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Differenztheoretisch kann "Material" durch die Differenz zwischen Material und Medium gesehen werden, wobei Medium für die nicht aktualisierte Form steht, also keine Eigenschaft hat, während die Materialbezeichnung Eigenschaften benennt.
Als Material bezeichne ich das, was ich bei der Herstellung von Artefakten neben der Form wählen muss. Wenn ich ein Messer herstelle, muss ich "etwas" oder "einem Medium" die Form eines Messers geben. Ich kann nicht nichts formen. Das, was ich forme, bestimme ich durch Eigenschaften. Materialien wie Bronze und Silber, oder allgemeiner wie Metalle sind in diesem Sinne Verdinglichungen (Hypostasierung) von Eigenschaften, die ich - quasi-ontologisch formuliert - am Material wahrnehme.
|"Wenn bereits Arbeit darauf verwendet wurde, bezeichne ich es als Rohmaterial" ( (MEW23, 194, hier wird der Ausdruck Material, der den Materialismus begründet, eingeführt für das, was geformt wird!)|
"Metall" bedeutet "glänzend, stromleitend, schwer, ..."
"Silber" bedeutet "Metall, helle Farbe, nicht oxidierend, ..."
Sprachkritisch: Materialbezeichnungen sind Sammelbezeichnung für eine Menge von Eigenschaften. Operationell verwende ich das Wort Metall genau dann, wenn ich mich auf den Träger der metalligen Eigenschaften beziehen will.
Ich sage etwa: Dieses Schwert ist aus Holz, nicht aus Metall
Material kann nur in einer - zwar beliebigen - Form erscheinen. Das Referenzobjekt des Ausdruckes Bronze kann als Barren, Klumpen, Ohrring oder Statue, aber nicht ohne Form existieren. Wenn ich vom Material sprechen, abstrahiere ich die Form.
Material, das aus einer Verarbeitung folgt, bezeichne ich als Werkstoff. Stahlbleche oder Papierbögen haben eine (Proto)-Form, die noch keinem Gebrauch entspricht und deshalb auch als Halbfabrikat bezeichnet wird. Diese Protoformen sind nicht "konstruiert", sondern werden als Werkstoff für Konstruktionen verwendet.
Von einem Medium spreche ich in diesem Sinn, wenn ich das Material von seiner Form unterscheide, also keine Materialeigenschaften meine. Wenn ich die Formseite der Unterscheidung markiere, repäsentiert die Form das Bestimmte (Selektionierte), während das Medium die unspezifische Möglichkeiten (Potential) zur Formgebung darstellt. Die Form bestimmt Eigenschaften, die dem Material nicht zukommen. Wenn ich ein Messer forme, forme ich die Eigenschaft "schneidend".
re-entry:
Medientheoretiker lassen Materialeigenschaften generell ausser Acht, sie sprechen nur von Formeigenschaften.
Wenn ich aber die andere Seite der Unterscheidung markiere, erkenne ich Eigenschaften, die der Eigenschaft durch die Form vorausgesetzt sind. Man kann eben zwar aus beliebigem Material ein Messer herstellen, aber nicht ohne Material.
Beispiel:
Wenn jemand seinen Körper durch Diät, Body Bulding oder Verstümmelung formt, ist der Körper Medium in verschiedenen Formen, aber dabei wird kein Material gewählt. Wenn dagegen der berühmte Genfer Arzt Frankenstein eine Kreatur herstellt, muss er sich überlegen, ob er das aus Lehn (Golem), Holz (a la Pinoccio), Puppenmaterial (im Sandmann) oder aus Teilen, die er Friedhof ausgräbt, verwenden soll. Er braucht also Material. Und wenn ich eine Prothese für ein Bein oder ein Herz herstelle, muss ich wählen unter Stahl, Plastik usw, unter Material. Als Artefakte bezeichne ich Gegenstände, die auf einer Materialwahl beruhen (und ausserdem noch auffindbar sind, was bei Frankensteins Moster und dessen Variationen ja nicht der Fall zu sein scheint).
Anmerkungen:
Material hat zwei Verallgemeinerungen: Materialien und Materie. Den Plural verwende ich, wenn ich auf die Verschiedenheit der Materialien verweisen will, von Materie spreche ich, wenn ich das Gemeinsame hervorheben will.
Materialismus heisst eben Marterial-Ismus und nicht Materie-Ismus. Davon abgesehen, dass -Ismen fragwürdige Hypostasierungen sind, bezeichne ich mit Materialismus etwas, was mit Materie nichts zu tun hat, sondern sich auf die doppelte Unterscheidung im Herstellen des toolmaking animals bezieht.
Mathematiker können in ihrem Geist auch "Nichts" formen, etwa wenn sie a+b=c als Form(el) bezeichnen.
Hans Ulrich Gumbrecht und K. Ludwig Pfeiffer (Hrsg.), Materialität der Kommunikation, Frankfurt am Main 1988

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