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«Schweizer Bauer»: Der Schweizer Bauernverband fordert, «dass zur Erreichung und Haltung der Qualitätsziele auf Biodiversitätsförderflächen eine periodische minimale Grundstoffversorgung zugelassen wird» (heute ist dies u. a. auf den extensiv genutzten Wiesen verboten). Was sagen Sie dazu?
Marcel Liner: So pauschal, wie diese Forderung vom SBV gestellt und in der Vernehmlassungsantwort begründet wird, ergibt sie vom fachlichen Standpunkt aus keinen Sinn. Es gibt zwar einzelne extensiv genutzte Wiesen, bei denen über eine leichte Düngung diskutiert werden könnte, aber an botanisch wertvollen Standorten wie Trockenwiesen (TWW) ist dies falsch.
Was ist aus Ihrer Sicht denn fachlich falsch?
Wenn sich der SBV die Zeit genommen und das Merkblatt Nummer 11 der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Futterbaus (AGFF) gelesen hätte, dann hätte er bereits gesehen, dass der Antrag, so wie er ihn stellt, absurd ist. Aus dem Merkblatt der AGFF-Spezialisten geht hervor, dass das Wichtigste bei einer Wiese die Standortfaktoren sind. Die Düngung ist nur einer davon. Die anderen sind: Wiesenpflege, Nutzungshäufigkeit, Klima, Gelände, Boden und Lebewesen. Die Geschichte des Bodens z.B. ist wesentlich: Wurde diese Wiese bereits seit Generationen so bewirtschaftet oder ist es eine Wiese, die einst eine gute botanische Zusammensetzung hatte wie die Fromentalwiesen, das waren ja die typischen Heuwiesen früher, die man intensiviert hat und die man jetzt wieder extensivieren möchte? Im Merkblatt sehen wir auch die verschiedenen Nutzungsintensitäten, darunter die wenig intensiv genutzte Wiese und die extensiv genutzte Wiese, für die es Biodiversitätsbeiträge gibt.
Die Beiträge für die wenig intensiv genutzten Wiesen sind aber viel tiefer, sodass der Bauer einen grossen Anreiz hat, extensive Wiesen anzulegen.
Die unterschiedliche Beitragshöhe hängt mit den grossen Unterschieden beim Ertrag zusammen. Eine extensiv genutzte Wiese (ohne jegliche Düngung) hat laut AGFF einen Futterertrag von 5 bis 20 Dezitonnen pro Hektare, eine wenig intensiv genutzte Wiese (etwas Mist oder Kompost erlaubt) hat einen Futterertrag von 50 bis 70 Dezitonnen pro Hektare. Was man bei der wenig intensiv genutzten Wiese weniger an Beiträgen hat, holt man also mit dem höheren Futterertrag herein. Wichtig ist auch: Die farbenfrohsten Wiesen sind die Fromentalwiesen, die teils im relativ intensiv genutzten Bereich liegen und teils im relativ extensiv genutzten Bereich sind. Es gilt der Grundsatz: Je extensiver die Wiese genutzt wird, desto vielfältiger ist sie aus ökologischer Sicht. Wenn ein Landwirt sagt, er habe weniger Blumen auf seiner Wiese als früher, dann kann es sein, dass die gesamte Artenvielfalt zugenommen hat und dass er punkto Ökologie durchaus auf dem richtigen Weg ist.
Falls Sie damit auf unseren Artikel «Naturschutz absurd – ein Ostschweizer Beispiel» anspielen, kann ich Ihnen sagen, dass der betroffene Landwirt sämtliche Zeigerpflanzen kennt und selber sieht, dass er die Qualitätsstufe II nur noch knapp erfüllt.
Schweizweit haben wir seit dem Jahr 2000 eine ganz starke Zunahme der extensiv genutzten Wiesen und gleichzeitig eine sehr starke Abnahme der wenig intensiv genutzten Wiesen. Wenn zahlreiche Betriebe eine starke Beitragsmaximierung betreiben, auch um tiefere Marktpreise zu kompensieren, kommen wir in grosse Probleme hinein. Wenn eine relativ intensiv genutzte Wiese von einem Tag auf den anderen als extensiv genutzte Wiese angemeldet wird (heisst: nur noch ein Schnitt und keine Düngung mehr), dann bringt man die anfallende Biomasse schlicht nicht mehr weg. Das gibt dann als eine der Möglichkeiten die Probleme, die Sie in Ihrem Beispiel beschrieben haben. So haben wir dann gar nichts gewonnen: Die botanische Qualität geht zurück, und der Landwirt ist frustriert.
Welche Lösungen sehen Sie?
Jede Fläche muss individuell betrachtet werden. Das Instrumentarium mit verschiedenen Biodiversitätsförderbeiträgen, Nutzungsintensitäten, Spezialregelungen innerhalb kantonaler Vernetzungsprojekte und Neuansaaten mit standortgerechtem, lokalem Saatgut ist breit. Für die allermeisten Wiesen kann der Landwirt, allenfalls unter Beizug einer kompetenten Beratung, Lösungen finden, die sowohl botanisch wie wirtschaftlich sinnvoll sind. Und dann gibt es ganz wenige Ausnahmeflächen, wie es sie in der Natur immer gibt, für die eine gute Lösung zu finden, eine besondere Herausforderung ist.
Ist der Beitrag für die wenig intensiv genutzten Wiesen nicht zu tief angesetzt?
Ich habe nicht den Eindruck. Aber natürlich sind für eine abschliessende Antwort betriebswirtschaftliche Studien nötig, die unter anderem den Wert des Futterertrags berücksichtigen. Dafür haben wir Agroscope. Rund um die Biodiversitätsförderflächen braucht es eine intensive Beratung und Begleitung der Landwirte. Diese nehme ich in vielen Kantonen nicht oder zu wenig wahr. Gerade angesichts der grossen Zunahme der extensiv genutzten Wiesen hätte dies ein Schwerpunkt sein müssen. Und wir brauchen dazu mehr Forschung.
Welche Auswirkungen sehen Sie, wenn der Bund dem Antrag des SBV zustimmt?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Bundesamt diesem Antrag zustimmen wird, weil er fachlich falsch ist. In der Begründung erwähnt der SBV, dass er sogar Trockenwiesen (TWW) düngen will. Das sind die ökologisch wertvollsten Flächen, unsere Juwelen, die alle inventarisiert sind. Dafür gibt es ja zusätzliche NHG-Gelder. Werden diese Flächen gedüngt, bedeutet dies für die seltenen Überlebenskünstler-Pflanzen den raschen Tod. In Bezug auf Düngung von Trockenwiesen hat der SBV wirklich gar nichts verstanden, oder er macht billige Polemik.