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Der Cordier-Pfeiler letzte Woche hat definitiv Lust auf mehr Fels von der Sorte Chamonix 1a gemacht! Die Petite Jorasses steht etwas abgelegen in einem der weniger begangenen Ecken vom Mont Blanc Massif, direkt gegenüber der gigantischen Nordwand der Grandes Jorasses. Sie besticht vor allem durch ihre riesige Westwand, welche sich in gigantischen Plattenschüssen, durchbrochen von mehreren Dächern, fast 700m über zerschrundeten Gletschern erhebt. Durch diese Wand ziehen sich mehrere Routen, von denen der Klassiker "Contamine" und die moderne Piola-Kreation "Anouk" weitaus am häufigsten begangen werden.
Nachdem Chrigu und ich die Leschaux-Hütte über den etwas mühsamen Gletscher (inklusive heikle Gletscherfluss-Traversierung - besser gleich nach Montenvers auf die linke Seite wechseln) erreicht haben, steigt natürlich die Lust auf Fels-Kontakt. Gelegenheit bieten die etwa 20 Minuten oberhalb der Hütte gelegenen Mehrseilrouten an der Pointe Daniel. Wir klettern die ersten 4 Längen der Route "Dark Crystal" 6b, ein leichtverdaulicher Spass, Chamonix-untypisch mit vielen Bohrhaken versehen. Friends und Keile können getrost am Einstieg gelassen werden. Topos liegen auf der Hütte oder hier:
Das Abendessen gibt es auf der Hüttenterrasse. Die Hüttenwartin ist eine äusserst sympathische Frau, ist neben dem Refuge Plan d'Aiguille die wohl am besten bewartete Hütte im Gebiet.
Hier ein Verhältnis-Bild von der "Jojo". Hat wohl noch ein Tick zuviel Schnee.
Am nächsten Morgen starten wir um vier Uhr. Gleichzeitig mit uns unterwegs eine schräge Truppe von Koreanern, die sich am Walkerpfeiler versuchen (nachdem sie gestern abend noch stundenlang ihre Seile entwirrt haben). Der Zustieg dauert etwa zwei Stunden und geht problemlos im Dunkeln, mit Vorteil hält man sich in der Mitte des Gletschers und quert erst kurz vor der zerschrundeten Steilpassage nach links, um so über leichte Firnfelder zum Einstieg zu gelangen. Der Bergschrund ist wirklich harmlos, ein bequemes Band erlaubt die Kletterfinken trockenen Fusses anzuziehen. Und los geht es!
Weil wir zu weit rechts eingestiegen sind, verpassen wir die erste 4+ Länge und klettern gleich zum zweiten Stand, etwas wacklige Kletterei im Bereich 5c. Die dritte Länge bietet auch gleich die schwierigste Einzelstelle, 6b+ A0 über ein Dächlein. Klettert sich mit kalten Fingern morgens um 7 Uhr irgendwie nicht so flüssig. Danach wird es wieder leichter. Über mehrere Seillängen im Bereich 6a nähern wir uns den grossen Dächern.
Bis jetzt ist der Fels allerdings alles andere als begeisternd. Vom Charakter her eher plattig, mit scharfen, dünnen Schüppchen. Nicht dieser eisenharte, rote Granit mit den grossen Rissen. Aber an etwas fehlt es nicht - Bohrhaken! Dazu muss gesagt werden dass man auch nicht wirklich gut selber legen könnte, wenn, dann am ehesten Messerhaken. Chrigu cruist hier irgendwo im Bereich von L7.
Links oben ist das grosse Dach, welches in der folgenden Länge spektakulär überwunden wird. Die Länge checkt bei 6b ein und ist wirklich cool, senkrechte Kletterei an grossen Schuppen, welche auf Zange genommen werden müssen. Der 6b-Zug ist insofern obligatorisch als dass der Bohrhaken auf Fusshöhe steckt, aber irgendwie eben doch viel einfacher als ein Chamonix-6b an Handrissen, abgesichert mit windigen Friends.
Und immer wieder... der Walkerpfeiler! Die Koreaner kämpfen sich immer noch den Gletscher hoch. Eine Dilettantentruppe sondergleichen!
Nach der Dachzone ändern sich die Felsqualität und der Charakter der Kletterei radikal. Der Granit ist hier extrem stark strukturiert, die Kletterei ist jetzt richtige Wandkletterei an Leisten und Chickenheads, Risse sucht man vergebens. Das geht wirklich prima, die Absicherung ist gut, man gewinnt rasch Seillänge um Seillänge. Allerdings fehlt halt irgendwie auch der Abenteuerfaktor von den Chamonix-Klassikern.
Als besonders schön blieben mir L16 6a+ und L18 6a+ in Erinnerung, die erste besticht durch steile Wandkletterei an Chickenheads, zweitere durch leicht überhängende Henkelkletterei an runden Untergriffen. Ein Hochgenuss, wobei sich mittlerweile allerdings doch etwas die dünne Luft auf 3600m, die schon etwas müden Arme, und die engen Kletterfinken bemerkbar machen. Ein letzter Effort führt uns über drei leichtere Längen auf den Gipfel.
Es ist mittlerweile 13 Uhr, wir sind an der Sonne, und zum ersten Mal seit dem Einstieg sind die Hände warm!
Das Abseilen geht direkt über die Route, und klappt wirklich prima. Dank den gebohrten Ständen diesmal ohne Herzklopfen, und der Fels ist auch nicht wirklich seilfressend, so kommen wir ohne Verklemmer in weniger als zwei Stunden zurück an den Einstieg.
Facts:
Petites Jorasses Westwand, "Anouk", 6b A0 (6b oblig.), 21 Seillängen, 650m Kletterstrecke
Eindrückliche Kletterei in einem abgelegenen Winkel des Gebiets. Hier darf man (im Gegensatz zu den meisten Klettereien im Mont Blanc Gebiet) wirklich von einer Plaisir-Tour sprechen. Absicherung Plaisir-Standard "gut", ein reduziertes Set Friends (eher die kleinen Nummern bis 1) und Keile reicht völlig. Vorwiegend Wandkletterei, der Fels ist gut, im oberen Teil sogar wirklich toll. Die Wand ist meines Erachtens sehr steinschlag-sicher, da es keine nennenswerte Geröllbänder hat.
Material: Reduziertes Set Friends und Keile, 12 Expresse, Pickel und Steigeisen für den Zustieg. Topo hier.
Am nächsten Tag soll es noch etwas für die Psyche geben, bevor wir uns auf den Abstieg machen. Leider findet man über das Internet kaum Topos von den Routen im Bereich der Couvercle- und Leschaux-Hütte. So müssen wir das Topo im Ordner auf der Hütte mit dem Smartphone fotografieren. Wir entscheiden uns für die Route "Trotte Marmotte" 6c an der Aiguille Pierre Joseph. Nur, mit Murmeli und herzig und so hat die Route wenig zu tun. Hier gibt es (im Gegensatz zu gestern) die volle Dröhnung von Chamonix-Psycho. Schon die erste Seillänge 6a+ gibt den Tarif durch. Zwar mit Bohrhaken abgesichert, müssen doch die wackligsten Plattenaufsteher ein bis zwei Meter über den Bohrhaken getätigt werden. Etwas leichter verdaulich ist die zweite Länge. Wirklich zur Sache geht es dann in der Schlüssellänge 6c. Ein cleaner Fingerriss, danach noch 20 weitere cleane Meter im Bereich 6a.
Auch die vierte Länge bietet Spannung und Abenteuer. Sie checkt im Bereich 6b ein, ebenfalls clean, und der Schlüsselzug ist auch wirklich obligatorisch, der letzte Keil steckt etwa ein Meter unterhalb. Die fünfte Länge schlussendlich ist wieder mit Bohrhaken versehen und führt und flechtige Platten und kleine Dächer. Schwierige Orientierung!
Wir brauchen länger als geplant. Immerhin, auch hier geht das Abseilen tiptop. Beim Rückweg gibt es noch ein paar Bonus-Höhenmeter: Ein Versuch, direkt vom Einstieg auf den Leschaux-Gletscher abzusteigen, wird in einer üblen 45° steilen Riesenmoräne aufgegeben. Von oben gesehen am rechten Rand hingegen wäre es gegangen - wie wir später vom Couvercle-Hüttenweg aus sehen!
Facts:
Aiguille Pierre Joseph, "Trotte Marmotte", 6c, 6b oblig, 5 SL.
Anspruchsvolle Klettertour, tricky Plattenstellen abwechselnd mit schwierigen cleanen Rissen. Solide Vorsteigerpsyche notwendig, da die schwierigen Züge oft über den Bohrhaken resp. Klemmmaterial gemacht werden müssen. Bis etwa halb eins im Schatten.
Material: Volles Set Friends bis Nr. 2, zudem volles Set Keile (vor allem für L4).
Andere Routen an der Aiguille Pierre Joseph: