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Tagebuch 2020, Woche 14: Käse – Konzerne – Homo economicus
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10. August – Käse
Gestern am Feuer, die Sonne war längst hinter dem Ruca Pichincha verschwunden, legte ich als Dessert ein Stück Käse auf den Löffel und hielt ihn in die Flammen. Klar, ich verbrannte mir die Zunge. Aber das Gefühl eines Walliser Raclette im Mund rechtfertigte diesen Akt des beschränkten Denkens.
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13. August – Konzerne
Vor zwölf Stunden habe ich mit der Mutter des Plantagenarbeiters Lenin telefoniert (wir berichteten), just einen Monat, nachdem dieser in einem Spital im Süden Ecuadors gestorben war. Panchita, wie die Frau genannt wird, berichtete über Lenins Jugendjahre, über seine Krankheiten und auch, wie er ab Mai starkes Fieber bekommen hatte und schliesslich zu ihr in die Pflege kam.
Ich erinnere mich an das Gespräch mit Lenin Anfang diesen Jahres. Wir standen auf einer Bananenplantage ausserhalb Machalas, zusammen mit knapp einem Dutzend junger ArbeiterInnen, Einzelne noch keine achtzehn Jahre alt. Es wurden Witze gerissen, Cola getrunken und etwas Kleines zur Zwischenverpflegung serviert. Die Jungs waren gutgelaunt, der Feierabend nahe. Auch Lenin sass in der Runde, er, der dünne, hagere Mann mit den eingefallenen Backen und den grossen Händen. Er fiel auf, weil er praktisch nichts sagte und kaum lachte. Doch als er auf meine Fragen zu seiner Arbeit antwortete, da schwiegen sie alle und hörten zu. Die Worte Lenins hatten Gewicht, und mit seinen dreissig Jahren gehörte er bereits zu den älteren in der Runde.
Als wir eine halbe Stunde später der Drahtseilbahn entlang schlenderten, Lenin ein paar aufgehackte Bananenhalden hinter sich herziehend, fragte ich ihn, ob er bereit wäre, mir detaillierter Auskunft zu seinem Leben zu geben, insbesondere, was die Arbeit in den Plantage angehe. Er wollte zunächst nicht, schwieg, sagte nein. Dann zögerte er wieder. Ich versuchte ihm, die Wichtigkeit seines Statements zu erklären, ihm klarzumachen, dass er dadurch die BananenkonsumentInnen im deutschsprachigen Raum sensibilisieren könnte, und er sich um seine Sicherheit keine Sorgen machen müsse, da alles anonymisiert werde. Lenin willigte schliesslich ein. Aus Sicherheitsüberlegungen kamen wir am Ende mit der NGO PublicEye, wo die Reportage zuerst publiziert wurde, zum Schluss, die Filmaufnahmen von Lenin nicht zu publizieren. Wir befürchteten, dass ihn seine farbigen Armbänder am Handgelenk verraten könnten.
Nun ist Lenin tot. Allerdings nicht auf Grund eines Anschlages auf ihn wegen Ausplaudern der hiesigen Geschäftspraxen, sondern wegen Krankheiten, an deren Ursprung die Strukturen der Agrarindustrie stehen.
Nach Einwilligung seiner Mutter und seines Arbeitgebers entschieden wir, das Video zu veröffentlichen. Auch deswegen hatte ich gestern mit Panchita gesprochen. Lange war sie gefasst, ruhig und klar. Erst als wir auf ihre finanzielle Situation zu sprechen kamen, brach sie in Tränen aus. Ihre Enkelkinder hätten damals im Juni die Untersuchungen Lenins finanzieren müssen, weil sie kein Geld mehr habe. Es ging um Röntgenbilder, Urin- und Bluttests. Ich hörte ihr zu und realisierte erst da, dass Lenins Tod ohne unsere Anwesenheit Anfang Jahr einfach passiert wäre – und zwar ohne, dass sich jemand darüber Gedanken gemacht hätte. Einer mehr auf der langen Liste der Menschen in Ecuador, auf deren Sterbeurkunde Covid-19 als Todesursache vermerkt ist. Doch dass Geschichten wie jene Lenins einen Hintergrund haben, eine Vorgeschichte mit Vorerkrankungen, und diese auf ein pervertiertes Produktionssystems zurückzuführen sind, an dem auch wir Konsumenten im Westen beteiligt sind, darüber wird nicht gesprochen. Lenin wird als Nummer in die Geschichte eingehen und nicht als Opfer von Pestiziden, deren Einsatz in der Schweiz längstens verboten ist.
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14. August – Homo economicus
Ich frage mich, wer Werbung wie jene vom 2. August in der Zeitung El Comercio zulässt. Da wird die angebliche Evolutionsgeschichte der Menschen nachgezeichnet, will heissen: vom Affen bis zum Handy bedienenden Konsumenten. Darunter der Titel: La nueva era de las compras – Die neue Ära des Einkaufens. Da ist als erstes der Affe, der seinen Blick nach unten richtet und sich mit seinem Körper nahe am Boden befindet. Sein Gang ist gebückt und wird erst so richtig aufrecht, als das Pictogramm eine Einkaufstasche in der Hand hält: quasi die Geburt des Homo Economicus. Der nächste schiebt bereits einen Einkaufswagen und trägt aus unerklärlichen Gründen eine Lanze mit sich. Dass er gen Himmel blickt, kann symbolisch gelesen werden: für den kopflosen Einkauf im Supermarkt.
Das letzte Bild dann zeigt einen Menschen unserer „Zivilisation“: gross, männlich und im Gegensatz zu allen anderen trägt dieses Piktogramm Kleider – Schuhe inklusive. Die oder der WerberIn muss sich auf einem schlechten Trip befunden haben, anders lässt sich nicht erklären, wie sie oder er auf solche Gedanken gekommen ist.
Als ich jünger war, hätte ich nicht ohne Stolz darauf hingewiesen, dass solch ein Malheur nur in der Werbebranche passieren kann, nicht aber im Journalismus. Heute hingegen, da journalistischer Inhalt bei grossen Medienhäusern mit Marketing durchsetzt ist – manchmal mit ähnlich abstrusem Inhalt –, bleibt mir nichts anderes übrig, als wegzuschauen oder mir bei Bedarf den Finger in den Hals zu stecken.
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16. August – Umarmung
Ich habe das Gefühl, meine Menschlichkeit zu verlieren. Zu lange sind wir schon isoliert, zu lange abgeschnitten vom Leben. Dabei ist der Mensch ein soziales Wesen. Das mag ein Binsenwahrheit sein, doch angesichts der sich digitalisierenden und damit weiter individualisierenden Gesellschaft lohnt es sich, darauf hinzuweisen.
Ich habe in den vergangenen Tagen an verschiedenen Mingas teilgenommen, sowohl in- als auch ausserhalb Quitos. Wir haben Erdtreppen gebaut, neue Beete für die Aussaat angelegt, sowie ein Gewächshaus aus Lehm aus dem Boden gestampft (wir haben berichtet). Nach Wochen des Eingesperrtseins hatte ich zuletzt täglich Kontakt mit anderen Menschen, die nicht Marizu heissen. Ich habe neue Leute kennengelernt, endlich wieder einmal Bekannte umarmt und Unbekannte mit einem Kuss begrüsst. Es waren kurze Momente der körperlichen Nähe, die meinem Dasein neuen Schwung verliehen haben.
Ich sage seit Beginn der Pandemie, dass soziale Distanz gegen die menschliche Natur geht und damit gesundheitliche Konsequenzen nach sich zieht, die wir erst in ein paar Wochen oder Monaten erkennen werden. Eine Umarmung ist oft die beste Medizin, besser jedenfalls als chronisches Isoliertsein. Dabei sollte man sich gerade in Europas Norden bewusst sein, welche Folgen Einsamkeit hat. Grossbritannien hat seit 2018 sogar ein eigenes Ministerium dafür, das Ministery of Loneliness. Doch was sich derzeit abspielt, potenziert dieses Problem nur noch. Schritt für Schritt vereinsamen wir ein bisschen mehr und geben uns alleine vor unseren Computern, Handys und Fernsehern der Illusion hin, dass wir nicht alleine sind. Schöne moderne Welt!
Doch wir brauchen das gemeinsame Mittagessen, das gemeinsame Schwimmen im See, das gemeinsame Bier trinken sowie das Fussball- und Tischtennis spielen oder das Tanzen. Wir verlieren ein Stück unserer Natur, wenn wir nur noch digital mit anderen in Kontakt treten.
Ich muss gestehen, dass für mich diese „neue Normalität“ keinen Sinn macht – nicht einmal als Rechtfertigung dafür, dass sich besagte Krankheit dadurch nicht weiter ausbreiten soll. Kinder, wir brauchen euch draussen auf der Strasse, in den Wäldern und auf dem Bergen! Nur so können wir in Kontakt mit den Menschen und damit unser eigenen Menschlichkeit treten, Stichwort Hilfsbereitschaft, Mitleid, Wohlwollen, Milde, Nächstenliebe oder Toleranz. Ansonsten treten wir sie Schritt für Schritt ab, und merken es erst, wenn wir hart wie der Bildschirm unseres Computers im Bett liegen, trotz Schafen zählen kein Auge zubringen und uns damit den Kontakt zu anderen Dimensionen definitiv verbarrikadieren.
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