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These: Anders als heute ermöglicht die freie Schulwahl Kindern aus allen sozialen Schichten, eine Schule entsprechend ihren Bedürfnissen zu besuchen - die Chancengleichheit steigt.
Beat W. Zemp: Alle staatlichen Schulen haben den gleichen Grundauftrag. Mit Harmos werden erstmals die Schulsysteme schweizweit vereinheitlicht. Die Volksschule hat den Auftrag, auf die Bildungsbedürfnisse jedes Kindes einzugehen. Dazu braucht es keine freie Schulwahl.
These: Wenn das Schulhaus frei gewählt werden kann, ziehen weniger Familien aus Problemquartieren weg - die soziale Durchmischung am Ort bleibt erhalten.
Zemp: Schulen in Problemquartieren brauchen zusätzliche Mittel, um Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Schichten gut in die Klassen zu integrieren. Wenn bildungsnahe Schichten solche Schulen meiden, löst man diese Probleme ja nicht. Im Gegenteil: Die soziale Durchmischung in den Schulen wird noch schlechter. Nicht alle Familien können ihre Kinder in eine entfernte Schule ihrer Wahl bringen.
These: Der Wettbewerb unter den Schulen fördert die Qualität, weil er zu Innovationen zwingt und die Trägheit des staatlichen Schulapparats aufbricht.
Zemp: Das staatliche Bildungssystem ist alles andere als träge. Es laufen momentan über 200 Schulreformen und Innovationen. Laut wissenschaftlichen Untersuchungen hat die freie Schulwahl keinen Einfluss auf die Schulqualität. Zudem hat die Pisa-Erhebung gezeigt, dass unsere staatlichen Schulen bessere Resultate liefern als die privaten Schulen.
These: Weil jedes Kind eine Schule gemäss seinen individuellen Bedürfnissen besuchen kann, werden sonderpädagogische Massnahmen eingespart.
Zemp: Das ist Unsinn. Es wird keine eigenen Schulen für Legastheniker, sehbehinderte, hochbegabte, hypermotorische oder rechenschwache Kinder geben. Die Erziehungsdirektorenkonferenz hat soeben ein Konkordat verabschiedet, das zum Ziel hat, diese individuellen Bedürfnisse durch sonderpädagogische Massnahmen in den Stammklassen aufzufangen. Mit Sparen hat das aber nichts zu tun.
These: Erst wenn die Schulen Eltern und Kinder als «Kunden» verstehen, wird das Postulat der partnerschaftlichen Mitwirkung tatsächlich eingelöst.
Zemp: Eltern und Kinder sind nicht nur «Kunden» der Volksschule, sie haben auch Pflichten. Die partnerschaftliche Mitwirkung von Eltern scheitert dort, wo Eltern sich direkt in den Unterricht einmischen wollen oder jede Zusammenarbeit mit der Schule verweigern. In beiden Fällen muss die Schule solche Eltern auf ihre Pflichten als Erziehungsberechtigte hinweisen. Der weitaus grösste Teil der Eltern arbeitet aber mit den Schulen gut zusammen und verhält sich kritisch-konstruktiv.
These: Gefährdete Dorfschulen können gerettet werden, weil Gemeinden oder Private sie mit der Pro-Kind-Pauschale selber weiterführen können.
Zemp: In weiten Teilen unseres Landes bleibt die freie Schulwahl sowieso eine Fiktion, weil es innerhalb vernünftiger Distanzen gar keine Auswahl hat. Wandern nun aus gefährdeten Dorfschulen auch nur ein paar Kinder ab, dann ist diese Dorfschule nicht mehr zu retten, weil die Kosten dort ja nicht kleiner werden.