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In der Textilbranche gibt es viele Zertifizierungsmöglichkeiten für faire Produktionsabläufe. Doch alle sind noch weit entfernt davon, die Grundforderung nach mehr Sicherheit oder einem existenzsichernden Lohn zu erfüllen.
Gleich zweimal hat es in den letzten Tagen in Bangladeschs Kleiderfabriken gebrannt: Am Samstagabend war in der Konfektionsfirma des Unternehmens Tazreen Fashions ausserhalb der Hauptstadt Dakka – das auch für die Firma C&A produziert – ein Feuer ausgebrochen, bei dem 123 ArbeiterInnen starben und über 150 Menschen teils schwer verletzt wurden. Ein zweiter Brand am Montagmorgen in einer weiteren Firma verlief relativ glimpflich.
Nicht das erste Mal sterben Menschen bei Bränden in den Nähfabriken der Billiglohnländer, in denen unter prekären Bedingungen und zunehmendem Zeitdruck Massenware hergestellt wird, damit westliche Modemarken immer schneller ihr Sortiment wechseln können. Bis zu vierzehn Kollektionen im Jahr zu immer niedrigeren Preisen sollen die KonsumentInnen konstant zum Kauf animieren: «Fast Fashion» nennt sich die Wegwerfmode der zahlreichen Textilunternehmen und Kleiderketten.
Tatsächlich wirft jeder und jede BürgerIn in westlichen Gesellschaften jährlich im Durchschnitt zwölf Kilogramm Textilien weg.
Nichts als Ausreden
Beinahe alle existierenden Modemarken werden seit Jahren kritisiert, weil sie ihre Produkte nicht unter fairen, also sozial und ökologisch akzeptablen Bedingungen herstellen lassen. Einer der jüngsten Skandale betrifft den deutschen Discounter Takko, der laut dem Magazin «Der Spiegel» seine Kleider unter anderem durch Zwangsarbeit chinesischer Gefängnisinsassen herstellen lässt.
Nichtstaatliche Organisationen (NGOs) wie die Clean Clothes Campaign (die Kampagne für gerecht produzierte Kleidung, CCC) versuchen, auf die Textilunternehmen Druck auszuüben, damit diese sich für bessere Standards in der Produktion einsetzen und internationalen Verifizierungsorganisationen wie der Fair Wear Foundation (FWF) beitreten. Die FWF sowie die CCC und andere NGOs orientieren sich an einem Kodex, in dem Minimalforderungen definiert sind. So wird darin festgehalten, dass Unternehmen keine Zwangsarbeit und Kinderarbeit dulden, dass die ArbeiterInnen sich organisieren und kollektiv verhandeln dürfen sowie existenzsichernde Löhne erhalten.
Dieser letzte Punkt sei besonders wichtig, sagt Julia Spetzler von der schweizerischen CCC. Denn der gesetzlich festgesetzte Mindestlohn reicht in den Produktionsländern bei weitem nicht für eine Existenz.
Das Argument vieler Unternehmen, dass es dafür keine Berechnungsgrundlage gäbe, ist laut Spetzler eine Ausrede. Seit 2009 existiert die Kampagne Asia Floor Wage, in der NGOs, Gewerkschaften und WissenschaftlerInnen ein der jeweiligen lokalen Währung angepasstes Berechnungsmodell für einen Existenzlohn für alle asiatischen ArbeiterInnen der Bekleidungsindustrie definiert haben.
Höherer Preis
Die FWF habe laut Spetzler gegenwärtig den umfassendsten Ansatz unter den vielen Prüfungsstellen und Initiativen. «Hier gibt es die höchsten Standards, deren Umsetzung unabhängig verifiziert wird.» Dennoch bezahle bisher kein FWF-Mitglied einen Existenzlohn.
Immer wieder versucht die CCC deshalb, auch die KonsumentInnen zu sensibilisieren und über die Textilfirmen zu informieren, etwa bei der «10 Rappen»-Kampagne von 2010: Damals rechnete die CCC vor, dass schon mit zehn Rappen mehr Lohn pro T-Shirt eine Näherin angemessen leben könnte.
Grundsätzlich machen die Löhne der Näherinnen nur einen minimalen Anteil am Endpreis aus, sagt Mark Starmanns vom Netzwerk Faire Mode (vgl. «Fair muss es überall sein»). Deshalb müsste man an verschiedenen Stellen der Wertschöpfungskette einen höheren Lohn bezahlen. Und wenn ökologische Standards berücksichtig werden, wirkt sich das durchaus auf den Preis aus.