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Ruth Wysseier mit einem Alternativvorschlag zur Bundesratswahl
Ich bin neidisch: Kanada hat eine neue Regierung, und meine Bekannten dort sind begeistert. Auch die Schriftstellerin Margaret Atwood, eine der prominentesten KritikerInnen der abgewählten konservativen Stephen-Harper-Regierung, ist erleichtert. Im Netz macht eine kommentierte Liste der Mitglieder von Justin Trudeaus neuem Kabinett die Runde. Da gibt es zum Beispiel neu eine Ministerin für Umwelt und Klimawandel sowie einen Minister für Einwanderung, Staatsbürgerschaft und Flüchtlinge. Der Minister für Familien, Kinder und soziale Entwicklung ist ein Armutsökonom. Zuständig für die demokratischen Institutionen: eine aus Afghanistan geflohene Muslima. Ministerin für Sport und Menschen mit Behinderungen: eine Paralympics-Athletin. Der Verteidigungsminister: ein Afghanistanveteran. Der Verkehrsminister: ein ehemaliger Astronaut.
Das Kabinett widerspiegelt die Bevölkerung. Die Hälfte sind Männer, zwei Mitglieder gehören zu den indigenen Völkern, drei sind nicht in Kanada gebürtig (Indien, Afghanistan), zwei sind Sikh, mindestens ein Mitglied ist Muslim, mindestens zwei sind Atheisten. Eine hat Brustkrebs, einer ist im Rollstuhl, eine blind, einer offen schwul, einer offen rothaarig.
Ja, ich weiss, das hat noch gar nichts zu bedeuten, und wir werden sie an ihren Taten messen. Aber nun stellt euch doch kurz vor, die Schweiz bekäme am 9. Dezember nicht nur ein einziges neues Bundesratsmitglied, ausgewählt vom Parlament aus diesem Hans-was-Heiri-männlich-weiss-konservativen SVP-Kandidatenfeld. Sondern eine komplett neue, kompetente Regierung und neue AmtsdirektorInnen dazu, und die würden zuallererst die Bevölkerung repräsentieren.
Ich fange schon mal an. Melinda Nadj Abonji, Schriftstellerin mit Migrationserfahrung, stelle ich an die Spitze des Bundesamts für Kultur. Nicolas Hayek, der bei mir einen Biel-Chauvinismus-Pluspunkt hat, ernenne ich zum Wirtschaftsminister – oder gebe ich ihm doch das Bundesamt für Zivilluftfahrt? Martina Caroni von Transparency International bekommt die Finma-Aufsicht. Yusuf Yesilöz, vielen als ehemaliger WOZ-Kolumnist bekannt, wird Staatssekretär für Migration. Die Schauspielerin und Altenpflegerin Mona Petri leitet das Gleichstellungsbüro. Der FDPler Dick Marti bekommt das Bundesamt für Polizei, der Berner Oberländer SVP-Steilhangbiobauer Erich von Siebenthal das Bundesamt für Umwelt. Die rollstuhlfahrende Psychologin und Theologin Dorothee Wilhelm wird Verkehrsministerin, Fussballer Johan Djourou Verteidigungs- und Sportminister. WOZ-Redaktorin und Atom- und Energieexpertin Susan Boos ersetzt Doris Leuthard. Oder soll ich ihr doch besser die Atomaufsichtsbehörde Ensi unterstellen?
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Ruth Wysseier lebt am Bielersee, kann sich aber auch vorstellen, nach Kanada auszuwandern.