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Burrus Nussbaumer Architectes haben im Genfer Stadtteil Sécheron ein fünfgeschossiges Wohnhaus von 1958 um drei Etagen aufgestockt und die Gebäudehülle saniert. Stadtreparatur, Erweiterung der Wohnungstypologien und eine raffinierte Erdbebenertüchtigung zeichnen das Projekt aus.
Welches Ziel bezweckte das Bauvorhaben?
Das Projekt bot die Gelegenheit, einem banalen modernistischen Bau ein zweites Leben zu geben. Die Aufstockung eines Wohnbaus der 1950er Jahre vervollständigte die unregelmässigen Konturen einer Blockrandbebauung, die mehrheitlich anfangs des 20. Jahrhunderts entstanden war.
Die Erweiterung der Wohnfläche mit unterschiedlichen und grösseren Wohnungstypologien führte zu einer interessanten Mischung von Wohnungen, die der Entwicklung des Viertels, seiner besonderen Lage in Seenähe und dem Wachstum einer Bevölkerung unterschiedlicher Herkunft besser entsprach.
Dass wir im Zuge der Baumassnahmen auch den Energieverbrauch verringern mussten, war vorhersehbar; hierbei konnten wir uns, im Zusammenspiel mit der Sanierung der Gebäudehülle, die Südausrichtung der Hofseite zunutze machen.
War ein Abbruch jemals ein Thema? Wenn ja, weshalb wurde er verworfen?
Ja, um Wohnungstypologien zu schaffen, die den heutigen Anforderungen besser entsprechen.
Das Genfer Gesetz über Umbauten und Renovationen schützt Mieter vor Renovationen, die letztlich zu einem erheblichen Anstieg der Mieten führen (mit dem Baugesuch muss ein Businessplan eingereicht werden, welcher die zukünftigen Mieten im Bestand pro Zimmer und Jahr für die ersten drei Jahre festlegt). Dieser finanziell einschränkende Ansatz führt dazu, dass eine gewisse Anzahl von Eigentümern auf die Durchführung von Arbeiten verzichtet. Kurz vor Beginn der Planung wurde das Baureglement angepasst, um die Schaffung von neuem Wohnraum zu ermöglichen: Die Lichtraumprofile und die maximale Gebäudehöhe wurden für Projekte mit Wohnnutzung erhöht. Diese rechtlichen Aspekte unterstützten die Idee, die bestehenden fünf Stockwerke um drei Stockwerke zu erhöhen. Erst die Möglichkeit, zusätzliches Volumen zu schaffen, erlaubte also eine wirtschaftliche Renovation der bestehenden Wohnungen.
Gibt es Qualitäten im Bestand, inkl. Aussenraum, die das Projekt beeinflusst haben?
Die Identifikation der Bewohner mit dem Ort ist sowohl innig als auch langjährig. Das Gebäude stammt aus der Nachkriegszeit und hat eine Verbindung zur Geschichte des Arbeiterviertels, in dem es steht und das sich seit einigen Jahren im Wandel befindet. Die Umgestaltung des Gebäudes dynamisiert nicht nur seine Beziehung zu einem sich verändernden Kontext, sondern bindet auch die Bewohner an den Ort, den sie seit Langem bewohnen.
Die Südausrichtung und der sich in die gleiche Richtung öffnende Hof reduzieren den Schattenwurf und fördern die passive Sonneneinstrahlung. Sie führte dazu, dass die großzügigen Balkone als Wintergärten konzipiert wurden. Dank dieser Pufferzone und der Hinzufügung der ehemaligen Loggia zum beheizten Volumen erhalten die bestehenden Wohnungen 30% mehr Fläche.
Wie gross war die Eingriffstiefe? Welche Bauteile wurden wie instandgesetzt, ertüchtigt oder ersetzt?
Jede bestehende Wohnung wurde vergrößert, um sie an die aktuellen Bedürfnisse anzupassen. Die ehemaligen Loggien wurden in das beheizte Volumen integriert, wobei die Zugangstüren erhalten blieben. Sie sorgen für eine zusätzliche interne Kommunikation und tragen zu einer grosszügigeren Raumwahrnehmung bei. Die Betonbrüstungen wurden abgesägt, um Platz für eine Fensterfront zu schaffen, die direkt auf den 12 m² grossen Wintergarten führt und einen hohen Anteil an natürlichem Licht garantiert. Neben der zusätzlichen Nutzfläche in der Zwischensaison bietet der Wintergarten für alle natürlich belüfteten Wohnungen auch Schutz vor dem Lärm des angrenzenden Schulhofs.
Die Verbesserung der Erdbebensicherheit in Längsrichtung wurde durch das Anbringen grosser Rahmen aus Brettschichtholz direkt an den Betonfassaden gelöst und trägt zur thermischen Isolierung der Fassade bei.
Die typologische Konzeption der neuen Wohnungen begünstigt eine flexible Nutzung im Laufe des Lebenszyklus: Familie mit Kindern, Home Office, Unabhängigkeit während der Jugendzeit, Betreuung eines älteren Elternteils zu Hause usw.
Worin bestand die grösste Herausforderung?
Die Überlagerung von zwei unterschiedlichen Tragsystemen auf so geringer Grundfläche erforderte eine hohe Präzision. Die Notwendigkeit, das erdbebensichere Verhalten des Gebäudes zu verbessern, führte zu einer unkonventionellen konstruktiven Lösung, die eine architektonische Integration erforderte. Darüber hinaus setzt die gewählte Hybridbauweise Kenntnisse und Fähigkeiten voraus, die mit den konstruktiven Besonderheiten der einzelnen Materialien zusammenhängen: Die Brandschutzauflagen für Stahlkonstruktionen sind hoch und führen beispielsweise zu einer grossen konstruktiven Komplexität in Bezug auf das Fügen mit anderen Gewerken.
Unterschiedliche und manchmal nicht übereinstimmende Anforderungen der Fachplaner erforderten eine intensive Anstrengung der Architekten, um alles auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Damals gab es kaum Vorbilder oder Experimente mit Aufstockungen, die Lösungen mit den für uns aktuell geltenden normativen Anforderungen gezeigt hätten; es waren quasi alle Planer von Aufstockungsprojekten zu diesem Zeitpunkt mit einem experimentellen Ansatz konfrontiert, ohne Rückblick auf frühere Erfahrungen. Normen setzen Grenzen, ohne die vielen parallel involvierten Kompetenzbereiche zu berücksichtigen. Sie bieten daher wenig Spielraum, um Kompromisse und ausgewogene Lösungen zu finden.
Aus logistischer Sicht stellte die Aufstockung und Erweiterung bestehender Wohnungen im bewohnten Zustand eine grosse Herausforderung dar.
Welche Erkenntnisse haben Sie bei der Arbeit an diesem Projekt gewonnen?
Vor dem Hintergrund der Genfer Wohnungskrise mussten die Arbeiten so durchgeführt werden, dass die meisten Mieter im Gebäude blieben – mit Ausnahme des obersten Stockwerks. Die Qualität und Relevanz des Austauschs zwischen dem Bauherrn, dem Architekten und den Ingenieuren waren von entscheidender Bedeutung, um innovative Lösungen zu finden. Die zahlreichen Ziele des Projekts ‒ Programm, strukturelle Leichtigkeit, Wirtschaftlichkeit und Energie ‒ wurden systematisch bewertet und mit den architektonischen und technischen Kriterien verglichen. Der Prozessgedanke innerhalb des Projekts war sowohl während der Planungs- als auch während der Ausführungsphase vorherrschend.
Die Hybridbauweise umfasst trotz der anspruchsvollen Planung, die sie erfordert, vielfältige Vorteile und Aspekte, die es zu erforschen galt: Das architektonische und räumliche Potenzial sowie eine sinnvolle Anwendung in Verbindung mit der Kreislaufwirtschaft sind Beispiele dafür.
Welche Vorarbeiten wurden geleistet, bevor das Vorprojekt beauftragt wurde?
Eine Vorstudie für eine einfache Aufstockung war von einem anderen Architekturbüro erstellt worden, wurde aber von den Behörden wegen mangelnder Integration kritisiert. Da das Gesetz über Aufstockungen gerade erst geändert worden war, mussten einige Dinge überprüft werden, bevor ein Vorprojekt erstellt werden konnte: Die Stadtverwaltung war sich nicht im Klaren darüber, welche Baulinien tatsächlich die Mantellinie bestimmten, und Aspekte der Statik und Erbebensicherheit mussten durch den Bauingenieur evaluiert werden. Der Eingriff im Bestand war finanziell von der Machbarkeit der Aufstockung abhängig.
Gab es Vorbilder/Referenzobjekte, an denen Sie sich orientiert haben?
Die Genfer Innenstadt hat eine Tradition der Verdichtung durch Aufstockung, schon lange vor dem Abriss der Befestigungsanlagen. Wenn man die Fassaden der Altstadt genau betrachtet, kann man die gestalterischen Aspekte der unterschiedlichen übereinanderliegenden Bauweisen und die Anzahl der neuen Stockwerke, die zu älteren Gebäuden hinzugefügt wurden, entschlüsseln. Wir hatten das Glück, dieses Fassadenthema gleich zu Beginn des Vorprojektes mit dem Künstler Karim Noureldin entwickeln zu können.
Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal haben sich in ihrem Manifest PLUS ausführlich mit dem Begriff des Wohnens im Zusammenhang mit der Umwandlung von Gebäuden befasst, die in der Nachkriegszeit im Rahmen von Massenwohnungsbauprogrammen entstanden sind. Sie stellen den Affekt und das Zugehörigkeitsgefühl der Bewohner zu dem Gebäude, das sie seit vielen Jahren bewohnen, in den Vordergrund.
Auf technischer Ebene hat der kalifornische Architekt Craig Ellwood in einigen seiner Werke mit hybriden Baumethoden experimentiert, die die für Case Study Houses so typische konzeptionelle Leichtigkeit widerspiegeln.
Was würden Sie oder die Bauherrschaft rückblickend anders machen/angehen?
Das Aufstockungs- und Umbauprojekt in Sécheron stellt eine mögliche Antwort auf die damaligen gesetzlichen und normativen Rahmenbedingungen dar. Dieser Rahmen ändert sich im Laufe der Zeit. In Genf werden bei einem Umbau oder einer Renovierung die Mieten kontrolliert und für mindestens drei Jahre auf eine Höchstgrenze gesetzt.
In unserem Fall wurde das Baugesuch kurz vor dem Inkrafttreten des neuen Energiegesetzes im Jahr 2010 eingereicht. Die aktuellen Anforderungen könnten das finanzielle Gleichgewicht gefährden, das darin besteht, Verbesserungen am Bestand durch neu geschaffenen Wohnraum wirtschaftlich zu unterstützen. Umgekehrt würden die neuen Brandschutzvorschriften sicherlich einen strukturellen Entwurf ganz aus Holz erlauben und die Logistik des Rohbaus eines so kleinen Volumens erleichtern (das 5. und 6. Obergeschoss wurden in Stahl mit Brandschutzverkleidung ausgeführt).
Daher müssen diese Aspekte bei Beginn des Vorprojekts genau untersucht werden, um die gewünschten Eingriffe im Bestand mit denjenigen, die das Projekt wirtschaftlich tragfähig machen, ins Gleichgewicht zu bringen.
Kennwerte der Av. de Sécheron
|Mengen, nach SIA 416||vorher||nachher|
|Gebäudevolumen (GV), m³||2'793||4'432|
|Geschossfläche (GF), m²||888||1'441|
|Hauptnutzfläche (HNF), m²||646||1'073|
|Funktionale Einheiten (FE), Stk.||10||14|
|BKP 1 Vorbereitungsarbeiten||147'000|
|BKP 2 Gebäude||4'822'000|
|BKP 4 Umgebung||67'530|
|BKP 5 Baunebenkosten||297'500|
|BKP 1-9, CHF||5'334'030|
|BKP 2, CHF/m³ GV||1'090|
|BKP 2, CHF/m² HNF||4'490|
|BKP 2, CHF/Stk. FE||344'430|
|BKP 1-9, CHF/m³ GV||1'200|
|BKP 1-9, CHF/m² HNF||4'970|
|BKP 1-9, CHF/Stk. FE||381'000|
|Energiebezugsfläche EBF, m²||745||1'299|
|Heizwärmebedarf Qh, kWh/m²a||206||40|
|Grenzwert Qh, li für Umbauten, kWh/m²a||52||42|
|Heizwärmebedarf Qh, in % des Grenzwertes, kWh/m²a||396||95|
|Gesamtenergiebedarf (Heizwärmebedarf + Elektrizität)||206||40|
|Energieerzeugung||Gas||Gas

(Der Gaskessel war noch in einem sehr guten Zustand)
|Lüftungskonzept: |
|Luftschallschutz Decke Di, dB (mind. ≥ 52.0 dB nach SIA 181)||56-58 (Aufstockung)|
|Trittschallpegel Boden L', dB (max. ≤ 53.0 dB Umbau gemäss SIA 181)||43-46 (Aufstockung)|
|In welchem Umfang sind Bauteile ertüchtigt worden?|
|Musste eine massgebliche Reduktion beantragt werden?||nein|
|Erfüllungfaktor αeff nach SIA 269/8 oder gem. Merkblatt SIA 2018||<0.25|
(in Längsrichtung)
|1|
|Wohnungszugänglichkeit gem. BEHIG?||nein||nein|
|Wohnungen vollständig behindertengerecht anpassbar?||nein||nein|
Eckdaten
|Bauwerkname||Aufstockung Mehrfamilienhaus in Sécheron|
|Ort||Avenue de Sécheron 9|
1202 Genève
|Auftragsart||direkt|
|Jahr der Fertigstellung||2015|
|Baujahr Bestand||1958|
|Bauweise||Aufstockung: hybride Konstruktion aus Stahl, Holz und Beton|
Bestand: massiv (Decken und Brüstungen aus Beton, Wände und Aufzugsschacht aus Backstein)
|Bauherrschaft||privat|
|Architektur||Burrus Nussbaumer Architectes, Genève GE|
Laurence Aeberhard, Candice Blanc, Karim Chami, Raphaël Nussbaumer, Frédéric Perone, Ana Rodriguez
|Bauleitung||AML Immo Conseils, Les Acacias GE|
|Fachplaner||Tragstruktur: Ingeni, Carouge GE|
Haustechnik: Amstein + Walthert, Genève GE
Akustik: AAB Stryjenski & Monti, Carouge GE
Brandschutz: Ecoservices, Carouge GE
|Spezialisten||Kunst: Karim Noureldin, Chavannes-près-Renens VD|