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Daniel Neuenschwander, Leiter der Abteilung Raumfahrt des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation, übernimmt die Direktion für Trägersysteme der Europäischen Weltraumagentur. Er wird dabei namentlich für die Startvorbereitungen der Ariane-6-Trägerraketen verantwortlich sein, die ab 2023 in den Orbit fliegen sollen.
In drei Monaten wird Daniel Neuenschwanders Leben in eine neue Umlaufbahn einschwenken. Allerdings kennt der 40-Jährige sein neues Einsatzgebiet schon gut. Der ehemalige Linienpilot bei der Fluggesellschaft Swissair und heutige Chef der Abteilung Raumfahrt des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), wird die Direktion für Trägersysteme der Europäischen Weltraumagentur (ESA) übernehmen.
Mit seiner Frau und drei Kindern wird Neuenschwander das Dorf Bellerive am Murtensee verlassen, wo die Familie bisher wohnte, um ab dem 1. Juli in Paris zu leben. Während er gegenwärtig noch Leiter einer Abteilung mit einem Dutzend Angestellten und einem Budget von 176 Millionen Franken ist, wird er 2016 bei der ESA mit einem Budget von 1,052 Milliarden Euro (1,157 Mrd. Fr.) jonglieren können.
Was ist die Aufgabe des ESA-Direktors für Trägersysteme?
Daniel Neuenschwander: Es geht darum, in Europa eine Strategie für den Raumtransport vorzuschlagen –natürlich vorbehaltlich der Zustimmung der 22 Staaten, welche die ESA finanzieren – und Entwicklungsprogramme auszuarbeiten. Mit einem Wort: Wir bereiten die Zukunft und die Starts der Ariane-6-Trägerraketen vor, einer neuen Raketengeneration, die ab 2023 eingesetzt werden kann.
Bis dann werden noch zahlreiche Ariane-5-Trägerraketen ins All geschossen…
D.N.: Ja. Bis die Ariane 6 zum Einsatz kommt, werden noch etwa fünfzig Trägerraketen des bisherigen Modells eingesetzt.
Wie werden ihre Beziehungen zum Raumfahrtzentrum Kourou in Französisch-Guayana aussehen?
D.N.: Die Operationen im Raumfahrtzentrum, das von der ESA und der französischen Raumfahrtagentur Centre national d’études spatiales (CNES) geführt wird, gehören zu meinen Aufgaben. Die Hälfte des Budgets des Zentrums wird von der öffentlichen Hand bestritten, die andere Hälfte von Arianespace, die Transporte für Satelliten verkauft. Von der Hälfte der öffentlichen Hand werden zwei Drittel durch die ESA zugesichert und ein Drittel durch Frankreich.
Kurzbiografie
- Geburt: 3. Juni 1975
- Zivilstand: Verheiratet, drei Kinder von 10, 8 und 3 ½ Jahren
- Ausbildung: Universität Freiburg, Lizenziat in Physischer Geographie
- Als Pilot 2001 beim Grounding der Swissair dabei
- Arbeitete als ständiger Vertreter der Schweiz bei der Europäischen Weltraumagentur
- Seit 7 Jahren Leiter der Abteilung Raumfahrt im Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation
Wo werden Sie in Paris arbeiten?
D.N.: Das Hauptquartier der ESA befindet sich im XV. Arrondissement, aber die Direktion der Trägersysteme ist in Daumesnil im XII. Ich werde an beiden Standorten arbeiten. In Daumesnil teilen wir uns die Gebäude mit der Direktion für Trägersysteme des CNES.
Ich werde auch die direkte Verantwortung für etwa hundert ESA-Angestellte tragen. Doch ich werde auch von der technischen Expertise des CNES-Teams profitieren können. Insgesamt sind das mehr als 300 Personen. Zudem werde ich das Team rund um die Trägerrakete Vega Frascati in der Nähe von Rom führen müssen.
Vega, das ist diese kleine Trägerrakete…
D.N.: Ja. Das ist auf eine Art der Lieferwagen, während Ariane der Schwertransporter ist. Für jeden Kunden der beste Service.
Hängt die Zukunft der ESA vom Erfolg der Ariane 6 ab?
D.N.: Ja, das auch. Es war ein Entscheid der Weltraum-Minister der ESA-Mitgliedsländer im Dezember 2014 in Luxemburg. Europas autonomer Zugang zum Weltraum bleibt erste Priorität. Und um dies sicherzustellen, brauchen wir eine Weiterentwicklung unserer Raketenfamilie – die gegenwärtig aus Ariane 5, Vega und Sojus besteht, die von Guayana aus starten –, um die Palette der Zukunft zu erweitern: Ariane 6 und die kleinere Vega C.
Was sind die Vorgaben für die Ariane 6?
D.N.: Sie soll die Hälfte einer Ariane 5 kosten. Zuallererst geht es also darum, die Kosten im Griff zu behalten, bevor es um die technologische Leistung wie bei der Ariane 5 geht. Wir sind damit vom "leistungsbasierten Design" zum "kostenbasierten Design" übergegangen.
Wieviel kostet der Start einer Ariane-Trägerrakete?
D.N.: Mehrere Dutzend Millionen Euro. Für den Start einer nichtkommerziellen Ariane 62 (Ariane 6 mit 2 Feststoff-Raketen, N.d.R.), mit der 5 Tonnen Satelliten in eine geostationäre Transferbahn (GTO, N.d.R.) transportiert werden können, rechnen wir mit Kosten um die 70 Millionen Euro. Für eine Ariane 64 (Ariane 6 mit 4 Feststoff-Raketen, N.d.R.), mit der 10,5 Tonnen in die GTO gebracht werden können, gehen wir von einem Richtpreis von rund 90 Millionen Euro aus. Bei der gegenwärtig benutzten schweren Ariane 5 liegen die Kosten ungefähr zwei Mal so hoch.
Die Preise zu halbieren, ist eine grosse Verantwortung…
D.N.: Ja, denn gleichzeitig müssen wir die Zuverlässigkeit unserer Trägerraketen beibehalten. Man kann vielerorts Einsparungen machen, aber letzten Endes braucht es die Zuverlässigkeit.
Warum ist der Preisdruck derart hoch?
D.N.: Wegen des Paradigmenwechsels, der den Weltraumtransport beeinflusst. Im Gegensatz zu unseren Konkurrenten in den USA, in Russland oder China sind wir abhängig vom Weltmarkt. Bis 2020 wird es noch mehr Wettbewerb geben.
Wenn wir unsere heute extrem vorteilhafte Position halten wollen – wir beherrschen mit Ariane 5 die Hälfte des weltweiten Marktes für kommerzielle Raketenstarts, besonders für Telekommunikations-Satelliten –, dann müssen wir die Preise senken.
Die Hälfte des Marktes? Das ist enorm viel!
D.N.: Ja. Aber wir müssen die fernere Zukunft für uns gewinnen. Für einen Betreiber von Telekommunikations-Satelliten zählt zuallererst der Preis. Dazu kommt aber auch die Zuverlässigkeit, und da haben wir ein hervorragendes Niveau. Doch mit den neuen Playern, unter anderen die amerikanische SpaceX, wird sich die Situation verändern.
Die Antwort darauf ist Ariane 6, die gegenwärtig entwickelt wird. Am 1. Juli werden wir mit einer Programmüberprüfung der Ariane 6 beginnen. Deshalb werde ich an diesem Tag mit meiner Arbeit anfangen. Mitte September muss der ESA-Rat über die Fortsetzung dieses Programms entscheiden.
"Wenn man sich die grosse Verschuldung der europäischen Staaten vor Augen hält, beweist die Tatsache, dass sie sich in solchen Projekten engagieren, die strategische Bedeutung der Raumfahrt."
Was kostet das Ariane-6-Programm?
D.N.: Rund 3,7 Milliarden Euro, darunter 700 Millionen für die Feststoff-Raketen, die auch von der neuen Trägerrakete Vega C benutzt werden können.
Beteiligen sich alle 22 ESA-Mitgliedstaaten daran?
D.N.: Nein, nur jene Länder, die sich am Programm beteiligen. Für Ariane 6 wird mehr als die Hälfte der Finanzierung von Frankreich geleistet, 23% von Deutschland und der Rest hauptsächlich von Belgien, Spanien und der Schweiz.
Die Budgets der europäischen Staaten sind knapp, das ist ein kühnes Unterfangen…
D.N.: Ja. Und die Schweiz spielte beim Entscheid 2014 in Luxemburg eine wichtige Rolle als Mediatorin durch Vermittlung von Mauro Dell’Ambrogio, Vorsteher des SBFI, der die Schweizer Co-Präsidentschaft des ESA-Rats sicherstellt.
Wenn man sich die grosse Verschuldung der europäischen Staaten vor Augen hält, beweist die Tatsache, dass sie sich in solchen Projekten engagieren, die strategische Bedeutung der Raumfahrt.
(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub)