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Von Göttern und Bussen: Nachhause kommen in Indien
Ein ziemlich wahrer Reisebericht
Wir stehen an einer staubigen Busstation, irgendwo in Nordindien. „Kinder“, sagt Maja, „es tut mir sehr leid, aber dort drüben liegt ein grosses totes Tier.“ „Wirklich? Zeig mal“, sage ich, und wir gehen um die Ecke der erst halb gebauten Station. Dort, auf einem breiten Betonsockel liegt ein grosses felliges Etwas. „Es ist riesig“, schwärmt Maja. „Was ist es?“, frage ich zurück. “Bist du sicher, dass es tot ist?” “Nein, schau, es atmet!” ruft Emil entzückt. Das Tier hebt den Kopf: es ist eine Ziege. Wir suchen in unseren Taschen nach Keksen, und die Ziege steht auf. Sie hat die Grösse eines Ponys. „Eine Riesenziege!“, ruft Maja. “Oh, schau, sie mag Kekse.” Und so beginnen wir, das riesige Untier zu füttern, bis unser Bus kommt.
Emil, Maja und ich sind volunteers für eine kleine Entwicklungsorganisation in Himachal Pradesh, Indien. Wir kommen gerade von einem Wochenendtrip in Manali zurück. In der Hauptstadt für Extremsport in Nordindien haben wir ein paar Tage damit verbracht, den Beas Fluss hinunter zu paddeln, im Himalaya zu klettern und ins schönen Kullu Tal zu schweben – auf Gleitschirmen. Während wir in der Luft waren, sah ich einen Adler neben mir fliegen, und der Indische Champion steuerte meinen Schirm, nachdem er Ganja geraucht hatte. „Das ist für Krishna“, sagte er mit einem grossen Grinsen, „Krishna mag Fliegen“. Aha. Nachdem wir all dieses Extremsport-Zeug glücklich überlebt hatten, fühlten wir uns relativ sicher in dem scheppernden Bus, der uns nach Kullu Town hinunter brachte. Ein paar Leute hatten auf dem Busdach gesessen, und als Emil ihnen folgen wollte, liessen sie ihn nicht: „Zu gross, zu gross“, lachten sie, denn der Weisse überragte die meisten Inder einen halben Kopf.
Ramas Geburtstag
Nun, nachdem wir die Riesenziege gefüttert und keine Kekse mehr übrig haben, suchen wir jemanden, der weiss, wann der Bus nach Mandi kommt. Wir müssen fürs Abendbrot zurück im Camp sein, und morgen gehts mit der Arbeit sehr früh weiter. „Kein Bus, nein, nein, heute Ramas Geburtstag, kein Bus heute”, kriegen wir aus dem Strassenverkäufer heraus, der uns Wasser, Klopapier und mehr Kekse verkauft. Oh, wer ist bloss Rama schon wieder? Ah ja, der siebente Avatar Vishnus. Ach du meine Güte, wir haben die Götter nicht zu Rate gezogen, als wir unseren Ausflug planten. Unser Fehler. Also, was tun wir denn jetzt? Aber zehn Minuten später kommt der Bus trotzdem, und erleichtert springen wir auf.
Oh God save me
Die Fahrt führt durch eine felsige Landschaft und kleine Dörfchen. Wir sehen bedächtig trottende Bauern, staubige Eselskarren und heilige Bäume. Nun ist es aber Ramas Geburtstag, und so hält der Bus in Pandoh, denn dort wohnt der Busführer. Die Fahrt ist vorbei, und kein öffentlicher Verkehr führt heute noch nach Mandi. Doch wir müssen dorthin, wenn wir es zu unserem Camp in Palampur schaffen wollen. „Ach, lasst uns Tee trinken gehen“, meint Maja gelassen, „wir finden schon was“. Und so schlendern wir durch Pandoh, ein kleines Dorf mit einem grossen Damm für Wasserkraft. Auf dem Hinweg standen wir stundenlang im Stau, weil am Damm gerade ein Bollywoodfilm gedreht wurde. Nun ist die Filmcrew abgereist und der Ort wieder ruhig. Wir finden ein kleines Café und gehen hinein. Der dampfende, süsse Chai in Zinnbechern belebt uns, und wir beginnen ein Gespräch mit einem einheimischen Mann. Emil fragt ihn, ob es im Ort Taxis gäbe, die uns nach Mandi bringen könnten. „Keine Taxis heute, nein, Sir, Ramas Geburtstag“. Hm. Aber er scheint interessiert, und etwas später erzählt er uns, er sei Muslim. „Also keine Feier für mich heute.“ „Hast du ein Taxi?“ fragt Maia. Er bejaht. “Also, würdest du uns nach Mandi fahren?” “Ja M’am, wieso nicht?” Wieso nicht, denken wir uns auch. Wir trinken unseren Chai, dann gehen wir zu seinem Auto: ein schlottriger Volvo aus den Jahren der Unabhängigkeit, wie’s scheint. Der Mann ruft seinen Sohn, ein etwa zwölfjähriges Kind, das vor dem Haus spielt. Wir grüssen und lächeln hinüber. Erst als die Türen zuschlagen und der Motor aufheult, realisieren wir, dass der Junge am Steuer sitzt, und sein Vater stolz neben ihm. Ich sende ein Stossgebet zu Ganesha, dem Gott der Reisen und des Verkehrs: „Oh God, save me!“ Diesen Spruch habe ich mehrmals auf der Rückseite der grossen orangen Lastwagen gesehen, die über die Hauptstrassen Indiens donnern. Jetzt weiss ich, was er bedeutet.
Wenn einer eine Reise tut…
Die Strasse verläuft in weiten Kurven, und der Junge beweist sich als anständiger Fahrer. Langsam entspannen wir uns, reden mit dem Vater des Juniorfahrers und geniessen die Schönheit der Landschaft. Das gebirgige Land trieft vor Fruchtbarkeit, und dichte Wälder wechseln sich ab mit Terrassenackerbau. Zu unserer Rechten folgt uns ein Fluss und viele Tempel ziehen an uns vorüber. Jedes Mal, wenn wir an einem Tempel vorbei fahren, hupt der Junge. „Warum macht ihr das, wenn ihr doch Muslime seid?“ fragt Emil. „Alle Götter mögen Aufmerksamkeit“, lächelt der Vater unseres Fahrers verschmitzt. Stimmt irgendwie, denke ich. In Mandi entlassen uns die beiden am Busbahnhof. Wir winken zum Abschied und suchen jemanden, der die Busverbindungen nach Palampur kennt.
Reisekrankeit
Stunden später sind wir noch immer in Mandi. Die Abfahrtszeit hat sich verschoben, weil der Fahrer Ramas Geburtstagsfestlichkeiten mitfeiern wollte. Jetzt wird es dunkel, und als der Bus endlich zur Abfahrt bereit ist, haben wir einiges erlebt. Drei wütende Affen haben uns angegriffen, als sie unsere Erbsen stehlen wollten. Ich habe geflucht, Maja hat Steine geworfen und Emil hat Karate gemacht. Wir haben ausserdem im Haus eines Fremden Tee getrunken, haben einem Schlangenbeschwörer zugeschaut, wie er eine Kobra tanzen lässt, und haben „Kwality“ Eiscreme bei einem Strassenverkäufer gegessen.
Jetzt geht die Reise weiter. Zusammengequetscht sitzen wir im Bus nach Palampur. Ein kleines Kind sitzt auf meinem Schoss, da dessen Mutter zwei weitere Kinder auf ihren eigenen Beinen balanciert. Der Bus rattert in die dunklen Serpentinen der südlichen Himalayaausläufer, mit hoher Geschwindigkeit und ohne Licht. „Gott, ich muss meine Augen schliessen“, ruft Maja. „Ich will nicht sehen, wie wir in den Felsen donnern oder von einer Klippe stürzen!“ „Spinnst du?” rufe ich zurück. „Wenn das hier das Ende ist, dann will ich alles davon sehen!“ wir lachen, halb hysterisch, halb fröhlich. Ein älterer Mann sitzt neben mir, und wir beginnen eine holprige Konversation. Er ist vom Süden und bereist das ganze Land, um Stoffe zu verkaufen. Er hatte eine Schwester, die in einem Busunfall ums Leben kam, deswegen hasst er das Reisen. Aber, so sagt er, was kann man tun? Schliesslich muss er seine Kinder ernähren. Dann öffnet er das Fenster, steckt seinen Kopf hinaus und übergibt sich. „Reisekrankeit“, erklärt er. Ich schau zu Emil, der mich anlächelt.
Zuhause
Wir kommen in Palampur an, dreckig, verstaubt und todmüde. Wir müssen noch immer fünf Meilen zu unserem Camp zurücklegen, aber wir kennen die hiesigen Tuc-Tuc-Fahrer, und sie begrüssen uns mit einem breiten Grinsen. Wir setzen uns in eins der Motor-Rikschas und tuc-tuc-tuc gehts in die warme Dunkelheit von Palampur. Das ist unser Zuhause und glücklich atmen wir den Duft der Teeplantagen ein. Die Reise – etwas mehr als 200 Kilometer – hat den ganzen Tag gedauert, aber sie war grossartig. Nur in Indien trifft man Riesenziegen, wütende Affen und tanzende Kobras an einem Tag. Nur in Indien richtet sich der öffentliche Verkehr nach den Geburtstagen der Götter und nur in Indien ist das Reisen gleichzeitig Überlebenstraining und Entspannung. Als ich diese Nacht in mein Bett sinke, danke ich Ganesha, dass er uns heil nach Hause gebracht hat, und ich danke Rama, dass er uns seinen Geburtstag feiern liess.