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Ganze 19 Jahre lang war TierarztProfessor Igor Bobylev als Präsident der Veterinärkommission Mitglied des FEI-Vorstandes, Bureau genannt. Er wurde 1971 gewählt, dann immer wieder im Vierjahresturnus, bis er 1990 zurücktrat. Der Sowjetrusse Bobylev – «Prince Igor», wie ihn FEI-Präsident Philip einmal nannte – war in der FEI nicht hoch angesehen. Er wurde sogar belächelt. Ein sturer Parteifunktionär war er nicht: eher naiv und etwas verloren in der westlichen Welt. Es gibt einige Anekdoten, so 1980 anlässlich eines Bureau Meetings in Venezuela. Im Hotel wurde eines Morgens ein Zettel unter der Türe ins Zimmer geschoben, man müsse die Wäsche bis elf Uhr abliefern. Professor Bobylev erschien zum gemeinsamen Frühstück, hielt den Zettel hoch und erklärte voller Überzeugung: «A very important document.»
Zwei Turniere
Dieses in vielen FEI-Augen lächerliche Bild des Professors aus der Sowjetunion musste man korrigieren, wenn man Igor Bobylev in Moskau erlebte. Da war er der geachtete Professor, der Dinge bewegte. Zweimal organisierten wir zusammen ein internationales Reitturnier in Moskau: 1991 einen CSI-W, 1992 gar einen CSIO-W. Es war erstaunlich, wie die Gruppe um Bobylev in jenen turbulenten Übergangsjahren Gorbatschow-Yelzin zwei geglückte Turniere zustande brachte. Allerdings, fast alles war anders, als von unseren westlichen Veranstaltungen her gewohnt. Ich hatte Bobylev während den Olympischen Spielen von 1976 in Montreal näher kennengelernt, das heisst in Bromont, wo die Reitwettbewerbe stattfanden und wo Christine Stückelberger ihre Goldmedaille gewann. Bald darauf fragte mich der Reich Verlag, der 1974 «Der Eidgenoss», die Geschichte der Schweizer Kavallerie, herausgegeben hatte, ob ich jemanden kenne, der ein Buch über Russlands Pferde schreiben könnte. Ich schlug Bobylev vor, der dann in der Folge mehrmals in die Schweiz kam. 1979 erschien das noch heute lesbare Buch «Das grosse Buch der Pferde in Russland» von Igor Bobylev im Reich Verlag. Über den Weltcup sprachen wir damals nicht.
Reitstadion Bitsa
Als sich Ende der 80er-Jahre der Zerfall des kommunistischen Ostens ankündigte, wurde unter den osteuropäischen Delegierten an den jährlichen FEI-GV das Interesse am kapitalistischen Weltcup geweckt. Auch Bobylev und der damalige sowjetische Delegierte, Michail Budjonny, der Sohn des berühmten Marschalls Budjonny (und Namensgeber der Budjonny Pferderasse, einer Kreuzung von Don-Pferden mit Vollblütern), zeigten Interesse. Im Falle der untergehenden Sowjetunion, nun als Russland mit Gorbatschow an der Spitze, kam es 1991 und 1992 zu den zwei erwähnten Weltcupturnieren. Da seit den Olympischen Spielen von 1980 keine internationalen Reitturniere in Moskau veranstaltet worden waren, brauchte es für praktisch alles westliche Hilfe. Als Parcoursbauer bestimmten wir Wjatscheslaw Kartawsky: den Kursdesigner der olympischen Parcours von 1980, der aber, so stellte sich heraus, die Entwicklung seither total verpasst hatte. So wurden die Parcours von 1991 de facto von unserem Technischen Delegierten George Morris gebaut. 1992 war es Bill Steinkraus, der den inzwischen besser orientierten Kartawsky unterstützte. Als Austragungsort für 1991 schlug Igor Bobylev das olympische Reitstadion von 1980 in Bitsa vor. Eine wunderbare Anlage mit Springstadion, Dressurstadion, Ställen, Pferdeklinik und Hindernissen im Gelände. Aber eben – alles war zerfallen. Bis zum ersten Reiter im Parcours wurde gepflastert, gemalt und geputzt.
Ein Koffer voller Geld
Wer sollte zum CSI-W Moskau eingeladen werden? Die Sowjetunion war auseinandergefallen und die FEI hatte noch nicht alle neu entstandenen Federationen als Mitglieder aufgenommen. Selbst der Status von Russland war noch in der Schwebe. Eingeladen wurden schliesslich, neben Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei (kurz vor der Teilung), Rumänien und Bulgarien, die wiederentstandenen drei baltischen Staaten, weiter Georgien sowie Kasachstan und Usbekistan. Dann stellte sich die Frage der Finanzierung. Der russische Pferdesportverband (mit der ehemaligen Dressurreiterin Elena Petuschkova als Präsidentin), als Nachfolgerin der FN der Sowjetunion, hatte kein Geld. Das Sportkomitee der kommunistischen Partei, das jahrzehntelang den sowjetischen Sport finanziert hatte, existierte nicht mehr. Konnten wir westliche Sponsorgelder finden? Volvo, Dunhill und das niederländische Duphar machten mit und stellten die rund 50000 Franken zur Verfügung, die wir brauchten: Preisgelder, Reisespesen, Unterkunft und Verpflegung der Reiter, Grooms und Pferde in Moskau, die Kosten der Offiziellen und Gäste. Aber wie sollte das Geld ausbezahlt werden? Ein Bankensystem, wie im Westen gewohnt, war im neuen, «freien» Osten erst im Aufbau. So reiste der Weltcupdirektor aus der Schweiz mit dem ganzen Bargeld in der Tasche nach Moskau und verteilte dort das Geld!
Nach dem erfolgreichen ersten Jahr 1991 in Bitsa schlug Bobylev vor, für 1992 auf eine edlere Anlage zu wechseln: auf das Gelände des riesigen «Museums der Errungenschaften des sowjetischen Volkes». Es wurde ein gediegener Anlass. Allerdings mussten die Pferde Kilometer weit weg eingestallt werden. Unser ausländischer Veterinär, Markus Müller, nahm die Inspektion der Pferde vor, die, wie die aus Usbekistan, über 3000 Kilometer Reise im Transporter hinter sich hatten. Ein eher peinlicher Höhepunkt während des CSIO-W war eine Dressurvorführung des 66-jährigen Olympiasiegers von 1960, Sergej Filatow, der auf seine alten Tage zu den Trainingsmethoden von James Fillis zurückgekehrt war. Den Nationenpreis dieses ersten und immer noch letzten CSIO-W Moskau 1992 gewann Estland. Es gab keine Fortsetzung. Igor Bobylev starb 2000 87-jährig, auch Elena Petuschkova starb 2007, 77-jährig.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 10/2020)
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