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Vom 26. bis 31. August findet in Engelberg ein internationales Symposium zur biologischen Bekämpfung invasiver Pflanzen statt. Dazu einige Fragen an Keynote-Speaker und Mitorganisator Heinz Müller-Schärer von der Universität Freiburg.
Herr Müller-Schärer, Sie sind Mit-Organisator einer Tagung über die biologische Bekämpfung invasiver Pflanzen. Worum geht es da?
Von den Pflanzenarten, die wir in der Schweiz haben, sind 20 Prozent eingewandert. Ein Prozent, d.h. ca. 40 Arten machen Probleme. Das heisst, sie sorgen etwa für gesundheitliche Probleme, Ernteausfälle oder reduzieren die Biodiversität, weil sie einheimische Arten verdrängen. Die Frage ist: Wie bekämpft man diese problematischen Arten? Sie können das mechanisch machen: durch Ausreissen, Mähen oder Abbrennen. Das ist aber ein riesiger Aufwand und kaum praktikabel. Sie können chemisch mit Herbiziden gegen problematische Pflanzen vorgehen, was aber aus guten Gründen meist verboten und viel zu teuer ist. Die dritte Variante ist die biologische Bekämpfung durch den Import ihrer natürlichen Feinde aus dem Herkunftsgebiet. Dafür kann man aber natürlich nicht irgendeinen Fressfeind nehmen. Bevor man das tut, muss sichergestellt sein, dass der Feind nur diese Pflanze bekämpft und nicht selber für neue Probleme sorgt.
Können Sie das an einem Beispiel zeigen?
Zuerst muss ich sagen, dass wir in der Schweiz noch nie eine Art importiert haben, um eine andere zu bekämpfen. Wie das funktionieren könnte, haben wir aber in den letzten Jahren sehr gut anhand der Ambrosia-Pflanze und des Blattkäfers Ophraella communa studieren können. Ambrosia ist ein äusserst unangenehmes Unkraut. Es ist ein Ackerunkraut in verschiedenen Kulturen und sorgt bei vielen Menschen für allergische Reaktionen bis zu Asthma. Und dafür reicht bereits eine halb so grosse Pollenkonzentration, wie beispielsweise bei Birken- oder Gräserpollen. Wir haben kürzlich errechnet, dass sich die zur Zeit Gesundheitskosten durch Ambrosia-Pollen in Europa aktuell auf 9 Milliarden Euro jährlich belaufen. Dies, weil die Leute sich Medikamente kaufen müssen oder am Arbeitsplatz ausfallen.
In den letzten Jahren ist aber auch der Ophraella-Käfer hier aufgetaucht, der, wie auch die Ambrosia, aus Nordamerika stammt. Zunächst vor allem in der Gegend des Flughafens Milano-Malpensa und im Tessin. Und dieser Käfer frisst Ambrosia, und wie! Wir wussten aber ehrlich gesagt zuerst nicht, ob wir uns darüber freuen sollten.
Warum?
Wir hatten schon nach natürlichen Feinden der Ambrosia gesucht, hatten diese Ophraella-Art aber nicht auf unserer Liste, denn sie findet auch Sonnenblumen schmackhaft. Also haben wir über die letzten 4 Jahre eine Reihe von Wirtsspezifitäts-Untersuchungen in unserer Quarantäne an der Universität Freiburg, aber auch im Feld in Norditalien durchgeführt – und wir wurden positiv überrascht. Am meisten Ophraella-Käfer gibt es im Herbst – dann, wenn auch Ambrosia blüht. Die Sonnenblumen hingegen werden schon im August geerntet und der Schaden ist minimal und nicht relevant.
Ophraella hat sich nun schon bis nach Kroatien und Slowenien ausgebreitet. Wir haben berechnet, dass es mit einer aktiven Verbreitung des Käfers in Europa 2.6 Millionen weniger Allergie-Patienten geben könnte, wodurch sich Kosten von rund 1.7 Milliarden Euro pro Jahr einsparen liessen. Das zuständige Ministerium in Frankreich hat bereits reagiert und beschlossen: sollte der Käfer auf natürlichem Weg nach Frankreich einwandern, soll nichts unternommen werden, um die Spezies zu bekämpfen.
Wie wichtig ist nun diese Tagung in Einsiedeln?
Sehr. Es werden ca. 250 Forschende aus 35 Nationen anwesend sein. Und diese neuen Arten kommen ja immer von irgendwo her! Das heisst, jemand am anderen Ende der Welt hat Erfahrungen mit dieser Art, weiss, wie sie sich dort verhält und von wem sie gefressen wird. Unsere Arbeit ist also immer international. Ausserdem kümmern sich die Arten wenig um Landesgrenzen. In Nordamerika müssen sich drei Regierungen einig sein, um griffige Regeln für einen ganzen Kontinent zu erlassen. In Australien und China sogar nur eine. Im stark fragmentierten Europa ist zu hoffen, dass sich die Zusammenarbeit noch weiter verbessert, denn nur so können die Probleme, welche einige Arten verursachen, koordiniert und wirksam bekämpft werden – hoffentlich bald auch mit ihren natürlichen Feinden.