Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03357.jsonl.gz/1892

|Die Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein, englisch ISKCON abgekürzt und allgemein "Hare Krishnas" genannt, wurde im Jahr 1965 vom indischen Guru A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada in New York gegründet. Prabhupada entstammte der bengalischen Gaudiya-Math-Bewegung, welche eine auf das 16. Jahrhundert n.Chr. zurückgehende spezielle Form des hinduistischen Vishnuglaubens vertritt: Erlösungsweg ist die Verehrung des Gottes Krishna, der traditionell als Inkarnation (Verkörperung) des Gottes Vishnu gilt, von der Gaudiya Math aber als höchster Gott gesehen und verehrt wird. Diese Verehrung geschieht einerseits im Chanten, im Singen des Mahamantras (grossen Mantras): "Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare. Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare" (Hare Krishna = Anruf "Herr Krishna", Rama = Sagengestalt des Hinduismus, welche ebenfalls als Inkarnation Vishnus resp. Krishnas gilt). Dieses Mantra ist täglich mindestens 1728 mal zu wiederholen, gezählt als 16 Runden auf der 108 Kugeln umfassenden Gebetskette (japa). Zweitens sind die "Vier regulierenden Prinzipien", vier grosse Verbote, zu beachten: 1. Verzicht auf Fleischkonsum, aber auch auf Zwiebeln und Knoblauch (gelten als lustfördernd), und vorgängige Darbringung des Essens an Krishna (was einen Verzicht aufs Kosten beim Kochen bedeutet). 2. Verzicht auf Drogen, was auch alle koffeinhaltigen Getränke beinhaltet, 3. Verzicht auf jeden Geschlechtsverkehr, welcher nicht aktiv und bewusst zur Zeugung von Kindern dient, 4. Verzicht auf Glücksspiel.

Junge Menschen, welche zu den Hare Krishnas stossen, leben meist zuerst eine Zeitlang ehelos im Tempel, wo sie tagsüber durch Buchverkäufe (in der Vergangenheit z.T. unter Anwendung nicht ganz sauberer oder gar krass faktenwidriger Formulierungen) zum Unterhalt des Tempels beitragen. Später kann eine Heirat und damit verbunden der Auszug aus dem Tempel und die Aufnahme einer Berufstätigkeit folgen, wobei das Mitglied gehalten ist, den Tempel nunmehr durch Spenden finanziell zu unterstützen (Prabhupada selbst schlug hierfür mindestens 50% des Lohnes vor, eine Quote, die Hare Krishnas im deutschen Sprachraum dem Vernehmen nach bei weitem nicht erreichen).
Kritisch ins Gespräch kamen die Hare Krishnas neben nicht ganz ehrlicher bis klar täuschender Werbung insbesondere wegen ihres Tagesablaufs: Wenig zu schlafen gilt als Kennzeichen spirituellen Fortschrittes, so dass Hare Krishnas grundsätzlich motiviert sein können, ihre Schlafzeit unter das physiologisch erforderliche Mass zu reduzieren. Schlafentzug ist aber eines der probatesten Mittel des sog. "Mind Control", der Bewusstseinskontrolle, welche darauf abzielt, das Mitglied von eigenem Nachdenken fern zu halten.
Daneben vertreten die Hare Krishnas in recht fundamentalistischer Manier ein altindisches Gesellschaftsmodell (das die Krishnas selbst "vedisch" nennen, obwohl es nicht auf die Veden, sondern auf deutlich jüngere Schriften zurückgeht). Entsprechend wird die Rolle der Frau derjenigen des Mannes untergeordnet (nicht hingegen der spirituelle Wert einer Frau), Frauen gelten für Prabhupada wegen ihres angeblich kleineren Gehirns als weniger intelligent als die Männer, dafür übertreffe ihre Triebhaftigkeit diejenige des männlichen Geschlechts, weshalb es besser sei, Frauen "keine Freiheit zu geben" und sie in dienenden Funktionen zu beschäftigen. Für bewährte Frauen stehen bei den Hare Krishnas aber durchaus auch Kaderpositionen offen. Als Folge der Bejahung altindischer Verhältnisse wird weiter eine landwirtschaftliche Existenz unter teilweisem Verzicht auf Technik sowie die Einführung des Kastensystems propagiert (wobei die Kastenzuteilung nicht durch Geburt, sondern aufgrund der Begabung erfolgen soll).
Nach dem Tode Prabhupadas im Jahr 1977 übernahm ein Team von Gurus, welche Prabhupada vor seinem Ableben aus (meist westlichen) Jüngern ausgewählt hatte, die Nachfolge. Die mangelnde Eignung der meisten dieser Nachfolger führte in den folgenden Jahren zu inneren Turbulenzen und zu Problemen mit staatlichen Stellen. Die Zuwahl weiterer Gurus und die Reduktion von deren Machtfülle führte zu einer Beruhigung der organisatorischen Situation. Im Fall der Schweizer Hare Krishnas führte der Austritt des zuständigen Gurus zu einer strukturellen Lockerung, deren Andauern aber nicht ganz sicher ist.
Die Hare Krishnas kennen einen hohen Durchlauf an Mitgliedern. In ihrer Exotik für viele junge Menschen grundsätzlich anziehend, sprechen sie mit ihrer Abwertung sexueller Gefühle nicht zuletzt diesbezüglich frustrierte junge Männer an. Eine länger andauernde stabile Mitgliedschaft ergibt sich aus dieser Motivation aber kaum. In den letzten Jahren zeigte sich eine zunehmende Hinwendung zumindest eines Teils der Hare Krishnas zu Verschwörungstheorien, wodurch sie sich ein neues Publikum erschlossen.