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Feuchtgebiete bieten Lebensraum für eine Vielzahl von spezialisierten Tier- und Pflanzenarten und wirken als Puffer in regionalen hydrologischen und klimatischen Systemen. Werden diese Ökosysteme jedoch gestört oder gar zerstört, verlieren Arten ihre Lebensraum und der gebundene Kohlenstoff wird in kurzer Zeit freigesetzt.
Genau dies ist in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert grossflächig passiert, indem viele Feuchtgebiete zerstört, beziehungsweise abgetorft und/oder durch Entwässerungen in landwirtschaftliche Anbauflächen umgewandelt wurden. Die Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzfläche auf Kosten von Feuchtgebieten ist in Mitteleuropa generell eine der wichtigsten Landnutzungsveränderungen. Ausgelöst wurde diese Entwicklung durch die wachsende Nachfrage nach Nahrungsmitteln und verbesserte Drainagetechniken.
In einem durch die Bristol-Stiftung finanzierten Projekt untersuchen wir die Geschichte der Feuchtgebiete in der Schweiz und ihre ökologische Bedeutung aus verschiedenen Blickwinkeln.
Die historische Perspektive umfasst drei Teile: Im ersten Teil beleuchten wir, wie die Feuchtgebiete in der Agrargesellschaft und mit der aufkommenden ökonomischen Aufklärung angesehen werden. Feuchtgebiete werden in dieser Zeit für die Landwirtschaft zunehmend als potentiell interessante Flächen wahrgenommen und von verschiedenen Seiten wird dazu aufgerufen Feuchtgebiete trockenzulegen und zu kultivieren. Im zweiten Teil geht es um die Zeit von 1850 bis 1950, in der ein grosser Teil der Feuchtgebiete verschwand. Die grossflächigen Meliorationen mit gewichtigen Flusskorrektionen (wie zum Beispiel die erste Juragewässerkorrektion) werden durch technologische und wirtschaftliche Fortschritte ermöglicht. Viele Feuchtgebiete werden in dieser Zeit mit industriell hergestellten Drainageröhren trocken gelegt, was staatlich gefördert wird, besonders im 2. Weltkrieg. Im dritten Teil wird die Zeit nach 1950 behandelt, als es weniger Meliorationen und Flusskorrektionen gibt und Moore zunehmend geschützt werden. Mit der Annahme der Rothenthurm-Initiative werden viele Moore unter Naturschutz gestellt.
Parallel dazu rekonstruieren wir die räumliche Entwicklung der Feuchtgebiete für die Zeitperiode von 1850 bis 2010. Dabei wurden aus den Feuchtgebietsflächen, die von topografischen Karten digitalisiert wurden, Verlustraten berechnet. Mit diesen Verlustraten wurde schrittweise vom aktuellsten zum nächst älteren Zeitschnitt die in den älteren Karten «fehlende» Fläche berechnet («fehlend», weil in den älteren Karten strengere Kartierungsdefinitionen galten). Um die «fehlende» Fläche geografisch zu platzieren, wurden die für Feuchtgebiete wahrscheinlichsten Standorte modelliert. Mit dieser Rekonstruktionsmethode wurde berechnet, dass von 1850 bis 2010 etwa 92 % bis 94 % der Feuchtgebiete in der Schweiz verschwunden sind.
Schliesslich beleuchten wir mit Hilfe diverser Expertinnen und Experten die ökologischen Folgen dieser Entwicklung für Flora und Fauna (Amphibien, Vögel, Wirbellose) und wir diskutieren, was die aufgezeigten Veränderungen für die Kohlenstoffvorräte und Treibhausgasemissionen aus Moorböden bedeuten.
Die Resultate werden 2018 in der Bristol-Schriftenreihe im Haupt-Verlag erscheinen.
Details zum Projekt
Projektdauer
2016 - 2025