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| Augustinus (354-430) - Vier Bücher über die christliche Lehre (De doctrina christiana)

4. Buch
3. Kapitel: Soweit sich eine Beredsamkeit überhaupt schulmäßig erlernen läßt, soll dies in der Jugendzeit geschehen
4. Wenn nun zu allen sachlichen Beobachtungen und Vorschriften auch noch die sorgfältige Vertrautheit mit einer in Wortfülle und Redeschmuck wohlgeübten Sprache hinzutritt, so entsteht das, was man Wohlredenheit oder Beredsamkeit heißt. Eine solche Kenntnis soll außerhalb des Kreises des von uns behandelten Wissens innerhalb einer eigens hiefür bestimmten angemessenen Zeit in dem dazu passenden und geeigneten Alter von denjenigen erlernt werden, die hiezu schnell imstande sind; denn sogar die Fürsten der römischen Beredsamkeit1 standen nicht an zu behaupten, wer diese Kunst nicht schnell erlernen könne, der sei überhaupt unfähig, sie gründlich zu erlernen. Die Frage, ob diese Behauptung wahr sei, brauche ich nicht zu untersuchen. Denn wenn diese Vorschriften wirklich auch von langsamen Köpfen endlich einmal erlernt werden könnten, so legen wir ihnen doch keinen so großen Wert bei, daß wir für ihre Erlernung noch ein schon reifes oder gar schon vorgerücktes Alter verwendet wissen wollten. Es genügt, daß sich die Jünglinge damit befassen, und das ist nicht einmal für all diejenigen notwendig, die wir für den Dienst der Kirche erziehen wollen, sondern nur für jene, die vorläufig noch kein dringenderes Geschäft in Anspruch nimmt, das ohne Zweifel vor der Rhetorik den Vorrang verdiente. Denn wenn der Geist scharf und lebhaft ist, so fällt die Beredsamkeit eher solchen zu, welche gleich praktisch die Schriften beredter Männer lesen und ihre Reden hören, als jenen, welche die Vorschriften der Beredsamkeit bloß theoretisch befolgen. Es fehlt auch, ganz abgesehen von dem in der Burg der (kirchlichen) Autorität zum Heile aufgestellten Kanon, nicht an anderen kirchlichen Schriften, durch deren Lektüre ein fähiger Mann, selbst wenn er nur auf den sachlichen Inhalt achtet, dabei gleichwohl ganz unabsichtlich auch von der Beredsamkeit berührt wird, mit der sie vorgetragen werden. Dies gilt namentlich dann, wenn auch noch Übung im Schreiben oder Diktieren und zuletzt im mündlichen Vertrag über dasjenige hinzukommt, was er nach der Richtschnur des frommen Glaubens denkt. Wo aber eine natürliche Anlage zur Beredsamkeit fehlt, da werden weder die Vorschriften der Rhetorik begriffen noch nützen sie etwas, wenn trotz großer Mühe ihr Verständnis nur zu einem kleinen Teil eingebläut werden konnte. Ja selbst wer sie tatsächlich erlernt hat und mit Wortfülle und Redeschmuck zu sprechen weiß, kann nicht immer während des Redens daran denken, seinen Regeln gemäß zu sprechen; es müßte denn schon sein, daß er eigens über die Vorschriften (der Rhetorik) redete. Ich glaube vielmehr, daß es auch unter den in der Rhetorik Geschulten kaum den einen oder anderen gibt, der beides zugleich kann: nämlich gut sprechen und während des Redens zu diesem Zweck an jene Vorschriften über das Reden denken. Denn man hat zu besorgen, es möchte der Inhalt der Rede dem Gedächtnisse entfallen, während man auf eine kunstvolle Form der Rede acht gibt. Und doch sind in den Reden und Aussprüchen beredter Männer die Vorschriften der Beredsamkeit erfüllt, an die sie zum Zwecke oder bei Gelegenheit des Redens nicht gedacht haben, mögen sie nun sonst dieselben gelernt oder sich gar nie um sie gekümmert haben. Denn sie erfüllen die Vorschriften der Rhetorik, weil sie eben beredt sind, wenden sie aber nicht deshalb an, um beredt zu sein.
5. Da nun auch die unmündigen Kinder nur durch das Einlernen der Worte Erwachsener selbst reden lernen, warum sollten dann die Menschen nicht ohne alle (theoretische) Kenntnis der Rhetorik beredt werden können, wenn sie bloß die Ausdrücke beredter Männer lesen oder hören und soweit als möglich nachahmen? Sehen wir diese Möglichkeit nicht auch tatsächlich durch Beispiele bestätigt? Wir wissen doch, daß sehr viele ohne im Besitze der rhetorischen Vorschriften zu sein, viel beredter sprechen als gar manche, die sie gelernt haben, während andererseits niemand beredt ist, der nicht Abhandlungen und Reden beredter Männer gelesen oder gehört hat. Nicht einmal die Grammatik, aus der man die reine Sprache erlernt, hätten die Knaben nötig, wenn sie unter Menschen aufwachsen und leben könnten, die eine fehlerlose Sprache reden. Ohne auch nur erfahren zu haben, daß es etwas sprachlich Unrichtiges überhaupt gibt, würden sie alles Fehlerhafte, das sie aus dem Munde irgendeines Redenden hörten, infolge der gesunden Gewohnheit tadeln und selber meiden; so werden z. B. die Leute vom Lande von Städtern (wegen ihrer fehlerhaften Sprechweise) getadelt, auch wenn diese selbst von einer wissenschaftlichen Rhetorik nichts wissen.
1: Die bedeutendsten römischen Schriften über Rhetorik sind Ciceros Buch „De oratore“, welches das Ideal eines Redners zeichnet, und „Brutus“, das die Geschichte der römischen Beredsamkeit gibt; ferner Quintilians „Institutio oratoria“ und die „libri quattuor ad Herennium“.