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37 Tage dauert es, von der Diagnose bis zum Ende. Das ist kurz, fast nur ein Augenblick, aber für Julian Barnes verändert er alles. Seine Bücher hatte er immer seiner Frau gewidmet, mit der er 30 Jahre verheiratet war.
Jetzt ist es aus, und für Barnes beginnt eine neue Ewigkeit, ein Schmerz, der nicht enden will. Er, der gewohnt ist, alles mit ihr gemeinsam zu machen, ist plötzlich allein.
Ein Gehirntumor hat das Leben von Pat Kavanagh, die aus Südafrika stammt, beendet. Ratlos auf sich gestellt, beginnt Barnes, dessen erstes Pseudonym Dan Kavanagh war, ein Nachdenken über Einsamkeit, Verlust und Trauer.
Und er beginnt noch etwas: eine sehr merkwürdige Erzählung über Aeronautik, über die ersten Luftreisenden und über ihre Aufstiege und Abstürze.
Ballonfahrer und Sarah Bernhardt
Ballonfahrten stehen am Anfang. Barnes erzählt von Nadar, dem berühmten Fotografen, von Sarah Bernhardt, der ebenso berühmten Schauspielerin und ihrer Liebe zu Fred Burnaby, einem britischen Offizier. Sie sind Pioniere der Luftschifffahrt, Ballonfahrer der ersten Stunde, verrückte Amateure.
Leichthändig, fast im Plauderton, berichtet Barnes von ihren Fahrten im Heissluftballon, ihren gelungenen Aufstiegen und halsbrecherischen Landungen. Und er berichtet von der traurigen Liebe ohne Happy End zwischen der Schauspielerin und ihrem Offizier.
Didion und Oates als Vorbilder
«Nichts, was man fürchten müsste», schreibt Julian Barnes 2008 in einem grossen Essay über den Tod. Es ist das Jahr der Diagnose, eine böse Ironie. Später rezensiert er die beiden grossen Verlust-Texte der angelsächsischen Literatur: Joan Didions «Das Jahr des magischen Denkens» und Joyce Carol Oates «Meine Zeit der Trauer».
Auch Didion und Oates haben ihre Partner plötzlich verloren, nach langen Jahrzehnten der Ehe. Beide mobilisieren die besten Kräfte ihres literarischen Vermögens, um den Verlust ebenso eigenwillig wie scharfsinnig zu beschreiben. Ausserordentliche Bücher über das Sterben entstehen, die Barnes vor Augen hat, als er seinen Text beginnt.
«Wüste des Verlusts»
Ballonfahrer stehen bei Barnes am Anfang. Der Autor stellt die kleine Erzählung von Aufstiegen und Abstürzen seiner Elegie über den Verlust voran. In zwei von drei Kapiteln des Buches liest man nur von ihnen, von den leicht verrückten Aeronauten und ihren Liebenshändeln. Warum?
Barnes scheint seinem Text über den Schmerz zu misstrauen. Er will ihn einfügen in eine Erzählung. Das misslingt, ganz entschieden. Die disparaten Inhalte wollen einfach nicht zusammenfinden, wenn Barnes sich auch noch so bemüht, dies zu suggerieren.
Rätselhaft bleibt sein Unterfangen, wenn es ihm erkennbar doch nur um den Verlust gehen kann. Die Luftschiffer sind eine Petitesse, wenn er von der Kartografie seines Lebens nach dem Tod seiner Frau schreibt wie von einer Landkarte des 17. Jahrhunderts: von der «Wüste des Verlusts», der «See der Gleichgültigkeit» oder den «Höhlen der Erinnerung».
Der eindrückliche Versuch bleibt
Der Schriftsteller Julian Barnes findet anrührende Worte, für das, was ihm passiert. «Da macht einfach das Universum seine Arbeit», ist so ein lapidarer, trostloser, genauer Satz. Es gibt viele davon, aber Barnes wollte mehr – und hat weniger bekommen.
Nach seinem virtuosen Roman «Vom Ende einer Geschichte» ist ihm hier etwas misslungen. Eindrücklich bleibt sein Versuch in eigener Sache dennoch.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 16.3.2015, 8:10 Uhr.
Sendehinweis
Mehr zu den wichtigsten Büchern im Juni gibt's im «Literaturclub»: Dienstag, 23. Juni, 22:20 Uhr, SRF 1.
Buchhinweis
Julian Barnes: «Lebensstufen». Kiepenheuer&Witsch, 2015