Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03540.jsonl.gz/658

Der Eiger von Norden
Erste Ersteigung.
Von Hans Lauper.
Motto: Où il y a la neige, on peut toujours passer.
( Daniel Maquignaz. ) Die Nordwand des Eigers wird begrenzt durch den Nordost- oder Mittellegigrat und durch den Westgrat. Ungefähr 150 m vom Gipfel löst sich vom Mittellegigrat eine mehrfach gebrochene Rippe oder Kante ab, die sich in genau nördlicher Richtung gegen Alpiglen hinabsenkt und die Nordwand des Eigers in zwei ungleiche Hälften teilt. Die westliche Hälfte ist jene riesige Wand, welche gewöhnlich als « Eigerwand » bezeichnet wird. Im unteren Drittel dieser Wand befinden sich die Fenster der Jungfraubahnstation « Eigerwand ». Die östliche Hälfte der Wand wird durch die Nordabstürze des Mittellegigrates und der « Hörnli » gebildet. Diese Wände wurden schon vor 60 Jahren von den Brüdern Hartley mit Peter Rubi und Peter Kaufmann erstiegen, wobei der Sattel des Mittellegipasses erreicht wurde. Im Jahre 1894 stieg Claud A. Macdonald mit Peter Bernet und Christian Jossi ( nach einem fruchtlosen Versuch auf den Mittellegigrat ) vom Fusse des grossen Gendarms ( 3687 m ) nach dem kleinen Hängegletscher « Hoheneis » ( T. A. ) und nach Alpiglen ab.
Über diese östliche Hälfte der Nordwand und über die Kante zwischen der östlichen und westlichen Hälfte beabsichtigten wir einen Weg zum Gipfel zu finden. Wir waren nicht die Ersten und nicht die Einzigen, die solche Pläne hatten. Schon 1883, als Captain Farrar mit Johann Grill, dem Köderbacher aus der bayrischen Ramsau, von Grindelwald her zur Kleinen Scheidegg hinauf stieg, fragte der Köderbacher in Alpiglen, ob die Eigerwand schon bestiegen sei, und wollte sie sogleich versuchen. Vor einigen Jahren brachten A. Gassmann und A. Fleuti vom A.A.C.B.ern eine Nacht in den Felsen am Fusse der Nordwand zu, mussten aber am nächsten Tage schlechten Wetters wegen unverrichteter Dinge wieder abziehen. Das gleiche Schicksal ereilte im Juli 1932 die französischen Bergsteiger Lagarde, Devies und de Lepiney, welche sogar zweimal vergeblich biwakierten. Diese Partien hätten eigentlich einen Sieg eher verdient als unsere Gesellschaft, deren Stärke hauptsächlich in den hervorragenden Qualitäten unserer Führer lag.
Dass auch die jungen Führer von Grindelwald, wie Adolf Rubi, Hermann Steuri, Peter Inäbnit und andere, auf diesen Aufstiegsweg ein Auge geworfen hatten, versteht sich eigentlich von selbst für denjenigen, der wie ich ihre unbändige Unternehmungslust und ihre Meisterschaft in Fels und Eis kennt. Sie haben uns alle mit Begeisterung und ohne Neid nach gelungener Fahrt beglückwünscht. Wären nicht Joseph Knubel und Alexander Graven mit uns gewesen, hätte ich mir zwei von ihnen als Führer gewünscht.
Es regnete in Strömen, als ich mit Alfred Zürcher aus St. Gallen anfangs August 1932 von Zürich nach Grindelwald fuhr. Neuschnee schimmerte durch die Nebelfetzen, die an den Bergen herumstrichen. Auf der Kleinen Scheidegg schneite es sogar, und im Hotel wurde geheizt wie mitten im Winter. Am Tage nach unserer Ankunft rückten unsere Führer an: Joseph Knubel von St. Nikiaus und Alexander Graven von Zermatt. Das Wetter wurde erst gegen Ende der Woche besser. Wir verliessen am 6. August die Scheidegg für eine Fahrt ins Hochgebirge, auf welcher mein Freund seine Vier-tausendersammlung innerhalb einer Woche um sieben Gipfel vermehrte. Mir brachte diese Fahrt den Besuch des Ochs, des Agassizhornes und des Dreieckhorns, drei Gipfel, die mir auf meinen zahlreichen Besuchen des Oberlandes immer irgendwie entgangen waren. Am 16. August querten wir den Eiger über den Mittellegi- und den Südgrat. Der Aufstieg gewährte uns erneut einen Einblick in die oberen Eishänge der Nordflanke. Leider musste mein Freund nun für drei Tage verreisen. Die Führer benützten einen dieser Tage dazu, den Einstieg in die Nordflanke des Eigers auszukundschaften. Als Zürcher zurückkehrte, beschlossen wir, am nächsten Tage die Nordwand anzugreifen.
Am 20. August verliessen wir das Hotel auf der Kleinen Scheidegg um 150 Uhr und stiegen auf der Bahnlinie gegen Grindelwald hinab. Wir folgten ihr für eine Viertelstunde, verliessen sie dann nach rechts und stiegen über Weiden, Geröllhalden und die letzten Überreste von Lawinen in östlicher Richtung hinan, gegen den Fuss der Nordwand. Es war eine mondhelle Nacht, und wenn wir auch im Schatten des Eigers wanderten, so konnten wir doch die Laterne entbehren. Um 340 Uhr standen wir am Einstieg ( P. 1 ). Hier seilten wir an, stiegen dann, nach rechts ( Westen ) ausholend, über einige plattige Stufen hinan und kehrten bald zurück nach links ( Osten ). Eine Platte musste gequert werden, was im halben Lichte des anbrechenden Tages schwierig und ausgesetzt schien, dann aber tatsächlich recht leicht war. Nachher zogen wir in östlicher Richtung schwach ansteigend über Bänder und Stufen ohne Schwierigkeiten hinüber zum kleinen Gletscher « Hoheneis ». Dieses Hängegletscherchen querten wir schwach ansteigend in 10 Minuten. Die Felsen an seinem östlichen Rande wurden erstiegen, und immer noch nach links ( Osten ) uns wendend, kletterten wir über brüchige Felsen in die Höhe.
Wir näherten uns eben einer neuen Stufe, als hoch über uns Steine herabrasselten. Achtung, Steinschlag! Alle rannten in Deckung. Jetzt donnerte es über uns, und ein paar Blöcke schwirrten surrend über unsere Köpfe hinaus in die Luft, schlugen auf und stürzten prasselnd in die Tiefe. Schon war alles wieder still und ruhig. Wir vermuteten, dass die Steine von einer Partie am Mittellegigrat losgelöst worden waren, und riefen und jodelten vereint, um ihre Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Allem Anschein nach gelang uns das auch, denn wir sahen oder hörten für den Rest des Tages keinen weitern Steinschlag.
Nun gelangten wir in eine halbkreisförmige, oben durch überhängende Felsen abgeschlossene Bucht. Erst mussten wir senkrecht ansteigen, dann über ein mit wackeligen Blöcken bedecktes Band nach links queren und konnten nun für geraume Zeit mehr oder weniger direkt ansteigen. Wir befanden uns ungefähr senkrecht unter der Mittellegihütte und wandten uns nun wieder nach rechts ( Südwesten ), um über einige weitere Felsstufen eine grosse Rinne oder Schlucht zu erreichen, von der wir wussten, dass wir sie überschreiten mussten, um über ein Felsbollwerk zu den Eis- und Schneefeldern des obern Wandteiles zu gelangen.
Um 6 Uhr betraten wir ein schmales Band, welches an seinem westlichen Ende, nahe der Schlucht, durch eine überhängende Klippe gegen Steinfall gesichert war. Dort drüben auf der andern Seite der Schlucht, die in steilen Eishängen gegen das Hängegletscherchen « Hoheneis » abfällt, sahen wir das grosse Felsbollwerk, das wie ein Wachtturm einer Festung aus der Wand hervorragte. Ich hatte diese Stelle immer als eines der Fragezeichen der geplanten Route betrachtet. Jetzt aber gewahrten wir einen tiefen Riss in der östlichen Flanke dieses Bollwerkes und waren sofort einig, dort anzugreifen. Entsprechend dem Plane, den wir auf der Scheidegg gefasst hatten, war beabsichtigt, hier auf diesem Bande uns für die folgende Arbeit durch ein solides Mahl zu stärken. Aber die Neugierde, vielleicht war es auch die nervöse Spannung, war bereits zu gross und liess uns nur hastig einen Becher Tee schlucken, während wir die Seile verlängerten und die Steigeisen anlegten ( P. 2 ).
Graven und ich übernahmen nun die Führung, während Knubel mit meinem Freunde auf dem Bande zurückblieb, bis wir den Fuss des Bollwerkes erreicht hatten, wo wir uns wieder einigermassen vor Steinschlag sicher fühlten. Unser Weg führte über steile Schneehänge empor, und Stufen mussten geschlagen werden. Erst eilten wir gerade aufwärts, dann querten wir aufwärts zu einigen Felsen, welche im Falle von Steinschlag einigen Schutz geboten hätten. Noch ging es wieder einige Meter hinan, dann stiegen wir nahe an einer Felsstufe nach rechts hinab gegen den Fuss des Bollwerkes. An mehreren Stellen fanden wir Eis, und besonders das Queren von zwei, drei Eisrinnen erforderte mühsames Stufenschlagen. Endlich betraten wir die Felsen, und mein Freund und Jos. Knubel folgten rasch nach, während wir unterdessen Ausschau hielten, ob vielleicht Steine fallen könnten. Doch schon schlössen sie auf, und ein weiterer kurzer Anstieg über schlechte Felsen brachte uns zum unteren Ende des Risses, der kaminartig über das Felsbollwerk hinaufführt. Sturzbäche und Lawinen haben im Laufe der Jahre dort alle losen Steine hinabgefegt und einen tiefen Riss in den Fels gegraben, durch den wir nun hinaufkletterten.
Der Fels war erstaunlich gut, aber von allen Seiten rieselten Bäche in den Kamin hinein und drohten, uns in kürzester Zeit völlig zu durchnässen. Graven und ich entledigten uns unseres Hemdes und steckten es in den Rucksack, um es trocken zu behalten. Im Eifer des Gefechtes vergassen wir, es später wieder anzuziehen. Erst viel höher oben, gegen Abend, als die Sonne hinter dem Eigergipfel verschwand und als ich wartete, bis die Reihe an mich komme, die letzte Felsbarriere zu übersteigen, erinnerte mich die Kälte daran, die über Brust und Rücken emporschlich. Aber dort war mir nicht sehr daran gelegen, mich aus- und wieder anzukleiden, und so konnte das nützliche Kleidungsstück erst wieder auf dem letzten Schneegrat aus der Tiefe des Rucksackes hervorgenommen und seinem ursprünglichen Zwecke zugeführt werden.
Eine Unterbrechung im Kamin zwang uns zu einem kurzen, aber wegen der blankgescheuerten, nassen und glatten Felsen sehr heiklen Quergang nach links. Über dieser Stufe stiegen wir wiederum, oft stemmend, durch den Kamin empor, und zwei oder drei Überhänge waren alles andere als leicht zu überwinden. Jetzt erweiterte sich der Kamin. Sein Grund war mit Schnee gefüllt. Dieser Schnee war so weich und unsicher, dass wir bald vorzogen, nach rechts über die Wand hinauszusteigen. Auf diese Weise gelangten wir auf den Gipfel des Felsbollwerkes und erreichten einen gut ausgesprochenen Grat, auf dessen zweiter Felsstufe wir uns kurz nach halb 9 Uhr zu einer Rast niederliessen.
Die Felsen, auf denen wir rasteten ( P. 3, 836—910 Uhr ), standen wie ein Ralkon aus der Wand heraus. Unter uns sahen wir nur die letzten paar Felsen, über die wir soeben aufgestiegen waren, und dann tief unter unseren Füssen die Weiden und die Häuser von Alpiglen. Als ich nach Grindelwald hinunterblickte, hatte ich für einen Augenblick das unangenehme Gefühl, durch Teleskope beobachtet zu werden. Aber der einzige Mensch, der um unser Vorhaben wusste, war Herr Seiler vom Hôtel des Alpes auf der Kleinen Scheidegg. Selber ein Bergsteiger, hat er das versprochene Stillschweigen bis zu unserer Rückkehr gehalten. Über den Zackenkamm der Eigerhörnli schauten die Wetterhörner herüber, und da drüben, immer noch höher als wir, stand die Mittellegihütte, kühn wie ein Adlernest auf dem schmalen Grat. Aber noch viel eindrucksvoller war der Blick nach Westen, gegen die Kleine Scheidegg hinab. Welche Platten und Klippen, was für erschreckende Abstürze!
Zehn Minuten nach 9 Uhr waren wir wieder unterwegs. Für ein paar Meter folgten wir dem Grätchen, auf dem wir gesessen hatten, dann stiegen wir Stufen schlagend ziemlich senkrecht hinan. Graven führte immer noch und besorgte das Stufenschlagen in meisterhafter Weise. An einigen Stellen ging der Schnee bereits in Eis über, an anderen lag loser Pulverschnee auf Eis. Trotz der zunehmenden Steilheit rückten wir dank der vortrefflichen Stufen rasch und gleichmässig vor. Mit der Zeit erreichten wir die steilen Firnhänge nördlich des grossen Gendarms am Mittellegigrat und mussten wieder nach rechts hinaus queren, gegen die Kante oder Rippe, die nordöstlich vom Eigergipfel in nördlicher Richtung gegen Alpiglen abfällt.
Der Eishang war von furchterregender Steilheit, und wenn man in die Tiefe schaute, konnte man nur die nächsten paar Stufen sehen. Der Rest der Wand war durch die Steilheit verdeckt. Dieser ansteigende Quergang erforderte von uns allen ununterbrochene Vorsicht und grösste Sorgfalt. Endlich näherten wir uns der Kante und fanden, indem wir einige Schritte abstiegen, einen Rastplatz, ganz ähnlich demjenigen, den wir vor genau drei Stunden verlassen hatten ( P. 4, 1210—1250 Uhr ).
Wir befanden uns nun ungefähr auf der Höhe des grossen Gendarms des Mittellegigrates ( 3687 m ). Aber die fantastischen Abstürze zu unsern Füssen, mit Alpiglen mehr als 2000 m tiefer, und die Steilheit der Firnhänge, über die wir aufgestiegen waren, dies alles bewirkte einen Eindruck ausserordentlicher Ausgesetztheit und ein Gefühl der Entrückung von der bewohnten Welt. Als Knubel diesem Gefühl Ausdruck gab mit den Worten « Wir sind alle vier ein bisschen verrückt! », da lachten wir zwar, aber keiner widersprach.
Wir waren bereits mehr als 10 Stunden unterwegs, und es blieben uns noch etwas mehr als 300 m Höhe zu überwinden. Ich wusste, dass die grössten Schwierigkeiten noch vor uns lagen. Aber wir hatten noch wenigstens sieben Stunden Tageslicht vor uns und glaubten deshalb an die Berechtigung einer herzhaften Mahlzeit und einer langen Rast.
Vierzig Minuten blieben wir hier, bevor ich Graven folgte, der schon wieder Stufen über ein schmales Firngrätchen hinan schlug. Nach links ansteigend, zielte er nach einer schmalen Felsrippe hoch über uns. Er schien die Felsen nicht recht zu lieben, als er endlich ihr unteres Ende erreichte. Noch rückte er rasch vor. Es dauerte eine geraume Weile, bevor es ihm gelang, den Fuss des Felsen zu umgehen, und nachdem er auf der Ostseite verschwunden war, rief er zu uns und forderte Knubel auf, nachzufolgen. Infolgedessen mussten Zürcher und ich in unseren Stufen warten, während Knubel zu Graven hinanstieg und dann augenscheinlich dessen Seil sicherte. Jetzt folgte Zürcher nach, indem er wie Knubel sich des Seiles bediente, das mich mit Graven verband. Erst als er Knubel erreicht hatte, durfte auch ich folgen.
Während wir drei in wenig bequemer Stellung am untern Ende der Felsrippe klebten, erkletterte Graven diese Felsen auf der Ostseite. Nach dem langsamen Fortschritt zu schliessen, war das gar nicht leicht. Nun folgten ihm Knubel und dann Zürcher. Eine Ewigkeit stand ich da unten, meine Gefährten waren unsichtbar, ich hörte sie nicht einmal mehr. Und wären nicht immer wieder Steine links von mir über die Eishänge herab gesaust, und hätte nicht mein Seil über die Felsen nach oben geführt, ich wäre mir furchtbar verlassen und vergessen vorgekommen. Aber jetzt ertönte Knubels frohe Stimme und bat mich, nachzukommen. Die folgende Kletterei erschien mir nicht schwierig, aber ich war natürlich gut gesichert, und zudem hatten meine Freunde ziemlich alle losen Steine entfernt.
Am oberen Ende der Rippe angekommen, fand ich Graven schon wieder Stufen schlagend im Anstieg über einen weiteren Eishang. Darüber sah ich eine Felsbarriere, welche den Hang abschloss und die in ihrem untern Ende auf der bereits öfter erwähnten Kante in einem auffallenden Kopf oder Gratturm endete. Ich glaubte mich zu erinnern, diesen Kopf bereits vom Mittellegigrat und von der Scheidegg aus beobachtet zu haben. Er konnte nicht mehr weit entfernt sein vom untern Ende des Schneegrates, der die östliche Begrenzung des Daches des Eigergipfels bildet und kurz unter dem Gipfel zum Mittellegigrat hinaufführt. Als wir uns der Felswand näherten, gewahrten wir einen schrägen Riss oder Kamin, nahe dem unteren Ende der Barriere. Sogleich steuerten wir auf ihn los. Der Riss war gefüllt mit Eis und hatte zum Überfluss einen Überhang nahe seinem obern Ende.
Mit äusserster Spannung verfolgten wir Gravens Anstrengungen, während er seinen Weg durch diesen Riss hinauf erkämpfte. Kletternd, stemmend und stufenschlagend stieg er langsam hinan. Jetzt war er verschwunden, aber das Seil folgte nur langsam nach und bewies, dass die Schwierigkeiten auch über der Felsstufe noch andauerten. Ich folgte nach über den ersten Teil des Risses, und Knubel schloss nahe auf. Als ich endlich das obere Ende erreichte, befand ich mich auf einem mit Fels und Schnee durchsetzten Hang und sah Graven etwa 15—20 m über mir unter einigen Felsen. Wieder hiess er Knubel nachfolgen, der in flinken, katzenartigen Bewegungen neben mir vorbeistieg. Er sicherte wiederum Graven, während dieser noch einmal seine Eisaxt schwang. Bald erreichte er die rechte Begrenzungslinie des Hanges über mir und liess sich im Schnee nieder, um nun seinerseits unseren Aufstieg zu sichern.
« Wie sieht es aus? Sind wir bald droben? » fragte ich. Aber da nun Zürcher nachfolgte, der lange Zeit unterhalb der Felsen hatte warten müssen, und da ich ihn dabei zu sichern hatte, konnte ich nicht verstehen, was Graven antwortete. Knubel und Zürcher folgten nun am Seil Gravens. Und aus dem Lärm, den sie verführten, als sie bei ihm eintrafen, schloss ich, dass der Gipfel nicht mehr ferne sei. So schnell als möglich rannte ich über die Stufen hinan. Nun schwang ich mich neben Graven über eine scharfe Firnkante auf eine felsige Plattform ( P. 5 ). Dort drüben war der Gipfel, und alles, was zu tun übrig blieb, war der Aufstieg über einen hübschen Schneegrat, nicht sehr steil, hinauf zum Nordost- oder Mittellegigrat und über diesen zum nahen Gipfel.
Wir waren für gewöhnlich keine allzu gesprächige Gesellschaft. Aber hier oben, während wir die Steigeisen ablegten, etwas Nahrung verschlangen und eine gewisse kleine Flasche im Kreis herum ging, setzte eine frohe, laute Unterhaltung ein, die bewies, dass Führer und « Herren » vom eben vollendeten Aufstieg voll und ganz befriedigt waren. Von unserem Standort am untern Ende des letzten Schneegrates hatten wir einen guten Einblick in den obersten Teil der westlichen Hälfte der Nordwand, aber was wir von der « Eigerwand » erblickten, sah abweisend genug oder gar unmöglich aus. Unmöglich«Impossible, ne me dites jamais ce bête de mot », soll der grosse Mirabeau einst gesagt haben. Endlich zündeten die Führer ihre Zigarren an, die sie so lange entbehrt hatten und die so schlecht rochen wie je, dann nahmen wir Säcke und Pickel und Seil auf, stiegen gemütlich über den Schneegrat zum Nordostgrat empor und folgten diesem in einer guten Spur zum Gipfel ( 1646 Uhr ). Die Ersteigung der letzten der drei Nordwände des weltberühmten Dreigestirnes Jungfrau-Mönch-Eiger war geglückt. Ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit erfüllte mich. Wir hatten ausserordentlich günstige Verhältnisse angetroffen. Die Felskletterei war nicht allzu schwierig gewesen, ausgenommen auf der kleinen Felsrippe und über die letzte Felsbarriere. Dort allerdings waren an den Führer die höchsten Anforderungen gestellt worden.
Der Anstieg über die steilen Firnhänge hatte ununterbrochene Stufenarbeit verlangt, welche Graven mit unermüdlicher Ausdauer und vollendeter Meisterschaft besorgt hatte. Er und sein Lehrmeister Joseph Knubel hatten uns den ganzen Tag mit einer hinreissenden Begeisterung ( die jeweilen mit der Schwierigkeit der Tur zu wachsen scheint ) und mit ritterlicher Rücksicht geführt und geleitet.
Fast eine Stunde hielten wir Gipfelrast ( 1645—1730 Uhr ). Leichte Wolken spielten um das mächtige Haupt des Mönch und um die Zacken und Türme des Jungfrau-Nordostgrates. Aus der Schlucht des Trümmletentales stiegen graue Nebel auf. Die untergehende Sonne schoss goldene Pfeile hinter einer schwarzen Wolkenwand im Westen hervor. Das letzte Licht dieses ereignisreichen Tages sah uns über den Westgrat hinabeilen. Bei Einbruch der Nacht erreichten wir den Eigergletscher. Eine wohlverdiente Pfeife rauchend, wanderte ich plaudernd mit meinen Freunden in der Dunkelheit hinab zur Kleinen Scheidegg, wo wir von jedermann herzlich willkommen geheissen wurden ( 2115 Uhr ).