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Kurdisch-nationalistische Bewegungen, Staatsbildungsprozess und Postnationalismus
Infolge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise schien sich die postnationalistische Ära, die von vielen Autoren seit den 1990er Jahren näher betrachtet wird, ihren Weg eingeschlagen zu haben. Der Nationalstaat als organisierte Struktur und der Nationalismus als motivierende Ideologie, die über mehrere Dekaden hinweg das politische Ideal bildeten, sind aufgrund der Globalisierung und politischen Realitäten unter Druck gekommen (Breen / O’Neill 2010, 1-4). Für viele Autoren wurde der Nationalstaat als effektive politische Institution durch die Globalisierung verdrängt und nationale Identitäten durch andere Identitätsformen ersetzt (Breen / O’Neill 2010, 3). Jedoch wird in der Literatur auch in eine andere Richtung argumentiert. Jahn (2014, 4) ist der Ansicht, dass die Idee des Postnationalismus nur in Europa Anhänger findet.
Die Eruierung der Kurdenfrage im Kontext der Nationalismus-Postnationalismus-Debatte ist aus unterschiedlichsten Gründen von grosser Bedeutung. Denn die Kurden sind unter anderem die grössten Volksgruppierungen der Welt ohne eigenen Staat. Zudem kämpfen diverse kurdische Fraktionen seit über einem Jahrhundert in der Türkei, im Irak und im Iran sowie in Syrien für ihre Selbstbestimmung. Seit 1991 verwalten die Kurden im Nordirak grosse Teile ihres Siedlungsgebietes und geniessen weitgehende Autonomie. Im Allgemeinen fand die Kurdenfrage jedoch im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts nie eine solch furiose Aufmerksamkeit wie während der Jahre 2014 bis 2018. Im Kampf gegen den sogenannten "Islamischen Staat IS" wurden die Kurden im Nordirak und in Nordsyrien seitens der Anti-IS-Koalition mit Geld und Waffen unterstützt. Entsprechend den Entwicklungen sah sich insbesondere Masud Barzani, der damalige Präsident der "Autonomen Region Kurdistan ARK", stark genug, um am 25. September 2017 ein Referendum über die Unabhängigkeit der ARK abhalten zu lassen. Das Plebiszit wurde von der kurdischen Bevölkerung mit über 92% der Stimmen gutgeheissen. In der Folge bildete sich jedoch eine Allianz der Türkei, des Iran sowie des Irak heraus, um die territorialen Ansprüche der kurdischen Elite in der ARK zurückzudrängen.
Das vorliegende Forschungsprojekt geht folgendermassen vor: Für die Zeit zwischen 1900 und 1990 werden eingehende Literatur- und Quellenanalysen vorgenommen. Dabei werden primär die Forderungen der kurdischen politischen Elite, wie sie in Telegrammen, Manifestationen, Parteiprogrammen und Verhandlungen geäussert wurden, berücksichtigt. Das Ziel dieser Vorgehensweise ist, möglichst viele bis anhin in der Literatur nicht berücksichtigte Positionen der kurdisch-nationalistischen Führung auszuarbeiten. Die Performanz und die Arbeit der kurdischen Regierungen sowie der kurdischen Elite in der ARK seit 1991 werden untersucht, um Schlussfolgerungen über den kurdischen Staatsbildungsprozess im Nordirak generieren zu können.
Supervisor: Maurus Reinkowski
Co-Supervisor:Laurent Goetschel
Bio
Abaas Karim arbeitet seit über vier Jahren als Nahost-Analyst beim Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). Zuvor arbeitete er in unterschiedlichsten Bereichen sowohl im Inland als auch im Ausland. Studiert hat er an der Universität Bern in Master Politikwissenschaft sowie internationales und europäisches Recht. In Bachelor studierte er ebenfalls an der Universität Bern Politikwissenschaft, Soziologie, Medienwissenschaft und Geschichte.