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Geschichte Vieh- und Pferdehandel Zindel
Heute würde man Andreas Zindel-Badrutt wohl als «Shooting-Star» der Pferde bezeichnen. Der vor knapp 150 Jahren (1871) geborene Maienfelder war als Pferde- und Viehhändler weit über die Landesgrenzen hinaus beachtet und bekannt. So bekannt, dass ihm bei seinem Ableben im Jahr 1938 sogar Bundesrat Rudolf Minger und die «Neue Zürcher Zeitung» würdigende Zeilen widmeten. Mit «Shooting-Star» hatte der untersetzte und korpulente Herrschäftler allerdings nichts am Hut, obwohl er – wie damals üblich – meist einen solchen trug. Im Gegenteil: Der allseits «Papa Zindel» genannte Andreas war ein zielstrebiger und eher bescheidener Mensch. «Mit rauer Schale und gutem Kern», heisst es in seinem Nachruf: «Davon wüssten zahlreiche Bittgänger, Kranke und Arme, zu erzählen, von denen keiner das gastliche Haus verlassen habe, ohne dass ihm geholfen worden wäre.»
1893 Pferdehandlung gegründet
Im Jahre 1893 gründete Andreas Zindel-Badrutt die nach seinem Namen benannte Vieh- und Pferdehandlung. Im steten Bestreben, nur die besten Pferde auf den Markt zu bringen, unternahm er unter anderem weite Reisen ins Ausland bis hin nach Rumänien. So wurde sein Pferde-Import allmählich im ganzen Land bekannt. Aus seinen Stallungen belieferte er bald alle Pferdepostbetriebe und Fuhrhaltereien im Kanton und benachbarten Gebieten. Auch die Armee wurde auf ihn aufmerksam und allmählich zu seinem Grossabnehmer. Nach der Verdrängung der Postkutschen und Pferdefuhrwerke durch das Automobil widmete sich der Maienfelder umso intensiver und ebenso erfolgreich der Belieferung der Landwirtschaft. Zudem wurden er und seine Söhne auf allen Märkten im Kanton von den Bauern und Bergbauern als willkommene Abnehmer von Zuchtvieh begrüsst. Durch Vermittlung der Firma Zindel fanden etliche Tiere den Exportweg über die Grenzen ins benachbarte Ausland, viele davon nach Italien.
Die damaligen Zahlen sprechen für sich: Alleine im bündnerischen Viehhandel setzte Zindel jährlich rund 7000 bis 9000 Stück Vieh ab, was bei einem mittleren Wert von 800 Franken einem Jahresumsatz von 6 bis 7 Millionen Franken entsprach.
Handelswurzeln im Engadin
Die Jugend von Andreas Zindel war nicht einfach. Unter dem Druck der damaligen Verhältnisse musste er schon im frühen Alter von zehn Jahren unter fremden Menschen sein Brot verdienen. Bis zu seinem 15. Altersjahr arbeitete er im Sommer im Hotel Meierei in St. Moritz als Laufbursche. Danach schickte ihn sein Vater mit einem Einspänner über den Julierpass, um im Engadin als Lohnkutscher sein Einkommen zu verdienen. Von Jahr zu Jahr nahm Andreas mehr Pferde mit ins Engadin. Mit Zwei- oder Vierspännern chauffierte er die dortigen «Herrschaften» oft auf wochenlangen Fahrten bis ins Tirol. Mit dem Verkauf der ersten zehn Pferde an den Samedaner Postpferdehalter Gensler war der Grundstein für seinen Pferdehandel und zur späteren Maienfelder Pferdehochburg gelegt. Sukzessive gewann der umtriebige, aber stets faire Geschäftsmann das Vertrauen weiterer Firmen und Grossfirmen, wodurch sein Geschäftsfeld und natürlich auch seine Bekanntheit noch mehr anwuchsen. Andreas, welcher vier Söhne und drei Töchter hatte, starb im Februar 1938 im im Alter von 67 Jahren an Nasenbluten, das nicht gestoppt werden konnte.
Würdigende Abschiedsworte
«Der Heimgegangene hat der schweizerischen Armee als sachkundiger und seriöser Pferdehändler während vielen Jahren wertvolle Dienst geleistet, die ihm ein dankbares Andenken bei allen Militärbehörden sichern, die je mit ihm zu verkehren hatten», schrieb der damalige Bundesrat Rudolf Minger seinen Angehörigen. Nebst den Bündner Medien – darunter natürlich auch der «Prättigauer und Herrschäftler» – erwiesen ihm sogar «Der Bund» und die «Neue Zürcher Zeitung» die letzte Ehre. «Als Sohn einer kinderreichen Familie schon im frühesten Alter auf eigene Beine gestellt, hat er sich in unermüdlichem Fleiss und mit seltener Ausdauer zu einem der bekanntesten Gross-Pferdehändler der Schweiz emporgearbeitet, der nicht nur bei seiner Privatkundschaft, sondern auch als Lieferant der Schweizerarmee grösstes Vertrauen und Wertschätzung genoss. Für Arme und Bedürftige hatte Zindel allezeit eine offene Hand, wobei er die Linke nicht wissen liess, was seine Rechte tat», liess die NZZ zu Zindels Tod verlauten.
Geschichte mit Zukunft
Die Geschichte der Maienfelder Pferde-Dynastie war mit Andreas Tod aber keineswegs besiegelt. Auch seine Söhne Hans, Andreas, Alfons und Philipp waren im Vieh- und/oder Pferdehandel tätig. Andreas Zindel-Niggli gründete eine Viehandlung in Chur und Hans Zindel-Künzler führte lange Zeit die Gastwirtschaft «Falknis», welche immer noch beliebter Treffpunkt der «Rösseler» ist. Alfons Zindel-Juon führte die Pferdehandlung von «Papa-Zindel» weiter. Auch Philipp Zindel-Vögele gründete eine eigene Viehhandlung und kaufte im Jahr 1938 den Lindenhof. Damit errichtete dieser in neuer Generation einen weiteren Pfeiler in der Bündner Pferdehochburg. Der Lindenhof wird heute von Enkel Philipp und seinem Sohn Philipp sowie Schiegertochter Alexandra geführt. Während bei den letzteren beiden bereits die nächste Generation das Licht der Welt erblickt hat, wird es für den Lindenhof keine weitere Generation mehr geben. Der Traditionsbetrieb verschwindet nämlich aus Maienfeld und siedelt ins Eichholz ausserhalb der «Rüfe» um. Mit dem bevorstehenden Neubau des Eichenguts und des Umzugs des Landwirtschafts-, Pferdesport- und Weinbaubetriebs und der Integration der Weinproduktion entsteht dort nicht nur eine einzigartige Betriebs-Kombination an einem idealen Standort, sondern wird auch die Zukunft der Maienfelder Pferdehochburg gesichert.