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Simon Spiegel
02. August 2019
«Garçon stupide» (2004) von Lionel Baier. Dieser plädiert für ein unfertiges, «nicht schönes» Kino.
Wenn wir über Filme sprechen, dann sprechen wir fast immer auch über Qualität. Nicht nur im Sinne der Filmkritik, die unter anderem – aber nicht nur – die Aufgabe hat, Filme zu bewerten, sondern auch auf grundsätzlichere Weise, als spezifische Eigenschaft eines Werks, die per se nichts damit zu tun, ob es sich auch um einen sehenswerten Film handelt.
Die neue Ausgabe des Filmjahrbuchs Cinema versteht Qualität in seinem Themenschwerpunkt ausdrücklich in diesem doppelten, bis zu einem gewissen Grad widersprüchlichen Sinn. «Qualität» meint in den verschiedenen Beiträgen nicht bloss «sehenswert» oder «gut gemacht», sondern entfaltet je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen.
Amateurfilme sind freier
So beleuchtet Margarete Wach die Amateurfilmklubs im kommunistischen Polen. Als staatlich geförderte Vereine, die die kulturelle Anteilnahme der Arbeiterklasse ermöglichen sollten, konnten diese ihren Mitgliedern verhältnismässig teures Equipment zur Verfügung stellen. Da die von den Amateuren gedrehten Filme nicht für die Vorführung in Kinos bestimmt waren, hatten sie weniger mit Zensur zu kämpfen und konnten Tabuthemen in einer Art und Weise behandeln, wie es den aus Sicht der Obrigkeit qualitativ überlegenen Kinoproduktionen nicht möglich war.
Darüber, was einen Film sehenswert macht, herrscht selten Konsens. Dass diese Frage selbst von einem einzelnen Kritiker je nach Situation anders beantwortet wird, zeigt Simon Meiers Analyse der Filmkritiken Siegfried Kracauers. Bricht Kracauer in seinen frühen Kritiken zu Beginn der 1920er-Jahre noch eine Lanze für das primär auf Zerstreuung ausgerichtete Unterhaltungskino, vertritt er Ende des Jahrzehnts die Gegenposition und plädiert nun für gesellschaftskritische Filme. In den 1940er-Jahren wird dann sozialer Realismus zur massgeblichen Qualitätskriterium, und in den Nachkriegspublikationen wendet sich Kracauer schliesslich psychoanalytischen Ansätzen zu. Die Qualität eines Films hängt für Kracauer somit je nach Schaffensperiode von unterschiedlichen Kriterien ab.
Zwischenrufe aus der Schweiz
Zwischen den längeren Artikeln – neben den bereits erwähnten unter anderem zu den Heldenfiguren in den jüngsten Filmen Clint Eastwoods sowie zur Darstellung von journalistischer Qualität im Reporterfilm – sind jeweils kürzere Texte von Vertreterinnen und Vertretern der Schweizer Filmszene zu ihrem jeweiligen Verständnis von Qualität eingeschoben. In der Summe sind diese Zwischenrufe fast noch interessanter als die grösseren Stücke, da gerade die Kontrastierung unterschiedlicher Standpunkte deutlich macht, dass Qualität nicht nur unterschiedliche Dinge meinen kann, sondern auch keineswegs immer angestrebt wird.
Während es für den Colorgrader und Compositing Artist Joel Helmlinger noch einigermassen klare handwerkliche Qualitätskriterien gibt, spricht sich Lionel Baier in seinem Beitrag für ein unfertiges, «nicht schönes» Kino aus. Baiers Plädoyer schliesst zwar an Hito Steyerls ebenfalls im Heft enthaltenen Überlegungen zum ärmlichen Bild an, wirkt allerdings auch ein bisschen angestrengt aufmüpfig. Dennoch zeigen die verschiedenen Beiträge sehr schön, dass selbst unter Filmemachern unterschiedliche Vorstellungen von Qualität existieren. Besonders delikat wird die Angelegenheit für einen öffentlich finanzierten Förderer, der neben allem anderen auch noch die Ansprüche der Politik sowie des oft beschworenen breiten Publikums berücksichtigen muss. Sven Wälti, bei der SRG für interregionale und internationale Programmangebote verantwortlich, macht denn auch deutlich, dass es keine verbindlichen (Qualitäts-)Kriterien gibt, nach denen sich eine Förderung ausrichten könnte.
▶ Originaltext: Deutsch
Qualität. Schweizer Filmjahrbuch. Schüren-Verlag. 203 Seiten.