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Renée Gailhoustet prägte die kommunistische Vorstadt von Paris, der sie bis heute als Bewohnerin treu blieb. Hier emanzipierte sie sich auch vom Diktum der Moderne.
Renée Gailhoustet ist eine der wenigen Architektinnen, die sich über ihre gesamte Karriere hinweg dem sozialen Wohnungsbau in der Pariser Vorstadt verschrieb. Sie hat dabei eine widerspenstige, geschickte und eigene Architektur entwickelt. Dass sie auch selbst in einem ihrer Gebäude wohnt, ist Beweis für den Ernst ihres Engagements. Gailhoustets aussergewöhnliches Werk war früher umstritten und stösst heute auf mehr Anerkennung. Dafür bedurfte es jedoch der Aufnahme einiger ihrer Bauten ins Kulturerbe des 20. Jahrhunderts («Patrimoine XXe siècle», 2008) durch den französischen Staat sowie verschiedener Auszeichnungen (Prix des femmes architectes; Ehrenmedaille der Académie d’architecture; Grosser Kunstpreis Berlin 2019). Die zeitweilig in Vergessenheit geratene Architektin gilt heute als bedeutende Figur des französischen Architekturschaffens der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Die 1929 in Oran geborene Renée Gailhoustet studierte zuerst Philosophie, bevor sie 1961 ihren Abschluss in Architektur machte. Ab 1962 arbeitete sie beim Architekten Roland Dubrulle. Der Auftrag für die Renovation des Stadtzentrums von Ivry-sur-Seine, südöstlich von Paris, führte 1964 zur eigenen Bürogründung. Ihr Engagement in der kommunistischen Partei, die lange Zeit als Partei der Kultur angesehen wurde, dauerte mindestens bis 1968 und erklärt ihre Herangehensweise als Architektin.1
Geprägt von der Toleranz und dem Tatendrang der 1968er Jahre bot die kommunistisch regierte Vorstadt Ivry-sur-Seine für Renée Gailhoustet wie auch für den Architekten Jean Renaudie (1925–81) ein ideales Experimentierfeld: Von elf Projekten wurden acht unter der Schirmherrschaft der zwei Bauunternehmen OPHLM (Kommunales Büro für Sozialwohnungsbau) und SEMI (Gemischtwirtschaftliches Unternehmen von Ivry) umgesetzt.2
Die Gemeinde initiierte die Verbreiterung der Ost-West-Hauptverkehrsader, was den Abriss der angrenzenden Gebäude miteinschloss. Gailhoustets erster Entwurf für den entsprechenden Gestaltungsplan bestand aus archetypischen Architekturelementen der Epoche: Auf einer erhöhten Fussgängerebene sollten Riegel und Türme zu liegen kommen.
In der Folge erbaute die Architektin vier Hochhäuser, die zusammen mehrere hundert Wohnungen umfassen: 1968 Raspail, 1970 Lénine sowie 1973 respektive 1975 die Wohntürme Jeanne Hachette und Casanova. Für Raspail ordnete sie die Wohnungen als Semi-Duplex an, eine Innovation, die von Fachpresse wie Frauenmagazinen nicht unentdeckt blieb. Gailhoustet bezog selber eine Wohnung im Gebäude direkt nach der Fertigstellung.1972 folgte die Einweihung des Ensemble Spinoza, bei dem in Anlehnung an Le Corbusiers Unité d’Habitation in Marseille Wohnungen, Kinderkrippe, ein Heim für junge Arbeitnehmende, Aktionsräume, Gemeinderäume, eine Kinderbibliothek und ein medizinisches Zentrum für ädagogische Psychologie kombiniert wurden.
Aber schon 1968 zweifelte Gailhoustet an solchen Siedlungsformen, die stark von den Debatten rund um die Architektengruppe Team 10 geprägt worden waren. Sie bat Renaudie – zu diesem Zeitpunkt ohne Aufträge – mit ihr an der Weiterentwicklung des Gestaltungsplans zu arbeiten. Trotz ihrer gemeinsamen Beziehung, die seit Anfang der 1950er Jahre bestand und aus der zwei Töchter hervorgingen, hielten beide an ihren je eigenen Büros und an ihrer Eigenständigkeit fest. Renaudie hatte kurz zuvor das Atelier de Montrouge verlassen, dessen Mitinhaber er während zehn Jahren gewesen war.
Gailhoustet selbst sagt, dass die Umsetzung des von Renaudie entworfenen Ensembles Danielle Casanova sie zu einem Umdenken in ihren Entwurfsmethoden veranlasste. Tatsächlich schlug der soziale Wohnungsbau mit seinen Dreiecksformen, den vollkommen unterschiedlichen Wohnungen und den Terrassengärten wie eine Bombe ein. Er brach mit allen damals bekannten Regeln und bewies, dass es möglich ist, aus dem Konzept der «Wohnzelle», ihrer Wiederholung und der Industrialisierung auszubrechen und innovative Räume mit neuartigen Geometrien zu erfinden, welche die Beziehung zwischen innen und aussen sowie zwischen Gemeinschaft und Individualität in Frage stellen. 1975 erbaute Renaudie die Terrassenhaussiedlung Jeanne Hachette, die Eigentumswohnungen und ein Einkaufszentrum umfasst, gefolgt von der Erweiterung Jean-Baptiste Clément.
Für Gailhoustet folgte eine ergiebige Periode der wiederholten Auseinandersetzung mit Formen. Zehn Jahre später und einige Monate nach Renaudies Tod 1981 stellte sie das axial angelegte Ensemble Le Liégat in Ivry-sur-Seine fertig. Der vom Staat subventionierte experimentelle Baukomplex fasst 130 unterschiedliche Duplex- und Triplex-Wohnungen sowie Terrassen und Innenhöfe. Renée Gailhoustet zog selber ins Liégat und richtete sich mit ihrem Architekturbüro darin ein.
Über der Metro, in der Verlängerung des Ensembles Jeanne Hachette, stellte sie 1986 das Ensemble Marat mit 140 Duplex- und Triplex-Wohnungen, Terrassen und Innenhöfen sowie einem Einkaufszentrum fertig. Zusammen mit einem jungen Team experimentierte sie mit Anordnung, Ausrichtung und Organisation der Wohnungen und zelebrierte die Lust am Wohnen, an der Aneignung und am Neuen. Mangels Aufträgen stellte sie 1998 ihre Arbeit ein und übergab ihr Archiv zwei öffentlichen Einrichtungen – dem Frac Centre in Orléans, das die meistpublizierten Werke wählte, und der Cité de l’architecture et du patrimoine in Paris – und ermöglichte so die Auseinandersetzung mit ihrem aussergewöhnlichen Werk.
Bénédicte Chaljub (1969) ist promovierte Architektin und Historikerin und lehrt an der Architekturschule von Clermont-Ferrand. Sie bewohnte eine von Renée Gailhoustet erbaute Wohnung in Ivry-sur-Seine und schrieb 2007 eine Doktorarbeit über ihr Werk.
1 Siehe dazu auch B. Chaljub, Une poétique du logement, Paris 2019 oder B. Chaljub, La politesse des maisons, Paris 2009.
2 Siehe B. Chaljub, «Lorsque l’engagement entre maîtrise d’ouvrage et maîtres d’oeuvre encourage l’innovation architecturale: le cas du centre-ville d’Ivry-sur-Seine, 1962–1986», in: Cahiers d’histoire critique, n° 109, 2009.