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Studienreise Marokko
Der westlichste der Magreb-Staaten wurde, in seiner abwechslungsreichen Geschichte, durch viele Einflüsse der ehemaligen Besatzer geprägt und verändert. Die ethnische Toleranz, die es ermöglicht, dass eine bedeutende jüdische Minderheit innerhalb dieses Landes heute immer noch friedlich mit der mohammedanischen Mehrheit zusammen lebt, ist neben dem Verdienst des Königshauses auch ein Produkt dieser vielfältigen Geschichte.
Es ist deshalb nicht überraschend, dass auch Architektur und Städtebau in diesem Land keineswegs homogene Züge aufweisen. Unsere Reise, die sich auf einen Teil des Nordens, des Westens und den westlichen Teil des Südens beschränkte, hat vier sehr unterschiedliche Kategorien von Architektur und Städtebau besucht.
Casablanca, die heute wirtschaftlich bedeutendste Stadt Marokkos, wurde weitgehend während der französischen Kolonialzeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von französischen Fachleuten geplant und gebaut. In grossem Massstab kann heute noch die europäische Moderne der zwanziger- und dreissiger Jahr besichtigt werden. Dazu kommen auch die Ergebnisse der Versuche - während jener Zeit und bis in die fünfziger Jahre - für die arabische Bevölkerung zu bauen. Grosse Wohnsiedlungen und Marktbereiche wurden damals erstellt, von denen die meisten noch erhalten sind und besichtigt werden können, wenn auch gegenüber der ursprünglichen Planung oft verändert beziehungsweise verdichtet.
An der Atlantikküste einige hundert Kilometer südwestlich von Casablanca, befindet sich die Stadt Essaouira, früher Mogador genannt. Schon den Römern diente sie als Garnisonstadt, später bauten sie portugiesische und spanische Seefahrer als Festung aus. Entsprechend spiegelt die Architektur iberisch-arabische Züge. Durch ihre Lage am Atlantik auch im Sommer nie so heiss wie das Landesinnere gilt Essaouira heute als die "Sommerresidenz" für Flüchtlinge aus dem Landesinnern und ist seit den siebziger Jahren auch ein beliebter Ort für die Blumenkinder der Hippie-Generation aus der ganzen westlichen Welt.
Bauten aus ungebrannter Erde sind in vielen Teilen Nordafrikas und des mittleren Ostens verbreitet. Auch wenn regional die Techniken des Lehmbaus unterschiedlich sind, so resultieren doch auf formaler Ebene Ähnlichkeiten wie etwa dickes Mauerwerk, amorphe Formen ohne scharfe Kanten, Armierung mit Holz und Stroh, kleine schlitzartige Öffnungen zur Belüftung und minimalen Beleuchtung der Innenräume.
Veränderte Lebensgewohnheiten durch veränderte soziale Entwicklungen und die Unverträglichkeit der Lehmbauten gegenüber moderner Haustechnik, sind einige der Gründe, dass diese Bauten immer mehr verlassen und nicht mehr unterhalten werden. Sie werden wohl in den nächsten Jahrzehnten verschwinden, bis auf wenige Beispiele wie zum Beispiel Ait-Ben-Haddou nördlich von Ouarzazate, die dereinst als Filmkulissen unter Unesco-Label an vergangene Zeiten erinnern werden.
Der Name Marokko leitet sich von Marrakech ab. Die Stadt liegt vor der grossartigen Kulisse des Hohen Atlas. Die breiten Boulevards der Neustadt Gueliz, von den Franzosen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erstellt, werden von üppig blühenden Jakaranda und Oleanderbäumen gesäumt.
Der zu Beginn des 12. Jahrhunderts errichtete Befestigungsgürtel um die Medina wurde in der Folgezeit mehrfach erweitert, um so die ständig wachsende Stadt schützen zu können. Da Marrakech an der Handelsstrasse Richtung Sahara lag und den Karawanen als Zwischenstation diente, gewann die Stadt schon früh grosse Bedeutung als Markt und Umschlagsplatz.
Heute ist die Medina neben der Marktfunktion auch zu einer Wohnstadt geworden, die etwa 300’000 Bewohner zählt, und das auf Grund der anhaltenden Landflucht immer noch mit steigender Tendenz. In kaum einer der Städte Marokkos sind die sozialen Kontraste auf engstem Raum grösser als hier. Grossartige Stadthäuser und Paläste, teilweise von Europäern und Amerikanern aufgekauft, renoviert und bewohnt, stehen in unmittelbarer Nachbarschaft zu engen Behausungen, wo mehrere Menschen sich einen Raum teilen.
Text: Nicolas Goetz Fotos: Daniel Gerber