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Nach den Kantonsratswahlen wurde eine in Gemeinden aufgeteilte Kantonskarte publiziert, welche die jeweils stärkste Partei aufführte. Die Karte zeichnete folgendes Bild: Entlang des rechten Zürichseeufers ein Streifen in FDP-Blau, in den Grosstädten zwei rote SP-Tupfer, der grosse Rest der Kartenfläche in SVP-Grün.
Gegensätze können eine Bereicherung sein. In einem im Magazin erschienen Interview nahm der Architekt Jacques Herzog Bezug auf den Soziologen und Stadttheoretiker Henri Lefebvre: «Im Denken Henri Lefebvres ist der Begriff der Differenz zentral. Dort, wo Andersartiges aufeinanderprallt und sich produktiv austauscht, entsteht Urbanität. In den Zentren einiger Schweizer Städte kann man diese auf Differenz gründende Urbanität im Ansatz erkennen. Diese Urbanität erfordert auch Dichte und eine gewisse Masse.»
Die Differenz der Parteipräferenzen im Kanton Zürich gründet auf der Unterschiedlichkeit der Gemeinden und widerspiegelt sich auch landschaftlich. Eine grosse Stadt, ein zweites Zentrum, kleinere Städte und Agglomerationen, Erholungsgebiete mit vielen kleinen, ländlichen Gemeinden im Weinland, im Tösstal, im Oberland oder im Säuliamt.
Von der Vielfalt her ideale Voraussetzungen. Das Problem liegt darin, dass dies nicht als Vielfalt im kantonalen Ganzen wahrgenommen wird, in dem verschiedene Gemeinden und Regionen unterschiedliche Funktionen erfüllen. Beispielsweise: Urbanität hier, Naherholung da, intensiv genutzte Arbeitsplatzgebiete dort. Anstelle eines grösseren funktionalen Denken dominiert die Perspektive und die Autonomie der Gemeinde. Daraus leiten sich, vereinfacht gesagt, zwei Grundsätze ab.
Erstens: Jede Gemeinde will selber alles. Etwas wachsen, etwas mehr Wohnraum, etwas mehr Arbeitsplatzfläche. Die Folge fürs Ganze: Etwas viel mehr Mobilität, Verkehr, Zersiedelung.
Zweitens: Jede Gemeinde will alles selber machen. Sie beansprucht Autonomie und in Ableitung davon ergibt sich der Anspruch, jede auch noch so komplexe staatliche Aufgabe unabhängig von ihrer Grösse oder ihrer überkommunalen Funktionalität, selber ausführen zu können.
Während Zürich auf der einen Seite weltoffener Metropolitanraum, zukunftsgerichtete Grossstadt und Wirtschaftsmotor ist, zeichnet sich der Kanton gleichzeitig durch die politische Dominanz der Gemeinden, eine Kleinteiligkeit und einen Strukturkonservatismus aus.
Und das alles in einem immer komplexer werdenden und sich rascher verändernden Umfeld. Es handelt sich nicht mehr um den befruchtenden Gegensatz, der sich aus Lefebvres Differenz ergibt. Es handelt sich vielmehr um einen besorgniserregenden Widerspruch, der das Bild eines gespaltenen Kantons zeichnet und der zur Frage führt, ob der Wirtschaftsraum Zürich auf lange Frist wettbewerbs- und zukunftsfähig ist. Eine zweite Spaltung des Kantons, und die betrifft Winterthur sehr direkt, kann man geografisch nachvollziehen. Sie ergibt sich, wenn man den Kanton, ähnlich dem Kantonswappen, mit einer Diagonale teilt. Wo diese entlang geht und was die bewirkt, lesen Sie in meinem nächsten «Wandzeitungs»-Beitrag.
Nicolas Galladé,
13.6.2015, 114. Jahrgang, Nr. 164.
19.6.2015, 15:58 Uhr.
Pierre-François Bocion schrieb:
Aus meiner Sicht hat der Kanton Zürich in den letzten Jahren, sowohl wirtschaftlich als auch kommunal zu viel Dynamik. Aus diesem Grund war die Einwanderung so frappant. Das funktionale Denken ist gefordert – mehr Qualität statt Quantität – nicht einfach zu realisieren aber notwenig.
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