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Bekannte Bekannte...
Das Leben ist ein grosses Glück. Mein Leben ist es – so scheint es mir jedenfalls. Aber das noch grössere Glück sind die Begegnungen und die Freundschaften, die daraus erwachsen. Begegnungen haben mit Zufall und Intuition zu tun. Ich beginne nach diesem Prinzip zu erzählen. - 1978 kam ich zum zweiten Mal von St. Gallen nach Zürich. Zum zweiten Mal fühlte ich mich von der einen Stadt abgestossen und von der anderen angezogen. Ich hatte den Plan, für das Studententheater der Universität Stücke zu inszenieren und Sprechkurse zu geben. Die Kurse hielten sich über viele Jahre. Einer der Studenten hiess Heiri und wurde später mein Techniker all meiner Solo-Kabarett-Programme, und indem er mein Techniker wurde, wurde er ein Freund.
Eines Tages hatte er die Witzeleien über seinen Vornamen satt („de Heiri het es Chalb verchauft…“) und wollte, dass man ihn Heinrich nannte. Den Heiri konnte er nicht mehr ausstehen. Wir fuhren mit gemieteten Autos in der Deutschschweiz und in Süddeutschland von Kleintheater zu Kleintheater, von Kulturbeiz zu Kulturbeiz. Von 1989 bis 1997. Heinrich – mit ganzem Namen Heinrich Kohler – teilte mit mir Freud und Leid des Herumtingelns. Licht und Ton und special effects machten ihm grossen Spass, und er studierte nicht mehr, dafür war er noch Haustechniker beim Theater Hedy Maria Wettstein.
Als er sich später während eines aufwendigen Studiums in Berlin (er fuhr dauernd hin und her) zum Beleuchtungsmeister ausbilden liess, schockten ihn bei er Schlussprüfung (die er bestand) die grossen Theater derart, dass er sich bei einem solchen als Beleuchtungsmeister nie bewarb. Lieber blieb er mit mir und bei der alten Dame.
Ein anderer Student der Sprechkurse hiess Markus Imboden. Er ist heute Filmregisseur. Aber bevor er das wurde, machten wir zusammen Kabarett. In meinem ersten Programm spielte er Kontrabass und Trompete. Hochbegabt, fand sein älterer Freund Guerino Mazzola (Pianist und Mathematiker), der in Markus’ experimentellem Stück „angenadelt“ Klavierimprovisationen spielte. Fumi Matsuda tanzte, und ich war der sprechende Teil dieser multimedialen Figur. Aufgeführt im Vortragssaal des Kunsthauses Zürich 1982.
Doch blicken wir noch weiter zurück. Da war ein Junge aus der Nachbarschaft in St. Gallen. Er war klein und hatte eine leise Stimme. Er brachte mich nicht nur zu den Pfandfindern, sondern später, was wichtiger war, auch zur Politik, zu den sozialistischen Schülern und Lehrlingen. Peter Lendi. Er wollte Dolmetscher werden, zog in den Tessin und wurde Biobauer. Heute beliefert er Reformhäuser und Naturläden in der ganzen Schweiz mit Tee und Kräutern. Ich habe ihn nie mehr gesehen, nur am Telefon haben zwei- dreimal miteinander gesprochen. Seine Stimme ist gleich geblieben.
Im Frühjahr 1970 begann ich meine Buchhändlerlehre in der Fehr’schen Buchhandlung und im Herbst darauf besuchte ich zum ersten Mal die Frankfurter Buchmesse, wo sich die St. Galler und Winterthurer mit den Zürcher Lehrlingen trafen. Darunter war André Grab, mit dem ich nun seit 37 Jahren in regelmässigem Kontakt bin. Wir verbrachten gemeinsame Ferien mit Freunden und seiner Lebensgefährtin Marianne Fabrin, wir veröffentlichten im selben Verlag Kurzgeschichten, hatten gemeinsame Lesungen, gingen zusammen an politische Demonstrationen. Er führte mich, als ich neu nach Zürich kam, ins Kneipenleben ein. Er ist oder war einer der leidenschaftlichsten Buchhändler, die ich kenne. Sein Engagement im Berufsverband ist noch immer weit herum bekannt. Er leitete eine eigene Buchhandlung, eröffnete ein wunderschönes Antiquariat in der Altstadt. Seit zehn Jahren handelt er mit eigenartigen Filmen. Und das ist ein wenig so, wie wenn ein Vegetarier gezwungen wird, in einer Metzgerei zu arbeiten.
Ich bin Menschen begegnet in der Phase ihrer Unscheinbarkeit, war von ihnen begeistert, es entstand eine freundschaftliche Beziehung, und dann waren sie plötzlich berühmt, und es machte den Anschein, als machte ich mich an Prominente heran, um mein Image aufzuwerten. Aber so ist es nicht. Ein Beispiel: Ich besuchte die Mittelschule im Institut auf dem Rosenberg. Als Externer. Der College-Betrieb war schon damals nicht über jeden Verdacht erhaben, und über die Väter der internen Schüler munkelte man dieses und jenes. Aber im Unterricht waren die externen und internen zusammen. In Deutsch hatten wir einen jungen Lehrer namens Sebald. Es hatte ihn aus irgendeinem Grund an diese Schule verschlagen, und nach einem Jahr verschwand er wieder. Ich habe seine Deutschstunden in Erinnerung behalten, als hätte ich sie alle mit Video aufgezeichnet. Als ich ihn später im Radio hörte – er diskutierte mit Peter von Matt über den Schriftsteller Carl Sternheim – machte ich seine Adresse ausfindig und schrieb ihm. Er wohnte inzwischen in England. Er schrieb zurück. Natürlich hatte ich auch sein Buch über Sternheim gekauft und gelesen. Und als ich für ein paar Monate in Cambridge weilte, um Englisch zu lernen, besuchte ich ihn. Er war gerade Vater geworden, und er erzähle mir, dass auch Elias Canetti, mit über sechzig, gerade Vater geworden sei, zum ersten Mal. Es war Sommer, wir sprachen im Garten vor seinem Haus. Das zweite Mal traf ich ihn erst wieder 1997 in Zürich, anlässlich einer Lesung im Literaturpodium zum Thema Luftkrieg und Literatur. Wieder hatte ich ihm geschrieben (schrieb ihm, wie sehr mich seine Erzählungen „Die Ausgewanderten“ beeindruckt hatten), und wieder hatte er geantwortet, und wir sprachen diesmal in seinem Hotel miteinander. Er ermunterte mich, mal etwas über meine jüdische Abstammung zu schreiben. Das dritte und letzte Mal traf ich ihn im Literaturhaus Basel, wo er seinen Roman „Austerlitz“ vorstellte. Ohne Ankündigung ging ich einfach hin und stellte mich am Schluss in die Warteschlange, um das Buch signieren zu lassen. Im kleinen Kreis blieb man dann noch zusammen, und plötzlich duzte er mich. Bisher hatten wir uns zwar den Vornamen gesagt, aber gesiezt. Der Lift im Literaturhaus hatte einen Defekt. Es sei gefährlich, ihn zu benützen, hiess es. Max sagte mit trockenem Lachen (ich glaube, er lachte nie anders), dann fahre ich mit dem Lift, und stieg mit zwei andern ein, während der Rest der Gruppe die Treppen nahm. Unten, auf dem Trottoir, verabschiedete man sich. Fünf Monate später las ich im Zug nach Hitzkirch die Zeitungsartikel zum Tode von W.G. Sebald.
Eine langjährige Freundschaft verbindet mich auch mit Anita Ferraris. Auch sie besuchte, eine Klasse über mir, die Schauspielschule. Ein Jahr lang lebten wir miteinander in einer WG. Sie wurde Regieassistentin bei Max Peter Ammann, war begeistert von ihm. Mit ihr studierte ich Rollen zum Vorsprechen. Dabei lernte ich mehr, viel mehr als bei dem Rollenstudium-Lehrer in der Schauspielschule. Sie bekam Regieaufträge in Pforzheim, Braunschweig, Köln, Luzern. Ich reiste in diese Städte, um ihre Arbeit anzuschauen, aber auch um sie selber wieder zu sehen. Sie liess sich in Köln nieder, arbeitet heute als Regisseurin, Schauspiel-Coach und Astrologin.
An der Schauspielakademie gab es einen Lehrer, der war ein Mensch, wie ich mir meinen Vater gewünscht hätte. André Kaminski. Er war Dramaturg beim Schweizer Fernsehen, leitete, zusammen mit Max Peter Ammann, die Abteilung „Dramatik“, die es längst nicht mehr gibt. Ich hing ihm an den Lippen, wenn er dozierte. Er war Pole. Er gab mir den Rat, an der Theaterschule in Warschau Regie zu studieren. Sogleich begann ich Polnisch zu lernen. Aber ein wenig Polnisch können ist eine Sache, und sich in einer Fremdsprache durchsetzen zu können, eine andere. Ausserdem scheiterte der Plan an der Sturheit des Innenministeriums, das Menschen aus dem Nichtkommunistischen Ausland misstraute. Das war 1975. Trotzdem blieben wir in Kontakt. Als sein Roman „Nächstes Jahr in Jerusalem“ auf Englisch herauskam und er in New York als Autor gefeiert wurde (ich lebte dort eine zeitlang), trafen wir uns mit seiner Frau Doris Morf in einem Restaurant zum Diner. Ich wusste um seine Diabetes. Ich wusste, dass er einen Hirnschlag gehabt hatte. Ich telefonierte noch mit ihm, als es ihm bereits wieder besser ging. An einem Sonntagmorgen schaltete ich, wie immer im Halbschlaf, das Radio an, und in der Sekunde des Anschaltens kam der Satz aus dem Lautsprecher: „André Kaminski ist tot.“ Es war der erste Satz der Morgensendung, die ich gerne vom Bett aus hörte. Dann wurde ein Interview wiederholt, das dieser Sender vor noch nicht langer Zeit mit André gemacht hatte.
Cariad hiess eigentlich Maria Lutz-Gantenbein, und sie war auf einmal da. Ich weiss nicht mehr, wie und wann ich sie kennen lernte, aber sie war, als ich sie kennen lernte schon eine ältere Frau. Geboren 1902. Ihre Vitalität widersprach ihrem Alter. Sie schrieb mir viele lange, manchmal auch kurze, Briefe, und diese Briefe waren ein schöner Anachronismus. Sie teilte Dinge mit, die man heute eher per Telefon mitteilt, und sie schrieb meistens von Hand, auf weisses Papier mit schwarzer Tinte. Die Schrift war nicht verschnörkelt wie bei den meisten alten Leuten, sondern freizügig, eigenwillig, mit spitzen Buchstaben. Sie war Lyrikerin. Ihr Bekanntenkreis war riesig. Viele Male war ich bei ihr zum Abendessen (Brot, Wein, Käse), und wir erzählten uns stundenlang. Erst früh morgens fuhr ich mit dem Taxi nach Hause. Sie war nie krank, hatte keine Schmerzen (nur die Augen machten ihr Probleme), und eines Tages, in ihrem 86. Lebensjahr spürte sie, dass ihre Kräfte sie verliessen. Jetzt ist es zu Ende, sagte sie. Und so war es. Wochen später schlief sie friedlich ein.
Als junger Kabarettist, als Anfänger steht man auf verlorenem Posten. So erging es mir jedenfalls. Die Veranstalter sagten mir: „Ja, wissen Sie, wenn ein Unbekannter auftritt, kommen die Leute nicht“ und lehnten mich ab. Und wenn es ein Veranstalter dennoch mit mir versuchte, kamen die Leute wirklich nicht, und im besten Fall bekam ich eine schöne Kritik in einem Lokalblatt. Eines Tages bekam ich Post von Franz Hohler. Ich fiel fast vom Sessel, nicht nur weil er, den ich persönlich nicht kannte, mir schrieb, sondern weil er mir ein Angebot machte. „Vielleicht haben Sie Lust, da mitzumachen, ich selber habe keine Zeit dazu“, schrieb er. Es ging um eine Unterhaltungssendung des WDR, die in einem Zürcher Zunfthaus aufgezeichnet wurde. So etwas war für mich die Gelegenheit. Ich spielte nur ein paar Nummern, und es folgte darauf keine Deutschland-Tournee, aber für mich war es wichtig, dass ich von einem älteren Kollegen beachtet worden war. Franz kam später immer in meine Stücke und sprach nachher mit mir darüber, und als ich ihm den Erzählungsband über New York schickte, nahm er sich die Mühe, sich mit ein paar Zeilen der Kritik zu bedanken (in diesem Fall war sie lobend). Natürlich ging ich auch in seine Stücke. Wir sahen uns aber auch sonst immer wieder: mal bei einer Generalversammlung, mal bei einer Beerdigung, mal auf dem Hauptbahnhof. Vor einigen Jahren hatte ich mir in Italien bei einem Unfall einen Infekt an der rechten Schulter zugezogen, den ich, als ich wieder zu Hause war, im Spital behandeln lassen musste. Am Tag nach der Operation, es war etwa zehn Uhr morgens, trat Franz ins Krankenzimmer. Völlig überrascht dachte ich zuerst: wie kann der wissen, dass ich hier bin, und warum kommt er mich besuchen? Dann stellte sich heraus, dass Franz mein Bettnachbar werden sollte. Auch er musste sich operieren lassen, auch er an der rechten Schulter – wegen des Gelenks. So war während den paar Tagen des Zusammenseins unser Thema das Private, um nicht zu sagen das Intime, und wir fragten uns, wie ironisch die Krankenkassen das eigentlich meinen, wenn sie sagen: „halbprivat“.
Kurt Bitschnau alias Konrad Klotz muss ich seit den frühen Achzigerjahren gekannt haben, denn ich erinnere mich an einen Brief, den er mir zu „Verzell mer vo Indie“ geschrieben hatte, ein freundlicher, vorsichtig-kritischer Brief, in dem er Stück und Inszenierung der Grobschlächtigkeit bezichtigte. Ich hatte das Stück „Ein Inder will zur Bronx“ von Israel Horowitz in einer Schweizerdeutschen Fassung für das Studententheater im Keller 62 inszeniert. Wer ist dieser Kurt Bitschnau, wunderte ich mich. Er hatte damals noch kein Pseudonym und wir kannten einander noch nicht sehr gut. In diesem Stück geht es um zwei Jugendliche, die einen an einer Bushaltestelle stehenden Inder (in der Bronx von New York) anpöbeln und schliesslich umbringen. Kurt störte es, dass die Inszenierung punkto Sprache und Gewalttätigkeiten sehr naturalistisch gehalten war. Vor allem missfiel ihm, dass in dem Stück, das bei uns in Zürich-Altstetten spielte, der Inder wiederholt als „Indianer“ verspottet wird. Er fand das rassistisch. Er begründete alles sehr genau. Das war auch später so, als wir lustvoll unsere Sportgedichte vortrugen und in der Roten Fabrik mit „Orakelverschnitt“, einer poetisch-musikalischen Performance auftraten, zusammen mit Roland Heer und Ivar Breitenmoser und den Musikern des Zirkus Federlos. Er war ein Freund wie er in den Jugendbüchern steht. Alles, was wir zusammen machten, wurde zum Abenteuer. Das 6-Tage-Rennen, die Solothurner Literaturtage, eine Versammlung des SSV, ein Besuch im Schauspielhaus, eine Reise nach Paris, eine Wanderung im Tessin. Er schrieb, übersetzte, unterrichtete, redigierte. Er war zweimal verheiratet und hatte drei Kinder. Er setzte sich ein für Asylbewerber. Er benütze weder Tram noch Bus. Er war mit seinem alten Velo überall und immer zur Stelle. Er fuhr morgens um sieben mit dem Velo zur Krebsoperation, weil er nicht schon am Vortag in das Spital eintreten wollte. Er starb mit 46, nachdem er das Hauptwerk des Nobelpreisträgers Derek Walcott ins Deutsche übersetzt hatte.