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Charlotte Salomon, als Tochter jüdischer Eltern 1917 in Berlin geboren, beschließt mit 23 Jahren, ihr bisheriges Leben in Bildern und Text festzuhalten. Auslösend wirkt dabei der Selbstmord ihrer Großmutter, bei der sie seit 1939 in Nizza lebt. Nach einem Selbsttötungsversuch kurz nach der Kriegserklärung an Frankreich hatte sich Charlotte vergeblich bemüht, sie „zum Leben zu überreden“. Von ihrem Großvater erfährt sie, daß schon verschiedene Selbstmordversuche diesem vorausgegangen waren, daß auch ihre Mutter nicht - wie man ihr bis anhin glauben machte - an Grippe gestorben sei, sondern sich aus dem Fenster gestürzt, und daß sich ebenso eine Tante das Leben genommen hat.
Um dem eigenen „Hang zu Verzweiflung und Sterben“ zu entgehen, beginnt Charlotte nun in mehr als 1000 Gouachen (769 waren in Ausstellungen zu sehen, ihr Werk wird im Jüdischen Historischen Museum in Amsterdam aufbewahrt) die wichtigsten Abschnitte ihres Lebens - ergänzt durch in die Bilder integrierte Kommentare und Dialoge — zu malen und zu beschreiben. Daraus entsteht ein inniges Bekenntnis zum Leben („Es kommt nicht darauf an, daß das Leben uns liebt, sondern daß wir das Leben lieben“ und „Das Leben ist schön, ich liebe das Leben“, sagt Charlotte), das zur Utopie und zum tragischen Vermächtnis wird, als sie - 1943 nach Auschwitz verbracht - in der Gaskammer umkommt.
Im Mittelpunkt von Richard Dindos Film stehen die expressiven Zeichnungen und der sie begleitende, mit Poesie und feiner Ironie durchwobene Kommentar Charlottes. Die Kamera bildet nicht statisch Illustrationen ab, sondern erweckt Episoden des scheinbar unbegrenzten Bilderteppichs zum Leben, übernimmt dramaturgische Funktion, indem sie die (vermeintliche) Szenensynchronie in eine Abfolge bringt. Der Umsetzung kommt eine schon in den Bildern Charlottes angelegte filmische Dynamik entgegen.
Mit Charlotte: „Vie ou théâtre?“ verfilmt Dindo als weitere Etappe auf seinem Weg der „Philosophie der Erinnerung“ wieder eine Lebensgeschichte, deren Rekonstruktion der Vergangenheit in Bild und Wort allerdings schon die Autorin und Hauptfigur, Charlotte Salomon, vorweggenommen hat. Der Regisseur beschränkt sich darauf, sparsam die beiden Pole von persönlicher und Zeitgeschichte, die in ihren Lebensbildern ineinander übergehen, zu akzentuieren. Mit wenigen Photographien illustriert er Stationen der Biographie der jungen Malerin, Bild- und Tonzeugnisse aus der Zeit dokumentieren die wachsende Bedrohung des Nationalsozialismus, Musikausschnitte, die Charlotte als integrierendes Element ihrer Illustrationen verstand, liefern Klangkörper für das „Singspiel“, wie sie selbst ihr Werk benannt hat (ihre Bewunderung galt in jungen Jahren der zweiten Frau ihres Vaters, der Opernsängerin „Paulinka Bimbam“, dem Gesangslehrer Professor „Klingklang“ und ihrer ersten Liebe, dem „Gesangspropheten Daberlohn“).
„Leben oder Theater?“, dieses berührende Zeugnis einer Frau, die - eingeholt vom nationalsozialistischen Fanatismus - vergeblich versucht hat, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, wird über Dindos eindrücklichen Film noch einmal dem Vergessen entrissen.