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In der Schweiz sind weit über ein Fünftel der Knaben und Mädchen übergewichtig. Jedes zehnte Kind im Primarschulalter zwischen 6 und 12 Jahren gilt als adipös. Die Definition von Fettleibigkeit oder Adipositas richtet sich nach dem Körpermassindex (Bodymassindex BMI), wobei bei Kindern und Jugendlichen ein spezieller BMI-Rechner zum Zuge kommt.
Seelische und körperliche Leiden
Nun sagt die Normüberschreitung noch nicht viel aus über den Gesundheitszustand der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Gewiss sind stark übergewichtige Kinder in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt. Ausserdem ist ihr Risiko, an Diabetes Typ II zu erkranken, weit höher als bei normal gewichtigen. Die psychosozialen Folgen des starken Übergewichts lasten aber noch fast stärker auf den Kindern.
An einer im August 2011 durchgeführten Fachtagung in der Schweiz umschrieb der französische Arzt Vincent Boggio das zentrale Problem «zu dicker» Kinder so: «Das adipöse Kind hat keine Schmerzen, es fühlt sich dennoch schlecht. Seine Beschwerden sind nicht physischer Natur. Es leidet psychisch und sozial.» Verschiedene Studien belegen, dass übergewichtige Kinder häufiger an Verhaltens- und Angststörungen sowie an sozialem Rückzug leiden als normal gewichtige Jugendliche.
Essen aus Frust und Langeweile
Fatalerweise erhöhen einige Verhaltensweisen das Risiko zusätzlich, auch als Jugendlicher oder Erwachsener übergewichtig zu bleiben. Radikale Strategien, um das Körpergewicht zu reduzieren, wie etwa rigide Essensregeln, restriktives Essverhalten, Erbrechen oder der Missbrauch von Abführmitteln führen ins Fiasko. Kinder, die über solche Praktiken berichteten, wiesen laut einer Studie eine drei- bis fünffache Wahrscheinlichkeit auf, übergewichtig zu bleiben. Übergewichtige Kinder sind unzufrieden mit ihrem Körper und verlieren die natürliche Selbstregulation bei der Nahrungsaufnahme. Kurz gesagt: Sie essen nicht mehr, weil sie Hunger haben, sondern aus Frust und Langeweile. Einige unter ihnen leiden auch unter Heisshunger-Attacken.
Eltern gefordert
Übergewicht bei Kindern ist ein vielschichtiges Problem, weswegen eine fachliche Begleitung angezeigt ist. Verhaltenstherapien zielen beispielsweise darauf ab, Situationen zu vermeiden, die sinnloses Essen begünstigen.
Eltern beeinflussen in entscheidender und auf vielfältige Weise das Essverhalten ihrer Kinder – über Rituale, Tagesrhythmen und Gewohnheiten. Erfolgsversprechend sind deshalb Therapien unter Einbezug der Eltern: Was wissen sie über die Bedeutung von Ernährung und körperlicher Aktivität? Wie strukturiert sind die Tagesmahlzeiten? Wie und was essen die Eltern selber? Massnahmen, die auf den familiären Menüplan abzielen, wirken sich positiv auf die Entwicklung vieler adipöser Kinder aus, so dass sie mit Erreichen des Teenageralters ihr Übergewicht wieder verlieren können.