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„Covid-19: Kinder sind weniger betroffen, aber wir wissen noch nicht, warum.“
Mehrere Studien bestätigen es: Im Gegensatz zu den meisten anderen Viren, welche die Atemwege befallen, sind Kinder weniger anfällig für Covid-19 als Erwachsene. Mögliche Gründe dafür könnten die Unterschiede in ihrem Immunsystem, ihrer Blutgerinnung und der Zusammensetzung ihrer Blutgefässe sein. Dr. med. Petra Zimmermann ist Leitende Ärztin in der Pädiatrie des HFR. Sie hat mehrere Studien zu diesem Thema zusammengestellt und die Ergebnisse veröffentlicht.
Seit Beginn der Pandemie wird die Rolle der Kinder bei der Übertragung des Virus diskutiert. Bei ihnen äussert sich Covid-19 am häufigsten wie eine normale Grippe mit Erkältung, Husten oder Kopfschmerzen. Eine Erklärung dafür, weshalb ihnen das Virus weniger zusetzt, könnte in ihrem Immunsystem liegen.
Dr. med. Petra Zimmermann ist seit Januar 2019 Leitende Ärztin in der pädiatrischen Infektiologie und Pädiatrie am HFR und hat mehrere weltweit durchgeführte Studien zum Thema Kinder und Covid-19 veröffentlicht. Wir haben mit ihr gesprochen.
Frau Zimmermann, Sie haben die Studie gemeinsam mit einem australischen Institut durchgeführt. Wie ist diese Zusammenarbeit zustande gekommen? Ich habe vier Jahre lang in Melbourne, Australien gearbeitet und pflege weiterhin einen guten Kontakt zu den Ärzten des dortigen Murdoch Children’s Research Institute. Wir habe diese Studie durchgeführt, weil es mich interessiert hat, weshalb Kinder anders als bei den meisten anderen Viren im Allgemeinen weniger betroffen sind von Covid-19 als Erwachsene. Ich habe daher viele verschiedene Studien gelesen und zusammengestellt, die weltweit zu diesem Thema durchgeführt wurden.
Warum können Kinder Ihrer Meinung nach Covid-19 besser abwehren als Erwachsene?
Es kommen mehrere Faktoren zusammen. Man muss wissen, dass es zwei Arten von Immunsystemen gibt: das, welches der Mensch bei der Geburt erhält und das, welches er im Laufe seines Lebens entwickelt. Das Immunsystem eines Kindes unterscheidet sich von dem eines Erwachsenen. Das kindliche Immunsystem wird wegen der vielen Infektionen, mit denen es zu kämpfen hat, stark beansprucht. Kinder haben eine stärkere angeborene Immunabwehr, welche die erste Verteidigungslinie gegen SARS-CoV-2 darstellt. Bei Erwachsenen sind schwere Formen der Erkrankung oft auf eine übertriebene Antikörperreaktion des Körpers zurückzuführen.
Hat diese Studie Ihre Sichtweise auf Covid-19 verändert?
Ja, es gibt mehr Gründe, warum Kinder weniger empfindlich auf Covid-19 reagieren, als ich dachte. Einige Studien behaupten zwar das Gegenteil, aber nur, weil sie auf unzureichender Evidenz beruhen.
Was sagen Sie den Skeptikern?
Ich kann mit Sicherheit sagen, dass Kinder weniger betroffen sind als Erwachsene, das ist erwiesen. Wir kennen jedoch die Gründe dafür nicht. Deshalb ist ihre Rolle bei der Übertragung des Virus noch nicht klar.
Es sind bereits Coronaviren im Umlauf, die jeden Winter Erkältungen verursachen können. Wir haben also möglicherweise bereits Antikörper gegen Coronaviren. Helfen diese bei der Abwehr von SARS-CoV-2?
Das ist noch nicht klar. Ursprünglich dachte man, dass Kinder, die häufiger Erkältungen haben, durch ihre bereits vorhandenen Antikörper geschützt sind. Studien zeigen auch, dass Erwachsene höhere Konzentrationen von Antikörpern gegen Coronaviren aufweisen. Es stellte sich jedoch heraus, dass diese Antikörper nicht so wirksam sind und die Krankheit sogar verschlimmern können.
In Ihrer Studie haben Sie festgestellt, dass die Blutgefässe von Kindern eine schützende Wirkung haben.
Covid-19 kann eine Entzündung der Gefässe verursachen. Gefässschäden und Gerinnungsneigung nehmen mit dem Alter zu und können die Erkrankung verschlimmern.
Eine Studie schätzt, dass 70 Prozent der Kinder, die positiv auf Covid-19 getestet werden, keine typischen Symptome zeigen. Erklärt das, warum sich Kinder nur selten gegenseitig anstecken, und was bedeutet das für die Übertragung zwischen Kindern und älteren Menschen?
Es gibt auch viele Erwachsene, die keine Symptome haben. Die Rolle, die Kinder bei der Übertragung des Virus spielen, sorgte für viele Diskussionen. Es wurden Studien an Tausenden von Kindern auf der ganzen Welt in verschiedenen Stadien der Pandemie durchgeführt. Die Ergebnisse unterscheiden sich jedoch je nach Zeitraum und Bedingungen, unter denen die Analysen durchgeführt wurden. Einige Studien wurden während der Schulschliessung durchgeführt, in der es weniger Kontakte gab. Andere fanden statt, als das Virus sehr präsent war, während wieder andere durchgeführt wurden, als es weniger Ansteckungen gab. Da die Vergleichsgrundlagen nicht die gleichen sind, sind die Ergebnisse schwer zu interpretieren. Es ist daher unmöglich, mit Sicherheit zu sagen, ob und wie das Virus zwischen jungen und älteren Menschen übertragen wird.
Abgesehen von Covid-19, wird diese Art von Studie auch für andere Pathologien von Nutzen sein?
Das SARS-CoV-2-Virus verhält sich anders als andere uns bekannte Viren. Das Aufschlüsseln der Mechanismen, welche für den unterschiedlichen Verlauf der Covid-19-Erkrankungen von Kindern und Erwachsenen verantwortlich sind, wird wichtige Informationen für die Prävention und Behandlung dieser neuen Infektion liefern.
Sind weitere Forschungsprojekte zum Thema Kinder und Covid-19 geplant?
Gemeinsam mit Dr. med. Anita Uka, Assistenzärztin in der Pädiatrie des HFR, und PD Dr. med. Nicole Ritz von der Kinderklinik Basel erfassen wir alle Kinder mit Covid-19, die ein Schweizer Kinderspital aufsuchen. Wir werten diese Daten derzeit aus.