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Die Protoindustrialisierung hinterlässt Spuren
Die Geschichte des reformierten Halbkantons Appenzell Ausserrhoden ist eng mit der Industrialisierung verbunden, die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts von England ausgehend auf dem europäischen Festland das wirtschaftliche und gesellschaftliche Gefüge grundlegend veränderte. Appenzell Ausserrhoden gehörte zu einer Reihe ländlicher Regionen – in der nördlichen Schweiz sind dies zusätzlich Baselland, der Oberaargau, das Zürcher Oberland, Glarus und das Toggenburg –, die seit dem 3. Viertel des 17. Jahrhunderts eine «Industrialisierung vor der Industrialisierung» erlebten. In Appenzell Ausserrhoden wurde im Verlauf des 18. Jahrhunderts die Heimindustrie zum vorherrschenden Erwerbszweig. Die baulichen Spuren der heimindustriellen Produktion prägen noch heute die Siedlungslandschaft mit den Wohn- und Arbeitsstätten der Arbeiterfamilien. In grösseren Weilern und den Dörfern stehen prächtige Fabrikantenhäuser, die Zeugnis ablegen vom aufkommenden Reichtum des industriellen Bürgertums. Der eigenständige Charakter dieser Bauten hat dazu geführt, dass Orte wie Herisau oder Trogen als «Ortsbilder von nationaler Bedeutung» eingestuft worden sind. Über das bauliche Erbe der Zeit der Protoindustrialisierung und dessen historische Einbettung geben zwei Grundlagenwerke zur Appenzeller Geschichte detailliert Auskunft: die drei Bände Kunstdenkmäler des Kantons Appenzell Ausserrhoden von Eugen Steinmann (1973 und 1980f.) und der Band Die Bauernhäuser beider Appenzell von Isabell Hermann (2004).
Reichtum, Bildung und Kultur
Der aufkommende Reichtum hat im ländlichen Ausserrhoden auch dem Geist einen Raum gegeben: So verweist z.B. ein Trogener Porträt des Mediziners Laurenz Zellweger mit seiner Horaz zitierenden, lateinischen Inscriptio einerseits und dem ostentativ in der Hand gehaltenen Exemplar der Moralischen Wochenschrift «The Spectator» andererseits auf komplexe Zusammenhänge zwischen grenzüberschreitendem Leinwandhandel und einer grossen Spannbreite kultureller Austauschprozesse. Die exotisch anmutende «förene Hütte» Laurenz Zellwegers im Herzen von Trogen wurde um die Mitte des 18. Jahrhunderts Referenz- und Ausgangspunkt für Wanderungen in «Arkadien», wie die Aufklärer Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger aus dem «Limmat-Athen» das Appenzellerland bezeichneten. Bodmer gilt als literarischer Entdecker und erster Verklärer der Appenzeller, in denen er ein gesundes freiheitsliebendes Volk sah, «das in den Stand des unterthänigen Lebens | Nur einen Schritt gethan, mit furchtsamen Füssen, | Und den schon bereuet». Die handschriftlichen und gedruckten Bestände der kantonalen Gedächtnisinstitutionen zeugen für die zweite Hälfte des 18. und für das beginnende 19. Jahrhundert auf eindrückliche Weise vom breiten geistes-, kultur-, aber auch naturwissenschaftlichen Interesse der geistigen Elite. Dass zum Grossbürgertum, wie es die Familie Zellweger im ländlichen Umfeld auf eine charakteristische Art und Weise repräsentierte, das ausgeprägte Faible für Kultur selbstverständlich zählte, zeigen nicht nur die Interessen des bereits erwähnten Laurenz, sondern ebenso stark die Interessen seines Grossneffen Johann Caspar Zellweger, in dessen Umfeld vaterländische und gemeinnützige Gesellschaften, Schulen, Anstalten und Zeitungen sowie eine Gemäldegalerie und Bibliothek – aus letzterer ging die Kantonsbibliothek hervor – gegründet wurden.
Fazit
Appenzell Ausserrhoden hatte sich ab 1740/50 ein eigenständiges Profil geschaffen. Im Rahmen der Protoindustrialisierung hatten sich der geographischen Lage angepasste Produktionsformen herausgebildet; das Land erlebte eine Konjunktur, die Bevölkerung wuchs, ein neues Selbstverständnis bildete sich heraus, eine neuartige Mobilität und damit zusammenhängend Weltkenntnis und -offenheit kamen zum Tragen, neue Kontaktnetze in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft wurden geschaffen, ein führendes Bürgertum entstand.
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