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Vor 70 Jahren entstand der Bikini. Die Evolution der Badekleidung der letzten 100 Jahre zeugt vom Wandel im Umgang mit körperlicher Freizügigkeit.
«Plötzlich kam die Revuetänzerin mit dem Bikini-Badeanzug hervor, und alles hielt den Atem an. Es war so unerwartet, wie wenn wir auf einen anderen Planeten gebracht worden wären!» notierte ein Journalist, welcher der Präsentation des ersten Bikinis am 5. Juli 1946 in der Pariser Badeanstalt Molitor beiwohnte. Erfunden hatte ihn kein Modeschöpfer, sondern der Maschinenbau-Ingenieur Louis Réard. Den Namen seiner Kreation hatte er PR-wirksam dem kurz zuvor auf dem pazifischen Bikini-Atoll von den Amerikanern gezündeten Atombombenversuch entlehnt. Nicht nur wegen der provokanten Namensgebung ist der knappe Zweiteiler, dieses Symbol unserer Freizeitkultur, eigentlich ein Kind des Krieges. Aber der Reihe nach.
Vorsprung durch Technik
War im frühen 20. Jahrhundert noch so manche Frau ertrunken, weil sich ihre voluminösen, mit Strümpfen und Schuhen ergänzten Badekleider mit Wasser vollsogen, brachten die Umwälzungen der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg auch hier Abhilfe. Der einteilige Badeanzug der Zwanzigerjahre war bequem, praktisch und gerne am Rücken tief ausgeschnitten, auf dass die damals modischen tiefen Rückendekolletés nicht durch Bräunungsstreifen verunziert wurden. Denn auch das hatte sich verändert: die Vorliebe für «vornehme Blässe» wich der für «gesunde Bräune» (und weit und breit keine Krebsliga, die davor warnte). Galt der figurbetonte Einteiler, der Arme und Beine nackt liess etwa im konservativen Grossbritannien noch länger als skandalös, wurde er an den mondänen Stränden Europas und der US-Westküste bald zum Standard. Noch waren die Modelle meist aus Wolle, ob maschinell gefertigt oder handgestrickt.
Zwei Kräfte befeuerten die Evolution des gewagten neuen Modegenres: die technische Innovationsfreude der Textilindustrie und die Zeigefreude der Filmindustrie. Die führenden Hersteller versuchten, sich durch neue, bessere Materialien gegenseitig auszustechen. Dabei waren die technisch weiter fortgeschrittenen USA ihren europäischen Konkurrenten voraus. In den Dreissigerjahren entwickelte man dehnbare Kunstfasern, die klingende Namen wie Lastex, Matlex oder Celanese trugen und für eine bessere Passform sorgten. Nachdem der Stummfilmstar Fred Cole die elterliche Strumpfwarenfabrik auf Bademode umgestellt hatte, erfand das nun in «Cole of California» umbenannte Unternehmen eine Kombination aus Gummifäden und Baumwolle, die einen aparten Kräuseleffekt bewirkte. Die Konkurrenzfirma Jantzen, seit 1923 am Logo eines einen Kopfsprung machenden Mädchens im roten Badeanzug erkennbar, schuf ein bahnbrechendes Material aus Latex und Viskose: elastisch, wasserresistent und farbig bedruckbar. Für die Schweizer Wäschefirma Lahco, seit den Dreissigern auch im Bademodengeschäft tätig, wurde Helanca zum Material der Wahl.
Alle massgeblichen Marken wie Cole, Jantzen oder Catalina warben mit Filmstars wie Loretta Young, Olivia de Haviland oder Bette Davies. Die Verbindung zwischen Hollywood und Bademode war eine besonders innige, denn seit den Dreissigerjahren schränkte der Hays-Code die Darstellungsmöglichkeiten der Filmindustrie stark ein. Da auch das Zeigen von Unterwäsche tendenziell problematisch war, galten Badeanzüge als respektabler Ersatz, wenn man Haut zeigen wollte. Zur berühmtesten Badenixe Hollywoods avancierte die ehemalige Olympia-Synchronschwimmerin Esther Williams, die ab 1940 in zahlreichen Wassermusicals mitwirkte. Mit ihrer statuesken Schönheit war sie nicht nur die ideale Werbeträgerin für Bademoden, sie wurde auch Namensgeberin einer Marke, die noch heute Retro-Schwimmanzüge verkauft.
Liebling, ich habe den Badeanzug geschrumpft
Neben innovativen Textilien brachten die Dreissiger ein weiteres Novum: den zweiteiligen Badeanzug. Dieser Vorläufer des Bikinis bestand untenrum aus kurzen, häufig von einem Anstandsröckchen bedeckten Shorts, und war an der Taille so hoch geschnitten, dass der tabuisierte Bauchnabel verdeckt blieb. Breit etablieren konnte sich die Idee erst im Zuge der Kriegsrationalisierung der Vierzigerjahre. Um den Stoffverbrauch vorschriftsgemäss um zehn Prozent zu reduzieren, musste an der einzigen Stelle gespart werden, wo das schicklichkeitshalber möglich war: in der Mitte des Körpers. Wem das zu weit ging, der konnte auf Einteiler im Peek-a-boo-Look zurückgreifen, mit dreieckigem Cutout unterhalb der Brust.
Die drei kleinen, mit Schnürchen zusammengehaltenen Stoffstücklein, die Monsieur Réard 1946 dem staunenden Publikum vorstellte, waren freilich ein Quantensprung in Sachen Miniaturisierung. Entsprechend skandalisierend (sichtbarer Nabel!) die Wirkung zu einer Zeit, da nach wie vor nicht wenige Frauen immer noch im selbstgestrickten Einteiler in die Badi gingen (der Wollproduzent Schaffhauser Wolle brachte passende Strickanleitungen heraus). Das Kleidungsstück, «das von einem Mädchen alles enthüllt, bis auf den Mädchennamen ihrer Mutter» stiess in den USA, anders als in Frankreich, auf Ablehnung. Dort würde noch ein gutes Jahrzehnt vergehen, bis es seinen Siegeszug antreten konnte.
Ausweitung der Bikini-Zone
In den restaurativen Fünfzigerjahren ging der Trend in der amerikanischen Bademodenindustrie wieder zum Einteiler. Ausgefeilte Konstruktionen halfen, die Wespentaillen und Dekolletés zu schaffen, die dem damaligen Schönheitsideal entsprachen. Noch nie wurde so viel Ingenieurskunst aufgewandt, um ein glamouröses Badekleid zu kreieren; Korsettstäbe, Drahtstrukturen und Schaumgummicups drückten und pushten die Trägerin zur gewünschten Sanduhrfigur. Zum Ende der Dekade verlor der formgebende «constructed suit» an Popularität. Stattdessen begannen führende Modemagazine, den «natürlichen» Bikini zu preisen. Spätestens als Ursula Andress in «Dr. No» den Fluten entstieg (nicht ahnend, dass ihr weisser Zweiteiler eines Tages für das 90-fache ihrer Gage versteigert würde), war sein Moment gekommen.
Während der Bikini zum Badekleidtrend der Dekade avancierte (1967 betrug sein Marktanteil in den Einteiler-affinen USA 45%), wurde die geschockte Medienöffentlichkeit von der bangen Frage umgetrieben, wohin diese «Nude Wave» noch führen würde. 1964 schien der eingewanderte Österreicher Rudi Gernreich im Monokini die Antwort gefunden zu haben. Er lancierte ein hochgeschnittenes Unterteil mit zwei sich kreuzenden Trägern zwischen unbedeckten Brüsten. Obwohl gar nie für die kommerzielle Verwertung vorgesehen, ging der Monokini nach heftigem Medieninteresse doch noch in Produktion. Obwohl «Oben-Ohne» in den folgenden Jahrzehnten vor allem in Europa tatsächlich Akzeptanz erreichte, setzte sich der Monokini nie durch.
Abgesehen von grösserer Freizügigkeit sorgten auch neue Materialien dafür, dass das Pendel seit den Sechzigerjahren Richtung natürliche Silhouette schwingt. Elastan-Gemische (auf englisch: Spandex) machen, dass die Badekleidung wie eine zweite Haut anliegt. Das Ideal geht vom kurvigen zum definierten Körper. Schambesetzt ist nun nicht mehr so sehr die Blösse an sich, sondern das, was sie gegebenenfalls zum Vorschein bringt: wölbt sich da etwa ein Speckröllchen? Ist das Orangenhaut? Mit einiger Verzögerung erreichte das Problem auch die Männerwelt, Stichwort Waschbrettbauch.
Vor diesem Hintergrund ist es eine Ironie der Modegeschichte, dass das provokanteste Badekleid, das es heutzutage gibt, der sogenannte Burkini ist: ein die Trägerin von Kopf bis Knöchel verhüllender, islamkonformer Ganzkörperanzug – nicht unähnlich demjenigen unserer Urgrossmütter.
Eine Bildstrecke zur Bademode im Wandel der Zeit findet Ihr in der Vintage Times 5/2016.
Text: Julia Marx
Bilder: Wikimedia; David Zellaby_flickr_CC BY-NC-ND 2.0