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Sagen aus : --> ZENO meine Bibiliothek
Ein Mann aus Mezza-Selva, Namens Lemm, der eine Frau aus Fonday hatte, wollte einmal nach seiner Frauen Heimath reisen. Er ging Nachts über den Berg und gewahrte in der Dunkelheit ein helles Lichtlein, das sich immer gleich groß und am gleichen Ort blieb; er ging auf dieses Lichtlein zu, die Helle jedoch entströmte nur einem Steine. Es war Sommerszeit und gutes Wetter, weshalb er beim leuchtenden Gegenstande sich lagerte, um das merkwürdige Ding am Morgen näher sich anzusehen. – Am Morgen fand er diesen Stein nicht mehr, der musste bergab gerollt sein, und er ging verdrießlich weiter. In der Nähe, wo er geschlafen, war eine Rüfe, die er passiren musste. Wie er diese überschreiten wollte, erblickte er in dem blauen Lehme in der Rüfe ein gelbes schönes Metall, nahm davon mit sich, und versuchte es zu schmelzen, verstund aber die Scheidekunst nicht. – Auf dem Rückwege lud er an dieser Stelle von diesem Metalle seinem Saumrosse eine Ladung auf und brachte seinen Fund einem Scheidekünstler in Feldkirch, der ihm 16 Philippsthaler dafür gab. Die weitern Ladungen brachten immer erhöhte Bezahlungen ein, so daß Lemm bald ein Bauerngut kaufen konnte. – Sein geheimnißvolles Treiben erregte Verdacht, seine Fundgrube wurde entdeckt, aber von da an verschwand der Schatz und dieser Verdienst hatte für ihn ein Ende.
Der Zusenne in der Casana-Alpe flüchtete in einem Ungewitter unter einen Felsen und wartete dort, bis daß der Regen vorüber war. In die Hütte zu seinen Kameraden zurückgekehrt, fanden diese
etliche Tropfen massiven Goldes an seinem Hute angeklebt, welche, als er unter jenem Felsen gestanden, von oben herab auf seinen Hut getröpfelt waren. Die Höhle, wo er Schutz gefunden, war aber
nicht mehr zu finden. –
Auch hat ein armer Mann in selbiger Gegend eine Goldader gefunden, zwei Mal davon geholt, und ist davon reich geworden. Als er nun das dritte Mal kam und noch mehr Gold haben wollte, konnte er seine Fundgrube unmöglich mehr finden. Als er nun traurig den Ort verließ, hörte er eine feine Stimme nachrufen: wenn er mit dem, was er bereits gefunden, gut umgehe, hätten er und seine Nachkommen alle genug.
Einst wüthete die Pest im Prätigäu und eine angesehene Familie flüchtete sich in ein entlegenes Berggut, einen Knecht zurücklassend. Diesen ließ die Familie von Zeit zu Zeit fragen, ob sie nicht bald wieder heimkehren könne, er aber warnte selbst dann noch davor, als längere Zeit kein Pestfall mehr vorgekommen war. – Endlich, nachdem ein altes Weib noch daran gestorben war, ließ er die Herrschaft heimkehren und erzählte dann, er habe kurz vor dem Ausbruche der Pest eines Morgens früh beim Füttern der Pferde ein sonderbares Gemurmel, wie Bienengesumse, vom Dorfe her gehört, er sei unter die Thüre getreten, um zu schauen, was es gebe, und habe dann das Todtenvolk, einen langen Zug noch lebender Leute gesehen, dem Kirchhofe zuwallen, und zwar ganz in der Reihenfolge, wie sie später an der Pest verstorben seien. Zuletzt sei dann noch, eine ziemliche Strecke hinter den Andern, jenes alte Weib nachgehumpelt, welches die Seuche zuletzt hinraffte. Deßwegen habe er bis zu deren Bestattung die Herrschaft vor der Rückkehr gewarnt.
Wenn Jemand im Herbste in der Alpe Novai, nachdem das Vieh von der Alpe heimwärts gezogen, in gewissen Nächten übernachte, so sehe er einen Mann aus dem Käsekeller der Alphütte heraufkommen mit Sennenlederkappe und aufgestülpten Hemdärmeln. Der Mann zündet dann Feuer auf dem Herde an, und schaue »grausam laid« drein, bis es zwölf Uhr schlage, dann beginne es draußen vor der Hütte sich zu regen und zu versammeln, das sei das Todtenvolk; das singe dann dem Sennen ein Lied nach, das wie ein Psalm töne, und ziehe in langer Reihe langsam und singend thalab, in eines der Dörfer, einen »Neuen« (Todesgeweihten) zu holen vor Tagesanbruch, wo Alles wieder zerstiebe.
In einer Alpe im Prätigau lebte einmal ein Fänggenmannli mit dem Senn auf sehr vertrautem Fuße und empfing von demselben gar mancherlei Geschenke und Gaben. Um dem Sennen für die empfangenen
Wohlthaten dankbar sich zu erzeigen, sagte es einmal zu ihm: heute soll er es käsen lassen und soll ihm zuschauen, aber dabei kein Wort sprechen, bis es fertig sei. Der Senne ging den Vorschlag
ein, setzte sich auf einen Melkstuhl und schaute dem Mannli zu. Dieses machte Alles in der Ordnung und zuletzt, als es nach der Meinung des Sennen fertig war, stellte es den Kessel mit der
Schotte wieder über das Feuer und schickte sich an, von Neuem zu manipuliren. Nun aber fing der Senne überlaut an zu lachen und über das Mannli zu spotten, daß es aus der Schotte noch einmal
käsen wolle. Da legte das Mannli die Kelle bei Seite und sagte:
»Wenn d'nüt weißt; So seist« –
und eilte fort und ließ sich nicht wieder sehen. Hätte der Senne geschwiegen, wie er versprochen, so hätte er sehen und lernen können, wie das Mannli aus der Schotte eitel Gold bereitete.
Ein Fänggenmannli hütete viele Sommer hintereinander zu Conters die Heimkühe, ohne je irgend eine Belohnung anzunehmen. Nun wurden einmal die Bewohner des Dorfes einig, dem wilden Hirten für seine Dienste einen schönen Anzug zu geben. – Nie trieb dieser Wilde die Kühe bis ins Dorf, sondern nur bis zu einem Stalle oberhalb desselben; von dort kehrte er stets zurück in eine Waldhöhle, seine Wohnung; jeden Morgen aber wartete er beim nämlichen Stalle, bis die Leute ihre Kühe dorthin brachten, dann zog er mit der Haabe zur Weide, ins Dorf hinunter kam er niemals. – Zu diesem Stalle nun legten sie ihm eines Abends ein neues Kleid und beobachteten am folgenden Morgen im Geheimen, wie er ihr Geschenk aufnehme und wie dieses ihm anstehen würde. Er kam zur gewöhnlichen Stunde, die Kühe auf die Weide zu treiben, erblickte das Kleid, nahm dasselbe gleich zur Hand und versuchte es anzulegen. Lange Zeit konnte er mit dem neuen Staate nicht fertig werden, erst nach vielen Versuchen brachte er die Umwandlung zu Stande. Nun betrachtete er sich gefällig, hüpfte freudig in die Höhe, warf seinen Hirtenstab hoch durch die Luft von sich, nahm jauchzend bergan Reißaus und rief:
»Was wett au so 'ne Weidelamâ,No mit de Chüene z'Weidela gâ.«
Damit verschwand er und ward seitdem nie wieder gesehen; auch gaben von da an die Kühe nicht mehr so viel Milch, als zur Zeit, da er sie gehütet.
Auf Mombiel bei Klosters hütete ein Fänggenmannli jahrelang die Heimkühe. Auch er kam nie bis in die Wohnungen der Viehbesitzer, sondern wartete bei einem großen Steine oberhalb des Weilers und nahm dorten seine Heerde zur Hand, und auch ihm wollten die Leute der Gegend dankbar sein, wußten aber nicht wie. Eines Tages stellten sie ihm ein Schöppli vom besten Veltliner auf den Stein. Das Mannli betrachtete den Wein lange Zeit und besann sich fast ängstlich, ob es ihn trinken wolle. Endlich setzte es äußerst vorsichtig an; der Wein mundete ihm sichtlich, und es trank das ganze Schöppli. – Ein andermal stellte man ihm ein Paar Schuhe auf den Stein. Das Mannli schaute ganz verwundert drein und versuchte die Schuhe über den Kopf anzuziehen; nach und nach wurde es aber doch so pfiffig, daß es sie an die Füße steckte. Als es dann zu gehen versuchte, fiel es zuerst um und kugelte über und über. Erst mit der Zeit lernte es in den Schuhen gehen und verschwand sofort für immer. – Dieses Mannli hieß »Uzy«, und der Stein trägt jetzt noch den Namen »Uzystein.«
Zur Zeit, als die Pest unter dem Namen »der schwarze Tod« in Graubünden grassirte und unzählige Opfer forderte, so daß ganze Höfe ausstarben, machte man die Beobachtung, daß kein einziges Fänggen-Mannli oder -Wîbli von der Seuche hingerafft wurde, und kam zum Schlusse, daß dieselben ein Geheimmittel dagegen besitzen müßten. Ein Bauer wußte endlich mit List dieses Geheimmittel aus einem Fänggenmannli herauszukriegen. Dieses Mannli zeigte sich oft auf einem großen Steine, der in der Mitte eine bedeutende Vertiefung hatte. Der Bauer, dem dieses Lieblingsplätzlein des Fänggen wohl bekannt war, ging hin und füllte die Höhlung [27] des Steines mit gutem Veltlinerweine und verbarg sich dann in der Nähe. Nach einer Weile kam das Mannli zu seinem Lieblingssteine und blickte ganz verdutzt drein, als es die Höhlung desselben mit dem funkelnden Nasse angefüllt traf. Es bückte sich dann mehrmals mit dem Näschen über den Wein, hob dann wieder den Kopf, um wenigstens vom Geruche sich zu laben, winkte aber mit dem Zeigfingerle und rief: »Nei, nei, du überchûst mi net.« Endlich einmal, als es sich ganz nahe über den Wein gebeugt hatte, blieb ein Tröpfchen desselben am Schnäuzchen hängen; das Mannli leckte mit der Zunge dieses Tröpfchen ab. Da stieg die Begierde, und es sagte zu sich selbst: »Ei, mit dem Finger tunken darfst du schon.« Gesagt, gethan; es leckte das Fingerle wohl hundertmale ab, wurde dabei immer lustiger und fing nachgerade an, allerlei Zeugs vor sich hin zu schwatzen. Da trat der Bauer wie zufällig herbei und fragte das Mannli, was gut sei gegen die Pest. »Ich weiß es wohl,« sagte das Mannli, »Eberwurz und Bibernella – aber das sage ich dir noch lange nit.« – Jetzt war der Bauer schon zufrieden und nach dem Gebrauche von Eberwurz und Bibernell starb Niemand mehr an der Pest.