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Fiat 8V - kleines Wunderwerk
Einer der seltenen Fiat 8V kommt am 17. September bei RM Sotheby's in St. Moritz unter den Hammer. Welch wunderbares Fahrzeug!
Dante Giacosa. Begonnen hatte er seine Karriere mit Lastwagen, dann Flugzeug-Motoren konstruiert, war nach dem 2. Weltkrieg massgeblich am Cisitalia-Rennwagen beteiligt – und verbrachte 1947 einige Monate in Detroit. Dort war er auf der Suche nach neuen Ideen für eine grössere Limousine, die sein neuer Arbeitgeber Fiat zu bauen gedachte. Er schlug dann vor, dem Projekt 101 einen 2-Liter-Vierzylinder zu spendieren, doch daraus wurde nichts, der «grosse» Fiat wurde 1952 als Fiat 1400 mit einem 1,4-Liter-Motörchen vorgestellt.
Aber: der damalige Verantwortliche für die Fiat-Personenwagen, Luigi Gajal, wollte doch noch eine stärkere Variante. Weil ein klassischer V6 nicht in Frage kam und es für einen klassischen 90-Grad-V8 keinen Platz hatte im Motorraum, begann Giacosa mit der Entwicklung eines Achtzylinders im 72-Grad-Winkel. Das Projekt trug den Namen 104.
Es ist dies eine sehr spezielle Maschine: die überquadratischen Abmessungen betragen 72 mm Bohrung und 61,3 mm Hub, es wird eine Drehzahl von 6000 U/min erreicht, wo die höchste Leistung von 110 PS abgegeben wird. Die nassen Zylinderlaufbüchsen bestehen aus Grauguss, der Zylinderinhalt beträgt 1996 ccm und das Verdichtungsverhältnis liegt mit 8,5:1 deutlich über der damaligen Norm.
Die kurze und steife Kurbelwelle ist dreifach gelagert, verfügt erstaunlicherweise nicht über Schwingungsdämpfer; die Pleuel der gegenüberliegenden Zylinderpaare lagern nicht, wie sonst bei V-Motoren üblich, auf einem gemeinsamen Kurbelzapfen, sondern sind um 10° im gegenläufigen Sinn versetzt. Die je zwei hängenden Ventile pro Zylinder werden durch eine in der Motormitte angeordnete und mittels Kette an der Stirnseite angetriebene Nockenwelle über Stossstangen und Kipphebel betätigt. Die Gemischaufbereitung übernehmen zwei Doppel-Fallstromvergaser Weber 36DC F3. Die trockene Einscheibenkupplung und das Vierganggetriebe sind am Motor angeflanscht.
Auch beim Fahrwerk beschritten die Techniker von Fiat (mit Hilfe von Siata) teilweise Neuland. Alle vier Räder sind einzeln mit Schraubenfedern und Dreieckslenkern aufgehängt. Der Fiat 8V besitzt vorne und hinten hydraulische Stossdämpfer und Stabis. Der Radstand beträgt 240 cm, die Spur vorne und hinten 129 cm. Die Gesamtlänge beträgt beim Werks-Coupé 406 cm, die Wagenbreite 150 cm und das Leergewicht 930 kg.
Das ermöglichte feine Fahrleistungen, die Standard-Version erreicht schon 180 km/h, beschleunigt in 10,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h; in der Rennversion mit 127 PS bei 6600/min sind dann über 200 km/h möglich.
Insgesamt wurden nur gerade 114 Fiat Otto-Vu gebaut, erstmals gezeigt wurde das Fahrzeug auf dem Genfer Salon 1952. Und das amerikanische Fach-Magazin «Road & Track» nannte den Italiener «die grösste Überraschung des Jahres». Die meisten 8V erhielten eine Werkskarosserie, ein anfangs etwas biederes Coupé, das aber über die verschiedenen Serien immer hübscher wurde.
Am 17. September versteigerte RM Sotheby's in St. Moritz einen dieser Fiat 8V mit Werkskarosserie. Die Geschichte des Fahrzeugs mit der Chassisnummer 106.000011 ist (uns) noch nicht bekannt, wir liefern sie aber noch, sobald wir mehr wissen. Das gilt auch für den Schätzpreis.
Text: Peter Ruch; Photos: RM Sotheby's.