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Die bemerkenswerteste Geschichte der bisherigen Saison schreibt wohl der 27-jährige Russe Aslan Karatsev, der wohl nur absoluten Insidern vor dieser Saison bekannt war. Karatsev figuriert seit Ende 2011 in der ATP-Weltrangliste. Im Frühling 2015 erreicht er immerhin die Position 153, bevor er in den darauffolgenden Jahren weit zurückfällt. Zu Beginn des Jahres 2020 steht er auf Position 292, dann folgt der monatelange Turnier-Stopp aufgrund der Corona-Pandemie. Im Spätsommer finden die ersten Turniere wieder statt und irgendwie muss sich bei Aslan Karatsev während dieser unfreiwilligen Pause etwas verändert haben. Nacheinander gewinnt er die Challenger-Turniere in Prag und Ostrava. Bis Jahresende nähert er sich den Top 100, was ihm die Starterlaubnis für die Qualifikation zu den Australian Open einbringt.
Mit drei deutlichen Siegen qualifiziert er sich erstmals in seiner Karriere für das Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers. So richtig aufmerksam wird die Tenniswelt jedoch erst, als er in Runde 3 die Turniernummer 9, Diego Schwartzman, in drei klaren Sätzen aus dem Turnier wirft.
Wer ist denn dieser Spieler, der sich plötzlich ins Rampenlicht spielt?
Der Erfolg über Schwartzman kommt auch für Karatsev selbst ziemlich überraschend:
«Eigentlich war ich schon zufrieden, dass ich mich fürs Hauptfeld qualifiziert habe. Und nun spiele ich sehr gutes Tennis».
Doch dann spricht er im Siegerinterview auch darüber, was sich denn bei ihm verändert hat und wie er sich diese Erfolge erklären kann:
«Die Trainer haben immer wieder gesagt, dass alles Kopfsache sei. Das sagt man so einfach. Aber wie man es macht, das ist das Schwierige.»
Mit Jahor Jatsik habe er nun einen Trainer, der ihn in diesem Bereich weitergebracht hat.
Damit spricht Karatsev etwas ganz Wesentliches an. So ziemlich allen, welche sich näher mit Tennis beschäftigen ist durchaus bewusst, dass der Kopf ein Schlüsselelement ist, um die Leistung auf den Platz zu bringen. Doch wie arbeitet man genau mental? Wie lässt sich bspw. die Konzentration trainieren, das Selbstvertrauen nachhaltig stärken, die Emotionen besser unter Kontrolle bringen?
Einmal in Fahrt ist Karatsev auch danach nicht aufzuhalten. Im Achtelfinale schlägt er das kanadische Supertalent Felix Auger-Aliassime nach 0:2 Satzrückstand, was seine Kämpferqualitäten unterstreicht. Im Viertelfinale bezwingt er Grigor Dimitrov, der ab Satz 3 handicapiert ist. Es braucht im Halbfinale schon keinen Geringeren als Novak Djokovic um den unglaublichen Lauf von Karatsev zu stoppen. Noch nie zuvor hatte ein Grand-Slam-Debütant gleich das Halbfinale erreicht; zuletzt war es im Jahre 2000 passiert, dass ein Qualifikant sich bis ins Halbfinale vorspielte.
Ein "One-Tournament-Wonder"? - Diese Frage beantwortet Aslan Karatsev einige Woche später beim ATP 500-Turnier in Dubai. Nach Siegen u.a. über Yannik Sinner, Andrey Rublev und im Finale über Lloyd Harris holt sich Karatsev seinen ersten Titel auf ATP-Stufe. Nach diesem Turnier steht er bereits auf Position 27 der Weltrangliste - ein unheimlicher Aufstieg im ziemlich reifen Tennis-Alter...