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Helligkeit drang durch die Lamellen in Albas Zimmer. Sie schlug die Augen auf und nahm das Gefühl des Buddha-Lächelns wahr, das aus der Tiefe ihres Inneren durch ihren Körper flutete, strahlend und nährend. Sie lag da ohne sich zu bewegen, als laufe sie in Gefahr, durch den Wachzustand nicht nur den Schlaf abzustreifen, sondern auch die Erinnerung an die gestrige Nacht zu verwirken. Und heute würde sie diesen Mann bereits wiedersehen! Sie schlug das Laken zur Seite und hüpfte aus dem Bett. Während der Kaffeekocher auf dem Herd blubberte, setzte sie sich mit Slip und T-Shirt ans Laptop und durchsuchte das Internet nach TV-Beiträgen von Eric, fünf Treffer, ein Video-Porträt über Gaddafi, drei Beiträge über das Leben der Beduinen, eine Live-Schaltung aus Tripolis. Auf der Webseite von BBC stiess sie auf sein Foto, die Haare kürzer geschnitten, Hemd mit Krawatte, der nette Nachbar von nebenan. Nur der wilde Blick liess seine Abenteuerlust erahnen. Im kurzen Text über seine Person keine näheren Angaben zu Familienstand oder Kindern. Sie seufzte, machte den Browser zu. Dieser Mann war gute zehn Jahre älter als sie, musste sie da nicht automatisch davon ausgehen, dass er Frau und Kinder hatte?
Als sie durch die Drehtür des Schnellrestaurants schwang, erblickte sie seine hoch gewachsene Statur sofort, in eine Zeitung vertieft sass er am gedeckten Frühstückstisch, unrasiert, aus einer Plastiktasse dampfte es. Durch den Lufthauch von der Tür bemerkte er ihr Ankommen, hob den Kopf und lächelte. Er erhob sich, ein menschlicher Baum auf zwei Beinen, «Al-Ahram» immer noch in der Hand, sanft-kratzig der Kuss auf die unrasierte Wange, das Papier zwischen ihnen raschelte. Alba nahm auf dem Stuhl vis-à-vis Platz, ein Bein faltete sie unter das andere, nur für die Hände irgendwie kein Platz.
«Frühstück?», er schnippte mit dem Finger, suchte Blickkontakt mit der Servierhilfe. «Hast du gewusst, dass in Kairo jeder nur dreizehn Quadratzentimeter Grünfläche zur Verfügung hat?» Er schob sich einen Löffel Foul in den Mund, kaute hastig.Ich habe heute ein Interview mit dem Stadtplaner von Kairo», sagte er, «mal schauen, was er dazu sagt.»
Ein junger Mann in einer fleischfarbenen Schnellimbissuniform und einem Notizblock blickte Alba fragend an, «ich hätte gern Tee und Toast», sagte sie, presste die feuchten Hände auf die Tischplatte. Der spitzbübische Ausdruck im Kellnergesicht wich Verlegenheit, er schob den Schirm seiner Mütze etwas zurück, englische Sätze wie Giftpfeile. Eric wiederholte Albas Bestellung auf Ägyptisch, der Bursche nickte knapp und entfernte sich, liess seine langen Arme und Beine schlenkern.
«Auf dem Sinai hingegen gibt es viele Projekte, die die Wüste als landwirtschaftliche Zone nutzbar machen wollen. Ausländer leben dort in kleinen Gemeinschaften und ziehen biologisches Gemüse.»
«Aber funktioniert das denn?», fragte Alba.
«Im kleinen Stil wahrscheinlich schon.»
«Das klingt interessant. Da würde ich gern mal einen Einblick bekommen.»
«Die suchen bestimmt immer Freiwillige. Im Übrigen gäbe es eine gute Story. Wenn du Lust hast, kannst du mich auf Reportage begleiten.»
«Ehrlich?», sagte Alba hastig, und wusste selbst nicht, was sie mehr interessierte: das Projekt oder die Aussicht auf eine Sina-Reise mit einem abenteuererprobten Wüstenmann.
«Natürlich», er leerte seine Kaffeetasse in einem Zug. «Ich muss zu meinem Interview. Sehen wir uns heute Abend?» Ohne ihre Antwort abzuwarten, packte er seine Kamera unter dem Tisch und durchmass mit wenigen Schritten den Raum.
Alba blieb am verkrümelten Frühstückstisch sitzen, ihr Herz flatterte wie ein gelber Schmetterling im asphaltierten Strassenlabyrinth Kairos.
Nach dem Frühstück streifte sie durch das Viertel, wich Löchern und Schutt aus, zwischen den ockerfarbenen Häusern und dem klaren, blauen Himmel schepperte ein Strassenverkäufer mit seinem Fahrradanhänger über den Asphalt, darin zitterten Blätter in einem satten Grün. Alba beschleunigte ihren Schritt, folgte dem Mann durch Abgaswolken und zubetonierte Strassenzüge, ihr Atem ging schwer, als sie ihn eingeholt hatte, ausdrucksstarke Augen in einem gebräunten Gesicht. Alba entschied sich für eine Palme mit spitzig auslaufenden, schmalen Blättern, sie reichte ihr fast bis zur Brust, beim Heimtransport klebte ihr T-Shirt am Oberkörper, ein Film aus Schweiss und Staub auf der Haut, doch das Grün der Pflanze schien das ausgetrocknete, beinahe unmöblierte Schlafzimmer zu beatmen.
Abends sass sie mit Ian, Mohammed und Eric im alten islamischen Teil der Stadt in einem Kaffeehaus, die Aussicht auf die kuppelförmige Moschee mit dem geschwungenen Eingangsportal und den zinnenverzierten Aussenwänden magisch, von einem grossen Platz führten verwinkelte Gässchen in ein kopfsteingepflastertes Wirrwarr. Auf den Flachhausdächern hing Wäsche zum Trocknen, zu dieser Jahreszeit frischte abends oft ein Wind auf, der an den Kleidern und T-Shirts zerrte. Am Nebentisch spielten einige Männer lautstark Backgammon, Eric beugte sich ganz nah zu ihr, am liebsten hätte Alba seinen Wuschelkopf mit den Händen verstrubbelt.
«Drehen wir eine Runde?», fragte er, mit klopfendem Herzen willigte Alba ein.
Seine langen Beine schlenkerten, als sie durch die kopfsteingepflasterten Gässchen spazierten, an Duftstoffverkäufern oder Teppichhändlern vorbei. Alba fühlte sich neben diesem langen Mann geborgen wie ein Kind, sie sog die von der Nacht abgekühlte Luft in die Lunge, seufzte. «Ich liebe die Kairoer Nächte.»
«In dieser Hinsicht ist Kairo einmalig, die Stadt beginnt den Tag nach Einbruch der Dunkelheit erneut. Um diese Uhrzeit wäre in Tripolis schon Schlafenszeit.»
Alba kicherte. «Und in der Schweiz erst recht.»
«Ich mag die Schweiz, ich war ein paarmal in Genf, auch in Montreux am Jazz Festival. Wunderschöne Landschaften und gute Schokolade.»
«Darf ich dich etwas Persönliches fragen?»
«Ja klar.»
«Bist du verheiratet?»
Eric lachte schallend.
«Sehe ich so aus?»
Alba zuckte die Schultern, schürzte die Lippen, peinlich berührt und gleichzeitig erleichtert.
«Ich war lange mit einer Frau namens Suzanne zusammen, wir waren verlobt.»
Sein Gesicht verdüsterte sich.
«Was ist passiert?»
«Ein anderer.»
«Das tut mir leid.»
«Muss es nicht. Komm, ich habe eine Idee.» Er führte sie in den Innenhof einer kleinen Moschee. Davor sass ein bärtiger Mann mit einer gehäkelten Gebetsmütze. Eric reichte ihm ein paar Münzen. Zum Dank verbeugte sich der Mann tief und schlurfte zu einer unauffälligen Türe mit einem Rundbogen. Gemeinsam stiegen sie die gewundene Wendeltreppe des Minaretts hoch. Alba schwindelte beim Anblick der labyrinthisch angelegten Gassen, die Kuppeln und Minarette der Moscheen schimmerten mild im Schein der Lämpchen, Verkehrsrauschen und Huplärm wurden vom Nachthimmel verschluckt. Der Boden unter Albas Füssen schwankte.
«Und du? Hast du im Moment jemanden?» Er lachte heiser, trat hinter sie, drückte sie eng an sich, warme Hände auf ihrem Bauch, ihre Knie englischer Pudding. Wie lange war sie nicht mehr von einem Mann umarmt worden? Ungelenk drehte sie sich um und schüttelte den Kopf, dann legte sie ihn auf seine Brust, schloss die Augen, sog seinen Geruch ein.
«Ich muss dir etwas gestehen», flüsterte sie, ihr Mund nah bei seinem Ohr. «Ich komme zwar aus der Schweiz – aber schwindelfrei bin ich nicht.»