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An diesem Morgen ist der Himmel nach den nächtlichen Gewittern noch düster. Doch im La Valse du Temps, einem Tageszentrum für ältere Menschen mit Alzheimer oder einer anderen Demenzform, herrscht eine warme und heitere Stimmung. Im Speisesaal des alten Herrenhauses im Dorfzentrum von Cornol in der Ajoie (JU) bereiten ein Dutzend Tagesgäste und einige Betreuende das Mittagessen vor, wobei sie sich die Aufgaben teilen. Auf dem Tagesmenü stehen Kürbissuppe, Quiche mit Thunfisch und Schinken und ein gemischter Traubensalat zum Dessert. Ausserdem gibt es eine Nusstorte für das geplante Treffen am Nachmittag mit einer Primarschulklasse. Odette* befolgt gewissenhaft das Rezept aus dem Kochbuch auf dem Tisch. Ihr gegenüber schüttet Joséphine* die Zutaten in eine Schüssel, bevor sie den Mixer hineintaucht. Ilse* schält halbherzig die Nüsse und gesteht, dass sie schon lange keine Lust mehr zum Kochen hat und früher vor allem ihr Mann am Herd stand.
Ein anderer Blick auf Demenz
April 2023
An diesem Morgen ist der Himmel nach den nächtlichen Gewittern noch düster. Doch im La Valse du Temps, einem Tageszentrum für ältere Menschen mit Alzheimer oder einer anderen Demenzform, herrscht eine warme und heitere Stimmung. Im Speisesaal des alten Herrenhauses im Dorfzentrum von Cornol in der Ajoie (JU) bereiten ein Dutzend Tagesgäste und einige Betreuende das Mittagessen vor, wobei sie sich die Aufgaben teilen. Auf dem Tagesmenü stehen Kürbissuppe, Quiche mit Thunfisch und Schinken und ein gemischter Traubensalat zum Dessert. Ausserdem gibt es eine Nusstorte für das geplante Treffen am Nachmittag mit einer Primarschulklasse. Odette* befolgt gewissenhaft das Rezept aus dem Kochbuch auf dem Tisch. Ihr gegenüber schüttet Joséphine* die Zutaten in eine Schüssel, bevor sie den Mixer hineintaucht. Ilse* schält halbherzig die Nüsse und gesteht, dass sie schon lange keine Lust mehr zum Kochen hat und früher vor allem ihr Mann am Herd stand.
Eines der Ziele des La Valse du Temps besteht darin, einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der sozialen Beziehungen zu leisten. Ausserdem wird darauf geachtet, dass jeder Gast einen Platz und eine Rolle hat, die von allen anerkannt werden. Und darum, dass seine Selbstständigkeit gefördert, seine Entscheidungen und sein Rhythmus respektiert werden.
Das La Valse du Temps ist das einzige Tageszentrum im Jura und die einzige Validation®-zertifizierte sozialmedizinische Institution in der Westschweiz. Validation® ist eine Methode zur Kommunikation mit Menschen, die mit Alzheimer oder einer anderen Demenzkrankheit leben. Das Team ist darin geschult und auch die Ehrenamtlichen und Angehörigen werden dafür sensibilisiert.
«Es ist wichtig, dass alle die gleiche Sprache sprechen, um das Verständnis für die Gefühle und die Kommunikation mit der desorientierten Person zu fördern», sagt Caroline Bernasconi, die Leiterin des Tageszentrums. Die Methode der Validation® – in Verbindung mit der Montessori-Pädagogik, von der sich das Team des La Valse du Temps ebenfalls inspirieren lässt – ermöglicht es, die Menschen mit all ihren Erfahrungen und Fähigkeiten zu sehen und die sinnstiftenden Aufgaben des täglichen Lebens zu bewahren. Die Zubereitung einer Mahlzeit ist eine solche Tätigkeit. Gleichzeitig bietet sie auch die Gelegenheit für Austausch und Erinnerung.
Nationale Demenzkonferenz – 11. Mai 2023
Was nichtmedikamentöse Interventionen für die Lebensqualität von Menschen mit Demenz leisten, steht im Mittelpunkt der Nationalen Demenzkonferenz vom 11. Mai 2023. Die von Alzheimer Schweiz und Public Health Schweiz durchgeführte zweisprachige Veranstaltung (Deutsch/Französisch) richtet sich an Gesundheitsfachpersonen und weitere Interessierte. Mehr zur Konferenz finden Sie auf demenz-konferenz.ch.
Immer eine Wahl lassen
Anderer Ort, andere Stimmung, aber das gleiche Anliegen, nämlich den Blick auf Demenz zu verändern: das Alters- und Pflegeheim Petit Chézard in Val-de-Ruz (NE). Hier legt das Team den Fokus auf die verbleibenden Fähigkeiten der erkrankten Menschen, um deren Autonomie und Selbstbestimmung zu fördern. «Anbieten, nie aufzwingen», so könnte das Motto des Hauses lauten. Und man könnte hinzufügen: nichts «für» die erkrankten Menschen machen, um ihre Autonomie möglichst lange zu erhalten.
Die gerontopsychiatrische Einrichtung stützt ihre Pflegephilosophie seit acht Jahren auf die an Menschen mit Demenz angepasste Montessori-Methode. Diesem anerkannten und wertschätzenden nichtmedikamentösen Ansatz entsprechend leisten die zwanzig Bewohnerinnen und Bewohner einen Beitrag zum gemeinschaftlichen Leben im Heim und werden an den Entscheidungen beteiligt. «Menschen, die in einem Heim leben, verlieren schnell das Gefühl von Nützlichkeit und Selbstwert», berichtet Julie Challande, leitende Pflegefachperson. «Dem wollen wir entgegenwirken.» Wie in Cornol sind die Aufgaben des täglichen Lebens ein wesentlicher Bestand der Betreuung – Geschirrtücher zusammenlegen, Regale reinigen, das Menü auf die Tafel schreiben, Teebeutel sortieren.
Diese alltäglichen Aufgaben stärken den Selbstwert, indem die Menschen eine soziale Rolle bekommen, die ihre Wünsche berücksichtigt. Ausserdem werden ihre Fähigkeiten miteinbezogen, damit sie die Aufgaben auch meistern können. «Ob bei Einzel- oder Gruppenaktivitäten: Wir lassen den Menschen immer die Wahl, zuzustimmen oder abzulehnen», betont Annaëlle Jeanneret, Neuropsychologin und Leiterin der Aktivitäten. So wird jedes Aktivitätsangebot immer von einer Frage wie «Sind Sie einverstanden damit, ...?» oder «Haben Sie Lust ...?» begleitet. «Dieser Ansatz ermöglicht es, den Menschen etwas Kontrolle über ihr Leben zurückzugeben und eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen», ergänzt die Expertin.
Der «Werkzeugkasten» des Teams umfasst dabei nicht nur Montessori-Praktiken, sondern auch weitere Techniken, z. B. der Beziehungspflege oder der Validation®. Die methodische Vielfalt gewährleistet eine individuelle Betreuung, bei der die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigt werden. Damit die Praktiken nicht in der Routine untergehen, wurden für das Team «Montessori-Abende» eingeführt. Diese Apéros riches werden in Absprache mit den Mitarbeitenden in deren Freizeit organisiert und sind eine Gelegenheit zur Besprechung bestimmter Situationen oder Themen. Am Ende gibt es eine «Dankbarkeitsdusche»: Alle richten eine wertschätzende und positive Botschaft an eine Kollegin oder einen Kollegen.
In Cornol sind die Quiches im Ofen. Die Tagesgäste kommen am Tisch zu einem Apéro mit Musik zusammen. Der Pflegehelfer Julian Cattin nutzt die Stimme von Ivan Rebroff oder den Rock ’n’ Roll von Jerry Lee Lewis, um die Gäste zu ermutigen, den Faden der Erinnerung aufzunehmen, er knüpft Verbindungen zwischen den Geschichten der einen oder des anderen und fordert sie gar auf, ein paar Tanzschritte aufs Parkett zu legen. So sieht das Leben im La Valse du Temps aus.
Validation® nach Naomi Feil
Validation® wurde Mitte der 1960er-Jahre von der amerikanischen Psychosoziologin Naomi Feil entwickelt und ist eine Kommunikationstechnik zur Begleitung von Menschen mit Alzheimer oder einer ähnlichen Krankheit. Der Kommunikationsansatz ermöglicht es, die desorientierten Menschen in ihrer Realität zu erreichen, ihre Gefühle anzuerkennen und den Rückzug in sich selbst zu verhindern. Die wertschätzende und einfühlsame Haltung führt in der Regel zu einer vertrauensvollen Atmosphäre und zur Linderung von Unruhe und Ängsten, sodass die Medikation reduziert werden kann.
Das interdisziplinäre Team und die Ehrenamtlichen des Tageszentrums La Valse du Temps in Cornol (JU) haben in unterschiedlichem Umfang eine Validation®-
Ausbildung absolviert. In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Gesundheit Freiburg und unter dem Motto «Sich besser fühlen, um besser helfen zu können» bietet das Tageszentrum auch Sensibilisierungsangebote für Angehörige an, damit sie sich auch in schwierigen Situationen wohler fühlen, die Reaktionen und Verhaltensweisen einer erkrankten nahestehenden Person besser verstehen lernen und eine Beziehung aufbauen können, die von Vertrauen, Respekt und Austausch geprägt ist.
Montessori-Methode
Die Montessori-Methode wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von der italienischen Psychiaterin Maria Montessori, der Namensgeberin der Methode, ursprünglich für Kinder entwickelt und dann fast ein Jahrhundert später vom amerikanischen Neuropsychologen Cameron Camp auf ältere Menschen mit kognitiven Störungen angepasst. Seiner Meinung nach ist bei Menschen mit Alzheimer oder einer anderen Demenzform zwar das deklarative Gedächtnis beeinträchtigt, das prozedurale Gedächtnis funktioniert jedoch unabhängig davon, ob die Demenzsymptome mittelschwer oder fortgeschritten sind. Die Montessori-Pädagogik zielt darauf ab, dass die Betroffenen die Aufgaben des täglichen Lebens ihren Möglichkeiten entsprechend selbst bewältigen können, wodurch ihr Selbstwertgefühl, ihre Entscheidungsfreiheit und ihre Autonomie gefördert werden. Auf der Website des Alters- und Pflegeheimes Petit Chézard heisst es: «Dieser wertschätzende Ansatz, der die Lebensgeschichte der älteren Menschen, ihre Errungenschaften, Wünsche und heutigen Möglichkeiten ins Zentrum stellt, zielt darauf ab, beim ‹selber tun› zu helfen.» Die Teammitglieder fungieren als Mittlerinnen und Mittler und ermutigen die Bewohnerinnen und Bewohner dazu, die Aufgaben des täglichen Lebens ihren Möglichkeiten entsprechend zu erfüllen. Die Menschen behalten dadurch die Kontrolle über ihr Leben, die Beteiligung an Aufgaben für die Gemeinschaft verleiht ihnen eine soziale Rolle und ein Gefühl der Nützlichkeit.
Die «Wahl» ist beim Montessori-Ansatz von zentraler Bedeutung. Annaëlle Jeanneret ist überzeugt, dass Menschen immer eine Wahl haben sollen, das heisst die Freiheit, zuzustimmen oder abzulehnen. Die Bewohnerinnen und Bewohner helfen meist gerne mit, sei es beim Kehren, Tischdecken oder Abräumen des Frühstücks. Oder man trifft sich, um gemeinsam eine Geschichte zu einem Bild zu erfinden. Am Ende einer Aktivität bedankt sich das Team bei den Beteiligten für ihren Beitrag, fragt sie, ob ihnen die Aktivität gefallen hat und ob sie Lust hätten, sie ein anderes Mal zu wiederholen.
Genauso wie die Validation® ermöglicht es der Montessori-Ansatz, Spannungen und Stress abzubauen. Auch dieser Ansatz ist ein Schlüssel dazu, die verhaltensbezogenen Symptome besser zu verstehen und dadurch die Medikation zu reduzieren.