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Atem
So’ham
Ham’sa
Meine Bilder sind inspiriert vom Meer und Himmel. – Ich liebe es, in der blauen Stunde draussen in den Wellen des Ozeans zu sein, wenn der Himmel in der Dämmerung glüht, die Farben intensiver und tiefer leuchten, das Meer silbern schimmert und allmählich tintenschwarz verblasst, während der Himmel noch königsblau glänzt, die ersten Sterne hervorbrechen, der Mond sich zeigt und über dem Horizont die wildesten Farben schreien. Dann erlebe ich die Verbindung von Meer und Himmel geradezu ekstatisch. So stelle ich mir den Sterbeprozess vor, wenn das Bewusstsein verglüht.
Ich liebe die Grenzen und Übergänge zwischen den Sphären. In der westlichen Algarve Portugals kommt es manchmal vor, dass man auf dem Meer vom Nebel überrascht wird, der sich wie ein Gespenst ausdehnt, Himmel, Meer und Küste einhüllt, sodass nur noch die Umrisse der Wellenkämme Orientierung bieten. In diesen Stimmungen eröffnet sich mir mystisches Erleben, eine spirituelle Geborgenheit. Ich bin oft stundenlang im Meer, bis ich zu einem Teil des Elements werde, ein H2O-Molekül unter abertausenden Geschwistern, welches vom Wellengang hin und her und rund herum bewegt wird. Ich vergegenwärtige mir, dass mein Körper zu 70 Prozent aus Wasser besteht, meine Hautzellen sich mit Salzwasser nähren, welches sie aufweicht, reinigt, dass sie gleichzeitig durch Schwitzen Wasser aussondern, meine Haut aber auch ein Schild gegen die Wassermasse darstellt, und dass die Haut atmet, Sauerstoff aufnimmt und Kohlendioxid absondert.
Das Atmen ist Thema meiner Bilder: Das Ein- und Ausatmen, Öffnen und Schliessen, Ausdehnen und Zusammenziehen. Die Lunge füllt und entleert sich, der Brustraum weitet und verkleinert sich, tausende Male am Tag. Der Atem ist die Metapher schlechthin für die Bewegung des Lebens. Jedes Leben steigt und fällt, öffnet und schliesst sich, füllt und entleert sich, dehnt sich aus und zieht sich zurück, Leben bedeutet ein ständiges Hin- und Her, Auf- und Ab, ein Zusammenspiel der Gegensätze. Mich interessiert diese Komplementarität und Wechselwirkung. Der Atem stiftet Beziehung, verbindet die Gegensätze, fördert den Austausch.
In vielen Kultur wird der Atem mit der Seele oder dem Geist in Verbindung gesetzt. Atem stammt etymologisch vom indischen Wort Atman ab, was in Sanskrit Lebenshauch bedeutet. In der indischen Philosophie ist Atman die unsterbliche Seele, das absolute Selbst, welches von der Individualseele Jiva umschlossen wird und teilhat an Brahman, dem Urgrund des Seins. Ein ähnliches Konzept findet sich beim altgriechischen Philosophen Platon: Er postuliert eine selbstbewegte Weltseele psyché tou pantos als Ursache aller Bewegung in der Natur. Im Christentum entsteht daraus die Idee einer von Gottes Atmen durchströmten anima mundi. Vom deutschen Idealisten Friedrich Hegel wird später die Weltseele zum Prinzip des Weltgeists umgedeutet, welcher nach dessen Phänomenologie überindividuelles Bewusstsein und vernünftige Wirklichkeit bedeutet und alle Gegensätze vereint: Wirklichkeit wird zum universalen, sich selbst erkennenden Subjekt. Die heutige geistesphilosophische Position des Panpsychismus (von altgriech. pan «alles» und psyche «Geist», «Seele») steht der Vorstellung einer Weltseele nahe. Die grundlegende Frage: «Wie kommt der Geist in die Materie – das Bewusstsein ins Gehirn?» ist nach dem Philosophen Thomas Nagel einfach dadurch zu beantworten, dass alle Elemente der physischen Welt auch mental sind. – Ich fühle mich zur Idee des Panpsychismus hingezogen, dass die Welt sowohl aus materiellen als auch psychischen Anteilen besteht.
Meine Bilder sind Meditationen über das Atmen, welches als Medium Körper und Geist verbindet, die hier als Meer und Himmel dargestellt werden, Meditationen über Auf- und Abstieg, Hebung- und Senkung, Ausdehnung und Zusammenzug. Es sind Bilder der Innerlichkeit, Seelenbilder. Nach dem buddhistischen Verständnis ist der Atem unser zweiter Körper, welcher im Fleischkörper wohnt und ihn gestaltet. In der Atem-Meditation kann ich den Atem physisch erfahren, als den inneren Körper, der mich erfüllt und trägt. Durch den Atmen erfahre ich Inspiration – die Verbindung mit dem Absoluten.
So’ham
Ham’sa
Lukas Gerber, im November 2019
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So’ham (skt. सोऽहम् so’ham »er ist ich«) ist ein hinduistisches Mantra, das in mehreren Upanishaden erwähnt wird. Es spielt auch im Yoga und im Tantra eine Rolle. So’ham besteht aus den beiden Sanskritpronomen सः saḥ »er« und अहम् aham »ich«, das im Sandhi die Form so’ham annimmt. Die Bedeutung ist »Er ist ich« bzw. »Ich bin Er« und symbolisiert dadurch die Einheit der Individualseele (jiva) mit dem Absoluten.
Die mystische Deutung sagt, dass jedes Lebewesen dieses Ajapa-Mantra unwillkürlich durch das Atmen rezitiert, dabei steht sa für das Einatmen und ham für das Ausatmen. In umgekehrter Wortfolge ergibt sich das Sanskritwort hamsa »Gans, Schwan«, was in der hinduistischen Symbolik das Selbst symbolisiert und auch für den Lebensatem, Prana, steht. So erklärt die Dhyanabindu Upanishad, die sich auch mit der heiligen Silbe Om beschäftigt: »Die Seele (jiva) tritt mit der Silbe ha aus und mit der Silbe sa ein. So wird gesagt, dass sie beständig das Mantra hamsa ausspricht.« (Wikipedia)