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Liebes Corona-Tagebuch,
Der Zeitpunkt ist gekommen: Die vor dem Lockdown begonnenen Projekte sind abgeschlossen, zwei Folgen «Deville» sind abgedreht und die nächsten live Comedy-Shows liegen immer noch in weiter Ferne. Was soll ich nun mit meinen Tagen anstellen, da die Agenda definitiv leer ist?
Erfolgreiche Rudelstrategien
Erst einmal tue ich es meinem Rudel gleich und spiele «Lockdown-Bingo»: Ich desinfiziere Türfallen, starte einen Sauerteig, backe Bananenbrot und poste alles zusammen auf Instagram. Im Badezimmer grinst mir die Hinterseite meiner ehemaligen Kurzhaarfrisur hämisch aus dem Spiegel entgegen.
Ich greife beherzt zu meinem eigentlich für die Beine gedachten Rasierer und es gelingt mir damit immerhin, das in der Nackenpartie beständig wachsende Unkraut zu mähen. Ich bin versucht, mit der Küchenschere auch dem Haupthaar zu Leibe zu rücken; einzig die Erinnerung an frühere Haarschneide-Unfälle und ein letztes noch verbleibendes Quäntchen Selbstwertgefühl halten mich schliesslich von dem Ansinnen ab.
So viele gute Serien
Nächstes Projekt: Binge-Watching. Ich mache eine Liste von Serien, die ich schon lange schauen wollte, und beschaffe mir einige davon online auf
The Pirate Bay urheberrechtlich völlig unbedenklichem Weg. Am Ende switche ich zwischen vier verschiedenen Serien hin und her:
«Fixer Upper», eine Reality-TV-Show, in welcher ein Ehepaar in Texas für seine Kunden heruntergekommene Häuser in Bijous verwandelt, und zwar zum Gesamtpreis von umgerechnet einem halben Quadratmeter vertrocknetem Ackerland in Oberägeri;
«Crashing», eine Serie, in welcher der sehr erfolgreiche US-Comedian Pete Holmes einen sehr erfolglosen Comedian gleichen Namens spielt, der sich in der Comedy-Szene New Yorks durchzusetzen versucht und dabei jede Woche auf einer neuen Couch übernachtet («crasht»);
«Schitt’s Creek», eine kanadische Sitcom, in welcher eine vormals superreiche Familie ihr Vermögen verliert und urplötzlich in ein einst als Jux gekauftes Dorf, eben Schitt’s Creek, ziehen muss;
und «Nailed It», eine unglaublich lustige Backshow auf Netflix, in welcher Amateur-Köche filigrane Kreationen professioneller Konditoren nachzubacken versuchen (mit Resultaten, deren Ästhetik meistens irgendwo zwischen «erschreckend hässlich» und «sogar Satan hätte Mitleid» liegt).
Selbst Gebackenes schmeckt am besten
«Das kann ich auch», denke ich mir, und versuche mich an einem Rezept für Himbeer-Streuselkuchen. Das Resultat ist – nach einem dringend notwendigen Facelifting mit Puderzucker – nur noch mittelhässlich und schmeckt sogar ziemlich gut, nur habe ich bei der Mengenberechnung einmal mehr nicht bedacht, dass ich in einem Ein-Personen-Haushalt lebe und mein Tiefkühlfach die Grösse einer Kleenex-Packung hat.
Mist, jetzt MUSS ich den ganzen Kuchen in den nächsten zwei Tagen essen, wie traurig… !
Die Zugerin Michelle Kalt ist seit 2018 in der Comedy-Szene aktiv und hatte seither über 200 Auftritte (zentralplus berichtete). Bekannt wurde sie durch Auftritte bei SRF3, seit diesem Sonntag gehört sie als TV-Anwältin fest zur Satire-Sendung von Dominic Deville auf SRF. Ausserdem ist sie bei einer auf Wirtschaftsrecht spezialisierten Zürcher Kanzlei als Anwältin tätig.
Zeit für die Eltern
Am Ostersonntag besuche ich nach wochenlanger Vermeidung jeglichen Menschenkontakts erstmals wieder meine Eltern in Zug. Mein Vater, der normalerweise alle drei Wochen zum Coiffeur geht, hat mittlerweile eine Frisur, die man nur noch als «flauschig» bezeichnen kann.
Meine Mutter wartet mit selbstgebackenem Brot auf und schlägt mich damit knapp beim Lockdown-Bingo. In Zug selbst ist es zu Corona-Zeiten ruhig, ja sogar etwas verschlafen, kaum jemand ist unterwegs. Hier ist also eigentlich alles wie immer.
Blogs schreiben und dazu Katzenvideos
Am Ostermontag stelle ich fest, dass ich schon längst mein Corona-Tagebuch hätte schreiben sollen, und haue eilig in die Tasten. Statt meiner Serien schaue ich am Abend gefühlt hundertmal ein zweieinhalb Minuten langes Video, in welchem zwei Katzen Domino-Steine umwerfen.
Auch in Corona-Zeiten muss man schliesslich zwischendurch mal etwas Hochstehendes konsumieren.
Zum ersten Eintrag von Michelle Kalt
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