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«Sie war eine Vorreiterin des interreligiösen Dialogs.»
Oded Fluss über
Margarete Susman
In Zürich feiern die Kultureinrichtungen Omanut und die ICZ-Bibliothek diesen Monat die Philosophin Margarete Susman zum Anlass ihres 150. Geburtstages. Vortragsredner und ICZ- Bibliothekar Oded Fluss sprach mit Naomi Lubrich über die Frau, die deutsch-jüdische Nachkriegsdiskussionen von der Schweiz aus prägte.
Naomi Lubrich: Lieber Oded, Margarete Susman wurde vor 150 Jahren geboren. Was muss man über sie wissen?
Oded Fluss: Margarete Susman war eine Dichterin, Religionsphilosophin, Denkerin und Literaturkritikerin aus einer bürgerlich-jüdischen Hamburger Familie. 1933 wanderte sie von Deutschland nach Zürich aus und erfuhr hier vom Schicksal der Juden unter dem Nazi-Regime, vom Tod ihrer Schwester Paula, die nach einem gescheiterten Fluchtversuch 1942 Selbstmord beging sowie von der Ermordung ihrer engsten Freundin, der Dichterin Gertrud Kantorowicz, im Konzentrationslager Theresienstadt.
NL: Susman war nicht von Anbeginn an jüdischen Themen interessiert. Was weckte ihr Interesse?
OF: Susman wuchs in einer assimilierten Familie auf, in der das Judentum keine Rolle spielte. Sie kannte und lebte die mehrheitsdeutsche Kultur. Ihr Lieblingsfest war Weihnachten, das ihre Familie «nach deutschem Brauch» feierte. Antisemitische Kindergeschichten und Lieder waren allgegenwärtig, und so schämte sie sich für ihr Judentum. Ihre Wende zum Jüdischen hin kam mit Anfang zwanzig, nach dem Tod ihres Vaters. Sie lernte den liberalen Rabbiner Caesar Seligmann kennen und erfuhr mehr über ihre Herkunft. Die Freundschaft zwischen Seligmann und Susman fand Einzug in ihre philosophischen Schriften – und hielt lebenslang. Die zweite Wende hin zum Judentum war eine Folge des Holocausts: Gleich nach dem Krieg, 1946, veröffentlichte sie Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes. Trotz ihrer jüdischen Perspektive sind ihre Schriften jedoch von messianischen und christlichen Ideen durchsetzt und waren daher umstritten.
NL: War Susman als Frau ihrer Zeit voraus?
OF: Sie verkehrte als Frau in Kreisen, die ansonsten nur Männern vorbehalten waren. Sie war zum Beispiel eine der wenigen Frauen im sogenannten George-Kreis, geleitet und benannt nach dem Dichter Stefan George. Sie publizierte als einzige Autorin im berühmten Sammelbuch «Vom Judentum» (1913, vom Bar Kochba Verein der jüdischen Schüler in Prag herausgegeben) in dem auch Beiträge von Martin Buber, Gustav Landauer, Jakob Wasserman und Karl Wolfskehl erschienen. Und sie war die einzige Autorin der Schocken Bücherei (abgesehen von Fega Frisch, die ein kurzes Nachwort zu einer ihrer Übersetzungen schrieb), der wohl wichtigsten jüdischen Buchreihe des 20. Jahrhunderts.
NL: Wie erlebte Susman Zürich als ihre neue Heimat?
OF: Susman zog 1933 mit 61 Jahren nach Zürich, als sie bereits eine angesehene Intellektuelle war.: Während des Kriegs musste sie, wie alle Juden, die Überwachung der Schweizer Fremdenpolizei fürchten und war in ihren Aktivitäten sehr eingeschränkt. Trotzdem war sie der Schweiz zugeneigt. Sie nannte sie ihre «zweite Heimat». Sie hatte bereits als Kind viele Jahre in Zürich verbracht. So betitelte sie ein Kapitel über die Schweiz in ihrer: «Emigration in die Heimat». Auch die Sprache war ihr sympathisch. Für sie und andere Jüdinnen und Juden war Deutsch belastet. Schweizerdeutsch erlebte sie als guten Kompromiss, um dem deutschen Klang auszuweichen und gleichwohl in der Muttersprache zu kommunizieren. Sie schrieb hier ihre wichtigsten Werke.
NL: Was war Susmans Position in der deutsch-jüdischen Nachkriegszeitsdebatte?
OF: Margarete Susman gab die deutsche Kultur nie auf, selbst als sich ihr Land gegen sie wandte. Und sie drehte nichtjüdischen Menschen nie den Rücken zu. Sie bot sich wiederholt als Brückenbauerin zwischen den Kulturen und Religionen an: Sie war von der Idee des interreligiösen Dialogs überzeugt, lange bevor das mehrheitsfähig wurde. Und sie setzte sich für den Schutz aller Menschen, unabhängig ihrer Herkunft, ein. Am meisten wird aber wohl die Erinnerung an Margarete Susman von ihrer Beschreibung Hiobs als ultimative, universelle Verkörperung menschlichen Leidens geprägt sein.
NL: Oded, vielen Dank für Deine Einschätzung dieser eindrücklichen Frau.
verfasst am 03.11.2022
© Foto 1: Margarete Susman, 1965. Leo Baeck Institute, New York.
© Foto 2: Oded Fluss, 2022.