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Es gab also viele Gründe, sich nicht bei „Global Motion“ zu bewerben. Dann aber sagte ein Kellner-Kollege zu mir: „Wenn Du Kellner bleibst, wirst Du vielleicht irgendwann der beste Kellner, vielleicht der Chef aller Kellner. Aber wenn Du bei dieser Organisation genommen wirst, wer weiß, was dann noch für eine große und interessante neue Welt auf Dich wartet?“
Er sagte genau, was ich hören musste. Ich kündigte, und nach dem Bewerbungsgespräch meinten die Chefs zu mir: „Besnik, Du kannst kein Englisch, Du bist noch nicht mit der Schule fertig. Eigentlich erfüllst Du keine der Voraus-setzungen. Aber Du glaubst an das, was wir hier tun, mehr als jeder andere.“ Schließlich beschlossen sie, eine zusätzliche Assistenten- Position zu schaffen. Für mich! Ich beendete die Schule und lernte Englisch, indem ich mir die amerikanische Serie „Sex and the City“ anschaute. Schuhe, Kleider und Liebesgeschichten trafen zwar nicht ganz meinen Geschmack, aber die Damen sprachen Englisch und ich konnte englische Untertitel einblenden, um zu sehen, wie die Worte geschrieben werden. Außerdem wohnte ich mit einem Kollegen in einer Wohngemeinschaft. Er kam aus Malaysia und ich war gezwungen, mit ihm Englisch zu sprechen. Das meiste habe ich wohl von ihm gelernt. Nach einem halben Jahr wurde ich Koordinator, nach einem Jahr stellvertretender Leiter.
Jung ist nicht einfach im Kosovo
Seit diesem Job ist mir klar, dass ich mein ganzes Leben lang mit jungen Menschen arbeiten möchte. Der Kosovo ist nicht nur in seinem Bestehen ein „junges Land“: Etwa 70 Prozent der Einwohner sind jünger als 26 Jahre. Viele Jugendliche verbringen ihre Freizeit vor dem Fernseher, geraten in Straßenkämpfe und rutschen in die Kriminalität ab. Es gibt kaum Freizeitaktivitäten und die Eltern haben häufig kaum Zeit für ihre Kinder. Auch die Bildungsmöglichkeiten der Jugendlichen sind schlecht. Die Klassen sind überfüllt und der Unterricht wird in verschiedenen Gruppen entweder morgens oder abends abgehalten, weil es einfach nicht genügend Lehrer gibt. Wenn die Jugendlichen die Schule beenden, finden sie selten einen Job – mehr als die Hälfte von ihnen ist arbeitslos. Seit fast drei Jahren arbeite ich nun bei CARE. Ich möchte der Jugend das zurückgeben, was ich selbst lernen durfte: Dass ich nicht überflüssig bin, sondern dass es Chancen, Perspektiven, eine Zukunft für mich gibt. Ich wusste selbst als Jugendlicher nicht, was ich vom Leben erwarte. Wie viele andere wollte ich im Ausland arbeiten, Geld verdienen und immer wissen, was für mich selbst dabei herausspringt. Heute ist mir klar, dass ich vor allem dabei helfen möchte, mein Land wiederaufzubauen. Ich will etwas dazu beitragen, andere Menschen glücklich zu machen. Das, was ich dabei fühle, ist so viel mehr wert als alles Geld, das ich verdienen könnte. In der „Young Men Initiative“ von CARE werden Hunderte Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren von ebenfalls jungen Männern zwischen 22 und 30 Jahren betreut. Sie spielen zusammen Fußball oder Basketball, treffen sich zum Filmeschauen. Dazu nehmen sie an Workshops teil, in denen sie Themen wie Geschlechterrollen, Gewalt, Alkohol, Drogen und Sexualität besprechen. Im Schulcurriculum findet das häufig gar keinen Platz. „Wie wird ein Kondom benutzt?“ oder „Was mache ich, wenn ich verliebt bin?“ Solche Fragen können die jungen Männer hier ohne Scham besprechen.
Blumen, Windeln wechseln und wieder Theater
Ich schätze an CARE besonders, dass wir sehr eng mit lokalen Organisationen zusammenarbeiten, ihre Ideen unterstützen und sie stark machen. Wir beraten und entscheiden zusammen und treten nicht nur als Geldgeber auf. Wir treffen uns häufig, arbeiten Pläne durch, richten Kampagnen aus, sprechen mit den Jugendlichen, ihren Eltern und Schulen. Zum Internationalen Frauentag am 8. März haben wir zum Beispiel Blumen an Fußgänger in der Innenstadt Pristinas verteilt. An den Blumen hingen kleine Grußkarten für die Mädchen und Frauen dieser Welt. Eine wichtige Geste in einer Gesellschaft, die immer noch sehr stark vom Machotum dominiert ist. Deswegen ist das Motto unserer Arbeit auch „Be a man“ – Sei ein Mann! In unserer Kultur haben Schwestern, Mütter und Ehefrauen immer noch nur wenig zu entscheiden. Das übernehmen ihre Brüder, Söhne und Ehemänner für sie. Ich bin selbst mit einer starken Mutter und drei Schwestern aufgewachsen. Dass für viele Männer im Kosovo das Wort einer Frau nichts zählt, macht mich wütend. In der „Young Men Initiative“ lernen die Jugendlichen, dass ein Mann zu sein eben auch bedeutet, einer Frau zuzuhören, Windeln zu wechseln oder im Haushalt zu helfen. Ich bin stolz, wenn die Teilnehmer das verinnerlichen und sich verändern, sozialer werden. Viele von den Jungen erzählen uns, wenn wir sie kennenlernen, dass sie später einmal Fußballstar oder Sänger werden möchten. Nach ein paar Monaten ändert sich das. Sie wollen dann etwas zur Gemeinschaft beitragen, möchten als Arzt oder Sozialarbeiter anderen helfen. Einige ehemalige Teilnehmer sind heute bereits Gruppenleiter. Seit einiger Zeit haben wir auch unsere eigene Theatertanzgruppe gegründet und proben zweimal die Woche. Unsere Stücke.
Aus: care_affair / care.de