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Licht und Schatten
Drei bildgewaltige und verheißungsvolle Titel versammelt das für diese CD zusammengestellte Programm: An durchsichtigen Fäden, Concubia nocte und Danse interstellaire. Die Werke, alle durch die Grundbesetzung des Streichquartetts miteinander verbunden, kreisen im Spannungsfeld zwischen Lebensmüdigkeit und Lebensmut, Licht und Schatten, Trauer und Trost. Dabei stehen sie exemplarisch für die musikalische Experimentierfreude und Ausdruckskraft des Komponisten David Philip Hefti, der das Spektrum zwischen Klang und Geräusch, Sensation und Stille, Spannung und Entspannung virtuos auszuschöpfen weiß.
Gleich im ersten Stück, An durchsichtigen Fäden für Mezzosopran und Streichquartett, nach einem Gedicht von Kurt Aebli, kommen diese Aspekte zum Tragen. Der Lyriker widmete sein Werk Endloser Anfang von allem David Philip Hefti, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verbindet. Hefti vertonte es daraufhin zuerst im Auftrag der Tonhalle-Gesellschaft und des Literaturhauses Zürich für Gesang und Violoncello und schrieb erst später eine neue Version für Mezzosopran und Streichquartett. Die Neukomposition widmete er der Sängerin Maria Riccarda Wesseling und dem Amaryllis Quartett, die das Werk am 19. April 2018 in Lübeck uraufführten.
Schon der Beginn des Gedichts verlangt förmlich nach einer musikalischen Interpretation: »Aus Klang entstand die Welt, deshalb sagen die Wissenden, dass sie nicht wissen, deshalb ist ihr Schweigen nie leer, deshalb ist ihr Leersein nie stumm, deshalb ist das Korrekte nie schön, und deshalb ist das Schöne nie korrekt.« Der Schwerpunkt von Heftis Komposition liegt also auf eindrücklichen und charakteristischen Klängen. Die Spielanweisungen für Stimme und Streicher sind expressiv. Während die Sängerin ihren ersten Ton schnalzt und dann unter anderem »Sprechgesang«, »Strohbass« und »Mehrklang« (mehrstimmiger Presslaut) mit ihrer Stimme produziert, spielen die Streicher zum Beispiel arco gettato (den Bogen auf die Seite werfen), col legno battuto (mit der Bogenstange auf die Seite schlagen) und »Sternschnuppen«, was in diesem Zusammenhang bedeutet, dass der Flageolett-Griff während eines Glissandos unverändert bleibt, sodass mehrere Glissandi aufeinanderfolgen. Neben dynamischen Kontrasten, wie zum Beispiel schnellen Wechseln von dreifachem Forte zu zweifachem Piano, spielen Leere und Stille in Form von Generalpausen und Fermaten eine wichtige Rolle. Außerdem stehen die einzelnen Stimmen ständig im Austausch miteinander, übernehmen den Rhythmus oder das Tempo der anderen und emanzipieren sich wieder voneinander. Durchweg prägnant bleibt die Bildgewalt in Heftis Musik, wenn sie Aeblis Zeilen aus dem letzten Satz »wenn ein Stück Stoff, das als Vorhang diente, entzweigerissen wird« mit Obertönen, Kratzen und Klangteppichen kommentiert und damit die ungeschönte Realität und die Erkenntnis und Akzeptanz der eigenen Endlichkeit darstellt.
Aus der Mitte der Nacht erklingt das zweite Stück des Programms. Concubia nocte ist Heftis fünftes Streichquartett und das zweite Werk seines Nachtwachen-Zyklus, der, gemäß seinem Titel, Themen wie Schlaflosigkeit, Traum, Dämmerung, Dunkelheit und Halluzination behandelt. Concubia nocte – Musik zur zweiten Nachtwache entstand im Auftrag des »Zwischentöne« Kammermusikfestivals Engelberg (Schweiz) und ist dem Merel Quartett gewidmet, das das Stück am 26. Oktober 2018 auch zur Uraufführung brachte. In den Monaten nach der Geburt seines ersten Sohnes machte Hefti aus der Schlaflosigkeit eine Tugend und begann seinen Nachtwachen-Zyklus zu schreiben. Entstanden ist, so der Komponist selbst, »eine echte Nachtmusik, oft geschrieben in den dunkelsten Stunden.« Concubia nocte zeichnet sich vor allem durch vierteltönige Harmonien und eine gewisse Rätselhaftigkeit aus.
Wie in den beiden anderen Stücken entstehen die Klangfarben auf der einen Seite durch abrupte Übergänge, von furioso (wütend) zu atmosferico (atmosphärisch) und plötzliche Wechsel gegensätzlicher Dynamiken und Rhythmen. Auf der anderen Seite gibt Hefti den Klängen aber auch Zeit zu entstehen, indem er einzelne Töne an- und wieder abschwellen oder hervorstechen und strahlen lässt. Die Stimmung changiert dadurch ständig zwischen Mysterium und Überraschung. Gegen Ende vollzieht das Stück eine unerwartete Wendung. Durch die Spielanweisung Scordatura der Streicher, die ihr Instrument umstimmen, ertönt ein anderer Ton als der, der gespielt wird. Außerdem spielen die Musikerinnen und Musiker arco inverso, das heißt mit dem Bogen unterhalb der Saiten, sodass die höchste und die tiefste Saite gleichzeitig gestrichen werden können. Der daraus resultierende Klang des Streichquartetts erinnert an das Streichpsalter, eine Weiterentwicklung des mittelalterlichen Psalters, Vorläufer späterer Zupfinstrumente wie Zither, Harfe und Cembalo. Darüber hinaus dienen Flageolette und Glissandi der Überleitung in den Schluss des Stücks. Denn wie an durchsichtigen Fäden wird der Klang ins Licht gezogen und entfaltet sich plötzlich als C-Dur-Akkord. Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein, als ginge die Sonne auf und vertreibe die bösen Geister der Nacht. Hefti lässt den Akkord zwei Minuten lang stehen – Zeit, die das Stück braucht, um die Stabilität und Zuversicht zurückzugewinnen, auf die man kaum mehr zu hoffen wagte.
Die scheinbar widersprüchlichen Gegensätze Trauer und Trost vereint Hefti in Danse interstellaire, seiner »Trauermusik für Bassettklarinette und Streichquartett«, die dem Andenken seiner Mutter gewidmet ist. Komponiert 2014 im Auftrag der Mozartgesellschaft Schwetzingen, wurde das Werk am 3. Oktober 2015 von Nikolaus Friedrich und dem Amaryllis Quartett uraufgeführt. Das Stück setzt den Schlusspunkt des CD-Programms und drückt die untrennbar miteinander verbundenen Extreme Licht und Schatten wohl am treffendsten aus. Die Klarinette repräsentiert die Vergänglichkeit, indem sie die Streicher oft alleine lässt, sodass immer wieder reine Streichquartett-Passagen entstehen. Wieder arbeitet Hefti mit der Abwesenheit von Klang und damit mit der Bedeutung von Leere und Stille.
Vereinzelte, leise Töne und die Tremoli der Streicher erzeugen eine gespenstische Stimmung, als wäre ihnen mit der Klarinette auch die Orientierung abhandengekommen. Ab und an blitzt die Klarinette jedoch wieder mit ihrem liedhaften Ton (cantabile) auf und klingt wie eine schöne Erinnerung. Oder aber sie bricht mit dreifachem Forte, furioso (wütend) und mit schnellen hohen Bewegungen hervor und schraubt sich mit den Streichern in schwindelnde Höhen. Am Ende hört man die Klarinette »durch das Instrument einatmen«. Das Atemholen wird zum Kraftakt, das Weiterleben zur Herausforderung. Die Streicher spielen »tonlos auf dem Steg«, die »linke Hand dämpft die Saiten«. Sie bleiben verloren und nahezu leblos zurück.
Doch ähnlich wie Concubia nocte vollzieht das Stück gegen Ende eine unerwartete Wendung. Denn in das Vakuum mischt sich plötzlich wieder die Bassettklarinette, dolce und atmosferico (süß und atmosphärisch), und leitet in eine bekannte Musik über: Bachs Invention Nr. 11 in g-Moll. Ab Takt 244 von Heftis Danse interstellaire erklingen die Töne dieser Miniatur mit einigen vorsichtigen Anpassungen, bearbeitet für Streichquartett und Bassettklarinette. Wo die Trauer ins Unermessliche steigt und dem Komponisten die Worte fehlen, drückt Bachs Werk, das für Hefti »Zuversicht und Trauer zugleich« bedeutet und mit dem Tod seiner Mutter eng verknüpft ist, das Unaussprechliche aus. Am Ende übernehmen die Streicher das cantabile der Klarinette – ein Hoffnungsschimmer.
Über allen drei Werken liegt ein großer Schatten. Dunkle, melancholische, traurige und sogar verzweifelte Töne werden angestimmt. Und doch streben die Kompositionen ins Leben, zum Licht. David Philip Heftis Musik trotzt der Schwermut mit Optimismus und Lebensfreude und zeigt auf virtuose Art und Weise, dass jeder Schatten eben auch ein Wegweiser zum Licht ist.
Deborah Maier
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