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Die Erinnerung an Ortega ist auch im heutigen krisengeschüttelten Spanien noch präsent.
Am 30. Oktober 2012 publizierte der spanische Jorunalist Carlos Elordi in der Webzeitung ‚eldiario.es‘ einen Artikel über die tiefgreifende Krise, in die Spanien vor Jahren wegen der Immobilienblase hineinegeriet und aus der bisher noch kein wirklich sicherer Ausweg gefunden wurde. Seinem pessimistischen Beitrag gibt er den Titel: „Europa ist nicht mehr die Lösung, sondern ein anderes Problem“.
Mit dieser Ueberschrift bezieht sich Elordi ausdrücklich auf eine Aussage von Ortega, wenn er schreibt:“ Schon ist es fast ein Jahrhundert her, seit José Ortega y Gasset im Jahre 1914 sagte, Spanien sei das Problem und Europa die Lösung. Dieser Ausspruch wurde durch den Bürgerkrieg und den Franquismus beerdigt , aber in den 70iger Jahren wurde er in voller Stärke wiedergeboren, als die Opposition gegen die Diktatur begriff, dass die demokratische Zukunft aus der Hand Europas kommen würde und dass das wirtschaftliche, soziale und politische Modell der damaligen Europäischen Gemeinschaft , das Ziel war, welches Spanien erreichen sollte.“
Ortega verstand sich als Dekan der Europa-Idee.
Nicht ganz unbescheiden verstand sich Ortega y Gasset (1883- 1955) selber als Dekan des Gedankens von der Einheit Europas.Dies formulierte er in einem Vortrag, den er 1953 in München gehalten hat. Nachdem er den Zustand Europas – mit Ausnahme der Schweiz- einer schonungslosen Kritik unterzogen hatte, rechtfertigte er sich wie folgt:“ Ich besitze eine gewisse Legitimation dazu, denn sehr wahrscheinlich, leider, bin ich heute unter den Lebenden der „Dekan“, der älteste von denen, welche die Idee Europa ausgerufen haben.“ [1]
Ein solches Selbstverständnis mag von aussen betrachtet übertrieben erscheinen, aber wer sich die lange intellektuelle Biographie Ortega y Gassets vor Augen führt, kann eine solche Selbsteinschätzung sehr wohl begreifen.
Die Europafrage als roter Faden im Lebenswerk von Ortega.
Wie ein roter Faden zieht sich die Europathematik durch sein umfangreiches Werk.[2]
Im Jahre 1906 – der damals 23 jährige hielt sich zu Studienzwecken in Berlin auf – beschrieb er in einem Zeitungsartikel die nationalistisch gefärbte Stimmung, welche in den Strassen Berlins förmlich mit Händen zu greifen war als eine Welle der Euphorie, welche den von der Regieung von Bülov geforderten Aufbau einer deutschen Flotte unterstützte.
Und in diesem Zusammenhang wies er darauf hin, dass „man in diesen Tagen in ganz Europa ein heimliches Zittern empfunden hat, ein ängstliches sich auf etwas Vorbereiten“[3]
Bereits acht Jahre vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges thematisiert der junge Ortega das Spannungsfeld ‚Europa und Nationalismus‘, wenn auch eher auf der Ebene eines Erlebnisses als auf dem Niveau einer begrifflichen Verarbeitung.[4]
Fast 50 Jahre später hielt der alternde Ortega in England (Torkay) einen Vortrag, an dessen Ende er die Bedeutung von Europa für den Frieden betont. Er tut dies mit den folgenden Worten, die ganz am Schluss der chronologisch aufgebauten ‚Obras completas‘ stehen und die gleichsam sein Europatestament zum Ausdruck bringen.
„Der Friede – nicht dieser oder jener kleine Frieden wie so viele, welche die Geschichte kennt, sondern der Friede als stabile, vielleicht definitive Form, ist eine Sache (cosa) und als solche muss er daher hergestellt werden. Dafür ist es nötig, neue und radikale Rechtsprinzipien zu finden. Europa war immer reich an Erfindungen. Warum sollen wir nicht erwarten, dass es auch diese zustandebringt?“[5]
Das schriftlich fassbare Schaffen von Ortega umfasst zeitlich ziemlich genau die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und inhaltlich beschlägt es eine kaum übersehbare Vielfalt einzelner Fragestellungen, Beschreibungen und Analysen aus Alltag, Politik,Geschichte,Philosophie,Psychologie,Soziologie, Kunst und Literatur. Fasst man aber den Bereich des Politischen näher ins Auge,kann man leicht feststellen, dass Ortega in all den Jahren kaum je aufgehört hat, sich mit Europa zu beschäftigen.[6]
Allerdings haben sich dem spanischen Denker im Verlaufe der Zeit bei seinem Ringen um eine Klärung diverser Aspekte der Europafrage verschiedene Perspektiven und Annhäherungs-weisen eröffnet.
Der junge Ortega im Kontext der innerspanischen Europa-Diskussion.
In seinen jungen Jahren knüpfte er bei Joaquin Costa (1846-1911) an, der sich für die Modernisierung eines zurückgebliebenen und traditionalistischen Spaniens einsetzte und für den die Hinwendung zu Europa das Potenzial einer guten, weil modernen Zukunft versprach. Costa und seine Anhänger, die ‚Regenerationisten‘ erwarteten von einer Europäisierung ihres Landes höhere wirtschaftliche, aber auch kulturelle Standards.[7]
Für den frühen Ortega war ‚Europa‘ so etwas wie ein positiv besetzter Symbolbegriff, konnotiert mit der Vorstellung von wissenschaftlichem Fortschritt und kultureller Offenheit. Im Gegensatz dazu betrachtete er ‚Spanien‘ zwar auch als europäische Möglichkeit, die aber erst dann zum Tragen komme, wenn das Land sich in einem selbstkritischen Patriotismus von den verschiedensten Defiziten insbesondere im höheren Bildungswesen und im korrumpierten Parlamentarismus gelöst habe.
Dann erst könne auch ein offener Austausch zwischen einer echten spanischen Kultur und den unterschiedlichen Kulturen Europas stattfinden: echte Zusammenarbeit würde bei einer solchen positiven Entwicklung möglich und es wäre Schluss mit dem einseitigen Import von Kulturen aus Ländern jenseits der Pyrenäen.
Einen ganz anderen Weg aus der spanischen Krise nach dem Verlust der letzten Ueberseekolonien 1898 zeichnete neben anderen Intellektuellen und Schriftstellern der sog. ‚98iger Generation‘ Miguel de Unamuno (1864-1936) vor: die Rückbesinnung auf das genuin Spanische, das – einmal in seiner Reinheit herausgearbeitet und gelebt – seinerseits prägend auf Europa einwirken könne.
Ortega sah die Vereinigten Staaten Europas als Ausweg aus der nationalistischen Krise.
Mit dem weitverbreiteten Buch „Der Aufstand der Massen“[8] legt Ortega eine schonungslose Analyse des moralischen Niedergangs von Europa vor, eine vor allem soziologisch geprägte Diagnose, welche im übrigen phasenweise an die Ausführungen in Oswald Spenglers Werk ‚Der Untergang des Abendlandes‘ erinnern.
Trotz gewisser Aehnlichkeiten bei der Perzeption negativer Aspekte im europäischen Umfeld, wie sie von Spengler und Ortega vollzogen wird,gibt es zwischen den beiden Autoren auch beachtliche Unterschiede. Während bei Spengler in Bezug auf Europa die Dekadenzlogik dominiert[9], denkt Ortega stets im Horizont des Krisenbegriffes. Aus heutiger Sicht war Spengler dagegen wohl weniger in Gefahr, einer eurozentrischen Optik zu verfallen als dies bei Ortega der Fall war.
Dekadenz betont das Zu-Ende-Kommen einer geschichtlichen Bewegung, die man höchstens resigniert zur Kenntnis nehmen kann, während Krise eine Situation von möglichem Umschwung signalisiert und damit der Hoffnung auf einen Ausweg Raum gibt.[10]
Das durch die Nationalismen und den moralischen Zerfall darniederliegende Europa – so die Hoffnung von Ortega- während der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen-könne sich erst wieder durch ein grosses, gemeinsames Projekt in die Geschichte einbringen, nämlich durch die Schaffung der vereinigten Staaten von Europa.
Uns Heutigen mag die Formulierung einer solchen Zielvorstellung Ende der 20iger Jahre des 20. Jahrhunderts – kaum 10 Jahre vor dem Ausbruch des 2.Weltkrieges – weltfremd vorkommen, aber Ortega war zutiefst davon überzeugt, dass er damit eine Forderung stelle, die später einmal realisiert werden könne, weil die Voraussetzungen dafür in der Geschichte Europas bereits vorgezeichnet seien.
Ein Blick in die Geschichte:Der europäische Kulturraum und seine Bedeutung für die Ermöglichung eines Vereinigten Europa.
Am 5. Sept. 1949 hielt Ortega, der im Deutschland der Nachkriegszeit ein gefragter Referent war, in Berlin einen Vortrag mit dem Titel: „De Europa Meditation quaedam“.[11]
Vier Jahre später referierte er an der Universität München und gab seinen Ausführungen die Ueberschrift:“Europäische Kultur und Europäische Völker“.In diesem Vortrag[12] formuliert Ortega drei Thesen, die ich hier verkürzt wiedergebe:
Die Tatsache, dass die europäischen Völker stets zusammenlebten, (1.These) hat eine Gesellschaft im Sinne eines Systems von Bräuchen geschaffen, eines Systems, das auf die zusammenlebenden Individuen einen „mechanischen Druck“[13] ausübt. (2.These).
Es müssen also europäische Bräuche und eine europäische öffentliche Meinung existiert haben genauso wie eine öffentliche Macht, „die dieser Meinung einen verpflichtenden Charakter verleiht.“[14] (3.These)
Ortega spricht im Zusammenhang mit der erwähnten öffentlichen europäischen Macht sogar von Staat (in einem vorjuristischen Sinne) oder vom ‚Europäischen Konzert‘ , respektive vom ‚Europäischen Gleichgewicht‘.
Durch die verschiedenen Nationalismen sei das in der europäischen Geschichte seit Jahrhunderten bestehende Allgemeine und Verbindende in den Hintergrund gedrängt worden, was zu einer tiefen Krise geführt habe, einer Krise, die für Ortega eine Chance darstellt. Dies deswegen, weil für ihn die europäische Kultur nicht nach bestimmten inhaltlichen Merkmalen zu definieren ist.
Nach seinen Worten besteht die Kraft der europäischen Kultur eben gerade darin, „dass sie stets bereit ist, über das, was sie war, hinauszugreifen, immer über sich selbst hinauszuwachsen. Die europäische Kultur ist eine immer fortdauernde Schöpfung…..ein Weg, der immer zum Gehen nötigt.“[15]
Ortega y Gasset war während seines ganzen Schaffens stets der Idee Europa verpflichtet, nicht nur, um in ihr die Lösung für die Probleme seines Landes zu sehen. Er blieb ihr auch treu, als Europa als Ganzes von der tiefsten Krise seiner Geschichte erschüttert wurde. Den Antrieb für diese Treue und für seinen Zukunftsglauben holte er sich in einer gründlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte Europas, eines Europa, das er nicht als geographischen, sondern als einen kulturellen Raum verstanden hat.[16]
Die Dauerbaustelle Europa braucht auch heute beides: pragmatische Macher und Visionäre mit historischem Bewusstsein.
Durch solche möglicherweise etwas idealistisch wirkenden Vorstellungen allein wären die heutigen europäischen Institutionen kaum geschichtliche Wirklichkeit geworden, denn es brauchte für deren Realisierung auch pragmatische Macher nach dem Zuschnitt eines Robert Schumann, eines Jean Monnet , eines Konrad Adenauer und anderer.
Wie die verschiedenen Diskussionen über eine Verfassung der EU im letzten Jahrzehnt aber klar und deutlich vor Augen geführt haben, ist auch heute ein Denken, das die historische Dimension zusammen mit Grundsatzüberlegungen einbringt, unverzichtbar, wenn die in den letzten 60 Jahren mühsam aufgebauten europäischen Institutionen nicht zu seelenlosen Gebilden verkommen sollen, welche bestenfalls noch einigermassen funktionieren, sich aber stets weiter von den einzelnen Völkern entfernen, weil sie deren Geschichte aus ihrem technokratisch geprägten Selbstverständnis heraus viel zu wenig wahrnehmen können.[17]
Es ist daher keineswegs ein Luxus, sich auch heute noch an Ortega y Gassets Europa-Denken zu erinnern, wie dies die Deutsche Gesellschaft José Ortega y Gasset mit ihrer Website tut.[18]
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[1] Der dem Münchner Vortrag zugrunde liegende Text wurde 1954 in Stuttgart (Deutsche Verlags-Anstalt ) in deutscher Sprache mit dem Titel ‚Europäische Kultur und Europäische Völker‘ veröffentlicht.Für Zitate aus dieser Publikation brauche ich die Abkürzung OEK. Der Text dieses Vortrages kann auch auf dem Netz eingesehen werden mit einem Vorwort von Stasche Rohmer unter www.orgetagesellschaft.de
[2] In den Jahren 2004- 2010 hat der Verlag Taurus in Madrid die bis jetzt vollständigste Herausgabe der Werke von Ortega y Gasset vorgelegt, welche auch Texte umfasst, die bisher noch nie publiziert worden sind. Hunderte von Referenzen zum Thema Europa werden im Register (Band X) aufgeführt. Wenn im folgenden auf diese Ausgabe verwiesen wird, dann geschieht dies mit der Abkürzung OC plus lat. Ziffer für den Band plus entsprechende Seitenzahl. Die entsprechenden Texte aus dieser Ausgabe werden von mir übersetzt.
[3] OC,I p.59
[4] José Lasaga Medina hat sich in einem ausführlichen Artikel mit diesem Spannungsfeld auseinandergesetzt. „Europa versus nacionalismo“ in: Revista de Estudios Orteguianos, Nr. 5, p. 111-139, Madrid, 2002
[5] OC, X p.459
[6] So erstaunt es nicht, dass das Begriffsregister der Obras Completas, Band X ,p.906-911 hunderte von Verweisen auf den Begriff ‚Europa‘ verzeichnet.
[7] Vgl. dazu Cristóbal Villalobos, Europa en el pensamiento de Ortega y Gasset, in GIBRALFARO, Revista de Creación Literaria y Humanidades. Año VII. Número 53, Málaga, 2008 p. 10 f. Eine sehr ausführliche Darstellung der Europathematik bei Ortega hat Jesús J. Sebastián Lorente verfasst. Sie trägt den Titel „La idea de Europa en el pensamiento de Ortega y Gasset” in: Revista de Estudios Políticos (Nueva Época) Núm. 83. Enero-Marzo 1994. Für den hier angesprochenen Zusammenhang ist vor allem das Kapitel II wichtig:“La idea de ‚Regeneración y Europeización‘ en las generaciones de combate.“
[8] Die Originalausgabe erschien 1930 unter dem Titel ‚La rebellión de las masas‘ bei Revista de Occidente in Madrid. Bereits 1931 erfolgte die deutsche Ausgabe, welche 1989 um das Nachwort von Michael Stürmer erweitert wurde. Eine Neuausgabe, von der deutschen Verlags-Anstalt München herausgegeben, liegt seit 2012 vor.
[9] Vgl. dazu die Einträge von Anton Mirko Koktanek zu Spengler in der Studienausgabe von Kindlers Neues Literaturlexikon, herausgegeben von Walter Jens, (unverkäufliche Buchhändler-Edition) Band 15, München 1996 p. 812-815
[10] José M. Sevilla hat in seinem Aufsatz Ortega y Gasset y la idea de Europa , Revista de Estudios Orteguianos, Nr 3, Madrid 2001 p. 79-111 auf die philosophischen Grundgedanken von Ortega hingewiesen, die auch den Rahmen seiner Gedanken über Europa bilden. Dabei wird dem Begriff der Krise grosse Beachtung geschenkt als einem Uebergang von einer Grundglaubensüberzeugung zu einer neuen, einem Uebergang, der nicht ohne Schwierigkeiten und Leiden vo sich geht. .
[11] Von diesem Vortrag liegt keine deutsche Fassung vor. Wohl aber gibt es in den Obras completas, Bd.X p.73-135 einen umfangreichen Text, der ebenfalls mit ‚De Europa meditatio quaedam‘ betitelt ist.
[12] OEK, p.23/24
[13] OEK,p.23
[14] OEK,p 23
[15] OEK,p 38-39
[16] Vgl.dazu Maria Wilderich von Tahlheim „Europas Wirklichkeit im Schattenriss ihrer Idee“ , 2013 Deutsch Gesellschaft José Ortega y Gasset, welche in ihrem Blogartikel den Gegensatz zwischen Europa als geographischem Spielraum für Machtpolitik und Europa als Kulturraum klar herausarbeitet. ( www. Ortegagesellschaft.de)
[17] Vgl. dazu aus heutiger Sicht die Gedanken von Jürgen Habermas, der in gewissen Entwicklungen supranationaler Organisationen eine Gefahr für die Demokratie sieht. Jürgen Habermas, Zur Verfassung Europas, Ein Essay, Sonderdruck edition Suhrkamp, Berlin, 4. Auflage 2012, p. 48 ff.
[18] www.ortegagesellschaft.de
Luzern, den 15. Juli 2013, Hans Widmer