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In der neusten Ausgabe des «Kuckucksnests» gibt’s ein eindrückliches Gedicht in Oberwalliser Deutsch. Darin finden sich die Zeilen: «Ich löufu uber die Brigga / Bi jedum Schritt fühl ich mich schwerer / wo landi hiä? […] Gseh nix meh / Tränä inä Öigä / Verloru / Verluffu / Ich süachu dr Wäg / und findu nur Schnee […]».
Das «Kuckucksnest» ist die «andere Zeitschrift der Psychiatrie-Erfahrenen». Sie erscheint ungefähr vier Mal pro Jahr in einer Auflage von 320 Exemplaren (davon 110 abonnierten). Die eben erschienene Nummer 83 ist die Jubiläumsausgabe zum zwanzigjährigen Bestehen der Zeitschrift. Die erste Nummer erschien im Februar 1995 – damals noch mit dem Untertitel «Die andere, unabhängige Zeitung von Psychiatrie-Patient/innen».
Am Anfang war das Schreiben als Selbsttherapie
Die erste Zeit des «Kuckucksnests» hat auch etwas mit meiner eigenen Berufsbiografie zu tun. Am 3./4. Dezember 1994 half ich zusammen mit dem psychiatrieerfahrenen Schriftsteller H. U. Müller in der «Wunderbar» eine Schreibwerkstatt durchzuführen. Die «Wunderbar» befand sich in einem alten Bauernhaus auf dem Waldau-Areal und war eine Mischung zwischen Cafeteria und grosser WG-Stube (heute ist darin die «Kunstwerkstatt» untergebracht). In meinen Unterlagen liegen die «Schreibbiographien» und «Bildbeschreibungen», die die neun Werkstatt-TeilnehmerInnen damals verfasst haben (unter ihnen war zum Beispiel Philippe Saxer).
Am 8. Oktober 1996 war dann in der «Berner Tagwacht» zu lesen, diese Schreibwerkstatt habe den Ausschlag gegeben: «Die TeilnehmerInnen wollten weiterschreiben und eine Plattform schaffen für die Meinung aller PatientInnen.» So wurde die Idee einer Zeitschrift geboren, die man in Anspielung auf den amerikanischen Spielfilm «One Flew Over The Cuckoo’s Nest» (1975) «Kuckucksnest» nennen wollte. Als Berufsjournalist wurde ich beratendes Mitglied der Redaktion.
In der ersten Zeit habe ich ab und zu selber Beiträge geliefert. In der ersten Ausgabe zum Beispiel begründete ich unter dem Titel «Ich schreibe weiter. Und Du?», warum ich Schreiben als Selbsttherapie sinnvoll finde: «Geschriebene Wörter machen das Herz leicht, verschluckte verfaulen im Bauch. Nur gelebtes Leben macht lebendig, abgemurkstes Leben macht tot.» Ich weiss mit Bestimmtheit, dass ich damals ziemlich genau wusste, wovon ich sprach. Und ich bin dankbar, dass ich – wegen meines Schreibens und auch wegen den KollegInnen in der «Kuckucksnest»-Redaktion, von denen ich viel gelernt habe – nie eine Klinik als Notfall-Patient betreten musste.
Das Projekt «Kuckucksnest» kam in Fahrt (die Druckkosten übernahm die UPD). Am 7./8. Dezember 1996 leitete Beat Sterchi eine zweite Schreibwerkstatt. Im Sommer 2000 zog ich mich aus der Redaktion zurück. Ich bin seither Abonnent der Zeitschrift geblieben und jedes Mal wenn eine neue Ausgabe eintrifft, nehme ich sie mit Freude zur Hand – und ein bisschen auch mit Wehmut.
Diese Wehmut hat vor allem mit Rolf Joggi zu tun. Joggi organisierte als Sozialarbeiter in der Waldau die erste Schreibwerkstatt, machte die Idee des «Kuckucksnests» in der UPD-Verwaltung mehrheitsfähig und nahm in der ersten Zeit selber stets gut gelaunt und motivierend an den Redaktionssitzungen teil. Rolf war nicht nur ein guter Kollege, er war ein tatkäftiger Profi, begabt mit einer mitreissenden Menschenfreundlichkeit. Ohne ihn gäbe es das «Kuckucksnest» nicht. Am 21. Juli 2001 ist er, erst 41-jährig, während einer Motorrad-Tour in Tansania bei einem Unfall ums Leben gekommen.
Mitarbeitende sogar in Deutschland
Herausgegeben wird das «Kuckucksnest» heute vom Freizeitzentrum metro der UPD Bern (einer professionalisierten Weiterentwicklung der «Wunderbar»), das seit zwölf Jahren im ehemaligen Kohlenkeller des Hauptgebäudes untergebracht ist.
Geleitet wird dieses Zentrum von Jessica Zingg, die auch als Redaktionsleiterin des «Kuckucksnests» amtet. Sie erzählt: «Zur Zeit wird die Redaktion von sechs sehr engagierten und motivierten Leuten gebildet, die alle drei Jahre oder mehr dabei sind.» Pro Heft gebe es zwei Sitzungen. In der ersten würden die eingegangenen Text- und Bildbeiträge gesichtet und diskutiert, die unterdessen nicht nur aus der Klinik, sondern aus der ganzen Schweiz und sogar aus Deutschland eintreffen. In der zweiten Sitzung werde dann das Heft zusammengestellt, wobei der Text-Bild-Ablauf immer zu spannenden Diskussionen führe, wobei sie selber inhaltlich nicht mitrede – «diese Zeitschrift ist Sache der Psychiatrie-Erfahrenen». Bloss ab und zu, wenn es in der Hitze des Gefechts sehr laut werde, versuche sie zu moderieren.
Zurzeit hat das «Kuckucksnest» wie der ganze Freizeitbereich seinen unbestrittenen Platz in der UPD: Solange sie nicht ins Kerngeschäft pfuscht und bezahlbar ist, mag’s auch ein bisschen Sozialpsychiatrie leiden. Eine andere Frage ist, ob sich die nicht kostendeckenden Angebote des Freizeitzentrums werden halten können, wenn der Kanton Bern 2017 seine psychiatrischen Kliniken privatisiert.