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Exit für House of Winterthur
Es ist noch nicht 30 Jahre her, da ging es Winterthur dreckig. Sehr dreckig, wirtschaftlich gesehen jedenfalls. Sulzer musste Arbeitsplätze aufgeben. 15'000 Mitarbeitende standen auf der Strasse. Eine Arbeitslosenquote von 6%, Tendenz nach oben, prägte den befürchteten Niedergang der Stadt. Die Politik war ideenlos und drängte die Unternehmen, Arbeitsplätze nicht zu opfern.
Die Handelskammer und Arbeitgebervereinigung, die sich um die grossen und internationalen Unternehmen kümmerte, betrieb damals eine Stelle für Wirtschaftsförderung. Es war eine gut funktionierende "one Man Show" mit einem Jahresbudget von 15'000 Franken. Wer Informationen über die Wirtschaft in Winterthur wollte, wer Fragen zur Ansiedelung hatte, wer Industrieland suchte, bekam dort die gesuchten Auskünfte.
Als die Wirtschaft in Winterthur zusammenbrach und auch die kleinen und mittleren Unternehmen in den Strudel gerieten, musste statt der bestehenden Wirtschaftsförderung eine neue, effiziente und erfolgreiche Organisation geschaffen werden. Das Stadtmarketing wurde geboren. Geburtshelfer waren unter der Führung der HAW die grossen Unternehmen wie Sulzer, Rieter, Axa etc., die 350'000 Franken in den Notstandspott warfen, 100'000 Franken brachte der Gewerbeverband (davon 50'000 Franken der Baumeisterverband), und (eher symbolisch) beteiligte sich die eh schon am Hungertuch nagende Junge Altstadt mit 3'000 Franken. Die Stadt Winterthur war bereit, den Beitrag der Wirtschaft zu verdoppeln. Jährlich, wohl gemerkt. Ein Unikum in der Schweiz, eine städtische Marketingorganisation für die Wirtschaftsförderung, war geboren. Der Verein hatte über viele Jahre nur vier Mitglieder, die genannten drei Verbände und die Stadt Winterthur selbst.
Das Stadtmarketing war Neuland, schwierig und Knochenarbeit. Aber alle waren mit Enthusiasmus engagiert. Winterthur bekam ein neues Image und sollte jahrelang von den vielen Ideen, Aktionen und Projekten des Stadtmarketings profitieren. Die Stadt rappelte sich auf und begann wieder zu blühen, die Studenten kamen dank der neu angesiedelten ZHAW und brachten Leben in die Stadt, ein Technopark betreute die Startups in Zusammenarbeit mit der ZHAW. Immer mehr Unternehmen wurden angesiedelt, selbst das Nachtleben wurde grossstadtwürdig… Dank dem Stadtmarketing oder später der Standortförderung als Dachorganisation der so koordinierten und engagierten Zusammenarbeit aller Akteure wurden unserer Stadt zu einem Bijou mit hoher Arbeits-, Wohn- und Lebensqualität. Die Stadt entwickelte sich vorzüglich. Sie schüttelte ihr Image als Arbeiterstadt ab und wurde zu einer modernen Stadt, die allen Ansprüchen genügt, um hier zu arbeiten, zu wohnen und zu leben.
Wieso ich das schreibe? Weil es zeigt, wie wichtig die Stadtorganisation seit 30 Jahren für die Entwicklung von Winterthur war.
Heute ist Winterthur selbstständig. Arbeitslose sind in Winterthur selten geworden, heute herrscht ein akuter Fachkräftemangel. Kultur und Sport sorgen mit eigenen Organisationen für eine starke Position in Winterthur. Die Zusammenarbeit erfolgt direkt mit den jeweiligen Departementen der Stadt. Über 1000 Startups haben sich in den letzten Jahren im Home of Innovation gefunden. Diese Unternehmen bilden eine starke und zukunftsträchtige Basis für die Entwicklung der Winterhurer Wirtschaft und die Schaffung von Arbeitsplätzen.
Für diese Verdienste in den letzten 30 Jahren steht der Standortförderung zweifellos ein Ehrenorden für das innovativste und beste Stadtmarketing der Schweiz zu! Und eine Laudatio des Stadtpräsidenten.
Trotz allem ist die Stadtorganisation heute in die Jahre gekommen und wird nicht mehr gebraucht. Ihre Kinder sind erwachsen und selbstständig geworden. Eher inhaltslos fristet sie ihr Dasein im House of Winterthur, hat keine Aufgaben und Ziele mehr. Sie hat ihren Dienst gemacht, ihre Aufgaben erfüllt.
Exit für das House of Winterthur?
Nein! Aber eine ehrenvolle Verabschiedung, eine verdiente Pensionierung steht dem House of Winterthur zu. Und zwar sofort, bevor es zu spät ist.
Sicher bleibt Winterthur Tourismus was es immer war, eine starke Organisation, die wieder selbstständig für die Gäste unserer Stadt da sein kann. Auch die Wirtschaftsförderung in Winterthur wird durch das Ende von House of Winterthur nicht untergehen: Das Home of Innovation hat seit der Gründung vor 3 Jahren mit einer breit abgestützten jungen Führungscrew bewiesen, dass es beste Wirtschaftsförderung für die Zukunft von Winterthur betreibt und die für Winterthur wichtigen Startups optimal positioniert.
Verabschieden wir das pensionsreife House of Winterthur jetzt, bevor nur noch Exit bleibt. Behalten wir so House of Winterthur und damit 30 Jahre erfolgreiches Stadtmarketing in bester Erinnerung
Die perfekte Nachfolge in allen Bereichen hat sich in Winterthur etabliert. Schenken wir diesen modernen, selbstständigen Organisationen unser Vertrauen.
Christian Modl