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Philosophen sehen in Bäumen gern den Anlass zu geistigen Klettereien, oft zu Verstiegenheiten. Ich folge einigen von ihnen.
Charles Fosters Erkenntniskrise vor Bäumen
Der britische Tierarzt, Anwalt und Philosoph Charles Foster hat ein etwas anderes Verhältnis zu anderen Spezies. In einem aussergewöhnlichen Buch über Tiere – «Being a Beast» (2016, deutsch: «Der Geschmack von Laub und Erde») – beschreibt er, wie er versuchte, in der artspezifischen Weise von bestimmten Tieren die Welt zu erfahren. Und dies nicht in der üblichen Weise der Naturliteratur, die nur allzuoft in menschlichen Projektionen auf die Natur schwelgt. Fosters Buch ist ein Beispiel für einen unsentimentalen und selbstkritischen Ansatz in der Naturbeschreibung, der vor allem die Schwierigkeiten, Paradoxien und Aporien herausarbeitet, die entstehen, wenn man den Standpunkt eines anderen Lebewesens einnehmen will.
In einem Interview sagte Foster, immer wenn er im Wald vor einem Baum stehe, gerate er in eine Erkenntniskrise: «Wenn ich den Baum anschaue, dann verwandle ich den visuellen Eindruck dieses Baums fast unmittelbar in etwas, das überhaupt nichts mit diesem Baum zu tun hat. Wenn ich über den Baum zu schreiben beginne, schreibe ich über Charles Fosters Eindrücke von diesem Baum: Bruchstücke erinnerter Baumgedichte, erinnerte Informationsfragmente über die Physiologie von Bäumen, (...) aber nichts über den Baum selbst vor mir.»
Martin Heidegger und der Sprung auf den Boden, auf dem man steht
Fosters Krise erinnert frappant an einen der umstrittensten Philosophen des 20. Jahrhunderts: Martin Heidegger. In seiner Vorlesung «Was heisst Denken?» (1951/52) spricht er ebenfalls von einem Baum, einem Apfelbaum in Blüte. Eine Passage liest sich beinahe wie ein Kommentar zu Foster, nur in heideggerschem Idiom: «Wir stehen (...) vor einem blühenden Baum – und der Baum steht vor uns. Er stellt sich uns vor. Der Baum und wir stellen uns einander vor, indem der Baum dasteht und wir ihm gegenüber stehen. In die Beziehung zueinander-voreinander gestellt, sind der Baum und wir. Bei diesem Vorstellen handelt es sich also nicht um ‘Vorstellungen’, die in unserem Kopf herumschwirren. Halten wir hier einen Augenblick inne, so wie wenn wir Atem holen vor und nach einem Sprung. Wir sind nämlich jetzt gesprungen, heraus aus dem geläufigen Bezirk der Wissenschaften und sogar, wie sich zeigen wird, der Philosophie. Und wohin sind wir gesprungen? (...) Auf einen Boden; auf einen? Nein! Sondern auf den Boden, auf dem wir leben und sterben, wenn wir uns nichts vormachen.»
Man schluckt zuerst einmal leer ob dieser paradoxen Volte – auf den Boden springen, auf dem man steht? Heidegger ist ein meisterhafter Dramatiker des Banalen. Er verkehrt das Alltägliche in etwas, das plötzlich verstörend, bizarr, ja, Angst einflössend sein kann. Das hat Methode, denn auf diese Weise sollen wir herausfallen aus dem Gewohnten, Geläufigen, aus dem, was «wir uns vormachen». Heidegger will uns wohlgemerkt nicht in eine mystische oder esoterische Praxis einweihen, sondern uns aufscheuchen, uns im Banalsten das Ungeheure gewahr werden lassen, nämlich dass der Baum da vor mir überhaupt «ist».
Martin Buber und das «Du» des Baumes
Das tat auch ein anderer philosophischer Martin: der Buber. Vielzitiert ist seine Betrachtung eines Baums, in der er die Wende von einer «Es»-Einstellung zu einer «Du»-Einstellung zur Pflanze schildert. Auch hier der «Sprung»: Der Baum verwandelt sich, indem er der gleiche bleibt. Ein Ausschnitt aus Bubers Baumbegegnung:
«Ich kann ihn als Bild aufnehmen: starrender Pfeiler im Anprall des Lichts, oder das spritzende Gegrün von der Sanftmut des blauen Grundsilbers durchflossen. (...) Ich kann ihn einer Gattung einreihen und als Exemplar beobachten, auf Bau und Lebensweise. (...) In all dem bleibt der Baum mein Gegenstand … Es kann aber auch geschehen, aus Willen und Gnade in einem, dass ich, den Baum betrachtend, in die Beziehung zu ihm eingefasst werde, und nun ist er kein ES mehr. (...) Vielmehr ist alles, Bild und Bewegung, Gattung und Exemplar, Gesetz und Zahl, mit darin, ununterscheidbar vereinigt. Alles, was dem Baum zugehört, ist mit darin, seine Form und seine Mechanik, seine Farben und seine Chemie, seine Unterredung mit den Elementen und seine Unterredung mit den Gestirnen, und alles in einer Ganzheit … Er hat mit mir zu schaffen, wie ich mit ihm – nur anders …»
Walter Benjamin und die «Vermählung» mit dem Baum
Wenn Buber zum Baum spricht, dann hört ihn ein weiterer Philosoph, Walter Benjamin, sprechen. Ein kleiner Text, 1932 in Ibiza entstanden, trägt den Titel «Der Baum und die Sprache»:
«Ich stieg eine Böschung hinan und legte mich unter einen Baum. Der Baum war eine Pappel oder eine Erle. Warum ich seine Gattung nicht behalten habe? Weil, während ich ins Laubwerk sah, und seiner Bewegung folgte, mit einmal in mir die Sprache dergestalt von ihm ergriffen wurde, dass sie augenblicklich die uralte Vermählung mit dem Baum in meinem Beisein noch einmal vollzog. Die Äste und mit ihnen auch der Wipfel wogen sich erwägend oder bogen sich ablehnend; das Laub sträubte sich gegen einen rauhen Luftzug, erschauerte vor ihm oder kam ihm entgegen; der Stamm verfügte über seinen guten Grund, auf dem er fusste; und ein Blatt warf seinen Schatten auf das andre. Ein leiser Wind spielte zur Hochzeit auf und trug alsbald die schnell entsprossenen Kinder dieses Betts als Bilderrede unter alle Welt.»
Wieder der «Sprung». Zunächst der nüchterne taxonomische Blick, der im Baum das Spezimen einer Gattung sieht: Erle, Pappel, oder was auch immer – ein Ding der Botanik, dem man einen Namen geben kann. Dieser Blick kippt schnell in eine eher fremd anmutende Einstellung, in der sich die «uralte Vermählung» von Baum und Sprache, von Ding und Wort noch einmal vollzieht und der Baum auf seine Art zu sprechen beginnt. Das klingt nun doch ziemlich bizarr, sagen wir: vormodern. Bekanntlich vertrat Benjamin eine Sprachauffassung, die keine Aufnahme in den linguistischen Diskurs von heute fand. Für Benjamin partizipieren die Dinge selbst am weiten Gespräch der Welt, und «in der stummen Magie ihrer Sprache kommt das Wort ‚Gott’ zum Vorschein», wie er einmal schreibt. So gesehen, stellt die menschliche Sprache den linguistischen Sündenfall dar, indem sie in diese stumme Magie eingreift, und allen Dingen willkürlich ihre Namen gibt. Benjamins Begegnung mit dem Baum auf Ibiza könnte so interpretiert werden, dass sie ihn einen kleinen heiligen Moment lang auf die Spur einer unvordenklichen Sprache vor aller Sprache geführt hat. Rettung des Wunders in der Poesie?
Weg vom Anthropozentrismus
Die drei philosophischen Beispiele mögen uns unzeitgemäss, exaltiert oder gar beschwipst anmuten. Bedenkenswert ist etwas Gemeinsames an ihnen: nicht nur das Heraustreten aus der «Sprachlichkeit», sondern der Versuch, sich von einer anthropozentrischen Sicht zu lösen. Die Baumbegegnungen wollen uns einen Ausweg zeigen aus der herkömmlichen Haltung zu Naturdingen, sei dies die wissenschaftlich-theoretische, sei dies die ökonomisch-praktische, sei dies wie bei Heidegger sogar die philosophische. Generell: Sie suchen einen Blick auf die Natur, der nicht um den Menschen zentriert ist, sondern um das «Selbstsein» der Dinge. Das klingt radikal ökologisch und kann durchaus in diesem Sinn interpretiert werden. «Radikal ökologisch» meint dabei: Nicht nur Menschen haben das Recht auf ein «Selbstsein», sondern auch nichtmenschliche Lebewesen, ja Dinge überhaupt.
So wünschenswert nun die Absage an den Anthropozentrismus erscheint, sie erweist sich als nicht unproblematisch. Charles Foster spricht von der «Tyrannei der eigenen Kognition». Wir würden nicht die Natur beschreiben, sondern den Inhalt unseres Kopfes. Wir seien Gefangene unseres Weltbildes, unserer Annahmen, unserer Sprache, unserer kognitiven Ausstattung. Aber können wir uns denn davon trennen? Ist nicht alles menschliche Verstehen eben menschliches Verstehen? Es gibt viele Formen des Verstehens: wissenschaftliche, technische, künstlerische, empathische, religiöse, spirituelle und was weiss ich. Der «Sprung» aus einem Verständnis der Dinge ist ein anderes Verständnis der Dinge. Und vielleicht muss man, um das «Baumsein» zu verstehen, wirklich versuchen, baumartig zu werden; in dem Sinn, dass man sich von den gewohnten Vorstellungs- und Erfahrungsweisen des Baumes trennt. Das ist gewiss ein Schritt in Richtung weg vom Anthropozentrismus. Wir werden aber auch, indem wir uns vom Menschlichen trennen, Menschen mit unserer artspezifischen Ausstattung bleiben. Nur schon die Absicht, sich vom Anthropozentrismus zu lösen, ist unsere Absicht. Bäume lösen sich nicht vom Arbozentrismus.
Coda
Ein anderer berühmter Philosoph des vorigen Jahrhunderts – Ludwig Wittgenstein – sprach auch vom Baum: «Ich sitze mit einem Philosophen im Garten; er sagt zu wiederholten Malen ‘Ich weiss, dass das ein Baum ist’, wobei er auf den Baum in unsrer Nähe zeigt. Ein Dritter kommt daher und hört das, und ich sage zu ihm: ‘Dieser Mensch ist nicht verrückt: Wir philosophieren nur.’»