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Von Sarah Heiniger
Die rasche Ausbreitung der Corona-Variante Omikron seit Ende 2021 führte trotz hoher Ansteckungszahlen nicht zur befürchteten Überlastung der Spitäler. Die meisten Schutzmassnahmen wurden daher am 17. Februar 2022 durch den Bundesrat aufgehoben. Seit genau zwei Jahren stellt uns die Covid-19-Pandemie laufend vor grosse Herausforderungen. Wie hat die Schweizer Bevölkerung diese Zeit erlebt? Wir werfen einen Blick auf die Lebensqualität und das psychische Befinden während dieser Zeit.
Mit dem Projekt Covid-19 Social Monitor steht uns seit Ende März 2020 ein kontinuierliches Monitoring der sozialen und gesundheitlichen Veränderungen während der Pandemiezeit zur Verfügung. Die Daten der letzten zwei Jahre zeigen: Die Dynamik der Pandemie mit Phasen erhöhter Infektionsraten und damit einhergehenden verstärkten Massnahmen (z.B. Teil-Lockdowns) spiegeln sich teilweise im Verlauf des Wohlbefindens und der psychischen Befindlichkeit der Bevölkerung wider.
Lebensqualität trotz Pandemie auf hohem Niveau
Insgesamt blieb die Lebensqualität der Gesamtbevölkerung trotz Corona‐Pandemie weitgehend konstant auf hohem Niveau. Während des ersten Lockdowns 2020 pendelte der Anteil Befragter mit einer (sehr) guten Lebensqualität zwischen 85% und 88%. In der Lockerungsphase im Sommer 2020 stieg dieser Anteil leicht an und sank in der Phase der Massnahmenverschärfungen im Herbst wieder deutlich ab. Ende Januar 2021, im zweiten Lockdown, wurde dann mit 80% der Tiefpunkt erreicht. Dieses Muster mit einer Verbesserung im Sommer und einer anschliessenden Verschlechterung im Winter wiederholte sich im darauffolgenden Jahr, doch kam es zu einer weniger starken Erholung im Sommer/Herbst 2021.
Psychische Belastung in den Wintermonaten erhöht
Ein guter Indikator für die psychische Befindlichkeit ist der Anteil Personen, welche sich «mind. häufig gestresst fühlten». Dieser stieg im Herbst 2020 an und blieb dann konstant auf einem, im Vergleich zum Frühjahr/Sommer 2020, leicht höheren Niveau. Erst im Januar 2022 wurde mit 9% wieder ein Wert wie zu Beginn der Pandemie gemessen. Einen ähnlichen Verlauf zeigt auch die erhöhte psychische Belastung, ein Indikator, der auf dem «mental health inventory» (MHI-5) basiert, dem fünf Fragen zu positiven und negativen Aspekten der psychischen Gesundheit zugrunde liegen. Bei diesem Indikator zeigt sich Ende Januar 2022 eine noch leicht stärkere psychische Belastung als zu Beginn der Pandemie 2020.
Nicht alle gleich betroffen
Die Daten des Covid-19 Social Monitors zeigen deutliche Unterschiede nach Bevölkerungsgruppen. Junge Erwachsene fallen durch generell hohe Werte beim Stress und der erhöhten psychischen Belastung auf. Auch für die gängigen Ungleichheitsfaktoren Bildung und Einkommen zeigen sich deutliche Unterschiede. Personen mit niedrigem Bildungsniveau weisen während der Pandemie – wie auch sonst – eine tiefere Lebensqualität und eine höhere psychische Belastung auf. Auch bei Personen mit einem tiefen Einkommen[1] zeigen sich für das allgemeine Wohlbefinden und die psychische Befindlichkeit schlechtere Werte als in den übrigen Einkommensgruppen. Trotz unterschiedlicher Ausgangsniveaus sind die Verlaufsmuster bei den einzelnen Gruppen aber ähnlich. Das heisst, die Pandemie scheint die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in einem ähnlichen Mass beeinträchtigt zu haben. Allerdings wirkt sich eine Verschlechterung bei einem bereits tieferen Ausgangsniveau eher gravierend aus.
Positives Fazit – mit Ausnahmen
Für die Gesamtbevölkerung lässt sich ein einigermassen positives Fazit ziehen: Sowohl für die Lebensqualität als auch für die psychische Befindlichkeit lassen sich insgesamt keine so stark negativen Auswirkungen feststellen, wie zu Beginn der Pandemie 2020 befürchtet. Zwar zeigten sich bei der breiten Bevölkerung phasenweise Beeinträchtigungen, aber mehrheitlich waren diese in einem geringen Ausmass und nur kurzfristig. Nicht auszuschliessen ist zudem, dass die beobachteten Veränderungen auch auf saisonale Effekte und nicht allein auf die Pandemie zurückzuführen sind. Der positive Befund darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass besonders betroffene Gruppen und vulnerable Personen teilweise stark gelitten haben und Unterstützung brauchen.
Zum Thema: Heiniger, Sarah; Meier, Flurina; Moser, André; Schmelzer, Sarah; Höglinger, Marc, 2021. Ausgewählte Ergebnisse des Covid-19 Social Monitors : Lebensqualität, psychische Befindlichkeit und Adhärenz an Schutzmassnahmen im Verlauf der Corona-Pandemie von März 2020 bis Juni 2021. Winterthur: ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Verfügbar unter: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/das-bag/aktuell/news/news-02-12-2021.html
Sarah Heiniger ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Versorgungsforschung am WIG.
[1] Ein tiefes Einkommen ist hierbei definiert als Haushaltseinkommen unter 5’000 Franken / Monat