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Pedro Lenz verbrachte die Ferien oft bei seiner Grossmutter in Madrid. Das bedeutete: viel Aufmerksamkeit und viele Küsse. Und alte Schwarzweissfilme, die ihn Melancholie lehrten.
Als ich 1965 zur Welt kam, waren zwei meiner vier Grosseltern bereits verstorben. Mein Vater hatte nur noch seinen Vater, einen uralten Herrn in Anzug und Krawatte, der tief in der Ostschweiz allein in einem grossen Haus lebte. Sonntags fuhren wir manchmal zu ihm hinaus. Meine Erinnerungen an den Opapa sind beinahe verblasst. Er verstarb, als ich sechs Jahre alt war. Und ich glaube mich noch zu erinnern, dass mich dieser Tod eher interessant als traurig dünkte. An der Beerdigung soll ich viele praktische Fragen zum Sarg und zur Erdbestattung gestellt haben.
Von meiner Mutter, einer Spanierin, die meinen Vater in Spanien kennenglernt und geheiratet hatte, lebte bei meiner Geburt auch nur noch ein Elternteil. Die «Abuelita» war eine selbstbewusste Witwe, die im Herzen Madrids eine Wohnung mit vielen Zimmern bewohnte. Ein- oder zweimal im Jahr besuchte uns die «Abuelita» in Langenthal. Da sie keine Fremdsprachen sprach, war es immer abenteuerlich, mit ihr einkaufen zu gehen. Sie redete mit dem verdutzten Verkaufspersonal nur Spanisch und wir Geschwister wussten nicht recht, ob wir drüber beschämt oder belustigt sein sollten.
Was mir von der «Abuelita» allerdings am besten in Erinnerung geblieben ist, sind die Ferien bei ihr in Madrid. Es muss in den Jahren gewesen sein, als mein älterer Bruder bereits ins Skilager durfte und meine jüngere Schwester noch am Rockzipfel der Mutter hing. Da wurde ich von meinen Eltern zuweilen für ein paar Tage bei der «Abuelita» abgegeben, was mir grossartig vorkam, weil ich ihre volle Aufmerksamkeit genoss.
Alles an ihrer Wohnung schien mir geheimnisvoll. Es begann schon damit, dass es beim Hauseingang eine Pförtnerloge mit einem Pförtner gab, der jeden grüsste, der das Haus betrat oder verliess. War man an der Loge vorbei, betrat man einen uralten offenen Lift, dessen Kabine wie ein Gitterkäfig aussah. Der Lift knatterte und knirschte, dass es eine Freude war.
In Grossmutters Wohnung stand gleich beim Eingang eine Bonbonniere, aus der ich mich mehrmals täglich bedienen durfte. Die Zimmer waren sehr hoch und der Korridor, in dem ich mit Murmeln und Modellautos spielte, kam mir unendlich lang vor.
Grossmutter war eine alte Dame, die nicht mit mir auf den Boden kniete, aber sie war unglaublich lieb zu mir, verwöhnte mich bei jeder Gelegenheit und fuhr mit mir U-Bahn. In der Markthalle durfte ich den Fisch auswählen, den sie zubereiten sollte. Im Café der Bäckerei erhielt ich frisch gepressten Orangensaft und feinste Patisserie. Nachmittags nahm sie mich entweder mit zu einer Freundin oder ins Kino. Bei den Freundinnen meiner Grossmutter wurde ich jeweils saftig abgeküsst und für mein spanisches Aussehen gerühmt, bevor mich die Damen mit Kuchen abfütterten. Das gefiel mir.
Aber noch lieber ging ich ins Kino, wo wir uns meist alte Schwarzweissfilme von Stan Laurel & Oliver Hardy, Buster Keaton oder Charly Chaplin anschauten. Das waren lauter Filme, von denen man dort und damals annahm, sie seien ideal für ein Kind, weil sie lustig waren. Aber für mich waren die Filme, die ich mit meiner Grossmutter sah, nicht lustig, sie riefen in mir eine bleibende Melancholie hervor und sie zeigten mir, wie nahe Humor und Tragik beieinanderliegen.
Meine Grossmutter starb, als ich 13 war. Ich weiss noch, wie wir am Mittagstisch sassen, die Mutter weinte und der Vater sagte uns Kindern, soeben sei die Nachricht vom Tod der Grossmutter eingetroffen. Ihr Tod fiel fast mit dem Ende meiner Kindheit zusammen.•