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Gefährdete Kostbarkeiten
Martin Frei
In den vergangenen Jahren war das Moostal wiederholt Gegenstand von lebhaften Diskussionen. 1987 wurde die Moostal-Initiative eingereicht, welche die bestehenden Bau- und Strassenlinien im Moostal ersatzlos aufheben wollte. Nachdem der Einwohnerrat die Forderungen des Volksbegehrens weitgehend erfüllt hatte, wurde die Initiative zurückgezogen. Sechs Jahre später trat eine «Bauund Verwaltungsgenossenschaft Mittelfeld» mit einem ganz anderen Anliegen an die öffentlichkeit: Im Talboden neben dem Mooswäldchen sollte eine verdichtete überbauung mit 600 neuen Wohnungen für 1000 Einwohnerinnen und Einwohner entstehen. Die Reaktionen auf dieses Vorhaben Hessen nicht lange auf sich warten. Im Januar 1994 wurde der Verein «IG Moostal» gegründet mit dem Ziel, das gesamte Moostal einschliesslich die Langoldshalde vor einer überbauung zu schützen. Parallel dazu sammelte das Komitee «Moostal grün» innert kürzester Zeit nahezu 7000 Unterschriften für eine Petition mit gleichen Forderungen. So wurde das Moostal im Vorfeld der letzten Gemeinderatswahlen zu einem heissumstrittenen Thema. Der Ausgang der Wahlen und der anhaltende Druck der öffentlichkeit veranlassten den Gemeinderat zu einem befristeten, vierjährigen Planungsstopp. In den nächsten vier Jahren soll nun der kommunale Richtplan aus dem Jahr 1978 neu überarbeitet werden.
In der Öffentlichkeit weniger bekannt ist, dass bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts konkrete Projekte für eine umfassende Erschliessung und überbauung des Gebietes ausgearbeitet wurden. Am 8. Mai 1913 genehmigte der Grosse Rat einen Strassenlinienplan, der neben der bereits bestehenden Bettingerstrasse unter anderem einen Ausbau der Mohrhaidenstrasse und des Chrischonaweges vorsah. Als Abschluss der zukünftigen Bebauung war eine von der Schlossgasse über das Moos und das Rheintal zum Wenkenhof führende Ringstrasse, der sogenannte Moosring, geplant. Dieser Grossratsbeschluss bildete denn auch im Wesentlichen die Grundlage für die weitere Planung.
Die Fragen, die sich heute angesichts der veränderten Situation stellen, sind aus der Sicht des Natur- und Landschaftsschutzes äusserst wichtig: Wie grün ist das Moostal heute? Wie hoch ist das biologische Potential? Wie soll das Moostal in Zukunft aussehen? Welches sind seine landschaftlichen Qualitäten? Diese Fragen bildeten denn auch den Anlass für die vorliegende Arbeit. In unzähligen Arbeitsstunden wurde das Moostal im Frühsommer 1994 nach biologischen Kostbarkeiten abgesucht1). Die Bilanz dieser Arbeit ist erfreulich und ernüchternd zugleich und soll im Folgenden dargestellt werden.
Die Landschaft
Das Moostal vermittelt als letzter noch weitgehend unverbauter Teil der sanft geschwungenen und durch mehrere Tälchen gegliederten Lösshügellandschaft am westlichen Rand des Dinkelberges einen Eindruck der ehemaligen Grossziigigkeit dieser Landschaft. Von den Hängen gleitet der Blick über die weite, landwirtschaftlich genutzte, mit Obstbäumen bestandene Mulde das Wiesental aufwärts zum Rötteler Schloss bis hin zum Blauen und weiteren Bergen des Schwarzwaldes. Gegenüber erhebt sich, eingekleidet mit Rebbergen, der Tüllinger Berg - ein Kalkvorhügel des Schwarzwaldes. Westlich davon breitet sich die Oberrheinebene aus und weiter westlich sind am Horizont bisweilen sogar die Vogesen erkennbar. Vom Moostal aus lässt sich die besondere geographische Lage Riehens verstehen. Hier endet die Sicht nicht beim nächsten Gartenhag, hier ist - wie sonst nirgends in Riehen - «Landschaft» erlebbar.
Biologische Vielfalt
Weniger offensichtlich als die ästhetik der Landschaft ist die Bedeutung des Moostales als Lebensraum für gefährdete Tier- und Pflanzenarten. Der Schein der intakten Landschaft trügt. Längst hat auch im Moostal eine rasante Verarmung der Artenvielfalt eingesetzt. Dennoch finden sich hier auch heute noch einige bedrohte Kostbarkeiten.
Obstbaumgärten
Die Obstbaumgärten konzentrieren sich auf die drei Teilgebiete «Auf Langoldshalden», «Vor dem Berg» und das Gebiet Rheintalweg, Binsenweg und Artelweg. Bei einem Grossteil der Hochstämme handelt es sich um Kirschen, seltener sind Apfel, Zwetschgen und Baumnüsse, und nur ganz vereinzelt lassen sich Mostbirnen und Quitten beobachten. Ein prächtiger Mostbirnbaum steht zwischen dem Rheintalweg und dem Artelweg, ein weiterer südlich des Chrischonawegleins.
Leider werden die ausgedehnten Obstbaumgärten des Moostales infolge überalterung und Krankheiten zusehends lückiger. Von den 1985 im Basler Naturatlas beschriebenen hochstämmigen Obstanlagen existieren heute bestenfalls noch zwei Drittel, wobei auch dieser Rest ohne Gegenmassnahmen bereits mittelfristig verschwinden dürfte.
Typische Obstgartenvögel wie Neuntöter, Goldammer, Kleinspecht und Gartenrötel sind zwar immer noch gelegentlich anzutreffen, doch haben die Brüten in den letzten Jahren stark abgenommen. Der Wendehals, ein weiterer typischer Bewohner von Hochstamm-Obstgärten, ist bereits in den siebziger Jahren verschwunden. Nach wie vor ist das Moostal hingegen ein wichtiges Jagdgebiet für Raubvögel, beispielsweise für den Mäusebussard, den Rotmilan sowie vor allem in der Nähe des Mooswäldchens - den Sperber2).
Wenig bekannt ist die Bedeutung der hochstämmigen Obstanlagen für andere Organismengruppen. So gedeiht auf den verschiedenen Obstbaumarten eine Vielzahl ganz spezifischer Flechtenarten. Die basische Borke des Nussbaumes wird häufig von auffälligen Blattflechten, zum Beispiel der leuchtend gelben Xanthoria parietina besiedelt. Andere Flechten, etwa die gegen hohe Luftverschmutzung weitgehend resistenten Arten Hypogymnia physodes und Pseudevernia furfuracea bevorzugen saure Substrate, zum Beispiel die Borken der Kirsch- und Zwetschgenbäume. Doch auch diese kleinen Organismen sind bedroht. Nicht nur die hohe regionale Luftbelastung, auch Pestizide und vor allem der fehlende Ersatz für abgehende Bäume machen den unscheinbaren Lebewesen zu schaffen.
Wiesen und Weiden
Schwach vernässte und nicht überdüngte Wiesen finden sich heute nur an wenigen Stellen im oberen Moostal, so am Waldrand unterhalb des Nollenbrunnens und weiter südlich beim Austritt des Vormbergweges, «Auf Lichsen» und in einigen alten Privatgärten an der Mohrhaidenstrasse. Leider geben diese kleinflächigen Reste mit ihrer verarmten Pflanzenartengarnitur nur annähernd eine Vorstellung dieses ursprünglich an nord- und nordwestexponierten Hängen weitverbreiteten Wiesentyps. Typische und ehemals häufige Pflanzen wie Frauenmantel, Grosse Bibernelle, Kohldistel und Kuckuckslichtnelke zählen bereits zu den grossen Seltenheiten.
Auch an die blumenreichen, trockenen Wiesen, welche die warmen, sonnenexponierten Hänge bekleideten, erinnern heute nur noch wenige, kleinflächige Relikte beim Schützenstand, an der oberen Langoldshalde und an Wegrainen im Gebiet «Vor dem Berg». Lokal können Blumenwiesenfragmente mit Feld-Witwenblume, Knolligem Hahnenfuss, Wiesen-Flockenblume und Wiesensalbei auch an sonnigen Stellen am Nordwesthang, zum Beispiel an einer Wegböschung am Artelweg und in einigen naturnahen Privatgärten beobachtet werden. Beim Schützenstand findet sich als grosse Besonderheit sogar ein wertvoller Trespen-Halbtrockenrasen. An einer steilen südexponierten Böschung gedeihen neben der bestandbildenden Aufrechten Trespe der Feld-Thymian, das Schmalblättrige Johanniskraut und weitere, auf trockene, ungedüngte Standorte spezialisierte Arten. Biotope dieser Art sind im Kanton Basel-Stadt alleine zwischen 1950 und 1980 um mindestens 90 Prozent zurückgegangen, im Landwirtschaftsgebiet sogar bis auf wenige Ausnahmen verschwunden (Basler Naturatlas 1985).
Ein weiteres äusserst wertvolles Naturobjekt befindet sich am südwestexponierten Hang unterhalb der Liegenschaft Rheintalweg 130. Dieser teilweise mit Obstbäumen bestandene, magere, wechseltrockene und extensiv beweidete Rain ist unter anderem Lebensraum für das Zittergras und den Purgier-Lein. Beide Arten gelten gemäss der kürzlich für das kantonale Naturschutzkonzept erstellten Roten Liste der gefährdeten Pflanzenarten von Basel-Stadt als vom Aussterben bedroht beziehungsweise gefährdet. Meines Wissens handelt es sich bei diesem neuentdeckten Bestand um das schönste Beispiel eines wechseltrockenen Weiderasens auf baselstädtischem Boden.
Äcker
Die ausgedehnten Ackerflächen des Moostales bieten nur wenigen, der intensiven Nutzung angepassten Trivialarten einen Lebensraum. Heute gehört es schon fast zu den Sensationen, in einer vergessenen Feldecke einen kränkelnden Klatschmohn oder eine schmächtige Kamille zu entdecken. Längst verschwunden ist die farbenprächtige Schönheit mit Kornblume, Venusspiegel, Acker-Hahnenfuss und anderen sogenannten Unkräutern. Einen Eindruck von der ehemaligen Vielfalt traditionell genutzter Acker vermitteln drei kleine Felder auf einem privaten Grundstück an der oberen Dinkelbergstrasse, auf denen der Autor in Zusammenarbeit mit «Pro specie rara» (Schweizerische Stiftung zur Erhaltung des genetischen und kulturgeschichtlichen Erbes von Tieren und Pflanzen) exemplarisch alte Getreidesorten mit ihrer Begleitflora anbaut.
Reliefelemente
Im Laufe der Jahrhunderte entstanden im Moostal als Folge der traditionellen Landnutzung eine Vielzahl landschaftsprägender Oberflächenformen. Dazu gehören die Lösshohlwege am Leimgrubenweg und an der Mohrhaidenstrasse, aber auch die zahlreichen Stufenraine (zum Beispiel «Auf Langoldshalden»), die durch die frühe Pflugarbeit an geneigten Flächen geschaffen wurden. Neben ihrer wichtigen Funktion für das Landschaftsbild sind diese Landschaftsstrukturen wertvolle Rückzugsgebiete für Wildpflanzen und Kleintiere, da sie wegen ihrer Steilheit kaum oder nur extensiv bewirtschaftet werden. Allerdings werden diese kleinflächigen überlebensgebiete durchwegs durch Düngereintrag aus den angrenzenden Flächen beeinträchtigt.
Hecken und Feldgehölze
«Naturhecken» und Feldgehölze sind im Moostal mit Ausnahme weniger Stellen «Auf Langoldshalden», beim Scheibenstand, des bewaldeten Stufenraines beim Rheintalweg, der Löss-Hohlwege sowie einiger naturnah gepflegter Privatgärten kaum vorhanden. Allerdings waren diese aus ornithologischer Sicht besonders wertvollen Landschaftselemente im Moostal wohl auch früher eher selten, wie ein Vergleich historischer Fliegeraufnahmen aus dem Jahre 1934 mit der heutigen Situation zeigt.
Mooswäldchen
Das Moostal ist bis auf das gut 25 Aren kleine, unter Naturschutz stehende Mooswäldchen im Auebereich des Immenbachs vollständig entwaldet. Doch gerade dieser letzte Rest weist eine einzigartige und heute weitherum verschwundene Artenzusammensetzung auf: Neben typischen Auwaldbäumen - Schwarzerlen, Eschen, Traubenkirschen und Bergahorne -, gedeihen im Unterwuchs wilde Johannisbeeren, lokal auch die Sumpf-Segge, die Spierstaude, die Rasenschmiele und - als grosse Besonderheit - die Sumpfdotterblume. Diese Artenkombination ist typisch für humos-mineralische, im allgemeinen nicht torfige, dafür tonige und basenreiche Standorte mit hochanstehendem, lebhaft bewegtem Grundwasser. ökologisch bewegen sich diese Lebensräume im Grenzbereich zwischen Aue und Lorfmoor. Vor einigen Jahren wurden bei Tiefbauarbeiten in unmittelbarer Nähe des Mooswäldchens sogar die Reste eines prähistorischen Moores, wahrscheinlich des einzigen im Kanton Basel-Stadt, entdeckt.
Das Mooswäldchen kann als allerletztes Relikt des ehemaligen Mooses bezeichnet werden. Allerdings leidet das Wäldchen wegen seiner Kleinheit und der Siedlungsnähe stark unter dem Naherholungsdruck. So ist die typische Bodenvegetation in weiten Bereichen durch den Tritt stark beeinträchtigt und stellenweise sogar vollständig zerstört. Dennoch ertönt aus den Baumwipfeln recht häufig der klangvolle Ruf eines bedrohten, aber selten sichtbaren Vogels, des Pirols.
Quellen und Quellbereiche
Das Moostal ist für seinen Quellenreichtum bekannt (RJ 1984). Ungefasste Quellen mit ihrer typischen Lebewelt sind heute aber eine grosse Seltenheit. Einzig beim Nollenbrunnen und im nicht öffentlich zugänglichen Garten der Liegenschaft Moosweg 70 sind noch letzte Reste erhalten geblieben. Der Nollenbrunnen mit seinen Quellen ist allein schon wegen seiner Entstehung eine Besonderheit: Durch Zurückweichen der Quellöffnungen entwickelt er sich immer mehr von einer Tümpelquelle zu einem Waldtümpel. Hier leben der gefährdete Feuersalamander und der Grasfrosch, aber auch botanische Raritäten, zum Beispiel das Waldried. Der Feuersalamander wurde in jüngerer Zeit auf Riehener Boden ausser beim Nollenbrunnen nur noch im Bettingerbach festgestellt (RJ 1993). Doch auch der Nollenbrunnen ist dem Naherholungsdruck mit seinen Folgen nicht entzogen. Die Ufervegetation ist grösstenteils zerstört und der Tümpelgrund oft aufgewühlt, so dass der Ort viel von seinem geheimnisvollen Charakter eingebüsst hat.
Ganz anders dagegen der weiherartige Quellaufstoss im Garten der Liegenschaft Moosweg 70. Im tiefen, kri stallklaren, kalten Wasser entwickeln sich prächtige Unterwasserwiesen mit Aufrechtem Merk, Krausem Laichkraut und den gegenüber Gewässerverunreinigungen besonders empfindlichen Armleuchteralgen. Auch Grasfrösche laichen jeden Frühling in grosser Anzahl, und selbst der seltene Feuersalamander soll an diesem Ort schon beobachtet worden sein.
Immenbach/Moosbach
Der ökologische Wert des Immenbachs ist heute mit Ausnahme eines kleinen naturnahen Abschnittes zwischen dem Mooswäldchen und der Dinkelbergstrasse stark herabgesetzt. Der ehemals von Kopfweiden gesäumte obere Bereich zwischen den beiden Spitalquellen und der Feldscheune Moosweg 102 ist vollständig eingedolt. Unterhalb der Feldscheune bis zum Mooswäldchen verläuft der Bach zwar mehrheitlich offen, doch sind seine Ufer senkrecht abgestochen und die Ufervegetation bis ans Ufer gemäht. So ist es nicht verwunderlich, dass hier mit Ausnahme von Spierstaude, Sumpf-Segge, Kleinblütigem Weidenröschen und RohrGlanzgras sowie der feuchtigkeitsliebenden Bernsteinschnecke kaum andere Bachuferlebewesen beobachtet werden können. Im Bereich des Mooswäldchens verzweigt sich der Bach in mehrere Arme und führt so zur Ausbildung des bereits erwähnten seltenen Auwaldtyps. Unterhalb des Mooswäldchens hat sich bis zur Dinkelbergstrasse ein prächtiges Bachufergehölz - das einzige am ganzen Immenbach - entwickelt. Ab der Dinkelbergstrasse ist der Bachlauf völlig verbaut und teilweise gärtnerisch umgestaltet. Die senkrechten Bretterverbauungen behindern das Aussteigen von Amphibien und werden so oft zu einer Frosch- und Krötenfalle. Nicht selten können hier grosse Ansammlungen von Grasfröschen beobachtet werden. Auch die Bachlebewesen zeigen in diesem Abschnitt gegenüber den naturnahen Bereichen eine frappante Ab nähme der Arten- und Individuenzahl. Trotz der Verbauungen ist dieser Bachabschnitt Lebensraum für eine seltene, im ganzen Kanton von Natur aus einzig am Immenbach vorkommende Pflanzenart, den Aufrechten Merk.
Gärteil und Anlagen
Auch wenn die meisten Gärten des Moostales in ökologischer und gestalterischer Hinsicht kaum besonders hervortreten, so gibt es dennoch einige Ausnahmen. Vor allem im mittleren Abschnitt der Mohrhaidenstrasse gegen das «Rheintal» bilden mehrere naturnahe Gärten zusammen - über die Gartengrenzen hinweg - eine grössere Einheit. In den alten, bewusst in die Landschaft gelegten Gärten mit zahlreichen alten Obstbäumen, blumenreichen Wiesen, Naturhecken und stellenweise auch waldigem Charakter können bisweilen seltene Obstgartenvögel wie Kleinspecht und Gartenrötel beobachtet werden. Selbst das Weisse Waldvögelchen - eine Orchidee - blüht hier jedes Jahr.
Familiengärten finden sich vorzugsweise am Südhang auf ehemaligem Rebgelände, vor allem «Auf Langoldshalden» und «Vor dem Berg» sowie vereinzelt am Nordwesthang. Interessanterweise wachsen an diesen Orten auch heute noch - ähnlich wie in anderen ehemaligen Rebbaugebieten - typische Rebbergbegleitpflanzen, zum Beispiel der Weinbergslauch. Leider werden diese Gärten mehr und mehr in intensiv genutzte Freizeitgärten umgewandelt und verlieren damit ihren ökologischen Wert.
Schiessstand
Die Umgebung des Schiessstandes weist zahlreiche Naturelemente auf, die im intensiv genutzten Moostal nur noch hier vorkommen. Bereits erwähnt wurden der kleine Halbtrockenrasen und die blumenreichen Fettwiesen. Beim Scheibenstand bilden feuchte und trockene Wiesenbereiche, Brombeergebüsche, ruderalisierte Böschungen und verbuschte Raine ein vielseitiges strukturelles Mosaik. Die Langflügelige Schwertschrecke, eine Heuschreckenart, die vorzugsweise an warmen, feuchten, oft ruderalisierten Standorten auftritt, kommt in Riehen sonst nur in der Wieseebene, im Autal und am Schlipf vor. Auch die Zauneidechse, nicht zu verwechseln mit der weitaus häufigeren Mauereidechse, konnte hier erstmals im Moostal beobachtet werden. Die Art ist seit den sechziger Jahren infolge überbauung südexponierter Hänge und intensivierter Landwirtschaft drastisch zurückgegangen. Aktuell sind mir in Riehen nur noch das Reservat Autal mit dem südlich angrenzenden Waldrand sowie wenige Stellen im Gebiet der Langen Erlen bekannt. Bemerkenswert ist auch die Pflanzenwelt: Der Straussblütige Ampfer besitzt beim Scheibenstand eines der wenigen Vorkommen ausserhalb der Flusstäler. Zudem gedeihen hier verschiedene selten gewordene Magerwiesenpflanzen, etwa das Gemeine Leimkraut, das in auffällig grossen Beständen auftritt.
Für die Zukunft...
Heute präsentiert sich das Moostal nach wie vor als eine aus landschaftlicher Sicht einzigartige und noch weitgehend intakte Landschaft. Das Gebiet ist neben den Langen Erlen eine der letzten zusammenhängend landwirtschaft lieh genutzten Flächen und verleiht Riehen den Hauch einer Land-Gemeinde.
Die biologische Vielfalt hingegen, als Zeigerin verborgener landschaftlicher Veränderungen, lässt aufhorchen. Die Drainage des ehemals versumpften Talbodens, die Fassung der Quellen, die Eindolung des Immenbaches, das Verschwinden der Rebberge, der ausgedehnte und intensiv betriebene Ackerbau, in jüngster Zeit auch das Obstbaumsterben - um nur einige Beispiele zu nennen gingen nicht spurlos am Moostal vorbei. Es gibt zwar immer noch zahlreiche wertvolle Naturinseln, das Mooswäldchen etwa oder der wechseltrockene Weiderasen im Rheintal, die trockenen und feuchten Wiesen beim Schiessstand und beim Nollenbrunnen, mehrere alte Obstbaumgärten und so weiter, doch sind die Relikte sehr gefährdet. Der dramatische Rückgang der Obstgartenvögel in den letzten Jahren ist nur ein Beispiel dafür. Das Anpflanzen neuer Hochstammobstbäume, wie es die Gemeinde Riehen durch die Entrichtung von Pflanz- und Pflegebeiträgen unterstützt, kann nur ein Anfang sein. Wichtig ist auch die Erhaltung des aktuellen biologischen Potentials. Ist eine Tier- oder Pflanzenart einmal aus dem Gebiet verschwunden, dauert es lange, bis sie - wenn überhaupt hier wieder Fuss fassen kann, denn die Natur ist verletzlich geworden. Die aktuelle Landschaft und ihre Artenvielfalt ist das Produkt einer langen Entwicklung. Der beschriebene wechseltrockene Weiderasen beispielsweise benötigte für seine Entstehung Jahrzehnte wenn nicht Jahrhunderte. Die alten Obstbäume sind etwa siebzig bis neunzig Jahre alt.
Das Moostal ist eine während Jahrtausenden unter dem Einfluss der menschlichen Nutzung gewachsene Landschaft. Zu diesem Gebiet gilt es Sorge zu tragen. Heute ist eine langfristige Perspektive gefragt, welche die unterschiedlichen Bedürfnisse der erholungssuchenden Bevölkerung, der Landwirtschaft und des Naturschutzes berücksichtigt, die landschaftlichen Eigenheiten unserer Gemeinde erkennt und in die Planung einfliessen lässt. Die laufende Revision der Richtplanung bietet dazu eine einmalige Chance.
Anmerkungen
1 ) Artenlisten und genaue Lokalitäten können beim Autor eingesehen werden.
2) Für weitere Angaben verweise ich auf das Ornithologische Inventar der Kantone Basel-Stadt und Baselland, das Ende 1994 schriftlich vorliegen wird.
Quellen Basler Naturschutz: «Basler Natur-Atlas, Bände 1-3», Basel 1985 Baudepartement, Stadtgärtnerei, Fachstelle für Naturschutz: «Naturschutzkonzept für den Kanton Basel-Stadt (Anhang)», Basel 1985, Entwurf, unveröffentlicht
Peter Bolliger: «Das Riehener Quellwassersystem», in: RJ 1984, S. 150-161 Daniel Küry: «Feuersalamander und Quelljungfern im Gebiet um St. Chrischona», in: RJ 1993, S. 138-149