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Vor zehn Jahren wurde Haiti von einem verheerenden Erdbeben erschüttert. Vier Überlebende berichten von den Narben und der Hoffnung.
Am 12. Januar 2010 nachmittags wurde Haiti von einem heftigen Erdbeben der Stärke 7,0 erschüttert. Die Zahl der Opfer ist unfassbar: 280‘000 Tote, 300‘000 Verletzte und 1,3 Millionen Obdachlose.
Zehn Jahre später tragen viele Überlebende noch immer die Narben dieses traumatischen Ereignisses. Obwohl ihnen die Angst vor einem erneuten Beben in den Knochen sitzt, halten sie mit entschlossenem Mut und grosser Hoffnung and ihrer Zukunft fest.
Wisnerly war erst 10 Jahre alt, als das verheerende Erdbeben ihr Haus erschütterte.
„Alle dachten, das Leben sei vorbei... Es war etwa 16.50 Uhr und ich sass an meinen Hausaufgaben. Meine Eltern waren nicht da.
Ich hatte riesige Angst, weil ich sie nicht verlieren wollte. Der Boden bebte, die Leute rannten umher. Sogar die Voodoo-Anhänger riefen Jesus um Hilfe, weil sie nicht verstanden, was geschah.
Nach dem Erdbeben sah ich meine Mutter und meinen Vater weinen und rufen: „Wisnerly, Wisnerly, wo bist du? Wisnerly, Wisnerly, wo bist du?“ Als ich sie sah, hatte ich keine Angst mehr“, sagte die junge Frau, die dieses Jahr zwanzig wird.
„Jeder dachte nach dem 12. Januar, das Leben sei vorbei“, sagt Pastor Gary von der John Wesley Church, zu dessen Compassion Kinderzentrum Wisnerlys gehörte.
„Ich hatte noch nie auf der Strasse geschlafen... Aber nach dem 12. Januar habe ich während fast drei Monaten auf der Strasse geschlafen, weil wir Angst vor den Nachbeben hatten. Wir wären in unseren Häusern nicht sicher gewesen.“
Compassion hilft beim Wiederaufbau
Nach dem Erdbeben besuchte Compassion Haiti sofort die Kinderzentren und sah nach den Patenkindern und Mitarbeitenden. Mehrere nicht zerstörte Kinderzentren wurden als Logistikzentren genutzt, um Wasser und Nahrungsmittel an die Überlebenden zu verteilen.
„Wir haben auch einige der Kinderzentren als Notunterkünfte genutzt, während Häuser und Unterkünfte für die Familien wieder aufgebaut wurden", sagt Dominique von Compassion Haiti.
Nicht alle Compassion Kinderzentren wurden verschont. Einige waren irreparabel. Nach dem Erdbeben und dank einer starken internationalen Mobilisierung baute Compassion Haiti 30 neue Gebäude nach internationalen Erdbebenstandards.
Eines der 30 neuen Compassion-Kinderzentren, die nach dem Erdbeben nach internationalen Erbebenstandards gebaut wurden.
„Wenn ein weiteres Erdbeben passieren würde“, sagt Marie, Leiterin eines Kinderzentrums, „wären die Kinder hier nun sicher. Das Gebäude ist stabil. Es hat hier alles, was sie brauchen. Das ist so gut zu wissen und macht mich dankbar.“
Heilung nach dem Trauma
Aber die eingestürzten Mauern sind nicht die einzigen Schäden, die durch die Katastrophe von 2010 verursacht wurden. Der Verlust von geliebten Menschen und die Erinnerung an die Gewalt des Bebens haben bei vielen zu schwerer posttraumatischer Belastung geführt. Compassion hat mehr als 9‘000 Haitianerinnen und Haitianer psychologisch betreut. „Nach dem Erdbeben hat Compassion Beratungen angeboten und Bücher an die Familien verteilt, um die Kinder zu lehren, wie sie mit dem Trauma umgehen können“, sagt Marie.
Zwei Freundinnen, Ashley und Jephte, spielen Schach in ihrem Compassion Kinderzentrum.
Zwei Freundinnen, Ashley und Jephte, spielen Schach in ihrem Compassion Kinderzentrum.
Zehn Jahre nach dem Erdbeben ist Compassion in Haiti immer noch präsent, und zwar nicht erst seit der Katastrophe, sondern schon lange vorher. Compassion arbeitet seit 1968 in diesem Land, das nach wie vor zu den ärmsten der Welt gehört.
Ein Luftbild von Haiti, das Narben trägt, aber mit Hoffnung vorwärts geht.
Mehr als 122‘000 Kinder erhalten täglich geistlichen Unterricht, Ernährung und Schul- oder Berufsausbildung durch die Partnergemeinden von Compassion. „Wäre Compassion nie in meine Region gekommen, hätten wir noch mehr Verwandte, Freunde und Nachbarn verloren. Compassion ist ein echtes Geschenk für uns“, sagte Marie.
Wie Wisnerly war Jesus zur Zeit des Erdbebens erst 10 Jahre alt. „Nach dem Erdbeben hat uns ausser Compassion und unseren Paten niemand geholfen“, erinnert er sich. „Ich möchte mich bei Compassion bedanken, weil sie mich in dieser schwierigen Situation sehr unterstützt haben. Vielen Dank!“
Zehn Jahre später sind die Narben in Haiti immer noch tief und sichtbar, ebenso wie der Hunger nach mehr Sicherheit und Stabilität in der Region.
Aber die lokale Gemeinde von Christus war, ist und wird auch weiterhin eine starke, unaufhaltsame Kraft sein, die eine Generation von Überlebenden wie Wisnerly und Jesus befähigt, vorwärts zu gehen - zuversichtlich und hoffnungsvoll.
Ausgangstext: Laura Phillips - Compassion Kanada / Fotos: Javier Elis