Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03398.jsonl.gz/1580

Vielleicht ist Bauchtanz die älteste Tanzform überhaupt. Seine Wurzeln reichen bis zu den alten Kulturen des Orients, lndiens und des Nahen Ostens zurück. Auch wenn viele denken, Bauchtanz diene der Verführung von Männern, hat das männliche Publikum erst seit relativ kurzer Zeit Zugang zu entsprechenden Darbietungen. Traditionell wurde Bauchtanz im Rahmen von Fruchtbarkeitsritualen und religiösen Zeremonien zur Beschwörung weiblicher Gottheiten von Frauen für Frauen getanzt.
Die Araber nennen den Bauchtanz Raqs Sharki, das bedeutet wörtlich übersetzt "Tanz des Ostens". Zuweilen wird er auch als Orientalischer Tanz bezeichnet. Es gibt verschiedene Theorien darüber; wie daraus in der westlichen Welt Bauchtanz wurde. Der Begriff klingt ähnlich wie die arabische Bezeichnung für "Volkstanz": Baladi, doch wahrscheinlicher ist die Herleitung vom französischen danse du ventre, zu Deutsch: Bauchtanz.
Da der Bauchtanz in so vielen Kulturen zu Hause ist, lassen sich seine genauen Ursprünge nur schwer ermitteln. Mich persönlich fasziniert seine Affinität zu Fruchtbarkeitsritualen der Steinzeit.
Dass es aus dieser Epoche wesentlich mehr Göttinnen- als Götterdarstellungen gibt, hat Archäologen zu Spekulationen darüber veranlasst, dass Frauen die steinzeitliche Gesellschaft dominierten, ja sogar als Heilige verehrt wurden. Möglicherweise tanzten sie im Rahmen spiritueller Zeremonien gemeinsam zu Ehren von Mutter Erde und erlernten das Tanzen als Möglichkeit, der Göttin zu huldigen, um Fruchtbarkeit zu bitten und eine Niederkunft vorzubereiten.
Es spricht vieles dafür, dass diese rituellen Tänze die Grundlage des modernen Bauchtanzes bilden. Die wellenförmigen Bewegungen und die Betonung der Hüften, des Bauches und der Brust legen einen Zusammenhang mit der weiblichen Fruchtbarkeit nahe - mit der Empfängnis ebenso wie mit den Geburtswehen.
Die Auffassung, dass Bauchtanz eine rein weibliche Angelegenheit sei, hat sich bis in die neuere Geschichte gehalten.
In den Harems von Konstantinopel wurden Mitte des 15. Jahrhunderts Zigeunerinnen engagiert, um die Frauen - und nicht etwa den Sultan - mit Bauchtanz zu unterhalten. Diese Frauen tanzten im türkischen Stil, benutzten Fingerzimbeln und bewegten sich viel am Boden.
Die Ghawazee, ägyptische Zigeunerinnen, entwickelten den gleichnamigen Tanz, bei dem viele bis heute gebräuchliche Requisiten wie Schleier, Kerzen und Schwerter zum Einsatz kamen. Anfang des 19.Jahrhunderts konnten Männer zum ersten Mal einen Blick auf den »orientalischen Tanz« erhaschen, da der Ghawazee im Freien auf improvisierten, mit Teppichen ausgelegten Bühnen dargeboten wurde. 1834 wurden in Kairo öffentliche Bauchtanzvorführungen aus moralischen Gründen verboten; erst in den 1850er Jahren tauchte der Bauchtanz wieder aus der Versenkung auf.
Als die Europäer das Reisen entdeckten, entwickelten sie auch eine wachsende Begeisterung für Nordafrika und den Nahen Osten. Künstler wie Ingres, Renoir und Matisse malten Haremsdamen, und 1893 brachte Oscar Wilde in London seine Salome auf die Bühne, die den verführerischen »Tanz der sieben Schleier« tanzte. Daraufhin griff in Europa eine Art »Salomanie« um sich.
AIs 1893 eine Tänzerin namens Little Egypt (angeblich eine Algerierin) auf der Weltausstellung in Chicago auftrat, erreichte die Salomanie auch Amerika. Little Egypts exotische Bewegungen galten seinerzeit als skandalös, doch das Publikum war hingerissen. In vielen frühen Stummfilmen tauchten fortan Bauchtänzerinnen auf.
Um die Jahrhundertwende eröffneten in Nordafrika und im Nahen Osten immer mehr Nachtclubs, um die Bedürfnisse der Kolonialherren und westlicher Touristen zu befriedigen. Das Publikum zahlte für den Anblick glamouröser Bauchtänzerinnen in reich verzierten Kostümen. Mata Hari genoss als Interpretin exotischer Tänze hohes Ansehen - bis sie der Spionage für das Deutsche Reich angeklagt wurde.
Als das gesellschaftliche Klima sich änderte, entdeckten Frauen den exotischen Tanz als Möglichkeit der Selbstbefreiung und Stärkung ihres Selbstbewusstseins. Auch die bedeutendsten Vertreterinnen des modernen Tanzes wie lsadora Duncan, Ruth St. Denis und Martha Graham ließen sich vom Bauchtanz inspirieren.
lm Zuge der zweiten Frauenbewegung in den 1970er Jahren erlebte der Bauchtanz eine erneute Renaissance.
Die verdankte sich in erster Linie Ozel Turkbas, einer türkischen Bauchtänzerin: Sie brachte ein Album heraus, dem eine Anleitung zum Bauchtanzen beigefügt war. Im Zuge der sexuellen Revolution begeisterte sich fast eine ganze Generation von Frauen für Bauchtanz, weil sie das Befreiende daran schätzte und von den bauchfreien Kostümen und dem Zusammensein mit anderen Frauen fasziniert war. ln Amerika schossen Tanzstudios wie Pilze aus dem Boden. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte huldigte die Mode nackten Bäuchen in Form von Hüfthosen und Bikinis. ln der Zeitschrift Life erschien ein Artikel über Bauchtanz. Seine zunehmende Popularität ermöglichte es Frauen auf der ganzen Welt, sich tanzend ihrer individuellen Schönheit und Kraft bewusst zu werden.
Heute ist der Bauchtanz nicht zuletzt wegen seines Fitnesspotenzials angesagter denn je. Das Erstaunlichste und Schönste an der abwechslungsreichen Geschichte des Bauchtanzes ist die Tatsache, dass er nicht nur überdauert, sondern sich weiterentwickelt und den sozialen und politischen Gegebenheiten angepasst hat.
Eines ist allerdings gleich geblieben: Bis zum heutigen Tag stellt der Bauchtanz eine wahre Kraftquelle für Frauen dar.
Quelle: Bellydance – © Dolphina/GoddessLife, 2005