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Tournai – Lille – Arras
(Haut Escaut, Canal de l’Espierres, Canal de Roubaix, la Deûle, liaison au grand gabarit Dunkerque-Escaut, la Scarpe supérieure; 120.8 Kilometer; 27 Schleusen, 12 Dreh- und Hebebrücken)
Wir befinden uns an der belgisch-französischen Grenze und sind im Begriff, ins Land der Ch’tis zu fahren. Da unser Navigationsprogramm hier aus Gründen, die wir noch erklären werden, keine Routenkarte liefert, fügen wir einen Ausschnitt aus der Karte der französischen Wasserweg-Behörde ein. Wir haben die gefahrene Strecke von Tournai über Lille nach Arras von Hand eingezeichnet.
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In Tournai liegen wir gut an einem soliden Schwimmponton, wohl versehen mit Strom und Wasser. Der Wellenschlag und Sog der vorbeifahrenden Grossschiffe halten sich hier in Grenzen, weil wir unmittelbar vor dem Lichtsignal liegen, welches die Einbahn-Durchfahrt durch Tournai regelt. Für die Weiterfahrt lockt uns ein erst kürzlich wieder eröffneter Kanal.
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Im Mailforum der Dutch Barge Association (DBA) haben wir kürzlich gelesen, der 1840 gegrabene, ab 1970 kaum mehr befahrene und seit 1985 für die Schifffahrt geschlossene Kanal zwischen Schelde und Deûle sei seit anfangs Juni wieder befahrbar. Er diente seinerzeit dem Transport von Steinkohle aus dem Becken von Mons (Belgien) nach Nordfrankreich, wo die zahlreichen Textilfabriken mit ihren dampfbetriebenen Maschinen einen hohen Kohlebedarf hatten. Eigentlich handelt es sich um zwei Kanäle, nämlich den belgischen Canal de l’Espierres – flämisch Spierekanaal – und den französischen Canal de Roubaix, zusammen ein rund 28 Kilometer langer Wasserweg mit insgesamt 14 Schleusen sowie 10 Hebe- und Drehbrücken. In allen unseren Karten und selbst in unserem Navigationscomputer ist diese Verbindung zwar vorhanden, aber als unbefahrbar aufgeführt.
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Fährt man von Tournai aus auf der Schelde stromabwärts, so erblickt man einige Kilometer nach dem Passieren der 125 x 14 Meter grossen Schleuse von Kain am rechten Ufer eine ziemlich eng wirkende alte Schutzschleuse. Gemäss den Karten ist dies die Einfahrt in den Canal de l’Espierres. Sieht so eine Kanaleinfahrt aus?
Wir vertrauen auf unsere Karten sowie unsere Fähigkeit, sie zu lesen und zirkeln durch die enge Einfahrt. Und in der Tat tut sich der Kanal vor uns auf, idyllisch und einsam.
Schon bald erreichen wir die erste Schleuse, die Écluse Warcoing. Weit und breit kein Mensch. Aber eine Tafel am Schleusentor verweist uns auf die Scheldeschleuse von Hérinnes (VHF 79) sowie auf die Telefonnummer +32 (0) 69 55 68 63. Wir wählen die angegebene Telefonnummer, ein «fliegender» Schleusenwärter meldet sich. Er sei in einer Viertelstunde da. Tatsächlich fährt zur angegebenen Zeit ein kleiner Camion des «Ministère Wallon de l’Equipement et des Transports» vor.
«Unser» Schleusen- und Brückenwärter wird uns bis zur belgisch-französischen Grenze begleiten. Wir werden die Nacht im Oberwasser der Schleuse Leers-Nord verbringen, bevor uns dann am nächsten Morgen die französische Equipe übernehmen wird. Diese haben wir 24 Stunden zuvor anfordern müssen (+33 (0) 3 20 63 11 39).
Wir übernachten in Gesellschaft zweier niederländischer Wohnschiffe. Sie werden uns nur ein paar Kilometer begleiten, unmittelbar nach der Grenze im Wendebecken umkehren und zurück fahren. Sie wissen nicht, was sie da verpassen.
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Der Empfang an der Grenze könnte französischer nicht sein. Mademoiselle Camille Longueval als Verantwortliche von l’Espace Naturel Lille Métropole überreicht dem Kapitän eine Dokumentation, stellt die Begleitmannschaft vor und weist uns den Übernachtungsplatz in Roubaix zu.
Wir merken schnell, dass wir ein Ereignis sind. Einige Tage später werden wir in der Zeitung in einer längeren Reportage lesen «Kinette a été la quinzième péniche à traverser le nouveau canal de Roubaix inauguré le 2 juin» (Kinette war das fünfzehnte Schiff, welches den am 2. Juni eingeweihten Roubaix-Kanal befahren hat).
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Der Aufenthalt in Roubaix lohnt sich nur schon wegen La Piscine, einem ehemaligen Hallenbad in reinem Jugendstil, das in ein Jugendstil-Museum umfunktioniert worden ist.
Die Sammlung umfasst neben Bildern und Statuen der art déco auch einige kostbare Stücke von Lalique und Gallé.
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Die Fahrt durch Roubaix ist spektakulär, wenn auch wegen der vielen Schleusen und Brücken sehr langsam.
So führt der Kanal mitten in Roubaix genau durch einen viel befahrenen Verkehrskreisel.
Zwei Kreissegmente des Kreisels werden hydraulisch gehoben, der Strassenverkehr kommt gefühlte zehn Minuten zum Erliegen und wir fahren durch den Kreisel. Ein sehr erhebendes Gefühl.
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Am Nachmittag des dritten Tages ist der Abschied an der letzten von unserer Begleitmannschaft bedienten Schleuse ebenso herzlich, wie es der Empfang war. Selbst Mademoiselle Longueval ist wieder erschienen, um uns zu verabschieden.
Nachzutragen bleibt, dass das Befahren dieses mit einem immensen Kostenaufwand wieder hergestellten Wasserweges inklusive Begleitmannschaft für eine Versuchsperiode von drei Jahren gratis ist. Wird die Region finanziell in der Lage sein, diese Last ohne fremde Hilfe zu tragen? Wir bezweifeln es. Bei fünfzehn Schiffen in zwei Monaten ist der ökonomische Nutzen wohl vernachlässigbar.
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Nach einem dreitägigen Aufenthalt in Lille (siehe Bericht Nr. 55) lockt uns ein weiterer, kaum befahrener Wasserweg, die Scarpe supérieure von Corbehem nach Arras. Von Lille bis Arras werden uns Sohn mit Freundin begleiten. Wir empfinden es als Privileg, dass unsere Kinder ihre Ferien – oder zumindest einen Teil davon – bei uns verbringen. Wo verbringen schon erwachsene Kinder ihre Ferien bei und mit den Eltern?
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Die Scarpe ist ein mit Schleusen und Wehren schiffbar gemachter Fluss, auf welchem einstmals Arras, die Hauptstadt des Artois, mittels Frachtschiffen versorgt wurde. Auch hier ist die Berufsschifffahrt seit langem praktisch zum Erliegen gekommen.
Das Hafenbecken von Arras ist verschlammt, die Pontons im Jachthafen sind verwaist und wir müssen uns mit einem improvisierten Liegeplatz zwei Schleusen vor Arras behelfen. Bei einem Kanusportzentrum finden wir einen etwas fragil wirkenden Ponton, welcher aber besetzt ist.
Das Schiff am Ponton ist die unter englischer Flagge fahrende Arran. Ihre Eigner, Bill und Jane Morton, sind DBA-Mitglieder wie wir und so ist es nicht nur selbstverständlich, dass wir längsseits liegen können, sondern auch, dass wir am nächsten milden Sommerabend – das gibt es doch noch! – auf unserem Vorderdeck bei einem (es könnten aber auch zwei gewesen sein) Glas Wein unsere Erfahrungen austauschen.
Bill und Jane besassen bis vor wenigen Jahren eine Segeljacht und haben mit ihr die Welt umsegelt. Ihren Erzählungen könnten wir stundenlang zuhören. Wir unsrerseits können aus einem reichen Fundus an Liegeplätzen und Fahrtrouten in drei Ländern schöpfen. Das sind die Momente, in welchen wir uns selbst um unser Leben beneiden.
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Die Hauptstadt des Artois ist bekannt für seine beiden grossen Plätze, la Grand’Place und die place des Héros, schön wie Theaterkulissen. Sehenswert sind daneben der 75 m hohe Beffroi, die drei Stockwerke tiefen Katakomben unter der Stadt, die Folge des Kalksteinabbaus seit dem 9. Jahrhundert sind sowie die Gedenkstätten, welche an die Schlachten des I. Weltkriegs in dieser Gegend erinnern.
In Arras wurde, wie an anderen Orten auch, schon seit dem 9. Jahrhundert Kalkstein für kirchliche Bauten abgebaut und zwar im Bergbau. Im I. Weltkrieg bauten britische und neuseeländische Truppen diese unterirdischen Steinbrüche zu ganzen Tunnelsystem aus, die sie bis kurz vor die deutschen Linien bei Arras trieben. Im April 1917 brachen aus diesen unterirdischen Stellungen rund 24’000 alliierte Soldaten hervor und griffen die völlig überraschten Deutschen an. Ein strategischer Fehlentscheid des britischen Kommandanten verschaffte den Deutschen eine Atempause, sodass sie Ersatztruppen heranführen konnten. Was vielversprechend begonnen hatte, endete in einem Blutbad: Pro Tag fielen 4’000 alliierte Soldaten. Heute befindet sich hier eine Gedenkstätte und man kann diese unterirdischen Steinbrüche, welche zu einem Museum umgestaltet wurden, besichtigen.
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Das Kontrastprogramm zu diesen Zeugen einer blutigen Vergangenheit findet direkt neben unserem Liegeplatz statt, einem Ausbildungszentrum für Wildwasserfahrer. Auf einer künstlichen Wildwasserbahn trainieren sogar französische Olympiateilnehmer, aber auch ganz gewöhnliche Anfänger – wie hier…
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Aus dem Logbuch
- Tournai. Kleiner halte fluvial am rechten Ufer, direkt vor dem Lichtsignal für die Durchfahrt von Tournai. Schwimmsteg mit Klampen (man macht mit einem richtigen Schiff besser an den Dalben fest). Strom (16 Ampère) und Wasser mit Münzeinwurf. Das Liegen ist gratis. Zahlreiche Museen (Museum der dekorativen Künste, Museum für Tapisserien und textile Kunst, Museum für Archäologie, Folkloremuseum, Königliches Museum für Waffen und Militärgeschichte, Museum für Naturgeschichte und Vivarium, Museum der Schönen Künste, Marionettenmuseum) und Sehenswürdigkeiten (Stadthaus, Lakenhalle, Kathedrale, Belfried). Wochenmarkt am Samstag.
- Leers-Nord. Kleiner halte fluvial im Unter- und im Oberwasser der gleichnamigen Schleuse. Je ein Schwimmsteg mit Klampen. Strom (16 Ampère) und Wasser. Alles gratis. Maison du Canal mit Restaurant (Montags geschlossen).
- Roubaix. Holzpontons im Becken oberhalb der Schleuse Nouveau-Monde. Gratis. Kein Strom oder Wasser. Einkaufsmöglichkeiten in der Stadt. Sehenswürdigkeiten: Museum La Piscine, Textilmuseum Manufacture des Flandres.
- Lille. Lille ist nicht auf die Freizeitschifffahrt eingerichtet. Behelfsmässige Liegeplätze im Bras de la Citadelle. Nur ein oder zwei Poller, einige Ringe. Kein Strom oder Wasser, aber gratis. Alle Einkaufsmöglichkeiten und Sehenswürdigkeiten einer grossen Stadt, welche 2004 Kulturhauptstadt Europas war.
- Corbehem. Liegemöglichkeit am Quai unmittelbar vor K23. Poller im Freycinet-Abstand, also nicht für Jachten geeignet. Gratis. Weder Strom noch Wasser. Bäcker, Metzger und kleiner Supermarkt in der Nähe.
- Arras. Keine Liegemöglichkeiten in Arras selber. Entweder am rechten Ufer am Ponton vor dem Kanusportzentrum im Oberwasser der Schleuse Saint Laurent Blangy (theoretisch kostenpflichtig, Strom (16 Ampère) und Wasser gratis) oder dann am linken Ufer Häringe einschlagen. Bushaltestelle in der Nähe. Zweimal stündlich ein Bus nach Arras. Fahrtdauer 10 min, Kosten 1 Euro. Wochenmarkt am Samstag. Sehenswürdigkeiten: Beffroi, Boves (Kalksteinhöhlen unter dem Rathaus), Carrière Wellington, Musée des Beaux Arts.