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The Colours of the Collective
Zum Thema Le Corbusier’s Farbgestaltung im kollektiven Bauen spricht Les Couleurs® Le Corbusier mit dem französischen Architekten und Architekturhistoriker Pascal Mory, Verantwortlicher für die Reproduktion eines Apartments der Unité d’Habitation, Marseille für das Pariser Architekturmuseum, sowie Fabian Hörmann, Associate im renommierten Zürcher Architekturbüro EM2N und Projektleiter für die Umsetzung des komplexen Stadtmodells für die Ausstellung "Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft" im Vitra Design Museum. Welche Möglichkeiten sich durch Farbe in der Architektur eröffnen, wird von beiden Experten erörtert.
Farbanwendung im kollektiven Wohnungsbau
Ein eindrückliches Beispiel des gezielten Farbeinsatzes an Fassaden ist die Wohnsiedlung "Cité Frugès" in Pessac/ Frankreich, die Le Corbusier in den Jahren 1924-1926 erbaute. Die Herausforderung der Cité Frugès: 51 Stahlbetonhäuser auf extrem gedrängten Raum. Le Corbusier hält fest:
„[...] Zementputz ist von unerträglicher Tristesse. Zur Aufheiterung musste Farbe eingesetzt werden, besonders auch, um die Häuser voneinander zu entfernen, Perspektiven zu eröffnen, die Umklammerung zu dicht stehender Wände aufzubrechen."
Er bricht den Hofraum einer Häusergruppe mit blauer Farbe auf und löst die Häuserschranke damit zum Horizont hin auf. Um den Effekt zu verstärken, lässt er die beiden Seitenränder des Hofraums durch dunkle gebrannte Sienna fixieren. Auf der gegenüberliegenden Seite blockieren zwei Häuser die Sicht auf den Kiefernwald. Le Corbusier lässt diese blassgrün streichen und bemerkt: „[...] sie sinken sanft ein, ihr Schicksal mit dem grünen Kiefernwald verbindend."
Le Corbusier’s Farbkonzept am Beispiel der Unité d’Habitation
Mit der Unité d’Habitation in Marseille, dem Gründungswerk des architektonischen Brutalismus, erbaute Le Corbusier eine Balance zwischen individuellen und kollektiven Bedürfnissen und ersetzte die Stadt - mit über 300 Apartments, verschiedenen Geschäften und Einrichtungen des täglichen Bedarfs, einem Hotel sowie einer begehbaren Dachlandschaft, die einen Kindergarten, ein Freilufttheater sowie eine Sporthalle offeriert. „Die Nachkriegsarchitektur von Le Corbusier zeichnet sich durch eine kräftige Farbgebung – oft in Form von Farbakzenten – aus. Auch der ‘Béton Brut’, der rohbelassene Beton, spielt in der Kombination mit Farbe eine wichtige Rolle. Mit der Unité d’Habitation kreierte Le Corbusier eines seiner wichtigsten und bekanntesten Bauwerke hinsichtlich der Farbgebung.", erzählt Pascal Mory. Weiterhin erklärt er, dass es bis dahin nicht üblich war Beton mit Farbe zu streichen, da die vielen Poren in der Struktur einen Mehrfachanstrich verlangen, um dem Ergebnis eine Farbtiefe zu verleihen. Mory vermutet, dass Le Corbusier der Erste war, der Farbe und Béton Brut vereinte.
„Le Corbusier entwarf in zahlreichen Skizzen Studien zur Farbgruppierung der Loggien – der Brise Soleil; er suchte ein gestaltendes Gleichgewicht der Elemente, das ‘Équilibre Coloré’. Neben dekorativen Gründen, wird hier die individuelle Gliederung der zellenartigen Struktur sichtbar gemacht“, erklärt Mory. „Der Kontrast zwischen den kräftigen Farben und dem grauen Beton macht die triste Fassade lebendig. Meiner Meinung nach erhält das Gebäude einen großen architektonischen Wert durch die gesamte Farbgebung!"„Der Kontrast zwischen den kräftigen Farben und dem grauen Beton macht die triste Fassade lebendig. Meiner Meinung nach erhält das Gebäude einen großen architektonischen Wert durch die gesamte Farbgebung!"
Unité d‘Habitation, Marseille, Frankreich, 1945. ©FLC/ADAGP
"[…] er (Le Corbusier) suchte ein gestaltendes Gleichgewicht der Elemente, das ‘Équilibre Coloré’."
– Pascal Mory –
Auch im Inneren der Unité d’Habitation nutze Le Corbusier die Wirkung seiner Farben und jene sind kontrastreicher als die aus seiner puristischen Phase. Unterschiedliche Töne individualisieren die Eingangstüren der Apartements, verschiedenfarbige Elemente prägen Wandschränke und Küchen, Teile der Küchenschränke erscheinen als Materialmix aus Holz und Farbe. Wahrscheinlich verwendete Le Corbusier sechs Farben an der Fassade und im Inneren der Unité.
Pascal Mory, der für die Reproduktion des Unité-Apartments eine umfangreiche Studie im Gebäude durchführte, erläutert, dass in der Küche meist Grün, Blau oder Grau mit dem braunen Holz kombiniert wurde. Die eingebaute Wandnische im großen Wohnraum war laut Aufzeichnung oft in Blau gehalten.
„Bedauerlicherweise gibt es so gut wie keine theoretischen Schriftstücke von Le Corbusier, in denen er die Farbkomposition und -kombination festhält. Über die Jahrzehnte haben die Bewohner die Farben überstrichen, wodurch es für uns sehr schwer war die originale Farbkombination nachzuempfinden. Doch gibt es auch eine Handvoll Bewohner, welche die Farbgebung nicht verändert haben und uns so halfen, das Replikat originalgetreu nachzubauen."
Apartment-Replikat für die "Cité de l'architecture et du patrimoine Paris"
„Interessant ist" , erklärt er weiter, „wie Le Corbusier von seinen Reisen inspiriert wurde und später auch die Form und Funktion von diesen Objekten in seiner Architektur umsetzte. So sah er in einem Kloster in der Nähe von Mailand zum ersten Mal die Boxen, welche er später neben jede Eingangstüre der Unité platzierte."
Le Corbusier nutzte in seinen Bauten des kollektiven Wohnens die räumlichen und menschlichen Wirkungen der Farben. Er kreierte Weite in kleinen Räumen, fixierte und befestigte Elemente, rückte dunkle Ecken ins Tageslicht und belebte das Wohlbefinden der Individuen sowie des Kollektivs – er schuff einen Mehrwert für die Gemeinschaft.
Relevanz der Farbe in heutiger Architektur
„Wie bereits erwähnt, veränderten viele Bewohner die Farben des Apartments. Doch mittlerweile geht der Trend eher zurück zum Original: Um die Farbgestaltung des Meisters in ihrer Gänze zu erleben, streichen viele Anwohner das Interieur in den Originalfarben. Diese finden sie in der Unité-eigenen Bücherei Imbernon. Dies ist ein Beispiel, das beweist, dass die Farbe in der Architektur für Bewohner eine Relevanz besitzt." Pascal Mory denkt, dass die Kraft und Wirkung von Farben in der aktuellen Architektur viel zu wenig eingesetzt wird.
„Le Corbusier war nicht nur Architekt, er war auch Künstler und um Farben innerhalb eines Farbsystems so zu definieren, dass sie durchgängig harmonisch untereinander kombinierbar sind, sollte man ein Künstler sein! Im städtischen Kontext sollte die Farbauswahl zudem die der jeweiligen Stadt eigenen Farben berücksichtigen."
Polychromie Architecturale
„Auch Architekten wie Norman Foster ("30 colours") entwarfen Polychromien, doch wirken diese Farben irgendwie künstlich, es fehlt ihnen an etwas", findet Mory. „Was die Polychromie Architecturale von Le Corbusier für mich so einzigartig macht, ist unter anderem, dass sie nicht nur von einem Architekten, sondern ebenfalls von einem Künstler geschaffen wurde. Dadurch ist es dem Anwender garantiert alle Farben in sich stimmig kombinieren zu können, ohne das eine deplatzierte Wirkung entsteht. Im Gegensatz zu den tausenden Farben von NCS kann ich unkompliziert aus 63 Farben auswählen und vermisse trotzdem niemals eine Farbabstufung." Mory begründet den Unterschied der Polychromie Architecturale zu anderen Farbsystemen auch mit der Qualität der Pigmente, die Le Corbusier bei seinen besonderen Farbtönen verwendete, bei denen er sich von der Natur inspirieren lässt. Die Farben erhalten dadurch eine außerordentliche Brillanz und Tiefe.
„Auch Architekten wie Norman Foster entwarfen Polychromien, doch wirken diese Farben irgendwie künstlich, es fehlt ihnen an etwas“.
– Pascal Mory –
Kollektives Wohnen
Die Idee des gemeinschaftlichen Wohnens wird von dem Zürcher Architekturbüro EM2N und den Berliner Verlegern und Kuratoren Ilka und Andreas Ruby in der Ausstellung "Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft" veranschaulicht. Der Blickwinkel liegt hierbei nicht nur auf dem gesellschaftlichen Aspekt, der Umsetzung kollektiver Projektentwicklungsprozessen, sondern auch auf dem neuer Wohntypologien in der Architektur.
Während Le Corbusier die Farben auf der Ebene der Individualisierung und Wirkung verwendete, nutzte EM2N ausgewählte Farben von Le Corbusier für die Farbkodierung des ausgestellten diagrammatischen Stadtmodells, um den Beitrag dieser neuen gemeinschaftlichen Wohnformen zum städtischen Leben herauszustreichen.
Die Schnittmodelle zeigen auf drei durchschreitbaren Sockeln einen fiktiven Stadtentwurf mit 21 realisierten Projekten aus aller Welt, die Innovationen zu kollektivem Wohnen widerspiegeln. Der verantwortliche EM2N Projektleiter für dieses Projekt, Fabian Hörmann, erklärt, dass die Farben wie die Kodierung eines Diagrammes gesehen werden können:
„Die Farbauswahl fand mit großformatigen Farbmustern in Le Corbusier Farben statt. Die Farben sind alle ihrer natürlichen Bedeutung nach ausgewählt. So wählten wir Le Corbusier's Landschafts- und Englischgrün um Parkanlagen, Gärten und Sportplätze zu kennzeichnen; spezifische Ocker- und Grautöne für urbane Plätze, die einen „härteren Charakter“ aufweisen. Für den Versammlungsplatz wurde die Signalfarbe Gelb gewählt. Weiterhin haben wir die Grade der Öffentlichkeit und der Gemeinschaft mit der Wahl der Farbintensität differenziert. Le Corbusier war ein wichtiger Vordenker des gemeinschaftlichen Wohnens und nutzte die Wirkung der Farben in urbanen Projekten. Deshalb war es für uns offensichtlich mit diesen Architekturfarben zu arbeiten. Uns fiel es leicht anhand des Farbfächers und der Farbmuster die gewünschte Farbwirkung auszuwählen: Im Gegensatz zu den unzähligen NCS Farben offeriert die Polychromie Architecturale eine überschaubare Auswahl, bei der man keine Nuance vermisst und die immer in sich stimmig harmoniert."
Es sei erstaunlich wie eine weitere Dimension des Raumes durch Farbe geschaffen werden kann, findet Fabian Hörmann. Die Relevanz von Farbe in der heutigen Architektur sieht Hörmann von einem klaren Standpunkt: „Weiß ist als Gegengewicht für eine kontrastierende Balance notwendig, damit Farben kräftig aufblühen können – in einem Zusammenspiel von bunt und unbunt."
Die Ausstellung "Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft" ist noch bis zum 10. September im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen.
Lesen Sie hierzu den Eröffnungsartikel der Ausstellung: Die Stadt als öffentliches Wohnzimmer – in Le Corbusier’s Architekturfarben
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