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Teil 1: Das Baumhaus
Text & Bilder: Jürg Sommerhalder
Costa Rica gilt als Synonym für Artenvielfalt: Jede zwanzigste Tier- oder Pflanzenart der Erde stammt aus diesem kleinen, zentralamerikanischen Land, das mit einer Fläche von 51’000 m2 nur knapp einen Viertel grösser ist als die Schweiz. Zum Vergleich: Die Schweiz stellt ungefähr jede 260igste Tier-oder Pflanzenart der Erde.
Der in Lateinamerika üblichen Abholzung von Wäldern hatte auch Costa Rica bis zum Jahr 1999 mehr als die Hälfte der ursprünglichen Baumbestände geopfert. Dann erkannte die Regierung den Wert seiner einzigartigen Natur und der aus ihr resultierenden Touristenströme als nachhaltigere Einnahmequelle. Sie ergriff erfolgreich Massnahmen: der Wald-Schwund wurde gestoppt und in sein Gegenteil verkehrt. Seit der Jahrtausendwende nimmt die Waldfläche deutlich zu: Costa Rica ist heute wieder zu 55% mit Wald bedeckt, das erklärte Ziel der Regierung liegt bei 60%.
Wo so viele Bäume in den Himmel wachsen, liegt der Gedanke an Baumhäuser nahe. Seit vielen Tausend Jahren weiss der Mensch die Vorzüge höher gelegter Behausungen zu nutzen: Sie bieten ihm Schutz vor Feinden und Raubtieren. In tropischen Breiten erweist sich die luftige Lage zudem als klimatisch vorteilhaft, im Blätterdach des Regenwaldes sind Temperatur und Luftfeuchtigkeit bedeutend angenehmer als in Bodennähe. Noch heute leben indigene Völker verschiedener Kontinente in luftiger Höhe.
Tatsächlich ist das touristische Angebot an Baumhäusern in Costa Rica gross. Allerdings: Nicht alles, was sich Baumhaus nennt, ist auch eines. Meist erweisen sich sogenannte Baumhäuser als Stelzenhäuser. Ein echtes Baumhaus hat als einzige Verbindung zum Erdboden einen Baum. Am konsequentesten und nachhaltigsten wird dieses Prinzip in Coste Rica vom Slowaken Peter Garcar umgesetzt: Vor acht Jahren entwarf, fertigte und montierte der Ingenieur im Manzanillo-Gandoca National Wildlife Refuge, ganz im karibischen Süden Costa Ricas, eigenhändig sein NATURE OBSERVATORIO: Acht Stockwerke über dem Boden schwebt sein zweistöckiges architektonisches Meisterwerk im Blätterdach des primären Regenwaldes.
Die Plattform ist zweistöckig: Die Basis-Plattform bietet auf einer Fläche von rund 40m2 diverse Sitzmöglichkeiten sowie eine Duschkabine, eine Sitz-Toilette und eine kleine Küche mit fliessendem Wasser aus einer Regenwasser-Sammeltonne. Die Plattform ist umgeben von einer Abschrankung aus Plexiglas und bietet einen 360-Grad-Ausblick auf den Regenwald. Im oberen Stockwerk finden sich auf weiteren 20m2 zwei Doppelbetten unter jeweils einem Moskitonetz. Das „Baum-Hotel“ ist mittels Sonnenpanelen und einem grossen Speicher-Akku elektrifiziert: Energiesparende LED-Lichter sind für die nächtliche Beleuchtung zuständig, und sogar das Laden mitgebrachter Mobil-Telefone ist möglich.
Peter ist stolz auf sein Werk: Nicht einen einzigen Nagel hat er in den Baum schlagen müssen, sein 2200 Kilogramm schweres Konstrukt wird ausschliesslich durch Stahlseile gehalten. Und nicht einmal sie schaden dem Baum, denn sie wurden mit dicken Lederpolstern so unterlegt, dass die Rinde keinen Schaden nimmt.
„Ich habe mit dem Baum einen Vertrag“, erklärt der Slowake. „Er borgt mir 10 Jahre seiner Lebenszeit, danach befreie ich ihn von seiner Last. Das Baumhaus ist so konstruiert, dass es sich ohne den Baum zu schädigen auf ihm befestigen, und zum ‚Vertrags-Ende’ ebenso schonend wieder abbauen, in seine Einzelteile zerlegen und auf einem anderen Baum neu montieren lässt.“
Tatsächlich ist diese Zeitspanne für den Träger-Baum eine geringe: Der sapodilla (lat.: Manilkara zapota) ist ein langsam wachsender Hartholz-Urwaldriese, der 1000 und mehr Lebensjahre erreicht. Mit geschätzten 350 Jahren befindet sich der aktuelle Trägerbaum des Nature Observatorios im besten Baum-Alter.
Er ist nur zu Fuss erreichbar. Der Fussmarsch führt vom Rand des Reservats gut eine Stunde lang über Trampelpfade durch unberührten Primärwald. Und so wurden auch die Einzelteile des Bauhauses herangeschafft: Auf den Schultern von Männern. Auch die Montage erfolgte komplett manuell, ausschliesslich mithilfe von Bergsteigerausrüstung und Menschenkraft. Peter Garcar arbeitet nur mit einheimischen Ur-Einwohnern zusammen, die er für costaricanische Verhältnisse überdurchschnittlich entlöhnt. Von den Indios hat Peter auch sein profundes Wissen zur hiesigen Fauna und Flora und zu den komplexen natürlichen Prozessen des Regenwaldes erworben. Wenn Peter mit glänzenden Augen über sein kleines Reich spricht wird klar, dass man es mit einem Menschen zu tun hat, der den nachhaltigen Umgang mit der Natur als Lebensprinzip verinnerlicht hat.