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Ich hatte vor zwanzig Jahren schon einmal das Vergnügen, dem Psychoanalytischen Seminar Zürich eine Geburtstagsrede zu halten: Damals war ich gerade dreissig, das PSZ zehn Jahre alt geworden. Das letztere der beiden Ereignisse feierten wir mit einer Tagung mit dem Titel «10 Jahre Dissidenz». Nun vergeht bekanntlich nichts unerbittlicher als die Sexiness vergangener Tage. Ich rede dabei nicht von mir, auch nicht vom PSZ, sondern vom Begriff der Dissidenz.
Niemand würde heute auf die Idee kommen, das Jubiläum unserer Aussperrung aus der Schweizer Gesellschaft für Psychoanalyse unter dem Motto «30 Jahre Dissidenz» zu feiern. Auch spenden wir einen allfälligen Überschuss an Einnahmen diesmal gewiss nicht - wie es 1983 bei unserer Tagung zum Thema «Krieg und Frieden» geschah - zugunsten von «Waffen für El Salvador». Nur «Nikotinpflaster für Kuba» würden uns heute noch peinlicher erscheinen. Sie sehen, die Dissidenten von früher brauchen für den Spott von heute nicht zu sorgen.
Selber denken!
Eigentlich verweist dieser altkluge Hohn aber nur auf ein ziemlich grundlegendes Missverständnis unseres institutionellen Ei- und Ursprungs. Es besteht aus zwei Fehlannahmen. Die erste behauptet, Dissidenz sei gleichzusetzen mit inhaltsgebundener politischer Opposition. Die zweite versteht Dissidenz als eine institutionelle Entwicklungsphase, welche der Adoleszenz verwandt ist. Anders formuliert, besteht das Doppel-Missverständnis darin zu glauben, Dissidenz sei eine Form des Oppositionsverhaltens einer noch jungen Institution, dem diese mit der Zeit entwachsen sollte, um schliesslich zu einem erwachsenen Selbstbild zu gelangen.
«Dissidentes» nannte man im ausgehenden 16. Jahrhundert die Protestanten im katholischen Polen. In Grossbritannien waren die «Dissenters» jene evangelischen Religionsgemeinschaften, die sich im 17. Jahrhundert erfolgreich dagegen wehrten, in die anglikanische Staatskirche eingegliedert zu werden. Wer sich im real existierenden Sozialismus dem Wahrheitsanspruch der Kommunistischen Partei verweigerte, galt ebenfalls als «Dissident». Allein diese Traditionslinie der Dissidenz sollte einen davor warnen, die einstmals von sich selbst in Anspruch genommene dissidente Position als jugendlichen Blütentraum zu verharmlosen.
Denn die Maxime der Dissidenz ist keineswegs die Frage: «Wie treibe ich Papa und Mama mit völlig unmöglichen Ansichten am besten zur Weissglut?» Ebenso wenig ist es die Haltung: «Ich finde grundsätzlich das Gegenteil von dem richtig, was die anderen sagen.» Aufklärung, sagt Kant, sei die Überwindung selbstverschuldeter Unmündigkeit: «Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.» Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn sie nicht in mangelndem Verstand begründet liegt, sondern in der fehlenden Entschlossenheit, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. «Sapere aude! - Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!», ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Es ist auch der Wahlspruch der Dissidenz.
Was heisst Illusion?
Zur Dissidenz als aufklärerischer Haltung gehört auch die Anwendung der Aufklärung auf sich selber. Eine solche Aufklärung der Aufklärung ist ein wesentliches Moment der Psychoanalyse. Sie hat uns gelehrt, unsere im Unbewussten begründete Nichtautonomie stets mit zu bedenken und die Hoffnung aufzugeben, sie jemals denkend beseitigen zu können. Zur Dissidenz gehört darum die Dissidenz zur eigenen Dissidenz als einer festschreibbaren Position. So muss sie uns auch nicht peinlich werden mit der Zeit. Vielmehr gelingt es uns stattdessen sogar, den durch sie geschaffen Spielraum zu geniessen - und auch zu bespielen.
Wie das gehen soll? Einige Kerngedanken aus dem Buch unseres Preisträgers Robert Pfaller eignen sich hervorragend, einen frommen Wunsch für die Zukunft des PSZ zu formulieren. Es gibt Illusionen, sagt Pfaller, welche sich dadurch auszeichnen, dass sie einen Zwang auf uns ausüben, ohne dass wir an sie glauben. Diese Einbildungen kann man am besten als «Aberglauben der anderen» bezeichnen. Man bezieht sich auf sie in der Form: «Ich weiss zwar, aber dennoch ...» Etwa: «Ich weiss, das Horoskop in der Zeitung ist blöd, aber ich muss trotzdem schnell einmal nachschauen, was es mir für heute prophezeit.» Im Gegensatz dazu stehen Einbildungen, an die wir selbst glauben; Überzeugungen, mit denen wir uns identifizieren. Von diesen würden wir zum Beispiel niemals sagen: «Ich weiss, es ist idiotisch, aber ich glaube daran, dass die Psychoanalyse einen wesentlichen Beitrag zur Volksgesundheit leistet.»
Fragen Sie Freud
Die Psychoanalyse ist darauf abonniert, den «Aberglauben der anderen» als falsches Bewusstsein zu denunzieren und aufzulösen. Dadurch krankt sie aber selbst an einem blinden Fleck: Diese Illusionen, die wir gleichzeitig lieben und verachten, haben nämlich auch eine Lustfunktion. Als «Einbildungen ohne Eigentümer» offenbaren sie weniger etwas Falsches als vielmehr etwas «Unglaubliches». Und dieses Unglaubliche, so zeigt Pfaller, bildet den Angelpunkt des Lustprinzips der Kultur.
Beim Bekenntnis hingegen geht es nicht um Lust, sondern um Selbstachtung. «Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert», so der Volksmund. Im Umkehrschluss heisst das: Wer sein Leben unter die Maxime der Selbstachtung stellt, gewinnt nicht Freiheit und Glück, sondern verzichtet auf kulturellen Genuss und wird anfällig für reaktionäre Enthaltsamkeitsideale. Apropos: Möglicherweise fiele die Ideologiekritik an der «unglaublich» dummen SVP-Propaganda weniger säuerlich und hilflos aus, wenn man die Attraktion, die von den Parolen der SVP ausgeht - «Ich weiss, die SVP ist scheisse, aber ...» - nicht aus einer besserwisserischen Bekenntnisposition analysieren würde.
Doch zurück zur Psychoanalyse: Als Freud die Bühne der Wissenschaft betrat, war seine Lehre zunächst - «unglaublich!». Freud selbst aber war das eigene Unglaubliche unheimlich. Die unglaublichen Behauptungen der Psychoanalyse mussten daher glaubhaft gemacht werden - eine lustlose, «trübsinnige Leidenschaft» der Qualitätskontrolle und -sicherung, um mit Gilles Deleuze zu sprechen.
Glaubhaft sein zu wollen, ist menschlich. Aber fatal. Zumindest im Fall der Psychoanalyse. Denn ihr Aufstieg von der Produzentin unglaublicher Einsichten zur glaubhaften Disziplin ging einher mit dem Niedergang ihres spezifischen Charmes - ein Zerfall, den jede weitere Verglaubwürdigung weiter beschleunigt.
Dabei gehört, in Klammern bemerkt, doch gerade die freudsche Übertragung zum Unglaublichsten, was einem in der Analyse widerfährt: «Ich weiss, es klingt bescheuert und ist ja auch so furchtbar vorhersehbar, dass ich mich ausgerechnet in meinen Analytiker verliebe, aber ...»
Ich weiss natürlich auch, man kann eine einmal entzauberte Welt nicht wieder verzaubern. Trotzdem wünsche ich dem Psychoanalytischen Seminar zu seinem runden Geburtstag viele, viele Psychoanalytikerinnen und -analytiker, die keine Fachpersonen sein wollen, auch nicht in erster Linie «Subjekte, denen Glauben unterstellt wird», um mit Jacques Lacan zu sprechen.
Vielmehr wünsche ich dem PSZ Individuen, die nicht durch Bekenntnisse zusammengehalten werden: «Spieler», deren Einsatz die unglaublichen Aberglauben Freuds, Lacans und anderer sind. Und damit wünsche ich uns allen eine Kundschaft, die unreinsten Gewissens von sich sagen kann: «Ich weiss, Freud und dieses Gesülze vom unbewussten Wunsch sind schon längst überholt, aber wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden - ich muss dringend in die Analyse ...»
Der Text der Rede wurde von der Redaktion leicht überarbeitet und gekürzt.
Psychoanalyse und Gesellschaftskritik
Peter Schneider hat seine Rede anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums des Psychoanalytischen Seminars Zürich (PSZ) gehalten. Sein Werdegang ist eng mit der Geschichte des PSZ verknüpft. Zwischen 1983 und 1987 bildete er sich dort zum Psychoanalytiker aus. Anschliessend war er bis 1989 Mitglied der Seminarleitung.
Das PSZ ist eine besondere Institu-tion. Das zeigt sich schon im Anlass der Feier am 1. Dezember: Die «Geburtsstunde» des PSZ war eigentlich eine Aussperrung - die Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse (SGP) schloss das Seminar Mitte 1977 aus ihrem Kreis aus. «Die Ursache dieser Trennung lag nicht in unüberwindlichen dogmatischen Differenzen hinsichtlich der psychoanalytischen Lehre», betonte Schneider am vergangenen Samstag, «sondern im Streit über die Modalitäten der psychoanalytischen Ausbildung. Es war der Preis, den die Ausgesperrten für ihren Versuch bezahlten - und zu zahlen bereit waren - , Institution, Macht, Legitimation, Deutung und Erkenntnis zu entflechten.» Die SGP hatte Richtlinien für die Ausbildung eingeführt, welche die seit Ende der sechziger Jahre schwelenden Auseinandersetzungen um das selbstverwaltete PSZ eskalieren liessen.
Seinem antibürgerlichen Gestus von damals ist das PSZ bis heute in verschiedener Hinsicht treu geblieben - von der demokratischen Selbstverwaltung durch die Seminarteilnehmenden bis zum beruflichen Selbstverständnis, das von zwei zentralen Überzeugungen geprägt ist: Die erste lautet, dass psychoanalytische Kompetenz nicht durch einen vorstrukturierten Studiengang mit abschliessender Diplomierung erworben werden kann. Entsprechend steht der Zugang zur Ausbildung allen offen. Zweitens misst das PSZ der Verbindung von Psychoanalyse mit Gesellschaft und Kultur grosse Bedeutung zu - in Ausbildung wie Berufspraxis.
Ganz in dieser Tradition steht auch der sogenannte «Missing Link»-Preis, der zum 30-Jahr-Jubiläum erstmals verliehen worden ist. Mit ihm will das PSZ Arbeiten auszeichnen, die im interdisziplinären Austausch und Spannungsfeld zwischen der Psychoanalyse und andern wissenschaftlichen Disziplinen Hervorragendes leisten. Erster Preisträger ist der österreichische Philosoph Robert Pfaller. Er hat den Preis für sein Buch «Die Illusionen der Anderen. Über das Lustprinzip in der Kultur» erhalten.
Franziska Meister