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Leseprobe »Die Geliebte des Gelatiere«
Das Vanille-Gelato zerging auf meiner Zunge, und aus dem Eis stieg eine Erinnerung auf: Noemi. Ich aß das Eis und spürte ihre Hand auf meiner heißen Stirn. Viele Male hatte ich Vanille-Eis gegessen, seit ich sie zum letzten Mal gesehen hatte, und es hatte mir nie etwas gesagt, ich hatte es in Pippos Gelateria tausende Male in Becher und Waffeln gefüllt, hatte es dauernd vor Augen, und es hatte nichts ausgelöst in mir, die Erinnerung war versunken, verlaufen, hatte sich in nichts aufgelöst, jetzt aber, als ich das Vanille-Eis auf der Zunge spürte und den Geschmack wiedererkannte, wie ich ihn damals geschmeckt hatte, war es, als ob Noemi mit mir auf der Terrasse wäre, als ob sie mit ihren strahlenden Augen und ihrer ganzen Zerbrechlichkeit da säße und mich anblickte, und ich sah die weiß-blau gestreiften Leibchen der Gondolieri und die Spiegelungen des Lichts im Wasser, und alles in mir war geweckt und in Bewegung.
«Ist dir nicht gut?», fragte Michele besorgt. «Du siehst so bleich aus.»
«Nein, nein, es geht schon», sagte ich. «Aber ich glaube, ich muss ein wenig allein sein.»
Michele hatte von seinem Vater zur Feier des Tages ein paar große Scheine erhalten. Er bezahlte. An meinen Vater dachte ich nicht. Das hatte noch Zeit bis zum Abendessen. Ich wollte mir jetzt nicht überlegen, wie ich ihm das Ganze erklären sollte. Ich schlenderte ein wenig durch die Gassen, durch die ich mit Noemi gegangen war, suchte die Orte an den Fondamente Nuove auf, wo wir gesessen und in die Lagune hinaus geblickt hatten. Ich fragte mich, wo sie jetzt war, was sie tun mochte, was aus ihr geworden war. Ich fühlte Schmerz in der Brust. Mein Bauch krampfte sich zusammen. Traurig trottete ich nach Hause. Ich war mir sicher, dass ich nie glücklich würde.