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Damit Hausangestellte nicht weiter mit Füssen getreten werden
Das St. Anna-Heim im indischen Bundesstaat Karnataka unterstützt Hausangestellte und gibt ihnen ihre Würde zurück. Die Lage von Hausangestellten ist in Indien desolat.
Padma ist 68 Jahre alt, verwitwet und lebt im Dorf Betageri im Bezirk Gadag im Norden des indischen Bundesstaats Karnataka. Als ihre Tochter an Aids starb, hinterliess sie zwei Kinder, die ebenso mit dem HI-Virus infiziert sind. Die gesamte Verantwortung für die zwei Enkel im schulpflichtigen Alter lastet seither auf ihren Schultern.
Als Haushalthilfe verdient Padma sehr wenig, auch wenn sie in verschiedenen Haushalten arbeitet. Ausserdem ist die Region, in der Padma tätig ist, von einer Dürre betroffen. Auch der Arbeitsmarkt ist ausgetrocknet. Für Padma ist es nicht leicht, mit ihrem dürftigen Lohn alle Kosten für den Haushalt, die Gesundheitsversorgung und die Ausbildung ihrer Enkelkinder abzudecken. Auch die Arbeit macht ihr Sorgen, da sie dort oft Opfer der Wut und Unzufriedenheit ihrer Arbeitgeber wird. Manchmal ist es auch Missbrauch.
Praktisch ohne Schutz
In Indien gibt es offiziell etwa fünf Millionen Hausangestellte. Gemäss der nationalen Plattform für Hausangestellte, die sich für die Rechte der Hausangestellten einsetzt, ist die tatsächliche Zahl freilich viel höher. Zahlreiche Frauen teilen ein ähnliches Schicksal wie Padma. Einige unter ihnen sind noch sehr jung und hatten einfach keine andere Wahl. Sie rackern sich ab und kämpfen für ihre Familien, ihre Rechte und manchmal auch ums nackte Überleben.
Die meisten Hausangestellten haben keinen festen Arbeitsvertrag. 2016 wurde zwar ein Gesetz eingeführt, um die Rechte von Hausangestellten durch einen Mindestlohn sowie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zu stärken, aber dieses wurde bisher nicht umgesetzt. In einem Land, in dem die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit formellen Arbeitsverträgen streng geschützt sind, steht die Mehrheit der informellen Arbeitnehmer fast ohne Schutz da.
Viele Hausangestellte stammen aus armen Familien und hatten nicht die Chance, eine ordentliche Ausbildung zu absolvieren. Das macht sie anfällig für Missbrauch durch ihre Arbeitgeber, sei es in körperlicher, emotionaler oder finanzieller Hinsicht. Hauptsächlich aus diesen Gründen – und um der Mission nachzukommen, die Not der Zeit zu erkennen –entstand die Idee für das St. Anna-Heim in Gadag.
Stabilität und Sicherheit
Bei der Initiative der St. Anna-Schwestern vom Januar 2016 handelt es sich um ein kasten-, klassen- und religionsübergreifendes Projekt. Hausangestellte werden informiert und ihre Rechte als Menschen, die Teil unserer Gesellschaft sind, ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Das Hauptziel besteht darin, die Betroffenen zu unterstützen, indem ihnen Stabilität und Sicherheit geboten und ihre Würde wiederhergestellt wird.
Die Schwestern des St. Anna-Heims in Gadag besuchen jede einzelne Familie, um von deren Freuden und Sorgen, Problemen und Schwierigkeiten zu erfahren und um ihnen zu zeigen, dass sie nicht allein sind. Dabei haben die Schwestern engen Kontakt mit den Hausangestellten und ihren Familien und können so besser helfen. Um die Arbeitsbedingungen von Frauen und kleinen Kindern zu verbessern, die als Hausangestellte tätig sind, hat sich das St. Anna-Heim in Gadag zwei Ziele gesetzt:
Erstens die Einhaltung der grundlegenden Menschenrechte und Arbeitsgesetze (faire Arbeitsbedingungen, gerechte Löhne, soziale und gesundheitliche Absicherung). Betroffene werden zusammengeführt, damit sie ihre gemeinsamen arbeitsbedingten Probleme bestimmen und in Selbsthilfegruppen mit medizinischer und juristischer Unterstützung nach Lösungen suchen können. Der Stand der Hausangestellten soll von der Öffentlichkeit, der Politik und den Arbeitgebern als angesehener Beruf anerkannt werden. Kinder sollen das Recht auf eine angemessene Ausbildung und umfassende Chancen für eine bessere Zukunft haben.
Zweitens wird Hilfe geleistet, indem Hausangestellten, die unter extrem schweren Bedingungen tätig sind oder durch ihre Arbeitgeber in irgendeiner Form missbraucht werden, neue Möglichkeiten geboten. Sie werden aus ihrer Misere befreit und bekommen Zugang zu einem sicheren Arbeitsumfeld samt stabilem Einkommen. Die Hausangestellten werden in der Agarbathi-Herstellung ausgebildet. Die Räucherstäbchen sind fester Bestandteil jedes hinduistischen Rituals. Gemäss der Volkszählung von 2017 sind 80 Prozent der indischen Bevölkerung Hindus (mehr als eine Milliarde Menschen). Eine solche Ausbildung zu ermöglichen, hilft den Hindus, ihre Bedürfnisse selbst erfüllen zu können. Zudem bietet die Ausbildung Sicherheit, da die Nachfrage nach Räucherstäbchen riesig ist. Weitere Ausbildungen gibt es in der Herstellung von Plüschtieren und Kleidersäcken, um die entsprechende Marktnachfrage zu befriedigen, sowie in der Förderung von unternehmerischen und technischen Fähigkeiten.
Bis heute haben 50 Hausangestellte am Programm der St. Anna-Schwestern teilgenommen. 22 davon sind Kinder, denen dadurch Zugang zu Bildung gewährt worden ist.