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Die Zahl 613 spielt eine zentrale Rolle in den Bildern von Fishel Rabinowicz, 96. Immer wieder kommt sie vor. Sie ist die Anzahl Gebote und Verbote in der Tora. Der kleine, stramme Mann sitzt im Wohnzimmer seiner Wohnung in Locarno nahe der Piazza Grande. Hinter ihm an der Wand sind seine Werke aufgehängt. Es sind Papercuts. In minutiöser Arbeit hat er Nummern, Buchstaben und Symbole der jüdischen Kultur ausgeschnitten und geometrisch angeordnet. «Die Bilder sind meine Therapie.» Sie helfen ihm, den Holocaust zu verarbeiten.
1924 wird Fishel Rabinowicz in der polnischen Industriestadt Sosnowiec geboren. Als drittes von zehn Kindern. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater besitzt ein Geschäft für Bett- und Tischwäsche. «Wir hatten nicht viel, aber es reichte immer für alles», sagt Rabinowicz. «Mein Vater pflegte zu sagen: Wenn ich mir ein paar Schuhe kaufen will, muss ich zuerst zehn Paar Schuhe kaufen.»
14 Jahre alt ist Rabinowicz, als die Deutschen Polen angreifen. «Es war ein Freitag, das weiss ich noch genau.» Synagogen brennen, Fensterscheiben zerbrechen, Blut fliesst. Der Krieg hinterlässt eine schreckliche Spur der Zerstörung. Frommen Juden schneiden die Nazis Bärte und Pejes, Schläfenlocken, ab. «Sie stahlen unsere Geschäfte und trieben uns in die Gettos. Ab dem 1. November durften wir nicht mehr auf die Strassen.» Damit die Grossfamilie durchkommt, stellen die drei älteren Söhne zusammen mit dem Vater nachts heimlich Seife her. «Mein Vater fand eine Methode heraus, wie wir diese Seife innert kurzer Zeit produzieren konnten. Und die Nachfrage war sehr gross.» Noch heute vergehen abends mehrere Stunden, bis Fishel Rabinowicz einschlafen kann. Meistens findet er erst um vier oder fünf Uhr morgens Ruhe. Die Vergangenheit bestimmt seinen Rhythmus.
1410 Tage verbringt er in verschiedenen Arbeits- und Konzentrationslagern, nachdem er am 26. Mai 1941 deportiert worden ist. Er muss sich beim Bau der Autobahn abkrampfen – da, wo die Sterblichkeitsrate der Häftlinge besonders hoch ist. «Ich hatte rote Haare. Die Nazis fanden das lustig. Sie nannten mich Rotkopf und gaben mir leichtere Arbeiten als den anderen», erinnert er sich. «Das war vielleicht mein Glück.»
Am 9. Februar 1945, er ist damals im KZ Kittlitztreben, selektieren die Deutschen 1200 Häftlinge, darunter Rabinowicz, für einen Todesmarsch. «Wir mussten 55 Tage ins rund 400 Kilometer entfernte KZ Buchenwald marschieren. Nur 746 Häftlinge überlebten. Ich selbst konnte in Buchenwald nicht mehr stehen, so entkräftet war ich.»
31 Verwandte verliert Fishel Rabinowicz während des Zweiten Weltkriegs. «Meine Eltern und sieben Geschwister sind im KZ umgekommen. Nur ich und meine zwei älteren Brüder überlebten.» Alle Daten seiner Familie hat der Rentner fein säuberlich aufgeschrieben, die wichtigsten Zahlen herausgestrichen und die Dokumente in Mäppli versorgt. «Ich mag es ordentlich.»
29 Kilogramm wiegt Fishel Rabinowicz, als er mit 21 Jahren in Buchenwald befreit wird. «Ich war bis auf die Knochen abgemagert.» 1947 kommt der kranke junge Mann ins Sanatorium in Davos. Er erholt sich in den Bergen und macht in Zug eine Ausbildung zum Schaufensterdekorateur. 1955 heiratet er die Zürcherin Henny Better, mit der er an den Lago Maggiore zieht. «Seit 1964 bin ich Papierlischwiizer», sagt er. Er arbeitet bis zu seiner Pensionierung in einem Warenhaus und führt ein erfülltes Leben mit Frau und Sohn. Doch die Gedanken an den Holocaust zerren lebenslang an ihm. Im Kopf beginnt er über viele Jahre, seine Bilder zusammenzustellen.
450 Holocaust-Überlebende gibt es heute noch in der Schweiz. Wegen ihres Alters gehören sie alle zur Corona-Risikogruppe. «Ich habe mir selber Hausarrest gegeben», sagt Fishel Rabinowicz. Er zeigt hinter den durchsichtigen Vorhängen auf den Vorplatz seines Wohnhauses hinunter. «Ich gehe jeweils nur ein paar Schritte aus dem Haus spazieren. Mehr nicht.» Seine Frau Henny ist vor fünf Jahren gestorben, Sohn José, 63, wieder bei seinem Vater eingezogen. «Früher gingen wir mittags ins Restaurant essen. Das fehlt mir.» Die Gamaraal-Stiftung bietet für Holocaust-Überlebende eigens eine Corona-Hotline an. «Viele Überlebende reden jetzt offener, weil sie befürchten, die Pandemie nicht zu überleben», sagt Gründerin Anita Winter. Alle paar Tage ruft auch Fishel Rabinowicz bei ihr an. «Vielen tut es gut, einfach jemanden zu haben, um zu reden.»
50 Bilder sind bis heute entstanden. «Andere Überlebende schreiben ihre Geschichte nieder. Ich war immer mehr der Typ für das Visuelle.» Der Künstler stellte seine Werke in mehreren Ausstellungen aus, 2010 überreichte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel sogar Rabinowicz’ Werk «Shoah». Weitere Bilder wird es nicht mehr geben. «Inzwischen bin ich zu schwach dafür. Meine Bilder sollen helfen, dass wir nie vergessen, was damals geschah.»