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Vermehrbare Ressourcen
Wir wissen, dass wir heute viel mehr verbrauchen, als die Erde hergeben kann. Am schlimmsten wirkt sich das in den rohstoffreichen Ländern aus. In vielen von ihnen lebt die Bevölkerung in größter Armut. Nigeria hat von 1980 bis 2010 fast 250 Milliarden Dollar für Öl eingenommen. Gleichzeitig schrumpfte seine Wirtschaft, und Lagos ist eine heruntergekommene Stadt mit hoher Kriminalität. In dem ölreichen Venezuela leben zwei Drittel der Bevölkerung in Armut. Man spricht vom „Ressourcenfluch“ und vom „Reichtumsparadoxon“. Zwar kommt viel Geld ins Land, Es gerät aber durch Korruption in die Hände von Wenigen, die dafür Waffen kaufen, um ihre Macht zu festigen und in Bürgerkriegen um diese Macht zu kämpfen.
Was machen diese Länder, wenn ihre Rohstoffe aufgebraucht sind? Der amerikanische Ökonom und Globalisierungskritiker Joseph Stiglitz empfiehlt ihnen, jetzt Geld in die Zukunft zu investieren, und zwar in Industrie- und Dienstleistungsbetriebe. Auch die erfolgreichen Schwellenländer, wie Brasilien, Indien und China, investieren nach diesem Rezept. Für einzelne Länder ist es möglich, so vorzugehen. Wenn man aber die Erde als ganze anschaut, ist die Verminderung der Ressourcen damit nicht kompensiert. Wir haben gelernt, endliche und erneuerbare Ressourcen zu unterscheiden. Die zweiten reproduzieren sich selbst. Bei den ersten dagegen haben wir keine andere Möglichkeit, als sparsam damit umzugehen und aus den Abfällen möglichst viele Rohstoffe zurück zu gewinnen. Die endlichen Ressourcen nehmen aber auf jeden Fall ab, einige langsamer, andere schneller. Wie kann ein Land diese Verluste kompensieren? Das ist nur dann möglich, wenn es eine dritte Kategorie gibt, nämlich vermehrbare Ressourcen. Diese gibt es in jenen Bereichen der Wirtschaft, die mit Hilfe der lebendigen Natur Güter produzieren: in der Landwirtschaft und im Wald.
Heute leiden eine Milliarde Menschen an Unterernährung, obwohl die Erde gemäß Berechnungen der FAO 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Es ist aber offensichtlich, dass das nur durch eine nachhaltige, ökologische Land- und Waldwirtschaft möglich ist, und nicht dadurch, dass wir die chemisch aufgeputschten Methoden in die armen Länder übertragen. Diese industriell betriebene Landwirtschaft arbeitet mit hohem Input von Mineraldünger, Futtermitteln und Gift, mit Umweltschäden und mit Abfällen, die möglichst umweltschonend verwertet und beseitigt werden müssen.
Die Landwirtschaft ist bekanntlich in der Wirtschaftspolitik Gegenstand der größten Probleme. In vielen Industrieländern des Nordens wird die Landwirtschaft durch Subventionen am Leben erhalten. Die Agrarwirtschaft nimmt in internationalen Verhandlungen und Abkommen einen unverhältnismäßig großen Raum ein. Dabei ist es ohne weiteres deutlich, dass nicht die Landwirtschaft diese Probleme verursacht, sondern das Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Industrie, das wir nicht verstehen.
Die biologische Landwirtschaft – nur diese kann im Sinne der Nachhaltigkeit als echte Landwirtschaft aufgefasst werden – arbeitet für die lebendigen Prozesse ohne Input von Futter- und Düngemitteln. Hingegen verwendet sie Maschinen und Energie als Arbeitshilfsmittel und unterscheidet sich darin nicht von der Industrie. Ihre organischen „Abfälle“ (Mist, Ernterückstände) führen nicht zu einer Beeinträchtigung der Umwelt, sondern durch Humusaufbau zur Steigerung des Lebens, der Gesundheit und der landwirtschaftlichen Produktivität. Dadurch betreibt die Landwirtschaft Urproduktion, die Industrie dagegen betreibt Veredlungsproduktion. Beide sind wichtig, aber durch die Landwirtschaft werden die Naturgrundlagen (die Bodenfruchtbarkeit) wertvoller, durch die Industrie dagegen entsteht eine Wertminderung der Naturgrundlagen. Die Bodenproduktion ist als Urproduktion die Grundlage alles Wirtschaftens. Sie wird deshalb von den großen Wirtschaftsmächten durchaus nicht verachtet. Vielmehr arbeiten diese zielstrebig darauf hin, möglichst viel Boden und einen möglichst großen Teil der Agrarwirtschaft in ihre Hände zu bekommen.