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Vermessungen im 18 Jahrhundert
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es noch keine exakte Landkarte der Schweiz. Andere europäische Länder – allen voraus Frankreich – hatten im Verlauf des 18. Jahrhunderts Vermessungen durchgeführt. Wichtig waren genaue Karten für die Planung von grossen Bauwerken wie Kanäle und Strassen, für die Koordination von grossen Feldzügen und auch für die Beantwortung neuer Fragestellung aus der Wissenschaft und der Politik.
Natürlich gab es auch im 18. Jahrhundert in der Eidgenossenschaft schon Vermessungsprojekte. Einzelne Kantone (damals noch "Orte") hatten das eigene Gebiet oder Teile davon schon vermessen. Aus diesen Daten aber ein Plan der gesamten Schweiz zu erstellen wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Jeder Kanton hatte seine eigenen Masse (in Basel z. B. 1 Rute à 4.5 m zu 16 Feldschuhen à ca. 28 cm) und seinen eigenen Referenzpunkt (in Basel oft ein Münsterturm). Zudem waren die Vermessungen teilweise für militärische Zwecke gedacht und deshalb geheim.
Schon am Anfang des 19. Jahrhunderts wurde – vor allem von Militärs – der Ruf nach einer eidgenössischen Vermessung laut. Während der politischen und militärischen Wirren in der Zeit der Helvetik und der Mediation, waren aber weder Geld noch Personal noch der politische Wille für ein solches Projekt vorhanden.
Hans Conrad Finsler
In der Zeit der Mediation wurden aber trotzdem erste Arbeiten für die eidgenössische Vermessung durchgeführt. Zur strategischen Planung wurde nämlich in Kriegszeiten eine Militärkommission ins Leben gerufen, die von einem Offizier unter dem Titel Oberquartiermeister geleitet wurde. Ab 1804 bekleidete Hans Conrad Finsler dieses Amt. Ab dem Jahr 1809 begann Finsler sich im Bereich der topographischen Vermessung der Schweiz zu engagieren. Einerseits liess er verschiedene Vorarbeiten durchführen und andererseits sammelte er Daten von kantonalen Vermessungsarbeiten.
Nach dem Ende der Mediation 1814 begann die Zeit der Restauration, der Rückkehr zum Althergebrachten. Obwohl sich die Politik bewusst von den neuen Ideen abwandte, wurden doch einige Neuerungen eingeführt. Die Militärkommission, die zuvor nur bei Bedarf existierte, wurde zu einer ständigen Institution mit einer eigenen Kasse. Damit war überhaupt die erste ständige eidgenössische Institution geschaffen worden.
Hans Konrad Finsler übernahm wiederum die Leitung der Militärkommission. Im Jahre 1822 wurden dann seine Vermessungsarbeiten formal der Militärkommission unterstellt. Finsler trieb die Erstellung eines Triangulationsnetzes voran. Unter seiner Ägide konnte Antoine-Joseph Buchwalder in den Jahren von 1825 – 1829 eine Verbindung vom französischen zum österreichischen Netz durchs Mittelland herstellen. Der Übergang über die Alpen nach Italien scheiterte aber vorerst noch.
1829 musste Finsler wegen eines Finanzskandals aus allen Ämtern zurücktreten und wurde für ein Jahr aus seiner Heimatstadt Zürich verbannt. Er wanderte deshalb nach Bern aus und war noch bis zu seinem Tod im Jahr 1839 in der eidgenössischen Kommission für Landesaufnahme tätig.
Johann Ludwig Wurstemberger
Seine Nachfolge als Oberquartiermeister trat Johann Ludwig Wurstemberger an. Er plante – ausgehend von Finslers Vorarbeit – die Aufnahme der Alpen im Massstab 1:50000 und der restlichen Gebiete im Massstab 1:25000. Aus diesen Daten sollte dann eine Karte im Endmassstab 1:100000 erzeugt werden.
Guilleaume-Henri Dufour
Die liberalen Umstürze ab 1830 führten aber zu einem schnellen Wechsel an der Spitze der Militärkommission. Am 20. September 1832, schon drei Jahre nach seinem Amtsantritt, wurde Wurstemberger durch Guilleaume-Henri Dufour (1787 – 1875) ersetzt.
Mit Beginn seiner Berufung ins Amt des Oberstquartiermeisters trieb Dufour das Projekt einer topographischen Karte der Eidgenossenschaft mit grosser Energie voran. Noch 1832 wurden grundlegende Entscheidungen gefällt und die Fertigstellung der Triangulation erster Ordnung gestartet.
Triangulation Primodale
Unter Hans Conrad Finsler hatte Geometer Antoine-Joseph Buchwalder mit einer Triangulation erster Ordnung begonnen. Noch fehlte jedoch die Verbindung über die Alpen und zudem war Dufour mit der Qualität der bereits ausgeführten Arbeiten noch nicht zufrieden.
In den Jahren von 1832 – 1837 wurde deshalb die gesamte Schweiz mit einem Triangulationsnetz erster Ordnung nach den Vorstellungen von Dufour überzogen. Bis 1834 leitete Buchwalder die Arbeiten. Nachdem dieser für einen besser bezahlten Posten (!) seinen Rücktritt gab, stellte sein Kollege Johannes Eschmann bis 1837 das Projekt fertig.
Vermessung der Basislinien
Zum Aufbau eines Triangulationsnetzes gehört auch die Vermessung mindestens einer Basislinie. Damit ist gemeint, dass die Luftlinie zwischen zwei Vermessungspunkten sehr genau ausgemessen werden muss. Um den Aufwand gering und die Genauigkeit hoch zu halten, wählt man eine Strecke, die in einer möglichst unbebauten Ebene befindet.
Dufour liess 1834 zwei Basislinien vermessen. Eine befand sich im Sihlfeld, die andere bei Aarberg in der Ebene zwischen Walperswyl und dem Murtensee. Letztere war 1790 von Johann Georg Tralles und Johann Rudolf Hassler schon einmal vermessen worden, allerdings mit einer Messkette und nicht ausreichend genau.
Am 22. September 1834 starteten die Ingenieure Johannes Eschmann, Johannes Will und Rudolf Wolf mit den Vermessungsarbeiten in Walperswyl. Dazu verwendeten sie zwei 18 Fuss (5.847 m) lange Messstangen. Die erste wurde in einem Holzgerüst aufgehängt, sodass sie völlig waagrecht in der Luft hing und genau entlang der zu vermessenden Strecke zeigte. An einem zweiten Holzgerüst wurde dann die zweite Stange auf die gleiche Weise ausgerichtet, damit sie eine Verlängerung der ersten bildete. Dann wurde das erste Gerüst samt Stange entfernt und hinter der zweiten Stange wieder aufgebaut. So bildete die erste Stange wieder eine Verlängerung der zweiten und so weiter. Insgesamt musste dieser Vorgang 2233 Mal wiederholt werden bis die Ebene durchquert und das Ufer des Murten Sees am 10. November erreicht wurde.
Da die Stangen bei verschiedenen Temperaturen verschieden lang sind, wurde während Messung auch die Temperatur aufgezeichnet. Anhand dieser Aufzeichnungen musste nun in aufwändiger Rechenarbeit die genaue Distanz bestimmt werden. Man erwartete, dass das Resultat die vorherige Messung unterschreiten würde, da das Verfahren mit der Messkette immer zu einer Überlänge führt. Zum Schrecken der Ingenieure war das Resultat aber 1.2 Fuss länger als die Messung von 1790. Hatte sich ein Fehler eingeschlichen? Musste die mühsame Messung erneut durchgeführt werden?
Nach langwierigen Abklärungen und Versuchen konnte das unerwartete Resultat mit einem Fehler in der Temperaturkorrektur erklärt werden. Das abschliessende Resultat war dann 4 Fuss kürzer oder genau 40185.208 Pariser Fuss (13053.74 m).
Topographische Aufnahmen
Mit der Triangulation erster Ordnung und den Basislinien war das Rückgrat der Landesvermessung geschaffen. Inzwischen waren auch weitere wichtige Entschlüsse gefasst worden. Als Fundamentalpunkt des Koordinatensystems wurde die Sternwarte in Bern ausgewählt und als Bezugshorizont für die Höhenangaben der „Pierre du Niton“ im Genfersee.
Johannes Eschmann fasste 1840 die bisherigen Arbeiten in einem Bericht „Ergebnisse der trigonometrischen Vermessungen in der Schweiz“ zusammen.
Sobald das Projekt auf eidgenössischem Niveau richtig in Schwung gekommen war, begannen die engagierteren und vermögenderen Kantone ihr Gebiet nach Vorgaben von Dufour zu kartieren.
So z. B. in Basel wo der Strasseninspektor Friedrich Baader vier Blätter (eines für Basel-Stadt und drei für Basel-Land) im Massstab 1:25000 zeichnete und diese in den Jahren 1836 – 1845 nacheinander an Dufour schickte. Wie auch in anderen Kantonen wurden diese Kartenblätter nicht nur für die Dufourkarte (1:100000) verwendet, sondern auch im Originalmassstab veröffentlicht.
In anderen Kantonen waren auch schon Pläne vorhanden, die direkt verwendet werden konnten. Die Kantone Schwyz, Zug, Uri, Unterwalden, Glarus, Graubünden, Tessin und Wallis waren aber überhaupt noch nicht kartographiert und konnten sich ein solches Projekt auch nicht leisten. Diese Kantone wurden deshalb im Rahmen der „Eidgenössischen Aufnahmen“ ab 1836 vermessen.
Ab dem Jahr 1832 gab es zwar eine „Kommission für die Landesaufnahme“, diese hat aber keinen festen Sitz und war eben nur eine Kommission und kein Amt. Mit offiziellem Gründungsdatum am 1. Januar 1838 eröffnete Dufour in Genf das „Eidgenössische Topographische Bureau“, womit der Vorläufer des heutigen „Bundesamtes für Landestopographie“ geboren war.
Das Büro beschränkte sich aber vorerst eher auf administrative Arbeiten. Die eigentliche Vermessung wurde durch die Kantone oder durch externe Ingenieure durchgeführt. Ab 1841 begann man die Aufträge für den Stich der ersten Kupferplatten für die Landeskarte im Massstab 1:100000 zu vergeben. Gedruckt wurden die Karten dann ebenfalls in verschiedenen privaten Druckereien.
1842 erschien als erstes Blatt das „Blatt XVI Genève, Lausanne“. Bis 1865 folgten nacheinander die anderen 23 Kartenblätter und ein Blatt mit Höhenangaben. Das „Blatt II Belfort, Basel“ wurde 1846 gestochen und 1848 veröffentlicht.
Mit der Publikation des letzten Blattes war der Bundesstaat Schweiz das erste Mal im Besitz einer vollständigen und genauen topographischen Karte. Dieses als „Dufourkarte“ bekannte Werk fand internationale Beachtung und gewann auch eine Reihe von Preisen, z B. 1855 auf der Weltausstellung in Paris eine Goldmedaille.
Im Jahr 1865 trat Dufour 78-jährig als „Directeur de la Carte“ zurück.
Hermann Siegfried
Da für die Erstellung der Dufourkarte nur sehr begrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung gestanden hatten, mussten auch ältere Pläne verwendet werden und solche, die bezüglich der Genauigkeit und dem Informationsgehalt nicht mit den neuen Aufnahmen mithalten konnten.
Die Dufourkarten waren deshalb bei ihrer Veröffentlichung schon veraltet und je nach Gebiet von sehr unterschiedlicher Qualität (z. B. fehlten teilweise die Höhenlinien). Für viele Anwendungen (z. B. Wanderkarten) wäre auch ein kleinerer Massstab von Vorteil gewesen.
So war kaum das letzte Blatt der Dufourkarte veröffentlicht, als 1868 ein Gesetz über die Publikation und die Fortsetzung der topographischen Aufnahmen verabschiedet wurde. Darin wurde die stetige Aktualisierung der topographischen Daten und einen Veröffentlichung in den Massstäben 1:25000 (Flachland) und 1:50000 (Gebirge) beschlossen.
Die Neuaufnahmen wurden ab 1869 unter der Ägide von Dufours Nachfolger Hermann Siegfried (1819 – 1879) begonnen. Die Publikation dieses als „Siegfriedkarte“ bekannten Werks begann 1870 und war aber erst 1901 nach Siegfrieds Tod abgeschlossen. Es erschien auch eine Generalkarte im Massstab 1:250000 und eine Übersichtskarte im Massstab 1:1 Mio.
Quellen: