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Engel der Zerstörung
Ihr Name war Verzweiflung und sie war sein ganzer Stolz.
Für ihn war sie mehr als eine Maschine. Andere mochten in ihr nur stampfende Kolben, zischende Ventile und rostige Zahnräder sehen. Oder war das doch Blut, das dort klebte?
Montgomery putzte sie zwar nach jeder Tour, aber er wurde alt und erreichte nicht mehr alle Windungen.
Er blieb auch nicht mehr so lange auf der Jagd wie einst und die Phasen, während denen er sich erholen musste, dauerten immer länger. Dafür sank sein Schnapsvorrat nun schneller.
Er ruhte sich im Schatten seiner Liebsten aus, das Feuerwasser im Anschlag, als er das Mädchen plötzlich über den Rand seines Zinnbechers hinweg entdeckte. Vor Schreck verschluckte er sich. Tränen schossen ihm in die Augen. Als sich seine Sicht wieder klärte, war der Balg nur noch wenige Schritte von ihm entfernt.
Montgomery tastete nach der Schrottflinte, die neben seinem Stuhl lehnte. Er wünschte sich jedoch seinen Degen herbei, der hätte ihm auf diese kurze Distanz mehr genutzt.
«Was machst du hier? Bist du lebensmüde? Heute Morgen habe ich deinesgleichen noch gejagt!»
Sie grinste ihn mit erstaunlich weissen Zähnen an, dann begannen ihre Hände in komplizierten Gesten zu tanzen. Die Wildlinge sprachen nicht mit Lauten sondern in Gebärden. «Ich will von dir lernen. Zeig mir, wie man das Stahlbiest bändigt», sagten ihre Hände.
«Ha!», prustete der Alte. «Warum sollte ich das tun?»
«Weil du antik bist»
Montgomery rümpfte die Nase. Er war sich sicher dass er diese Geste falsch interpretiert hatte.
«Du brauchst eine Nachfolgerin.»
«Pfff, einen Dreck brauch ich», knurrte er und sank in seinen Stuhl zurück. Das Mädchen machte keine Anstalten zu verschwinden. Stattdessen setzte sie sich in den Staub und starrte ihn an.
Montgomery versuchte, sie zu ignorieren, doch das wurde immer schwieriger. Irgendwann war sein Alkoholpegel so hoch, dass er weich wurde. Er winkte sie heran und gab ihr den letzten Schluck aus der Flasche. Als sie ohne Zögern trank, wurde ihm klar, dass er sie längst ins Herz geschlossen hatte.
Valkyria besaß einen flinken Verstand. Ihr richtiger Name war eine Abfolge von komplizierten Gesten in Kombination mit gutturalen Lauten, die sich der Alte nicht merken konnte, deswegen nannte er sie liebevoll Valkyria. Der Name war passend, insbesondere dann, wenn sie hinter der Steuerkonsole der Verzweiflung stand, das Lenkrad fest im Griff, ihre wilde Mähne vom Wind zerzaust. Sie war sein Engel der Zerstörung.
Montgomery hatte Angst gehabt, als er sie auf die erste Tour mitgenommen hatte. Schliesslich zog er jeden Morgen aus, um ihre Landsleute zu töten. Dafür bekam er vom Tyrann seine mickrige Belohnung die er in Maschinenteile und Schnaps investierte. Aber Valkyria machte nicht den Anschein, als ob ihr das Gemetzel etwas ausmachen würde. Interessiert beobachtete sie ihn beim Bedienen der Maschine und saugte wissbegierig all seine Sermone über deren Instandhaltung auf. Bald schon schwang sie selbst den Schraubenzieher und den Putzlappen. Da sie klein, zierlich und flink war, kam sie an Stellen heran, die Montgomery unlängst hatte aufgeben müssen. Sein Herz schwoll vor Stolz, als seine Geliebte in längst nicht mehr gesehenem Glanz erstrahlte. Je älter er wurde, desto mehr Aufgaben trat er an Valkyria ab. Als ihn eines Tages seine alten Verletzungen so sehr plagten, dass er nicht aus seiner Hängematte hochkam, schickte er seinen Schützling alleine los. Die inzwischen junge Frau gab ihm einen Kuss auf die Stirn und schnappte sich die Schrottflinte. Kurze Zeit später ging knatternd und zischend die Maschine an. Das rhythmische Schlagen der Kolben und das Klingeln der Ketten entfernte sich langsam und Montgomery fiel wieder in einen tiefen Schlaf.
Es war bereits später Nachmittag, als er wieder aufwachte. Getrieben von Hunger hievte er sich hoch. Er fand einige Konserven, die er lustlos öffnete und setzte sich in seinen Stuhl. Selbst als die Sonne unterging war keine Spur von der Verzweiflung zu sehen. Montgomery dämmerte allmählich dass er Valkyria nie wieder sehen würde. Dies war der Moment, auf den sie all die Jahre hingearbeitet hatte. Geduldig hatte sie gewartet, bis er sie endlich alleine losschicken würde.
Der Alte konnte es ihr nicht mal übel nehmen. Doch eine Frage quälte ihn. Was würde Valkyria mit ihrer Freiheit und der Verzweiflung anfangen?
Erst Wochen später bekam er eine Antwort. Sein Essensvorrat ging zur Neige und ohne Einkommen, konnte er sich keine weitere Nahrung beschaffen. Sein Ende war da, die Frage war nur, ob es schleichend kommen würde oder ob er den Mumm hatte, seinen alten Degen ein letztes Mal mit Blut zu benetzen.
Er hatte das vermaledeite Stück Stahl den ganzen Tag angestarrt, als ihn ein lang vermisstes Geräusch aus der Tagträumerei riss. Als er in den Himmel starrte, sah er die mächtigen Rümpfe der Zeppeline, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr geflogen waren. Die Luken öffneten sich und Gegenstände wurden hinausgeworfen. Es waren jedoch keine Bomben sondern Flugblätter. Darauf war eine Abbild von Valkyria zu sehen. Der Tyrann ist tot, lang lebe die neue Herrscherin der Maschinen. Montgomery lächelte. Dann stürzte er sich in seinen Degen. Ein neues Zeitalter war angebrochen und er passte nicht mehr hinein.
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eingefleischte Fantasy-Liebhaberin; Stammautorin beim Verlagshaus el Gato; ist der Meinung, dass es nie schaden kann, sich als Autorin (und Mensch) immer wieder neu zu erfinden; ach ja und Brandon Sanderson ist der Beste.