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EQUALS: Zusammenhang zwischen selbstberichteter Lebensqualität und Substanzkonsum unter Jugendlichen in der stationären Jugendhilfe
Beitrag aus der EQUALS-Forschung
Von Nina Kind, Martin Schröder, Nils Jenkel
Gibt es zwischen platzierten Jugendlichen, die Suchtmittel konsumieren, und denjenigen, die nie welche konsumiert haben, Unterschiede in ihrer Lebensqualität? Welche Lebensbereiche sind am stärksten beeinträchtigt? In einer EQUALS-Stichprobe aus mehreren Institutionen der Schweiz wurde die selbstberichtete Lebensqualität in Abhängigkeit des Substanzkonsums der Jugendlichen untersucht.
Einleitung
Im EQUALS-Tool (www.equals.ch) gibt es Instrumente, welche die Lebensqualität und den Substanzkonsum (Alkohol, Cannabis, Amphetamine, Kokain, Opiate) von Jugendlichen erfassen. Unter Lebensqualität werden individuelle und umfeldbezogene Bedingungen verstanden, die für die Handlungsfähigkeit eines Individuums von Bedeutung sind. Der Fragebogen umfasst folgende Bedingungen: Zurechtkommen mit Anforderungen des Alltags, Beziehungen im sozialen Umfeld, Gesundheit und die allgemeine Lebensqualität. Bei den Fragebögen zu den Substanzen wird das Konsumverhalten erfragt. Beide Einschätzungen erfolgten durch Klient_innen. Für diesen Beitrag wurden Unterschiede zwischen der Lebensqualität von Klient_innen, die angeben, verschiedene Suchtmittel konsumiert zu haben, und denjenigen, die dies nicht angeben, untersucht.
Methode
Die Auswertung basiert auf den Daten von 488 Kindern und Jugendlichen im Alter von 8 bis 25 Jahre aus insgesamt 27 Institutionen, die zwischen 2011 und 2019 die Fragebögen ausgefüllt haben. Mit Mittelwertvergleichen wurde untersucht, ob sich die Lebensqualität zwischen denjenigen mit und ohne Konsum verschiedener Suchtmittel unterscheidet. Für die Vergleiche wurden die Jugendlichen in drei Gruppen eingeteilt: ‹kein Konsum›, ‹Alkohol und/oder Cannabis› und ‹harte Drogen›. In den Berechnungen wurde der mögliche Einfluss des Alters und des Geschlechts der Klient_innen statistisch berücksichtigt.
Ergebnisse
Im Grossen und Ganzen gaben Kinder und Jugendliche, die unzufriedener mit ihrer Lebensqualität sind, mehr Suchtmittelkonsum an. Wie zu erwarten, berichteten ältere Jugendliche häufiger von Substanzkonsum, unter den Mädchen war hingegen der negative Zusammenhang zwischen der Lebensqualität und dem Substanzkonsum stärker.
Bei sinkender Zufriedenheit mit der Beziehungsqualität zur Familie, dem Schulbesuch, der körperlichen und seelischen Gesundheit sowie der allgemeinen Lebensqualität, wird über zunehmende Erfahrungen mit verschiedenen Suchtmitteln berichtet. Am meisten beeinträchtigt in der Lebensqualität sind diejenigen, die schon einmal ‹harte Drogen› (Amphetamine, Kokain oder Opiate) konsumiert haben. Interessanterweise gaben Kinder und Jugendliche, die Alkohol und/oder Cannabis konsumiert haben, eine höhere Beziehungsqualität zu Gleichaltrigen an, als diejenigen, die ‹harte Drogen› oder noch nie Suchtmittel konsumiert haben. Dieser Unterschied war vor allem bei Jungen ersichtlich.
Schlussbemerkungen
Kinder und Jugendliche, die ‹harte Drogen› konsumiert haben, berichten über starke Beeinträchtigungen in vielen Bereichen ihrer Lebensqualität, wobei auch der zuverlässige Schulbesuch darunter zu leiden scheint. Eine ernste Lage, wenn man bedenkt, dass ein Schulabschluss als einer der wichtigsten Faktoren für eine gute Entwicklungsprognose empirisch mehrfach belegt wurde.
Weiter scheinen Alter und Geschlecht für die berichtete Lebensqualität und den Suchtmittelkonsum nicht unwesentlich zu sein. Es fällt auf, dass die Beeinträchtigungen in der Lebensqualität durch einen Substanzkonsum bei den Mädchen stärker ausfielen als bei den Jungen. Die Jungen, die Alkohol und Cannabis konsumiert haben, berichteten sogar von vergleichsweise besseren Beziehungen zu Gleichaltrigen als diejenigen, welche noch nie oder ‹harte Drogen› konsumiert haben. Es wäre denkbar, dass ihnen ein gelegentliches Konsumieren von Alkohol und Cannabis den Anschluss zu Gleichaltrigen erleichtert oder deren subjektives Empfinden von Gruppenzugehörigkeit steigert.
Einschränkend ist zu erwähnen, dass in der Analyse nur berücksichtigt wurde, ob jemals konsumiert wurde. Dies bedeutet natürlich nicht, dass dies einem besorgniserregenden Substanzkonsum gleichkommt. Gleichzeitig ist es aber umso erstaunlicher, dass bereits der Substanzkonsum signifikante Auswirkungen auf die Lebensqualität hat. Oder umgekehrt: Die kausale Richtung, also ob junge Menschen mit einer niedrigen Lebensqualität eher gefährdet sind, Suchtmittel zu konsumieren oder ob die Lebensqualität durch den Konsum abnimmt, bleibt nämlich offen. Für die Praxis macht dies jedoch zunächst keinen grossen Unterschied. So oder so unterstreichen die Ergebnisse, dass die Erfassung der sozialen Teilhabe, inklusive des Suchtmittelgebrauchs (und andere möglichen Problematiken) in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen berücksichtigt werden sollten. Die darauf aufbauende Ordnung dieser Informationen und die Hypothesenbildung zu den Zusammenhängen, an welchen sich letzten Endes die individuelle Hilfeplanung orientieren sollte, erfolgt dann in einem nächsten Schritt.