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Der Temperaturverlauf in den letzten Jahrhunderten und Jahrtausenden ist sehr umstritten. Bild: Keystone
Die Klimaforscher gaben zu, dass sie mit einem grossen Problem kämpften. Als sie 1990 den ersten Bericht des Weltklimarats IPCC schrieben, räumten sie ein, es habe seit dem Ende der letzten Eiszeit höchst wahrscheinlich stärkere globale Erwärmungen gegeben, ohne dass der CO2-Anteil in der Atmosphäre angestiegen war: «Weil wir die Gründe für diese Erwärmungen in der Vergangenheit nicht verstehen, können wir bei der heutigen, geringeren (!) Erwärmung dem Ausstoss von Treibhausgasen noch nicht einen spezifischen Anteil zuschreiben.» (siehe hier)
Bis in die 1960er-Jahre glaubten die Meteorologen das Dogma, dass sich das Klima im Holozän, also in den letzten 12’000 Jahren, kaum verändert habe. Die Geologen wussten zwar längst um die Eiszeiten zuvor, aber diese liessen sich dank den Erkenntnissen des serbischen Mathematikers Milutin Milankovic (1879–1958) erklären: Die periodische Vergletscherung, im Rhythmus von rund 100’000 Jahren, kam von den Schwankungen, wie sich die Erde um die Sonne dreht und sich zu ihr neigt. Für die Zwischeneiszeit, in der wir leben, fallen diese Faktoren jedoch nicht ins Gewicht.
Erwärmung ohne menschlichen Einfluss
Als die Forscher 1990 ihren Bericht schrieben, stellten sie denn auch fest, dass die letzte starke Erwärmung bei Verhältnissen wie heute zu beobachten war – einfach ohne menschengemachtes CO2: «Die Zeit vom späten 10. bis ins frühe 13. Jahrhundert (etwa 950–1250) scheint in Westeuropa, Island und Grönland ausserordentlich warm gewesen zu sein. Diese Periode ist als Mittelalterliches Klimaoptimum bekannt.»
Zu verdanken sind diese Erkenntnisse vor allem dem englischen Meteorologen Hubert Lamb (1913–1997). Als Pionier der Klimageschichte wies er beispielsweise nach, dass im Hochmittelalter die Engländer bis weit in den Norden Wein anbauten und dass die Wikinger auf Grönland als «grünem Land» Viehzucht betrieben. Dank dem optimalen Klima vor tausend Jahren wuchsen in Europa die Städte heran, und zogen in den Alpen die Walser in die unwirtlichsten Krachen, wo es sich heute kaum bauern lässt. Ja, es kam gar zur ersten Globalisierung mit regem Handel, wie die Harvard-Historikerin Valerie Hansen in ihrem aktuellen Buch «Das Jahr 1000» zeigt.
Quelle: IPCC FAR 1990
In seinem ersten Bericht von 1990 wusste der IPCC noch um die Kleine Eiszeit und das Mittelalterliche Klimaoptimum – mit höheren Temperaturen als heute!
Diesen Forschungsstand, das Mittelalterliche Klimaoptimum und die Kleine Eiszeit bis ins 19. Jahrhundert danach, zeigte eine Grafik im ersten IPCC-Bericht – obwohl die Forscher ihr Problem nur allzu genau sahen: Wenn es im Hochmittelalter wärmer war als heute, konnte ihre Theorie nicht stimmen, dass die Erwärmung im 20. Jahrhundert allein von den Treibhausgasen kam. Der amerikanische Klimatologe David Deming erhielt deshalb 1995, wie er später vor einem Komitee des US-Senats aussagte, eine «erstaunliche Mail» von einem Kollegen: «Wir müssen die Mittelalterliche Warmzeit loswerden.» (siehe hier)
Michael Mann bastelt den Hockeyschläger
Diesen Job erledigte ein junger Forscher: Michael Mann, der 1998 in Yale den Doktor gemacht hatte und gleich zum Leitautor für den dritten IPCC-Bericht gekürt worden war. Der Bericht, für den der Berner Professor Thomas Stocker die Verantwortung mittrug, kam 2001 heraus, und darin prangte das Werk von Michael Mann. Er hatte Baumringe aus den letzten tausend Jahren ausgewertet und für die Gegenwart, wo die Daten nicht ins gewünschte Bild passten, einfach die Temperaturmessdaten angehängt. Was dabei herauskam, wurde als «Hockeyschläger» berühmt: Seit dem Jahr 1000 herrschte stets dieselbe Temperatur (der Schaft), erst im 20. Jahrhundert stieg sie steil an (die Kelle).
Quelle: IPCC TAR 2001
Michael Mann bastelte den berühmten «Hockeyschläger», indem er an seine Baumring-Daten (blau) für das 20. Jahrhundert einfach Temperatur-Messwerte (rot) anhängte.
Einige Kritiker, die mehr von Statistik verstanden, nahmen das Machwerk auseinander. So wies der kanadische Mathematiker Steven McIntyre nach, dass sich mit Manns Methoden aus beliebigen Daten ein Hockeyschläger basteln lässt. Und vor der wichtigen Klimakonferenz von Kopenhagen 2009 machten Hacker die Korrespondenz von Mann mit Kollegen öffentlich: Dieses «Climategate» (das die Schweizer Medien kaum zur Kenntnis nahmen) zeigte, dass die Konstrukteure des Hockeyschlägers nicht nur Redaktoren von Fachzeitschriften bedrängt, Gutachter selber ausgesucht und Kritiker verschrien, sondern auch Daten passend gemacht hatten. Michael E. Mann führt heute noch Verleumdungsklagen gegen seine Kritiker, in der vorläufig letzten Runde in diesem Jahr gabs eine Abfuhr.
Und es gab die Erwärmung doch
Vor allem wiesen in den letzten zwanzig Jahren Tausende von Studien starke Schwankungen des Klimas nach, und zwar weltweit. Für Europa, ja die ganze nördliche Hemisphäre liess sich die Erwärmung im Mittelalter nicht mehr bestreiten. Die IPCC-Forscher tauften sie deshalb zur Medieval Climate Anomaly um (weil es für eine Anomalie ja keine Erklärung braucht) und suchten eifrig nach Daten aus anderen Weltregionen, wo sich das Klima im Mittelalter abkühlte. Dabei störten allerdings der Chemiker Fritz Vahrenholt und der Geologe Sebastian Lüning, die seit zehn Jahren das Treiben des IPCC als Buchautoren und Gutachter kritisch beobachten: Sie veröffentlichten in Fachzeitschriften mit Peer-Review systematisch den Forschungsstand für sämtliche Kontinente – er zeigte überall eine Erwärmung (siehe hier).
Schlimmer noch: Dem Dogma widersprach auch, was der führende Paläoklimatologe Ulf Büntgen erkannte, der, in Bern habilitiert, heute in Cambridge lehrt und weiter am ETH-Institut WSL forscht. So stellte eine Studie von 2012 fest, «dass frühere Schätzungen der Temperaturen in Römerzeit und Mittelalter zu tief waren» – im Klartext: dass es damals deutlich wärmer war als heute (siehe hier). Und so zeigte eine Studie von 2020 auch weltweit Zeiten mit stärkerer Erwärmung vor zweitausend und vor tausend Jahren. Im 20. Jahrhundert stiegen die Temperaturen nur ebenso stark an, weil die Forscher (als Seitenhieb gegen Michael Mann?) noch die Messdaten anhängten (siehe hier).
Quelle: Büntgen 2000
In den Baumring-Daten von Ulf Büntgen tauchen die früheren Warmzeiten wieder auf – dass es heute wärmer sein soll denn je, zeigen nur die Temperaturdaten (blau, ganz rechts).
Deshalb kam es zum Streit im Konsortium PAGES 2k, das mit Hauptquartier in Bern und Geld der Schweizer Steuerzahler für den IPCC die konforme Klimageschichte schreibt: Ulf Büntgen stieg mit prominenten Kollegen aus, «weil wir nicht mehr einverstanden waren, wie grossräumige Datensätze zusammengesetzt und analysiert wurden». Das Team um die Berner Nachwuchskraft Raphael Neukom konnte also mit den weltweit gesammelten Daten machen, was es wollte.
Simsalabim: ein neuer Hockeyschläger!
Das ging selbst gleichgesinnten Kollegen wie Michael Mann zu weit. Als das Team seine Sammlung 2012 in «Science» publizieren wollte, forderten sie, die zahlreichen neuen Datenreihen müssten zuerst einzeln im Peer-Review bestehen. Allerdings sollte die Studie in den IPCC-Bericht von 2013 kommen, für den Thomas Stocker als Hauptverantwortlicher stand. Deshalb reichte sie das Team als «Progress Article» (ohne Peer-Review!) bei «Nature» ein; es kam denn auch zu mehreren Korrekturen (siehe hier). Aus den Tausenden von Datenreihen wählte es 2017 für einen Artikel 692 aus und schränkte diese Auswahl 2019 für einen nächsten Artikel weiter auf 257 ein – jeweils ohne die Kriterien für die Entscheide offenzulegen. So zauberte es, simsalabim!, wieder einen Hockeyschläger, der im neuen IPCC-Bericht die Zusammenfassung für die Politiker (und nur diese) schmückt: Die Globaltemperatur blieb zwei Jahrtausende gleich, erst im 20. Jahrhundert stieg sie stark an.
Quelle: IPCC AR6 2021
In der Zusammenfassung für die Politik des neuen IPCC-Berichts, und nur hier!, zaubert ein Berner Team wieder eine Klimageschichte, die zur Theorie des Weltklimarats passt.
Die Experten streiten jetzt um die Fragen, die Ulf Büntgen antönte: Wie aussagekräftig sind die Datenreihen, die das Team auswählte, wie widerspruchsfrei die Globaltemperaturen, die es damit errechnete? Dass in ihrer Wissenschaft Konsens herrsche, können die Paläoklimatologen jedenfalls nicht behaupten. Und die Laien wundern sich: Weshalb sollen sie Wissenschaftlern glauben, die ihre Daten so lange kneten, bis sie zu ihrer Theorie passen?
Lesen Sie hier Klimageschichte Teil 1.
Weitere Informationen:
Fritz Vahrenholt, Sebastian Lüning: Unerwünschte Wahrheiten. Was Sie über den Klimawandel wissen sollten, München 2020, 352 Seiten, Fr. 32.90.
Valerie Hansen: Das Jahr 1000. Als die Globalisierung begann, München 2020, 393 Seiten, Fr. 42.90.
Serie zur Klimageschichte
Ende Oktober startet die zweiwöchige Uno-Klimakonferenz in Glasgow. An dieser Konferenz sollen Wege gefunden zu werden, den Ausstoss an Treibhausgasen zu reduzieren. Eine zentrale Frage ist dabei, wie sich das Klima künftig verändern wird. Das kann aber nur voraussagen, wer den Wandel des Klimas in der Vergangenheit versteht. Die Arbeit des Weltklimarats IPCC lässt dabei viele Fragen offen. In einer Serie geht der «Nebelspalter» der Geschichte des Klimas nach. Autor der Serie ist Markus Schär, der sich als Historiker und Journalist seit langem mit der Klimageschichte auseinandersetzt.