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Dies alles mag für dich keine Relevanz haben. Auch deshalb, weil du vielleicht ganz und gar mit deinem eigenen Gedankenfluss beschäftigt bist. Und damit, ihn zu verarbeiten, ihn zu bändigen. Um ihn zu stoppen. Was auch immer. Hier ist meiner.
Warum hat der Mensch so viel Oberfläche? Und warum fühlt es sich trotzdem nach so wenig an? Ist meine Gänsehaut der Novemberkälte geschuldet oder bloss der Vorfreude beim Gedanken an den nächsten Frühling?
Zwei Frauen setzen sich zu mir ins Abteil. Die eine klagt der anderen ihr Leid. Sie sähe so käsig aus. Naja, Das Badezimmerlicht sei gnadenlos. Sie sieht umwerfend aus. Soll ich ihr das sagen? Etwas angespannt vielleicht. Soll ich ihr das sagen? Sie habe sich wenigstens noch fünf Tage Mallorca gegönnt. Daran liegt es nicht. Die zwei reden zwar aneinander vorbei. Vielleicht muss ihnen gerade deshalb zuhören. Und mir auch noch Gedanken dazu machen.
Habt ihr das auch? Unablässig denken, ohne Pause, ständig, einen Gedanken nach dem anderen. Über den Nebel draussen. Über den Mann im morgendlichen Bus, der dann und wann seinen rechten Arm nach vorne schnellen lässt, als ob er die Uhrzeit am Handgelenk ablesen wollte, seine Hand aber sogleich umkehrt um eine ordentliche Haarlocke wie in Zeitlupe zu ordnen, dann seine Wange streichelt und sich wieder auf den Oberschenkel zurücklegt. Das tut er während der zehnminütigen Fahrt zwei, drei Male. Und im Laufe von ein paar Monaten sind noch ein Doppelzwinkern und ein leises Räuspern dazugekommen. Warum beschäftigt mich derart unwichtiges?
Es ist nicht so, dass ich etwas gegen das Denken habe. Heute sagte jemand an einer Tagung etwas von Suffizienz und dass wir verzichten müssen, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen. Ich drehe seinen Gedanken so lange in meinem Hirn herum, bis ich etwas damit anfangen kann: Verzicht ist ein ganz schlechter Ansatz, das Denken ein besserer. Wenn ich es zum Beispiel schaffe, nicht mehr zu denken, dass ich etwas Bestimmtes nicht mehr haben kann, sondern mich darauf konzentriere, etwas Anderes haben zu können, verzichte ich nicht mehr. «Verzicht» ist also nur ein Gedanke, den ich nicht zu denken brauche um nicht verzichten zu müssen. Es wäre so einfach.
Aber auf dich will ich nicht verzichten. Nicht auf die Haut. Auf so viel sanfte Oberfläche. Deine Haut um. Doch es ist kalt. Ein kalter Gedanke. Und einer nach dem anderen drängt nach, schiebt sich kurz ins Rampenlicht, wird weitergeschoben, unfassbar. Wie du. Aber auch du wirst in Gedanken weitergeschoben, von weit weniger wichtigem, das sich aber auch wichtig macht.
Manchmal tauchen im Gedankenfluss Sätze auf wie «Als jemand, der einfach nur geliebt werden will, unternehme ich ziemlich viel, damit das nicht passiert.»
An so einem Knochen nage ich dann eine Weile oder verschlucke mich gar daran. Meditieren sei «einem vorbeiziehenden Gedanken zuwinken, ihn aber nicht zum Tee einladen.» Hm. Ich habe permanent Kaffeekränzchen. Und das ist auch nicht besser.
Nur unter Menschen, im direkten Gespräch, bei einer herzlichen Begrüssung vergesse ich mich. Endlich.