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"Dieses Buch ändert das Gesamtbild." (Zitat vom Buchrücken) Inhalt / Meine Meinung: Ich muss gestehen, dass ich über derartige Zusammenhänge noch nie weiter nachgedacht hatte. Ein erster Vorgeschmack auf die Zusammenhänge zwischen Krieg und Drogen war für mich die Lektüre des Romans "Wildauge". Dieses Sachbuch ist auch für thematische Laien wie mich sehr... "Dieses Buch ändert das Gesamtbild." (Zitat vom Buchrücken) Inhalt / Meine Meinung: Ich muss gestehen, dass ich über derartige Zusammenhänge noch nie weiter nachgedacht hatte. Ein erster Vorgeschmack auf die Zusammenhänge zwischen Krieg und Drogen war für mich die Lektüre des Romans "Wildauge". Dieses Sachbuch ist auch für thematische Laien wie mich sehr verständlich geschrieben und enthält viele, viele sehr interessante Aspekte. Es sind zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotografien und Abbildungen enthalten: Als da wären die verharmlosenden Werbeplakate zum einen für das Medikament Pervitin als vermeintliches Allheilmittel und zum anderen für eine Pralinensorte, die das Pervitin als Wachmacher enthält, damit die Hausarbeit leichter von der Hand gehe; Pervitin war damals absolut unproblematisch in jeder Drogerie zum Kauf erhältlich. Medizinische Aufzeichnungen von Hitlers Leibarzt. Einem Bestätigungsschreiben des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition für die Bestellung immens großer Mengen der als kriegsentscheident deklarierten Droge beim Chemiekonzern, um die Soldaten reichlich mit diesem Stoff ausrüsten zu können. Total erschöpfte, schlafende Soldaten, nachdem sie 17 Tage ohne Unterbrechung im Westfeldzug auf Frankreich ("Blitzkrieg") vorwärtsgerückt waren. Dies alles hört sich jetzt vielleicht nach einem sehr trockenen Thema an, ist es aber wahrlich nicht, denn der Autor berichtet über mannigfaltige Aspekte von der Volksdroge Methamphetamin (= Pervitin, heute unter dem Namen Crystal Meth bekannt) über Hitlers Abhängigkeit von diversen vitamin- und hormonhaltigen Mittelchen und psychoaktiven Substanzen bis hin zu Hitlers kompletten Verfall (physisch, psychisch und dessen tatsächlichem Ende 1945 in Berlin). Es werden in dem Buch sehr viele thematische Bereiche abgedeckt; der Autor berichtet bspw. über das Schuhläuferkommando im Konzentrationslager; die Häftlinge mussten mit schwerem Gepäck und z.T. mit Schuhen in unterschiedlichen Größen Gewaltmärsche unter schrecklichen Bedingungen absolvieren; und dies alles zum Testen des Abriebs von verschiedenen Gummimischungen für Schuhsohlen; dabei richtet der Autor das Schicksal der Menschen in das Blickfeld des Lesers; und - was ich ebenfalls sehr gut fand - es wurden nicht nur Fakten allgemein dargestellt, sondern der Autor nennt auch ganz konkret Namen; am Beispiel der geheimen Kommandosache des Schuhläuferkommandos, dass dessen Kosten das Wirtschaftsministerium übernommen hat; die Häftlinge bei dieser Gelegenheit auch gleich als unwissende Versuchskaninchen für die Erprobung von leistungssteigernden Drogen (z.B. Kokain in verschiedenen Dosierungen und Darreichungsformen (z.B. als Kaugummi)) missbraucht wurden; diese Materialprüfungsergebnisse jedoch dem Schuhhersteller Salamander zu Gute kamen. Die Tatsache, dass in der NS-Zeit viele Unternehmen wie die IG Farben, die pharmazeutische Firma Merck und der Chemiekonzern Bayer, sowie Krupp als Lieferant von Kriegsmaterial sehr profitierten, war mir bereits bekannt; aber so wurde mein Wissen um viele Fakten erweitert. Als roter Faden zieht sich die Betrachtung der gegenseitigen Abhängigkeit von Hitler und seinem Leibarzt durch all die Jahre; quasi die Beziehung zwischen Hitler und seinem Dealer; der Arzt musste zwar sein eigenständiges Leben aufgeben, weil er Hitler rund um die Uhr zur Verfügung stehen musste; allerdings hatte der Arzt auch keinerlei Skrupel die Situationen für seinen Vorteil auszunutzen, um sich zu bereichern; aus den eroberten Gebieten sicherte er sich günstig die Grundlagen für sein hormonproduzierendes Imperium; und er machte Druck, dass der Transport seiner Waren über den Truppentransport bevorzugt sichergestellt zu sein hatte. Fazit: Für mich ein gänzlich neuer Ansatz der näheren Betrachtung der geschichtlichen Hintergründe der NS-Zeit - welcher für mich ein wesentlicheres stimmigeres Bild hinterlässt. Sehr, sehr lesenswert!
»Gestoßen bin ich auf den Stoff in Koblenz, und zwar in der nüchternen Umgebung des Bundesarchivs … Der Nachlass von Theo Morell, des Leibarztes von Hitler, ließ mich nicht mehr los. Immer wieder durchblätterte ich Morells Tageskalender: kryptische Eintragungen, die sich auf einen »Patienten A« bezogen. Per Lupe versuchte... »Gestoßen bin ich auf den Stoff in Koblenz, und zwar in der nüchternen Umgebung des Bundesarchivs … Der Nachlass von Theo Morell, des Leibarztes von Hitler, ließ mich nicht mehr los. Immer wieder durchblätterte ich Morells Tageskalender: kryptische Eintragungen, die sich auf einen »Patienten A« bezogen. Per Lupe versuchte ich, die kaum leserliche Handschrift zu entziffern. Die Seiten waren vollgekritzelt, häufig las ich Einträge wie »Inj. w. i.« oder einfach nur »x«. Ganz allmählich klarte das Bild auf: tägliche Injektionen, merkwürdige Substanzen, steigende Dosierungen.« Drogen im Dritten Reich – ein faszinierendes Thema! War es nicht so, dass Adolf Hitler sich als asketisch lebenden Vegetarier darstellte? Der größten Wert auf einen gesunden Körper legte? Und dessen Partei eine strikte Antidrogenpolitik fuhr, bei der Süchtige in geschlossene Anstalten zwangseingewiesen wurden, eine Einordnung als „kriminell geisteskrank“ möglich war und nicht selten Euthanasie die Folge? Die Wahrheit sah wohl ganz anders aus. Norman Ohler hat sich auf Spurensuche begeben, hat fünf Jahre lang in Archiven in Deutschland und den USA recherchiert, zahlreiche Originaldokumente ausgewertet, darunter auch solche, die bislang gesperrt waren. Er hat Originalschauplätze besucht, mit Zeitzeugen, Militärhistorikern und Medizinern gesprochen. Das Ergebnis ist erschütternd. Und erklärt doch so einiges… Das Buch widmet sich zunächst der Volksdroge Pervitin. Der Inhaltsstoff Methamphetamin ist heute als Crystal Meth bekannt. Entsprechend fassungslos liest man von methamphetaminhaltigen Pralinen für die Hausfrau („die Hausarbeit geht dann ganz leicht von der Hand“), betrachtet ein Werbeplakat der Temmler-Werke, das Pervitin als „Stimulans für Psyche und Kreislauf“ anpreist. In der Folge sollte sich die Aufgabe des Pervitins wandeln, es zum unverzichtbar erscheinenden Mittel werden, von dem bei Temmler pro Woche mehrere Millionen Pillen gepresst wurden. Ein Mittel, das Eltern ihren Söhnen zusammen mit Speck und Zigaretten an die Front schickten. Und dessen Einnahme im weiteren Verlauf des 2. Weltkriegs den Soldaten von ihren Vorgesetzten angeordnet wurde. Tatsächlich gelangen der Wehrmacht mit Pervitin zunächst erstaunliche Dinge – dies wird hier am Beispiel „Blitzkrieg“ deutlich dargestellt. Irgendwann jedoch half die Droge nur noch beim Durchhalten. Stärkerer Stoff musste her… An dieser Stelle kann man schon den Kopf schütteln, doch es kommt noch viel härter. Mit deutscher und wissenschaftlicher Gründlichkeit wurden diverse Mittel getestet, unter anderem an KZ-Häftlingen. Das Buch bildet Originaldokumente ab, wie zum Beispiel den „Arzneimittelversuch zur Hebung der Leistungsfähigkeit und Wachhaltung“ aus dem KZ Sachsenhausen. Dass man den Soldaten mit der verordneten Einnahme nicht gerade etwas Gutes tut, dass man damit erhebliche Nebenwirkungen und negative gesundheitliche Folgen billigt, war bekannt. Jedoch… »Die militärische Führung steht auf dem Standpunkt, daß in diesem Krieg, wenn es erforderlich ist, auch Schädigungen durch stark wirkende Medikamente in Kauf genommen werden müssen.« Dem Volk unter Drogen ist ein Schwerpunkt des Buchs gewidmet. Der andere befasst sich mit „Patient A“. Zu den Dokumenten, die der Autor studiert hat, zählen auch die Aufzeichnungen von Theo Morell. Danach präsentiert sich der größenwahnsinnige, massenmordende Psychopath Hitler nun außerdem als Junkie der schlimmsten Sorte. Natürlich handelt es sich hier um Rückschlüsse, die aus den genannten Aufzeichnungen resultieren. Aber diese wurden mit großer Akribie geführt und machen letztlich einen stimmigen Eindruck. Morell war über Jahre hinweg täglich an Hitlers Seite, ein Dealer in Dauerbereitschaft, der Tag und Nacht auf Abruf zur Stelle war, um die gewünschte „Führermischung“ zu spritzen. Was durch die Adern Hitlers floss, war ein bunter Mix aus über achtzig verschiedenen Mitteln, darunter Vitamine, härteste Drogen und teils sehr unkonventionelle Hormonpräparate. Bei solchen Schilderungen stellt man sich zwangsläufig die Frage der Zurechnungsfähigkeit. Der Leser muss aber nicht befürchten, dass Norman Ohler das Bild eines Mannes entwirft, der nicht mehr wusste, was er tat. Er kommt vielmehr zu einem anderen Schluss: »Auf diesem Schmerzstiller und Betäuber schien der Führer ganz bei sich: Das war der wahre Hitler, und so war er auch früher schon gewesen. Denn seine Ansichten und Pläne, die Überschätzung der eigenen Bedeutung und das Verkennen des Gegners standen alle schon festgeschrieben ... Er konnte noch so viele Drogen nehmen, um sich weiterhin in dem Zustand zu halten, in dem er seine Taten begehen konnte: Es mindert nicht seine monströse Schuld.« Nach der Lektüre erscheint mein Bild von diesem dunklen Abschnitt Deutscher Geschichte erheblich runder. Die aufgestellten Thesen und Rückschlüsse belegt der Autor mit fast fünfzig Seiten Anmerkungen, Quellenangaben und Bildnachweisen. An der ein oder anderen Stelle hätte es der Sachbuchcharakter meiner Meinung nach verlangt, die Person Hitlers distanzierter und neutraler zu beschreiben, aber ich habe großes Verständnis für jeden, dem das in diesem speziellen Fall nicht immer möglich ist. Fazit: Ein Buch mit Suchtpotential. Thematik und Stil fesseln derart, dass man es nicht aus der Hand legen mag.