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Die Stadt im Übergang
Eingang für die Plateforme 10, Lausanne; Ideenwettbewerb im offenen Verfahren
Mitten in der Umgestaltung des neuen Kunstviertels «Plateforme 10» und des Bahnhofplatzes in Lausanne investierte der Staat Waadt in einen Ideenwettbewerb, der kritische, utopische und poetische Projekte hervorbrachte.
Die offizielle Eröffnung der Museen mudac und Photo Élysée im Bahnhofsviertel von Lausanne erfasst dasselbe mit einer geschäftigen Hektik. Aber das ist nicht die einzige Ursache für die Aufregung. Am Eingang zum Vorplatz stapeln sich die Baucontainer. Im Osten zieht das Rasude-Areal, das von der Post und den SBB verlassen wurde, Künstler und kleine Unternehmen an, die auf der Suche nach günstigen Arbeitsräumen sind. Der Bahnhofplatz wird einer Operation am offenen Herzen unterzogen, da sich künftig die neue Linie der M3 durch seine Eingeweide schlängelt. Die Bauarbeiten, die Ende 2021 begonnen haben, dauern zehn Jahre.
Dieser Ort im Wandel hat etwas Aufregendes an sich: Nichts erinnert an die friedlichen Weinberge, die vor dem 20. Jahrhundert das Gelände der Plateforme 10 bedeckten. Auch von den später errichteten Eisenbahnhallen ist man weit entfernt. Und während andere Städte ihre Brachflächen in Kulturstätten umwandeln, hat Lausanne aufgeräumt und zwei neue Gebäude auf der weitläufigen Esplanade errichtet: eines für das Musée cantonal des Beaux-Arts (MCBA)(Barozzi Veiga, 2019), das andere für das mudac und das Photo Élysée (Aires Mateus, 2022). Vor dem Hintergrund dieser Umgestaltung haben die Direction générale des immeubles et du patrimoine (DGIP) und das Amt für Kultur VD einen Ideenwettbewerb zur Gestaltung des Eingangs des neuen Kunstviertels ausgelobt. Seine Ergebnisse fliessen direkt in die nächste Planungsphase ein.
Eine Verbindung zur Stadt
Es ist ein riesiger offener Raum, den man hinter den Bauzäunen der Museen entdeckt hat; ein praktisch unberührtes Areal, in dessen Untergrund viele der zum Bahnhof gehörenden technischen Infrastrukturen liegen; «eine Insel», sagen sogar die Architekten von Projet-Co in ihrem Beitrag. Der Ort hat sich abseits der Stadt entwickelt. Er wird von zwei Zeugen seiner industriellen Vergangenheit geprägt: dem Stellwerk der SBB – erbaut in den 1960er-Jahren und voraussichtlich 2031 von Grund auf neu aufgebaut – sowie der Drehscheibe.
Im April 2021 wurde ein Ideenwettbewerb im offenen Verfahren ausgeschrieben, um die Esplanade neu zu gestalten. Das Ziel? Nicht ein neues monumentales Gebäude zu schaffen, um mit den vorherigen zu konkurrieren, sondern vielmehr die Verbindung dieses Ortes mit der Stadt zu überdenken: eine evolutionäre Vision zu entwickeln, die auf das Bestehende und die notwendigen Eingriffe achtet – und die nicht notwendigen aussortiert.
Der Wettbewerbsperimeter umfasst eine 3690 m² grosse Fläche, die dem kantonalen Bebauungsplan (KAP) unterliegt, und eine 1671 m² grosse Fläche, die den SBB gehört. Das Programm beinhaltet den Eingang für die Besuchenden, einen Empfang für die Künstler und eine Kunsthalle. Wie Patrick Gyger, Direktor der Plateforme 10, im Programm erklärt, muss diese «Eingangstür» der Plateforme 10 offen, einladend, flexibel und entwicklungsfähig sein. Das Programm bietet ein weites Feld an Möglichkeiten, das im Rahmen des Wettbewerbs eine ganze Reihe von Antworten hervorgebracht hat. Diese sind nicht als fertige Lösungen zu betrachten, sondern vielmehr als Anregungen, was aus diesem Ort im Herzen Lausannes werden könnte.
Vergänglichkeit als architektonische Sprache
Einige Ergebnisse dieses Wettbewerbs verdienen es, näher betrachtet zu werden. So zum Beispiel der zweite Preis, der von seinen Schöpfern, den Pariser Architekten Paul Vincent und Anthony Benarroche, als «Orange Mécanique» bezeichnet wurde. Sie entschieden sich für den Abriss der Leitstelle und schlugen stattdessen eine vierstöckige Metallstruktur mit einem eleganten, leichten Ausdruck vor.
Diese Lösung schätzte die Jury, weil sie nicht mit den Museumsgebäuden konkurriert, jedoch wurde sie aus tektonischen Gründen infrage gestellt: Wie sollte eine solche Transparenz erreicht werden? Ebenso erscheint die Geste des Abrisses heute angesichts des bedeutenden Kapitals, das das bestehende Gebäude darstellt, unangebracht.
Der dritte Preis, «Organ2 / Aslp» des Zürcher Architekten Onur Özman, entwickelt die Sprache der Vergänglichkeit noch weiter, indem er ein Postulat von unerhörter Relevanz aufstellt: Was wäre, wenn das Gelände der Plateforme 10 letztlich dazu bestimmt wäre, eine Dauerbaustelle rund um das Stellwerk zu werden? Wenn das Projekt als eine Folge von vorübergehenden Interventionen gedacht ist, dann kann es sich von bestimmten Vorschriften befreien, wie denen, die die Gestaltung der beiden Museen schwer belastet haben. Tatsächlich ist es zum Teil auf die Einhaltung der OPAM-Normen zurückzuführen, dass das MCBA im Süden eine so hermetische Fassade aufweist.
Der Entwurf von Onur Özman gleicht einer Non-Finito-Struktur, die das Stellwerk umgibt und aus der Elemente herausgenommen werden, um Wege oder Treffpunkte im Inneren oder unter freiem Himmel zu schaffen. Eine weitere Qualität dieses Projekts besteht darin, dass es nicht unter dem Platz eingreift, um die Durchlässigkeit des Bodens zu erhalten.
«Billboard und Blackbox» von Dürig löst zwar ein diffuses Unbehagen aus, wie eine x-te Variation des Themas der Ente und des geschmückten Hangars von Venturi, fasziniert aber durch die Radikalität seines Eingriffs. Das Projekt könnte in drei Phasen unterteilt werden: erstens die Erhaltung des Stellwerks, um dort Büros und Werkstätten unterzubringen; zweitens die Entwicklung einer riesigen, stadtweiten Plakatwand entlang der Schienen – des Billboard; drittens die Errichtung eines riesigen Ausstellungsraums unter dem Platz – der Blackbox. Auch wenn die spektakuläre Geste einfach erscheint, ist sie dennoch unangemessen und energieintensiv, da sie das gesamte Programm unter die Erde verlegt.
Schliesslich lädt das poetische Projekt «Les possibilités d’une île» des Lausanner Büros Projet-Co Architectes durch die Verlegung des Entwurfs in den Untergrund und die üppige Bepflanzung des Geländes dazu ein, den Standort der Plateforme 10 mit einer erfrischenden Lebendigkeit zu betrachten. Aufgrund der Tatsache, dass das Gelände eine Art neue Insel im Herzen der Stadt ist, schlagen die Architekten vor, das Stellwerk als Fragment des Alltags aufzufassen, das das Gedächtnis des Ortes vermittelt; die beiden neuen Museen als aussergewöhnliche Objekte; und das Dazwischen als Verbindung zur Stadt. Auch hier erweckt der Eingriff zwar die Illusion, minimal zu sein, wurde aber von der Jury wegen der schweren Arbeiten, die er im Untergeschoss erfordert, kritisiert. In Erinnerung bleibt vor allem die Fülle an Vegetation, die Idee, dass der Ort eines Tages eine grüne Oase im Herzen der Stadt sein wird.
Kenny – nur halb so viel bauen
Eine grosse Dachfläche, die sich an das ehemalige Stellwerk anlehnt: So könnte man das preisgekrönte Projekt «Kenny» des Lausanner Architekten Rubén Valdez lesen. Mit dieser einzigartigen und einfachen Geste hebt es sich von den anderen Beiträgen ab. Obwohl die Geste voller Zurückhaltung und Präzision ist, ist die Wirkung immens, da sie den Eingang des Gebäudes nach Norden dreht und die Esplanade aktiviert. Dieses grosse Dach kann sich abwechselnd in eine Stoa, ein Foyer oder einen Ort für Aufführungen verwandeln. Es ist ein Zwischenraum zwischen der Esplanade mit der Drehscheibe und dem Verwaltungsgebäude. Diese würde, wenn sie intakt bliebe, dank der bereits vorhandenen Eigenschaften des Gebäudes (doppelt hohe Volumen für die Technik, ausladende Räume zur Überwachung der Gleise, eine Terrasse mit Seeblick …) reichhaltige und qualitative Ausstellungsräume beherbergen. Die Bahninfrastruktur hat schon eine hohe architektonische Qualität – für den, der sie zu sehen weiss. Das Projekt schlägt ausserdem vor, die Grube der Drehscheibe in einen baumbestandenen Innenhof zu verwandeln, der einen grossen Ausstellungsraum unter dem Platz beleuchten würde. Die grosszügigen Dimensionen bieten jedoch rundherum genügend Platz für Freilandbepflanzung.
Ein Aufruf zur Sparsamkeit
Ein besonderer Punkt half Kenny, sich von seinen Konkurrenten abzuheben. Während das Programm eine maximale Fläche (SPd) von 6120 m² empfahl, schlägt der Autor nur die Hälfte davon vor. Weniger bauen, um mehr Freiflächen zum Bepflanzen, mehr öffentlichen Raum und mehr Freiheit bei dessen Nutzung zu haben. Auch wenn es antithetisch erscheinen mag, könnte diese Entscheidung von Rubén Valdez in der Tradition dessen stehen, was Lacaton & Vassal 20 Jahre zuvor beim Wettbewerb für die Architekturschule in Nantes vorgeschlagen haben: 44 % mehr unbeheizte Fläche, um angehenden Architekten Spielraum und Möglichkeiten zu bieten. In ihrem Bericht räumt die Jury ein, dass es wichtig sein wird, «die Quantität der Flächen zu hinterfragen»: Der Ideenwettbewerb wird also nicht nur eine vage Überlegung bleiben, sondern einen direkten Einfluss auf die Zukunft des Geländes haben.
Die architektonische Vision im Vorfeld des Prozesses
Die vorgestellten Projekte verkörpern die Erneuerung der Aufgaben unserer Berufe vor dem Hintergrund der Verknappung der natürlichen Ressourcen und der globalen Erwärmung. Mit der Ausschreibung eines Ideenwettbewerbs vor dem Projektwettbewerb hat der Bauherr die mutige Entscheidung getroffen, die architektonische Vision an den Anfang des Prozesses zu stellen, um die Entwicklung des Projekts zu begleiten. Aus dieser Perspektive wird das Erbe, selbst das trivialste, nicht mehr als ein Erbe betrachtet, das man tragen muss, sondern als eine Ressource, die es zu nutzen gilt. Es ist durchaus möglich, dass das endgültige Projekt nicht wie das von Rubén Valdez skizzierte grosse Dach aussehen wird, ein «scharfer Akzent» auf dem Gebauten. Aber was wir aus diesem Wettbewerb lernen sollten, ist, dass wir weniger bauen können. Erinnern wir uns daran, dass weniger mehr ist. Nicht zerstören, sondern aus dem vorhandenen Material, das die Erinnerung an unsere Städte in sich trägt, neu erfinden.
Dieser Artikel ist erschienen in TEC21 38/2022 «Selbstbewusste Nachfolgerin».
-> Weitere Pläne und Bilder auf competitions.espazium.ch.
Auszeichnungen
1. Rang / 1. Preis: «Kenny»
Rubén Valdez, Lausanne
2. Rang / 2. Preis: «Orange Mécanique»
Paul Vincent et Anthony Benarroche Architectes, Paris
3. Rang / 1. Ankauf: «Organ2/Aslp»
Onur Özman, Zürich
FachJury
Fabrizio Barozzi, Architekt, Barcelona (Vorsitz); Manuel Aires Mateus, Architekt, Lissabon (stv. Vorsitz); Nicole Christe, Architektin, Lausanne; Christiane von Roten, Architektin, Lausanne; Ariane Widmer Pham, Architektin, Lausanne; Charlotte Truwant, Architektin, Basel; Philippe Pont, Direktor DGIP, Lausanne; Emmanuel Ventura, Kantonsarchitekt DGIP, Lausanne; Craig Verzone, Landschaftsarchitekt, Vevey
SachJury
Olivier Steimer, Genf (Vorsitz); Grégoire Junod, Lausanne; Olivier Audemars, Fondation 10; Patrick Gyger, Plateforme 10; Nicole Minder, SERAC; Philippe Bischof, Fondation Pro Helvetia; Yves Jacot, CFF Immobilier