Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03450.jsonl.gz/1776

Da die LifE-Studie auf der Konstanzer Jugendstudie und die darin geleistete differenzierte Beschreibung der Adoleszenz aufbauen konnte, gab jene auch die Themen und Fragen vor, die an eine Fortsetzung ins Erwachsenenalter zu richten waren.
Im Mittelpunkt der Jugendstudie stand die Frage nach den psychischen und sozialen Entwicklungsverläufen in der Adoleszenz und nach den Voraussetzungen einer produktiven bzw. beeinträchtigten Bewältigung von altersspezifischen Entwicklungsaufgaben. Die Wiederbefragung im Jahr 2002 knüpfte im Kern an diese Fragestellung an, erweiterte sie aber lebensgeschichtlich bis ins Erwachsenenalter. Eines der wichtigsten Ziele der Fortsetzungsstudie war es dabei, theoretisch etablierte, aber bezogen auf ihre prognostische Validität noch ungenügend geprüfte Annahmen zu den langfristigen Auswirkungen von bestimmten Schutz- und Risikofaktoren im Jugendalter einer Prüfung zu unterziehen. Für alle Lebensbereiche standen zudem Fragen der Kontinuität und Diskontinuität von Entwicklungsverläufen sowie der Desistenz und Inzidenz von Problemlagen bei Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter vor dem Hintergrund unterschiedlicher personaler und sozialer Ressourcen im Zentrum des Interesses.
Ein weiterer Fokus der Folgestudie stellte die Vorhersage der Lebensbewältigung im frühen Erwachsenenalter dar. Wenn Daten zum Erwachsenenalter vorliegen und man weiß, was geworden ist, dann lässt sich rückblickend die Frage stellen, wie es zur Situation im Erwachsenenalter kommen konnte. Wie lässt sich z.B. erklären, dass junge Erwachsene eine befriedigende Partnerbeziehung führen oder sich scheiden lassen, depressiv oder hoch zufrieden mit ihrem Leben sind? Welche personalen Voraussetzungen und sozialen Kontextbedingungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter führen beispielsweise zu einer hohen Berufsmotivation und zu einer erfolgreichen beruflichen Integration?
Die LifE-Studie versuchte somit, mit dem Blick nach vorne (Was ist aus den Jugendlichen geworden?) und dem Blick zurück (Wie sieht die Vorgeschichte der Erwachsenen aus?) die wichtigsten Entwicklungspfade von der späten Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter zu beschreiben und zu erklären. Vier übergeordnete Themenbereiche ließen sich dabei durch die Verbindung der Daten aus dem Jugend- und dem Erwachsenenalter bearbeiten, wobei sich für jeden Themenbereich eine Vielzahl an Fragestellungen ergab.
Ausbildungs- und Berufswege
Im beruflichen Bereich ging es darum, die große Vielfalt an Wegen von der schulischen Ausbildung bis in den späteren Beruf nachzuzeichnen. Wir konnten dies von den ersten Berufswünschen mit 12 Jahren bis zur beruflichen Position mit 35 Lebensjahren tun. Es sollten dabei nicht nur die günstigen Bedingungen der beruflichen Entwicklung, sondern auch die Risiken auf dem Berufsweg ermittelt werden. So können Berufswege Phasen der Arbeitslosigkeit, berufliche Umorientierungen sowie die Notwendigkeit von Mehrfachausbildungen enthalten und in unterschiedlich stabile Verhältnisse ökonomischer Unabhängigkeit oder Unterstützungsbedürftigkeit münden. Da Frauen und Männer häufig über unterschiedliche Ressourcen und Opportunitäten für den beruflichen Erfolg verfügen, war es immer auch ein Ziel der Studie, geschlechtstypische Besonderheiten herauszuarbeiten.
Aus soziologischer Perspektive interessierte im Rahmen der Studie besonders die Bedeutung der Schule und der sozialen Herkunft für den beruflichen Erfolg, weil die schichtspezifische Reproduktion des sozialen Status - vermittelt über die Bildungstitel - zu einem der stabilsten Phänomene im intergenerationalen Übertragungsprozess gehört. Aber auch die psychologische Seite der Berufskarriere, die Bedingungen für Motivation und Befriedigung im Beruf, sollten im LifE-Projekt anhand der vielen Indikatoren zu psychischen Merkmalen in der Adoleszenz und im Erwachsenenalter differenziert untersucht werden.
Soziale Entwicklungsverläufe
Nicht minder umfangreiche und anspruchsvolle Fragen stellten sich zum sozialen Lebenslauf. Wie die Prozesse der Ablösung vom Elternhaus verlaufen und wie Bindungen dabei erhalten oder modifiziert werden, sollte hier untersucht werden. Das Studium von Kontinuität und Wandel der Eltern-Kind-Beziehung gehörte zu den herausragenden Themen. Es differenzierte sich in die Bereiche der emotionalen Beziehungskontinuität und der Kontaktintensität, die wichtige Grundlagen für die im Lebenslauf variierenden Beiträge zu gegenseitigen Hilfeleistungen und damit für die Solidarität zwischen den Generationen darstellen. Da die damaligen Kinder nun selber wieder Eltern waren, stellte sich zudem die Frage nach der intergenerationalen Transmission von Beziehungs- und Erziehungskompetenzen.
Für das Erwachsenwerden haben Partnerbeziehungen einen herausragenden Stellenwert. Der Verlauf der Partnerwahlen, von ersten Intimkontakten bis hin zu festen Bindungen, die in eine Ehe münden und auch wieder aufgelöst werden, sollten im LifE-Projekt deshalb differenziert beschrieben werden. Auch die Muster der Familiengründung, die Anzahl der Kinder bzw. die Lebensformen von Paaren oder Singles sollten nachgezeichnet und wo immer möglich mit Daten aus der Jugendphase erklärt werden. Von strategischer Bedeutung war in diesem Zusammenhang die Frage, ob Partnerzufriedenheit, Ehequalität und Ehestabilität bzw. Scheidung vorhergesagt werden können.
Die kleineren, flexibleren und manchmal brüchigen Familienkonstellationen in der Moderne verlangen nach sozialen Netzwerken, die eine breitere soziale Absicherung ermöglichen. Auch sie wollten wir beschreiben und von den sozialen Netzwerken im Jugendalter her zu erklären versuchen.
Entwicklung von kultureller und politischer Teilhabe
Der Weg ins Leben als Erwachsene ist auch ein Pfad der zunehmenden kulturellen und politischen Teilhabe. In der LifE-Studie sollte dies vor allem am Beispiel der intergenerationalen Transmission von kulturellem Habitus und politischen Wertvorstellungen aufgezeigt werden. Die Öffnung für die Probleme der Welt und die Mitwirkung am kulturellen Leben der Gemeinschaft wurde dabei nicht nur in der Form des aktiven politischen und kulturellen Engagements, sondern auch über das stellvertretende Erleben in der Lektüre, durch die Teilhabe an anspruchsvollen medialen Präsentationen sowie über Auslandsaufenthalte und vielfältige Formen der Weiterbildung erhoben. Die entwicklungspsychologischen Voraussetzungen, die pädagogischen Mediatoren und Moderatoren sowie die soziologischen Opportunitäten zu untersuchen, war ein Schwerpunkt der Forschungsfragen im LifE-Projekt. Sie richteten sich vor allem auf die Bedingungen von politischem Interesse und politischen Präferenzen, aber auch auf Fragen von Ehrenamt und Spendenbereitschaft. Die politische Offenheit wurde exemplarisch am Beispiel von Fremdenangst oder Toleranz untersucht.
Persönlichkeits- und Gesundheitsentwicklung
In der Jugendstudie standen die Persönlichkeitsentwicklung und die psychische Gesundheit während der Pubertät im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Diese Thematik wurde in der LifE-Studie weitergeführt, um die psychischen Grundlagen für die spätere Lebensbewältigung auf der Handlungsebene zu eruieren. Vor allem drei Entwicklungsbereichen galt dabei die Aufmerksamkeit: erstens der Entwicklung psychischer Stärke im Sinne von Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit, Misserfolgsbewältigung und geringer depressiver Verstimmungsanfälligkeit, zweitens der Leistungsmotivation, die sich von schulischer Anstrengungsbereitschaft hin zu einer stabilen beruflichen Motivation entwickeln kann und drittens der Entwicklung sozialer Kompetenzen. Sie alle können im Jugendalter eine kritische Phase erfahren, deren Ausgang und Ergebnis sich bis ins Erwachsenenalter hinein stabil halten kann. Die genannten psychischen Dispositionen bilden wichtige Ressourcen für die Lebensbewältigung, so dass deren Prädiktion einen hohen Stellenwert hatte.
Jugendstudien sind traditionell daran interessiert, Risikofaktoren für eine produktive Entwicklung zu untersuchen. Dies war auch im Konstanzer Längsschnitt der Fall gewesen, so dass die Fragen nach Risikoentwicklungen bis ins Erwachsenenalter hinein weiter verfolgt werden konnten. Risikoindikatoren wurden dabei sowohl in Bezug auf die psychische Gesundheit untersucht, etwa im Sinne der Depressivität, als auch im Hinblick auf physische Indikatoren, wie etwa im Zusammenhang mit Nikotin- und Alkoholkonsum. Um die Prävention von Gesundheitsrisiken im physischen Bereich untersuchen zu können, wurden zusätzlich die sportliche Betätigung und das Verhältnis von Gewicht und Körpergröße im Erwachsenenalter erhoben. Damit konnte auch Fragen nach dem Verlauf und den Bedingungen für eine gesunde körperliche Entwicklung nachgegangen werden.