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Wie beleidigt man einen Russen? Man sagt, polnischer Wodka sei der beste. Wie beleidigt man einen Schweizer? Man rühmt belgische Schokolade. Bei der braunen Süssigkeit hört die Weltoffenheit auf, der Patriotismus regt sich heftig. Heute ist die Schweiz führend, was den Verzehr von Schokolade betrifft: 2002 assen die Schweizer durchschnittlich 11,9Kilogramm. Doch in diesem süssen Geschäft spielen sie erst seit der Erfindung der Milchschokolade überhaupt eine Rolle. Vorbereitet wurde das Feld durch Azteken, Spanier, Engländer, Holländer, Schweden. Zum Beispiel durch Carl von Linné, den grossen schwedischen Botaniker: Er gab dem Kakao 1753 seinen Namen, Theobroma cacao. Theobroma heisst Götterspeise. Auch Kolumbus hatte seine Hand im Spiel, zeigte jedoch nicht die Bohne Interesse. Auf seiner vierten und letzten Reise – immer noch auf der Suche nach einer Passage nach Indien – sah er am 15.August1502 erstmals eine Kakaobohne. Da er jedoch meinte, die von den Einheimischen wie Augäpfel gehüteten Bohnen seien Mandeln, liess er sie links liegen. Vier Jahre später starb er verachtet und verarmt, ohne zu wissen, dass er wieder eine Entdeckung gemacht hatte, die die Welt verändern würde. Hernán Cortés, einer seiner Nachfolger, war weitsichtiger und brachte die Kakaobohne und mit ihr das exotische Gebräu Xocolatl 1528 nach Spanien, von wo aus die Schokolade ihren Siegeszug antrat.
Branchli, Pralinen, Osterhasen, Nikolause: Wer heute Schokolade sagt, meint die feste Form. Doch während neun Zehnteln ihrer Geschichte war Schokolade ein Getränk. Ein Getränk, das kaum etwas mit der heute bekannten süssen Trinkschokolade gemein hatte. Die Azteken versetzten das Kakao-Wasser-Gemisch mit Maismehl, würzten es mit Chili und Vanille. Ein wenig begeisterter Engländer nannte das Gebräu einen «Sud für Säue». Die Spanier machten sich flink daran, das Getränk für den europäischen Gaumen zu adaptieren: Sie süssten es mit Honig, verdünnten es mit Wasser, Milch, Wein oder Bier und würzten es mit Pfeffer. Schokolade wurde nicht nur scharf gewürzt – sie stand auch im Ruf, scharf zu machen. Schon die Völker Mittelamerikas schätzten das Genussmittel als Aphrodisiakum. Doktor Henry Stubbes, ein Freund des englischen Philosophen Thomas Hobbes und einer der grössten Schokofans des 17. Jahrhunderts, lobte die Schokolade als Scharfmacher in den höchsten Tönen, einem österreichischen Arzt war sie Venusspeise, ein Flugblatt von 1703behauptet, Schokolade «macht den Leib nur geil». Casanova fand, sie nütze ihm bei seiner Verführungskunst ähnlich gut wie Champagner. Von Marquis de Sade geht die Legende, er habe an einem seiner Bälle mit Spanischer Fliege versetzte Schokoladepastillen aufgetischt. Das Fest soll in eine Orgie ausgeartet sein, die sogar den degeneriertesten Römer vor Neid hätte erblassen lassen.
Ob Aphrodisiakum oder nicht: Als generelles Stärkungsmittel war Schokolade immer unumstritten. Goethe hatte seine Schokolade stets mit im Koffer: «Wer eine Tasse Schokolade getrunken hat, der hält einen ganzen Tag auf der Reise aus. Ich tue es immer, seit Herr von Humboldt es mir geraten hat.» Die Schweizer Armee entdeckte die Schokolade relativ früh für ihre Zwecke: Schon um 1870 kam die Schokoladeration für den Soldaten auf. Wohl weniger, um die Wehrmänner glücklich zu machen (obwohl Theobromin als leichtes Antidepressivum gilt), sondern als schneller Kraftspender und zur Regulierung der Verdauung.
Gesellschaftlich gehörte Schokolade zum guten Ton; darüber hinaus schien sie auch geeignet, unliebsame Zeitgenossen aus dem Weg zu räumen. Eine Dame «von Stand», so die Sage, hatte Grund gehabt, sich über einen Herrn zu beklagen. Sie setzte dem Betreffenden einen Dolch und eine Tasse vergifteter Schokolade vor und erlaubte ihm, selbst die Art des Todes zu wählen. Dieser machte nicht den geringsten Versuch, an ihr Mitgefühl zu appellieren, sondern trank die Schokolade bis zur Neige. Sein einziger Kommentar: «Die Schokolade wäre besser gewesen, hätten Sie mehr Zucker hineingetan; das Gift gibt ihr einen bitteren Geschmack. Denken Sie beim Nächsten daran, dem Sie eine Schokolade bereiten.» Natürlich interessierte sich auch die Kirche für das neumodische Getränk, das so völkerverbindend über Europa schwappte. Papst Pius V. fand den Geschmack von Schokolade so scheusslich, dass er ihren Genuss in der Fastenzeit für unbedenklich erklärte. Kardinal Richelieu hingegen war ein grosser Verfechter der Schokolade, er benutzte den nach einem Geheimrezept von spanischen Mönchen hergestellten Trunk, um seine kranke Milz zu pflegen. Ein Doktor aus England veröffentlichte 1706ein Buch, in dem er behauptete, Schokolade komme direkt von Satan, schwäche den Geist, verursache Mundgeruch und beeinträchtige die Fruchtbarkeit. 18Jahre später stellte sein Kollege Brooks die These auf, Schokolade verlängere das Leben und befreie ausserdem von Bandwürmern und Magengeschwüren.
Götterspeise oder Teufelszeug? Das steht heute nicht mehr zur Diskussion: Erlaubt ist, was schmeckt. Die Schokoladenhersteller halten für jeden etwas bereit: In ihrem Buch «Schokolade. Das Handbuch für Geniesser» beschreibt und benotet die Britin Chantal Coady, die in London selbst ein kleines Geschäft betreibt, Confiserien und ihre Spezialitäten aus aller Welt: von der Praline mit Geraniencremefüllung über die Schokolade in Form von rostigem Werkzeug hin zu Sprünglis Truffes du jour. In der Herstellung scheint das letzte Wort noch lange nicht gesprochen, das Feld für Experimente ist weit. So hat sich der Österreicher Georg Hochleitner zum Ziel gesetzt, die wohl berühmteste Schokoladentorte – die 1832erfundene Sachertorte – vom Thron zu stossen, und zwar mit «Chocolina», einer zwanzigschichtigen Torte aus Mandeln, Orangenmarmelade, Orangenlikör und Schafmilchschokolade. Sie schmecke, so beteuert der Erfinder, wundervoll sahnig, «gar nicht schafig».
Aus: Bulletin der Credit Suisse 2.03