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Das Tal (824 Postclave, ital. Val Poschiavo) erstreckt sich in nord-südlicher Richtung vom Berninapass zum Veltlin. Es wird vom Puschlaverbach durchflossen, der auf der Berninapasshöhe (2328 m ü.M.) entspringt und auf ital. Gebiet in die Adda (414 m ü.M.) mündet. Der Lago di Poschiavo trennt das obere und das untere Tal; im oberen Tal liegt der Hauptort Poschiavo, im unteren Tal die Gemeinde Brusio. 1850 32888 Einw.; 1900 42301; 1950 52562; 2000 42472. Die Bevölkerung ist fast vollständig italienischsprachig, mehrheitlich katholisch mit einer reformierten Minderheit.
Die ersten Funde aus der Bronze- und Eisenzeit reichen nicht aus, um mit Sicherheit eine Besiedlung in prähistorischer Zeit nachzuweisen. Zur Zeit der römischen Eroberung um 15 v. Chr., als das Tal in die Region Gallia transpadana mit dem municipium Como eingegliedert wurde, war es wahrscheinlich von ursprünglich rätischen Stämmen besiedelt. Nach der langobardischen Herrschaft Anfang 7. Jh. schenkten die karolingischen Könige Ende des 8. Jh. die Pieven Poschiavo, Bormio und Mazzo (Veltlin) der Abtei Saint-Denis bei Paris. Der Bischof von Como, der im Tal nicht nur die geistliche Macht ausübte, sondern auch Herrschafts- und Grundrechte besass, focht die Schenkung jedoch an. Auch der Bischof von Chur meldete Herrschaftsansprüche an. Schon im 12. Jh. waren die Gemeinden Poschiavo und Brusio territorial getrennt und verfügten über eigene Verwaltungsstrukturen. Die Kirche und Klostergemeinschaft San Romerio (11. Jh.), die auf der linken Talseite Besitzungen hatte, bildete damals eine selbstständige territoriale Einheit. Im 12. und 13. Jh. übernahmen die Herren von Matsch-Venosta von der Abtei St. Denis die Herrschaftsrechte über das Tal. Lehensträger des Bischofs von Chur geworden, liessen sie sich 1284 die Rechte des Hochgerichts über Poschiavo bestätigen. Gleichzeitig dehnte auch die Stadt Como ihre Macht über das Tal aus und setzte einen Podestà ein, der die niedere Gerichtsbarkeit ausübte.
Als Mailand 1335 Como unterwarf, geriet auch das Puschlav 1350 unter die Herrschaft der Visconti. 1406 rebellierten die Talbewohner gegen die Vergabe des Puschlaver Lehens an Giovanni Malacrida von Musso. 1408 stellten sie sich unter die Gerichtshoheit des Bischofs von Chur und traten dem Gotteshausbund bei. Von da an teilte das Hochgericht Poschiavo und Brusio das Schicksal der Drei Bünde. Nach der Eroberung des Veltlins durch die Bündner 1512 eröffneten sich dem Tal neue Möglichkeiten in Wirtschaft und Handel. 1518 wurde die Grenze des Gerichts zum Turm von Piattamala bei Campocologno verlegt, um die jahrhundertelangen Grenzstreitigkeiten mit der Gemeinde Tirano (Veltlin) zu beenden.
Die Predigten italienischer Glaubensflüchtlinge, die dank der Ilanzer Artikel von 1526 in den Drei Bünden besonderen Schutz genossen, führten zur Bildung zweier reformierten Gemeinden in Brusio und Poschiavo. Aus den Berichten der bischöflichen Hirtenbesuche geht hervor, dass 1589 in Brusio ein Drittel und in Poschiavo ein Viertel der Bevölkerung zum neuen Glauben übergetreten waren. Das prekäre Gleichgewicht zwischen den beiden Konfessionen zerbrach, als 1620 in Brusio und 1623 in Poschiavo die Reformierten verfolgt wurden (Veltliner Mord). Die 1642 durch Eingreifen der Drei Bünde erreichte Einigung konnte die Spannungen nicht lösen; die Talschaft blieb lange in zwei feindliche Lager gespalten. Im 17. Jh. und bis 1753 war das Puschlav Schauplatz zahlreicher Hexenprozesse.
1797 vereinte Napoleon Bonaparte das Veltlin mit der Cisalpinischen Republik; das Puschlav entzog sich dieser Annexion. Die neue Grenze schnitt eine Gemeinschaft entzwei, die seit Jahrhunderten durch gemeinsame wirtschaftliche Interesssen verbunden war, und die Handelsblockade schwächte die lokale Wirtschaft erheblich. 1851 trennte sich die Gemeinde Brusio von Poschiavo; 1869 löste sich das Puschlav aufgrund eines Bundesbeschlusses vom Bistum Como und wurde in das Bistum Chur eingegliedert.
Im 19. Jh. setzte eine starke Auswanderung aus dem Puschlav in europäische Länder und nach Australien ein: Die traditionell auf der Landwirtschaft beruhende Wirtschaft konnte die wachsende Bevölkerung nicht mehr ernähren. Zwischen 1842 und 1865 wurde die Fahrstrasse über den Berninapass gebaut. Die Inbetriebnahme der Kraftwerke von Brusio 1906 und der Berninabahn 1908-10 gaben der lokalen Wirtschaft neuen Auftrieb. Dazu kam ein Aufschwung des Tourismus, der schon mit dem 1857 eröffneten Bad- und Kurhotel in Le Prese (Gem. Poschiavo.) einsetzte. Von ihm hängt gegenwärtig ein grosser Teil der Arbeitsplätze ab. 2000 war über die Hälfte der Beschäftigten im Dienstleistungssektor tätig.
Literatur - D. Marchioli, Storia delle Valle di Poschiavo, 1886 - R. Tognina, Origine e sviluppo del comun grande di Poschiavo e Brusio, 1975 - O. Lardi, S. Semadeni, Das P./Valle di Poschiavo, 1994 - L. Boschini, Valposchiavo, 2005
Historischen Lexikon der Schweiz, online-version 12.9.2009: Arno Lanfranchi
Gemeinde im Veltlin, Provinz Sondrio, auf Terrasse am rechten Talhang zwischen Tirano und Sondrio, rund 860 m ü.M.
Reiche Felszeichnungen und Siedlungsspuren aus der Bronzezeit. Das Veltlin soll seinen Namen (Tellina vallis) von Teglio, dem ältesten strategischen Punkt des Tales, herleiten.
Unter der Herrschaft des Erzbistums Mailand wuchs die Gemeinde Teglio ab dem 12. Jh. zu einem "demokratischen" Organ, das sich ohne grosse Schwierigkeiten in die Feudalordnung eingliederte, diese aber seit dem 14. Jh. allmählich ablöste (Gemeindestatuten).
1487 Plünderung durch Bündner beim ersten Veltliner Feldzug. Nach dem Übergang des Tales 1512 an den Dreibündestaat wurde am 27. Juni in Teglio der Vertrag über das neue gegenseitige Verhältnis zwischen Bündnern und Veltlinern beschworen.
In der zweiten Hälfte des 15. und der ersten Hälfte des 16. Jh. erlebte Teglio eine wirtschaftliche Blüte, die sich heute noch in den erhaltenen Palazzi der Guicciardi, der Reghenzani, der Piatti und der Besta manifestiert.
Teglio bewahrte unter der Bündner Herrschaft die von Mailand innegehabten Privilegien. Es war Sitz eines Podestaten und delegierte einen Vertreter in den Talrat. Um 1580 bestanden zahlreiche protestantische Familien, die ihren Kult in der Kirche S. Orsola (ursprünglich eine Humiliaten-Kirche) abhielten; in Teglio bestand die grösste protestantische Gemeinde des Tales nach Sondrio. Sie wurde 1620 beim sog. Veltliner Blutbad ausgelöscht, an die 60 Personen ermordet.
1797 war Teglio unter den ersten Gemeinden, die sich von Graubünden lossagten und den Freiheitsbaum aufpflanzten.
Literatur - D. Pace, Nuove acquisizioni antiquarie nel territorio di T., 1969 - M. Ginasso, Guida turistica della provincia di Sondrio, 1979
Historisches Lexikon der Schweiz, online-version 12.9.2009: Martin Bundi und eigene Ergänzungen
Nach der Eroberung Rätiens im Jahre 15 v. Chr. durch die Römer wählten diese die Terrasse über über dem Tal aus zum Aufbau des Castrum Tellii. Dieses wurde im 6. Jh. von den Byzantinern im Verlauf des Gotenkrieges verstärkt und unter den Langobarden Sitz eines königlichen Vogtes und Angelpunkt des Verteidigungssystems im Tal.
Tellina Vallis oder Vallis Tellina (das Tal von Teglio) ist seit dem 6. Jh. (Chronik Bischof Ennodius von Pavia) die offizielle Bezeichnung des Adda-Tales von Serravalle bis zum Comersee (Das Becken von Bormio gehörte noch nicht dazu).
Die Burg war dauernder Sitz eines Vogtes der Feudalherrschaft und bildete so das politische und rechtliche Zentrum des Tales. 962 ging die Herrschaft wahrscheinlich von Otto dem Grossen an das Erzbistum Mailand über. Wegen ihrer Schlüsselposition im Tal war die Burg in den folgenden Jahrhunderten immer wieder Angriffen ausgesetzt; in den Machtkämpfen zwischen den Bischöfen von Mailand und Como, zwischen Welfen und Ghibellinen, später zwischen Venedig und Mailand.
1264 wurde die Burg vom Welfen Filippo Torriani eingenommen und zerstört. Nach dem Wiederaufbau kam die Burg 1325 mit der Herrschaft Veltlin an das Herzogtum Mailand; die Burg wurde 1430 erneut erobert, diesmal von Stefano Quadrio im Verlauf des Krieges zwischen Mailand und Venedig. Endgültig geschleift wurde die Burg allerdings erst 1526 durch die Bündner.
Von der ursprünglich wohl ausgedehnten Burganlage aus dem 10. Jh. ist heute nur noch ein Viereckturm sichtbar; der Grundriss der Burg ist nicht bekannt. Der Turm wurde 1894 und 1927 umfassend restauriert (vermutlich wohl auch rekonstruiert); deshalb heute sein guter Zustand. 1927 wurde auch die Parkanlage um den Turm eingerichtet.
Der Turm auf quadratischem Grundriss weist im unteren Teil Mauerwerk aus lagenhaften Feldsteinen auf, im oberen Teil geschichtete flache Steine. Der Eckverband ist mit Bossenquader und Kantenschlag ausgestaltet. Der Hocheingang an der Talseite ist mit grossen Steinen ausgebildet, die Schartenfenster zeigen monolithische Gewände. Da der Turm 1927 restauriert wurde, ist heute kaum noch erkennbar, was Originalsubstanz ist.
Wahrscheinlich sind die Besta seit dem 10. Jh. in Teglio ansässig. Sie liessen sich westlich der Burg in der nahe gelegenen Senke ad Silvam nieder. Ab 1240 ist die Familie urkundlich fassbar als Lehensträger des Erzbistums Mailand. 1320 werden sie bischöflich-mailändische Vögte der Herrschaft Teglio und erhalten zahlreichen Grundbesitz und Herrschaftrechte zu Lehen. Ihren herrschaftlichen und wirtschaftlichen Höhepunkt erreicht die Famile Besta mit der Ankunft der Bündner, die 1512 die Herrschaft Veltlin, Bormio und Chiavenna übernehmen. Da die Bündner Herrschaft die noch in Mailänder Hand befindlichen Rechte und Grundbesitz massiv besteuert, überträgt das Bistum Mailand 1534 den gesamten Besitz an die Familie Besta, die somit auf einen Schlag um rund 580 Parzellen im Tal reicher werden.
Als Statthalter der Bündner Herrschaft und Rat der Gemeinde Teglio ist Azzo II Besta (1508-1562) nicht nur Politiker und Verwalter seiner Besitztümer, sondern auch ein Mann von hoher Kultur. Ihm zu Seite stand Agnese Quadrio, eine anmutige und gebildete Frau. Unter ihnen ist das bisherige Wohnhaus zu einem Palast ausgebaut worden, der wohl als der schönste im Veltlin gilt. Die Anlage wurde 1539 fertig gestellt. Der Grossteil der Innenaustattung und Ausmalung geht auf diese Zeit zurück.
In den Glaubenskämpfen des 16. Jh. ist die Familie Besta stets dem katholischen Glauben treu geblieben. Daran ändert auch die Hochzeit von Carlo I Besta (1552-1587) mit der aus dem Bündnerland stammenden Calvinistin Anna Travers nichts. In dieser Zeit wird der "Saal der Schöpfung" im Palazzo ausgemalt. Um die Ehefrau und den mächtigen Schwiegervater Johann Travers, der 1577 bis 1579 Talhauptmann ist, nicht zu brüskieren, zieht Carlo Besta das biblische Motiv der Schöpfung vor, das am ehesten geeignet ist, die zerbrechlichen Bande zwischen Katholiken und Protestanten nicht zu zerreissen. Erkennbar ist dies im zentralen Bild der "Erschaffung der Menschen", wo statt dem "Ewigen Vater" ein Baum dargestellt ist; dies um die calvinistische Empfindlichkeit gegenüber der Darstellung Gottes nicht zu verletzen.
Beim "Sacro macello" (Veltliner Mord, siehe Anhang) am 20. Juli 1620 sind Carlo II und Azzo IV Besta (1582-1636) führende Kräfte. In der folgenden stürmischen Unabhängigkeitsperiode ist Azzo IV Besta Botschafter des Veltlins beim Spanischen Hof.
Nach der Rückkehr der Bündner 1639 können deshalb die beiden Brüder Besta nicht mehr in Teglio bleiben und fliehen auf ihre Besitzungen jenseits der Bündner Grenzen im Val Camonica. Die Erbtochter Alba Besta (gest. 1660) besucht den Palazzo in Teglio nur noch gelegentlich, ihre Nachkommen lassen sich noch seltener in Teglio blicken.
1762 erwirb Pietro Morelli, Richter in Teglio, den Palast. Unter ihm werden die Südzimmer neu ausgestattet. Danach wird der Palazzo dem Verfall überlassen. Um 1880 erwerben einige Bauern die Ruine, richten Ställe und Lager im Erdgeschoss ein und kümmern sich nicht mehr um die Räume im Obergeschoss.
Nach dem Erwerb 1911 durch den Italienischen Staat wird 1912-1927 der Palast mit viel Einfühlvermögen restauriert, begleitet vom Architekten Luigi Perrone und dem Maler Gersam Turri. Die Gemeinde Teglio wollte in der Folge ihre Amtsstuben im Palast einrichten. Dagegen wehrte sich mit Erfolg die Sopraindenenza dei beni culturali Sondrio. Nach den geltenden Bestimmungen ist der Palast nun Archiv und Museum der Provinz Sondrio.
Literatur: Gian Luigi Garbellini, Il Palazzo Besta di Teglio (Sondrio 1996) Achtung: Während der Führung in den Innenräumen des Palazzo ist das Fotografieren verboten!
Grumello ist eine Doppelburg mit zwei Gebäudekomplexen, die von einer Ringmauer umgeben sind. Während bei vielen Doppelburgen zwei von einander unabhängige Gebäudekomplexe bestehen, sind diese beim Castel Grumello auch funktionell mit einander verbunden. Zum einen existiert ein unterirdischer Gang, von dem noch Teile erhalten sind; zum anderen verbanden vermutlich auch obertägige Gebäude die beiden Burgen. Der Name Grumello leitet sich vom Felsrücken "grumo" ab.
Die Burg wurde als ganzes Ende des 13. Jh. von der Comasker Familie De Piro erbaut und diente kurze Zeit (1328-1335) als Exilresidenz des Bischofs von Como, der von ghibellinischen Franchino Rusca, dem Stadtherrn von Como, vertrieben wurde. 1372 ging die Befestigung an die welfischen Capitanei von Sondrio über. 1526 wurde die Burg von den Bündnern zerstört, die Ruinen blieben jedoch jahrehundertelang noch bestehen und wurden 1987 von der FAI (Fondo per l2Ambiente Italiano) erworben und seither konserviert.
Die Ost-Burg hat unregelmässigen Grundriss und wird von einem Viereckturm, der als Bergfried dient, dominiert. Der Turm ist das besterhaltene Bauwerk der gesamten Anlage. Er weist schmale Licht- oder Schiessscharten auf, die mit monolithischen Gewänden ausgebildet sind. Das Mauerwerk besteht aus unregelmässig geschichteten Steinen, ist grossenteils verputzt. Der Eckverband besteht aus Bossenquadern mit leichtem Kantenschlag. Es ist deshalb anzunehmen, dass diese Ost-Burg vorallem Wehrfunktion hatte.
Die West-Burg hat einen rechteckigen, regelmässigen Grundriss. Ein grosser Saal mit Kamin deutet auf die Residenzfunktion dieses Burg-Teiles hin. Trotzdem war auch die West-Burg wehrhaft ausgestattet mit Wehrturm an der Ostseite, Schwalbenschwanzzinnen auf Turm und Ostmauer und Kreuzscharten.
Literatur: - Flavio Conti, Vincenzo Hybsch, Antonello Vincenti, I castelli della Lombardia, Province di Como, Sondrio e Varese (Novara 1991) 128-130 - Guido Scaramellini, Le fortificazioni in Valtellina, Valchiavenna e Grigioni (Sondrio 2004) 26.
Die Siedlung entwickelte sich am linken Ufer des Flusses Adda unterhalb der im Jahr 1073 erwähnten Burg Dosso. Im 12. Jh. war sie eine freie Gemeinde, die später den Capitanei von Stazzona, welche die Burg Piattamala am Eingang zum Puschlav errichten liessen, dann dem Bistum Como unterstand. Mit dem Übergang an das Herzogtum Mailand wurde Tirano 1335 Gerichtsort des oberen Terziers. 1487 erfolgte die Erstürmung Tirano2s durch die Bündner, die vermutlich die alte Burg Dosso zerstörten.
Ludovico Sforza liess Tirano deshalb 1492/93 mit einer Ringmauer und der neuen Burg St. Maria befestigen. Die Stadtbefestigung wurde 1512 mit der Besetzung durch die Bündner im Zug der Einsitznahme im Veltlin zu grossen Teilen wieder zerstört.
Die Bündner setzten in Tirano einen Podestaten ein. Im Stadtbild fallen die zahlreichen Palazzi auf, die während der Bündner Herrschaft (1512-1620, 1639-1798) von reichen Familien erbaut wurden: Palazzo Salis, Palazzo Pretorio, Palazzo Marinoni (heute Rathaus), Palazzo Torelli sowie die beiden Palazzi Pievani und Trombini in der Vorstadt jenseits der Adda.
Auf einer Anhöhe am rechten Ausgang des Puschlavs liegt die romanische Kirche S. Perpetua am alten Fuss- und Saumweg von Tirano nach Brusio und weiter zum Berninapass (im MA war eine Herberge, ein Xenodochium, angegliedert). Die Kirche war ein Wallfahrtsort und eine Zwillingsstiftung zu S. Remigio oberhalb Brusio. Östlich davon wurde die Wallfahrtskirche Madonna di Tirano erbaut (nach Wundererscheinungen der Jungfrau Maria zwischen 1505 und 1528). In deren Nähe richteten die Drei Bünde 1514 den Vieh- und Warenmarkt von Tirano ein (jeweils am 29. Sept., an S. Michele, während 14 Tagen).
Im 16. Jh. entwickelte sich Tirano zu einem Zentrum des Warenumschlags und Austauschs von Ideen und bildete einen Knotenpunkt im Handelsverkehr zwischen Bünden und Venedig sowie Bormio und Mailand. Mit ca. 52000 Einwohnern um 1589 wies es im Veltlin die höchste Bevölkerungszahl aus. Im 16. Jh. entstand auch die reformierte Kirchgemeinde, z.T. unter dem Einfluss italienischer Glaubensflüchtlinge (Giulio di Milano), die ihren Kult mit eigenem Pfarrer in der Kirche St. Maria (abgegangen) feierte. 1597 fand eine öffentliche theologische Disputation zwischen Vertretern beider Konfessionen statt. Im Zug des Veltliner Mords (1620) werden 60 Protestanten in Tirano getötet und die Stadt besetzt. 1635/36 machte sie der Herzog von Rohan bei seinem berühmten Alpenfeldzug zum Hauptquartier.
Die zweite Phase der Bündner Herrschaft dauerte 1639-1797. Tirano blieb ein bedeutender Ort an der Bündner Handelsroute Bernina-Tirano-Aprica-Brescia-Venedig. 1797 schloss es sich mit dem Veltlin der Cisalpinischen Republik an. Im 19. Jh. erwarben Bündner Weinhandelsfirmen Rebgrundbesitz in der Umgebung von Tirano. 1910 erhielt die Berninalinie der Rhätischen Bahn Anschluss ans italienische Eisenbahnnetz.
Literatur - E. Pedrotti, Gli xenodochi di San Remigio e di Santa Perpetua, 1957 - M. Gianasso, Guida turistica della provincia di Sondrio, 1979
Historisches Lexikon der Schweiz, online-version 12.9.2009: Martin Bundi
Nach der 1487 erfolgten Verwüstung Tirano2s durch die Bündner liess Ludovico Sforza (Herzogtum Mailand) die Stadt 1492/93 neu befestigen, mit dem klaren Ziel, die Siedlung vor weiterem Schaden durch die Bündner zu schützen.
Da die Befestigung dem ganzen mittleren Veltlin diente, mussten alle Orte zwischen Grosotto und Sondrio bis Morbegno einen Teil der finanziellen Last tragen. Der Plan soll nach den einen Autoren durch den herzöglichen Baumeister Ambrogio Ferrari mit Comasker Assistenz, nach anderen von Leonardo da Vinci entworfen worden sein.
Die Stadtbefestigung wurde 1512 mit der Besetzung durch die Bündner im Zug der Einsitznahme im Veltlin zu grossen Teilen bereits wieder unbrauchbar gemacht, blieb aber in Resten bis heute erhalten.
Ausserhalb der südlichen Ecke der Ringmauer erhebt sich über der Stadt das Castello di Santa Maria (siehe separates Kapitel). Die Burg ist mit zwei Verbindungsmauern, die ein "ricetto" bilden mit der Stadt verbunden. Dem Talhang entlang führt die Ringmauer bis zur Porta Bormina im Osten, von dort nordwärts zur Adda, entlang der Adda westwärts bis auf die Höhe der Burg. Von hier steigt die Ringmauer nach Süden wieder zur Burg an. Die Mauern waren mit mindestens 10 viereckigen Wehrtürmen ergänzt, drei davon sind noch erkennbar.
In der langen Nordfront entlang der Adda befindet sich die Porta Poschiavina. Der Viereckturm ist heute in die umgebende Bebauung intergriert; der Turm war aber seit Anbeginn bewohnbar. Die sichtbaren Fresken innerhalb und ausserhalb der Stadt stammen aus dem 15. Jh. An der Aussenseite führt der Durchgang durch zwei hintereinander liegenden Rundbögen - der innere mit Nut für das Fallgatter. Danach schliesst sich eine Torhalle mit Kreuzgratgewölbe an, die zum Stadtinnern ebenfalls mit einem Rundbogen abschliesst.
Die Porta Milanese zeigt aussen ein Rundbogentor, der Tordurchgang ist mit einem Kreuzgratgewölbe überdeckt und schliesst nach innen mit einem Flachbogen ab. Der schmale Schlitz für ein Fallgatter und ein Gussloch im Scheitel sind noch erkennbar.
Von der Porta Bormina sind nur noch Reste erhalten. Der heute rittlings über die Strasse gespannte Rundbogen mit verkeilten Bruchsteinen ist mit grosser Wahrscheinlichkeit eine spätere Rekonstruktion.
Lit: - Flavio Conti, Vincenzo Hybsch, Antonello Vincenti, I castelli della Lombardia, Province di Como, Sondrio e Varese (Novara 1991) 137-138.
Die Burg wurden zusammen mit der Stadtbefestigung 1492/93 durch das Herzogtum Mailand errichtet. Sie hatte die Funktion, von der Bergseite aus überhöht, den Überblick über den Ort und die Stadtbefestigung zu halten.
Die Anlage besteht aus einem Viereckturm im Zentrum. Er ist viergeschossig und war mit einem Giebeldach bedeckt. Der Turm ist mit einer inneren Ringmauer umschlossen, von der noch Reste erhalten sind. Diese "innere" Burg wird von einer "äusseren" Ringmauer mit halbrunder Eckbastion an der Bergseite umschlossen. In der Bastion sind noch die Schiesskammern mit Geschützscharten erkennbar.
Die Ruine wurde 1938-40 teilweise konserviert, neuere Konservierungen sind im Gange.
Literatur: Flavio Conti, Vincenzo Hybsch, Antonello Vincenti, I castelli della Lombardia, Province di Como, Sondrio e Varese (Novara 1991) 136.
Der Turm an der Via della Repubblica ist kein Wehrbau sondern ein "residenza-studio" eines Politikers des 19. Jh.: errichtet um 1810 für Conte Luigi Torelli, der damit seinen politischen Herrschaftsanspruch in Tirano sichtbar machte.
Der fünfgeschossige Turm ist mit Wehrgangkranz und Schwalbenschwanz-Zinnen (Merlatura) versehen. Ein typisches Beispiel des neogotischen Stils in der Epoche der Romantik.
Parallel zum Tal erhebt sich zwischen Grosio und Grosotto ein vom Gletscher überschliffener gerundeter Felshügel. Am Südwestende des länglichen Hügels, gegen Grosotto, steht die Ruine von Castello Vecchio, am Nordostende, gegen Grosio, diejenige von Castello Nuovo.
Die Burg entstand zwischen 1350 und 1375. Die Finanzmittel für das "castrum novum" wurden von allen Orten des oberen Veltlins aufgebracht. Diese Burg wurde nicht etwa als Gegenburg zum "castello vecchio" errichtet, sondern entstand aus der Notwendigkeit, das bisher offene Feld vor dem castello vecchio mit einer eigenen Burg zu besetzen. In einem Gefecht 1376 bewährte sich die Anlage gegen die damaligen Feuerwaffen. Die Burg war der Familie Venosta zu Lehen gegeben und wurde vermutlich bereits im 2. Viertel des 15. Jh. erstmals aufgelassen. Nach den ersten Übergriffen durch die Bündner 1493 scheint die Anlage wieder in Stand gestellt worden zu sein; letzte Reparaturarbeiten an den Zinnen werden 1635 erwähnt. Nach 1639 wurde die Burg allerdings desarmiert und verfiel. Trotzdem haben sich ansehnliche Reste der Burg erhalten, so dass das Castello Visconti Venosta heute zu einer der bedeutendsten Ruine des Tales zählt.
Die Burg gehört heute noch der Familie Visconti Venosta. Seit 1991 sind archäologische Grabungen im Gange, die von Konservierungsmassnahmen gegleitet werden; die Ruine ist aber für unseren Besuch offen.
Literatur: - Flavio Conti, Vincenzo Hybsch, Antonello Vincenti, I castelli della Lombardia, Province di Como, Sondrio e Varese (Novara 1991) 124 - Guido Scaramellini, Le fortificazioni in Valtellina, Valchiavenna e Grigioni (Sondrio 2004) 34.
Parallel zum Tal erhebt sich zwischen Grosio und Grosotto ein vom Gletscher überschliffener gerundeter Felshügel. Am Südwestende des länglichen Hügels, gegen Grosotto, steht die Ruine von Castello Vecchio, am Nordostende, gegen Grosio, diejenige von Castello Nuovo.
Von der einst ausgedehnten Anlage sind nur noch Mauerreste erkennbar, die keine klare Gebäudegliederung ergeben. Am Südende der Anlage sind die Ruinen der kleinen romanischen Kirche SS. Faustino e Giovita in die Ringmauer integriert. Einzig der markante Campanile ist noch erhalten. Im Kirchenraum sind zwei mittelalterliche Grabkammern in den Felsen geschlagen worden. Bemerkenswert ist die Orientierung der Kirche gegen Süden. Die Kirche wurde erst im Verlauf des 17. Jh. verlassen. Der Campanile wurde um 1900 teilweise restauriert, das Dach 1950 erneuert.
Die Burg ist vermutlich im 10./11. Jh. als bischöflich-comaskischer Vogteisitz errichtet worden. Die Verehrung der Heiligen Faustus und Jovita (Brescia) setzt im 11. Jh. ein. Um 1050 (nach anderen Quellen 1150) bestätigt der Bischof von Como der Familie Venosta die Pieve di Mazzo, behält sich aber noch die Kontrolle über die Burg vor. 1187 wurde auch die Burghut den Venosta übertragen. Von da an bis heute ist der Besitz in Händen der Venosta, die sich seit 1417 den Namen Visconti Venosta zulegen. Die im Veltlin bedeutende Familie Venosta stammt ursprünglich aus Matsch im Vinschgau (Südtirol).
Im Moment sind archäologische Grabungen und Konservierungsarbeiten im Gange; vermutlich können wir die Anlage deshalb nicht besuchen.
Literatur: - Flavio Conti, Vincenzo Hybsch, Antonello Vincenti, I castelli della Lombardia, Province di Como, Sondrio e Varese (Novara 1991) 124. - Guido Scaramellini, Le fortificazioni in Valtellina, Valchiavenna e Grigioni (Sondrio 2004) 32.
Der Park der Felsengravuren in Grosio wird von einem "consorzio" lokaler Behörden geleitet, mit dem Ziel, die archäologischen, ethnologischen und landschaftlichen Werte hervorzuheben und zu erhalten, die sich im Gebiet der Hügel zwischen Grosio und Grosotto befinden.
Das besondere Interesse an diesem Gebiet ist durch die prähistorischen Felsengravuren gegeben, die aus der Jungsteinzeit, dem Endneolitikum (Kupferzeit), der Bronze- und der Eisenzeit datieren. Ihre Entdeckung verdankt man dem Mailänder Archäologen Davide Pace (1966). Die Felsgravuren, die auf den freiliegenden Felsen überall zu sehen sind, sind auf dem "Rupe Magna" nördlich der Burgruine Visconti Venosta in besonders grosser Konzentration anzutreffen; es sind über 52500 Einzelzeichnungen katalogisiert. Bei archäologischen Sondierungen in den beiden mittelalterlichen Ruinen wurden denn auch Siedlungsreste der Eisenzeit entdeckt. Die Befunde stellen die Siedlungsgeschichte des Veltlins in neuem Licht dar.
Bemerkenswerter fächerförmiger Grundriss mit einem Viereckturm an der Spitze; der Turm, rund 20 m hoch, ist auch das älteste Element dieser Anlage (A. 13. Jh.). Er ist von drei aufeinanderfolgenden Ringmauern halbbogenförmig auf der Talseite umgeben. In jedem Ringmauerabschnitt befinden sich Reste von Bauten, deren Funktion noch nicht geklärt ist. Unterhalb der 3. Ringmauer erstreckt sich ein weitläufiger Hof, der an zwei Seiten mit einem Tor zugänglich ist. In der äussersten Ringmauer sind zahlreiche Baudetails erhalten wie Aborterker und Schiessscharten mit dahinterliegenden Kammern (Entlastungsbogen an der Aussenseite).
Die Burg wurde vermutlich anfangs des 13. Jh. durch die Familie Venosta als bischöflich-comasker Lehen errichtet; der Turm wird 1226 erwähnt. Im Laufe der Zeit wurde der Turm mit einer Reihe von 3 Ringmauern umgeben, die ausgebaute Burg wird 1340 urkundlich erwähnt. 1487 wurde die Burg von den ins Veltlin eingefallenen Bündnern angezündet. Die beschädigte Ruine wurde wieder hergestellt und blieb bis 1710 bewohnt von der Familie Venosta di Grosio. Der Bischof von Como verkaufte um 1600 die Burg der Gemeinde Tovo. 1928 wurde eine Teilkonservierung der Ruine vorgenommen, bei der auch die Erschliessungstreppen über die verschiedenen Mauerzüge errichtet wurden. Eine erneute Konservierung wurde 2009 beendet.
Am Tag unseres Besuches am 27.9.2009 wird die Burgruine der Öffentlichkeit übergeben.
Literatur: Flavio Conti, Vincenzo Hybsch, Antonello Vincenti, I castelli della Lombardia, Province di Como, Sondrio e Varese (Novara 1991) 142