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Ein Flüchtling stand am Anfang der St.Galler Stickerei
Während Jahrhunderten werden die Reformierten in Frankreich verfolgt. Als König Ludwig XIV. im Jahr 1685 alle Reformierten zu Ketzern erklärt, verlassen Hunderttausende das Land. In Anspielung auf das französische Wort «aignos» (für Eidgenossen) werden sie als Hugenotten bezeichnet. Zahlreiche Glaubensflüchtlinge fliehen zuerst nach Genf, der Stadt ihres Reformators Calvin. Viele wollen später nach Deutschland weiterreisen, wo fruchtbares Land liegt und ganze Landstriche nach dem 30-jährigen Krieg entvölkert sind.
1685 sind die Kantone mit der Aufnahme, Unterstützung und Abfertigung von Massen von Fremden konfrontiert und stossen an ihre Grenzen. Sie beschliessen, die Flüchtlinge übers Land zu verteilen – St.Gallen wurde verpflichtet, 7 Prozent, Appenzell Ausserrhoden 3,5 Prozent der Ankommenden aufzunehmen. Das ehemalige Kloster St.Katharinen in der streng reformierten Stadt ist die erste Zufluchtsstätte für die Vertriebenen. Obwohl die meist mittellosen Flüchtlinge grosszügig unterstützt werden, sträuben sich die Kantone gegen deren dauerhafte Ansiedelung, denn viele Einheimische lebten am Rande des Existenzminimums. Schlechte Ernten während der Abkühlung in der Kleinen Eiszeit führen immer wieder zu Hungersnöten und Preiserhöhungen für Nahrungsmittel.
Grundlage der Stickereiindustrie
Willkommen hingegen sind Flüchtlinge, die über Kenntnisse verfügen, die hierzulande unbekannt sind. Pierre Bion ist so einer. Er bringt das Weben mit der Baumwolle und als Mischgewebe aus Baumwolle und Leinen den Barchent nach St.Gallen. 1721 beginnt er mit der Produktion, was nicht überall gerne gesehen wird. Das Leinengewerbe steht gerade in voller Blüte, als plötzlich die Baumwolle auf den Markt drängt. Vehement versuchten die Leinenweber den Konkurrenten zu behindern. Bion ist zudem der Erste, der selbst mit seinen Produkten Handel mit der ganzen Welt zu treiben beginnt. Wie so oft werden auch vor 300 Jahren wirtschaftliche Umbrüche aufgrund neuer Materialien oder Technologien zuerst als Bedrohung verteufelt.
In St. Gallen spezialisierte man sich in der Folge auf Mousseline, ein besonders feines Baumwollgewebe. Schon bald erkennt man, dass sich dieses vorzüglich zum Besticken eignete. Heute gilt Bion, der bereits 1717 eingebürgert wird, als Industrieller, der den Grundstein für die St.Galler Stickereiindustrie legte. Die Bionstrasse im Westen der Stadt ist eine späte Referenz an den einstigen Flüchtling.
Bekleidung als Ärgernis
Die Solidarität der Bevölkerung mit den Glaubensbrüdern ist in St.Gallen hoch. Doch immer wieder kommt es zu kulturellen Reibereien. Fremde schüren immer Ängste. So rufen der Wirtschaftsbesuch und der Weinkonsum der Flüchtlinge Ärger hervor. Den puritanischen St.Galler Männern verdrehen die Hugenottinnen mit ihrer frivolen Kleidung so den Kopf, dass die Stadt Kleiderverschriften erlässt. Doch alle Reglementierung nützt nichts.
Auch heute noch finden sich Zeugnisse aus der damaligen Zeit: Die Eglise Française des Kantons St.Gallen wurde 1685 von Hugenotten und der Handelskammer St.Gallen gegründet.
Während ein Grossteil der Flüchtlinge von der Schweiz aus weiterreist, lassen sich rund 20 000 von ihnen in der Schweiz nieder. Im Kanton St.Gallen ist beispielsweise der Familienname Louis hugenottischen Ursprungs. Fritz Peyrot aus Rorschach ist Nachfahre von Waldensern, den Reformierten aus dem italienischen Piemont, die mit den Hugenotten in die Schweiz flüchteten. Seine Vorfahren flüchteten 1685 nach Genf und kehrten später wieder nach Savoyen zurück. Sein Urgrossvater liess sich 1893 als Stricker in Engelburg bei St.Gallen nieder.
Unter dem Strich hat die Schweiz von den Hugenotten viel bekommen. Die Uhrmacherkunst verdankt die Schweiz hugenottischen Flüchtlingen. Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts verlassen französische Hugenotten ihre Heimat. Reformiertes Leben in Frankreich ermöglicht erst das Toleranzedikt unter Ludwig XVI. im Jahr 1787.
Text: Philippe Welti | Das Bild von Albert Anker ist in Privatbesitz – Kirchenbote SG, Juni / Juli 2015