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des
GouvernementsAstrachan von der Pest heimgesucht. Eine eigentlich epidemische Verbreitung erlangte die
Krankheit aber nur
in dem Kosakendorf Wetljanka, wo sie 20 Proz. der Einwohner fortraffte und 82 Proz.
der Erkrankten dem
Tod anheimfielen. Man muß annehmen, daß die Pest hierher aus
Persien
[* 2] über
Astrachan oder durch
Truppen aus
Armenien eingeschleppt worden ist. Eine weitere Verbreitung wurde durch rigorose, oft grausame Sperrmaßregeln verhindert.
Der Ansteckungsstoff der Pest ist noch völlig unbekannt, er wird nicht nur durch Berührung, sondern auch durch die
Luftübertragen, und dies ist gewiß die häufigste Art der
Ansteckung. Auch die von den Kranken benutztenBetten,
Wäsche etc. können den Ansteckungsstoff aufnehmen und denselben an bisher pestfreie
Orte bringen. Dagegen ist es nicht sicher
erwiesen, daß auch durch bloße Handelswaren
(Baumwolle
[* 3] u. dgl.) die Pest aus dem
Orient nach
Europa
[* 4] eingeschleppt worden sei.
In den allermeisten
Fällen scheint die Pest innerhalb 7
Tagen nach derAufnahme des Ansteckungsstoffs in den
Körper auszubrechen, in vielen
Fällen aber dauert dieses sogen. Inkubationsstadium nur 2-5
Tage und in sehr vereinzelten
Fällen
auch wohl bis zu 15
Tagen. Dieser Umstand ist natürlich für die Feststellung der Quarantänezeit von der größten Wichtigkeit.
Die in
Armut und
Elend lebenden Volksklassen werden von der Pest am häufigsten ergriffen. Merkwürdigerweise
scheinen manche Beschäftigungsweisen ganz verschont zu werden, besonders solche, welche viel mit
Wasser zu thun haben, noch
mehr aber die Ölträger,
Öl- und Fetthändler.
Sie verursachen meist lebhafte stechende
Schmerzen, wachsen bis zur
Größe eines Taubeneies und darüber und gehen dann gewöhnlich
in
Eiterung,
Verjauchung und
Brand über. Der Pestkarbunkel entsteht aus einzelnen flohstichähnlichen roten
Flecken, die oft
unter stechenden
Schmerzen hier und da auf der
Haut, besonders derBeine, erscheinen, später zu größern
bläulichroten
Flecken anwachsen, verhärten, ein
Bläschen an der
Spitze zeigen und endlich in einen Brandschorf mit lebhaft
entzündetem
Hof
[* 8] übergehen, unter welchem
Haut und
Muskeln
[* 9] brandig zerstört werden.
Nach dem Auftreten dieser örtlichen Pestmale steigert sich gewöhnlich das
Fieber zu heftigen typhusähnlichen
Symptomen,
es tritt ein hochgradiger
Verfall der
Kräfte ein, und es erfolgt dann entweder der
Tod unter schlagflußähnlichen
oder mit andauernder
Bewußtlosigkeit einhergehenden Hirnzufällen, oder auch durch
Blutungen, Entkräftung und Blutzersetzung,
oder es tritt unter
Eiterung der
Beulen und Abstoßung der Brandschorfe allmähliche
Genesung ein.
Das sicherste Vorbauungsmittel wäre wohl die Einführung von ausreichenden sanitätspolizeilichen Maßregeln in den
Ländern,
wo sich die Pest selbständig entwickelt, namentlich also in
Ägypten.
[* 10] Der einzelne von der Pest. Bedrohte isoliere sich möglichst
von dem
Verkehr, besonders von dem mit unreinlichen Volksklassen, vermeide den
Umgang mit Pestkranken und
halte sich fern von deren Wohnräumen,
Betten und Kleidungsstücken. Das Einreiben des
Körpers mit
Baumöl verdient als Schutzmittel
versucht zu werden.
Die Behandlung der Pestkranken muß in der Hauptsache eine diätetische sein. Man sorge für reine, frische
Luft, wende das
frische und reine
Wasser innerlich und äußerlich an, gebe
Limonaden und andre
kühlende Mittel.
TrittGenesung
ein, so muß man bereiten für Darreichung einer nährenden und leichtverdaulichen
Kost sorgen.
JohannHeinrich, der einflußreichste
Pädagog der neuern Zeit, geb. zu Zürich,
[* 23] verlor im
sechsten Jahr seinen
Vater, einen Chirurgen, und wuchs, von der Wiege an schwächlich, als
»Weiber- und Mutterkind« auf. Reizbares
¶
mehr
Gefühl und lebhafte Phantasie traten früh als Eigentümlichkeiten des Knaben hervor, während es ihm an nachhaltiger Aufmerksamkeit
wie an praktischer Umsicht und Vorsicht fehlte. Im Knaben regte das Vorbild des Großvaters, welcher Pfarrer auf dem Land war,
Neigung zum seelsorgerischen und pädagogischen Beruf und warme Liebe zum niedern Volk an. Aus Rousseaus »Émile«
(1762) schöpfte diese Richtung seines Geistes neuen begeisternden Antrieb; er beschloß, ein Reformator der Volkserziehung
zu werden und für das irre geleitete und bedrückte Volk zu leben.
Das theologische Studium vertauschte er bald, angeblich aus Anlaß eines mißlungenen Predigtversuchs, mit dem der Rechte. Nach
seiner Verlobung mit der sieben Jahre ältern Anna Schultheß, der Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns
in Zürich
(1767), mit der er sich 1769 verheiratete, wandte er sich unter dem Einfluß Rousseauscher Ideen dem Landbau zu, den er
bei dem unternehmenden Landwirt Tschiffeli erlernte. Als er erfuhr, daß bei dem Dorf Birr, zwischen Lenzburg und
Brugg, eine große StreckeHeideland feil war, faßte er denPlan, hier praktisch zu zeigen, wie in der Verbindung der Landwirtschaft
mit Fabrikation und häuslicher Erziehung die Mittel gegeben seien, den Nachteilen einer verkünstelnden Kultur entgegenzuwirken
und das Volk aus seinem physischen und sittlichen Elend zu wahrer Kultur und Sittlichkeit emporzuziehen.
Er kaufte 100 Morgen Wüstung bei Birr, errichtete daselbst ein Haus und nannte die Besitzung Neuhof (1767). Die Unternehmung,
besonders auf Krappkultur gegründet, schlug fehl; aber Pestalozzi hielt seinen Plan fest und verband nun mit seiner Wirtschaft eine
Erziehungsanstalt für arme Kinder, die er 1775 mit 50 Zöglingen eröffnete.
Auch diese Anstalt scheiterte an Pestalozzis praktischem Ungeschick und ging 1780 ein. Es folgten Jahre der bittersten Not
und der empfindlichsten Demütigung für Pestalozzi. Doch sein Stern ging in andrer Weise wieder auf. Er trat als Schriftsteller hervor.
Schon 1780 erschien die »Abendstunde eines Einsiedlers« in Iselins, seines treuen Gönners, »Ephemeriden«.
Diese Aphorismen enthalten das pädagogische Programm Pestalozzis. »Allgemeine Emporbildung der innern Kräfte der Menschennatur
zu reiner Menschenweisheit ist allgemeiner Zweck der Bildung auch der niedrigsten Menschen. Übung, Anwendung und Gebrauch seiner
Kraft
[* 25] und seiner Weisheit in den besondern Lagen und Umständen der Menschheit ist Berufs- und Standesbildung. Diese muß
immer dem allgemeinen Zweck der Menschenbildung untergeordnet sein« (13). Bald darauf erschien sein berühmtes Buch »Lienhardt
und Gertrud« (Berl. 1781-89, 4 Bde.;
oft aufgelegt), worin der Verfasser an einer mit ungeschminkter Wahrheit vorgetragenen, einfachen Dorfgeschichte nachweist,
wie nur durch eine tief eingreifende Verbesserung der häuslichen und der öffentlichen Erziehung, welche
die Gesamtheit der Kräfte und Anlagen der Kinder entwickeln und der guten Gesinnung sowie dem Können den Vorzug vor dem bloßen
Wissen gebe, den Übeln der Zeit abzuhelfen sei.
der »Versuch eines Lehrbuches
zum Gebrauch der allgemeinen Realschule der Menschheit, ihrer Wohnstube«, sprach weniger an. Auch in den
innern Angelegenheiten der Schweiz,
[* 26] über rechtliche und gesellschaftliche Fragen (»Gesetzgebung und Kindermord«, 1783) ließ
sich Pestalozzi öfters mit ernstem oder launigem Tadel der bestehenden Mängel vernehmen. Dies zog ihm den unbegründeten Verdacht
revolutionärer Gesinnung
zu, der in gewissen Kreisen nie ganz überwunden worden ist.
Während dieser schriftstellerischen Thätigkeit hatte Pestalozzi sein äußerlich gedrücktes Leben zu Neuhof fortgesetzt. Auch war
er damals in den Illuminatenorden getreten, sagte sich aber, enttäuscht, bald wieder davon los. Eine Reise, die er 1792 nach
Deutschland
[* 27] unternommen, hatte ihn unter andern mit Klopstock, Wieland, Herder, Jacobi, Goethe, das folgende
Jahr in der Schweiz ihn mit Fichte
[* 28] bekannt gemacht. Des letztern Einfluß zeigt die tiefsinnige Schrift »Nachforschungen über
den Gang
[* 29] der Natur in der Entwickelung des Menschengeschlechts« (1797). Von der französischen Republik zum Ehrenbürger ernannt,
schloß Pestalozzi sich der jungen helvetischen Tochterrepublik mit Begeisterung an und trat als litterarischer
Vorkämpfer der neuen Ideen, die er von ihrer edelsten Seite auffaßte, in den Dienst des Direktoriums, dessen Mitglieder Stapfer
und Legrand ihm geistverwandt und befreundet waren.
Als im Herbst 1798 infolge der Verwüstung des KantonsUnterwalden durch die Franzosen eine Menge verwaister Kinder sich ohne
Obdach umhertrieb, beschloß das Direktorium die Gründung eines Waisenhauses in Stanz und stellte an die Spitze dieses Unternehmens.
Dieser sammelte, einzig von einer Haushälterin begleitet, in dem Ursulinerklostergebäude zu Stans bis 80 verwaiste oder
verwahrloste, großenteils kranke und unreinliche vier- bis zehnjährige Bettelkinder um sich.
Das Lernen suchte er, wie früher in Neuhof, mit den Arbeiten, die Unterrichts- mit einer Industrieanstalt
zu verbinden. Auch machte er denVersuch, Kinder durch Kinder unterrichten zu lassen. Auch dies Unternehmen war mit großer Wärme
[* 30] und Hingebung, nach guten und gesunden Grundgedanken, aber im einzelnen mit wenig Umsicht und Klugheit ins Werk gesetzt.
Pestalozzi wäre den Anstrengungen unterlegen, hätten ihn nicht schon die Franzosen von denselben befreit, indem sie die
Nebengebäude des Klosters in ein Militärspital verwandelte.
Vgl. seine Schrift »Pestalozzi und seine Anstalt in Stanz«. Pestalozzi entließ
die Kinder bis auf einige, welche der Pflege des trefflichen Ortspfarrers anvertraut wurden, und suchte
bei der Heilquelle auf dem Gurnigel im Berner Oberland Erholung.
Von da ging er nach Burgdorf im Kanton Bern,
[* 31] um hier in der sogen. Lehrgottenschule
zu unterrichten, wo vier- bis achtjährige Kinder unter der Leitung eines Frauenzimmers (Lehrgotte, d. h. Lehrpatin, genannt)
im Lesen und Schreiben Unterricht erhielten, mußte aber schon nach einem Jahr wegen eines Brustleidens
zurücktreten. Gleichwohl eröffnete er bald darauf in Verbindung mit Krüsi und Tobler eine Erziehungsanstalt im BurgdorferSchloß (1800), die bald von der Regierung als öffentliche Anstalt anerkannt und unterstützt wurde. Dazu kam noch die Zusicherung
eines Privilegiums für die von Pestalozzi angekündigten Elementarbücher und das Versprechen, daß ihm aus allen
Gegenden der Schweiz Schullehrer zugesandt werden sollten, um von ihm in seiner Methode unterrichtet zu werden. 1802 ging Pestalozzi, von
zwei Distrikten zum Mitglied der nach Paris
[* 32] geladenen Schweizerdeputation gewählt, nach Paris. Vor seiner Abreise veröffentlichte
er: »Ansichten über die Gegenstände, auf welche die Gesetzgebung Helvetiens ihr Augenmerk zu richten
hat« (Bern
[* 33] 1802).