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Der Handel mit Wertschriften und die Eigentumsübertragung durch die Banken finden heute elektronisch statt. Wertpapiere werden immer seltener gedruckt, und der Aktionär, welcher «seine Aktien» selbst in den Händen halten will, ist am Aussterben. Wertpapiere werden heute zentral verwahrt, eine Aufgabe, welche in der Schweiz die in Olten domizilierte SIS Swiss Financial Services Group AG wahrnimmt. Bei ihr liegen jedoch immer weniger physische Aktien und Anleihentitel. Oft wird nur ein einziges Zertifikat, das den Gesamtwert einer ganzen Emission repräsentiert, in den Zentraltresor in Olten eingeliefert. Für die infolge dieser Entwicklung frei gewordenen Räumlichkeiten wurde eine neue Bestimmung gesucht, die mit dem Erwerb der wirtschafts- und finanzhistorisch weltweit bedeutendsten Sammlung historischer Wertpapiere von Jakob Schmitz aus Düsseldorf auch gefunden wurde.
Das neue Wertpapiermuseum will die Geschichte des Wertpapiers und dessen Bedeutung für die Wirtschaftsgeschichte darstellen. 7000 historische Wertpapiere bilden den Grundbestand des Museums, dessen Eröffnungsausstellung unter dem Titel «Wertpapierwelt» 80 Exponate aus 63 Ländern zeigt. Nach Kontinenten gegliedert, wird dem Betrachter anhand von Dokumenten die 400-jährige Geschichte der Kapitalgesellschaft vor Augen geführt. Die Aktien der Handelsgesellschaften, allen voran die 1602 gegründete «Vereenigte Oostindische Compagnie» in Amsterdam, zeugen von der wirtschaftlichen Dominanz der «alten Welt», die mit den Schätzen der Kolonien den Grundstock für ihren Wohlstand legte, während die Aktien der «neuen Welt» den Erfindergeist eines Thomas Alva Edison und Henry Ford dokumentieren, der die industrielle Revolution ermöglicht hat. Jedes einzelne Wertpapier lässt sich in vielerlei Hinsicht beschreiben und deuten: Gestalterisch reicht das Spektrum von der calvinistisch-nüchternen Aktie der Niederländer über das vornehm-zurückhaltend gestaltete Papier für das in Spanien produzierte Hispano-Suiza-Automobil bis zur aufwendigsten Farbenpracht. Eine dekorative Aktie – zu vergleichen mit einer Weinetikette – sollte den unbedarften Anleger zum Kauf verführen. Die um 1900 ausgegebenen französischen Aktien sind in dieser Hinsicht unübertroffen. Künstlerisch am anspruchsvollsten ist jedoch die Aktie der 1884 gegründeten «Fabrica de Faianças», die der portugiesische Jugendstilmaler Raphael Bordalo-Pinheiro als Lithographie in einem aufwendigen 11-Farbendruck gestaltete.
Die Aktie als Symbol des Fortschritts war nicht nur ein Vehikel für Erfinder und Industriekapitäne. Auch die Unterschriften eines Dichters wie Johann Wolfgang von Goethe, in seiner Eigenschaft als Bergbauminister des Fürstentums Sachsen-Weimar, und eines Künstlers wie Charles Chaplin finden sich auf den Papieren und verleihen ihnen Wert. Von den zehn noch vorhandenen und von Charles Chaplin persönlich unterzeichneten Aktien der «Chaplin Studios», die 1918 ausgegeben wurden, darf das Wertpapiermuseum die Nummer 1 sein eigen nennen.
In seinem Roman «L’Argent» sagt Emile Zola: «Ohne die Aktiengesellschaft hätten wir weder die Eisenbahnen noch irgendeine andere jener grossartigen Unternehmungen der Neuzeit, welche die Welt umgestaltet haben; denn kein Einzelvermögen hätte genügt, um diese zu gutem Ende zu führen, ebenso wenig wie ein einzelner oder sogar eine Gruppe von einzelnen das Risiko auf sich zu nehmen eingewilligt hätte.» In der Schweiz wurden die ersten Aktiengesellschaften relativ spät gegründet. Letztlich verdankt sie aber diesen Konstrukten ihren wirtschaftlichen Aufschwung und ihre Bedeutung als Finanzplatz. Es erstaunt somit nicht, dass der Sammler Jakob Schmitz, der die Exponate in Verlauf von 21 Jahren zusammengetragen hat, über das neue Museum sehr glücklich ist. Als alternativer Standort wäre für ihn «lediglich» Wallstreet in Frage gekommen.
Das Museum befindet sich in Olten an der Baslerstrasse 90 und ist am Dienstag und Mittwoch jeweils von 9.30 Uhr bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Informationen finden sich unter www.wertpapierwelt.ch.