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Alle vierbeinigen Säugetiere haben sie, diese Erhöhung am Übergang vom Rücken zum Hals, die als Widerrist bezeichnet wird. Je nach Tierart ist dieser Höcker mehr oder weniger hoch. Entscheidend dafür sind Länge und Grösse von Hals und Kopf: die Giraffe mit ihrem langen Hals und der Hirsch, der ein schweres Geweih auf dem Kopf trägt, haben wie das Pferd einen ausgeprägten Widerrist. Bei Fleischfressern wie Katzen und Hunden, die ihren «Fressradius» nicht durch einen langen Hals erweitern müssen, ist er deutlich weniger prägnant.
Bei Kühen, Pferden und Hunden ist die Widerristhöhe, auch Stockmass genannt, die gängige und von den Rassenverbänden standardisierte Höhenangabe für die Tiere. Zwar ist die Grösse kein Qualitätsmerkmal, aber bei den Pferden dient sie der Kategorisierung: alles was kleiner als 148 Zentimeter ist, gilt als Pony. Der Widerrist liegt grösstenteils zwischen den Schulterblattknorpeln. Beim Pferd wird seine knöcherne Grundlage von den langen Dornfortsätzen des 3. bis 7. beziehungsweise 8. Brustwirbels sowie von den etwas kürzeren Dornfortsätzen des 9. bis 12. Brustwirbels gebildet. In Richtung des Schweifs nimmt die Höhe der nachfolgenden Dornfortsätze wieder ab. Die Länge und Neigung dieser Brustwirbeldornfortsätze ist von Tier zu Tier verschieden, was die unterschiedlichen Konturen des Widerrists erklärt. Grosse Warm- oder Vollblüter haben in der Regel ausgeprägtere Widerriste als kurzhalsige Ponyrassen.
Ansatzpunkt diverser Muskeln
Als optimal gilt ein deutlich definierter und lang in den Rücken hinein verlaufender Widerrist, der auch für eine gute Lage des Sattels sorgt. «Deutlich ausgeprägt» heisst aber nicht hoch und knochig, was die Suche nach einem gut passenden Sattel genauso schwierig gestaltet wie bei Pferden mit einem niedrigen, kurzen Widerrist. Dort besteht die Gefahr, dass der Sattel nach vorne rutscht und mit ihm das Reitergewicht, was auf Dauer zu einer Überlastung der Vorhand (Kopf, Hals und Vorderbeine) des Pferdes führt.
Unabhängig von seiner Form ist der Widerrist Ansatzpunkt diverser Muskeln und Bänder, wie des langen Rückenmuskels, der Trapezmuskeln, die die Schultern bewegen, oder des starken Nackenbands. Das bedeutet, dass sich die Form des Widerrists durch ein gutes Training und den entsprechenden Muskelaufbau positiv beeinflussen lässt. Eine gute Bemuskelung schützt auch den Schleimbeutel, der sich auf dem höchsten Punkt des Widerristes befindet. Diesen hat die Natur allerdings nicht als «Puffer» für den Sattel vorgesehen, sondern zum Auffangen der Zug- und Druckbelastungen, die das Nackenband erzeugt.
Drückt und scheuert an dieser Stelle über längere Zeit schlecht passendes Sattelzeug oder Fahrgeschirr, entsteht der Satteldruck, dessen Ausprägung von einer Scheuerstelle im Anfangsstadium bis zu schmerzhaften Entzündungen und eitrigen Abszessen reicht. Bis zum Abheilen einer solchen Verletzung, die mehrere Wochen bis Monate dauern kann, bleibt das Pferd unreitbar. Die Haare wachsen in diesem Bereich meist weiss nach, weshalb man die Spuren eines Satteldrucks noch nach Jahren sehen kann.
Die ausgeklügelte Anatomie des Widerrists hat einen simplen Zweck: Sie ist sozusagen das Scharnier, der Umlenkarm, der dem Pferd ermöglicht, beim Grasen seinen langen, verhältnismässig schweren Hals mit wenig Muskelaufwand zu heben und zu senken. Gleichzeitig wirkt dieser «Hebel» der Schwerkraft des Bauchs entgegen, die sonst den Rücken in die Tiefe ziehen würde.
Beliebte Putz- und Knabberstelle
Diese biomechanische Strategie des Energiesparens lässt sich auch in der Bewegung des Pferdes beobachten, am deutlichsten in der taktmässigen Nickbewegung von Hals und Kopf im Schritt und im Galopp. Senkt das Pferd seinen Hals und Kopf beim Vorwärts-Abwärts-Reiten – aber auch beim Grasen –, dann zieht das Nackenband am Widerrist, die Dornfortsätze richten sich auf und der Rücken wölbt sich noch oben.
Dieses zentrale Element der Rückentätigkeit nützt der erfahrene Reiter, um das Pferd, das von Natur aus kein Lastentier ist, so auszubilden und zu trainieren, dass es dessen Gewicht über Jahre schadlos tragen kann. Im korrekten Dressursitz hält der Reiter seine Zügelfäuste eine Handbreit über dem Widerrist. Regt sich ein Pferd auf oder fürchtet es sich, kann es jedoch hilfreich sein, die Hände zu senken und das Pferd am Widerrist zu streichen oder zu kraulen: Auf die meisten Pferde hat das einen beruhigenden Effekt, weil ihnen die Berührung vertraut ist. Denn bei der gegenseitigen Fellpflege, die in einer Pferdeherde die soziale Bindung zwischen den Artgenossen stärkt und nachweislich die Herzfrequenz der Tiere senkt, ist der Widerrist eine beliebte Putz- und Knabberstelle.