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Als Studentin besuchte ich die Vorlesung „Politische Ideen und ihre Träger“ bei Andreas Ladner. Einmal gab es einen Gastvortrag eines Exponenten der FDP zum Thema Liberalismus. Den Namen der Person weiss ich nicht mehr, ich erinnere mich aber noch gut an seine Definition des Liberalismus. Für ihn bedeutete dies möglichst wenig staatliche Intervention und das Prinzip der Subsidiarität: der Staat greift erst ein, wenn das Individuum nicht mehr in der Lage ist, für sich selber zu sorgen. So schön so gut. Das Beispiel, welches er dann brachte um aufzuzeigen, wie er diese Ideologie selber lebt, hat mich nicht besonders überzeugt. Er erzählte, wie sich seine Frau um seine betagte Mutter kümmert und so keine der Allgemeinheit aufzubürdenden Pflegekosten entstehen würden.
Liberalismus – zumindest so wie er ihn sah – schien er offenbar eng mit dem Selbstverständnis zu verknüpfen, dass die Frauen den Grossteil der Pflege- und Sorgearbeit in der Familie zu leisten hätten. Im Fachjargon nennen wir dieses Selbstverständnis oder Ideal das „male-breadwinner/female-carer model“ oder auf deutsch die „männliche Versorgerehe“. Gemäss diesem Modell kümmern sich die Männer um die wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Staat. Von deren Einkommen (und Sozialleistungen) sind dann die Frauen abhängig, welche dafür Zeit haben, sich um das Wohl der Kinder, des Mannes und der betagten Eltern zu kümmern. Für die Arbeitgeber ist dieses häusliche Arbeitsteilungsmodell durchaus praktisch. Sie können auf die Arbeitskräfte zurückgreifen, ohne dass deren Verfügbarkeit gross durch Familienpflichten eingeschränkt wird.
Die männliche Versogerehe war nie ein universell gelebtes Modell. Erst mit dem grossen wirtschaftlichen Boom der Zeit nach dem 2. Weltkrieg konnte es sich eine grosse Zahl von Familien überhaupt leisten, von einem einzelnen Einkommen zu leben. Dies war die Zeit als unsere Sozialversicherungswerke aufgebaut wurden. Unter massgeblichem Einfluss der FDP wurden damals Institutionen geschaffen, welche das Recht der Ehefrauen auf Sozialverschersicherungsleistungen von der wirtschaftlichen Leistung ihrer Ehemänner abhängig machten. Bis vor 30 Jahren waren die Ehefrauen ihren Männern rechtlich untergeordnet und unser Steuersystem bevorzugt noch heute eine eher traditionelle familiäre Rollenteilung.
Heute getraut sich kaum mehr ein Politiker das traditionelle Rollenmodell als Ideal darzustellen.
Das Rollenverständnis vieler Frauen (und teilweise auch der Männer) hat sich aber verändert. Die Frauen erhielten das Stimmrecht auf nationaler Ebene, sie wurden aktiv auf politischer Ebene, wählten immer mehr auch anspruchsvolle Ausbildungen und die Rolle der abhängigen Ehefrau wurde für immer weniger Frauen das erstrebenswerte Lebensziel. Heute getraut sich kaum mehr ein Politiker das traditionelle Rollenmodell als Ideal darzustellen. Wenn dies noch jemand offen tut, dann sind es eher konservative Frauen. Ein prominentes Beispiel ist Jasmin Hutter, welche während der Schwangerschaft demonstrativ ihren Nationalratsposten räumte, um sich ganz ihrer Aufgabe als Hausfrau und Mutter widmen zu können.
Wenn das traditionelle Rollenmodell für die Liberalen aber kein Ideal mehr ist, welches Rollenmodell ist es dann? Und wie genau sähe eine liberale Politik aus, welche es Männern und Frauen ermöglicht als Individuen ihre Rolle als Arbeitskräfte einerseits und ihre Rolle als Verantwortliche für Pflege und Sorgearbeit in der Familie einzunehmen? Für die Linke scheint klar zu sein, dass der Staat einspringen muss. In einem relativ egalitären Land wie der Schweiz (die Lohnungleichheit in unserem Land ist um einiges kleiner als in den klassischen liberalen Ländern wie z.B. in den USA) können sich die meisten Familien nicht leisten, die Pflegeleistungen an den Markt auszulagern. Ohne staatliche Subventionen ist die Doppelerwerbstätigkeit somit nur für eine Minderheit der Familien eine Option.
Für viele Liberale scheint, wie die Positionsbezüge anlässlich des Familienartikels jüngst aufzeigten, eine Lösung mit staatlichen Subventionen nicht akzeptabel. Wenn also Liberalismus (à la Suisse) nicht gleichzeitig die Promotion einer traditionellen Geschlechterteilung zwischen Männern und Frauen beinhalten soll, gibt es eigentlich nur zwei Optionen:
- Option 1 nennen wir im Fachjargon das „universal-breadwinner-and-carer model“, also ein Ideal, bei dem von jedem Individuum erwartet wird, dass es sowohl erwerbstätig ist und auch unentgeltliche Pflege- und Sorgearbeit übernimmt (sei dies für Kinder, betagte Eltern oder auch andere Personen).
- Die zweite Option wäre, dass Paare weiterhin aushandeln, dass eine Person hauptsächlich einer bezahlten Arbeit nachgeht und die zweite hauptsächlich die Pflegearbeit übernimmt, wobei allerdings die Rahmenbedingungen so gesetzt werden müssten, dass Frauen und Männer bei dieser Aushandlung mit gleich langen Spiessen verhandeln.
In der Folge werde ich die (staatlichen/arbeitsmarktlichen) Grundbedingungen besprechen, welche für die Umsetzung der 1. Optionen notwendig wären. Diese Option scheint mir in Hinblick auf eine „liberale Haltung“ eher vertretbar, da sie keine innerfamiliären Abhängigkeiten schafft und somit das Individuum und nicht die Familie in die Pflicht nimmt.
Gleichstellung der Geschlechter ist erst möglich, wenn die Arbeitgeber keine geschlechtsspezifischen Erwartungen mehr haben, wer Betreuungsarbeit in der Familie zu leisten hat.
Sollen alle Individuen sowohl für Pflege- wie auch für Erwerbsarbeit zuständig sein, so geht dies nicht, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob dies mit einem Normarbeitstag von über 8,4 Stunden wirklich umsetzbar ist. Solange man sich mit kürzeren Arbeitspensen praktisch alle Optionen auf berufliches Weiterkommen verspielt, ist das Modell alle sind Pflegende und Erwerbstätige nicht umzusetzen. Zumindest ginge dies nicht ohne einen starken Einbezug von Fremdbetreuung, was aber wiederum bedingen würde, dass diese erschwinglich sein müsste.
Eine gesetzlich festgelegte Arbeitszeit scheint mir eher etwas unliberal und man müsste sich auch Gedanken dazu machen, wie man eine Flexibilisierung hinbekommt. Aber das Ideal des Individuums als Arbeitskraft und Betreuungsperson wäre meiner Meinung nach nur umsetzbar, wenn die Normarbeitszeit deutlich reduziert würde. Viel mehr als 37 Stunden pro Woche dürften es wohl nicht sein. Während der ersten Lebensjahre der Kinder, wenn ein Kind krank ist, oder wenn die Pflegebelastung bei weiteren Angehörigen sehr stark ist, müssten sowohl Männer wie Frauen die Möglichkeit haben einen (Teil)Urlaub zu beziehen (d.h. für Stunden, Tage oder im Fall eines neugeborenen Kindes auch mehrere Monate der Erwerbsarbeit fern zu bleiben), um den intensiven Pflegeverpflichtungen nachkommen zu können. Erst wenn die Arbeitgeber keine geschlechtsspezifischen Erwartungen mehr haben, wer (Männer oder Frauen) diese Pflegeurlaube beziehen soll/darf/muss, erst dann werden wir auch Lohngleichheit und echte Gleichstellung der Geschlechter haben.
Heute scheinen wir in der Schweiz Lichtjahre weit entfernt von den Grundbedingungen, welche notwendig wären, um Frauen und Männern im Aushandeln um die familieninterne Arbeitsteilung gleichlange Spiesse zu gewähren, geschweige denn von einer Gesellschaft, in denen alle – auch Männer und Alleinerziehende – die Möglichkeit haben Familienpflege selbstverantwortlich wahrzunehmen. Das Resultat ist eines der konservativsten Geschlechterregime in der westlichen Welt. Eine Gesellschaft, in denen die männliche Versorgerehe weitergelebt wird – und zwar in einer modifizierten Form: Die Männer übernehmen die Hauptverantwortung für das Einkommen und etwas mehr Verantwortung für die Kinder als noch unsere Väter. Die Mütter aber halten den Männern nach wie vor den Rücken frei und verdienen ein meist kleines Zweiteinkommen. Wenn das Kind klein oder krank ist, bleiben sie zuhause und wenn später die Schwiegermutter pflegebedürftig wird, kümmern sie sich nicht selten auch noch um sie. Sie war es schliesslich, die durch ihre Grosi-Pflichten mitgeholfen hat die Teilzeitarbeit der jungen Mutter überhaupt erst zu ermöglichen.
Zu verdanken haben wir diese Situation einem Verständnis von Liberalismus bei dem der Mann von Selbstverantwortung spricht, damit aber eigentlich die Betreuungsdienstleistungen seiner abhängigen Ehefrau meint.