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© Foto by Kunstmuseum Basel
"Unter Freunden": Renoir-Werk "La Promenade", 1870 (Ausschnitt)
Pierre-Auguste Renoir und der Familiencharakter des Impressionismus
Eine Ausstellung des Kunstmuseums Basel über die frühen Jahre des Künstlers zwischen Bohème und Bourgeosie
Von Aurel Schmidt
Der Maler Pierre-Auguste Renoir gehört traditionellerweise zu den bedeutendsten Exponenten des Impressionismus. Die Frage darf aber ohne weiteres gestellt werden, ob er und sein Werk nicht überschätzt werden – vielleicht mit Ausnahme der früheren Jahre.
Wahrscheinlich ist Pierre-Auguste Renoir (1841-1919) nicht der überragende Künstler gewesen, als den ihn die Kunstgeschichte unbeirrt feiert. Damit soll nicht das bekannte Urteil des Theaterstücke-Schreibers und Kunstkritikers Albert Wolff aufgewärmt werden, der im "Figaro" ein vernichtendes Urteil über "fünf oder sechs Wahnsinnige", darunter Renoir, fällte, als er die zweite Ausstellung der jungen Impressionisten 1876 in der Galerie Durand-Ruel besuchte.
Wolffs Urteil ist vor allem deshalb unzutreffend, weil Renoir, soweit es ihn betrifft, zu dieser Zeit ein ernst zu nehmender Künstler war, der versuchte, die Welt auf eine neue Art zu sehen. Nicht wegen der Anwendung der Spektralfarben, wie immer wieder kolportiert wird, das ist nur eine beiläufige Beobachtung, sondern weil er zusammen mit seinen Künstlerkollegen das moderne Leben in Paris wiedergab.
In diesem Punkt drückte sich der Aufstand der jungen Generation von Künstlern gegen die pompösen Maler der Salons, der jährlichen grossen Kunstausstellungen, aus. Die Auseinandersetzung über die neue Kunst kurz nach dem Deutsch-französischen Krieg 1870/71 und der Commune von 1871 verdeckte nur notdürftig den Konflikt zwischen dem nachwirkenden konservativen Geist des Second Empire und dem sich formierenden Republikanismus der Dritten Republik; auf einer allgemeineren Ebene wiederspiegelt er den nie zu Ende geführten uralten Konflikt zwischen Akademismus und Tradition auf der einen und den Neuerern auf der anderen Seite.
Impressionismus als republikanische Kunstrichtung
In gewisser Weise war der Impressionismus also ein republikanischer Realismus. Auf jeden Fall war er eine bürgerliche Kunstrichtung, in der die dominierende Gesellschaftsschicht der Zeit dargestellt wurde.
Das versteht man besten, wenn man den Blick auf die vorherrschenden Themen richtet. Das sind die Boulevards, auf denen der neue Mittelstand und das urbane Publikum promenierten und in Karossen verkehrten. Renoir hat die neue Klasse unter den Bäumen der "Moulin de la Galette" abends beim Bier gemalt und ihre Vertreter in der Freizeit als Ruderer am Sonntag an und auf der Seine wiedergegeben, wobei ihm seine Freunde Modell standen. 1869 hielt er gleichzeitig mit Claude Monet die Besucher der Badeinsel "La Grenouillère" an der Seine bei Bougival ausserhalb von Paris im Bild fest.
Oft kommt auch das Privatleben der Künstler in den Bildern vor. Verschiedene Beiträge im Katalog gehen darauf ein, und nicht umsonst lautet der Titel der Ausstellung im Basler Kunstmuseum "Zwischen Bohème und Bourgeoisie". Mit Bohème sind wohl die Jahre der Armut gemeint, von der fast alle jungen Künstler betroffen waren, als sie am Anfang ihrer Laufbahn standen.
Das städtische Leben, das ist das Thema der Frühimpressionisten. Dass die Ausstellung diese Periode im Werk Renoirs ins Zentrum stellt, hat den Vorteil, den Impressionismus als Ganzes etwas besser beurteilen zu können – aber mildert das eingangs ausgesprochene Urteil über Renoir nur vorübergehend. Renoirs beste Jahre waren seine früheste Schaffenszeit, also die Zeit, auf die die Ausstellung jetzt eingeht.
Lise Tréhot auf sieben Werken
Die 50 Gemälde, die vertreten sind, zeigen konsequenterweise die Vertreter des neuen Publikums, auch wenn es oft Selbstportraits und Bildnisse von Freunden sind wie Claude Monet oder Frédéric Bazille. Das Portrait dominiert, meistens von Frauen in weiten Röcken, mit bunten Hüten, Schärpen, Bändern und Schirmen. Auf sieben Bildern ist Lise Tréhot zu erkennen, Renoirs Geliebte zwischen 1865 und 1872. Auch das ist ein weiterer Hinweis auf den Familiencharakter der Impressionisten.
In den versammelten Werken kann Renoirs Entwicklung vom Klassizismus in der Nachfolge Courbets zur lockeren Malweise erkannt werden, unter der seit 1874 der Impressionismus zusammengefasst wurde. Auf dem Gemälde "La Confidence" von 1875 spiegelt sich das Licht in lila Farben auf dem weissen Kleid der Frau. Als wichtiger angesehen werden muss aber auf diesem wie auf allen übrigen ausgestellten Werken der gesellschaftliche Kontext. Auch die Landschaftsbilder drücken die Entdeckung der städtischen Bevölkerung aus, die an den Wochenenden Ausflüge auf das Land unternimmt.
Zwei Akte sind ausgestellt. Einmal "La Nymphe à la source", wo zu sehen ist, dass in der Kunst Nymphen im Unterschied zum Motiv der sogenannten Pompiers-Malern (William Bouguereau und anderen) auch einfache Menschen sein können, sowie eine "Baigneuse". Der Akt, oft schamhaft als "Badende" bezeichnet statt als ästhetischer nackter Körper, war ein bevorzugtes Thema Renoirs. Er nimmt als Motiv in seinem Werk nach 1880, dem Datum, an dem die Basler Ausstellung aufhört, an Bedeutung zu und führt zuletzt zu den unförmigen Leibern des Malers Fernando Botero.
Auch Kinder malt Renoir in seinem Spätwerk immer häufiger, oft die Familien, die mit ihm befreundet waren. Sie würden das "Drama der Pubertät" behandeln, wie Michael F. Zimmermann im Katalog dazu meint. Oft sehen diese Kinder wie Puppen aus, die artig zurechtgemacht sind, ein passendes Motiv für Konfektdosen.
Keine Idylle
Es ist diese Epoche im Werk Renoirs, die überraschenderweise von dessen idealistischen Anhängern oft als "Malerei des Glücks" verstanden wird. Auch da setzt Zimmermann einen Gegenakzent und erkennt scharfsichtig eher die "Widersprüche des Glücks" und eine "bedrohte Idylle" in den Gemälden.
Diese letzte Phase kommt in der Ausstellung nicht vor. Sie ist es aber, die den geschmäcklerischen süsslichen Eindruck mit verschmierten Farben des Malers bestimmt hat. Ohne wenigstens knapp darauf hinzuweisen geht nicht. Thea Sternheim hat drastisch von einer "Limonadenstimmung" gesprochen. Ein Vergleich mit Claude Monet genügt, um diese Bemerkung und den weiter oben angebrachten Vorbehalt einsichtig zu machen.
Ob die Entwicklung im Werk Renoirs damit zu tun hat, dass er schwer unter Gicht litt, im Rollstuhl malte und sich unter Umständen den Pinsel an den Arm anbinden liess, ist schwer zu sagen. Eher nicht, auch wenn Renoir für sein Schicksal volles Verständnis und volle Anteilnahme beanspruchen darf.
So ist es am Ende ein Vorteil, dass die Ausstellung im Kunstmuseum sich auf das Frühwerk Renoirs beschränkt, im Sinn der Tradition des Museums, die nach Direktor Bernhard Mendes Bürgi darin besteht, grosse Künstler auszustellen, aber mit einem besonderen Fokus auf bestimmte Fragestellungen, neue Forschungsergebnisse und mit neuen Erkenntnissen.
Zu diesen Vorzügen gehört nebenbei, dass die Renoir-Ausstellung erlaubt, eine erhellendere Einschätzung des Begriffs Impressionismus vorzunehmen als die gewöhnlich vertretene, die das Spiel der Farben und des Lichts betont und auch wichtig, aber nicht entscheidend ist.
Kunstmuseum Basel: Pierre-Auguste Renoir. Zwischen Bohème und Bourgeoisie. Die frühen Jahre. Vernissage 31. März. Bis 12. August.
Ein ungewöhnlich schön gemachter Katalog ist zur Ausstellung erschienen. Er kostet 58 Franken.
30. März 2012