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BBC und SRG sind politisch in einer ähnlichen Situation. Reform und Strategiepapiere gibt es deshalb auf der Insel und auch im Alpenland. Bei der SRG zuletzt mit "Öffentlichkeit 4.0". Eine kleine Revolution. Von Robert Ruoff.
Beide, die SRG und die BBC, stehen an einem Wendepunkt ihrer Geschichte. Die BBC wird im Jahr 2022 hundert Jahre alt. Die SRG wurde 1931 gegründet, also vor 85 Jahren. Die «BBC Charter», also der Leistungsauftrag «der besten Rundfunkanstalt der Welt», muss 2016 wieder vereinbart werden. Die Konzession der SRG, der nationalen Fernsehanstalt der Schweiz, läuft Ende 2017 aus und muss neu gestaltet werden.
Für beide, die SRG wie die BBC bedeutet das: Es ist eine Zeit der umfassenden Erneuerung. Die Digitalisierung und das Internet schaffen völlig neue Rahmenbedingungen. Das klassische Radio und Fernsehen verlieren an Bedeutung. Das Publikum versammelt sich immer weniger zu einer bestimmten Zeit vor einer bestimmten Sendung. Die nachwachsenden Nutzerinnen und Nutzer holen sich Information, Bildung und Unterhaltung wann sie wollen und wo sie wollen.
Die SRG ist unter Druck von bürgerlichen Parteien, Organisationen und Unternehmern und der privaten Konkurrenz, die unter dem Motto «Mehr Wettbewerb!» den Service public einschränken und seine Gebühreneinnahmen reduzieren wollen. In England zwingt die konservative britische Regierung, die die BBC sowieso nicht liebt, das Unternehmen zum Sparen. Und zudem bringen, wie üblich in solchen Zeiten, Gerüchte Unruhe in den Betrieb. Die Regierung war gezwungen zu dementieren, dass sie die BBC daran hindern wolle, populäre Programme wie "Strictly Come Dancing" zu guten Sendezeiten auszustrahlen.
Der BBC-freundliche «Guardian» gab Entspannung und meldete, die neue Charta sei mehr oder weniger unter Dach und Fach. Gleichzeitig setzte er ein neues Gerücht in die Welt. Der Medien-Kolumnist Steve Hewlett berichtete, dass BBC-Generaldirektor Tony Hall die Direktionen der Radio- und Fernsehkanäle abschaffen und das Unternehmen nur noch in drei grossen, inhaltlich umfassenden Feldern organisieren wolle: Informieren, Bilden, Unterhalten. Das sind Überlegungen, die naheliegend sind für Mediendirektoren, die einerseits ihre Häuser auf inhaltliche Kompetenz und auf die Konvergenz von Radio, Fernsehen und Online ausrichten wollen, und die andererseits zu Sparmassnahmen gezwungen sind.
Fest steht: Beide Medienhäuser, die SRG wie die BBC, müssen sich auf eine härtere Zukunft einrichten und ihre Vorstellungen darüber auf den Tisch legen, wie sie unter den neuen Bedingungen ihren Service public leisten wollen. In der Schweiz steht im Juni der Bericht des Bundesrates zum Service public im Rundfunk an. In England erwartet man in der nächsten Zeit das «White Paper» der Regierung zur neuen Charta der BBC.
Die BBC selbst hat ihre Vorstellungen bereits im vergangenen Jahr der Öffentlichkeit vorgestellt.
Britisch, Mutig, Kreativ
Mit dem Titel «Britisch, Mutig, Kreativ» setzt BBC-Generaldirektor Tony Hall ein selbstbewusstes Motto über die Zukunftsvorstellungen für die nächsten zehn Jahre der BBC. Selbstbewusstsein prägt das Programm insgesamt mehr als Selbstkritik. Die BBC muss weiterhin grossartige Programme machen, heisst es da, sie widerspiegelt die Gemeinschaften und Nationen des Landes. Sie ist das Schaufenster für das Beste, was das Land zu bieten hat, und sie zeigt das Beste in der ganzen Welt.
Das ist ja auch gar nicht falsch. Die BBC ist mit ihren Informationssendungen und ihren Dokumentationen und ihren harten Interviews nach wie vor zu Spitzenleistungen fähig – allerdings ist das interessierte Publikum bei Channel 4, dem privaten Public service-Sender, deutlich jünger. Die BBC hat mit Unterhaltungssendungen wie «Strictly Come Dancing» weltweit gültige Formate geschaffen, ihre Kinderprogramme haben Marken gesetzt, und sie hat es geschafft, mit ihren eigenen Serien die jahrelange Vorherrschaft der US-amerikanischen Seifenopern zu brechen.
All das gelang mit einer Gebühr, deren Höhe im europäischen Vergleich im Mittelfeld liegt. Und für die grundsätzlich das Gleiche gilt wie für die SRG-Gebühr in der Schweiz. Die Gebühr macht das nationale Fernsehunternehmen unabhängig von Sonderinteressen. Und weil jeder (Haushalt) zahlt, ist es für alle billiger.
Britisch, mutig und kreativ will die BBC auf dieser Grundlage auch in der Zukunft sein.
Die Zukunft: das Internet
Das traditionelle Radio und Fernsehen wird in den nächsten zehn Jahren für die Mehrheit des Publikums der Hauptkanal sein, sagt die BBC-Führung. Aber der Wechsel zum Internet und damit zu den Plattformen, auf denen man zur gewünschten Zeit die gewünschten Inhalte nach Belieben abholen kann, wird vielleicht schon in fünf Jahren die Hauptrolle übernehmen. Die BBC will diesen Wechsel im Rhythmus ihres Publikums vollziehen. Das heisst mit den Worten der BBC: «Wir werden in den nächsten zehn Jahren zwei Pferde reiten müssen.» Das gilt gewiss auch für die SRG.
Dabei hat in Grossbritannien die Zukunft schon begonnen. «BBC three ist wohl der erste grössere Fernsehkanal auf der Welt, der ganz und ausschliesslich Online geht», heisst es in der «BBC Charter Review». Seine Zielgruppe sind die «digital natives« von 16 bis 34, also die Internet-Generation. Der Inhalt ist ein Mix aus Information, Comedy und Unterhaltung in neuen Programmformen: kurze Videos, Bildgeschichten und Blogs von Autoren, die die Leute «zum Lachen und Denken bringen».
Die SRG ist noch nicht ganz so weit.
SRG: Im Umbruch
Aber auch die SRG befindet sich in diesem schwierigen Umbruch.
Die Programmstruktur des SRF-Fernsehens ist seit zwanzig Jahren die gleiche: Es ist ein Taktfahrplan, bei dem die Zuschauerin und der Zuschauer seit Jahren wissen, wann der «Kassensturz« kommt und wann der Krimi und wann die «Tagesschau» sowieso.
Neben dem Fernsehen gibt es das routinierte Angebot der Radiokanäle von Eins bis Vier, mit den Inhalten, die sich so langsam wandeln wie das Publikum.
Und wieder daneben hat die SRG die Online-Angebote wie «srf.ch» angesiedelt. Sie dürfen nur Themen aufgreifen, die im SRG-Radio und Fernsehen behandelt werden und dies in knapper Form, weil die privaten Zeitungsverleger sonst um ihre Zukunft fürchten.
Eine etwas freiere Entwicklung ist nur den Internet-Angeboten für das Ausland gestattet. «Swissinfo.ch» vertritt als Nachfolger von Schweizer Radio International die Schweiz in der Welt. Die italienischsprachige Radiotelevisione Svizzera bedient mit einem lokalen, nationalen und internationalen Online-Angebot unter der Adresse «rsi.ch/news» neben der italienischsprachigen Schweiz gezielt auch die italienische Nachbarschaft. Und die SRG denkt darüber nach, das zweite Fernsehprogramm «La due» nur noch online auszustrahlen.
All das atmet noch den alten Geist der Rundfunksender, die als Türhüter der Information die Inhalte an ihre Konsumenten senden, die sie für gut und richtig halten. Oder von denen sie annehmen, dass die Konsumenten sie wünschen. Aber die Zeit der Türhüter geht zu Ende.
SRG und «Öffentlichkeit 4.0»
Und so beschäftigt sich auch die SRG mit Zukunftsvisionen. Sie hat im April eine Studie vorgestellt, welche das Gottlieb Duttweiler Institut GDI in ihrem Auftrag unter dem Titel «Öffentlichkeit 4.0» erarbeitet hat. Es ist kein Programmkonzept und keine Idee der künftigen Unternehmensstruktur. Es ist vielmehr eine Vision für das nationale audiovisuelle Unternehmen der Schweiz unter den Bedingungen der schönen neuen digitalen Welt. «Öffentlichkeit 4.0» geht aus von einer Informationsgesellschaft, die in allen Bereichen revolutioniert wird durch eine Software, die «intelligenzgetrieben und lernfähig ist».
«Öffentlichkeit 4.0 versucht», schreiben die Autoren der GDI-Studie, «die Umrisse des kommenden Ökosystems für die Medienbranche auszuloten, in der nicht nur Geld verdient wird, sondern die auch einen öffentlichen Auftrag zu erfüllen hat.» Die Ideen der Autoren sind vielleicht noch ein Stück radikaler als die Vorstellungen der BBC, und wohl auch radikaler als die Denkansätze der SRG-Führung. «Es ist nicht unser Konzept», sagt SRG-Generaldirektor Roger de Weck, «aber es fliesst in unsere Überlegungen ein.»
SRG: Vor dem Umbau
Die SRG muss sich unter den Bedingungen der digitalen Disruption auf jeden Fall ein Stück weit neu erfinden. Unter diesem Gesichtspunkt ist «Öffentlichkeit 4.0» wohl der erste zusammenhängende Gedanke über die neu gestaltete Zukunft von Radio und Fernsehen im Service public der Schweiz, mit dem die SRG einen so grundlegenden Umbau zur Diskussion stellt. Es ist die Idee einer kleinen Revolution.
Die SRG soll unter den Bedingungen der digitalisierten Medienwelt nicht mehr nur ein Sender sein, der seinem passiven Publikum über Radio, Fernsehen und Online Botschaften schickt. Die SRG soll zur Plattform werden, auf dem die Bürger und Bürgerinnen, die Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz sich selber äussern, diskutieren und miteinander kommunizieren können. Die Idee geht also an die Wurzel der Tradition von Radio und Fernsehen, wie es bisher war.
Kanal und Plattform
Radio und Fernsehen bleiben stark als Kanäle für Live-Übertragungen und für Service public-Sendungen von besonderer Qualität. «Slow Media» soll dabei ein Markenzeichen des Service-Public-Angebots bleiben, erklären die GDI-Autoren. Sie meinen damit «Meister-Journalismus», denn sie konstatieren: Gegen Temporausch, Oberflächlichkeit und Profitstreben «entwickelt sich eine Sehnsucht nach handwerklicher Qualität und inhaltlichem Vertrauen… Die SRG setzt neue Qualitätsmassstäbe…» und: «Wie aus der kleinen Schweiz viele der besten Uhren und der besten Banken der Welt kommen, kommen von der SRG auch viele der besten Medienproduktionen der Welt.» Slow Media ist, so gesehen, attraktiv für die Nutzer wie für die Macher, es macht die Schweiz als Medienplatz attraktiv für Medienschaffende wie für Sponsoren und Werbepartner.
Es ist der Anspruch, dass der Service public auch unter den Bedingungen der dynamischen Informationstechnologie eine Marke bleibt.
Daneben soll die SRG eine Plattform sein, auf der die Nutzerinnen und Nutzer sich Information, Bildung, Kultur, Sport, Unterhaltung holen können, wann und wo sie wollen. Und vor allem sollen Bürgerinnen und Bürger diese Plattform nutzen können als Austausch für die Debatten in der direkten Demokratie.
Am Anfang der Revolution
Jede und jeder ist heute ein Publizist. Internet-User schreiben heute ihre Kommentare nicht nur auf den Nachrichtenportalen von «Watson» bis «Infosperber», sondern auch zu Hunderttausenden auf Facebook. Jede und jeder kann heute seine Foto-Geschichten auf «Instagram» und seine eigenen kleinen oder grösseren Filme auf «YouTube» laden und hoffen, dass sie von den Millionen Besuchern entdeckt werden. Manchmal mit Erfolg.
Zurzeit werden auf «Youtube» pro Minute zwischen 300 und 500 Stunden Video hochgeladen. In Toronto wurde 2012 das erste Smartphone-Filmfestival durchgeführt. Die Musikproduktion hat sich seit 2003 mehr als verdoppelt: «Im Jahr 2003 wurden weltweit etwa 40’000 Musikalben veröffentlicht, aktuell sind es mit etwa 100’000 Alben mehr als doppelt so viele.» (Öffentlichkeit 4.0) Die Revolution findet schon längst statt.
Aber das ist noch nicht die grosse Freiheit. Greg Niemeyer, Medien-Professor an der Universität Berkeley, reagiert auf dies Art von Plattform mit der Bemerkung: «Sie gibt zunächst nicht mehr als eine binäre Freiheit: Man kann entweder mitmachen oder auch nicht.» Und der «Economist» präsentiert auf seinem Titel Marc Zuckerberg mit einem globalen Herrschaftsanspruch als neuen Kaiser der Welt. Facebook steht aus dieser Sicht im Machtkampf mit Amazon, Apple, Google und Microsoft, und ihre Waffen heissen «virtual reality», «augmented reality» und «artificial intelligence». Ob sie uns nun mit ihren 3-D-Brillen und anderen digitalen Begleitern eine angereicherte physische Wirklichkeit anbieten oder einfach eine künstliche Realität, oder ob sie uns mit ihrer intelligenten Software in einen Mensch-Maschine-Dialog verwickeln: Sie steuern die Kommunikation der Menschen miteinander, mit Daten und mit der jeweiligen Umwelt insgesamt.
Diese schöne neue Welt ist aber bei weitem kein Modell der direkten Demokratie. Das algorithmisch gesteuerte Leben erscheint vielmehr als das genaue Gegenteil des autonomen, frei denkenden und handelnden Menschen. Und der Blick auf die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit zeigt die unheimliche Aktualität der Überlegungen von Aldous Huxley: «Das Überleben der Demokratie hängt ab von der Fähigkeit einer grossen Anzahl von Menschen, realistische Entscheidungen im Licht einer angemessenen Information zu treffen. Andererseits hält sich eine Diktatur an der Macht, indem sie die Tatsachen zensuriert oder verdreht, und indem sie nicht an die Vernunft appelliert und nicht an das aufgeklärte Eigeninteresse, sondern an Leidenschaft und Vorurteil, also an die mächtigen ‚verborgenen Kräfte‘, wie Hitler sie nannte, die in den unbewussten Tiefen des menschlichen Geistes verborgen sind.» (Aldous Huxley; Brave New World Revisited).
Neue Gemeinschaften
Aber die Menge der Daten auf Plattformen wie Twitter, YouTube, Instagram bleibt gleichzeitig ein Signal für die wiederkehrende Kreativität der Amateure. Die digitale Technik der Smartphones, iPads und Laptops erlaubt es den Konsumenten nicht nur, als Produzenten selber zu komponieren, fotografieren und zu filmen. Sie erlaubt auch die Umgestaltung der Welt und den Austausch mit anderen Menschen.
Die GDI-Studie zeigt das anschaulich mit Beispielen für die Möglichkeiten der digitalen Verfahren. Die neue Technologie erlaubt es mehr noch als bisher, die Welt in kleine Teile zu zerlegen und neu zusammenzusetzen. Und die digitale Technologie bringt Amateure und Profis zusammen zu einer Arbeit, in der gegenseitige Anregung und kreativer Austausch wichtiger ist als technische Perfektion.
Manchmal wird diese künstlerische Kreativität auch zu politischer Kreativität. Etwa wenn ein Video Ansprachen des amerikanischen Ex-Präsidenten George W. Bush so zusammengesetzt, dass er den Song «Imagine» von John Lennon singt, vermischt mit Videoclips aus dem Irakkrieg. Für solchen «Remix» braucht es keine Medien. Dafür genügt eine Plattform wie «Youtube» mit seinen über 1 Milliarde Nutzer. Es ist eine Menge, die sich in unzählige Gemeinschaften aufteilt und die sich zumindest in Teilen abgrenzt von den traditionellen Medien der Mächtigen.
Alte Spaltungen
Die Studie «Öffentlichkeit 4.0» bewegt sich mit ihren Hinweisen in der Dialektik zwischen Demokratie und politisch-ökonomischen Machteliten, in der sich auch die Entwicklung der Medien heute vollzieht.
Sie spricht von Christoph Blocher und der «Basler Zeitung», aber sie spricht auch von den Milliardären Rupert Murdoch, John Malone und dem saudischen Prinzen al -Walid ibn Talal al Saud». Ihnen gehört die News Corporation mit «The Sun, The Times, das Wall Street Journal, die New York Post, Sky und Fox News» und insgesamt gegen 200 Zeitungen. Und die Studie spricht von den selbsternannten Eliten der Welt, die am World Economic Forum WEF in Davos Lösungen für die Probleme der Welt propagieren, die im Ergebnis die grosse Zahl der Menschen doch nicht erreichen. Auch das ist Teil der Segmentierung, der Aufsplitterung der Gesellschaft in getrennte Gemeinschaften.
Auch mit dieser Spaltung der Gesellschaft hat die SRG zu kämpfen. Als Service public-Sender erreicht sie über die traditionellen Kanäle die digitalen Generationen immer weniger. Es ist nur folgerichtig, dass sie sich in diesem Umfeld auch zur Plattform wandeln will, auf der ein realer Dialog zwischen realen Menschen und ihren Gruppierungen stattfinden kann.
Grosser Wille, kleiner Mut
Wer in die SRG hineinschaut, findet heute allerdings nur kleine Partikel eines neuen Plattform-Angebots. Die Westschweizer Fernsehmacher haben unter dem Namen «Nouvo» für mobile Nutzer eine Serie von Clips auf Facebook platziert. Es sind Informationsfilme mit Bewegtbild, Schrift und Musik, die vom Smartphone oder anderen mobilen Geräten bequem herunter geholt werden können. Und die manchmal sogar mit einer Frage enden, um damit Meinungsäusserungen oder eine Debatte auszulösen.
Wer in die SRG hineinhört, vernimmt aus dem Sitz von SRF-Fernsehen, dass eine Gruppe junger Newsproduzenten am gleichen Projekt arbeitet. Hier ist das Ziel, die Nachtausgabe der «Tagesschau» neu zu gestalten, ähnlich der Sendung «heute+» des ZDF. Verstellt wird der Weg dahin zurzeit durch interne Widerstände und alte Normen auf der Seite der Technik und des alten Apparats.
Die britische BBC hat dieses Problem einfach dadurch gelöst, dass sie einen ganzen neuen Medienkomplex gebaut und das Programmteam zur einem grossen Teil mit Online-Produzenten von aussen besetzt hat. Das ist in der Schweiz schlicht nicht denkbar. Aber die Programmchefs wollen das Projekt auf nationaler Ebene über die Hürden bringen.
Die SRG als Plattform
Der Anspruch an eine Plattform für die Nutzer reicht aber viel weiter. Der Service public ist seiner Bestimmung nach ein republikanisches Gemeingut, das jedem Einzelnen und allen gemeinsam gehört. Das heisst auch, dass die SRG – Stichwort: «Vielfalt und Integration» – für den Austausch von Positionen und Meinungen sehr viel mehr tun müsste als das, was die SRG in der «Arena» heute schüchtern versucht.
Es heisst ausserdem – Stichwort: «Demokratie» –: die SRG müsste als «Beauftragte» viel umfassender und offener die Fragen der Bürgerinnen und Bürger an die politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, kulturellen und religiösen Autoritäten aufnehmen als mit gelegentlichen Twitter- und Mail-Einblendungen oder wohldosierter Publikumsbeteiligung in Gesprächssendungen.
Das ist alles angedacht in der GDI-Studie, welche die SRG in Auftrag gegeben hatte. Es ist sogar die Rede davon, dass es in der SRG eine «Operation Change Storm» geben könnte, bei der etwa «der Online-Redaktion für eine bestimmte Zeit eine gewisse Narrenfreiheit zugestanden werden» könnte. Es ist die Rede von einem Experimental-Modus, in dem auf einer SRG-Plattform Versuche mit Nutzerbeteiligung gestartet werden könnten. Und es ist die Rede davon, dass solche Experimente ein Recht auf Scheitern haben könnten.
Plattform zum freien Austausch
Auf diesem Weg könnte die SRG als Service public tatsächlich zu einem Marktplatz werden, auf dem sich die Menschen zum Austausch der Meinungen frei bewegen und alte Strukturen und Autoritäten in Frage stellen und überwinden. Wie auf dem alten Forum oder dem heutigen Maidan. Denn «Maidan" heisst nichts anderes als Platz, und Maidan heissen alle die Plätze, die zu Plattformen der Freiheit geworden sind: «Nesaleschnosti» in Kiew, «Tahrir» in Kairo, «Taksim» in Istanbul, «e-Shah» in Isfahan. All diese Orte sind Plätze der Repräsentation wirtschaftlicher, religiöser und politischer Macht. Und es sind Orte des Kampfs für Unabhängigkeit und Freiheit.
In der Schweizer Medienpolitik finden aber bislang vor allem Grabenkämpfe statt um die neue Verteilung der politisch-ökonomischen Markt- und Medienmacht.
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Die GDI-Studie «Öffentlichkeit 4.0» ist unter anderem zu finden auf der Website der SRG SSR: http://www.srgssr.ch/fileadmin/pdfs/GDI-studie_de.pdf
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