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«Einverstanden: Die Seele verarmt und wird überempfindlich. Aber warum?» – Denaturalisieren von zugeschriebenen Charaktereigenschaften durch die Schweizer Gehörlosenbewegung in den 1980er Jahren
Die Zuschreibung angeblich typischer Charaktereigenschaften gehörloser Menschen durch hörende Fachleute hat eine lange Tradition, die bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts breite Wirkung entfaltete. So wurde beispielsweise die psychologische Monographie «Der Taubstumme. Versuch einer Erfassung seiner Eigenart» von Paul Bosshard in den 1970er Jahren zuletzt neu aufgelegt. Weit verbreitete Annahmen waren, dass Gehörlose überdurchschnittlich empfindlich, stark beeinflussbar und wenig gefestigt in ihrer Persönlichkeit seien.
Während dies von der historischen Forschung schon mehrfach beleuchtet wurde, ist weit weniger bekannt, inwiefern sich Gehörlose gegen diese Zuschreibungen wehrten resp. wie sie sich dazu positionierten. Mein Beitrag zeigt auf, dass es zu einfach wäre, anzunehmen, dass gehörlose Menschen diese vermeintlich natürlichen Wesenszuschreibungen per se zurückwiesen. Vielmehr zeugen Stellungnahmen von Gehörlosenaktivist*innen aus den 1980er Jahren davon, dass sie darauf bedacht waren, die Feststellungen über «Eigenarten» gehörloser Menschen zu denaturalisieren und in den Kontext ihrer Sozialisation in einer hörenden Mehrheitsgesellschaft zu stellen: Wenn Gehörlose spezifische Verhaltensweisen zeigten oder Probleme hätten, sei dies nicht auf ihr Naturell, sondern auf ihre einseitige Erziehung in den Gehörlosenschulen zurückzuführen. Sie plädierten dafür, dass gehörlose Kinder neben der «Kopfbildung» in der Schule auch besseren Zugang zu kultureller und sozialer «Seelenbildung» bekommen sollten. Die Frage nach ihrer «Eigenart» deuteten Gehörlose somit um und legten den Fokus auf ihre spezifischen Kommunikationsbedürfnisse, namentlich die Gebärdensprache. Parallel konzeptualisierten sie Gehörlosigkeit vermehrt als Kommunikationsbehinderung statt als Gehörbehinderung, womit der Fokus vom ‘defekten’ Individuum weg und auf die gesellschaftliche Interaktion mit Menschen mit Behinderung gerückt wurde.