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Literatur
"Noch ist es wolkenlos" - eine Ehe in 47 Bildern
Der Tombola-Gewinn bringt dem Rentner-Ehepaar in Arno Camenischs neustem Buch "Die Kur" zwar nicht die Kreuzfahrt, von der sie, deren Name nicht genannt wird, schon lange träumt, doch aber einen 4tägigen Aufenthalt in einem Engadiner Nobelhotel. Sie steckt sich Blumen ins Haar, malt die Lippen rot, holt das Glitzerkleid aus dem Schrank - selbst ihr nörgelnder Ehemann und sein seltsames Benehmen hindern sie nicht daran, glücklich zu sein. Grosszügig sieht sie denn auch hinweg über seine "Dächlikappe", ohne die er das Zimmer nicht verlässt, ignoriert den Plastiksack, den er ständig mit sich herumträgt, lässt nichts unversucht und gibt sich insgesamt mit wenig Anerkennung und Zustimmung zufrieden. Ihren Lottogewinn lässt sie sich nicht vermiesen, schon gar nicht von ihm, der viel lieber den zweiten Preis, einen riesengrossen Fresskorb, gewonnen hätte. Und ist er mal wieder nicht aus dem Zimmer zu bewegen, liest sie Biografien schöner und ruhmreicher Frauen, schmökert in der Gala oder dem Cosmopolitan und fühlt sich mittendrin.
Währenddessen tummelt er sich pausenlos in einer Art Endzeitstimmung. Wo er auch hinblickt, was er auch tut, überall lauert (Todes-)Gefahr, alles ist Vorahnung: In der Ferne spielt eine Posaune; ein Glas zerbricht; auf dem Stein sitzt eine schwarze Krähe, der Fisch springt aus dem Wasser und der Vogel fängt ihn ihm Flug; ein Totenkopf rollt über den Boden. Vorsorglich blättert er im Bestattungs- und Friedhofsreglement, das in der Hotelbibliothek aufliegt, schaut sich in der Zeitung die Todesanzeigen an, schneidet manche aus. Ihre bejahende Art, die Dinge um sie herum zu betrachten, und ihr Tatendrang sind ihm schlicht ein Gräuel. Und dass er sich dazu "wie ein läufiges Kamel von einer Ecke in die andere treiben lassen sollte", wenn er zuhause "im Garten unter dem Feigenbaum sitzen und nichts tun könnte", kann er nicht nachvollziehen. Nichts bleibt unkommentiert, er will das letzte Wort - und hat es immer, denn schliesslich kommt es auf "den letzten Ton" an. So lange er noch redet, stirbt er nicht.
In 47 kurzen, meist witzig-tragischen Szenen und unzähligen Bildern schildert Arno Camenisch in den ihm so eigenen Klängen ein Eheleben an einem Wendepunkt. Einunddreissig Ehejahre sind vorbei, die "Schwelle der Pension" überschritten - was nun? Die Würfel sind gefallen - den Traum vom eigenen Blumenladen zum Beispiel, den er ihr vor der Hochzeit versprochen hatte, und für den nie die richtige Zeit war, wird nicht mehr in Erfüllung gehen. Sie drückt die Lippen aufeinander und schweigt. Meisterhaft gelingt es Arno Camenisch zwischen dem Alltäglichen und den grossen Lebensfragen nach dem warum, wozu und wohin einen Bogen zu spannen, so dass sich darunter ein Kosmos auftut, der auf nur neunzig Seiten eigentlich gar nicht Platz finden kann. Derart dicht und gleichzeitig doch federleicht zu erzählen, ist wahrlich eine Kunst.
Die versöhnlichen Momente und Lichtblicke gibt es auch während des 4tägigen Hotelaufenthalts, etwa, wenn er das Glas hebt, auf uns, oder sich mit ihr (wenn auch reichlich betrunken) "den Tod aus den Knochen tanzen" will, sie ihm dabei berauscht "oh Darling" ins Ohr haucht. Während der letzten gemeinsamen Wanderung am Ende des "Kuraufenthalts", zu der sie ihn trotz Gondelfahrt überreden kann, raucht er seit langem wieder einmal eine Zigarette. Dass sie es dem Doktor erzählen wird, ist ihm egal. "Wenn alles vergebens ist", sagt er, während es über ihnen heftig blitzt und donnert, "dann kann man auch rauchen". Eine gefällige Einsicht dieses mit dem Trübsinn kokettierenden Dickkopfes - bevor es dunkel wird.