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Vor kurzem habe ich hier das Enthymem als Muster für Argumentationen vorgestellt. Das Enthymem führt vor Augen, dass der grundlegende Faktor einer überzeugenden Argumentation in einer Schlussregel besteht, die – im Gegensatz zum eigentlichen Streitpunkt – unbestritten sein muss. An die Schlussregel müssen also beide glauben: der, welcher überzeugen will, wie auch der, welcher überzeugt werden soll.
Was aber, wenn keine solche Schlussregel zur Verfügung steht? Wie kann ich argumentieren, wenn keine gemeinsame Grundlage für den Aufbau einer Enthymemargumentation zu finden ist? – In diesem Fall muss ich in einem ersten Schritt eine solche Grundlage schaffen. Das Mittel dazu sind Beispiele, die als Hinführung zur Schlussregel dienen.
Jürg ist ordentlich erkältet. Petra empfiehlt ihm, zur Stärkung des Immunsystems doch jeden Morgen frisch gepressten Orangensaft zu trinken. Jürg hält nicht viel von diesem Vorschlag, den Orangensaftmythos vielmehr für eine Strategie der Obstproduzenten. Erkältungen seien in der kalten Jahreszeit ein unvermeidbares Übel. Petra: “Also, seit ich täglich am Morgen einen frisch gepressten Orangensaft trinke, bin ich kaum mehr krank. – Und frag mal Sarah, der geht es genauso.”
Die Grundlage einer unbestrittenen Schlussregel fehlt hier zunächst. Petra führt deshalb Beispiele an, um sie aufzubauen. Die Beispiele sollen klar machen: Wer täglich einen frischen Orangensaft trinkt, ist weniger krank. Wenn Jürg davon überzeugt ist, wird er auch den letzten Schritt gehen, und zum Schluss kommen: “Wenn ich jeden Tag Orangensaft trinken würde, wäre ich auch weniger krank.”
Die Wirkung der Beispielargumentation ist natürlich von der Wahl der Beispiele abhängig. Ein einzelnes relevantes Beispiel kann bereits zum Ziel führen. Doch auch die Aneinanderreihung mehrerer Beispiele kann wirkungsvoll sein. In jedem Fall ist bei der Wahl der Beispiele die Perspektive des Gegenübers zu bedenken. Ich muss Beispiele wählen, die mein Gesprächspartner einordnen kann und die für ihn relevant sind. Wie im Artikel über das Enthymem möchte ich hier nochmals ein theologisches Negativbeispiel anführen, nochmals zur Glaubwürdigkeit der Bibel:
Stefan glaubt, dass die Bibel wahr ist. Roger nicht. Und Stefan ist ganz überrascht, dass Roger sich auch dann noch nicht überzeugen lässt, als er ihn darauf hinweist, dass bereits beim Propheten Jesaja die Geburt Jesu vorausgesagt sei. Dort heisse es: “Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären.” Und auch der prophetische dreitägige Aufenthalt Jonas im Bauch eines grossen Fisches als Vorzeichen der drei Tage, die Jesus vor seiner Auferstehung im Grab verbrachte, wollen keine rechte Wirkung entfalten. Stefan wundert sich, denn ihn beeindrucken diese Beobachtungen immer wieder neu; die erfüllten Voraussagen stärken sein Vertrauen in die Bibel. Was er sich jedoch nicht überlegt hat: Roger sind diese Beispiele überhaupt nicht zugänglich, weil in ihnen keine Beziehung zu seinem eigenen Leben oder seinem Vorwissen erkennbar ist. Er fragt sich (oder allenfalls Stefan): Wer garantiert denn überhaupt, dass es sich bei diesen Beispielen um erfüllte Prophezeiungen handelt? Vielleicht wurden die prophetischen Texte ja später geschrieben? Und das mit der jungfräulichen Geburt, das ist ja wohl eher ein Beispiel, das gegen die Zuverlässigkeit der Bibel spricht.
Stefan wird sich wohl oder übel andere Beispiele überlegen müssen, um Roger zu überzeugen. Beispiele, die näher bei Rogers Vorstellungen liegen – und so womöglich weiter von seinen eigenen entfernt sind.