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Der Regierungsrat wird beauftragt, das aktuelle Fremdsprachenkonzept zu überarbeiten. Der obligatorische Französischunterricht ist aus dem Lehrplan der Primarstufe zu streichen. Nötige Anpassungen sind möglichst bald, spätestens mit der Einführung des Lehrplans 21 vorzunehmen. Zusätzlich kann ab der 5.Primarklasse Französisch als Freifach angeboten werden.
Begründung
Französisch ab der fünften Klasse ist schon seit 1991 Standart. Anfänglich war man vom Nutzen des spielerischen Lernens des Frühfranzösisch überzeugt. lm Schuljahr 1999/2000 wurden neue Lehrmittel, das Envol 5 und 6 eingeführt, das 2003 unter der Leitung von Dr. Karin Lüdi-Knecht im Auftrag der Pädagogischen Hochschule Zürich evaluiert wurde. Die 92 seitige Auswertung war schon damals sehr ernüchternd und wurde vermutlich deshalb ohne Gegenmassnahmen zu ergreifen „schubladisiert“.
2006 wurde die initiative „nur eine Fremdsprache in der Primarschule“ vom Souverän abgelehnt. Man war von der Chance des frühen Fremdsprachen Lernens überzeugt.
Ab Sommer 2009 wurde in allen Primarklassen das Frühenglisch eingeführt.
Seit dem Schuljahr 2011/12 werden in den Thurgauer Primarschulen neu alle 5.Klässerinnen und 5.Klässler in zwei Fremdsprachen unterrichtet. Das Fazit der betroffenen Mittelstufenlehrpersonen nach einem Jahr, Zitat Thurgauerzeitung, vom 17. Juli, 2012: „Viele Primarschüler sind mit zwei Fremdsprachen überfordert. Die Stundentafel als Ganzes sei zudem zu einseitig auf die kopflastigen Fächer ausgerichtet und lasse für den musischen Bereich zu wenig Raum. In der Ostschweiz sollen Kinder deshalb nicht mehr ab der 5.Klasse, sondern erst in der Sekundarstufe in Französisch unterrichtet werden,“ Dies forderten die Mittelstufenkonferenzen aus sechs Kantonen in einem Schreiben an die Erziehungsdirektorenkonferenz zum Lehrplan 21. Erste Erfahrungen zeigen, dass mit zwei Fremdsprachen in der Primarschule noch mehr Kinder Stütz- und Förderunterricht benötigen und noch weniger Kinder den schulischen Anforderungen genügen. Migrantenkinder, die Deutsch und Mundart lernen müssen, sind nebst Englisch meist nicht in der Lage gleichzeitig auch noch eine vierte oder fünfte Sprache zu lernen. Auch einheimische Kinder sind mit zwei Fremdsprachen oft überfordert.“ (Zitat von Beat Zemp, NZZ am Sonntag, 18.11.2012). Immer mehr Jugendliche wählen in der Sekundarstufe G die Fremdsprachenfächer ab. Viele Lehrmeister und weiterführende Schulen bemängeln zudem die schlechten Deutschkenntnisse der Jugendlichen und fordern von der Volksschule eine Stärkung von Deutsch und den naturwissenschaftlichen Fächern, Lehrmeister wünschten auch eine bessere handwerkliche Vorbildung ihrer Lehrlinge. Exaktes Arbeiten und handwerkliche Grundkenntnisse werden vermisst.
Der frühe schulische Fremdsprachenunterricht wurde bereits in mehreren Studien in verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Methoden überprüft, zB. von Carmen Munoz, Universität Barcelona oder dem Linguistiker Urs Kalberer, Zürich. Er untersuchte den Effekt von Frühenglisch und verglich Schulklassen, welche Englisch schon in der 3.Klasse erlernten mit solchen, in denen Englisch erst nach der 5.Klasse angeboten wurde. Seine Forschung ergab, dass auf Sekundarstufe keinerlei Vorsprung in der Sprachkompetenz nachzuweisen ist. Die Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Möglichkeiten des frühen schulischen Fremdsprachenunterrichts überschätzt werden. Ähnliches wurde auch in Deutschland festgestellt. lm Juni 2009 wurde im „Spiegel“ unter dem Titel „Effekt gleich Null“ darüber berichtet. Verschiedene wichtige Promotoren haben ihre ursprüngliche Begeisterung relativiert oder ganz abgelegt. Mit den Bedingungen wie sie in der Schweiz gelten, ist der Fremdsprachenunterricht zudem kaum erfolgreich. Dazu müssten drei Bedingungen erfüllt sein: 1. Muttersprachliche Kompetenzen der Lehrkräfte, 2. kleine Lerngruppen von 6-10 Kindern und 3. mindestens eine Lektion pro Tag. Noch keine Studie existiert, welche nachweisen könnte, dass frühe Lerner eine Fremdsprache besser beherrschen als späte Beginner. Ein Grund für die Überlegenheit der älteren Lerner liegt
in der kognitiven Entwicklung, dh. das Gehirn kann schneller arbeiten. Zudem können bei älteren Kindern effizientere Lernmethoden eingesetzt werden.
2013 ist eine erste Evaluation der Englischkenntnisse der 6. und 8.Klässler geplant. Diese Ergebnisse sind jedoch erst aussagekräftig bei der Wiederholung der Evaluation in zwei Jahren. Ebenso sind nochmals Weiterbildungen in Französisch für die Mittelstufenlehrpersonen geplant. Diese finanziellen und zeitlichen Ressourcen können aus obengenannten Gründen besser anderswo eingesetzt werden.
Weshalb soll als Erstsprache Englisch gelehrt werden?
- Kinder hören täglich englischen Redewendungen und sind motiviert, diese Weltsprache zu lernen.
- Die Westschweizer sind noch weniger motiviert Deutsch zu lernen als die Deutschschweizer Französisch. Deshalb wird meist Englisch miteinander kommuniziert, auch in Gewerbebetrieben und vor allem unter Fachleuten.
- Vorlesungen an Universitäten, Hochschulen und Fachhochschulen werden immer häufiger in Englisch abgehalten, nur im französischen Sprachraum auch in Französisch.
- Die Literatur in den meisten Fachgebieten ist in Englisch abgefasst.
- Englisch ist die Weltsprache.
- Für viele Knaben ist der Französischunterricht sehr unbeliebt. Das führt dazu, dass noch weniger Knaben die Aufnahmeprüfung in die Kantonsschule wagen und sich der Knabenanteil an Gymnasien weiter rückläufig entwickelt. lm Kanton Zürich zählt Französisch an der Aufnahmeprüfung ins Langzeitgymnasium nicht mehr, bei der Aufnahmeprüfung ins Kurzzeitgymnasium nur noch 20%.
- Der Zusammenhalt der Schweiz hat sich durch die Einführung von Frühfranzösisch kaum verbessert!
- Der regelmässige Austausch zwischen Deutsch- und Französisch sprechenden Schulklassen soll jedoch vor allem auf der Sekundarstufe gefördert werden.
Frauenfeld, 12. Februar 2013
Verena Herzog / Hanspeter Gantenbein / Urs Schrepfer / Katharina Winiger / Daniel Wittwer / Hans Feuz