Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03327.jsonl.gz/409

Brauchbarkeit, Werthaltigkeit, Schönheit
Vorschläge für das Bauen in unsicheren Zeiten
Der Blick in die Zukunft hat in den seltensten Fällen etwas entdeckt, was sich bewahrheitet hätte; und denjenigen, denen er gelungen ist, hat er nichts Gutes gebracht. Kassandra, die schönste Tochter von Priamos und Hekabe, der Apoll die Gabe der Prophezeiung verliehen hatte, fand nie jemanden, der ihr glaubte: So endete sie nach der Eroberung von Troja, die sie vorausgesehen hatte, als Kriegsbeute Agamemnons und wurde später, nachdem sie Agamemnon vergebens zu warnen versucht hatte, mit ihm zusammen von Klytämnestra ermordet. Laokoon hatte auch ohne Kassandras übernatürliche Gabe die Gefahr durch das Pferd erkannt, das die Griechen den Trojanern überlassen hatten, und wurde zusammen mit seinen beiden Söhnen von zwei Riesenschlangen getötet, die Poseidon, dem sich sein Priester gerade anschickte, ein Opfer zu bringen, entsandt hatte. Teiresias, der zuverlässigste und auch erfolgreichste Prophet der antiken griechischen Sagenwelt – er hatte den Tod des Narziss‘ vorausgesagt, den thebanischen Königen ihr Schicksal aufgezeigt und konnte noch aus dem Reich der Toten Odysseus mit seinen prophetischen Fähigkeiten helfen –, war bemerkenswerterweise blind.
Eher also als zu versuchen, Annahmen über das Bauen der Zukunft zu treffen, lassen sich Vorschläge für eine Architektur und einen Städtebau skizzieren, die davon ausgehen, dass die Zukunft nicht vorausgesehen werden kann, aber trotzdem oder vielleicht sogar gerade deswegen zukunftsfähig sind. Was kann man denjenigen ans Herz legen, die in unsicheren Zeiten bauen wollen?
Der erste Vorschlag: Bauen Sie brauchbar. Das erscheint wie eine Platitüde. Schon Vitruv, der wichtigste uns überlieferte Architekt und Architekturtheoretiker der römischen Antike, führte in seinem Dreistern der architektonischen Tugenden zwischen der firmitas und der venustas, also der Festigkeit und der Schönheit, die utilitas auf. Francis Bacon, der Philosoph und Staatsmann der frühen englischen Aufklärung, befand, man baue Häuser zum Wohnen und nicht zum Anschauen, weswegen die Zweckmäßigkeit den Vorrang vor der Schönheit haben müsse, ausgenommen, wo man beides vereinigen könne. Für Gottfried Semper, den vielleicht größten Vordenker der architektonischen Moderne im 19. Jahrhundert und Begründer der Bauschule am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich, war die necessitas, also die funktionale Notwendigkeit, als sola artis domina, die einzige Herrscherin der Kunst.
In den letzten zwei, drei Jahrzehnten ist die architektonische Kultur, von den intellektuellen Experimenten der Philosophie, der Literatur und der bildenden Kunst verführt, zu alledem auf Distanz gegangen. Die Selbstverständlichkeit, ein Gebäude müsse zweckmäßig sein, ist (vermeintlich) zur Banalität geraten, über die man nicht nur nicht spricht, sondern die man auch ignoriert. Die Aufmerksamkeit für die Brauchbarkeit von Architektur gilt als langweilig oder zumindest konservativ: Der echte Avantgardist setzt sich geflissentlich darüber hinweg. In Wahrheit geht der echte Avantgardist nach wie vor von der Brauchbarkeit aus, nur von der Brauchbarkeit, um sie, wie bereits Bacon als Möglichkeit durchschimmern ließ, ästhetisch zu verarbeiten.
Der Regisseur Sergei Michailowitsch Eisenstein, der gewiss kein Konservativer war, erklärte in den Vorlesungen, die er zwischen 1932 und 1933 im Staatlichen Institut für Filmkunst (GIK) in Moskau zur Theorie der Filmmontage hielt, die kompositiven Regeln eines Werkes müssten sich aus den Gesetzen der Wirklichkeit ableiten, sonst verfiele man der Künstlichkeit, der Stilisierung, dem Formalismus. Die Wirklichkeit in der Architektur ist aber nichts anderes als die Aufgabe, die ihr obliegt und um derentwillen sie geschaffen wird.
Diese Aufgabe ist keineswegs nur materiell. Es genügt nicht, dass ein Haus funktioniert, es muss auch die Menschen, die es benutzen, emotional berühren. Genauer: Es muss deren emotionale Bedürfnisse erfüllen. Es muss, um mit dem Schriftsteller, Maler und Komponisten Alberto Savinio zu sprechen, nicht nur das Glück des Körpers, sondern auch und vielleicht vor allem das geistige Glück des Menschen behüten und beschützen.
Der zweite Vorschlag für das Bauen in unsicheren Zeiten: Bauen Sie sparsam. Auf den ersten Blick mag diese Aufforderung noch selbstverständlicher, noch überflüssiger erscheinen als die erste: Denn mit Ausnahme von vereinzelten extravaganten Selbstdarstellern hat es noch nie ein Bauherr darauf abgesehen, teuer zu bauen. Dass es in den letzten Jahrzehnten gleichwohl geschehen ist, liegt an der gefährlichen Ehe, welche die Architektur mit der bildenden Kunst eingegangen ist. Noch Adolf Loos hatte eine scharfe Grenzlinie zwischen Kunst und Architektur gezogen: Nur das Monument würde Letzterer angehören, alle übrigen Bauten nicht. Der kunsthandwerklich orientierte Flügel der Klassischen Moderne, die Postmoderne und der Dekonstruktivismus haben die Grenzen verwischt und für das banalste Einfamilienhaus den Status eines Kunstwerks eingefordert: vom Haus Schröder-Schräder (1924) von Gerrit Thomas Rietveld in Utrecht bis zum Winton Guest House, das Frank O. Gehry 1983 bis 1987 in Wayzata, Minnesota baute. Wenn ein Haus kein Haus mehr ist, sondern eine Skulptur, sind sowohl die Nützlichkeitskriterien aufgehoben als auch die ökonomischen Parameter. Ein Businessplan mit gängigen Benchmarks macht sich da kleinlich.
In unsicheren Zeiten drängt sich der vernünftige Einsatz der Mittel auf: auch beim Bauen. Notwendiges und Substanzielles wird mit größter Wahrscheinlichkeit auch unter Umständen Bestand haben, die wir nicht vorhersehen können und die vielleicht ungünstig sein werden; Verspieltheit und Exaltiertheit kaum. Der Mehraufwand, den sie erfordern, könnte leicht zur Fehlinvestition geraten. Sparsamkeit ist dabei nicht nur bei der Erstellung eines Gebäudes geboten, sondern auch und vor allem bei seiner Bewirtschaftung. Nur ein Bauwerk, das möglichst wenige Mittel braucht, um betrieben und unterhalten zu werden, ist ein wirklich sparsames Bauwerk. Und nur ein solches Gebäude ist nachhaltig. Es schont das Portemonnaie des Bauherrn, und zugleich schont es die Umwelt: Es verbraucht wenig Energie, es stößt wenig Kohlendioxid aus, es verschmutzt kaum Luft, Erde und Wasser.
Die Aufforderung, sparsam zu bauen, ist nicht mit jener zu verwechseln, billig zu bauen. Deswegen lautet der dritte Vorschlag für das Bauen in unsicheren Zeiten: Bauen Sie werthaltig.
Die firmitas, die Vitruv sämtlicher Architektur abverlangte, ist weit mehr als eine Voraussetzung für jene Gediegenheit, die jedes gute Haus auszeichnet: Sie ist das Instrument, das sicherstellt, dass die beim Bau eingesetzten Materialien und Konstruktionen möglichst lange halten. Das wiederum bedeutet, dass sich diese Materialien und Konstruktionen besser amortisieren können, auch über ökonomisch schwierige Perioden hinweg. In sicheren Zeiten lässt sich die Abschreibung eines Gebäudes zuverlässig kalkulieren und kann auch knapp gehalten werden: indem das Gebäude billig erstellt und rasch entwertet wird. In unsicheren Zeiten (und in volatilen Finanzumfeldern) ist es kaum mehr möglich und ausgesprochen riskant. Ein gut gebautes, solides Haus unterliegt zwar als Finanzwert den jeweiligen Marktschwankungen, als Gebrauchswert (oder auch: als langfristige Anlage) trotzt es den Krisen.
Ein Beispiel? Jedes Mietshaus aus dem 19. Jahrhundert – mit seinen kräftigen und soliden Mauern, die zwar nicht unserem Minergie-P-Standard entsprechen, aber eine gute Schall- und Wärmedämmung bieten und vor allem ein angenehmes Innenklima; mit seinen Holzkastenfenstern, die zwar nicht die Leistungen der Dreifachverglasungen erreichen, aber bei minimaler Wartung, sprich: wenn sie regelmäßig angestrichen wurden, nach wie vor einwandfrei brauchbar sind; mit seinen schönen Materialien und dem edlen Dekor seines Innenausbaus, der nie überschwänglich ist, aber stets würdig, und eine edle Atmosphäre ausstrahlt, die wir heute mehr denn je schätzen. Derlei Häuser sind Werte, die Bestand haben. Was damals mehr in sie investiert wurde, hat sich rasch ausgezahlt und tut es heute immer noch: analog zu handwerklich gut gemachten Schuhen, die teurer sind als Fabrikware, aber so lange halten, dass sie letztlich den Träger billiger kommen.
Gut gebaute Häuser altern nicht nur langsamer als schlecht gebaute, sondern besser. Es gibt Putze, die mit der Zeit unansehnlich werden und abblättern, und andere, die Patina anlegen. Es gibt Fenster, die reißen und vergilben, und solche, die, gut gewartet, immer nobler aussehen. Es gibt Innenausbauflächen, die, kaum benutzt, hässliche Kratzer und Flecken aufweisen, und andere, denen die Spuren der Zeit gut anstehen. Ein altes Haus kann schöner und wertvoller sein als ein neues, wenn es entsprechend konzipiert und gebaut wurde. Norman Mailer hatte sicher solche Häuser im Sinn, als er bissig befand: Sollte das Haus, auf das man schaue, schöner sein als jenes, in dem man wohne, so sei das Haus, auf das man schaue, älter als das eigene.
Anders als Schuhe können allerdings Häuser nur dann über lange Zeiträume hinweg genutzt werden, wenn sie nicht maßgeschneidert sind, sondern einen Wandel in der Nutzung zulassen; sogar einen unvorhergesehenen Wandel. Deswegen lautet der vierte Vorschlag für das Bauen in unsicheren Zeiten: Bauen Sie offen.
Mit dieser Empfehlung soll nicht jene der radikalen Brauchbarkeit unterminiert werden; im Gegenteil. Ein Haus muss in höchstem und umfassendstem Maß funktionell sein, aber nicht für eine eng bestimmte Nutzung. Es muss vielerlei Funktionen aufnehmen, muss umgebaut werden können, muss für künftige Verwendungen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können, offen sein. Nur so kann es die Grenzen des Zwecks sprengen, für das es geschaffen wurde, und den Wandel überleben. Nur so kann es dauerhaft sein und dabei lebendig bleiben.
In den zwanziger Jahren experimentierte der Architekt Hugo Häring mit Grundrissformen, die er mit geradezu wissenschaftlicher Akribie aus den Funktionen der Gebäude ableitete: Er zeichnete etwa sich verjüngende Korridore, mit der Begründung, dass der Verkehr zum Ende der Gänge hin abnehmen und deswegen weniger Platz beanspruchen würde. Ludwig Mies van der Rohe, der in jenen Jahren das Büro mit Häring teilte, schaute skeptisch auf die schrägen Labyrinthe und rief mit gutmütigem Spott aus: »Menschenskind, mach doch die Bude groß, da kannst du hin- und herlaufen und nicht nur in einer vorgezeichneten Bewegung.«
Genau darum geht es: um Räume, in denen man alles tun kann. Das ist das Geheimnis der Wohnungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die heute als Orte neuer Lebensformen eine exquisite Renaissance erleben, das ist das Geheimnis der Fabrikgebäude und Manufakturen, die als Lofts ein zweites und nicht minder brillantes Leben führen. Dazu bedarf es zuweilen eines Mehrs an Raum, auf jeden Fall eine räumliche Großzügigkeit. Sie zahlt sich genauso aus wie die Werthaltigkeit der Konstruktion, weil sie dem Gebäude eine Beständigkeit ermöglicht, die Krisen, Veränderungen und eben Unsicherheiten trotzt.
Der fünfte und letzte Vorschlag für das Bauen in unsicheren Zeiten ist der wichtigste: Bauen Sie schön. Das mag überraschen, weil ein Widerspruch zu bestehen scheint zu manchem, was zuvor nahegelegt wurde, vor allem zur Sparsamkeit. Aber die Schönheit, um die es hier geht, ist weder jene der applizierten Dekoration noch jene der aufwendigen skulpturalen Geste. Es ist die Schönheit der Einfachheit, die in allererster Linie in guten Proportionen und subtilen Harmonien wurzelt. Eine solche Schönheit kostet kein zusätzliches Geld, sie kostet nur Wissen, Sorgfalt, Arbeit und Geschmack.
Warum sollte man ausgerechnet in unsicheren Zeiten besonderen Wert auf schöne Häuser legen? Dafür gibt es mindestens drei Gründe. Der erste liegt auf der Hand: Weil schöne Häuser mehr wert sind als hässliche. Sie können auf dem Markt zu einem höheren Preis angeboten werden und werden leichter wieder veräußert. Dabei geht es nicht um Nuancen. Die Torre al parco, das Hochhaus, das Vico Magistretti in den fünfziger Jahren im Zentrum von Mailand baute, war für eine großbürgerliche Klientel gedacht, welche die attraktiven Wohnungen im Stockwerkseigentum kaufen sollte. Sie tat es nicht, weil ihr das Haus nicht gefiel: Es war in einem auffälligen Dunkelrot verputzt, das den Geschmack der potenziellen Käufer nicht traf. Um ein finanzielles Debakel abzuwenden, wurde der gesamte nagelneue Edelputz des 20-geschossigen Gebäudes abgeklopft und durch einen dezenten beige-grauen ersetzt. Das genügte, um das Haus attraktiv zu machen. Sämtliche Wohnungen wurden in relativ kurzer Zeit zu hohen Preisen verkauft und sind bis heute trotz einiger technischer Mängel überaus beliebt.
Der zweite Grund, weswegen man in unsicheren Zeiten schön bauen sollte: Weil anerkannt schöne Bauten so etwas wie eine Immunität im städtischen Geschehen genießen. Hässliche oder unbedeutende Bauten werden, wenn sie ausgedient haben, ohne Zögern und ohne Bedauern abgerissen, um ersetzt zu werden. Schöne Bauten versucht man zu erhalten, zu renovieren und zu revitalisieren. Ist es denkbar, dass der römische Palazzo Farnese von Antonio da Sangallo und Michelangelo Buonarroti abgetragen wird, um das teure Grundstück unweit des Campo dei Fiori besser auszunutzen? Oder, um ein weniger spektakuläres Beispiel zu bemühen: Wie kommt es, dass das Lever House von Skidmore Owings and Merrill in New York immer noch steht, obschon es sich zwischen seinen Nachbarn mittlerweile nahezu zwergenhaft ausnimmt? Solche Bauten werden als Zeugnisse der Architekturgeschichte und Bereicherung der Stadt betrachtet, sie werden geschützt und vor der Spekulation verteidigt. So macht Schönheit ein Gebäude zu einem zuverlässigen Wert. Der dritte und vielleicht wichtigste Grund: Schönheit ist nicht ein marginaler Luxus, den sich unsere Gesellschaft leisten kann oder auch nicht; sie ist eine lebensnotwendige Dimension und eine Voraussetzung für Kultur. Das ist nicht weniger wahr, weil unsere Epoche des Überflusses und der Gier es vergessen hat. Was wäre unser Leben ohne Poesie? In unsicheren Zeiten, in Zeiten von Erschütterungen und Krisen werden wir die Kraft der Schönheit mehr denn je brauchen.
Veröffentlicht als: »Brauchbarkeit, Werthaltigkeit, Schönheit. Auch in unsicheren Zeiten muss Architektur funktionieren und die emotionalen Bedürfnisse der Menschen befriedigen«, in: Neue Zürcher Zeitung, 234 (2013), Nr. 177, 3. August 2013, S. 52.