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In einer Biografie über Fritz Brupbacher steht: geboren 30. Juni 1874, gestorben 1. Januar 1945, Zürich, Arzt und Anarchist. – Anarchist ja, wenn Anarchie für eine Lebenshaltung steht, deren Grundpfeiler freiheitliches Denken und hundertprozentiges Engagement für eine bessere Welt ist.
Libertäre Überzeugungen
Im Lexikon der Anarchie ist zu lesen: «Brupbacher ist vielleicht als einer der entschiedensten und originärsten Anarchisten seiner Zeit zu bezeichnen, obwohl oberflächlich betrachtet die Mitgliedschaft in der SP und KP und sein politisches Wirken dagegen sprechen.» Aber wenn man – was wesentlich ist – die Identifikation libertärer Überzeugungen nicht allein an politische Postulate bindet, sondern den persönlichen Lebensweg mit all seinen Entscheidungen und Konsequenzen zur Grundlage nimmt, ist solch eine Aussage verständlicher.
Kontakt mit dem russischen Sozialismus
Brupbachers Vater, den er einmal als «personifizierten Kleinbürger» bezeichnete, führte ein Hotel. Seine Mutter entstammte einer aufgeklärten, dem Liberalismus verpflichteten Familie, so dass der kleine Fritz in der Bibliothek seines Grossvaters die ersten Anregungen für seinen ungewöhnlichen Lebensweg erhielt. Auf Drängen des Vaters studierte Fritz Brupbacher in Genf Medizin.
1899 ging er nach Paris, um sich auf dem Gebiet der Psychiatrie weiterzubilden. 1901 eröffnete er im Zürcher Arbeiterviertel Aussersihl eine Arztpraxis. Im Herbst des gleichen Jahres heiratete er Lydia Petrowna Kotschetkowa, eine russische Ärztin, die hauptsächlich in den Dörfern ihres Heimatlandes arbeitete und nur zu längeren Besuchen nach Zürich zurückkehrte. Durch sie kam er mit dem russischen Sozialismus in Kontakt, den ihn die nächsten paar Jahre beschäftigen sollte.
Eine Broschüre und ihr grosses Echo
Kurt Guggenheim hat in seinem Roman «Alles in Allem» dem ungewöhnlichen Paar mehrere Episoden gewidmet. Aber erst die Monografie «Eine revolutionäre Ehe in Briefen» der Historikerin Karin Huser zeichnet ein genaues Bild dieser erstaunlichen Verbindung, die 1916 nach vielen Schicksalsschlägen auseinanderging.
1922 begegnete Fritz Brupbacher der russischen Ärztin Paulette Goutzait-Raygrodski, die seine zweite Frau wurde, und gemeinsam mit ihm die Praxis im Arbeiterquartier Zürich-Aussersihl führte. Das Elend, das Brupbacher als Arbeiterarzt kennenlernte, war nach seiner Ansicht die Folge von Alkoholismus und Kinderreichtum. Mit seiner Broschüre «Kindersegen – und kein Ende» setzte er sich für die Geburtenkontrolle ein, um das Los der Arbeiterfrauen zu verbessern. Diese Schrift löste ein gewaltiges Echo aus und erschien im Laufe von 20 Jahren in einer Auflage von über 500'000 Exemplaren.
Von der SP zur Kommunistischen Partei
1913 erschien in München sein Buch «Marx und Bakunin» indem er mit einem psychologischen Ansatz die beiden Personen, ihr Wirken und ihre Wirkung verglich. Fritz Brupbacher war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei, eckte aber mit seinen Forderungen immer wieder an, so dass ihm wiederholt mit Ausschluss gedroht wurde. 1920 verliess er die SP und schloss sich 1921 der neu gegründeten Kommunistischen Partei an. Seine Kritik an den zunehmenden stalinistischen Tendenzen führte 1934 zum Ausschluss und er zog sich aus der aktiven Politik zurück.
Was blieb, war sein soziales Engagement
So unterstützte er seine Frau Paulette im Kampf um die legitimen Rechte der Frauen, wie Abtreibung aus medizinischen, wirtschaftlichen und sozialen Gründen, Kindergeld, Mutterschaftsurlaub oder die Finanzierung von Verhütungsmittel durch die Krankenkassen. 1936 verhängte der Kanton Solothurn ein Redeverbot für die engagierte Ärztin, das nach einem Einspruch vom Bundesgericht aber bestätigt wurde.
Kurt Tucholsky über Brupbacher
«Man kommt diesem reaktionären Muff am besten durch frische Hiebe bei», schrieb Kurz Tucholsky 1930 über Brupbacher. «Die teilt einer aus, ein Arzt, der Doktor Fritz Brupbacher aus Zürich. ‹Liebe, Geschlechtsbeziehungen und Geschlechtspolitik›(erschienen im Neuen Deutschen Verlag zu Berlin 1930). Hurra! Es ist nur ein ganz kleines Broschürchen, aber ich wünschte es in hunderttausend Hände. So etwas von frischer Natürlichkeit; von sauberem Empfinden, von Fachkenntnissen ohne Fachprotzerei und Getue – das ist echte und beste Aufklärung.»
Fritz Brupbacher liess sich nie in eine Ideologie einbinden. Er war und blieb, trotz allem sozialen Engagement, zeitlebens ein Unabhängiger – und ein Utopist, der glaubte, dass die Arbeiterbewegung Modell und Motor einer neuen Gesellschaft sein würde, wenn die negativen Auswüchse einer selbstgerechten Funktionärskaste eliminiert werden könnten.
Buchhinweis
Karin Huser: «Eine revolutionäre Ehe in Briefen». Chronos Verlag, 2003.