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Musiker, Kenner und Sammler
Urs Joseph Flury ist nicht nur als Geiger und Komponist bekannt, er ist so etwas wie das musikalische Gedächtnis der Schweizer Musikszene des 20. Jahrhunderts.
Die Hauptaktivität von Flurys Vater, dem Spätromantiker Richard Flury (1896–1967), fiel in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit unzähligen Kontakten, ja oft Freundschaften zu Komponisten und Interpreten aus dem In- und Ausland. Über diese Erlebnisse pflegte er einen regen Austausch mit seinem Sohn Urs Joseph, geboren 1941. In späteren Jahren war dieser bei vielen Begegnungen selber dabei; besonders geprägt hat ihn die Begegnung mit Pablo Casals. Deshalb reicht das (hervorragende) Gedächtnis von Flury weit zurück, und so kommt es, dass er Details aus der Schweizer Musikszene äusserst genau kennt: Wann verliess Scherchen das Winterthurer Orchester, wer von den Orchestermusikern wechselte mit ihm nach Zürich, welches waren die (pikanten) Begleitumstände von Max Regers Klavierrezital in Lausanne, wie verlief die tragisch endende Beziehung zwischen Maria Schell (sie ging im Hause Flury ein und aus) und dem Geiger Georg Kulenkampff? – Tausende solcher Details kennt Flury und erzählt sie bei Gelegenheit. Für Fragen aus diesem Zeitraum wird Flury von allen Seiten kontaktiert und unzählige Male wurde er schon aufgefordert, darüber ein Buch zu schreiben. Denn ausser ihm – und nach ihm – wird das niemand mehr wissen.
Entdecker und Bewahrer
Flury war immer fasziniert und beeindruckt von Künstlern, die in mehreren Sparten tätig waren, «Doppelbegabungen», wie er sie nennt. Darunter sind allgemein Bekannte: E. T. A. Hoffmann, Jean-Jacques Rousseau oder Kaiser Joseph I. von Habsburg. Aber wer wusste schon von der musikalischen Begabung von Arthur Schnitzler, Annette von Droste-Hülshoff, dem Clown Grock, dem Freiheitskämpfer und Aufklärer Tadeusz Kościuszko und vielen anderen, bevor Flury deren Werke ausgrub, aufführte und auf CD einspielte?
Durch diese Entdeckungen bewahrte er unzählige Werke vor dem endgültigen Vergessen. Besonders aktiv war er diesbezüglich bei Solothurner Komponisten: So bearbeitete und edierte er Werke von u. a. Alois Glutz von Blotzheim, Casimir Meister, Edmund Wyss und Dino Ghisalberti, dessen Werkverzeichnis er erstellte. Über sein musikalisches Gebiet hinaus hat Flury mit der Herausgabe eines Gedichtbandes im Jahre 2005 das Werk der Solothurner Lyrikerin Olga Brand (1905–1973) gesichert.
Ganz besonders liegt ihm das Werk seines Vaters am Herzen, das ist sein eigentlicher Lebensinhalt. Unzählige Stücke, zum Teil ihm gewidmet, hat er als Geiger gespielt und uraufgeführt, ebenso viele instrumentiert, dirigiert und auf CD eingespielt. Mit der Gründung der Richard-Flury-Stiftung im Jahr 1996 hat er die Grundlage geschaffen, dass die Förderung dieses Werks breiter abgestützt und nachhaltig betrieben werden kann (www.richardflury.ch).
Eine grosse Leidenschaft Flurys sind historische Aufnahmen, besonders von Geigern. Er besitzt wohl die grösste Sammlung von Einspielungen des Geigers Fritz Kreisler (auch als Pianist!), aber auch von Jacques Thibaud, Aldo Ferraresi, Alfredo Campoli, Gabriella Lengyel und Georg Kulenkampff. Viele Labels verdanken ihm die Herausgabe von Aufnahmen. Der Fonoteca nazionale in Lugano hat Flury Dutzende von historischen Aufnahmen übergeben.
Komponist, Geiger und Dirigent
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- Foto: zVg
Flurys Œuvre (www.ujflury.ch) umfasst Vokal- und Orchesterwerke, Instrumentalkonzerte sowie Kammermusikwerke in den verschiedensten Besetzungen. Mit der Musik zum Märchen Die kleine Meerjungfrau (1979) sind Generationen von Solothurner Kindern aufgewachsen, und es fanden unzählige Aufführungen statt, mit und ohne Ballett. Markante Akzente setzten die geistlichen Werke auf Texte von Beat Jäggi (Soledurner Wiehnechtsoratorium und Passion in Solothurner Mundart) sowie in jüngster Zeit die Auftragskompositionen der Kantorei Solothurn, The frozen people und Vier Lieder zum Jahreszyklus. Als sein bestes instrumentales Werk betrachtet er die sinfonische Dichtung Vineta. Flurys Cellokonzert existiert mit dem Solisten Pierre Fournier auf CD, die Violinsolosonate mit Ruggiero Ricci, das Violinkonzert in D mit Alexandre Dubach. Das Romantische Klavierkonzert (mit Margaret Singer) ist «Dauerbrenner» bei Radio Swiss Classic. Viele Kammermusikkompositionen sind gedruckt.
Schüler von Walter Kägi und Hansheinz Schneeberger, wirkte Flury ab den Sechzigerjahren als gefragter Solist und Kammermusiker. 1966/67 war er Konzertmeister der Camerata Biel und 1965–1968 Mitglied des Basler Kammerorchesters. Als Violinlehrer unterrichtete er 1967 an den Stadtschulen, von 1968 bis 1998 an der Kantonsschule Solothurn; von 1967–1972 war er Violin- und Theorielehrer am Konservatorium Biel.
Seit 1971 leitet er das Solothurner Kammerorchester, von 1970–2016 stand er auch dem Orchestre du Foyer Moutier vor. In seinen Programmen vermeidet er die «grossen» Werke, die jeder Musikliebhaber bestens kennt und die von einem Amateurorchester in aller Regel nicht wirklich beherrscht werden. Viel lieber setzt er auf Raritäten grosser Meister oder Werke von Solothurner Komponisten, meist als Erstaufführungen und oft für die Erfordernisse des Orchesters instrumentiert oder bearbeitet.
Für seine umfassende musikalische Tätigkeit wurde Urs Joseph Flury 2016 der Kunstpreis des Kantons Solothurn zugesprochen.