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Punkt 22 Uhr formt Renato Häusler (55) seine Hände zu einem Trichter und ruft vom Glockenturm der Kathedrale Lausanne in alle vier Himmelsrichtungen: «C’est le guet. Il a sonné 10, il a sonné 10.» Frei übersetzt: «Hört, ihr Leute, lasst euch sagen, die Uhr hat zehn geschlagen.» Der in Zürich geborene und in Lausanne aufgewachsene Nachtwächter ist schweizweit der letzte Vertreter seiner Berufsgattung; seit 1405 rufen die Nachtwächter der Lausanner Kathedrale täglich die Stunden von 22 Uhr bis morgens um 2 Uhr aus. Ihre Hauptaufgabe im Mittelalter: für Ruhe und Ordnung sorgen. Häusler arbeitet seit 2002 als Nachtwächter. «Ich fühle mich wie das letzte Glied einer Kette.»
Im Turm, 30 Meter über der Erde, schätzt Häusler «die schönste Aussicht der Welt» und die Einsamkeit. Sein altes Radiogerät hat er weggegeben, «weil mir das Geräusch der Kathedrale genügt». Er sei in diesen Nachtstunden gern allein und geniesse die perfekte Ruhe. «Ich fühle mich wie ein Eremit und bin trotzdem nah zur Stadt.»
Nicht immer ist er ganz allein: Manchmal besuchen ihn Gruppen, um mehr über seine Arbeit zu erfahren. Manchmal beobachtet er Falken oder Fledermäuse, wie sie durch die Nacht fliegen. Seine Töchter Dushana (21) und Shayna (18) haben ihn auch schon besucht. Häusler ist seit 1991 mit einer Tamilin verheiratet, die er bei einem Helfereinsatz während des Bürgerkriegs auf Sri Lanka kennengelernt hat. Begegnet er nachts weder Mensch noch Tier, bereitet er Beleuchtungskonzepte für seine Firma Kalalumen vor: Im November wird er die Pariser Kirche Saint-Germain-des-Prés mit insgesamt 3000 Kerzen illuminieren.
Nach dem Ausrufen um 2 Uhr morgens legt sich Häusler in der schmalen und beheizten Loge aus Eichenholz schlafen – zwischen den beiden grossen Glocken der Kathedrale im ersten Stock. Sein Heimweg wäre zu weit. «Obwohl sich die Glocken nur zwei Meter hinter der Loge befinden, höre ich den Stundenschlag nicht mehr», sagt Häusler und strahlt eine tiefe Zufriedenheit aus.
Autor: Reto Wild
Fotograf: Dan Cermak