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t = 8:07:09 vmax = 56,3 km/h
Wetter: Gut, viel Rückenwind. Morgens angenehm kühl, ab Giurgiu/Ruse wieder gefühlte stehende Hitze. Ab etwa 19:10 unentschlossener Regen, entsprechende Gewitterwolken waren lange vorher zu sehen, gelegentlich Blitz und Donner.
Zum Frühstück gab es warme Milch und den gleichen Kuchen wie gestern Abend. Die Urgroßmutter brach früh auf, um einen mit Symbolen verzierten Kuchen zur Kirche zu bringen. Dies gehörte zum Ritual des Jahrestages, an dem man des Verstorbenen gedachte.
Da ich nur wenig zu packen hatte, war ich nach einem kurzen Abschied zeitig auf Achse. Anfangs rollte es wunderbar, in den ersten Stunden lag der Schnitt bei 23,5km/h. Mit der Zeit wurde die holperige, stuckerige und puckelige Landstraße entnervend. Knie-, Fuß- und Hüftgelenke begannen zu schmerzen. Ich weiß nicht, ob gestern und die Tage zuvor die Straße besser war oder ob es mich nur nicht so gestört hat. Zum Glück war die Straße nur stellenweise wirklich schlecht.
Unterwegs wieder unzählige Dorfbewohner gegrüßt, allerorten gab es hilfsbereite "Wegweiser". Zwei Bilder, die sich mir eingeprägt haben, auch wenn ich sie nicht genau lokalisieren kann:
Üblicherweise wurden die Pferdewagen im Schritttempo gefahren, so dass ich öfter Gespanne überholen musste. Schon aus diesem Grund fiel mir das Fuhrwerk auf, das von von einem trabenden Pferd gezogen wurde. Der Kutscher, ein junger Mann von vielleicht dreißig Jahren, saß leger auf dem Bock. Ein Bein war über das andere geschlagen, Zügel und Peitsche hielt er locker in der rechten Hand - und mit der linken hielt er ein Handy ans Ohr und sprach lebhaft hinein.
Ein anderes Dorf: Im Zentrum befand sich links ein Platz, der durch die umstehenden Bäume angenehm schattig war. Dort saßen einige Leute beisammen, während auf der anderen Straßenseite in der brennenden Sonne eine junge, adrette Frau - etwa 25 Jahre alt - am Dorfbach Teppiche wusch. Zwei hingen gereinigt über dem Geländer der kleinen Brücke, einer lag mit Schaum bedeckt am Ufer, während die Frau einen weiteren im Wasser bearbeitete. Ein paar kleinere lagen auf einem Haufen und harrten noch der Reinigung. Für einen kurzen Moment atmete ich den frischen Geruch des Spülmittels, dann war ich vorüber.
Als ich durch Giurgiu fuhr, kam ich an einem gepflegten Park vorbei. Dort flanierten viele Leute, Kinder spielten, fuhren Roller und Rad, eine Kapelle musizierte. Im Parkcafé aß ich ein Eis. Kurz darauf sah ich einen Trauerzug. Hinter dem reich mit Kränzen und Blumen geschmückten offenen Leichenwagen gingen die nächsten Angehörigen, einige trugen Kränze. Ihnen folgte im Schritttempo ein Autokorso mit weiteren Leidtragenden, zu erkennen an schwarzen Armbinden. Einer gestikulierte und redete aufgeregt in das Handy, während er den Wagen lenkte. Ich stand am Straßenrand, hatte meinen Hut abgenommen und traute mich nicht, den Zug offen zu fotografieren.
Etwas später hatte ich mich ein wenig verfranst, obwohl (oder weil?) ich der Ausschilderung zur Grenze gefolgt war. Ich fragte einen Mann nach dem Weg. Er sagte, wenn ich ein wenig warte, könne ich hinter ihm her zur Grenze fahren - er wolle mit seiner Familie ebenfalls nach Bulgarien. Während wir beide auf seine Angehörigen warteten, pflückte er zwei große Birnen für mich. Während der Wartezeit fotografierte ich die kreativen Anschlüsse an dem Strommast gegenüber. Als die ersten Anzeichen der Grenze auftauchten, wies mir mein Lotse die Richtung, in die ich fahren musste und bog in die andere ab.
An der Brücke brauchte ich keinen Zoll zu zahlen, der Kassierer winkte mich lachend durch. An der Grenze sah ich noch einmal meinen Lotsen von Giurgiu, wir winkten uns zum Abschied. Nach der Grenze kam eine Mautstation. Ich wartete brav als Letzter in der Schlange, aber als ich an der Reihe war, verschwand der Kassierer in seinem Container. Ich wollte aber wissen, ob ich eine Vignette benötigte - in den bisherigen Ländern hatte ich mich nicht um offizielle Auskunft bemüht. Deshalb klopfte ich an, der Kassierer kam heraus und sagte, dass ich keine Maut zahlen müsse.
In Ruse war ich so erfreut, aufgrund von Bauarbeiten eine zweispurige Fahrbahn für mich allein zu haben, dass ich glatt vergaß, rechtzeitig von der Schnellstraße abzufahren. So kehrte ich um, indem ich durch eine reizende Unterführung auf die andere Straßenseite wechselte. Da ich nicht ewig weit zurück fahren wollte, verließ ich die Straße nach der Brücke links oben im Bild über einen Trampelpfad und fuhr über steile Waldwege ins Tal. Dass ich nur die Vorderbremse benutzen konnte, machte die Sache erst richtig spannend. Die hinteren Klötze waren seit etwa einer Woche so weit herunter, dass ich sie nur im allergrößten Notfall eingesetzt hätte.
Die Landschaft südlich von Ruse mit den tief eingeschnittenen Tälern war sehr reizvoll, mehrere Höhlen waren als Sehenswürdigkeiten ausgeschildert. Die Täler waren so steil, dass die Straßen oft in Serpentinen verliefen. Diese Gegend muss ich noch einmal besuchen und genauer erkunden. Vielleicht nicht mit dem Fahrrad - nach einer Weile wurden die Anstiege ziemlich lästig... ;)
Nebenbei bemerkt: Als ich das oben verlinkte Foto machte, ging ich wegen der besseren Perspektive über die im Vordergrund sichtbare Wiese. Nun weiß ich einen Grund, warum in südlicheren Gefilden Wiesen und Straßenränder oft abgebrannt werden: Das Laufen auf der Wiese war wegen der vielen stacheligen Gewächse sehr unangenehm.
Eine Frau, die ich nach dem Weg fragte, gab mir außer der gewünschten Auskunft einen Apfel. Was mich aber stutzig machte war, dass sie geradeaus zeigte und so etwas wie "na prawo" sagte - wenn ich mich richtig erinnere, heißt das im Polnischen "rechts". Ein "false friend"?
Als ich in Krasen langsam den steilen Berg emporstrampelte,
gingen ein paar Mädchen auf der andere Straßenseite talwärts. Sie
kuckten mich neugierig an; als wir aneinander vorbei waren, hörte
ich sie kichern und gackern. Pöh - die Landpomeränzchen sollten
sich glücklich schätzen, dass ein Weltreisender wie ich überhaupt
durch dieses
KuhDorf fährt! :)
Einige Kilometer weiter führte die Straße wieder ins Tal und durch einen Ort namens Nisovo. Er lag an einem schmalen Wasserlauf, ein Schild wies auf einen Wildpark hin. Ich überlegte eine ganze Weile, ob ich nicht dem Flüsschen zu dem Park folgen sollte. Das Gewässer wurde von einem Pfad begleitet, die Richtung stimmte, aber ich entschied mich erstaunlicherweise dagegen.
Kurz danach kam ich an ein Schulgebäude, auf dessen schattigen Hof Kinder spielten. Jugendliche saßen auf einer Bank, eine Oma mit recht wenig Zähnen hielt sich im Hintergrund. Ich stellte das Fahrrad an den Straßenrand, ging auf den Hof und fragte: "Does anyone here speak english?" Ein etwa sechzehnjähriges Mädchen kam angelaufen und rief eifrig "Ja, ja!" Ich wunderte mich, wie sie wissen konnte, dass ich eigentlich deutsch spreche - und dazu noch auf deutsch antworten konnte!? Dann erst fiel mir ein, dass "ja" doch "ich" heißt. Sie schien die Anführerin zu sein, führte das Wort und roch nach Zigarette.
Es kamen noch einige Mädchen dazu, alle sprachen gut bis sehr gut Englisch. Wir führten ein längeres Gespräch - über das Woher und Wohin. Es wurde sich gewundert, dass ich nicht auf der "big road", sondern auf kleinen Straßen fahren wollte, worauf ich antwortete, dass die "kleinen" Straßen eigentlich die interessantere sind. Auf meine Nachfrage wurde mir beschieden, dass der Weg längs des Flusses durch den Wildpark nicht zum nächsten Ort führte. Laut Karte musste bald eine Straße von der Hauptstraße nach links abgehen. Als ich danach fragte, wurde mir gesagt, dass die Straße gesperrt sei - warum, wusste niemand. (Eigentlich weiß in einem Dorf doch jeder alles..?) Mir wurde empfohlen, auf der Hauptstraße zu fahren.
Als ich zum Ende des Gespräches hin fragte: "Wouldn't you like to know where I am coming from?" war die Formulierung wohl etwas zu kompliziert. Ich stellte die Frage nochmal, aber etwas einfacher, aber lange nicht so smart :). Die Mädchen sagten mir, dass im Ort einer wohne, der auch ein Haus in Deutschland habe, sie wussten aber nicht, in welcher Stadt.
Ich verabschiedete mich, kehrte aber gleich nochmal um, weil ich die Wasserflaschen auffüllen wollte. Die "Anführerin" wollte wohl einen Weg zu einer Wasserstelle beschreiben, aber ein Junge führte gleich mich ins Schulgebäude zu einem Wasserhahn. Als ich wieder herauskam, sangen die Jugendlichen sehr schön a capella. Auf dem Bild winkt die Wortführerin zum Abschied, im Hintergrund sind die anderen Sänger zu sehen.
Trotz des Ratschlages der Hauptstraße zu folgen bog ich auf die gesperrte Straße ab. Auf der Hauptstraße Richtung Svalenik wäre die Strecke etliche Kilometer länger. Der Grund für die Sperrung war bald zu sehen: einige große Brocken waren von der Felswand auf die Straße herabgestürzt - mit solcher Wucht, dass der Asphalt teilweise aufgeworfen wurde. Für Fahrräder war die Straße ohne weiteres befahrbar, selbst Autos hatten sich den Spuren am Straßenrand zufolge daran vorbeigequetscht. Ein paar Kilometer weiter war die Straße unterspült, wahrscheinlich ein weiterer Grund für die Sperrung.
Auf den etwa fünfzehn Kilometern bis Svalenik traf ich keine Menschenseele. Ich befürchtete beinahe, dass die Straße ins Nirgendwo führt. Die Strecke war fantastisch: Gut geteert, führte sie häufig durch Wald oder wurde von Bäumen gesäumt, darunter sehr viele Obstbäume. Wenn ich an steilen Stücken das Fahrrad schob und eine Handvoll der kleinen Pflaumen pflückte, hatte ich diese noch nicht verzehrt, wenn ich am nächsten Obstbaum anlangte.
Auch in Serbien hatte ich viele solcher "herrenloser" Obstbäume an den Straßen gesehen und davon genascht, in Rumänien sah ich dagegen keinen einzigen. Die Gegend hier südwestlich von Ruse empfand ich als noch ländlicher geprägt als Rumänien. Lag das nur an den "kleinen" Straßen, die ich hier fuhr? Heute hatte ich schon mehr Hirten und Herden getroffen als in ganz Rumänien.
Nach Svalenik schlug ich mein Lager nahe der Straße an einem kleinen Bach auf, die Wiese war dicht mit Bäumen bestanden. Sie schien vor kurzem Ziegen als Weide gedient zu haben. Bevor es zu regnen begann, war das Lager fertig. Leider war der Regen zu schwach, um mir beim Waschen eine Hilfe zu sein.
Nachdem ich mit allem fertig war, schrieb ich das Tagebuch um 20:55 Ortszeit (19:55 deutscher Zeit). Da ich nun nicht mehr dem bikeline folgen konnte, plante ich meine Strecke anhand der guten Bulgarien-Karte des World Mapping Project.