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Wie die Römer
Von Roger Köppel
Die wichtigste Frage spielt im Wahljahr keine Rolle.
Dieser Tage lese ich ein Buch über den Untergang des Römischen Reiches. Es gibt viele Theorien. Edward Gibbon, der grosse Klassiker, schreibt neben einem allgemeinen Sittenzerfall den Kollaps auch der schrankenlosen Zuwanderung zu.
Im 4. Jahrhundert nach Christus strömten unter dem Druck anderer Völkerwanderungen aus dem Osten rund 100 000 Goten über die Donau. Die Römer – «Wir schaffen das» – offerierten humanitäre Hilfe und Versorgung. Sie meinten es gut. Und sie wollten noch eine Scheibe mitverdienen.
Als dann allerdings die Versorgung wegen Korruption und Inkompetenz zusammenkrachte, rebellierten die Flüchtlinge. Wir holten Goten, und es kamen Menschen. Auf dem Schlachtfeld von Adrianopel fand Ostroms Kaiser Valens 378 nach Christus den Tod.
Es gab aber noch einen zweiten wichtigen Grund für den Untergang einst blühender Landschaften. Die Römer lebten zu lange massiv über ihre Verhältnisse. Im Geschichtsstudium musste ich eine Arbeit über die «Dekurionen » schreiben. Das war eine einst angesehene städtische Patrizierschicht.
Auch die Dekurionen kamen zusehends unter die Räder. Warum? Sie waren die wichtigsten Steuereintreiber im Reich. Und als die Einnahmen wegbrachen, mussten die armen Eintreiber selber mit ihren Vermögen haften. Viele brachten sich aus Verzweiflung über die Staatsfinanzen um.
Die Schweiz kennt derzeit vor allem drei Themen: Klima, Klima und Frauen. Über Geld und Einwanderung redet niemand. Die Frage, woher der Wohlstand kommt und was den Wohlstand gefährdet, war noch selten weiter unten auf der politischen Agenda.
Kürzlich schrieb mir ein Leser. Er sei am letzten Samstag mit der Familie in einem Migros-Restaurant in Wattwil gewesen. An der Kasse habe es ein Täfelchen gehabt. «Aus Klimagründen » würden keine Trinkhalme mehr frei ausgegeben. Man müsse sie persönlich beim Personal abholen.
Glücklich das Land, das «aus Klimagründen » die Trinkhalme rationiert. Oder krank? Wir tanzen auf den Schulbänken, als ob die Lehrerin für immer krank wäre.
Nein, die Schweiz ist kein Imperium Romanum. Aber der Untergang der Römer müsste uns zu denken geben. Was die Römer zermalmte, kann auch die Schweiz umbringen. Hochmut kommt vor dem Fall. Und mit Übermut fängt es an.
Beginnen wir mit dem ersten Naturgesetz der Politik: Die einzige Quelle des Wohlstands in einem Staat ohne Kolonien und Bodenschätze sind die Unternehmen, sind die Leute, die fleissig in den Unternehmen arbeiten. Das ist die Hauptschlagader des Wohlstands. Das ist der Wasserschlauch im Garten Schweiz.
Naturgesetz Nummer zwei: Der Staat kann und muss wohl Geld ausgeben, er kann aber keinen Wohlstand schaffen. Die Zeitgeist-Ökonomen um den Franzosen Piketty liegen falsch. Nicht der Staat ist die Job- und Geldmaschine. Der Staat garantiert die Bedingungen, unter denen die Unternehmen den Garten bewässern.
Drittens: Wenn der Staat zu gross und zu fett wird, wenn er selber zu viel Wasser aus dem Schlauch absaugt, bricht die grosse Dürre aus. Die Blumen verwelken, der Garten trocknet aus. Aus der Oase wird eine Wüste, wenn sich der Staat zu sehr ausbreitet. Wer sagt’s den Linken?
Viertes Naturgesetz: Der Staat hat, um seine Aufgaben zu erfüllen, nur zwei Möglichkeiten. Er kann Schulden machen oder Steuern erheben. Schulden sind Diebstahl an kommenden Generationen. Also braucht er Steuern. Daraus folgt: Der Staat hat ein vitales Interesse daran, dass es den Unternehmen gutgeht, den Wohlstandsbringern. Ohne Halsschlagader geht es nicht.
Und ganz wichtig: Nur die Unternehmen zahlen Steuern. Sie zahlen selber Steuern, und sie zahlen die Löhne, mit denen die Angestellten ihre Steuern zahlen. Ohne Unternehmen keine Steuern. Die Polemik gegen Firmen, die legal wenig oder gar keine Steuern zahlen, ist irrig. Selbst Unternehmen, die null Steuern zahlen, zahlen Löhne, mit denen die Angestellten . . .
Als Friedrich Engels vor 150 Jahren für eine Exkursion in die Schweiz kam, kehrte er ernüchtert heim. Sein niederschmetternder Befund: Die Schweiz sei so rückständig, so arm, dass man hier nicht einmal den Kommunismus installieren könne. Denn Kommunismus kostet Geld, das andere zuerst verdient haben müssen.
Von Chinas einstigem Staatsmann Deng Xiaoping, Kommunist, ist sinngemäss der weise Satz überliefert: «Das Wichtigste ist, dass die Katze Mäuse fängt.»
Damit wollte er sagen: Es ist wichtig, dass die Unternehmen Geld verdienen, denn ohne Unternehmen, ohne Wohlstand wird China untergehen. Mit dieser Einsicht machte Deng sein Land innert vierzig Jahren vom Bittsteller zur Grossmacht.
Nein, die Schweiz soll nicht chinesisch werden, aber Deng sah es richtig. Die Katze muss Mäuse fangen. Der unverfängliche französische Aufklärer Voltaire formulierte es so: «Il faut cultiver notre jardin.» Man muss den eigenen Garten pflegen. Und zwar sollte man ihn selber pflegen.
Wie finanzieren wir die Zukunft? Die wichtigste Frage interessiert die Politik derzeit überhaupt nicht. Und alles soll der Staat richten. Klima, Geschlechterbeziehungen, Energieversorgung, Flirt-Leitfäden, Lohnpolizei, Dritte Welt, die Trance des Atomausstiegs: Der Staat traut sich alles, den Unternehmen und den Menschen aber nichts mehr zu.
Entsprechend steigen die Ausgaben, gibt es immer mehr Vorschriften und Regeln, schiesst der Personalbestand nach oben. So ruinierte Frankreich seinen Mittelstand. Die Beamten glauben noch heute, der Staat bringe den Wohlstand, den er nur verbraucht.
Spätrömische Dekadenz: Das ist, wenn alle darüber nachdenken, wie man das Geld ausgibt, und niemand mehr fragt, woher der Wohlstand kommt. Anderseits: Sobald es mit der Wirtschaft merkbar abwärtsgeht, wird niemand mehr vom Klima reden.