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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

4. Buch
23. Lange Zeit haben die Römer, die doch viele Götter verehrten, der Felicitas nicht die Verehrung einer Göttin erwiesen, während sie doch allein schon völlig genügt hätte.
Indes [um beim Thema zu bleiben] wenn die Heiligtumsbücher und der Götterdienst der Römer die Wahrheit enthalten und demnach Felicitas eine Göttin ist, warum hat man sich nicht damit begnügt, sie allein, die alles verleihen und auf kürzestem Wege hätte glücklich machen können, als Gegenstand der Verehrung hinzustellen? Alle Wünsche haben ja doch nur das Glück zum letzten Ziel, Warum hat gar erst so spät Lucullus1 nachgeholt, was so viele römische Machthaber versäumt haben, und ihr einen Tempel errichtet? Warum hat nicht schon Romulus, der doch einen glücklichen Staat gründen wollte, ihr vor allem einen Tempel gebaut und darauf verzichtet, die übrigen Götter um irgend etwas anzuflehen, da ja nichts hätte fehlen können, wenn sie nicht fehlte? Er selbst wäre nicht zunächst König und später nicht Gott, wofür man ihn hält, geworden, wenn er nicht bei dieser Göttin in Gunst gestanden wäre. Wozu gab er den Römern zu Göttern einen Janus, Jupiter, Mars, Picus, Faunus, Tiberinus, Hercules und andere mehr? Wozu gesellte ihnen Titus Tatius noch den Saturnus bei und die Opis und den Sol und die Luna und den Vulcanus und die Lux und alle möglichen anderen, darunter selbst die Göttin Cluacina, während er sich um Felicitas nicht kümmerte? Wozu führte Numa so viele Götter und Göttinnen ein, nur sie nicht? Konnte er sie vielleicht in dem großen Schwarm nicht wahrnehmen? Gewiß hätte König Hostilius nicht auch seinerseits neue Götter, die man gnädig stimmen müsse, in Pavor und Pallor eingeführt, wenn er die Göttin Felicitas gekannt oder verehrt hätte. Denn wo sie ist, brauchte man „Furcht und Schrecken“ nicht erst gnädig zu stimmen, damit sie weichen, sondern sie würden verscheucht und über Hals und Kopf davonlaufen.
Sodann wie erklärt sich dies, daß das römische Reich bereits mächtig anwuchs, während noch immer niemand Felicitas verehrte? Soll damit angedeutet sein, daß das Reich wohl groß war, aber nicht glücklich? Wie sollte sich auch wahres Glück da gefunden haben, wo es keine wahre Frömmigkeit gab? Denn die Frömmigkeit ist die wahrhafte Verehrung des wahren Gottes, nicht die Verehrung so vieler Götter, die nichts als Dämonen sind. Aber auch später, als Felicitas bereits unter die Zahl der Götter eingereiht war, gab es Unglück genug; es folgten ja die Bürgerkriege. Felicitas wird eben — und mit Recht — erbost gewesen sein, daß sie so spät erst und noch dazu nicht ehrenvoll, sondern unter schmachvollen Umständen beigezogen worden ist, da neben ihr ein Priapus und eine Cluacina, ein Pavor und Pallor und eine Febris verehrt wurden und die übrigen, nicht Gottheiten, die man hätte zu verehren brauchen, sondern Wesen, die der Laster pflegten.
Und schließlich, wenn man es schon für angezeigt erachtete, eine so große Göttin inmitten eines ganz verächtlichen Schwarmes zu verehren, warum wurde ihr nicht wenigstens eine höhere Verehrung zuteil? Wie unleidlich, daß sie weder bei den Ratsgöttern, die man Jupiters Rat bilden läßt, noch bei den sogenannten auserwählten Göttern2 eingereiht wurde. Man hätte ihr einen Tempel bauen sollen, der schon durch seinen erhabenen Standort, aber auch durch die Pracht der Ausführung über alle andern emporragte. Warum auch nicht etwas Besseres als selbst für Jupiter? Denn wem sonst als der Felicitas hat auch Jupiter seine Herrschaft zu verdanken? wofern freilich er in seiner Herrschaft glücklich war. Und Glück geht über Herrschaft. Wie sich darin zeigt, daß man gewiß Leute genug findet, die sich scheuen, König zu werden, niemand aber, der nicht glücklich sein möchte. Wenn man also die Götter selbst durch Weissagevögel oder sonst auf eine Art, die man für geeignet hält, darüber befragte, ob sie der Felicitas ihren Platz einräumen würden, falls etwa durch die Tempel oder Altäre anderer Götter der Platz bereits besetzt wäre, auf den der größere und überragende Tempel der Felicitas zu stehen kommen sollte, so würde selbst Jupiter Platz machen, damit den Gipfel des kapitolinischen Hügels an seiner Stelle Felicitas einnehme. Denn keiner würde sich der Felicitas widersetzen, außer wer unglücklich sein wollte, was es nicht gibt. Nie und nimmer würde sich Jupiter, wenn er befragt würde, so benehmen, wie sich ihm gegenüber die drei Götter Mars, Terminus und Juventas benommen haben, die ihrem Obern und König durchaus nicht Platz machen wollten. Hier der Bericht: Als Tarquinius das Kapitol zu erbauen sich anschickte und sah, daß der Platz, der ihm besonders würdig und geeignet erschien, bereits von anderen Göttern besetzt sei — und es waren ihrer viele an der Stätte, wo das Kapitol errichtet wurde —, fragte er durch Vogelzeichen an, ob sie ihren Platz an Jupiter abtreten wollten; denn er wagte nicht gegen ihren Willen zu handeln und meinte, sie würden einer so erhabenen Gottheit, ihrem König, gern den Platz überlassen; in der Tat waren auch alle bereit, Platz zu machen bis auf die genannten drei, Mars, Terminus und Juventas; darum wurden in den Bau des Kapitols auch diese drei einbezogen, aber in so versteckten Bildern, daß kaum die gelehrtesten Männer darum wußten. Also Jupiter hätte gewiß Felicitas nicht so schnöde behandelt, wie es ihm von Seiten des Mars, des Terminus und der Juventas widerfahren ist. Aber auch diese drei, die dem Jupiter nicht Platz machen wollten, würden selbstverständlich der Felicitas Platz machen, die den Jupiter zu deren König erhoben hat. Und wenn sie ihr je nicht Platz machen wollten, so geschähe dies nicht aus Verachtung, sondern lediglich deshalb, weil sie lieber im Hause der Felicitas ein verborgenes Dasein führen, als ohne sie an ihren eigenen Stätten prunken wollten.
Würde so die Göttin Felicitas an einem überaus herrlichen und erhabenen Platze aufgestellt, so wüßten die Bürger, von wem sie die Gewährung jeglichen guten Wunsches zu erbitten hätten und so würde von selbst der überflüssige Troß weiterer Götter aufgegeben; nur Felicitas würde verehrt, zu ihr allein würde man flehen, ihr Tempel allein würde besucht von Bürgern, die glücklich sein wollten — und das wollten sie alle — und so würde man sich das Glück von der Glücksgöttin selbst erbitten, während man es bisher von allen Göttern erbat. Denn was sonst will man von einem Gott erlangen als das Glück oder was man als damit zusammenhängend betrachtet? Wenn nun das Glück es in seiner Gewalt hat, zu entscheiden, bei wem es einkehren will [und das ist der Fall, wenn es eine Göttin ist], wie albern doch ist es dann, von irgend einem Gott das Glück zu erbitten, das man vom Glück selbst erlangen kann! Also diese Göttin hätte man vor allen andern schon durch die Erhabenheit der Stätte auszeichnen sollen. Die alten Römer hatten ja, wie schriftlich überliefert ist3 , einen gewissen Summanus, dem sie die Blitze bei Nacht zuteilten, mehr als Jupiter verehrt, den die Blitze bei Tag angehen sollten. Nachdem man aber dem Jupiter einen herrlichen und hochragenden Tempel erbaut hatte, strömte das Volk so ausschließlich zu ihm wegen der Pracht des Gebäudes, daß man kaum noch jemand antrifft, der den Namen Summanus, den man nicht mehr zu hören bekommt, auch nur gelesen zu haben sich erinnerte. Ist aber das Glück keine Göttin, wie es denn in Wahrheit ein Geschenk Gottes ist, so suche man den Gott, der es verleihen kann, und wende sich ab von der verderbenbringenden Vielheit falscher Götter, an der eine urteilslose Vielheit törichter Menschen hängt, die sich aus den Gaben Gottes Götter bildet und den, um dessen Gaben es sich handelt, mit der Verstocktheit hochmütiger Gesinnung beleidigt. Denn so wenig man vor Hunger verschont bleiben kann, wenn man ein gemaltes Brot beleckt, statt sich ein wirkliches zu erbitten von jemand, der solches hat, ebensowenig kann man von Unglück verschont bleiben, wenn man das Glück als Göttin verehrt und Gott, den Spender des Glückes, beiseite setzt.
1: Licinius Lucullus, Konsul 74 v. Chr.
2: Die zwölf dii consentes und die zwanzig dii selecti [s. unten VII 2] bildeten bei den Römern die dii magni im Gegensatz zu den dii minores.
3: Plin. 2, 52,