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Gerätebeschrieb Frauen / Wie Übungen bewertet werden
Quelle: Webseite des Österreichischen Fachverband für Turnen.
Sprung
Die unterschiedlichen Sprünge im Frauenturnen sind entsprechend ihren verschiedenen Körperpositionen und Bewegungsformen in fünf Kategorien aufgeteilt. Je nach dem von der Turnerin ausgewählten Sprungtyp müssen spezielle Anforderungen erfüllt werden, die in den internationalen Wertungsvorschriften detailliert aufgelistet sind. Ein erfolgreicher Sprung beginnt mit einem schnellen Anlauf von maximal 25 Meter Länge. Die Besten besitzen einen sehr «explosiven» Absprung vom federnden Sprungbrett, um danach in der «ersten Flugphase» in enormer Geschwindigkeit die Füsse über den Kopf zu bringen und mit den Händen Kontakt am Sprunggerät zu erhalten. Während der folgenden kurzen Stützphase (bei der sich die Turnerin kräftig vom Gerät abdrückt), beurteilen die Kampfrichterinnen die Körperhaltung, sowie die Position der Schultern und der Arme. Komplizierter für die Jury wird es während der anschließenden «zweiten Flugphase» und der Landung. Je höher und je weiter die Turnerin durch die Luft fliegt, desto besser ist es. Und je mehr Salto- und Schraubendrehungen sie in die zweite Flugphase integriert, desto höher ist üblicher Weise der Schwierigkeitsgrad ihres Sprunges.
Montage – Geschichte des Sprungs
|Bild: Shawn Johnson, USA, WM 2007|
Stufenbarren
Der von vielen als das attraktivste und spektakulärste Frauenturngerät bezeichnete Stufenbarren verlangt von den Turnerinnen in sehr hohem Ausmass sowohl Kraft, als auch Konzentration, Mut, Koordinationsvermögen und sekunden-bruchteilgenaues Timing.
Während noch vor einigen Jahrzehnten statische Elemente am Stufenbarren üblich und oftmals die Regel waren, unterscheiden sich die Übungen heute grundsätzlich kaum mehr von denjenigen der Männer am Reck. Im Laufe der letzten Jahre wurden die beiden Holme immer elastischer und haben nun einen kreisrunden Durchschnitt für bessere «Griffigkeit» (früher waren sie oval). Auch der Abstand zwischen den Holmen wurde kontinuierlich verbreitert, um dynamischeres Turnen zu ermöglichen. Heute ist der obere Holm 230 cm hoch, der untere 150 cm und der horizontale Maximalabstand zwischen beiden beträgt ebenfalls 150 cm. Die weltbesten Turnerinnen nehmen in ihre Übungen neben vielfältigen Riesenfelgenvariationen mit Pirouetten, Griff- und Richtungswechseln auch spektakuläre Flugelemente zum Wiederfangen und Abgänge mit Doppelsalti und/oder Mehrfachschrauben auf. Vorgeschrieben ist, dass die komplette Stufenbarrenkür ohne Unterbrechung oder Pausen absolviert wird und dass beide Holme ausgewogen beturnt werden.
Die Landematten (sogenannte «Niedersprungmatten») sind 20 cm dick und speziell auf die physikalischen und biomechanischen Gegebenheiten des Kunstturnens abgestimmt. Heute ist zusätzlich noch eine 10 cm dicke «Happy-landing-Matte» vorgeschrieben.
Bild: Ariella Käslin, SUI, WM 2007
Montage – Geschichte des Barrenturnens
Balken
Obwohl der Schwebebalken nur 10 cm schmal (!) und nicht elastisch ist, zeigen die heutigen Kunstturnerinnen an diesem Gerät Übungen, wie sie vor noch nicht allzu langer Zeit am Boden zu den Highlights gezählt haben. Sogar Schraubensalti auf dem Gerät werden bereits souverän beherrscht.
Kürübungen am Schwebebalken dürfen bis zu 90 Sekunden dauern und müssen über die gesamte Länge des Geräts ausgeführt werden. Die Turnerin hat akrobatische und gymnastische Elemente sowie besondere Höhepunkte und harmonische Verbindungen in ihrer Kür zu vereinen, um eine hohe Note erhalten zu können. Eine akrobatische Serie besteht beispielsweise aus einem Rad mit anschließendem Flickflack und Rückwärtssalto, eine gymnastische Serie könnte z.B. aus einer Drehung gefolgt von einem originellen Sprung bestehen.
Sechs weitere «Besondere Anforderungen» müssen in einer vollwertigen Kür neben exzellenter Bewegungstechnik, Ausdruckskraft und Körperhaltung erfüllt werden: Eine Akrobatikserie mit mindestens zwei Flugelementen, eine gymnastische oder gymnastisch/akrobatische Verbindung aus zwei oder mehreren Elementen, eine 1/1 Drehung auf dem Fuß oder Knie, ein Sprung mit 180°-Querspreizwinkel, eine Stand- oder Stützwaage sowie ein schwieriger Abgang.
Die gesamte Ausführung der Kür sollte den Eindruck erwecken, dass die Turnerin auf dem Boden – und nicht auf dem nur knapp über fussbreiten Gerät aktiv ist. Die Länge des Balkens beträgt übrigens 5 m, die Höhe 120 cm.
Bild: Vanessa Ferrari, ITA, WM 2007
Montage – Geschichte des Balkenturnens
Boden
Die Bodenübungen der Turnerinnen müssen zu Musik choreografiert sein und dürfen höchstens 90 Sekunden lang dauern. Während der Kür müssen alle Teile der 12x12m großen und elastischen Bodenfläche mit akrobatischen und gymnastischen Elementen beturnt werden.
Mindestens zwei akrobatische Serien müssen enthalten sein, von denen wiederum eine minderstens zwei Salti in unterschiedliche Richtungen aufzuweisen hat. Während der gesamten Übung muss die Turnerin ihre Elemente harmonisch und im Einklang mit der Musik verbinden. Die Qualität der Ausdruckskraft wird auch daran gemessen, ob es gelingt, «schauspielerische» Akzente zu setzen. Dennoch steht neben einer qualitativen Ballettausbildung vor allem die Schwierigkeit der zu zeigenden Elemente im Vordergund der Vorbereitung auf die Wettkämpfe. Diesbezügliche Highlights sind gegenwärtig beispielsweise Strecksalti mit Dreifachschrauben oder gestreckte Doppelsalti mit Schraube.
Bild: Alicia Sacramone, USA, WM 2007
Montage – Geschichte des Bodenturnens
Wie Übungen bewertet werden
Seit Januar 2006 gelten weltweit radikal veränderte Wertungsvorschriften im Kunstturnen. Die frühere «Traumnote 10» («magic 10») als Absolutmass der Turndinge ist Vergangenheit. Jetzt sind Kürnoten nach oben offen und Rekorde werden möglich. Der Ausführungsqualität wird nun im Verhältnis zur Schwierigkeit deutlich mehr Bedeutung zuerkannt, als in den letzten Jahr(zehnt)en.
Nach den Vorfällen bei den Kunstturnbewerben der Männer anlässlich der olympischen Spiele von Athen 2004, kam die gesamte Sportart seitens des IOC wieder einmal massiv unter Druck. Der Präsident der FIG, Bruno Grandi, sah sich gezwungen, Reformen der Wertungsvorschriften in Gang zu bringen. Sein Reformeifer ging dahin, die Vorschrift transparenter, universeller und vor allem resistenter gegen Unkorrektheiten aller Art zu gestalten.
Ausgestattet mit dem Einverständnis des FIG-Exekutivkomitees beauftragte er die jeweiligen Technischen Komitees mit der Ausarbeitung neuer Wertungsvorschriften. Wesentlichste Neuerung und somit Abschied von bisher gewohntem ist, dass die Endnote nun «nach oben offen» ist. Die Note setzt sich generell aus den Faktoren «Übungsinhaltswert» (A-Note) und «Übungsausführung» (B-Note) zusammen. Die Summe aus diesen beiden Teilen ergibt die Endnote.
Das Bemerkenswerte an dieser Innovation ist, dass der Faktor der Übungsausführung gegenüber dem Inhaltswert extrem hoch in die Wertung eingeht. Dies rührt daher, dass Ausführungsfehler von der theoretischen Höchstmarke dieser B-Note = 10,00 abgezogen werden. Die «magische 10» scheint also zumindest in der Ausführung einer Übung noch auf.
Der Übungsinhaltswert (A-Note) errechnet sich wie folgt:
Sprung: Schwierigkeitswert, der in einer Sprungtabelle angegeben ist.
Stufenbarren/Boden: Die 9 höchsten Schwierigkeitswerte (Elemente) plus Abgang.
Balken: Die 8 höchsten Schwierigkeitswerte (Elemente) plus Drehung plus Abgang.
Die Einstufung der Elemente erfolgt in 7 Stufen mit der Bezeichnung A bis G.
Jedem Teil ist ein bestimmter Wert zugeordnet:
A-Teil: 0,1 Punkte
B-Teil: 0,2 Punkte
C-Teil: 0,3 Punkte
D-Teil: 0,4 Punkte
E-Teil: 0,5 Punkte
F-Teil: 0,6 Punkte
G-Teil: 0,7 Punkte
Zu diesen Elementen einer Übung, die in Betracht gezogen werden, kommen noch Elementgruppenanforderungen (EGA). Wie schon im vergangenen Code de Pointage gibt es auch jetzt wieder an jedem Gerät 5 Elementgruppen, die eine vielfältige Gestaltung einer Übung erzwingen sollen.
Für jede gezeigte Elementgruppe werden 0,5 Punkte zu den Elementwerten addiert. Man sieht schon, dass keine Mindestanforderung an die Schwierigkeit mehr gestellt wird. Auch mit einer leichteren Übung ist man in der Lage, durch eine abwechslungsreiche Gestaltung für 4 Elementgruppen den Übungsinhaltwert um 2,0 Pkt. zu erhöhen. Eine Sonderregelung gibt es für die Elementgruppe V (Abgang). Hier erhält die Turnerin je nach Schwierigkeit unterschiedliche Zuschläge. Für Abgänge der Schwierigkeit A oder B gibt es keinen Zuschlag, für einen C-Abgang +0,3 Pkt. und für einen D-Abgang oder schwieriger +0,5 Pkt. Zuschlag.
Als letzte Möglichkeit, den Übungsinhaltswert zu erhöhen, gibt es Verbindungsbonus für die direkte Aneinanderreihung ausreichend schwieriger Elemente. Bei den Frauen müssen alle Verbindungen direkt sein, nur am Boden können akrobatische Elemente auch indirekt verbunden sein; Es werden dafür 0.1 oder 0.2 Bonuspunkte vergeben.
Die zuletzt anläßlich der WM gezeigten Übungen würden nach dem neuen Berechnungsschema einen Übungsinhaltwert (A-Note) von durchschnittlich 5,7 Pkt. erzielen.
Um diesen Trend noch zu verstärken, wurden auch die Abzüge für Verstösse gegen technische und haltungsmässige Anforderungen stark erhöht. Der «kleine» Fehler bleibt bei einem Abzug von 0,1 Pkt., der «mittlere» Fehler wird aber schon mit 0,3 Pkt. bestraft und der «schwere» Fehler zieht nun überhaupt einen Abzug von 0,5 Pkt. nach sich. Ein Sturz mit 0,8 Pkt. Bestrafung (= äquivalenter Wert von 2 lupenreinen D-Teilen) wird nun überhaupt zur mittleren Katastrophe.
Der Grundtenor, «man darf im Wettkampf nur Elemente turnen, die man mit hoher Sicherheit und ausgezeichneter Ausführung beherrscht», zieht sich mehr denn je durch die gesamte Wertungsvorschrift.
Beispiel einer Kür-Übung
|Schwierigkeitswerte:||4 D-Teile||=||1.6 Punkte|
|3 C-Teile||=||0.9 Punkte|
|2 B-Teile||=||0.4 Punkte|
|1 A-Teile||=||0.1 Punkte|
|Teilsumme||=||3.0 Punkte|
|.|
|Elementgruppenanforderungen||4x 0.5 Punkte||=||2.0 Punkte|
|Abgang C||=||0.3 Punkte|
|Teilsumme||=||2.3 Punkte|
|Verbindungen||=||0.3 Punkte|
|A-Note (Inhaltswert)||=||5.6 Punkte|
|B-Note (Ausführung)||10 – 1.3||=||8.7 Punkte|
|A-Note + B-Note = Endnote||5.6 + 8.7||=||14.3 Punkte|