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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
Rolf, der Bruder von Walter Hess, dem Herausgeber dieser Website www.textatelier.com, redigiert und lektoriert dankenswerterweise die Texte von uns Bloggern. Immer wieder überrascht er uns mit interessanten Seiten aus dem Internet. Vor einigen Tagen sandte er uns einen Link zu einem nur 4 Sekunden lang dauernden Filmchen mit dem Titel: „Back to work after 30 years“. („Zurück zur Arbeit nach 30 Jahren“).
In dem Video ist eine Dame im mittleren Alter zu sehen, die eifrig auf einer Computertastatur einen Text aus einer Vorlage eingibt. Links neben ihr auf dem Schreibtisch ist ein Monitor, den sie nicht nur nicht beachtet, sondern bald danach einfach mit einer eleganten Hand- und Armbewegung vom Tisch schiebt. Diese war ursprünglich erforderlich, um das Papier in der (gedachten) mechanischen Schreibmaschine von damals eine Linie hoch und gleichzeitig den Wagen wieder nach links zum Anfang der neuen Zeile zu schieben. Somit war die Handbewegung der Dame nicht nur elegant, sondern ein Reflex aus der Zeit vor 30 Jahren.
Mir fiel dazu noch eine alte Quizfrage wieder ein, die ich gern zum gleichen Thema erzählte:
„Woran erkennt man die Sekretärin, die mit der Entwicklung der Bürotechnik nicht Schritt gehalten hat? Natürlich an den „Tippex“-Spuren am Monitor!“
Rolf P. Hess schrieb mir, diese Quizfrage kursierte in der Schweiz und damit nahm man die angeblich hinterwäldlerischen Österreicher aus Korn. Das wiederum war mir unbekannt.
Es passt aber zu der Feststellung, die ich kürzlich las, zum Online-Lexikon Wikipedia hätten kaum österreichische Autoren beigetragen.
Das aber nur nebenbei. Mir ist nämlich bewusst geworden, wie rasant die technische Entwicklung in nur 40 Jahren abgelaufen ist, und möchte mich dabei hier allein auf schreibtechnische Abläufe beziehen.
Im zarten Alter von 14 Jahren (1963) trat ich in die Handelsschule ein und bekam erstmalig das Schulfach „Maschinenschreiben“.
Es waren grosse klobige Maschinen der Firma Adler oder Olympia, an die ich mich erinnere. Sie waren rein mechanisch. Wenn man eine Taste kurz und kräftig anschlug, bewegte sich ein Hebel, an dessen Spitze der Buchstabe auf einem glatten kleinen Stück Metall in Spiegelschrift angebracht war, hob sich gleichzeitig ein schwarzes seidenes Band vor das Papier, das mittels einer Walze nach vorn gedreht war. Der Hebel landete genau in der Mitte und übertrug die Schwärze des Bandes mit dem Buchstaben auf das Papier. Hatte ich zu schwach gedrückt, war der Buchstabe nicht oder kaum zu sehen, hatte ich zu stark gedrückt, war das kleine Loch des „e“, des „o“ und anderer Buchstaben mit schwarzer Farbe ausgefüllt, was dem Text ein nicht besonders gleichmässiges Erscheinungsbild gab. Die Mechanik rückte übrigens gleichzeitig die bewegliche Walze ein Stückchen in der Breite des Buchstabens weiter, so dass der nächste Buchstabe neben dem vorherigen geschrieben werden konnte.
Ich musste in dem Schulfach das „10 Finger Blind- und Schnellschreiben“ lernen. Das erforderte sehr viel Übung. Wir mussten die jeweils 4 Finger der rechten und linken Hand über die von unten gezählte 2. Tastenreihe schweben lassen. Die Ballen der Hände durften nicht auf der Tastatur ruhen, sondern mussten etwas darüber stehen. Die Daumen waren für die Leertaste bestimmt.
So lagen die Finger der rechten Hand, ausgehend vom Zeigefinger, über den Buchstaben j, k, l und ö; die Finger der linken Hand auf den Buchstaben f, d, s und a.
Von dieser Grundstellung aus war jedem Finger genau zugeordnet, welche Tasten er zu erreichen hatte. Probleme hatte ich mit den kleinen Fingern, der der rechten Hand hatte neben dem ‚ö’ noch das ‚ä’ zu bedienen. Beide kleine Finger hatten aber auch die Umschalttaste für die Grossschreibung zu drücken, was besonders schwer war, weil in den kleinen Fingern eben nicht so viel Kraft steckte wie etwa in den Zeigefingern.
Beide Umschalttasten waren gleichermassen wichtig. Wollte man nämlich einen Buchstaben gross schreiben, der auf der rechten Seite auf der Tastatur zu finden war, musste man die Grossschreibtaste der linken Seite drücken und umgekehrt.
Die Finger hatten die richtigen Buchstaben zu finden, ohne dass die Augen bemüht werden mussten, hatten also gleichsam „sehen zu lernen“.
Das ging nur durch unablässiges Üben, und so begann der Unterricht mit langen Reihen der Buchstaben und den Zeigefingern: „fj fj fj fj fj“ und immer weiter, bis die ganze Zeile „den Fingern geläufig war“: „asdfg hjklöä asdfg hjklöä“.
Jetzt „kannten“ die Finger eine Reihe von Buchstaben, aus denen man schon Wörter formen konnte, also wurde die Reihe: „das gas das gas das gas“ geübt und „sag ja sag ja“ bzw.: „lös hass“ und ähnlich „sinnvolle“ Wortverbindungen.
Natürlich mussten über die Lernerfolge immer Arbeiten geschrieben werden, heutzutage heissen sie Lernstandskontrollen oder Tests.
Nachdem das gesamte Tastenfeld erarbeitet worden war, wurde Geschwindigkeit eingeübt, sowohl dadurch, dass Texte abgeschrieben, aber auch nach Ansagen getippt werden mussten.
Ich glaube, ich erreichte damals 120 oder 140 Anschläge pro Minute, Fehler reduzierten die erreichte Anschlagzahl entsprechend.
Ich schreibe noch heute noch immer mit 10 Fingern, und meistens „blind“, allerdings nicht mehr perfekt, aber ich denke, immer noch schneller als das, was ich „Adler-Such-System“ nannte: „3× kreisen und einmal niedergehen“.
Die technische Entwicklung ging weiter.Es kamen das rot-schwarze „Farbband“ und einige Zeit später dann die erste elektrische Maschine von IBM mit „Kugelkopf“, auf dem die Buchstaben angebracht waren und das sich, je nach dem, welchen man anschlug, entsprechend drehte und dann druckte.
Ich kann man daran erinnern, dass ich die beiden Schreibmaschinenarten parallel benutzen musste, morgens die mechanische und abends im „Stenographen- und Maschinenschreibverein“ die elektrische, was schnelles Umdenken erforderte.
Die Fehlerkorrektur erfolgte mit kleinen mit weisser Farbe belegten Blättchen, die Firmenbezeichnung war „Tippex“, die man auf den falschen Buchstaben auf die Walze legte, in dem man den falsch geschriebenen Buchstaben (oder entsprechend die Zahl) noch einmal falsch antippte, der/die dann verschwand und mit dem richtigen übertippt werden konnte. Natürlich konnte man anschliessend immer sehen, dass vorher dort etwas Falsches gestanden hatte. Später waren keine Blättchen mehr erforderlich, da neben dem Farbband ein Korrekturband in die Maschinen eingebaut wurde.
Revolutionär war dann der erste Computer mit dem ersten Drucker. Textkorrekturen waren und sind einfach mit dem Textprogramm durchzuführen, teilweise automatisiert, so wie andere Überarbeitungen, Einfügungen usw. Mit Programmen wie „Word“ oder „Star Office“ und anderen ist so viel möglich, wie man es sich nur denken und erhoffen kann, auch andere Schriften, die etwa bei der Schreibmaschine noch undenkbar und unerreichbar erschienen.
Natürlich gibt es immer noch die Möglichkeit, das 10-Finger-Blindschreiben zu lernen, und das geht mithilfe des Computers vermutlich viel besser als damals, und vor allem mit weniger Mühe!
Smartphone und Pad lassen das Blindschreiben in den Hintergrund treten, mit dem Zeigefinger geht es auch sehr schnell, zudem die Programme die möglichen Wörter, die man schreiben will, teilweise schon anzeigen.
Deshalb wird vermutlich diese alte Fähigkeit irgendwann einmal aussterben, so wie sich schon so viel bei der Technik überlebt hat. Wer schreibt noch mit einer alten mechanischen Schreibmaschine? Viele Zeitgenossen werden es nicht mehr sein!
Quelle
Hinweis auf weitere Arbeiten über die Schreibmaschine