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Die Landkäufe Durch die im Mai 1888 verfügte Freilassung aller Sklaven wurde ein Arbeitermangel im grossen Massstabe hervorgerufen. Dadurch und durch die im folgenden Jahre vollzogene Staatsumwälzung trat eine Wirtschaftskrise ein, in der die Ländereien im Wert bedeutend fielen und Gelegenheit geboten war, Grundbesitz um billigen Preis zu kaufen. Dies nützten die Schweizer aus und die vier eingangs erwähnten Familien Ambiel, Amstalden, Bannwart und Wolff taten sich zu gemeinsamen Landkauf zusammen.
Die Geburtsstunde Helvetias hatte geschlagen. Mit dem wenigen ersparten Geld und dem Kredit, den man ihnen als bekannt arbeitsamen, sparsamen und tüchtigen Menschen in der Gegend und bei wohlhabenden Schweizer Landsleuten in Campinas entgegenbrachte, kauften die Obwaldner am 14. April 1888 von den Erben des verstorbenen Vicente Sampaio Gois für 23 Contos de Réis (230’0000 $ das Sítio Capivary Mirim und einen Anteil am Land Serra d’Agua einige Kilometer nordöstlich von Itaicy und Indaiatuba. Das Sítio hat seinen Namen nach dem Flüsschen, das sich bei Monte Mor mit dem grösseren Capivary vereinigt. Der Kaufpreis wurde zur Hälfte bar erlegt, wobei die Familie Pedro Wolff die weitaus grössere Summe beisteuerte. Die andere Hälfte musste übers Jahr bezahlt werden, wozu die Familie Villac, die Besitzer des Hotels Europa in Campinas, ihnen verhalf. In Itu war der Kauf protokolliert worden; vermessen wurde das Land erst 1894 und unter die Familien aufgeteilt 1895. Wie billig die Schweizer gekauft hatten, geht daraus hervor, dass die Unkosten für die Verbriefung, Vermessung und Aufteilung hinter dem Kaufpreis kaum mehr als die Hälfte zurückblieben. Bei einem Umfang von 468.5 Alqueiren (= 1145 ha.) kam die Alqueire auf 50 Milréis (damals 125 sFr.) oder das Hektar auf 50 sFr. zu stehen.
Die Bestandsaufnahme ergab 44.500 Kaffeebäume, deren Erträgnis sechs Monate später für 7’350.- $ verkauft werden konnte. Ferner alte Mais- und Bohnenvorräte, zu denen die neue Maisernte mit 79 Karrenladungen zu 770 Kilo kam. Man zählte 63 Rinder, 16 Pferde und Esel, 65 Schweine, 22 Schafe, 6 Fahrzeuge, Negerbehausungen, Wohngebäude, Maschinen für die Aufbereitung von Kaffee und Mais und das eigentliche Fazendahaus, das Pedro Wolff bezog. Alles befand sich natürlich in verwahrlostem Zustand und es brauchte viel Geld, Mühe und Arbeit, dem Land und seinen Einrichtungen ein ordentliches Gesicht zu geben. Aber die aus 34 Köpfen bestehende Gesellschaft verfügte auch über tüchtige Arbeitskräfte und mit den Barausgaben wusste man sich nach der Decke zu strecken. Die Sampair, wie die neuen Besitzer nach dem Vorgänger genannt wurden, sassen wenigstens jetzt auf eigenem Grund und Boden und konnten nach einem Jahre schon sagen, dass niemand mehr sie vertreiben werde. Nach den Anteilen gehörte das Land folgenden Personen: ein Viertel dem Vater Josef Ambiel (Toninazisepp) und seinem Schwiegersohn Benedikt Amstalden; ein Viertel den Kindern Ambiel Josefa, Anton, Alois, Christine, Ignaz, Rosa und Josef; ein Viertel der Familie Bannwart und ein Viertel Pedro Wolff. Drei Jahre später bot sich wieder Gelegenheit zu einem Kauf, der den bisherigen Besitz erweitern und abrunden half. Von Antonio Dias de Oliveira Cruz wurde für 23:000$000 (29 Contos de Réis) das angrenzende Sítio Prado erworben. 20.000 Kaffeebäume, viel Land, das für weitere Kaffee- und andere Pflanzungen aller Art geeignet war, und viel Weidefläche und Gebäulichkeiten gingen in das Eigentum der Brüder Ambiel, des Benedikt Amstalden und des Pedro Wolff zu je einem Drittel über.
Der Wert der Ländereien hatte sich inzwischen wieder gehoben. Dies drückte sich schon im nächsten Kauf aus, der 1892 von den Brüdern Ambiel, ihrem Schwager Jóse Gut und den Brüdern Bannwart ausgeführt wurde. Auf der Nordseite des Capivary Mirim lag die Fazenda Santa Maria des Dr. João Sampaio Ferraz und der Miterben des verstorbenen Joaquim Sampaio Gois, welche für 110:000$000 (110 Contos de Réis) ihren Besitz den Schweizern überliessen; 58.000 Kaffeebäume und viele Gebäude gehörten zu dieser Fazenda. Ein grosser Landzuwachs trat noch mal im Jahre 1893 ein, als die Brüder Bannwart von Porfírio de Amaral Campos für 27 Contos de Réis die sogenannte Schwand kauften, auf der circa 4.000 Kaffeebäume standen.
Dazwischen und in den folgenden Jahren erfolgten kleinere Landgeschäfte, Käufe und auch Verkäufe. So hat 1892 Luis Amstalden (Migi Wisl oder Luis Grande [= der Grosse], wie ihn die Brasilianer wegen seiner Körpergrösse nennen), 2 Alqueiren Land und ein Haus von Manuel Leite bei Serra d’Agua um den Preis von 2 Contos de Réis erworben. Man beachte den riesigen Preisunterschied zwischen Kauf des Jahres 1888 und dem jetzigen! Angrenzend kaufte Luis Grande zwei Jahre später von Carlo Sanders ein Sítio um 7 Contos de Réis, 1894 kauft Theodor Bannwart im gleichen Gebiet dem Friedburger Christian Frahm (die Leute sprechen den Namen From aus) und von João Sigrist zwei Sítios und verkaufte sie wieder an Anton Ming und Josef Amgarten. Im nächsten und übernächsten Jahr macht sich bereits die Zuwanderung vom Norden her geltend. Melk Linder, Johann Fanger, Peter Zobrist kommen nach Jahu und kaufen sich in der Gegend an, bestrebt, Anschluss mit den Erstansiedler zu halten. Linder erwirbt ein Sítio bei Viracopo von João Rohwetter; Fanger ein Sítio bei Morro Torto von den Brüdern Bannwart; Zobrist und Söhne von den gleichen Verkäufern ein Stück vom “Schwand“, das sie zu einem Sítio ausgestalten. Von denselben Brüdern Bannwart und ebenfalls vom “Schwand“, übernehmen 1897 drei Brüder Müller. João, Bastião und Pius , die Söhne des 1881 auf Sítio Grande eingewanderten Ignaz Müller, ein Sítio. An der Serra d’Agua hat sich auch Luis Britschgi niedergelassen, in dem er von der Dona [=Frau] Anna Rosa zwei Alqueiren Land kaufte. Das ganze bisher in Schweizer Besitz übergegangene Territorium umfasst nach Anton Ambiels Aufschreibungen, denn ich gefolgt bin, circa 1150 Alqueiren, wovon ein Viertel in Kultur genommen und drei Viertel als Weide und Wald in Benützung war. Von 220.000 Kaffeebäumen standen damals 150.000 in vollem Ertrag und lieferten im Durchschnitt der vorausgehenden fünf Jahre ein Ergebnis von [rund] 5.370 Arrobas = 80.500 Kilogramm, oder 1.340 Sack, was bei einem Durchschnittspreis von 60 Milréis pro Sack einer Bareinnahme von über 80 Contos de Réis gleichkam.
Bis Ende der 90er Jahre war der Kern der Kolonie gegründet, für die sich nun auch der Name „Helvetia“ durchsetzte, nachdem Johann Bannwart, der älteste der Brüder, 1892 auf seinem neu gebauten Sítiohaus einen Schild mit dem Schweizer Wappen und der Beischrift “Helvetia“ angebracht hatte. Kleinere Besitzungen entstanden noch an den Rändern der Kolonie im Laufe des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts. Den letzten grossen Zuwachs, ungefähr 650 Alqueiren Land, brachte das zweite Jahrzehnt, sodass man heute das Gebiet der Helvetia mit 1.800 Alqueiren berechnen kann. Zur Vergrösserung trug hauptsächlich Benedikt Amstalden bei, der mit seinen Söhnen die Fazenda Bella vista bei Indaiatuba mit einer Fläche von 225 Alqueiren i. J. 1913 kaufte. Ferner Johann Fanger, Johann Ifanger, Luis von Ah und Karl Linder, die im gleichen Jahre von Tonico Stanislau 281 Alqueiren Land erwarben und unter sich verteilten. Sie bezahlten 26 Contos de Réis. Etwas früher hatte in der gleichen Gegen João Ifanger (João Gallo), ein Sohn des 1854 eingewanderten Johann Ifanger (Galle Hans) 100 Alqueiren Land gekauft, das aber gegen 1920 and die Familie des Ignaz Ambiel überging. 1928 übernahm noch José Ambiel von Bento Roque ein Sítio von 25 Alqueiren Grösse für 100 Contos de Réis käuflich. Das war wohl die letzte, und teuerste Transaktion in der Helvetia für lange Zeit; denn der Sturz des Kaffeepreises und die einsetzende Weltwirtschaftskrise mit allen ihren drückenden Folgen war keiner Besitzexpansion mehr günstig Jetzt gilt vielmehr hauptsächlich den Besitz zu festigen und auszubauen. Die Zeit für Spekulation und wagemutige Unternehmen dürfte für absehbare Zeit vorbei sein.
Auszug aus dem Buch: “Colônia Helvetia, von Dr. Weizinger“