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„Mit dem kleinen Darm, den der Mensch hat, wäre es ohne Fleisch unmöglich gewesen, innert nützlicher Frist genügend Proteine und Fette aufzunehmen“, erklärt Christoph Zollikofer, Professor am Anthropologischen Institut der Universität Zürich. Bereits der affenähnliche Vormensch Australopithecus ernährte sich vor vier Millionen Jahren nicht nur von Blättern und Beeren, sondern auch von Insekten und anderen Kleintieren, die ihm als Eiweissquelle dienten. Später nahm Aas an Bedeutung zu.
Aufschlussreich ist, dass nur gewisse Arten der Gattung Australopithecus ein grösseres Gehirn entwickelten, nämlich nur diejenigen, die eher auf Fleisch fokussierten. Die Vertreter der Gattung Paranthropus hingegen setzten voll auf Pflanzenkost und starben vor rund 1,2 Million Jahren aus. Sie hatten mit ihren kleineren Gehirnen einen Nachteil. Zudem waren sie als Vegi-Vormenschen nicht flexibel genug, um sich an die verändernden Umweltbedingungen anzupassen. Die frühen Angehörigen der Gattung Homo, Nachfahren der grazilen Australopithecinen, überlebten im Gegensatz zum auf pflanzliche Kost spezialisierten Paranthropus, da sie ein breites Nahrungsspektrum einschliesslich Fleisch zu nutzen wussten.
Nach dem amerikanischen Antropologie-Professor William Leonard konnte das Gehirn mit Sicherheit nicht an Grösse zunehmen, bevor nicht eine energetisch gehaltvolle Nahrung seine Versorgung gewährleiste. Nachdem die Grössenzunahme des Gehirns einmal eingesetzt hatte, trat ein synergistischer Effekt ein: Wachsende Nahrungsqualität und Gehirnzunahme bedingten gegenseitig eine weitere Steigerung. Grössere Gehirne befähigten zu komplexerem sozialen Verhalten, was wiederum die Taktik der Nahrungsbeschaffung verbesserte.
Eine dieser verbesserten Taktiken war der Übergang vom Aasesser zum aktiven Jäger. So konnte mit Homo erectus erstmals eine Jäger- und Sammlergesellschaft entstehen, die das erlegte Wild und die zusammengetragene Nahrung unter den Mitgliedern der Gemeinschaft aufteilte.
Fleisch war die wichtigste Quelle für Protein
Nach heutiger Kenntnis hat sich Homo erectus schon bald auf die Reise gemacht und erreichte die entlegensten Winkel des eurasischen Kontinents. In nördlichen Breiten wurde der Mensch – inzwischen zum Neandertaler gereift – hinsichtlich der Ernährung erneut gefordert. Der Energiebedarf war in der eiszeitlichen Umwelt besonders hoch. Nach Berechnungen mussten die Neandertaler am Tag um die 4000 Kilokalorien umsetzen.
Fundstätten von Jagdplätzen in Frankreich, im Kaukasus und im Rheinland belegen, dass die Neandertaler spezialisierte Jäger waren, die Bisons und Mammuts immer wieder an denselben Stellen auflauerten und erlegten. In Salzgitter-Lebenstedt fanden sich zusammen mit tausenden Steinwerkzeugen Knochenreste von 86 erjagten Rentieren, ein eindeutiges Zeugnis für den Fleischkonsum der Neandertaler. Isotopenmessungen von Kollagen in Neandertalerknochen deuten darauf hin, dass Fleisch die wichtigste Quelle für Protein war.
Als der Homo sapiens vor rund 13'000 Jahren sesshaft wurde und den Getreideanbau erlernte, begann er gleichzeitig auch Viehzucht zu betreiben. So erschloss er sich Getreide und Milch als Eiweissquelle. Trotzdem blieb Fleisch ein wichtiger Bestandteil der Ernährung, besonders in schlechten Zeiten, wenn die Getreidespeicher leer waren.
Damit ist klar: Fleisch ist seit Jahrtausenden unabdingbarer Teil der menschlichen Ernährung. Ohne Fleisch hätte der Mensch die Evolution nicht überlebt. Ohne Fleisch gäbe es heute keine Vegetarier, so paradox das klingt.
(Text: aus einem Referat von Medizinpublizist Dr.med Samuel Stutz)
(gb)

Dr.Stutz ist bekannt als «Fernseh-Doktor der Schweiz». Seit 2001 war er Moderator der Ringier-Sendung Gesundheit Sprechstunde auf SF 2. Heute ist er Herausgeber seines eigenen Magazins «Sprechstunde Doktor Stutz».