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Andere Zeiten, andere Zeitungen? Es war eine bewegte Epoche, als der Philosoph Jean- Paul Sartre den Chefredaktorposten der damals neu gegründeten Tageszeitung «Libération» übernahm. Sein Engagement hatte er bereits zuvor unter Beweis gestellt, als kurzzeitiger Strassenverkäufer der maoistischen Zeitung «La cause du peuple», der ein Verbot drohte.
Die heutige Tageszeitung, bekannt unter dem Kurznamen «Libé», geht auf das linke Journalistenbüro Agence Presse Libération zurück. Es wurde 1971 nach einer Besetzungsaktion für die Inhaftierten der Organisation Gauche prolétarienne (GP) gegründet, um GP-Communiqués weiterzuverbreiten. Einer der ersten grossen Erfolge der Agentur war dann auch die Berichterstattung über die Entführung eines Unternehmerfunktionärs, der vierzehn Tage lang im Pariser Nordosten festgehalten wurde: kein Kunststück - den hatten die eigenen Genossen verschleppt.
1973 entstand aus diesem Büro das Zeitungsprojekt. Mit diesen wilden Zeiten hat die «Libé» freilich abgeschlossen. Bereits 1981, zur Zeit der Amtsübernahme des sozialistischen Staatspräsidenten François Mitterrand, wurden die Ecken und Kanten abgeschliffen. Die Macht der oftmals chaotischen Vollversammlungen wurde gebrochen, der ehemalige Maoist Serge July übernahm die Chefredaktion, und statt staatskritischer Agitation war Hoffnung auf Reformen angesagt. 1994 folgte ein Umbau. Die «Libé» wurde bunter, billiger, unterhaltsamer; die angepeilte Auflagensteigerung von 170 000 auf 200 000 Exemplare kam jedoch nicht zustande. In der Wirtschaftskrise Mitte der neunziger Jahre verringerten sich die Inserateeinnahmen, und so holte July die Konzerngruppe Chargeurs-Pathé (Textilien, Kinokette) als Grossinvestor. Heute gehören 38 Prozent der Eigentumsanteile dem Finanzunternehmer Edouard Rothschild, 18 Prozent den Beschäftigten und 17 Prozent der Pathé-Gruppe.
Ebenfalls in den frühen neunziger Jahren, mitten in der politischen Resignation, welche die Ära Mitterrand in weiten Teilen der Linken hinterlassen hatte, erfolgte die zweite Geburt der linken Wochen- und Satirezeitung «Charlie Hebdo», die in den frühen siebziger Jahren Furore gemacht hatte. Bis Mitte der neunziger Jahre gelang der reichhaltig illustrierten antiautoritären Zeitung ein rascher Wiederaufstieg. Doch dann zerstritt sich die Redaktion über ihre Haltung zu den Grünen und zum Kosovokrieg. Der Konflikt endete mit dem Abgang profilierter RedaktorInnen; die Auflage fiel von gut 70000 auf rund 50000 Exemplare.
Seit einem Relaunch im Jahre 2000 (weniger Text, mehr Zeichnungen) geht es dem Kleinunternehmen «Charlie Hebdo» wirtschaftlich gut - auch dank des Handels mit Comic-Büchern, T-Shirts und anderem. Gleichzeitig ist das Blatt politisch zahnloser geworden. Ein Teil der RedaktorInnen gibt mittlerweile die Monatsschrift CQFD heraus, die mit einer Auflage von 20000 Exemplaren soziale Kämpfe begleitet.
Daneben unterhält jede linke Strömung oder Organisation eine eigene Publikation - die Anarchokommunisten («Alternative libertaire») ebenso wie die beiden trotzkistischen Parteien («Rouge», «Lutte Ouvrière»), die Anarchisten («Le Monde libertaire») und die Kommunistische Partei. Deren Tageszeitung «Humanité» (1904 gegründet, derzeit rund 60000 Auflage) untersteht nicht mehr direkt der Parteiführung, Hammer und Sichel sind längt aus dem Titelkopf verschwunden. Die Partei - sie konnte die Defizite der Jahre 1999 und 2000 in Höhe von jeweils 6,7 Millionen Franken nur durch den Verkauf des Verlagshauses und Entlassungen auffangen - hält heute vierzig Prozent des Kapitals. Weitere Anteile gehören einer LeserInnengesellschaft und der Belegschaft. Zwanzig Prozent besitzen private Investoren, darunter der Medien-, Wasser- und Rüstungskonzern Lagardère.