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Alraune,
Mandragora officinarum, Nachtschattengewächs
Bestimmungsmerkmale:
Die
Alraune hat eine Blattrosette mit 40 cm langen, dunkelgrünen Blättern.
Sie sind am Rand gekräuselt, und ihre Oberfläche ist runzelig.
Die 3 - 4 cm großen, violetten Blüten wachsen aus der Rosette heraus;
die Pflanze trägt orangerote Früchte, die von der Größe eines kleinen
Apfels sind und unangenehm riechen.
Die Alraunenwurzel wächst bis zu 50 cm tief in die Erde und ähnelt,
ihrer Verzweigungen wegen, an eine menschliche Gestalt. Seit alters her
ist sie daher sagenumwoben.
Standort
und Verbreitung:
Man
findet die Alraune im östlichen Mittelmeergebiet auf Schuttplätzen und
brachliegenden Feldern, sie ist eine Ödlandpflanze.
Giftstoffe,
Wirkung und Symptome:
Die
Pflanze enthält Hyoscyamin, Scopolamin und Atropin.
Die Früchte können für Kinder eine Gefahr darstellen.
Die typischen Vergiftungserscheinungen sind starke Pupillenerweiterung
(Glanzaugen), fehlendes Erbrechen, gerötete, trockene und heiße Haut
sowie Pulsbeschleunigung.
Bei starker Vergiftung erfolgt Bewußtlosigkeit und narkoseähnlicher
Schlaf.
Durch Atemlähmung kann es zum Tod des Patienten kommen.
In unseren Breiten ist eine Vergiftung mit der Alraune nahezu
ausgeschlossen.
Heilwirkung
und Medizinische Anwendung:
Die
Alraune findet in der Homöopathie Anwendung bei depressiven Zuständen,
bei gewissen Magen- und Leberstörungen sowie bei entzündeten Gelenken
und Ischias.
Name:
Die
Pflanze wurde früher auch Galgenmännchen, Erdmännchen und Drachenpuppe
genannt und bei den alten Griechen und Römern hieß sie auch Circea, nach
der Zauberin Circe.
Der Gattungsname Mandragora setzt sich zusammen aus dem griechischen
mandra für Stall und agora für Sammelplatz, was bedeutet, daß die
Alraune früher in der Nähe von Stallungen zu finden war.
Der Artname weist auf ihre Verwendung als Arzneipflanze hin.
Das Wort Alraune stammt aus der germanischen Sprache (runa = Geheimnis)
und steht für Kobold und mythisches Wesen.
Geschichtliches:
Die
Alraune gehört mit zu den ältesten Heilpflanzen.
Sie wurde schon vor 4000 Jahren von den alten Ägyptern als Liebestrank
und Schlaf- sowie Schmerzmittel verwendet. Die Pflanze wurde im Papyrus
Ebers unter dem Namen "dja-dja" erwähnt und als Grabbeilage in
den Pyramiden gefunden; auf dem Gewand Tut-Ench-Amuns waren Alraunenfrüchte
dargestellt.
Auch die Bibel weiß über die Früchte der Alraune zu berichten.
In der Antike beschrieben Theophrast und Dioscurides ihre Wirkung.
Dioscurides empfiehlt die Alraune bei Gallenbeschwerden, bei Schmerzen und
Erkrankungen der Augen, zur Fruchtbarkeit, bei Geschwulsten und auch bei
Schlangenbissen.
Und schon damals benutzte man die Pflanze als Narkosemittel, wie
Dioscurides schreibt: "Man macht einen Wein aus den Rinden der
Wurzeln ... und gibt ... denjenigen, die man schneiden oder brennen will
zu trinken ... denn sie fallen dadurch in einen Schlaf, welcher ihnen alle
Empfindlichkeit nimmt". Ferner weiß er zu berichten daß die Wurzel
närrisch und unsinnig macht und wer sie eingenommen hat 3 - 4 Stunden
bewußtlos schläft. Weiter lesen wir: "Die Chirurgen brauchen auch
dieses, wenn sie jemandem etwas am Leib abschneiden oder brennen
wollen."
Allerlei mystische Vorstellungen wurden um die Alraunenwurzel gesponnen.
Bei Plinius heißt es, daß vor dem Ausgraben der Wurzel, mit einem
Schwert in dreifacher Kreis um die Pflanze gezogen werden müsse.
Flavius schrieb, man müsse die Wurzel mit Urin und Menstruationsblut
befeuchten, ansonsten ließe sie sich nicht aus der Erde ziehen.
Auch im Mittelalter war man der Meinung, nur unter allerlei Beschwörungen,
und nur in Mondnächten zur Sonnenwende die Wurzel ausgraben zu können,
die, nach damaliger Vorstellung aus den Tränen, bzw. Samen, von Erhängten
wuchs. Auch Schreie der Pflanze wollte man gehört haben und es erging die
Empfehlung einen Hund die Wurzel aus der Erde reißen zu lassen, damit
dieser und nicht sein Herr versteinert würde.
So wurden der Pflanze allerlei magische Kräfte zugeschrieben, man erhoffte
sich Glück von ihr und glaubte, daß es keinen Zauber gab, der sie
bezwingen könne. Viele Gaukler und Scharlatane verkauften daher die
menschenähnliche Wurzel für teures Geld.
Paracelsus spottet damals über die einfältigen Menschen, die sich dem
Glauben an die Alraunenwurzel hingaben.
Die Wurzel wurde aber auch als Arznei eingesetzt. Tabernaemontanus
empfiehlt sie als Arznei bei Wunden, gegen Schlangenbissen, als Mittel die
Geburt einzuleiten und natürlich als Schlaf- und Schmerzmittel.
Es muß eine wahre Alraunensucht damals stattgefunden haben, denn im Jahre
1611 sah sich Herzog Maximilian von Bayern dazu genötigt ein Verbot zu
erlassen, die Alraunenwurzeln auszugraben und mit ihr Zauberei und Hexerei
zu betreiben.
Diese Pflanze
war einst fast die berühmteste des Altertums, wurde wie heutzutage das
Morphium gebraucht, war aber noch mehr als Zaubermittel berühmt, zu
welchem Zwecke man künstliche Alraunen machte und andere Wurzeln dafür
ausgab. Jetzt sind noch die Blätter, die Wurzel und Früchte (Schlafäpfel)
als Fol., Herb., Cortex radicum und Fructus Mandragorae gebräuchlich. Ich
führe sie nur der Merkwürdigkeit wegen auf, weil síe in den Köpfen
abergläubischer Leute noch immer als ein wichtiges Heilmittel gilt, denn
bei uns ist sie nicht offizinell und kaum irgendwo zu haben. Man kann sie
wie die Belladonna ziehen, muß aber die Pflanze im Winter mit Laub
bedecken.
(aus: Hermann Jäger "Der Apothekergarten"
1913)
Keinem anderen Gewächs wurde so
viel Interesse und Beachtung geschenkt.
Das liegt wohl auch daran, daß man sie im Laufe der Zeit in
Volkserzählungen mit so viel Mysterium umgab, daß sie mehr und mehr nicht
nur für die mächtigste, sondern auch für die gefährlichste aller
Zauberpflanzen gehalten wurde.
Sie war ein sehr wirksamer
Bestandteil von Hexensalben und -tränken.
Alraunenmännchen waren äußerst schwer zu beschaffen. Wer sie mit bloßen
Händen plückte, starb oder wurde verflucht, daher mußte die Wurzel von
einem Hund ausgegraben werden! Beim Ausgraben der Wurzel stieß die Pflanze
angeblich einen Schrei aus, der alle hörenden in den Wahnsinn trieb.
Angeblich wuchs sie dort, wo Menschen gehängt wurden.
Dieser kostbare Schatz wurde mit einem Hemd bekleidet in mit Samt und
Siede ausgeschlagenen Kästchen aufbewahrt!
Man glaubt, daß die Hl. Johanna
von Orleons ihre Siege über die Engländer einem Alraunenmännchen
verdankte; auch Wallenstein, der große Kriegsheld, soll im Besitz eines
solchen gewesen sein.
Stets vererbte der Vater das kostbare Stück dem Sohn, der ihm dafür ein
Stück Brot und ein Geldstück in den Sarg legen mußte.
Da stehen sie
umher und staunen,
vertrauen nicht dem hohen Fund;
der eine faselt von Alraunen,
Der andre von dem schwarzen Hund
(aus: Johann Wolfgang von Goethe, Faust)
Warum so ein Aufwand?
Die Alraune verhalf dem glücklichen Besitzer angeblich zu Geld und
Ehren, heilte (schon seit der Antike) Krankheiten, galt als
potenzsteigerndes Mittel, half Frauen bei der Geburt, und schützte das
Vieh vor dem Verhexen.
Sie ist eine der ältesten
Arzneipflanzen. Im volkstümlichen Gebrauch wurde eine Tinktur aus
Mandragorae radix gegen Magengeschwüre, Koliken, Asthma, Heufieber und
Keuchhusten verwendet. Die schmerzstillende Substanz Scopolanum der
Alraune wurden selbst vor gar nicht allzulanger Zeit noch vor allem in
angelsächsischen Ländern zur Narkosevorbereitung eingesetzt.
Bei soviel Wunderkraft ist
es kein Wunder, daß manch einer sein Geld machte, indem er falchse
Alraunen verkaufte - häufig Zaunrüben, Siegwurz oder gelbe Rübenwurzeln!
Die Früchte der Alraune waren der
Liebesgöttin Aphrodite geweiht, die deshalb auch den Beinamen
"Mandragoritis, Göttin der Alraune" trug.
In der bibl. Erzählung hat das hebräische Wort, das wir mit Alraun
übersetzen, die gleiche sprachliche Wurzel wie „lieben“. Daher wird der
Alraune auch im Englischen als Liebesapfel genannt. Die Araber
bezeichneten sie als Teufelsäpfel oder Satansfrucht, da sie die Begierde,
die sie angeblich weckte, für böse hielten.
Nach Plimius d. Ä. war es die
Alraunenwurzel, die Phaon trug, zu verdanken, daß Sappho sich in ihn
verliebte.
Hildegard v. Bingen beschreibt
ausführlich die magischen, angeblich die Erotik stimulierenden Kräfte, die
sie mit Einfluß des Teufels in Zusammenhang bringt.
Nach alten Volksglauben soll die
Frucht der Alraune, als Liebesapfel bezeichnet, einen Mann verleiten, ich
zu verlieben, wenn man ihm diese an St. Agnes-Abend (20.1.) überreicht.
Als Rauchwerk (Blätter) ist die
Alraune stark enthemmend.