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Wanderung auf dem Schweizer Jakobsweg
Elf Wanderlustige vom UBS-Sportclub haben sich für die Wanderung auf dem Schweizer Jakobsweg angemeldet.
Donnerstag, 13.5.,
Treffpunkt 07.15 h unter der grossen Uhr am HB in Zürich
Abfahrt 07.32 h direkt nach Lausanne
Wir können zwei neue Teilnehmerinnen begrüssen:
Stefica und Elisabeth - Schwägerinnen
Für Otto, unseren Historiker in der Gruppe, ist die Gegend natürlich sehr geschichtsträchtig, und er weiss immer etwas über die Orte zu erzählen, die wir erwandern.
„Vollkommen unter dicken eiszeitlichen Gletschermassen begraben, so sah die Region zur Altsteinzeit aus. Erst um 10’000 v. Chr. bildete sich nach dem Rückzug der Gletscher in die höheren alpinen Lagen das Becken des Genfer Sees. Ab dem 5. Jh. v. Chr. kam es zu grösseren Einwanderungswellen in der Region. Die keltischen Stämme kamen vom Oberrhein und der Oberdonau und liessen sich am Genfer See bis zum Bodensee nieder. 1858 wurde eine grosse Siedlung der Helvetier entdeckt. Weitere helvetische Dörfer waren Yverdon, Lausanne, und Genf war die Hauptstadt der Allobroger. Die politischen Rivalitäten zwischen Papst und Kaiser ab dem 11. Jh. stärkten den Einfluss regionaler politischer Kräfte und ermöglichten Bischöfen und Adelsgeschlechtern den Aufbau von Territorialherrschaften. Besonders erfolgreich waren dabei die geistlichen Herren von Lausanne und die Adelsfamilien der Zähringer, Habsburger und Savoyer. Die Zähringer gründeten 1160 die Städte Fribourg und Murten. 1218 starb die Dynastie der Zähringer aus. Ihr Erbe fiel den Grafen von Habsburg zu, deren Stammburg im heutigen Kanton Aargau lag. Bis zum Ende des 13. Jh. festigten die Savoyer ihre Herrschaft. Dazu gehören Rolle, Morges, Chillon, Aigle, Romont und Yverdon“.
Wir nehmen im reservierten Zugsabteil Platz, aber nach kurzer Zeit heisst es per Lautsprecher: Wegen technischer Panne umsteigen in Bern. Dort ist der Zug natürlich überfüllt, aber wir finden alle einen Platz! Trotz der schlechten Wetterprognose ist es trüb, aber gar nicht so nass...
Da die Strecke vom Bahnhof Lausanne zum See hinunter nach Maladière nicht so attraktiv ist, nehmen wir den Bus. Von dort wandern wir am Ufer entlang nach St. Sulpice. Es ist der schönste Villenvorort im Westen von Lausanne mit schönen Parkanlagen. Sehenswert ist natürlich die romanische Klosterkirche aus dem 12. Jh. Otto berichtet: Seit dem 15. Jh. ist es kein Kloster mehr, der „Vorbau“ ist zusammengefallen. Es beherbergte einst 40 Benediktinermönche, ist aber heute in Privatbesitz. Wir holen uns natürlich einen Jakobsweg-Stempel von der „Eglise Romane St. Sulpice“.
Weiter führt uns der Weg nach Morges. Der wichtigste Orientierungspunkt der Stadt ist das mächtige Château de Morges am Hafen, in dem mehrere Museen eingerichtet sind. Die Einfahrt zum Hafen war im 17 Jh. der wichtigste Handels- und Kriegshafen am Genfer See. Heute ist es ein reiner Freizeithafen. Östlich vom Schloss erstreckt sich die breite Grand-Rue, eine breite Fussgängerzone, die von schönen Bürgerhäusern aus dem 16.-18. Jh. gesäumt wird. Der markante, im burgundischen Stil geschmückte Turm am östlichen Ende der Grand-Rue gehört zur reformierten Kirche (Temple), die 1780 im barock-klassizistischen Stil errichtet wurde. Sie ist eines der schönsten Gotteshäuser der reformierten Kirche in der Westschweiz.
Unweit der Kirche, an der Place Saint-Louis 2, erinnert eine Gedenktafel an Igor Strawinsky (1882-1971), der sich 1917-1920 in Morges niederliess und hier das Ballet „Die Geschichte vom Soldaten“ nach einem Text des Waadländers Charles-Ferdinand Ramuz komponierte.
Um 14 Uhr müssen wir den Zug nach Yens erreichen – es hat geklappt. Nach der kurzen Bahnfahrt von Morges nach Yens geht es auf der Wanderung weiter vorbei an Schloss Vufflens. Der wuchtige Backsteinbau inmitten von Rebbergen wurde zu Beginn des 15. Jh. von der Adelsfamilie Colombier errichtet. Da er in Privatbesitz ist, kann er nicht besichtigt werden.
Wir sind inzwischen ca. 5 Stunden marschiert und freuen uns auf die Herberge in Aubonne. Yvonne und ich beziehen unser Zimmer. Ich glaube, es könnte im Grand Hotel nicht schöner sein: dunkles Sichtgewölbe an der Decke, gelbes Bettzeug, orange Nachttischlampen, einfach schön! Yvonne meint zwar, Balken an der Decke über uns wirken bedrohlich. Aber wir schlafen später herrlich! Bis zum Nachtessen spazieren wir noch durch den schönen, interessanten Ort Aubonne – aber er ist ausgestorben. Kein Café oder Restaurant hat geöffnet für einen Apéro. So treffen wir uns um 18 Uhr in unserer Auberge, wo Gerhard einen weissen „Aubonner“ spendiert. Das Nachtessen (Spaghetti, paniertes Schnitzel, Salat) wird von einer exotischen Schönheit (Dom. Republ.) serviert, der Chefin des Hauses.
2. Tag
Wir wandern durch die Weinbaugebiete von Féchy. Der Ort liegt auf 495 m ü.M. Das Weinbauerndorf erstreckt sich auf einem kleinen Vorsprung inmitten der Rebhänge der Waadtläner Côte, in aussichtsreicher Lage rund 120 m über dem Genfer See. Wunderschön zum Wandern! Am gesamten Hang der Côte wird Weinbau betrieben, wobei Féchy vor allem für seinen Weisswein bekannt ist. Das Gemeindegebiet von Féchy war bereits zur Römerzeit besiedelt. Aus der Burgunderzeit sind Grabfunde bekannt. Die erste urkundliche Erwähnung erfolgte 1188. Féchy unterstand seit dem Mittelalter den Chorherren des Grossen Sankt Bernhards. 1798 wurde es dem Bezirk Aubonne zugeteilt. Die heutige reformierte Pfarrkirche Saint-Sulpice wurde schon 1188 erwähnt. Sie wurde letztmals 2003 restauriert. Mir gefallen die wunderschönen Glasfenster. Da der Ort Féchy-Dessus sein ursprüngliches Ortsbild mit charakteristischen Weinbauernhäusern aus dem 17. und 19. Jh. behalten hat, dient er oft als klassisches Fotosujet für ein Weinbauerndorf.
Wir legen eine kleine Pause ein und geniessen den herrlichen Blick auf Rolle mit dem wehrhaften, viertürmigen Château, das von den Savoyer Grafen im 13 Jh. errichtet wurde. Im 18. und 19. Jh. war Rolle ein renommierter Thermalbadeort, in dem sich u.a. Voltaire gerne aufhielt. Auf der befestigten „Ile de Harpe“ im Hafen steht ein 12 m hoher Obelisk zur Erinnerung an General de la Harpe, der 1754 in Rolle geboren wurde. Er war wesentlich an der Befreiung des Waadtlands aus Berner Herrschaft beteiligt.
Als ich gestern mit jemandem über Rolle diskutierte, fragte er mich, ob wir nicht „Malakoffs“ gegessen hätten, eine Spezialität aus Käse, Ei, Weisswein und Kirschschnaps, die im heissen Fett gebacken und auf einer Brotscheibe serviert wird. Das Rezept haben Waadtländer Soldaten, die auf Seiten Frankreichs im Krimkrieg dienten, aus der Ukraine mitgebracht. Benannt ist die Köstlichkeit nach der Krim-Festung Malakoff-Sewastopol, die 1855 von den Soldaten erobert werden konnte.
Wir lassen uns am See nieder für ein Picknick, das wir im Rucksack mitschleppen. Es ist etwas ungemütlich, weil ein frischer Wind weht. Aber es ist trocken, und wir geniessen den Blick auf den See. Was will man mehr!
Am Nachmittag wandern wir wieder auf dem Jakobsweg – heute sind nur 17 km auf dem Programm. Wir müssen einige Asphaltstrecken in Kauf nehmen. Bald einmal entdecken wir an einem Haus in Bursinel die Inschrift:
Winston Churchill, 23.8.-16.9.46.
Heute haben wir nicht so viele Kilometer in den Beinen, aber wir freuen uns doch, als wir die „Auberge de Dully“ erreichen, vor allem, weil uns noch ein feines Nachtessen erwartet: Gegrillte Hühner, Spezialität des Hauses. Vorher schauen wir uns noch den Ort etwas näher an. Aber auch hier ist die Suche nach einer Beiz für den Apéro erfolglos. Dafür sehen wir extravagante Villen und riesige Gärten vor den Häusern, für die es auf jeden Fall einen Gärtner benötigt.
Der Hühnerschmaus muss weit herum bekannt sein, denn der Speisesaal ist bald einmal bumsvoll. Auch wir schlemmen so richtig: Poulets vom Grill, Röschti oder Pommes, Salat und feiner Rotwein. Stefica und Elisabeth überraschen uns mit ihrem Einstand. Sie offerieren uns einen feinen Weissen als Apéro.
3. Tag
Heute führt uns der Jakobsweg nach Nyon. Die Stadt auf halbem Weg zwischen Lausanne und Genf bietet ein Schloss, traumhafte Ausblicke, römische Ruinen, interessante Museen und ein berühmtes Open-Air-Festival im Juli. Das geschäftige Stadtzentrum liegt auf einer Terrasse über dem See. Die liebliche Place du Marché wird geschmückt von einem Brunnen (1810), mittelalterlichen Arkaden, die auf römischen Friesen ruhen, und einem Turm aus dem 15. Jh. Man erblickt im Westen Genf, geradeaus den mächtigen Mont Blanc (bei guter Sicht), links davon die Savoyer Alpen. 1958 wurde die Esplanade mit drei römischen Säulen geschmückt, die einst Teil des Forums waren. Innerhalb der Mauern steht unweit des Stadttors die reformierte Kirche Notre-Dame mit wunderschönen Glasfenstern und einem Bild vom Abendmahl. Sie wurde im 12. Jh. auf römischen Mauern errichtet, die im Untergeschoss noch zu sehen sind. Weiter südlich befinden sich das Musée Romain und das Château. Noch mittelalterlich sind die Tour César und der Brunnen aus dem Maitre-Jacques (1537).
Geschichtlich: Nyon wurde um 45 v.Chr. von Julius Caesar auf den Resten der keltischen Siedlung Noviodunum gegründet. Nach der Berner Eroberung erlebte Nyon im 16 Jh. eine Blütezeit, von der das Schloss, Reste der Befestigungsmauer und schöne Bürgerhäuser zeugen. 1996 wurden bei Grabungsarbeiten Reste eines römischen Amphitheaters aus dem 1.Jh. n.Chr. entdeckt.
Wir nehmen auf der Schlossterrasse Platz, mit Blick auf den See, und Gerhard informiert. Prächtig ist das „Weisse Schloss“, von Ludwig I. erbaut, das heute ein Porzellanmuseum beherbergt.
Bald einmal verspüren wir Lust auf etwas Warmes zum Trinken und kehren ein in ein Lokal ähnlich dem „Münchner Hofbräuhaus“. Unser Picknick verzehren wir am Waldrand im „Dornengebüsch“.
Nach der Mittagsrast führt der vom vielen Regen aufgeweichte morastige Weg durch den Wald "Bois Bougy".
Heute stehen ja 24 km auf dem Programm, also haben wir noch einen grossen Marsch vor uns bis nach Mies, unserem Zielort für heute. Es geht über Céligny, Bossey, Founex nach Commugny und dann nach Coppet.
Coppet wurde im 14. Jh. gegründet und liegt 9 km südlich von Nyon am Seeufer. Sein Schloss, das im 19. Jh. ein elitärer Treffpunkt war, machte das kleine Städtchen bekannt. Es wurde um 1770 an Stelle einer mittelalterlichen Burg errichtet, die während der Berner Eroberung zerstört worden war. 1784 wurde das Château zum Wohnsitz des Genfers Bankiers Jacques Necker, der unter König Ludwig XVI. von Frankreich als Finanzminister diente. Seine Tochter, Baronne de Staël-Holstein (1766-1817), genannt Madame de Staël, machte das Schloss im 19. Jh. zu einem freigeistigen Treffpunkt europäischer Künstler, Literaten, Historiker, Politiker. Zu den Hauptwerken Madame de Staëls zählt ihre Schrift „Über Deutschland“, 1810. Sie begründete insbesondere den Ruf Deutschlands als „Land der Dichter und Denker“. Sie liegt im Schlosspark begraben.
Von Coppet ist es nur noch ein kurzes Stück über Tannay nach Mies. Ausser Otto, der extrem gut marschiert, sind alle am Anschlag, das spürt man. Endlich (!) erreichen wir das „Hôtel de la Courone“ in Mies.
Zum Duschen stehen wir auf dem Gang an – aber es klappt bestens.
Otto zahlt uns heute den Apéro, weil wir ihm wie eine Entenfamilie gefolgt sind. Bald dürfen wir im schönen Speisesaal – fast wie im Grotto - das Nachtessen einnehmen: Poulets nach indischer Art und Gemüse. Yvonne und ich trinken einen feinen Dôle zusammen.
Die Unentwegten können das Bett noch nicht so schnell finden und bestellen einen Schlummertrunk. Dieser wird uns auf Kosten des Hauses offeriert.
4. Tag
Obwohl einige am 3. Tag ihre Glieder spürten, erscheinen heute Morgen alle frisch und munter zum Frühstück. Auf zu neuen Taten. Der Himmel ist bedeckt, aber es ist trocken.
Wir wandern in Richtung Versoix, das sich bereits im Kantonsgebiet von Genf befindet. An der reizenden Uferpromenade machen wir kurz Rast. Dort befindet sich die elegante Villa Barakat, die einst Eigentum des dritten Aga Khan war, der hier 1957 verstarb. Nebenan liegt das prachtvolle Château Rouge, das dem Sohn des früheren Emirs von Katar gehört.
Für das Picknick lassen wir uns im Botanischen Garten nieder. Es hat eine wunderschöne Vegetation, auch sehen wir Flamingos. Gut gestärkt mit den Resten aus dem Rucksack, flanieren wir an der schönen Seepromenade.
Unser lieber Gerhard ist als Österreicher natürlich Sisi-Fan, und schon bald treffen wir auf die Statue „Sisi Memorial“. Sisi verbirgt sich hinter dem Fächer, als Flucht vor sich selbst, im Zeitalter der Romantik. Sie hat sich nie verstanden gefühlt. Kaiser Franz Joseph lässt ihr in Wien eine Villa bauen, um sie abgeschieden und abseits vom Hofzeremoniell bei sich behalten zu können. Ihre Unruhe aber war stärker und trieb sie immer wieder auf Reisen.
Wir stehen vor dem „Hôtel Beau Rivage“ in Genf, wo sie ganz in der Nähe am 10.9.1898 von dem Anarchisten Luigi Lucheni mit einer Feile getötet wurde.
Otto führt uns nun auf den Spuren der alten Jakobspilger durch Genf, vom Bahnhof über die Rhône-Insel zur Kathedrale St. Pierre. Sie liegt im Herzen der Genfer Altstadt und ist das bedeutendste Symbol des europäischen Calvinismus. Sie wurde zwischen 1150 und 1250 errichtet. 1541 wird der Franzose Jean Calvin aus Nyon, der wegen seiner Konvertierung zum Protestantismus ins Exil gehen musste, nach Genf berufen. Die Kathedrale St. Pierre wird zum Wirkungszentrum des Reformators Calvin bis zu seinem Tod 1564. Unter ihm wird Genf zum „protestantischen Rom“. Die Kathedrale St. Pierre ist nicht nur Zeugnis der calvinistischen Epoche, sondern auch der Entwicklung eines Denkens und der heutigen Anerkennung der kulturellen und spirituellen Vielfalt in Europa.
Bald heisst es Abschiednehmen von Genf. Wir finden noch ein schönes Plätzchen draussen in einer Beiz. Es gibt die letzte heisse Ovo /Schokolade oder Bier bevor wir uns zum Bahnhof begeben und vor 17 Uhr den direkten Zug nach Zürich nehmen. Um 19.28 Uhr sind wir wieder „daheim“.
Lieber Gerhard, lieber Otto, danke für die schönen Tage auf dem Jakobsweg. Obwohl wir alle sicher manchmal gestöhnt haben über unseren schweren Rucksack und das Asphaltmarschieren, haben wir alle unvergessliche Eindrücke mit nach Hause genommen. Sogar Petrus hat es gut mit uns gemeint!
Heike