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Bates’sche Mimikry
Der erste, der die Warnfärbung in der Tierwelt ‘Mimikry‘ nannte, war 1862 der englische Naturforscher Henry Walter Bates. Die Bates’sche Mimikry beschreibt den Umstand, dass eine harmlose Tierart sich optisch an eine andere giftige oder ungeniessbare (eklig schmeckende) angepasst hat, um von deren ‘schlechtem Ruf‘ zu profitieren. Es gibt beispielsweise unzählige ungefährliche Schwebfliegenarten, die die gelbschwarzen Streifen der Wespen oder die Braunfärbung der Honigbiene tragen, um nicht gefressen zu werden.
Dieses Prinzip – vorzugaukeln, man sei nicht geniessbar, während man es eigentlich ist – funktioniert nur, wenn die tatsächlich ungeniessbaren Tiere einiges zahlreicher sind. Schmecken die Mehrheit der gelbschwarz gestreiften Beutetiere gut, kann es sich der Räuber nicht leisten, wegen einer einzigen negativen Erfahrung mit einer Wespe auf alle gelbschwarzen Snacks zu verzichten. In diesem Sinn reguliert sich die Natur also gewohnt selbstständig. Würden die Mimikry betreibenden Tiere überhand nehmen, wäre ihre Anpassung bald nicht mehr so nützlich.
Mertens’sche Mimikry
Dass auch hochgiftige Tiere von der Anpassung an eine mässig giftige Art profitieren, hat der deutsche Zoologe Robert Mertens festgestellt. Wird beispielsweise eine hochgiftige Korallenotter zur Beute eines Angreifers und dieser stirbt als Folge ihres Verzehrs, kann er daraus nichts lernen. Holt er sich aber an einer häufigen, mässig giftigen Art wie der Korallennatter eine Magenverstimmung, wird er bei einer späteren Begegnung auch auf die optisch identische, seltene, hochgiftige Korallenotter verzichten. Letztere Giftschlange ist auf diesen Trick angewiesen, da sie sehr klein ist. Ihr Kiefer ist nur für kleine Beutetiere geeignet, nicht für die Verteidigung gegen grosse Feinde.
Müller’sche Mimikry
Der deutsche Biologe Johann Friedrich Theodor Müller hat geschildert, dass manche nicht näher verwandte, aber gleichermassen ungeniessbare Tiere – wie die Monarchfalter und die Vizekönigsfalter – ihr Aussehen angleichen, um vom schnelleren Lerneffekt der Räuber zu profitieren. Derselbe Effekt trifft auch auf Pfeilgiftfröschchen zu.
Peckham’sche Mimikry
Es funktioniert indessen auch umgekehrt: Tiere, welche die vom amerikanischen Forscherehepaar Elizabeth und George Peckham 1889 beschriebene aggressive Mimikry anwenden, wollen nicht vor ihrer Ungeniessbarkeit warnen, sondern Beute anlocken.
Ein berühmtes Beispiel ist der Seeteufel, ein optisch ausnehmend hässlicher Fisch. Er ist hervorragend an den Meeresgrund angepasst und lässt einen verlängerten Rückenflossenstrahl – welcher bei genauem Hinsehen wie eine Angel anmutet – in der Strömung wedeln. Kommt ein Beutetier in die Nähe des Fisches, um den vermeintlichen Wurm zu fressen, reisst dieser sein Maul auf. Durch den dabei entstehenden Sog hat kaum ein Beutetier eine Chance.
Die Mimetidae sind eine Spinnenfamilie, in welcher die Spinnen an Spinnennetzen zupfen, als wären sie ein verheddertes Beutetier. Eilt die Netzbesitzerin herbei, wird sie flugs gefressen.
Nicht den Fresstrieb, sondern den Sexualtrieb, machen sich manche Leuchtkäferweibchen zu Nutze. Sie imitieren die Weibchen anderer Arten. Fliegen die paarungswilligen Männchen der fremden Art herbei, werden sie kurzerhand gefressen.
Nicht minder spektakulär ist die Mimikry vieler Orchideenarten. Da diese tropischen Pflanzen auf eine tierische Bestäubung angewiesen sind und die Konkurrenz um Bestäuber im Regenwald gnadenlos ist, haben sie den Bestäubungsvorgang perfektioniert. Manch eine Orchideenart imitiert weibliche solitäre Wildbienen. Die Männchen dieser Solitärbienen schlüpfen in der Regel vor den Weibchen und machen sich sofort auf die Suche nach ebendiesen. Duftet eine Orchidee genau wie ein Weibchen der betreffenden Wildbienenart, muss sie optisch nicht einmal exakt gleich aussehen: Das Männchen wird nicht widerstehen können, sie zu begatten. Dabei wird ihm durch einen ausgefeilten Klappmechanismus ein Pollenpäckchen auf die Oberseite gepfropft. Mit diesem wird in Tat und Wahrheit die nächste Orchidee, welche ‘begattet‘ wird, bestäubt. Dieser Trick funktioniert allerdings nur, solange noch keine echten Wildbienenweibchen unterwegs sind.