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Stimmungsgedicht zur Geschichte Vietnams
“Der Duft der grünen Papaya” von Tran Anh Hung
Dass “Der Duft der grünen Papaya” 1994 für den Academy Award als bester ausländischer Film nominiert wurde, ist nicht etwa erstaunlich, weil der Film schlecht ist, sondern weil er an Tempo, Ästhetik und Filmtechnik ein krasses Gegenteil zum westlichen Kino darstellt. Obwohl er im Vietnam der fünfziger und sechziger Jahren spielt, gibt es kaum hinweise auf den Konflikt mit den USA; stattdessen gibt sich der Film als behutsames, poetisches Portrait der langsamen Verwestlichung des vietnamesischen Alltags.
Von Lukas Hunziker.
Die kleine Mùi kommt noch im Kindesalter als Küchenhilfe in das Haus einer bürgerlichen Händlerfamilie in Saigon, und hilft der alten Magd Thi bei der Hausarbeit. Thi ist die einzige, mit der Mùi spricht; die Frau und der Mann des Hauses schenken ihr nur ab und zu ein wohlwollendes Lächeln. Einzig der jüngste Sohn der Familie zeigt Interesse an Mùi, allerdings nicht als Spielkameradin, sondern als hilfloses Dienstmädchen, das man ärgern kann. Mùi jedoch lässt sich nicht wirklich ärgern und verbringt ihre Zeit im Garten, wo sie all die kleinen Wunder der Natur beobachtet. Zehn Jahre später, in den sechziger Jahren, verlässt Mùi das Haus und tritt eine Stelle als Hausmagd bei einem Komponisten in dessen modernem Haushalt an. Da sie sich ihr süsses Kindergesicht erhalten hat, wird die Frau des Hauses jedoch bald eifersüchtig auf sie, und das zurecht…
Das traditionelle und moderne Vietnam
In der ersten Hälfte des Films wird man als Zuschauer in eine fremde Welt entführt. Das Haus, in welchem Mùi als kleines Mädchen arbeitet, ist den Traditionen verpflichtet. Der Herr des Hauses spielt ein traditionelles Gitarreninstrument, man trägt traditionelle Kleidung, folgt alten Gebetsritualen und geht barfuss. Zehn Jahre später hat sich Vietnam schon zu verändern begonnen. Mùi sieht im neuen Haushalt erstmals einen Damenschuh, den sie gerne anprobieren möchte, dann aber doch davor zurückschreckt. Als sie jedoch einen Lippenstift findet, kann sie nicht widerstehen, diesen zu benutzen. Der Herr des Hauses spielt nun Klavier, die Kleider seiner Frau zeigen Züge westlicher Mode und die Wohnung ist mit modernen Bildern dekoriert. Subtil, aber dennoch nicht zu übersehen wird der Wandel in der vietnamesischen Kultur durch ihren Kontakt mit dem Westen dargestellt, ohne jedoch bewertet zu werden.
Retrolook und Retrosound
Befremdend dürfte auf den westlichen Zuschauer die für uns sehr veraltete Filmtechnik wirken. Der erste Teil des Films benutzt Musikeffekte, welche für uns beinahe in ein anderes Jahrhundert gehören. Auch die Sets sind überdeutlich als solche erkennbar; während der Anfangssequenz hat man das Gefühl, eine grosse Theaterbühne zu bestaunen. Dem Film diese technische Rückständigkeit vorzuwerfen wäre jedoch mehr als falsch, denn es gelingt dem Film nichtsdestotrotz eine authentische Atmosphäre zu erschaffen, die durch grosse Liebe zum Detail, durch ein sehr langsames Erzähltempo und das Lächeln der Hauptdarstellerin den Film zu einer Art meditativen Gedicht macht. Natürlich dürfte dies nur einem kleinen Publikum zusagen, doch gerade wer von der Hektik unseres Kinos genug hat, kann sich mit dem “Duft der grünen Papaya” etwas Erholung kaufen.
Ausstattung
Das auf der DVD enthaltene Bonusmaterial beschränkt sich auf einen Vergleich zwischen der ursprünglichen und der restaurierten Fassung, wobei die Unterschiede für den Laien kaum erkennbar sind. Einige Infos zum Film und seiner Entstehung finden sich aber glücklicherweise im schön gestalteten Booklet.
Seit dem 24. Mai 2007 im Handel.
Originaltitel: Mui du du xanh (Frankreich 1993)
Regie: Tran Anh Hung
Darsteller: Tran Nu Yên-Khê, Lu Man San, Truong Thi Loc
Genre: Drama
Dauer: 104 Minuten
Bildformat: 4:3
Sprachen: Deutsch, Vietnamesisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 2,0
Bonusmaterial: Booklet, Vergleich Originalfassung und restaurierte Fassung, Trailer
Vertrieb: Moviemento