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Bitte liebt mich
Für das kommende Jahr habe ich mir drei Dinge vorgenommen: Ich will endlich einmal das Zehnfingersystem lernen. Mein Schwachpunkt ist die Umschalttaste. Ich erwische die mit meinen Wurstfingern nie und lande auf der Feststelltaste. Ich schreie dann im Büro. Wenn ich in der Nacht von zu Hause arbeite, wecke ich meine Frau und brülle sie an. Im nächsten Jahr will ich weibliche Comedians und generell Schweizer Komiker lustig finden. Ich will lernen, wo sich der Witz befindet und an welcher Stelle gelacht werden muss.
Für 2019 habe ich mir auch vorgenommen, nicht mehr schwarzzufahren. Dieses Jahr habe ich das nämlich gemacht, liebe VBZ. Tagein, tagaus. Ich guckte immer aus dem Fenster und habe die Menschen an der Haltestelle analysiert: Befindet sich da ein Kontrolleur-Pärchen?
Ich will hier keine Anleitung für Schwarzfahren geben. VBZ-Kontrolleure erkennt man aber am besten an ihrer Unscheinbarkeit. Sie tun so, als wären sie normale Menschen. Ich kenne diesen teilnahmslosen Blick sehr gut. Ich setze ihn dann auf, wenn ich am frühen Morgen an einem Fenster vorbeilaufe, wo sich eine Frau entkleidet. Mein Kopf sagt: «Lechz», mein Gesichtsausdruck sagt: «Billettkontrolle!»
Generell will ich mehr geliebt werden. Ich habe nämlich nicht so viele Freunde, müssen Sie wissen. An meinem 40. Geburtstag habe ich nur von meiner Frau Glückwünsche bekommen. Die Kinder haben mir irgendetwas Unpraktisches gebastelt. Ja, ich erinnere mich. Ein Holzbild mit Nägeln. Von meiner Frau habe ich Chips und zwei Kinogutscheine bekommen. Wie schaffen das die anderen? Manchmal sitze ich im Tram neben dem Fenster (um Kontrolleure zu erspähen). Neben mir ist noch frei. Aber die Leute stehen lieber dicht gedrängt, als sich neben mich zu setzen.
Was ist los mit euch? Ich dusche mich abends mit Seife. Ich habe nur ein bisschen Mundgeruch und fummle nicht herum. Auch in der Synagoge sitze ich häufig alleine. Dabei singe und bete ich lautstark mit. Manchmal lauter als der Vorbeter. Auf Facebook habe ich fünf Freunde. Und die habe ich nur gekriegt, weil sie mir von Facebook empfohlen wurden. Mein bester Freund ist Mohd Asri Pelah aus Kota Kinabalu. Ich verstehe ihn kaum, aber das macht wahre Freundschaft aus. Habe ich mal gelesen, irgendwo.