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Miguel Lopes Vieira zeigt mit dem Finger auf sein rechtes Knie und sagt: «Hier haben sie geschnitten.» Wo sein Bein war, ist jetzt bloss noch ein Stumpf. Lopes Vieira gab selbst die Einwilligung zur Amputation. Wie gross müssen die Schmerzen sein, bis jemand sich sein Bein amputieren lässt, nur damit das Leiden endlich ein Ende hat?
«Tante cose!», so viele Sachen seien passiert seit jenem Tag, seit jenem Bagatellunfall, der das Leben des Türstehers und zweifachen Vaters in verstörend absurder Weise zerstört. Er ist nicht mehr der durchtrainierte Sportler, der 2000 Kilometer im Monat mit dem Rennvelo fuhr. Am liebsten über die Alpenpässe, von seinem damaligen Wohnort Obervaz in Graubünden bis nach Italien und am gleichen Tag zurück.
«Novanta per cento! Es ist fast sicher, dass auch noch mein zweites Bein amputiert werden muss.»
Miguel Lopes Vieira
Heute ist er 40 Kilo schwerer. Das blaue T-Shirt spannt über seinem Bauch. Die Schmerzen haben sich in seinem Gesicht festgeschrieben. Die Mundwinkel ziehen nach unten. Trotz und Hoffnungslosigkeit wetteifern in seinen Augen miteinander. Miguel Lopes Vieira wedelt mit seiner vom Rollstuhlfahren kräftig gewordenen Hand und sagt: «Novanta per cento! Es ist fast sicher, dass auch noch mein zweites Bein amputiert werden muss.» Was geht in einem Menschen vor, der einen solchen Satz aussprechen muss?
An einem Samstag im Juli vor sechs Jahren vertrat sich Lopes Vieira zu Hause beim Treppensteigen den Fuss und stürzte. Das Röntgenbild zeigte keine Knochenverletzungen. Der Hausarzt diagnostizierte ein «Distorsionstrauma» mit Verdacht auf eine Bänderverletzung und gipste das Fussgelenk ein. Ein harmloser Unfall. Diese Einschätzung teilte zunächst auch die Hotela, Lopes Vieiras Unfallversicherung. Später sollte sie ihre Meinung ändern und den bereits hart Getroffenen in die Verzweiflung treiben.
Zwölf Wochen später dann die Diagnose
Das ahnt Miguel Lopes Vieira nicht, als ihm der Arzt drei Wochen nach dem Unfall den Gips abnimmt. Es sieht nicht gut aus. Das Bein ist stark angeschwollen, schmerzt in jeder Lage. Im Kantonsspital Chur wird der Unterschenkel mit einer gipsähnlichen Schiene ruhig gestellt. Doch das hilft nichts. Im November, zwölf Wochen nach dem Unfall, weist ihn der behandelnde Arzt ins Spital ein, wo ein «massives Rehabilitationsdefizit» festgestellt wird. Jetzt hört er zum ersten Mal das Wort CRPS.
CRPS – oder genauer: Complex Regional Pain Syndrome – steht für «komplexes regionales Schmerzsyndrom». Der Begriff bezeichnet einen schmerzhaften Zustand, der hauptsächlich nach Verletzungen in den Beinen oder Armen auftritt. Typisch für die Krankheit sind unverhältnismässige Schmerzen sowohl in der Intensität als auch der Dauer. Die Behandlung ist schwierig, es gibt keine Therapie, die mit Sicherheit wirkt.
Den Dezember und den Januar verbringt Lopes Vieira in der Rehabilitationsklinik Bellikon im Aargau. Erfolglos. Das Bein schmerzt, der Fuss beginnt sich einzudrehen. Kopfschmerzen bringen den Mann fast um den Verstand. Um die Klumpfussstellung zu korrigieren, legen die Ärzte in Chur einen externen Fixateur an. Nach der Entlassung reiht sich Therapie an Therapie, die Medikamente schlagen nicht an. Nichts hilft. Im Gegenteil, die Schmerzen werden schlimmer, kaum eine Nacht, in der Lopes Vieira mehr als drei Stunden schläft. So verbringt er den Sommer.
Und auch die folgenden zwei Jahre. Rücken- und Nackenschmerzen zwingen ihn nach wenigen Monaten in den Rollstuhl. Immer schmerzt das Bein. Auf einer Skala von 1 bis 10 gibt er die durchschnittliche Intensität mit 6 an, wenn er ruhig liegt und die Schmerzmittel wirken. Bei Berührung oder Druck erreicht sie 9 bis 10.
Auch das linke Bein ist jetzt tiefrot
Die Linderung des Schmerzes erkauft sich Lopes Vieira durch einen Nachteil. Von den Medikamenten rebelliert sein Magen. Und da ist das linke, bislang gesunde Bein, das nun auch zu schmerzen beginnt. Die gleichen Symptome, groteske Schwellung, Verfärbung der Haut ins Tiefrötliche. Die Ärzte nennen das: saltatorischen Komplex. Das CRPS hat das zweite Bein befallen. Ein weiterer Krankenhausaufenthalt wird nötig, die erste Februarwoche 2013 verbringt Lopes Vieira wieder im Spital. Wie hält man ein solches Leben aus?
Zurück zu Hause, öffnet er einen Brief seiner Unfallversicherung. Die Hotela teilt ihm mit, dass sie eine Leistungspflicht für die Fussbeschwerden links ablehne. Bislang hatte sie die entstandenen medizinischen Kosten anstandslos übernommen. Beim CRPS des linken Fusses handle es sich bloss um eine «Verdachtsdiagnose». Zwischen dem Unfall und den Symptomen bestehe kein kausaler Zusammenhang.
Die Stiftung SOS Beobachter übernimmt die Kosten des Anwalts von Lopes Vieira, der den Entscheid anficht. Unterstützung erhält er auch von den Ärzten des Basler Unispitals. In der Fachliteratur seien Hinweise auf ein saltatorisches CRPS, ein Übergreifen der Krankheit auf andere Glieder, als klar unfallbedingte Folge hinlänglich bekannt.
Die Argumentation der Hotela sei «absolut nicht nachvollziehbar», schreibt der Basler Spezialist und schliesst seinen Brief mit: «Aufgrund der grotesken Situation des Patienten bezüglich seines rechten Fusses empfinde ich persönlich diese Ablehnung der Leistungspflicht als einen Affront dem Patienten gegenüber, der durch sein Leiden mehr als nur geplagt ist.»
Frühling und Sommer 2013 bringen gesundheitlich keine Besserung, dafür die zusätzliche Belastung durch den Rechtsstreit mit der Hotela. Sie will ein interdisziplinäres Gutachten erstellen lassen. Überraschend lehnt sie auch die Übernahme der Fahrspesen für die Reisen nach Basel ab. Sie seien zu wenig genau dokumentiert. Zudem sei nicht belegt, dass die Basler Ärzte kompetenter seien als Mediziner in einem näher gelegenen Spital.
Lopes Vieira lässt sich trotzdem weiter in Basel behandeln. Er hat Vertrauen in seine Ärzte, international anerkannte Spitzenmediziner. Um die Fahrten zu bezahlen, muss er Familie und Freunde anbetteln. Im Herbst schlagen die Mediziner eine weitere Therapie vor. Ein Chip, ein sogenannter Neurostimulator, wird Lopes Vieira in einer weiteren Operation in den Rücken implantiert.
Das schmerzende Bein muss weg
Er schöpft neue Hoffnung, die Schmerzen sind weg. Aber nur wenige Wochen. Dann sind sie wieder da, so stark wie zuvor. Jetzt sind selbst die Spezialärzte mit dem Latein am Ende. Gemeinsam mit ihnen entscheidet Lopes Vieira, sich sein rechtes Bein abnehmen zu lassen. Der Operationstermin wird auf den 12. November festgelegt.
Zwei Wochen davor liegt ein weiterer Brief der Hotela im Briefkasten. Erneut verweigert die Unfallversicherung die Kostenübernahme. Ihre Juristen vollziehen in der Einschätzung eine spektakuläre Wende. Bei dem, was Lopes Vieira zu Hause auf der Treppe vor drei Jahren passiert sei, handle es sich gar nicht um einen Unfall, sondern um eine «eindeutig krankheits- oder degenerativ bedingte Gesundheitsschädigung». Bei einer Krankheit aber sei die Hotela nicht leistungspflichtig.
Merkwürdig nur: In der bisherigen Korrespondenz hatte die Hotela stets von einem Unfall gesprochen und auch die entsprechenden Leistungen erbracht. «Ich frage mich, ob sich die Versicherung ihrer Leistungspflicht entziehen möchte, nachdem ihr klargeworden ist, dass der Fall Lopes Vieira ins Geld gehen wird», sagt sein Anwalt Diego Quinter.
«Ich bin Vater von zwei kleinen Kindern. Für sie muss ich stark sein. Aber wenn ich allein bin, weine ich.»
Miguel Lopes Vieira
Bei Unfällen muss die Unfallversicherung Arzt- und Spitalkosten übernehmen. Der bei Krankenkassen übliche Selbstbehalt und die Kostenbeteiligung entfallen. «Noch weniger Nachteile gibts bei dauerhaften Schäden», so Quinter. Dann müsse die Unfallversicherung auch eine Integritätsentschädigung und ein Taggeld erbringen. Und daran anschliessend allenfalls eine Invalidenrente von 80 Prozent des versicherten Jahreslohns inklusive Familienzulagen.
Obwohl nicht klar ist, wer für die Operation zahlt, drängen die Ärzte auf die Amputation. Es besteht medizinische Dringlichkeit. Weiter zuzuwarten würde bedeuten, die Ausweitung des CRPS zu riskieren. Am 10. November 2013 nehmen sie Lopes Vieira das rechte Bein unterhalb des Knies ab.
Der Unfall wird zum Gerichtsfall
Wer die Kosten für die Behandlung übernimmt, ist bis heute offen. Der Rechtsstreit zwischen Lopes Vieira und der Hotela dauert an, der Fall liegt beim Bündner Verwaltungsgericht. Die Befürchtungen der Ärzte sind trotz der ersten Amputation eingetreten. Das CRPS hat sich weiter ausgeweitet. Miguel Lopes Vieira wird mit grosser Wahrscheinlichkeit auch sein zweites Bein verlieren.
Wer ihn sieht in seinem Rollstuhl, kommt nicht umhin, an einen Verurteilten zu denken, der gefasst auf die Vollstreckung seiner Strafe wartet.
«Wie mein Mandant mit seinem Schicksal umgeht, beeindruckt mich zutiefst», sagt Anwalt Quinter. Er habe Galgenhumor, mache Pläne. Lopes Vieira wünscht sich ein Handbike, ein Velo, das mit den Händen angetrieben wird. Aber dafür fehlt das Geld.
«Meine Frau unterstützt mich mit unglaublicher Energie. Und ich habe zwei kleine Kinder, für die ich stark sein muss», sagt er. Manchmal sei er aber aggressiv. «Das geht gar nicht anders. Es sind die Schmerzen. Ich war ein normaler Mensch, zahlte Rechnungen, verreiste in die Ferien. Jetzt ist alles anders.» Er bezieht Sozialhilfe und Verwandte unterstützen ihn.
«Che vita!», was für ein Leben, sagt Lopes Vieira. Ja, er mache Witze, versuche, stark zu erscheinen. Das mache er für seine kleinen Töchter. «Aber wenn ich allein bin, weine ich.