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Die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins
Wenn wir bei einem Spaziergang an einem Flussufer ein Geröllfeld überqueren, werden wir uns wohl kaum die Frage stellen, wie all die herumliegenden Steine entstanden sind. Denn was gibt es banaleres als ein Haufen Steine? Dennoch, Steine haben eine spannende Vergangenheit. Vielleicht bildeten sie einst die harte Schale von Meeresplankton, sanken nach deren Ableben auf dem Meeresboden, wurden dort unter Sedimenten begraben, zusammengepresst, erhitzt und später aufgrund tektonischer Prozesse zu Bergen getürmt. Durch Verwitterung wurden sie aus dem Fels gelöst, in Bergflüssen abtransportiert und zu runden Steinen geschliffen… das Ausserordentliche steckt im Banalen! Dies gilt umso mehr für den Menschen. Was ist die Geschichte jedes Einzelnen, was ist unsere Geschichte?
Der legendäre Entwicklungsbiologe Lewis Wolpert hat einmal gesagt, die grösste Herausforderung eines Menschenlebens sei nicht das Bestehen des Schulabschlusses oder das Finden eines Lebenspartners, sondern der Aufbau des Körpers im ersten Lebensmonat. Gelingt dies nicht, kommt der Mensch mit teilweise gravierenden Geburtsgebrechen zur Welt. Auch der Geburtsvorgang kann zu Komplikationen und bleibenden Schäden führen. Kommt ein Kind gesund zur Welt, erwarten es noch zahlreiche weitere Prüfungen. Es gilt vorerst, den Körper zu bewohnen. Die Wahrnehmung, die Motorik und die Kognition werden entwickelt, das Ich wird ausgebildet, soziales Verhalten wird eingeübt. Hier ist die Rolle der Mutter entscheidend. Der Psychoanalytiker Winnicott hat aufgezeigt, dass die Fähigkeit der Mutter, Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und darauf richtig zu reagieren, das seelische Wohlbefinden und das innere Wachstum des Kleinkindes sehr stark beeinflusst. Inadäquates Verhalten der Mutter führt beim Kind zur Ausbildung von dem was Winnicott ein „falsches Selbst“ bezeichnet. In den schlimmsten Fällen - wie dies bei Autismus der Fall ist - versagen der psychische Aufbau und die Sozialisierung vollends: Das Kind wird in einer total isolierten, leeren Welt leben, ohne je die Fähigkeit zu erlangen, mit anderen Menschen (und mit sich selbst) in Kontakt zu treten. Gewisse Eigenschaften des Kindes spielen auch eine Rolle. Es wird unterschieden zwischen „Löwenzahnkindern“ (die immer und überall Wurzeln schlagen und gedeihen) und „Orchideenkindern“ (die eine spezielle Sensibilität aufweisen und nur bei der richtigen Pflege – dafür umso schöner – aufblühen). Ist all dies einigermassen überstanden, erwarten den heranwachsenden Menschen noch weitere Herausforderungen: die Pubertät, die Partnersuche, die berufliche Integration, das Älterwerden.
An vielem von dem, was wir erlebt haben, erinnern wir uns nicht mehr. Dies gilt vor allem für frühkindliche Erfahrungen, obwohl diese oftmals besonders prägend für das Erwachsenenleben sind. Gewissen Therapien, wie z. B. Rückführungen, zielen darauf ab, verdrängte Erlebnisse des frühen Kindesalters wieder zu erleben und sich somit deren negativen Einfluss zu entziehen. In gewissen Fällen gehen die Erfahrungen bis zur Geburt zurück, ja sogar bis zu früheren Existenzen. In den indischen Schriften werden Siddhis von Asketen erwähnt, die die Fähigkeit erlangt haben, sich an Hunderte, Tausende, Hunderttausende oder mehr Daseinsformen (Reinkarnation) während mehrerer Expansionen und Kontraktionen des Universums zu erinnern (nivāsānussati). Können wir noch weiter gehen? Wie weit reicht unsere Existenz zurück?