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«Never underestimate the power of stupid people in large groups.»
George Garlin
Wenn ich mir die Geschichte grob aufgelöst anschaue, sehe ich den ersten, grossen Quantensprung damals, als das Hirn einen Komplexitätsgrad erreichte, dass ein Ratio entstehen konnte. Durch die leichter verdauliche, gekochte Nahrung entstand ein Kalorienüberschuss, der das Hirnwachstum ermöglichte und die Umwelt stellte genug Härte zur Verfügung, dass die Analyseschaltkreise auf hohen Touren liefen. Unsere Hände schlussendlich sind die perfekten Werkzeuge, unseren Analysen auch entsprechende Taten folgen zu lassen.
Der Ur-Quantensprung
Aber wo ist der Quantensprung exakt? Ist es der Moment, in dem wir uns im Spiegel erkennen können; also Selbstbewusstsein? Oder ist es die Fähigkeit, ein fünfstufiges Schloss zu knacken, wobei ich erkenne, dass die ersten drei schon geöffnet sind und direkt bei der vierten Stufe beginne; also der Ratio? Oder der Moment, wenn ich das Schloss baue, um Tierversuche anzustellen, um zu sehen, welches Tier dazu fähig ist; wenn ich also gezielt Rohstoffe veredle und bearbeite?
Ich möchte da ansetzen, wo das Aussergewöhnliche geschieht: Beim zielgerichteten, nachhaltigen Manipulieren der Umwelt in Kombination mit etwas, das ich mal Freien Wille nenne. Der Biber ist ein grossartiger Baumeister, aber er kann sich nicht entscheiden, eine Ziehbrücke zu bauen, weil er gerne einen trockenen Ein- und Ausgang hätte, bitteschön. Und was wir im Westen für den Freien Willen halten, hat meiner Ansicht nach mehr etwas von einer Katze, die sich nicht dressieren lässt – das heisst noch nicht, dass sie einen Freien Willen hat.
Der Mensch hat eine grosse Bereitschaft, viel Energie in die Befriedigung seiner Neugierde zu stecken – dazu entscheidet er sich, vielleicht aus Langeweile. Oder aus Not, natürlich. Aber irgendwie sind das Dinge, die sich auch bei Tieren beobachten lassen. Selbst was wir Kultur nennen, lässt sich im Tierreich nachweisen, seien es verschiedene Nussknackmethoden benachbarter Primatensippen oder Liederkultur unter Walen. Was hebt uns also ab als Lebewesen?
Sprich zu der Hand
Ich denke, es sind schlicht unsere Hände. Sie steigerten das Potential, wie wir unser Hirn nutzten, so dass wir begannen, Werkzeuge und Waffen aus Verbundmaterialien zu bauen. Die erste Steinaxt, mit Fasern verschnürt und mit Teer verklebt, muss ein wahrer Weltenvernichter gewesen sein: Gegen Bäume und gegen Menschen. Diese kombinatorische und planerische Vorstellungskraft kann sich erst entwickeln und reifen, wenn sie auch angewandt werden kann.
Und doch muss uns noch etwas mehr von den Bonobos unterscheiden, weil diese bis heute keine Faustkeile herstellen oder Flöten konstruieren (Wale betreiben, nebenbei bemerkt, eine Liedkultur. Wie man herausfand, umkreist eine populäre Melodie den Globus in etwa 18 Monaten.). So schätze ich, dass die Sprache unsere Hirnmuster zusätzlich komplexer werden liess: Die Sprache erlaubt es, eine Frage zu stellen und mehrere Antworten zu definieren, zu prüfen, zu vergleichen, zu beraten. Für das Überleben der Spezies ist die soziale (Zeichen- oder Symbol-) Sprache untereinander wichtig – aber für die Entwicklung von Technik ist Sprache wichtig, damit ich meine Überlegungen überhaupt in meinem Kopf formulieren kann. Mit einer wortlosen Sprache, also einer Kombination aus Klang und Bewegung, lässt sich schwer einen Plan für verschachtelte Vorgänge entwickeln, geschweige denn lehren.
Die komplexen Möglichkeiten der Hand in Kombination mit einer komplexen Sprache scheinen im Gehirn gezündet zu haben, so dass die exakt selbe Hardware Gehirn plötzlich mehr leistet, wenn sie in einem Menschen statt einem Bonobo steckt.
Ja, und das hat nichts mit Gott zu tun, im Gegenteil! Ich gehe davon aus, dass genau diese Fähigkeit, bewusst analytisch, zeitlich und planerisch zu denken, uns dem Göttlichen entreisst – dem einen, ewigen Augenblick, in dem das Göttliche ruht: Als nicht personifiziertes Potential zu Wundern. So ist unser Ur-Quantensprung zugleich verantwortlich für all die Kultur und Technik als auch für die Trennung vom Göttlichen, vom Ursprung, vom Sein.
Ich neige zur Ansicht, dass genau dies der mystische Kern der christlichen Ursünde ist. Die Schlange als Symbol des Intellekts, der uns vom Ursprung trennt und zu Sündern macht. Und wie das passt: Mein eigener Verstand ist das verlogenste Ding, das ich kenne! Er lässt mich eine Axt konstruieren, um Bäume zu fällen und lässt dann bereitwillig meinen emotionalen Körper das Teil als Waffe einsetzen. Mehr noch, es rechtfertigt die Tat mit einem kulturellen Dogma, um mein Trauma zu lindern. Die Süsse des Apfels schlussendlich ist wohl das gefüllte Lager meiner Mitkonkurrenten, die nicht wissen, wie man Fasern zwirnt und dass ein langer Stiel sehr effektiv sein kann, wenn die Fasern halten.
The next Level
Der nächste Quantensprung wird wohl der sein, wenn aller Menschen emotionaler Körper verstanden hat, dass mit meinen Konkurrenten Handel zu treiben für alle gewinnbringender ist wie ihnen einfach das Lager leer zu rauben, die Männer platt zu machen und die Frauen zu assimilieren. Dazu wurde wohl der Rest der Bibel geschrieben – als Leitfaden zum nächsten Level. Hier kommt auch das Göttliche ins Spiel, wie ich meine: Wenn der Mensch nach seinem mystischen Tod, wenn er seinen Roboter freiwillig gekreuzigt hat wegen dessen Triebe, wieder aufersteht wie ein Phönix aus der Asche, als Gott, der nun endlich Person geworden ist. Doch dazu später an anderer Stelle mehr.
Das Alphabet und die Algebra
Zwischenzeitlich kam noch das von den Phöniziern erfundene Alphabet, das es dem Geist ermöglichte, mit sehr einfach zu lernenden Zeichen seine und der Anderen Gedanken und Taten aufzuzeichnen. Das half der Lagerbewirtschaftung und dem Handel unmittelbar und brachte Wohlstand – der Wissenschaft und Philosophie aber verhalf das Alphabet erstmals zu einem tüchtigen Geschwindigkeitsboost in der Kulturevolution.
Ich stelle mir sogar vor, dass die notwendige Abstraktion zur Anwendung einer nicht-bildlichen Schrift der Entwicklung von Wissenschaften sehr gutes Training bot. In meinem Verständnis ist das Alphabet zugleich Abstraktions-Trainingsprogramm und Code zur Auslagerung von Wissen aus dem vergesslichen, selbsttrügerischen Hirn.
Ehrlich gesagt, sehe ich, im grossen Rahmen betrachtet, Alphabet und Algebra nicht als wirkliche Quantensprünge, weil hier die Summen einfach nicht mehr sind wie das Gesamte seiner Teile. Es sind wunderbare Tools zur Effizienzsteigerung, nicht mehr. Aber ich rechne damit, dass es eine weiter entwickelte Form von Algebra sein wird, die aufzeigt, wie das genau funktioniert, wenn der Mensch nach seinem nächsten Quantensprung mehr sein wird wie die Summe aus Körper und Geist; wenn der Geist durch geübte, fokusierte Hinwendung Wunder vollbringen kann, die dann halt schlicht keine Wunder mehr sind, sondern in den physikalischen Fundamenten der Raumzeit eingebettete Funktionen.
So, wie jemand den Hebel drücken muss, damit das Hebelgesetzt etwas bewirkt, muss jemand an das Wunder glauben, dass sich ein Körper selbst spontan heilt. Funktionen des Kosmos, die wir erst nach unserer «Erleuchtung» benutzen können, weil wir mental noch nicht mal einen Faustkeil benutzen, geschweige eine Steinaxt mit langem Stiel. So wie ein Steinzeitler die simple Formel des Hebelgesetzes nicht verstehen kann, haben wir heute noch keine Ahnung von Spontanheilung. Wir stehen vor dem Phänomen wie Affen vor einem Ruderboot: Die guten Ruderer haben wir über Jahrhunderte so lange umgebracht – weil wir dachten, sie würden das Ruderboot falsch benutzen – dass sich heute keiner mehr zu erkennen gibt.
Es kann nicht sein, was nicht sein darf…