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Vor vielen Jahren musste ich einen Aufsatz schreiben zum Thema «Der ideale Mittelschullehrer». Die Lehrerinnen waren damals «mitgemeint».
Der Text kam mir in den letzten Wochen wieder in den Sinn, als ich die aktuellen Diskussionen über den Mangel an Lehrpersonen verfolgte. Häufig wurde in diesem Zusammenhang auch diskutiert, welche Anforderungen man als Lehrer:in erfüllen muss. Ich zitiere hier meinen Aufsatz exakt so, wie ich ihn 1977 der Lehrerin (natürlich handschriftlich) abgegeben hatte. Ich lese heute schmunzelnd, wie schematisch ich das Problem behandelte, aber ich erkenne auch Haltungen, die ich immer noch vertrete.
«Der ideale Mittelschullehrer
Ich möchte hier versuchen einen idealen Mittelschullehrer zu beschreiben. Man muss sich aber bewusst sein, dass dies unmöglich ist. Denn der Lehrer hat sich ja immer möglichst nach der Klasse zu richten. Die Art der Klasse aber ist in jedem Falle verschieden. Deshalb kann man kein allgemeingültiges Idealbild eines Lehrers herstellen.
Zuerst muss ich die Lehrer nach ihren Fächern in drei Gruppen einteilen: 1. der Zeichen-, Sing- oder Turnlehrer 2. der in wissenschaftlichen Fächern unterrichtende Lehrer 3. der Sprachlehrer (Muttersprache und Fremdsprachen).
Der Zeichen-, Sing- oder Turnlehrer muss in erster Linie Kamerad und Freund der Klasse sein. Er muss versuchen zusammen mit dem Schüler etwas zu erreichen. Hier kann der Lehrer nicht dozieren, sondern nur Ratschläge erteilen. Diese Lehrer müssen sehr viel von sich persönlich geben. Der Schüler findet also einen Freund, der in verschiedener Hinsicht mehr Erfahrung hat als er selber. Davon kann er profitieren.
Der in wissenschaftlichen Fächern unterrichtende Lehrer sollte während der Lektion kühler Dozent bleiben. Vor oder nach der Stunde kann er mit den Schülern persönliche Kontakte anknüpfen. Es stört mich aber überhaupt nicht, wenn er dies nicht tut. Bei diesen Fächern muss in der Beziehung Lehrer – Schüler jederzeit das Fach im Vordergrund stehen.
Der Sprachlehrer sollte eine Mischung aus den beiden schon aufgezählten Typen sein. Er hat einerseits in Grammatikstunden kühl zu dozieren, anderseits kann er in der Konversation Sprache üben. Er lernt aber auch die Schüler besser kennen, so wie die Klasse den Lehrer besser kennenlernt. Dabei entwickelt sich gewiss ein gutes Verhältnis, wenn beide Parteien Stärken und Schwächen der anderen kennenlernen.
Ich habe jetzt vor allem über die Beziehung geschrieben, die der Lehrer zum Schüler haben sollte. Ich glaube, wenn das Verhältnis so ist wie ich es kurz zu schildern versucht habe, dann kann der Schüler am meisten profitieren, in fachlicher wie in menschlicher Hinsicht.»
Martin Zimmermann
Wochenbrief_2305