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Dank Stanley
Kubricks Eyes Wide Shut wird Arthur Schnitzler einem grösseren
Publikum wieder zu einem Begriff, da der letzte Film des Regisseurs, kurz vor
seinem Tod abgeschlossen, auf der Traumnovelle des österreichischen Schriftstellers beruht. Bei S. Fischer erscheint zur Zeit
eine achtbändige Auswahlausgabe von Schnitzlers Werken. Darunter ist auch der
Roman Der Weg ins Freie. Den 1997 erschienen Tagebüchern des
Schriftstellers aus den Jahren 1927 bis 1930 kann der Leser nicht nur entnehmen,
dass Schnitzler diesen Roman hoch einschätzte, sondern auch, dass Hofmannsthal
mit seiner "gehässigen" Ablehnung des Werkes "aus tiefen
Snobismen heraus" ihn schwer verletzte.
Der Weg ins Freie entstand
in den Jahren 1905 bis 1907 und erschien zunächst 1908 als Fortsetzungen in der
Deutschen Rundschau sowie danach, im selben Jahr noch, in Buchform bei S.
Fischer in Berlin. Zuvor hatte Schnitzler bereits mit Erzählungen und
Theaterstücken Erfolge gefeiert und wurde deshalb ebenfalls 1908 mit dem
begehrten Grillparzer-Preis ausgezeichnet. In der Wiener Neuen Freien Presse
stand zu seinem Romandebüt zu lesen: "Selten noch ist ein Buch freudiger
erwartet worden. als dieser neue Roman von Arthur Schnitzler." Die
Erstauflage von 5,000 Büchern war rasch vergriffen. Bis zum Sommer 1908 wurden
insgesamt 20,000 Bände verkauft.
Der Weg ins Freie wurde in der
Verlagsanzeige als "der erste zeitgeschichtliche Roman des heutigen
Wien" angepriesen und von vielen Zeitgenossen Schnitzlers als Enthüllungs-
und Skandalgeschichte verstanden. Einige, wie Jakob Wassermann, glaubten, sich
im Roman wiederzuentdecken. Schnitzlers Tagebuch belegt, dass der Autor
tatsächlich viele Figuren nach lebendigen Vorbildern geschaffen hat. Doch ist Der
Weg ins Freie kein Schlüsselroman. "Ohne Tendenz" habe er
"Menschen und Beziehungen darstellen wollen", schrieb Schnitzler an
den Kritiker und Literaturhistoriker Georg Brandes. Es ging ihm weder um die
Enthüllung der Geschichte einer Person noch eines Ereignisses. Der Zeitroman
sollte vielmehr die Wiener Gesellschaft des Fin de Siècle möglichst
genau wiedergeben. Die von Schnitzler selbst redigierte Verlagsanzeige wirbt
dementsprechend: "Reich bewegte Bilder aus den verschiedensten
Gesellschaftskreisen werden vor uns entrollt. Eine Fülle von Gestalten lernen
wir kennen, die in der besonderen Atmosphäre der Stadt, unter den komplizierten
Verhältnissen ihres Landes, zu den mannigfachen Beziehungen miteinander
verknüpft sind. Allerlei Probleme der Zeit werden berührt, insbesondere den
Schicksalen der modernen Juden, innerhalb der eigentümlichen Gruppierung der
Wiener Gesellschaft, wird mehr noch nach der seelischen als der rein sozialen
Seite nachgegangen."
Schnitzler ist manchen heutigen Historikern weit
voraus, wenn er von "den Schicksalen der modernen Juden" schreibt. Der
Weg ins Freie zeigt die unterschiedlichen Lebensläufe und die
Vielschichtigkeit des Milieus. Eigentlich beinhaltet das Buch zwei Romane, wie
der Schriftsteller selbst anmerkt, die nicht in einer notwendigen Beziehung
zueinander stehen: Das Verhältnis eines Barons zu seiner (nichtjüdischen)
Geliebten sowie die Beziehung des Barons zu den jüdischen Figuren des Romans.
Die neue Lage der jüdischen Bevölkerung Wiens durch den Antisemitismus, der
Schlüssel zur Lösung der "Judenfrage", eben Der Weg ins Freie,
allerdings nicht nur für Juden, ist das Leitmotiv des Buches.
Der soziale
Konsens der liberalen Ära im Verhältnis zu den jüdischen Bürgern wird durch
die neue Generation aufgekündigt. Da sind ein bürgerlicher, liberaler Vater
und ein sozialdemokratischer Sohn. Der Sohn eines anderen Vaters ist
christlichsozial. Dieses politische Lager bekämpft mit den Deutschnationalen
zusammen vor allem zwei Feinde: Die Juden als Inbegriff des österreichischen
Liberalismus sowie die Sozialdemokraten. Daneben gibt es eine Tochter, die eine
gemässigt konservative Position vertritt, frei von Antisemitismus. Eine
Vielzahl weiterer Figuren erlaubt es dem Schriftsteller, die verschiedenen
Facetten der "Judenfrage" auszuleuchten, "ohne dass etwa die
Stimme eines überlegenen Erzählers diese oder jene Position ablehnen oder
sanktionieren würde." Rund ein Jahrzehnt nach dem Erscheinen von Der
Weg ins Freie bezahlt der jüdische Autor Arthur Schnitzler für diese
Position. Er wird "wegen angeblicher Dekadenz zunehmend öffentlich
attackiert [...]." Seinem Tagebuch vertraut der Autor an, er sei
Relativist, da er all zu viele Werte kenne, doch nun stehe der
"Glaube" hoch im Kurs. Er sei jedoch ein "Dichter für
Schwindelfreie". Die meisten Kommentare zu Der Weg ins Freie haben
wir dem Nachwort von Michael Scheffel zum S. Fischer-Band entnommen.
Ebenfalls zur achtbändigen Auswahlausgabe von Schnitzlers Werken bei S.
Fischer gehören sieben Erzählungen, die in einem Band unter dem Titel Spiel im Morgengrauen
erschienen sind. Darin finden sich u.a. die Traumnovelle,
Fräulein Else oder eben Spiel im Morgengrauen. Es handelt sich
um "die grossen Erzählungen aus Arthur Schnitzlers Alterswerk".
Michael Scheffel, auf dessen Nachwort auch zu diesem Sammelband wir uns
stützen, bezeichnet die Ende 1923 beendete Monolog-Novelle Fräulein Else
als "gewissermassen das Gegenstück zu der mehr als zwanzig Jahre
zuvor geschriebenen Erzählung Leutnant Gustl. Hier wie dort
verzichtet Schnitzler auf jegliche Erzähldistanz und schafft die
Illusion, dass der Leser unmittelbar am Denken der Figur teilhaben kann.
[...]. An die Stelle des Leutnants, der männlichen Leitfigur der
Jahrhundertwendegesellschaft, rückt nun eine junge Frau, die ihren Ort in
dieser Gesellschaft noch finden muss." Elses Familie steht auf Grund
der Spielleidenschaft des Vater vor dem Bankrott. Die Familie schreibt ihr
im Namen des Vaters einen Expressbrief. Die Tochter soll von einem sich
zufällig im gleichen Hotel aufhaltenden Geschäftsfreund des Vaters
möglichst rasch eine grosse Geldsumme beschaffen. Der alternde Herr
möchte Else eine Viertelstunde lang nackt betrachten dürfen. Ihre
Dilemma: "Um den sozialen Status ihrer Familie und auch ihre eigene
Reputation zu erhalten, soll sie den Anstand und damit genau das
verletzen, was ihr Ansehen als gutbürgerliches Mädchen in den Augen der
Gesellschaft begründet." Wie bei Leutnant Gustl sind nur die beiden
beteiligten Personen Zeugen des Angriffs auf die Integrität der
Protagonistin. Else ist mit der Frage der Ehre auf sich allein gestellt.
Hauptmotive der Erzählung sind Ehre, Eros und Tod.
Der 1931 verstorbene "impressionistische" Autor Arthur
Schnitzler, der den inneren Monolog eingeführt hat, ist eine
"Wiederentdeckung" wert. Um niemandem das Überraschungsmoment
bei der Lektüre zu nehmen, lassen wir es bei diesen kurzen Bemerkungen zu
seinen Werken bewenden.

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