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Seeelefantenbullen sind nicht gerade für zärtliches Verhalten gegenüber anderen Vertretern ihrer Art bekannt, besonders während der Fortpflanzungszeit. Auch als Väter gewinnen sie keinen Preis, denn sie kümmern sich nicht um die Aufzucht der Jungtiere ihres Harems (die meist sowieso nicht von ihnen sind). Doch ein Exemplar scheint die berühmte Ausnahme der Regel zu sein, denn er zeigte Forschenden ein komplett anderes Verhalten und rettete ein Jungtier vor dem Ertrinken.
Es braucht manchmal eine gehörige Portion Glück für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, um besondere Beobachtungen machen zu können. Für Dr. Sarah Allen und Matthew Lau, waren es ein Spaziergang am Strand des Point Reyes National Seashore in Kalifornien an einem milden Januartag. Die beiden Mitarbeiter des vom US-Nationalparkservice verwalteten Schutzgebietes waren dabei, am Strand eine Bestandesaufnahme der nördlichen Seeelefanten zu erstellen. Dabei wurden sie Zeuge, wie ein knapp zwei Wochen altes Jungtier von einem Seeelefantenbullen aus den Wellen auf relativ zärtliche Weise zurück an den sicheren Strand geschubst wurde, bevor es ertrinken würde. Dieses altruistische Verhalten eines Bullen konnte zuvor noch nie beobachtet werden und wurde nun in der Fachzeitschrift Marine Mammal Science veröffentlicht.
Eine Seeelefantenkuh und ihr Jungtier waren an einem Strandabschnitt durch plötzlich auftretende starke Gezeitenwellen erfasst worden. Dabei wurde das kaum zwei Wochen alte Jungtier von der starken Strömung erfasst und weiter ins tiefere Wasser gezogen. «Das Wetter an diesem 27. Januar war sonnig, mild und kaum windig», schreibt das Autorenteam in ihrer Arbeit. «Wir beobachteten, dass das Jungtier nicht schwimmen konnte, da es kämpfte, den Kopf über Wasser zu halten.» Die Kuh stiess immer wieder Rufe aus und erregte so die Aufmerksamkeit des Bullen des zugehörigen Harems. Nach einem kurzen Check rauschte der grosse Bulle ins Wasser und holte das Jungtier, das mittlerweile in rund 3 Meter tiefem Wasser war und kurz vor dem Ertrinken stand. «Er positionierte seinen Körper so, dass er das Jungtier allmählich und behutsam mit seinem Kopf und seinem Körper in Richtung Ufer schob, während es schwamm. Als die Wellen zurückgingen, half er dem Jungtier physisch, indem er ihm mit seinem Körper Schutz und einen Halt bot und so verhinderte, dass es wieder in die Fluten gezogen wurde», beschreiben Allen und ihr Mitautorenteam die Szenen. Die Mutter gab danach nochmals Laute in Richtung Bulle ab und kehrten auf eine höhergelegene Position ab und der Bulle stiess sein bekanntes Brüllen ab, bevor er sich etwas ausruhte.
Es ist möglich, dass der Bulle nicht sein eigenes Jungtier gerettet hatte, denn Weibchen suchen sie jedes Jahr den für sie besten Platz zur Geburt des Jungtieres aus dem Vorjahr aus und der Turnover an Bullen an solchen Orten ist enorm hoch. In Point Reyes liegt der Fall zwar etwas anders, da frühere genetische Studien gezeigt haben, dass die Tiere häufiger miteinander verwandt sind als an anderen Orten. Und altruistisches Verhalten innerhalb naher Verwandten wäre eine mögliche Erklärung für die Beobachtung.
Für die Autorinnen und Autoren der Studie ist das Verhalten des Bullen auf jeden Fall der erste dokumentierte Fall von Altruismus (freiwillige, kostspielige Handlung zur Hilfe eines anderen Individuums) eines Seeelefantenbullen. «Für Alphatiere sind die Kosten substanziell, denn er müsste Energie sparen, da er mehrere Monate fastet, dabei seine Position gegenüber anderen Bullen verteidigt und sich mit vielen Weibchen paaren muss», erklärt das Autorenteam. Doch gleichzeitig könnte die Rettungsaktion auch einen Vorteil für den Bullen haben. Weibchen bleiben im Harem und paaren sich mit dem Bullen, wenn sie das Jungtier nicht verlieren. So sichert er sich zumindest die Nachkommenschaft im folgenden Jahr, auch wenn die Seeelefantenkuh sich dann für einen anderen Bullen entscheiden würde.
Dem Bullen in der ganzen Geschichte bleibt auf jeden Fall nicht nur die Tatsache, einem Jungtier das Leben gerettet zu haben und sich dadurch einen Vorteil für die Fortpflanzung geschaffen zu haben. Er wird mit der veröffentlichten Arbeit in die Geschichte der Verhaltensforschung eingehen.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal