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"Alle reden vom Wetter" hieß es auf einem bekannten SDS-Plakat in Anlehnung an die Bundesbahnwerbung auf rotem Grund, die Konterfeis von Marx Engels und Lenin, darunter: "Wir nicht!". Die Revolution wartet den Sonnenschein nicht erst ab, den sie den Menschen verspricht; politisch steht die Revolution derzeit sowieso im Regen: kein "Prima Klima!", sondern Kälte (wie Adorno angeblich seine Ethik nennen wollte). Deshalb ist es an der Zeit, doch vom Wetter zu sprechen, deshalb heißt die Single-Auskopplung von Blumfelds neuem Album "Graue Wolken". Das einfache Bild klingt wie aus dem Poesiealbum entnommen, veraltet, verstaubt; als literarische Allegorie finden sich die grauen Wolken bei Friederike Kempner oder Octavio Paz, gleich mehrmals bei Heinrich Heine - zum Beispiel in einem von Edward Grieg vertonten Lied: "Eingehüllt in graue Wolken, Schlafen jetzt die großen Götter, Und ich höre, wie sie schnarchen, Und wir haben wildes Wetter… Kanns nicht hindern, daß es stürmet, Daß da dröhnen Mast und Bretter, Und ich hüll mich in den Mantel, Um zu schlafen wie die Götter." Das ist die Verwandtschaft zur politischen Romantik, die im Übrigen "Testament der Angst" insgesamt bestimmt. Es ist viel von "Ich" die Rede (also von Jochen Diestelmeyer), aber dieses Ich ist nicht mehr jenes selbstmitleidige dezentrierte Subjekt der Neunziger, sondern ein erinnertes Porträt der Siebziger, politisch wie ästhetisch, textlich wie musikalisch. Das heißt eine konsequente Politik des Einfachen und Eindeutigen ("Lügen, Lügen, Lügen"), auch frühe Punkrock-Riffs, das heißt Anti-AKW-Bewegung (in "Der Wind", eine Hommage an Joan Baez wird "der Wind treibt Regen übers Land" zitiert) in der -Stichwort Castor-Transporte- die einzelnen Blumfeld-Mitglieder noch aktiv sind; das heißt schließlich eine Cover-Version von Hanns Dieter Hüsch - "Abendlied", das Letzte Stück auf der Platte.
Der Titel des vierten Albums ist Programm, "Angst" das bestimmende Thema. "Blumfeld", heißt es in den Linernotes "beschreiben auf "Testament der Angst" in Musik und Wort den Moment, in dem der (alltägliche) Weltschmerz politisch wird." - Auch ein Thema der Siebziger, zum Beispiel durch Dieter Duhms "Angst im Kapitalismus"; es war Günther Anders, der damals sagte "Sei nicht feige, Angst zu haben". Freilich gibt es genügend bedeutungsvolle Hinweise, das Album in eine Chronologie mit den drei Vorgängern zu bringen. Die Ich-Maschine, die zum politischen Subjekt wird, dem Staat gegenübertritt, die gegen den Staat verliert und sich zum Niemand verflüchtigt, hinterläßt ein Testament, was den Erben nach dem Tod verlesen wird: Deadschool Hamburg - da sitzt dann die autonome Subkultur, die Poplinke, der Wohlfahrtsausschuss, da sitzt Kristof Schreuf (der auch namentlich in "Anders als glücklich" genannt wird); da sitzt aber vor allem ein Publikum, das Blumfeld und die poppolitische Geschichte bis zu "Old Nobody" nicht kannte. Auch die wie immer wichtige Covergestaltung bestätigt diese Einheit und Linie der vier Alben. Auf "Ich-Maschine" die Mutter des damaligen Bassisten Eike Bohlken; eine Fotomontage aus den Siebzigern! Eine Collage mit Pop- und Politikbezug auf "L'Etat et Moi". Die Band als Popikone, als Familienbild auf "Old Nobody". Was bleibt ist ein Umriß, ein Schatten, der Tod (Deadschool Hamburg eben, der Umriß ist Ted Gaier). Dominierte auf den ersten beiden Covern Weiß, so nimmt "Testament der Angst" das Schwarz auf von "Old Nobody", verdichtetet es, verwandelt es wie auf den surrealen Bildern René Magrittes.
Abgeschlossen ist allerdings die Trilogie der ersten drei Alben; das vierte eröffnet in jeder Hinsicht ein neues Kapitel der Bandgeschichte. Die ersten drei Alben muß man nicht mögen, um zu erkennen, daß sie politisch und musikalisch objektiv relevant sind. "Testament der Angst" ist, um es vorsichtig zu formulieren, unauffällig; musikalisch ist es reine Geschmackssache. Es ist glatt produziert, ohne Kanten; die Streicher und das Klavier, die auf "Old Nobody" noch belebten und kontrastierten, sind nun begleitendes Keyboard. Die Orgel klingt synthetisch, rockt kaum, der Gesang verspielt mit Verzierungen und Vibrato die eigentlich nötige Aggressivität. Die ersten drei Alben hatten Werkcharakter; wie ein "Testament" ist das vierte Album buchstäblich und künstlerisch ein Dokument.
Mit "Old Nobody" haben Blumfeld, nicht ohne heftige Debatten, das Feld des eingefahrenen Popdiskurses bewußt überschritten und in Richtung Mainstream verlassen. Wenn jetzt auf "Testament der Angst" eine textliche Wiederkehr des Politischen vollzogen wird, so ist fraglich, ob dieses Politische ins alte Feld politischer Auseinandersetzung rückführbar ist, oder ob es Politik ist, die bestenfalls zum Lehrstück, schlimmstenfalls zum Effekt innerhalb der Kulturindustrie wird. Gerade die Deutlichkeit von Zeiten wie "Ich habe Angst vor Deutschland ..." oder "die Medien helfen ihnen beim Dummsein" verraten mehr von einem Schutzmechanismus gegen die Konformisten, die Blumfeld mit "Old Nobody" als Musik für ihre Werbeagenturen und Wohnzimmer entdeckten, gegen die Mitmach- und Durchhalteparolen, die ansonsten von der Kulturindustrie proklamiert werden (Modern Talking singt "You can win the race!"); eine Ästhetik des Widerstands, der "Widerstand mit anderen Mitteln" ist in den Texten nur schwer zu entdecken. Natürlich lauern die Bedeutungen und Anspielungen, aber kaum sind tiefere Erkenntnisse zu erwarten, würden sie entschlüsselt werden. Eher liegt das Allegorische außerhalb der Musik. Der Medienkritiker Torsten Michaelsen mußte beim Hören von "Graue Wolken" an Spandau Ballet denken und überlegte sich, wie man die Band adäquat zu Hamburg nennen könnte, welcher Stadtteil sich zu Hamburg so verhält wie Spandau zu Berlin - Bergedorf Ballet, dachte sich Michaelsen, und war um so erstaunter, daß das Video zu "Graue Wolken" in Bergedorf spielt (ein Stadtteil mit Ghettostrukturen; "Ghettowelt" war die erste Single, die Blumfeld vor zehn Jahren veröffentlichte) ... Aber was bedeutet das? "Alles lebt auch ohne mich", heißt es in "Eintragung ins Nichts".
"Testament der Angst" sind neun Songs Selbstkritik - bei "Sing Sing" hieß es: "Selbstanklagen klingen hier nach Restauration einer Haut / die ist wie eine Blindenschrift / die sich ohne Berührungsängste lesen läßt". Die Texte nehmen viel zurück von dem, was zuvor gesagt wurde: "Ich weiß nicht warum ich lebe"; "Liebe ist das Ende der Ewigkeit"; "ich hab Angst vor dem Alltag" etc. Es ist auch ironische Selbstkritik, wenn in "Anders als glücklich" Christiane Rösinger und Almut Klotz in ihrer Lassie-Singer-Manier Diestelmeyer kommentieren: "Er hat Angst davor wie's weiter geht und vorm Alleinesein". Und dieser antwortet: "Ey Mann, ich hab echt Angst ey, das ist so panikmäßig bei mir!" - Soviel Phobie provoziert natürlich die Ironie, will Blumfeld noch ernst genommen werden; immerhin suggeriert eine ganze Platte zum Thema Angst auch schlimmste fundamentalontologische Sorge um sich ("Angst" ist eine Zentralkategorie in Heideggers Daseinsanalyse). Repolitisierung und Resignation - daß Blumfeld mit "Testament der Angst" beides machen und textlich dialektisch vermitteln, deutbar etwa in Brechtschen Vorstellungen von Unterhaltung, ist gut und richtig, auch und vor allem notwendig. Aber so ausgeklügelt das Programm der Musik ist, so sehr kann die Musik enttäuschen, weil sie das Programm nur andeutet (oder, wie oben gesagt, dokumentiert). Damit formulieren Blumfeld einen Standpunkt, der eigentlich hinter den erreichten Positionen der Hamburger Kulturlinken zurückgeht und so tut, als hätte es Knarf Rellöm, Stella, TGV, oder aktuell Superpunk nicht gegeben. Oder Kante, die Band vom Blumfeld-Bassisten Peter Thiessen, bei deren "Zweilicht" auch Blumfeld-Keyboarder Michael Mühlhaus mitspielte. Oder Tikkun, das dubiose dilettantische Progrockprojekt von Schlagzeuger Andre Rattay. - Angst war auch schon auf "L'Etat et Moi" Thema: "Und die Angst die Du fühlst, ist das Geld das Dir fehlt, für den Preis den Du zahlst, für etwas, das für Dich zählt, und Dich sicher sein läßt, daß Du da (wo Du hingehörst) bist." Und es war Adorno, der über das Musikalische Wagners resümierte: "Indem es die Angst des hilflosen Menschen ausspricht, könnte es den Hilflosen, wie immer schwach und verstellt, Hilfe bedeuten, und aufs neue versprechen, was der uralte Einspruch der Musik versprach: Ohne Angst Leben."
Roger Behrens