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Der Monarchfalter (oben) wird von Vögeln gemieden, weil er giftig ist. Der Falter Limenitis archippus (unten) ahmt den Monarchfalter bis ins Detail nach – und wird so ebenfalls verschont, obwohl er für einige Vögel geniessbar wäre.
Hakan Yakin eignet sich anscheinend perfekt als Kopiervorlage. Jedenfalls machen sich derzeit mehrere Imitatoren einen Spass daraus, den Fussballer im Schweizer Fernsehen zu parodieren. Auch andere Prominente wie Alain Sutter oder Christoph Mörgeli dienen den Komikern als gefundenes Fressen.
Das Prinzip des Kopierens ist nicht nur unter Menschen, sondern auch im Tierreich weit verbreitet. Nur werden hier nicht die Exzentrischen, sondern die Gefährlichen, Ungeniessbaren und Giftigen kopiert. Ziel der sogenannten Mimikry ist nicht das Amüsement, sondern das nackte Überleben. Das Prinzip ist schnell erklärt: Das ungefährliche Schaf zieht sich einen Wolfspelz über – und schon wagt keiner mehr, das harmlose Wesen anzugreifen.
Besonders viele Imitationsschwindler tummeln sich unter den Tagfaltern. Immer wieder stossen Forscher auf zwei oder mehrere Schmetterlingsarten, die sich aufs Haar gleichen, obwohl sie zu unterschiedlichen Familien gehören. So ist zum Beispiel der Falter Limenitis archippus kaum vom bekannten Monarchfalter zu unterscheiden; er imitiert den Monarchfalter, weil dieser für Vögel giftig ist. Da Vögel die beiden Arten nicht auseinanderhalten können, fressen sie also auch den Imitator nicht, obwohl einige ihn durchaus verdauen könnten. Für den Limenitis archippus ein entscheidender Überlebensvorteil.
Die Raupe des Mittleren Weinschwärmers gibt sich bei Gefahr als Schlange aus. Zieht sie den Kopf und die ersten Segmente ein, wird sie dicker, und zwei «Augenpaare» werden sichtbar. Um den Eindruck eines Schlangenkopfs zu verstärken, wiegt sie sich hin und her.
Schmetterling mit Wespentaille
Eine andere Form der Mimikry haben diejenigen Schmetterlinge entwickelt, die auf der Flügeloberseite Augenflecken zeigen. Wenn sie bei Gefahr die Flügel aufklappen, sieht sich der Angreifer plötzlich mit einem bedrohlichen Gesicht konfrontiert.
Am weitaus häufigsten kopieren die Tagfalter aber Wespen, Hummeln oder Hornissen. Der einheimische Hornissen-Glasflügler beispielsweise hat nicht nur deren gelb-schwarze Tarnfarbe übernommen, sondern auch die typische Körperform mit Wespentaille und schmalen, durchsichtigen Flügeln. Um die Illusion glaubhaft zu machen, ist die Nachtfalterart sogar tagaktiv geworden.
Insgesamt wurden bisher allein in Mittel- und Westeuropa rund 300 wehrlose Tierarten identifiziert, die die schwarz-gelbe Warntracht imitieren. Am bekanntesten sind wohl die harmlosen Schwebfliegen, die ganz nach Wespenmanier über den Gartentisch schweben.
Besonders beliebte Kopiervorlagen sind auch die Schlangen. Die harmlose Blindschleiche – eigentlich eine Eidechse – gibt sich als gefährliches Reptil aus, aber auch ein paar grosse Schmetterlingsraupen mas-kieren sich entsprechend. Kakerlaken und einige Meisen zischen wie eine Schlange, wenn sie sich bedrängt fühlen. Und der Schlangenaal ist zwar ein friedfertiger Fisch, ahmt aber die hochgiftige Gelblippen-Seeschlange nach.
Mehrere einheimische Spinnen geben sich den Anschein, Ameisen zu sein. Auf viele Feinde wirkt das abschreckend, da Ameisen dank ihrer Säuredrüsen äusserst wehrhaft sind.
So erfolgreich das Schaf-im-Wolfspelz-Prinzip ist es hat auch seine Tücken. Denn die Imitation funktioniert nur, so-lange das nachgeahmte Vorbild zahlreich vorkommt. Wird die Vorlage zu selten oder stirbt sie gar aus, ist es auch um den Bluffer geschehen. Denn eines ist klar: Auch der Feind lernt schnell.
Wer sich mit rot-schwarz-gelb gestreiften Korallenschlangen der Gattung Micrurus anlegt, zieht meist den Kürzeren. Das gilt für den Menschen, aber auch für Tiere, die die schlechte Idee haben, dem schönen Reptil zu nahe zu kommen. Denn sein Biss ist meistens tödlich.
Wer sich hingegen mit den rot-schwarz-gelb gestreiften Korallenschlangen der Gattung Lampropeltis anlegt, braucht sich nicht zu fürchten. Obwohl diese den Micrurus-Arten stark ähneln, sind sie völlig harmlos. Ein klassischer Fall von Mimikry also? Stimmt – doch ganz so einfach, wie es scheint, ist es diesmal nicht.
Der einheimische Hummelschwärmer ist eigentlich ein Schmetterling. Doch als Kopie einer Hummel lebt es sich deutlich weniger gefährlich.
Erkenntnis kommt mit dem Tod
Damit die harmlose Korallenschlange von ihrer Warnfärbung profitieren könnte, müssten ihre Fressfeinde erst lernen, dass viele Schlangen dieser Färbung gefährlich sind. Doch genau das ist in diesem Fall nicht möglich. Denn entweder greifen die Räuber eine harmlose Art der Gattung Lampropeltis an und verschlingen sie, oder sie werden von einer giftigen Korallenschlange der Gattung Micrurus gebissen und verenden. Die Erkenntnis ist dann nur von sehr kurzer Dauer.
Für den deutschen Forscher Robert Mertens war deshalb klar, dass die tödlichen Korallenschlangen unmöglich als Kopiervorlage in Frage kommen. Nun leben in Nord- und Südamerika aber noch andere, sehr ähnlich gemusterte Schlangenarten, die ebenfalls giftig, aber nur selten tödlich sind. Mertens stellte daher die Theorie auf, dass es diese mässig gefährlichen Arten sein müssen, die von den anderen Reptilien imitiert werden. Dann wären also auch die tödlichen Micrurus-Arten Kopisten und profitierten von der Warntracht der mittelgefährlichen Arten.
Diese sogenannte Mertenssche Mimikry, bei der hochgefährliche Arten weniger wehrhafte nachahmen, findet noch heute Eingang in viele Lehrbücher. Ausser bei den Korallenschlangen konnte diese Spielart des Täuschens allerdings bei keinem anderen Tier gefunden werden. Daher ist sie heute bei den meisten Forschern umstritten. Man nimmt inzwischen an, dass die Korallenschlangen der Gattung Micrurus vielleicht doch nicht ganz so tödlich sind, wie man immer dachte.
Trotzdem ist es ratsam, in Amerika den folgenden Merkspruch zu lernen: «Red on yellow, kill a fellow; red on black, venom lack» (Rot auf Gelb tötet; Rot auf Schwarz hat kein Gift). Das Problem dabei ist allerdings, dass sich der Spruch nur auf einen Teil der 75 Korallenschlangenarten anwenden lässt.
Da haben die Biologen nicht besonders genau hingeschaut: Die einheimische Orchidee namens Spinnen-Ragwurz ahmt nicht etwa eine Spinne, sondern eine Sandbiene nach. Die Hummel-Ragwurz lockt in Wahrheit die Langhornbiene (Pro-Natura-Tier 2010) an. Und die Fliegen-Ragwurz wiederum imitiert keine Fliegen, sondern Grabwespen.
Glücklicherweise schauen auch die von Orchideen der Gattung Ophrys nachgeahmten Insekten nicht genau hin. Denn nach Jahrmillionen der Evolution fallen sie noch immer auf den Trick der bildhübschen Blumen herein. Diese geben sich nämlich in Optik und Geruch als begattungsbereites Weibchen aus. Versucht nun ein liebestolles Männchen, die Attrappe zu begatten, drückt ihm die Orchidee eine Ladung Pollen auf den Rücken – in der Hoffnung, dass das Insekt woanders erneut auf den Betrug hereinfällt und eine weitere Ragwurz besucht.
Allerdings sind die Insekten intelligenter, als man vermuten würde. Bei der vermeintlichen Kopulation bemerken sie nämlich, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Riechen sie später denselben Blütenduft erneut, lassen sie sich nicht mehr verführen. Doch auch dieses Problem wissen die Orchideen zu meistern: Jede Blüte verströmt einen etwas anderen Duftcocktail; nur so können die Insekten mehrmals übertölpelt werden.
Unter den Korallenschlangen gibt es harmlose und tödliche Arten. Doch wer ahmt hier wen nach?
Totale gegenseitige Abhängigkeit
Wie genau die Düfte der Orchideen der Gattung Ophrys zusammengesetzt sind, hat das Team um Florian Schiestl vom Institut für Systematische Botanik der Universität Zürich untersucht. Die Forscher fanden heraus, dass die Düfte aus bis zu 50 verschiedenen Komponenten bestehen. Keine Pflanze zeigt genau dieselbe Zusammensetzung wie die andere. Trotzdem ist der Duft bei den meisten Arten derart spezifisch, dass sie damit nur eine einzige Insektenart anlocken.
Die Pflanzen haben ihre Anpassung an nur einen Bestäuber im Lauf der Evolution perfektioniert. Das kann zum Problem werden: Stirbt das imitierte Insekt in einem Gebiet aus, ist es auch um die Orchideenpopulation geschehen. «Beim Schutz der Ochideen ist es daher wichtig, auch die Bestäuberinsekten zu schützen», sagt Florian Schiestl. Das vergesse man meist.
Allerdings lägen bei 95 Prozent aller Orchideenarten noch gar keine Kenntnisse über deren Bestäuber vor, so Schiestl. Erst vor drei Jahren hat er gemeinsam mit seinem Team herausgefunden, dass etwa die einheimische Kleine Spinnen-Ragwurz auf eine Sandbienenart spezialisiert ist.
Während die Ophrys-Arten als sogenannte «Sexualtäuschblumen» gelten, versuchen es die Knabenkräuter auf eine andere Tour. Viele machen den Bestäubern durch Form und Farbe vor, sie hätten viel Nektar zu bieten. In Wahrheit gibt es bei ihnen kein Milligramm des süssen Trunks zu holen. Einige Knabenkräuter ahmen gleichzeitig andere Pflanzen nach; das südosteuropäische Borys Knabenkraut zum Beispiel gibt sich als attraktiver Thymian aus.
Ebenfalls sehr attraktiv, wenn auch nur für Aasfliegen, wirken diejenigen Orchideen, die ein verwesendes Stück Fleisch imitieren. Ihrer bräunlich-schmutzigen Farbe und ihrem übelriechenden Geruch kann keine Fliege widerstehen.
Die Hummel-Ragwurz (links) wendet einen ganz speziellen Trick an, um Insekten anzulocken: Sie gibt sich als begattungsbereite Langhornbiene aus (rechts).
Böse ist, was in der «Höhle» lauert
Mit welchen Tricks der attraktive Frauenschuh die Bestäuberinsekten anlockt, war lange unklar. Vor allem für Sandbienen wirkt die grosse Blüte anziehend – obwohl sie die Insekten weder farblich noch im Geruch nachahmt. Des Rätsels Lösung: Der Frauenschuh gibt sich als Höhleneingang eines Sandbienennests aus. Das Bouquet entspricht genau den Duftmarken, die die Sandbienen am Nesteingang setzen. Auch das Einschlupfloch ahmt der Frauenschuh perfekt nach.
Der Trick klappt, weil sich die Sandbienen nicht nur für ihr eigenes Nest, sondern auch für das ihrer Artgenossen interessieren; die diebischen Insekten vergreifen sich nämlich gern an deren Pollenvorräten. Zudem legen sie ab und zu auch ihre Eier in ein fremdes Nest.
Immerhin ist der Frauenschuh keine fleischfressende Pflanze. Er entlässt die Bienen wieder aus der vermeintlichen Höhle, allerdings nicht ohne ihnen seine Pollen auf den Rücken zu drücken. Gefährlich ist der Besuch der Blüte trotzdem: In ihrem Innern lauern oft perfekt getarnte Krabbenspinnen, die sich über jeden Passanten hermachen.
Noch einfacher und perfider macht es die australische Stachelspinne. Sie gibt sich gleich selbst als attraktive Blüte aus und lauert auf Beute.
Der Frauenschuh zieht vor allem Sandbienen an. Wenn die Insekten in die Blüte krabbeln, werden sie durch einseitig ausgerichtete Reusenhaare in Richtung Hinterausgang getrieben. Dort drückt ihnen die Pflanze eine ordentliche Portion Pollen auf den Rücken.