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Vor grossen Entscheidungen gilt es, das geplante Vorgehen nochmals sorgfältig zu prüfen und an der Realität zu spiegeln. Besonders, wenn es sich um eine „Weiterentwicklung“ der Armee handelt, müssen längerfristige Entwicklungen darin abgebildet werden und Eingang in die Doktrin finden. In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, die Ausführungen von Oberstlt i Gst Christoph Abegglen* aufmerksam zu lesen und sich seine eigenen Gedanken zu machen.
Warum keine Strategieformulierung aus der Verwaltung erwächst
Beatrice Heuser verortet Gründe, warum die Strategieformulierung des Staates in der Praxis nicht aus reiner, innerer Sachlogik getrieben ist, Studien aus der Verwaltung eher dem politischen Kalkül – also der Kunst des Möglichen – gehorchen und womöglich einzig den Kompromiss des kleinsten gemeinsamen Nenners abbilden, wie folgt:
„(…) Strategy [is] made, especially in peacetime, to further the interests of one’s state vis-à-vis others (allies included), government vs. opposition, one minister against another, one section of a ministry against another, the different branches of the armed forces among themselves, navy vs. army, paratroopers vs. marines, tank units vs. lightly armed infantry, and so on. In democracies, Strategy – often reflected in White Papers or Blue Books – [is] increasingly the product of committee work, with the agencies concerned represented, the final document being much less a work of logical coherence than of compromise, balancing the vested interests represented at the drafting table. Meanwhile, there [is] ever-fluctuating and evolving collective views on Strategy, sub-issues and related issues, often communicated by osmosis rather than reasoning, through ‚group think‘ (…) engendered by frequent meetings in camera, by commonly read newspapers and the odd pertinent lecture remembered dimly from staff college or listened to in one of the think tanks. (…) strategic principles that [are] supposed to answer perceived and ever-evolving strategic problems are usually the final outcome of such committee work, usually supplemented by ‚late-night gossip‘ in the Ministry of Defence, ‚and philosophizing over cheap sherry, with nearly all the ideas discarded next day but a nugget or two remaining. Nothing [is] ever written down; what [is] worthwhile [sticks] in the mind‘ (…)
Add to this the proclivity of armed forces to fight wars not in ways that are most appropriate to reach the desired end state with regard to the adversary. Given any say in the matter, they prefer to fight the wars they have prepared for, for which they have acquired equipment, for which they have configured and which they want to play out in reality. Similarly, diplomats want to prove the usefulness of the treaty or the international organization they have promoted, so it must be the answer to the security problem of the day.“
Heuser, Beatrice (2010), The Evolution of Strategy – Thinking War from Antiquity to the Present (Cambridge: Cambridge University Press).
Laufen wir Gefahr, dieselben Fehler zu begehen, wenn der Doktrinforschung und entwicklung Studienaufträge zu schon beschlossenen Dingen erteilt werden, nicht um etwa diese Entscheide zu verifizieren resp. zu falsifizieren, sondern ex post zu rechtfertigen – also um den gefällten Beschlüssen einen Anstrich intellektueller Kohärenz zu verpassen? Dabei anzuführen, der Entscheid sei politisch getrieben, das Primat der Politik sei umfassend und deswegen nicht zu hinterfragen, ist unredlich. Es präsentiert ein völlig verzerrtes Bild. Es ist ja auch nicht so, dass der Bundesrat oder ein Regierungsrat per Dekret Naturwissenschaftlern gebietet, welche Resultate ihre Forschung zu ergeben und sie diese mit fingierten Versuchsanordnungen zu beweisen haben. Deshalb ist ja auch die Nachvollziehbarkeit von Resultaten in der Wissenschaft von solcher Bedeutung. Wieso sollte dies im Wissenschaftsbereich „Militär“ anders sein? (Nicht das Primat der Politik ist allumfassend, sondern das Primat der Ethik, dem sich in einer postmodernen Gesellschaft auch die Politik jederzeit unterzuordnen hat.)
In welchem strategischen Kontext sieht sich die Schweiz in den kommenden 30 Jahren? Wie will sie sich in der Staatengemeinschaft positionieren? Wozu und wie will die Schweiz Krieg führen?
Die Art und Weise wie ein Staat Krieg zu führen gedenkt, muss im Einklang mit seinen Grundwerten, sozio-ökonomischen Gegebenheiten, aber auch mit seinem ökonomischen-wissenschaftlichen Streben sein. Es muss ein breit abgestützter Konsens innerhalb der Gesellschaft, zwischen den politischen Behörden aber auch verwaltungsintern darüber herrschen, wie man zusammen leben will, ob und wie diese Form des Zusammenlebens zu verteidigen sei. Ohne diesen Konsens ist eine Strategiefindung, geschweige denn deren Umsetzung, unmöglich.
Falls der allseits im Projekt „Weiterentwicklung der Armee“ (WEA) bekundeten Absicht die Verteidigungskompetenz zu schulen und weiterzuentwickeln, keine Taten in diese Richtung evident folgen, unterminiert dies die Glaubwürdigkeit der Armee als Institution zusätzlich.
Gustav Däniker untersucht in „Dissuasion – Schweizerische Abhaltestrategie heute und morgen„, wie sich Dissuasion von Abschreckung unterscheidet, wie Dissuasionswirkung erzielt und mit welchen Massnahmen diese verstärkt werden kann. Er hebt hervor, dass Dissuasion keineswegs eine rein militärische Aufgabe sei, sondern ein umfassendes Durchhaltevermögen von Volk und Behörden voraussetze:
„Nur kraftvolle Anstrengungen im militärischen wie im zivilen Bereich können die Dissuasion erreichen.“
Däniker, Gustav (1987), Dissuasion – Schweizerische Abhaltestrategie heute und morgen (Frauenfeld: Verlag Huber), S. 32.
Diese Anstrengungen müssen von potentiellen Streitgegnern, von Partnern aber auch von der eigenen Bevölkerung wahrgenommen werden können, soll die gewünschte Wirkung erzielt werden. In diesem Geiste wurde die Konzeption der Gesamtverteidigung im Jahre 1973 entworfen.
Es kann argumentiert werden, dass die institutionelle Verwirklichung der seit dem Jahr 2007 vom Planungsstab der Armee und später vom Armeestab geforderte Methode „Concept Development and Experimentation“ (CD&E) im Rahmen der fähigkeitsorientierten Streitkräfteentwicklung anzuwenden ist und so nicht nur dem Erhalt und der Weiterentwicklung der Verteidigungsfähigkeit dient, sondern auch ein Beitrag zur Dissuasionskraft leistet. Denn ihre Umsetzung wird als Beweis für die gezielte Anstrengung herangezogen werden können, dass sich die Schweiz, um es in Dänikers Worten zu sagen,
„mit dem gebotenen Ernst, mit der nötigen Sorgfalt, das heisst bis in sämtliche relevanten Details hinein, und mit dem unbändigen Willen, sich keiner äusseren Macht zu beugen, gegen diejenigen Gefahren wappnet, die zugleich möglich und durch aktives eigenes Verhalten abwendbar oder beherrschbar sind“.
Däniker, Gustav (1987), Dissuasion – Schweizerische Abhaltestrategie heute und morgen (Frauenfeld: Verlag Huber), S. 61.
Die Transformation der Streitkräfte ist evolutionär. So wie eine Gesellschaft lebt, führt sie auch Krieg. Jede Betrachtungsweise der Kriegführung mit ihrer inhärenten Veränderung, welche den gesellschaftlichen Aspekt ausklammert, simplifiziert auf eine unzulässige Art und Weise.
Als Konstante kann angenommen werden:
- Mensch als Lebewesen, das ein triebhaftes Verhalten nach sozialer Resonanz zeigt;
- Souveräner Nationalstaat als politische Einheit und mächtiger Akteur;
- Stete Urbanisierung des Schweizerischen Mittellandes und Talsohlen;
- Multikultureller Hintergrund, Zusammensetzung und Durchmischung der Bevölkerung in der Schweiz;
- grosse Bevölkerungsdichte;
- Wechselwirkung zwischen offensiv und defensiv sowie zur Rüstungsspirale tendierende, militärisch genutzte Technologie;
- Inhärente Transformation des Krieges;
- Anspruch auf Territorium kann einzig durch nachhaltige physische Präsenz geltend gemacht werden.
Prognose derjenigen Dinge, welche in 25 Jahren nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken sein werden und auch die Art und Weise unserer Kriegführung prägen werden:
- Elektrizität als Primärenergieressource;
- Robotik;
- Miniaturisierung und Nanotechnologie;
- Steigende Energieeffizienz und Datenspeicher- / Übermittlungskapazität;
- Künstliche Intelligenz zur Unterstützung in der Entscheidungsfindung;
- Spontane Datenkommunikation zwischen Geräten und Interoperabilität derselben;
- Allgegenwärtigkeit von portablen „smarten“, georeferenzierenden Geräten (Jedes Gerät ist zugleich Relais-Antenne mit geringer Sendeleistungen, CCTV mit Live-Stream und Überwachungsapparat. Ähnlich dem Prinzip des Crowd Fundings werden sich Bevölkerungsteile an der Problemlösung im Krieg beteiligen wollen.)
„Wie beim Produktlebenszyklus durchläuft jede Technologie einen Lebensdauerzyklus, wobei der Entwicklungsstand einer Technologie einen wesentlichen Einfluss auf strategische Handlungsoptionen hat. Für Innovationen und die Weiterentwicklung von Substitutionstechnologien ist daher der Technologie-Lebenszyklus zu beachten. Der Lebenszyklus beginnt gemäss S-Kurven-Modell mit einer Schrittmachertechnologie (noch nicht verfügbar, zukünftig relevant), die sich zur Schlüsseltechnologie (wettbewerbsentscheidend) weiterentwickeln kann und endet als Basistechnologie (Standard), die allenfalls durch innovative Technologien verdrängt wird.“
Armasuisse (2011), Langfristiger Forschungsplan (LFP) 2012-2016, S. 19
Schon diese kleine Auswahl erlaubt es mit ein bisschen Phantasie, ein Bild der künftigen Kriegführung zu malen. Unbenannte Plattformen werden zu Boden und in der Luft 24/7 in ihren Überwachungsräumen autonom, autark und zu weiten Teilen ohne aktive Einflussnahme durch einen Operator auf definierte Schlüsselreize warten (loiter), nach einem Algorithmus Warnungen absetzen und weitere Sensoren zur Verifizierung ansteuern (Sensoren können nebst unbemannten Plattformen sein: a) militärische Spezialisten wie Aufklärer, Scharf S, Beobachter, etc.; b) Bevölkerung, die Hinweise mittels ihren „smarten“ portablen Geräten in Bild und georeferenzierte Daten absetzen.). Bewaffnete unbenannte Plattformen, Spezialisten und/oder Verbände werden von einem Operator aus ihrer dezentralen Bereitstellung vorsorglich ins mögliche Zielgebiet manövriert und konzentriert. In Empfangsreichweite führen ihre IKT-Mittel spontan eine Autosynchronisation ihrer Netze durch.
Zur Neutralisation gegnerischer Ziele können auf Elektrizität basierende Waffen energetisch variabel und dadurch wirkungsadäquat eingesetzt werden. Die Letalität derselben Waffe, sprich das durch den Waffeneinsatz riskierte Schadensausmass, kann adaptiert werden. Diese Energiewaffen reichen von High Power Microwave (HPM), Infraschallwellen als akustische Waffen, bis hin zum Laser und Projektilen, die magnetisch beschleunigt werden (z.B. Railgun).
In ihrer Masse werden unbenannte Plattformen im Unterschied zu den teuren bemannten Plattformen wie Kampfflugzeuge oder Kampfpanzer günstig und somit entbehrlich sein. Van Creveld (2011) beschreibt, wie seit dem zweiten Weltkrieg die Kosten des bemannten, militärisch genutzten Flugzeuges zugenommen haben, so dass es nur noch in geringer Anzahl beschafft, sein Ausfall kaum riskiert und somit es gar nicht in seinem ursprünglich gedachten letalen Umfeld – oder nur aus sicherer Distanz – eingesetzt wird. Der Stückpreis eines Kampfflugzeuges der vierten oder fünften Generation ist hoch und belastet das Rüstungsbudget derartig, dass nach Indienststellung die Verweilzeit eines Kampfflugzeuges sich über Dekaden hinzieht; ohne signifikante innovative Verbesserungen in dieser Zeit, aber mit wachsenden Unterhaltskosten. Aus diesen Gründen und auch aus Gründen ihrer naturbedingt limitierten Flugdynamik oder beschränkter operationellen Verweildauer, etc. werden bemannte Flugzeuge je länger desto verbreiteter durch unbenannte Systeme erfolgreich ersetzt.
Unbemannte Plattformen werden unterschiedlichsten Funktionen übernehmen:
- Relaisfunktion zur Datenübermittlung;
- Sensorik zur Nachrichtenbeschaffung (Bild, Radar, EM, Schall, u.Ä. –Moderne Aufklärungs- und Zielsuchsysteme benutzen den gesamten elektromagnetischen Spektralbereich, angefangen beim visuellen Bereich über das Infrarotspektrum bis hin zu Mikrowellen und Radar.);
- Träger unterschiedlicher Wirkmittel der EKF, kinetischer Waffen und weiteren Kampfunterstützung (z.B. Minenräumung);
- Transportmittel;
- Täuschungsobjekt.
Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus auf die Streitkräfteentwicklung ziehen? Wie sind dazu die operationellen Fähigkeiten zu gestalten? Einige Empfehlungen dazu können Sie im beiliegenden Artikel nachlesen.
* Oberstlt i Gst Christoph Abegglen: 1969 geboren, 1988 Maturitätsabschluss Typ A. 1996 Abschluss des Diplomstudiums der Militärischen Führungsschule an der ETHZ. 2003 MA in War Studies am King’s College London. Der beruflicher Werdegang als Berufsoffizier umfasst Stationen an den Infanterieschulen Liestal, Aarau, an der Kaderschule 10 in Birmensdorf, an der Inf OS als Klassenlehrer in Colombier, im Stab Lehrverband Inf, am Ausbildungszentrum des Heer und schliesslich im Armeestab in der Doktrinforschung und -entwicklung. Aktuell Gst Of im Stab Ter Reg 3. Per 01.11.2014 zum Kommandant der Infanterieschule 13 und Waffenplatzkommandant Liestal ernannt. Publikationsliste