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Geschichte einer Weltinnovation
Das MS Etzel war eine Weltpremiere: das erste Schiff mit einem hydraulischen Verstellpropeller. Um langsam, vorwärts oder zurück zu fahren, mussten nun nicht mehr die Tourenzahl und die Drehrichtung der Maschine geändert werden, sondern der Kapitän konnte über einen Hebel im Steuerhaus die Propellerflügel entsprechend anwinkeln. Der Antrieb wurde also zum Manövrieren genutzt. Wie aber kam die Zürcher Dampfbootgesellschaft - wie sie damals noch hiess - dazu, mitten in der Wirtschaftskrise der frühen 1930er Jahre ein neues Schiff in Auftrag zu geben, dazu ein Schiff mit technischem Risiko?
Nach dem grossen Börsencrash von 1929 war die Arbeitslosigkeit in den Industrienationen auf ein Rekordhoch gestiegen. Zahlreiche Unternehmen und Banken gingen bankrott. Die Staaten suchten verzweifelt nach Mitteln, um die Rezession einzudämmen. Die vorherrschende ökonomische Theorie war allerdings wenig hilfreich, sie lautete kurzgefasst: Der Markt wird es richten. Von Selbstheilungskräften konnte allerdings keine Rede sein. In den USA ergriff Franklin D. Roosevelt deshalb eine Reihe von Massnahmen, die als New Deal in die Geschichte eingingen. Gewisse Banken wurden staatlich gerettet, während man andere fallen liess. Es wurde eine Bankenaufsicht geschaffen. Das Kredit- und Einlagengeschäft der Geschäftsbanken wurde vom Investment Banking getrennt. Die wichtigste Neuerung war die Einführung von staatlichen Sozialversicherungen.
In der Schweiz ging es weniger schnell. Da man sich in den 1930er Jahren uneinig war über das Vorgehen, wurde ein tragfähiges Sozialversicherungswesen erst in der Nachkriegszeit aufgebaut. Referenz für die stabile Nachkriegsordnung wurde die Wirtschaftstheorie von John Maynard Keynes. In einer bahnbrechenden Studie von 1936 hatte Keynes argumentiert, dass die Staaten in Wirtschaftskrisen nicht sparen, sondern investieren sollen. Investition und Innovation trotz Krise - dieses Motto hat auch die Zürcher Dampfbootgesellschaft verfolgt. 1933 erteilte sie der Maschinenfabrik Escher Wyss den Auftrag, ein Motorschiff für 200 Personen zu bauen. Mit dem neuen Schiff wollte man die Querverbindungen im oberen Seeteil verbessern, vor allem aber auch etwas vorzeigen können an der grossen Landesausstellung, die für 1939 geplant war.
Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Industrie
Escher Wyss beschloss, für das neue Schiff mit Jakob Ackeret und dem Institut für Aerodynamik der ETH Zürich zusammenzuarbeiten. Ackeret hatte 1925-26 in Deutschland das Kaiser-Wilhelm-Institut für Strömungsforschung aufgebaut, kam dann zurück in die Schweiz, wurde 1927 Chefhydrauliker bei Escher Wyss und 1931 ausserordentlicher Professor an der ETH. In enger Zusammenarbeit mit der Industrie entwickelte die ETH 1933 den ersten in geschlossenem Kreislauf arbeitenden Überschallwindkanal der Welt. Damit konnte man Strömungsvermessungen an Turbinen und Propellern durchführen und optimierte Tragflügel-, Rotor- und Schiffspropellerprofile herstellen.
Was Ackeret und Escher Wyss im Turbinenbau für Wasserkraftwerke bereits erfolgreich erarbeitet hatten, übertrugen sie nun auf den Schiffbau. Das MS Etzel erhielt den weltweit ersten Kaplan-Wendepropeller. Pläne für Schiffsschrauben, bei denen die Propellerflügel demontiert, weggeklappt oder verstellt werden können, hat es zwar bereits im 19. Jahrhundert gegeben. Die Leistung dieser Antriebe war aber immer schlecht und ihr Anwendung blieb auf kleine Boote beschränkt.
Der Antrieb des MS Etzel unterschied sich ganz grundsätzlich von herkömmlichen Schiffsantrieben. Sobald die Maschine gestartet wird, dreht beim MS Etzel auch die Schiffsschraube, allerdings zunächst «leer», also auf Nullschub. Über ein Gestänge, das vom Steuerhaus durch die Schotträume ins Heck und dort - übersetzt über eine Hydraulik - direkt mit dem Propeller verbunden ist, können die Propellerflügel so angewinkelt werden, dass man stufenlos von Voraus auf Zurück umstellen kann. Es gibt also kein Wendegetriebe. Damit ist eine erhebliche Zeitersparnis verbunden: Der Bremsweg wird verkürzt. Die Maschine kann auf einer bestimmten Tourenzahl laufen gelassen werden und wird somit geschont. Das System ist auch vorteilhaft für den Betrieb mit unterschiedlicher Last, also für Schiffe, die einmal leer und einemal beladen fahren.
Am 1. März 1934 wurde das neue Schiff von den Escher-Wyss-Werkhallen zum Hafen Enge transportiert und vom Stapel gelassen. Es erhielt den Namen «Etzel», wurde in die Werft nach Wollishofen geschleppt und dort fertiggestellt. Die Probefahrten fielen zur grossen Zufriedenheit aus. Der Antrieb funktionierte einwandfrei. Am 8. Juni 1934 nahm der Etzel den Passagierbetrieb auf. Anfängliche Bedenken, die Schiffsführer könnten mit der neuartigen Technik überfordert sein, bewahrheiteten sich nicht. «Die Steuerleute eignen sich in kurzer Zeit die Fähigkeit an, mit dem Boote mit Wendepropeller zu fahren», schrieb Ackeret in seinem Schlussbericht. Während der Schweizerischen Landesausstellung 1939 pendelte das MS Etzel zwischen den beiden Ausstellungsteilen und war ein Publikumsmagnet.
Ein Schiff macht Schule
Mit dem MS Etzel begann eine neue Ära der Schifffahrt auf dem Zürichsee. Bis in die 1970er Jahre wurden sämtliche Schiffsneubauten mit einem Verstellpropeller ausgerüstet. Die Schiffe Linth, Glärnisch, Säntis, Limmat, Bachtel, Helvetia und Wädenswil erhielten Anlagen von Escher Wyss. Die kleine MS Stäfa wurde 1944 von der Firma Sulzer kostenlos mit dem - ersten und einzigen - Verstellpropeller von Sulzer bestückt. Durch die guten Manöver- und Bremseigenschaften konnten mit diesen Schiffen viele Landestellen bedient werden, ohne dass die Fahrt nach Rapperswil unendlich lang wurde. In den 1950er Jahren wurde auf dem MS Etzel eine kleine Küche eingebaut und die Kabinen wurden abgeändert. Am Bug entstand ein kleines Freideck und der Salon wurde vergrössert. Im Winter 1966/67 erhielt das MS Etzel mittschiffs eine Winterverschalung und eine Radaranlage und war darauf auch im Winter im Einsatz. Es bediente die Stationen im unteren Seebecken und bewältigte den Pendelverkehr zwischen Erlenbach und Thalwil. 1972 bekam das MS Etzel eine neue Maschine.
Als gegen Ende des 20. Jahrhunderts die langsam laufenden, drehmomentstarken Schiffsdieselmotoren durch moderne Schnellläufermotoren ersetzt wurden, passten die Verstellpropeller allerdings nicht mehr zu den Aggregaten. Effizientes Manövrieren konnte nun durch die Maschine gewährleistet werden. Nun fiel der grosse Nachteil der Verstellpropeller ins Gewicht: Die komplizierte mechanische Bauweise ist mit einem grossen Wartungsaufwand verbunden, und wenn am Propeller ein Schaden entsteht, ist der finanzielle und technische Reparaturaufwand enorm. Die ab 1997 angeschaffte Albis-Klasse hatte zwar nochmals Verstellpropeller - Fabrikat Schottel -, die mit moderner Maschinensteuerung bedient werden. Die Schiffe mit älteren Verstellpropellern werden nun aber sukzessive auf Festpropeller umgerüstet. Der Verstellpropeller, diese einstige Weltinnovation, ist auf dem Zürichsee dem Untergang geweiht.
Auch vom Platz und vom Ausbaustandard her entsprachen die Schiffe aus der Zwischen- und Nachkriegszeit nicht mehr den Bedürfnissen. Ende der 1990er Jahre drohte dem MS Etzel das gleiche Schicksal wie bereits den Landischiffen «Halbinsel Au», «Möve» und «Speer», die die Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft bereits ins Ausland verkauft hatte. Um die letzte «Schwalbe» und einen wichtigen Zeugen der Zürcher Industriegeschichte auf dem Zürichsee zu erhalten, gründete Stefano Butti, Schiffsführer bei der ZSG, im Juni 1999 den Verein Pro MS Etzel. Um die Finanzierung zu sichern, kam im Januar 2001 die Genossenschaft MS Etzel als Kapitalgesellschaft dazu und im gleichen Jahr konnte das Schiff zu einem symbolischen Preis von der ZSG übernommen werden.
Eine neue Ära
Um den Etzel extrafahrtentauglich zu machen, wurde in der Schiffbauhalle in Wollishofen während zwei Monaten eine umfassende Revision durchgeführt. Das Schiff erhielt eine Trinkwasseranlage und eine moderne Küche mit Bar. Anschliessend stellte die Genossenschaft einen Geschäftsführer ein und nahm den Betrieb auf.
Das MS Etzel ist zu einem beliebten Charter- und Publikumsschiff geworden. Es führt pro Jahr über 150 Fahrten aus, darunter auch zahlreiche öffentliche Rundfahrten. Der Betrieb deckt weitgehend die nötigen Investitionen in Bausubstanz, Technik und Infrastruktur. Sämtliche Originalteile werden sorgfältig gepflegt. Zwischen 2005 und 2010 wurden neue Abwassertanks, ein neuer Generator und ein Tageslichtradar mit Wendegeschwindigkeitsanzeige eingebaut. Als nächstes sollen das Dach und die Schiffsschale überholt werden. 2016 hat die Genossenschaft MS Etzel mit einer Statutenrevisionden den Erhalt der historischen technischen Anlagen sowie ein nachhaltiges Finanzierungsmodell (durch Äufnung eines Reparaturfonds) statuarisch verankert.
Die schlanke Form des MS Etzel, das geschwungene Heck und die sachliche Struktur der Aufbauten zeugen von einer vergangenen Schiffbaukultur. Der Vorstand, die Geschäftsleitung und die Crew setzen sich mit viel Enthusiasmus dafür ein, das MS Etzel auch in Zukunft auf dem Zürichsee zu erhalten.
Willkommen an Bord!