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Meine Augenärztin teilt mir regelmässig mit, dass mein Sehvermögen bei 10% liegt. Das wird mit den üblichen Buchstaben und Zahlen in verschiedenen Grössen ermittelt, die an die Wand projiziert werden. Manchmal sieht man noch die Tafeln mit den vielen E's, die in verschiedenen Richtigen zeigen, die grössten ganz oben, nach unten werden sie immer kleiner. 10% entspricht da den obersten zwei, drei Zeilen, die ich noch erkennen kann. Mit Brille, versteht sich, ohne Brille sehe ich auf einer solchen Tafel gar nichts. Aber was heisst denn 10% nun?
Ich erkläre das manchmal so, dass ich zehn Mal näher an etwas sein muss, oder die Sache zehn Mal grösser sein muss, damit ich sie so sehe, wie die anderen. Zum Beispiel kann ich einen Bekannten auf zehn Meter über die Strasse hinweg nicht erkennen, er muss bis auf einen Meter an mich heran sein, damit ich mir sicher bin. Oder das Auto auf der Strasse, das in 50 Meter Entfernung um die Ecke biegt und das ich erst sehe, wenn es bis auf fünf Meter an mich heran gekommen ist. Ich benutze daher konsequent die Fussgängerstreifen und halte mich an die Farbe der Ampeln, die Strasse irgendwo anders z überqueren, ist mir schlicht zu gefährlich. Das Auto ist aber auch ein gutes Beispiel dafür, wie ich kompensiere. Ich höre es nämlich schon, wenn es um die Ecke biegt. Glücklicherweise hat der Mensch mehrere Sinne (fünf, sechs oder zwölf, je nach Zählweise), mit welchen er arbeiten kann.
Der Hörsinn spielt beim Kompensieren eines schlechten Sehsinns offensichtlich eine zentral Rolle (offen-SICHT-lich). Ich schätze mal, dass ich damit 40-50% meiner Wahrnehmung bestreite. Das hat mir ein geübtes Gehör eingebracht, mit welchem ich häufig Dinge höre, die meine Mitmenschen nicht (nicht mehr oder noch nie) hören. Beispielsweise konnte ich meiner Studierenden-Wohngemeinschaft immer sagen, wer nach Hause kam, allein am Schritt auf der hölzernen Treppen. Oder wer weiss, wie Schneeflocken tönen,, wenn sie der Wind über einen zugeschneiten Garten treibt. Dann kommen noch Geruchs- und Tastsinn hinzu, oder wenn wir die Zwölferzaählung nehmen, etwa noch der Raumsinn oder der Bewegungssinn. Und manchmal kommt ein sechster Sinn zum Zug, etwa wenn ich genau weiss, dass eine bestimmte Person den Raum betreten hat, ohne dass ich sie gesehen oder gehört habe.
Alles in allem komme ich wohl auf 60-70%, wobei vielleicht ein Viertel davon Dinge betreffen, die die sogenannt Normalsichtigen nicht bewusst wahrnehmen. Das ist mein etwas anderer Blickwinkel auf die Welt. Übrigens hat mir meine Augenärztin bei meiner letzten Kontrolle eröffnet, dass ich nun auf 12.5% liege. Ich habe mit Erstaunen reagiert und sie hat sich beeilt, mir zu erklären, dass das an der neuen Sehtestanlage liege. Die alte habe in 5%-Schritten gemessen, die neue mache das nun in 2.5%-Schritten.