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Diese Legende hat einen Helden: Er heisst Masaru Ibuka und war vor 40 Jahren Ehrenpräsident des japanischen Elektronikkonzernes Sony.
Ibuka war ein Opernfan. Nichts war ihm lieber als hoch über den Wolken im Flieger zu sitzen und den Stimmen seiner Lieblingsdiven zu lauschen.
Nur: Das Tonbandgerät, das er zu diesem Zweck mitschleppen musste, war klobig und nahm viel Platz weg – die Kopfhörer erst recht.
Kopfhörer im Brillenetui
Norio Ohga, der Hausdesigner von Sony, machte sich also an die Arbeit. Das von ihm konzipierte Gerät reduzierte das konventionelle Tonbandgerät auf das absolute Minimum. Lautsprecher und Aufnahmemechanismus liess er einfach weg.
Auch das Radio fehlte, das damals viele Benutzer schätzten. Der Apparat war kaum grösser als eine normale Tonband-Kassette. Die Kopfhörer hatten im Brillenetui Platz.
Fast wäre es ein Flop geworden ...
Die Direktion hielt das Produkt für eine Schnapsidee – ein klassischer Fall von Fehlprognose. Akio Morita, der Mitbegründer von Sony, hatte für den Anfang 60‘000 Stück in Auftrag gegeben. Hinter seinem Rücken wurde die Bestellung um die Hälfte reduziert.
Am 1. Juli 1979 tauchte das Gerät in den japanischen Läden auf. Am Ende des ersten Monats hatte man weniger als 3'000 Stück abgesetzt. Ein Flop zeichnete sich ab. Das hätte dem Ruf der Firma nicht gut getan. Die Situation verlangte drastische Aktion.
.... dann wurde es zum Hype
Sony schickte ein Heer von wandelnden Werbeträgern los, die das neue Gadget auf der Strasse, im Zug und in der U-Bahn möglichst auffällig in Szene setzten.
Der Trick funktionierte: Ende August war die erste Auflage ausverkauft. Flugzeug-Crews sorgten dafür, dass der Walkman auch in den USA bereits als supercooles Fashion-Accessoire galt, bevor es ein Jahr später dort auf den Markt kam. Nach zehn Jahren waren über 50 Millionen Walkmans verkauft worden.
Zu diesem Zeitpunkt war das Wort «Walkman» bereits in den ehrwürdigen Oxford English Dictionary aufgenommen worden. Im Jahr 2010, als Sony die Produktion des klassischen Kassettenmodells stoppte, waren die Verkaufszahlen bei 220 Millionen Stück angelangt.
Revolution des Hörens
Der Walkman veränderte unsere Hörgewohnheiten auf fundamentale Art und Weise. Wer vorher in Begleitung seines Wunschkonzertes auf die Reise gehen wollte, musste eine ganze Stereoanlage oder mindestens eine «Boombox» – ein Tonbandgerät mit massiven Lautsprechern – mitschleppen.
Das Potenzial für Konflikte, zum Beispiel in Pärken oder Badeanstalten, war enorm. Bekanntlich teilen nicht alle Menschen den gleichen Geschmack oder die gleiche Vorliebe für Lautstärke.
Seines eigenen Soundtracks Schmied
Mit dem Walkman wurde es mit einem Schlag möglich, die klangliche Umgebung jederzeit selber zu bestimmen.
Im Tram: Statt plärrende Babys säuselnde Meditationsklänge. Im Zug: Statt jodelnde Rentner die lüpfigen Stücke von Krokus. Auf dem Velo: Statt hupende Autos friedlichen Bob Marley.
Das Musikhören verwandelte sich: Von einem Erlebnis, das in einem Aussenraum stattfand, wo Nebengeräusche und vielleicht auch noch andere Menschen zur Ambiente gehörten, in ein Ereignis, das sich einzig und allein im eigenen Kopf abspielte.
Ab ins Fitnessstudio
Das hatte ungeahnte Folgen: So fiel die Erfindung des Walkman zufälligerweise zusammen mit dem Workout-Video von Jane Fonda und der daraus folgenden Fitnessstudio-Epidemie.
Die Kombination von Walkman und Laufband war unwiderstehlich. Erst mit der Verbreitung des Walkmans wurde Jogging zum Volkssport.
Im Erfolg des Walkman begründet liegt auch der Ruf von Japan als Pionier-Nation in Sachen hochpräziser Miniaturtechnologie.
«Zombification» der Menschheit
Als leidenschaftlicher Musikfan, aber auch vom Alter und vom Beruf her – Musikjournalist! – hätte ich als der perfekte Walkman-Benutzer gegolten. Aber ich hasse das Gerät. Ich habe es immer gehasst.
Ein amerikanischer Blogger hat geschrieben, der Walkman stehe am Anfang der «Zombification» der Menschheit. Diese These unterschreibe ich voll und ganz.
Ich höre Musik gerne allein, in meinem Zimmer. Ich höre Musik gerne zusammen mit anderen Menschen, im Pub, Club oder im Konzertlokal. Aber wenn ich durch die Strassen wandle, im Zug sitze oder auf dem Markt die Orangen begutachte, geniesse ich lieber die Musik der Strasse, des Zuges und des Marktes, als mich unter Kopfhörern zurückzuziehen.
Genauso wie ich die Kadenzen eines Nick-Drake-Liedes liebe, liebe ich den Rhythmus der Lokomotive oder die Gesprächsfetzen vom Nebentisch.
Der Generation Smartphone den Weg bereitet
Für mich gehören die Geräusche des Alltags zur Klangsprache, die mir den Zugang zu meinen Mitmenschen, zum Leben überhaupt, eröffnet.
Wer mit den Scheuklappen des Walkmans – und seiner Erben – durchs Leben schreitet, mag wohl in der Lage sein, seine Stimmung genau zu bestimmen. Aber was hilft eine gute Stimmung, wenn sie nichts mit der Umwelt zu tun hat?
Der Walkman wurde zum Wegbereiter der «Me! Me! Me!»-Generation. Der Hörschaden ist in mehrfacher Hinsicht vorprogrammiert.