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Für dasselbe 3500% mehr bezahlen?
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- Erstellt: Mittwoch, 01. Februar 2023 15:21
Stell Dir vor, Du kommst in einen Schuhladen und siehst ein Paar Schuhe, das Dir gefällt. Es kostet 200 Franken. Daneben steht ein weiteres Paar, es sieht genau gleich aus, scheint von gleicher Beschaffenheit zu sein, aber es kostet 7000 Franken. Die Verkäuferin bestätigt: es gibt keinen qualitativen Unterschied zwischen den beiden Paaren. Eigentlich kann das in einer wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft nicht vorkommen. Wer ist so blöd, das qualitativ nicht überlegene, fünfunddreissig Mal teurere Paar zu kaufen? So blöd (oder Kapitalinteressen-getrieben) waren National- und Ständeräte in den 1970er Jahren, die eine Altersvorsorge (2. Säule), etwa so, wie wir sie heute haben, abgesegnet haben.
Im Fall der Altersvorsorge handelt es sich nicht um ein Paar Schuhe, sondern um den Rentenfranken, der ausbezahlt wird. Wenn man die gesamten jährlichen Verwaltungskosten auf die ausbezahlten Rentenbeträge umlegt, dann ist der einzelne Rentenfranken der 2. Säule mehr als fünfunddreissig Mal stärker durch Verwaltungskosten belastet als der Rentenfranken der 1. Säule (AHV). Wie ist es möglich, dass man in einer kompetitiven Wirtschaft eine Lösung einführt und beibehält, die mehr als 3500% teurer ist als das zuerst eingeführte Konzept der AHV?
Vor Jahren kursierte das von Rudolf Strahm lancierte Schlagwort des Rentenklaus. Das trifft das Problem nicht. Dazu die folgende Überlegung: Wenn ein junger Mensch von 25 Jahren einem Treuhänder 10'000 Franken in die Hand drückt und sagt: hüte mir dieses Geld, leg es an. In vierzig Jahren komme ich und hole es wieder ab, selbstverständlich mit einem ordentlichen Zins dazu. Dieses Geldhüten während vierzig Jahren kostet. Es sind die Kosten des BVG. Währenddessen die AHV Geld einnimmt und es mit einem kleinen Verzug als Renten wieder ausgibt. Gehütet wird hier fast nichts.
Nicht nur das Geld hüten kostet viel mehr, auch die Administration der Versicherten. Gemäss H.U. Schöchli in der NZZ vom 26. Januar 2023 braucht das BVG etwa ein Viertel der Verwaltungskosten für Verwaltung im engeren Sinn «(zum Beispiel die Verarbeitung von Mutationen wie etwa Stellenwechseln)». Das wären 1425 Millionen Franken, während die Verwaltungskosten bei der AHV nur 219 Millionen ausmachen. Auch dies ist unglaublich in einer kompetitiven Wirtschaft. Aber klar: hier müssen nicht nur Adressen bei Wohnortwechsel mutiert werden. Wenn jemand die Stelle wechselt, muss ihm (bzw. seiner neuen Pensionskasse) auch das Sparkapital hinterhergeschickt werden.
So weit einige Fakten der Ineffizienz, mit denen kein Propagandist dieses Systems hausieren geht. Dass diese Fakten nicht an die Öffentlichkeit gehören, macht Peter Wirth, Redaktor des Vorsorgeforums (www.vorsorgeforum.ch), in seinem Newsletter vom 30.1.2023 gleich klar: «Das vor allem in Kreisen der 2. Säule-Skeptiker beliebte Thema der Verwaltungskosten von Pensionskassen wurde jetzt – aus nicht ganz erfindlichen Gründen – von der Eidg. Finanzkontrolle aufgegriffen.» Unerfindlich, weil es sich um eine Bagatelle handelt? Die BVG-Verwaltungskosten beanspruchen ja «nur» etwa 1% der gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung der Schweiz. Nein, unerfindlich, weil die einzelnen Pensionskassen ihre Verwaltungskosten von Gesetzes wegen erfassen und in ihren Jahresberichten publizieren müssen. Und diese Jahresberichte lesen die Aufsichtsorgane, sonst kaum jemand. Was will da also die Finanzkontrolle mit einer überflüssigen Publizität schlafende Hunde wecken?
Der Zufall wollte es, dass ich mich vor ein paar Wochen genau um dieses Thema kümmerte. Aufgrund der Zahlen des Bundesamts für Statistik kam ich auf Verwaltungskosten von 5.7 Mrd. Da liegen die Zahlen der Eidgenössischen Finanzkontrolle mit 6.8 Mrd. doch deutlich höher. (In diesem Beitrag verwende ich meine recherchierten, etwas tieferen Zahlen.) Zur Grössenordnung: 2021 betrugen die gesamten Leistungen der öffentlichen Hand an die SBB ca. 4 Mrd Franken.
Abwiegeln à la Peter Wirth ist die eine Reaktionsweise. Anders ist diejenige von Hansueli Schöchli von der NZZ. Ihm geht’s um Freiheit, Selbstverantwortung undsoweiter. All diese hehren Werte sind mit der 2. Säule (im Unterschied zur AHV) verknüpft. Um die hohe Wertschätzung für die 2. Säule besonders deutlich zu machen, muss er zuerst einmal die AHV in den Dreck ziehen: «Die AHV ist ein Pyramidensystem.» Damit verwendet er einen Begriff, der für das denkbar Übelste im Finanzmarkt seht. Ein Pyramidensystem hatte Bernard Madoff betrieben und dabei etwa 50 Mrd. Kundegelder verzockt. (Der Basler Dieter Behring brachte es nur auf etwa 800 Millionen.) Madoff hatte immer neue Kundegelder mit hohen Verzinsungsversprechungen entgegengenommen und die Zinsen mit den Einzahlungen neuer Kunden beglichen. Ein Pyramidensystem funktioniert nur auf Zeit und solange völlige Intransparenz besteht, was beim AHV-Umlageverfahrene nicht zutrifft. Hier spricht man von einem Generationenvertrag und Umlageverfahren: Heute Erwerbstätige zahlen die Renten von heute über 64- bzw. 65-Jährigen. Meine Mutter hatte nie in die AHV einbezahlt, aber eine AHV-Rente erhalten. Damals polemisierte niemand dagegen, dass die Jungen für die Alten aufzukommen hätten. Denn das war ja gerade die Philosophie der AHV. Heute ist die Klage über die Belastung der Jungen durch die Alten ein beliebter Topos der bürgerlichen Presse. Der Wahrheitsgehalt dieser Klage ist beschränkt. Weil bei der Einführung der AHV Produktivität mit Arbeitsleistung einherging, wurde die AHV mit Lohnabzügen finanziert. Mit der Zeit wurde immer mehr Arbeit durch Kapital ersetzt (Produktivitätsfortschritte, Rationalisierung). Die verblendeten Sozialpolitiker blieben aber in den 1950-er Jahren stehen, klagten und klagen, es müssten immer weniger Arbeitstätige für immer mehr Rentner aufkommen (genannt: «demografisches Problem). Konsequent wäre ja, die Wirtschaftsleistung und nicht die Löhne zur Basis der AHV-Finanzierung zu machen, was tatsächlich auch mit einem Mehrwertsteuerbeitrag ein Stück weit geschieht. Dieser Weg ist weiterzugehen. Das Gejammer über den Wegfall von Lohnbeiträgen, das «demografische Problem», ein Stichwort, das auch H.U. Schöchli liebt, ist obsolet. Das Schlagwort des Pyramidensystems, das als Finanzbetrug gilt, ist eine ganz üble, sachlich nicht gerechtfertigte Diffamierung des Sozialwerks AHV, die sich Schöchli hier leistet.
Ebenso systemfremd und letztlich eine Demontage des Konzepts AHV ist das Aufzeigen einer Finanzierungslücke der AHV, die sich auf einen Betrag von weit über 1000 Milliarden belaufe. Bei dieser Zahl am Werk ist der Freiburger Professor Raffelhüschen, gerufen von der UBS. Diese Zahl errechnet sich mit dem sogenannten Barwert der in Zukunft fälligen Renten. Der Barwert ist der Betrag, der notwendig ist, um zukünftige Renten heute zu finanzieren.
Welche ideologische Fracht im Artikel von Schöchli steckt, zeigt die folgende Schrotladung: «Welche Säule man ‹besser› findet, ist eine Frage der politischen Wertung. Wer Selbstverantwortung als Schimpfwort empfindet und die versteckte Umverteilung von Jung zu Alt und von oben nach unten mag, ist an einem möglichst starken Ausbau der AHV und an einer Schwächung der zweiten Säule interessiert. Das gehört seit langem zum Programm der Linken.»
Das heisst zunächst einmal: 5.7 Mrd Verwaltungskosten, wenn 219 Mio eigentlich reichen würden, ist o.k. und offenbar kein Aspekt rationaler Urteilsbildung. Die Kritik ist ideologisch motiviert. Für Schöchli sind nicht Kosten, sondern Selbstverantwortung wichtig. Nur unterscheiden sich die beiden Systeme gerade in dieser Hinsicht nicht. Obligatorische BVG-Lohnabzüge werden nicht selbstverantwortlicher geleistet als obligatorische AHV-Lohnabzüge. Die Umverteilung von Jung zu Alt ist kein linkes Postulat, sondern ein Konstruktionsfehler des BVG. Und die Umverteilung von oben nach unten? Mögen die Armen doch länger arbeiten, wie es Bernd Raffelhüschen vorschwebt. (Focus 9.1.2023)
In Bezug auf die deutschen Renten, die sich im Bereich von 809 Euro (Frauen) und 1218 Euro (Männer) bewegen, meint Professor Raffelhüschen: «Wir würden das straffen müssen, so dass das das Rentenniveau auf 40 bis 41 Prozent [von plus/minus 1000 Euro Monatsrente!] fallen muss.» Rentnern, die an der Armutsgrenze leben, müssen Hilfestellungen gegeben werden, findet Raffelhüschen. Hilfestellung wie? Raffelhüschen, Experte und Berater grosser Versicherungsgesellschaften, auch immer wieder beigezogen von der UBS, hat eine tolle Idee: «indem sie [die Rentner] auch zum Beispiel länger arbeiten.» Hilfe zur Selbsthilfe sei immer das beste Instrument. Außerdem müsste das Renteneintrittsalter auf 68 oder 69 Jahre angehoben werden.
Oder vielleicht würden sich die dem Existenzminimum entlangvegetierenden Schweizer auch von Gerhard Schwarz, dem früheren Wirtschafts-Chefredaktor der NZZ trösten lassen, der kürzlich (NZZ 27.12.2022) feststellte, «dass die Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz – selbst die einkommensschwächsten – im Weltvergleich zur Oberschicht gehören» – nur dumm, dass sie auch schweizerische Oberschicht-Lebenskosten, im Weltvergleich zu den höchsten gehörend, zu bestreiten haben.
«Die zweite Säule ist grundsätzlich eher ‹nachhaltig›», meint Schöchli. Wer die beiden Vorsorgesysteme mit einem Tunnelblick betrachtet, mag zu diesem Urteil kommen, der sich auf den mittelfristigen Saldo von Einnahmen und Ausgaben beschränkt – aber eben auch nur, wenn der Rentenumwandlungssatz und allenfalls auch das Rentenalter der steigenden Lebenserwartung angepasst werden. Nur, wenn …. Dabei die volkswirtschaftlichen Implikationen von über 1000 Milliarden Franken Sparkapital beim Begriff der Nachhaltigkeit der 2. Säule einfach auszublenden, wirkt aber doch recht naiv. 200 Mrd Franken sind in Immobilien angelegt. Damit sind sie ein wichtiger Druck-Faktor im schweizerischen Immobilienmarkt, der die Preise (und damit die Mieten) zum Steigen bringt. Hier treffen die Preise plötzlich wieder auf Rentner, die diese in die Höhe gepushten Mieten zu zahlen haben. 300 Mrd Franken sind an den Börsen angelegt. Zusammen mit den weltweit zunehmenden, auf Kapitaldeckung aufbauenden Vorsorgesystemen sind die Vorsorgekapitalien ein Faktor auf dem Finanzmarkt, der die Kurse zum Steigen bringt – einfach aufgrund der Nachfrage. Auch hier spielen Marktwerte eine Rolle, denen nur eingeschränkte realwirtschaftliche Wertbildungen zugrunde liegen. Erfahrungsgemäss haben solche Entwicklungen tendenziell den Charakter von Blasen und sind dementsprechend nicht nachhaltig.
Dies sind nur wenige Andeutungen, die zeigen, dass es bei der Kritik der 2. Säule nicht einfach um linke Polemik geht, sondern um ernsthafte Bedenken aus realwirtschaftlicher Sicht. Der implizite Vorwurf, Kritik an der 2. Säule sei ideologischer Natur, fällt auf den rechten Polemiker zurück.
Anmerkung: Als ehemaliges Stiftungsratsmitglieder der CoOpera-Sammelstiftung bin ich selber Profiteur des Systems 2. Säule.