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Was meine ich mit „konstruktivistisch“?
Für die Vertrauensbildung habe ich als Säugling sicher von der Annahme profitiert, dass meine Wahrnehmung absolut und somit objektiv sei. Diese Prägung war so stark, dass ich sie auch als Erwachsener kaum mehr revidieren konnte – selbst als sich die Zeichen häuften, dass mein inneres „Bild von der Welt“ wahrscheinlich nicht einfach eine „automatische“ (passive) Reproduktion der äusseren Welt ist.
Meistens war ich zwar sehr froh, wenn andere mir durch ihre Optik noch andere Aspekte beibringen konnten, häufig war diese Andersartigkeit jedoch auch verwirrend, ärgerlich oder schmerzlich. Es wurde immer offensichtlicher, dass meine Wahrnehmung wohl nicht absolut, richtig und wahr, sondern sehr relativ ist. Und dass diese Wahrnehmung folglich auch nicht objektiv, sondern subjektiv sein muss. Doch wie konnte ich diese Erkenntnisse damit in Übereinstimmung bringen, dass mir mein Gefühl absolute Wahrheit und Objektivität suggerierte? Dieses Dilemma zwischen Empfinden und Erkennen scheint die Menschen seit jeher zu beschäftigen, entsprechend ist die so genannte Erkenntnistheorie zu einem Hauptteil der Philosophie geworden.
Für meine Praxis beziehe ich mich gerne auf ein Modell des Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget (1896 – 1980). Nach diesem Modell ist mein Bild von der Welt das Ergebnis einer zwar unbewussten, jedoch aktiven Konstruktionsleistung. Diese Konstruktion kann einfachheitshalber auf die Konstruktionselemente „Wahrnehmung“ und „Bewertung“ komprimiert werden. So bewerten beispielsweise die meisten Säuglinge die Wahrnehmung ihres Daumens positiv, weil sie damit ihren Saugreflex befriedigen können.
Gemäss dem Modell konstruiert sich jedes Individuum ab seinem ersten Tag auf Grund stetiger Verknüpfung von individueller Wahrnehmung und dessen Bewertung permanent ein individuelles Bild der Welt. Denn jede Wahrnehmung und Bewertung baut auf den vorhergehenden Wahrnehmungen und Bewertungen auf.