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Blick auf die Baustelle des Roche-Turms in Basel. Das Schweizer Wirtschaftswachstum hat sich gerade in den Jahren nach der globalen Wirtschaftskrise als robust erwiesen. (Bild: Keystone)
Nach den wirtschaftlich bescheidenen 1990er-Jahren, die in der Schweiz durch eine langwierige Wachstumsschwäche geprägt waren, hat sich das Bild im neuen Jahrtausend merklich aufgehellt. Über die letzten zehn Jahre (Periode 2003–2013) hat sich die Wachstumsdynamik der Schweizer Wirtschaft verstärkt. Das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) stieg um durchschnittlich 2% pro Jahr (gegenüber 1,3% pro Jahr 1992–2002). Die letzten zehn Jahre waren dabei durch eine zweigeteilte weltwirtschaftliche Grosswetterlage geprägt: zunächst der globale Konjunkturaufschwung der Jahre 2003 bis 2007, an dem die Schweiz mit einer prosperierenden Exportwirtschaft und kräftigen BIP-Zuwächsen (rund 3% pro Jahr) stark partizipieren konnte. 2008 endete diese Party in der globalen Finanzkrise, von der sich die Weltwirtschaft seither nur schleppend erholen konnte.
Krisenresistente Schweizer Konjunktur
Gerade in diesen jüngsten krisengeprägten Jahren erwies sich die Schweizer Wirtschaft als erfreulich widerstandsfähig. Zwar war 2009 ein scharfer Wirtschaftseinbruch mit einem BIP-Rückgang um 2,1% unvermeidbar. Dem folgte jedoch eine rasche Erholung (2010 +3%). Anschliessend stellten ab 2011 die Schuldenkrise im Euroraum und die damit verbundene Frankenhausse eine grosse wirtschaftliche Bedrohung dar, insbesondere für die Exportsektoren. Im Gegensatz zu diversen europäischen Ländern, die erneut in eine Rezession fielen, konnte die Schweiz ihre positive Wachstumsentwicklung weitgehend halten. Das BIP-Wachstum erreichte im Jahr 2011 1,8% und verlangsamte sich 2012 moderat auf 1,1%. 2013 verstärkte es sich wieder auf knapp 2%, und 2014 dürfte es gemäss der aktuellen Lagebeurteilung in ähnlicher Grössenordnung ausfallen.
Wachstum fand vorwiegend in den Binnensektoren statt
Gleichwohl wäre es falsch, zu folgern, die weltwirtschaftlichen Krisen seien spurlos an der Schweiz vorübergegangen. Hinter dem gesamthaft gut behaupteten Wirtschaftswachstum verbirgt sich nämlich ein ungleiches Bild der Binnen- und der Exportsektoren, das die divergierenden konjunkturellen Rahmenbedingungen widerspiegelt. Seit der Finanzkrise wurde die Schweizer Konjunktur in erster Linie durch die lebhafte Inlandnachfrage getragen. Das (zuwanderungsbedingte) Bevölkerungswachstum und die anhaltend tiefen Zinsen stimulierten insbesondere die Bauinvestitionen und die privaten Konsumausgaben. Demgegenüber kamen vom Aussenhandel in den letzten Jahren per saldo praktisch keine positiven Wachstumsimpulse, weil die Exportsektoren unter dem schwierigen Weltwirtschafts- und Währungsumfeld zu leiden hatten und immer noch leiden. Immerhin konnte eine schwere Exportkrise, wie sie im Sommer 2011 angesichts der damaligen Frankenhausse vielfach befürchtet worden war, vermieden werden. Dies lag nicht zuletzt an der im September 2011 durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) eingeführten Euro-Untergrenze von 1.20, welche den Höhenflug des Frankens bremste und den Unternehmen eine gewisse Planungssicherheit gab.[1] Am 15. Januar 2015 hob die SNB den Mindestkurs auf.
Die gespaltene Wirtschaftsdynamik zwischen Inland- und Exportkonjunktur hat naturgemäss auf Branchenebene Spuren hinterlassen. In den letzten Jahren wuchsen Wertschöpfung und Beschäftigung vorwiegend in den binnenwirtschaftlich orientierten Sektoren, während die Exportsektoren Federn lassen mussten. So gingen etwa in der verarbeitenden Industrie, einem klassischen Exportsektor, seit der Finanzkrise per saldo 35 000 Arbeitsstellen verloren. Diesem negativen Trend konnten sich nur einzelne Subbranchen – wie etwa die gut laufende Pharmaindustrie – entziehen. Auch im Tourismus (Hotellerie: –6700 Stellen) sowie bei den Banken (–4000 Stellen) war die Tendenz negativ.
Demgegenüber kam die lebhaft wachsende Inlandnachfrage insbesondere binnenwirtschaftlich orientierten Dienstleistungsbranchen zugute, die entsprechend deutliche Beschäftigungszunahmen verzeichneten. Hier ist einmal das weitgefächerte Segment unternehmensbezogener Dienstleistungen zu nennen, zu denen etwa Unternehmens-, Steuer- und Rechtsberatung sowie Architekten gehören und in denen seit der Finanzkrise rund 35 000 zusätzliche Arbeitsstellen geschaffen wurden. Noch stärker wuchsen die Nachfrage und die Beschäftigung in den sogenannten staatsnahen Dienstleistungsbereichen wie Gesundheitswesen (seit der Finanzkrise +38 000), Erziehung/Bildung (+26 000) und öffentliche Verwaltung (+20 000). Insgesamt erstreckte sich mehr als die Hälfte des gesamtschweizerischen Beschäftigungswachstums seit der Finanzkrise auf die staatsnahen Bereiche. Ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigung wächst seit Langem relativ kontinuierlich (von 16% 1992 auf 22% 2013), spiegelbildlich zum sinkenden Trend in der Industrie. Dass sich die Beschäftigung langfristig vom Industriesektor zu den Dienstleistungen verschiebt, stellt in hoch entwickelten Volkswirtschaften mit demografischer Alterung eine normale Entwicklung dar (Tertiarisierung). Dieser grundlegende Trend wurde in den letzten Jahren durch die konjunkturelle Divergenz zwischen Inland und Ausland noch verstärkt.
Verbesserte Wachstumsperformance im internationalen Vergleich…
Generell sollte die Wachstumsentwicklung der Schweiz nicht isoliert, sondern im internationalen Kontext analysiert und beurteilt werden. Gerade für kleine offene Volkswirtschaften wie die Schweiz spielt das weltwirtschaftliche Umfeld eine entscheidende Rolle. Tabelle 1 enthält für die Schweiz sowie 14 weitere Länder die durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten des BIP und des BIP pro Kopf für die beiden Zeiträume 1992–2002 und 2003–2013, letzterer zusätzlich unterteilt in die Vorkrisenperiode 2003–2007 und die Krisenjahre 2008–2013. Über die vergangenen zehn Jahre hat sich die schweizerische Wachstumsentwicklung im Ländervergleich klar verbessert. Die Schweiz schaffte es beim BIP-Wachstum von der roten Laterne in der Periode 1992–2002 in die Spitzengruppe im Zeitraum 2003–2013 (Rang 3). Besonders positiv ragt die Schweiz bei der Bewältigung der Jahre seit der Finanzkrise heraus (Rang 1), in denen viele Länder wesentlich stärkere Abschwünge erlitten.
… auch beim BIP-Wachstum pro Kopf
Allerdings gilt es für die Wachstumsbeurteilung den Umstand des erhöhten Bevölkerungswachstums der vergangenen Jahre (2003–2013 im Durchschnitt rund 1% pro Jahr) zu berücksichtigen. Die Zuwanderung hat zwar einerseits das BIP-Wachstum gestützt, insbesondere über höhere Konsumausgaben und Bauinvestitionen. Anderseits bedeutet dies jedoch, dass sich die Wirtschaftsleistung auf mehr Personen verteilt. Daher ist für die Beurteilung der wirtschaftlichen Wohlstandsentwicklung eine Pro-Kopf-Betrachtung sinnvoll. Das BIP pro Kopf gilt als einer der wichtigsten Indikatoren, mit denen die längerfristige wirtschaftliche Entwicklung und der Lebensstandard eines Landes beurteilt werden können.
Beim BIP-Wachstum pro Kopf schneidet die Schweiz über die letzten Jahre zwar weniger herausragend als bei absoluter Betrachtung, aber gleichwohl verbessert ab. Das Pro-Kopf-Wachstum betrug von 2003 bis 2013 durchschnittlich gut 1% pro Jahr, etwas mehr als in den vorangegangenen zehn Jahren (1992–2002 +0,7% pro Jahr). Im internationalen Vergleich positioniert sich die Schweiz damit auch beim Pro-Kopf-Wachstum überdurchschnittlich. Im Ländervergleich der Tabelle 1 belegt sie über die letzten zehn Jahre Rang 2, praktisch gleichauf mit Deutschland, Österreich oder den USA.
Der Befund, dass die Schweizer Wirtschaft relativ gut durch die letzten, krisengeprägten Jahre kam, bestätigt sich auch auf Pro-Kopf-Basis. Zwar fiel das Pro-Kopf-BIP-Wachstum der Schweiz mit 0,2% pro Jahr von 2008 bis 2013 bescheiden aus. Aber selbst dies nimmt sich international noch recht passabel aus. Die Schweiz zählt damit zu den wenigen Ländern, die in den letzten Jahren einen Rückgang des BIP pro Kopf vermeiden konnten. Einzig Deutschland, dessen Wirtschaft in den letzten Jahren eine robuste Entwicklung verzeichnete, wies (bei annähernd stagnierender Bevölkerung) ein noch stärkeres BIP-Wachstum pro Kopf auf als die Schweiz.[2] Wie wichtig die relative Betrachtung im internationalen Kontext ist, belegt der Blick auf die 1990er-Jahre, als die Schweiz zwar ein höheres Pro-Kopf-Wachstum (0,7%) als zuletzt verzeichnete. Dies war jedoch im Kontext einer damals weitgehend prosperierenden Weltkonjunktur enttäuschend.
Alles in allem lässt sich bilanzieren, dass die Schweizer Wirtschaft die langwierige Wachstumsschwäche der 1990er-Jahre hinter sich lassen konnte. Pro Kopf war die Wachstumsdynamik über die vergangenen zehn Jahre nicht brillant, aber robust und im Ländervergleich leicht überdurchschnittlich. Eine wesentliche Rolle für die Verbesserung der Wachstumsdynamik spielte erstens, dass gewichtige Bremsklötze der 1990er-Jahre wegfielen, namentlich die lange nachwirkende Immobilienkrise Ende der 1980er-Jahre sowie die bis Mitte der 1990er-Jahre restriktive Geldpolitik. Zweitens konnten in wichtigen wirtschaftspolitischen Schlüsselfeldern Verbesserungen erreicht werden. Zu nennen sind hier das erfolgreiche Instrument der Schuldenbremse, die zu einer Verstetigung der Fiskalpolitik beigetragen hat, sowie die bilateralen Verträge mit der EU.
Steigendes Arbeitsangebot als Wachstumsquelle
Das Pro-Kopf-BIP-Wachstum lässt sich grundsätzlich in zwei Komponenten zerlegen: den Arbeitseinsatz (wenn mehr Arbeitsstunden geleistet werden, steigen Output und Einkommen) und die Arbeitsproduktivität (eine höhere Arbeitsproduktivität bedeutet, dass pro Arbeitsstunde mehr Output erzielt wird). Positive Impulse für das Pro-Kopf-Wachstum in der Schweiz konnte über die letzten zehn Jahre ein erhöhter Arbeitseinsatz liefern. Dies lag vor allem an einer Steigerung der im internationalen Vergleich bereits überdurchschnittlich hohen Erwerbsbeteiligung (Arbeitsmarktpartizipation). Im Unterschied dazu waren die 1990er-Jahre durch einen rückläufigen Arbeitseinsatz geprägt gewesen, massgeblich bedingt durch die höhere Arbeitslosigkeit infolge der langwierigen Wirtschaftsflaute.
Die Schweiz konnte somit über die letzten zehn Jahre ihre traditionelle Stärke einer vergleichsweise guten Ausschöpfung des Arbeitskräftepotenzials weiter ausbauen. Die in der Krise erfreulich robuste Arbeitsmarktentwicklung steht im Gegensatz zu vielen Ländern, die in den letzten Jahren mit stark steigender Arbeitslosigkeit konfrontiert waren. Angesichts der bereits hohen Partizipation und der bremsenden demografischen Einflüsse erscheint die Luft für eine weitere deutliche Steigerung des Arbeitsinputs als Wachstumsquelle in Zukunft eher dünn – trotz bestehender Potenziale in gewissen Bereichen (Frauen, ältere Arbeitnehmende).
Schwaches Wachstum der Arbeitsproduktivität
Daraus folgt, dass eine Steigerung der Arbeitsproduktivität als künftige Wachstums- und Wohlstandsquelle von zentraler Bedeutung ist. Diesbezüglich blieb die positive Trendwende jedoch aus. Im Gegenteil: Das seit vielen Jahren im internationalen Vergleich eher bescheidene Produktivitätswachstum in der Schweiz hat sich noch weiter abgeschwächt: von durchschnittlich 1,5% pro Jahr im Zeitraum 1992–2002 auf 0,9% im Zeitraum 2003–2013. Besonders schwach verlief die Produktivitätsentwicklung in den Jahren seit der Finanzkrise, in denen sie kaum mehr gewachsen ist. Allerdings war diese Entwicklung nicht auf die Schweiz beschränkt, sondern international weit verbreitet.
Produktivitätsentwicklung nach Branchen
Die Produktivitätsentwicklung nach Branchen gibt Hinweise, dass in der Schweiz insbesondere die drei Sektoren verarbeitende Industrie, Grosshandel und Banken massgebliche Impulse – positive wie negative – lieferten. Bis zur Finanzkrise verzeichneten die drei Sektoren starke Produktivitätszuwächse im Vergleich zum Durchschnitt aller Branchen. Seit der Finanzkrise gerieten diese jedoch ins Stocken, weil gerade diese Branchen besonders unter der Finanzkrise und dem eingetrübten aussenwirtschaftlichen Umfeld zu leiden hatten.
Die fehlenden Impulse konnten die übrigen Sektoren in keiner Weise wettmachen. In den binnenwirtschaftlich orientierten Sektoren – wie dem Baugewerbe, den privaten und den staatsnahen Dienstleistungen (z. B. Gesundheitswesen) – verlief das Produktivitätswachstum weiterhin bescheiden und mehrheitlich unter dem Durchschnitt aller Branchen. Die oftmals hohe Personalintensität dieser Sektoren bremst nicht nur das Niveau der Arbeitsproduktivität, sondern auch ihre Dynamik. Auch der zumeist geringere Wettbewerbsdruck im Vergleich zu den internationalen Branchen macht sich hier bemerkbar.
Produktivitätssteigerung in der Binnenwirtschaft als vordringliches Ziel
Derzeit ist noch unklar, ob das tiefere Produktivitätswachstum der letzten Jahre – international wie in der Schweiz – temporärer oder dauerhafter Natur ist. Eine konjunkturelle Erholung mit einer anspringenden Investitionstätigkeit könnte via den stärker wachsenden Kapitalstock wieder zu höheren Produktivitätszuwächsen – insbesondere in den aussenwirtschaftlichen Sektoren – führen. Eine wichtige Herausforderung bleibt auf jeden Fall die Steigerung der Arbeitsproduktivität in den binnenorientierten Bereichen. Da der wirtschaftliche Strukturwandel angesichts der Alterung der Bevölkerung weiter in Richtung von Bereichen wie dem Gesundheitssektor verlaufen dürfte, sind stärkere Produktivitätszuwächse in diesen Bereichen nötig, um die gesamtwirtschaftliche Produktivitätsentwicklung in Zukunft zu stärken.
BIP-Wachstum
|1992–2002||2003–2013||2003–2007||2008–2013|
|Schweiz||1.3||2||2,8||1.3|
|Deutschland||1.6||1.1||1.7||0.5|
|Frankreich||2.3||1.1||2.1||0.3|
|Italien||1.6||–0.2||1.3||–1.4|
|Spanien||3.6||1.1||3.9||–1.0|
|Niederlande||3.3||1.1||2.6||–0.1|
|Belgien||2.3||1.4||2.5||0.5|
|Luxemburg||5.5||2.6||4.7||0.7|
|Österreich||2.7||1.6||2.6||0.6|
|Dänemark||2.6||0.5||1.7||–0.7|
|Finnland||3.3||1.2||3.9||–0.8|
|Norwegen||4||1.6||2.6||0.6|
|Schweden||2.6||2.1||3.8||0.6|
|Grossbritannien||3.9||1.6||3.2||0.2|
|USA||4||2||3||0.9|
|Durchschnitt||3||1.4||2.8||0.2|
|Rang Schweiz||15||3||7||1|
BIP-Wachstum pro Kopf
|1992–2002||2003–2013||2003–2007||2008–2013|
|Schweiz||0.7||1.1||2.1||0.2|
|Deutschland||1.3||1.1||1.7||0.6|
|Frankreich||1.7||0.5||1.3||–0.2|
|Italien||1.6||–0.7||0.7||–1.9|
|Spanien||2.7||–0.1||1.9||–1.5|
|Niederlande||2.4||0.6||2.2||–0.7|
|Belgien||1.9||0.7||1.9||–0.3|
|Luxemburg||3.6||0.5||3||–1.3|
|Österreich||2.2||1.1||2.1||0.2|
|Dänemark||2.1||0.1||1.8||–1.1|
|Finnland||2.8||0.8||3.5||–1.3|
|Norwegen||3.3||0.4||1.8||–0.6|
|Schweden||2.2||1.3||3.2||–0.2|
|Grossbritannien||3.5||0.8||2.5||–0.5|
|USA||2.4||1||2||0.1|
|Durchschnitt||2.3||0.6||2.1||–0.6|
|Rang Schweiz||15||2||5||3|
- In Vollzeitäquivalenten gerechnet, für die Periode 3. Quartal 2008 bis 3. Quartal 2014.
- Deutschland profitierte dabei von boomenden Exporten, nicht zuletzt aufgrund der guten preislichen Wettbewerbsfähigkeit innerhalb des Euroraums.
Zitiervorschlag: Frank Schmidbauer (2015). Wie gut wächst die Schweiz? Rückblick auf die letzten zehn Jahre. Die Volkswirtschaft, 30. Januar.