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Lectio XXX
30 Potentialis, Deliberativ, Aufforderungen, erfüllbare Wünsche
In der letzten Lektion hast du den Irrealis kennengelernt. Hier schauen wir uns vier weitere Funktionen des Konjunktivs an.
30.1 Der Potentialis
Wie im Deutschen können wir im Lateinischen ausdrücken, dass das, was wir aussagen, möglicherweise, aber nicht unbedingt der Wirklichkeit entspricht. Eine solche Verwendung des Konjunktivs nennen wir Potentialis.
In der Übersetzung eines lateinischen Potentialis kannst du diesen Aspekt mit Wörtern wie «möglicherweise» oder «vielleicht» ausdrücken.
Cornelia Chryso numquam libertatem det. — Möglicherweise schenkt Cornelia Chrysus nie die Freiheit.
Nisi Cornelia libertatem ei det, Chrysus servus moriatur. — Sollte Cornelia ihm die Freiheit nicht geben, stirbt Chrysus vielleicht als Sklave.
30.2 Der Deliberativ
Der Deliberativ (von deliberare abwägen) zeigt die Unsicherheit oder Unentschlossenheit der/des Sprechenden. In der Gegenwart wird er mit dem Konjunktiv Präsens, in der Vergangenheit mit dem Konjunktiv Imperfekt ausgedrückt. Auch hier ergänzen wir im Deutschen oft das Modalverb «sollen».
Quid respondeam? — Was soll ich antworten?
Quomodo Chrysus milites Romanos fugeret? — Wie hätte Chrysus den römischen Soldaten entkommen sollen?
30.3 Aufforderungen
Die Aufforderung an die 2. Person kennst du schon lange: Sie wird mit dem Imperativ ausgedrückt. Es ist jedoch auch möglich, einen Befehl an die 3. Person zu richten. Solche Aufforderungen stehen im Konjunktiv Präsens, und im Deutschen übersetzen wir sie mit dem Modalverb «sollen».
Servus pareat! — Der Sklave soll gehorchen!
Servae taceant! — Die Sklavinnen sollen schweigen!
Im Konjunktiv Präsens stehen auch Aufforderungen an die 1. Person Plural. Im Deutschen werden sie oft mit Formulierungen wie «lasst uns» oder «wir wollen» oder dadurch wiedergegeben, dass Subjekt und Prädikat den Platz tauschen.
Ad circum eamus! Turbam sequamur! Ludos spectemus! — Lass uns zur Rennbahn gehen! Folgen wir der Menge! Wir wollen die Spiele schauen!
30.4 Erfüllbare Wünsche
In der Lektion 29 hast du bereits die unerfüllbaren (irrealen) Wünsche kennengelernt. Erfüllbare Wünsche werden ebenfalls häufig mit utinam eingeleitet und immer mit nē verneint, stehen jedoch im Konjunktiv Präsens. Im Deutschen markieren wir solche Wünsche gern mit «hoffentlich» oder einer Form von «mögen».
Utinam domina servo libertatem det! — Hoffentlich schenkt die Herrin ihrem Sklaven die Freiheit!
Utinam diu vivamus! — Mögen wir lange leben!
Utinam librum nē amittas! — Hoffentlich verlierst du das Buch nicht!