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Ein so striktes Besuchsverbot, wie es in Corona-Zeiten für Angehörige von Heimbewohnern galt, sollte es nicht mehr geben. Dies ist eine von sechs Empfehlungen an den Kanton als Lehren aus der Pandemie.
Als Covid-19 die Welt überrollte, haben die lokalen Behörden Massnahmen ergriffen, um die Bevölkerung zu schützen. Besonders gefährdet waren die älteren Leute, und unter diesen vor allem jene, die in einem Pflegeheim untergebracht waren. Dies, weil die Ansteckungsgefahr in dieser speziellen Wohngemeinschaft mit gemeinsamen Aktivitäten viel höher war in privaten Haushalten.
Lehren ziehen
Physischer Schutz ja, aber zu welchem psychischen Preis? Die Frage bildet die Grundlage einer Studie, die der Kanton einem externen Beratungsbüro in Auftrag gegeben hat. Dies aufgrund eines Postulats der Grossräte Christian Ducotterd (Die Mitte, Grolley) und Benoît Glasson (FDP, Sorens). Sie hatten verlangt, dass die Auswirkungen der Corona-Massnahmen auf das Wohlbefinden der Heimbewohnerinnen und -bewohner und ihrer Familien untersucht wird. Dies auch, um für kommende Krisen ähnlicher Art Lehren zuziehen. Der Bericht zur Studie ist am Donnerstag im Grossen Rat diskutiert worden (siehe Kasten).
Das Büro hat stichprobenartig Gespräche mit Heimbewohnenenden und ihren Angehörigen aus elf Pflegeheimen sowie mit dem Personal und der Leitung geführt. Die Anzahl Gespräche reiche nicht, um repräsentativ zu sein. Doch sei es eher darum gegangen, das subjektiv Erlebte zu beurteilen.
Massnahmen wirkten
In der ersten Corona-Welle von März bis Mai 2020 war die Sterblichkeitsrate in den Pflegeheimen sehr hoch. Sie machte 44 Prozent aller Todesfälle aus. Dies trotz Lockdown und geschlossenen Heimen. Im Bericht des Staatsrats zur Studie heisst es, dass die Zahlen hierzulande im Vergleich etwa zu Norditalien gering seien. «Deshalb können wir davon ausgehen, dass die drastischen Lockdown-Massnahmen ermöglichten, das Ausmass der Welle und folglich die Sterblichkeit in den Pflegeheimen der Schweiz und des Kantons zu reduzieren und die Verletzlichsten zu schützen.»
Als die Massnahmen im Sommer 2020 wieder aufgehoben wurden, habe das Virus in den Heimen extrem gewütet. Ganze Abteilungen mussten ins Spital überführt werden, weil die Heime die Pflege nicht mehr gewährleisten konnten. Deshalb hat der Staatsrat bei der zweiten Welle im Herbst 2020 – der schwersten in Bezug auf Kranke und Tote – die Heime wieder schliessen lassen. Als Folge davon mussten keine Abteilungen mehr evakuiert werden und die Sterblichkeitsrate in den Heimen fiel im Vergleich mit jener der Gesamtbevölkerung von 90 auf 54 Prozent.
Unterschiedliche Wahrnehmung
Doch diese Heimschliessungen hatten ihren Preis. Aus den Befragungen des Beratungsbüros geht hervor, dass einige Bewohnende und ihre Familien in der damaligen Zeit resigniert haben. Sie haben die Massnahmen gezwungenermassen akzeptiert und hätten es aufgegeben, sich dagegen zu wehren. Sie sprachen von negativen Auswirkungen, von einem Gefühl der Verlassenheit, von einem Verlust der Lebensfreude und von zunehmender Apathie.
Eine andere Gruppe, im Bericht als «Widerständige» bezeichnet, stufte die Schutzmassnahmen als ungerecht, ungerechtfertigt oder übertrieben ein. Das Besuchsverbot empfanden sie als Argwohn ihnen gegenüber und die Quarantäne im Zimmer wurde als unmenschlich wahrgenommen. Eine dritte Gruppe, die das Beratungsbüro als «Die Anerkennenden» bezeichnete, zeigte Verständnis für die Massnahmen angesichts der unbekannten Situation. Einzelne Corona-Vorschriften, wie etwa die Isolation, hätten sie traurig gemacht.
Drastische Massnahmen
Das Personal und die Leitungen der Heime empfanden die Schliessung der Heime «auf emotioneller und organisatorischer Ebene» hart, vor allem für kleine Einrichtungen. Auch wenn die Anweisungen politisch und öffentlich verantwortet worden seien, stelle sich ihnen heute die Frage, «ob die erlassenen Massnahmen auf die Bewohnenden nicht drastischere Auswirkungen hatten, als die Krankheit gehabt hätte». Denn die Massnahmen hätten sich körperlich und psychisch stark auf die Bewohnerinnen und Bewohner ausgewirkt, heisst es im Bericht. «Einige von ihnen weigerten sich, zu essen, und wollten sterben.»
Das Heimpersonal nahm auch eine gewisse Diskrepanz wahr, zwischen den Anweisungen und den Empfehlungen und der Realität in der Praxis. Es kritisierte auch, dass die Fristen für die Umsetzung oft zu kurz waren.
Sechs Vorschläge
Im Bericht des Staatsrates sind auch die Schlussfolgerungen des Beratungsbüros aufgelistet und sechs Verbesserungsmassnahmen:
• Die soziale Trennung der Familien durch Besuchsverbot sowie die Isolation im Zimmer haben Bewohnende und Familien physisch und psychisch stark belastet. Das Büro empfiehlt, eine Person aus der Familie als pflegende Angehörige zu bezeichnen und ihr Besuchsrecht zu geben.
• Familien und Heimbewohner haben ausgesagt, sie hätten Mühe gehabt, die unterschiedlichen Rechte zwischen ihnen und dem Personal zu akzeptieren. Das Büro empfiehlt, Familien und die Bewohnenden stärker in die Entscheidungen einzubinden.
• Die Anweisung, ganze Stockwerke zu schliessen, sowie die Zimmerisolation wurden in der Befragung als traumatisierend empfunden. Das Büro empfiehlt, die Realität, wie etwa die Zimmergrösse, in jedem Heim besser zu berücksichtigen und den Leitungen mehr Handlungsspielraum zu lassen.
• Bei den Massnahmen des Krisenstabs standen die gesundheitspolizeilichen Erfordernisse im Vordergrund. Das Büro empfiehlt, dass auch die Wünsche der Bewohnenden – insbesondere bei Sterbenden – berücksichtigt werden sollten. Die umgesetzten Massnahmen müssen somit nicht nur aus Sicht der Verhältnismässigkeit, sondern auch aus ethischer Sicht geprüft werden. Eine Unterstützung durch einen Ethiker oder eine Ethikerin ab Beginn wäre sinnvoll.
• Bewohner von Pflegeheimen waren stärkeren Einschränkungen unterworfen, als gleichaltrige Personen ausserhalb. Das Büro empfiehlt, bei Massnahmen beide Gruppen gleichzubehandeln beziehungsweise die Interessen gut abzuwägen.
• Die Informationen sind teils mit grosser Verzögerung von den Bundes- über die kantonalen Behörden und die Medien bei den Heimen angekommen. Das habe das Verständnis der Massnahmen bei Bewohnenden und ihren Familien beeinflusst. Auch die Sprachbarriere habe eine Rolle gespielt. Das Beratungsbüro empfiehlt gebrauchsfertige Kommunikationskits für Pflegeheime. Die Informationen müssten gleichzeitig in beiden Sprachen erfolgen.
Nicht alles umsetzbar
Der Staatsrat hat zu all diesen Punkten und Empfehlungen Stellung bezogen. Einiges, so schreibt er, sei bereits umgesetzt worden, etwa die Verbesserung der Kommunikations- und Informationsabläufe. Dies auch im Austausch mit allen Gesundheitsdirektionen der Schweiz, wo ein Verfahren für die Verabschiedung von Empfehlungen im beschleunigten Verfahren vorgesehen sei.
Auch seien die Erkenntnisse der mobilen Unterstützungsteams, die zu Corona-Zeiten die Heime individuell bei der Umsetzung der Schutzmassnahmen beraten hätten, später in Schulungen eingeflossen. Anderes sei der Kanton gewillt aufzunehmen, so zum Beispiel der Beizug einer Ethikperson bei der Festlegung von einschränkenden Massnahmen.
Wieder anderes sei schwierig umzusetzen, sagt der Staatsrat im Bericht. So etwa eine vertiefte Mitwirkung aller am Prozess Beteiligten. Je nach Lage und Dringlichkeit bleibe keine Zeit dafür. Ebenfalls kaum umsetzbar ist für den Staatsrat die Gleichbehandlung der älteren Bevölkerung im und ausserhalb des Heims.
Weil es pressierte …
Der Staatsrat sei gewillt, die Idee mit den Kommunikationskits aufzunehmen. Er äussert sich im Bericht auch zur Sprachenfrage, beziehungsweise zum Vorwurf, dass einige Informationen an die Heime nur auf Französisch erfolgten. «Die Empfehlungen des Bundes mussten von den Kantonen manchmal innert kürzester Zeit angepasst werden, sodass mitunter beschlossen wurde, ein Dokument sofort nach seinem Abschluss zu versenden, bevor es übersetzt werden konnte. Trotz eines Pikettdienstes, der für die Übersetzung eingeführt wurde, war eine Verzögerung manchmal unvermeidlich», hält er dazu fest.