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Zürich steckt voller Kunstwerke, an denen Einheimische meist achtlos vorübergehen, die indessen von Touristen gezielt aufgespürt werden.
Wer im Hauptbahnhof ankommt, hat manchmal Glück, dass die grossartige Halle leer ist. Dann zieht der Schutzengel von Niki de St-Phalle den Blick auf sich. Wer sich umdreht, findet die Skulptur Das philosophische Ei von Mario Merz mit den Fibonacci-Zahlen und den Tieren am grossen Fenster.
Suchen müsste man das dritte Kunstwerk, die Kugel Das goldene Nichts im Boden der Halle von Dieter Meier. Dieses Werk führt aus der Halle hinaus in die Stadt, der Künstler vergoldete nämlich auch andere Bauteile in der Innenstadt. Aber das ist eine andere Geschichte. Diese, den Hafenkran und andere Kunst lassen wir beiseite, denn unser Spaziergang bringt uns Augusto Giacometti, einen der wichtigsten Künstler für Zürich näher.
Farben-Feuerwerk
Der Bergeller Augusto Giacometti (1877 bis 1947) war ein Cousin von Giovanni Giacometti, dem Vater Albertos, des berühmtesten der Künstlerfamilie. Die Zeichenlehrerausbildung machte Augusto an der Zürcher Kunstgewerbeschule, nach Studienjahren in Paris (bei Eugène Grasset) und Florenz liess er sich 1915 in Zürich nieder. Er gilt als einer der ersten abstrakten Maler, seine Farbflächen vor allem bei Glasfenstern strahlen, er war ein Maler des Jugendstils und des Symbolismus, der als Schritt zur Loslösung von der Form in der Technik des Tachismus malte.
Brunnen mit Mosaik von Augusto Giacometti © Frank Brüderli, UZH
Erste Station unseres Spaziergangs ist der Giacometti-Brunnen im Hauptgebäude der Universität. Über dem Brunnenbecken und dem Fries von Otto Kappeler ist ein Mosaik von Augusto Giacometti angebracht. Auf Goldgrund wässern zwei blau gekleidete Frauen ihre Pflanze. Der Brunnen wurde wie auf einer Inschrift zu lesen ist, „Der Universität Zürich in ihrem neuen Heim gewidmet von den Frauen der Professoren 1914“. Im Kontext von Satyr und Pan sowie Silen, aus dessen Mund die Brunnenröhre ragt, können die Frauen als Nymphen gedeutet werden, bekommt das Geschenk der Professorengattinnen eine erotische Note, so die Interpretation. (link)
Setzen wir unseren Rundgang im Zürcher Kunsthaus fort. Dort sind zurzeit drei Bilder von Augusto Giacometti aus der Sammlung zu sehen, das symbolistische und hocherotische Bild Adam und Eva von 1907, Die Steinhauer von 1913 und Werden von 1917.
Mit Dada unterwegs
Damals verkehrte Giacometti im Kreis der Dadaisten um Tristan Tzara oder Hugo Ball. Künstlerisch suchte er die Malerei an sich, was die Überwindung des mehr oder minder realistischen Abbildens der Natur hin zur Abstraktion bedeutet. Später kehrt er zurück zum Figürlichen, ohne jedoch die kühne Farbsetzung wieder aufzugeben.
Er sagte in einem Vortrag: „Das blosse vor der Natur zu sitzen und sie farbig mehr oder weniger gut wiederzugeben, genügte mir eigentlich nie. Etwas in mir hat immer nach einem Wissen über die Farbe gestrebt. Immer war es mir, als ob es ein Leben der Farbe an sich geben müsse, losgelöst von jedem Gegenstand. Also etwas, das schon vor der Welt der Gegenstände da war und wovon die Gegenstände ihre Farbe entlehnen.“
Biblische Geschichte auf Glas in der Wasserkirche © Roland Fischer by WikiCommons
Augusto Giacometti war in seiner Zürcher Zeit durchaus ein Grosskünstler, der sich immer wieder mit Auftragswerken hervortat. So unter anderem seine letzte Arbeit, das 1945 eingeweihte Friedensfenster im Fraumünster. Warum immer nur den Fokus auf Chagalls oder Sigmar Polkes Glasmalereien in den Zürcher Kirchen richten?
Leuchtende Farbenpracht
Einer der wichtigen Erneuerer der Glasmalerei war nämlich Giacometti. Im Fraumünster findet man das himmlische Paradies mit Gottvater, Christus, acht Propheten und Engeln im Nordquerhaus, im Grossmünster sind die drei Fenster zu einem Weihnachtsbild (1933) gestaltet, das mittlere Fenster zeigt Maria und das zu ihren Füssen liegende Jesuskind, links und rechts sind je ein heiliger König dargestellt.
Giacometti-Chorfenster im Grossmünster © Roland Fischer by WikiCommons
Darüber schweben Engel, welche dem Kind ihre Gaben bringen. Die Glasarbeit leuchtet und strahlt in tiefem Blau und Rot, fast wie Edelsteine. Auch bei der Wasserkirche – sie liegt am Weg zu unserem letzten, eindrücklichsten Halt auf dem Giacometti-Spaziergang – wurden die Chorfenster von Augusto Giacometti gestaltet (1943).
Das Beste bei der Polizei
Nun müssen wir zur Polizei, wollen wir das grösste Werk Giacomettis in Zürich anschauen. Das Gewölbe der Eingangshalle im Amtshaus I überwältigt wohl alle, die aus irgend einem Grund, sei es ein Unfall oder ein Diebstahl die Citywache aufsuchen. Seit der Renovation im Jahr 2000 ist das Kunstwerk (1923 bia 1925) nun auch ohne grosse Umstände zu bewundern. Einfach zu Öffnungszeiten an der Pforte den Ausweis abgeben, und schon öffnet sich die Glaswand.
Bick auf die Wand mit dem Astronomen im Amtshaus I © Stadtpolizei Zürich
Gleichheit und Toleranz waren Augusto Giacometti wichtig in seinem Leben, so ist seine Mitgliedschaft in der Freimaurerloge Modestia cum Libertate nur konsequent. Die
Symbolik der Freimaurerei finden sich denn auch an den vier geschlossenen Wänden der Halle, als Rundumschwenk von Jens Liedtke auch virtuell zu betrachten. Da sind der Maurer, der Steinhauer und der Architekt, welche als Mitglieder der Dombauhütten am Ursprung der Logen stehen, an der anschliessenden Wand die Zimmerleute. Die Symbolfiguren für die geistigen Berufe, für die Ordnung und Weitsicht finden sich gegenüber: Der Magier weist auf den pythagoreischen Lehrsatz, die wohl einzige Formel über das rechtwinklige Dreieck, die den meisten von uns noch geläufig ist, der Astronom schaut mit dem Fernrohr ins Weltall. Im Entree, sind zwei Frauenpaare in zeitgenössischer Kleidungdargestellt, Winzerinnen und Schnitterinnen, sagt der Kunstführer.
Die statischen Bilder verbindet das unglaubliche leuchtende Rot des Hintergrunds mit der üppigen Dekorationsmalerei am Kreuzgewölbe: Blätter, Rosetten, Fantasieblumen und Rautenbänder sowie farbige Linien folgen dem Rhythmus der Deckenfelder und Pfeiler. Auch Dekorationsmalerei kann einen die Sinne verwirren und im Gedächtnis bleiben – über den Heimweg hinaus.
Unter dem Titel "nahreisen" veröffentlicht die Seniorweb-Redaktion bis Mitte September wöchentlich besuchenswerte Nahziele. Jedem Redaktionsmitglied war es freigestellt, ein beliebtes Nahziel auszuwählen.