Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03386.jsonl.gz/98

03.04.2019 - Laura Weidacher
03.04.2019
Laura Weidacher
Butterflys erkaufte Liebe
Weniger als „japanische Tragödie“, sondern mehr als kolonialistische Ausbeutungs-Farce wird Puccinis „Madama Butterfly“ derzeit in Basel inszeniert.
Wohl keiner der Beteiligten an der Schaffung von Giacomo Puccinis Oper hätte sich auch nur im Entferntesten vorstellen können, dass am Schauplatz dieser Oper, in der Stadt Nagasaki, nur 41 Jahre nach der Opern-Uraufführung eine Atombombe gezündet würde, die fast 80’000 Menschen in den Tod reissen würde. Vor solchem Bewusstseins-Hintergrund von uns Heutigen kann uns das anrührende Geschick der jungen Cio-Cio-San am Anfang dieses Jahrhunderts eigentlich nur als bedeutungsvolle Vorahnung erscheinen. Bedeutungsvoll deshalb, weil treibende Ursache und Kraft dieser Erzählung von Luther Long aus dem Jahre 1897 die Konsequenzen einer gleichgültig akzeptierten Ausnützung von besetzter Bevölkerung durch die Sieger vor Augen führt. Wobei natürlich meist Frauen gemeint sind und damit Gefühle ins Spiel kommen.
Früher „Sextourismus“
Dem auf der Höhe seines Ruhms angekommenen Giacomo Puccini war es 1904 durchaus nicht nur um Gefühle zu tun, sprich in diesem Falle um die Liebe der von ihrer Familie für „999 Jahre“ an den amerikanischen Marineoffizier B.F. Pinkerton verkaufte fünfzehnjährige Cio-Cio-San, genannt Butterfly.
Talise Trevigne, Domen Križaj, Karl-Heinz Brandt
Der der Erzählung innewohnende politische Zündstoff der kolonialistischen Ausbeutung war Puccini durchaus bewusst. Er arbeitete das Werk öfters um und war nie ganz zufrieden damit. Dieses frühe System von „Sextourismus“ – man denke an die heutigen Zustände in Thailand – schlägt sich vor allem im ersten Akt nieder, in dem das zur Farce gehörende Arsenal, sprich Heiratsvermittler, Dienerschaft, Familie, Verwandte, Priester, Ministerialbeamte und schliesslich der lachende, diesen ganzen Betrug zynisch durchschauende Bräutigam Pinkerton aufgefahren wird.
Hohler Pomp versus Gefühle
Die Basler Einrichtung durch den hier bereits bestens eingeführten, bemerkenswerten russischen Regisseur Vasily Barkhatov führt den hohlen Pomp dieses kapitalistischen Geschäftsabschlusses deutlich vor Augen, ohne jedoch in verkrampfte Modernismen zu fallen. Die Inszenierung jongliert sowohl hier als auch im zweiten Akt gekonnt zwischen den erstarkenden Gefühlen von Butterfly, denen des leichtfertigen Pinkerton und dem drohenden Ende dieser ganzen Farce durch die Abberufung Pinkertons nach Amerika.
Otar Jorjikia, Xiao Hui Zhang, Talise Trevigne, Nadia Catania, Frauke Willimczik
Butterfly aber, inzwischen Mutter geworden, wartet jahrelang auf seine Rückkehr und lässt sich auch durch finanzielle Not und den Heiratsvermittler nicht davon abbringen: „Tornerà“! Ihre Arie „Eines Tages sehn wir…“ zählt zu den ergreifendsten Arien der gesamten Opernliteratur und stellt an alle Sängerinnen sehr hohe Ansprüche. „Er wird zurückkommen!“
Talise Trevigne
Für sie, welche trotz besseren Wissens diese ganze Ehe ernst genommen hatte, bricht eine Welt zusammen, als sie erkennen muss, dass er nach drei Jahren nur zurückkehrt, um ihr sein Kind wegzunehmen. Ihr Tod wird in Barkhatovs Inszenierung aber nicht zum ergebenen japanischen Suizid-Ritual, wie meistens gezeigt, sondern zur Rachegeste am Verräter. Sie schneidet sich, beinahe triumphierend, vor seinen Augen die Pulsadern auf.
Grosse Besetzung
Dies ist der Kulminationspunkt der grossartigen Interpretation durch die amerikanische Sopranistin Talise Trevigne, welche nicht nur mit einer grossen, perfekt geführten Stimme überzeugt, sondern eben auch die Persönlichkeitsentwicklung dieses anfänglich so willfährigen Opfers Cio-Cio-San zu einer tragisch Liebenden aufzeigt. Neben ihr hat es der georgische Tenor Otar Jorjikia als leichtfertiger J.F. Pinkerton nicht leicht. Doch seine schöne Stimme verbindet sich im berühmten grossen Liebesduett am Ende des ersten Aktes fast perfekt mit dem leuchtenden Sopran Talise Trevignes. Neben den vielen kleineren Rollen erfreut der warme Mezzosopran von Kristina Stanek, Basler Ensemble-Mitglied seit 2017, welche die Dienerin Suzuki als ambivalente Figur zwischen Vermarktung und Mitgefühl glaubhaft darstellt. Als einzige wirklich moralische Instanz des Stücks agiert der amerikanische Konsul, eindrücklich gestaltet durch Domen Krizaj.
Domen Križaj, Karl-Heinz Brandt, Kristina Stanek, Statistin, Talise Trevigne
Die musikalische Umsetzung liegt in den Händen des italienischen Belcanto- und Puccini-Kenners Antonello Allemandi, der mit aussergewöhnlich furiosen Steigerungen und Fortissimi überrascht, denen das Basler Sinfonieorchester und alle anderen Beteiligten aber bravourös folgen.
Die an sich erfreulich klare Bühnenanlage von Zinovy Margolin wurde an der Premiere ein wenig durch digitale Schwierigkeiten beeinträchtigt, die sich im Verlaufe der weiteren Vorstellungen hoffentlich von selbst erledigen werden.
Das Basler Publikum lohnte diesen grossen Opernabend mit entsprechendem Applaus.
Nächste Vorstellungen im Theater Basel: 6., 11., 13., 22., 26. April
Alle Fotos: © Priska Ketterer