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10:00:02
Man nannte sie Zwitter, Hermaphroditen, dann Intersexuelle. Heute spricht man in der Medizin von einer Variation der Geschlechtsentwicklung.
10:00:11 Daniela Truffer, Zwischengeschlecht.org
Ich bin mit uneindeutigen körperlichen Geschlechtsmerkmalen geboren, ich habe einen männlichen Chromosomensatz und hatte Hoden im Bauchraum. Mein Genital war uneindeutig, das heisst, die Ärzte konnten nicht sagen, ob ich ein Mädchen oder ein Junge bin. Aufgrund eines schweren Herzfehlers wurde ich gleich nach der Geburt notgetauft, dann hat man mich ins Inselspital Bern gebracht, wo man mich drei Monate isoliert hat, meine Eltern konnten mich nur durch eine Glasscheibe anschauen. Das war wirklich traumatisierend für meine Eltern. Trotz meines Herzfehlers und der hohen Infektionsgefahr haben mich die Mediziner mit zweieinhalb Monaten kastriert, sie haben dafür meinen Bauch aufgeschnitten, mit drei grossen Schnitten, meinen Eltern wurde die Kastration verheimlicht, sie wurden erst später darüber aufgeklärt. Das habe ich alles aus der Krankenakte erfahren. In dieser Krankenakte steht auch schwarz auf weiss, dass die Mediziner sich nicht einig waren, dass einer sogar der Meinung war, dass die Kastration ein Fehler gewesen sei und dass man nun aber auf diesem Wege weiterfahren und aus dem kleinen Patienten ein Mädchen machen müsse.
10:01:04
Variationen der Geschlechtsentwicklung, in der Medizin Disorders of Sexual Development, kurz DSD genannt, entstehen während der Schwangerschaft und haben soweit bekannt genetische Ursachen.
10:01:15 Primus Mullis Endokrinologe Kinderspital Bern
Zuerst haben wir einmal das chromosomale Geschlecht, Mann xy, Frau xx, die Chromosomen. Dann haben wir das gonadale Geschlecht, eine Frau hat Ovarien, einen Uterus, ein Mann hat Hoden, und dann haben wir das äussere oder anatomische Geschlecht. Und wenn man das definiert, ist heute eigentlich eine Störung der Geschlechtsentwicklung eine Störung auf allen drei Ebenen, eine Störung der Chromosomen, eine Störung der Gonaden oder eine Störung der äusseren Geschlechtsentwicklung.
10:01:50
Es gibt viele Formen von DSD, die mehr oder weniger stark sichtbar werden.
10:01:55
So kann ein Kind mit dem männlichen xy-Chromosomensatz fast gleich aussehen wie ein Kind mit dem weiblichen xx-Chromosomensatz.
10:02:04
Am häufigsten ist das Adrenogenitale Syndrom oder AGS, das bei Mädchen zu einer Vermännlichung des Geschlechtsteils führen kann. Das AGS ist eine genetisch bedingte Störung der Hormonbildung in der Nebennierenrinde.
10:02:18
Hingegen hat eine Androgenresistenz oder AIS, das heisst die Resistenz gegen männliche Hormone, bei xy-Kindern eine mehr oder weniger starke Feminisierung des männlichen Geschlechtsteils zur Folge.
10:02:31 Rita Gobet, Chirurgin Kinderspital Zürich
Es kommt drauf an, welche Hormone wann gewirkt haben, ob sie gewirkt haben, es gibt Situationen, wo die Hormone völlig normal sind, wenn man sie im Blut untersucht, aber der Körper nicht darauf reagieren kann, da muss man sich vorstellen, das ist wie ein Schlüssel mit einem Schlüsselloch, wenn der Schlüssel da ist, aber kein Schlüsselloch, dann passiert nichts, funktioniert das nicht, und dann gibt es Situationen, wo die Keimdrüsen, also die Gonaden fehlgebildet sind, und das gibt dann eine ganz unterschiedliche Diagnose, und in dem Sinn auch ganz unterschiedliche Entwicklungen.
10:03:13
In der Schweiz kommen jedes Jahr rund 80'000 Kinder auf die Welt. Gemäss Schätzungen ist etwa eines von 2000 bis 5000 Kindern ein Kind mit DSD.
10:03:25
Meistens wissen die Eltern nicht im Voraus, dass ihr Kind ein uneindeutiges Geschlecht hat. Der Familie eines heute Zweijährigen wurde beim Ultraschall ein Junge angekündigt.
10:03:36 Vater eines betroffenen Kindes
Als dann das Kind auf der Welt war sagte die Hebamme, Sie sind Vater eines Mädchens. Und ja, das war der erste Schockmoment, und in der Freude realisierten wir das gar nicht, was die Hebamme uns da gerade erzählt, und ich ging dann raus wie man das so hat, schreibt an die Eltern, juhu, ich bin Papi eines gesunden Mädchens, komm wieder rein in den Gebärsaal und dann kamen die Wort: Moment mal, da stimmt was nicht. Ja, und dann durften wir unserem Kind auch keinen Namen geben, weil gesagt wurde, da müsse man zuerst Abklärungen machen, es sehe zwar aus wie ein Mädchen, aber es sei doch kein Mädchen, es wollte sich da keiner genau darauf fixieren.
10:04.49 O-Ton Jürg Streuli, Arzt und Medizinethiker
Es gibt ganz viele verschiedene Formen, was vielleicht eine der wichtigsten Mitteilungen ist heute. Intersex ist nicht einfach Intersex. Und unterschiedliche Formen brauchen ganz unterschiedliche Behandlungsformen, Betreuungen.
10:05:02
Ein Novum: eine Tagung über Störungen der Geschlechtsentwicklung einmal nicht für Fachpersonen aus der Medizin, sondern aus Sozialarbeit und Psychologie, an der auch Betroffene teilnahmen.
10:05:16 Karin Plattner, Mutter eines betroffenen Kindes
Uns machte die Ratlosigkeit im Gebärsaal zu schaffen. Die Hebamme sagte, ich weiss nicht was ich euch sagen soll, ich weiss nicht recht, was es ist, es hat eine Genitalgeschwulst, man muss das abklären, der Oberarzt will den Kinderarzt beiziehen.
10:05:43 Karin Plattner, Mutter eines betroffenen Kindes
An einem Tag hiess es, es sei ein xy-Kind, also eher ein Junge, am andern Tag hiess es, man habe etwas wie einen Uterus gesehen, es sei vielleicht doch ein Mädchen, so waren wir in der Schwebe. Weil ich die Diagnose nicht kannte, war meine einzige Angst, es könnte krank sein, denn ich wusste nicht, was ein AGS war.
10:06:09 Karin Plattner, Mutter eines betroffenen Kindes
Auch das persönliche Umfeld war schwierig. Ich komme aus einem kleinen Dorf, wo jeder jeden kennt, und die Telefone liefen heiss: Super, was ist es? Dann sagte ich: Ich weiss es nicht! Mach keinen Blödsinn, habt ihr ein Mädchen oder einen Jungen? Und ich sagte: Ich weiss es wirklich nicht.
10:06:31
Wenn ein Kind zur Welt kommt, muss ihm ein Geschlecht zugewiesen werden, auch wenn dieses nicht eindeutig ist. In dieser Situation haben die Hebammen eine wichtige Aufgabe.
10:06:43 Béatrice Amstutz, Hebamme
Man versucht nicht gerade im Moment darüber zu sprechen, sondern wirklich die Bindung zu ermöglichen. Ich glaube das ist das Wichtigste. Die Geschlechtszuweisung, die Abklärungen können alle später geschehen, und ich glaube, das ist auch im Sinn unserer Kinderärzte, dass zuerst ein Bonding stattfinden kann, die Eltern wirklich auch ihr Kind annehmen können und erst nachher die Aufklärung geschieht.
10:07:13
Nicht immer halten sich die behandelnden Ärzte genügend zurück. Insbesondere operative Eingriffe müssen gut bedacht werden. Bei der heute Zwölfjährigen empfahlen sie bald nach der Geburt die Entfernung der Keimdrüsen.
10:07:27 Karin Plattner, Mutter eines betroffenen Kindes
Die Ärzte sagten, das Kind habe Stranggonaden im Bauch und die seien krebsgefährdet. Unser erstes Kind, der Arzt befürchtet Krebsgefahr, okay, das muss raus. Im Juli kam sie zur Welt, im August waren die Stranggonaden draussen.
10:07:47 Primus Mullis Endokrinologe Kinderspital Bern Entartung
Viele Endokrinologen hatten früher natürlich Angst, dass solche Gonaden, die unspezifisch waren, krebsartig maligne entarten. Das ist in seltensten Fällen vor dem 20. Altersjahr möglich. Aber da haben wir heute andere Methoden, wir haben Ultraschall, man kann das kontrollieren, wenn man Angst davor hat, da muss man also nicht diese Gonaden rausschneiden, da kann man einfach durch regelmässige Ultraschalluntersuchungen diese Befunde kontrollieren.
10:08:25 31 Rita Gobet, Chirurgin Kinderspital Zürich
Gonaden werden wirklich nur noch entfernt, wenn ein hohes Risiko für bösartige Tumoren besteht. Das gibt es, in ganz spezifischen Situationen, bei ganz speziellen Diagnosen, die wir stellen können, mit Sicherheit stellen können, und dort würden wir Gonaden entfernen. Man muss sich aber jetzt nicht vorstellen, dass wir gesunde Eierstöcke oder gesunde Hoden entfernen würden, sondern das sind eben fehl gebildete Keimdrüsen, die dazu neigen, bösartig zu sein, zu entarten, Tumoren zu entwickeln. Das kleinste Kind, das ich erlebt habe, das war vor zwei, drei Jahren, war ein Dreijähriges, wo wir uns entschieden haben das zu machen, und da war tatsächlich dann in der Untersuchung ein bösartiger Tumor.
10:09:17
Vor zwölf Jahren wollte man bei der Tochter von Karin Plattner kurz nach der Geburt mit einer kosmetischen Operation ein weibliches Geschlechtsteil bilden. Die Eltern lehnten ab. Neuere Richtlinien empfehlen, bei der operativen Angleichung den jungen Menschen einzubeziehen.
Gemäss der sogenannten Lübecker Studie, an der sich auch Schweizer Spitäler beteiligten, hatte 2007 rund die Hälfte der dreijährigen Kinder mit DSD mindestens eine Operation hinter sich. Bei den Jugendlichen waren es sogar neunzig Prozent.
10:09:51 Karin Plattner, Mutter eines betroffenen Kindes
Ich lag dann dort im Bett und machte mir Gedanken. Jetzt habe ich ein Kind, das hat einen xy-Chromosomensatz, da haben doch Hormone schon im Mutterleib gewirkt, vielleicht auch nachher gewirkt, und jetzt will ich aus diesem Kind ein Mädchen machen. Darf ich das? Ist das meine Sache, zu entscheiden, aus diesem Kind ein Mädchen zu machen? Würde ich das für mich wollen? Da kamen mir immer mehr Zweifel, und ich musste sagen, das stimmt für mich nicht.
10:10:21
Die Eltern entschieden sich zwar für eine weibliche Geschlechtszuweisung, aber gegen eine operative Angleichung. Auch beim Zweijährigen schlug man eine Operation vor.
10:10:31 Vater eines betroffenen Kindes
Sie verwiesen uns dann an ein anderes Spital, wo wir mit dem Kind erscheinen mussten, dort wurde uns gesagt, dass sie lieber ein Mädchen machen würden, weil es operationstechnisch einfacher wäre, aber wenn wir wünschten, würden sie uns auch einen Buben formen, es wäre zwar schwieriger aber auch machbar.
Wir wurden so von den Ärzten ziemlich stark vor den Kopf gestossen, und machten dann dies mit den Ärzten auch wir stiessen sie auch vor den Kopf und sagte, nein, das gibt es nicht, weil wir das Kind, so wie es ist, von Gott bekommen haben, und es ist gesund, was wollen wir mehr?
10:11:28
Genitaloperationen bei DSD-Kindern bleiben eine Option und das wird auch im Kinderspital St. Gallen, wo der kleine Junge zur Abklärung war, nicht negiert.
10:11:39 Walter Kistler Chirurg Kinderspital St. Gallen
Chirurgisch war aus meiner Sicht kein Drang da, ausser man hätte mich missverstanden, weil ich vorgeschlagen habe, die Endoskopie zu machen, dass wir anatomisch genauer wissen, was ist. Und dann raten können, ob man eine Korrekturoperation machen kann, oder soll, und wann.
10:11:57
Durch anatomische, aber auch durch hormonelle Untersuchungen kann eine Prognose gemacht werden, ob sich ein xy-Kind mit DSD mehr oder weniger männlich entwickeln wird. Die Androgenresistenz kann komplett oder partiell sein.
10:12:11 INT Dagmar L’Allemand, Endokrinologin Kinderspital St.Gallen
Ich schaue, wie Hormone wirken. Hormone sind Stoffe, die an einem Ort, in einer Drüse im Körper ausgeschüttet werden und woanders wirken. In unserem speziellen Falle wären das Geschlechtshormone, die aus den Keimdrüsen, aus den Gonaden ausgeschüttet werden. Bei den Mädchen aus den Eierstöcken die Östrogene, die weiblichen Hormone, bei den Männern aus den Hoden die männlichen Hormone. Ich schau, ob die richtig ausgeschüttet werden, ob die Drüsen da sind, ob die Hormone richtig gebildet werden, und ob die Hormone richtig wirken. Das ist das, was so schwierig ist, zu verstehen für viele Eltern und auch für die Ärzte, die nicht damit betraut sind, dass es nicht nur zählt, ob jemand xy oder xx ist, sondern die Umsetzung bis hin zur Wirkung am Gehirn und an den Geschlechtsorganen, kann auf vielen Ebenen verkehrt sein.
10:13:03
Sexualhormone haben vielfältige Funktionen, und der Körper braucht sie nicht nur für die Geschlechtsorgane. Ob und wie stark sie wirken, kann am besten in den ersten Lebensmonaten abgeklärt werden.
10:13:13 Vater eines betroffenen Kindes
Zur Diskussion stand eine künstlich hervorgerufene Pubertät, und zwar wären das drei Spritzen mit männlichen Hormonen, die das Kind, das Baby, in eine künstliche Pubertät versetzt hätten. Sie konnten uns nicht sagen, was für Folgen es hat, wie stark das Kind reagieren würde, das einzige was sie uns sagten, es sei schmerzhaft.
10:13:55 Dagmar L’Allemand, Endokrinologin Kinderspital St.Gallen
Zwingend ist nichts, was nicht lebensnotwendig ist. In dem Falle hatten wir ja auf den Test verzichtet, das ist auch gut möglich. Ich halte es für wichtig, dass man alles anbietet, dass die Eltern das durchspielen, dass wir das gemeinsam besprechen, und dass sie später ihrem Kind sagen können, du, wir wollten dir diese Spritzen ersparen. Wir wollten das nicht, aus denen und den Gründen, wir wollten das so lassen, wie die Natur das gegeben hat. Und damit können wir alle auch gut leben.
10:14:22
Es zeigt sich, dass zwischen Patienten und Ärzten oft Missverständnisse entstehen. So können dann auch folgenschwere Entscheide gefällt werden, die nicht immer zum Vorteil des Kindes sind.
10.14:35 Jürg Streuli, Arzt und Medizinethiker
Was man von Erfahrungen von Eltern hört, dass häufig nicht das Kind das Problem war, sondern plötzlich die Fachleute zum Problem wurden, indem sie sehr viel Unsicherheit ausstrahlten, Diagnostik ohne Einwilligung der Eltern betrieben oder Diagnostik betrieben mit Einwilligungen der Eltern, die aber im Nachhinein gespürt haben, es wäre weniger besser gewesen. Es ist heute nicht mehr einfach als Arzt, die richtige Therapie zu wählen in einer unsicheren Datenlage, und da Zurückhaltung zu üben und den Eltern Zeit zu halten ist sicher etwas vom Wichtigeren als nach vorne zu preschen und das Gefühl haben, wir müssen jetzt alles tun, was wir tun können.
10:15:36
Inzwischen wird in den Kliniken immer mehr im Team gearbeitet. Auch Sozialarbeiterinnen und Psychologen werden hinzugezogen, die das Interesse des Kindes und der Eltern stützen. Wichtig ist, dass sorgfältig und nicht unter Zeitdruck abgeklärt wird und die Eltern alle Grundlagen für eine Entscheidung haben.
10:15:54 Christine Friedrich, Psychologin
Manche Eltern kommen hierher und haben eine klare Vorstellung, mein Kind sieht doch aus wie ein Mädchen und es wird sicher in der Pubertät immer mehr Mädchen werden. Und ich versuche dann ganz klar mit den Eltern zu besprechen, welche Möglichkeiten gibt es. Ich bin nicht diejenige, die sagt, eine Operation ist wichtig, oder eine Zuweisung ist wichtig, ich habe eher die Position, die Eltern müssen ihre Kinder annehmen, so wie sie sind, und was brauchen sie dazu.
10:13:03 Vater eines betroffenen Kindes
Wir gingen dann nach Hause, und mein Junge der wächst auf, goldig, ist ein supersüsser Junge, auch mit Zügen, die ein Junge hat, hätte man aus ihm ein Mädchen gemacht, das wäre unverständlich. Da würde jeder sagen, das ist ein Bub, jeder der ihn sieht, sagt, das ist ein Bub, da steht gar nichts anderes zur Thematik, er ist kräftig, er hat einen starken Charakter, er wächst und gedeiht wie sich das sein Vater wünscht, wie sich das seine Mutter wünscht.
10:17:17
Vor mehr als vierzig Jahren wurden Daniela Truffers Eltern über die erste Operation nicht einmal informiert. Bereits im Säuglingsalter entfernte man dem Kind die eingeschränkt funktionsfähigen Hoden aus dem Bauchraum.
10:17:33
Im Schulalter folgte dann die kosmetische Genitaloperation.
10:17:38 Daniela Truffer, Zwischengeschlecht.org
Mit sieben Jahren wurde die Herzoperation geplant. Aufgrund einer Infektion konnte dies Operation jedoch nicht durchgeführt werden, sie musste verschoben werden, aber da ich schon mal im Inselspital Bern war, hat man beschlossen, die Genitalkorrektur gleich durchzuführen,. Ich habe Korrespondenz von Arzt A nach Arzt B, wenn sie schon mal da ist, dann machen wir doch gleich die Genitalkorrektur. Das heisst, mein Mikropenis wurde verkleinert zu einer Klitoris, das bedeutet, dass mein Penis auseinandergesäbelt wurde, der Rest wurde in mich hineingestopft und dann wurde alles vernäht. Bei der Genitaloperation haben meine Eltern gemäss Akte ihre Zustimmung gegeben, gemäss Akte habe ich auch meine Zustimmung gegeben, aber mit sieben Jahren kann man doch nicht einer solchen Operation zustimmen.
10:18:27 Primus Mullis Endokrinologe Kinderspital Bern
Als ich ein junger Assistenzarzt war, da gab es die Devise, im Zweifelsfalle weiblich. Weil es schien, eine weibliche Genitaloperation schien viel einfacher als eine männliche Operation. Nun, diese Situation hat sich ganz drastisch geändert, und ich glaube, dass es wichtig ist, dass sich jedes Kind, jeder Mensch sein eigenes Leben führen muss und das Recht hat, seine eigene individuelle Sexualität wie auch immer sein eigenes Geschlechtsleben leben sollte. Und damit dieser Mensch diese Möglichkeit hat, glaube ich, dass es heute nicht zulässig ist, irgendwelche Operationen vorzunehmen, die es einem Menschen unmöglich machen würden, in entweder dieser oder jener Geschlechtsrolle leben zu können.
10:19:19
Die fixen Geschlechtsrollen in unserer Gesellschaft machen das nicht einfach. Immer noch werden kosmetische Genitaloperationen vorgeschlagen.
10:19:31 Karin Plattner, Mutter eines betroffenen Kindes
Der Arzt kam dann zu uns und sagte, aufgrund der Testergebnisse und dem Genital des Kindes könne man daraus nie einen Buben machen, darum müsse man ein Mädchen machen. Dann fragte ich ihn, ob es einen medizinischen Grund gebe, diese Operation zu machen. Er sagte, es gebe keinen, aber es sei verantwortungslos. Ich sagte, mit dieser Verantwortung könne ich umgehen. Ich fragte dann noch, ob das Kind nach dieser Klitorisreduktion noch Gefühle habe. Er sagte, trotz guten Operationstechniken könne er das nicht garantieren. Ich überlegte mir, dann machen wir diese Operation und am Ende hat sie keine Gefühle mehr, Hauptsache, sie ist ein Mädchen. Da habe ich doch lieber ein Kind, das normal aufwächst, mit dem Geschlechtsteil, mit dem es zur Welt gekommen ist, und noch Gefühle hat. Sexualität ist ja nicht nur die sogenannt normale, sondern sie kann eine ganz andere Sexualität ausleben, wenn sie will, ich weiss ja nicht einmal, WAS sie später möchte, es geht mich ja auch nichts an, das ist ihre Sache. Und da muss ich sagen: Nein, das machen wir nicht.
10:20:51 Primus Mullis Endokrinologe Kinderspital Bern
Ich glaube, es ist äusserst wichtig, dass das Kind auch mit dieser Situation zu leben lernt, dass es halt, ja, vielleicht anders ist als die andern, weil die Fragen kommen, und die Fragen werden da sein. Deshalb ist es schon wichtig bei dem älter werdenden Kind auf diese Probleme einzugehen, die Kinder auch auf das Erwachsenenleben vorzubereiten.
10:21:15
Kinder können vieles verkraften, wenn mit ihnen darüber gesprochen wird.
Im Umfeld von Daniela Truffer war ihr Anderssein tabu.
10:21:22 Daniela Truffer, Zwischengeschlecht.org
Ich merkte schon früh, dass etwas anders ist, und ich habe mich sehr dafür geschämt, weil mir wurde ständig zwischen die Beine geschaut und ich habe gemerkt, dass es um mein Genital geht, mit meinen Eltern konnte ich nicht reden, auch die Ärzte wichen immer aus, ich habe schnell mal gemerkt, die sind alle so peinlich berührt, das hat keinen Sinn da Fragen zu stellen. Ich habe bald einmal aufgehört, fragen zu stellen und habe mich, um diese Unsicherheit, diese Angst auszuhalten, habe ich mich komplett in mich selber zurückgezogen und ich habe Gefühle wie Angst und Wut nicht zugelassen, ich fühlte mich abartig und komisch und habe mich geschämt, ich hatte sehr wenig Kontakt mit der Aussenwelt, ich hatte wenig Freunde in der Schule, ich war sehr oft allein und meine Eltern waren verzweifelt, ich habe es ihnen angesehen, ich habe dann angefangen, so zu tun, als würde mir das nicht so viel ausmachen, damit meine Eltern nicht noch mehr Stress kriegen, und da war ich noch mehr allein dadurch.
10:22:31 Karin Plattner, Mutter eines betroffenen Kindes
Betroffene sagten uns immer wieder, lügt eure Kinder nicht an, seid offen, diskutiert das Thema, geht einfach normal damit um und lasst sie Kinder sein, dann kommt das schon gut.
10:22:47
Für die Familie Plattner war das Thema auch im Kindergarten und in der Schule kein Tabu. Bis jetzt reagierten andere Kinder nicht negativ.
10:22:54 Karin Plattner, Mutter eines betroffenen Kindes
Sie gingen zusammen zur Toilette, und da kam eines der Kinder zu mir und sagte, Du, sie sieht ja gar nicht aus wie ein Mädchen, das sieht ja ganz anders aus als bei mir!
Da stellte ich mich mit dem Kind vor den Spiegel und sagte: Hast du die gleiche Nase wie ich? Nein. Habe ich die gleichen Ohren wie du? Nein. Siehst du, und sie sieht halt dort anders aus als du.
10:23:15 Jürg Streuli, Arzt und Medizinethiker
Das Leben dieser Betroffenen handelt ja nicht den ganzen Tag vom Genital, man sollte auch nicht überbetonen, was für Aufgaben wir haben, was für Aufgaben diesen Menschen aufgebürdet werden, wenn er nicht operiert oder operiert wird. Vermutlich ist es viel wichtiger auch hier, Raum zu schaffen dass der Mensch ein Mensch sein darf und sich nicht tagtäglich fragen muss, wäre dies oder das besser gewesen.
10:23:42
Die Entwicklung eines Kindes mit DSD ist trotz allen Tests nicht vorhersehbar, vor allem in der Pubertät.
10:23:51 Dagmar L’Allemand, Endokrinologin Kinderspital St.Gallen
Es ist ganz schwer, vorherzusagen, wie das in der Pubertät sein wird, wird sich dieses Kind später als Frau oder als Mann fühlen, unabhängig von dem, was wir in unseren Laboruntersuchungen finden. Was ist dann mit dem Menschen am Ende.
10:24:04
Eine fachkundige Begleitung vom Kind bis zum Erwachsenen ist auf jeden Fall wichtig. Jeder Mensch ist individuell, und die Geschlechtsidentität setzt sich aus vielen Faktoren zusammen. Wie man im konkreten Fall vorgeht und was man den Eltern und den Betroffenen schliesslich rät, wird auch im Kinderspital Zürich im interdisziplinären Team diskutiert.
10:24:42
Unter den möglichen Vorschlägen kann auch eine Operation sein.
10:24:46 Rita Gobet, Chirurgin Kinderspital Zürich
Grundsätzlich sind wir sehr, sehr zurückhaltend geworden. Vor allem, was Eingriffe betrifft, die eben etwas entfernen oder etwas bestimmen, von dem man nicht weiss, wie es sein wird in 20 Jahren. Wir haben ja gelernt, schmerzhaft gelernt, dass man das Geschlecht eben nicht durch solche Operationen, oder die Entwicklung des Geschlechts eben nicht durch solche Operationen beeinflussen kann. Vor vielleicht 20 Jahren hat man gemeint, wenn man einem Knaben bei Geburt die Hoden entfernt, und ein Mädchen aus ihm macht, dass das funktioniert. Und man muss nur das Kind konsequent so erziehen, dann wird das ein glückliches Mädchen, eine glückliche Frau werden. Und das hat man schmerzhaft für viele Patienten natürlich lernen müssen, dass das nicht so ist. Und solche Operationen finden nicht mehr statt.
10:25:40
Die dritte Operation bei Daniela Truffer war eine Vaginalplastik, eine künstliche Scheide, die sie mit 18 Jahren machen liess.
10:25:47 Daniela Truffer, Zwischengeschlecht. org
Ich hatte insofern Glück, dass ich noch sexuelle Gefühle haben kann, mit 20 hatte ich meine erste Beziehung zu einem Mann, ich kenne aber sehr viele Intersexuelle, die haben keine Beziehung und auch keine erfüllte Sexualität. Ich kenne sehr viele furchtbare Geschichten.
10:26:05
Die Information, nicht die einzige zu sein, und eine Psychoanalyse führten schliesslich zur Befreiung.
10:26:11 Daniela Truffer, Zwischengeschlecht. org
Ich habe erst mit 35 die ganze Wahrheit erfahren, damals ging ich ins Internet und habe meine Diagnose eingegeben, und ich fand da ganz viele Internetseiten, das war wie eine Offenbarung, ich bin dann das erste Mal an ein Selbsthilfetreffen nach Deutschland gefahren, das war wie eine zweite Geburt, eine Riesenbefreiung, endlich war ich nicht mehr allein und konnte mit anderen Menschen darüber reden, was mir passiert ist.
10:26:43
Daniela Truffer gründete eine Selbsthilfegruppe und später die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org. Diese Gruppe protestiert mit Demonstrationen vor Kinderspitälern und Ärztekongressen gegen kosmetische Genitaloperationen an Kindern. Ein offener Brief an die Spitalleitung fordert das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung. Intersexuelle sollen so leben dürfen, wie sie geboren wurden und im Erwachsenenalter selber über mögliche Operationen entscheiden können, falls sie diese wünschen. Ziel der Gruppe ist ein Gesetz, das kosmetische Genitaloperationen an Minderjährigen verbietet.
10:27:25 Jürg Streuli, Arzt und Medizinethiker
Letztendlich muss man heute eigentlich zugeben, dass Intersex oder die Variationen der Geschlechtsentwicklung immer noch ein Rätsel sind, wir verstehen es nicht genau, was überlagert wird, wo das Geschlecht gebildet wird und was das Geschlecht auf die Zufriedenheit des Menschen für eine Wirkung hat. Dieses Rätsel ist in gewissen Formen vermutlich nur durch das Kind selber lösbar, das Kind, das entdeckt, was es ist und spürt, ich habe auch etwas unter Kontrolle, wenn es erwachsen wird, was ich bin und was ich sein darf.
10:28:09
Menschen mit einer Variation der Geschlechtsentwicklung bleiben besondere Menschen, auch wenn sie sich, durch eine Operation oder nicht, für eines der beiden Geschlechter entschieden haben. Sie haben das Recht, in ihrer Eigenart angenommen zu werden wie jeder andere Mensch.
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