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Markus Tschabold genoss als Präsident des Grossen Stadtrats die Repräsentationspflichten.
Er war ein Jahr lang oberster Stadtluzerner
Den 4. September 1997 wird der heute 82-jährige reformierte Pfarrer Markus Tschabold nie mehr vergessen: An diesem Tag wählte ihn das Stadtparlament zu seinem Präsidenten. Der SP-Politiker war ein Jahr lang der oberste Stadtluzerner und genoss die vielen Repräsentationsaufgaben.
Von Albert Schwarzenbach (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)
Markus Tschabold wuchs in Bern auf, studierte Theologie in der Bundessstadt, Bonn und Basel und avancierte dann zum Pfarrer in Nidau nahe von Biel. Er habe damals viele gesellschaftliche Konflikte ausgetragen und sei als links bezeichnet worden, erinnert er sich. Fichen und später drei Seiten aus einem Bericht der Bundesanwaltschaft sind Zeugen aus einer Zeit, als die Uhrenindustrie in die Krise geriet und die Dienstverweigerer für Schlagzeilen sorgten.
Das Herz des Stadtberners aus bescheidenen Verhältnissen schlug links. Soziale Anliegen waren ihm wichtig. 1977 wechselte er nach Thun und drei Jahre später nach Luzern. Er nahm vorübergehend Abschied vom Pfarrerberuf und unterrichtete am kantonalen Seminar und der Kantonsschule Reussbühl.
Auf dem zweiten Ersatzplatz
Als Pfarrer wollte er es damals nicht allen recht machen, aber für alle da sein. Dem aber stand eine Parteimitgliedschaft im Wege. In Luzern, als Religionslehrer, war er freier und konnte einer Partei beitreten. 1983 tat er diesen Schritt, ein Jahr später wagte er schon die Kandidatur für das Stadtparlament für die sozialdemokratische Partei. «Ich gab mir als zugewanderten Berner keine Chance», blickt er zurück. Doch es kam anders: Er landete auf dem zweiten Ersatzplatz.
Was ihm ermöglichte, während der Legislaturperiode für einen austretenden Parteigenossen nachzurutschen. Mit dem Präsidium der Geschäftsführungskommission bekam er ein wichtiges Amt. Dies war die Basis dafür, um von der Partei 1996 als Vizepräsident und 1997 als Präsident des Stadtparlaments vorgeschlagen zu werden. Möglich wäre auch eine Frau gewesen, doch eine Mehrheit in der Fraktion entschied sich für den Mann.
Umstrittene Wahlen
Heute sorgen die Wahlen ins Präsidium des Stadtparlaments kaum mehr für Diskussionsstoff. Damals, vor 25 Jahren, war das anders. Der inzwischen verstorbene liberale Bruno Glur, der Vorgänger von Markus Tschabold, war höchst umstritten. Ein Jahr später mussten sogar die Sozialdemokraten zugeben, dass er seine Sache gut gemacht hatte. Und die Wahl des Vizepräsidenten geriet 1997 zu einer Zitterpartei. Adrian Schmid von den Grünen kandidierte. Die Liberalen und die CVP waren verärgert, dass sich seine Partei aus der Sonderkommission für den Finanzhaushalt zurückgezogen hatte und verweigerten ihm die Unterstützung. Mit 18 Stimmen bei einem absoluten Mehr von 17 Stimmen schaffte es Adrian Schmid ganz knapp. Ein Jahr später durfte auch er Lorbeeren für seine gute Ratsführung einheimsen.
Hilfe vom Stadtschreiber
Markus Tschabold blickt gerne auf seine Zeit als höchster Stadtluzerner zurück. Er kam während dieses Jahres mit vielen Menschen zusammen, die er sonst nie kennengelernt hätte. Noch heute erinnert er sich an die erste Gwand-Modeschau mit Susanna Vock und die Weltmeisterschaft der deutschen Schäferhunde auf der Allmend. Für den Ratsbetrieb habe er auf Stadtschreiber Toni Göpfert zählen können, der ihm manchen juristischen Hinweis gegeben habe.
Heute ist das alles Vergangenheit. Der Pfarrer verfolgt das politische Geschehen der Stadt aus den Medien. Zeitweise hat er das Gefühl, die Diskussionen seien hitziger geworden, man ziele auf den Menschen statt der Sache zu dienen. Und auch die Linken nützten die Macht, die sie inzwischen erworben haben, allzu sehr aus.
Aber wie auch immer: Er hat ein gutes Gefühl, wenn er an die Politik denkt. Geht er am KKL vorbei, so erinnert er sich an das Highlight seines Präsidentenjahres: die Einweihung des Konzertsaals. Und er weiss: «Mein Engagement für die Stadt Luzern hat sich gelohnt.»
24. November 2021 – <email-pii>
Lange Liste der Altratspräsidien
Auf der Webseite der Stadt findet sich die Liste der Altratspräsidien des Grossen Stadtrats. Sie reicht bis ins Jahr 1899 zurück, als Franz Bucher gewählt wurde. Für die Amtszeit 1954/55 wird auf dieser Liste mit Josef Isenschmid (CVP) erstmals ein Politiker mit seiner Parteibezeichnung genannt, seit 1975/76 geschieht dies regelmässig. In der aktuellen Periode 2021/2022 ist Sonja Döbeli von der freisinnigen Partei Ratspräsidentin. Die ehemaligen Präsidentinnen und Präsidenten treffen sich einmal im Jahr. Organisiert wird dieser Anlass traditionsgemäss von der Person, die das Amt zuletzt innehatte – im nächsten Jahr wird das Lisa Zanolla (SVP) sein.