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René Crevel (1900 - 1935)
Der Narr am Hofe des Herrn Breton
von Beat Mazenauer
"Hinter seinem Stuhl René Crevel mit einem Gesicht von
beunruhigender Kindlichkeit; unter einer mitgenommenen und reinen Stirn die
unglaublichsten Augen, die seit Rimbaud diese mysteriöse Welt angeschaut haben."
Klaus Mann wusste sehr gut, wovon er sprach, als er 1929 den
Dichter René Crevel (1900-1935) in Bretons Atelier beobachtete. Ihn, den Aussenstehenden,
interessierte die ruhmreiche Troika Breton, Aragon und Eluard, Crevel dagegen liebte er.
Mann war fasziniert von dem "charmebegnadetsten Menschen", den er je getroffen
habe, mitunter aber auch "verwirrt, ja entsetzt von der Rigorosität seiner Urteile,
der Vehemenz seiner Reaktionen. ... Er schalt und fluchte wie ein junger Gott, dem das
Grauen vor irdischer Schlechtigkeit und der Genuss irdischer Weine den Sinn benebelt
haben."
Wer ist dieser René Crevel, der uns als zürnender Engel erscheint? Der trotz Manns
Hymnen von den Chronisten des des Surrealismus bloss am Rande wahrgenommen worden ist? Am
rande, wo ihn auch Max Ernst in "Das Rendezvous der Freunde" (1922) hingesetzt
hat: mit dem Rücken zu uns spielt er imaginäres Klavier auf einer Puppenstube, während
Dostojewski mit dem Finger auf ihn weist?
Wir können das Bild dieses geheimnisvollen Dichters drehen und wenden, es zeigt uns
immer eine schillernde Janusgestalt, die abseits vom grossen Strom ein geheimes Epizentrum
bildete. Crevel war Surrealist und zugleich einer der konsequentesten Kritiker des
Surrealismus. Er zählte zu den treuen Parteigängern Bretons, ohne dass er mit dessen
Intimfeinden Tzara und Yvan Goll brach. Bretons Revolutionierung des Lebens und der Kunst
verfolgte er mit Skepsis. Vor allem zwei seiner Postulate begegnete er mit gewichtigen
Vorbehalten: die Preisgabe der Tradition und den unbedingten Glauben ans Wirken des
Wunderbaren.
Doch die Grundhaltung war dieselbe. Getragen vom Impetus der Revolte zieht er voll
Häme und Bitterkeit über die Institutionen des Bürgertums her, diskutiert er
provozierend und kritisch Religion, Sexualität und Psychoanalyse, schildert er die
verlockende Macht des Todes und den Einbruch der Träume in die Dingwelt. Und er tut dies
mit einer Rigorosität sich und seinem Schaffen gegenüber, die René Passeron
veranlasste, Crevel als "Beispiel eines kompromisslos anspruchsvollen
Verhaltens" zu bezeichnen. Crevel akzeptierte weder taktische Kompromisse noch das
von Breton geforderte "zweckfreie Spiel des Denkens". Für ihn stellte die
Literatur kein Plaisir dar, sondern eine Gefahr, die er mit allen Mitteln zu bändigen
versuchte.
Sechs Romane bilden das Herzstück seines Werks, das vielleicht als wichtigstes
literarisches Zeugnis des Surrealismus gelten kann. Als es vor Jahren in Frankreich neu
aufgelegt wurde, reagierte die Kritik mit Begeisterung. "Nein, die Schönheit von
Crevel, dies war auch, zuallererst, die Evidenz der Ehrlichkeit, der Freiheit, der
Subtilität, die euch in die Augen springt", huldigte der Nouvel Observateur und die
Humanité zeigte sich überrascht von "dieser schnellen und subtilen Prosa",
deren Tiefe und Schonungslosigkeit schlicht "packend" sei.
Vier der Romane liegen auch in einer deutschen Übersetzung vor: "Mein Körper und
ich" (1925), "Der schwierige Tod" (1926), "Babylon" (1927) und
"Seid Ihr verrückt?" (1929). Zwischen dem ersten Roman mit einem Ich-Erzähler,
"Détours" (1924), und dem irrwitzigen Pamphlet "Les pieds dans le
plat" (Ins Fettnäpfchen getreten, 1933) verfasst, bilden sie so etwas wie eine
Tetralogie des Übergangs von der Auseinandersetzung mit sich selbst zur politischen
Äusserung.
Schreiben war für Crevel lebensgefährlich, und die Quelle dieser Gefahr steckte in
seiner Biographie. In kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, wurden ihm deren
Beschränktheit und Lethargie von früh auf eingetrichtert. Der Vater, ein Drucker, gab
eine schwache Figur ab, 1914 verübte er Selbstmord. Ganz anders die Mutter, die ihrem
Sohn die Luft zum Atmen wegzustehlen schien. Aus hygienischen Gründen liess sie den
Jungen im Alter von drei Jahren beschneiden, was er ihr nie verzieh. Ihr galt der Hass,
der Klaus Mann sosehr entsetzte, und der andere Zeichen einer mächtigen emotionalen
Besetzung nach aussen hin verdeckte.
Immer wieder taucht in den Romanen diese biographische Dreierkonstellation auf, doch
gilt es zu bedenken, dass Crevel sein Leben nicht "automatisch", unverhüllt
offenlegte, sondern der Brennbarkeit wegen in raffinierte, dramatisch aufgebaute Szenerien
einbettete. Dies gilt besonders für "Der schwierige Tod", wie eine neue, noch
unveröffentlichte Arbeit von Katharina Oechslin aufzeigt. In ihm fehlt über weite
Strecken das für den Surrealismus Typische. Crevel erzählt realistisch seine bittere
Abrechnung mit dem eigenen Zuhause. Pierre, Sohn der Mme Dumont-Dufour (=dudu mon four/du
(Arsch) mein Fiasko), entflieht dem muffigen Elternhaus und der übermächtigen Mutter.
Selbst in der Freundin erkennt er nur die mütterlich-behütende Züge, weshalb er sich
auch von ihr losmacht und letzte Zuflucht bei Bruggle sucht, einem lasterhaften
amerikanischen Bohemien. Ihn, den reinen Körper, liebt er wegen seiner befreienden
Immoralität und Frivolität - doch vergeblich, weil Pierre nicht aus seiner Haut kann. So
steht ihm zuletzt nur noch der Ausweg offen, den schon der Titel präjudiziert:
"seine Freiheit, die ihm ganz allein gehört, heisst: Tod. Der Tod ist das Schönste,
was Schöneres gibt's nicht." Die eigene Mutter hatte ihn als "avortant"
bezeichnet, dessen schon vor der Geburt verwirkt ist. Was hier ungeheuer melodramatisch
tönt, wird von Crevel zum närrischen "drôle de drame" stilisiert. Pierre
stirbt nicht in heroischer Pose, sondern als "Hanswurst", der nur nachvollzieht,
was längst der Fall war: sein Ende.
Indes lügt auch der mokante Tonfall. Crevel kann nur als unbeteiligter Autor an dem
Geschehen partizipieren, er muss es verhöhnen und sich den Text durch die Struktur vom
Leib halten. "Der schwierige Tod" ist ein bis ins Detail durchkomponierter
Roman. Gezielt arbeitet der Autor mit Symmetriestrukturen, Wiederholungen und
Rhythmisierungen, um die totale Auswegslosigkeit auch sinnlich erfahrbar zu machen und die
LeserInnen damit zu affizieren. Es gibt keine Handlung, nurmehr Geschehen, dass Pierre
passiv reflektiert. Crevels Bestreben ist ganz auf Ent-Täuschung angelegt, der Figuren
wie der LeserInnen. So verarbeitet er seine Mutterbeziehung mit formaler Disziplin. Gerade
weil sich Literatur und Leben, wie die Surrealisten postulierten, so nahestehen, erlaubt
sich Crevel keine unkontrollierte automati-sche Schreibweise. Hinter Pierres Angst
versteckt sich Crevels tatsächliche ungeheure Angst vor dem Verlust seines Ichs, vor dem
realen Wahnsinn. Dies ist kein Spiel - sondern ein Akt der Überwindung. Ein letztes Mal
(die Mutter verstarb während der Schreibarbeiten) unterwirft er sich ihrem Richtspruch.
Und zugleich ist es ein Akt des Eingeständnisses, insofern Crevel auch den Bohemien
Bruggle nicht vom Vorwurf bourgeoiser Lebensform ausnimmt. Dieser labt seine Seele z.B.
daran, dass ihn ein Zimmermädchen "Monsieur" nennt. Crevel hasste die eigene
Klasse, die auch die der Surrealisten war: die Bourgeoisie!
Klaus Mann nannte diesen Roman das "wichtigste und ergreifendste Bekenntnisbuch
der europäischen Jugend", einer Jugend, die von den bürgerlichen
Über-Ich-Instanzen erdrückt wird: Ihre Revolte hält bloss für Momente vor und versackt
dann wieder in Langeweile und Verzweiflung. Die bürgerliche Emanzipation, dies bedeutet
Crevel hier deutlich, bedarf der Anstösse von aussen.