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Inhalt:
Chakotay und Janeway sind in einer Shuttlemission unterwegs. Sie wollen stickstoffhaltige Verbindungen aufsammeln. Doch ein Ionensturm läßt das Schiff abstürzen. Janeway ist schwer verletzt, während Chakotay versucht, sie wiederzubeleben.
Ein Alienwesen ergreift von Janeway Besitz und erzeugt in ihr Halluzinationen. Das Wesen will, daß Janeway freiwillig ihr Bewußtsein in seine Matrix überträgt. Zunächst glaubt Janeway, in einer Zeitschleife zu sein. Mal wird sie von angreifenden Vidianern getötet, mal ist sie Opfer eines Warpkernbruchs, und schließlich wird sie sogar vom Holodoc ermordet. Als sie die Anomalie als großes Licht vor sich sieht, fordert Chakotay sie auf, hineinzufliegen, doch Janeway weigert sich.
Plötzlich steht Janeway als Geist vor ihrer eigenen Leiche. Janeways verstorbener Vater erscheint und versucht sie davon zu überzeugen, daß sie gestorben sei. Er meint, seine Aufgabe sei es, sie ins Jenseits zu begleiten. Schließlich erkennt Janeway, daß das Erlebte nicht real ist und daß sie sich noch immer auf dem Planeten befindet und verarztet wird. Als sie es schafft, das Wesen mental zu vertreiben, kommt sie wieder zu sich.
Kritik:
"Coda" enthält einige sehr gute Charaktermomente, die jedoch auf einem schwachen Plot aufbauen. Die Story ist daher nicht viel mehr als eine wenig sinnvolle Mischung der TNG-Episoden "Cause and Effect" (dt.: Déjà Vu) und "The Next Phase" (dt.: So nah und doch so fern). Fast schon ein Voyager-Klischee ist der Shuttleabsturz zu Beginn der Episode, dem ersten (aber leider nicht letzten) der dritten Staffel.
Das Drehbuch stammt von Jeri Taylor, die nach dem Weggang von Michael Piller in der dritten und vierten Staffel die Richtung von "Star Trek - Voyager" bestimmte. Seltsamerweise scheint Jeri Taylor unter vielen SF-Fans die am meisten verhaßte SF-Autorin zu sein. Gerade in den amerikanischen Newsgruppen des Internets wimmelt es von radikalen Angriffen und kindischen Beschimpfungen. Das ganze ist vor allem deshalb so seltsam, weil die Serie nach dem Ausscheiden von Michael Piller deutlich besser wurde, Michael Piller aber nie auch nur annähernd vergleichbaren Vorwürfen ausgesetzt war. Allein aus diesem Grund ist kaum nachvollziehbar, weshalb bislang jeder noch so winzige Schwachpunkt der Serie Jeri Taylor angelastet wird. Brannon Braga, der nach dem Ausscheiden von Jeri Taylor mit der fünften Staffel in ihre Position aufgestiegen ist, scheint mittlerweile zur neuen Zielscheibe geworden zu sein.
Ich möchte daher deutlich klarmachen, daß ich nicht zu diesem mir rätselhaften Jeri Taylor-Haßclub gehöre. Im Gegenteil. Ich denke, Jeri Taylor hat ein ganz außergewöhnliches Talent, das nach wie vor den allermeisten SF-Autoren abgeht: Sie kann Emotionen wecken. Bereits Gene Roddenberry erkannte, daß sich viele SF-Autoren zu sehr auf ihre epischen Entwürfe konzentrieren und kaum Feingefühl für ihre Figuren haben. Deswegen war er bereits in den Zeiten der Classic-Serie stets auf der Suche nach Autoren, deren Stärke in erster Linie in der Vertiefung der Figuren lag.
Die heutigen Produzenten von Star Trek folgen diesem Konzept, und deshalb wurde die in Sachen SF völlig unerfahrene Jeri Taylor für TNG engagiert. Sie sollte den Figuren mehr Wärme verleihen. Emotionsgeladene Charakterepisoden wie "The Drumhead" (dt.: Das Standgericht) oder "The Outcast" (dt.: Verbotene Liebe) stammen aus ihrer Feder. Ihr ist es zu verdanken, daß sich die Rolle der Frau in Star Trek gewandelt hat.
Jeri Taylors Stärke liegt nicht im Entwickeln von interessanten SF-Plots. Bei einer SF-Serie sollte sie daher mehr im Bereich der Überarbeitung fertiger Drehbücher tätig sein, um die Charaktermomente auszufeilen. Denn sobald es um originelle SF-Konzepte geht, scheitern ihre Drehbücher in aller Regel. So auch hier: Dialoge und Charaktermomente sind gelungen, doch die SF-Story wirkt wie ein wahllos zusammengewürfelter Haufen alter Episoden-Ideen.
Die Highlights dieser Folge liegen in der Interaktion der Figuren. So sehen wir die wohl gefühlvollsten Janeway/Chakotay-Szenen seit langem, und auch die Beerdigungsfeier war routiniert geschrieben. Das versteht Jeri Taylor fast besser als jeder andere im Star Trek-Team. Doch leider nützt das alles recht wenig, wenn die Story nichts hergibt.
Eine reine Charakterepisode wie "The Drumhead" benötigt keine bahnbrechenden SF-Ideen. Doch "Coda" zog einen Großteil seiner Spannung aus der Story, und da ist freilich es fatal, wenn genau dort die Schwachpunkte liegen.
"Coda" besteht aus zwei Teilen: Die Zeitschleife und die Jenseitserfahrung von Janeway. Beide Teile passen nicht zusammen. Zunächst versuchte das Wesen, Janeway eine Zeitschleife vorzugaukeln, um sie dazu zu bringen, in das Licht hineinzufliegen. Als das scheiterte, folgte der Abschnitt mit der Jenseits-Simulation. Das Problem ist, daß sich der Zuschauer die ganze Zeit fragt, was die beiden Elemente miteinander zu tun haben, dann aber nur eine enttäuschende Auflösung erhält: Es geht um das Alien-der-Woche, das aus irgendwelchen nicht näher erklärten Gründen unbedingt will, daß Janeway ihr Bewußtsein freiwillig in das Licht leitet, und dabei offenbar zwei recht komplizierte Wege wählte. Das enttäuscht.
So gelungen einige Charakterszenen waren, auch hier muß man leider Abstriche machen, denn sie basierten zum Großteil auf einem klassischen Selbstläufer für TV-Autoren: Man läßt eine Hauptfigur (scheinbar) sterben, um dann die Reaktionen der restlichen Figuren zeigen zu können. Das hatten wir in Star Trek schon recht oft und mitunter sogar besser, man denke nur an die Classic-Episode "The Tholian Weg" (dt.: Das Spinnennetz) und an die DS9-Folge "The Visitor" (dt.: Der Besucher). Gerade die Beerdigungsszene war nicht so gut, wie sie hätte sein können. Mal abgesehen davon, daß Garrett Wangs Darstellerleistung nicht überzeugte (die Szene wurde nur durch Janeways tränenüberströmtes Gesicht gerettet), es waren alle Reden recht einfallslos. Außerdem ist bedauerlich, daß in den Ansprachen nicht ein einziges Mal ein Erlebnis aufgegriffen wurde, die tatsächlich zuvor in der Serie gezeigt worden war.
Nichtsdestotrotz gab es in "Coda" eine Reihe sehr gelungener Elemente. Auch in der Beerdigungsszene wurde gezeigt, was die Serie "Star Trek - Voyager" im Grunde ausmacht: Das sind nicht einfach nur ein paar Offiziere, die auf dem gleichen Schiff dienen. Diese Figuren sind aufgrund ihrer Situation zu einer Familie zusammengeschweißt. Der Verlust des Captains reißt dadurch wirklich eine Lücke in diese Gruppe. Das wurde in dieser Szene recht gut vermittelt. Andere Highlights waren die "Sterbehilfe" des Holodocs und so gut wie alle Janeway/Chakotay-Szenen. "Maybe I could stand with an apple on my head and you could phaser it off", meint Janeway. Chakotay: "Sounds great. If I miss I get to be captain." (dt.: Wie wär's wenn ich mich mit einem Apfel auf dem Kopf hinstelle, und Sie schießen ihn mit dem Phaser runter. - Klingt gut. Wenn ich ihn verfehle werde ich Captain.)
Jeri Taylor schrieb den Voyager-Roman "Mosaic". Als ausführende Produzentin der Serie ist sie in der angenehmen Lage, jederzeit bestimmen zu können, daß bestimmte Elemente des Romans auch für die Serie gelten. "Mosaic" ist somit der erste Star Trek-Roman, der als "canon" gilt, das heißt, er ist offizieller Bestandteil des Star Trek-Universums. Die Autoren dürfen die dort geschilderten Hintergründe und Geschehnisse nicht ignorieren, sie dürfen auch keine Drehbücher schreiben, die der Handlung von "Mosaic" widersprechen.
In "Mosaic" wird der Tod von Janeways Vater geschildert. In "Coda" kam nochmals ihre lange Trauer nach dem Tod des Vaters zur Sprache (im Buch starb auch noch gleichzeitig ihr Verlobter, doch das wurde hier nicht erwähnt, wohl um die Leute nicht zu verwirren). Daß Janeways Vater seine Tochter immer mit "My little bird" (in der deutschen Fassung "mein kleines Mädchen") anredet, stand auch in dem Buch. Jeri Taylor hat dadurch sehr geschickt ihren eigenen Roman aufgewertet, denn viele Fans interessieren sich deswegen nicht für die Star Trek-Bücher, weil sie für das Star Trek-Universum letztlich keine Rolle spielen. Es ist allerdings für das Verständnis von "Coda" nicht notwendig, den Roman zu lesen.
Chakotay äußerte am Ende der Episode, das weiße Licht, von dem hin und wieder klinisch Tote nach einer Wiederbelebung als "Jenseitserfahrung" berichten, sei vielleicht nur ein Kontakt mit einer außerirdischen Rasse. Das sorgte in den USA bei einigen gläubigen Fans für Empörung. Es stand auch ein langer Leserbrief in der US-Zeitschrift "Communicator", in dem sich ein Fan über diese "Religionsfeindlichkeit" beschwerte. Diese Fans übersehen aber, daß in der SF schon immer religiöse Elemente (z.B. die Zerstörung der Städte Sodom und Gomorrha) benutzt wurden, um sie aus einer SF-Perspektive darzustellen. Denn gerade darin liegt doch der Reiz der SF: Bekannte Elemente aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten. Ob diese Perspektive nun glaubhaft, richtig, fragwürdig oder undenkbar ist, kann danach immer noch jeder für sich selbst entscheiden.