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Der Waltensburger Meister ist ein unbekannter Künstler des 14. Jahrhunderts, der an 20 Orten im Kanton Graubünden seine Werke realisiert hat. Der Kunsthistoriker Erwin Poeschel erachtete Mitte des 20. Jahrhunderts die Passion an der Nordwand der Kirche von Waltensburg/Vuorz als sein Meisterwerk. Daher gab er ihm den Notnamen "Waltensburger Meister".
Vermutlich stand er einer Werkstatt mit mehreren Mitarbeitern vor. Wo sie sich befand, ist nicht bekannt.
Verschiedene Hinweise erlauben es, das Wirken des Waltensburger Meisters im 14. Jahrhundert anzusetzen. Dazu gehören die Baugeschichte der Kirchen und Kapellen, in denen er tätig war, sowie Kleidung und Ausrüstung der dargestellten Figuren, deren Gebrauch anhand von Ausgrabungen recht genau datiert werden kann. Auch Werke anderer Künstler geben Hinweise, so die Manessische Liederhandschrift, deren Abbildungen viele Parallelen zu den Figuren des Meisters aufweisen. Sie stammt aus dem 14. Jahrhundert.
Die Bilder des Waltensburger Meisters umfassen das im Mittelalter zur Tradition gewordene Schema mit Evangelistensymbolen, Apostelreihen, Heiligenreihen, biblischen Zyklen oder Heiligenviten.
Herausragend und meisterhaft an seiner Arbeit ist die Umsetzung vom Bildaufbau und der Komposition ganzer Geschichten über die Darstellung der einzelnen Figuren bis zu den Details von Mimik und Gesten.
Auch wenn oft generell Wandmalereien als Fresken bezeichnet werden, hat der Waltensburger Meister im tatsächlichen Sinn "al fresco" gemalt. Er hat also die Farben auf den noch frischen (feuchten) Verputz aufgetragen. Beim Abbinden sind Pigmente und Verputz eine chemische Verbindung eingegangen, die auch nach 700 Jahren hält. Daher leuchten seine Bilder in kräftigen Farben, wo auch Jahrhunderte jüngere Bilder bereits stark verblasst sind.
Die Werke des Waltensburger Meisters „sind zweifellos die bedeutendsten der ganzen Region und mit von den wichtigsten des ganzen Landes“ (Joseph Gartner: Kunstgeschichte der Schweiz, 1947). Seine Werkgruppe zählt „zu den besten Leistungen hochgotischer Kunst nördlich der Alpen“ (Alfons Raimann: Gotische Wandmalerei in Graubünden, 1983). Für Marc Antoni Nay besteht seine grösste Leistung darin, dass es ihm gelungen sei, "bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts Emotionen durch Mimik, Gestik und Körperhaltung auf eine Weise erlebbar zu machen, die auch heute noch beim Betrachten seiner Bilder nachempfunden werden kann." (Marc Antoni Nay, Daniel Bolliger: Die Kirche Waltensburg und ihre Wandmalereien. GSK-Kunstführer, 2017).
Die Bedeutung des Waltensburger Meisters besteht aber auch ganz profan darin, dass er und seine Werkstatt alle Werke im Kanton Graubünden gemalt haben und dass 14 Werke an 13 Orten in Sakralbauten frei zugänglich sind. Möglicherweise sind seine Bilder typisch für das Passland Graubünden: die Freskotechnik kommt aus Italien, die Bildmotive aus dem Raum Zürich und Bodensee, der Heimat der Manessischen Liederhandschrift - und mittendrin in Graubünden der Waltensburger Meister.