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Von Mark van Huisseling
Normalerweise ist der Unterhaltungswert von Websites des Bundes bescheiden. Eine Ausnahme ist die Onlinepräsenz der Informationsstelle Alters- und Hinterlassenenversicherung AHV. Es gibt dort ein Programm, mit dem sich rasch berechnen lässt, wie hoch die AHV-Rente einmal sein wird.
So erfuhr ich, dass ich ab dem 1. Mai 2030, falls ich mit 65 Altersjahren meine Rente beziehen möchte, monatlich 2370 Franken plus vorübergehend 948 Franken Kinderrente erhalten soll (richtig, ich wurde spät Vater, mit 51).
Eine interessante Ansage, die mit ein paar einschränkenden Bemerkungen kommt, etwa dass es sich um eine unverbindliche Schätzung handelt, die auf den Angaben fusst, die ich gemacht habe. Gehen wir davon aus, alle Daten entsprächen der Wahrheit – dann sind das keine schlechten Aussichten.
«Je weiter entfernt Ihr Ruhestand ist, desto unsicherer ist der hochgerechnete Betrag.»
Wir übergeben dem Onlinerechner die Eckdaten eines anderen Versicherten. Dieses Mal handelt es sich um einen 17 Jahre jüngeren Mann, der ebenfalls verheiratet ist und auch ein kleines Kind hat. In der Folge erfährt man, dass auch er ab 2048 monatlich 2370 Franken erhalten soll, die heute geltende Maximalrente. Ab 2049, wenn seine Ehefrau 64 wird, sollen beide zusammen 3555 Franken bekommen.
Im Gegensatz zur Berechnung, die ich für mich anstellte, kam die des jüngeren Manns mit einem Haftungsausschluss: «Je weiter entfernt Ihr Ruhestand ist, desto unsicherer ist der hochgerechnete Betrag, da die Entwicklung der Lebenshaltungskosten schwer vorhersehbar ist.» Worauf mein 37-jähriger Bekannter sagte: «Ich würde den Generationenvertrag nicht unterschreiben.» Und um nicht als besonders unsozial dazustehen, sagte er, er kenne viele andere Leute seiner Generation, die das ebenfalls nicht tun würden.
«Bei der AHV spricht man vom sogenannten Generationenvertrag und meint damit, dass Junge und Erwerbstätige die Leistungen der Rentnerinnen und Rentner finanzieren», steht auf der erwähnten Website. Es handelt sich beim Generationenvertrag nicht um ein Stück bedrucktes Papier, das man tatsächlich unterschreibt. Sondern um die Leitidee, die dem bedeutendsten Teil des Schweizer Sozialwerks, der Altersvorsorge, zugrunde liegt.
Zurück zum erwähnten Haftungsausschluss: Die Unbekannte mit der grösseren Auswirkung auf die zukünftige Rente dürfte die Finanzierung der Altersvorsorge sein. Diese ist massgebend für den Zustand des Sozialwerks.
«Ohne die zwei Milliarden jährlich ist die AHV 2030 pleite. Mit dem Geld 2035», sagte Bundesrat Ueli Maurer vergangenes Jahr im «Blick». Bei den zwei Milliarden handelte es sich um zusätzliche Mittel aus dem sogenannten AHV-Steuer-Deal, der vergangenes Jahr vom Volk angenommen wurde. «Wir gewinnen ein paar Jahre, aber das reicht nicht», sagte der Finanzminister weiter.
Die Sorge, wonach die AHV-Rente möglicherweise doch nicht so sicher ist, wenn sie in den Ruhestand treten, treibt heute mitten im Leben stehende 35- bis 40-Jährige zu Recht um. Denn die Altersvorsorge wird nach dem sogenannten Umlageverfahren finanziert. Sie gibt in etwa aus, was sie jährlich einnimmt.
Die AHV ist prima System. Bis es nicht mehr funktioniert.
Die Leistungen werden hauptsächlich mit Beiträgen der Versicherten und Arbeitgeber finanziert – für Angestellte liegen sie bei 8,7 Lohnprozenten, je zur Hälfte getragen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Die Beiträge der Selbstständigen hängen vom Einkommen ab, sie betragen 4,35 bis maximal 8,1 Prozent. Weiter kommt der Bund für einen Anteil von 19,55 Prozent der Ausgaben auf. Geld aus direkten Bundes- und Mehrwertsteuer-Erträgen sowie den Fiskalabgaben für Tabak, Spirituosen und Spielbanken.
Mit anderen Worten: Ein prima System. Eines aber, das funktioniert, bis es nicht mehr funktioniert. Was der Fall ist, wenn sich die Rahmenbedingungen verschieben. Wenn sich zum Beispiel das Verhältnis der arbeitenden Bevölkerung zu der im Ruhestand ändert. Was ziemlich genau der Entwicklung entspricht, die seit einiger Zeit stattfindet.
1948, als die AHV erstmals Renten zahlte, brachte eine Frau in der Schweiz in ihrem Leben im Schnitt 2,6 Kinder zur Welt, heute schwankt die Zahl um 1,5 Kinder; für den sogenannten Gesellschaftserhalt wären aber 2,2 Kinder erforderlich. Es gibt also zu wenig Junge oder zu viele Alte, um das System am Laufen zu halten. Die Einwanderung trägt ein Stück zur Lösung bei, sind es doch eher jüngere Menschen, die ihre Heimat verlassen. Doch das reicht nicht.
Das war die schlechte Nachricht. Die (einigermassen) gute: Die AHV ist kein starres System, sondern eines im Fluss. Seit ihrer Einführung hat die AHV zehn Revisionen und Teilrevisionen durchlaufen, die letzte Revision im Jahr 1997.
In den vergangenen 15 Jahren sind mehrere Revisionsversuche gescheitert, es ging dabei dreimal hauptsächlich um die Anhebung des Rentenalters für Frauen auf 65. Und der nächste Revisionsversuch ist bereits erarbeitet, bloss fehlt das Wort «Revision», es heisst dieses Mal «Stabilisierung der AHV» oder «AHV 21».
Damit schlägt der Bundesrat Massnahmen auf der Ausgabenseite vor, beispielsweise, einmal mehr, die Erhöhung des Rentenalters auf 65 für Frauen. Andererseits aber auch Mehreinnahmen, geplant ist eine Erhöhung der Mehrwertsteuer ab 2022. Zur Erinnerung: 1999 wurde die Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt erhöht, der gesamte Ertrag daraus geht an die AHV.
Vorhersagen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Wir wagen dennoch zwei: Das Rentenalter wird ansteigen. Das ist zwar ein unbeliebter Entscheid und darum einer, den Politiker, die wiedergewählt werden möchten, nicht fällen wollen. Aber ein nötiger. Heute leben Männer länger als früher. Und Frauen leben sowieso länger als Männer. Dem sollte Rechnung getragen werden. Und zweitens müssen die Einnahmen steigen. Sonst müssten die Ausgaben, also die Renten, sinken. Das wünscht sich niemand, ach was, das ist undenkbar.
Die Finanzierung über die Mehrwertsteuer scheint fair und vertretbar. Man kann argumentieren, dies treffe gering und normal verdienende Menschen härter als Gutverdiener. Doch Gutverdiener zahlen bereits hohe Solidaritätsbeiträge – wer beispielsweise eine Million im Jahr verdient, bezahlt der AHV zusammen mit dem Arbeitgeber 87’000 Franken, erhält aber später eine Rente von höchstens 28’440 Franken.
Das Stimmvolk, das hat sich in Vergangenheit, während der gut 70 Jahre des Bestehens der Altersvorsorge gezeigt, urteilt streng, wenn es um das Sozialwerk und dessen finanzielle Lage geht, aber nicht unvernünftig. Wer möchte daran zweifeln, dass das auch in Zukunft so sein wird? Darum ist meinem 37-jährigen Freund sowie den anderen Mitgliedern seiner Generation, die unsicher sind, was die AHV angeht, zu raten: Zerreisst den Generationenvertrag nicht. Sondern unterschreibt ihn.
Trotzdem: Wer wirklich sicher sein will, was die Altersvorsorge betrifft, sorgt zudem beruflich und privat vor. Das Ganze heisst 3-Säulen-Prinzip. Und ist dann, wie vom Bundesamt für Sozialversicherungen beworben, tatsächlich ein solides System der sozialen Sicherheit.
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