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Was wäre, wenn…
Peter Henisch: “Vom Wunsch, Indianer zu werden” (Roman)
Franz Kafka und Karl May begegnen sich auf einer Schiffsreise nach Amerika, diskutieren, trinken und beschwören Geister. Auf diese Idee muss man erst mal kommen! Peter Henisch führt uns in seinem neu aufgelegten Roman in ein total abwegiges Gedankenexperiment – das mit der Zeit eigentlich gar nicht mehr so abwegig erscheint.
Von Lisa Letnansky.
„Wie Franz Kafka Karl May traf und trotzdem nicht in Amerika landete“ lautet der Untertitel von Henischs 1994 erstmals erschienenen und nun zu Karl Mays 100. Todestag neu aufgelegten Roman, und sagt eigentlich bereits alles über die Handlung aus, was man wissen muss. Ausser, dass sich die Lebensdaten von Kafka und May überschnitten und dass beide über Amerika geschrieben haben, haben diese beiden Schwergewichte der Weltliteratur auch wirklich gar nichts gemeinsam. Die Vorstellung aber, dass sie sich rein theoretisch begegnet sein könnten, reicht Henisch vollkommen aus, ein Gedankenexperiment zu konstruieren, dessen Resultat sich genauso unterhaltsam wie inspirierend liest. Als Kulisse wählte er den Passagierdampfer „Großer Kurfürst“, auf dem 1908 der 66-jährige Karl May mit seiner zweiten Frau Klara seine erste und einzige Amerikareise unternahm. Zur gleichen Zeit war der junge Kafka nachweislich als Versicherungsbeamter auf einer Dienstreise unterwegs.
Die Freiheit der Indianer
„Was wäre, wenn…“ ist also das Motto des Romans, und so ist es nur konsequent, dass der Beginn der Phantasiegeschichte im Konjunktiv erscheint: Kafka „würde sehr schmal an der Reling stehen und kotzen.“ May und seine Frau „würden sich ihm von achtern nähern. Der Wind würde wehen, die Wellen würden wogen, die Möwen würden lachen. Eine Sirene stieße einen klagenden Ton in den Abend.“ Das ältere Ehepaar nimmt sich des kränklichen Mannes an und beherbergt ihn in seiner Erste-Klasse-Kabine. Besonders Frau May scheint einen Narren an ihm gefressen zu haben, doch auch das Interesse ihres Mannes ist geweckt, sobald er erkennt, dass er über „ein gewisses poetisches Talent“ verfügt. Es ist dann auch ein kurzes Prosastück Kafkas, das sowohl den Ausgangspunkt der Diskussionen und einer aufkeimenden Freundschaft bildet, als auch den Titel für Henischs Roman: „Wunsch, Indianer zu werden“. Diese Zeilen, in denen die Vorstellung beschworen wird, sich auf einem galoppierenden Pferd ganz dem Freiheitsgefühl hinzugeben, seien von Karl May inspiriert, gibt der junge Mann zu, worauf sich sein Gesprächspartner, der inkognito unter dem Namen „Burton“ reist, sichtlich stolz gibt. Dass Kafka dann aber als Heranwachsender seine vierundzwanzig Karl-May-Bände verkauft habe, um sich „seine ersten Bände wirklicher Literatur“ zu kaufen, brüskiert den Autor zwar erst ein wenig, tut aber seiner Neugier, mehr über den mysteriösen Jüngling zu erfahren, glücklicherweise keinen Abbruch.
Old Shatterhand meets Josef K.
So treffen sie sich noch mehrere Male während der langen Überfahrt, diskutieren, trinken, beschwören dank Frau Mays spiritistischer Veranlagung Geister herauf, und May, der sich dann schliesslich doch noch mit seinem richtigen Namen vorstellt, überredet Kafka gar, gemeinsam einen Text zu schreiben – die Geschichte vom jungen Mann, der ein Dienstmädchen geschwängert hat und von seinen Eltern in die Neue Welt geschickt wird, kann man in Kafkas „Amerika“ nachlesen. Überhaupt ist „Vom Wunsch, Indianer zu werden“ ein Tummelplatz literarischer und biographischer Zitate und Anspielungen. Die Werke, Leben und die Vorstellungskraft des Autors fliessen hier ineinander, ohne den Eindruck eines Konglomerats zu hinterlassen. Man muss als Leser zwar weder ein grosser Kenner des einen noch des anderen Autors sein, um an dem Roman seinen Gefallen zu finden; die selbstgerechte Freude aber, einen weiteren versteckten Wink erkannt zu haben, vermag es zugegebenermassen, das Lesevergnügen nochmals um ein Stück zu steigern.
Mehr als nur Hochstapler und Pessimist
Es ist jedoch keineswegs nur die unterhaltsame Geschichte, die Henischs Roman zu so einem grossartigen Stück Literatur macht. Es ist auch die Art und Weise, wie er diese beiden so gegensätzlichen Figuren charakterisiert, ohne dass sie als Persiflagen ihrer selbst in reine Klischees abrutschen, die besticht. Weder ist May der blosse Hochstapler oder die Arroganz in Person, wie er heute leider vielen nur noch im Gedächtnis ist, noch ist Kafka nicht mehr als ein melancholischer Pessimist. Mit viel Einfühlungsvermögen und einer Portion Humor versetzt sich Henisch gekonnt in die Psychen seiner Protagonisten und zeichnet so auch glaubhaft die jeweilige geistige Zerrissenheit, die Sorgen und Freuden, die Denkarten und Meinungen nach, die sie ausgemacht haben könnten, und erschafft so abgerundete Figuren, die zwar Fantasiegeschöpfe bleiben, die aber so harmonisch daherkommen, dass sie auch bei einem Kafka- oder einem May-Verehrer nicht anecken dürften.
Wer nach der Lektüre dieses Romans wie die Rezensentin die Kürze des Werks bedauert und am liebsten noch weiterlesen würde, kann sich dieser Tage mittels eines Theaterbesuchs wenigstens die Thematik noch ein wenig erhalten: Noch bis am 17. Mai wird im Schiffbau in Zürich Frank Castorfs viereinhalbstündige Gross-Inszenierung von Kafkas „Amerika“-Roman gezeigt.
Titel: Vom Wunsch, Indianer zu werden
Autor: Peter Henisch
Verlag: Residenz Verlag
Seiten: 160
Richtpreis: CHF 28.90