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Philipp Theisohn, «Back to the Future II» wagte sich 1989 an eine Zukunftsprognose für 2015. Wie gut haben es die Autoren getroffen?
Es ist eine sehr amerikanische Vorstellung der Zukunft, und sie ist stark auf Gadgets und Technik fixiert. Auf dieser Ebene funktioniert der Film prima und hat da und dort sogar einen Treffer gelandet, etwa mit der Smartbrille. Sie repräsentiert ein Element der künftigen Gesellschaft, das heute schon erkennbar ist: Das Wissen verschmilzt mit dem Körper. Auch die sich selbst trocknende Kleidung und die hydrierte Pizza symbolisieren Entwicklungen, die wir heute real überall finden: höhere Effizienz und bessere Verfügbarkeit von Dingen.
Technisch hat er es also nicht schlecht getroffen, aber gesellschaftlich erfahren wir eigentlich wenig von 2015.
Stimmt. Science-Fiction funktioniert in der Regel so: Der Autor führt ein «Novum», ein neues Element, in die Welt ein – in diesem Fall die Zeitreise. Dann wird spekuliert, wie sich das auf das Leben und die Welt auswirkt. In der Hinsicht bleibt der Film relativ schwach, weil die Zeitreise zwar dazu dient, in die Zukunft zu kommen, in der dortigen Gesellschaft jedoch nicht existiert. Sie kann also durch die Zeitreise nicht beeinflusst und verändert werden. Somit bleibt eine technikfixierte, eher oberflächliche Extrapolation des US-Lebens aus dem Jahr 1989.
Gibt es jemanden, der die Zukunft besonders gut prognostiziert hat?
Jules Verne und H. G. Wells sind die beiden Grossen, wenn es um technische Erfindungen und Entwicklungen geht. Vernes Reisen zum Mond und unter dem Meer waren visionär, in seinen Geschichten gab es auch schon Dinge wie Bankautomaten und Strassenbahnen. Bemerkenswert ist, dass er selbst den technischen Fortschritt als bedrohlich empfunden hat, er fürchtete den Untergang der Kultur des 19. Jahrhunderts und den Aufstieg geistloser, von Ingenieuren beherrschter Metropolen. Wells hat sich intensiv mit Kriegsmaschinen beschäftigt, er sah Panzer- und Luftkriege voraus – ein sehr reflektierter Futurologe. Was gesellschaftliche Zukunftsvisionen betrifft sind Aldous Huxleys «Brave New World» (1932) und George Orwells «1984» (1949) sicher massgebliche Werke, die sich mit Diktatur und Überwachung auseinandersetzten. Das Thema Überbevölkerung und Informations-Overkill hat John Brunner in «Stand on Zanzibar» (1969) sehr treffend thematisiert.
Aber das waren Glückstreffer, oder?
Nicht unbedingt. Oft hat die literarische Fantasie ein besseres Sensorium für das Kommende, weil sie anders als die Futurologie die Zukunft nicht errechnen will.
Die Futurologen der 1920er-Jahre haben weder den Börsencrash noch die Nazis noch den Zweiten Weltkrieg vorausgesehen.
Wie funktioniert Futurologie?
Die Futurologie war – wie die Kybernetik – noch in den 1970ern eine Generalwissenschaft. Die Idee war, durch die Berücksichtigung aller möglichen Faktoren künftige Entwicklungen möglichst genau zu prognostizieren, um sie dann steuern zu können. So wollte man Krisen vermeiden, bevor sie ausbrechen. Dies geschah aufgrund von Daten, ganz ähnlich wie man heute versucht, mit Big Data aktuelles Verhalten zu analysieren und künftiges vorauszusagen und zu steuern. Das Problem an der Sache: Solche Daten sind immer unvollständig, und entsprechend haben die Futurologen der 1920er-Jahre weder den Börsencrash noch die Nazis noch den Zweiten Weltkrieg vorausgesehen.
Solche Voraussagen bringen also nichts?
Aufgrund aktueller Daten in die Zukunft zu extrapolieren ist sehr schwierig. Gute Science-Fiction-Autoren basieren ihre Geschichten deswegen auf einem spezifischen Szenario, das sie einfach mal als gegeben voraussetzen, zum Beispiel: Im Jahr 2100 sind wir in der Lage, Menschen je nach Bedarf an Arbeitskräften zu klonen. Von dort aus entwickeln sie eine realistische Geschichte, wie sich dies auf das Leben der Menschen und auf die Welt auswirkt; ökonomisch, politisch, kulturell. Viele solcher Szenarien bleiben Science-Fiction, andere werden Realität – und die Geschichten können dann überraschend nahe an der Wirklichkeit sein.
Wenn die Futurologen damals so falsch lagen, warum sollten die Big-Data-Analysten heute erfolgreicher sein?
Ob sie das wirklich sein werden, ist völlig offen. Sicher stehen heute sehr viel mehr und sehr viel präzisere Daten zur Verfügung, und letztlich geht es dabei ja um Korrelationen, also die Wahrscheinlichkeit, dass sich bei einer bestimmten Datenlage ein bestimmtes Ereignis einstellt. Beunruhigend wird es, wenn damit Vorstellungen verbunden sind wie in Philip K. Dicks «Minority Report» (1956), wo man Leute auf Basis von ausgeklügelter Datenanalyse eines künftigen Verbrechens überführt und sie ausschaltet, bevor sie es begehen können. Solche Ideen geistern heute durchaus herum.
Wenn man als Scifi-Autor versucht, eine realistische technische Lösung zu erfinden, kann es durchaus sein, dass die Realität einen irgendwann mal einholt.
Sind Gadgets in Scifi-Geschichten Glückssache?
Nicht immer. In technologischen Geräten drücken sich bestimmte menschliche Bedürfnisse aus – Probleme oder Herausforderungen, die wir gerne lösen würden, zu denen uns heute aber noch die Mittel fehlen. Wenn man als Scifi-Autor versucht, dafür eine realistische technische Lösung zu erfinden, kann es durchaus sein, dass die Realität einen irgendwann mal einholt. Die Bildschirm-Telefonie in «Back to the Future II» zum Beispiel. Oder die mobile Kommunikation mit Hilfe des Communicators in «Star Trek», der unseren früheren Natels entspricht.
Wurden gewisse technologische Fortschritte von Ideen der Scifi-Autoren inspiriert?
Ja, sie dienten Ingenieuren und Tüftlern als wichtige Inspirationsquelle. Es gibt auch
Autoren, die waren beides, wie Arthur C. Clarke. Er arbeitete gleichzeitig an Weltraumprogrammen mit und verfasste Scifi-Romane. Technische Wissenschaften brauchen Menschen, die Visionen haben, also bedient man sich auch gern bei der Science-Fiction. Es ist eine gegenseitige Befruchtung.
Können auch philosophische oder gesellschaftliche Entwicklungen in Scifi-Geschichten realen Einfluss ausüben?
Absolut, insbesondere dystopische Fantasien werden von der Politik rege genutzt, etwa mögliche Umweltkatastrophen. Apokalyptische Zukunftsvisionen sollen uns dazu bringen, Vorkehrungen zu treffen, damit es nicht so weit kommt. Roland Emmerichs Flutkatastrophenfilm «2012» (2009) zum Beispiel hatte eine solche Wirkung. Während des Kalten Kriegs gab es immer wieder Scifi-Geschichten über eine Welt nach dem Atomkrieg – gut möglich, dass auch sie dazu beigetragen haben, dass es nie so weit gekommen ist. Aktuelle gesellschaftliche Themen, mit denen sich auch Scifi-Autoren beschäftigen, sind etwa die Frage nach sicheren Atomendlagern – wie teilt man Menschen in Tausenden von Jahren mit, dass es lebensgefährlich ist, die Behälter mit Atomabfällen zu öffnen? Oder die Entkoppelung von Fortpflanzung und Sex, dass Kinder also auch im Labor und möglicherweise nach bestimmten Kriterien entstehen können: Wie sieht eine Welt aus, in der sich alle Individuen genetisch programmieren lassen?
Ohne Orwell hätten wir heute bestimmte Analyseinstrumente nicht. Wir vergleichen mit «1984», ist es schon so schlimm oder nicht?
George Orwells Vision vom Big Brother aus «1984» ist zumindest teilweise Wirklichkeit geworden. Die Abschreckung durch den Roman hat offenbar nicht gereicht.
Schon, aber ohne Orwell hätten wir heute bestimmte Analyseinstrumente nicht. Wir vergleichen mit dem Roman, ist es schon so schlimm oder nicht? Nicht wenige Regierungen mussten sich den Vorwurf gefallen lassen, «Big Brother» zu sein, ein Negativimage, dem man zumindest als Politiker der westlichen Welt keinesfalls entsprechen möchte. Der Roman hat eine Hemmschwelle geschaffen.
Dystopien haben also Wirkung in der realen Welt, was ist mit Utopien?
Weniger. Das liegt wohl auch daran, dass Science-Fiction kaum je Utopien entwirft, die nicht in irgendeiner Form gestört sind. Geschichten, in denen einfach alles gut ist, sind immer solche, in denen der Mensch erst einmal ausradiert worden ist. Die Utopie nach der grossen Katastrophe quasi.
Ohnehin dominieren heute Dystopien die Zukunftsvorstellungen. Weshalb?
Das liegt auch daran, dass unsere Idee von Zukunft heute stark auf die Technik fixiert ist, weil wir hier in Europa lange fanden, dass es uns gesellschaftlich kaum mehr besser gehen kann. Technik kann sich noch verbessern, neue Gesellschaftsvisionen für etwas ganz anderes, etwas Revolutionäres, gibt es hingegen kaum. Das führt im Hinblick auf die Zukunft zu gepflegter Langeweile. Das einzige, was man dem entgegensetzen kann, ist der radikale Bruch, und der ist nur mit Katastrophenszenarien vorstellbar. Wie wenig wir an Ideen zu bieten haben, zeigt das aktuelle Flüchtlingsdrama. Eigentlich hätten wir ahnen können, dass sowas früher oder später passiert, aber es hat uns nun doch recht unvorbereitet getroffen, und jetzt herrscht grosse Ratlosigkeit, wie man damit angemessen umgehen soll. Visionen sind nirgends in Sicht, dabei wäre es eigentlich nötig, die Gesellschaft mal wieder von Grund auf neu zu denken, positive Utopien zu entwickeln.
Wir sind derzeit dabei, ein System zu schaffen, an dem wir Menschen produktiv immer weniger beteiligt sind – das wird die Arbeitswelt sehr stark verändern.
Gibt es eine aktuelle Scifi-Vision der Zukunft, die Sie für realistisch halten?
Es gibt einen Essay von Dietmar Dath, «Maschinenwinter», der sich mit der Automatisierung der Wirtschaft und seinen Folgen beschäftigt. Wir sind derzeit dabei, ein System zu schaffen, an dem wir Menschen produktiv immer weniger beteiligt sind – das wird die Arbeitswelt sehr stark verändern. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Können wir die Maschinen so einsetzen, dass wir weniger arbeiten müssen und trotzdem gut leben können? Was machen wir, wenn wir uns nicht mehr über unsere Arbeit definieren können? Das ist für mich das grosse nächste Thema. Noch können wir entscheiden, ob wir das so gestalten, dass es angenehm ist für uns.
Das wäre quasi das «Star Trek»-Szenario: Niemand auf der Erde muss mehr arbeiten, alle können sich mit ihrer persönlichen Weiterentwicklung befassen oder neue Welten erforschen.
Genau, eine positive Utopie. Die Frage ist: Lässt sich sowas in der wirklichen Welt realisieren?
Scifi- und Fantasy-Fans galten früher als leicht abseitige Nerds, aber heute sind «Big Bang Theory», «Game of Thrones» und Superhelden-Filme Mainstream, und die Welt erwartet sehnlichst den neuen «Star Wars»-Film Ende Jahr. Was ist da passiert?
Ich stelle zwei Tendenzen fest, welche die Flucht in Fantasiewelten attraktiver machen als auch schon: Einererseits gibt es Leute, die von der Realität zunehmend überfordert sind, andererseits solche, denen sie zu gleichförmig und zu wenig spannend ist. Und so tummeln sich mehr und mehr Gleichgesinnte in diesen Genres. Das ist natürlich auch den Kino- und TV-Produzenten nicht entgangen, also liefern sie, was die Leute wollen und ziehen so ein immer noch grösseres Publikum an. Bei Science Fiction sehe ich den Wendepunkt bei «The Matrix» (1999), da wurde dieses Genre plötzlich cool. Nicht nur visuell, auch die Story mit dem Hacker und der virtuellen Welt hat viele angesprochen.
Was ist für Sie «gute» Science-Fiction?
Storys, die sich mit den grossen globalen Fragen beschäftigen und zeigen, welche gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen sich daraus ergeben, Geschichten also, die der Komplexität des realen Lebens gerecht werden. Zum Beispiel «The Left Hand of Darkness» von Ursula K. Le Guin, die darin eine Welt entwickelt, in der es keine festgelegten Geschlechter gibt, und beschreibt wie sich das auswirkt. Auch in der Schweiz gibt es einen Autor, der sich schon lange mit komplexen gesellschaftlichen Zukunftsthemen befasst und den ich sehr schätze: Hans Widmer alias PM.
Da hat «Back to the Future» keine Chance, oder?
Ach, es hat doch zumindest ganz spannende Reflexionen drin zum Thema Zeitreise. Was passiert, wenn ich Elemente aus der Zukunft wieder zurück in die Vergangenheit trage, also zum Beispiel dieses Heft mit den Baseballergebnissen der vergangenen bzw. kommenden 30 Jahre? Was passiert, wenn ich Zeit manipuliere? Davon abgesehen, ist es exzellente, gut gemachte Unterhaltung, und das ist doch auch ganz okay.
Autor: Ralf Kaminski