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Der Tag beginnt ganz gewöhnlich. Rechnungen schreiben, Buchhaltungen kontrollieren - eben alles, was ein Treuhänder so macht. Wir schreiben den 9. Oktober 1997. Das Datum wird Manfred Diethelm* nicht so schnell vergessen. An diesem Tag erhält Diethelm nämlich plötzlich ein E-Mail aus Russland. «Bitte teilen Sie uns mit, ob und inwiefern Sie uns bei der Gründung einer Einzelfirma behilflich sein können», schreibt ein ihm völlig unbekannter Herr Scheiwiler*. Der Mann gibt sich als Leiter der «Auslandsabteilung» einer Vereinigung namens Kora* aus. «Wir sind eine Vereinigung von Fachunternehmen mit Sitz in St. Petersburg», schreibt der Mann, «und möchten eine Vertretung für die Kontakte mit unseren europäischen Kunden in der Schweiz eröffnen.»
Eine sehr harmlose Untertreibung, wie Diethelm heute weiss: «Wie kann sich eine russische Organisation von Ex-Agenten unter den Augen der Bundespolizei in einer Schweizer Sicherheitsfirma einnisten, ohne dass sämtliche Alarmglocken läuten?» wundert sich der Treuhänder. Eine gute Frage.
Diethelm beantwortet das Mail am gleichen Tag, orientiert die Russen über Grundsätzliches zum Schweizer Gesellschaftsrecht und bittet um weitere Auskünfte über die Vereinigung Kora. Diese folgen umgehend: Die Vereinigung, schreibt Scheiwiler, sei ein Zusammenschluss von 18 russischen Unternehmen der Sicherheitsbranche. Sie plane eine «Vertretung unseres Hauptsitzes in Westeuropa». Auch müsste ein Bankkonto in der Schweiz eröffnet werden, «da die Bezahlung der Dienstleistungen für unsere ausländischen Kunden sehr problematisch ist, sowohl bezüglich der Dauer als auch des Steuersatzes, welchen der Staat für sich beansprucht». Nebenbei bemerkt Scheiwiler, dass er selber Schweizer Bürger sei, aber in St. Petersburg Wohnsitz habe.
Treuhänder Diethelm kommt die Sache reichlich seltsam vor. Trotzdem führt er den E-Mail-Verkehr vorerst weiter. In einem elektronischen Brief nennt Scheiwiler dann einen weiteren Grund, weshalb die Vereinigung Kora eine Niederlassung in der Schweiz wünsche: So könne «unser Präsident Sergej D. aufgrund von häufigen Geschäftstreffen mit Kunden in der Schweiz auf diese Weise die langfristigen und komplizierten Visumsformalitäten umgehen».
Jetzt hält Diethelm den Zeitpunkt für gekommen, einige Abklärungen vorzunehmen. Uber das Internet stösst er auf Erstaunliches: Die Vereinigung Kora besitzt in einem Berner Vorort bereits eine Schweizer Korrespondenzadresse samt Internet-Homepage. Als Geschäftsführer wird im Internet-Adressbuch «Infonautics» gar der mit schweizerischen Geschäftsgepflogenheiten angeblich so unbedarfte und mit Visaproblemen kämpfende Sergej D. angegeben. Wozu also das Ganze? Diethelm glaubt: «Da will mich jemand testen, ob ich für dubiose Ostgeschäfte zu haben wäre.»
Entrüstet konfrontiert er sein Gegenüber in St. Petersburg mit seinen Recherchen: «Alle bisherigen Erkenntnisse zusammengenommen ergibt sich der Schluss, dass es sich um eine laienhaft ausgeführte Schnüffelaktion handelt.» Scheiwiler kontert ungerührt: «Wie ich Ihrer Mitteilung entnehme, sind Sie offensichtlich Opfer des Ihrem Berufsstand eigenen Misstrauens geworden.» Damit ist der Kontakt beendet. Nur: Seit sich Diethelm den Russen gegenüber unkooperativ zeigte, reisst die Serie von seltsamen Vorgängen in seinem Umfeld nicht mehr ab.
Auf dem Weg zum Sportflugplatz, wo Diethelm als Hobbypilot verkehrt, verfolgen ihn schwere Limousinen. Auf dem Flugfeld wird er beim Motorencheck vor dem Start von ungarisch sprechenden Piloten fotografiert, die seit kurzer Zeit mit einem gemieteten Motorsegler dort verkehren. Kurz darauf ruft ein Optionshändler an, der unbedingt weitere Angaben über Diethelm haben und Informationsmaterial schicken will. Das Material trifft - ganz entgegen den Gepflogenheiten in der Optionsbranche - nie ein.
Dann registriert Diethelm auf einem seiner Bankkonten kurz vor Weihnachten eine unerklärliche Gutschrift über 7000 Franken. Auftraggeber für die Uberweisung ist eine kleine Handelsfirma aus dem Kanton Zürich, mit der Diethelm keinerlei Beziehung unterhält. Sollte er dazu verleitet werden, fremdes Geld zu behalten, damit man ihn später damit erpressen kann? Diethelm meldet die Fehlbuchung sofort seiner Bank. Diese kann den Vorgang nicht erklären und schaltet ihre Abteilung «Investigation» ein. Erst drei Wochen später wird die Gutschrift wieder storniert - ohne dass die Hintergründe der Fehlbuchung erhellt worden sind.
Auch hat Diethelm plötzlich das Gefühl, dass sein Zürcher Büro von Unbefugten betreten werde. Er installiert eine Sicherungsanlage. Eines Morgens ist sie aktiviert. Nahe der Eingangstür, direkt unter einer Steckdose, findet Diethelm ein etwa zwei Millimeter grosses, abgebrochenes Kunststoffteilchen. Er schraubt die Steckdose auf und findet darin weitere solcher Kunststoffnippel. Jemand hat etwas, was in der Steckdose eingebaut war, über Nacht eilends wieder ausgebaut. Eine Wanze? Diethelm erfährt, dass der Universalschlüssel des Bürohauses - mit dem sämtliche Büros geöffnet werden können - schon seit vergangenem Herbst vermisst wird. Der Hauswart hat ihn als gestohlen gemeldet. Niemand hatte die Büromieter darüber orientiert. Dieser Tage nun sollte das gesamte Schliesssystem ausgewechselt werden. Höchste Zeit also, gewisse Installationen wieder unauffällig zu entfernen, solange man noch Zutritt hat?
Für die russischen Profis wäre solcherlei keine Hexerei. Schliesslich bestätigt Scheiwiler, dass die Führungskräfte von Kora «erfahrene, lizenzierte Experten ihres Gebietes» sind, «zum grössten Teil ehemalige Offiziere der Streitkräfte, der Miliz, des KGB und der Grenzschutztruppen».
Natürlich hat Diethelm keinerlei Beweise, dass diese Vorkommnisse in Zusammenhang stehen mit der Anfrage aus Russland. Ein Augenschein an der Schweizer Adresse der Russen im erwähnten Berner Vorort fördert jedoch Interessantes zutage. Hier findet sich eine Firma, die als Sicherheitsunternehmen gleich mehrfach im Telefonbuch eingetragen ist, nicht aber im Handelsregister.
Um so professioneller dafür der Internet-Auftritt. Er informiert über die Aktivitäten: Bewachung, Objekt- und Werkschutz, Personen-Begleitschutz und Ermittlungen. Und er streicht die Partnerschaft zur russischen Vereinigung Kora hervor. Einquartiert ist die Firma nicht etwa in einem anonymen Bürogebäude, sondern in einem Feuerwehr-Hauptquartier samt Fahrzeughalle und Kommandoraum mit Funkzentrale. Auch der Ortskommandoposten der Zivilschutzorganisationen befindet sich dort. Und in diesem Gebäude logieren also die Sicherheitsleute mit den guten Kontakten zu Russland.
Der Geschäftsführer der Partnerfirma im Berner Vorort gibt sich im Gespräch zurückhaltend und recht ahnungslos. Er sei seit fast zehn Jahren im Bewachungsgeschäft tätig und vor etwa einem Jahr erstmals von den Russen kontaktiert worden - via Internet. Dann habe er mit den Russen ein Partnerschaftsabkommen unterzeichnet: Dessen Ziel sei es, sich gegenseitig Kunden zu empfehlen. Schweizer, die in Russland geschäftlich aktiv werden wollten, würden in Sicherheitsfragen der Vereinigung Kora zugewiesen. Der Berner Firma seien im Gegenzug Bewachungsaufträge versprochen worden.
Laut dem Geschäftsführer möchten die Russen ihre Präsenz im Berner Vorort aber weiter ausbauen. Geplant sei jetzt die Gründung einer AG, damit die Vereinigung Kora hier einen offiziellen Firmensitz mit ständig besetztem Telefon und Fax ausweisen könne. Das soll offenbar ein Schweizer Treuhänder - Diethelm? - erledigen. «Ich habe mich schon gewundert», sagt der Mann, «dass die Russen im Internet bereits jetzt den Eindruck erwecken, als existiere ihre neue Firma an dieser Adresse schon.»
Keine Berührungsängste gegenüber ehemaligen KGB-Offizieren? Kein Misstrauen gegenüber russischen Sicherheitsleuten, die im Ruf stehen, ihre bezahlten Dienste den «Kunden» mitunter unangenehm aufzudrängen? «Wenn ich merken sollte, dass etwas nicht stimmt, höre ich auf», sagt der Geschäftsführer. Und muss gleichzeitig einräumen, dass er nur wenig über seine Partner in St. Petersburg weiss. Deren Behauptung, über beste Beziehungen bis in höchste russische Regierungskreise zu verfügen, hat er nicht überprüft. Und: «Aus dem versprochenen Bewachungsauftrag für die russische Botschaft in Bern ist bisher nichts geworden.»
Dass die Vereinigung Kora ihre Internet-Homepage über einen Provider in St. Petersburg betreiben lässt, der auch erotische Kontaktanzeigen russischer Frauen in englischer Sprache verbreitet, erweckt nicht den Eindruck, man habe es mit Beschützern hochrangiger russischer Politiker zu tun. Auch wenn Kora versucht, sich in den Werbeunterlagen topseriös zu geben: Das Know-how in eher suspekten Gebieten der Sicherheit scheint beträchtlich. So offerieren die ehemaligen KGB-Offiziere in ihrem Dienstleistungsangebot auch die «Hilfeleistung an Kunden zur Lösung von komplizierten Konfliktsituationen» sowie «Psychokorrekturen (individuell und in Gruppen)».
Welchen Grund könnte eine westliche Firma haben, Scheiwilers Organisation mit Sicherheitsdienstleistungen zu beauftragen? Seine Antwort: «Sehen Sie, früher wurden Firmen, die in Russland unbehelligt geschäften wollten, einfach von der Mafia erpresst. Das ist jetzt besser geworden. Aber man braucht als Westfirma noch immer ein sogenanntes Dach. Wir sind so ein Dach.» Keine Angst, dass man ihn selber in die Nähe der Ostmafia rücken könnte? Scheiwiler: «Diese Reaktion habe ich erwartet.»
Der Beobachter hat auch den Chef der Schweizerischen Bundespolizei, Urs von Daeniken, um eine Stellungnahme gebeten. Doch der Bupo-Chef liess auf mehrfache detaillierte Anfragen über den Pressesprecher der Bundesanwaltschaft lediglich ausrichten, die genannten Namen und Firmen nicht zu kennen. «Für allfällige Fragen betreffend organisierte Kriminalität» sei die Bundespolizei ohnehin nicht zuständig. Interessant. Genau das hat man von Bundesanwältin Carla Del Ponte schon anders gehört.
(* Name von der Redaktion geändert!)