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In der Malerei z.B. des Nikias (340 v.Chr.) werden oft zwei Menschen (Mann und Frau) dargestellt, die sich nicht aus eigenem Antrieb begegnet sind (Odysseus, der sich nach Hause sehnt und Kalypso, die ihn ungern scheiden sieht), daraus erhält das Bild eine innere Spannung, welche den Betrachter sofort auf das Wesentliche leitet und ihn zwingt, mit zu denken und sich in die Personen hinein zu versetzen. Figuren, die innerlich gespalten sind, wie die Medea vor dem Kindermord, erreichen eine Ähnliche Spannung mit einer Figur.
In der Skulptur sind es z.B. die Madonnen mit Kind: in Orcival hält die Mutter das Kind nicht, die Hände sind aber bereit, es jederzeit zu schützen und zu stützen. In einer einzelnen Figur sind auch Spannungen – oder Zweiheiten möglich, z.B. ein Körper und seine in Falten eng anliegende Bekleidung, oder der Apoll von Belvedere mit seinem schwebenden Gang (schwebt nicht wirklich, wirkt aber schwebend) oder der sich an seinen Sandalen zu schaffen machende Hermes, der soeben den Kopf wendet, horcht, ob ein neuer Auftrag von Zeus…
Zweiheit in der Architektur
Es kann dann das Dazugehören und gleichzeitige Ausstrahlen sein (z.B. die reine Idee des Anbaus) oder wie im Lysikrates Denkmal: einem Rundbau (voll) mit vorgelagerten korinthischen Säulen: das Volle und Leere wird gleichzeitig wahr genommen. Weitere Beispiele sind Raum im Raum (frühbyzantinische Kirchen) oder der Raum vor dem Raum (die Kirchen der Auvergne) und wie bei Kahn, wo Körper vor oder neben Körpern stehen.
Weitere Möglichkeiten sind „Musik“ in der Architektur: Grundthema und Kontrapunkt (z.B. Thonhalle Zürich: Halle und Vor- bzw. Zurückweichen – oder französische Romanik).
Räumlichkeit wird dann spürbar, wenn es einen Kontrapunkt gibt: zB. Räume, Raumteile mit unterschiedlichem Licht, anderer Ordnung. In der Heilsarmee sind die Körper, Räume losgelöst vom Hauptbau, sie liegen sehr nah (untiefer Raum) an der Glasfassade des Hauptbaus, sie sind aber zu klein, als dass sie der grossen Ebene dahinter „wehtun können“ (=wirken).
In Ahmedabad gibt es einen untiefen Raum als Schwelle – die volumetrischen Elemente entwickeln sich nach innen! In Mellingen hinter dem beleuchteten Vordachraum die Glasebene und dahinter, nach einer Raumschicht, die Einbau-Volumina.
Goethe meint , dass Palladio’s Gebäude durch Körperlichkeit (und geistige Grösse) wirken und mit ihrenHarmonien den Geist befriedigen (und das im Widerspruch von Säulen und Wand, die so geschickt untereinander gearbeitet wurden, dass dies durch die imponierende Gegenwart seiner Gebäude vergessen gemacht werde). Palladio ging es wohl darum, an eine alte, ehrwürdige Tradition anzuschliessen (nicht nur formal, sondern auch bedeutungsmässig: Cäsar hat an seiner Villa einen Tempelgiebel anbringen lassen – um zu bedeuten, dass er ‘göttlich’ sei).
Wie steht das mit amerikanischen Wohnhäusern?
In verschiedenen Stilen möglich (ohne Stil – Holz, ägyptische Steinsäulen, klassisch – Holz). Bei Palladio «intellektueller», weil die Mitte betont ist, ein Vor und Zurück (voller Teil) vorhanden ist und die Säulen sich inden Skulpturen auf dem Dach verlängern und an den Ecken massieren. In den Pflanzenhäusern ist vielleichtnoch mehr Athmosphäre da (die tropischen Regengüsse, die Düfte und ein Schaukelstuhl).
Die Villa
Die Proportionen sind anders und die italienische Eleganz ist nicht wirklich erreicht. Der Typ mit den Seitenflügeln gibt’s in vielen Variationen – hier ebenfalls ehrwürdige Tradition (der Tradition) – und die Bauherrschaften waren auch «bessere» Leute…
Mit Seitenflügeln:
Seitenflügel einseitig, angebaut und «nur» durch Loggien verbunden, «adamesk» (mit segmentartigem ,ausgestülpten «Bauch».
Mitteltreppe und mit 2 Türmen
Bis dahin ist nicht viel von der Körperlichkeit und den Harmonien verloren; die «Geistigkeit» ist in Amerika wohl auch wegen des unterschiedlichen Publikums weniger ausgeprägt.
Nicht mehr palladianisch
Tempelform (Paestum, maison carrée; ägyptisch oder Empire/Ledoux – und moderner – im Mayatempel (beiMoor mit innenräumlichen und fassadenmässigen Leckerbissen: die Körperlichkeit (und geistige Grösse?) ist durchaus noch vorhanden, auch Harmonien und imponierende Gegenwart – allerdings stellen sich Fragen zur Angemessenheit: Wohnen im griechischen oder römischen Tempel?!
Blockförmig: adamesk (ausstülpende Rundungen); Reihenhäuser mit Palladianas oder Säulen, Renaissace-Kubus oder Dogenpalast-Kopie: die Körperlichkeit ist noch vorhanden und imponierende Gegenwart –allerdings stellen sich wiederum Fragen zur Angemessenheit: Wohnen im Dogenpalast?
Dazu in Kontrast die italienische Villa Garzoni von Sansovino mit der superben Rampe und dem unerwarteten,gemauerten Gartenhof auf der Hinterseite oder die zweischichtige auf einem Sockel thronende Villa Medici inPoggio a Caiano l mit dem tonnengewölbten Mittelraum
Weitere grosse Villen als Adaptation/Kopie von z.B. Schloss Blois – und Gruppenbauten; Körperlichkeit wird in Vielheiten aufgelöst und wird malerisch (Assoziationen an Burgen und Schlösser, wiederum (wie bei den Pflanzerhäusern) oft viel Atmosphärisches). Bei den Konglomeraten von Türmen und Volumen (ohne erkennbare (symmetrische) Ordnung geht die Harmonie verloren; die «Geistigkeit» kann aufscheinen, imponierende Gegenwart ist angestrebt und erlebbar, da die Häuser immer Massen sind. Die ehrwürdige Tradition ist nicht mehr die Antike, sondern das Mittelalter – oder Italianità
Volumenoberflächen
Häuser mit kantigen Volumen (z.B. als Garten/Innenhof, mit Mirador mit Ausblick auf die flache Stadt; vormoderne Kuben, geometrische Formen aus Stein/Metall oder Holz, malerisch wie die Konglomerate, aber mit weniger Dekoration und kaum ohne Anleihen an Vergangenes. Die Volumina sind Körper mit Oberflächen – mit immer mehr gespannten, eher dünnen Oberflächen, welche Hohlkörper bedecken (LC’s SeifenblasenAspekt).
Übergangsformen weisen vorwiegend Holzhäuser mit grossen Fensterflächen auf, die so platziert sind, dass (schwebende) Volumen/Dächer gelesen werden können. Die Volumengliederung ist eher vertikal (Palladio =horizontal).
Die Dächer und Loggien und Volumina werden immer mehr in architektonischen Elemente aufgelöst (Scheiben, Pfosten, Balken, etc.).
Bei Kahn sind es materielle Schichten, die Volumen (mit eigenen Oberflächen haben) bedecken, bei Moore Volumen vor einem Volumen.
Im Kontrast dazu: Moore schafft es, Häuser zu entwerfen, die in feiner Geistigkeit geschichtet sind ,durchdrungen von Licht, voll und hohl klug verbunden, Häuser und Skulpturen zugleich.
Mit der Moderne verliert sich die Massivität der Häuser (und gewünschter solcher Ausdruck!) und macht Platz für Räume, welche mit Fassaden aus architektonischen Elementen wie Platten, Stützen, Bändern gebildet sind (= eher grob, wie 1:20-Details – im Vergleich zu den feineren (stein) Profilen «klassischer» Bauten). de Stijl und Wright und Schindler, der auch bei Wright gearbeitet hatte, machten dann ganze Häuser aus solchen Elementen.
Vereinfacht wird daraus ein verkehrtes U (Dach und Endwände) mit Terrasse davor (die ins Haus hinein stösst). Ist das Haus einmal von der Natur eingewachsen, wird die Poesie grösser (Kontrast: abstrakte, einfachste Geometrie und architektonisches Setting zu üppiger Natur und Pflanzenwelt).
Peter Eisenman’s Haus ll – reiner Stil – ohne (Wohn) Funktion.
Fazit: Stilfragen sind
-wie das Haus gemacht ist – Massivität zu später: aus-Elementen-gebildet
-wie das Haus wirkt: als (voller) Block oder (später): (leere) Skulptur
-wie die Volumina gegliedert sind: Palladio = eher horizontal, bei den vor Wright’schen Holzhäusern und bei seinen frühen Villen eher vertikal (Erdgeschoss und Dachvolumen darüber); im Historismus eher malerisch
-Schönheit und Geistigkeit (wie einige barocke Musik): Harmonie, Ganzheitlichkeit vs. Intellektuell-verständlich/zusammengesetzt (Geistigkeit: architektonische Themen/Räume/Licht vs. was in und mit der«Skulptur» gegeben ist, kaum noch «Zusätzliches» kann hineingebracht werden – ausser es ist schon inhärent wie in LC’s Villen)
-Frage der Verwendung und Verbindung «architektonischer Elemente»: bei Palladio, z.B. mit weissen, flachenWänden (und dunklen, spannungsreich gesetzten Fenstern) in Kontrast zu verschatteten (dunklen) Loggiengebildet mit (gitterartig) eher eng stehenden hellen Säulen – zu in der Moderne eher grob wirkenden Plattenund Scheiben (Fenster sind durch Öffnungen ersetzt – wiederum «grosse» (grobe) Elemente (wie auch bei Wright: die «groben» auskragenden Balkone und vertikalen Bruchstein-Pfeiler; idem Schindler – nicht so bei vielen historistischen Bauten)
-Frage der (sinnlichen) Schönheit (wie auch z.B. in der (barocken) Musik und Skulptur – und eben Palladios Architektur) – vs. des (intellektuellen) zum-Denken-bringen (in der Kunst, der Musik) und der Architektur – mit promenade architecturale oder auf fliegenden Plätzen, über einem Wasserfall, weilen, etc. – bzw. gebildet aus architektonischen Elementen (sich in einer Skulptur bewegen)
-Frage der Bedeutung: Anknüpfung an Tradition (und Werte) bei Palladio durch Neuschöpfung (aus der Antike) unter Gebrauch von (römischen) Spielregeln und Elementen (räumliche und formale, Bauglieder); später: formale, (intellektualisierende) (Stil)Kopien – im Historismus an mittelalterliche Schlösser, bei Kahn Backstein-Ruinenhaftes (Ordnung, Institution)
-Alle Villen haben grob gesehen dasselbe Programm (- siehe der Hund als rennendes Gebiss: Ein immergleiches EFH-Programm realisieren mit je anderer Einzelbedingung: wie zB. in Würfel eingeschrieben, Strukturgebunden, Aussenwand ohne «Fenster», Material (Backstein), Linearität (vertikal, horizontal), etc.) – und der Reichtum dessen, was man daraus machen kann!