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In den kurzgeschnittenen dunklen Haaren unter der schwarzen Wollmütze und im Schnurrbart zeigen sich erste weisse Spitzen. Er ist 51, Kettenraucher. Der Zeitungsartikel, den er im Bahnhofbuffet Chur über den alten Holztisch schiebt, stammt aus der «Südostschweiz» vom 18. Februar. Darin ist von ihm, Wolfram Frank, die Rede, er sei die «Überfigur» der Churer Theaterszene, er sei von «oft verletzender und anmassender Art» und «auf dem besten Weg, zur Lachnummer gemacht zu werden»: «Das wiederum hat er, der das künstlerische Leben im Kanton prägt und kommentiert, der hochintelligent und ein brillanter Analytiker ist, auf gar keinen Fall verdient.»
Wie kommt ein deutscher Intellektueller nach Chur? Frank beginnt zu erzählen: Geboren sei er in Schopfheim, aufgewachsen in Heidelberg und Darmstadt. Als Jugendlicher Anschluss an ein «Milieu linker Subkultur», Mitglied des «Sozialistischen Schülerbunds», «Drogensachen» und Abitur, mit 20 reif für den Entzug. Danach grosse Mühe, «wieder in ein normales Leben zurückzufinden». Cellostudium an der Musikhochschule, Abbruch nach zwei Semestern. Der Wunsch, Germanistik und Philosophie zu studieren. Sein Vater, ein Gymnasiallehrer, der während des 2. Weltkriegs als Offizier an der Ostfront gedient hat, sagt nein. Frank geht nach Freiburg, schliesst ein Studium als Sekundarschullehrer ab, nimmt eine Stelle bei Stuttgart an. Als ihn seine damalige Freundin zum allerersten Mal besuchen will, verunglückt sie bei der Herfahrt mit dem Auto tödlich. Frank betritt nie wieder ein Schulzimmer, versucht, an ein Theater zu kommen, erhält 1980 in Basel eine Chance. 1984 nimmt er am Stadttheater Chur eine Stelle als Dramaturg und Regisseur an.
Hier findet er künstlerisch interessante Freunde und seine zukünftige Frau. Als das Stadttheater Chur nach drei Spielzeiten das eigene Ensemble aufgibt, hilft er «In situ» zu gründen, eine freie Gruppe von KünstlerInnen, die «am Ort» ambitiöses Theater machen will. «Der spezifische Akzent der Arbeit der Gruppe», postuliert man, «liegt in der Zusammenarbeit von KünstlerInnen verschiedener Disziplinen. Sie versucht, die Separierung, oft Ghettoisierung, in der sich die verschiedenen Kunstrichtungen befinden, zu überwinden.» Mit «Das Missverständnis» von Albert Camus im Stadttheater Chur tritt «In situ» am 1. Februar 1986 erstmals an die Öffentlichkeit. Seither hat die Truppe knapp sechzig Projekte realisiert.
Leben konnte Frank von «In situ» freilich nicht. Zuerst schlug er sich als freier Journalist durch. Ab 1987 ging er für vier Jahre als Regisseur an das Landestheater Tübingen, dann ein Jahr an das Stadttheater in Trier. Von Chur kommt er in dieser Zeit nicht los, pendelt, und in den Sommerferien hilft er jeweils, eine «In situ»-Produktion auf die Beine zu stellen. 1993 ist er ganz zurück und versucht, mit der Truppe den Durchbruch zu schaffen. Der Versuch scheitert: «Finanziell blieb es immer ein Getorkel», sagt er, trotz der Subventionen (vom Kanton bis zu 135000 und von der Stadt Chur bis zu 70000 Franken pro Jahr).
Unterdessen ist das Klima rauh geworden: In diesem Jahr bezahlt der Kanton noch 75000 Franken die Stadt 21000. Frank spricht von «Strafgeldern» und von einem faktischen «Berufsverbot»: «Man sagt das zwar nicht offen, aber man fährt die Subventionen so weit hinunter, bis nichts mehr möglich ist.» Deshalb hat sich «In situ» Ende Februar in ihrer bisher neusten Produktion unter dem Titel «Das letzte Gesuch» mit ihren kulturpolitischen Kämpfen der letzten fünf Jahre auseinandergesetzt. «Eine gelungene Darbietung», fand das «Bündner Tagblatt» – im Gegensatz zur Podiumsdiskussion nach der letzten Aufführung, die wegen der neuerlichen Subventionskürzungen emotional verlief. «In der Erregung», erzählt Frank, habe er dort gesagt, Banken seien kriminelle Vereinigungen. Dummerweise arbeitet der Präsident der Churer Kulturkommission, der an der Diskussion teilnahm, in einer Bank.
Weil das Budget von «In situ» in den letzten Jahren immer mehr unter Druck gekommen ist, hat Frank versucht, sich langsam vom Theater zu lösen. 1999 hat er mit dem Essay «Angelica – zarte Seele» ein Buch über die in Chur geborene Kunstmalerin Angelica Kauffmann (1741-1807) veröffentlicht. 2002 folgte «Jelenas Geschichte», ein essayartiger Bericht über die Mutter der Serbin Jelena Ruzicic, Servierfrau im «Falken» von Chur, die 1992 einem gemeinen Raubmord zum Opfer fiel – ausgeübt und als Kriegshandlung kaschiert von kroatischen Ustascha-Freischärlern. Anfang dieses Jahres nun folgte «Davos», ein über 200seitiger Essay, in dem der Kurort von Thomas Manns «Zauberberg»-Roman bis zum «World Economic Forum» als geistesgeschichtlicher Brennpunkt des 20. Jahrhunderts porträtiert wird.
Die Frage, warum er sich kulturpolitisch und publizistisch ausgerechnet in diesen Kanton verbissen habe, ist für ihn einfach zu beantworten: «Wegen meiner Grossmutter.» Sie sei die wichtigste Identifikationsfigur seiner Kindheit gewesen, eine versierte Pianistin mit einer grossen Liebe für die Schweiz, die man im Alter wegen Wahnvorstellungen psychiatrisiert und in der Klinik kaputt gemacht habe. Erst lange nach ihrem Tod sei ihm ihr «Arierausweis» in die Hand gekommen: «Ihre Vorfahren haben bis 1691 in Malix gelebt, also hier gleich um die Ecke.» Merkwürdig sei, erzählt er, nun beim zweiten Kaffee, dass 1979, bei seiner ersten Ferienreise in diese Gegend hier, sein Auto ausgerechnet in Malix stehen geblieben sei: «Es war nichts mehr zu machen, es musste abgeschleppt werden.»
Wenn es um Graubünden geht, ist Wolfram Frank streitbarer als die meisten Bündner. «Nimm die Feiern zur 200jährigen Kantonsgründung im letzten Jahr: Das waren DDR-Einheitsfeierlichkeiten.» Seit 1989 hätten einzig Konsumismus und Unterhaltungsorientiertheit die Idee des Sozialimus ersetzt: «In den Randregionen sind das öffentliche und das Kulturleben immer gefährdet. Darum werden Randregionen die ersten Opfer der globalisierten Einheitsgesellschaft. Im Graubünden ist in den letzten Jahren schlicht die Öffentlichkeit zerfallen: Politiker kritisieren sich gegenseitig nie, Medien kritisieren Politiker nie und Politiker kritisieren die Medien nie.»
Zwar wird er hier weiter für «In situ» arbeiten und streitbar seine kulturpolitischen Ansichten vertreten. Aber seit einiger Zeit hat er sich eine kleine Wohnung in Paris Ménilmontant gemietet, wohin er sich zurückzieht, um zu schreiben und zu lesen. Seit seiner Basler Zeit lebe er sowieso «im Wesentlichen vom Interesse für philosophische und theologische Fragen». Dass er bei seiner Denkarbeit auch seine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gefunden hat, bemerkt er augenzwinkernd: «Die Antwort ist eine Hyperbel: Der Sinn des Lebens besteht darin, sich ein Leben lang an diese Frage zu verschwenden.»
Zu Wolfram Franks Essay «Davos» siehe «Weg-Spaltung in Davos», zur Geschichte von Jelena Ruzicic siehe «Jelenas Geschichte», zu Franks Engagement als Kulturschaffender in Chur siehe «Sippenhaft für In Situ».