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Othmar Ammann lebte in einer Zeit, in der sich Ingenieure und Architekten lieber einen Strohhut als einen Schutzhelm aufsetzten, wenn sie eine Baustelle besuchten. In den Augen zahlreicher Berufskolleginnen und -kollegen war der Zürcher der bedeutendste Bauingenieur des 20. Jahrhunderts.
Trotzdem ist er in seinem Herkunftsland relativ unbekannt. Die hügelige Topografie der Schweiz hat Spitzenleistungen im Bereich des Brücken- und Tunnelbaus schon immer begünstigt. Ein weiteres Plus war das 1854 gegründete Eidgenössische Polytechnikum in Zürich, das 1911 zur ETH Zürich wurde. Dort schloss der junge Othmar Ammann 1902 die Ausbildung ab, die er acht Jahre zuvor an der Industrieschule Zürich begonnen hatte. Einer seiner Professoren war Wilhelm Ritter, der seinerseits auch das geistige Vorbild für einen anderen renommierten Bauingenieur war, der sein Diplom acht Jahre zuvor erhalten hatte: Robert Maillart.
Die Arbeit der Pioniere des Polytechnikums zu dieser Zeit unterscheidet sich vor allem in einem Punkt von jener von anderen Ingenieurschulen – im Stellenwert der Ästhetik, die den Bauten zugemessen wird. Genau wie Maillart bleibt auch Ammann dieser Philosophie stets treu und trägt dazu bei, dass der Begriff «Kunstwerk» bei der Planung von Brücken noch mehr Gewicht bekommt. Am Ende seines Lebens formuliert er es so: «Bei der Konzeption einer Brücke ist die Ästhetik genauso wichtig wie die technischen Details. Eine hässliche Brücke zu bauen, ist ein Verbrechen!»
Am Anfang seiner Karriere beschliesst Ammann, in die USA auszuwandern, wo der Aufschwung des Eisenbahnbaus einem jungen Ingenieur viele Möglichkeiten bietet. 1912 wird er Assistent von Gustav Lindenthal in New York und arbeitet beim Bau der Hell Gate Bridge und der Sciotoville Bridge mit. Aber als Lindenthal 1917 ein Projekt für eine Brücke über den Hudson River mit 12 Eisenbahngleisen und 16 Fahrspuren für Autos in Angriff nimmt, glaubt Ammann nicht an dessen Machbarkeit. Er beschliesst, stattdessen einen Alternativvorschlag für eine Strassenbrücke auszuarbeiten. Dieser wird schliesslich angenommen und begründet seinen Ruf als Brückenbauer.
Die George Washington Bridge ist eine Hängebrücke mit riesiger Spannweite, die dank der neuartigen Konstruktion der Fahrbahnplatte viel leichter und schlanker ist als bestehende Brücken, aber trotzdem Orkanen standhalten kann. Sie wird 1931 eröffnet und verbindet als erste Brücke die Insel Manhattan mit dem Festland. In der Zwischenzeit ist Ammann mit der Planung einer prachtvollen Stahlbogenbrücke bereits weit vorangekommen: Die Bayonne Bridge wird 1932 fertiggestellt und hält 45 Jahre lang den Weltrekord als längste Brücke dieser Art. Noch heute ist sie eine der elegantesten.
1933 wird Ammann zum Direktor der Triborough Bridge and Tunnel Authority ernannt. Er arbeitet eng mit Robert Moses, dem berühmten New Yorker Stadtplaner, zusammen und baut für ihn die Triborough Bridge und die Bronx-Whitestone Bridge sowie den Lincoln Tunnel. In die Konzeption der Golden Gate Bridge in San Francisco ist er als beratender Ingenieur ebenfalls involviert. 1946 gibt er seine Stelle auf, um zusammen mit Charles S. Whitney sein eigenes Ingenieurbüro zu gründen. Ammann und Whitney bauen die letzten beiden seiner sechs New Yorker Brücken – die Throgs Neck Bridge und die Verrazzano-Narrows Bridge.
Obwohl er 1924 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten hat, ist er es sich als gefeierter Brückenbauer natürlich schuldig, die Beziehung zu seinem Herkunftsland aufrechtzuerhalten. Leider bleiben seine Bemühungen ohne viel Erfolg, auf beruflicher Ebene zumindest. 1963 präsentiert das Ingenieurbüro Ammann & Whitney eine Schrägseilbrücke für die Überquerung des Genfer Seebeckens. Aber wie viele vor und nach ihm wird dieses Projekt von der Stadtplanungskommission abgelehnt, die vom Renommee ihres in den USA lebenden Landsmanns offenbar wenig beeindruckt ist.
Ammann hat drei Kinder mit Lilly Selma Wehrli, mit der er seit 1905 verheiratet ist. Nach Lillys Tod im Jahr 1933 geht er mit Kläry Nötzli, der Witwe des auf Staumauern spezialisierten Ingenieurs Fred A. Nötzli, der auch in die Vereinigten Staaten ausgewandert war, eine zweite Ehe ein.
Othmar Ammanns Wahlheimat geizt nicht mit Anerkennung. Er erhält zahlreiche Ehrungen und seine Bronzebüste – wenn auch ohne Strohhut – thront im Busbahnhof an der George Washington Bridge.