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Vor etwas mehr als 26 Jahren sprach ein Vater zu seiner Tochter, die gerade ihren fünfzehnten Geburtstag feierte: „Hättest du Lust, für ein Jahr in die USA zu gehen?“ Die Tochter, ein echter Teenager halt, sah vor ihrem inneren Auge eine dieser knallbunten Hollywood-Teeniekomödien ablaufen und antwortete in totaler Selbstüberschätzung: „Klar! Warum nicht?“ Auf das Anmeldeformular schrieb sie, sie würde ganz gerne zu einer Gastfamilie fahren, die in der Nähe des Meeres lebt, was die Austauschorganisation auf die Idee brachte, den Teenager auf einer abgelegenen Farm in Nebraska zu platzieren, denn dort, zwischen endlosen Maisfeldern, gab es einen seichten Tümpel. Der Teenager sah zwar nicht, wie man diesen Tümpel mit dem pazifischen Ozean hatte verwechseln können, flog dann aber im Sommer, noch vor dem sechzehnten Geburtstag, trotzdem nach Nebraska. Dort gab es eine Schule, die eben erst von den letzten Asbestresten gesäubert war, sonntags ging es morgens und abends zum Gottesdienst, „Scheisse“ sagen war streng verboten und das Essen kam von Tiefkühler in die Mikrowelle und dann ungewürzt auf den Tisch. Da man an diesem verlassenen Ort Menschen aus dem Ausland mit Aliens gleichsetzte, fühlte sich die Fünfzehnjährige ziemlich einsam. Trotz schlimmstem Heimweh versuchte sie, das Beste aus der Sache zu machen, frass sich ein paar Kilo Kummerspeck an, lernte fleissig Englisch, gab am Sonntagabend fast nie vor, an Kopfweh zu leiden um den Gottesdienst zu schwänzen und liess nur ganz wenige der Fettnäpfchen aus, die unreife Schweizerinnen in den USA eigentlich meiden sollten. Hin und wieder setzte sie sich an den seichten Tümpel, um über das Leben im Allgemeinen und die Trostlosigkeit Nebraskas im Besonderen nachzudenken und irgendwann war das Jahr um. Sie kehrte um ein paar Erfahrungen reicher und ein paar Illusionen ärmer in die Schweiz zurück, jetzt immerhin fliessend Englisch sprechend.
Nächste Woche feiert ein anderer Teenager seinen fünfzehnten Geburtstag, aber er wird vergeblich darauf warten, dass ihn seine Eltern fragen, ob er nicht vielleicht alleine ins Ausland fahren wolle. Die Träume des Teenagers, für ein paar Monate ins Ausland zu entschwinden, sind den Eltern zwar bekannt und sie werden auch versuchen, diese irgendwann wahr werden zu lassen, aber die Mama findet, für so etwas sei man mit fünfzehn ganz einfach noch zu jung, man müsse erst noch ein wenig reifen, ehe man in der Lage sei, sein Glück in der grossen, weiten Welt zu versuchen, sie rede da aus Erfahrung. Sie ist froh, dass sie diesen Grund vorschieben kann. Mit dem Argument: „Kindchen, du bist doch noch so klein und eben erst geschlüpft. Wie kannst du es wagen, nur schon daran zu denken, deiner armen Mama so etwas anzutun?“, liesse sich der Teenager vermutlich nicht davon abhalten, zu gehen.
Wo er doch gar nicht über den Ozean will, sondern nur nach Frankreich und das liegt doch sozusagen im Quartier, findet er.