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Pierre Gassendi (1592-1655) ist ein typischer Universalgelehrter der Renaissance, zu seiner Zeit weltberühmt. Trotzdem ist es schwierig, etwas von Gassendi auf Deutsch zu finden. Die Franzosen sind ihrem Landsmann gegenüber liberaler eingestellt, da findet sich das eine oder andere auf Französisch. (Dabei: Übersetzt werden muss Gassendi so oder so – er schrieb in der damaligen Wissenschaftssprache, Latein.) Diese Missachtung im Deutschen mutet mich, ehrlich gesagt, ein wenig seltsam an. Immerhin gilt Gassendi als der Inspirator John Lockes; es ist Gassendis Philosophie, die Locke dazu bewegt, in seiner Erkenntnistheorie auf Descartes‘ Gottesbeweis als Grundlage allen Wissens zu verzichten und statt dessen die Empirie zu bevorzugen.
Gassendi, ausgebildeter Theologe, war u.a. als Lehrer für Mathematik und Astronomie am Collège de France tätig. Als solcher vertrat er das heliozentrische Weltbild. Er formulierte als erster das Trägheitsprinzip in seiner heute gültigen Form (und bestätigte es experimentell!); auch die erste moderne Formulierung des Energieerhaltungssatzes geht auf ihn zurück. Daneben war er als Philosoph und Philologe tätig.
Diesen Aspekt seines Wirkens vertritt das vorliegende Werk. Darin geht es Gassendi um nichts Geringeres als eine Rehabilitation seines Lieblings, Epikur. (Man kann sagen, dass sich Gassendi nachgerade mit Epikur identifizierte. Wie seiner Meinung nach auch Epikur, war er selber von schwacher Gesundheit. Wie Epikur sah auch Gassendi die menschliche Glückseligkeit in einem Zustand mittleren Wohlbefindens, der Ataraxie. Wie Epikur versuchte auch Gassendi, diese Ataraxie zu vervollkommnen. Wie Epikur versuchte auch Gassendi sein System in Übereinstimmung zu bringen mit der herrschenden Religion, in Gassendis Fall mit dem katholischen Christentum.) Gassendi sah als erster, dass die Stoa und die Kirchenväter das Bild Epikurs verzerrt und verfälscht hatten. Er gab dafür in erster Linie natürlich der Stoa die Schuld; die Kirchenväter versucht er in vorliegendem Werk einigermassen aus der Schusslinie zu halten. Zenon heisst für ihn der primäre Schuldige an der Verunglimpfung Epikurs.
De vita, et moribus Epicuri erscheint 1647 und umfasst 8 Bücher:
- Geburt und Leben Epikurs
- Epikurs Tod und die Nachfolge in seiner Schule
- Von der Ursache und den Schöpfern der üblen Nachrede gegenüber Epikur
- Der Vorwurf der Ungläubigkeit
- Der Vorwurf eines üblen Charakters
- Der Vorwurf der Verfressen- und Versoffenheit
- Der Vorwurf ungezügelt ausgelebter Sexualität
- Der Vorwurf, Epikur hätte die Freien Künste (artes liberales) gehasst
In dieser Reihenfolge (die deutsche Übersetzung stammt von mir) werden die Vorwürfe aufgezählt und im selben Buch jeweils gerade widerlegt. Die Ursache, warum die Stoiker dem Epikur so übel nachgeredet haben, ist für Gassendi darin zu suchen, dass Epikur bescheidener und ehrlicher über die Ideale des Weisen geredet habe, als die prahlerischen Stoiker, und dass bei ihm die Diskrepanz zwischen Leben und Lehre, zwischen Theorie und Praxis, eben gerade geringer gewesen sei als bei jenen. Ja, diese Diskrepanz soll gemäss Gassendi bei Epikur praktisch gleich Null gewesen sein.
Neben den eigentlichen Stoikern (Zenon, Kleanthes, Chrysippos) und in ihrem Fahrwasser sind es von den alten Griechen vor allem Plutarch und Galen, die die Vorwürfe gegen Epikur ungeprüft weitergeben. Bei den alten Römern ist der Hauptschuldige Cicero, während Seneca offenbar ein halber Epikuräer ist, vieles an Epikur und seiner Lehre lobt. Von den 9 Kapiteln des 3. Buches widmet Gassendi so deren 8 den antiken Autoren, eines bleibt den Kirchenvätern überlassen, wobei er nur die frühen und relativ unbekannten Clemens, Laktanz und Ambrosius erwähnt.
Es fällt auf, dass Gassendi den Naturphilosophen Epikur praktisch weglässt. Die Theorie der Atome und der Leere zwischen den Atomen wird zwar von Gassendi ebenfalls vertreten, der somit auch hierin ein Gegner Descartes‘ ist. Aber sein De vita, et moribus Epicuri soll ein ethisch-moralisches Buch sein, kein naturwissenschaftliches. Das zeigt sich auch in der von Gassendi verwendeten Methode. Obwohl der Franzose in vielem der frühen Aufklärung zugerechnet werden kann, ist er hier ganz Humanist. Textzeugen, alte Textzeugen sind das A und das O. Gassendi zitiert. Gassendi widerlegt mittels Zitaten.
Wer ist denn nun sein Kronzeuge für Epikur? Es wird nicht überraschen: Diogenes Laertius. Bei Diogenes Laertius findet Gassendi nicht nur viele der Vorwürfe an Epikur – er findet bei ihm auch die Gegenargumente. Vor allem Diogenes‘ Satz über die Schmäher Epikurs: „Doch sie sind alle nicht recht bei Sinnen.“ hat es Gassendi angetan; er zitiert ihn zu diversen Malen. (Zwei Jahre nach De vita, et moribus Epicuri wird Gassendi Buch X von Diogenes‘ Leben und Meinungen berühmter Philosophen auf Latein übersetzen und veröffentlichen. Einige der Emendationen, die er am überlieferten griechischen Text vornehmen musste, um ihm Sinn zu geben, werden übrigens noch heute unterstützt. Das, obwohl Gassendi höchstens ein mittelmässiger Gräzist war. Was ihm bewusst war.)
Gassendi gelingt es durchaus, den Leser davon zu überzeugen, dass der schlechte Ruf Epikurs auf eine systematische Verleumdungskampagne der Stoa zurückzuführen ist. Er hat dort ein Problem, wo ein den Göttern gefälliges Leben im antiken griechischen Stil mit einem Gott gefälligen Leben seiner eigenen Zeit in Übereinstimmung zu bringen wäre, was misslingt. Er kann ehrlicherweise nicht beweisen, dass Epikur seine liturgischen Handlungen anders als pro forma vorgenommen hat. Das wäre vielleicht nicht einmal problematisch, wenn er dafür beweisen könnte, dass Epikur schon eine Art monotheistischen Glauben gehabt hätte – so, wie man später Sokrates und den Platonismus umgedeutet hat. Doch dafür findet Gassendi keine Textzeugen.
Ob daran historisch gesehen die Rehabilitation Epikurs scheiterte? Bis heute gilt ein Epikuräer immer noch als Anhänger der Völlerei beim Essen, Trinken und in der Sexualität. Man sollte De vita, et moribus Epicuri auch auf Deutsch auflegen. (So habe ich den Text in der zweisprachigen (latein / französisch) Edition der Classiques en poche gelesen, Paris: Les belles lettres, 2006. Herausgeben von Sylvie Taussig.)