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Im Februar 2020 war die Lage in der zentralchinesischen Stadt Wuhan dramatisch, aber dass ein kleines Virus eine weltweite Krise auslösen würde, dachten wenige. In Schanghai konnte man noch Witze darüber machen. Zum Beispiel, als die Zentralregierung in Wuhan durchgriff, den Chef der Kommunistischen Partei der Provinz Hubei absetzte und stattdessen Ying Yong als Krisenmanager entsandte. Er war seit einigen Jahren Bürgermeister von Schanghai. «Viel Glück mit der Mülltrennung!», spotteten Blogger am Jangtsedelta. In den Monaten vor dem Ausbruch der Pandemie hatte man auch das lustige Filmchen über einen Schanghaier sehen können, der an einer neu eingerichteten Abfallentsorgungsstelle mühsam den Laptop aus seiner Tasche kramt, um sich nochmals zu vergewissern, ob jetzt Papier auch von Karton zu trennen sei und wo die Plastikflaschen hinkämen.
Im Oktober 2019 war dieses Prestigeprojekt des Bürgermeisters ein kontroverses und doch irgendwie unverfängliches Thema, über das man mit allen reden konnte. Jeder und jede hatte eine Meinung dazu. Verschiedene Modelle waren getestet worden, zum Beispiel ein japanisches. Da hatten die Haushalte für jede Müllsorte spezielle Säcke erhalten, und auf diesen Säcken waren Name und Adresse aufgedruckt. Wer Müll falsch abpackte, konnte also einfach gebüsst werden. Weil zu viele Leute protestiert haben sollen, sei das andere Modell priorisiert worden: Am Morgen und am Abend standen Müllhelfer:innen am Eingang der Siedlungen, sie halfen beim Aussortieren und durften wohl den gesammelten Karton verticken. «Wieder hat die Stadtregierung das teuerste Modell gewählt!», ärgerte sich ein Verfechter des japanischen Modells. Was ihn in den Augen einer Zugezogenen zum typischen «alten Schanghai-Onkel» machte: Immer etwas zu meckern. Und überhaupt: Niemand habe Lust darauf, dass eine Behörde via Müllsäcke in jeden Haushalt hineinsehe. Abfall sei sehr privat.
Parteipublikationen in englischer Sprache erklärten den Ausländer:innen das Modell der Projektprojekte als bessere Demokratie. Nicht Abstimmungen, sondern der praktische Vergleich von Varianten würden den Volkswillen zum Vorschein bringen. Das Englisch dieser Publikationen ist von Managementbegriffen durchzogen, die Partei erscheint darin als Führung einer Grossfirma, das Volk als Belegschaft, Stakeholder werden in partizipative Erhebungen einbezogen. Wie in Firmen ist auch hier nicht von Mitbestimmung die Rede, denn am Ende entscheidet die Führung eigenmächtig. Gegen solche Leitideen erhoben sich im Alltag auch bittere Stimmen: «Wetten, dass es nur darum geht, einen Indikator abzuklicken? Mülltrennung erfolgreich eingeführt! Und irgendwo wird alles wieder zusammen auf eine Halde geschüttet, wie bisher.»
Dann hat Ying Yong den Coronaausbruch in Wuhan bekämpft. Er wurde zu einem Meister der Lockdowns. Offenbar war Xi Jinping mit seiner Leistung zufrieden, denn im April trat der ehemalige Bürgermeister einen Posten in Peking an. Im Moment wird sein Name für das Amt des Obersten Staatsanwalts der Volksrepublik gehandelt. Die Augur:innen der noch einigermassen unabhängigen «South China Morning Post» widmen ihm eine der Spielkarten, mit denen sie das aktuelle Gerüchtespektakel bebildern. Am 16. Oktober beginnt in Peking der 20. Parteikongress der KP China.
Annette Hug ist Autorin in Zürich und immer weiter weg von Schanghai.