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Tante Klärchen war wunderbar. Fand ich jedenfalls.
Sie war blass wie eine ausgelutschte Münchner Weisswurst. Ihr Haar in der Farbe von verpisstem Schnee war straff zu einem Dutt gerafft. Im Dutt wiederum steckte ein vierzackiger Kamm aus schwarzem Horn - ihr kennt das: so etwas, wie diese Flamenco-Tänzerinnen hinter den ringbehangenen Ohren tragen, wenn sie sich vor den Touristen verbiegen.
Und Klärchens Hände?! DER WAHNSINN, sage ich euch. So etwas muss Dürer inspiriert haben, als er die betenden Finger malte.
Klärchen war Mutters Cousine. «Dritten Grades!» - präzisierte diese sofort. Und spitz: «Nur angeheiratet...» Mit dem Wort «angeheiratet» wurde in der vornehmen Seite stets alles entschuldigt.
Mein Onkel Alfred etwa war ein Hallodri. «Ein Hasardeur» - flüsterte die Familie bittersüss. Wegen seiner Sucht zum Roulettetisch ging er bankrott. Er setzte immer nur auf Farbe. Und stets auf Rot. Die Roten haben ihm - wie so vielen auf dieser Welt - kein Glück gebracht. Das Pech kam konstant rabenschwarz.
Erst als Alfred alle seine Metzgereien verspielt hatte, kam «32 ROUGE». Man darf ruhig sagen: Das ist der schwarze Humor, von DEM DA OBEN, der jedes Glücksspiel abwinkt (Hebräer 5,10). Jedenfalls: Alfred schnorrte um Geld in der Verwandtschaft. Aber die öffnete eher eine Büchse Ravioli mit ihren Zehennägeln als ihr Portemonnaie.
Während einer verschneiten Januarnacht hat sich Alfred dann in einer verlassenen ACS-Berghütte an einem Giebel aufgeknüpft. Eine Gruppe Skirekruten fand ihn nach drei Wochen schon ziemlich abgehangen - ähnlich wie seine berühmten Schinken in der Räucherkammer. Gottlob war die Temperatur im winterlichen Minusbereich.
Natürlich musste die Leiche identifiziert werden. Meine Grossmutter (vor der damals jeder Besen stramm stand) wurde von der Oberländer Polizei zur Hütte geführt. Dort lag ihr Schwager gefroren wie ein Eislutscher auf der kalten Ofenbank. Die Omama warf nur einen kurzen Blick auf ihn: «Der tiefgekühlte Herr hier ist nur angeheiratet.» Mehr gab sie der Obrigkeit nicht preis.
Erst meine Mutter, der man schliesslich ein Foto ihres Wurstonkels vor Augen führte, knurrte auf dem Polizeiposten von Grindelwald etwas klarer: «Rien ne va plus. Was Sie hier sehen, war vor seiner Eiszeit ein gewisser Alfred - er war schon immer ein richtiger Arsch!» Dann holte sie den Lippenstift. Und zog mit Chanels «BLUTROT» nach.
Die Polizei, die solche Töne von einer Dame mit einem Hut, unter dem man das ganze Haslital hätte abdecken können, nicht erwartet hatte, reagierte leicht geschockt: «Verwandtschaft?» - Energisches Kopfschütteln: «Nur angeheiratet!»
Natürlich wurde all dieses Böse vor dem unschuldigen Kind geheim gehalten. Wenn sie darüber tuschelten (immer durch die Nase und mit der Packungsbeilage «PAS DEVANT L’ENFANT!»), wenn sie also wieder einmal Alfreds Hang zum Roulette und zu den roten Zahlen durchhechelten, hätte ich gerne mehr erfahren. Aber erst wenn sie bei «Alfred und die Finger» angelangt waren, wurden sie deutlicher: «SO ETWAS MUSSTE JA METZGER WERDEN! DER MITTELFINGER WAR SEINE PRALLSTE WURST!» - Dann kicherten die Frauen. Und ich versuchte, mich an diese Metzgerfinger zu erinnern, die mich stets am Ohr gezogen und mir ein Rädchen Lyoner zwischen die Lippen geschoben hatten.
«Er hatte wirklich die schlimmsten Hände, die mir je vor Augen kamen», lachte jetzt meine Mutter laut auf. «Nun ja - vielleicht waren die von Schreiner Sager noch arger. Dort waren nach dem Säge-Unfall nur noch ein Zeige- und ein Ringfinger dran. Seine Hand hat ein Leben lang das Victoryzeichen gemacht...»
Zurück zu Alfreds Metzgerpfoten. Seine Frau, das frohe Irmchen, bot auch eine lustige Wurstpalette: Ihre Fingerchen waren fett. Prall. Und klein. Man muss sich da -zschzsch! - zehn Cipollatas auf dem Grill vorstellen. Von jedem dieser Würstchen funkelte ein Klunker. Stets wenn die Metzgermeisterin Kalbsleber auf dem Fleischerpapier auf die Waage legte, schob sie den schweren Brillanten des Mittelfingers unauffällig nach - die Klunker wollten schliesslich verdient sein!
Wenn ich meine dicken und wurstfingrigen Hände betrachte, komme ich wohl mehr nach der angeheirateten Seite des spielenden Metzgers. Es sind keine flattrigen Hände, die für Tschaikowskis «Schwanensee» gedacht sind. Und auch mit Klavierspiel wurde nichts. Das merkte Fräulein Schröder schon nach der ersten Stunde: immer zwei Tasten unter einem Finger! Der Zeigefinger umfasste allein eine halbe Oktave.
«Lassen Sie den Buben ein Blasinstrument spielen», lächelte die Klavierlehrerin meiner Mutter aufmunternd zu. «DIESE FINGER SIND FÜR LÖCHER GESCHAFFEN!»
So blies ich die Flöte. Und beneidete ein Leben lang Tante Klärchens schlanke und lange Pianistenfinger, die - so erfuhr ich endlich! - dem Namen «Langfinger» alle Ehre machten: Sie räumte in ihren Kleptomanie-Schüben sämtliche Warenhäuser ab.
Klärchen war allerdings nur «angeheiratet». Wie gesagt.