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Zum 80. Geburtstag von Karl Jaspers am 23. Februar 1963 hat sein Verleger Klaus Piper eine Festschrift mit dem Titel „Werk und Wirkung“ herausgegeben. Sie enthielt unter anderem Texte zur Jaspers-Rezeption in Frankreich, Italien und Japan, einen Beitrag über Jaspers und den Rundfunk sowie einen Bericht des Verlegers über die stetig wachsende, in steigenden Auflagen messbare Popularität seines Autors.
Nur zwei Jahre später äusserte Werner Schneiders in seinem Literaturbericht „Karl Jaspers in der Kritik“ erhebliche Zweifel an dieser Einschätzung. Er wies darauf hin, dass das Interesse beim breiten Publikum in der Tat sehr gross sein mag, bei den Philosophen vom Fach dagegen umso dürftiger ausfalle. Jaspers werde zwar gelesen, entfalte aber keine inhaltlich greifbare Resonanz. So unbestreitbar seine Wirkung auch sei, worin genau sie bestehe, bleibe merkwürdig unbestimmt. Schneiders fragte deshalb, ob man nicht vielmehr von einem „Werk ohne Wirkung“ sprechen müsse.
Für das Philosophieren von Jaspers ist es charakteristisch, dass beide Positionen gleichermassen zutreffen. Auf der einen Seite spricht es unmittelbar an: Es wendet sich an den Einzelnen und fordert ihn auf, er selbst zu sein, verzichtet dabei aber auf einen ethischen Rigorismus und sucht stattdessen durch existenzerhellendes Denken die Vielzahl menschlicher Möglichkeiten in die Schwebe zu bringen. Auf der anderen Seite verwehrt es den schnellen Zugriff: Es eignet sich nicht, in einer Lehre zusammengefasst und von einer Schule tradiert zu werden. Genauso wenig ist es theoriefähig in dem Sinne, dass es zu einem System allgemeiner, erkenntnisleitender Begriffe verdichtet werden könnte. Vielmehr erfordert es aufseiten des Lesers die Bereitschaft, sich immer wieder neu darauf einzulassen und vorübergehend eingenommene Standpunkte zu transzendieren.
Diese besondere Art philosophischen Denkens hat Jaspers bereits zu Lebzeiten das Vorurteil eingetragen, er scheue die Arbeit am Begriff. Obwohl der von ihm geleistete Begründungsaufwand enorm war, wurde seine Philosophie als irrational abgetan und als blosse Modeströmung verbucht. Dagegen hat sich Jaspers immer gewehrt. Als in den 40er-Jahren der Existenzialismus aufkam, distanzierte er sich aus Sorge, missverstanden zu werden, vom Begriff der Existenzphilosophie, den er in den 30er-Jahren selbst verwendet hatte. Er bezeichnete sein Denken nun als Vernunftphilosophie, versäumte es aber, gross angelegte Werke wie die „Philosophische Logik“, die diesen Anspruch einlösen sollten, zu vollenden. Sie sind Fragment geblieben und haben das herrschende Vorurteil eher verfestigt als aufgelöst.
Mittlerweile hat sich die Situation insofern verbessert, als durch die Nachlasspublikationen im Auftrag der Jaspers-Stiftung und die Tätigkeit der verschiedenen Jaspers-Gesellschaften die Beschäftigung mit Jaspers differenzierter und komplexer geworden ist. Die seit 2012 in Angriff genommene Gesamtausgabe wird, so darf man hoffen, ein Übriges tun, damit Jaspers endlich auch in der Philosophie die Resonanz erzeugt, die ihm gebührt.
In der fächerübergreifenden akademischen Öffentlichkeit dagegen hat Jaspers seinen Platz längst gefunden. Dort steht sein Name für ein Denken, das trennende Grenzen auf einen offenen Horizont hin überwindet und heute am ehesten mit den Attributen „transdisziplinär“ oder „transkulturell“ zu umschreiben wäre. Nach ihm sind Auszeichnungen wie der Karl-Jaspers-Preis und Einrichtungen wie die Karl Jaspers Vorlesungen zu Fragen der Zeit benannt.