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Versuch über ein Buch
Begegnung mit einem Buch («Die unsichtbaren Städte» von Italo Calvino)
Auf dem Tisch der Buchhandlung, inmitten anderer Bücher, liegt es. Du nimmst es in die Hand, blätterst darin, drehst es um den Titel nochmals lesen zu können: «Die unsichtbaren Städte». Du stutzt: «unsichtbar»? Dein Intellekt ist irritiert: Wie können gerade Städte «unsichtbar» sein. Du willst es schon wieder zurücklegen, aber Dein Arm macht das nicht mit. Noch immer hältst Du das Buch in deiner Hand.
Du stellst die Einkaufstasche ab und beginnst im Buch zu blättern. Du schnappst Worte auf, die dir fremd sind: «Isidora», «Zoe», «Sofronia». Es sind kurze Beschreibungen von Städten, die du örtlich nicht zuordnen kannst, dir fehlt dieser weisse Teil der fremden Weltkarte.
Dann plötzlich kursiv geschriebene Seiten. Ein Gespräch zweier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können: Der Kaiser Kublai Khan, der seinem Thron nicht verlassen kann, ohne sein Reich zu verlieren. Und ein Weltreisender, der so weit gereist ist wie zu jener Zeit vor ihm wahrscheinlich noch keiner: Der Venezianer Marco Polo. Der – einmal im Palast des Kaisers aufgenommen – nicht mehr weiterreisen darf, bevor er nicht alle Städte ebendieses Reiches besichtigt und dem Herrscher darüber berichtet hat. Wahrlich eine gigantische Aufgabe. Marco Polo akzeptiert sie und berichtet über seine Erlebnisse während der langen Abende im kaiserlichen Palast.
«Na und?», sagt dein Inneres, «so waren sie eben, diese frühen Weltreisen».
Doch dies greift wiederum zu kurz, wenn man den beiden aufmerksam zuhört. «Da ist eine Stadt, über die Du nie sprichst», sagt der Khan einmal, als Marco Polo müde vom Erzählen nicht mehr weiter wusste. Und er verstand sofort, was der Khan ihm sagen wollte: «Venedig!» – «Von dieser muss ich ausgehen, wenn ich Dir von den anderen Städten berichten will» antwortet er dem Khan. Wie recht er doch hat.
Und diese Berichte über diese Städte haben es in sich: Italo Calvino setzt sein ganzes schöpferisches Potential ein, um diese Städte zu beschreiben. Er benutzt mächtige Bilder, beschreibt sonderbare Stimmungen, bezieht sich auf unbekannte Orte. Jede einzelne Stadt hat ihre Eigenheiten, wird über individuelle Sonderbarkeiten definiert, vermittelt ein Bild – oft bizarr oder unverständlich. Aber immer geschlossen in sich und gemäss der jeweils eigenen Logik.
Nein, man kann dieses Buch nicht liegen lassen zwischen all den anderen. Das Portemonnaie ist schnell gezückt und das Buch verschwindet in der Tasche.
Was man in diesem Moment noch nicht weiss: Es wird einem lange beschäftigen, dieses Buch, wenn man sich mit ihm einlässt. Und wenn man durchhält mit all den Texte, dann ist man gemeinsam mit Kublai Kahn und Marco Polo nach der letzten Zeile nicht sicher, ob all diese Städte jetzt eine Welt beschreiben, die etwas Himmlisches hat oder ob sie nicht eher sich der Hölle zuneigt. Es könnte die unsrige sein.
Und nebenbei haben wir viel verstanden von zwei aussergewöhnlichen Menschen, die sich so fremd wie nur möglich sind, viel zu sagen haben über ihr jeweiliges Leben, das so unterschiedlich gar nicht ist.
Walter Hüppi