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Adolf Ogi: «Ich war ein Tabubrecher»
Adolf Ogi ist 75 und gut drauf. Entspannt blickt er vor der wilden Kulisse des Gasterntals zurück auf seine erstaunliche Politlaufbahn.
Herr Ogi, es gibt ein paar Dinge, die ich Sie schon immer fragen wollte. Vor allem: Haben Sie den legendären Ausspruch «Freude herrscht» spontan erfunden?
Adolf Ogi: Ich hatte keinen solchen Spruch vorbereitet, als ich 1992 mit dem Schweizer Astronauten Claude Nicollier im Weltraum telefonierte. Ich habe «Freude herrscht» auch nicht im Globi-Buch abgeschrieben, wie einige vermuteten. Die Worte kamen mir ganz spontan in den Sinn, weil ich wütend war. Auf die Nasa und die ESA, die mir schriftlich vorgaben, worüber ich mit Nicollier reden dürfe. Als Vizepräsident des Bundesrats lasse ich mir doch nicht von Raumfahrtbehörden diktieren, was ich mit einem Landsmann berede.
War Ihnen klar, dass «Freude herrscht» sprachlich schief ist?
Warum soll das schief sein?
«Freude» und «herrschen», das beisst sich doch.
Zuerst hat man mich für den Ausspruch durch den Kakao gezogen. Typisch Ogi, hiess es: Er reiht zwei Wörter aneinander, um keinen Akkusativfehler zu machen. Heute müsste ich für den Ausspruch Tantiemen verlangen. Wenn ich eine Rede halte und «Freude herrscht» weglasse, sind die Leute enttäuscht.
Ihre berühmteste Rede ist jene von 2000 vor dem Lötschberg-Tunnelportal. Warum hielten Sie sich da am Neujahrstag an einem Weihnachtstannli fest?
Mein Vater war Förster. Ich habe ihm als Bub beim Setzen von Tannli geholfen. Als ich die Idee mit dem Tannli hatte, habe ich wohl den Wirbelsturm Lothar vorausgeahnt, der Ende 1999 so viele Bäume fällte. Ich ordnete die Zweiglein der Tanne dann verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu: den Betagten, den Kranken, den Jungen, den Sportlern, den Arbeitenden.
Hat man Sie auch für diese Rede ausgelacht?
Als ich meinen Mitarbeitern sagte, ich ginge zum Auftakt des neuen Jahrtausends mit einem Tannli vor den Lötschbergtunnel, fanden die: Das geht nicht. Am Abend vor der Ausstrahlung rief mich Fernsehchefredaktor Filippo Leutenegger an und sagte, das könne er nicht bringen. Ich sagte: «Das wird gebracht!» Die Rede war inhaltlich gut, aber die Aufnahme nicht. Der Teleprompter war zu weit weg. Weil es schneite, hatte ich Schneeflocken in den Mundwinkeln. Die Leute dachten: Ogi schäumt. Aber die Rede war ein Erfolg. Ich erhielt gut 5000 Briefe dafür. Nur positive.
Gibt es das Tannli noch?
Es ist gestorben, weil zu viele Zweiglein als Souvenir abgerissen wurden. Man pflanzte dann an der Bundesrat-Adolf-Ogi-Strasse in Kandersteg eine Ersatztanne.
Sie schenkten Staatsgästen gern einen kleinen Kristall. Würden Sie auch dem US-Präsidenten Donald Trump einen geben?
Ich habe immer einen kleinen Kristall dabei. Und zwar im linken Hosensack (nimmt ihn hervor). Aber Donald Trump würde ich noch keinen geben. Er hätte ihn noch nicht verdient. Dazu müsste er eine berechenbarere Politik machen. Aber ich glaube, dass ich mit Trump zurechtkäme, wenn ich ihn träfe.
Sie scheiterten als Präsident der Olympiakandidatur Sion 2006. Würde es diese Schmach tilgen, wenn Sie mit 84 bei Olympia 2026 in Sitten dabei wären?
Als Sportler bin ich ein guter Verlierer, aber die Enttäuschung von 2006 ist immer noch gross. Damals wäre die Organisation Olympischer Spiele noch einfacher gewesen als heute mit all den Sicherheitsvorkehrungen. Aber ich unterstütze natürlich die Kandidatur Sion 2026. Ich bin, wie man in der Bergsteigersprache sagt, zweimal abgeseilt worden: Ich bin nicht in das Internationale Olympische Komitee (IOC) gewählt worden, und Sion 2006 wurde der Segen versagt.
Sie erwähnen Ihre zwei Niederlagen als Sportfunktionär. Warum nicht auch das Nein zum EWR-Beitritt 1992?
Sie haben mich nicht danach gefragt. Ich verberge keine meiner Niederlagen. Ich stehe dazu, dass ich Fehler gemacht habe. Beim EWR haben wir im Bundesrat strategische Fehler gemacht. Von was für Niederlagen wollen Sie noch hören?
Gib es denn noch mehr?
Vielleicht das Gesuch des Bundesrats in Brüssel für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der EU. Verhandlungen, nicht Beitritt! Im Bundesrat war je ein Mitglied von SP, FDP und CVP dafür, das andere dagegen. Dann blieb noch ich von der SVP. Ich war dafür, weil ich dachte, das sei eine ehrliche Politik. Heute sieht man jenes Gesuch, nur Verhandlungen aufzunehmen, anders.
Sie wollten dieses Interview erst gar nicht führen. Sie sagten, Ihre mediale Präsenz und Ihre Popularität würden Ihnen fast zu viel. Soll ich das glauben?
Popularität kann gefährlich sein. Bei mir schätzen die Leute offenbar immer noch, was ich als Direktor des Schweizer Skiverbands, als Bundesrat oder als UNO-Sonderberichterstatter für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden geleistet habe. Der Respekt war nicht von Anfang an da. Aber er kam dann, weil ich das Land nicht bloss verwaltet, sondern gestaltet habe. Ich hätte sagen können: Warten wir noch ein wenig mit der Neat. Aber ich sagte: Jetzt ist das Zeitfenster offen. Und ich brachte dieses 23-Milliarden-Projekt im Bundesrat, im Parlament und in der Volksabstimmung durch.
Sie sind einer der wenigen Bundesräte, über die Witze erzählt werden. Stört Sie das?
Es ist besser, wenn man über jemanden lachen kann, als dass man gar nicht über ihn spricht. Ich war natürlich schon vor meiner Bundesratszeit bekannt. Das begann mit dem Schweizer Medaillensegen an den Olympischen Winterspielen in Sapporo 1972, als ich Skiverbandsdirektor war. Aber damals hätte ich gesagt: Ein Kandersteger Primarschüler und Skifunktionär im Bundesrat? Hoffnungslos!
Warum klappte es dann doch?
Ich führte sieben Jahre lang Intersport Schweiz. Ohne diesen Abstecher in die Wirtschaft wäre ich nie Bundesrat geworden. Und ich war auch ein Glückspilz. Oft stand ich im richtigen Moment am richtigen Ort. Als Skidirektor, als Nationalrats- und als Bundesratskandidat.
Adolfi Ogi beschwört die Naturkräfte im wilden Gasterntal hoch oben über seiner Heimat Kandersteg. Bild: Christian Pfander
Wer im richtigen Moment am richtigen Ort steht, muss also gar nicht so viel leisten?
Werfen Sie mir das vor? Das ist unfair! Wenn ich eine Chance erhielt, packte ich sie. Klar habe ich Glück gehabt, aber ich habe einen Leistungsausweis. Das Gesetz für Privatradios, die Auslandeinsätze der Armee, die Partnerschaft für den Frieden oder die Teilprivatisierung von SBB und Post habe ich gegen Widerstände durchgeboxt. Das müssen Sie mir schon zugestehen.
Akzeptiert!
Den Erfolg an den Olympischen Spielen in Sapporo 1972 haben wir generalstabsmässig vorbereitet. 1971 waren wir gar auf einer Rekognoszierungstour in Japan. Dort lernten wir auch ein herrliches, eiskaltes Joghurtgetränk kennen. Davon bekam man aber Halsweh und erkältete sich. Ich verbot unseren Sportlern das Getränk strikt. Nach dem Langlauf-Staffelwettkampf fragte ich den schwedischen Olympiasieger Sven Ake Lundbäck, warum er den Spurt um die Bronzemedaille gegen unseren Schlussläufer Edi Hauser verloren habe. Er sagte nur: «I had too much Joghurt.»
Würde ein Primarschüler heute noch in den Bundesrat gewählt?
Hoffentlich! Es gibt immer wieder Politiker, die an keiner Uni waren. Und es gibt, etwa in Frankreich, erfolglose Präsidenten, die alle an der Eliteschule ENA waren. Meine Universität war das Militär, da lernte ich aufzutreten und zu führen. Überhaupt: Wichtig ist, was man aus sich macht. Und Sprachen spielen eine Rolle. Sie haben ja vorhin meine Wortwahl belächelt. Aber ich habe an der dreijährigen Handelsschule La Neuveville und in England relativ gut Französisch und Englisch gelernt. Ich spreche es halt mit Kandersteger Akzent.
Haben Sie Ihre Popularität nicht zuletzt dem «Blick» und dem Ringier-Verlag zu verdanken?
Ich hatte nie einen «heissen Draht» zum «Blick» wie andere. Aber die Ringier-Gruppe hat zu meiner Popularität beigetragen.
Ringier-Chefpublizist Frank A. Meyer soll Ihr Einflüsterer gewesen sein. Stimmt das?
Einflüsterer war er nie. Aber Ratgeber und Analyst schon.
Fanden Sie das nicht heikel, sich als Bundesrat von einem aktiven Journalisten beraten zu lassen?
Ich wusste ja, dass die anderen Bundesräte und Parlamentarier auch mit ihm den Kontakt suchten. So wie mit keinem anderen Journalisten. Ich wollte einfach verhindern, dass Frank A. Meyer gegen mich ist.
Welche Schweizer Politentscheide hat faktisch Frank A. Meyer gefällt?
Keine.
Sie gelten als erster TV-Bundesrat. Lösten Ihre häufigen Fernsehauftritte bei Ihren Bundesratskollegen Neid aus?
Auch sie waren froh um Kameraauftritte. Aber sie haben diese nicht gerade gesucht.
Sie aber schon?
Wie wollen Sie im Zeitalter der modernen Kommunikation als Bundesrat bestehen, wenn Sie nicht mit dem Fernsehen umgehen können? Aber es stimmt, dass ich der Erste war, der rausging vor die Kamera. Ich war gefragt, weil ich als Quereinsteiger in die Politik kam und ein wenig anders war. Ich war ein Tabubrecher. Für Volksabstimmungen warb ich draussen, etwa an der Gotthardbahnlinie.
1992 waren Sie für den EWR-Beitritt. Warum halten Sie bis heute einer Partei die Treue, die unser Land abschotten will?
Es gibt in der SVP unterschiedliche Meinungen. Und in vielen Bereichen bin ich mit der SVP einverstanden.
Mit Ihrer weltoffenen Haltung sind Sie gar kein richtiger SVPler.
Auch ich bin ein richtiger SVPler. Die SVP ist nicht nur wegen Christoph Blocher gross geworden. Als ich 1984 Schweizer SVP-Parteipräsident wurde, lag die Partei unter 10 Prozent und drohte ihren Bundesratssitz zu verlieren. Dann erzielten wir einen Wahlsieg, und ich sicherte 1987 der SVP mit meiner Wahl in den Bundesrat den Sitz. Blocher war vielleicht der erste Heizer, aber ich der zweite. Ich habe eine neue Klientel zur SVP geholt, die Blocher nicht ansprach: Frauen, Junge oder Sportler.
Wieso sind Sie nie der BDP beigetreten?
Anders als Samuel Schmid war ich offizieller Bundesratskandidat der SVP. Ich weiss, dass auch Christoph Blocher mich gewählt hat. Ich habe der SVP und ihrer Vorläuferpartei BGB viel zu verdanken. Und: Die BDP hat mich nie gefragt. Auch aus Pietät, weil ich bei der BDP-Gründung mit meinem Sohn Mathias litt, der später gestorben ist. Aber ich wäre nicht zur BDP gegangen. Ich bin standfest.
Christoph Blocher schreibt im Vorwort des Ogi-Buchs «Unser Dölf», Sie und ihn verbinde eine persönliche Freundschaft. Würden Sie das auch so sagen?
Wir kamen 1979 beide zusammen als Nachwuchspolitiker in den Nationalrat. Unsere Söhne waren gemeinsam in der Offiziersschule. Das verbindet. Und Blocher hat auch eine herzliche Seite.
Ihre herzliche Seite ist sichtbarer als die von Christoph Blocher. Über Blocher traut auch niemand Witze zu erzählen.
Das haben Sie jetzt so gesagt.
Sind Sie harmloser als Blocher?
In wirtschaftlicher Hinsicht sicher. Politisch ist er bis heute sehr stark. Ich gehöre in der SVP zu einer Minderheit. Ich hatte mit Blocher immer wieder Probleme. Aber als wir uns kürzlich an den Tellspielen in Interlaken getroffen haben, hat uns das beide gefreut. Lassen Sie uns doch beide so, wie wir sind.
Blocher kann als Politiker nicht abtreten. Sie konnten es.
Er will halt sein Lebenswerk vollenden. Er will eine institutionelle Zusammenarbeit der Schweiz mit der EU verhindern. Ebenso die «fremden Richter» – das ist sein Stichwort.
Weiss Blocher, dass seine Anti-EU-Mission der Schweiz ernsthaft schaden könnte?
Das ist eine berechtigte Frage. Deshalb ist es gut, dass es in der SVP verschiedene Stimmen gibt.
Auch die von Ogi?
Ich bin in der internen Politik der SVP nicht mehr aktiv.
Den Ort für das Interview hat Ogi ausgesucht. Bild: Christian Pfander
Halten Sie eigentlich morgen eine 1.-August-Rede?
Nein. Nach meinem Abgang aus dem Bundesrat habe ich entschieden, keine 1.-August-Reden mehr zu halten. Obwohl ich jedes Jahr etwa zehn Anfragen habe, lehne ich immer ab.
Wenn Sie dennoch eine halten würden, wofür würden Sie darin die Schweiz rühmen?
Für ihre Geschichte. Als ich an einem EU-Gipfel in Nizza die Schweiz vertrat, wollte ich mit dem Text des EDA beginnen, den meine Bundesratskollegen etwa zwanzigmal überarbeitet hatten. Da meinte EU-Kommissionspräsident Romano Prodi schnippisch: «Die Schweiz will immer nur Vorteile und Ausnahmen.» Im Zorn legte ich den Text weg und erklärte den anwesenden 26 Staatsoberhäuptern die Schweizer Geschichte, die vier Kulturen, die 26 Kantone, die Neutralität, das Zusammenleben in Frieden und Freiheit.
Hörten die Staatschefs zu?
Sonst ist das ein Hin und Her auf die Toilette. Aber keiner ging raus. Und am Ende meines Plädoyers sagte einer: «Jetzt wissen wir, was wir zu tun haben, wir müssen der Schweiz beitreten.»
Was macht Ihnen in der Schweiz Sorgen?
Wir müssen aus einer Wohlfühloase hinaustreten. Wir müssen wieder bereit sein, Probleme schneller und besser zu lösen als die anderen.
Sie sind nach Ihrem Rücktritt nicht in ein Loch gefallen. Wie haben Sie das geschafft?
Ich bereitete mich im Kopf darauf vor. Nur mit einem hatte ich nicht gerechnet: dass ich noch jeden Tag 20 bis 40 Briefe oder Mails bekomme. Dafür musste ich eine Sekretärin anstellen. Dann bin ich viel in der Natur und in den Bergen. Und ich setze mich in Stiftungen für Kinder und Jugendliche ein. Vor allem die Stiftung «Freude herrscht» für meinen Sohn Mathias liegt mir am Herzen. Wir müssen alle dazu beitragen, eine bessere und friedliche Welt aufzubauen.
Ihr Freund, Globalisierungsgegner Jean Ziegler, rennt hyperaktiv gegen den Tod an. Sie auch?
Nein. Ich bin bereit, das Alter und den Tod zu akzeptieren, ich habe keine Angst davor. Ich weiss schon, wo ich beerdigt werde.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 31.07.2017, 10:47 Uhr
Adolf Ogi im Gespräch
Wir sollen ihn als Bergler richtig verstehen. Deshalb fährt uns Adolf Ogi eigens auf der schmalen Naturpiste hoch ins wilde Gasterntal oberhalb seines Heimatdorfs Kandersteg. Unterwegs bricht ein Gewitter los, mächtig stürzt sich die angeschwollene Kander neben dem Fahrweg talwärts. Ogi ist zufrieden, wie das Spektakel die Gäste aus der Stadt beeindruckt. Oben im Tal flüchten Wanderer vor dem Starkregen ins Restaurant Waldhaus, wo wir unter dem Vordach sitzen und reden. Viele hören uns zu, grüssen Ogi, gratulieren ihm zum 75. Geburtstag, wünschen ihm, er solle bleiben, wie er sei. Wie ein Markenzeichen ziert der Schriftzug «Freude herrscht» Ogis Windjacke. So heisst seine Stiftung für Jugendliche. Ogis Redefluss schwillt an wie die Kander. Er referiert nah an der Pathosgrenze. Aber man hört dem vitalen Mann mit seiner positiven Ausstrahlung gern zu, wenn er mit Schalk und anekdotenreich von den «bloss fünf Stationen» seiner erstaunlichen Laufbahn erzählt: Leiter des Verkehrsbüros Meiringen, Direktor des Schweizer Skiverbandes, Chef von Intersport Schweiz, Bundesrat von 1987 bis 2000 und UNO-Sonderberichterstatter für Sport. svb
Buch: «Unser Dölf – 75 Wegbegleiter würdigen alt Bundesrat Adolf Ogi», Weltbild- und Werd-Verlag.
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