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Nach der erfolgreichen aber mühsamen Visa-Schlacht in Bischkek war es wieder Zeit für einen Ausflug in die wunderschöne kirgisische Natur. Per Marschrutka liessen wir uns zum Yssykköl See kutschieren.
Der Yssykköl ist der grösste See in Kirgistan (mehr als zehnmal so gross wie der Bodensee!), und liegt auf 1600 Metern umringt von hohen Bergen. Der See besitzt keinen Abfluss und hat deshalb einen leicht erhöhten Salzgehalt, weshalb er auch im Winter nie gefriert (Yssykköl bedeutet “heisser See”).
Früher nutzten die Sowjets die Abgeschiedenheit dieser Region, um im See ungestört Torpedos zu testen, und im umgebenden Gebirge Uran abzubauen. Überbleibsel aus dieser Zeit sind eine russische Torpedo-Forschungsstation in Karakol, von der man nicht so recht weiß ob sie noch in Betrieb ist, sowie einige Schlammseen mit radioaktiven Abfällen aus dem Bergbau, welche in den Yssykköl zu lecken drohen (Eines der grössten Probleme welches Kirgistan von der Sowjetunion geerbt hat).
Die Marschrutka spukte uns in Cholpon-Ata aus, einem Städtchen am Nordufer des Yssykköl. Hier verbrachten zu Sowjetzeiten tausende Touristen ihre organisierten Massensommerferien, was man an den etwas lieblos hinbetonierten Sanatorien und Hotels erkennen kann. Heute dient die Stadt dem (“demokratisch gewählten”) kirgisischen Präsidenten als Sommerresidenz, und vielen jungen Kasachen und Russen als Ibiza-Ersatz.
(Un)Glücklicherweise kamen wir genau einen Tag vor Saisoneröffnung an: In der ersten Imbissbude, in welche man uns mit viel Charme und gutem Zureden hineingelockt hatte, wollten wir eigentlich was zu Essen bestellen. Es stellte sich aber irgendwann heraus, dass nichts von der Speisekarte erhältlich war, ausser Tee. Wir wurden aber sehr herzlich eingeladen, während der Saison (morgen) wieder zu kommen.
Wir verzichteten, und fuhren am nächsten Tag weiter nach Karakol. Ein weiteres verschlafenes und leicht heruntergekommenes Sowjet-Städtchen (genau nach Samuels Geschmack), das als Ausgangspunkt für Trekkingtouren ins Tian Shan Gebirge dient. Und genau dies hatten wir vor. Da die interessantesten Routen aber bis auf 3700 Meter über Meer führen, waren wir auch hier noch ein bisschen zu früh dran, und mussten uns mit einer Wanderung zum “Basislager” Altyn Arashan begnügen.
Altyn Arashan ist ein abgeschiedenes Bergtal auf etwa 2400 Metern über Meer. Der Name bedeutet “Goldenes Heilbad”, und beschreibt die Besonderheit des Ortes: Eine Reihe von heissen Quellen die aus dem Berg sprudeln. Hier konnten wir beim russischen Abenteurer Vladimir übernachten, und unsere untrainierten Wandermuskeln im spektakulären Schwefelbad unter freiem Himmel entspannen.
Leider mussten wir die schönen Berge schon am nächsten Tag wieder verlassen, und uns auf den langen Weg zurück nach Bishkek und von da aus weiter in Richtung Usbekistan aufmachen. Und dies ohne einmal in einer Jurte übernachtet zu haben und auf einem Pferd geritten zu sein. Aber das werden wir nachholen, denn dies war nicht unser letzter Besuch in Kirgistan!
In der Sowjetunion gehen auch Lastwagen bergwandern.
Nach Bischkek geht man, um die Weiterreise zu organisieren. In der einreisetechnisch eher schwierigen Umgebung ist Kirgistan ein kleines Paradies: Reisende aus über 44 Ländern können ohne Visa einreisen. Daher trifft sich die ganze Meute in Bischkek um Passfotos zu machen, Formulare auszufüllen und vor allen möglichen Botschaften Schlange zu stehen.
So durften auch wir die eine oder andere Erfahrung machen mit der Bürokratie fremder Länder… Wir lernten:
• dass man sein Chinavisum besser nicht hier organisiert, ausser man sichert sich die Dienste von Miss Liu, die allerdings nicht ganz billig sind.
• dass man mit einem Einladungsbrief das usbekische Visum in einer halben Stunde bekommt.
•dass man ohne Einladungsbrief während einer Woche täglich auf der usbekischen Botschaft anrufen muss, um nachzufragen, ob man das Visum schon bekommt.
•dass alle Bürokratien zuerst zwei Passfotos verlangen und dann doch nur eines benötigen.
•dass gewisse Engländer “Visa-Beantragungs-Hosen” besitzen und darauf schwören, dass damit alles viel einfacher und schneller geht.
•dass die chinesische Botschaft vor ein paar Jahren von einem Tag auf den anderen beschloss keine Visa mehr auszustellen und die Reisepläne etlicher Touristen durcheinander brachten.
• dass ein amerikanischer Pass das Reisen um einiges teurer und komplizierter macht.
•und schliesslich, dass es immer hilft wenn man freundlich und geduldig ist.
Nebst dem ganzen Papierkram bietet Bischkek auch Geldautomaten, die Dollars rauslassen, viele Grünflächen, sehr liebe Leute, nette kleine Restaurants, viele Marschrutkas, erstaunlich viele Gumpischlösser für Kinder, freundliche, passkontrollierende Polizisten, unebene Trottoirs, feines Brot und noch besseres Bier, viele aus Deutschland importierte alte Lieferwagen und noch ältere sowjetische Lastwagen, Miniröcke und Kopftücher, bellende Hunde, Ende Mai ein angenehmes Klima und sehr saubere Hostels.
Nach vier Tagen hatten wir alle nötigen Visa beieinander und gönnten uns einen Ausflug zum zweitgrössten Bergsee der Welt dem Issik Köl.
Naryn erfüllte innerhalb kürzester Zeit alle unsere Erwartungen an Kirgistan: Berge, wilde Pferde, Wodka und Sowjetunion. Bei einer Wanderung in den umliegenden Bergen trafen wir auf die wilden Pferde, den Wodka am Abend als wir zu DJ Antoines Klängen ein paar neue Freundinnen fanden. Die Sowjetunion zeigte sich beim Herumspazieren in ihrer vergangenen Pracht: sozialistische Parolen, Hammer und Sichel, rostige Ladas und Plattenbauten.
Von Naryn aus ging’s auch auf einen kleinen Ausflug nach Tasch Rabat (steinerne Herberge auf kirgisisch). Tasch Rabat ist ein ehemaliges nestorianisches (und/oder buddhistisches, je nach Quelle) Kloster das später als Karawanserei der Seidenstrasse diente.
Nach der Besichtigung der Gaststätte und dem dankbaren Gefühl darüber, dass sich die Qualität der Beherbergung in den letzten paar Jahrhunderten erheblich gesteigert hat, wanderten wir los die Umgebung zu erkunden.
Nach diesen paar Tagen Erholung in den Bergen, war es an der Zeit diverse Botschaften in Bischkek auszuprobieren.
Zeit China zu verlassen, Zeit den Essstäbchen abzuschwören und sich dem Schaschlik zuzuwenden.
Es gibt zwei Möglichkeiten Kashgar in Richtung Kirgistan zu verlassen: den Irkeshtam Pass, der nach Osch im Ferghanatal führt und den Torugart Pass, welcher nach Naryn im Norden führt.
Wir wussten schon lange, dass wir lieber über den Torugart reisen möchten, da spektakulärer und auf direkterem Weg zum Visaparadies Bischkek. Nur erwies sich dies als komplizierter als anfangs gedacht. Denn eigentlich wollen weder die Chinesen noch die Kirgisen Touristen dort haben. Man darf nur mit Tourguide, Spezialchauffeur und Bewilligung über den Pass und die Passnummern müssen vorher in Bischkek angemeldet werden. Das alles macht die Reise entsprechend teuer. Nachdem eine australische Reisegruppe im besten Alter uns ums Verrecken nicht mitnehmen wollte, fanden wir ein spanisch-französisches Pärchen, das die
Kosten mit uns teilen wollte. Im letzten Moment gesellte sich noch eine Koreanerin zu unsremTorugart-Reisegrüppchen.
So packten wir unsere Rucksäcke, liessen das sandstürmige 30-grädige Kaschgar hinter uns und fuhren durch die Wüste langsam den Pass hoch. Vorbei an etlichen Checkpoints erreichten wir schliesslich die Grenze auf Passhöhe auf 3752 m im Schneesturm bei -4°C. Wir verabschiedeten uns von unserer chinesischen Reisebegleitung, zu der sich für die letzten Kilometer auch noch ein Grenzsoldat gesellt hatte, und überschritten die eigentliche Grenze im eisigen Schneegestöber. Unser kirgisischer Fahrer wartete zum Glück schon auf der anderen Seite. Eine kurze Autofahrt durch eine unwirkliche Winterlandschaft führte zum kirgisischen Grenzposten, wo eine goldbezahnte Grenzbeamtin uns ruck zuck in Kirgistan einstempelte: добро пожаловать!
Ein paar Autostunden später, einige Höhenmeter tiefer und einige Grad wärmer landeten wir an unserem Ziel: Naryn.
Wie ihr vielleicht inzwischen bemerkt habt, waren wir sehr gerne in China unterwegs. Land und Leute waren sehr freundlich und lustig. Wir würden beide sehr gerne wieder kommen und noch den einen oder anderen Ort bereisen, den wir leider nicht gesehen haben oder auch noch einmal sehen würden. Hier noch ein paar Dinge, die wir zum Thema China nachtragen möchten:
China ist anders als wir erwartet haben:
Der Lebensstandard in China ist im Allgemeinen deutlich höher als in Südostasien. Vor allem in den Städten. Es kann also durchaus passieren, dass man aus dem modernen Schnellzug einen Eselkarren erblickt.
Bisher hatten wir noch nie etwas von “staubigem Wetter” gehört. Zum ersten Mal konnten wir es in Peking erleben. Dabei handelt es sich nicht, wie man vermuten könnte um Luftverschmutzung, sondern um Sandstürme aus der Wüste, welche immer weiter Richtung Peking vorrückt
Ungewohnte, für uns nicht sehr appetitliche Dinge:
Chodere: überall immer mit den dazugehörigen Geräuschen. Nein man gewöhnt sich auch nach zwei Monaten nicht daran und ja es ist ein bisschen gruisig.
Wo wir gerade bei den gruisigen Sachen waren: Nagelschneiden scheint in der Öffentlichkeit kein Problem zu sein, und insbesondere in Zügen und in Wartesälen an Bahnhöfen wird dieser Tätigkeit gerne nachgegangen.
Gruisig Nummer drei: Im Zug von Xi’an nach Ürümqi wacht Samuel auf, als ein kleines Mädchen gerade dabei ist, in den Abfallkübel neben seinem Kopf zu kacken…
Ok letztes gruisig: kleine Kinder tragen meist keine Windeln, sondern Hosen mit Löchern drin – daher die gelegentlichen unerklärlichen “Wasserlachen” im Metrowagen.
Der Chinesische Staat der harmonischen Volkseinheit:
Unsere erste Interaktion mit dem chinesischen Staat war natürlich der Grenzübertritt von Vietnam nach China. Kaum eingestempelt wollte ein übereifriger Beamter unser Gepäck genauer untersuchen und wurde fündig: wir hatten den Lonely Planet Reiseführer für China dabei – wie subversiv! Dieser wurde sogleich konfisziert. Da besagter Beamter kein Englisch sprach, zeigte er auf eine Seite im Reiseführer. Dort stand, dass das Buch ab und zu beschlagnahmt wird, da Taipeh (Taiwan) auf der Karte als Hauptstadt eingezeichnet ist. Nun denn, wir überstanden die Busfahrt nach Kunming auch ohne Lonely Planet und kauften uns dort einen neuen (so sehr verboten ist er, dass man ihn in den Buchhandlungen kaufen kann).
Auch das chinesische Internetz wird wie allseits bekannt vom Staat gelenkt und überwacht. Dass ausserchinesische Internet erreicht man nur durch den “Goldenen Schild”. Begründet wird die Internetzensur mit den üblichen Phrasen in solchen Fällen (zum Beispiel Schutz der Kinder etc. siehe Grossbritannien).
Nebst dem Nichterreichen von bei uns populären Webseiten wie Youtube und Facebook bietet das chinesische Internet noch eine ganz andere Besonderheit. Wie allseits bekannt sein dürfte, wird in China anders mit Urheberrechten umgegangen als bei uns. Viele Serien und Filme sind auf dem chinesischen Youtube in voller Länge und in bester Qualität zu finden – vorausgesetzt man hat eine chinesische IP Adresse und verfügt über genügend Chinesisch-Kenntnisse. Uns wurde gesagt, dass deshalb viele im Ausland wohnende Chinesen ein VPN nach China haben. Übrigens umgehen Chinesen und in China Wohnende die Firewall routinemässig per VPN.
Das Wirtschaftswachstum Chinas sieht man in erster Linie an der ausgiebigen Bautätigkeit. Sowohl Wohnhäuser als auch Autobahnen und Eisenbahnstrecken werden mit einer unglaublichen Geschwindigkeit gebaut. So schnell, dass sogar die lokalen Taxifahrer nicht wissen, wo jetzt die Auffahrt auf die neue Autobahn ist. Auch sonst wird ein riesiger Aufwand in die Infrastruktur gesteckt.
Etwas komisch ist es schon mit in der Schweiz gekauften Dingen in China herumzulaufen und daran zu denken, dass ein Grossteil unserer Besitztümer zumindest in Teilen schon einmal in China war. Die unzähligen Fabriken, die unsere Dinge des täglichen Gebrauchs herstellen sind auf der Durchfahrt durch unansehliches Gebiet überall zu erblicken.
Seit einigen Jahren scheint es einen regelrechten Boom von Elektromotorrädern zu geben. Wir haben gehört, dass man für ein solches Töffli in Normalausstattung nicht mehr als 300 Fr. zahlt. Bei uns wird ja die Version “Elektrovelo” verkauft, z.B. der Stromer – in China sicher weder Mainstream noch Trendsetter. Das Motorrad kann überall wieder aufgetankt werden – und Chinesen auf Motorrädern verstopfen die Strassen weniger als Chinesen in Autos.
Tourismus in China
Typisch chinesisch ist es, die Eintrittshalle zu einer Attraktion ca. zwei Kilometer weg von der Sehenswürdigkeit aufzustellen. Somit kann noch zusätzlich ein Bilett für das Touristenzügli verkauft werden, denn chinesische Touristen bewegen sich nie mehr als nötig.
Die Hostel- und Hotelzimmer haben oft ein sehr kleines Badezimmer (shit-shower-shave-arrangement).
Chinglish: So wird die Sprache genannt, welche benutzt wird um uns dummen nicht-chinesisch-lesenden Touristen über das Wichtigste zu informieren. Dabei handelt es sich um eine direkte Übersetzung der chinesischen Schriftzeichen (nehmen wir an). Es ist auf jeden Fall sehr charmant.
Aufgefallen ist uns auch, dass der chinesische Staat eine ganz genaue Idee davon hat, wie eine tourismisierwürdige Altstadt auszusehen hat (so wie Lijiang). Also werden Orte, die das Potential dazu haben, eine berühmte Tourismus-Stadt zu werden umgebaut. So wurde die gesamte Altstadt von Kaschgar komplett abgerissen und neu gebaut, mit den chinesischen Standardziegelsteinen Version “orientalische Oasenstadt”.
Die Chinesen
In allen Städten, die wir besucht haben gibt es mindestens einen “Park des Volkes”. Am Abend finden sich die Leute zum Tanzen ein:
Aber auch zum Spielen (Mahjongg vor allem), Drachen steigen lassen oder einfach zum Zusammensein geht man Abends in den Park. Morgens wird im Park Tai Chi geübt – vor allem die alten Leute erwiesen sich als weitaus beweglicher als Samuel.
Traditionellerweise gibt es Chinesen die zwei Walnüsse in ihren Händen drehen. Dadurch wird die Durchblutung gefördert und das Walnussöl ist gut für die Haut. Beliebt sind insbesondere Walnüsse die möglichst gleich aussehen. Die Walnusspaare werden über Jahre so bearbeitet, bis sie glattgeschliffen sind und sich nur noch ein feines Muster an der Oberfläche zeigt. Inzwischen gibt es Sammler, die ein Vermögen für Walnusspaare ausgeben. Auch gibt es Leute die Walnusspaare noch mit der grünen Schale kaufen in der Hoffnung, dass sie besonders ähnlich aussehen, dies als eine Art Glücksspiel .
Schlange stehen ist in China etwas ganz Besonderes. Bei uns herrscht irgendwie der Konsens, dass man sich hinten anstellt- nicht so in China – hier ist alles erlaubt. Zur Veranschaulichung hier eine Grafik einer Schlange, welche das Anstehen zum Einsteigen in den Zug darstellt.
Anscheinend ist es für viele Chinesen immer noch ungewöhnlich westliche Touristen zu sehen. Gemessen an der Anzahl Fotos die heimlich oder weniger heimlich von uns gemacht wurden, schätzen wir, dass wir inzwischen im chinesischen Facebook berühmt sind.
Regeln werden im Allgemeinen eher als Empfehlungen interpretiert. Wir haben da eine Theorie, wonach in Ländern in welchen der Staat es mit nichtnachvollziehbaren Vorschriften übertreibt, die Menschen sich auch nicht mehr an die vernünftigen Regeln halten.
Wir wurden meist freundlich willkommen geheissen und die Leute waren ehrlich an uns interessiert. Dies haben wir sehr genossen und würden beide sehr gerne wieder nach China kommen. Sei es nur um von allen Richtungen ein freundliches “Hello” zu hören. Auch wenn die Kommunikation nicht immer einfach ist (zum Beispiel mit dem chinesischen Poeten von Kunming nach Guangzhou), so wird doch mit Händen und Füssen mitgeteilt, woher man kommt und was man macht.
Danke China für alle die schönen Erlebnisse und alle Leute, die wir da getroffen haben. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen!
Anstatt nach Kirgistan weiter zu reisen entschlossen wir uns spontan für einen letzten, dreitätigen Abstecher von unserer Route in China, von Kashgar bis an die Grenze Pakistans.
Die abenteuerlustige Reisegruppe bestand neben unserer Wenigkeit aus einem weiteren Päärli aus der Schweiz, die wir schon in Südchina angetroffen haben, sowie zwei finnischen Bilderbuch-Szenis aus Peking/Helsinki, die an einem “Social Media Projekt” arbeiteten (Wie sich herausstellte, ist das Hipster-Sprech für “Fotos und Videos machen und die dann auf Facebook laden”).
Die Tour führte uns entlang des Karakorum Highway zunächst in das Städtchen Tashkurgan, welches schon vor tausend Jahren ein wichtiger Stop für die Karawanen auf der Seidenstrasse war. Heute ist davon nur noch die Ruine einer alten Festung zu sehen, die das oasenähnliche Tal überblickt. Die Stadt liegt im “autonomen Gebiet der Tadschiken”, eine der vielen Minderheiten in China.
Die Bemühungen der Regierung, das Gebiet den chinesischen Touristenmassen schmackhaft zu machen, scheinen bisher genau so wenig zu fruchten wie in Kashgar. Von den ernstgemeinten Absichten zeugen jedoch riesige Parkplätze, hunderte leere Souvenirstände, und sogar ein Touristenzügli!
Eine Nacht wollten wir eigentlich in einer Jurte am Karakul See verbringen. Ein weiteres Beispiel wie inkompatibel das chinesische Tourismusangebot mit den Ansprüchen von uns Westlern manchmal ist: An einer Stelle des Bergsees gibt es einen Parkplatz mit zwanzig halbzerfallenen Souvenirständen, und einem betonierten Pfad der hundert Meter in beide Richtungen dem See entlang führt. Um dieses tolle Angebot benutzen zu dürfen, wird natürlich Eintritt verlangt. Achja, und die “Jurten” sind aus Beton! Wir verzichteten dankend und genossen den See zwei Kilometer weiter ganz ohne zivilisatorischen Luxus.
Am zweiten Tag ging unsere Fahrt weiter bis zur Passhöhe des Khunjerab-Passes auf fast 4700m. Hier befindet sich auch die Chinesisch-Pakistanische Grenze, und weil weit und breit kein Pakistani zu sehen war weil sie im Niemandsland zwischen den beiden Grenzposten liegt, durften wir sogar kurz auf die andere Seite!
Der eisige Wind liess uns aber relativ bald wieder ins warme Auto fliehen, und nach einer längeren Odyssee zurück nach Kashgar waren wir nun definitiv bereit für unser erstes “stan” – Kirgistan!
Kaschgar liegt in der hintersten Ecke Chinas und etwa gleichweit von Istanbul wie von Peking entfernt. Die Oasenstadt war ein wichtiger Verkehrsknoten der Seidenstrasse und ist dies auch heute noch – von hier aus führen zwei Strassen nach Kirgistan (über den Irkeschtam und über den Torugart Pass) und hier ist der Endpunkt des Karakorum Highway, der Verbindungsstrasse zwischen China und Pakistan über den Khunjerab Pass. Für uns die letzte Station in China und eine erste Erfahrung Orient.
Leider wird zur Zeit die Altstadt “lijiangisiert” – d. h. die jahrhundertealten Gebäude werden abgerissen und durch das ersetzt, was sich der chinesische Staat als orientalische Oasenstadt vorstellt. Für die Leute vor Ort heisst das, dass die meisten in Hochhäuser ziehen, und zusehen müssen wie die Bagger ihre Lehmhäuschen niederreissen. Begründet wird diese Aktion damit, dass der Tourismus gefördert werden soll. Wir haben unsere touristischen Aktivitäten dadurch nicht besonders gefördert gefühlt, aber die chinesischen Touristen ticken da bekannterweise anders.
In der Nähe von Kaschgar befindet sich mitten in der Wüste ein natürlicher Steinbogen (Auf afrikanisch “hole in the wall“), der (natürlich) der grösste der Welt sein soll. Grund genug für Samuel und Nathalie dorthin zu gehen. Interessant an dem Steinbogen ist auch dessen Geschichte. Obwohl den Eingeborenen längst bekannt, wurde der Bogen vom englischen Abenteurer Eric Shipton 1947 “entdeckt”. Der vergass jedoch eine genaue Wegbeschreibung zu hinterlassen, sodass der Steinbogen erst 2000 von einem National Geographic Team “wiederentdeckt” wurde.
Heutzutage steht der Steinbogen in jedem Reiseführer der Gegend und das ehrwürdige Chinesische Ministerium für den Massenvolkstourismus ist gerade dabei, aus der Wildnis eine stöggelischuhgängige Attraktion zu bauen. Nebst dem imposanten Steinbogen (Die Wanderung dahin kostet jetzt schon Eintritt), haben wir also auch die ameisenfleissigen Bauarbeiter bewundern können, und der Soundtrack zum Naturspektakel lieferte der knatternde Generator für die Baumaschinen.
Die Hauptattraktion Kaschgars ist der sonntägliche Viehmarkt. Die Bauern der umliegenden Dörfer packen früh Morgens ihre zum Verkauf stehenden Tiere auf alle möglichen motorisierten Fahrzeuge und tuckerln zum Markt. Dort wird vorgeführt, untersucht, gefeilscht und auch gleich gemetzget. Der Viehmarkt von Kaschgar ist der grösste der Gegend und dementsprechend berühmt- auch unter Touristen. So mischten wir uns unters Volk, kauften keinen Esel und beobachteten das geschäftige Treiben eingeklemmt in einer Schafherde. Für die sensiblen Vegetarierseelchen muss der eine oder andere Anblick an diesem Markt schwer zu ertragen sein- für die hartgesottenen Karnivoren gibt es hier das frischeste Fleisch zu essen. Für uns gab es das eine oder andere Fotosujet und eine Lektion in die Ökonomie des Fleisch- und Tiermarktes.
Nach diesem erlebnisreichen Morgen fuhren wir zurück in die Stadt zum vegetarischen Zmittag.