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Marcel Cohen und Helga Pollak-Kinsky beschreiben, wie sie als Kinder den Holocaust überlebt haben. Der Schrecken wird gerade in den Auslassungen erfahrbar.
So verschieden die beiden Bücher auch sind, sie bieten zwei Varianten ein und derselben Geschichte. Einer von Kindern, die, zur Vernichtung ausersehen, überlebt haben und im Alter darangegangen sind, ihre Erinnerungen nach aussen zu tragen.
Der Junge von damals heisst Marcel Cohen, ist heute 76 Jahre alt und lebt in seiner Geburtsstadt Paris. Als er fünf war, am 14. August 1943, und von einem Spaziergang mit dem Dienstmädchen Annette nach Hause kam, sah Marcel vom Gehsteig gegenüber, wie seine Eltern Marie und Jacques von Polizisten gezwungen wurden, auf einen Lastwagen zu steigen. Ausser ihnen und seiner Schwester Monique kamen auch die Grosseltern, zwei Onkel und eine Grosstante in deutschen Konzentra-tionslagern um. Er verdankt sein Überleben im besetzten Frankreich dem Hausmädchen, das ihn in ihr bretonisches Dorf mitnahm, wo «ein Leben als verstecktes Kind begann», und einem nicht jüdischen Freund der Familie, der ihn kurzerhand in sein Familienbuch eintragen liess.
Das Mädchen, Helga, ist als einziges Kind des Ehepaars Frieda und Otto Pollak 1930 in Wien geboren. Sieben Jahre später liessen sich die Eltern scheiden. Im Sommer 1938, nach der Annexion Österreichs im März, wurde Helga zu Verwandten in die südmährische Kleinstadt Kyjov geschickt. Von dort deportierten sie die Nazis drei Jahre später nach Theresienstadt, im Oktober 1944 nach Auschwitz, dann nach Oederan, ein Aussenlager des KZs Flossenbürg. Frieda Pollak war 1939 die Flucht nach England gelungen. Ihre Bemühungen, Helga mit einem Kindertransport nachkommen zu lassen, schlugen fehl. Mutter und Tochter sahen einander erst nach der Befreiung wieder, in London, wo Helga den deutschen Emigranten Gerhard Kinsky heiratete.
Nach Jahren in Bangkok und Addis Abeba liess sich das Ehepaar Pollak-Kinsky mit seinen beiden Kindern in Wien nieder, in der Nähe von Helgas innig geliebtem Vater, der wie sie nach Theresienstadt verschleppt worden war. Nach seiner Rückkehr aus dem Lager hatte er geschrieben: «Jedes Wort des Hasses, gemessen an dem grossen Unglück, das uns betroffen, erscheint mir zu klein und zu profan. Ich habe mir nie in Ausbrüchen, wie die anderen, Luft machen können, da ich glaubte, das Andenken der Toten zu verletzen. Oder war ich zu resigniert, seelisch zu sehr verwundet nach all dem grossen Leid?»
Hunger nach Zuversicht
Um diese seelische Verwundung geht es im Grunde auch in Marcel Cohens Buch. Sie zeigt sich schon daran, dass es dem Verfasser unmöglich war, die Geschichte seiner Familie, und die eigene, in eine geschlossene Form zu bringen. Bruchstückhaft bleibt alles, was zu erzählen wäre, und man merkt dem «Raum der Erinnerungen» die Qual an, der sich der Autor unterworfen hat. Abwesenheit und Leere, schreibt er, lassen sich nicht ausdrücken, deshalb ist das Buch «aus Erinnerungen gemacht, und noch viel mehr aus Schweigen, aus Lücken, aus Vergessen». Dies, die vielen kaum entwirrbaren biografischen Fäden, sowie der gespreizte Stil (den der Übersetzer Richard Gross aus Respekt vor dem Original im Deutschen bewahrt hat) erschweren die Lektüre.
Dabei war Marcel Cohen um einen klaren Aufbau bemüht – die Kapitel sind jeweils einer respektive einem ermordeten Angehörigen zugedacht. In ihnen führt er nicht nur die spärlichen Bilder zusammen, sondern auch das, was ihm an Gerüchen oder Geräuschen haften geblieben ist. Seine Kunst erweist sich eben in der Dürftigkeit der mitgeteilten «Tatsachen», wie das Buch im Untertitel heisst. Im letzten Abschnitt hat er kommentarlos die wenigen Gegenstände aus Familienbesitz abgebildet, die ihm geblieben sind: Eierbecher, Stoffhund, Geige, Handtasche, Zigarettenetui, Haarnetz, Aschenbecher.
Das «Theresienstädter Tagebuch» von Helga Pollak-Kinsky nimmt sich dagegen strahlend aus. Das liegt zum einen daran, dass es immer wieder von Gesprächen zwischen ihr und der Herausgeberin Hannelore Brenner unterbrochen wird, begleitet also von einem Dialog zwischen den Generationen. Ausserdem enthält das «Tagebuch» die Aufzeichnungen ihres Vaters, der den Alltag in Theresienstadt ebenfalls festgehalten hat – knapper (er trug seine Wahrnehmungen in einen Taschenkalender ein) und aus der Sicht eines skeptischen Erwachsenen. Die Zärtlichkeit, die er für seine Tochter empfindet, teilt sich trotzdem mit.
Strahlend nimmt sich das «Tagebuch» auch aus wegen der überwältigenden Begabung dieses zwölf-, dreizehnjährigen Mädchens, seinen scharfen Beobachtungen und tiefen Gedanken. Wegen Helgas Willen zur Selbstkritik, ihrem Hunger nach Erfahrung, nach Freundschaft, nach Zuversicht. «Bei mir kommt nach Freiheit, Gesundheit und Eltern-Haben nur die Wissenschaft», notiert sie am 24. Oktober 1943, und zwei Monate später heisst es: «Gestern habe ich mich mit Papa über den sechsten Sinn unterhalten, doch verstehe ich es immer noch nicht. Und die Frage, was das Leben eigentlich ist, hat mir noch keiner richtig beantwortet.»
Hommage an Häftlingsfrauen
Dazu ist das Buch eine Hommage an die dreissig Kinder, mit denen Helga ein Zimmer im Theresienstädter Mädchenheim L 410 teilen musste; an die Häftlingsfrauen, die sich um sie kümmerten, sie heimlich unterrichteten und, wie die Wiener Malerin Friedl Dicker-Brandeis, ihr künstlerisches Talent weckten. Inmitten des Elends, wider die Angst vor Sterben und Deportation. Deshalb kritisiert Pollak-Kinsky auch die negative Darstellung der Jugendfürsorge in Theresienstadt, wie sie als Erster H. G. Adler, ein Leidensgefährte dort und in Auschwitz, vorgebracht hat.
Empörender noch findet Pollak-Kinsky das jüngst erschienene Werk des Historikers Wolfgang Benz, «Theresienstadt. Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung», in der just die Kinderzeichnungen als «Beispiel für die illusionäre Wahrnehmung des Ghettos Theresienstadt» angeführt werden. «Über das pädagogische Konzept dahinter kein Wort. Dabei sind gerade solche Persönlichkeiten wie Friedl Brandeis der Beweis dafür, wie stark die pädagogischen Fähigkeiten vieler Erwachsener waren, die sich in Theresienstadt um uns kümmerten.» Benz’ stupider Vorwurf könnte sich auch gegen Pollak-Kinskys «Tagebuch» richten, weil seine Verfasserin dem Schrecken wenig Raum gibt. Allein deshalb ist es ein einzigartiges Dokument des Widerstands: Aus ihm spricht eine Halbwüchsige, die sich über die Verhältnisse erhebt.
Ein Wort noch zur Edition: Hannelore Brenner weist im Vorwort darauf hin, dass Helga – im Gegensatz zu ihrem Vater – ihr Tagebuch auf Tschechisch geschrieben hat. Es sei professionell übersetzt und dann zusammen mit Helga übertragen worden. Tatsächlich liest sich die deutsche Fassung, als wäre sie das Original. Helga Pollak-Kinsky scheint nichts von ihrem frühreifen Sprachvermögen verloren zu haben.