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«Wenn du echte Sorgen hättest, könntest du dich nicht mehr an kleinen Dingen freuen.» Dieser Gedanke geht mir manchmal durch den Kopf, wenn ich auf dem Nachhauseweg einer Katze begegne, darüber staune, was diese Woche in meiner Gemüsekiste geliefert wird, oder im Secondhand-Buchladen ein spezielles Buch entdecke.
Darf ich mich überhaupt noch freuen, während rundherum die Welt brennt, Menschen in Iran gefoltert werden, in Äthiopien brutal getötet, in der Schweiz wie Ware verkauft und gekauft werden?
Kürzlich las ich das Tagebuch von Etty Hillesum. Sie war eine Jüdin, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Amsterdam lebte. 1943 wurde sie in ein Arbeitslager gebracht und schliesslich nach Auschwitz, wo sie getötet wurde. Bis wenige Wochen vor ihrem Tod schrieb sie Tagebuch. Darin dokumentierte sie sowohl die immer stärkere Diskriminierung, die konkreten Probleme und die Gefühle, die dadurch bei Jüdinnen und Juden entstanden, sie schrieb über Not und Verzweiflung. Aber immer wieder schrieb sie auch über das Positive, und darüber, dass sie das Leben nach wie vor als schön und lebenswert empfand. Über Blumen, die sie kaufte, und Freund:innen, die sie traf. In ihrem Herz sei Platz für viele verschiedene Dinge, schrieb sie.
Dass jemand, die ein solch grausames Schicksal erlitt, so lange an den positiven Dingen und an ihrem Glauben festhalten konnte, gibt mir Mut. Und es zeigt mir, dass ich mir sowohl bewusst sein kann, was auf der Welt schreckliches passiert, als auch mich an kleinen Dingen freuen darf.