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Vorbericht
Der Name Aventins ist einer der populärsten in unserer Gelehrtengeschichte. Für das Andenken des bayrischen Herodot, der als der Begründer der wissenschaftlichen deutschen Geschichtschreibung mit Recht gepriesen wird, ist viel in neuester Zeit geschehen; um so befremdender ist, dass es an einer Gesammtausgabe seiner Schriften und an zuverlässigen Texten der einzelnen, da die meisten erst nach seinem Tod erschienen sind, noch immer gefehlt hat. Und doch forderte eine solche Ausgabe nicht allein die Pietät gegen den grossen Gelehrten, sondern noch mehr wichtige wissenschaftliche Interessen. Denn die Werke Aventins haben ebenso für die kritische Geschichtsforschung wie für das Studium der deutschen Sprache und Literatur noch heute eine hervorragende Bedeutung.
Als im Jahre 1877 der Tag des 4. Juli, an welchem Aventin vor vierhundert Jahren das Licht der Welt erblickte, an mehreren Orten festlich begangen wurde, fand dabei überall der Wunsch den lebhaf. testen Ausdruck, dass endlich eine Gesammtausgabe der Aventinischen Schriften, welche den kritischen Forderungen unserer Zeit entspräche, an das Licht treten möge. Herr Professor Baumgarten in Strassburg beabsichtigte einen besonderen Verein zu begründen, um eine solche Ausgabe zu bewerkstelligen. Sobald die k. Akademie der Wissenschaften hiervon Kenntniss erhielt, erschien es ihr als eine Ehrenpflicht, hier selbst einzutreten. Es wurde eine besondere Commission gebildet, welche den Plan einer Gesammtausgabe entwarf und die Bearbeitung der einzelnen Schriften vertheilte, aber bald auch zur Einsicht gelangte, dass ein so umfangreiches Werk ohne eine ausserordentliche Unterstützung sich nicht herstellen lasse. Ein Gesuch an die Allerhöchste Stelle hatte den überaus erfreulichen Erfolg, dass Seine Majestät unser allergnädigster König eine namhafte Summe anzuweisen geruhten, die gross genug schien, um das Unternehmen zu ermöglichen. Es fand sich auch ein patriotisch gesinnter Verleger, der sich bereit erklärte, für eine würdige Ausstattung des Werkes Sorge zu tragen.
Als so das Erscheinen der Gesammtausgabe gesichert war, wurde aller Eifer aufgeboten, um das für eine kritische Ausgabe erforderliche handschriftliche Material zusammenzubringen. Reichliche Nachweisungen hierüber finden sich bei dem fleissigen Wiedemann in seiner Biographie Aventins; es gelang aber noch manche wichtige Handschrift, wie z. B. zwei vollständige des bisher nur theilweise gedruckten Chronicon Ranshofepse, aufzufinden, die seiner Kenntniss entgangen ist. Dadurch war es möglich, die Mehrzahl der Schriften Aventins von schweren Schäden aus handschriftlichen Quellen zu reinigen. Blos von vier Schriften, der deutschen Bearbeitung der Historia Otingae, der lateinischen Grammatik, den Rudimenta musicae und dem Bruchstück der deutschen Chronik, scheinen sich keine Handschriften erhalten zu haben. Die Hoffnung, eine grössere Anzahl von Briefen noch aufzufinden, ist trotz der umfassendsten Umfragen nicht in Erfüllung gegangen, aber die wenigen neuen, die man auffand, an Conrad Celtes, Beatus Rhenanus und Georg Spalatin, zeichnen sich nach Umfang wie Inhalt sehr vortheilhaft vor den bereits bekannten aus.
Auf den Wunsch der Commission hat sich der Unterzeichnete der Redaktion der Gesammtausgabe unterzogen; derselbe hat auch die Herausgabe der lateinischen Schriften des ersten Bandes besorgt, während die der deutschen Herrn DR. FRANZ MUNCKER übertragen wurde. Die Abfassung einer Biographie, die mit der zweiten Hälfte des ersten Bandes erscheinen wird, hat Herr Prof. Will. Vogt, die Bearbeitung der Annales Boiorum Herr Archivrat SIGMUND RIEZLER, die der Bayrischen Chronik Herr Prof. MATHIAS LEXER übernommen.
MÜNCHEN im August 1880.
Karl v. Halm,
AVENTINS LEBEN.
Ueber das Leben Aventins sind wir fast ausschliesslich auf die Nachrichten angewiesen, welche sich in seinen eignen Werken vorfinden, da wir sonst in der zeitgenössischen Literatur vergebens nach zufälligen oder absichtlichen Bemerkungen über ihn suchen und nur zwei Männer sich eingehender mit seinen Lebensverhältnissen beschäftigt haben: Caspar Brusch im Vorwort zu Aventins ,,Deutsche Chronik“ 1) und Hieronymus Ziegler, welcher, von der bayrischen Regierung mit der Herausgabe der Annalen Aventins beauftragt, diesem Werk eine vita Aventini an die Spitze gestellt hat. Allein schon die Angaben des letzteren, der erst im Jahr 1533, wie er selbst sagt, Aventin ein einziges Mal Abends an der Donau spazieren gehen sah, bieten nicht durchweg genügende. Sicherheit, besonders soweit sie sich auf die früheren Lebensjahre Aventins beziehen. In noch höherem Grad gilt dies von der gesammten nicht ganz unbedeutenden Literatur über ihn, die sich seit dem 17. Jahrhundert bis auf unsre Tage bald in eingehender Weise von ihm handelnd, bald nur in ge. legentlichen Bemerkungen seiner gedenkend angesammelt hat; denn neue Quellen sind in ihr nicht aufgedeckt worden, mit der einzigen Ausnahme, dass Aventins Haus- und Handkalender durch einen glücklichen Zufall aufgefunden wurde. 3) Auch Briefe von oder an Aventin sind trotz seiner vielen Reisen und seines zum Theil sogar intimen Verkehrs mit bedeutenden Zeitgenossen nur sehr wenige bekannt geworden und es ist ungeachtet aller Umfrage nicht gelungen, bei der vorliegenden Ausgabe seiner Werke die Zahl der wenigen bisher bekannten be trächtlich zu vermehren.
Johannes Turmair wurde am S. Ulrichstag den 4. Juli 14773) zu Abensberg geboren, einem schon im Itinerarium imperatoris Antonini
1) s. Aventins Werke I p. 303 ff. 2) s. Werke I p. 658. 3) Die frühere Annahme, dass A. 1466 oder 1460 geboren sei, widerlegt sich durch eine Randglosse von Aventins eigner Hand, s. Wiedemann: Johann Turmair genannt Aventinus. Freising 1858 p. 3.
AVENTINUS I.
a
unter dem Namen Abusina verzeichneten Städtchen, welches an dem Flüsschen Abens unfern seiner Mündung in die Donau am rechten Ufer derselben gelegen ist. Seine Eltern, von denen der Vater Peter!) Turm air hiess, während der Name seiner Mutter nicht überliefert ist, besassen in Abensberg ein viel besuchtes Wirthshaus, damit ein gutes Auskommen und für ihre Verhältnisse ein nicht unansehnliches Vermögen. Wenn wirklich schon zu Lebzeiten Aventins das Gerücht gegangen sein sollte, als sei er die Frucht eines unerlaubten Liebes. verhältnisses seiner Mutter mit einem regensburger Domherrn Dr. Johann Majer gewesen, so müsste dies bei dem gänzlichen Mangel an Beweisen als eine boshafte Erfindung bezeichnet werden.
Nach seiner Vaterstadt, welche in lateinischen Schriften des Mittelalters Aventinum heisst, benannte sich Turmair später, einem vielfachen Gebrauch seiner Zeit folgend, Aventinus, d. h. schlechtweg der Abensberger. Wenn man zur Erklärung dieser Selbstbenennung nach andern Gründen gesucht und es dabei sogar nicht verschmäht hat, ihn einer abgeschmackten Eitelkeit zu beschuldigen, so widerlegt sich das am schlagendsten durch seine eignen Worte: ‘Abensperg, in alten briefen lyse ich Aventberg, dise stat ist mein haimat, von Antonio (Antonino) Abusina genannt, ligt in obern (!) Baiern am wasserfluss zu latein Abis, Abenst oder Abinst, entspringt gegen mitternacht bey einem dorff, haist Haller und Hollerthau.“ Er benannte sich also nicht nach dem römischen Abusina Abusinus, sondern nach dem mittelalterlichen lateinischen Namen seiner Vaterstadt Aventinus.
Von seiner Jugendzeit und dem ersten Unterricht, den er genoss, wissen wir wenig, da er selbst auffallender Weise davon in seinen Schriften schweigt. Vor Allem hat der rege Verkehr in seinem Vaterhaus, welcher Fremde und Einheimische täglich in dasselbe führte, nachhaltig auf ihn gewirkt, weil er dadurch frühzeitig mit dem Denken und Leben des gemeinen Mannes bekannt gemacht und sein Augenmerk auf die brennenden Zeitfragen gerichtet wurde. Sein Vater, den Ziegler als einen vir honestus bezeichnet, versäumte es ausserdem nichtseinem heranwachsenden Knaben, soweit sich Gelegenheit in der Stadt dazu bot, unterrichten zu lassen, indem er ihn zu den unbeschuhten Carmelitern, welche ein Kloster in Abensberg besassen, in die Schule schickte. Von ihnen empfing er die erste Vorbereitung für das wissenschaftliche Studium, wozu in Aventin mit den Jahren
:) Nach Zieglers irriger Angabe Johann.