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René Frauchiger
René Frauchiger ist Autor von Kolumnen und Kurzgeschichten, die in diversen Zeitungen und Literaturzeitschriften erscheinen, sowie Gründer und Mitherausgeber von „Das Narr, das narrativistische Literaturmagazin“ (seit 2011). 2016 wurde er mit dem Werkbeitrag des Fachausschusses Literatur Basel ausgezeichnet. Im September 2019 erschien sein erster Roman: „Riesen sind nur grosse Menschen“ im homunculus-Verlag. Seit 2022 für die Werkstätten des Aargauer Literaturhauses Lenzburg zuständig. Geboren 1981 in Madiswil, lebt in Basel.
Textbeispiel: Über Nabelschnüre
Durch eine genetische Mutation hat sich die Nabelschnurlänge der Bevölkerung eines kleinen Bündner Dorfes derart verlängert, dass die Schnur nach der Geburt nicht mehr abgeschnitten werden muss. Vielmehr wächst diese stetig und kann bei einem Sechzigjährigen die Länge von beinahe einem Kilometer erreichen. Trifft man demnach einen der Dorfbewohner, so sieht man ihn hinter sich seine Nabelschnur herziehen. Folgt man besagter Schnur, so gelangt man zu der Mutter des Dorfbewohners, in welcher auch die Nabelschnüre der Geschwister enden. Die Nabelschnur der Mutter verbindet diese wiederum mit der Grossmutter. Meistens verläuft dann die Nabelschnur der Grossmutter nicht direkt zur Urgrossmutter, sondern vielmehr zum Grab derselben. Auf dem Friedhof des Dorfes – mit welchem alle Bürger des Dorfes verbunden sind – führt die Nabelschnur der Urgrossmutter dann aus dessen Grab zum Grab der Ururgrossmutter und so weiter. Dies jedoch nur so lange wie die Nabelschnüre noch nicht verwest sind.
(aus: Narrgenda 2014; S. 283)