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Einmal wurde Ruth Roduner von einem Richter gefragt, wer eigentlich der Verfasser eines Textes sei, den sie unterzeichnet hatte, einer luziden Stellungnahme zum Fall ihres Vaters Paul Grüninger. Sie nahm die Beleidigung scheinbar ungerührt hin. Doch mit der ihr eigenen trockenen Ironie erzählte sie uns sofort davon: uns, den vermuteten heimlichen Autoren, ihren Freunden, dem Anwalt Paul Rechsteiner und mir, dem Historiker. Dass diese unauffällige Frau aus dem Rheintal, Witwe eines freisinnigen Gemeindeammanns, jeden ihrer Texte selber schrieb, sich in komplexe Dossiers vertiefte und ohne fremde Hilfe zwischen Recht und Unrecht unterscheiden konnte, war für den St. Galler Richter offenbar nicht vorstellbar. Trotzdem musste er Paul Grüninger am Ende freisprechen.
Ruth Roduner benutzte erst im Alter den Namen Roduner-Grüninger. Sie tat es aus praktischen Gründen, weil viele Leute sie sowieso mit Doppelnamen ansprachen. Ihr Leben, das am 29. Dezember nach hundert Jahren und zwei Monaten zu Ende ging, bestand aber nie darin, einfach die Tochter des Polizeihauptmanns und Flüchtlingsretters zu sein. Sie war eine eigenständige, viele Jahrzehnte berufstätige Frau, dazu Mutter von drei Söhnen, vielfache Grossmutter und Urgrossmutter. Allerdings, über die historisch bedeutsamen Taten ihres Vaters wäre heute viel weniger bekannt, hätte sie nicht beharrlich davon gesprochen und für seine Rehabilitierung gekämpft.
In der Not die Eltern unterstützt
1925, als Ruth vier Jahre alt ist, wird ihr Vater zum Polizeikommandanten des Kantons St. Gallen gewählt. 1939, als sie siebzehn ist, setzt die St. Galler Regierung den Polizeichef Grüninger fristlos ab und eröffnet eine langwierige juristische Untersuchung gegen ihn, weil er mehrere Hundert, vielleicht einige Tausend jüdische und andere Flüchtlinge gerettet hat. 1940, als Ruth achtzehn ist, muss sie eine Ausbildung in der Westschweiz abbrechen und nach St. Gallen zurückkehren, um den finanziell bedrängten Eltern beizustehen. Sie hätte sonst studiert, wäre Ärztin oder Juristin geworden. Nun verdient sie mit ihrem Handelsdiplom 120 Franken pro Monat, 100 Franken kostet allein die elterliche Wohnung.
1968 ist Ruth Roduner 47 und arbeitet als Sekretärin für den freisinnigen Ständerat Willi Rohner im Rheintal. Dort erzählt sie eines Tages die Geschichte ihres Vaters, der nach seiner Verurteilung wegen Flüchtlingshilfe 1940 verarmte und nie mehr eine feste Stelle fand. Es ist eine Zeit, in der neue Flüchtlinge in die Schweiz gelangen, diesmal aus der Tschechoslowakei. Im Jahr zuvor ist Alfred A. Häslers «Das Boot ist voll» erschienen, eine Dokumentation der schweizerischen Abweisungspolitik während des Nationalsozialismus – in den frühen Auflagen wird der Name Grüninger nicht einmal erwähnt. Aufgrund des Berichts von Ruth Roduner schreibt Ständerat Willi Rohner einen Kommentar in einem Lokalblatt und fordert erstmals eine Wiedergutmachung für den inzwischen 77-jährigen Paul Grüninger. Der Artikel wird mehrfach nachgedruckt, auch in einer jüdischen Zeitschrift in Kanada. Damit beginnt eine dreissigjährige, zähe Kampagne: von einzelnen Ehrungen Grüningers kurz vor dessen Tod – etwa durch die israelische Gedenkstätte Yad Vashem 1971 – bis zur Aufhebung des Gerichtsurteils und einem Freispruch 1995, gefolgt von der materiellen Entschädigung des längst verstorbenen Polizeikommandanten 1998.
In diesem juristischen und politischen Prozess – mindestens fünfmal lehnt die St. Galler Regierung eine formelle Rehabilitierung Grüningers hochoffiziell ab – ist Ruth Roduner die zentrale Figur, auch wenn sie irgendwann genug davon gehabt habe, bei der Regierung «betteln zu gehen». Am Anfang sind es bürgerliche Politiker, die ihr Anliegen weitertragen, vielleicht weil der vorgesetzte Regierungsrat, der Grüninger 1939 im Stich liess, ein Sozialdemokrat war. Später sind es linke Politiker:innen, die sich für ihre Sache einsetzen, vielleicht weil das Flüchtlingsthema am Ende des 20. Jahrhunderts sehr aktuell ist und weil in dieser Zeit auch in der Schweiz eine Neubeurteilung der jüngeren Geschichte von links her erfolgt.
Eine Stiftung als Alterswerk
Als die St. Galler Regierung am Ende kapituliert – nach Hunderten von kritischen Zeitungsartikeln aus der ganzen Welt, nach heftig kontroversen Sitzungen und einem wegweisenden Gerichtsverfahren –, als schliesslich 1,3 Millionen Franken Wiedergutmachung ausbezahlt werden, um den Fall abzuschliessen, ist für Ruth Roduner klar: Die Familie will davon keinen Rappen. Das Geld wird vollumfänglich in die Paul-Grüninger-Stiftung eingebracht.
Diese Stiftung war Ruth Roduners Alterswerk. Sie war stolz darauf und präsidierte sie, bis es ihre Gesundheit nicht mehr zuliess. Mit dem Stiftungsrat studierte sie komplexe Dossiers, unterstützte Personen und Menschenrechtsorganisationen in aller Welt, die heute im Sinne Paul Grüningers handeln oder an historische Verbrechen erinnern. Zu Beginn der jährlichen Sitzung begrüsste sie uns, ihre Freunde, jeweils mit einer kurzen, natürlich selber geschriebenen Rede, einem Text von luzider Qualität und Herzlichkeit, wie wir diese seit langem von ihr kannten.
Stefan Keller hat 1991 die Geschichte Paul Grüningers in einer WOZ-Serie und 1993 im Buch «Grüningers Fall» rekonstruiert. Er ist heute Vizepräsident der Paul-Grüninger-Stiftung.