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Ich war nach all den grossartigen Ankündigungen etwas enttäuscht vom zweiten Avatar Film «The Way of The Water». Die Filmszenen waren zwar opulent und teilweise atemberaubend. Aber die Handlung so dünn wie Melita Filter Kaffee im Jahr 1975. Eine Sache allerdings ist bei mir hängen geblieben. Die Na’vi, eine Spezies intelligenter humanoider Wesen, die Pandora bewohnt, haben eine ganz besondere Art andere zu begrüssen. Sie sagen: «Ich sehe Dich.» Die Begrüssung wird von einer Geste begleitet, bei der sie ihre Hand von der Stirn nach unten in Richtung der anderen Person ausstrecken.
Ich sehe Dich.
So beginnen viele Storys von Wundern, Neuanfängen und Transformation im Leben Jesu: «Und Jesus sah …». Ich zähle mindestens ein Dutzend: die ersten vier Jünger am See Genezareth, die Schwiegermutter des Petrus, Matthäus der Zöllner, die Frau mit starken Blutungen, die Freunde des Gelähmten, die hungernde Menge, die Mutter des verstorbenen jungen Mannes von Nain, eine verkrüppelte Frau, die zehn Aussätzigen, Zachäus, den Gelähmten am Teich Bethesda, den von Geburt an blinden Mann ...
Jesus pflegte einen Lebensstil, der es ihm erlaubte, Menschen wirklich zu sehen. Viele seiner Wunder sind «Unterbrechungswunder». Er war unterwegs von A nach B, sieht einen Menschen, lässt sich unterbrechen und diese Person erfährt die Liebe und Power des Vaters im Himmel.
Oftmals heisst es nicht nur, dass Jesus sah, sondern auch, dass dieses Sehen bei ihm eine starke emotionale Reaktion ausgelöst hat: Und er hatte tiefes Mitleid (Neues Leben), es ergriff ihn tiefes Mitgefühl (NeÜ), er wurde innerlich bewegt (Elberfelder). Wenn Jesus Menschen und ihre Brüche sah, liess er sich davon betreffen und handelte. Wenn ich Menschen nicht wirklich sehe, bleiben sie gesichtslos. Ich brauche mich nicht weiter zu kümmern.
Das hat Jesus übrigens von seinem Vater abgeguckt. Im Gleichnis der beiden verlorenen Söhne heisst es: «Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn.» (Luk. 15,20). Dasselbe steht auch beim barmherzigen Samariter: «Aber ein Samariter, der auf der Reise war, kam zu ihm hin; und als er ihn sah, wurde er innerlich bewegt; und er trat hinzu und verband seine Wunden und goss Öl und Wein darauf; und er setzte ihn auf sein eigenes Tier und führte ihn in eine Herberge und trug Sorge für ihn.» (Luk 10,33.34). Gesehen hatten ihn auch die beiden Super Religiösen, die kurz vorher vorbei gegangen sind. Aber ihre Religion hatte ihnen die Augen verklebt, die Menschen wirklich zu sehen.
Weisst Du, was mir Sorgen macht? Die Fähigkeit Menschen zu sehen und sich davon bewegen zu lassen ist im Aussterben begriffen. Das Tempo unseres Lebens verbunden mit mehreren Stunden im Tag, während denen unser Blick auf einen Bildschirm gerichtet ist, vernichten sowohl Aufmerksamkeit als auch Empathie. Wir können mit unserem Smartphone in ein Flugzeug steigen oder uns mit einer Karten-App in einer neuen Stadt zurechtfinden. Wir haben eine Fülle von Informationen zur Hand. Aber immer mehr Studien legen nahe, dass wir in dieser gut vernetzten Welt voller hochentwickelter Kommunikationsgeräte die Fähigkeit verlieren, in den Schuhen anderer zu laufen und mit ihnen mitzufühlen.
Ich. Sehe. Dich.
Das scheint mir geradezu eine programmatische Ansage zu sein, wie wir als Jünger von Jesus erstens Jesus ähnlicher werden und zweitens den Himmel auf die Erde bringen können. Aber diese Art zu leben, braucht Zeit. Wenn mein Leben bis zum Platzen gefüllt ist und ich stets nur hetzend von A nach B komme und dabei wenn möglich auch immer in den Bildschirm starre, werde ich nie Menschen wirklich sehen. Und schon gar keine Empathie entwickeln können.
Wie wäre es mit folgendem Experiment: ich plane, wenn ich von A nach B muss mehr Zeit ein und lasse mein Smartphone in der Hosentasche (oder ganz radikal: du lässt es zu Hause. Okay, wenn Du jetzt Angstzustände allein beim Gedanken daran kriegst, dann ist es ein prophetisches Wort für Dich. Du solltest es unbedingt zu Hause lassen!). Oder ich gehe auf einen Spaziergang durchs Quartier mit dem einzigen Ziel, Menschen mal wirklich zu sehen. Und bevor ich losgehe, bitte ich Jesus, dass ich Leute, die mir begegnen, so sehe, wie er sie sieht. Und wenn ich unterwegs dann jemanden sehe, der bei mir eine Resonanz auslöst, gehe ich nicht weiter, sondern suche die Begegnung. Und schaue, was sich daraus ergibt.
«Stop for the one», halt an für diese eine Person, wie Heidi Baker sagt.
Ich mache das regelmässig. Und ich liebe es. Es ergeben sich immer wieder lustige, berührende, traurige, spannende Begegnungen. Und einige davon haben dazu geführt, dass ich neue Freunde gefunden habe, die jetzt auch Jesus nachfolgen oder zumindest auf dem Weg nach Hause sind.
Und noch einen anderen Effekt hat dieses «Ich sehe Dich». Wenn ich Begegnung wage, komme ich aus meiner Bubble raus. Ich erlebe eine Kollision mit dem Anderen, dem Fremden. Und diese Kollision verändert mich. Sie vergrössert mein Herz. Ich höre den Geschichten anderer zu und entdecke Planeten, von denen ich nicht mal gewusst habe, das sie existieren. Charles Pepin beschreibt das kernig. «Begegnung lässt einen Hauch von Freiheit über einer erstarrten Identität wehen.» Begegnungen können etwas Erlösendes haben, weil das Ich erst in der Begegnung mit dem Du wirklich zum Ich wird (Martin Buber).
Ich. Sehe. Dich.
In diesem Satz pulsiert das Herz des dreieinigen Gottes. Vielleicht beginnt dort der Durchbruch zu einer wirklich missionalen Kirche. Einer Kirche, die eine richtig gute Nachricht ist für ihre Umwelt. Ich finde, ein Versuch ist es auf jeden Fall wert.