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«Alles für Andere, für sich nichts.»
Stephanie Bernet wurde am 7. Oktober 1857 als ältestes von sieben Kindern geboren. Ihr Vater, Friedrich Bernet war zu der Zeit Redaktor der radikalen «St. Galler Zeitung», später wurde als Nationalrat nach Bern gewählt. Dort setzte er sich vor allem für soziale Fragen ein.
Stephanie musste bereits mit 21 Jahren die Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen, als ihre Mutter Stephanie starb. Ihr Vater war bereits einige Jahre zuvor 1872 gestorben. Sie konnte nun das im Welschland und während eines Spanien-Jahres gelernte anwenden. Vielleicht hat auch diese Situation dazu beigetragen, dass sie die sozialen Werte ihres Vater übernahm und im Laufe ihres Lebens zu ihrem zentralen Anliegen machte.
Neben ihren Geschwistern nahm sie sich auch der anderen Kindern im Tannenstrasse-Quartier in St. Gallen an und begann schon bald kleinere Theateraufführungen und sonstige Aktivitäten für und mit den Kindern zu organisieren. Sie lebte sehr bescheiden, abgesehen von verschiedenen Reisen ins Ausland, und hatte immer etwas übrig für Leute denen es schlechter ging.
Diese Tätigkeiten und ihre Haltung hatten sich herumgesprochen und 1909 - mit 52 Jahren - wurde sie erste Sekretärin des Kinder- und Frauenschutzes in St. Gallen. Mit ihrem Tatendrang entwickelte sie die Organisation von einer Rechtsberatung zu einer eigentlichen Fürsorgeeinrichtung. Nach ihrem Arbeitstag besuchte sie noch die eine oder andere Familie und kam auch dort nie mit leeren Händen an.
Die unmittelbaren Erfahrungen mit den Frauen aus den armen Arbeiterfamilien war wohl mit der Ursprung aus der Stephanie Bernet das Projekt entwickelte genaue für diese sozial benachteiligten Frauen eine Möglichkeit zu erschaffen für eine gewisse Zeit zur Ruhe zu kommen, einige Tage dem Druck des Alltages entweichen zu können. Und es kam ihr eine weitere Erfahrung zu Hilfe, die Zeit mit den Kinden in der Tannenstrasse. Sie begann Theateraufführungen im grösseren Stile zu organisieren mit dem Ziel Mittel für die Umsetzung ihres Projektes 'Ferienheim für benachteiligte Frauen' zu sammeln. So wurde Johanna Spyri's «Heidi» aufgeführt. Dazu organisierte «Frl. Bernet» Bratwursttage und auch diese generierten einen Erlös.
Mit Ihrer Energie und Bestimmtheit, aber auch ihrer Lebensfreude gelang es Stephanie Bernet aber auch diverse Legate und Spenden von wohlhabenden Stadt-St. Gallern zusammenzutragen. Im Jahr 1919 waren dann genug Mittel beisammen um im Möser in Gais die Liegenschaft «Ruehüsli» zu erwerben und dort das Ferienheim zu eröffnen.
Zwar war im Ruehüsli ein 'Hausmütterchen' eingestellt, aber «d'Stephanie», wie sie von vielen genannt wurde, war zumindest im Geiste immer in Gais präsent, während sie weiterhin das Sekretariat in St. Gallen führte.
Im August 1932 dann, Stephanie Bernet war inzwischen 75 jährig, gab sie endlich die Führung des Kinder- und Frauenschutzes ab. Gleichzeitig wandelte sie ihr Privatvermögen in die «Ruehüsli-Stiftung» um. Leider war es ihr aber nicht vergönnt, noch etwas die neuen Freiheiten zu geniessen. Nur eine gute Woche nachdem sie ihre Arbeit aufgegeben hatte, verstarb sie im Bürgerspital am 6. August 1932.
Das Leben von Stephanie Bernet war fast immer das Gegenteil von Ruhe und Beschaulichkeit, darum hatte sie so viel Verständnis für andere, die Ruhe benötigten. Wohl konnte sie sich selber gelegentlich ans Meer oder aufs Land retten, und dann einer gewiessen Ruhe pflegen, wobei sie aber immer noch Zeit fand, alles, was Natur und Menschen ausweisen konnten, in sich aufzunehmen. Im Ganzen war sie aber rastlos tätig, rastlos vorwärts strebend, bis ins hohe Alter, mit Ausnahme der Zeiten wirklicher Krankheit.
Dr. Marcus Wyler, Mitbegründer Kinder- und Familienschutz