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Das Christentum, so sagt man oder frau, ist eine Buchreligion. Das Wirken Gottes hinein in diese Welt, insbesondere das Wirken Jesu von Nazareth, sein Tod und seine Auferstehung werden in verschiedenen Schriften dargelegt. Die Schriften sind keine geschichtliche Dokumentation. Sie sind auch nicht mit objektiver Distanz geschrieben. Im Gegenteil, sie verfolgen ein konkretes Ziel, nämlich: die Leserinnen und Leser zur gleichen Überzeugung zu führen, von der die Verfasserinnen und Verfasser erfüllt sind. Es sind Glaubensschriften. Denn wer eine solche Schrift verfasst, möchte den Glauben an einen liebenden Gott und an das heilvolle und heilstiftende Wirken seines Sohnes Jesus Christus in dieser Welt bezeugen und möglichst glaubwürdig weitervermitteln.
Jüdisches Beispiel
Dieser Vorgang, über das Wirken Gottes in unserer Welt Schriften zu verfassen, ist nicht etwas eigentümlich Christliches. Die Christinnen und Christen haben diese Praxis aus dem Judentum übernommen. Schon mehrere Jahrhunderte vor dem Christusgeschehen wurden jüdische Schriften über das Wirken Gottes verfasst. Vor allem wegen ihres Inhalts wurden diese Schriften sehr geschätzt. Sie wurden als «heilig» bezeichnet und auch mit der entsprechenden Hochschätzung und Verehrung aufbewahrt und verwendet. Wir können dies ungefähr bis in das 9./8. Jahrhundert v. Chr. zurückverfolgen.
Die Christinnen und Christen haben diese Vorgangsweise im 1. Jh. n. Chr. weitergeführt. In den folgenden christlichen Jahrhunderten haben die entsprechenden Schriften so grosse Bedeutung erlangt, dass kirchliche Schriftsteller darauf mit der Bezeichnung die Bücher schlechthin Bezug genommen haben. Griechisch heisst das ta biblía. Unter dieser Sammelbezeichnung sind uns die Bücher bis heute bekannt.
Antike Schriftensammlung
Es ist wichtig, sich von dieser Bezeichnung «Bibel» [oder auch biblische «Bücher»] nicht in die Irre führen zu lassen. Die Bibel ist kein Buch im herkömmlichen Sinn, sondern eine Sammlung von zahlreichen Einzelschriften.
In der katholischen Überlieferung zählen wir 45 Schriften für das so genannte «Alte Testament», also die Schriftensammlung aus jüdischer Zeit; und 27 Schriften für das Neue Testament, also für jene Epoche, in der über das Christusgeschehen nachgedacht und dieses verkündigt wurde.Einzelne Schriften bedeutet: verschiedene Verfasserinnen oder Verfasser (wir können keineswegs alle identifizieren), verschiedene Entstehungszeiten, verschiedene Leserinnen und Leser, verschiedene Kultur-, Lebens- und Verstehensräume, in die hinein diese Schriften ver- fasst wurden. In diesen Schriften wird die Gotteserfahrung von Menschen über einen Zeitraum von ungefähr 1000 Jahren bedacht und bezeugt. Von einer Bibel «aus einem Guss» kann also nur mit Einschränkungen die Rede sein, wenn wir uns auf den roten Faden beziehen, der durch alle Schriften geht: das Nachdenken und Ausdeuten des Gottesgeschehens in dieser Welt, verbunden mit der Frage nach der Rettung und dem (gottgewollten) Ziel des Menschen.
Wir können die Bibel also nicht einfach so lesen wie ein Buch – beginnend auf Seite 1. Unsere Ausgaben bieten ja auch eine Schriftenreihenfolge, die sich lediglich nach der früheren Bedeutung der Schriften, nicht nach anderen Ordnungsprinzipien richtet. Deswegen stehen am Beginn der Jüdischen Bibel die fünf Bücher Mose und an erster Stelle im Neuen Testament die vier Evangelien.
Das hier erstgereihte Matthäusevangelium war jenes, das in der frühen Kirche am meisten verwendet wurde. Mit dem Alter hat das nichts zu tun – es ist nicht das älteste der Evangelien (hier wäre Markus zu nennen). Die Paulusbriefe z. B. sind alle früher geschrieben worden als die Evangelien.
Wir sehen also: Eine Basisinformation zur Lektüre der Bibel ist vorweg sicher sinnvoll. Denn Bibellesen ist nicht wie Zeitung lesen. Auf jeden Fall ist es gut, wenn wir mit der Vorstellung von einer vielfältigen Einheit an diese Schriftensammlung herangehen.
«Heilige» Schriften
Natürlich stellt sich da auch die Frage nach der Auswahl dieser Schriften. Gerade heute wissen wir um die Vielzahl religiöser Schriften, die sowohl im Judentum wie auch im frühen Christentum entstanden sind und die nicht zur Bibel gehören. Diese Auswahl geschah durch die geschichtliche Entwicklung und durch eine entsprechende Verwendungspraxis in der Liturgie. Im jüdischen Bereich ist damit auf den Synagogengottesdienst angespielt; in der christlichen Zeit auf den Wortgottesdienst, der mit der Herrenmahlfeier verbunden ist. In den ersten Jahrzehnten des Christentums gibt es noch keine christlichen Schriften. So werden Abschnitte aus der Jüdischen Bibel im Gottesdienst gelesen und auf das Christusgeschehen hin gedeutet. Damit übernimmt die frühe Kirche aus dem Judentum auch die Einordnung der entsprechenden Schriften als «heilig», sprechen sie doch zumindest indirekt auch über Jesus Christus.
Um 51 n. Chr. schreibt Paulus seinen ersten Brief an die Kirche von Thessaloniki. Ohne es zu wissen, eröffnet er damit die Schriftenreihe des Neuen Testaments. Natürlich wird dieser Brief im Gottesdienst in dieser Stadt gelesen. Ähnlich geht es einige Jahre später in Korinth, dann in Philippi, dann in den Kirchen Galatiens …
Da und dort kommt allmählich eine Evangelienschrift hinzu, die nun unmittelbar vom Wirken Jesu von Nazaret spricht und natürlich – zu einer Zeit, da die Augenzeugen des Wirkens Jesu immer weniger werden – an Bedeutung gewinnt. Die Schriften werden unter den Ortskirchen ausgetauscht und abgeschrieben. So wächst die liturgische Bibliothek einer Ortskirche.
Nicht beliebig
Diese Entwicklung vollzieht sich ohne eine Entscheidung einer vorgesetzten überregionalen kirchlichen Autorität. Diese gibt es im 1. Jahrhundert im heutigen Sinn noch nicht. Trotzdem geschieht sie nicht in Beliebigkeit. Offensichtlich entscheidet jede Ortskirche beim Auftauchen einer neuen Schrift wieder neu, ob diese im Gottesdienst verkündet wird oder nicht. Über diesen liturgischen Praxisweg erfolgt die allmähliche Eingliederung in die entsprechende Sammlung oder auch die Zurückweisung der Schrift.
Dieser Prozess dauert ungefähr 250 Jahre. In dieser Zeitspanne kristallisiert sich unter den Ortskirchen eine immer grössere Übereinstimmung heraus. Im Rückblick können wir feststellen, dass vor allem inhaltliche Entscheidungskriterien hier massgeblich waren. Wir können erahnen, dass dieser Prozess vom begleitenden Handeln des Geistes Gottes geprägt war. Dies ist auch ab dem 4. Jahrhundert die allgemeine Glaubensüberzeugung der Kirchen geworden.
«Seele» der Theologie
Die Bibel ist also so etwas wie die Gründungs-«Urkunde» unserer christlichen Glaubensgemeinschaft. Nach den Worten des letzten Grossen Konzils ist sie die «Seele» der Theologie. In ihr wird uns das heilstiftende Wirken Jesu Christi bezeugt, das auf unseren einen Gott zurückgeht. Daher ist die Bibel auch der Referenzpunkt schlechthin für unsere Gottesbeziehung und für unser daraus abgeleitetes Handeln.
Walter Kirchschläger
Unser Autor
Walter Kirchschläger (1947) war 1970–1971 Sekretär des Wiener Kardinals Franz König. Seit 1982 ist er an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern Professor für Exegese des Neuen Testaments. Mit seiner Familie wohnt er in Kastanienbaum bei Horw. Kürzlich erschien von ihm das Buch «Aktuelle Fragen an die ‹Vier Evangelisten›».
Anregung für eine erste kleine Einführung:
Walter Kirchschläger, Grundkurs Bibel. Altes Testament, topos plus Taschenbuch 421, Kevelaer 2002; ders., Grundkurs Bibel. Neues Testament, topos plus Taschenbuch 422, Kevelaer 2002