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Bis weit ins Mittelalter trugen die Menschen nur einen Rufnamen, der unserem heutigen Vornamen entspricht. Weil mit der Zeit immer mehr Personen dieselben Namen hatten und die Menschen gleichzeitig auf engerem Raum zusammenlebten, etablierten sich beschreibende Beinamen wie zum Beispiel «Heinrich der Müller». Diese Beinamen waren bis ins 16. Jahrhundert jedoch meist weder erblich noch offiziell.
«Von Familiennamen spricht man erst, wenn Geschwister den gleichen Namen tragen und ein Name über mehrere Generationen vererbt wird», präzisiert Simone Berchtold Schiestl. Mit dem Familiennamen löst sich der Name von seiner inhaltlichen Bedeutung und dient nur noch als Identifikationsmerkmal. In historischen Dokumenten zeigt sich dann beispielsweise, dass ein Schneider «Müller» heisst oder umgekehrt.
Begriffliche Herkunft der Familiennamen
Familiennamen lassen sich in fünf Motivgruppen gliedern: Patronyme (ehemalige Beinamen, die sich auf den Vater bezogen), Übernamen, Berufs-, Wohnstätten- und Herkunftsnamen. Die von Berchtold Schiestl untersuchten «…mann-Namen» sind in allen fünf Gruppen vertreten. Am häufigsten sind Berufsbezeichnungen, wie zum Beispiel Baumann, oder Wohnstättenbezeichnungen, wie Bachmann, für am Bach wohnend. «Oftmals lässt sich ein Familienname aber nicht zweifelsfrei einer dieser Gruppen zuordnen», erklärt die Forscherin. «Die Quellen geben keine Auskunft darüber, wie ein Name motiviert war.» So kann beispielsweise der Name «Schnellmann» ein Übername oder auch ein Patronym sein, abgeleitet vom althochdeutschen Rufnamen «Snello».
Familiennamen als linguistisches Subsystem
Während sich die Namenforschung in der Schweiz bisher weitgehend auf etymologische Gesichtspunkte konzentriert, interessieren Berchtold Schiestl auch andere linguistische Fragen: Welche Dialektmerkmale haben sich in den Familiennamen konserviert und welche regionalen Unterschiede sind feststellbar?
Die Familiennamen wurden in der Schweiz erst mit der Einführung von Zivilstandsregistern um 1876 offiziell fixiert. Damals übernahm man teilweise die dialektale Aussprache in die Schreibung, teilweise gab man die Familiennamen in der sich herausbildenden Standardsprache wieder. Wie ein Name geschrieben wurde, hing gemäss Berchtold Schiestl unter anderem davon ab, wie der Pfarrer ihn zuvor ins Kirchenregister eingetragen hatte. Die Familiennamen blieben später im deutschsprachigen Raum bei sämtlichen Rechtschreibereformen ausgespart. Ihre Schreibweise hat sich dadurch seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert nicht mehr verändert.
Beliebter «Zimmermann»
Berchtold Schiestl arbeitet hauptsächlich mit dem online verfügbaren Familiennamenbuch der Schweiz. Diese Quelle gibt sämtliche Familiennamen von Personen wieder, die um 1800 in der Schweiz Bürger waren. Aufgrund der Angaben kann die Linguistin mittels Karten illustrieren, wo welche Familiennamen um 1800 vorkamen.
Wie sie festgestellt hat, gab es damals in fast allen deutschsprachigen Kantonen «…mann-Namen», die nur regional vorkamen, wie zum Beispiel «Brönnimann» im Kanton Bern. Andere Namen sind im ganzen deutschsprachigen Raum zu finden, etwa der «Zimmermann».
Zwischen Standardsprache und Dialekt
Wichtiger als die heutigen Landesgrenzen sind gemäss Berchtold Schiestl jedoch so genannte Sprachräume. So findet sich beispielsweise der Name «Ammann» im ganzen alemannischen Sprachraum. Er geht auf den dort gebräuchlichen Begriff für einen Amtsträger zurück.
Das für die Schweizer Mundart charakteristische «y» als Zeichen für ein langes «i», taucht in zahlreichen Familiennamen, wie beispielsweise «Frymann», auf. Bereits um 1800 existierte vielerorts auch die Version «Freimann», die sich an der Standardsprache orientiert.
Generell übernahmen eher die nördlichen und östlichen Gebiete der Schweiz die standardsprachlichen Versionen, wie die Forscherin feststellen konnte. Dies zeigt sich auch beim Namen «Ackermann», für den in der Zentralschweiz die vom Dialekt geprägte Schreibung «Achermann» geläufig war.
Verschwundene Namen
Bis Mitte des 20. Jahrhunderts sprach man in der Schweiz standardsprachlich geschriebene Familiennamen mehrheitlich dialektal aus, wie zum Beispiel «Kaufmann» als «Chaufme». Heute lässt sich die Tendenz feststellen, dass sich die Aussprache der Schreibung anpasst. Das haben Testanrufe von Simone Berchtold Schiestl im Raum Zürich bestätigt.
Obwohl längst keine neuen Familiennamen mehr erfunden werden können, ist die Namenvielfalt in der Schweiz heutzutage migrationsbedingt deutlich höher als um 1800. Einige Familiennamen sind seither aber auch verschwunden: Von den 369 Namen des …mann-Typus, die um 1800 existierten, konnte Simone Berchtold Schiestl neun im aktuellen Telefonbuch der Schweiz nicht mehr finden, Namen wie «Kinimann» oder «Jekelmann». «Diese Familiennamen sind entweder ausgestorben, oder die Namensträger verwenden ausschliesslich Mobiltelefone», schmunzelt die Forscherin.
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