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Nichtübertragbare, chronische Krankheiten stellen eine der grössten Herausforderungen für das Gesundheitssystem dar. Fast 70% aller Todesfälle und bei Männern über 50%, bei Frauen rund 70% der verlorenen potenziellen Lebensjahre* in der Schweiz sind auf nichtübertragbare Krankheiten zurückzuführen. Zu den Hauptverursachern von Todesfällen und verlorenen potenziellen Lebensjahren zählen Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs und Erkrankungen der Atemwege. Auch Demenz und Diabetes tragen signifikant zur Krankheitslast in der Schweiz bei. Die wichtigste, nicht auf chronische Krankheiten zurückzuführende Ursache von verlorenen potenziellen Lebensjahren sind die Unfälle und Gewalteinwirkungen. Aber auch hier ist fast die Hälfte auf Suizide zurückzuführen, welche wiederum in engem Bezug zu den Depressionen stehen.
*Die verlorenen potenziellen Lebensjahre entsprechen der Summe aller Differenzen zwischen dem Todesalter der einzelnen Verstorbenen und dem (potenziell erreichbaren) Mindestalter von 75 Jahren.
Sterbefälle und verlorene potentielle Lebensjahre 2014
Quelle: BFS, 2016
Die Schweiz ist eines der Länder mit der höchsten Lebenserwartung weltweit. Deshalb ist aus der Perspektive der öffentlichen Gesundheit neben dem grossen Leid, welches diese Krankheiten verursachen, vor allem auch der Verlust an gesunden Lebensjahren durch chronische Krankheiten problematisch. Insgesamt sind 88% des Verlusts an gesunden Lebensjahren in der Schweiz auf nicht-übertragbare Krankheiten zurück zu führen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die durch präventive und gesundheitsfördernde Massnahmen besonders wirkungsvoll zu verhindern wären, verursachen einen konstant hohen Verlust an gesunden Lebensjahren.
Prozentualer Anteil von Krankheiten an der Krankheitslast in der Schweiz, 2014
Aus: Bachman, Burla, Kohler 2015
Gesundheitskosten durch nicht übertragbare Krankheiten
2014 wurde erstmals eine Schätzung der direkten sowie indirekten Kosten* aller nicht-übertragbaren Krankheiten in der Schweiz vorgelegt (Wieser et al. 2014). Dieser Schätzung zufolge betrugen die direkten Kosten aller nicht-übertragbaren Krankheiten im Jahr 2011 51 Milliarden Franken, was 80 % der gesamten (direkten) Gesundheitsausgaben entspricht. Die höchsten Kosten werden dabei durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht (10,3 Mrd. CHF), gefolgt von muskuloskelettalen Erkrankungen (8,7 Mrd. CHF) und psychischen Erkrankungen (6,3 Mrd. CHF). Die indirekten Kosten aller nicht übertragbaren Krankheiten schätzen die AutorInnen auf einen Wert zwischen mindestens 29 und höchstes 44 Milliarden Franken – wobei die grosse Spannweite der Schätzung auf die unvollständige Datengrundlage im Bereich der indirekten Gesundheitskosten (informelle Pflege etc.) zurückzuführen ist. Aus dieser Studie wird vor allem auch deutlich, welch enormer Anteil an Gesundheitskosten prinzipiell durch Prävention und Gesundheitsförderung beeinflussbar bzw. vermeidbar wären. Nichtübertragbare Krankheiten verursachen also bereits in der Gegenwart hohe Gesundheitskosten und enormes menschliches Leid. Zu erwarten ist jedoch, dass ihre Bedeutung angesichts der demographischen Entwicklung noch zunehmen wird.
* Indirekte Kosten entstehen durch Arbeitsunfähigkeit, Produktionsausfälle, informelle Pflege etc.
Mit krankheitsspezifischer Primärprävention und krankheitsübergreifender "allgemeiner" Gesundheitsförderung könnte ein grosser Teil der nichtübertragbaren Krankheiten und der Krankheitskosten vermieden werden. Die wichtigsten Risikofaktoren für viele nichtübertragbare Krankheiten sind dieselben. Knapp 60% des Verlusts an gesunden Lebensjahren in der europäischen Region entfallen laut einem Bericht der WHO auf sieben Risikofaktoren: Tabakkonsum; übermässiger Alkoholkonsum; Bluthochdruck; hohes Blutcholesterin; Übergewicht; niedriger Obst- und Gemüsekonsum sowie Bewegungsmangel (WHO Europa, 2006). Die EU Kommission geht davon aus, dass 80% der Fälle von koronarer Herzkrankheit und 90% der Fälle von Typ-2-Diabetes vermieden werden könnten, wenn sich alle Menschen an die Empfehlungen bezüglich Ernährung, Alkohol, Bewegung und Tabak halten würden (Commission of the European Communities, 2005). Allein durch den Verzicht auf Tabakkonsum kann das Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden, um rund 50% reduziert werden (CDC, 2010; WHO, 2016). Die Krebsliga Schweiz schätzt, dass mit einem gesunden Lebensstil nur halb so viele Menschen an Krebs erkranken würden (Obrist, Schopper, 2005). Und nach Hochrechnungen des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin Zürich könnten über 40% der wiederkehrenden, kurzen Depressionen mit vermehrter körperlicher Aktivität vermieden werden (Smala et al, 2005).
Vermeidung von Krankheiten durch gesunden Lebensstil (am Beispiel von Diabetes, Herz-Kreislaufkrankheiten und Krebs)
Aus: WHO, 2016
Tabakkonsum, eine unausgewogene Ernährung, Bewegungsmangel und Alkoholmissbrauch spielen auch bei der Sekundärprävention eine wichtige Rolle. So hat bei koronaren Herzkrankheiten die Tabakentwöhnung den grössten Einfluss auf das Mortalitätsrisiko (36% Risikoreduktion) und liegt damit über der Wirkung, die je mit der Einnahme von cholesterinsenkenden Medikamenten (Statinen) (29%), von Aspirin (20%) und von blutdrucksenkenden Medikamenten wie Betablockern (23%) oder ACE-Hemmern (23%) erreicht wird (Crichley, 2003).
Um den enormen Herausforderungen durch die nichtübertragbaren Krankheiten zu begegnen, hat der Bundesrat 2016 eine Strategie zur Prävention von nichtübertragbaren Krankheiten (NCD-Strategie) verabschiedet. Diese Strategie macht einerseits auch auf gesundheitspolitischer Ebene deutlich, dass sich das Programm EviPrev bereits seit Jahren einer der dringlichsten Aufgaben des Gesundheitswesens annimmt - nämlich der Prävention bzw. Reduktion nichtübertragbarer Krankheiten. Andererseits zeigt die Strategie auf, dass der von EviPrev verfolgte Lösungsansatz – evidenzbasierte Prävention und Gesundheitsförderung verstärkt in der (Grund-)Versorgung zu verankern – von zentraler Bedeutung ist. So widmet sich eines von zwei Handlungsfeldern der Strategie der "Prävention in der Gesundheitsversorgung". EviPrev leistet in diesem Zusammenhang seit Jahren Grundlagenarbeit. Zudem werden konkrete Instrumente und Hilfsmittel erarbeitet, welche Fachpersonen in der Umsetzung evidenzbasierter Prävention und Gesundheitsförderung unterstützen sowie den Zugang zu themenspezifischen Präventions-Programmen erleichtern und befördern (siehe nächstes Kapitel "Synergien von EviPrev und themenspezifischen Präventionsprogrammen in der Grundversorgung"). Der Massnahmenplan zur NCD-Strategie sieht auch eine verstärkte Nutzung neuer Technologien im Bereich der Prävention vor. Ziel ist, die Voraussetzungen für eine strukturierte Aufnahme von Daten zu präventivmedizinischen Massnahmen in das elektronische Patientendossier zu schaffen. An eben dieser Zielsetzung wird im Rahmen von EviPrev-IT – in enger Kooperation mit eHealth Schweiz – gearbeitet.
EviPrev ermöglicht der HausärztIn und den involvierten Mitarbeitenden die Übersicht darüber, welche medizinischen Vorsorgeuntersuchungen (Früherkennung) und welche weitergehenden präventiven oder gesundheitsfördernden Massnahmen bei den einzelnen PatientInnen angemessen sind (Beantwortung der Frage des "Was?" – Was soll gemessen, besprochen, geändert werden?). EviPrev steht für eine systematische Bestandsaufnahme der relevanten physiologischen Risikofaktoren (z.B. Bluthochdruck, Blutzucker), Verhaltensrisiken (z.B. Bewegungsmangel), Früherkennungsuntersuchungen (z.B. Krebsvorsorge) und weiteren wichtigen Präventionsthemen (z.B. psychische Gesundheit/Depression, Sturzprävention, Osteoporose). EviPrev umfasst die ganze Breite der Präventionsthemen in der Arztpraxis. Im Gespräch zwischen ÄrztIn und PatientIn wird festgestellt und besprochen, welche Gesundheitsrisiken individuell vermehrt Aufmerksamkeit brauchen. Dementsprechend sind angemessene Anschlussmaßnahmen wichtig, welche einzelne Präventionsthemen in der nötigen Tiefe behandeln. Deshalb knüpft EviPrev, wo möglich, an bestehende, qualitativ hochwertige Angebote an, welche Unterstützung für das weitere methodische Vorgehen und die Umsetzung anbieten (Frage des "Wie?" – Wie soll oder kann weitergehend untersucht, beraten, unterstützt werden?). Beispiele für solche Angebote in der Schweiz sind die kantonale Darmkrebsvorsorge- und Mammographie-Screening-Programme; oder im Bereich der Beratung das Rauchstoppprogramm "Frei von Tabak", das Bewegungsförderungsprogramm "Paprica" und das "Gesundheitscoaching"; oder im Bereich webbasierter Coachings die Plattform "SwissHeart-Coach" der Schweizerischen Herzstiftung.
EviPrev und themenspezifische Präventionsprogramme
International bestehen verschiedene Programme zur Prävention und Gesundheitsförderung im medizinischen Setting. Von zentraler Bedeutung sind die Empfehlungen der US Preventive Services Task Force (USPSTF) bezüglich der Wirksamkeit von medizinischen Präventionsmassnahmen. Ein Kondensat dieser Empfehlungen steht engagierten ÄrztInnen mit der Applikation ePSS - Electronic Preventive Services Selector zur Verfügung. Vorsorgeprogramme, die auf die Verhinderung oder Früherkennung der wichtigsten nicht-übertragbaren Krankheiten abzielen, gibt es in mehreren europäischen Ländern*. Ein einheitliches europäisches Programm existiert nicht. So unterscheiden sich die Programme z.B. bezüglich der behandelten Präventionsthemen, der empfohlenen Untersuchungsfrequenz, den angesprochenen Altersgruppen. In Grossbritannien und in Liechtenstein erfolgt der Aufruf zur Teilnahme alle fünf Jahre, in Deutschland alle zwei Jahre und in Österreich, je nach Altersgruppe, alle zwei oder drei Jahre. Aufgerufen werden in Grossbritannien Personen im Alter zwischen 40 und 74, in Deutschland Personen ab 35. Die Programme in Österreich und Liechtenstein decken praktisch das gesamte Erwachsenenalter ab. Die Teilnahme an den Präventionsprogrammen ist freiwillig.