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Sawaco Achtnich
Winterthur, das ist die Maschinen-Industrie. Aber da vernachlässigt man die mittleren und Kleinbetrieb, die der Stadt ebenso ein Gepräge gaben. Zum Beispiel: Haldengut, Seidenstoffweberei, Ganzoni, Sträuli, Jaeggli.
Ein Betrieb dieser Art war auch die Strickerei Achtnich oder die „Häggli“, später die SAWACO. Sie produzierte von 1886 bis 1990 in erster Linie Unterwäsche und Strümpfe im oberen Preissegment.
Am 14. August 1883 heirateten Walter Achtnich (1857-1907) und Luise Glitsch in Herrenhut (Lausitz, Sachsen). Wenig später übersiedelten sie nach Winterthur um als Stickereifabrikanten eine neue Existenz aufzubauen. Drei Generationen lang produzierten die Achtnichs edle Kleiderstücke für die High Society.
Schwiegervater und Inhaber einer Senffabrik Ferdinand Glitsch half finanziell und Schwager Albert Glitsch unterstützte die Anfänge betrieblich. 1886 nahm die Produktion ihren Anfang. Die „Tricoterie mécanique W. Achtnich & Cie», wie sich das Unternehmen anfänglich nannte, nahm einen raschen Aufschwung. Der Export von gestrickten Strümpfen und Unterkleidern nach England und Frankreich war für den starken geschäftlichen Erfolg verantwortlich. Bald standen vier Näh- und Spulmaschinen und sechs Strickmaschinen, die von 150 Arbeiterinnen bedient wurden, in der Fabrik. Für den häufig durch Auslandgeschäftreisen abwesenden Walter Achtnich wurde als sein Stellvertreter Fritz Hochuli eingestellt. Dieser gründete später im Aargau einen eigenen Betrieb. Seine Nachkommen übernahmen 1988 sogar die SAWACO. 1990 legten diese den Betrieb in Winterthur still.
Die ersten Räumlichkeiten an der Neuwiesenstrasse 18 waren bald ungenügend. Ein Neubau wurde an der Gertrudstrasse errichtet und 1894 bezogen. Das Unternehmen zählte damals rund 300 Beschäftigte. Für den Bau war Ingenieur Sequin-Bronner verantwortlich. Gemäss den Vorstellungen von Achtnich wurde ein zweckmässiger, dreigeschossiger Fabrikbau in Sichtbackstein und einem hydraulischen Aufzug errichtet. Da der wirtschaftliche Aufschwung (Export nach Amerika) anhielt, wurde der Fabrikbau in zwei Etappen erweitert. Die Erweiterungsbauten zogen sich einer Privatstrasse, von der Gertrudstrasse weg, entlang. Diese Strasse erhielt später sinnigerweise den Namen „Strickerstrasse“. 1900 wurde das Gebäude aufgestockt und mit einem Mansardwalmdach (Architekt Walter Furrer) versehen. Das Dachgeschoss wurde als Lagerraum genutzt. Weiter entstand ein quer stehender Anbau, für Essräume, Garderoben und wieder für Lagerräume. 1905 bauten die Architekten Jung & Bridler eine weitere Vergrösserung. Die Erweiterung vom Jugendstil beeinflusst, wies einen repräsentativer Eingangsbereich auf, um das neue Selbstbewusstsein des Firmenbesitzers zum Ausdruck zu bringen. Der Fabrikant liess aber auch sein Personal am guten Geschäftsgang partizipieren. 1896 gründete Achtnich eine Krankenunterstützungskasse und für 1903 kündete er seinen Arbeiterinnen die Einführung von bezahlten Ferientagen an.
20 Jahre führte Walter Achtnich-Glitsch seinen Betrieb mit Umsicht und Fleiss. Mit engagierten Reisen ins Ausland hat er eine weltweite Kundschaft aufgebaut. Vielleicht hat er sich dabei auch übernommen. Am 7. Februar 1907, nur 50-jährig, verstarb er an Herzschwäche. Seine Frau Luise und Sohn Martin (1884-1931) übernahmen die Geschäftsführung. 1910 wurde in Belfort eine Tochtergesellschaft gegründet. 1912 heiratete Martin Achtnich Else Raithelhuber, Tochter eines württenbergischen Papierfabrikanten. 1917 wurde das Unternehmen in eine AG überführt. Die Fabrikation konzentrierte sich immer stärker von den Strümpfen auf Damenunterkleider. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges folgten vorerst auch für die „Häggli“ schwierige Jahre. Aber bereits ab 1916 waren sie überwunden. Ein Teil der Fabrikation musste an die Paulstrasse 18/20 ausgelagert werden. Der Personalbestand erreichte eine Rekordhöhe von 561 Leuten, zu denen noch 150 Heimarbeiterinnen kamen.
Exporthindernisse zwangen die Produktion immer mehr auf den Inlandmarkt auszurichten. Zusammen mit seinem Bruder Walter Achtnich-Wehrli (1891-1962) wurde der Markenname SAWACO geschaffen. Dieser Name setzte sich zusammen aus: Société Anonyme W. Achtnich & Co. In diesen 20er-Jahren fiel auch die technische Erneuerung. Die Transmissionsanlagen wurden etappenweise durch einen motorisierten Maschinenpark umgewandelt. Die Herstellung richtete sich jetzt auf gestrickte Ober- und Unterkleider, Badewäsche und Plüschpullover aus. Martin Achtnich starb am 9. Juli 1931 nur 47-jährig. Bruder Walter stand nun bis zu seinem Tode 1962 dem Familienunternehmen vor.
1962 übernahm mit dem Textilingenieur Walter-Achtnich-Weber (1918-1981) die dritte Generation in die Firmenleitung ein. Die Hochkonjunktur begünstigte den Geschäftserfolg, der sich nun auch auf Sportkleider für den Inlandmarkt ausrichtete. Die Mechanisierung ergab einen Rationalisierungsschub, der die Zahl der Arbeitskräfte, fast alles Gastarbeiterinnen, innert wenigen Jahren halbierte.
Die veralteten Räumlichkeiten im Neuwiesenquartier wurden 1969 verlassen. An der Industriestrasse 24 hatte man einen neuen Geschäftssitz erstellt. Das Ingenieurbüro Gallati & Schibli AG aus Rapperswil zeichnete dafür verantwortlich. Die Firma nannte sich nun „modernste Wäschefabrik der Schweiz“ mit grosszügigen Produktionshallen und zentrale Hochlager. Die idealen Arbeitsbedingungen wurden pionierhaft ergänzt mit eigener Kantine und einer ersten privaten Kinderkrippe in Winterthur. Das Bestreben für ein gutes Arbeitsklima stand in der Sawaco immer im Vordergrund. So wurde 1965 auch eine Betriebskommission (ab 1971 Personalkommission) gegründet.
kleiner Stammbaum der Familie Achtnich
1. Generation, Stammeltern
Hermann Walter Achtnicht-Glitsch, Gründer der Firma 1857-7.2.1907, Lindstrasse 6
Heirat 14.08.1883 in Herrnhut mit Luise Helene Achtnich-Glitsch †8.3.1944
2. Generation
-Martin Ferdinand und Achtnich 1884-9.7.1931, Heirat 1912 mit Elisabeth Raithelhuber
Geschäftsleiter 1907-1931
Kinder: Walter, Hans Caspar und Martin
Heiligbergstrasse 38
-Walter und Anna Achtnich-Wehrli, 1891-1962, Geschäftsleiter ab 1931 bis 1962
-Margarethe Luise *1886 und Hans Reinhart-Achtnich, Ingenieur und Fabrikdirektor
-Elisabeth und Gustav von Schulthess-Achtnich
-Gertrud und Jacques Kaufmann-Achtnich, Direktor Unfall Winterthur
-Lilly und Karl Villinger-Achtnich, Arzt
3. Generation
Walter Achtnich-Weber, 1918-7.4.1981,Neffe von Martin, 1948 Eintritt, ab 1962 Leitung
Literatur
"Unterwäsche aus Winterthur" von Peter Niederhäuser
Die Industrie- und Familiengeschichte Sawaco Achtnich
erschienen 2008
Historischer Verein Winterthur und Chronos Verlag, Zürich