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Am Montag will der amerikanische Tennisverband USTA entscheiden, ob und in welcher Form das US Open in New York stattfinden soll. In einer hitzigen Videokonferenz mit über 400 ATP-Spielern wurde am Mittwoch darüber fast vier Stunden lang diskutiert.
Stillschweigen wurde zwar vereinbart, bei über 400 Teilnehmern erschien aber klar, dass durchsickern würde, was besprochen worden ist. Klar ist auch nach dem Video-Meeting, dass nichts klar ist. Viele fragen sich, ob es richtig ist, bereits wieder loszulegen - zumal noch in einem Coronavirus-Hotspot wie New York.
Vorgestellt wurden den Akteuren drei Möglichkeiten:
Zu verdienen gäbe es für die Spieler (Männer und Frauen) mit der Kombination Cincinnati/US Open 30 Millionen Dollar, obwohl die Turniere wegen der fehlenden Zuschauer auf mehr als die Hälfte ihrer Einnahmen verzichten müssten. Diese 30 Millionen Preisgeld wären nur 5 Prozent weniger als 2019 und mehr als die Ausschüttung von 2018. Ohne Cincinnati würde das Preisgeld auf 26 Millionen Dollar reduziert.
Die USTA würde weitere 2 Mio. Dollar Kompensation für jene Spieler bereitstellen, die wegen der kleineren Tableaus nicht teilnehmen könnten.
Die Bedingungen für die Spieler wären allerdings ungewöhnlich. Die Spieler würden in einem brandneuen Hotel nahe des JFK-Flughafens abgesondert. Jeder Teilnehmer dürfte bloss einen Begleiter mitnehmen, primär wegen der Hotelkapazität. Diese Einschränkung könnte fallen, wenn sich zwei Betreuer ein Zimmer teilen. Auch würden die Organisatoren auf dem riesigen Turniergelände den Spielern das Leben trotz Abschottung so angenehm wie möglich machen.
Mit diesen Richtlinien sind nicht alle Spieler einverstanden. Prominentester Kritiker ist Novak Djokovic. Der Serbe ist vor allem mit der Massnahme der reduzierten Entourage nicht glücklich: «Das ist wirklich unmöglich. Ich meine, man braucht einen Trainer, dann einen Fitnesstrainer und einen Physiotherapeuten», sagte er gegenüber einem serbischen TV-Sender.
Djokovic spiele deshalb mit dem Gedanken, gar nicht erst nach New York zu reisen, sondern die Saison erst fortzusetzen, falls auch in Europa wieder gespielt wird. Das wäre für die US-Open schon der zweite herbe Verlust, nachdem Roger Federer bereits gestern angekündigt hat, diese Saison verletzungsbedingt zu beenden. Auch Roberto Bautista Agut und Nick Kyrgios äusserten sich skeptisch
Im Fokus der Spieler standen bei der Videokonferenz aber andere Fragen: Zur Diskussion steht, dass nur auf zwei statt drei Gewinnsätze gespielt werden soll. Stacey Allaster, die neue Turnierdirektorin des US Open, erklärte dazu, dass das US Open das gewohnte Best-of-5-Format bevorzugt. Weil es nicht sinnvoll ist, nach der langen Pause gleich mit Marathonpartien zu starten, möchte die USTA mit dem Vorbereitungsturnier (Cincinnati) beginnen.
Die meisten Wortmeldungen während der Videokonferenz gab es von Akteuren von ausserhalb der Top 100, die um ihre Teilnahme (und Einkommensmöglichkeit) bangen. Und viele Spieler wünschten, dass erst im neuen Jahr oder sogar erst ab März 2021 (zu dem Zeitpunkt, an welchem die Tour in diesem Jahr gestoppt worden ist) wieder Weltranglistenpunkte vergeben werden. Diese Möglichkeit blockte das US Open indes vehement ab – denn ohne Weltranglistenpunkte würden Topspieler dem Turnier fernbleiben. Novak Djokovic und Rafael Nadal tönten die Möglichkeit eines Verzichts bereits an.
Am Ende des Meetings waren primär jene Akteure frustriert, die auf Preisgelder am meisten angewiesen sind – jene Fraktion, die schon in normalen Zeiten im Tennis nicht gut verdient und seit drei Monaten über kein Einkommen mehr verfügt. Die ATP Tour möchte in dieser Saison über Turniere noch 75 bis 80 Millionen Preisgeld ausschütten. Aber bislang bemühen sich primär die grossen Events (US Open, French Open, Cincinnati, Rom) um den Neustart, derweil die kleineren Turniere beim Durchrechnen schnell einmal feststellen, dass sie weniger Geld verlieren, wenn sie ihr Turnier absagen oder aussetzen.
Dadurch entsteht Chancen-Ungleichheit. Wenn die Top 100 an grossen Turnieren Weltranglistenpunkte sammeln können, derweil es für die weniger gut klassierten Akteure keine Spielgelegenheiten gibt, wird das Loch zwischen den Topspielern und deren Verfolgern derart gross, dass es auch später unter normalem Spielbetrieb nicht schnell gefüllt werden kann.
Der Association of Tennis Professionals (ATP) und der WTA, die am Meeting vom Mittwoch weder vertreten war noch erwähnt wurde, sind aber die Hände gebunden. Der Entscheid, ob das US Open (ab 31. August) und später das French Open (ab 20. September) stattfinden, fällen primär die Organisatoren. Die Grand-Slam-Turniere stehen nicht unter der Schirmherrschaft von ATP oder WTA. Und die Möglichkeit, innerhalb von fünf Wochen um mehr als 50 Millionen Dollar Preisgeld zu spielen und den Tennissport wieder in Betrieb zu nehmen, erscheint trotz aller Einschränkungen für viele Akteure immer noch äusserst lukrativ. (abu/sda)