Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03596.jsonl.gz/1939

Die Kraft des Wassers zu nutzen, ist nicht neu. Neu ist ihre Bedeutung für die Zukunft. Das zeigt die Geschichte des städtischen Flusskraftwerks Letten in Zürich.
Um die Klimaziele der Schweiz zu erreichen, ist ein Umstieg auf erneuerbare Energieformen unumgänglich. Stromproduzenten, wie etwa das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (ewz), zeigen, dass es bereits heute möglich ist, Strom anzubieten, der aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Eine wichtige Rolle spielen dabei die schweizerischen Wasserkraftwerke. Das Flusskraftwerk Letten, das mitten in der Stadt Zürich liegt, ist ein schönes Beispiel dafür, wie eine alte Ressource ihr Comeback erlebt.
Kloaken, Pumpen, Wasserräder
Das Kraftwerk an der Limmat wurde ursprünglich nicht zur Produktion von Elektrizität gebaut. Es war Teil der Zürcher Wasserversorgung und hatte die wichtige Aufgabe, die Stadt mit Trinkwasser zu versorgen. Ab 1874 wurden dort Pumpen angetrieben, die sauberes Wasser aus dem See in verschiedene Reservoire und von dort in die Haushalte leiteten. Direkt aus dem Fluss konnte damals kein Trinkwasser entnommen werden, da viele städtische Kloaken in die Limmat geleitet wurden.
Neben der Versorgung der Stadtbevölkerung mit Trinkwasser hatte das Wasserwerk eine zweite wichtige Funktion: Wasserräder lieferten über Drahtseilzüge und Lederriemen kinetische Energie zum Betrieb von Maschinen im ehemaligen Industriequartier in der Nähe des Kraftwerks. So trieb eine über 1,2 Kilometer lange Drahtseil-Transmission vom Letten aus den Maschinenpark von Textilfabriken, mechanischen Werkstätten und das Mahlwerk der Stadtmühle an.
Elektrisches Licht, elektrische Trams
Erst knapp 20 Jahre später wurde das Wasserwerk dann zu einem Elektrizitätswerk ausgebaut. Aus einem der Trinkwasserreservoire wurde ein Pumpspeichersee, der jeweils bei einer Überproduktion von Strom mit Wasser gefüllt wurde. Produzierte das Kraftwerk im Winter weniger Strom, wurde das Wasser aus diesem höher gelegenen Reservoir zu den Turbinen geleitet.
Ab 1893 konnte das erste Elektrizitätswerk der Stadt Zürich Kunden wie Amtsgebäude und Hotels mit elektrischem Licht versorgen. Innert weniger Jahre wurden die gasbetriebenen Strassenlaternen durch elektrische Lampen ersetzt. Die städtischen Verkehrsbetriebe stiegen vom Rösslitram auf elektrische Strassenbahnen um, und immer mehr Fabriken betrieben ihre Maschinen mit elektrischen Motoren statt mit Kohle und Dampf.
Der Siegeszug der Elektrizität
Die Leistung des Kraftwerks Letten reichte jedoch bereits nach kurzer Zeit nicht mehr aus, um die Nachfrage decken. Zürich liess daher weitere Kraftwerke in den Kantonen Aargau und Graubünden bauen. 1910 bezog die Stadt nur noch rund 4,8 Prozent ihres Stroms aus dem Kraftwerk am Letten. Der Rest stammte aus dem Aarekraftwerk in Beznau und aus dem Albulakraftwerk in Sils.
Während des Ersten Weltkriegs stieg die Nachfrage nach Strom weiter an. Der kriegsbedingte Mangel an Kohle machte elektrische Haushaltsgeräte wie Wasserkocher, Bügeleisen, Kochplatten und elektrische Heizungen immer beliebter. Zwischen 1909 und 1917 verdoppelte sich daher der Stromverbrauch in Zürich von 77 kWh pro Kopf auf 143 kWh – ein Wert, der im Vergleich zum durchschnittlichen Verbrauch heute nostalgisch stimmt.
Wasserkraft hat Zukunft
In den letzten 100 Jahren wurde das Kraftwerk am Letten regelmässig auf den neusten Stand der Technik gebracht. Heute produziert es jährlich rund 21 Gigawattstunden Strom. Mit dieser Menge an Elektrizität könnte man in der Stadt Zürich ein Jahr lang alle Strassenlampen beleuchten. Der Strom aus dem Kraftwerk Letten ist heute Teil des Strommixes des Anbieters ewz und kann von Kunden in Zürich bestellt werden.
Die Gebäude des Flusskraftwerks stehen seit einigen Jahren als Zeugnis der industriellen Vergangenheit der Schweiz unter Denkmalschutz. Im Innern schlummert jedoch die Zukunft: die Kraft des Wassers als wichtigste erneuerbare Energiequelle der Schweiz.