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Geschichte
Die Deutsche Arbeitsfront: gigantisch, verworren, ineffektiv
Mit rund 25 Millionen Mitgliedern war die Deutsche Arbeitsfront (DAF) noch vor dem Reichsnährstand die mit Abstand größte Massenorganisation im Nationalsozialismus. Unmittelbar nach der "Machtergreifung" 1933 verboten die Nationalsozialisten die Gewerkschaften und schalteten die Unternehmerverbände gleich. Anstelle dieser Organisation trat nun die Deutsche Arbeitfront. Allerdings kann die DAF weder als Quasi-Gewerkschaft noch als Pseudogewerkschaft bezeichnet werden, da "es nicht Zweck dieser Riesenorganisation war, Arbeitnehmerinteressen zu vertreten". (S. 15). Hauptaufgabe der DAF war stattdessen die Aufhebung des Klassenkampfes und die Erhaltung des "Betriebsfriedens". Die deutschen Arbeitnehmer sollten durch die DAF in die Volksgemeinschaft eingebunden und auf die politischen Ziele des Nationalsozialismus verpflichtet werden.
Trotz oder gerade aufgrund der großen Bedeutung der DAF ist man erstaunt, wie wenig gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse über die größte Massenorganisation des Dritten Reichs vorliegen. Zwar haben sich schon etliche Historiker mit der Organisation Kraft durch Freude (KdF) beschäftigt oder aber mit dem Leiter der DAF, Robert Ley, eine Gesamtgeschichte der DAF, im Stile einer politischen Verwaltungsgeschichte, gab es bisher allerdings nicht. Der Berliner Historiker Rüdiger Hachtmann hat nun, nachdem er bereits 2005 einen Aufsatz über das "Eicke-Gutachten" veröffentlichte, in seiner neuesten Publikation sowohl das Gutachten von Karl Eicke ediert als auch in einer knapp 100-seitigen Einleitung eine souveräne Darstellung des Forschungsstandes über die DAF verfasst.
Das Gutachten, das der 1933 in die NSDAP eingetretene Wirtschaftsprüfer Karl Eicke im Auftrag der DAF erstellte, hat im Original 4 Bände und zählt rund 1100 Seiten. Rüdiger Hachtmann hat aufgrund dieses großen Umfangs nur Auszüge in die Edition genommen, die Aufschluss über den organisatorischen Aufbau der DAF sowie den damit zusammenhängenden Mängeln geben. Das eigentliche Gutachten findet sich in Band 1 wieder, der 2. Band beinhaltet Anlagen zum Gutachten. In Band 3 "gießt Eicke seine ausführliche Analyse von Bd. 1 in Vorschläge über Geschäftsordnungen" (S. 242). Der letzte Band enthält dann noch zahlreiche Schaubilder zur Organisationsstruktur der DAF.
Es kann an dieser Stelle nicht auf das komplette Gutachten eingegangen, sondern nur punktuelle Betrachtungen angestellt werden. Eicke prangert vor allem die personelle Überbesetzung zahlreicher Abteilungen der DAF an. So bestehen z.T. mehrere Abteilungen für ein und dieselbe Arbeit. Für das Amt für Soziale Selbstverantwortung und das Arbeitwissenschaftliche Institut lassen sich zahlreiche Schnittmengen ausmachen, so dass Eicke für die komplette Auflösung des Amtes plädierte. Dieses Vorgehen, nach einer Bestandsaufnahme erfolgen Kritik und Vorschläge, behält Eicke das gesamte Gutachten über bei, so dass für jede Abteilung ersichtlich wird, welche Aufgaben sie besitzen und wie sie diese ausführen. Bis hin zum genauen Stellenschlüssel einer jeden Unterabteilung reicht die gutachtliche Tiefe.
Neben dem Gutachten hat sich der Herausgeber entschlossen, 18 Dokumente, zumeist Korrespondenzen von Karl Eicke mit den unterschiedlichen Funktionsträgern (Ley, Heß, Pg. Weser etc.) zu publizieren. Sie zeigen eindringlich die Diskussion um das Gutachten und um die Person Eickes
Rüdiger Hachtmann hat der Forschung einen großen Dienst erwiesen. Mit der Publikation der einzigartigen Quelle - für keine andere Organisation des Dritten Reichs gibt es ein vergleichbares Gutachten - wird zum ersten Mal detailliert deutlich, wie die DAF aufgebaut und wie verworren bzw. ineffektiv ihre Arbeitsweise war. Der souveräne und umfangreiche Forschungsstand über die DAF, den Hachtmann im ersten Teil darlegt, zeigt zudem, wie wenig Kenntnis die Geschichtswissenschaft bisher über die größte Massenorganisation des Dritten Reichs besaß und leider noch besitzt. Neben den schon erwähnten publizierten Korrespondenzen Eickes im Anschluss an das Gutachten sind vor allem die Biographien der Leiter der Berliner Zentralämter der DAF im Anhang positiv hervorzuheben. Zusammen mit den zahlreichen Tabellen und Abbildungen geben sie dem Leser ein unverzichtbares Instrumentarium an die Hand, um sich im Dschungel DAF zurechtzufinden. Trotz dieser mehr als überfälligen Publikation gibt es in Bezug auf die DAF noch sehr viel Forschungsbedarf.