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Wieso der japanische Yen plötzlich einbrach
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Daryl Liew, Chief Investment Officer
Inmitten all der makroökonomischen Sorgen wurde etwas übersehen: Der japanische Yen stürzte im März gegenüber dem US-Dollar von 115 auf ein Sechsjahrestief von 125 ab. Dies starke Abwertung um acht Prozent in nur wenigen Wochen ist ungewöhnlich, zumal die asiatischen Währungen in den letzten Jahren recht stabil waren.
Der Grund für diese Entwicklung ist die unerschütterliche Entschlossenheit der Bank of Japan (BOJ), die lockere Geldpolitik zur Unterstützung der heimischen Wirtschaft beizubehalten. Dies bedeutet, dass Japan zusammen mit China eine Ausnahme unter den weltweiten Zentralbanken darstellt. Die grosse Mehrheit hat einen Straffungszyklus eingeleitet. Die BOJ bekräftigte dieses Versprechen im März mit umfangreichen Anleihenkäufen am Markt, um den 10-jährigen JGB-Satz im Rahmen ihrer Renditekurvensteuerung bei 0,25 Prozent zu halten. Da die BOJ die japanischen Zinssätze niedrig hält, haben sich die Zinsunterschiede zwischen den USA und Japan nach der ersten Zinserhöhung der Fed im März und den anhaltend aggressiven Kommentaren, die die US-Zinsen in die Höhe treiben, erheblich vergrössert.
Die «Kuroda-Linie»
Während die BOJ im Allgemeinen mit einem schwächeren Yen zufrieden war, haben das Ausmass und die Geschwindigkeit der Abwertung die Beamten wahrscheinlich verunsichert. Das veranlasste Gouverneur Kuroda dazu, sich gegen die volatile Bewegung auszusprechen, nachdem der Yen auf 125 gegenüber dem Dollar gefallen war. Die 125er-Marke gilt als die «Kuroda-Linie»: Es ist eine Marke, an der die BOJ zuvor angedeutet hatte, dass sie mit der Verteidigung der Währung beginnen würde. Diese Äusserungen hatten den gewünschten Effekt: Der Yen legte etwas zu.
Eine schwächere Währung ist im Allgemeinen wünschenswert, da sie die japanischen Exporte wettbewerbsfähiger macht. Es besteht jedoch die Sorge, dass ein zu schwacher Yen die importierte Inflation verschlimmern könnte. Unter normalen Bedingungen wäre die importierte Inflation normalerweise kein grosses Problem. Japan hat seit Jahrzehnten mit Deflation zu kämpfen. Selbst jetzt stieg die Kern-Inflation – ohne Lebensmittel, aber einschliesslich Energie – im Februar nur um 0,6 Prozent im Jahresvergleich. Der Krieg in der Ukraine und der daraus resultierende Anstieg der Energiepreise setzt die Inflationserwartungen jedoch unter Aufwärtsdruck. Der Tokioter Kerninflationsindex für März erreichte kürzlich ein Zweijahreshoch von 0,8 Prozent, was auf einen Anstieg der Energiepreise um 26 Prozent zurückzuführen ist. Angesichts der derzeitigen Entwicklung scheint es wahrscheinlich, dass Japan irgendwann in diesem Jahr das Kerninflationsziel der BOJ von zwei Prozent erreichen wird.
Teuerungsschlaufe
Während die Konsumentenpreise in Japan derzeit kein Problem darstellen, sind die Erzeugerpreise ein Grund zur Sorge. Der japanische PPI stieg im Februar um 9,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr – so stark wie seit 41 Jahren nicht mehr. Die Sorge besteht darin, dass ein schwächerer Yen den Preisanstieg bei den Importen weiter verschärfen wird. Das wird wiederum Druck auf die Gewinnspannen der Unternehmen ausüben, wenn diese nicht in der Lage sind, die höheren Preise an die Konsumenten weiterzugeben. Diese Befürchtungen beginnen sich auf die Stimmung in der Wirtschaft auszuwirken, was sich in der schwachen Tankan-Umfrage unter den Herstellern vom März widerspiegelt.
Japans Wirtschaft steht bereits unter Druck, da der IWF seine BIP-Wachstumsprognose für 2022 gerade von 3,3 auf 2,2 Prozent gesenkt hat. Da der Inflationsdruck allmählich ansteigt, wächst die Gefahr, dass eine Stagflation eintritt. Diese Bedingungen setzen Gouverneur Kuroda unter Druck: Er muss abwägen zwischen der Inflationsgefahr einerseits und der Notwendigkeit, akkommodierende monetäre Bedingungen zur Unterstützung der schwächelnden Wirtschaft zu schaffen. In gewisser Weise ist dieses Problem durch die jahrzehntelange Niedrigzinspolitik Japans entstanden. Dies ist vielleicht eine Warnung an die westlichen Länder, dass eine solche Politik nur als vorübergehende Lösung eingesetzt werden sollte, da sie zu potenziellen strukturellen Problemen führen könnte.
Bio
Daryl Liew ist Chief Investment Officer für Reyl Singapore. Er ist an der Asset-Allokation beteiligt und hat ferner eine Aufsichtsfunktion, um sicherzustellen, dass die Anlageentscheidungen den Erwartungen der Kunden entsprechen. Von 2002 bis 2010 arbeitete er bei Providend Ltd in Singapur und war zuletzt in der Generaldirektion für die Investments verantwortlich. In dieser Eigenschaft war er auch Mitglied des Investitionsausschusses des Unternehmens und verwaltete sowohl die Portfolios von Providend als auch Kundenkonten. Er geniesst allgemeine Anerkennung und gehört zu den Verfassern des „Singapore Master Financial Planning Guide“. Aus seiner Feder stammen ferner zahlreiche Artikel über die Grundlagen und Trends im Investmentsektor. Daryl Liew besitzt einen Master in Business Management, Fachgebiet Finanzwesen, des Asia Institute of Management (Philippinen, 2002). Er verfügt ferner über eine Zulassung als CFA (2005).