credo: mehr Fisch wagen. Noch verdient er kaum etwas mit seinen Projekten. Man könnte sagen, er hat neue Ideen, aber kein Geld, während es sich bei Báda umgekehrt verhält.
In den 90er Jahren wurde Morro de São Paulo zum Urlaubsort, immer mehr Touristen kamen, weil ihre Ohren gehört hatten, wie schön die Insel sei. Eine Pension nach der anderen wurde gebaut, meist auf Grundstücken, die einmal der Urbevölkerung gehört hatten. Die Hippies waren zu guten Geschäftsleuten geworden, und bald lebte kaum mehr ein Fischer im Ort, die meisten zogen an den Rand von Morro, bauten dort neue Häuser, nur Báda blieb. Und so konnte er von seinem Balkon aus dem Entern seines Paradieses zuschauen. In Städten wie Berlin und Zürich würde man es
»Aber die Bösen sind manchmal die Guten, nicht nur im Italo- Western, auch hier in Morro.«
wohl Gentrifizierung nennen.
Ein paar Inselbewohner erzählen, dass Báda mit windigen Geschäften bei dieser Entwicklung mitgemischt habe. «Der war doch das grösste Schlitzohr von allen. Báda hat Land besetzt, das ihm gar nicht gehörte, und es an die Neuankömmlinge verkauft», sagt Horst Drechsler in rheinischem Singsang. Drechsler stammt aus Köln, betreibt die Pousada Natureza und einen Segelklub. Er hält nicht viel vom Jammern über die neue Zeit, sie habe der Insel schliesslich eine Entwicklung gebracht.
Báda sagt, er habe nie etwas Verbotenes getan und über ihn würden gerne auch Geschichten erzählt, das bleibe nicht aus, wenn man so bekannt ist – ein Schlitzohr, ja, das sei er. Aber was heisst das schon. Er lacht.
Felipe Vilani, der blonde Brasilianer, der die Aquaponik auf die Insel gebracht hat, rollt das Algenblatt mit einer Bambusmatte um den Reis, den Crème-Käse, den rohen Fisch und das Avocado-Stück, als hätte er nie etwas anderes getan. Sein Maki ist das beste auf der Insel. Sein Maki ist das einzige auf der Insel. «Frische Zutaten sind alles. Ich bin stolz, dass ich die Sushi- Kultur nach Morro gebracht habe. Das kann hier ein Renner werden. » Eine Box mit zwölf Einheiten verkauft Vilani für 12 Real, rund sechs Schweizerfranken, bei ihm können die Kunden per Internet bestellen. Vilanis Traum: irgendwann das Sushi mit dem eigenen Fisch zuzubereiten, den er vorher fett gezüchtet hat.
Der frühe Nachmittag hat Schäfchenwolken gebracht. Am Strand hilft Felipe Vilani, der Hochstudierte, Báda, dem Fischer, bei der Verarbeitung des Fischs. Die beiden haben sich vor Monaten kennengelernt und langsam angenähert, Vilani geht behutsam mit Báda um, Fisch für Fisch. Er weiss wohl, dass er für alles steht, was Báda fürchtet. Aber die Bösen sind manchmal die Guten, nicht nur im Italo-Western, auch hier in Morro.
Dann kommt der Fisch. Er schmeckt salzig und nach Limonensaft, den sie drübergeträufelt haben, die Konsistenz ist hart, aber die Mischung stimmt. Wenn Báda und Vilani zusammen an einem Tisch essen können, dann ist alles möglich in Morro. Dann werden aus Pflastersteinen Brücken gebaut. Ob Báda wohl Lust habe, irgendwann sein Sushi zu kosten, fragt Felipe Vilani, als die beiden nach Hause gehen. Báda will es sich überlegen.
Ein alter Fischer, ein junger Aquaponiker und ein ehemals paradiesischer Strand – dies sind die Zutaten zu Christoph Wöhrles Reportage über die Segnungen der Moderne, die über die brasilianische Ilha de Tinharé hereinbrechen.
Ursprünglich ein Rückzugsort geflohener Skalven wurde die Insel in den 70er und 80er Jahren von Hippies übernommen. Hippies, die heute mittlerweile das Geschäftemachen entdeckt und die Ilha de Tinharé zu einer wichtigen Tourismusdestination umgebaut haben. Mit dem traditionsbewusssten Fischer Báda und dem ökonomisch denkenden Vilani treffen zwei Kulturen aufeinander, die durchaus auch sinnbildlich für ganz Brasilien stehen könnten.
Der hier stark gekürzte Text erschien erstmals im Juli 2013 in der #11 von REPORTAGEN, dem Magazin, das die Nebenschauplätze dieser Welt beleuchtet. Sechsmal pro Jahr schreiben die Autorinnen und Autoren unerhörte, hervorragend erzählte und wahre Geschichten – journalistisches und erzählerisches Kopfkino pur!
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