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Ratgeber Erziehung
Autor: Birgit Ruhe-Kollmeyer
Wann wird
Lügen zum Problem?
Unser Kind (6 Jahre alt) erzählt seit ein paar Jahren gern Geschichten, die es angeblich erlebt hat. Bisher haben wir das als Phantasiereichtum eingeschätzt und es daher akzeptiert. Nun ist es aber manchmal so, dass es Dinge aus dem Kindergarten erzählt, die nicht stattgefunden haben. Diese Lügengeschichten bringen uns manchmal in Schwierigkeiten, und wir wissen nicht mehr, wann wir unserem Kind glauben können und wann nicht. V. N.
Für Kinder ist der Umgang mit Lügen schwer zu verstehen. Manchmal werden (Not-)Lügen akzeptiert oder für gut befunden, wenn man bezweckt, den anderen nicht zu verletzen. Auf der anderen Seite ist bewusstes Lügen, um jemanden zu täuschen, nicht akzeptabel, weil dadurch Vertrauen zerstört wird.
Für kleinere Kinder ist es in der Tat normal, dass sie Wirklichkeit und Phantasie noch nicht trennen und Geschichten erzählen, ohne absichtlich lügen zu wollen. Im Primarschulalter sollten Kinder den Unterschied zwischen Wahrheit und Phantasie jedoch kennen. In diesem Alter wird Lügen zum Problem.
Möglicherweise lügt ihr Kind, um Aufmerksamkeit und Bewunderung zu bekommen oder weil es sich langweilt.
Es kann schwierig sein, Lügen zu stoppen, wenn Sie nicht wissen, wann Ihr Kind die Wahrheit sagt. Fragen wann, wo, wer dabei war und was genau passierte, bringt oft die Wahrheit ans Licht. Trotzdem bleiben manche Kinder bei ihrer Lüge, egal, was es für Beweise gibt.
Erklären Sie Ihrem Kind in einer ruhigen Stunde – nicht sofort wenn es gelogen hat – dass Lügen nicht in Ordnung ist. Vergewissern Sie sich, dass Ihr Kind verstanden hat, dass Lügen bedeutet, absichtlich etwas zu sagen, was nicht wahr ist. Sagen Sie ihm, dass es sofort damit aufhören soll.
Erklären Sie kurz und knapp, was Lügen für Auswirkungen auf Sie hat: «Ich bin ärgerlich und enttäuscht, wenn du lügst.» Und warum es ein Problem ist: «Ich kann dir kaum noch etwas glauben, was du erzählst und dir nicht vertrauen.»
Fragen Sie Ihr Kind, warum es denkt, Lügengeschichten erzählen zu müssen. Vielleicht kann ihr Kind darauf nicht antworten, vielleicht sucht es eine Ausrede. Versuchen Sie nicht mit «Ja, aber…» zu argumentieren, sondern sagen Sie Ihrem Kind einfach, dass es von jetzt an die Wahrheit sagen soll.
Wenn Sie vermuten, dass Ihr Kind nicht die Wahrheit sagt, überlegen Sie sich Ihre Reaktion, bevor Sie Ihr Kind darauf ansprechen. Eine angemessene Konsequenz könnte z. B. Fernsehverbot für den Tag sein.
Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie ihm Gelegenheit geben werden, ehrlich zu sein. Fragen Sie es gelegentlich nach Dingen, die Sie bereits wissen. So kann Ihr Kind üben, die Wahrheit zu sagen. Loben Sie es in diesem Fall. Sie können Ihr Kind auch belohnen, z. B. darf es sich aussuchen, was zu Mittag gegessen wird. Wenn es zugibt, etwas Verbotenes getan zu haben, erkennen Sie das Ehrlichsein an: «Danke, dass du so ehrlich warst. Ich möchte aber dennoch, dass du unsere Regel einhältst.»
Es kann einige Zeit dauern, bis Kinder lernen, dass es besser ist, die Wahrheit zu sagen. Manchmal sind weitere Strategien notwendig, um ein Kind zu motivieren.
Eine Möglichkeit ist eine Punktekarte: Ihr Kind kann sich hierbei jeden Tag einen Punkt verdienen, wenn es die Wahrheit gesagt hat. Die Punkte werden in eine Tabelle eingetragen und in eine Belohnung z. B. eine besondere Aktivität mit den Eltern am Ende der Woche umgewandelt. Legen Sie fest, wie viele Punkte ihr Kind benötigt, um die Belohnung zu erhalten. Setzen Sie zu Beginn das Ziel nicht zu hoch, damit Ihr Kind ein Erfolgserlebnis hat. Nach und nach können Sie die Anforderungen erhöhen.
Suchen Sie professionelle Hilfe auf, wenn das Lügen längerfristig ein Problem ist.
Telefonberatung zu Erziehungsfragen
freitags 14.00 bis 16.00 Uhr: 026 300 73 57 kostenlos.
Die Psychologin Birgit Ruhe-Kollmeyer ist beim Familieninstitut der Uni Freiburg zuständig für Prävention und Beratung. Sie ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und wohnt im Greyerzerland.