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Die jüngsten Zahlen der Uno küren Indien zum bevölkerungsreichsten Land der Welt. Die Alterspyramide verdeutlicht zudem die Chancen für den langersehnten «Take-off». Die Zahlen zur Beschäftigung sprechen eine andere Sprache.
Irgendwann in den letzten Apriltagen überholte Indiens Bevölkerung jene der Volksrepublik China (ausgenommen Hongkong). Irgendwann – und irgendwo in diesem riesigen Land – wurde das 1425 Millionen 775850ste Baby geboren, quasi die erste indische Stafettenläuferin, die ihr Näschen vor das ihrer chinesischen Schwester setzte.
«Demographischen Dividende»
Zahlreiche Politiker, namentlich aus der nationalistischen Regierungspartei, machten aus dem Messwert die Geschichte eines siegreichen Zweikampfs. Zum ersten Mal konnten sie ihr Land auf das Podest des Erstplatzierten heben und gleichzeitig ihren asiatischen Rivalen, der sonst immer vorne ist, auf den zweiten Platz verweisen.
Der erste Rang wird Indien bleiben, denn der Zufall will es, dass Chinas Bevölkerung letztes Jahr zum ersten Mal nicht nur weniger stark wuchs, sondern auch zu schrumpfen begann. Indien wird diesen Punkt erst 2064 erreichen, wenn es weit über zwei Milliarden «stark» sein wird, während sich China endgültig unter der Ein-Milliardenschwelle einrichten wird. Zwar ist auch in Indien das Wachstum heute auf 2% pro Jahr – die «Reproduktionsrate» – gesunken, doch dank seiner jungen Bevölkerung (die Hälfte ist weniger als 25 Jahre alt) wird es noch Jahrzehnte wachsen.
Die Indien-Verantwortliche der Uno-Bevölkerungsagentur war allerdings fast die Einzige, die das Etikett der «demographischen Dividende» in den Mund nahm und von «1,4 billion opportunities» sprach. Die mediale Öffentlichkeit reagierte dagegen erstaunlich zurückhaltend auf diesen Lorbeerkranz. Es widerspiegelt den landesweiten und langjährigen Konsens, dass das Bevölkerungswachstum eher ein demographischer «Schuldschein» ist als eine Dividende. Es ist verantwortlich für die wenig rühmlichen ersten Ränge Indiens – die grösste Zahl bitterarmer Menschen, die höchste Kinder- und Müttersterblichkeit, die grösste Zahl von Menschen mit Schrumpfwuchs.
Familienplanung
Dabei ist «Familienplanung» fast so alt wie die Republik. Doch im Begriff schwang nie die Bedeutung mit, dass die Familie selber die Zahl ihrer Kinder bestimmte. Es war immer der Eingriff des Staats, der Reduktionsziele vorgab und diese mit Eingriffen in die Reproduktionsfähigkeit von Müttern und Vätern durchsetzen wollte. Die Eingriffe in der «Emergency» Indira Gandhis in den siebziger Jahren waren dann so drastisch – gewaltsame Sterilisierungen und riskante späte Schwangerschaftsabbrüche – dass «Familienplanung» während Jahrzehnten zu einem «dirty word» wurde, das kein Politiker in den Mund nahm.
Erst die wirtschaftlichen Reformen der neunziger Jahre liessen das Bevölkerungswachstum ohne staatliche Eingriffe zurückgehen. Der Grund: Eine kinderreiche Familie war für arme Menschen ein Anreiz, weil Kinder eben nicht nur hungrige Mäuler sind, sondern auch Hände zum Arbeiten haben. Die indische Wirtschaftsleistung hat sich in den letzten dreissig Jahren verfünffacht, und das Pro-Kopf-Einkommen von 300 Dollar pro Jahr auf 2200 Dollar anschwellen lassen. Gleichzeitig sank die durchschnittliche Familiengrösse von sechs auf vier Mitglieder.
Vernachlässigung der Bildung
Damit bleibt Indien aber immer noch eine «lower middle-income economy», ein Sechstel der Grösse Chinas. Zudem maskiert die eklatant weit geöffnete Einkommensschere die Realität einer grossen «Sockelarmut». Die New York Times illustrierte dies kürzlich mit der paradoxen Evidenz, dass ein Inder mit einem Einkommen von 300 Dollar pro Monat zu den obersten zehn Prozent in der Einkommenspyramide gehört.
Dennoch zeigen die Daten des jüngsten UNO-Berichts, dass die Bevölkerungsstruktur günstige Voraussetzungen bietet, damit das Land den Sprung in die nächsthöhere Einkommensklasse schaffen könnte. 68 Prozent der Bevölkerung sind zwischen 15 und 64 Jahre alt, eine Zweidrittelmehrheit also, die ökonomisch aktiv ist. Der Bevölkerungsanteil der älteren Menschen dagegen beträgt geringe 7 Prozent (gegenüber 19 Prozent in China). Dies schafft die Möglichkeit, dass organisch generiertes Spar- und Investitionskapital direkt oder über Steuerabgaben in die wirtschaftliche Entwicklung des Landes fliessen kann.
Doch was heisst «ökonomisch aktiv»? Nur etwa 9 Prozent der Haushalte zahlen eine Einkommenssteuer; weniger als 7 Prozent beziehen einen Lohn. Der Grund liegt in der sträflichen Vernachlässigung der Bildung (und der Gesundheit). Bereits Nehru investierte weit mehr in die akademische Bildung als in Grundschulen und Berufsbildung. Selbst heute liegt das Budget für Erziehung dreimal tiefer als das Volumen, das nötig wäre, um auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen. Handkehrum lenkt die Modi-Regierung weit höhere Budgetmittel in die physische Infrastruktur – genauso wie damals Indiens erster Premierminister.
Thema Gesundheit
Dasselbe gilt für den Gesundheitssektor. Sowohl die physische Infrastruktur der «Primary Health Centres» in den Dörfern als auch die Ausbildung und Belohnung des Gesundheitspersonals bilden wenig Anreize für Krankenpersonal und Ärzte. Sie ziehen es vor, in den Grossstädten anzuheuern, mit weit höheren Löhnen und einer privaten Spitzenmedizin, die internationales Niveau hat. Das Resultat ist Indiens Spitzenlatz in der internationalen Morbiditätsskala.
So verpasste Indien die Chance, eine beschäftigungsintensive Exportindustrie für Billigwaren aufzubauen, als China technologisch in einen höheren Gang schaltete und sein Erfolgsmodell anderen überliess. Die verarbeitende Industrie ist vielmehr geschrumpft und beschäftigt heute weniger Menschen als der Bausektor. Das Argument, Indien sei direkt von der Landwirtschaft in die Dienstleistungsindustrie «gehüpft», mag zutreffen, beantwortet aber nicht die Frage der Beschäftigung. Selbst ein erfolgreicher IT-Sektor wird nie fähig sein, ein derart hohes Arbeitskräfteangebot – jährlich 17 Millionen Neuzugänge in den Jobmarkt – zu absorbieren.
Auswanderung
In einem kürzlich erschienenen Buch zitiert der indischstämmige Ökonom Ashoka Mody eine Studie, die Jawaharlal Nehru in den Fünfziger Jahren beim amerikanischen Ökonomen Milton Friedman in Auftrag gegeben hatte. Der Nobelpreisträger kam zum Schluss, dass jeder moderne Staat, der es zu wirtschaftlichem Wohlstand gebracht habe, massiv mehr in Bildung und Gesundheit investiert habe als in die physische Infrastruktur. «In the United States only about one-fifth of the total income is return to physical capital, four-fifths to human capital.» Nehru habe den Rat nie befolgt, genau so wenig wie seine Nachfolger, sagt Mody. Das Fazit des Buchs lautet, Indiens Hoffnung auf Wohlstand und Grossmachtstatus sei ein Wunschtraum. Dessen Titel: «India is Broken».
In den nächsten sieben Jahren muss die Wirtschaft neunzig Millionen Jobs schaffen, will es ein Wachstum von 6 Prozent aufrechterhalten. Die Chancen dafür stehen schlecht. Das Arbeitsangebot für Schulabgänger liegt weit unter der Nachfrage. Und wo diese besteht, fehlen qualifizierte Arbeitskräfte. Im südindischen Staat Andhra Pradesh, einem internationalen IT-Hub, sind 35 Prozent der College-Abgänger arbeitslos oder schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch. Über anderthalb Millionen junge Inder haben seit der Amtsübernahme Modis ihr Land verlassen.
Nationalreligiöse Programme
Es ist interessant, wie China auf die Ankündigung des Bevölkerungsrückgangs reagierte. «Was zählt», sagte der Sprecher des Aussenministeriums, «ist nicht nur Grösse, sondern auch die Qualität der Beschäftigten.» Sie sei 900 Millionen stark, mit 10,9 Jahren Schulbildung; wer heute zu arbeiten beginne, habe sogar 14 Jahre im Rucksack.
Modi projiziert das Bild eines modernen, marktorientierten und globalen Landes. Sieht man genauer hin, wird rasch klar, dass wirtschaftliche Offenheit und Marktregeln sekundär sind gegenüber der Durchsetzung des national-religiösen Programms, auch wenn dies ökonomische Kosten schafft. Sogar die Bevölkerungspolitik ist davor nicht verschont.
Gerade in Wahlkämpfen schürt die BJP immer wieder die Angst der Hindu-Wähler, dass ihr Bevölkerungsanteil (83%) bald von den Muslimen (13%) überholt werden könnte; sie müssten daher mehr Kinder zeugen. In einer Wahlkampfrede in Gujerat legte Modi, damals noch Chefminister des Bundesstaats, dem typischen Muslim folgende Worte in den Mund: «Wir sind fünf», würde dieser in Anspielung auf sich und seine vier Ehefrauen sagen. «Zusammen sind wir fünfundzwanzig.»