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Die Zunft sucht und findet ihre Kostüme

Ab 1956 befasste sich die Vorsteherschaft unter Zunftmeister Walter Kamer fast an jeder Sitzung mit der Kostümfrage. Die Protokolle lassen deutlich durchschimmern, dass die Vorsteher zögerlich und sehr skeptisch an dieses Thema herangingen. Pflichtbewusste Vorsteherschaften verlieren eben die Finanzprobleme nie aus den Augen. Immerhin luden die Vorsteher auf den 22. Mai 1956 den durch seine Forschungen und Publikationen ausgewiesenen Kenner der Wiediker Geschichte, Pfarrer Paul Etter, zu ihrer Sitzung ein. Dabei zeichnete sich bereits die später realisierte "Reichshof-Konzeption" ab, von der anschliessend berichtet wird.
Aber auch Varianten standen zur Debatte. Der Vorschlag, das Sujet "Spanisch-Brötli-Bahn" zu wählen, war bald vom Tisch. Grössere Chancen hatte zunächst die Idee, Wiedikon im Revolutionsjahr 1798 darzustellen. Aber in der Vorstehersitzung vom 8. Juli 1957 fiel auch diese Variante definitiv ausser Abschied und Traktanden, weil, so verrät das Protokoll, "es dafür mehr schlanke Herren brauchen würde".
|Graf Hartmann IV. von Kyburg|
|Am 60. Hauptbott der Zunft zu Wiedikon, das am 19. Januar 1957 stattfand, orientierte die Vorsteherschaft über ihre Vorarbeiten und Pfarrer Paul Etter berichtete als Gastreferent über den "Reichshof von 1259". Die Zünfter beschlossen mit 48 : 1 Stimmen, das Projekt weiter zu verfolgen. Die Hauptlast der Arbeiten trug in der Folge der spätere Zunftmeister Jakob Baur, vor seiner Wahl in den Zürcher Stadtrat als Sekundarlehrer tätig und historisch wohl beschlagen. Er wurde zum Präsidenten der Kostüm-Kommission gewählt und durfte sich seine Mitarbeiter nach eigenem Gusto zusammenstellen. In der Folge zog er zwei kompetente Helfer bei: Dr. Hugo Schneider, Konservator am Landesmuseum und Zunftmeister der Zunft Oberstrass, sowie Frau Rose-Marie Frei, Spezialistin für historische Kostüme. Diese Arbeitsgruppe ging äusserst speditiv zu Werk, so dass die Vorsteherschaft bereits auf den 30. September 1957 zu einem ausserordentlichen, ausschliesslich der Kostümfrage gewidmeten Hauptbott einladen konnte. Ein paar Tage lang waren die Figurinen der Kostüme im Zunftsaal ausgestellt. Frau Rose-Marie Frei war am Hauptbott anwesend, um Fragen zu beantworten. Jakob Baur orientierte ausführlich über das Konzept. Die Zünfterschaft stimmte den Vorschlägen einmütig zu und noch am selben Abend verpflichteten sich 20 Zünfter mit ihrer Unterschrift, auf eigene Kosten ein persönliches Kostüm anzuschaffen - womit eine weitere Bedingung der immer noch skeptischen Vorsteherschaft erfüllt war. Bereits zum Sechseläuten 1958 machte die Zunft zu Wiedikon mit ihren neuen Kostümen Furore.|
|Freiherr Berchtold III. von Eschenbach-Schnabelburg|