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SARS-CoV-2 greift auch das Nervensystem an. Neuroradiologen und Neurologen des Universitätsspitals Zürich und des Karolinska University Hospital Stockholm in Schweden haben in einer Studie Gemeinsamkeiten und Unterschiede neurologischer Manifestation durch Coronaviren systematisch untersucht. Die Ergebnisse helfen Ärztinnen und Ärzten, Gehirnschäden durch COVID-19 früher zu erkennen und zu verhindern.
Coronaviren ist der Sammelbegriff für eine ganze Virenfamilie. Ihren Namen verdanken die grob kugelförmigen Viren dem Kranz aus blütenblattartigen Fortsätzen auf ihrer Oberfläche, der an eine Sonnencorona erinnert. Nur ein Teil von ihnen infiziert Menschen. Unter diesen so genannt humanen Coronaviren (HCoV) bekannt sind SARS-CoV (severe acute respiratory syndrome coronavirus), MERS-CoV (Middle East respiratory syndrome coronavirus) und seit Ende 2019 SARS-CoV-2 (severe acute respiratory syndrome coronavirus 2).
Bei Patientinnen und Patienten mit einer Coronavirusinfektion treten Komplikationen im Nervensystem relativ häufig auf. Auch bei SARS-CoV-2 ist inzwischen bekannt, dass es nicht nur Lungen und Gefässe schädigen, sondern auch auf das Nervensystem übergreifen kann. Dies kann vorübergehende Symptome wie den Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, Kopfschmerzen, Schwindel und Müdigkeit auslösen, aber auch Gehirnentzündungen, Hirnblutungen, Schlaganfälle oder Psychosen, die zu dauerhaften Beeinträchtigungen führen. Forscherinnen und Forscher aus Neuroradiologie und Neurologie des Universitätsspitals Zürich und des Karolinska University Hospital in Stockholm haben nun in einer grossen Metastudie untersucht, ob sich aus dem bisher bekannten Wissen über Erkrankungen durch humane Coronaviren, insbesondere SARS-CoV-1, Erkenntnisse über neurologische Komplikationen bei an COVID-19 erkrankten Erwachsenen und Kindern gewinnen lassen. Dafür hat das Forschungsteam systematisch 4571 Publikationen zu Coronaviren gesichtet und daraus 378 für eine vertiefte Analyse ausgewählt. Die ausgewählten Studien lieferten Informationen von 17’549 Patientinnen und Patienten aus 35 Ländern mit einer Infektion mit Coronaviren, davon waren 14’418 Personen mit SARS-CoV-2 infiziert, darunter 45 Kinder.
Mit den Daten erstellten die Forscherinnen und Forscher eine Übersicht, welche neurologischen Symptome bei welchen Coronaviren und Patienten gehäuft auftreten. So zeigte sich unter anderem, dass alle humanen Coronaviren ähnliche neurologische Symptome wie Müdigkeit, Kopfschmerzen und Bewusstseinsstörungen auslösen. Im Vergleich von SARS-CoV-1 und SARS-CoV-2 zeigen sich jedoch auffallend spezifische Ähnlichkeiten der beiden Typen, beide Viren können u.a. Schlaganfälle und Hirnblutungen auslösen. Auffallend ist zudem, dass sich die Symptome und Komplikationen bei Erwachsenen und Kindern markant unterscheiden können, auch wenn derselbe Erreger dahintersteckt.
Aus dem Überblick konnte das Forscherteam relevante Empfehlungen für die bildgebende Diagnostik bei Patientinnen und Patienten mit Coronavireninfektion ableiten und dazu ein Protokoll erstellen, das zusammenfasst, welche Auffälligkeiten im MRI bei COVID-19-Patientinnen und Patienten typischerweise zu sehen sind und nach denen im MRI gezielt gesucht werden sollte. Dadurch können bei COVID-19-Patientinnen und Patienten potenzielle Komplikationen aufgrund von Gefässschädigungen, die zu Hirnblutungen oder Durchblutungsstörungen führen, frühzeitig erkannt werden. «Dass die Coronaviren teils ähnliche neurologische Symptome auslösen, ist seit längerem bekannt», erklärt Dr. Benjamin Ineichen, Assistenzarzt in der Klinik für Neuroradiologe am USZ und Leiter der Studie. «Es gab bisher aber keinen systematischen Vergleich zwischen den verschiedenen Coronaviren. Insbesondere wollten wir uns anschauen, ob wir aus vergangenen Coronavirus-Ausbrüchen wie SARS und MERS etwas über die aktuelle Situation lernen können. Bei der aktuellen Entwicklung der Fallzahlen sind deshalb alle neuen Erkenntnisse, die zur Behandlung von COVID-19 beitragen, ein wichtiger Gewinn.»
Neurological manifestations of coronavirus infections – a systematic review. Jesper Almqvist et al. doi: 10.1002/acn3.51166