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Kirchen der Unbeschuhten Karmeliten im süddeutschen Frühbarock
|Jesuitenkirche Santa Maria ai Monti oder Madonna dei Monti. 1580 von Giacomo della Porta begonnen, ist sie eine kompaktere Wiederholung der Kirche Il Gesù. Die Wandpfeiler-Basilika mit bündigem Querschiff, Tambourkuppel und gerade geschlossenem Chor wird Vorbild der ersten Kirchenneubauten der Unbeschuhten Karmeliten in Rom. Bild: Stich von Giovanni Battista Falda 1665.||Karmelitenkirche Santa Maria della Scala. Die erste Kirche der Unbeschuhten Karmeliten, 1593–1610 gebaut, übernimmt das Schema von Madonna dei Monti, verzichtet aber bei der Kuppel auf den Tambour. Diese erste Kirche wird in Mass und Architektur, mit Ausnahme der Fassade, zur eigentlichen Ordensnorm.

Bild: Stich von Giovanni Battista Falda 1665.
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Baurichtlinien des Ordens für Kirchenneubauten um 1630–1680
Römische Kirchen des Manierismus und des Frühbarocks als Vorbild
Die Unbeschuhten Karmeliten sind ein Reformorden, der sich 1592 vom alten Karmelitenorden trennt.[1] 1593–1610 baut der reformierte Orden in Rom das erste Kloster und die Kirche S. Maria della Scala, deren Fassade 1624 fertig wird. 1607–1612 baut Carlo Maderno[2] mit der Kirche S. Maria della Vittoria die zweite römische Ordenskirche. Auch hier ist die Fassade erst 1626 fertig. Grundriss und Gebäudetektonik richten sich nach der von Giacomo della Porta[3] 1580 begonnenen Kirche Santa Maria ai Monti. Der äusserst kompakte Grundriss dieses Vorbildes ist eine verkleinerte Ausgabe der Jesuitenkirche Il Gesù. Sie hat wie diese basilikalen Querschnitt und eine Vierungskuppel mit Tambour. Ihr Langhaus hat drei Joche. Etwas vergrössert, mit 22 anstelle 18 Meter Breite, übernehmen die beiden ersten römischen Kirchen der Unbeschuhten Karmeliten die Vorgabe von Santa Maria ai Monti. Was sie nicht übernehmen, ist der belichtete Kuppeltambour[4] und die Fassadengestaltung. Vorbild für die Fassade von Santa Maria della Scala, 1610–1624 von einem bisher unbekannten römischen Baumeister errichtet, ist die Fassade von Santa Maria Maddalena delle Convertite, die bis 1585 von Carlo Maderno gebaut wird.
Der Gebäudetypus als Vorgabe des Ordens
1620–1628 bauen die Unbeschuhten Karmeliten in Köln die erste Ordenskirche im deutschsprachigen Raum. Sie hat eine noch stark der Renaissance verhaftete Fassade. Ihr Langhaus ist ein Wandpfeilerraum, aber keine Wandpfeiler-Basilika. Nur in Vierung, Querschiff und Chor ist sie den römischen Vorbildern ähnlich. Dies trifft auch für die 1643 begonnene und erst 1716 vollendete Kölner Kirche der Unbeschuhten Karmelitinnen zu. Die beiden Ordenskirchen in Köln haben ihre architektonischen Vorbilder noch in der flämischen Renaissance.
Erst mit dem zweiten Bauwerk des Reformordens im deutschsprachigen Raum, der 1639 in Wien eingeweihten Kirche am Karmeliterplatz,[5] wird ein Schema sichtbar, das auf eine Vorgabe des Ordens hinweist. Es ist eine Wandpfeiler-Basilika[6] mit Querschiff, quadratischer Vierung und gerade geschlossenem Chor. Das Querschiff greift nicht über die Langhausbreite vor und betont damit den kompakten Grundrisscharakter. Doppelte Pilastervorlagen an den Wandpfeilerköpfen, ein umlaufendes, kräftiges Gebälk mit Kreuzgewölben zwischen doppelten Gurtbögen charakterisieren den Innenraum. Die Ausmasse und die Jochzahl entsprechen der römischen Kirche Santa Maria della Scala. Wie dort fehlt die Tambourkuppel.
|Grundriss der Würzburger Karmelitenkirche. Mit Ausnahme ihres zusätzlichen kurzen Eingangsjochs entspricht sie den römischen Kirchen Santa Maria ai Monti und Santa Maria della Scala. Ähnlich sind auch die Grundrisse der Kirchen in Wien und Regensburg. Quelle: Hauttmann 1921 Seite 129.||Fassade von Santa Maria ai Monti (Giacomo della Porta um 1585).

Quelle: Rossi 1683.
|Fassade der Kirche Santa Maria Maddalena delle Convertite (Carlo Maderno 1585, 1798 zerstört). Quelle: Reinle, Codex Ardüser, Seite 203.|
|Fassade der ersten Karmelitenkirche Santa Maria della Scala. Vorbild der folgenden Karmeliten-Kirchen.

Quelle: Rossi 1683.
|Fassade der Wiener Karmelitenkirche, die unteren zwei Geschosse wie Santa Maria della Scala. Foto: Tokfo 2014 in Wikipedia.||Fassade der Karmelitenkirche von Würzburg (1668).

Foto: Daderot 2012 in Wikipedia
|Fassade der Karmelitenkirche von Regensburg (1673).

Foto: Hans100 in Wikipedia.
Bei der Fassadengestaltung scheint eine kleine Freiheit zu herrschen. In Wien ist sie, bedingt durch das steile Dach und den hohen Obergaden, dreigeschossig. Zwar sind die unteren Geschosse nach römischem Vorbild gebaut, mit der Vertikaltendenz und vor allem mit den kräftigen Volutenübergängen in den Obergeschossen wirkt die Wiener Fassade sehr deutsch.
Die nun folgenden Kirchenneubauten der Unbeschuhten Karmeliten im süddeutschen Raum sind dem gleichen Schema verpflichtet. In der Grösse wichen sie nur wenig vom Vorbild ab. Meist haben auch sie drei Langhausjoche. Nach 1660 sind auch ihre Fassaden klare Übernahmen der zweigeschossigen römischen Vorbilder.
1657–1660 lässt Kurfürst Ferdinand Maria die Karmelitenkirche in München bauen.[7] 1660–1673 folgt die Kirche von Regensburg.[8] Die Würzburger Kirche wird 1662–1669 gebaut. Diese drei Kirchen folgen den in Wien erstmals angewendeten Vorgaben, nur die Kirche in München zeigt mit der Jochzahl und der retardierenden Fassadengestaltung Abweichungen. In Würzburg und Regensburg sind die Fassaden einheitlich zweigeschossig nach römischem Vorbild errichtet, in Würzburg 1668, in Regensburg etwas reicher 1673. Die Fassade in München ist seit 1811 durch einen klassizistischen Umbau zerstört.
Die Fassade am Beispiel Würzburg
Sie entspricht dem Typus, der in Rom für kleinere basilikale Sakralbauten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verbreitet ist. Die Fassade ist mit kleinen Abweichungen identisch mit den Fassaden von Santa Maria Maddalena delle Convertite und Santa Maria della Scala. Wie diese ist sie zweigeschossig und im Sockelgeschoss dreiachsig. Die breite Mittelachse wird durch doppelte Pilaster betont. Die Öffnungen sind auf das Portal und dem Fenster im Obergeschoss reduziert. Damit wirkt die Fassade klösterlich zurückhaltend. Der Dreiecksgiebel des Obergeschosses wiederholt sich im Portal. Abweichend von den römischen Vorbildern sind nur die einfacheren Kapitelle, das unorthodox in den Attikasockel einschneidende Fenster oder die nicht mehr eingerollten Abschwünge.
Die Baumeister
Mit Ausnahme Münchens sind alle Bauorte auch kurzfristige Aufenthaltsorte des Ordensbaumeisters Fr. Carolus a S. Josepho.[9] Er ist vermutlich in Würzburg und Regensburg, vielleicht auch in München, für die Klosterneubauten und die ersten Vorgaben zur Durchsetzung der Ordensnormen für den geplanten Kirchenbau zuständig. Er wird in Wien als Planer der Karmeliterkirche bezeichnet, was zeitlich möglich, aber nicht belegt ist. Am Bau der drei weiteren Kirchen in München, Regensburg und Würzburg kann er nicht mehr beteiligt sein, denn er stirbt schon 1650. Für München gilt Marx Schinagel als ausführender Baumeister. In Regensburg ist es ein nicht genannter Italiener.[10] In Würzburg dürfte Antonio Petrini verantwortlich sein. Die Nennung von Hans Conrad Asper in München zeigt, wie wichtig die Bildhauer für Fassadengestaltungen sind. Man geht kaum fehl in der Annahme, dass allen erwähnten Kirchenfassaden Detailplanungen von Bildhauern zu Grunde liegen.
Pius Bieri 2018Literatur:
Anmerkungen:
[1] Beide Ordensrichtungen, die alten «beschuhten» und die neuen «unbeschuhten» Karmeliten oder Karmeliter, werden nach dem völligen Verschwinden während der Säkularisation 1827 neu gegründet. Die heute von den Karmeliten betriebenen Klöster sind meist nicht mehr am ursprünglichen Sitz. Auch bezeichnen sich heute die am alten Ort neu gegründeten Niederlassungen der beschuhten Karmeliten (Bamberg) ebenso wie diejenigen der unbeschuhten (Würzburg) neutral als Karmelitenkloster.
[2] Carlo Maderno (1556–1626) aus Capolago (Tessin) ist Neffe des römischen Baumeisters Domenico Fontana. Er übernimmt schon vor dem Tod von Giacomo della Porta mehrere dessen Werke. Mit ihm beginnt der römische Barock.
[3] Giacomo della Porta (1532–1602) aus Porlezza (Como), Bildhauer und Architekt, ist Schüler von Michelangelo und Vignola. Er gilt als einer der Wegbereiter des römischen Barocks.
[4] Die Kuppel liegt direkt auf den Pendentifs auf. Sie wird über dem flachen Dach laternenartig umfasst, erhält eine Kuppellalterne und betont so auch aussen die Vierung.
[5] In Wien wird sie Karmeliterkirche genannt. Die Kirche der unbeschuhten Karmeliten «Jungfrau vom Berge Karmel und heilige Theresia von Avila» wird 1683 durch die Türken verwüstet. 1783 werden die Karmeliten von Kaiser Joseph ausgewiesen, die Kirche seither mit dem neuen Patrozinium St. Joseph Pfarrkirche.
[6] Die tektonische Struktur wird meist mit «Wandpfeilerkirche» umschrieben. Der Begriff ist zweideutig, denn er erfasst unterschiedliche Gebäudetypen, die nur den Grundriss gemeinsam haben. Der strukturelle Aufbau der Karmelitenkirchen entspricht der frühen, schon in der Renaissance üblichen Wandpfeilerbasilika, wie sie mit der Jesuitenkirche Il Gesù verbreitet bekannt wird. Ihre Weiterentwicklung im Norden ist die Wandpfeilerhalle (Wandpfeilersaal), welche die eigentliche barocke Invention ist und mit den Bauwerken von Zwiefalten und Neresheim den Höhepunkt erreicht. Beide Typen sind um 1660 im Norden der Alpen schon stark verbreitet. Siehe dazu das Glossar in dieser Webseite.
[7] Die Karmelitenkirche von München wird 1657–1660 durch Marx Schinagel (1612–1681) ausgeführt. Sie ist im Langhaus nur zweijochig und in der Fassade (glaubt man dem Stich von Wening) noch nicht barock. Der als Planer genannte Bildhauer Hans Conrad Asper (1588–1666) zieht sich 1654 nach Konstanz zurück. Die Kirche ist seit 1811 klassizistisch verändert und profaniert, über ihre Gestalt vor der klassizistischen Veränderung herrscht Unsicherheit.
[8] Die Karmelitenkirche in Regensburg wird 1660 begonnen, die Fassade 1673 fertiggestellt.
[9] Fr. Carolus a S. Josepho (1586–1650) aus Braunschweig. Zu ihm siehe die Anmerkung 11 in der Biografie Petrini.
[10] «Der Name des Architekten, eine Italieners, wird nirgends genannt». Spekulativ und etwas hilflos wird Carlo Lurago gehandelt. Der Auftrag für den Stuckmarmor-Hochaltar (heute in der Pfarrkirche Schärding) an den Bildhauer Johann Peter II. Spaz (Giovanni Pietro Spazio) aus Linz wird 1677 von der Wiener Hofkammer erteilt. Die originale Ausstattung verschwindet schon 1814.
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