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Im ersten Teil dieses Artikels ging es um die fundamentale Kritik an Schätzungen des «Institute of Health Metrics and Evaluation» (IHME) bezüglich Covid-19. Wissenschaftler warfen dem IHME vor, unplausible Daten geliefert zu haben. Der zweite Teil beleuchtete den «kometenhaften Aufstieg» dieses Instituts, das sich rühmt, Regierungen und wichtige Unternehmen mit Analysen zu versorgen, und das sich von privaten Geldgebern sponsern lässt. Der folgende dritte Teil zeigt, wie ungleich die Macht verteilt ist zwischen Kritikern dieses von der Gates-Stiftung geförderten Instituts und den Verfechtern von globalen Gesundheitsmessungen.
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Die riesigen Datenmengen, die das «Institute of Health Metrics and Evaluation» (IHME) an der Universität Washington auswertet, machen es universitären Forschungsgruppen und Gutachtern, die schlechter ausgestattet sind, schwierig, die IHME-Daten zu überprüfen.
Seit 2010 werden die «Global Burden of Diseases, Injuries and Risk factors»-Studien (GBD) von den «Lancet»-Zeitschriften publiziert und gestreut. Die «Lancet»-Gruppe profitiert davon, dass diese Studien oft zitiert werden. Das steigert die Bedeutung und den «impact factor» dieser Zeitschriften. Der «impact factor» von «The Lancet» verdoppelte sich im letzten Jahrzehnt auf nunmehr 170.
5000-seitige Anhänge zur Begutachtung
Da Tausende von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern weltweit mit dem IHME zusammenarbeiten und von diesem Institut Honorare beziehen oder anderweitig profitieren, sei es schwierig, unabhängige und kompetente Gutachter zu finden, welche die «GBD»-Studien vor der Veröffentlichung fachlich beurteilen, gibt die Wissenschaftlerin Manjari Mahajan zu Bedenken. Sie hat sich in einem Artikel in «Global Policy» eingehend mit dem IHME befasst. Selbst Mitglieder des redaktionellen Beirats hätten Mühe gehabt, die komplexen Modellrechnungen zu verstehen. Allein die «GBD»-Studie zum Jahr 2016 machte über 400 Millionen Aussagen zu Krankheiten, Alter, Region, Geschlecht und Jahr.
«Man kann nicht die 5000 Seiten mit Tabellen und Abbildungen […] durchgehen und sagen: ‹Ich habe einen Fehler auf Seite 3556, Zeile 25, bemerkt›», zitierte «The Nation» einen schwedischen Wissenschaftler. Dennoch würde «The Lancet» 5000-seitige Anhänge veröffentlichen, die als «peer-reviewed» gekennzeichnet seien. Die Zeitschrift verschärfe das Problem noch, indem sie manche IHME-Studien im Schnellverfahren publiziere.
«Ein unebenes Spielfeld»
Das Ganze sei ein «unebenes Spielfeld», kritisierte der Politikwissenschaftler Jeremy Shiffman 2020. Kritiker, die dem IHME vorwerfen, mit undurchsichtigen Methoden zu «potenziell irreführenden» Schätzungen zu kommen, hätten jedoch weit weniger Macht als die Verbreiter und Förderer der Gesundheitsmessungen. Zu Letzteren zählt Shiffman die Gates-Stiftung, das IHME und die Medizinzeitschrift «The Lancet» – die seinen kritischen Artikel dennoch veröffentlichte. Richard Horton, Chefredaktor des «Lancet», erhielt 2019 vom IHME einen mit 100’000 Dollar dotierten Preis verliehen.
Ein Beispiel für das, was Shiffman anprangert, ist der ehemalige WHO-Mitarbeiter Colin Mathers. Mathers schilderte seine Sicht der Dinge in einer Zeitschrift mit einem «impact factor» von knapp drei. Das IHME habe von Update zu Update der «GBD»-Studie verschiedene «drastische» methodische Änderungen vorgenommen, kritisierte er. In einer «GBD»-Studie 2016 beispielsweise seien Todesfälle in den USA, die auf rezeptpflichtige Schmerzmittel (Opioide) zurückgingen, ausgeschlossen worden – ohne, dass dies laut Mathers deklariert worden wäre. Im Folgejahr wurden diese Todesfälle dann wieder eingeschlossen.
«Die Arbeit des IHME öffentlich zu kritisieren, könnte die Gates-Stiftung möglicherweise verstimmen.»Anonymer Unicef-Mitarbeiter, «Global Policy», 2019
Mathers publizierte seinen kritischen Bericht erst, als er in Rente war. Auch das passt ins Bild, das Mahajan zeichnet: Kritik an den «GBD»-Studien würden Mitarbeitende der WHO oder der Unicef zwar privat äussern, öffentlich aber kaum. Denn die Gates-Stiftung sei eine potente Förderin sowohl der WHO als auch von UN Women, Unicef, der Weltbank und weiterer.
«Wir erhalten Millionen von Dollar für unsere Polio-Kampagne in Afghanistan und Pakistan von der Gates-Stiftung. Wir können diese Kampagne nicht gefährden. Die Arbeit des IHME öffentlich zu kritisieren, könnte die Gates-Stiftung möglicherweise verstimmen», verriet ihr ein Unicef-Mitarbeiter. Diese Sorge könne zu einer «Kultur der Selbstzensur» innerhalb internationaler Organisationen beitragen, befürchtet Mahajan.
Über acht Milliarden Dollar an Universitäten überwiesen
Da die Gates-Stiftung als Sponsorin von über 20’000 wissenschaftlichen Arbeiten fungiere und in den letzten zwei Dekaden mehr als acht Milliarden Dollar an diverse Universitäten überwies, zögerten manche Wissenschaftler, die Hand, die sie füttere, zu kritisieren, schrieb der Journalist Tim Schwab 2020 in «The Nation».
Laut dem Ex-WHO-Mitarbeiter Colin Mathers weigerte sich die WHO unter früheren Generaldirektoren, sich auf Schätzungen zu verlassen, die sie nicht selbst verantwortete und bei denen sie keinen vollen Zugang zu den Rohdaten und den Berechnungsmethoden hatte.
Der aktuelle WHO-Direktor Tedros Ghebreyesus verkündete jedoch, dass die WHO künftig vermehrt auf Studien des IHME zurückgreifen wolle. In einem «Memorandum of Understanding» hielten er und Christopher Murray, der Leiter des IHME, 2018 zudem fest, dass die WHO und das IHME Daten und analytische Methoden teilen wollen.
Unermüdlich mit der WHO zusammen gearbeitet
Während der Corona-Pandemie habe das IHME unermüdlich mit der WHO gearbeitet, schreibt das IHME auf Anfrage. Der Erstautor der massiv kritisierten Studie des IHME zur Covid-Sterblichkeit (siehe Teil 1 dieses Artikels) arbeitet inzwischen bei der WHO.
Inzwischen seien «wichtige Daten für so viele weitere Länder verfügbar geworden», so das IHME. «Wir freuen uns darauf, der ganzen Welt die neuesten Schätzungen mitzuteilen, wenn sie zusammen mit der GBD-Studie 2021 im Laufe dieses Jahres veröffentlicht werden.»
Bereits jetzt lässt sich eine Prognose stellen: Wie diese Daten durch die «weltgrösste unabhängige Gesundheitsdatenquelle» – so beschreibt sich das IHME selbst – genau erhoben wurden, welche Lücken mit Schätzungen gefüllt wurden und wie plausibel diese Berechnungen im Detail sind – diese wichtigen Angaben werden in den Medienberichten fehlen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.