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Sechs Fragen an die Übersetzer
par Viceversa
Publié le 29/11/2004
Wie entstand das Projekt zu dieser Anthologie? Welches waren die Schwierigkeiten während der Arbeit an der Auswahl, der Zusammenstellung und der Übersetzung?
Nach einer kleineren Fingerübung an zwei Gedichten von Eugenio Montale entstand die Idee, zeitgenössische Lyrik aus der Italienischen Schweiz zu übersetzen, da diese Autoren, mangels Übersetzungen, nördlich der Alpen kaum bekannt sind. Jacqueline Aerne schreibt ihre Dissertation über Fabio Pusterla, was uns den Impuls und die fachliche Einbettung gab.
Die Anthologie umfasst Dichter, die nach 1950 geboren sind; welches sind die verbindenden Eigenschaften dieser acht dichterischen Stimmen? Kann man von einer Erneuerung der Dichtung der Italienischen Schweiz sprechen oder liegt ihr eine tieferliegende Kontinuität zugrunde?
Es sind sicher beide Phänomene ablesbar. Ein Bezug zur literarischen Tradition Italiens ist eindeutig vorhanden, dennoch gibt es Themen, die im Grenzraum stärker gewichtet werden als vielleicht anderswo in Italien. Ein verbindendes Element kann sicher in der geographischen Grenzlage der DichterInnen gesehen werden: an den verschiedenen Biographien der Autoren wird sichtbar, dass niemand von ihnen einen «sicheren Ort» besitzt, denn sie wohnen und arbeiten einmal auf dieser Seite der Grenze, einmal auf der anderen, publizieren mal in der Schweiz, mal in Italien. Das Tessin ist ein Schwellenraum, der keine Selbstverständlichkeit in sich selbst besitzt: Standortbestimmungen gehören demnach zum Alltag. Aus diesem Grund wird die Landschaft höchst selten als Ganzes, als Einheit wahrgenommen, sondern immer von Neuem in Frage gestellt. Die Identität des Italienischen Schweiz ist sehr schwer definierbar, sie setzt sich aus vielen verschiedenen Kreuzungen und Übergänge zusammen. Ihre Identität liegt in der Kraft der Begegnungen und der Berührungen. Diese spezifische Situation ist wird in den Gedichten oft thematisiert, bestimmt häufiger als in anderen Regionen Italiens.
Die Anthologie thematisiert auf verschiedenen Ebenen das Thema der «Grenze» und enthält nicht nur «Tessiner» Autoren, sondern auch Dichter aus Norditalien. Weshalb?
Heute löst sich allgemein der Begriff der «Nationalen Literatur» auf, es wird sogar immer anachronistischer Literaturen überhaupt nach territorialen Kriterien einzuteilen. In dieser Entwicklung scheint die Italienische Schweiz als Grenzregion eine paradigmatische Rolle zu spielen. Deshalb haben wir uns entschieden, uns von einem geographischen Begriff der Literatur zu lösen und auch Autoren zu berücksichtigen, die in Norditalien leben aber dennoch ein enger Bezug zum Tessin besitzen.
Der Begriff der «Grenze» ist sowohl im Untertitel der Anthologie als auch im Vorwort anzutreffen. Wie zeigt sich das Thema der «Grenze» in der aktuellen Dichtung der Italienischen Schweiz und von Norditalien?
Sie zeigt sich von den Biographien der DichterInnen bis zum von ihnen selbst oftmals erwähnten Gefühl der «Nichtzugehörigkeit» zu einem klar umgrenzten Kulturraum. Dieses Gefühl der «Nichtzugehörigkeit» wird oft als wichtigen Impuls für das Schreiben beschrieben. Dichter sind ja eigentlich immer Grenzgänger, doch in der Italienischen Schweiz lässt sich dies auf einer weiteren Ebene lesen. Die Präsenz der politischen Grenze sowie die täglichen Grenzübergänge stärken das Bewusstsein von Raum, erlauben damit Berührungen, die in der «Mitte» nicht möglich sind. In den Texten drückt sich dies als besondere Aufmerksamkeit dem eigenen Raum und als intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Landschaft aus. In diesem Sinne prägt, glaube ich, die Landschaft das Schreiben dieser Autoren: an den Rändern ist keine selbstgefällige Sicherheit, keine Geborgenheit. Die Konfrontation mit Anderem, im Extremfall die Auseinandersetzung mit einem Gefühl der Entwurzelung, bilden den Nährboden für eine sehr fruchtbare literarische Landschaft, wie die Italienischen Schweiz seit einigen Jahrzehnten nun bietet. Gerne möchte ich noch ein sehr schöner Gedanke von Michel de Certeau - der im Vorwort ausführlich zitiert wird - umschreiben: der Grenze liegt ein grundsätzliches Paradox inne, da sie zwar trennend wirkt aber erst durch Kontakte, durch Berührungen geschaffen wird. Verbindendes und Trennendes sind an der Grenze eins.
Wie ist die Übersetzung der drei Herausgeber zustande gekommen? Wie verlief die Zusammenarbeit? Welches sind die Vorteile, welches die Nachteile eines solchen Vorgehens?
Jeder Herausgeber hat in einer ersten Phase von zwei bis drei Autoren die Textauswahl getroffen und eine Rohübersetzung erstellt. Danach haben wir die Übersetzungen zu Dritt mehrmals bearbeitet. Nach langen Diskussionen sind die jetzigen Fassungen in einem demokratischen Gespräch entstanden. Dies bedingt eine starke Zurücknahme des Einzelnen zugunsten einer vielfältigeren Sichtweise, die der Einzelne nicht gehabt hätte.