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Im Gebiet der heutigen Schweiz existierte ein Nebeneinander von Tänzen unterschiedl. Gattungen: Rituelle Tänze im Brauchtum, die an bestimmte Termine und Orte gebunden waren, standen neben geselligen, der Unterhaltung dienenden Tänzen. Diese kamen als Volks- oder Gesellschaftstanz an zahlreichen öffentl. und privaten Anlässen zur Aufführung. Der Bühnentanz, in Form von Ballett oder Ausdruckstanz, etablierte sich dagegen erst im 20. Jh.
Im FrühMA wurde der liturg. T., der vorchristl. Elemente enthielt, aus der Kirche verdrängt. Der rituelle T. fand jedoch trotz ablehnender Haltung der Kirche eine Fortsetzung in zahlreichen Tänzen des Brauchtums (Bräuche). Im 9. Jh. wurden heidn. Tänze bei Bestattungsfeiern ausdrücklich verboten. Im Ostschweizer T. Mühlirad erhielten sich Relikte einer archaischen Idee vom Sonnenrad, die Frühlingsumzüge der Zünfte mit ihren Küfer- und Metzgertänzen und die verbreiteten Fasnachtstänze lassen auf Verbindungen zu vorchristl. Vegetations- und Fruchtbarkeitskulten schliessen. Über ein Tieropfer tanzende, hüpfende Burschen und Mädchen, die mit ihrem Tun ein gutes Erntejahr heraufbeschwörten, sind 1647 in der Vogtei Tessenberg bezeugt. Die Eidgenossen glaubten an Kriegszauber, als 1349 vor einer Schlacht "me denn thusend gewappnete mannen an einem tanze" teilnahmen und darauf zwei Burgen eroberten. Vor der Schlacht bei Novara 1513 tanzte das ganze Heer.
Das höhere Bürgertum entwickelte bereits im MA eigene Tänze, die der Selbstdarstellung und der Einübung des standesgemässen Verhaltens dienten. Diese waren vom höf. T. geprägt und hatten einen beherrschten, massvollen Charakter, während im Volk v.a. Springtänze verbreitet waren, die als gemeinschaftsstiftende Kreis-, Ketten- oder Reihentänze aufgeführt wurden. Von den alten Tanzformen der Männer waren neben Morisken- und Reiftänzen Waffentänze besonders beliebt. Der Schwerttanz, der erstmals in Freiburg (1492) belegt ist, wurde von der franz. Schweizergarde in Paris bis 1755 alljährlich aufgeführt. Ab dem 14. Jh. verdrängten Paartänze zunehmend die Formen der Männer- und Gruppentänze. Zahlreiche Gelegenheiten zum Tanzen boten sich auch in der Neuzeit. Getanzt wurde an Fest- und Feiertagen wie Silvester und Neujahr sowie an den Nachtagen der grossen Kirchenfeste Ostern und Pfingsten. Tänze waren ferner Teil des Brauchtums (z.B. an der Fasnacht der T. der Röllelibutzen von Altstätten und der Innerschwyzer Nüssler), somit geknüpft an die Jahreszeiten (z.B. Erntetänze im Herbst, T. der Silvester-Kläuse in Appenzell Ausserrhoden und Eierauflesertänze zu Ostern), an den Zyklus des bäuerl. Jahres (z.B. am Älplerfest) oder an die Lebensabschnitte (z.B. zeremonielle Hochzeitstänze wie der Gäuerle). Auch die Landsgemeinden, Viehausstellungen, Schützenfeste und die Bundesfeiern boten Anlass zum Tanzen.
Der T. des einfachen Volkes wurde seit dem MA durch Sittenmandate reglementiert. Aus Zürich stammt eine Verordnung von 1370, nach der bei Hochzeiten "nieman kein tantz, weder heimlich noch offentlich" betreiben sollte. Bloss am Neujahrstag, an der Fasnacht, an Markttagen und am Kirchweihfest war das Tanzen erlaubt. Nach der Reformation wurde der T. als Brauchtum in den kath. Gebieten geduldet, während die ref. Kirche sich dagegen aussprach. Man riskierte bei einem Verstoss gegen das Tanzverbot Bussen, Gefängnisstrafen und sogar den Verlust des Seelenheils. Insbesondere in den Untertanengebieten empfand man die Zwangsregulierung als Repression. Nach dem Fall des Ancien Régime wurden denn auch rund um die Freiheitsbäume spontane Freudentänze aufgeführt. Die Wirkung der Sittenmandate war gering. Der T. blieb eine beliebte Möglichkeit des geselligen Beisammenseins, der Kommunikation sowie ein Ausdruck der Solidarität bei öffentl. Repräsentationen. Im 19. Jh. galten Tanzveranstaltungen der bürgerl.-städt. Gesellschaft als Höhepunkte des gesellschaftl. Lebens und bestimmten ihren Festkalender. Die Anlässe waren von einer geringen sozialen Durchmischung gekennzeichnet und dienten als institutionalisierte Heiratsmärkte.
Die Volks- und Gesellschaftstänze in der Schweiz -- beeinflusst von den benachbarten Kulturkreisen -- wiesen je nach Sprachregion eine starke Eigenentwicklung auf. Alte Formen hielten sich besonders lange im Tessin mit dem Zoccolitanz und im Welschland mit alten Ringreigen, Contra- und Kettentänzen (Coquille, Coraulas). Wie in ganz Europa verdrängten im 19. Jh. neue Modetänze (Walzer, Schottisch, Mazurka, Polka) die herkömml. Tanzformen und drangen rasch in das Volkstanzrepertoire ein. Neben eigenständigen Erscheinungen wie z.B. den Tanzliedern der Kuhreihen sind die Ausprägungen ursprünglich ausländischer Tänze augenfällig: Das Menuett klang im dreiteiligen Muotataler nach, der Alewander (heute Allemande) erfuhr zahllose Varianten, der Walzer wurde im Emmentaler Chüereie Walzer mit Kontratanz-Elementen kombiniert. Beim Ländler waren im Appenzeller Hierig mimische Soloteile in die Walzerfiguren integriert, so dass ein eigentl. Werbetanz entstand. Den Schottisch bzw. die Polka gab es als Engadiner, als Vögelischottisch in der Urschweiz, als Chybtanz im Appenzell, als Polka des petits oiseaux in Genf und als Californie im Wallis. Die Mazurka wurde im Emmental zum Mistträppeler und im Engadin zur Storta da Crusch. Walzer, Schottisch, Polka, Mazurka, Ländler, und manchmal auch Marsch, Galopp und ein Hopser im raschen 2/4Takt wurden oft zu einem Rästli zusammengefasst.
Nach dem 1. Weltkrieg kam der Schieber auf, dann folgten angeführt vom Tango zahlreiche nord-, latein- und südamerikan. Tänze. Gegen diese oft kurzlebigen Importe richteten sich Bemühungen der Lebensreform- und Jugendbewegungen der 1920er Jahre (z.B. Wandervögel), die Tänze aus dem alten Volksgut revitalisierten. Im späteren 20. Jh. entwickelte sich der T. in unterschiedl. Richtungen. Nach dem Tango kamen Foxtrott und One Step auf, während des 2. Weltkriegs Swing, dann Rock 'n' Roll, Madison und Twist. Disco und Techno lösten den konventionellen Paartanz ab, der seinerseits im Tanzsport perfektioniert wurde. Ende der 1930er Jahre fanden Amateurtanz-Tourniere statt, 1953 die erste Schweizer Meisterschaft. Die Gründung des Schweizer Amateur-Tanzsport-Verbands (SATV) erfolgte 1954.
Die Tradition des Volkstanzes zu volkstüml. Musik wurde um die Jahrhundertwende nur rudimentär gepflegt. Von den 1930er Jahren an sammelte man das noch Vorhandene und hielt ab der Jahrhundertmitte aufgrund der Überlieferung Neuauflagen alter Volkstänze fest. Auf Anregung der Schweiz. Unesco-Kommission wurde 1986 die Arbeitsgruppe Volkstanzinventar (VTI) gebildet. Im Jahr 2000 waren rund 1'200 Schweizer Volkstänze, darunter 167 authentische, dokumentiert. Seit den 1970er Jahren gibt es ausserdem Bemühungen, sakrale und meditative Tänze in den christl. Gottesdienst zu integrieren. Um das Jahr 2000 widerspiegelte sich in der Hip-Hop-Welle, im Tangofieber, in der Street Parade, aber auch in den traditionellen Tänzen der drei Ehrenzeichen Kleinbasels am Vogel Gryff und der alljährlich getanzten Munot-Française in Schaffhausen ein vielseitiges Nebeneinander von alten und neuen Strömungen.
Literatur
– L. Witzig, Volkstänze der Schweiz, 1941
– R. Weiss, Volkskunde der Schweiz, 1946 (31984)
– R. Wolfram, Die Volkstänze in Österreich und verwandte Tänze in Europa, 1951
– J. Burdet, La danse populaire dans le Pays de Vaud sous le régime bernois, 1958
– R. Wolfram, «Die Volkstänze der Schweiz», in Schr. zur Volksmusik 7, 1983, 185-211
– R. Merz, «Der Schweizer als Tänzer», in T. international 5, 1991, 9 f.
– Mimos, Nr. 3 und 4, 1993
– B. Bachmann-Geiser, «Volkstanz-Inventar», in Schweizer Musiker Revue 2, 25, 1997
– D. Kahr, «Volkstanzarchiv», in T. und Gymnastik 4, 1997, 24
Autorin/Autor: Ursula Pellaton