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Ja ja, der Flug war gut. Man wurde mit hässlichen Brötchen, Chicken Reis, Orangensaft und Schokolade gefüttert. Damit ich das Ganze ohne durchzudrehen überlebe, brauchte ich noch einige Bailey’s „on the rocks“. «You are daring young man«, sagte die unendlich dicke Engländerin, die unfortunately genau neben mir sass. Es war morgens um 3 (Schweizer Zeit), als ich in Lima ankam. Ich war todmüde. Ganze Horden von Taxifahrern versuchten mich mit ihren Tafeln und Schildern zu überreden, mit ihnen in die Stadt zu fahren. Meine Kontaktfrau in Lima kam zum Glück nur wenige Minuten nach meiner Ankunft und brachte mich zu meiner Unterkunft an der Calle Francia in Miraflores, das neben San Isidro das schönste und ruhigste Viertel in Lima ist. Es war schon dunkel. Als wir ins Auto stiegen, sagte sie, ich solle die Türe verriegeln. Dann fuhren wir durch den nördlichen Teil der Stadt. Überall waren Menschen auf der Strasse, wie in einem Film in Tijuana, Mexico. Die Strassen waren verstopft mit überfüllten Bussen, aggressiven Taxifahrern, Verkäufern und Fussgängern.
Um sieben Uhr morgens stand ich auf, da ich nicht mehr schlafen konnte. Ich ging ans Fenster und rauchte eine Zigarette. Hier vom fünften Stock des mittelgrossen Blocks aus sah ich durch den Dunst über die Häuserdächer bis zu den Blocks an der „Watterfront“. Nach einem vortrefflichen Frühstück mit frischem Mangosaft und Brötchen war ich wieder fit.
Mit dem Auto fuhren wir zu meinem definitiven Wohnort an der Calle Tripoli nur ein paar Blocks weiter. Von hier aus sind es 100 Meter zum Meer. Um die Hausecke ist ein wunderbarer Park mit Bäumen, Blumen und mit Sicht auf das Meer. Das Haus, welches mit diversen Toren, Schlössern, elektrischen Drähten und Alarmanlage gesichert ist, ist eines der wenigen in Miraflores, das noch steht und nicht den „Wolkenkrazerbauern“ zum Opfer gefallen ist. Ich wohne im hinteren Teil in einem kleinen netten Zimmer mit eigener Dusche und WC. Da mein Zimmer direkt vom Garten aus zugänglich ist und die Holztüre nur mit einem schwachen Schloss verriegelt ist, fühle ich mich nicht so sicher wie in dem Block in dem ein privater Sicherheitsmann die Eisengitter und den Lift bewacht hatte.
Am Nachmittag fuhr ich mit Bettina, der Projektleiterin von Pro Humanus das erste Mal in meinem Leben in einen richtigen Slum. Es war, wie wenn man mit sieben Jahren das erste Mal zur Schule geht. Ich war gespannt, was mich erwarten wird, etwas nervös und sehr beeindruckt. Von unten auf den Hügel hochfahrend, kann man innerhalb von wenigen Minuten die ganze Entwicklung der Slums sehen. Unten schon ziemlich fertig gebaut mit Glasscheiben und teilweise sogar verputzten Wänden, weiter oben dann schon etwas baufälligere Rohbauten aus Backsteinen und mit leeren Fensterrahmen, dann Wellblechdächer, und noch weiter draussen sind die Wände aus Karton und Tüchern.
Überall sassen Menschen an den Strassenrändern und schauten uns an. Ich kam mir komisch vor mit meinem hellblauen Hemd in dem schwarzen Daewo sitzend. Die Blicke der Menschen wirkten müde und apathisch. Ganze Hundemeuten tummelten sich auf den Strassen und wussten genau wann es Zeit war zu verschwinden. Wir fuhren schnell und die Hunde mussten rennen. Bei der Casa de la Cultura, dem Bau von Pro Humanus, angekommen, wurden wir freundlich von den Arbeitern begrüsst. Bettina stellte mich allen vor. Alle waren sehr herzlich und hiessen mich willkommen. „Warum sprichst du kein Spanisch?“ „Du musst Getucha lernen (die Sprache der Siedler aus den Bergen). Niemand spricht Spanisch!“ (by the way: Spanisch ist die zweite Weltsprache) und so weiter. Wir lachten viel und ich fühlte mich schon wohler. Hinter dem Bau auf dem Platz spielten Kinder. Es wurde Musik gemacht und getanzt. Die Menschen sahen zufrieden aus, obwohl sie nach unserem Ermessen gar nichts haben.
Bettina zeigte mir den Bau, die Wasserreinigungsanlage und die Umgebung. Die Arbeit, die hier in den vergangenen Jahren geleistet wurde, beeindruckte mich sehr. Während Bettina und die beiden Architekten noch etwas besprachen, ging ich zu Fuss ein Stück der Strasse entlang. Auf einem kleinen unbebauten Stück sass eine Gruppe Jugendlicher. Sie schauten der im Meer untergehenden Sonne entgegen. Über die Dächer der Hütten sah man den Hügel hinunter auf die Millionenstadt, die sich unendlich weit über die Ebene erstreckt. Niemand weiss genau wie viele Menschen aktuell in Lima leben, sicherlich sind es aber weit über 12 Millionen. Im Norden glänzen die zwei Towers des Mariott Hotels. Als ich mich umdrehte und zum Auto zurück ging, lief mir ein kleiner Schauer über den Rücken.