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Gesellschaft
Kein Topos wird in der Kunst wohl öfter heraufbeschworen als die geheime Verwandtschaft von Eros und Thanatos, aber dass sich auf der Ifangstrasse tatsächlich Puff und Sterbehilfe zugleich befinden, offenbart auf besonders geschmacklose Weise die Kluft zwischen Realität und Fiktion.
Fünfzig Meter weiter ist dann der Sterbehilfeverein "in einem weissen, mustergültig banalen Betonklotz untergebracht, der ganz dem Stil von Le Corbusier entsprach: nach dem Pfostensystem errichtet, das eine freie Fassade ermöglicht, und ohne jegliche Ornamente." 2 Houellebecq, Meister der Reduktion, stellt sein Gespür für die Niederungen unserer kapitalistischen Wirklichkeit einmal mehr unter Beweis, wenn er in diesem Zusammenhang folgende Überlegung anstellt: "Der Verein Dignitas brüstete sich damit, in Stosszeiten die Nachfrage von hundert Kunden pro Tag zu befriedigen. Es war durchaus nicht sicher, ob die FKK-Relax-Oase Babylon vergleichbare Besucherzahlen geltend machen konnte, obwohl die Öffnungszeiten länger waren – Dignitas war im Wesentlichen zu den Bürozeiten geöffnet und mittwochs bis 21 Uhr – und man beträchtliche Anstrengungen hinsichtlich der Dekoration unternommen hatte, die zwar von zweifelhaftem Geschmack, aber unzweifelhaft sehr aufwendig war." 3
Die Mysterien des Todes und der geschlechtlichen Vereinigung sind hier blosse Dienstleistungen, die jedermann offen stehen, der genug Geld hat. 4 Diese prinzipielle Verfügbarkeit der letzten Dinge – Marcuse würde vermutlich von repressiver Entsublimierung sprechen – wirkt wie ein Narkotikum auf die Psyche. Als Saint-Loup dem Ich-Erzähler der Recherche von zwei Prostituierten erzählt (es handelt sich um die Zofe der Baronin Putbus und eine Tochter aus allerbestem Hause, Mademoiselle dʼOrgeville), stachelt dies zunächst seine Phantasie an. „Doch welche Ruhe bedeutete es schon – nachdem ich unaufhörlich von rastlosen Wünschen heimgesucht worden war, die sich auf so viele flüchtige Wesen bezogen, von denen ich oft noch nicht einmal den Namen wusste und die auf alle Fälle schwer wiederzufinden waren, geschweige denn zu kennen, unmöglich vielleicht zu erringen –, dass ich nunmehr aus dieser ganzen weit ausgebreiteten flüchtigen anonymen Schönheit zwei erlesene Exemplare herausgegriffen hatte, die ein Erkennungszeichen trugen und die mir beschaffen zu können, wann nur immer ich wollte, ich mir zumindest sicher war! Ich schob diese Stunde noch hinaus, in der ich mir dieses doppelte Vergnügen leisten wollte […], doch die Gewissheit, es haben zu können, sobald ich irgend wollte, enthob mich fast der Notwendigkeit, es auch wirklich zu suchen, wie man Schlaftabletten nur in Reichweite haben muss, damit man sie gar nicht braucht und auch so einschläft.“5
Will Proust tatsächlich sagen, dass das Wissen über den jederzeit möglichen Geschlechtsverkehr diesen immer wieder aufschiebbar und letztlich verhinderbar macht? Natürlich ist das nur die Hälfte der Wahrheit und er schreibt ja auch, dass es ihn nur fast der Notwendigkeit enthob – ansonsten gäbe es keine Puffgänger. Oder Selbstmörder. Denn mit dem Freitod verhält es sich ganz ähnlich. Der Gedanke an diesen ist nicht nur ein starkes Trostmittel, mit dem man gut über so manche böse Nacht hinwegkommt. 6 Emile Cioran behauptet sogar, dass er sich ohne die Idee des Selbstmordes augenblicklich töten würde. 7
Paradoxerweise scheint die Ausweglosigkeit der menschlichen Situation häufig darin zu bestehen, dass es immer einen Ausweg gibt. Und so ist das schönste Plätzchen auf Erden „nicht mitten drin im Paradiese“, sondern, wie Nietzsche einst gedichtet hat, „gerner noch – vor seiner Tür!“ 8
1 Michel Houellebecq: Karte und Gebiet. 3. Aufl. Köln 2011, S. 358.
2 A.a.O., S. 359.
3 Ebd.
4 Maupassants phantastische Erzählung L’endormeuse (1889), in der die Armen unter menschenwürdigeren Umständen kostenlos sterben konnten, ist lediglich ein Wachtraum geblieben. Die Idee mit dem Gas hingegen wurde nur ein paar Jahrzehnte später auf eine Art und Weise verwirklicht, die alle dunklen Vorahnungen des 19. Jahrhunderts auf das Kommende hin übersteigen musste.
5 Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 4. Sodom und Gomorrha. Frankfurt am Main 2004, S. 185f.
6 Vgl. Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse (Viertes Hauptstück, Aphorismus Nr. 157).
7 Vgl. E.M. Cioran: Die verfehlte Schöpfung. Frankfurt am Main 1979, S. 57.
8 Friedrich Nietzsche: Wählerischer Geschmack. In: Ders.: Gedichte. Mit einem Nachwort herausgegeben von Jost Hermand. Stuttgart 1964, S. 62