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Der GP-Zirkus gastiert in Indianapolis – aber die Amerikaner spielen im internationalen Töffgeschäft kein Rolle mehr. Die Europäer haben längst das Zepter übernommen.
Die einstige Töff-Weltmacht Amerika ist sang- und klanglos untergegangen. Ausgerechnet beim GP in der selbsternannten Motorsport-Welthauptstadt Indianapolis ist den Amerikanern diese Schmach vor Augen geführt worden. Weil Nicky Hayden durch eine Handoperation weiterhin ausfällt, ist klar, dass in einer Woche beim GP von Tschechien in Brünn zum ersten Mal seit 38 Jahren in der Königsklasse kein Amerikaner am Start stehen wird.
In den 1970er Jahren eroberten die Asphalt-Cowboys aus den USA die Königsklasse. Pat Hennen gewann 1976 als erster US-Pilot einen 500er-GP und bereits 1978 holte Kenny Roberts den ersten von 15 WM-Titeln für Amerika.
Randy Mamola, Freddie Spencer, Eddie Lawson, Wayne Rainey, Kevin Schwantz und John Kocinski dominierten die 500er- WM in den 1980er und frühen 1990er Jahren nach Belieben. Die europäischen Fahrer waren praktisch chancenlos.
Noch 1992 prahlte Kenny Roberts, inzwischen ein erfolgreicher Teammanager: «Wir haben in der US-Meisterschaft 15 Fahrer, die jederzeit einen 500er-GP gewinnen könnten.» Die Dominanz schien auf Jahrzehnte hinaus gesichert.
Wie kann es sein, dass die amerikanischen Asphaltcowboys verschwunden sind wie die einst dominierenden Dinosaurier? Sie waren damals auf den über 100 PS starken und schwierig zu kontrollierenden Höllenmaschinen der Königsklasse von Haus aus überlegen. Weil sie daheim auf den Farmen ihrer Väter schon als Buben mit Motocrossbikes herumkurvten und ihre ersten Strassenrennen noch vor Ende der Schulzeit bestritten.
Sie lernten dabei die Kontrolle rutschender Bikes und durchdrehender Hinterräder so leicht und instinktiv wie die Buben in Europa das Radfahren. Die technische Entwicklung machte die Steuerung der Bikes mit dem rutschenden Hinterrad notwendig.
Diesen Fahrstil kannten die Europäer nicht. Auf dem alten Kontinent begannen Rennfahrerkarrieren erst richtig mit 20. Weil es in den meisten Ländern nicht möglich war, ohne Führerschein Rennen zu fahren. In diesem Alter hatten die Amerikaner bereits hunderte von Stunden in Rennsätteln zugebracht. Der Schweizer Jacques Cornu war beispielsweise bereits 35, als er seinen ersten 250er-GP gewann.
Ben Spies hat 2011 in Assen als letzter Amerikaner einen GP gewonnen. Nicky Hayden war 2005 der letzte MotoGP- Weltmeister aus den USA. Er ist, obwohl verletzt, nach Indianapolis gekommen um zusammen mit seinem Vater das Buch über seine Karriere («The First Family of Racing») vorzustellen.
Nicky Hayden ist heute nur noch ein Hinterherfahrer und ist inzwischen von seinem nächsten GP-Sieg oder WM Titel weiter entfernt als eine 1. August-Rakete vom Mars. Er hat eine Erklärung für das Verschwinden seiner Landsleute. «Die Europäer haben gelernt und die richtigen Massnahmen getroffen. Heute beginnen die Fahrer in Europa so früh wie wir mit dem Rennsport.» Tatsächlich sind neue Kategorien («Pocket Bikes») kreiert worden, die schon vierjährigen Buben Rennen ermöglichen und die Europäer haben längst das Training mit Motocross- Maschinen entdeckt.
Inzwischen beherrschen die Europäer rutschende Höllenmaschinen mit der gleichen Leichtigkeit wie einst die Amerikaner. Karrieren beginnen auch bei uns früh. Tom Lüthi war bei seinem ersten GP-Sieg erst 19. Dominique Aegerter ist der am stärksten «amerikanisierte» Schweizer Fahrer. Er hat seine Karriere im Bubenalter als Motocross-Fahrer begonnen. Der Amerikaner Freddie Spencer war 1983 mit 23 Jahren der bis dahin jüngste Weltmeister der Köngisklasse und galt als Wunderkind. Letzte Saison gewann der Spanier Marc Marquez die wichtigste Töff-WM im Alter von 20 Jahren.
Nicky Hayden rechnet nicht mit einer baldigen Rückkehr der Amerikaner. Den US-Piloten fehle die Motivation für den Einstieg in den GP-Zirkus mit den vielen Rennen in Europa. Der Verdienst in der heimischen Meisterschaft sei gut genug.
Inzwischen ist auch klar, dass das Niveau der verschiedenen US-Meisterschaften nicht mehr gut genug ist. Vor einem Jahr kam James «The Rocket» Rispoli, der Superstar der US-Rennszene mit einer Wild Card zum Moto2-Rennen nach Indianapolis und verkündete, alles andere als eine Klassierung in den Top 10 sei für ihn eine schwere Niederlage. Er schlich im Training auf Rang 28 und im Rennen auf Platz 24.
Colin Edwards (40) ist hier in Indianapolis der letzte Mohikaner der US-Töffszene in der Königsklasse. Er bestreitet nicht mehr die ganze Saison, fährt nur zum Vergnügen, hat in den beiden freien Trainings Platz 11 und 16 herausgefahren und wird nur noch für seinen offiziell letzten GP zum Saisonschluss nach Valencia kommen. Deshalb wird der GP von Tschechien Brünn in einer Woche der erste GP ohne Amerikaner in der Königsklasse seit 38 Jahren sein.