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- Text und Bild: zvg
Um das Jahr 1820 führte die Familie Lindenmann eine Bäckerei im Bauernhaus an der «Unterstrasse». Nach der Hochzeit von Rudolf und Elisabeth Lindenmann-Hauri wurde neben der Bäckerei zusätzlich eine Gaststube eingerichtet.13
Zur Bäckerei und Gaststube gehörten auch Reben im Ghei und Landwirtschaft. Wie üblich zu dieser Zeit wurde vor allem «Eigengewächs» ausgeschenkt. Im Jahre 1910 erfolgte die Übergabe an Sohn Rudolf. In den Jahren 1912/1913 wurde nebenan der Neubau der Wirtschaft «Linde» mit Bäckerei erstellt. Rudolf und Cäcilie Hermine Lindenmann-Steiner bezogen mit ihrer Familie die «Linde», und die Räume im alten Bauernhaus, der alten «Linde», wurden vermietet. 1936 starb unerwartet Rudolf Lindenmann im Alter von 61 Jahren. 1937 erfolgte die Übergabe an Sohn Rudolf.
Rudolf und Sophie Lindenmann-Blum führten nun Wirtschaft und Bäckerei. Mutter Cäcilie half weiterhin im Geschäft oder betreute die Enkelkinder. Rudolfs Bruder Max musste nach der Schulzeit eine Lehre als Mechaniker machen. Dieser Beruf sagte ihm aber gar nicht zu. Er reiste zu Schwester Gertrud nach Lausanne und liess sich dort als Bäcker und Konditor ausbilden. Nach einigen Jahren in der Fremde zog es ihn wieder heim nach Seengen. 1945 wurde an die «Linde» ein Teeraum angebaut. Frühmorgens backte Rudolf Brot, anschliessend Max Patisserie. Rudolf und Sophie betrieben die Wirtschaft, Max führte den Teeraum. Schon seit Beginn der 1960er Jahre plante der Kanton eine Erweiterung der Unterdorfstrasse. Alle alten, direkt an die Strasse gebauten Häuser sollten abgerissen werden. So auch die «Linde».
1962 übernahm der Kanton die «alte Linde». Rudolf Lindenmann starb im Oktober 1963, 61-jährig. Drei Wochen später starb auch seine Frau Sophie.
In den Jahren 1963/64 wurde die «Linde» von Rudolfs Erben an den Kanton verkauft. Max musste sein Elternhaus verlassen und zog vorübergehend zu seinem Neffen Rudolf Erismann in die «Breiti» in Seengen. Arbeit als Bäcker und Koch fand er bei Festwirt Hunziker. Nach seinem Einsatz an der Expo 64 in Lausanne kam er wieder nach Seengen zurück. Max Lindenmann konnte 1964 die «Linde» vom Kanton mieten und wirtete mit eigenem Wirtschaftspatent weiter. Das Restaurant umfasste 35 Plätze in der Gaststube und 25 Plätze im Teeraum. Bei schönem Wetter kamen Gartenwirtschaft und Terrasse dazu. Max’ Spezialitäten waren «Mutschären» (ein Brot mit Kümmel und «Ankeruume»), Bierstängel und Glacen. Seine Patisserien und Gebäcke waren weit herum bekannt. Am Ostermontag gab es für jeden Gast Gratis-Wähe. Diese Grosszügigkeit zog auch stets Gäste an, die während des ganzen Jahres nie in der «Linde» waren.
Im Jahre 1968 wurde die «alte Linde» abgebrochen, damit die Unterdorfstrasse ausgebaut werden konnte. 1983 übernahm das Baugeschäft Grundmann die «Linde» vom Kanton. Obwohl das Gebäude sanierungsbedürftig war, konnte Max weiter wirten. Aus gesundheitlichen Gründen musste er im Jahre 1990 die «Linde» aufgeben. Max zog ins Zentrum Hubpünt. Die «Linde» stand nun leer und verwahrloste immer mehr. In den Jahren 2000/2001 verschwand die Liegenschaft «Linde» endgültig aus dem Dorfbild. Sie wurde abgebrochen für den Neubau des Wohnparks «Linde».
13 Gehrig-Müller Alice, Familie Lindenmann in der Seenger «Linde», in: Heimatkunde aus dem Seetal 76 (2003), S. 49–56