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Seit langem gab es die Absichten, die Werke von Louis Althusser in größerem Umfang auf Deutsch zu veröffentlichen. Ein erster Anlauf von Frieder O. Wolf, dies beim Argument-Verlag zu tun, wurde dann nach der Publikation zweier wichtiger Bände nicht fortgesetzt. Vor einigen Jahren begann Frieder O. Wolf einen zweiten Versuch, Gesammelte Schriften von Althusser auf Deutsch zu veröffentlichen. Es erschien 2011 bei edition suhrkamp als Band 3 „Für Marx“ neu übersetzt und um Aufsätze erweitert, die in der ersten deutschen Ausgabe nicht enthalten waren. 2012 folgte bei VSA als Band 5 im ersten Halbband der bedeutende Text „Ideologie und ideologische Staatsapparate“ und im zweiten Halbband das aus dem Nachlass veröffentlichte umfangreiche Manuskript „Über die Reproduktion“. Zu Beginn dieses Jahres erschien nun beim Verlag Westfälisches Dampfboot die erstmalig vollständige Ausgabe des von Louis Althusser und seinen Schülern Étienne Balibar, Roger Establet, Pierre Macherey und Jacques Rancière 1965 veröffentlichten Buches „Das Kapital lesen“.
Man muß sagen: endlich, denn die erste deutsche Übersetzung von Klaus-Dieter Thieme, die 1972 vom Rowohlt Verlag in einer Taschenbuchausgabe publiziert wurde, umfasste nur die zwei Texte von Althusser und Balibars Beitrag, zudem enthielt sie einige Übersetzungsfehler. Der Text von Jacques Rancière „Zum Begriff der Kritik und die Kritik der politischen Ökonomie“ wurde im selben Jahr separat im kleinen Berliner Merve Verlag veröffentlicht. Rancière selbst hatte sich nach ’68 maoistisch neu orientiert und mit einer umfangreichen Kritik – 1974 unter dem Titel „La Leçon d’Althusser“ veröffentlicht – von Althusser distanziert. Teilweise wurde diese Kritik unter dem Titel „Wider den akademischen Marxismus“ 1975, ebenfalls vom Merke Verlag, auf Deutsch veröffentlicht; vollständig erschien das Buch 2014 beim Laika Verlag. Rancière zielt mit seinem Buch darauf, die revisionistische Praxis zu analysieren, wie sie sich aus seiner Sicht anhand der Praxis von Althusser veranschaulichen läßt. Damit ist gemeint, daß Althusser den ideologischen Klassenkampf zwischen der Ideologie der Bourgeoisie, die in ideologischen Apparaten ausgeübt wird, und der Ideologie des Proletariats, die sich in den Praktiken der Kämpfe zur Geltung bringt, in einen Konflikt zwischen Ideologie und Wissenschaft transformiert habe. Damit übernehme der Althusserismus die Rolle, akademisch gebildete Mandarine auf der Seite der Linken zu produzieren, die sich mit der Rede vom Klassenkampf in der Theorie kämpferisch geben konnten, während sie de facto eine intellektuelle Polizeifunktion gegenüber der Spontaneität der Massen praktizieren. Motiviert von den Erfahrungen der ’68er Protestbewegung und der Kritik an der Trennung von Kopf- und Handarbeit, stellte Rancière die Erfahrung der Massen der theoretischen Praxis in den Wissenschaften äußerlich gegenüber. War hier der kritische Maßstab ein militanter Marxismus, vor dem Althusser als Revisionist, Sartre als Idealist und Foucault als Anti-Marxist gelten konnte, so mündete Rancières eigene Theoriebildung schon wenige Jahre später eine radikale Gleichheitskonzeption ein, die sich gar nicht mehr auf die Marxsche Theorie bezog.
Die neue Ausgabe von „Das Kapital lesen“ umfasst mit einigen kleineren Texten von Althusser, dem Vor- und Nachtwort von Frieder O. Wolf und Sebastian Neubauers Erläuterungen zu Althussers Bearbeitungen seiner eigenen Texte insgesamt 764 Seiten. Das ist eine enorme Leistung sowohl des Herausgebers und Übersetzers Frieder O. Wolf als auch des Verlags, und man muß beiden dankbar sein, daß sie sich dieser Aufgabe angenommen haben. Was die Ausgabe sehr bereichert, ist die Berücksichtigung der Textveränderungen in den zwei französischen Ausgaben. Zudem zieht Wolf vergleichend auch deutsche und die französische Versionen der Texte von Marx heran, was hilft, den Althusserschen Bezug auf sie genauer zu verstehen. Die Lektüre von „Das Kapital lesen“ ist ohnehin anspruchsvoll, sie wird durch die philologische Berücksichtigung dieser Zusammenhänge noch anspruchsvoller. Wünschenswert wäre gewesen, wenn noch einmal aufmerksam Korrektur gelesen worden wäre, denn es finden sich leider zahlreiche, den Lesefluß störende Druckfehler. Zu wünschen gewesen wäre auch, daß der Herausgeber in seinem Nachwort für heutige und mit dem Zusammenhang vielleicht nicht vertraute LeserInnen noch einige Hinweise auf die jahrzehntelange Diskussion über Althusser sowie die Bemühungen von Peter Schöttler oder Henning Böke, des VSA-Verlags oder der Zeitschriften „alternative“, „Das Argument“, „kultuRRevolution. Zeitschrift für angewandte Diskursanalyse“ um die Rezeption der Theorie Althussers und die starken Widerstände gegen sie im deutschsprachigen Raum gegeben hätte. LeserInnen sollten bei der Lektüre Geduld mitbringen. Aber es ist nicht so dahin gesagt: sie lohnt sich. Nach wie vor – und keineswegs überholt durch neuere Diskussionen – erweist sich das Buch als ein Meilenstein der Diskussion über Marx, und seine Einsichten sind vielfach immer noch nicht gut verstanden und selbstverständlicher Ausgangspunkt heutiger Debatten.
Das Buch, das kurz vor den ’68er Protestbewegungen erstmals veröffentlicht wurde und danach mehrere Auflagen hatte, erlangte für die marxistische Diskussion eine enorme Bedeutung. Es trug zu einer neuen Beschäftigung mit den Marxschen Texten bei und gab Anlaß, geläufige Deutungen des Marxschen Werkes zu überprüfen. Das gilt insbesondere für den von den Kommunistischen Parteien vertretenen Marxismus-Leninismus und hegelianisierende humanistische Lesarten, in deren Zentrum Begriffe wie Entfremdung, Verdinglichung oder Fetisch standen. Gleichzeitig – und sicherlich auch in der Reaktion auf die formulierte kritische Position – wurde das Buch jedoch auch wegen seiner Thesen scharf kritisiert und als strukturalistischer Marxismus entschieden abgelehnt. So gilt das Buch auch heute noch als strukturalistisch, doch läßt sich leicht feststellen, daß es eher in den Zusammenhang des sog. Poststrukturalismus gehört. Hier finden sich implizit und teilweise explizit viele theoretische Überlegungen, die von Lacan, Barthes, Foucault, Derrida oder der Tel-Quel-Gruppe um Kristeva vertreten wurden, noch in einem marxistischen Zusammenhang, bevor dieser sich dann in den 1970er Jahren desartikulierte und jene Theorien vieles von ihrer Radikalität verloren.
In einer seiner vielen, durchaus ressentimentgeladenen Seitenbemerkungen über Marx und die marxistische Tradition bemerkt Pierre Bourdieu im Rahmen einer 1991 gehaltenen Vorlesung (vgl. Bourdieu, Über den Staat, Berlin 2014, 404), daß der Althusserianismus zum großen Teil eine Restauration des Priestermonopols auf die Lektüre der Texte von Marx gewesen sei, die im Übrigen außer den Marxologen niemand mehr lese. Bourdieu hat sich hinsichtlich der Bereitschaft, Marx zu lesen, gründlich getäuscht. Seine These zur Bedeutung des Althusserianismus – die den Einwand von Rancière wiederholt, ohne sich auf diesen zu beziehen – läßt sich empirisch kaum prüfen, aber sie geht an den Zielen von Louis Althusser selbst vorbei.
Das Bemerkenswerte des Ansatzes der Gruppe um Althusser ist ja gerade, daß sie eben jenes Priestermonopol aufbrechen möchte. „Das Kapital“ soll gerade nicht als die Verkündigung der reinen Wahrheit gelesen werden: also als Schrift, der die Wahrheit innewohnt, als das gesprochene Wort, der Logos, der das wirkliche Sein zur Geltung bringt (vgl. 26). Deswegen geht es über lange Passagen um solche Fragen, was der Gegenstand des „Kapital“ sei und wie es gelesen werden muß. Noch vor Derrida oder Foucault lehrt „Das Kapital lesen“, daß Lektüre kein neutrales Unternehmen ist, und daß es eine lange, jahrtausendealte, in Theologie und Philosophie eingeübte theoretische Praxis gibt, sich in ein Verhältnis zu Texten und gar zu heiligen Texten zu setzen. Aus der Sicht Althussers bricht Marx in „Das Kapital“ mit jener Tradition, indem er auf eine eigene und zu rekonstruierende Art und Weise die Texte der bürgerlichen Ökonomen liest und ein bestimmtes Verständnis von Theorie und Wissenschaft ausarbeitet. Deswegen stellt sich als entscheidende Frage die nach der Philosophie von Marx. Denn der große Einschnitt, der sich mit dem Text von Marx vollzieht, kann nicht zurückgeführt werden auf irgendeine andere Philosophie, sei es Spinoza, Kant, Hegel, Saussure, Freud oder Critical Realism. Er bricht mit diesen Traditionen und eröffnet, so das Verständnis von Althusser, einen neuen Kontinent der Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte.
Die Auseinandersetzung mit Hegel bildet in „Das Kapital lesen“ ein wiederkehrendes Moment. Was genau Marx’ Aussage bedeutet, wonach er im „Kapital“ die Hegelsche Dialektik umgestülpt habe, beschäftigte Althusser schon in „Für Marx“. Das ist nicht nur ein philosophisches Problem, sondern ein genuin gesellschaftstheoretisches. Denn es geht dabei um die Frage, welchen Gegenstand die von Marx eröffnete Wissenschaft hat. Althusser zufolge entfaltet Marx mit seiner Kritik der politischen Ökonomie die Wissenschaft der Geschichte, die Theorien der verschiedenen Produktionsweisen, die Theorien der verschiedenen Bereiche innerhalb einer Produktionsweise – also etwa Ökonomie, Recht oder Kunst –, die Theorie der Produktion von Erkenntnis, die Geschichte der Theorie der Produktion von Erkenntnis und eine eigene Philosophie. Von entscheidender Bedeutung ist die Überlegung, daß Gedanken- und Realobjekt voneinander getrennt sind. Marx wird als radikaler Anti-Empirist verstanden. Das ist schon eine der zentralen Herausforderungen für eine in der Linken ebenso wie im Bürgertum verbreitete Theorie, die besagt, daß sich die Wahrheit durch ihren praktischen Erfolg erweise. So heißt es in der materialistischen Theorietradition denn auch wohlmeinend, daß die Marxsche Theorie ein Instrument sei, das viele Aspekte der bürgerlichen Gesellschaft besser als andere Theorien erklären könne. Aber woher weiß man das? Gibt es den neutralen Standpunkt, der es erlaubt, aus der Distanz die verschiedenen Theorieangebote neutral mit der Wirklichkeit zu vergleichen? Althusser äußert sich, gestützt auf die Epistemologie Bachelards und Canguilhems entschieden kritisch. Ein solcher Standpunkt steht nicht zur Verfügung. Der wissenschaftliche Erkenntnisprozeß findet immer begrifflich, also im Denken statt, mit Begriffen werden begriffliche Rohstoffe bearbeitet und Erkenntnisse erzeugt.
Im Sinne dieser Überlegung wird auch die Unterscheidung von Wesen und Erscheinung verworfen. Das ist folgenreich für die marxistische Theorie. Denn häufig wird angenommen, daß es so etwas wie eine zugrunde liegende und invariante Struktur gibt: das Kapital und seine Logik des sich selbst verwertenden Werts. Diese Struktur muß dann an der Oberfläche der Phänomene in verkehrter, verdinglichter, fetischisierter Gestalt erscheinen: in der Form der Religion, des Rechts, des Staats, der Philosophie, schließlich auch in den Normen und Werten, dem Bewußtsein der Individuen, die entsprechend handeln. So wird der gesellschaftliche Zusammenhang trotz gegenteiliger Absichten deterministisch und ökonomistisch konzipiert und erklärt.
Dies gilt auch für den Hegel-Marxismus, obwohl diese Theorie viel komplizierter ist als jene des Marxismus der sozialdemokratischen und stalinistischen Tradition, die von einfachen Ursache-Wirkungsverhältnissen ausgeht. Der Hegel-Marxismus begreift Phänomene als Vermittlungen auf der Erscheinungsebene, die auf die Gesetzmäßigkeit der ökonomischen Grundstruktur zurückgeführt werden können und müssen. Sie bringen das Wesen der Grundstruktur zum Ausdruck. Dies bedeutet, daß die gesellschaftliche Totalität immer durch eine homogene Zeit bestimmt ist: an den einzelnen Phänomenen läßt sich wie mit einem „Querschnitt“ das Ganze vollständig begreifen. Demgegenüber betonen Althusser und seine Kollegen, daß Marx die Hegelsche Dialektik von Wesen und Erscheinung nicht nur einfach vom Kopf auf die Füße stellt, sondern ein völlig anderes Konzept von Dialektik entfaltet, das der Überdetermination. Das bedeutet zunächst, daß es möglich ist, einen theoretischen Begriff der ökonomischen Verhältnisse, der politischen Verhältnisse, der ideologischen Verhältnisse zu produzieren. Jedes dieser Verhältnisse ist durch eine spezifische Zeitlichkeit, durch eine spezifische Autonomie und Logik gekennzeichnet. Es gibt keine diesen Bereichen gemeinsame, homogene Zeit, sie sind in ihrem Verhältnis zueinander immer ungleichzeitig, weil sie ihrem Rhythmus folgen. Zusammen und überdeterminiert bilden diese besonderen Bereiche das, was Althusser eine Konjunktur nennt, eine konkrete Konstellation, die Gegenstand einer konkreten Analyse ist. Die konkrete Analyse der konkreten Situation kann allein mit den Begriffen, die Marx im „Kapital“ entwickelt hat, nicht geleistet werden. Dazu bedarf es zusätzlich der Ausarbeitung auch der Begriffe für den Bereich des Politischen und der Ideologie, um dann einen Begriff des komplexen gesellschaftlichen Ganzen und der besonderen Konjunktur zu erzeugen.
Mit dieser Überlegung ist eine besondere gesellschaftstheoretische Annahme verbunden, die durch Abgrenzung von zwei anderen Lesarten der Marxschen Theorie verdeutlicht werden kann. Der Gegenstand der Theorie von Marx kann zum einen als Kritik der politischen Ökonomie bestimmt werden. So verstanden, befasst sich die Theorie mit den Gesetzen der Verwertung von Kapital und den Formen, die das Kapital dabei durchläuft. Über andere Bereiche der bürgerlichen Gesellschaft scheint das „Kapital“ keine Aussagen zu erlauben. Soweit dies in der Tradition doch versucht wurde, handelt es sich um eine Überdehnung der Theorie von Marx hin zu einem „-ismus“, zu einer Lehre und Weltanschauung. Zum zweiten schlägt der Herausgeber Frieder O. Wolf in seinem Nachwort eine weniger ökonomiezentrierte als politische Lesart des Marxschen „Kapital“ vor. Demnach wäre der Gegenstand des „Kapital“ die Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise in der bürgerlichen Gesellschaftsformation. Über andere Formen der Herrschaft wie Sexismus oder Rassismus kann die Theorie nichts aussagen. Aber mit dem Begriff der Überdetermination könne Althusser die ökonomische Herrschaft und Ausbeutung mit anderen Formen von Herrschaft und Ausbeutung in ein Verhältnis wechselseitiger Kausalität bringen, so daß die Theorie fruchtbar gemacht werden kann für vielseitige politische Bündnisse. Es ist leicht zu erkennen, daß in beiden Lesarten eine Art kantianische Geste praktiziert wird, nämlich eine Art Kritik der reinen Vernunft, um die Reichweite der Begriffe von Marx rational und von innen her zu begrenzen, aber auch, um Ansprüche von außen abzuwehren. Vorwürfe vonseiten der politischen Ökologie, des Feminismus oder des Postkolonialismus, Marx habe ihren jeweiligen Gegenstand nicht bedacht, gehen dann ins Leere, wenn eben gezeigt werden kann, daß sie auch gar nicht in den Gegenstandsbereich der Kritik der politischen Ökonomie fallen.
Ich möchte demgegenüber die Ansicht vertreten, daß die Bedeutung von Althussers Ansatz darin besteht, daß er die Herausforderung des Hegel-Marxismus annimmt und versucht, diesen Ansatz einer kapitalismuskritischen Theorie der Totalität mit besseren begrifflichen Mitteln fortzusetzen. Er entwickelt schon in „Für Marx“ und dann gemeinsam mit den anderen Autoren in „Das Kapital lesen“ die Grundlagen für einen Begriff des komplex strukturierten Ganzen. Für das Verständnis des komplexen Ganzen entscheidend ist der Begriff der Gliederung, der Artikulation. Diesem Begriff widmet Althusser große Aufmerksamkeit, er stellt ihn dem Begriff der Reduktion auf einen Bereich des Ganzen direkt entgegen. Die Art und Weise der Gliederung ist entscheidend für die Bestimmung der kapitalistischen Produktionsweise. Dem Anspruch von Althusser zufolge hat deswegen die von Marx initiierte Wissenschaft von der Geschichte die Aufgabe, zahlreiche Bereichstheorien wie die des Rechts, der Politik und des Staates, der Literatur und Kunst, der Schule und Bildung, des Geschlechterverhältnisses oder des gesellschaftlichen Naturverhältnisses auszuarbeiten und ihre überdeterminierenden Dynamiken in Konjunkturanalysen zu bestimmen.
Aus heutiger Sicht wird man sich fragen müssen, ob solche Überlegungen nicht doch zu szientifisch waren, ob sie nicht doch noch zu sehr unter dem Eindruck des Hegel-Marxismus und des Programms einer Totalitätserkenntnis standen. Gleichzeitig ist es aber auch möglich, rückblickend sich über den Stand des Althusserschen Forschungsprogramms zu verständigen. Denn im Anschluß an seine Theorie haben, um nur einige wenige zu nennen, Nicos Poulantzas eine Theorie des kapitalistischen Staates entwickelt, Bernard Edelmann eine Theorie des Rechts, Michel Pêcheux eine diskursanalytische Ideologietheorie. Die vermutlich bedeutendste Fortentwicklung von Althussers Theorie findet sich schließlich in den Arbeiten Michel Foucaults, die meines Erachtens völlig verrätselt werden, wenn sie nicht im Kontext und als ein kritischer Beitrag zu und eine Weiterentwicklung von dessen Weiterentwicklung der marxistischen Gesellschaftstheorie gelesen werden.
Zu Recht weist Frieder O. Wolf darauf hin, daß die Marx-Lektüre der Althusser-Gruppe auch im Lichte der Ergebnisse der Marx-Engels-Gesamtausgabe und darin insbesondere der Abteilung II betrachtet werden muß, die die Marxschen Vorarbeiten zum „Kapital“ und dessen verschiedene Versionen enthält. Daraus ergibt sich, daß Marx’ Projekt nicht systematisch geschlossen war, sondern vielmehr suchenden Charakter hatte, daß sich, um es mit Derrida zu sagen, der Signifikant der endgültigen Formulierung des „Kapitals“ immer wieder aufschiebt. Genau genommen entspricht diesem philologischen Forschungsstand die Lektüre der Althusser-Gruppe und Althussers eigene weitere, suchende Auseinandersetzung mit der marxistischen Theorie des gesellschaftlichen Ganzen. Das Buch der Autorengruppe viele Jahre nach seinem ersten Erscheinen heute erneut zu lesen, schreibt sich in eine Konjunktur ein, die nicht nur hinsichtlich der Marxschen Arbeiten am „Kapital“ eine neue Grundlage hat. Auch die philologische Grundlage für die ältere kritische Theorie der Gesellschaft – also die Theoriebildung insbesondere Theodor W. Adornos – ist heute um vieles besser als zu Beginn der 1970er Jahre. Dies ermöglicht zu sehen, daß es doch auf überraschende Weise vergleichbare Suchbewegungen gab: eine Neufassung der Dialektik, eine Kritik an einem systemischen Totalitätsbegriff, einen herrschaftstheoretischen Begriff des Kapitals, ein neues Verständnis des Ideologischen – Suchbewegungen, die durch die Adepten unsichtbar gemacht wurden. Für eine künftig und ohne jeden Eklektizismus fortzusetzende kritisch-marxistische Theorie der kapitalistischen Gesellschaftsformation bergen diese Überlegungen ein noch unausgeschöpftes Potenzial.
Die gegenwärtige Konjunktur ist aber auch bestimmt durch eine historisch spezifische Niederlage und Krise der marxistischen Theorie – obwohl sie paradoxerweise auf gespenstische Weise immer wiederkehrt und Marx’ Bücher in bestimmten Phasen reißenden Absatz finden. (Mit dem 150jährigen Jubiläum galt das für das „Kommunistische Manifest“, nach dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 für das „Kapital“.) Was dafür spricht, dass die Theorie historisch rational ist und sich auf neuem Niveau re-formieren wird.
Nicht nur wird immer wieder erklärt, die Theorie sei unbrauchbar für die Analyse der Geschlechterverhältnisse, des Rassismus, der ökologischen Krisenlage. Auch das materielle epistemische Terrain, die Hochschule, an der sie über mehrere Jahrzehnte wie selbstverständlich einen Ort der Wirksamkeit finden konnte, ist ihr weitgehend entzogen worden. Kaum ist es möglich, neben der Beschäftigung mit einer großen Vielzahl von kritischen Ansätzen umfassende und systematisch zusammenhängende Fragestellungen mit erklärendem Anspruch auszuarbeiten und zu verfolgen. Dieses Ziel gilt als erledigt. „Das Kapital lesen“ erinnert an diesen uneingelösten Anspruch und aktualisiert ihn mit einer Vielzahl von immer noch innovativ wirkenden Begriffen. Wie das „Kapital“ auf andere Weise gelesen und die Theorie auf andere Weise zur Geltung gebracht werden kann, das läßt sich aus „Das Kapital lesen“ lernen.
Louis Althusser / Étienne Balibar / Roger Establet / Pierre Macherey / Jacques Rancière: Das Kapital lesen. Vollständige und ergänzte Ausgabe mit Retraktationen zum Kapital. Herausgegeben von Frieder Otto Wolf. Westfälisches Dampfboot, Münster 2015 (764 S.).