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Erfassen und Forschen
Erschliessung: damals und heute
Der Redaktor und Privatgelehrte Ludwig Hain (1781–1836) erstellte als erster ein universales Verzeichnis aller ihm bekannten Inkunabeln. Er erfasste detaillierte Angaben zu den einzelnen Ausgaben mit den eindeutigen Identifikatoren des Impressums. Hinzu kam die Beschreibung weiterer Merkmale wie Format, Schrifttyp, Form des Satzes, Vorhandensein von Holzschnitten etc. Hains Verzeichnis (1826 – 1838) war lange Zeit grundlegend für alle Inkunabelsammlungen und -kataloge. Bibliotheken verwiesen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Hain, ohne die eigenen Ausgaben und Exemplare zu beschreiben.
Vergleich der Erfassung anhand einer Bibelausgabe: Bibel, deutsch, Strassburg: Johann Grüninger, 1485 (MUE Inc IV 5).
Heute sind die Regelwerke zur Erschliessung von Inkunabeln zwar komplexer, werden aber zunehmend weltweit vereinheitlicht. Neben den standardisierten bibliografischen Daten werden auch individuelle Merkmale des Exemplars erfasst.
Metakataloge
Viele Sammlungsinstitutionen haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Schätze nach neuesten Standards zu verzeichnen. Diese werden in Metakatalogen dargestellt, die weltweit im Internet frei zugänglich sind, was bestandsübergreifende Recherchen ermöglicht.
Zwei Kataloge, die einander sehr gut ergänzen und zu den bekanntesten zählen, sind der Gesamtkatalog der Wiegendrucke (GW), der Hains Verzeichnis abgelöst hat, und der Incunabula Short Title Catalogue (ISTC). Beide setzen sich das Ziel, einen Weltkatalog darzustellen, haben aber je einen eigenen Fokus.
Die Redaktion des Gesamtkatalogs liegt bei der Staatsbibliothek in Berlin. Seit 1925 sind die alphabetisch angeordneten Artikel «Abbey of the Holy Ghost» bis «Hord, Jobst» im Druck erschienen. Zugleich stehen alle Einträge als Online-Datenbank zur Verfügung, in die neueste Erkenntnisse laufend einfliessen. Dieser Katalog enthält detaillierte Beschreibungen aller bekannten Inkunabelausgaben und weist die Standorte der Exemplare nach.
Der Incunabula Short Title Catalogue (ISTC), der von der British Library in London in Kooperation mit dem Consortium of European Research Libraries (CERL) gehostet wird, bietet einen Überblick und Details zu allen Inkunabelausgaben sowie zu den bekannten Exemplaren mit deren Standorten. Verknüpft sind zudem Volldigitalisate der jeweiligen Ausgaben.
Digitalisierung
Dank umfassender Digitalisierungsinitiativen sind heute viele Inkunabeln am Bildschirm zugänglich und ermöglichen Forschungsvorhaben, die früher undenkbar gewesen wären. So lassen sich zum Beispiel zwei an unterschiedlichen Orten aufbewahrte Inkunabeln dank internationaler Bildstandards digital nebeneinander anzeigen und miteinander vergleichen.
Das derzeitige Wissen zu Inkunabeln und aktuelle Forschungsaspekte wurden 2018 – 2019 in einer Ausstellung in der Biblioteca Nazionale Marciana in Venedig präsentiert, die seitdem auch im virtuellen Raum zu besuchen ist: "Printing R-Evolution 1450 – 1500. Fifty Years that Changed Europe, Venedig, 2018 – 2019".
Die beiden Exemplare dieses Andachtsbuches unterscheiden sich nur durch diese Seite: der Holzschnitt wurde im Exemplar der UB Bern links und in demjenigen der UB Basel rechts in den Satzspiegel eingepasst. Drucke mit solchen satztechnischen Unterschieden werden als Varianten bezeichnet (Darstellung: International Image Interoperability Framework, IIIF, im Mirador Viewer).
Auf den technischen Weiterentwicklungen
aufbauend entwickeln sich zunehmend neue Forschungsunternehmen. Im Projekt Material Evidence in Incunabula (MEI) werden systematisch Merkmale der physischen Exemplare beschrieben, z. B. Besitzeinträge mit Ortsangaben, Kaufpreise etc. Aus der Summe der Einträge in der MEI-Datenbank wird es so möglich, Informationen zum Vertrieb der Bücher und ihre individuellen Wege visuell darzustellen.