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| Heinrich Kellner, Allgemeine Einleitung zu Tertullian. In: Tertullian, private und katechetische Schriften. Aus dem Lateinischen übersetzt von Dr. K. A. Heinrich Kellner. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 7) München 1912.

Allgemeine Einleitung zu Tertullian
Allgemeine Einleitung§ 1. Nordafrika und dessen Hauptstadt Karthago unter der römischen Herrschaft
1.
Die Urbewohner von Nordafrika bis nach Mauretanien hin waren Berbern chamitischen Ursprungs, die sich in verschiedene Stämme spalteten: Libyer, Nasamonen, Numider, Gätuler usw. Das Gebiet von Karthago aber erfuhr frühzeitig Einwanderungen von Phöniziern, die, den Berbern nicht stammverwandt, als kühne Seefahrer mächtig und reich wurden und zu einer weltherrschenden Nation sich auswuchsen. Sie hatten eine eigene Schrift und Literatur und gelangten zu einer hohen Entwicklung des staatlichen Lebens, machten den Römern eine Zeitlang die Herrschaft streitig, unterlagen aber endlich in drei blutigen Kriegen, die mit völliger Vernichtung ihres Staates und Zerstörung ihrer Hauptstadt im Jahre 146 v. Chr. endigten.
Während die genannten Urbewohner ungeachtet der Einwanderungen und Unterjochung durch verschiedene Völker sich bis auf den heutigen Tag erhielten und allzeit den Grundstock der Bevölkerung gebildet haben, ging der eingewanderte punische Volksstamm völlig zugrunde. Die Punier wurden teils im Kriege aufgerieben, teils in die Sklaverei geschleppt, und der Rest wanderte nach Numidien aus, hinterließ aber begreiflicher Weise Spuren seines Daseins in Orts- und Personennamen. Im Lande selbst können nur ganz unbedeutende Volksreste übrig geblieben sein, und wenn eine Punica lingua in später Zeit noch erwähnt wird, z.B. von Ulpian und Augustinus, so ist damit die Sprache der Berbern in Numidien oder an der Syrte gemeint1, nicht die Sprache der ehemaligen Phönizier oder Punier. Die volkreiche und herrliche Hauptstadt wurde dem Erdboden [S. 8] gleichgemacht und Scipio führte den Pflug über die Stätte, die dann über hundert Jahre lang wüst liegen blieb.
Nun kam die Reihe, von den Römern unterjocht zu werden, an das Nachbarland Numidien das durch den Jugurthinischen Krieg im Jahre 105 seine Selbständigkeit verlor, aber vorläufig noch eigene Könige als Vasallenfürsten Roms behielt. Da sich König Juba in dem Kriege zwischen Caesar und den Pompejanern auf Seile der letzteren gestellt hatte, so wurde deren Niederlage bei Thapsus 46 v. Chr. auch für Numidiens Schicksal entscheidend. Es verlor den Rest von Selbständigkeit und wurde der römischen Provinz Afrika zugeteilt. Später aber unter Caligula im Jahre 39 oder 40 n. Chr., während Lucius Piso die Statthalterschaft führte, wurde das Land, dessen Bevölkerung inzwischen wieder sehr zugenommen hatte, in zwei Verwaltungsbezirke eingeteilt, Numidien und Zeugitana, das ehemalige Gebiet von Karthago. Beide wurden Provinzen, letztere mit Namen Africa proconsularis2.
Im Jahre 41 n. Chr. endlich unterwarfen die Proprätoren Suetonius Paulinus und Cajus Hosidius Geta auch das anstoßende Mauretanien, das heutige Marokko, welches ebenfalls der Provinz Africa zugeteilt wurde. Da das Land sehr groß war, so teilte Kaiser Claudius es in zwei Bezirke: Mauretania Caesarea und Mauretania Tingitana.
Die Landschaft Zeugitana oder das prokonsularische Afrika hatte in den punischen Kriegen am meisten gelitten; es war sozusagen ganz verödet und seiner früheren Einwohnerschaft beraubt. Nach und nach zogen lateinische Kolonisten ein, besonders ausgediente Soldaten, und so wurde es ein lateinisches Land. Zur Zeit des Marius tauchte der Gedanke auf, die Hauptstadt wieder aufzubauen, und es wurde eine Kolonie dorthin entsendet. Aber der Wiederaufbau begann doch erst durch C. Julius Cäsar im Jahre 44 v.Chr.3. Die neue Kolonie Karthago aber wurde nicht genau auf [S. 9] derselben Stelle angelegt, wo die punische Stadt gestanden hatte, sondern etwas nordwärts davon.
1: Marquardt-Mommsen, Handbuch der römischen Altert Staatsverwaltung 2. Aufl. I 473.
2: Die Cassius 69,9.
3: Dio Cassius 43,50.