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Der jüdische Wiener Nervenarzt und der reformierte Zürcher Pfarrer: Über dreissig Jahre lang schrieben sich Sigmund Freud und Oskar Pfister Briefe.
In der Schweiz ist der Name Oskar Pfister nicht einmal mehr Theologen ein Begriff. Anders in den USA. Dort findet jedes Jahr eine «Pfister Award Lecture» statt. Gehalten wird sie vom jeweiligen Träger des Oskar-Pfister-Awards. Mit ihm zeichnet die American Psychiatric Association Wissenschafter aus, die bedeutende Beiträge auf dem Gebiet der Religion und Psychiatrie geleistet haben. Bisherige Preisträger sind unter anderen der Theologe Hans Küng, der Neurologe und Bestsellerautor Oliver Sacks oder der Psychotherapeut Irvin D. Yalom.
Schon das wäre Grund genug, an den reformierten Zürcher Pfarrer und Psychoanalytiker Oskar Pfister zu erinnern, der eine Vielzahl von Arbeiten zur Psychoanalyse publizierte, von denen einzelne in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Ein weiterer Grund liegt in Pfisters Beziehung zum Pionier der Psychoanalyse, Sigmund Freud. Die beiden, den atheistischen Juden und den gläubigen Christen, verband eine jahrzehntelange Freundschaft, die sich in einem über zweihundert Schreiben umfassenden Briefwechsel niederschlug.
Die Freundschaft beruhte auf gegenseitiger Wertschätzung, auch wenn sich in Freuds Briefen mitunter ein leicht ironischer Ton bemerkbar macht. Pfister sei «ein reizender Kerl», berichtete er 1909 dem Psychoanalytiker Sándor Ferenczi. Ein «Schwärmer» und Charmeur – «halb Heiland, halb Rattenfänger». Über Pfisters enthusiastisches psychoanalytisches Wirken allerdings hielt Freud trotz aller Kritik stets seine schützende Hand und wies ihm auch Patienten zur Analyse zu.
Oskar Pfister war als Psychoanalytiker tätig, zugleich aber fast vierzig Jahre lang, von 1902 bis zu seiner Pensionierung 1939 – dem Todesjahr Freuds –, Pfarrer an der Predigerkirche in Zürich. Er wohnte im Pfarrhaus an der Schienhutgasse und schilderte eindringlich die Armut in den dunklen Gassen der Altstadt, die er täglich vor Augen hatte – die, wie er sagte, «sittliche Not, die wie giftiges Gas aus dem Sumpf des Pauperismus aufstieg». Und er litt zunehmend an seinem Unvermögen, diesem Leid mit seiner Seelsorge wirksam zu begegnen.
«Eine wissenschaftliche Offenbarung»
Neben seiner Arbeit in der Gemeinde und als Therapeut war Pfister auch wissenschaftlich tätig. 1908 wäre er fast Professor für systematische und praktische Theologie an der Universität Zürich geworden. Aber er schien zu unentschieden und agierte unglücklich. Nach wechselvollem Hin und Her wurde schliesslich nicht er, sondern der zweitplatzierte Kandidat gewählt: Leonhard Ragaz, der Begründer der religiös-sozialen Bewegung der Schweiz.
Im gleichen Jahr, in dem die Professur in Zürich besetzt wurde, stiess Pfister dank einem Hinweis von Carl Gustav Jung auf die Schriften Sigmund Freuds. Bei deren Lektüre sei ihm «eine neue Welt aufgegangen», schrieb er später. Er empfand sie als «wissenschaftliche Offenbarung ersten Ranges». In Freuds Arbeiten fand Pfister eine Antwort auf die Frage, weshalb seine seelsorgliche Tätigkeit nicht mehr Früchte trug. Und er fand einen neuen Zugang zu den Menschen und ihren seelischen Problemen.
Im Februar 1909 bestätigte ihm Freud, dass er seine Absichten richtig verstanden habe, und schrieb, die Psychoanalyse sei «weder religiös noch das Gegenteil, sondern ein unparteiisches Instrument, dessen sich der Geistliche wie der Laie bedienen kann, wenn es nur im Dienste der Befreiung Leidender geschieht». Im selben Brief äusserte Freud sein grosses Erstaunen über den Umstand, nicht selbst darauf gekommen zu sein, «welche ausserordentliche Hilfe die psychoanalytische Methodik der Seelsorge leisten» könne.
Bereits im April 1909, bald nachdem die ersten Briefe gewechselt worden waren, reiste Pfister nach Wien, um Freud persönlich zu treffen. Es war der Beginn einer dreissigjährigen Freundschaft. Die Korrespondenz zwischen dem Begründer der Psychoanalyse und dem Begründer der sogenannten «analytischen Seelsorge» zeugt von ihrer herzlichen Zuneigung zueinander, aber auch vom Ernst, mit dem sich der Jude Freud und der Christ Pfister wissenschaftlich und privat miteinander auseinandersetzten.
Ein freier menschlicher Blick
Pfister war es, der 1913 eine der ersten psychoanalytischen Systematiken veröffentlichte. Freud selbst schrieb dazu das Vorwort, in dem er festhielt: «Die Ausübung der Psychoanalyse fordert viel weniger ärztliche Schulung als psychologische Vorbildung und freien menschlichen Blick.» Dabei erwiesen sich gerade Pfarrer und Lehrer aufgrund ihrer vielseitigen und zahlreichen Kontakte und ihres gesellschaftlichen Ansehens als «ideale Multiplikatoren».
Freud stand auch Pfisters Bemühungen um eine auf der Psychoanalyse basierende pädagogische Theoriebildung, die sogenannte «Pädanalyse», wohlwollend gegenüber. Dabei geisselte er immer wieder die damals grassierende Gewalt in der Erziehung und in der Schule, die bei Kindern so viel Angst und Leid erzeuge. Für Pfister war es die alles entscheidende Erkenntnis Freuds gewesen, dass Angst die Ursache psychischer Störungen sei. Denn sie hemme die Menschen in ihrer Liebesfähigkeit. Genau diese Erkenntnis, betonte Pfister, sei im Neuen Testament schon lange verkündet worden: Im ersten Johannesbrief nämlich, wo es heisst: «Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt. Denn Gott ist Liebe.»
Psychoanalyse war für Pfister «nichts anderes als der systematische Ausbau von Grundgedanken Jesu». Wenn Freud 1906 in einem Brief an Carl Gustav Jung schrieb: «Psychoanalyse ist eigentlich eine Heilung durch Liebe», so ist Pfisters Verständnis von Psychoanalyse als Wiederentdeckung des Evangeliums nicht vollständig absurd.
Pfister war überzeugt, die Psychoanalyse könne Menschen von vielen Zwängen befreien und freie Bahn schaffen für das, was in ihrer Seele eingeklemmt sei. Dies geschehe, indem nicht auf das Symptom auf der Oberfläche, nämlich des Bewussten, geachtet werde, sondern indem der darunterliegende Konflikt im Unbewussten gelöst werde. In Pfisters Berichten finden sich verschiedene Beispiele von Blitzheilungen und Wundertaten.
Die «ausgeplünderte Welt»
Er mokierte sich über jene, «die schon beim ersten Hitzgi merken, dass der Klient 4 Monate lang täglich beim Analytiker auf den Hafen muss». Auch wenn Freud der christlichen Vereinnahmung seiner Lehre und Pfisters therapeutisch-charismatischer Unbeschwertheit, die 1928 eine währschafte Krise in der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse mitsamt der Abspaltung und Gründung einer eigenen Gesellschaft für ärztliche Psychoanalyse auslöste, mit ablehnenden Gefühlen gegenüberstand, entzog er ihm sein Wohlwollen nie.
1927 veröffentlichte Freud eines der religionskritischsten Pamphlete des 20. Jahrhunderts: «Die Zukunft einer Illusion». Er kündigte sie Pfister an: «In den nächsten Wochen wird eine Broschüre von mir erscheinen, die viel mit Ihnen zu tun hat. Ich hätte sie nämlich längst schreiben wollen, aber mit Rücksicht auf Sie zurückgestellt, bis dann der Drang zu stark wurde. Sie behandelt – leicht zu erraten – meine durchaus ablehnende Einstellung zur Religion – in jeder Form und Verdünnung.»
Pfister antwortete umgehend: «Sie waren gegen mich immer duldsam, und ich sollte es gegen Ihren Atheismus nicht sein?» Darauf Freud: «Von Ihrer Grossherzigkeit hatte ich keine andere Antwort auf meine ‹Kriegserklärung› erwartet.» Pfisters Urteil fällt nach der Lektüre wie erwartet ablehnend aus. Er schreibt an Freud: «Ihr Religionsersatz ist im Wesentlichen der Aufklärungsgedanke des 18. Jahrhunderts in stolzer moderner Auffrischung. Ich muss gestehen, dass ich bei aller Freude an den Fortschritten der Wissenschaft und Technik an die Suffizienz und Tragfähigkeit dieser Lösung des Lebensproblems nicht glaube.»
Es sei fraglich, schreibt Pfister weiter, ob der wissenschaftliche Fortschritt die Menschen glücklicher und besser gemacht habe. Wenn es zur psychoanalytischen Kur gehöre, den Patienten diese «ausgeplünderte Welt» als der Wahrheit höchste Erkenntnis beizubringen, resümierte er, so würde er sehr gut begreifen, dass die armen Leute sich lieber in die Klause ihrer Krankheit flüchteten, als dass sie in diese «schauerliche Eiswüste» zögen.
«Das kann ich Ihnen nicht verzeihen»
Freud reagierte, indem er Pfister anbot, seine Replik zu veröffentlichen, und betonte, es gelte zwischen der Psychoanalyse und seinem Urteil zur Religion zu unterscheiden: «Es ist meine persönliche Einstellung.» Die Ansichten blieben unvereinbar. Pfister resümierte: «Die Gefahr ist nicht gross, dass Sie sich zur Taufe melden oder dass ich von der Kanzel herunterhüpfe.» Doch trotz allen Differenzen blieben die beiden Männer miteinander verbunden, auf persönlicher wie fachlicher Ebene.
Der letzte erhaltene Brief Pfisters datiert vom Februar 1939. Er äusserte darin seine Erleichterung darüber, dass Freud «einer zum sadistischen Vater regredierten Nation entronnen» sei. Er hielt es für «selbstverständlich, dass die Psychoanalyse trotz diktatorischer Verfolgung ihren Siegeslauf vollenden» werde. Und er kündigte seinen im Herbst bevorstehenden Rücktritt vom Pfarramt an.
Wenige Monate später, im September, starb Sigmund Freud im Exil in London. Im Nachlass Pfisters findet sich ein Brief von 1952 an den französischen Psychoanalytiker René Laforgue. Darin erinnert sich Pfister an seine letzte Begegnung mit Freud.
In der Abschiedsszene manifestiert sich nochmals die besondere Qualität ihrer Freundschaft, die vorhandene Ambivalenzen wahrnahm und aushielt: «Bei meinem letzten Besuch, 1936, lauteten seine Abschiedsworte: ‹Sie haben viel für die Propaganda der Psychoanalyse getan; aber dass Sie noch immer Religion haben, kann ich Ihnen nicht verzeihen.› Er sagte es lächelnd, aber er meinte es doch wohl ernst.»
Isabelle Noth ist Professorin für praktische Theologie an der Universität Bern und Herausgeberin des Briefwechsels zwischen Sigmund Freud und Oskar Pfister.