Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03605.jsonl.gz/1933

Patchwork-Familien und Resilienz ist das Thema der Theateraufführung «Je suis Cinderella» im Theater im Burgbachkeller. In einem Interview erzählt Frau L. über ihre Erfahrungen mit Patchwork-Familien.
Frau L., bitte erzählen Sie uns etwas über die Scheidung Ihrer Eltern?
Ich war acht Jahre alt, als sich meine Eltern scheiden liessen. Wir lebten damals auf dem Lande. Meine Eltern führten eine für jene Zeit typische Ehe. Das heisst, mein Vater arbeitete und meine Mutter war Hausfrau und kümmerte sich vorwiegend um uns Kinder. Mein Vater kam abends erst nach Hause, als wir Kinder schon im Bett waren. Es reichte dann nur noch für eine Gute Nacht Geschichte. Viel mehr hatte ich unter der Woche nicht von meinem Vater. Die Begründung meiner Eltern für ihre Trennung war „sie würden sich nicht mehr lieben.“ Ich fiel aus allen Wolken, denn ich erlebte es eigentlich nie, dass sich meine Eltern stritten. Das Problem ihrer Ehe war vielmehr, dass sie zu wenig kommunizierten.
Nun war der Vater weg. Die Mutter blieb mit den drei Mädchen, was damals in den 1970er-Jahren nicht einfach war. Alleinerziehende und geschiedene Frauen lösten zu jener Zeit zum Teil noch negative Reaktionen aus.
Wie war für Sie das Leben und der Alltag nach der Scheidung Ihrer Eltern?
Ich habe damals oft in meinem Zimmer geweint. Ich erinnere mich auch, dass ich sehr viel gelesen und draussen in der Natur und im Wald gespielt habe. Zudem hatte ich eine Freundin, deren Eltern sich auch scheiden liessen. Mit ihr ging ich durch dick und dünn.
Nach Ihrer Trauer ging das Leben weiter. Wie ging es mit Ihrer Familie weiter?
Meine Eltern suchten untereinander den Frieden. Sie tauschten sich weiter über uns drei Kinder aus. Obwohl ich bei meiner Mutter aufwuchs, hatte ich regelmässigen Kontakt mit meinem Vater. Das war für mich sehr wichtig, und die Wochenenden mit ihm waren ein Highlight. Mein Vater unterstützte meine Mutter in der Erziehung, vor allem auch als ich als Teenager Konflikte mit ihr hatte. Meine Mutter konnte ihm über die Schwierigkeiten mit uns Kindern berichten, und er hat oft schlichtend auf uns eingewirkt. Das gute Verhältnis zwischen meinen geschiedenen Eltern gab mir Halt.
Würden Sie sagen, dass die Scheidung Ihrer Eltern auch positive Auswirkungen auf Ihr Leben hatte?
Ich glaube, ich habe schon sehr früh gewusst, was ich wollte. Ich wollte selbstbestimmt sein und mein Leben in die Hand nehmen. Zudem habe ich von meiner Mutter früh gelernt, dass man Unstimmigkeiten nicht aussitzen soll, sondern darüber sprechen muss.
Wie erklären Sie sich, dass die Scheidung Ihrer Eltern nicht nachhaltige negative Auswirkungen auf Ihr Leben hatte?
Einen grossen Einfluss hatte bestimmt das gute Verhältnis zwischen meinen geschiedenen Eltern. Ein weiterer Faktor war, dass wir eine sehr offene Familienkultur pflegten. Meine Mutter und ihr neuer Partner hatten einen grossen Freundeskreis. Bei uns stand die Haustüre immer offen. Das galt auch für unsere Freundinnen und Freunde. Oft hatten wir zum Abendessen spontan eine paar Leute mehr am Tisch. Diese Offenheit und diese tolerante Lebenseinstellung haben mich sehr geprägt.
Frau L. war während des Gymnasiums in einem Austauschjahr in den USA. Nach der Matura studierte sie Rechtswissenschaften und reiste nach dem Lizenziat fast ein ganzes Jahr lang durch Südostasien. Später heiratete sie und gründete eine Familie. Diese Ehe scheiterte nach gut zehn Jahren. Frau L. musste als Mutter von drei Kindern eine neue Herausforderung meistern.
Sie leben heute mit einem Mann zusammen, der selber drei Kinder aus erster Ehe hat. Wie schaffen Sie es, neben Ihrer Tätigkeit als Rechtsanwältin in einer grossen Anwaltskanzlei diese Patchworkfamilie zu führen und daneben noch genügend für sich selber zu schauen?
Mein Leben ist in organisatorischer, aber auch in emotionaler Hinsicht sehr anstrengend. Umso wichtiger ist es für mich, dass ich mir immer wieder Zeit für mich nehme. Ich gehe einmal pro Woche im Wald joggen, im Sommer gehe ich fast jeden Tag im See schwimmen, ich praktiziere täglich meine Yogaübungen und meditiere. Ich brauche diese Inseln für mich. Es gibt aber auch immer Alltagssituationen, wo ich meine Ruhe finde. So geniesse ich es zum Beispiel sehr, nach einem hektischen Arbeitstag zu Hause zu kochen. Ich kann dann rasch und gut entspannen. Und wenn das Menü am Familientisch gemeinsam genossen wird, macht mich das glücklich.
Was ist die Grundlage, dass Ihre Patchworkfamilie gelingt?
Wir, d.h. mein neuer Partner und unsere Kinder, pflegen eine intensive Gesprächskultur. Wenn ein Konflikt oder eine Unstimmigkeit da ist, diskutieren wir darüber. Das ist nicht immer einfach und erfordert sehr viel Einsatz und Energie. Manchmal kommt es auch zu heftigen Auseinandersetzungen. Auch wenn die Lösung nicht immer greifbar ist, bleibt man in Bewegung, und oft entsteht dann etwas Neues, woran man gar nicht gedacht hat. Ich glaube, man darf nicht den Anspruch haben, man könne bei einer so grossen Familie allen Wünschen und Bedürfnissen gerecht werden. Das ist auch nicht das Ziel. Es ist ein Geben und Nehmen.
Hilft Ihnen Ihr positives Denken?
Ich habe schon einige Male in meinem Leben sehr schwierige Situationen erlebt, wo ich nicht mehr wusste, wie weiter. In solchen Krisen habe ich oft beim absoluten Tiefpunkt eine innere Kraft gespürt, die ich dann mobilisieren konnte. Irgendwie geht es immer weiter, und es kommt ganz darauf an, welche Seiten des Lebens man sehen will. Das bedeutet natürlich nicht, dass man die dunklen Seiten ausblenden soll. Ich versuche, mir meiner Gefühle immer bewusst zu sein und zwischenmenschliche Schwierigkeiten anzusprechen. Zudem hilft mir auch, dass ich sehr flexibel und unkompliziert bin.
Ist Flexibilität eine wichtige Eigenschaft für die Führung einer Patchworkfamilie?
Auf jeden Fall. Man darf sicher nicht auf etwas fixiert sein, weil man dann bestimmt enttäuscht wird. Das beginnt schon im Kleinen: Putzen kann ich auch, wenn es regnet, und die Rechnungen können auch einmal eine Woche zu spät bezahlt werden. Aber auch bei wichtigeren Dingen im Berufs- und Familienleben haben mir meine Offenheit und Flexibilität schon sehr viel geholfen. Das Leben kommt selten so, wie man es sich vorstellt.
Wie gehen Sie neben den verschiedenen Ansprüchen Ihrer Patchworkfamilie mit den Ansprüchen Ihres Expartners um?
Nach der Trennung war es mir sehr wichtig, dass die Beziehung zu meinem Expartner positiv weitergeht. Schliesslich wollen wir beide für die Kinder das Beste. Eltern, die sich streiten oder nicht mehr miteinander kommunizieren, tun in meinen Augen genau das Gegenteil. Es war uns beiden wichtig, dass eine Trennung, die für alle Kinder sehr schlimm ist, auch positiv verlaufen kann und dass die Kinder möglichst viel Zeit mit ihrem Papa und ihrer Mama verbringen können. Natürlich setze ich bei der Erziehung nicht immer die gleichen Schwerpunkte wie mein Expartner – und umgekehrt. Aber auch in diesem Bereich ist es doch viel entscheidender, dass ich spüre, wie wichtig für meine Kinder eine intensive Beziehung zu ihrem Vater ist. Da ist es doch nicht schlimm, wenn die Hausaufgaben mal vergessen gehen oder die Kinder von den Erlebnissen mit ihrem Papa totmüde sind. Frau L. macht eine Handbewegung zu ihrem Herzen. Bei solchen wichtigen Dingen bestimmt ganz klar mein Herz.
Wie die Cinderella Figur versucht auch Frau L. , sich vom Negativen zu distanzieren und ihre Kraft und ihr Glück bei der eigenen Quelle zu suchen. Frau L. scheint nicht auf ein Lebensideal fixiert zu sein. Vielleicht ist es genau diese Fähigkeit, die auch Cinderella den Weg ebnet, um mit den täglichen Herausforderungen und Pflichten umzugehen. Ziel soll sein, das Glück nicht von Äusserlichkeiten abhängig zu machen, sondern die eigenen Kräfte gewinnbringend einzusetzen. Frau L.s Selbstbestimmtheit fällt positiv auf. Resiliente Personen bewältigen schwierige Situationen, indem sie persönliche Ressourcen für sich positiv nutzen. Obwohl das Leben von Frau L. immer wieder anspruchsvoll und herausfordernd ist, wirkt sie sehr erfüllt.