Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03128.jsonl.gz/1932

Finanzentwicklung schlecht für die Armen?
08.02.2017 | Forschungsprojekt, KOF Bulletin
Seit der Veröffentlichung des Buchs «Das Kapital» von T. Piketty drängen Fragen zur Ungleichheit an die Spitze der Liste derjenigen ökonomischen Probleme, die angegangen werden müssen. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Frage nach der Beziehung zwischen der Entwicklung des Finanzsektors und der Ungleichheit der Einkommen. In einem neuen Aufsatz legen Jakob de Haan und Jan-Egbert Sturm dar, dass die Finanzentwicklung die ungleiche Einkommensverteilung vergrössern kann.
Wie hängen Finanzentwicklung[1] und Einkommensungleichheit zusammen? Diese Frage ist schwieriger zu beantworten, als es auf den ersten Blick scheint. Die aktuelle Wirtschaftstheorie liefert Argumente sowohl unter positiven als auch negativen Aspekten und auch die empirische Literatur bringt sehr heterogene Ergebnisse hervor. Zum einen erleichtert die Zunahme der finanziellen Mittel eine Kreditaufnahme durch die Armen für sinnvolle Investitionen, was die Einkommensungleichheit verringern kann (Galor und Moav, 2004). Finanzmarktmängel, wie Informations- und Transaktionskosten, können für die Armen, die weder Sicherheits- noch Kredithistorien haben, besonders belastend sein, so dass die Lockerung dieser Kreditrestriktionen den Armen entgegenkommen könnte (Beck et al., 2007). Andererseits könnten Verbesserungen im offiziellen Finanzsektor möglicherweise die Wohlhabenden begünstigen, die in geringerem Masse für die Aufnahme von Kapital auf inoffizielle Beziehungen angewiesen sind (Greenwood und Jovanovic, 1990). Welche Seite hat nun die stärkeren Argumente?
Die Theorie der negativen Auswirkungen erfährt jetzt eine Unterstützung durch das KOF Working Paper «Finance and income inequality: A review and new evidence» (Wirtschafts- und Einkommensungleichheit: Untersuchung und neue Erkenntnisse) von Jakob de Haan und Jan-Egbert Sturm. De Haan und Sturm zeigen, dass eine ausgeprägtere Finanzentwicklung, eine Finanzmarktderegulierung und das Auftreten einer Bankenkrise zusammen die ungleiche Einkommensverteilung eines Landes verschärfen. Die gleichzeitige Einbeziehung von drei Variablen unterscheidet den Denkansatz von de Haan und Sturm von anderen Untersuchungen, die maximal zwei dieser Variablen beinhalten. Die Autoren untersuchen ausserdem, wie weit die Auswirkungen der Deregulierung des Finanzmarkts den Grad der Finanzentwicklung und die Qualität der Institutionen bedingen.
Für ihre Analyse wendeten sie ein Paneldatenmodell mit fixen Effekten (Panel Fixed Effects Model) auf Stichproben aus 121 Ländern über die Jahre 1975 bis 2005 an. Danach untersuchten sie, wie Finanzentwicklung, Finanzmarktderegulierung und Bankenkrise mit der Einkommensungleichheit verknüpft sind. Als ihre bevorzugte abhängige Variable wählten sie die 5-Jahres-Mittelwerte der Gini-Koeffizienten basierend auf Haushaltsbruttoeinkommen. Der Gini-Koeffizient wird aus der Lorenz-Kurve abgeleitet und nimmt einen Wert zwischen 0 (maximale Gleichheit) und 100 (maximale Ungleichheit) an. Aus drei Gründen verwendeten sie sich nicht überlappende 5-Jahres-Mittelwerte: Zum einen sind jährlich erhobene makroökonomische Daten ungenau und können stark rauschen – und dies gilt insbesondere für Daten zur Einkommensungleichheit. Daten zur Einkommensungleichheit auf Jahresbasis werden hauptsächlich für Jahre berechnet, für die keine Daten in den zugrunde liegenden Datenbanken vorliegen (in weiten Teilen Afrikas, Lateinamerikas und Asiens gibt es nur unregelmässige Datenerhebungen zur Ungleichheit). Zum anderen stehen einige der verwendeten erklärenden Variablen nur in 5-Jahres-Intervallen zur Verfügung. Und drittens waren sie nicht unbedingt an kurzzeitig bedingten Effekten (z. B. Konjunkturzyklus) interessiert.
Auf eine systemische Bankenkrise im vorhergehenden 5-Jahres-Zeitraum folgt in den meisten Fällen eine wesentliche Zunahme der Einkommensungleichheit. Entgegen der Prognose von Bumann und Lensink (2016) legen ihre Ergebnisse nahe, dass insbesondere bei einem hohen Grad der Entwicklung im Finanzsektor eine Finanzmarktderegulierung die Einkommensungleichheit erhöht, während besser kontrollierte politische Institutionen hingegen Einkommensungleichheit insgesamt reduzieren. Der positive Effekt einer Finanzmarktderegulierung auf die Einkommensungleichheit ist in Ländern mit – gemessen am Grad der demokratischen Kontrolle – politischen Institutionen von grosser Qualität tatsächlich höher. Die Qualität der Institutionen bedingt nicht die Auswirkung der Finanzentwicklung auf die Einkommensungleichheit und dies steht im Gegensatz zu der Prognose von Rajan und Zingales (2003), dass bei Institutionen von hoher Qualität die Finanzentwicklung die ungleiche Verteilung verringern kann.
[1] Als Finanzentwicklung wird hier das Verhältnis von Privatkrediten zum BIP gemessen. Die Definition konzentriert sich somit darauf, wie weit der Finanzsektor entwickelt ist.
KOF Working Paper
Das zugrunde liegende KOF Working Paper«Finance and income inequality: A review and new evidence» von Jakob de Haan und Jan-Egbert Sturm können Sie unter http://e-collection.library.ethz.ch/view/eth:49651 herunterladen.
Quellen
Bumann, S., Lensink, R., 2016. Capital account liberalization and income inequality. Journal of International Money and Finance 61, 143‐162.
Galor, O., Moav, O., 2004. From physical to human capital accumulation: inequality and the process of development. Review of Economic Studies 71, 1001–1026.
Greenwood, J., Jovanovic, B., 1990. Financial development, growth, and the distribution of income. Journal of Political Economy 98, 1076–1107.
Rajan, R.G., Zingales, L., 2003. The great reversals: the politics of financial development in the twentieth century. Journal of Financial Economics 69, 5–50.