Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03166.jsonl.gz/3824

«Der Berg erzitterte um uns herum, als sturzflutartig Wasser vermengt mit Asche vom Himmel fiel. Kinder schrien und weinten, und auch ihre Mütter, in dem Glauben, die Welt sei in brennende Asche verwandelt worden.»
So beschreibt ein Augenzeuge die Tage, als der Vulkan Tambora aus seinem gut tausendjährigen Schlaf erwachte. Zwischen dem 10. und 15. April 1815 entleerte sich der Berg auf der indonesischen Insel Sumbawa. Der gewaltige Ausbruch verwandelte die blühende Insel in eine wüste Mondlandschaft. An der Stelle des einstigen Gipfels klafft heute ein riesiger Krater.
Ein Teil der Inselbevölkerung von Sumbawa konnte sich auf andere Inseln retten – doch auch dort herrschte grosses Leid. Der Ascheregen hatte die Ernten zerstört, es gab kaum zu essen.
In der Hoffnung auf Nahrung liessen sich Menschen versklaven. Und die Strände von Bali wurden von Kinderleichen gesäumt: Eltern töteten ihre eigenen Kinder, weil sie ihnen nicht beim langsamen Verhungern zuschauen konnten.
Das Jahr ohne Sommer
Die gewaltige Katastrophe reichte bis nach China, Europa und Amerika. Denn die Staubpartikel des Vulkanausbruchs wanderten weit oben in der Atmosphäre rund um den Erdball – und stellten das Wetter in den nächsten zwei Jahren völlig auf den Kopf.
«Von Amsterdam bis Genf hatte ich reichlich Gelegenheit, die Tatsache zu beobachten, dass die exzessiven Regenfälle dieses Sommers sich in einem grossen Teil von Europa ereigneten. Von den Quellen des Rheins bis zu seiner Mündung in die Nordsee sowie von Ost nach West bestand die ganze Jahreszeit aus einer Abfolge von Stürmen und Überschwemmungen.»
Das schrieb ein britischer Meteorologe ein Jahr nach dem Vulkanausbruch. 1816 war das «Jahr ohne Sommer». Viele Länder wurden von Ernteausfällen, Hungersnöten und Wirtschaftskrisen gebeutelt. Besonders schlimm traf es die Schweiz: Hier schneite es auch im Sommer bis tief in die Täler hinab. Das Wenige, was es noch zu essen gab, war extrem teuer. Man sagt, die Menschen hätten mit dem Vieh gegrast. Und auch in der Schweiz brachten verzweifelte Eltern ihre Kinder um: Einige hungernde Mütter wurden zur Strafe verhaftet und geköpft.
Cholera wurde für Menschen gefährlich
In Indien veränderte der Vulkanstaub das Muster des Monsuns. Der Ausbruch führte erst zu extremer Dürre, dann zu extremen Überschwemmungen. Der Erreger der Cholera passte sich den extremen Wetterbedingungen an. Manche Forscherinnen und Forscher vermuten, dass erst dadurch der für Menschen so gefährliche Cholerastamm entstand. Die neue Cholera raffte sofort Tausende Menschen dahin, auch die britische Armee war betroffen. Ein Soldat schrieb:
«Einen Marsch werde ich nie vergessen ... Ich war in der Nachhut und gelangte erst am Abend zu meinem neuen Platz, und liess achthundert Mann – mindestens! – tot und sterbend auf der Strasse zurück. Solch eine grauenvolle Szene hat vielleicht noch niemand erlebt.»
Auch die Forschung veränderte sich
Für die Wissenschaft hatte der Vulkanausbruch allerdings auch positive Folgen. Da sich die Arktis erwärmte, wurden erste Forschungsreisen in diese Region möglich. Die Menschen beschäftigten sich nun auch ernsthafter mit dem Wetter: Die erste Wetterkarte stammt aus jener Zeit. Und in der Schweiz tasteten sich einige Forscher langsam an die Eiszeittheorie heran, weil sie sahen, wie die Gletscher immer weiter wuchsen.
Den Zusammenhang zwischen Vulkanausbruch und Klimawandel verstand damals noch niemand. Heute hingegen wissen wir: Was hoch in die Atmosphäre aufsteigt, geht uns alle an – wo auch immer wir auf dem Globus sitzen.
Die Zitate stammen aus dem Buch «Vulkanwinter 1816: Die Welt im Schatten des Tambora» von Gillen D'Arcy Wood, Verlag Konrad Theiss 2015
Quelle der Inspiration
Im «Jahr ohne Sommer» verbrachten Mary Wollstonecraft und ihr zukünftiger Ehemann Percy Shelley mit anderen aufstrebenden Dichtern ihre Ferien am Genfersee. Weil das Wetter so miserabel war, rief die Gruppe zum Zeitvertreib einen Gruselgeschichten-Wettbewerb aus. So schrieb Mary Shelley die ersten Seiten von «Frankenstein».