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Endlich haben wir den Stand mit den Seifen auf dem riesigen, schlammigen Gelände gefunden. Ein Mann und eine Frau, obligaterweise in „mittelalterlicher“ Tracht, stehen dahinter. Der Mann trägt ein weites, Mittelalter-weisses (man könnte auch sagen, „schmutzigweisses“) weites Hemd und darüber eine Art blauer Pullunder, vermutlich aus glücklichem Bio-Leinen, dazu einen Hut mit Federn, der mich an D’Artagnan von den drei Musketiere erinnert. Die Frau im Mittelalter-braunen Gewand taucht just in dem Moment, in dem wir aufkreuzen, in der Menge unter, so dass ich mich auf D’Artagnan konzentriere. „Guten Tag, haben Sie auch Haarseife?“ Er guckt verdutzt, und ich frage mich, ob es hier wohl üblich ist, sich mit irgendeiner merkwürdigen Mittelalter-Floskel zu begrüssen, wie ich das von den „Gilmore Girls“ kenne. D’Artagnan murmelt etwas in seinen Mittelalter-Bart, das so klingt wie „na ja… Eigentlich… Aber…“, und ich bereue auf der Stelle, dass ich mir das Ganze hier überhaupt angetan habe.
Es hatte ja gute Gründe, warum ich den Plan gefasst hatte, mich mit meiner Schwester zu dieser merkwürdigen Veranstaltung zu begeben: Im Internet hatte ich den Webshop einer Dame gefunden, die selber Seife herstellt, nach strengen Öko-Richtlinien und ausschliesslich mit Bio-Palmöl. Nicht nur für die Körperpflege, sondern auch für die Haare kreiert sie Seifen, und da ich nach wie vor versuche, ohne Shampoo-Flaschen weniger Abfall zu produzieren und meine Lush-Haarseife bald aufgebraucht ist, dachte ich, ich sehe mir die Dame und ihre Produkte mal genauer an – da sie offensichtlich an einem Markt ausgerechnet in der Ortschaft teilnimmt, in der meine Schwester wohnt. Ich stellte mir einen ganz gewöhnlichen Markt vor, mit Gemüse, Blumen, Schmuck, Süssigkeiten und Seifen, solange, bis mich meine Schwester am Telefon boshaft kichernd informierte, dass „gewandete Besucher“, sprich, verkleidete Mittelalter-Jünger, im Fall keinen Eintritt bezahlen würden. Ich lachte ein bisschen abwesend, da ich während dem Telefonat gleichzeitig einen Rhabarberkuchen buk, und hielt es für einen harmlosen Scherz (und sowieso, seit wann sollte man an einem Markt „Eintritt“ bezahlen?!). Bereits, als ich meine Schwester dann mit Joséphine in ihrer Behausung abholte und in Richtung des Marktgeländes bretterte, wurde mir gewahr, dass das ein grosser Irrtum war. Frauen, Männer, Kinder in merkwürdigen Röcken, Capes und, vor allem, Hüten und anderen seltsamen Kopfbedeckungen kamen uns entgegen. Die Kinder meist in hölzernen Wagen, gezogen von Personen, die einem Film entstprungen schienen. „Ok…“, meinte meine sonst so schlagfertige Schwester langsam, „es scheint, als würden wir hier ziemlich auffallen.“ In der Tat passten ihre neonfarbene Outdoor-Jacke und meine knallroten Dalmatiner-Gummistiefel irgendwie nicht recht in dieses Zeitalter.
Nicht ganz passendes Schuhwerk.
Aber zurück zur Haarseife und D’Artagnan. Er hat mittlerweile etwas gemurmelt, das klang wie „ich weiss leider nicht… Moment… Ich muss schauen…“ und hat sich ebenfalls aus dem Staub gemacht. Schliesslich kommt die braun gewandete Frau wieder daher. „Sie haben ja schöne Gummistiefel“, grinst sie. „Ja, die sind toll, nicht?“ „Sehr funktional.“ Während ich noch darüber nachdenke, dass das wohl nicht unbedingt als Kompliment gedacht war und wie lustig ich es auf einer Metaebene finde, dass sich jemand in ihrem Aufzug über meine Gummistiefel amüsiert, kramt sie in verschiedenen Kisten hinter dem Stand und hält mir schliesslich ein kleines Stück Seife unter die Nase. „Die da ist eine Möglichkeit. Haben Sie kalkhaltiges Wasser zu Hause?“ „Ja“, sage ich, und schnuppere. „Riecht wirklich gut“, ich versuche, meine Überraschung zu tarnen. „Haben Sie bereits Erfahrung mit Haarseife?“, will die Mittelalter-Dame wissen. „Ja“, ich bin ein bisschen stolz, dass ich so antworten kann, „ich habe bisher ein Produkt von „Lush“ verwendet.“ Beim Wort „Lush“ schnellen die Augenbrauen der Dame unkontrolliert in die Höhe, und irgendwas in ihrem Gesicht beginnt zu zucken. „Ein Produkt von Lush“, aus ihrer Stimme klingt kaum verhohlene Verachtung, „aha. Wissen Sie…“, sie ringt nach Worten, „das ist keine Seife, was die im Lush verkaufen. Da sind Tenside drin. Das hat mit Seife nichts zu tun.“ Tenside, aha, denke ich, und frage mich, ob ich der Dame sagen soll, dass ich keine Ahnung habe, was das ist, oder ob ich damit alles nur noch schlimmer mache. Hilfesuchend sehe ich mich nach meiner Schwester um, die immerhin ein naturwissenschaftliches Studium hinter sich hat und bestimmt weiss, was „Tenside“ sind, und warum man die auf einem Mittelaltermarkt Scheisse findet. Leider ist mir meine Schwester keine Hilfe, denn auch in ihrem Gesicht zuckt es, wenn auch wohl aus anderen Gründen, und sie dreht sich blitzschnell um, als ich sie ansehe, und verhindert so, dass ihr Heiterkeitsausbruch von der braun gewandeten Seifen-Dame bemerkt wird.
„Wissen Sie, die Umstellung wird einige Zeit brauchen“, meint die Dame weiter. „In den nächsten Monaten ist Durchhaltevermögen gefragt. Die Haare werden fettig und strähnig.“ Ich glaube, mich verhört zu haben. „In den nächsten MONATEN?“ „Jawohl“, meint die Dame, „es kann auch länger dauern. Ihre Haare müssen sich erst daran gewöhnen. Ich habe eine Kundin, bei der hat es ein Jahr gedauert. Die hatte vielleicht Nerven, sage ich Ihnen. Aber das war halt ihr Weg mit der Haarseife. Sie werden Ihren Weg auch finden müssen.“ Werde ich?! Mir wird das Ganze langsam unheimlich. „Wichtig ist ja auch, dass Sie so 1mal pro Woche eine saure Spülung machen. Mit Essig, zum Beispiel.“ „Mit Essig?“, echot es aus meinem Mund. „Jawohl, ich erkläre Ihnen, wie man das macht. Also….“
Irgendwann halte ich, reichlich paralysiert, das Stück Seife in den Händen und verabschiede mich. Kaum haben wir den Stand verlasssen, kichert meine Schwester haltlos. Ich bin immer noch verstört. „Habe ich das richtig gehört? Meine Haare sehen jetzt ein Jahr lang Scheisse aus, weil ich meinen Weg mit der Seife finden muss?!“ „Na ja, Hauptsache, du bist die Tenside los.“