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4:1 gegen Norwegen. Vier Siege zum WM-Auftakt hatten wir auch schon. Aber noch nie auf diese Art und Weise. Die grosse Frage lautet nun: Wie weit kommt die «neue» Schweiz?
Kehren wir ein wenig in die Vergangenheit zurück, um die Leistungen der Schweizer hier in Bratislava einzuordnen. Die Vergangenheit hilft uns, die Gegenwart besser zu verstehen.
Also: Im letzten Jahrhundert mit der alten Ordnung des «Kalten Krieges» war auch die Hockeywelt überschaubar. Eingeteilt in eine A-, B- und C-WM. Die A-WM als oberste Stufe umfasste bloss 6 und später 8 Nationen. Und nicht 16 wie heute.
Die Schweiz gehörte mit Ausnahme von zwei schmachvollen Jahren in der C-WM (1969, 1973) und zwei ruhmreichen Ausnahme (1972, 1987) bis zum Fall der Berliner Mauer (1989) immer zur B-WM. Erwartet wurden stets Triumphe und Aufstiege. Aber mit zwei Ausnahmen (1971, 1986) endete es stets im Debakel. Einmal auf Augenhöhe mit Schweden, Finnen, Sowjets, Tschechoslowaken, Kanadiern, Amerikanern oder auch nur Deutschen? Völlig undenkbar.
Die Gegner bei diesen B-WM-Turnieren hatten ungefähr das Format der vier ersten Widersacher bei dieser WM hier in Bratislava. Gegen Italien und Norwegen erlitten wir in den 1970er- und 1980er-Jahren mehrere schmähliche Niederlagen. Einmal mussten wir gar mit den Rumänen heimlich ein Unentschieden abmachen, um dem Abstieg in die C-WM zu entgehen.
Nun haben wir in Bratislava in fünf Tagen nacheinander Italien (9:0), Lettland (3:1), Österreich (4:0) und Norwegen (4:1) besiegt. Diese Leistung entspricht einem Gewinn einer B-WM der 1970er- und 1980er-Jahre. B-Weltmeisterzu sein galt damals als ein märchenhafter Triumph. Als sporthistorisches Ereignis.
Die Schweiz hat nun in Bratislava sozusagen die B-WM gewonnen und ist B-Weltmeister. Ein grosser, bedeutsamer Erfolg. Das sei in den historischen Zusammenhang gestellt, weil ja da und dort der Gedanken aufkommen könnte, Siege gegen Italien, Lettland, Österreich und Norwegen seien eine Selbstverständlichkeit. Das sind sie ganz und gar nicht. Das waren sie nicht in den 1970er- und1980er-Jahren und das sind sie auch im 21. Jahrhundert nicht.
Die Norweger hatten zwar nicht den Hauch einer Chance. Auf einen Satz reduziert: die Mannschaft mit Jonas Holos als Verteidigungsminister (er ist nicht mehr gut genug für Gottéron), spielt gegen die Mannschaft mit dem NHL-Titanen und zweifachen WM-Finalisten Roman Josi als Verteidigungsminister. Noch Fragen? Aber das ist billige Polemik. Und respektlos.
Vier Siege zum Auftakt hatten wir auch 2010 und 2013. Und das erst noch gegen stärkere Gegner (u.a. Schweden, Kanada und Tschechien). Und doch sind die vier Siege von Bratislava einmalig und nicht vergleichbar mit 2010 und 2013.
2010 und 2013 sind die Siege unter Sean Simpson wie im «Rausch» herausgespielt worden. Völlig unerwartet. Aus der Position des Aussenseiters. Es waren wundersame Tage. Es lief einfach alles. Sowie es eben wunderbare Tage im Leben gibt, an denen einem alles gelingt – und wenn wir zurückblicken, dann können wir fast nicht fassen, wie es möglich war.
2010 endete der Rausch im Viertelfinale in einer «Prügelpartie gegen Deutschland (0:1), 2013 erst im Finale gegen Schweden (1:5). Und eigentlich war damals allen klar: so etwas können wir nicht wiederholen.
Aber nun ist es anders. Die Schweizer haben viermal mit fast unheimlicher Selbstsicherheit, Ruhe, Logik und Präzision gewonnen. Sie haben gelernt, mit der Favoritenrolle zu leben, das Spielauf WM-Niveau zu machen und zu dominieren. Dazu waren sie in dieser überzeugenden, ja zwingenden Art und Weise (185:90 Torschüsse) noch nie in der Lage. Die Mannschaft hat in vier Spielen nur in einen einzigen wirklich ärgerlichen Konter zugelassen – und der führte in der 59. Minute zum bedeutungslosen einzigen Treffer der Norweger.
Es war zugleich das einzige Gegentor bei nummerischem Gleichstand. Und das so ziemlich einzige Mal, dass ein gegnerischer Stürmer allein auf unseren Torhüter zulaufen konnte. Kurzum: Die Schweizer sind zum ersten Mal an einer WM so aufgetreten wie die Grossen.
Einerseits viermal hintereinander den Gegner dominieren und andererseits viermal hintereinander defensiv solid spielen – das ist eine Leistung, die gar nicht hoch genug bewertet werden kann. Es ist das Resultat des wohl erstaunlichsten Reifeprozesses, den je eine Mannschaft auf internationalem Niveau in so kurzer Zeit unter dem gleichen Cheftrainer durchlaufen hat. Was 2016 unter Patrick Fischer in Moskau wildes «Pausenplatz-Hockey» war, ist heute die spielerisch und taktisch beste Nationalmannschaft der Neuzeit.
Eine Laune des Spielplanes will es, dass wir nach der «B-WM» nun sozusagen in die «A-WM» aufsteigen: jetzt folgen in den Gruppenspielen die Partien gegen Schweden (Samstag), gegen Russland (Sonntag) und Tschechien (Dienstag) – und anschliessend am Donnerstag das Viertelfinale auch gegen einen Grossen.
Drei «Vorbereitungsspiele» fürs Viertelfinale. Drei Partien, um unser Spiel zu perfektionieren und zujustieren.
Ob diese WM als eine ruhmreiche (wie 2013 und 2018) oder eine gewöhnliche in die Geschichte eingeht, wird im Viertelfinale entschieden.
Aber eines können wir jetzt schon sagen: die Schweizer haben den so schwierigen letzten Schritt von einem guten zu einem grossen WM-Team gemacht. Die Frage ist nur noch, ob dieser historische Schritt bereits mit einer weiteren Medaille gekrönt werden kann oder noch nicht.
So oder so gilt: selbst wenn wir die drei restlichen Vorrundenpartien verlieren und im Viertelfinale scheitern sollten: die bereits erbrachten Leistungen bei dieser WM haben einen ähnlichen inneren sportlichen Wert wie die Silber-WM 2018. 2018 ist bestätigt.
Die Schweiz ist in die Eliteklasse der Grossen aufgestiegen. Und sie wird dort bleiben.