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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Zehntes Buch
15. Der Ursprung des Leibes und der Seele Christi.
Wenn also der Mensch Jesus Christus vermöge der Anfänge unseres Leibes und unserer Seele im Leibe gelebt hat, und nicht in der Weise, daß Gott als Urheber wie seines Leibes so auch seiner Seele geboren wurde, erschaffen in Ähnlichkeit mit den Menschen und dem Stande nach erfunden als Mensch:1 dann mag er immerhin unseren körperlichen Schmerz erfahren haben - mit unserem Leib und mit unserer Seele, wie bei der Empfängnis, so auch von Anfang an im Leibe beseelt.
Wenn er dagegen durch sich aus der Jungfrau Fleisch angenommen und selbst von sich aus die Seele des durch sich angenommenen Leibes [mit dem Leib] zusammengefügt hat, dann muß entsprechend der Wesensverbindung von Seele und Leib sein Wesen auch leidensfähig gewesen sein. Indem er sich nämlich aus der Gestalt Gottes erniedrigte, die Gestalt des Knechtes annahm,2 trotz seiner Gottessohnschaft auch als Menschensohn geboren wurde, seiner und seiner Kraft nicht verlustig ging, da hat das Gott-Wort einen vollständigen, lebendigen Menschen gebildet. Denn in welcher Weise wird der Gottessohn als Menschensohn geboren werden oder trotz seines Fortbestehens in Gottes Gestalt die Gestalt des Knechtes angenommen haben, wenn das Gott-Wort nicht imstande war, von sich aus einerseits im Schoß der Jungfrau Fleisch anzunehmen und anderseits dem Fleisch eine Seele zu geben, und wenn deswegen der Mensch Christus Jesus zur Erlösung unserer Seele und unseres Leibes als vollkommen geboren worden ist und er den Leib in der Weise aus der Jungfrau angenommen hat, daß dieser durch seine Annahme aus der Jungfrau in ihm [Jesus] die Knechtesgestalt bewirkt hat? Die Jungfrau hat nämlich nur aus ihrem Heiligen Geist geboren, was sie geboren hat. Wenn sie auch nur soviel von sich aus zur Geburt des Fleisches gab, wie von sich aus die Frauen nach der Empfängnis zur Geburt der Körper beitragen, so ist dennoch Jesus Christus nicht auf dem Wege über die menschliche Empfängnis herangewachsen. Vielmehr hat sie, nach der Eingießung der ganzen Kraft zur Geburt von seiten des Heiligen Geistes, bei der Geburt des Menschen ganz die Stellung einer Mutter innegehabt; dennoch hat sie bei dem Wunder der Geburt dies gehabt, daß er Gott ist.
1: vgl. Phil 2,7
2: vgl. Phil 2,7