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Joe Pass (1929 – 1994) spielte seit seiner Kindheit Gitarre, doch erst nachdem es ihm 1961 endlich (nach etlichen Gefängnis- und Entzugsklinikaufenthalten) gelungen war, von diversen Drogen loszukommen, begann seine eigentlich relevante Musikerkarriere. Nach über zehn Jahren als Studiomusiker in Los Angeles und Gigs in den USA und in Europa unterzeichnete er einen Vertrag mit Norman Granz. Viele dieser Veröffentlichungen auf Pablo Records, vor allem die "Virtuoso Serie", brachten ihm den verdienten Erfolg.
Die vorliegenden MPS-Aufnahmen entstanden 1970, kurz vor dem Pablo-Vertrag. Mit von der Partie waren das damalige deutsche Bass-Ass Eberhard Weber, der hier beweist, dass er sich auch in eher traditionellen Bahnen wohl fühlt und sich stilistisch perfekt einzufügen vermag, sowie der englische Drummer Kenny Claire (nicht Kenny Clarke), der das Trio mit seinem ausgezeichneten, dezenten Besenspiel perfekt ergänzt.
Die vielseitige Stückwahl beschwört denn auch unterschiedliche Stimmungen herauf: "Cloe" swingt ebenso leichtfüssig daher wie der alte Jazz-Standard "Stomping at the Savoy". "Meditation" und "El Gento" zeigen, wie unverkrampft Bossa nova klingen kann.
Joes fulminante Technik kommt in "I love you" so richtig zur Geltung, während mich die komplexen Akkordkreationen in allen Stücken immer wieder aus Neue faszinieren – gerade in traditionellen Harmonieabfolgen wie "Joe’s Blues" oder auch "Ode to Billy Joe". Den perfekten Schlusspunkt setzt Neal Heftis "Lil Darling".
Bei jedem Abspielen entdecke ich mehr Details. Obgleich das Album relativ ruhig daherkommt, gibt es genügend Spannung und Dynamik sowie diverse Schmunzelszenen, in denen ich mir lebhaft die spontanen visuellen Interaktionen zwischen den Musikern vorstellen kann – etwa, wenn man merkt, dass der Schluss von "Watch what happens" wohl nicht vorgängig abgesprochen wurde, doch irgendwie ein Ende gefunden wird – ohne billiges Ausblenden.
Was ich an dieser Aufnahme besonders schätze: Es ist nichts überarrangiert. Die Musiker hören aufeinander, ergänzen sich ideal, füllen aus. Man spürt die Spielfreude und die entspannte Atmosphäre – es ist superber Spontanjazz.
Und mehr als einmal musste ich an eine Aussage denken, die Joe Pass zugeschrieben wird: "If you hit a wrong note, make it right by what you play afterwards" ("Wenn du einen falschen Ton spielst, mache ihn richtig durch das, was du danach spielst"). Es gibt eigentlich keine falschen Noten in der Improvisation, wenn man gut genug ist, um eine stimmige Melodienfolge zu schaffen. Und das ist bei Joe Pass immer der Fall.
Dieser Download beweist, dass analoge Aufnahmen auch nach 45 Jahren noch hervorragend aufbereitet werden können – und dass gute Musik kein Verfalldatum kennt.
Nicht nur für Gitarrenliebhaber absolut empfehlenswert.