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Die Existenzphilosophie Karl Jaspers (1883-1969) postuliert, dass man sich „ethisch“ verwirklichen soll. Es geht hierbei darum, dass ethische Forderungen aus unserem eigenen Gewissen spontan entstehen können. Demgemäss sind wir zum Beispiel fähig, darüber nachdenken, wie wir uns in Anwesenheit von Personen, die unter Problemen leiden, verhalten sollen. Solche ethischen Forderungen gelten auch als eine der für uns zu verwirklichenden Möglichkeiten des Menschen. (Vgl. Jaspers: Existenzerhellung, S. 268 ff.) Die Würde des Menschen lässt sich erst damit aufrechterhalten.
Wenn man diese Forderungen ignoriert und nur das eigene Fortkommen im Auge hat, muss man ein „unangenehmer Kerl“ sein, auch wenn man zum Beispiel in Konzerten technisch brilliert, mehrere akademische Grade aufweist oder Vorgesetzter einer Firma ist. Man kann eine solche Person respektieren aber ihr wahrscheinlich nicht tief zugeneigt sein. Ihre Fähigkeiten erscheinen uns zwar bewundernswert, jedoch können wir den Eindruck erlangen, dass ihr etwas Menschliches abhanden geht. Denn die Person hat bisher nur versucht, einen Teil der eigenen Möglichkeiten zu entwickeln.
In Bezug auf dieses Thema lohnt es sich, die folgende Fragestellung aus Hermann Hesses Roman (1919) heranzuziehen: Der Organist Pistorius bringt als eine Art Wegweiser dem Protagonisten Emil Sinclair bei, man dürfe nichts für verboten halten, was die Seele sich wünscht. Sinclair widerspricht dem: Man könne aber doch nicht alles tun, was einem einfällt. So dürfe man zum Beispiel nicht einfach einen Menschen umbringen, weil er einem zuwider sei. Pistorius erwidert jedoch, unter Umständen dürfe man selbst das. (Vgl. Hesse: Demian, S. 322)
Diese Textstelle schildert ebendieses Dilemma der Übereinstimmung zwischen dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und dem Gehorsam gegenüber jenen Forderungen des eigenen Gewissens. Das bedeutet: Man muss entweder auf die Selbstverwirklichung oder auf die ethische Forderungen verzichten, wenn man einer der beiden Seiten genügen will. Pistorius ist der Meinung es lohne sich, sich zu verwirklichen, selbst wenn man so übrige Moralgesetze brechen kann. Daher erklärt er Sinclair, man müsse durchaus nach Selbstverwirklichung streben. Im Gegensatz dazu bezweifelt Sinclair, ob es die Selbstverwirklichung überhaupt wert ist, Moralgesetze zu brechen. Er erfasst intuitiv, dass man ethische Forderungen aus dem eigenen Gewissen nicht ignorieren darf.
Jaspers philosophischer Perspektive gemäss haben wir Pistorius' Lehre zu verwerfen. Jaspers geht davon aus, dass unsere Handlungen mit den Forderungen unseres eigenen Gewissen übereinstimmen sollen. (Vgl. Existenzerhellung, S. 354 f.) Pistorius' Lehre kann uns nur dazu führen, ausschliesslich einen Teil unserer Möglichkeiten zu verwirklichen, weil sie an echter menschlicher Selbstverwirklichung vorbeizielt. Ich möchte Sinclair recht geben: Wir schätzen unsere eigenen ethischen Forderungen hoch und wünschen uns, dass unsere Handlungen ihnen entsprechen. Handlungen und Forderungen stimmen aber erfahrungsgemäss nicht immer überein. Jedoch scheuen wir die Anstrengung nicht, das Dilemma Stück für Stück zu beheben, sodass wir zu echter menschlicher Verwirklichung kommen können.
Die Selbstverwirklichung ist zwar für uns relevant, aber sie gilt jedoch nicht allein der Entwicklung der eigenen Fähigkeiten sowie des Erwerbs von Leistung bzw. Ehre, also etwas im eigenen Interesse. Die ethischen Möglichkeiten sind für uns auch wesentlich, ansonsten bleibt unsere Selbstverwirklichung nur einseitig. Man kann dann in jenes Dilemma geraten, jedoch ist diese Erfahrung insofern relevant, als wir uns danach anstrengen, die Art und Weise der Selbstverwirklichungen mit den ethischen Forderungen abzugleichen. Erst innerhalb dieses Prozesses können wir uns menschlich vollständig verwirklichen. Allerdings ist es eine weitere Aufgabe für uns herauszufinden, welche Handlungen eigentlich „ethisch“ sind.
Darf man für seine Selbstverwirklichung zum Egoist werden? – Nein. Der Mensch kann das Lebewesen sein, das sich verwirklicht, während er in seinen vielfältigen Möglichkeiten das Dilemma erfährt und nach dessen Überwindung strebt.
Quellen:
Jaspers, Karl: Existenzerhellung (1932), in: seiner 3 bändigen Philosophie, 3. Aufl., Berlin / Göttingen / Heidelberg 1956
Hesse, Hermann: Demian (1919), in: Ders. Sämtlichen Werken Bd. 3, hg. V. Michels, Frankfurt am Main 2001