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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

16. Buch
10. Von der Nachkommenschaft Sems, über dessen Geschlecht sich die auf Abraham hinzielende Abfolge des Gottesstaates leitet.
Wir haben uns also an die von Sem ausgehende Zeugungsreihe zu halten; sie wird nach der Sündflut den Gottesstaat vor Augen führen, wie es vor der Sündflut die von Seth ausgegangene Zeugungsreihe getan hat. Deshalb also greift die göttliche Schrift, nachdem sie den Weltstaat in Babylon, d. i. in der Verwirrung aufgezeigt hat, wieder auf den Patriarchen Sem zurück und beginnt von hier ab die Geschlechtsfolgen bis zu Abraham, wobei sie wiederum angibt, in welchem Lebensjahre jedes Glied den zur Folge gehörigen Sohn gezeugt und wie lang es nachher noch gelebt hat. Und dabei läßt sich mit Bestimmtheit erkennen — was nach einer früheren Bemerkung von mir1 noch seine Aufklärung finden würde —, weshalb es von den Söhnen Hebers heißt2 : „Der Name des einen ist Phalech, weil in seinen Tagen die Erde aufgeteilt ward“. Die Aufteilung der Erde nämlich ist zu verstehen von der Trennung, die durch die Verschiedenheit der Sprachen herbeigeführt wurde. Unter Übergehung der übrigen nicht hierher gehörigen Nachkommen Sems werden nun an Phalech nur die in der Abfolge der Zeugungen angeschlossen, über welche man zu Abraham gelangt; geradeso wie vor der Sündflut nur jene aneinander gereiht wurden, über die man zu Noe gelangte an der Hand von Zeugungen, die zurückgingen auf Adams Sohn namens Seth. So nun beginnt die neue Geschlechtsfolge3 : „Und das sind die Geschlechter Sems. Sem war ein Sohn von 100 Jahren, da er zeugte den Arphaxat, im zweiten Jahre nach der Sündflut. Und Sem lebte, nachdem er den Arphaxat gezeugt hatte, 500 Jahre und zeugte Söhne und Töchter; dann starb er“. Auf solche Weise nimmt der Verfasser auch die übrigen durch und sagt, in welchem Lebensjahre jeder einzelne den Sohn gezeugt hat, der in diese auf Abraham abzielende Geschlechtsfolge gehört, und wieviel Jahre er nachher noch gelebt hat, mit der Bemerkung, daß er Söhne und Töchter gezeugt habe; dadurch soll uns klar werden, woher es kam, daß ganze Völker heranwachsen konnten, damit wir nicht läppisch an den paar Menschen hängen blieben, die mit Namen erwähnt sind, und Zweifel bekämen, woher doch so gewaltige Länder- und Reichsgebiete ihre Bevölkerung aus dem Geschlechte Sems erhalten konnten, vorab im Hinblick auf das Assyrerreich, von wo aus Ninus, der Bezwinger der Völker des Ostens weitum nach allen Seiten, mit unerhörtem Glück seine Herrschaft antrat und ein ungeheures und ebenso festgegründetes Reich, das auf lange hin Bestand haben sollte, an seine Nachkommen vererbte4 .
Wir jedoch werden, um uns nicht länger als nötig aufzuhalten, nicht anführen, wieviel Jahre die einzelnen Glieder dieser Geschlechtsfolgen gelebt haben, sondern uns auf die Angabe beschränken, im wievielten Lebensjahre die einzelnen den in dieser Abfolge zu erwähnenden Sohn gezeugt, um dabei sowohl die Zahl der Jahre vom Ende der Sündflut bis zu Abraham zusammenzustellen, als auch alles kurz und flüchtig zu berühren, soweit nicht ein dringender Grund zum Verweilen vorliegt. Im zweiten Jahre also nach der Sündflut zeugte Sem den Arphaxat5 ; Arphaxat aber zeugte, als er 135 Jahre alt war, den Cainan; dieser wieder mit 130 Jahren den Sala; ebenso alt war Sala, da er Heber zeugte; 134 Jahre zählte Heber, als er Phalech zeugte, in dessen Tagen die Erde geteilt wurde; Phalech aber lebte 130 Jahre, da zeugte er Ragau; und Ragau 132, da zeugte er Seruch; und Seruch 130, da zeugte er Nachor; und Nachor 79, da zeugte er Thara; Thara aber 70, da zeugte er Abram, den nachmals Gott unter Änderung des Namens Abraham benannte6 . Es ergibt sich also von der Sündflut bis zu Abraham eine Summe von 1072 Jahren nach der Vulgata-Ausgabe7 , d. i. nach der Ausgabe der 70 Übersetzer. Im hebräischen Text dagegen sei, so sagt man, eine weit geringere Zahl von Jahren zu finden, worüber man überhaupt nicht oder nur sehr schwer Rechenschaft geben kann.
Indem wir nun auf die Suche gehen nach dem Gottesstaat bei jenen zweiundsiebzig Völkern, können wir nicht behaupten, daß schon zu der Zeit, da sie nur eine Zunge hatten, d. i. nur eine Sprache, das Menschengeschlecht der Verehrung des wahren Gottes entfremdet gewesen wäre, so daß die wahre Frömmigkeit nur bei jenen Geschlechtsfolgen geblieben wäre, die sich von Sem über Arphaxat herleiten und auf Abraham zielen; vielmehr trat erst mit dem Hochmut des himmelanstrebenden Turmbaues, dem Sinnbild der gottlosen Überhebung, der Staat, d. i. die Genossenschaft, der Gottlosen in die Erscheinung. Ob er also vordem überhaupt nicht oder nur im Verborgenen vorhanden war, oder ob vielmehr beide Staaten in der Weise nebeneinander fortbestanden, daß sich der fromme in den zwei gesegneten Söhnen Noes und deren Nachkommenschaft fortsetzte, der gottlose dagegen in dem verfluchten Sohn und dessen Geschlecht, wo sich auch „der gewaltige Jäger wider den Herrn“ erhob, das ist schwer zu entscheiden. Möglich wäre nämlich auch, und das ist in der Tat das wahrscheinlichere, daß es unter der Nachkommenschaft der beiden Gesegneten schon vor der Gründung Babyloniens Verächter Gottes gab, und unter den Nachkommen Chams Verehrer Gottes; jedenfalls gab es zu allen Zeiten beide Arten von Menschen auf Erden. Es heißt nämlich zwar8 : „Alle sind abgewichen, zumal sind sie nichtsnutz geworden; keiner, der Gutes täte, nicht einer“; aber auch da lesen wir in beiden Psalmen, worin sich diese Worte finden: „Werden sie nicht zur Einsicht kommen, alle die, die Unrecht tun, die mein Volk auffressen als einen Bissen Brot?“ Also gab es auch damals ein Volk Gottes. Und also ist nur von den Menschenkindern, nicht von Gotteskindern die Rede bei den Worten: „Keiner, der Gutes täte, nicht einer“. Denn voraus geht: „Gott hat vom Himmel herabgesehen auf die Menschenkinder, um zu sehen, ob einer verständig sei und nach Gott frage“, und darauf nun folgen die Worte, in denen alle Menschenkinder, d. i. alle, die zu dem Staat gehören, der nach dem Menschen lebt, als verworfen erwiesen werden.
1: Oben XVI 3, Absatz 2.
2: Gen. 10, 25.
3: Gen. 11, 10 f.
4: Vgl. oben IV 6 und XII 11; unten XVI 17 und XVIII 2 und 22.
5: Vgl. Gen. 11, 10 ff.
6: Gen. 17, 5.
7: Secundum vulgatam editionem, natürlich nicht die Vulgata im heutigen Sinne, sondern die latinisierte Form der Septuaginta, wie Augustinus gleich erklärt.
8: Ps. 13, 2-4; 52, 3-5.