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…etwa mit Bildern von Rubens, Caravaggio oder Matthias Grünewald: „Da habe ich dann die Geschichten in der Bibel nachgelesen.“[1] Aufgrund der Kontroversen, die Kolbes Gedichte auslösen, erhält er zwischen 1982 und 1985 in der DDR Publikationsverbot. 1988 übersiedelt er nach Hamburg, wo er – nach längeren Aufenthalten in Tübingen, Berlin und den USA – heute wieder lebt.
„Gott kennt mich nicht. Ich wage die Ansprache dennoch“, sagt Uwe Kolbe über seine jüngst erschienenen „Psalmen“. „Einen verlässlicheren Adressaten wüsste ich keinen als den seiner Kreatur gegenüber verantwortungsvollen, kritischen, zornigen Gott des Alten Testaments. Nur habe ich, konfessionslos und der Leere der Welt auch bewusst, nicht die schöne Möglichkeit ‘Zwiesprache‘ mit ihm zu halten“, verortet der 60jährige Schriftsteller seine lyrischen Texte. „Noch jetzt, wenn ich das Büchlein in die Hand nehme und sehe, womit ich mich der Öffentlichkeit stelle“, fühlt er sich mit Verweis auf Psalm 6 überrascht, ja, „erschrocken“[2].
Zum Geleit notiert der bedeutende Lyriker: „Dies sind Psalmen eines Heiden, der Gott verpasste, weil keiner bei dem Kinde ging, der sagte, hörst du die Stimme?“[3] Kolbes Gebetsgedichte sind „Versuche, aus der säkularen Welt heraus wieder Anschluss zu finden an eine religiöse Haltung“[4], so der Literaturkritiker Jörg Magenau. Eindrücklich veranschaulicht dies ein Text wie „Die Gnaden“:
Den Hoffenden führst du
unter den offenen Himmel,
den Sehnenden stellst du
vor die Weite der See,
und dem, der verloren war,
gibst du dein Wort.[5]
„Meine Psalmen sind schon näher dran an der Ansprache an Gott, wie sie in den Original-Psalmen selbstverständlich ist“, gestand der diesjährige Dresdner Stadtschreiber im Gespräch mit Tomas Gärtner. „Bei mir kommt die Anrede ‚Herr‘ vor wie in der Bibel. Es ist Gott, derjenige, den man nicht anzweifelt, von dem man sagt: Du hältst die Welt in der Hand. Der ist verlässlich, was immer für ein Bild ich von diesem Gegenüber auf der anderen Seite habe […] Im Naturerlebnis mache ich die Erfahrung, nicht des Christengottes, sondern von etwas Grösserem, einer Transzendenz. Da sehe ich, dass ich ganz klein in einer sehr grossen Welt stehe. Diese Ahnung von etwas Grösserem ist kulturstiftend. Unser Sprechen, das mit Poesie zu tun hat, kommt da her. Dass wir nicht verstehen, was da ist. Wir sprechen, um den Versuch zu machen, es zu verstehen.“[6]
„Der selbstverständlich in der Mehrheitsgesellschaft vorausgesetzte Atheismus ödet mich an. Er schleppt die Fahne der Aufklärung mit sich, aber die ist vom leeren Herumzeigen leider entfärbt.“[7] Einen (selbst-) kritisch-postsäkularen Blick auf diesen gleichermassen bornierten wie banalen Säkularismus wirft Uwe Kolbes „Psalm nach der tonlosen Zeit“:
Das Lied ohne Gott ist tonlos,
es langweilt sich bei sich selbst,
und seine Sänger schlafen ein.
Dem Lied ohne Gott fehlt Gott,
das geistlose hat keinen Geist.
Mein eigenes Schwadronieren,
gottloses Wort, das ich sagte,
betrog all jene, die hörten.
Ich fand mich wohl toll
in meiner schwarzen Weste,
den Fleck der Sehnsucht,
von der mein Gesang ging,
ein sprachloses Sprechen,
ein Fragen, von Anfang an hohl.
Das Lied ohne dich ist tonlos,
Herr, dies ist mein Psalm.[8]
Eingehend hat sich Kolbe mit den Psalmenübertragungen Luthers, Zwinglis und Buber-Rosenzweigs beschäftigt. Gefragt, was ihn als Lyriker am meisten an den biblischen Psalmen fasziniere, antworte er: „Dass sie für Gläubige wie für Ungläubige sprechen. Dass ihre Grundlage eine Weise zu danken ist, die in der deutschsprachigen Tradition neben frommen Übersetzern nur Hölderlin versteht. Dass sie zu Zeitgenossen sprachen, wie sie das zu uns heute tun, nicht aus der Beengung einer bestimmten Konfession, eine Vorstellung von der Gottheit heraus, sondern aus Dankbarkeit für und auch Klage über die Anwesenheit auf Erden.“[9] Nicht von ungefähr wirkte die Bibel nicht nur durch ihre Stoffe, sondern mehr noch durch ihre Sprachformen und Sprechhaltungen[10].
Durchaus eigenwillig schreibt sich Uwe Kolbe in diese breite ausserkirchliche Rezeption der Heiligen Schrift im Raum der Literatur und Kunst ein. Etwa mit „Vom Überschuss. Ein Sylter Psalm“:
Musik, sie ist der Überschuss, Musik,
darf einer, der auf Durchfahrt ist, das sagen?
Ist’s Klang nur, nur ein Überschuss an Klang,
die ganze Welt erfüllt, wenn weiss die Sonne
so ruhig herschaut übers helle Watt,
so an zwölf Grad empor aus ihrem Bett,
erholt von ihrer unbekannten Nacht?
Der Überschuss, gleichwie, er ist der Grund.
Das Leben sonst ist planvoll planes Reden,
und jeder, der davon genug hat und
zu sich kommt und sich selbst zum Klingen bringt,
der fährt, er fährt in seine eigene Welt,
frühauf, und er erkennt sich selbst im wie
von keinem Menschen sonst gehörten Klang
geflügelter Begleiter, Musiker,
die vor dem Wind, der trägt die Stimmen gut.
Auch die Vereinzelten, die Heidesänger
Im Rosendickicht links und rechts der Spur,
die machen staunen, die Verführer –
von dem Erstaunen in der Frühe, ach,
wäre so viel zu sagen, von dem Grund,
vom Klang und Sang, nicht Reden, von dem Grund
in Gott, von der Musik der Kreatur.
Dank für den Überschuss, Dank für den Grund.[11]
„Einerseits bin ich sprachlich im Heute, es gibt etwas Modernisierendes, Spracherweiterndes. Andererseits bewahre ich. Ich spreche eben nicht die Sprache des Marktes“, charakterisiert Uwe Kolbe seine Psalmtexte. Sie kennen ganz verschiedene Tonlagen. Die meisten gehen sehr frei mit Motiven und Situationen der biblischen Vorlagen um, manche reagieren direkt auf die alten Psalmen. So gibt es eine versgenaue Nachdichtung des 107. Psalms, eine Variation und Collage zu Psalm 130, vom 119. Psalm den Versuch, den hebräischen Urtext, der mit seinen 22 Strophen dem hebräischen Alphabet folgt, im Deutschen zu imitieren. „Wenn Gedichte nicht spirituell sind, sind sie gar nichts. Ein Gespräch zwischen zwei Menschen ist leer, wenn es nicht ernst ist. Das Spirituelle, Transzendente ist der Ernst zwischen Menschen. Wenn wir einander ins Auge schauen und über etwas Wesentliches reden, dann ist Religion, Konfession egal. Mein Sprechen ist ernst. Eine Herausforderung ist es allemal.“[12]
Bei allem tastenden Suchen kennzeichnet Kolbes Psalmen durchweg der Wille, wesentlich zu sprechen. Und gleich der erste Text “Dein Morgen“ umkreist das für den biblischen Psalter charakteristische Ineinander von Gedicht, Gebet und Lied, um daran wieder anzuschliessen:
Wo fang ich an,
wohin mit den Augen,
den Blick aufzuheben
zu deinem Morgen
zu nehmen den Weg,
wo führt er mich hin,
hinaus aus der Irre?
Noch singe ich nicht,
ein Stammler der Liebe,
ich bitte dich, lasse
mich sehen den Weg
und singen dein Lied.[13]
[1]Uwe Kolbe über seinen neuen Gedichtband „Psalmen“, Dresdner Neueste Nachrichten vom 12. September 2017.
[2]Interview mit Uwe Kolbe im Online-Magazin „Hundertvierzehn“ des S. Fischer Verlags (https://www.hundertvierzehn.de/artikel/“bei-dir-mit-dir-im-tanz-gegenwart“_2162.html).
[3]Uwe Kolbe: Psalmen. S. Fischer: Frankfurt/M. 2017, 7f.
[4]Deutschlandfunk Kultur, 4. August 2017.
[5]Kolbe: Psalmen, 28.
[6]Dresdner Neueste Nachrichten vom 12. September 2017.
[7]Interview mit Uwe Kolbe im Online-Magazin „Hundertvierzehn“ des S. Fischer Verlags.
[8]Kolbe: Psalmen, 12.
[9]Interview mit Uwe Kolbe im Online-Magazin „Hundertvierzehn“ des S. Fischer Verlags.
[10]Vgl. Christoph Gellner: Schriftsteller lesen die Bibel. Die Heilige Schrift in der Literatur des 20. Jahrhunderts, Darmstadt 2010; Klagen, Bitten, Loben. Formen religiöser Rede in der Gegenwartsliteratur, hrsg. v. Alfred Bodenheimer u. Jan-Heiner Tück, Ostfildern 2014.
[11]Kolbe: Psalmen, 26f.
[12]Dresdner Neueste Nachrichten vom 12. September 2017.
[13]Kolbe, Psalmen, 11.
Uwe Kolbe. Psalmen, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017, ISBN 9783100014580