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Dreizehn Meter Umfang, gleich alt wie die Schweiz: Die monumentalen Kastanienbäume von Chironico haben schon viele hungrige Bäuche gefüllt und verleihen dem Ort eine urwüchsige Kraft.
Früher galt in den Tessiner Tälern, dass die üppigen Mahlzeiten des Sommers im Gleichschritt mit den kürzer werdenden Tagen immer eintöniger wurden. Nichts prägte den bäuerlichen Alltag mehr als die Esskastanie, die von den Römern aus der Kaukasus-Region in die Voralpen gebracht worden war. Der Baum lieferte Brenn- und Bauholz, das trockene Laub eignete sich zur Einstreu im Stall und die stärke- und zuckerreichen Früchte waren das Grundnahrungsmittel par excellence. Wer weiss, wie viele Familien in den kargen Tälern verhungert wären, wenn es keine Kastanie gegeben hätte? Die Faustregel besagte, dass mindestens 150 Kilogramm Kastanien gesammelt werden mussten, um einen Erwachsenen den Winter durch ernähren zu können.
Die wertvollen Kastanienbäume wurden gehätschelt und gehütet. In Chironico, auf einem Plateau oberhalb von Lavorgo gelegen, gibt es mehrere uralte Kastanienbäume, die es ins «Inventario dei castagni monumentali del Canton Ticino e del Moesano» geschafft haben. Ein Aufnahmekriterium ist ein Umfang von mindestens 7 Metern auf Brusthöhe. Um auf diese Grösse heranzuwachsen, braucht ein Baum auch an der besten Lage über 400 Jahre.
In der jüngeren Vergangenheit musste man sich zweimal grosse Sorgen um die Baumriesen respektive um die Tessiner Kastanienwälder machen. Die erste grosse Bedrohung tauchte Mitte des letzten Jahrhunderts mit dem gefürchteten Kastanienrindenkrebs auf. Diese Pilzerkrankung, ursprünglich aus Asien, breitete sich rasch im ganzen Tessin aus. Viele Kastanienbäume starben. Doch ab dem Ende der 1950er-Jahre nahm die Gefährlichkeit der Rindenkrebse ab, und immer weniger Bäume gingen zugrunde. Die nächste Bedrohung tauchte 2009 auf: Die Kastaniengallwespe – ein kleines, aus China stammendes Insekt, das über Italien ins Tessin gelangte. Italien hat in der Not zur Bekämpfung der Kastaniengallwespe die chinesische Schlupfwespe eingeführt, welche von selbst aus Italien auch ins Tessin eingewandert ist und langsam die Oberhand gewinnt, nachdem das Tessin noch 2014 einen Totalausfall der Kastanienernte zu beklagen hatte.
Die heimische Nachfrage nach Kastanien ist heute so gross, dass Marroni aus Italien und Portugal importiert werden müssen. Denn die Kastanie, das einstige Brot der Armen, hat längst ihren Siegeszug in Gourmetküchen und Konditoreien angetreten und der «Cucina povera» zu einer Renaissance verholfen. Es gibt mittlerweile fast kein Lebensmittel, das sich nicht auf Basis von Kastanien produzieren liesse. Die Palette der Delikatessen reicht von Torten über Brot und Gebäck bis hin zu Konfitüre, Pasta, Gnocchi, Flakes, Honig, Eis, Bier oder Grappa. Hat da jemand eintönig gesagt?
Kastanienwanderung Lavorgo–Chironico–Giornico
Von Lavorgo aus gelangt man mit dem Postauto oder zu Fuss durch einen schönen Kastanienwald nach Chironico, wo die Riesenkastanie mitten im Ort steht. Eine empfehlenswerte Wanderung führt auf dem alten Saumpfad von Chironico nach Giornico hinunter. Wanderung: 8 km, 600 Hm, 2 h 30 min. Anfahrt: mit dem Treno Gottardo nach Lavorgo (Rückfahrt: von Giornico mit dem Bus zum Bahnhof Bodio: 7 min.)
Ristorante Defanti: Kastanien essen, wie anno dazumal
Ristorante Defanti: Kastanien essen, wie anno dazumal Frische Slow-Food-Produkte wie Wild und Kastanien werden jeweils im Herbst im Ristorante Defanti in Lavorgo aufgetischt, einem seit 1903 existierenden Traditionshaus. Das Restaurant ist berühmt für seine fantasievolle und kreative Küche, welche Tradition, Regionalität und Innovation verbindet. Anfahrt: mit dem Treno Gottardo nach Lavorgo