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Literaturkonsumenten haben es relativ einfach, wenn sie sich einen schwer verständlichen Text aneignen wollen. Die Textkonstruktionen können so oft wie nötig gelesen werden. Da haben es die Kinogänger schwerer, wenn sie Bilder oder Dialoge nicht verstanden haben, den Einfällen der Regisseure auf die Schliche zu kommen. Vorbei! So mag es gar manchem Zuseher ergehen, der Paolo Sorrentinos Film etwas unkonzentriert gefolgt ist. Der italienische Regisseur hat seinen ersten englischsprachigen Film gedreht und meint zum Inhalt, dass «es sich bei jedem Film um eine unnachgiebige Jagd nach dem Unbekannten und einem Geheimnis handeln muss – weniger um unbedingt die Antwort zu finden, als vielmehr die Frage an sich am Leben zu erhalten». Er macht uns mit Cheyenne bekannt, einem etwa fünfzigjährigen ehemaligen Rockstar, der vor fast zwanzig Jahren aus der Szene ausgestiegen ist, aber immer noch sein zwischen weiblich und männlich changierendes Outfit sorgfältig pflegt, auch wenn er sonst mit seinem schleppenden Gang die Umwelt eher etwas depressiv wahrnimmt. Pop-Musik-Kenner möchten als Vorbilder Robert Smith, den Sänger von «The Cure», oder auch Ozzy Osbourne erkannt haben.
Cheyenne ist verheiratet, lebt in Dublin ein Leben zwischen Show und Zurückgezogenheit und erfährt vom Sterben seines Vaters in New York, mit dem er über dreissig Jahre keinen Kontakt mehr gepflegt hat. Er reist in seinem bizarren Aussehen in die Staaten und erfährt dort von seinem jüdisch-orthodoxen Cousin, dass sein Vater gestorben ist. Cheyenne entdeckt rätselhafte eintätowierte Zahlen am Unterarm seines Vaters, und dessen Tagebücher klären ihn darüber auf, dass er Zeit seines Lebens in den USA das Ziel gehabt hat, Alois Lange zu finden, den Mann, der ihn im Konzentrationslager gedemütigt hat.
Cheyenne wird die Suche nach diesem Täter fortsetzen und bricht wie Parsifal zu einer Art Bildungsreise auf, auf der er die verschiedensten Menschen kennenlernen, zwar nicht den Gral, aber den Täter finden wird, den er zur Strafe – in eindrücklichen und quälenden Bildern – nackt einer einsamen Schneelandschaft aussetzt.
Auf der Tonspur werden wir von der Musik von <David Byrne< von den «Talking Heads» begleitet – deren Song «This must be the place» hat dem Film den Titel gegeben und durchzieht ihn auch des öfteren als Melodie. Zusammen mit dem Songwriter Will Oldham hat er die Lieder für die «Pieces of Shit» komponiert, deren CD Cheyenne im Reisegepäck als eine Art musikalisches Leitmotiv mit sich führt.
David Byrnes Musik und die erstaunliche Einwilligung von Sean Penn, diese doch aus dem Rahmen fallende Figur zu spielen, sind die herausragenden Kreativkräfte einer auch komödiantischen Handlung, für die Penn nach Sorrentinos Aussage viele neue Ideen entwickelte: «Eine Bestätigung für meine Vermutung, grosse Schauspieler wissen immer mehr über ihre Figuren als der Autor oder der Regisseur.»
Cheyenne wird geläutert und ohne seine Maskerade in seine Heimat Dublin zu seiner Frau zurückkehren. Und wir Rezipienten sitzen gedankenverloren in unseren Sesseln und sinnieren über die Sinnfälligkeit der Handlungen des Protagonisten, der aus seiner schlurfenden Eintönigkeit und seiner Clownsrolle erst durch die Jagd auf das Böse herausgefunden und die Reste der Erinnerungsspuren des Holocaust in den Weiten der nordamerikanischen Staaten gefunden und vernichtet hat. Fürwahr, der Film ist eine nicht immer erfüllte Herausforderung für das Erzähltalent eines Regisseurs, aber auch eine Herausforderung für die Wahrnehmungsfreude derjenigen, für die er gemacht wurde.