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Publication
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Book (peer-reviewed)

Publisher

Böhlau, Köln

ISBN

978-3-412-50289-8

Open Access
Abstract
Inhaltich werden in dieser Arbeit Selbstzeugnisse aus dem Zürich des 17.
Jahrhunderts untersucht. Unter Selbstzeugnissen sind autobiographische Texte im
weitesten Sinn verstehen. Die Selbstzeugnisse stammen von fünf verschiedenen Autoren, die allesamt als geistliche oder politische Würdenträger wirkten. Indem jedes Selbstzeugnis in seinen materiellen und historischen Kontext eingeordnet wird, wird ersichtlich, dass die ‚Gerinnung’ eines Lebens zu Text vor dem Zeitalter der Autobiographie ein höchst situatives und individuelles Geschehen ist. Jedes dieser handschriftlichen Selbstzeugnisse trägt in beträchtlichem Umfang seine Entstehungsgeschichte und seinen Entstehungskontext mit sich herum. Die Individualität der Selbstzeugnisse darf allerdings nicht mit Originalität verwechselt werden. Es ist die je eigene Kombination von konventionellen Aufschreibeprozessen, die jedem Selbstzeugnis sein Gepräge gibt, nicht ein Pochen auf eigene, persönliche Unverwechselbarkeit.
Methodisch wird versucht, die Selbstzeugnisse als ganzheitliche Objekte zu betrachten. Die Selbstzeugnisse sollen nicht als bloße, semantische Mitteilungen, sondern auch als Materialien, denen eine Leiblichkeit eigen ist, betrachtet und behandelt werden. Die allesamt handschriftlich verfassten Selbstzeugnisse bilden ein Amalgam aus Text und Materie, dem nicht gerecht werden kann, wer versucht das eine ohne Rücksicht auf das andere zu behandeln. In der Arbeit wird vielmehr der Nachweis erbracht, dass die materielle Verfasstheit nicht eine bloße Notwendigkeit dieser Texte ist, sondern dass in vielen Fällen in der tatsächlichen oder vermuteten Existenz solcher Texte die wichtigste Funktion derselben lag. Dies lag an verschiedenen Faktoren: Zum einen war es ein offizielles Erfordernis, die Ratsfähigkeit der eigenen Familie durch das Vorlegen von historischen Dokumenten zu belegen. Andererseits wurde der Zugang zu ebensolchen Dokumenten erschwert, da die staatliche Verwaltung grundsätzlich geheim (arkan) war. Schließlich dürften für die Werthaltung von Schriftgut als Materie auch alte, mehr oder weniger magische Schrift- und Buchpraktiken oder überlieferte Metaphern, die das Buch als Körper und das Selbstzeugnis als Erzeugnis verstehen, eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben.
In der Zusammenschau ergeben die in der Arbeit untersuchten Selbstzeugnisse ein Bild von Zürich als einer ebenso religiös wie agonal geprägten Gesellschaft. Die Selbstzeugnisse sind dabei ebenso Ausdruck von einer individuell gelebten aber kollektiv kodierten Gottesfurcht, wie sie von dem Verdrängungskampf um die wenigen Amtsstellen und um das rare Gut der Ehre zeugen. Dieser Verdrängungskampf wurde in dem betreffenden Schriftgut sowohl mehr oder weniger direkt dokumentiert, wie er auch über dieses Schriftgut geführt wurde. Der zentnerschwere Nachlass etwa des Aufsteigers und Bürgermeisters Johann Heinrich Waser blieb inhaltlich teilweise unausgeführt, konnte aber durch sein schieres materielles Vorhandensein wortwörtlich seinen Platz behaupten. Dies auch deshalb, weil im Kontext der vormodernen Stadt eine ‚Kultur der Präsenz’ herrschte. Es galt in fast täglich stattfindenden Ratssitzungen, die, was Zeiten und Ablauf betraf, minutiös geregelt waren, physisch anwesend zu sein, Präsenz zu markieren. ‚Les absents ont toujours tort’ galt beinahe absolut. Es ist daher nur folgerichtig, wenn Schriftgut wirksam sein konnte, bevor auch nur der erste Buchstabe geschrieben oder gelesen wurde.