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Sie brachte die grössten Genies ihrer Zeit um den Verstand. Und sie war die Muse und die Traumfrau des Dichters Rainer Maria Rilke: Lou Salomé. Doch Rilke war nicht der Einzige, der ihr verfallen war. Der grosse Philosoph Friedrich Nietzsche wollte am Ende nur noch wie ein Paket in einem Zimmer von Lou Salomés Haus abgesetzt werden. Und Sigmund Freud, der Wiener Psychologe und Begründer der Psychotherapie, hatte Lou Salomé vergöttert als die „Versteherin par excellence“. Andere herausragende Männer jener Zeit sind für Lou Salomé gar freiwillig aus dem Leben geschieden. Doch wer war diese geheimnisvolle Frau eigentlich? Was war das Geheimnis der Muse, welche die grossartigsten Männer des 19. Jahrhunderts fast um den Verstand brachte?
Lou Salomé hinterliess nicht nur eine ganze Deponie von gebrochenen Herzen, selber hatte sie als Schriftstellerin und als Psychoanalytikerin viel bewegt. Lou Salomé konnte sich wie keine andere in Männer einfühlen. Sie hatte ihre Männer analysiert und gecoacht. Einige Literaturhistoriker sind gar der Meinung, dass der grosse Dichter Rainer Maria Rilke seine Stimme als Dichter vielleicht gar nie gefunden hätte, wäre er nicht durch die Liebe von Lou Salomé zum Dichten gekommen. Sie hatte Rilke als Muse nach Berlin und nach Russland begleitet. In seiner Verliebtheit hatte Rilke sogar seinen Vornamen geändert. Hatte er zuvor René geheissen, nannte er sich nun Rainer, und er verbrannte in Russland alles, was er bis anhin geschrieben hatte. Vor allem Liebesgedichte waren fortan die Stoffe, aus denen seine Träume waren.
„Du warst das Zarteste, das mir begegnet, das Härteste warst Du, mit dem ich rang“.Rainer Maria Rilke in einem Brief an Lou Salomé aus dem Jahr 1901.
Mit dem Dichter Rainer Maria Rilke ging Lou Salomé eine Liebschaft ein, die drei Jahre lang dauerte, von 1897 bis 1900. Einige seiner schönsten Gedichte sind Lou gewidmet. Trotzdem hatte Lou Salomé den grossen Dichter Rilke eines guten Tages einfach sitzen lassen, auf dem Zug-Perron zu Sankt Petersburg war es, und sie hat sich auf und davon gemacht. Warum? Um – nach ihren eigenen Worten – weiter und weiter zu wachsen.
Im richtigen Moment adieu sagen – das war ein wichtiges Element ihres Erfolges. Auf dem Höhepunkt der gegenseitigen Zuneigung hatte Lou Salomé eine Liebesbeziehung regelmässig abgebrochen. Für sie galt, dass nur „die unvollendete Liebeserfahrung einen durch nichts zu überbietenden Zauber“ hat. Treue – das war definitiv keine Kategorie für Lou Salomé.
„Ich möchte frei sein, unabhängig. Ein Mann und Kinder lassen sich damit nicht vereinbaren. Wir können doch Freunde bleiben! Stellen Sie sich einfach vor, ich wäre ein Mann!“Lou Salomé
Lou Salomé – nein, so ein echter „Vamp“, der die Männer mit den Waffen einer Frau um ihren Verstand bringt, so ein männermordender Vamp war sie nicht. Im Gegenteil. Sie setzte auf ihre Intelligenz, ganz nach dem Motto „Intelligenz macht sexy“. Mit ihrem IQ hatte sie bei den Männern gepunktet. Sie verwickelte ihre Männer in intellektuelle Diskussionen, bis diese buchstäblich hin und weg waren. Und immer versuchte Lou Salomé auch, eine dunkle Seite von sich selber zu bewahren. Denn zu einer interessanten Persönlichkeit gehört eine dunkle Seite, ein Mysterium, ein Geheimnis.
Einer hatte es dann schlussendlich doch geschafft, Lou Salomé in den Hafen der Ehe zu lotsen. Aber wie! Am Vorabend der Verlobung setzte er sich mit ihr an den Tisch und rammte sich vor ihren Augen als Liebesbeweis ein Taschenmesser in die Brust. So erzwang er das „Ja“ von Lou Salomé, er, der Sprachprofessor Friedrich Carl Andreas. Nach diesem Ereignis legte sich Salomé einen neuen Namen zu: Lou Andreas Salomé.
Lou Salomé – wieder entdeckt. Noch 1912 war Lou Salomé in aller Leute Munde. Sie war nach Wien gelangt, um dort aus erster Hand – bei Sigmund Freud persönlich – die Psychoanalyse zu erlernen. Nebst Freud machte sie sich auch noch mit fast allen Psychoanalytikern ihrer Zeit bekannt, etwa auch mit Alfred Adler. Als eine der ersten Frauen praktizierte sie die Freud’sche Psychoanalyse. Direkt nach ihrem Tod im Jahr 1937 beschlagnahmte die Gestapo alle ihre Bücher, weil sie als Psychoanalytikerin eine angeblich „jüdische Wissenschaft“ praktiziert habe. Erst in den 1970er- und 1980er-Jahren wurde Lou Salomé wiederentdeckt. Frauenbewegungen waren es, die Lou Salomé als Identifikationsfigur feierten. Andere bejubelten sie als Antifeministin. Lou Salomé – zwiespältig und faszinierend. Eine Frau wie die dunkle Seite des Mondes. Eine Muse, deren Geheimnisse bis heute nicht restlos offenliegen.
Text, Bild und Radiosendungen: Kurt Schnidrig