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Das, was vom Leben übrig war
Der schmale Pfad durchs Hinterland
Richard Flanagan wurde 1961 in Tasmanien geboren, wo auch dieser mit dem "Man Booker Preis 2014" ausgezeichnete Roman seinen Anfang nimmt. Wie er Landschaft und Lebensgefühl dieser zu Australien gehörenden Insel schildert, lässt mich gleichsam vor Ort fühlen und nimmt mich sofort für diese Geschichte ein. Sie spielt im Zweiten Weltkrieg, der auch Australien erreichte und für nicht wenige Australier in japanischer Kriegsgefangenschaft endete.
Einer dieser Kriegsgefangenen ist der junge Chirurg Dorrigo Evans, der zum Bau der berüchtigten "Todeseisenbahn", die 400 Kilometer durch den thailändischen Dschungel verlief, abkommandiert wurde. Flanagans Vater, ein Überlebender der "Todeseisenbahn" starb am Tag, an dem sein Sohn "Der schmale Pfad durchs Hinterland" fertigstellte.
"Der schmale Pfad durchs Hinterland" ist sowohl historisches Zeugnis (90 000 asiatische Zwangsarbeiter, 12 000 alliierte Kriegsgefangene, darunter fast 3000 Australier kamen dabei ums Leben) als auch aufwühlende Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen wie Schuld, Gehorsam und Liebe.
Wieso unternahmen die Japaner eigentlich diesen wahnwitzigen Versuch, eine Eisenbahnlinie von Siam nach Burma ("Dantes Vorhölle") ohne Maschinen und mitten durch die Wildnis zu bauen? Genauer: Kriegsgefangene, von den Japanern mit unglaublicher Brutalität angetrieben, sollten sie bauen. "Es geht darum, den Europäern zu beweisen, dass sie nicht die überlegene Rasse sind, sagte Nakamura. Und uns selbst, dass wir es sind, sagte Colonel Kota."
Nicht alle, doch viele wissen, dass uns meist nur wenig vom Wahnsinn trennt. Bedingungen wie die, welche beim Bau der "Todeseisennbahn" herrschten, brachten viele fast um den Verstand. Etwa Colonel Kota, "je länger er tötete, so beiläufig und so freudig, desto bewusster wurde ihm, dass irgendwann die eine ausser Kontolle geratene Hinrichtung sein Ende bedeuten würde", doch seltsamerweise "hatte er beim Töten das Gefühl, er könne die Kontrolle gewinnen über das, was von seinem Leben noch übrig war." Oder Dorrigo Evans, der nicht merkte, dass er einen Toten zusammennähte, weil die anderen nicht gewusst hatten, "wie sie es ihm beibringen sollten."
Dorrigo, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden durch einen Dokumentarfilm, ist mittlerweile siebenundsiebzig und passt nicht mehr "in dieses neue Zeitalter der Konformität, die in allen Dingen steckte, sogar in den Gefühlen, und es verblüffte ihn, dass die Leute einander hemmungslos berührten und offen über ihre Probleme sprachen, gerade so, als liesse sich das Rätsel des Lebens entschlüsseln, allein indem man alles benannte."
Als junger Mann hatte Dorrigo eine mehr als nur leidenschaftliche Affaire mit Amy, der Frau seines Onkels. Zu ihr kehrt er gedanklich und gefühlsmässig im Alter immer wieder zurück. Trotz der Magie zwischen ihnen ("Ihre Anziehung schien eine Macht jenseits der Liebe gewesen zu sein."), leben beide in ganz verschiedenen Welten. Dies schildert Flanagan ergreifend und sehr berührend, man glaubt das schicksalhaft Verbindende und gleichzeitig Trennende ihrer Beziehung schmerzlich zu spüren.
Wie alle wirklich guten Bücher ist auch "Der schmale Pfad durchs Hinterland" weit mehr als eine aussergewöhnlich und spannend erzählte Geschichte. Richard Flanagan vermittelt einem nämlich auch höchst hilfreiche Einsichten (zugegeben, ich spreche von mir), die manchmal in einem Satz zusammenfassen, was ganz viele Sätze nicht zustande bringen. "Manchmal kann man reden und reden und reden, und es hat nichts zu bedeuten, und manchmal sagt man nur einen Satz, und dieser Satz bedeutet alles."
Ein fesselndes, ungemein starkes Buch!