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Bild: NASA
…vollkommener Mittel und verworrener Ziele, sagte schon Albert Einstein. Das Tempo nimmt täglich zu, das Einzige was sich nicht verändert, ist die Veränderung sagt man – und früher war alles besser.
„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süssspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer“,
sagte schon Sokrates vor mehr als 2.500 Jahren. Vielleicht ändert sich das eine oder andere doch nicht? Zum Beispiel die drei Schlüsselmomente im Leben, die dem einen oder anderen bekannt vorkommen:
Manche von uns sind gestresst. Andere fühlen sich überarbeitet. Vielleicht kämpfst du mit der neuen Verantwortung, die Elternschaft mit sich bringt? Oder mit dem Chaos eines neuen Unternehmens? Oder du bist schon erfolgreich und haderst mit den Pflichten von Macht und Einfluss? Plagt dich eine Sucht? Bist du schwer verliebt? Oder hangelst du dich von einer gescheiterten Beziehung zur nächsten? Steuerst du auf den Lebensabend zu? Oder genießt die Verführungen der Jugend? Bist du ausgelastet und aktiv? Oder zu Tode gelangweilt?[1]
Was haben George Washington, Walt Whitman, Friedrich der Grosse, Eugene Delacroix, Adam Smith, Immanuel Kant, Thomas Jefferson, Matthew Arnold, Ambrose Bierce, Theodore Roosevelt, William Alexander Percy oder Ralph Waldo Emerson gemein? Sie alle studierten, zitierten oder bewunderten die Stoiker.
Stoizismus entstand im zweiten Jahrhundert v. Chr. und Marcus Aurelius, Epictetus und Seneca waren die Hauptarchitekten. Es geht um die Beantwortung von vier Fragen: „Wie können wir ein besseres Leben führen?“, „Wie können wir täglich bessere Menschen werden?“, „Wie können wir unsere Stimmungen effektiv steuern, damit Emotionen unser Urteilsvermögen, unsere Entscheidungen und unser Denken nicht trüben?“ und: „Wie können wir uns am besten von Niederlagen erholen?“.
Was ich an den Stoiker am meisten schätze, ist, dass es sich um eine Philosophie handelt, die, so meine ich, für die praktischen Aspekte in unserem Leben und nicht für akademische Diskussionen entwickelt wurde. Stoizismus an sich ist überraschend einfach und kann als Kompass verwendet werden. Nachfolgend einige Gedanken und Lektionen, die mir viel in meiner Lebens-Praxis geholfen haben:
Auf das Wesentliche reduzieren
Mehr, weiter, schneller etc. schwirrt uns in den Köpfen herum. Das Paradoxe ist jedoch, um mehr zu erreichen, gilt es „slow down to speed up“, tue weniger von unnützen Dingen. Ich glaube, Fokussierung ist eine Form der Stille, der Ruhe, die auch unter dem Namen „Flow“ bekannt ist. Cal Newport setzt sich in seinem Buch „Deep Work“ ausführlich mit diesem Thema auseinander. Marcus Aurelius plädiert für Nivellierung, um Ruhe zu erreichen:
In der Tat, wenn wir das meiste, was in unserem Reden und Tun unnötig ist, wegliessen, so würden wir mehr Musse und weniger Unruhe haben. Frage dich also bei jeglicher Sache: Gehört diese etwa zu den unnötigen Dingen? Man muss aber nicht nur die unnützen Handlungen, sondern auch die unnützen Gedanken vermeiden; denn die letzteren sind auch die Ursache der überflüssigen Handlungen.
Antonius, Marcus Aurelius. Selbstbetrachtungen, 4. Buch, 24
Runterschalten und nichts Unwesentliches tun, um öfter zur Ruhe zu kommen. Unser Fokus hängt davon ab.
Sei dankbar und wertschätze
Ach, was für eine Plattitüde? Nun, die Beweise für eine tägliche Dankbarkeitspraxis sind wissenschaftlich belegt. Dankbarkeitspraxis verbessert die Schlafqualität, weniger Schlaflatenz (das Intervall von „Licht aus“ bis zum Einschlafen), reduziert das Krankheitsrisiko und erhöht körperliche Gesundheit und führt zu mehr emotionaler Stabilität, reduziert Stress und Ängstlichkeit. Seneca fasst dies kürzer:
In allen Dingen sollen wir versuchen, so dankbar wie möglich zu sein.
Brief Seneca an seinen Freund Lucilius
Das Dankbarkeits-Sein muss nicht übergrandios sein, sondern kann in meiner Welt auch als Wertschätzung betrachtet werden. Dass dein Internet funktioniert und du dadurch diesen Artikel lesen kannst, könnte ein Anfang sein.
Mach‘ mal Pause
Auch unser Hirn braucht Erholung. Dem Körper stehen wir es zu, aber wie sieht es mit dem Geist aus? Für manchen scheint es schon unmöglich, für nur 5 Minuten zu meditieren. Konventionelle Weisheit manifestiert sich in „Mehr ist besser!“. Bin mir nicht so sicher, glaube aber aus eigener Erfahrung, dass wir nun mal einem Biorhythmus unterliegen. Daniel Pink hat dies in seinem Buch „When: Der richtige Zeitpunkt“ wissenschaftlich nachgewiesen.
Der Geist muss sich entspannen – er wird nach einer guten Pause besser und schärfer.
Seneca, On Tranquility of Mind
Jim Loehr erklärt in seinem Buch, “The Power of Full Engagement”, dass wir spätestens nach 90 bis 120 Minuten nach Anzeichen von Müdigkeit Ausschau halten sollten: Gähnen, Dehnen, Hungergefühle, erhöhte Spannung, Konzentrationsschwierigkeiten, Neigungen zu zögern oder beginnen zu fantasieren sind die üblichen Verdächtigen. Sie lassen uns wissen, dass es an der Zeit ist, einen Schritt zurückzutreten, innezuhalten und sich zu erneuern. Burnout wird dadurch vermieden.
Sicher ist gar nichts
In ihrem Buch „The Positive Power of Negative Thinking“ erläutert Julie Norem das Konzept des defensiven Pessimismus – in Anbetracht des Worst-Case-Szenarios. Man kann sich vorbereiten auf die Dinge, die unerwartet auftauchen.
Die Lebenskunst hat mit der Fechtkunst mehr Ähnlichkeit als mit der Tanzkunst. insofern man auch auf unvorhergesehene Streiche gerüstet sein und unerschütterlich fest stehen muss.
Antonius, Marcus Aurelius. Selbstbetrachtungen, 7. Buch, 61
Das schafft die Unsicherheit nicht ab aber verschiebt die Reaktion und das Denken um der Widrigkeit von hektischer und überraschter zu gelassener Vorbereitung. Dies sorgt für Ruhe und mehr Leichtigkeit. Ich denke oft, was hilft mir mehr: „Heitere Gelassenheit oder gelassene Heiterkeit?“
Es geht auch nach dem Scheitern weiter
Niederlagen tun weh, manchmal. Fühlen sich wie eine offen Wunde an. Aber immer, mit Zeit, vernarben alle Wunden. Und dann, immer wieder wiederholen, hätte ich doch nur nicht, etc. nochmal den Schmerz durchleben. Was vorbei ist, ist vorbei. Da kann man nur daraus lernen. Schnee von gestern.
Sei wie ein Fels, an dem sich beständig die Wellen brechen: Er steht fest und dämpft die Wut der ihn umbrausenden Wogen. Ich Unglückseliger, sagt jemand, dass mir dieses oder jenes widerfahren musste! Nicht doch! sondern sprich: Wie glücklich bin ich, dass ich trotz diesem Schicksal kummerlos bleibe, weder von der Gegenwart gebeugt noch von der Zukunft geängstigt! Dasselbe hätte ja jedem andern so gut wie mir begegnen können, aber nicht jeder hätte es ohne Kummer ertragen können.
Antonius, Marcus Aurelius. Selbstbetrachtungen, 4. Buch, 49
Vorsicht mit dem Ja
Es wird uns mehr angeboten, als man manchmal bewältigen kann. Es ist verlockend, zu allem JA zu sagen, aber Epictetus gibt uns den Schlüssel für fundierte Entscheidungen:
Bei allem, was du tust, bedenke die Voraussetzungen und Folgen und geh dann ans Werk. Andernfalls wirst du anfangs voll Begeisterung an die Sache herangehen, da du ja keine der möglichen Entwicklungen bedacht hast, später aber, wenn irgendwelche Schwierigkeiten auftauchen, schmählich aufgeben.
Epiktet
In Kurzform für mich: „Führt mich das, was ich tue dorthin, wo ich hin möchte?“
Fazit:
Mit den Stoikern kann man sich ein ganzes Leben beschäftigen und wird trotzdem nicht fertig. Die Quintessenz der Stoiker ist, dass die Lösungen, egal wofür, in einem liegen. Es liegt eben an einem selbst. Dies ist eines der Dinge, die sich in den letzten paar tausend Jahren nicht verändert hat. In Senecas Worten:
Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.
Appetit gekriegt? Gerne empfehle ich zur Vertiefung folgende Lektüren:
Selbstbetrachtungen, Marcus Aurelius (null Euro bei Amazon)
und eine kostenlose Prise Stoizismus täglich in der Inbox (Englisch)
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