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Ich bin mir nicht sicher, was ich von diesen Aussagen halten soll. Ist das etwa ein Plädoyer dafür, dass wir alle mehr Chancen haben sollten, unsere süchtigen Bedürfnisse zu befriedigen? Meint das vielleicht, dass in einer Gesellschaft, in der das menschliche Bedürfnis nach glücklichem Leben nicht negiert wird, Verbote von Alkohol und anderen Genussmitteln oder suchtpolitische Ziele wie Abstinenz sinnvoll seien?
Der Herausgeber Klaus Weber schreibt in der Einleitung zu diesem Band:
"Süchtiges Handeln soll wieder als subjektiv begründetes Handeln in gesellschaftlichen Zusammenhängen gedacht werden und nicht als Folge einer organischen, genetischen oder sonstigen Störung und auch nicht als vererbte Disposition etc. Wie wenig die heutige Psychiatrie mit ihrem einseitigen medizinischen Störungsmodell, in der Praxis zudem mit fehlenden zeitlichen und personellen Ressourcen in der Lage ist, auf süchtiges Handeln von Menschen deren Begründungen zu eruieren, um einen gemeinsamen Kampf aufzunehmen gegen eine Gesellschaft, in der Sucht fast nötig ist, um die sozialen, politischen und betrieblichen Kränkungen auszuhalten, ist offensichtlich."
Dieser Band geht davon aus, dass es die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, "welche es subjektiv für manche Menschen notwendig machen, sich mit Alkohol in ein anderes Leben zu 'drehen'." Ich halte das zwar für möglich, auch wenn ich den Umkehrschluss, den man aus dieser Behauptung ziehen muss – dass die gesellschaftlichen Verhältnisse für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, die ja nicht alkoholabhängig ist, kein Problem darstellen – absurd finde.
Wie auch immer, dieser Band erfüllt einen wichtigen Zweck: er macht deutlich, dass es falsch ist, Sucht auf ein rein individuelles Problem zu verkürzen. "Es ist auffällig, dass die Rückfallthematik gerade zu einem Zeitpunkt in die Diskussion kam, als der Überhang an Therapieplätzen im Rehabilitationsbereich nicht mehr zu übersehen war und viele Kliniken in eine Situation der Unterbelegung brachte." Aber auch zum Widerspruch regt dieser Band an: "Wir gehen davon aus, dass sich Menschen auch zu ihrer Drogenabhängigkeit bewusst verhalten können und dies auch tun." Ja, sicher, doch das gilt eben dann nicht mehr, wenn etwa ein Alkoholiker den ersten Schluck getrunken hat.
Klaus Weber (Hg.)
Sucht
texte kritische psychologie 2
Argument Verlag, Hamburg 2011