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អង្គរ Angkor
Die vergessene Tempelstadt im Urwald
Photos und Text R.Wening
Silva-Verlag Zürich
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Veröffentlicht Khmer Kulturzentrum
Keo Chhun
Samstag, 8. October 2022. 8:45
Götter wohnen im Himmel, Gottkönige in dessen Nähe. Aus diesem Grunde wird ein königlicher Palast nicht auf ebenem Boden gebaut, sondern auf einer Anhöhe, alles überragend. In Ermangelung eines Hügels oder-Berges wird ein solcher errichtet. Diese Verwirklichung finden wir in Angkors Königspalast. In schönster Umgebung, inmitten der Stadtmauern, in nächster Nähe der Königsterrasse, wurde der künstliche Berg erstellt. Kein aufgeschütteter Erdhügel, nein, eine künstlerische Lösung, eines Khmer-Königs würdig. Auf einer Stufenpyramide, mit Rundsicht über die Stadt, wurde sein Palast gebaut. Es ist ein ungeschriebenen Gesetz, daß niemand höher stehen oder wohnen darf als der König. Wenn auch Tempeltürme höher sind als sein Palast: diese Kuppeln sind keine Wohnungen. Bei keinem festlichen Umzug sitzt jemand höher als der König, der in seiner Sänfte vorbeigetragen wird oder der auf seinem Reitelefanten im goldenen Tragsattel sich dem Volke zeigt. Auch bei Empfängen am Hofe muß der König auf seinem Sitz alle Anwesenden überragen.
Leider ist vom königlichen Palast in Angkor Tom nur das Parterre vorhanden, und zudem nur als Ruine. Große Teile des Wohnpalastes waren in Holz erstellt. Wie alle andern Holzbauten sind sie schon längst vom Erdboden verschwunden.
Glücklicherweise war ein chinesischer Beamter, «Chou Ta-Kuan» im Jahre 1295 in diplomatischer Mission in Angkor. Und dieser Gesandte beschrieb in seinen Rapporten, was er alles vorgefunden und gesehen hatte. Er sei tief beeindruckt gewesen, hier ein Königreich vorzufinden, das in seiner Größe, Organisation und mit seinem prächtigen Hofe nur mit China zu vergleichen sei.
Leider besitzen wir nur wenige erhaltene Stücke in den Museen -- von Ausgrabungen stammend --, doch sie zeigen wirklich bestes Handwerk der Goldschmiedekunst, und so ist dem Chinesen Glauben zu schenken, wenn er berichtete, daß der Hof von Angkor an Pracht und Reichtum ares übertraf, was sonst ein Palastleben auf dieser Welt zeigte. Der König hatte keinen Mangel an Frauen; wie immer in Asien, war eine erste Königin vorhanden. Dann kamen vier weitere Gattinnen, benannt nach den vier Himmelsrich- tungen. Denn Nord, Süd, Ost und West spielten bei allen religiösen Handlungen sowie bei Tempel- und Stadtbau eine enorm wichtige Rolle, so daß diese Einstellung ebenso auf das Familienleben des Königs Einfluss haben musste. Dann kamen auch Neben- frauen und Konkubinen, deren Anzahl kaum zu bestimmen war, regierten doch viele Khmer-Könige vom 9. bis 13. Jahrhundert, und jeder konnte die Zahl seiner Frauen selbst wählen. Zweitens richtete sich dieser Wohlstand stark nach dem königlichen Schatzamt, das für die Kosten aufzukommen hatte. In Bezug auf die Haremsfrauen wurden Zahlen von einigen tausend genannt. Wie überall in Asien, bestand auch hier die Sitte, daß es eine große Ehre bedeutete, wenn die Tochter einer Familie als Konku- bine am Hofe angenommen wurde.
Ferner berichtete Chou Ta-Kuhn in seiner Überlieferung, daß im Palast ein goldener Turm war, in welchem der König sein Schlafgemach hatte. In diesem Turm lebte auch der Geist der neunköpfigen Naga, Königin der Schlangen, als Beschützerin des Königreiches und der Erde. Dieser Geist erscheine jede Nacht in Form einer Frau, und mit diesem verzauberten Wesen müsse der König schlafen. Verpasse der (54) König nur eine einzige Nacht, so bringe dies Unglück über Land und Menschen. Ob der König diesen Nagageist vorher bestimmte, davon schreibt Clou Ta-juan nichts. Alle diese Frauen am Hofe wohnten in der Nähe innerhalb der Palastmauern und waren je nach Rang in der Kleidung erkenntlich. Zudem arbeiteten hier noch über tausend Dienstboten, die nicht nur an ihrer Kleidung, sondern auch an einem besonderen haar- schnitt erkenntlich waren. Nur sie durften den Palast betreten, ohne angemeldet zu sein. Dieses Personal war verheiratet und wohnte außerhalb der königlichen Bauten, in der Stadt. Die Größe des ganzen Hofstaates ist nicht abzuschätzen; auf Distanz gesehen arbeitete ja die ganze Nation für den König, auch für alle Hofleute, für die Arbeiter beim Tempelbau und für das Heer der Staatsangestellten. Zudem waren noch 102 Spi- täler mit Reis und vielen Zutaten zu verproviantieren. Jedes dieser Spitäler dürfte etwa dreihundert Menschen beherbergt haben, so daß gesamthaft zwischen zwanzigtausend bis dreißigtausend Insassen zu Tische saßen. Ebenso muß der Beamtenstab sehr groß gewesen sein, denn das Reich wurde gut, doch hart verwaltet. Und als letzter Großver- braucher ist noch die Armee zu erwähnen.
Die Größe des Heeres ist nicht bekannt. Es werden oft viel zu hohe Zahlen eingesetzt. Es gibt Geschichtsforscher, die hunderttausend Kriegs-Elefanten mit den Khmer in die Schlacht ziehen ließen. Jeder Elefant benötigt doch mindestens vier Mann, so daß sich mit dieser Rechnung vierhunderttausend Kämpfer ergeben würden. Was aber zum vornherein unmöglich erscheint, ist die Länge der Marschkolonne eines solchen Heeres, benötigt doch jeder Elefant etwa acht Meter bis zum nächsten Tier. Somit wäre eine Doppelkolonne etwa vierhundert Kilometer lang. Eine Armee von hunderttausend Mlann, zusammengesetzt aus Fußvolk, Reiterei und Elefantentruppe, dürfte dem stän- dig unterhaltenen Heeresbestand eher entsprechen.
Die zahlreichen Mönche sind in der königlichen Verpflegung nicht erwähnt, da sie von Almosen lebten und somit von der ganzen Bevölkerung ernährt wurden. Nur ihre Tempel und notwendigen Klosterbauten waren Sachen des Könige. Wie viel der Bauer von seiner Ernte abzugeben hatte, ist nicht bekannt. Es dürfte jedoch bestimmt mehr als gewesen sein, denn die ganze Bewässerung und Instandhaltung der Kanäle war Aufgabe des Staates.
Der König a]s unumschränkter Herrscher über Mensch und Land war im Volksglauben ein überirdisches Wesen. Die Ansicht, daß er seine ganze Zeit nur den schönen Frauen widmete, ist irrig, denn alle Zügel der Staatsführung lagen in seiner Hand. Selbstver- ständlich hatte er unter seinen Ministern gute Berater. Auch die Beziehungen zu andern Königreichen wurden stark gefördert. Es sind Freundschaftsbindungen mit Indien, Java, China und andern Ländern bekannt. Delegationen all dieser Länder wurden empfangen und erwidert. Als oberster Kriegsherr war der König um sein Arbeitspensum sicher nicht zu beneiden, benötigte doch jeder Krieg eine riesige Vorbereitung. Und es gab Könige, die viele Kriege führten, um das Land zu vergrößern. Jeder Tag bescherte dem König ein großes Pensum an Pflichten, vor allem Beschlüssen in den verschiedenen Ministerien. Da waren Aufgaben im königlichen Haushalt, dann die Volkswirtschaft mit der ganzen Wasserversorgung -- die heute noch Fachleute in Erstaunen versetzt. Das Gesundheitsamt mit allen Spitälern, das Schulwesen, das Verkehrswesen mit Kanal- und Straßenbau und dem Unterhalt von einigen tausend Kilometern von Strassen.
Ein Riesenapparat war das Wehrwesen mit Flotte, Elefanten und Pferdekampfwagen. Das wichtigste Ressort war jedoch das Bauministerium, das am laufenden Band Paläste und Tempel zu erstellen hatte.
Als Gottkönig hatte der Herrscher zudem viel Zeit für religiöse Verpflichtungen zu opfern. Bei allen religiösen Festen war er als Oberhaupt der Kirche auch Mittelpunkt und für die Mönche so etwas wie ein Gottpriester. Jedes Wort, das er sagte, war Evangelium.
Ein König braucht auch Erholung. So waren Musik, Ballett und Theater am Hofe sehr beliebt und gepflegt. Ausfahrten in Prunkbooten oder in Pferdewagen gehörten zur Ablenkung nach des Tages Arbeit. Zu guter Letzt war der König ja Vater seines Volkes und durfte sich ausruhen . Einige hundert Frauen und noch mehr Konkubinen, mit all ihren Kindern, wirklich ein schöner Ruheort für den grossen König.
Trotz all der Fülle von Arbeit: diese Könige besaßen auch das Talent, ihre Freizeit königlich zu verbringen. Hatten sie doch Sinn für schönes Wohnen, liebten Blumen über alles. Sie waren vernarrt in Wasser und Boote. Sie hielten Tiere, Elefanten, Pferde, Kraniche, Tauben, auch züchteten sie Hunde und schöne Katzen.
Was sie auch sehr schätzten, das waren Reisen. Sie wollten das Land sehen, Natur- schönheiten, und was einen König hell begeistern konnte, das war ein Wasserfall an schattiger Stelle, irgendwo im Walde. Hatte der König die Absicht, einen solchen Ort zu besuchen, so wurde dort vorgängig eine Sala, ein kleiner Pavillon, gebaut, von welchemaus das Naturschauspiel gut zu überblicken war. Hier verweilte hernach der Herrscher oder die Königin, sie verbrachten Stunden in der Betrachtung einer solchen Naturschönheit und konnten sich in ihre philosophische Weltanschauung vertiefen und die Kühle des sprühenden Wassers genießen. Zum Andenken an einen solch hohen Besuch wurde oft eine Buddhastatue aufgestellt, zu deren Füßen spätere Besucher Blumen und Räucherkerzen anbrachten.
Kein König ist jedoch gegen Schicksalsschläge gefeit. Verschiedentlich wurde der Königspalast ausgeraubt und angezündet. Immer wurde er wieder aufgebaut, noch schöner als vorher. Erst als das Khmer-Reich im Jahre 1431 wieder eine Invasion über sich ergehen lassen musste und der Königspalast wiederum eingeäschert wurde, dürfte der schönste Bau von Angkor als verkohlte Ruine verlassen worden sein. Keine Abbil- dung ist überliefert, die seinen Aufbau zeigt; es wird angenommen, dass Phimeanakas das großartigste und künstlerisch schönste architektonische Kunstwerk in Angkor war.
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