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Helmut Hubacher war in der Sozialdemokratie der Hochkonjunktur verankert, hatte zugleich aber auch ein Gespür für neue gesellschaftliche Themen. Das machte ihn in der damaligen Zeit zum idealen Parteichef für die SP.
Ein Vorwurf begleitete Helmut Hubacher als Parteipräsident ständig: Er habe die SP für Themen wie die Ökologie und für neue Schichten geöffnet und dabei die Arbeiterschaft vergessen. Wer aber auf das Leben des Politikers zurückblickt, der am 19. August im Alter von 94 Jahren verstorben ist, merkt rasch: Die KritikerInnen kannten seinen politischen Werdegang wie seine berufliche Prägung schlecht.
Geboren wurde Hubacher 1926 im Emmentaler Bauerndorf Krauchthal, er wuchs aber hauptsächlich bei seinen Grosseltern in Zollikofen bei Bern auf. Nach der Schule liess er sich bei der SBB zum Stationsbeamten ausbilden und trat dem Schweizerischen Eisenbahnerverband (SEV) bei. Sein Chef schickte ihn nach Basel, wo er sich für die nächsten Jahrzehnte niederliess.
Bald machte er sein gewerkschaftliches Engagement zum Beruf, erst beim SEV, dann als Sekretär der Basler Sektion des Verbands des Personals öffentlicher Dienste (VPOD). Dort dominierten die Schwergewichte der lokalen SP mit einem strikt antikommunistischen Kurs. Als sie gar ein Berufsverbot für KommunistInnen verlangten, gerieten sie in Konflikt mit der VPOD-Zentrale. In den nationalen Gremien verteidigte der junge Sekretär die Positionen seiner Sektion.
Parallel dazu entwickelte sich Hubachers politische Karriere. Bereits früher Mitglied der Juso, schloss er sich 1947 der Sektion Breite der Basler SP an, wo er wegen deren Überalterung rasch in den Vorstand aufrückte. Es folgte die Wahl in den Grossen Rat, dem er zwölf Jahre lang angehörte. Ende 1963 rückte er in den Nationalrat nach und verblieb dort bis 1997.
Kritik an der Rüstungspolitik
Die SP-Fraktion war damals stark von der alten Garde geprägt. Der Neue musste also ein von den Veteranen nicht besetztes Thema suchen – und fand es in der Kritik am Eidgenössischen Militärdepartement. Die Wahl war keineswegs problemlos, akzeptierten doch viele Sozialdemokratinnen und Gewerkschafter die starke Stellung der Armee in der Gesellschaft unbesehen.
Hubacher profilierte sich mit Kritik an der dilettantischen Rüstungspolitik, die Qualität und Preis hinter geschäftliche oder politische Interessen zurückstellte. Auch gegen die jede Dimension sprengenden Beschaffungswünsche setzte er sich zur Wehr. Damit konnte er in den eigenen Reihen schon mal auf Widerstand stossen, betrachteten dort doch nicht wenige Rüstungsgüter unter dem Gesichtspunkt der Arbeitsbeschaffung.
Im gleichen Jahr, als er in den Nationalrat gewählt wurde, wechselte er vom VPOD-Sekretariat in die Redaktion der «Basler Arbeiter-Zeitung». Als diese zusammen mit anderen sozialdemokratischen Blättern den kurzlebigen AZ-Ring bildete, übernahm er dort ab 1970 für zwei Jahre die Chefredaktion. Die ArbeiterInnenbewegung stand damals vor einer Zerreissprobe, stimmte doch ein Teil der Basis den rassistischen Argumenten von James Schwarzenbach zu.
Obwohl Hubacher selbst dessen Volksinitiative bekämpfte, fanden befürwortende Überlegungen immer wieder Eingang in Texte des AZ-Rings. Auch der Chefredaktor verwendete den Begriff der «Überfremdung» unreflektiert. Anfang der siebziger Jahre kehrte Hubacher als Sekretär des Basler Gewerkschaftsbunds wieder in sein altes Tätigkeitsfeld zurück, wo er bis zu seiner Pensionierung verblieb.
Das Präsidium der SP übernahm er 1974 und behielt es bis 1990 – die ideale Besetzung in dieser schwierigen Übergangsperiode. Einerseits war er seit seinen Anfängen im traditionellen Parteimilieu verwurzelt. Andererseits besass er die nötige Offenheit, um einer Generation, die vom gesellschaftlichen Umbruch der späten sechziger Jahre geprägt wurde, die Mitarbeit zu ermöglichen.
Breit verankert
Auf welche Ablehnung Hubacher im bürgerlichen Lager stiess, zeigte sich, als er 1976 für die Basler Regierung kandidierte. Kaum ein ernsthafter Kandidat hatte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine ähnliche Flut von Vorwürfen abzuwehren. An seiner Stelle wurde ein abtrünniger Parteigenosse gewählt.
Als Hubacher 1982 mit einer SP-Delegation Erich Honecker in der DDR besuchte, erntete er harsche Kritik. Wer allerdings die damalige Zeit nüchtern betrachtete, konnte darin nichts Ausserordentliches sehen. Wenige Monate zuvor hatte der deutsche Kanzler Helmut Schmidt ebenfalls Honecker besucht, und auch Willy Brandt war in die DDR gereist.
Ebenfalls im Rampenlicht stand Hubacher 1983 nach der Nichtwahl von Lilian Uchtenhagen, der ersten Frau, die für den Bundesrat antrat. Die Bürgerlichen hatten Otto Stich der offiziellen SP-Kandidatin vorgezogen. In breitem Rahmen wurde daraufhin ein Austritt aus dem Bundesrat diskutiert. Doch entgegen dem Willen Hubachers billigte die Mehrheit der Partei die Wahl Stichs.
Nach seiner Pensionierung und dem Rückzug aus dem Nationalrat blieb Hubacher als Autor weiterhin präsent. Er schrieb in seinem Alterssitz im Jura mehrere Bücher mit Erinnerungen zur schweizerischen Politik und veröffentlichte bis kurz vor dem Tod regelmässig eine Kolumne in der «Basler Zeitung». Die Popularität seiner Texte zeigte, wie breit verankert er in der Gesellschaft noch immer war.
Der Historiker Bernard Degen, geboren 1952, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Departement Geschichte der Universität Basel.