Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03211.jsonl.gz/991

Liebe Leser, liebe Leserin. In den 1930er Jahren spielte Charlie Chaplin die Hauptrolle im berühmten Stummfilm “Modern Times“. Wer weiss aber, dass dieser Film vom Thema her auch in Baden hätte gedreht werden können?
Der Film nimmt die damals in der Industrie verbreitete Fliessbandarbeit aufs Korn.
Chaplin muss am Fliessband an vorübergleitenden Maschinenteilen beidhändig mit zwei Schraubenschlüsseln gleichzeitig zwei Schrauben anziehen. Die durch das Band diktierte hektische Arbeitsweise bringt ihn bald nicht nur physisch sondern auch psychisch aus dem Takt. Mit den Schraubenschlüsseln in den Händen rennt er durch die Strassen und will überall Schrauben anziehen, bis er vorübergehend in einer Irrenanstalt landet.
Der Amerikaner Frederick Winslow Taylor hat 1911 in seinem Buch “Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung“ zur Rationalisierung propagiert, Arbeitsprozesse in kleinste Einheiten aufzuteilen. 1913 führte Henry Ford die Fliessbandfertigung im Automobilbau ein. In der Folge setzte sich diese Produktionsweise für Serieteile in allen Industriestaaten durch. Auch BBC produzierte zeitweise Kleinapparate und Elektromotoren am Fliessband. Daraus resultierte eine Steigerung der Produktion bei gleichzeitiger Verbilligung der Teile. Sozialkritiker verurteilten den “Taylorismus“ und den “Fordismus“.
In der Tat führten diese Fertigungsmethoden zur Monotonie und zu einer inhaltlichen Verarmung der Arbeit und letztlich auch zu Krankheiten. Nachdem Arbeitsphysiologie und -psychologie in der Nachkriegszeit zunehmend Eingang in die Betriebswissenschaft gefunden hatten, erfolgte eine Abkehr vom Fliessband. Neue Schlagwörter hiessen damals Arbeitserweiterung und Arbeitshumanisierung. In neuerer Zeit werden monotone oder gesundheitsschädigende Arbeiten weitgehend durch Roboter erledigt. Diese kennen keine Arbeitszeitbeschränkung und kein Sonntagsarbeitsverbot
Ein aktueller Film eines Roboterballetts in einer Werkhalle könnte also durchaus den Titel tragen: “Modern Times“.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, viel Spass bei der Lektüre und beim Betrachten der Bilder.
Norbert Lang