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The Social Condenser
Les Espaces d’Abraxas (1978-1983) in Marne-la-Vallée als das letzte Grand Ensemble der Pariser Banlieue
1. Zusammenfassung des Forschungsplans
Ricardo Bofills Les Espaces d’Abraxas ist einer der letzten Grosswohnbauten der Pariser Banlieue. Zwölf Kilometer vor der Pariser Innenstadt erinnert seine 19-geschossige Silhouette mit ihrer eklektischen Säulenfassade aus Betonfertigteilen an ein symbolisches Stadttor inmitten der Vorortsiedlungen. Die Konnotationen des Projektes reichen von einer Strafkolonie bis zum surrealem Traumbild, verstärkt durch den Umstand, dass das Gebäude kurz nach Fertigstellung als Filmkulisse für Brazil (1984) von Terry Giliam diente, einer Parodie des Romans 1984 von George Orwell (1948). Die Realisierung dieses umstrittenen Projeks hängt untrennbar mit der Kritik an der Monotonie der Grands Ensembles in den 1960er Jahren und der politischen Situation in Paris nach 1968 zusammen. Les Espaces d’Abraxas dient nun als Anlass, um zum einen die Lücke ,Ricardo Bofill’ in der französischen Architekturgeschichts-schreibung der 1970er und frühen 1980er Jahre zu schliessen, und zum anderen das Oxymoron ,Postmoderner Großwohnbau’ in der Pariser Banlieue zu lösen.
Die Analyse und Kontextualisierung des Projekte ist von drei Fragestellungen geleitet. Die erste Frage betrifft das Verhältnis von Architektur und Politik. Welches Verhältnis besteht zwischen dem materiellen Artefakt, der Erfolgskurve seines Architekten und den Verhandlungen unterschiedlicher politischer Akteure? Kann man diese Architektur als das Produkt politischer Verhandlungsprozesse betrachten – und welche Parameter müssten dafür herangezogen werden?
Die zweite Frage lautet: Wie kann dieser Gegenstand jenseit der gängigen stilistischen Kategorien – namentlich der formalen Dichotomie zwischen Modernismus und Postmodernismus – beschrieben und interpretiert werden? Wie können Kriterien entwickelt werden, mittels derer der innere Widerspruch von Les Espaces d’Abraxas – einem Sozialwohnungsbau, der sich einer Bildsprache bedient, welche im Totalitarismus zu wurzeln scheint – erklärt werden kann und das Projekt als Scharnier zwischen einer Architektur des Wohlfahrsstaates der Nachkriegszeit und der neoliberalen Stadtentwicklung darstellbar wird?
Die dritte Frage handelt davon, ob die emotionale Reaktion und starke Ablehnung, mit denen dieses Projekt bis heute in den Medien und in der Fachwelt besetzt ist, als Angst zu deuten ist. Was wäre, wenn hinter Les Espaces d’Abraxas der unverdaute Schrecken eines utopischen Traumes sichtbar würde, der jederzeit in den Albtraum eines autoritären Regimes umkippen könnte? Dreht man diesen Gedanken um, könnte die Analyse der Mechanismen von Produktion und Repräsentation von Les Espaces d’Abraxas neue, positive Bewertungskriterien des öffentlich finanzierten Grosswohnbaus freilegen.
Um dieses Forschungsvorhaben in einen historiografischen Kontext einzubetten, sind zwei Themenstränge wichtig. Auf einer übergeordneten Ebene steht erstens die Postmoderne in Architektur und Städtebau in Europa; auf einer konkreten Ebene müssen die Entwicklung des Grosswohnbaus in Frankreich und der Ausbau der Villes Nouvelles in den 1970er Jahren herangezogen werden – samt der darin enthaltenen Kritik an der Modernen Architektur sowie der Figur des Architekten seitens der Sozialwissenschaften. Die inhaltlichen Achsen Produktion und Repräsentation helfen, diese unterschiedlichen Themenstränge zu strukturieren und zu verbinden. Erstere untersucht, wie das Projekt real umgesetzt und von den Bewohnern im Alltag erlebt wurde; letztere untersucht, welche Repräsentationsformen von Architekt und Werk dafür in einem soziopolitischen Kontext notwendig waren.