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Freibillet
Alpenrauschen
Flurina stieg in Landquart in die Rhätische Bahn um. Die Plättchen der elektronischen Anzeige auf dem gegenüberliegenden Gleis klapperten. Wie müde Augenlider rieselten sie herunter. Aus der Zehn wurde eine Elf. Aus der Elf eine Zwölf. Nach der 23 kam die Doppelnull und dann nichts mehr. Der rote Zug auf dem anderen Gleis hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Er fuhr Richtung Davos.
Sie schaute auf den langen schwarzen Zeiger der Bahnhofsuhr. Noch zwei Minuten. Die Uhr am Perron gegenüber zeigte die gleiche Zeit. Die roten Sekundenzeiger bewegten sich im selben Takt. Einmal 360 Grad rundherum. Auf zwölf Uhr hielten sie kurz inne, machten zusammen mit den Minutenzeigern einen Sprung und glitten weiter.
Dieses kurze Innehalten sei nötig, um alle Uhren zu synchronisieren. Das hatte sie einmal gelesen. Die schnelleren wurden abgebremst, damit die langsameren aufholen konnten. Wie viele Bahnhofsuhren es wohl in der Schweiz gibt?, fragte sie sich. Und alle zeigen dieselbe Zeit? Aber vor allem: Wie lässt sich kontrollieren, ob es wirklich so ist?
Das Zugteam begrüsste die Reisenden über Lautsprecher. Der Minutenzeiger schnellte auf den nächsten Strich. Noch eine Minute. Sie hätte Zeit auszusteigen. Mit dem nächsten Zug nach Zürich zurückfahren. Oder nach Chur. Der Sekundenzeiger näherte sich der Zwölf und stand still. Es erschien ihr wie eine Ewigkeit. Dann sprang er weiter und der Zug setzte sich mit einem Ruck in Bewegung. Flurina atmete tief durch.
Die Abfahrt hatte etwas Endgültiges, obwohl sie wusste, dass die Bahn schon bald wieder in Malans halten würde. Doch zum Aussteigen war es nun zu spät. Sie hatte in Landquart einen Entscheid gefällt, sie war in den Zug nach Sursass eingestiegen. Nun konnte sie nicht mehr zurück. Auch wenn sie wieder umkehrte. Sie war sicher, dass die Angst bleiben und vielleicht noch schlimmer werden würde.