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Die Menschen werden immer dicker. In der Schweiz sind bereits rund 42 Prozent der erwachsenen Bevölkerung übergewichtig, davon sind elf Prozent fettleibig – oder adipös, wie man etwas freundlicher sagt. Bei Kindern und Jugendlichen sind rund 15 Prozent übergewichtig oder adipös.
Adipositas
Adipositas ist definiert als ein übermass an Körperfett. Berechnungsgrundlage ist der Körpermasseindex, der sogenannte Body Mass Index BMI. Dieser berechnet sich, indem man sein Gewicht in Kilogramm zweimal durch die Körpergrösse in Meter teilt.
Zum Beispiel: 75 / 1,75 / 1,75 = BMI 24,8
Übergewicht ist definiert als ein BMI über 25, Adipositas bei einem BMI von 30 und mehr.
In allen gesüssten Speisen verborgen
Schuld am Übergewicht ist natürlich, dass zahlreiche Menschen in der industrialisierten Welt zu viele Kalorien aufnehmen. Aber nicht nur. Eine soeben publizierte umfangreiche Übersichtsstudie zeigt, dass viel dieses Übergewichts der Fruktose geschuldet ist – oder eben dem Fruchtzucker.
Wir konsumieren diesen schädlichen Zucker, oft ohne dass wir uns dessen bewusst sind. In Süssgetränken, Energydrinks und Smoothies. Und sogar Fruchtsäfte sind damit nachgesüsst. Aber auch Backwaren und sogar Babynahrung enthalten den Stoff. Und so werden wir schon von klein an mit einer Zuckerart überversorgt, die die Natur nicht in diesen Mengen für unsere Ernährung vorgesehen hat. Das bisschen Fruchtzucker, das zum Beispiel ein Apfel enthält, ist dagegen vernachlässigbar.
Immer mehr Zucker aus Getränken
Wobei der Anstieg des Zuckerkonsums vor allem auf den Konsum von Getränken zurückzuführen ist, die mit industriellem Fruktosesirup gesüsst sind. Schätzungen zufolge stieg der Konsum von zuckergesüssten Getränken in den USA zwischen 1950 und auf das Fünffache: Heute trinkt jeder Mensch in den USA einem halben Liter pro Tag, total 190 Liter pro Jahr. In der Schwiez sind es 22,6 Liter.
Die Aufnahme von freiem Zuckern in der Ernährung beginnt bei Kindern sehr früh und erreicht bereits in den ersten drei Lebensjahren hohe Werte, wie eine Studie aus Italien zeigt.
Der höchste Verbrauch ist jedoch in der Vorpubertät und im Jugendalter zu verzeichnen.
In den USA wird bei vielen Kindern der von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlene Grenzwert von zehn Prozent der täglichen Kalorien aus Einfachzucker allein durch den Konsum von Süssgetränken überschritten.
Gleichzeitig zeigen andere Untersuchungen, dass amerikanische Kinder immer weniger Obst essen und so immer weniger natürliche Fruktose konsumieren.
Eigentlich ist Fructose ja ein natürlicher Stoff, darum darf auf den Verpackungen auch stehen «enthält nur Fruchtzucker». Gelogen ist das zwar nicht, aber heute ist Fructose ein Industrieprodukt – hergestellt aus Maisstärke. Es ist rund siebzig Prozent süsser als Kristallzucker und viel billiger. Darum hat sie sich in der Nahrungsmittelindustrie durchgesetzt. Und darum finden wir sie auch an Orten, wo wir keinen Zucker vermuten. Zum Beispiel in Ketchup oder Würsten.
Natürlich und doch gefährlich
Fructose verursacht im Vergleich zu anderen Zuckerarten, wie im Beispiel dem herkömmlichen Kristallzucker, mehr Übergewicht, weil sie eine viel stärkere Produktion von Triglyceriden und freien Fettsäuren induziert, was zu einem Energieungleichgewicht führt.
Sie greift auch an verschiedenen Stellen auf schädliche Weise in den Stoffwechsel ein, indem sie im Körper die Freisetzung von Substanzen wie Harnsäure, Laktat und Ceramid stimuliert. Und so geht eine ganze Reihe von Gesundheitsproblemen zumindest teilweise auf das Konto der Fruktose: Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die weltweit häufigste Todesursache. Und sie führt sogar schon bei Kindern zu Stoffwechselstörungen, Diabetes und Fettleber.
Damit nicht genug: Durch die Freisetzung von entzündungsfördernden Zytokinen fördert Fruktose einen Zustand chronischer Entzündung, während sie schützende Zytokine blockiert. Und schliesslich beeinflusst sie das Kontrollsystem für Hunger und Sättigung, weswegen Menschen, die viel Softdrinks zu sich nehmen, auch zu viel essen.
Prävention dringend nötig
Die Forschenden, die in ihrer Studie all diese spezifischen Wirkungen zusammengestellt haben, fordern präventive Massnahmen, die den Fruktosekonsum, insbesondere im Kindesalter, begrenzen. Denn schon Neugeborene zeigen eine angeborene Vorliebe für Süsses – und Fruktose ist die natürliche Substanz, die dieses Gefühl am stärksten bedient.
Auch die Schweizer Politik hat sich des Themas angenommen: Im März 2020 hat der Kanton Genf eine Standesinitiative eingereicht, die den Zuckergehalt in Lebensmitteln begrenzen will. Der Vorstoss wurde in der verantwortlichen Kommission des Ständerats im Oktober 2021 behandelt. Sie wollte nicht entscheiden, sondern zuerst noch einen Bericht abwarten. Wann das Geschäft wieder behandelt wird, ist offen.
Bis dahin müssen wir unsere Gesundheit selbst schützen.
Aber können wir das?
Ab sofort konsumieren wir keine Softdrinks mehr, keine Smoothies, keinen Fruchtsaft, keinen Eistee, kein Fruchtjoghurt, kein Ketchup, keine Babybreie, kein Glacé, keine Apfelkrapfen, keine Fertigpizza. keine Fertignahrung…
Für uns ist das einfacher gesagt als getan – aber die Politik könnte es mit einem einzigen Entscheid regeln.