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Neue Enthüllungen der Medien haben die Debatte über Reiche angeheizt, die ihr Geld in Offshore-Steuerparadiesen verstecken. Was halten Sie davon?
Dalai Lama: Das ist natürlich falsch. Wir brauchen einen Plan, der die Reichen dazu bringt, ihr Vermögen zum Wohle aller einzusetzen. Und wir müssen die Millionäre dieser Welt davon überzeugen, dass das in ihrem eigenen Interesse liegt. Was nützt ihnen ihr Geld auf irgendeinem Bankkonto, wenn ihre letzte Stunde schlägt? Sie wären glücklicher, wenn sie einen Teil ihres Reichtums zu ihren Lebzeiten dafür einsetzten, dass einige hundert Menschen eine gute Ausbildung erhalten. Vielleicht muss man den Reichen eine Gehirnwäsche erteilen! (lacht)
Geben Sie je Geld für sich selbst aus?
Nein, keinen einzigen Penny. Ich bin Gast der indischen Regierung. Sie sorgt für das Nötigste, auch wenn ich innerhalb von Indien auf Reisen bin. Meine Auslandreisen und die damit verbundenen Kosten werden von den einladenden Organisationen getragen.
Die weltweite Verteilung von Wohlstand ist ungleicher geworden. Als selbst erklärter «marxistischer Mönch» wird Sie das beunruhigen.
Ja, natürlich. Wir müssen alles daransetzen, den Gegensatz zwischen Arm und Reich zu verkleinern. In Indien gibt es die Unsitte, dass reiche Familien pompöse Hochzeiten feiern, für die sie unheimliche Geldsummen ausgeben. Weshalb schicken diese Leute nicht zwei, drei Dutzend Lastwagen mit Lebensmitteln zu den Menschen in den Slums, die darauf angewiesen sind? Wir sind alle Kinder eines Schöpfers, und er hat uns Menschen die Verantwortung gegeben, etwas gegen Ungleichheiten zu unternehmen.
Sollten Reiche mehr Steuern zahlen?
Ja, wenn die Steuereinnahmen den Armen zugutekommen. Aber das Geld muss in die Entwicklung fliessen. Die reichen Menschen im Norden müssen dafür sorgen, dass im Süden genügend Material, Ausbildung und Know-how zur Verfügung stehen, damit sich die Menschen dort selbst helfen können. Darin besteht die Verantwortung der Reichen. Hingegen sollten sich die Armen nicht über die Armut beklagen, sondern sehr hart arbeiten. In der Kombination liegt der richtige Weg, um den Graben zwischen Armen und Reichen zuzuschütten.
In der Schweiz fordert eine Volksinitiative, dass der höchste Lohn in einem Unternehmen höchstens das Zwölffache des tiefsten Lohns betragen darf. Würden Sie für eine solche Initiative stimmen?
Warum haben denn die Manager in der Schweiz derart hohe Löhne? Weil die Löhne vom Markt bestimmt werden. Und weil Manager oft eine grosse Verantwortung tragen. (überlegt lange) Ob die Initiative angenommen werden soll, ist natürlich eine Entscheidung der Schweizer Bürger. Aber wenn ich abstimmen dürfte, würde ich wohl Ja stimmen.
Warum?
Es kommt natürlich auf den Antrieb an. Aus reinem Neid sollte niemand Ja stimmen, das ist eine falsche Motivation. Wenn es aber darum geht, die Schere zwischen Armen und Reichen zu verkleinern und vernünftige Löhne zu garantieren, finde ich das sinnvoll.
Sie besuchen nun für fünf Tage die Schweiz, in der Tibeter seit rund fünfzig Jahren leben. Was ist Ihre erste Erinnerung an das Land?
Dass es ein wunderschönes Land ist. Und die Menschen sind, wie soll ich sagen – anders als die Deutschen, anders als die Franzosen und auch anders als die Italiener. Mir fällt das richtige Wort nicht ein. Die Schweizer sind eben ein ländliches Volk. Das meine ich nicht negativ. Viele Schweizer sind noch immer stark naturverbunden, sie halten Nutz- oder Haustiere.
Das trifft auf die Städter weniger zu.
Die Schweizer Städte sind keine Millionenmetropolen wie in anderen Ländern, in denen man stets viele Bettler und arme Menschen sieht. Das gibt es in der Schweiz kaum. Das gefällt mir sehr. Aber mir fällt auf, dass die Schweizer sehr zurückhaltend sind und zum Teil auch vom Rest Europas isoliert bleiben wollen. Dieses Denken ist veraltet. Wir müssen uns alle mit dem Rest der Welt austauschen. Die Schweiz muss sich Europa öffnen. Das ist der einzige Weg.
Das sehen die meisten Schweizer aber anders.
Trotzdem bleibt die Isolation ein Fehler. Das wissen wir Tibeter aus unserer eigenen Geschichte. Weil wir uns abgeschottet haben, mussten wir viel Leid erfahren. Deshalb ist es richtig, sich zu öffnen. Das hat die Schweiz in der Vergangenheit bereits getan. Ich werde der Schweiz ewig dankbar sein, dass sie in den 1960er-Jahren als erstes Land ein Kontingent von 1000 tibetischen Flüchtlingen aufzunehmen beschlossen hat. Kein anderes europäisches Land hat den tibetischen Flüchtlingen damals so enorm geholfen. Heute setzen sich viele der Nachkommen dieser Flüchtlinge für die tibetische Exilgemeinde ein.
Wie haben Sie den ersten Kontakt zwischen Schweizern und Tibetern erlebt?
Mir wird immer ein Schweizer Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit in Erinnerung bleiben. Er war damals in Südindien und half als Experte beim Aufbau einer landwirtschaftlichen Siedlung. Er stand morgens immer früh auf und forderte alle auf, mit ihm aufs Feld arbeiten zu gehen. Er arbeitete immer hart, deshalb respektierten und mochten ihn die Tibeter sehr – doch sie hatten gleichzeitig ein wenig Furcht, weil er sehr gewissenhaft und streng war (lacht).
Die Schweiz ist ein reiches Land. Sehen Sie Schattenseiten des Wohlstands?
Ob in der Schweiz oder anderswo: In der heutigen Gesellschaft haben materielle Güter einen viel zu hohen Stellenwert. Dabei ist das Streben nach diesen Gütern häufig Ursache von Traurigkeit, Wut und Hass. Nur wissen das viele Menschen nicht, weil sie kaum Kenntnisse über die Natur der Gefühle haben. Stattdessen nehmen sie Drogen, trinken Alkohol oder werfen Beruhigungsmittel ein.
Was lässt sich dagegen tun?
Das hängt stark davon ab, welche Anstrengungen wir in unserem Bildungssystem unternehmen. Geschichte, Mathematik oder Wirtschaft – das ist alles fürs Gehirn. Wir müssen unseren Kindern auch Dinge vermitteln, die vom Herzen ausgehen. Dazu zählen Moral, Selbstverantwortung und die Verantwortung für die Gesellschaft. Das Gehirn und das Herz müssen gemeinsam funktionieren.
Viele im Westen fürchten sich vor dem Aufstieg Chinas. Zu Recht?
Diese Furcht ist unbegründet. Ich verstehe aber, weshalb sich die Europäer Sorgen machen: China ist wie früher die Sowjetunion ein autoritäres System, das unberechenbar ist. Das ist ein Problem. Auch die USA verfügen über Nuklearwaffen, aber sie lösten bei den Europäern nie Angst aus – weil sie eben im Gegensatz zur Sowjetunion und China ein freier, demokratischer Rechtsstaat sind.
Ist China mittlerweile auf dem Weg zum Rechtsstaat?
China ist eine uralte, sehr kultivierte Nation. Das chinesische Volk will Veränderung. Und ich glaube, die Führungsriege weiss, dass diese Veränderungen unausweichlich sind. Bereits Wen Jiabao, der frühere Regierungschef, sprach öffentlich davon, dass China eine Demokratie nach westlichem Vorbild werden soll.
Wie lange wird es dauern, bis China politische Reformen umsetzt?
Das muss graduell geschehen. Ein totaler Zusammenbruch des Systems dient niemandem. Die neue, jüngere Generation, die nun an die Macht gekommen ist, kennt die Welt ausserhalb Chinas sehr gut. Sie wird gar keine Wahl haben, als auf die wirtschaftliche Modernisierung eine politische Liberalisierung folgen zu lassen. Nehmen Sie den Kampf gegen die Korruption, den sich die neue Führung vorgenommen hat: Es ist gar nicht möglich, die Korruption zu beseitigen, ohne eine freie Presse und unabhängige Gerichte zu haben.
Wie wird sich das auf die Lage in Tibet auswirken?
Die Situation in Tibet ist ausgesprochen schwierig. Ich bemühe mich aber immer um eine ganzheitliche Sicht, die über einzelne Aspekte hinausgeht. Und diese Sicht ist insgesamt hoffnungsvoll. Die Ereignisse des Arabischen Frühlings haben gezeigt, dass die Völker auf der ganzen Welt langfristig nicht mehr akzeptieren, dass Macht in den Händen von Einzelnen liegt.
Werden Sie das neue katholische Oberhaupt, Papst Franziskus, bald treffen?
Ich möchte dem neuen Papst meinen Respekt erweisen und ihn natürlich treffen. Allerdings ist er zurzeit wohl sehr beschäftigt – genau wie ich. Deshalb wird ein Treffen wohl nicht in nächster Zukunft stattfinden.
Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Rücktritt Papst Benedikts hörten?
Ich war traurig und ein wenig geschockt. Schliesslich war es das erste Mal seit Jahrhunderten, dass ein Papst zurücktrat. Ich kenne Benedikt XVI. gut. Er ist ein sehr intelligenter Mensch. Er hat immer wieder betont, dass Glaube und Vernunft Hand in Hand gehen müssen. In meinem Innern fühle ich, dass seine Entscheidung richtig war. Er ist ein weiser Mann und hat selbst entschieden, aufzuhören.
Käme ein Rücktritt für Sie infrage?
Ich bin ja schon vor zwei Jahren als politisches Oberhaupt der Tibeter zurückgetreten und habe die weltliche Führung an eine gewählte politische Führung übergeben. Damit habe ich eine jahrhundertealte Tradition beendet, denn meine Vorgänger hatten die weltliche und spirituelle Führung stets auf sich vereint. Das ist bei mir nicht mehr der Fall. Aber Dalai Lama werde ich bis zu meinem Lebensende sein.
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Er ist das geistige Oberhaupt der Tibeter, wird aber auf der ganzen Welt verehrt: der Dalai Lama (77) über die Verantwortung der Reichen, die 1:12-Initiative, den Aufstieg Chinas – und weshalb er Papst Benedikt für seinen Rücktritt bewundert.
Neue Enthüllungen der Medien haben die Debatte über Reiche angeheizt, die ihr Geld in Offshore-Steuerparadiesen verstecken. Was halten Sie davon?