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Yusuf Yesilöz über Medienkritik in der Dönerbude.
An einem Montagabend hatte ich Lust, bei Ferhad vorbeizuschauen. Seine Imbissbude war selbst am späten Abend gut besucht, es lief Jodelmusik aus dem Schweizer Radio. Ferhad hatte alle Hände voll zu tun, um für seine Kundschaft Döner zuzubereiten. Er schwitzte und war aufgeregt.
Wer Ferhad kennt, weiss, dass ihn nichts aus seiner Ruhe bringen kann. Als ich ihm gegenüber einmal meine Bewunderung für seine Ruhe in jeder Situation ausdrückte, sagte er verschmitzt: «Nicht einmal der Besuch eines hohen Ministers in meinem Geschäft würde mich aufregen. Schliesslich ist auch er ein Mensch wie du und ich.»
Seine Aufregung an diesem Tag war mir also ein Rätsel. Er stand hinter der Theke und sprach mit zwei jungen Männern und zwei jungen Frauen, die an einem Tisch mit Plastikgabeln ihre Döner verspeisten und dazu Softgetränke aus der Dose tranken. In Kürze erfuhr ich den wahren Grund für Ferhads ungewöhnliche Verfassung: Diese vier GymnasiastInnen, die fast täglich bei ihm Döner assen, weil sie ihre berufstätigen Mütter vom Kochen entlasten wollten, waren auch am Sonntagabend bei Ferhad gewesen und hatten dort auf dem grossem Flachbildschirmfernseher die bekannte Schweizer Satiresendung «Giacobbo/Müller» geschaut. Die Sendung hatte offenbar Ferhad, den leidenschaftlichen Satirekritiker, enttäuscht, weil die satirische Substanz der satirisch gemeinten Aussagen für ihn so mager dahergekommen sei wie entbutterte Milch in einer Käserei.
Er diskutierte mit den vier jungen Leuten über die Qualität der gesehenen Satire und betonte dabei jedes seiner Worte: Man verkaufe ihm in dieser Sendung Kaugummi als teures Fleisch. Zwei der KantonsschülerInnen waren seiner Meinung, zwei schwiegen, während sie ihren Döner gabelten. Dem Anschein nach hatten alle die Sendung verfolgt.
Ich mischte mich ein und wollte wissen, ob sie, wenn sie die Sendung so kritisch beurteilten, nicht ihre Zeit damit vergeudeten. Sie könnten diese kostbare Zeit ja besser im Kino mit einem schönen Heimatfilm verbringen. Ferhad korrigierte mich: Er schaue sich die Sendung nur dann an, wenn er keine KundInnen habe.
Während ein Mädchen zur Decke blickte und in der Nase bohrte, um der Frage, warum sie sich die Sendung antue, nachzugehen, meldete sich das zweite Mädchen zu Wort. Ferhad nannte sie Diana. Zuerst gab Diana ein schallendes Lachen von sich. Ihre Mutter bestrafe sie dadurch, dass sie die Sendung von Anfang bis zum Schluss anschauen müsse, wenn sie später als abgemacht nach Hause komme. Und die strenge Mami drohe Dianas fünfjährigem Bruder damit, dass sie ihn, wenn er nicht um Punkt acht Uhr im Bett sei, das nächste Mal von Herrn M. aus der Satiresendung werde hüten lassen. Nur dann kusche er.
Einer der Jungen, Manuel mit Namen, meldete sich, nachdem er die Sauce von seinen Lippen gewischt hatte. Er gebe halt vor dem Sonntagabend sein ganzes Geld im Ausgang aus, ihm bleibe dann nichts anderes übrig, als fernzusehen. Sein Vater begrüsse diese Gewohnheit sogar, erstens, weil er so das Taschengeld seines Sohns nicht aufstocken müsse, und zweitens, weil er wisse, dass die Sendung nur auf harmlose Spässchen und viel Klamauk setze. So könne der Vater beruhigt sein, dass aus dem Sohn kein schlimmer kritischer Mensch werde.
Nächstes Mal werde er die Kunden, die ihr Essen nicht bezahlten, bis zum Sonntagabend dabehalten und sie als Strafe die Satiresendung schauen lassen, sagte Ferhad und lud die jungen Leute zu einem weiteren Softgetränk ein.
Yusuf Yesilöz ist Schriftsteller und Dokumentarfilmer. Er lebt in Winterthur. Sein jüngstes Buch, «Kebab zum Bankgeheimnis», ist im Zürcher Limmat-Verlag erschienen.