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«Sprachspiegel», Okt. 2018
Stete Klage über die «Vertschüssung»
Wortimporte aus Norden nach Österreich – und in die Schweiz
Von Daniel Goldstein
«Sag beim Abschied leise Servus, nicht Lebwohl und nicht Adieu.» Seit 1936, als dieser Liedtext zum Film «Burgtheater» entstand, ist so viel Wasser die Donau hinuntergeflossen, dass heute ein anderer Rivale Servus das Leben schwer macht. Es ist eine Verballhornung von Adieu: Tschüss. Wann immer in der österreichischen Presse die Klage erhoben wird – und das geschieht nicht selten –, Wörter und Wendungen aus Deutschland verdrängten die angestammte österreichische Ausdrucksweise, ist das Schlagwort «Vertschüssung» fast nicht zu vermeiden. «Das Österreichische vertschüsst sich», titelte etwa die «Tiroler Tageszeitung» (online 6. 4. 2014). Damals lief noch bis Ende Jahr ein nationales Forschungsprogramm «Österreichisches Deutsch als Unterrichts- und Bildungssprache», und das Bildungsministerium veröffentlichte unter demselben Titel eine Broschüre.1
1 Sprachbewusstsein und Sprachalltag
Im Rahmen des Programms wurde 2014 das Sprachbewusstsein von Lehrkräften mit einem Fragebogen erforscht. Die Ergebnisse wurden unter dem Titel «‹Servus› vertschüsst sich» präsentiert. Gut die Hälfte der Befragten wählte für die vorherrschende Muttersprache den Namen «Deutsch», etwa ein Drittel entschied sich für eine der Varianten mit Österreich-Bezug und der Rest meist für etwas mit «Dialekt». Deutsch war für fast alle keine einheitliche Sprache, sondern eine «mit Unterschieden der Standardsprache zwischen den einzelnen Ländern».
Dass es «ein eigenes österreichisches Standarddeutsch» gebe, war bei den Lehrkräften nicht ganz unbestritten (siehe Grafik aus der erwähnten Ministeriums-Broschüre). Aber fast 85 % teilten die Ansicht, «das Standarddeutsch (Hochdeutsch), das in Österreich verwendet wird», sei genauso korrekt wie das in Deutschland verwendete. Indessen zeigte eine Kontrollfrage an anderer Stelle des Fragebogens eine Unsicherheit auf: Nur gut zwei Fünftel stimmten «gar nicht» zu, dass «deutsches Deutsch korrekter» sei, fast gleich viele stimmten «weniger» zu, starke und vereinzelt sehr starke Zustimmung gab es bei knapp einem Fünftel. Interessanterweise sind das fast die gleichen Proportionen wie bei der Aussage, das Französische in Frankreich sei korrekter als jenes in der Schweiz. Die Zustimmenden stützten sich wohl weniger auf Fachkenntnisse als auf die Meinung, Frankreich sei eben das Stammland des Französischen und Deutschland jenes des Deutschen. Nach dem Deutsch in der Schweiz wurde leider nicht gefragt.
Zum Wortschatz wurden auch Mittelschüler befragt, und da erwies sich der Abschiedsgruss Tschüss als Favorit von fast 80 % der Jugendlichen und immerhin 60 % der Lehrkräfte. Bei Letzteren nannten immerhin noch 50 % auch Servus (Mehrfachnennungen waren möglich), bei den Jugendlichen nur 22 %. Dafür sagten bei ihnen 32 % auch Ciao – das dem italienischen schiavo (Sklave) entstammt und damit immerhin dem gleichbedeutenden lateinischen servus entspricht. Das altehrwürdige G’schamster (gehorsamster) Diener wurde schon gar nicht als Variante angeboten, wohl aber Pfiati (Behüt’ dich; Lehrkräfte 31 %, Jugendliche 10 %) und Baba (Gruss an den Vater; Lehrkräfte 22 %, Jugendliche 10 %). Sehr widerstandsfähig zeigten sich, im Lehrkörper noch etwas mehr als in den Schulklassen, die landesüblichen Ausdrücke Jänner, bin gestanden (statt: habe), schmeckt gut (statt: ist lecker). Stark im Vormarsch waren dagegen, vor allem bei den Jugendlichen, die «Deutschlandismen» Junge (statt: Bub), Pickel (statt: Wimmerl), die Cola/E-Mail/SMS (statt: das). Die Pickel-Fraktion macht auch in der Lehrerschaft schon mehr als die Hälfte aus, und wiederum gut die Hälfte davon streicht Wimmerl als Fehler an. Von Ost nach West im Land nehmen die Austriazismen ab.
2 Medien als Jugendverderber
Zum Generationenunterschied lautet die häufigste Erklärung etwa so: «Jo, wenn ma überlegt, wieviel Zeit die Jugendlichen vor Medien sitzen und eben im nicht österreichischen Deutsch beschallt werden, dann is das ganz klar, dass der Einfluss sich niederschlägt.» (Interview mit einer Lehrerin aus der Steiermark in der Studie). Jugendliche und der Einfluss der Medien – das ist in Letzteren ein beliebtes Thema. Robert Sedlaczek, Autor mehrerer Bücher zum österreichischen Deutsch, schrieb darüber schon 2012 einen Fachaufsatz im Themenheft, mit dem die deutsche Zeitschrift «Der Sprachdienst» über die Grenze nach Österreich schaute.2
Anhand von Wörtern wie den oben genannten stellte Sedlaczek fest, dass sie sich «von Norden nach Süden ausbreiten, zuerst nach Süddeutschland, dann auch nach Österreich. Während junge Sprecher den Wandel oftmals bereitwillig mitmachen, sind viele ältere Menschen mit sprachkonservativer Auffassung irritiert und verärgert.» Gestützt auf eine damals im Entstehen begriffene Dissertation hielt er fest, Buben würden nicht nur durch Jungen verdrängt, sondern weit überwiegend sogar durch Jungs.3
Solche Entwicklungen könnten «Sprachekel» auslösen, befand der Autor, auch etwa gegenüber lecker. Bei diesem Wort ortete er das Fernsehen als Einfallstor, sowohl mit der deutschen Synchronisation von US-Serien als auch durch Werbespots, die «heute für den gesamten deutschen Sprachraum produziert» würden. Als weiteres Ärgernis nannte er bislang, das in Zeitungen «inflationär» verwendet werde. Dabei schrieben die Brüder Grimm etwa 1860, als sie gegen Ende ihres Lebens bislang in ihr Wörterbuch aufnahmen (Bd. 2, Sp. 47): «es fehlt ganz in den wörterbüchern, ist aber im munde der geschäftsleute, namentlich im Hannöverischen sehr beliebt.» Umgekehrt gab es im Norden Ekel, Spott und Besserwisserei, als Red Bull für das Cola aus seinem österreichischen Hause warb. Dass sich deutsche Wörter aus dem Süden auch im Norden etablieren, ist seltener und wird von Sedlaczek gar nicht erwähnt; ein Beispiel wäre Gondelbahn, das – weil gemeindeutsch geworden – 2011 seinen Eintrag im «Variantenwörterbuch des Deutschen» verloren hat.
Die Ausbreitung deutschländischer Sprachformen wird auch durch die journalistischen Produktionswege begünstigt. «Die deutschen Dienste der internationalen Nachrichtenagenturen haben ihren Sitz in Deutschland» und arbeiten meist mit dortigem Personal, berichtet Sedlaczek. Zudem dürfte es auch bei «eigenen» Korrespondenten in Österreich so sein wie in der Deutschschweiz: Es sind immer mehr Deutsche darunter; etwa beim Zeitungsverlag Tamedia, der mit der «Süddeutschen Zeitung» kooperiert und auch sonst kaum noch auf Helvetismen achtet – im Gegenteil: So wurde das Genus von Bruchteil-Bezeichnungen einheitlich als Neutrum festgelegt. Wo früher «das Drittel» dem Eishockey vorbehalten war, gilt es nun generell. Längst vorbei sind die Zeiten, als es etwa beim Berner «Bund» eine Liste «zu meidender Germanismen» gab4.
Beim Sender ORF und bei der Nachrichtenagentur APA wiederum stellt Sedlaczek immerhin organisatorische Bemühungen fest, österreichisches Deutsch zu pflegen, und auch die Presse lasse Sensibilität für die Eigenheiten erkennen, besonders bei der Küchensprache – und indem sie Sprachfragen hin und wieder zum Thema mache.
3 Kinderbuchverlage und Schulen in der Pflicht
So nahmen sich die «Oberösterreichischen Nachrichten» der Kinderbücher an: «Möhre, Sahne, Quark: Wer in Österreich Kindern vorliest, muss oft übersetzen.» (21. 4. 2018, online) Die Zeitung zitierte Rudolf Muhr, «vehementer Hüter des Österreichischen an der deutschen Sprache». Er fand es «absurd», dass Eltern beim Vorlesen zum Übersetzen gezwungen seien, und forderte Subventionen für die Herstellung österreichischer Versionen guter Kinderbücher. Beim grössten einheimischen Verlag dieser Sparte, «Jungbrunnen», fände es Geschäftsführerin Hildegard Gärtner indessen «eine Vergewaltigung», würde sie deutschen oder Schweizer Autoren «österreichisches Deutsch auferlegen». Immerhin wird Büchern für Drei- bis Elfjährige ein Glossar angefügt. Ziemlich einsam im Markt ist laut der Zeitung die Verlegerin Andrea Benedetter-Herramhof: «Bei uns heissen Kartoffeln noch Erdäpfel.»
In der Schweiz erscheinen wohl nur Kinderbücher einheimischer Autoren in helvetischer Diktion, und auch das nur, wenn die Verlage nicht auf den deutschen Markt schielen. Wer sehr kleinen Kindern vorliest, wird ohnehin nicht ums Übersetzen oder wenigstens Erklären herumkommen – auf Schweizerdeutsch. Träger des sprachlichen Heimatgefühls sind die Mundarten, kaum das «Schweizerhochdeutsch» (ausser wenn es in den Medien allzu deutschländischer Aussprache weichen muss). Welche helvetischen Besonderheiten standardsprachlich akzeptiert sind, wissen wohl die wenigsten Eltern. Auch bei Lehrkräften gibt es in dieser Hinsicht noch viel zu tun, wie Livia Fricker im «Sprachspiegel» 6/2016 anhand einer Befragung zeigte.5
Auch in Österreich sehen Fachleute die Schulen in der (vernachlässigten) Pflicht. So berichtete im zitierten Artikel der «Tiroler Tageszeitung» der Wiener «Germanistik-Professor in Ruhe» Peter Wiesinger, er habe das Unterrichtsministerium gebeten, «man möge in den Schulen deutlicher auf die Unterschiede zwischen Österreichisch und Deutsch hinweisen». Ohne Erfolg: «Zurück kam ein Schreiben, aus dem hervorgeht, dass andere Themen Vorrang haben.» Das sieht man auch der Ministeriums-Website an (bmbwf.gv.at): Das Thema ist als solches nicht vertreten, und sogar die eingangs erwähnte Broschüre ist nur schwer zu finden. Selbst auf einem Ableger für «Deutsch als Fremdsprache sowie österreichische Landeskunde» (kulturundsprache.at) kommt «österreichisches Deutsch» nur sehr spärlich vor.
In einer ORF-Sendung vom 11. 12. 2017 äusserte sich die an der Universität Wien tätige Linguistin Jutta Ransmayr zu Lehrmitteln aus Deutschland: «Wenn in Arbeitsmaterialien dort und da Beispiele für länderspezifische Unterschiede, etwa zwischen Österreich und Deutschland, vorkommen, dann sind das doch grossartige Gelegenheiten, das Thema kurz aufzugreifen und anzusprechen. (…) Voraussetzung: Die Lehrkraft sollte sich im Thema gut auskennen.» Genau daran hapere es allerdings oft; im Lehramtsstudium hörten und lernten angehende Deutschlehrkräfte an vielen Universitäten und Pädagogischen Hochschulen nichts über die unterschiedlichen Standardvarietäten des Deutschen, und das müsse sich ändern.
4 Dialekt – «Korrektiv» oder Grund zur Unsicherheit?
Der Wiener Zeitung «Die Presse»6 sagte wiederum Wiesinger, in den Schulen werde zwar das «Österreichische Wörterbuch» verteilt, aber das entsprechende Deutsch stehe in keinem Lehrplan. Viele Österreicher seien sprachlich unsicher und wählten im Zweifel die bundesdeutsche Variante: «Quasi, weil sie meinen, die Deutschen reden besser als wir». Die «Wiener Sprachblätter» (Heft 3/2016, S. 22) wiesen auf die steigende Zahl von Lehrkräften aus Deutschland hin, auch im Kindergarten. Zum Vordringen norddeutscher Ausdrucksweisen wie zu Besuch statt auf Besuch meinte Wiesinger: «Man merkt, dass den Menschen der Dialekt als Korrektiv fehlt», denn «im städtischen Bereich, allen voran in Wien, geht der Dialekt bei den jungen Leuten verloren».
Auch dazu eine Bemerkung aus Schweizer Sicht: Der Dialekt ist zwar quicklebendig, just auch bei auf Besuch, die Unsicherheit aber umso grösser: Ist hier auf auch schriftlich korrekt? (Gewiss, es steht im Online-Duden gleichberechtigt neben zu.) Zur Unsicherheit trägt ebenso der Umstand bei, dass Dialekt und Schriftsprache deutlich getrennt und Zwischenformen meist unbeabsichtigt sind – oder dann literarisch gewollt. Dagegen wird beim allgemeinen Sprachgebrauch in Österreich oft ein Kontinuum zwischen Dialekt und Standard festgestellt.
So hält ein Aufsatz über Fussballsprache7 einleitend fest, im ländlichen Raum stelle Dialekt die sprachliche «Normalität» dar, im grossstädtischen Bereich suchten vor allem junge Leute die grösstmögliche Annäherung an Hochdeutsch – dazwischen aber «ist vermehrt ein ständiges, fliessendes ‹Gleiten› innerhalb eines Standard-Nonstandard-Kontinuums (…) zu beobachten. In der Schweiz hingegen gibt es kein Gleiten zwischen den Varietäten. Es existiert auch keine eigentliche Umgangssprache, sondern man spricht entweder Dialekt oder Hochdeutsch» – mit Letzterem sei «im scharfen Gegensatz zur Situation in (Ost-)Österreich» keinerlei Prestige verbunden.
Zur Fussballsprache hiess es 2014 im zitierten Artikel der «Tiroler Tageszeitung» mit Blick auf die deutsche Bundesliga als TV-Attraktion und -Vorbild: «Wie selbstverständlich nehmen Reporter und Kommentatoren sprachlich Anleihe bei den Nachbarn. Eigentlich logisch. Denn schliesslich ist Bundesdeutsch im Fussball die Sprache der Sieger.» Das galt zwar an der WM 2018 nicht mehr, aber dennoch war im Schweizer Fernsehen ab und an von einem Elfmeta die Rede.
1Internet-Adressen siehe http://sprachverein.ch/netztipp_pdf/tipp41.pdf; vorliegender Text: http://sprachverein.ch/sprachspiegel_pdf/Sprachspiegel_2018_5.pdf.
2Robert Sedlaczek: Der Einfluss bundesdeutscher Medien auf den Sprachgebrauch in Österreich. In: «Der Sprachdienst» 5/2012, GfdS, Wiesbaden, S. 208–219
3Pichler, Inés: Bundesdeutsches Wortgut in der österreichischen Pressesprache. Von Abitur bis Zicken-Zoff. (Schriften zur deutschen Sprache in Österreich, 43). Peter Lang, Frankfurt am Main 2015
5«Standarddeutsch mit Varianten lehren»: http://sprachverein.ch/dossiers/Sprachspiegel_2016_6.pdf. Livia Fricker präsentierte dort ein Hilfsmittel für die pädagogische Ausbildung.
6zitiert nach: Heinz-Dieter Pohl, «Der Jugend ist das österreichische Deutsch powidl». In: «Wiener Sprachblätter» 3/2012, S. 9–11. Auch die Überschrift stammt aus «Die Presse», 7. 7. 2012, siehe «Netztipp» 41 gem. Fussnote S. 146; Powidl = Pflaumenmus, hier im Sinn von «wurscht».
7Manfred Michael Glauninger / Martin Hannes Graf: Dialektale Aspekte der deutschen Fussballsprache in Österreich und der Schweiz. In: Armin Burkhardt / Peter Schlobinski (Hrsg.), Flickflack, Foul und Tsukahara. Der Sport und seine Sprache. Dudenverlag, Mannheim etc. 2009, S. 133–142. Fussball-Beispiele daraus siehe http://sprachverein.ch/netztipp_pdf/tipp41.pdf.