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© Marcel Burkhardt
Auf der Fährte der Waldschnepfe
Welche Wälder bevorzugt die Waldschnepfe? Wann im Herbst ziehen die in der Schweiz brütenden Waldschnepfen weg? Können computergestützte Stimmenanalysen bei der Zählung von Waldschnepfen helfen? Diesen für den Schutz der Waldschnepfe wichtigen Fragen geht die Vogelwarte zurzeit nach.
Foto © Christoph Meier-Zwicky
Foto © Lukas Linder
Über kaum eine andere einheimische Vogelart wissen wir so wenig, wie über die Waldschnepfe. Der scheue Waldvogel ist wegen seines tarnfarbenen Gefieders und der heimlichen Lebensweise nur selten zu sehen. Gering ist die Wahrscheinlichkeit, auf einem Streifzug durch die Wälder eine Waldschnepfe aufzuscheuchen, denn die Vögel vertrauen auf ihre hervorragende Tarnung und bleiben einfach am Boden sitzen. Nur wenn man sich bis auf wenige Meter nähert, fliegen sie auf und verschwinden in raschem, niedrigem Flug zwischen den Bäumen.
Der einzige Zeitpunkt, wenn Waldschnepfen auffallen, ist im Frühling während der Balz. Dann fliegen die Männchen in der Abenddämmerung und der frühen Nacht über den Bäumen und über Waldlichtungen, und lassen ihre charakteristischen Balzrufe hören. Die Kombination aus tiefen, knurrenden Lauten und dem scharfen, hochfrequenten Pfiff kann nicht verwechselt werden. Die auffälligen Lautäusserungen ermöglichen es, mit vergleichsweise geringem Aufwand die Präsenz balzender Männchen festzustellen. Allerdings geben diese weder Informationen über die Anwesenheit von Weibchen, noch über die bevorzugten Neststandorte, über Fortpflanzungserfolg oder über die Anzahl Individuen in einer Population.
Ausserhalb der Brutzeit sind Waldschnepfen etwas leichter anzutreffen. Zur Zugzeit im Oktober und November fliegen von Nord- und Nordosteuropa her kommend Millionen von Waldschnepfen über Mitteleuropa hinweg, in Richtung ihrer Wintereinstände im Süden und Südwesten Europas. Da kommt es immer wieder vor, dass einzelne Vögel im Siedlungsraum und sogar mitten in Städten gesehen werden - leider oft nach einer Kollision mit Gebäuden, die sie nicht oder nur verletzt überleben.
Mit standardisierten Revierkartierungen kann die Waldschnepfe zur Brutzeit nicht erfasst werden. Um im neuen Brutvogelatlas eine realistische Verbreitungskarte abbilden zu können, forderte die Vogelwarte im Jahr 2015 die Atlasmitarbeitenden auf, gezielt nach der Waldschnepfe, also in der abendlichen Dämmerung nach balzenden Männchen, zu suchen. Die wichtigste Regel lautete dabei: Auch eine erfolglose Suche musste gemeldet werden. Das eindrückliche Resultat: Während insgesamt 672 abendlichen Kontrollen wurden 273 Mal balzende Schnepfen gefunden, und 399 Mal nicht. Zusammen mit allen weiteren Waldschnepfen- Meldungen aus den drei anderen Atlasjahren ergibt sich eine Verbreitungskarte, die für die ganze Schweiz auch für diese nur schwierig erfassbare Art repräsentativ sein dürfte.
Die Karte zeigt, dass sich an der Verbreitung der Waldschnepfe im westlichen Jura und entlang des Alpennordrandes seit dem letzten Brutvogelatlas 1993– 1996 nichts geändert hat. Die Waldschnepfe ist in diesen Regionen weit verbreitet. Aus dem Mittelland ist sie hingegen in den letzten zwanzig Jahren fast vollständig verschwunden, und auch im östlichen Jura gibt es grössere Lücken. Demgegenüber sind in den Alpen neue Nachweise dazugekommen, insbesondere in Graubünden, aber auch im Tessin. Allerdings ist anzunehmen, dass es sich bei den wenigsten wirklich um neue Vorkommen handeln dürfte. Vielmehr existierten sie wohl schon damals, waren aber nicht bekannt, weil man sie nicht gezielt gesucht hatte.
Sicher ist: Im Mittelland und im Jura hat sich das Verbreitungsgebiet der Waldschnepfe verkleinert. Als Ursachen in Frage kommen Veränderungen im Aufbau der Wälder, Zunahme von Störung, Zunahme von Beutegreifern und die Bejagung, die vor allem in Frankreich und Spanien enorm hoch ist. Möglicherweise sind die Rückgangsursachen im Mittelland und im Jura nicht dieselben.
Um den Rückgangsursachen auf die Spur zu kommen, hat das Bundesamt für Umwelt BAFU eine Studie in Auftrag gegeben, die vom Centre Suisse de Cartographie de la Faune CSCF in Neuenburg koordiniert wird und an der die Vogelwarte mitarbeitet. Im Neuenburger Jura werden Waldschnepfen gefangen, mit zwei Typen von kleinen Sendern ausgerüstet und wieder freigelassen. Die einen Sender vom Typ VHF erlauben es, die Vögel räumlich zu orten. Die Wälder, in denen sich die Vögel aufhielten, werden anschliessend mit denjenigen verglichen, in denen die Waldschnepfe fehlte. Darauf aufbauend wird es möglich sein, den für die Waldschnepfe optimalen Waldaufbau zu beschreiben. Durch die Verwendung des anderen Sendertyps, ARGOS, soll das Projekt auch Daten über den Zeitpunkt liefern, zu welchem die einheimischen Brutvögel Richtung Südwesten abwandern.
Da die Waldschnepfe mit gewöhnlichen Revierkartierungen nicht erfasst werden kann, war es bislang kaum möglich, zuverlässige Bestandstrends für die Schweiz zu schätzen. Die Vogelwarte hat deshalb 2017 ein neues artspezifisches Monitoringprogramm gestartet. Auf 133 über die ganze Schweiz verteilten Punkten wird ab sofort jährlich die Balzaktivität der Männchen kontrolliert. Sind balzende Männchen anwesend, wird die Anzahl der Überfl üge protokolliert. Bis verlässliche Trends geschätzt werden können, wird es allerdings ein paar Jahre dauern. Ein weiteres Problem scheint hingegen lösbar, und daran arbeitet die Vogelwarte zurzeit: Ist man auf einem Waldschnepfen-Balzplatz und stellt in einer Stunde 15 überfl iegende balzende Männchen fest, so bleibt doch unklar, wie viele Individuen es wirklich waren. Forschungsprojekte im Neuenburger Jura und in England haben gezeigt, dass sich die Balzgesänge einzelner Männchen schwach unterscheiden. Nimmt man diese Gesänge auf und analysiert sie mit dem Computer, sollte es möglich sein, einzelne Individuen zu unterscheiden und so die Anzahl der aktiven Männchen auf diesem betreffenden Balzplatz zu schätzen. Das Projekt der Vogelwarte wird zeigen, wie zuverlässig diese Methode funktioniert. Die technischen Probleme bei der Tonaufnahme und bei der Auswertung sind zwar weitgehend gelöst. Aber zurzeit ist noch unklar, ob die Unterschiede in den Gesängen mehrerer Männchen immer und überall gross genug sind, um die individuelle Unterscheidung mit ausreichender Sicherheit zu ermöglichen.
Die Waldschnepfe wird in der Romandie und im Tessin noch bejagt. Zwar ist der Jagddruck in der Schweiz viel geringer als in den umliegenden Ländern. Angesichts der abnehmenden Brutbestände muss das Ziel der Jagdregulierung sein, dass keine einheimischen Brutvögel erlegt werden. Dafür ist es wichtig, die Zeit zu kennen, zu welcher unsere Brutvögel die Migration starten und wegziehen. Daten von 2016 zeigten, dass viele einheimische Waldschnepfen beim ersten Schneefall wegzogen, dass zwei Vögel aber länger in der Schweiz verharrten, einer bis zum 25. November und einer gar bis zum 15. Dezember. Die Jagdsaison müsste daher entsprechend verkürzt werden, am besten noch im Rahmen der laufenden Gesetzesrevision.