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Bis 1991 war Baltijsk – der Stützpunkt der russischen Ostseeflotte – Sperrgebiet. Seit der Armeereform und wegen ihrer neuen Aufgaben gibt sich die Marine heute offener.
Die dreissig russischen und ausländischen JournalistInnen bekommen auf dieser Pressereise zur russischen Ostseeflotte im Gebiet Kaliningrad etliches geboten. «Ras, dwa!» (Eins, zwei!), hallt es über den Exerzierplatz im Stützpunkt Baltijsk, während die Soldaten der 336. Marineinfanterie-Brigade für eine Parade das synchrone Umhängen ihrer Kalaschnikows üben.
Baltijsk war bis zur Eroberung durch die sowjetische Armee 1945 deutsch und hiess Pillau. Seither ist hier die russische Ostseeflotte stationiert. Zu Sowjetzeiten war Baltijsk eine geschlossene Stadt, zu der AusländerInnen keinen Zutritt hatten. Und auch heute noch brauchen alle, die in Baltijsk wohnen wollen und keinen russischen Pass besitzen, eine Sondergenehmigung des russischen Geheimdienstes. Die Stadt hat 34 000 EinwohnerInnen und liegt an einer Meerenge, die das Frische Haff, eine Art Binnensee, von der Ostsee trennt.
Bis auf einen grossen roten Stern am Exerzierplatz sind auf dem Kasernengelände alle Sowjetsymbole verschwunden. In der Kantine hängt ein grosses Bild von einer Seeschlacht aus dem Krimkrieg. Ohnehin sehen wir hier viele Bilder aus vorsowjetischen Zeiten. Es scheint, als wolle die Flottenführung mit aller Macht die Erinnerung an die Marine aus der Zarenzeit wiederbeleben.
Drill und Seeromantik
Nicht weit vom Exerzierplatz knattern Maschinengewehre. Hier befindet sich das Trainingsareal für die Fallschirmspringer. Die Marineinfanteristen oder «Morpechi», wie sie in der russischen Umgangssprache heissen, sind Elitesoldaten. Ein Rekrut wird vom Trainer angetrieben: «Du schaffst es, noch ein bisschen». Der junge Mann kämpft in zwei Metern Höhe mit dem Gleichgewicht und hangelt sich von einer Holzstrebe zur nächsten Holzstrebe. Das erfordert Konzentration und eine gute Kondition.
Doch mit der Gesundheit steht es bei den Wehrpflichtigen nicht immer zum Besten. Viele Soldaten würden ihre amtlichen Gesundheitszeugnisse fälschen, «weil sie in die Armee wollen», erläutert später Wladimir Marejew, ein Mitarbeiter der landesweiten Organisation der Soldatenmütter, die sich um die Rechte der SoldatInnen kümmert.
Dass viele junge Soldaten zu den Morpechi wollen, hat wohl etwas mit romantischen Vorstellungen über den Dienst auf See zu tun. Denn normalerweise versuchen sich die russischen Wehrpflichtigen vor dem Militärdienst zu drücken – die Schindereien in der Armee und die Schikanen durch ältere Jahrgänge und Vorgesetzte sind noch immer berüchtigt.
Heute sind im Gebiet von Kaliningrad schätzungsweise 60 000 HeeressoldatInnen und Marineinfanteristen stationiert. Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren es noch 250 000 SoldatInnen. Das russische Verteidigungsministerium setzt inzwischen auf Qualität, nicht Quantität. So soll im Rahmen einer Armeereform der Anteil von BerufssoldatInnen schrittweise erhöht werden. Derzeit liegt ihr Anteil in der Brigade bei vierzig Prozent. Der Rest besteht aus Wehrpflichtigen.
Laut Michail Sergejew, dem Kommandeur der 336. Brigade, gehöre zur Modernisierung auch, dass sich die Soldaten nicht mehr wie früher um Alltäglichkeiten wie Wäschewaschen und Kartoffelschälen kümmern müssten. Das werde heute von privaten Subunternehmen erledigt.
Marejew von den Soldatenmüttern will diesem positiven Urteil nicht zustimmen. Es komme immer noch zu Schindereien, besonders wenn die Offiziere betrunken seien. «Dann fangen sie gewöhnlich an, Soldaten zu schlagen.» Bis 2008 sei es zudem weitverbreitete Praxis gewesen, die Wehrpflichtigen für Arbeiten in die Stadt Kaliningrad zu schicken. Die Soldaten bekamen dafür frei, mussten aber das erarbeitete Geld in der Kaserne abliefern. Weil sich die Soldatenmütter um diese Fälle kümmerten, konnte diese besondere Form von Lohnsklaverei eingegrenzt werden. Völlig abgeschafft wurde sie jedoch nicht.
Einsatz in Afrika
Im Marinehafen von Baltijsk herrschen an diesem Frühlingstag Regen und Nebel. An der Pier marschieren Zwei-Mann-Patrouillen. Dank des milden Golfstroms bleibt der Hafen auch im Winter eisfrei. Die Ostseeflotte scheint heute keine FeindInnen mehr zu haben. Im Gegenteil: Die Offiziere erzählen, dass sie schon zu vielen Freundschaftsbesuchen waren – in Kiel, in Wilhelmshaven, in Ceuta und anderen Mittelmeerhäfen. 2009 und 2010 kam es zur Zusammenarbeit mit der Nato am Horn von Afrika, bei der sich die Ostseeflotte mit einer Fregatte an den Schutzkonvois für Handelsschiffe durch Piratengebiete beteiligte. Dieser Einsatz entspricht der neuen Doktrin der russischen Marine, zu deren Hauptaufgaben der «Schutz von Wirtschaftszonen», die Unterbindung von «ungesetzlicher Wirtschaftstätigkeit» und «die Umsetzung aussenpolitischer Aktionen der Regierung in wirtschaftlich wichtigen Gebieten der Weltmeere» gehören.
Seit 2000 wurden bei der Ostseeflotte mehrere neue Schiffe in Dienst gestellt. Weitere seien im Bau, erzählt ein Flottensprecher. Insgesamt sei die Flotte aber geschrumpft. Zu Sowjetzeiten gab es hier noch 232 Schiffe. Heute sind es nach Angaben der Armeezeitung «Roter Stern» noch «über fünfzig Schiffe».
Über die geplante Stationierung neuer Raketen will ein Oberst den anwesenden JournalistInnen keine Auskunft geben. Ein Treffen mit dem Kommandeur der Ostseeflotte wurde kurzfristig abgesagt. Er musste zu einem Treffen in Moskau, hiess es. Später erfahren wir, dass die Führung der Ostseeflotte die Stationierung des neuen Raketenabwehrsystems S400 im Gebiet Kaliningrad bekannt gegeben hat. Damit ist Kaliningrad der dritte Standort in Russland, wo Abwehrraketen dieses Systems stationiert werden sollen; ihr Zweck ist es, Angriffe aus der Luft und dem Weltraum abzuwehren. Laut russischen Pressemeldungen sollen ausserdem noch in diesem Jahr im Gebiet Kaliningrad Iskander-Raketen aufgestellt werden. Diese Raketen (sie haben eine Reichweite von 300 Kilometern) seien eine Antwort auf den Nato-Raketenschirm, den die USA in Osteuropa planen.