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Der Ho Chi Minh Trail (Đường mòn Hồ Chí Minh). Ein Pfad der Erinnerungen für vietnamesische Grossväter, für mich ein Schlupfwinkel von rücksichtslosen Lastwagenfahrer und anderen Risiken des Highway 1. Einige Denkmäler und die alten Militärhelme auf den Farmersköpfen deuten heute noch auf die stockfinstere Vergangenheit der Nord-Süd Passage. Durch den Pfad schleuste die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams (der Vietkong) täglich mehrere hundert Tonnen Material, um ihren Truppen Nachschub zu garantieren. Aufgrund zunehmender Luftangriffe durch US-Kampfflugzeuge liess Ho Chi Minh sein Gefolge durch Laos und Kambodscha marschieren. Die beiden Nachbarländer verhielten sich dem Vietnam-Krieg (Amerika-Krieg, je nach Sichtweise) gegenüber neutral. Das hinderte die USA nicht daran, in Laos knapp zweieinhalb Millionen Tonnen Bomben zu säen – Der „geheime Krieg Amerikas“.
Ich breche die knapp zwölf Fahrstunden in zwei Tage und folge dem legendären Pfad nördlich. Rauf und wieder runter. Wieder Rauf und wieder runter, entlang invasiver Gewächse, welche die weniger ambitiösen Gewächse überwuchern. Hin und wieder konkurrenzieren Kaffeesträucher mit Teeplantagen und Ochsenkarren mit Mähdreschern. „..ello!!!“ – Abgehackte Kinderlaute schallen nach – Eine Strasse, die kontinuierlich das Reisegemüt verhätschelt. Sie kurvt durch Orte, in welchen alles Fremde schnurstracks wahrgenommen und willkommen geheissen wird.
Je näher ich Phong Nha komme, desto karstiger wird die Umgebung. Das hat sich in der Höhlenforscher-Szene schon längst rumgesprochen. Bereits Jahrzehnte zuvor kamen neugierige Speläologen aus England nach Phong Nha um sich von dort aus umzusehen (und um später Reiseagenturen zu gründen). Sie erforschten mehrere hundert Höhlen, endlose Gänge mit Stalaktiten und Stalagmiten sowie unterirdische Wasserfälle. Und dann… Bonanza! 2009 publizierte National Geographic erste Einblicke der Sơn Đoòng Höhle, welche erstmals durch den vietnamesichen Bauer Ho Khanh erspäht wurde. Prädikat „Grösste Höhle der Welt“. Nach und nach werden neue Löcher erschlossen und dem Fussvolk zugänglich gemacht. Das Erkundungsangebot lässt sich sehen. Ich buche eine zweitägige Expedition zum Höhlensystem Hang Thien. Keine Riesennummer, dafür seltener besucht. Die Regenzeit hat Zentralvietnam erreicht, somit steigt das Risiko einen Möchtegern-Erkunder an flutende Flüsse zu verlieren täglich. Ich schnappe mir den letzten Platz am letzten Tag der Saison. Die britische Agentur, welche die Konzession für das Gros der Höhlen innehat, lässt sich ihre Touren stattlich bezahlen. Ein Dorn im Auge der Vietnamesen, denn kaum jemand kann sich die Expeditionen leisten. Das Monopol hat jedoch einen positiven Aspekt; Die Natur wird behütet. Keine Leute mit Essen im Gesicht schleichen vom Busparkplatz zum Höhleneingang, nicht ein einziges Disco-Licht strahlt die Stalagmiten an, keine Geländer unterstützen das Vorwärtskommen. Im Gegenteil! Es ist wild, dreckig, nass, dunkel. Kletterpassagen, Rutschige Dschungelwege und ins Auge klatschende Farmblätter warten nur darauf, sich den Abenteuerlustigen anzunehmen. Ich kämpfe mich gerade mit geliehenen Gummischlarpen über messerscharfes Karstgestein und erinnere ich mich an den Kurzaufenthalt in Chinas Guilin. Das Pendant zu Phong Nha auf der anderen Seite der Grenze, wo sich Naturzauber und Mystik schon lange dem Massentourismus ergeben hat. Phong Nha schliesst nur langsam auf. Das zeigt folgende Situation; Ein Tag nach der Expedition fegt ein heftiger Sturm durch das Städtlein – Der Strom fällt für zwei Tage aus. Bei einer ähnlichen Wettersituation vor fünf Jahren, hielt der Elektrizitätunterbruch zwei Monate.
Zurück auf dem Ho Chi Minh Trail. Immerhin für eine Stunde, denn die Strasse ist an einer Stelle so übel geflutet, dass ich einen zweistündigen Umweg fahren muss um die rund 20 tückischen Meter zu umgehen. Von weitem erkenne ich einige Backpackers, die auf ihren Hondas den Highway 1 nach Vinh hinaufbrausen. Ich verstehe immer noch nicht, wieso sich so viele in Vietnam ein Motorrad kaufen um damit die Autobahnen und Grosstädte zu erforschen. Neil, mein vietnamesischer Freund aus Phu Quoc, hat mich damit beauftragt in Tan Ky vorbeizuschauen und seine Eltern zu grüssen. Ich habe einen Familiennamen und einen Ort.
Zur Dämmerung erreiche ich die Provinzstadt, werfe mein Hab und Gut in ein lausiges Hotelzimmer und gehe streunen. Tuan winkt mich zu sich, weiterlaufen wird nicht toleriert. Tagsüber wirbelt er mit Hemd und Krawatte für die Sacombank, nachts trinkt er sich halbnackt durch die chaotische Verkaufsbude seiner Mutter. Mit sanftem Nachdruck wird mir das ganze Biersortiment offeriert. Vietnamesen sehen Wetttrinken mit Fremden als soziales Ritual. Dabei scheint der grösste Triumph, wenn sich der Gast wankend verabschiedet. Sporadisch schauen Eltern vorbei um Mondkuchen für ihre Kleinen zu kaufen. Eine Pflichtaktion am Tết Trung Thu, Vietnams Kinderfest. Gegenüber verscherbelt ein Händler Masken und blinkendes Kitschspielzeug. Mit schreienden Kindern vollgeladene Laster rollen vorbei. Ich schaffe es gerade noch, mich anständig von meinem Gönner zu verabschieden, bevor mich zwei Mütter auf einen Trucks zerren. Mein Zuständigkeitsbereich ist schnell geklärt; ich bin für fliegende Handküsse sowie den Refrain der Ho Chi Minh Loblieder verantwortlich. Grossfamilien auf Rollern kreischen vor Vergnügen – Sowas gabs wohl noch nie in Tan Ky. Mein vietnamesischer Patriotismus wird unterstützt durch den drehenden Propaganda-Banner hinter mir, er illustriert marschierende Soldaten auf dem Weg in den Süden. Nach einigen Runden um den Dorfkern, hunderten Selfies und einer weiteren Lehrstunde in punkto Güte, werde ich vor meinem Unterschlupf abgeladen. Mit einem Lächeln hechte ich mich auf mein Kissen.
Neils Familie wohnt ungefähr einen Kilometer ausserhalb von Tan Ky. Es gibt nur vier mögliche Richtungen, ich erwische auf Anhieb die Richtige. Man kennt sich in der Gegend, somit ist den Selbstversorgern ein Bild des Jünglings Indiz genug um mich zum entsprechenden Haus zu lotsen. Ich werde bereits erwartet. Eine herbe Enttäuschung macht sich breit, denn ich trinke weder 20 Bier mit Vater, noch bleibe ich für die Nacht. Die Einladung zum Mittagessen annehmen – Ehrensache. Das Huhn scheint das drohende Unheil zu wittern und sprintet davon. Chancenlos. Während ich das Hackebeil fallen höre, tausche ich einige Brocken Englisch mit Neils kleinem Bruder. Da ich heute noch Ninh Binh erreichen will, verabschiede ich mich wenig später und düse los. Ein ungewöhnliches Rattern begleitet mich seit einiger Zeit. Man kennt die Geräusche seines Motorrads. Dieses ist mir neu. Der Präventivbesuch in einer Werkstatt verheisst nichts Gutes. Genauere Untersuchungen seien nötig, aber bis Ninh Binh sollte es auf jeden Fall reichen. Ich ahne; es wird nicht reichen. Es reicht nicht einmal für weitere 100 Kilometer. Tja, das Los eines Besitzers chinesischen Kopieschrotts. Während andere von Frauen abgeschleppt werden, werde ich wiedermal von einem Mechaniker abgeschleppt. Mit Thanh finde ich immerhin einen, der sein Handwerk versteht. Jeder Griff sitzt, filigran benutzt er beide Hände gleichzeitig für verschiedene Arbeitsschritte. Hätte er die Chance gehabt, er wäre wohl Pianist geworden, hätte mit seiner Fingerkunst die Sinfonieorchester der Welt beehrt. Wie so vielen Vietnamesen blieb Thanh jedoch nichts anderes übrig als in die Fussstapfen seines Vaters zu treten. Sein pubertierender Sohn schaut bereits konzentriert zu. Er ahnt, dass er die nächsten zwanzigtausend kaputten Motorräder zusammenflicken wird. Unter dem Schein einer kleinen Bürolampe ackert sich Thanh drei Stunden lang durch Bolzen und Kolben, übergibt mir das Motorrad in perfektem Zustand und nimmt sich dem nächsten Patienten an.
Ninh Binh rückt näher. Heute ist der zweite Vollmondtag und Teil zwei des Tết Trung Thu wird gefeiert. Es ist bereits spät, die Feste gehen jedoch nach wie vor steil. Auf den Gehwegen jeglicher Dörfer wurden kleine Karaoke-Theater aufgebaut, diese kindgerecht geschmückt und mit einem Ho Chi Minh-Fanplakat verziert. Ich will die Szene auf mich wirken lassen und halte an. Das bleibt nicht ohne Reaktion. Jemand spurtet zu mir und reisst meinen Schlüssel aus dem Zündschloss. Unter dem Jubel der Festgemeinschaft werde ich zum Ort des Geschehens geschleift und mit einem Mikrofon ausgerüstet. „You. Sing!“ Unter dem Druck von 25 vorfreudigen Augenpaaren gebe ich mich geschlagen und improvisiere ein frei erfundenes Lied. Kinder jeglichen Alters umzingeln mich, wühlen in meiner Mähne und buhlen um Aufmerksamkeit. Gleichzeitig füllt die Herrenrunde im Minutentakt mein Glas mit Reiswein nach und zwingt mich zur Pfeife. Mir ist schon länger bewusst; sich mit Anlauf die Lunge verbrennen, verbindet Nationen. Ablehnen illegal. Egal ob in Chinas Hinterland, Indiens Kaschmir oder hier und jetzt in einem unscheinbaren vietnamesischen Dorf, ein Nikotin-High ist der Inbegriff nonverbaler Kommunikation. Nachdem mir mehrfach angeboten wird, die etwas reiferen Solo-Ladies auf meinen Trip in den Norden mitzunehmen, entscheide ich mich für den Abschied. Es ist kurz vor Mitternacht, ich komme nicht umhin, die letzte Fahrstunde vor mich hin zu grinsen.