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Jetzt einmal ernsthaft: diese Seidenschleife um den Hals. Als wäre er ein Geschenkpaket. Dann die seltsame Spinnenbrosche am Revers und erst die Frisur: langes Haar mit Mittelscheitel. Cédric Villani kommt daher, als wäre er aus einem Musketier-Film gefallen.
Er selbst sieht nichts Besonderes daran. Das Kostüm ist seine Alltagskleidung seit 20 Jahren. Er trägt sie am Institut Henri Poincaré in Paris, dem er als Direktor vorsteht. Er trägt sie auf seinen Reisen bis nach Zentralafrika, wie er jüngst einem Journalisten erzählte. Und er trägt sie auf den Strassen von Paris, wo er derzeit um die Gunst der Franzosen wirbt.
Cédric Villani, 43, ist im Wahlkampf. Er kandidiert für einen Sitz im französischen Parlament für die Partei République en marche von Präsident Emmanuel Macron. Heute Sonntag findet der erste Wahlgang statt. Villanis Chancen sind hervorragend.
Auf seinen Kleidungsstil werden wir zurückkommen. Wirklich berühmt geworden ist Villani mit einer ganz anderen Leistung. Er hat die nichtlineare Landau-Dämpfung bewiesen, eines der kompliziertesten mathematischen Probleme überhaupt.
Es geht um Druckwellen in Plasmen, weiter ins Detail zu gehen, wäre sinnlos. «Selbst die meisten Mathematiker verstehen die Formeln nicht», sagte er einmal in einem Interview. «Es gibt vielleicht fünf, die damit etwas anfangen können.»
Sein Buch ist eine Zumutung, es ist vollgepackt mit Formeln. Aber es verkaufte sich in Frankreich rund 100 000-mal
Das hat Villani allerdings nicht davon abgehalten, ein Buch darüber zu schreiben, wie er über zwei Jahre lang an der Lösung arbeitete, wie er Tage über seinen Notizen brütete und wie ihm dann nach einer erneuten Nacht voller Verzweiflung am Morgen des 9. April 2009 eine innere Stimme die Lösung einflüsterte, gerade als er seine Kinder für die Schule parat machte.
Das Buch ist eine Zumutung, es ist vollgepackt mit Formeln und Fachdiskussionen mit Kollegen. Aber es verkaufte sich allein in Frankreich rund 100 000-mal und wurde auf knapp ein Dutzend Sprachen übersetzt. Für die Lösung der Landau-Dämpfung gewann Villani die Fields-Medaille, die höchste mathematische Auszeichnung überhaupt.
Cédric Villani wird als Sohn eines Künstlerpaares geboren und wächst in einer Kleinstadt im Südosten Frankreichs auf. «Ich war das schüchternste Kind, das man sich vorstellen kann», sagte er einmal. Nur schon die Vorstellung, sich in der Klasse zu Wort zu melden, habe ihm den Schweiss aus den Poren getrieben.
Mit 19 schafft er es an eine Eliteuniversität in Paris, wird später Professor und 2009 schliesslich Direktor des angesehenen Institut Henri Poincaré in Paris, einer Forschungseinrichtung für Physik und Mathematik.
Irgendwann im Lauf dieser Karriere merkt er, dass er nicht nur schwierige Probleme lösen kann, sondern dass er auf eine Weise von der Mathematik erzählen kann, die auch Laien verstehen. Villani überwindet seine Angst, vor Leuten zu sprechen, absolviert Medientrainings, wird gerngesehener Gast in Talk-Shows und erklärt in Vorträgen, weshalb Mathematik sexy ist (weil sie logisch ist).
Villani wird zum Sprachrohr der wortkargen Mathematiker-Gilde. Auf den Strassen erkennen ihn die Menschen. Die Europäische Kommission holt ihn in ihre hochkarätige wissenschaftliche Beratergruppe, die Päpstliche Akademie der Wissenschaften nimmt ihn als Mitglied auf.
Plötzlich ist es nur noch ein kleiner Schritt in die Politik. Zuerst engagiert sich Villani im Wahlkampf für die Sozialistin Anne Hidalgo, die zur Bürgermeisterin von Paris gewählt wird. Dann lässt er sich von Macrons Bewegung mitreissen.
Das Ja zu Europa, der Kampf gegen den Klimawandel, der Einsatz für soziale Sicherheit und für ein Bildungssystem für alle, das sind seine Themen.
Rund 30 Spinnenbroschen besitzt er - plus eine ausgestopfte Tarantel in seinem Büro
Fortschritt statt Vergangenheit, das also will der Mann mit der historischen Garderobe, womit wir wieder bei seinem Kleidungsstil sind. Es stammt aus seiner Studentenzeit: «Es war ein Versuch, Mädchen anzuziehen», sagte Villani vor ein paar Jahren in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag».
Es habe ziemlich gut funktioniert. Heute glaubten viele Leute, er sei ein Künstler oder Poet. «Das ist eine nette Gelegenheit, ein Gespräch in Gang zu bringen», sagt er.
Was die Spinnenbrosche am Revers soll, bleibt allerdings sein Geheimnis. Es scheint etwas Persönliches zu sein. Er trägt sie immer. Rund 30 verschiedene Exemplare besitzt er – plus eine ausgestopfte Tarantel in seinem Büro.