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US-Justiz befragte Joachim Strähle im Sommer tagelang, kurz darauf brach Schweizer Abwehrfront ein.
30. März 2012 / 18:05 / Kommentare (8)
Die Sommerreise 2011 nach Übersee endete für Joachim Strähle abrupt. Statt frei im Land der unbegrenzten Möglichkeiten herumzureisen, stand der oberste Chef der Basler Privatbank Sarasin und einer der bekanntesten Banker des Landes den US-Steuerermittlern tagelang für Gespräche zur Verfügung.
Dies bestätigen zwei Quellen unabhängig voneinander. Strähle habe die USA in dieser Zeit nicht verlassen können, sagen sie, sei dann aber später laufengelassen worden.
Strähle wurde als Zeuge im US-Offshore-Konflikt befragt. Er war zu keinem Zeitpunkt inhaftiert. Seine Bank steht nicht auf der Liste jener 11 Finanzinstitute, gegen welche die USA offiziell wegen Beihilfe zu Steuerhinterziehung ermitteln.
Strähle leistete offenbar keinen Widerstand, sondern folgte den Wünschen der USA.
Strähles Aussagen könnten für die USA im über vierjährigen Kampf gegen das Schweizer Bankgeheimnis und das lukrative Offshore-Geschäft matchentscheidend gewesen sein.
Strähle war bis 1999 für die Privatbank Julius Bär und dort lange in den USA tätig. Danach wechselte er zur Grossbank Credit Suisse und leitete dort ein paar Jahre lang die grenzüberschreitende Vermögensverwaltung für vermögende Kunden für die Regionen Americas und weitere Weltzonen.
Eine CS-Quelle bestätigt, dass Strähle aus seiner früheren Zeit mit US-Kunden zu tun gehabt haben könnte. Der Sarasin-Chef könnte deshalb für die USA ein wichtiger Zeuge im Steuerkrieg sein.
Der Fall von Strähle weckt Erinnerungen an die Inhaftierung eines UBS-Generaldirektors im Frühling 2008. Der Topmanager war zuständig für die Offshore-Vermögensverwaltung der Zone Americas und stand den USA nach schneller Freilassung während Wochen als “Material witness” für Befragungen zur Verfügung. Im Sommer 2008 liessen die USA den UBS-Manager abreisen.
Wenige Monate später klagten die USA dessen Vorgesetzten an. Danach verging nur noch wenig Zeit, bis die UBS mit Hilfe von Bern die von den USA geforderten Daten von amerikanischen Steuersündern aushändigten. Es war der erste, wuchtige Schlag gegen das Bankgeheimnis.
Auch Sarasin-Chef Strähle konnte die USA nach ausgiebigen Befragungen wieder verlassen. Jedenfalls war er zurück in der Schweiz, als seine Bank am 28. Juli 2011 das Halbjahresergebnis publizierte.
Die USA setzten Bern von der Zurückhaltung Strähles ins Bild. Dies bestätigt eine der zwei Quellen. Ein Finma-Sprecher sagte, die Behörde würde keinen Kommentar dazu abgeben.
Die Bank Sarasin dementiert, dass ihr CEO im letzten Sommer von den USA zurückgehalten und befragt worden wäre. “Das stimmt nicht”, sagt Benedikt Gratzl auf Anfrage.
Medienanfragen im letzten Sommer und Herbst waren von Sarasin gleich beantwortet worden. Gegenüber der Zeitung “Sonntag” sagte Sprecher Gratzl am 24. Juli: “Seit zwei Wochen gilt eine Genehmigungspflicht für alle Privat- und Geschäftsreisen nach den USA.” Ausnahmen müssten von CEO Strähle oder dem Finanzchef gewährt werden.
Im “Sonntag” betonte Gratzl zu einem Zeitpunkt, als sein Boss Strähle bereits von den USA zurückgehalten worden war, dass keine Ermittlungen am Laufen seien.
Die zeitliche Koinzidenz könnte den Fall Strähle zum Fall Schweiz machen.
Wenige Wochen nach der Befragung des renommierten Privatbankenchefs holten die USA zum entscheidenden Schlag gegen den Finanzplatz aus.
Am 31. August 2011 beantwortete James Cole, Nummer 2 im US-Justizministerium, einen Brief des Schweizer Unterhändlers Michael Ambühl vom Vortag.
Coles Antwort innert 24 Stunden und dessen hoher Rang – Ambühl hatte an einen weniger wichtigen Beamten im US-Steueramt IRS geschrieben – legen nahe, dass die obersten US-Justiz-Verantwortlichen den Vorstoss von langer Hand geplant und mit dem Weissen Haus und Präsident Obama abgesprochen hatten.
Das Schreiben von James Cole war das entscheidende Ultimatum in der zweiten Schlacht mit der Schweiz um deren Steuergeheimnis.
Innert einer Woche musste die Credit Suisse als grösste der damals 10 bedrängten Banken umfangreiches Material über ihr US-Offshore-Geschäft nach Washington liefern.
Sonst, drohte Cole in seinem Brief unverhohlen, “befürchte ich, dass uns kaum eine andere Wahl bleibt, als andere Mittel anzuwenden, die uns zur Verfügung stehen”.
Die Verantwortlichen in Bern brachen umgehend ein. Sie lieferten die von der CS und später von weiteren betroffenen Banken zusammengestellten Dokumente wie gefordert an die USA aus.
Es war die grosse Kapitulation im US-Steuerkrieg.
Der Bundesrat handelte offenbar im Wissen um die Befragungen von Sarasin-Chef Strähle in Übersee. Die Amerikaner hatten Bern über den Fall ins Bild gesetzt, wie eine Quelle bestätigt.
Die “Message” an die Schweizer Behörden könnte gewesen sein, dass die USA notfalls gewillt wären, strafrechtlich gegen hohe Banker des kleinen Landes vorzugehen. Ebenso möglich ist, dass die USA nach den Befragungen von Strähle, einem hohen Ex-Kadermann der CS, signalisierten, dass sie belastendes Material gegen die CS hätten.
Im Fall UBS hatten die Amerikaner drei Jahre zuvor gezeigt, dass sie wissen, wie man mit dem nötigen Druck zum Ziel kommen kann. Der Bundesrat sah Anfang 2009 keine andere Wahl mehr, als mittels Notrecht die Namen von rund 250 UBS-Kunden offenzulegen. Die Regierung befürchtete sonst eine Strafklage gegen die Grossbank.
Vom Anfang des Endes des 75-jährigen Bankgeheimnisses profitierten die obersten UBS-Chefs. Diese gelangten dank dem Kniefall der Schweiz aus der amerikanischen Schusslinie.
Kurz nach der Datenlieferung traten der UBS-Präsident und der CEO der Grossbank zurück. Der Präsident war zuvor als mögliches nächstes Ziel der Amerikaner in der oben erwähnten Strafanklage gegen einen hohen UBS-Offshore-Manager genannt worden.
Was die USA allenfalls mit Joachim Strähle aushandelten, ist nicht bekannt. Strähle betont seit einigen Monaten, dass seine Bank eine Vorreiterrolle bei der neuen Weissgeld-Strategie der Schweiz spielen wolle.
Das Dementi der Basler Privatbank im letzten Herbst gegenüber Medien könnte mit dem damals hohe Wellen schlagenden Übernahmekampf um Sarasin zusammenhängen.
Wäre die Story zu jenem Zeitpunkt “explodiert”, wären die Chancen von Strähle auf eine weitere Zukunft an der Spitze der Bank vermutlich rapid gesunken, und die Bank wäre möglicherweise bei einer Konkurrentin gelandet.
Die Zürcher Julius Bär wollte Sarasin kaufen, doch Strähle setzte sein ganzes Gewicht dagegen ein. Strähle und Bär-CEO Boris Collardi kennen sich aus gemeinsamer CS-Zeit. Vermutlich hätte Strähle unter Collardi keinen attraktiven Job erhalten.
Solange die News von der Befragung Strähles in den USA unter dem Deckel blieben, konnte der Sarasin-Chef ungestört vom US-Fall Alternativ-Käufer für Sarasin suchen, die damals von der holländischen Rabobank kontrolliert wurde.
Ende November akzeptierte die Rabobank eine Milliarden-Offerte der brasilianischen Finanzgruppe Safra für einen bestimmenden Anteil an der Basler Sarasin. Die neuen Machthaber beliessen den kämpferischen Chef Joachim Strähle im CEO-Amt.