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Fotografien im Roman. In nicht wenigen Romanen spielen Fotografien eine Rolle. Schriftsteller W. G. Sebald hat in mehreren Romanen kleinformatige Bilder eingefügt, die eine Rolle im Erzählverlauf spielen. Wilhelm Genazino hat zwar nie eine Kamera besessen, aber nicht wenige seiner Erzählungen kreisen um Fotografien. In mehreren seiner Publikationen hat Genazino Fotografien, die er in Antiquariaten oder in entsorgten Bilderalben gefunden hat, mit erfundenen Geschichten angereichert. Der Schweizer Schriftsteller Urs Faes hat eine Fotografie, die der Suhrkamp Verlag für das Cover seines Romans „Liebesarchiv“ verwendet hat, in seinem Roman „Sommer in Brandenburg“ eingesetzt. Im Roman „Geisterfahrten“ der Schweizer Autorin Theres Roth-Hunkeler kommen Fotografien vor. Zwar sind sie im Buch nicht abgedruckt, aber sie werden minutiös beschrieben. Ob es sie wirklich gegeben hat? Die Leserin und der Leser wissen es nicht. Und es spielt für einmal auch keine Rolle. Man liest den Text – es sind zwei Bildbeschreibungen – und sieht die Bilder, auch wenn man den Gesamtzusammenhang nicht kennt. Ja, Fotografien kann man sprachlich umsetzen, sie erzählerisch einbringen. Jede und jeder auf seine Weise. Hier sind sie die beiden Fotos aus dem Roman „Geisterfahrten“:
„Auf einem verschwommenen Schwarzweißbild im Kleinformat und mit gezackten Rändern steht Filomena unter einem Nussbaum auf dem Vorplatz des Wirtshauses mit einem Säugling im Arm. Ob mit Ernst oder mit Walter weiß niemand mehr. Auf einem Familienbild sitzen Filomena und Franz auf zwei Stühlen im Freien, in ihrem Rücken eine kräftige, stark belaubte Hecke, über ihren Köpfen die Drähte einer fix montierten Vorrichtung zum Wäsche aufhängen. Franz hält ein blondes Bübchen auf den Knien. Ernst. Es ist ein Sonntag im Sommer 1938. Ernst ist hell gekleidet, trägt eine kurze Hose, ein Kurzarmleibchen und ist barfuß. Er blickt ganz heiter in die Welt. Franz trägt ein weißes Hemd, eine dunkle Krawatte, ein schwarzes Gilet zu einer dunklen Hose, seine Schuhe sieht man nicht, weil sich seine und auch Filomenas Füsse im Schatten befinden. Sein dichtes, dunkles Haar etwas wild, die großen Ohren gut sichtbar. Er lächelt. Neben ihm sitzt Filomena, den Säugling Walter im Arm. Sein Kopf ruht auf ihrer rechten Schulter und ist zur Hecke hin gedreht. Er trägt ein helles Mützchen, ein wollenes Babyjäckchen und ist in ein Umtuch gehüllt. Vielleicht schläft er, das Bild ist nicht sehr deutlich. Filomena trägt ein Blümchenkleid, darüber eine gestreifte Halbschürze. Ihr gekräuseltes Haar hat sie zu bändigen versucht man erkennt die Andeutung eines Seitenscheitels. Sie lächelt nicht, sie schaut nicht auf den Säugling, ihr Blick ist in die Ferne gerichtet, sie ist noch keine neunundzwanzig Jahre alt, wirkt aber früh gealtert. Auf dem zweiten Familienbild ist Herbst, man sieht es an den wärmeren Kleidern der Kinder. Die Familie steht mitten auf einer nicht geteerten Straße, im Rücken ein großes Wohnhaus mit einer Scheune. Filomena hat Walter auf dem Arm. Er ist gewachsen, sein Kopf muss nicht mehr gestützt werden. Gekleidet in warme, gestrickte Babysachen und Wollsöckchen schaut er direkt in die Kamera. Filomena trägt ein wadenlanges, dunkles Kleid, hochgeschlossen mit langen Ärmeln, dazu dunkle Strümpfe und dunkle Schuhe. Wieder ihr ernster Blick. Hinter ihr ragt der Holzmast einer Stromleitung in die Höhe. Franz steht links von ihr, er trägt dieselben Kleider wie auf dem ersten Bild, nur eine andere Krawatte. Auf seinem Arm hält er Ernst, und zwar so hoch, dass sich ihre Köpfe ganz nahe sind. Beide lächeln. Filomena ist rundlich und wirkt neben dem hageren Mann kleiner, als sie wohl war. Zweimal Bilder einer Familie, deren Zeit schon bald abgelaufen sein wird“.
Aus Geisterfahrten von Theres Roth-Hunkeler, erschienen in der edition bücherlese, 2021
Theres Roth-Hunkelers Homepage: https://roth-hunkeler.ch/
Eingeworfen am 25.3.2021