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Generation L
Die total verrückte Samstagabendshow
Samstagabend in London. Manche U-Bahn-Linien fahren seit einiger Zeit am Wochenende die ganze Nacht hindurch. Eine wichtige Errungenschaft für die Grossstadt. Früher mussten Sparfüchse vor Mitternacht aufbrechen, ansonsten war die Wahl auf Taxi oder Nachtbus beschränkt. Ich freute mich also, nach einem späten Abendessen bei Freunden die Tube, wie die Engländer ihre U-Bahn nennen, benutzen zu können. Die Freude wurde zwar bald durch den penetranten Uringeruch gedämpft, der mir beim Betreten der Plattform in die Nase stieg. Fairerweise muss ich sagen, dass das Problem keine zehn Sekunden später bereits behoben war, als ein mindestens vierzigjähriger, piekfein gekleideter, aber kaum mehr aufrechtstehender Mann den Perron mit seinem Mageninhalt schmückte. Meine Nase war jedoch nicht das gepeinigste Organ; meine Ohren litten weitaus mehr. Denn aus allen denkbaren Richtungen dröhnte, grölte, johlte, brüllte, kreischte (als eine Maus über die Gleise hopste), rülpste es in einer Lautstärke, die selbst einen Presslufthammer erröten lassen würde. Man hörte kaum den Zug, der sich wohl leise hatte ein- und wieder davonschleichen wollen, ohne dass es einer dieser Verrückten merkte. Sie merkten es aber alle, selbst der Kerl im Hundekostüm und sein Kumpel, die Kuh. Diese beiden entpuppten sich während der endlos scheinenden Fahrt jedoch als die angenehmsten Mitreisenden, da sie weder alkoholgeschwängerte Getränke aus Aludosen und Petflaschen schlürften noch Justin Biebers „Baby“ von einem eh schon schrecklichen Song in ein Ohrenmassaker verwandelten. Sie hatten auch keinen Geschlechtsverkehr, wie das indiskrete Paar am Ende des Wagons und tanzten nicht an der Stange, wie die Gruppe junger Frauen, die nicht müde wurden schreiend und jubelnd zu betonen, dass sie Beyoncé-getreue „Single Ladies“ seien. Ich bereute allmählich, die Weinflasche halb voll beim Dinner zurückgelassen zu haben, denn dieser Krach, dieses sonderbare augenbeleidigende Spektakel schlug nüchtern auf den Magen. Der Bärtige im pinken Kleid mit den Stripper-Schuhen und ich warfen einander augenrollende Blicke zu. Dann kam endlich meine Haltestelle. Die richtige Lösung für das nächste Mal wäre wohl ein Taxi. Aber dabei die total verrückte, wahnsinnig unterhaltsame Samstagabendshow verpassen? Niemals.