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Der ca. 45 jährige Patient berichtet in der ersten Stunde, er habe schon als Vierjähriger genachtwandelt, das heisst, unter Somnambulismus gelitten. Schlafmittel nehme er keine ein. Eine Nacht im Schlaflabor war ohne Besonderheiten und somit ohne Hinweise auf ein OSAS oder Somnambulismus geblieben. Der ursprünglich handwerklich ausgebildete und nun als Lehrer tätige Mann fällt auf durch sein angenehmes und kontrolliertes Wesen und eine gute Introspektionsfähigkeit. Er selber merke „es“ am nächsten Morgen am schlechten Geschmack im Mund, dass er in der Nacht wieder gegessen habe, seltener würden auch demolierte Möbeln auf seine unbewusste Nachtaktivität hinweisen. Charakteristischerweise sei er am Morgen „danach“ müde. Nachtwandeln würde er mehrfach pro Woche, immer nur zu Hause, nie auswärts. Seine Ehefrau berichte, dass er im somnambulen Zustand jeweils ein hohes Bewegungstempo aufweise und alles ganz gezielt mache, ohne Zögern oder Abwägen; er habe dabei einen aggressiven Blick und wenn er in diesem Zustand esse, so sei es eigentlich ein Fressen. Denn er würde alles Mögliche mit den Fingern in seinen Mund stopfen, auch Nahrungsmittel, die er im Wachzustand sonst meiden würde.
Die Schilderung der nachtaktiven Person kontrastiert enorm zur unmittelbaren Erscheinung in meiner Praxis. Spontan kommt mir ein tagscheuer Kaspar Hauser in den Sinn, oder eine Dualität wie „Dr. Jeckyll & Mr. Hyde“ oder „Robinson Crusoe & Freitag“. Handelt es sich hier um einen nur in der Nachte aktiven respektive nur im Schlaf exekutiven Teil der Persönlichkeit, der dafür am Tag schläft? Ich erkläre dem Patienten das Konzept der Teilpersönlichkeiten und gleich auch meine spezifische Hypnothese, dass hier eventuell ein Ego State handelt, der unerzogen, unkultiviert und einsam, fern von seiner Ego State-Family am Tag schläft und in der Nacht ausrückt, um den Hunger zu Stillen und ev. auch seinen Frust abzureagieren? Ich erzähle von diesem bekannten Beispiel eines nachtaktiven Ego States, der aus lauter Langeweile mit der Kaumuskulatur spielte zum Missvergnügen seiner Tagfamilie und des Zahnarztes. Hier akzeptierte der State als Alternative, doch im Schlaf eine Hand zu bewegen, sodass der Bruxismus unmittelbar danach verschwand. Also haben wir in dieser ersten Sitzung eine erste Trance gemacht, mit der Erkenntnis, dass der Patient ein guter Trancer ist. Und ich habe in diesem Zustand, wo ja die „Filter“ nach aussen und innen flexibler sind, in das System hinein direktiv zum hypothetisierten „Kaspar Hauser“ gesprochen. Die Botschaft ist: „herzlich willkommen, du musst keine Angst haben, du bist nicht allein, da ist eine Familie, die auf dich wartet“. Feedback (FB): Es sei eine gute Erfahrung gewesen, zuerst sei alles es hell gewesen, dann dunkel und sehr entspannend geworden.
In der zweiten Sitzung üben wir zuerst „Zentrieren“ nach Stephen Gilligan, also in leichter Trance das Aktivieren eines Felt Sense einer positiven, ressourcierenden Erfahrung in der Vergangenheit, eine Alternative oder Ergänzung zu einem Safe Place. Der Patient erlebt einen positiven Felt Sense in der Brustregion durch die Erinnerung seines früheren Lehrmeisters. Diesem war es offenbar nachhaltig gelungen, seinem Lehrling Selbstvertrauen und Dankbarkeit zu vermitteln. In der nächsten Trance kommt mein aktueller Lieblingsapproach, um an der Schnittstelle zwischen Bewusstem Geist und Unbewusstem eine polyvalente Metapher zu evozieren. Also die Trancevertiefung nutzen und…“tiefer Einsinken….sich treiben lassen, hinein schweben…gar nichts tun müssen…ins wunderbare…tiefe…innere Seelenmeer…es geschehen lassen….wo Ihr Unbewusstes … als Trance-Begleiter…als Trance-Begleiterin… vielleicht in der lebendigen Gestalt ihr Lieblingsdelfin…oder…ihre Power-Nixe…oder in Form einer dieser günstigen Strömungen….sanft…Sie führt….dorthin… auf den Seelengrund sinken lässt…“, dort, wo was los ist, was mit ihrem Therapiethema ….mit dem Teil von Ihnen der in der Nacht erwacht und …frisst…. etwas…zu tun hat.“ Der Vorhang zur inneren Trancebühne ist geöffnet, der oder die Protagonisten sind aufgerufen. Nach ein paar Atemzüge frage ich, wo sich der Patient nun befindet und er gibt keine Antwort, tief in sich versunken erscheinend. Darum ergeht das Angebot, mit Kopfnicken und langsamem Kopfschütteln averbal zu antworten.
Das Ergebnis ist, dass es ihm gut gehe, dass er an einem Ort gelandet sei, dass der gesuchte Teil da sei und er selber nicht sprechen möchte. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als in meiner Paralleltrance die willkommen heissenden Suggestionen der ersten Stunde mit gewissen Ergänzungen sanft einfliessen zu lassen, in etwa: „willkommen, Neugier, Zulassen, Nachhause kommen, kennen lernen, geschehen lassen“ und natürlich den Namen des Lehrmeisters als Begleiter und weiser Ratgeber. Das Feedback nach der Trance ergibt, dass sich der Patient an einem Strand wiederfand, wo er aufs weite Meer blickend weit weg eine Barke erkennen konnte. In dieser Barke habe sich eine Gestalt befunden, deren Gesicht durch Tuch oder eine Kapuze verdeckt gewesen sei. Er und der Lehrmeister am Strand hätten der Gestalt in der Barke zugerufen und gewinkt, worauf diese sich sofort ins Boot geduckt habe. Er am Strand habe dabei Trauer verspürt. Wie ihn in der Barke erreichen? Sollten sie eventuell Steine in Richtung Barke werfen? Aber das hätte wohl unnötige Wellen verursachen. Danach habe ich meine eigenen Assoziationen als Seeding jenseits der Trance mittgeteilt: Die Gestalt sei wohl misstrauisch, eventuell schüchtern, seit langer Zeit einsam auf See – im Schlaf – er sei wohl im Schlaf zu Hause. Er solle wissen, dass es auch einen Tag gibt, ein DU, das ihn ruft, eine Familie, wo er dazugehört.
In der dritten Sitzung berichtet der Patient: Er sei nach der letzten Sitzung echt happy gewesen, entspannt. Er habe in zwei Nächten gewandelt, sei dabei aber für ihn und völlig neu beide Male erwacht bei Essen und er habe eine Stimme gehört: „Ich bin nicht allein“. Meine Frage, wessen Stimme dies wohl gewesen sei, kann nicht beantwortet werden. Nun folgt die nächste Trance, sie dauert ca. 20 Minuten gemäss meinen Notizen. Wiederum „gute Landung“ am gleichen Ort wie das letzte Mal und Arbeit im Stillen. Diesmal habe ich die Trance-Suppe wiederholt gewürzt mit dem magischen Satz „du bist nicht allein“. In der Paralleltrance – wie zwei Segelschiffe im gleichen Wind – habe ich versucht zu spüren, wo mit sehr sparsamen Worten ein Hauch von Führung Sinn machen könnte. Ich fühle mich selber sehr wohl und sicher und getragen. Der Patient ist wieder tief in Trance, ein Tieftrance-Taucher, ein eigentlicher Psychonaut am Seelengrund, sein Haltung im Stuhl beinahe liegend. FB: Diesmal habe die Gestalt in der Barke zurückgewinkt und sie sei nicht allein gewesen! Nein, es seien mehrere Gestalten in der Barke gewesen…man habe sich gesehen…und sich verabschiedet.
In der vierten Sitzung – das Intervall beträgt jeweils ca. zehn Tage – berichtet der Patient, er habe drei Nächte ohne Wanderschaft durchgeschlafen. Er würde viel über die Trancebegegnungen nachdenken und gehe sogar in Eigentrance an „seinen Strand“. Er sei am Morgen nicht mehr müde und am Tag ruhiger, er habe den Eindruck, er habe seine Körperhaltung etwas verändert, irgendwie stehe er etwas aufrechter. Allerdings habe sich seine Frau etwas kritisch zu seinem Hypnoseabenteuer geäussert, ob er da nicht manipuliert werde? Denn er sei gelassener und weniger aufbrausend in gewissen Standardpaarsituationen, ob er eventuell weniger Interesse an ihr habe!? Und der Patient berichtete, er setzte sich intensiv mit diversen Kindheitserinnerungen auseinander. Sie hätten zu tun mit z.T. heftigen Interaktionen mit seinem Vater und seinem Bruder. U.a. anderem sei er damals in der Nacht als ca. vier Jähriger in die Küche ausgebüxt, um aus einer Büchse der Grossmutter ein paar Guetzli zu „stibitzen“ (zum Schutz der Persönlichkeit muss ich leider auf eine detaillierte Wiedergabe verzichten.) Nun kommt die nächste Trance, wiederum am Seelengrund, ca. 20 Minuten. FB: Er sei der Barke ins Wasser entgegen gewatet und die Gestalt sei ihm mit dem Boot entgegen gekommen, aus dem Boot gestiegen und dann zu ihm an den Strand gekommen. Irgendwie habe er aber nur die Augen der Gestalt sehen können, er wisse nachwievor nicht, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handle. Man sei sich echt wohlwollend mit gegenseitiger Wertschätzung gegenüber gestanden…. Dann habe es in der Trance einen abrupten Szenenwechsel gegeben... (ich kann meine Notzitzen hier nur teilweise entziffern.) Er sitze als Erwachsener an einem Bett, worin er selber als kleiner Junge im Vorschulalter liege und er, der Erwachsene, erzähle dem Jungen lustige und spannende Geschichten. Der Junge sei happy und er sei ein sehr guter Zuhörer….Der Patient verabschiedet sich nach dieser vierten Sitzung und meint, er werde sich melden.
Dies tat er per Mail ca. drei Monate später und ein halbes Jahr nach der letzten Trance sind wir uns auf Wunsch des dankbaren Patienten nochmals begegnet: „Alles“ habe ihn noch sehr lange und positiv beschäftigt. Er sei sich voll bewusst, das Entscheidende sei das sich gegenseitige Akzeptieren seiner inneren „Teile“. Er sprach spontan von Mehreren. Er habe nur noch einmal nachtgewandelt. Er sei am Morgen nun durchwegs erfrischt und auch den Tag durch deutlich energetischer als früher. Und auch seine Frau könne – langsam – auch besser schlafen, weil sie nächtens nicht mehr dauernd in einer gewissen Allarmstimmung sei, um im Falle von Nachtwandeln überwachen zu können.
Dieser einfache Fall hat mich im Nachhinein zu verschiedenen Gedanken angeregt: Wovon sind wir hier eigentlich Zeugen geworden? War da überhaupt ein echter Ego State am Werk? Ich als Therapeut war ja initial hoch suggestiv in dem Sinne, dass meine Botschaft die Existenz eines Zuhörers suggerierte, falls es ihn nicht wirklich gab. Es bestand ja die Möglichkeit, dass ich mit dieser Suggestion erst „etwas“ zum „Leben“ erwecke – das gar nicht einem präexistenten Persönlichkeitsteil entsprach – ein ad hoc gebildetes neuronales Muster, das sich spontan als kreativer Vermittler zwischen Bewusstem Geist und Unbewussten zum Thema Nachtwandeln anbot. Denn wenn ich konsequent nach Woltemade Hartmann vorgegangen wäre, so hätte ich zuerst ins System hineinfragen müssen, ob da überhaupt ein State da sei, der etwas über dieses Nachtwandeln wüsste oder gar dafür verantwortlich sei und dann…utilisieren müssen was da komme oder eben nicht. Aufgrund der – hier nicht detailliert wiedergegebenen – Angaben zur Kindheit in der vierten Sitzung – ist es aber durchaus denkbar, dass damals ein kindlicher Teil in der Nacht unter hohem Stress dissoziiert/ausgebüxt ist und dann den „Anschluss“ an die heranwachsende Gesamtpersönlichkeit verpasst hat. Dazu würden sowohl die wütende Grundstimmung (es geht um Autonomie) als auch der Stil der Nahrungsaufnahme passen. Und wenn die Gestalt in der Barke die Grösse eines Erwachsenen hatte, so könnte es sich um einen Teil gehandelt haben, der ebenfalls grösser und älter wurde, ohne aber in den Genuss jahrelanger, üblicherweise am Tag stattfindender Sozialisierungsbemühungen gekommen zu sein; Kaspar Hauser lässt grüssen. Wahrscheinlich verfügt der Nachtaktive Teil zudem über Energien, die er während seines Tagschlafes der Gesamtpersönlichkeit nicht zur Verfügung stellen konnte, weil er ein Persönlichkeitsteil mit Tag-Nachtumkehr war.
Träume sind ja u.a. für JungjanerInnen der Königsweg zum Unbewussten. In unserem Fall könnte man postulieren, dass hier ein Traum auf einer äusseren Bühne für andere sichtbar inszeniert wurde. Die Frage, die ich mir am Anfang stellte war, ob wir am Tag überhaupt den nachtaktiven Teil erreichen können. Möglicherweise war die relativ tiefe Trance dann eben sehr resonant mit dem Schlaf und Trance und Schlaf respektive Traum sind eben sehr verwandt. Ich erinnere mich an eine frühere Patientin von mir mit Status nach 15 Jahre langen täglichen Albträumen, jedes Mal ein anderer, welche nach drei Sitzungen abgeklungen waren. Der Wandel ergab sich durch das Hören einer auf CD gebrannten Suggestion (u.a.): „Wenn diese Träume NICHT Ausdruck eines zu bearbeiten seelischen Leidens sind, dann dürfen sie sich JETZT verwandeln, wie aus der Raupe der Schmetterling, sich befreien und in die weite Welt hinausfliegen“.
Der spontane Shift in der vierten Trance zur herzerwärmenden bindungsstarken Schlussszene liess mich zudem daran denken, dass bei diesem exzellenten Trancer möglicherweise auch ein ganz anderer hypnotherapeutischer Weg hilfreich gewesen wäre. Nämlich eine Altersregression, eventuell eine Affektbrücke zu der Zeit, wo das Nachtwandeln erstmals aufgetreten war, also zurück ins ca. vierte Lebensjahr. Und „dort“ wären wir vielleicht einem kleinen verängstigten Jungen begegnet. Und die Suggestion nach einer „korrigierenden Erfahrung“ – „was braucht dieser Junge, damit es ihm von nun an wirklich gut geht?“ – hätte zu einer Szene geführt, wo ein Vater seinem Sohn eine Geschichte vorliest. Diese würde von einem auf dem weiten Meer in einem kleinen Boot ausgesetzten oder einfach verlorengegangenen kleinen Matrosen handeln, der nach vielen Jahren – aufgrund günstiger Umstände – wieder in den Heimathafen findet, wo ihn alle willkommen heissen. Ich frage mich nachträglich, wie viele Teile von mir irgendwo in den archetypischen Hügeln meines Psycho-Dschungel leben und sie mich nicht und ich sie noch nicht kennen? Und ich frage mich natürlich auch, ob wir den Träumen unserer PatientInnen nicht noch viel mehr Raum bieten sollte? Wäre es möglich, die Therapie zu beleben, in dem wir die ProtagonistInnenen unserer Träume häufiger als Teilpersönlichkeiten ansprechen?
Auf jeden Fall zeigt der vorliegende Fall, wie moderne Hypnotherapie nicht einfach eine Suggestionstherapie ist, sondern der Klient dank Trance mit seinen Ressourcen verbunden die Hauptarbeit leistet.