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Die aktuellen globalen Herausforderungen erfordern eine weltweite Kooperation. Die kolonialen Praktiken der Forschungszusammenarbeit zwischen Nord und Süd, die zu Abhängigkeit und Unsichtbarmachung führen, schmälern jedoch die Chancen, Lösungen für diese Herausforderungen zu finden. Um dies zu ändern, müssen die Zusammenarbeit und die Wissensproduktion in der Forschung dekolonisiert werden. Ich empfehle fünf Ansätze, um dieses Ziel dies zu erreichen.
Der Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autorin wieder und muss nicht mit der Haltung der SCNAT übereinstimmen.
Die Forschungszusammenarbeit kann eine Form der Kolonialisierung sein, wenn sie die Abhängigkeit vom Norden fördert und dazu beiträgt, dass andere Formen von Wissen gegenüber dem vorherrschenden Wissen unsichtbar werden. Zum einen stammen die Finanzierung und die Konzeptualisierung von Forschungsprojekten, mit denen der Süden untersucht wird, ausschliesslich aus dem Norden. Der Zugang zu Entscheidungen und Ressourcen begünstigt daher den Norden. Beispielsweise können Institutionen des Südens die akquirierten Forschungsgelder ohne Vermittlung aus dem Norden nicht direkt verwalten. Oft ist es so, dass die Verantwortung für die Datenerhebung an den Süden delegiert wird, während der Norden die Analyse übernimmt. Das bringt den Süden in eine untergeordnete Position und gesteht ihm weniger Verantwortung zu.
Zum anderen dominiert der Norden die Konzeption und Kommunikation von Wissen. Das für Forschungskonzepte und -methoden berücksichtigte Wissen stammt aus dem Norden. Lokales und indigenes Wissen wird weniger beachtet. Zudem sind es die Forschenden aus dem Norden, die am meisten analysieren und veröffentlichen. Publikationen zählen aber zu den wichtigsten Wissensquellen und die bedeutendsten Herausgeber sind im globalen Norden ansässig und werden von diesem kontrolliert. Deshalb konzentriert sich die Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse über Publikationen und damit auch die Sichtbarkeit als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler auf den Norden.
Zusammenarbeit und Wissensproduktion dekolonisieren
In ihrem jetzigen Zustand schwächt die Nord-Süd-Forschungszusammenarbeit den Süden und fördert das Machtgefälle. Sie bringt den Süden in die Position des Bedürftigen und den Norden in die des Vormunds. Dabei sollte diese Zusammenarbeit Beziehungen und Interaktionen wertschätzen, über die blosse Konsultation des Südens hinausgehen und wirklich integrativ und koproduktiv sein. Die Themen sollten den Bedürfnissen der untersuchten Gesellschaft entsprechen und nicht zuletzt müssen die nötigen Ressourcen für diese Koproduktion bereitgestellt werden.
Die Kooperation kann dank einer inklusiven Organisationsstruktur eine Rolle bei der Produktion von dekolonisiertem Wissen spielen. Dekolonisiertes Schreiben und Wissen umfasst mehrere Stimmen und eine ständige kritische Auseinandersetzung mit dem dominanten Wissen. Die Relevanz eines Wissens ist abhängig vom Kontext des Ortes, an dem es entwickelt wird. Die Wissensproduktion muss deshalb der lokalen Bedeutung und den lokalen Bedürfnissen entsprechen. Ebenso muss die Vermittlung in der Sprache der Gemeinschaften erfolgen, die dieses Wissen nutzen, und die erworbenen Kenntnisse müssen in der lokalen Sprache verfügbar sein. Wichtig ist zudem, eine Vielfalt an Belegen und Formaten als Wissensquelle zu akzeptieren und zur Kommunikation zu nutzen.
Vielfalt gewährleisten und Ausgrenzung verhindern
Die Dekolonisierung ist ein fortlaufender Prozess, der in der kollektiven Verantwortung liegt. Die Forschungszusammenarbeit dekolonisieren heisst, jede Art von Diskriminierung zu beseitigen und für Zugang und Gleichberechtigung zu kämpfen, indem verschiedene Perspektiven einbezogen werden. Der Norden muss andere, nicht-westliche Formen des Wissens und der Autorität anerkennen. Die Verflechtung und Koexistenz einer Vielfalt von Wissen trägt dazu bei, Ausgrenzung zu vermeiden.
Für den weiteren Weg hin zur Dekolonialisierung der Nord-Süd-Forschungszusammenarbeit empfehle ich fünf (nicht abschliessende) Ansätze:
- Aufhören, Forschungsprojekte nur deshalb zu finanzieren und zu akquirieren, damit der Norden den Süden studieren kann. Unterstützen wir stattdessen die Finanzierung und Konzeption von Forschungsprojekten, die es Forschenden und Institutionen des Südens ermöglichen, auch den Norden zu studieren.
- Aufhören, die Institutionen des Südens von der Konzeption, vom Inhalt und vom Budget des Projekts (vor Einreichung des Antrags) auszuschliessen. Stellen wir stattdessen genügend Zeit und Ressourcen für die gemeinsame Entwicklung des Forschungsantrags und die Mitverwaltung der Finanzierung zur Verfügung.
- Aufhören, den Süden und den Norden unterschiedlich zu behandeln. Sorgen wir stattdessen dafür, dass der Süden Zugang zu Laborsoftware, Daten und Publikationen, Schulungen (z. B. Sprachkurse) und guten Arbeitsbedingungen (z. B. soziale Sicherheit) hat.
- Aufhören, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Süden nur mit der Erhebung von Daten und solche aus dem Norden mit deren Analyse zu beauftragen. Geben wir dem Süden stattdessen die nötige Unterstützung, damit er die Daten selbst analysieren und publizieren kann.
- Aufhören, lokales und indigenes Wissen zu unterschätzen. Beginnen wir stattdessen damit, lokales und indigenes (nicht wissenschaftlich veröffentlichtes) Wissen zu nutzen und einheimische Personen dabei zu unterstützen, Probleme in ihren Gemeinschaften zu lösen.
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O. Ravaka Andriamihaja, PhD, stammt ursprünglich aus Madagaskar und arbeitet am Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern zum Thema Landgouvernanz und nachhaltige Entwicklung. Ihr Text ist inspiriert von einer , die von der Kommission für Forschungspartnerschaften mit Entwicklungsländern (KFPE) am CDE in Auftrag gegeben wurde.