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Die Schere zwischen Arm und Reich geht durch die Covid-19-Pandemie weiter auseinander
Die Corona-Krise hat bestehende Ungleichheiten in der Schweiz verstärkt. Einkommensschwache Haushalte leiden besonders unter der Pandemie – und das oft nicht nur finanziell, sondern auch bei der psychischen Gesundheit. Die Erklärung dafür: Während die meisten Gutverdiener ins Homeoffice ausweichen konnten und nur geringe Einkommensverluste hinnehmen mussten, sind viele Geringverdiener von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit betroffen. Und das schlägt wiederum aufs Gemüt.
«Wer hat, dem wird gegeben», heisst es im Volksmund. Ganz so krass, wie in diesem Sprichwort angedeutet, ist die Entwicklung in der durch die Covid-19-Pandemie ausgelösten Wirtschaftskrise nicht. Denn auch viele Gutverdiener haben durch die Krise spürbare Einkommensverluste erlitten. Doch Haushalte am unteren Ende der Einkommensverteilung sind in den meisten untersuchten Dimensionen – sei es beim Einfluss der Corona-Krise auf das Einkommen, die Ausgaben, die Ersparnisse oder das persönliche Wohlbefinden – stärker von der Pandemie betroffen als reichere Haushalte. Eine neue KOF Studie geht den Verteilungswirkungen der Krise nach.
Hohe Einkommensverluste bei Geringverdienern und Selbständigen
Personen, die zu einem Haushalt mit tiefem Haushaltseinkommen von unter 4000 Franken gehören, vermelden im Schnitt einen starken Einkommensrückgang von 20% (siehe G 1). Bei Personen aus Haushalten mit einem Monatseinkommen von mehr als 16 000 Franken sind die Einkommen um 8% gesunken. Die Einkommenssituation von Befragten mit einem Haushaltseinkommen unter 4000 Franken hat sich zudem auch nach Ende des Lockdowns im Sommer 2020 kaum verbessert. Im Gegensatz dazu sind die Einkommensrückgänge der anderen Einkommenskategorien in den zwei späteren Befragungswellen (Oktober 2020 und Januar 2021) geringer als in den beiden Erhebungen davor, die inmitten bzw. am Ende des ersten Lockdowns stattfanden. Die Einkommensveränderung infolge der Pandemie hängt stark damit zusammen, wie sich die Erwerbssituation veränderte. Bei Befragten, die weiterhin einer Erwerbstätigkeit nachgingen, ist das Haushaltseinkommen im Schnitt wenig oder gar nicht zurückgegangen. In Haushalten mit Personen, in denen der Umfrageteilnehmer arbeitslos wurde, kam es zu grossen Einkommensverlusten. Bedeutende Einkommensrückgänge verzeichneten auch viele Selbständige.
Einkommensschwache Haushalte öfter von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit betroffen
Unter Befragten, die von Kurzarbeit betroffen waren, waren die Einkommensrückgange zwar etwas geringer als bei den neu arbeitslos gewordenen Personen, mit durchschnittlich rund 20% aber trotzdem gross. Betrachtet man die Entwicklung entlang der Einkommensverteilung, zeigt sich erstens, dass Personen aus ärmeren Haushalten häufiger von einer nachteiligen Entwicklung der Erwerbsituation betroffen waren. Rund ein Drittel der Befragten aus Haushalten mit Einkommen unter 4000 Franken, die vor der Krise einer Erwerbsarbeit nachgingen, wurde im Verlauf der Krise arbeitslos oder musste Kurzarbeitsgeld beziehen. Bei der obersten Einkommensklasse (Haushaltseinkommen über 16 000 Franken) war es ein Sechstel der Befragten. Zweitens zeigt sich, dass die Einkommenseinbussen in allen Erwerbssituationen für Personen aus Haushalten am untersten Ende der Einkommensverteilung jeweils am grössten waren. Besonders gross waren die Einkommensrückgänge unter den Befragten aus den ärmsten Haushalten, die arbeitslos wurden (-50%).
Weniger Möglichkeiten beim Konsum
Bei den Ausgaben – dem Konsum der Haushalte – ergibt sich ein anderes Bild. Befragte aus Haushalten mit hohen bis sehr hohen Einkommen reduzierten ihre Ausgaben mit rund 16% am stärksten. Personen aus einkommensschwachen Haushalten verringerten die Ausgaben etwas weniger stark (-12%). Die Gründe für die Ausgabenreduktion sind zwischen ärmeren und reichen Haushalten teils unterschiedlich: Reichere Haushalte reduzierten ihre Ausgaben vor allem, weil sie weniger Bedürfnisse und weniger Möglichkeiten hatten, Geld auszugeben. Diese Motive sind auch bei einkommensschwachen Haushalten wichtig. 11% der Haushalte mit einem Einkommen unter 4000 Franken geben allerdings an, die Ausgaben gesenkt zu haben, weil weniger Geld zur Verfügung stand (siehe G 2).
Die unterschiedlichen Ausgaben- und Einkommensveränderungen am oberen und unteren Ende der Einkommensverteilung schlagen sich ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie in den Ersparnissen der Haushalte nieder: Während die Ersparnisse der Haushalte mit tiefen Einkommen deutlich gesunken sind, stiegen sie bei der Hälfte der Haushalte mit den höchsten Einkommen (siehe G 3).
Rund 39% der Personen mit einem monatlichen Haushaltseinkommen von weniger als 4000 Franken gaben darüber hinaus an, auf ihre Ersparnisse zurückgegriffen zu haben, um laufende Ausgaben zu decken. Jede neunte Person in dieser Einkommensklasse hat sich gemäss eigenen Aussagen verschuldet. Obwohl keine Angaben zur Vermögenshöhe vorliegen, ist somit zu erwarten, dass die Vermögensungleichheit zugenommen hat.
Arbeitslosigkeit schlägt aufs Gemüt
Personen mit tiefen Einkommen waren nicht nur finanziell, sondern auch gesundheitlich stärker von der Pandemie betroffen als reichere Haushalte. So hat sich die subjektive Gemütsverfassung seit Ausbruch der Pandemie im letzten Frühjahr bei Personen mit tiefen Einkommen trotz zwischenzeitlichen Lockerungen stetig verschlechtert (siehe G 4). Personen aus einkommensstarken Haushalten ging es während den Sommermonaten dagegen wieder etwas besser. Gerade Personen, die von Arbeitslosigkeit betroffen waren, gaben häufig an, dass es ihnen schlecht geht.
Ein Teil der Unterschiede zwischen Arm und Reich dürften darauf zurückzuführen sein, dass deutlich weniger Befragte aus Haushalten mit tiefen Einkommen die Möglichkeit hatten, zu Hause zu arbeiten. Homeoffice war während der Corona-Krise vorteilhaft, da dadurch das Risiko einer Ansteckung reduziert wurde, der bisherige Job mit grösserer Wahrscheinlichkeit weiterhin ausgeübt werden konnte und auch die Ausgaben eher zurückgingen.
Vertrauen in die Politik nimmt ab
Die Daten zeigen auch, dass das zu Beginn hohe Vertrauen in den Bundesrat zur Bewältigung der Corona-Krise über die Zeit zurückgegangen ist. Während am Anfang der Krise noch knapp 20% der Befragten angaben, geringes oder sehr geringes Vertrauen in den Bundesrat zu haben, ist dieser Anteil im Oktober 2020 und Januar 2021 auf 40% gestiegen. Befragte aus einkommensschwachen Haushalten haben ein etwas tieferes Vertrauen in die politische Führung als Befragte mit hohem Haushaltseinkommen.
Schliesslich zeigen sich bei der Impfbereitschaft in den Daten vom Januar 2021 deutliche Unterschiede nach Haushaltseinkommen: In der untersten Einkommensklasse würden sich nur 36% der Befragten sofort impfen lassen, während sich in der höchsten Einkommensklasse 59% der Befragten sofort impfen lassen würden.
Grundlage der Analyse sind Befragungen des sotomo/SRF-Bevölkerungsmonitorings, welche die Situation der Haushalte in der Schweiz seit Beginn der Pandemie systematisch beschreiben. Seit März 2020 wurden bisher sechs Erhebungen durchgeführt, an denen insgesamt 202 516 Personen teilgenommen haben. Die Studie wurde vom Bundesamt für Gesundheit BAG und von Enterprise for Society E4S finanziell unterstützt.
Kontakt
Dr. Stefan Pichler
Professur f. Wirtschaftsforschung
Leonhardstrasse 21
8092 Zürich
Schweiz