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| Basilius von Cäsarea († 379) - Homilien über das Hexaemeron (Homiliae in Hexaemeron)

Sechste Homilie
9.
„Und Gott machte die zwei großen Lichter1.” Das Wort „groß” hat bald eine absolute Bedeutung wie in den Ausdrücken der „große Himmel”, die „große Erde”, das „große Meer”, bald, und zwar meist eine relative, wie z. B. wenn man spricht von dem „großen Pferde”, vom „großen Stier”; nicht wegen ihres ausnehmenden Körpergewichtes, sondern nur im Vergleiche mit gleichartigen Tieren erhalten sie das Prädikat „groß”. Wie haben wir nun hier das Wort „groß” zu fassen? Etwa wie wir eine Ameise oder irgendein von Natur kleines Tier groß nennen, indem wir es mit einem andern derselben Art vergleichend als besonders groß prädizieren? Oder verstehen wir mit dem Wort „groß” die Größe, in der die Lichter in ihrer natürlichen Beschaffenheit sich zeigen? Ich verstehe es im letzteren Sinne. Denn sie sind nicht deshalb groß, weil sie größer sind als die kleinen Sterne, sondern weil sie ein solches Ausmaß haben, daß der von ihnen ausströmende Lichtglanz Himmel und Luft genügend beleuchtet und zugleich über die ganze Erde und das Meer sich [S. 104] ergießt. Auf welchem Fleck am Himmel sie stehen, ob sie auf- oder untergehen oder die Mitte einnehmen, überall erscheinen sie den Menschen gleich groß, was doch deutlich ihre ungeheure Größe beweist, wenn die Breite der Erde für ihr größeres oder kleineres Aussehen nichts zu bedeuten hat. Die fernabstehenden Gegenstände sehen wir ja sonst kleiner; je näher wir ihnen kommen, desto größer finden wir sie, Der Sonne aber ist niemand näher und niemand ferner, sondern sie erscheint allen Bewohnern der Erde in gleicher Entfernung. Beweis dafür ist, daß die Inder und Briten sie gleich groß sehen. Denn für die östlichen Bewohner verliert die Sonne bei ihrem Untergange nicht an Größe, für die Abendländer erscheint sie beim Aufgange nicht kleiner, und wenn sie mitten am Himmel steht, dann ändert sie ihr Aussehen nach keiner der beiden Seiten. Laß dich nicht vom Scheine täuschen, und denk nicht, es sei ihre wirkliche Größe, wenn sie dem Auge nur ellenbreit erscheint2! In sehr großen Entfernungen nimmt die Größe der Objekte, die wir sehen, ganz natürlich ab, weil die Sehkraft den Zwischenraum nicht zu durchdringen vermag, sondern sich gleichsam auf halbem Wege verliert und nur in einem kleinen Teil bis zu den geschauten Dingen vordringt3. Unser kurzes Gesicht also läßt uns die Gegenstände klein sehen, indem es die eigene Schwäche auf das Gesehene überträgt. Wenn also das Gesicht sich täuscht, so ist seinem Urteil nicht zu glauben. Denk nur an deine eigene Erfahrung, und du wirst das Gesagte selbst bestätigt sehen. Hast du einmal von einer hohen Bergesspitze aus eine weite und flache Ebene überschaut? Wie klein erschienen dir da die Ochsengespanne, wie klein die Ackerer selbst? Sind sie dir nicht fast wie Ameisen vorgekommen? Oder wenn du von einer Warte an einem großen Meere den Blick aufs Meer geworfen, wie klein kamen dir da die größten Inseln vor? Wie klein eines der größten Lastschiffe, das mit seinen weißen Segeln über das blaue Meer dahinfuhr? Schien es dir nicht kleiner als jede Taube? Eben deshalb, weil, wie gesagt, die Sehkraft von [S. 105] der Luft verzehrt und geschwächt wird und zur genauen Wahrnehmung der sichtbaren Dinge nicht ausreicht. Auch sehr große, durch tiefe Schluchten gespaltene Berge möchte unser Gesicht rund und glatt nennen, weil es nur bis zu den vorstehenden Teilen reicht, aber in die Höhlen dazwischen wegen seiner Schwäche nicht dringen kann. So kann es nicht einmal die Gestalten der Körper unterscheiden, sondern hält viereckige Türme für runde. Aus alledem erhellt, daß bei sehr großen Entfernungen unser Gesicht nicht ein scharf umrissenes, sondern ein sehr wirres Bild von den Körpern erhält. Groß ist also das Licht nach dem Zeugnis der Schrift, unendlich größer als es scheint.
1: Gen 1,16
2: vgl. Plinius, I. C. II,8
3: vgl. Plato, Timäus c. XIX