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«PE» verabschiedet
Peter Epting hat einen wesentlichen Teil der Geschichte des renommierten Schweizer Architekturunternehmens Burckhardt+Partner AG geprägt. Nach einer über 50-jährigen Karriere im Unternehmen wurde er Anfang Juni verabschiedet.
Peking, in der offiziellen chinesischen Pinyin-Schreibweise Beijing geschrieben, geht in seinen Ursprüngen auf die Zeiten der westlichen Zhou-Dynastie (1121 bis 770 v. Chr.) zurück. Die Stadt am nordwestlichen Rand der nordchinesischen Tiefebene wechselte mehrfach ihren Namen, stets war sie Etappenort für Karawanen und erhielt im frühen 15. Jahrhundert erstmals ihre noch heute gültige Bezeichnung: nördliche Hauptstadt.
Der Architekturkritiker Oliver Wainwright meint in einem Artikel im «The Guardian», Peking sei als Diagramm einer organisierten, harmonischen Gesellschaft entworfen worden. Das Layout mit der Verbotenen Stadt der Kaiserresidenz im Zentrum stammt aus der frühen Ming-Dynastie (1368 – 1644) und sollte die Harmonie des Universums widerspiegeln. Die Grenze der geplanten symmetrischen Gleichmässigkeit bildeten zehn Meter dicke Stadtmauern, die wie die Strassen im Inneren exakt von Süden nach Norden respektive von Westen nach Osten verliefen. In jeder der vier Mauern gab es drei Tore, Himmel, Erde und Mensch repräsentierend und sich zur Zahl zwölf, der Zahl der Monate, summierend.
Wie es sich für eine harmonisch organisierte Stadt gehört, waren auch die Funktionen der verschiedenen Quartiere genau bestimmt. Häusergruppen wurden ähnlich wie die gesamte Stadt organisiert – und ebenfalls von Mauern umgeben. Selbst in der Grundeinheit hat alles seinen meist von der Himmelsrichtung bestimmten Plaz. Dies führte zu einer klaren Orientierung, zu gefestigten Hierarchien und einer rigiden sozialen Kontrolle. Das «plebejische» historische Peking um die Verbotene Stadt besteht aus niedrigen Hofhäusern, sogenannten Siheyuan. Gruppen von Anlagen dieser eigentlich dörflichen Typologie werden von schmalen Gassen zwischen den Mauern erschlossen. Sie werden Hutongs genannt, wie auch die Quartiere, die sie erschliessen. Das Tor der meisten Siheyuan öffnet sich nach Süden. Deshalb laufen die Hutongs meist von Ost nach West.
Oliver Wainwright erinnert in seinem Artikel daran, dass die Kommunistische Partei unter Mao die Hutong-Organisationsweise für das ausgeklügelte Danwei-Ordnungs- und Überwachungssystem nutzte. «Eingeführt zur Förderung eines Gefühls der Zugehörigkeit und zur Teilhabe an den gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Anstrengungen, verwandelte das System Peking in einen Ort introvertierter Inseln, die durch Wetteifern und gegenseiteiges Misstrauen voneinander getrennt wurden», schreibt er. Die urbane Gesellschaft habe sich dadurch in eine Welt isolierter Zellen verwandelt, die durch die Hutong versinnbildlicht werden. Schon vor der Machtübernahme der Kommunisten empfanden Besucher aus dem Westen die Stadt als bedrückend. «Mauern, Mauern und nochmals Mauern», zitiert Oliver Wainwright den schwedischen Kunsthistoriker Osvald Sirén, der Peking in den 1920er-Jahren besuchte, «sie umringen die Stadt, sie zerteilen sie in Grundstücke und Areale, sie charakterisieren mehr als irgendwelche andere Strukturen die Grundeigenschaften chinesischer Gemeinschaften.» Zwar werden nun Teile von Hutong-Quartieren an Investoren verkauft, doch ihr Geist, offenbar eine «Mauer in den Köpfen», bestehe fort, meint der Architekturkritiker von «The Guardian».
In historischen Fotografien erscheint Peking als Meer niedriger, dicht beieinanderstehender Häuser. Grössere Bauten finden sich harmonisch verteilt an den «richtigen Orten», wo sie die Himmlische Ordnung vorsieht. Mit der Machtübernahme der Kommunistischen Partei erfuhr diese Ordnung Störungen: Vor allem entlang den breiten Achsen entstanden Grossvolumen, welche diese Verkehrswege und die Hutongs voneinander trennen. Dieser Massstabssprung bei den Rändern setzt sich fort und hat bisweilen die Wirkung von fragmentarischen inneren Stadtmauern, welche die Hutongs einerseits vom Treiben auf den Achsen abschirmen, andererseits die Hinterhofatmosphäre intensivieren.
Das jüngst fertiggestellte Guardian Art Center setzt diese «Verklumpung» an den Rändern fort, möchte aber in seiner Erscheinung auf die Hutong-Tradition eingehen und sich als Übergangs- und Grenzzone zwischen der grossen Strasse und dem Gassengewirr kenntlich machen. Architekt des Gebäudes ist das Büro Ole Scheeren, das Niederlassungen in Bangkok, Berlin, Honkong und Peking betreibt. Der deutsche Architekt Ole Scheeren war vor der Bürogründung Partner von Rem Koolhaas im niederländischen Architekturbüro Office for Metropolitan Architecture (OMA) in Rotterdam. Auf de.wikipedia.org wird er als Autor des OMA-Projekts China Central Television Headquarters genannt, einem zum kontinuierlichen Band verbundenen Hochhauspaar in einem Geschäftsviertel östlich des Zentrums von Peking, das 2010 fertiggestellt wurde. Mit dem Gebäude an der Ecke Wangfujing/Wusi, rund 800 Meter von der Nordostecke der Verbotenen Stadt entfernt, erhielt die «Langnase» Gelegenheit, einen Eingriff an Pekings Herzen vorzunehmen: Wangfujing ist eine der bekanntesten Einkaufs-strassen der Stadt. Die seit 2000 verkehrsberuhigte Flaniermeile wartet mit unzähligen Läden, Einkaufszentren und Cafés auf, die Wusi-Strasse bietet Museen und Universitätsfakultäten. Das Bauprogramm, das ein grösseres Kultur- und Kulturhandelszentrum mit Lagerflächen vorsah, führte zwangsläufig zu einem Koloss, der die traditionellen Gebäude überragt und mit ihrem Massstab bricht. Diese Gegebenheiten bildeten die Herausforderungen, welche das Büro Ole Scheeren mit kreativem Elan anging.
Die Bestellerin des Gebäudes, die China Guardian Auctions Co. Ltd., gilt als das älteste chinesische Auktionshaus; sein Gründungsjahr wird mit 1993 angegeben. Das Guardian Art Center ist somit grundsätzlich ein Auktionshaus. Diese Baugattung bezeichnet das Entwurfsteam als Hybrid zwischen Museum, Kunstgalerie und Markt. Kultur und Handel werden kombiniert, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verknüpft. Dies muss die Architektur zum Ausdruck bringen, will das Gebäude wie angestrebt zum sozialen Katalysator für den kulturellen Austausch werden und von den «Machern» (den Kunstschaffenden) und den «Hütern» (den Sammlerinnen und Sammlern) als Heimstätte betrachtet werden.
Im Zentrum des Gebäudes befindet sich auf Strassenniveau ein stützenfreier Ausstellungsraum, der sich über 1700 Quadratmeter und zwei Geschosse ausdehnt. Kleinere Raumeinheiten im ersten Obergeschoss ergänzen den Ausstellungsbereich. Im Untergeschoss sind die Auktionssäle untergebracht, die ein formelleres Ambiente bieten, das Sicherheit und Zuverlässigkeit ausstrahlt. Dienende Räume sind an der Peripherie des Volumens angeordnet, wodurch die Mitte flexibel und ohne logistische Zwänge bespielt werden kann.
Über dem Museums-/Auktionsteil befinden sich mehrere Restaurants und ein Hotel mit 116 Zimmern. Geboten werden dort eine Aussicht auf die Verbotene Stadt und ein umfassendes Lifestyle-Konzept, das auf Erfahrungen rund um Kunst und Kultur basiert. Das Hotel ist als Ring oder Mauer konzipiert, in dessen Zentrum sich ein «Club Tower» erhebt. Dieser Kern löst sich teilweise vom Ring ab, wodurch offene Hofräume entstehen, die zenital mit Tageslicht versorgt werden. Er nimmt Schulungsräume auf und ergänzt das Programm des Gebäudes stimmig.
Der trotz Massstabsbruch ortsverträglichen Eingliederung des Kunstzentrums widmete das Entwurfsteam grosse Aufmerksamkeit. Es sagt, das Projekt suche die Antwort nach der zentralen Frage, wie Alt und Neu, das Historische und das Moderne und verschiedene Massstäbe sich miteinander vereinbar gestalten lassen. Es ist die Rede von einer Synthetisierung von Werten, Potenzialen und den aktuellen Gegebenheiten.
Die Architektur beansprucht für sich, den grossen Komplex in den Kontext «einzuschreiben» und eine Fusion von Geschichte und Tradition mit einer zeitgemässen Vision für die künftigen Raumbedürfnisse der Kunst zu erwirken. Dies geschieht mit einer deutlichen Trennung zwischen Sockel und Aufbau; unten bezieht sich eine seitlich und in den Fluchten versetzte Schichtung von «Pixeln» auf den Massstab im benachbarten Hutong. Mit seiner Verkleidung und den kleinen runden Fensteröffnungen lehnt es sich in Körnung, Farbgebung und mit der Verschachtelung der erkerartigen Fassadenpartien an die Nachbarschaft an. Der über einer umlaufenden, tiefen Schattenfuge schwebende Hotelring besitzt eine Glasfassade, die durch ihre Unterteilung als überdimensioniertes Mauerwerk wahrgenommen wird. Er wirkt geschlossen und introvertiert, er erinnert auch an die mächtige Stadtbefestigung, die in den 1950er-Jahren abgebaut wurde. Die Fassadengliederung soll aber an Backsteine erinnern, welche in den Augen des Entwurfsteams die Bürgergesellschaft und ihre Werte symbolisiert – im Gegensatz zu den kaiserlichen Motiven in der nahen Verbotenen Stadt. Das Gebäude soll «chinese-ness» in einer zeitgemässen Form repräsentieren. Es versäumt leider die an anderer Stelle erwähnte Kritik an der Strategie des Einmauerns und Abgrenzens. Völlig unchinesisch wirkt die Tatsache, dass der Bau keine deutliche Frontseite aufweist, sondern auf alle Seiten gleichwertig wirkt. Die Auswirkungen der traditionellen esoterischen Bauregeln des Landes lassen sich nicht erkennen, umso deutlicher tritt die wortwörtliche Umsetzung als «Zentrum» in Erscheinung.
Peter Epting hat einen wesentlichen Teil der Geschichte des renommierten Schweizer Architekturunternehmens Burckhardt+Partner AG geprägt. Nach einer über 50-jährigen Karriere im Unternehmen wurde er Anfang Juni verabschiedet.