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Nicht überall sind Genossenschaften aus freien Stücken entstanden. In Cherthala etwa, einem Zentrum des Widerstands gegen die frühere britische Kolonialmacht, wollte kein normal-kapitalistisches Unternehmen geschäften. Deshalb gibt es dort auf engem Raum mehr Kooperativen als irgendwo sonst.
Zum Arabischen Meer sind es nur ein paar Kilometer, und auch den Vembanad-See, der zu den Backwaters des südindischen Bundesstaates Kerala gehört, kann man fast riechen. Zwischen den Wassern, auf einer lang gestreckten Landzunge, liegt Cherthala; «umspült von den Wellen» bedeutet der Name des Orts in der Regionalsprache Malayalam. Cherthala ist mit rund 500 000 EinwohnerInnen eine für indische Verhältnisse mittelgrosse Stadt. Keine Grossindustrie; viele Tempel, Moscheen, Kirchen; hektische Betriebsamkeit, lärmender Verkehr, volle Märkte, Armut. Nichts Besonderes also. Ein paar Sehenswürdigkeiten gibt es, wie die alte Kirche von Kokkamangalam, die vom Apostel Thomas irgendwann zwischen den Jahren 52 und 54 nach Christus gegründet wurde, oder den Thuravoor-Tempel.
Aber sonst ist Cherthala eine ganz normale Gemeinde, wenn man mal von den vielen roten Fahnen absieht, die an jeder Strassenecke flattern. Von Hammer und Sichel und den anderen Emblemen, die vom Einfluss der hier seit langem regierenden KommunistInnen künden. Vom Strassenbild, das auffällt, weil hier - anders als in vielen anderen indischen Städten - keine Reichen ihren Wohlstand in Form von vierradgetriebenen Luxusautos demonstrieren. Und von der jüngeren Geschichte, auf die hier immer noch viele stolz sind.
«Wir haben uns nie den Briten gebeugt», sagt beispielsweise K. R. Gowri, «und uns immer mit dem begnügt, was das Land, das Wasser und unsere Arbeit hergaben.» Das sei die Basis des Unabhängigkeitsgedankens gewesen, erzählt die 89-Jährige, die viele Kämpfe mitgemacht hat, 1957 Mitglied der ersten kommunistischen Regierung von Kerala war, zwölfmal ins Abgeordnetenhaus des Bundesstaats gewählt wurde und dort noch immer die Bevölkerung von Cherthala vertritt. Sie erinnert sich noch gut an die Revolte im Dorf Vayalar, das heute im Zentrum der Stadt liegt, als die Bevölkerung 1946 mit Steinen, Bambusspiessen, Speeren und Schwertern auf die Armee und die Maschinengewehre des Fürsten von Travancore losstürmte und später die britische Kolonialmacht herausforderte. Selbst in den Zeiten, als die britische Herrschaft stabil war, hätten die Briten Cherthala und Umgebung nie wirklich kontrollieren können, sagt Gowri - die Region mit ihren vielen Flussläufen, Buchten und Inseln sei ideales Guerillagebiet gewesen.
Dieser Selbstbehauptungswille und Zusammenhalt ist nach der Unabhängigkeit erhalten geblieben. Dazu kam ein Merkmal, das auch für andere Teile Keralas gilt: Die Bevölkerung nimmt nichts als gegeben hin - und ist überaus debattierfreudig. Das führte dazu, dass potenzielle InvestorInnen einen grossen Bogen um Cherthala machten. Während überall im Land neue Betriebe entstanden und sich kapitalistisch agierende Unternehmen niederliessen, blieb dieser Teil von Kerala ein weisser Fleck. Und wenn sich doch mal ein Fabrikherr ansiedelte, wurde er bald von den Massen herausgefordert, die sich leicht mobilisieren liessen.
In diesem Kontext entstand der Genossenschaftsgedanke - also die Idee, die lokalen Ressourcen und Fähigkeiten gemeinsam zu nutzen, um die lokalen Bedürfnisse zu befriedigen. So fern lag dieser Gedanke nicht in einer Region, in der seit Jahrzehnten die Kommunistische Partei Indiens / Marxisten (CPIM) fast alle Wahlen gewinnt. Und wo immer und überall politisch diskutiert wird: In Teeshops wie in Kokoslikörkneipen, auf den Märkten wie in den Kirchen und Tempeln, auf Hochzeiten wie auf Beerdigungen. Wo sonst auf der Welt kommt es schon vor, dass GottesdienstbesucherInnen aufstehen und mit dem Priester über seine Predigt diskutieren? Es vergeht auch kaum ein Tag, ohne dass Lehrerinnen, Buskondukteure, Müllkutscher oder andere Beschäftigte des Service public streiken. Politik und soziale Kämpfe sind allgegenwärtig - und an den Gewerkschaften führt kein Weg vorbei. Denn die spielen in den Genossenschaften von Cherthala eine grosse Rolle.
Die Kokosgarn-Kooperativen
Früher sei die Arbeit hart gewesen, erzählt Valsa Valsan. «Wir haben Kokosschalen gesammelt, die Schalen in Brackwasser zehn Monate lang eingeweicht, anschliessend stundenlang mit Holzprügeln auf sie eingeschlagen, damit sich die Fasern lösen, diese dann von Hand abgezupft und getrocknet.» Erst dann, so sagt die 51-Jährige, habe sie mit dem Spinnen beginnen können. Kokospalmen sind der mit Abstand wichtigste Rohstoff von Kerala. 160 Millionen Bäume wachsen hier - und fast alles wird verwertet: Das Fruchtfleisch kommt auf den Tisch oder wird zu Öl verarbeitet, das Fruchtwasser ist ein beliebtes Getränk, aus dem Baumsaft entsteht Toddy, ein Likör. Vielleicht am wichtigsten aber sind die Fasern, die zu Garnen - zu «Coir» - gesponnen und dann weiterverarbeitet werden zu Seilen, Netzen, Taschen, Besen, Matten, Fendern, Matratzen. Rund 380 000 Menschen sind in der Kokosgarnindustrie von Kerala tätig; knapp 200 000 Tonnen Kokosgarnprodukte exportiert der Bundesstaat im Jahr.
Mühsamer noch als die Gewinnung der Fasern sei damals deren Vermarktung gewesen, erinnert sich Valsan. «Wir verkauften das Garn an Zwischenhändler, die eine hohe Provision verlangten. Da blieb für uns kaum etwas übrig.» Mit «uns» meint die arbeitende Hausfrau nicht nur ihre Familie. Allen ging es so. Die Kokosfaserverarbeitung ist eine Heimindustrie, die vor allem Frauen beschäftigt. Fast jede Familie hatte vor ihrem Haus einen Spinnplatz und in der Nähe einen Brackwassertümpel. Das ging lange Zeit gut - bis vor etwa zwei Jahrzehnten Lagerplatz knapp zu werden begann, die Wasserqualität abnahm, die Lagunen zunehmend Überbauungen weichen mussten und die ArbeiterInnen kaum noch gute Kokosschalen bekamen.
All diese Probleme führten dazu, dass sich immer mehr Coir-ArbeiterInnen Gedanken über einen Zusammenschluss machten und Produktionsgemeinschaften bildeten. Die Idee war erfolgreich: Mittlerweile gibt es in Cherthala und Umgebung über 500 Kooperativen und zehn Genossenschaftszentren, die hochwertige Fasern beschaffen, sie anliefern, das Garn abholen und verkaufen - und damit den Zwischenhandel ausschalten.
Auch Weiterverarbeitungsbetriebe sind mittlerweile genossenschaftlich organisiert. «Unsere Firma ist seit 1988 eine Arbeiterkooperative», sagt Krishna Kumar, Sekretär der Karappuram Coir Mats and Matting Cooperative Society am Stadtrand von Cherthala. Dass das Unternehmen von Privat- in Belegschaftseigentum überging, sei allerdings auch das Verdienst der Regierung gewesen. Die CPIM habe den früheren Besitzer der Mattenfabrik enteignet. Und überhaupt sei die Regionalregierung stets engagiert gewesen - indem sie zum Beispiel Coirfed einrichtete, eine halbstaatliche Institution, die den Genossenschaftszentren unter die Arme greift, neue Vermarktungsmöglichkeiten prüft und den Export organisiert.
Wie hilfreich die staatliche Unterstützung ist, weiss auch Valsa Valsan: «Vor zwei Jahren brauchten wir dringend Geld für einen neuen Lagerschuppen», sagt sie. «Die Linksfront gab uns einen zinsgünstigen Kredit in Höhe von 25 000 Rupien», rund 550 Franken; 10 000 Rupien erhielt sie als Zuschuss. Dank der Kooperative sei die Arbeit nicht mehr so schwer. «Das Material wird geliefert, das Garn abgeholt. Und das Spinnen erleichtert ein kleiner Elektromotor.» Sie bekomme auch mehr Geld.
Einen Nachteil aber hat die staatliche Unterstützung: Die ProduzentInnen verlassen sich zunehmend auf die Regierung - und verlieren allmählich ihre Selbstständigkeit. In Kerala aber ist die von der CPIM dominierte Linksfront in der Regel nur eine Legislaturperiode im Amt und wird dann von der Kongresspartei abgelöst, die ganz andere Ziele verfolgt - bis vier Jahre später erneut die Linke gewinnt. Derzeit spricht alles dafür, dass sich dieses Muster bei der nächsten Wahl 2010 fortsetzt. Dazu kommt, dass die derzeitige Linksregierung die nationalen Gesetze und Verordnungen berücksichtigen muss, die im Zuge der wirtschaftlichen Liberalisierung verabschiedet wurden und staatliche Subventionen immer mehr einschränken.
«Wir haben ein Problem», gibt Krishna Kumar zu. «Das anfängliche Engagement der Kollektivmitglieder hat nachgelassen, der Enthusiasmus ist verblasst.» Viele seien zu Bittstellern geworden nach dem Motto: Die Regierung wirds schon richten. Dabei gäbe es Schwierigkeiten genug: Mittlerweile würde ein Grossteil der Kokosfasern aus dem benachbarten Bundesstaat Tamil Nadu eingeführt, weil die Löhne in Kerala zu hoch seien, und die Nachfrage nach Coir-Produkten breche ein. In Kumars Kooperative arbeiten derzeit nur noch 35 Mitglieder; vor zwanzig Jahren waren es noch 130.
Die Likör-Gewerkschaft
Der Ausstoss ist enorm. In Kerala schneiden jeden Tag rund 30 000 Zapfer knapp 200 000 Liter Baumsaft aus den Kokospalmen, der dann angegärt in über 4000 lizenzierten Toddy-Shops über den Tresen geht. Wie das Geschäft mit dem leicht alkoholhaltigen Likör funktioniert, weiss Sreekumar Chettiar; er ist der Stellvertreter des obersten Steuerkommissars von Kerala. «Jeder Zapfer gewinnt fünf Liter Saft aus den fünf bis acht Bäumen, die ihm zugewiesen sind», sagt er. «Jeder Toddy-Shop hat eine Gruppe von Zapfern, die ihn beliefern.» Alle Zapfer gehörten zur Gemeinschaft der Ezhava, einer Kaste, die wenig respektiert ist. Und so werde auch deren Arbeit gering geschätzt, obwohl sie gefährlich ist: «Immer wieder stürzen Zapfer von den Palmen.»
«Lange Zeit war unsere Lage miserabel», erinnert sich Thankappan Thottathil, 64 Jahre alt. «Alle haben vom Likörgeschäft profitiert, die Baumbesitzer und die Eigentümer der Toddy-Shops. Nur wir nicht.» Das war bis 2001 so. Dann gründeten Thottathil und andere die Zapfergewerkschaft CTU, die inzwischen 12 000 Mitglieder hat. «Unsere Initiative hat alle überrascht: Die Händler, die Toddy-Shop-Eigner, selbst die Regierung.» Selbst Thottathil staunt manchmal über ihre Erfolge. Die CTU ist inzwischen als Verhandlungsorganisation anerkannt. Die Gewerkschaft legt die Arbeitszeiten fest, hat eine Krankenversicherung eingeführt, eine Vorsorgekasse gegründet, 23 Tage bezahlten Urlaub durchgesetzt, eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall erreicht, Überstundenzuschläge, Zuschüsse für das Werkzeug und eine Entschädigung nach Arbeitsunfällen erkämpft.
Alle wichtigen Entscheidungen werden von den Mitgliedern getroffen, die zudem die Gewerkschaftsfunktionäre aus den eigenen Reihen wählen. «Wir haben auch Konsumkooperativen gegründet, die unseren Mitgliedern preisgünstige Lebensmittel verkaufen, haben uns mit anderen Gewerkschaften vernetzt, organisieren immer wieder Protestkundgebungen und erzwingen in ständigen Verhandlungen mit der Regierung neue Fortschritte», erzählt Thottathil.
Und doch ist die Lage der Zapfer inzwischen kritisch. Denn in letzter Zeit hat die Produktion deutlich nachgelassen: Viele Bäume werden nicht mehr gepflegt und sind daher anfällig geworden. Die Toddy-Shop-Lizenzen befinden sich weiterhin in privater Hand, Korruption ist in den Behörden weit verbreitet - und niemand unternimmt etwas gegen die Panscher, die dem Toddy alles Mögliche beimischen. Düster sind auch die Zukunftsaussichten: Immer mehr Trinker bevorzugen harte Drinks (Whisky ist inzwischen fast überall erhältlich) oder besuchen lieber eine der bunten Bierbars, die sich derzeit rasch verbreiten.
Zapfer werden wollen nicht einmal mehr deren Kinder. «Mein Sohn ist Lastwagenfahrer und hängt mit seinen Kumpeln in Bierkneipen herum», sagt Venu Pathil, dessen Vater und Grossvater Zapfer waren und der der CTU angehört. «Aber soll ich ihm das vorwerfen? Der Beruf hat ein geringes Ansehen und bietet ihm keine Aussichten.» Noch ringt die CTU mit der Regierung und fordert entschiedene Massnahmen gegen die Panscherei. Aber die Luft wird dünn. Das weiss auch Thankappan Thottathil: «Willst du noch einen Toddy?» fragt er. «Wer weiss, ob es noch einen gibt, wenn du das nächste Mal hier bist.»
Die FischerInnen von Cherthala
Es hat lange gedauert, bis sich die FischerInnen organisierten. Über Jahrhunderte hinweg erlaubte der Fischfang Hunderttausenden eine bescheidene Existenz. Die See und die Binnengewässer gaben her, was die KüstenbewohnerInnen brauchten. Sie ruderten in Holzbooten hinaus und kamen in der Regel mit vollen Körben zurück. Rund eine Viertel Million Fischer und Fischerinnen gibt es in Kerala, weitere 400 000 Menschen leben von der Verarbeitung der Fänge; Fisch macht rund 25 Prozent des Gesamtexports von Kerala aus.
In den fünfziger und sechziger Jahren hatte die Linke immer wieder Vorstösse unternommen; aber ihre Bemühungen, in der Fischerei Gewerkschaften zu etablieren, scheiterten. Erst 1980 entstand die Kerala Swatanthra Matsya Tozhiali Federation, die Freie Fischarbeiter-Föderation KSMTF. Damals tauchten die ersten motorisierten Trawler vor der 590 Kilometer langen Küste von Kerala auf. Die KSMTF-Mitglieder verabschiedeten eine Charta, die sie dem Chefminister von Kerala vorlegten. Sie verlangten soziale Sicherheit, Schutz der Artenvielfalt und der Fischbestände - und ein Verbot des motorisierten Fischfangs. Als die Regierung nicht reagierte, begannen sie 1984 eine massive Kampagne mit Protestkundgebungen, Demonstrationen, Mahnwachen, Hungerstreiks; im Juni 1984 zogen Zehntausende in einem langen Marsch zur Hauptstadt Trivandrum.
Der Kampf war überaus populär. Die Medien applaudierten, Wissenschaftler und Künstlerinnen zollten Beifall, andere soziale Bewegungen waren begeistert. Zum ersten Mal war eine sozial-ökologische Bewegung entstanden, ein Vorbild für andere Initiativen von unten - und die KSMTF setzte sich durch. Ende 1985 akzeptierte die Regierung alle Forderungen und richtete Matsyafed ein, eine halbstaatliche Kooperativenzentrale für die Fischindustrie.
Heute ist Matsyafed die oberste Behörde von 654 Fischereigenossenschaften, zu denen auch 130 Frauenkooperativen gehören. Der Fischfang in der Arabischen See ist zwar weiterhin reine Männersache, aber an der Binnenfischerei und der Fischverarbeitung sind viele Frauen beteiligt.
Der Vorstand von Matsyafed besteht aus neunzehn Mitgliedern, elf von ihnen werden von den Genossenschaften gewählt. Dineshan Kalathil, einer der VeteranInnen der Kooperativenbewegung, vertritt in dem Gremium die Interessen der FischerInnen von Cherthala. «Die Ausbeutung durch Zwischenhändler an den Landungsstegen und auf den Märkten war früher eines der Hauptprobleme», sagt er. «Doch das haben wir beseitigt. Wir haben eigene Schiffländen eingerichtet, separate Auktionsmöglichkeiten geschaffen und für den Transport gesorgt.» Die Gewerkschaft organisiert regelmässig Weiterbildungskurse und bietet Kredite, wenn Genossenschaftsmitglieder neue Netze oder Boote brauchen. Unterstützung kommt auch von Matsyafed, die die Provisionen der HändlerInnen festgelegt hat.
Mehr noch: «Die Behörde hat einen Pensionsfonds eingerichtet», sagt Antochan Nivarthil von einer Kooperative bei Cherthala, der mit seinen 64 Jahren demnächst aufhören will. Ohne die Kampagne von damals wäre daran nicht einmal zu denken. Auch um Baukredite und Bildungsmöglichkeiten für die Kinder kümmert sich Matsyafed. «Seit ihrem Amtsantritt vor drei Jahren ist die Linksregierung auf viele unserer Forderungen eingegangen», berichtet Nivarthil. «Sie hat die Stärke der Boots- und Schiffsmotoren auf maximal 9,9 PS begrenzt, für die Sonderwirtschaftszonen in Küstennähe klare Regeln aufgestellt und festgelegt, dass die Exporteure ein Prozent ihres Umsatzes in einen Sozialfonds einzahlen müssen.»
Also ist alles gut? Leider nicht. «Noch immer räubern grosse Fangschiffe mit ihren langen Netzen und Ortungssystemen die Küstengewässer leer», sagt Dineshan Kalathil, «sie dringen selbst in unsere Zwölfmeilenzone ein.» Die Regionalregierung unternehme zu wenig dagegen; zum Teil seien ihr auch die Hände gebunden: Seit den Freihandelsabkommen mit Thailand (2003) und anderen südostasiatischen Staaten (2007) haben die FischarbeiterInnen das Nachsehen. Zudem hat die Welthandelsorganisation Fisch von der Liste der Agrarprodukte gestrichen - und verlangt, dass die Subventionen für die Fischindustrie gestrichen werden. Dies könnte dazu führen, dass die FischarbeiterInnen von Kerala vieles von dem verlieren, was sie in den letzten Jahrzehnten dem Bundesstaat abgerungen haben. Sie werden also wieder kämpfen müssen. Kein einfaches Unterfangen: Auch hier haben sich viele daran gewöhnt, dass der Staat und die Genossenschaften ihre Probleme schon lösen werden. Die Mitglieder sind zu abhängig geworden, der frühere Kampfgeist ist nicht mehr da, das sieht auch Dineshan Kalathil. Aber das kann sich wieder ändern.
Die Kaffeehaus-Initiative
«Wer hier eine Tasse heissen Kaffee trinkt, unterstützt die Sache der Arbeiterklasse», steht am Eingang des Indian Coffee House. In der Tür begrüsst ein freundlicher Kellner in steif gebügelter Uniform und mit elegantem Kopfschmuck die Gäste, bevor er sie zu einem Tisch geleitet und auf das aktuelle Menü hinweist, das auf eine Wandtafel geschrieben ist. Daneben hängt ein weiterer Spruch: «Unser Ziel ist es, den Menschen von Kerala erstklassige Speisen zu erschwinglichen Preisen zu bieten.» Das ist keine Übertreibung, jedenfalls nicht nach Meinung der Collegestudentin Veena Gopalan: «Ich liebe den Ort», sagt sie, «der Geschmack der Speisen und der Geruch des frisch gemahlenen Kaffees sind einfach unwiderstehlich.»
Im Jahre 1957 hatte der damalige CPIM-Vorsitzende A. K. Gopalan die entlassenen Beschäftigten eines privaten Hotels organisiert und mit ihnen in Cherthala eine Genossenschaft gegründet, aus der das Projekt des Indian Coffee House hervorging. Inzwischen ist daraus die grösste Restaurantkette Indiens geworden. 400 Filialen gibt es heute im Land, 70 in Kerala, davon 52 in Cherthala und Umgebung. Sie gehören der Belegschaft, die das Direktorium und die Manager wählt, die allesamt selber als Kellner oder Köche begonnen haben. «In Cherthala bedienen unsere 1050 Mitglieder über 30 000 Gäste am Tag», berichtet Vishvanathan Vazhakunnel, Präsident der regionalen Zentrale. «Im letzten Jahr machten wir einen Umsatz von zehn Millionen Franken.» Der Gewinn nach Steuern und Investitionen lag allerdings nur bei 4000 Franken. «Nein», sagt er, «Profit ist nicht unser Unternehmenszweck.»
Aber hat er keine Angst vor der zunehmenden Konkurrenz, den oft schicker eingerichteten Cafés von Ketten wie Barista, Coffee Day oder Mocha? «Überhaupt nicht», antwortet Vazhakunnel. «Unsere Qualität, unser Service und unsere Preise sind unschlagbar.» Das Indische Kaffeehaus sei auch ein sozialer Treffpunkt; die Filialen in den anderen Bundesstaaten zum Beispiel würden von vielen MigrantInnen aus Kerala besucht, die «bei uns ein Stück Heimat finden».
Und doch kommen auf die Kooperative neue Herausforderungen zu. So besteht die Belegschaft seit je nur aus Männern («bisher hat das niemand infrage gestellt»); das aber dürfte sich auf Dauer nicht halten lassen. Sie wird auch nicht umhin kommen, ein Schulungsprogramm aufzulegen, Evaluationssysteme einzuführen, strategisch zu planen - kurzum: moderne Managementmethoden einzuführen. Es gibt zwar monatliche Belegschaftstreffen auf allen Ebenen, aber langfristige Ziele werden dort selten diskutiert. Andererseits boomt das Gastgewerbe - und so ist das Projekt derzeit nicht gefährdet.
All diese Kooperativen entstanden aus lokalen Bedürfnissen heraus und entwickelten sich auf der Basis lokaler Traditionen und Kulturen. Was sie gefährdet, sind die Auswirkungen der Globalisierung und die Durchschlagskraft marktradikaler Konzepte, die ihren Spielraum zunehmend einengen. Doch deren Attraktivität lässt allmählich nach - auch in Indien. Und so sieht beispielsweise das Zentrum für sozioökonomische Umweltstudien in Cochin neue Chancen für die angeschlagenen Coir-Kooperativen. Kokosgarn habe, da es biologisch abbaubar ist, ein enormes Marktpotenzial, schreiben WissenschaftlerInnen des Zentrums in einer vor kurzem veröffentlichten Untersuchung. Zu dieser Einschätzung kommt auch Velayudhan Rudraprasad, der 74 Jahre alte Generaldirektor eines erfolgreichen privaten Coir-Unternehmens. «Die Nachfrage nach Kokosgarn wächst», sagt er. «Wenn sich die Genossenschaften aus der staatlichen Abhängigkeit lösen, ihre Produktpalette diversifizieren, technische Neuerungen aufgreifen und ihre Erzeugnisse besser vermarkten, sind sie durchaus zukunftsfähig.»