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Als ich mich daran machte, die erste Fassung dieses Essays – mit dem Titel „Unterhaltungs- und Weltliteratur“ – zu schreiben, resultierte dies schliesslich in einer aggressiven Empörung darüber, warum an den Universitäten keine Bücher gelesen werden, die – bzw. deren Genre – zur Unterhaltungsliteratur gerechnet werden.
Darauf stellte ich eine Beweisführung auf, die, wie mir Erlebnisse an der Universität Zürich in der folgenden Zeit zeigten, überflüssig war, denn: Zwischen phantastischen Erzählungen, die im Studium gelesen werden und bestimmten Büchern der Fantasy und Science Fiction gibt es a priori in der Tat keine Unterschiede, was gewisse Elemente betrifft. So gibt es denn durchaus auch literaturwissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Büchern, die man als ‚Unterhaltungs‘-Literatur betrachtet (http://goo.gl/LwLBe Marie Burkhardt hat u.a. Arbeiten zu Harry Potter und Lord of the Rings gemacht). Auch wenn es gewisse Angelegenheiten gibt, mit denen ich mich in der Literaturwissenschaft schwer oder gar nicht abfinden kann, konnte ich diese Kritik nicht stehenlassen, wenn ich ernst genommen werden will, weil sie mit dem, was ich zwischenzeitlich erfahren habe, nicht übereinstimmt.
Es verhält sich durchaus so, dass es nicht nur in phantastischen Büchern, die auf irgendwelchen Leselisten stehen, sondern auch in Büchern der Fantasy, Science Fiction und Horror-/Supernaturalgeschichten (um sich der Übersichtlichkeit wegen auf diese Genres zu beschränken) der Leser mit Themen konfrontiert wird, über die es nachzudenken lohnt. Im folgenden werde ich einige Beispiele nennen und aufzeigen. Damit hier keine Rahmen mit zahllosen Beispielen gesprengt werden, ist dies ein Punkt, den ich bei jeder Rezension, wann immer möglich, aufgreifen werde.
Meiner Meinung nach steckt das Problem nicht in bestimmten Büchern, sondern im Verhalten der Leser: Man kann Pratchetts Bücher einfach nur lustig finden und sich am Schauer, der einen beim Lesen von Needful Things durchfährt, erfreuen, oder man kann auch noch genauer hinschauen und sich fragen: „Abgesehen davon, hat das Buch noch eine weitere Bedeutung für mich? Steckt mehr drin als ‚nur‘ Unterhaltung?“
Genauso, wie man Anna Karenina oder Pride and Prejudice durch „gefühlsbetonte“ Lektüre, d.h. ohne dieses Über-das-Buch-Nachdenken, zu einem einfachen Liebesroman degradiert (und ich hege den Verdacht, dass dieses Phänomen teilweise für die andauernde Beliebtheit dieser Bücher verantwortlich ist), kann man umgekehrt aber auch, durch einen guten Interpretationsansatz, den Wert eines „Unterhaltungsbuches“ betonen.
Darum bin ich zum Punkt gelangt, sog. „hohe“ Literatur (das frz. belles lettres klingt viel weniger abgehoben) und Unterhaltungsliteratur/Popkultur in einem ähnlichen Verhältnis zu betrachten wie Forschung und Populärwissenschaft. Im dem Sinne, dass die Unterhaltungsliteratur leichter zugänglich, aber keineswegs überflüssig und oftmals einen Bezug zur Weltliteratur hat. Sei es, dass sie gewisse Ideen aufnimmt, sei es, dass sie diese vielleicht sogar weiterentwickelt. Ich beschränke dieses Verhältnis bewusst nicht bloss auf Unterhaltungsliteratur, sondern schliesse mit „Popkultur“ Musik mit ein, damit ich wir sie in diesem Zusammenhang betrachten können. Wenn ich weiter unten ausschliesslich Beispiele aus dem Rock- und Metalbereich zitiere, liegt dies keineswegs daran, dass ich diese Musikrichtungen für den anderen überlegen halte, sondern schlichtwegs daran, dass mir nur aus diesem Bereich Beispiele bekannt sind.
Die Unterhaltungsliteratur nimmt also von Zeit zu Zeit Figuren, Motive und/oder Stilmittel auf, parodiert sie oder entwickelt sie sogar weiter. Es ist mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass ein gewisses (wenn auch, je nach dem, nicht zu tiefgründiges) Mass an Kenntnis der Weltliteratur nicht bloss ein langweiliges Lernziel der Schule sein muss, sondern wichtig wird, wenn man bestimmte populäre Bücher und Lieder besser verstehen will (wobei es natürlich jedem freigestellt ist, die betroffenen Stellen zu übergehen…).
Im Folgenden möchte ich einige Beispiele zitieren, um die Verbindung zwischen Popkultur und Literatur zu unterstreichen.
Terry Pratchett:
Von den Scherbenweltromanen, die ich bisher gelesen habe, fallen mir gleich drei ein, die hier zu nennen sind. Zunächst wäre das der Hexenroman Wyrd Sisters – der dt. Titel MacBest macht sofort klar, welches Drama Shakespeares aufs Korn genommen wird. Wenn man das Original nicht kennt, ist die Lektüre zwar immer noch unterhaltsam, man verpasst aber viel vom Humor, der das Buch ausmacht. Hat man Macbeth nicht gelesen, bleibt es unklar, warum gerade drei – und nicht zwei oder vier – Hexen eine wichtige Rolle spielen. Vielleicht verwundert es auch, warum der Königsmörder dauernd verzweifelt seine Hände wäscht; richtig darüber lachen kann meiner Meinung nach nur, wem Shakespeares Drama bekannt ist.
Der Titel des Romans
Faust Eric signalisiert welcher Klassiker hier parodiert wird, nämlich Goethes Tragödie Faust (erster Teil). Im Gegensatz zu Wyrd Sisters reicht es aber, die Grundstruktur „Zauberer beschwört Dämon/Teufel und wandern gemeinsam umher“ zu kennen. Die Parodie auf Homers Odysee und den Trojanischen Krieg sollte seit dem Film Troy aus dem Jahr 2004 niemandem mehr unverständlich sein.
Small Gods hatte ich schon in der ersten Fassung zitiert, es ist auch bisher mein Lieblingsbuch von Pratchett. Während seiner Reise gelangt die Hauptfigur, Brutha, nach Ephebe, einem Teil der Scheibenwelt, der an das antike Griechenland, insbesondere an Athen, angelehnt ist. Wem die Antike nicht aus Lateinunterricht oder aus privater Beschäftigung mit dieser Epoche bekannt ist, wird ab Bruthas Ankunft in diesem Land die folgenden zwanzig, dreissig oder fünfzig Seiten nicht in vollem Umfang geniessen können. Es folgt nämlich Anspielung auf Anspielung auf gewisse antike Philosophen und Berühmtheiten.
In der ersten Fassung bin ich ausführlicher auf Stephen King eingegangen, was ich an dieser Stelle unterlassen, bei der Rezension seiner Bücher aber nachholen möchte und nun auf die Musik zu sprechen kommen möchte. Unter Liedtexten finden sich doch mehr Beispiele, als man zunächst vielleicht erwarten würde. Dass sich diese aber abseits des Mainstreams befinden, glaube ich nicht besonders betonen zu müssen.
(Abseits des Mainstreams aber dennoch Popkultur, geht das? Meiner Meinung nach: ja. Ich glaube nicht, dass die beiden Begriffe Synonyme sind. Dies wäre ein Thema für einen anderen Text. An dieser Stelle lässt sich darauf leider nicht weiter eingehen, um den Rahmen nicht zu sprengen.)
Im Lied Brennende Liebe der Band Oomph! heisst es:
Von meiner brennenden Liebe
Kann dich kein Dämon erlösen
Von meiner brennenden Liebe
Kann dich kein Gott und kein Wunder mehr befrein.
Kürzlich bin ich auf ein Gedicht Hesses mit dem Titel Weil ich dich liebe gestossen, dessen Schlussverse lauten:
Im Guten und auch im Bösen;
Von meiner wilden, brennenden Liebe
Kann dich kein Engel erlösen.
Natürlich wissen wir nicht, ob Oomph! dieses Gedicht bekannt ist. Das macht aber auch einen gewissen Reiz aus, wobei ich persönlich davon ausgehe, da die Ähnlichkeit durchaus frappant. Gerne würde ein Pedant an dieser Stelle einwenden wollen, dass meine hochgelobte Band plagiiert. Die Diskussion „Plagiat oder Inspiration“ könnte stundenlang geführt werden und würde in nichts resultieren. Ich möchte bloss so viel dazu sagen, dass es sich meiner Ansicht nach, wenn das Gedicht der Band bekannt ist, um Inspiration handelt, da sie, von Hesses Schlussversen ausgehend, einen eigenen, sich vom Gedicht Hesses deutlich unterscheidenden, Text kreiert haben. Natürlich braucht man die Parallele nicht zu kennen, um Brennende Liebe zu hören und zu verstehen, es mag schlichtweg für einige interessant sein.
Für einen Moment wollen wir noch bei der deutschsprachigen Musik verweilen, um über eine Band zu sprechen, die, meiner bescheidenen Meinung nach, im deutschen Sprachraum die Lieder mit dem höchsten lyrischen Niveau und Qualität schreibt und spielt, die es momentan zu hören gibt: Rammstein. Tatsächlich finden sich in ihren Liedern immer wieder Zitate, bzw. Anspielungen auf Weltliteratur, vor allem auf Goethes Werk:
Dalai Lama ist gewissermassen eine modernisierte Version von Goethes Ballade Erlkönig. In beiden stehen ein Vater und ein Kind im Mittelpunkt. Sowohl im Gedicht als auch im Lied werden die Menschen von einer übernatürlichen Macht bedroht. In Goethes Ballade ist es der Erlkönig, der das fieberkranke Kind verführen will, im Lied von Rammstein ist es ein „Herr im Himmel“, der nicht zulassen will, dass die Menschen fliegen können:
Der Mensch gehört nicht in die Luft
So der Herr im Himmel ruft
Seine Söhne auf dem Wind
Bringt mir dieses Menschenkind
Das Lied Rosenrot zitiert sowohl thematisch als auch mit der ersten Zeile Goethes Gedicht Heideröslein:
Sah ein Mädchen ein Röslein stehn
Blühte dort auf lichten Höhen
So sprach sie ihren Liebsten an
Ob er es ihr steigen kann
Heideröslein:
Sah ein Knab ein Röslein stehn
Röslein auf der Heiden
War so jung und morgenschön
Lief er schnell es nah zu sehn
Bevor wir die deutsche Musikbranche verlassen, möchte ich noch auf ihr Lied Haifisch verweisen, weil es mit Goethe nichts zu tun hat. Stattdessen spielt der Refrain von Haifisch:
Und der Haifisch der hat Tränen
Und die laufen vom Gesicht
Doch der Haifisch lebt im Wasser
So die Tränen sieht man nicht
auf Die Moritat des Mackie Messer aus Bertolt Brechts berühmter Dreigroschenoper an.
Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht
Doch Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht.
Gewiss könnte man nun anhalten und feststellen, dass das Thema vielleicht noch nicht erschöpfend, aber doch ausführlich genug behandelt wurde. Trotzdem möchte ich gerne noch auf drei frz. (Metal-)Bands hinweisen:
Sed non Satiata haben sich nach dem Gedicht-Titel des frz. Dichters Charles Baudelaire benannt. Auch wenn sie in ihren Liedern keinen direkten Bezug zu Baudelaire oder dem Gedicht nehmen, soll der Name vielleicht auch „nur“ davon zeugen, dass sich die Bandmitglieder dem Dichter, bzw. seinen Gedichten thematisch nahe fühlen.
Von der Band Daïtro gibt es ein Lied namens Le bateau ivre (dt. Das betrunkene Schiff). Genau gleich heisst ein Gedicht des Dichters Arthur Rimbaud, welches er mit 16 (!) Jahren geschrieben hatte.
Ausserdem möchte ich noch das Album Ariettes Oubliées (dt. Vergessene kleine Arien) der Band Les Discrets erwähnen. Dabei handelt es sich um die Vertonung einiger Gedichte von Paul Verlaine. In seinem Gedichtband Romances sans paroles findet sich ein Teil, der ebenfalls Ariettes Oubliées heisst.
Ich denke, damit zu Genüge das Zusammenspiel von Literatur und „Unterhaltung“ aufgezeigt zu haben. Über Rückmeldungen und Kommentare freue ich mich natürlich.
Ich danke meiner Schwester fürs Gegenlesen und den Jungs von NBN, dass ich den Text hier veröffentlichen darf.
by Steppenwolf