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Dramaturgin Bettina Fischer über Simone de Beauvoirs Essay «Le Deuxième Sexe»
Simone de Beauvoir und die gesellschaftlich-kulturelle Bedingtheit von Geschlecht als Prinzip des Existentialismus
Sie war existentialistische Philosophin, Schriftstellerin und Feministin. Wie keine andere Intellektuelle hat Simone de Beauvoir die Geschichte der internationalen Frauenbewegung geprägt. Mit ihrem umfangreichen Essay Le Deuxième Sexe (dt.: Das andere Geschlecht) legte Simone de Beauvoir den Grundstein für einen modernen Feminismus und wurde zu einer der bedeutendsten feministischen Theoretikerinnen des 20. Jahrhunderts.
Ihr Blickwinkel auf die kulturelle Situation der Frau deckt ein undurchschaubares Durcheinander von «unvereinbaren Mythen» über Weiblichkeit auf. Sie entblösst die zuhauf in der Literatur auffindbaren mythisch aufgeladenen Beschreibungen der Frau vor allem als Projektionsfläche für die Wünsche und Ängste von Männern. Wenn es zu kompliziert würde, so de Beauvoir, dann stünden Männer «vor den sonderbaren Inkohärenzen in der Idee der Weiblichkeit» und ordneten die Frau entweder als besonders geheimnisvoll ein oder sie mässen sie am Mann und befänden sie als unterlegen. Schonungslos deckt de Beauvoir die patriarchalen Strukturen auf, in denen der Mann das Absolute ist, das Subjekt, wohingegen die Frau als das Andere markiert wird und als Objekt zu fungieren hat. Strikt wendet sie sich gegen die traditionellen Kategorisierungen von «Frau-Körper-Natur» versus «Mann-Geist-Kultur».
Mit ihrer schonungslosen Analyse der Frau als eines mythisch aufgeladenen Wesens sagt de Beauvoir dem «Ewigweiblichen» samt der Mystifizierung der Mutterschaft den Kampf an. Und das zu einer Zeit, in der in Frankreich das Frauenwahlrecht erst fünf Jahre existiert und Frauen ohne Zustimmung des Ehemannes weder ein Konto eröffnen, noch einen Arbeitsvertrag unterschreiben dürfen. Selbst die Anwendung von Verhütungsmitteln war in Frankreich nur wenige Jahre vor Erscheinen ihres Essays noch verboten.
Gleichzeitig bleibt sich Simone de Beauvoir der vorherrschenden Ambivalenzen bewusst und weist zwar einerseits auf die Strukturen der patriarchalen Gesellschaft hin, in der Frauen marginalisiert und herabgewürdigt werden. Andererseits legt sie aber auch gnadenlos die eigene Beteiligung von Frauen an ihren Schicksalen und Situationen offen. Die Herrschaft der Männer wird durch das Sich-Einfügen der Frauen erst möglich. Denn zur Emanzipation gehört nicht nur die Erkenntnis von Unfreiheit, sondern auch Mut und Wille zur Freiheit, mitsamt den oft auch unbequemen Nebenerscheinungen.
Ihr selbst waren Freiheit und Autonomie so wichtig, dass sie sich der Falle der Selbstfügung in patriarchalen Strukturen entzog, indem sie weder heiratete noch Mutter wurde. Mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre verband sie eine antibürgerliche Partnerschaft. Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre waren das schillerndste und unkonventionellste Pariser Intellektuellenpaar des 20. Jahrhunderts. Doch nicht nur eine offene Liebesbeziehung verband die beiden. Sie lasen gegenseitig ihre Manuskripte, besprachen gemeinsam Ideen und Konzepte und teilten ganz grundsätzlich die Lust am Denken und am intellektuellen Austausch. Sie selbst verband konsequent ihr Leben mit ihrem Denken und ihrem Schreiben. In ihren Worten: «Es gibt keine Trennung zwischen Philosophie und Leben. Jeder lebendige Schritt ist eine philosophische Entscheidung.»
Das Erscheinen von Le Deuxième Sexe im Jahr 1949 machte Simone de Beauvoir schlagartig zu einer Berühmtheit. Das Buch wurde sehr schnell zu einem skandalösen Bestseller. Der Vatikan setzte es auf seine Liste der verbotenen Bücher. So wurde Simone de Beauvoir, die sich selbst nie als Feministin bezeichnet hat, im 20. Jahrhundert für viele Frauen zum Vorbild. Sowohl ihre philosophischen Theorien, und da besonders ihre bahnbrechende Sichtweise auf Geschlecht als soziale Konstruktion, als auch ihre für die Zeit aussergewöhnliche Frauenbiografie machten sie zum Idol.
«Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht» – mit diesem berühmt gewordenen Satz leitet Simone de Beauvoir den zweiten Teil von Le Deuxième Sexe ein. Er besagt die Erkenntnis einer gesellschaftlich-kulturellen Bedingtheit von Weiblichkeit gegenüber einer biologischen Determiniertheit. Ersetzt man Frau darin mit Geschlecht, verliert der Satz in keiner Weise an Gültigkeit. Im Gegenteil.
Nach Beauvoirs existentialistisch-philosophischer Weltsicht liegt der Verwirklichung der Geschlechterrolle immer auch eine individuelle Entscheidung zugrunde. Der Mensch, wie er in der existentialistischen Philosophie verstanden wird, tritt in die Welt ein, trifft auf sich selbst und definiert sich. Er wird sozusagen zu dem, den er selbst erschaffen hat. Dieses prozessuale Verständnis von Geschlechterrollen gilt heute mehr denn je. Oder wie die existentialistische Philosophin Simone de Beauvoir vielleicht heute sagen würde: Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht.
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