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Die Heilbäder von Baden im Aargau empfingen im Mittelalter und der frühen Neuzeit zahlreiche hochrangige Badegäste. Ihnen standen exklusive Bäder und Baderäume mit besonderen Annehmlichkeiten zur Verfügung. Einige davon sind heute noch erhalten.
Andrea Schaer
Andrea Schaer ist freischaffende Archäologin, Kulturhistorikerin und Autorin.
Bereits im Hochmittelalter erfreuten sich die Bäder von Baden im Aargau grosser Beliebtheit. Der bereits im 11. Jahrhundert belegte Ortsname «ze Badun» (bei den Bädern) zeugt von der Bedeutung des Badeorts in dieser Zeit. Archäologische Funde lassen im Laufe des 11. und 12. Jahrhunderts einen grossangelegten Ausbau der Badener Bäder fassen. Dabei wurden nicht nur einzelne, in der Römerzeit gebaute und womöglich ununterbrochen benutzte Bäder wie das St. Verenabad, instand gestellt, sondern auch verschiedene Thermalquellen neu gefasst.
Bei den neu gefassten Quellen entstanden Badebecken. Sie lagen womöglich zunächst unter freiem Himmel, wurden aber bald mit pavillonartigen Badehäusern überbaut. Die Badehäuser boten den Badenden Schutz vor der Witterung und erlaubten auch eine gewisse Absonderung. Neben den Badeanlagen befanden sich erste, anfangs wohl verhältnismässig einfache Unterkünfte.Die damaligen Badebassins waren grosse Gemeinschaftsbecken. Einzelne Becken lagen unmittelbar über der Quellfassung. Dort konnte das frisch aufströmende Wasser nicht nur in reinster Form genossen werden, sondern der kontinuierliche Wasserschwall und die im Wasser aufsteigenden Gasblasen ergaben die Sensation eines Sprudelbads. Solche Bäder wurden «Kesselbäder» genannt; «Kessel» war die in Baden übliche Bezeichnung für die Quellfassung. Unzweifelhaft waren die «Kesselbäder» die exklusivsten aller Badeeinrichtungen. Nur die beiden Gasthöfe «Hinterhof» und «Staadhof» sowie die Gasthäuser «Ochsen» und «Bären» und auch das als Armenbad dienende St. Verenabad konnten diese Annehmlichkeit anbieten.Das «Kesselbad» des «Hinterhofs» ist heute noch im Untergeschoss des neuen Badener Thermalbads von Mario Botta erhalten und öffentlich zugänglich. Es war im Mittelalter das grösste Bad des Gasthofs. Seinem Namen zum Trotz lag es aber nicht direkt über der Quelle, sondern etwa 40 Meter von dieser entfernt. Das Wasser wurde mit einer Leitung aus Holzrohren (Teucheln) zum Becken geleitet und mit einer Druckleitung (Düker) in einem Bleirohr unter dem Becken hindurch in den «Kessel» geführt. Nur so konnte der damals bedeutendste Badegasthof seinen Gästen auch das ultimative Baderlebnis bieten.Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts begannen die Habsburgischen Herrscher das Eigentum an den Grundstücken in den Badener Bädern mitsamt Quellen und Wasserrechten an die Gastwirte zu übertragen. Dies und wohl auch dank der Beliebtheit des Badeorts stetig wachsende Bedarf nach immer mehr Badeeinrichtungen und Unterkünften führte zu einem Zusammenwachsen von Herbergen und Badehäusern. Aus den Badehäusern wurden nun abgeschlossene Badekeller.
1553 beschreibt der Zürcher Universalgelehrte Conrad Gessner im von Tommaso Di Giunta in Venedig gedruckten Bädercompendium «De Balneis» einen solchen Baderaum im Badener Gasthaus und späteren Hotel Ochsen. Gessner nennt den Baderaum, zu welchem man über mehrere Treppen in einen Keller hinuntersteigen müsse, «Hölle». Was Gessner nicht erwähnt: die in der «Hölle» entspringende und das dortige Bad speisende Quelle heisst, wie es einer lebensspendenden Heilquelle geziemt, Paradiesquelle!Die Bauarchäologischen und historischen Forschungen der vergangenen Jahre erlauben es nicht nur, den von Gessner beschriebenen Baderaum eindeutig zu lokalisieren, sondern werfen auch ein Licht auf dessen bemerkenswerte Baugeschichte.
Der Baderaum geht auf ein im 13. Jahrhundert vermutlich an Stelle eines älteren Vorgängers erbautes Badehaus zurück. In diesem lag ein von der Paradiesquelle gespeistes Gemeinschaftsbad. Das trapezförmige, gegen den steilen Abhang gebaute, Badehaus öffnete sich einst mit drei frühgotischen Tuffsteinbögen zu einem Hof oder dem damals womöglich damals grösseren Bäderplatz (dem heutigen Kurplatz). Durch einen Torbogen konnte ein über dem Bad liegender Balkon betreten werden. Womöglich war dies eine der Gallerien, wie sie bereits 1416 vom Florentiner Humanisten Giovanni Francesco Poggio Bracciolini beschrieben wurden.
Vermutlich handelt es sich beim Badehaus über der Paradiesquelle um das in verschiedenen Urkunden im 14. Jahrhundert als habsburgisches Erblehen beschriebene, auserwählten Badegästen vorbehaltene «Beschlossene Bad» (balneum clausum).Im 16. Jahrhundert wurde das Badehaus in die Bauten des Gasthauses Ochsen integriert, ein kleineres Privatbad angebaut und die Arkaden verschlossen. In diesem Zustand wird Conrad Gessner den Raum erlebt haben. Der Wandel der Badekultur führte im späten 16. und 17. Jahrhundert zur Aufgabe des grossen Gemeinschaftsbades über der Paradiesquelle. Das Badehaus mit dem angebauten Privatbad wurde nun in sechs kleine Baderäume unterteilt und auch in den benachbarten Kellerräumen entstanden Bäder. Diese Baderäume blieben, mit geringen Anpassungen, als Therapiebäder bis ins 20. Jahrhundert in Betrieb. Derzeit werden sie baulich in die hier entstehende Rehaklinik integriert. Die Räume sind nicht öffentlich zugänglich.
Das «Kesselbad» und das Badehaus im «Ochsen» illustrieren anschaulich die Entwicklung der Badeinfrastruktur in den Badasthöfen, Gasthäusern und Hotels vom Hochmittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Sie sind nördlich der Alpen einzigartige Zeugen der Badener Bädergeschichte und der europäischen Badekultur.
An Naturheiler Arnold Rikli schieden sich die Geister. Seine ganzheitliche Therapieform mit Nacktbaden verwirklichte er in einer eigenen Heilanstalt. Nicht in der Schweiz, sondern im heutigen Slowenien. Das inspirierte, denn der Monte Verità geht letztlich auf Rikli zurück.