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120 Jahre Rudolf Caracciola – der König vom Klausenpass
120 Jahre Rudolf Caracciola – der König vom Klausenpass
120 Jahre Rudolf Caracciola – der König vom Klausenpass
Ein Herzog wollte er nicht sein – dafür wurde Rudolf Caracciola zum König der Silberpfeile. 2021 würde «Caratsch» 120 Jahre alt, seit 1959 ruht die Mercedes-Benz Rennlegende nach einem schicksalsreichen Leben, das eng mit der Schweiz verbunden war, auf dem Friedhof in Lugano-Castagnola.
29. April 2021
Rennfahrer waren früher wie Gladiatoren: Jedes Rennen ein Tanz zwischen Leben und Tod. Rudolf Caracciola war der Mutigste von allen, aber auch der mit dem kühlsten Kopf. Keiner war zwischen 1930 und 1940 schneller als der Deutsche, keiner beherrschte das gefährliche Spiel besser als «Caratsch», wie ihn seine Fans nannten. Während andere auf die Bremse traten, gab die Silberpfeil-Legende Gas – erst recht bei Regen. Der «Regenmeister» fuhr Rekord um Rekord ein. Die Bilanz: Bis 1940 wurde er dreimal Grand-Prix-Europameister und dreimal Europa-Bergmeister auf Mercedes-Benz. In seiner Laufbahn als Rennfahrer gewann er von 204 absolvierten Rennen deren 144.
Vom Rennfieber gepackt
Wer mit 15 Jahren den Führerschein macht, hat Benzin im Blut. Kurz nach dem Gymnasium wurde der in Remagen geborene Rudolf «Rudi» Caracciola vom Rennfieber erfasst: erst als erfolgreicher Motorradfahrer, ab 1923 als Werksfahrer für Mercedes-Benz auf den ersten Kompressor-Sportwagen. Der Mercedes-Benz 6/25/40 PS war so schnell, dass Caracciola bereits in seiner ersten Saison 12 Siege fürs Team nach Hause fuhr. Zu dieser Zeit arbeitete er nebenher als Autoverkäufer in der Mercedes-Benz Filiale in Dresden.
Der König vom Klausenpass
1924 schickte Mercedes-Benz den erst 23-Jährigen zu seinem ersten Auslandseinsatz auf den Klausenpass. Ein voller Erfolg: Caratsch fuhr die schnellste Zeit auf einem Sportwagen und belegte den dritten Gesamtplatz. Das Publikum war begeistert und feierte den Jungstar frenetisch. Das halsbrecherische Bergrennen sollte «seine» Strecke werden.
Insgesamt fünfmal gewann Caratsch das anspruchsvolle Rennen, das im Grunde eine 21,5 Kilometer lange Schotterpiste mit 136 Kurven (davon 57 Kehren), 9 Prozent Steigung und nur gerade 4,8 Meter Breite war. Und das ohne Bremskraft- oder Lenkunterstützung, geschweige denn Helm oder Sicherheitsgurte. Kurz: Es war ein ungeheurer Kraftakt und glich einem Höllenritt. Noch bemerkenswerter, wenn man den schwindelerregenden Abgrund vor Augen hat, je höher die Passstrasse sich windet.
1934 schaffte Caracciola auf dem Mercedes-Benz SSK sogar den Streckenrekord des legendären Alpen Grand Prix, der bis 1998 bestehen sollte: 15 Minuten 22 Sekunden.
Die ersten grossen Erfolge
Der wagemutige Rennfahrer machte sich aber auch einen Namen als Regenmeister, nachdem er 1926 beim ersten Grossen Preis von Deutschland auf der Berliner AVUS bei strömendem Regen einen souveränen Sieg einfuhr – und das von der letzten Startreihe aus.
1931 folgte ein weiterer Meilenstein, sowohl für Caracciola als auch für Mercedes-Benz: Als erster Nicht-Italiener gewann Caratsch auf einem Mercedes-Benz 27/240/300 PS Typ SSKL die Mille Miglia.
Apropos Italien: Auch wenn sein Name italienisch klingt, so war Caracciola ein in Remagen geborener Deutscher. Um seine Herkunft machte der bescheidene Sportsmann stets ein Geheimnis. Heute weiss man, dass seine Familie ursprünglich aus einem italienischen Adelshaus stammte und Rudolf Caracciola demnach ein Herzog von Roccarainola war.
Schicksalsjahre eines Königs
Auf den Höhepunkt folgten gleich mehrere Tiefschläge. 1932 zog sich Mercedes-Benz aufgrund der Folgen der Weltwirtschaftskrise vom Rennsport zurück. Ein Jahr später zog sich Caracciola bei einem Trainingsunfall zum Grand Prix von Monaco in einem privaten Rennwagen so schwere Hüftverletzungen zu, dass er glaubte, nie wieder Rennen fahren zu können. 1934 kam seine Frau Charly bei einem Lawinenunglück in der Schweiz ums Leben, damit verlor Caratsch nicht nur seine grosse Liebe, sondern auch seinen Lebensmut. Rudolf Caracciola war am absoluten Tiefpunkt angekommen. Doch wie in jeder Heldenstory war dies erst der Anfang von etwas ganz Grossem.
Das grosse Comeback
Zum Comeback musste der gebrochene Mann erst überredet werden. Sein guter Freund und Rennfahrer Louis Chiron organisierte für ihn im Frühling 1934 erste Trainingsfahrten. Siehe da: Caracciola fuhr Bestzeiten, obwohl er in Krücken zum Rennwagen humpelte. Wieder mit Caracciola an Bord meldete sich Mercedes-Benz 1934 im Rennsport zurück. Und wie! Mit dem Silberpfeil (W25) kam die nächste grosse Renn-Ära von Mercedes-Benz.
Die Ära Silberpfeil
Der Name «Silberpfeil» entstand aus der Not heraus: Weil der neu entwickelte Sportwagen bei der Startkontrolle des Internationalen Eifelrennens von 1934 das zulässige Maximalgewicht von 750 Kilogramm um ein halbes Kilo überschritt, liess der Mercedes-Benz Rennleiter Alfred Neubauer kurzerhand die ursprünglich weisse Farbe abkratzen.
Unter dem Lack kam die silberne Farbe des blanken Aluminiums zum Vorschein, was zum Ausdruck «Silberpfeil» führte. Mit nur 750 Kilogramm Gewicht brachte es der erste Silberpfeil auf sagenhafte 354 PS, spätere Modelle sogar auf 500 PS. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h bewegten sich die Silberpfeile schon vor über 80 Jahren auf heutigem Supersportwagen-Niveau. Aber da ging noch mehr: 1938 fuhr Caracciola auf der öffentlichen Autobahn Frankfurt–Darmstadt den offiziellen Geschwindigkeitsrekord von 432,7 km/h, der 79 Jahre lang ungebrochen blieb.
Caracciola war aber alles andere als ein todesmutiger Draufgänger. Er war ein bedachter, fairer Fahrer, der unspektakulär, dafür materialschonend fuhr und es damit meist ins Ziel schaffte.
Der Triumphzug
1935, 1937 und 1938 wurde Rudolf Caracciola dreimal Grand-Prix-Europameister, was mit dem heutigen Formel-1-Titel zu vergleichen ist. Sechsmal gewann er den Grossen Preis von Deutschland – bis heute ein ungebrochener Rekord. Er wurde zum Star der Silberpfeile und fuhr für Mercedes-Benz Sieg um Sieg nach Hause.
Auch privat fand Caracciola zurück auf die Überholspur und heiratete 1937 seine langjährige Bekannte Alice Hoffmann. Die gebürtige Schwedin lebte im Tessin, wo Caratsch auch die Kriegsjahre verbrachte. Das nahm man ihm in seinem Heimatland übel – er wurde gar als Verräter beschimpft. 1946 wurde Caracciola im Tessin eingebürgert und brach damit definitiv mit seinem Heimatland.
Zurück auf der Piste
Nach dem Krieg wagte Caracciola in den USA ein weiteres Comeback mit schwerwiegenden Folgen, denn bei einem Unfall in Indianapolis verletzte er sich abermals schwer. Nach Jahren der Rekonvaleszenz seines Schädelbasisbruchs wagte er sich 1952 wieder hinters Steuer eines Rennwagens. Erneut brachte ihm der Stern auf dem Kühler Glück.
Auf dem legendären Mercedes-Benz 300 SL absolvierte er 20 Jahre nach seinem grossen Sieg wieder die Mille Miglia – und beendete sie auf dem vierten Platz. Was für eine Leistung: 1600 Kilometer in unter 13 Stunden, ohne Fahrerwechsel oder Pause. Und das mit 51 Jahren!
Beim Grossen Preis von Bern 1952 prallte Caracciola in der 13. Runde beim Anbremsen der Forsthauskurve mit blockierendem linken Hinterrad gegen einen Baum – sein rechtes Bein wurde zertrümmert. Er lag fünf Monate im Streckverband und verbrachte weitere zwei Jahre im Rollstuhl, ehe er wieder laufen konnte. Ans Rennfahren war nicht mehr zu denken.
1959 starb der Herzog von Roccarainola und König vom Klausenpass im Alter von nur 58 Jahren an einem akut gewordenen Leberleiden. Seine letzte Ruhestätte sollte auf seinen Wunsch hin in der Schweiz sein. Er liegt auf dem Friedhof in Lugano-Castagnola begraben.