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von Krishna Kumar, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Delhi und früherer Direktor des National Council of Educational Research and Training NCERT
Die Reformer des höheren Bildungswesens scheinen von den tatsächlichen Gegebenheiten, die Lehrer umgeben, total abgekoppelt zu sein. Das vielleicht deshalb, weil viele Reformer die Lehrer als unwichtig, genauer gesagt als ein Hindernis für Veränderungen empfinden. Eine weitere gängige Sichtweise ist, dass Ideen und Praktiken von westlichen – vor allem amerikanischen – Universitäten übernommen und in Indien sofort implementiert werden können. Viele dieser recycelten Ideen zieren seit Jahrzehnten die Seiten der Regierungsberichte.
Eine konzertierte Aktion zu deren Durchsetzung kam während der zweiten Amtszeit der Regierung der United Progressive Alliance UPA II [unter Manmohan Singh] in Gang. Nun ist eine Flut solcher Ideen über das höhere Bildungssystem hereingebrochen. Der institutionelle Apparat ächzt unter chronischen Schmerzen, aber die Reformer interessieren sich nicht mehr für alte Probleme. Sie meinen, am besten sei es, alte Leiden zu ignorieren und mit neuen Ideen voranzuschreiten. Das ist natürlich nur eine Vermutung. Niemand weiss, welche politische Linie die laufenden Reformen gestaltet. Alles, was wir bekommen, ist eine alles übergreifende Rechtfertigung: Nämlich, um Zugang zur Weltrangliste zu erhalten, müssten indische Universitäten schnellstens amerikanische Universitäten kopieren.
Vor einigen Jahren, als die reservation [eine Art Quotenplätze im indischen Bildungswesen] auf die Other Backward Classes (OBC) [eine Sammelbezeichnung der indischen Regierung für bildungsmässig und sozial benachteiligte Klassen] ausgedehnt wurden, nahm man an, die Universitäten würden sich auf die Erweiterung der Kapazitäten des Systems und die Verbesserung der Qualität fokussieren. Es wurde aber ziemlich bald klar, dass der Begriff «Qualität» nicht unbedingt höhere Unterrichtsstandards bedeutete. Für viele New-Age-Administratoren hatte Qualität eine technische Bedeutung. Für sie bedeutete sie glänzendere Websites, schicke Klassenzimmer, Überwachungskameras und so weiter. Selbst als Qualität zum erklärten Ziel wurde, wuchsen die Klassengrössen, schwanden die Büchereien und änderte sich die Rolle und der Status des Lehrers. Ich erinnere mich, wie mir ein Beamter erklärte, dass Unterrichten kein Karriereweg mehr wäre. Er machte klar, dass die Rolle des Lehrers sich verändert habe und es keinen Bedarf mehr an langfristigem Engagement gäbe. In einer modularen Kursstruktur, sagte er, könnten verschiedene Personen für kurze Phasen kommen, um den «Inhalt zu liefern». Die Technologie werde den Studenten das Back-up liefern, um ihr Wissen zu entwickeln und Kontinuität zu gewährleisten.
Ist dies die neue Politik, die von der University Grants Commission UGC [Kommission für Bewilligungen und Zuschüsse für Universitäten] verfolgt wird? Es ist schwer zu sagen. Nachdem die National Knowledge Commission NKC ihre umfangreichen Empfehlungen bekanntgegeben hatte, wurde die UGC irgendwie zur Seite geschoben. Die NKC war ein New-Age-Unternehmen. Ihre Berichte verströmten einen Geist, den noch nie jemand in Regierungsdokumenten gesehen hatte. Das Feuer und der Schaum der NKC lösten allgemeine Verwirrung aus. Niemand wusste, wieviel Unterstützung sie bei der damaligen Regierung UPA-II genoss.
Parallel dazu schlug auch ein Komitee unter dem Vorsitz des Wissenschaftlers Yash Pal eine Vision zur Verjüngung des höheren Bildungssystems vor. Sein Bericht fasste das existierende Bildungssystem mit etwas mehr Mitgefühl ins Auge und empfahl Schritte zu seiner Stärkung. Einer der alten Schwachpunkte, den er mit Aufmerksamkeit und Empfehlungen bedachte, war die mangelnde Verbindung zwischen vorgesetztem Lehrkörper und Studenten. Weder das UGC noch das Ministerium für die Entwicklung der menschlichen Ressourcen (Human Ressource Development, HRD) schenkten der ganzheitlichen Philosophie von Yash Pal grosse Beachtung. Schliesslich ging seine Stimme zur Schadensbehebung im Getöse eines unsystematischen Radikalismus unter.
Eine radikale Massnahme, welche die UGC in den vergangenen Jahren vorangetrieben hat, ist ein Punktezählverfahren, mit dem die Bescheinigungen eines Kandidaten zur Wahl als Lehrer quantifiziert werden. Dieses System führte zu einer noch nie da gewesenen Menge an betrügerischen Forschungspublikationen und Konferenzteilnahmen. Es tauchten Hunderte von Zeitschriften auf, welche den Autoren Gebühren für schnelle Publikation verrechneten. Bescheinigungen für die Teilnahme an Konferenzen wurden zu geschätzten Papierstücken. Diese Art der Trivialisierung akademischer Arbeit entspricht der Korruption, die durch Anerkennungs- und Akkreditierungsprozeduren in der Berufsausbildung begünstigt wurden. Die akademische Landschaft hat auch das bisschen Würde und Integrität verloren, das sie noch hatte.
Die angebotenen Kurse haben sich vervielfacht; sie hinterlassen verwirrte junge Studenten und deren vorübergehenden Lehrer ohne Anhaltspunkt bezüglich irgendeiner grösseren Planung oder Zielsetzung des Curriculums. In jedem Fall lässt die Art und Weise, in welcher die indischen Universitäten das Semestersystem implementiert haben, wenig Raum für nachhaltige Beschäftigung mit Fachwissen.
Anders als im Westen, wo Lehrer ihre eigene Bewertungsmethode entwickeln, wurde das Semestersystem in Indien durchgesetzt, ohne das alte Prüfungssystem anzutasten. Die einzige Veränderung besteht darin, dass der Briefumschlag, mit dem jemandem die vertraulichen Examensunterlagen übergeben werden, jetzt eine Compact Disc enthält. Geheimhaltung der Namen und Noten wird weiterhin durch das Lacksiegel symbolisiert, das offizielle Umschläge und Säcke ziert. Einige Universitäten ziehen es nun vor, alle Gutachter in einem Grossraum zu versammeln, so wie es die Schulbehörden praktizieren. Dort sitzen sie dann und bearbeiten eiligst Hunderte von Antwortblättern. Statt eines jährlichen Examens haben wir jetzt zwei. Die gestellten Fragen sind vom gleichen alten Typus, den die Reiseführer-Industrie liebt.
Das Semestersystem wird demnächst durch eine sogenanntes entscheidungsbasiertes Leistungspunktesystem abgelöst. Eines seiner erklärten Ziele ist es, die Mobilität der Studenten von einer Universität zur anderen zu erleichtern. Dieser kommt angeblich Priorität zu in einem Land, in dem Erziehungsberechtigte erleichtert aufatmen, wenn ihre Jagd nach einem winzigen gemieteten Raum für ihre Schutzbefohlenen ein Ende findet. Es wird einem gesagt, der Transfer von Leistungspunkten und einheitliche Lehrpläne würden den Wechsel der Fakultät ebenfalls erleichtern. Diese Massnahmen, so meinen die Reformer, werden frische Energie in die müden Adern dessen bringen, was ein früherer Minister des Ministeriums für Human Ressources Development als «ein krankes Kind» bezeichnete, als er von der Hochschulbildung sprach.
Die Krankheit durchdringt nun jedes Glied im Körper des Kindes. Die Reformer scheinen entschlossen, das System weiter zu schädigen. Ihre Gleichgültigkeit, die Realität zu erkennen, kann die Krise nur verschärfen. Sie werden sich selbstverständlich weiterhin mit berechtigter Unschuld darüber wundern, warum indische Universitäten in den Weltranglisten keine Rolle spielen. •
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Hindustan Times» vom 2. April 2015 veröffentlicht.
(Übersetzung Zeit-Fragen)
1 Die University Grants Commission (UGC) Indiens ist eine gesetzliche Organisation, die mit der Koordination, der Festlegung und der Aufrechterhaltung der Standards der universitären Bildung beauftragt ist, den indischen Universitäten die entsprechende Anerkennung verleiht und ihnen auf Grundlage dieser Anerkennung Gelder auszahlt. (vgl. Wikipedia, www.ugc.ac.in/)
2 Die National Knowledge Commission ist eine indische Denkfabrik, die 2005 von Premierminister Manmohan Singh ins Leben gerufen wurde, um mögliche Strategien zur Schärfung von Indiens komparativem Vorteil im wissens-intensiven Dienstleistungssektor zu entwickeln. Eine ihrer wesentlichen Aufgaben bestand in der Beratung des Büros des Premierministers in den Bereichen Bildungspolitik, Forschungseinrichtungen und Reformen, mit denen Indien in der Wissens-Ökonomie wettbewerbsfähig werden sollte. (vgl. Wikipedia, knowledgecommission.gov.in/)
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