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sasha huber: louis agassiz (1807 - 2013) - eine heimsuchung
01.07.2013 - 18.10.2013
Sasha Huber arbeitet vor Ort
Erstmals wird das Sommeratelier im neuen shed in Form einer Sommerresidenz durchgeführt. Der Verein neuer shed hat die schweizerisch-haitianische Künstlerin Sasha Huber nach Frauenfeld eingeladen, um hier während einer gut zweimonatigen Atelierzeit ihre erste Einzelausstellung in der Schweiz zu realisieren.
Sasha Huber, geboren 1975 in Uster/ZH, dem Thurgau durch ihre Grossmutter und Schwester verbunden, lebt und arbeitet seit 2002 in Helsinki. Sie ist schweizerischer und haitianischer Herkunft und fühlt sich der karibischen Diaspora verbunden. Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist die Erforschung ihrer Wurzeln und deren Einfluss auf die Entwicklung ihrer persönlichen und künstlerischen Identität. Medien, in denen sie unter anderem arbeitet, sind Video, Fotografie, Zeichnung, Intervention, Installation, Graphic Design, Publikation und Tackern.
Sasha Huber war an verschiedenen Orten „artist in residence", so unter anderem in Brasilien, Schweden, Norwegen und nun zum ersten Mal in der Schweiz. Im Anschluss an die Sommeratelier-Residenz im Eisenwerk folgt Sasha Hubers Ausstellung im neuen shed, ihre erste Einzelausstellung in der Schweiz.
Sasha Huber ist Mitglied des transatlantischen Komitees Démonter Louis Agassiz (1807-1873). Sie ist Herausgeberin der Publikation Rentyhorn (2010) und Mitverlegerin von (T)races of Louis Agassiz: Photography, Body and Science, Yesterday and Today (2010), das anlässlich der 29. São Paulo Biennale erschienen ist.
Wer war Louis Agassiz?
Louis Agassiz, (1807-1873), schweizerisch-amerikanischer Naturforscher, wird noch heute insbesondere für seine Eiszeitstudien geehrt. Neben seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen hat Louis Agassiz jedoch eindeutig rassistisches Gedankengut verbreitet. Die Minderwertigkeit von Schwarzen und "Mischlingen" versuchte er durch rassenklassifizierende Fotografien von Sklavinnen und Sklaven in South Carolina sowie von Menschen in Brasilien zu beweisen ("Pures Race Series", "Mixed Race Series"). Spuren seiner Theorien lassen sich bis in die Rassenhygiene der Nazis hinein nachverfolgen.
Das transatlantische Komitee Démonter Louis Agassiz, gegründet von Hans Fässler und künstlerisch unterstützt von Sasha Huber, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Seite von Louis Agassiz publik zu machen. Durch Publikationen einerseits und Interventionen andererseits soll die Öffentlichkeit auf das kontrovers diskutierte Thema aufmerksam gemacht werden. Eine Forderung des Komitees ist die Umbenennung des Agassizhorns an der Grenze zwischen den Walliser und den Berner Alpen in Rentyhorn – dies in Anlehnung an Renty, einen der Sklaven, den Agassiz 1850 auf einer Plantage in South Carolina fotografieren liess, um die „Minderwertigkeit der schwarzen Rasse“ zu belegen.
Während des Sommerateliers im neuen shed erweitert Sasha Huber ihren Werkkorpus über Agassiz. Unter anderem plant sie eine Holzkonstruktion in Form einer stilisierten Bergspitze zu installieren welche sie zusammen mit ihrem Mann, dem Künstler Petri Saarikko, konzipiert hat. Die Konstruktion ist begehbar.
Theaterperformance mit Thomas Götz
Während der Vernissage sowie Finissage wird eine Vorlesungs-Performance mit dem Thurgauer Schauspieler Thomas Götz durchgeführt. Sasha Huber und Petri Saarikko lernten ihn bereits vor ein paar Jahren kennen und stellte fest, dass er Louis Agassiz ähnlich sieht. Als dann die Einladung ins Sommeratelier kam, wollte sie mit ihm zusammen arbeiten. Thomas Götz war interessiert, in die Rolle von Agassiz zu schlüpfen. Darauf hin lud sie den Agassiz-Spezialisten Hans Barth ein, das Skript für die Theater-Performance zu schreiben. Sein Text ist eine Vorlesung, wie sie Agassiz heute halten könnte. Die Vorstellung wird gefilmt und während der Ausstellungszeit auf einem Monitor abgespielt.
Vermittlung/Veranstaltungen
Während der Atelierzeit öffnet Sasha Huber jeden Freitag die Türen zur Shedhalle und führt Gespräche mit interessierten Besuchern, die somit die Entwicklung des Arbeitsprozesses mitverfolgen, der Künstlerin in ihrem Schaffensprozess über die Schulter schauen und sich über den Stand des Projektes fortlaufend informieren können.
Am 24. August findet ein öffentliches Fotoshooting statt. Mit Borut Peterlin aus Slovenien kommt ein Fotograf nach Frauenfeld, der sich auf die Fototechnik der Wet-Plate-Collodion Fotografie spezialisiert hat.
Mit dieser Fototechnik nimmt er Bilder von Sasha Huber sowie Thomas Götz in der Rolle des Louis Agassiz auf. Diese Bilder stehen in Anlehnung an die Daguerreotypien vom einer Gruppe von Sklaven, die in
der Mitte des 19.Jh. im Auftrag von Louis Agassiz entstanden sind, um Rassenklassifizierungen anhand von physiognomischen Unterschieden festzumachen.
Im öffentlichen shedGespräch am 19. September um 20 Uhr unterhält sich Hans Fässler, Gründer des Komitees Démonter Louis Agassiz, mit Sasha Huber über die künstlerischen, historischen und politischen Hintergründe des Projektes.
Die öffentliche Führung durch die Ausstellung am 3. Oktober um 20 Uhr gibt Auskunft über die Arbeit, die Künstlerin und die Hintergründe und bietet Gelegenheit zum persönlichen Austausch mit Sasha Huber.