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Ein Satz, den ich mehrfach in Ihren Büchern gefunden habe, lautet: «Nur der Fremde hat vor Verwunderung leuchtende Augen.» Sie haben diesen Satz mit Blick auf Paris geschrieben. Im Jahr 1977 sind Sie von Zürich hierher übergesiedelt. Aber noch in Ihrem letzten Buch, «Das Fell der Forelle», glaubt man, den Blick der vor Verwunderung leuchtenden Augen zu spüren. Fühlen Sie sich, nachdem Sie nun gut drei Jahrzehnte in Paris leben, noch immer als Fremder?
In diesen drei Jahrzehnten ist Paris für mich Heimat geworden. Bevor ich hierher kam, kannte ich dieses Heimatgefühl nicht. Meine Liebe zur Schweiz war immer eine gebrochene. Hier ist es anders. Sobald ich einige Tage nicht in Paris bin, sehne ich mich hierher zurück. Das ist nie der Fall gewesen in meinem Leben; ich habe mich nie irgendwohin zurückgesehnt. Durch das Aufwachsen meines jüngsten Sohnes in Paris bin ich noch in besonderer Weise in dieser Stadt verankert. Ich fühle mich nicht als Zugezogener, sondern als parisien. Das schliesst ein Gefühl der Fremde nicht aus. Man könnte vielleicht von einer geliebten Fremde sprechen. Für mich gehört Paris in das Kapitel der Liebschaften. Zu den grossen Städten, in denen ich längere Zeit gewesen bin, hatte ich immer eine Art Liebesverhältnis. Die Liebe zu Paris ist ungebrochen. Von Gewöhnung oder gar Abstumpfung kann keine Rede sein. Noch immer ist diese Stadt die schöpferische Herausforderung, die grosse Fremde, die mich immerzu anstachelt, lockt und verführt, ihr schreibend beizukommen. In Paris vergeht eigentlich kein Tag, an dem die Stadt mich nicht überwältigt und in mir Glücksgefühle, mitunter fast rauschhafte Zustände, auslöst.
In Ihrem Roman «Das Jahr der Liebe» heisst es: «Ich war nur noch Ich selber, was immer das bedeuten mochte. Ich war glücklich, elend glücklich, so ganz allein in Paris. Und ich war frei. … Nimm mich an, bring mich hervor! schrie ich, während ich herumlief, ich lasse dich nicht, ich will in die Welt!» Eine Assoziation, die sich einstellt, ist das Bild des jungen Eugène de Rastignac in Balzacs Roman «Père Goriot», wie er am Ende des Buches auf einer Anhöhe des Friedhofs Père-Lachaise steht und der vor ihm liegenden Stadt wie eine übermütige Kampfansage die Worte entgegenschleudert: «A nous deux maintenant!» – «Und nun zu uns beiden!»
Ja, dieser Ausruf von Rastignac, der diese Stadt erobern will, kommt meinem damaligen Zustand sehr nah. Als ich nach Paris kam, ging es für mich darum, ein neues Leben zu beginnen, auch ein neues Leben als Autor. Man muss dieser Stadt etwas beweisen, um angenommen zu werden. Das empfand ich damals sehr stark. Ich war noch nicht ins Französische übersetzt. In Paris kannte mich kein Mensch. In meiner damaligen Situation, einer Krisensituation, gefiel mir das. Aber mein Anspruch war schon ein anderer. Ich wollte hier zum Vorschein kommen. In der deutschen Sprache und Literatur war ich das bereits. Aber ich wollte es auch in dieser Stadt mit ihrer grossen kulturellen Tradition, die man unentwegt spürt und mitdenkt. Ich wollte in Paris leben und schreiben, aber nicht als ein Aussenposten der schweizerischen Literatur. Wie Rastignac ging es mir darum, in Paris emporzukommen. Es ist mir insofern gelungen, als ich heute von französischer Seite viel stärker akzeptiert werde als im deutschen Sprachraum. Sicher, die Franzosen neigen dazu, die Wahlpariser zu vereinnahmen. Aber ich war natürlich stolz, als ein Kritiker erklärte, meine Bücher gehörten zum französischen Patrimonium. Und als «Le Monde» schrieb, «Das Jahr der Liebe» sei eines der allerschönsten je geschriebenen Paris-Bücher, war das ein unglaubliches Kompliment. Denn es ist ja unheimlich schwierig, dieser Stadt einen neuen Aspekt abzugewinnen und nicht die bekannten Klischees zu reproduzieren.
Italo Calvino,…