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Vom Obstbaumgarten zum Siedlungsgebiet
Dieter Jost
Die Veränderte Nutzung des Riehener Gemeindegebietes ein Vergleich zwischen den Jahren 1934 und 1986
Am 9. Juli 1934, einem prächtigen Hochsommertag, zog ein kleines Flugzeug am Riehener Himmel seine Kreise. Die Bauern waren am Heuen, der Pilot arbeitete auf seine Weise, er fertigte sechzehn Senkrechtluftbilder unserer Gemeinde an, die allerersten. Diese Bilder blieben im Archiv des Amtes für Kantons- und Stadtplanung in Basel erhalten. Der Schreibende unternahm es, diese historischen Dokumente mit der Leuchtlupe zu analysieren und für jede Parzelle die damalige Nutzungsart festzustellen, was er im parzellierten übersichtsplan der Gemeinde Riehen von 1935 einzeichnete.
Es erschien folglich interessant, die so erhaltenen Ergebnisse mit dem heutigen Zustand zu vergleichen. Der ebenfalls parzellierte übersichtsplan vom Februar 1979 wurde im Felde, indem ein Grundstück nach dem andern kartographisch erfasst wurde, auf den Stand vom April 1986 gebracht. Dann wurden beide Pläne zerschnitten und die Parzellen nach vierzehn Nutzungskategorien geordnet, welche auf einer elektronischen Präzisionswaage gewogen wurden. Anhand der ermittelten Gewichte konnten die Flächen errechnet werden. Dieses in der Geographie übliche Verfahren liefert sehr genaue Resultate, welche auf Seite 50 graphisch dargestellt werden.
Die beiden Zeitschnitte von 1934 und 1986 umfassen eine gut fünfzig Jahre dauernde, zum Teil hektisch verlaufene Periode der Entwicklung des Dorfes Riehen. In den dreissiger, dann wieder in den fünfziger und sechziger Jahren herrschte eine rege Bautätigkeit auf Kosten des Kulturlandes. Auch wälzte die zunehmend unter Raumnot leidende Stadt Basel einige ihrer Infrastrukturen auf die Vororte ab. Riehen war davon in dreierlei Hinsicht betroffen. Es bot Siedlungsfläche für «stadtmüde» gewordene Basler an, stellte einen Siebtel seines Bannes der städtischen Grund Wasserversorgung zur Verfügung und übernahm den Zentralfriedhof.
Im folgenden Teil des Aufsatzes werden die Veränderungen der einzelnen Nutzungsarten kurz besprochen.
Wald
Wie auch in den folgenden Kategorien wird zwischen öffentlichem und privatem Besitz nicht unterschieden. Zwar sind die Ränder der Wälder am Dinkelberg heute dieselben wie 1934, abgesehen von einer minimen änderung auf Zwischen Bergen. Trotzdem hat die Riehener Waldfläche im beobachteten Zeitraum um 14 Prozent zugenommen. Die Grenzbereinigung mit der Stadt von 1952 im Bäumlihof- und Landauerareal brachte Riehen als Ausgleich einen grösseren Anteil an den Langen Erlen. Die Aufforstung von Wässerstellen des Wasserwerkes Basel in der Wiesenaue hielt bis heute an. Auf diese Weise vergrösserte sich die Waldfläche allein in den letzten zehn Jahren um fast fünfeinhalb Hektaren.
Obstbaumgärten
Als Obstbaumgärten werden Wies- oder Gartenflächen bezeichnet, die über eine Dichte von deutlich mehr als zwei Obstbäumen pro zehn Aren verfügen. Im letzten Jahrhundert war Riehen, das heisst der heutige Dorfkern, von einem ausgedehnten Obstbaumgarten-Gürtel umgeben. Dieser war 1934 noch in guten Teilen erhalten, erst im Bereich der Burgstrasse war die Bausubstanz in höherem Masse eingedrungen. Heute gibt es Uberreste dieses Gürtels nur noch im Brühl, auf Hutzlen, im Stettenfeld, auf der Bosen halde und im Autal. An Obstbaumarten dominieren heute die Kirsche und die Zwetschge, vor fünfzig Jahren waren es die Birne und der Apfel. Im Zuge der «Anbauschlacht» des Zweiten Weltkrieges wurden fast dreissigtausend junge Obstbäume neu gepflanzt, was den Bestand mehr als verdoppelte.
Die alten Obstbaumgärten, zum Beispiel das Brühl, sind heute stark ausgelichtet und zunehmend gefährdet. überalterung, die «Pfeffinger Krankheit», Mäusefrass und Luftverschmutzung machen vorab den Kirschbäumen zu schaffen. Endlich sind die Preise, die mit den Früchten zu lösen sind, nicht gerade ein Ansporn zur Pflege der Obstbaumgärten. Trotzdem sollten diese auf jeden Fall erhalten und verjüngt werden, und zwar mit hochstämmigen Bäumen, denn, abgesehen davon, dass diese der Lebensraum für eine Vielzahl von Vogel- und Insektenarten sind, stellen sie das Wahrzeichen von Riehen dar.
Streuobst
Als Streuobst werden Wieslandflächen verstanden, die weniger als zwei Obstbäume pro zehn Aren umfassen. Das Streuobst wird gar noch stärker bedrängt als die Obstbaumgärten, wie die Graphik zur Genüge zeigt. Die vereinzelt auf meist landwirtschaftlich genutzten Böden stehenden Bäume müssen weichen, sobald sie dem Maschineneinsatz im Wege stehen. So gibt es in der Wiesenaue kaum mehr Streuobst.
Obstbaumloses Wies- und Ackerland
Die Riehener Landwirtschaft war schon in den dreissiger Jahren soweit, hinderliche Bäume zu entfernen. Hecken und Feldgehölze gab es fast nicht mehr, desgleichen Ackerland mit zusätzlichem Obstbaumbestand. Dabei waren die Bauern noch kaum mechanisiert! Die Riehener Entwicklung hebt sich auf den Luftbildern klar ab von der der badischen Nachbardörfer Weil und Grenzach. Dort gibt es keine landwirtschaftlich genutzten Flächen, die nicht Obstbäume tragen würden. Die schmalen Streifenäcker besitzen noch alle auf ihrer Mittellinie die traditionelle Obstbaumzeile. Eventuell waren in der Schweiz schon damals, wie heute wieder, die Erzeugerpreise für Obst niedrig. Das obstbaumlose Wies- und Ackerland befindet sich zur Hauptsache in der Grundwasserschutzzone der Wiesenaue, wo es vor überbauung verschont geblieben ist. Die Abnahme der Fläche des wichtigsten Anbaugebietes der Riehener Bauern hielt sich deshalb relativ in Grenzen (-22,7%), verloren gingen die Neumatten.
Gartenland
Dazu zählen private Nutzgärten auf unüberbauten Parzellen, Familiengärten und Gärtnereien. Mit hochstämmigen Obstbäumen bestandene Pflanzgärten sind, wie erwähnt, in der Kategorie Obstbaumgärten ausgewiesen. Diese traditionelle Gartenform war als Folge der Ausdehnung der Siedlungsfläche rückläufig. Das Gartenland hingegen hat dank der Familiengartenbewegung zugenommen. Abschliessend kann gesagt werden, dass die gärtnerisch genutzte Gesamtfläche in den letzten fünfzig Jahren ungefähr konstant geblieben ist.
Rebland
Nachdem 1978 fast alle Rebflächen verschwunden waren, hat die Einrichtung des gemeindeeigenen Rebberges im Schlipf eine Erholung gebracht. (Vgl. dazu den Artikel «Rebbau in Riehen einst und jetzt» von H. Reutlinger, Riehener Jahrbuch 1984, S. 49-69.)
Parkanlagen
Hier sind die öffentlichen und grösseren privaten Parkanlagen, wie beispielsweise die des Diakonissenhauses, erfasst. Die Parkfläche hat sich um stattliche 30% vergrössert, hauptsächlich durch die Ausweitung des Wenkenparks auf vorher landwirtschaftlich genutzte Areale in der Flur Hinter Wenken.
Siedlungsfläche
Die Siedlungsfläche umfasst sämtliche Parzellen, auf denen Wohn-, Gewerbe- oder öffentliche Bauten stehen. Entsprechend der Zunahme der Riehener Bevölkerung von knapp 7 500 Personen anno 1934 auf etwas über 20 OOOEinwoh ner von 1986 hat sich die Siedlungsfläche um 142% vergrössert, was leicht unterproportional ist. Dies vornehmlich auf Kosten der Kategorien Obstbaumgärten, in minderem Ausmass Streuobst und Wiesland. Aufgrund der meist niedrigen Nutzungsziffern verfügt die Mehrzahl der Häuser über Umschwung. Dieser wurde bis in die fünfziger Jahre vornehmlich zur Anlage von Nutzgärten verwendet, während heute die Ziergärten vorherrschen.
Verkehrsfläche
Dazu gehören die Kantons- und Gemeindestrassen sowie die Fusswege und die Eigentrassees der Deutschen Bundesbahn und des Trams. Feld- und Waldwege geringer Bedeutung und Privatwege wurden nicht erfasst. Der Riehener Strassenbau war Mitte der dreissiger Jahre weitgehend abgeschlossen, als einzige bedeutende Neuanlage harrte die Rudolf Wackernagel-Strasse noch ihrer Entstehung. Dieser Neubau und etliche Strassenverbreiterungen erklären das verhältnismässig geringe Anwachsen der Verkehrsfläche um 38%.
Sportanlagen
Das Sportfeld im Landauer fiel 1952 der Stadt zu, das Freibad an der Weilstrasse und der Sportplatz an der Grendelgasse wurden erweitert. Die Sportfelder des Bäumlihofgymnasiums entstanden auf Riehener Boden. Das, sowie das Hinzustossen privater Tennisplätze vermochte die Riehener Sportfläche zu verdoppeln, wobei die Finnenbahn am Ausserberg dem Wald zugezählt wurde, hier also nicht enthalten ist.
Friedhöfe
Der Friedhof am Hörnli wurde um die Flur Im finstern Boden, einen ehemaligen Obstbaumgarten, erweitert.
Gewässer
Die Neuziehung der Gemeindegrenze von 1952 verringerte Riehens Rheinanstoss, worauf die Abnahme der Gewässerfläche zurückzuführen ist.
Kiesgruben
Sie stellen eine heute verschwundene Nutzungsart des Riehener Bodens dar, waren aber seinerzeit typisch.
Biotope
Als neue Nutzung erscheinen die Biotope am Eisweiher und im Autal.
Die Gegenüberstellung der beiden Kartenausschnitte des nordwestlichen Dorfteiles um die Basel- und Lörracherstrasse auf Seiten 54/ 55 illustriert die Entwicklung der Bodennutzung in Riehen auf repräsentative Weise. Fast alle der besprochenen Kategorien sind vertreten. Dazu kommen einige vegetationslose Abstellflächen für Autos und gewerbliche Zwecke vorab im Stettenfeld, wo die Nutzungsvielfalt besonders gross ist. In diesem für manche Riehener zur Naherholungszone gewordenen Gebiet finden sich Gartenland mit und ohne Obstbaumbestand, Tennis- und Bogenschiessplätze, eine Baumaterialfirma etc. Eine teilweise Einzonung als Gewerbefläche steht zur Diskussion.
Als Sonderfall kann die Lörracherstrasse gelten, die als einzige in Riehen nach städtischem Vorbild errichtet wurde. Gleichwohl besassen früher die Gebäude veritable, von der Strasse her kaum einsehbare Nutzgärten an den Hinterfronten.
Das Eindringen der Siedlungsfläche in das ehemalige Kulturland ist offensichtlich. Es gilt aber zu bedenken, dass der Wandel vom Bauerndorf zum städtischen Vorort um die Jahrhundertwende begonnen hat und Mitte der dreissiger Jahre bereits fortgeschritten war. Es wäre verfehlt, für 1934 noch ursprüngliche Zustände annehmen zu wollen. Mancher Bauer hatte schon zu dieser Zeit resigniert und den Beruf gewechselt.
Riehen hat im beobachteten Zeitabschnitt rund ein Drittel des Bauernlandes verloren, vor allem viele ökologisch wichtige Obstbaumgärten. Nun ist es aber nicht so, dass die Siedlungsfläche völlig zubetoniert wäre. Fast alle Häuser verfügen über Gärten. Ersatzflächen für die bedrängte Natur wären sehr wohl vorhanden. Wie aus einem sterilen Zierrasen ein lebendiger Garten entstehen kann, zeigt ein folgender Aufsatz in diesem Buch.
Quellen:
Michael Raith, Gemeindekunde Riehen, 1980 Dieter Jost, Die Grünflächen der Gemeinde Riehen in den Jahren 1934 und 1986, unveröffentlichte Oberlehrer-Hausarbeit, entstanden am Geographischen Institut der Universität Basel, 1986