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Die Retrospektive 2017 gilt Jacques Tourneur
Die Retrospektive des 70. Locarno Festivals ist dem französischen Regisseur Jacques Tourneur (1904 – 1977) gewidmet. Damit knüpft das Festival wieder an den Dialog mit dem grossen amerikanischen Kino an, denn die Retrospektive 2017 ist einem Regisseur gewidmet, dessen Talent noch immer nicht gebührend anerkannt ist. Oft wurde er für zweitklassige B-Movies verpflichtet. Dabei stellte sich im nachhinein heraus, dass uns ausgerechnet jene Filme heute nachhaltiger, visionärer und aktueller als ihre „grossen Brüder“ vorkommen. In seinen Werken verstand es Tourneur, die dem Genre eigene kraftvolle Erzählkunst in eine meisterhafte visuelle Poesie zu hüllen, die er vielleicht gerade durch die Verschmelzung seiner europäischen und amerikanischen Kultur erreichte.
Die Retrospektive wird im historischen Kino Locarnos gezeigt, das für die 70. Ausgabe des Festivals vollständig restauriert, herausgeputzt und auf den Namen GranRex getauft wurde.
Jacques Tourneur kam 1904 in Paris zur Welt. Sein Vater war der Regisseur Maurice Tourneur, ein Pionier des französischen Films. Nach den ersten Dreherfahrungen in Frankreich wanderte Maurice kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs mit der Familie in die Vereinigten Staaten aus. Dort wurde er zu einer gestandenen Grösse und feierte grosse Publikumserfolge. 1928 kehrte er nach Frankreich zurück, wo drei Jahre später sein Sohn Jacques mit Tout ça ne vaut pas l’amour seinen Debutfilm realisierte. Nach weiteren drei Filmen in Frankreich beschloss Jacques, in die USA zurück zu kehren. Die Begegnung mit dem Produzenten Val Lewton bei RKO führte zu einem der konstruktivsten Zweigespanne der Filmgeschichte: Gemeinsam arbeiteten sie an einigen faszinierenden aber auch unheimlichen Streifen, die noch heute zu den Meilensteinen der Kinogeschichte gehören: Cat People (1942), The Leopard Man (1943), I Walked with a Zombie (1943).
Doch das Werk Tourneurs kann nicht auf diese zu recht bekanntesten Titel reduziert werden. Als er in den 60er Jahren wiederentdeckt wurde, kam ein Filmemacher zum Vorschein, der sich als Universalgenie entpuppte, der sich leichtfüssig in den unterschiedlichsten Genres bewegen konnte: vom Krimi (Nick Carter, Master Detective) über den Western (Canyon Passage, Great Day in the Morning) zu Mantel-und-Degen-Komödien (Anne of the Indies, The Flame and the Arrow) oder Kriegs- und Spionageepen bis zum Noir (Nightfall, Out of the Past), dem Melodrama (Experiment Perilous, Easy Living) oder zu Abenteuerfilmen (Appointment in Honduras, The City Under the Sea).
Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter des Locarno Festivals: „Der Name Tourneur ist den meisten Kinofans ein Begriff, und einige seiner Filme sind untrennbar mit der faszinierenden Nachkriegszeit in Amerika verbunden. Das gilt aber nicht für sein Gesamtwerk, obwohl es von hoher Qualität ist. Diese Retrospektive, die in Zusammenarbeit mit wichtigen und namhaften Institutionen, denen ich an dieser Stelle meinen Dank ausspreche, entstanden ist, soll eine Gelegenheit sein, um den neuen Generationen die Kraft eines Regisseurs aufzuzeigen, der ein Kino mitgestaltet hat, das seine Ausdruckskraft weniger in Worten als vielmehr in Bildern, in Einstellungen, in der Bewegung von Maschinen, dem Einsatz von Licht, Ton und Farben fand. Tourneur gilt als der Meister des Phantasy und versuchte stets, über das Sichtbare hinaus jene tiefen Gefühle auszudrücken, die unter die Haut gehen, und die Oberfläche der Dinge zu durchbrechen. Deshalb haben seine Filme die Zeiten überdauert und so viele Regisseure inspiriert.“
Die Retrospektive unter der Leitung von Roberto Tuigliatto und Rinaldo Censi konnte dank der wertvollen Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse und der Cinémathèque française realisiert werden. Darüber hinaus hat der französische Verlag Capricci eine Publikation auf Englisch und Französisch vorbereitet.
Für Frédéric Maire, Direktor der Cinémathèque suisse: “Tourneur gehört zu den grossen Meistern, die nie wirklich aus dem Schatten getreten sind. Es ist, als ob sich dieses nächtliche, geheimnisvolle und suggestive Genie zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten verdunkeln wollte. Diese Retrospektive ist ein Glücksfall, denn nun wird er endlich ins Licht gerückt.“
Frédéric Bonnaud, Direktor der Cinémathèque française: „Die Retrospektive zu Werken von Jacques Tourneur steht am dem 30. August auf dem Programm der Cinémathèque française. Sie nimmt alle seine Kinofilme und einen grossen Teil seiner Kurzfilme wieder auf, sowie Fernsehproduktionen des Autors von Cat People. Dazu wird es Konferenzen geben, und einige der Filme werden ausführlicher vorgestellt. Auf diese Weise soll der Mann, der die Kunst der Suggestion und der unsichtbaren Kontrolle zu einem hohen Grad von Perfektion geführt hat, besser bekannt gemacht werden.“
Am Projekt beteiligen sich weitere namhafte Institutionen aus dem In- und Ausland, die es möglich machen, dass die Retrospektive über Jacques Tourneur bis 2018 auf Tournee gehen wird. In der Schweiz wurde sie bereits von der Cinémathèque suisse in Lausanne gebucht, vom Filmpodium Zürich, vom Kino REX in Bern sowie den Genfer Cinémas du Grütli. In Frankreich wird sie in der Cinémathèque française zu sehen sein, in Italien im Museo del Cinema in Turin und in den USA haben das Film Society of Lincoln Center in New York sowie die National Gallery of Art in Washington ihr Interesse bekundet.
Die 70. Ausgabe des Locarno Festivals wird bereits im Februar mit einer Reihe von Initiativen unter dem Label #Locarno70 eingeläutet und endet mit dem Festival, das vom 2. bis 12. August 2017 dauert.
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