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Rodolphe Buxcel, ein Waadtländer, der in der Schweizer Kolonie Chabag im zaristischen Russland geboren wurde, dürfte wohl der älteste Schweizer weltweit sein. An diesem Dienstag kann er in Michigan in den USA seinen 109. Geburtstag feiern.
Rodolphe Buxcel, geboren am 5. September 1908, steht auch am Tag seines 109. Geburtstags wie jeden Morgen um sechs Uhr in der Früh auf. Er ist nicht mehr so mobil, und seine Tochter Erika muss ihm mehrmals die gleiche Frage stellen, auf Französisch und Spanisch. Das ist für einen Mann, der wohl der älteste Schweizer weltweit ist, nicht erstaunlich: "Ich hätte nie gedacht, dass er so alt werden würde. Als er jünger war, hatte er Probleme mit dem Magen", erzählt Erika, die sich in Baroda am Michigan-See um ihn kümmert, seit sie in die USA emigriert sind.
Schweizer Kolonie von Chabag
1822 gründeten Waadtländer in Russland das Winzerdorf Chabag. Der russische Zar hatte den Schweizern das Land überlassen. Die Fläche umfasste 50 km2. Gemäss Vertrag, der bei einem Notar in Vevey unterzeichnet wurde, musste jeder Haushalt eine Bibel und ein Gewehr mitbringen.
Die Kolonie war dem Lauf der Geschichte ausgeliefert: Zunächst gehörte die Kolonie zum Russischen Reich, 1917 übernahmen die Bolschewiken das Zepter, zwischen den beiden Weltkriegen war die Kolonie rumänisches Gebiet, 1940 gehörte sie zur Sowjetunion, später wieder zu Rumänien, 1944 eroberten die Soldaten der Roten Armee das Gebiet zurück, das schliesslich ab 1991 zur Ukraine gehörte.Infobox Ende
"Wir waren reich, aber hatten kein Geld", erinnert sich der greise Jubilar. "Wir hatten russische Bedienstete und schöne Häuser, aber keine Unmengen von Geld. Mein Vater besass einen Weinberg von 50 Hektaren und 130 Hektaren Ackerland. Er beschäftigte zahlreiche Dienerinnen und Diener. Er pflanzte viel Mais an. Er hatte 12 bis 15 Schweine. Wir schlachteten selber und machten vor allem Würste und Schinken daraus. Während der Getreideernte mit der Dampfmaschine stellten wir Arbeiter ein, die wir mit feinem Borschtsch ernährten. Für die Arbeit in den Reben konnte man auf Arbeiter auf Abruf zählen. Sie wohnten im russischen Nachbardorf. Mein Vater hatte zwei Ställe für die Pferde und die Kühe, einen für den Sommer und einen für den Winter", erzählt Rodolphe Buxcel im Kurzfilm "Das lebendige Gedächtnis von Chabag", der ihm gewidmet ist.
Waadtländer Wurzeln
Buxcels Vorfahren stammten aus dem Kanton Waadt, er kam aber in Chabag auf die Welt, in der Schweizer Kolonie während des zaristischen Regimes von Nikolaus II. Sein Vorfahre, der nach Chabag ausgewandert war, hiess Jacques-François Buxcel. Dieser verliess 1830 mit seiner Genfer Gattin Gabriella, geborene Achar, sowie sechs Kindern Romainmôtier: "In diesen Tagen ist in der Stadt Bern ein Wagen vorbeigefahren, auf dem eine grosse Kiste in der Form eines kleinen Hauses mit Fenstern und Türen stand", schrieb die Waadtländer Zeitung Nouvelliste am 5. März 1830.
Damit erreichte die Familie Buxcel die Kolonie, die 1822 vom Waadtländer Botaniker Louis-Vincent Tardent gegründet worden war.
Fünf Jahre in deutschen Lagern
Der Familie Buxcel ging es in der Schweizer Kolonie gut bis am 28. Juni 1940, dem Tag, als die Sowjets kamen. Buxcels verloren Land und Güter. Rodolphe Buxcel und seine Familie verbrachten darauf fünf Jahre in deutschen Lagern, ehe sie nach Kriegsende in Lausanne ankamen.
1951 beschliesst Rodolphe Buxcel, nach Uruguay auszuwandern, um dort am Ufer des Rio Negro Reben anzupflanzen. "Nach der Flucht vor den Kommunisten hatte ich Angst, dass Stalin auch die Schweiz überfallen werde", erklärt der Waadtländer mal auf Französisch, mal auf Russisch, Rumänisch, Ukrainisch oder Deutsch. Die Sprachen hatte er während seines Studiums am Gymnasium Siebenburger (Hermanstadt) in Transsilvanien gelernt.
Er spricht auch fliessend Spanisch, das er in Uruguay gelernt hat. Englisch hingegen spricht er nicht, obwohl er seit 33 Jahren in den USA lebt. "Ich bin im Alter von mehr als 70 Jahren hierhergekommen, zu alt, um eine neue Sprache zu lernen!"
Wie alle Familien aus Chabag haben auch Buxcels den Schweizer Pass während der 120-jährigen Existenz der Kolonie behalten. Die einzigen, die bis 1942 in der damaligen UDSSR blieben, wurden wie der letzte Bürgermeister David Besson nach Sibirien oder ins Uralgebirge deportiert oder von der Roten Armee eingezogen. Nachkommen erzählen, dass sich die russischen Soldaten mit Schweizer Wein volllaufen liessen, nachdem sie auf die Fässer geschossen hatten.
"Ich erhalte eine AHV-Rente von 1400 Dollar pro Monat. In der Schweiz würde ich mit dieser Summe sterben vor Hunger."
Das Geheimnis der Langlebigkeit
Was könnte das Geheimnis für die Langlebigkeit dieses Mannes sein, der heute immer noch guten Appetit, aber Schwierigkeiten mit Gehen hat? "Ich gehe um neun Uhr zu Bett und stehe um sechs Uhr auf." Ein zwangsläufig asketisches Leben: "Ich erhalte eine AHV-Rente von 1400 Dollar pro Monat. In der Schweiz würde ich damit sterben vor Hunger."
Auf Französisch, mit einem russischen Akzent, erzählt er von seiner Kindheit in Chabag, von Truthähnen, die auf dem Dach Stroh pickten und man zu Weihnachten ass. Oder vom tragischen Ertrinken eines Bruders in einer Wanne. "Mein Vater Emile Buxcel hatte zehn Kinder: Vier Jungen und sechs Mädchen. Ich war der Jüngste." Bis vor wenigen Jahren fuhr Rodolphe Buxcel regelmässig ins Wochenendhaus der Familie zum Fischen, wo er stundenlang verweilen konnte.
Übrigens: Ein anderer französischsprachiger Schweizer hatte das gleiche biblische Alter erreicht, der Freiburger Pierre Gremion, der im Jahr 2012 am Vorabend seines 110. Geburtstages in Broc starb.
Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler