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Inzwischen lässt sich konstatieren, dass die sich unfreiwillig als poplinks verstehende und auf Beschleunigung hin ausgerichtete Theorieströmung die letzten Jahre gut überstanden und sich nicht in der eigenen beschleunigungsaffirmativen Diktion überholt hat. Der Akzelerationismus tritt nun nicht mehr im Alleingang auf. Aus dem sogenannten Spekulativen Realismus (oder auch Neuen Materialismus) sind in der Fusion mit der positiv gewendeten Beschleunigungstheorie das Speculative Drawing, die Spekulative Poetik oder der erst jüngst ausgerufene Xenofeminismus hervorgegangen. Die Debatten um den Akzelerationismus lassen mindestens zweierlei erkennen: Zum einen erregen sie ein ausgiebiges Interesse daran den Kapitalismus, seine Grundlagen, seine Krise und seine Katastrophen zu kritisieren und mit beschleunigten Mitteln zu überwinden.
Zum anderen lassen sie den Verdacht aufkommen, dass nicht nur das apologetische Echo aus dem Feuilleton, sondern die VertreterInnen des Akzelerationismus selbst keine klare Vorstellung davon haben, was eine technologische Beschleunigung zur Überwindung des Kapitalismus bedeutet, wie diese umgesetzt werden soll und welche Probleme damit verbunden sind. Die Ursache für diesen Befund ist darin auszumachen, dass das technikoptimistische Theorieangebot des Akzelerationismus durch mindestens drei Eigenschaften zu charakterisieren ist: Es ist geschichtsvergessen, inhaltsleer und reformistisch.
Herrschaft und Technologie: Wohin blickt Prometheus?Der Begriff Akzelerationismus (accelerate, engl. beschleunigen) in Zusammenhang mit dem Spekulativen Realismus wurde im englischen Sprachraum zum ersten Mal von Benjamin Noys in seinem Buch The Persistence of the Negative (2010) in die politische Diskussion eingeführt. Schon in den neunziger Jahren hatte der englische Amphetaminphilosoph Nick Land mit einer Kritik an dem transzendentalen Miserabilismus der Kritischen Theorie und einer an dem italienischen Postoperaismus geschulten Lesart der Schriften Marx’ auf sich aufmerksam gemacht. Im Sommer 2013 flimmerte schliesslich das online publizierte Manifesto for an Accelerationist Politics von Nick Srnicek und Alex Williams über die Bildschirme derer, die sich schon seit längerer Zeit eine politische Variante des sonst als apolitisch geltenden Spekulativen Realismus herbeisehnten.
Alle diese theoretischen Gehversuche von Marx über Land bis zu Srnicek und Williams vereine, so Armen Avanessian in seiner Einleitung des im selben Jahr erschienenen Büchleins #Akzeleration, ein »Wille zur Zukunft, ein Zukunftsbegehren, das sich im Falle des aktuellen Akzelerationismus gegen die Imaginationsschwäche und den Negativismus der Occupy-Bewegung richtet«.[6]
Auf die Publikation im Merve Verlag folgten erste Symposien und Tagungen in New York, Paris und Berlin und schliesslich eine zweite Veröffentlichung mit dem nicht minder von Vernetzungsbedeutung gesättigtem Titel #Akzeleration#2.
Die sich als spontan, divers und zukunftsorientiert verstehenden AkzelerationistInnen setzen dem eigenen Anspruch nach dem in die Vergangenheit gerichteten Denken die Praxis des »cognitive mapping« entgegen. Gemeint ist die Vermessung einer kognitiven Karte des politischen Status quo mit den Mitteln der Wissenschaft, der Technologie und künstlerischen bzw. medialen progressiven Handlungen. Wogegen solche unbestimmten Forderungen erhoben werden, scheint bei den AkzelerationistInnen ein ebenso unklarer wie unanalytisch gefasster Begriff vom Kapitalismus zu sein. Dagegen mag man generell wenig einwenden, begreift sich der Akzelerationismus doch als ein ausserakademisches, theoretisches Korrektiv, das sich dem unpolitischen und auf Begriffsdefinitionen hin ausgerichteten Fetisch des wissenschaftlichen Betriebes nicht überantworten will. Doch der hier zugespitzte Vorwurf wiegt schwer: Als geschichtsvergessen, arm an Inhalten und reformistisch zu gelten, das dürfte für die Visionäre eines »postkapitalistischen ›Commonismus‹«[7] keine besonders zuträgliche Einschätzung ihrer eigenen »prometheischen Politik«[8] sein.
Im Manifest für eine Akzelerationistische Politik beschreiben die Autoren Srnicek und Williams die globale Situation des 21. Jahrhunderts und konstatieren eine Vielzahl gesamtgesellschaftlicher Katastrophen: Hungertode, Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen, heisse und kalte Kriege, den Kollaps von ökonomischen Modellen mit der sich daran anschliessenden Massenarbeitslosigkeit, und nicht zuletzt den globalen Klimawandel.[9] Die Geburt von Nationalstaaten, der Aufstieg des Kapitalismus, die zunehmende Ausbreitung von rechtskonservativen Kräften und die jüngste Wandlung der in den siebziger Jahren unter dem Namen Neoliberalismus entwickelten politischen Ideologien hin zu einem »Neoliberalismus 2.0«[10] seien die Ursachen für den ruinösen Zustand des gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustandes.
Was auf den ersten vier Seiten des Manifests an kritischer Polemik veranschlagt wird, findet sich auf fast jedem Flyer einer sich irgendwie als linkspolitisch beziehungsweise linksradikal verstehenden Gruppe. Doch der Akzelerationismus, der seinen Zukunftsoptimismus fast ausschliesslich einer gescheiterten sozialdemokratischen Staatspolitik, dem »Phantasma von 1968«[11] und einer linken Parteipolitik gegenüberstellt, hält ein spezifisches Überwindungsrezept bereit: »Eine neue globale linke Hegemonie aufzubauen, bedeutet verlorene mögliche Zukünfte, ja, die Zukunft überhaupt zurückzugewinnen.« [12]Die nach dem Schweizer Autor Erich von Däniken hier anklingenden Erinnerungen an die Zukunft (1968) sollten aber nicht den Eindruck erwecken, dass es dem Akzelerationismus um eine historische Analyse und eine Aneignung linker Theorie und Praxis gehen würde. Erinnert werden soll hauptsächlich an die in Film, Musik, Kunst und Theorie virulent gewordenen Hinweise darauf, dass gesellschaftlicher Fortschritt – wird er postkapitalistisch gedacht – irgendetwas mit Beschleunigung zu tun hat.
Dementsprechend kryptisch ist das, was die AkzelerationistInnen unter Beschleunigung verstehen. In Abgrenzung zu einem vom Neoliberalismus dominierten Geschwindigkeits- und Beschleunigungsprozess, der vollständig der Verwertungslogik der kapitalistischen Produktion unterworfen ist, gehe es um eine »Beschleunigung, die auch navigiert, die ein experimenteller Entdeckungsprozess innerhalb eines allgemeinen Möglichkeitsraumes ist.«[13] Hinter diesen Worten verbirgt sich die seltsame Annahme, dass Marx und Lenin bei ihren Entwürfen zum Sozialismus neben der technischen Entwicklung und der Aneignung der Produktivkräfte durch das Proletariat auch immer eine undefinierte Form von Beschleunigung der Technik gedanklich antizipierten.[14]
Diese vermeintlich traditionsgestützte Lesart des Marx’schen Maschinenfragments aus den Grundzügen besitzt unter anderem die Funktion, die drei mittelfristigen Ziele einer akzelerationistischen Politik zu begründen: Aufbau einer intellektuellen Infrastruktur und einer weitreichenden Medienreform sowie die Wiederherstellung einer Klassenmacht. Nicht nur die Beschreibung der Umsetzung dieser Ziele, sondern auch deren Präzision und gesellschaftliche Bedeutung ersparen sich die Autoren. Trotz dieser Leerstelle verschreibt sich das Programm jener Politik der Technologie im Allgemeinen, und zum anderen einer nicht näher ausgeführten Form von Herrschaft, die recht abstrakt gefasst wird: »Wir meinen, dass uns die Probleme, die unseren Planeten und unsere Spezies bedrängen, vielmehr dazu zwingen, Herrschaft in einer neuen komplexen Gestalt aufzubereiten.
Wenn wir auch nicht das genaue Resultat unserer Handlungen voraussagen können, so können wir doch ermitteln, mit welcher Wahrscheinlichkeit bestimmte Ergebnisse eintreten werden. An eine derart komplexe Systemanalyse muss eine neue Form des politischen Handelns gekoppelt werden: improvisatorisch und in der Lage, mit den erst im Laufe des Handelns erkennbaren Unwägbarkeiten umzugehen – eine Politik der geosozialen Kunstfertigkeit und gekonnter Rationalität. Eine Art abduktives Experimentieren auf der Suche nach den besten Mitteln, in einer komplexen Welt zu handeln.« Nick Srnicek?/?Alex Williams, #Accelerate. Manifest für eine Akzelerationistische Politik, 37. Welche Art der Herrschaft den Autoren des Manifests vorschwebt, bleibt auch in den anderen Beiträgen der beiden Publikationen zum Akzelerationismus unbeantwortet.
Das hat vorwiegend mit der für den Akzelerationismus typischen Geschichtsvergessenheit zu tun. Wären seine VertreterInnen dazu befähigt aus der Geschichte zu lernen – also das Zusammenwirken einer mythisch beschworenen unklaren Zukunft mit einer inhaltlich unausgefüllten abstrakten Herrschaft als zumindest problematisch zu erkennen – so würden sie nicht mit solcher Emphase eine allgemeine Beschleunigung fordern. Nicht nur für die spezifische Form der Herrschaft, sondern auch für die Rolle der Kunst und der Technik ist das von Bedeutung.
Die Auferstehung des »posthumanen« SubjektsIn fast allen Texten der beiden Bände existieren sehr unterschiedliche Reflexionen und Ansätze gegenüber der Technologie. Über ihre Rolle sind sich alle AkzelerationistInnen allerdings einig: nur mit ihr, nicht ohne sie ist ein nicht klar bezeichneter postkapitalistischer Zustand zu erreichen. Zur Frage der gesellschaftlichen Funktion der Kunst oder einer akzelerationistischen Ästhetik beziehungsweise Architektur äussern sich die Artikel von Luciana Parisi und Patricia MacCormack. ProduzentInnen und AutorInnen wie Daniel Keller, Julieta Aranda, Jan Drees, Andreas Töpfer oder Enno Stahl liefern dazu das künstlerische Material: Mal blickt man in einen Plexiglasbehälter, der vor 2007 verfasste Science Fiction Romane explodieren lässt, mal in eine aufgeschnittene Kokosnuss, aus der ein digitaler, akustischer Brei aller möglichen Zukunftsvisionen zu hören ist oder man kann Bilder kleiner Männchen bestaunen, die um, in und auf dem Globus einen Heidenspass haben.[15]
Was die Theorie des Akzelerationismus zu Fragen der Kunst und Ästhetik zu sagen hat, soll sich druch Patricia MacCormacks Aufsatz Kosmogenetische Akzeleration: Zukünftigkeit und Ethik erschliessen: »Hier [in den Nicht-Räumen der akzelerationistischen Ästhetik, C.B.] findet sich die Zukünftigkeit von Vergangenheit und Gegenwart, der Spalt, die Schwelle, hier sind die Zwischenräume und die minoritären Ebenen der Dauer.«[16] Diese Ästhetik eines überzeitlichen Absoluten kommt in einer Sprache daher, die sich hauptsächlich bei Gilles Deleuze, Félix Guattari und Michel Serres bedient. Eine akzelerationistische Ästhetik verfolgt dabei folgende Ziele: »Wenn wir verantwortungsbewusste posthumane Wesen sein wollen, müssen wir nahe Zukünfte, kleine taktische Ziele und den strategischen Zusammenhang zwischen all den Dingen ins Auge fassen, die die Ausdruckskraft anderer Lebensformen steigern und mit diesen Knotenpunkte [sic!] auf dem Weg zu einer in höchstem Masse kreativen, freudvollen Zukunft bilden [sic!] – einer Zukunft die das bloss humane nicht denken kann.« [17] 19[18]
Abgesehen von der vermutlich der Übersetzung geschuldeten Syntax, bleibt völlig ungeklärt, welche Aufgabe die Beschleunigung im Sinne der Akzelerationist-Innen bei dieser Zukunftsschau erhalten soll. Zudem mutet dieser vorgeschlagene, aber weitgehend undefinierte »Posthumanismus« nicht besonders attraktiv oder gar »freudvoll« an. Das völlig ausgehöhlte und mithilfe einer Entfremdungsontologie ausgestattete Verständnis der akzelerationistischen Kritik klingt dabei ähnlich seltsam: »Akzeleration der Kritik meint hier, die Annahme eines idealen Aussen aufzugeben zugunsten der Akzeptanz einer ursprünglichen Entfremdung, diese Verstricktheit jedoch zu nutzen, um eine Bresche in die Zukunft zu schlagen. Die eigenen Unvollkommenheiten weisen einem dann den Weg zu veränderten und zukünftigen Normen.«19 Wenn die eigene Entfremdung anthropologisch betrachtet unausweichlich – sprich: ursprünglich – ist, und die Zukunft nach dieser kaputten Unausweichlichkeit mit den dazugehörigen Normen einzurichten wäre, dann graut es einem bei dem Gedanken, dass diese Bresche obendrein beschleunigt in die Zukunft geschlagen werden soll.
Wenn Spiegel-Autor Georg Diez bewusst die Nähe des Akzelerationismus zum Futurismus betont und Armen Avanessian und Nikolaj Fedorov ebenfalls positiv konnotiert in die Reihe der akzelerationistischen DenkerInnen mit aufnimmt, dann verwundert das technikfixierte Theorie- und Kunstgeschwurbel der BeschleunigungstheoretikerInnen kaum.[19]
Dazu ein kleiner Exkurs: Fedorov (1829-1903), dessen posthum erschienenes Hauptwerk Philosophie des gemeinsamen Werkes (1906/1913) für eine nicht unerhebliche Zeit als Ankerstein für die russischen Avantgarden und die sogenannten BiokosmistInnen galt, amalgamierte schon lange vor dem Ersten Weltkrieg ein totalitäres Verständnis der Kunst mit biologistischen und technologischen Versatzstücken aus der Naturwissenschaft. Pädagogische Konzepte – wie die totale Konditionierung des Körpers und der Psyche – wurden an die Zielvorstellung geknüpft, mittels der Technik und der Kunst die totale Herrschaft über Raum, Zeit, Mensch und Umwelt zu erlangen. Konkret hiess das: Unsterblichkeit auf der Basis einer absolut technisch organisierten Regierung. Die Liste der NachfolgerInnen und EpigonInnen, die dann ab den frühen dreissiger Jahren in der stalinistischen Sowjetunion für die Intelligenzija den ideologischen Nährboden lieferten, ist lang: Aleksandr Svjatogor, Valerian Murav’ev (ein Verteidiger der biokosmistischen Anthropotechnik) oder Aleksandr Bogdanov sind wohl die prominentesten Vertreter eines wissenschaftlich-mystischen utopischen Denkens.
Der Brückenschlag des Akzelerationismus zum Futurismus dürfte spätestens nach dem direkten Verweis von Georg Diez nicht sonderlich überraschen. Die schon in seinen Anfängen totalitär und faschistisch angelegten Motive des Futurismus verbanden Vergangenheitsauslöschung, Kunst, Technik, radikale Gesellschaftskritik, das Experiment und das viel beschworene »Neue« mit dem Begriff der Avantgarde in einer naiv fortschrittlichkeitsaffirmativen Auslegung. Hätte Fi-lippo Tommaso Marinetti nicht 1912 das Gedicht An das Rennautomobil selbst autorisiert, man könnte meinen, ein Vertreter der akzelerationistischen Poetik verkünde uns die Apotheose des posthumanen Subjekts: »Schneller! Noch schneller! Ohne Ruh und Reue! / Die Bremsen los! Ihr könnt nicht?
Brecht sie denn / dass sich des Motors Schwung verhundertfacht! / Hurrah! Die niedre Erde fesselt mich nicht mehr.« Nicht nur im faschistischen Italien der zwanziger Jahre oder in den Kreisen der BiokosmistInnen in Russland stieg die Begeisterung für eine gesellschafts-transzendierende Wirkung des Gemischs aus Kunst- und Technologiefetisch bis zu einer fast zynischen Überhöhung des neuen Menschen mit seiner gleichzeitigen Vernichtung an. Als Walter Gropius 1923 die Übernahme des am staatlichen Bauhaus in Weimar gelehrten Vorkurses durch László Moholy-Nagy mit den Worten »Kunst und Technik – eine neue Einheit« euphorisch feierte, sickerte auch in die bürgerliche Avantgarde Deutschlands ein Moment irrationaler Beschleunigungsapologetik ein. Moholy-Nagys Zielvorstellung des Films – »Ausnutzung der Apparatur [...] statt literarischer theatralischer Handlung: Dynamik des Optischen. Viel Bewegung, mitunter bis zur Brutalität gesteigert« [20] – könnte ebenfalls in einem der Texte zum Akzelerationismus oder in einem Bekennerschreiben zum postdramatischen Kino oder Theater stehen.
Aber nicht nur für die Kunst ist die Beschleunigung der Technologie ein Leitmotiv. Die aktuellste Publikation des Merve Verlags zum Thema Akzelerationismus ist beispielsweise darum bemüht, den Cyberfeminismus der neunziger Jahre um eine beschleunigte Perspektive zu erweitern. In dea ex machina, so der Titel des im Mai 2015 veröffentlichten Buches zum Xenofeminismus, geben eine Handvoll neuerer und älterer Texte Auskunft darüber, was Technik, Beschleunigung und Feminismus verbindet. Im Fokus steht dabei abermals die Beschwörung eines posthumanen, naturlosen Subjekts. »Wie aber lässt sich die akademisch verschlafene Theorie und feministische Praxis wieder akzelerieren?«[21], fragen Armen Avanessian und Helen Hester in der Einleitung des Bandes.
In einem weiteren Beitrag mit Manifest-Charakter schlägt das „technomaterialistische“ und „transfeministische“ Kollektiv Laboria Cuboniks einen Feminismus vor, der das Erbe der vor allem in den neunziger Jahren bekannt gewordenen cyberfeministischen Bewegung übernehmen, auf unsere heutige Zeit übertragen und zukunftsfähig ausbauen will.[22] Der Cyberfeminismus, so der Aufhänger Avanessians und des Kollektivs, habe richtig erkannt, dass der Feminismus nur unter der Bedingung seiner Hinwendung zur Technologie eine neue Blüte erleben könne.
Der Xenofeminismus vervollständigt diesen Anspruch und macht es sich zur Aufgabe, einer entschleunigten Theoriebildung und Analyse seine eigene recht widersprüchliche ideologische Fundierung entgegen zu setzen. Irgendwo zwischen Norm, Tatsache, Relativismus, Universalismus, Revolution und Reform verortet, trage der Xenofeminismus die Prozesseigenschaft einer »Plattform« in sich, die ihr technologisches Pendant in Open-Source-Software zu sehen glaubt. Beschleunigt verfolgt der Xenofeminismus damit eine eigenartige, militant-ethische Vernunft: »Dieser Konstruktionsprozess [die Plattform betreffend, C.B.] wird somit als rastlose, iterative und kontinuierliche Neugestaltung verstanden. Xenofeminismus will eine veränderliche Architektur sein, die – wie Open-Source-Software – für fortwährende Modifizierung und Verbesserung offen bleibt, die dem steuernden Impuls einer militanten ethischen Vernunft folgt.«[23] Es bleibt offen, mit welcher Bedeutung eine solche Phrase gefüllt werden soll.
Erste Verbindungen zur Beschleunigung und Technologie sind allerdings schon hier sichtbar. Konkretere Vorschläge sind bei anderen AutorInnen innerhalb des Buches zu finden. So verteidigt zum Beispiel Nina Power in ihrem Aufsatz die Noise-Musik von Jessica Rylan dahingehend, dass in ihr eine spezifisch weiblich-künstlerische Aufhebung der Grenze von »dem Natürlichen« und »dem Künstlichen«[24] zur Praxis gelange. Der Zweck dieser Grenzüberschreitung scheint darin zu liegen, dass, so Power, schon im Futuristischen Manifest Marinettis die Liebe zur Gefahr im Modus ihrer beschleunigten und brutalen Durchführung ein begehrenswertes Ziel darstellte.[25] Paul B. Preciado wiederum begreift die Anwendung des Testosteronpräparats Testogel am eigenen Körper als eine »molekulare Revolution«, die, abgesehen davon, dass sie besser als Kokain oder Speed wirke, eine Art Körperoffenbarung liefere.[26] »Ich bin T« lautet demnach die technobiologische Beschleunigungsepiphanie Preciados, die in ihrer Angleichung an verschiedene pharma- und bildtechnologische Innovationen einen quasi transzendenten Zustand erreicht: »T ist eine Schwelle, eine molekulare Tür, ein Werden zwischen Vielheiten.«[27]
Die technologischen Aspekte des Xenofeminismus und der akzelerationistischen Ästhetik weisen also drei zentrale Merkmale auf: Erstens zielen die meisten Ansätze auf eine Herrschaftsform oder militante, ethische Vernunft ab, die zweitens seltsam unbestimmt bleibt und scheinbar eher nebensächlich als direkt in den Texten der AkzelerationistInnen formuliert wird. Drittens beschwören fast alle ProtagonistInnen eine krypto-technologische Verteidigung des posthumanen, die menschliche Natur überwindenden Subjekts, deren gesellschaftstransformierende Zielvorstellung vollständig im Unklaren bleibt. Dafür gibt es mehrere Gründe.
Der reformierte FortschrittsoptimismusDie Sehnsucht der AkzelerationistInnen nach einer abstrakten und inhaltslosen Herrschaftsform tritt vor allem als ein Symptom ihrer Geschichtsvergessenheit auf: Weder erkennen sie, dass die von ihnen herangezogenen Referenzquellen bestimmend waren für weite Teil der kulturellen Basis, auf denen die faschistischen Systeme im Europa des 20. Jahrhunderts aufbauten. Noch reflektieren sie, dass die eigene Denkstruktur sich einer Ideologie bedient, die das einzelne substanzlose Individuum mithilfe der Technologie und der Kunst zu einem übermenschlichen Schicksalswesen stilisiert. Es verwundert daher nicht, dass sich in den Texten der AkzelerationistInnen kein einziges Wort über den Stalinismus und den Nationalsozialismus finden lässt. Das Vergessen der Geschichte wird durch ihr gleichzeitiges, mutwilliges Zurechtstutzen verstärkt: Irgendwie haben Marx, Lenin, Fedorov, der Futurismus, der Terminator, die Matrix und der Cyberfeminismus etwas mit Beschleunigung zu tun. Schliesslich geht es um schnelle Autos, schnelle Filme, Kybernetik, Biotechnologie, eine auf Technik reagierende Kunst oder um den Cyberspace.
Mit diesem selektiven pseudo-historischen Bewusstsein blenden die AkzelerationistInnen alle Brüche und Antinomien der westlichen Moderne aus und lassen für sich nur positiv-beschleunigte Einzelideen gelten. Ursprung, Ursache, Funktion und Ziel der Beschleunigung – diese Grundlagen bleiben in den Texten der AkzelerationistInnen unerklärt und den willkürlichen Assoziationen der Lesenden ausgeliefert. Das ist folgenreich für einen Fortschrittsoptimismus, der vehement auf eine technologisierte Zukunft insistiert und den Kapitalismus überwinden will: Eine abstrakte Form der Herrschaft in Verbindung mit einer ebenso unklaren technologischen Produktivkraftentwicklung läuft Gefahr, inhaltlich eine postkapitalistische Zukunft sehr unterschiedlich – bis hin zu einer falschen Aufhebung des Kapitalismus – auszufüllen.
Andererseits nimmt der technologische Fortschrittsoptimismus der AkzelerationistInnen in manchen Texten eine seltsam reformistische und weniger revolutionäre Gestalt an: Gefordert werden neue soziale Vernetzungen im Internet, neue virtuelle Geldsysteme, neue Algorithmen oder innovative Apps, die Flüchtlingen den besten Weg zur Umgehung einer Grenzkontrolle weisen oder einfach nur darauf hindeuten, wo denn eigentlich die im Supermarkt feilgebotene Ware herkommt.[28]
Die AutorInnen des Manifests für das Gynozän stellen gar politische Forderungen auf, die zumeist aus den Mündern von regionalen linken, grünen oder sozialdemokratischen PolitikerInnen zu vernehmen sind: bedingungsloses Grundeinkommen, gleiche und gerechte Gesundheitsversorgung oder ein Recht auf Bewegungsfreiheit für eine universelle Bürgerschaft.[29] Man muss sich nicht einem solchen reformierten technologischen Fortschrittsoptimismus verschreiben, um zu verstehen, dass der kapitalistischen Produktionsweise mit der Aneignung der momentan entwickelten Produktivkräfte und ihrer gleichzeitigen technologischen Entwicklung zu begegnen ist.
Von einem historischen Bewusstsein, das auf die gefährliche Tendenz der bereits in der Geschichte als faschistisch ausgelegten Avantgardebemühungen hinweist und tatsächlich sinnvolle Reflexionen auf das Verhältnis von Gesellschaft und Technologie freilegen könnte, sind die BeschleunigungsapologetInnen sehr weit entfernt. Den AkzelerationistInnen wäre also besser geraten, in Kokosnüsse zu starren oder sich mit Testogel einzuschmieren, als mit zukunftsoptimistischer Inhaltslosigkeit eine verweste Einheit von Kunst und Technik wiederzubeleben.