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Monti della Trinità und der Mann, der die Gesellschaft auf den Kopf stellte
LENINS GRAFFITOvon Martin Steiner
Ja, ein solches gibt es, doch davon haben selbst die versiertesten Lenin-Biographen keine Ahnung und das darum, weil ihnen dieses Dokument nie unter die Augen kam. Von seiner Existenz wussten nur wenige und von diesen zuallererst Hildegard Jung, die Besitzerin eines idyllisch gelegenen Kur- und Erholungsheimes. Wäre sie des Kyrillischen mächtig gewesen, hätten wir vielleicht Kenntnis seines Inhaltes. Sie aber, obschon kulturell sehr aufgeschlossen, musste sich um ihre Pension kümmern, was in der Zeit des Ersten Weltkrieges selbst in der Schweiz nicht einfach war. Unter den “Bunten Vögeln”, die ihr zugeflogen waren, befand sich auch Wladimir Iljitsch Lenin, ein unauffälliger Asylant, dem kaum einer zutraute, dass er schon bald die Welt aus den Angeln heben sollte. Warum er seine Gedanken, also die, von denen hier die Rede ist, nicht auf Papier festhielt, bleibt ein Rätsel. Ich nehme an, der Verfasser wurde von der Eruption seiner Gedanken überrascht. Ihm blieb keine Zeit, nach Schreibutensilien zu suchen, also fixierte er seine Kopf-Lava auf den nächstbesten Grund – auf die Wand seines Zimmers. Und das lag über und neben anderen in Locarno-Monti, am heutigen Sentiero Rogorogno.
Woher ich das weiss, wird sich der aufmerksame Leser fragen. Darauf will ich, so gut es geht, antworten. Als ich geboren wurde, lag Lenin, der Gründer der Sowjetunion, schon 15 Jahre in dem für ihn gebauten Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau. Über seine zwei Aufenthalte im Tessin schwieg er sich aus, und ihn erwähnt auch keiner seiner Tessiner Zeitzeugen. Einige von ihnen haben Geschichte und Geschichten gemacht, und aus einer solchen machte ich eine neue, LocarnoMonti und den Dichter Klabund betreffend, die lebhaften Widerhall fand. Überraschend folgte dem Echo eine Einladung, bei welcher sich herausstellte, dass der Einladende der Besitzer jenes Hauses war, in dem Hildegard Jung einst ihre “Bunten Vögel” umsorgte. Bei einem Besuch in der “Dependance des Monte Verità” zeigten sich Hausherr und Gemahlin grosszügig, nicht nur bezüglich des Aufgetischten. Dank ihnen bin ich nun im Besitz alter Photodokumente und einer Gästeliste, in der Wladimir Iljitsch Lenin nebst anderen Grössen auftaucht. Doch das Wichtigste, ich lernte den Mann kennen, der mit eigenen Augen Lenins Graffito sah, sich aber nicht bewusst war, Besitzer eines veritablen Kulturdokumentes zu sein. Und hier beginnt eigentlich meine Geschichte.
Lenins Hand jagt Buchstaben über den Kalkverputz, einen hinter den andern, bis die Wand, das heisst ihr seitliches Ende, Halt gebietet. Zeile um Zeile, mal grösser, dann wieder kleiner. Die 32 Schriftzeichen des kyrillischen Alphabets nehmen diszipliniert Aufstellung, bilden Wörter und Sätze nach dem Willen dessen, der sie kommandiert. Und das ist ein Besessener, ein Skrupelloser, ein kluger Kopf und schlauer Fuchs, der sich vorgenommen hat, die Welt radikal zu verändern. Was sich unter seiner Hand formiert, ist gedanklicher Sprengstoff, ist Dynamit. Das aber sieht man der kyrillischen Schrift nicht an, sie ist eine Mischung aus byzantinischer Weichheit und orthodoxem Ernst, der sich mit dem des nervösen Schreibers paart. Und ernst, sogar todernst ist es Wladimir Iljitsch Lenin, der 1916 hier in Monti – ich sehe ihm tagträumend über die Schulter – und glaube in seinen Hieroglyphen Sätze wie den folgenden auszumachen, dem eine luzide Voraussicht nicht abzusprechen ist. “Der Kapitalismus ist so weit entwickelt, dass die Warenproduktion, obwohl sie nach wie vor “herrscht” und als Grundlage der gesamten Wirtschaft gilt, in Wirklichkeit bereits untergraben ist und die Hauptprofite den “Genies” der Finanzmachenschaften zufallen.” Einer Mauer hatte Lenin seine Gedanken anvertraut. Seine Reflexionen waren im wahrsten Sinne auf- und eingeschrieben, ähnlich den Gesetzen des Moses. Ein ungewöhnliches Depot für geistiges Eigentum, von dem nur der Autor und Hildegard Jung wussten. Letztere, weil sie sein Zimmer im ersten Stock ihrer Pension in Ordnung brachte. Doch was sie sah, war ihr unverständlich, rätselhaft. Also behielt sie das Geheimnis für sich, zumindest so lange wie Lenin bei ihr Gast war. Mit ihm, so erzählt man, hätte sie auf dem Monte Verità Reigen getanzt, ja sie gab sich sogar mit einem Schuldschein zufrieden, als dieser kleine, untersetzte Russe seine Pensionskosten nicht bezahlen konnte. Hildegard Jung war eine aussergewöhnliche Frau: liebenswürdig, einfühlsam und wohlwollend. Vielen, die bei ihr strandeten, war sie Vertraute und Freundin. Hermann Hesse hatte zu ihr eine besondere Zuneigung. Gemeinsam unternahmen sie Ausflüge in die MagadinoEbene, wo er auch zu zeichnen und malen begann. Ihm war ihr Urteil wichtig, nicht umsonst trug er dieser Frau seine Gedichte vor, so auch “In Hildes Winkelchen”, wo es unter anderem heisst: Hab Dank, du Winkelchen! du lehrst mich gut, Und wieder weiss ich, was ich stets gewusst, Und stets vergass: Mein Feind ist nicht die Welt!
Mein Feind bin ich. Und wenn ich erst mir selbst Aus eigner Tiefe Rast und Frieden bringe, Wird jede Ecke dieser Welt Mir Heim und Glück und stiller Garten sein.
Hesse kämpfte mit dem eigenen inneren Feind, Lenin mit dem äusseren, der Bourgoisie, zu deren Sturz er 1917 die Schweiz verliess. Zurück blieb im Tessin sein Graffito. Das aber war und blieb Hildegard Jungs Geheimnis bis zu jenem Zeitpunkt, wo ihr Gästehaus in andere Hände überging. Irgendetwas aber hielt die neuen Besitzer davon ab, die “Hierogyphen” verschwinden zu lassen. Vielleicht hatten sie vor, diese entziffern zu lassen, doch der richtige Übersetzer war nicht zur Hand. Also liess man die Sache auf sich beruhen. Man hatte in der Zwischenkriegszeit genug andere Sorgen, materielle vor allem. Demzufolge mutierte Lenins Notat zur kuriosen Hinterlassenschaft, die von einem Hausbesitzer zum nächsten weitervererbt wurde. Und alle liessen dieses Karee kyrillischer Buchstaben stehen, es gehörte zum geschichtenumrankten Haus, zur versteckten KünstlerOase am Berg. Und das blieb so, bis man in den achtziger Jahren, vor gut dreissig Jahren also, Haus und Garten renovieren musste. Man tat das mit Einfühlungsvermögen und architektonischem Respekt, doch dabei kam etwas unter die Räder – Lenins Graffito.
Es passierte einfach, wie, das wisse er nicht mehr genau, sagte mein Gegenüber. Wir sassen am Steintisch im ehemals Jung’schen Garten und tranken Wein. In jenem Moment hatten wir Ähnlichkeit mit jenen, die ich auf den alten Photos gesehen hatte. Frauen und Männer, die Beine übereinander geschlagen, die einen ihre Worte mit Gesten unterstreichend, die anderen mit verträumtem Blick. Über was sie diskutierten, diese Frage schob ich beiseite, denn unser Gespräch drehte sich um Lenins Graffito, das wir im Haus über uns wussten. Es war da und doch nicht da. Es lag unter einer Schicht Kalk oder Mörtel, war also versiegelt und bot so unerschöpfliche Anregung zu Spekulationen. Schrieb sich Lenin damals seinen Frust von der Seele, als er bei Robert Grimm, dem Berner Sozialisten mit seinen Ansichten über Krieg und Bürgerkrieg auf Granit stiess oder waren es Fussnoten zu seinem Buch “Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus” oder gar eine Rechtfertigung des Staatsterrors, den er bei der Verwirklichung seiner Ideen anzuwenden gedachte? Unsere Mutmassungen, merlotgetränkt, schossen wild ins Kraut, so dass wir vergassen, dem Sonnenuntergang unsere Reverenz zu erweisen.
Was nicht vergessen wurde, war der Hinweis des Hausherrn auf den Kampferbaum, dessen eukalyptusartiger Geruch die Mükken von uns fernhielt. Er, der Baum, stamme noch aus der Zeit, als es hier turbulent zuging, sagte der Gastgeber und hiess mich die Blätter anfassen. Geerdet fühlte ich mich, verbunden mit jener Zeit, wo hier literarische und andere Grössen einund ausgingen. So auch Hugo Ball, den ich auf dem vor mir liegenden Photo zu erkennen glaube. In jenen Jahren schrieb dieser über Bakunin – den Anarchisten und Marx-Gegner – was Lenin, hätte er davon gewusst, bestimmt auf die Palme gebracht hätte. Wenn Ball der Mann auf dem Photo war, konnte es ja sein, dass er hier oben am Berg seinen phantastischen “Tenderenda” ausbrütete. Jetzt hab ich‘s, ging es mir durch den Kopf. Mit einigen Sätzen aus diesem Buch konnte ich, einen Kontrapunkt zu Lenin setzend, mich bei unseren Gastgebern für diesen Abend bedanken. Und diesen Dank will ich niemandem vorenthalten. “Sie haben den Tintenfisch mir auf das Bett gesetzt. Und ihre Zahnwurzeln reichten sie mir zur Speise. Den Baldrian hab ich gekostet und die Kirchturmspitze mit Glaspapier abgerieben. Und ich weiss nicht, ob ich zu denen oben oder zu denen unten gehöre. Denn das Unglaubliche, niemals Erlaubliche wird hier Ereignis.”