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Die schweizerische Gegenwartsgesellschaft ist geprägt von geschlechtsspezifischen Ungleichheiten in Haus- und Erwerbsarbeit. Dabei korrespondiert die unterschiedliche Verteilung von Arbeitsleistungen auf Frauen und Männer mit einer ungleichen Bewertung von Arbeitssphären und einer entsprechend ungleichen Verteilung von Ressourcen (Geld, Zeit, Status). Aus historischer Perspektive stellt sich die Frage, ob und inwiefern hier eine Kontinuität der ideologischen Sphärentrennung von ?männlicher’ Erwerbs- und Berufsarbeit und ?weiblicher’ Berufung zu Haushalts- und Betreuungstätigkeit zum Ausdruck kommt, die im 19. Jahrhundert im Kontext der Auflösung der haus- und familienwirtschaftlichen Einheit vorgenommen worden war und an der Wende vom 20. Jahrhundert in juristische und ökonomische Kodifikationen von „Arbeit“ und „Nicht-Arbeit“ einging. Stellt diese Frage das Erkenntnisinteresse des Projekts dar, so geht dieses davon aus, dass Konzeptionen von Arbeit im 20. Jahrhundert nie eindeutig und abgeschlossen waren, und dass insbesondere Differenzen und Ungleichheiten entlang der Geschlechterdifferenz in Reaktion auf vielfältige Widersprüche und Einsprüche immer wieder neu hergestellt werden mussten. Aus dieser Perspektive rücken spezifische Aushandlungen von Arbeitskonzepten ins Zentrum, die das Projekt zum Gegenstand einer geschlechter- und schweizergeschichtlich ausgerichteten historischen Analyse macht. Mit dem 20. Jahrhundert wird jener Zeitraum behandelt, der die Ausbildung eines Arbeitsmarktes und die nach Geschlechtern geordnete ideologische Sphärentrennung zu seinen Voraussetzungen hatte und in dem sich im Kontext rechtlicher Regelungen, institutioneller Praktiken und wissenschaftlicher Diskurse Arbeit und Nicht-Arbeit als Kategorien sozialer Ordnung herausbildeten und zugleich spezifische Unschärfen des Arbeitsbegriffs entfalteten. Das Projekt untersucht zwei Felder, in denen Konzeptionen von Arbeit in Verbindung mit Annahmen über Geschlechterdifferenz verhandelt wurden, und die beide gesellschaftliche Verhältnisse in für den Zeitraum charakteristischer Weise thematisierten: den Beratungsdiskurs der Berufsberatung und den politischen Diskurs der Frauenbewegung. Diese Felder sind insofern komplementär, als sie die fraglichen Differenzierungen aus der Perspektive der beiden Pole der Konzeptualisierung von Arbeit betrieben: Ging es in der Berufsberatung um Tätigkeiten, deren Arbeitsstatus in einem paradigmatischen Sinn, nämlich als Beruf, kodifiziert war, so befasste sich der Hausarbeitsdiskurs der Frauenbewegung mit dem, was in ebenfalls paradigmatischem Sinn als Nicht-Arbeit galt. Anhand dieser Untersuchungsanlage soll gezeigt werden, dass und inwiefern aktuelle Auseinandersetzungen um die differenzielle Wertigkeit von Arbeitssphären in der Verbindung mit Geschlechterverhältnissen weder Ausdruck historischer Überhänge noch ein neues Phänomen, sondern in ihrer spezifischen Gestalt Resultat kontingenter und unabgeschlossener historischer Aushandlungen sind.