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Derwische
Drehen in Harmonie mit dem Universum
Informationen zu Hintergründen und Symbolik des kultischen Drehens sowie zum Leben Mevlâna Celaleddin-i Rûmis, in dessen Nachfolge der Orden der Drehenden Derwische gegründet wurde.
Mevlâna Celaleddin-i Rûmi, der berühmte islamische Denker und wohl prominenteste Dichter mystischer Sufi-Poesie wurde im Jahre 1207 als zweiter Sohn des religiösen Gelehrten Bahaeddin Veled in Balkh (im heutigen Iran) geboren. Wenige Jahre später wanderte die Familie aus und zog über Bagdad und Mekka nach Karaman in Anatolien, wo sie vermutlich im Jahr 1221 ankam – während der glanzreichsten und friedlichsten Zeit des Seldschukenreiches. Mevlânas Vater Bahaeddin Veled erteilte Unterricht an eine sich schnell vergrössernde Schülerschaft. Sultan Alaeddin Keykubad I. rief ihn nach Konya, der damaligen Hauptstadt.
Nach dem Tod Veleds im Jahre 1231 vervollständigte Mevlâna seine religiöse Erziehung in Damaskus und Aleppo, bevor er endgültig nach Konya zurückkehrte, wo er den Platz seines Vaters als Lehrer in den Medresen übernahm. Er vertiefte sich in das Gedankengut und die Werke führender indischer, iranischer und arabischer Philosophen, lernte die griechische Sprache und dadurch die Werke der klassischen Philosophie kennen. Binnen kurzer Zeit wurde Mevlâna zu einer Autorität unter den Gelehrten und Konya zu einem Zentrum der Wissenschaften, in dem sich Menschen aller Länder und Religionen zusammenfanden.
Entflammte Seele
Die Begegnung im Jahre 1244 mit dem geheimnisvollen persischen Sufi Semseddin Tebrizi veränderte Mevlânas Leben von Grund auf, entflammte seine Seele, und liess ihn zu einem einzigartigen Poeten der Liebe Gottes und der Erleuchtung werden. Mevlâna erreichte durch Semseddins geistige Führung und dessen seelisch-mystischen Reichtum den höchsten Grad der Erkenntnis göttlicher Schönheit. Die überwältigende Intensität ihrer Beziehung, die endlosen, innigen Gespräche schenkten den Seelenfreunden tiefe Erfüllung und inspirierten Mevlâna zu seinen wichtigsten Werken.
In seiner Trauer nach dem Verlust seines Freundes im Jahre 1247 suchte Mevlâna Trost in Dichtung und Extase. Eines Tages hörte er auf dem Bazar die Hammerschläge des Goldschmiedes Selahaddin Zerkubî und geriet durch den Klang und den intensiven Rhythmus in derart mystische Verzückung, dass er begann, sich zu drehen. Er fand zurück in ein glückliches Leben in Liebe und Versenkung. Der Drehtanz aber, das rituelle «Sema», wurde zu einem wichtigen Bestandteil der kultischen Handlungen des später gegründeten Mevlevi-Ordens.
Nach schwerer Krankheit verstarb Mevlâna am 17. Dezember 1273 und hinterliess der Welt einen unvergleichlichen Schatz mystischer Literatur, die noch heute Herz und Verstand vieler Menschen in Ost und West berührt. Die Nacht seines Todes – die glückselige Wiedervereinigung mit dem Schöpfer, genannt Seb-i Arus – wird alljährlich in Konya mit dem Sema-Ritual gefeiert.
Kreisen als Urzustand
Die moderne Wissenschaft hat bestätigt, dass das Kreisen der Urzustand unserer Existenz ist. Es gibt kein Wesen und auch kein Objekt, das sich nicht drehen würde; denn alles setzt sich aus rotierenden Elektronen, Protonen und Neutronen zusammen, die im Atom umeinander kreisen. Alles dreht sich, und der Mensch lebt durch den Wirbel dieser Teilchen, durch die Zirkulation des Blutes in seinem Körper, durch die Abfolge seiner Lebensphasen und nicht zuletzt durch seine Abstammung von der Erde und seine Rückkehr zu ihr.
Die Tanzenden Derwische (im Türkischen «Semazen» genannt) befinden sich in ihrem Drehen in völliger Harmonie mit allen Dingen und Lebewesen der Natur – mit den kleinsten Zellen ebenso wie mit den Sternen am Firmament – und legen Zeugnis ab von der Existenz und der Majestät des Schöpfers. Zu dieser Harmonie gelangen sie nur, wenn sie zuerst die Einheit von Körper, Herz und Verstand in sich selbst finden.
In der Symbolik des Sema-Rituals stehen die aus Kamelhaar gefertigten Filzhüte der Derwische («Sikke» genannt) für die Grabsteine des Egos, die schwarzen Umhänge für das Grab, die weissen Gewänder für die Leichentücher. Indem sich der Tanzende seines Umhangs entledigt, wird er spirituell wiedergeboren. Das rote, auf dem Boden ausgebreitete Tierfell symbolisiert die höchste geistige Instanz. Es ist der Platz Mevlânas und seiner Nachfolger, den Scheichs. Findet sich für ein Sema kein würdiger Vertreter, bleibt der Platz leer.
Das Sema-Ritual
Die mehrteilige Zeremonie beginnt mit Lobpreisungen des Propheten Mohammed und einer Ehrung Mevlânas. Nach Begrüssungsritualen folgen mehrere, durch einen «Semazenbası» in milder Strenge geleitete Durchgänge des kultischen Drehtanzes. Die Derwische befreien sich vom Zweifel, werden sich der Einigkeit Gottes und des Kosmos bewusst, umarmen das göttliche Geheimnis und konzentrieren sich zum Schluss auf den Punkt der höchsten Wahrheit, den Angelpunkt des Einsseins mit Gott.
Zu Beginn des Drehens kreuzt der Derwisch seine Arme und formt mit ihnen die Zahl Eins. Auf diese Weise bestätigt er die Einheit Gottes. Während er sich im Kreis dreht, sind seine Arme weit ausgebreitet. Seine hoch erhobene rechte Hand weist zum Himmel, bereit, die Gunstbeweise Gottes entgegen zu nehmen. Die linke Hand, auf die seine Augen geheftet sind, zeigt zur Erde. So überbringt er der ganzen Schöpfung das spirituelle Gottesgeschenk. Er dreht sich von rechts nach links um sein Herz als eigene Achse und umschliesst so die ganze Menschheit in Liebe. Gleichzeitig umrundet er gemeinsam mit den anderen den Raum: Wie Planeten, Himmelskörper und Sterne im ewigen Reigen des Kosmos um den Thron des Allmächtigen.
Die Sema-Zeremonie repräsentiert die spirituelle Reise des Menschen. Er überschreitet die Grenzen seines Ichs, begegnet der Wahrheit und gelangt zur Vollkommenheit. Dann kehrt er zurück als jemand, der Reife und Ganzheit gefunden hat – fähig zu lieben und der ganzen Schöpfung mit all ihren Geschöpfen zu dienen, ohne zwischen Glauben, Klasse oder Rasse zu unterscheiden.