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Die russische Künstlerin Anastasia Khoroshilova (geb. 1978 in Moskau, lebt in Berlin und Moskau) hat ihr Studium im Jahre 2004 an der Universität Duisburg-Essen bei Prof. Jörg Sasse abgeschlossen. Die Künstlerin, die ursprünglich Bildjournalismus studieren wollte, hat seit dieser Zeit bereits zahlreiche Einzelausstellungsprojekte realisiert, u.a. am Sacharov Zentrum in Moskau (2006), am Centro per l'arte contemporanea Luigi Pecci in Prato, in der Kunsthalle Lingen, am Moskauer Museum of Modern Art und v.a. war sie im Rahmen der kollateralen Projekte an der 54. Biennale von Venedig zu sehen. Das Kunsthaus Baselland freut sich sehr, ihr dort gezeigtes Projekt Starie Novosti (Old News), im Rahmen des Culturescapes Festivals, erstmals auch dem Schweizer Publikum zu zeigen.
Starie Novosti (Old News) greift den Terroristenangriff auf eine Schule der Stadt Beslan (Beslan ist eine Kleinstadt in der Republik Nortossetien-Alanien im russischen Nordkaukasus) bei welchem zwischen dem 1. und 3. September 2004 tschetschenische und inguschetische Terroristen mehr als 1120 Kinder und Erwachsene in ihre Gewalt brachten und nach offiziellen Berichten 331 dieser Geiseln starben. Vor dem politischen Hintergrund des Unabhängigkeitskampfes einiger Kaukasus-Republiken verfolgten die Terroristen vordergründig das Ziel, das Leben von Müttern und Kindern gegen jenes von inhaftierten Rebellen auszutauschen. Zu den komplexen historischen Hintergründen dieser Tat zählen aber auch die unter Stalin ausgeführten Deportationen der muslimischen Inguschen und Tschetschenen seit 1944 und die Übernahme ihrer Siedlungsgebiete durch die christlich-orthodoxen Osseten. Als die Inguschen in den fünfziger Jahren ihre Häuser wieder in Besitz nehmen wollten, kam es zu Konflikten, die auch zur Sowjetzeit der 80er Jahre, als die Terroristen geboren wurden, zu offenen Auseinandersetzungen führten. Die beispiellose Gewalt und Quälerei an Frauen und Kindern, die bei dem Angriff in Beslan die Welt in Atem hielt, wurde in den Medien häufig als letzter terroristischer Tabubruch bezeichnet.
Anastasia Khoroshilova hinterfragt in ihrer Arbeit sowohl die mediale Auseinandersetzung mit menschlichen Katastrophen, interessiert sich aber auch für die Schnelllebigkeit, Vergesslichkeit und das Ephemere solcher geschichtlichen Ereignisse. Rückte während der Geiselnahme das Geschehen weltweit in die Nachrichtenkanäle aller Fernseh- und Radiostationen und wurde dabei jede kleinste Entwicklung in die Welt hinaus gerufen, ist die Erinnerung daran heute stark in Vergessenheit geraten. Im Gegensatz zu den alljährlich medial weltweit wieder in Erinnerung gerufenen Anschlägen von 9/11, sind die Ereignisse von Beslan zu einem punktuellen geschichtlichen Ereignis «irgendwo fernab» geworden. Wie entsteht Geschichte? Was aus dem individuellen Gedächtnis wird zum kollektiven und was findet wiederum Eingang in die so genannte offizielle Geschichtsschreibung? Wie lange hält das medial geschürte Mitgefühl an? Fragen wie diese bilden den Hintergrund für Anastasia Khoroshilovas Installation, die neun in Transportkisten montierte Foto-Lichtboxen umfasst, die nahezu lebensgrosse Porträts von Müttern zeigen, die entweder selbst bei der Geiselnahme Opfer waren und/oder die ihre Kinder bei den Terroranschlägen verloren haben. Den Porträts gegenübergestellt sind Fernsehbilder der damaligen Live-Übertragungen. Die zwei verschiedenen Bildrealitäten verweisen auf das zeitliche Auseinanderdriften von Ausnahmezustand einerseits und Leben mit den persönlichen Erfahrungen andererseits. Für die Ausstellung wird zusätzlich eine neue Serie von Fotografien gezeigt, welche die landschaftliche Umgebung Ossetiens festhalten. Der Kaukasus galt einst als wichtiger Erholungsort der Sowjetunion. Durch das Wissen um die Tragödie in Beslan scheint selbst die so idyllische Landschaft ihre Unschuldigkeit verloren zu haben.
Text von Sabine Schaschl