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Liebe Leute im hoffentlich winterlichen West-Europa
Norma schreibt gerade diesen Bericht und Bruno malt eine Piranha, die es in grossen Mengen in der Lagune vor der Lodge gibt. Die Tierchen sind übrigens sehr friedlich, sie lassen einen beim Schwimmen in Ruhe, aber beissen beim Angeln schön an.
Dies ist das 2. Mal, dass wir in Ecuador sind. Mangels Teilnehmer wurde unsere geplante Patagonien-Reise im November abgesagt, wonach wir kurzfristig auf Ecuador umgebucht haben.
Ecuador liegt im Nordwesten von Südamerika, grenzt an Kolumbien, an Peru, am Pazifik und wird im Norden des Landes vom Äquator durchquert, daher der Name. Es ist ein Land grosser Vielfalt: Schon Alexander von Humboldt meinte vor ca. 200 Jahren, dass die einzige Konstante in der Geografie Ecuadors seine Vielfalt sei. Von den 4 völlig unterschiedlichen geografischen Landeszonen; Costa = westliche Küste, Galapagos Inseln = 1'000km vor der Küste, Sierra = Anden, Oriente = Amazonas, haben wir letztere 2 besucht.
Die Hauptstadt Quito liegt auf 2'850m Höhe und ist nach La Paz die zweithöchstgelegene Hauptstadt der Welt. Sie hat 1.9 Mio. Einwohner, ist pulsierend und lebendig, wie wir es mögen, aber auch voller Verkehrsabgase, die noch nicht, wie in Europa, durch Katalysatoren und Richtlinien reguliert und reduziert werden. Das ganze Land hat 14 Mio. Einwohner und ist mit einer Fläche von 256'370 Quadratkilometern ca. 6-mal so gross wie die Schweiz (oder die Niederlande).
Die Infrastruktur in Ecuador besteht aus 43'000 staubigen Strassenkilometern, wovon nur 8'000 befestigt sind. Vom 965km langen Schienennetz ist heute nur noch die Strecke zwischen Riobamba und Alausi für Touristen in Betrieb. Der mit Diesel betriebene Schienenwagen ratterte während unserer Fahrt aber so, als würde er jeden Moment aus den sehr alten und schlecht unterhaltenen Schienen springen.
Das ecuadorianische Klima wird auch von Vielfalt geprägt: grosse Tages- und Nachtschwankungen in den Bergen, eine Regenzeit zwischen Januar und Mai an der Küste (Costa), 6'000 mm Regen pro Jahr im Amazonas und 2'000mm/Jahr in den Höhenlagen der Anden. Über 4'800m fällt der Niederschlag aber immer als Schnee.
Etwa 40% der Ecuadorianer sind unter 15 Jahre und nur 5% über 65. Das Durchschnittsalter liegt bei 23 (in West-Europa bei ca. 42) und die Lebenserwartung liegt bei 73 (nicht so weit unter West-Europa). Mit 12 Toten pro 100'000 Menschen spielt AIDS in Ecuador, wie in den meisten Südamerikanischen Ländern, keine grosse Rolle. Die H1N1-Krise wurde nicht so dramatisiert, wie in Europa. Es gab Medikamente, aber keine gross aufgesetzten Impfungen.
Die Ecuadorianer sind viel kleiner als Europäer, aber laut unserem ecuadorianischen Reiseleiter wachsen sie stetig. Er versicherte Norma, dass sie dieses Mal beim Schuhkauf nicht wegen Schuhgrösse 40 im Laden ausgelacht würde, da die ecuadorianischen Füsse nun auch grösser seien.
Ecuador hat mit 50 Einwohnern/Quadratkilometer die höchste Bevölkerungsdichte Südamerikas, aber die Verteilung zwischen Grossstädten und Amazonas ist sehr ungleich. Das Bevölkerungswachstum ist mit 1.5% eines der höchsten Südamerikas: eine Traumquote für Bevölkerungsplaner. Die Frauen werden sehr jung Mutter, aber Teenie-Schwangerschaften gibt es nur wenig.
Die arbeitende Bevölkerung in Ecuador beträgt ca. 4 Mio. Menschen. Dazu kommen noch 2-3 Mio. Ecuadorianer, die als Arbeitsmigranten in den USA, in Spanien, in Italien und sonstigen westlichen Ländern leben. Alleine in Spanien leben 800'000 Ecuadorianer und einige davon klatschten, als unser Flug van Madrid nach Quito am 18. Dezember sicher landete. "Es mi pais", hiess es einige Male laut bei der Landung.
Politisch ist Ecuador eher unruhig. Es ist eine Republik, die aktuell von Präsident Rafael Correa regiert wird. Die Regierungen wechseln aber häufig. Das Militär hat einen recht grossen Einfluss auf die Politik, indem es dem regierenden Präsidenten bei Protesten und Aufständen die Unterstützung entziehen kann, so wie im 2000 und 2005 geschehen.
Ecuador ist nach Bolivien das ärmste Land Südamerikas. Und auch hier spielt die Ungleichheit eine grosse Rolle; die oberen 20% erzielen 58% vom Nationaleinkommen. Das BIP in Westeuropa ist 7-8 Mal höher. Bezahlten wir im 1995 die tiefen ecuadorianischen Preise noch mit Sucres, dieses Mal gab es nur noch US Dollars. Nach einigen wirtschaftlichen Schocks und Krisen mit darauf folgenden starken Abwertungen des Sucres wurde dieser im 2000 durch den US Dollar ersetzt. Seither hat sich die Inflation deutlich stabilisiert. Die Wirtschaft wächst wieder, aber dies auch aufgrund des hohen Ölpreises und höherer Überweisungen von den Ausland-Ecuadorianern.
Wenn wir unseren aktuellen Eindruck von Quito mit 1995 vergleichen, ist sie eine blühende Stadt geworden mit einem schönen kolonialen Zentrum, das als erster Ort in das Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen wurde. Wir hatten dort auch dieses Mal keine Angst, dass uns jemand "eins über die Rüebe haut".
Mobiltelefonie hat auch in Ecuador Einzug gehalten. Wir bekamen den Eindruck, dass jeder 4. Laden Provider-Leistungen oder Natel-Zubehör anbietet und es sieht manchmal komisch aus, wenn eine traditionell-folkloristisch gekleidete Frau nicht nur ein Kind in einem Tuch auf dem Rücken trägt, aber dabei auch noch mit einem Natel telefoniert. Die Schweizer Swisscom Mobile bemüht sich aber nicht so um Netz-Abdeckung in Ecuador; wir hatten auf der Reise nur in Quito Empfang. Von nur 11 Festnetz-Telefonanschlüssen pro 100 Einwohner sind die Ecuadorianer aber direkt zum Mobil-telefonierenden Volk geworden. Internet-Cafés gibt es viele, aber nur ca. 4% der Ecuadorianer benutzen das Internet.
Von den grossen Exportschlagern Ecuadors (Erdöl an 1. Stelle und danach Bananen, Fisch und Schnittblumen) haben wir dieses Mal die Rosen näher kennen gelernt. Wir besuchten eine aus Betriebsspionage-Gründen stark bewachte Rosenplantage, wo uns gezeigt wurde, wie intensiv diese Produktion ist, und dass sie ohne Einsatz von Fungiziden und Pestiziden unmöglich ist. In den Provinzen Pichincha und Chimborazo wimmelt es nur so von Treibhäusern. Ohne Berge sieht es dort fast so aus wie im Norden Hollands. Alle ecuadorianischen Rosenexporte gehen per Flugzeug von Quito in den USA, den nahen Osten, nach Russland, Japan, aber nicht nach Europa.
Unsere Reise startete an einem kalten Freitagmorgen im Dezember, als Götti-"Bub" Reto uns um 4.30 Uhr von Luzern nach Zürich Kloten brachte. Der Flug von Zürich nach Madrid verlief problemlos und war pünktlich. Auf dem Anschlussflug von Madrid nach Quito kamen aber 2 von 8 Gruppenmitgliedern und eines unserer Gepäckstücke nicht mit. Letzteres traf am nächsten Abend und die 2 Herren trafen am übernächsten Abend ein. Aber seither blieb die Gruppe komplett und hat keine grösseren Verluste mehr erlitten.
Medizinisch gesehen birgt eine solche Reise in einer Höhe zwischen 200m und 5'897m einige Risiken, welche die Gruppe statistisch-gerecht auch getroffen hat: Durchfall, Kopfweh (nicht Alkohol-bedingt), Sonnenbrand, Magenprobleme, Brechdurchfall, Mückenstiche (auf 3'000m Höhe!), viele Besuche von unliebsamen Insekten, Fieber und sogar leichte Erfrierungen an den Zehen. Die Schweizer Delegation hatte in milder Form nur mit Nr. 4, 5, 6 und 8 der Auflistung zu kämpfen.
Die Hotels, Hosterias und Haciendas auf dieser Reise waren alle sehr schön und gemütlich und sogar die 4 Zeltübernachtungen waren für uns beide mit neuen zusammenschliessbaren Schlafsäcken recht erholsam und gemütlich.
Die "Sounds" dieser Ferien variierten von Grossstadtlärm, über wiehernde Pferde und iahende Esel im Trekking, via knirschenden Schnee am Cotopaxi und Urwaldgeräusche wieder zurück zum Grossstadtlärm in Quito.
So wie unsere erste Reise in Ecuador geprägt war von Regen, so haben wir Regenschirm und Pelerine dieses Mal gar nicht benötigt. Die Temperaturen waren auf und über 3'000m tagsüber angenehm und nachts kühl bis kalt. Im Amazonas sinkt das Quecksilber nachts nicht unter 23.5ºC, was fürs Schlafen aber keine Probleme bereitet.
Einige Sätze dieses Berichts müssen dem Cotopaxi gewidmet werden; auch zum 2. Mal nach 14 Jahren eine eindrückliche Erfahrung.
Von einem Parkplatz auf 4'600m bis zur Jose Ribas-Hütte auf 4'800m waren es nur 35 Minuten zu Fuss mit Nassschnee und ohne Sicht auf den Berg, den wir im 1995 während der ganzen Reise nie gesehen haben. Die Hütte war genauso miefelig wie vor 14 Jahren, und die nassen Sachen trockneten erst, als der Holzofen angefeuert wurde. So gegen 16.00 Uhr verschwanden die Wolken und gaben eine wunderbare Sicht auf den Berg frei, die wiederholt mit der Kamera festgehalten wurde.
Eine kurzfristige Programm-Änderung lieferte Bruno, indem er in der Hütte entschied, den Gipfel dieses Mal nicht in Angriff zu nehmen. Sein "Stresstest" auf dem Hüttenweg hatte ihn davon überzeugt, zugunsten Normas Gipfelchancen auf einen Versuch zu verzichten. Dies passte Norma natürlich nicht, denn ihr Dauer-Berggschpändli seit mehr als 15 Jahren ist Bruno. Sie entschied sich aber den Gipfel für beide in Angriff zu nehmen und stapfte also um 00.15 Uhr nachts ohne Bruno in die Windstille Nacht los.
Aus unserer Reisegruppe wagten weitere 4 Personen den Versuch, wovon das Pfrontner Paar dank regelmässiger Bergtouren in den Alpen die grössten Erfolgschancen hatte. 2 Herren der 4-er Gruppe hatten gar keine Hochtourenerfahrung aber eine recht gute Flachlandkondition.
Beim Anseilplatz war Norma trotz alter Steigeisen als erste fertig, und Bergführer Patrizio nahm sie alleine ans Seil. Wegen der ca. 30cm Neuschnee vom Vortag war der Anstieg und das dazugehörende Spuren anstrengend und schwierig, besonders im oberen Teil, wo die Hänge immer steiler wurden. Patrizio begründete seinen Spurdrang aber mit der "Schweizer" Bergerfahrung seiner Kundin und der Grösse der Seilschaft; "lean and mean". Norma flucht und schimpft eigentlich nie, aber sie hat noch nie so oft "Scheisse" gesagt, wie auf dieser Tour, was von Patrizio jeweils mit einem Lachen beantwortet wurde. Enfin, nach 5 3/4 Stunden stand die 2-er Seilschaft als erste an dem Tag auf dem Gipfel des 5'897m hohen Cotopaxi, der wie jeder Vulkan bereits weit unter dem Gipfel schon recht nach Schwefel roch. Einige Fumarolen waren im Krater zu sehen und der Himmel war bewölkt, aber die Sicht war gut.
Der Abstieg war kurzweilig, da es seit 5.30 Uhr hell war. Die Pfrontner Seilschaft erreichte den Gipfel als zweite und die Herrenseilschaft war mangels Zeit auf 5'500m Höhe umgekehrt.
Beim An-/Abseilplatz auf 5'100m stand Bruno bereit, um die müden Bergsteiger zu gratulieren, was eine sehr schöne Überraschung war.
Die weiteren Tage "nach dem Berg" waren geprägt von zufriedener Müdigkeit, Nachgeniessen, schönen Haciendas, feinem Essen ..... und natürlich Wein.
Die 4 Tage und 3 Nächte im Amazonas waren auch sehr genussreich und erholsam, wären da nicht die frühen "Wake-up-Calls" um 5.00 Uhr gewesen. Der frühe Zeitpunkt erlaubte warme anstelle von heissen Tierbeobachtungen. Da diese Aktivitäten aber freiwillig waren, haben wir ab und zu darauf verzichtet und die Amazonas-Sounds in unserer rustikalen "Hütte" Nr. 5 vom Bett aus auf uns einwirken lassen.
Das Ausklingen dieser herrlichen Reise findet in Quito statt, wo wir versuchen werden, unser Gepäck wieder in die 2 Taschen zu verstauen, in der Hoffnung, dass beide Taschen den Gepäck-Horror-Hub Madrid dieses Mal ohne Umleitung passieren und mit uns zusammen in Zürich eintreffen.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir Ecuador nicht mehr bereisen werden, da es noch zu viele unentdeckte Destinationen auf unserer Wunschliste gibt. Aber für jetzt freuen wir uns zuerst wieder auf die Schweiz und den Winter.
Dieser Bericht wurde am 4. Januar im Amazonas von Hand geschrieben, am 5. Januar in Quito digitalisiert und euch allen mit den besten Wünschen für ein tolles 2010 zugestellt.
Bis zu einer ersten Begegnung in diesem neuen Jahr senden wir euch liebe Grüsse aus Ecuador,
Norma + Bruno Linssen