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1902-1998
Hans Weil
Mittler zwischen Skandinavien und dem übrigen Europa
Die Septemberausgabe 1954 des Kreis trug den Untertitel "Die Homoerotik in Skandinavien" und war die erste Sondernummer der Zeitschrift, die sich dem nordeuropäischen Kulturkreis widmete. Karl Meier / Rolf betonte in seinen einleitenden Worten an die Leser:
"Diese wesentlich erweiterte Nummer unserer Zeitschrift soll zum ersten Mal ein Bild unserer rechtlichen Lage und ein Zeugnis des künstlerischen Schaffens in den nordischen Ländern geben."1
Er dankte bei der Gelegenheit allen "nordischen Kameraden, die in so selbstloser Weise geholfen haben, dass diese aufschlussreiche Nummer unserer Zeitschrift zustande gekommen ist", unterliess es aber, ihre Namen gesondert zu nennen.2 Heute ist bekannt, dass einer, der ganz maßgeblich am Zustandekommen der Skandinavien-Ausgabe des Kreis beteiligt war, der gebürtige Deutsche jüdischer Herkunft Hans Weil war.
Hans Hermann Weil wurde am 11. Juni 1902 in Frankfurt am Main in eine wohlhabende jüdische Familie geboren.3 Sein Vater Theodor Weil (1870-?) war Doktor der Philosophie und besass eine elektrotechnische Fabrik. Die Mutter Betty Weil (1879-1902) war die Tochter eines Lederfabrikanten; sie verstarb jedoch schon wenige Tage nach der Geburt ihres Sohnes. In der Folge wuchs Hans Weil bei seinem bereits verwitweten Grossvater mütterlicherseits und dessen Haushälterin auf. Insbesondere zu seiner Pflegemutter Hermine Ehrhardt (um 1864-1949) entwickelte er eine innige Beziehung. Als Theodor Weil 1905 erneut heiratete und nun seinen dreijährigen Sohn zu sich nahm, sei das, so Hans Weil später, "die Hölle" für ihn geworden.
Hans Weil besuchte die Musterschule in Frankfurt und studierte nach der Reifeprüfung zunächst Physik in Heidelberg, dann Elektrotechnik in Darmstadt. Doch wechselte er schon 1924 an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, um hier Philosophie zu studieren. Er selbst verstand sein Studium als "Kulturorientierung", und offenbar hat er keines seiner wechselnden Studienfächer je abgeschlossen. Seine grosse Liebe galt bereits in Darmstadt der Kunst und hier insbesondere der Skulptur. 1926 zog Hans Weil nach Paris, wo er unter anderem Schüler der Kunsthochschule Académie Julian wurde. Er lernte in dieser Zeit Literaten und Künstler wie André Gide, Georges Bataille und Pablo Picasso kennen.
Im Frühjahr 1932 reiste Hans Weil erstmals in Schweden ein. Anschliessend absolvierte er einen zweimonatigen Studienaufenthalt in Russland, von dem er um die Jahreswende 1932/33 nach Frankfurt zurückkehrte, um seinen Vater und seine Pflegemutter zu besuchen. Von den politischen Ereignissen in Deutschland aufgeschreckt entschied er sich, das Land endgültig zu verlassen und sich entweder in Schweden oder in Frankreich niederzulassen. Die Wahl fiel schliesslich auf Schweden. In Stockholm sah Hans Weil ein, dass er ein praktisches Handwerk erlernen müsse und trat in eine Glasfirma ein. Hier erlernte er die Sandstrahltechnik, erhielt jedoch aufgrund der strengen schwedischen Einwanderungsbestimmungen seiner Zeit bis 1946 keine Arbeitserlaubnis im Land. Erst am 21. November 1947 wurde er schwedischer Staatsangehöriger.4
Hans Weil war ein extrovertierter Mensch, der schnell Freunde fand und mehrere Sprachen beherrschte.5 Neben Deutsch, Französisch und Schwedisch sprach er Dänisch, Spanisch, Englisch, Italienisch und Russisch. Er betätigte sich als Bildhauer, Maler, Schriftsteller und Vortragsredner. Nachhaltige Aufmerksamkeit erlangte er durch seine Arbeiten mit optischen Feinstrukturen, die ihn zu einem Pionier der Holographie machten.6 In den 1930er Jahren erwarb er eine Reihe von Patenten, unter anderem für die "Verbesserung von Reklameschildern und ähnlichen Zwecken" (1934), den "Teleplan" (1935) und die "Vorrichtung zur plastischen Projektion" (1937).
Erste Kontakte zur Homosexuellenbewegung seiner Zeit hatte Hans Weil bereits um 1924 in Berlin aufgenommen. Er wurde Mitglied in der von Adolf Brand (1874-1945) geleiteten Gemeinschaft der Eigenen, und als sich nach 1948 erste Gruppen für "Homophile" in Skandinavien gründeten, beteiligte sich Hans Weil an ihrem Aufbau. Er wurde Mitglied des dänischen Verbands von 1948 (Forbundet af 1948), des schwedischen Reichsverbands für sexuelle Gleichberechtigung (Riksförbundet För Sexuellt Likaberättigande) und der International Homosexual World Organisation, besuchte in der Nachkriegszeit aber auch das Clublokal des Vereins für humanitäre Lebensgestaltung, wenn er in seiner früheren Heimatstadt Frankfurt war. 1952 wurde Hans Weil zum Vizepräsidenten des International Committee for Sexual Equality in Amsterdam gewählt; aber vom Wirken der sich um eine Internationalisierung der Homosexuellenbewegung bemühenden Verbände war er bald enttäuscht und zog sich zurück. Angesichts interner Streitigkeiten sei selbst eine skandinavische Zusammenarbeit des schwedischen, dänischen und norwegischen Verbandes eine Illusion, erkannte er. Als Hans Weil die Vorsitzenden der skandinavischen Nachbarländer Anfang 1954 näher kennen lernte, schrieb er in einem Brief an Floris van Mechelen (Henri Methorst, 1909-2007), den niederländischen Präsidenten des International Committee for Sexual Equality:
"Wieder musste ich […] erkennen, dass solchen Menschen, die […] seit Jahren ihre Zeit und Kraft unserer Sache zur Verfügung stellen, die jüngste Vergangenheit, die Leistungen der zwei unmittelbar vorangegangenen Generationen, völlig unbekannt bleiben konnte, als sei, was von 1900-1930 geschah, altägyptischer Staub und Moder. Das ist umso bedauerlicher, als auf die damaligen Arbeitsgruppen nicht nur die Verwirrung und Sentimentalität, sondern auch die intuitive Kraft und erfinderische Spontanität dieser eigenartigen Jahre eine erhebliche Wirkung ausübte, und wir vor allem aus den damaligen Kämpfen mit ihrer vielfach fast analogen Konstellation so viel lernen können. Hier im Norden stelle ich fest, dass das Organisatorische das Ideemässige zu ersticken droht, man fasst es - berechtigterweise - als Vorbedingung für die ideelle Arbeit auf, aber merkt allzuwenig, wie die Paragraphenwirtschaft an die Stelle der Ideen zu treten droht."7
Auch die Zusammenarbeit Hans Weils mit Rolf war nicht von Dauer. Nachhaltiges Zeugnis der beiderseitigen Bemühungen war die Septemberausgabe des Kreis von 1954. Das Sonderheft mit dem Untertitel "Die Homoerotik in Skandinavien" entstand unter der Beteiligung des gebürtigen Deutsch-Balten Gert Lantman (Gert Mahler, 1928-2002), des späteren ersten Redaktors der Mitgliederzeitschrift Följeslagaren (Der Gefährte) des schwedischen Reichsverbands für sexuelle Gleichberechtigung, und enthielt unter anderem Gedichte der schwedischen lesbischen "Ikone" Karin Boye (1900-1941) sowie Auszüge aus den Romanen Mikaël (Michael) des Dänen Herman Bang (1857-1912) und Den sparade ynglingen (Der behütete Jüngling) des Schweden Gösta Carlberg (1909-1973). Neben den literarischen Texten brachte die Zeitschrift zwei Essays von Gert Lantman über die skandinavische Gesetzgebung zur Homosexualität und zur schwedischen Sexualreformbewegung unter Elise Ottesen-Jensen (1886-1973), während Axel Lundahl Madsen (1915-2011), der Gründer sowohl des dänischen Verbands von 1948 als auch der International Homosexual World Organisation, einen Beitrag über die Lage der Homosexuellen in Skandinavien beisteuerte.8 Ein längerer Artikel über norwegische Verhältnisse in Sachen Homosexualität erschien anonym und war lediglich mit der Namensangabe des Norwegischen Verbands von 1948 (Det Norske Forbundet av 1948) versehen. Fotos von Skulpturen, Gemälden und jungen Männern aus Skandinavien rundeten das Heft ab.
Nach eigenen Angaben veröffentlichte Hans Weil im Kreis in den Jahren von 1952 bis 1960, doch dürften die meisten seiner Arbeiten - vermutlich eigene Gedichte, aber auch Übersetzungen - anonym erschienen sein. Eine detaillierte Bibliographie zu Weil liegt jedenfalls noch nicht vor. Auch ist wenig über den Kontakt zwischen Rolf und Weil in dem betreffenden Zeitraum bekannt. Einige Monate nach Erscheinen der Skandinavien-Ausgabe des Kreis fragte Rolf etwas irritiert in einem Brief:
"Was ist bloss mit Euch in Skandinavien los? Man hört und sieht nichts mehr von Euch! Habe ich Euch in irgendeiner Weise beleidigt? […] Das Skandinavienheft, das ich recht anständig fand, ist leider ohne Widerhall, d.h. ohne weitere Abonnementsbestellungen aus dem Norden geblieben. Schade. - Dafür interessiert sich immer mehr das englisch sprechende Ausland, vor allem USA."9
Über die anschliessenden Jahre im Leben Hans Weils liegen nur bruchstückhafte Angaben vor. Mitte der 1990er Jahre lernte er den Berliner Historiker und Aktivisten Manfred Herzer kennen und besuchte das Schwule Museum in der Stadt. Im Vorfeld der grossen Ausstellung "100 Jahre Schwulenbewegung", die im Sommer 1997 im Namen des Schwulen Museums und der Akademie der Künste in Berlin ausgerichtet wurde10, suchte der Autor dieses Beitrags Hans Weil im schwedischen Malmö auf. Weil lebte da schon recht zurückgezogen und wohl unter eher prekären Verhältnissen in einer kleinen, überfüllten Wohnung unweit des historischen Stadtzentrums. Er liebte es nach wie vor zu flirten, aber das geplante Interview gestaltete sich als etwas schwierig. Im Gespräch über sein Leben war Weil so ausholend, dass seine Lebensgeschichte im Rahmen der Ausstellung "100 Jahre Schwulenbewegung" nicht dokumentiert werden konnte. Anderthalb Jahre später, am 13. November 1998, starb Hans Weil in seiner Wohnung in Malmö an Herzversagen. Er hatte testamentarisch verfügt, dass er anonym beigesetzt werde, da er sich keiner Religion verbunden fühlte.11
Raimund Wolfert, Januar 2018
Quellenverweise
- 1
Rolf: An unsere Kameraden in Skandinavien, in: Der Kreis 22/9 (1954), innere Umschlagseite.
- 2
Ebd.
- 3
Die vorliegenden Angaben zum Lebensweg Hans Weils stützen sich im Wesentlichen auf Dokumente im Nachlass Hans Weils, der heute im Deutschen Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main verwahrt wird. Der Nachlass trägt die Signatur 2009/45 (Nachlassnummer 0251), ist aber im Detail noch nicht erschlossen, sondern liegt in der ursprünglichen Ordnung vor, wie ihn das Deutsche Exilarchiv erhalten hat. Deshalb wird im Folgenden auch auf die meisten Einzelnachweise verzichtet. Siehe im Übrigen auch die Angaben zu Hans Weil in: Bernd-Ulrich Hergemöller (Hrsg.): Mann für Mann - Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum. Münster: Lit-Verlag Münster 2010, 1239-1241.
- 4
Zu Hans Weils engen Freunden in Schweden Ende der 1930er Jahre gehörte der homosexuelle deutsche Flüchtling Gerhard Lascheit aus Königsberg, der 1940 von Schweden an das Deutsche Reich ausgeliefert und 1942 im Konzentrationslager Gross-Rosen ermordet wurde. Siehe Raimund Wolfert: Kein politischer Flüchtling im eigentlichen Sinn? Gerhard Lascheit (1913-1942) in Schweden. Lambda-Nachrichten 37/159 (2015), 42-45.
- 5
Befreundet war Hans Weil unter anderem mit dem deutsch-amerikanischen Ethnologen Paul Leser (1899-1985), der, wie er selbst, einer wohlhabenden jüdischen Frankfurter Familie entstammte.
- 6
Siehe Florian Haas: Hans Weil - Ein Pionier der Holographie. Finger - Newsletter für aktuelle Kulturphänomene 4 (1999), 6ff.
- 7
Deutsches Exilarchiv 1933-1945, Nachlass Hans Weil (NL 0251): HW 9.16 (Brief von Hans Weil an "Floris van Mechelen", 28.3.1954).
- 8
Zu Axel Lundahl Madsen und seinem Engagement für die dänische wie europäische Homosexuellenbewegung von Ende der 1940er bis in die 1990er Jahre siehe Raimund Wolfert: "Gegen Einsamkeit und 'Einsiedelei'" - Die Geschichte der Internationalen Homophilen Welt-Organisation. Männerschwarm Verlag, Hamburg 2009. Axel Lundahl Madsen und Eigil Eskildsen (1922-1995), die schon in den 1950er Jahren den gemeinsamen Namen Axgil angenommen hatten, waren 1989 das weltweit erste schwule Paar, das seine Partnerschaft staatlich registrieren liess.
- 9
Deutsches Exilarchiv 1933-1945, Nachlass Hans Weil (NL 0251): HW 9.16 (Brief von Rolf an Hans Weil, 27.5.1955).
- 10
Zu dieser Ausstellung siehe den opulenten Katalog: Schwules Museum und Akademie der Künste (Hrsg.): Goodbye to Berlin? 100 Jahre Schwulenbewegung. Katalog zur Ausstellung des Schwulen Museums und der Akademie der Künste vom 17.5.-17.8.1997. Verlag rosa Winkel, Berlin 1997.
- 11
Ein Nachruf von Pierre Guillet de Monthoux und Otto von Krusenstierna findet sich in Svenska Dagbladet, 4.12.1998.