Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03181.jsonl.gz/2577

Am 22. März feierte das Schweizer Parlaments-Gebäude seinen 100. Geburtstag. In der Architektur widerspiegelt sich die Schweiz an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert.
Die 1874 beschlossene Totalrevision der Bundesverfassung übertrug dem Bund weit grössere Kompetenzen als bis anhin. Ohne grösseren Verwaltungs-Apparat war dies nicht zu bewerkstelligen. Man brauchte Platz. Das Bundes-Rathaus, das heutige Bundeshaus West, platzte aus allen Nähten: In ihm waren sowohl Bundesrat als auch Parlament und Verwaltung untergebracht.
1892 wurde gegenüber ein neues Verwaltungs-Gebäude errichtet - das Bundeshaus Ost. Zwei Jahre später stimmten sowohl National- als auch Ständerat mit deutlichem Mehr dem Bau eines neuen Parlaments-Gebäudes zu. Es entstand zwischen 1894 und 1902 - als Bindeglied zwischen Bundeshaus Ost und Bundeshaus West. Kostenpunkt: Rund 7,2 Mio. Franken. Ein Grossprojekt für die damals arme Schweiz.
Symbolisierte Gewaltentrennung
Während der Bundesrat im alten Bundeshaus West verblieb, tagte das Parlament fortan - von der Exekutive getrennt - im Mitteltrakt unter der Bundeshaus-Kuppel. Die ins Bundeshaus Ost verlegte Verwaltung war sowohl von Bundesrat als auch Parlament separiert. "Die 1902 verwirklichte architektonische Dreiteilung des Bundeshauses entsprach der republikanischen Idee der Gewaltentrennung: Unabhängigkeit von Exekutive, Legislative und Verwaltung", sagt Urs Staub, Chef der Sektion Kunst und Design im Bundesamt für Kultur, gegenüber swissinfo.
Die Schweiz feiert am Freitag den 100. Geburtstag des Parlaments-Gebäudes mit einem offiziellen Festakt im Nationalratssaal. Zudem sind eine Jubiläums-Briefmarke und ein im Bundeshaus spielender Krimi in Comic-Form auf dem Markt. Für den Sommer ist eine Ausstellung zur Architektur des Parlaments-Gebäudes geplant.
Arbeitsplatz oder Geschichtsstätte?
Für die derzeitigen eidgenössischen Räte ist das Parlaments-Gebäude in erster Linie ein Arbeitsplatz. Man scheint sich aber der Symbolhaftigkeit des Gebäudes durchaus bewusst zu sein. So sagt etwa der Walliser CVP-Nationalrat Maurice Chevrier, er habe beim erstmaligen Betreten des Parlaments-Gebäudes "eine ungeheure Last auf den Schultern gespürt", da der Bau "die Werte dieses Landes repräsentiert".
Andere Volksvertreter wie der Tessiner Lega-Nationalrat Flavio Maspoli sind von der Geschichtsträchtigkeit des Gebäudes fasziniert. Im selben Saal zu politisieren, in dem schon Bundräte wie Rudolf Minger oder Nello Celio sprachen, hinterlasse eben "Spuren", sagt Maspoli gegenüber swissinfo.
In Stein gehauener Föderalismus
Beim Bau des Parlaments-Gebäudes wurden Steine aus der ganzen Schweiz verwendet: Granit aus der Innerschweiz, Sandstein aus der Ostschweiz, Marmor aus dem Tessin und dem Berner Oberland. Bei den verwendeten Gesteinen wurden alle Sprachregionen und Landesteile berücksichtigt. "Damit sollte die Vielheit ausdrückt werden, die in der Einheit des Bundesstaates aufgeht", sagt Urs Staub vom Bundesamt für Kultur. Und: "Mit dem Parlaments-Gebäude wollte man ein National-Denkmal bauen." Die Bundeshaus-Kuppel als Identitäts-Stiftung in der Willensnation Schweiz.
Rückwärtsgewandter Baustil
Das Gebäude ist im so genannten eklektizistisch-historistischen Stil erbaut. Will heissen: Es mutete auch in der damaligen Zeit eher altertümlich an. Zu jener Zeit nahm nämlich in Weimar gerade das Bauhaus seine Tätigkeit auf, und in Wien entstanden die ersten Jugendstil-Bauten. Demgegenüber war das Parlaments-Gebäude in Bern absolut rückwärts gewandt.
"Mit dem grossen Parlaments-Gebäude wollte man nach aussen sichtbar den bürgerlich-liberalen Bundesstaat darstellen", sagt Staub. "Interessanterweise existierte damals die Schweiz schon längst nicht mehr in der Form von 1848." Zwar hatten um 1900 wie zu Gründerzeiten noch immer liberal-freisinnige Politiker das Sagen. Im Zuge der Industrialisierung war aber die oppositionelle Sozialdemokratie erstarkt. Und auch die im Sonderbundskrieg unterlegenen Katholiken hatten den Weg in die Regierung geschafft. Das Parlaments-Gebäude als Aufbäumen einer an Einfluss verlierenden Elite.
Parlaments-Gebäude im Expo-Stil?
Mit Sicherheit sähe das Parlaments-Gebäude anders aus, würde es heute errichtet. Ähnlich wie um 1900 schlüge sich wohl der aktuelle Zeitgeist in der Architektur nieder, ist Staub überzeugt: "Heute würde man wohl zum Dekonstruktivismus greifen - vielleicht zum Stil der Expo.02-Arteplages."
Felix Münger und Olivier Pauchard