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© Marcel Burkhardt
Der Artenreichtum an Brutvögeln, aber auch an Tagfaltern, Heuschrecken und Pflanzen ist in den inneralpinen Trockengebieten und in den Südalpen besonders hoch.Für viele gefährdete Arten, das bekannteste Beispiel ist das Braunkehlchen, sind die Zentralalpen ein Rückzugsraum. Früher kamen sie auch in den Voralpen und sogar im Jura und Mittelland verbreitet vor.
Die hohe Biodiversität in den Alpen steht in direktem Zusammenhang mit den Leistungen der Bergbauern, die auch steile, abgelegene Grenzertragsflächen extensiv bewirtschaften. Ebenso wie die Kulturlandvögel ist auch die naturnahe Berglandwirtschaft in den Zentral- und Südalpen gefährdet. Deshalb setzt sich die Schweizerische Vogelwarte seit Jahren für eine traditionell produzierende und wildtierfreundliche Berglandwirtschaft ein.
Zum wirtschaftlich schwierigen Umfeld, in welchem sich die Berglandwirtschaft befindet, gesellen sich die Auswirkungen des Klimawandels: Wie sich dieser genau abspielen wird, ist zwar unklar, aber es ist vermehrt mit jährlich starken Schwankungen zu rechnen. Wetterkapriolen können die wirtschaftliche Situation von Bergbauern negativ beeinflussen. Trockenjahre beispielsweise beeinträchtigen den Graswuchs, und können so die Futterbasis für das Vieh gefährden. Eine Sprinkleranlage in der Wiese garantiert kräftigen Graswuchs und ist somit eine Versicherung gegen Futtermangel. Im Unterengadin, Münstertal, Puschlav und Domleschg wurde eifrig geplant und gebaut. Diese Arbeiten wurden v.a. in Zusammenhang mit landwirtschaftlichen Gesamt-Meliorationen in Auftrag gegeben und grösstenteils von der Öffentlichkeit finanziert.
Verursacht die Bewässerung Probleme für die Vögel?
Bewässerung führt nachweislich zu einer Intensivierung der Bewirtschaftung. Wiesen werden schneller schnittreif, der Schnittzeitpunkt kann vorverschoben werden. Neue Erntetechniken, insbesondere die Silage, werden auf bewässerten Wiesen häufiger eingesetzt. Durch eine frühere Nutzung werden Nester von Wiesenbrütern (insbesondere Wachtel, Wachtelkönig, Feldlerche, Braunkehlchen) zerstört. Es ist zwar allgemein praktizierte Usanz, die Naturschutzinventare bei der Planung von Bewässerungsanlagen zu konsultieren und Trockenrasen von nationaler Bedeutung aus dem Bewässerungsperimeter auszuschliessen. Für die Erhaltung der Wiesenbrüter genügt dies jedoch nicht. Diese Vogelarten erreichen ihre grösste Dichte in Wiesentypen, die durch das Trockenwieseninventar gar nicht abgedeckt werden.
Wegen der üppigeren, dichteren Vegetation nimmt die Masse der Wiesenameisen und Grossinsekten in bewässerten Wiesen ab, was schon schade genug ist, aber auch die Nahrungsgrundlage der Brutvögel schmälert. Unsorgfältig arbeitende Landwirte bewässern zudem nicht nur die Wiesen, sondern auch die oft reichlich eingestreuten Kleinstrukturen (Hecken, Lesesteinhaufen etc.). Spezialisierte Insekten-, Reptilien-, und Pflanzenarten werden dadurch ihres Lebensraums beraubt.
Nicht zu unterschätzen ist auch die Gefahr, dass naturschützerisch wertvolle, schwierig zu bewirtschaftende Grenzertragslagen aufgegeben werden, weil man ja einen grösseren Teil der benötigten Futtermenge bequemer auf den bewässerten Wiesen ernten kann.
Aus diesen Gründen steht die Schweizerische Vogelwarte Bewässerungsprojekten in den zentral alpinen Tälern mehrheitlich kritisch gegenüber. Oft gibt es ja bedenkenswerte Alternativen zu neuen Sprinkleranlagen! So ist es beispielsweise möglich, eine Landschaftskammer als «Trockenwiesen- Vorranggebiet» zu bezeichnen. Dadurch können zusätzliche Bundesbeiträge für die Beibehaltung der traditionellen Nutzung ausgelöst werden. In trockenheitsbedrohten Regionen sollte geprüft werden, ob intensive Milchwirtschaft wirklich ein nachhaltiger zukunftsträchtiger Betriebszweig ist. Der Einbezug bewässerungsunabhängiger Betriebszweige (z.B. Gebirgsackerbau) böte dort Chancen. Das Geld, das für den Bau der Sprinkleranlagen bereitgestellt worden war, könnte dann in einen Fonds einbezahlt werden, aus dem Landwirte bei tatsächlich eintretenden Futterengpässen entschädigt werden könnten.
Bergbauern, die auf die natürlichen Gegebenheiten Rücksicht nehmen, verdienen unsere Unterstützung. Traditionelle Berglandwirtschaft ist nachhaltig und ein Garant für eine erlebnisreiche, vielfältige Landschaft. Touristen kommen nicht in die Schweizer Berge, weil sie vier Meter breite Betonstrassen, Siloballen auf 2000 m ü.M. und sattgrüne Mehrschnittwiesen besichtigen wollen.