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Das Tessiner Derby ist ein Tanzabend im Ballenberg des Hockeys. Ambri siegte in der Verlängerung 3:2 und Doug Sheddens Tage in Lugano sind gezählt.
Wäre der grosse Geo Mantegazza (88) bloss ein schlauer Immobilienhändler, dann wäre es ihm nicht gelungen, ein Milliarden-Imperium aufzubauen. Erst visionäre Geschäftsmodelle in der Reisebranche haben ihn zu einem der reichsten Schweizer gemacht. Und hätte er nur Geld in den HC Lugano gepumpt, wäre daraus nie das «Grande Lugano», das Tessin nie das «Silicon Valley» unseres Hockeys geworden.
Im Frühjahr 1982 kehrte Lugano in die NLA zurück. Präsident Geo Mantegazza wusste, dass er nur mit Geld die Titanen der Deutschschweiz nicht herausfordern kann. Und so zettelte er eine sportliche Revolution an. Er holte aus Nordschweden den eigenwilligen Trainer John Slettvoll. Er stattete ihn mit allen Vollmachten aus. Um ohne Rücksicht auf Rang, Namen, Saläre und Beziehungen das Leistungsprinzip nach den modernsten Trainingsmethoden durchzusetzen.
Das «Grande Lugano» gewann ab 1986 in fünf Jahren vier Titel. Unvergessen bleibt die Aussage eines grossen Stars aus der Deutschschweiz, der ob der bis dahin unbekannten Härte des Sommer- und Eistrainings in Lugano sagte: «Es ist so brutal anstrengend, dass ich den Trainer umbringen möchte.»
Im Eishockey wird im Tessin ein Kulturkampf ausgetragen. Altreich, konservativ und mächtig gegen neureich, kreativ und aufmüpfig. Das alte Geld, die konservative Elite, die Holz-, Vieh- und Kaffeehandel-Dynastien finanzieren Ambri. CVP-Ständerat Filippo Lombardi personifiziert als Präsident diese alte, politisch gut vernetzte Trägerschaft.
Die neureichen Aufsteiger, die ihre Vermögen in der Nachkriegszeit gemacht haben, die Immobilien-Händler, Advokaten und Bankiers aus dem Südtessin, scharren sich um Lugano und Präsidentin Vicky Mantegazza, die Tochter des grossen Geo.
Es konnte daher nicht sein, Lugano allen Ruhm zu überlassen. Also rüstete auch Ambri im Laufe der 1980er Jahre kräftig nach und etablierte sich nach 1985 in der höchsten Liga. Die Dynamik, die durch diesen Konkurrenzkampf entfacht wurde, belebte unser Hockey und bescherte dem Tessin die ruhmreichsten Tage seiner Geschichte.
Im Frühjahr 1999 erreichten Ambri und Lugano das Playofff-Finale und Lugano gewann den Titel. Kultchronist Piergiorio Giambonini schrieb über dieses einmalige, grandiose Gipfeltreffen gar ein prächtig illustriertes Buch mit dem Title «La Finale». Im gleichen Jahr holte Ambri den European Super Cup und war die Nummer eins in Europa. Aber nur die Nummer zwei im Tessin. Auch kein Zufall: Der erste Schweizer Spieler in der NHL, Torhüter Pauli Jaks, ist in dieser Zeit in Ambri ausgebildet worden.
Von dieser Herrlichkeit ist nichts mehr geblieben als der Wille der alten und neuen Eliten, Ambri und Lugano die wirtschaftliche Existenz zu sichern. Der revolutionäre Eifer ist erkaltet, aus dem «Silicon Valley unseres Hockeys» ist das Ballenberg, ein Hockey-Freilichtmuseum geworden. Heute zählen in Lugano wieder, wie in vorrevolutionären Zeiten, Rang und Namen und der Glaube, Geld richte alles.
Sportlich und wirtschaftlich sind die beiden Tessiner Hockey-Unternehmen nicht mehr konkurrenzfähig. Seit dem Finale von 1999 ist Ambri nur noch ein einziges Mal über die Viertelfinals hinausgekommen, verpasste zehnmal die Playoffs und rutschte 2011 und 2012 gar in die Liga-Qualifikation. Lugano hat seit dem letzten Titel von 2006 nur noch einmal die erste Playoffrunde überstanden und zweimal die Playoffs nicht erreicht.
Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg gehören zum Sport. Aber die langanhaltende Baisse des Tessiner Hockeys ist bemerkenswert: In den letzten zehn Jahren haben Lugano und Ambri zusammen ganze zwei Playoff-Serien gewonnen. Gestern war das 211. Derby in Ambri folgerichtig kein Spitzen- sondern ein Strichkampf.
Weder Lugano noch Ambri sind im Hockey-Business des 21. Jahrhunderts wirtschaftlich lebensfähige Unternehmen. Um in diesem kleinen Markt (der Kanton Tessin zählt etwas mehr als 350'00 Einwohner) zwei Teams zu finanzieren, sind seit dem Finale von 1999 mehr als 50 Millionen betriebsfremde Zuschüsse, schwarz oder weiss, in beide Klubs geflossen. Ambri holt aus seinem Potenzial viel mehr heraus als Lugano. Nirgendwo in Europa ist in den letzten sieben Jahren so viel Geld so ungeschickt gemanagt worden wie von Luganos Sportchef Roland Habisreutinger. Der ehemalige Spieleragent ist seit sieben Jahren im Amt und so etwas wie die Eishockey-Antwort auf Fredy Bickel geworden.
Dem umtriebigen Sportchef ist es in Lugano nicht gelungen, eine Einheit zu formen. Ein weitgereister Deutschschweizer, der weiss, wie man Meisterschaften gewinnt, erklärt Luganos Innenleben: «Dort wo ich in der Deutschschweiz war, hat eine Gruppe von Deutschschweizern in der Kabine die Dinge geregelt und wir waren, wenn es drauf ankam, immer ein Team. In Lugano gibt es einfach zu viele Gruppierungen. Die Deutschschweizer, die Tessiner, die Welschen, die Schweden und die Nordamerikaner bilden alle Fraktionen.»
Inzwischen gibt es weitere Schwierigkeiten im Innenleben. Einer erklärt es so: «Es ist offensichtlich, dass Damien Brunner aus der gemeinsamen Zeit in Zug das Vertrauen von Doug Shedden geniesst. In der Kabine wagt keiner mehr ein offenes Wort, weil alle davon ausgehen, dass Brunner dem Trainer alles erzählt.»
Se non è vero, è ben trovato – wenn es nicht wahr sein sollte, so ist es doch gut erfunden. Und allemal eine interessante und durchaus einleuchtende Analyse, warum es Lugano einfach nicht mehr schafft, über einen längeren Zeitraum ein sportlicher Titan zu sein. Und sollte es wahr sein, dann können wir davon ausgehen, dass Doug Sheddens Tage an der Bande allerspätestens Ende Saison gezählt sind.
Aber das Tessiner Derby bietet grossartigen Unterhaltungswert und hat einen kulturellen Auftrag. Gestern ist es bereits zum 211. Mal ausgetragen worden und bescherte Ambri den 71. Sieg. Kein anderes Spiel in unserem Hockey hat diese Tradition.
Wer nie beim Tessiner Derby war, weiss nicht, welche Leidenschaft dieses Spiel zu wecken vermag. Und wer nie Ambris Siegeshymne «La Montanara» in der Valascia gehört hat, weiss nicht, was Hockeykultur ist. Und der kulturelle Auftrag? Nun, ohne das Derby, ohne Eishockey, könnte das staatstragende Tessiner Fernsehen, die teuerste Lokal-TV-Station der Welt, sein Sportprogramm nicht füllen. Nur das Tessiner Fernsehen darf während der Qualifikation Spiele live übertragen – das Westschweizer und Deutschweizer Fernsehen haben nur noch für die Playoffs Live-Rechte eingekauft.
So wie wir in Ballenberg unsere Kulturgüter bewahren, so können wir heute im Tessin, und vor allem beim Tessiner Derby, Eishockey als Spiel und Leidenschaft erleben wie es in Europa sonst nirgendwo mehr möglich ist. Das Derby ist wie ein Tanzabend in Ballenberg. Aber sportlich ist das Tessiner Hockey praktisch bedeutungslos geworden. Das «Silicon Valley» des Eishockeys verläuft längst nicht mehr von Lugano nach Airolo. Sondern der A1 entlang von Bern nach Zürich, mit einem Ausläufer nach Davos und Zug.