Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03584.jsonl.gz/1077

Auf dem Weg ins Büro sprang mich letzthin mit seinen riesigen Lettern ein Plakat an: «Glücklich ist, wer dem Herrn in Ehrfurcht begegnet und sich über seine Gebote freut. Psalm 112, 1. Agentur C.»
Weil ich einer von denen bin, die umso misstrauischer reagieren, je grösser die Buchstaben auf den Weltformat-Plakaten werden, suche ich, kaum im Büro angekommen, die «Agentur C» im Internet. Ich finde eine ganze Serie solcher Plakate, Titel: «Gottes Wort an jedem Ort». Aha, mal schauen. Ich schlage den zitierten Vers bei Luther und Zwingli nach.
Gefunden habe ich verschiedene Versionen, alle gleichlautend mit der Formulierung, glücklich sei der, «der den Herrn fürchtet». Ja was nun? Will dieser Gott Furcht einjagen oder bloss, dass man Respekt hat vor ihm? Ist «Gottes Wort» eine Auswahlsendung?
Mir ist dann wieder einmal Jonas Fränkel (1879-1965) in den Sinn gekommen. Fränkel kam als Student in die Schweiz und arbeitete später vierzig Jahre lang als Sprachwissenschaftler an der Universität Bern. Aufgewachsen ist er als polnisch sprechender Jude in Krakau. Als Jugendlicher wollte er Rabbiner werden, darum lernte er Griechisch und Hebräisch, daneben autodidaktisch deutsch. 1900 druckte die NZZ die ersten Feuilletonbeträge des 21jährigen Studenten. Fränkel war zweifellos sprachbegabter als die meisten.
1954 hat Fränkel unter dem Titel «Dichtung und Wissenschaft» eine Essaysammlung veröffentlicht. Darin spricht er im ersten Beitrag «Von der Aufgabe und den Sünden der Philologie» und beginnt ihn mit der Schilderung von Michelangelos Moses-Statue in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom – einer überlebensgrossen Marmorfigur, die merkwürdigerweise Hörner trägt: Hörner, sonst Kopfschmuck des Teufels, ausgerechnet für jenen Mann, der Gottes Gesetzestafeln vom Berg Sinai herunter gebracht hat – und zwar, wie der jüdische Urtext auf Hebräisch sagt, mit «strahlendem Antlitz», weil er zuvor mit Gott geredet hat (2. Mose 34, 29).
Fränkels Erklärung: Michelangelo verstand kein Hebräisch. Darum stützte er sich bei seiner Darstellung auf die «Vulgata», die lateinische Bibelübersetzung des Hieronymus (347-420). Dieser spätere Kirchenheilige habe bei seiner Arbeit «verschiedene Bedeutungen verwechselt, welche der nämlichen Wortwurzel entstammen». Diese Wurzel könne für «strahlend» oder «gehörnt» stehen: «Aus dem strahlenden Antlitz machte Hieronymus einen gehörnten Kopf, den Moses vom Zusammensein mit Gott heimbrachte!»
Am 17. August 1956 hat Fränkel dann seinem Freund, dem Schriftsteller Jakob Rudolf Humm, in einem Brief berichtet, was er seither herausgefunden hat: Bereits in der rund zweihundert Jahre vor Hieronymus entstandenen griechischen Übersetzung des Textes durch Aquila finde er Moses mit Hörnern. Weil Hieronymus diese Übersetzung nachweislich kannte, handle es sich demnach bei ihm wohl nicht um einen Übersetzungsfehler. Vielmehr habe er vermutlich den Fehler bei Aquila abgeschrieben, woraus er schloss, dass Hieronymus einen Text übersetzt hat, den er im Original gar nicht kannte.
Mehr als tausend Jahre später, um 1510, haut Michelangelo aus Carrara-Marmor den Kopf des Moses heraus. Die Hörner – diese «sichtbarste Sünde der Philologie» (Fränkel) – gelten ihm dabei als unhinterfragbares Wort Gottes.
Im Vergleich dazu scheint es harmlos, wenn die «Agentur C» die bedrohliche «Furcht» in leichter konsumierbare «Ehrfurcht» umredigiert. So arbeitet jede PR-Agentur, die etwas zu verkaufen hat. Allerdings behauptet nicht jede, ihr Reklamespruch sei «Gottes Wort».