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Tom Lüthi (31) hat für die nächsten zwei Jahre ein weltmeisterliches Moto2-Team gefunden. Aber in der aktuellen Verfassung wird er nächste Saison in der Moto2-WM ein chancenloser Hinterherfahrer sein.
MV Agusta lockte mit einem Zweijahresvertrag im Wert von fast einer Million. Beim Petronas Team wäre der Rubel auch gerollt. Aber es ist nicht gelungen, für nächste Saison einen Moto2-Startplatz für Tom Lüthi zu bekommen. Und so ist er nun für die nächsten zwei Jahre in Deutschland gelandet. Beim bayrischen «Dynavolt Intact Team».
Diese Jungs kennen Töffrennsport. Sie stehen in ihrer 6. Saison in der Moto2-WM und haben in dieser Zeit mit Piloten wie Sandro Cortese, Jonas Folger und Marcel Schrötter gearbeitet. Die technischen Voraussetzungen (Kalex Fahrwerke) sind erstklassig. Diese Saison ist Tom Lüthi in der MotoGP-Klasse auch an äusseren Umständen gescheitert, die er nicht beeinflussen konnte. Sollte er nächste Saison scheitern, dann sicher nicht an äusseren Umständen.
Tom Lüthi verdient bei Team von Jürgen Keckeisen nicht so viel Geld, wie er bei MVAgusta hätte kassieren können. Er hat sich gegen viel Geld und für die sportlichen Voraussetzungen entschieden. Für ein Team, mit dem er Weltmeister werden kann. Einziger Nachteil: er verliert mit Cheftechniker Gilles Bigot seinen wichtigsten Vertrauensmann in Töffdingen, dem er seine bisher besten Jahre in der Moto2-WM (2016 und 2017) verdankt. Der Franzose bleibt im Team von Marc VDS.
Der zweite Fahrer im neuen Team ist Marcel Schrötter (25). Ein hochtalentierter, aber mental zerbrechlicher Fahrer, der es in über 100 Anläufen immer noch nicht aufs Podest geschafft hat und seit 2012 in der Moto2-WM fährt. Tom Lüth wird die nächste Saison als Nummer 1 im Team beginnen.
Noch hat der Berner den Ruf, in der Moto2-WM ein Titelanwärter zu sein. 2016 und 2017 hat er die zweitwichtigste Töff-WM auf dem 2. Schlussrang beendet. Er hat 11 Moto2-GP gewonnen (plus 5 in der 125er-Klasse). Er war 125er-Weltmeister 2005. Diese Vergangenheit hat ihm geholfen, die Zukunft zu sichern. Zum letzten Mal.
Die alles entscheidende Frage ist nun: Wird ihm das völlig missglücke MotoGP-Abenteuer 2018 nächste Saison helfen oder schaden?
Von der technischen Seite her wird er profitieren. Ab nächster Saison wird neu nicht mehr mit Honda-Motoren gefahren. Sondern mit 765er-Dreizylinder-Triebwerken von Triumph und mit Elektronik von Magneti Marelli.
Bis und mit dieser Saison sind die Motoren ohne vergleichbare Elektronik ausgekommen. Nächste Saison kann nur Moto2-Weltmeister werden, wer diese Technik versteht, die aus der MotoGP-Klasse kommt. Tom Lüthi hat also einen technischen Vorteil. Er arbeitet diese Saison in der MotoGP-Klasse bereits mit dieser Elektronik. Allerdings kommt er damit nicht zurecht.
Aber Tom Lüthi wird nächste Saison in der aktuellen fahrerischen Verfassung nicht den Hauch einer Chance auf Spitzenplätze haben. Er hat in den paar Monaten in der «Königsklasse» seine fahrerische Identität und seine Konkurrenzfähigkeit fast vollständig eingebüsst. Die Verheerungen, die diese miserable Saison in seinem fahrerischen Selbstvertrauen angerichtet hat, sind noch gar nicht abzuschätzen. Soeben hat er das Rennen beim GP von Österreich auf dem schmählichen letzten Platz beendet. Töffrennen werden auch im Kopf entschieden. Wenn das Selbstvertrauen unerschütterlich und das Ego blitzblank poliert ist, rasen diese Gladiatoren über den Asphalt dahin wie Jesus übers Wasser schreitet. Plagen sie nur die leisesten Zweifel, versinken sie augenblicklich in den Fluten.
Die Geschichte lehrt uns: Wer aus der MotoGP-Klasse zurück in die Moto2-WM muss, ist praktisch chancenlos. Das jüngste Beispiel: Sam Lowes gewann 2016 zwei Moto2-GP. Letzte Saison scheiterte er in der Königsklasse so kläglich wie jetzt Tom Lüthi und musste deshalb für 2018 zurück in die Moto2-WM. Er ist chancenlos im Kampf um die Spitzenplätze und steht in der Gesamtwertung zurzeit auf Rang 12. Seinem Ruf als Bruchpilot ist er soeben mit einem weiteren Sturz beim GP von Österreich gerecht geworden.
Das Problem: wer ein ganzes Jahr lang wie ein «Herrenfahrer» ein wenig hintenherum fährt, nie mehr Positionskämpfe zu bestreiten hat, findet sich in den wilden Positionskämpfen der fahrerisch intensiven Moto2-Rennen nicht mehr zurecht. Kommt dazu: wer in der «Königsklasse» versagt, hat ein enormes Ego-Problem. Er ist bei den «echten Kerlen» gescheitert. Diesen Schwefelgeruch des Versagens bringt er in diesem Macho-Milieu nie mehr aus dem Lederkombi.
Tom Lüthi war sowieso noch nie ein «wilder» Stilist. Sein Talent, seine taktische Intelligenz, sein Wille, seine Leidenschaft und seine Professionalität stehen ausser Frage. Aber in der Moto2-WM ist er jedes Mal gescheitert, wenn es um die Entscheidung ging. Wenn gefahren werden musste, als gäbe es kein morgen mehr. Ihm fehlt schon bisher dieser «ultimative Biss», der nur im Kampf Rad an Rad geschärft werden kann. Auch Valentino Rossi gehört im Alter von 39 Jahren noch immer zu diesen «verrückten Hunden», die so viel Zeit wie möglich in Töffsätteln verbringen. Und für die alles im Leben eine permanente Herausforderung ist – die Herausforderung, besser, schneller zu sein. Die Herausforderung immer und bei jeder Gelegenheit auf und neben der Rennpiste gewinnen zu müssen.
Tom Lüthi kann nächste Saison die hohen Erwartungen nur erfüllen, wenn er sich fahrerisch neu erfindet, seine Saisonvorbereitung umkrempelt und den Winter nicht mehr ausschliesslich zur Erholung, sondern auch in Töffsätteln zur Wiederherstellung der fahrerischen Konkurrenzfähigkeit und zur Schärfung seines «Kampfinstinkts» nützt.