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Der Literaturnobelpreisträger von 2003 fordert nun auch das deutschsprachige Publikum mit einem intellektuellen Brocken heraus: «Tagebuch eines schlimmen Jahres».
Dafür, dass der mittlerweile in Australien lebende Südafrikaner John Maxwell Coetzee vor fünf Jahren den Literaturnobelpreis erhielt, gibt es gute Gründe. Selten war Prosa präziser und so randvoll mit wichtigen Fragen. Bohrende Fragen, die in den Romanen «Schande», «Warten auf die Barbaren» oder «Leben und Zeit des Michael K.» auf eine einzige grosse Frage hinauslaufen: Wie soll man leben im Angesicht permanenter Bedrohung, im Schlagschatten des Todes?
Coetzees Literatur beantwortet diese Frage nicht. Und bleibt doch keine Antwort schuldig. In der Begründung für ihre Wahl des Literaturnobelpreisträgers 2003 stellte die schwedische Akademie fest, der Autor interessiere sich vor allem für Situationen, in denen sich «die Unterscheidung von richtig und falsch als unbrauchbar erweist, obwohl sie kristallklar ist». Unbrauchbar deshalb, weil die soziologische Genauigkeit und psychologische Tiefe, mit der Coetzee Machtverhältnisse analysiert (in «Schande» am Beispiel Südafrikas nach dem Ende des Apartheidregimes), dafür Sorge tragen, dass man versteht, anstatt zu verurteilen. Was nicht heisst, man müsste mit Coetzees ProtagonistInnen weniger leiden.
Der Schriftsteller als Figur
Sein jüngstes Werk «Tagebuch eines schlimmen Jahres» ist ein Konstrukt aus 55 Kurzessays und mehreren, parallel verlaufenden Erzählsträngen mit romanähnlicher Handlung. Im Kurztext «Über das Leben als Schriftsteller» interpretiert J. C., einer der zwei Icherzähler und Autor der Essays, die didaktische, mitunter dürr scheinende Kurzprosa des älteren Leo T. Tolstoi als Befreiung von den Fesseln, «die ihn an äussere Erscheinungen gebunden hatten, was ihm gestattete, sich der einen Frage zu widmen, die ihn im Innersten wirklich beschäftigte: wie man leben soll».
Selbstverständlich ist J. C. nicht identisch mit seinem Erfinder. Und doch weist die Figur mehr als ein paar Ähnlichkeiten mit Coetzee auf: J. C. ist zwar sechs Jahre älter als der 1940 geborene Coetzee, aber auch dieser lebte, bevor er nach Sydney auswanderte, in Kapstadt. Ein berühmter Schriftsteller strenger, diskursstarker Romane, der allerdings, anders als sein Erfinder Coetzee, aufgrund einer Parkinsonerkrankung zunehmend die Kontrolle über seine Motorik verliert. Erschwerend hinzu kommt die stetige Abnahme der Sehkraft. Und so stellt sich wie in Coetzees letztem Roman «Zeitlupe» die Frage nach dem Leben im Alter, im Angesicht des Verfalls und eines drohenden Todes.
Coetzee hat den späten Tolstoi nicht von ungefähr auf den Plan rufen lassen. Auch seine eigene Prosa hat immer didaktischere Züge angenommen. Sein vorletzter Roman «Elisabeth Costello» speist sich aus Vorträgen und Essays einer fiktiven südafrikanischen Schriftstellerin. Sie streitet über Humanwissenschaften in Afrika, sinniert über das Böse in der Literatur und wirft sich mit listiger Verve, den so provokativen wie fragwürdigen Holocaust-Vergleich in der geballten Faust, in einen Schlagabtausch über Missbrauch und Rechte der Tiere. Weil für Costello zur Beantwortung der Frage nach dem richtigen Lebensvollzug die von fragwürdigen Machtkonstellationen durchzogene abendländische «Vernunft» nicht infrage kommt, muss ihrer Ansicht nach umso mehr Platz bleiben für die Intuition, so problematisch dieses Orientierungsinstrument auch sein mag.
J. C.s Essays in «Tagebuch eines schlimmen Jahres» sind in einem sehr ähnlichen (politischen) Gedankenhorizont angesiedelt wie die Streitgespräche Elisabeth Costellos. Coetzee hat sie als fiktive Beiträge zu einem Sammelband für einen deutschen Verlag angelegt, in dem J. C.s «Feste Ansichten» erscheinen sollen. Datiert auf einen Zeitraum vom 12. September 2005 bis zum 31. Mai 2006 spielen sie mit teils apodiktischem Ton auf die verbrecherischen Machenschaften von George Bush und die Korrumpiertheit Tony Blairs an; sie problematisieren den Begriff des Terrorismus, wie er von Nationalstaaten geprägt wird, und geisseln die Ökonomisierung der Universitäten.
Kulturpessimistischer Ton
In anderen Essays geht es um die streitbare Definition von Pädophilie, das Empfinden von (nationaler) Schande oder die Idee des Intelligent Design. Kulturpessimistisch ist der Grundton dieser Kurztexte, die gut die Hälfte des Platzes im Buch einnehmen. Romantisch sozialistisch bis mild anarchistisch die Haltung, die sich in ihnen ausdrückt, vieles angreifbar schon deshalb, weil jede Argumentation blinde Flecken hat. Manche Ansicht wirkt ziemlich altbacken. Der Widerspruch der Leserin, des Lesers ist offenbar erwünscht, obwohl sich nirgends sagen liesse, diese oder jene Ansicht könnte nicht von Coetzee selbst stammen.
Ein Text wie eine Partitur
Da, auf der erzählerischen Ebene, kommt Anya ins Spiel, die Nachbarin, eine junge Frau von 29 Jahren mit starker Anziehungskraft. J. C. hat sie engagiert, damit sie die Essays abtippt. Vielleicht auch weil er der eigenen erotischen Verwirrung ob ihres schönen Hinterns erlegen ist. Es ist gut, dass das Begehren J. C.s in «Tagebuch eines schlimmen Jahres» nicht zur Erfüllung kommt. Zu unsinnig oft schon wurde in der Literatur dem Wunsch alter geifernder Männer nach jungem Fleisch nachgegeben. Bemerkenswert ist, wie Coetzee die Erwartungen an eine Kriminalgeschichte unterläuft: Anyas Freund Alan, ein abgebrühter Anlageberater, hat vor, sich am beträchtlichen Vermögen des Schriftstellers zu bereichern, ohne dessen Wissen, aber (möglicherweise) auch ohne ihm zu schaden. Doch dazu kommt es nicht. Anya wiederum, anfangs oberflächlich und eitel, im Verlauf der Handlung J. C. allerdings immer freundschaftlicher verbunden und in zunehmend grösserer Sorge seines Alters wegen, entwickelt sich zur kritischen Lektorin. J. C. erkennt indessen, dass feste Einsichten, wenn man nicht dem Altersstarrsinn erliegt, durchaus verrückbar sind.
Weil jede Figur mindestens eine ausgewiesen ethisch-diskursive Funktion hat und das Schreiben als ein zwar immer wieder zu hinterfragendes, aber dennoch stets in die Welt eingreifendes Unterfangen gedacht wird, ist das Buch zweifellos sehr didaktisch, aber der Strenge und Klugheit seines Autors wegen niemals moralisch kitschig. Dass Figuren und Dialoge nicht allzu papieren geraten sind, liegt auch an der geschickten Organisation des Gesamttextes: In der oberen Hälfte der Seiten befinden sich die Essays, in der unteren zwei fortlaufende Textstreifen mit der erzählten Geschichte - der Geschichte der Begegnung von J. C. und Anya, einmal aus seiner Sicht und darunter aus ihrer.
Die Auslagerung der trockenen Essays sorgt für Schwung auf den Erzählebenen, für eine geschlossene Lebendigkeit und Plastizität der «Liebesgeschichte» zumal. Dass man bis zum Ende schwankt, wie «Tagebuch eines schlimmen Jahres» am besten zu lesen sei - einfach von oben nach unten oder umgekehrt oder lieber einer Ebene folgend? -, ist nicht weiter tragisch. Im Gegenteil: Endlich mal wieder ein Buch, das Lesegewohnheiten ausser Kraft setzt. Man kann das auch als bescheidene Möglichkeit von Freiheit begreifen.