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Der Begriff A. bezeichnet die Gesamtheit der grundlegenden rechtl. Normen und institutionellen Rahmenbedingungen für die Wirtschafts- und Lebensweisen in agrar. geprägten Gesellschaften. Wichtigste Kriterien zur Beurteilung der A. in versch. Zeiten und Gebieten sind Eigentum, Herrschaftsrechte und Nutzungsrechte an land- und waldwirtschaftl. Nutzflächen und Gütern sowie die Organisation und Regulierung kollektiver bzw. individueller agrar. Nutzung (Landwirtschaft). Gegenstand ist damit die Rechts-, Sozial- und Wirtschaftsordnung innerhalb der Ländlichen Gesellschaft.
Aussagen zur A. der Schweiz in röm. Zeit sind aus manchen Gründen nur sehr schwer zu machen. Das Gebiet der Schweiz bildete in dieser Epoche keine polit.-administrative Einheit, sondern gehörte zu vier versch. Provinzen mit recht unterschiedl. Strukturen. Ausserdem haben wir über die genaue Ausdehnung und Grenzen der drei röm. Kolonien (Colonia) und deren Verhältnis zu den sicher existierenden peregrinen civitates (Civitas) auf dem Gebiet der späteren Schweiz nur unklare Vorstellungen. Schriftl., epigraph. und bildl. Quellen fehlen fast vollständig.
Man könnte mit aller Vorsicht Beobachtungen und Belege zur A. aus andern Gebieten jener Provinzen, zu denen Teile der späteren Schweiz gehörten, herbeiziehen. Dieses Vorgehen wird aber durch die geogr.-topograph. Konfiguration der Schweiz erschwert, die derartige Analogieschlüsse und Aussagen über Agrarverhältnisse in den Alpen, in den waldbedeckten Gebieten (Napf) des schweiz. Mittellandes und des Hochjuras prakt. verunmöglicht.
Bei der Etablierung der röm. Herrschaft, d.h. bei der Provinzialisierung, erhielt die an sich freie einheim. Bevölkerung, die nicht in den Genuss des röm. Bürgerrechts gekommen war, den Status als peregrini (Fremde), die fortan auf ihrem angestammten Boden zu leben hatten. Nicht nachgewiesen, aber durchaus mögl. ist, dass die Güter der alten gall. Oberschicht (parallel zur Verleihung des röm. Bürgerrechts an Angehörige dieser Oberschicht) ohne Besitzerwechsel in röm. Rechtsverhältnisse übergingen. Hinweise auf eine solche Entwicklung stammen aus dem Kt. Genf (Villa Parc-La-Grange).
Die Tatsache, dass zwei der drei auf dem Gebiet der späteren Schweiz angelegten Kolonien (Augusta Raurica und Aventicum) in ihrer Titulatur das Wort emerita führen, weist auf die Ansiedlung von ausgedienten Soldaten und damit auf eine Parzellierung und Landanweisung hin. Dasselbe gilt für die Colonia Iulia Equestris, deren Beiname ebenfalls auf die Anwesenheit von Militär hinweist.
Die Vermessung und Aufteilung des Bodens (Limitation und Centuriation) mit den zugehörigen Katasterplänen und Akten dürfte nach den Parallelen, die wir aus andern Provinzen, insbes. aus dem Rhonetal haben, auch in unserem Lande durchgeführt worden sein. Die Suche nach Vermessungs- und Landanweisungssystemen führte nicht zu gesicherten Erkenntnissen. In vielen Teilen der Schweiz wird die gebirgige Struktur ohnehin eine solche Vermessung unmögl. gemacht haben.
Zweifellos war eine Schicht reicher Grundbesitzer vorhanden. Der munizipale Adel der Kolonien und der civitates unterlag einer Vermögenseinschätzung. Für die Aufnahme in diesen munizipalen ordo (Stand) war der Nachweis bestimmter, je nach colonia und civitas versch. hoher Vermögenswerte vorgeschrieben. Diese bestanden weitgehend aus Ländereien, woraus sich das Vorhandensein einer Schicht von vermögenden Grundbesitzern ergibt.
Im ganzen Röm. Reich waren für die Zugehörigkeit zu den beiden höheren Ständen der Ritter (equites) und der Senatoren ebenfalls bestimmte Vermögensausweise erforderlich. Angehörige beider Stände sind im Gebiet der heutigen Schweiz inschriftl. belegt. Auch hier stellt sich die Frage, ob sich der für die Aufnahme in diese Stände nötige Kapitalnachweis (census) nicht auch auf ausgedehnten Landbesitz abstützte.
Wegen fehlender Quellen weiss man nicht, wie diese reichen Grundbesitzer ihr Land bearbeiten liessen. Ob die kleinen Häuschen, die sich regelmässig in der pars rustica der grossen Gutshöfe finden, von Pächtern, freien Bauern, Taglöhnern oder gar von Sklavenfam. bewohnt waren, entzieht sich unserer Kenntnis. Eine fragmentar. Mosaik-Inschrift in der Villa von Laufenburg (Baden, D) scheint von einem Klientelverhältnis zu sprechen.
Autorin/Autor: Rudolf Fellmann
Die frühma. A. war zum einen charakterisiert durch eine fortgesetzte Nutzung oder zumindest Siedlung auf dem Areal röm. Gutshöfe (z.B. Bioggio, Dietikon, Munzach, Vandœuvres). V.a. in der Süd-, West- und Nordwestschweiz dürfte die spätantike Gutswirtschaft manchenorts ihre Fortsetzung in frühma. Herrenhöfen gefunden haben. Die Hinweise darauf sind allerdings dürftig. In karoling. Zeit orientierte sich die Wirtschafts- und Sozialordnung der Königshöfe (z.B. Stammheim), der Herrenhöfe weltl. Grundherren sowie der Fronhöfe der frühen Benediktinerklöster (z.B. St. Gallen, Saint-Maurice) verm. am Modell einer zweigeteilten Grundherrschaft im sog. Villikationssystem: Zentrum der Villikation war ein Fronhof mit zugehörigem Salland, das durch Hofhörige und Frondienste bewirtschaftet wurde. Als zweites Element umfasste sie mehrere bäuerl. Güter (Huben, die Schuppose kam wohl erst im HochMA hinzu), welche gegen Grundzinsen (Naturalien, Arbeit, Geld) verliehen waren. Im 8. Jh. wird erstmals die rechtl. verankerte Pflicht fassbar, vom landwirtschaftl. Ertrag den Zehnten an die Kirche abzuliefern. Die german. Stammesrechte sind zwar ergiebig hinsichtl. der Herrschafts-, Rechts- und Sozialordnung, nicht aber für Fragen zur Wirtschaftsverfassung. Über Letztere sind noch keine verlässl. Aussagen möglich. Die ländl. Siedlungen des FrühMA präsentierten sich -- wie die Erforschung von Wüstungen zeigt -- offenbar als lockere Hofgruppen. Die subsistenzorientierte, wenig spezialisierte Landwirtschaft bedurfte wohl nur in bescheidenem Masse kollektiver Regelungen. Ausserhalb der grundherrl. Villikationen und insbes. im Voralpen- und Alpenraum ist anhand hochma. Quellen zu sog. Berglüten auf eine kleinbäuerl., z.T. nomadisierende, kombinierte Ackerbau-, Weide- und Waldwirtschaft zurückzuschliessen.
Das HochMA gilt als klimat. Gunstphase mit verstärktem Bevölkerungswachstum, einem daraus resultierenden Landesausbau, einer siedlungsmässigen und organisator. Verdichtung dörfl. Strukturen ("Verdorfung") sowie einer Zunahme des Getreidebaus ("Vergetreidung"). Erst in dieser Zeit entwickelten sich die dörfl. Zelgensysteme. Der Güterbesitz und die Herrschaftsrechte zahlreicher Bistümer (z.B. Basel, Sitten, Como) und Klöster (z.B. Einsiedeln, Engelberg, Muri, Disentis) sowie des Adels erfuhren eine erhebl. Ausdehnung, oft verbunden mit einer gebietsmässigen Arrondierung und einer verstärkten herrschaftl. Durchdringung (Ämterstruktur). Mit dem Besitzwachstum verstärkten die Landes- und Grundherren ihre Bestrebungen, die abhängigen Bauern sozial und wirtschaftl. zu organisieren, wobei bei diesem Prozess nicht nur die Divergenzen zwischen Herren und Bauern, sondern auch die gemeinsamen Interessen gesehen werden sollten. Besonders im schweiz. Mittelland wurde die Grundherrschaft zu einem Basiselement der hochma. A. und der Feudalgesellschaft insgesamt. Die Zisterzienser und andere hochma. Reformorden erbrachten im 12. und 13. Jh. auf ihren Klostergütern eindrückl. organisator. und kultivator. Leistungen. Grundelemente der hochma. Grundherrschaft waren weiterhin der zentrale, z.T. in Eigenwirtschaft betriebene Herrenhof, dezentrale Fronhofverbände mit aus dieser Zeit erstmals überlieferten Hofrechten, von den Reformorden z.T. in Eigenwirtschaft betriebene Grangien sowie die landwirtschaftl. und handwerkl. Leihegüter (Leihe). Der Vielschichtigkeit der Herrschaftsbeziehungen entsprachen ebenso vielgestaltige Abgaben (Feudallasten), unter denen Grundzinsen, Bussen, Fall- und Ehrschatzabgaben materiell am wichtigsten waren. Daneben gab es im Mittelland und besonders im Voralpen- und Alpengebiet auch Räume mit einem geringen Feudalisierungsgrad und einer schwachen grundherrl. Durchdringung. Hinweise auf "freie" bäuerl. Eigengüter (Allod), auf denen einzig gerichts- und landesherrl. Abgaben lasteten, finden sich verschiedenenorts, zuweilen in örtl. Konzentrationen (z.B. Freiengerichte im Aargau, Thurgau, Appenzellerland).
Im Übergang vom Hoch- zum SpätMA begann die Rentengrundherrschaft die bipartite Grundherrschaft zu verdrängen. Das komplexe Verhältnis zwischen Grundherren und Bauern reduzierte sich immer mehr auf eine ökonom. Abgabenbeziehung. Ursache dafür war einerseits das Vordringen der Stadt. In ihrem Umland wich die subsistenzorientierte Produktion allmähl. einer marktorientierten. Anderseits bewogen der Verwaltungsaufwand und die schwankenden Erträge der grundherrl. Eigenwirtschaft die Grundherren zur Auflösung der Villikationen und zur Verleihung der Fronhof- und Hubengüter gegen fixierte Grundzinsen. Dieser Vorgang führte im südl. Tessin bereits im 12./13. Jh. zum Pachtsystem der sog. massaria (von mansionarius = Hubenbauer), in welcher familienwirtschaftl. Einzelbetriebe von kirchl. Institutionen und stadtsässigen Adligen an massari (Pächter) ausgegeben wurden. In den Hofverbänden gewannen durch diesen Auflösungsprozess die horizontalen, genossenschaftl. Beziehungen gegenüber den vertikalen, herrschaftl. an Bedeutung. Primäres Bezugssystem der produzierenden ländl. Bevölkerung wurde anstelle des Hofverbands (und der grundherrl. Familia) das Dorf mit seinen Bodennutzungssystemen. Dieser Prozess der Kommunalisierung der landwirtschaftl. Nutzungsorganisation setzte wiederum in der Südschweiz erhebl. früher und auch in der Westschweiz eher ein als in den übrigen Gebieten. Im Mittelland verbreitete sich die dörfl. Dreizelgenbrachwirtschaft. Das Nebeneinander von individuell genutzten Gärten und Sonderkulturen, von Zelgen, in welchen die individuelle Nutzung kollektiv organisiert war, und von gemeinsam genutzter Allmend bedurfte der dorfrechtl. Regelung (Offnungen), wobei die extensive Allmendnutzung bis in das ausgehende SpätMA vergleichsweise frei blieb. Im Alpenraum bezog die expandierende Weidewirtschaft die Hochweiden in mehrstufige Nutzungssysteme ein, die von Dauersiedlungen im Tal (z.B. Uri) oder am Berg (z.B. Wallis) ausgingen. Unter bäuerl. Genossenschaften (z.B. in Uri, Schwyz, Glarus) und auch mit Klöstern (z.B. Einsiedeln, Engelberg) ausgetragene Grenzstreitigkeiten (Marchenstreit), die v.a. um Weideflächen entbrannten, begleiteten diesen Intensivierungsprozess (Nutzungskonflikte).
Die Krise des Spätmittelalters (ca. 1300-1450) erschütterte sowohl das herrschaftl. wie auch das soziale und wirtschaftl. Gefüge der ländl. Gesellschaft. Die Häufung von Missernten, Seuchenzügen und krieger. Verwüstungen führte zu einer grossen geogr. und sozialen Mobilität. Leibeigene von weltl. Herren (z.B. der Habsburger) wie auch Gotteshausleute von Klöstern und Stiften entzogen sich -- oft durch Landflucht -- dem herrschaftl. Zugriff. Dem stand ein weiterer ökonom. und polit. Bedeutungsgewinn der Städte gegenüber, insbes. der territoriumsbildenden eidg. Städteorte. Der ländl. Bodenmarkt wurde dadurch dynamisiert, dass viele Stadtbürger Land erwarben, Renten kauften oder sich als Pächter zwischen die Grundherren und die produzierende Bevölkerung schoben (Pacht, Teilbau, Viehverstellung). Die bäuerl. Leiheverhältnisse vor 1450 sind charakterisiert durch kurzfristige Zeitleihen, ein Entgegenkommen von Grundherren durch günstige Zinsbedingungen und Aufbauhilfen bei der Übernahme von zuvor unbesetzten Hofstellen sowie durch häufige Veränderungen in der Güterstruktur. Im alpinen Raum breitete sich vom 14./15. Jh. an die marktorientierte Grossviehproduktion (Viehhandel) aus, eine Verlagerung, die in Uri und Obwalden mit einem Wechsel der Führungsgruppen um 1360-80 einherging. Wo die Alpwirtschaft genossenschaftl. organisiert war, bedurfte sie der in sog. Alpbriefen festgehaltenen Nutzungsregelungen (Alprechte). In der Innerschweiz breitete sich diese Form der Alpwirtschaft im SpätMA aus, während sich in den dünn besiedelten Teilen des Wallis und Graubündens weiterhin die familienwirtschaftl. Einzelsennerei hielt. Im Tessin kauften oder pachteten zahlreiche Gem., die im eigenen Territorium über keine oder zu wenig Alpweiden verfügten, in anderen Gem. Alpen hinzu.
Um die Mitte des 15. Jh. -- im westl. Mittelland früher als im östl. -- verfestigten sich die Leiheverhältnisse. Das bäuerl. Interesse an der Umwandlung anderer Leiheformen in Erblehen, die eine verbesserte Verfügungsgewalt bedeuteten, nahm zu. Das Besitzdenken der Erbleheninhaber und die im bäuerl. Erbrecht vorherrschende Realteilung äusserten sich in einer Zunahme von Teilungs-, Tausch- und Kaufaktivitäten auf Erblehengütern, worauf die Lehensherren mit Teilungs- und Veräusserungsverboten reagierten. Wo familiäre Besitzwahrungsstrategien dem egalitären Erbgang entgegenwirkten, wurden das Ältestenrecht (z.B. im Tessin), das Jüngstenrecht (z.B. im Emmental) oder auch geschwisterl. Gemeinderschaften (consortes) unter Leitung des Ältesten (z.B. im Unterwallis) der Realteilung vorgezogen. Innerhalb der Dorfsiedlungen führten das um 1450 einsetzende Bevölkerungswachstum sowie landwirtschaftl. Intensivierungen zu Konflikten um Ressourcen sowie zu sozialen Spannungen. Die Bestimmungen der Offnungen und Schiedsurkunden dieser Zeit galten vermehrt der zuvor extensiv genutzten Allmend, wo Einhegungen zu Sondernutzungszwecken (Einschlagsbewegung), die übermässige Holznutzung und die Überweidung zu Streitigkeiten in und zwischen den Dorfgemeinschaften führten. Um 1500 begann sich auch der sozioökonom. und in versch. Dorfrechten auch nutzungsrechtl. relevante Gegensatz zwischen (Voll-)Bauern und Taunern zu verfestigen. Einzugsbriefe aus dem ausgehenden 15. Jh. belegen zudem erste Abschliessungstendenzen der Dorfgenossen gegenüber armen Zuzügern.
Im 16. und 17. Jh. erfuhr die A. keine grundlegende Umgestaltung, jedoch eine Fortsetzung und z.T. Intensivierung vieler Prozesse. Die grund- und zehntherrl. Abhängigkeiten und Abgaben blieben im Wesentlichen unverändert, verloren jedoch im Vergleich zu anderen gesellschaftl. Kräften an Bedeutung. Zu Letzteren zählten die frühneuzeitl. Staatsgebilde, die Kommunen, der Agrar- und Gütermarkt sowie das Kapital. Die frühstaatl. Obrigkeiten legten die Rahmenbedingungen kommunaler Wirtschafts- und Sozialorganisation, des Erbgangs, des Güter-, Waren- und Kapitalverkehrs fest. Sie sanktionierten die dörfl. Einzugsbriefe, Einhegungen und Waldteilungen, griffen mit Holzordnungen und Forstmandaten in die dörfl. Nutzungsordnung, mit Teilungs-, Umnutzungsverboten und Erbrechtsbestimmungen direkt in die bäuerl. Nutzungssphäre ein. Zudem trug der Agrarsektor die Hauptlast der Staatsfinanzierung. In den Dorfgem. bewirkte der Bevölkerungsdruck zunehmende Nutzungs- und Abgrenzungskonflikte um Allmenden. So rückte deren Nutzung in den Offnungen weiter in den Vordergrund, und um 1700 bestanden zwischen den Dörfern kaum mehr gemeinsame Nutzungsbereiche. Dörfer mit grossen und qualitativ guten Allmendflächen wurden zudem von Zuzügern bevorzugt, was die Dorfgenossen wiederum zur Erhebung bzw. Steigerung der Einzugsgebühren und auch zu einem restriktiveren Umgang mit den sog. Gerechtigkeiten (an Hofstätten gebundene Nutzungsrechte) bewog.
Die im Luzernischen nachgewiesene Zunahme von Einhegungen in Zelgen und Allmenden sowie von Allmend- und Waldteilungen im ausgehenden 16. und frühen 17. Jh. ist eine Folge von sozialen Veränderungen, die zu dieser Zeit wohl im gesamten schweiz. Mittelland stattfanden. Die Güterzersplitterung infolge von Bevölkerungswachstum und Erbteilungspraktiken liess arme Bevölkerungsgruppen überproportional ansteigen, denen in den aufgelösten Allmenden Ackerland oder Gruppen von kleinen Hofstellen (Taunersiedlungen) zur Verfügung gestellt wurden. Von den Zelgeneinhegungen wiederum profitierten v.a. die wohlhabenden Vollbauern. Die soziale Grenze zwischen Vollbauern und Taunern gewann in solchen Prozessen an Schärfe. Die Zunahme kleinbäuerl. Betriebe führte im 16. Jh. auch zur Tragerei, in welcher der Trager in der Leihebeziehung eine bäuerl. Gruppe vertrat. Im inneralpinen Raum war die sozio-ökonom. Differenzierung feiner abgestuft. Das kleinbäuerl. Element überwog und komplexe Besitzverhältnisse (im Goms z.B. alle Kombinationen von privater bzw. kollektiver Nutzung von Privat- bzw. Kollektivbesitz) sowie auf Interessenausgleich ausgerichtete kooperative Nutzungsweisen verhinderten grössere Bewegungen im Sozial- und Wirtschaftsgefüge. Dagegen erfuhren ausserhalb des inneren Alpenraums die Marktorientierung der agrar. Produktion (v.a. Viehwirtschaft, Käse), der ländl. Güter- und Bodenmarkt, in welchen immer mehr Kapital städt.-patriz. (z.B. in Bern, Freiburg, Luzern, Südtessin) wie auch ländl.-aristokrat. (z.B. in Graubünden, Wallis) Herkunft eindrang, und damit auch die bäuerl. Verschuldung ausserhalb feudaler Bindungen eine Beschleunigung (Agrarverschuldung).
Autorin/Autor: Martin Leonhard, Alfred Zangger
Die A. veränderte sich im 18. Jh. zunächst kaum. Die grundherrschaftl. Leiheformen und die Abgabenstruktur blieben bis zur Helvetik de jure bestehen. Allerdings veränderte sich der Charakter des Erblehens weiter in Richtung einer stärkeren Position des Beliehenen, der prakt. nur noch bei jahrelanger Nichtleistung der Zinsen aus dem Lehen gestossen werden konnte. Er besass Rechte, die weit über den Besitz hinausgingen und sich de facto lange vor 1798 dem Eigentum näherten: freie Nutzung, Vererbbarkeit, Veräusserbarkeit, Belastbarkeit des Bodens durch Verschuldung (z.B. Gülten) bei Dritten. Sein Recht am Boden war ledigl. durch die zu Grundlasten gewordenen Feudalrechte beschränkt. Der Lehenzins war fixiert; eine Wertvermehrung des Bodens machte er nicht mit. Dies war ein Antrieb für den Lehensmann, sein Gut zu verbessern und die Produktion zu steigern, denn ihm gehörte der Mehrertrag.
Weitere Determinanten der A. blieben das bäuerl. Erbrecht und die Nutzungsregelungen im Dorf. Das Erbrecht variierte nach den Kodifikationen einzelner eidg. Orte von Kanton zu Kanton. Generell lässt sich feststellen, dass im Dorfsiedlungsgebiet in der Regel Realteilung, im Einzelhofgebiet jedoch -- um der Güterzersplitterung vorzubeugen -- das Erbrecht eines Einzigen galt. Letzteres wurde stets einem der Söhne eingeräumt, je nach Region dem jüngsten (Minorat) oder dem ältesten (Majorat). Es war mit der Pflicht verbunden, die übrigen Erben auszuzahlen. Dieses in seinen Grundzügen skizzierte System wurde in der Praxis auf unterschiedl. Weise gehandhabt; insbes. die Normen über die Teilung und über die Stellung der Witwe des Erblassers wurden an vielen Orten verfeinert. Neuere Untersuchungen legen die Auffassung nahe, dass die Satzungen im Einverständnis mit den am Erbgang Beteiligten häufig situativ angepasst wurden, wobei die Obrigkeit dies duldete. Die Dörfer hatten in den meisten Fällen die Regeln der Landnutzung so ausgestaltet, dass Streitereien nach Möglichkeit vermieden wurden. Entscheidende Punkte waren dabei die Nutzung der Allmend sowie die landwirtschaftl. Tätigkeit innerhalb der Zelgensysteme.
Eine grundsätzl. Umgestaltung der A. brachte die Helvet. Republik. Kap. 13 der Helvet. Verfassung sah die Loskäuflichkeit der Feudallasten vor. Die Behörden reagierten unter dem Erwartungsdruck der bäuerl. Bevölkerung schnell, fast überstürzt. Nachdem Anfang Mai 1798 die Leibeigenschaft und daraus abgeleitete Abgaben und Frondienste aufgehoben worden waren, wurde im Sept. 1800 beschlossen, dass die Bodenzinsen für das Jahr 1800 noch entrichtet werden müssten; 1801 wurde dasselbe für die Zehnten verfügt. Dieser Entscheid führte in versch. Kt. zu schweren Unruhen. Am Ende der Helvetik blieb nur die Regelung der Loskäuflichkeit der Grundzinsen und der Grossen Zehnten bestehen.
Autorin/Autor: Markus Mattmüller
Die erbrechtl. Normen änderten sich erst mit den kant. Gesetzbüchern des 19. Jh. Der Flurzwang wurde in den versch. Regionen unterschiedl. lange beibehalten, ehe er abgeschafft oder infolge veränderter Besitzverhältnisse obsolet wurde. Die Helvetik hinterliess in einigen Kt. einen Kataster, der die Grundeigentumsverhältnisse festschrieb. Die neu erlassenen zivilrechtl. Kodifikationen der Kt. glichen die Grundeigentums- und Besitzrechte zunächst innerhalb ihres Geltungsbereichs aus, so dass im letzten Viertel des 19. Jh. an die Rechtsvereinheitlichung innerhalb der ganzen Schweiz gegangen werden konnte. Die Revision der Bundesverfassung von 1874 mit ihren Änderungen von 1898 ermöglichte zunächst den Erlass des Schweiz. Obligationenrechts (OR, 1881), dann des Schweiz. Zivilgesetzbuchs (ZGB, 1907). Im OR waren insbes. der Kauf und die Pacht von Grundstücken sowie die Genossenschaft geregelt. Für die landwirtschaftl. Verhältnisse noch wichtigere Normen wurden im ZGB geregelt: das Erbrecht, mit speziellen Bestimmungen für landwirtschaftl. Gewerbe, und das Sachenrecht, mit den Titeln über Eigentum und Besitz, speziell auch über das Grundpfand. Alle diese Normen wurden mehrfach verändert und an die Entwicklung der schweiz. Landwirtschaft (Agrarpolitik) angepasst, so im Bundesgesetz über die Entschuldung landwirtschaftl. Heimwesen (1940), im Bundesgesetz über die Erhaltung bäuerl. Grundbesitzes (1951), im Bundesgesetz über die Förderung der Landwirtschaft und die Erhaltung des Bauernstandes (1951, 1998 revidiert, sog. Landwirtschaftsgesetz), im Bundesgesetz über Änderungen des bäuerl. Zivilrechts (1972) sowie im Bundesgesetz über das bäuerl. Bodenrecht (1991).
Autorin/Autor: Markus Mattmüller