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Herr Stach, Sie haben sich achtzehn Jahre der Lebensgeschichte Kafkas verschrieben, kennen wie kein zweiter die Fakten und Fiktionen rund um Kafka, die Geschichte Kafkas, auch die Geschichte seiner Rezeption. Welches landläufige Kafka-«Faktum» würden Sie am liebsten per Dekret aus der Welt schaffen?
Vor allem die Ansicht, dass Kafka vom Ersten Weltkrieg nicht berührt wurde – nur, weil er kein Soldat war. Ich bin viel an Gymnasien unterwegs, da hört man das oft. Dabei war der Erste Weltkrieg Kafkas Lebenskatastrophe. Er hatte kurz vor Ausbruch beschlossen, vom Schreiben zu leben, hatte dafür gespart, und Robert Musil wollte ihm in Berlin eine Stelle organisieren. Bei Kriegsausbruch wurde dieser Plan jedoch hinfällig, denn nach einer Kündigung seines Bürojobs wäre Kafka sofort eingezogen worden. Auch durfte er als Dienstpflichtiger nicht ins Ausland, selbst Telefonkontakte waren unmöglich. Kaum hatte er also beschlossen, Prag, Familie und Versicherung zu verlassen, machte der Krieg alles zunichte. Die Hälfte seiner Kollegen war im Krieg, Kafka musste für sie einspringen: das bedeutete zahllose Überstunden – in einer Zeit, in der er literarisch äusserst produktiv war. Ausserdem war sein Erspartes weg, weil er Kriegsanleihen kaufen musste. Schliesslich sah Kafka auch die psychisch und physisch verwundeten Kriegsheimkehrer, täglich strömten sie in sein Büro. Er wusste von den Elektroschocks, die zur Heilung von Traumatisierten verwendet wurden – und er dürfte sich im übrigen auch bei den Soldaten mit Tuberkulose angesteckt haben. Er wusste also weit mehr über die Kriegsfolgen als viele seiner Zeitgenossen. Hinzu kamen die schlechte Versorgung und die Kälte, unter der Kafka genauso litt wie seine Mitmenschen. Doch im Gegensatz zu seiner sonstigen Tendenz zum Klagen hat er sich über dieses allgemeine Leid niemals beklagt, und deshalb unterschätzen wir das. Ganz zu schweigen davon, dass die Briefzensur es ohnehin unmöglich machte, darüber zu schreiben.
Können Sie sich an Ihre erste Kafka-Lektüre erinnern?
In den 60ern hatte «Der Prozess» zwar riesige Auflagen, aber obligatorischer Schulstoff war der Roman noch nicht. Ich hatte Deutschlehrer, die in den 30ern ausgebildet worden waren, die wussten nichts über Kafka. Zum Glück haben mich Schüler aus anderen Klassen auf ihn aufmerksam gemacht. Was haben wir gelacht bei der Lektüre! Doch Kafka wurde erst zehn Jahre später mein wichtigster Autor, als ich seine Tagebücher und Briefe las. Ich wusste sofort: wer davon unberührt bleibt, ist illiterat.
Wie wichtig sind Kafkas autobiographische Texte fürs Verständnis seiner Prosa?
In seinen Briefen und Tagebüchern bereiten sich häufig Metaphern und Motive vor, die dann in seiner Prosa weiter ausgearbeitet werden. Wenn man versteht, wie er auf diese Metaphern kommt, versteht man besser, welche Rolle sie in seiner Prosa spielen. Bei keinem Autor kann man so gut wie bei Kafka beobachten, dass er immerzu aus ein und demselben Reservoir schöpft – einerlei, ob er einen Roman schreibt oder eine Postkarte an seine Schwester.
Welche Rolle spielt Max Brod für die aktuelle Kafka-Rezeption?
Glücklicherweise keine mehr. Heute erscheint es uns fast komisch, in welch präpotenter Weise Brod jahrzehntelang die Deutungshoheit über Kafka beanspruchte und dabei von dessen literarischer Modernität und Radikalität doch offensichtlich keine Vorstellung hatte. Das zeigte sich nicht zuletzt daran, dass er literarische Erben Kafkas wie etwa Beckett sofort als absurd oder nihilistisch abtat, während er Kafka selbst als positiven, lebenszugewandten Autor sehen wollte. Brod hatte viel Charme und Originalität als junger Mann, im Alter jedoch entwickelte er sich zu einer intellektuell windigen, unangenehm auftrumpfenden Figur, die man besser nicht beim Wort nimmt, schon gar nicht als Biograph.
Warum sind Biographien so beliebt beim Publikum?
Folgt man dem Leben einzelner, wird die Welt scheinbar übersichtlicher, und das ist ein dringlicher Wunsch, dem sich kaum mehr…