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Sala Beckett, Barcelona
Ehemaliges Industriequartier
Das Viertel Poblenou entstand in seiner heutigen Ausdehnung während der Zeit der zunehmenden Industrialisierung in Barcelona bereits im 18. Jahrhundert, mit Bleichplätzen der Stoffindustrie. Das Quartier – einst ein von der Innenstadt unabhängiger Vorort – wuchs dank seiner für die Industrie vorteilhaften Lage am Meer rasant an und wies Ende des 19. Jahrhunderts die höchste Industriedichte ganz Spaniens auf. Im Volksmund erhielt es darum den Namen «El Mànchester Català». Nachdem die Industrie seit den 1960er-Jahren zunehmend in den Speckgürtel Barcelonas abgewandert war, erlebte auch Poblenou eine Transformation: Aus den ehemaligen Industriegebäuden und -arealen entstanden durch Demontage und Umnutzung nach und nach Wohnbezirke mit Lofts, Kunstgalerien, Schulen und Fitnesscentern. Eine weitere Aufwertung und Dynamisierung erlebte Poblenou dann vor allem während der Olympischen Spiele 1992, indem grosse Teile der ehemaligen Industriearaele zum olympischen Dorf, zur Vila Olìmpico, umgewandelt wurden. Heute bewirbt Barcelona den Stadtteil als ein «altes Industrieviertel als Schaufenster für Innovation» (barcelonabusturistic.cat), basierend auf dem Projekt 22@. Die ehrgeizige städtebauliche Massnahme hat zum Ziel, 200 Hektar Industriefläche in einen innovativen Distrikt zu verwandeln. Verstärkt sollen hier die modernen Dienstleistungen der Wissensgesellschaft angesiedelt werden. Die kreative Ausrichtung des Quartiers zeigt sich heute vor allem in der wachsenden Zahl an Werkstätten, alternativen Galerien, Filmproduktionsfirmen, Konzerthallen, Tanzclubs, Werbeagenturen, Möbelgeschäften, Showrooms, Designhotels, Start-ups etc. Dabei bilden die liebevoll restaurierten Fabrikgebäude eine nostalgische Kulisse, die das Quartier zu einem beliebten Touristenquartier macht. Doch wo ist das heute in Barcelona noch nicht der Fall?
Akribische Sorgfalt
Die heutige Sala Beckett gehört zu einer der letzten Reminiszenzen der Industriekultur; ein schlichtes Eckgebäude aus den 1920er-Jahren, eingerahmt von neueren Wohngebäuden aus den 1960er-Jahren. Der Transformation der ehemaligen Kooperative und des später dort untergebrachten Fitnesscenters in ein Theater und Kulturhaus ging 2011 ein Architekturwettbewerb voraus, der von den ortsansässigen Architekten Ricardo Flores und Eva Prats gewonnen wurde. Zusammen mit dem ebenfalls in Barcelona geborenen künstlerischen Leiter Toni Casares arbeiteten die Architekten sehr intensiv und lange an diesem Projekt, um hier eine Wirkungsstätte und ein Theater zu schaffen, das zum einen dem ehemaligen Industriequartier und seiner Rolle im Stadtteil gerecht wird, mit dem aber auch das innovative Theater einen passenden Ort bekommt. Aus diesem Grund setzten sich Flores & Prats sehr intensiv mit dem Thema Theaterproduktion und dem experimentellen Theater auseinander, für das die Sala Beckett heute international bekannt ist. Im Rahmen ihrer Recherchen besuchten Flores & Prats u.a. auch das «Théâtre des Bouffes du Nord» in Paris, das der britische Regisseur Peter Brook, der als wichtiger Vertreter des zeitgenössischen europäischen Theaters gilt, 1974 ins Leben gerufen hatte. Die Architekten setzten sich darüber hinaus mit verschiedenen Theaterbühnen auseinander, um eine hohe Sensibilität dafür zu entwickeln, wie die Innenräume der ehemaligen Kooperative zum Spielort des zeitgenössischen Theaters werden könnten. Sie gingen dabei mit fast schon akribischer Sorgfalt ans Werk: Es sollte ein intensiver Dialog zwischen den Räumen und ihren Geschichten initialisiert und ermöglicht werden – an einem Ort, dessen Wirkkraft sich nicht nur die Schauspielenden, sondern auch die Besucherinnen und Besucher schwer entziehen können.
Wissenschaftliche Entwurfsarbeit
Die Revitalisierung der ehemaligen Kooperative umfasste nicht nur die räumlichen Anpassungen und Veränderungen, sondern vor allem auch die dekorativen Qualitäten des Bestandsbaus. Denn gerade diese gehören zu einem starken Identitätsmoment für eine spezielle Ära Barcelonas: Die Erstarkung der Arbeitervereinigungen im letzten Jahrhundert führte auch zur Entstehung überraschender Unterhaltungsstätten, deren Charakteristiken exemplarisch in der Sala Beckett erhalten wurden. Ursprünglich diente dieses Gebäude als Lagerhaus, wurde dann aber von der Kooperative durch das Einfügen von dekorativen Elementen in einen Raum für Festivitäten verwandelt. Um diese Geschichte lebendig zu erhalten, haben die Architekten jedes einzelne Element sorgfältig erfasst und dokumentiert, von den Fensterrahmen und Türen über die polychromen Keramikplatten, die Rosettenfenster, die noch vorhandenen Innenausbauten in Holz bis hin zu den Stuckaturen. Der Entwurfsprozess umfasste zudem eine vertiefte Studie mit den Umgebungsqualitäten, die – und dies ist ein ganz besonderes Arbeitsinstrument von Flores & Prats – in zahlreichen detaillierten Illustrationen und Studienmodellen festgehalten wurden. In ihrem hohen Detaillierungsgrad diente diese Arbeitsmethode nicht nur als Grundlage für die Entwurfsarbeit, sondern sie erhält auch eine archäologische Tiefe: In den zahlreichen Farbzeichnungen ist die Geschichte ein für allemal auf Papier festgehalten und bleibt als historisches Dokument einer wichtigen Epoche der Stadtgeschichte der Nachwelt erhalten.
Verwebungen und Durchdringungen
Die attaktive, zur Strasse ausgerichtete Lage der Sala Beckett haben die Architekten genutzt, um das Theater als Kulturzentrum mit dem Stadtgefüge zu verweben. So sind die meisten Räume im Erdgeschoss für die Quartierbewohner und die Öffentlichkeit nutzbar. Im Restaurant treten Alt und Neu dialogisch zueinander in Beziehung. Der historische Bestand – der nicht nur architektonisch in Erscheinung tritt, sondern als Spur kollektiver Erinnerung an die Vergangenheit des Industriequartiers – und neuere Bauten stehen sich gleichgewichtig gegenüber. Dabei haben die Architekten die dekorative Präsenz zum Ausgangspunkt einer eklektischen Szenografie genommen und sie in einer zeitgenössischen Sprache weitergeführt. Dadurch entsteht ein wirkungsvolles Gewebe von Vergangenheit und Gegenwart.
Diese Interpretation mag aus mitteleuropäischer, modernistischer Sicht mutig und unkonventionell anmuten, lässt sich aber auch als ein Weiterschreiben der baulichen und kunsthandwerklichen Tradition der katalanischen Hauptstadt lesen, die es immer wieder geschafft hat – von Antoni Gaudí bis Jean Nouvel und Herzog & de Meron –, Eigenständiges hervorzubringen. Um eine Gesamtatmosphäre zu erreichen und die räumlichen Durchdringungen wirkungsvoll zu inszenieren, haben die Architekten zudem einen besonderen Fokus auf die Tageslichtführung gelegt: Durch Oblichter und geschwungene Deckendurchbrüche fliesst das Licht die Wände hinab bis ins Erdgeschoss und führt damit die Besucher nicht nur physisch durch die Räume, sondern lässt sie in die Geschichte einer vergangenen Epoche eintauchen.
Eva Prats und Ricardo Flores
Flores & Prats Architects sehen in Theorie und Forschung eine wichtige Grundlage für ihre Tätigkeit. Ihr Werk wurde bereits mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, u.a. auch das Projekt Casal Balaguer in Palma de Mallorca, das 2014 und 2016 an der Architekturbiennale in Venedig gezeigt wurde.floresprats.com