Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03612.jsonl.gz/4035

Fasziniert lauscht die fünfjährige Letyssia den Geschichten, und immer wieder muss sie über die Sprüche lachen, die die Frau mit ihren viel zu grossen Schuhen, dem auffälligen Haarband und der roten Clownnase macht: Dr. Trallala ist professionelle Spitalclownin und heisst eigentlich Regula Stucki (56). Sie besucht die jüngsten Patienten im Inselspital Bern – vom Baby bis zum Teenager – und heitert sie auf, wenn sie wegen eines gebrochenen Beins oder eines anderen gesundheitlichen Leidens ans Bett gefesselt sind. In den vergangenen zehn Jahren hat Dr. Trallala über 10'000 kranke oder verunfallte Kinder unterhalten.
Die Clownin verfügt über ein breites Repertoire: Sie trällert im Luzerner Dialekt ein improvisiertes Mundartlied für Letyssia, spielt Ukulele dazu, zeichnet mit ihr einen Berg auf Papier, schneidet einen Tunnel aus und setzt zu einem herzhaften Lachen an. «Und hätte das alles das Mädchen noch immer nicht zum Lachen gebracht, hätte ich die Seifenblasen hervorgeholt», sagt sie.
Regula Stucki wäre gern Schauspielerin geworden. Schon als Fünfjährige wollte sie zum Theater, künstlerisch arbeiten, ihre Ideen umsetzen und damit die Menschen unterhalten. Doch die Eltern drängten sie zu einer kaufmännischen Lehre in einem Buchverlag; die Schauspielerei sei ein brotloser Job. Nach der Ausbildung arbeitete sie zunächst im kaufmännischen Bereich weiter. «Mir wurde es aber immer schnell langweilig. Und so ging ich mit 27 Jahren nach London, um im Camden Market Punkmode zu verkaufen.»
Ein Kreativer Umweg über New York
Der Erfolg blieb aus – Regula Stucki kehrte in die Schweiz zurück, absolvierte an der Schweizer Journalistenschule in Luzern (MAZ) einen Kurs und arbeitete danach für die «Hotel Revue». 1994 erhielt sie ein Stipendium für einen literarischen Werkaufenthalt in New York. «Das war das erste Mal, dass ich eine Bestätigung als Künstlerin erhielt.»
Ein halbes Jahr lang lebte sie im Stadtteil East Village, wo es damals viele Obdachlose gab, die im Abfall nach Essensresten wühlten. Das inspirierte sie, Kreatives aus Abfall zu schaffen. Sie fing an, in den Strassen liegende Zeitschriften zu sammeln und daraus grossformatige Collagen anzufertigen. Das macht sie auch heute noch: Ihre Werke stellt sie im Kunst- Supermarkt in Solothurn aus.
Wenn Dr. Trallala Seifenblasen in die Luft entlässt, heitert das jedes kranke Kind auf.
Auch als Dr. Trallala kann Regula Stucki ihr künstlerisches Naturell ausleben: «Eigentlich bin ich im Inselspital mit meinem eigenen inneren Kind unterwegs, das extrem gern Ideen auslebt. Ich kann Geschichten spielen, Theater und Musik machen, meine Kostüme nähen und eitel sein, wenn ich mich herausputze.» Und vor allem: «Ich bin mit Menschen in Kontakt, jeder Einsatz ist anders. Es kommt zu heiteren, aber auch zu berührenden Erlebnissen, zu kleinen Wundern.»
Einmal stand Dr. Trallala am Spitalbett eines Buben, der Angst vor der bevorstehenden Operation hatte. Die Clownin bastelte aus einem Ballon einen Hund und sagte: «Dieser Hund heisst Max.» Damit zauberte sie dem Jungen ein Lächeln ins Gesicht: Sein Hund zu Hause heisst ebenfalls Max.
Besonders berührt war Regula Stucki von einem Buben, der lange auf seine Operation warten musste; mehrmals war der Termin verschoben worden. «Dann fuhren wir endlich mit dem Lift in den Saal, und er fasste spontan nach meiner Hand – nicht nach der seiner Mutter.» Dass ein Kind schon nach zwei Stunden ein derartiges Vertrauen zu ihr aufgebaut hatte, habe sie tief bewegt.
Auch für die Erwachsenen eine Stütze
Regula Stucki steht für die gemeinnützige Stiftung Theodora (rechts) im Einsatz. Seit einem Jahr dürfen die Clowns der Stiftung sogar in den Operationssaal mit: Dort tritt Regula Stucki mit ihrem Künstlerkollegen Jakob Surbeck (38) aus Meikirch BE auf, der sich Dr. Hopp nennt. «Die kleinen Patienten haben furchtbare Angst. Wir bleiben bei ihnen am Spitalbett, bis sie durch die Anästhesie einschlafen», sagt Regula Stucki.
Laut der Ethnologin Andrea Abraham (38) hilft das sowohl den kleinen Patienten als auch deren Eltern enorm. Sie ist die federführende Autorin der neuen Studie «Kindeswohl im Spital», die das Kinderspital Zürich in Zusammenarbeit mit dem Institut Dialog Ethik verfasst hat. «Die Clowns unterstützen die Kinder und Eltern darin, Verunsicherungen und Ängste loszulassen und lockerer zu werden.» Als Symbol der Leichtigkeit seien sie für Kinder, Eltern und manchmal sogar für die Angestellten wichtig.
Dr. Trallala begegnet zuweilen tragischen Schicksalen, Kindern, die missbraucht oder geschlagen wurden oder Selbstmordversuche hinter sich haben. «Ich werde über besondere Schicksale informiert. Dann hilft es, professioneller Clown zu sein. Ich atme vor dem Eintreten ins Zimmer einmal tief durch und konzentriere mich ganz auf meine Rolle.»
Über all ihre Erlebnisse hat die Luzernerin, die heute mit Sohn Nori (16) und Partner Roger Bühler (51) in Bern lebt, nun ein Buch geschrieben. Das Projekt lag schon lange in ihrer Schublade, die Zeit dazu fand sie aber erst nach einem schweren Skiunfall: Ihre linke Hand war gelähmt, und sie konnte monatelang nicht im Spital arbeiten. «Ohne diesen Unfall hätte ich das Buch sicher nie geschrieben. Alles im Leben hat eben auch eine gute Seite.»
Dr. Trallala hat Yanik eine Autogrammkarte mit persönlicher Widmung geschenkt.
Buchtipp
Regula Stucki: «Tränen lachen – Erlebnisse eines Spitalclowns»; erhältlich bei Ex Libris ab Ende Oktober, Fr. 16.80 ( Bestellung im Internet oder in der Filiale)
Autor: Reto Wild
Fotograf: Monika Flückiger