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Die Trauerbirke
So wie sich die mit spärlichem Nährstoff versorgte Birke auf ein limitiertes Wachstum beschränken musste erging es einer genetisch etwas deformierten Birke völlig anders. Durch Zucht muss es einem Gärtner gelungen sein der Birke das natürliche Streben in die Höhe zu nehmen. Vom Aussehen her könnte man eine solche Birke als Trauerbirke bezeichnen da sie einer Trauerweide nicht unähnlich sieht. Der Baum bildet keine stolze hochstrebende Kreatur, sondern einen nicht allzu hohen, schattenspendenden, glockenförmig herabgesenkten Baum der sich vortrefflich als Zier jedes Parkplatzes vorstellen lässt.
Ein ebensolcher Baum wurde denn auch zwischen zwei Häusern als Bereicherung des Parkplatzes gepflanzt. Der Baum gedieh während der ersten Jahre schlecht und recht, weil sich im Osten ein Haus, im Süden ein zehn Meter hoher Ginkobaum, und im Westen abermals ein Haus befand sodass nicht viel Sonnenlicht bis zu dem zierlichen Bäumchen gelangte. Seiner Natur entsprechend hatte die Birke keine Chance dem Licht entgegen zu wachsen. Damit gab sich der Baum aber nicht zufrieden. Nach rund fünf Jahren wuchs ein erster Schoss nicht wie vorgesehen hinaus und dann deutlich abfallend blätterbildend hinunter, sondern einfach senkrecht hinauf. Wenigstens für eine bestimmte Länge, danach beugte sich der Ast seiner speziellen Natur wegen doch wieder Richtung Boden. Aber von diesem Ast wuchs auf der oberen Biegung abermals ein Ast senkrecht in die Höhe, bis schliesslich die ursprüngliche Maximalhöhe um glatte zwei Meter übertroffen wurde und so bereits die Morgensonne die oberste Baumkrone erreichte, womit dem weiteren Gedeihen deutlich Vorschub geleistet werden konnte. Die Birke konnte so stattlich wachsen, dass sie den ganzen Tag über mit der Baumkrone in der Sonne steht. Dank einem über den engen Kreis hinausgehenden Wurzelgeflecht wurde die Standfestigkeit der ungeplanten Höhe angepasst so dass der Baum Wind und Wetter trotzen kann.
Diese Birke hat, entgegen ihrer eigenen Natur, eine Optimierung der Lebensumstände vorgenommen könnte man meinen. Dem ist aber nicht so. Die Birke hat lediglich das getan was aufgrund ihrer Wachstumsmöglichkeiten und der speziellen Natur ihres Wachstums unter den gegebenen Verhältnissen entstehen konnte. Was entstanden ist, wirkt intelligent, ist aber nur die Konsequenz aus der naturgemässen Optimierung der vorhandenen Möglichkeiten.
Auch hier wird es klar offensichtlich, die Birke konnte gar nicht anders als derart originell zu wachsen wie sie es tat. Sie hat Höhe dadurch gewonnen, dass sie dem begrenzten hochwachsenden Stamm einfach einen weiteren Stamm und diesem nochmals einen Stamm aufsetzte. Dem Licht entgegen und mit erstarkender Energie.
Auf den Menschen bezogen lässt sich hieraus eine wichtige Erkenntnis gewinnen. Im Vergleich zu einer herkömmlichen Birke handelt es sich bei diesem Baum um eine behinderte Birke da sie offensichtlich nicht in der Lage ist, einen zweckdienlichen, geraden Stamm zu bilden. Ein eindeutiger Nachteil, wenn es darum geht dem Licht entgegen zu streben.
Aber es macht das Streben nach Licht nicht unmöglich. Der Weg ist lediglich ein anderer. Wenn also ein Mensch in Mathematik nicht sonderlich begabt ist bedeutet das nicht zwingend, dass er zeitlebens mit Rechnen nichts am Hut haben kann. In dem Sinne, wie er Rechnen für seine Existenz braucht, wird er sich mit grösseren Schwierigkeiten um diese Behinderung kümmern müssen. Er wird einen intensiveren Umgang mit Zahlen kultivieren müssen um nicht vom Kaufmann über den Tisch gezogen zu werden. Diese besondere Aufmerksamkeit für eine Schwäche führt in aller Regel zu einer besonderen Auseinandersetzung mit dem Thema und führt damit meist näher zum Licht. Mit anderen Worten, in der Behinderung liegt die Quelle zur besonderen Fähigkeit oder zum Talent, welche andere nicht haben, weil sie es nicht speziell kultivieren müssen. Im Falle der Birke ist ein klein gedachter Baum durch besondere Anwendung seiner Wachstumsmöglichkeiten zu einer stattlichen Kreatur von bemerkenswerter und eigenwilliger Schönheit geworden.