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Gestern wurde mir aus einem Privatarchiv ein brisantes Dokument zugespielt. Es handelt sich um einen undatierten maschinengeschriebenen Brief aus der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Zwei Mädchen haben ihn verfasst, 13 oder 14 Jahre alt. Das Schreiben fasst die tiefe Abneigung gegen einen äusserst ungehobelten Mitschüler in eindrückliche Worte, die auch durch den wohlmeinenden Passiv im Schlusssatz kaum gemildert wird.
Ebenfalls in den 80er Jahren wurden an der University of Texas erste Studien durchgeführt, mit denen die therapeutische Wirkung des Schreibens untersucht wurden. Studenten, die schlimme Erlebnisse in diesem Setting dokumentierten, erlebten dank des Niederschreibens mentale und physische Verbesserungen ihres Allgemeinzustands. Die positive Wirkung des expressiven Schreibens als Selbsthilfe wurde seither vielfach wissenschaftlich bestätigt.
Um Emotionen zu kanalisieren, innere Blockaden zu lösen und das Gedankenkarrusell zu stoppen reicht das Aufschreiben. Ein nachfolgender Publikationsprozess ist für den positiven Effekt nicht massgebend. Auch die Orthografie nicht. Das Frustmail an die Chefin, der fiese Kommentar im Fussball-Forum, der abrechnende Brief an den Verflossenen – gehen Sie vor dem Versand noch einmal in sich. Fühlen Sie sich nicht schon besser? Das Abschicken könnte nur neuen Ärger auslösen, der dann wieder in Worte gefasst werden muss. Ein Teufelskreis, der bis zur Sehnenscheidenentzündung führen kann.
Das abgebildete Dokument wurde nie übergeben. Es reichte, die Wut gemeinsam in Worte zu fassen und dabei Tränen zu lachen. Es wird berichtet, dass der Adressat des Schreibens sich zu einem anständigen (und pickelfreien) Mitglied der Gesellschaft entwickelt habe. Wir hätten es damals nicht für möglich gehalten. Gut, haben wir diesem geilen Schuppenschlucker eine Chance gegeben.