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Indikationen für propriozeptive Fussorthesen
Da einerseits auch traditionell hergestellte orthopädische Einlagen generell sensomotorisch wirken, andererseits auch das Schuhwerk unspezifische Wirkungen auf die Sensorik des Fusses hat, müssen für propriozeptive Fussorthesen besondere Anforderungen und Indikationskriterien gelten.
Kontraindikationen gegen die Abgabe einer propriozeptiven Fussorthese sind schwerwiegende strukturelle Defizite, kontrakte Fehlstellungen, oder Veränderungen, die die therapeutische Zielsetzung als nicht erreichbar erscheinen lassen.
Das Folgende bezieht sich ausdrücklich nicht auf Fussorthesen für neuroorthopädische Krankheitsbilder. Daher sind in den Indikationsbereichen die neuroorthopädischen Krankheitsbilder (bspw. IcP) nicht aufgenommen. Der Grund dafür ist, dass es bei diesen Krankheitsbildern individuell stark unterschiedliche Ausprägungen gibt, die eine Systematisierung der plantaren Fussorthesenwirkungen schwierig erscheinen lassen.
Als wesentliche Ansatzpunkte sind insbesondere die dynamische Aufrichtung des Fusses und dessen Bewegungsverbesserung zu sehen, derartige Versorgungskonzepte eignen sich daher tendenziell für eher noch jüngere Patienten, die aufgrund der grösseren Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des Skelett- und Bewegungssystems eine zu erwartende höhere funktionelle Adaptation ermöglichen.
Folgende mögliche Indikationsbereiche können formuliert werden:
Neurophysiologische Voraussetzung des Körpers für die Versorgung mit propriozeptiven Fussorthesen bei hypertoner oder hypotoner Muskulatur sind die intramuskulären Muskelfasern mit ihren Muskelspindeln, die einzigen trainierbaren Sensoren des menschlichen Körpers.
Durch an den Sehnenursprüngen ansetzende, sogenannte Propriozeptionspunkte, werden die Informationen, nach neuronaler Kodierung der Reizantwort über die Afferenzen, zum Kortex geliefert.
Dieser sendet dann reflektorisch Reizantworten nach peripher, im Ergebnis dessen der Muskel sich entspannt, anspannt oder keine Reaktion zeigt.
In der Praxis fallen die Reizantworten, in Abhängigkeit vom Reaktionszustand des Fusses, unterschiedlich aus und zeigen sich vorwiegend an der kurzen Fuss- und der Unterschenkelmuskulatur. Darüber hinaus sind bei Verkettungssyndromen Rückkopplungen nach proximal möglich.
Idealerweise resultieren auf spinaler Ebene Lerneffekte, so dass mittel bis langfristig eine dauerhafte Korrektur z. B. der Fehlhaltung eintreten kann.
In der Kinderversorgung findet sich ein Spektrum an Indikationen, z.B. bei
• (stark) innen und aussenrotierten Gangbildern
• Fibularisschwäche
• bei Knickfüssen
• M.-tibialis-posterior-Insuffizienz
• Sichelfüssen
• initialem und komplexem Spitzfussmuster
• Koordinations-/Wahrnehmungs- und Symmetriestörungen
• hypo- oder hypertonen Haltungsschwächen
Nach Erfahrungsberichten sind ein Altersmaximum zwischen dem 5. und 15. Lebensjahr und besonders gute Behandlungsergebnisse bei Rotationsfehlgangbildern (84%) und funktionellen Spitzfussgangbildern (ca. 90%) festzustellen.
Kindlicher Knick-Senk-Plattfuss
Hierzu wird auf die Leitlinie der Vereinigung Kinderorthopädie zum Thema des kindlichen Knick-Senkfusses hingewiesen.
Propriozeptive Fussorthesen spielen in der Versorgung dieses Krankheitsbildes eine wichtige Rolle in der Behandlung.
Sensomotorische Fussorthesen sollen Anwendung finden bei kindlichen Knick-Senk-Plattfüssen, bei denen folgende Kriterien erfüllt sind:
1. Alter >6 Jahre
2. Funktionelles Defizit insofern, als dass in der Plantarflexion bis 40° keine Stellungsänderung/Aufrichtung der Längswölbung im Einbeinstand zu beobachten ist.
3. Falls mit dem Fussorthesentherapiekonzept bis zum 11. Lebensjahr keine Änderung eintritt, sind operative Verfahren anzustreben. Gerade bei dieser Diagnosegruppe ist darauf hinzuweisen, dass Fälle, in denen das Zielorgan derartig geschädigt ist, dass die Zielerreichung durch die Fussorthesen nicht wahrscheinlich erscheint, die Operation angewendet werden sollte (beispielsweise rigider Knick-Plattfuss, Talus verticalis)
Knick-Senk-Plattfuss des Erwachsenen
1. Indikationen ergeben sich bei dieser Diagnose insbesondere bei begleitenden beziehungsweise folgenden Funktionsstörungen in der aufsteigenden Kette:
- Achillodynie,
- Shin-Splint-Syndrom,
- Patellaspitzensyndrom,
- Chondromalazia patellae,
- Tractusbeschwerden,
- Tensor fasciae latae Probleme.
2. Um die Abgrenzung zur traditionellen Einlagenversorgung im Sinne von schalenförmigen, langsohligen, den Rückfuss korrigierenden Einlagen, vornehmen zu können, ist eine Indikation für propriozeptive Fussorthesen tendenziell in den Fällen gegeben, in denen noch „aktivere Patienten" versorgt werden, da hier das Gelenkspiel und die auf muskulärer Ebene zu erwartende Reaktion auf die Versorgung bessere Chancen für die Erreichung der Therapieziele bieten.
Rückenprobleme
Generell besteht die Indikation im Hinblick auf die Verbesserung von Rückenbeschwerden dann, wenn erkennbare deutliche Verkürzungen der muskulären Kette Rückenstrecker/ Ischiocruralmuskulatur/ Wadenmuskulatur/ Plantarfascie therapeutisch im Vordergrund stehen und spezifisch angegangen werden sollen.
Plantarfasciitis
Plantarfasciitis-Beschwerden können nachweislich durch konventionelle Einlagen erfolgreich behandelt werden. Dementsprechend sind an die Indikationsstellung für propriozeptiven Fussorthesen erhöhte Anforderungen zu stellen, beispielsweise:
- deutliche begleitende Instabilitäten im Abrollverhalten des Fusses, insbesondere im Rückfussbereich,
- höhergradige Spannungszustände und Kontrakturen der Plantarfascie in Kombination mit Verkürzungen bzw. Hypertonuszuständen der Muskelkette Ischiocruralmuskulatur /Gastrocnemiusmuskulatur/ Plantarfascie.
Instabilitäten des Sprunggelenkes (oberes und unteres)
Die Wirkung erfolgt hier über eine Aktivierung der Peronäusmuskulatur und der Tibialis posterior-Muskulatur (Steigbügelfunktion), welche einer pathologisch verstärkten Rückfussinversion und Mittelfusssupination entgegegen wirkt und zu einer Sprunggelenks- und Längswölbungsstabilisierung beiträgt.
Spastik oder Lähmungen
Durch den Einsatz vom propriozeptiven Fussorthesen bei Spastik oder aber Lähmungen kommt es je nach propriozeptiver Stimulierung zur Muskelentkrampfung, bei schlaffen Lähmungen zur Muskelaktivierung, und so wird ein besserer Bodenkontakt wahrgenommen. Ein sehr angespannter Fuss, z.B. beim Spastiker, kann so entkrampft werden. Bei zu schwachem Muskeltonus kann dieser erhöht werden. Auch bei Parkinson-Patienten wurde festgestellt, dass deren Leistungsfähigkeit an guten Tagen durch propriozeptive Fussorthesen deutlich verbessert werden konnte.
Um einen Anhaltspunkt dafür zu bekommen, ob in diesen Fällen die Versorgung mit propriozeptiven Fussorthesen eine Verbesserung des Gangbildes bewirken kann, palpieren wir den Fuss zunächst und beobachten die Reaktionen. So können wir testen, ob die Fussorthesenversorgung erfolgversprechend ist.
Wenn dies der Fall ist, beobachten wir bei Patienten mit schlaffen Peroneus-Lähmungen meist ab dem ersten sensomotorischen Impuls, den die neue Fussorthesenversorgung gibt, eine motorische Reaktion. Im Vergleich zur unversorgten Situation zeigt der Patient mit der Fussorthese eine verminderte Supination; der Vorfuss bewegt sich in eine leichte Pronation. Die Fusshebung beim Gang ist verstärkt, die Aussenrotation des Beins vermindert. Subjektiv berichten die Patienten über einen flüssigeren / rhythmischeren Gang und heben positiv hervor, dass sie sich nicht mehr so stark beim Gehen konzentrieren müssen. Sie stolpern nicht mehr über die Zehen. Ein bis zwei Wochen lang können nach längerem Gehen muskelkaterähnliche Schmerzen im gesamten Unterschenkelbereich auftreten - viele Patienten sagen: „Hier tut sich etwas".