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Pascaline Sordet
14. November 2019
Alain Tanner (vorne) und Claude Torracinta (hinten rechts) in den Siebzigerjahren. © Archiv RTS
Alle Westschweizer Dokumentarfilmer haben für «Temps Présent» gearbeitet, sagt Jérôme Porte, Regisseur und mit dem Journalisten Jean-Philippe Ceppi zusammen Produzent der Sendung, und er übertreibt kaum. Die Namen, die er aufzählt, sind weitgehend männlich: Stéphane Goël, Jean-Stéphane Bron, Fernand Melgar... Seit seinen Anfängen hat das Westschweizer Fernsehen den Filmschaffenden viel Platz eingeräumt, und die Namen Michel Soutter, Alain Tanner und Claude Goretta sind eng mit seiner Geschichte verbunden. Letzterer war einer der Schöpfer und ersten Regisseure von «Continent sans visa», dem Vorgänger von «Temps Présent». Jean-Jacques Lagrange, seit 1954 an dessen Seite als Regisseur für das Westschweizer Fernsehen tätig, erinnert sich, dass sie sich vom neuen «Cinéma direct» inspirieren liessen, das in nordamerikanischen und französischen Sendern bereits gepflegt wurde. Jérôme Porte bringt es auf den Punkt: «Es war eine Schule fürs Reale, fürs Erzählen. Keine perfekte, aber es war wichtig, dass es sie gab.»
Erstaunlicher war, dass auch Spielfilmregisseure für «Temps Présent» arbeiteten, wie Jacob Berger, Nicolas Wadimoff, Pierre Monnard und Frédéric Baillif. «Fulvio Bernasconi realisierte ein ‹Temps Présent› über die UBS, bevor er sich an ‹Quartier des Banques› machte. Die Sendung kann also auch als Recherche-Plattform für die Fiktion dienen», sagt Jérôme Porte. «Wir sind bereit, mit Spielfilmregisseuren zu arbeiten, auch wenn sie noch nie einen Dokumentarfilm gemacht haben».
Gesellschaftspolitische Themen
Für Jedes Jahr realisieren die Unabhängigen zwei 52-minütige Dokumentarfilme via Pacte und zwei Direktaufträge für 26-minütige Filme. Insgesamt investiert «Temps Présent» jährlich 250ʼ000 Franken in die unabhängige Produktion. «Es handelt sich nicht um eine Weitergabe von Aufträgen», präzisiert der Produzent der Sendung. «Die Unabhängigen möchten gesehen werden, und wir bieten ihnen die Gelegenheit, bis zu 200ʼ000 Zuschauerinnen und Zuschauer zu erreichen, was dank Succès Passage Antenne auch finanziell interessant sein kann».
Die Teams von «Temps Présent» nahmen stets für sich in Anspruch, mit dem Finger auf das zu zeigen, was weh tut. Als die Sendung 1969 eingeführt wurde, war die Schweiz ein konservatives Land, in dem die Frauen kein Stimmrecht hatten, und die Sendung wollte die starren Normen der Moral sprengen. Die Attacken richteten sich gegen die bürgerliche Gesellschaft, die katholische Kirche, die Institution Familie, die Herrschaft des Geldes. «Diese Themen sind weiterhin ein Teil unserer DNA», versichert Jérôme Porte, «auch wenn sie an Sprengkraft verloren haben».
50 Jahre später: Wo sind die blinden Flecken der Schweiz? Der Regisseur nennt das Beispiel des Kommunitarismus und seiner Gefahren: «Wir haben die Gewalt im Amateurfussball untersucht und festgestellt, dass die Gemeinschaftsklubs mehr Karten erhalten. Soll man dies verschweigen, weil die nationalen oder regionalen Gemeinschaften bereits stigmatisiert sind? Darüber diskutieren wir oft in der Redaktion: Wollen wir bestimmte Themen behandeln oder sie weglassen, weil sie unbequem sind? Dasselbe Problem stellt sich mit dem Machismo bei den Jungen: Der Zusammenhang zwischen Verhalten und Herkunftskultur ist heute typischerweise ein Tabuthema». Seine Meinung ist klar: Eine Sendung wie seine darf diese Themen nicht den Populisten überlassen, auch wenn man sich dabei auf eine heikle Gratwanderung begibt.
Subjektiver Stil erwünscht
Für Jérôme Porte liegt die Sendung an der Grenze zwischen Reportage und Dokumentarfilm: «Die Länge ermöglicht eine vertiefte Analyse und eine Gegenüberstellung der Standpunkte. Unser Anspruch ist es, komplexe Themen zugänglich zu machen. Das Spiel mit Subtilitäten wie im Kino funktioniert nicht für eine Prime-Time-Sendung, doch das heisst nicht, dass dies auf Kosten der Vertiefung geht». Die Regisseure arbeiten immer im Tandem mit Journalisten, stehen jedoch nicht in einer hierarchischen Beziehung: Die Regisseurin oder der Regisseur trägt die oberste Verantwortung für die Reportage und zeichnet mit Namen, während der Journalist oder die Journalistin die Informationen liefert. Ein Gleichgewicht, das es zu finden gilt, doch es bestätigt Jérôme Portes Aussage, dass Information produzieren ein kultureller Akt ist.
Sind die Autoren beim Schreiben frei? «Es gelten gewisse Einschränkungen in Bezug auf die Gewichtung der Meinungen. Doch die visuelle Grammatik ist nicht kodifiziert, wir mögen subjektiven Stil, den Gebrauch der Ich-Form, solange die gewählte Sprache zur Aussage passt». Eine Frage, die umso aktueller ist, als die Gewohnheiten beim Fernsehen ändern und die Sendung, trotz ihres langen Bestehens, mit denselben Budgetvorgaben und heutigen Ansprüchen konfrontiert ist wie das ganze Unternehmen. Nur eines ist sicher: das lange Format bleibt erhalten.
Die Videos von Temps Présent
Angesichts der Digitalisierung richtete die Sendung vor zwei Jahren einen YouTube-Kanal ein. Er verzeichnet heute etwas über sechs Millionen Aufrufe für 178 Videos. Eine beachtliche Zahl, die darauf hindeutet, dass das Web-Publikum lange Formate mag, entgegen der landläufigen Meinung, wonach digitale Inhalte kurz sein müssen, um besser verdaulich zu sein. «Zeitungen wie die New York Times und der Guardian haben begonnen, 26-minütige Dokumentarfilme zu machen», sagt Jérôme Porte. «Das ist ein erwähnenswerter Trend. Wir wollen ohnehin nicht um jeden Preis Aufmerksamkeit gewinnen und müssen nicht zwingend alle erreichen». Der Produzent kann sich aber durchaus vorstellen, die Reportagen vor ihrer Fernsehausstrahlung im Web zu zeigen, zumal es nicht um eine Frage der Ausdrucksweise, sondern um eine Verbreitungsstrategie gehe.
Wenn sich das Format nicht ändert, wie entwickelt sich dann seine Formenvielfalt? «Wir sind offen für neue Handschriften wie das Webdoc, auch wenn es nicht sehr populär ist, oder für jene, die UGC, user generated content, betreiben, also Bilder, die von Internetsurfern gedreht wurden». Als Beispiel nennt er (wieder) die bemerkenswerte Arbeit der New York Times, insbesondere zum Massaker in Las Vegas in seinem Kanal «Visual Investigation». Eine Form, welche die Teams von «Temps Présent» mit privaten Aufnahmen von Bergunfällen bereits getestet haben. Und eine Möglichkeit, die Zuschauerinnen und Zuschauer auch in den kommenden 50 Jahren in die Sendung einzubeziehen.
▶ Originaltext: Französisch
Laurine Chiarini
14 November 2019