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Annette Hug möchte ein französisches Wort falsch verstehen
Einem Autor habe ich es zu verdanken, dass ich das französische Wort «dérive» seltsam verwende. In schriftlichen Angaben zur Person, zu einem Buch oder zu Figuren, die darin vorkommen, ist mir «dérive» eine Zeit lang als Verschönerung erschienen. Denn 2011 hatte ich in ruhigen Sommerwochen «Chronique de la dérive douce» von Dany Laferrière gelesen: Ein junger Mann ist vor politischer Verfolgung aus Haiti nach Kanada geflohen. In kurzen Momentaufnahmen, die fast wie Gedichte aufeinanderfolgen, gleitet er durch Montreal. Es ist ein Verlorengehen in sanfter Form, obwohl einige der beschriebenen Momente brutal sind. Der junge Mann steht in einer Fabrik an einer Maschine. Er weiss, dass sie dem Arbeiter vor ihm eine Hand abgerissen hat. Und er spürt, dass die Kollegen hoffen, ihm würde dasselbe passieren. Dann wäre der Besitzer endlich gezwungen, eine neue Maschine zu kaufen.
Meistens driftet der junge Mann aber durch Pärke. Noch häufiger liegt er in einem Zimmer und liest. Mit «Abdrift» könnte man «dérive» übersetzen. Ein Dahinziehen aufs Geratewohl habe ich mir vorgestellt. Bis mich eine befreundete Übersetzerin darauf hinwies, dass ich etwas vorsichtiger sein sollte mit der Verwendung dieses Worts. Im Alltag verstehe man darunter ein mühsames Abschweifen beim Reden.
«Dérive?» Das Flüchtlingslager in Moria ist abgebrannt. Tausende von Menschen ertrinken seit Jahren im Mittelmeer. Das Inferno aus Fluten und Feuer zerstört jede sanfte Assoziation, die sich mit einem Abdriften auf hoher See verbinden könnte. Die europäischen Regierungen legen es darauf an, dass ein Verlorengehen auf der Flucht den Tod bedeutet. Was das Alter Ego von Dany Laferrière in Montreal erlebt, wird den Geflüchteten auf Lesbos verwehrt.
Der Schriftsteller Laferrière wäre dieses Jahr für Kanada an der Frankfurter Buchmesse aufgetreten. Das Land, in dem er lebt, wäre Ehrengast gewesen, wenn dieser Auftritt nicht um ein Jahr verschoben worden wäre. Das passt zu seinem neusten Buch, das in der Übersetzung von Beate Thill auf Deutsch erschienen ist. Noch immer geht ein Mann ziellos durch Montreal. Er scheint nicht wirklich angekommen. Wenn ihn Polizisten aufsuchen, ist das für ihn lebensgefährlich. Aber die Heiterkeit des Erzählers hat sich noch gesteigert. «Ich hatte eines Morgens die Fabrik verlassen, mit dem Vorsatz, mich nie mehr zu beeilen», sagt die neu-alte Hauptfigur, ein «Dichtervagabund», der auf den Spuren des klassischen japanischen Dichters Bashô umherzieht und sich ausmalt, wie eine Clique japanischer Frauen die Kneipensängerin Midori umschwärmt. Man kann sie als Double einer Schar junger Frauen aus dem Werk von Marcel Proust verstehen, man muss aber nicht.
Durch seinen Blick auf die Welt behauptet dieser Erzähler die Zugehörigkeit zu einem literarischen Kosmos, in dem Nationalitäten nur seltsame Requisiten sind. Sein Blick hält auch dem Polizisten stand, der ihm einen Knüppel zwischen die Beine rammt. Gewalt wird für die Dauer der Lektüre von klugem Klamauk besiegt, einem rasanten Spiel mit Herkünften: «Ich bin ein japanischer Schriftsteller» heisst der Roman. Der Alltag, dem er entspringt, «besteht aus lauter winzig kleinen, aufeinanderfolgenden Explosionen: ein elektrisiertes Leben».
Annette Hug ist Autorin und wohnt im Moment in der Nähe von Delémont. «Ich bin ein japanischer Schriftsteller» (Verlag Das Wunderhorn) von Dany Laferrière hat sie in einem Zug durchgelesen.