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Wirtschaft
Institutionenökonomik für Fortgeschrittene
Das Forschungsprogramm "Neue Institutionenökonomik" hat in den letzten vier Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung gewonnen und inzwischen gehört es unter Ökonomen fast schon zum Common Sense, dass Institutionen für das Verständnis wirtschaftlicher Vorgänge eine wichtige Rolle spielen. So hat beispielsweise der IWF erkannt, dass er in früheren Jahren bei seinen Reformauflagen für ökonomisch instabile Volkswirtschaften deren spezielles institutionelles Umfeld zu wenig beachtet und ihnen relativ undifferenzierte "Patentrezepte" verschrieben hatte.
Institutionen sind Verträge und Regeln einschließlich ihrer Durchsetzungsmechanismen. Sie beeinflussen das Verhalten von Akteuren in Wirtschaft und Politik. Doch wie genau wirken Institutionen auf das beobachtbare Verhalten von Individuen und Organisationen und welche Institutionen sind eher geeignet, gesellschaftlich positive Ergebnisse zu erreichen? Antworten zu solchen Fragen liefert das vorliegende Lehrbuch der VWL-Professoren Mathias Erlei (TU Clausthal), Martin Leschke (Uni Bayreuth) und Dirk Sauerland (Uni Witten/Herdecke). Im Anschluss an das erste Kapitel, in denen die Ökonomik als Sozialwissenschaft und die Institutionen als Gegenstand ökonomischer Analysen vorgestellt werden, befasst sich der erste Teil des Buches in drei Kapiteln mit der Analyse der Institutionen im Markt und der zweite Teil in fünf Kapiteln mit den Institutionen im politischen Sektor.
Teil 1 widmet sich zunächst der Prinzipal-Agent-Theorie unter dem Blickwinkel der Messkosten (Transaktionskosten). Hierbei geht es um Kosten der Messung wirtschaftlicher Aktivitäten, d. h. Kosten, welche bei der Anbahnung und Abwicklung von Transaktionen entstehen. Danach werden die Governance-Kosten vor dem Hintergrund der Grenzen der Firma analysiert. Darunter versteht man Kosten, welche entstehen, wenn opportunistische Akteure versuchen, Abhängigkeiten von Transaktionspartnern auszunutzen. Im Zentrum steht die Erklärung organisatorischer Lösungsmöglichkeiten zur Absicherung von Investitionen, die eine und mehrere Vertragsparteien an die jeweils anderen Tauschpartner in verschiedenen Formen binden. Hierzu werden sowohl einführende, überwiegend verbale Modelle referiert als auch vollformale Modellierungen einzelner Aspekte. Den Abschluss bildet ein Ausblick auf weitere Themen und Problemstellungen der Institutionen im Markt. Untersucht werden insbesondere Reputation, Institutionen und Wettbewerb, Institutionen und Marktphasen sowie Fragen der Regulierung.
Teil 2 beginnt mit der Institution des Rechts, vor allem mit den Grundlagen der Property-Rights-Theorie, der Bedeutung von Verfügungsrechten vor dem Hintergrund der Analyse von Ronald Coase sowie der Wirkung grundlegender Haftungsregeln und des Wettbewerbsrechts. Danach wird die Legitimation staatlichen Handelns im Bereich der Wirtschaft aufgegriffen. Dazu werden mögliche Koordinationsprobleme bei der Bereitstellung öffentlicher Güter beschrieben, welche zu einem Marktversagen führen, das durch staatliches Handeln überwunden werden kann. Anschließend wird das Verhalten der wichtigsten Akteure bzw. Akteursgruppen im politischen Prozess analysiert. Betrachtet man jedoch die Realität, so fallen immer wieder Abweichungen des politischen Handelns von den ökonomisch sinnvollen "Bereitstellungsempfehlungen" auf. Staatliches Handeln lässt sich so als Kette von Prinzipal-Agenten-Beziehungen beschreiben, welche das Phänomen des Staatsversagens als Analogon zum Marktversagen begründen kann. Eine weitere Anwendung der Transaktionskosten- sowie Prinzipal-Agent-Theorie analysiert Vor- und Nachteile sowie Kosten von Wettbewerb und Kooperation in gegliederten politischen Systemen wie z. B. der EU und der BRD. Problemstellungen der ökonomischen Theorie der Verfassung (Constitutional Economics) und die Frage, wie sich die Institutionen auf die wirtschaftliche Entwicklung einer Gesellschaft auswirken, stehen im Fokus der beiden letzten Kapitel des Buches.
Für die vorliegende Neuauflage wurde das Kapitel zur formalen Governancekostentheorie vollständig neu geschrieben, so dass die Darstellung jetzt auch den Referenzpunktansatz und einen anderen Zugang zur Theorie unvollständiger Verträge umfasst. Das Kapitel zu den Institutionen im politischen Sektor wurde umgearbeitet und um die Bereiche Haftung, Korruption, Akzeptanz von Marktwirtschaft sowie Regulierung und Messung von Freiheit ergänzt. Des Weiteren wurden die Literaturquellen aktualisiert bzw. ergänzt. Die Fallstudien zur deutschen Verfassung und zur EU wurden hingegen gestrichen, um das Werk nicht zu überladen.
Diese dritte Auflage erscheint im neuen ansprechenden Layout und weist am Ende eines jeden Kapitels zentrale Begriffe und Kontrollfragen zur Sicherstellung einer eigenständigen Lernzielkontrolle auf. Das anspruchsvoll verfasste Lehrbuch fächert das gesamte Themenspektrum der modernen, mikroökonomisch ausgerichteten Institutionenökonomik auf und kann (eher nur) fortgeschrittenen Studenten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zur Lektüre bestens empfohlen werden.