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Stolperstein: «Herrlichkeit»
Wann habe ich das letzte Mal jemanden das Wort «Herrlichkeit» sagen hören? Ich merke, es fällt mir nicht gleich eine Situation dazu ein.
Zuerst kommen mir Menschen in den Sinn, die gerne wandern. Sie sagen öfters, die Alpen, das Panorama, das Gipfelerlebnis seien «herrlich» gewesen. Aber abgesehen von den Bergen?
Ein Ort fällt mir doch ein, an dem ich regelmässig von der «Herrlichkeit» höre: in der Kirche. Der Priester spricht über «Gottes Herrlichkeit» oder betet zum «Gott der Herrlichkeit». Schön klingt diese Kirchensprache in meinen Ohren und altehrwürdig – ich bin sie von klein auf gewohnt. Unproblematisch finde ich sie allerdings nicht, wenn ich genauer darüber nachdenke.
«Herrlichkeit» ist ein Stolperstein, nicht nur, weil sie in der deutschen Alltagssprache kaum mehr Bedeutung hat, sondern gerade auch, weil sie in der Kirche weiterhin verwendet wird. «Herrlichkeit» ist ein Begriff aus der Bibel. Allerdings ist sie nur eine mögliche Übersetzung für mehrere hebräische und griechische Worte in den Ursprungstexten. Diese könnten auch mit Worten übersetzt werden, die im Deutschen weniger belastet sind: Schönheit oder Ehre zum Beispiel. Was drücken wir aber aus, wenn wir Gott und sein Reich mit einem Begriff der deutschen Sprache beschreiben, der mit männerdominierter Machtentfaltung verbunden ist?
Als «Herrlichkeit» wurde eine Herrschaft bezeichnet, von einem Herrn verwaltet. Landeigentümer und Herrscher waren allesamt Männer. So steckt das Maskuline auch dominant im Wort «Herrlichkeit» – ein femininer Bezug fehlt gänzlich. Die frühen Christinnen und Christen übertrugen das Wort «Herr» bewusst auf Jesus Christus: Nur er sollte der Herr sein, Gottes Sohn, vor dem sich ein Mensch demutsvoll beugt, kein weltlicher Herrscher würde dies verdienen. Das war provokant und mutig. Heute jedoch haben wir – jedenfalls in unseren Breiten – nicht mehr unter der Herrschaft despotischer Monarchen zu leiden. Welche Bedeutung kann es also für uns noch haben, Gott ausgerechnet als Herrn und sein Reich als «Herrlichkeit» zu bezeichnen?
Jedenfalls meinte unlängst meine reformierte Kollegin zu mir, als wir zusammen einen ökumenischen Gottesdienst vorbereiteten: «Ich versuche, beim Beten auf das Wort ‹Herr› zu verzichten. Vielleicht könntest du probieren, es nicht zu verwenden, wenn du den Segen vorbereitest, den wir dann gemeinsam sprechen werden?» Ich war überrascht.
Seither bin ich vorsichtiger geworden, gerade mit jenen Worten, die diesen zauberhaften Kirchen-Klang aus Kindertagen vielleicht nie verlieren werden.
Text: Veronika Jehle, Pastoralassistentin St. Martin, Zürich