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von Dr. Jana Nikitin
In den 1970-er Jahren waren sie 13 Jahre alt und hatten die höchsten mathematischen Fähigkeiten unter den Gleichaltrigen. Was machen diese hochbegabten Kinder heute, vierzig Jahre später? Wie hat sich ihre Karriere entwickelt?
Diese spannende Frage haben Forscher um David Lubinski von der Vanderbilt University in den USA untersucht. Sie haben 1'037 Männer und 613 Frauen in ihren Fünfzigern angeschrieben, die als 13-jährige die höchsten mathematischen Fähigkeiten hatten (99% aller Kinder schnitten damals schlechter ab als sie). Dabei hat die Forscher interessiert, ob diese hochbegabte Gruppe andere als die traditionellen Geschlechterrollen lebt.
Die erstaunliche Antwort: nein. Obwohl es unter den hochbegabten Männern und Frauen viel mehr Personen gab, die Professoren an renommierten Universitäten wurden, als Führungskräfte oder Juristen in den besten Firmen der Welt arbeiteten, Bücher und Artikel publizierten und Patente anmeldeten als in der Gesamtbevölkerung, fanden sich die typischen Geschlechterunterschiede auch in dieser hochbegabten Gruppe wieder.
Die hochbegabten Frauen verdienten weniger als die hochbegabten Männer und sie verdienten sogar weniger als ihre (weniger begabten) Ehemänner. Das lag nicht zuletzt daran, dass die hochbegabten Männer deutlich mehr Zeit ihrer Karriere widmeten als die hochbegabten Frauen, die mehr Zeit auf Familie und andere soziale Kontakte sowie auf Hausarbeit aufwendeten.
Interessanterweise wären die hochbegabten Frauen aber auch weniger bereit als die hochbegabten Männer, viele Stunden in eine Karriere zu investieren, auch wenn sie den Beruf ihrer Träume hätten. Entsprechend wertschätzten die Männer Vollzeit-Arbeit mehr als die Frauen, während die Frauen den Ausgleich zwischen der bezahlten Arbeit und anderen Aspekten des Lebens wertschätzten.
Am interessantesten war aber, dass keine Geschlechterunterschiede zu finden waren, wenn die hochbegabten Männer und Frauen gefragt wurden, was für sie zu einem sinnstiftenden Leben gehört. Beide Geschlechter betrachteten die Familie als deutlich wichtiger als die Arbeit oder Karriere. Wenn sie gefragt wurden, was ihr Leben lebenswert macht, antworteten 60% der Männer und 69% der Frauen, dass es die Familie ist und nur 12% der Männer und 14% der Frauen, dass es die Arbeit ist. Auch die Frage, worauf sie in ihrem Leben am stolzesten sind, beantworteten 84% der Männer und Frauen gleichermassen, dass es die Familie ist.
Wollen also Männer eigentlich mehr Zeit für die Familie haben? Es scheint nicht der Fall zu sein. Beide Geschlechter waren mit ihrem Leben gleichermassen zufrieden – und zwar sowohl mit ihrem beruflichen als auch mit ihrem familiären Leben. Offensichtlich gelangen die hochbegabten Frauen und Männer zu ihrer Lebenszufriedenheit – die übrigens sehr hoch war – durch unterschiedliche Wege. Männer berichteten, dass es für sie wichtiger ist, einen „emotionalen“ Beitrag zur Familie zu leisten, also da zu sein, wenn man gebraucht wird. Frauen dagegen betrachteten die gemeinsam verbrachte Zeit mit der Familie als wichtiger.
Diese Befunde sind kein Beweis dafür, dass Frauen und Männern unterschiedliche Rollen „angeboren“ sind. Sie können genauso gut das Ergebnis unterschiedlicher Erziehung und gesellschaftlicher Erwartungen sein. So wurde zum Beispiel die Wichtigkeit von bezahlter Arbeit für ein sinnstiftendes Leben in einer jüngeren hochbegabten Gruppe etwas höher eingeschätzt, und zwar sowohl von Männern als auch von Frauen. Ob der gesellschaftliche Wandel weiter in diese Richtung geht, ist abzuwarten.
Literaturangaben:
Lubinski, D., Benbow, C. P., & Kell, H. J. (2014). Life paths and accomplishments of mathematically precocious males and females four decades later. Psychological Science, advanced online publication.
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