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WUNDERKINDER
IGOR STRAWINSKY (1882 – 1971)
Pulcinella Suite
WOLFGANG A. MOZART (1756 – 1791)
Klavierkonzert Nr. 18 B-Dur KV 456
LUDWIG VAN BEETHOVEN (1770 – 1827)
2. Symphonie D-Dur, op. 36
Unter den jungen Pianisten zeichnet sich Martin Helmchen durch Ausdrucksstärke, unprätentiöses Spiel sowie tiefe musikalische Gestaltung, aber auch durch sprudelnde Virtuosität aus. Mit zwei «ECHO Klassik» Auszeichnungen und dem «Credit Suisse Young Artist Award» kann er bedeutende Preise der Musikszene vorweisen.
2001 gewann er den «Concours Clara Haskil». Seither trat Martin Helmchen mit zahlreichen renommierten Orchestern und Dirigenten auf. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt der Kammermusik – eine Leidenschaft, für die Boris Pergamenschikow die wesentlichen Impulse gab. Seit 2010 ist Martin Helmchen Associate Professor für Kammermusik an der Kronberg Academy.
Zum Programm
Die Ankündigung eines musikalischen Wunderkindes – das garantierte Anfang des 19. Jahrhunderts grosses Publikumsinteresse. Allein zwischen 1798–1847 traten über 200 musikalische Wunderkinder in Europa auf, die jüngsten im Alter von vier Jahren.
Leopold Mozart gilt als der Prototyp des strengen Erziehers, der jegliche Aktivität seines Sohnes darauf ausrichtete, ihn als Musiker erfolgreich zu machen. Auch Ludwig van Beethovens Vater hatte früh die Karriere seines Sohnes im Blick. Als dieser mit acht Jahren sein erstes öffentliches Konzert gab, wurde er in den Ankündigungen um zwei Jahre jünger gemacht.
Doch die Einstellung „Wunderkindern“ gegenüber war damals auch ambivalent. Der sechsjährige Mozart wurde nach einem Konzert als „le pauvre petit“ bezeichnet, „qui joue a merveille“. Und trotz grosser Begabung, rigidem Üben und vieler Reisen war nicht allen hochbegabten Kindern Erfolg beschieden.
Andere Kinder wiederum entdeckten ihre Begabung erst später. Igor Strawinsky begann mit neun Jahren Klavierunterricht zu nehmen und wandte sich erst nach ein paar Jahren Jurastudium ernsthaft der Musik zu.
IGOR STRAWINSKY – Pulcinella Suite (1922)
Verstört strömten die Zuschauer am Abend des 29. Mai aus dem Théâtre des Champs-Élysées in Paris. Sie hatten soeben der Uraufführung des Sacre du Printemps des russischen Komponisten Igor Strawinsky beigewohnt. Begleitet wurden die wilden Rhythmen und Klänge von Stampfen und anderen ungewohnten Tanzbewegungen der Tanzkompanie Ballets Russes. Sie zeichneten das Bild eines jungen Mädchens im heidnischen Russland, welches sich als Opfergabe zu Tode tanzt.
Sieben Jahre später müssen die Zuhörer genauso verwirrt gewesen sein: der „alte“ Strawinsky, der Avantgardist, war in seinem neusten Stück Pulcinella nicht mehr zu hören. Ganz im Gegenteil! Es erklangen Melodien, welche geradezu lieblich und vielleicht auch ein wenig einfach waren. Das Publikum schwelgte darin, die Kritiker hingegen vermissten den mutigen Strawinsky. Im Komponisten bliebe „hartnäckig der Wunsch des Halbwüchsigen am Werk, ein geltender, bewahrter Klassiker zu werden, kein bloßer Moderner“, schrieb der Musikphilosoph Theodor W. Adorno später.
Doch wie kam Strawinsky dazu sich einem völlig anderen Musikstil, dem Neoklassizismus, zuzuwenden und die „Moderne“ hinter sich zu lassen? Diese Frage führt zu Sergei Djagilew (1872–1929), dem Begründer der Tanzkompanie Ballets Russes. Nach erfolgreicher Zusammenarbeit in vergangenen Jahren wollte er Strawinsky 1919 wiederum für einen Auftrag gewinnen. Bei einem Spaziergang durch Paris drückte er ihm einen Stapel Noten in die Hand, vermeintlich alles Werke des italienischen Komponisten Giovanni Battista Pergolesi (1710–1736) und bat ihn, diese als Ballett zu arrangieren.
Strawinsky, der gerade eben der Aufführung eines Pergolesi-Stücks beigewohnt hatte und keine Begeisterung für dessen Musik aufbringen konnte, war gar nicht erfreut, versprach aber, sich diese anzuschauen. „I looked, and I fell in love“ (Ich schaute sie an und verliebte mich), meinte er später und begann direkt auf den Manuskripten Pergolesis und, wie inzwischen bekannt, anderer Komponisten zu komponieren und arrangieren.
Auch Djagilew war vom Ergebnis Strawinskys nicht begeistert. Er hätte eher eine stilvolle Orchestrierung im Sinn gehabt, schrieb Strawinsky, und sei noch lange Zeit mit einem Ausdruck im Gesicht herumgelaufen, als wäre er das beleidigte 18. Jahrhundert. Denn Strawinsky arrangierte Pergolesis Musik nicht nur, nein – er veränderte die Elemente seiner Musik. Zwar tat er dies meist nur subtil, aber er verwandelte sie, verschob Betonungen und Phrasierungen.
Strawinsky meinte später, Pulcinella sei seine Entdeckung der Vergangenheit gewesen, die Offenbarung durch welche seine nachfolgenden Werke erst möglich wurden. Es sei natürlich ein Blick zurück gewesen – aber auch ein Blick in den Spiegel.
Diesen Blick wagt die CAMERATA BERN auch und spielt heute die Pulcinella Suite. Strawinsky schrieb das Ballet 1922 um, kürzte es und strich die Sänger und die Tänzer. Diese Version wird heute meist gespielt.
WOLFANG AMADEUS MOZART – Klavierkonzert Nr. 18 B-Dur KV 456 (1784)
Einige Sachverhalte geben der Musikforschung bis heute Rätsel auf. Einer davon betrifft das Klavierkonzert Nr. 18, welches Wolfgang A. Mozart auf den 30. September 1784 datierte. Aufgrund eines Briefes seines Vaters Leopold geht man davon aus, dass er es für Maria Theresia Paradis (1759–1824) geschrieben hat. Die Wiener Pianistin, erblindete im Alter von drei Jahren.
Allerdings geht aus dem Brief auch hervor, dass das Stück „nach Paris“ sei. Paradis war bis zum 2. Oktober in Paris auf Konzerttournee, hätte aber niemals die schwierige solistische Partie innerhalb von zwei Tagen meistern können. Ganz abgesehen davon, dass die Stimmen in dieser kurzen Zeit aus der Partitur hätten kopiert werden müssen und die Strecke Wien-Paris kein Katzensprung war. Ist mit „nach Paris“ darum gemeint, dass Paradis das Stück erst nach ihren Konzerten in Paris aufführte? Oder beendete Mozart die Komposition früher als notiert? Oder täuschte sich sein Vater im Klavierkonzert? Man weiss es nicht. Und so bleibt es eines der kleineren Mysterien der Musikforschung.
Man weiss jedoch, dass Mozart die Klavierkonzerte meist für sich selber schrieb. Um 1784 war er der gefragteste Pianist in Wien und bestritt allein im März 1784 bestritt er 19 Auftritte in der Stadt, darunter Hauskonzerte bei adligen Freunden und Konzerte in diversen Theatern. Seine eigenen Klavierkompositionen, u.a. die sechs Klavierkonzerte aus dem gleichen Jahr, eigneten sich, um sich als Pianist in bestem Licht zu präsentieren und seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
Er war zu dieser Zeit 28 Jahre alt und hatte fast 450 Werke geschrieben, von kleineren Klavierstücken über Streichquartette bis hin zu abendfüllenden Opern. Um den Überblick zu bewahren, begann er mit einem „Verzeichnüss aller meiner Werke“.
Das heute erklingende Werk ist in die für die Instrumentalkonzertform typischen drei Sätze unterteilt: schnell – langsam – schnell. Waren Bläser bis anhin meist mit dem Vermerk „ad libitum“ (nach Belieben) versehen, machte Mozart ihren Einsatz nun zur Bedingung und verband Bläser- und Klavierklang meisterhaft. Die abwechslungsreiche Instrumentierung honorierte Mozarts Vater in einem Brief an Nannerl, Mozarts Schwester, im Februar 1785: „dein Bruder spielte ein herrliches Concert, das er für die Paradis nach Paris gemacht hatte. Ich war hinten nur 2 Logen von der recht schönen würtemb: Prinzessin neben ihr entfernt und hatte das Vergnügen alle Abwechslungen der Instrumente so vortrefflich zu hören, daß mir vor Vergnügen die thränen in den augen standen.“
LUDWIG VAN BEETHOVEN – Zweite Sinfonie D-Dur op. 36 (1802)
„Dans celle-ci tout est noble, énergique et fier“ (In dieser ist alles edel, energisch und stolz), schrieb Hector Berlioz, französischer Komponist und Musikkritiker 1862 und meinte Beethovens Zweite Sinfonie, welche dieser mit Unterbrüchen zwischen 1800 und April 1802 komponierte. Im Jahr darauf brachte er sie u.a. zusammen mit der ersten Sinfonie im Theater an der Wien zur Aufführung. Die Einnahmen waren Dank der 2200 Plätze und erhöhter Eintrittspreise mit 1800 Gulden ausserordentlich.[1]
Nur – die Kritiken waren gemischt. In der Zeitung für die elegante Welt stand, „ daß die erste Symphonie mehr Werth als die letztere (in D [Zweite Sinfonie]) hat, weil sie mit ungezwungenerer Leichtigkeit durchgeführt ist, während in der zweiten das Streben nach dem Neuen und Auffallenden schon sehr sichtbar ist.“
Die erste, dem Publikum schon bekannte Sinfonie, war ganz der Tradition Joseph Haydns und Wolfgang A. Mozarts verschrieben. Mit der zweiten jedoch steuerte Beethoven neue Ufer an. Zwar tat er dies sanft und noch keineswegs so umfassend wie in den folgenden Sinfonien, doch: die Rhythmen brechen aus dem Gewohnten aus, die Orchestrierung erklingt voller, die Harmonien sind reicher und abwechslungsreicher. Der Musikkritiker Michael Steinberg bringt es auf den Punkt: „Die Zweite Sinfonie ist Revolution im Rahmen der Konventionen des späten 18. Jahrhunderts“.
Aufgrund überlieferter Datierungsfehler ging die Beethoven-Forschung lange Zeit davon aus, dass das Werk entstand, als der 31-jährige Komponist sich im Sommer 1802 nach beginnender Ertaubung und auf Anraten seines Arztes zur Kur nach Heiligenstadt begab. Dort schrieb er einen Brief an seine zwei Brüder, welcher heute als „Heiligenstädter Testament“ bekannt ist und erst nach dem Tode Beethovens gefunden wurde. Darin beklagte er seinen allgemein schlechten Gesundheitszustand, die beginnende Ertaubung, die daraus resultierende Einsamkeit und Depression: „aber bedenket nur daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, von Jahr zu Jahr in der Hofnung gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem überblick eines daurenden Übels (dessen Heilung vieleicht Jahre dauren oder gar unmöglich ist) gezwungen, mit einem feurigen Lebhaften Temperamente gebohren selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, muste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen, (…) war’s mir noch nicht möglich den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schreyt, denn ich bin Taub“.
Der romantischen Vorstellung, dass ein Werk zwingend mit den Lebensumständen des Komponisten verbunden sei, widersprach diese laut Berlioz heitere Sinfonie offenkundig. Und tatsächlich zeigten neuere Skizzenforschungen, dass sie schon vor dem Aufenthalt in Heiligenstadt abgeschlossen war. Natürlich prägte der Verlust seines Gehörs Beethovens Biografie und soziales Umfeld. Doch ist die zweite Sinfonie ein Beispiel dafür, wie aus widrigen Umständen wunderbare Musik entstehen kann – hören Sie selbst!
Sara Seidl
[1] Obwohl Umrechnungen schwierig sind, geht die neuste Forschung davon aus, dass ein Gulden eine ungefähre Kaufkraft von 30 Euro besass.