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Manche Jubiläen stimmen nachdenklich. Dann etwa, wenn sie beinahe unbemerkt vorüberziehen. Adelheid Duvanel wurde vor 85 Jahren in Basel geboren und starb vor 25 Jahren. Die Autorin wird von einer kleinen Fangemeinschaft hochgeschätzt; einer breiteren Öffentlichkeit dürfte sie noch unbekannt sein.
Bis vor kurzem war von Duvanel nur noch die Anthologie «Beim Hute meiner Mutter» von 2004 im Handel erhältlich – dies, obwohl die Autorin immer FürsprecherInnen gehabt hatte, nicht nur in Basel, wo sie 1987 mit dem Literaturpreis der Stadt geehrt wurde. Mit ihrem Werk beschäftigten sich etwa Peter von Matt, unter anderem mit der Edition der genannten Anthologie, sowie Beatrice von Matt in «Frauen schreiben die Schweiz» (1998). Gleichwohl blieb Duvanel, wie Ruth Klüger schon 2005 ihre Besprechung in «Was Frauen schreiben» betitelte, ein «Schweizer Geheimtipp».
Der soeben erschienene Band «Fern von hier», herausgegeben von Elsbeth Dangel-Pelloquin, füllt nun eine klaffende Lücke auf dem Buchmarkt. Er umfasst 251 Erzählungen, die sechs Bände aus dem Luchterhand-Verlag wurden komplett übernommen und ergänzt mit Texten aus früheren Bänden und Publikationen aus den «Basler Nachrichten» – mit Leineneinband und Lesebändchen ist es ein Buch von Gewicht geworden.
In die Rolle der Muse gezwängt
Adelheid Duvanel wurde in die kleinbürgerliche Basler Familie Feigenwinter-Lichtenhahn mit katholisch-patriarchalem Familienoberhaupt hineingeboren. Früh schon begann sie zu schreiben und zu zeichnen, ihre erste Erzählung «Seppli» verfasste und illustrierte sie mit zehn Jahren. Nach der Schule absolvierte sie eine Ausbildung zur Textilzeichnerin, arbeitete später im administrativen Bereich und als Journalistin. Ihre frühen Texte erschienen im «Sonntagsblatt» der «Basler Nachrichten» unter dem Pseudonym Judith Januar, ihre Kolumnen im «Basler Doppelstab» unter dem Decknamen Martina.
1962 heiratete sie den Basler Künstler Joseph E. Duvanel. Mit ihm und der gemeinsamen Tochter verbrachte sie 1968/69 eine längere Zeit auf Formentera. Auch dort schrieb sie, berichtete vom Leben auf der Insel und verfasste Rezensionen zu Büchern und Theaterstücken, wiederum für die «Basler Nachrichten». Die Ehe war für Adelheid Duvanel in mehrfacher Hinsicht eine Belastung: Ihr Bruder Felix Feigenwinter schreibt im Rückblick, das Selbstverständnis auch der Künstlerbohemiens sei in den sechziger und siebziger Jahren «unreflektiert männlich» gewesen – nicht Gleichberechtigung war das Ziel, für Frauen war allein die Rolle der Muse vorgesehen. Joseph Duvanel sah seine Partnerin als Konkurrentin und verunmöglichte ihr bildnerisches Schaffen bis zur Scheidung 1981.
Kein Wort zu viel
Obwohl ihre Bücher beim renommierten Luchterhand-Verlag erschienen und sie als Autorin eine gewisse Bekanntheit erreichte, musste sich Adelheid Duvanel für ihr Schreiben rechtfertigen. Den Eltern schickte sie 1985 positive Kritiken ihrer Werke, damit diese selbst sehen würden, dass sie nicht nur «Gschichtli» schreibe, wie der Vater das literarische Schaffen der Tochter zuvor angeblich bezeichnet hatte. Dazu vermerkte sie: «Ich würde nicht wochenlang an einem Text von einer Schreibmaschinenseite feilen, wenn ich nur ‹Gschichtli› schriebe.»
Der wiederholte Vergleich von Duvanels Schreiben mit demjenigen Robert Walsers benennt die augenfälligen Unterschiede oft nicht: Walsers Gesamtwerk liegt in unterschiedlichen Ausgaben vor und wird rege erforscht. Und mag die Klinikerfahrung die beiden auch verbinden, so war die Stigmatisierung in Duvanels kleinbürgerlichem Umfeld als Frau, Mutter und Grossmutter doch stärker als bei Walser.
Die familiären Umstände der Autorin blieben äusserst schwierig, die finanzielle Situation bis zum Schluss prekär. Duvanel hielt sich bereits 1953 und ab 1981 mehrmals in psychiatrischen Kliniken auf und wurde dort mit Insulinspritzen und Elektroschocks behandelt. Sie hatte nicht nur für sich und ihre Tochter, die drogen- und aidskrank war, zu sorgen, sondern später auch für die Enkelin. Im Juli 1996 wurde die Autorin in einem Waldstück aufgefunden, verstorben an einer «Unterkühlung unter Medikamenteneinfluss».
Duvanels Prosastücke bestechen durch eine aussergewöhnliche Dichte. Die einzelnen Sätze sitzen, jedes Wort hat seinen Platz. Die Autorin war eine «Meisterin der Verknappung», so die Herausgeberin Dangel-Pelloquin; ihre eindringlichen Schilderungen machen Lesende zu «Gefangenen von Duvanels Texten», schreibt Friederike Kretzen in einem Beitrag im Erzählband «Fern von hier». Duvanels Sprache fesselt und lässt einen ins Leere fallen. Ihre Figuren sind wie die Nachbarn am Fenster, die immer schon da waren und doch gänzlich fremd geblieben sind. Peter von Matt hat in seinem Nachwort zu «Beim Hute meiner Mutter» eine kleine Übung vorgeschlagen: «Man versuche einmal, in ihren Texten ein Wort zu finden, das man streichen könnte. Dann versuche man es bei einem andern, einem besonders erfolgreichen Autor vielleicht. Die Erfahrung ist lehrreich.»
Duvanel kombiniert real anmutende, sozialgeschichtliche Mikrowelten mit surrealistischen Überschreitungen; ihre Szenerien sind häufig düster, das Geschehen changiert zwischen unspektakulärer Ausgangslage und fantastischen Einschüben: In bedrückend kleinen Wohnungen machen sich Vorhänge selbstständig und schliessen sich ungewollt, Ratten tragen plötzlich Ohrringe, und ob die Schwester der Erzählerinstanz ein Mensch oder ein Tier ist, weiss man nicht. In «Frau Leisegangs Besitz» fährt die Nacht «langsam davon wie ein Lift, und der Morgen ist ein leerer Liftschacht». Und für die Zukunft ihres Besitzes, immerhin «dreiunddreissig Luftpostbriefe, einundvierzig andere Briefe und ein Telegramm aus Paris», gibt es keine Perspektiven: «Es wird niemand kommen, um Frau Leisegang ihren Besitz streitig zu machen. Sie kann ihn auch nicht versichern, und niemand wird ihn erben wollen.»
Duvanels bildnerisches Werk wurde 1997 im Kunstmuseum Solothurn ausgestellt sowie 2006 im Rahmen der Ausstellung «wahnsinn sammeln» in Heidelberg. Drei Jahre später folgte die Einzelausstellung «Wände dünn wie Haut» im St. Galler Museum im Lagerhaus der Stiftung für schweizerische naive Kunst und Art brut. Lange wurde ihre Kunst auf ihre psychiatrische Erfahrung reduziert und somit rein biografisch interpretiert. Doch diese Betrachtung greift zu kurz und wird Adelheid Duvanel als Künstlerin nicht gerecht.
Duvanels Zeichnungen und Gemälde sammelten hauptsächlich Felix Feigenwinter und die Autorin Maja Beutler, die inzwischen rund hundert Arbeiten dem Schweizerischen Literaturarchiv in Bern übergeben hat. Hier lagern auch noch immer unveröffentlichte Manuskripte der Autorin. Mit der Freude über die soeben erschienene Ausgabe geht daher der Wunsch nach mehr einher – noch fehlt zum Beispiel eine kombinierte Betrachtung ihrer Kunst und Literatur. Interessant wäre ausserdem die Herausgabe ihrer Briefwechsel, etwa die Korrespondenz mit dem Verleger Klaus Siblewski, in der Duvanel auch ihre Lebensumstände schildert.
Schwierige Rechtslage
Auch die Kolumnen, Kritiken sowie ein langer autobiografischer Bericht aus der Klinik («März 1981») sind noch nicht ediert. Die Rechtslage einiger Texte ist kompliziert – die Tochter der Autorin starb 2005, und über den Verbleib von Duvanels 1985 geborener Enkelin als Erbin ist nichts bekannt; sie gilt als «verschollen». Ausserdem sind auf dem Markt Zeichnungen und Briefe Duvanels erhältlich – ein Basler Antiquariat bietet zurzeit beides zum Kauf an, die Sammlung im Literaturarchiv könnte also ergänzt werden. Doch vorerst gilt es zu lesen, was vorliegt. «Fern von hier» schafft dafür eine Nähe.
Adelheid Duvanel und Elsbeth Dangel-Pelloquin (Hrsg.): Fern von hier. Sämtliche Erzählungen. Limmat Verlag. Zürich 2021. 792 Seiten. 44 Franken