Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03616.jsonl.gz/290

Die Philosophie des Erwachens
Ein Professor der Philosophie und Zen-Meister zugleich
Hoseki Shinichi Hisamatsu wurde 1889 in Nagara geboren. Er wuchs in einer frommen Familie und im Glauben der Jodo-Shinshu-Schule des Buddhismus auf. Er hatte Zweifel an diesem Glauben und ging 1912 an die Universität von Kyoto, um bei Kitaro Nishida (1870 - 1945) Philosophie zu studieren. Doch auch die Philosophie konnte seine Frage nach dem Selbst nicht beantworten und so wandte er sich 1915 enttäuscht von der akademischen Philosophie ab und dem Zen-Buddhismus zu. Nach dem Abschluss seines Studiums trat er in das Rinzai-Kloster des Zen-Meisters Shozan Ikegami ein. Nach einer dreitägigen Meditation kam er dabei zu Satori, zum großen Erwachen.
1928 begann er mit seiner Lehrtätigkeit als Professor an der Buddhistischen Akademie. Von 1932 an lehrte er an der Königlichen Universität Kyoto und war dort von 1943 bis 1949 Extra-Ordinarius für Buddhismus und Religionsphilosophie. 1957 bis 1958 bereiste er Amerika und Europa und traf mit bedeutenden Philosophen, Theologen und Psychologen zusammen: Tillich, Buber, Bultmann, Heidegger, C.G. Jung und Marcel. Deshalb interessieren sich gelegentlich immer wieder mal auch Theologen für seine Philosophie, z.B. Prof. Fritz Buri (Bern, Basel) und Dr. Bernhard Neuenschwander (Bern). Das ist eigentlich interessant, weil Hisamatsu selbst ja das theistische Weltbild des Glaubens an einen Gott und an die Gnade durch Jesus Christus ablehnte und kritisierte. Sein Verständnis von selbstloser Barmherzigkeit und das Hinausgehen in die Welt zur Tat war das Bemühen um andere zum Erwachen zu bringen: "Die leidenden Wesen, die errettet werden sollen, gibt es eigentlich nirgendwo, und dies ist der Grund der barmherzigen Tat für die leidenden Wesen."
Das FAS-Institut
1944 gründete er eine Vereinigung für Zen-Praxis, die 1958 zur FAS-Gemeinschaft und dem FAS-Institut führte. Ihr Ziel war es, die Errungenschaften der Postmoderne mit der Zen-Praxis als Lebensform zu verbinden. Hier konnten Laien und Gelehrte zu Gesprächen, Vorträgen und Meditationen zusammenkommen.
Die Initialen FAS bedeuten: F = formless Self (formloses Selbst), A = all mankind (gesamte Menschheit) und S = superhistorical history (übergeschichtliche Geschichte). Später wurde daraus die FAS Society, die zweimal jährlich ein Journal herausgab und zahlreiche Texte von Hisamatsu veröffentlichte.
Nach der Auffassung von Hisamatsu darf es im heutigen Zen nicht bloss um ein Erwachen gehen, das nur dem Individuum und der Übertragung der Linie von Meister auf Schüler dient. Aus dem Erwachen muss eine lebendige Gestaltung der Welt hervorgehen. Das erwachte Leben muss zur Seinsweise werden. In diesem Sinne kritisierte er in seinen Büchern, Artikeln und Vorträgen die traditionellen Zen-Schulen und Klöster seines Landes, die den alten Traditionen noch zu sehr verhaftet wären.
Seine Neuinterpretation der Fünf Stände des Meisters Tosan Ryokai (807 - 869) sind eine einmalige Zusammenfassung der Quintessenz des Zen. Nur ein Mensch, der GEWAHRSEIN als wahre Seinsweise des Menschen realisiert hat, kann die Inhalte dieser Lehre von den Fünf Ständen verstehen und kommentieren. Mir wurden sie zu einem Schlüssel des Verständnisses für die Struktur des Erwachens. Aus diesem Grund habe ich die Gespräche darüber in meinem vierten Buch der Meridenreihe veröffentlicht.
Eine Strukturanalyse des Erwachens
Die Fünf Stände sind:
1. Im Aufrechten die Neige
2. In der Neige das Aufrechte
3. Aus dem Aufrechten herauskommen
4. Zum Zusammenhalt kommen
5. In den Zusammenhalt heimkommen
Das Aufrechte ist GEWAHRSEIN, die Neige die Wahrnehmungswelt. Wenn GEWAHRSEIN noch nicht voll realisiert ist, versucht man Momente davon in der Meditation zu erhaschen. Dann tritt man aber wieder aus dem Aufrechten heraus und das Spiel beginnt von vorn. Man sollte aber so in das Aufrechte hineingehen, dass man beim Herausgehen keinen Unterschied mehr kennt. So kommt es zum Zusammenhalt von Aufrechtem und Neige, also zur nondualen Sicht. Nun wirkt man in der Welt und nach dem Tagewerk kommt man in den Zusammenhalt heim und ruht darin. Der Ursprung der Stände liegt aber im standlosen Stand.
Die 5 Stände enthalten einige Kriterien, die wir für das korrekte Erwachen, die Erleuchtung herangezogen haben. Er schreibt dazu: "Wenn man aber um die wahre Weise der Welt nicht weiss, ist das Herauskommen ein Wahn. Darum ist die Übung des "Selbstnutzens" als Vorbereitung zur "Tat umwillen des anderen Selbst" wichtig. Denn sonst wird man, indem man die Anderen aus der Irre erretten will, selber der Welt der Irre verfallen."
Hisamatsu als Künstler
Shinichi Hisamatsu war auch ein Künstler der Kalligraphie und Poesie. In seinem Vortrag über die Kunst des Zen-Buddhismus, gehalten 1958 an Universität von Freiburg i. Br., fasste er die gemeinsamen Wesenszüge der Japanischen Kunst zusammen:
1. Unebenmässigkeit (Asymmetrie)
2. Schlichtheit
3. Herbe Würde
4. Natürlichkeit
5. Unergründliche Tiefe und Feinsinnigkeit
6. Entweltlichte Freiheit
7. Stille
Hisamatsu starb 1980 im Alter von 91 Jahren.
Eine Kalligraphie besagt:
"So alt ich bin habe ich Buddha-Dharma ganz vergessen -
Allein im stillen Garten stehend zähle ich die heruntergefallenen Pflaumen."
Fazit: Hisamatsus Anliegen sollten Schule machen und könnten zur Grundlage für eine neue Kultur und Philosophie des GEWAHRSEINS werden.