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Der Roman Porporino ou les mystères de Naples von Dominique Fernandez (1974) beginnt mit der Stimme eines Erzählers, dem ein Manuskript anvertraut wird. Es ist in drei Hefte gegliedert und enthält die Aufzeichnungen eines Musikus aus dem barocken Neapel des 18. Jahrhunderts. Neapel ist zu jener Zeit die Hauptstadt des Königreiches der zwei Sizilien. Der Schreiber nennt sich Porporino, und er berichtet über sein Leben als Kastrat in der von sinnlicher Pracht geprägten Gesellschaft der damaligen Musikmetropole.
Die faszinierende, erlebnis- aber auch entbehrungsreiche Lebensgeschichte Porporinos beginnt im Hinterland von Neapel, im Dorf San Donato. Dort wird der spätere Kastrat in eine kinderreiche Bauernfamilie hineingeboren und auf den Namen Vincenzo del Prato getauft. Die Bewohner von San Donato wurden und werden immer wieder von menschengemachten und natürlichen Katastrophen heimgesucht. Erdbeben, Waldbrände, Trockenheit machen das Leben zur Qual. Die Menschen werden zudem von den Grossgrundbesitzern und dem ausbeuterischen Steuersystem geplagt. Zwei Mal im Jahr erscheinen die Steuereinnehmer des Prinzen Don Raimondo di Sangro Sansevero. Die Erinnerung des Kindes Vincenzo an den Besuch des Prinzen ist für den Leser aufschlussreich: Don Raimondo – zukünftiger Mäzen und Beschützer von Porporino – tritt beim Gang durch die Dorfstrasse mit seinen Seidenpantöffelchen in den Geissendreck. Man versteht sofort: Auf der einen Seite die Haltung der grossen Pose und die Eitelkeit der höfisch-aristokratischen Schicht, auf der andern der Unrat und das Elend der Mittellosen. Das Kulturphänomen der Kastraten, welches in der Folge erklärt und beschrieben wird, nimmt im Elend tausender Buben aus dem ländlichen Süditalien seinen Anfang. Der Knabe Vincenzo mit der schönen Stimme wird vom Dorfpfarrer Don Sallusto dem Prinzen empfohlen und mit dem Einverständnis des mittellosen Vaters zum Kastraten gemacht. Der Junge wird also, wie damals viele andere Knaben des Mezzogiorno seines Geschlechts und seines seelischen Gleichgewichts beraubt.
Das zweite Heft der in Heidelberg aufgefundenen Memoiren beginnt mit der Schilderung der Ankunft Porporinos in Neapel und seiner Ausbildung zum Sänger in einer berühmten Gesangsschule. Der junge Mann ist darüber aber nicht nur glücklich. Er leidet unter seinem schwachen Selbstvertrauen und dem schlechten Gewissen, seine Schicht verlassen zu haben. Er ist schüchtern und fühlt sich unwohl in seiner androgynen Identität. Er merkt aber auch, dass er durch sie eine Freiheit gewonnen hat: Die Gesellschaft kann von ihm keine ehelichen Pflichten und ein in konventionellen Bahnen verlaufendes Leben verlangen. Diese Lebenshaltung und deren Folgen für eine auf die industrielle Revolution zusteuernde Gesellschaft wird im Roman von einem weiteren Protagonisten, dem Freimaurer Perocades, kritisiert. Aber davon später. Tauchen wir ein in das gesellschaftliche Leben Neapels. Es spielt sich in den Salons des Hofes oder an den Empfängen des Adels ab. Die schon zu Ruhm gelangten oder noch nicht berühmten Kastraten mit ihren Eigenheiten und Skandalen sind gängiges Gesprächsthema der opernbegeisterten Hautevolée und dem am Hofe sich tummelnden Botschaftern, Monsignori, Gesandten, Residenten und Kulturgrössen, wie zum Beispiel Mozart und Casanova. Vorfälle bei Hof, bei Bällen und Jagdausflügen und die wilden Sitten der Volksmassen der Stadt sind Gegenstand der Konversation. Am liebsten klatscht man aber über die Liebesaffären diversester Art, wie etwa jene des Kastraten Feliciano, das Sehnsuchtsobjekt von zwei Männern: dem jungen, feinfühligen Porporino und dem alten, schmachtenden Don Manuele.
Porporino ist immer und überall dabei. Er wird Zeuge geistreicher Diskussionen, bei denen der Freimaurer Perocades eine zentrale Rolle spielt. In seinen Gedanken drückt sich die Angst vor der unklaren Identität der Kastraten aus. Auch in den fast kindlichen Volksmassen Neapels mit ihren zu keiner zielorientierten Arbeit fähigen "lazzaroni" wittert er Gefahr. Die Androgynität der Kastraten und die Unbekümmertheit der "lazzaroni" steht dem Geist der aufgeklärten Gesellschaft mit ihrem Arbeitsethos und Fortschrittsgedanken diametral entgegen. Perocades beobachtet misstrauisch die Glitzerwelt der Kastraten und die zum Chaos neigende Kultur des Mezzogiorno. Neapel ist Sinnbild für die kollektive Unfähigkeit, die Neigung zum Genuss, die Prachtentfaltung der höfisch-aristokratischen Gesellschaft, das ständige Spiel mit den Geschlechtern und der Travestie. Eitelkeit und Vanitas sind in der Metropole allgegenwärtig. Wie wir heute wissen, siegt schliesslich der Geist der Aufklärung. Und mit ihm geht die hundert Jahre andauernde Präsenz der Kastraten auf den europäischen Opernbühnen zu Ende. Und Porporino: Er erhält eine Anstellung bei einem Fürsten in Heidelberg. Er verlässt Neapel und stirbt einige Jahrzehnte später an den Ufern des Neckars.
Ich habe das Buch von Fernandez mit Begeisterung gelesen, auch wenn mir die Lektüre einiger Passagen mit detailreichen Schilderungen der damaligen Opernaufführungen im "Teatro San Carlo" viel Geduld abverlangt haben. Der Autor beschreibt wortgewaltig die verrückte Zeit in der Metropole der europäischen Musik im 18. Jahrhundert. Es ist die Zeit, in der eine reiche Elite verstümmelte Knaben aus dem armen Süden für ihre exotische Vergnügungssucht missbraucht. Prunk- und Todessucht herrschen in Neapel, sowohl auf der Bühne als auch im Leben. Schon während der Lektüre hat mich eine grosse Lust gepackt, diese Stadt zu besuchen und für mich zu entdecken. Wer die Oper liebt und das Chaos des Südens, sollte dieses Buch lesen. Angela WillimannKlappentext:
Porporino, le narrateur, élève à l'école des castrats napolitains sous le règne du roi Ferdinand, dans les années 1770, est un personnage inventé mais la plupart des héros qui traversent ses mémoires ont réellement existé: le prince de Sansevero, esprit universel aux frontières du génie et de la démence, Antonio Perocades, franc-maçon rationaliste, la belle Sarah Goudhar et Lady Hamilton, aventurières comme seuls en ont produit les anciens régimes, le jeune Mozart, le vieux Casanova et l'illustre Farinelli, plus célèbre en son temps que La Callas au nôtre. On découvrira du même coup, prodigieusement ressuscitée de l'oubli, ce que fut la Naples de ce temps-là, vaste cité aux édifices somptueux, capitale de l'architecture et des arts, rendez-vous de l'Europe éclairée au même titre que Paris, métropole de l'opéra, et Castrapolis unique au monde. Car cette institution des castrats, on le comprendra peu à peu, en suivant les aventures du mémorialiste et de son camarade Feliciano, beauté ravageuse, n'était pas le fruit des seuls caprices d'une aristocratie décadente. Il faut y retrouver, sublimées dans un art du chant malheureusement disparu, certaines des aspirations fondamentales de l'humanité. L'esprit des castrats était un esprit de liberté absolue, un défi à tout ce qui limite, une façon travestie de renouveler les mythes orphiques de la création en échappant à l'obligation d'être un homme.
Dominique Fernandez nous donne ici le grand roman qu'on attendait de lui, à la fois éblouissante résurrection d'un passé et méditation sur l'époque contemporaine. Un livre foisonnant de personnages et d'idées, quotidien et singulier à chaque page, mouvementé, divers, lyrique, audacieux, un peu fou, merveilleux palais baroque dont les portes ornées semblent soudain s'ouvrir sur les mystères de l'aujourd'hui.Über die Autorin / über den Autor:
Dominique Fernandez, geboren 1929, verfasste zahlreiche Romane, Essays, Literaturkritiken, Reisetagebücher und ein Opernlibretto. Der Autor ist Träger der beiden bedeutendsten Literaturpreise, die Frankreich zu vergeben hat: des Prix Médicis, 1974 und des Prix Goncourt, 1982.Preis: CHF 20.80