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Franz Annen zum Evangelium am 3. Fastensonntag: Joh 4,5–42 SKZ 11/2011
Nach dem vorangehenden nächtlichen Gespräch Jesu mit Nikodemus, einer führenden Persönlichkeit der Juden und «Lehrer Israels» (Joh 3,1–21), spricht Jesus am Jakobsbrunnen mit einer samaritanischen Frau (Joh 4,5–42).
«… was in den Schriften geschrieben steht»
Den Hintergrund für die geschilderte Episode bildet das jahrhundertealte Zerwürfnis zwischen Samaritanern und Juden. Nach 2 Kön 17,24–41 wurde die jüdische Bevölkerung des Nordreiches Israel von den assyrischen Eroberern 722 v. Chr. deportiert und durch fünf verschiedene Volksstämme ersetzt, die neben ihren eigenen Göttern auch den Landesgott Jahwe verehrten. Als sie sich nach der Rückkehr der Juden aus dem Exil am Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem beteiligen wollten, wurden sie abgewiesen (Esra 4,2 ff.), obwohl sie Jahwe verehrten und die Thora heilig hielten. Durch den Bau eines Tempels auf dem Berg Garizim wurden sie zur eigenständigen Kultgemeinschaft. Das Verhältnis zwischen Juden und Samaritanern war hinfort von Feindschaft und gegenseitiger Verachtung geprägt. Für Juden waren die Samaritaner unrein wie die Heiden. Dass der kürzeste Weg für die galiläischen Jerusalem-Pilger durch Samaria führte, wurde oft zum Problem.
Es fällt auf, wie eingehend in Joh 4,4–6 die Lokalisierung der Erzählung beschrieben wird: Es geschieht in «Samarien»,1 bei einem Ort, der «Sychar hiess und nahe bei einem Grundstück lag, das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte», und zwar beim «Jakobsbrunnen». Diesen Namen erklärt die Frau später im Gespräch damit, dass «unser Vater Jakob … uns den Brunnen gegeben hat und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden» (4,12). Der Erwerb des Grundstücks bei Sichem durch Jakob wird in Gen 33,19 erwähnt, die Übergabe an Josef in Gen 48,22. Von einem «Jakobsbrunnen» an diesem Ort weiss allerdings weder das AT noch die jüdische Überlieferung. Das Gespräch Jesu mit der Frau geschieht also an einem Ort, der sehr betont samaritanisch ist, gleichzeitig aber auf den gemeinsamen Stammvater und Verheissungsträger Jakob hinweist.
Erstaunlich unbefangen nimmt Jesus bei seiner Rast auf der Reise von Jerusalem nach Galiläa mit der samaritanischen Frau das Gespräch auf und bittet sie um Wasser. Dadurch macht er sich in jüdischen Augen unrein. Kein Wunder, dass die Frau darüber staunt, und dass sie dem jüdischen Propheten die zwischen Juden und Samaritern umstrittenste Frage nach dem richtigen Kultort stellt (4,20). Jesus erklärt diese Kontroverse als überwunden, denn «die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit» (4,24). M. a.W.: Im Glauben an Jesus kommt es nicht mehr darauf an, Jude oder Samaritaner zu sein.
Das Gespräch am Jakobsbrunnen in Joh 4 erinnert strukturell an mehrere alttestamentliche «Brunnengeschichten»,2 insbesondere an die Begegnung des Knechtes Abrahams mit Rebekka (Gen 24,11–22), Jakobs mit Rahel (Gen 29,1–12) und des Mose mit den Töchtern Reguels (Ex 2,15–20). In allen drei Fällen waren diese Begegnungen am Brunnen der Anfang der Beziehung eines der Stammväter Israels zu seiner künftigen Frau.
Manche Exegeten sind der Ansicht, dass die verwickelte Beziehungsgeschichte der Frau (4,18) auf dem Hintergrund des samaritanischen Settings zu verstehen ist: Die Frau symbolisiere Samaria. Mit den fünf Männern, die sie hatte, seien die Götter der fünf Völker gemeint, die nach 2 Kön 17,24 in Samaria angesiedelt wurden; der Mann aber, mit dem sie zwar zusammenlebe, aber nicht in einem regulären Verhältnis, sei Jahwe. Diese Symbolik scheint auf den ersten Blick weit hergeholt. Aber im AT – vor allem in der prophetischen Literatur – wird der Bund Jahwes mit Israel sehr oft als eheliches Verhältnis dargestellt, die Verehrung fremder Götter aber als Hurerei und Ehebruch. In jüdischer bzw. judenchristlicher Sicht wäre dann die Frau am Jakobsbrunnen ein Bild Samarias, das sich dem Glauben an Jesus öffnet, und die Erzählung als Ganze weise auf die Samaritanermission voraus, welche nach Apg 8,4–25 in der ersten Zeit nach Ostern stattfand. Michael Theobald3 weist so auf die «symbolische Tiefe» des Gesprächs am Jakobsbrunnen hin: «Jesus ist der messianische ‹Bräutigam› – Samaria, repräsentiert durch die Frau am Brunnen, seine messianische ‹Braut›.» (Vgl. dazu den Hinweis Johannes des Täufers in Joh 3,29: «Wer die Braut hat, ist der Bräutigam.») Eine neutestamentliche Variante des alttestamentlichen Bildes der Ehe zwischen Jahwe und seinem Volk!
Bleibt dieses Bild im johanneischen Text eher im Hintergrund, wird die Symbolik des «Wassers» im Gespräch zwischen Jesus und der Frau ausgeführt (4,7–15). Im Klima Palästinas ist das Wasser, vor allem das «lebendige Wasser» (Quellwasser) ein sehr nahe liegendes Bild für das Leben. Davon ist denn auch sowohl im AT wie im NT häufig die Rede, angefangen von den vier Wasserströmen, die das Paradies reichlich bewässerten (Gen 2,10–14), über das wunderbare Wasser, das Gott während der Wüstenwanderung aus einem Felsen strömen liess (Num 20,2–11; Ps 78,15–16), bis hin zum Wasserstrom, der unter der Schwelle des endzeitlichen Tempels hervorfliessen wird (Ez 47,1–12; Sach 14,8), und zum «Wasser des Lebens» im neuen Jerusalem (Offb 22,1–2). Gott selbst ist der Spender dieses lebendigen Wassers. Das Johannes-Evangelium wendet das Bild christologisch: Jesus ist der Spender dieses Wassers, das ein Bild für das Heil ist, das er (als «die Gabe Gottes», 4,10) bringt. In 7,39 identifiziert er es mit dem «Geist, den alle empfangen sollten». Sein Wasser stillt den Lebensdurst des Menschen für immer und schenkt «ewiges Leben» (4,14).
Mit Johannes im Gespräch
Das Johannes-Evangelium verwendet diese vielfältigen alttestamentlichen Bezüge und Bilder, um daraus ein feinfühliges «katechetisches» Gespräch Jesu mit der Frau zu gestalten, in dem er sie allmählich immer tiefer das Geheimnis seiner Person entdecken lässt, ausgehend von der konkreten Situation am Brunnen. Zuerst ist er für sie einfach «ein Jude» (Joh 4,9), allerdings einer, dessen Offenheit sie staunen lässt. Aber bald schon (4,11, auch 4,15.19) nennt sie ihn «Kyrios-Herr». Wie er sich ihr als Geber eines Wassers präsentiert, das jenem im Jakobsbrunnen weit überlegen ist, fragt sie ihn, ob er etwa «grösser als unser Vater Jakob» (4,12) sei. Weil er alles über sie weiss, sieht sie ein (4,19), dass er «ein Prophet» sein muss. Sie glaubt als Samaritanerin daran, dass der Messias kommen wird. Das feierliche «Ich-Bin-Wort» Jesu schliesst seine «Katechese» ab: «Ich bin es, ich, der mit dir spricht» (4,26).
Obwohl die Frau noch nicht sicher zu sein scheint, lässt sie nun aufgeregt ihren Krug stehen, läuft weg und holt ihre Landsleute: «Kommt her, seht, da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe: Ist er vielleicht der Messias?» (4,29). Die Samaritaner glauben auf das Wort der Frau hin an Jesus (4,39). Sie kommen und bitten ihn, bei ihnen zu bleiben. So wird er für zwei Tage ihr Gast. Sie begegnen ihm persönlich und glauben nun nicht mehr nur auf das Wort der Frau hin, sondern weil sie ihn selber gehört haben und wissen: «Er ist wirklich der Retter der Welt» (4,42) – nicht nur der Juden, sondern auch der Samaritaner und aller Menschen. So weit kann ein Gespräch führen!
1 Der Name «Samaria» bzw. «Samaritaner» oder «Samaritanerin» kommt insgesamt achtmal vor.
2 Vgl. M. und R. Zimmermann: Brautwerbung in Samarien?, in: ZNT 1 (1998) H. 2, 40–51.
3 Das Evangelium nach Johannes, Kapitel 1–12, Regensburger NT. Regensburg 2009, 307.