Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03397.jsonl.gz/409

(Medaille), ein nicht für den Verkehr bestimmtes Metallstück in Form einer Münze, das zur Erinnerung an
eine bestimmte Begebenheit, eine Person etc. verfertigt ist. Dem griechischen Altertum war der Begriff der Denkmünzen oder
Medaillen völlig fremd. Wenn sich auch hin und wieder auf griechischen Münzen
[* 3] Andeutungen eines bestimmten
historischen Faktums finden, wenn auch bisweilen bei besonders wichtigen Ereignissen Münzen von ungewöhnlicher Form und
besonderm Gepräge geschlagen wurden: so sind dies doch immer nur kursierende Geldstücke, nicht, wie in späterer Zeit,
Erinnerungs- oder Schaustücke. So werden z. B. auf sizilischen Münzen häufig die Siege in den Spielen
dargestellt, besonders schön auf den um 400 v. Chr. geprägten syrakusischen Zehndrachmenstücken aus der Zeit Dionysius'
I., mit einem von Viktoria bekränzten Viergespann.
Auch finden sich in dieser Zeit bisweilen die Namen der Stempelschneider auf den Münzen genannt. Die Geldstücke der römischen
Republik zeigen sehr häufig Ahnenbilder oder historische Ereignisse aus der Geschichte der Vorfahren der Münzbeamten.
In der römischen Kaiserzeit treten große, oft mit einem breiten verzierten Rand umgebene Bronzestücke von schönem Gepräge
auf, welche wohl nicht kursierendes Geld waren, sondern vielleicht geschenkweise verteilt wurden.
Seltener sind ungewöhnlich große Silber- und Goldstücke, welche unter Domitian beginnen. In späterer
Zeit, etwa seit 300 n. Chr., finden wir Goldmedaillons der Kaiser, welche, obgleich meist mit Bezeichnung des Münzfußes versehen,
nach dem man die Goldstücke ausprägte, vielleicht eine Art Orden
[* 4] oder Ehrenzeichen waren. In der byzantinischen Zeit verschwinden
diese Stücke; auch das übrige frühere Mittelalter kennt keine Denkmünzen in unserm Sinn.
Erst im J. 1390 treten in Italien
[* 5] wirkliche Erinnerungsmedaillen auf; es sind die in Kupfer
[* 6] und Silber geprägten schönen Stücke
des FranzCarrara auf die Eroberung von Padua.
[* 7] Im Anfang des 15. Jahrh. sind die bereits 1393 beginnenden rechenpfennigartigen
Erzeugnisse venezianischer Münzmeister bemerkenswert. Schonvor der Mitte des 15. Jahrh. finden wir plötzlich
die Medaillenkunst in ihrer höchsten Blüten der Maler Vittore Pisano aus dem Veronesischen arbeitete bereits um 1440 eine
Anzahl großer Porträtmedaillons in Bronze,
[* 8] nach einem (Wachs-?) Modell gegossen und, wenn der Guß nicht ganz scharf war,
ziseliert oder wohl richtiger erst modelliert, dann in Blei
[* 9] abgegossen und ziseliert und von diesen (in
einigen Exemplaren erhaltenen) Bleimodellen in Bronze abgegossen und wiederum zuweilen ziseliert. Diese großartigen, alle
spätern Werke weit übertreffenden Stücke des Pisano zeigen ein Porträt auf der Vorderseite, auf der Rückseite meist eine
sinnige Allegorie. Bewunderungswürdig ist die großartige Naturwahrheit edler Tiere (Löwe, Pferd,
[* 10] Adler),
[* 11] welche Pisano für die Rückseiten seiner Medaillen sorgfältig nach der Natur zeichnete, wie uns seine erhaltenen
¶
mehr
Studienblätter beweisen. Besonders schön sind die Medaillons auf Lionello von Este, Alfons, König von Neapel,
[* 13] und auf Piccinino;
sehr merkwürdig ist das Medaillon auf den vorletzten byzantinischen Kaiser, Joannes Paläologos, welcher 1439 in Florenz
[* 14] war.
Keiner seiner Zeitgenossen und Nachfolger hat Pisano erreicht; doch verdienen Erwähnung die ihm an Großartigkeit
der Auffassung am nächsten stehenden Marescotti und Matteo de Pastis, der im Porträt vorzügliche Sperandio, Boldu, Guazzaloti
oder Guacialoti u. a. Merkwürdig sind die von italienischen Künstlern (z. B.
vom MalerGentileBellini) verfertigten trefflichen Porträtmedaillons des als Kunstfreund bekannten SultansMohammed, welcher 1453 Konstantinopel
[* 15] eroberte.
Gute französische Gußmedaillen des 16. Jahrh. sind selten. In Deutschland
[* 17] begann diese Kunst etwas später als in Italien,
einer der ersten und zugleich der vorzüglichste Medailleur ist AlbrechtDürer, dem man mit Sicherheit
mindestens zwei gegossene einseitige Stücke zuschreiben kann: einen weiblichen Kopf von vorn (seine Frau), von 1508, und seinen
Vater (gest. 1502), von 1514. Die übrigen deutschen Medaillen (meist Bildnismedaillen, von den Dargestellten zur Verteilung
an Freunde bestimmt) sind zuerst ebenfalls gegossen und oft ziseliert, meist zweiseitig und namentlich
in der ersten Hälfte des 16. Jahrh. oft von außerordentlicher Schönheit und Sorgfalt der Arbeit, besonders die Nürnberger,
Augsburger, auch die Schweizer.
Abgesehen von den künstlerisch interessanten Stücken, sind im 16. und besonders im 17. Jahrh. eine große Masse von historisch
merkwürdigen und von satirischen Schaustücken erwähnenswert. In späterer Zeit, namentlich im 18. Jahrh.,
finden wir eine große Vorliebe für sogen. restituierte Medaillen, d. h. ganze Suiten von Bildnissen berühmter
Männer oder Königsreihen; bereits TobiasWolf, einer der ausgezeichnetsten Medailleure des 16. Jahrh., auch der sonst lobenswerte
SchweizerHedlinger haben derartige Arbeiten verfertigt. Je größer im 17. und 18. Jahrh. die Masse der (fast immer geprägten)
Medaillen wird, desto weniger bieten dieselben künstlerisches oder wissenschaftliches Interesse; es sind
meist geschmacklose Erzeugnisse der Perücken- und Zopfzeit, nur die dargestellten Personen verleihen ihnen einigen Reiz. Zu
erwähnen sind die oft noch vorzüglichen deutschen MedaillenGustavAdolfs, die des GroßenKurfürsten (zum Teil von dem vortrefflichen,
auch als Eisenschneider berühmten Gottfried Leygebe), die des ersten preußischen Königs, die Ludwigs
XIV.
Wenig Erfreuliches bieten die meist schlecht ausgeführten MedaillenFriedrichs d. Gr. Einen neuen Aufschwung nimmt die Medaillenkunst
unter Napoleon I., dessen schöne Medaillen, meist von Andrieu, mit trefflichen Köpfen und geistreich gedachten Rückseiten
allen neuen Künstlern Vorbilder sein sollten. In neuerer Zeit haben sich besonders Barre in Paris,
[* 18] welcher
ein unerreichtes Meisterstück der Prägekunst im Renaissancestil mit den Köpfen der FamilieLudwigPhilipps verfertigte, Wyon
inLondon,
[* 19] L.Wiener in Brüssel
[* 20] und Voigt in München
[* 21] (zuletzt in Rom)
[* 22] ausgezeichnet; doch ist es keinem der neuern Medailleure
gelungen, die ideale Schönheit des Pisano und seiner Nachfolger und die kraftvolle Naturwahrheit der deutschen
Medaillen des 16. Jahrh. auch nur annähernd zu erreichen. - Den Übergang der Medaillen zu den Münzen bilden die auf besondere
Ereignisse geprägten Geldstücke, fast nur (abgesehen von den antiken Münzen) der neuern Zeit angehörend, z. B. die Krönungsthaler,
Siegesthaler, auch die früher sehr beliebten Geldstücke mit Allegorien, Bibelsprüchen (Spruchgroschen)
etc. Eine andre Art der Denkmünzen sind die als Ehrenzeichen verteilten Metallstücke, deren Vorbild die erwähnten Goldmedaillons
der römischen Kaiserzeit sind.
Die Medaillenkunde hat eine zahlreiche Litteratur. Ein wichtiges Sammelwerk sind die Tafeln des Heraus (neuer Abdruck, Wien
[* 23] 1828), ferner die betreffenden Teile des »Trésor de numismatique, etc.« mit unbrauchbarem Text.