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Filmkritik zu THE AMAZING SPIDER-MAN
„Aus grosser Kraft folgt grosse Verantwortung“. Dieser Ausspruch ist es, der wie nichts anderes mit der Figur Spider-Man in Verbindung gebracht wird. Und es ist durchaus mehr als eine Floskel. Auch die Mächtigen des Hollywood-Studios Sony Pictures tragen eine grosse Verantwortung. Gegenüber dem Kinozuschauer, gegenüber dem Comic-Fan und vorallem gegenüber dem Brand Marvel. Um liquide Mittel ins Haus zu bringen und gleichzeitig im Filmbusiness Fuss zu fassen, verkaufte Marvel vor ein paar Jahren die Filmrechte einiger seiner populärsten Superhelden an Filmstudios. Die Filmlizenzen tu X-MEN wurden an News Corp. (Fox), diejenigen von SPIDER-MAN an die Sony Corp. und die vom HULK an General Electric Co. ( NBC Universal Inc.) verkauft. Seit die Walt Disney Company 2009 Marvel übernahm, werden die vergebenen Lizenzen Stück für Stück zurück gekauft und mit grossem Erfolg unter dem Marvel Studios Label veröffentlicht.
THE AMAZING SPIDER-MAN gehört nicht dazu und so kommt dieses Reboot aus dem Hause Columbia Pictures (Tochter von Sony Pictures). Nichtsdestotrotz arbeitete man sehr eng mit Marvel zusammen und man wollte es ganz offensichtlich anderen Comic-Reboots der letzten Jahren (allen voran Christopher Nolans Batman-Trilogie) gleichtun und die Geschichte von Peter Parker neu erzählen, anstatt einen vierten SPIDER-MAN unter Sam Raimis Regie machen. Das Marketing versprach eine bislang noch nicht erzählte Geschichte, die eine völlig neue Seite von Peter Parker zeigen sollte.
Gelungen ist die Umsetzung dieses löblichen Vorsatzes – leider – nur bedingt. THE AMAZING SPIDER-MAN erzählt die Geschichte von Peter Parker (Andrew Garfield), einem High School Schüler und Aussenseiter, der als kleiner Junge von seinen Eltern verlassen worden ist und seitdem von seinem Onkel Ben (Martin Sheen) und Tante May (Sally Filed) aufgezogen wird. Als Peter einen mysteriösen Aktenkoffer entdeckt, der einst seinem Vater gehört hat, fängt er damit an, Nachforschungen anzustellen, weil er verstehen will, warum seine Eltern damals so plötzlich verschwunden sind. Seine Recherchen führen ihn direkt zu Oscorp und dem Labor von Dr. Curt Connors (Rhys Ifans), dem ehemaligen Partner seines Vaters. Dort arbeitet auch seine hübsche Mitschülerin Gwen Stacy (Emma Stone). Nach einer Begegnung mit einer mutierten Labor-Spinne, gewinnt Peter Parker plötzlich neue Kräfte und Fähigkeiten, zu denen sich allerdings auch neue Probleme gesellen. So muss er sich nicht nur an seine neue Rolle als Held mit grosser Kraft auseinandersetzen, sondern auch seinen Platz in der Gesellschaft finden. Schliesslich muss er als Spider-Man Connors Alter Ego Die Echse stoppen, an dessen Existenz Peter Mitschuld trägt.
Der Einstieg mit der in Rückblenden erzählten Geschichte von Parkers Eltern, die überhastet von ihrem Zuhause flüchten mussten und Peter dabei für immer bei Tante und Onkel zurückliessen, gefällt. Auch seine ersten Gehversuche als “Spinne” vermögen durchaus zu überzeuge. Die Macher waren offensichtlich bemüht für alle “fantastischen” Elemente eine schlüssige Begründung zu finden und den Film so glaubhafter zu machen. Anstelle von Spinnendrüsen, bastelt sich der leidenschaftliche Tüftler Peter eine mechanische Vorrichtung, die er mit künstlichen Spezialfaden-Spulen aus den Oscorp-Labors versieht. Das dabei aber total vergessen geht, dass der gute Peter im Film keinen unbegrenzten Vorrat dieser Spulen bei sich im Keller liegen hat und somit eigentlich schon bald “ausgeschossen” sein müsste, versalzt diese Suppe wieder.
Die Action-Sequenzen sind zum Teil spektakulär und oft mit einer Prise Humor versetzt. Genau wie auch schon die Raimi-Filme. Diesbezüglich vermag sich der Film in keine Weise von der Vorgänger-Trilogie abzusetzen. Stimmungsmässig ist THE AMAZING SPIDER-MAN ganz in deren Geiste gehalten. Doch leider werden die Actionszenen mit zunehmender Laufzeit auch immer länger, ja teils gar langatmig. Zudem wurde dem Film stellenweise ein all zu aufgesetzt wirkender Pathos verpasst, der so gar nicht zu den (viel besseren) dramatischen Momenten passen. Die sind nämlich aufrichtig, echt und werden von Emma Stone und Andrew Garfield perfekt gespielt. In solchen Szenen spürt man die filmische Herkunft des (500) DAYS OF SUMMER Regisseurs Mark Webb deutlich heraus.
Peter Parker Darsteller Andrew Garfield überzeugt auf der ganzen Linie und ist in meinen Augen die perfekte Wahl für die Rolle als Spidey. Er verleiht der Rolle eine gewisse Tiefe und man spürt förmlich den Schmerz und inneren Kampf, den seine Figur im Verlauf der Handlung durchleben muss.
Schade nur, dass der Film mit repetitiven und nicht enden wollenden Action-Sequenzen zwischendurch langweilt und mit unnötigem Pathos nervt. Hinzu kommt, dass die Storyteller oft den Fehler begingen, Spider-Man mit Zufällen aus seinen Schwierigkeiten herauszuholen. Das wirkt billig. Die Echse ist als Bösewicht nicht wirklich spektakulär und nur all zu austuschbar.
Um den Bogen zu meinem Eingangsplädoyer zu spannen, lässt sich zusammenfassen, dass Hollywoods Mächtigen, ihrer grosser Kraft und der daraus folgenden grossen Verantwortung nicht gerecht wurden. Sie haben – etwas vereinfacht ausgedrückt – anstatt eines Reboots so etwas wie eine Fortsetzung hingelegt. Formell merkt man – mit Ausnahme der starken dramatischen Szenen und ein paar genialer Einfälle – keine grossen Unterschiede zu den SPIDER-MAN Filmen von Sam Rami. Da es der Film nicht schafft, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, erfordern die 136 Minuten entsprechend viel Sitzfleisch. Wahre Fans müssen sich wohl weiter auf die perfekte Umsetzung gedulden. Vielleicht einmal von den Marvel Studios und dann vielleicht mit einem halb schwarzen, halb Latino Spider-Man.