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Alpine Unglücksfälle 1900
Zur Erläuterung der diesjährigen Statistik berufe ich mich auf die Bemerkung, welche ich meinem letzten diesbezüglichen Artikel in diesem Jahrbuch, Bd. XXXV, pag. 314 ff., vorangeschickt habe, und verweise im Übrigen auf die Kritik der diesjährigen alpinen und halbalpinen Unglücksfälle, welche Herr Gustav Becker wiederum in den M. D. Ö.A.V. 1901, Nr. 6, 7 und 8, gegeben hat. Ich bin mit derselben im wesentlichen einverstanden und habe ihr im nachfolgenden mehrere Nachweise und Gesichtspunkte entnommen.
Abweichend von seiner Einteilung, die manches für sich hat, habe ich wiederum die Winterunfälle mit den Hochgebirgsfällen in einer Kategorie vereinigt. Weggelassen habe ich, wie immer, die Unfälle ohne tödlichen Ausgang, die Abstürze beim Blumenpflücken oder Wurzelgraben, das Verunglücken von Hüttenwärtern oder Wegknechten bei ihren Dienstgängen und Amtsverrichtungen, Sturz in Gebirgsbäche, Abfallen von Spazierwegen in Berggegenden u. s. w. Unglücksfälle also, die Touristen und Führer bei Ausübung bergsteigerischer Thätigkeit betroffen haben, sind die folgenden:
1 ) 10. Januar. Bocchetta di Val Cama. Der 21jährige Willy Bethge aus Berlin, bei seinen Verwandten in Bellinzona auf Besuch, wollte von Gama im Misox aus durch die Valle Cama in die Valle Bodengo und nach Chiavenna hinüber, trotz dem Abraten der Thalbewohner. Ein Führer ging mit bis zum Lago di Cama, kehrte aber dort um, weil er den Übergang für unmöglich oder wenigstens für gefährlich hielt. Herr B., nur mit Gummischuhen und einem Handstock ausgerüstet, setzte mit seinem Hunde die Tour fort, verirrte sich auf der Uriaalp und stürzte über einen Felsen zu Tode. Der allein zurückkehrende Hund machte die Leute in Cama auf das Unglück aufmerksam und führte die aufgebotene Mannschaft zu der Stelle, wo der Leichnam gefunden wurde. Alp. 1900, pag. 23.
2 ) 25. Februar. Raxalp. Der 27 Jahre alte Wiener Diurnist August Haßler wollte allein den auch im Sommer nicht leichten und durch Unfälle berüchtigten Katzenkopfsteig als Zugang zum Raxplateau erzwingen und verunglückte dabei durch Absturz, wahrscheinlich nahe am Aussteige vom Katzenkopfsteige. Haßler war geübt und gut ausgerüstet, aber die winterlichen Verhältnisse waren für einen Alleingänger zu gefährlich. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 55.
3 ) 27. Februar. Hundskocjel ( im Toten Gebirge ). Der Grundbesitzers-sohn Franz Gasperl aus Grundlsee, 16jährig, verunglückte, alleingehend, durch Ausgleiten auf Schnee und Absturz über eine zehn Meter hohe Felswand. Seine beiden Begleiter brachten ihn zu Thal, wo er am fol- Alpine Unglücksfälle 1900.L'77 genden Tage an innerlicher Verblutung verschied. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 55.
4 ) 10. Juni. Dreithorspitzenim Wettersteingebirge. Der 28jährige, gewandte und berggewohnte Accessist Eichard Sand aus München, dienstlich in Garmisch, verließ diesen Ort am 10. Juni, um 3 Uhr 30 Min. früh, in der ausgesprochenen Absicht, einen der Gipfel der Zugspitzkette, vermutlich die Dreithorspitze, führerlos und allein zu ersteigen. Seitdem ist er verschwunden und zweifellos verunglückt. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 142.
5 ) 13. Juli. Kesselkopf in der Venedigergruppe. Drei Berliner Damen wollten mit einem Führer von der Habaehhütte zur Pragerhütte gehen. Erst ziemlich spät, weil viel Neuschnee lag und der Führer die Damen einzeln über jede beschwerliche Stelle schaffen mußte, kamen sie auf den Habachweg, den die Sektion Prag um den Kesselkopf herum angelegt hat. Während die Damen nun mit Hülfe des Führers und des ihnen ent-gegengeeilten Wirtschafters der Pragerhütte, P. Wibmer, diese notorisch gefährliche Stelle passierten, wurden sie von Neuschneelawinen überrascht. Die erste ging dicht an ihnen vorbei, von der zweiten wurden Helene Witte und Betti Rademacher fortgerissen und getötet, während Wibmer sich herausarbeiten konnte. M. ü. Ö.A.V. 1900, pag. 168.
6 ) 18. Juli. Kreilspitze. Turnwart Wilhelm Weigand, ein bekannter Bergsteiger aus Berlin, und der berühmte Führer Heinrich Moser aus Mayrhofen hatten von der Halleschen Hütte aus Suldenspitze, Schrötterhorn und Kreilspitze bestiegen und waren beim Abstieg über den Grat der Kreilspitze in die Nähe des Königsjoches gelangt. Vermutlich wollten sie, um die in schlechtem Schnee ermüdende Tour abzukürzen, vom Grat auf den Suldenferner direkt absteigen und kamen dabei durch Ausbrechen eines Steines oder Steinblocks, der das Seil oder den ( vorangehenden ) Führer traf und sie beide mit sich fortriß, zu Fall. Die zerschmetterten Leichen wurden auf dem Suldenferner gefunden. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 180.
7 ) 20. Juli. Silvrettagletscher. Giovanni Godii von Giarsun ( Guarda ), 30jährig, als tüchtiger Führer geltend, hatte einen Touristen über den Silvrettapaß nach Klosters gebracht und machte sich tags darauf wieder über den Berg nach Hause; er ist höchst wahrscheinlich auf dem Gletscher von dem furchtbaren Unwetter, das dort am 20. Juli niederging, überrascht worden und darin umgekommen. Alp. 1900, pag. 117.
8 ) Juli. Tschingelgletscher. Der 17jährige R. Wyß von Wilderswyl, Sohn eines bekannten Führers und berggewohnt, hat einen jungen italienischen Studenten zur Mutthornhütte begleitet. Beim Abstieg brach Wyß auf dem Tschingelgletscher durch eine Schneebrücke, wobei er aus dem nur lose geknüpften Seil fiel. Es wurde zwar von einer dazu kommenden Partie, einem Touristen und zwei Führern, versucht, Wyß zu retten, aber da er im Schrund eingeklemmt war, so gelang das nicht gleich, und trotz aller Bemühungen, ihn am Leben zu erhalten, ging er durch Erfrieren zu Grunde. Alp. 1900, pag. 117.
9 ) 27.Juli. Weißhorn. Messrs. J. G. Cockin, E. Corry und R. W. Brant verließen die neue Weißhornhütte am 26. Juli, morgens 2 Uhr 17 Min., und erreichten auf dem gewöhnlichen Wege den Gipfel wegen ungünstiger Schneeverhältnisse erst um 12 Uhr 20 Min. Cockin, der führte und zweimal auf dem Weißhorn gewesen war, riet wegen des schlechten Schnees davon ab, in den gleichen Stufen zurückzukehren, und schlug vor, sich zunächst in den Felsen der Südseite unterhalb des Grates zu erhalten und diesen erst weiter unten, wo er weniger steil ist, wieder zu betreten. Sie betraten die Südseite um 12 Uhr 40 Min., mußten aber bald vom Traversieren abstehen und über Felsen und durch steile, steingefährdete Couloirs gegen den Schalliberggletscher absteigen. Es gelang ihnen aber nicht, von dem Felsbollwerk, welches die beiden Arme des Schalliberggletschers trennt, den Abstieg auf den Gletscher zu finden, und sie mußten in den Felsen ohne Lebensmittel biwakieren. Auch am folgenden Tage waren sie in ihren Versuchen nicht glücklich, und als Cockin abends 5x/2 Uhr seine erschöpften Gefährten mit deren Einwilligung verließ, um einen Ausweg zu suchen und Hülfe herbeizuholen, verlor er in einem Couloir, das ihn auf den westlichen Arm des Schalliberggletschers und über diesen leicht zur Hütte geführt hätte, wahrscheinlich noch am gleichen Abend, durch Absturz das Leben. Seine Gefährten wurden durch eine von Herrn Hermann Seiler geführte Suchpartie am 28. Juli aus ihrer schlimmen Lage befreit und auch der Körper Cockins gefunden und geborgen. A.J. Nr. 150, pag. 255 ff.
10 ) 27. Juli. Matterhorn. Mr. J. H. Sloggett war mit den Führern Alphons Furrer und A. Gentinetta im Abstieg vom Matterhorn oben in dem großen Couloir, das zum Furggengletscher hinabführt, angekommen, als eine durch Blitzschlag gelöste Steinlawine sie traf, Furrer sogleich tötete und ihn mit den beiden andern das Couloir hinunter in den Berg-8chrund schleuderte, aus welchem sich Mr. Sloggett und Gentinetta zum Glück ohne gefährliche Verwundungen befreien konnten. Alp. 1900, pag. 117.
11 ) 27. Juli. Aiguille du Géant. Der Führer J. Simond von Chamonix hatte mit einem andern Führer und einem französischen Touristen den Gipfel auf der neuen Route ( s. oben, pag. 262 ) erreicht und wurde beim Abstieg in den untersten Felsen von einem Gewitter überrascht. Während nun der zweite Führer mit dem Herrn um eine Felsecke kletterte, wurde der zuletzt gehende Simond vom Blitzstrahl getroffen und in die Tiefe geschleudert, da auch das Seil durchgebrannt war. Der fast verkohlte Leichnam konnte erst am folgenden Tage auf dem Glacier du Tacul aufgehoben werden. Alp. 1900, pag. 124.
12 ) 27. Juli. Sticklen Pleiß ( Ortler ). Der 24jährige Führer Paul Platzer und der 20jährige stud, theol. Niclaus van Doom aus Groningen, als eine Partie mit dem Seil verbunden, sein Oheim Dr. S. C. van Dobben de Bruyn mit dem Führeraspiranten Johann Theiner als andere Partie, waren von der Berglhütte um 2 Uhr früh aufgebrochen und um 5 Uhr beinahe ganz oben an der Sticklen Pleiß, einem steilen Firnhang, an- gekommen. Platzer hatte nur noch drei Stufen zu schlagen, als sein Tourist vorwärts schritt, ausrutschte und ihn in eine Tiefe von 4-500 Meter mit hinabriß, ohne daß die beiden andern, etwas seitwärts stehend, dies verhindern konnten. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 180 und 194.
13 ) 1. August. Cima di Rosso. Mr. G. P. Way, 37 Jahre alt, sein Sohn, 13 Jahre alt, und Mr. Stuart de la Rue, 19,jährig, verließen die Fornohütte um 6 Uhr 30 Min. mit der Absicht, die Cima di Rosso über die Nordwestwand zu ersteigen. Sie hatten zwei kurze Seile, welche beide an dem jungen Way, der in der Mitte ging, vereinigt wurden. An einer schwierigeren Stelle des Aufstieges angelangt, wurde der junge Way vom Seil gelöst und die beiden Enden von Mr. Stuart de la Rue in einen Knoten geschürzt, um dem voransteigenden Mr. Way, Vater, mehr Spielraum zu geben. Mr. Stuart de la Rue hielt das Seilende in der Hand, weil der junge Way an demselben als zweiter folgen sollte, sobald sein Vater festen Stand gewonnen hätte. Mr. Way war ungefähr 40 Fuß über den zwei andern, die nahe beisammen standen, als ein großer Block gegen sie herabfiel. Von den Steinen, die er löste, wurde der junge Way getroffen und, unangeseilt, fortgerissen, während Mr. Stuart nicht getroffen wurde. Er suchte den inmitten einer Steinlawine an ihm vorbeistürzenden Mr. Way am Seil zurückzuhalten, aber dieses riß. Eilig ging Mr. Stuart den Spuren der Lawine nach hinunter und fand den jungen Way etwa 5-800 Fuß tiefer tot, den andern konnte er nicht sehen, und es gelang ihm mit Mühe, den Gletscher und Cava-loccio zu erreichen. Eine von Maloja Kulm gesandte Kolonne fand den Leichnam des altern Way noch in der Nacht, den seines Sohnes am folgenden Morgen und brachte beide nach Maloja. A.J. Nr. 150, pag. 260 f.
14 ) 7. August. Titlis. Der Führer Karl Hurschier aus Engelberg und der ziemlich beleibte, kurzsichtige und mit Schwindel behaftete Privatdocent Dr. Paul Voigt aus Berlin waren beim Abstieg vom Titlis zum Jochpaß beim sogenannten Steinberg, der gefährlichsten Stelle dieses Weges, angekommen, als wahrscheinlich der hinten gehende Tourist ausrutschte und den Führer überwarf, worauf beide gegen den untern Gletscher hinabstürzten, von dort über den steilen Firn hinabrutschten und über eine zweite, etwa 100 Meter hohe Felswand hinunter in eine tiefe Spalte zwischen Gletscher und Fels fielen, wo sie auf Veranlassung einer andern Partie, die Augenzeuge gewesen war, als zerschmetterte Leichen aufgehoben wurden. Alp. 1900, pag. 123.
15 ) 8. August. Barre des Ecrins. MM. Mestrallet, Thore und Lambert mit den Führern Pierre und Eugène Estienne verließen am 7. August, morgens 1 Uhr, das Refuge Tuckett und erreichten den Gipfel um 11 Uhr 50 Min. Um 1 Uhr begannen sie bei sich verschlechterndem Wetter den Abstieg durch das Couloir Whymper. Ein um 3 Uhr los- brechender Schneesturm hinderte sie, die Brücke über den Bergschrund zu treffen, und bei dem Versuch, einen Ausweg zu finden, glitt M. Me-strallet in den sich immer rasch mit Schnee füllenden Eisstufen aus und brachte auch die andern zu Falle. Pierre Estienne brach dabei drei Rippen auf der rechten Seite. Man war genötigt, den Tag abzuwarten. Nach einer unter großen Leiden für alle verbrachten Nacht versuchten Eugène Estienne und M. Lambert, zwei ihrer Gefährten zu tragen ( M. Thore war bereits dem Tode nahe ), mußten es aber bald aufgeben und stiegen nun ab, um Hülfe zu holen. Unterwegs fiel Lambert in einen Schrund, konnte sich aber wieder herausarbeiten. Als sie zu den Felsen nahe dem Col des Ecrins kamen, wo sie Lebensmittel gelassen hatten, stieg Estienne wieder hinauf, fand aber seinen Bruder und MM. Me-strallet und Thore bereits tot. Er stieg also allein wieder hinunter und traf, nachdem er mehrmals in Schrunde gefallen war, glücklich bei M. Lambert im Refuge Tuckett ein. Die Leichen wurden später mit großen Schwierigkeiten geborgen. R. d. A. D. 1900, Nr. 2.
16 ) 23. August. Olperer. Dr. Schäffer von Bremen, welcher in Steinach an der Brennerbahn seine silberne Hochzeit gefeiert hatte, verließ mit dem 60jährigen Führer Johann Offerer die Gerahütte um 5 Uhr morgens und erreichte in l1/2 Stunden den Wildlahnergletscher. Der untere, sehr zerrissene Teil desselben kann vermieden werden, indem man einen leichten Felsrücken im Westen verfolgt. Der Führer schlug aber den gefährlichen direkten Weg ein über den Gletscher. Nach 20 Minuten kamen sie zu einem Schrund, der ungefähr 20 Fuß lang und 4 bis 10 Fuß breit offen war. Der Führer überschritt ihn ohne Unfall auf einer Schneebrücke, aber Dr. Schäffer brach durch und riß den Führer mit sich hinab. Sie fielen 80—120 Fuß tief. Der Führer brach dabei einen Arm und ein Bein, Dr. Schäffer verrenkte sich das Knie. Dr. Schäffer versuchte von 7 Uhr 30 Min. morgens bis 3 Uhr nachmittags, dem Eisgrabe zu entrinnen und Hülfe herbeizuholen, fiel dabei zweimal wieder hinunter und mußte endlich etwa 16 Fuß unter der Oberfläche des Gletschers sich in sein schmerzliches Schicksal ergeben. Aus den Aufzeichnungen, die er in sein Tagebuch machte, bevor es in der Spalte zu dunkel wurde, kennen wir die Einzelheiten des Vorfalles. Erst am 5. September wurden die Leichen entdeckt und geborgen. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 218.
17 ) 27. August. Steinkarspitze ( Niedere Tauern ). Die Studenten Hugo und Emil Lampi von Lamaruh aus Graz wollten von Schladming, wo sie mit ihrer Mutter zur Sommerfrische weilten, eine Bergpartie machen. Als sie nicht zurückkehrten, wurden sie gesucht und mit zerschmettertem Schädel und gebrochenem Genick gefunden. Sie müssen aus unbekannter Ursache von dem Kamm zwischen Kruger- und Steinkarzinken mindestens 80 Meter tief abgestürzt und gleich tot geblieben sein. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 205.
18 ) 3. Oktober. Morgenhorn ( Blümlisalp ). Der Abiturient Max Drechsel, in Bern wohnhaft, und der Führer Reichen von Kandersteg hatten bei etwas föhnigem Wetter und etwa 30 Centimeter Neuschnee die Blümlisalphütte um 4 Uhr morgens verlassen und waren auf dem Anstieg zum Morgenhorn begriffen, dem sie wegen der großen Schrunde im Firnkessel den Vorzug vor dem Blümlisalphorn gaben, als sie beim Traversieren unterhalb der großen Firnschründe nicht weit vom Gipfel einen rSchnee-schild " ablösten und mit demselben in den Bergschrund hinabgeschleudert und vergraben wurden. Die unbedeutenden Verletzungen der erst nach längerem Suchen Aufgefundenen zeigten, daß sie den Tod während oder sofort nach dem Sturze durch Ersticken gefunden hatten. Alp. 1900, pag. 158 und 162.
19 ) 18. Dezember. Saxerlucke ( Säntis ). Durch Absturz verlor der Fabrikant Lustenberger aus Sax bei einer Bergfahrt auf die Saxerlucke das Leben. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 287.
20 ) 28. Dezember. Col de la Gueula. Trotz ungünstiger Witterungs-aussicht waren drei junge Leute aus Lausanne von Finhaut aus zur Cabane de Barberine gegangen, um von da aus eine Besteigung im Gebiet der Tour Sallières zu unternehmen. Da das Wetter ganz schlecht wurde, entschlossen sie sich zum Rückweg und hatten glücklich den genannten Col überschritten, als der zuerst Gehende von ihnen, M. A. de Rham, von einer kleinen Lawine erfaßt und in die Schlucht gestürzt wurde. Die Nachsuchungen nach der Leiche mußten wegen des hohen Schnees wieder eingestellt werden. E.d.A.. 1901, pag. 97.
15. Mai. Salève. Adolf Balzanek, Wagenlackierer aus Österreich, hatte in größerer Gesellschaft einen Ausflug auf diesen mit Wegen reich-lich^versehenen, aber durch Unfälle auf den seltener begangenen Stellen berüchtigten Aussichtsberg bei Genf unternommen. Mit einem Gefährten war er beim Abstieg zurückgeblieben und kam im Nebel an die Abhänge, wo er plötzlich ausglitt und in die Tiefe stürzte, wo er zerschmettert liegen blieb. Alp. 1900, pag. 79.
2 ) 27. Mai. Schrammsteine ( Sächsische Schweiz ). Dr. Brosin, angeblich ein geübter Tourist, wollte diese als Kletterschule bekannten und benutzten Felsen allein und ohne Seilsicherung überklettern; er stürzte ab und wurde andern Tags tot aufgefunden. M. D. Ö.A.V. 1901, pag. 74.
3 ) 3. Juni. Trümmelbachschlucht ( bei Lauterbrunnen ). Auf dem gebahnten, aber doch stellenweise aussetzenden und etwas gefährlichen Wege, der durch die Trümmelbachschlucht auf die Mettlenalp führt, verunglückte ein junger Herr, Namens Daniel, aus Zürich, indem er von einem Schwindelanfall erfaßt in die tiefeingerissene Bachschlucht hinabfiel, wo er erst nach einigen Tagen als Leiche gefunden wurde. Alp. 1900, pag. 79.
4 ) 3. Juni. Treffauer Kaiser. Vier Münchener Studenten, darunter cand. phil. Scherer aus Berlin, hatten das Tuxeck bestiegen, begingen den Grat zum Treffauer Kaiser hinüber und stiegen an der Nordwand ab. Wegen Vereisung beanspruchte diese Route viel Zeit. Um 8 Uhr abends kam der erste am Fuß der Felswand durch einen Kamin zu den auf den obern Scharlingerboden führenden Schneefeldern. Er überwand eine erste Schneerinne teils durch Traversieren, teils durch Abfahren. Dabei wurde er durch Steinfall getroffen, über das Schneefeld hinuntergeschleudert und konnte sich nur mit Mühe vor weiterem Absturz bewahren. Sein warnender Zuruf an die übrigen blieb unverstanden. Als diese, schon in der Dunkelheit, eine Stunde später die Schneerinne betraten, machte sich Scherer trotz des Protestes seiner Kameraden vom Seil los und begann abzufahren. Er geriet gegen Felsbänke, wurde trotz seiner Bremsversuche auf die Felsen geschleudert und flog, mehrmals aufschlagend, auf das Schneefeld hinab, wo er zerschmettert liegen blieb. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 130.
5 ) 3. Juni. Cornettes de Bise. Beim Abstieg gegen Novel und St. Gingolph verfehlte eine Gesellschaft junger Leute, welche dem Edel-weiß-Club Thonon angehörten, den Weg, geriet an eine steile Felswand und suchte hier durch ein Couloir abzusteigen. Plötzlich stürzte der junge Thinaud, ohne einen Laut von sich zu geben, etwa 250 Meter tief ab. Die übrigen mußten einen Teil der Nacht in den Felsen zubringen, bis ihnen 4 Führer, durch ihre Notsignale aufmerksam gemacht, zu Hülfe kamen. Der Leichnam Thinauds wurde arg zerschmettert aufgefunden.
— Alp. 1900, pag. 107.
6 ) 4. Juni. Watzmann. Zwei Studenten aus München, Georg Klette und Otto Scheer, waren vom Watzmannhause zur Mittelspitze des Watzmann angestiegen und stürzten beim Abstiege von der Mittelspitze über die Felswände gegen das Wimbachthal hinab. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 142.
7 ) 4. Juni. Hochschwab. Bei Überschreitung eines Schneefeldes rutschte Frau Karoline Bakala, die mit ihrem Gatten und zwei Töchtern eine Pfingsttour unternommen hatte und voranging, in dem weichen Schnee aus, kollerte eine ansehnliche Höhe, sich mehrmals überschlagend, hinab und erlitt dabei schwere Verletzungen, denen sie 5 Tage später erlag.
— M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 130.
8 ) 5. Juni. Frau Hitt ( Karwendelgebirge ). Der Darmstädter Kunstmaler Richard Trapp hatte mit einem Freunde den Gipfel von der Inns-bruckerseite aus erstiegen und wollte nach Scharnitz hinunter. Auf dem mit Schnee bedeckten Wege verloren sie die Richtung und kamen in schwieriges Terrain. Ein Felsen, an dem sich der vorausgehende Trapp halten wollte, gab nach. Trapp fiel rückwärts etwa 300 Meter tief, zerschmetterte sich den Hinterkopf und blieb an einer Stelle liegen, in deren nächster Nähe drei Münchener Studenten vorübergingen, die den Bewußtlosen aufhoben. Er starb aber gleich darauf. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 131.
9 ) 8. Juni. Frau Hitt. Der 20jährige Spenglergeselle Franz Ortner hatte mit seinem Freunde Haller die steil aufragende Spitze vom Frau Hitt-Sattel glücklich erstiegen. Beim Abstieg wollte Hauer seinen Kameraden vermittelst eines wohl nur kurzen Riemens über eine senkrechte Stelle auf ein schmales Felsband hinablassen. Ortner ließ den Riemen los, kam zwar auf das Band zu stehen, verlor aber das Gleichgewicht, überschlug sich rückwärts und stürzte in die Tiefe, wo er zerschmettert aufgehoben wurde. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 143.
10 ) 10. Juni. Mürtschenstock. August Koppelhuber, diplom. Chemiker aus Österreich, in Zürich thätig, und Ludwig Sallinger, stud, ehem., aus Zürich, beide erfahrene und sehr tüchtige Bergsteiger, hatten von der Meeralpe aus den Südgipfel, Rüchen genannt, erstiegen und verunglückten beim Traversieren zum Nordgipfel, wo sie ein Gipfelbuch deponieren wollten, durch Absturz von einem schmalen Bande. Wahrscheinlich sind sie durch Steinfall aus den brüchigen Felsen getroffen worden. Alp. 1900, pag. 90.
11 ) 22. Juni. Natterriegel ( Ennsthaleralpen ). Pastor Füllkruß aus Lampertswalde in Sachsen hatte die eine Stunde unterhalb des Gipfels befindliche Schutzhütte gegen 11 Uhr vormittags erreicht und setzte nach einstündiger Rast den Weg zu der gänzlich gefahrlosen Spitze allein fort. Seitdem ist er verschollen. Vielleicht ist er in dem um 3 Uhr ausbrechenden furchtbaren Gewitter umgekommen. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 194.
12 ) 8. Juli. Wiener Schneeberg. Herr Joseph Bann, 37jährig, Chor-führer im Stadttheater zu Hamburg, der schon öfters Touren am Schneeberg gemacht hatte, setzte bei schlechtem Wetter den Anstieg nach dem südlichen Grafensteig fort, während seine Kameraden von der Kienthaler-hütte umkehrten. Man fand ihn ein paar Tage später auf dem Kloster-wappen in der Nähe eines Markierungspflockes als Leiche.Vermutlich ist er wegen seiner mangelhaften Fußbekleidung ausgeglitten, auf das Gesicht gefallen und in bewußtlosem Zustand erfroren. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 169.
13 ) 15. Juli. Stanserhorn. Der Schneidergeselle Christoph Hahn aus Schmidheim in Rheinpreußen wollte beim Hinuntergehen abkürzen, verließ den gutgebahnten und gefahrlosen Weg, kam ins Rutschen und fiel in die Schlucht hinter der Bergbahn-Station Blumatt, das sog. Katzenloch. Er ist seinen Verletzungen erlegen. Alp. 1900, pag. 107.
14 ) 21. Juli. Speer. Durch Absturz verunglückte der Gerbergeselle Müller von Ober-Utzwil und starb am 24. Juli im Krankenhaus zu Wattwil an seinen Verletzungen. Alp. 1900, pag. 117.
15) Juli. Schneegruben ( Riesengebirge ). Ein Ujähriges Mädchen, Name nicht genannt, verunglückte durch Absturz, wahrend der 15jährige Gymnasiast Bentsch aus Breslau mit schweren Verletzungen davonkam. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 182.
16 ) August. Glocknerhaus. Der 30jährige Staatsbeamte Julius Worscheck aus Wien stürzte in nächster Nähe dieses Bergwirtshauses von einer an sich ganz ungefährlichen Wegstelle ab und blieb ca. 30 Meter tiefer mit zerschmettertem Haupte tot liegen. Worscheck soll an epileptischen Anfällen gelitten haben. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 181.
17 ) September. Bei Oberstdorf ( im Allgäu ) auf einer allein unternommenen Tour kam der Amtsrichter Earning aus Berlin ums Leben. Er verfehlte, wie es scheint, von der Rappenseehütte kommend, den Weg, stürzte ab und wurde tot aufgefunden. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 219.
18 ) September. Aiguille de Warens. Drei Lehrer unternahmen von St. Gervais-les-Bains aus einen Ausflug auf diesen Gipfel. Kurz nach Verlassen desselben machte der 31jährige M. Hugard einen falschen Schritt und stürzte. Die andern fanden ihn nach langem Suchen tot am Fuße einer Felswand. Alp. 1900, pag. 144.
19 ) 14. Oktober. Totensesselspitze ( im Kaisergebirge ). Der Ingenieur Ferdinand Köll und der cand. techn. Walfr. Marx aus München verließen das Hinterbärenbad um 8 Uhr 45 Min. morgens und langten um 1 Uhr 45 Min. bei dem bekannten schweren Überbang kurz unter dem Gipfel an. Da sie über die Fortsetzung des Weges, der Herrn Marx bekannt war, uneinig wurden, trennte sich Köll von seinem Begleiter, der allein zum Gipfel aufstieg und zum Hinterbärenbad zurückkehrte, ohne auf wiederholtes Rufen von Herrn Köll Antwort zu bekommen. Eine am folgenden Morgen ausgehende Suchpartie fand ihn tot, 40 Meter unterhalb der Felsen, in der Richtung des Einstiegs zur Totensesselspitze auf dem Gerolle liegen. Nach den Spuren zu schließen, wäre der Absturz erst am 15. morgens erfolgt und der Tod sofort eingetreten. M. D. Ö.A.V. 1900, pag. 240.
Die vorstehenden Listen, wobei ich von dem mysteriösen Fall des an Pfingsten angeblich auf dem Feegletscher verunglückten namenlosen Touristen abstrahiere, umfassen im ganzen 39 Fälle mit 48 Opfern, darunter 8 Führer und 40 Touristen, zum größern Teil Alleingänger. Wenn wir nur das Hochgebirge rechnen, so hat sich das Betreffnis der geführten Partien an Unglücksfällen im Vergleich zu den führerlosen, meiner Rechnung nach, zu ungunsten der erstem verschlechtert, eine Beobachtung, die zu denken giebt und Abhülfe notorischer Übelstände im Führerwesen der Alpenländer verlangt. Das Mittelgebirge verlangt immer noch die meisten Opfer, und die Alleingängerei ist der schlimmste Moloch. Die Unglücksfälle sind am dichtesten in der Pfingstwoche, wo allerdings auch die Frequenz eine anormale ist und zur Begehbarkeit des Gebirges in keinem gesunden Verhältnis steht.