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Ich möchte Sie in diesem Artikel über einen im psychotherapeutischen Alltag sehr zentralen Unterschied informieren: Den Unterschied zwischen Inhalt und Prozess.
Wir sind uns vom nichtpsychotherapeutischen Alltag her gewohnt, uns mit Inhalten zu beschäftigen: „Was fange ich mit dem heutigen Tag an? Was esse ich zu Mittag? Was antworte ich meinem Chef, der mich unbedingt befördern will? Was macht das Wetter heute?“
Häufig kommen Menschen in meine psychotherapeutische Praxis mit der Vorstellung, dass es auch hier um Inhalte geht: "Für welches von zwei Jobangeboten soll ich mich entscheiden? Für welchen von zwei Männern? Was soll ich meinem Kind sagen, wenn es nicht auf mich hört? Was bringt meine Angst oder Depression zum Verschwinden?"
Selbstverständlich dürfen Sie in einer Psychotherapie auch inhaltliche Fragen stellen, in dem Fall wird Ihnen einfach nicht in erster Linie der Psychotherapeut antworten, sondern der Psychologe. Bei Inhalten geht es ums „Was“ einer Angelegenheit und als Experte für psychologische Fragestellungen kann Ihnen der Psychologe eine inhaltliche Antwort darauf geben. Beispielsweise: „Aus der Forschung weiss man, dass Bewegung helfen kann, depressive Symptome zum Verschwinden zu bringen.“ Oder: „Studien haben gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen in einer Partnerschaft längerfristig glücklich sein können, höher ist, wenn sie gemeinsame Werte und Interessen teilen. Wählen Sie also den Partner aus, mit dem Sie mehr verbindet.“
Dieses Vorgehen kann manchmal hilfreich sein, reicht aber in den allermeisten Fällen nicht aus. Dieses Wissen hätten Sie auch selber im Internet oder in Büchern finden können.
Auftritt des Psychotherapeuten.
Im Gegensatz zum Psychologen beschäftigt sich der Psychotherapeut weniger mit der Frage nach dem „Was“, sondern legt den Fokus auf den Prozess, das „Wie“: „Wie stellt die Person ihre Frage? Wie geht dieser Mensch mit sich selber um in dieser Unsicherheitssituation? Wie kann diese Person unterstützt werden in ihrem Entscheidungs- oder Heilungsprozess? Wie fühlt sich das für Sie an, wenn Ihr Kind nicht auf Sie hört? Was erleben Sie dabei? Wie verhalten Sie sich dann und wie würden Sie sich lieber verhalten?“ Wird Ihnen der Unterschied deutlich?
Ein anderes Beispiel zur Verdeutlichung: Sie erleben täglich über 10‘000 Gedanken. Eine Möglichkeit ist nun, sich mit den Inhalten der Gedanken zu beschäftigen, sich zu fragen, was Sie gerade denken. Möglicherweise denken Sie: „Das Wetter gefällt mir gerade gar nicht, es könnte zu regnen beginnen. Ich muss einen Regenschirm mitnehmen, wenn ich aus dem Haus gehe.“ Ein relativ harmloser Gedanke. Sie könnten auch denken: „Warum hat mich mein Chef heute wieder so kritisch angeschaut? Ist er mit meiner Arbeit unzufrieden? Was bedeutet das, werde ich meine Stelle verlieren? Lande ich dann auf der Strasse?“ Es wird schon unangenehmer. Noch schlimmer: "Mein Kind hört nicht auf mich. Es liebt mich nicht. Ich bin nicht liebenswert." Wenn wir uns den Inhalten unserer Gedanken zuwenden, vor allem, wenn es unangenehme oder belastende Gedanken sind, entsteht häufig ein Feuerwerk von weiteren Gedanken bis hin zu Sorgenketten verbunden mit Stress und belastenden Gefühlen. Dieser Vorgang läuft zum grössten Teil komplett unbewusst ab und wird von verinnerlichten Bewertungen gesteuert, die in den allermeisten Fällen aus prägenden (schmerzhaften) Erfahrungen aus der Vergangenheit stammen und nichts mehr mit der heutigen Situation zu tun haben.
Ein prozessorientiertes Vorgehen würde nun so aussehen, dass Sie sich fragen: „Wie ist eigentlich die Qualität meines Denkens gerade? Rasen meine Gedanken oder fliessen sie zäh und träge vor sich hin? Mit welchem Gefühlserleben sind diese Gedanken verbunden? Und wie gehe ich mit mir selber um, wenn ich solche belastenden Gedanken erlebe? Welche Prozesse laufen in meinem Körper ab, wenn diese Gedanken auftauchen? Gelingt es mir, mich zu beruhigen, indem ich mich wohlwollend behandle? Oder werde ich mir gegenüber fordernd und kritisch?“ Anstatt sich in den Endlosschlaufen der Gedankenketten zu verlieren, kann es so gelingen, in Distanz zu gehen zu den Denkinhalten und den Überblick über eine Situation wieder zu gewinnen, statt auf Details zu fokussieren. Es ist möglich, sich der eigenen verinnerlichten Bewertungsprozessen bewusst zu werden, zu prüfen, ob diese noch sinnvoll und hilfreich sind in der Gegenwart und, falls nicht, loszulassen.
Die Aufgabe eines Psychotherapeuten ist also weniger, Ihnen inhaltliche Lösungen für Ihre Probleme zu liefern („Nein, nein, Ihr Chef ist zufrieden mit Ihnen, ich habe mit ihm telefoniert und es ist alles in Ordnung“), sondern, Sie dabei zu unterstützen, sich bewusst zu werden, wie Ihre Verarbeitungsprozesse im Denken und Fühlen aussehen, d.h. wie Sie innerlich mit sich und Ihrem Erleben umgehen und Ihnen dabei zu helfen, einen Umgang mit sich zu entwickeln, der es Ihnen ermöglicht, in schwierigen Situationen sich beruhigen und ermutigen zu können. Einfach ausgedrückt: Selbstakzeptanz und Selbstliebe zu entwickeln.
Noch einmal zur Unterscheidung:
Psychologe: „Damit es Ihnen besser geht, ist es wichtig, dass Sie Selbstakzeptanz und Selbstliebe entwickeln.“
Psychotherapeut: „Lassen Sie uns gemeinsam anschauen, wie Sie in dieser schwierigen Situation mit sich umgehen, wie sich das für Sie anfühlt und ob dieser Umgang Ihren Bedürfnissen entspricht. Und danach suchen, wie Ihr Umgang mit sich aussehen könnte oder müsste, damit Sie sich möglichst wohl, entspannt, zufrieden und glücklich fühlen könnten.“
Noch Fragen? Wie fühlt sich Ihr Denkprozess gerade an? Wie gehen Sie nach dem Lesen dieses Artikels mit sich um?
Selbstverständlich dürfen Sie sich gerne auch mit inhaltlichen Fragen an mich wenden, ich bin ja nicht nur Psychotherapeut, sondern auch noch Psychologe. Und als Mensch freue ich mich besonders, wenn Sie mir eine Rückmeldung oder einen Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen.
Vielen Dank für Ihr Interesse und willkommen bei Ihnen!
Gehen Sie gut mit sich um und bleiben Sie mit sich im Prozess, das ist das Beste, was Sie tun können, für sich und für Ihre Mitmenschen.
Herzlich,
Simon Gautschy
*ps(t): wenn Sie es noch etwas philosophischer möchten: Ich lauschte neulich einem Auszug eines hochinteressanten Vortrags des Religionsphilosophen Alan Watts, in welchem es auch ums Thema Inhalt und Prozess ging. Er vertrat die Haltung, dass es Inhalte, so wie wir sie verstehen, gar nicht gibt, sondern das Leben und das Universum ein einziger permanenter Prozess ist. Die Inhalte sind Konzepte, Erfindungen von uns (oder Halluzinationen, laut Watts). Etwas psychologischer ausgedrückt: Das Einzige, was wir Menschen wirklich wahrnehmen können, ist Erfahrung. Einzelne Elemente einer Erfahrung als Objekte zu isolieren ("Das ist ein Baum", "dort ist eine Katze") ist ein Konstrukt unseres Gehirns, das in Realität nicht so existiert, wie wir es denken. Eben: Nicht als Inhalt (Baum, Katze), sondern als Prozess (verbunden mit allem). Oder, was würden Sie sagen: Wo hört der Baum auf und wo fängt der Apfel an? Moderne Physiker würden diese Ansicht bestätigen: Je präziser sie die (materielle) Realität untersuchen, desto deutlicher wird, dass alles nur aus Strukturen besteht. Ein Baum besteht aus einer molekularen Struktur. Ein Molekül besteht aus einer atomaren Struktur. Ein Atom besteht aus einer subatomaren Struktur. Und mittlerweile wissen die Quantenphysiker, dass ab einer bestimmten Betrachtungsebene unklar wird, ob das, was sie untersuchen, ein Teilchen oder eine Energiewelle ist. Weil es nicht objektiv existiert, sondern immer in Abhängigkeit vom Betrachter. Betrachter und Objekt scheinen zwei Aspekte eines gemeinsamen Prozesses zu sein.
Dies noch am Rand. Oder zum Schluss. Damit Sie nicht mehr genau wissen, wo oben und unten ist. Das ist nämlich immer eine Frage der Perspektive.
Links:
Nicht genau der oben erwähnte Vortrag, aber ein ebenso interessanter von Alan Watts: https://www.youtube.com/watch?v=40ziJs7IlwY
Ein Artikel einer Norwegischen Philosophin, die sich ebenfalls mit dem Thema befasst (sie geht sogar noch weiter als Watts und vertritt die These, dass der Inhalt des Universums "Bewusstsein" ist, auf welchem die Struktur der materiellen Welt aufbaut - genau umgekehrt, als es sich die vorwiegend materialistisch orientierten Naturwissenschaften heute behaupten): https://www.faz.net/aktuell/wissen/geist-soziales/eine-loesung-fuer-das-harte-problem-des-bewusstseins-15397757.html