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Ein Jahr lang trug Chris Musa Muhammed das Trikot des SC Zollikon. Mit der zweiten Mannschaft stieg er im vergangenen Sommer in die 4. Liga auf. Vor zwei Wochen hat der Afrikaner die Schweiz verlassen, um in Nigeria ein neues Leben zu beginnen. Vor seiner Abreise besuchte ich den 19-Jährigen im Bunker unterhalb des Forchparkplatzs, in dem er ein Jahr lang gelebt hat, und hörte zu.
Aufgezeichnet und übersetzt von Dennis Bühler
„Ich bin in einem kleinen Dorf in der südlichen Provinz Maradi im Niger geboren, einem der ärmsten afrikanischen Länder. Unser Dorf liegt mitten in der Wüste und ist so klein, dass man in wenigen Minuten rundherum gehen kann. Wir lebten in einer kleinen Wellblechhütte, wir hatten keine Elektrizität, kein fliessendes Wasser. Ich war viel draussen auf der Strasse, wo ich mit meinen Freunden Fussball spielte. Einen richtigen Ball hatten wir nicht, bloss Stofffetzen, die wir zu einem Ball zusammengenäht hatten. Wir spielten barfuss.
In die Schule ging ich nie, ich lernte weder schreiben noch lesen. Einzig die Koranschule besuchte ich einige Male, dort lernten wir Suren auswendig. Ich sprach nur Hausa, die Landessprache. Englisch oder Französisch, die Sprache der früheren Kolonialmacht, lernen nur die Eliten.
Gepäck, Sand- und Zementsäcke
Meine Familie war sehr arm, meine Eltern konnten kaum genug Geld verdienen, um meine zehn Geschwister und mich zu ernähren. Als mein Vater starb, musste ich als Erstgeborener Verantwortung übernehmen. Ich war nun der Kopf der Familie. Als Träger arbeitete ich beim Busbahnhof, ich trug das Gepäck Ankommender zu deren Zuhause. Manchmal arbeitete ich auch auf Baustellen, wo ich Sand- und Zementsäcke hin und her trug.
95 Prozent der Einwohner Nigers sind Muslime. In unserem Dorf aber gab es auch eine kleine katholische Kirche. Deren Pfarrer half uns Jugendlichen, die wir wenig zu tun hatten und auf den Strassen herum hängten. Er erzählte uns vom Christentum und aus der Bibel. Mit 16 Jahren konvertierte ich zum Katholizismus.
Mit dem Lastwagen durch Afrika und mit dem Kutter nach Europa
Nur etwa 50´000 der 16 Millionen Nigrer sind Christen. Leider ist die religiöse Toleranz in unserem Land sehr gering. Die herrschenden Muslime unterdrücken die Minderheiten, als Christ wurde ich verfolgt und bedroht. Deshalb, und um meiner Familie eine bessere Zukunft zu ermöglichen, entschloss ich mich vor rund zwei Jahren, Maradi zu verlassen und mein Glück in Europa zu suchen.
Auf der Ladefläche eines Lastwagens reiste ich mit vielen anderen von Niger über Algerien nach Marokko. Der Pfarrer organisierte meine Ausreise, ich musste nichts bezahlen. Wie viel die Kirche den Schleppern zahlen musste, weiss ich nicht. In Marokko bestieg ich mit zwanzig, fünfundzwanzig anderen ein Boot. Wir trieben einige Tage auf dem Ozean, wie lange die Überfahrt insgesamt dauerte, kann ich nicht sagen. Man verliert das Zeitgefühl, wenn man nichts anderes tun kann als warten und beten. Die Wellen waren riesengross, mit Bechern mussten wir Wasser schöpfen und ins Meer zurückleeren.
Von der Plaça de Catalunya in den Bunker für Asylbewerber
Wir kamen unbeschadet und von der Küstenwache ungesehen in Spanien an – wir hatten riesiges Glück. In Spanien angekommen, ging jeder sogleich seinen eigenen Weg. Ich habe keine Ahnung, was aus meinen Mitreisenden geworden ist. Ich selbst schaffte es nach einigen Tagen nach Barcelona. Auf der Plaça de Catalunya, dem grossen Platz im Zentrum der Stadt, kam ich mit einer vielleicht 50-jährigen Frau aus der Schweiz ins Gespräch. Sie schenkte mir 80 Franken, was für mich ein unvorstellbar hoher Betrag war. Wie 80 Millionen! Die Frau sagte mir, in der Schweiz gebe es einen geregelten Asylprozess. Dort hätte ich bessere Chancen, aufgenommen zu werden, als in Spanien, wo die Behörden nach wie vor nichts von mir wussten.
Mit dem Zug fuhr ich im Frühling 2011 in die Schweiz, ins Asyl-Empfangszentrum Vallorbe. Dort schickten sie mich ins Empfangszentrum nach Basel, danach in ein Asylheim in Winterthur-Töss. Drei Mal wöchentlich wurden wir Asylbewerber in einem Zimmer in der oberen Etage des Asylheims unterrichtet. Nach wenigen Monaten aber wurde ich in diesen Bunker hier in der Forch verlegt, seither kann ich nicht mehr in die Schule gehen. Und so spreche ich auch nach insgesamt 18 Monaten in der Schweiz kein Deutsch und verstehe nur einige Brocken.“
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Die SCZ-Weihnachtsserie mit Chris Musa Muhammed
Vom 24. bis 26. Dezember erzählt Chris Musa Muhammed, der ein Jahr lang für die zweite Mannschaft des SCZ gespielt hat, auf der Vereinshomepage seine Lebensgeschichte. Eine Erzählung in drei Akten, die zum Nachdenken anregen soll – gerade in der Weihnachtszeit.
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Lest morgen, 25. Dezember, wie Chris´ Alltag im Bunker neben der Forchstrasse aussah und wie er die zweite Mannschaft zum Ende der vergangenen Saison mit seinem Tor zum Aufstieg in die 4. Liga schoss. Und weshalb er sagt: „Abgesehen von Erlebnissen im SCZ habe ich in der Schweiz nur selten christliche Nächstenliebe erlebt.“