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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1994 von Max Stoop
Im Zusammenhang mit Artikeln, die ich gelegentlich für den «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» verfasste, wurde ich schon wiederholt als Heimweh-Wädenswiler betitelt. Ich liebe diesen Ausdruck nicht so sehr, bin ich doch, allerdings vor 33 Jahren schon, nur ins Sihltal nach Langnau «ausgewandert». In diesem Zusammenhang von Heimweh zu sprechen, dünkt mich denn doch etwas deplatziert.
Dass ich aber an meiner Heimatgemeinde hange, daran besteht kein Zweifel. Und etwas wie Stolz, für den man gar nichts kann, ergreift mich, wenn ich etwa die mächtige SBB-Lokomotive vom Gotthard-Typ Re 6/6 mit dem Namen und Wappen «unseres Dorfes» vorbei brausen sehe.
Schliesslich war Wädenswil lange Zeit die drittgrösste Gemeinde im Kanton. So entnehme ich der Zürcher Schullandkarte, die einst meinem älteren, in Stäfa aufgewachsenen Cousin gehörte, dass Wädenswil gemäss Volkszählung 1920 bereits 9309 Einwohner zählte, nur noch übertroffen von den beiden Städten Zürich mit 236‘300 und Winterthur mit 55‘657 Köpfen (wobei die eben genannten zwei Zahlen erst noch dem Stand vom 31. Dezember 1929 entsprachen, also seit 1920 vermutlich angestiegen waren). Die Einwohnerzahlen der auf Wädenswil folgenden Gemeinden lauteten, wieder auf die Volkszählung von 1920 bezogen, wie folgt: Uster 8999, Horgen 8471, Thalwil 7511und Wald 7461.
Gewiss: Uster überflügelte später Wädenswil, weil es sich einige umliegende Dörfer zu annektieren erfrechte. Das war nicht fair! Und Horgen trachtete als Bezirkshauptort schon seit jeher darnach, Wädenswil den Rang abzulaufen. So bemühte es sich nach Kräften, den unbequemen Rivalen punkto Einwohnerzahl zu übertreffen. Für solch eifersüchtiges Streben hatten die selbstbewussten Wädenswiler nur ein mitleidiges Lächeln übrig, konnten sie doch immerhin mit einer Burg (wenn auch auf Richterswiler Boden) und einem ehemaligen Landvogteischloss (das ihnen rechtens auch nicht gehörte) auftrumpfen. Irgendwie war Wädenswil als Eisenbahn- und Schiffsknotenpunkt «einfach besser» und konnte auf protzige Bauten in seinem Zentrum, die das Nachbardorf zum Aufpolieren seines «Imitsch» offenbar brauchte, elegant verzichten.
RUND UM DEN BAHNHOFPLATZ
Dabei hatte die Wädenswiler Bahnhof-Neugestaltung seinerzeit, am Anfang der dreissiger Jahre, auf die damaligen Dorfbewohner sicher auch wie ein mittlerer Schock gewirkt. Das heimelige «Bellevue», das «Schiffli», die «Johannisburg» und die alte «Krone», die ich alle nur vom Hörensagen und aus alten Fotos kenne, waren dem brutalen Treiben eines Abbruch-Honegger zum Opfer gefallen.
An ihrer Stelle erhoben sich nun der nüchterne Kronen- und Brändli-Block und das Zweckgebäude des neuen Bahnhofs. Und davor erstreckte sich ein weiter Platz mit «lauter nichts».
Aber grad dieser Bahnhofplatz hatte es zu meiner Bubenzeit in sich. Meine Alterskollegen, die über Rollschuhe und einen «Hockeyknebel» verfügten, spielten in den vierziger Jahren wahrhaftig Hockey auf dieser Fläche! Vorzugsweise am schulfreien Mittwochnachmittag. Daneben konnte man sich gefahrlos in seinen Radfahrkünsten üben. Man stelle sich das heute einmal vor!
Blick vom Haus Merkur auf den Bahnhofplatz Wädenswil in den 1940er Jahren. Der neue Bahnhof wurde im Oktober 1932 eingeweiht, der Kronenblock (Hintergrund links) 1933. Anstelle des Platzes standen Wohnhäuser, die 1931 abgebrochen wurden.
Damals hatte es eben praktisch keine Autos. Es herrschte Krieg, und das Benzin war rationiert und für Normalbürger überhaupt nicht zugänglich. Die drei Taxiwagen, die auf dem Bahnhofplatz, gleich unterhalb der damaligen Konditorei Ammann ihren Standplatz hatten, fuhren mit Azetylen-, Karbid- und Holzkohlegas. Alles Ersatztreibstoffe, die den Autobetrieb recht umständlich machten.
Am wenigsten platzraubend waren an einem Personenwagen die Azetylen-Druckflaschen, die meistens senkrecht oder schräg am Wagenheck befestigt wurden. Monströser waren die stinkenden Karbidküchen und die schweren Holzkohlevergaser. Die letztgenannten wurden manchmal vor dem Wagenbug aufgebaut; vermutlich sehr zum Nachteil der Fahreigenschaften. Aber darauf achtete in jener Zeit sowieso niemand. Ich erinnere mich, dass ein Taxi der Zentrum-Garage, ein schwerer Amerikanerwagen, die Holzgasanlage als kleinen Anhänger mitführte.
Ausser dem genannten Taxiunternehmen war noch je ein Auto der Gebrüder Waldmeier und von Adolf Schläpfer beim Bahnhof anwesend. Ich erinnere mich, dass Schläpfers Tochter meist jenen Taxi, einen recht modernen sechsplätzigen Fiat 1100, fuhr. Damals waren Frauen am Steuer − und erst noch eines Taxameters − die grosse Ausnahme. Aber es war Krieg, und Frauen vertraten die im Militärdienst weilenden Männer oft in den erstaunlichsten Berufen. Das hat man heute (leider) längst vergessen. Schläpfers Taxibetrieb stellte auch den Wädenswiler Leichenwagen. Dieser war ein alter Benz aus der unmittelbaren Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Wenn er gebraucht wurde, stand er meist in der Nähe von A. Schläpfers Wohnung beim Plätzli.
Das Haus mit der Bäckerei Ammann, Bild Mitte, wurde 1960 abgebrochen. Vor dem Gebäude waren am Bahnhofplatz die Taxis stationiert.
Auch der damalige Krankenwagen war eine automobile Rarität: Ein schweizerischer Martini, Typ NF, von Anfang der dreissiger Jahre. Seine Karosserie stammte aus der Werkstätte der Wädenswiler Wagnerei Rusterholz. Trotzdem er sich neben dem urtümlichen Benz geradezu modern ausnahm, wurde er bald nach dem Krieg durch einen neuen Chrysler Windsor ersetzt, für dessen Spezialaufbau ebenfalls wieder die Gebrüder Rusterholz besorgt waren.
PFLÄSTERUNG UND NATURSTRASSEN
Ich wuchs in der Nähe des Bahnhofplatzes an der Seestrasse auf. Diese, wie auch die Zugerstrasse, waren damals gepflästert. Geteerte oder gar asphaltierte Strassen waren eher selten. Das Pferdefuhrwerk herrschte als Warentransportmittel vor. Die Hufstollen der Tiere und die mit Eisenreifen beschlagenen Wagenräder hätten den weichen Strassenbelägen arg zugesetzt. Einzig die Fuhrhalterei Ryffel besass bereits einen Brückenwagen mit Luftgummibereifung, auf dessen Bock meist der kräftig beschnauzte Fuhrmann Iten sass.
Wo man sich keine Pflästerung leisten wollte, beliess man den Naturbelag der Strasse. So war zum Beispiel die Etzelstrasse noch lange Zeit eine Naturstrasse und auch die Schönenbergstrasse bis weit ins Dorf hinab. Ich entsinne mich noch genau, dass beim Friedhofrank ein Pflastersteinhaufen jahrelang vor sich hin döste, bis er endlich zum Pflästern der Strasse abgetragen wurde.
Die Schönenbergstrasse war im Winter unsere bevorzugte Schlittelstrasse. Wenn man Zeit hatte, zog man den Schlitten bis ins Gerenholz hinauf, brauste dann hinunter, um den scharfen Knick bei der Gerenau (damals noch ein Restaurant) in die «Schöni» hinein, talwärts übers Hänsital, beim Sandhof im Schuss vorbei (aufgepasst: scharfe Rechtskurve!), dem Friedhof zu und hinunter bis zur Molkerei. Dort war meistens Ende des Vergnügens und nur noch Pflotsch auf der Fahrbahn.
Gefährlich war das alles nicht. Es kam einem höchstens das Postauto oder ein Lastwagen der Molkerei entgegen. Einer der beiden Molki-Wagen war übrigens ein Stewart, eine längst eingegangen amerikanische Lastwagenmarke (dies nur an die Adresse der Trucker-Fans).
UNSER FRANZOSENBUB
Einmal wäre ich trotzdem beinah verunfallt beim Schlitteln. Wir hatten damals einen Franzosenbuben in der Familie und mit diesem René und dem langen Grindelwaldner-Schlitten meines Vaters strebte ich an einem Samstagnachmittag bergwärts. Es war recht mühevoll, denn René liebte längere Fussmärsche nicht sonderlieh und legte sich alle paar Meter in den Schnee ...
Endlich langten wir oben beim Gerenholz an. Jetzt aber nichts wie los den Schlitten gedreht, aufgesessen und hinuntergebraust! Bei der Gerenau aber gelang es mir nicht, den langen Schlitten um den Rechtsknick zu dirigieren; ich war mich nur an mein kurzes, handliche «Davoserli» gewöhnt, das auf jeden Zwick mit dem Hintern gehorchte. So landeten wir ungebremst geradewegs in der harten Mauer der Gerenau-Gartenwirtschaft. René flog in hohem Bogen vom Schlitten und blieb auf der Strasse liegen. Ich rannte voller Entsetzen zu ihm. Er stellte sich zuerst tot, fing dann aber an zu lachen, und ich war heilfroh, dass ihm nichts zugestossen war.
Ich war damals ein Fünftklässler, als die ersten Franzosenkinder für ein Vierteljahr zur Erholung nach Wädenswil kamen. Eines davon war René. Er trug zerlumpte Kleider und, wie meine Mutter bald gewahrte, hatte den Kopf voller Läuse. Gegen diese gab es ein probates Pulver; ich glaube, es war Geigys DDT − mit Gift ging man damals noch recht unzimperlich um. Jedenfalls erhielt René während der Nacht ein Tuch um den Kopf gewickelt, nachdem man ihm das Haar zuerst gewaschen und mit dem Pulver gut bestäubt hatte. Nach ungefähr zwei Tagen waren zum Glück alle Läuse wieder verschwunden.
Ich weiss noch, dass René am Tisch wie ein Drescher ass. Als Einzelkind war ich bisher ein appetitloser «Schnäuggi» gewesen. Das änderte nun: mit René als Konkurrenten entwickelte ich bald denselben Appetit wie er, und seit jener Zeit bin ich das, was man einen dankbaren Esser nennt … − Auch mein Interesse an der französischen Sprache verdanke ich unserem französischen Gast. Aus den ersten paar Brocken wurde bald ein respektabler Wortschatz, lange bevor ich in die Sekundarschule und damit in den Genuss von Französischunterricht kam.
A propos Schule: Für die Franzosenkinder gab es anfänglich keine in Wädenswil. Bis sich als junge Lehrerin Annemarie Rellstab vom Töbeli zur Verfügung stellte. Ad hoc wurde zu diesem Zweck ein Zimmer im Glärnisch-Schulhaus hergerichtet, und so kamen die kleinen Franzosen wenigstens in den Genuss einiger täglicher Unterrichtsstunden.
VARIETE, CIRCUS UND CHILBI
Zum Glück hat Wädenswil einen grossen Seeplatz. Dort trafen wir Buben uns nicht nur zum Fischen, auch wenn dieses «Würmerbaden» bei uns vor allem während der Sommerferien einen hohen Stellenwert genoss. Von der Hafenmauer beim Schiffsteg fischten wir uns jeweils die Leugel und Schwalen aus dem See.
Nein, den Seeplatz bevölkerte ab und zu auch ein Freilicht-Variété. So etwa die Arena Pilatus, das Variété Strohschneider oder − und dies beinahe jedes Jahr − die Arena Stey. Gespielt wurde selbstverständlich nur an schönen Abenden und schulfreien Nachmittagen, nicht wenn es regnete. Sonst wurde das Gastspiel einfach entsprechend verlängert; ein fester Tourneeplan wie bei einem heutigen Schweizer Circus existierte deshalb noch nicht.
Natürlich war ich an jedem Spielabend Zaungast. Wenigstens und spätestens bis zur Pause, denn dann musste ich nach Hause und ins Bett. Ein Glück, dass ich nur fünf Minuten vom Ort des Geschehens entfernt wohnte! − So kannte ich die entsprechenden Nummern mit der Zeit fast auswendig, wusste genau, was der Herr Direktor Isidor Stey wann sagte und wann zum Beispiel Fräulein Mathilde Stey (die nachmalige Frau Speichinger des späteren Zeltcircus Stey) auf der rollenden Kugel auftrat.
Leicht hatten es die Artisten nicht mit diesen Zaungästen. Denn nur wer innerhalb des Sitzplatzgevierts der Arena zuschaute, zahlte ein reguläres Eintrittsgeld. Die Gaffer von ausserhalb wurden wohl von Zeit zu Zeit mit einem Sammelteller zu einem Obolus aufgefordert, doch viele entfernten sich rasch, sobald der Mann oder die Dame mit dem Teller in ihrer Nähe erschien.
Einmal hingegen durfte ich von den Eltern aus an eine Nachmittagsvorstellung. Es war ein strahlender Sonntag. Zusammen mit einem Schulkollegen sass ich auf der Holzbank und staunte und lachte. Ludwig Gasser, der spätere Chef des Circus Royal, turnte nicht nur mit seinem Schwager Bruno Stey an der Drehleiter, sondern gab gegen Schluss der Vorstellung auch seinen waghalsigen Auftritt am elektromagnetischen Trapez. «Werte Anwesende! Ich zeige das als einziger ohne Sicherheitsgurt und Gummihandschuh», diese Worte gehörten zur Ansage des wackeren Ludwig Gasser − ich höre seine Stimme heute noch.
Der Circus Knie fand infolge seiner Grösse keinen Platz mehr auf dem Seeplatz, sondern zwängte sein Chapiteau auf den Gasiplatz. Allerdings die prunkvolle Frontfassade fand in Wädenswil keinen Platz auf dem engen Raum, und die Tierzelte waren alle rund um die Eidmattschulhäuser gruppiert.
Einmal hatten wir − ich besuchte schon die Sekundarschule − kein Turnen, da die alte Eidmatt-Turnhalle mit Stroh und anderem Material des Knie belegt war. Also um drei Uhr Schulschluss! Welche Freude! Schnell eilte ich nach Hause, bat meine Mutter, die Nachmittagsvorstellung des Circus Knie besuchen zu dürfen und verschwand wieder Richtung Gasiplatz. Dort hatte die Vorstellung schon begonnen. Herr Eugen, der letzte noch lebende Knie-Senior, machte persönlich die Eingangskontrolle für verspätete Besucher und bugsierte mich eilends durch den Samtvorhang.
Einmal trat ein Neger bei Knie auf, der auf dem Trampolin hundert Salti hintereinander vollführte. Wir Halbwüchsigen entdeckten ihn einmal, als wir um das Zelt herumstreiften, hinten beim Sattelgang und bestaunten ihn, wie wenn er von einem andern Planeten stammen würde. Für uns war es der erste Neger, den wir aus der Nähe zu Gesicht bekamen. Exotische Menschen traf man damals noch nicht an jeder Strassenecke.
Auch den «Robot Televox » − das war ein vom Zürcher Erfinder Wendling gebauter und vorgeführter, menschenähnlicher Roboter − sah ich bei Knie. Und zwar als sogenannte Seitenschau in einem Menagerie-Zelt, als Spezialattraktion für die Besucher der Tierschau. Solche Erlebnisse bleiben einem immer in Erinnerung, vor allem, wenn man ein Circusfan geblieben ist wie ich!
Und zudem − als echter Wädenswiler − auch ein Chilbifan. Als Bub schon kannte ich zahlreiche Artisten und die meisten Schausteller vom Sehen oder dem Namen nach. Das ist bis heute so geblieben. Ab und zu sass in den Tagen vor der Chilbi auch ein Schaustellerkind in derselben Schulklasse, so einmal ein Bub, dessen Eltern mit einem Velokarussell nach Wädenswil gekommen waren. Seinen Namen habe ich vergessen.
Hingegen sind mir die Haeseli-Kinder Georges, Hedi und Hermann von der originellen «Seeboot-Bahn» als temporäre Klassenkameraden geläufig geblieben. Wir beneideten sie und ihre Herumreiserei nicht wenig und ahnten nicht, dass sie es unter dem Regime eines strengen Vaters nicht immer leicht hatten und schwerer arbeiten mussten, als wir Sesshaften. Georges kam später als selbständiger Schausteller 1965 mit seiner Himalaya-Bahn ein letztes Mal an unsere Chilbi; nachher verkaufte er dieses Rundfahrgeschäft an Sepp Hammer, der damit ein ständiger Wädenswiler Chilbigast wurde. Beide, Sepp Hammer und Georges Haeseli, sind inzwischen verstorben. Aber Sepps Frau, Mary Hammer, kommt noch jedes Jahr mit dem «Derby Star»-Spielwagen nach Wädenswil.
Die Wädenswiler-Chilbi − schon in den 1940er Jahren ein wichtiges Ereignis. Max Stoop, der Auto dieses Beitrages, auf der Reitschule.
Mit Hermann Haeseli habe ich vor etwa zehn Jahren wieder Kontakt aufgenommen. Er ist mit Ruth Morgenthaler verheiratet, die seinerzeit mit der Schaubude ihrer Eltern regelmässig nach Wädenswil kam. Die beiden sind seit Jahren in Basel domiziliert und haben zwei Söhne, die inzwischen ebenfalls tüchtige Schausteller geworden sind. Der jüngere der beiden, Hans, war übrigens in den vergangenen Jahren wiederholt mit seinem Kinderkarussell «Sky-Land» an unserer Chilbi anzutreffen.
Der weiter oben erwähnte Bruno Stey wechselte nach seiner Heirat mit Trudi Zanolla, einer Schaustellertochter, ins Lager der Chilbileute, da der Brotkorb im Kleincircus Stey für eine rapid wachsende Personenzahl zu klein geworden war. Mit ihrer Schaubude kam die Familie Stey-Zanolla auch viele Male nach Wädenswil, und ihre Nummer «Liebesnacht im Orient» ist mir im Gedächtnis haften geblieben ...
Noch im vorletzten Jahr kamen die Steys mit einer Schiessbude an unsere Chilbi. Ihre Tochter Helen und deren Ehemann Hans Rodel gehören mit ihren fahrenden Geschäften seit langer Zeit gewissermassen zum eisernen Wädenswiler Chilbibestand: zuerst mit der «Mount Everest»-Bahn und seit über zehn Jahren mit dem kaum mehr wegzudenkenden «Snow Jet», den sie gemeinsam mit ihrem Sohn betreiben.
Die Rössliriiti darf an keiner Chilbi fehlen.
DER STÄRKSTE SCHWEIZER SOLDAT
Auf unserem Chilbiplatz war bis Mitte der sechziger Jahre Frau Marietta Weidauer-Wallenda während vieler Jahrzehnte ununterbrochen anzutreffen. Ihr Autoscooter blieb der absolute Hit bei uns Jungen. Nicht zuletzt wegen ihrer Vornehmheit war die energische Dame etwas von Sagen umgeben, und über ihren Reichtum kursierten die wildesten Gerüchte. Jedenfalls hatte sie, deren Mann früh verstorben war, im Gegensatz zu den meisten anderen Schaustellern stets bestandene Männer als Angestellte, die man alljährlich wiedersah.
Einer dieser Weidauer-Leute, Edy Zryd, blieb sogar in Wädenswil hängen und heiratete die «Ochsen»-Wirtin, Fräulein Fehr. Bis zu seiner Pensionierung war dann der gewichtige Edy als Mitfahrer in der Brauerei tätig. Einmal noch konnte man ihn zwischendurch als «Sekundanten» eines Mannes aus der Schausteller- oder Artistenwelt erleben.
Das war kurz nach dem Krieg. In der Zeitung wurde der Auftritt des «stärksten Schweizer Soldaten» angekündigt, der zwei Lastwagen mit seinen Zähnen über die Strecke vom Güterschuppen zum Bahnhof ziehen könne. Dieses Schauspiel wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.
Der Mann hiess Jack Alberto Lämmle, doch als stärkster Soldat kam er nicht etwa in Uniform, sondern geschniegelt in schwarzem Frack und weissem Hemd. Mit elastischem Gang und der Postur eines Schwergewichtsringers erschien er am Ort des Geschehens, wo je ein Lastwagen der OWG und von Bettio samt Chauffeuren auf ihn warteten. Nein, an Brustumfang und Leibesfülle mangelte es dem Jack Alberto nicht, im Gegenteil: das weisse Hemd drohte über der geschwellten Heldenbrust fast zu platzen. Und in seinem Schlepptau folgte nicht minder schwergewichtig und geschniegelt der gute Edy Zryd; die beiden kannten sich offenbar aus früheren Tagen.
Nun machten sich die beiden gewichtigen Herren an den Lastwagen zu schaffen, spannten ein Abschleppseil zwischen die beiden Brummer und knüpften ein weiteres Seil so an das Chassis des vorderen Wagens, dass es mit dessen Vorderstossstange ein Dreieck bildete. In der Mitte dieses Taus befand sich ein ledernes Mundstück, um das Jack Alberto Lämmle nun sein schneeweisses Taschentuch legte.
Die Jungmannschaft wurde geheissen, auf die Brücken der Lastwagen zu klettern, damit die Fracht möglichst schwer werde. Ich allerdings zog es vor, in der Nähe dieses starken Mannes zu bleiben, um genau beobachten zu können, wie er es mit der Zieherei anstelle.
Jetzt war es so weit: Jack Alberto holte tief Luft, packte das Seil mit beiden Händen und begann, das Mundstück mit dem Taschentuch schon zwischen den Zähnen, mit beiden Armen kräftig wippend zu ziehen. Der Kopf des Athleten wurde rot und röter, aber langsam begann sich der Lastwagenzug in Bewegung zu setzen. Sobald richtig in Fahrt, streckte der Mann nun beide Arme weit von sich und schritt vorsichtig rückwärts in Richtung Bahnhof. Edy Zryd bahnte seinem Kameraden eine Gasse zwischen den Schaulustigen durch und wischte ihm von Zeit zu Zeit den Schweiss von der Stirn.
Nach etwa 150 Metern hielt Lämmle inne, nahm sich das Seil aus dem Mund und verbeugte sich tief vor der applaudierenden Menge.
Womit auch wir wieder auf dem Bahnhofplatz angelangt wären. Haben Sie mich lesender Weise bis hierher begleitet? Wenn ja, werde ich Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, vielleicht ein andermal noch mehr erzählen aus dem Wädenswil meiner Jugend. Ausgangspunkt könnte auch dann wieder der Bahnhofplatz sein und das Thema die Südostbahn. Unter anderem natürlich.