Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03623.jsonl.gz/19

Zahnerkrankungen gehören zu den am häufigsten diagnostizierten Erkrankungen beim Kaninchen. Oft viel zu spät erkannt, erfordern Zahnfehlstellungen oder Abszesse (eitrige Entzündungen, welche sich häufig von den Zahnwurzeln her gebildet haben) oft massive operative Eingriffe bzw. können im schlimmsten Fall sogar zum Tod des Tieres führen.
Anatomie
Kaninchen haben ein sogenanntes diphyodontes Gebiss. Dies bedeutet, dass ein Zahnwechsel vom sogenannten Milchgebiss zu einem bleibenden Gebiss stattfindet. Der Zahnwechsel beginnt bereits vor der Geburt und wird im Alter von ca. 4 – 5 Wochen vollständig abgeschlossen.
Das Milchgebiss des Kaninchens besteht aus insgesamt 16 Zähnen. Im Gegensatz dazu hat ein ausgewachsenes Kaninchen ganze 28 Zähne im bleibenden Gebiss. Folgende Zähne können unterschieden werden: Incisivi (= Schneidezähne), Prämolare (= vordere Backenzähne) und Molare (= hintere Backenzähne). Hinter den Schneidezähnen befinden sich noch zusätzlich im Oberkiefer die sogenannten Stiftzähnchen, deren genaue Funktion noch unklar ist.
Hier eine schematische Darstellung eines bleibenden Kaninchengebisses:
Die Schneidezähne des Kaninchens dienen vor allem dem Abbeissen der Nahrung, die Backenzähne dem Zermalmen der faserigen Futterbestandteile. Bei einem gesunden Tier beträgt das Verhältnis von Oberkiefer- und Unterkieferschneidezähnen 1:1, d.h. sie sind gleich lang. Alle Zähne des Kaninchens sind elodent (wachsen lebenslang) und haben offene Wurzeln. Das Wachstum ist beträchtlich und beträgt für die Schneidezähne ca. 3mm/Woche, für die Backenzähne ca. 2 – 3 mm/Monat. Im Alter bzw. bei Erkrankungen kann diese Zahnwachstum noch ausgeprägter sein. In unmittelbarer Nähe zu den Wurzeln der Oberkieferbackenzähne befindet sich der sogenannte Tränen-Nasen-Kanal. Bei Zahnproblemen kommt es deshalb auch oft zu einer Entzündung des Tränen-Nasen-Kanals, was Augenausfluss und eine nachfolgende Entzündung des ganzen Auges hervorrufen kann.
Wie entstehen Zahnerkrankungen?
Zahnerkrankungen entstehen sehr oft dann, wenn die Zahnabnützung durch den normalen Kauvorgang kleiner ist als das eigentliche Zahnwachstum. Mögliche Gründe hierfür sind:
- Falsche Ernährung (rohfaserarm, mangelndes Heuangebot, zu wenig strukturiertes Frischfutter, zu viel Kraftfutter)
- Schmerzen (z.B. Schleimhautverletzungen in der Maulhöhle durch Futterbestandteile, etc.)
- Systemische Erkrankungen und ein damit verbundenes allgemeines Unwohlsein des Tieres (Kaninchenschnupfenkomplex, Enzephalitozoonose, Erkrankungen des Harnapparates, Erkrankungen des Geschlechtsapparates, etc.)
- Trauma (abgebrochene Zähne nach Herunterfallen, Kieferbruch etc.)
- genetische Ursachen (Zahnfehlstellung, z.B. durch Verkürzung des Oberkiefers)
All diese Gründe führen dazu, dass die Zähne und die dazugehörenden Zahnwurzeln immer länger werden bzw. dass sich Zahnspitzen ausbilden, die ihrerseits wieder Schleimhautverletzungen und Schmerzen verursachen können.
Welche Symptome können auf eine Zahnerkrankung hindeuten?
Kaninchen mit Zahnerkrankungen versuchen zu fressen, können aber oft nicht mehr, wenn die Veränderungen zu ausgeprägt sind. Häufig wird harte Nahrung vermieden, während weiche Nahrung (z.B. Salat) noch über einen gewissen Zeitraum gefressen werden kann. Speicheln, Zähneknirschen, vermehrtes Trockenkauen, und ein vermehrtes Benagen von Gegenständen können auf ein Zahnproblem hindeuten. Bei Abszessen treten oft Schwellungen im Bereich des Ober- bzw. Unterkiefers auf. Betroffene Tiere nehmen innerhalb kürzester Zeit massiv an Gewicht ab. Da das Futter aufgrund des Zahnproblems oft nicht mehr ausreichend zerkleinert werden kann, entstehen sehr häufig zusätzlich Verdauungsprobleme (Durchfall, Aufgasung des Magen-Darm-Traktes, Verstopfung etc).
Was kann man im Fall einer Zahnerkrankung tun?
Sollte der Verdacht einer Zahnerkrankung nahe liegen, wird zunächst in der klinischen Untersuchung der Allgemeinzustand des Kaninchens untersucht. Die Zahnuntersuchung im wachen Zustand gibt eine erste Information über Form, Farbe und Länge der Schneideund Backenzähne. Mithilfe spezieller Instrumente (Otoskop, Endoskop) können auch weit in der Maulhöhle liegende Bereiche untersucht werden. Röntgenaufnahmen des Schädels können helfen, Knochenveränderungen bzw. Erkrankungen der Zahnwurzeln sichtbar zu machen, die bei einer rein klinischen Untersuchung verborgen bleiben. Sollten nun wirklich Veränderungen an den Zähnen vorliegen, so können diese unter Narkose korrigiert werden. Für die Zahnkorrektur wird eine möglichst schonende Narkose ausgewählt, die das bereits geschwächte Tier möglichst nicht zusätzlich belastet. Zum Teil können auch lokale Narkosen eingesetzt werden. Mithilfe spezieller Geräte (Zahnschleifgerät, Diamantschleifköpfe) werden zu lange Zähne gekürzt und in Form geschliffen. Lockere Zähne müssen je nach Krankheitsschwere gezogen und die Wundhöhlen versorgt werden.
Jeder Zahnpatient sollte mit Schmerzmitteln und bei Bedarf mit weiteren Medikamenten
(Antibiotika, lokale Desinfektionsmittel etc.) behandelt werden.
Was kann man vorbeugend gegen Zahnerkrankungen beim Kaninchen tun?
Der wichtigste Punkt, um Zahnerkrankungen beim Kaninchen vorzubeugen ist eine korrekte Fütterung. Eine für ein Kaninchen ausgewogene Futterration besteht aus:
- Hochwertigem Heu, darf in beliebiger Menge angeboten werden
- Frischfutter (2 x täglich, mit möglichst grossem Gehalt an strukturierter Rohfaser, z.B.
Gras, Löwenzahn, Möhrengrün, Salate, Kräuter etc.)
Bei einer korrekten Fütterung benötigen Kaninchen kein Kraftfutter! Durch das Zermalmen von hochwertigem Heu und rohfaserreichen Futtermitteln werden die Zähne des Kaninchens durch die Kaubewegungen automatisch abgeschliffen. Ein Vorgang, der bei einer Fütterung mit Kraftfutter komplett fehlt! Besser geeignet als Körnermischungen sind pelletierte Futtermittel, die keine bzw. nur sehr wenig Getreideanteile enthalten. Kraftfutter sollte falls überhaupt nur in sehr kleinen Mengen (max. 1 Esslöffel pro kg Körpergewicht 1 x täglich) angeboten werden. Brot, Leckerli oder Knabberstangen sind keine adäquate Ernährung für Kaninchen und können zu Problemen der empfindlichen Darmflora führen. Um Zahnerkrankungen möglichst früh zu erkennen, ist es ratsam alle Tiere einmal wöchentlich zu wiegen und das Gewicht in einer Tabelle zu notieren. Des Weiteren sollten einmal pro Woche die Schneidezähne durch Anheben der Oberlippe auf Länge und korrekte Stellung kontrolliert werden.