Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03503.jsonl.gz/2134

De Helvetiae origine: Wilhelm Tell
Einführung: David Amherdt (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 10.02.2023.
Entstehungsdatum: 1538.
Handschrift (Kopie): Zürich, Zentralbibliothek, ms A 87, S. 20-23; 27-28 (vgl. ms F 141, S. 349-352; 354-356).
De Helvetiae origine von Rudolf Gwalther ist ein historisches Prosawerk, das über das handschriftliche Stadium nicht hinauskam; dieses drei Bücher umfassende Werk von beträchtlichem Umfang ist ein Jugendwerk, denn Gwalther war kaum neunzehn Jahre alt, als er es verfasste. Es widmet sich der Geschichte der Schweiz von ihren Anfängen bis zu den Lebzeiten des Autors. Es geht darin vor allem um die Hunnen, auf die Uri zurückgeht, um die Goten, die am Beginn der Geschichte von Schwyz stehen, um Rudolf von Habsburg, um die Revolte der Schweizer gegen die österreichische Besatzungsmacht und die Heldentat des Wilhelm Tell, um die Schlachten der Eidgenossen (Sempach, Novara, Marignano…), um die Zürcher und die Berner Reformation und um Zwinglis Tod. Es handelt sich um ein moralisierendes Werk, dessen Ziel darin besteht, die Tugend der Vorfahren in helles Licht zu setzen (s. unseren Auszug) sowie auch die Wohltaten der Reformation; und im Gegensatz dazu auch die Perfidie der Katholiken (s. dazu den anderen Auszug aus dem Werk, den wir auf diesem Portal präsentieren).
Rudolf Gwalther (1519-1586), der in einem anderen Jugendwerk die Geschichte Tells nur kurz abhandelt (acht Verse im Gedicht Libertas Tigurina), verweilt hier recht lange bei ihr (neun Seiten der Handschrift A 87; acht Seiten der Handschrift F 141). Gwalther folgt treu der in seiner Zeit bekannten Legende und dramatisiert (vielleicht mit einer gewissen Naivität) die Szene, indem er viele Ausrufe einbaut und seine Empörung angesichts des Handelns des Tyrannen zum Ausdruck bringt; er bezeichnet ihn als wildes Tier und vergleicht ihn mit dem Wolf der äsopischen Fabel, den grausamen Tyrannen Dionysios und Phalaris, dem Konsul Manlius, der seinen eigenen Sohn hinrichten liess, und dem Zyklopen Polyphem, der den Odysseus verfolgte; die Entrüstung des Autors kommt auch in Apostrophen, hyperbolischen Ausdrücken, Steigerungen, Anaphern, sprichwörtlichen Ausdrücken und anderen Stilfiguren zum Ausdruck, sowie in einem Zitat aus den Tristia (1,8,41-44), in dem Ovid die Herzenshärte eines Freundes beklagt, der ihn im Stich gelassen hat. Dieses Beharren auf Gesslers Grausamkeit, das noch durch die Wiederholung des Begriffs tyrannus unterstrichen wird (zehnmal in unseren Auszügen), bietet eine Rechtfertigung für die Tötung des perfiden Landvogts und erklärt den Hass gegen den Adel, der für die ersten Schweizer charakteristisch ist. Ganz am Ende unseres Textes wird eine Parallele zwischen diesem Hass und dem Hass des römischen Volkes gegen das Königtum gezogen; Gwalther vergleicht im Übrigen Tell und seine Gefährten mit Lucius Iunius Brutus, der die Erhebung auslöste, die zur Abschaffung der römischen Monarchie führte, und mit Publius Valerius Publicola, der zusammen mit Brutus der erste Konsul der römischen Republik war.
Was die schriftlichen Quellen Gwalthers angeht, so kannte er vermutlich die Chronik des Petermann Etterlin (1507), die im humanistischen Milieu gut bekannt war, sowie die Notiz über Wilhelm Tell, die Myconius in seinem Kommentar zur Helvetiae descriptio Glareans veröffentlicht hatte.