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Corinne Charbonnel ist ordentliche Professorin für Astrophysik an der Universität Genf. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn sie ist erst die zweite Frau überhaupt, die auf eine Professorenstelle am Astronomie-Departement der Genfer Universität berufen wurde. Die 57jährige Wissenschaftlerin macht sich für Nachwuchsforscherinnen stark, unter anderem als Mentorin.
Corinne Charbonnel ist Astrophysikerin. Ein Schwerpunkt ihrer Forschung betrifft die Frage, wie sich Sterne entwickeln. Sie untersucht die Prozesse, die in Sternen ablaufen, wenn leichte chemische Elemente wie Wasserstoff oder Helium zu schwereren Atomen fusionieren und anschliessend in den Weltraum entweichen und die Milchstrasse anreichern (sogenannte Nukleosynthese). Die Wissenschaftlerin berechnet Modelle für die Sternentwicklung, die ausgeklügelte hydrodynamische Mechanismen beinhalten, und vergleicht Modellvorhersagen für die Häufigkeit chemischer Elemente an der Sternoberfläche mit spektroskopischen Messungen an Sternen in unserer Milchstrasse und darüber hinaus. So gewinnt sie Informationen über die Stoffe, aus denen die Sterne bestehen bzw. über die Atomkerne, die in den Himmelskörpern mittels Nukleosynthese hergestellt werden.
„Mein Forschungsgebiet braucht Fachwissen aus der Physik und der Magneto-Hydrodynamik, aber auch das Knowhow über numerische Modelle für Computer-gestützte Berechnungen“, sagt Corinne Carbonnel. Die 57jährige Wissenschaftlerin benötigt für ihre Forschung Beobachtungsdaten von sehr grossen Teleskopen, wie sie in Chile oder beispielsweise auf dem 2013 gestarteten Forschungssatelliten GAIA der Europäischen Weltraumorganisation stationiert sind. Ihr Hauptarbeitsgebiet liegt aber im Bereich der Theorie. Sie entwirft also Erklärungsmodelle für Sterne und Sterncluster, die später mittels Beobachtungen überprüft und dabei für richtig oder falsch befunden werden.
Das „Helium-3-Problem“ gelöst
Wenn man Corinne Charbonnel nach ihrem grössten wissenschaftlichen Erfolg ihrer nunmehr 30jährigen Karriere als Astrophysikerin fragt, antwortet sie mit einer schönen Geschichte. Diese beginnt im Juli 1969, als Neil Armstrong und Buzz Aldrin als erste Menschen auf dem Mond landeten. Die Astronauten führten auf dem Erdtrabanten verschiedene Experimente durch. Eines hatte sich der Berner Physikprofessor Johannes Geiss ausgedacht. Es bestand aus einer Alufolie, die die Astronauten aufspannten, um die Partikel des Sonnenwindes einzufangen. Später wurden auf der Erde die Häufigkeitsverhältnisse der Teilchen bestimmt, welche die Folie eingesammelt hatte.
Die Untersuchungen des Sonnenwinds führten später zu einer ungelösten wissenschaftlichen Frage, die als „Helium-3-Problem“ bekannt wurde. Helium-3 steht für jenes seltene Helium-Isotop, das im Atomkern nur ein statt zwei Neutronen hat. Bei dem „Helium-3-Problem“ handelt es sich um den während Jahrzehnten diskutierten Widerspruch, dass in der Milchstrasse weniger Helium-3 vorhanden ist als aufgrund der klassischen Theorie der Sternenentwicklung und der Urknall-Nukleosynthese zu erwarten wäre. Corinne Charbonnel und ihre damalige Doktorandin Nadège Lagarde lieferten 2009 mit ihrer Forschung den Schlüssel, um diesen Widerspruch aufzulösen. Sie berücksichtigten in ihren Sternmodellen die doppeldiffusive Instabilität, einen in der Ozeanographie bekannten Prozess. „Ich bin stolz, dass Nadège und ich gemeinsam die heute akzeptierte Lösung zu diesem seit langem bestehenden Problem vorschlagen konnten, das durch die ersten von Menschen auf dem Mond durchgeführten Experimente aufgeworfen worden war“, sagt Corinne Charbonnel.
Frauenförderung „absolut notwendig“
Nadège Lagarde arbeitet heute bei der französischen Forschungsorganisation ‚Centre National de la recherche scientifique‘ (CNRS). Auch Corinne Charbonnel, ebenfalls geborene Französin, hat eine Stelle als Wissenschaftlerin am CNRS. Von dieser ist sie allerdings beurlaubt, um als Astronomie-Professorin an der Universität Genf zu arbeiten. Ihr Büro hat die Wissenschaftlerin beim ‚Observatorium‘ in Versoix nordöstlich von Genf. Corinne Charbonnel betreut aktuell zwei Doktoranden, einen aus Russland und einen aus Indien, zudem eine Masterstudentin aus Kolumbien. „Wir sind hier sehr international aufgestellt, zum einen, weil wir zu wenig Schweizer Studierende in unserem Bereich haben, zum anderen, weil die internationale Zusammenarbeit das Wesen der Wissenschaft ausmacht“, sagt Charbonnel.
Sind eine Bewerberin und ein Bewerber für eine Forscherstelle gleich gut qualifiziert, entscheidet sich Corinnen Charbonnel für die Frau. Unterstützung für den weiblichen Nachwuchs leistet sie zudem über zwei Mentoringprogramme, die das Gleichstellungsbüro der Universität Genf für Doktorandinnen, weibliche Postdocs und weitere vielversprechende junge Akademikerinnen anbietet. „Das akademische System der Schweiz ist sehr hierarchisch, um nur eines der Probleme zu nennen, welches wir in den Mentoringgesprächen diskutieren. Auch stehen Wissenschaftlerinnen – wie ihre männlichen Koillegen – heute unter einem enormen Druck, wissenschaftliche Publikationen zu veröffentlichen und Fördergelder einzuwerben. Ein weiteres Thema der Gespräche mit den Frauen sind die anstehenden Karriereschritte“, sagt Corinne Charbonnel und ergänzt: „Die gezielte Förderung von Frauen ist auch heute noch absolut notwendig, und zwar auch für solche, deren akademische Karriere schon fortgeschritten ist.“
Astrophysik statt Affenkunde
Auch die akademische Karriere von Corinne Charbonnel war nicht von Beginn weg in Stein gemeisselt. Ihre Grosseltern waren Fliessbandarbeiter in der Grossindustrie, die Eltern hatten ein Fernseh- und Elektronikgeschäft. „Alle Frauen meiner Familie und der Freunde meiner Eltern haben gearbeitet“, blickt Charbonnel auf ihre Jugendzeit in der zentralfranzösischen Stadt Clermont-Ferrand zurück. Als erste Frau ihrer Familie schlug sie eine akademische Karriere ein. Sie interessierte sich für Primatologie (Erforschung der Menschenaffen) und für Philosophie, studierte schliesslich aber in Toulouse Mathematik und Physik. Dort schloss sie 1992 bei Prof. Sylvie Vauclair ihre Doktorarbeit in Astrophysik über die Lithium-Bildung in Sternen ab. Anschliessend forschte sie in Genf, Toulouse, Seattle, Baltimore und München. 2002 kam sie als Dozentin an die Universität Genf. 2010 wurde sie assoziierte Professorin, 2021 ordentliche Professorin.
Corinne Charbonnel durfte für ihre wissenschaftlichen Arbeiten verschiedene Ehrungen entgegennehmen. „Mehr als über diese Auszeichnungen freue ich mich tatsächlich, wenn eine meiner früheren Studentinnen oder einer meiner früheren Studenten eine feste Anstellung bekommt“, betont die Genfer Wissenschaftlerin. Viele Akademikerinnen und Akademiker lebten auf befristeten Stellen und damit in prekären Verhältnissen. Um das Ziel einer Festanstellung zu erreichen, rät sie dem akademischen Nachwuchs, das Netzwerk auszubauen und Forschungsergebnisse aktiv in der wissenschaftlichen Community zu präsentieren, z.B. anlässlich von Konferenzen.
Familie aus Physikern
Corinne Charbonnel war 29 Jahre alt, als sie ihre erste Festanstellung beim CRNS bekam, und 45 Jahre, als sie 2010 in der Schweiz als Professorin berufen wurde – als zweite Frau überhaupt, die Professorin am Astronomie-Departement der Universität Genf wurde. Es gibt noch eine weitere Besonderheit: Nämlich, dass nicht nur sie, sondern auch ihr Mann Daniel Schaerer als Professor für Astrophysik an der Universität Genf tätig ist. „Das ist eine fantastische Konstellation“, sagt Corinne Charbonnel, „wir haben immer wieder ähnliche Probleme und können einander helfen. Auch ist es uns gelungen, uns abzustimmen, wenn es darum ging, wer auf die Kinder schaut“, blickt Corinne Charbonnel zurück. Die beiden Söhne sind unterdessen erwachsen und studieren in Paris, der eine theoretische Physik, der andere Physik und Chemie. Der Apfel, das ist offensichtlich, fällt nicht weit vom Stamm.
Autor: Benedikt Vogel
Porträt #12 von Wissenschaftlerinnen im MAP-Bereich (2021/2022)