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Do, 11. November 2021, Ralf Hersel
In der Vergangenheit finden sich einige Beispiele dafür, wie sich 'übermotivierte' Projekte vom Community-Geist verabschiedet haben. Da wäre zum Beispiel die Firma Canonical, die sich mit vielen Ideen (TV, Smartphone, MIR, Unity, Snap-Paketen) vom Rest der freien Gesellschaft abheben wollte, letztendlich aber damit gescheitert ist. Oder Tuxedo-Computers, die mit TUXEDO-OS (einem Ubuntu-Derivat) einen eigenen Weg beschritten sind.
Eine ähnliche Richtung schlägt nun auch der Geräte- und Distro-Hersteller System76 ein. Wir berichteten darüber, dass die Firma demnächst GNOME links liegen lässt, um einen eigenen Desktop (COSMIC) zu entwickeln. In den letzten Tagen hat sich das Verhältnis zwischen System76 und dem GNOME-Team weiter abgekühlt, was sich in einem Blog-Post des GNOME-Designers Chris Davis manifestiert.
Als Einleitung schreibt er:
In letzter Zeit gab es einige hitzige Diskussionen über die Zukunft von GNOME. Dies hat dazu geführt, dass eine Menge Angst, Unsicherheit und Zweifel über GNOME verbreitet wurden, sowie Angriffe und Feindseligkeit gegenüber GNOME als Ganzes und gegenüber einzelnen Mitwirkenden. Dies begann grösstenteils aufgrund der Äusserungen von Mitarbeitern der Firma System76.
Einer der Streitpunkte ist der Linux Vendor Firmware Service (LVFS). In den Jahren 2017 und 2018 kommunizierte Richard Hughes, dass man für Firmware Updates LVFS einsetzen wolle. Dann kündigte System76 plötzlich seine eigene Infrastruktur und Software für Firmware-Updates an.
Weiter ging es mit der Behandlung von Patches. Im Jahr 2019 teilte Sebastien Bacher von Canonical einen Beitrag über den Umgang mit Fehlerbehebungen gegenüber Upstream durch System76. Dieses Verhalten betraf sowohl Ubuntu als auch GNOME. System76 hat Fehler, die für Pop!_OS relevant waren, behoben, jedoch nicht an Upstream geliefert:
"Später fingen sie an, die Upstream (Ubuntu, GNOME, ...) Bug Tracker zu kommentieren und weisen die Benutzer darauf hin, dass das Problem in Pop!_OS behoben wurde, und werben damit, dass sie sich um die Benutzer kümmern und das Problem bei sich behoben haben. Sie sollten zwar stolz auf die Arbeit sein, die sie für Ihre Benutzer leisten, aber ich denke, sie gehen hier den falschen Weg. An Korrekturen zu arbeiten und sie früh in das Produkt einzubauen ist eine Sache, diese Korrekturen nicht in an Upstream zu geben, um sich besser vermarkten zu können, ist ein riskantes Spiel", so Sebastien Bacher.
Dann kam System76 mit dem GNOME-Shell Tiling. Ende 2019 begann System76 mit der Arbeit an einer Erweiterung, die ein i3-ähnliches Tiling in GNOME ermöglichte. Als ein Upstream-Designer die Zusammenarbeit beim Tiling anbot, weigerte sich Jeremy Soller, leitender Ingenieur bei System76, mit ihm zu arbeiten. Der wirklich problematische Teil ist, dass System76 in den letzten Jahren immer wieder behauptet hat, dass Upstream nicht an Tiling interessiert sei, was laut Michael Murphy (GNOME) eine Falschaussage ist.
Kurz nachdem GNOME 40 bekannt gegeben hatten, überraschte Jeremy Soller mit der Aussage, dass System76 dem neuen Design der GNOME-Shell nicht zugestimmt habe. Er behauptete auch, dass das Feedback der Designerin nicht berücksichtigt wurde. Laut dem GNOME-Team ist das nicht der Fall. Tatsache sei, dass System76 für etwa ein Jahr des dreijährigen Entwurfsprozesses eine Designerin hinzugezogen hat. Die Designerin nahm an Design-Calls und Diskussionen mit dem Design-Team teil, und ihre Rolle konzentrierte sich auf die UX-Forschung selbst. Während des Designprozesses gab es nie Mockups oder konkrete Vorschläge von System76. Das einzige Mal, dass System76 einen Vorschlag gemacht habe, war ganz am Ende des Entwurfsprozesses bei einem Treffen des Entwurfsteams mit Interessengruppen. Dort stellten sie COSMIC vor und bekamen nicht das gewünschte Feedback.
Das Verhalten des Unternehmens wiederholte das ursprüngliche Muster. Als sich System76 mit seinem Entwurf nicht durchsetzen konnte, begann es, Fehlinformationen zu verbreiten. Dieser spezielle Fall von Fehlinformation war sehr schädlich für den Ruf von GNOME.
Die neueste Eskalation zwischen GNOME und System76 betrifft das Thema 'Gtk Themes und libadwaita'. Als Hintergrund-Information empfehle ich dieses Video von 'The Linux Experiment'. Die umfangreichen Details dazu erfahrt ihr im letzten Kapitel der Quelle.
Fazit
System76 gesellt sich zu den Projekten (Firmen), die Mühe mit der Balance zwischen eigenem Erfolgsbegehren und der Community-Zusammenarbeit haben. Exklusion und eigene Suppen kochen, haben in der Geschichte freier Software noch nie zum Erfolg geführt. Zusammenarbeit unter den Projekten und Upstream-Delivery sind bessere Rezepte um am gemeinsamen Ziel zu arbeiten. Die Firma System76 muss sich fragen lassen, ob ihr Verhalten nicht nur ein Lippenbekenntnis zu freier Software und der Community ist.