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Wie kein zweiter Komponist hatte Dmitri Schostakowitsch unter der Willkürherrschaft der Politik zu leiden: In der stalinistischen Sowjetunion wurde er verteufelt und in seiner Existenz bedroht, weil seine Musik den Machthabern nicht gefiel. Da erscheint es wie ein böses Omen, dass schon sein Leben mit einem Akt der Willkür begann.
Als er am 25. September 1906 in St. Petersburg das Licht der Welt erblickte, bestellten die Eltern sogleich einen Priester ein, um die Taufe zu vollziehen. Wie denn das Kind nun heissen solle, wollte der Geistliche wissen. Vater Schostakowitsch, dessen Vorfahren aus Polen stammten und sich noch Szostakowicz schrieben, erklärte daraufhin, er würde den Sohn gern Jarosław nennen. «Nein, das geht nicht», befand der Priester apodiktisch, das sei zu ungewöhnlich, zu fremd, zu unrussisch. Und taufte das Neugeborene kurzerhand auf den Namen Dmitri.
Seine musikalische Begabung dürfte Dmitri von der Mutter geerbt haben, die eine passionierte Amateurpianistin war und ihren Mann, einen sangeslustigen Chemiker, gern am Klavier begleitete, bei Salonschmonzetten und Zigeunerromanzen. Doch scheint sie es nicht eilig gehabt zu haben, ihren Sohn in die Geheimnisse der Tastenkunst einzuweisen: Erst als Dmitri neun war, erteilte sie ihm Klavierunterricht. «Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch keine Lust dazu geäussert», erinnerte sich Schostakowitsch später. Und gab doch zu: «Ein gewisses Interesse für Musik hatte ich wohl schon verspürt. Wenn in der Nachbarschaft ein Streichquartett probte, legte ich das Ohr an die Wand und lauschte.»
Dann allerdings ging alles ganz schnell. Denn offenbar handelte es sich bei Dmitri um ein Naturtalent, verfügte er doch nicht nur über das absolute Gehör und ein phänomenales Gedächtnis, sondern auch über eine erstaunliche Fingerfertigkeit; und das Notenlesen fiel ihm nur so zu. Er verblüffte überdies mit seinen Improvisationen und begann schon nach wenigen Monaten Klavierunterricht, schon kleine Stücke zu komponieren. Also schickte man ihn zu besseren und immer prominenteren Lehrern, und als er dreizehn war, wurde er bereits an das Konservatorium seiner Heimatstadt aufgenommen.
Überschattet wurde Dmitris Kindheit jedoch von den umwälzenden politischen Ereignissen. Da war zunächst einmal der Weltkrieg, der das alltägliche Leben belastete. Noch vor dessen Ende, 1917, ereignete sich die Oktoberrevolution mit ihren blutigen Strassenkämpfen: Dmitri musste aus nächster Nähe mit ansehen, wie ein junger Arbeiter erschossen wurde. Die Machtübernahme der Bolschewiki führte dann geradewegs in den Bürgerkrieg und ins Chaos: Die Verwaltung und das Rechtssystem brachen zusammen, der Verkehr kam zum Erliegen, Fabriken wurden geschlossen, das Geld verlor seinen Wert, während die Preise für Lebensmittel ins Astronomische stiegen. Auch die Familie Schostakowitsch musste hungern oder Suppen zu sich nehmen, die aus Rattenfleisch gekocht waren. Für den kränklichen und anämischen Dmitri war diese Situation besonders fatal. Und sie spitzte sich noch zu, als im Februar 1922 unerwartet sein Vater an einer Lungenentzündung starb.
15 Jahre war Dmitri damals alt, die Mutter stand mit ihren drei Kindern plötzlich allein da und musste einen schlechtbezahlten Job als Kassiererin annehmen. Um sie zu unterstützen, verdingte sich Dmitri als Stummfilmpianist in verschiedenen Kinos, sass oft dreimal täglich in stickigen Sälen unter der Leinwand und hämmerte auf die Tasten eines ausgeleierten Klaviers ein, was ihm zu den bewegten Bildern oben musikalisch in den Sinn kam. Der Lohn war karg, doch immerhin erwarb er sich ausserkünstlerische Meriten: Als eines Tages ein Brand im Zuschauerraum ausbrach, blieb der junge Schostakowitsch scheinbar seelenruhig an seinem Instrument sitzen und spielte unbeirrt weiter, damit es zu keiner Panik im Publikum kam. Auf Dauer freilich war die Doppelbelastung zwischen Studium und Broterwerb für ihn kaum zu leisten. Und zu allem Überfluss erkrankte er auch noch an Tuberkulose.
Hilfe kam ausgerechnet von einem Mann, der Schostakowitschs erste Kompositionen nur «abscheulich» fand: von Alexander Glasunow, dem Direktor des Petrograder Konservatoriums. Glasunow, damals schon an die sechzig und ausserdem schwer alkoholkrank, stand noch für die romantische Musikästhetik – mit den übermütigen und frechen Klangexperimenten seines jungen Studenten konnte er nichts anfangen. Gleichwohl besass er die Weitsicht und Grösse, bei den Behörden ein Stipendium für ihn zu erwirken. Als er dort gefragt wurde, ob die Werke Schostakowitschs denn tatsächlich eine Förderung verdienten, antwortete Glasunow ganz offen, dass er selbst damit nichts anfangen könne, und gestand: «Es ist das erste Mal, dass ich die Musik nicht höre, wenn ich Partitur lese.» «Weshalb sind Sie dann gekommen?», wollte sein Gegenüber wissen. Und Glasunow antwortete: «Mir gefällt diese Musik nicht, aber das tut nichts zur Sache. Die Zukunft gehört nicht mir, sondern diesem Jungen.» Und mit dieser Einschätzung sollte er recht behalten.
Susanne Stähr | Dramaturgie & Redaktion LUCERNE FESTIVAL
Sie können sich die «Kinderszenen» auch vorlesen lassen – als Podcast: bit.ly/Serie-Kinderszenen
Dmitri Schostakowitsch bei LUCERNE FESTIVAL:
Gleich zwei Schlüsselwerke Schostakowitschs können Sie in diesem Sommer in Luzern ereleben: Leonidas Kavakos interpretiert am 2. September das Erste Violinkonzert, begleitet von den Münchner Philharmonikern unter Chefdirigent Valery Gergiev. Und am 12. September dirigiert Andris Nelsons am Pult des Boston Symphony Orchestra die Vierte Sinfonie.