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Die Freiheitskeim wirkt sich indirekt auf die Entwicklung von Wissenschaft und Philosophie aus: Dort, wo kein Subjekt herrschen soll, wo es keine von der Obrigkeit diktierten Werte gibt, begibt man sich auf die Suche nach objektiven Werten, man tritt in Konkurrenz zueinander und jedes Individuum hat die theoretische Möglichkeit, seinem Ansatz zur Gültigkeit zu verhelfen. Vielleicht war es gerade dieses freiheitliche Gedankengut, das als Grund für die so lange anhaltende Dominanz der antiken Kultur im Abendland angesehen werden muss. Diese im ersten Abschnitt ausgeführte Überlegung wirkt aber – auf mich – wenig überzeugend: Es wird schwer sein, neben unzähligen anderen Einflüssen gerade dieser Freiheitskomponente den entscheidenden Anteil an der klassischen Tradition zuzusprechen, mit ein wenig Phantasie könnten hier ganz andere, etwa auf die christlich-philosophische Entwicklung Bezug nehmende Gründe angeführt werden. Hier scheint vereinfacht zu werden, was denn in Wahrheit höchst kompliziert ist und eine geschichtliche Entwicklung auf einen Teilbereich reduziert zu werden.
Trotzdem sind die Ausführungen interessant zu lesen, anregend, wie etwa der Bereich, in dem der agonale Charakter griechischer Auseinandersetzungen betont wird: Man kämpfte, errichtete Siegesmale, der Verlierer forderte seine Toten und zog sich wieder zurück, ohne dass ein solcher Krieg größere geographische, herrschaftliche Konsequenzen für den Unterlegenen gehabt hätte. Wettkampf ist etwas Individuelles, er erstreckt sich auf die Bereiche der Kunst und Philosophie ebenso wie auf den Sport (die Olympischen Spiele waren nicht die einzigen derartigen Veranstaltungen), die Energie, die ansonsten von einem umfassenden Machtstreben absorbiert würde, wird so auf kreative Bereiche gelenkt. Und in all dem wirkt im Hintergrund die Idee der Freiheit, der Demokratie mit.
Da das Buch für die erwähnte große historische Reihe des Siedler-Verlages geschrieben wurde, gab es auch einige Konzessionen an das präsumptive Leserpublikum: Man hat etwa auf Fußnoten verzichtet, die Bibliographie im Nachwort integriert und auf manche Begründungen verzichtet, die, nach Ansicht des Autors, den Umfang gesprengt haben würden. Tatsächlich aber ist damit wenig gewonnen: Meier schreibt einen gepflegten, aber akademischen Stil und der an einem bloßen historischen Überblick Interessierter wird diesen Band als recht langatmig empfinden. Durch den versuchten Spagat zwischen Fach- und Sachbuch werden beide Lesergruppen enttäuscht: Der eine erwartet sich mehr, ausführlichere Argumentationen nebst Belegen, der andere sieht sich enttäuscht, weil doch vieles vorausgesetzt, eine klare Struktur vermisst wird.
Christian Meier: Kultur, um der Freiheit willen. München: Siedler 2009.