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Spitalexpedition nach Russland
Im März 1918 unterzeichneten die Mittelmächte und die noch junge sowjetische Regierung, die aus der bolschewistischen Revolution hervorgegangen war, den Friedensvertrag von Brest-Litowsk. Damit endeten die Kampfhandlungen an der Ostfront. Doch für Russland bedeutete der Vertrag noch keinen Frieden, denn dort herrschte Bürgerkrieg.
Krieg, Revolution, Wirtschaftskrise und Hungersnot
In der Folge des Bürgerkriegs wurde die bereits schwer geprüfte russische Bevölkerung von einer verheerenden Hungersnot getroffen. Diese war auf eine noch nie dagewesene Dürre und das Darniederliegen der Wirtschaft nach den langen Kriegsjahren zurückzuführen. 1921 fiel die Ernte fast vollständig aus. Normalerweise ernährten die riesigen fruchtbaren Ebenen nicht nur die Bevölkerung Russlands, sondern dienten auch einem grossen Teil Europas als Kornkammer. Nun verwandelten sie sich in dürres Ödland. Die Ernteausfälle bedrohten das Leben von Dutzenden Millionen Menschen.
Als die Katastrophe bekannt wurde, entschlossen sich das IKRK und die Liga der Rotkreuzgesellschaften, zusammen mit weiteren humanitären Organisationen Hilfe zu leisten. Sogleich wurde ein internationales Hilfskomitee für Russland gegründet. Mit der Leitung der Einsätze wurde der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen betraut, der mittlerweile beim Völkerbund als Hochkommissar für Flüchtlinge tätig war.
Dieser Solidaritätsbewegung schloss sich auch das SRK an. Wie andere nationale Rotkreuzgesellschaften in Europa lancierte es zunächst Spendensammlungen. Dazu wurde eine breit angelegte Kampagne durchgeführt: Mit Vorträgen, Gesprächsrunden und Presseartikeln sollten die potenziellen Spenderinnen und Spender, die teilweise antikommunistische Gefühle hegten, zu grosszügigen Gaben veranlasst werden. Obwohl sich das Verhältnis zwischen Moskau und Bern zunehmend verschlechterte (Abbruch der diplomatischen Beziehungen im November 1918), wurden mehr als 550'000 Franken Spendengelder gesammelt. Hinzu kam ein staatlicher Beitrag in Höhe von 120'000 Franken.
Wenn Kinderspitäler zu Friedhöfen werden
Auf Empfehlung von Fridtjof Nansen entschloss sich das SRK, eine Erkundungsmission nach Zarizyn, dem späteren Stalingrad (heute Wolgograd), zu entsenden. Sie sollte dort den Bedarf im Bereich der Gesundheitsversorgung abklären. Der Delegation gehörten die Ärzte Scherz, Keller und Walker an. Am 23. März 1922 reisten sie in Basel ab. Zusammen mit 25 Eisenbahnwaggons mit Lebensmitteln, Medikamenten und weiterem Material trafen sie am 17. Mai in Zarizyn ein. In der Stadt mit ihren über 100'000 Einwohnern wüteten die Hungersnot und Epidemien. Besonders betroffen waren die Kinder, die in einem improvisierten Spital untergebracht waren:
«Dieses Spital, früher ein Privathaus, war zu einem Notspital eingerichtet worden, in welchem hauptsächlich magendarmkranke Kinder verpflegt wurden. […] Man muss sich unter den Kinderhäusern von damals absolut nicht etwa Häuser vorstellen, in denen für das Wohl dieser Kinder gesorgt wurde. Es waren ganz einfache Häuser, in denen elternlose Kinder untergebracht und nur aufs allernotwendigste gekleidet und gefüttert wurden. […] Infolge davon war es auch an der Tagesordnung, dass Zöglinge dieser Häuser ausrückten, um zu betteln; sehr oft aber verhungerten sie auch irgendwo auf der Strasse. […] Gewiss muss bei vielen als einzige Todesursache ganz einfach der Hunger angesehen werden. Ein Gang durch die Kinderhäuser führte einem hunderte von elenden, abgemagerten Gerippen vor Augen, deren Lebensdauer auf den ersten Blick nur noch auf wenige Tage berechnet werden konnte, und in der Tat konnte man jeden Morgen den Leichenwagen von Kinderhaus zu Kinderhaus fahren sehen, und kein Tag verging, an welchem nicht aus jedem Haus […] furchtbar abgemagerte Kinderleichen weggeführt wurden.» (Bericht über die Spitalexpedition des Schweiz. Roten Kreuzes nach Russland 1922/1923, S. 23)
Die Hilfe aus der Schweiz konzentrierte sich von Anfang an auf die Versorgung der Kinder. Am 22. Juni eröffnete die Delegation ein erstes Spital für sie. Im ersten Monat wurden dort 191 schwerkranke Kinder gepflegt:
«[…] wie überhaupt bei allen Patienten der ersten Zeit, musste von vorneherein eine Kombination der klinisch diagnostizierten Krankheit mit einer mehr oder weniger schweren Unterernährung angenommen werden. Das waren aber noch die relativ einfachen Kombinationen. In sehr vielen Fällen kamen noch dazu Malaria, Skorbut und dazu in fast allen Fällen Scabies nebst einer durch diese hervorgerufenen Furunculose. Vor solchen Erscheinungen stand man oft fast ratlos da. Behandelte man die Kinder mit Diät, dann verhungerten sie. Gab man ihnen zu essen, starben sie an den Folgen ihrer Magendarmerkrankungen. […] In vielen Fällen konnte man übrigens zum vorneherein sehen, dass jede Hilfe zu spät kommt. Mehr als einmal sahen wir Kinder sterben, während sie mit den letzten Kräften ein Stück Brot assen.» (Bericht über die Spitalexpedition des Schweiz. Roten Kreuzes nach Russland 1922/1923, S. 26)
Fast ein Viertel der im ersten Monat aufgenommenen Kinder starben. Angesichts des enormen Bedarfs wurde nach der Anfangsphase der Personalbestand erhöht. Dank einer zusätzlichen Lieferung von Lebensmitteln, Medikamenten und Kleidern konnte das SRK seinen Tätigkeitsbereich ausweiten. Neben der medizinischen Versorgung leistete es umfangreiche materielle Hilfe für die Bevölkerung und für verschiedene soziale Institutionen und Gesundheitseinrichtungen. Zu Beginn des Winters 1922–1923 betrieb das SRK sieben Gesundheitseinrichtungen mit insgesamt 1180 Betten: ein Kinderspital, zwei Augenkliniken, zwei Heime für rekonvaleszente und elternlose Kinder, ein Säuglingsheim sowie ein Heim für Ein- bis Dreijährige. Hinzu kam die Leitung von zwei Polikliniken, in denen rund 700 Konsultationen pro Tag durchgeführt wurden.
Vom 22. Juni 1922 bis zum 1. Juni 1923 wurden in den «Spitalhäusern» des SRK 6176 kranke Kinder behandelt. Ausserdem versorgte das SRK in diesem Zeitraum 15 Spitäler in der Region Zarizyn mit Medikamenten und führte in seinen Ambulatorien über 120'000 Konsultationen durch.