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In Appenzell schliessen die Kapuziner ihr Kloster; dies nach 425jährigem Wirken (siehe dazu die Beiträge unserer Zeitung vom 13., 15. und 16. August). Nachwuchsmangel zwingt den Orden, seine Kräfte zu konzentrieren, denn seine Dienste, Impulse und Einrichtungen sind nach wie vor gefragt. Ein Blick in Geschichte und Gegenwart:
Sie tragen die gleiche braune Kutte, wie sie einst Franz von Assisi (1182–1226) angezogen hat. Und sie wollen auch so leben wie er: so arm, fröhlich und vertrauensvoll zugleich. Die lange, spitzige Kapuze hat ihnen den Namen gegeben: Cappuccini.
Radikale Nachfolge
Entstanden ist der Orden zwar erst dreihundert Jahre nach dem Tod des Franziskus; als eine Reformbewegung, die sich innerhalb der franziskanischen Gemeinschaft gebildet hatte. Die Franziskaner, damals schon ein weit verbreiteter Orden, hatten im Laufe der Jahrhunderte nämlich etwas Patina angesetzt. Statt in Hütten wohnte man bald in stattlichen Klöstern, wie auch Assisi, ihr Zentrum keinen armseligen Eindruck macht.
Das stellte den Orden immer wieder vor Zerreissproben. Es entstanden verschiedene neue Bewegungen, die den Geist des Franziskus radikaler leben wollten. Am stürmischsten geschah dies, als 1525 Matteo da Bascio sein Kloster verliess, um in völliger Armut zu leben. Sein Beispiel zündete, andere schlossen sich an. Dank der Protektion zweier Gräfinnen und ihrer Verbindung zum Papst konnte sich der neue Orden formieren und seine konsequente Form der Jesus- und Franziskusnachfolge leben.
Das Reformkonzil von Trient (1545– 1562) machte die Kapuziner europaweit bekannt. 70 Jahre nach der Gründung war er in den meisten europäischen Ländern präsent. Um 1581 kamen die ersten Kapuziner in die Schweiz, damals von Mailand aus. Den Höchststand erreichte der Orden um 1760, als er weltweit über 34 000 Mitglieder zählte; der Tiefststand folgte hundert Jahre später, um 1880 mit gut 7600 Mitgliedern. Heute pendelt die Zahl um 11 000, wobei der Rückgang in Europa durch Wachstum in anderen Kontinenten wettgemacht wird.
Vom Gotthard bis Tübach
In der Schweiz hatten die Kapuziner in den katholischen Kantonen rasch Fuss gefasst. Volkstümlichkeit und Dienstfertigkeit öffnete ihnen den Zugang zu den Menschen. Selbst Goethe zeigte sich beeindruckt, als er im Sommer 1775 im Gotthardhospiz von einem gastfreundlichen Kapuziner empfangen wurde, der ihn «mit freundlich vertraulicher Würde» begrüsste.
In der Schweiz wirkten die Kapuziner in der Seelsorge, durch sozialen Einsatz und in der Bildungsarbeit. Für diese Aufgaben konnten sie auch Frauen gewinnen. Pater Theodosius Florentini (1808–1865) gründete die Schwesternkongregationen von Menzingen und Immensee, Institute, die in Schulen und Spitälern Pionierarbeit leisten. Zuvor schon haben die Kapuziner verschiedene kontemplative Frauenklöster für das franziskanische Ideal gewinnen können, in der Ostschweiz die Klöster von Notkersegg, Tübach, Altstätten, Grimmenstein, Wonnenstein, Appenzell und Wattwil.
Hort der Reform
Bedeutsames Datum wurde für die Schweizer Kapuziner das Jahr 1874, als der Jesuitenorden verboten wurde. Seither oblag es ihnen, die Bildungsarbeit in katholischen Gymnasien wie Appenzell oder Stans weiterzuführen.
Einen weiteren Impuls brachte die Ausdehnung der Missionsarbeit. «Das Leben ist ein Abenteuer», heisst es auf der Homepage des Ordens, anspielend auf die unbeschwerte Armut, wie sie Franziskus vorgelebt hat und von den Bettelmönchen nachgeahmt wurde.
Und wie lebt man heute das Armutsideal? «Ich denke durch die Unabhängigkeit, die wir uns bewahrt haben», sagt Adrian Müller, Guardian in Luzern. «Kaum ein Kloster gehört dem Orden. Und am Jahresende setzen wir unseren Kassabestand auf null.» Zur Unabhängigkeit gehört auch, dass viele Kapuziner sich dem offenen Geist des Konzils verpflichtet fühlen und helfen, diesen durchzutragen. Damit sind sie auch heute ein Hort der innerkirchlichen Reform. Genau das, was sie seit je schon waren.