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Das Valle di Blenio ist eines der urigsten und eigensten Täler des an urigen und eigenen Tälern nicht armen Tessins. Die «Case dei pagani» (Heidenhäuser) in den schroffen Felsen zeugen von einer frühen Besiedlung, der spezielle Dialekt vom individuellen Charakter. Seit dem 15. Jahrhundert ist das Blenio aber vor allem für seine zahlreichen Auswanderinnen und Auswanderer bekannt. Bis ins 19. Jahrhundert war Italien ihr Ziel, später vor allem Frankreich oder England.
In London spielt dann auch ein grosser Teil von Anne Cuneos «Der Eiskönig aus dem Bleniotal», das die Geschichte von Carlo Gatti nachzeichnet, einem, aber natürlich nicht irgendeinem unter den vielen Blenio-Auswanderern: 1817 in Marogno geboren, 1878 infolge eines «unglücklichen Sturzes» zurück im Tessin gestorben. Dazwischen ein illustres, internationales Leben, das man der Autorin nicht abnehmen würde, wäre es nicht historisch verbrieft.
Feinsinnig und sorgfältig recherchiert – von der Recherche berichtet sie in einem kurzweiligen Nachwort – erzählt Cuneo die Geschichte aus der Sicht von Ziehsohn Nicolas, den ihr Protagonist aus der Gosse holte. Nicolas ist erfunden, Carlo Gatti aber war tatsächlich einer, der mit zwölf Jahren mausarm auszog und stinkreich heimkehrte. «Als Hirtenbub hatte er begonnen, gestorben ist er, heisst es, als Millionär», stand in einem Nachruf in «The Graphic». Noch minderjährig verkaufte Gatti in Paris Marroni, in London aber gelang ihm einige Jahre später ein Coup: Er importierte Natureis aus Norwegen, «nicht nur das reinste, sondern auch das härteste», und demokratisierte so die Glace, die zuvor als Luxusartikel der vermögenden Klasse vorbehalten war. Die Londoner rissen ihm diese «Penny Licks» aus der Hand – und mehr: Gatti stellte Schokolade her, eröffnete Patisserien und Restaurants mit Variétéprogramm. Als gemachter Mann kehrte er in die Heimat zurück und ging auch noch in die Politik. Seinen Kollegen im Tessiner Grossrat war Gatti wohl nie ganz geheuer; er galt als einer, der zwar mit den Liberalen meckerte, aber mit den Konservativen stimmte.
Anne Cuneo entwirft in ihrem letzten Roman ein beeindruckendes Panorama des 19. Jahrhunderts mit seinen Epizentren London und Paris. In diesem Rahmen erzählt sie eine für diese Zeit zu gleichen Teilen typische wie aussergewöhnliche Tessiner Lebensgeschichte, die sie mit fiktiven Elementen anreichert. Damit liegt Cuneo in einem nun schon länger anhaltenden Trend – von Daniel Kehlmann bis Christian Kracht. In einer ausgewogenen Mischung aus Anschaulichkeit und Reflexion versteht es Cuneo, einen in diese Geschichte zu ziehen. Der «Eiskönig» lässt sich nur mit grosser Überwindung aus den Händen legen.
Anne Cuneo: Der Eiskönig aus dem Bleniotal. Zürich: Bilger, 2017.