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Jean-Jacques Rousseau
»Tout est bien sortant des mains de l'Auteur des choses« stand am Anfang Buches zu lesen,
das am 19. Juni 1762 vor dem Genfer Stadthaus öffentlich verbrannt wurde. »Alles ist gut, wenn es aus den Händen des Urhebers der Dinge kommt, alles entartet unter den Händen des Menschen ... «
Die Kennzeichnung »Citoyen de Genève«, die Jean-Jacques Rousseau seinem Namen auf der Titelseite des Emile beigefügt hatte, verhinderte nicht, dass sein Roman wenige Tage nach dem Pariser Autodafé auch in seiner Geburtsstadt verbrannt wurde. Ja, in Genf ging man sogar noch einen Schritt weiter, indem man Rousseaus Contrat social gleich mitverbrannte, obwohl die Stadt doch in diesem revolutionären Evangelium der Volkssouveränität als Vorbild für andere, noch autoritärere Staatsgebilde figurierte! Erstaunlicherweise wurde der Emile aber etwa nicht deswegen verboten, weil er die Mächtigen und Reichen attackierte und mit der Prophezeiung eines »Jahrhunderts der Revolutionen« schockte, sondern ausgerechnet jenes vierten Buches wegen, wo der savoyische Vikar sein berühmtes Bekenntnis zur Naturrellgion ablegt - ein Plädoyer für eine tolerante Religion, das heute jeder Pfarrer unterschreiben könnte und das damals an Glaubensinhalten gerettet hat, was einem Menschen der Aufklärung noch zugemutet werden konnte.
Wie war Rousseau überhaupt darauf verfallen, ein Buch übcr Erziehung zu schreiben? Er wollte ganz einfach der ersehnten demokratischen Gesellschaft, wie er sie im überaus erfolgreichen Liebes- und Famillenroman La Nouvelle Héloise und im Contrat social entworfen hatte, zu einem adäquaten Menschentypus verhelfen: dem erträumten idealen Menschen nach Art des Emile, der abseits von den schädlichen Einflüssen der Zivilisation zu sich selbst heranwächst und lernt, glücklich zu sein. Bis zum Erscheinen des Emile hatte Rousseau nach verbummelten Jahren als Musiker, dilettierender Schriftsteller und Liebhaber adliger Frauen einen raschen Aufstieg zu Erfolg und Berühmtheit erlebt. Mit der Verketzerung seines Erziehungsromans aber begann auch schon der Abstieg.
Von Land zu Land gehetzt, sah er seine Gegner triumphieren, während sein eigener Ruhm immer mehr verblasste. Als er sich 1770 endlich wieder gefahrlos in Paris niederlassen konnte, war er vergessen, müde und resigniert. Um ein Auskommen zu finden, musste er wieder wie in jungen Jahren als Notenabschreiber arbeiten. Als er 1778 mit 66 Jahren starb, hinterliess er das unvollendete Manuskript der Confessions, dieser ersten modernen Autobiographie, die in ihrer radikalen Ehrlichkeit Freunden wie Gegnern unschätzbare Dienste leistete.
Und heute? Rousseaus zentrale These, dass der zivilisatorische Fortschritt die Menschheit letztlich ins Verderben führe, ist im Zeitalter der atomaren Bedrohung aktueller denn je. Sein »retour ä la nature« aber, jahrhundertelang als spassiger Kalauer herumgeboten, ist inzwischen schon fast ein Synonym für den Wet tlauf ums Überleben geworden ...
Emile ist französisch bei Larousse, Flammarion und Garnier, deutsch bei Winkler oder als Reclam-Band 901 greifbar.
(Literaturszene Schweiz)