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| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Erste Unterredung, gehalten mit Abt Moyses über Absicht und Endzweck des Mönches.
10. Antwort: Nicht der Lohn, sondern die Handlung werde aufhören.
Moyses: Ich habe auch nicht gesagt, daß der Lohn des guten Werkes hinweggenommen werde, da ja derselbe Herr sagt: 1 „Wer Einem der Geringsten von Diesen nur einen Becher kalten Wassers zum Tranke gegeben haben wird auf den Jüngernamen hin, wahrlich sage ich Euch, nicht [S. 299] verlieren wird er seinen Lohn.“ Aber ich sage, daß die Handlung, welche körperliches Bedürfniß oder die Bedrängniß des Fleisches oder die Ungleichheit dieser Welt zu thun fordert, aufhören werde. Denn die anhaltende Lesung oder die Beschwerde des Fastens werden nur in der Gegenwart zur Reinigung des Herzens und zur Zähmung des Fleisches mit Nutzen geübt, solange das Fleisch begehrt wider den Geist. Wir sehen, daß dergleichen Dinge zuweilen auch in der Gegenwart bei Seite gethan werden von Denen, die durch zu viele Arbeit oder Krankheit des Körpers oder Alter ermattet sind, und daß sie also von dem Menschen nicht beständig geübt werden können. Um wie viel mehr werden sie also im zukünftigen Leben aufhören, wenn dieß Verwesliche die Unverweslichkeit angezogen haben wird und dieser Körper, der jetzt thierisch ist, als geistiger auferstanden sein und das Fleisch angefangen haben wird, nicht mehr so zu sein, daß es gegen den Geist gelüstet? Davon lehrt auch der Apostel offenbar, indem er sagt: 2 „Die körperliche Übung ist zu wenig nütze, die Frömmigkeit aber, unter welcher ohne Zweifel die Liebe verstanden wird, ist nützlich zu Allem, da sie die Verheissung hat für das gegenwärtige und zukünftige Leben.“ Die also für Weniges nützlich erklärt wird, von der wird auch offenbar gelehrt, daß sie nicht durch alle Zeit geübt werde, und daß sie nicht für sich allein dem Strebenden die höchste Vollkommenheit verschaffen könne. Denn das „Wenig“ kann auf Beides bezogen werden, d. i. entweder auf die Kürze der Zeit, daß nemlich die körperliche Übung dem Menschen sowohl in der Gegenwart als in der Zukunft nicht gleich sein könne an Dauer; oder sicher auf die Kleinheit des Nutzens, der von der leiblichen Übung erlangt wird, deßhalb weil das leibliche Dulden zwar einige Anfänge des Fortschrittes erzeugt, aber nicht die Vollkommenheit der Liebe selbst, welche die Verheissung hat für das gegenwärtige und zukünftige Leben.
[S. 300] Und deßhalb halten wir die Übung der genannten Werke für nöthig, weil man ohne sie nicht zum Gipfel der Liebe aufsteigen kann. Auch die, welche ihr Werte der Liebe und Barmherzigkeit nennt, sind nothwendig in dieser Zeit, da noch unbillige Verschiedenheit herrscht, und es würde deren Ausübung nicht einmal hier erwartet werden, wenn nicht die Zahl der Hilflosen, Dürftigen und Kranken übergroß wäre. Diese ist so geworden durch die Ungerechtigkeit der Menschen, nemlich derjenigen, welche Das, was von dem gemeinsamen Schöpfer Allen zugestanden wurde, nur zu ihrem Gebrauch in Besitz nehmen und nicht einmal zum Gebrauche verwenden! 3 So lange also in dieser Welt solche Ungleichheit herrscht, wird solches Handeln nothwendig sein und nützlich Dem, der es übt; denn es wird allerdings der Gutmüthigkeit und dem liebevollen Willen den Lohn des ewigen Erbes zubringen, selbst aber im zukünftigen Leben, wo die Gleichheit herrscht, aufhören, da nun keine Unbilligkeit mehr da ist, wegen deren diese Dinge geübt werden müßten, sondern Alle von dieser vielfachen, d. i. thätigen Übung zur Liebe Gottes und zur Beschauung der göttlichen Dinge übergehen werden durch die beständige Reinheit des Herzens. Dieser haben sich nun Jene, welchen daran liegt, sich entweder der Wissenschaft oder der Reinigung des Geistes zu befleissen, schon in dieser Zeit mit aller Anstrengung und Kraft nach freier Wahl hingegeben. Diese haben sich nemlich, während sie noch im verweslichen Fleische sind, jener Beschäftigung geweiht, in welcher sie nach Ablegung der Verweslichkeit immer sein werden, und gelangen so zu jener Verheissung unseres Herrn und Erlösers, in welcher er sagt: „Selig sind, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott anschauen.“ 4
1: Matth. 10, 42.
2: I. Tim. 4, 8.
3: Todtes Vermögen, das nur die Habsucht zusammenraffte und festhält, um sich an dem bloßen Haben zu weiden.
4: Matth. 5. 8.