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Die geköpfte Königin
Der englische Linguist Thomas Phelippes (1556–1625) war ein cleveres Bürschchen. Der Mann beherrschte eine Reihe von Fremdsprachen, neben dem üblichen Latein auch Spanisch und Deutsch. Vor allem aber war Phelippes ein früher Kryptoanalytiker, das heisst, er konnte Geheimschriften entschlüsseln. Diese Fähigkeit wurde der schottischen Königin Maria Stuart zum Verhängnis, deren Kopf an einem Februartag des Jahrs 1587 nach drei wenig meisterlichen Schwertschlägen in der grossen Halle des englischen Schlosses Fotheringhay auf den Steinboden plumpste.
Seither beschäftigt ihr Schicksal Generationen. Denn die Drahtzieherin ihrer Hinrichtung soll die englische Königin Elisabeth I., «Good Queen Bess», wie sie der Volksmund geheissen hatte, gewesen sein. Wahr oder nicht, sie empfand ihre Nichte zweiten Grades als eine Rivalin. Denn Maria Stuart erhob auch Anspruch auf den englischen Thron, auf dem eben gerade Elisabeth sass. Mehr noch: Sie gefährdete als Katholikin den religiösen Frieden in England, den Elisabeth mehr oder weniger erfolgreich zu verteidigen suchte.
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Als Phelippes in diese Geschichte verwickelt wurde, hatte Maria Stuart (1542–1587) bereits 17 Jahre in Haft verbracht, was weniger schlimm war, als es heute tönt. Sie lebte mit ihrer Entourage in einer Reihe von Schlössern und gab sich dort den schönen Künsten hin. Einzig der Verlust ihres Ehemanns, des Grafen von Bothwell, wird sie betrübt haben. Denn dieser sass derweil in Dänemark eingekerkert, wo er dem Wahnsinn verfiel und später verstarb.
Zeit für Gesang, Poesie – und Komplotte
Maria Stuart wandte sich in ihren langen Mussestunden nicht nur dem Gesang und der Poesie zu. Sie war vielmehr in etliche Komplotte gegen Elisabeth I. verwickelt. Der katholische Adel auf der Insel konnte es nicht hinnehmen, dass in London eine dem Papsttum feindlich Gesinnte waltete. So sah es der Landadlige Anthony Babington als seine Pflicht an, der protestantischen Königin den Garaus zu machen. Wer weiss, vielleicht hätte er sein Ziel erreicht, wäre ihm nicht die Liebe dazwischengekommen. Er war einem Spion verfallen, der im Dienst der Krone stand.
Fehlte der englischen Krone nur noch der Beweis für den Verrat von Babington und seinen frommen Gesinnungsgenossen. Diesen Nachweis sollte Thomas Phelippes beschaffen, der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war. Das bedeutete in jener Zeit fast immer ein miserables Leben von kurzer Dauer. Doch der junge Mann schaffte den Sprung an die Universität von Cambridge und gab sich dort mit Eifer seinen Studien hin.
Geheime Botschaften im Bierfass
Unter anderem lernte er das Metier, Geheimschriften zu decodieren. Das ermöglichte ihm, die Nachrichten zwischen dem Verschwörer Babington und der Königin zu entschlüsseln, die sie in einem Bierfass schmuggelten. Ein Bierfass in den Diensten einer schottischen Queen tönt nun nicht gerade ladylike, aber wahrscheinlich hatte die Frau damals andere Sorgen als adliges Commitment. Hinter dem Bierplan stand ein Francis Walsingham, der Vertraute von Elisabeth I., der schon damals ganz Europa mit einem englischen Spionagenetz überzogen hatte. Er war ein 007 der frühen Stunde.
Die List von Walsingham und Phelippes klappte: So fingen sie einen Brief von Maria Stuart an Babington ab und setzten in der Geheimschrift hinzu: «Lasse mich die Namen Deiner treuen Helfer wissen.» Die Antwort mit der Namensliste kam prompt in einem Bierfass zurück.
Walsingham war es danach ein Leichtes, Verschwörer Babington und seine Freunde festzunehmen. Sie flohen zwar kurz, aber vergeblich: Am 18. September 1586 wurden er und seine 13 Mitverschwörer zum Tode verurteilt, die Hinrichtung der ersten sieben fand zwei Tage später statt, darunter war Babington. Er wurde gehängt, ausgeweidet und zum Schluss – überflüssigerweise – gevierteilt. So gesehen war die an Maria Stuart vollstreckte Enthauptung ein halbes Jahr später geradezu milde.