Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03611.jsonl.gz/2265

| Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Sechsundzwanzigste Homilie. Kap. VIII, V.5-13.
3.
Wenn aber Matthäus schreibt, der Hauptmann habe dies nicht durch seine Freunde sagen lassen, sondern es persönlich vorgebracht, so mache das gar nichts. Die Hauptsache bleibt doch, dass beide den großen Eifer des Mannes hervorheben und dass er die gebührend hohe Meinung von Christus hegte. Doch ist es wahrscheinlich, dass er selber kam, um seine Bitte vorzubringen, nachdem er vorher seine Freunde geschickt hatte. Hätte nicht Lukas das eine gesagt, dann auch Matthäus nicht das andere. Es besteht also kein Widerspruch zwischen beiden, vielmehr hat der eine ergänzt, was der andere ausließ. Beachte sodann, wie Lukas auch auf andere Weise den Glauben des Hauptmannes gepriesen hat, indem er sagt, der Knecht sei schon dem Tode nahe gewesen. Trotzdem hat der Hauptmann auch dann den Mut nicht verloren und hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Er hielt trotzdem an dem Vertrauen fest, er werde am Leben bleiben. Wenn wir nun bei Matthäus lesen, Christus habe gesagt: "Nicht einmal in Israel habe ich so großen Glauben gefunden" und dadurch zeigt, dass der Hauptmann kein Israelite gewesen sei, während Lukas schreibt, er habe eine Synagoge erbaut, so liegt auch hierin kein Widerspruch. Es kann ja ganz gut einer, der selbst kein Jude ist, eine Synagoge bauen und Liebe zum Judenvolk haben.
Du aber solltest nicht bloß auf die Worte des Hauptmannes achten, sondern auch auf seine Amtsstellung in Betracht ziehen; dann erst wirst du erkennen, wie tugendhaft der Mann gewesen sein muß. Diejenigen, die hohe Stellungen einnehmen, sind ja meist sehr stolz und wollen nicht einmal im Unglück von ihrem Hochmut ablassen. So hat derjenige, der bei Johannes erwähnt wird, den Herrn zu seinem Haus hingezogen und gesagt: "Komm, mein Knecht ist dem Tode nahe"1 . So macht es unser Hauptmann nicht. Er benimmt sich viel besser als dieser und auch besser als jene, die ihren Kranken vom Dache herabließen. Er verlangt nicht, dass der Herr persönlich zugegen sei, noch trug er den Kranken in die Nähe des Arztes. Das alles beweist, dass er keine geringe Meinung vom Herrn hatte, sondern so von ihm dachte, wie es sich für Gott geziemt. Darum sagte er: "Sprich nur ein Wort."Aber nicht gleich im Anfang sagte er: "Sprich nur ein Wort"; vielmehr brachte er nur die Krankheit vor. In seiner großen Demut erwartet er eben nicht, dass Christus seine Bitte sogleich gewähren und sein Haus aufsuchen werde. Als er darum den Herrn sagen hörte: Ich will kommen und ihn heilen, da erst sagte er: "Sprich nur ein Wort." Und selbst der eigene Schmerz hat ihn nicht um die Hoffnung gebracht, auch im Unglück blieb er weise und war nicht so sehr auf die Gesundheit des Knechtes bedacht, als darauf, nicht groß zu erscheinen und nichts Ungeziemendes zu tun. Deshalb hat er auch selbst nicht gedrängt, sondern Christus hat sein Kommen angekündigt; und auch so nicht war er in Furcht, diese Ehre möchte so groß sein für seinen Rang und böse Folgen haben. Siehst du da die Art seiner Gesinnung, und wie töricht die Juden waren, die sagten: "Er verdient es, dass du ihm eine Gunst erweisest?"2 .Sie hätten sich auf die Liebe Jesu zu den Menschen berufen sollen; statt dessen kommen sie mit der Würdigkeit des Hauptmannes daher und wissen dabei nicht einmal, welchen Grund der Würdigkeit sie eigentlich angeben sollten.
Der Hauptmann dagegen war ganz anders gesinnt. Er bekannte sich im Gegenteil für ganz unwürdig, nicht bloß die Erhörung seiner Bitte zu finden, sondern auch, den Herrn in seinem Hause aufzunehmen. Darum hat er auch zu den Worten:"Mein Knecht liegt darnieder" nicht hinzugefügt : Sprich, aus Furcht, des Gnadenerweises nicht würdig zu sein. Er begnügt sich damit, den Unglücksfall einfach darzulegen. Und selbst dann, als er Christi Bereitwilligkeit sah, stürzt er sich nicht auf die Sache los, sondern fährt noch immer fort, sich innerhalb der gebührenden Schranken zu halten. Wenn aber jemand fragt: Warum hat ihm Christus nicht auch seinerseits wieder Ehre erwiesen, so können wir nur darauf erwidern, dass er ihm in der Tat sehr große Ehre erwiesen hat. Erstens dadurch, dass er dessen gute Gesinnung offenbart, die gerade daran sich am deutlichsten zeigte, dass er nicht wollte, dass der Herr in sein Haus komme; zweitens dadurch, dass er ihm das Reich Gottes verheißt und ihn höher stellte als das gesamte Volk der Juden. Dafür, dass er sich selbst für unwürdig erklärt hat, Christus in sein Haus aufzunehmen, ward er selbst des Reiches Gottes gewürdigt und der Seligkeit, die Abraham zuteil geworden. Warum wurde aber dann der Aussätzige, der doch noch eine höhere Meinung vom Herrn gezeigt hatte, nicht auch belobt? Er sagte ja nicht: "Sprich nur ein Wort", sondern, was viel mehr ist: "Wolle nur."So redet ja der Prophet von Gott Vater und sagt: "Alles, was er wollte, hat er gemacht"3 . Indes wurde auch der Aussätzige belobt. Als nämlich der Herr gesagt hatte: "Bringe die Gabe dar, die Moses vorgeschrieben zum Zeugnis für sie", da fügte er nur noch das eine dazu: Du wirst Zeugnis wider sie ablegen durch den Glauben, den du bekannt hast. Übrigens war es nicht das gleiche, ob ein Jude glaubte, oder einer, der nicht zum auserwählten Volke gehörte. Dass nämlich der Hauptmann kein Jude war, geht schon aus seiner Stellung als Hauptmann hervor, wie aus dem Worte des Herrn: "Nicht einmal in Israel habe ich so großen Glauben gefunden."
1: Joh 4,47
2: Lk 7,4
3: Ps 118,11 u.134,6