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13.03.2019 - Judith Stamm
13.03.2019
Judith Stamm
Immer wieder die Erste
Der erste März erinnerte an den berühmten „Marsch auf Bern“ von 1969. Trudi von Fellenberg-Bitzi schrieb eine attraktive Biografie über die Initiantin des Marsches, Emilie Lieberherr.
Nicht alle Frauenorganisationen und interessierten Frauen konnten sich damals damit befreunden, „auf die Strasse“ zu gehen. So gründeten die Befürworterinnen das Zürcher Aktionskomitee „Marsch auf Bern“. Präsidiert wurde es von Emilie Lieberherr
(1924 – 2011)
Am 1. März 1969 war es soweit. Beginn 15 Uhr. Mit straffem Programm. Der Platz vor dem Bundeshaus stand den 5000 Frauen bis 16 Uhr zur Verfügung
Der Ablauf war folgendermassen vorgesehen:
1. Begrüssung durch Fräulein Lieberherr.
2. Lesen der Resolutionen in allen vier Landessprachen.
3. Nach der Demonstration wird der Text ins Bundeshaus gebracht.
4. Alle Versammelten sprechen gemeinsam die Parolen.
5. Kurzes Pfeifkonzert. Die Versammelten pfeifen alle Männer inklusive Bundesrat aus, die daran schuld sind, dass wir heute, nach über 75 Jahren Kampf, immer noch nicht gleichberechtigt sind.
6. Schlusstext. Gesprochen von einer Basler Gruppe.
Langer Weg zum Frauenstimmrecht
Im Buch von Trudi von Fellenberg-Bitzi umfasst das Kapitel über den „Marsch auf Bern“ 15 Seiten. Der Autorin gelingt es, auf diesen wenigen Seiten auch die ganze Vorgeschichte der Bestrebungen für das Frauenstimmrecht einzufangen. Sie beginnen mit der Gründung verschiedener Frauenvereine Ende des 19. Jahrhunderts, so des Zürcher Frauenvereins (ZFV) 1894. Die ersten Motionen zur Einführung des Frauenstimmrechts von Herman Greulich(SP Zürich) und Emil Göttisheim (FDP Basel), wurden 1918 im eidgenössischen Parlament eingereicht. Und im Jahr 1990 musste das Bundesgericht den Kanton Appenzell Innerrhoden zwingen, auch in diesem letzten Kanton den Frauen die politischen Rechte zuzugestehen.
Erwähnt wird auch, dass Emilie Lieberherr am 1. März 1969 sicher war, nach der Demonstration vom Bundespräsidenten empfangen zu werden und das verkündete. Doch weder der damalige Bundespräsident, Ludwig von Moos, noch einer der anderen Bundesräte waren anwesend. Der Bundeskanzler, Karl Huber, nahm das Dokument der Frauen entgegen. Mangelndes Einfühlungsvermögen auf Seite der Herren, grosse Enttäuschung auf Seite der Frauen!
Das Fazit des Tages: „Der 1. März 1969 ist jener Tag, an dem Emilie Lieberherr auf einen Schlag in der ganzen Schweiz und sogar über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden ist.“
Herkunft, Begleiterinnen und Begleiter
Und so handelt Trudi von Fellenberg-Bitzi jedes Kapitel im Leben von Emilie Lieberherr ab. Vorgeschichte, Hintergrund und mitten drin das Wirken dieser selbstbewussten, temperamentvollen, von Ideen sprudelnden, mit treffendem Widerspruch nicht geizenden Frau.
Aufgewachsen ist Emilie in Erstfeld, im Eisenbahnerdorf. Sie wurde reformiert erzogen, besuchte aber die Handelsschule bei den katholischen Schwestern in Ingenbohl. Denn das Kollegium Karl Borromäus in Altdorf nahm nur Knaben auf. Im Buch findet sich ein Bild von Schwester Cornelia Göcking, welche Emilie förderte und sich mit besonderem Engagement dafür einsetzte, dass sie auch die Handelsmatura bestehen konnte. Auf der nächsten Seite findet sich ein kurzes Porträt von Dr. Dora Schmidt. Das war die Vorgesetzte bei der SBG, die zu der Siebzehnjährigen am ersten Arbeitstag sagte: „Wenn Sie sich Mühe geben, dann mache ich etwas aus Ihnen“.
Das zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben von Emilie Lieberherr. Sie traf immer wieder Menschen, die sie forderten und förderten. Das schönste Beispiel dafür ist ihre Lebensgefährtin Minnie Rutishauser, die jahrelang den gemeinsamen Haushalt besorgte und Emilie, wie man so schön sagt, den Rücken frei hielt, sie aber auch immer wieder auf ihrem Weg bestärkte.
Das Faszinierende an Emilie Lieberherr ist, dass sie, die selbstbewusste, starke Frau, Mitarbeit, Hilfestellungen, Unterstützung annehmen konnte. Es hat mich auch beeindruckt, welche Wertschätzung der Politikerin aus den Worten ihrer ehemaligen Mitarbeitenden spricht, deren Äusserungen gegen Schluss des Buches festgehalten sind. Da ist Viktor Baumeler, junger Stabschef, der 1980 die Opernhauskrawalle mit erlebte und später Staatschreiber in Luzern wurde. „Was Frau Lieberherr geleistet hat, das macht ihr niemand so schnell nach“ ist die Zusammenfassung seiner Würdigung.
Oder Bruno Hohl, Nachfolger von Baumeler, der zehn Jahre für Emilie Lieberherr arbeitete. Er hebt besonders die Grosszügigkeit hervor, die ihm viel Gestaltungspielraum eröffnete, ihre Verlässlichkeit als Chefin in kritischen Momenten, aber auch ihre Menschlichkeit, die sie an Festtagen an ihre nächsten Mitarbeitenden denken und ihnen in belastenden Momenten Zeichen der Verbundenheit und Unterstützung zukommen liess…
Viele Stationen
Lieberherr durchlief viele Stationen: Konsumentinnenforum, Zürichs erste Stadträtin, Vorsteherin des Sozialamtes, Eidgenössische Kommission für Frauenfragen, Ständerätin, Zürcher Jugendunruhen, Drogenpolitik. Immer war sie in leitender, verantwortlicher Position. Immer wieder war sie die erste auf einem Posten, stand neuen Problemen gegenüber. Immer wieder kamen neuartige Aufgaben auf sie zu, setzte sie Neues in Gang, veränderte sie den Lauf der Dinge. Ihr Motto war, für die Schwächsten in der Gesellschaft, besonders für die ältere Bevölkerung und für die Jugend da zu sein und Positives zu bewirken. Und dieses Motto lebte sie voll aus!
Fesselndes Porträt
Drei Monate lang sichtete Trudi von Fellenberg-Bitzi den Nachlass von Emilie Lieberherr in 92 Schachteln im Stadtarchiv Zürich. Die Fülle der Informationen, einfühlsam gesichtet, gekonnt verarbeitet und gut fassbar präsentiert schlägt sich auf jeder Seite der Biografie nieder.
Die Verfasserin zeichnet den beruflichen und politischen Weg von Emilie Lieberherr im Kontext der damaligen gesellschaftlichen und politischen Situation. Gleichzeitig entwirft sie aber auch das Bild einer vitalen, von Lebensfreude sprühenden, den Menschen und dem Leben zugewandten Frau.
Und hier noch eine amüsante Einzelheit, die ich nicht unterschlagen will. Das Engagement von Emilie Lieberherr an der Spitze des Schweizerischen Senioren- und Rentnerverbandes am Ende ihrer Laufbahn sei ein kurzes Gastspiel gewesen, weiss die Biografin zu berichten. „Die Männer seien kopfscheu geworden, als sie vorgeschlagen habe, die Anliegen auf die Strasse zu tragen. Und so zog sie sich zurück“.
Marsch auf der Strasse ist eben nicht jedermanns Sache!
Trudi von Fellenberg-Bitzi: Emilie Lieberherr. Pionierin der Schweizer Frauenpolitik. 2019 NZZ Libro, Schwabe Verlagsgruppe AG. ISBN 978-3-03810-408-7