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Ein Samurai, der seine Frau verlassen hat, um die Tochter eines reichen Herrn zu heiraten, kehrt nach vielen Jahren reumütig zu seiner ersten Gemahlin zurück. Er findet sie auch im morsch gewordenen Haus vor und ist glücklich, als sie seine Bitten um Verzeihung annimmt. Beim Erwachen am Morgen bemerkt er, dass er neben einem Skelett geschlafen hat und jagt aufgeschreckt im verfallenen Haus umher, das über ihm zusammenbricht.
Mit dieser Geschichte «Die Täuschung» beginnt Kobayashis «Kwaidan» in der Urfassung. Ihr folgten die Episoden «Die Schneefrau», «Die Geschichte des Mimi-Nashi-Hoichi» und «In einer Teetasse», alles Verfilmungen von Geschichten mit legenden-, sagen- oder märchenhaftem Charakter, die der gleichfalls «Kwaidan» genannten, berühmten japanischen Sagen- und Legendensammlung in englischer Sprache das Amerikaners Lafcadio Hearn (alias Yakumo Koizumo, nachdem er sich in Japan niedergelassen hatte) angehören.
Sind die Erzählungen «Die Täuschung» und «Die Schneefrau» in ihren philologischen Archetypen und Motiven (Erdenwanderung der Götter – Vampir – bedrohlicher Einbruch der Jenseitswelt) noch überschaubar, zeigt sich die dritte Sequenz «Die Geschichte des Mimi-Nashi-Hoichi» kompliziert: Der blinde Biwaspieler und Sänger Hoichi steht im Dienste eines Tempels, der nahe der Küste steht, vor der in alter Zeit der Stamm der Heike in einer Seeschlacht untergegangen ist. Der Kaiser der Heike war noch ein Wickelkind, mit dem die Mutter in das blutige Meer sprang. Jede Nacht befehlen die Toten Hoichi an ihrem Geisterhof, wo er ihnen ihre Geschichte rhapsodiert. Die Priester versuchen Hoichi vor den Geistern zu schützen, indem sie ein buddhistisches Gebet auf seinen Körper schreiben, das ihn den Toten unsichtbar macht. Dabei vergessen sie allerdings die Ohren auch zu überdecken. Der Abgesandte der Geister reisst Hoichi die Ohren, das ihm einzig Sichtbare, aus, um seinem kindlichen Kaiser seinen Willen zur Pflichterfüllung zu beweisen. Trotz dieser Misshandlung entschliesst sich Hoichi, weiterhin für die Toten Heike zu singen. Martin Schlappner (NZZ) hat in seiner Rezension darauf hingewiesen, dass in dieser Sequenz das Orpheus-Motiv anklingt, die sakrale Herkunft der Kunst und vor allem das christliche Motiv des wehrlosen Kindes als Gottheit.
So wie die Heldenlieder die Monumentalität anstreben, suchte auch Kobayashi Teile seines Filmes, vor allem die «Hoichi»-Sequenz, anzulegen. Technische Mittel hierzu sind einerseits die dynamischen Farben: Blutiges Meer, schwarze Schlachtschiffe, gelbbrennender Himmel während der Seeschlacht; andererseits beschleunigte Vertikalmontage: auf dem Höhepunkt des Wasserkriegs werden hart montierte Sequenzen starrer Legendenmalereien in das Kampfgeschehen eingeschnitten, dann kommt das Gesicht des stillweinenden Moichis ins Bild, der mit den Händen seine beiden Wunden zupresst; als drittes schliesslich die Musik, die ähnlich wie in «Harakiri» immer wieder in einem beschleunigten Thema jäh abreisst.
Kobayashi drehte den ganzen Film im Studio wo er ausschliesslich gemalte Himmel verwendete, um die Spannungspole seines Films, Realität und Überwirklichkeit, möglichst formgestaltend auszunutzen, wie bei allen fantastischen Filmen, oft zu ungewollter Ironie abklingt.
Es verwunderte, dass ein Sozialkritiker und Moralist wie Kobayashi, der in Filmen wie «Barfuss durch die Hölle» (siehe FGS-Bulletin Nr. 8/1963) und «Harakiri» (FGS-B. Nr. 1/1964) den Militarismus und Faschismus anprangerte, nun einen fantastischen Film realisierte. Seinen unübersehbaren Zug zur Gegenwart und unmittelbaren Wirklichkeit zeigt «Kwaidan» in seiner letzten schlicht-realistisch inszenierten Sequenz «In einer Teetasse»: Ein Dichter erzählt die Geschichte von Kannai, der in der Teetasse ein Gesicht gewahrt, aber trotzdem trinkt und sich so die Rache des Geistes zuzieht. Ehe er aber die Geschichte zu Ende erzählt, verschwindet der Dichter und wird seinerseits zu einem Gesicht in einem Teetopf, d.h. der Zuschauer soll selbst bis zum Ende gehen, beurteilen, was es ist, eine Seele nicht in Frieden gelassen zu haben. Diese Geschichte steht in der Urfassung am Schluss, als Wegweiser einer didaktischen Interpretation.
«Kwaidan» wurde für die Vorführung in der Schweiz in zwei Teile zerlegt. «Kwaidan I» beinhaltet «In einer Teetasse» und «Die Geschichte des Mimi-Nashi-Hoichi»; «Kwaidan II» «Die Schneefrau» und «Die Täuschung». Damit ist die Reihenfolge der Originalfassung genau umgekehrt worden, wohl aus Angst um die Kinogänger. Seien wir aber zufrieden damit, in Frankreich und Deutschland wird der Film einfach um die Episode der «Schneefrau» gekürzt als Torso vorgeführt.