Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03409.jsonl.gz/1262

(Bern) Stellungnahme des Schweizerischen Bühnenverbands zur öffentlichen Diskussion über das Zürcher Theater am Neumarkt
Die Diskussionen, die um das Theater am Neumarkt geführt werden, sind ein Warnsignal. Sie zielen im Allgemeinen auf die Gewährung von Theatersubventionen. Im Besonderen zielen sie auf die Existenzberechtigung eines subventionierten Theaterhauses in Zürich. Sie sind eine Debatte um die blosse Form, nicht um die Funktion, aus der sich die Form des subventionierten Theaters erst ergibt.
Eine solche, rein wirtschaftliche Beurteilung von Theater geht an seiner Existenzbegründung vorbei; wenn Theater so beurteilt wird, endet, was wir als Kunstform bislang unter Theater kannten.
Wie öffentliche Bildungseinrichtungen und andere von der öffentlichen Hand getragene Institutionen unterliegen auch Kultureinrichtungen anderen Beurteilungskriterien; das subventionierte Theater ist nicht dazu geeignet, an bloss ökonomischen Effizienzkriterien gemessen zu werden – die ökonomische Auflage der Budgetwahrung hat das Theater am Neumarkt erfüllt.
Seine ‹Effizienz›– im wörtlichen Sinn seine Fähigkeit, etwas hervorzubringen, herzustellen und zu bewirken – ist es, mit den vorhandenen finanziellen und anderen Mitteln Theater zu produzieren; die Existenzberechtigung – und damit auch seine Subventionierung – entnimmt es dem öffentlichen (gesetzlich wie vertraglich geregelten) Kulturauftrag. Dieser Kulturauftrag und die (Aus-)Bildungsverpflichtung sind die conditio sine qua non des subventionierten Theaters.
Die Berechtigung für Subventionen beruht auf diesem kulturellen Auftrag: auf der Verpflichtung, Theater als Spiegel der Gesellschaft zu betreiben und die Tradition des Theaters von Aischylos über Schiller und Marivaux, Schnitzler und Brecht bis Frisch, Bärfuss oder Heckmanns mit zeitgenössischer Sensibilität und Ästhetik weiterzuentwickeln. Ein Stadttheater wie das Theater am Neumarkt tut dies in jener Kontinuität, die dem Repertoiretheater eigen und der es verschrieben ist. Mit einem eigenen Ensemble ist es bewusst zwischen dem Theaterhaus Gessnerallee, Koproduktionsort der freien Szene, und dem grossen Zürcher Schauspielhaus positioniert – das ist schweizweit einzigartig und so nur in Zürich denkbar.
Der blosse – und in ersten Spielzeiten traditionell mögliche – Verlust von Publikum ist nicht dazu angetan, die Theaterhäuser untereinander auszuspielen. Die subventionierten, also mit einem Kulturauftrag versehenen Theater müssen vielformatig denken, konzipieren, organisieren und produzieren, um Publikumserwartung, Kulturauftrag und künstlerischen Anspruch unter einen Hut zu kriegen. Sonst gilt nur noch das Kriterium der Publikumserwartung, das m. E. dem der blossen ökonomischen Rentabilität am nächsten kommt.
Deshalb müssen Herausforderungen anders angegangen werden als mit dem alten Schema der Subventionskürzung oder Schliessung. Im Rahmen seines Budgets muss jede subventionierte Institution grösstmögliche künstlerische Risiken eingehen dürfen. Dieser Auflage entsprach auch das Theater am Neumarkt.
Zürich braucht ein Haus, das bewusst zwischen freier Szene und etabliertem Stadttheater agiert – das Theater am Neumarkt. Eine weltoffen angelegte und denkende Stadt wie Zürich sollte stolz darauf sein.
Weitere Auskünfte:
Stephan Märki, Präsident des Schweizerischen Bühnenverbands, Tel. 031 329 51 02