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Heldentod: Und wie sterben die andern?
Eigentlich hatte ich im Sinn, nach dem letzten Beitrag über die Odyssee vom virtuellen Unterwegssein Abschied zu nehmen und mich wieder den reellen Wanderungen zuzuwenden. Immerhin scheint uns das Coronavirus Ausflüge im ÖV in die nähere und weitere Umgebung wieder zu gestatten, zumindest mit Schutzmasken.
Nach den Ruhmestaten
Doch dann schickte mir eine Freundin eine Nachricht. Ich würde, am Ende des Epos angekommen, vielleicht nach einer Fortsetzung meiner Odyssee-Berichte suchen, schrieb sie, darum habe sie an das Gedicht von Alfred Lord Tennyson „Ulysses“ gedacht, in dem der Autor Odysseus’ Geschichte „weit über die von Athene so fürsorglich verlängerte Nacht“ hinaus weiterspinne.
Ganz abgesehen davon, dass es selbstverständlich jeden Autor rührt, wenn sich eine Leserin sorgt, dem Schreiberling könnte die Fantasie ausgehen, und er wisse vielleicht nicht, wie er seine Geschichten weiterführen soll, machte mich der Hinweis auf Tennyson neugierig. Hatte ihn nicht Daniel Mendelsohn in seinem Buch (1) zitiert, zusammen mit dem griechischen Dichter Konstantinos Kavafis, dessen Gedicht „Ithaka“, von Tennyson inspiriert, sich ebenfalls mit der Frage beschäftigt, was das Leben dem Helden nach seinen Ruhmestaten noch zu bieten habe.
Zur Erinnerung: Die Götter sagen Odysseus nach all den durchgestandenen Qualen einen geruhsamen Tod voraus, sozusagen einen Tod im eigenen Bett, statt auf dem Schlachtfeld. Doch man fragt sich: Haben wir je über Odysseus’ Tod gehört oder vom Tod einer jener Krieger, die Troja überlebt haben? Gibt es – ausser dem Heldentod, wie ihn Achilles erlitten hat – in der Welt der Sagen den „normalen“ Tod überhaupt?
Odysseus mit Rollator?
Sogar Philemon und Baucis, die beiden kurligen Alten der Antike , erfahren durch ihre Verwandlung in Eiche und Linde eine Art Heldentod, den sie sich durch ihre Gastfreundschaft gegenüber Zeus und Hermes verdient hatten. Oder umgekehrt gefragt: Können wir uns Odysseus mit Rollator auf einem Gang durch seinen Olivenhain vorstellen oder Menelaos als Bettlägerigen, gepflegt von Helena, der einst schönsten Frau der Welt, die jetzt, falls nicht geliftet, Falten im Gesicht trägt und, vom Alter gebeugt, am Krankenlager ihres Mannes steht?
Im 11. Gesang der Odyssee, in welchem über den Besuch von Odysseus im Hades berichtet wird, trifft der herumirrende Held auf den Schatten von Achilles. Spürbar neidisch preist Odysseus dessen unsterblichen Ruhm. Und was antwortet ihm darauf Achilles?
„Such mir den Tod doch nicht schönzureden, erlauchter Odysseus!
Lieber möchte auf Erden um Lohn ich bei einem andern
dienen, einem Mann ohne Erbgut mit wenig Vermögen,
als über alle dahingeschwundenen Toten Herr zu sein.“ (2)
Die Männer vom Motorradclub «Ulysses»
Unglaubliche Worte eines Helden, doch sie scheinen in den Wind gesprochen. Altwerden und stilles Verschwinden passen nicht zum Abenteurer, den das Schicksal bislang vom Tod verschont hat, auch heute nicht, sonst hätte Lord Tennyson in seiner Fortsetzung der Geschichte Odysseus nicht als einen gezeichnet, der sich nach seiner Rückkehr auf Ithaka langweilt und seine Regierungsgeschäfte schon bald seinem Sohn Telemachos übergibt. Tennyson lässt ihn seinen Gefährten zurufen:
... wie elend still zu sitzen, abzuschliessen,
zu Rost verwittern, alt und ungebraucht.
Als ob das Leben wäre, nur zu atmen!
Doch Alter hat noch Würde und Bestimmung.
Der Tod schliesst alles. Doch bevor er naht,
sei etwas noch des Ruhmes wert getan.
Tennyson ist nicht der einzige, der Odysseus nicht als friedlichen Pensionär zu sehen bereit war. Von der Antike bis in die Gegenwart hat die Fantasie der Leser, besonders diejenige von in die Jahre gekommenen Männern, neue Abenteuer für ihren Helden ausgedacht oder ihm gar Unsterblichkeit verliehen. So erstaunt es denn auch nicht, dass ich die oben zitierte (verkürzte) Übersetzung des Gedichtes von Tennyson bei der deutschen Sektion des internationalen Motorradclubs „Ulysses“ gefunden habe, auf dessen Webseite bestandene, kräftig gebaute Herren mit Schnauz oder Bart posieren.
Was fürchten wir mehr?
Der Club wiederum hat sein „Leibgedicht“, wenn ich richtig folgere, bei einem älteren Herrn mit Namen Menno Aden, Dr. iur., Rechtsanwalt in Essen, Altpräsident des Oberkirchenrates, abgeschrieben, auf dessen persönlicher Webseite eine Fülle von gedruckten und unveröffentlichten Arbeiten über Jurisprudenz, Geschichte, Politik, Literatur und vielem mehr aufgeschaltet sind, darunter auch eigene Gedichtübersetzungen. – Wahrlich, vom Motorradfan bis zum Altkirchenrat sehen sie sich alle in der Hoffnung vereint, Odysseus sei nicht als Rentner gestorben, sondern unsterblich geblieben.
Beim Lesen dieser Geschichten tauchen Fragen auf. Ist es Teil des Zeitgeistes, dass die Abenteuer kein Ende mehr haben dürfen, so wenig wie das eigene Leben? Wie halten wir es denn heute mit dem Tod? Was fürchten wir mehr, den frühen Tod („... mitten aus einem erfüllten Leben gerissen ...“) oder den stillen, langen Tod des Vergessens und des Vergessenwerdens?
In meinem Leben habe ich unzählige Menschen kennen gelernt. Vielen stand ich während Jahren sehr nahe, arbeitete mit ihnen zusammen, bis sich unsere beruflichen Wege wieder trennten und ich sie im Laufe der Jahre aus den Augen verlor. Blättere ich durch meine Tagebücher und stosse dabei auf fast vergessene Namen, frage ich mich immer wieder, was diese oder jener wohl mache und ob sie oder er überhaupt noch am Leben sei. In vielen Fällen bleibt die Antwort offen, bis ich eines Tages in der Zeitung eine kleine Notiz oder eine Todesanzeige finde – zufällig nur, denn ich bin kein systematischer Leser solcher Mitteilungen.
Ganz anders prägte sich der Tod jener Freunde und Bekannten in mein Gedächtnis, welche unerwartet und früh gestorben sind. Sind das die Helden unserer Zeit, in der man kaum mehr auf dem Schlachtfeld stirbt? Sind es die Helden, an die man sich erinnert, für welche Artikel in den Medien geschrieben und Gedenkveranstaltungen stattfinden?
Wen die Götter lieben
Und wie sterben die andern, diejenigen, deren Tod im „Epos des Lebens“ nicht vorkommt? – Ich erinnere mich an einen meiner Professoren. Er lebte nicht weit von mir. Manchmal traf ich ihn im Dorf, jedes Mal etwas älter und einsamer, wie mir schien. „Kommen Sie mich einmal besuchen, aber am Nachmittag, denn ich gehe um acht Uhr ins Bett, sonst kann ich nicht einschlafen“, sagte er mir jeweils. Wie oft habe ich ja gesagt, ging dann doch nicht hin, weil die eigene Arbeit und die Familie scheinbar dazu keine Zeit liessen. Und eines Tages, ich hatte ihn mehrere Jahre nicht mehr gesehen, las ich die Anzeige seines Todes in der Zeitung.
Weil wir so alt werden, sind die Häuser und Altersheime voll von Vergessenen, die ihre Chance zum Heldentod längst verpasst haben. Mein Vater kommt mir in den Sinn, der mit 53 tatsächlich mitten aus dem Leben gerissen worden war, weg von seiner Frau und seiner Familie, aus seinem Beruf an der Universität, aus dem Nationalrat und dem Wissenschaftsrat, dem er als erster Präsident vorstand. Ich erinnere mich auch an das, was mir mein Schwiegervater damals gesagt hatte: Wen die Götter lieben, lassen sie jung sterben.
Damals verstand ich den tieferen Sinn dieser Aussage nicht, und an einen Heldentod habe ich schon gar nicht gedacht, obschon die Reden an der Abdankungsfeier in der übervollen Martinskirche in Basel im Grunde genau einen solchen suggerierten.
Der Tod – noch nie war er uns so fremd wie in unserer Zeit. Dabei verfügte doch die moderne Medizin über ein schier unbegrenztes Wissen und Können. Tatsächlich aber liegt deren grosse Stärke in der Bekämpfung des frühen „Heldentodes“. Nicht dass ich die Medizin deswegen kritisieren möchte, im Gegenteil, aber für Odysseus und Menelaos und all die andern, kurz für uns „Gewöhnliche“, weiss sie letztlich keinen Rat. Doch wäre es unredlich, sie, die Medizin, dafür zu tadeln. Dafür tragen wir alle Verantwortung.
(1) Daniel Mendelsohn: „Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich“, aus dem Englischen von Matthias Fienbork, Siedler Verlag, München, 2019.
(2) Zitate aus der Neuausgabe der Odyssee von Homer, übersetzt von Kurt Steinmann mit Illustrationen von Anton Christian, Manesse Verlag Zürich, 2007.