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Zum ersten Mal im Niger
Ein paar Tage später bin ich in Niamey. Ich komme als letzter aus dem Flughafengebäude. Moussa empfängt mich voll Freude: "Ich war plötzlich nicht mehr sicher, ob ich mich im Tag geirrt habe, aber wenn du nicht gekommen wärst, so hätte ich hier einfach gewartet - eine ganze Woche, wenn's hätte sein müssen."
Moussa und der Hausbau im Niger
Ich habe Moussa im Januar 2011, kurz nach meiner ersten Begegnung mit Ousmane, kennengelernt. Damals bin ich zwei Wochen mit ihm durch Burkina Faso gereist. Dabei hat er mir viel von sich und seinem harten Leben als Koranschüler und seinem seitherigen Existenzkampf als lese- und schreibunkundiger Handlanger erzählt. Nach einigen Tagen hatte er mich als seinen Vater adoptiert, und als wir uns trennten gab ich ihm das Geld für den Kauf eines Esels und eines Eselskarrens. Damit könnte er Transporte machen und hie und da ein wenig Geld verdienen, sodass er nicht mehr, wie bis dahin, betteln müsste, um seine Frau und seine 5monate alte Tochter zu ernähren, wenn er wieder wochenlang keine rechte Arbeit hat.
Tatsächlich haben Moussas Hoffnungen sich erfüllt. schon am ersten Abend im Hotel in Niamey erzählt er mir voll Begeisterung von seiner Arbeit mit dem Esel. Dank diesem sei es ihnen im letzten Jahr viel besser gegangen. Er habe seinem 85jährigen Vater sogar einige Male etwas Geld nach Gao schicken können, und für den Kauf eines Grundstücks habe es schliesslich auch noch gereicht. Ich hatte schon am Telefon ein- oder zweimal angedeutet, dass ich gerne dabei wäre, wenn er sich ein Haus baue. Damit war für ihn klar, dass wir bauen würden. Noch am ersten Abend begannen wir mit dem Planen.
In Makalundi, einem in der Nähe der Grenze zu Burkina Faso gelegenen, rund 500 EinwohnerInnen zählenden Dorf zeigte er mir das Grashaus, in dem er mit seiner Frau und den mittlerweile zwei kleinen Kindern wohnte. Dann führte er mich zu der Latrine, die er im Hinblick auf seine künftige Wohnstatt gegraben hatte. Ein kreisrundes Loch von einem Meter Durchmesser und sieben Meter Tiefe - senkrechte Wände in schwerem Lehmboden. Ich glaube, dieses Loch gab den Ausschlag. Dieses Loch, seine schwieligen Hände und die Freude, mit der er mich am Flughafen empfangen und mir von seiner Arbeit erzählt hat. Moussa redete nicht nur von Veränderung; er packte an, und das Haus war sein nächstes Projekt - seines und meines.
Während der folgenden beinahe sieben Wochen half ich ein dem Stil des Dorfes entsprechendes Haus aus ungebrannten Lehmsteinen mit dem ortsüblichen Wellblechdach, einer Metalltür und vier kleinen Fensterchen sowie eine rund 120 Meter lange Mauer um das Grundstück zu bauen. Alles von Hand und alles mit dem Lehm, dem Wasser und den rund 30 Tonnen Steinen, die Moussas kleiner Esel Ashim auf seinem zweirädrigen Karren heranschleppte, und die wir bei 35 oder 40 Grad Hitze und prächtiger Sonne Stück um Stück verbaut haben. Es dauerte eine Weile bis die Brüder von Moussas Frau und die anderen Helfer, die sich täglich auf unserer Baustelle einfanden, begriffen hatten, dass ich tatsächlich lieber mitarbeitete, statt, wie es sich für einen alten Mann gehört, im Schatten zu sitzen und mich auszuruhen. Doch nach und nach begriffen sie, und wir wurden zu einem stolzen, immer besser funktionierenden Team.
Jeden Tag kamen neue Menschen vorbei, um sich Moussa's ungewöhnlichen Besuch anzusehen. Sie standen auf der Strasse oder im Hof und kommentierten meine Arbeit. Ich weiss nicht, worüber man in Makalundi mehr sprach, ob darüber, dass ich als Weisser sieben Wochen lang in ihrem Dorf gelebt und die Hitze und alles ertragen habe, oder ob darüber, dass ich als blinder Mann beim bauen der Hofmauer geholfen habe, als ob ich nie etwas anderes getan hätte. Ich war auf jeden Fall ein Gesprächsthema! Dabei - das versteht sich von selbst - haben nicht nur die Menschen dort über mich gestaunt und von mir gelernt; auch ich habe viel, sehr viel gelernt und gestaunt.
Es ist unmöglich, die ganzen Erlebnisse und Ereignisse dieser Wochen in Makalundi und Niamey in der hier gebotenen Kürze wiederzugeben. Da ist die trockene karge Gegend, die dürren Wälder oder das, was man im Sahel "Wälder" nennt; da ist die merkwürdige Fremdheit zwischen Männern und Frauen, die wie in zwei beinahe getrennten Sphären Leben; da ist die Allgegenwart von Krankheit und Tod; die kleinen und grossen Gräber überall; das Staunen von Moussas Schwagern darüber, dass sie im Stande sind ohne einen ausgebildeten Maurer eine Mauer, ja ein ganzes Haus zu bauen; da ist Moussa mit seinen Geschichten, seinem Lachen, seiner Geduld und seiner Arbeitswut; da sind unsere Abstecher nach Niamey, um neues Material zu kaufen, und ein wenig auszuruhen von der Bauerei; da ist Ibra, der gesprächige Hotelier in Niamey und da ist der Fluss Niger und die überraschenden Büschel Gras an seinem Ufer; da ist die Pfuscharbeit des Schlossers, der unsere Türen und Fenster machen sollte; da sind die heissen Stunden im Bus zwischen Niamey und Makalundi und die abendlichen Spaziergänge zum kleinen Markt vorne an der Hauptstrasse, wo wir Moussas Handy und mein Netbook aufladen; da sind die Gespräche mit Adi, der kaum französisch kann, aber doch wissen will, wie's draussen in der Welt ausschaut und wo China liegt; da ist die immer wiederkehrende naive Frage, weshalb ich Moussa - "le petit" - nicht mit mir nach Europa nehme; da ist die Stille in einem Dorf, wo es noch keinen Strom, dafür viele Ziegen und Schafe, Kühe und Esel gibt; da ist die Freude über einen ersten Regen und die Spekulationen, ob es nun wohl gleich losgeht mit der Regenzeit; da ist Moussa's ältere Schwester, deren Mann krank zu hause liegt - unterernährt, wie die Ärzte sagen ; da sind die Polizisten vorne an der Strasse - die Mittelschicht des Dorfes, Menschen mit gutem Salär und soliden Häusern mit eigenem Strom; da ist die Hauptstrasse nach Ouagadougou und da sind die Büsche, die uns als Toilette dienen, kein Problem, weil das, was die Menschen hier hinterlassen von der Sonne schnell getrocknet und von den Eseln gefressen wird; da ist auch die Monotonie und die Klage über die mangelnde Solidarität im Dorf; da ist die Enge und Hilflosigkeit, mit denen man in seinem ererbten Leben steckt; da ist der Kampf zwischen den Viehzüchtern und den Ackerbauern; da ist die Bescheidenheit und Ruhe vieler menschen und als Zwilling ihrer Gottergebenheit ihre Apathie; da ist der weite Himmel über uns und die draussen zugebrachten Nächte ... Wie gesagt: Es ist zuviel, um es hier alles zu berichten. Nur soviel sei gesagt: es war eine gute Zeit, in der ich meinen Helferblues und meinen Missionarskoller schnell vergessen habe, denn hier hatte ich Arbeit und Spass und Freunde. Ich hatte allerdings kaum Kontakt mit dem Dorf. Wir waren zu sehr mit dem Bauen beschäftigt. ich will deshalb Ende November noch einmal in den Niger fahren und ein paar Monate in Makalundi zubringen. Ich will sehen, wie sich das Leben meiner Familie weiter entwickelt; aber ich will vor allem auch sehen, ob ich etwas für das übrige Dorf tun kann.
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