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Warum hast du dich für Bolivien entschieden?
Ich wusste schon lange, dass ich einmal nach Südamerika gehen wollte. Eine Reise nach Bolivien hat mich am meisten gereizt, da es noch ein ziemlich unbekanntes Land ist. Zudem finde ich, dass Spanisch eine schöne Sprache ist.
Warum hast du dich für die Organisation AFS (Internationale Austauschorganisation) entschieden?
Ich habe von anderen Leuten von AFS gehört und es schien mir ein seriöses Angebot zu sein, dass auf mich den besten Eindruck machte im Vergleich zu anderen Organisationen.
Welche Rolle spielte Geld bei deiner Entscheidung, ein Zwischenjahr zu machen?
Geld spielte eigentlich keine grosse Rolle bei meiner Entscheidung. Ich wollte keinen Sprachaufenthalt für so lange Zeit machen, denn das wäre sehr teuer gewesen. Die spanische Sprache habe ich trotzdem gelernt. Bei AFS muss man für die Organisation zahlen. Das alltägliche Leben ist ähnlich wie Zuhause: Man lebt in einer Familie, und muss während dem Aufenthalt nicht so sehr auf sein Budget achten (Essen, etc.). Zudem ist Bolivien nicht so teuer.
Wie viel Planungszeit hast du gebraucht?
Ich habe mich ein Jahr im Voraus angemeldet, da ich zu diesem Zeitpunkt bereits wusste, dass ich nach der DMS (Diplommittelschule) weg wollte. Nach diesem Entscheid befasste ich mich aber sehr lange nicht mehr damit, erst ein paar Wochen vor der Abreise wieder, als ich anfangen musste zu packen (lacht). Richtig planen kann man sowieso nicht.
Was war deine Aufgabe während des Sozialeinsatzes in Potosi, einer Stadt, die 4000 über dem Meersespiegel liegt?
Zuerst arbeitete ich an verschiedenen Projekten mit. Die beiden Hauptprojekte, bei welchen ich später dabei war, waren zum einen die Mitarbeit an einem Mittagstisch für Kinder aus armen Verhältnissen und zum anderen die Aushilfe in einer Behindertenschule. Beim Mittagstisch kamen die Kinder zum Essen und wir halfen ihnen bei den Hausaufgaben. Wir waren sozusagen eine kleine Hütestation für etwa 40 bis 50 Kinder, die zwischen fünf und 14 Jahre alt waren. In der Schule für Behinderte arbeitete ich zwei Tage in der Woche mit geistig- und körperlich behinderten Kindern am Morgen und mit tauben Kindern und Jugendlichen am Nachmittag.
Wie sah ein typischer Tag oder eine typische Woche für dich aus?
In Potosi gibt es nicht wirklich eine Tagesstruktur. Ich hätte eigentlich um 9.00 Uhr beim Mittagstisch sein sollen, aber es wurde meist später. Ich konnte also immer sehr lange schlafen, so bis 9.00 Uhr, anschliessend musste ich auf die Mikro, die typischen Busse, warten. Manchmal kam während 20 bis 30 Minuten kein Bus, manchmal kamen inntert kürzester Zeit sieben hintereinander. Man wusste nie genau wann ein Bus kam, da es keine Fahrplänge gibt.
Wenn die ersten Kinder ankamen, hat man mit ihnen ein paar Spiele gespielt und Hausaufgaben gemacht. Um 12.00 Uhr ass dann die erste Schicht, die um 13.00 Uhr in die Schule ging. Um 13.00 Uhr kamen diejenigen Kinder, die am Morgen Schule hatten. In Bolivien hat man immer entweder am Morgen oder am Nachmittag Schule. Um ca. 16.00 Uhr konnte ich nach Hause gehen.
Du hast fünf Monate lang einen Sozialeinsatz in Potosi gemacht. Wie sahen die nächsten drei Monate für dich aus?
Ich bin mit anderen Schweizerinnen, die auch in Bolivien im Sozialeinsatz waren, durch Südamerika gereist. Zuerst bereisten wir Bolivien und anschliessend Peru. In Chile trennten sich unsere Wege nach knapp zwei Monaten, da ich in Santiago meine Mutter traf. Mit ihr bin ich noch weiter in den Süden gereist, danach durch Argentinien und wieder zurück nach Bolivien, denn dort hatte ich noch all meine Sachen und wollte meine Gastfamilie und Freunde wieder sehen. Im März 2008 flog ich nach Hause.
Kannst du mir nun 5 positive und 5 negative Erlebnisse, die du persönlich aus deinem Zwischenjahr mitnimmst, nennen?
Positiv
-¢ Ich habe Bolivien kennengelernt!
-¢ Ich habe eine neue Sprache gelernt.
-¢ Ich wurde regelrecht ins kalte Wasser geschmissen, war auf mich alleine gestellt und erworb deswegen eine gewisse Selbstständigkeit.
-¢ Ich konnte erste berufliche Erfahrungen sammeln.
-¢ Ich bin offener und mutiger geworden.
Negativ:
-¢ Ich hatte natürlich Heimweh.
-¢ Ich war ziemlich oft krank, was vor Allem im Ausland ein Horror sein kann.
-¢ Ich fühlte mich oft alleine.
-¢ Man wird immer wieder mit Situationen konfrontiert, die man vielleicht nicht sehen möchte, sei es jetzt Armut oder Gewalt an Frauen.
Die positiven Erinnerungen überwiegen aber klar die negativen.
War es schwierig für dich nach Hause zu kommen?
Ja, es war sehr schwer. Schwierig war es für mich vorallem auch deshalb, da ich nicht wusste wie meine Zukunft genau aussehen würde. Mir war klar, dass ich mich zu Hause wieder mit meiner Zukunft auseinander setzen musste. Zudem wird man sich auch bewusst, dass man eine solche Erfahrung nie mehr machen wird. Man kann sicher wieder zurück gehen, doch es wird nicht das Gleiche sein.
Auf welcher Art und Weise hat dich das Zwischenjahr weiter gebracht?
Ich wurde selbstständiger, schaue gewisse Sachen kritischer an und setze mich auch mit ihnen auseinander. Auch habe ich gelernt, dass man sich manchmal auf Sachen einlassen muss, denen man am Anfang vielleicht kritisch gegenüber steht. Das Zwischenjahr war für mich eine Bereicherung in jeder Hinsicht. Es war eine Lebenserfahrung, die ich sonst verpasst hätte.
*Name von der Redaktion geändert.