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Knecht-Schnurrenberger Anna (1910–1999)
Anna Knecht-Schnurrenberger wurde als junge Frau aus Frankreich zurückgerufen, um ihrer Mutter bei der Pflege ihres schwer verunfallten Bruders zu helfen. Pflegen und Beistehen wurde zu ihrer Lebensaufgabe. Sie hatte vier Töchter. Zusätzlich hat sie im Lauf ihres Lebens in ihrem Haus 15 Pflegekinder betreut, zwei davon während der ganzen Kindheit und Jugendzeit.
Stationen
1910 Anna Schnurrenberger wird am 27. August als Tochter von Julius (1876–1947) und Anna Schurrenberger-Baumgartner (1876–1935), Tochter der «Bären-Wirtsfamilie, in Cham geboren. Sie wächst zusammen mit sechs Geschwistern in Cham auf. [1]
1913 Die Familie Schnurrenberger bezieht ihr neues Haus an der Schluechtstrasse 6, [2] in dem Anna zeit ihres Lebens wohnen wird.
Anna besucht die Primar- und die Sekundarschule in Cham. Anschliessend besucht sie im Institut Heiligkreuz die Haushaltungschule. [3]
1927 Anna Knecht reist nach Juan-les-Pins bei Antibes an der Côte d'Azur in Frankreich. Dort lernt sie französisch und arbeitet bei einer vornehmen Familie im Haushalt. Sie bekommt wenig zu essen und schneidet sich manchmal ein Stück Fleisch ab, das für den Hund bestimmt gewesen wäre. [4]
Annas Bruder Walter Schnurrenberger (1911–1962) stürzt bei Bau des Hauses seiner Schwester Emma (1903–1971) an der Hünenbergerstrasse 12 vom Gerüst auf das Blechdach der Werkstatt und wird durch eine Rückenverletzung querschnittgelähmt. Anna wird aus Frankreich zurückgerufen und hilft ihrer Mutter von jetzt an bei der Pflege ihres Bruders. [5]
ca. 1928/29 Anna Schnurrenberger arbeitet im Lohnbüro der Landis & Gyr in Zug. In dieser Zeit lernt sie bei ihrer Nachbarin Trine Jäck (1893–1992) das Weissnähen. Dort näht sie ihre Aussteuer. Im Haus der Familie Jäck lernt sie Willy Knecht (1904–1985) kennen. Er stammt aus Hinwil im Zürcher Oberland, arbeitet seit 1928 als Mechaniker in der Maschinenfabrik Maschinenfabrik Cham und ist Zimmerherr im Haus der Familie Jäck. Bei Julius Schnurrenberger nimmt er Waldhornstunden. [6]
1931 Anna Schnurrenberger und Willy Knecht heiraten in der Schlosskapelle St. Andreas. Da Willy Knecht reformiert ist, muss das Brautpaar eine Gebühr von fünf Franken entrichten. Es gibt nur eine Trauungszeremonie, keine Messe. Willy Knecht muss eine Erklärung unterschreiben, dass seine Kinder katholisch erzogen werden. Willy Knecht hat dies sehr ernst genommen. Brachten seine Töchter das Zeugnis nach Hause, hat er zuerst auf die Note in Religion geschaut. [7]
Weil die Maschinenfabrik in einer Krise steckt, wechselt Willy Knecht die Stelle und kann von 1931 bis 1951 bei seinem Schwager August Sidler (1896–1983) arbeiten. In seiner Freizeit spielt er in der Musikgesellschaft Cham über zwanzig Jahre lang Waldhorn und singt im Jodlerclub Schlossgruess Cham. [8]
1934 Die älteste Tochter Annemarie wird geboren. Später folgen Jeanette (*1936), Elsbeth (*1946) und Hildegard (*1953).
1935 Annas Mutter stirbt. Anna übernimmt nun viel Pflegearbeit für ihren Vater und ihren querschnittgelähmten Bruder, die im gleichen Haus wohnen. Später hilft die Rotkreuz-Schwester Emilie Sidler aus Ottenbach ZH bei der Pflege von Walter mit. Sie übernimmt ab 1939 die Stelle als Krankenschwester bei der Reformierten Kirche für die Gemeinden Cham, Steinhausen, Risch, Hünenberg und Meierskappel LU. Sie hilft äusserst aktiv und liebevoll bei der Pflege von Walter. [9]
1947 Annas Vater Julius stirbt am 29. Oktober.
1948 Emilie Sidler zieht in das Haus an der Schluechtstrasse in die Parterrewohnung, um Walter am Morgen und am Abend beim An- und Ausziehen des Stützapparates zu helfen.
1949 Eine Tochter von Anna und Willy Knecht wird schwer krank. Sie leidet an einer Lungenentzündung und Keuchhusten und will nicht mehr essen. Da ihre Schwestern beträcht-lich älter sind, rät der Chamer Arzt Emil Jung-Locher (1903–1964), wenn möglich ein etwa gleich altes Kind in der Familie aufzunehmen. Dies könne zur Genesung beitragen. Darauf suchen die Knechts nach einer Familie oder einer alleinerziehenden Mutter, die froh wäre, ihr Kind für einige Zeit in ihre Obhut geben zu können. Dies gelingt, die kranke Tochter bekommt einen Spielgefährten und wird wieder gesund. [10]
In der Folge nimmt die Familie Knecht weitere Pflegekinder auf. Damit beginnt die Phase, in welcher insgesamt 17 Pflegekinder im Haus Knecht leben werden, zwei davon kommen aus dem weiteren Familienkreis. [11]
1981 Anna und Willy Knecht-Schnurrenberger feiern ihre goldene Hochzeit. [12]
1985 Willy Knecht stirbt 81-jährig am 22. April. [13]
1988 Anna Knecht entscheidet sich, ins Altersheim Büel umzuziehen. Sie hat zwei Herzinfarkte erlitten und das Gehen bereitet ihr zunehmend Mühe. Im Altersheim ist sie weiterhin aktiv. Sie strickt Bébé-Finkli, Hanteli und Herrensocken. Diese verschenkt sie oder stellt sie für den Bazar zur Verfügung. Sie freut sich über Besuche und schreibt ein Tagebuch. [14]
Würdigung
Anna Knecht-Schnurrenberger hat Eindrückliches geleistet. Sie war zur Stelle, wenn es darum ging, Menschen beizustehen, die in eine Notlage geraten waren. Nach dem schweren Unfall ihres Bruders pflegte sie ihn, später auch ihren Vater. Wegen der Krankheit ihrer Tochter kam das erste Pflegekind ins Haus der Familie Knecht-Schnurrenberger. In der Folge fragte das Seraphische Liebeswerk in Zug, das Plätze für Pflegekinder vermittelt, immer wieder an, ob die Familie Knecht für kurze oder längere Zeit Kinder aufnehmen könne. So nahm Anna Knecht-Schnurrenberger im Lauf der Zeit insgesamt 15 Pflegekinder auf, dazu kamen zwei Kinder aus dem Familienkreis, die sie zeitweise betreute. Einige Kinder betreute sie als Tagesmutter, andere als Tages- und Nachtmutter. Das jüngste Kind kam im Alter von wenigen Monaten ins Haus Knecht. Zwei Pflegekinder lebten lange Jahre bis zum Berufsabschluss im Haus an der Schluechtstrasse. [16]
Reich werden konnte man damit nicht. In den 1960er-Jahren vergütete das Seraphische Liebeswerk etwa 150 Franken pro Monat für Kost und Logis eines Pflegekinds. [17]
Anna Knecht-Schnurrenberger war eine sehr selbstbestimmte und fröhliche Frau. Sie hat viel gelacht, gerne getanzt, gejasst und sie war eine begeisterte Fasnächtlerin, auch nach ihrer Hochzeit. Die Gewänder für die Fasnacht und die Kleider für die Familie hat sie immer selbst genäht. [18] Sie hat sich die nötigen Freiräume geschaffen. Am Mittwochnachmittag ging sie jeweils mit ihren Schwestern nach Zug. Dort haben sie zusammen Kaffee getrunken und sich ausgetauscht.
Stolz war sie auf ihre Zeit, in der sie im Lohnbüro der Landis & Gyr gearbeitet hat. Dort hatte sie gelernt mit Geld umzugehen. Von den Lohntüten der Firma inspiriert, steckte sie auch im Privathaushalt das Geld in verschiedene Couverts: Kleider, Lebensmittel, Krankenkasse, Geschenke, Freizeit usw. Für jeden Bereich gab es ein Budget. Sie achtete sehr genau auf dessen Einhaltung.
Als ihre Kräfte nachliessen, hat sie sich entschlossen, ins Altersheim Büel zu ziehen. Diesen Entscheid hat sie ihren Töchtern mit einer Karte mitgeteilt. [19]
Ihre Zeit im Altersheim hat sie nicht als Last erlebt. Zusammen mit drei anderen Frauen im Altersheim stand sie 1990 einem Journalisten Red und Antwort. Der Artikel trägt den Titel «Wer im Heim einsam ist, ist mit sich selbst unzufrieden». [20]
1996 – drei Jahre vor ihrem Tod – schrieb sie einen Brief an ihre Kinder und Grosskinder, in dem sie vom Leben im Altersheim Büel berichtete. [21]
Dokument
Einzelnachweise
- Freundliche Mitteilung von August Sidler, Cham, 06.10.2021
- Familiengeschichte Julius Schnurrenberger, aufgezeichnet von seiner Enkelin Erika Zweifel-Sidler, 13.06.2018. Freundliche Mitteilung von Angelo Reggiori, Cham, Juni 2018
- Freundliche Mitteilung von Elsbeth Bircher-Knecht, Küssnacht, und Hildegard Bucher-Knecht, Inwil LU, 12.01.2022
- Freundliche Mitteilung von Elsbeth Bircher-Knecht, Küssnacht, und Hildegard Bucher-Knecht, Inwil LU, 12.01.2022
- Freundliche Mitteilung von Elsbeth Bircher-Knecht, Küssnacht, und Hildegard Bucher-Knecht, Inwil LU, 12.01.2022
- Freundliche Mitteilung von August Sidler, Cham, 06.10.2021
- Freundliche Mitteilung von August Sidler, Cham, 06.10.2021
- Freundliche Mitteilung von Elsbeth Bircher-Knecht, Küssnacht, und Hildegard Bucher-Knecht, Inwil LU, 12.01.2022, Erinnerung von Thomas Fähndrich, Cham, 24.11.2021
- Zuger Tagblatt, 22.05.1990