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Das Kosmos- und Raumfahrtfieber in der Sowjetunion zwischen Technikkult und soziale Utopien. Eine kulturwissenschaftliche Untersuchung
Die Idee des titanenhaften «Himmelssturms» und die damit verbundene, beinahe grenzenlose Begeisterung für den Kosmos und die Raumfahrt waren während der gesamten Sowjetzeit ein allgegenwärtiges Phänomen in Gesellschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik. Bereits in der Endphase des Zarenreichs und in den Jahren der Russischen» Ideen, die den Menschen aus den Fesseln der ungerechten, niederdrückenden Schwerkraft befreien und den Weg in den Kosmos bahnen sollten. Dahinter stand der Gedanke, dass es einer vollkommen freien, sozialistischen Gesellschaft gelingen werde, nicht nur die kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen zu beenden, sondern auch die hinderlichen Naturgesetze auszuhebeln, Raum und Zeit zu überwinden und somit eine grundlegend neue Welt, ein «Reich der Freiheit» (Marx/Engels), zu kreieren. Der göttlichen Schöpferkraft wurde die menschliche Fähigkeit zur Selbstvervollkommnung gegenübergestellt.
Die Beherrschung der Natur und die Eroberung des Kosmos – als der letzten frontier der Menschheit – nahmen einen zentralen Platz in den Ideen- und Vorstellungswelten vieler Denker und Forscher ein und fanden Ende der 1950er Jahre auch eine erste konkrete Umsetzung. Am 4. Oktober 1957 brachte man unter Nikita S. Chruščev den ersten «Sputnik» in eine Umlaufbahn um die Erde. Damit versetzte die Sowjetunion die Welt nicht nur in massloses Staunen, sondern in einen regelrechten «Sputnik-Schock». Als kurze Zeit darauf Jurij Gagarin am 12. April 1961 als erster Mann in den Weltraum flog und am 16. Juni 1963 Valentina Tereškova als erste Frau im All eine beachtliche Gender-Debatte in Ost und West lostrat, war der Welt mit diesen neuen sozialistischen Nachkriegshelden deutlich geworden, dass der Sowjetunion etwas gelungen war, wovon die Menschheit bisher nur träumen konnte. Die zahllosen Errungenschaften des sowjetischen Raumfahrtprogramms verhalfen der Sowjetunion zu einem entscheidenden Etappensieg im «neo-kolonialen» Wettlauf ins All.
In der historischen Forschung hat dieser Aspekt der amerikanisch-sowjetischen Systemkonkurrenz, das damit verbundene (atomare) Wettrüsten in Zeiten des Kalten Krieges sowie die Technikgeschichte der Raumfahrt – soweit es die Aktenbestände und die laufend wechselnden Archivgesetze zulassen – besonderes Interesse hervorgerufen. Bisher sind jedoch in der Forschung die utopischen Aspekte und die grosse gesellschaftliche Resonanz weitgehend unbeachtet geblieben. Innerhalb der sozialistischen Ostblockstaaten entstand ein regelrechtes Kosmos- und Raumfahrtfieber, das sich zu einer wirkungsmächtigen Utopie entwickelte, die Massen von Menschen zu begeistern vermochte –, vielleicht oder gerade deshalb, weil sie einen Gegenentwurf und eine eskapistische Gegenwelt zur tristen und harten Alltagsrealität schuf.
In diesem Forschungsprojekt wird der Versuch einer kulturwissenschaftlichen Annäherung an die sowjetische Kosmos- und Raumfahrtgeschichte unternommen. Im Vordergrund sollen hierbei drei Untersuchungsebenen stehen: Erstens die utopische Auslegung und kommunistische Instrumentalisierung der Raumfahrtthematik, zweitens die mediale Vermittlungspraxis der Sowjetführung wie sie heute noch im faszinierenden materiellen und visuellen Erbe der «kosmischen Ära» (Chruščev) erkennbar ist, und drittens die gesellschaftliche Rezeption und Erinnerung an das «goldene» Raumfahrtzeitalter.