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Im Interesse der Transparenz hat das Kunstmuseum Bern eine erste Liste der Kunstwerke aus der umstrittenen Gurlitt-Sammlung ins Netz gestellt. Die Werkliste zeigt ein unerwartetes Bild dessen, was der Kunstschatz wirklich umfasst.
Wer die Identifizierung von Tausend versteckten Meisterwerken im Wert von mehr als einer Milliarde erwartet hatte, könnte von der schon lange erwarteten Veröffentlichung der Werklistenexterner Link enttäuscht worden sein.
Zwar sind im Inventar Werke von Rembrandt, Renoir, Chagall, Picasso, Monet oder Toulouse-Lautrec zu finden, viele davon aber auf Papier. Dazu kommen zahlreiche Lithographien, Holzschnitte und Drucke.
Andererseits ist die Liste aufschlussreich, was Motive und operationelle Fähigkeiten von Hildebrand Gurlitt angeht, dem Kunsthändler der Nazis, der die Sammlung angelegt hatte. Sein zurückgezogen lebender Sohn Cornelius hatte den Schatz in seiner Wohnung gehortet, bis dieser 2012 per Zufall entdeckt wurde. Cornelius Gurlitt starb im Mai 2014; in seinem Testament hatte er das Kunstmuseum Bern als Alleinerben der Sammlung eingesetzt.
Indem sie versuchten, die Provenienznachforschung abzuschliessen, bevor sie Informationen öffentlich zugänglich machten, haben die deutschen Behörden ironischerweise wichtige Nachforschungen über das Projekt verlangsamt und damit wohl dazu beigetragen, dessen Wert zu steigern.
Da die Werkliste als pdf-Formular veröffentlicht wurde statt in einer Provenienz-Datenbank ins Netz gestellt wurde, kann wohl mit Überraschungen gerechnet werden, wenn die Liste einmal vertieft untersucht worden ist.
Eine solche Überraschung ist die sehr grosse Anzahl von Werken deutscher Expressionisten und Vertretern der Neuen Sachlichkeit, die das Dritte Reich als "entartete Kunst" verachtet hatte. Es ist unwahrscheinlich, dass sie individuell erworben wurden, was die Frage nach sich zieht, ob Gurlitt allein gehandelt hat.
Münchner und Salzburger Liste
Nach der Veröffentlichung der Liste kontaktierte swissinfo.ch das Kunstmuseum Bern für eine Klärung des Hinweises: "Das Kunstmuseum kann aber keine Gewähr für die Vollständigkeit oder die Richtigkeit der Listen übernehmen."
Die Familie Gurlitt
Der im Mai 2014 verstorbene Cornelius Gurlitt war am 28. Dezember 1932 in Hamburg geboren, als Sohn von Hildebrand Gurlitt (1895-1956) und der Tänzerin Helene Gurlitt. Hildebrand war im Dritten Reich einer von vier offiziellen Kunsthändlern der Nazis.
Hildebrands Schwester Cornelia (1890-1919) war eine Künstlerin.
Der Grossvater von Cornelius, der den gleichen Namen trug und von 1850 bis 1938 lebte, war Architekt und Kunsthistoriker.Infobox Ende
Sein Urgrossvater Heinrich Louis Gurlitt (1812-1897), bekannt als Louis, war ein dänisch-deutscher Landschaftsmaler, und dessen Bruder, ein weiterer Cornelius Gurlitt (1820-1901), war Komponist.
Die Liste wurde in zwei Teilen veröffentlicht: Die Liste mit den Werken, die in der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt entdeckt worden waren, wurde von der deutschen Task Force zusammengestellt. Die Sprecherin des Kunstmuseums Bern, Ruth Gilgen, räumte ein, dieses Inventar sei nicht viel mehr als ein Ausgangspunkt für weitere Provenienzforschung, nun da das Kunstmuseum sich verpflichtet habe.
Auf die Frage, ob die Münchner Liste komplett sei, erklärte sie, dies sei eine Frage für den Kommunikationsverantwortlichen der deutschen Task Force, Matthias Henkel.
Henkel erklärte, die Frage erfordere eine komplexe Antwort und griff stattdessen zu Statistiken: Der Schwabinger Kunstschatz umfasse 1278 Werke, inklusive 34, die nach der ursprünglichen Hausdurchsuchung hinzugekommen seien (aber keine jener Kunstwerke, die später in Gurlitts Haus in Salzburg gefunden wurden).
Im Januar 2014 wurden 499 Kunstwerke, die potentiell als Raubkunst identifiziert wurden, in der deutschen Datenbank Lost Art unter dem Eintrag Schwabinger Kunstfundexterner Link öffentlich zugänglich gemacht.
Die Sammlung bestehe aus drei Teilen, fügte Henkel hinzu. Erstens die 499 Kunstwerke (siehe oben), bei denen es sich wahrscheinlich um Raubkunst handelt. Zweitens, 477 Werke, die vom Nazi-Regime als "entartete Kunst" qualifiziert wurde, Kunst, die Hitler verabscheute und in Museen und Kunsthallen hatte beschlagnahmen lassen. Henkel erklärte, 230 dieser 477 Werke seien vor 1933 von Museen gekauft worden und könnten daher nicht als "geraubt" betrachtet werden. Der dritte Teil bestehe aus Werken, die der Familie Gurlitt gehörten.
Henkel fügte hinzu, dass die Sammlung sehr viele Drucke und Lithographien enthalte, kompliziere die ganze Sache, da in den Quellenunterlagen nur selten eine Editionsnummer angegeben sei. Das mache es praktisch unmöglich, festzustellen, von welchem Museum ein Werk überhaupt erworben/erhalten/konfisziert worden sei.
Die Möglichkeit, dass Werke direkt von Künstler erworben worden sein könnten, die unter Druck standen, erwähnte Henkel nicht.
Im Februar 2014, fast zwei Jahre, nachdem die gehorteten Kunstwerke in München entdeckt worden waren (und nur drei Monate, nachdem dieser Fund überhaupt erst öffentlich bekannt gemacht worden war), wurden im Haus von Cornelius Gurlitt in Österreich weitere Kunstwerke gefunden.
Die Liste der Werke dieses zweiten Kunstschatzes wurde vom Kunstmuseum Bern zusammengestellt, doch auch ihr fehlen bisher die Informationen, die potentiellen Klägern nützlich sein könnten. Und wie die Münchner Liste enthält sie keine Angaben zur Provenienz und ist nicht alphabetisch.
Familienbesitz
Unter der Oberfläche dieser beiden Listen finden sich drei Porträts desselben Mannes. Viele Werke der Sammlung sind Erbstücke der Familie Gurlitt. Ein Beispiel sind die überraschenden 150 Bilder, die Hildebrands dänisch-deutscher Grossvater Heinrich Louis Gurlitt gemalt hatte.
Verschiedene Familienmitglieder hatten auch zahlreiche Bücher gesammelt (siehe Kasten). Zudem enthält die Sammlung 120 Kunstwerke von Hildebrands Schwester Cornelia Gurlittexterner Link, die 1919 im Alter von 29 Jahren aus dem Leben geschieden war. Diese Kunstwerke aus der eigenen Familie decken bereits einen Fünftel der Sammlung ab.
Im Auftrag Hitlers
Zusammen enthüllen die Kunstschätze von München und Salzburg die einzigartige Obsession eines Mannes, der einer unmöglichen Mission nachging. Hitler, selbst ein mittelmässiger Künstler, wollte in seiner Heimatstadt Linz das Museum alle Museen einrichten, und Hildebrand nahm es auf sich, die Ware liefern zu helfen.
Nur wenige Namen fehlen bei dem, was als eine Liste der Kunstgeschichte Europas gesehen werden kann, sie fängt an mit Dürer und Cranach im 15. Jahrhundert bis hin zu Rembrandt, Delacroix und Fragonard im 17. und im 18. Jahrhundert.
Es ist bisher schwierig, abzuschätzen, ob die unzähligen Kunstwerke aus der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts von Rodin, Manet, Monet, Renoir, Maillol und Pissaro auch für Hitlers Museum gedacht waren, das nie gebaut wurde. Sie waren vielleicht für den Führer schon zu modern.
Es lohnt sich jedoch, zu erwähnen, dass die Namensliste zwar eindrücklich ist, dass die meisten dieser Werke aber als eher weniger bedeutende Arbeiten der jeweiligen Künstler betrachtet werden dürften.
Unerwartete Kostbarkeiten
Was an der Gurlitt-Sammlung beunruhigender ist, ist die Liste jener Künstler, deren Werke von den Nazis als "entartete Kunst" bezeichnet und deren Leben dadurch zerstört worden war. Viele von ihnen mussten aus Deutschland fliehen, um ihr Leben zu retten, und Gurlitt konnte sich einfach auf ihr Werk stürzen.
In der Sammlung finden sich verdächtig viele Arbeiten von Georg Grosz (mehr als 30), der 1938 in die USA floh, von Karl Schmidt-Rotluff (mehr als 25, darunter wunderbare Aquarelle), der aus dem Berufsverband ausgeschlossen und von den Nazis mit einem Malverbot belegt wurde, von Erich Heckel (mehr als 40), dessen ganze Produktion aus deutschen Museen beschlagnahmt und dessen Holzschnittstöcke und Druckplatten zerstört wurden. Sogar Emil Nolde (mehr als 34 Werke), der den Nazis nahe stand, wurde vom Regime zur Persona non grata erklärt.
Zu den unerwarteten Kostbarkeiten des Gurlitt-Kunstschatzes gehört die Wiederentdeckung von Künstlern wie Heinrich Campendonk (mehr als 28), der nach Amsterdam geflohen war, Rolf Grossman (mehr als 84), der im Zweiten Weltkrieg verschwand, sowie die verspätet erfolgte Anerkennung von Max Liebermann (mehr als 60), dessen Werk "Zwei Reiter am Strand" wahrscheinlich in den nächsten Tagen zurückerstattet wird.
Die Provenienzforschung muss die Bedingungen noch abklären, unter denen diese Kunstwerke erworben wurden, doch die Tatsache, dass Gurlitt die Existenz dieser Sammlung nach dem Krieg geheim hielt, könnte ein Hinweis darauf sein, dass er aus Eigeninteresse gehandelt hatte, und nicht um die bedrohte Kunst zu retten.
Die Nachforschungen zur Herkunft der Kunstwerke in der Sammlung sind für das Kunstmuseum Bern eine grosse Aufgabe, aber eine Herausforderung, die es willkommen zu heissen scheint. In Medien wurde auch berichtet, das Museum habe eine anonyme Spende von einer Million Franken erhalten, mit der die Umsetzung dieser Aufgabe unterstützt werden soll.
(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch