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Das Active Denial System (ADS) habe ich bereits in zwei Artikeln 2005 und 2007 besprochen. Im Zuge der Löschung älterer Artikel aus dem Jahre 2005, habe ich beide Artikel hier zusammengefasst und auf den neusten Stand gebracht.
Das Ziel des ADS ist, mittels Mikrowellen Personenansammlungen aufzulösen. Die Entwicklung des ADS begann 1992 unter Geheimhaltung und Aufsicht des Air Force Research Laboratory bzw. ab 1997 zusätzlich unter Leitung des Joint Non-Lethal Weapons Directorate. Nachdem die Wirkungsweise des ADS an Tieren ausgetestet wurde, trat im Jahre 2000 bei den anstehenden Feldversuchen ein Problem auf. Seit den 1940er bis Mitte in die 1970er wurden an US-amerikanischen Universitäten, Spitäler und Militärbasen an 16.000 Männer, Frauen und Kinder Strahlenexperimente durchgeführt. Die vom frühere US-Präsident Bill Clinton gegründete Advisory Committee on Human Radiation Experiments veröffentlichte 1995 die Existenz dieser Strahlenexperimente, welche teilweise ethische Kriterien verletzten oder sogar ohne Wissen der Testpersonen durchgeführt wurden.
[…] Energy Secretary Hazel O’Leary and I received a report from my Advisory Committee on Human Radiation Experiments detailing thousands of experiments done on humans at universities, hospitals, and military bases during the Cold War. Most of them were ethical, but a few were not: in one experiment scientists injected plutonium into eighteen patients without their knowledge; in another, doctors exposed indigent cancer patients to excessive radiation, knowing they would not benefit from it. — Bill Clinton, “My Life”, 2004, S.554.
Als Konsequenz verschärfte Clinton die Auflagen zur Bewilligung von Strahlenexperimente an Menschen. Das ADS konnte diese Auflagen unter Wahrung der Geheimhaltung zwei Mal nicht erfüllen, was im Dezember 2000 zur Aufhebung der Geheimhaltung des Projekts führte. Der erste Prototyp (ADS System 0) wurde in einem Container zusammengebaut. 2004 wurde von Raytheon eine weiterentwickelte, mobile Variante in einen HMMWV eingebaut (siehe Bild oben links). Die notwendige Energie wird durch einen Stromgenerator produziert, der vom Dieselmotor des HMMWV angetrieben wird. Davon wurden insgesamt zwei Stück gebaut. Ursprünglich war ab 2005 der Einsatz dieser mobilen Variante im Irak geplant, was jedoch nach dem Abu-Ghuraib-Folterskandal für das Image der USA als zu riskant betrachtet wurde. So kamen bis heute keine solche Systeme zum Einsatz – eine magere Bilanz bei einem über 10 Jahre andauernden Projekts in welches bis 2005 51 Millionen US-Dollar investiert wurde. Es ist jedoch zu befürchten, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das ADS in den USA gegen Demonstranten eingesetzt wird (ähnlich wie beim Long Range Acoustic Device).
If we’re not willing to use it here against our fellow citizens, then we should not be willing to use it in a wartime situation. [Because] if I hit somebody with a nonlethal weapon and they claim that it injured them in a way that was not intended, I think that I would be vilified in the world press. — Michael Wynne, Secretary of the Air Force zitiert in Lolita C. Baldor, “Official: Test nonlethal weapons in U.S“, The Seattle Times, 13.09.06.
Es gab jedoch noch andere Gründe, die gegen einen Einsatz im Irak sprachen: die auf dem HMMWV montierte Variante war wegen fehlender Kühlung bei heissen Umgebungstemperaturen nicht verlässlich einsetzbar. Die letzte verbesserte Variante mit Kühlung (siehe Bild unten rechts) weist wieder einen Umfang von 9 Tonnen auf, was für die Montage auf einem HMMWV zu viel ist. Ausserdem muss mit der Kühlung rund 16 Stunden vor dem Einsatz begonnen werden. (Vgl.: David Hambling, “Reports Slams Pentagon’s ‘Non-Lethal’ Arms Shop: $387 Million Spent, No Weapons“, Danger Room, 27.04.2009). Mit dem Ersatz des Gyrotron durch eine auf Galliumnitrid basierende Strahlenquelle hofft das US Militär das System deutlich verkleinern zu können. Die Forschungen sind klassifiziert, so dass leider nicht mehr bekannt darüber ist.
Das ADS funktioniert wie ein Mikrowellengerät, jedoch mit dem Unterschied, dass der Frequenzbereich nicht bei 2,45 GHz sondern bei 95 GHz liegt. Mit dieser Frequenz kann die elektromagnetische Strahlung nur ca. 0,4 mm in die Haut eindringen. Dort werden die Wassermoleküle zur Schwingung gebracht, was innerhalb von Sekunden eine Temperatur bis zu 55°C erzeugen vermag. Dies ist nicht ganz ohne Risiko, denn bei einer Hauttemperatur von 60°C während 5 Sekunden sind Verbrennungen zweiten und dritten Grades unausweichlich. In der Regel flüchten die betroffenen Personen innerhalb von 3 Sekunden und bei den Tests blieb keine Person länger als 5 Sekunden im Strahlungsbereich (Quelle: David Hambling, “Say Hello to the Goodbye Weapon“, Wired, 12,05.06). Bei einem echten Einsatz muss jedoch damit gerechnet werden, dass beispielsweise bei einer Massendemonstration eine betroffene Person sich nicht schnell genug wegbewegen kann oder dass Personen auch mehrmals von dem Mikrowellenstrahl getroffen werden könnten. Ausserdem besteht die Gefahr, dass die Augen der Betroffenen Schaden nehmen könnten. Unter Hitzeeinwirkung dehnt sich das Kammerwasser und der Glaskörper des Auges aus. Der erhöhte Innendruck presst die Blutgefässe des Auges weg, schädigt den Sehnerv und kann zur Erblindung führen. Die Symptome entsprechen dem Grünen Star. Die Air Force meldete, dass einige ihrer freiwilligen Testkandidaten Hautrötungen aufwiesen, und dass bei 6 auf 600 Testpersonen (bei total 10,000 Bestrahlungen) die Bildung kleiner Blasen festgestellt wurden. Bei einem Unfall wegen zu hoher Energieeinstellung wurde in einem Laborversuch bei einem Testkandidat in einem ca. 2cm grossen Bereich Verbrennungen 2. Grades festgestellt (Quelle: David Hambling, “Details of US microwave-weapon tests revealed“, New Scientist, 22.07.05). Im April 2007 holte sich eine weitere Testperson während eines Tests Verbrennungen 2. Grades an beiden Beinen. Der Unfallbericht zeigt auf, wie wenig notwendig ist, um jemandem ernsthafte Verbrennungen zuzufügen. Die Problematik bei dieser Waffe liegt darin, dass zwischen der ungefährlichen Anwendung, welche das Flüchten der betreffenden Person bewirkt und der Verbrennungen zweiten bis dritten Grades eine Sekunde Bestrahlzeit liegen kann. Diese Verantwortung ist technisch nicht abgesichert, sondern wird dem Operateur abgeschoben.
Die Reichweite der militärischen Variante soll gemäss Angaben des Joint Non-Lethal Weapons Directorate bei über 500m liegen. Feldversuche wurden bis zu Distanzen von über 700m durchgeführt. Gemäss des ehemaligen Brigadiers Bruce A. Carlson, Kommandant des Air Force Materiel Command ist ein Einsatz über 1000m auf drei bis vier zusammenstehende Personen möglich (Quelle: Stew Magnuson, “Non-lethal Weapon Readied for Battlefield“, National Defense, Januar 2006). Unter dem Namen “Silent Guardian” bietet Raytheon seit 2006 eine kleinere kommerzielle Variante zum Preis von unter 10 Millionen US-Dollar (Stand 2008) an. Gemäss Raytheon soll bei der kleineren Variante ein Einsatz über 250m möglich sein. Es gibt bis jetzt keine Anzeichen, dass Raytheon auch tatsächlich Systeme verkauft hat. Derzeit laufen Versuche, um das ADS auch von Flugzeugen (beispielsweise von einer Lockheed C-130 Hercules) aus zum Einsatz bringen zu können. Soll dies gelingen, müssten Reichweiten von über 3000m angestrebt werden. Auf der anderen Seite des Spektrums sind Tests an tragbaren Varianten mit Einsatzdistanzen um 15m im Gange. Gegen Mikrowellen schützen übrigens elektrisch leitende Stoffe. Die Eindringtiefe der elektromagnetischen Strahlung in Aluminium bei 95 GHz beträgt nur 0,27 Mikrometer. Das bedeutet, dass eine handelsübliche Aluminiumfolie den Körper vor der Mikrowellenstrahlung des ADS schützen könnte und dass folglich die betroffene Person keinen Schmerzreiz erfahren würde.
Quellen
- Jürgen Altmann, “Millimetre Waves, Lasers, Acoustics for Non-Lethal Weapons? Physics Analyses and Inferences“, Technische Universität Dortmund, 2008, S.52.
- Neil Davidson, “Non-Lethal Weapons”, 2009, ISBN: 0-230-22106-8.