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Auch wenn der Glaube der Katholiken anders als bei einigen Evangelikalen nicht davon abhängt, ob gewisse Erzählungen wie von der Bibel geschildert wortwörtlich stattfanden, sollte man sich trotzdem vor der Tendenz hüten, die Texte der Heiligen Schrift bis hin zu ihrer völligen Sinnentleerung im Nirwana der Beliebigkeit zu relativieren.
Israeliten als Vorbild
Im Alten Testament schrieb das jüdische Volk seine Erfahrungen nieder, die es mit Gott machte. Diese Erfahrungen waren so stark, dass die Israeliten am Glauben an den einen Gott festhielten, obwohl alle grossen Reiche rundherum mehrere Götter oder Naturerscheinungen verehrten. Dieses kleine Hirtenvolk hingegen verehrte nicht den Mond oder die Sonne, sondern erklärte diese in seiner Schöpfungsgeschichte als Werke Gottes.
Neben dem Versuch, die Heilige Schrift als unglaubwürdige Ansammlung von Wundergeschichten und Mythen zu desavouieren, gibt es auch den Vorwurf, die biblischen Erzählungen förderten patriarchale Strukturen und widersprächen der Gleichheit und Freiheit der Menschen. Auch hier gilt es, sich vertieft mit der Schrift auseinanderzusetzen und dabei gerade das zu tun, was die heutigen Exegetinnen und Exegeten so häufig fordern, nämlich die Schrift in einen kulturellen Kontext zu stellen. Dies jedoch nicht mit der Absicht, die Entstehung der biblischen Texte primär als Produkt ihrer Zeit zu deuten, sondern vielmehr zu erkennen, wie revolutionär diese damals waren und auch heute noch sind.
Die Schöpfungstheologie der Juden erklärte die von Gott ins Leben gerufene Schöpfung als gut. Die Beziehung zwischen Frau und Mann wird sogar als sehr gut bezeichnet. Das Buch «Genesis» bezeichnet die Gründe für den stärkeren gesellschaftlichen Machteinfluss des Mannes nicht als naturgegeben, sondern als Folge der Sünde – also des Bösen, das von Gott gerade nicht gewollt war. Die ursprüngliche Beziehung zwischen den beiden Geschlechtern, wie sie von Gott gewünscht ist, besteht in einer absoluten Gleichwertigkeit, in der sich die beiden Liebenden in ihrer Unterschiedlichkeit ergänzen.
Natürlich hätten die fünf Bücher Mose auch alle gesellschaftlichen Verhältnisse als reines Konstrukt erklären und die Existenz des Menschen als Mann und Frau leugnen können. In einem poststrukturalistischen Schöpfungsnarrativ wären dann alle biologischen Kategorien nur auf willkürliche, jederzeit austauschbare Benennungen der Menschen zurückzuführen. Das Alte Testament fordert jedoch keine solche epistemologische Revolution, sondern beschreibt eine Welt, wie sie mit den fünf Sinnen erfassbar ist. Wer sich an den biblischen Erzählungen stört, in denen Ungleichheit, Unterdrückung, Sklaverei, Diebstahl, Mord und Kriege vorkommen, der muss erklären können, zu welchen Zeiten diese Geisseln der Menschheit nicht eine Konstante aller Zivilisationen waren.
Selbst für jene, die es aus "unüberwindbarer Unwissenheit" handeln gilt das Wort: "Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich" Mt 5,19.
Andernfalls läuft es ab, wie bei Galileo Galilei, der schon um 1630 wusste, dass die Erde eine Kugel ist und die kath. Kirche ihn deshalb verunglimpfte. Es dauerte bis ins Jahr 1992 bis die Kirche wirklich zugestanden hat, dass Galilei recht hatte, und ihn rehabilitierte.
https://www.swiss-cath.ch/artikel/im-strom-des-zeitgeistes