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Über 1’330 Seiten Text, über 1’000 namentlich genannte Charaktere (und über 300 Seiten gelehrte Anmerkungen) – dieser chinesische Roman lässt selbst die diesbezüglich viel geschmähten Russen problemlos hinter sich…
Und dabei gilt Die Geschichte der Drei Reiche den Chinesen als einer ihrer vier klassischen Romane.
Lange stand ich vor der Frage, ob ich hier nun den Bericht eines Historikers vor mir habe, der – ähnlich wie Thukydides oder Herodot – seinen Bericht etwas aufhübscht, indem er Dialoge zwischen den Protagonisten hinzu erfindet, so, wie die alten Griechen ihre Feldherren Reden halten liessen, die sie so nie gehalten hatten, aber so hätten halten müssen (weil überliefert ist, dass die griechischen Feldherren vor der Schlacht Reden an ihr Heer hielten).
Nach ungefähr 400 Seiten aber war mir klar: Es handelt sich tatsächlich um einen historischen Roman. „Historisch“ deswegen, weil die Periode der Drei Reiche von 208-280 u.Z. dauerte, Luo Guanzhong, dem der Text üblicherweise zugeschrieben wird, aber von ca. 1330-1400 lebte. Der Roman existiert heute in zwei Fassungen, einer älteren, umfangreicheren, die 1522 zum ersten Mal im Druck erschien und in einer Bearbeitung, die rund 150 Jahre später entstand, den Roman von 240 auf 120 Kapitel kürzend und auch sonst besser strukturierend. Sie wurde erstellt durch die Gelehrten Mao Lung (Vater) und Mao Zongang (Sohn). Ob bei diesen beiden irgendwelche verwandtschaftlichen Verhältnisse zu Mao Zedong bestehen, entzieht sich meiner Kenntnis. Hingegen weiss man, dass letzterer die kürzere, sog. Mao-Version tatsächlich in der Zeit der Bürgerkriegswirren und auch später immer bei sich trug, sozusagen als Kopfkissenbuch.
Es war nicht leicht, in diesen Roman hineinzufinden. Die grosse Zahl der Protagonisten verwirrt zu Beginn, verwirrt um so mehr, als dass viele davon mehrere Namen tragen: einen als Kind, einen als Erwachsener, einen Ehrennamen, einen Tempelnamen, einen Kaisernamen und einen postumen Namen. Auch lässt Luo Guanzhong die Geschichte schon im Jahr 180 beginnen, als Bauern gegen das ausbeuterische Regime der Eunuchen am Hof des Han-Kaisers revoltierten.
Ab ungefähr S. 400 wird die Sache, wie gesagt, etwas klarer. Die grosse Zahl der aus den Revolten hervorgegangenen Warlords, die grössere, kleinere und kleinste Territorien beherrschen, reduziert sich, indem sich die Warlords gegenseitig reduzieren, und nun kann Luo Guanzhong anfangen zu gestalten. Nachdem schon der ganze Roman mit einer Yin-und-Yan-Bemerkung verklammert ist („Was vereint ist, muss getrennt werden; was getrennt ist, muss vereint werden.“), die die ganze Epoche charakteriesiert und auch erklärt, warum der Roman seinen Anfang schon nimmt, als noch ein Reich und nicht deren drei existierte, werden nun auch die Charaktere schärfer herausgehoben und die Ereignisse stilisiert.
Nicht, dass Luo Guanzhong historische Ereignisse „fälschen“ würde, wie der Geschichtsprofessor Schiller für das Ende seiner Jungfrau von Orléans. Aber er beginnt, die Handlungen seiner Charaktere zu werten; er nimmt Stellung. Sein strahlender Held ist Liu Bei, der der erste Kaiser der Shu-Han-Dynastie werden sollte. Ihm zur Seite stehen weitere strahlende Helden, vor allem Guan Yu, sein Schwurbruder und tapferster General, und, alle überragend: Zhuge Liang, sein Militärberater und Kanzler. Letzterer ist es im Grunde genommen auch, der aus der kleinen Nummer Liu Bei, der bis anhin nur der Spielball mächtigerer Warlords war, eine ernst zu nehmende Figur machte. Auf Zhuge Liangs Rat setzte sich Liu Bei im Südwesten fest und wurde Teil jenes labilen Drei-Mächte-Gleichgewichts, das ein halbes Jahrhundert lang in China existieren sollte. Beide, der General wie der Kanzler, werden noch heute in Teilen Chinas als Gottheiten verehrt, wie ja Luo Ghuanzhongs Roman viel dazu beigetragen hat, dass die Epoche der Drei Reiche in China als heroisches Zeitalter rezipiert wird. Zhuge Liang hat im übrigen wirklich existiert, und er muss tatsächlich ein Stratege von ausserordentlichem Können gewesen sein – nicht zuletzt dank der Schilderungen seiner Vorgehensweisen ist die Geschichte der Drei Reiche auch zu einer Art Handbuch für Generale geworden und bis heute geblieben – s. Mao Zedong.
Daneben kennt Luo Guanzhong auch den rabenschwarzen Bösewicht: Cao Cao, der dem letzten Kaiser der Han alle Macht entreisst, und so erst den (wie dieser vorgibt: entfernt mit dem Kaiser verwandten) Liu Bei in die Revolte treibt. Es gibt noch weitere Merkmale einer bewusst dichterischen Gestaltung des Textes. So wiederholen sich die Ereignisse immer wieder: Nicht nur das Reich der Han geht unter, weil ein Kaiser sich zu sehr dem Luxus ergibt, zu sehr auf die Ratschläge seiner Eunuchen hört – auch Liu Beis Sohn erliegt diesem Schicksal (womit das Reich der Shu-Han das kurzlebigste der drei sein wird), 40 Jahre später wird im Reiche Wei Cao Caos Nachfahre Cao Huan von seinem Kanzler Sima Yan in derselben Art und Weise abgesetzt, in der der Kanzler Cao Cao seinerzeit seinen Han-Kaiser absetzte (was allerdings nur zu einen kleinen Teil Luo Guanzhongs Stilisierung war – die Ereignisse duplizierten sich tatsächlich). Die so neu gegründete Jin-Dynastie wird zuletzt das Reich der Wu erobern, auch hier, weil der Regent dem Luxus und den Einflüsterungen seines Lieblings-Eunuchen erlegen ist .
Selbst der Fokus der Geschichte lässt literarischen Gestaltungswillen erkennen. Wer Luo Guanzhongs Roman liest, erhält den Eindruck, dass Liu Beis Reich das wichtigste gewesen sei und der einzige ernst zu nehmende Antagonist von Cao Cao. In Tat und Wahrheit aber war die Zeit der Drei Reiche vor allem von den Spannungen zwischen Cao Cao und Sun Quan geprägt – Liu Bei hatte kaum mehr als die Rolle eines Züngleins an der Waage inne. Der Roman fokussiert auf den drei Warlords – zu Recht, denn nach deren Tod war den von ihnen gegründeten Reichen nur kurze Dauer beschieden.
Darüber, ob Zhuge Liangs wiederholte (und immer scheiternde) Versuche, das Nordreich Cao Caos und seiner Söhne zu erobern, Shu-Hans Existenz ruinierten, weil die hohen Militärausgaben das Land verarmen liessen, oder ob nur dank ständiger militärischer Präsenz das Reich überhaupt leben und überleben konnte, gehen bei den Historikern die Meinungen bis heute auseinander. Es ist jedenfalls zu bedenken, dass, als Zhuge Liangs Nachfolger, der nicht über dessen Rénommée verfügte, von seinen Eroberungsplänen absehen musste, Shu-Han in kürzester Zeit seinerseits von Norden überrollt wurde. Auch hier musste Luo Guanzhong nicht stilisieren; er konnte die vorgefundene Geschichte weitergeben.
Stilistisch archaisch, an mündlicher Erzähltradition orientiert. Kurze Kapitel, deren jedes mit einem Cliffhanger endet. („Wer war es, der da so sprach?“). Ich habe den Roman in der englischen Übersetzung von Moss Roberts gelesen (California University Press, 1991 – Lizenzausgabe der Folio Society mit Illustrationen, London, 2013). Der Roman wurde nie vollständig ins Deutsche übersetzt.