Document ID: /curiavista/filtered/00000.jsonl.gz/227708

<h2>SubmittedText<h2><p>Die KV-Reform 2022 schlägt hohe Wellen. Lange war darüber nichts bekannt, während des Top-Down-Prozesses waren die Betroffenen ungenügend einbezogen, und nun scheinen unruhige Zeiten auf die KV-Lehre zuzukommen. Die Vorlage, zu der nun Anhörungen durchgeführt werden, würde die Lehre komplett umkrempeln.</p><p>- Neu soll nur noch eine Fremdsprache obligatorisch sein. Die Kantone dürfen dabei festlegen, welche Sprache obligatorisch ist.</p><p>- Fächer wie Deutsch und Mathematik werden abgeschafft, sie sollen neu zu Handlungskompetenzen werden. Aus dem Fach Deutsch soll beispielsweise das Fach "Interagieren in einem vernetzten Arbeitsumfeld" werden.</p><p>- Verschiedene Pflichtfächer wie Finanz- und Rechnungswesen können neu nur noch optional gewählt werden.</p><p>- Bis anhin konnten die KV-Lernenden zwischen den Profilen Basisbildung (B-Profil), erweiterte Grundausbildung (E-Profil) und Berufsmatura (M-Profil) wählen. Neu sollen das B- und E-Profil zusammengelegt werden, dies zu Ungunsten der schwachen Schülerinnen und Schüler.</p><p>Zudem ist daran stossend, dass bei der geplanten Reform viel zu lange kein Einbezug der Basis (Berufsfachschulen, KMUs u.a.) stattgefunden zu haben scheint. Nun soll sie mit einem sportlichen Fahrplan durchgedrückt werden. Für die Schulen und Lehrbetrieben ist dies kaum umsetzbar.</p><p>Es stellen sich dazu mehrere Fragen:</p><p>1. Welche Ziele werden mit dieser Reform verfolgt, die die Allgemeinbildung schwächt?</p><p>2. Wie wurden bei der Erarbeitung der Vorlage die Berufsfachschulen und die KMUs einbezogen?</p><p>3. Wie wird sichergestellt, dass die schwächeren Schülerinnen bei dieser Reform nicht unter die Räder kommen?</p><p>4. Für den Bundesrat war die Sprachenfrage für den Zusammenhalt der Schweiz immer fundamental. Warum ist der Bundesrat bereit, von dieser Einschätzung abzuweichen, indem er neu die Wahl über den Fremdsprachenunterricht den Kantonen überlässt und damit riskiert, die Förderung der Landessprache zu schwächen?</p><p>5. Wie schätzt der Bundesrat den Zeitplan der Reform ein? Könnte die Einführung zugunsten eines breiten Einbezugs der Basis verschoben werden?</p><p>6. Die vorliegende Reform würde eine komplette Umstellung der Ausbildung der Ausbildnerinnen und Lehrpersonen verlangen. Gibt es ein Konzept zur Weiterbildung und wenn ja, wie sieht das aus?</p><p>7. Der Bundesrat will die Reform kostenneutral umsetzen. Wie soll das bei solch umfassenden Änderungen möglich sein?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>1. Nach einer Neupositionierung 2003 wurde die kaufmännische Grundbildung letztmals vor zehn Jahren moderat revidiert. Seitdem haben wirtschaftliche und technologische Entwicklungen - insbesondere die Digitalisierung - die Anforderungen an künftige Fachkräfte stark verändert. Zielsetzung des 2017 gestarteten Projekts "Kaufleute 2022" ist es deshalb, die Arbeitsmarkfähigkeit der Lernenden auch in Zukunft sicherzustellen. Dies erfolgt keineswegs auf Kosten der Allgemeinbildung.</p><p>2. Beim Projekt handelt es sich, wie in der Berufsentwicklung üblich, um einen Bottom-up-Prozess. Bei den Betrieben wurde eine umfangreiche Berufsfeldanalyse vorgenommen, um die für den Arbeitsmarkt notwendigen Kompetenzen zu erfassen. Zudem wurden alle Akteure, auch die Berufsfachschulen, frühzeitig in Arbeitsgruppen aufgenommen, um den Bildungsplan von Beginn weg gemeinsam zu erarbeiten.</p><p>3. Die kaufmännische Grundbildung steht auch künftig weniger starken Lernenden offen. Die bisherigen Profile werden teilweise in neue Wahlpflichtbereiche umgewandelt. Dies ermöglicht eine Unterscheidung der Inhalte und Didaktik. Davon profitieren unter anderem Lernende, denen der Erwerb einer zweiten Fremdsprache Schwierigkeiten bereitet. Ausserdem kann auf Unterschiede in den Leistungen individuell eingegangen werden, beispielsweise in Form von Stützkursen. Schliesslich steht nach wie vor die zweijährige berufliche Grundbildung mit eidgenössischem Berufsattest zur Verfügung, die Anschluss an weiterführende Bildungen bietet.</p><p>4. Der Bundesrat misst der Förderung der Mehrsprachigkeit einen hohen Stellenwert bei. Aufgrund der Bedeutung und der politischen Sensibilität des Unterrichts in den Landessprachen hat das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) ein entsprechendes Fremdsprachenkonzept in die Vernehmlassung geschickt. Der Vorsteher des Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung WBF hat nach Auswertung aller Anhörungsresultate diesem Fremdsprachenkonzept zugestimmt, welches zwei Fremdsprachen vorsieht.</p><p>5. In der Anhörung des SBFI haben sich die Organisationen der Arbeitswelt für die ursprünglich geplante Einführung 2022 ausgesprochen, während die Kantone und Berufsfachschulen mehrheitlich eine Einführung auf das Schuljahr 2023/24 forderten. Nach umfassenden Gesprächen mit den Verbundpartnern und angesichts der erfolgreich angelaufenen Umsetzungsmassnahmen hat das SBFI entschieden, die Inkraftsetzung von Bildungsverordnung und Bildungsplan auf Anfang 2023 festzulegen, so dass ab Lehrbeginn Sommer 2023 nach den neuen Grundlagen ausgebildet werden kann.</p><p>6. Das für die Weiterbildung der Lehrpersonen beauftragte Hochschulkonsortium (Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung EHB zusammen mit den Pädagogischen Hochschulen Luzern, St. Gallen und Zürich) hat seine Arbeit bereits aufgenommen. Die Weiterbildungen für die Berufsbildungsverantwortlichen in den Lehrbetrieben, den überbetrieblichen Kursen und den Berufsfachschulen werden ab Herbst 2021 umgesetzt.</p><p>Dank der Inkraftsetzung auf 2023 haben die Berufsbildungsverantwortlichen an allen drei Lernorten ausreichend Zeit, sich auf die reformierte kaufmännische Grundbildung vorzubereiten.</p><p>7. Wie bei allen umfassenden Revisionen wird die Umsetzung aufgrund der Weiterbildung der Lehrkräfte kurzfristig mit zusätzlichen Kosten verbunden sein. Mittelfristig ist jedoch davon auszugehen, dass die Ausbildung den Kantonen und Lehrbetrieben nicht mehr Aufwand verursacht und die Revision in diesem Sinne kostenneutral sein wird.</p>  Antwort des Bundesrates.