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Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden hat sich am Donnerstag auf dem Nachrichtensender CNN erstmals in der heissen Wahlkampf-Phase den Fragen von Wählerinnen und Wählern gestellt. Fünf Schlussfolgerungen aus dem 75 Minuten langen Auftritt in der Nähe von Scranton (Pennsylvania).
Die Ausgangslage war speziell: Das Bürgerforum («Town Hall Meeting»), das der Nachrichtensender CNN am Donnerstag mit Joe Biden veranstaltete, fand draussen statt – in einem Baseball-Stadion in der Nähe von Scranton (Pennsylvania). Die meisten der rund 100 Zuhörerinnen und Zuhörer sassen in ihren Autos, auf Distanz zur Bühne, auf der Biden die Fragen des Publikums beantwortete.
Vielleicht war es die familiäre Kulisse (Biden verbrachte die ersten zehn Jahre seines Leben in Scranton), vielleicht hat sich der Demokrat die Ratschläge seiner Parteifreunde zu Herzen genommen: Am Donnerstag klang Joe Biden wie ein Wirtschaftspopulist, ein Kämpfer für die Mittelklasse und die Arbeiterschaft. Trump hingegen interessiere sich nur für die Wall Street, als seien die Börsenkurse das Wichtigste dieser Welt, sagte Biden. Er sehe diesen Wahlkampf deshalb als einen Kontrast zwischen Scranton, seinem Geburtsort, und der Park Avenue, der Nobel-Adresse in New York City, an der sich auch ein Trump-Gebäude befindet.
Ja, Biden ist 77 Jahre alt und er verhaspelt sich ab und zu, oder er verliert den Faden. Aber wenn er über den Kampf gegen das Coronavirus oder seine umweltpolitischen Pläne spricht, dann wirkt er wie ein Politiker, der weiss, über was er spricht. Das mag vielleicht altmodisch klingen, ist aber doch ein ins Auge springender Gegensatz zum amtierenden Präsidenten – der notabene behauptet, dass Biden seine Antworten ständig von einem Blatt oder einem Tele-Prompter ablese. Auffällig war allerdings auch, dass Biden es vermied, seine Pläne in allen Details darzulegen: Er sagte jeweils, man könne dies online nachlesen, als wolle er das Publikum nicht langweilen. Das ist Wasser auf die Mühlen des politischen Gegners, der behauptet, Biden habe keine Ahnung, für was er eigentlich einstehe.
Trump mag seinen Gegner als «Sleepy Joe» beschimpfen, so wie der Präsident dies am Donnerstag während eines Wahlkampfauftrittes im Bundesstaat Wisconsin tat. Biden bewies aber gleichentags, dass er sich nicht im Tiefschlaf befindet. Und dass er Gefühle zeigen kann. Als er über seinen an Krebs verstorbenen Sohn Beau sprach, weinte er. Und als er darüber sprach, wie TV-Kommentatoren auf ihn herabschauten, weil er kein Diplom einer Elite-Universität («Ivy League University») besitze, wirkte er ehrlich empört. «Wer zur Hölle glaubt, dass man ein Ivy-League-Abschluss benötigt, um Präsident zu sein», donnerte er dann – zur Freude der rund 100 Menschen im Publikum. (Der letzte Präsident ohne Abschluss einer Elite-Universität war Ronald Reagan in den Achtzigerjahren.) Dass der CNN-Moderator Anderson Cooper einen Abschluss der Yale University besitzt, einer der besten Hochschulen Amerikas, war dabei bloss das Tüpfchen auf dem i.
Biden sagte (einmal mehr), sein oberstes Ziel als Präsident sei es, das Land zu versöhnen – ein Land, das nach vier Jahren Donald Trump im Weissen Haus tief gespalten ist. Er sagte: Er kandidiere zwar als Demokrat, wolle aber Präsident «der gesamten Nation» sei. In seiner Karriere als Politiker, zuerst als Senator (1973 bis 2009), dann als Vize von Präsident Barack Obama (2009 bis 2017) habe er gelernt, Demokraten und Republikaner zusammenzubringen. «Ich bin recht gut darin», sagte Biden.
Es stimmt: Biden befindet sich in einer besseren Lage als sein Kontrahent Donald Trump, weil er sich nicht für aktuelle Fehler der Regierung in der Coronakrise verteidigen muss. Das rechtfertigt aber nicht, dass er von Journalisten pflegeleicht angefasst wird. Biden ist ein Berufspolitiker, im Geschäft seit 50 Jahren, und in seiner langen Karriere hat er ausreichend Material für kritische Fragen geliefert: Fragen über seine Positionsbezüge, Fragen über seine Gesundheit, Fragen über seine Berater. Leider unterliess es CNN-Moderator Anderson Cooper, der hartnäckig nachfragen kann, wenn er will, Biden am Donnerstag regelmässig in die Zange zu nehmen. Davon profitierte der Demokrat; spätestens, wenn er an der ersten TV-Debatte der beiden Präsidentschaftskandidaten in weniger als zwei Wochen sich den Fragen von Chris Wallace (Fox News Channel) stellen muss, wird diese Schonphase aber vorbei sein.
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