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Ernährungsformen mit eingeschränkter Kohlenhydratzufuhr werden im Allgemeinen selten empfohlen, auch nicht für «gesunde» Typ-2-Diabetiker, denn es existieren dazu kaum Langzeitstudien. Trotzdem gibt es verschiedene Stoffwechsel-Untersuchungen an kleinen Gruppen und über begrenzte Zeiträume, welche bei Typ-2-Diabetes auf Vorteile solcher Ernährungsformen hinweisen. Einige dieser Aspekte sollen im nachstehenden Text diskutiert werden.
Begriffsdefinitionen
Die in der Literatur verwendeten Begrifflichkeiten sind keineswegs einheitlich. In diesem Artikel werden die Definitionen nach Liebman et al. verwendet (siehe Tabelle 1, Übersicht Ernährungsformen).
In der Folge wird ausschliesslich von Ernährungsformen gesprochen, die pro Tag höchstens 130 Gramm verwertbare Kohlenhydrate liefern.
Die Zufuhr von weniger Kohlenhydraten mit der Nahrung wird bei diesen Ernährungsformen kompensiert durch eine höhere Protein- und Fettzufuhr. Es handelt sich bei dieser Art der Ernährung also nicht zwingend um kalorienreduzierte Ernährungsformen. Sie zeichnen sich durchwegs aus durch eine gute Sättigungswirkung.
Kohlenhydratreduzierte Ernährung: Veränderungen im Stoffwechsel
Durch die geringere Zufuhr von Kohlenhydraten vermindert sich im Stoffwechsel der Insulinbedarf. Die aufbauenden Wirkungen von Insulin werden dadurch gedämpft. Dazu gehören der Einbau von Glykogen in Muskulatur- und Leberzellen, aber auch der Fettaufbau in der Leber und die Einspeicherung von Fett ins Fettgewebe. Durch die erhöhte Zufuhr von Nahrungsprotein, ist der Proteinaufbau wenig betroffen und unter einer solchen Ernährung möglich.
Die Energiegewinnung erfolgt zum grossen Teil aus Fettsäuren, denjenigen aus der Nahrung einerseits, andererseits aber auch aus im Blut zirkulierenden Fettsäuren. Diese stammen aus dem Fettgewebe, dessen Abbau durch die niedrigeren Insulinspiegel weniger behindert wird. Überschüssige Fettsäuren werden in der Leber zu Ketonkörpern umgebaut und ans Blut abgegeben. Es kann vorwiegend bei den sehr kohlenhydratarmen Ernährungsformen nach zirka einer Woche zu einer messbaren Erhöhung der zirkulierenden Ketonkörperspiegel im Blut kommen (Ketose). Dieser Effekt fällt jedoch individuell sehr unterschiedlich aus und tritt nicht in jedem Fall auf.
Im Gegensatz zu einer diabetischen Ketoazidose kommt es dabei nicht zu einer Übersäuerung des Blutes. Die zirkulierenden Ketonkörper können vom Gehirn als Energielieferanten genutzt werden und sparen dadurch Glukose ein.
Zusammenfassend kann gesagt werden: Unter dem Einfluss der erniedrigten Insulinspiegel entwickelt sich allmählich eine abbauende Stoffwechsellage. Dieser Wandel erfolgt umso schneller, je weniger Kohlenhydrate zugeführt werden. Jeder Ausrutscher bezüglich der zugeführten Kohlenhydratmenge kehrt diesen Zustand aber sofort wieder in eine aufbauende Stoffwechselsituation um.
Folgen des veränderten Stoffwechsels
- Eine konsequente Einhaltung einer kohlenhydrateingeschränkten Ernährung führt in der Regel zu einem Abbau von Fettmasse unter Erhaltung (oder sogar Zunahme) der Magermasse.
- Es sind weniger häufig und weniger hohe Blutzuckerspitzen zu erwarten, damit verbessern sich die HbA1c-Werte. Glykierungsreaktionen nehmen generell ab. Damit einher geht eine Verminderung der Entzündungswerte und eine bessere Ansprechbarkeit von Rezeptoren.
- Die Insulinresistenz nimmt mit der Zeit ab, dadurch dürfte sich der Bedarf für Medikamente verringern.
- Die im Blut zirkulierenden Lipide (Fette) und Fettsäuren werden für die Energiegewinnung vermehrt herangezogen, ihre zirkulierenden Spiegel sinken. Das wird mit einem reduzierten Risiko für Herz-Kreislauf-Komplikationen in Zusammenhang gebracht.
- In der Untersuchung einer kleinen Gruppe von gesunden Männern konnte unter einer Low-Carb-Ernährung bereits nach sechs Wochen ein deutlicher Gewichtsverlust nachgewiesen werden im Vergleich zu einer Normalernährung. Dieser war vor allem auf eine Verminderung der Fettmasse zurückzuführen. Gleichzeitig hatte die Magermasse der Low-Carb-Diät-Gruppe stärker zugenommen als in der Vergleichsgruppe.
- Um den Glukosebedarf von Erythrozyten und Gehirn decken zu können, muss die Leber vermehrt Glukose aus Protein herstellen. Die grössere Zufuhr an Nahrungsprotein ist Voraussetzung, dass dafür nicht Muskelprotein herangezogen wird. Es ist darum streng darauf zu achten, dass eine kohlenhydratverminderte Ernährung genügend Eiweisslieferanten enthält.
- Neueste Forschungsarbeiten zeigen im Zusammenhang mit Diabetes Typ 2, dass die Zusammensetzung der Darmbakterien dabei ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Es ist darum wichtig, auch bei einer kohlenhydratverminderten Ernährung dieser Flora genügend «Futter» in Form von unverdaubaren Nahrungsfasern zu liefern. Die Nahrung sollte darum täglich grössere Mengen an Blattsalaten und kohlenhydratarmem Gemüse einschliessen.
Folgen der Kohlenhydrat-Einschränkung
Mögliche Vorteile:
- Es kann bis zur Sättigung gegessen werden, sofern die Kohlenhydratmenge eingeschränkt bleibt.
- Die Blutzuckerspitzen und erhöhten Blutglukose-Werte können sinken. In der Folge dürften auch die HbA1c-Werte sinken.
- Erhöhte Insulinspiegel (Hyperinsulinämie) können zurückgehen und die Insulinansprechbarkeit kann verbessert werden. Dadurch ist auch ein Minderbedarf an Medikamenten zu erwarten.
- Die niedrigeren Glukosespiegel führen zu weniger Fettaufbau in der Leber, was die Triglyzeridspiegel im Blut sinken lässt.
- Die Muskulatur und andere Zellen stellen ihren Stoffwechsel um auf die Energiegewinnung aus Fettsäuren. Die aus dem Fettgewebe freigesetzten Fettsäuren werden hauptsächlich dafür verwendet. Die Konzentration freier Fettsäuren im Blut sinkt, was sich ebenfalls positiv auf die Insulinansprechbarkeit auswirkt.
- In der Regel erfolgt eine langsame Gewichtsreduktion.
- Die Magermasse und die Muskelkraft bleiben erhalten, wenn als Ausgleich für die reduzierten Kohlenhydrate mehr Protein verzehrt wird. Körperliche Aktivität unterstützt den Erhalt oder sogar Aufbau von Muskelmasse.
- Überschüssige Fettsäuren werden in der Leber zu Ketonkörpern umgebaut, welche von Gehirn- und Herzmuskelzellen als Energielieferanten genutzt werden.
Mögliche Nachteile:
- Die Glykogenspeicher in Leber- und Muskelzellen sind nicht optimal gefüllt. Sportliche oder andere körperliche Höchstleistungen sind darum kaum möglich. Ausdauerleistungen auf niedrigem Intensitätsniveau sind jedoch nicht betroffen, da sich die Fettsäurenverwertung in der Muskulatur unter einer kohlenhydratreduzierten Ernährung optimiert.
- Wenn zu wenig Salate und kohlenhydratarme Gemüse gegessen werden, kann die Gefahr von Verstopfung entstehen.
- Bei sehr einseitiger und eingeschränkter Lebensmittelauswahl ist die Versorgung mit allen benötigten Vitaminen und Mineralstoffen auf Dauer nicht gewährleistet.
- Es existieren lediglich veröffentlichte Untersuchungen bis zu einem Jahr Dauer. Die Eignung der kohlenhydratreduzierten Ernährung als Langzeiternährung ist somit nicht erforscht.
Umsetzung im Alltag
Die Umstellung auf eine kohlenhydratverminderte oder gar kohlenhydratarme Ernährung stellt für gesunde Personen kein Risiko dar. Typ-2-Diabetiker sollten eine solche hingegen nicht ohne vorherige Absprache mit dem behandelnden Arzt oder der Ärztin beginnen. Das erlaubt dann auch eine regelmässige Überprüfung, ob die angestrebten Stoffwechsel-Verbesserungen erzielt werden.
(Low Carb Menübeispiel) Die richtige Lebensmittelauswahl und genügend Abwechslung in der Menuplanung sind entscheidend für das Gelingen einer solchen Ernährungsform. Da es nicht ganz einfach ist, eine für die meisten Personen sehr grundlegende Veränderung in ihren Ernährungsgewohnheiten vorzunehmen, lohnt es sich, dafür eine Fachperson beizuziehen. Umstellungswillige Personen können zusammen mit einer Ernährungsberaterin SVDE oder einem Ernährungsberater SVDE praktikable Menüvorschläge für den Alltag oder das Auswärtsessen erarbeiten, welche nicht mehr als die gewünschte Menge an resorbierbaren Kohlenhydraten liefern, daneben aber genügend Eiweiss (1,05 bis 1,2 g/Kilogramm Körpergewicht und Tag) und 25 g Nahrungsfasern/Tag enthalten. Zudem können die Auswahl geeigneter Öle und Fette als Kalorien-Ergänzung, mögliche Zwischenverpflegungen, die Mahlzeitenverteilung oder weitere aufkommende Fragen mit dieser Fachperson besprochen werden.
Fazit
Auch wenn bisher keine grossen Studien zu diesem Thema veröffentlicht worden sind, liegen zahlreiche Stoffwechseluntersuchungen und auch Interventionsstudien an kleinen Gruppen von Patienten vor, die deutlich machen, dass eine Reduktion der Nahrungskohlenhydrate insbesondere für Typ-2-Diabetikerinnen und -Diabetiker ein hilfreicher Weg sein kann, um ihr Stoffwechselgeschehen wieder zu normalisieren. Sie können dadurch zu einem veränderten Essverhalten und einem wieder normal funktionierenden Stoffwechsel zurückfinden und wahrscheinlich ihren Medikamentenbedarf verringern.
Eine andere Ernährungsform, welche in Studien ebenfalls ähnlich positive Wirkungen für Typ-2-Diabetiker gezeigt hat, ist die mediterrane Ernährung. Sie ist zwar weniger genau zu definieren als eine kohlenhydratverminderte Ernährung, könnte sich letztendlich aber nach einer Low-Carb Umstellungsphase als Langzeiternährung bewähren.
Auch für Ernährungsumstellungen gilt aber, dass die gewünschten Verbesserungen nur erreicht werden können, wenn die Anpassungen im Essverhalten langfristig, das heisst über Monate, konsequent eingehalten werden.
Corax GmbH
Christine Römer-Lüthi, Dr. phil. nat.
Napfstrasse 55, 3550 Langnau i.E.
E-Mail: <email-pii>
Berechnungen:
Rita Fricker, BSc BFH,
Ernährungsberaterin SVDE