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Ergänzend zu einem vergangenen Blog aus dem Jahr 2018 zum Thema „male depression“ liegt der heutige Schwerpunkt auf dem Versuch, ein umfassenderes Verständnis männlicher Formen von depressiven Erkrankungen zu erhalten. Ein Erkennen von geschlechtstypischen Besonderheiten ist insbesondere für eine Anpassung bestehender psychologischer, bzw. psychotherapeutischer Behandlungsmöglichkeiten für Betroffene essentiell.
Statistiken zeigen bedeutende Unterschiede zwischen Männern und Frauen bezüglich Depressionsraten: Frauen erfüllen doppelt so häufig die Kriterien einer klinischen Depression, weshalb man früher schlussfolgerte, dass Frauen ein höheres Depressionsrisiko besitzen. Allerdings weisen Männer ein vierfach höheres Suizidrisiko auf als Frauen. Auch die doppelt so hohe Prävalenz von Alkoholmissbrauch wird als Hinweis für unentdeckte Depressionen angenommen. Die Psychotherapieforschung befasst sich in den letzten Jahren vermehrt mit der Frage, ob Frauen und Männer vergleichbare Depressionsformen zeigen oder ob Geschlechtsunterschiede hinsichtlich der Depressionskriterien bestehen, was wiederum dem Prävalenzunterschied eine inhaltlich neue Bedeutung gibt. Wenn Männer andere Depressionsausdrucksformen aufweisen, leiden sie vermutlich viel häufiger an depressiven Episoden als vorher angenommen, da sie bspw. in den Hausarztpraxen nicht als typisch depressiv erkannt werden oder sich selten als hilfesuchend zeigen.
Welche Faktoren können als Erklärungsversuch für den gezeigten Geschlechtsunterschied angenommen werden? Die Forschung fand Hinweise darauf, dass Männer, die sich an traditionellen Geschlechterattributen wie Autonomie, Stärke, restriktive Emotionalität (Tendenz, insbesondere intime Emotionen weniger auszudrücken) orientieren, die gängigen depressiven Symptome wie Traurigkeit, Erschöpfung, Hilflosigkeit, Schuld, Selbstzweifel, depressive Stimmung etc. weniger annehmen können. So ist zu vermuten, dass diese internalisierten Symptome, die traditionell männlichen sozialen Normen verletzen, vermieden werden. Stattdessen treten gehäuft die sogenannten atypischen Symptome wie Reizbarkeit, Ärger, Risikobereitschaft, Substanzmissbrauch, mangelnde Impulskontrolle, Konflikthäufigkeit auf. Desweiteren findet sich ein Zusammenhang zwischen Orientierung an den gängigen Geschlechtsidealen und einem reduzierten Hilfesuchverhalten. So initiieren belastete Frauen doppelt so häufig professionelle Hilfe bei psychischen Problemen.
Umso wichtiger ist, dass die Psychotherapie versucht, dem bestehenden Geschlechtsunterschied gerecht zu werden und in ihre Therapiekonzepte zu integrieren. Es ist erforderlich, dass Psychotherapeuten in der Arbeit mit betroffenen Klienten, die sich stark an den traditionellen Werten orientieren, eine bedürfnisgerechte Arbeitsbeziehung mit einer Betrachtung der besonderen Vulnerabilitäten depressiver Männer gelingt. Eine Kognitiv-Verhaltenstherapeutische Kurzzeittherapie, die in der Beziehungsgestaltung des Therapeuten auf Normalisierung der Belastungsreaktion, Selbstoffenbarung des Therapeuten als Rollenmodell, kooperative und transparente Handlungsorientierung und die Identifikation bedeutender Geschlechterrollen (und die Evaluation deren Funktionalität für das Wohlbefinden der Betroffenen) fokussierte, zeigte positive Ergebnisse.
Auch für die Anpassung der Psychopharmakologischen Unterstützung von Männern mit depressiven Erkrankungen ist es bedeutsam, von essentiellen Geschlechtsunterschieden auszugehen. Die Forschung zeigte Hinweise, dass der Einsatz von Testosteron bei Männern mit Depressionen zu einer Symptomreduktion beitragen kann.
Ein aktuelles Psychotherapieforschungsprojekt der Universität Zürich, das im November 2021 startete, versucht der Besonderheit von Depressionen betroffener Männer gerecht zu werden und zielt auf die Gewinnung, einer empirisch validierten effizienten Männerdepressionsbehandlung ab. Weitere Informationen finden sich hier:
Quellen:
Walther, A., & Seidler, Z. E. (2020). Männliche Formen der Depression und deren Behandlung. Psychotherapie im Dialog, 21,40.45.
Dr. phil. Dipl. Psych. Melanie Braun