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Die Arbeit des Virologen Sébastien Calvignac gleicht der eines Schatzsuchers: Mehr als 50 Museen und Sammlungen weltweit habe er bereits kontaktiert – fündig wird er nur gerade zehn Velominuten entfernt von seinem Labor am Robert-Koch-Institut in Berlin: «Die Proben waren sozusagen meine Nachbarn», erzählt er.
Der Schatz, den er in einem Keller der Berliner Universitätsklinik Charité findet, besteht aus einem knappen Dutzend, in Formaldehyd konservierter Lungenpräparate. Sie stammen von Menschen, die in den Jahren 1918 und 1919 gestorben waren.
Drei davon waren mit der Spanischen Grippe infiziert. Das konnten Sébastien Calvignac und sein Team durch ihre Analysen nachweisen.
Die Spanische Grippe: ein rares Forschungsobjekt
Weltweit wurden bis heute lediglich einige Dutzend Proben gefunden, die noch Überreste des Spanischen Grippevirus enthielten. Sébastien Calvignac fügt dem nun drei neue Proben hinzu – eine davon ist ausserdem so gut erhalten, dass die Virologen daraus das vollständige Erbgut des Virus gewinnen konnten.
Aus dem Erbgut versuchen Forschende herauszulesen, was genau das Spanische Grippevirus so ansteckend gemacht hatte. Die neuen Proben aus Berlin deuten daraufhin, dass das Virus zu Beginn der Pandemie noch optimiert darauf war, Vögel zu befallen. Im Verlauf der Pandemie passte es sich besser an den Menschen an – möglicherweise mit ein Grund, warum die zweite Welle der Spanischen Grippe viel mehr Todesopfer forderte.
Die Suche beginnt im Permafrost
«Das sind aber lediglich Hinweise», betont Sébastien Calvignac. «Weil so wenige Virusproben aus dieser Zeit erhalten geblieben sind, steckt immer auch etwas Spekulation in unseren Resultaten.» Er kämpfe damit, dass viele Museen und Sammlungen, die Leichen und Leichenteile von früher aufbewahrten, während der letzten Jahrzehnte verkleinert oder weggespart wurden.
Die Suche nach Proben des Spanischen Grippevirus begann bereits in den 1950er-Jahren – mit dem jungen schwedischen Doktoranden Johan Hultin. Dieser hörte damals einen erfahrenen Kollegen sagen, jemand müsste hoch in den Norden hinauffahren und nach Opfern der Pandemie suchen, die im Permafrost beerdigt wurden. Und Johan Hultin zieht los.
Das Virus wieder wecken?
Was dann folgt, ist eine verrückte Geschichte, die mehr als 50 Jahre dauert: Hultin findet ein kleines Dorf in Alaska, das seine Pandemie-Opfer im Permafrost beerdigt hatte. Er gewinnt die Dorfälteste für sein Anliegen, die Lungen dieser Opfer zu entnehmen und im Labor zu untersuchen. Aber seine ersten Versuche verlaufen erfolglos.
Erst Ende der 1990er-Jahre stösst der bereits über 70-jährige Forscher auf eine besonders gut erhaltene Leiche im Permafrost. Mittlerweile sind auch die Labor-Methoden deutlich besser geworden. So gelingt es 1997 erstmals, das Erbgut des Spanischen Grippevirus vollständig zu rekonstruieren – und daraus das Virus schliesslich sogar im Hochsicherheitslabor nachzubauen und zu erforschen.
Im Labor des Virologen Sébastien Calvignac liegt seit Kurzem eine weitere Probe, die sich für eine solche Wiederauferstehung eignen würde. «Unser Labor könnte das nicht machen, wir sind dafür nicht ausgerüstet», sagt er.
Aber andere Gruppen seien durchaus interessiert daran. Allerdings sagt er: «Vielleicht ist aktuell, mit den ganzen Spekulationen rund um die Herkunft des Coronavirus, nicht der günstigste Moment, um ein gefährliches Virus wieder aufzuwecken.»