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Ende Oktober 2015 wurden in Nordost-Brasilien plötzlich mehr Neugeborene mit viel zu kleinen Köpfen geboren als sonst. Bis Mitte Januar registrierte das brasilianische Gesundheitsministerium rund 3900 Verdachtsfälle. Als mögliche Ursache für diese Häufung von Mikrozephalie-Fällen wurde das Zika-Virus ausgemacht. Seither grassiert die Angst vor dem Erreger. Am 1. Februar erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO den globalen «Öffentlichen Gesundheitsnotstand».
Die schockierenden Bilder der Kinder mit Schädelfehlbildungen erinnern an den Contergan-Skandal: In den Fünfziger- und Sechzigerjahren kamen viele Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft das rezeptfreie Beruhigungsmittel Contergan eingenommen hatten, mit schweren Missbildungen zur Welt. Der im Medikament enthaltene Wirkstoff Thalidomid hatte die Entwicklung der Föten gestört.
Möglicherweise findet deshalb in den sozialen Medien ein Bericht von argentinischen Medizinern weite Verbreitung, der den Anstieg von Mikrozephalie-Fällen nicht mit dem Zika-Virus in Verbindung bringt, sondern mit einem Pestizid. Die Ärzte, deren Website Red universitaria de ambiente y salud als Plattform gegen die Ausbringung von chemischen Schädlingsbekämpfungsmitteln dient, nennen sich «Medicos de pueblos fumigados» (etwa: Ärzte der chemisch besprühten Dörfer).
Die chemie-kritischen Mediziner haben das Insektengift Pyriproxyfen – ein künstliches Juvenilhormon – als Schuldigen ausgemacht. Die brasilianische Regierung hatte das Insektizid der Firma Sumitomo Chemicals 2014 dem Trinkwasser zur Mückenbekämpfung beigemischt. Die argentinischen Ärzte behaupten, dies sei in jenen Gebieten geschehen, die nun am stärksten von Mikrozephalie betroffen seien.
Sie weisen zudem darauf hin, dass Pyriproxyfen das Wachstum von Insektenlarven hemmt, indem es in deren Hormonhaushalt eingreift. Ihre Vermutung: Das Larvizid beeinflusst auch die Gehirn-Entwicklung eines menschlichen Fötus. Als weiteres Indiz führen die Ärzte schliesslich an, dass es bereits früher Zika-Epidemien gegeben habe, ohne dass es dabei zu Fällen von Mikrozephalie gekommen sei. Derzeit gebe es auch in Kolumbien zahlreiche Zika-Infektionen, aber keine Zunahme von Mikrozephalie-Fällen.
Ein verschwörungstheoretisches Aroma erhält der am 9. Februar publizierte Bericht allerdings, wenn die Ärzte den brasilianischen Behörden unterstellen, diese hätten das Zika-Virus als Ursache für die Missbildungen nur vorgeschoben. Man versuche damit vom verantwortungslosen Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln ablenken. Die Strategie der chemischen Bekämpfung der Mücken sei «ein kommerzielles Manöver» der «Chemiegift-Industrie», die mit den lateinamerikanischen Gesundheitsministerien und der WHO verbandelt sei.
Im Bericht wird der Hersteller des Larvizids, die japanische Firma Sumitomo Chemicals, als Tochterfirma des US-Chemiekonzerns Monsanto bezeichnet, der bei Umweltschützern einen eher schlechten Ruf geniesst. Monsanto beeilte sich denn auch darauf hinzuweisen, dass der Konzern Pyriproxyfen weder herstelle noch verkaufe und dass Sumitomo Chemicals keine Tochterfirma von Monsanto sei.
«Das ist verantwortungslos», sagt Professor Christoph Hatz von der Universität Basel zu den Behauptungen des Berichts, wonach die Missbildungen nichts mit dem Zika-Virus zu tun hätten und der Einsatz von Insektiziden gegen die Mücken einzig aus kommerziellen Gründen erfolge.
«Die Bekämpfung der Mücken hat oberste Priorität», stellt der Tropenmediziner fest. Dies nicht nur wegen der aktuellen Zika-Epidemie. Auch andere gefährliche Viren wie der Erreger des Dengue-Fiebers würden schliesslich durch Mücken übertragen.
Davon abgesehen dürfe man allerdings den Bericht der Ärzte nicht einfach als Unsinn abtun. «So lange wir nicht genau wissen, was für diese Häufung von Mikrozephalie-Fällen verantwortlich ist, sollten wir allen möglichen Ursachen nachgehen», sagt Hatz. «Was wir sicher wissen: Das Zika-Virus kann von Schwangeren an den Fötus weitergegeben werden.» Und: «Es gibt bestimmt irgendeinen Zusammenhang von Zika und Mikrozephalie.»
Darauf weisen auch Forschungsergebnisse hin, die erst diese Woche publiziert wurden: Brasilianische Wissenschaftler entdeckten das Zika-Virus im Hirngewebe mehrerer Neugeborener. Noch ist aber unklar, wie der Erreger wirkt.
Ob aber das Zika-Virus tatsächlich die Mikrozephalie auslöst oder ob diese andere Ursachen hat, könne derzeit nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden, betont Hatz. Der letzte Beleg dafür fehlt derzeit noch. Tatsächlich können verschiedene Ursachen dazu führen, dass Neugeborene einen zu kleinen Kopf haben: beispielsweise Alkoholkonsum in der Schwangerschaft, eine Ansteckung mit Röteln oder Fehler bei der Zellteilung (Trisomien).
Das Zika-Virus ist schon länger bekannt. Warum es bei den früheren Epidemien keine Häufung von Schädel-Missbildungen gab, erklärt Hatz damit, dass die Fallzahlen damals vermutlich zu klein waren. Aus diesem Grund sei der Zusammenhang gar nicht aufgefallen. Hatz relativiert: «Es ist ja keinesfalls so, dass jede Schwangere, die sich infiziert hat, ein missgebildetes Kind zur Welt bringt. In den meisten Fällen verläuft das Zikafieber ziemlich harmlos.»
Das brasilianische Gesundheitsministerium hat inzwischen den Bericht der argentinischen Mediziner zurückgewiesen. «Es gibt keine epidemiologische Studie, die eine Verbindung zwischen dem Einsatz von Pyriproxyfen und Mikrozephalie beweist», teilte die Behörde am Montag mit. Sie wies darauf hin, dass nur von der WHO empfohlene Larvizide – zu denen auch Pyriproxifen zählt – eingesetzt würden.
Tatsächlich ist das Insektizid ausführlich getestet worden. Die WHO empfiehlt eine Dosierung von Pyriproxyfen im Trinkwasser, die 0,01 mg/L nicht überschreitet. Die amerikanische Immunologin Tirumalai Kamala weist überdies darauf hin, dass Pyriproxyfen schon länger und an verschiedenen Orten – beispielsweise in Spanien, Italien und Israel – eingesetzt wird, ohne dass es dort zu einer Häufung von Mikrozephalie gekommen ist. Auch gebe es keinerlei Belege für entsprechende Anomalien bei Säugetieren in solchen Gebieten.