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Mit seinem epochalen Roman-Zyklus «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» (Originaltitel: «À la recherche du temps perdu») hat Marcel Proust eine literarische Ikone geschaffen. Für viele ist Proust der wichtigste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Auch, weil er immer wieder überrascht. Was macht die Person Proust aus – und was sein Werk?
1. Wie Netflix, aber besser
Prousts Hauptwerk «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» ist ein vielbändiger Lesemarathon. Wie Netflix, aber besser. Weil alles bis ins letzte Detail stimmt.
Proust schrieb bis ans Lebensende an seinem «Roman fleuve», einem 4000 Seiten starken Romanwerk, das wie ein Fluss fortströmt und Kapitel- und Bandufer überschwemmt.
Ein ausufernder Zeitstrom ist dieser Roman, in dem die Figuren mal obenauf, mal untendurch schwimmen. Die «Edelbitch» hält sich. Der Dandy geht unter. Die ehrgeizige Hausfrau wird zu einer der schicksten Damen von Paris. Und Marcel, der Ich-Erzähler, wird endlich zum Schriftsteller.
2. Die verhüllte Homosexualität
Als 15-Jähriger bittet Marcel Proust in einem Brief seinen «lieben kleinen Grosspapa» um 13 Francs: «Ich musste unbedingt eine Frau sehen, damit ich mit meiner schlechten Gewohnheit, zu masturbieren, aufhören kann, so dass Papa mir 10 francs fürs Bordell gegeben hat», schrieb Proust.
«Aber 1. habe ich in meiner Aufregung einen Nachttopf zerbrochen, der kostet 3 francs, und 2. konnte ich in derselben Aufregung nicht vögeln. Ich stehe jetzt wie zuvor da, nur dass ich nochmal 10 francs brauche, plus 3 francs für den Topf. Aber ich wage nicht, Papa so schnell wieder um Geld zu bitten…»
Abgesehen von dem unverklemmten Geist, der in der Familie Proust offensichtlich geherrscht hat (1886), wirkt die Bitte etwas merkwürdig, wenn man bedenkt, dass der gleiche Marcel freimütig seinen Schulkameraden nachstieg, was der Familie nicht verborgen blieb.
Wollte er sich im Brief an seinen Grossvater als pubertierender Playboy inszenieren, um seine Homosexualität zu vertuschen? Auch in der «Recherche» bleibt die Homosexualität des Ich-Erzählers verhüllt. Prousts grosse Liebe Alfred Agostinelli zum Beispiel ging in die weibliche Romanfigur der Albertine ein.
Dafür wimmelt es nur so von Andeutungen und Doppelsinn. Zum Beispiel, wenn eine junge Frau im Dorf Roussainville-le-pin hinter dem Stamm eines Baums auftaucht. Schon der Dorfname sagt, worum es eigentlich geht: «Pine» ist im Französischen ein umgangssprachliches Wort für das männliche Glied.
3. Proust-Orte, die es wirklich gibt
Combray gibt es wirklich. Das Dorf Illiers in der Nähe von Chartres, in dem die Kindheit des Erzählers spielt und aus dem Prousts Vater kam, nennt sich seit 50 Jahren offiziell mit seinem literarischen Namen Illiers-Combray. Auch im Grand-Hôtel von Cabourg in der Normandie gibt es ein «Marcel-Proust-Zimmer»: das Zimmer mit der Nummer 414, mit Messingbett und Meerblick.
In Paris lassen sich zahlreiche Proust-Spaziergänge unternehmen, das Musée Carnavalet bewahrt Prousts Originalbett auf und hat sein Schlafzimmer mit der legendären Kork-Isolation rekonstruiert, in dem das Romanwerk entstanden ist.
Offen bleibt, wie viel vom «Genius loci» sich an solchen Wallfahrtsorten tatsächlich erhaschen lässt . Oder ob es doch vor allem die Wallfahrer sind, die den Proust-Geist hierhertragen.
Drei Buchtipps
Jean-Yves Tadié: Marcel Proust (Suhrkamp):
Tadié ist der Herausgeber der massgebenden Pléiade-Ausgabe von Proust und kennt sich mit Proust aus wie wenige. Seine Biografie ist auch darum so gut, weil er nicht doziert, sondern erzählt.
Andreas Isenschmid: Marcel Proust (DKV – De Gruyter):
Isenschmid erzählt Prousts Biografie anhand von Entdeckungen – das Schreiben, die Homosexualität, die mondäne Welt. Und zeigt, wie viel vom Autor im Erzähler steckt.
Luzius Keller: Proust lesen (Suhrkamp):
Als Ergänzung zu Kellers Kommentaren in der Frankfurter Proust-Ausgabe: Eine Sammlung von Essays, nicht nur zur «Recherche», die ganz in die Tiefe der Werke gehen und sie kenntnisreich ausleuchten.