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Pedretti, Erica
Erica Pedretti, geborene Erika Schefter (* 25. Februar 1930 in Šternberk, Tschechoslowakei), ist eine Schweizer Schriftstellerin, Objektkünstlerin und Malerin.
Inhaltsverzeichnis
Leben
Erica Pedretti wurde 1930 im nordmährischen Šternberk geboren und verbrachte die ersten fünfzehn Jahre ihres Lebens hauptsächlich in Zábřeh, Šternberk, Berlin und reudenthal. Ihr Vater war der Bühnenautor, Journalist und Besitzer einer Seidenfabrik Hermann Heinrich Schefter. Dieser war als Antifaschist während des Krieges interniert, dieser Umstand konnte die Familie nicht vor der Zwangsaussiedlung bewahren. Im Dezember 1945 fuhren die fünfzehnjährige Erica und ihre Geschwister in einem Rotkreuztransportzug mit Auslandschweizern und KZ-Überlebenden von Warschau über Auschwitz, Prag und München nach St. Margrethen. Die Schweiz war die Heimat ihrer Grossmutter väterlicherseits, die durch die Ehe mit einem Ausländer die Schweizer Staatsbürgerschaft verloren hatte.
In Zürich besuchte sie von 1946 bis 1950 die Kunstgewerbeschule, dort lernte sie ihren späteren Mann Gian Pedretti, aus der Engadiner Künstlerfamilie Pedretti, kennen. 1950 musste die Familie Schefter, da sie in der Schweiz keine Aufenthaltsbewilligung erhielt, das Land verlassen. Es folgte die Emigration in die USA. Zwei Jahre verbrachte Erica in New York und arbeitete als Gold- und Silberschmiedin, ehe sie 1952 endgültig in die Schweiz zurückkehrte und Gian Pedretti heiratete. Das Künstlerpaar lebte 22 Jahre in Celerina im Engadin, wo es nach wie vor ein zweites Atelier unterhält. 1974 siedelten Pedrettis nach La Neuveville um, seit 1985 leben sie dort im selbsterbauten, über dem Bielersee gelegenen Atelierhaus, sie haben fünf Kinder.
Werk
Erica Pedretti veröffentlicht ihre Texte seit 1970. Sie war ab 1971 Mitglied der Gruppe Olten. Seit ihrer ersten grösseren Ausstellung als bildende Künstlerin 1976 in Solothurn präsentiert sie ihre Werke regelmässig als Einzel- und Gruppenausstellungen. Nach der Samtenen Revolution fanden auch Ausstellungen in Tschechien statt. Zu den Installationen der Künstlerin im öffentlichen Raum gehört die grosse Flügelskulptur am Flughafen Zürich.
Auslandsaufenthalte führten sie unter anderem 1971 nach London; 1988 als Gast an das Istituto Svizzero in Rom; 1989 war sie Writer in Residence an der Washington University in St. Louis; 1994 hatte sie den Swiss Chair an der City University of New York inne. Die Wiener Vorlesungen zur Literatur über Poetik und kreatives Schreiben (1996) galten dem Thema "Schauen und Schreiben" . Im Mittelpunkt der poetologischen Überlegungen stehen die Begriffe Wahrnehmen, Schauen und Anschauen. Sie beruft sich dabei auf Gertrude Stein. Seit 1988 ist sie korrespondierendes Mitglied der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Das Schweizerische Literaturarchiv in Bern erwarb ihr literarisches Archiv und exemplarische künstlerische Arbeiten.
Ihre Kindheitserfahrungen des Verlusts von Heimat und Identität bilden den Hintergrund ihrer autobiografisch geprägten Arbeiten. In einem weiteren zumeist collagenartig gearbeiteten Prosatext dehnt sie das Motiv der Entfremdung auf die Beziehung zwischen den Geschlechtern aus, indem sie das Verhältnis von Maler und Modell thematisiert. Pedrettis bildnerisches Schaffen ist gekennzeichnet durch eine konsequente Weiterentwicklung von Ausdrucksformen. Bizarre Flügelwesen werden abgelöst durch gerüstartige Objekte und Installationen, die Themen wie Heimat und Asyl aufgreifen. Ihre Serien von Bild- und Wortkompositionen der jüngsten Zeit schaffen eine Verbindung zu den Textcollagen ihrer Prosawerke.
Auszeichnungen
- Schweizer Literaturpreis 2013 (erstmals vergeben)
Erica Pedretti erhielt 1984 den Ingeborg-Bachmann-Preis für den Text Das Modell und sein Maler und 1996 den Marie-Luise-Kaschnitz-Preis für den Roman Engste Heimat. Weiterhin wurde sie unter anderem mit dem Grossen Literaturpreis des Kantons Bern (1990), dem Kunstpreis der Stadt Biel (1996), dem Mitteleuropäischen Literaturpreis Vilenica, Slowenien (1999) ausgezeichnet. Sie war die erste Frau, die 1999 den Kulturpreis des Kantons Graubünden erhielt. 2010 verlieh ihr die kantonale deutschsprachige Literaturkommission für die „herausragende aktuelle literarische Arbeit“ fremd genug den Literaturpreis des Kantons Bern. 2005 wurde sie von ihrer Geburtsstadt Šternberk zur Ehrenbürgerin ernannt. [1] Ihr Roman Engste Heimat wurde unter dem Titel Nechte být, paní Smrti (wörtlich: „Lasst fahren, Frau Tod“)[2] ins Tschechische übersetzt.
Unter dem Motto „was ich vor langem an einem andern Ort begangen habe ...“ – Die ‚Erinnerungstexte‘ der Autorin Erica Pedretti fand vom 28. bis 30. Oktober 2010 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg ein unter anderem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes internationales literaturwissenschaftliches Symposium statt. Die Schwerpunkte galten vor allem der Charakterisierung der experimentellen Schreibweise, der Thematisierung der Deutsch-Tschechischen Geschichte in den Erinnerungstexten, ihrer Stellung innerhalb der Schweizer Literatur sowie der Bedeutung von Schrift, Bild und Figur in ihrem künstlerischen Schaffen. Von den Veranstaltern wurde betont, dass sich inzwischen viele osteuropäische Wissenschaftlerinnen mit den Texten der Schriftstellerin befassten, die den mittelosteuropäischen Raum erschließen, den Pedrettis Prosa reflektiere. [3]
Werke (Auswahl)
- Harmloses, bitte, 1970
- Hl. Sebastian, 1973
- Valerie oder Das unerzogene Auge, 1986
- Engste Heimat, 1995
- Kuckuckskind, oder, Was ich ihr unbedingt noch sagen wollte, 1998
- Heute, 2001
Einzelnachweise
- http://www.sternberk.eu/index_web.php?jazyk=cz&sekce=urad&kategorie_1=informace&kategorie_2=cestna-obcanstvi-ceny-mesta&kategorie_3=cestna-obcanstvi
- Der tschechische Titel greift ein Zitat aus Der Ackermann aus Böhmen von Johannes von Tepl auf; in den slawischen Sprachen ist der Tod weiblich
- Meike Penkwitt: Diese Autorin ist in Deutschland viel zu unbekannt. Interview in: Badische Zeitung vom 28. Oktober 2010
- Pedretti, Erica. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
- Entretien avec Erica Pedretti par Patricia Zurcher (französisch/deutsch)
Bestände UB Bern
Quellen