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Über viele Jahrhunderte haben sich die Lebensbedingungen der Menschheit nicht wesentlich geändert – die Masse der Weltbevölkerung fristete ein karges Dasein, in dem gerade das Lebensnotwendigste erwirtschaftet werden konnte. Der Lebensstandard eines Bauern im alten Ägypten vor 3000 Jahren unterschied sich nicht wesentlich von demjenigen in einem Mayareich vor 1500 Jahren oder in Europa vor 500 Jahren. Der englische Ökonom Thomas Malthus formulierte 1798 in seinem «Essay on the Principle of Population» die Theorie, dass die Menschheit in einer Armutsfalle gefangen sei: Wo immer durch technologischen Fortschritt Überschüsse erzielt werden konnten, war die Verbesserung der Lebensbedingungen nur von begrenzter Dauer. Steigende Geburten- und sinkende Sterberaten führten zu einem Bevölkerungsanstieg, der die Nahrungsüberschüsse schwinden liess und den Lebensstandard ans Existenzminimum zurückführte.
Die Analysen von Malthus kamen jedoch just am Wendepunkt der Geschichte. Die industrielle Revolution brachte eine Entwicklung ins Rollen, die immer grösseren Teilen der Weltbevölkerung einen kontinuierlich und rasant steigenden Wohlstand bescherte. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf ist der zuvor stagnierende materielle Wohlstand des durchschnittlichen Erdenbürgers in den vergangenen 200 Jahren um mehr als das Zwölffache gestiegen (siehe Abb. A), und er lebt mehr als doppelt so lange wie seine Vorfahren (siehe Abb. B). Wesentliche Treiber des Fortschritts waren sinkende Geburtenraten und Investitionen in Bildung (siehe Abb. C) – weniger Kinder pro Familie, für die aber mehr Sorge getragen wurde. Die daraus resultierende explosive Innovationskraft erfasste nicht nur industrielle Technologien, sondern über Wissenschaft und Kultur sämtliche Lebensbereiche: Radio, Fernsehen, Autos, Flugzeuge, Antibiotika, PCs, Internet, Gentechnik sind Beispiele innovativer Meilensteine. Ist diese Entwicklung fortsetzbar oder handelt es sich um eine vorübergehende Anomalie der Geschichte?
A: Globales BIP pro Kopf
Ab den 1960er Jahren rückten die ökologischen Schattenseiten des exponentiellen Wachstums stärker in den Fokus. Die vom Club of Rome in Auftrag gegebene und im Jahr 1972 publizierte Studie «Die Grenzen des Wachstums» erzielte beträchtliche Aufmerksamkeit. Die Forscher kamen anhand der Modellierung von Bevölkerungswachstum, Nahrungsmittelanbau, Industrieproduktion, Umweltverschmutzung und Rohstoffverbrauch zu dem Schluss, dass bei einer unveränderten Fortsetzung der menschlichen Lebens- und Wirtschaftsweise ein Kollaps in absehbarer Zeit unvermeidlich sei. Bislang ist diese Katastrophe dank unserer Anpassungsfähigkeit ausgeblieben, die sich beispielsweise in den Energiesparmassnahmen zur Bewältigung der Ölpreiskrisen der 1970er Jahre, der Verringerung des Ozonlochs durch das FCKW-Verbot oder in den Erfolgen diverser Umweltschutzanstrengungen gezeigt hat.
«Müssen wir uns von unserem auf «immer mehr, immer besser» ausgerichteten Lebensstil verabschieden?»Brigitta Lehr, Finanzanalystin
Seit dem Weckruf des Club of Rome vor 50 Jahren hat sich das Wachstum weiter fortgesetzt: Die globale Wirtschaftsleistung hat sich seither auf USD 100 000 Milliarden (real) fast verfünffacht und die Weltbevölkerung auf 7,8 Milliarden Menschen mehr als verdoppelt. Parallel dazu haben sich die – bereits damals adressierten – CO₂-Emissionen pro Jahr auf knapp 40 Milliarden Tonnen verdoppelt, der CO₂-Gehalt in der Atmosphäre ist um 25 Prozent gestiegen, und der dadurch verursachte Klimawandel hat die höchste Dringlichkeitsstufe erreicht. Wieder sind wir in der Situation, dass bei einem Weiter-so apokalyptische Zustände drohen. Müssen wir uns von unserem auf «immer mehr, immer besser» ausgerichteten Lebensstil verabschieden?
Alternative Konzepte und Indikatoren wie etwa der Genuine Progress Indicator oder der OECD Better Life Index stellen die bisherige Entwicklung mitunter weniger positiv dar als das BIP. Sie sind aber aufgrund verschiedener Interpretationsansätze nicht rein objektiv und konnten das BIP als Wohlstandsindikator nicht verdrängen.
Ungeachtet dessen zeichnet sich eine langfristige Abflachung des weltweiten Wirtschaftswachstums (BIP) ab. Mit zunehmender Entwicklung der Volkswirtschaften steigt der Anteil des Dienstleistungssektors, in dem Produktivitätsgewinne schwieriger zu erzielen sind als im Industrie- oder Agrarsektor. So werden auch die zuletzt noch höheren Wachstumsraten in den Schwellenländern mittel- und langfristig sinken, wie man am Beispiel von China recht gut erkennen kann.
D: Globale Energieintensität gemessen an der Primärenergie und dem BIP, deutlich gesunken
Dabei ist unsere Gesellschaft in starkem Masse von einer wachsenden Wirtschaft abhängig. Verteilungsziele lassen sich bei immer mehr verfügbaren Gütern und Dienstleistungen leichter umsetzen. Die Umverteilung eines immer grösseren Kuchens ist einfacher und mit weniger Konflikten zu bewerkstelligen als die eines stagnierenden oder schrumpfenden Kuchens. Dies betrifft sowohl den sozialen Ausgleich innerhalb einer Gesellschaft als auch generationenübergreifend den Abbau der Lasten, die beispielsweise aus einer historisch hohen Staatsverschuldung resultieren.
Auch unser Altersvorsorgesystem basiert auf Wachstum: Für das Umlageverfahren sind ein Bevölkerungs- und ein gleichzeitiges Wirtschaftswachstum ideal. Auch kapitaldeckungsbasierte Varianten sind auf Wachstum angewiesen, da positive Aktienrenditen auf den Erwartungen künftiger Gewinnsteigerungen basieren. Eine wachstumsfreie Zukunft würde unsere Gesellschaft vor grosse Probleme und unser politisches System infrage stellen.
Es ist ermutigend, dass in den alten Industrieländern innerhalb der letzten drei Jahrzehnte eine Entkopplung des Wirtschaftswachstums von einem weiteren Anstieg des CO₂-Ausstosses eingesetzt hat. Dies gilt selbst dann, wenn man die Produktionsverlagerungen ins Ausland berücksichtigt. Allgemein ist die Energieintensität der Wirtschaft global gesunken (siehe Abb. D), und fossile Treibstoffe konnten zum Teil mit kohlenstoffdioxidarmer Energie ersetzt werden.
Ein Lichtblick ist, dass die Preise für die Gewinnung erneuerbarer Energien entlang der technologischen Lernkurven über die Jahre massiv – und unter die Kosten konventioneller Energien – gesunken sind und so den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien unterstützen. Während am meist hohen Flächenbedarf der grünen Energieformen wenig zu ändern ist, dürfte das Problem der schwankenden Verfügbarkeit durch Speichertechnologien gelöst werden. Trotz anfänglich hoher Kosten sollten auch hier Lernkurveneffekte und der technische Fortschritt ihre Nutzung langfristig erschwinglich machen.
Positiv stimmen auch wissenschaftliche Analysen, die das Verhältnis von CO₂-Emissionen zum BIP-pro-Kopf-Wachstum und zum Bevölkerungswachstum untersuchen. Sie kommen zum Ergebnis, dass das Bevölkerungswachstum deutlich stärker für steigende CO₂-Emissionen verantwortlich ist als der Wohlstandszuwachs. Die Forscher plädieren dafür, Bevölkerungspolitik stärker beim Klimaschutz zu berücksichtigen. Bevölkerungspolitische Massnahmen dürften gerade in Ländern auf höhere Akzeptanz stossen, die ihre Entwicklungschancen durch hohe Kosten zur Bekämpfung des Klimawandels gefährdet sehen.
Der Ausblick lässt viele Entwicklungen offen. Ein Investitionsschub in erneuerbare Energien würde die Wirtschaftsleistung erhöhen und könnte langfristig über niedrigere Energiekosten zu mehr Wohlstand führen. Sollte es hingegen nicht gelingen, den Klimawandel einzudämmen, würde die Beseitigung der Schäden das BIP wohl ebenfalls erhöhen. Diese Erhaltungsinvestitionen wären aber nicht wohlstandssteigernd, das verfügbare Einkommen und der private Konsum müssten sinken.