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Die Biodiversität umfasst nicht nur Arten, sondern teilt die Vielfalt in drei Bereiche e
- die Artenvielfalt (Pflanzen, Tiere, Mikroben, Pilze usw.)
- die genetische Vielfalt von Lebewesen und Pflanzen (Pflanzensorten und Tier-Rassen)
- die Vielfalt von Ökosystemen und Lebensräumen (Wald, Wiese, Weide, Acker, Hecke, Moor usw.)
Die Biodiversität bezieht sich sowohl auf wildlebende Tiere und Pflanzen als auch auf Tiere und Pflanzen, die in der Landwirtschaft genutzt werden, der so genannten Agrobiodiversität. Viele wildlebende Pflanzen und Tiere kommen ausschliesslich auf landwirtschaftlich genutzten Flächen vor, fast die Hälfte davon auf Wiesen und Weiden. Bei den Reptilien wurde sogar jede dritte Beobachtung im Rahmen des Biodiversitätsmonitorings auf einer landwirtschaftlichen Nutzfläche gemacht, bei der Zauneidechse war es sogar jede zweite. Weil die Landwirtschaft gleichzeitig Wildtiere (wie z.B. Füchse) und Wildpflanzen (wie z.B. Unkräuter) wie Nutztiere und Nutzpflanzen beherbergt, kann man die beiden Bereiche eigentlich gar nicht trennen.
Dank der abwechslungsreichen Topografie, den Alpen, Tälern und Seen hat die Schweiz eine grosse Vielfalt natürlicher Lebensräume. Diese Lebensräume nutzen die Bauern. Sie rodeten die Wälder, legten Wiesen und Weiden an, pflegten Äcker und Obstgärten. Erst durch sie entstand die Vielfalt, wie wir sie heute kennen.
1.1 Die Artenvielfalt steigt
Wie steht es eigentlich um die Biodiversität in der Schweiz? Ist sie bedroht? Nimmt sie ab? Um das beurteilen zu können, hat das Bundesamt für Umwelt (BAFU) 2001 ein Biodiversitätsmonitoring eingerichtet, das BDM. Es misst den Zustand der Biodiversität so dass mit der Zeit eine Art "Dow-Jones-Index für Naturwerte" entsteht. Das BDM hat zwei über die ganze Schweiz verteilte Stichprobennetze. Diverse Indikatoren geben Auskunft darüber, wie sich die biologische Vielfalt langfristig verändert. Dazu gehören direkte Zustandsindikatoren, wie etwa die Veränderung der Fläche wertvoller Biotope. Aber auch indirekte Faktoren, welche die biologische Vielfalt beeinflussen, wie zum Beispiel die Veränderung des Nährstoffangebots im Boden.
Die bisherigen Ergebnisse des BDM überraschen auf den ersten Blick. Rein zahlenmässig hat die Vielfalt in der Schweiz nämlich zugenommen. So leben heute mehr Tierarten in der Schweiz als noch vor hundert Jahren. Das dürfte mehrere Gründe haben: Erstens konnten einige Restbestände bedrohter Arten dank gezielter Naturschutzbemühungen gerettet werden. Zweitens wurden in vielen Gebieten neue Arten eingeschleppt und drittens waren verschiedene Wiederansiedlungen erfolgreich. So sind zum Beispiel der Steinbock, der Biber, die Bisamratte, aber auch der Waschbär inzwischen in der Schweiz heimisch. Der Braunbär hat bekanntermassen ebenfalls Versuche unternommen, sich hierzulande niederzulassen. Neben Schwalben und Steinadlern schweben heute auch Gänse-und Bartgeier über den Eidgenossen; in den letzten hundert Jahren sind gesamthaft 19 Brutvogelarten neu in der Schweiz aufgetaucht.
1.2 Mehr Arten – weniger Wert
Wer aus diesen Zahlen schliesst, der Biodiversität gehe es blendend, der irrt. Eine hohe Zahl von Arten in einer Region ist zwar grundsätzlich positiv. Allerdings nur, wenn neue weit verbreitete Arten keine einheimischen, weniger verbreitete Arten verdrängen.
Wenn man die Anzahl gefährdeter Arten betrachtet, dann ergibt sich ein gänzlich anderes Bild: In den letzten 150 Jahren sind allein in der Schweiz 224 Tier- und Pflanzenarten ausgestorben oder verschollen. Ein Drittel der Blütenpflanzen und Farne sind bereits verschwunden, bei den Moosen und Flechten sind 40 Prozent ausgestorben oder gefährdet. Auf der Roten Liste figurieren etwa 37 Prozent der Säugetierarten in der Kategorie "gefährdet", bei den Brutvögeln sind es 40 Prozent, bei den Fischen 60 Prozent und bei den Reptilien sogar 80 Prozent. Wenn die "potenziell gefährdeten" noch dazu gezählt werden, dann braucht rund die Hälfte unserer Flora und Fauna dringend Hilfe! Gerade die Arten, die ein erhöhtes Aussterberisiko haben, sind für den Erhalt der Artenvielfalt besonders wicht
1.3 Aller-Welts-Rassen auf dem Vormarsch
Bei der Agrobiodiversität sieht die Entwicklung ähnlich aus: Zwar haben Lamas, Yaks, Strausse und viele andere, ehemals unbekannte Tierarten in Schweizer Ställen Einzug gehalten. Tatsächlich ermöglichen sie manchen Bauern eine Nischenproduktion. Aber auch bei den traditionellen Tierarten Rind, Schwein oder Schaf ist in den letzten Jahren laut BDM die Rassenvielfalt gestiegen. So hat sich dank der Mutterkuhhaltung z.B. die Zahl der Rinderrassen in der Schweiz von 19 auf 29 erhöht.
Doch bei den eingeführten Rassen handelt es sich in den meisten Fällen um weitverbreitete Aller-Welts-Rassen.
Dagegen sind viele heimische Nutztierrassen noch immer vom Aussterben bedroht, weil sie nicht, nicht mehr oder kaum noch wirtschaftlich genutzt werden. Ein Teil der genetischen Vielfalt geht sogar verloren, ohne dass eine Art ausstirbt: Weil sich die Zucht auf wenige Linien und wenige Rassenvertreter konzentriert, nimmt die Vielfalt der Gene ab. Diese Gefahr ist ganz besonders gross bei kleinen Populationen. Es braucht deshalb noch immer grosse Anstrengungen, um alte Rassen mit ihren speziellen genetischen Merkmalen zu erhalten.
Genau wie bei den Nutztierrassen vermitteln auch die BDM-Zahlen zu den Kulturpflanzensorten ein verzerrtes Bild. Denn obwohl es bei der Gerste 731 Sorten gibt, 1174 Apfelsorten und 97 Kartoffelsorten in der Schweiz existieren, werden nur wenige Sorten grossflächig angebaut. Die Konsumenten finden von dieser Vielfalt nur wenig im Angebot des Detailhandels.
1.4 Vereinheitlichung schreitet voran
Die Artenvielfalt auf den Wiesen und Weiden ist laut BDM ebenfalls gestiegen. Doch verheissen diese Arten nichts Gutes zur ökologischen Qualität des Pflanzenbestands. Wertvoll wären vor allem wenig verbreitete Arten, sowie Arten, die spezielle ökologische Ansprüche an ihre Umgebung stellen. Arten, die typisch sind für bestimmte Lebensräume und die die Landschaft unverwechselbar machen. Aktuell sieht es aber danach aus, als steige die Artenvielfalt nur deshalb, weil sich ohnehin häufige Arten weiter ausbreiten. Dieses Phänomen ist hauptsächlich im Mittelland und im Jura zu beobachten, in den Bergregionen dagegen (noch) nicht. Es gibt immer mehr "Normalwiesen", "Normwaldränder" oder "Standardhecken" in der Schweiz, die überall ähnlich aussehen und auch ähnliche Arten beherbergen. Wie in den Städten finden wir auch auf den Wiesen immer mehr Einheitsbrei.
1.5 Wald frisst Wiesen, Siedlungen fressen Äcker
Auf Golfplätzen spriessen keine Ackerunkräuter, über Autobahnen hinweg vermehren sich keine Feldhasen und Feldlerchen brüten nicht im Wald: Jede Nutzung hat ihre eigenen Lebensraumgesellschaften mit den entsprechenden, angepassten Tier -und Pflanzengemeinschaften. Wenn sich die Nutzung der Landschaft verändert, verändert sich auch die Lebensgemeinschaft. Ein Blick auf die Veränderung der Arealnutzung lässt nichts Gutes ahnen. Die Schweiz wurde vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark überbaut. Auch der Wald dehnte sich stark aus.
Landwirtschaftlich genutzte Flächen stehen doppelt unter Druck: Einerseits bildet das Landwirtschaftsgebiet die grösste Reserve für Bauland und Verkehrswege. Andererseits zwingt der wirtschaftliche Druck die verbleibenden Landwirtschaftsbetriebe zur Rationalisierung und Intensivierung. Die Betriebe werden grösser, während der Arbeitskräftebesatz gleich bleibt oder sinkt. Die Bewirtschaftung unrentabler oder kaum mechanisierbarer Flächen nimmt ab, auf den so genannten Grenzertragsflächen dehnt sich deshalb der Wald aus.