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Die Menschen tun es. Der Goldfisch im Glas tut es eher nicht. Die Bienen auch nicht. Aber der kleine Bär tut es. Die Fuchskinder tun es, und auch der junge Delphin und die Löwenbabies tun es: sie spielen.
Warum tun sie's?
Die biologische Antwort ist einfach: «Eine Erbanlage, die zum Spielen motiviert, muss ihrem Träger einen massiven Selektionsvorteil einbringen», schreibt der Verhaltenswissenschafter Norbert Bischof. Im Spiel, so die Verhaltensforschung, bereitet sich das junge Tier auf den Ernst seines späteren Lebens vor, es lernt spielerisch, was es später einmal können muss. Die Vererbung eines «Spieltriebes» zum Erwerb von Verhaltensweisen, die für das Überleben notwendig sind, muss sich im evolutionären Selektionsprozess als wirkungsvoller erwiesen haben als die Vererbung bloss instinktiv verankerter Verhaltensmuster.
Die Komplexität der Umwelt, mit der höhere Lebewesen wie Vögel und Säugetiere umgehen, verlangt flexible Reaktionsmöglichkeiten, deren Einübung durch das Spiel optimal ermöglicht wird. Was dem unbedarften Beobachter als freie und nutzlose Tätigkeit erscheint, erweist sich in evolutionärer Perspektive also als überaus zweckmässige Anpassungsleistung. Möglicherweise existiere das Phänomen Jugend im Tier- inklusive Menschenreich überhaupt nur zum Zweck des Spiels, mutmasste Ende des 19. Jahrhunderts der deutsche Psychologe Karl Groos.
Im Unterschied zu den meisten Tieren geht die Spielneigung beim Menschen auf dem Weg zum Erwachsenwerden nicht verloren; hinsichtlich des Spiels bleibt der Mensch also ein ewiges Kind. Die Dauerspielleidenschaft des Menschen, so müsste man evolutionspsychologisch folgern, wurde ein Merkmal der natürlichen Selektion, weil sie es ermöglichte, die Variationsvielfalt in den Reaktionen auf die Anforderungen der Umwelt noch einmal in bisher nicht gekanntem Mass zu steigern, nämlich hin zur Kultur.
Die menschliche Kultur erscheint in dieser Hinsicht einerseits als evolutionärer Sprung, andererseits aber als Fortführung einer evolutionären Tendenz, die bereits im Spiel der Tiere beobachtet werden kann. Die evolutionspsychologische Erklärung des Spieltriebs ist eine funktionale: Wer spielt, gewinnt einen Vorteil im «survival of the fittest».
Die Spiel-Lust steht also im Dienste des Spiel-Nutzens. Oder anders ausgedrückt: Die Lust ist dazu da, damit wir gerne und möglichst ungehemmt tun, was wir ohnehin tun müssen, um uns in der Evolution zu behaupten.
Wenn Psychoanalytiker vom Spiel sprechen, denken sie in der Regel an ein Konzept, das Freud in einem kleinen Aufsatz über den «Dichter und das Phantasieren» entworfen hat, in welchem er die künstlerische Produktion aus dem kindlichen Spiel ableitet: Der Gegensatz zu Spiel, schreibt er dort, laute nicht Ernst, sondern Wirklichkeit. Im Spiel werde ein Raum jenseits der Realität geschaffen. Spielen bedeute handelndes Phantasieren. Es habe für das Kind dieselbe Bedeutung wie der Tagtraum für den Erwachsenen. Das Spiel unterstehe der Funktionsweise des Lustprinzips; und in dem Masse, wie im Prozess der psychischen Entwicklung dieses Lustprinzip durch das Realitätsprinzip modifiziert wird, verlagere sich das Spiel mehr und mehr auf die innere Bühne der vor den anderen verborgenen Phantasie.
In dieser Sichtweise erscheint das Spiel als eine Stufe in der psychischen Entwicklung, welche freilich niemals vollständig aufgegeben wird. Das Spiel ist mehr oder minder geheimes Theater mehr oder weniger verborgener Wünsche und als solches Katharsis und Kompensation zugleich. Melanie Klein ging in ihrer Behandlungstechnik schliesslich so weit, auch die Einfälle und Erzählungen der erwachsenen Analysanden als eine Form des Spiels mit dem Analytiker aufzufassen - so wie sie das Spiel ihrer Kinderpatienten als deren spezifische Art zu assoziieren verstand.
Diese entwicklungspsychologische Konzeption des Spiels steht in keinem Gegensatz zur evolutionspsychologischen, auch wenn sie andere Akzente setzt. Ich möchte indessen auf eine andere «Theorie» des Spiels bei Freud hinweisen, welche lediglich aus einigen beiläufigen Bemerkungen zum Spiel besteht und gewiss mehr Fragen aufwirft als plausible Erklärungsmodelle anbietet; eine Theorie, die weniger die Dynamik einer Entwicklung des Subjekts als vielmehr die seiner Verwicklung in einander störende Tendenzen im Auge hat.
Im Rahmen seiner Theorie des Witzes bezieht Freud sich auf Karl Groos, wenn er schreibt, das Spiel folge «wahrscheinlich einem der Triebe, welche das Kind zur Übung seiner Fähigkeiten nötige»; das heisst, dass das Spiel im Dienst der Selbsterhaltung steht. Dabei aber stösst es auf etwas, das in dieser Funktion des Spiels nicht aufgeht, nämlich «auf Lustwirkungen, die sich aus der Wiederholung des Ähnlichen, aus dem Wiederholen des Bekannten ergeben». Was also als triebhaft motivierte Anpassungsleistung seinen Anfang nimmt, wird in dieser Funktion sogleich gestört, indem es unter die Herrschaft des Lustprinzips gerät.
Lust und Zweck geraten in einen Widerspruch. Die Lusteffekte, welche das Kind zum Spielen antreiben, entsprechen nun nicht mehr dem ursprünglich unterstellten Trieb zur spielerischen Einübung neuer Fähigkeiten, sondern der Lust an der Wiederholung. Der nützliche Trieb, sich auf lebensnotwendiges Verhalten spielerisch vorzubereiten, wird damit in eine Richtung gedrängt, die der Logik natürlicher Zweckmässigkeit («Kompetenzerweiterung») widerstrebt.
Diesem angeblich ganz dem Lustprinzip unterstellten «Spiel macht die Erstarkung eines Moments ein Ende, das als Kritik oder Vernünftigkeit bezeichnet zu werden verdient». Es muss also erst eine neuerliche Störung in Erscheinung treten, um der ersten Störung des triebhaft-zweckmässigen Verhaltens entgegenzuwirken. Erwachsenwerden heisst Umwege begehen. Zunächst ist es die Lust, die der nützlichen Funktion entgegenwirkt; und erst, wenn das Lustprinzip gehemmt wird, kann die Lust sekundär wieder zum Motor des Nützlichen werden: «Bekanntlich ist auch das Nützliche nur ein Umweg zur lustvollen Befriedigung.»
Zwar stellt Freud seine eigene psychoanalytische Arbeit in eine Reihe mit der Darwins, und nichts würde ihm darum ferner liegen, als die evolutionäre Kontinuität zwischen Mensch und Tier abzustreiten. Aber zugleich ist die psychoanalytische Anthropologie alles andere als eine neodarwinistische «adaptive story», die vom Anpassungsnutzen eines Verhaltens erzählt. Statt dessen betont sie immer wieder das Unzweckmässige im Zweckmässigen, den Rest Disfunktionalität, der nicht nur in jeder Funktion enthalten ist, sondern diese in einem bestimmten Sinne erst ermöglicht.
Freuds Überlegungen zum Zusammenhang von Spiel, Trieb, Lust und Lustprinzip eröffnen damit nicht bloss eine Perspektive jenseits des heutigen ideologischen Mainstreams, welcher die zwanglose Harmonie des Angenehmen mit dem Nützlichen, des Spielerischen mit dem Innovativen, der Enthemmung mit dem Fortschritt und des Zweckmässigen mit dem Lustvollen verkündet. Und sie korrigieren auch nicht nur die Commonsense-Ansicht von der Hemmung als einer lästigen Störung. Sie werfen vielmehr Probleme auf, die weit über das Thema des Spiels hinaus von Bedeutung sind, denn sie kreisen um den inneren Zusammenhang von Lust und Hemmung.
Zwei blinde Flecken in Freuds Theorie des Spiels fallen auf. Erstens stimmt es ganz offensichtlich nicht, dass der Heranwachsende zu spielen aufhört und sich mit der Tagträumerei als Ersatz begnügt. Freuds forsche Behauptung ist umso erstaunlicher, als er selber ein passionierter Spieler war. Regelmässig spielt er mit Freunden Tarock. In einem Brief vom 11. März 1900 an den Arzt und Freund Wilhelm Fliess schreibt er: «Ich überlasse mich meinen Phantasien, spiele Schach, lese englische Romane; alles Ernsthafte bleibt verbannt. Samstag abends freue ich mich auf einen grossen Tarockexzess.»
Der zweite blinde Fleck ist der theoretische Zusammenhang von Spiel und Regeln, der dem Schach- und Tarockspieler Freud ja mindestens in praktischer Hinsicht nicht ganz fremd gewesen sein kann.
Die regelgeleiteten Gesellschaftsspiele wie Poker oder Schach gerieten kurze Zeit nach Freuds Tod ins Zentrum einer ganz anders gearteten Spieltheorie, nämlich der mathematischen. 1944 veröffentlichten John von Neumann und Oskar Morgenstern ihre «Theory of Games and Economic Behavior». Diese Theorie erlaubt es, die Rationalität ökonomischer Entscheidungen nach dem Modell optimaler Strategien in regelgeleiteten Gewinnspielen darzustellen.
Die Attraktion dieses Modells auch für andere Disziplinen als die Ökonomie war beachtlich, und spätestens seit Mitte der siebziger Jahre gehört die Spieltheorie zum Standardrepertoire der Argumentation in den Verhaltenswissenschaften. Tierverhalten und Ökonomie konnten nach demselben Modell strategischer Gewinnoptimierung beschrieben werden. Was dieser Theorie jedoch fehlt, ist ein Konzept von der Bedeutung der Hemmung.
Die Gesellschaftsspiele, die der mathematischen Spieltheorie als Modell dienen, sind darauf angelegt, dass einer der Mitspieler gewinnt. Dieses Ziel zu erreichen, wird von den Regeln gehemmt: Man darf nur so viele Felder vorrücken, wie man Punkte gewürfelt hat; man darf die Trumpffarbe nicht mitten im Spiel ändern usw. Diese Regeln für sein Spiel zu nutzen, daraus gewinnt das Spiel den Reiz, den es von vornherein verlieren würde, wenn jeder Spieler sich sogleich mit einem einzigen Zug vom Start zum Ziel bewegte. Ja, man kann sogar behaupten, je komplizierter die Hemmung, desto grösser die Lust. Und niemand käme auf die Idee zu behaupten, die Einhaltung der Regeln laufe der Lust am Spiel zuwider. Diese Regeln sind auch keine dem Spiel äusserlichen Erschwernisse, ohne welche das Spielen lustvoller vonstatten ginge. Sie sind vielmehr die innere Bedingung der Möglichkeit des Spiels (nicht des Gewinns) überhaupt.
Noch das simpelste Gesellschaftsspiel liefert also ein Denkmodell, an dem sich plausibel machen lässt, dass Lust und Hemmung keine Gegensätze sind. Hemmung und Aufschub stellen vielmehr in der Lust selbst anzusiedelnde Bedingungen ihrer Möglichkeit dar. Und es ist angesichts des ökonomischen Modellcharakters des Gesellschaftsspiels nicht ohne unfreiwillige Komik, dass die Ideologie des Neoliberalismus vom freien Markt-Spiel die sogenannte Deregulierung (die Abschaffung dessen also, was ein Gesellschaftsspiel erst ausmacht) zur Bedingung des optimalen Gewinns erhoben hat.
Die Frage, wie Lust und Lustprinzip zusammenhängen, hat Freud ein Leben lang beschäftigt. Das Lustprinzip zielt auf Befriedigung, Abfuhr; zur Lust gehört aber Spannung, Erregung, kurz: Unlust. Das Rätsel ist, wie die beiden Antagonisten, Befriedigung und Spannung, einander nicht auslöschen, sondern anstacheln.
Wäre Freud von seinen alltäglichen Erfahrungen als leidenschaftlicher Tarockspieler ausgegangen, um dieses Problem anzugehen, so hätte er sich eines einfachen Vergleichs bedienen können: Der mit der steigenden Erregung verknüpften sexuellen Lust würde die Lust am Spiel selbst und dessen kniffligen strategischen Anforderungen entsprechen; während das Lustprinzip in jener Tendenz verkörpert wäre, welche in radikaler Abkürzung des spielerischen Prozedere direkt auf den Gewinn, die Abtötung der Erregungs-Lust in der Befriedigungs-Lust, ausgerichtet ist. Das Lustprinzip verhält sich also wie jene Witzfigur eines Marathonläufers, der seine sensationell kurzen Laufzeiten stolz damit erklärt, er kenne eine Abkürzung.
In seiner grossen spekulativen Schrift über das «Jenseits des Lustprinzips» und die mythische Dualität von Lebens- und Todestrieben nimmt Freud das Thema des Rätsels der Lust - «das dunkelste und unzugänglichste Gebiet des Seelenlebens» - in radikalisierter Form wieder auf. Jetzt erscheint das Leben als ein Spiel, das überhaupt nur gespielt werden kann, wenn das Lustprinzip gehemmt wird, denn das «Lustprinzip scheint geradezu im Dienste der Todestriebe zu stehen», welche den Zustand psychischer Spannungslosigkeit anstreben. Lust ist nun kein Ausdruck mehr des Lustprinzips, sondern dessen Störung durch die «Lebenstriebe».
Diese Lust trägt in sich einen Widerspruch: Sie strebt nach Befriedigung, aber gerade in der Befriedigung erlischt sie als Lust; und eben darum bedarf sie der Hemmung, um überhaupt als Lust erlebt werden zu können. «Es muss uns auffallen, dass die Lebenstriebe so viel mehr mit unserer inneren Wahrnehmung zu tun haben, da sie als Störenfriede auftreten, unausgesetzt Spannungen mit sich bringen, deren Erledigung als Lust empfunden wird, während die Todestriebe ihre Arbeit unauffällig zu leisten scheinen.»
In dieser letzten Triebtheorie Freuds ist eigentlich der Todestrieb der Trieb par excellence im Sinne eines zielgerichtetes Strebens auf einen imaginären Punkt, an dem Verlust und Lust identisch sind. Den Lebenstrieben hingegen kommt die Rolle einer Störung dieser Grundtendenz nach Abfuhr zu. Der Todestrieb strebt nach Spannungsabfuhr und damit nach Wegen, das Lebens-Spiel abzukürzen; die Lebenstriebe hingegen bauen immer wieder neue Hindernisse und Hemmungen auf dem Weg dahin auf.
Warum also spielen wir? Gut psychoanalytisch möchte ich die Frage mit einer Gegenfrage beantworten: Warum treiben wir Sex? Und dazu noch auf eine so umständliche Art und Weise, die weder mit Fortpflanzung noch mit der kurzen Lust am Orgasmus plausibel erklärt werden kann.
Ich glaube, im Spiel - wie im Sex - kehren wir Inneres nach aussen. Und damit meine ich nicht vor allem tief verborgene Phantasien, Inhalte unseres Seelenlebens, sondern etwas vom Wesen der Funktionsweise unserer Psyche. Nämlich die Wahrheit des inneren Zusammenhangs von Leben und Hemmung.
Der Psychoanalytiker Peter Schneider lebt in Zürich.