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Editorial Globetrotter-Magazin
Magazin Nr. 129
Ankommen beim Aufbrechen
Liebe Weltentdeckerinnen und Weltentdecker
Es ist 1988, als ich es zum ersten Mal spüre. Wir haben in Turin den klapprigen Fiat in den Autoreisezug verladen und unser Lager auf klapprigen Pritschen in einem klapprigen italienischen Schlafwagen bezogen. Die Lokomotive setzt sich in Bewegung. Es rattert. Es knarzt. Wenn der Zug das Gleis wechselt, quietscht es. Die Luft im Abteil ist stickig. Die Vorhänge sind einen Spalt breit offen, gerade so weit, dass man die Nacht vorbeiziehen sieht.
An Schlaf ist nicht zu denken, weil jedes Mal, wenn der Zug anhält, das Gefühl stärker wird. Die Durchsagen an den Bahnhöfen scheppern aus alten silbernen Lautsprechern, die aussehen wie überdimensionierte Megafone. Alessandria, Piacenza, Bologna, Bari, Brindisi, Lecce. Ich verstehe die Namen der Städte, in denen wir anhalten. Sonst verstehe ich nichts.
Ich bin sieben Jahre alt, als ich zum ersten Mal spüre, was ich viele Jahre später erst beschreiben kann. Wärme durchströmt meinen Körper. Das Herz pocht schnell. Ich sehe klarer als sonst. Ich höre deutlicher als sonst. Ich will jetzt sofort erfahren, wie die Menschen leben, die hier zu Hause sind. Ich will alle Schilder in der Sprache lesen, die sie hier sprechen. Ich will unbedingt das Essen probieren, das sie hier essen. Ich will unbedingt dort ins Wasser hüpfen, wo sie hier ins Wasser hüpfen. Ich will unbedingt in den Läden einkaufen, in denen sie hier einkaufen. Und ich will keine Sekunde daran denken, was sein wird, wenn dieses Gefühl abebbt, dann, wenn die Reise zu Ende geht, weil irgendein Kalenderblatt es befiehlt.
Es ist das Gefühl des Ankommens beim Aufbrechen. Es ist das Globetrottergefühl, das weiss ich heute. Man kann es im Nachtzug Richtung Süden fühlen, in einem Pub in einem irischen Nest oder auf den verlassenen Strassen entlang der westaustralischen Küste. Man kann es aber auch fühlen, wenn man einfach durch seine Stadt oder sein Dorf oder seinen Wald spaziert. Voraussetzungen dafür sind ein offenes Herz und ein offener Geist. Mehr nicht.
Jetzt ist 2019, und ich spüre es immer noch, auf kleinen und grossen Reisen. Es ist das beste Gefühl, das es gibt. Und manchmal kann es einen auch dann durchströmen, wenn jemand von einer Reise erzählt, in Bildern und Worten darüber berichtet. Von den vielen Gesichtern Ghanas zum Beispiel, von einer abenteuerlichen Familienvelotour von Aarau bis an die Nordsee oder von einem Besuch im nördlichsten Kinderheim der Welt. All diese und viele weitere packende Geschichten sind in dieser Ausgabe des Globetrotter-Magazins nachzulesen, das ich zum ersten Mal als Chefredaktor verantworten darf. Für dieses Privileg bin ich dankbar.
Ich verspreche, dass wir als Redaktion jeden Tag unser Herzblut dafür geben, neue Ideen inspirierend umzusetzen. Gleichzeitig wollen wir zu Bewährtem Sorge tragen. Unser Ziel ist es, dass die Lektüre des Magazins bei Euch, liebe Leserinnen und Leser, das beste Gefühl auslöst, das es gibt. Das Globetrottergefühl.
Herzlich
Fabian Sommer