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Marcos Buser ist Geologe und Entsorgungsspezialist. Im Juli ist er unter Protest aus der Kommission für nukleare Sicherheit (KNS) ausgetreten, die den Bundesrat in Fragen der Atomkraft berät. Jetzt fordert er den Rücktritt von Ensi-Chef Hans Wanner.
WOZ: Die Atomaufsichtsbehörde (Ensi) hat im Juli verkündet, die Schweizer Atomkraftwerke würden selbst einem Super-Erdbeben standhalten. Trauen Sie dieser Einschätzung?
Marcos Buser: Das Problem liegt bei den Modellen, mit denen gerechnet wurde. Brauchbare Messungen zu Erdbeben gibt es aus den letzten 100 bis 150 Jahren. Nun modelliert und extrapoliert man diese Daten um das Hundertfache, um etwas über das stärkste Erdbeben in 10 000 Jahren aussagen zu können. Solche Extrapolationen sind immer sehr heikel.
Die Datenlage ist bescheiden, daran können die WissenschaftlerInnen nichts ändern. Was müsste man also tun?
Der Risikobegriff, der diesen Rechnungen zugrunde liegt, taugt für Hochrisikoanlagen nicht. Man rechnet: Risiko gleich Schadensausmass mal Eintretenswahrscheinlichkeit. Wenn der Schaden aber bedeutet, dass man ein Gebiet während Jahrzehnten oder Jahrhunderten nicht mehr betreten kann – wie das nach einer Atomkatastrophe der Fall ist –, darf man einfach nicht so rechnen. Das Risiko muss neu definiert werden, unter Einbezug der geschädigten Gesellschaft und der Zeit, während der ein Gebiet geschädigt wird.
Konkret geht es um die Pegasos-Studie zur Erdbebengefährdung von Schweizer AKW-Standorten (vgl. «Pegasos wird veröffentlicht» im Anschluss an diesen Text). Finanziert wird die Studie von Swissnuclear. Die Organisation gehört den AKW-Betreibern, betont aber, die Wissenschaftler arbeiteten unabhängig. Ist das möglich?
Wissenschaftler an den geologischen Instituten oder beim Schweizerischen Erdbebendienst halten sich für unabhängig, auch wenn sie für Swissnuclear oder die Nagra arbeiten, die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle. Doch sobald ein Institut einen Auftrag der Atomindustrie annimmt, ist es nicht mehr unabhängig. Das gilt für alle Auftragnehmer. Bei zunehmender finanzieller Abhängigkeit fürchtet ein Auftragnehmer, keine Aufträge mehr zu erhalten, wenn er nicht die erwarteten Resultate liefert.
Sie haben auch dem Geologischen Institut Bern vorgeworfen, es sei abhängig von der Nagra.
Ich habe auf diese Abhängigkeit verwiesen. Inzwischen weiss ich, dass dieses Institut jährlich von der Nagra eine Million Franken erhält. Die Institutsleitung sagte mir, das seien ja nur acht Prozent ihres Jahresbudgets von zwölf Millionen Franken. Das Institut hat aber auch noch Aufträge von der finnischen oder kanadischen Atomindustrie. Es ist nicht unsittlich, solche Aufträge anzunehmen – aber die Institute sollen ihre Finanzierungsquellen offenlegen und dazu stehen, dass sie Partei sind.
Gibt es überhaupt noch unabhängige WissenschaftlerInnen?
Kaum. Kürzlich hat sich ein Privatdozent kritisch zum Endlagerstandort im nidwaldischen Wellenberg geäussert. Danach hat ihn die Nagra sofort unter Vertrag genommen. So bringt man unliebsame Stimmen zum Schweigen. Die Leute sind am Ende alle eingebunden. Das Resultat: Sowohl das Bundesamt für Energie wie das Ensi tanzen schliesslich nach den Vorgaben der Atomindustrie.
Sie sind Anfang Juli aus der Kommission für nukleare Sicherheit (KNS) ausgetreten. Weshalb?
Die Nagra gibt den Aufsichtsbehörden vor, wo es langgeht. Sie schreibt ihnen die Drehbücher: Konzepte wie der Sachplan oder die Erschliessung des Endlagers. Öffentlich sagt die Nagra dann aber: Wir tun nur, was die Behörden verlangen. Das ist doch Heuchelei. Aufsicht und Nagra arbeiten Hand in Hand, man spricht sich ab. Ich habe diese Machenschaften intern immer wieder kritisiert, aber nichts bewirken können.
Und was war Anfang Juli los?
Ich traf Ensi-Chef Hans Wanner am 5. Juli persönlich. Er war aufgebracht. Er verwahrte sich dagegen, Teil des Filzes zu sein. Aber er hielt es gleichzeitig für zulässig, dass Protokollentwürfe zunächst zur Nagra zur Korrektur gehen, bevor sie an die anderen Sitzungsteilnehmer versendet werden. Er störte sich zum Beispiel auch daran, dass die KNS dem Ensi nicht die ganzen Stellungnahmen zur Vorvernehmlassung zustellte – die Informationen enthielten, die das Ensi zu diesem Zeitpunkt nichts angingen. Er sagte, sie würden das mit anderen Beteiligten auch so halten und erwarteten das auch von der KNS. Das ist doch keine unabhängige Kontrolle. Das System ist ineinander verzahnt – die Rollen werden vermischt. Der Kontrolleur wird zum Copain, statt unabhängiger Prüfer zu sein.
Wanner hat kurz danach in einem Blog auf der Ensi-Website geschrieben: «Die Frage ist, welche Arbeitshypothese wir unserer Aufsichtsfunktion zugrunde legen. Zwei Varianten stehen zur Wahl: entweder ‹Die Schweizer Kernkraftwerke sind grundsätzlich sicher› oder ‹Die Schweizer Kernkraftwerke sind grundsätzlich unsicher›. Wir gehen von der ersten Arbeitshypothese aus, die wir in einem laufenden internen Prozess fortdauernd mit Daten und Fakten untermauern.»
Das ist ein folgenschwerer Trugschluss. Eine Justizbehörde oder die Polizei dürften so nicht agieren, aber bei einer Aufsichtsbehörde, die in einem Hochsicherheitsbereich Verantwortung trägt, geht das offenbar. Herr Wanner hat seine Aufgabe nicht verstanden – Aufsicht funktioniert anders, da darf man nicht der Copain derer sein, die man kontrollieren muss. Die Rollen des Ensi und des Bundesamts für Energie (BFE) gehören überprüft.
Müsste Herr Wanner zurücktreten?
Wenn er die Aufsicht weiterhin so versteht wie heute, ja.
Das Ensi existiert seit 2009 als unabhängige Aufsichtsinstanz, vorher war die Aufsichtsbehörde in die Verwaltung eingebunden. War diese Entflechtung nicht sinnvoll?
Die Bewilligungs- und die Aufsichtsbehörde waren damals im Energiedepartement unter einem Dach. Es war richtig, die beiden Instanzen zu trennen. Jetzt sind wir aber mit neuen Problemen konfrontiert: Regierung und Parlament haben keinen Einfluss mehr auf das Ensi. Das erleichtert es der Atomwirtschaft, die Aufsichtsbehörde zu unterwandern. Das nennt sich im Fachjargon «Regulatory Capture»: Die Industrie, die kontrolliert werden soll, hat die Kontrolleure im Griff. Diese Situation haben wir heute beim Ensi.
Kann niemand mehr das Ensi überwachen?
Doch, der Ensi-Rat – auf dieser Aufsichtsbehörde lastet jetzt die gesamte Verantwortung. Unter den sieben Mitgliedern hat es gute und unabhängige Leute, aber sie konnten sich bisher nicht durchsetzen.
Hat nach Ihrem Rücktritt aus der KNS die Bundesverwaltung oder das Ensi reagiert?
Das Umweltdepartement Uvek hat nicht reagiert. Mit BFE und Ensi gab es Gespräche. Diese haben mir aber gezeigt, dass die Ämter Kritik nicht ernst nehmen. Ich habe dies über Jahre hinweg erlebt. Wann immer man auf einen Missstand hinweist, heisst es: Vielen Dank für den Hinweis, das schauen wir uns an. Danach hört man nie mehr etwas davon.
Was lässt sich da noch tun?
Das Parlament müsste sich einschalten und eine Untersuchung einleiten. Es könnte zudem den Ensi-Rat auffordern, zu intervenieren. Man müsste den gesamten Schriftverkehr zwischen Ensi, Nagra und BFE prüfen, um die Mogeleien detailliert aufzudecken.
Nachtrag vom 8. November 2012
Marcos Buser in Schaffhausen
Der Geologe und Endlagerexperte Marcos Buser trat im Sommer unter Protest aus der Kommission für Nukleare Sicherheit (KNS) aus. Buser wird nun am kommenden Donnerstag, 15. November 2012, anlässlich der Generalversammlung der ÄrztInnen für die Verhütung eines Atomkriegs (IPPNW) in Schaffhausen über die Verfilzung zwischen Nagra und Atomaufsichtsbehörden referieren (19.20 Uhr, Restaurant Timeout, Freizeitpark, Breitenaustrasse 117).