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Verschiedene Städte der Welt denken bereits laut über ein Autoverbot nach oder haben ein solches bereits beschlossen. Ein Forschungsteam der ETH Lausanne geht noch einen Schritt weiter und untersuchte, wie eine “Post-Car-World” möglich wäre – eine autofreie Welt in der Zukunft. Dabei kommen auch ambitionierte technische Alternativen und Lösungen wie AMWs vor. Interview mit Transport-Wissenschaftler Riccardo Scarinci.
Der Plan des Forschungsteam war, die Auto/kein-Auto Angelegenheit nicht als eine gesetzlich forcierte Massnahme anzugehen, sondern als eine Freiheit. Welche Freiheiten würde uns eine Post-Auto-Welt geben?
Mit der momentanen urbanen Konfiguration und Mobilitäts-Mustern ist schwer vorstellbar, dass eine Welt ohne Privatautos freier wäre als eine mit. Aber versuchen Sie sich eine Stadt vorzustellen, wo Strassen vorwiegend für Fussgänger und aktive Mobilität (Laufen und Velofahren) entworfen wurden, und wo Läden, Schulen und Arbeitsorte einfach erreichbar sind. In diesem Szenario wären wir frei von Verschmutzung der Umwelt, Lärm, Gefahr bei Strassenüberquerungen oder der Suche nach Parkplätzen.
Eine Stadt ohne Autos klingt utopisch. Wieso sind wir noch nicht dort, oder was sind die Haupthindernisse?
Autos bringen grossartige Vorteile und einen praktischen Nutzen für spezifische Zwecke. Zum Beispiel um ländliche Gegenden zu erreichen, um einkaufen zu gehen oder Kinder zu transportieren. Wenn man sich für den Kauf eines Autos entscheidet, dann meistens zunächst aus diesen Gründen. Dann aber hat man auch einen Anreiz, dieses Auto für alles Mögliche zu benutzen, damit sich das hohe Investment auch gelohnt hat. Das Haupthindernis ist also, das Bedürfnis nach Autos für die obigen Gründe zu reduzieren.
AMWs für dichte urbane Gebiete
In ihrem eigenen Paper untersuchen Sie, wie man Laufbänder (wie wir sie von Flughäfen oder Bahnhöfen kennen) als ein Netzwerk in urbane Gebiete integrieren könnte. Wie würde dies die Stadt verändern?
AMWs (=accelerating moving walkways) reizen durch ihre Spontanität und Pausierbarkeit. Weil die Passagiere kein persönliches Transportmittel benutzen, wie ein Auto oder Velo, die nach jeder Bewegung parkiert werden müssen, sind sie frei, jederzeit spontan auf jedes AMW-System auf oder ab zu springen. Dazu können AMWs einen kontinuierlichen Service anbieten, ganz im Gegensatz zu den heutigen öffentlichen Möglichkeiten des Transports. Dies würde eine entspannte Reiseerfahrung und einen effizienteren Transit ermöglichen – ohne die Frustration, an Bushaltestellen warten zu müssen.
Welche anderen Transportmöglichkeiten würden AMWs konkurrenzieren, insbesondere bezüglich Geschwindigkeit, Kosten und Auswirkungen auf die Umwelt?
Die Hauptgefahr ist, dass AMWs das Laufen ersetzen könnten. Dies passiert bereits mit Auto-Sharing-Systemen, die häufig Reisen ersetzen, die früher zu Fuss oder mit ÖV bewältigt wurden. Das System der AMWs muss schlau entworfen werden, so dass die Strecken mit dem Auto ersetzt werden, aber nicht jene mit ÖV oder zu Fuss.
Gibt es Schweizer Städte oder Regionen, die für ein erstes AMW-Netzwerk geeignet wären?
AMWs sind für grosse Menschenmengen geeignet, also deshalb für grosse Städte wie Zürich, Genf oder Basel.
„Unhipisation“ der Auto-Kultur
Ihr Forschungsteam identifizierte eine “unhipisation” der Auto-Kultur, was sich in einer Abnahme der Fahrausweise zeigt. Was vermuten Sie steckt hinter dieser Abnahme?
Ein Faktor ist, dass Autos kein wichtiges Statussymbol mehr sind, besonders für die jüngeren Generationen. Andere Faktoren sind mehr Einschränkungen und Schwierigkeiten beim Verwenden des Autos in der Stadt. Einen Parkplatz zu finden wird zunehmend schwierig und entmutigt die Leute, sich überhaupt noch ein Auto zu kaufen.
Eine Stadt ohne Autos scheint relativ einfach vorstellbar. Aber wie würde die Post-Auto-Welt ländliche Gegenden verändern?
Heute bleiben Privatautos die beste Transportmethode für ländliche Gegenden, sogar für urbane Randgebiete und Agglomerationen. Deshalb sind autofreie ländliche Gebiete nicht die Lösung, sondern eine Verdichtung der städtischen Gebiete.
Selbstfahrende Autos sind immer noch Autos
Selbstfahrende Autos sind möglicherweise bald weit verbreitet. Sind sie ein Katalysator für eine Post-Auto-Gesellschaft oder bringen sie ein neues goldenes Zeitalter für Autos zurück?
Selbstfahrende Autos sind immer noch Autos. Diese Technologie erzeugt dieselben Verstopfungen und Verschmutzungen, da selbstfahrende Autos gleich viel Platz wie heutige Autos benötigen. Unglücklicherweise werden sie als alternative Lösung für heutige Mobilitätsprobleme angesehen. Ohne richtige Regulierungen könnten sie die heutige Situation verschlimmern. Gleichzeitig muss aber auch gesagt werden, dass selbstfahrende Autos grosse Vorteile im Bereich der Sicherheit und geteilter Mobilität bringen könnten.
Öffentlicher Verkehr muss ständig mit der Grösse der Bevölkerung mithalten. Hat ein starkes Bevölkerungswachstum eine Auswirkung auf die Realisierbarkeit der Post-Auto-Welt?
Bevölkerungswachstum ist direkt mit Urbanisierung und stärkere Bevölkerungsdichte in Mega-Städten verbunden. Dies sind beides Aspekte, welche die Post-Auto-Welt begünstigen. Denn in grossen Städten bieten ÖV, zu Fuss gehen und Velofahren die grösseren Vorteile.
Diese letzte Frage ist etwas spekulativ, aber wie einfach wäre eine Post-Auto-Welt in der Schweiz realisierbar? Insbesondere bezüglich seiner kleinen Grösse und gebirgigen Topographie?
Kleine Städte, ländliche oder gar gebirgige Gebiete sind am wenigsten geeignet für eine Post-Auto-Welt. Im Vergleich mit anderen Städten wie Tokio, Delhi oder Shanghai können Schweizer Städte als kleine urbane Gebiete angesehen werden. Deshalb hat die Schweiz eigentlich nicht den idealen urbanen Charakter für eine autofreie Welt.
Aber: Die Menschen der Schweiz haben ein grosses Interesse an der Umwelt, der Landschaft und der Lebensqualität. Diese Mentalität könnte als Katalysator für eine Post-Auto-Welt in der Schweiz sein.