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Besuch der Grace Family Church in Bubikon
Louisa Bernet, Juli 2020
Im März 2020 interpretierte Erich Engler, Gründer und leitender Pastor der Grace Family Church in Bubikon, die Corona-Krise als Hinweis auf das unmittelbare Bevorstehen der Wiederkunft Jesu Christi und des Paradieses auf Erden. Unsere Mitarbeiterin Louisa Bernet besuchte am 19. Juli 2020 den Sonntagsgottesdienst der Gemeinschaft.
Die zwei weissen Spitzen des Church Dome der Grace Family Church, hoch in Richtung strahlend blauen Himmel ragend, waren schon bereits von Weitem erkennbar, als ich an diesem Sonntagmorgen durch das Industriegebiet von Bubikon radelte. Um die Sicherheitsmassnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus einzuhalten, werden wöchentlich zwei Sonntagsgottesdienste, jeweils um 9 und 11 Uhr, durchgeführt. Die letzten Besuchenden des früheren Gottesdienstes verliessen noch das Gelände, während die Langschläfer und Langschläferinnen, darunter ich, den Dom erst betraten. Die Gespräche vor Beginn waren von profaner Natur. So erfreute sich beispielsweise die Frau am Empfang sichtlich über unsere geteilte ursprüngliche Herkunft aus dem Kanton St. Gallen, die sie an meinem Nachnamen sofort erkannte. Im Inneren des Doms verteilte eine weitere Frau das Abendmahl für die bevorstehende Eucharistie. Um die Sicherheitsmassnahmen zu gewährleisten, befand es sich in einer Verpackung in der Form von kleinen Kaffeerahmportionen. Ich setzte mich an den linken Rand des noch fast leeren Saals und schaute auf den Countdown, der vorne gross an der Leinwand die Minuten und Sekunden bis zu Beginn des Gottesdienstes herunterzählte: noch 5 Minuten.
Erst jetzt hatte ich Zeit, meine Umgebung richtig zu mustern. Der Dom machte durch seine zeltartige Gestalt und die weisse Farbe einen kalten Eindruck. Grund dafür hätte jedoch auch die gähnende Leere sein können. Die ungefähr 60 Besuchenden füllten den riesigen Saal nicht einmal annähernd, wobei zu bedenken ist, dass es sich hier bereits um den zweiten Gottesdienst des Tages handelte. Das Publikum war überraschend homogen und wiederspiegelte den ungefähren Jahrgang des Gründers der Grace Family Church, Erich Englers. So befanden sich fast alle Besuchenden im mittleren Alter von etwa 50-60 Jahren. Hinter dem grossen Bildschirm auf der Bühne war ein braunes, nicht ganz erkennbares Motiv an die Wand gestrichen worden. Auf der rechten Seite des Raums hingen gelbe Banner mit dem Wort «Jesus» darauf. Die aufgereihten Stühle hatten die orange und graue Farbe des Logos der Grace Family Church. In der riesigen Technikanlage hinten im Raum sassen die Mitarbeitenden bereit, den der Countdown hatte 0 Minuten erreicht.
Pünktlich stand der Pastor Samuel Spörri bereit. Auch dieser wiederspiegelte den Altersdurchschnitt des Publikums. In seine Begrüssung bezog er alle jene ein, die online mitschauten. Er bat uns für das Gebet aufzustehen, welches von der Grösse Gottes handelte und von leiser Klaviermusik begleitet wurde. Darauf führte die Corona-konforme Einnahme des Abendmahls. Anstatt Kaffeerahm befand sich im Deckel der kleinen Verpackung die Hostie und im unteren Teil der Traubensaft. Ich musste leider auf die Hostie verzichten, da ich Mühe damit hatte, den Plastik darüber wegzuziehen. So ging ich direkt zum Traubensaft. Danach nahm die Band, allesamt in Rot gekleidet, die Bühne ein. Sie spielte zwei Lieder im Genre Christian Rock, das Erste in englischer Sprache, das Zweite auf Deutsch. Der Text wurde auf dem grossen Bildschirm ausgestrahlt, sodass das Publikum mitsingen konnte. Beim deutschen Lied waren deutlich mehr Stimmen zu hören, was an der herrschenden Altersstruktur und dementsprechenden Englischkenntnissen gelegen haben könnte. Trotz des kleinen Publikums gelang es der Band etwas Stimmung in den Saal zu bringen, sodass mitgeklatscht und die Hände gen Himmel geworfen wurden. Samuel Spörri zeigte sich nach der Musik nochmals auf der Bühne um einen Spendenaufruf zu machen. Für den zweiten Teil des Gottesdienstes, wurden die Kinder in die Spielgruppe hinausbegleitet.
Auf dem Bildschirm erschienen gross die Worte «Follow the Spirit in Times of Crises» (Deutsch: «Folge dem Geist in Krisenzeiten»). Vor diesem Hintergrund trat Erich Engler, Gründer und leitender Pastor der Grace Family Church, vor die Besuchenden seiner Gemeinde. Ihm war anzusehen, dass der Auftritt auf dieser Bühne zu seinen regelmässigen Tätigkeiten gehört – mit Selbstbewusstsein und einem breiten Lächeln stand er da, als ob es sein Zuhause sei. Dementsprechend begrüsste er das Publikum, indem er es als «seine Familie» ansprach. Er trug ein blau-weisses gemustertes Hemd mit blauen Stoffhosen und stellte uns die an diesem Sonntag beginnende neue Sommerserie vor, in welcher es um den Heiligen Geist als Führung in generellen Krisenzeiten, speziell aber Corona-Zeiten, geht.
Engler machte einen sympathischen Eindruck, was unter anderem an seiner Rhetorik lag. Gleich zu Beginn bewies er seinen Humor, welcher vielleicht eher die ältere Generation anspricht, jedenfalls aber beim Publikum gut ankam. Wir alle müssten dieses Jahr in die UHU-Ferien nach Kuba – «Ums Huus Ume» in der Küche und auf dem Balkon. Seine Erzählungen waren sehr bilderreich, sowie praxisnah, und enthielten viele Anekdoten, meist aus seiner Bibelstudien Zeit in den USA. Dadurch lässt sich auch sein Gebrauch der englischen Sprache erklären: wiederholt verwendete er englische Wörter oder sogar Sätze, welche er jedoch sofort ins Deutsche übersetzte. Englers Predigt drehte sich primär um zwei Themen, wobei beide eng mit der Besprechung des Coronavirus verstrickt waren. Erstens erzählte er vom Heiligen Geist, und wie dessen Führung uns durch diese Zeit begleiten würde. Zweites Thema war Englers Endzeitbotschaft und die unmittelbar bevorstehende Zeit der Entrückung.
Um die Führung des Heiligen Geistes in Anspruch zu nehmen, müssten, so Engler, drei Punkte nacheinander beachtet werden. Als erstes soll ein Bewusstsein für ihn im einzelnen Individuum entstehen. Der Heilige Geist sei eine Person. Genauer ein er, ein Mann, wobei sich die Frauen keine Sorgen machen müssten, denn er würde auch weibliche Züge besitzen. Der Heilige Geist sei für beide Geschlechter gekommen. In einem zweiten Schritt sollte man ein Verständnis für ihn entwickeln. Engler erläuterte hier nicht weiter, sondern gab dem Publikum bloss die Anweisung «Versteh Ihn!». Für die Führung des Heiligen Geistes brauche es in einem letzten Schritt eine gewisse Sensibilität. Hier erläuterte Engler eine seiner zahlreichen Anekdoten: Ein Kind fuhr mit seinen Eltern an den Flughafen und sagte erschrocken, dass das Flugzeug, welches gerade im Landeanflug war, abstürzen würde. Die Eltern lachten lediglich darüber. Das Flugzeug, in welchem der Vater des Kindes danach sass, stürzte wenig später ab. Mit diesem etwas morbiden Beispiel, wollte Engler aufzeigen, dass hier nur das Kind eine gewisse Sensibilität zeigte und es somit ein Vorbild für uns sein sollte. Diese drei Punkte würden in dieser Sommerserie von Engler genauer behandelt und gelehrt werden.
Engler wiederholte stets eine Botschaft die zentral ist für seine Kirche. Wir seien in der Age of Grace, im Zeitalter der Gnade. So seien wir alle von Gnade umgeben, und zwar 360°. Dieses Zeitalter begann vor 2000 Jahren, vorher war der Heilige Geist, ganz im Gegensatz zu heute, nicht in uns drin. Durch den Geist der Gnade sei der Gläubige sogar grösser als das Coronavirus, sodass man dieses gar nicht mehr spüren würde. So könne man sogar im Bus sitzen und während sich alle an der Umständlichkeit der Schutzmasken stören würden, würde man selbst gar nichts mehr davon merken. Obwohl Engler es etwas ins Lächerliche zog, sprach er die Realität und Bedrohung des Coronavirus explizit nicht ab.
Die Realität des Coronavirus abzusprechen wäre im Falle Engler auch wenig sinnvoll, da er dieses als Anzeichen der nahen Entrückung interpretiert. Bereits in einer Predigtreihe im März 2020 verbreitete er diese Botschaft. Auch in diesem Gottesdienst wurde er plötzlich ernster als zuvor und erklärte die deutliche Zunahme der Wehen in den letzten Tagen, die wie vor einer Geburt, die erneute Ankunft von Jesus Christus und des Paradieses auf Erden vorhersagen würde. Seuchen und Plagen würden zur nähernden Entrückung dazugehören. Euphorisch erklärte Engler jedoch, dass die Gnade ein Schutzschild sei. Jetzt sei die Zeit, wo der Glaube offengelegt werden würde, sodass sie auch als Chance für eine überlebenswichtige Sinnesänderung ergriffen werden könnte. Hier könne der Apostel Paulus als Vorbild genommen werden, der vor seiner Bekehrung Christen verfolgte. Denn: «Glaube ist einfach!»
Nachdem wir etwa 1.5 Stunden dem Gottesdienst gelauscht hatten, verabschiedete sich Erich Engler von uns. Er machte uns zuletzt auf einen positiven Punkt des Coronavirus aufmerksam: die Online-Community hätte enormen Zuwachs bekommen, sodass eine komplett neue Gemeinschaft willkommen geheissen werden könnte. Mit seiner typisch aufgestellten Art empfahl er uns für einen Cappuccino zu bleiben, denn jener des Church Domes der Grace Family Church sei der Beste der ganzen Welt. An einem gewöhnlichen Sonntag würde er vier davon trinken. Diese überschüssige Energie demonstrierend, sprang er von der Bühne herunter, woraufhin er sofort von einer Gruppe von Besuchenden umzingelt wurde.
Die Grace Family Church im Rücken, versuchte ich meine Gedanken zu ordnen. Der englische Name und der moderne, trendige Auftritt der Kirche im Internet hatten mich eine andere Besucherdemografie erwarten lassen. Diese lässt sich vielleicht durch den Leiter Erich Engler erklären, der auf jeden Fall ein begnadeter Rhetoriker ist, dem es allerdings nicht unbedingt gelingt, die jüngere Generation miteinzubeziehen. Weniger überraschend war die Endzeitbotschaft, die ein wichtiger Teil der Predigt darstellte. Obwohl diese sehr vage ist und weder genauere Details enthält, noch einen bestimmten Zeitpunkt nennt, zeigt sie einen möglichen Umgang mit und Interpretation einer solchen Krise durch eine Glaubensgemeinschaft. Dieser Umgang geht Hand in Hand mit der Verbreitung der eigenen Lehre. Erich Engler nutzt das Coronavirus also um die nahe Entrückung hervorzusagen und verbindet diese Endzeitbotschaft dann mit Kernaussagen aus seiner Lehre, vorherrschend der Gnade.