Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03651.jsonl.gz/2117

Eine 44 jährige Frau sucht Rat bei ihrem Hausarzt, weil sie über die letzten Jahre an Gewicht zugenommen hat und nun möchte sie abnehmen. Sie leidet vor allem an Müdigkeit. Anthropometrie : 98 kg, 175 cm, BMI 32 kg/m2, Bauchumfang 102 cm, BD 140/92 mmHg. Persönliche Anamnese : Arterielle Hypertonie, Arthrose. Familie Anamnese : der adipöse Vater leidet an einem Diabetes mellitus Typ 2. Ihre Laborwerte : Blutzucker 6,2 mmol/l ; Cholesterin 5,3 mmol/l ; HDL-C 1,0 mmol/l ; LDL-C 3,1 ; Triglyceride 2,5 mmol/l.
Patienten mit Übergewicht und Adipositas sollen eine höhere Sterblichkeit haben, da sie an verschiedenen Folgekrankheiten leiden (Tabelle 1). Dies wird aber durchaus kontrovers diskutiert und ist auch abhängig von der ethnischen Herkunft und ob zusätzlich chronische Krankheiten vorhanden sind. Die Frage nach dem optimalen Körpergewicht scheint aber dennoch relevant zu sein und es gibt grosse Studien, die vor allem den Zusammenhang zwischen der Gesamtsterblichkeit und dem Body Mass Index (BMI) untersucht haben.
Berrington de Gonzalez et coll.1 werteten aus 19 prospektiven Studien 1,46 Millionen weisse Erwachsene zwischen 19-84 Jahren aus. Während 10 Jahren Beobachtung gab es 160 087 Todesfälle. Die tiefste Gesamtsterblichkeitsrate war bei einem BMI von 20-25 kg/m2, während die Todesraten bei tieferem und höherem BMI zunahmen (Abbildung 1). Wenn der BMI von 22,5-24,9 als Referenzbereich gewählt wurde, hatten z.B. Frauen mit einem BMI von 25-29,9 eine um 13% erhöhte und mit einem BMI von 30-34,9 eine um 44% erhöhte Sterblichkeit. Bei einem BMI von 15-18,4 war die Sterblichkeit um 47% erhöht.
In einer anderen grossangelegten Studie von Zheng et coll.2 wurden mehr als eine Million Asiaten über 9,2 Jahre verfolgt. In 19 Kohorten gab es insgesamt 120 700 Todesfälle und hier lag die tiefste Todesrate bei Chinesen, Japanern und Koreanern in einem BMI-Bereich von 22,6-27,5 kg/m2. Bei einem BMI von L 35 war das Risiko zu sterben 1,5 mal höher und bei einem BMI von l 15 sogar 2,8 mal höher. Bei den Indern und Bangladeshis zeigte sich allerdings bei Übergewicht und bei Adipositas keine erhöhte Sterblichkeit!
Es gibt zunehmende Evidenz, dass Adipositas nicht schicksalshaft mit einem schlechteren metabolischen Risikoprofil oder sogar mit erhöhter kardiovaskulärer Sterblichkeit einhergehen muss. Es gibt ihn, den «gesunden Dicken». Diese gemäss BMI definierten adipösen Leute sind metabolisch gesund, haben einen normalen Bauchumfang, weisen keine klassischen kardiovaskulären Risikofaktoren auf und die Lebenserwartung ist normal. Gemäss Literatur sollen bis zu 30% der Adipösen in diese Kategorie gehören. Die reine Akkumulation von Fett bedeutet also noch nicht Unheil, wenn es nicht viszerales Fett ist. Divergierende Studienresultate könnten teilweise durch Einschluss solcher metabolisch gesunder Adipöser erklärbar sein. Es ist deshalb an der Zeit, die Adipositas neu zu definieren und den Bauchumfang, zusätzlich zum BMI, als wichtiges Einschlusskriterium zu wählen, wie es auch in der Interheart-Studie 3 gezeigt wurde.
Auf www.agla.ch kann man das kardiovaskuläre Gesamtrisiko für die nächsten 10 Jahre berechnen. Dies ist wichtig für therapeutische Entscheidungen in der Primärprophylaxe. Dabei gilt ein Gesamtrisiko von l 10% als niedrig, 10-20% als mässig und L 20% als hoch. In der Tabelle 2 sind die oberen Grenzwerte für Hochrisikopatienten aufgelistet, die nicht überschritten werden sollten.
Diese Patientin ist 44 jährig, prämenopausal, Nichtraucherin und hat keine Verwandten 1. Grades mit einem frühzeitigen Herzinfarkt oder Hirnschlag (Männer l 55 j. ; Frauen l 65 j.). Die Berechnung ihres Risikos ergibt : 0,4% !
Wie oben beschrieben, scheint ein optimales Körpergewicht irgendwo zwischen 20-27 kg/m2 zu liegen. Der Bauchumfang als Ausdruck für das viszerale Fett stellt aber nach gewissen Autoren ein besseres Mass für das kardiovaskuläre Risiko dar und sollte bei Frauen nicht über 88 cm sein. Unsere Patientin misst 102 cm.
Wenn man mit körperlicher Aktivität abnehmen möchte, ist das mit einem erheblichen Aufwand verbunden. In einer Studie führten 32 km Joggen pro Woche bei normaler Nahrungsaufnahme zu einem Gewichtsverlust von 2,9 kg in 8 Monaten. Zudem nahm der Bauchumfang ab und die Insulinresistenz verbesserte sich.
Zum Erhalt des neuen tieferen Gewichts musste man ca. 2500 kcal pro Woche verbrennen, was täglich 80 Minuten brisk walking oder 35 Minuten intensives Jogging bedeutet.
Zudem ist allgemein bekannt, dass Diäten von «low-Carb» bis «low-Fat» zum Abnehmen nur kurzfristige Erfolge bringen, da die Gegenregulationsmechanismen lange aktiv bleiben. In einer kürzlichen Untersuchung 4 wurden 50 Frauen und Männer mit einem BMI von 27-40 kg/m2 während 10 Wochen auf eine stark kalorienreduzierte Diät gesetzt. Sie verloren im Mittel 13,5 kg Gewicht. Nach Beendigung der Diät stieg das Gewicht wieder stetig an. Die Serumkonzentration von Ghrelin (Hungerhormon), war auch nach einem Jahr noch erhöht und diejenige des Cholecystokinins (Sättigungshormon) war erniedrigt. Hohe Ghrelin- und tiefe Cholecystokininspiegel bedeuten nichts anderes als ständig Hunger und schlechte Sättigung, somit ist ein Gewichtsanstieg vorprogrammiert.
In der «Nurses’ Health Study» wurden bei 84 941 Krankenschwestern während einer Beobachtungszeit von 16 Jahren 3300 neue Fälle von Diabetes mellitus Typ 2 dokumentiert. Verglichen mit dem Rest der Kohorte, hatten Frauen in einer Low-risk-Gruppe ein über 90% reduziertes Risiko, einen Diabetes mellitus Typ 2 zu entwickeln. Low-risk bedeutet : Körpergewicht unter einem BMI von 25 kg/m2 halten, 30 Minuten körperliche Aktivität täglich, faserreiche Ernährung mit tiefem glykämischen Load und ausgewogenem Fettsäureverhältnis, sowie moderater Alkoholkonsum.
Nicht fitte, normalgewichtige Personen haben gegenüber adipösen, aber fitten Leuten eine zweifach erhöhte kardiovaskuläre Sterblichkeit. Der Effekt der Bewegung auf die Gesundheit ist enorm. Jede Zunahme der Fitness um 1 Metabolisches Äquivalent (MET) bedeutet 15%-20% besseres Überleben !