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In diesem Jahr finden im Kraichgau und in der Pfalz Gedenkveranstaltungen statt für den 350. Jahrestag der sogenannten „Mennistenkonzession“. Am 4. August 1664 erlaubte der pfälzische Kurfürst Karl Ludwig mit diesem Erlass die Ansiedlung von Täuferinnen und Täufern, die damals aus der Schweiz flüchten mussten. Verfolgte erhielten Bleiberecht und halfen mit beim Aufbau des im 30jährigen Krieg zerstörten Landes.
Vor allem im Winter 1671 / 1672 flohen Hunderte von bernischen Täuferinnen und Täufern in die Pfalz und in den Kraichgau und fanden dank dieser Mennistenkonzession eine Bleibe. Für manche war dies bloss vorübergehend, andere blieben auf Generationen hinaus in diesen Regionen wohnen…
Wer genau all diese Flüchtlinge aus der Schweiz waren, ist bis heute nicht umfassend geklärt. Zwar gibt es umfangreiche Listen über die Empfänger von materieller Hilfe, die den meist mittellosen Immigranten seitens niederländischer Mennonitengemeinden zuteil geworden ist. Aber die von niederländischen Schreibern aufgelisteten Familiennamen sind dabei oft derart entstellt, dass sie kaum noch erkennbar sind. (Vgl. dazu die Quelleneditionen von Jeremy Bangs, Letters of Toleration oder von James Lowry, Documents of Brotherly Love)
Hier liegt noch viel Arbeit, um diese vorwiegend aus dem Bernbiet stammenden täuferischen Asylantinnen und Asylanten zu identifizieren und zu verlinken mit den Hintergründen ihrer leidvollen Geschichte in der schweizerischen Heimat.
Zur Illustration ein Beispiel aus einer Liste des Hilfswerks der Doopsgezinden von 1672 aus Sembach in der Pfalz:
Dass es sich beim erwähnten „Abraham Bundel“ um einen Abraham Bondeli handeln könnte, liegt auf der Hand – auch wenn man diesen auf vornehme Herkunft weisenden Namen nicht unbedingt in einem täuferischen Flüchtlingstreck vermuten würde. Schwieriger wird es schon mit seiner Frau. Um „Freny Jonge“ sicher als Verena Jung identifizieren zu können, braucht es schon einiges an Hintergrundwissen (und eine umfangreiche historische Datenbank…;-).
Dass der genannte Bundel Prediger und Leinenweber genannt wird, lässt zusätzlich aufhorchen und macht deutlich, dass dieser Mann wohl auch Leitungsfunktionen in der Täufer-Gemeinde inne gehabt haben muss.
Woher er und seine Frau aber stammen, und wie sie zum Täufertum gestossen sind, das geht aus den bisher bekannten Quellen in der Regel nicht hervor…
Erst umfangreiche Recherchen in Archiven und Bibliotheken lassen allmählich etwas erahnen von einer sehr bewegten Geschichte, die hier nur ganz knapp skizziert werden soll:
Getauft 1626 in Lützelflüh als Sohn des Schulmeisters Niklaus Bondeli und der Margreth Locher, scheint er später in einem regierungsnahen Milieu in der Nähe von Schloss und Dorf Trachselwald aufgewachsen zu sein.
Eine erste Spur auf täuferische Bezüge von Abraham Bundeli ist der 1654 erhobene Vorwurf im Chorgerichtsmanual von Hasle bei Burgdorf, wonach der Sohn einer Gret Locher im Verdacht täuferischer Gesinnung stehe. Gret Locher?!? So heisst doch seine Mutter! Dies allein beweist zwar noch gar nichts, aber immerhin…
Ein Abraham Bondeli verheiratet sich ein Jahr später in Wichtrach mit Verena Jung – „Freny Jonge“ aus dem oben abgebildeten Sembacher Verzeichnis lässt grüssen! Bezeichnenderweise findet diese Hochzeit nun aber nicht in Hasle im Emmental statt, wo der Boden möglicherweise bereits zu heiss geworden ist, sondern 20km südlich im Aaretal zwischen Bern und Thun. Natürlich ist hier bei diesem hochoffiziellen Anlass in der reformierten Kirche und unter Leitung des lokalen Pfarrers von täuferischer Gesinnung bei Braut und Bräutigam noch keine Rede. Auch anlässlich der ersten Einträge von Taufen ihrer Kinder ab 1656 schweigen die Quellen diesbezüglich. Diese Einträge befinden sich nun aber nicht mehr in den Kirchenbüchern von Wichtrach. Interessanterweise ist die Familie nämlich mittlerweile schon wieder umgezogen, und zwar ostwärts weg aus der offenen Ebene in die hügelige Gegend von Bleiken in der Kirchgemeinde Ober-Diessbach.
Damit hat sich Abraham Bondeli mit seiner Frau nun aber niedergelassen in einem Gebiet, das man für das späte 17. Jahrhundert als absolutes Kernland des Täufertums bezeichnen muss. Später zieht die Familie innerhalb derselben Kirchgemeinde noch wenigstens ein weiteres Mal um, nämlich von Bleiken am Rand des Aaretals ins noch abgelegenere Hinterland auf die Hochebene von Wachseldorn. Zwar (damals) immer noch dieselbe Kirchgemeinde, aber volle 10 km entfernt von Pfarrer, Chorgericht und Dorfbehörden… Und nun taucht ab 1666 im Kirchenbuch von Ober-Diessbach prompt auch erstmals der Hinweis auf täuferische Gesinnung auf: „Töüfferlüt“…
Von nun an nimmt die Geschichte ihren bekannten Verlauf: Im Winter 1671 / 1672 fliehen mit Hunderten anderer bernischer Täuferinnen und Täufer auch Abraham Bondeli und seine schwangere Frau Verena Jung mit drei Kindern in die Pfalz…
Dort finden sie Asyl – dank der Mennistenkonzession von 1664 und dem glücklichen Umstand, dass man in der Pfalz diese Masseneinwanderung aus dem schweizerischen Ausland durchaus duldet und keine Initiative gegen diese verängstigten und traumatisierten Fremden lanciert…
(PS. Ein Tipp für Kurzentschlossene: Am Samstag, dem 8. November findet in Heidelberg eine Gedenkfeier statt für 350 Jahre Mennistenkonzession.
Ort: Hoffnungskirche, Ev.-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten), Feuerbachstr. 4, 69126 Heidelberg
Zeit: 11 Uhr
Festvortrag: Dr. Astrid von Schlachta (Universität Regensburg), Von verödeten Landen, Tränen … und einer Einladung mit Folgen )
Hanspeter Jecker