Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03380.jsonl.gz/855

Literatur
Konfrontationstherapie für Leo
<email-pii>, wie der Titel der Originalausgabe lautet, ist Arne Tangherlinis einziger Roman. Der Autor selber erlebte nicht mehr, dass sein Werk einen Verleger gefunden hat. Er verabschiedete sich aus der hiesigen Welt bald nach der Fertigstellung des Manuskripts.
Leo, die weibliche Hauptfigur, ist ein hässlicher kleiner Teenager, der öfters für einen Jungen gehalten wird, zu seiner Hässlichkeit steht und sich - vor allem in der Schule - auch hässlich benimmt. Leo lebt eigentlich in zwei Welten: In der realen, wo sie zur Schule geht, keine Freunde hat, dauernd Scherereien mit den Lehrern anfängt und mit Lola lebt, ihrer Grossmutter, der offenbar einzigen Bezugsperson, und in der virtuellen, wo sie als 1.92m grosse und 120 kg schwere Kampfmaschine Namens Fergus tut, was ihr gerade Spass macht. Die virtuelle Welt wird Apeiron genannt.
In Apeiron hat Leo einen Freund. Mit ihm unternimmt sie Streifzüge durch die virtuelle Welt. Der Freund heisst Bri und existiert auch real. Sie gehen zusammen zur Schule. Dort meiden sie sich allerdings, sie tauschen höchstens Gemeinheiten aus.
Eines Tages wird Leo in Apeiron von einem kolossalen Mönch Namens Fra Umberto aus dem Spielrausch heraus mit ernsthaften Angelegenheiten konfrontiert: Bri sei von Dløn verschluckt worden. Dløn ist seit einiger Zeit bekannt als ein Phänomen, das zahlreiche Informationen und Daten aus Apeiron unwiederbringlich verschwinden lässt. Das scheint irgendwie zu passen, denn Bri ist seit einigen Tagen auch in der realen Welt wie vom Erdboden verschluckt. Leo macht sich folglich mit dem Mönch auf die Suche nach Bri und zwar nicht als Kampfmaschine sondern als Leo, wie in der realen Welt.
Diese Suche entpuppt sich als eine Reise zu sich selbst. In den (Alp)traumartigen Landschaften begegnet Leo zahlreichen Kindheitserinnerungen, Traumas und auch ihren Eltern. Eine Konfrontationstherapie für die vom Leben enttäuschte, aus Verbitterung zum Zynismus neigenden, einsamen und von einem zutiefst pessimistischen Weltbild geprägten Leo. Der rote Faden, die Suche nach Bri, tritt dabei in den Hintergrund. Leo stürzt von einer Szenerie in die andere, wobei nicht zuletzt die starke Bildersprache verhindert, dass das ganze zu einem ermüdenden Sammelsurium von Phantasien eines sich selbst therapierenden Autoren verkommt, sondern spannende und amüsierende Lektüre bleibt.