Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03583.jsonl.gz/2617

Brillenschlange
(Schildviper, Naja Laur.), Reptiliengattung aus der Ordnung der Schlangen, [* 2] der Unterordnung der Giftnattern und der Familie der Prunknattern (Elapidae), Schlangen mit in der Mitte etwas verdicktem Körper, kleinem, länglich-eiförmigem, ziemlich flachem, von dem einer bedeutenden Verbreiterung fähigen Hals wenig abgesetztem Kopf, lang kegelförmigem, zugespitztem Schwanz, großen, regelmäßigen Schildern auf dem Kopf, kleinen Schuppen am Hals, rautenförmigen Schuppen auf der Oberseite des Körpers und großen Schildern auf der Unterseite.
Sie vermögen die vordern Rippen seitlich zu richten und dadurch den entsprechenden Körperteil scheibenförmig so stark aufzublähen, daß er den Kopf an Breite [* 3] bedeutend übertrifft. Alle hierher gehörigen Schlangen haben einen weit gespaltenen Rachen, vorn im Oberkiefer mit zwei starken Giftzähnen, welche nur der Länge nach gefurcht, nicht eigentlich durchbohrt sind, und hinter denen derbe Hakenzähne stehen. Die gemeine oder Hutschlange (Naja tripudians Merr., s. Tafel »Schlangen I«), [* 4]
bis 1,8 m lang, bräunlichgelb, unten schmutzig weiß, auf dem hellgelben, dunkler getüpfelten
Hals mit einer brillenartigen
Zeichnung, welche bisweilen fehlt. Die
Brillenschlange ist über ganz Südasien und alle
benachbarten
Inseln, mit Ausnahme von
Celebes, den
Molukken,
Timor und
Neuguinea, verbreitet und lebt gern in den verlassenen
Nesthügeln der
Termiten,
[* 5] in altem Gemäuer,
Stein- und Holzhaufen und in Abzugsgräben in der
Nähe menschlicher
Wohnungen.
Sie flieht vor dem
Menschen und greift nur an, wenn sie
¶
mehr
gereizt wird. Alsdann richtet sie sich empor und bläht den Hals auf, welcher nun einem Schild [* 7] oder Hut [* 8] ähnlich wird (daher Cobra di capello). Sie nährt sich vorzugsweise von Kriechtieren und Lurchen, jagt aber auch Mäuse, Ratten und junge Hühner [* 9] und plündert Vogelnester. Sie schwimmt und klettert gut und ist besonders in der Abenddämmerung thätig. Es scheint, als wenn die Geschlechter eng zusammenhielten. Das Weibchen legt bis 18 weiße Eier [* 10] von der Größe der Taubeneier.
Die
Brillenschlange beißt nur, wenn sie gereizt wird; ihr Biß ist höchst gefährlich und tötet kleinere Tiere in wenigen Minuten, Menschen
oft erst nach einigen Stunden. Das Gift wirkt am heftigsten, wenn es direkt ins Blut gebracht wird, aber
auch von Schleimhäuten und vom Magen
[* 11] aus. Die Furcht vor der
Brillenschlange ist in einigen Gegenden so groß, daß man Nahrungsmittel
[* 12] an
ihren Aufenthaltsort trägt, um sie von den Wohnungen entfernt zu halten. Die Hindu bringen ihr Opfer, ja
sie erweisen ihr in den Tempeln göttliche Ehre.
Gaukler und Brahmanen hingegen richten sie zu allerlei Kunststücken ab und gewöhnen sie, unter Gesang zu tanzen. Bisweilen werden ihr zu diesem Zweck vorher die Giftzähne ausgebrochen, meist beruht aber die Sicherheit der Gaukler auf einer genauen Kenntnis der Gewohnheiten der Schlange. Gegen den Biß gebrauchen die Eingebornen ein Geheimmittel der Brahmanen, den »Schlangenstein«, ein Kunstprodukt, welches sich fest an die Wunde ansaugt und wie ein Schröpfkopf wirkt. Er besteht im wesentlichen aus gebrannten Knochen. [* 13]
Auch die Aristolochia indica wird als Gegengift gerühmt, doch scheinen die meisten gebissenen Menschen
dem Gift zu erliegen. In den Jahren 1860-68 konstatierte die Behörde in Bengalen 9232 durch Giftschlangen herbeigeführte Todesfälle,
wobei namentlich die in Betracht kommt. In neuerer Zeit behandelt man mit großem Erfolg die Wunden mit Ammoniak und gibt innerlich
sehr große Dosen Alkohol. Die ägyptische
Brillenschlange (Uräusschlange, Ara, Kleopatraschlange, Haie, Speischlange, N.
Haie Merr.), über 2 m lang, auf der Oberseite strohgelb mit breiten, dunkeln Querbändern in der Halsgegend, auf der Unterseite
lichtgelb, variiert aber sehr in der Farbe.
Sie findet sich in ganz Afrika, [* 14] lebt in Höhlungen, unter Gestein und Trümmern, im Wald, in der Steppe und in der Wüste. Für gewöhnlich flieht sie vor dem Menschen, stellt sich aber zur Wehr, sobald man ihr gegenübertritt. Sie nährt sich von Mäusen, Vögeln und deren Brut und von Reptilien, schwimmt und klettert sehr gut, bläht beim Angriff ebenfalls den Hals auf und speit auf Entfernung von 1 m gegen den Angreifer, dabei immer nach den Augen zielend. Der giftige Speichel wirkt ätzend.
Die ägyptischen Gaukler wissen dieses gefährliche Reptil zu zähmen und zu Kunststücken zu dressieren. Durch einen Druck mit der Hand [* 15] auf den Nacken und Kopf der Schlange versetzen sie dieselbe in eine Art von Starrkrampf, daß sie sie wie einen Stock hin- und herschwingen können, wie wahrscheinlich die Zauberer schon zu Pharaos Zeiten thaten. Die alten Ägypter ehrten diese Schlangen als die Beschützer ihrer Felder und bildeten sie häufig ab an beiden Seiten einer Erdkugel.
Sie hieß bei ihnen Ara, bei den Griechen und Römern Aspis. Der Held Ra, die Mittagssonne, trägt die Uräusschlange an seinem Diadem, und ebenso fehlt sie wegen ihrer schnellen Macht über Leben und Tod an keinem Diadem der Pharaonen. Oft dienten sie zum Hinrichten von Verbrechern und herkömmlich zum Selbstmord, da die nächste Wirkung des schnell tötenden Bisses eine schmerzlose Betäubung sein sollte und der Glaube allgemein war, daß kein andres Mittel den Menschen leichter vom Leben befreien könne. Auch Kleopatra soll diese Schlange benutzt haben.