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la
molecule (in the screen)
ist der performative Versuch, das kleinste nicht mehr weiter
reduzierbare „neutrale“ Teilchen auf seinem Weg in den Bildschirm in
ein weibliches Teilchen umzucodieren. Die Aufmerksamkeit gilt daher
IHR, die sich zwischen zwei Spiegeln auf weichem Untergrund bewegt.
Mit hochgehaltener Faust nimmt sie ihren Ort vor der Kamera im Inneren
des Bildschirms ein, der zum ambivalenten Austragungsort ihres
Rollenspiels wird.
Die Kamera filmt aus einer festen Position ein Setting in einem weißen Raum, das von zwei Spiegeln gerahmt ist. Der Tanz selbst besteht aus einfachen Gewichtsverlagerungen und symmetrischen Formen und ist als eine selbstreferentielle Bewegung über mehrere Niveaus, die sich links und rechts symmetrisch spiegeln, aufgebaut. Die Bewegungen werden auf Turnmatten ausgeführt und der bewegliche Untergrund bringt den Körper der Performerin fast ins Stolpern. Eine Stimme aus dem Off nimmt die Figur des Moleküls, als kleinstes bildgebendes Element auf. Abwechslungsweise adressiert sie die Performerin (einer Performance, die bereits stattgefunden hat) und eine Du-Form, die sich mit einem fiktionalen Narrativ über „Ben“ verbindet. Die Künstlerin ist Ben während ihrem Aufenthalt in Vietnam in 2015, bei Dak To, Vietnam, begegnet.
Dem
Film la molecule (in the
screen) geht die Performance la molecule enters into the screen voraus, die am 18. Januar 2015 im
Tanzhaus Zürich stattgefunden hat. Der Film und die Performance sind
auf der Suche nach matten Figuren, die am Spiel der Interpretationen
unbeteiligt bleiben und eine Art Opazität der Ich-Form annehmen. Der
Film referiert u.a. auf Roland Barthes Vorlesungsnotizen zum Neutrum (Vers le Neutre, 1977-1978), Derek Jarman’s Schreiben zur Farbe Rot
und der Farbe Blau (Chroma, 1994)
und Yvonne Rainer’s a
quasi-survey of some minimalist tendencies in the quantitatively
minimal dance activity midst the plethora, or an analysis of Trio A
(1968).
Script Off-Stimme:la
molecule (in the screen) (2015) [deutsches Original]
(english
version)
la molecule (in the screen) is the performative attempt to encode the smallest, not any longer reducible „neutral“ particle into a feminine one. This paradoxical relation plays with semblances but still has a real concern: Can the neutral matter as feminine?
The
camera films out of a fixed position a white cube setting that is
framed by 2 mirrors. The dance itself consists out of weight exchanges
over a fixed score along symmetrical and self-referential forms. The
movements are performed on leather mats that challenge the balance of
the performer. There is a voice from off-stage taking up the figure of
the molecule as the smallest imaging element. Alternately the voice
addresses the dancer (of a performance that has already happened) and
herself thereby both speech acts are connected with a fictional
narrative through “Ben”. The artist encountered Ben during her stay at
Dak To, Vietnam, in 2015.
The performance la molecule enters into the screen, which took place on 18 January 2015 at Tanzhaus Zürich, proceeds the film la molecule (in the screen). The film and its proceeding performance are in search of mat figures that do not participate in the game of interpretation but take up a certain kind of first person opacity. la molecule (in the screen) refers to Roland Barthes’ notes on the neutral (Vers le Neutre 1977-1978), Derek Jarman’s writings on red and blue color (Chroma, 1994) and Yvonne Rainer’s a quasi-survey of some minimalist tendencies in the quantitatively minimal dance activity midst the plethora, or an analysis of Trio A (1968).
Script Voice-Over: la molecule (in the screen) (2015/17) [english translation]
Concept/Text/Choreography: Stefanie Knobel | Performers: Désirée Sophie Meul, Eirini Sourgidiaki, Stefanie Knobel | Voice Over: Marie-Theres Hölig | camera: Gabriel | Photos Exhibition View: Fred Dott
Künstlerhaus Bremen, Wie werden wir uns wiedererkennen, 18.11.2017-28.1.2018
FRAC Lorraine Metz, Vous me rappellez quelqu'un, 22.2.2018-June 2018
Both of the exhibitions are
curated by Fanny Gonella.
In: taz.am Wochenende vom 25.11.2017
Von Radek Krolczyk
Ein hübscher, sentimentaler Ausstellungstitel ist das: „Wie werden wir uns wiedererkennen“. Man denkt möglicherweise an Abschied und Wiedersehen. Auf welche Weise verändert man sich durch die Zeit und die Orte, durch die man hindurchgeht? Man wäre dann auf einer recht persönlichen Ebene, die Formen von „wir“ und „uns“ wären individualisiert. Woran werde ich dich wiedererkennen? Und du mich? Selbst wenn man die Frage viel allgemeiner stellt, wird man doch wieder aufs Individuum zurückgeworfen, wenn man sich mit ihr beschäftigt.
So geht es auch den Künstlerinnen und Künstlern der Ausstellung in der Galerie des Künstlerhauses. Die Fragen, die sich hier anschließen, sind groß. Denn in der Frage nach dem Sichwiedererkennen steckt auch die Frage nach etwas Gemeinsamem. Woran erkennt der Mensch einen Menschen? Woran das Individuum ein anderes Individuum? Und ergibt sich aus diesem Sichwiedererkennen möglicherweise erst überhaupt Gesellschaft? Auffällig ist, dass in den so verschiedenen Gattungen wie Video, Plastik, Zeichnung und Malerei immer wieder das Portrait des menschlichen Gesichts von zentraler Bedeutung ist.
Es gibt eine große Besonderheit in der Zusammenstellung, die Kuratorin Fanny Gonella hier vorgenommen hat. Die Ausstellung formuliert keine These, die die Arbeiten belegen sollen, wie das bei Gruppenausstellungen häufig so ist. Vielmehr stehen die Werke erst einmal für sich allein. Man muss sie kennenlernen, sie verstehen, um den Bezug zu diesem größeren Themenzusammenhang wiederzuerlangen. Das lässt den Kunstwerken Raum, sich zu entwickeln, und den Betrachtern Raum, sie zu erfahren.
Manchmal gerät das Ganze etwas albern, etwas cheesy. Besonders wohl bei den Plastiken von Nicole Wermers. An einer Wand hängen nebeneinander zwei unterschiedliche, Dunstabzugshauben, beide neu, beide verchromt. Darunter je etwas seltsames, schwulstiges aus weißer Keramik. An der oberen Seite sind ein paar Schlitze. Das Ganze sieht schon aus wie eine Sanitärkeramik – bloß welche? Der Titel „Givers and Takers“ hilft uns ein wenig weiter. Aha, ein Handtrockner! Denn zumindest wird so der Zusammenhang geklärt: Das eine Gerät saugt, das andere bläst. Als Ganze erinnern sie eher blöd an einen Kopf mit Zylinder.
Der Eindruck verstärkt sich, wenn man sich im Raum ein wenig umsieht. Denn schon gleich über Eck hängt eine weitere Keramik, ein Waschbecken, mit einer Zeichnung darüber, wo sonst der Spiegel hängt: die Arbeit „Girl“ von Naama Arad. Diese Zeichnung sieht aus wie ein Porträt, das der Bauhäusler Oskar Schlemmer angefertigt haben könnte: ein abstrakter, vielleicht technischer Aufbau, der durch die Positionierung über dem Becken zum Gesicht wird. Als Brille baumeln an der Seite die Stöpsel. Wenn es jemandem mit einfachen Mitteln gelingt, uns eine schwierige Aufgabe zu stellen, dann fühlen wir uns nach der Auflösung verarscht.
So auch hier. Was jedoch bei all dem Schweben bleibt, ist die Erfahrung einer formalen Verallgemeinerung des menschlichen Gesichtes: Aus ihm scheinbar fremden Einzelteilen setzt es sich ganz allmählich erst im Kopf zusammen.
Eine ganz andere Form der Auflösung des Individuellen findet sich in einer anderen Arbeit, dem Video „la molecule (in the screen)“ von Stefanie Knobel. Zu sehen ist zunächst eine junge Frau mit blonden, schulterlangen Haaren in einem Gymnastikstudio. Auf einer Matte macht sie verschiedene Übungen, in den Spiegeln um sie herum zerteilt sich ihr Bild. Eine zweite Teilung vollzieht sich, als identisch aussehende Frauen den Raum queren. Die Körperspannung der ersten verliert ihre Einzigartigkeit. Als kaleidoskopisches Muster entfaltet sich auch der dazu gesprochene Text: Er gibt der Turnerin Anweisungen, kommentiert, bricht aus und erzählt frei. Gesellschaftskritiker würden nun auf die Massenkultur schimpfen, Dystopisten vom Klonen sprechen. Aber ist diese Ähnlichkeit, die man hier sieht, wirklich schlimm? Ist der Anspruch an Individualität möglicherweise selbst ideologisch? Ist Gesellschaft ohne Ähnlichkeit überhaupt möglich? Und gibt es nicht im Sinne der Klassik auch eine „gute“ Form von Ähnlichkeit und Wiederholung?
bis 28. Januar 2018, Künstlerhaus Bremen
Der Autor ist Betreiber der Galerie K‘ in Bremen