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Der 40-jährige Langnauer steht in seiner fünften Saison als Sportchef des EV Zug - und vor seiner grössten Herausforderung.
Wo haben Sie während Ihrer Aktivzeit am besten verdient?
In Langenthal habe ich nebst meiner Anstellung als Spieler im Marketing gearbeitet – als Freelancer. Es gelang mir, ein paar Sponsoren zu akquirieren. Eines Tages erklärten mir die Verantwortlichen, sie hätten für mich im Budget der nächsten Saison keinen Platz mehr. Aber sie böten mir die Möglichkeit, mich selbst zu finanzieren. Die Abmachung war: Was ich an Sponsorengeldern reinhole, ist gleichzeitig mein Lohn. So wurde ich in dieser Saison zu einem der bestbezahlten NLB-Spieler. (lacht)
Von welchem Lohn können wir ausgehen?
Der Durchschnittslohn in dieser Liga betrug damals vielleicht 40 000 bis 50 000 Franken.
Mittlerweile können Schweizer Spieler über 700 000 Franken verdienen. In diesem Bereich bewegen sich die EVZ-Offerten für Enzo Corvi und Grégory Hofmann. Stört es Sie, sind die Zahlen in die Öffentlichkeit gelangt?
Die Zahlen sagen Sie. Mich stört, dass vor allem Zug mit diesen Spielern und Löhnen in Verbindung gebracht wird. Von den zwölf Clubs der National League sind acht hinter diesen Spielern her.
Zug, Zürich, Bern, Lausanne...
... Biel, Freiburg, Lugano, Davos.
Aber Zug kann die erforderliche Summe offenbar zahlen, was andere nicht vermögen.
Doch, der Marktpreis ist bekannt. Wer mitbietet, der weiss genau, was auf ihn zukommt.
Der Marktpreis ist überrissen.
Diese Meinung kann ich nachvollziehen. Die Lohnentwicklung ist tatsächlich beunruhigend. Aber jeder Club, jeder Sportchef muss vernünftig genug sein und einschätzen können, was er machen will, was das Ziel ist, wie viel Geld er dafür ausgibt. Jeder hat sein Budget zu verantworten.
Ist es vernünftig, über 700 000 Franken in einen Eishockeyspieler zu investieren?
Ist ein Fussballer 100 Millionen wert? Bei hohen Summen gibt es ethische Bedenken. Das verstehe ich. Im konkreten Fall sehe ich es so: Du hast als Sportchef die Verantwortung, den Zuschauern und den Sponsoren etwas zu bieten. Jene, die jetzt auf dich zeigen und sagen, solche Summen seien wahnsinnig, werden dich später zerreissen, wenn ein Topspieler abgesagt hat. Wir bewegen uns in einem Hamsterrad. Die Löhne sind zu hoch, jeder zeigt auf den anderen, schiebt ihm die Schuld zu. Dabei ist klar, dass die Clubs die Verantwortung dafür tragen. Jeder muss für sich abwägen, wie viel Geld er für welchen Spieler zahlen will, zahlen kann. Entscheidend ist die Vernunft. Es braucht vernünftige Leute.
Sind Sie vernünftig?
Ich gelte zumindest nicht als unvernünftig. Und der EVZ hat in der Vergangenheit vernünftig gewirtschaftet.
Der EV Zug will einerseits Spieler ausbilden, investiert viel Geld in den Nachwuchs. Anderseits hat er das Ziel, Meister zu werden. Ausbildungsclub und Titelambitionen: ein Widerspruch?
Nein, eine Herausforderung. Unser Masterplan ist definiert: Auf den Schlüsselpositionen wollen wir top besetzt sein. Und Topspieler haben einen Toplohn. Im Unterschied zur Konkurrenz können wir nicht in der Tiefe in Topspieler investieren.
Welches sind die Schlüsselpositionen?
Der Goalie, die ersten vier Verteidiger plus die ersten sechs Stürmer, inklusive Ausländern.
Der EVZ wird von Milliardär Hans-Peter Strebel alimentiert.
Hans-Peter Strebel investiert nicht in den Profisport. Er hat in unser Ausbildungskonzept investiert und für das Farmteam Starthilfe geleistet. Zudem wird er einen hervorragenden Campus zur Verfügung stellen (in Cham entsteht das Kompetenzzentrum OYM für Spitzenathletik und Forschung – die Red.). Die moderne Infrastruktur werden auch wir nutzen können. Und was das Budget der ersten Mannschaft betrifft: Es wird nicht explodieren.
Aber Sie haben Torhüter Leonardo Genoni für viel Geld verpflichtet. Sie offerieren Corvi und Hofmann Spitzenlöhne.
Wir haben viele Spieler mit auslaufenden Verträgen. Nicht jeder darf mit einer Verlängerung rechnen. Unser Ziel ist es, die Plätze hinter den Schlüsselpositionen mit Spielern aus dem Nachwuchs zu besetzen. Die Vision steht: 2022 soll die Hälfte des Kaders aus der EVZ-Nachwuchsabteilung stammen.
Und Sie sind davon überzeugt, mit dieser Philosophie Meister werden zu können?
Viele Junge, dazu teure Qualitätsspieler auf den Schlüsselpositionen: Davos hat gezeigt, dass es möglich ist. Aber in den letzten 20 Jahren sind nur vier Teams Meister geworden. Dieser Umstand hat auch mit Finanzen zu tun. Es gab Ausreisser: Genf, Gottéron, Kloten und Zug schafften den Vorstoss in den Final. Aber die Theorie der Ausgeglichenheit unserer Liga trifft nur auf die Qualifikation zu. Im Playoff setzten sich immer dieselben durch. Wir wollen die Hierarchie ändern. Dazu gehört, mehr zu investieren, clever zu investieren. Biel, Lausanne und Gottéron versuchen das ebenfalls.
Sie sprechen von 50 Prozent Spielern aus dem eigenen Nachwuchs. Beim letzten Ligamatch in Rapperswil waren es Raphael Diaz, Lino Martschini, Fabian Schnyder, Livio Stadler, Yannick Zehnder, Sven Leuenberger.
Dominic Lammer, Fabian Haberstich...
... Lammer spielte lange in Klotens Nachwuchs, Haberstich wurde in Langnau ausgebildet.
Wann beginnt die Ausbildung? Wann endet sie? Wer hat Nico Hischier ausgebildet: Visp oder Bern? Es ist doch auch entscheidend, welcher Club den Spieler in die höchste Liga bringt. Lammer gehört auf die Liste. Ebenso Thomas Thiry, Sandro Aeschlimann. Nicht zu vergessen: Nico Gross, Tobias Geisser und Calvin Thürkauf. Sie wurden bei uns ausgebildet, spielen jetzt in Nordamerika.
Sie haben auf diese Saison hin Miro Zryd und Jesse Zgraggen verpflichtet. Müsste der EVZ solche Spieler nicht aus dem Nachwuchs rekrutieren?
In Zukunft ja, aber nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Wir stehen in der dritten Saison mit unserem Farmteam EVZ Academy. Bisher hatten wir jedes Jahr einen NHL-Draft – und jedes Jahr konnten wir mindestens zwei Spieler in die erste Mannschaft integrieren. Das ist ein guter, realistischer Wert. Bei Frölunda, dem besten Ausbildungsclub in Europa, sprechen sie von ein bis zwei Spielern pro Jahr. Ausbilden, Farmteam gründen, auf den Knopf drücken, und die Nachwuchsspieler sind da: So einfach geht das nicht. Zudem gibt es den Faktor NHL. Wäre Geisser noch in Zug, hätten wir nicht Zgraggen und Zryd geholt. Nordamerika wird zum Faktor. Und wir erhalten keine Ausbildungsentschädigung, wenn sich ein Spieler in der NHL durchsetzt.
Weil die Schweiz im Gegensatz zu anderen Ländern kein Abkommen mit der NHL hat.
Das wurde vor Jahren abgeschmettert, weil es damals wenig Sinn ergab in Anbetracht der tiefen Zahl an Schweizern, die sich in der NHL durchsetzen konnten. Aber nun schaffen immer mehr Spieler den Sprung. Das ist ein Qualitätssiegel. Finanziell kommt aber nichts zurück. Anderseits gilt es zu beachten: Hätten wir ein entsprechendes Abkommen, könnte die NHL im Sommer unsere besten Spieler abzügeln. Unsere Clubs hätten dann kaum noch die Möglichkeit, Ersatz zu finden. Dies würde uns härter treffen als die fehlende Ausbildungsentschädigung.
Kein Thema mehr für die NHL ist Leonardo Genoni. Er wird den EVZ ab der kommenden Saison zum Titelfavoriten machen.
Wir sind uns bewusst, dass mit einem solchen Transfer die Erwartungshaltung gesteigert wird. Das ist auch gut so.
Mit der Verpflichtung haben Sie den EVZ gestärkt und einen Konkurrenten geschwächt.
Bern wird immer ein Titelkandidat sein, auch ohne Genoni. Aber ich hoffe, der Transfer wird die Liga aufmischen. Im Fussball war die Zeit für die Wachablösung längst gekommen, YB hat sie vollzogen. Vielleicht revolutionieren wir die Kräfteverhältnisse im Schweizer Eishockey. Wir scheuen diese Rolle nicht.
Präsident Strebel sagt: «Der EVZ wird eine Macht sein.» Was halten Sie von diesem Zitat?
Mit unseren Möglichkeiten wollen wir von oben bis unten zur Spitze zählen. Aber die Liga ist eine Dreiklassengesellschaft und wird das bis auf weiteres bleiben.
Zug gehört...
... an die Spitze des ambitionierten Verfolgerfelds. Wir wollen Meister werden. Aber wir werden nie auf einer Stufe mit Bern und Zürich sein.
Interview: Reto Kirchhofer / Berner Zeitung 12.10.2018