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Viele Arbeiter/innen wählen heute SVP und sind doch weiterhin für Umverteilung von oben nach unten
Die SP als Arbeiterpartei: Schnee von gestern?
Line Rennwald ist Doktorin der Politikwissenschaft und erforscht das Wahlverhalten der Arbeiterschaftin der Schweiz und im Ausland. In der Schweiz hat sie dafür die eidgenössischen Wahlen von 1971 bis 2011 untersucht. In diesen vier Jahrzehnten hat sich das Wahlverhalten der sogenannten Arbeiterklasse stark verändert: Zu Beginn der 1970er-Jahre betrug der Wähleranteil der Sozialdemokratischen Partei 38% und fiel bis 2011 auf 19%. Der Anteil der SVP-Wähler/innen dagegen stieg von knapp 10 auf 40%.
kontakt.sev: Line Rennwald, Sie haben das Wahlverhalten der Arbeiterklasse in der Schweiz untersucht: Wie definieren Sie diese?
Arbeiter/innen sind alle Lohnabhängigen, die Handarbeit verrichten – qualifizierte wie unqualifizierte. Nachdem der Dienstleistungssektor gewachsen ist, kann man auch die dort beschäftigten Arbeiter/innen wie beispielsweise Verkäufer/innen oder Pfleger/innen zur Arbeiterklasse im weiteren Sinn zählen. Diese beschränkt sich also nicht auf Fabrikangestellte. Wenn man vom Stimmverhalten der Arbeiterschaft spricht, sind also oft alle Handarbeit verrichtenden Berufsklassen mitgemeint.
Haben Sie für Ihre Untersuchung selber mit Stimmberechtigten gesprochen?
Ja, zu Beginn schon. Danach beschränkte ich mich auf die ab 1995 mit dem Projekt «Swiss Electoral Studies» (Selects) durchgeführten Nachwahlbefragungen. Für die Wahlen 2015 liegen die Ergebnisse noch nicht vor, sollten aber demnächst herauskommen.
Sie haben das Wahlverhalten der Schweizer/innen in einem Zeitraum von 40 Jahren untersucht. Was ist dabei vor allem herausgekommen?
In den 70er-Jahren stand die Arbeiterschaft klar hinter der Sozialdemokratischen Partei (SP), und diese war sehr stark. Danach gab es ab den 80er-Jahren eine Erosion der Arbeiterstimmen und ein politisches Vakuum, während dem die Wahlabstinenz zunahm. Erst nach 1991 wandte sich ein immer grösserer Teil der Arbeiterklasse der SVP mit ihrem neuen, rechtspopulistischen Profil (gegen Immigration und gegen Europa) zu. Vorher wählten 40% der Arbeiter/innen die SP, heute wählen 40% die SVP.
Ist die Arbeiterklasse inzwischen auch geschrumpft?
Wenn man nur die in der Produktion beschäftigten, lohnabhängigen Arbeiter/innen anschaut, hat sich ihr Anteil an den schweizerischen Stimmberechtigten zwischen 1971 und 2011 von rund 30% auf 15% halbiert. Jedoch ist bei ihnen die Zahl der SP-Wähler/innen um den Faktor drei gesunken. Das SP-Elektorat hat sich also schneller verändert als die berufliche Struktur der Schweiz.
Von wie viel Prozent der Schweizer Bevölkerung reden wir hier?
Die Arbeiter/innen in Produktion und im Dienstleistungsbereich machen zusammen 30% der Stimmberechtigten aus. Zählt man die Büroangestellten dazu, sind es 40%.
Wenn sich die Arbeiterklasse teilweise der SVP zugewandt hat, wer unterstützt dann heute die SP?
Eher die mittleren Angestellten. Die SP hat heute weniger hohe Stimmenanteile als vor 40 Jahren, ist aber weiterhin eine wichtige Partei dank dem Rückhalt bei dieser Mittelklasse. Sie bleibt aber eine Partei der Lohnabhängigen. Nur sehr wenige kleine Selbstständige oder Unternehmer wählen SP.
Hat sich ein Teil der ehemaligen SP-Wähler/innen auch weiter links stehenden Parteien zuwandt?
Ich verfüge nicht über genügend Daten, was extreme Linksparteien wie Solidarités oder die Progressiven Organisationen betrifft. Doch dort, wo es diese gibt, hat bestimmt ein Teil der SP-Wähler/innen zu ihnen gewechselt. Ich kann es aber nicht nachweisen.
Haben sich die politischen Parteien verändert oder die Wähler/innen?
Es ist denkbar, dass die Wähler/innen ihre Präferenzen ein wenig geändert haben, doch geändert hat meiner Meinung nach eher das politische Angebot der Parteien. Steckenpferd der SP sind in den 70er-Jahren vor allem Themen in Verbindung mit der Arbeitswelt. In den 80er-Jahren ist das soziale Klima noch friedlich und es kommen neue Themen auf: jene der post-materialistischen Bewegungen (für die Umwelt, gegen die Kernenergie usw.). Die Grüne Partei wird Konkurrentin der SP. Dies wirkt sich auf die Wahlen von 1987 und 1991 aus. In den 90er-Jahren legen neoliberale Ideen immer stärker zu. Dagegen setzen sich vor allem die Gewerkschaften zur Wehr. Die Arbeitswelt nimmt in der politischen Agenda der 90er- und Nullerjahre aber nicht mehr viel Raum ein. Die Parteien satteln auf andere Themen um.
Auch die SVP hat sich stark verändert.
Genau. Zu Beginn der 90er-Jahre ändert die SVP ihr Angebot und richtet ihre Politik auf Europa und die Immigration aus. So diktiert sie die politische Agenda in der Schweiz.
Ist dies in den Befragungen sichtbar?
In der Schweiz scheuen sich die Leute nicht zu sagen, dass sie SVP wählen. In Frankreich dagegen wollen viele nicht sagen, dass sie für den Front national stimmen. Darum liegen die Umfragewerte dieser rechtsextremen Partei oft stark unter ihren Resultaten.
Teilt das Arbeitermilieu die Werte der SVP?
Die Arbeiterklasse bleibt während der ganzen Periode, die ich untersucht habe, die stärkste Befürworterin einer Umverteilung des Reichtums von oben nach unten (in der Sozial- und Steuerpolitik). Zugleich steht sie einer offenen Migrationspolitik am skeptischsten gegenüber. Bei der Abstimmung über die Schwarzenbach-Initiative 1970 stimmten etliche Arbeiter/innen dafür, obwohl sie bei Wahlen die SP unterstützten. Letztlich kann man sagen, dass die Werte dieser sozialen Klasse relativ stabil geblieben sind.
Und wie wirkt sich das auf die Wahlen aus?
Ich habe nur die Resultate der eidgenössischen Wahlen untersucht. Wissenschaftlich weiss man nur sehr wenig über den Zusammenhang zwischen Abstimmungen und Wahlen.
Wie steht es um die kantonalen Wahlen?
Diese habe ich in meiner Studie auch nicht angeschaut. Hingegen stiess ich auf Unterschiede zwischen den konfessionell gemischten Kantonen der deutschen Schweiz (wie BE und ZH), den konfessionell gemischten Kantonen der Westschweiz (wie VD und NE) und den katholischen Kantonen (zu denen das Tessin gehört). Am Anfang und am Ende der 40 Jahre entschieden sich die Arbeiter/innen in den konfessionell gemischten Kantonen der Westschweiz am stärksten für die SP. Darauf folgten die konfessionell gemischten Kantone der Deutschschweiz. Die katholischen Kantone bildeten das Schlusslicht. Dort ist die Konkurrenz der CVP traditionell stark.
Wo hat die SP am meisten Arbeiterstimmen verloren?
Vor allem in der Deutschschweiz, wo die SVP sehr stark geworden ist, und im Tessin mit der Entwicklung der Lega. In der Westschweiz weniger.
Wer in der Arbeiterklasse ist der SP treu geblieben? Kennt man die Profile dieser Wähler/innen?
Wir haben festgestellt, dass die Mitgliedschaft bei einer Gewerkschaft entscheidend ist. Die Werte der Solidarität, die in den Gewerkschaften sehr präsent sind, werden mit der Linken in Verbindung gebracht. Den ausländerfeindlichen Kräften halten die Gewerkschaften die klare, kohärente Botschaft entgegen, dass die Arbeitsbedingungen allein durch Solidarität zwischen den Arbeitnehmenden verbessert werden können, unabhängig von deren Herkunft oder Nationalität. Zudem gehen gewerkschaftlich organisierte Personen häufiger wählen, interessieren sich stärker für die politische Sache und den Solidaritätsgedanken. Sie diskutieren an Versammlungen und werden durch ihre Gewerkschaft informiert, was ihr politisches Interesse weckt.
Und wie hat sich die Wahlabstinenz entwickelt?
Schon in den 70er-Jahren hat sich die Arbeiterklasse an den Wahlen weniger stark beteiligt als die übrigen Angestellten und die Arbeitgeber/innen. Die tiefe Wahlbeteiligung ist für die Schweizer Arbeiterschaft schon immer typisch gewesen. Hingegen hat die Wahlabstinenz ab dem Ende der 80er-Jahre überall in Europa zugenommen. So wie auch die harte Rechte ein wenig überall in Europa erstarkt ist.
Auf Bundesebene ist eine ganze Bevölkerungsgruppe politisch rechtlos…
In der Tat ist ein Fünftel der Einwohner/innen der Schweiz auf Bundesebene nicht stimmberechtigt: jene ohne Schweizer Pass. Viele von ihnen sind Arbeiter/innen. Auch das ist spezifisch für die Schweiz.
Werden Sie auf diesem Gebiet weiterforschen?
Ja. Zum Beispiel könnte man den Zusammenhang zwischen der Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft und dem Wahlverhalten genauer erforschen.
Fragen: Henriette Schaffter/Fi
Ihr Buch:
Line Rennwald, «Partis socialistes et classe ouvrière. Ruptures et continuités du lien électoral en Suisse, en Autriche, en Allemagne, en Grande-Bretagne et en France (1970–2008)», Neuenburg: Alphil-Presses universitaires suisses, 2015, ISBN: 978-2-88930-030-3
BIO
Line Rennwald (32) wohnt zurzeit zwischen zwei Auslandaufenthalten in Delsberg. Anfang März ist sie aus Amsterdam zurückgekehrt, wo sie mit einem Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung während anderthalb Jahren tätig war. Im September geht sie ans Europäische Hochschulinstitut in Florenz. Während der paar Monate in der Schweiz arbeitet sie teilzeitlich als Forschungsbeauftragte an der Universität Lausanne.[bild hanna: Kein Bild mit tag:'line-rennwald align=left' gefunden]
Line Rennwald hat in Politikwissenschaft doktoriert und ihre universitäre Ausbildung in Genf gemacht. Während eines Jahres hat sie bei der SP Schweiz in Bern für die Abstimmungskampagne 2007 gearbeitet. Sie ist Unia- und VPOD-Mitglied.
Sie lebt in einer Beziehung und spielt seit Kurzem wieder Badminton in Courrendlin, wo sie aufgewachsen ist.