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Ab 1. Oktober 2016 übernimmt der polnische Priester Artur Czastkiewicz im Generalvikariat zusammen mit Luis Capilla zu 50% die Co-Leitung der Migrantenseelsorge der Katholischen Kirche im Kanton Zürich. Arnold Landtwing hat ihn zu einem Gespräch getroffen und den polnischen Puls gefühlt.
Artur Czastkiewicz, eine Frage, die wohl noch unzählige Male an Sie gestellt wird: Wie spricht man Ihren Namen korrekt aus? Ich bitte um einen kleinen Crashkurs in Polnisch.
(lacht) Am einfachsten geht das jeweils, wenn ich meinen Namen erst mal buchstabiere. Czastkiewicz ist ein typisch polnischer Name, ziemlich kompliziert mit der Aussprache der Buchstabenkombinationen. Er klingt dann mit dem nasalen „on“ wie im französischen „bonjour“ wie „Tschon-st-kiewitsch“ [ ʧ ɔ̃|st kjə |wiʧ ]. Die meisten sagen jedoch einfach „Tschas-kietwitsch“ das ist auch ok.
Wie kommen Sie als polnischer Seelsorger in die Schweiz?
Ich habe in Polen Theologie und Philosophie studiert. Das Weiterstudium hat mir der damalige Bischof von Fribourg, Pierre Genoud, ermöglich, indem ich ein Sprachstipendium erhalten habe. So habe ich in Fribourg biblische Theologie studiert. Sehr rasch hat dann Bischof Genoud signalisiert, dass er mich als Pole für eine Pfarrei und eine Mission einsetzen möchte. Das war damals ganz neu. Angefangen habe ich meinen seelsorgerlichen Einsatz in den Pfarreien St. Clothilde und Sacré-Coeur in Genf. Mein Pensum war aufgeteilt in 25% Pfarrei (Administrator) und 25 % für die Polenseelsorge im Kanton Genf – und 50% habe ich studiert. So habe ich die Polen im Kanton, in Genf und Lausanne betreut und die Wissenschaftler im CERN. Am CERN hat es eine grosse polnische Gruppe. Es sind vor allem kinderreiche Familien. Für Kinder der Mitarbeiter der Polnischen Botschaft an der UNO habe ich auch Religionsunterricht erteilt.
Polen, Fribourg, Genf, Zürich: Welche Sprachen sprechen Sie?
Ich spreche Französisch, Deutsch (das sollten alle Missionare beherrschen), slawische Sprachen verstehe ich die meisten, dann auch noch Russisch, Italienisch, Englisch und natürlich Polnisch.
Sie haben Ihre Masterarbeit zum Thema Datenschutz in der Katholischen Kirche im Kanton Zürich Kirche geschrieben. Eine erstaunliche Themenwahl. Wie sind Sie darauf gekommen?
Für meine Masterarbeit zum Thema Datenschutz war es interessant, den Fokus auf die Kirche im Kanton Zürich zu legen. Das duale System hat sich angeboten, denn es ist völlig anders im Vergleich zu anderen Ländern, unbekannt – und weltweit einzigartig.
Sie kennen die Kirche in der Schweiz und die Kirche Polen: Wo orten Sie die jeweiligen Stärken und wo die Schwächen?
Zuerst einmal: Ich kenne die Ortskirche in der Schweiz besser als diejenige in Polen. Das kommt daher, dass ich in meinem seelsorgerlichen Wirken meistens in der Schweiz Erfahrungen gesammelt habe. In Polen selber habe ich knapp ein Jahr gearbeitet. Die Verhältnisse in Zürich kenne ich gut: Seit Jahren arbeite ich in der Fachkommission Migrantenseelsorge mit und bin auch Mitglied des Migrans-Teams.
Dann: Das duale System verschafft der Katholischen Kirche im Kanton Zürich ganz andere Voraussetzungen für ihr Wirken. In Polen lebt die Kirche praktisch nur von Spenden, deshalb kann es auch keine hauptamtlichen Angestellten geben.
Bei den Menschen gibt es keine Unterschiede zwischen den Schweizern und den Polen, denn die Fragen des Lebens sind die gleichen. Je nach Region in Polen ist die Mehrheit der Gläubigen katholisch oder auch orthodox. Protestanten kennen wir in Polen kaum. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass es eine starke sakramentale Ausrichtung gibt. Auch die Migrationsfrage ist an einem kleinen Ort. Wenn wir in Polen von Migranten reden, dann meinen wir meistens Ukrainer, von denen etwa 800‘000 in Polen leben. In Polen spürt man die Migration anders als in der Schweiz. Migration aus islamischen Ländern existiert praktisch nicht – wobei der Islam in der polnischen Gesellschaft seit 400 Jahren präsent ist: Das sind Tataren, die in Polen leben. So war der Islam immer präsent, aber als kleine Minderheit.
Sie übernehmen als bischöflicher Beauftragter eine verantwortungsvolle Aufgabe in der Co-Leitung der Migrantenpastoral. Das ist ihrem Heimatbischof sicherlich nicht entgangen. Wie lange geht es, bis er Sie in eine verantwortliche Position als Bischof in Polen holt?
(lacht) Da kann ich beruhigen: Ich bin als Priester im Bistum Chur inkardiniert, das heisst, ich bin Priester des Bistums Chur und mein Bischof ist der Bischof von Chur.
Sie waren bereits Pfarradministrator der Stadtzürcher Herz-Jesu-Pfarrei in Wiedikon. Diese Aufgabe werden sie weiterhin wahrnehmen. Kann dieses Splitting gut gehen?
Ich denke schon, zumal mit Andrzej Kowalczyk auch ein neuer Polen-Missionar als Verstärkung kommt. Das Projekt leiten und entwickeln wir zusammen mit der Herz-Jesu-Pfarrei. Die Zusammenarbeit läuft jetzt schon sehr gut, beide Seiten sind glücklich. Der Gemeindeleiter leistet sehr gute Arbeit und kann auf ein gutes, funktionierendes Team bauen. Auch das Team der Mission ist sehr gut. Neu ist, dass eine Frau als Pastoralassistentin im Einsatz ist – für Polen höchst ungewöhnlich.
Eine Frau als Pastoralassistentin: Bei uns ein Normalfall. Wäre das in Polen auch denkbar?
Von der Struktur ist es etwas Neues, das wir in Polen nicht kennen. Es wäre in Polen nicht möglich, eine Anstellung zu gewähren, da die Kirche von Spenden lebt. Frauen arbeiten höchstens als Katechetinnen. Insofern haben wir hier in Zürich auch eine Pionierrolle.
Ist die polnische Mission in Zürich modellhaft für die Zusammenarbeit von Mission und Ortspfarrei?
Die Früchte der Zusammenarbeit und der Mission sehe ich schon. Ich bin sehr glücklich. Die Polenmission hat ein grosses Potenzial mit vielen jungen Leuten, die hier in grossen Firmen arbeiten. Neu ist auch für uns, dass ein Teil der Polen aus verschiedenen Ländern kommt, etwa England, Spanien oder aus den USA. Ausserdem erleben wir jetzt eine Generation von Secondos, die nicht mehr in Polen geboren wurden. Neben einfachen Arbeitern bilden Informatiker und Banker eine grosse Gruppe. Zürich ist attraktiv, speziell wegen der ETH, der Universität und den Banken.
Auf was freuen Sie sich am meisten?
Auf die Begegnung mit den Menschen in der Seelsorge. Dass man versucht, gemeinsam etwas zu machen. Das ist wunderschön. In der Polenmission geht es sehr lebendig zu und her, da treffen sich immer sehr viele Kinder – bis 170 feiern zum Beispiel den Nikolaus mit. Mit einer Gruppe von Jugendlichen war ich auch am Weltjugendtreffen mit Papst Franziskus in Polen. Das Erlebnis hat uns zusammengeschweisst, und wir werden nach der Rückkehr nach Zürich auch in der Pfarrei weiterhin in engem Kontakt bleiben.
Ich bin auch gespannt auf die neuen Erfahrungen, das Zusammenspiel von Verwaltung und Seelsorge im Generalvikariat. Dies soll den Menschen dienen und der Seelsorge.