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Kinosophie: Warum der Erfolg der Avengers in der heutigen Zeit eigentlich erstaunt (oder eben nicht)
Superheldinnen und -helden müssen häufig innerhalb kürzester Zeit über Leben und Tod entscheiden. Dabei orientieren sie sich in vielen Fällen an den Überlegungen der Aufklärung.
Filme sind weit mehr als reine Unterhaltung. Als audiovisuelle Realisierung von Geschichten stellen und beantworten Filme die ganz grossen - und auch kleinen - philosophischen Fragen. In der Serie «Kinosophie» geht Freelancer Thomas diesen Fragen auf den Grund.
Philippa Foot erfand im 20. Jahrhundert ein Gedankenexperiment, das innerhalb kürzester Zeit weltberühmt wurde: Das Trolley-Problem. Eine Strassenbahn droht fünf Gleisarbeiter zu überfahren, wenn sie auf diesem Gleis weiterfährt. Jetzt hat man die Möglichkeit, die Weichen zu stellen, damit die Strassenbahn auf das andere Gleis wechselt, wo nur eine Person steht, die überfahren würde. Wie soll man reagieren?
Eine Moraltheorie gibt auf den ersten Blick eine eindeutige Antwor: der Utilitarismus. Dieser wurde im 18. Jahrhundert von Jeremy Bentham gegründet. Die Grundüberlegung leuchtet intuitiv schnell ein: Eine Handlung ist dann moralisch gut, wenn sie möglichst viele gute Konsequenzen für möglichst viele Leute generiert. Zum Beispiel soll ein Kuchen an einem Geburtstagsfest nicht allein dem Geburtstagskind überlassen, sondern in mehrere Stücke aufgeteilt werden, damit die anderen auch Freude am Süssen haben können. Ässe ein Kind den Kuchen ganz alleine, würde es ihm sowieso schlecht werden. Es entstünde so weniger Gutes, vielleicht sogar eher Leid, als bei einer gerechten Aufteilung. Wenn das Leben von fünf Gleisarbeiterinnen zulasten eines Lebens gerettet werden könnten, dann sollte die Weiche gemäss Utilitaristen gestellt werden. Je nach Art des Utilitarismus müsste die Weiche nicht umgestellt werden, zum Beispiel wenn die fünf Leute alle uralt und von Krankheiten gepeinigt wären und die Person auf der anderen Seite die klügste Medizinforscherin wäre, deren Forschungsergebnisse immer Millionen von Menschen das Leben rettete. In einer weiteren Konsequenz würde diese Person vermutlich mehr Gutes generieren als die fünf todkranken Leute. Kurz gesagt, der Utilitarismus wägt unter Umständen Menschenleben ab, indem er Gutes und Schlechtes zu quantifizieren versucht.
Ganz anders entschiede sich wohl Immanuel Kant. Als einer der wichtigsten Denker der Aufklärung begründete und vertrat Kant im 18. Jahrhundert eine Pflichtethik. Sein kategorischer Imperativ ist bis heute weltbekannt (und wird fälschlicherweise häufig mit der goldenen Regel gleichgesetzt): «Handle nur nach jener Maxime, von der du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.» Das bedeutet nichts anderes, als dass man jede eigene Handlungsregel dahingehend überprüfen soll, ob man aus vernünftigen Gründen wollen könne, dass alle Menschen nach dieser Regel handelten. Wenn ja, dann ist die Handlung moralisch gut, wenn nein, dann sollte darauf verzichtet werden. Angenommen ich habe die persönliche Regel, dass es ab und an ok ist, wenn ich lüge. Wird daraus eine allgemeine Regel, würden alle hin und wieder lügen, hiesse das, man könnte sich nie auf Aussagen anderer verlassen. Im Endeffekt funktioniert das gesellschaftliche Miteinander nicht mehr, weil auf niemandes Wort Verlass wäre. Also ist auch diese persönliche Handlungsregel, diese Maxime, zu verwerfen. Bezogen auf das Trolleybeispiel spielte für Kant die Entscheidung wohl keine Rolle, weil in jedem Fall Menschen sterben und das ist immer schlecht.
In Avengers: Infinity War und Avengers: Endgame entspricht die Argumentation Thanos' einem knallharten Utilitaristen. Er will die Hälfte des Universums ausradieren, damit weniger Leid entsteht und viel mehr Freude für die überlebende Hälfte. Zugunsten des Wohls der Hälfte opferte er die gesamte andere Hälfte. Die Avengers halten da dagegen. Bereits in Avengers: Age of Ultron zeigen sie eindrucksvoll, wie wenig sie von utilitaristischen Entscheidungen halten. Eigentlich könnten sie einigermassen mühelos das im Himmel schwebende Städtchen Sokovia mit all seinen Einwohnerinnen und Einwohnern wegballern, aber sie wollen nicht einige Tausend Menschenleben für das Überleben der restlichen Menschheit opfern, weil jede tote Person eine zu viel ist. Die Ähnlichkeit mit dem Trolleyproblem ist nicht zu übersehen. Diese pflichtethische Haltung der Avengers zeigt sich in vielen Superheldenfilmen.
Fragt man im 21. Jahrhundert Menschen, warum sie was tun, fallen häufig Sätze wie: «Das nützt am meisten.», «Was nützt das sonst?», «Sonst hilft es mir ja nicht.» Die Nutzenorientierung ist augenscheinlich. Vielleicht liegt genau darin der Grund für den Erfolg vieler Superheldenfilme. Sie zeigen uns eine Moralvorstellung, die eben nicht nur kalkuliert, sondern den Menschen und seine Würde in den Mittelpunkt stellt. Damit zeigten diese Filme eine Art (unbewusste) Sehnsucht auf. Aber ob sich der Wert von Menschen und anderen Lebewesen wirklich auf Zahlen runterbrechen lässt, ist und bleibt eine streitbare Frage. Vielleicht helfen weitere künftige Heldenfilme bei der Beantwortung.