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PIERRE GUMY. Leonid Nikolajew steht neben dem Bett und stellt sich zur Verfügung, um zu übersetzen, was seine Grossmutter erzählen möchte. Mit seiner Mutter Yuliya ist der Jugendliche vor einem Jahr vor dem Krieg aus Kiew geflohen. Seitdem hat er die obligatorische Schule in Orbe (VD) besucht. Nun ist der junge Mann also ein Flüchtling, lebt im Städtchen Romainmôtier – und spricht seit Kurzem die Sprache seines Gastlandes.
Seine Grossmutter Tamara teilt sich mit ihm und seiner Mutter eine Dachwohnung, die aus einem grossen Zimmer mit Zwischengeschoss und einer Küche besteht. Hier leben drei Generationen zusammen und warten auf das Ende des Konflikts, um in die Ukraine zurückzukehren. Doch der Krieg dauert länger als vermutet, und was als provisorische Lösung gedacht war, muss sich nun längerfristig etablieren. Yuliya, die in der Ukraine eine Restaurantkette leitete, nimmt Französischunterricht, um in der Schweiz Arbeit zu finden. Die 84-jährige Tamara wollte ihr Land trotz des Krieges nicht verlassen, wie sie mit traurigen Augen berichtet. Ihre Gesundheit zwang sie aber dazu. Sie kam erst im Winter 2022, kurz nach Weihnachten, in die Schweiz, um zu ihrer Familie im nördlichen Waadtland zu stossen.
Die kranke Mutter in die Schweiz geholt
«Das Gesundheitssystem in der Ukraine ist viel weniger
koordiniert als in der Schweiz», übersetzt Leonid in einem stockenden Französisch, nachdem sich seine Mutter und seine Grossmutter auf Ukrainisch ausgetauscht haben. «Und der Krieg hat den Zugang zur Gesundheitsversorgung noch weiter erschwert.» Seine Grossmutter leidet an Diabetes und hat sich bei einem Sturz am Fuss verletzt. In der Ukraine begann darum eine lange Suche nach einer Fachperson, welche ihr die richtige Behandlung bieten konnte. Doch die Wunde entzündete sich und die verschriebenen Medikamente verschlimmerten die Diabetes. Als ihre Tochter kurzzeitig nach Hause in die Ukraine zurückkehrte, um nach der Seniorin zu sehen, fand sie diese in einem komatösen Zustand vor. «Ich konnte sie in diesem Zustand nicht zurücklassen», sagt die Tochter.
Sie leitete darum die notwendigen Schritte ein, um gemeinsam mit ihrer Mutter die Rückreise in die Schweiz anzutreten. Da Yuliya bereits mit dem Aufnahmeverfahren vertraut war, gelang es ihr schnell, ihre Mutter bei sich zu Hause in Romainmôtier anzumelden. «Es war das Spital von Morges, das meiner Mutter das Leben gerettet hat», berichtet sie gerührt. Während ihre Mutter nach dem Krankenhausaufenthalt in der Schweiz allmählich wieder zu Kräften kam, begannen Leonid und seine Mutter zu begreifen, dass das älteste Mitglied der Familie Nikolajew endlich wieder einer heiteren Zukunft entgegenblickte. «Als meine Mutter wieder anfing, mir zu widersprechen und mir zu erklären, wie ich dies und jenes tun sollte, wusste ich, dass sie es schaffen würde», erzählt Yuliya lächelnd – worauf ihr Enkel übersetzt und ihre Mutter aus vollem Herzen lacht.
Für die Versorgung der ukrainischen Familie zuständig ist heute der Pflegefachmann Julien Dreyer, der für die Spitex des Sozialmedizinischen Zentrums (SMZ) von Orbe tätig ist. Seit März besucht er seine Klientin Tamara Nikolaeva, um ihre Wundverbände zu erneuern. In dieser Zeit hat er ein Vertrauensverhältnis zur Familie aufgebaut und ihr alle nötigen Schritte im Zusammenhang mit der Pflege der älteren Frau erklärt – weswegen nun auch Leonid in der Lage ist, die Pflege genau zu beschreiben, die unerlässlich ist, damit seine Grossmutter gesund bleibt. Währenddessen wechselt der Pfleger sorgfältig den Verband. «Laut den Ärzten sind die Arterien im Fuss zu stark geschädigt für eine vollständige Heilung. Aber die Wunden können gut versorgt werden», berichtet der Enkel.
Das Gesundheitssystem in
der Ukraine ist viel weniger
koordiniert als in der Schweiz.
Und der Krieg hat den Zugang zur
Gesundheitsversorgung noch
weiter erschwert
Leonid Nikolajew
geflüchteter Ukrainer
Kommunizieren, ohne zu überfordern
Im Laufe des Gesprächs wird deutlich, unter welch starker Anspannung Yuliya und Leonid standen, bis es ihnen gelang, den Gesundheitszustand ihrer Mutter und Grossmutter zu stabilisieren. Julien Dreyer und die anderen Mitarbeitenden des SMZ von Orbe mussten mit dieser Anspannung umgehen. «Zu Beginn haben wir drei Einsätze pro Woche geleistet, da es wichtig war, die Familie zu beruhigen und jede unserer Handlungen zu erklären», berichtet der Spitex-Mitarbeiter. «Wir haben schliesslich die Balance gefunden, ausreichend zu kommunizieren, ohne die Klientin und ihre Familie mit Informationen zu überfordern.» Als ihr Fuss mit einem neuen Verband versehen ist, erhebt sich die Seniorin von ihrem Bett und geht ein paar Schritte – eine Leistung, die sie noch vor wenigen Wochen nicht für möglich gehalten hätte, wie sie erzählt. «Von den drei Wunden ist eine sogar verheilt», freut sie sich.
«Kriegsflüchtlinge werden genauso gepflegt und betreut wie alle anderen Klientinnen und Klienten auch», sagt derweil der 34-jährige Pflegefachmann. «Auch bei ihnen wird die Pflege an ihr Umfeld sowie an ihre Ressourcen angepasst, und diese Anpassung basiert auf
einer genauen Abklärung ihrer Situation. Wir achten
zudem stets darauf, die Bedürfnisse der Betroffenen einzubeziehen.» Und was passiert, wenn Tamara und ihre Familie nach Hause zurückkehren? «Auch hier gilt das übliche Spitex-Verfahren: Egal, ob jemand den Kanton oder das Land wechselt – das SMZ stellt einen umfassenden Bericht zur Verfügung, in welchem die von der Spitex geleistete Pflege genau beschrieben wird.»
Tamara und ihre Familie hoffen auf eine baldige Rückkehr. Die Grossmutter zitiert ein ukrainisches Sprichwort: «Es geht uns überall gut, aber nie so gut wie zu Hause.» Sie lächelt, aber dieses Lächeln verblasst, als die Erinnerungen an ihre Abreise hochkommen: «Ich wollte Odessa nicht verlassen. Ich bin dortgeblieben, als viele meiner Familienmitglieder weggegangen sind», sagt die nun weinende Frau, die in dieser Stadt, die sie so liebevoll beschreibt, immer mit Freude gelebt hat. «Ich bin dort in einer grossen Wohnung mit 100 Quadratmetern zu Hause. Und in Odessa gibt es das Meer, die Oper und wunderschöne historische Denkmäler», erzählt sie.
Zu Beginn haben wir drei
Einsätze pro Woche geleistet, da es wichtig war, die Familie zu
beruhigen und jede unserer
Handlungen zu erklären.
Julien Dreyer
Pflegefachmann, Spitex des SMZ Orbe
Lausanne ist ein bisschen wie Kiew
Von diesen Emotionen sichtlich berührt, erzählen Tamara und ihre Tochter, wie freundlich sie in der Schweiz aufgenommen worden sind, trotz der Sprachbarriere. «Die Qualität der Behandlung und das Personal sind fantastisch», betont Yuliya und berichtet vom modernen Operationssaal, in dem ihre Mutter operiert wurde: «Ich dachte, wir seien in einem Raumschiff», sagt sie.
Auch Leonid möchte seine Heimat Kiew wiedersehen. «Dort ist immer alles geöffnet, 24 Stunden. Hier ist am Wochenende ab 17 Uhr alles geschlossen», sagt er. Der Umzug von Kiew ins ländliche Waadtland habe den jungen Mann das Planen gelehrt, erklärt seine Mutter lächelnd, während Julien Dreyer die Termine für die nächsten Konsultationen beim Angiologen überprüft. Diese Konsultation wird es Leonid erlauben, Lausanne zu besuchen. «Ich liebe diese Stadt, weil mich ihre Atmosphäre ein bisschen an Kiew erinnert», sagt er.