Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03340.jsonl.gz/256

Franziska berichtet aus ihrem Auslandsemester in Rumänien:
Dieses Mal möchte ich euch von einem aussergewöhnlichen Tag mit einem aussergewöhnlichen Menschen in Rumänien erzählen, der mich zum Nachdenken gebracht hat.
An diesem Tag erteilte mir die Heimleiterin einen speziellen Auftrag. Ich musste zusammen mit Andrina mit dem Auto Kleiderkisten und Esswaren zu ihrer leiblichen Mutter in ein armes Roma-Dorf bringen. Andrina ist 22 Jahre alt und hier im Kinderheim aufgewachsen. Ihre leibliche Familie ist sehr arm. Ihr Vater war Alkoholiker und sehr aggressiv. Als die Mutter es endlich schaffte, von ihm abzuhauen, hatte sie nicht mehr genug Geld und Kraft, um für Andrina und ihre ältere Schwester zu sorgen. Deshalb hat sie die zwei Mädchen in einem Spital abgegeben. Von dort sind sie dann ins Kinderheim gekommen.
Andrina ist meine Zimmergenossin hier in Rumänien und ich hatte das Glück, sie näher kennen zu lernen. Sie wird immer wieder als das «Aushängeschild» des Kinderheims bezeichnet. Denn sie ist extrem intelligent, hat Pfiff und ist eine rumänische Schönheit. Sie spricht mehrere Sprachen, studiert Psychologie und arbeitet in einer guten Position für Amazon. Im Gegensatz zum rumänischen Standard führt sie also ein gut situiertes Leben. Ich fühlte mich geehrt, dass ich mit Andrina zu ihrer leiblichen Familie fahren durfte und einen kurzen Einblick in das Leben einer Roma-Familie erhielt.
Wir fuhren ca. eine Stunde mit dem Auto aus Ghimbav heraus aufs Land. Wir kamen in einem sehr armen Dorf an, wo die Strasse von halb kaputten farbigen Backsteinen und Holzhütten gesäumt war. Hühner, Pferde und Kühe liefen frei auf der Strasse herum. Kinder in zerrissenen und schmutzigen Kleidern spielten auf der Strasse. Ihre Familie wohnte in einer Hütte auf dem Hügel. Wir fuhren mit dem Auto ganz nach oben und mussten es in Sichtweite parkieren, denn sonst wäre es gestohlen oder demoliert worden. Andrina erklärte mir, dass hier grosse Kriminalität herrscht, man könne niemandem vertrauen. Besonders nicht als Fremde. Geld, Handy, Portemonnaie etc. haben wir im Auto versteckt. Als wir in der Hütte ihrer Familie ankamen, fühlte ich mich schon wohler.
Jetzt weiss ich, woher Andrina ihren unaufhaltsamen Humor hat. Ich glaube wir waren ca. zwei Stunden auf Besuch und davon haben wir etwa die Hälfte gelacht. Trotzdem gab es mir einen Stich ins Herz, als ich die Lebensumstände der Familie von Andrina sah. Es war ein kleiner unisolierter Raum mit einem Teppich und einem kleinen Ofen (den sie vom Kinderheim geschenkt bekamen). Es gibt kein Bett, nur ein Sofa, auf welchem die Eltern sowie ihre sechs Kinder schlafen.
Dankbar nahm ihre Mutter die Kleider und die Esswaren an. Wir verabschiedeten uns und gingen zurück zum Auto. Als ich Andrina fragte, ob ihre Halbgeschwister eine Chance haben, jemals aus dieser Armut heraus zu kommen, gab sie mir mit traurigen, glasigen Augen nur knapp Antwort: «Nein, das haben sie nicht. Hauptsächlich liegt es an der fehlenden Bildung und Aufklärung.»
Ich verlor mich in Gedanken. Es war für mich ein krasser Gegensatz, Andrina in diesem Kontext im Roma-Dorf zu sehen. Sonst geniesse ich mit ihr am Wochenende eher ein rumänisches «High Life». Sie stellt mich ihren „gebildeten“ Freunden vor und wir ziehen von Bar zu Bar in Brasov. Wir benutzen Taxis, um uns in der Stadt zu bewegen und wenn sie zur Arbeit geht, hat sie diesen eleganten Businesswoman-Style mit High Heels, Bluse, Jacket und Markenhose.
Gleichzeitig muss sie mit dieser Lücke im Herzen leben, dass sie ein verlassenes Kind war und ihre Mutter sie weggeben musste. Ich bin extrem beeindruckt von Andrina, wie sie das alles meistert und wie sie ihren Weg geht.
Tiefe Dankbarkeit und Zufriedenheit überkommt mich, wenn ich über mein Glück nachdenke. Ich durfte in der Schweiz aufwachsen, habe eine wundervolle Familie und Freunde und das Recht auf Bildung ist bei uns selbstverständlich.