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Die Verlaufstherapie erfolgt mit immunmodulierenden oder immunsupprimierenden Medikamenten, welche den Krankheitsverlauf mildern.
Immunmodulierend bedeutet, dass die Medikamente das Immunsystem verändern, während immunsupprimierende Medikamente die Funktionen des Immunsystems unterdrücken.
Aus den Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte sind die derzeit empfohlenen Medikamente (Interferone, Glatirameracetat, Fingolimod, Natalizumab und Mitoxantron) für den Einsatz bei der MS entwickelt worden. Dennoch ist die Wirkungsweise der aktuell genutzten Medikamente nicht in allen Details bekannt.
Beta-Interferone (IFN-ß) werden auch von unserem Körper gebildet. Es sind Immunmodulatoren, die bestimmte Entzündungsvorgänge unterdrücken können.
Die in der Schweiz zugelassenen Β-Interferon-Produkte unterscheiden sich in Form und Zeitpunkt der Applikation. Je nach Präparat werden sie ein- bis mehrmals wöchentlich als Spritze verabreicht. Ausserdem ist ihre Herstellung verschieden (Produktion in Bakterien oder Säugetierzellen).
B-Interferone reduzieren die Antigenpräsentation durch andere Immunzellen (z.B. Makrophagen). Ausserdem hemmen sie die T-Zell-Vermehrung und die Produktion von entzündungsfördernden Botenstoffen. Daneben scheinen sie auch den Übertritt von aktivierten (und somit möglicherweise gefährlichen) T-Zellen durch die Blut-Hirn-Schranke zu vermindern.
Glatirameracetat ist ein synthetisches Aminosäuregemisch, das einem Bestandteil der Isolierschicht der Nervenfasern ähnlich ist. Glatirameracetat blockiert einerseits die schädlichen Immunzellen, andererseits fördert es die Tätigkeit von regulierenden Immunzellen, die im Gehirn entzündliche Reaktionen spezifisch unterdrücken können. Dieser Wirkstoff gehört, wie auch die Β-Interferone, zu den Immunmodulatoren.
Insgesamt senken sowohl die Β-Interferone als auch Glatirameracetat die Häufigkeit der Schübe um etwa ein Drittel. Ihre Wirksamkeit ist vor allem bei schubförmigem Verlauf der MS erwiesen. Prinzipiell kann jedes der vier Medikamente zur Behandlung einer klinisch gesicherten schubförmigen MS eingesetzt werden.
Fingolimod ist das erste Medikament einer neuen Substanzklasse. Es ist ein Sphingosin-1-Phosphat Rezeptor Modulator, das heisst durch Bindung von Fingolimod verschwindet der Rezeptor von der Zelloberfläche. Da Lymphozyten diesen Rezeptor zum Auswandern aus den Lymphknoten benötigen, kommt es zu einer Anreicherung der Lymphozyten im Lymphknoten und zu einem Abfall der Zellen im Blut. Dementsprechend können die Zellen auch nicht mehr ins Gehirn gelangen und dort einen Schaden anrichten. In klinischen Studien konnte gezeigt werden, dass Fingolimod die Schubrate gegenüber Placebo und Avonex um mehr als 50% senkt. In begleitenden kernspintomographischen Untersuchungen konnten eine Verminderung der Entzündungsherde und eine verminderte Hirnatrophie verzeichnet werden.
Fingolimod wurde 2011 für die Behandlung der schubförmigen Multiple Sklerose zugelassen. Es wird einmal täglich als Tablette in einer Dosierung von 0,5 mg eingenommen. Unter der Behandlung sollten regelmässige Kontrolluntersuchungen durchgeführt werden, um allfällige Nebenwirkungen frühzeitig zu erkennen. Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören ein reversibler Pulsabfall vor allem nach der erstmaligen Einnahme des Medikamentes, ein Makulaödem (Flüssigkeitsansammlung im Bereich der Netzhaut des Auges), ein Lymphozytenabfall im Blut sowie ein Anstieg der Leberwerte.
Natalizumab ist ein gentechnisch hergestellter Antikörper, welcher den menschlichen Antikörpern sehr ähnlich ist, aber auch geringe Anteile von Mäusegenen enthält. Da die letzteren vom Körper als fremd erkannt werden können, kann es zu Unverträglichkeitsreaktionen kommen. Diese äussern sich als allergische Reaktionen, die v.a. bei der zweiten Infusion auftreten, gelegentlich aber auch erst später. Natalizumab blockiert ein Eiweissmolekül auf den Immunzellen, welches das Andocken an die Blut-Hirnschranke ermöglicht. Dadurch verhindert es deren Übertritt in das Zentrale Nervensystem. Klinische Studien zeigen, dass die Häufigkeit der Schübe unter Verwendung von Natalizumab um durchschnittlich 2/3 reduziert wird. Auch wird die Zunahme der Behinderung verlangsamt.
Natalizumab wird eingesetzt, wenn Β-Interferone nicht ausreichend wirken. Bei schwerem schubförmigen Verlauf der MS kann Natalizumab jedoch auch bereits als Ersttherapie eingesetzt werden. Über eine Verschreibung entscheidet der Neurologe oder die Neurologin. Es handelt sich um eine Langzeit- und Monotherapie, während derer die Medikamente zur Schubbehandlung weiterhin genommen werden können.
Das Präparat wird alle 28 Tage mittels Infusion in die Vene verabreicht. Eine Therapiesitzung dauert etwa 2 Stunden und wird medizinisch überwacht. Im Allgemeinen wird die Behandlung gut vertragen. Zu den häufigsten beobachteten Nebenwirkungen zählen Kopfschmerzen, Schwindel, Erbrechen, Übelkeit, Harnwegsinfekte, Abgeschlagenheit, allergische Reaktionen und Fieber.
In wenigen Fällen kann es zur Bildung von Antikörpern gegen Natalizumab kommen, was die Wirkung und Verträglichkeit des Medikaments beeinträchtigen kann. Da unter Natalizumab einige wenige Fälle schwerer Infektionen im zentralen Nervensystem aufgetreten sind (z.B. PML: progressive multifokale Leukencephalopathie), ist die Behandlung an strenge Sicherheitsrichtlinien geknüpft. So können mögliche Komplikationen sofort erkannt und behandelt werden.
Mitoxantron wurde als Chemotherapeutikum bereits bei verschieden bösartigen Krebserkrankungen (u.a. Leukämien) eingesetzt, bevor es bei schwer behandelbarer Multipler Sklerose erfolgreich getestet wurde.
Mitoxantron darf nur bei schwerem Verlauf verschrieben werden. Aufgrund seiner gravierenden Nebenwirkungen auf das Herz darf es nur unter Berücksichtigung einer begrenzten Lebens-Gesamtdosis verabreicht werden.
Es wirkt v.a. über eine Hemmung des Wachstums von T- und B-Lymphozyten sowie Makrophagen. Bei letzteren wird die Präsentation von Antigenen sowie die Sekretion von entzündungsfördernden Botenstoffen unterdrückt.