Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03434.jsonl.gz/1417

hitparade.ch: Auf der Suche nach dem Ursprung Deines Namens E.K.R. findet man verschiedene Erklärungen. Meint E.K.R. "Ein König regiert" oder stehst Du für die "Eidgenössische Kulturrevolution"? EKR: Nun, in Wahrheit ist das gar keine Abkürzung, sondern eine zufällige Buchstabenkombination, die sich so ergeben hat. Ich wollte nicht meinen bürgerlichen Namen benutzen und wählte diese drei Buchstaben, die stark nach einer Abkürzung aussehen. In Wahrheit steckt dahinter aber null Sinn oder Logik. Es war aber recht amüsant, die Leute glauben zu lassen, dahinter stehe "Ein König regiert". Mit den Reaktionen und der Spannung der Öffentlichkeit zu spielen, ist interessant.
hitparade.ch: Wie bist Du zum Begriff MenschMaschine, der einen Deiner Titel ziert, gekommen? EKR: Ich spiele damit auf die Struktur meines Lebens an. Wenn ich im Migros meine Zucchini in den Einkaufswagen lege oder jetzt hier mit Dir spreche, bin das ich, so wie ich privat bin. Wenn ich aber ein Video für 50'000 Franken drehe, ist das spektakulärer. Wenn ich auf die Bühne gehe und rappe oder wenn ich Texte schreibe, ist das der Rap von EKR und hat nichts mit Thomas zu tun. Mit dem Begriff Menschmaschine illustriere ich den Zustand zwischen Mensch und Künstler.
hitparade.ch: Im allgemeinen Sprachgebrauch steht EKR auch für die "Eidgenössische Kommission gegen Rassismus". Hat auch diese Tatsache Deine Entscheidung der Namenswahl nicht beeinflusst? EKR: Nein, mich hat es schon vor ihr gegeben. Per Zufall auf einer Suche im Internet bin ich darauf aufmerksam geworden, dass diese - und glaube ich auch die europäische - Kommission "meinen" Namen trägt. Das ist ein schöner Zufall! Rassismus ist etwas, das mich sehr stört. Das Zusammenleben funktioniert nur, wenn man aufeinander zugeht und ein Miteinander sucht.
hitparade.ch: Hat diese Einstellung auch Einfluss auf die Meinung Deiner Hörerschaft? EKR: Ja, das denke ich schon. Man sollte als Hörer die Grundeinstellung eines Künstlers schon herausspüren können. Für mich ist Hip Hop das richtige Medium, meine Gedanken zu äussern. Leider erscheint Hip-Hop-Musik Aussenstehenden häufig als sehr ignorant. Das ist aber auch sehr logisch, da es Musik von unterdrückten Menschen ist.
hitparade.ch: Mit Rap verknüpfen viele Leute gewalttätige Ausschreitungen, wofür vor allem die Konflikte an der East- und West Coast verantwortlich waren. Wie stehst Du zu dieser Problematik? Inwiefern denkst Du, beeinflusst das schlechte Image des Gangsta Rap Deine Arbeit als europäischer Rapper? EKR: Für viele Leute, denen es schlecht ging, war Rap ein Ventil. Der Rap hat aber die Gewalt genauso wenig erfunden wie Heavy Metal, der auch eine Zeit lang als Sündenbock hingestellt wurde. In Amerika gibt es Gewalt, seit es Amerika gibt. Rap-Musik ist einfach ein Spiegel, der das reflektiert - teilweise auch auf eine sehr dumme Art, das gebe ich zu. Vieles davon bietet keine Anleitung für ein sinnvolles Leben, sondern ist einfach die pure Wiedergabe von Umständen, in denen jemand sich vorfindet. Wenn man in Los Angeles vom Santa Monica Boulevard 20 Minuten weitergeht, denkt man plötzlich man sei 70 Jahre in die Vergangenheit zurückgereist. Da hat es zwei Meter tiefe Löcher in den Strassen, Wasserleitungen, die kaputt sind. Und wie gesagt: 20 Minuten davon ist L.A., worauf die ganze Welt wegen der Oscar-Verleihung den Blick heftet. Dass da Neid entsteht, kann ich verstehen. Und dass diese Äusserungen nicht erwachsen, nicht konstruktiv, sondern relativ plump sind, erklärt sich durch das tagtägliche negative Leben. Das hat auch seine Berechtigung.
Meine Musik empfinde ich als erwachsene Musik. Ich lasse sie in Gegenwart meines Kindes nicht laufen, denn sie ist nichts für Neunjährige. Wie es Filme gibt mit Gewalt und nackten Brüsten bietet meine Musik halt erwachsene Unterhaltung.
hitparade.ch: In den Staaten hat Rap und Hip Hop einen viel höheren Stellenwert als bei uns. Hast Du es schwerer in der Schweiz in diesem Genre? EKR: Von den Möglichkeiten her auf jeden Fall. Amerika hat eine ganz andere Musikkultur, eine lebende Musikkultur. Im Vermarkten von Musik sind sie die Meister. Ich denke, die Amerikaner sind sehr offene, begeisterungsfähige und spontane Menschen. Das sind Eigenschaften, die in der Schweiz manchmal schwierig zu finden. Damit ich in der Schweiz gut von der Musik leben kann, müssen mich sieben von zehn Leuten gut finden. Der Amerikaner hat die Freiheit, dass er nicht jeder Grossmutter oder jedem KV-Stift gefallen muss. Ob Rock oder Rap - beide Genres haben Millionen von Hörern.
hitparade.ch: Kannst Du Dir vorstellen, auf englisch zu rappen, es allenfalls im Ausland zu versuchen? EKR: Nein, nicht wirklich. Ich denke, dass wäre von den Erfolgschancen her auch überhaupt nicht realistisch. Rap ist auch immer Kommunikation - und das kann man nur in seiner eigenen Sprache richtig echt. Was interessiert es einen Engländer, was ein Europäer zu erzählen hat? Und die Amis interessiert es noch viel weniger. Man muss in London über London sprechen und in der Schweiz über die Schweiz. Phänomene wie Eminem und 50 Cent sind da einmalige Ausnahmen, die aber auch mit ganz anderen Mechanismen arbeiten.
hitparade.ch: "Kiosk", eine Cover-Version des Polo-Klassikers, ist einer deiner bekanntesten Songs. Wenn Du die freie Wahl hättest: welchen Song würdest Du gerne noch covern? EKR: Es gibt sehr viele Mani-Matter-Lieder, die ich extrem schätze. Ich denke, dass er einer der besten Schweizer Songwriter aller Zeiten ist. Seine Songs zu verarbeiten, ist mir auch fast zu heikel, weil ich fürchte, sie dadurch zur Sau zu machen. Auch viele Stiller-Has-Titel gefallen mir enorm gut. "Kiosk" war das einzige Lied, das ich gefunden habe, das sich gut in den Hip-Hop-Stil reinwürgen liess.
hitparade.ch: Du giltst als Rap-Urgestein in der Schweiz. Wie hat sich Deiner Meinung nach diese Szene in den letzten Jahren entwickelt? EKR: Die Vielfalt finde ich sehr erfreulich. Ich beobachte, dass viele Projekte durch eine gute Promotion schnell weit nach vorne kommen. Die sind dann aber auch relativ schnell wieder weg. Über die Länge kann nur das Substantielle wirklich Erfolg haben. Ein, zwei CDs reichen da nicht, sondern es braucht 40 davon. Rap ist ein so vielschichtiges Medium: vom Zuhälter-Strip-Club-Rap über den Biotopen-Studentenrap bis zu Rock-Rap gibt es alles. Das belebt die Szene und macht sie interessant. Ich finde zwar, dass vieles, das auf den Markt kommt, noch nicht wirklich reif ist bzw. dem entspricht, was ich dem Zuhörer bieten möchte. Aber es ist nicht meine Aufgabe, Leute herunterzumachen. Grundsätzlich ist jede Platte, die auf den Markt kommt, zu begrüssen. Auch Musik, die völlig anders ist als meine, ist interessant und hat ihre Berechtigung.
hitparade.ch: Und wie schaut Deine Zukunft und die Deiner Rap-Kollegen aus? EKR: Sehr gut. Die Jugend interessiert sich immer mehr dafür und je mehr die Masse es hört, umso kompetenter wird sie und kann abschätzen, was wirklich gut ist und was nicht. Am Anfang beurteilt man vielleicht nach Kriterien wie der Mode oder dem Tanzstil. Das sind aber oberflächliche Faktoren. Je mehr man sich damit auseinandersetzt, desto mehr kann man auch die gute Musik von einem hübschen Video unterscheiden.
hitparade.ch: MusicStar und DSDS veranstalten Castings, um einen künftigen Pop-Superstar zu finden. Wie fändest Du es, wenn eine Staffel sich explizit auf die Sache nach neuen Rap-Superstars begeben würde? EKR: In Österreich hat es so was glaube ich bereits gegeben. Ich finde das Format dieser Sendungen aber ganz grundsätzlich nicht sinnvoll, sondern kontraproduktiv. Einige Major Labels lenken damit von ihrer Ohnmacht dem Fakt gegenüber ab, dass die Plattenverkäufe extrem sinken. Sehr viel Geld wurde in schlechte Produkte ausgegeben und sie wissen nun nicht mehr, was sie machen sollen. Sie haben viele Buchhalter und Anwälte angestellt, dafür aber die kreativen Leute entlassen. Die kreativen Leute kosten nämlich bekanntlich viel Geld und geben auch sehr viel Geld aus. Drum nimmt man heute in einer Gruppe von 10 Million schreiender Girls die fünf hübschesten raus - schön ethnisch sortiert: drei Weisse, eine Dunkelhäutige und eine Asiatische, um politisch korrekt zu sein. Eine auf dem Sketchboard entstandene Werbekampagne ohne Inhalt und Substanz, dafür mit den richtigen Gesangs- und Tanzlehrern will dann eine Super-Band kreieren. Eine grosse Lüge wird dann zur Show. Das ist nicht die Art und Weise, wie die Beatles entstanden sind und mit der es Jimi Hendrix oder Beethoven geschafft haben. Musik kommt aus einer total anderen Ecke als sie es uns hier vorspielen. Sie tun so, als seien die Labels allmächtig. Wenn ich schöne Musik höre, interessiert es mich nicht, ob die Frau bildhübsch oder einfach eine normale Frau ist. Gott ist sehr gnädig und vergibt Talente, aber die Spiele vom Übermenschen, zum Beispiel einer Frau, die nicht nur die beste Stimme, sondern auch die längsten Beine, den besten Produzenten und die beste Kampagne hat, sind falsch, unnatürlich und dumm. Ich finde es respektlos der richtigen Kunst gegenüber, denn es gibt Leute, die auf mühsamste Art versuchen, mit ihrem Gitarrenrock oder Chanson an die Menschen zu kommen. Dass man diesen Menschen keine Chance gibt, weil sie einen unattraktiven Bart haben oder übergewichtig sind, ist doch der völlig falsche Umgang.
hitparade.ch: Der Albumtitel Deines neuesten Werkes - "Dunne mit em King" - ist eine Anspielung auf einen Klassiker von Run DMC. Betrachtest Du diese Vorreiterband auch als Deine persönlichen Vorbilder? EKR: Nein, das würde ich nicht so sagen. Ich stand damals vor allem auf die Ultra Magnetic MCs - das waren sozusagen die Avant-Garde-Gegner von Run DMC. Letztere mochte ich schon auch, denn sie waren auch wirklich Vorreiter. Gerade in den Staaten geniessen sie Legendenstatus. Sie haben viel zur Öffnung der Rap-Musik beigetragen - zum Beispiel die Geschichte mit Aerosmith. Mir haben aber schon damals die untergründigen Sachen besser gefallen.
hitparade.ch: Warum hast Du Dich für ein Doppel-Album entschieden. Nelly zum Beispiel hat zwei unabhängige Alben gleichzeitig veröffentlicht. Du hättest Dir auch einige Songs für spätere B-Seiten aufbehalten können… EKR: Naja, die Singles die sterben halt langsam, weil auch der Vinyl-Markt am Eingehen ist. Das ist schade, denn ich bin ein grosser Vinyl-Fan; aber die Zeit bleibt halt nicht stehen.
Ich bin lange davon ausgegangen, gewisse Lieder zum Beispiel für eine EP oder eine B-Seite aufzubehalten. Relativ spät während der Entstehung des Albums gab mir EMI aber Bescheid, dass es möglich wäre, eine Doppel-CD für den gleichen Preis zu lancieren. Diese Idee hat mir gefallen, da so auch für ein Video und ein dickes Booklet Platz war. Mit dieser Aufmachung ist der Besitz des Albums in MP3-Zeiten eine gute Alternative.
hitparade.ch: Du hast schon einige Alben veröffentlicht. Inwiefern hast Du Dich seit Deinem Erstlingswerk von 1995 persönlich und musikalisch weiterentwickelt? EKR: Das neue Album klingt am ehesten so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich fühle mich wie ein Maler, der immer näher an das rankommt, was er mitteilen will. Bei früheren Produktionen hatte ich noch nicht die heutigen Möglichkeiten. Auf der ersten CD habe ich die meisten Stücke auf meinem Kassettenrekorder aufgenommen. Ich habe das damals einfach aus Schwachsinn gemacht, nachdem ich in New York Leute gesehen hatte, die auf diese Weise Alben produzierten. Big Daddy Kane, LL Cool J, alle produzierten sie damals so. Heute will den Sound niemand mehr hören. Mich stört es aber nicht, wenn man bei einer alten Wu-Tang-Clan-Platte heraushört, dass die technische Machart begrenzt war. Dafür sind diese alten Sachen spontaner. Zum neuen Album zurück: Ich bin sehr glücklich damit. Vom künstlerischen Aspekt her kann ich mich nicht beurteilen - man ist immer in einem Wandel drin und der lässt sich nicht als gut oder schlecht bewerten.
hitparade.ch: Was für Erwartungen hast Du hinsichtlich der Wirkung des Albums? EKR: Ganz am Anfang, als ich anfing, Raps zu schreiben, hatte ich noch null Erwartungen und war nur aus Spass und Fan dabei. Irgendwann begann ich, das grössenwahnsinnige Gefühl zu haben, dass Lieder etwas bewirken oder verändern können. Von dem Pferd bin ich dann relativ schnell heruntergefallen. Mittlerweile sind die Erwartungen wieder sehr gering. Ich freue mich, auf das was kommt - und was nicht kommt, bedauere ich nicht. Das neue Album schlägt wieder einen eigenen Weg ein - und das zu beobachten, macht mich happy.
hitparade.ch: Was sind Deine weiteren Pläne für dieses Jahr? EKR: So viele Konzerte wie möglich zu spielen, eine lässige Zeit mit guten Leuten und Spass zu haben.
hitparade.ch: Wir haben traditionsgemäss noch die aktuelle Schweizer Hitparade dabei und uns interessiert, welche Songs Du kennst und was Du zu ihnen meinst.
10. Mary J Blige - Be Without You EKR: Sie finde ich super. Das ist vermutlich eine der besten Sängerinnen im Moment.
9. Madonna - Hung Up EKR: Sie interessiert mich nicht mehr
6. Chris Brown feat. Juelz Santana - Run It! EKR: Den habe ich vor zwei bis drei Monaten schon sehr oft gehört.
Abgesehen von diesen Songs kenne ich keinen der Top10.