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Griechenland reformiert und will internationale Investoren zurückgewinnen. Aus der EU fliessen weitere Unterstützungsgelder, die u.a. dazu dienen, das Land als neues Energiezentrum im östlichen Mittelmeerraum zu positionieren. Nicholas Roth, Head of Private Assets der Bank Reyl, erläutert Griechenlands Wandlung.
23.12.2022, 12:04 Uhr
Redaktion: hf
Seit der Machtübernahme von Premierminister Kyriakos Mitsotakis und seiner Partei, der Neuen Demokratie, 2019, hat Griechenland eine Reihe von Reformen in Angriff genommen, die auf die Umstrukturierung des Landes und seiner Institutionen nach der Krise abzielen. Auch versucht die Regierung, internationale Investoren zurück ins Land zu locken.
Im Jahr 2021 reichte Griechenland bei der EU den ehrgeizigen Plan "Griechenland 2.0" ein, der Teil der EU-Fazilität der nächsten Generation und der Fazilität für Konjunkturbelebung und Widerstandsfähigkeit (Recovery and Resilience Facility, RRF) ist und darauf abzielt, die Auswirkungen der Pandemie zu mildern und die Wirtschaft auf ein nachhaltiges Wachstum vorzubereiten.
Griechenland hat somit die Modernisierung seiner Infrastruktur und Wirtschaft weiter finanzieren können, nachdem es 3,6 Mrd. im Rahmen der ersten Tranche und 3,56 Mrd. Euro aus der zweiten Tranche erhielt. Die zweite Tranche wurde zur Verfügung gestellt, nachdem das Land die 25 in seinem Plan festgelegten Meilensteine erreicht hatte, zu denen u.a. Investitionen in Energie und Stadterneuerung gehörten.
Turnaround-Strategie, Teil zwei
Nachdem Griechenland nun bewiesen hat, dass es den ersten Teil seiner Sanierungsstrategie erfolgreich bewältigt hat – wie sieht der Plan für die Zukunft aus?
Auf politischer Ebene wird das Land im Juni nächsten Jahres eine Wahl abhalten, bei der alle Sitze im Parlament zur Disposition stehen. Premierminister Mitsotakis hat mehrfach betont, dass seine Regierung zwei Amtszeiten benötigt, um die geplanten Reformen umzusetzen. Ein Regierungswechsel, bei dem die linksgerichtete Oppositionspartei Syriza die Führung übernimmt, würde die Sanierungsstrategie beeinträchtigen. Der Nea Dimokratia wird heute ein Vorsprung von 10 Prozentpunkten vor Syriza zugeschrieben.
Wirtschaftlich gesehen sind der internationale Energiesektor und die Rolle Griechenlands in diesem Sektor von zentraler Bedeutung. Weil die EU versucht, sich von der russischen Energieversorgung abzukoppeln, wird der östliche Mittelmeerraum zu einem Schwerpunkt der europäischen Energiestrategie, wozu Griechenland als Tor zur EU eine strategische Rolle spielt.
Zentraler Akteur in der europäischen Energiewirtschaft
In der Region sind mehrere Grossprojekte im Gange. Erstens haben Griechenland und Bulgarien Anfang Oktober 2022 die Verbindungsleitung Griechenland-Bulgarien (IGB) eingeweiht. Die IGB ist eine Schlüsselroute für den Transport von Erdgas aus der Trans Adriatic Pipeline (TAP) von Griechenland nach Bulgarien sowie in die Nachbarländer und trägt so dazu bei, die Abhängigkeit von russischem Erdgas zu verringern. Da Gazprom die Exporte nach Sofia eingestellt hat, nachdem Bulgarien sich weigerte, in Rubel zu zahlen, ist die neue IGB-Pipeline ein wichtiger Bestandteil der Infrastruktur in der Region.
Auch Griechenland stärkt seine eigene Energieinfrastruktur durch die Modernisierung und den Neubau von LNG-Terminals. In Alexandroupolis wurde ein neues Terminal gebaut, die "Thrace Floating Storage and Regasification Unit." Es soll zusammen mit anderen LNG-Projekten die Position des Landes als wichtiges Energiezentrum für Südosteuropa stärken.
Weiter östlich hat Griechenland das "Eastmed-Pipeline"-Projekt vorangetrieben. Mit diesem Projekt soll Gas im Levant-Becken vor der israelischen und libanesischen Küste gefördert werden. Schliesslich will Griechenland südwestlich des Peloponnes und westlich von Kreta ein Projekt zur Gasexploration starten. Erdgas ist nach wie vor ein wichtiger "Verbündeter" bei der Umstellung auf eine umweltfreundlichere Energieversorgung, jede bedeutende Entdeckung von Erdgas in griechischen Gewässern verheisst dem Land eine positive Zukunft.
Ratingverbesserung: die ultimative Wende?
Während Griechenland daran arbeitet, seine Wirtschaft wiederaufzubauen und die Position auf dem europäischen Energiemarkt zu stärken, strebt das Land auch danach, sein Investment-Grade-Rating wiederzuerlangen. Obwohl das wirtschaftliche Umfeld schwierig ist und eine Rezession in der Eurozone droht, verfügt Griechenland über solide Argumente.
Das Land hat sich aus der verstärkten Überwachung gelöst und die IWF-Kredite zwei Jahre früher zurückgezahlt als geplant. Das Haushaltsdefizit wird voraussichtlich unter der 3%-Grenze des Maastricht-Vertrags liegen, während die Verschuldung im Verhältnis zum BIP bis 2027 unter 150% fallen könnte.
Während die Rating-Agenturen im kommenden Jahr in Europa mit Heraufstufungen vorsichtiger sein werden, könnte Griechenland dank umsichtiger Finanzpolitik und der Unterstützung durch die EZB im Rahmen ihres Pandemic Emergency Purchase Program (PEPP) eine Ausnahme bilden. Eine Heraufstufung des Ratings wäre für Griechenland eine aussergewöhnliche Wendung und würde Milliarden von Kapital für Investitionen freisetzen.
Richtungswahl 2023
Seit 2019 haben die Neue Demokratie und Griechenland gezeigt, dass es möglich ist, eine erfolgreiche Sanierungsstrategie umzusetzen. Dazu braucht es einen detaillierten Plan, Fokussierung, Entschlossenheit und eine pragmatische Regierung. Das Land, das von mehreren grossen Krisen heimgesucht worden ist, hat am Erholungspfad festgehalten und die dringend benötigten Reformen fortgesetzt.
Falls die Regierung 2023 für eine zweite Amtszeit gewählt wird und die Reformen fortführen kann, wozu heute auszugehen ist, sieht Griechenlands Zukunft ermutigend aus. Das Land wird aufbrechen, in der europäischen Arena eine grössere Rolle zu spielen.
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