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Shiva Keshavan ist ein Exot im wahrsten Sinn des Wortes. Der 36-Jährige ist der einzige Inder im Eiskanal. In Pyeongchang nimmt der Schlittler bereits zum sechsten Mal an Olympischen Spielen teil.
Im Ziel leuchtete am Mittwochabend die «1» auf. Kein Wunder: Shiva Keshavan hatte den ersten Trainingslauf auf der Olympiabahn in Südkorea absolviert. Die «1» blieb natürlich nicht stehen, doch der Inder liess in jedem der vier Trainingsläufe zwei bis fünf Konkurrenten hinter sich.
Indien und Schlitteln? Das ist gar nicht so absurd, wie man meinen könnte. Keshavan stammt aus einem Bergdorf im Himalaya. Als Jugendlicher war er auch indischer Meister im Skifahren. Mit drei Jahren sass er erstmals auf einem Holzschlitten. Dennoch ist er natürlich nicht der typische Inder. Keshavans Mutter ist Italienerin und traf ihren Mann beim Trekking im Himalaya. Er selber studierte an der Universität von Florenz internationale Studien.
Damit er zum wettkampfmässigen Schlittler wurde, brauchte es aber die Bemühungen des Internationalen Schlittelverbandes um grössere Verbreitung. So wurde der Österreicher Günther Lemmerer 1996 nach Indien geschickt, um nach Talenten zu fahnden. Er wurde bei Keshavan fündig, der zum Training nach Innsbruck eingeladen wurde.
Bereits zwei Jahre später nahm er in Nagano erstmals an Olympischen Spielen teil. Seither war der Frauenschwarm mit den langen, pechschwarzen Haaren immer dabei, 2006 in Turin fuhr er als 25. sein bestes Resultat ein. Wie er der «New York Times» erzählte, hatte er sogar ein Angebot des italienischen Verbandes für einen Nationenwechsel. Das sei für ihn aber nie in Frage gekommen.
In seinem Heimatort ist er ein Star, auch weil er am Asien-Cup zehn Medaillen sammelte. Dass er es nicht noch weiter nach vorne brachte, ist wohl weniger fehlendem Talent oder Einsatz geschuldet. Vielmehr kämpft Keshavan mit den Schwierigkeiten des Exoten. Erst seit diesem Winter hat er einen Schlitten, der speziell für ihn gebaut wurde. Und im Sommer muss er im Restaurant seiner Eltern als Kellner und Pizzabäcker arbeiten, um über die Runden zu kommen.
Unterstützung vom Staat gibt es keine. Als er einmal beim nationalen Olympischen Komitee nachfragte, wollte dieses erst «ein Zertifikat, das beweist, dass Olympische Winterspiele gleichwertig sind mit Sommerspielen». Immerhin machte das NOK nun doch noch 23’500 Dollar locker, um die Reise nach Pyeongchang zu unterstützen.
Die sechsten Spiele werden wohl Keshavans letzte sein, obwohl er schneller ist denn je. Er möchte aber dafür sorgen, dass weitere Inder sich in den Eiskanal stürzen, und sucht Nachwuchsfahrer. Sein grosses Vorbild ist allerdings auf den Skipisten zu finden: Alberto Tomba. Der hat zwar nur viermal an Olympischen Spielen teilgenommen, dabei aber drei Goldmedaillen gewonnen.