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Oliver Schneider, DrehPunktKultur (23.10.2009)
Wie geschaffen ist der antike Medea-Mythos für die Opernbühne. Cavalli, Charpentier, Händel, Pacini, Milhaud, Liebermann und viele andere haben ihn vertont. - Ein heute vergessener seinerzeitiger Erfolg: "Medea in Corinto" von Giovanni Simone Mayr.
Ende Februar wird Wolfgang Rihms Medea-Deutung ihre Uraufführung an der Wiener Staatsoper erleben. Breitere Bekanntheit genießt heute eigentlich nur Luigi Cherubinis 1797 uraufgeführte Tragédie lyrique "Médée". Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebte eine andere "Medea" auf den Opernbühnen Triumphe, jene des ursprünglich aus dem bayerischen Ingolstadt stammenden, nach Italien ausgewanderten Giovanni Simone Mayr. Eine kürzlich vom Ricordi-Verlag herausgegebene quellenkritische Neuedition erlebte am Samstag ihre gelungene Erstaufführung im schweizerischen St. Gallen.
Mayrs zweiaktige "Medea" ist dramatischer als Cherubinis Werk, was sich musikalisch in der großen Szene zwischen Medea und Jason im ersten Akt und dann vor allem im insgesamt packenderen zweiten Akt zeigt. Mayr gilt als Wegbereiter von Mozart zu Rossini. Während Medeas erste Arie im zweiten Akt an die Schlussszene aus Mozarts "Don Giovanni" erinnert, weisen Fiorituren, Kadenzen und Appogiaturen auf Rossini und Mayrs ungleich berühmteren Schüler Donizetti hin. Interessant ist auch der Einsatz stimmungsprägender Instrumente: etwa der Posaunen für das heraufziehende Blutgericht Medeas aus persönlicher Rache. Unter Chefdirigent David Stern weiß das Sinfonieorchester St. Gallen die innere Glut der über weite Strecken fesselnden Musik anzufachen. Hänger wie die einfallslose Ouvertüre werden zumindest luftig und akzentuiert wiedergegeben.
Für die szenische Umsetzung hat man David Alden eingeladen, der unter anderem in der Ära von Peter Jonas an der Bayerischen Staatsoper München mit seinem Bildertheater polarisiert hat. Mit seinen Ausstattern Giles Cadle (Bühne) und Jonathan Morrell (Kostüme) hat er die Handlung in einem operettenhaft-kitschigen Korinth verortet, um so den Bezug zur Entstehungszeit des Werks kurz vor dem Wiener Kongress herzustellen. Daraus wird eine grelle Persiflage in comicartig-bunten Prospekten und Kostümen, die stilisierte Reminiszenzen an das antike Griechenland und den französischen Empire aufnehmen. Auch der eitle Jason ist Teil dieser Welt, der auf dem geflügelten Pegasus "hereinreitet".
So unrealistisch Alden das Reich des im Rollstuhl sitzenden König Kreon zeichnet, so realistisch aktuell wird er bei Medea, die mit ihren Kindern zwischen im Krieg zum Teil zerstörten Plattenbauten haust. Wenn Medea Jason hier um Liebe anfleht, ist er zwar immer noch ein selbstgefälliger Typ auf der Gewinnerseite des Lebens, aber ein moderner in violetten Hosen und mit Goldkettchen. Doch neben der starken Medea ist dieser Mann nur ein Schwächling, der am Ende mit Kreon zum auf dem Boden kriechenden Verlierer wird.
Alden hat sich nicht darauf beschränkt, das Kolorit für die rasch ineinander, auf offener Bühne übergehenden Szenen zu schaffen, sondern hat die Personen zu Menschen werden lassen. Das gilt vor allem für Elzbieta Szmytka, die den Wandel von der von gegensätzlichen Gefühlen hin und her gerissenen Medea darstellerisch und stimmlich ausgezeichnet wiederzugeben weiß. Für die männlichen Hauptpartien verlangt Mayr zwei Belcanto-Tenöre von Format: Neben Jason taucht auch der verlassene Freier Creusas auf, Egeus, der sich aus Wut mit Medea verbündet. Das St. Galler Theater bietet gleich die Crème des Belcanto-Gesangs auf: Lawrence Brownlee für den Egeus und den vor allem im Italien erfolgreichen Mark Milhofer als Jason. Während Brownlee mit seinen hell aufstrahlenden Spitzentönen und mühelosen Koloraturen begeistert, gefällt Milhofer mit seiner eleganten Phrasierung. Wojtek Gierlach schließlich stattet den Kreon mit resonanzreichem Timbre aus. Nur Evelyn Pollocks Creusa verengt sich in der Höhe, so dass ihre Koloraturen unbeweglich werden.