Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03514.jsonl.gz/761

«Mother!» ist Horror in einer Endlosschleife. Das verbrannte Gesicht einer Frau, ein verbranntes Haus, ein Mann mit einem Kristall, ein Lächeln. Die Asche hebt sich, der Morgen ist da, die Frau erwacht im Bett. Damit fängt es an.
Dichter mit Schreibblockade
Die Figuren haben keine Namen. Jennifer Lawrence heisst im Abspann einfach «Mother». Sie spielt die junge Frau eines wesentlich älteren Dichters, den Javier Bardem verkörpert.
Sie renoviert liebevoll das abgelegene, ausgebrannte Haus des Mannes. Er, im Abspann nur als «him» geführt, quält sich (und sie) mit seiner Schreibblockade.
Ein Fan besucht sein Idol
Ein Mann (Ed Harris) auf der Suche nach Unterkunft stört die Idylle. Er gibt sich als Arzt aus, hustet viel und raucht zum Entsetzen der jungen Frau auch im Haus.
Der Dichter lädt ihn zum Übernachten ein. Am nächsten Tag steht dann auch noch seine Frau (Michelle Pfeiffer) vor der Tür.
Der Dichter freut sich über die Besucher. Erst recht, als sich herausstellt, dass der Mann ein heimlicher Fan ist, der beschlossen hat, vor seinem baldigen Tod sein Idol aufzusuchen.
Erzählt wird das aus der Perspektive der jungen Frau, die im alten Haus unheimliche und zunehmend grausliche Veränderungen wahrnimmt.
Der Mann lebt von der Zerstörung der Frau
«Mother!» funktioniert nach dem Schema von Roman Polanskis «Rosemary’s Baby» (1968): Der Mann schlägt sich auf die Seite der ungebetenen Gäste. Er geht einen Pakt ein mit seinen Fans und Bewunderern und missbraucht seine Frau als Inspirationsquelle, Teilzeit-Muse und schliesslich Gebär-Mutter.
Und der Horror? Das ist, in der einfachsten, direktesten Interpretation dieses Films, der Schöpfungsneid des Mannes auf die Frau. Der Mann, der Dichter, braucht die Frau, um seine Kreativität in Gang zu setzen. Er braucht sein Publikum und dessen Bewunderung. Er liebt es, geliebt zu werden.
Sie dagegen schafft direkt: ein Heim für sich und den Mann und allfällige Kinder. Sie wird schwanger und das Kind wird wiederum zu einem Pfand für die Kreativität des Mannes, des Dichters. Schliesslich schöpft der Mann Kraft aus der Zerstörung der Frau – weil ihre Liebe zu ihm die Zerstörung überdauert.
Häufiges Motiv in Aronofskys Filmen
Ausgedacht hat sich das Darren Aronofsky, seit einiger Zeit Lebens- und Schaffenspartner von Jennifer Lawrence. Aronofskys Filmografie ist durchsetzt von Filmen, in denen gelitten wird.
Vornehmlich von Frauen, direkt oder indirekt malträtiert von Männern, etwa Jennifer Connelly in «Requiem for a Dream» (2000) oder Rachel Weisz in «The Fountain» (2006).
Am erfolgreichsten gequält hat Aronofsky Natalie Portman als besessene Balletttänzerin in «Black Swan» vor sieben Jahren. Auch in diesem Film quält sich die Frau in ihrem Ehrgeiz selber, kräftig unterstützt vom berechnenden Choreographen, der seine Balletteusen gegeneinander ausspielt.
Man kann Aronofsky zugutehalten, dass er diese destruktive Kreativität, diese unauflösbare Spannung zwischen Frauen und Männern, jeweils mit den Frauen zusammen erkundet. Bei den meisten seiner Filmprojekte hat er mit seinen jeweiligen Lebenspartnerinnen zusammengearbeitet.
Platt und reduziert
Dass der Horror funktioniert und eine weibliche Perspektive so simpel suggeriert werden kann, hat mit einem fiesen Kniff zu tun: Diese Inszenierungen rekurriert auf das inhärente Gefühl jeder Mutter (jedes Menschen?), den eigenen und den anderen Ansprüchen nicht genügen zu können.
Michelle Pfeiffers bösartig verhärmte Schmerzensmutter spricht es mitten im Film deutlich aus: «Du gibst und gibst und gibst, und nie ist es genug…»
«Mother!» zeigt den Mann als selbstsüchtigen Ausnützer, als ewiges Kind an der Brust und am Rockzipfel der Mutter. Und die Frau als unvollendetes Suchtwesen, das sich selber über seine Funktion im Dienste des Mannes zu verwirklichen sucht.
Das ist ziemlich platt und reduziert und streckenweise etwas langweilig. Aber es ist Horror.