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Die FrageIch kannte sie seit langem, sie wohnte im selben Haus, ich glaube unten; sie war schon dort, als ich kam oder, sage ich lieber, als ich sie mit meinen damals noch wenig entwickelten Sinnen zu erkennen anfing. Ich musste sie wahrnehmen, klar, weil sie ja im selben Haus lebte. Von Anfang an war ich per Du mit ihr, ja, obschon sie soviel älter war als ich; warten Sie, dreißig, fünfunddreißig, nein vierunddreißig Jahre älter als ich. Immer blieb es bei dem Du. Als ich fünf oder sechs war, in die Schule kam ich erst mit sieben, ging ich besonders gern zu ihr hinunter in ihre Küche, dort kochte sie, sehr gepflegte Erscheinung, gut gekleidet, ihre große schlanke Gestalt von einem doppelt geschlagenen weißen Mantel gänzlich umschlossen, hellblondes Haar, wunderschön, eine Filmschau-spielerin, unglaublich schön. Und das Blau ihrer Augen mussten ihre Eltern wohl vom Firmament geholt haben, hier und da fiel es voll sanfter Fröhlichkeit auf mich. Ihren Beruf wusste ich nicht.
Sie hatte viele Kinder, damals konnte ich sie noch nicht in Zahlen umfassen. Die Kriegsverhältnisse hatten ihr das Leben schwer gemacht, der Wiederbeginn danach war sehr mühsam und Kräfte zehrend. Und das tradierte Geflecht ihrer Familie erzwang von ihr, duldend und immer wieder auch leidend, still zu ertragen. Sie schien mir bedrückt, überfordert, gehetzt, unruhig, verängstigt darüber, was werden würde. So kannte ich sie nur mehr mit Falten auf der Stirn, verhärmt, auch mutlos. Sie verlor an Kraft. Dann habe ich sie immer seltener gesehen, ich studierte im Ausland, später bewirkten berufliche Erfordernisse mein langes Fortsein. Aber wir blieben trotzdem beim Du.
Eines Tages, viele Jahre später, klingelte bei mir in Trimbach das Telefon, sie war es, ihre Stimme hatte so ein ganz leichtes, aber dennoch von meinem Ohr nicht überhörbares Zittern, das war nicht Angst, es war das hohe Alter, das sie da schon erreicht hatte. Mehr als zwanzig Jahre Witwe. Doch die Stimme war getragen von einer sanften Fröhlichkeit, wie ich sie als Kind in der Küche, wenn sie am Herd stand, so wohltuend aufgenommen hatte, später so sehr vermisste. Unter dieser Fröhlichkeit der Stimme lag eine gewisse Bestimmtheit, die mich sofort fühlen ließ, dass es Wichtiges zu besprechen gab, denn wir telefonierten recht selten und sahen uns – durch die Umstände bedingt – noch viel seltener. „Hör’ mal, kannst du mal hierher kommen, ich habe eine Frage an dich, die kann ich nur dir stellen, du bist innerlich frei und sehr kritisch, nur von dir weiß ich, dass du mit mir ehrlich bist, und drum werde ich nur dir diese Frage vorlegen.“ Ich fuhr zu ihr, umgehend, das musste sein, auch wenn mein Taschenkalender sich längst mit Terminen übernommen hatte.
„Setz dich, hier sind Tee und ein paar Kekse, ich weiß, du verträgst ja sonst nicht viel, nun hör’, meine Frage: Was geschieht, wenn man tot ist... , wenn ich tot bin? Ich war nicht überrascht, die Frage lag in ihrem Alter nahe, und sie und ich, wir kannten uns zu lange und zu verständnisvoll, als dass sich da nicht seidene Fäden von Seele zu Seele gespannt hätten. Aber was sollte ich nun tun: höflich sein, ehrlich sein? Mit meinen Zweifeln ihren Altentag erschweren? Mit meinen philosophischen Bergsteigereien ihren alternden Geist verwirren? Mein Leben hatte mich gelehrt: Wenn man die gute Absicht voranstellt, dann den guten Willen folgen lässt, dann einen Blick nach innen auf das Urvertrauen wirft, dann stellt sich eine Lösung aus der Seele kommend von selbst ein, und die ist verlässlich die richtige. So war es auch dieses Mal: „Weißt du, ich bin Alter und Weisheit noch zu fern, dir darlegen zu können, was sein wird, halte aber an dem fest, was du dazu schon immer in dir gefühlt hast, lass’ nicht los von der Überzeugung, es wird so sein, wie du es immer in dir gemeint hast.“ Es huschte jene sanfte Fröhlichkeit wieder über ihr Gesicht: „Danke, du hast mir sehr geholfen, jetzt kannst du wieder gehen.“
Noch ein einziges Mal sah ich sie ganz wenige Tage vor ihrem Tod. Als ich in ihr Zimmer trat, war sie schon sehr gezeichnet. Dennoch, sie erkannte mich sofort, deckte rasch mit beiden Händen ihr Gesicht zu und meinte mit gebrochener Stimme: „Ich bin so hässlich geworden, du sollst mich so nicht in Erinnerung halten.“ Leise ging ich an ihr Bett, schob meine rechte Hand unter ihr Kopfkissen und hob sie ein wenig zum Sitzen an, dabei rutschten ihre Hände von ihrem Gesicht: „Deine Augen strahlen mich noch immer mit diesem wohltuend milden Blick an, sie haben nichts an Glanz verloren, du bist unverändert schön wie früher.“ Da war sie wieder, diese sanfte Fröhlichkeit, für Sekunden nur, aber sie war mir nicht entgangen. „Nun fahr zurück, aber nimm dir viel Ruhe dazu, es ist weit bis in die Schweiz.“ Dann brauchte sie selbst Ruhe, ich fuhr zurück, schon nach diesen wenigen Minuten, doch ich durfte etwas für immer mit mir nehmen: ihren letzten Blick sanfter Fröhlichkeit. Die seidenen Fäden des Du zwischen ihr und mir würden fürderhin in mir weiter-leben.
Sieben Kinder hatte sie.
Ich, ich bin ihr drittes.
Eine Rose auf ihrer beider Grab.