Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03148.jsonl.gz/651

Christian Kerez, geboren 1962 in Maracaibo, Venezuela, studierte an der EZH Zürich, wo er seit 2009 selbst eine Professur für Architektur und Entwurf innehat. Danach profilierte er sich als Architekturfotograf und arbeitete bei Rudolf Fontana, bevor er 1993 sein eigenes Büro eröffnete. 2016 gestaltete er den Schweizer Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig mit einer experimentellen Konstruktion. Zu seinen bekanntesten Bauten gehören die minimalistische Kapelle St. Nepomuk in Oberrealta, das Kunstmuseum Liechtenstein, das Schulhaus Eschenbach und das Haus mit einer Wand in Zürich.
von Gabrielle Boller
Schulhäuser waren einst, wie Museen, kleine Tempelarchitekturen, Monumente der Aufklärung mit einer klaren Symbolik – über imposante Freitreppen stieg man hinauf, um das allgemeine Menschengut der Bildung zu geniessen. Später dann wurde es lockerer, die Bildungsstätten wurden aufgelöst in die Einzelinstitute des universitären Campus; jedes Gebäude hatte seine Funktion, und dazwischen gab es viele Plätze, um soziale Kontakte zu pflegen und zu lernen. So zumindest war es idealerweise – doch wie soll so etwas im begrenzten städtischen Raum noch möglich sein? Und funktioniert Schule heute noch gleich wie vor vierzig Jahren? Christian Kerez scheint das nicht zu glauben und hat mit seinem 2009 eingeweihten Schulhaus Leutschenbach in Zürich, dem zweitgrössten der Stadt, einen neuen Typus eines Schulgebäudes entwickelt. Oder handelt es sich eher um eine nicht vollständig ausdefinierte Hülle für eine Aufgabe im Wandel? Von aussen betrachtet könnte das Gebäude jedenfalls auch der Geschäftssitz eines multinationalen Unternehmens sein. Nichts erinnert bei diesem kompakten gläsernen Monolithen mit seinem ausgeklügelten Stahlfachwerk in charakteristischem Zickzack an die alte Typologie. Das markante Gebäude steht alleine auf weiter Flur und lässt die Freiflächen um sich herum Weite suggerieren, als ob sich der Bau mit dem grosszügigen Park die Stadt vom Leibe halten möchte. Die Konstruktion ist wagemutig; inspiriert vom Brückenbau ruht sie als Schichtwerk mit sechs Geschossen und umlaufenden Balkonen mit Nottreppen auf sechs Stützen. Auch im Innern erinnert nichts an alte Schulgebäude mit muffigen Korridoren; alles atmet Transparenz. Fensterfronten und durchscheinende Wände aus Industrieglas schirmen die Klassenräume akustisch ab, Bewegungen bleiben schemenhaft erkennbar. Das Tageslicht dringt durch die halbtransparenten Wände bis in die zentrale Treppenhalle, die multifunktional auch als Aufenthaltsort und Unterrichtsraum dienen kann. Am meisten Aufmerksamkeit ist aber der hohen, luftigen Doppelturnhalle gewiss: Sie sitzt fast schwebend obenauf und bekrönt das Schulhaus im wahrsten Sinne des Wortes. Der Ausblick ist dank der umlaufenden Komplettverglasung spektakulär, und in der Nacht, wenn die Lichter brennen, wird das Schulhaus zur leuchtenden Laterne.
Ein Schulhaus, das Lernen als fluiden Prozess versteht und Räume zu verschiedenartiger Nutzung anbietet, eine Kapelle, die so aufs Letzte reduziert ist, dass viele sie als ironisch missverstanden, ein Museum, das als schwarz schimmernde Black Box zum Behältnis für den White Cube wird, oder eine bewohnbare Wolke als Zukunftsarchitektur – Christian Kerez hat ganz offensichtlich kein Interesse an Gehabtem; er nimmt vielmehr jedes neue Projekt zum Anlass, klassische architektonische Themen frisch und unvoreingenommen von Grund auf neu zu denken.