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Warum mehr Jungen als Mädchen
Die Autismus-Spektrum-Störung wird bei Jungen deutlich häufiger als bei Mädchen diagnostiziert. Dieses verzerrte Geschlechterverhältnis ist bekannt, seit die ersten Fälle von Autismus in den 1940er Jahren beschrieben wurden. Die genauen Gründe für diese Unterschiede bleiben bis heute unklar. Es könnte mit biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern zusammenhängen. Oder es könnte auch ein Artefakt der Art und Weise sein, wie Autismus definiert und diagnostiziert wird.
Wie ist das Geschlechterverhältnis bei Autismus?
Forscher haben bei der Schätzung der Prävalenz von Autismus-Spektrum-Störungen durchwegs mehr Jungen als Mädchen mit Autismus gefunden. Die umfassendste Analyse des Geschlechterverhältnisses von Autismus, welche 2017 veröffentlicht wurde, stützte sich auf Daten aus weltweit 54 Prävalenzstudien. Diese Analyse ergibt auf jedes Mädchen etwa 4,2 Jungen.
Welche Faktoren könnten dieses Geschlechterverhältnis verändern ?
Ein potenziell wichtiger Faktor ist die diagnostische Verzerrung: Mehrere Studien deuten darauf hin, dass Mädchen erst später in deren Leben Autismus-Diagnosen erhalten als Jungen, was darauf hinweist, dass die Erkrankung bei Mädchen schwerer zu erkennen ist.
In Übereinstimmung mit dieser Idee ergab die Studie von 2017, dass das Geschlechterverhältnis auf 3,25 Jungen pro Mädchen fällt, wenn die Analyse nur die 20 Studien umfasst, in denen die Forscher die Teilnehmer auf Autismus untersuchten, anstatt sich auf frühere Diagnosen zu verlassen. Dieser Rückgang des Verhältnisses liefert den bislang überzeugendsten Beweis für eine diagnostische Verzerrung. Das impliziert, dass es auf dieser Welt eine Gruppe von Frauen gibt, die zwar die Kriterien erfüllen, aber aus etwelchen Gründen dennoch keine Diagnose haben.
Warum werden Mädchen und Frauen mit Autismus übersehen?
Mädchen und Frauen mit Autismus werden möglicherweise nicht diagnostiziert, weil Ärzte, Lehrer, Eltern und andere Menschen oft davon ausgehen, dass Autismus hauptsächlich Jungen betrifft. Autismus kann sich bei Mädchen gegenüber von Jungen auch anders zeigen. Mädchen haben möglicherweise weniger eingeschränkte Interessen oder sich wiederholende Verhaltensweisen. Es zudem ebenfalls so, dass Mädchen ihre autistischen Merkmale besser maskieren können, indem sie ihre neurotypischen Altersgenossinnen besser kopieren. Infolgedessen kann Autismus bei Mädchen nicht so einfach erkannt werden, selbst wenn Ärzte gezielter danach suchen. Deswegen ist es sehr wichtig, dass man bereits leichte Symptome ernst nimmt und eine Abklärung in Betracht zieht.
Würde das Geschlechterverhältnis verschwinden, wenn diese diagnostischen Verzerrungen überwunden werden könnten?
Wahrscheinlich nicht. Forscher haben ein 4-zu-1-Verhältnis festgestellt, selbst wenn sie Kinder von der Kindheit an begleitet und wiederholt auf Autismus untersucht haben, wodurch die Möglichkeit von Verzerrungen bei der Diagnose und Überweisung minimiert wird. Die Kinder in diesen Studien haben jedoch eine Familiengeschichte betreffend Autismus, so dass sie sich möglicherweise grundlegend von anderen Kindern mit dieser Erkrankung unterscheiden.
Hat sich das Geschlechterverhältnis im Laufe der Zeit verändert?
Ja. Eine grosse dänische Studie erkannte 1995 ein Geschlechterverhältnis von 8 zu 1 für Autismus, welches jedoch bis 2010 auf 4 zu 1 gesunken ist. Der Rückgang spiegelt möglicherweise eine bessere Erkennung von Mädchen mit Autismus wider. Man vermutet, dass sich der Wert in Zukunft wohl bei 3:1 einpendeln wird.
Was sonst könnte das Geschlechterverhältnis erklären?
Es liegt vermutlich in der Biologie. Zum Beispiel zeigen die Gehirne von Menschen mit Autismus Muster der Genexpression, die eher denen typischer Männer als typischer Frauen ähneln. Einige dieser Gene sind spezifisch für Mikroglia, Immunzellen im Gehirn, die Trümmer und Abfälle beseitigen und neuronale Verbindungen formen.
Es ist auch möglich, dass Mädchen biologisch irgendwie von Autismus abgeschirmt sind. Mädchen mit Autismus haben tendenziell mehr Gen-Mutationen als Jungen mit Autismus. Und Jungen mit Autismus scheinen ihre Mutationen häufiger von nicht betroffenen Müttern zu erben als von nicht betroffenen Vätern. Zusammengenommen deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass Mädchen einen grösseren genetischen Treffer benötigen als Jungen, um Autismus zu haben. Doch so genau kann man es halt nicht erklären. Obschon bereits viel zu Autismus geforscht wurde, steht man immer noch am Anfang.