Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03332.jsonl.gz/721

Dichte steht am Ursprung allen menschlichen Siedelns. Höfe, Dörfer und grössere Ansiedlungen wurden gegründet, um sich zu schützen und geschützt besser zu wirtschaften. In allererster Linie wurden sie jedoch gegründet, um dank der räumlichen Nähe besser miteinander interagieren und kommunizieren zu können. Seit jeher ist Dichte die unmittelbare Folge des kulturellen Bedürfnisses nach dem Zusammenrücken. Sie ist die Essenz des Urbanen, die in der Stadt ihre Apotheose erreicht.
Mit dem Phänomen des Urbanen war immer schon jenes des Suburbanen verbunden: jener unscharf begrenzte Bereich, der bereits in der Antike den Übergang der Stadt zur umliegenden Landschaft gekennzeichnet hat. Das Suburbane war jahrhundertelang privilegierter Wohnsitz derjenigen, die sich neben einem Stadtpalais auch eine Vorortsvilla leisten konnten. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es als Alternative zur verkommenen, verschmutzten, zugebauten und übervölkerten Grossstadt entdeckt, die auch den Vertretern der mittleren und niedrigen Einkommensschichten zugänglich gemacht wurde. Bahnbrechend war dabei die reformistische Gartenstadtbewegung des englischen Privatgelehrten Ebenezer Howard. Anfang des 20. Jahrhunderts wuchsen die Städte nicht mehr dadurch, dass sie ihr Zentrum verdichteten und am verdichteten Zentrum anbauten, sondern indem sie in zunehmend fragmentierten und aufgelockerten peripheren Ansiedlungen explodierten. Heute wohnen in Europa etwa zwei Drittel der Bevölkerung in dem, was neutral als «Peripherie» und zunehmend abschätzig als «Agglo» oder «Urban Sprawl» bezeichnet wird.
Umwertungen oder Das historische Zentrum als modernes Lehrstück
Bei aller Unterschiedlichkeit haben sämtliche zeitgenössischen städtebaulichen Theorien, von Rem Koolhaas bis Thomas Sieverts, eines gemeinsam: Sie gehen, euphorisch oder widerstrebend, vom Primat der Peripherie aus, im Sinne der Kraft des Faktischen. Suburbia vermag zwar befragt, analysiert, kritisiert, korrigiert und modifiziert zu werden, wird aber nicht grundlegend in Frage gestellt. Ich möchte nun jedoch anregen, genau den entgegengesetzten Weg zu beschreiten: vom Stadtzentrum auszugehen, um die Peripherie zu hinterfragen und zu verändern.
In Tat und Wahrheit ist die Innenstadt nach wie vor nicht nur ausgesprochen funktionstüchtig, sondern überwiegend ein Ort hervorragender Lebensqualität – das beweisen all jene, die es sich leisten können, in Paris, London, Mailand oder Madrid zu leben (und all jene, die gerne würden, es sich aber nicht leisten können). Man wohnt dort zumeist in grossen und ruhig gelegenen Räumen, mit Blick auf eine architektonisch attraktive Umgebung. Man kann dort gut arbeiten, oft in umgenutzten Häusern, die offene, kommunikative und reizvolle Situationen schaffen. Man kann sich dort gut bilden, erholen und amüsieren. Und zwischen alledem kann man sich gut bewegen, weil die Entfernungen in wenigen Gehminuten zurückgelegt werden können, zwischen Cafés, Museen und Bibliotheken.
Gerade dieses System von öffentlichen Räumen erweist sich als vielleicht wichtigstes Element des historischen Stadtzen-trums. Durch die feine Vernetzung schafft es nicht nur direkte Verbindungen zwischen den verschiedenen Punkten der Stadt, sondern dazwischen auch zahllose Gelegenheiten der geplanten und ungeplanten Begegnungen und damit des zwischenmenschlichen Austausches. Dies macht die alte Stadt zum Kommunikationsdispositiv: zu dem, was heute jedes aufgeklärte Privatunternehmen, jede fortschrittliche und ambitionierte öffentliche Institution mehr oder minder künstlich zu reproduzieren versucht. Die zeitgenössische Bildungs- und Arbeitswelt erfindet alle möglichen Apparate und Strukturen, um das Vermögen an Informationen, das sie verwaltet, aber oft mangelhaft verwertet, besser zirkulieren zu lassen; die historische Stadt ist ein Modell für vorbildliches Knowledge Management. Im Gegensatz zu dem, was Le Corbusier unentwegt behauptet hat, ist sie eine extrem effiziente Maschine.
Die alte Stadt ist freilich noch viel mehr als dies. Sie erlaubt Lernen und Erinnern und damit gemeinsame Identifikationen jenseits aller Ungleichheit. Mit anderen Worten: sie fördert die Konstruktion und Verfeinerung einer Gemeinschaft. Die historische Stadt ist eng mit dem Leben der Menschen verknüpft und authentisch. Diese Authentizität und diese Verknüpfung mit dem Leben vermag keine noch so perfekte Nachahmung zu reproduzieren. Und beide Qualitäten sind in einer Welt der Globalisierung, des Surrogats und der Entfremdung von geradezu unschätzbarem Wert.
Bausteine einer Theorie der städtischen Dichte
Zu den zentralen Eigenschaften, die aus dem Lehrstück des historischen Zentrums extrapoliert und in neue städtebauliche Projekte übertragen werden können und müssen, gehört die städtische Dichte: Sie ist, gerade weil sie auf verschiedenen Ebenen greift, aktueller und moderner denn je.
Für die bauliche Dichte sprechen zunächst einfache funktionale Gründe. Je enger die Häuser zusammenrücken, desto besser ist ihre Verbindung untereinander: So können sich bequeme und durchaus auch kreative Synergien bilden. Und je enger auch die unterschiedlichen Nutzungsbereiche der Stadt zusammenrücken, die Wohnviertel, die Arbeitsstätten, die Kulturbauten und die Freizeiteinrichtungen, umso eher und öfter wird zwischen ihnen ein Austausch stattfinden. Dabei entfallen die langen Wege, welche die Peripherie verlangt, und ebenso die aufwendigen Verkehrserschliessungen.
Dies umso mehr, als die klassische räumliche Trennung von Arbeit und Privatleben in der modernen Gesellschaft zunehmend aufgehoben wird. Dieser Lebensart kommt die Nähe von Haus und Arbeitsort wieder stark entgegen. Zudem wollen auch und gerade diejenigen Menschen, die ein berufszentriertes Leben führen, ihre Zeit nicht mit langen Wegen verschwenden – und schon gar nicht mit ausserberuflichen Pflichten. In der städtischen Dichte entwickelt sich auch dafür leichter ein entsprechendes Angebot wie Haushaltshilfen, Lieferservice, Catering und Wäscherei. Nicht zuletzt deswegen ist die City ein kongeniales und inspirierendes Umfeld für kreative Berufsleute.
Damit erhält die physische städtische Dichte auch eine sozialpolitische Dimension. Die historisch mit der Stadt verbundene Hoffnung auf Emanzipation, die im Satz «Stadtluft macht frei» zusammengefasst wurde und bereits in der Antike, vor allem aber im Mittelalter einen handfesten Hintergrund hatte, besteht heute ebenso, wenngleich unter veränderten Umständen. Es sind nicht mehr die unterdrückten Bauern und bedrohten Händler, die in der Stadt eine neue Freiheit finden, sondern die Zuwanderer, denen im differenzierten Arbeitsmarkt und in der metropolitanen Anonymität die Chance eines ökonomisch gesicherten und sozial integrierten Lebens geboten wird. Auch dafür steht das urbane Zusammenrücken.
Doch bietet die städtische Dichte nicht nur den Menschen, die von der Fremde kommen, eine bessere Lebenschance: Auch diejenigen, welche die moderne Gesellschaft tendenziell wieder ausgrenzt, finden in ihr Schutz und Komfort, nämlich die Alten. In einem dichten Stadtgewebe können sie, auch wenn sie nicht mehr sonderlich mobil sind, vom Lebensmittelladen bis zum Arzt und von der Wohnung der Nachbarn bis zum Kino alles besser erreichen. Weiterbildung bleibt ebenso möglich wie die Pflege sozialer Kontakte. Da die moderne Gesellschaft, zumindest die europäische, immer älter wird, gerät Dichte aus gesellschaftspolitischen Gründen zu einem modernen Postulat.
Aber auch aus ökonomischen Gründen. Das Leben in der Peripherie scheint preiswert zu sein, weil dort die Mieten respektive die Grundstückskosten in der Regel niedriger sind als in der Stadt, ist es aber in Wahrheit nicht. Die langen Wege ins Büro, zum Einkaufszentrum, zum Multiplexkino oder einfach ins Stadtzentrum schlagen, zumal sie sich periodisch wiederholen, im Familienbudget zu Buche. Allein in der Schweiz hat laut einem Bericht des Bundesamts für Raumentwicklung (ARE) die Zahl der Pendler seit 1970 um 41 Prozent zugenommen, rund zwei Drittel der Erwerbstätigen arbeiten nicht in der Gemeinde, in der sie wohnen. Parallel dazu haben sich der Einkaufsverkehr (vor allem zwischen Wohnung und Einkaufszentren) und der Freizeitverkehr exponentiell entwickelt. Und die täglichen Fahrten kosten nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Ein europäischer Pendler verliert im Durchschnitt 12 bis 14 Stunden Zeit pro Monat im Vergleich zu einem Innenstadtbewohner; das entspricht sechs Kinofilmen, fünf Restaurantbesuchen oder vierzehn Joggingrunden.
Dichte ist indessen nicht nur für den einzelnen ökonomisch vorteilhaft, sondern auch für die Gemeinschaft. Die Jahreskosten für Bau, Betrieb und Werterhalt der Strassen, Wasser-, Abwasser- und Elektrizitätsversorgung pro Einwohner betragen bei verdichteter Bebauung weniger als 1000 Schweizer Franken; bei einer Einfamilienhaussiedlung mehr als das Doppelte. Suburbia ist das Produkt eines Wohlstands, der in der Geschichte der Menschheit einmalig ist und wohl kaum aufrechterhalten zu werden vermag. Wenn unsere Gesellschaft ihre Lebensqualität unter veränderten ökonomischen Bedingungen bewahren will, wird sie sich von manchem verabschieden müssen, was sich im Unterhalt und in der Benutzung als zu kostspielig erweist: darunter von weiten Teilen der Zwischenstadt.
Dies legen bereits einfache marktwirtschaftliche Überlegungen nahe. Weltweit befinden sich die Städte in einem Wettbewerb um die besten Fachleute der verschiedenen Berufssparten, weil diese für ihre Ökonomie unverzichtbar und für ihre Prosperität entscheidend sind. Sie können sie nur anziehen und halten, wenn sie ihnen attraktive berufliche Chancen und hohe Lebensqualität bieten. Beides ist in dichten Ansiedlungen eher gegeben als in der Peripherie, die auch unter diesem Aspekt zum Auslaufmodell gerät.
Freilich nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus ökologischen Gründen. Der gegenwärtige Landschaftsverbrauch durch Baulandausweisung ist unverantwortlich: In der Schweiz beträgt er etwa einen Quadratmeter pro Sekunde. Und auch abgesehen von der Naturzerstörung, die sie rein flächenmässig mit sich bringt, stellt jede Ansiedlung eine Umweltbedrohung dar: Eine Stadt mit einer Million Einwohner verbraucht täglich 9500 Tonnen fossiler Brennstoffe, 2000 Tonnen Nahrungsmittel, 650 000 Tonnen Wasser und 31 500 Tonnen Sauerstoff; zugleich produziert sie 500 000 Tonnen Schmutzwasser, 28 500 Tonnen Kohlendioxyd und jede Menge anderer Abfälle. Diese Energie- und Verschmutzungsbilanz verschlechtert sich exponentiell, wenn die Stadt nicht mehr eine Stadt ist, sondern Suburbia. Neben dem erhöhten Energieverbrauch durch den motorisierten Verkehr ist der erhöhte Heizbedarf der einzelnstehenden Häuser mitsamt den damit zusammenhängenden Emissionen daran schuld.
Doch ist und bleibt das ausschlaggebende Argument zugunsten der städtischen Dichte das kulturell-politische. Gleichzeitig mit der Entstehung der antiken Stadt begann man, das Wort urban sowohl für all das zu verwenden, was mit Stadt zusammenhing, als auch für einen entsprechend zivilisierten menschlichen Umgang. Seitdem wurde die Stadt als der Ort betrachtet, in dem sich der Mensch als soziales und stolzes Wesen entwickeln und verfeinern konnte. Dem konnten selbst die antistädtischen Tendenzen kaum etwas anhaben, die vor dem Hintergrund der auswuchernden und verelendeten Stadt des späten 19. Jahrhunderts aufkamen: Weiten Teilen der Kultur des 20. Jahrhunderts galt die Stadt, und vor allem die Grossstadt, als Entstehungsort von Fortschritt, vor allem aber als Zivilisationsmaschine par excellence.
Bereits damals war klar, dass es nicht genügt, viele Menschen auf engem Raum anzusiedeln, um Kultiviertheit und Sittenverfeinerung aufkommen zu lassen, aber auch, dass ohne dichte Ansiedlung Urbanität so gut wie unmöglich ist. So haben sich auch die Vorhersagen nicht bewahrheitet, in der neuen Ära der ubiquitären Telekommunikation würde die Funktion der Stadt als Begegnungsort obsolet werden. Im Gegenteil: gerade jene Menschen, die viel mit dem Computer arbeiten, wollen nicht isoliert bleiben und suchen verstärkt die persönliche Begegnung. Und gerade diese wird mit zunehmender Dichte der Stadt wahrscheinlicher. Dabei hat das Internet auch die integrative Funktion der urbanen Ballungsräume nicht übernehmen können. Diese integrative Funktion ist umso bedeutsamer geworden, je mehr die vor allem ökonomisch bedingten Migrationsströme die Kulturen zusammenwürfeln. Dabei sind die zufälligen Begegnungen, die durchaus auch Irritationen hervorrufen, die beste Gewähr gegen Fragmentierung und Extremismus. Denn sie zeigen die Unterschiede auf, aber auch die Möglichkeiten, trotz der Unterschiede dadurch zusammenzuleben, dass man über sie hinweg kommuniziert. Dies ist nicht nur Überlebensstrategie, sondern Bereicherung. Die Städte sind öffentliche Einrichtungen für die Produktion individueller Erlebnisse.
Für die neue Stadt des Zusammenrückens
Es ist kein Zufall, dass die neue grosse Stadt des Zusammenrückens, die neue Stadt der Dichte bislang nicht realisiert wurde; ebenso wie es kein Zufall ist, dass die Peripherie so ausgedehnt ist und so ausgefranst, wie sie ist. Tatsächlich führt die architektonische Umsetzung des Dichtepostulats nicht zu einer von vornherein definierten Stadtform – Vielfalt heisst das Credo. Darauf wird eine zeitgenössische Stadtarchitektur der Dichte aufbauen. Sie muss in die Vergangenheit zurückblicken, um von ihr zu lernen; etwa von den vielfältigen und attraktiven Grosswohnanlagen, die das pauschal diskreditierte späte 19. Jahrhundert in fast allen europäischen Metropolen entwickelt hat; etwa in Berlin die grossartige Hofanlage von Riehmers Hofgarten mit der Miethausgruppe St. Bonifatius, den (heute zerstörten) Goethepark oder die erfolgreich revitalisierten Hackeschen Höfe. Und sie wird mit Experimenten in die Zukunft weisen müssen, die aus den neuen Lebensgewohnheiten und sozialen Strukturen ebenso neue Wohnformen erfinden, die Nähe und Abgeschirmtheit zugleich ermöglichen. Auch hierfür gibt es bereits vielversprechende zeitgenössische Ansätze.
Mit solcherlei Experimenten wird man nicht aufs Land ziehen, um es weiterhin frohgemut in Bauland zu verwandeln, sondern zunächst in die Stadtgebiete. Sie bergen selbst in zentralsten Bereichen Brachflächen, die erfindungsreich bebaut und intelligent genutzt werden können. Vor allem aber wird man sich die Peripherie mit ihren untergenutzten oder ganz und gar ungenutzten Grundstücken vornehmen müssen. Allein in der Schweiz summieren sie sich zu einer Fläche, die jener der Stadt Genf entspricht und Raum für 13 000 Betriebe mit insgesamt 140 000 Menschen und für Wohnungen und Wohnfolgeeinrichtungen für 190 000 Menschen böte.
Dichte bedeutet an sich keine stadttypologische Konditionierung; im zeitgenössischen Urbanismus muss es nicht um die Quantität, sondern um die Qualität der Dichte gehen. Für diesen Wert gibt es kein objektives und vor allem kein allgemein gültiges Masssystem. Es stellt sich der Herausforderung eines schier unübersehbaren Feldes von neuen baulichen Formen des städtischen Zusammenrückens, die darauf warten, entdeckt, geprüft und umgesetzt zu werden.
Die Architektur der Dichte wird überall anders sein, flächendeckend oder aufgetürmt, einheitlich oder gegliedert, geome-trisch oder diffus. Die Option der Dichte steht nicht zur Debatte, weil sie funktional, ökonomisch, ökologisch, gesellschaftlich und kulturpolitisch unvermeidlich ist; ihre Umsetzung hingegen sehr wohl. So werden unsere Städte das bleiben, was sie, wenn sie den Namen verdienen, immer waren: Orte der Vielfalt, der Unterschiedlichkeit und der Überraschung.