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Autor: Irmgard Lehmann
Charles Merkle reiste 1979 als 23-jähriger erstmals nach China. In Hongkong hat er sich damals für fünf Franken zwei Paar Hosen erstanden – es war ein erster Kontakt mit dem aufstrebenden China, der ihm für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten die Augen öffnete. 1995 ging er ein zweites Mal hin und lernte in Shanghai seine Frau, eine Lehrerin, kennen. Mit ihr zusammen gründete er die Firma CBC.
Charles Merkle, vor 15 Jahren kamen Sie erstmals nach Shanghai. Wie war das?
Shanghai war damals der grösste Bauplatz der Welt mit rund zwei Millionen Bauarbeitern. Auch heute noch ist die 18-Millionen-Stadt ein grosser Bauplatz. Wenn ich denke, was im Hinblick auf die Weltausstellung in kurzer Zeit aus dem Boden gestampft worden ist: Entlang des Stadtflusses Huangpu entstanden breit angelegte Promenaden. Es wurden über zehn neue Metrolinien fertiggestellt und ein komplett neuer lokaler Flughafen in Betrieb genommen. Doch punkto Preise hat sich auch einiges gewandelt. Eine kleine Wohnung ist heute gleich teuer wie in Tafers. Nur verdienen die Leute hier fünf Mal weniger. Doch China ist nach wie vor ein Land mit einer sehr armen Bevölkerung, einer moderat wohlhabenden und einer ganz kleinen Schicht von reichen Leuten.
Wovon träumen die Chinesinnen und Chinesen?
Heiraten, ein Kind haben und eine kleine Wohnung, das ist das Ziel der meisten. Das Essen steht im Vordergrund. Auch für die meisten meiner chinesischen Freunde. Die Kleidung, die Wohnung und die medizinische Versorgung sind weitere Dinge, welche die Chinesen im Alltag beschäftigen. Daher ist die Weltausstellung auch recht weit weg vom Alltag der Chinesen.
Oder haben Weltausstellungen ganz einfach ausgedient?
Die Weltausstellung wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris erfunden und hatte damals als Konzept durchschlagenden Erfolg. Nirgendwo konnte man damals so viel lernen über die Welt wie an dieser Expo. Mit den modernen Massenmedien ist diese Funktion nun weggefallen – und daher ist das Interesse an den Weltausstellungen viel kleiner geworden.
Die Expo ist aber für China wichtig. Inwiefern?
China ist es mittlerweile gelungen, in der Völkergemeinschaft eine wichtige Rolle zu spielen. Und zwar bereits mit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO in Genf im Jahre 2001, mit den Olympischen Spielen in Peking 2008 und jetzt mit der Expo.
Inwiefern hat China die Wirtschaftskrise gespürt?
Auf der einen Seite boomt die chinesische Wirtschaft nach wie vor. Dies vor allem dank der Investitionen, welche die chinesische Regierung in die Infrastrukturprojekte getätigt hat. Zudem boomt auch der Automobilmarkt. Bei CBC haben wir häufig zu tun mit Konzernen, die an und für sich bankrott sind wie beispielsweise General Motors, welche aber in China blendend verkaufen. Auch mein Unternehmen CBC weist ein gemischtes Resultat auf für 2009: Es gibt Sparten, die sehr gut gelaufen sind – und andere, deren Resultat unbefriedigend ist.
In China gelten wohl andere Regeln als in Europa?
Generell ist es in China so, dass man mit äusserster Flexibilität ans Werk gehen muss. Es ist quasi unmöglich, ganz genaue Businesspläne zu erstellen. Im Pudongviertel in Shanghai bauten in den letzten Jahren grosse Konzerne ein Meer von Hochhäusern. Doch was gebaut wird, weiss man nie genau zum Voraus.
Sie bleiben in Shanghai. Wollen Sie dort auch alt werden?
Das ist schwierig vorauszusagen. Im Moment gefällt es mir sehr gut. Wenn das Land sich weiterhin so rapide entwickelt, ist das eine gute Ausgangslage für mein Geschäft. Würde das Land aber stagnieren, dann würde ich höchstwahrscheinlich anderswo hinziehen. Ein Wirtschaftswachstum von über acht Prozent, das jetzt regelmässig über Jahrzehnte erreicht wurde, ist für einen Geschäftsmann der beste Ausgangspunkt der Welt.
Mit einem Bein aber sind Sie immer noch in Tafers.
Ich liebe das Reisen und bin eigentlich ein Röhrenbewohner: Im Flugzeug fühle ich mich heimisch. So pendle ich halt zwischen dem Sensebezirk und Shanghai, wie andere zwischen Bern und Freiburg hin und her pendeln. Ich bin oft in Tafers, wo ich immer noch im Elternhaus wohne. In der Garage stehen drei Räder, im Schrank sind die Wandersocken und im Keller die feinen Schweizer Weine. Es ist faszinierend, zwischen zwei Welten zu leben.