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(Fotos: Fabienne Hany)
Nach all den Monaten in New York hat mich das Reisefieber gepackt, und mein erstes Ziel war Chicago. Die Stadt des Jazz und Al Capone’s, des starken Windes und des herrlichen Michigan Lakes und Chicago Rivers. Die Stadt trägt den Spitznamen „Windy City“, was allerdings, wie vielfach angenommen, nicht von daher kommt, dass meistens ein starker Wind vom Lake Michigan her durch die Strassen weht, sondern von Chicagos hitziger und oftmals korrupter Politik, was vorwiegend in den Sechziger und Siebziger Jahren der Fall war.
März ist bekanntlich nicht gerade die beste Zeit, um nach Chicago zu reisen, weil eisige Temperaturen und ein noch bissigerer Wind herrschen. Doch hatte ich am ersten Tag Glück mit dem Wetter und spazierte die Michigan Avenue (auch Magnificiant Mile genannt – vergleichbar mit der 5th Avenue in New York oder der Bahnhofstrasse in Zürich) nach Norden, wo ich bald den auf der linken Strassen stehenden Water Tower erreichte, ein Wahrzeichen Chicagos und das einzige Gebäude in dieser Umgebung, das vom grossen Chicagoer Feuer 1871 verschont blieb. Kurz danach folgt auf der linken Strassenseite das John Hancock Center, ein architektonisch markantes Hochhaus, in dessen 94. Stock sich eine Aussichtsplattform befindet, von der aus man bei gutem Wetter bis zu den Nachbarstaaten Indiana, Michigan und Wisconsin sehen kann. Der Ausblick war tatsächlich fantastisch, obwohl ich trotz angestrengtem Blinzeln nicht über die Stadtgrenzen hinaussah. Dafür war es eindeutig zu dunstig.
Anschliessend begab ich mich Richtung Süden, weiter auf der Michigan Avenue, wo ich bald den Chicago River über eine der unzähligen Brücken überquerte. Der Chicago River entspringt dem Lake Michigan und führt waagrecht durch die Stadt, wo er sich dann zweigt und in zwei Richtungen weiterfliesst, sodass der Fluss von oben gesehen wie ein „Y“ aussieht. Der Fluss gibt der Stadt einen faszinierenden Charakter, ebenso der wunderschöne riesige Lake Michigan. Zur Rechten weiter im Süden konnte ich den Sears Tower sehen, das Wahrzeichen von Chicago und das höchste Gebäude der USA.
Ich fühlte mich sofort sehr wohl in dieser Stadt. Und von Gangstern in dunklen Mänteln und Hüten bisher noch keine Spur. Schliesslich gelangte ich zum Grant Park, einem riesigen Park direkt am Ufer des Lake Michigan, in dem sich im nördlichen Teil der Millenium Park befindet (ein kleiner Park im Park mit Kunst im Freien). Ebenso finden sich im Grant Park das Art Institute of Chicago, der bekannte Buckingham Memorial Fountain – der mich nicht aus den Socken haute; ich habs nicht so mit Brunnen 😉 -, das Field Museum of Natural History, das John G. Shedd Aquarium und das Adler Planetarium. Letztere Sehenswürdigkeiten befinden sich im Süden des Parks, so weit bin ich an diesem Tag nicht gekommen.
Ich genoss stattdessen einen Spaziergang am Seeufer entlang, nachdem ich den Grant Park im nördlichen Teil durchquert hatte und bewegte mich auf den Navy Pier zu, einen Vergnügungspark mit Riesenrad, Shops und Restaurants auf einem grossen Steg, ähnlich dem Santa Monica Pier in Los Angeles – nur viel grösser. Die laute Shoppingmall am Eingang des Piers hielt meine Begeisterung in Grenzen, trotzdem blieb ich eine Weile im Warmen und sass kaffeeschlürfend auf einer Bank, um mich aufzuwärmen vom langen Marsch in der Kälte.
Später landete ich in der Pizzeria Uno, von der ich erst später erfuhr, dass sie sehr bekannt und die Geburtsstätte der Chicago Style Pizza ist. Die typische Chicagoer Pizza ist sehr luftig und der Teig dick (im Gegensatz zur New Yorker Pizza), mit viel obendrauf – tatsächlich so gut, wie die Einwohner sagen. Ansonsten bietet Chicago so viel Auswahl an Kulinarischem wie New York – hier kann man alles essen und vor allem gut. Es gibt, ähnlich wie in New York, Gebiete verschiedener Kulturen, wie Little Italy, Chinatown, Germantown oder das irische Viertel. Und dann gibts da noch den Rock ’n‘ Roll McDonald’s, ganz nach Rock eingerichtet und zudem die meistbesuchte Filiale der Restaurantkette. Fand ich irgendwie witzig.
Am folgenden Tag hatte Petrus weniger Erbarmen, und so begab ich mich zielstrebig ins Museum. Im Art Institute of Chicago wird gerade eine Ausstellung gezeigt, die mich ohnehin besonders interessierte, nämlich die des amerikanischen Malers Edward Hopper (1882 – 1967). Das Art Institute ist ein wunderschönes Gebäude, von Säulen gestützt mit römischem Charakter und innen mit grossen, hohen Räumen mit Marmorboden und kühlen Steinwänden.
Danach widmete ich mich dem Loop, dem Herz von Downtown Chicago, das so genannt wird, weil es ein Viertel mit der Form eines Rechtecks ist, rundum von der „El“ begrenzt, einer Strassenbahn auf einer durchgehenden Brücke. Im Loop findet man unzählige Shopping- und kulinarische Möglichkeiten sowie das Chicago Theatre und viele Clubs und Bars mit Live-Musik.
Und das war es, was ich mir eigentlich für die letzten zwei Tage vorgenommen hatte, nämlich vor allem nach Jazzbars Ausschau halten. Aber eine üble Grippe hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, und ich habe die letzten Tage in dieser Stadt doch tatsächlich im Bett verbracht, schlecht gelaunt im Hotelzimmer mit einem Fernseher, der nervige Nebengeräusche von sich gab. Ebenso stand noch der Norden der Stadt auf meiner Liste, mit dem Lincoln Park und Old Town, wo sich nebst schöner Architektur aus dem 19. Jahrhundert ebenfalls tolle Bars und Pubs mit Live Musik aller Art befinden, und wo in den Sechziger Jahren das Zentrum der Folk Music und der Hippiebewegung war. Leider aber nix mit Jazz und Blues in verrauchten Bars mit zwielichten Gestalten an kleinen Tischchen in den Ecken – ein Vergnügen, das in gesundem Zustand in Chicago auszulassen einem Verbrechen gleichkäme!