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Das Motta-Schwimmbad im Neustadtquartier ist inzwischen eine Freiburger Ikone. Mindestens so schillernd ist die Entstehungsgeschichte des kultigen Schwimmbads.
Die typischen roten Dächer der Mauern, die blauen nummerierten Türen der Kabinen und das erfrischende kühle Nass in den Edelstahlbecken: Das öffentliche Schwimmbad Die Motta ist für viele Freiburgerinnen und Freiburger ein ganz besonderer Ort mit viel Nostalgie. Die Badi gibt es schon seit einem Jahrhundert – und ihre Entstehungsgeschichte ist turbulent. Raoul Blanchard, Mitarbeiter des Stadtarchivs, kennt sie und hat sie den FN erzählt.
1820–1870: Das Schwimmen erlernen
Den Standort der Motta nannten die Freiburgerinnen und Freiburger früher «Das Ende der Welt» («Le bout du monde»). Denn dort ging der Weg einfach nicht mehr weiter, so Blanchard. Früher führte die Saane oft Hochwasser, bevor in den 1870er-Jahren zuerst die Pérolles-Staumauer und später das Ölberg-Kraftwerk gebaut wurden. «Die Wassermenge, die es früher gab, ist ganz anders als heute.»
Aufgrund der vielen tödlichen Schwimmunfälle in der unberechenbaren Saane sollten die Kinder, aber auch Erwachsene in einem Schwimmbad einerseits das Schwimmen erlernen. «Das Bad diente aber auch zur Körperhygiene», erklärt Blanchard. Eines der ersten Entwicklungsprojekte für die Motta-Ebene reichte 1865 der Gerber Hans Möhr ein. Dieses wurde aber nicht weiter verfolgt. Die Frage nach einem Badeort kam danach immer wieder zur Sprache. Doch die Stadt scheute die hohen Kosten – noch …
1870–1880: Der Standort Schützenmatte
Ab 1870 errichtete der Ingenieur und Geschäftsmann Wilhelm Ritter die Pérolles-Staumauer und ermöglichte der Stadt 1874, Wasserleitungen zu verlegen. Ein paar Jahre später kam von Ritter der Vorschlag eines Luxusbads samt «Mantelnutzung» auf der Schützenmatte. «Dazu gehörten zum Beispiel ein Casino, ein Restaurant und ein Tierpark.» Das Bad wäre nach Geschlechtern getrennt gewesen, stellt Blanchard klar. «Die Stadt war nicht dafür, weil sie sich hätte beteiligen müssen, und sie scheute die Kosten.» Der zweite Grund war, dass die Stadt die Schützenmatte weiterhin als Schiessstandort brauchen wollte. Gleichzeitig störte es sie, dass das Bad zu nahe beim Bahnhof, dem neuen Zugang zur Stadt, geplant war.
1880–1900: Das private Galley-Bad
Der Freiburger Sportler Léon Galley war ein wichtiger Akteur in der Bäderszene von Freiburg. 1887 kehrte er aus dem Ausland nach Freiburg zurück. Er erkannte die Wichtigkeit eines Schwimmbads für die Bevölkerung und richtete ein Bad im ehemaligen Feuerweiher im heutigen Altquartier ein. «Es war ein modernes Bad, aber es war von vornherein finanziell eng», sagt Blanchard. Von 1880 bis 1918 betrieb Galley das Bad, in dem es einen Schichtbetrieb zur Trennung der Geschlechter gab. «Das war das erste Mal, dass die breite Bevölkerung überhaupt baden und schwimmen lernen konnte.» Blanchard betont jedoch, dass es sich beim sogenannten Galley-Bad um ein privates Bad handelte.
1900–1923: Das Funiculaire als Anstoss
In der Zwischenzeit hatte auch der Freiburger Verkehrsverein (Société de développement) erkannt, wie wichtig ein öffentliches Bad für die Bevölkerung ist. Deshalb schlug er 1919 vor, ein Bad bei der Magerau in den ehemaligen Sandfilterbecken der Wasserversorgung von Wilhelm Ritter zu bauen. Die Grundinfrastruktur eines Bads wäre somit schon vorhanden gewesen. Das Problem: Das Land gehörte den späteren Freiburger Elektrizitätswerken, und diese verlangten einen hohen Preis dafür.
Weil das Schwimmbad zudem in der Nähe des Frauenklosters gebaut werden sollte und er um die sittliche Moral fürchtete, intervenierte der Bischof und schlug von sich aus die Motta-Ebene als alternativen Standort vor. «Das entscheidende Element für den Bau des Bads in der Motta-Ebene war jedoch das Funiculaire», stellt Blanchard klar. Diese Standseilbahn war hauptsächlich dafür gebaut worden, die Arbeiter der Bierbrauerei Cardinal in die Altstadt zu transportieren. Weil die Cardinal ihren Standort ab 1904 schrittweise ins heutige Blue-Factory-Areal verlagerte, ging dem Funiculaire allmählich sein Hauptzweck abhanden, fährt Blanchard fort. Darum hatte ihre Betreibergesellschaft ein Interesse daran, ein attraktives Angebot im Neustadtquartier einzurichten, damit die Leute wieder die Standseilbahn benutzten.
1923: Keine offizielle Eröffnung
1918 schloss Léon Galley aus finanziellen Gründen sein privates Bad. In der Bevölkerung machte sich deshalb immer mehr der Wunsch breit, endlich ein öffentliches Schwimmbad zu erhalten – nachdem zuvor so viele Projekte schon in der Planungsphase gescheitert waren. «Es scheint, dass für die Bevölkerung der Geduldsfaden gerissen war.»
Nach 1920 ging es dann plötzlich schnell, so Blanchard. Die Stadt gründete eine Aktiengesellschaft, bei der sie selbst die Aktienmehrheit innehatte. Diese beauftragte zwei Architekten mit der Ausarbeitung der Pläne: Frédéric Broillet und Augustin Genoud. Man prüfte verschiedene Varianten, unter anderem ein nach Geschlechtern getrenntes Doppelbad. Weil dieses zu teuer gewesen wäre, eignete man sich auf ein vereinfachtes Projekt – das heutige Schwimmbad mit zwei Becken und hohen Mauern rundherum.
Baubeginn war Anfang 1923. Die Becken wurden aus Spritzbeton hergestellt, einer damals modernen Technik, die für das Freiburger Bauwesen Neuland bedeutete. Deshalb wurde der junge Ingenieur Beda Hefti engagiert, der damit umgehen konnte. Er war auch für die Wasseraufbereitung zuständig. Die Becken wurden anfangs mit dem Wasser aus der Saane gespiesen, was problematisch war und immer wieder zu Verschmutzungen führte.
Am 15. Juli 1923 wurde das Motta-Bad in Betrieb genommen. Es gab jedoch nie eine offizielle Eröffnung: Am frühen Sonntagmorgen stiegen Stadtammann Pierre Aeby – in Begleitung von Richard Guy Kitching, Bürgermeister im englischen Grimsby und zu diesem Zeitpunkt Feriengast in Freiburg – ins Schwimmbecken. Und mit diesem ziemlich profanen Akt war die offizielle Eröffnung der geschichtsträchtigen Anlage vollzogen. Da die Motta noch gar nicht völlig beendet war und sich tagsüber noch Arbeiter hier aufhielten, durften in den ersten zwei Wochen nur Männer das Schwimmbad benutzen.
1930–1950: Bundesgericht hebt Geschlechtertrennung auf
«Bei der Motta handelte es sich von Anfang an um ein Bad für die breite Öffentlichkeit», unterstreicht Blanchard. Aber es gab einen nach Geschlechtern getrennten Betrieb. In den 1930er-Jahren gab es diesbezüglich eine Lockerung. Die Betreibergesellschaft der Motta hatte grosses Interesse an einem gemischten Betrieb, weshalb sie – nach langem Hin und Her – über Mittag sogenannte Familienstunden einrichtete.
Das missfiel jedoch katholischen-konservativen Kreisen. Bischof Marius Besson intervenierte deshalb beim Gemeinderat, weil die Stadt ja noch immer Mehrheitsaktionär der Betriebsgesellschaft war. Der Gemeinderat unterstützte den Antrag des Bischofs, an der Geschlechtertrennung festzuhalten. Die Betriebsgesellschaft wehrte jedoch sich dagegen, gelangte zuerst an den Staatsrat und zog den Fall gar bis vor das Bundesgericht.
Gut Ding muss Weile haben. Am 26. März 1945 fällte das Bundesgericht ein Urteil, «dass der getrennt geschlechtliche Betrieb in der Motta nicht gegen die Moral» verstosse.
1949: Das öffentliche Tragen eines Bikinis war in vielen Ländern Europas und Nordamerikas noch immer und noch eine Weile länger verboten. Im selben Jahr jedoch fertigte Madeleine Thévoz in Freiburg ihre erste Kollektion dieser Badekleider an und präsentierte sie in der Motta der Öffentlichkeit.
Wegen der starken Zunahme der Gäste erfuhr das Schwimmbad während des Krieges und unmittelbar danach verschiedene Erweiterungen, wobei der Grundcharakter der Motta erhalten blieb.
1960–1980: Neue Wasseraufbereitung und -heizung
In den frühen 1960er-Jahren wurden verschiedene Neuerungen eingeführt. Die Sprungmauer wurde entfernt und durch frei stehende Ein- und Drei-Meter-Sprungbretter ersetzt, erzählt Blanchard seine Geschichte weiter. «Auf der Seite der Saane wurden die Kabinen um drei Meter nach aussen verlegt.» Somit wurde mehr Platz geschaffen. «Man sieht noch heute Spuren in der Motta, wo die Kabinen versetzt worden sind.» Die Wasserqualität liess zu diesem Zeitpunkt, über 40 Jahre nach der Eröffnung, immer noch zu wünschen übrig. Es wurden neue Filteranlagen installiert, und das Wasser wurde gechlort.
Die Motta war lange ein typisches Kaltbad. «In den 1970er-Jahren fing man an, die Becken zu beheizen», so Blanchard.
1980–1990: Keine Kabinen, sondern eine Wiese
In den 1980er-Jahren wurde die Motta erneut erweitert. «Es war das erste Mal, dass man die neue Liegewiese nicht mit Kabinen umgrenzt hat», so Blanchard.
2003: Von Beton- zu Edelstahlbecken
2003 fand ein umfassender Umbau der Motta statt. Die Becken mussten wasserdicht gemacht werden. Sie wurden deshalb mit Edelstahl ausgekleidet. «Man richtete auch einen modernen Überlauf ein, der sich auf der gleichen Höhe wie der Beckenrand befindet.» Ausserdem wurde das Kinderplanschbecken erweitert und modernisiert.
2023: Alle möglichen Ziele erreicht
«Die Motta hat sich kontinuierlich weiterentwickelt», bilanziert Blanchard am Ende seiner Ausführungen. Er fügt hinzu: «Sehr wahrscheinlich ist für die Motta das erreicht, was man für ein historisches Bad erreichen kann.» Die nächsten Neuerungen müssten vor allem technischer Art sein. So soll die fossile Heizung der Wasserbecken durch eine klimaneutrale Variante ersetzt werden. «Der nächste Schritt ist sicher ein zweites öffentliches Schwimmbad», sagt Blanchard und fügt hinzu: «Doch auch das dürfte ein langer Weg werden.» Und er schliesst: «Als Kunsthistoriker wünsche ich mir, dass die Motta so bleibt, wie sie ist.»
Serie
Motta feiert 100. Geburtstag
Das Motta-Freibad in der Freiburger Unterstadt ist heute nicht mehr aus dem Stadtleben wegzudenken. Die Badi hat 1923 ihre ersten Besucherinnen und Besucher empfangen und feiert dieses Jahr ihr 100-Jahr-Jubiläum. Die FN haben dies zum Anlass für eine Serie rund um die Motta und die Festaktivitäten genommen. agr