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Junge Savieserinnen
Der Zufall führte das wichtigste Ereignis der Walliser Kunstszene herbei. Es bestand darin, dass ein 21jähriger Maler die Gegend von Savièse entdeckte. Im Sommer 1884 unternahm Ernest Biéler auf der Suche nach Motiven für seine Malerei eine Schweizer Reise. Er besuchte damals in Paris die Ecole des Beaux-Arts und nutzte die schöne Jahreszeit und seine Ferientage, um nach der Natur zu malen, wie ihm der Unterricht seiner Lehrer nahelegte, die sich seit kurzem zur Freilichtmalerei bekannten.
Als er nach Sitten kam, traf er Raphael Ritz, der ihm riet, Savièse aufzusuchen. Licht und Landschaft dieses Erdenwinkels, der Menschenschlag und das Brauchtum der noch unberührten Gegend zogen ihn in ihren Bann. Von nun an mochte er diese inspirierende Örtlichkeit nicht mehr missen. Deshalb richtete er sich in Savièse ein, zuerst behelfsmässig, im Jahre 1900 endgültig, indem er in La Crêta ein Atelierhaus erbaute, das er bis zu seinem Tode im Jahre 1948 bewohnen sollte. «Von den zugewanderten Malern hat Biéler als erster erkannt, dass man sich im Wallis niederlassen, am Leben der Bergbewohner teilnehmen und den Reigen der Jahreszeiten mitvollziehen muss, um das Land malen zu können. Er war zur Überzeugung gelangt, dass ein noch so langer Aufenthalt nicht ausreicht, um sich in dieses Land einzufühlen und es darzustellen» (Madeleine Biéler).
Die Werke der ersten Savieser Zeit folgten noch der Pariser Mode. Der junge Maler suchte im Wallis nach Motiven, die originell genug waren, um die Aufmerksamkeit der Kritik und der Öffentlichkeit, vor allem anlässlich des so genannten Salons, auf sich zu lenken. In der Tat blieb das erste Gemälde, das Biéler in Savièse ausführte, weder im Walliser Dorf noch in der französischen Kapitale unbemerkt. Der mächtige Rahmen - er misst drei auf zwei Meter -, der mit der Bahn in Sitten eintraf, wurde auf einem mit Ochsen bespannten Wagen nach Savièse gebracht. In Paris trug das Bild, das die Aufmerksamkeit der Kritik erregte, dem jungen Maler einen schönen Achtungserfolg ein.
Mehr als zwei Jahrzehnte lang, von 1884 bis 1905, lieferte ihm Savièse Themen für seine grossformatigen Ölbilder. Ihnen galt der grösste Teil seiner Arbeit. Sie waren die Frucht unablässiger Bemühungen in Form von Studien und Skizzen, Bleistiftzeichnungen, Pastellen und Aquarellen, das Ergebnis gewissenhafter und differenzierter Annäherungen an die Savieser Wirklichkeit, die der begabte Künstler dank seiner idealisierenden Vision gewissermassen in einer verbesserten Neuauflage nachschuf.
Biéler hat sich durch die geschickt komponierten Illustrationen zu Texten von Hugo, Daudet, Zola, Edmond de Goncourt und Camille Flammarion, die von 1887 an bei dem aus Neuenburg stammenden Pariser Verleger Edouard Guillaume erschienen, als Meister der Zeichnung erwiesen. Sein ausgesprochener Sinn für die Schilderung kam darin voll zur Geltung. In der begeisternden und anregenden Atmosphäre des Kreises von Illustratoren, die Guillaume um sich versammelte - der Tessiner Luigi Rossi, der Österreicher Myrbach und der Italiener Conconi gehörten dazu -, fertigte er nicht weniger als dreihundert Zeichnungen an.
Diese Tätigkeit, die Disziplin, Genauigkeit und Einfühlung in den Text, d. h. in die Seh- und Ausdrucksweise eines anderen, erfordert, schärfte Biélers Beobachtungsgabe und verstärkte seinen Hang zum Anekdotischen. Dank diesen Eigenschaften, die schwer zu beherrschen und nicht ungefährlich sind, entwarf er von Savièse grosszügige und mannigfaltige Bilder.
Die gewählten Motive bestechen durch ihre Einfachheit. In unserem Beispiel gibt der Maler eine typische Sonntagsstimmung wieder. Fünf Mädchen in der traditionellen Tracht spazieren Arm in Arm und singen. Zwei Jahrzehnte später griff Edouard Vallet, ein anderer grosser Maler des Wallis, dieses Thema in seinem Festtag wieder auf. Biélers erste Gemälde verraten eine scharfe Beobachtungsgabe und das Bemühen um die möglichst genaue und getreue Detailschilderung. Der Künstler hat sorgsam darauf geachtet, jeden Kopf anders wiederzugeben: erhoben oder gesenkt, im Profil oder in Dreiviertelansicht. Die überlegte Anordnung an sich nebensächlicher Elemente zeugt von einer ausserordentlichen Virtuosität. Dass er die Hände in den Vordergrund gerückt hat, ist ein anderes Zeichen seiner Meisterschaft. In der Beschränkung auf den rein pflanzlichen Dekor kommt sie noch deutlicher zum Ausdruck. Die gelben Arabesken der Kürbisblüten wetteifern mit den prächtigen Blättern um den Preis der Anmut. Obwohl die botanische Realität peinlich genau wiedergegeben ist, beeindruckt das Ergebnis vor allem durch den überaus dekorativen Charakter dieses originellen, ja modernen Hintergrunds. Der Jugendstil, der sich damals zu voller Blüte entfaltete, hat hier eine glückliche Formulierung gefunden.
Biéler Ernest
Ernest Biéler wurde am 31. Juli 1863 in Rolle (Kanton Waadt) geboren. Als Siebzehnjähriger begab er sich nach Paris, um die Kurse der Ecole des Beaux-Art und der Académie Julian zu besuchen.Mehr