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Kapitel 44: Gute Gesundheit
Glenna sprang auf die Beine und verschüttete den Rest des Whiskys. Mit zittrigen Händen stellte sie das Glas auf das Beistelltischchen und starrte sich dann in das Dekolletee.
Jamie wand sich und machte Anstalten, über ihre Schulter auf den Rücken zu verschwinden.
»Hiergeblieben!«, bellte Glenna, dabei wurde ihr aber bereits wieder schwindlig, so dass sie sich an der Tür abstützen musste.
»Jamie«, keuchte sie, während sie die Hand über die Augen legte und wartete, bis der Schwindel sich legte.
Als die hellen Flecken nicht verschwinden wollten, zwang sie sich, ihren Atem zu beruhigen.
»Bonnie«, sprach eine dunkle, heisere Stimme auf einmal hinter ihr und sie zuckte zusammen.
Sie ließ ihre Hand sinken, die andere hielt sie an der Tür, um sich zu stabilisieren.
»Jamie«, sagte sie, so fest sie konnte. »Jamie, bist du hier?«
Keine Antwort.
Irgendetwas sagte ihr, dass es dieses Mal nicht daran lag, dass er ihr nicht antworten wollte.
Eine schwere, warme Hand legte sich vorsichtig auf ihre Schulter und sie sog scharf Luft ein.
Sie nahm all ihren Mut zusammen, wischte die Hand von ihrer Schulter und drehte sich um.
Der Púca machte vorsichtig einen halben Schritt zurück.
»Was tust du hier?«, sagte Glenna und dieses Mal gelang es ihr, die Schärfe in ihre Stimme zu legen, die sie wollte.
Der Púca legte den Kopf schief und versuchte sich an einem unsicheren Lächeln.
»Ich dachte, du wolltest mir vielleicht ins Gesicht sehen, ohne dass dir schwindlig wird.«
Glenna spürte, wie sich der Raum um sie zu drehen begann, aber sie blieb aufrecht stehen und starrte den Púca an.
»Das ist wirklich dein Ernst?«, fragte sie.
Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er breitete die Arme aus, ohne etwas zu sagen.
Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß. Es war der Púca, daran bestand kein Zweifel. Der Anzug saß über seinen gekrümmten Ziegenbeinen, der Gehstock lag in seiner Hand und die Haare zwischen seinen Hörnern waren glatt, genau so wie immer schon. Sie sah in seine goldenen Augen und versuchte darin zu lesen, sah aber nur ihr jüngeres Spiegelbild.
Sie büßte etwas von ihrer aufrechten Haltung ein, als ihr Rücken zu schmerzen begann.
»Du bist Jamie«, sagte sie matt. »Warst es von Anfang an?«
Der Púca nickte und machte einen vorsichtigen Schritt auf sie zu. Als sie nicht zurückwich, machte er einen weiteren, bis sie dicht voreinander standen. Er hob erneut die breite Pranke und legte die Finger sanft an ihre Wange. Das grobe Fell kitzelte an ihrer Haut.
Sie hob ihre Hand, um die seine wegzuschieben, verharrte aber, als sie seine Haut berührte.
»Ich bin dir nie von der Seite gewichten, Bonnie. An keinem Tag, seit ich dir deine Fähigkeiten gegeben habe. Nicht, als du nach Paris zogst, um erfolgreich zu werden. Nicht, als du Frankreich verlassen hast zusammen mit Létoile und Gabriel und erst recht nicht, nachdem eure Wege sich trennten und du dir das Tattoo stechen ließest.«
»Warum?«, hauchte sie.
»Weil es gut gelegen kam. Ein Mönch, der einem Tattoo eine Seele einhaucht? Wie konnte ich da wiederstehen?«, sagte er und setzte das charmante Lächeln auf, dass sie von ihm von früher kannte.
»Das meine ich nicht«, sagte sie.
Sie umfasste sein Handgelenk und zog die Hand von ihr weg, ließ ihn aber nicht los.
»Warum bist du mir gefolgt? Warum hast du dich nie zu erkennen gegeben?«
Er seufzte schwer und die Luft stob laut aus seinen Nüstern.
»Ich konnte dich nicht einfach so gehen lassen, Bonnie. Du hast mich damals ausgenutzt. Mich um den Finger gewickelt, damit ich dir gebe, was du willst. Trotzdem wollte ich nie, dass dir was zustößt.«
Glenna biss sich auf die Wange und hoffte, dass er ihr laut schlagenden Herzes nicht hören konnte.
»Ich war gekränkt, aber ich wusste, worauf ich mich einließ. Ich wusste von dem Tag an, als du mich darum gebeten hast, dir die Fähigkeiten zu geben, dass du mich nicht wirklich liebst. Aber es änderte nichts an meinen Gefühlen für dich.« Er zuckte mit den Achseln und sah betreten an ihr vorbei. »Ich bin dir gefolgt, weil ich bei dir sein wollte. Und ich bin dir gefolgt, weil ich eine gewisse Verantwortung für dich trage, Bonnie. Ich habe dich zu einer Mischkreatur gemacht, also muss ich dafür sorgen, dass du verantwortungsvoll mit deinen Fähigkeiten umgehst.«
»Die drei Regeln«, murmelte Glenna und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss.
»Genau.«
Sie hatte das Thema angesprochen, um nicht über den anderen Teil sprechen zu müssen, aber sie spürte, dass der Púca es durchschaute.
»Du bist seit 95 Jahren nicht von meiner Seite gewichen, nur um zu sehen, wie ich eine alte Frau werde«, sagte sie bitter. »Warum? Hättest du mich nicht einfacher überwachen können?«
Nun lächelte der Púca wieder und er legte seine freie Hand auf ihre Finger, die immer noch an seinem Handgelenk lagen.
»Das habe ich dir gesagt. Du bist immer noch wunderschön, Bonnie. Und ich mag es, Zeit mit dir zu verbringen.«
Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen und ihr Mund wurde trocken. Betreten blickte sie auf den Boden.
»Du … liebst mich immer noch? Nach allem, was ich getan habe?«
Seine Hand fuhr an ihr Kinn und er zwang sie, den Kopf zu heben. Für einen Moment starrten sie sich in die Augen, dann schnaubte er.
»Bewahre, nein.«
Glenna blinzelte verwirrt und er lachte leise.
»Nicht auf dieselbe Art, wie damals. Ich liebe dich so, wie Jamie dich liebt und du ihn.«
Sie reckte trotzig das Kinn. »Ich liebe Jamie nicht.«
»Quatsch«, sagte er mit einem verschmitzten Grinsen. »Natürlich liebst du ihn. Und du hasst ihn. Und ich liebe dich genauso wie ich dich ab und zu hasse.«
Sie konnte nicht abstreiten, dass sie wusste, was er meinte.
Jamie war wie ein Teil von ihr. Nun, physisch gesehen war er das auch tatsächlich.
»Es tut mir leid«, sagte sie und merkte in dem Moment, wie ihr ein großer Brocken vom Herzen fiel.
»Was tut dir leid?«, fragte er.
Sie atmete tief durch.
»Dass ich dir damals etwas vorspielte. Dass ich dich ausgenutzt habe.«
Er nickte. »Ich nehme die Entschuldigung an.«
Sie kniff die Augen zusammen. »Einfach so?«
»Einfach so. Außerdem wurdest du bereits bestraft und ich finde, das genügt.«
»Wie meinst du das?«
Er schwieg, dann wandte er sich ab und trat an das Büchergestell heran, wo er den Blick über die Jahreszahlen schweifen ließ.
»Der Preis, der deine Magie kostet«, sagte er. »Ich hätte ihn beliebig festlegen können. Aber ich wollte, dass du irgendwann erkennst, dass du vielleicht einen Fehler begangen hast. Ich wollte, dass es schmerzt, wenn du deine Magie einsetzt. Erinnerungen sind etwas äußerst Wertvolles und ich wollte, dass du nicht vergisst, wie du mich behandelt hast.«
Sie musterte seinen breiten Rücken und nickte, obschon er es nicht sehen konnte.
»Ich wusste nicht, dass du mich bereits durchschaut hattest, als du mir die Fähigkeiten gabst«, sagte sie leise.
»Ah doch. So blind war ich dann doch noch nicht.«
»Es tut mir leid«, wiederholte Glenna.
Er drehte sich zu ihr um und auf seinen Lippen stand ein gütiges Lächeln.
»Es tut mir leid, dich angelogen zu haben. Jamie hat nie seine Zeit in der Zwischenwelt zwischen Leben und Tod verbracht. Er war nicht einmal ein Mensch.«
Nun war sie es, die lächelte. »Weißt du, ab und zu erinnerte er mich tatsächlich an dich. Vor allem zu Beginn. Ich glaube, es hat mir geholfen, mich an ihn… an dich zu gewöhnen.«
Er trat wieder an sie heran und sah ernst auf sie hinunter.
»Ich kann gehen, wenn du willst.«
Sie riss die Augen auf und schüttelte den Kopf – und war selber überrascht ab der Vehemenz ihres Einspruchs.
Jamie war ihr oft auf die Nerven gegangen, aber dennoch konnte sie sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen.
»Nein«, sagte sie. »Ich würde dich vermissen.«
»Gut«, sagte der Púca und wirkte erleichtert.
Dann legte er den Kopf schief und zwinkerte schelmisch. »Und wenn du es dich nochmals überlegst mit dem heißblütigen Liebhaber …« Er machte eine ausschweifende Bewegung über seinen Körper.
Glenna lachte laut aus und schüttelte den Kopf.
»Ich werde daran denken.« Sie biss sich auf die Lippen, weil sie nicht wollte, dass die nächste Frage falsche Erwartungen weckte. »Nur so rein theoretisch… Wie einfach fällt es dir, dich aus der Tätowierung in diese Form zu wandeln?«
»Ah«, sagte er mit einem schweren Seufzer. »Nicht ganz so einfach befürchte ich. Es braucht mich einiges an Energie, die mir fehlt, sobald ich diese Form angenommen habe. Übrigens war ich auch nicht die Ziege, die du auf dem Markt gesehen hast. Das war schlichtweg eine schwarze Ziege.«
»Oh«, machte sie und blickte sich im Raum um. »Ich würde dir gerne einen Platz und etwas zu trinken anbieten, aber der Raum ist nicht gerade für Gesellschaft ausgelegt.«
Er ließ sich an Ort und Stelle im Schneidersitz nieder und schlackerte mit den Ohren.
»Gegen einen Whisky hätte ich nichts einzuwenden.«
Sie war etwas überrumpelt davon, dass er tatsächlich bleiben wollte, aber sie nickte und holte ein neues Glas und die Flasche Laphroaig aus der Küche.
Dann setzte sie sich in den Sessel und ließ zu, dass er ihnen beiden einschenkte.
»Slàinte mhath«, sagte er, als sie miteinander anstießen.
»Slàinte«, erwiderte sie und trank einen Schluck.
Auf gute Gesundheit. In ihrem Alter konnte man durchaus auf so etwas trinken.
»Und nun?«, fragte der Púca vor ihr und Glenna musste wieder lachen.
»Was?«, fragte er verwirrt.
»Du bist tatsächlich Jamie«, sagte sie. »Nur er stellt mir diese unsägliche Frage.«
Er lächelte wieder. »Bonnie, pack deinen Koffer und gehe fort. Du hast bemerkt, wie viel du erreichen kannst, dass du noch lange nicht am Ende bist. Warum hier bleiben, wo die Leute sich schon bald fragen werden, weshalb du so jung bleibst?«
»Ansichtssache«, äffte sie ihn nach, versank dann aber in ihren Gedanken über seine Worte. »Ich überlege es mir.«
Die Ereignisse in den letzten Tagen hatten durchaus etwas in ihr drin bewirkt. Auch wenn sie ihre Magie hie und da eingesetzt hatte über die letzten Jahre hinweg, nie war sie so ausschlaggebend gewesen wie dieses Mal. Es hatte sich gut angefühlt, gebraucht zu werden. Gleichzeitig fühlte sie sich schlecht dabei, das zu denken. Ein Menschenleben war auf dem Spiel gestanden und noch viel lieber, als dass Janet und Aidan das hatten durchmachen müssen, wäre ihr gewesene, wenn alle einfach nur ein schönes Fest hätten erleben dürfen. Aber es war nun mal, wie es war.
Sie ließ den Whisky im Glas hin und her schwappen.
Ein unangenehmes Schrillen drang durch die Wohnung und Glenna seufzte schwer.
»Erwartest du neue Gäste?«, fragte der Púca.
Sie stemmte sich aus dem Sessel und schüttelte den Kopf.
Für einen kurzen Moment überlegte sich Glenna, ob sie wirklich nach unten gehen sollte. Schlussendlich siegte aber das schlechte Gewissen.
»Gleich wieder da.«
Vorschau auf das Kapitel „Gebrochene Regeln“ von nächster Woche: