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Bis über seinen Tod hinaus wurde der nationalsozialistische Schriftsteller Wilhelm von Scholz (1874–1969) gepriesen und geehrt – auch von der Stadt Konstanz. Nun wird sein Leben und Werk endlich kritisch beleuchtet.
Im letzten Herbst erschien, angestossen von der Thurgauer Regierung, eine Biografie und Werkanalyse des «Bauerndichters» und Nazisympathisanten Alfred Huggenberger (1867–1960; siehe WOZ Nr. 39/12). In diesem Frühjahr hat man weiter nördlich, in Konstanz, nachgezogen: Sechzehn AutorInnen, darunter GermanistInnen der Universität Konstanz und Mitglieder des Stadtarchivs, beleuchten erstmals umfassend und kritisch Leben und Werk des Schriftstellers Wilhelm von Scholz (1874–1969). In der Provinz, so scheint es, werden die letzten dunklen Stellen der Kulturgeschichte aufgearbeitet.
Zwischen Huggenberger und von Scholz gibt es zeitbedingte Parallelen, aber vor allem auch Unterschiede. Entstammte Ersterer dem bäuerlichen Milieu, sozial und politisch verankert in der Kleinräumigkeit, so war Letzterer ein schon aufgrund seiner Herkunft deutschnational geprägter Aristokrat mit einem preussischen Finanzminister als Vater und einem General als Schwiegervater. Die Familie stammte aus Berlin, von Scholz studierte dort, in Lausanne und München, war von 1916 bis 1922 Dramaturg und Regisseur am Stuttgarter Hoftheater (dem späteren Staatstheater) und liess sich mit seiner zweiten Frau 1922 dauerhaft auf dem Familiensitz Villa Seeheim in Konstanz nieder.
Ein karrieristischer Opportunist
Von Scholz wurde zunächst als Lyriker und Dramatiker, danach auch als Erzähler und Romancier bekannt. Seine Stücke wurden auf vielen deutschen Bühnen aufgeführt. Er war mithin ein früh renommierter Autor, dem die Stadt Konstanz zu seinem 50. Geburtstag 1924 eine Festwoche ausrichtete; ein Jahr später benannte sie eine Strasse nach ihm. Wieder ein Jahr später wählte ihn die Sektion Dichtung der Preussischen Akademie zu ihrem Präsidenten.
Die Nazis hat von Scholz zunächst wohl wie viele seiner Kaste als Pöbel betrachtet. Das änderte sich 1933 schlagartig. Im März unterschreibt er ein Treuebekenntnis zum Dritten Reich, 1934 gewinnt er den Wettbewerb für eine Hymne zu den Olympischen Spielen in Berlin und entwirft ein Weihegedicht «für die im Kampf um die nationale Erhebung des deutschen Volkes gefallenen badischen Nationalsozialisten» im Innenhof des Konstanzer Rathauses. Zwischen 1935 und 1937 ist er Mitherausgeber des Sammelwerks «Die grossen Deutschen», 1939 schreibt er ein Gedicht zu Adolf Hitlers 50. Geburtstag. 1941 tritt er der NSDAP bei, wird 1944 Ehrendoktor der Universität Heidelberg und schreibt in der «Bodensee-Rundschau» noch im Oktober 1944 einen Durchhalteartikel. Mit den neuen Machthabern lässt sich eine schon etwas welke Karriere noch einmal befeuern, darin ist sein Verhalten dem Opportunismus Huggenbergers sehr ähnlich.
Distanzieren musste er sich in diesen Jahren allerdings von seinem Stück «Der Jude von Konstanz», das er 1904 geschrieben und von dem es geheissen hatte, seit Lessings «Nathan der Weise» habe kein so vorbildlich humaner Jude mehr auf einer deutschen Bühne gestanden. Von Scholz bezeichnet daher den jungen Autor, der er gewesen sei, als historisch noch nicht gereift (nach dem Krieg begründet er dieses Verhalten mit Selbstschutz). Seine steigenden Einnahmen werden, wie der Konstanzer Stadtarchivar Jürgen Klöckler nachweist, den Selbstverrat kompensiert haben: Sie stiegen von 6000 Reichsmark im Jahr 1932 bis auf 57 000 Reichsmark (einschliesslich einer steuerfreien Dotation zu seinem 70. Geburtstag) im Jahr 1944. Auch in diesem Punkt ist er dem «Kriegsgewinnler» Huggenberger verwandt.
Scham und Vergessen
Nach dem Krieg wird von Scholz schnell als Mitläufer entlastet. Aber seine Zeit als Neoklassiker, als den die Germanistik ihn mitunter bezeichnet, oder als Neoromantiker, jedenfalls als Antimoderner, ist abgelaufen; seine Stücke werden nicht mehr gespielt. Er wird zum Heimatdichter.
Als solcher kann von Scholz nach wie vor Ehrengaben und Ehrungen entgegennehmen, wird 1951 gar Präsident des Verbands deutscher Bühnenschriftsteller und setzt sich in dieser Funktion für die Bevorzugung deutscher DramatikerInnen auf (west-)deutschen Bühnen ein. Noch 1959 wird ausgerechnet ein Preis für die besten Konstanzer AbiturientInnen im Fach Deutsch nach ihm benannt. Als sich die Stadt 1964 zu seinem 90. Geburtstag dazu durchringt, ihm die Ehrenbürgerwürde zu verleihen, lehnt er ab – wegen der Gegenstimmen im Rat der Stadt. Nach seinem Tod im Jahr 1969 wird es still um ihn, vermutlich in einer Mischung aus Erleichterung, Scham, schlechtem Gewissen und schierem Vergessen.
1986, nach dem Tod von Gertrud von Scholz, der Witwe des Dichters, als es darum ging, was mit der schlossähnlichen Villa samt Grundstück geschehen soll, erschien im damaligen Konstanzer Stadtmagazin «Nebelhorn» erstmals eine ausführliche kritische Analyse von Wilhelm von Scholz’ Leben und Werk. Im Jahr 2007, anlässlich der Auflassung des Familiengrabs, setzt die Diskussion um von Scholz, den der Konstanzer Germanist Klaus Oettinger bereits 1989 als Inkarnation der «Pathologie der bürgerlichen Intelligenz im 20. Jahrhundert» bezeichnet hat, erneut ein.
Ausstellung in: Auf der Höri, bei Radolfzell, Hermann-Hesse-Höri-Museum. Bis 16. Juni 2013. www.hermann-hesse-hoeri-museum.de.
Diskussion mit Manfred Bosch und Siegmund Kopitzki zum «Fall Wilhelm von Scholz» in: Gottlieben, Bodman-Haus, Do, 23. Mai, 20 Uhr. Moderation: WOZ-Redaktor Stefan Keller.
«Der Jude von Konstanz» in: Konstanz, Theater Konstanz. Ab Fr, 7. Juni 2013, jeweils 20 Uhr. www.theaterkonstanz.de