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Am Schnittpunkt des Bergells und des Val San Giacomo gelegen, bildet C. (früher dt.: Cläven, Kleven) das Zentrum des Valchiavenna, das zusammen mit dem Veltlin die heutige ital. Provinz Sondrio ausmacht. Das im Itinerarium Antonini und in der Peutinger'schen Tafel als Clavenna erwähnte C. wurde 16 v.Chr. von Augustus' Truppen erobert und durch zwei Strassen - einerseits über den Splügenpass, andererseits über Septimer-, Maloja- und Julierpass - mit Chur verbunden. Die Grafschaft entstand vermutlich im 10. Jh., zu Beginn der Herrschaft Ottos I., der 960 das Bergell von Villa an aufwärts dem Bistum Chur zuteilte und damit die noch heute gültige Grenzlinie zwischen Italien und der Schweiz zog.
Schon 1030 war C. eine Stadtgemeinde. Im 12. Jh. nutzte sie geschickt die Freundschaft mit Ks. Friedrich I. Barbarossa, um für sich Benefizien und Privilegien auszuhandeln. C. war denn auch der Ort, wo der Kaiser seinen Vetter Heinrich den Löwen, Hzg. von Bayern und Sachsen, vor der Schlacht von Legnano vergeblich um militär. Hilfe bat. In dieser Zeit beanspruchte der Churer Bf. erstmals das dem Bistum Como unterstellte Gebiet um C. für sich und stiess 1178 über die Alpen bis Plurs vor. 1335 ging mit dem Herrschaftsgebiet des Bistums Como auch C. an die Visconti aus Mailand über. Ks. Ludwig der Bayer und zehn Jahre später Kg. Karl IV. verfügten zwar, dass die Grafschaft C. dem Bf. von Chur unterstehe; ihr Befehl blieb jedoch wirkungslos. Während des ganzen 15. Jh. waren die Täler von C. Lehensgebiet der Balbiani aus Varenna. Die nahe gelegene Gem. Plurs löste 1477 die Grundzinsen ab, die sie den Herren von Werdenberg-Sargans ab den Weiden im Valle di Lei entrichten mussten. Im Juni 1486 nutzte ein Bündnerheer den Aufruf von Papst Innozenz VIII., die Sforza zu bekämpfen, welche in Mailand die Visconti abgelöst hatten, um ins Val San Giacomo vorzudringen und bis nach Plurs vorzustossen. Der Rückzug erfolgte erst, nachdem C. in Brand gesteckt, Vieh und Ackergeräte erbeutet worden waren. Mitte Febr. 1487 versuchten 600 Bündner erneut, vom Splügenpass und vom Bergell wie auch von Piattamala im Veltlin her einzudringen; sie wurden aber zurückgeschlagen. Es gelang ihnen jedoch, von Livigno her mit einem Sieg über die Veltliner bei Sondrio durchzubrechen. Darauf eilte Ludwig der Mohr, Hzg. von Mailand, zu Hilfe und liess Befestigungsmauern um C. und die Hauptzentren des Veltlins errichten. Sie wurden 1488-92 u.a. mit finanzieller Hilfe der versch. Gemeinden der Grafschaft erbaut, waren aber schon 1512 überflüssig, als nach zwölf Jahren franz. Herrschaft C. und das Tal durch die Drei Bünde annektiert wurden: Während die eidg. Orte Papst Julius II. und die Hl. Liga unterstützten, griff das Heer des Gotteshausbundes unter Conrad von Planta am 22.5.1512 C. an; die beiden anderen Bünde drangen ins Veltlin vor. Als Letztes ergab sich die Burg C. sechs Monate später. Damit konnten die Drei Bünde ihre Grenzen über die Wasserscheide hinaus nach Süden ausdehnen. Eine Verbindung zum verbündeten Venedig war hergestellt und die Gefahr unerwarteter Angriffe schien weitgehend abgewendet.
Während der Bündner Herrschaft war die Landvogtei C. in die drei Gerichtsbezirke C., Plurs und Val San Giacomo unterteilt. Als Verwalter und Richter für jeweils zwei Jahre schickte die Bündner Regierung nach C. einen sog. commissari, nach Plurs einen Podesta. Der Gerichtsbezirk C., mit sechs Gemeinden, hatte wie derjenige von Plurs einen ordentl. Geheimrat und einen vom Generalrat gewählten Ratsausschuss mit einem console (Gerichtsvorsteher) an der Spitze. Das mit besonderen Privilegien ausgestattete Val San Giacomo war in zwölf bzw. ab 1650 in drei Quartiere aufgeteilt, besass einen Generalrat und einen Talrat, dem ein ministrale (Gerichtsvorsteher) vorsass. Dieser war für Zivilsachen zuständig, für Straffälle indes, unter Beizug einheim. Beisassen, der commissari von C. In dieser Zeit gelangten die sog. Porten zu Bedeutung, lokale Genossenschaften, welche für den Warentransport über den Splügenpass das Monopol innehatten. Ab 1436 fand zur Fastenzeit in C. ein internat. Jahrmarkt statt, ein kleinerer am Andreastag (30.11.). Viele ital. Prediger flüchteten nach der Reformation, von der Inquisition als Ketzer verfolgt, nach C. Nach dem Ilanzer Edikt von 1557 wurde in drei Kirchen der Stadt C. und in weiteren in Prata, Mese und Plurs (wo 1597 eine Disputation stattfand) der ref. Gottesdienst eingeführt. In den zwei bewegten Jahrzehnten nach dem Veltliner Mord von 1620, von dem C. nicht betroffen war, stritten sich auf der einen Seite Spanien, auf der anderen Seite Venedig, Graubünden und Frankreich um C. und das Veltlin. Im Juni 1629 brachten Landsknechte die Pest ins Gebiet. Das Mailänder Kapitulat von 1639 besiegelte die Rückkehr der Drei Bünde, liess jedoch nur den Katholizismus zu und verbot (mit geringer Wirkung) auswärtigen Protestanten, sich im Tal niederzulassen. Im folgenden ruhigen Jahrhundert wurden die Kirchen der Stadt und der Landschaft wieder aufgebaut, auf den stark besiedelten Hügeln neue Kirchen errichtet, in C. zudem zwei Klöster gegründet.
Im Herzogtum Mailand folgte den Spaniern 1715 Österreich, das 1762 mit Graubünden einen Vertrag abschloss. Darin sah ein Geheimartikel, entgegen dem Mailänder Kapitulat, die Niederlassungsfreiheit für Protestanten vor. Gegen die mächtigen Bündnerfamilien (v.a. die Salis), welche die örtl. Wirtschaft kontrollierten, gab es an den Bundestagen Proteste. 1797 ging die ehemalige Landvogtei C. an die Cisalpin. Republik über. Nach dem gescheiterten Versuch der Bündner, das Tal nach der Niederlage Napoleons zurückzuerobern, sprach der Wiener Kongress die alte Grafschaft dem Lombardo-Venezian. Königreich unter den Österreichern zu, die darauf die neue Strasse über den Splügenpass erbauen liessen (1818-22). Wenig später begann mit Bierbrauereien und Baumwollspinnereien die industrielle Entwicklung von C. 1835 waren in C. zehn Speditionshäuser ansässig, die pro Jahr 4'000 t Waren, meist über den Splügen, transportierten. Auf den fünf Märkten der Region wurden im selben Jahr 1'400 einheim. und 800 bündner. Rinder sowie 150 einheim. und 100 bündner. Pferde gehandelt. 1859 wurde die Talschaft C. Teil des Königreichs Italien. Ab 1838 war von einem Splügendurchstich die Rede, doch erhielt schliesslich das Piemont den Vorzug. Das Tal ist heute in 13 Gemeinden unterteilt und seit 1973 ist die Comunità montana des Valchiavenna für die überkommunalen Interessen verantwortlich.
Literatur
– E. Besta, Storia della Valtellina e della Val C., 21955
– G. Scaramellini, C.: appunti di storia, 1980
– D. Benetti, M. Guidetti, Storia di Valtellina e Valchiavenna, 1990
Autorin/Autor: Guido Scaramellini / CN