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Stephanie Willi; (Audio folgt bald...)
Wenn ich am Bahnhofplatz auf mein Tram warte, richte ich gerne meinen Blick auf die Alfred-Escher-Statue, die vor dem Eingangstor des Hauptbahnhofs Zürich auf ihrem Sockel thront. Dabei finde ich die Statue weder sonderlich schön, noch interessiere ich mich besonders für Alfred Escher. Die Statue erinnert mich vielmehr an mein zweites Zuhause: Die Philippinen. Aber der Reihe nach:
Die bronzene Alfred-Escher-Statue wurde 1889 vom Schweizer Bildhauer Richard Kissling angefertigt. Kissling gestaltete nicht nur die Escher-Statue, sondern auch das Tell-Denkmal. Dafür wurde er als der «nationale Bildhauer» der Schweiz gepriesen. Seine feierlich-dramatischen Statuen strotzen vor «Männlichkeit» und sind von übertriebener Heroisierung und Idealisierung geprägt. So steht das Standbild Eschers am Hauptbahnhof Zürich als dominierende Figur auf dem Sockel, gekleidet in einem schlichten Alltagsanzug. Seine linke Hand stützt er locker ab und die rechte mit leicht erhobenem Unterarm und leicht geballter Faust zeigt ihn in der Pose eines Redners, der überzeugend zu seinem Publikum spricht. Der Blick ist in die Ferne gerichtet, genauer in Richtung seines Lebenswerks: des Gotthardtunnels.
Im Gegensatz zu Kisslings sonst traditionell schweizerischen Werken gestaltete er 1912 in der philippinischen Hauptstadt Manila das José-Rizal-Monument. José Rizal war ein philippinischer Schriftsteller und Arzt, dessen Leben und literarische Werke zur Inspiration für die philippinische Unabhängigkeitsbewegung wurden. Das Rizal-Denkmal aus Bronze und Granit wurde 1913 in Manila enthüllt. Im Sockel des Denkmals befinden sich die sterblichen Überreste des philippinischen Nationalhelden.
Noch heute thront das Monument in der Mitte des Rizal-Parks, streng bewacht von philippinischen Soldaten. Jedes Mal, wenn ich mit meiner Familie in die Philippinen reise, ist ein Abstecher zum Rizal-Monument fester Bestandteil unseres Besuchs. Auf meinem Laptop befinden sich daher unzählige Fotografien der Statue – manchmal posiere ich auch vor ihr.
Doch es gibt nicht nur über den Schweizer Bildhauer Kissling eine Verbindung zwischen Wilhelm Tell und José Rizal. Rizal selbst übersetzte im Herbst 1886 Friedrich Schillers Stück über den Freiheitshelden «Wilhelm Tell» in seine Muttersprache Tagalog. Ein Jahr später reiste er sogar durch die Schweiz. Davon zeugen heute die Gedenktafeln in Bern und in Schaffhausen sowie die Büste in Wassen. In der Geschichte Wilhelm Tells sah Rizal Parallelen zwischen der Unterdrückung der bäuerlichen Bevölkerung des Kantons Uri durch das Haus Habsburg und der Unterwerfung der Philippinen durch die spanische Kolonialmacht.
Die Philippinen waren zum Zeitpunkt von Rizals Reise durch Europa noch immer eine spanische Kolonie. Mit seinen Schriften übte Rizal zum einen Kritik am Machtmissbrauch durch spanische Priester und Mönche, zum anderen thematisierte er die steigende Unzufriedenheit gegenüber der spanischen Kolonialmacht. Seine revolutionären Texte, die zu seiner Hinrichtung führten, lösten 1896 die zwei Jahre andauernde Philippinische Revolution aus, welche die Unabhängigkeit der Philippinen von Spanien anstrebte.
Diese verwobene Geschichte von Wilhelm Tell und José Rizal steht sinnbildlich für die 10'000 weiteren Filipin@s in der Schweiz und deren Nachkommen – und damit auch für mich selbst –, welche die Schweiz und die Philippinen als ihre «Heimaten» verstehen. Wenn ich also am Bahnhofplatz warte und auf die Statue Alfred Eschers blicke, fühle ich mich einen kurzen Augenblick den Philippinen und meiner philippinischen Familie näher, die sonst tausende Kilometer von mir entfernt sind.