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«Ärzte sollten nach Wohn- und Arbeitsorten fragen»
In vielen Krankengeschichten fehlen Wohnorte, Lebens- und Essgewohnheiten, obwohl diese ein Drittel aller Krankheiten verursachen.
Hausärzte befragen Patientinnen und Patienten gemeinhin über vergangene Krankheiten, Spitalaufenthalte und eingenommene Medikamente. Ebenso intensiv sollten sie sich über frühere Wohn- und Arbeitsorte, längere Ferienorte sowie Ess- und Trinkgewohnheiten erkundigen. Dank diesen Informationen könnten Ärzte und Ärztinnen viele Symptome besser beurteilen und bei den Diagnosen eine höhere Treffsicherheit erreichen. Das erklärte Bill Davenhall am «Internationalen Forum über Qualität und Sicherheit der Gesundheitsversorgung», das Mitte April in Paris stattfand. Doch diese «geografische Medizin» («Geo»-Medizin») werde sträflich vernachlässigt, kritisierte Davenhall, der sich seit über dreissig Jahren mit Umwelteinflüssen beschäftigt und für die USA elektronische Karten entwickelt hat, auf denen Risikofaktoren detailliert ersichtlich sind.
Brust- und Prostatakrebs weitgehend «geo»-abhängig
Brustkrebs hängt bei rund fünf Prozent der erkrankten Frauen von genetischen Faktoren ab. Trat Brustkrebs in der nahen Verwandtschaft gehäuft auf, ist eine Frau stärker gefährdet. Ein ungleich grössere Risiko für Brustkrebs sind jedoch die Ernährungs- und Lebensgewohnheiten. In den USA zum Beispiel erkranken Frauen siebenmal häufiger an Brustkrebs als in Asien. Wandern aber Asiatinnen in die USA aus, sterben sie nach zehn Jahren Aufenthalt bereits 80 Prozent häufiger an Brustkrebs als in Asien. Noch schlechter geht es deren Enkelinnen, die sich dem US-Lebensstil voll anpassen: Sie haben das gleich hohe Burstkrebsrisiko wie alle andern US-Amerikanerinnen, sterben also siebenmal häufiger daran als wenn sie in Asien geblieben wären. Ähnliches gelte für den Prostata-Krebs bei Männern: Vielleicht würden ähnliche «Geo»-Risiken zu beiden Tumorarten beitragen, meint Davenhall.
Eine Studie des Bundesamts für Gesundheit bestätigte diesen Befund bereits 1997: «Die erheblichen internationalen Häufigkeitsunterschiede verschiedener Karzinome, so etwa des Brust-, Prostata-, Magen- oder Dickdarmkrebses, lassen sich nicht durch unterschiedliche genetische Anlagen erklären. Dagegen spricht, dass Migranten ihre Krebshäufigkeiten denjenigen des Gastlandes weitgehend anpassen.» Es bestehe «kein Zweifel» schrieben die Autoren, dass «Umweltfaktoren – inbesondere die Ernährung – bei der Krebsentstehung eine entscheidende Bedeutung haben».
Eingewanderte Hispanos verlieren Lebensjahre
Letztes Jahr titelte die New York Times (NYT) provokativ: «In die USA einzuwandern, kann Ihrer Gesundheit schaden». Sobald Immigranten aus Süd- und Mittelamerika den US-Lifestyle übernehmen, würde deren Gesundheit darunter leiden. Die Kinder dieser Immigranten verfügten zwar bald über mehr Geld als ihre Eltern, doch ihre Lebenserwartung sei deutlich kürzer: Im Durchschnitt sterben die Kinder der in die USA eingewanderten Hispanos drei Jahre jünger als die Kinder der Hispanos, die in Süd- und Mittelamerika geblieben sind. Das geht aus Zahlen des «National Center for Health Statistics» hervor, welche die NYT als Beleg zitierte.
Hispanos werden in ihren Heimatländern älter als ausgewanderte Hispanos, die in den USA leben. Auf die Gesamtbevölkerung bezogen werden jedoch nur die Menschen in Kuba, Chile und Costa Rica im Durchschnitt älter als die US-Amerikaner.
«Warum verschlechtert ein Leben in den USA trotz hohem Lebensstandard und trotz einer ausgebauten Gesundheitsversorgung die Gesundheit?», fragte die NYT. Tatsache sei: Je länger Immigranten in den USA leben, desto häufiger leiden sie an Herzkreislaufkrankheiten, hohem Blutdruck und Diabetes.
WHO: Viele Umweltbedingungen wären veränderbar
In den Industriestaaten seien rund 30 Prozent aller Erkrankungen «umweltbedingt», schreibt die Weltgesundheitsorganisation WHO in ihrem «World Report 2006». Weltweit seien «an fast einem Viertel aller Krankheiten und vorzeitigen Todesfällen Umweltbedingungen schuld, die veränderbar sind».
In Städten wie Buenos Aires oder Rio, wo die Luft wegen des Verkehrs besonders belastet ist, sind Lungenkrankheiten entsprechend häufig. Aber selbst in Europa leidet jedes zehnte Kind an asthmatischen Symptomen, schätzt die Europäische Umweltagentur. Atemwegserkrankungen, Asthma und Allergien seien mit der Luftverschmutzung in Verbindung zu bringen.
Schwermetalle, Persistente Organische Schadstoffe (POP) wie Dioxine und polychrorierte Biphenyle PCB könnten die Entwicklung des Nervensystems stören. Schädlingsbekämpfungsmittel stünden im Verdacht, neurotoxische Störungen, Krebs und Störungen des Hormon- oder Immunsystems zu hervorzurufen. Allerdings ist es schwierig, Ursachen und Wirkungen im Einzelnen nachzuweisen. Auslöser von Krankheiten sei meistens eine Kombination vieler Einflüsse und eine kombinierte Wirkung verschiedener Substanzen, die kaum erforscht sei.
Feinstaub und Bodenozon in der Schweiz
Obwohl die Schweiz im internationalen Vergleich über eine gute Luftqualität verfügt, führten hoher Sommersmog auch bei uns zu frühzeitigen Todesfällen und Spitaleinlieferungen, sagt Präventivmediziner Nino Künzli vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin an der Universität Basel. Eine Studie des Physiologischen Instituts der Universität Zürich zeigte, dass bei hohen Luftbelastungen mit Stickoxid und Schwefeldioxid die Hälfte der Zürcher Schulkinder unter verengten Atemwegen leiden. Jeder zehnte Todesfall an Lungenkrebs sei auf verschmutzte Luft zurück zu führen, bilanziert Künzli.
Feinstaub-Risiko hängt vom Wohnort ab (Buwal 2010):
Bau- und Fabrikarbeiter in der Schweiz haben ein 300 Prozent grösseres Risiko, invalid zu werden als die Durchschnittsschweizer. Vor ihrer Pensionierung erkranken sie fünfmal häufiger an Krebs und leiden sechsmal häufiger an Skelettkrankheiten als Lehrer oder Direktoren. Das geht aus Zahlen des Bundesamts für Statistik hervor. Berufliche Expositionen mit Asbest, Rauch, Pestiziden oder Lärm treffen vor allem sozial und wirtschaftlich Schwächere.
Risiko des krebsfördernden Benzols hängt vom Wohnort ab (Buwal 2010):
Was zur «Geo»-Krankengeschichte gehört
Zur persönlichen «Geo»-Krankengeschichte gehören neben Arbeitsplätzen auch Angaben zum Wohnen. Wer einst in einem Gebäude wohnte, das mit Radon, Holzschutzmitteln, Asbest oder mit Rauch eines häufig gebrauchten Cheminées belastet war, hat höhere Gesundheitsrisiken. Wichtig sind auch Informationen über Aufenthalte in Regionen mit extrem hoher Sonneneinstrahlung, die Nachbarschaft zu Sondermüll-Deponien oder das längere Wohnen an verkehrsdichten Strassen. Wer jahrelang in Staus und vielen Tunnels gefahren ist, war – neben dem krank machendem Stress – Feinstaub, Benzol, Kohlenmonoxid und Stickoxid in der Innenluft des Wagens ausgesetzt.
Auch an kurzfristige Aufenthalte an besonders gefährlichen Orten gilt es sich zu erinnern. Beim Ground Zero in New York etwa waren Tausende von Helfern einem äusserst giftigen Cocktail aus Asbest und andern Schadstoffen ausgesetzt, das nach einer längeren Latenzzeit die Gesundheit schädigen kann.
Dank einem neuen App von Bill Davenhall können Einwohner der USA ihre «Geo»-Geschichte eingeben und ihr Risikoprofil erkennen. Davenhall zeigte sich in Paris überzeugt davon, dass die «Geo»-Geschichte aussagekräftiger und nützlicher ist als Diagnosen mit Hilfe von Gen-Analysen.
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Keine
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