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Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Vor mir, zwei Schumann-Aufnahmen. Einerseits, Allegro für Klavier h-moll op. 8, Kreisleriana op. 16 und Gesänge der Frühe op. 133, mit dem großen Maurizio Pollini (siehe unter 'Instrumental'), und andererseits, die Klaviersonaten Nr. 1 und Nr. 3 in der Einspielung von Bernd Glemser. Die von Glemser muss als die bedeutendere angesehen werden.
Der junge deutsche Pianist, ein Schüler von Vitalij Margulis, ist ein gefragter Künstler, seitdem er 1987 den ARD-Wettbewerb gewonnen hat, doch in unseren Gegenden aber noch zu wenig bekannt, obschon ihm Harald C. Schonberg ein 'aristokratisches Spiel im Geiste eines Glenn Gould ' bescheinigt hat. Sein Repertoire reicht vom Barock bis zur Moderne, und er ist Exklusiv-Künstler bei Naxos, wo bereits mehrere Einspielungen mit ihm erschienen sind, die von Rachmaninow bis Lutoslawski reichen.
Nun sind seine Interpretationen der Sonaten Nr. 1 und Nr. 3, dem so genannten 'Konzert ohne Orchester', von Robert Schumann veröffentlicht worden. Sagen wir es gleich: Die inspirierte Deutung, die Bernd Glemser hier verwirklicht, ist einzigartig. Wie der Pianist in op. 11 die Kontraste von Dynamik und Reflexion zu gestalten vermag, ist bereits bewundernswert; wie er sie dann aber auszubalancieren versteht, ist meisterhaft. Man höre sich nur den zweiten Satz, diese wundervolle Arie an, und man erkennt, wie gut Glemser 'seinen' Schumann verstanden hat und auch wiederzugeben vermag. Eine derartige lyrische Ausdruckskraft, gepaart mit einer solchen Selbstverständlichkeit, ja einem derartigen Selbstverständnis, hat man kaum je in Interpretationen dieser Sonate gehört. Ebenso einleuchtend wirkt das Scherzo in seiner Spannung und Klarheit, und so wie bereits im Einleitungssatz, überzeugt Glemser auch im Finale durch seine kluge Deutung der dynamischen Angaben.
Genau so überlegen und abgerundet erscheint die F-Moll-Sonate, die der Pianist in der revidierten Fassung spielt. Seine Darstellung ist ungemein kontrolliert und geradezu detailvernarrt, ohne dass Glemser aber je den Überblick verliert, und das ist die eigentliche Meisterleistung, denn gerade das 'Auseinanderfallen' der Sonatenformen macht ja das Werk zu einem derart schwierigen Unterfangen, dass sogar ein so berühmter Interpret wie Horowitz es nicht zu meistern wusste.
Bernd Glemser aber versteht
es, durch seine magistralen Übergänge und Überleitungen,
die bis ins feinste Detail ausgearbeitet sind, die Sonate zu einem
Ganzen werden zu lassen, und das was sonst wie Bruchstellen wirkt,
wird durch die Poesie und die schön abgestuften Klangfarben,
die der Interpret gestaltet, zum verbindenden Element. Da ist
Virtuosität eigentlich nur eine Voraussetzung, wie die unglaublichen
Finalsätze der beiden Sonaten mit ihrer stupenden technischen
Schwierigkeiten bestätigen. Glemser schafft sie so mühelos,
so grandios, dass sie zu Visionen werden.