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Links zu den Kapiteln:
Lennon/McCartney in den 70er-Jahren
George Martins Rückkehr
die Wings werden flügellahm
von London nach Montserrat
von Metaphern und Hits
die weiteren Songs
die Videoclips
die Archive Collection Wiederveröffentlichung 2015
Rezeption und Statistik
Als Linda McCartney am 9. Dezember 1980 die Kinder zur Schule gebracht hatte und zur Farm Waterfalls bei Rye in Sussex zurückgekehrt war, tigerte Paul vor der Haustür auf und ab. «Schon als ich ihn sah, wusste ich, dass etwas schreckliches passiert sein musste», erinnerte sie sich. «Ich habe ihn noch nie zuvor so gesehen, er war verzweifelt, weinte.» Pauls Manager Peter Shrimpton hatte angerufen und ihm mitgeteilt, dass in der Nacht John Lennon vor seinem Hauseingang, dem Dakota-Gebäude in New York, angeschossen worden und auf dem Weg ins Spital verstorben war. Linda führte Paul in die Küche, wo er schon bald von einer Panikattacke heimgesucht wurde: Er wäre bestimmt der nächste. Und noch viel schlimmer, jemand könnte es auf Linda und die Kinder abgesehen haben.
Es war das Telefon, das wieder etwas zur Normalität rief. George Martin, Produzent der meisten Beatlesalben, war am Apparat, Paul hatte ihn für die Aufnahmen des noch namenlosen Albums engagiert. «Paul, du möchtest heute verständlicherweise nicht arbeiten, oder?», fragte Martin. Am Nachmittag sassen sie in Martins AIR Studio in London und versuchten zu arbeiten, um über den Schock hinwegzukommen. Auch George Harrison nahm an diesem Tag in seinem Heimstudio in Firar Park neue Songs auf. Einer seiner Begleitmusiker war der Schlagzeuger Dave Mattacks, der ein paar Monate später auf «Tug Of War» mitspielen sollte.
Lennon/McCartney in den 70er-Jahren
Nach den Friktionen von 1968/1969, die zur Trennung der Beatles geführt hatten, nach den juristischen Verfahren, die McCartney angestrengt hatte, um sich aus den Verträgen mit den Beatles lösen zu können, vor allem aber auch nach dem 1971 auf den Alben «RAM», «Imagine» und «Wild Life» ausgetragenen Zwist zwischen John und Paul, hatten diese 1972/73 das Kriegsbeil begraben. Neben gelegentlichen Besuchen von den McCartneys bei den Lennons war es am 28. März 1974 im Record Plant Studio in Los Angeles zu einer Jamsession gekommen, bei der auch Harry Nilson und Steve Wonder mitwirkten. Gespielt haben die beiden Beatle-Alphatiere ausschliesslich Rock'n'Roll Klassiker, vom eigenem Material liessen sie die Finger. Es war das letzte Mal, dass John Lennon und Paul McCartney miteinander musiziert hatten.
Diese Jamsession fand während Lennons 18 monatiger Trennung von Yoko Ono statt. Während dieser Zeit 1973/74 war Lennon nach Santa Monica übersiedelt, hatte mit seiner Assistentin May Pang als Ersatzgeliebter gelebt und sich die Nächte zusammen mit Harry Nilson, Keith Moon und Ringo Starr saufend und pöbelnd um die Ohren geschlagen. Im Nachhinein nannte Lennon diese Zeit das verlorene Wochenende (the Lost Weekend).
Mit der Vertrautheit alter Freunde: 1974 besuchte Paul McCartneyJohn Lennon in seinem Haus in Santa Monica.
Nach Lennons Versöhnung mit Yoko Ono 1975 blieben John und Paul in Kontakt, auch wenn man sich nur sporadisch sprach, und dies meistens per Telefon. Anfang Januar 1980 klingelten Paul und Linda spontan bei John an Wohnungstüre im Dakota-Gebäude. Doch Lennon wies McCartney verunsichert ab und sagte, dass in New York so etwas nicht gehen würde. John und Paul blieben trotz des verpatzten Besuchs weiter in telefonischem Kontakt. Paul erzählte in mehreren Interviews, dass er und John Frieden geschlossen und bei ihrem letzten Telefonat über ihre Kinder gesprochen und Brotrezepte ausgetauscht haben.
Nach Johns Tod musste Paul miterleben, wie dieser zum Säulenheiligen der Rockmusik verklärt wurde, während er auf ewig als der Nette mit den schönen Balladen bleiben sollte. «Ständig kamen Leute zu mir und sagten, wie grossartig John gewesen wäre. Ich musste lernen, damit umzugehen. Wäre ich gestorben, wäre es John genau gleich ergangen», lässt sich Paul McCartney in mehreren Interviews im 21. Jahrhundert zitieren.
George Martins Rückkehr
Am 3. Januar 1970 arbeiteten die Beatles während ihrer letzten Aufnahmesession an «I Me Mine» von George Harrison, allerdings ohne John Lennon, der zu diesem Zeitpunkt die Band bereits verlassen hatte. Wie bei den meisten Aufnahmen war George Martin der Produzent. Im April 1970 gab Paul seinen Austritt bei den Beatles bekannt, was als Ende der Fab Four in die Annalen einging. Als 1972 Albert J. Broccoli bei Paul McCartney anfragen liess, ob er den Song zum neuen Film «Live And Let Die» schreiben würde, wandte sich Paul vertrauensvoll an George Martin. Zusammen erarbeiteten sie das Arrangement des Songs, eine Verbindung von Hardrock und Reggae. Danach komponierte George Martin basierend auf McCartneys Song die übrige Filmmusik. Es war ihre einzige Zusammenarbeit in den 70er-Jahren.
Mit «Mull Of Kintyre» hatte Paul 1977 die bis dato erfolgreichste britische Single veröffentlicht, doch seine nachfolgenden Alben «London Town» (1978), das zwischen Poprock und Folk mäandriert und «Back To The Egg», das härteste Album Pauls bis dato, haben sich zwar verglichen mit dem Markt sehr gut verkauft, waren aber für den Millionenseller McCartney Enttäuschungen. Pauls experimentelles Synthesizeralbum «McCartney 2» erreichte 1980 zwar die Chartspitze in England, doch es teilte Kritiker und Fans gleichermassen in zwei Lager. Zusätzlich zermürbt von den ewigen Wechseln im Lineup der Wings, suchte Paul im Sommer 1980 nach Veränderung und er erinnerte sich an George Martin.
Der Schüler und sein Meister: Paul McCartney und George Martin im Studio während den Aufnahmen zu «Tug Of War». Bis zu Martins Rückzug aus dem Musikgeschäft 1998 sollten weitere Kollaborationen folgen.
Foto: Linda McCartney – paulmccartney.com
In der Beatles Bible wird Paul wie folgt zitiert: «Ich mag ihn wirklich als Produzenten. (…) Für ‹Tug Of War› dachte ich, dass es gut wäre, einen Wechsel zu machen. Er (George Martin) war interessiert und so arbeiteten zusammen und nahmen das Album auf. So einfach war das.» Oder immerhin beinahe, denn George Martin hatte zu Beginn der Aufnahmen einige Bedenken und konfrontierte Paul mit folgender Bedingung: «Wenn es wirklich funktionieren soll, wirst du von mir einige harte Kritiken einstecken müssen, was dir nicht gefallen wird, denn du warst eine lange Zeit dein eigener Chef.» Doch Paul akzeptierte die Regeln.
die Wings werden flügellahm
Die ersten Aufnahmen, die zu «Tug Of War» führen sollten, veranstaltete Paul im Juli 1980 in Finchden Manor in Tenterden in Kent, doch die Sessions waren unproduktiv Einzig «Ballroom Dancing» begann sich als Song herauszukristallisieren. Anschliessend flogen die McCartneys mit Gitarrist Laurence Juber nach Nizza, um während zehn Tagen mit Ringo Starr in den Super Bear Studios in Berre-les-Alpes an dessen Album «Stop And Smell The Roses» zu arbeiten. Paul produzierte fünf Songs, darunter «Private Property» und «Attention», die er geschrieben und Ringo überlassen hatte.
Nach der Rückkehr nach England spielten Paul und Linda McCartney zusammen mit Denny Laine, also dem harten Kern der Wings, in Pauls Heimstudio in Sussex die Demoversionen der Songs «Ballroom Dancing», «Take It Away», «Dress Me Up As A Robber», «The Pound Is Sinking», «Wanderlust» und «Ebony And Ivory» ein, die für «Tug Of War» weiterentwickelt wurden. «Sweetest Little Show», «Keep Under Cover», und «Average Person» verwendete Paul auf Nachfolgealbum «Pipes Of Peace». Ebenfalls spielte er das Demo zu «We All Stand Together» aus dem damals in Produktion befindenden Zeichentrickfilm «Rupert And The Frog Song» ein. Weitere Songs wie «The Unbelievable Experience», «Boil Crisis», «Give Us A Chord Roy», «Seems Like Old Times», «Hear Me Lover» und «Stop, You Don't Know Where She Came From» blieben unveröffentlicht und fanden über Bootlegs den Weg ins Licht der interessierten Öffentlichkeit.
Im Oktober werkelten die Wings am Projekt «Hot Hits And Kold Kuts», das von Mitte der 70er- bis Mitte der 90er-Jahre immer wieder auf Pauls Projektliste gestanden hatte, worauf Ausschussmaterial aus verschiedenen Albumsessions versammelt sein sollte. Die Oktober-Bandsessions waren noch flügellahmer als im Juli. Dennoch schaute aus im November der Basistrack zu «We All Stand Together» heraus. Für die im Dezember 1980 terminierten Aufnahmen hatte Paul auf die Band verzichtet und sich neben Linda und George Martin einzig auf Denny Laine abgestützt. Im Januar 1981 spielte Paul nochmals mit dem letzten Wings Lineup mit Steve Holly, Denny Laine und Laurence Juber zusammen und beendete für das «Hot Hitz»-Projekt den Song «Same Time Next Year». Am 26. Januar 1981 liess Paul das gleichnamige Album ein erstes Mal abmischen. Doch es verschwand, bis auf einige Raubpressungen in Pauls Schublade der unvollendeten Werke.
Es war offensichtlich, ausser mit Denny Laine brachte Paul keine neuen Songs mehr zustande. Nach zehn Jahren und sieben verschiedenen Bandbesetzungen waren die Wings am Ende. Laurence Juber analysierte 2012 in einem Interview dem Something Else Magazin das Ende der Wings äusserst plausibel: «Ich denke, Paul hatte diese wirklich coole Rock Band gegründet und dann aber realisiert, dass er sie überhaupt nicht braucht – oder er wollte sie nicht brauchen, da er sich zum Familienmenschen entwickelt hat, was eine andere Richtung war. Sein kreativer Impetus hat sich verschoben.» Paul hatte 1980 mit Linda drei Kinder, Tochter Heather hatte Linda in die Ehe mitgebracht. Die Kinder waren bis auf James (Jahrgang 1977) schulpflichtig. Paul und Linda wollten keine Showbiz-Gören erziehen und schickten ihre Kinder an die öffentlichen Schulen. Dies bedeutete für Paul auch, dass das Rockstar-Leben mit den weltweiten Konzerttouren hintanstehen musste.
Im «Club Sandwich» #24, dem Fan Club Zeitschrift, wünscht Paul Denny Laine im Sommer 1981 alles Gute nach seinem Abschied von den Wings.
Es war die Ermordung von John Lennon, die nicht nur die Hoffnungen auf eine Wiedervereinigung der Beatles zerstörte, sondern auch den Schlussstrich unter das Kapitel Wings gezogen hat. Nach Johns Ermordung zog sich Paul aus der Öffentlichkeit zurück. Sein erstes Konzert danach gab er 1985 im Rahmen von Live Aid, bis zu seiner nächsten Tour, der «World Tour» sollte es nochmals vier Jahre dauern. Denny Laine war bereits enttäuscht, dass wegen McCartneys Verhaftung bei der Einreise in Japan Anfang 1980 die Tour abgesagt werden musste. Als sich Paul nach Johns Ermordung vollends ins Privatleben und Plattenstudio zurückzog, verliess Denny Laine die Wings auf eigenen Wunsch, um mit einem Soloalbum und eigener Band auf Tour zu gehen.
Zur gleichen Zeit hatte sich Denny Laine mit massiven Steuerrechnungen konfrontiert gesehen, die ihn in den Ruin getrieben hätten. Paul McCartney beglich Laines Rechnungen und erhielt im Gegenzug die Rechte an den gemeinsamen Songs wie «Mull Of Kintyre», den Kollaborationen auf «London Town» bis hin zur letzten gemeinsamen Produktion, «Rainclouds». Mitte der 80er-Jahre äusserte sich Denny Laine dahingehend, dass McCartney ein Diktator wäre und ihn übers Ohr gehauen hätte. Die britische Boulevardpresse lancierte eine Kampagne gegen Paul. Der liess diese an sich abperlen und führte Laines Vorwürfe auf dessen Alkoholsucht zurück. Sie trafen sich erst im Dezember 2007 wieder, backstage in der Wembley Arena nach einem Konzert von UB 40. Heute haben sie sich versöhnt.
von London nach Montserrat
Am 7. Dezember 1980 arbeiteten Paul, Linda und Denny Laine an «Ballroom Dancing», «Keep Under Cover» und dem bis heute unveröffentlichten Song «All The Love Is There». Anderentags wurden «Rainclouds» und «Ode To A Koala Bear» aufgenommen. Für den folgenden Tag war eine Session mit Paddy Moloney von der irischen Gruppe The Chieftains gebucht. Dieser vergewisserte sich, ob er nach John Lennons Tod noch London fliegen sollte, und wurde gebeten, den Termin einzuhalten. «Um etwa zwei Uhr war ich im Studio in der Nähe des Oxford Zirkus. Es waren nur etwa vier oder fünf Leute anwesend. Paul und ich sprachen miteinander. Er sagte, dass sein Haus belagert würde und es für ihn eine Erlösung sei, ins Studio zu fahren und von zu Hause fortzukommen, weil dort so viele Leute wären. Es wurden viele Tränen vergossen an diesem Tag.» Paul und George Martin hörten sich die vorangegangenen Aufnahmen an und sprachen vor allem über John. «George (Martin) schätzte es sehr, dass ich gekommen bin, wie auch Paul, in Georges Gesicht sah ich, dass er geschockt war», erinnert sich Paddy Moloney.
Moloney
war für «Rainclouds» gebucht, ein gemeinsamer Song von Paul und Denny Laine, der wie ihre gemeinsamen Songs auf «London Town» ein Folksong ist. «Ich habe den Song ‹Rainclouds› zum ersten Mal im Studio gehört, bin aber war mit vielen Ideen angekommen. Paul sagte: ‹Nur zu, spiel das›.» Am Abend flog Paddy Moloney, der Paul seit 1962 kennt, wieder zurück nach Dublin. Paul und George Martin setzten die Arbeit am Album vorläufig aus. Obwohl Paul eine Woche später in seinem Heimstudio weiter an «Ballroom Dancing» und der «Ebony And Ivory» feilte. Nach den letzten Aufnahmen zum «Kold Kuts»-Projekt im Januar 1981 besprach sich Paul mit George Martin. Sie kamen zum Schluss, dass es Paul ohne die Band versuchen sollte. Verlangte ein Song einen Musiker wie Steve Wonder, sollte er auch engagiert werden anstatt bloss mit den Wings zu versuchen Steve Wonders Sound so gut wie möglich zu imitieren.
Paul mit Steve Gadd (rechts hinten) und Ringo Starr im AIR Montserrat Studio im Februar 1981. – Foto: Linda McCartney.
Auf den 28. Januar 1981 hin wurden Pauls Instrumente in George Martins AIR Studio auf der Karibikinsel Montserrat geflogen. George Martin hatte die Insel Mitte der 70er-Jahre kennen und lieben gelernt. Fernab grosser Touristenströme und einem Flugplatz, worauf nur Propellerflugzeuge landen konnten und dessen Piste dem Vulkan abgetrotzt werden musste, war es ein idealer Ort, um ungestört arbeiten zu können. In einem Bungalow mit eher knappen 27 Quadratmetern Fläche richtete George Martin das AIR Montserrat ein. Es gehörte zu den modernsten Studios weltweit mit einem eigens angefertigten Nieve-Mischpult, das 24 Spuren und 56 Kanäle hatte. Zudem konnte man digital abmischen. Lou Reed war einer der ersten Musiker, der das Studio gebucht hatte. Nach Paul McCartney sollten die Rolling Stones, The Police, Elton John, Eric Clapton, Phil Collins, Dire Straits oder Duran Duran folgen.
In der ersten Woche spielte Paul mit Denny Laine und dem Schlagzeuger Dave Mattacks «Dress Me Up As A Robber» und «The Pound Is Sinking» ein. Ferner «Average Person», das Paul auf «Pipes Of Peace verwenden sollte», sowie «Hear Me Lover» und den unveröffentlichten Track «Dennys Song». Am 8. Februar löste Steve Gadd Dave Mattacks ab. Zusätzlich stiess der Jazz-Bassist Stanley Clarke zur Band. Man arbeitete an «Somebody Who Cares», «Hey Hey» (veröffentlicht auf «Pipes Of Peace») und «No Values». Diesen Song verwendete Paul 1984 auf dem Soundtrack zu seinem Film «Give My Regards To Broad Street». Am 15. Februar stiess Ringo Starr zu den Aufnahmen. Er spielte gemeinsam mit Steve Gadd auf verschiedenen Songs, aber einzig «Take It Away» wurde veröffentlicht, auf dem beide Schlagzeuger simultan spielen. «Ich hatte ein paar Songs für Ringo geschrieben», erzählt Paul. «Doch dann dachte ich, dass mir ‹Take It Away› besser stehen würde, beispielsweise wegen des Chores.»
Am 21. Februar kam Rockabilly Urgestein Carl Perkins für eine Woche nach Montserrat. Paul nennt ihn den grössten Einfluss auf die jungen Beatles, diese hatten nicht weniger als sieben Songs von ihm in ihrem Repertoire. Paul spielte mit Carl Perkins «Get It» ein. Dabei mischt Paul geschickt den Rockabilly Rhythmus, spielt ihn aber auf akkustischen Instrumenten ein. Im Refrain kommt der alte Optimist zum Vorschein: «You’ve got to get it and you’ve got to get it good. »Bei den Aufnahmen tat sich Carl Perkins mit den Kopfhörern schwer, also spielten sie schlussendlich wie in den 50er-Jahren den Song live ein. Carl Perkins gefiel der Aufenthalt in Montserrat so sehr, dass er für Paul den Song «My Old Friend» schrieb und aufnahm.
von Metaphern und Hits
Der Titel «Tug of War» bedeutet im Englischen Seilziehen. Für Paul drückt es aber auch Gegensätze wie Ja und Nein, Oben und Unten, Mann und Frau oder Schwarz und Weiss aus. Über die Dualität zwischen schwarzen und weissen Menschen schrieb er «Ebony And Ivory». Die Inspiration kam ihm, als er Spike Milligan die Musikerweisheit aus den Zwanzigerjahren sagen hörte: «Black notes, white notes, and you need to play the two to make harmony, folks!». Paul verwendete die harmonische Anordnung der schwarzen und weissen Klaviertasten als Metapher: «Ebony and ivory live together in perfect harmony / Side by side on my piano keyboard, oh Lord, why don't we?» In der Strophe fährt er fort, dass die Menschen überall dieselben wären und jeder gut und böse. Und schliesst dann: «We learn to live, we learn to give each other what we need to survive together alive».
Von Anfang an plante Paul, den Song mit einem schwarzen Sänger einzuspielen, seine liebste Wahl war Steve Wonder, den Paul und Linda bewunderten. Auf dem Rücken-Cover von «Red Rose Speedway» (1973) liess Paul in Braille-Schrift «Love You Baby» für Steve Wonder drucken. An Steve Wonder schätzt Paul zwei Eigenschaften, seine rhythmische Exaktheit und seinen Humor. Als sie bei «Ebony And Ivory» in die Hände klatschten, sagte Steve Wonder: «You’re out of the pocket», und meinte damit, dass Paul etwas hinter dem Takt klatschte. Sie wiederholten es so lange, bis sie synchron klatschten. Zusammen lachten und scherzten sehr viel, vor allem gab es immer wieder Sprüche über Steve Wonders Blindheit. Wenn er einen Fehler machte und ihn Paul oder George Martin darauf hinwies, pflegte er jeweils zu sagten: «Now, I see it.»
Paul und Steve Wonder Ende Februar 1981 in George Martins AIR Studio in Montserrat. – Foto: Linda McCartney
Eine andere Eigenschaft ertrug McCartney mit Engelsgeduld, Wonders chronische Unpünktlichkeit. «Er ist ein zuverlässiger Mensch. Er kommt immer, wenn er mit dir abgemacht hat. Bloss nicht zu vereinbarten Zeit», erinnert sich Paul. Steve Wonders Ankunft wäre am 21. Februar geplant gewesen, doch er begann drei Tage zuvor ein eigenes Album einzuspielen. Schlussendlich landete er am 26. Februar auf Montserrat. Ein weiteres Beispiel für Wonders Unpünktlichkeit war, dass er von Paul und Linda zu einem Sonntagsmittagessen eingeladen worden war. Doch er tauchte nicht auf. Paul rief ihn mehrmals im Studio an, schlussendlich wurde um 22.00 Uhr ein Nachtessen daraus. Paul bewundert bis heute Lindas Geduld in der Küche, die mehrmals mit dem Kochen begann. Und zu den Dreharbeiten für das Video von «Ebony And Ivory» erschien Steve Wonder pünktlich, aber vier Tage zu spät. Der zweite Song, den Paul und Steve Wonder auf «Tug Of War spielen, ist das funkige «What’s That You’re Doing». Dieser entstand aus einer Jamsession. «Er ging an den Synthesizer» und fing an rumzuklimpern. Dabei kam ein tolles Riff raus und ich ging schliesslich ans Schlagzeug», erinnert sich Paul. Und am Ende begann Steve Wonder den alten Beatleshit «She Loves You» zu singen. «What's That You're Doing» trägt die Autorschaft Wonder/McCartney.
Im Titelsong «Tug Of War» benützt Paul das Seilziehen als Metapher. «Für mich ist es ein Lied über das Leben ansich, das ein Seilziehen darstellt. In einer idealen Welt könnten wir uns um eine einfachere Existenz bemühen.» McCartney schreibt: «We expected more / But with one thing and another / We were trying to outdo each other in a tug of war.» Und sinniert danach darüber nach, wie viel besser es in einem anderen Leben sein würde: «In another world we could / stand on top of the mountain with our flag unfurled.» In den Middle-Eight klingt ein erstes Mal Pauls Engagement für den Umweltschutz durch: «In years to come they may discover / what the air we breathe and the life we lead are all about», und resigniert: «But it won't be soon enough / Soon enough for me.»
Musikalisch ist der Song ein weiteres Beispiel für die harmonische Zusammenarbeit von Paul McCartney mit George Martin, der das Arrangement komponiert hat. Zunächst beginnt Paul Solo, danach kommt Schicht um Schit ein weiteres Instrument hinzu, die akkustische Gitarre, der Bass, das Schlagzeug, die Streicher, die Bläser, bis in der Mitte, wenn Paul von der besseren Welt singt, das Orchestertutti über die Akkorde einer elektrischen Gitarre spielt. Ein Trompetensolo erklingt ebenso wie die Schlagzeuge einer Guggenmusik bzw. einer Tatooband. «Tug Of War» zeigt Paul als reifen Texter, auf der Höhe seiner Kompositionskunst und mit seinen vierzig Jahren ist seine Stimme voll in Saft. Der Song ist der Zenit in Pauls Karriere.
Scherenschnitt eines Seilziehens, der auf der Coverrückseite der Single «Tug Of War» verwendet wurde.
An «Ebony And Ivory» wurde neben der fast schon kitschigen Musik die Einfachheit von Pauls Text kritisiert. Über «Tug Of War» hingegen schrieb das Rolling Stone, dass sich der Song zu McCartneys «Imagine» entwickeln könnte. Einmal mehr lagen die Kritiker falsch, «Ebony And Ivory» wurde Pauls erfolgreichste Single in den USA und ist bis heute ein Evergreen. Während der Appartheit-Zeit war der Song in Südafrika verboten. Das amerikanische Fachmagazin Billboard wählte «Ebony And Ivory» auf Rang 59. der besten Song aller Zeiten. Die Single «Tug Of War» tümpelte in den Charts herum und ist heute trotz seiner musikalischen Brillanz beinahe in Vergessenheit geraten.
die weiteren Songs
Steve Wonder reiste am 2. März nach einer nächtlichen Jamsession ab. Die McCartneys reisten zwei Tage später nach England zurück. Nach der Rückkehr von Montserrat verliess Denny Laine die Aufnahmen. Paul engagierte als Ersatz den Gitarristen und Multiinstrumentalisten Eric Stewart von 10cc. Stewarts Spezialität war das mischen von Hintergrundchören bei den Overdubs. Vom 11. März an bis in Dezember arbeitete Paul mit Unterbrüchen weiter im Londoner AIR Studio am Album. In den ersten zwei Wochen nahm Paul einige bis heute unveröffentlichte Songs auf, darunter «Newt Rack», der seinen Weg auf Bootlegs fand. In der letzten Märzwoche arbeitete weiter an den in Montserrat eingespielten Songs. Ende März endeten die Hauptaufnahmen, Paul hatte 20 Songs eingespielt.
Ebenfalls im März nahm George Harrison seinen Song «All Those Years Ago» auf, den über John Lennon geschrieben hatte. Ringo Starr spielte das Schlagzeug und Paul und Linda McCartney besuchten George und nahmen die Hintergrundstimmen auf. Im Mai 1981 besuchte Michael Jackson Paul McCartney. Sie schrieben zusammen «Say Say Say» und «The Man» und nahmen die Songs mit George Martin auf. Beide wurden im folgenden Jahr auf «Pipes Of Peace» veröffentlicht. Während des Sommers wurden vorallem die Songs abgemischt, da das Album ursprünglich im Oktober 1981 hätte veröffentlicht werden sollen. Da es aber noch nicht fertig war, wurde es mehrmals verschoben, bis es schlussendlich im April 1982 veröffentlicht wurde.
Im August 1981 nahm Paul im ersten Obergeschoss in der Windmühle von Hog Hill bei Rye in Sussex den Song «Here Today» auf – Paul sanierte später die Mühle und richtete darin sein eigenes Studio ein. Zu «Here Today» erzählt Paul: «Ich fühlte, dass ich irgendetwas (zu Johns Ermordung) schreiben musste, aber das schlimmste wäre gewesen, etwas zu sentimentales zu machen. So versuchte ich, meine Gedanken in Worte zu fassen.» Es wurde das Gespräch, dass Paul und John nie führen konnten. Paul beginnt mit der Frage: «And if I said I really knew you well / What would your answer be?» und gibt die Antwort: «Well knowing you / You’d probably laugh and say / That we were worlds apart». Paul spielt die akkustische Gitarre. Mit George Martin komponierte er das Arrangement für ein Streicherquartett. Von der Machart erinnert der Song an «Yesterday». «Wir machten uns Gedanken über Alternativen zu ein Streicherquartett, aber je mehr ich darüber nachdachte kam ich zum Schluss, dass es dumm sei. Es ist albern, dieses frühe Streicherquartett zu verdammen, nur weil wir es mal bei einem berühmten Song verwendet haben.» Seit 2001 ist «Here Today» fester Bestandteil in Pauls Konzerten, ebenso auch eine Hommage an George Harrison.
An Pauls 40. Geburtstag wurde in den Elstree Studios der Videoclip zu «Take It Away» gedreht. Linda und Eric Stewart und Ringo sind hinter Paul, George Martin am E-Piano und dunkel im Vordergrund Steve Gadd. – Foto: paulmccartney.com
Brian Clarke in seinem Atelier. Mit Linda McCartney arbeitete er bis zu ihrem Tod 1998 zusammen. So ist das Cover von «Flowers In The Dirt» eine weitere Kollaboration der beiden. – Foto: Linda McCartney; paulmccartney.com
Rezeption und Statistik
«Tug Of War» war das siebte und bis heute letzte Nummer 1 Album McCartneys in den USA, das fünfte Nummer 1 Album in England und das zweite in Folge, und das einzige in Deutschland. Weitere Topplatzierungen gab es in Kanada, Holland, Italien, Japan, Norwegen und Schweden. In Frankreich, Österreich, Israel, und Spanien klassierte sich das Album auf Rang zwei, in Belgien Platz drei. In der Schweiz klassierte sich das Album nicht.
«Ebony And Ivory» erreichte den 2. Platz in den Schweizer Single Charts, es war nach «Another Day» 1971 McCartneys zweiter helvetischer Single-Erfolg und wird heute noch am Radio gespielt. «Ebony And Ivory» war ein weltweiter Erfolg, in Kanada, Deutschland, Norwegen, Japan, England und den USA erreichte der Song die Chartspitze, in Schweden und Australien Platz zwei. Es war die am viertmeisten verkaufte Single des Jahres 1982, dem Jahr, in dem Michael Jackson die bis heute gültigen Verkaufsrekorde mit seinem Album «Thriller» aufstellte.
«Take It Away», das einen amerikanischen Touch hat, erreichte Platz 10 in US-Charts, und England Platz 15. Die Single «Tug Of War» erreichte sowohl in England wie Amerika Platz 53.
Das Album «Tug Of War» und «Ebony And Ivory» wurden mit zusammen für fünf Grammy nominiert, aber nicht ausgezeichnet. Drei Nominationen gab es bei den American Music Awards. In England wurden Paul und George Martin bei den Brit Awards nominiert, Paul gewann zwei Auszeichnungen. In Frankreich, Japan und Spanien erzielte das Album eine Goldene Schallplatte, in den USA Platin.

Tracklist Original Album:
Tug Of War
Take It Away
Somebody Who Cares
What's That You're Doing?
Here Today
Ballroom Dancing
The Pound Is Sinking
Wanderlust
Get It
Be What You See (Link)
Dress Me Up As Robber
Ebony And Ivory
Bonus Track
iTunes 2007:
Ebony And Ivory (Solo Version)
Bonus CD
Archive Collection 2015:
Stop, You Don’t Know Where She Came From (Demo)
Wanderlust(Demo)
Ballroom Dancing (Demo)
Take It Away (Demo)
The Pound Is Sinking (Demo)
Something That Didn’t Happen (Demo)
Ebony and Ivory (Demo)
Dress Me Up As a Robber/Robber Riff (Demo)
Ebony and Ivory (Solo Version)
Rainclouds
I’ll Give You a Ring
Bonus DVD
Archive Collection, 2015
Tug Of War Video 1
Tug Of War Video 2
Take It Away Video
Ebony And Ivory Video
Fly TIA – Behind The Scenes On Take It Away
Singles 1982:
Ebony And Ivory
Single:
Ebony And Ivory
Rainclouds
Maxi Single:
Ebony And Ivory
Rainclouds
Ebony And Ivory (Solo Version)
Take It Away
Single:
Take It Away
I'll Give You A Ring
Maxi Single:
Take It Away
I'll Give You A Ring
Dress Me Up As A Robber
Tug Of War
Tug Of War
Get It
US-Promsingle, 1982:
A Sample From Tug Of War
Ebony Ivory
Ballroom Dancing
The Pound Is Sinking
Diese Maxi erschien auf weissem Vinyl.
Promotion 1982
Inserat aus dem New Musical Express, das mit dem Slogan: Zwei Seiten die uns näher zusammenbringen wirbt (oben) und Aushang für die Plattenläden mit allen bis dato erschienenen Alben McCartneys (unten).