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Hannover ist die Heimatstadt des Komponisten Georg Friedrich Händel, des Erfinders des Grammophons, Emil Berliner, sowie des Philosophen Leibniz. Ausserdem befindet sich hier in der Hauptstadt von Niedersachsen seit 130 Jahren der Sitz der Firma Continental, des viertgrössten Reifenherstellers weltweit.
Continental-Caoutchouc und Gutta-Percha Compagnie – unter diesem Namen nahm der Konzern am 8. Oktober 1871 seine Tätigkeit auf. Seine damalige Produktpalette ist aus heutiger Sicht etwas verwunderlich. Neben Reifen für Wagen und Fahrrädern produzierte die Firma anfangs auch Schuhe, wasserabweisende Textilien und bald auch Fussbälle und Spielzeuge. Autoreifen? Wir sollten uns in Erinnerung bringen, dass Automobile in dieser Zeit weniger in den Träumen als in den visionären Plänen verrückter Erfinder existierten. Als Siegfried Marcus 1870 das erste Fahrzeug konstruierte, das mit einem Benzinmotor angetrieben wurde, nahm kaum einer an, dass Autos bereits in einigen Jahrzehnten zum gewöhnlichen Transportmittel werden würden.
So sah früher die Reifenproduktion von Continental aus.
Von Fahrrädern zu Autos
Vielleicht hatten dies auch die Konstrukteure von Continental im Gespür. Bevor sie jedoch ihre Vorahnungen realisierten, brachte die wachsende Nachfrage nach Fahrradreifen ihre Firma dazu, Reifen mit aufpumpbarem Luftkissen auf den Markt zu bringen. Im Jahr 1892 begann das Unternehmen, dessen Symbol das Sachsenross wurde, als erster Hersteller in Deutschland die Produktion von Luftreifen. Gleichzeitig entstanden in der Hannoveraner Fabrik erste Reifen für Automobile. Die Automobilindustrie, die weltweit noch in den Kinderschuhen steckte, entwickelte sich am Rhein sehr schnell. Den deutschen Konstrukteuren kamen die Ingenieure von Continental schnell entgegen, als sie, inspiriert durch Antirutschreifen für Fahrräder, 1904 ihre ersten Autoreifen mit Profil präsentierten, vier Jahre später hingegen überraschten sie die Konkurrenz mit einer weiteren Innovation – mit einer austauschbaren Radfelge, wodurch ein Reifenwechsel weniger Zeit und Anstrengung kostete.
Die Geschichte der Firma reicht bis 1871 zurück.
Es lebe der Synthetik-Kautschuk!
Nachdem sie zur führenden Marke in Deutschland geworden waren, war der Appetit der Geschäftsführung von Continental geweckt, so dass in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erste ausländische Filialen der Firma gegründet wurden, unter anderem in Grossbritannien, Rumänien, Italien, Skandinavien, und der Export stark ausgeweitet wurde. Den Durchbruch brachten 1909 begonnene Tests mit Reifen aus Synthetik-Kautschuk, der von den Laboren der Firma Bayer hergestellt und geliefert wurde. 27 Jahre später wurden Reifen aus Synthethikgummi bereits in Massenproduktion gefertigt. Schon bald wurde im Motorsport für die modernen Technologien von Continental geworben. Bereits 1901 gewann der erste Mercedes aus der Produktion von Daimler das Rennen Nizza-Salon-Nizza auf "Conti"-Reifen.
Einen noch grösseren Erfolg errangen 1914 Daimlerfahrzeuge, die mit Reifen der gleichen Marke fuhren, als sie ihren dreifachen Sieg beim prestigeträchtigen French Grand Prix feierte. Später werden sportliche Erfolge wie Siege bei weiteren Grand Prix-Rennen (Deutschland, Grossbritannien, Dänemark, Italien), aber auch beim North African Tripoli Race und Carrera Panamericana zum Aushängeschild von Continental.
Continental war der erste Hersteller, der Reifen aus Synthetikkautschuk in Massenproduktion herstellt.
Höhen und Tiefen zwischen den Weltkriegen
Die dynamische Entwicklung der Firma wurde vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrochen. Der Verlust der wirtschaftlichen Stabilität, aber auch Beschränkungen, die Deutschland im Versailler Vertrag auferlegt wurden, hatten negativen Einfluss auf die gesamte Autoindustrie. Im Jahr 1920 wurde die Situation bei Continental durch die Investition der amerikanischen Marke Goodrich erheblich verbessert, die Anteile von 25% an dem deutschen Unternehmen erwarb. Dank dieser Kooperation und des Austauschs von neuesten Technologien konnte Continental seine Position zurückgewinnen. Als erster in Deutschland brachte es 1921 kordverstärkte Reifen auf den Markt und begann drei Jahre später die Produktion von Reifen mit Holzkohle, was die Beständigkeit und Abriebfestigkeit erheblich verbesserte. Eine nicht weniger wichtige Innovation war 1932 die Anwendung der Schwingmetall-Technologie, die darauf beruht, Gummi mit Metall zu verbinden.
Continental war damals bereits ein Potentat auf dem deutschen Markt. Es beendete die Zusammenarbeit mit der Firma Goodrich, übernahm fünf kleinere Unternehmen der Gummiindustrie und fusionierte kurz darauf mit Opel. Unmittelbar vor Beginn des Zweiten Weltkriegs verkündete Continental lautstark den Bau einer neuen Fabrik in Stocken bei Hannover. Wie sich später herausstellte, versorgte es in den kommenden Jahren die deutsche Armee mit Gummireifen und die Produktion wurde fast hundertprozentig militärischen Zwecken untergeordnet. Dies änderte sich nach 1945, aber der Wiederaufbau der Firma in der Nachkriegszeit, nachdem die Betriebe in Hannover-Vahrenwald und Korbach durch Bomben zerstört worden waren, war eine grosse Herausforderung. Die Geschäftsleitung von Continental musste wieder auf die Hilfe der Amerikaner zurückgreifen. Bereits im Juni 1945 erhielten sie die Genehmigung zur Wiederaufnahme der Produktion und die Lage der Firma kehrte bald zur Normalität zurück. Dabei war die blitzartige Entwicklung der Autoindustrie weltweit sehr hilfreich.
Den Erfolg in den Nachkriegsjahren garantierte u.a. die blitzartige Entwicklung der Autoindustrie weltweit.
Galoppierende Expansion
In den Jahren 1950 bis 1965 lieferte Continental die Reifen für den legendären Volkswagen Käfer. 1952 stellte die Firma ihre ersten Winterreifen vor, die später unter extremen Bedingungen im Gotthardpass in den Alpen getestet wurden. Drei Jahre später fand die Premiere von schlauchlosen Reifen statt, während 1960 Radialreifen in Serienproduktion gingen. Hand in Hand mit den technischen Innovationen schritt damals die internationale Expansion der Firma voran. 1964 eröffnete sie eine Fabrik in Frankreich, 1967 dagegen entstand die berühmte Rennbahn Contidrom, auf der die neuesten Erfindungen der Konstrukteure von Continental getestet wurden.
1979 übernimmt sie die wachsende ausländische Konkurrenz in Form der Marke Uniroyal Inc. und deren fünf europäischen Fabriken. Sechs Jahre später übernimmt Continental die Betriebe des österreichischen Potentaten Semperit, und gleich drauf das amerikanische General Tire Inc., die skandinavischen Gislaved und Viking sowie das tschechoslowakische Barum. Ein wichtiges Ereignis war die Ausgliederung der Abteilung ContiTech, die sich ausschliesslich mit der Produktion von industriellen Teilen beschäftigt, aus der Konzern-Struktur. 1996 feierte Continental seinen 125. Geburtstag als einer der grössten Produzenten auf dem Markt, der einen Anteil von mehr als 9 Prozent kontrolliert. 1998 ging das Unternehmen mit der Zeit und kaufte einen Teil der amerikanischen Firma ITT Industries, die sich mit dem Bau von Fahrgestellen und Bremsen beschäftigt. Es eröffnet auch weitere Fabriken in Argentinien, Mexiko, Südafrika, in der Slowakei, in Rumänien und Malaysia, wo es die in dieser Gegend grösste Gesellschaft Continental Sime Tyre gründet, aber auch in elektronische Sicherheitssysteme investiert. Im Jahr 2001 erwarb es ein Kontroll-Paket von Anteilen an der zum Daimler-Chrysler-Konzern gehörenden Firma Temic, um noch fachgerechter auf die Bedürfnisse des Marktes für Programme zur Fahrdynamikregelung reagieren zu können. (Bis 2007 lieferte es fast 9 Millionen ESP-Sicherheitssystem an Autohersteller). Es wird auch Mehrheitsanteilseigner eines Aktienpakets der Moskauer Reifenfabrik, zwei Jahre später hingegen verkündete es seine Rückkehr zum DAX-Index, einem elitären Kreis der dreissig grössten börsennotierten Gesellschaften in Deutschland.
Neben der Reifenbranche investiert Continental auch in Autoelektronik.
Continental ins Guinness-Buch der Rekorde
Im Jahr 2003 entwickelten deutsche Ingenieure in Kooperation mit Entwicklern von Bridgestone und Yokohama das Run-Flat-System, das Lösungen bietet, die Fahrt mit dem Auto fortzusetzen, falls der Reifen beschädigt ist oder Druck verliert. 2004 übernahm Continental die Gesellschaft Phoenix AG, wodurch es zum weltweit grössten Konzern in der Gummi- und Kunststoff-Industrie wurde. Kurze Zeit später investierte es in Autoelektronik – es kaufte Abteilungen von Motorola sowie Siemens VDO Automotive.
Ein präzedenzloses Vorhaben war auch der Beginn der Produktion von ContiSportContact2 Vmax-Reifen, den ersten Strassenreifen, die eine Fahrt mit bis zu 360 km/h ermöglichen, sowie des Winter-Modells ContiWinterContact TS 810 Sport mit dem Geschwindigkeitsindex "W", der eine Beschleunigung bis zu 270 km/h ermöglicht. Die Wirksamkeit der Erfindungen der deutschen Firma wurde durch Tests belegt. Im Jahr 2005 beschleunigte ein mit Vmax-Reifen ausgestatteter Porsche GT3 auf 388 km/h, drei Jahre später hingegen wurde das Ergebnis auf der Rennbahn in Nardo (Italien) von einem Porsche 911 GT 9 übertrumpft. Der Geschwindigkeitsanzeiger zeigte 409 km/h an! ContiSportContact Vmax sind ins Guinness-Buch der Rekorde als schnellste, serienmässig produzierte Strassenreifen eingegangen.
Angesichts dieser Fakten lässt sich nur schwer sagen, wie das weitere Schicksal von Continental gewesen wäre, wenn es bis heute Schuhe produzieren würde. Vielleicht würde Usain Bolt in Schuhen von Conti den Weltrekord im Sprint brechen?
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