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All die Dinge, die mir fehlten. Ein New-York-Roman von Jacqueline Woodson
In ihrem Roman "Ein anderes Brooklyn" erzählt Jacqueline Woodson die Geschichte vom Aufwachsen eines Schwarzen Mädchens in Brooklyn. Eine wichtige weibliche Stimme aus der Schwarzen Community.
Sich selbst in Büchern wiederfinden
Die amerikanische Autorin Jacqueline Woodson, geboren 1963, macht in einem Zitat zum Ziel von "Ein anderes Brooklyn" deutlich, worum es ihr mit dem Roman geht:
"Ich wollte über nichtweisse Menschen schreiben. Ich wollte über Mädchen schreiben. Ich wollte über Freundschaft schreiben und über all die Dinge, die mir fehlten in den Büchern, die ich gelesen habe."
Diese Aussage zeigt eine Form des strukturellen Rassismus: Schwarze Menschen kommen in der Literatur nicht bzw. viel zu selten vor. Umso wichtiger ist es, #ownvoices zu lesen - für Schwarze Menschen, um sich mit dem Setting, den Protagonist*innen und den geschilderten Herausforderungen identifizieren zu können. Aber auch für weisse Menschen, um mithilfe von Literatur die Perspektive der Schwarzen Mitmenschen kennenzulernen und für deren Probleme sensibilisiert zu werden.
Aufwachsen als Mädchen in Brooklyn
"Ein anderes Brooklyn" erzählt aus der Perspektive der jungen August, wie es war, in den 70er-Jahren in Brooklyn aufzuwachsen. August kam im Alter von 8 Jahren mit ihrem Vater und ihrem Bruder (damals 4 Jahre alt) aus Tennessee nach Brooklyn. Zu Beginn unklar bleibt, was mit der Mutter geschehen ist. Klar ist, dass sie nicht mit der Familie umgezogen ist. August vermisst sie sehr und redet ihrem Bruder - und sich selbst - ein, dass sie jederzeit auftauchen könnte.
Der Vater wendet sich in Brooklyn der Nation of Islam zu. Über die muslimische Gemeinschaft der Schwarzen in den USA gibt es auch bei James Baldwins "Nach der Flut das Feuer" einiges zu erfahren. August sucht Halt und Orientierung nicht in der Religion, sondern bei ihren drei Freundinnen Sylvia, Gigi und Angela.
In kleinen Episoden erfahren wir mehr über die drei Freundinnen, über das Aufwachsen von August und über die Veränderung von Brooklyn. Damals verliessen Italiener, Iren und Juden nach und nach das Viertel, bis am Ende fast nur noch Schwarze in Brooklyn lebten. Omnipräsent waren Drogen und vom Krieg gebeutelte Vietnamveteranen. August beschreibt die Stimmung eindringlich:
"Wo immer wir hinschauten, sahen wir Leute, die sich versuchten wegzuträumen. Als gäbe es irgendwo einen anderen Ort. Als gäbe es ein anderes Brooklyn." (S. 73)
Atmosphärisch und fragmentarisch
Der fragmentarische Roman mit gut 150 Seiten liest sich sehr leicht und schnell. Jacqueline Woodson gelingt es gut, die Stimmung in Brooklyn und die inneren und äusseren Kämpfe eines Schwarzen Mädchens bzw. einer jungen Frau heraufzubeschwören. Bei der Kürze gezwungenermassen etwas oberflächlich bleibt der Roman, was das Schicksal der drei Freundinnen angeht. Hier hätte die Autorin viel mehr auserzählen können. Denn das wäre sehr spannend gewesen angesichts der tragischen Geschichten. Angeschnitten werden so existenzielle Themen wie Drogenmissbrauch, ungewollte Schwangerschaften, die Bedeutung des sozialen Hintergrunds, Karrierechancen, Rassismus etc.
Fazit
Jacqueline Woodson erzählt in "Ein anderes Brooklyn" eindringlich vom Aufwachsen im New Yorker Bezirk Brooklyn in den 1970er-Jahren. Ich-Erzählerin August kämpft nicht nur mit dem Erwachsenwerden, sondern auch mit dem Verlust der Mutter, dem strukturellen Rassismus und den Gefahren, denen sie auf der Strasse ausgesetzt ist. Halt geben ihr ihre Freundinnen, die aber ihrerseits ebenfalls ihre Rucksäcke zu tragen haben. Ein sehr eindringliche, poetische Stimme, die Gehör verdient!
Die Fakten
Jacqueline Woodson
Brigitte Jakobeit (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch)
Piper
160 Seiten
Erschienen am 05.08.2019
Taschenbuch
ISBN: 978-3-492-23204-3
PS: Ich habe das Buch im Rahmen einer Leserunde von @mariaslesekreis auf Instagram gelesen.
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