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Wenn es jetzt sein soll, wird es nicht in der Zukunft passieren, wenn es nicht in der Zukunft passiert,
geschieht es jetzt; wenn es jetzt nicht geschieht, wird es später passieren – bereit sein ist alles.
Hamlet
Tragödie von William Shakespeare
Premiere: 09. Oktober 2015 Luzerner Theater
Andreas Herrmann im Gespräch mit Carolin Losch
«Wenn du Charakter hast, dann duld es nicht.»
«Die Zeit ist aus den Fugen. Fluch und Scham / Dass ich zur Welt, sie einzurenken, kam.» So lautet eine der berühmten Zeilen Hamlets. Ist das ein Aspekt, der dich inspiriert?
Ja, sehr. «Duld es nicht» heisst der Auftrag, den Hamlet vom Geist seines verstorbenen Vaters erhält, nachdem dieser ihm eröffnet hat, er sei von seinem Bruder ermordet worden. Für diese Anschuldigung gibt es aber keine objektiven Beweise; ein Geist hat es ihm eingeflüstert, und Hamlet bleibt mit seinem ungeheuerlichen Wissen allein. Wer sind die Geister, die uns heute einflüstern, wie die Vorkommnisse in der Welt zu bewerten sind? Schon bei Shakespeare erscheinen sie, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse labil und die Menschen für überschaubare Erklärungen empfänglich sind. Heute beliefern uns die Medien mit Informationen, Kommentaren und Erregungen, aber wer weiss schon, ob all dies wirklich der Realität entspricht; wir stehen ebenso überfordert da wie Hamlet.
Der neue König Claudius scheint zunächst alles richtig zu machen. Es herrschen stabile Verhältnisse, ein drohender Krieg kann abgewendet werden.
Claudius ist ein Pragmatiker, der sich von machtpolitischen Überlegungen leiten lässt. Durch seine schnelle Heirat mit der Witwe des verstorbenen Königs und der Besteigung des Throns verhindert er ein Machtvakuum. Auch dass er damit die Thronfolge Hamlets von vornherein zu verhindern weiss, scheint auf den ersten Blick zu funktionieren. Aber er hat nicht mit der Verletzung und Empörung gerechnet, die Hamlet umtreibt. Hamlet wird mehr und mehr zur Zumutung für den Hof, seine subversiven Andeutungen und undurchschaubaren Provokationen irritieren zunehmend und lassen die Gewissheit reifen, dass Hamlet gefährlich ist und als Gegner ausgeschaltet werden muss. Hamlet erlebt, wie die politische Elite sämtliche Belange des Lebens instrumentalisiert; Freundschaft, Liebe, Loyalität – alles wird vermeintlichen Notwendigkeiten geopfert. Hamlet glaubt nicht daran, eine kritische Öffentlichkeit mobilisieren zu können, sondern bleibt ein Einzelkämpfer. Seine Opposition ist eine radikal subjektive. Hamlet hat eine übergrosse Aufgabe übernommen, als er glaubte, im Alleingang die Welt «einrenken» zu müssen. Daran geht er zugrunde.
Es gibt ein Stück im Stück: «Die Mausefalle», das von einer fahrenden Schauspieltruppe aufgeführt wird. Es wird ein Giftmord vorgespielt und Hamlet hofft, dass Claudius Reaktionen diesen als Mörder seines Bruders entlarven werden. Hamlets Liebe zum Theater und sein Glaube an seine Kraft erscheint mir folgerichtig. Theater bedeutet für ihn die Möglichkeit einer Utopie, ein Ort des Widerstands gegen die Allmacht des Pragmatismus. Für die «Mausefalle» wird der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson ans Luzerner Theater zurückkehren, dessen Inszenierung von «Peer Gynt» eine wichtige Arbeit für uns war. Er wird mit 30 Laienspielerinnen und Laienspielern Hamlets Theaterexperiment inszenieren.
Pressestimmen
Andreas Herrmann hat mit Shakespears Hamlet ein Stück geschaffen, dessen anpreisende Worte «bereit sein ist alles» wohl vor allem für die Zuschauenden gedacht sind. Machen Sie sich gefasst auf einen entstaubten literarischen Klassiker, gespickt mit textlichen Juwelen, hautnahem Irrwitz – und einer ebenbürtigen Kulisse mit viel viel Nebel, Wind und Licht. (…) Mit der aktuellen Version von «Hamlet» wurde eine dramatisch-skurrile Inszenierung geschaffen, leicht gewürzt mit Langatmigkeit. Doch immer dann, wenn Unruhe auf den Plätzen droht, überkommt die Bühne eine ungeheure Rasanz, die einen genau wieder dort hinpflanzt, wo man hingehört – nämlich starr auf des Staunendens Sitz. Berechenbar unberechenbar. Der Rest ist, wie wir alle wissen, Schweigen. Bravo.
Kulturteil.ch, 11. Oktober 2015
Hamlet wird in Luzern von einer Frau gespielt. Wiebke Kayser ist in der Rolle sehr überzeugend und glaubwürdig. Sie gewinnt im Verlauf des Stücks zunehmend an Format. Sie gibt den Hamlet nicht so sehr als selbstmitleidigen Zauderer, sondern als recht rabiaten, zornigen jungen Mann, der sehr berechnend vorgeht und seinen Plan gnadenlos durchzieht. Hamlet ist ein kaltblütiger Mörder. Eine weitere Besonderheit der Luzerner Inszenierung ist die leer geräumte Bühne. Statt eines konventionellen Bühnenbilds sorgt künstlicher Nebel, der von vier Windmaschinen über die Bühnen hinaus in den Zuschauerraum bis hinauf zu den Rängen geblasen wird, für die notwendige dramatische Atmosphäre. Zusammen mit den Lichteffekten entstehen fantastische Bilder. Der Nebel schafft einen konzentrierten Raum, in dem das Wort seine Wirkung voll entfalten kann. Spektakulär ist auch der Einsatz der riesigen Videoprojektion, die sich jeweils über das ganze Bühnenportal erstreckt. Besonders die riesigen Nahaufnahmen sind von eindrücklicher Wucht.
Zentralschweiz am Sonntag, 11. Oktober 2015
Produktionsteam
Andreas Herrmann Inszenierung
Thorleifur Örn Arnarsson Inszenierung «Die Mausefalle»
Sunneva Ása Weisshappel Künstlerische Mitarbeit und Kostüme «Die Mausefalle»
Max Wehberg Bühne
Sabin Fleck Kostüme
David Hedinger Licht
Carolin Losch Dramaturgie
Fotos Emma Lou Herrmann
Trailer Valentin Pitarch
Besetzung
Christian Baus (Claudius), Jörg Dathe (Polonius, Osric), Hans-Caspar Gattiker (Guildenstern, Totengräber, Reynaldo), Jonas Gygax (Horatius), Wiebke Kayser (Hamlet), Lilli Lorenz (Ophelia), Bettina Riebesel (Gertrud), David Michael Werner (Rosencrantz, Laertes)