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Foto 2: Nebel im Moos

Zugänge zur "ganzheitlichen Landschaftsplanung"
Der zuvor beschriebene "Einlassungsprozess" setzt sowohl eine direkte persönliche als auch eine abstrakte, analytisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Untersuchungsgegenstand voraus. Letztere verfolgt das Ziel einer genauen Kenntnis der im untersuchten System wesentlichen Prozesse. Die Beschreibung einzelner Prozesse mit natur- und sozialwissenschaftlichen Methoden ermöglicht ein für die Betrachtung des Gesamtsystems unabdingbares Detailwissen. Eine besondere Rolle im Erkenntnisgewinn spielen Modellierungen. Indem ein "vereinfachtes" Modell konstruiert wird, gelingt es häufig, den Blick für wesentliche Prozesse zu schärfen. Allerdings wird die alte Erkenntnis, dass "wissenschaftliche Aussagen und theoretische Gesetze in relativer Distanz und auf dem Boden der Erfahrung gehandhabt werden müssen, und ... dass keine exakten (quantitativen) Modelle zu gewinnen sind, ohne dass ihrer Auswahl gewisse qualitative Vorstellungen über die zu modellierenden Gegebenheiten zugrunde liegen" (OTTE 1974), häufig vergessen.
Zu berücksichtigen ist insbesondere, dass mathematische und formale Methoden mit zunehmender Wissenstiefe aufwendiger werden und bei breiter Anwendung zu einer enormen und teilweise widersprüchlichen Wissensfülle und vor allem einer Erschliessung qualitativer Aspekte führen. Es sei angemerkt, dass diese Ansicht sich auch in anderen mit den Planungswissenschaften verwandten Wissenschaften, z.B. der Entscheidungstheorie zunehmend durchsetzt (vgl. SCHOLZ & ZIMMER 1997). Zur Strukturierung der Fülle und zu einer robusten Zielsetzung für ein effizientes Untersuchungsmanagement bedarf es eines orientierungsstiftenden Zentrums, welches durch geisteswissenschaftliche Kriterien und Normen mitbestimmt wird. (s. Abb. 1.)
Abb. 1: Strukturelemente eines ganzheitlichen Zugangs zur Landschaftsplanung. Die Geisteswissenschaften vermitteln Orientierungen, die für die gezielte Untersuchung von ökologischen und kulturellen Phänomenen mittels Natur- und Sozialwissenschaften im ganzheitlichen Rahmen notwendig sind.
Eine wesentliche Bestimmungsgröße im Prozeß der Norm- und Kriterienfindung ist die persönliche Beziehung zur Landschaft. Diese sollte durch die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen intensiviert und vervollständigt werden. Hierbei spielt das Studium der Landschaftsgeschichte (z.B. EWALD 1978) eine wichtige, einführende Rolle. Alle weiteren naturwissenschaftlich inventarisierenden und sozialwissenschaftlich analysierenden Methoden führen ebenfalls zu einer Vertiefung der persönlichen Beziehung zur Landschaft. Der Systemkontakt auf verschiedenen Wissens- und Erfahrungsebenen ist als möglicher Weg zu einer ganzheitlichen Systemsicht anzusehen.
Durch die vorstehenden Ausführungen wird eine Frage aufgeworfen, die am Rande der wissenschaftlichen Akzeptanz steht. Sie lautet: Lassen sich mit geisteswissenschaftlichen und psychologischen Ansätzen "Muster" erkennen, welche die Fülle der möglichen Entwicklungstendenzen einer Landschaft im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung zu strukturieren vermögen? Gesucht werden Kriterien und Normen, die eine nachhaltige Orientierung der Landschaftsplanung ermöglichen. Nachhaltig meint unter anderem, daß die Landschaftsgestaltung letztlich von zukünftigen Generationen als besser betrachtet wird als ohne diese Kriterien ausgeführte Planungen.
Es kann zumindest vermutet werden, daß eine Verbindung von menschlichen, psychologischen "Mustern" mit typischen Landschaftsmustern existiert (s. psychologische Theoriesätze der Mustererkennung nach JUNG 1934, METZGER 1940 und ROSCH et al. 1976). Allerdings entzieht sich diese Verbindung einem direkten rationalen Zugang. Mit intuitiven Mitteln können die Planenden jedoch eine indirekte Verbindung mit dem Landschaftstypen einer Region erreichen. Daraus ergibt sich sozusagen eine Steuerung der Erkenntnis- und Handlungsprozesse durch das System selbst.
Bei unserer Arbeit als Planende haben wir dieses als eine mit der Bearbeitung des Konzeptes zunehmende Fähigkeit zur Strukturierung von komplexen Sachverhalten erfahren. Jederzeit ist der allernächste Arbeitsschritt klar; die gesamte Arbeit läßt sich jedoch kaum jemals überblicken. Plötzliche gute Einfälle paaren sich mit der wachsenden Fähigkeit, sich mündlich und schriftlich gegenüber betroffenen Menschen auszudrücken.
Wie läßt sich eine solche intuitiv orientierungsstiftende Verbindung zum "Landschaftszentrum" herstellen? Sie muß nicht erzwungen werden, denn sie kann prinzipiell aus einem intensiven wissenschaftlichen und persönlichen Systemkontakt erwachsen. Allerdings ist die aus dem System stammende Intuition eng mit den vom Planenden selbst erzeugten Projektionen verwandt. Die Kunst einer intuitiv geführten Planung besteht nun darin, sich der echten Intuition bewußt zu werden und sie von persönlichen Projektionen abzugrenzen, beispielsweise der Verwirklichung der eigenen "Traumlandschaft". Die Arbeit eines Landschaftsplaners gleicht in dieser Hinsicht derjenigen eines Gruppenmoderators (z.B. in Zukunftswerkstätten nach JUNGK und MÜLLERT 1989).
Der intuitiv planende Mensch sollte sich seiner eigenen Landschaftsvorstellungen bewußt sein. Voraussetzung ist der Wille, sich auf einen möglicherweise schmerzvollen Prozeß der Distanzierung von eigenen Wertvorstellungen einzulassen. Weiter ist das Eingeständnis wichtig, für den Landschaftsgestaltungsprozeß vorerst über keine Rezepte zu verfügen. Dazu ist eine innere Haltung notwendig, die es den Planenden ermöglicht, trotz Zeitnot, politischem oder wirtschaftlichem Druck nicht vorschnell eine akzeptierte Standardmethode anzuwenden. Die Entwicklung der intuitiven Fähigkeiten erfordert nebst natur- und sozialwissenschaftlicher Grundlagenarbeit einen intensiven persönlichen Systemkontakt in Form von unvoreingenommenen Gesprächen mit Betroffenen, dem Infragestellen von sogenannten Sachzwängen, scheinbar ziellosen Aufenthalten in der Region und wachem Interesse für jegliche Art von zusätzlichen Informationen.