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Als Berater in Unternehmen nehme ich immer wieder Bezug auf die Tugendethik (siehe dieser Beitrag für eine Charakterisierung von Aristoteles’ Tugendethik). Ob in der Familie oder mit Führungskräften: Erzählungen wie «Der kleine Hobbit» lassen mich sofort Anknüpfungspunkte finden. Darüber hinaus schaffen sie eine Synthese zur christlichen Weltsicht. Verschiedentlich greifen populäre Autoren für den Ansatz der Rekonstruktion ihres Fachbereichs auf die Tugendethik zurück (siehe hier und hier). Dabei handelt es sich um universal gültige, kultur- und zeitübergreifende Leitlinien für die Charakterentwicklung.
Beim langsamen Studium von Bavincks Ethik, Band 2 – einer sorgfältigen Rekonstruktion seiner Vorlesungsnotizen und studentischen Mitschriften (siehe meine Rezension zu Band 1) – kommt dieser bereits in den Anfangskapiteln bei der Analyse des Begriffs «Pflicht» auf die Tugendethik zu sprechen.
Ich zitiere zunächst eine Beobachtung des Editors John Bolt im Vorwort zu aktuellen Entwicklungen der theologischen Ethik, die jedoch schon zu Zeiten Bavinck im 19. Jahrhundert verbreitet waren:
(Diese Vertreter) haben sich der “Königreichsethik ” der Einheit mit Christus und der Nachfolge Christi zugewandt, weil diese Betonung als Gegengewicht zur Rolle von Gesetz und Pflicht im christlichen Leben gesehen wird. Tatsächlich haben sich viele, die sich der Tugend- und Charakterethik zugewandt haben, dies getan, weil sie die ethischen Traditionen des göttlichen Gebots, die traditionell protestantische und römisch-katholische Christen in ihrer Nachfolge geschult haben, für gescheitert halten. Der Vorwurf des “Dezisionismus” (Entscheidungs-Ethik) und des “Legalismus” (Gesetzlichkeit) begleitet diese Kritik; es sei wichtig, so heißt es, über Regeln und Prinzipien über richtig und falsch hinauszukommen und die Aufmerksamkeit auf die Erziehung von Menschen mit Charakter und Tugend zu richten, die das Richtige tun, indem sie die Ethik des Reiches Gottes leben.
Bavinck definiert Tugend und Pflicht vom Stoizismus her so:
Tugend ist die erforderliche sittliche Fähigkeit, die in der Kraft der Vernunft in der Natur besteht.
Die Pflicht ist die Form des sittlichen Verhaltens, d. h. die Bewegung der Tugend auf das höchste Gut hin. (5)
Die Reformation brachte einen Bruch mit der mittelalterlichen, von einer Synthese der Klassik und des Christentums her stammenden Tugendethik:
Im Mittelalter wurde die gesamte Ethik in der dogmatischen Theologie unter der Tugendlehre auf der Grundlage der vier Kardinaltugenden (Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mässigung) und der drei theologischen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe) behandelt. Seit der Reformation haben lutherische und reformierte Theologen die Pflichten gewöhnlich auf der Grundlage des Dekalogs behandelt. Der Dekalog mit seiner ersten und zweiten Tafel schlug gleich eine Klassifizierung der Pflichten gegenüber Gott und dem Nächsten vor. (89)
(Als Beispiel) Luther behauptete die Notwendigkeit guter Werke aufgrund von Gottes Gebot, aufgrund des einzigartigen Wesens des Christen und aufgrund der Dankbarkeit, die ihm gebührt. (13)
Die protestantische Ethik erhielt sofort das Gewand (die Form) des Dekalogs, – nicht weil die Protestanten die Einteilung in zehn Gebote für das Beste hielten, sondern weil diese göttlich war und sie auf dieser Grundlage die Gebote wiederbeleben wollten, wie Sartorius glaubte -, also um den Willen Gottes gegenüber den selbstgesteuerten Werken Roms hervorzuheben. (14)
Bavincks Kritik der Tungendethik im Wortlaut:
Diese (mittelalterliche) Klassifizierung kombiniert die vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mässigung und Besonnenheit, die von den Heiden wie Aristoteles, den Stoikern und Cicero übernommen wurden, mit den drei theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Ambrosius ist der erste, der die vier heidnischen Tugenden übernimmt, gefolgt von Augustinus und Cassiodorus (sechstes Jahrhundert). Papst Gregor I. fügte die drei theologischen Tugenden hinzu. Diese Einteilung ist seit Lombardus üblich. Es gab also sieben Tugenden, denen sieben Kardinalssünden gegenüberstanden.
Diese Einteilung hat einen gewissen Wert, ist aber auch anfechtbar.
(a) Die vier Tugenden sind von den Heiden übernommen und somit nicht aus der Heiligen Schrift. Sie können zwar neu interpretiert und in eine christliche Bedeutung umgewandelt werden, so dass aus Weisheit Gottesverehrung, aus Gerechtigkeit Frömmigkeit, aus Tapferkeit Gottvertrauen und so weiter wird, aber dann verlieren sie ihre ursprüngliche Bedeutung. Das Klassifizierungssystem wird eher zu einem Amalgam als zu einem integrierten Ganzen, zu einer Mischung aus heidnischer und christlicher Ethik.
(b) Diese sieben Tugenden sind auch nicht aufeinander abgestimmt: Der Glaube ist nicht eine Tugend neben den anderen, sondern er ist das Ursprungsprinzip der anderen Tugenden, ihr Ursprung und ihr Leitfaden. Die Tugend der Gerechtigkeit muss die Tugend der Liebe verkörpern, und wenn die Tapferkeit auf das christliche Fundament verpflanzt wird, ist sie nichts anderes als die Beharrlichkeit, die die Hoffnung voraussetzt. (95)
Einen interessante Zwischenposition nahm Julius Friedrich Stahl (1802-1861) ein:
Friedrich Stahl schlägt einen etwas anderen Weg ein; er behauptet, dass hier auf Erden Heiligkeit und Seligkeit (Tugend und Glückseligkeit) sich nicht gegenseitig durchdringen.
… Auf der Erde gibt es eine Art von Zufriedenheit, ein Glück, das unabhängig von Ethos und Tugend ist, aber nicht sündhaft ist, wie Gesundheit, ein guter Ruf und so weiter, und Stahl nennt das “die Sphäre des ethisch Erlaubten”. (44)
In seinem systematischen Durchgang durch die Dogmen- und Ideengeschichte erwähnt er einen weiteren, aus christlicher Weltsicht götzendienerischen Ansatz. Dieser scheint mir gelebt auch in manchen neo-evangelikalen Kirchen vorzuherrschen:
So argumentierte Friedrich Schlegel (1772-1829) zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts: Der Philosoph, der Dichter, ist der wahre Mensch; das Genie ist die wahre Tugend. (17)
John Bolt umreisst das Herzstück von Bavincks Ethik folgendermassen:
Das Herzstück von Bavincks Verständnis des christlichen Lebens in Band 1 findet sich in Kapitel 9 mit seiner Betonung der Einheit mit Christus und der Nachahmung (imitatio) Christi. Wir müssen zuerst an Christus glauben; er ist unser Erlöser und Herr, unser Prophet, Priester und König. Aber, so Bavinck, er ist noch mehr: “Er ist auch unser Beispiel und Ideal. Sein Leben ist die Form, das Modell, das unser geistliches Leben annehmen muss und zu dem es hinwachsen muss.” (IX)
In dieser Reihenfolge erst gewinnt das gute Leben vor Gott erst seine Bedeutung: Als Folgewirkung der Erlösung, nämlich aus einem willig-dankbaren Herzen.