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Sind Sie einmal im Tessin auf dem Kastanienweg gewandert und haben im Herbst Edel- oder Esskastanien gesammelt? Falls nicht, rate ich Ihnen: Holen Sie diesen Ausflug nach! Es lohnt sich.
Schon Hildegard von Bingen lobte im 12. Jahrhundert die Frucht des Kastanienbaums. Sie soll die Nerven und das Gehirn stärken. Nicht zu verwechseln sind die Edelkastanien, oder auch Marroni genannt, mit den ungeniessbaren und bei uns weitverbreiteten Rosskastanien. Sie sind nicht verwandt, haben aber den gleichen Namen wegen der äusseren Ähnlichkeit der Früchte, den braunen Kernen in ihrer stacheligen Hülle. Edelkastanienbäume gedeihen im Tessin und im ganzen Mittelmeerraum und können sehr alt werden. Sie benötigen viel Licht, deshalb erinnern Kastanienwälder an luftige Parkanlagen.
Die Marroni sind glänzende, dunkelbraune Nüsse. Sie enthalten mehr Stärke, aber bedeutend weniger Fett als andere Nüsse, dadurch auch weniger Kalorien. Sie sättigen gut und eignen sich als Zwischenverpflegung.
Eigentlich zu Unrecht werden sie wegen des Stärkegehalts «Dickmacher» genannt. Sie sind glutenfrei und reich an Vitamin B, C und Kalium. In der Schweiz werden jährlich 2000 Tonnen Kastanien konsumiert. Es wird Kastanienmehl hergestellt, das einen süsslichen Geschmack hat. Gemischt mit Getreidemehl kann es für Kuchen und Brot verwendet werden. Dieses spezielle Mehl wird im südländischen Volksmund wegen des Geschmacks auch «farina dolce» und «farina dei poveri» genannt, da es früher das Hauptnahrungsmittel der ärmlichen Landbevölkerung war. Gewisse Bäckereien bieten im Herbst Brote an, die Kastanienmehl oder gekochte, zerkleinerte Kastanien enthalten, analog einem Nussbrot. Am meisten Kastanien werden wahrscheinlich in Form von Vermicelles gegessen. Diese werden aus in Milch gekochten und pürierten Marroni hergestellt, die mit Zucker und Kirsch angereichert werden.
Gekochte «Chöschteni», wie Kastanien im Sensebezirk heissen, gehören zu Wildgerichten wie «Heissi Marroni» an Weihnachtsmärkte.
Es wird Sie somit kaum erstaunen, dass der Edelkastanienbaum zum «Baum des Jahres 2018» gewählt wurde.
Beatrice Molinari ist Hausärztin im Ruhestand mit Interesse und Erfahrung auf dem Gebiet der Ernährung. <email-pii>