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- Das Friedensforschungsinstitut Sipri warnt davor, dass es bald mehr Atomwaffen geben könnte.
- Mehrere Atomwaffenstaaten seien im Begriff, ihre atomaren Verteidigungssysteme auszutauschen und zu modernisieren.
- Sipri warnt vor den Folgen des Ukraine-Krieges.
Nach jahrzehntelangem Rückgang könnte die Zahl der Atomwaffen in der Welt nach Schätzung von Friedensforschern bald erstmals wieder ansteigen. Die Spannungen in der Welt führten dazu, dass mehrere Länder ihre Atomawaffenarsenale modernisierten und austauschten. Das zeigt der Jahresbericht des Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri.
Weniger als im Kalten Krieg
Seit Jahrzehnten ist die weltweite Zahl der Kernwaffen kontinuierlich gesunken. Mittlerweile macht sie nur noch weniger als ein Fünftel von dem aus, was sich zu Hochzeiten des Kalten Krieges in den 1980er Jahren in den Arsenalen der Atommächte befunden hatte. Bereits im Vorjahr hatten Sipri jedoch eine Trendwende hin zu moderneren nuklearen Waffen ausgemacht.
«Es gibt eindeutige Anzeichen dafür, dass die Verringerungen, die die globalen Atomwaffenarsenale seit dem Ende des Kalten Krieges charakterisiert haben, beendet sind», sagte der Sipri-Experte Hans M. Kristensen.
Ohne sofortige und konkrete Abrüstungsschritte der neun Atomwaffenstaaten könnte der globale Bestand nuklearer Waffen bald erstmals seit dem Kalten Krieg wieder grösser werden, warnte sein Kollege Matt Korda.
USA und Russland haben am meisten Atomwaffen
Aktuell sei die Gesamtzahl der nuklearen Sprengköpfe von 12'705 Stück rückläufig, jedoch rechnet das Institut mit einem Wachstum in den kommenden Jahren.
Wie das Forschungsinstitut Sipri arbeitet
Das «Stockholm International Peace Research Institute» forscht zu Krieg, Waffen und Rüstung. Die Friedensforscherinnen und Friedensforscher aus Schweden stützen sich dabei auf offizielle Regierungsangaben zum Verteidigungshaushalt und auf weitere Quellen und Statistiken.
Die Zahlen zu beispielsweise den Rüstungsausgaben weichen deshalb traditionell von den Angaben der Nato und einzelner Länder ab. Zu den Ausgaben werden auch Aufwände für Personal, Militärhilfen sowie militärische Forschung und Entwicklung gezählt.
Die Stiftung Sipri veröffentlicht jeweils Ende April einen jährlichen Bericht zu den Militärausgaben in aller Welt. Er gilt als die weltweit umfassendste Datensammlung dieser Art und gibt wiederkehrend Einschätzungen zu Atomarsenalen ab.
Laut Jahresbericht verfügen Russland (5977) und die USA (5428) gemeinsam nach wie vor über rund 90 Prozent aller Atomsprengköpfe in der Welt. Bei beiden sei die Zahl 2021 zwar weiter zurückgegangen – dies habe aber vor allem mit der Demontage ausrangierter Sprengköpfe zu tun, von denen sich das Militär schon vor Jahren verabschiedet habe. Die Zahl der Atomwaffen in nutzbaren Militärbeständen der beiden Länder sei dagegen relativ stabil geblieben.
Atomsprengköpfe werden erneuert
Sowohl in den USA als auch in Russland liefen umfassende und kostspielige Programme, um die Atomsprengköpfe, Trägersysteme und Produktionsstätten auszutauschen und zu modernisieren, schreiben die Friedensforscher.
Gleiches gilt für die weiteren Atomwaffenstaaten, zu denen laut Sipri Grossbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea zählen. Sie alle hätten neue Waffensysteme entwickelt oder stationiert oder dies zumindest angekündigt.
China will ausbauen
Keines der Länder habe vor, seine Atomwaffen in irgendeiner Weise abzuschaffen, sagte Kristensen der Deutschen Presse-Agentur. China befinde sich gerade vielmehr mitten in einem umfassenden Ausbau seines Atomwaffenarsenals, Grossbritannien habe 2021 angekündigt, die Obergrenze für seinen Gesamtbestand an Sprengköpfen zu erhöhen.
Sipri moniert, dass alle fünf Länder ihre Arsenale seitdem weiter ausgebaut oder modernisiert hätten. Russland habe im Zuge seines Angriffskriegs in der Ukraine gar offen mit dem möglichen Gebrauch von Atomwaffen gedroht.
Könnte Putin Atomwaffen einsetzen?
Zur Gefahr eines Atomwaffeneinsatzes im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine sagt Ulrich Kühn, Leiter des Forschungsbereichs Rüstungskontrolle und Neue Technologien am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg: «Wenn autokratische Herrscher ihr Überleben mit einer politischen Situation verknüpfen, dann wird es ganz heikel.» Manche westliche Beobachter und Experten – «es sind sehr gute Analysten in den USA», so Kühn – vermuteten, dass Putin den Krieg mit seinem persönlichen Überleben verbinden könnte. Deshalb: «Für Putin könnte es in diesem Fall auf einmal rational erscheinen, Nuklearwaffen einzusetzen», sagte Kühn im «Tagesgespräch» von Radio SRF.
«Obwohl es im vergangenen Jahr einige bedeutende Fortschritte sowohl bei der nuklearen Rüstungskontrolle als auch bei der atomaren Abrüstung gegeben hat, scheint das Risiko des Einsatzes von Atomwaffen jetzt höher als zu jedem Zeitpunkt seit dem Höhepunkt des Kalten Krieges», erklärte Sipri-Direktor Dan Smith.
Folgen des Angriffs auf die Ukraine nicht absehbar
Die neuen Sipri-Daten beziehen sich auf Januar 2022. Einen Monat später marschierte Russland in die Ukraine ein. Noch sei es etwas zu früh für Rückschlüsse, wie sich Russlands Angriffskrieg letztlich auf die atomare Lage in der Welt auswirken werde, sagte Kristensen.
Die Forderungen von Sipri
Notwendig ist laut Sipri nun vor allem eine Entspannung der nuklearen Rhetorik vonseiten der Atommächte. Es sei auch ein Weckruf für Nicht-Atomwaffenstaaten, die viel mehr Druck auf die Atomwaffenstaaten ausüben müssten, um von dieser waghalsigen Politik zurückzutreten. Ein Gradmesser dafür sei eine Konferenz zur Nichtverbreitung von Atomwaffen in New York im August.
Einen indirekten Effekt sieht der Experte aber schon jetzt: «Die Russen sehen, dass ihre konventionellen Streitkräfte nicht so gut sind, wie sie dachten.» Deshalb dürfte sich Russland wahrscheinlich künftig stärker auf taktische Atomwaffen verlassen.
Die Nato reagiere auf den Ukraine-Krieg, indem sie die Bedeutung ihrer Atomwaffen herausstelle. Das Risiko einer nuklearen Konfrontation habe sich durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine erhöht.