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Schon vor über 2000 Jahren wurden die Vorfahren des Havanesers vor allem zu einem Zweck gehalten: um geliebt zu werden, um zu lieben und mit ihrem Charme und Esprit zu erfreuen. Dass unter all dem Fell auch ein richtiger Hund steckt, sollte man trotzdem nie vergessen und seinem Bewegungsdrang und seiner Intelligenz genügend Zeit und Raum geben.
Die Bichons – ganz alte Schosshunde?
Als Bichons gilt eine Gruppe von mehr oder weniger langhaarigen Zwerghunden, die schon seit dem klassischen Altertum im Mittelmeerraum bekannt waren und als die passenden Begleiter vornehmer Damen galten. Ihr Haar ist weich, glatt, gewellt oder gekräuselt. Je nach Haarbeschaffenheit unterscheidet man zwischen Malteser, Havaneser, Bologneser, Bichon Frisé und Löwchen. Keiner dieser Hunde sollte eine Schulterhöhe von über 30 Zentimetern haben. Auch die rechteckige Körperform ist ihnen allen gemeinsam sowie die stolze, über dem Rücken getragene Rute.
Wo und wann die Bichons oder bichonähnliche Hunde im Mittelmeerraum erstmals auftauchten, kann heute nicht mit Sicherheit gesagt werden. Jedoch gibt es auf einer griechischen auf das 5. Jahrhundert vor Christus datierten Vase aus Athen die Darstellung eines kleinen, langhaarigen Hundes. Dass es sich dabei tatsächlich um einen modernen Bichon handelt, ist zu bezweifeln. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass es den kleinen, langhaarigen Hund schon über 2000 Jahre gibt. Auch bei den Römern soll dieser Hundetyp beliebt gewesen sein, sodass sie ihn nach Spanien, Südfrankreich und in andere Mittelmeerländer brachten.
Aus dem Mittelalter gibt es gleich mehrere Darstellungen, die bichonähnliche Hunde zeigen, wobei auch hier die Tradition des «Damenhundes» durchschlägt. So schreibt Edward Topsell (circa 1572-1625, ein englischer Geistlicher und Autor) um 1600: «Diese Hunde sind klein, hübsch, angenehm und klug, dazu bestimmt ein närrisches Spielzeug hübscher Damen zu sein, die nichts thun als spielen und liebkosen und die kostbare Zeit vertrödeln, anstatt sie nützlich anzuwenden.»
Auf nach Kuba!
Man kann rätseln, ob diese Damenhunde die Reise nach Kuba antraten, um Ratten und Mäuse auf dem Schiff in Schach zu halten oder ob sich die Halterinnen einfach nicht von ihren Hunden trennen mochten. Jedoch gilt es als sicher, dass die Bichons mit spanischen und italienischen Schiffen nach Kuba kamen. Ob sie sich dort mit Pudeln oder einheimischen Hunden wie dem Blanquito de la Habana vermischten, ist nicht zu sagen. Auf jeden Fall weist der dort entstandene Havaneser, damals «Havana Silk Dog» genannt, eine grosse Farbvarietät auf, die zwischen Weiss und Schwarz so ziemlich alles beinhaltet. Auch durch seinen fröhlichen Charakter wurde der Havi rasch zum Modehund der kubanischen Oberschicht, wobei er es natürlich der Damenwelt besonders angetan hatte.
Die Machtübernahme Fidel Castros setzte dem Havaneserleben auf Kuba ein abruptes Ende. Viele reiche Familien flohen in den 1960er-Jahren vor dem Regime und nahmen nach Möglichkeit ihre Hunde mit. Was aus denjenigen wurde, die in der Obhut von ehemaligen Angestellten oder Freunden zurückblieben, ist ungewiss. Jedenfalls drohte der Havaneser in den Jahren nach der Revolution in Kuba auszusterben, bis 1991 Zoila Portuondo Guerra Kubas Bichon Havanese Club gründete. Sie und andere Züchter begangen mit etwa fünfzehn Rassevertretern, die Havaneserpopulation in Kuba wieder aufzubauen. Ausserhalb von Kuba überlebten die Havis dank der amerikanischen Züchterin Dorothy Goodale. Sie wurde auf der Suche nach einer kleineren Hunderasse auf den fröhlichen Hund aufmerksam. Sie konnte vierzehn Havaneser von Exilkubanern übernehmen und mit diesem Bestand etwa seit 1974 eine Zucht aufbauen.
Aus Amerika importierte 1982 Monika Moser die vier ersten Havaneser nach Deutschland. Kurz darauf kamen drei weitere Exemplare in die Schweiz, deren erster Wurf 1988 fiel. Diese sieben Importhunde gelten als der Grundstein für die Rekonstruktion der Rasse in Westeuropa, die sich seit dem Mauerfall auch in Osteuropa ausbreitete.
Auch wenn die Havis weit verbreitet sind, ist die Anzahl der Züchter in der Schweiz überschaubar. Trotzdem wachsen die Populationszahlen jährlich, wie beispielsweise die Welpenstatistiken des Verbandes für das deutsche Hundewesen (VDH) zeigen. So wurden in Deutschland 2001 349 Welpen geworfen und 2015 bereits 828. Diese breite Rassenentwicklung und die Möglichkeiten, die sich dadurch auftun, sind für die mit dem goldenen Gütezeichen der SKG ausgezeichneten Havaneserzüchterin Yvonne Parpan einer von vielen Gründen, weshalb sie gerne auch mit ausländischen Züchtern zusammenarbeitet.
Gesundheit
Der Havaneser gilt als gesunder und robuster Hund. Er hat für seine Grösse einen erstaunlich festen Knochenbau und ist gut bemuskelt, was man spätestens überprüfen kann, wenn er einem auf den Schoss gesprungen ist, um ausgiebig gestreichelt zu werden. Da diese Hunderasse durch einen genetischen Flaschenhals musste, sind auch hier Erbkrankheiten bekannt. Dazu gehören Patellaluxation (dislozierte Kniescheiben) und Progressive Retina Atrophy (PRA). Seltener sind die Krankheiten Sebaceous Adenitis (SA, eine Hauterkrankung), Legg-Calvé-Perthes-Krankheit (Wachstumsstörung), Hämophilie A (Blutgerinnungsstörung), Portosystemischer Shunt (Zirkulationsstörung der Leber) und Osteochondrodysplasie (angeborene Skelettanomalie), die beim Havaneser zu gekrümmten, verkürzten oder asymmetrischen Vorderbeinen führen kann.
Davon sollte man sich nicht abschrecken lassen, sondern als Käufer vorbeugende Massnahmen treffen. So schont der Verzicht auf Billigwelpen, die unter schrecklichen Bedingungen in Hundefarmen gezüchtet und aus dem Kofferraum verscherbelt werden, im Endeffekt das Portemonnaie und die Nerven von Mensch und Hund. Was Yvonne Parpan sehr freut, ist, dass sie immer öfter von Leuten angerufen wird, die ein Angebot im Internet oder via einem Inserat erhalten haben und sie als Züchterin um Rat fragen. Sie macht diese Personen dann auf die Probleme aufmerksam, die bei Hunden von unseriösen Vermehrern vorkommen, seien es mangelnde Sozialisation, Krankheiten oder tierschutzwidrige Haltungsbedingungen.
So weist sie daraufhin, dass es wichtig ist, die Zuchtstätte, die Mutterhündin (und vielleicht Verwandte) sowie die Welpen mehrmals besuchen zu können. Nur so kann man sich ein Bild machen, ob die Hunde gesund und fröhlich sind, ob der Züchter auf eine sorgfältige Haltung und Sozialisierung sowie erste Erziehung und Ansätze zur Stubenreinheit Wert legt. Auch erklärt sie den Leuten, dass ein anerkannter Züchter bereits die ersten Tierarztkontrollen mit seinen Welpen absolviert, was man anhand der mitgegebenen Impfausweise erkennt. Dazu kommen ein Kaufvertrag, viele gute Ratschläge sowie eine ausführliche Erklärung, wie die Fellpflege beim Havaneser zu bewerkstelligen ist.
Fellpflege
Mit seinem langen, weichen, glatten oder leicht gewellten Fell, das kaum Unterwolle hat, ist der Havaneser bei der richtigen Pflege ein sehr praktischer Hund. Er wechselt das Fell nur einmal in seinem Leben und haart danach kaum. Dafür muss man ihn aber mehrmals pro Woche vorsichtig, aber ordentlich durchbürsten. Ansonsten ist das Verfilzen vorprogrammiert und es hilft nur noch ein Gang zum Hundefriseur, der die ganze Pracht abschert.
Bei einem gut gepflegten Havaneser sollte man übrigens auch im Sommer das Fell nicht kurz scheren. Die Hunde stammen aus dem Mittelmeerraum und Kuba. Der Grund für ihr langes Fell ist der vorzügliche Sonnenschutz, den so eine Haarpracht bietet. Ausserdem ist ein bestens gepflegtes Fell nicht nur gut kämmbar, sondern auch gut durchlüftet und verhilft so zu einer an die Jahreszeit angepassten Wärmeregulation. Darüber hinaus ist das dichte Fell ein ausgezeichneter Regen- und Windschutz, denn bei Nässe verklebt das Fell oberflächlich und verhindert so, dass der Hund bis auf die Haut nass wird.
Mit der radikalen Schur geht man das Risiko ein, dass sich mehr und mehr Unterwolle bildet, die Wärme sich im Körper staut und weniger Platz für das pflegeleichte Deckhaar bleibt, sodass Regen nicht abgehalten wird. Ein guter Hundecoiffeur wird das Fell Ihres Havanesers – wenn erforderlich – mit der Schere kürzen und so den Pflegeaufwand verringern.
Wie aber richtig bürsten? Der Trick ist es, den Welpen früh sanft und konsequent an Bürste und Kamm zu gewöhnen. Im Alter von neun bis fünfzehn Monaten wird das Welpenfell abgestossen, dafür wachsen Unterwolle und neues Deckhaar nach. Wer hier täglich zur Bürste greift, verhindert das Verfilzen und wird damit belohnt, dass bald nur mehr pflegeleichtes Deckhaar übrig ist. Kennt der junge Havi das Prozedere schon, wird er die Fellpflege geniessen, denn wie Yvonne Parpan betont: «Fellpflege ist auch Beziehungspflege.» Doch warnt sie: «Bei alten Hunde sollte man ein Auge darauf haben, ob sie das Bürsten noch vertragen. Im Alter werden Hunde schmerzempfindlicher und das Auskämmen des langen Fells wird für sie unangenehm. Da ist der Griff zur Schere zum Wohle des Tieres unausweichlich.» Auch rät sie, den Hund alle vier bis fünf Wochen mit einem vom Züchter oder Hundecoiffeur empfohlenen, fellspezifischen Hundeshampoo und Conditioner zu baden.
Um zu verhindern, dass die Augen des Havanesers ständig verdeckt werden, kann man mit einer Spange oder einem Haargummi Abhilfe schaffen oder ihm mit der Effilierschere einen Pony schneiden. Wer dann schon so fleissig mit dem Fell beschäftigt ist, sollte auch nicht vergessen, Zähne, Ohren, Pfoten und Krallen zu kontrollieren.
Bewegung und Sport
Obwohl sie aussehen wie die Inkarnation eines kuscheligen Teddybären, sollte man den Havaneser nicht unterschätzen. Er braucht zwar keine stundenlangen Spaziergänge, liebt sie aber trotzdem. Auch Wanderungen macht er spielend mit. Wer jedoch für einen Marathon trainiert, sollte auf eine sportlichere Rasse ausweichen. Im Handumdrehen lernt der Havaneser eine Menge Tricks und Obedience macht ihm, wenn Spiel und Spass im Vordergrund stehen, viel Freude. Auch im Agility kann er durchaus glänzen. Vielleicht nicht mit Rekordgeschwindigkeit, dafür umso mehr mit dem sicheren Absolvieren der verschiedenen Hindernisse. Doch auch als Fährtenhund, Dogdancer, Therapie- und Trüffelsuchhund hat der Havaneser einen guten Ruf.
Wenn man die Grösse berücksichtigt, sind diesem intelligenten, agilen und gelehrigen Hund kaum Grenzen gesetzt. Havaneser lieben es draussen zu sein, vielleicht nicht gerade wenn es giesst, aber sonst gerne und zu jeder Jahreszeit. Wenn jedoch viel nasser Schnee liegt, rät Yvonne Parpan zu einem Ganzkörpermäntelchen. Nicht weil der Havi etwa friert, sondern um zu verhindern, dass sich Schneeklumpen im ganzen Fell verfangen und ihn bewegungsunfähig machen. Wasser liebt er übrigens auch. Nicht nur zum Trinken, sondern zum Planschen und Schwimmen.
Ein Damenhund?
Der Havaneser ist durch sein liebenswertes Wesen gut für Ersthundehalter geeignet. Trotzdem sollte man etwas Zeit in die Erziehung investieren, ausser man nennt gerne eine verwöhnte Diva sein Eigen. Mit Belohnung und Lob erreicht man bei diesem lernfreudigen Hund fast alles, den Rest durch klare Kommunikation und Grenzen.
Auslauf und Sozialkontakte braucht der Havaneser wie jeder andere Hund auch, weshalb er von Hundeschule, ausgedehnten Spaziergängen und einem in den Alltag integrierten Dasein nur profitiert. Stundenlang allein zu Hause auf Sie zu warten, liegt dem Havaneser – wie fast jedem Hund – übrigens gar nicht. Dann muss man sich nicht wundern, wenn Schuhe, Haushaltspapier oder das Lieblingskissen im ganzen Wohnzimmer verteilt werden.
Der Havi ist sicherlich kein ausdauernder Arbeitshund, dafür aber ein angenehmer Begleiter, der aufgrund seiner kompakten Grösse in jedem Auto und Zugabteil Platz findet oder sogar im Flugzeug im Passagierraum mitreisen darf. Der Havaneser will am Leben seiner Familie teilhaben und nicht einfach nur mitlaufen. Als Familienhund ist er aufgrund seines verspielten und nicht nachtragenden Wesens gut geeignet. Er liebt Kinder und ist für jeden Schabernack zu haben. Doch warnt Yvonne Parpan: «Kinder müssen verstehen, was ein Hund ist.» Deshalb sind bei kleinen Kindern die Eltern gefordert. «Sie müssen gut aufpassen, dass die Kinder dem Hund keine Schmerzen zufügen, denn wenn niemand für den Hund einsteht, bleibt ihm vielleicht einmal keine andere Wahl, als das Kind durch ein Schnappen zu regulieren.» Das ist dann kein bösartiges Verhalten, sondern Hundesprache. Wenn man aber Hund und Kind gerecht wird, steht einer Freundschaft zwischen beiden nichts im Weg.
Nach einem erfüllten Tag macht der Havaneser es sich gerne auf dem Sofa gemütlich, am liebsten im Schoss seiner Familie. Aber auch dann hält er ein wachsames Auge auf die Haustür. Er ist zwar kein Kläffer, gibt aber lautstark Bescheid, wenn Fremde im Anmarsch sind.
Wer sich einen kuscheligen Freund an seiner Seite wünscht, ein Flair für Fellpflege hat, das anschmiegsame, verspielte und fröhliche Wesen schätzt, wer vom Sofa in den Garten und in die grüne weite Welt gelockt werden möchte, wer einen selbstständig denkenden Kumpel schätzt, der einen ins Restaurant ebenso wie auf einen Bootsausflug begleitet, der findet im Havaneser einen liebenswerten Freund.
Text: Anna Hitz
Steckbrief Bichon Havanais
FCI Standard Nr. 250
Klassifikation: Gruppe 9 Gesellschafts- und Begleithunde.
Sektion 1: Bichons und verwandte Rassen. Ohne Arbeitsprüfung.
Schulterhöhe: 23 bis 27 cm. Eine Toleranz von 21 bis 29 cm ist zulässig.
Gewicht: Keine offiziellen Angaben.
Fell: Das wollene Unterhaar ist schwach entwickelt, oft ganz fehlend. Das Deckhaar ist sehr lang (12 bis 18 cm bei einem erwachsenen Hund), weich, glatt oder gewellt und kann lockige Strähnen bilden.
Farbe: Selten vollständig reinweiss, falbfarben in verschiedenen Tönungen (leicht schwarz gewolkt ist zulässig), schwarz, havannabraun, tabakfarben, rötlichbraun, Flecken in den erwähnten Farben sind zulässig. Brandmarkierungen sind in allen Schattierungen erlaubt.
Konstitution: Der Havaneser ist ein kleiner, kräftiger, niederläufiger Hund; sein Haar ist lang, üppig, weich und vorzugsweise gewellt. Sein Gangwerk ist lebhaft und elastisch.
Pflege: Mittlerer Pflegeaufwand. Mehrmals wöchentliches Bürsten und Kämmen sowie regelmässige Körperpflege wie Augen, Ohren, Zähne reinigen und Krallen schneiden.
Haltung: Bei genügend Auslauf für Wohnung und Haus geeignet.
Anfälligkeiten: Patellaluxation, PRA, Sebaceous Adenitis, Legg-Calvé-Perthes-Krankheit, Hämophilie A, Portosystemischer Shunt.
Lebenserwartung: 12 bis 15 Jahre
Für weitere Informationen: Swiss Havanese Club:
www. havanese-club.ch