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Monatsbeiträge
September 2021, Christian Märki
Eine "posthume" Darstellung der Burgruine Rynach
Im Sempacherkrieg entluden sich die Spannungen zwischen der expandierenden Eidgenossenschaft der Innerschweizer und Luzerner mit Habsburg –Österreich. Der Konflikt begann als Fehde- oder Kleinkrieg, in dem gegenseitig die gegnerischen Gebiete verwüstet wurden. Im Frühjahr 1386 rückten die Innerschweizer in das Gebiet um Beromünster vor und verheerten die Besitzungen der habsgurgischen Gefolgsleute, zu denen auch die Rynacher gehörten. Die drei Burgen der Rynacher, die "Untere Rynach" im heutigen Burg, die "Obere Rynach" bei Herlisberg und die "Hintere Rynach" bei Mullwil/Rickenbach wurden in Schutt und Asche gelegt. Ein halbes Jahr später fielen in der Schlacht bei Sempach zusammen mit Erzherzog Leopold mehrere Mitglieder der Familie. In der Folge zogen sich die Rynacher aus ihrem Stammgebiet zurück; die Herrschaftsrechte zersplitterten, die Burgen wurden nicht mehr aufgebaut.
Wappen in der Schlacht von Sempach gefallener Rynacher Ritter in der Schlachtkapelle Sempach
Die Stammburg der Herren von Rynach überdauerte die folgenden Jahrhunderte als Ruine. Ein Teil der Burganlage diente als Steinbruch. Der imposante Bergfried trotzte der Zeit, bis er im Jahre 1872 dem Schulhaus der Gemeinde Burg weichen musste und abgerissen wurde. Der Abbruch des Bergfrieds begann am 12. Juni 1872.
Kurz vor dem Abriss der Burgruine diente die Plattform auf dem Bergfried dem in Reinach tätigen Photographen Jakob Wirz (1818 - 1873) als Aufnahmeort des Menziker Panoramas vom 18. April 1872. Wirz machte zudem Aufnahmen der Burg von Südosten, Südwesten und Westen. Auf letzterer Aufnahme, welche 1872 unmittelbar vor dem Abriss gemacht wurde, sind auf der Plattform des Bergfriedes und an dessen Fuss mehrere Menschen erkennbar: waren dies bereits die für den Abriss aufgebotenen Arbeiter?
Aufnahme von Burg mit der Burgruine Rynach, 1872, daneben undatiertes Aquarell von Otto Ernst mit Ansicht von Burg und Burgruine Rynach
Diese Aufnahme der Burgruine Rynach diente dem Aargauer Maler Otto Ernst (1884 – 1967) offensichtlich als Vorlage für eine künstlerische Umsetzung und Darstellung. Das nicht datierte Aquarell stimmt in Perspektive und Details weitestgehend mit der Originalaufnahme aus dem Jahr 1872 überein. Einzig im Vordergrund wurde zusätzlich ein Bauernpaar bei der Feldarbeit dargestellt. Das Blatt misst 24 x 17.5 cm und ist mit einem Passepartout gerahmt. Die Ausmasse des Rahmens sind 41 x 34.5 cm. Auf der Rückseite findet sich ein Kleber des Rahmenmachers Werner Hiltbrunner am Rain in Aarau.
Otto Ernst wurde 1884 in Veltheim geboren. Er verbrachte einen Teil seiner Jugend in Menziken und besuchte in Reinach die Bezirksschule. Nach der Bezirksschule machte er eine Lehre als Lithograph bei der Firma Müller & Trüb in Aarau (später A. Trüb & Cie.). Bis 1950 war er bei dieser Firma tätig. Seine künstlerische Ausbildung erwarb sich Ernst an der Gewerbeschule, ab 1910 an der Académie de la Grande Chaumière in Paris, an der auch Künstler wie Varlin, Mereth Oppenheim, Balthus und Joan Miro ausgebildet wurden. Ernst entwickelte sein künstlerisches Schaffen auch durch Studienaufenthalte in Florenz und Castel Gandolfo weiter. Ab 1918 lebte er in Aarau.
Ernst ist vor allem als Grafiker von Bedeutung. Aus seiner Tätigkeit bei der Firma Trüb + Co. in Aarau ging ein überaus reiches und qualitativ hervorragendes graphisches Werk hervor. Hinzu kommen bedeutende Werke insbesondere der Landschaftsmalerei. Ein Schwerpunkt lag dabei in stimmungsvollen Darstellungen der Juralandschaften, welche er häufig durchwanderte.
Otto Ernst war ein vielseitiger Aargauer Künstler, dessen Werk mehrfach in Ausstellungen im Aargauer Kunsthaus, in verschiedenen Galerien, aber auch im Saalbau in Reinach (Ausstellung im Dezember 1966) präsentiert wurde. Aufgrund seiner im Oberwynental verbrachten Jugend war ihm "die Burg" wohl ein Begriff. Warum er nach dem Vorbild der Photographie aus dem Jahr 1972 ein Abbild der Burgruine schuf, ist unbekannt.
Dass die alte Burg Rynach Jahrhunderte nach ihrer Zerstörung und Jahrzehnte nach dem Abriss ihrer Ruine auf verschlungenen Wegen im künstlerischen Bereich noch einmal Urständ feiern konnte, ist bemerkenswert.
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Dokument
- Titel:Eine "posthume" Darstellung der Burgruine Rynach
- Autor:Christian Märki
- Veröffentlichung:1. Sept. 2021
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Quellen
- Walther Merz: Die Ritter von Rinach im Aargau, Argovia Jahresschrift der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau, Bd 20 (S. 103f.) und 21 (S. 3, 4) Aarau 1889 und 1890
- Walther Merz: Die mittelalterlichen Burganlagen und Wehrbauten des Kantons Aargau, 3 Bände, Aarau 1905 bis 1929
- Peter Steiner: Die Burg Rynach. Stark erweiterter Auszug aus der Jahreschrift der Historischen Vereinigung Wynental 1972, Reinach 2008., S. 9ff.
- Peter Steiner: Vor Zeiten im Wynental. Jubliläumsschrift der Historischen Vereinigung Wynental zu ihrem 50-jährigen Bestehen, Reinach 1978, Aufnahmen 19-21
- Peter Steiner: Frühe Fotografen im Wynental in: Neues zur Geschichte des Wynentals, Jahresschrift der Historischen Vereinigung Wynental, Reinach 2014, S. 6 – 10
- www.kunstbreite.ch, website mit Künstlerbiographien, erstellt von Hans Muggli, Niederlenz