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Estelle, du stehst kurz vor der Matur und besuchst seit einem Jahr einen Kurs für die Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS). Wie kam es dazu?
Estelle: Als ich etwa fünf Jahre alt war, spielte mir mein Vater auf dem Handy Songs vor, die von Gebärden begleitet wurden. Dies als Vorbereitung auf ein Treffen mit der gehörlosen Tochter von Bekannten. Wir fanden im Spiel rasch zueinander. Mir erschien es magisch, wie sie und ihre Familie sich mit Gebärden offenbar so ausdrücken konnten wie wir mit Worten. So beschloss ich, diese Magie auch irgendwann zu erlernen.
Anfänge der Kommunikation
Der Anthropologe und Verhaltensforscher Michael Tomasello ist der Auffassung, dass zur Kommunikation immer auch Gesten und Mimik gehören, und dass diese älter sind als die Lautsprache. Gesten, Mimik und Körperhaltung gelten zusammen mit unartikulierten Lauten als früheste Verständigung der Menschen; Höhlenmalereien waren der Anfang von Schriftsprache. Die spontanen Gebärden entwickelten sich weiter, bekamen System. Überall dort, wo sich gehörlose Menschen trafen, entstanden zunehmend komplexe Gebärdensprachen (im Folgenden GS genannt). Wie alle Sprachen sind auch die GS lebendige Sprachen. Sie vermischen, verändern sich und entwickeln sich ständig weiter. Auch Tiere teilen sich unter anderem mittels Körperhaltung und Mimik mit. Wer wollte einem Hund zu nahe kommen, der Nackenhaare sträubt und Zähne zeigt, einer Kuh, die den Kopf senkt, einem Pferd, das die Ohren zurücklegt? Unsere hochentwickelten Verwandten, die Primaten, sind sogar fähig, Gesten gezielt einzusetzen. Offenbar war das mit ein Grund, besonders für kirchliche Kreise, die Gebärdensprache abzulehnen und ihren Gebrauch zu verbieten. Was Affen tun, kann des Menschen nicht würdig sein.
Etwas Geschichte
Gehörlosigkeit als Gottesstrafe anzusehen oder Menschen, die nicht sprechen konnten, Intelligenz abzusprechen, war üblich. Bereits aus dem 7. Jahrhundert sind aber auch Fingergebärden für Zahlen bekannt, die bis ins 18. Jahrhundert verwendet wurden. Seit dem 15. Jahrhundert gibt es zahlreiche Beispiele, wie gehörlose Kinder aus privilegierten Kreisen mittels Gebärden und Fingeralphabet unterrichtet wurden. Meist um die Lautsprache zu erreichen, wie bei adeligen Kindern in Spanien, wo sprechen zu können für die Vererbung von Adelstitel und Vermögen unabdingbar war.
Umgang mit Gebärdensprachen
Nach und nach etablierten sich GS weltweit. In Amerika gelten sie längst als normale und vollwertige Sprachen. In der Schweiz lässt diese Anerkennung bis heute auf sich warten. Im indonesischen Bengkala und im indischen Alipur ist ein rezessives Gen für ein gehäuftes Auftreten von Gehörlosigkeit verantwortlich. In beiden Ortschaften verwendet sowohl die gehörlose als auch ein grosser Teil der hörenden Bevölkerung eine Dorf-GS. Dadurch funktioniert die Vermischung beider Gruppen gut. Dies ermöglicht es den gehörlosen Kindern, einen ähnlichen Entwicklungsstand zu erreichen wie ihren hörenden «Gspänli». Die Gehörlosen sind nicht isoliert, sondern haben wichtige Funktionen.
GS: Stiefkind in der vielsprachigen Schweiz
Das Interview mit der Gebärdensprachlehrerin Nicole Pascali, wurde übersetzt von Dolmetscherin Janet Fiebelkorn. Es vermittelt einen Einblick in die Entwicklung der Gebärdensprache der letzten 50 Jahre und zeigt die heutige Situation auf.
Nicole, du bist hörend geboren?
Nicole: Ja, mit elf Monaten hatte ich eine Hirnhautentzündung, reagierte allergisch aufs Penicillin und bin seither gehörlos. Hörende Babys reagieren ab etwa 11 Monaten auf sprachlichen Input und beginnen zu sprechen, bei den nicht hörenden fällt das weg. So prägt sich das Beobachten automatisch stark aus. In den ersten Jahren hatte ich mit meinen hörenden Eltern keine andere Kommunikation als durch Gesten und Bewegungen. Ich zeigte, wenn ich etwas ausdrücken wollte. Im Kindergarten haben wir dann einfache Gebärden gelernt, wie zum Beispiel «Mama lieb».
Einen grossen Teil deiner Schulzeit hast du in der Sprachheilschule Münchenbuchsee (heute HSM) verbracht. Hast du noch erlebt, dass das Gebärden verboten war?
Ja, während der ersten vier Jahre hatten wir eine sehr böse Lehrerin, auf deren fürchterlich roten Lippen wir uns zu konzentrieren hatten. Wir mussten auf den Händen sitzen oder mit verschränkten Armen am Tisch. Passten wir nicht auf oder benutzten Gebärden, wurden wir mit dem Stock geschlagen, an den Haaren gezogen oder bekamen Ohrfeigen – es war schlimm! Ab der 5. Klasse hatten wir einen guten Lehrer, Gebärden blieben aber weiterhin verboten. 1986 habe ich diese Schule abgeschlossen und bekam später mit, wie die bilinguale Erziehung (Lautsprache und GS) normal wurde. Und jetzt sieht man ja, wie die Kinder gebärden.
«Die Schweiz wird als vielsprachiges Land gepriesen, Rätoromanisch ist anerkannt, die Sprache von 10’000 gehörlosen Menschen jedoch nicht.»Nicole Pascali
Wie genau lassen sich GS und Lautsprache übersetzen?
Die GS ist eine vollständige, linguistisch erforschte Sprache mit eigener Grammatik und lässt sich zu 100 Prozent übersetzen. Artikel und andere für den Sinn unnötige Teile werden weggelassen, sie wird vereinfacht, doch nicht inhaltlich zusammengefasst. Die DolmetscherInnen bilden Sätze, die ihr Hörenden gut versteht. Missverständnisse entstehen so nicht. Im Zweifelsfall hilft aufschreiben.
Dass Gehörlose so kommunikationsfreudig sind, ist kaum allgemein bekannt. Wie können Hörende mehr über diese Welt lernen?
Information ist wichtig; viele Hörende sind verunsichert, wenn Gehörlose Lautsprache benutzen. Wir hören unsere Stimme selbst ja nicht, können Tonhöhe und Lautstärke nicht gut steuern. Deshalb tönt sie für euch so blöd. Wir können auch nicht alle gleich gut sprechen. Ich beherrsche die Lautsprache zwar gut, aber es ist sehr anstrengend.
Politisch ganz wichtig ist die überfällige Anerkennung der GS in der Verfassung. Die Schweiz wird als vielsprachiges Land gepriesen, das Rätoromanische ist anerkannt, die Sprache von 10’000 gehörlosen Menschen jedoch nicht. Ist die Anerkennung mal verankert – so wie in den meisten europäischen Staaten–, muss auch die IV darauf reagieren; die GS wird für alle normaler, somit auch der Einsatz von DolmetscherInnen. Gehörlose bekommen dann Zugang zu mehr Arbeitsbereichen, werden weniger schnell arbeitslos und dadurch besser integriert. Auf Dauer ist das für eine Gesellschaft nicht nur sozial, sondern auch finanziell wertvoll. Obwohl vom Parlament angenommen, wurde die Anerkennung 2021 vom Bundesrat abgelehnt. Wir kämpfen weiter, aber nun wird es nochmals fünf Jahre dauern.
Bei Barrierefreiheit denken viele an Rollstuhlgängigkeit, welche Barrieren kennst du?
Also ich bin selbständig, fahre Auto, bin eigentlich wie ihr unterwegs. Grössere Anlässe, Konferenzen, Plenen sind anstrengend, da brauche ich eine DolmetscherIn. Heute ist es doch normal, dass es diese braucht, auch für fremdsprachige Menschen. Die IV teilt uns aber diese Stunden sehr restriktiv zu. Das Maximum von 10 Stunden pro Monat wurde mir auf 5 gekürzt Dadurch verliere ich viel Arbeit, möchte aber sehr gerne mehr arbeiten. Wenn ich Anrecht auf mehr Dolmetscher-Stunden hätte, könnte ich auch viel besser in der Gesellschaft integriert sein. Das ist, wie wenn man einer körperbehinderten Person sagt: Den Rollstuhl darfst du nur eine beschränkte Zeit benützen. Aktuell bin ich stark am Kämpfen mit der IV.
Was hältst du davon, GS in der Oberstufe und den Mittelschulen als Freifach anzubieten?
Mein grosser Traum! Ich habe Schulen besucht und Kindern GS spielerisch vorgestellt. Aber mehr kam nicht zustande, es fehlt am Geld. In Amerika ist es völlig normal, dass GS an Schulen, Universitäten als Freifach angeboten wird. GS war dort nie verpönt oder gar verboten. Ich habe Menschen getroffen, von denen ich dachte, sie seien gehörlos – es waren aber Hörende, die perfekt gebärden konnten. Das ist dort völlig normal. Auch Italien ist sehr schön für uns, locker, wir werden nicht schräg angeguckt, die sprechen dort ja eh auch mit den Händen.
Worauf ist zu achten, wenn wir lautsprachlich mit Gehörlosen sprechen?
Blickkontakt ist sehr wichtig, eine gute Beleuchtung, langsam und deutlich sichtbar sprechen, hochdeutsch. Wenn möglich Gesten und Mimik einsetzen und – wenn das nicht reicht, aufschreiben oder ins Handy eintippen. Je nach Situation ist frühzeitig eine DolmetscherIn zu organisieren.
Wie lange braucht eine hörende Person etwa, um sich mit GS verständigen zu können?
Das kommt, wie bei jeder anderen Sprache, aufs Talent an und darauf, wie stark jemand eintaucht. GS ist eine präsente, sichtbare Sprache. Man muss den Mut haben, sie anzuwenden und sich mit gehörlosen Menschen zu treffen.
Reiche Schweiz oder vielmehr einige reiche SchweizerInnen?
Vieles scheitert an Finanzen. Kein Wunder fehlt es der öffentlichen Hand an Geld, wenn, wie unlängst in der Zeitung zu lesen, UnternehmerInnen hohe Dividenden beziehen und sich den Lohn kürzen, um Steuern und Abzüge zu sparen. Nur langsam werden die GS und mit ihnen auch die gehörlosen Menschen in der Gesellschaft sichtbarer. Parlamentssitzungen werden simultan in GS übersetzt, ebenso diverse TV-Beiträge; zunehmend kommen in Filmen, Serien auch SchauspielerInnen vor, die GS verwenden.
Ressourcen für Gehörlose und Gebärdensprache
Schweizer Gehörlosenbund: www.sgb-fss.ch (GS-Lexikon)
Schweizerischer Hörbehindertenverband Sonos: www.hoerbehindert.ch
Verein Sensability: www.sensability.ch
GS-Kurse unter anderem: www.klubschule.ch / E-Learning: www.signwise.ch
Tagesschau in GS: www.srf.ch
SRF Kids News: www.srf.ch