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Kaspi-Ringelrobbe
Phoca caspica
© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Neuzuzügler oder Ureinwohner?
Drei Gruppen von Säugetieren haben im Laufe ihrer Stammesgeschichte das Land verlassen und sich an ein Leben im Meer angepasst: die Seekühe, die Waltiere und die Robben. Bei allen drei Tiergruppen finden sich einzelne Vertreter, die sich nachträglich von Meeresbewohnern zu Süsswasserlebewesen weiterentwickelt haben. Während diese aber bei den Seekühen und den Waltieren ausnahmslos in grossen Flüssen zu finden sind, gibt es bei den Robben zwei Arten, welche in isolierten Binnengewässern leben, mehrere hundert Kilometer vom nächsten Meer entfernt. Es handelt sich einerseits um die Baikal-Ringelrobbe (Phoca sibirica), welche den Baikalsee bewohnt, und andererseits um die eng mit ihr verwandte Kaspi-Ringelrobbe (Phoca caspica), welche im Kaspischen Meer zu Hause ist. Von ihr soll hier die Rede sein.
Innerhalb der Robben (Pinnipedia), einer Unterordnung der vielgestaltigen Ordnung der Raubtiere (Carnivora), gehört die Kaspi-Ringelrobbe zur Familie der Seehunde (Phocidae). Dort wird sie gewöhnlich mit dem Seehund (Phoca vitulina)
, dem Largha-Seehund (Phoca largha)
, der Sattelrobbe (Phoca groenlandica)
, der Bandrobbe (Phoca fasciata)
, der Eismeer-Ringelrobbe (Phoca hispida)
und der bereits erwähnten Baikal-Ringelrobbe in dieselbe Gattung gestellt.
Alle Mitglieder der Gattung Phoca
sind auf der nördlichen Erdhalbkugel beheimatet, und die meisten von ihnen zeigen eine deutliche Vorliebe für kaltes Wasser, kommen also in arktischen und subarktischen Gewässern vor. In dieser Hinsicht scheinen sie sich wenig von ihren frühen Vorfahren entfernt zu haben, welche sich wahrscheinlich vor etwa 23 Millionen Jahren im Bereich des heutigen Nordatlantiks aus einem otterartigen Landraubtier herausgebildet hatten. Die Kaspi-Ringelrobbe kommt ausschliesslich im Kaspischen Meer vor - wobei dieser weltweit grösste (leicht salzhaltige) See mit einer Fläche von 371 000 Quadratkilometern (Deutschland: 356 945 km2) ein recht stattliches Verbreitungsgebiet abgibt. Wann und wie die Kaspi-Ringelrobbe ihr heutiges Heimatgewässer erreicht hat, ist - wegen des dürftigen Fossilmaterials, das bislang vorliegt - noch immer ein Rätsel. In Fachkreisen herrschen diesbezüglich zwei verschiedene Meinungen vor, die wir hier kurz zusammenfassen wollen:
Die eine Theorie besagt, dass die Kaspi-Ringelrobbe erdgeschichtlich gesehen recht spät in das Kaspische Meer einwanderte, nämlich vor «nur» etwa 300 000 Jahren, während des Pleistozäns (Eiszeitalters). Gemäss dieser Theorie bewohnten die Vorfahren der Ringelrobben einst die Küsten des Nordpolarmeers im Bereich Eurasiens und waren auch in den Unterläufen der mächtigen Ströme Ob, Jenissej und Lena zu finden, welche in das Nordpolarmeer münden. Während der dritten und stärksten Eiszeit des Pleistozäns bewirkte die sich südwärts ausdehnende polare Eiskappe, dass die Mündungen dieser Ströme verschlossen wurden. Hierauf bildete sich eine Anzahl mächtiger Seen, welche, der stetig anwachsenden Eismasse vorgelagert, langsam südwärts «wanderten» und sich schliesslich in das zentralasiatische Becken ergossen, wo sich schon damals das Kaspische Meer und andere grosse Binnengewässer befanden. Die Ringelrobben, welche durch das Vorrücken des Nordpolareises in den Mündungen der genannten Ströme eingeschlossen worden waren, bewegten sich gemeinsam mit den angestauten Seen allmählich nach Süden - und fanden sich schliesslich in den Binnengewässern des zentralasiatischen Beckens wieder. Und dort blieben sie auch, als sich das Eis später wieder nordwärts zurückzog.
Die andere Theorie besagt, dass die Kaspi-Ringelrobbe schon viel länger, nämlich seit 15 bis 20 Millionen Jahren, in der Gegend des Kaspischen Meers zu Hause ist. Gemäss dieser Theorie vermochten in jener grauen Vorzeit einige der urtümlichen Robben aus dem Nordatlantik - vermutlich via Rhein - das sogenannte «Paratethys» zu erreichen, ein altes Mittelmeer, das die Region einnahm, in der sich heute das Schwarze Meer, das Kaspische Meer und der Aralsee befinden. Dort entwickelten sich die Robben gesondert von ihren Verwandten im Nordatlantik weiter und bildeten verschiedene eigenständige Arten aus, darunter auch die ersten Ringelrobben. Als direkte Nachfahren dieser frühen «Paratethys-Ringelrobben» leben die Kaspi-Ringelrobben noch immer in dieser Region. Die Vorfahren der Eismeer-Ringelrobben erreichten hingegen nordwärts das Nordpolarmeer - wohl vor ungefähr drei Millionen Jahren, als sich Paratethys und Nordpolarmeer vorübergehend beinahe berührten. Die Vorfahren der Baikal-Ringelrobbe gelangten ihrerseits später vom Nordpolarmeer aus zum Baikalsee, möglicherweise nach dem Muster, wie es unter Theorie 1 beschrieben ist.
Lieblingsspeise: Groppen
Die Kaspi-Ringelrobbe ist eine verhältnismässig kleine Robbe. Sie erreicht im Durchschnitt eine Kopfrumpflänge von nur 1,25 Metern und ein Gewicht um 55 Kilogramm. Grossgewachsene Individuen können allerdings bis 1,5 Meter messen und über 80 Kilogramm wiegen.
Die beiden Geschlechter lassen sich anhand ihrer Fellzeichnung verhältnismässig leicht voneinander unterscheiden: Während die Männchen dunkelgraue bis schwarze Flecken auf dem ganzen Körper aufweisen, besitzen die Weibchen hellere Flecken und zwar fast nur auf der Körperoberseite. Bei den Männchen wie bei den Weibchen sind die Fellflecken auf dem Rücken oft von einem hellergefärbten Ring umrahmt - daher der Artname.
Wie alle Robben nehmen die Kaspi-Ringelrobben ausschliesslich tierliche Nahrung zu sich: Sie ernähren sich hauptsächlich von Fischen, verschmähen aber auch Krebstiere und andere Wasserlebewesen nicht, denen sie unter Wasser begegnen. Bei der Jagd auf ihre Beutetiere erweisen sich die kleingewachsenen Robben als überaus wendige und schnelle Taucher, welche Tiefen von bis zu 90 Metern, Tauchzeiten von nahezu 40 Minuten und Geschwindigkeiten von 25 bis 30 Kilometern je Stunde erreichen.
Im Herbst und im Winter ernährt sich die Kaspi-Ringelrobbe zur Hauptsache von Groppen, Grundeln und kleineren Krebstieren. Im Frühjahr und im Sommer ergänzt sie ihre Kost gern mit Sprotten, Heringen, Plötzen, Karpfen und anderen Fischen. Grundsätzlich scheinen aber die stets in Bodennähe lebenden Groppen (Cottus spp.)
ihre Lieblingsspeise zu sein, denn die eleganten Robben halten sich ausserhalb der Fortpflanzungszeit stets in jenen Bereichen des Kaspischen Meers auf, wo die Bestände dieser Fischart am dichtesten sind.
Geburten im Winter
Die Kaspi-Ringelrobbe kann in allen Teilen des Kaspischen Meers angetroffen werden. Allerdings ändert die Nutzung der einzelnen Regionen des grossen Binnengewässers im Jahresverlauf. Die Robben führen nämlich jahreszeitlich gebundene Wanderbewegungen durch, die im Zusammenhang mit ihren Fortpflanzungsgewohnheiten stehen:
Die weiblichen Kaspi-Ringelrobben bringen ihre Jungen niemals auf dem festem Land, sondern stets auf dem Eis zur Welt. Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass das Kaspische Meer im Winter genügend vereisen soll, um den Robbenweibchen Platz zum Werfen und Aufziehen ihrer Jungen zu bieten, liegen doch seine nördlichsten Teile weiter südlich als etwa die Städte Paris und Frankfurt. Das Kaspische Meer befindet sich aber im Herzen der eurasischen Landmasse und profitiert deshalb nicht von den klimamildernden Einflüssen der Ozeane, wie dies beim «zerfransten» Westeuropa der Fall ist. Vielmehr erfährt es im Jahresverlauf extreme Temperaturschwankungen. Weite Bereiche des nördlichen Kaspischen Meers (nördlich der Kulaly-Insel) frieren deshalb während der Wintermonate zu. Das Eis bildet zuerst einzelne Eisschollen, welche dann durch die oft heftigen Winterstürme kreuz und quer übereinandergetürmt werden. So formen sich mit der Zeit bizarre Eisinseln, und letztlich, wenn diese mehr und mehr zusammenwachsen, entsteht eine reich strukturierte Packeislandschaft - ideales Gelände für die Geburt und Aufzucht der Ringelrobbenbabys.
Jeweils gegen Jahresende kommt es zu einer Massenbewegung der Kaspi-Ringelrobben: Sämtliche Tiere ziehen dann aus den verschiedenen, weit verstreuten Aufenthaltsorten im Kaspischen Meer nordwärts, um die Wintermonate im Eis zu verbringen. Anfänglich halten sie sich die meiste Zeit unter dem Eis auf und benützen Atem- und Schlupflöcher im Eis, die sie selbst bei erheblicher Eisdicke offenzuhalten wissen. Ende Januar, Anfang Februar verlassen dann die Weibchen das Wasser und versammeln sich zu grösseren Verbänden, um in der Gemeinschaft ihre Jungen zu gebären.
Die Robbenbabys, bei denen es sich stets um Einzelkinder handelt, weisen bei der Geburt eine Länge von 64 bis 79 Zentimetern und ein Gewicht um 5 Kilogramm auf. Sie tragen anfänglich ein dichtes weisses Embryonalkleid, «Lanugo» genannt, welches vorzüglich gegen die bittere Kälte auf dem Packeis schützt, jedoch nicht wasserfest ist. Rund vier Wochen lang bleiben die Jungen deshalb auf dem Eis. Während dieser Zeit werden sie von ihren Müttern mit nahrhafter Milch gesäugt und fürsorglich behütet. Ihr Gewicht vermögen die Robbenbabys in diesem ersten Lebensmonat mehr als zu verdoppeln, und sie bauen dabei eine dicke, wärmedämmende Unterhaut-Fettschicht auf. Gegen Ende des Monats tauschen sie dann ihr weisses Lanugofell gegen einen kürzerhaarigen Jugendpelz aus, der ihnen in der Folge das Leben im Wasser gestattet. Sie lösen sich alsbald von ihren Müttern und sorgen fortan für sich selbst.
Die Männchen interessieren sich ab Mitte Februar sehr für die Weibchen, denn diese kommen gleich nach der Säugezeit in Paarungsbereitschaft. Die Begattungen finden Ende Februar, Anfang März statt - und zwar offensichtlich unter Wasser, denn einschlägige Beobachtungen liegen bislang nicht vor. Die Tragzeit bemisst sich bei der Kaspi-Ringelrobbe also auf ungefähr elf Monate.
Ende April, wenn sich das Wasser erwärmt, bricht das Eis im nördlichen Bereich des Kaspischen Meers nach und nach auf. Und gleichzeitig beginnt die südwärts gerichtete Wanderung der Kaspi-Ringelrobben. Denn paradoxerweise finden die kälteliebenden Tiere im Sommer die besten Lebensbedingungen im südlichen Bereich des grossen Binnengewässers. Dies deshalb, weil das Kaspische Meer im Norden überaus flach ist und sich demzufolge im heissen kontinentalen Sommer schnell und stark erwärmt, während es im Süden tiefgründiger ist und darum stets «angenehm» kühl bleibt.
Ungünstiges politisches Umfeld
Die Kaspi-Ringelrobbe hat kaum natürliche Feinde zu fürchten. Hin und wieder mag es einem Wolf oder einem Adler gelingen, ein junges, unaufmerksames oder krankes Individuum zu erbeuten, wenn es sich an der Küste oder auf dem Eis ausserhalb des Wassers aufhält. Aber diese Verluste dürften sehr gering sein. Der einzige wirkliche Feind der zierlichen Robbe ist der Mensch: Seit vielen Jahrhunderten bejagt er die Kaspi-Ringelrobbe - im wesentlichen ihres Fells und nebensächlich ihres Fleischs und Fetts wegen.
In jüngerer Zeit wurde besonders eifrig Jagd auf die weissgekleideten Robbenbabys gemacht, da deren dickes, seidenweiches Fell auf dem internationalen Pelzmarkt besonders gefragt ist. Ungefähr 60 000 neugeborene Kaspi-Ringelrobben wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten alljährlich erlegt. Gesetzliche, auf dem gesamten Territorium der ehemaligen Sowjetunion geltende Bestimmungen schränkten die Jagd jedoch wirksam ein und sorgten dafür, dass der Gesamtbestand trotz dieser massiven Ausfälle einiger massen stabil bei 470 000 bis 650 000 Individuen blieb. Die Art galt deshalb nicht als gefährdet.
Heute, nach dem Zerfall der Sowjetunion, sieht die Situation für die Kaspi-Ringelrobbe weit weniger günstig aus. Zum einen obliegt nun die Verantwortung für den Schutz der Robben und die Erhaltung ihrer Nahrungsgrundlage, der Fischbestände im Kaspischen Meer, nicht mehr nur zwei, sondern fünf Ländern: Russland, Turkmenistan, Kasachstan, Aserbaidschan und Iran. Um einer übermässigen Plünderung dieser Naturgüter vorzubeugen, müssten dringend Verhandlungen zwischen diesen ungleichen, teils zerstrittenen Staaten stattfinden - was aber wohl vorerst nicht der Fall sein wird.
Zum anderen nehmen leider auch im Bereich des Kaspischen Meers die Zivilisationseinflüsse ständig zu: Immer grössere Mengen ungeklärter Abwässer aus Industrie, Haushalt und Landwirtschaft beeinträchtigen immer stärker die Wasserqualität. Und die für landwirtschaftliche Bewässerungsprojekte erfolgende Abzweigung beträchtlicher Wassermengen aus der Wolga, dem Hauptzufluss des Kaspischen Meers, lässt den Wasserpegel des grossen Binnengewässers Meter um Meter sinken. Beides wird für die Lebensgemeinschaft im und am Kaspischen Meer verheerende Folgen haben, sofern nicht bald koordinierte Massnahmen dagegen getroffen werden - was wohl ebenfalls vorderhand illusorisch ist.
Turkmenistan, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, grenzt auf einer Strecke von rund 300 Kilometern an das Kaspische Meer. Dies entspricht ungefähr einem Fünftel der gesamten Küstenlinie. Als Turkmenistan noch eine Sowjetrepublik war, machte es nicht unerhebliche Anstrengungen zur Erhaltung des auf seinem Hoheitsgebiet liegenden Küstengürtels des Kaspischen Meers. Insbesondere kümmerte es sich vorbildlich um das 2620 Quadratkilometer grosse, an das Kaspische Meer angrenzende Krasnovodskiy-Reservat, welches seit 1928 unter Naturschutz steht. Es ist zu hoffen, dass Turkmenistan nun auch als eigenständiger Staat im Rahmen seiner Möglichkeiten zur Erhaltung des Kaspischen Meers und dessen interessanter Fauna beitragen wird.
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