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Können Sie eine aktuelle Menschenrechtsverletzung nennen, die Sie zurzeit besonders beschäftigt?
Die Verletzungen der Menschenrechte sind eine weltweite Angelegenheit. Wir können keinen der Mitgliederstaaten brandmarken, indem wir sagen, es geschieht hier oder da. Immer wenn Menschen in der Welt leiden, geschieht eine Verletzung der fundamentalen Menschenrechte.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 basiert auf einem grossartigen Ideal, nach dem allen Menschen die gleichen Rechte zukommen. Warum sind wir bei der Umsetzung immer noch mit Schwierigkeiten konfrontiert?
Ich denke, wir sollten nicht mit Ungeduld auf die 1948 verfasste Menschenrechtserklärung blicken. Die 62 Jahre, in denen nun an der Umsetzung der Menschenrechtserklärung gearbeitet wird, sind keine riesige Zeitspanne in der Geschichte der Menschheit. Wir werden sehen, wie weit wir in 100 oder 200 Jahren sind.
In Paris führten wir eine Diskussion mit René Cassin, der als junger französischer Diplomat in der Arbeit an der Menschenrechtserklärung involviert war. René Cassin fügte der Menschenrechtserklärung, die zuvor als Erklärung der Menschenrechte bezeichnet wurde, den Ausdruck „allgemein“ an. Dank dieser einen Person trägt die Doktrin nun den Titel Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Der Begriff „allgemein“ ändert den Geist des Titels vollkommen, der Erklärung wird somit viel mehr Beachtung geschenkt.
Zum jetzigen Zeitpunkt, denke ich, ist es zu früh, die Realisation der Menschenrechte als misslungen zu bezeichnen. Ich bin nicht der Meinung, dass sie ein Misserfolg ist. Wir sind froh, bereits Fortschritte zu sehen, die jedoch sicherlich noch nicht genug sind. Wenn man jedoch bedenkt, wie viele Länder die Menschenrechtserklärung akzeptieren, lässt sich erkennen, dass grosse Fortschritte gemacht werden. Seien wir also optimistisch.
Gibt es eine Person, deren Einsatz für die Menschenrechte Sie besonders beeindruckt?
Ja, diese Person gibt es. Ich hatte das Glück, gleich nach dem Ende der Apartheid in Südafrika im Rahmen von Projekten der UNESCO für Freiheit und Menschenrechte zu arbeiten. Nach etlichen Jahren hatte ich das Privileg Nelson Mandela, der zu diesem Zeitpunkt Präsident von Südafrika war, zu treffen. Er äusserte uns gegenüber Dankbarkeit für die Arbeit der UNESCO, die in Südafrika Projekte und Programme entwickelt hat. Ich erinnere mich an einen Teil seiner Reden, der zugleich das Schlusswort zum diesjährigen Forumsthema „Menschenrechte und Digitalisierung des Alltags“ sein könnte. Er sagte, ich zitiere: „Wir in Südafrika machten die schmerzliche Erfahrung, dass Sicherheit für ein paar wenige Unsicherheit für alle bedeutet.“ Menschenrechte für ein paar wenige bedeutet also nicht unbedingt Sicherheit für alle. Wir müssen die Menschenrechte allgemein durchsetzbar machen.