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Hunderte Delegierte der Generalversammlung nahmen an einem stillen Gang vom Leipziger Willy-Brandt-Platz zur Nikolaikirche am Samstag, 1.Juli, teil. In ihren Händen hielten sie ein Stück roten Faden, den Frauen aus einem Seniorenheim der Stadt innerhalb von zwei Wochen geknüpft hatten.
Nach asiatischem Mythos verbindet ein unsichtbarer roter Faden Menschen, die dazu bestimmt sind, zusammen zu gehören. Dieses Thema wird in der asiatischen Kunst oft dargestellt, ein Bild, das für die Versammlungsteilnehmer am Samstagabend voll sichtbar wurde: Die Delegierten trugen einen 500 m langen Faden in den Nikolaikirchhof. Als dieser dort angelangt war, tanzte der indonesische Performer Elyandra Widartha mit dem Faden, den er sich schließlich mit seinen roten, rosanen und dunkelroten Farbtönen um seine Arme, seinen Hals und seinen Torso wickelte. Die Leipziger Performerin Heike Hennig führte das Projekt ein.
Der rote Faden war das zentrale Kunstwerk am Samstagabend im Nikolaikirchhof. Um Widartha herum waren ein halbes Dutzend weitere Künstler mit ihren Kunstwerken gruppiert. Alle von ihnen hatten die vergangene Woche damit zugebracht, kreative Ideen auszutauschen und künstlerische Inspirationen um das Thema Verwandlung und Reform zu finden. Die Arbeiten reichten von einer lebhaften Akrylmalerei bis zu einer kreativen Videoinstallation.
Der deutsche Künstler Manaf Halbouni, der ursprünglich aus Syrien stammt, und Oscar HR aus Spanien hatten zusammen ein Stück mit Namen Freiräume geschaffen. Hier ging es um die Schwierigkeiten, der sich Familien gegenüber sehen, wenn sie wegen Generalsanierungen sozusagen vertrieben werden. Das Video zeigte eine Familie vor Ort, die diese Probleme im realen Leben auf sich nehmen musste. Erst kurz zuvor war ihnen mitgeteilt worden, dass sie ihre Wohnung verlassen müssten, damit das Gebäude generalüberholt werden konnte. Erst nach Monaten würden sie zurückziehen können.
„Wir gaben dieser Familie die Anweisung, dass jeder von ihnen die für ihn meistgeschätzten Gegenstände auswählen sollte. – Nur so viele, die in ihr Auto passten und die sie in ihrer Wohnung aufstellen konnten“, sagte Oscar HR. „Somit war jedes Stück von einem Familienmitglied aus einem ganz bestimmten Grund ausgewählt worden.“
Im Video sieht man einen Berg persönlicher Gegenstände – bedeckt von einer Plastikplane. Langsam kommen die Familienmitglieder in die Szene, nehmen ihre Besitztümer vom Berg und stellen sie wieder in der Wohnung auf.
Guy Woueté, ursprünglich aus Kamerun, sprach über seine Kunstinstallation, der er den Namen „Der letzte Gang“ gegeben hatte. Es war eine Plattform im Schatten der Nikolaikirche, die von weißen Fahnen und Plakaten umgeben war, die Rassismus und politische Unterdrückung verurteilten.
„Ich wollte zeigen, wie Demokratie nicht-parteigebundene Meinungen zurückweist“, erklärte Herr Woueté. „Man sagt uns immer: ‚Geht wählen und die Dinge werden sich ändern‘. Aber wir wählen und dann macht das Parlament, was es will. Wir können dann nichts tun als weitere vier Jahre warten und wieder wählen. Wir müssten viele Leben leben, um irgendeine Veränderung in der Welt zu erleben.“
Für den amerikanischen Künstler Joel Schoon-Tanis, dessen Kunstwerk „Wer ist mein Nächster?“ die Geschichte des Guten Hirten darstellt, wobei offener Raum für die Gesichter der Anwesenden freigelassen wurde, war diese Chance, kreative Ideen mit anderen Künstlern auszutauschen, überwältigend. Dieses Ereignis gab ihm auch die Möglichkeit darüber nachzudenken, wie sich sein persönlicher Glaube auf das resultierende Kunstwerk ausgewirkt haben könnte.
„Europäer beschäftigen sich sehr viel mit sozialer Gerechtigkeit“, erklärte Schoon-Tanis. „Aber in der Kirche engagieren sie sich im allgemeinen nicht besonders. Das hat mir hier in Leipzig sehr zu denken gegeben. Deshalb entschied ich mich, eine offenere christliche Botschaft zu malen als ich es anderswo getan hätte.“
Eine zweite Malerei von Schoon-Tanis, die ebenfalls innerhalb seiner einwöchigen künstlerischen Zusammenarbeit in Leipzig entstanden war, eine Friedenssäule, ist außerhalb des Plenarsaals in der Leipziger Messe zu sehen.
von Amy Eckert – Fotos von Anna Siggelkow