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Das Rennen um die Krone war offen. Damals, 1982 – als alles begann. Prince Roger Nelson veröffentlichte das Album «1999» und schaffte den Durchbruch. Einen Monat später folgte «Thriller», das Jahrhundertalbum des gleichaltrigen Michael Jackson (beide haben Jahrgang 1958) stellte mit «Beat It», «Billy Jean» und «Human Nature» alles in den Schatten und wurde mit 65 Millionen verkauften Exemplaren das meistverkaufte Album der Musikgeschichte.
Der Erfolg von Prince’ «1999» war dazu vergleichsweise bescheiden, aber der ehrgeizige kleine Mann aus Minnesota setzte mit «Purple Rain» eins drauf. Im Jahrestakt folgten «Around the World in a Day», «Parade» und «Sign o’ the Times», wegweisende Werke des popmusikalischen Crossover. Prince war der Taktgeber des Pop, bis Michael Jackson 1987 den nächsten Meilenstein «Bad» veröffentlichte. Innerhalb von fünf Jahren produzierte Prince fünf Alben, Jackson schaffte zwei. Prince war produktiver, Michael Jackson erfolgreicher.
Jacko verkaufte mehr Alben
«Prince oder Jacko?» lautete in den 80er-Jahren die meistdiskutierte Frage, bevor sie Michael Jackson 1991 im Verein mit dem Musiksender MTV handstreichartig entschied und sich selbst zum «King of Pop» krönte. Der Coup klappte. Prince wurde in der Welt des Pop fortan hierarchisch stets tiefer eingestuft und blieb zeit seines Lebens der Prinz, der ewige Herausforderer, Gegenentwurf und Antagonist von Jackson.
Doch jetzt, nach dem überraschenden Tod von Prince, fordern seine Anhänger eine Revision der Musikgeschichte. Prince sei «der wahre King of Pop», schrieb das Nachrichtenmagazin «n-tv», und die «New York Times» erhob den kleinen Mann aus Minnesota sogar zum «grössten Musiker der Moderne». Was nun? Wer ist der Grösste? Nimmt man die Verkaufszahlen zum Massstab, stimmt die bisherige Einstufung. Jacko hat weltweit 400 Millionen Tonträger verkauft, Prince 100 Millionen. Doch Verkaufszahlen sind nur die eine Wahrheit. Fragt man nach der musikhistorischen Bedeutung, dem Einfluss auf die Popgeschichte, ist der Fall zwischen den beiden nicht mehr so eindeutig.
Klar ist, dass beide den internationalen Sound der 80er-Jahre und darüber hinaus massgeblich prägten. Prince habe «eine Synthese aus schwarzem Funk und Rock geschaffen, die Wegbereiterin für die Musik der 80er gewesen sei», hiess es 2004 als Begründung für die Aufnahme von Prince in die Hall of Fame. Eine ähnliche Begründung kann aber auch Jacko in Anspruch nehmen. Der Unterschied: Prince blieb mit seinem Crossover-Mix stärker der afroamerikanischen Tradition treu als Michael, der alles in seinem Pop-Eintopf verquarkte und dabei immer farbenblinder wurde.
Prince der bessere Musiker
Prince war aber sicher der bessere Instrumentalist. Er spielte alles, Keyboard, Bass, Schlagzeug, und vor allem war er ein begnadeter Blues-Gitarrist. Umgekehrt war Michael Jackson mehr als ein Sänger und Musiker. Ein überragender Tänzer und Entertainer, ein in Shows und Video-Clips visualisiertes Gesamtkunstwerk des Pop.
In den 90er-Jahren zeigte die Erfolgskurve beider Superstars nach unten. Den Zenit hatten sie überschritten, aber aus unterschiedlichen Gründen. Jackson geriet in eine Schaffenskrise, weil er die hohen Erwartungen nicht mehr erfüllen konnte. Prince, weil er sich mit seinem Label Warner überwarf und einen siebenjährigen Kampf anzettelte, der erst 2000 bereinigt wurde.
Sein unbändiger Schaffensdrang wurde aber nie gebrochen. Jackson brachte nach «Dangerous» von 1991 bis zu seinem Tod 2007 nur noch zwei Alben zustande. 10 Soloalben von Michael Jackson stehen 33 Studioalben von Prince gegenüber. Nicht alles war brillant, vieles auch sperrig, experimentell und unzugänglich, aber meist hoch spannend. Daneben gelangen ihm mit «Musicology» (2004) und «Planet Earth» (2007) erfolgreiche und gefeierte Alben.
Im Gegensatz zu Jackson blieb Prince bis zuletzt kreativ. Allein in den letzten Jahren waren es vier Alben. Und in den Paisley Studios lagern Hunderte von unveröffentlichten Songs. Wohl auch unfertiger Ramsch, aber sicher einige Perlen. Prince und seine Musik werden uns noch lange erhalten bleiben.
Der grösste Unterschied zwischen Prince und Jacko manifestierte sich in der Beziehung zum Business. Jacko war ein geniales Produkt der Musikindustrie, ein Gesamtkunstwerk, das im Titel «King of Pop» gipfelte. Es bedeutete Triumph und Verderbnis zugleich. Jackson lieh sein herausragendes Talent der Musikfabrik, bis er ausgebrannt, ausgelaugt war.
Prince wollte von all dem nichts wissen. Als einer der ersten Popstars verweigerte er sich konsequent dem Ansinnen der Musikindustrie und verteidigte sein geistiges Eigentum. Er wollte alles unter Kontrolle halten und kämpfte um seine Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Er ging seinen eigenen, eigenwilligen Weg und wurde damit zum Prototyp und Pionier des Do-it-yourself-Popstars. Er suchte andere, neue Wege der Vermarktung und des Vertriebs, legte seine Alben einer Zeitung bei, stellte sie auf seine Website oder verschenkte sie seinen Fans an Konzerten. Dabei bewies er nicht immer eine glückliche Hand und tauchte in den Hitparaden kaum mehr auf. Aber das war ihm egal. Seine Unabhängigkeit war ihm wichtiger. Er blieb sein eigener Herr und Meister.
Die Prince-Anhänger haben gute Argumente für eine Revision der Popgeschichte. Muss sie neu geschrieben werden? Ist Prince der «King of Pop»? Wobei: Was ist mit den Beatles, den Rolling Stones oder Bob Dylan? Mit B. B. King, Elvis, Chuck Berry, James Brown, Ray Charles? Haben nicht auch sie königliche Anrechte? Zur Entwicklung des Pop haben sie entscheidend beigetragen. Und im Gegensatz zu Prince und Jacko waren sie sogar stilbildend.
Superstars der Postmoderne
Als Prince und Michael Jackson die Popwelt eroberten, war alles schon da: Blues, Rock ’n’ Roll, Soul und Funk, Motown, die Beatles und die Stones. Alles, was Pop ausmacht. Ohne B. B. King und Jimi Hendrix hätte es den Gitarristen Prince nie gegeben. Ohne James Brown und Sly Stone keine funky Rhythmen. Auch der typische, soulige Falsett beherrschten Marvin Gaye und Curtis Mayfield schon vorher mindestens so gut.
Prince und Michael Jackson mögen musikalische Genies sein, aber weder der eine noch der andere hat einen eigenen Musikstil begründet. King of Pop? Vielmehr waren sie Nachlassverwalter, Veredler und Vollstrecker der grossen Innovatoren der Popmusik. Prince und Michael Jackson waren die ersten Superstars der Postmoderne. Zusammenfassung und finaler Höhepunkt der afro-amerikanischen Musik und Konklusion von Pop. Aber der Thron gehört allen.
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Anhänger des verstorbenen Superstars Prince fordern eine Revision der Popgeschichte. Sie haben gute Argumente zur Hand.
Das Rennen um die Krone war offen. Damals, 1982 – als alles begann. Prince Roger Nelson veröffentlichte das Album «1999» und schaffte den Durchbruch. Einen Monat später folgte «Thriller», das Jahrhundertalbum des gleichaltrigen Michael Jackson (beide haben Jahrgang 1958) stellte mit «Beat It», «Billy Jean» und «Human Nature» alles in den Schatten und wurde mit 65 Millionen verkauften Exemplaren das meistverkaufte Album der Musikgeschichte.