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Kindliches Temperament und Erziehung
Wie kommt es, dass ein Kind auf raue Disziplin mit Geschrei reagiert, während ein anderes nur mit den Schultern zuckt? Und warum erwidert manches Kind ein Lob mit einer Umarmung, während ein anderes sich gar nichts daraus macht?
Diese Kinder sind durch Stressoren stärker verwundbar und entwickeln eher Verhaltensstörungen wie Depressionen, Angst, aggressives oder kriminelles Verhalten im Vergleich zu Kindern ohne diese Verwundbarkeit. Aber können sich Kinder mit solcher Verwundbarkeit – oder eher: Empfänglichkeit – doch auch prächtig entwickeln, wenn sie in einem fürsorglichen und unterstützenden elterlichen Umfeld aufwachsen?
Weniger empfängliche Kinder sind wie Löwenzahn: Sie können fast überall blühen.
ORCHIDEEN- UND LÖWENZAHNKINDER
Dieselben Charakteristiken, die empfängliche Kinder überproportional verwundbar für negative elterliche Erfahrungen machen, lassen sie umgekehrt auch überproportional von positiven Erfahrungen profitieren.
Wie erkennt man empfängliche Orchideenkinder? In unserer Forschung messen wir die unterschiedliche Empfänglichkeit bei Kindern anhand ihres Temperaments. Temperament widerspiegelt die Art und Weise, wie ein Mensch handelt, denkt und fühlt. Das Temperament hat eine biologische Grundlage, ist schon beim Kleinkind vorhanden und über die Zeit und Situationen hinweg ziemlich stabil.
EMPFINDLICH ODER EMPFÄNGLICH?
Wir fanden mehr Belege für das Konzept der differenziellen Empfänglichkeit, also dafür, dass die empfänglichen Orchideenkinder zwar übermässig unter den negativen Auswirkungen schroffen elterlichen Verhaltens leiden, aber auch übermässig von fürsorglichem elterlichem Verhalten profitieren.
Hochsensible Kinder nehmen Gerüche oder Lärm stärker wahr.
Kleinkinder mit hoher negativer Emotionalität scheinen empfänglicher für elterliches Verhalten zu sein – und zwar im Positiven wie im Negativen. Hatten diese Kinder schroffe oder abweisende Eltern, wiesen sie in der späteren Kindheit mehr Verhaltensstörungen auf. Hatten sie jedoch warmherzige und fürsorgliche Eltern, waren ihre sozialen Fähigkeiten besser, und sie waren bessere Schüler. Orchideenkinder mit hoher negativer Emotionalität reagierten also im Vergleich mit Löwenzahnkindern mit geringerer negativer Emotionalität stärker auf schroffes, abweisendes Verhalten, aber auch stärker auf warmherziges, fürsorgliches Verhalten.
VON BESONDEREM INTERESSE IST DIE HOCHSENSIBILITÄT
Wir wollen deshalb untersuchen, welche Temperamentsmerkmale wir nutzen können, um eine stärkere Empfänglichkeit bei älteren Kindern zu erkennen. Dazu haben wir Informationen von 280 Kindern (4 bis 6 Jahre alt) und ihren Eltern zusammengetragen. Eines der Temperamentsmerkmale, das uns besonders interessiert, ist die Hochsensibilität. Hochsensible Kinder nehmen subtile Dinge in ihrer Umgebung wahr – zum Beispiel einen angenehmen Geruch oder weiches Gewebe. In sehr anregenden Situationen, etwa bei viel Lärm oder wenn vieles gleichzeitig passiert, sind sie leicht überwältigt.
Mit dieser Forschung wollen wir verstehen, warum einige Kinder stärker auf ihre Eltern reagieren als andere. Letztlich kann dieses Wissen Eltern dabei helfen, ihr Verhalten besser auf die Bedürfnisse des einzelnen Kindes – sei es nun mehr oder minder empfänglich – auszurichten.
Foto: Pexels.com
Meike Slagt ist Doktorandin am Forschungszentrum für Kinder- und Jugendstudien an der niederländischen Universität Utrecht. Sie forscht, wie unterschiedlich Kinder auf das Verhalten der Eltern reagieren und ob sich diese Unterschiede mit dem Temperament der Kinder erklären lassen.
Als eine der weltweit führenden gemeinnützigen Stiftungen verpflichtet sich die Jacobs Foundation seit 25 Jahren der Forschungsförderung im Bereich der Kinder- und Jugendentwicklung. Die Stiftung möchte künftige Generationen durch die Verbesserung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten nachhaltig unterstützen.