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Pariser:innen laufen europaweit die grösste Gefahr, infolge von Hitze zu sterben. Dies das schockierende Ergebnis einer im März vorgestellten Untersuchung der medizinischen Fachzeitschrift «The Lancet».
Die Studie nimmt für den Zeitraum zwischen 2000 und 2019 nicht weniger als 854 europäische Städte unter die Lupe, um zu eruieren, in welchem Mass Hitze und Kälte in der erwachsenen Bevölkerung zu Übersterblichkeit führen. Während London das grösste Risiko für Tod infolge von niedrigen Temperaturen birgt, ist Paris bei Hitzewellen am gefährlichsten. Dies aufgrund der Dichte und des hohen Anteils von Stein und Asphalt in Frankreichs Hauptstadt: An Hundstagen liegen die Temperaturen in städtischen Wärmeinseln um bis zu zehn Grad über jenen in ländlichen Teilen der sie umgebenden Île-de-France. Das neunte und mehr noch das zweite Arrondissement bestehen fast ausschliesslich aus solchen Inseln – Oasen der Frische tauchen auf den tiefrot eingefärbten Temperaturkarten bloss als spärlich verstreute blaue Punkte auf.
Die Entsiegelung des Bodens und die Begrünung sind die beiden wirksamsten Mittel, um der Erhitzung der Stadt entgegenzuwirken. Ersteres meint das Abtragen von künstlichem Bodenbelag. Dieser beraubt den Boden seiner Pufferwirkung und absorbiert aufgrund seiner meist dunklen Farbe viel Energie aus Sonneneinstrahlung, trägt also zur Erwärmung bei. Die aktuelle Gemeindeverwaltung unter der Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Ende ihres Mandats in drei Jahren hundert Hektaren Boden – mehr als die doppelte Fläche des Vatikans – zu entsiegeln. Innenhöfe mit Kiesbelag werden in Gemeinschaftsgärten verwandelt, bis Ende Jahr soll die Transformation von 130 zuvor asphaltierten Schulhöfen in begrünte «Frischeinseln» abgeschlossen sein.
Eine Kernmassnahme der Begrünung ist die Pflanzung von 170 000 Bäumen bis 2026. Bei Halbzeit der laufenden Amtsperiode sind erst knapp vierzig Prozent des Plansolls erreicht. Aber die Kampagne nimmt Schwung auf: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden stolze 25 000 Bäume gepflanzt. Zudem plant die Stadtregierung, bis 2026 vier «städtische Wälder» mit bis zu 2000 Bäumen anzulegen – besonders ins Auge stechen dürfte jener auf der Place du Colonel Fabien vor Oscar Niemeyers ikonischer KP-Zentrale. Auch zahlreiche Strassen und die schon seit vielen Jahren für den Autoverkehr gesperrten kilometerlangen Abschnitte beider Seineufer wurden begrünt.
In den zwei nächsten Jahrzehnten will die Stadtverwaltung zudem 300 Hektaren neue Grünflächen schaffen. Parkgründungen oder -erweiterungen mit einer Gesamtfläche von 70 Hektaren sind bereits im Gang, aber die Planer:innen haben prinzipiell jede verfügbare Parzelle im Visier, vom Parkplatz (insgesamt 6000 Stellplätze wurden seit 2020 abgeschafft) bis zum Heliport. Die Pariser Exekutive, die ihren ersten Klimaplan verabschiedete, als Greta Thunberg vier Jahre alt war, nimmt das Problem so ernst, dass sie ihren neuen Flächennutzungsplan ganz unter das Primat des Bioklimas stellt.
Die Ernennung der Biodiversität zur Ehrenbürgerin von Paris 2016 wurde weitherum belächelt. Doch der symbolischen Geste waren seit langem konkrete Massnahmen vorangegangen. Seit 2007 verzichtet die Stadt in allen Grünanlagen völlig auf den Einsatz von Insektenvertilgungsmitteln, seit 2015 auch auf den zwanzig städtischen Friedhöfen. In vielen Pärken werden Rasen- und Wiesenflächen nur spärlich, mitunter sogar überhaupt nicht mehr gemäht, um die Eiablage von Schmetterlingen zu fördern und um Samen als Futter für Vögel und Kleinsäuger hervorzubringen. Insektenhotels und Bienenstöcke mehren sich; Fledermäuse, Sperber und Füchse kehren zurück. Unkraut ist nicht länger unerwünscht – sogar im hochtouristischen Montmartre spriesst auf 2000 Quadratmetern ein Naturgarten. Ein Regiment von 3000 Beamt:innen ist mit Unterhalt und Aufsicht über die Grünanlagen betraut.
Doch auch die Bevölkerung wird zur Mitwirkung animiert. Seit 2016 identifiziert das Programm «Les Parisculteurs» Dächer, Wände, Souterrains und freie Flächen, die urbanen Landwirt:innen zur Nutzung überlassen werden. Unter den siebzig Projekten, die seither verwirklicht wurden (ebenso viele sind in der Planungs- oder Umsetzungsphase), finden sich so originelle wie ein Aquaponikhof, wo auf einem Dach Fische, Gewürzpflanzen und vergessene Gemüsesorten angesiedelt wurden, Gärten mit Färberpflanzen oder Schalenobst sowie eine unterirdische Pilz- und Endivienfarm. Das ist nicht ganz so anekdotisch, wie es klingen mag, wird heute doch eine Fläche von beträchtlichen 34 Hektaren in Paris landwirtschaftlich genutzt. Und es gibt Raum für Erweiterung: Insgesamt 80 Hektaren Dachfläche wurden vor zehn Jahren als potenziell begrünbar identifiziert.
Endlich erlaubt ein «permis de végétaliser» (Begrünungsausweis) seit 2015 Kollektiven von mindestens fünf Privatleuten das Bepflanzen des öffentlichen Raums in ihrer Strasse. So spriessen allenthalben Blumen, Pflanzenkübel da, wo sich der Boden nicht entsiegeln lässt, und Miniaturgärtchen dort, wo das möglich ist. Auch hier macht Kleinvieh am Ende viel Mist, pardon: Guano – innert sieben Jahren haben Anrainer:innen den Bereich am Fuss von über 2000 Strassenbäumen begrünt und zahllose graue Einbahnsträsschen in bunte Oasen verwandelt, pittoresk gesäumt von Topfpflanzen und Kübelbäumchen.
Unter den Millionenstädten zählt Paris so zu den Pionierinnen und Innovatorinnen im Kampf für Umweltschutz und gegen Klimawandel. Wer hätte der alten Dame im haussmannschen Korsett eine derartige Beweglichkeit zugetraut? Als Präfekt von Napoleon III. für Paris liess Georges-Eugène Haussmann zwischen 1853 und 1870 im Rahmen eines urbanen Erneuerungsprogramms viele mittelalterliche Bauten abreissen und die bis heute das Stadtbild im Zentrum prägenden Häuserblocks und Boulevards errichten. Frankreichs Hauptstadt droht nicht nur Lähmung durch Musealisierung, sondern auch Luftmangel durch Überlastung. Mit 2,1 Millionen Einwohner:innen auf 105 Quadratkilometern ist sie eine der flächenmässig kleinsten und am dichtesten bevölkerten Grossstädte der Welt. Bei durchschnittlich 20 000 Einwohner:innen pro Quadratkilometer bleibt nicht viel Raum für Pärke.
Aber die haussmannsche Steinquaderwüste lebt. Paris zählt heute mehr Grünanlagen denn je, seit Anfang des 17. Jahrhunderts die ersten bepflanzten öffentlichen Plätze und Promenaden geschaffen wurden. In seiner gehaltvollen «Grammaire des jardins parisiens», 2007 als reich bebilderter Band erschienen, unterscheidet der Kunsthistoriker Dominique Jarrassé sechs Epochen der hauptstädtischen Gartengeschichte.
Die frühsten öffentlichen Pärke sind jene der Könige und Prinzessinnen. Viele von ihnen waren mehr oder weniger regelmässig für die Bevölkerung zugänglich, wenngleich nicht für deren «niedere» Vertreter:innen. So der Jardin des Tuileries und der Jardin du Luxembourg, die 1564 respektive 1612 angelegt wurden. Bis heute bewahren sie das Gezügelte, Regelmässige, Manikürierte des klassischen Gartens «à la française». Urahn aller künftigen öffentlichen Pärke ist der 1616 gegründete Jardin des Plantes, ein königlicher botanischer Garten, der von vornherein nicht ausschliesslich dem privaten Pläsier diente.
Als frühster Square – ein durch Gitter eingefasster kleiner Park – gilt der Square Louis XIII im Zentrum der heutigen Place des Vosges, auch er bis heute streng geometrisch und von tadelloser Symmetrie. Einer mehr «englisch-chinesischen» Anmutung huldigen demgegenüber der Parc Monceau und der Parc de Bagatelle, Schöpfungen der 1770er Jahre: Mit ihren gewundenen Wegen, ihren vielgestaltigen Zierbauten, ihrem Streben nach Abwechslung und Überraschung stellen sie dem grafischen Rationalismus des klassischen Gartens eine mehr gefühlsbetonte, landschaftsmalerische Ästhetik entgegen.
Monceau wie Bagatelle wurden unter Napoleon III. umgemodelt und erlebten als mondäne Promenaden eine zweite Blüte. Stärker als Könige und Prinzessinnen definierten Präfekt Haussmann und seine rechte Hand im grünen Bereich, Adolphe Alphand (1818–1891), was man sich bis heute unter einem Pariser Park vorstellt: eine Folge von Landschaften und Perspektiven, die sich nicht auf einen Blick, sondern erst im Lauf der Promenade erfassen lassen und dabei möglichst verschiedenartige Sinneseindrücke bieten. Alphand, der erste Leiter des 1854 gegründeten Service des promenades et plantations, schuf weit über den Sturz des Zweiten Kaiserreichs 1870 hinaus bis zu seinem Tod Dutzende von Grünanlagen oder gab ihnen zumindest ihre endgültige Gestalt, darunter die beiden grünen Lungen der Kapitale, der Bois de Boulogne im Westen und der Bois de Vincennes im Osten, aber auch der fast überdreht pittoreske Parc des Buttes-Chaumont und der gelassenere Parc Montsouris.
Darüber hinaus erfand Alphand recht eigentlich das Genre des Square und fächerte es laut dem Gartenkunsthistoriker Jarrassé in sechs Typen auf. Neben der Grundform des auf das englisch-chinesische Modell verweisenden «landschaftsgärtnerischen Square» (Square du Temple) gibt es auch solche, die als Schrein für öffentliche Bauten dienen (namentlich für Gottes- und Rathäuser wie der Square de la Trinité vor der gleichnamigen Kirche beziehungsweise der Square de Montrouge vor der Mairie du 14e Arrondissement), und solche, die an der Grenze zur bepflanzten Promenade Ketten bilden (zum Beispiel die lang gezogene Reihung von Grünanlagen entlang der Boulevards Richard Lenoir und Jules Ferry).
Schliesslich dekretierte Alphand die Bepflanzung aller mindestens zwanzig Meter breiten Strassen mit zwei Baumreihen. Unter den 100 000 «arbres d’alignement» (Reihenbäume) der Hauptstadt stammen in der heutigen Avenue Foch enorme Rosskastanien, Trompetenbäume und Sibirische Ulmen noch aus den 1850er Jahren.
Die Nachfolger des unermüdlichen Stadtbegrüners schufen in den gut vier Jahrzehnten nach seinem Tod 1891 Gärten in seinem Geist. Um die Jahrhundertwende gestaltete Camille Formigé den Jardin des Serres d’Auteuil und das zugleich strenge und verspielte, orthogonale und gewundene Marsfeld im Schatten des Eiffelturms. Eine vierte Epoche sieht in den 1920er und vor allem 1930er Jahren neuartige Gärten am Stadtrand aufblühen. Der Abbau der Befestigungsanlagen um Paris zwischen 1919 und 1929 gab einen breiten Landstreifen frei; ambitiöse Begrünungspläne fielen indes grösstenteils der Bebauungswut zum Opfer. Ansätze dazu wie der Parc Kellermann, der Square de la Butte du Chapeau Rouge, vor allem die Cité universitaire, eine Mischung aus Gartenstadt und Campus à la Oxford, lassen zumindest erahnen, wie das geplante Pendant zum Wiener Ring hätte aussehen können.
Die fünfte Epoche, die von 1940 bis Ende der siebziger Jahre reicht, nennt Kunsthistoriker Jarrassé freimütig vernachlässigbar. Der Gartenbereich wurde von den in jener Zeit zuständigen Planern rein technokratisch angegangen, unter sanitären und funktionellen Aspekten; von Ästhetik sprach niemand. Das änderte sich in der sechsten und letzten Periode, die bis heute andauert. Die Blüte ist zum einen quantitativ: Allein in den zwei Jahrzehnten um den Millenniumswechsel entstanden rund 150 neue Grünanlagen; heute beträgt die Gesamtzahl der Pariser Pärke, Squares und bepflanzten Promenaden gut 530. Zum andern ist die Hochkonjunktur auch qualitativ, mit ebenso originell wie individuell gestalteten grösseren Pärken: namentlich Bercy – die Tuilerien des Ostens – und die Hightechanlagen La Villette und André Citroën.
Nehmen wir letzteren Park als Ausgangspunkt für einen Versuch: Ziel ist es, auf einem gut zwanzig Kilometer langen Spaziergang so wenig Asphalt wie möglich unter den Füssen zu haben. Der Weg führt entlang des südlichen Stadtrands bis zum Bois de Vincennes und von dort aus stadteinwärts bis zum Westeingang der Coulée verte unweit des Bastille-Platzes. Abseits der berühmten zentralen Pärke geht es durch Anlagen, die für die alltäglichen grünen Fluchten der Pariser:innen womöglich repräsentativer sind.
Der 1992 eingeweihte Parc André Citroën ist ein ausgewachsener Park mit ebenso vielgestaltigem Grundplan wie einem kosmogonisch-alchemistischen Programm. Er wirkt elitär und zugleich familiär, wendet sich an vergeistigte Flaneur:innen wie an die quiekenden Bälger, die an heissen Tagen zwischen den Fontänen des Wasserspiels herumtollen. Auf seinen knapp vierzehn Hektaren faszinieren zwei gigantische Glastempel und ein Fesselballon mit Panoramablick aus 150 Metern Höhe, locken weitläufige Rasenflächen und verwunschene Dickichte, Traueralleen, Wasserwege sowie sechs eingefasste Gärten. Letztere sind je assoziiert mit einer Farbe, einem Metall, einem Planeten, einem Wochentag, einer Erscheinungsform des Wassers und einem der Sinne (einschliesslich des berühmt-berüchtigten sechsten). Der Park ist emblematisch für eine Pariser Mode am Ende des letzten Jahrhunderts, Grünanlagen mit vielfältigen Bedeutungen aufzuladen, statt sie schlicht ein Quell der Erquickung für Grossstädter:innen sein zu lassen, die der urbanen Steinwüste müde sind.
Von dieser Marotte ist man heute wieder abgekommen, wie die progressive Umnutzung der Petite Ceinture zeigt. Dieser 32 Kilometer lange, ringförmige Bahnweg um Paris, seit 1934 nach und nach stillgelegt, wird seit 2007 abschnittweise für Spaziergänger:innen zugänglich gemacht. Mittlerweile sind ein Dutzend Teilstrecken in allen an den Stadtrand angrenzenden Arrondissements erschlossen; vier weitere Kilometer werden bis 2026 bereitgemacht.
Der eineinhalb Kilometer lange Abschnitt, der unweit des Citroën-Parks beginnt, ist von der Strasse aus nicht zu sehen. Man steigt eine Metalltreppe hinauf – und findet sich in ein grünes, gedämpftes Universum versetzt, von dessen Existenz die meisten Passant:innen auf dem Trottoir unten nichts ahnen. Mehrere Meter über dem Niveau der parallel verlaufenden Rue Leblanc führt ein Kiesweg neben einer Gleisspur gen Osten, durch Bäume und Böschungen weitgehend abgeschirmt von den Gebäuden, auf die man beidseits durch das Blätterwerk immer wieder einen Blick erhascht. Dann verschwindet die Vegetation, geleiten einen Hochhäuser und ein ehemaliger Ziegelsteinbahnhof in eine Schlucht. Vor einem vergitterten Tunnel steigt man abermals eine Treppe hinauf – doch nunmehr liegt das Bodenniveau über einem!
Bis zum Parc Georges Brassens sind es hier nur wenige Schritte. Von dort aus führt ein weiterer Abschnitt der Petite Ceinture, wie eine metertiefe Schneise auf Mulch, zum Parc Montsouris. Letzterer wurde zwischen 1865 und 1878 geschaffen, Ersterer gut hundert Jahre später. Aber beide sind gute Beispiele für den Haussmannismus, der bis heute in der Gartengestaltung vorherrscht: mäandernde Gehwege zwischen Rasen- und Wasserflächen, pittoresk-exotisch-bizarre Zierbauten sowie Amüsiereinrichtungen wie Karussell, Konzertpavillon und Guignol-Puppentheater. Eine Mischung aus hohen Bäumen und weiten Flächen, Überraschendem und Altbekanntem, aus Pariser Flair und provinzieller Beschaulichkeit.
Die lange Strecke bis zum westlichen Eck des Bois de Vincennes am anderen Seineufer führt dann hauptsächlich über Asphalt. Doch auch hier sorgen ein Abschnitt der Petite Ceinture sowie acht oder neun kleinere bepflanzte Anlagen für reichlich Grün. Auch in einer der am dichtesten besiedelten Grossstädte der Welt ist es augenscheinlich möglich, sich mit kleinen Umwegen von Pflanzeninsel zu begrünter Promenade zu hangeln. Die Zielgerade des Spaziergangs ist vom Vincennes-Park aus über einen vierten, knapp zwei Kilometer langen Abschnitt der Petite Ceinture zu erreichen. Die etliche Meter über dem Strassenniveau verlaufende Trasse verlassend, biegt man via den Square Charles Péguy in die Coulée verte ein. Dieser – frei übersetzt – Blätterstrom «fliesst» nicht mehr am Stadtrand entlang, sondern direkt ins Zentrum, zur Place de la Bastille hin.
Von Osten nach Westen führt einen dieser viereinhalb Kilometer lange Spaziergang von der Tiefe in die Höhe, von zwischen hohen Steinmauern eingegrabenen Schluchten und Tunneln zum Jardin de Reuilly. Über dessen zentrale Rasenfläche trägt eine filigrane Fussgänger:innenbrücke hinweg – und setzt einen auf einem Ziegelsteinviadukt ab. Wie ein hängender Garten überrascht dessen Parcours mit Miniaturkanälen, Bambustunneln, verspielten Lauben, vor allem jedoch mit atemberaubenden Ausblicken auf die Pariser Stadtlandschaft, von sehr nahe scheinenden Wohnhäusern und Kirchtürmen bis zu effektvoll gerahmten Boulevardpanoramen.
Mehr noch als die Pärke und Squares entführen einen die Petite Ceinture und die Coulée verte in ein paralleles Universum, das der Stadt und ihrer Betriebsamkeit enthoben ist. Die Verbindung zum Paris des Alltags bricht nie ganz ab: Man sieht oder hört die Grossstadt um einen herum – aber der Boden unter den Füssen fühlt sich anders an, die durch Blätterwerk verschattete Umgebung ist frischer und feuchter; mit etwas Glück begegnet man hier gar einem Fuchs.
In den über 400 Jahren, seit der Jardin des Plantes und der heutige Square Louis XIII angelegt wurden, hat sich ein markanter Paradigmenwechsel vollzogen. Öffentliche Pärke dienen seit je zwei Zwecken: Sie sollen zum einen das Auge erfreuen, zum andern das Prestige mehren. Das gilt auch für die Gärten der Könige und Prinzessinnen, die der Elite und später auch dem Bürgertum zugänglich waren.
Zur ästhetischen und zur repräsentativen Funktion gesellte sich in der Spätzeit des Ancien Régime eine dritte, soziale: Der Besuch von Pärken wurde zu einem Freizeitvergnügen. Heute sehen Grossstädter:innen den Kontakt zur Natur als eine Art Grundrecht an. In Paris gilt die ungeschriebene Regel, jede:r Bewohner:in müsse im Umkreis von 500 Metern eine Grünanlage finden können. Dass Pärke vermehrt der Unterhaltung dienen, zeigt sich auch daran, dass Kinderspielplätze und Sportinfrastrukturen oft zur Mindestausstattung gehören.
Zu diesen drei Funktionen hat sich seit der Jahrtausendwende eine vierte gesellt, die mittlerweile den Vorrang einnimmt: Grünanlagen spielen eine tragende Rolle im Umweltschutz. Das klingt nach einem Gemeinplatz, aber Paris ist besonders bedroht – und drum auch besonders (pro)aktiv. Gewiss, Frankreichs Kapitale wird sich nie in eine Gartenstadt verwandeln – die Dichte der Bebauung und ihr steinerner Charakter sind ihrer DNA eingeschrieben. Auch hat Paris ein Problem mit dem Unterhalt seiner Gärten: Weder die Bewohner:innen noch ihre Gäste werfen ihren Abfall immer in den Mülleimer. Hinzu kommen Sicherheitsprobleme, die – namentlich im ärmeren Osten der Stadt – dazu geführt haben, dass bei mehreren Squares die Nebeneingänge gesperrt sind, «auf Wunsch der Polizeipräfektur», wie Schildchen erklären.
Aber die linken Stadtverwaltungen seit 2001 haben gezeigt, wie sich mit etwas Einfallsreichtum und Durchsetzungswille dank überwiegend kleinflächigen, dem gedrängten Stadtgefüge auf den Leib geschneiderten Eingriffen Oasen der Frische und Biodiversität schaffen lassen. Diese mögen auch andere Metropolen zu ähnlichen Strategien der Stadtbegrünung bewegen.