Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03116.jsonl.gz/880

Statt dem üblichen Argument zu folgen, dass Freiwilligenarbeit den sozialen Kitt in der Gesellschaft darstelle und fördere, stellt der Forscher vom Institut für Nonprofit Management der Wirtschaftsuniversität Wien die unbequeme Frage, ob und wie sich gesellschaftliche Ungleichheiten in der Freiwilligenarbeit und speziell in Ehrenämtern von Vereinsvorständen widerspiegeln oder gar verstärken. Rameder bezweifelt die Funktion von Freiwilligenarbeit als Heilsbringer für die Integration sozial schwacher Bevölkerungsgruppen. Er macht[nbsp]seine These an den niedrigen Beteiligungsquoten von Menschen fest, die ein niedriges Bildungsniveau, niedrigen Verdienst, einen Migrationshintergrund haben oder als Single leben. Rameder belegt auf Grund einer breit angelegten Befragung, dass es vor allem die Erwerbsarbeit sei, welche der gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Integration diene. Freiwilligenarbeit sei demnach eher Ausdruck und Nachweis bereits erfolgter und gelungener Integration als Mittel zur Integration. Rameder betont, dass es für unverheiratete, erwerbstätige Frauen der untersten Bildungsschicht auf Grund sozialer Schliessungstendenzen besonders schwierig sei, Zugang zu formeller Freiwilligenarbeit zu finden. Diese Personengruppen sollte man den Zugang zu den benötigten Kapitalien erleichtern, statt sich den Kopf zu zerbrechen über die Förderung ihrer Integrationswilligkeit und ihrer Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit. Interessant sind auch die Resultate bezüglich ehrenamtlichen Leitungsfunktionen in Vereinen. Bei Freiwilligenorganisationen im Bereich Gesundheit und Soziales werden Vorsitzende primär auf Grund des kulturellen Kapitals selektiert. Im Feld der Kirche und Religion spielen neben dem Bildungsgrad auch der Familienstatus (verheiratet) und das Wohnrechtsverhältnis (Wohneigentum) eine zentrale Rolle. Das Feld des Sports weist einen niedrigen Frauenanteil auf (31 %), der in Führungspositionen noch weiter sinkt (17 %). Charakteristisch für das männerdominierte Feld des Sports ist die Illusion der Chancengleichheit, mit der Rameder in Anlehnung an Pierre Bourdieu folgendes meint: Unter dem Deckmantel der Chancengleichheit und der Leistungsgerechtigkeit, die durch den Wettkampf abgesichert und objektiviert wird, haben ungleichheitsgenerierende Prozesse freie Hand und sind nur durch eine bewusst gestaltete Regeländerung veränderbar. Interessant wäre eine weitergehende Analyse der informellen Freiwilligenarbeit ausserhalb von Vereinen und gewählten Ämtern, also in der Nachbarschaftshilfe und bei niederschwelligen Hilfsdiensten im nahen Umfeld. Vermutlich widerspiegeln und verstärken sich dort die gesellschaftlichen Ungleichheiten des ersten Arbeitsmarktes weniger stark als in den strukturierten Vereinen.
Paul Rameder
Die Reproduktion sozialer Ungleichheiten in der Freiwilligenarbeit[nbsp]
Peter Lang Verlag, Bern 2015, 263 Seiten