Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03137.jsonl.gz/1194

Nur wenige Wochen vor dem Start der FEI-Europameisterschaft Concours Complet Elite in Avenches traf sich das «Bulletin» mit Jean-Pierre Kratzer. Im Gespräch gewährt der Präsident des EM-Organisationskomitees und des Institut Equestre National d’Avenches (IENA) als Austragungsort des Championats spannende Einblicke hinter die Kulissen der Veranstaltung.
Die Umstände der Vergabe der Europameisterschaft Concours Complet Elite 2021 an Avenches (VD) waren ziemlich ungewöhnlich. Das Championat findet vom 23. bis 26. September 2021 statt, normalerweise beginnen die Vorbereitungen für einen solchen Grossanlass schon Jahre vor dem Stichtag. Im Fall von Avenches gab die FEI jedoch erst im März dieses Jahres grünes Licht für die Austragung.
«Bulletin»: Jean-Pierre Kratzer, wie kommt es, dass die Frist für die Organisation der FEI-Europameisterschaft Concours Complet Elite in Avenches so kurz ist?
Jean-Pierre Kratzer: Das ist das Paradox der COVID-19-Pandemie. Zahlreiche Veranstaltungen, die 2020 hätten stattfinden sollen, wurden aus Gründen des Gesundheitsschutzes abgesagt, allen voran die Olympischen Spiele. Letztere konnten dieses Jahr schliesslich durchgeführt werden, aber das wusste man 2020 noch nicht. Somit stellte sich damals die Frage, wie man die Top-Reiterinnen und -Reiter in Form halten könnte. Sie brauchen Highlights wie die Olympischen Spiele oder andere kontinentale Championate, um ein Ziel zu haben, das sie anspornt, ihr hartes Training fortzusetzen, und das ihr enormes Engagement für ihren Sport rechtfertigt. In dieser Situation hatte der Equipenchef der Schweizer Concours-Complet-Elite, Dominik Burger, die Idee, die Masterclass Swiss Eventing in Avenches ins Leben zu rufen, eine Serie von Trainings mit Turniercharakter. Diese Trainings stiessen bei den Teilnehmenden auf riesigen Anklang. Das hat uns motiviert, im Herbst 2020 eine internationale CC-Prüfung auf 4-Stern-Niveau in Avenches durchzuführen, an der namentlich der hochdekorierte deutsche Vielseitigkeitsreiter Michael Jung teilgenommen und die Prüfung auch gewonnen hat. Er fand das IENA und unsere Anlagen vor Ort hervorragend und hat uns ermuntert, hier weiterzumachen.
Was mich motivierte, war der Gedanke, diesem tollen Sport und diesen hervorragenden Sportlerinnen und Sportlern etwas bieten zu können.
Eigentlich hätte die Concours-Complet-EM der Elite 2021 im französischen Le Pin stattfinden sollen. Da dann aber die Olympischen Spiele auf das ursprünglich für diese EM vorgesehene Datum geschoben wurden und die Organisatoren in Le Pin keinen Ausweichtermin finden konnten, beschloss die FEI, dass 2021 keine EM für die CC-Elite ausgetragen würde - eine Entscheidung, die in der CC-Welt sehr bedauert wurde.
Vor diesem Hintergrund hatten einige Personen, darunter insbesondere Dominik Burger und Danièle Vogg, die Organisatorin des CC-Turniers von Radolfzell, die Idee, bei der FEI anzufragen, ob die Bewerbungsphase für diese EM nicht wieder geöffnet werden könnte, damit Avenches seine Kandidatur einreichen könnte. Sie haben mich gefragt, ob sie bei diesem Projekt auf meine Unterstützung zählen könnten, und ich habe sofort Ja gesagt. Was mich motivierte, war der Gedanke, diesem tollen Sport und diesen hervorragenden Sportlerinnen und Sportlern etwas bieten zu können.
Ist dies auch eine Möglichkeit, die Tätigkeiten des IENA zu diversifizieren?
Das Hauptgeschäft des IENA werden die Rennen bleiben. Aber den Military-Garten gibt es schon lange und er ist bei den Schweizer CC-Reiterinnen und -Reitern sehr beliebt. Früher haben ihn vorwiegend die Amateurreiterinnen und -reiter genutzt. Aber dank der Masterclass hat auch die Elite die Vorzüge unserer Anlagen erkannt. So hat sich im IENA ein richtiges CC-Trainingszentrum auf höchstem Niveau gebildet, was uns sehr freut.
Es ist ein vielseitiger Sport, bei dem der gegenseitige Respekt und das Vertrauen zwischen Pferd und Reiter unerschütterlich sein müssen.
Für mich ist der Concours Complet eine sehr gute Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel, den wir derzeit erleben. Es ist ein vielseitiger Sport, bei dem der gegenseitige Respekt und das Vertrauen zwischen Pferd und Reiter unerschütterlich sein müssen. Ich finde das faszinierend, und es ist aus meiner Sicht eine gute Sache, diese besonders ethische Form des Pferdesports zu unterstützen und zu fördern.
Dennoch ist es ein bisschen ein verrücktes Unterfangen, diese EM in nur wenigen Monaten auf die Beine zu stellen. Wie wollen Sie diese Herausforderung meistern?
Glücklicherweise sind im IENA schon alle Anlagen, die wir brauchen, vorhanden. Andernfalls wäre das nicht möglich gewesen. Ausserdem haben wir entschieden, die Veranstaltung einfach zu halten. Klar, wir sind nicht Aachen, aber mit dem Hippodrom und der umliegenden Natur können wir dennoch einen ziemlich aussergewöhnlichen Rahmen bieten.
Es war aber tatsächlich nicht einfach, in so kurzer Zeit und im aktuell schwierigen wirtschaftlichen Umfeld Sponsoren zu finden. Wir haben aber alle unsere Beziehungen spielen lassen, sodass die Finanzierung rasch sichergestellt war.
Wir sind ein tolles Team, namentlich mit Charles Trolliet und dem Präsidenten von Equissima, Marc-Henri Clavel, die uns beratend zur Seite stehen. Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde und der Region ist ebenfalls hervorragend, und alle ziehen am gleichen Strick.
Ganz konkret: Wie wird diese EM ablaufen?
Für die Wettkämpfe ist alles bereit. Die Dressur- und die Springprüfungen werden auf dem grossen Paddock vor der Reithalle ausgetragen. Das Cross wird auf einer Fläche von rund 50 Hektar angelegt, zwischen dem Hippodrom und der Trainingsstrecke der Traber - ein abwechslungsreiches, anspruchsvolles Gelände. Die Pferde werden in den 60 festen Boxen des Rennstalls sowie in 50 mobilen Boxen untergebracht.
Die Wettkämpfe werden über ein Netz von 11 Kameras direkt übertragen. Dank den Rennen haben wir hier bereits eine richtige Regie mit allen nötigen technischen Anlagen.
Es wird auch ein Ausstellerdorf mit Verkaufsständen geben, und die Reithalle wird zum Gastronomiebereich umfunktioniert, damit es Platz für alle hat. Wir planen ausserdem ein abendliches Rahmenprogramm, denn wir möchten, dass diese EM ein grosses Fest des Concours Complet wird. Jeder soll auf seine Kosten kommen!
Wir möchten, dass diese EM ein grosses Fest des Concours Complet wird.
Was wird die grösste Herausforderung dieser EM sein?
Davon gibt es zwei: Zum einen unsere Aufnahmekapazität an Zuschauern, vor allem bezüglich der Parkplätze und Transportmittel. Wir wollen so gut wie keine Autos im IENA. Diesbezüglich arbeiten wir eng mit der Gemeinde Avenches und einem privaten Transportunternehmen zusammen, um einen Shuttledienst einzurichten, der die Zuschauer von den externen Parkplätzen oder vom Bahnhof zum IENA bringt. Die Gemeinde kennt dieses Konzept, das beispielsweise beim Festival Rock Oz’Arènes zum Einsatz kommt, bestens. Wir benötigen aber zahlreiche Helfer, um den Besucherfluss führen zu können.
Die andere Herausforderung ist natürlich COVID-19 mit all den erforderlichen Schutzmassnahmen. Wer den Turnierplatz betreten will, wird ein COVID-Zertifikat vorweisen müssen. Das bedeutet, dass wir viele Leute brauchen, welche die QR-Codes und die Ausweise kontrollieren. Wenn wir lange Warteschlangen vermeiden möchten, müssen wir hier effiziente Lösungen finden.
Wenn wir schon bei COVID sind: Besteht die Gefahr, dass die Veranstaltung abgesagt werden muss?
Die Gefahr, dass die Veranstaltung abgesagt wird, ist sehr gering. Wenn wir die Besucherzahl beschränken müssen, werden wir das tun. Ganz ohne Publikum werden wir die EM hingegen nur im Notfall durchführen. Der Besucherfluss kann im IENA dank der Konstellation der Infrastruktur relativ einfach gesteuert werden - das sollte also kein Problem sein.
Die Gefahr, dass die Veranstaltung abgesagt wird, ist sehr gering.
Der einzige Grund für eine Absage wäre, dass der Bund oder der Kanton entscheiden würde, Veranstaltungen mit COVID-Zertifikat nicht mehr zuzulassen. Dann wäre es unmöglich, dieses Championat durchzuführen. Aber dieser Fall scheint mir sehr unwahrscheinlich.
Wir sind sehr zuversichtlich, dass die Europameisterschaft Concours Complet Elite in Avenches ein grosser Erfolg sein wird - und eine Gelegenheit, COVID die Zunge rauszustrecken!
Das Gespräch führte
Cornelia Heimgartner