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Das Reptilien- und Altsäugergehirn
Um Kinder im Stress zu verstehen, ist es hilfreich, wenn man schon einmal etwas über das Reptilien- und Altsäugergehirn gehört hat. Paul MacLean kreierte in den 60er Jahren das Modell des dreieinigen Gehirns, das aus dem Neocortex, dem etwas älteren Altsäugergehirn (limbisches System) und dem noch älteren Reptiliengehirn (Hirnstamm und benachbarte Strukturen) besteht.
Natürlich handelt es sich dabei um eine nicht ganz korrekte und doch sehr unterstützende Vereinfachung, um Verhalten zu durchschauen.
Reptilien und Säugetiere in freier Wildbahn wissen nicht, wie gefährlich eine Situation wirklich ist und wie lange die Gefahr bestehen bleibt. Sie bleiben also eine ganze Weile im Kampf- oder Fluchtmodus. Der Körper fährt also, wenn Gefahr droht, alle Körperfunktionen herunter, die zum Überleben in dem Moment nicht wichtig sind.
„Die Liste dieser Funktionen, die verlangsamt oder deaktiviert werden, ist sehr lang, und sie ist der Schlüssel zur Antwort auf die Frage, warum es so schwierig ist, Selbstkontrolle auszuüben, wenn wir sie am dringendsten brauchen.“ Stuart Shanker S. 28
Auch heute funktionieren wir Menschen noch nach diesem primitiven Alarmsystem. Da dies keinen Unterschied zwischen einem echten oder imaginären Feind macht und gleichermassen Adrenalin freisetzt, kann das Einkaufen am Samstag oder eine laute Pause in der Schule zur scheinbaren Gefahr werden. Und man bedenke, wie Reiz belastet unser modernes Leben doch ist. Unsere Kinder wachsen, so Stuart Shanker, in einer ständigen Reizüberflutung auf und je nach Konstitution ist das ein regelrechtes Drama. Die Bedrohung lauert für diese Kinder überall, da das Reptilien- und Säugetiergehirn schneller Alarm schlägt, als es sinnvoll ist.
„Wenn zu viele dieser extern verursachten Kosten (zusätzlich zu den üblichen emotionalen, sozialen und kognitiven Stressfaktoren) entstehen, kann das limbische System hyperempfindlich auf das kleinste Anzeichen von Gefahr reagieren. Dann stuft es etwas als Bedrohung ein, bevor der präfrontale Cortex die Chance hat zu beurteilen, ob das wirklich zutrifft und löst einen Alarm aus, der zur Ausschüttung von Neurochemikalien und damit zur Aktivierung des Kampf- oder Fluchtmodus führt. Wenn das nicht funktioniert, greift das Gehirn auf den Erstarrungsmodus zurück – ähnlich dem Totstellen, das manche Tiere praktizieren, wenn sie bedroht werden.“ Stuart Shanker S. 27
Kampf- oder- Flucht- oder Erstarrungsmodus haben also da ihre Ursache. Während sie in der Natur bei Reptilien/Vögel und Säugetieren überlebenswichtig sind, behindern sie uns Menschen oftmals im für uns in der Regel nicht mehr auf diese Art gefährlichen Alltag. Der Alarm des Reptilien- und Säugetiergehirns bedeutet darum quasi grossen Stress für nichts. Könnten wir die Situation mit dem Neocortex beurteilen, würden wir oft zum Schluss kommen, dass da keine Gefahr lauert, aber das primitive Alarmsystem kommt uns zuvor.
Wie das im Alltag aussieht
Unser autistischer Teenager setzt alles daran, dass er nach den Ferien den Rhythmus so verändert hat, dass er eine Freinacht macht und die Schule total überdreht startet. Diese Idee ist ganz schlecht – vor allem bei einem Jugendlichen, der aufgrund der Pubertät und Autismus unabhängig davon schon in extremster Weise auf schier alles reagiert.
„Aber das Problem geht noch tiefer. Während der Stress ihren Kraftstofftank leert, halten sich Kinder mit Adrenalin und Kortisol aufrecht. Darum werden sie überreizt oder manisch (…).“ Stuart Shanker S. 57-58
Für mich ist es unverständlich, dass man sich das freiwillig antut und mit einem leeren Tank quasi die Schule wieder startet. Wir hatten viele Diskussionen ohne Wirkung.
Natürlich ging mir auch durch den Kopf, ob übernächtigt und leicht manisch der Übergang von Ferien zu Schule einfacher zu bewältigen ist, da kein krasser Wechsel von Entspannung zu Anspannung.
Hinter extremen Reaktionen verbirgt sich oftmals Stress. Im geschützten Umfeld zu Hause erkennt man einfacher, was dahinter stecken könnte. Komplizierter wird es zum Beispiel auf Spielplätzen. Da lauert der Stress überall. Ich habe darum eine grosse Aversion gegenüber Spielplätzen – ausser es regnet, ist sehr kalt oder “Corona treibt Unfug” und wir sind alleine dort.
Laut Stuart Shanker sind dort die Stressarten alle sehr eng miteinander verwoben. Meine Kinder brauchen oftmals etwas mehr Zeit als andere, um sich zu orientieren. Das passt manchen anderen Kindern gar nicht in den Kram – es kann nicht genug schnell gehen. Schon beim Anstehen an der Rutschbahn drängten sich gewisse vor. Zudem brauchten beide Kinder einen Moment, bis sie – klein noch – die Rutschbahn hinunter sausten. Ich war wirklich immer gefordert und leicht überfordert, denn es geht auf Spielplätzen ziemlich hierarchisch zu und her und auch wenn ich für andere 15 Sekunden zu warten absolut vertretbar finde, war das doch für manche der Freipass, um das Kind zu stossen oder grob über es hinweg zu klettern u.s.w. Meine Kinder bekamen von diesem übergriffigen Verhalten Angst, das führte zu einer Anspannung und diese wiederum leerte ihren Energietank. Und so wurde das ganze Interagieren mit den anderen Kindern noch viel schwieriger, als es sonst schon war. Im positiven Fall hätten die Kraftreserven durch positive Kontakte ja wieder ein wenig aufgetankt werden können. Oftmals war es aber einfach nur schwierig und alles kumulierte sich. Solche Situationen wiederholen sich in veränderter Form immer wieder und letztlich führt das unweigerlich zu einem Zusammenbruch.
Neben Spielplätzen sind auch Kindergeburtstage eine Herausforderung. Mitten im grössten Gewimmel wurde mir einmal gesagt, ich hätte wirklich ein pflegeleichtes und liebes Kind, da es an meiner Seite blieb und alles von da aus beobachtete, während die anderen Kinder Ramba Zamba machten. Lieb auf jeden Fall – aber unkompliziert waren unsere Tage noch nie.
„Dieses Erstarren ist eine natürliche Reaktion auf zu viel Stress. Die plötzliche Ruhe des Kindes sieht wie Selbstkontrolle aus, ist aber genau das Gegenteil davon, denn in diesem Zustand ist das völlig überflutete Reaktionssystem ausser Kraft gesetzt.“ Stuart Shanker S. 59
Ich lernte schliesslich, dass Kindergeburtstage für schnell überreizte Kinder nicht ganz einfach zu bewältigen sind, wobei wir oftmals auch vergessen gingen – respektive nie zu den top ten gehörten.
Stuart Shanker macht sogar einen Schwenker in die Babyzeit, was zu einem Aha-Erlebnis meinerseits führte. Denn oftmals höre ich von Eltern autistischer Kinder, dass ihr Baby entweder ziemlich pflegeleicht war oder dann sehr, sehr anspruchsvoll. Ich vermute, dass diese Schilderungen genau damit zu tun haben. So war mein erstes Kind ein wahnsinnig anspruchsvoller Säugling, während mein jüngeres eher als ein Anfängerbaby schien.
„Manche Babys werden im übererregten Zustand apathisch: Sie ziehen sich zum Selbstschutz instinktiv zurück (die Säuglingsversion der Flucht). Andere werden reizbar (die Säuglingsversion des Kämpfens).“ Stuart Shanker S. 75-76
Während mein älterer Sohn als Baby vehement seine Überreizung zeigte (Kampfmodus), schien mein jüngerer Sohn als Baby oft zufrieden zu sein. Vielleicht war er es auch wirklich, dennoch wäre es möglich, dass er sich zum Selbstschutz auch einfach nur zurückzog und seine Reaktion so dämpfte (Erstarrungsmodus).
Umsetzung in der Praxis
Autismus ist eine grosse Herausforderung, um das turbulente Leben zu meistern. Stress ist überall versteckt – sind es nun Reize von aussen oder von unserem Körper selbst, die plagen oder verunsichern, wie intensive Gefühle, die überfordern, eine andere Art der Aufmerksamkeit, die manches erleichtert und gleichzeitig erschwert, Interaktionen mit allen Neurotypen, was verwirrend sein kann, sensorische Überreizungen, die selbst Schönes unerträglich machen können etc. – das alles ist ziemlich erschöpfend.
Mein jüngerer Sohn mag es gar nicht, wenn Erwachsene miteinander sprechen und er daneben steht. Dann versucht er dieses Gespräch zu unterbinden, da er sich vielleicht auch zugehörig fühlen will, aber sprachlich ein bisschen anders tickt: er mag es ehrlich, direkt, kurz und interessant. Aber da wird über so Unwichtiges geplaudert. Stundenlang. Zudem sind die Stimmen oftmals schrill und das Lachen zu laut. Mein älterer Sohn wiederum hasst es, wenn man seiner Meinung nach zu indiskret ist und beispielsweise nachfragt, wie seine Präsentation gelaufen ist oder ihn erinnert, dass das Putzen der Zähne keine Option, sondern eben ein Muss ist. Gleichzeitig suchen sich beide Reize mit Stimmingcharakter, die sie geniessen und oftmals nicht ganz geräuschlos an anderen vorbeiziehen.
„I’ll never forget what @JoanneLimburg said – one person’s stim is another person’s sensory nightmare.“ Pete Wharmby
So laufen bei beiden dauernd Programme ab, die Kräfte raubend sind. Und irgendwann geht einem einfach die Puste aus und ein Zusammenbruch naht. Das wiederum ist für alle Beteiligten anspruchsvoll, da die Reaktionen des Kindes/Jugendlichen doch heftig sind, die Not sichtbar und Selbstkontrolle unmöglich. Der Schlüssel liegt aber auch nicht in erster Linie darin, sondern in der Selbstregulierung. Dafür muss man erst einmal einen Schritt zurücktreten.
„Der Sinn der Selbstregulierung besteht darin, nicht automatisch zu versuchen, schwierige Verhaltensweisen unter Kontrolle zu bekommen oder zu unterdrücken, sondern innezuhalten und zu überlegen, ob sie Zeichen einer Unter- oder Überregulierung darstellen, und falls ja, die Stressfaktoren zu identifizieren und reduzieren, die diesen Zustand ausgelöst haben.“ Stuart Shanker S. 119
Es geht also darum, das Kind oder den Jugendlichen erstmals zu verstehen. Was steckt hinter dem Verhalten? Diese Art zu denken ist das A und O im Zusammenleben mit autistischen Kindern. Ohne diese Haltung geschieht dem gestressten Kind viel Unrecht. Dieses “reiss dich zusammen und störe mit deinem Verhalten bitte nicht” geht unter grosser Anspannung schlecht. Man kann ein Kind nicht zwingen sich zu beruhigen. Im Gegenteil, dieser Druck erhöht die Stressbelastung gar. Es ist also kontraproduktiv, wenn wir dann noch schimpfen. Das Kind kämpft möglicherweise bereits mit Schuldgefühlen, weil es durch den Flucht- , Kampf- oder Erstarrungsmodus nicht anders kann und eigentlich auch alles so gut machen will, wie die anderen. Hier müssen wir Erwachsene uns an der Nase nehmen. Es ist nicht richtig das Kind subtil als Versager hinzustellen, während wir unsere Aufgabe nicht wahrnehmen.
“Die Natur hat uns – als Erwachsene – mit einem höher entwickelten Gehirn ausgestattet, das das Reptiliengehirn eines Kindes zähmen kann, bis das Kind selbst dazu in der Lage ist.” Stuart Shanker S. 93
Nie dürfen wir vergessen, dass Selbstregulierung gelernt wird, indem wir dem Kind/Jugendlichen helfen, sich selbst zu regulieren. Erst dann wird Selbstkontrolle nach und nach möglich oder ist so vielleicht auch gar nicht mehr nötig.
Die Smartphone-Metapher
Im ersten Moment denkt vielleicht mancher, dass Selbstregulierung gar nicht gelernt werden kann, wenn das Leben doch so viel Stress auf Lager hat. Dem ist aber keineswegs so, wie Stuart Shanker aufzeigt. Wir alle können dem Kind ganz konkret helfen und aufzeigen, wie Selbstregulierung geht. Wir haben durch unsere Möglichkeiten eine Verantwortung.
„Man muss bei Kindern mit sehr einfachen Worten und Bildern beginnen, zu denen sie einen Bezug haben (ein leerer oder voller Benzintank, ein Computer, der abstürzt, wenn man zu viele Programme gleichzeitig ausführt).“ Stuart Shanker S. 199
So entwickelten wir die Smartphone-Metapher, die uns die Möglichkeit gibt, durch etwas Bekanntes und Interessantes stellvertretend über unseren Stress und unser Stressverhalten zu sprechen.
„Unser Ziel ist, dass Kinder erkennen wann ihre starken Gefühle ein Signal dafür sind, dass sie übermässig gestresst sind und eine Erholungsphase brauchen.“ Stuart Shanker S. 164
Um dieses Ziel zu erreichen, nennt Start Shanker vier Schritte, die letztlich zur Selbstregulierung führen. Diese betteten wir in die Smartphone-Metapher ein, was uns hilft, die richtigen Fragen zu stellen.
1. Die Stressfaktoren erkennen. Warum jetzt?
Für autistische Kinder/Jugendliche lauert Stress überall. Es ist für meinen jüngeren Sohn extrem stressig, mit einer Arbeit zu starten, die ihn nicht packt. Gleichzeitig ist ihm die Fahrt im Schulbus mit weiteren 11 Kindern drin viel zu laut. Mein älterer Sohn wiederum will keine privaten Fragen gestellt bekommen über seinen Tag beim Schnuppern oder warum Jacken immer ein no go sind. Das stresst ihn, da Fragen zu diesen Themen für ihn zu indiskret sind. Er mag über Tierrechte und Veganismus diskutieren, am liebsten, wenn andere essen und versteht überhaupt nicht, dass er ziemlich militant rüber kommt und fühlt sich dadurch auch verletzt und total missverstanden. Es sind also immer ganz viele Stressfaktoren parallel vorhanden.
- Welche Apps sind gerade aktiv?
- Welche Apps laufen im Moment unbemerkt im Hintergrund, die ich auf den ersten Blick gar nicht erkennen kann?
2. Die Stressfaktor reduzieren
Stuart Shanker rät zu einem Dimmer in allen Lebenssituationen. Wie man das Licht angenehm dimmen kann, sollte man auch den Lärm einer viel befahrenen Strasse “dimmen” und den Lärmpegel im hallenden Gang in der Pause oder die Essensdüfte um 12 Uhr, die aus dem Dampfabzug direkt Richtung Trottoir ziehen. Dasselbe mit Interaktionen. Auch die dürfen nicht – nicht einmal im Guten – übertrieben werden etc.
“Für ein überempfindliches Kind kann zum Beispiel das Leuchten in den Augen der Mutter oder eine sanfte Umarmung oder Berührung, die normalerweise eine positive Erregung auslösen würden, unerträglich sein.“ Stuart Shanker S. 94
- Apps mit zu viel Energieverbrauch schliessen.
- Energiesparmodus aktivieren
- Lautstärke regulieren = Welche Reize muss ich mit Hilfsmitteln „dimmen“? (Kopfhörer, Sonnenbrille, in ein ruhiges Zimmer wechseln etc.)
3. Wahrnehmung des inneren Zustandes.
Manchmal wird der Stress bei rasch überreizten Kindern und Jugendlichen schleichend zum Normalzustand. So erkennt man ihn gar nicht mehr als Stress. Stuart Shanker geht davon aus, dass es evolutionäre Gründe gibt, dass wir unseren Zustand niedriger Energie nicht besonders effektiv wahrnehmen. Das soll vermutlich unser Überleben sichern, indem wir uns auf die Bedrohung fokussieren und nicht auf unseren Zustand (vgl. S. 45). Dazu kommt, dass wir aus dieser Stressgewöhnung heraus Entspannung manchmal gar als unangenehm empfinden, da es sich so anders und dadurch falsch anfühlt.
Man sollte das Kind/den Jugendlichen also öfters mal fragen: “Wieviel Akku hast du noch?” Unter 25% wird es kritisch. Spätestens dann muss auf den Energiesparmodus gewechselt werden. Irgendwann wird sich, so hoffe ich, das Gespür dafür entwickeln und der eigene Zustand so gut wahrgenommen, dass man weiss, wann man sich schützen sollte.
- Wieviel Akku habe ich noch?
- Gelingt es mir, die Apps zu starten?
- Kann ich überhaupt noch Apps schliessen?
- Läuft evtl. alles etwas langsam, da zu viele Apps offen sind.
- Hat das Smartphone gar einen Virus!? Brauche ich dafür evtl. professionelle Hilfe? (Hausarzt, Gespräch mit der Psychologin etc.)
4. Herausfinden, was hilft, Kräfte zu sammeln
Wenn alle Warnsysteme versagt haben und man nur noch erschöpft ist, braucht es Zeit, das Gehirn wieder zu beruhigen, damit es nicht mehr Alarm schlägt. Manchmal ist das wirklich eine grössere Sache und braucht viel Geduld. Im Kleinen gibt es jedoch einige Möglichkeiten, zu denen man greifen kann. Allerdings hilft das, was einer Person Beruhigung und Entspannung verschafft, bei einer anderen Person wiederum überhaupt nicht. Bei meinen Kindern ist die Beschäftigung mit ihren Interessen immer ein guter Weg. Mein älterer Sohn vertieft sich im Schach, mein jüngerer kocht sich etwas oder mixt ein Bananen Frappé. Etwas jünger half auch immer ein Spaziergang in die Natur – vor allem der Wald bewirkte wahre Wunder. Nicht vergessen darf man auch die regulierende Wirkung des Stimmings. Ich persönlich bin begeistert von Körperübungen – mir hilft es, wenn ich langsam ein- und ausatme und dabei gedanklich rückwärts zähle. Es ist kein Geheimnis, dass sich Eltern von schnell überreizten Kindern auch bewusst regulieren müssen, um nicht in ein Burnout o.ä. zu rutschen.
- Wie lade ich meinen Akku auf? Spezialinteressen oder Interessen, Stimming, Körperübungen, Natur, …
- Welche Apps tun mir gut?
- Update. Bestehende Apps verbessern.
Emotionale Fehlregulationen sollen mit der Zeit früh erkannt werden, damit das Kind nicht in den Kampf- oder- Flucht- oder Erstarrungsmodus gerät (vgl. S. 165). Oder anders gesagt – laufen ganz viele Apps gleichzeitig oder nahtlos – man bedenke auch die unsichtbaren, läuft das Smartphone nur noch ganz langsam und es folgt vielleicht gar ein Absturz. Der Umgang mit dem Smartphone muss gelernt und Signale erkannt werden, sonst folgt ein Absturz nach dem anderen. Und genau hier haben wir als Eltern oder Bezugspersonen eine Verantwortung. Regulierung muss zuerst von uns übernommen und so nach und nach dem Kind vermittelt werden. So wie man keinen Säugling schreien lässt – sondern vielleicht sanft wiegt und summt, so überlässt man auch kein älteres Kind oder Jugendlichen mit Regulierungsschwierigkeiten sich selbst. Das mit der vermeintlichen Abhärtung ist ein Schuss in die falsche Richtung – die Smartphone-Methode vielleicht eine Unterstützung im Umgang mit sich selbst.
Akku aufladen – vier Körperübungen
Nicht Stärke zu zeigen, ist bei einer Überreizung gefragt – sondern sich (respektive das Gehirn) zu beruhigen. Das gilt auch in der Nacht, wenn wir Sorgen geplagt aufwachen und das Herz wie verrückt rast. Auch hier ging ein Alarm aus unserem älteren Gehirn los und setzte so den präfrontalen Cortex ausser Betrieb. Sorgen können ohne Aktivierung des präfrontalen Cortex gerade nicht lösungsorientiert betrachtet werden (vgl. Stuart Shanker S. 44). Aber wie beendet man diese Stressreaktionsschleife bloss!? Die Überlebensbücher von Dr. Med. Claudia Croos-Müller beinhalten einen Schatz voller Ideen, wie man über den Körper das Gehirn quasi auf neue Ideen bringen kann – auch tagsüber. Nicht nur in der Nacht. Denn bei reizüberfluteten Kindern/Jugendlichen hat – um in der Metapher zu bleiben – das Smartphone dann und wann einen Absturz oder nahe dran.
- Das Pferd : Ein paar mal schnauben = Das Grosshirn konzentriert sich darauf, diese Bewegung richtig zu machen und unterdrückt andere Gehirnbereiche, die nach Angst rufen. (Nur Mut S. 14-15)
- Das Frappé : Spitze deine Lippen, als ob du einen Strohhalm im Mund hast. Atme nun langsam 6x wie durch diesen Strohhalm ein und aus. So geht müheloses Atmen und die Nervenbahnen signalisieren dem Gehirn Urvertrauen. (Kopf hoch S. 16-17)
- Die Katze ⬛ : Lieblingslied schnurren = Das Schnurren ist eine Art von Summen und im ganzen Körper als Vibration spürbar. Mmmmmmmhh, mmmmmmmhh etc. Diese Entspannung führt zu ruhigen Hirnströmen. (Kopf hoch S. 30-31)
- Die Rose : Einen Duft schnuppern, der einem zusagt, hat Auswirkungen direkt auf den Bereich der Emotionen und ihrer Verarbeitung im Gehirn. Im Sommer gehen wir dafür in den Garten – aber auch Rosen- oder Lavendelöl bewirken dasselbe. Mein jüngerer Sohn mag zudem viel lieber den Duft von Nivea Sonnencreme. (Nur Mut S. 20-21)
„Nimm Einfluss auf dein Nervensystem, mache stabilisierende Körperübungen und mache dich dadurch ruhig und gelassen (…).“ Dr. med. Claudia Croos-Müller (Kopf hoch S. 36)
Das Smartphone-Bild als Reminder
Bilder vergisst man weniger schnell als Worte. Das gilt für die meisten Menschen. Also nutzen wir das doch. So liess ich meinen jüngeren Sohn ein Smartphone zeichnen. Rundherum habe ich die für mich und meine Kinder wichtigsten Fragen zur Regulierung herausgepickt und notiert. Es soll ein Reminder sein, auf was es aufzupassen gilt und bei Gelegenheit hervorgeholt und gemeinsam besprochen.
Viel Spass und Erfolg .
Ein kleiner Test zum Schluss: “Ich bin wieder lieb”
Vor ein paar Wochen bekam ich von der Schule eine Info, dass es am Ende des Tages wieder einmal ziemlich schwierig gewesen sei. Als alle Kinder ihre Hausaufgaben ins Aufgabenheft schreiben sollten, startet mein autistischer 3.-Klässler durch. Er bestand darauf, dass er dasselbe Aufgabenheft wie der Rest der Klasse bekommt. Er hat ein anderes Aufgabenheft, das mehr als Austausch zwischen Schule und Elternhaus dient, dies aber nicht immer im Einsatz. Es wurde dann laut und heftig und eigentlich wäre der ruhige Ausklang im Gang gewesen. Ich vermute, dass sich die Heilpädagogin auch ein bisschen unter Druck fühlte, da die Lehrperson vielleicht subtil forderte, dass dieses Verhalten rasch aufhören soll. Erklärungen, warum er nicht dasselbe hat etc., halfen nichts. Die Heilpädagogin schimpfte schliesslich mit ihm und es wurde wieder still im Zimmer. Zum Glück hatte die Lehrperson einer anderen Klasse noch genau ein solches Aufgabenheft.
Mein Kleiner soll daraufhin geäussert haben: “Ich bin wieder lieb.”
Diese nicht erfundene Geschichte gehört zum Alltag vieler autistischer Kinder. Sie soll ein kleiner Test für euch sein. Natürlich gehören dazu auch Fragen:
- Warum eskalierte diese Situation?
- Was steht hinter dem Verhalten meines Sohnes?
- Warum hat das Schimpfen vermeintlich genützt?
- Was bedeutet “ich bin wieder lieb” eigentlich?
- Wovon geht mein Kind aus, wenn es äussert, dass es jetzt wieder lieb sei – respektive, was denkt es, was es vorher war?
- Welche Haltung der Erwachsenen hätte ich mir als Mutter wohl gewünscht?
Nein, Antworten gibt es diesmal keine – nur ein Zitat:
“Wir alle kennen dieses Gefühl. Gibt es in unseren eigenen schwierigen Augenblicken mit unseren Kindern eine Möglichkeit, diesen Machtkampf und vor allem das Ergebnis zu verändern? Die Antwort lautet ja, aber dazu ist ein komplettes Umdenken erforderlich, durch das Selbstregulierung – statt Selbstkontrolle – in den Mittelpunkt unseres Handeln gerückt wird.” Stuart Shanker S. 48
Gerne möchte ich erwähnen, dass mein jüngeres Kind aktuell ziemlich resilient scheint, ihm in der Regel bestens geschaut wird und es „so etwas“ auch mal verträgt. Das vermute ich zumindest. Und natürlich sitze ich im gleichen Boot wie alle anderen Bezugspersonen und bin in erster Linie auch nur ein Mensch – mit guten und schlechten Momenten. Auch ich habe bestimmt schon etliche Male mit meinen Kindern geschimpft (besonders mit unserem Teenager, wenn er von der Schule nach Hause kommt und erstmals den Stress expressiv an mir “ablädt”) und dabei nicht verstanden, dass der Akku gerade noch 8% beträgt. Ich bin also selber immer noch am Lernen. Zum Glück sind meine Kinder geduldige Lehrer.
Ende
Literaturliste
Shanker. St. (2016). Das überreizte Kind. Wie Eltern ihr Kind besser verstehen und zu innerer Balance führen. München: Mosaik Verlag (Alle meine Zitate von ihm, die sind aus diesem Buch.)
„Man muss bei Kindern mit sehr einfachen Worten und Bildern beginnen, zu denen sie einen Bezug haben (ein leerer oder voller Benzintank, ein Computer, der abstürzt, wenn man zu viele Programme gleichzeitig ausführt).“ Stuart Shanker S. 199
Gefühlsgiesskanne nach Semmelwolle
„Sie hatte für ihr eigenes gefühlsstarkes Kind das Bild der Silvesterrakete, die entweder völlig unkontrolliert laut und grell am Himmel explodiert oder das einer Mondrakete, bei der man die ganze vorhandene Energie nutzen kann, um eine Rakete zum Mond zu steuern.“ Semmelwolle über Nora Imlau
Die geschüttelte Colaflasche nach Lyric Holmans
… und ich (Raffael) spür in mir, wie der Druck höher und höher wird. Wie bei einem Dampfkochtopf.
Mein Bauch ist ein Vulkan – so benennt es Mildi Karin Sand
Keine Gewöhnung möglich
‘I felt like my senses were under attack’: An interpretative phenomenological analysis of experiences of hypersensitivity in autistic individuals
Dreieiniges Gehirn, Dreifachhirn, triune brain, ein vereinfachendes Gehirnmodell von Paul D. MacLean, in dem eine hierarchische Organisation des menschlichen Gehirns, bestehend aus drei stammesgeschichtlich unterschiedlich alten Grundtypen, beschrieben wird.
- Reptiliengehirn: Hirnstamm und benachbarte Strukturen
- Altsäugergehirn: limbische System
- Neusäugergehirn (Neocortex)
„Selbstregulierung ist das, was Selbstkontrolle möglich und in vielen Fällen unnötig macht.“ Prof. Stuart Shanker
Mit vielen Körperübungen gegen Stress.
Mit Rosenduft lernt es sich leichter
Twitter:
Sensory Stories by Nicole (@sensorystories_) twitterte um 10:37 PM on Do., März 30, 2023:
My 10 year old: I just stare at the floor now every time I’m in any human interaction with a person I don’t know.
Me: Same, son. Same.
#noeyecontactforthewin
Loupi (@loupi_ipoul) twitterte um 8:24 AM on So., Apr. 02, 2023:
#AutismusAwarenessDay
Es gibt keinen Gewöhnungseffekt bei reizüberflutenden Situationen. Wir können und müssen das nicht üben. Eine diesbezügliche Expositionstherapie kann eher das Gegenteil bewirken und noch vulnerabler machen.
Honeyball’n’Kritzelpixel (@kritzelpixel) twitterte um 1:05 PM on Mi., Apr. 12, 2023:
Ich habe gelernt, dass alle Gefühle vollkommen OK. Manchmal sind sie flach, manchmal intensiv. Manchmal super krass.
Wichtig ist, sie zu fühlen und ihnen nachzugehen: Woher kommen sie? Habe ich einen Grund, den ich bearbeiten muss? Meltdown? Reiz überflutet? Krise?
Pete Wharmby (@commaficionado) twitterte um 4:48 PM on So., Apr. 09, 2023:
I’ll never forget what @JoanneLimburg said – one person’s stim is another person’s sensory nightmare
Dr. Nicole LePera (@Theholisticpsyc) twitterte um 11:27 PM on Mi., März 01, 2023:
Friendly reminder: people in survival mode will behave in survival (defensive) based ways. This is not personal.
Sachendenker (@sachendenker) twitterte um 10:09 AM on Do., Apr. 13, 2023:
„Wenn Sie sich vorstellen, dass ein autistisches Kind in der Schule jeden Tag mehrmals aus seinem Aufmerksamkeitstunnel gerissen wird, was jedes Mal zu Desorientierung und tiefem Unbehagen führt, sind Sie auf dem besten Weg zu verstehen, warum die Schulumgebung so stressig ist.“