Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03396.jsonl.gz/268

Seit meiner Geburt bin ich stark hörbehindert. Lange meinte ich einen Hörrest von 6% zu haben. Aktuellste Untersuchungen im Unispital Zürich (2019) zeigten aber, dass ich gehörlos bin mit einem Hörrest von 0.1%. Ich bin lautsprachlich aufgewachsen und somit merkt man es mir (fast) nicht an, dass ich eine Hörbeeinträchtigung habe. Gemäss meiner Frau hätte ich "nur" eine etwas nasale Aussprache, mit welcher einige Leute Schwierigkeiten haben mich zu verstehen. In meiner Kindheit war es auch absolut verpönt - gar verboten - sich mit Gebärdensprache zu unterhalten. Damals setzten alle Fachleute (Audiologen und Ärzte) auf eine lautsprachliche Ausbildung in Sonderklassen, damit später die Integration in der normalhörenden Gesellschaft einfacher ist.
Gemäss meiner Mutter hätte ich als Kleinkind mal besser gehört. Nachdem ich aber im Alter von etwa sechs Jahren von einem Auto angefahren wurde, hätte ich danach (wegen dem Schock?) schlechter gehört.
Seit ich 7 Jahre alt bin, trage ich Hörgeräte. Anfänglich waren diese Hörgeräte eine Qual. Zum einen, weil ich mich ob der damaligen riesigen Hinterohr-Geräte schämte und zum anderen, weil die Hörgeräte primär den Umgebungslärm ohrenbetäubend verstärkten. Die Sprache, oder das, was ich nicht verstanden habe, verstärkten die damaligen Geräte nur in absolut ruhiger Umgebung halbwegs vernüftig. Aber auch mit diesen Geräten konnte ich mehrheitlich nur hören und nicht verstehen. Ich muss mein Gegenüber also sehen, damit ich von den Lippen ablesen kann. Erst als ich etwa 20 Jahre alt war, war ich selbstsicher genug, die Hörgeräte immer zu tragen. Bis dahin habe ich die Hörgeräte nur getragen, wenn ich musste - also in der Schule.
Seit April 2019 habe ich im rechten Ohr ein Cochlea Implantat (CI) und seit anfangs Mai 2019 den zugehörigen externen Soundprozessor Kanso von der Firma Cochlear. Nun muss ich wie ein Baby mit dem rechten Ohr lernen zu hören und verstehen. Schon nach wenigen Monaten mit dem CI war ich schon so weit, dass ich es nicht mehr missen wollte. Zwar ist die Akustik etwas unnatürlich und Musik tönt mal besser und mal weniger gut, aber von der Verständlichkeit her habe ich gewaltige Fortschritte gemacht. In ruhiger Umgebung verstehe ich beispielsweise meine Frau ohne dass ich ihre Lippen lesen muss. Auch telefonieren geht mit dem Cochlear Telefonclip oder auch "normal" über die Telefonspule schon ganz gut.
Auch hatte ich bereits eine leider negative Erfahrung mit einem MRI (1.5 Tesla), welches ich wegen einer Muskelverletzung am rechten Oberschenkel machen musste. Trotz fixierendem Kopfverband hat sich das Magnet des inneren CI-Teils verschoben und alles war mit unnötigen Schmerzen, weiteren Untersuchen und schlussendlich einer ambulaten Operation verbunden. Meine Empfehlung ist, dass ein MRI (Magnetresonanz) nur dann gemacht wird, wenn es wirklich notwendig ist - also bspw. bei einem Notfall. Bei meiner (einfachen) Muskelverletzung wäre ein Röntgenbild und/oder Ultraschall absolut ausreichend gewesen. Mittlerweile rät die Firma Cochlear auch explizit davon ab, ein MRI zu machen. Vorgängig soll das Magnet mit einer kleinen ambulanten Operation entfernt werden.
Stolz bin ich darauf, dass man es mir nicht anmerkt, dass ich so stark hörbehindert bin. Wenn Sie schon mal mit einem Gehörlosen oder einer Gehörlosen Kontakt hatten, ist Ihnen sicher aufgefallen, dass die Betonung der Sprache ziemlich exotisch klingt. Gezielt geübt habe ich meine Aussprache nie. Ich nehme an, dass mir das Gitarre spielen dabei geholfen hat, mein Gehör auf die Feinheiten der Aussprache zu trainieren. In meiner Kindheit war es auch verboten mit Gebärden zu sprechen. Ich bin lautsprachlich aufgewachsen und kann (leider) keine Gebärdensprache.
Und ebenfalls stolz bin ich darauf, dass ich voll in die Arbeitswelt integriert bin und immer 100% gearbeitet habe. Als Informatik Fachspezialist leiste ich einen wesentlichen Beitrag für meinen (tollen) Arbeitgeber, der mich immer vollumfänglich unterstützt hat. Fast 10 Jahre lang war ich auch Teamleiter von bis zu zehn MitarbeiterInnen und ich meine, dass ich das sehr gut gemacht habe. Mein Vorteil ist auch, dass ich in einer nicht allzugrossen Firma arbeite und fast alle wissen, dass ich ein Handicap habe. So kann ich (mehrheitlich) vermeiden, dass ich telefonieren muss, da mich die Leute via Chat oder Mail kontaktieren.
Dass ich trotz meines Handicaps so weit gekommen bin, verdanke ich meinen leider viel zu früh verstorbenen Eltern, die mich nie als spezielles oder behindertes Kind behandelt haben. Sie haben mich nie bemitleidet, sondern haben immer geschaut, dass ich eine optimale Ausbildung bekomme. Auch hatte ich in meiner Kinder- und Jugendzeit (normalhörende) Gspändli, die noch heute meine besten Freunde sind.
Meiner Ohrenärztin ist es bis heute ein Rätsel, wie ich mit meinem Hörrest überhaupt Gitarre spielen kann - und schon gar nicht elektrische. Gemäss Audiogramm sei es unmöglich, dass ich die hohen Töne höre und somit sei es eigentlich nicht erklärbar, dass ich die Töne unterscheiden kann. Mit dem Cochlea Implantat höre ich nun auch die hohen Töne und ich meine, dass ich vorher in meine Gehirn eine Art Octaver (https://de.wikipedia.org/wiki/Octaver) simuliert habe zusammen mit den Schwingungen der Gitarre. Denn auch eine elektrische Gitarre schwingt merklich und ich reagiere stark auf diese Schwingungen.
Schlusswort: Lieber einen Schaden in den Ohren als zwischen den Ohren... *grins*
Home