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Brunos Tramnotizen – N°20
Er war etwas über vierzig, lässig und modisch gekleidet, stieg an der Wildbachstrasse in den 2er, das Mädchen, das ihm dicht gefolgt war und sich neben ihn setzte, war vielleicht 16, machte auf junge Frau, tat so, als kenne sie den Mann nicht, tippte auf ihrem Smartphone herum. Bis zur Höschgasse öffnete der Mann genau vier Mal seinen Mund, als wolle er etwas sagen, bewegte dabei den Unterkiefer entweder nach links oder rechts, schloss den Mund dann allerdings wieder, schluckte leer, kniff die Lippen zusammen oder kaute auf ihnen herum, schaute abwechselnd zum Fenster hinaus, dann rüber zum Mädchen, verdrehte immer wieder die Augen. Die Initiative ergriff schliesslich das Mädchen. Ohne den Blick von ihrem Smartphone abzuwenden, liess sie den Mann wissen, dass sie sich von ihm nicht erpressen lasse, sie sei seit einer Woche 16, und ihm, ihrem Vater, sei sie keine Rechenschaft mehr darüber schuldig, mit welchem Freund sie sich wann und wo treffe, und, ob es ihm passe oder nicht, sie käme heute Abend erst mit dem letzten Bus nachhause. Der Mann strich mit der Linken etwas zittrig durch sein nach hinten gekämmtes Haar, nahm sich zusammen, gab sich cool und meinte mit einer betont verständnisvollen Stimme, er habe ja gar nichts gesagt, er habe keine Einwände, nein, nein, sie sei jetzt 16, da wisse sie ja schon, was sie täte, das sei schon ganz okay, wenn sie mit dem letzten Bus nachhause käme. Das Mädchen verlor schier ihr Smartphone aus den Händen, schaute ihren Vater ungläubig an, hielt einen Moment lang mit offenem Mund inne, fragte dann zaghaft, wie das mit dem Wochenende sei. Der Vater nutzte die Gunst eines möglichen Dialogs, lächelte seine Tochter lieb an, meinte, das ginge auch in Ordnung, sie dürfe bei ihrem Freund übernachten, er vertraue ihr, nein, nein, er würde danach kein Theater machen, er verstehe das alles ganz gut. Der Vater schien erleichtert zu sein, glaubte einen Etappensieg errungen zu haben. Das Mädchen hätte laut herausschreien können vor Freude, glaubte wohl, seinerseits einen Teilerfolg errungen zu haben, gab sich aber gekonnt zurückhaltend, sagte artig danke, nannte ihn dabei Daddy, gab ihm einen Kuss, stand mit einem kurzen «Tschüss» auf, stieg beim Stadelhofen aus. Der Vater blieb stumm sitzen, holte tief Luft, bewegte lautlos die Lippen, war offensichtlich einfach nur froh darüber, seiner Tochter wenigstens das Gefühl mit auf den Weg gegeben zu haben, dass sie miteinander reden können, sie ihm vertrauen dürfe. Ich war mir nicht schlüssig, wer von beiden aus diesem Gespräch einen Vorteil für sich verbuchen konnte. Wenn das allerdings ein Beginn für einen künftigen Austausch zwischen Vater und Tochter gewesen sein soll, dann wäre es doch schon mal ein guter Anfang.
5. Juli 2015