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Problem
Die alten Griechen haben uns Jüngeren vielerlei "Probleme" hinterlassen, lösbare und unlösbare. Eines der ersten, aus der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr., hat dem Zahn der Zeit viele Jahrtausende zuvor und viele Jahrhunderte seither fast unangeknabbert getrotzt: Da singt der Chor des Sophokleischen "Aias" in bildhafter Sprache von dem "bewaldeten, salzumspülten próblema des Meeres unter der hohen Felsenplatte von Sunion" und meint damit das Vorgebirge an der Südostspitze der attischen Halbinsel, Kap Sunion mit dem bekannten Poseidontempel auf dem äussersten Vorsprung. Das war damals noch kein "Problem", sondern buchstäblich ein "Vorsprung".
Fassen wir das griechische Wort einmal scharf ins Auge, so zerfällt es in drei durchaus unproblematische Teile. Das Kopfstück pro- bedeutet im Griechischen wie im Lateinischen "vor-" oder "nach vorn", das Rumpfstück -ble- vertritt ein Verb, das mit seinem Präsens bállein und der Grundbedeutung "werfen" im Lexikon steht, und das Schwanzstück -ma macht aus Kopf und Rumpf ein Ding; das ganze so zusammengesetzte próblema bezeichnet also ein "vor-" oder "nach vorn geworfenes Ding" wie jenes vom Land ins Meer vorspringende Kap Sunion. Andere Sprachen, andere Bilder: Was der einen ein "Vor-Sprung", ist der anderen ein "Vor-Wurf".
Nun kann nicht nur die Natur eine solche "Felsenplatte", sondern auch der Homo faber irgendwelche anderen Dinge vor sich hinwerfen oder vor sich aufwerfen, und so bezeichnet dieses griechische próblema im klassischen Griechisch überhaupt und wohl ursprünglich jegliche Schutz-"Vorkehrung" von dem vorgehaltenen Schild eines Schwerbewaffneten bis zum vorgeschobenen Bollwerk einer Festungsanlage, im übertragenen Sinne auch jede zur Verteidigung gegen eine Anklage vorgebrachte "Schutzbehauptung" und jeden zur Vernebelung hintergründiger Motive vorgeschützten "Vorwand".
Erst im 4. Jahrhundert v. Chr. und vollends erst durch die Schule des Aristoteles ist dieses próblema zum wissenschaftlichen "Problem", zu einer nicht leicht zu knackenden Knacknuss, geworden. Wer "wirft" da wem was "vor"? Nicht, versteht sich, die Lehrenden den Lernenden, sondern die Natur Lehrenden und Lernenden gleicherweise. Die Natur liebe es, sich zu verbergen, hatte Heraklit im späten 6. oder frühen 5. Jahrhundert v. Chr. einmal gesagt, und entsprechend präsentiert sich das "Problem" hier sozusagen als ein Schutzwall, den die Natur "vor sich aufwirft" oder je nach der gewählten Perspektive "vor uns aufwirft".
Das anschauliche Bild eines vorgeschobenen Bollwerks oder vor uns aufgeworfenen Schutzwalls ist bald wieder in Vergessenheit geraten. Schon in der "Poetik" des Aristoteles lesen wir einmal von "Problemen und ihren Lösungen", und in den folgenden Jahrhunderten konnte man geläufig sagen, jemand habe ein Problem "gelöst" oder für ein Problem "eine Lösung gefunden". Da hat sich ein anderes einprägsames Bild vor das ursprüngliche geschoben: das einer schwer zu lösenden Verknüpfung und vielleicht gar jenes hoffnungslos verknoteten, sprichwörtlich unlösbaren Gordischen Knotens, den der grosse Alexander - sei's nun vero oder ben trovato - kurzerhand in Stücke hieb. Es ging ja die Rede, wer es schaffe, ihn zu lösen, werde Herr über ganz Asien sein.
Mittlerweile haben wir jede Menge schier unlösbare internationale und interkulturelle, politische und wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Probleme, und zugleich ist die souveräne Formel "Kein Problem!" zum allerkommunsten Allerweltsgriechisch geworden, fast auf gleichem Rang wie das englische "O. k." und das neudeutsche "Alles klar". "Kein Problem!", das heisst: Man hat die Welt im Griff, oder doch wenigstens den Zipfel, um den es gerade geht. Hatte nicht schon Alexander damals im phrygischen Gordion, als er lässig zu seinem vielzitierten Schwertstreich ausholte, den Kustoden und Touristen in der Runde ein büchmannverdächtiges "Oudén próblema", "Kein Problem!" zugerufen? Jammerschade, dass das damals keiner protokolliert hat!
Klaus Bartels
Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster