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Reisen wir zusammen ein wenig zurück.
Wir befinden uns in einem gemütlichen, einfachen Wohnzimmer in Cheltenham, einer charmanten Stadt im Südwesten Englands. Es ist Abend und Mrs. Edwards, in deren Haus wir sind, ist gerade in der Küche und bereitet das Abendessen vor, was einen herrlichen Duft im ganzen Haus verbreitet. Ihr junger Sohn, Michael, sitzt währenddessen gebannt vor dem Fernseher in der Stube und bewundert die Olympischen Spiele und deren Athleten, die an diesem Abend übertragen werden. Er ist so fasziniert von ihnen und der Ehrwürdigkeit, die sie ausstrahlen, wenn sie stolz für ihr jeweiliges Land in verschiedenen Disziplinen antreten, dass Michael für sich entscheidet: „Das will ich auch. Egal, wie.“ Doch nun gibt es erstmal Abendessen.
Wenn Michael von etwas träumt, dann ist das für ihn eine Herzenssache. Eine Sache, die für ihn einen sehr hohen Stellenwert hat.
Deshalb begann er bereits am nächsten Tag mit dem Training- er versuchte es mit Judo, im Pferdesport und im Volleyball, jedoch stellte sich bald heraus, dass er nicht der begabteste Sportler war. Doch das war ihm egal. Sein Ziel war nicht, die olympischen Spiele zu gewinnen, sondern für sein Land bei den Spielen antreten zu dürfen. Über zehn Jahre lang übte und trainierte er in verschiedenen Disziplinen, ohne wirklich gut zu werden. 1985 dann sass Michael schliesslich wieder vor dem Fernseher, um sich die Sportübertragungen anzusehen. Ausgestrahlt wurde an diesem Abend die Vierschanzentournee 1985/86, bei der die Sportler um den Sieg im Skispringen antraten. Michael fiel auf, dass keiner dieser Skispringer sein Land vertrat- tatsächlich war das Skispringen zu diesem Zeitpunkt eine olympische Disziplin, die von keinem britischen Sportler ausgeübt wurde- und da wusste er: Ich werde mein Land im Skispringen vertreten!
Er kramte seine Skier aus dem Schrank im Keller hervor und machte sich zu den verschneiten Hügeln der Nachbarsstadt Gloucester auf, um sich dort das Skispringen beizubringen. Ein gutes Jahr später, 1987, reiste er nach Oberstdorf, eine kleine, südlich gelegene Gemeinde in Deutschland, wo die Nordischen Skiweltmeisterschaften stattfanden. Michael gab sein Bestes- und belegte unter den 58 Springern deutlich den letzten Platz. Seine 73,5 Meter bedeuteten jedoch britischen Rekord, denn er war der einzige, der für England jemals angetreten war. Edwards qualifizierte sich damit zur Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 1988, die in Calgary ausgetragen werden sollten. Er hatte es geschafft.
Man hatte bereits von der grossen Willenskraft und den spektakulär schlechten Sprüngen von Michael Edwards, die ihm beim Publikum den Namen „Eddie the Eagle“ einbrachte, gehört, als er im Februar in Calgary antrat. Er sprang im Januar in Österreich an der Vierschanzentournee- ebenjener Tournee, der er es zu verdanken hatte, dass er überhaupt auf den Skisport aufmerksam wurde- mit, und belegte den drittletzten Platz.
Eddie war nun in Kanada angekommen- die olympischen Winterspiele –seine olympischen Winterspiele- standen unmittelbar bevor.
Würde er sein Land ehrenhaft vertreten können? Immerhin wog er 82 Kilogramm- das waren mehr als zehn Kilogramm mehr als seine olympischen Konkurrenten auf die Waage brachten. Michael trug eine dicke Brille, um seine Weitsichtigkeit ein wenig ausgleichen zu können, weswegen seine Brillengläser gerne beschlugen und er nicht mehr viel sah. Ausserdem waren die anderen Springer weitaus erfahrener und waren schon mehrmals siegreich gesprungen. Sie konnten auf langjährige Sprungerfahrung zurückschauen. Michael entschloss sich jedoch, dass ihm dies egal war. Er hatte es bis hierher geschafft, nun würde er es auch durchziehen.
Eddies Herz pocht, als er seine Skier anzieht. Er steht am oberen Ende der Grossschanze im Alberta-Park, direkt neben den Anlaufspuren, die steil in die Tiefe führen, bis sie in den Schanzentisch münden und danach abrupt enden- sie geben ehrfürchtig den Sprungraum frei, die Luft, durch die sich die Spitzen Kanten der Skier schneiden, während die Springer fliegen wie ein Falke. Weit unten erspäht Eddie einen weissen Fleck: Den Auslauf, der von hier oben nicht viel grösser als ein Golfball aussieht. Um ihn herum viele winzig kleine farbige Punkte- die Zuschauer, die gespannt auf Eddies Sprung warten.
Er setzt sich auf die Startbank und rutscht zu den Anlaufspuren hinüber. Er checkt kurz seine Skier und seine Handschuhe auf guten Sitz, dann zieht er seine Schutzbrille über seine Korrekturbrille. Noch einmal einen Blick über die Szenerie. Es ist ruhig. Weit in der Ferne kann er die Zuschauermenge seinen Namen schreien hören.
Dann: Eddie the Eagle startet. Sein Gewicht beschleunigt ihn schneller als die anderen Springer. Er weiss nicht, welches Tempo er hat, als er den Schanzentisch passiert, um anschliessend die vor ihm liegende Luft wie ein Pfeil zu durchschneiden. Doch es fühlt sich unglaublich an. Er springt, wie ein Adler. Und er weiss, er hat soeben seinen Traum in die Tat umgesetzt. Er springt von der Schanze, er springt für sein Land.
Einige Momente verstreichen in denen die kalte Luft um ihn herumwirbelt während die Auslaufstrecke langsam näher kommt. Er erkennt schliesslich die Zuschauer, die bereits am Toben sind. Landung. Das Publikum jubelt wild im Chor: „Eddie, Eddie, Eddie…“ während es unter tosendem, klatschenden Beifall auch Fahnen schwingt: Eddie the Eagle steht darauf geschrieben.
Michael „Eddie“ Edwards belegte an diesem Tag im Jahre 1988, an den olympischen Winterspielen in Calgary, bei jedem Sprung den letzten Platz.
Wenn man sich jedoch an diese Winterspiele heute zurückerinnert, dann wird als Höhepunkt an erster Stelle Eddie Edwards genannt. Eddie the Eagle hatte einen bleibenden Eindruck hinterlassen, er war der absolute Publikumsliebling. Die Worte, die der Chef des Organisationskomitees der Winterspiele, Frank King, an der Abschlussfeier in seiner Rede an die Menge richtete, sagte alles: „Sie haben Weltrekorde gebrochen, persönliche Bestleistungen aufgestellt und einer von Ihnen flog wie ein Adler“ Was für eine Ehre!
Wie war das möglich? Ja, Eddie hatte keine sportliche Spitzenleistung erbracht. Nicht wie Matti Nykänen oder Erik Johnsen, die 1988 in Calgary Gold und Silber holten. Nein, bei Eddie war es etwas anderes: Er hatte einen Traum, der in Erfüllung ging, für den er das „Unmögliche“ überwinden musste. Es war das ehrgeizige und unermüdliche Jagen nach einem Herzenswunsch, das die Zuschauer sahen. Es ist ein erreichter Traum, der Eddie so berühmt gemacht hatte und ihn zusammen mit den Spielen 1988 in Calgary in die Geschichte eingehen liess.
Ich liebe die Geschichte von Eddie. Dieser Mann zeigt mir, wie kostbar und rein Träume sein können.
Wieviel Herz steckt in Deinem Traum? Tust Du ihn, weil Du erwartest, dass Du damit die grosse Kohle machen wirst? Oder tust Du es, weil Du liebst, was Du tust?
Mani