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Emil Zbinden lebte und arbeitete von 1942 bis zu seinem Tod am 13. Dezember 1991 in der Berner Altstadt, bis 1963 an der Münstergasse 24 – die damals noch Kirchgasse hiess –, danach an der Brunngasse 60. Am 25-sten Todestag sind nun an beiden Liegenschaften Gedenktafeln enthüllt worden. An der Münstergasse würdigte Stadtpräsident Alexander Tschäppät Zbinden nicht nur als Künstler, sondern auch als integren politischen Kopf: «Was für uns Linke wichtig war: Zbinden hatte sein Herz politisch immer auf der richtigen Seite und bekannte sich klar zur Arbeiterschaft. Eine entsprechende Prägung erhielt auch das ländliche Leben, wenn er es darstellte. Er hat sich nie verleugnet und immer eine klare politische Haltung vertreten.»
Politisierung in der Weimarer Republik
Emil Zbinden wird in Niederönz bei Herzogenbuchsee geboren und kommt mit acht Jahren nach Bern, wo er die Schulen besucht und zwischen 1924 und 1928 eine Schriftsetzerlehre absolviert. Sein Lehrmeister ist Sozialist und macht ihn mit der Welt der Arbeiterbewegung bekannt. Ab 1928 lebt er als Setzer in Berlin und als Student an der renommierten Staatlichen Akademie für Graphische Künste in Leipzig. In diesen Jahren wird er, wie er später erzählt, «Zeuge riesiger Demonstrationen und blutiger Schlägereien zwischen Polizei, Sozialisten, Kommunisten und Nazis.» Vor allem «die Radikalisierung der politischen Situation» habe ihn 1931 zur Rückkehr von Leipzig nach Bern bewogen – nota bene mit dem Velo.
Es folgen Arbeitsaufenthalte in Bern, Zürich, Paris und Nizza. Seine ersten Berufsjahre als freier Künstler während der Weltwirtschaftskrise wird er später als seine «schwierigsten Jahre» bezeichnen. Als Soldaten der Schweizer Armee am 9. November 1932 in Genf 13 Demonstranten einer antifaschistischen Kundgebung erschiessen, hilft Zbinden tags darauf die antifaschistische Jugend Berns gründen. Zeitlebens bleibt er ein gewerkschaftsnaher Linker, ohne je einer Partei beizutreten. Karl Zbinden erzählt, sein Vater habe jeweils gesagt, er sei «ein Zbindianer: Künstler, die engagiert sind, haben in jedem Land Probleme.» Und, fügt seine Partnerin Katharina Zbinden-Bärtschi bei, gesagt habe er auch: «Alle Leute sollen die Kunst nicht nur verstehen, sondern auch erstehen können.» Auch deshalb habe er so viele Holzschnitte gemacht, die er günstiger habe abgeben können als gemalte Unikate.
Wenn man Emil Zbinden heute noch kennt, dann am ehesten deshalb, weil er zwischen 1936 und 1953 die 16-bändige Gotthelf-Ausgabe der Büchergilde Gutenberg mit insgesamt 911 Holzstichen illustriert hat. Später hat er sich dagegen gewehrt, damit die gute alte Zeit verherrlicht zu haben: «Gotthelf schildert vor allem Szenen aus der Arbeitswelt. Während des Krieges wurde mit Gotthelf gegen Hitler gekämpft.» Vor allem mit dem Illustrieren von Büchern hat Zbinden sein Geld verdient. Sein immenses zeichnerisches Werk und seine farbigen Arbeiten sind bis heute in der Öffentlichkeit nur wenig bekannt.
Die Realität der industriellen Arbeitswelt
Weil er nach der langen und intensiven Auseinandersetzung mit Gotthelf von der ländlichen Welt des Emmentals weg will, konfrontiert sich Zbinden seit 1950 mit der technischen Gegenwart. Zusammen mit den Kollegen Eugen Jordi und Rudolf Mumprecht malt und zeichnet er auf Kraftwerk-Baustellen an der Grimsel, später mit Jordi auch im Bergell (Albigna) und im Wallis (Zeusier). Eindrücklich sind nicht nur die Bilder, die er zurückbringt, berührend ist zum Beispiel auch diese Episode aus seinen autobiografischen Notizen: «Ein Arbeiter mit Herzinfarkt wird im Regen zur Seilbahn getragen. Ein Kamerad schützt seinen Kopf mit dem Helm. Er hätte mit sechzig Jahren nicht mehr hier oben arbeiten sollen, sagt einer. Unten, 700 Meter tiefer, wartet der weisse Ambulanzwagen.»
In den späten 1970 Jahren arbeitet Zbinden auf Einladung der Brown, Boveri & Cie. (BBC) mit weiteren Kollegen als Zeichner und Holzschneider in den grossen Werkhallen des Turbinen- und Lokomotivenbaus. «Zusammenfassend kann ich feststellen», notiert er, «dass mir dieses vielseitige Leben im Betrieb anregend war und ich keine Mühe hatte, darstellenswerte Motive zu finden. Im Gegensatz zur Landwirtschaft, wo sich die Tätigkeiten wiederholen. […] Warum gibt es in der Schweiz so wenig Darstellungen der Arbeitswelt?»
1985 schreibt Emil Zbinden, als «Gefühlsmensch und Gegenwartsseher» habe er sich als Künstler der Moderne nicht «für die ungegenständliche Richtung» entschliessen können, weil er stets gefunden habe, «dass der Mensch doch noch darstellenswert sei». Allerdings hat er, wie er in einem Interview 1974 sagt, sehr wohl Verständnis für die abstrakte und konkrete Kunst, «die Farbe und Form als an sich etwas Aussagendes entdeckt» habe: «Es ist eine notwendige Richtung, die mit der realistischen Kunst, wie ich sie ausübe, keineswegs im Streit liegen muss.»
Die Geschichte vom Spannteppich
Nachdem Emil Zbinden von der Kantonsverwaltung kurz nach dem Tod seiner jungen Frau an der Münstergasse gekündigt worden ist, zieht er mit seinem Sohn an die Brunngasse 60 in eine bescheidene Wohnung ohne Badezimmer. Studienreisen führen den unermüdlichen Zeichner in den folgenden Jahren nach Griechenland, Korsika, Italien und Frankreich. Daneben beschäftigen ihn weiterhin Motive aus der schweizerischen Arbeitswelt.
Nur mit Mühe können ihn sein Sohn Kari und seine Schwiegertochter Käthi davon überzeugen, zwei, drei bequeme Sessel zu kaufen und einige Jahre später in seine Wohnung neue Spannteppiche legen zu lassen. Am Morgen des 13. Dezember 1991 kommen die Teppichleger und werden Zeugen, wie Emil Zbinden zusammenbricht. Sie organisieren die Ambulanz und erhalten anschliessend vom Sohn den Auftrag, ihre Arbeit trotzdem zu machen. Wer wird denn gleich das Schlimmste denken? Während in seiner Wohnung der Teppich verlegt worden ist, ist Emil Zbinden noch auf der Fahrt ins Spital gestorben.