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Gegen die Wucht der Spanischen Grippe war die Medizin nahezu machtlos. Nach Hermann Sahli, Ordinarius für Innere Medizin in Bern und einer der damaligen Koryphäen auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten in der Schweiz, war die eigentliche Krankheitsursache der Influenza von 1918/19 noch nahezu unbekannt.
So herrschte die Lehrmeinung vor, dass die Grippe von Mensch zu Mensch in Form eines lebenden Organismus, einem Bazillus gleich übertragen würde und der mögliche Krankheitserreger mit den damaligen mikroskopischen Möglichkeiten nicht zu erkennen sei. Allgemein anerkannt war, dass der von Richard Pfeiffer vermeintlich entdeckte Influenza-Bazillus nicht der primäre Erreger sein konnte, aber ein herausragendes "sekundäres infektiöses Agens" bildete.
Unter Zeitdruck reagierten die Wissenschaftler durch eine konzeptlose Vielgeschäftigkeit. Die Medizin spricht in diesen Fällen von einer "Polypragmasie": Angesichts fehlender erfolgsversprechender Therapien bedienten sich die klinischen Ärzte aller damals in der internationalen Forschung vorhandenen angebotenen Ratschläge zur Bekämpfung der Grippe und experimentierten mit allen erdenklichen Mitteln. Bei aller Hyperaktivität der Ärzte gab es aber auch Stimmen, die vor dem allzu stark experimentellen Charakter der Klinikversuche warnten. Andere Mediziner reagierten fatalistisch und warfen verschiedene, bis zu diesem Zeitpunkt angewandte Therapien über Bord.
Beides war Ausdruck wachsender Ohnmacht, die unter Medizinern – und nicht nur unter diesen – herrschte und bedrückende Gefühle der Unsicherheit hervorrief. Erschwerend kam hinzu, dass die kriegsbedingte Nachrichtensperre sowohl den wissenschaftlichen Austausch als auch ein gemeinsames grenzüberschreitendes Vorgehen verunmöglichte. Die internationale Zusammenarbeit bildete die unabdingbare Vorsetzung zur Entwicklung eines Impfstoffs. Davon konnten die Wissenschaftler des Ersten Weltkriegs jedoch nur träumen.
Institutionen, die eine solche Zusammenarbeit möglich machen, und heute einen unverzichtbaren Informationsfluss gestatten, sollten erst mit dem Völkerbund bzw. der UNO entstehen, und erst 1933 sollte es Wissenschaftlern gelingen, erstmals ein Influenza-Virus zu isolieren und zu bestimmen.