Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03360.jsonl.gz/1310

Für die einen ist es der schönste Volvo aller Zeiten, für die anderen der Inbegriff eines Shooting Brakes. Aber eigentlich war der Volvo P1800 ES von Anfang an ein Kompromiss.
Es war einmal ein Volvo, der so schön war, dass er hinter Glas musste. Als der Nachfolger des legendären Volvo P1800 S im Jahr 1971 dem Publikum vorgestellt wurde, war es begeistert vom Shooting Brake, das noch atemberaubender aussah als sein Vorgänger. Der P1800 ES hatte also das Potential, ein Erfolg zu werden.
Das Erbe lastete schwer: Der Volvo P1800 S galt nach zehn Jahren Bauzeit als einer der zuverlässigsten Autos der Welt. Es steht bis heute im Guinness Buch der Rekorde als das Auto mit den meist gefahrenen Kilometern einer Einzelperson. Zuverlässigkeit ist nicht gerade das typische Attribut für einen Sportwagen – wenn es denn einer gewesen wäre. Der Volvo P1800 S verstand sich nie als solcher, sondern als schönes Coupé mit solider Technologie.
Diesen Standard wollte man in Göteborg beibehalten, als man nach einem Nachfolger für den in die Jahre gekommenen Volvo P1800 S suchte. Zahlreiche italienische Designschmieden beteiligten sich daran und entwarfen spektakuläre Formen, die es aber nicht in die Serienfertigung schafften.
Am Ende waren es die Entwürfe des Volvo Designchefs Jan Wilsgaard – er stellte 1967 die beiden Studien «Beach Car» und «Rocket» (auch «jaktvagn» genannt) vor – die der damaligen Volvo Chefetage am besten gefielen. Der Grund, dass aus den geschwungenen Sportwagenformen ein nüchternes Glasheck wurde, lag vor allem daran, dass 1970 in den USA eine Steuererhöhung für Sportwagen eingeführt wurde. Darum lautete die ungewöhnliche Vorgabe, dass im Heck mühelos eine Golf- oder Jagdausrüstung unterzubringen sei.
Während die futuristische Variante «Rocket» bei Pietro Frua realisiert wurde, erweckte die Carrozzeria Coggiola die Studie «Beach Car» zum Leben. Es war letztere Variante, die schliesslich in die Serienfertigung gelangte. Ein weiterer Grund, warum sich Wilsgaards Entwurf durchsetzen sollte, lag wohl auch in seinem Wissen um die Kosten, die sich beim Volvo P1800 ES in Grenzen halten sollten. Denn leider verkaufte sich der Vorgänger nicht so gut, wie er eigentlich hätte sollen. Darum passte Wilsgaard im Grunde nur die Dachpartie sowie die Front- und Heckpartie an, die er mit viel Glas versehen hatte, was dem Sportkombi den Übernamen «Schneewittchensarg» gab. Aber unter dem neuen Kleid blieb es der gute alte P1800 S. Warum auch ändern, was sich bewährt hat?
Der Traum vom Traumauto war leider viel zu schnell vorbei. Nicht die Kundinnen oder Käufer waren es, die dem Sportkombi den Todesstoss verpassten, sondern die 1974 in den USA eingeführten Sicherheitsvorschriften, die nicht mehr erfüllt werden konnten. So verliess der letzte von 8077 Schneewittchensärgen am 27. Juni 1973 – nach nur zwei Jahren Bauzeit – das Werk Lundby.