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Ob Paris, London, Köln, Mailand, Strassburg oder Basel: Fast alle prominenten Städte Europas basieren auf urbanen Strukturen des antiken römischen Reichs. Das kaiserliche Rom hatte Europa mit einem dichten Netz an städtischen Zentren überzogen. Diese dienten der Weltmacht zur Absicherung und Verwaltung ihres Reichs, aber auch als Vorzeigemodelle der römischen Zivilisation.
Obschon die meisten Zentren nach dem Niedergang des Kaiserreichs Ende des 5. Jahrhunderts verkümmerten und nördlich der Alpen oft kaum etwas von ihnen übrig blieb, waren sie Anknüpfungspunkte für die grosse Urbanisierungswelle, die Europa im 11. und 12. Jahrhundert erfasste.
Rechtssicherheit ermöglicht Aufstieg
Besonders rasant entwickelten sich die Städte in Norditalien, etwa Florenz, Venedig, Mailand, Siena oder Lucca. Dort war die urbane Tradition der Antike fast ungebrochen, der Handel mit Waren aus dem Orient prosperierte und reiche Händler, Kaufmannbankiers und Handwerker konnten immer mehr Rechte von den Bischöfen und Grafen erwerben. Im nordöstlich von Pisa gelegenen toskanischen Städtchen Lucca zum Beispiel durften die Bürger bereits im 11. Jahrhundert ein Stadtparlament zusammensetzen und sich für die Wahl in die Stadtregierung aufstellen lassen.
«Stadtluft macht frei.»Sprichwort von damals
Bald übernahmen die reichen Handelsfamilien die Geschicke der Stadt. 1160 erhielt Lucca vom toskanischen Markgrafen im Gegenzug für einen jährlichen Tribut gar die Herrschaft über ein Territorium um die Stadt herum: den sogenannten Contado. Die Adeligen sahen sich gezwungen, ihre Landsitze aufzugeben und sich in der Stadt niederzulassen. Lucca avancierte zu einem unabhängigen Stadtstaat mit eigener Rechtsordnung, die den Menschen Schutz und Rechtssicherheit bot, was den wirtschaftlichen Aufstieg enorm befeuerte.
Nicht nur in Norditalien wurden die neuen Rechte wichtig. Auch in Frankreich, Deutschland oder der Schweiz konnte sich im späten Mittelalter die Stadt als eigener Rechtsraum etablieren. Simon Teuscher, Professor für Geschichte des Mittelalters an der Universität Zürich, sieht diese Entwicklung als Teil einer «Verräumlichung der Rechte»: Rechte und Pflichten werden weniger an Personen als an räumliche Strukturen angebunden. «Luft macht eigen», lautete ein Sprichwort in jener Zeit im deutschen Raum, wobei «Luft» Ausdruck für ein Territorium war. In Anlehnung daran entstand später der Ausdruck «Stadtluft macht frei». Er bezieht sich auf das vielerorts praktizierte Recht, dass ein aus der Grundherrschaft entflohener Bauer oder eine entlaufene Magd nach «Jahr und Tag» in der Stadt nicht mehr vom Herrn zurückgefordert werden konnte.
Die Entflohenen waren nun der Stadt unterstellt, die ihnen mehr persönliche Rechte gewährte und sie von Pflichten wie etwa der Erbabgabe befreite. Insbesondere die Männer profitierten: Sie konnten – sofern sie über die nötigen finanziellen Mittel verfügten – sogar ein umfassendes Bürgerrecht erwerben. Den Frauen hingegen blieb dieses verwehrt.
«Die Stadt als neuer Rechtsraum hatte eine mächtige Sogwirkung», erklärt Martina Stercken, Professorin für Geschichte des Mittelalters an der Universität Zürich. «Hier bot sich Nicht-Adeligen die Chance, voranzukommen und in der sozialen Hierarchie aufzusteigen.» Interessant ist, dass die meisten Städte Mittelund Osteuropas zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert von geistlichen und weltlichen Adeligen gegründet wurden. Diese konnten so ihre Macht absichern, ihren Einfluss ausweiten und von der städtischen Wirtschaft profitieren.
«Die Stadt als neuer Rechtsraum hatte eine mächtige Sogwirkung.»Martina Stercken
Vielerorts wurde diese Entwicklung durch den Bau einer Befestigung oder Stadtmauer sichtbar: Die Stadt grenzte sich vom Umland ab und demonstrierte ihre Wehrhaftigkeit gegenüber dem Adel auf dem Lande oder – wie in Italien – gegen konkurrierende Nachbarstädte. Heute ist von diesen Symbolen eines freien, selbstbewussten Bürgertums nicht mehr viel übrig: Die meisten Anlagen wurden im 19. Jahrhundert geschleift. Die wohl besterhaltene Stadtmauer Europas findet sich in Lucca: Der 4,2 Kilometer lange Ring hat eine durchgehende, begrünte Promenade und trägt wesentlich zum heute wichtigsten Wirtschaftszweig der Stadt bei: dem Tourismus.