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Olympiasieger Kanada gegen Weltmeister Schweden – den Eishockeyfans steht im Final von Sotschi (Sonntag, 13 Uhr) ein Leckerbissen bevor. Ein Schweizer könnte das Zünglein an der Waage sein.
Der langjährige Schweizer Nationaltrainer Ralph Krueger ist die Geheimwaffe in der kanadischen Olympia-Expedition. Hätten die Amerikaner auch so eine Geheimwaffe, wären sie gegen die Finnen im Bronze-Spiel nicht 0:5 untergegangen.
Die nordamerikanische Spielweise der Amerikaner ist den Kanadiern recht vertraut. Mit dem Defensivhockey der Europäer haben sie hingegen immer wieder grösste Probleme. Sie sind seit Einführung des Playoff-Modus (1992) immer nur an europäischen Teams gescheitert: Insgesamt viermal und 1994 bereits einmal in einem Finale gegen Schweden (2:3 n.P). Die USA hatten sie hingegen immer im Griff. 2002 im Finale (5:2) und hier in Sotschi im Halbfinale (1:0).
Ralph Krueger steht hier in Sotschi nicht an der Bande und ist deshalb am Fernsehen nicht zu sehen. Er sitzt jeweils auf der Tribune. Aber er ist während des Spiels nicht per Funk mit den Bandengenerälen verbunden. Das kanadische NHL-Team wird von vier NHL-Coaches geführt: Mike Babcock (Detroit), Ken Hitchcock (St. Louis), Lindy Ruff (Dallas) und Claude Julien (Boston).
Aber Cheftrainer Mike Babcock sagt, Ralph Krueger habe eine wichtige Rolle in seinem Coaching-Team. Die Kanadier haben den ehemaligen Schweizer Nationaltrainer als Scout geholt, um besser mit dem Defensivhockey der Europäer umgehen zu können. Zumal hier in Sotschi auf dem breiteren europäischen Eisfeld gespielt wird und die neutrale Zone von blauer Linie zu blauer Linie grösser ist als auf den NHL- Spielfeldern.
Kaum jemand weiss besser als Ralph Krueger, wie Defensivsysteme im internationalen Hockey funktionieren. Als Schweizer Nationaltrainer (WM 1998 bis Olympia 2010) war einer der besten Defensivstrategen der internationalen Hockeygeschichte. Gary Lawless, der Kolumnist der «Winnipeg Free Press», bezeichnet Ralph Krueger hier gar als «Team Canada's secret Weapon», als «Kanadas Geheimwaffe».
«Die Kanadier haben gerade auf dem europäischen Eisfeld Mühe mit dem Defensivspiel der europäischen Teams», sagt Ralph Krueger. «Dieses passive Zurückweichen in die neutrale Zone kennen sie so nicht.» Aber es geht auch um Angriffsauslösungen, um das Offensivspiel der Europäer, das, wenn es sich entfalten kann, für die Nordamerikaner verheerende Folgen haben kann.
Die Amerikaner hatten die Kanadier im Halbfinale unter Kontrolle und verloren nur 0:1. Sie gingen im Bronze-Spiel gegen die Finnen noch mit einem 0:0 in die erste Pause. Dann gingen sie 0:5 unter. Sogar der 43-jährige Teemu Selänne erzielte zwei Tore. Sie waren dem gegnerischen Angriffsspiel taktisch hilflos ausgeliefert.
Im Finale bekommen es die Kanadier mit den Schweden zu tun. Den smartesten Defensivkünstlern des Welthockeys. Weil mit Henrik Sedin und Henrik Zetterberg die beiden besten Offensivcenter fehlen (verletzt), sind die Schweden erst recht zum Defensivspiel verurteilt.
Wenn sich die kanadischen Bandengeneräle bei der Finalvorbereitung über die taktischen Kartentische beugen, dann erklärt ihnen Ralph Krueger das mögliche taktische Vorgehen. «Ich habe vor dem Turnier von allen möglichen europäischen Gegners Videos zusammengestellt. Sie zeigen die taktischen Besonderheiten.» Er hat die Powerplay- und Boxplays dokumentiert, die verschiedenen Varianten der Angriffsauslösung und eben das Defensivspiel.
Dazu erstellte Krueger auch entsprechende Scouting Reports der wichtigsten Spieler über deren taktisches Verhalten auf den grossen Eisfeldern. Er hat sozusagen als Geheimagent im Dienste des kanadischen Hockeys alle möglichen Informationen gesammelt.
Die Kanadier haben im Eishockey ein Flair für Details, das uns Schweizern eher fremd ist. Sie zerlegen mit Hilfe der Video-Technologie ein Spiel in alle Einzelteile, untersuchen jeden einzelnen Teil gründlich und setzen dann das Ganze wieder zusammen.
Zum ersten Mal seit 1992 und zum ersten Mal überhaupt, seit die NHL-Profis dabei sind (seit 1998), bestreiten ein europäisches und ein nordamerikanisches Team das olympische Finale. Dieser «Kampf der Kulturen» könnte endlich zu einer gewissen Dramatik führen.
Es wird zwar kein «Kampf der Kulturen» wie in der «Belle Epoque» der 1970er und 1980er Jahre, als die Auseinandersetzungen zwischen den kanadischen NHL-Profi und den Sowjets (Superserie 1972 bis Kanada Cup 1987) auch ein Kampf der Gesellschafts-Systeme (Kapitalismus, Kommunismus), ein Kampf Gut gegen Böse waren. Aber wenigstens ist es bei Schweden gegen Kanada ein Kampf der Hockeykulturen: Die Schweden am extremsten europäisch, die Kanadier am leidenschaftlichsten nordamerikanisch.
Das olympische Turnier 2014 ist taktisch eines der besten aller Zeiten. Aber in der Endphase (ab Halbfinale) zu taktisch, zu ausgeglichen, zu berechenbar. Eigentlich hockeytechnisch zu gut, um dramatisch und für den Laien unterhaltsam zu sein. Niemand hatte bisher den Mut, die gegnerische Abwehr mit einer offensiven Grundausrichtung in der Vorwärtsbewegung zu stürmen. Es war bisher ein sorgfältiges Abtasten. Ein Suchen nach einer Schwachstelle ohne dabei die eigene Abwehr zu vernachlässigen.
So haben wir bisher zu viel hochstehendes taktisches Hockeyschach statt Spektakel und Drama gesehen – für Spektakel und Drama braucht es ja Fehler und taktische Irrtümer. Und ein 5:0 zwischen Finnland und den USA in einem Bronze-Spiel ist lediglich eine offensive Schwalbe. Sie macht noch keinen Frühling des Spektakels.