Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03646.jsonl.gz/156

Es war auch der Moment, an dem Tocotronic technisch einigermassen spielen konnten, obwohl das sicher nicht ihre Absicht gewesen war, doch sie hatten wohl so viele Konzerte gegeben, dass sie gezwungenermassen besser wurden. So Jetzt aber CD rein: «Jetzt geht wieder alles von vorne los»: Bass und Schlagzeug beginnen verschlafen, Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow muss erst mal den Wackelkontakt beheben (auch ein Statement). Dann singt er: «Nach der verlorenen Zeit hab ich erst mal weniger nachgedacht» und schon wird's Komplex, weil erstens ist «Die verlorene Zeit» ein Buch, zweitens heisst Tocotronics Platte vor dieser Platte «Nach der verlorenen Zeit», und drittens könnte das Lied natürlich mit diesen zwei Dingen überhaupt nichts zu tun haben und von jemandem handeln, der im Komma gelegen hatte oder so. Nach einer Weile machen sie dann richtig Krach und Dirk von Lowtzow schreit: «Jetzt geht wieder alles von vorne los». Das hat etwas Jammerndes, wie er das schreit, wie wenn man bei einer mehrtägigen Velotour am zweiten tag aufs Velo steigt und denkt: «Welcher Sadist hat diesen Sattel gemacht?» «Die Welt kann mich nicht mehr verstehen»: Wohl das hitverdächtigste Lied, das Tocotronic je gemacht haben. Dirk beschreibt hier zu treibendem Punkrock einen Jetlag, und dass ihm seine Freunde fehlen, aber er tut dies wie ein Kind, das nicht bemerkt hat, wie es in ein fernes Land gebracht wurde. «Ich hab geträumt ich wäre Pizza essen mit Marc E Smith»: Der Titel ist auch schon fast der Text des Liedes. Weiter heisst es dann noch: «Natürlich hat er mir erzählt, wie man Platten macht... ich hab sozusagen mit Marc E Smith die Nacht verbracht.» Dazu muss man wissen: Marc E Smith ist das einzige konstante Mitglied der englischen Avantgarde-Rock-Band «The Fall». «Schritte auf der Treppe»: Dieses Lied dreht sich irgendwie darum, nicht mehr bei den Eltern und nicht mehr in der Provinz zu Leben und dann nicht mehr tun zu müssen, was man will, sondern einfach irgendwas zu tun. Interessant: Bis jetzt hatten alle Lieder, thematisch eine Deutung, die sich auf den ersten Blick aufdrängte. Jedoch liessen sie aber mindestens eine zweite Möglichkeit offen. Es könnten alles auch Aussagen von jemandem sein, der irr ist und die Realität durcheinander bringt. «Wir kommen um uns zu beschweren»: Herr von Lowtzow singt natürlich: «Wir kommen um ------------------------------ uns zu beschweren» und beschwert sich dann über völlig nebensächliche Dinge. Ich habe oben Blödsinn geschrieben: Diese Platte ist nicht der dritte Streich derselben Sorte, sondern: Einerseits die Platte über ihre zwei Vorgängerinnen und andererseits der erste Gehversuch im abstrakten Gar-Nichts-Land, was sie ja später dann kultivierten, bis überhaupt nichts mehr übrig blieb. Und die Reaktion auf die Reaktion ist sie natürlich immer noch. «So jung kommen wir nicht mehr zusammen»: Der Titel ist zum zweiten Mal beinahe der ganze Text. Aber die ehrliche Schwermut mit der er vorgetragen wird und das hundert Jahre dauernde Heul-Gitarren-Inferno deuten an, dass es sich um eine längere Trennung handeln könnte. Als nach eben diesem Inferno wieder der Anfang des Liedes kommt, hat man diesen schon fast vergessen und ist auch schon wieder älter geworden. Das Lied führt einem quasi die in ihm behauptete Behauptung vor. Nicht schlecht. [youtube]http://www.youtube.com/watch?v=FeZJ6RpUgcU[/youtube] «Der Cousin»: Wieder mal Punkrock. Dirk denkt an seinen Cousin, und dieser wird zum Symbol für die Eingegliederten. Der Cousin ist ideal für diese Rolle, denn wir haben alle einen Cousin, mit dem wir so viele Gemeinsamkeiten haben wie mit Joseph Deiss. Aber unser Cousin ist unser Cousin, wir sehen ihn manchmal an Beerdigungen, und darum kennen wir ihn und staunen, wie man sein kann. Joseph Deiss hingegen ist verschwunden, ich erinnere mich nur sehr schwach an ihn. Hatte er eine Brille? Hatte er graues oder braunes Haar? Hatte er Haar?
«Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst»: Wieder mal ist es kompliziert: Dirk schimpft über eine Band, die immer rumhängt und es zu nichts als Kleinkunst bringt. Aber aufgepasst! Tocotronic sind technisch eher unbedarft und eher die Typen, die früher auf dem Schulhof verprügelt wurden. Ich glaube, da haben wir sie wieder: die Reaktion auf die Reaktion. Vielleicht zitieren sie hier einen Super-Metall-Gitarristen, der ihnen mal den Kopf waschen wollte. Falls dem so ist, stellen sie ihm mit diesem Lied natürlich flink ein Bein. Hehe! «Bitte gib mir meinen Verstand zurück»: Und jetzt ganz offensichtlich: Jemand, der nicht mehr weiss, wo oben und wo unten ist. Superlied! Superlied! Superlied! Die Zeileneinteilung in der Strophe ist so waghalsig, dass es vor dem Refrain einen Textstau gibt und Arne kurzerhand singt: «Kriegs nicht mehr unter». Die zweite Strophe ist noch besser, denn sie erstickt im Keim: «Meine Eltern, meine Eltern, alles was ich immer wollte, älter, älter und äää ää aaa.......» «Die Sache mit der Team Dresch Platte»: Der Text beschreibt den lohnenden Kauf einer Platte einer Band, die böse Musik macht. In einem Zwischenteil wird dann diese Musik vorgespielt. Im Rest des Liedes musizieren Tocotronic noch viel dünner, als sie es sonst schon tun, karikieren also sich selbst, um den Kontrast zwischen sich und Hardcore-Metal zu verdeutlichen. «Ich bin ganz sicher schon mal hier gewesen»: Müde humpelt dieses Lied an. Arne ist ganz sicher schon mal hier gewesen, doch er weiss nicht mehr wann (wieder kein Boden unter den Füssen). Dann gibt es wieder ein hundertjähriges Gitarrengewitter wie bei «so jung kommen wir nicht mehr zusammen». «Ich wünschte ich würde mich für Tennis interessieren»: Jetzt wird eingelöst, was der Albumtitel versprochen hat. Zynisch säuselt Arne «Ich wünschte ich würde mich für Tennis interessieren... Es ist schon seltsam, dass ich so etwas von mir lasse... doch ich muss meine alte Meinung revidieren... ich wäre ganz bestimmt ein Anderer, als ich jetzt bin, es wäre unbedingt ein Leben mit mehr Sinn.» «Ich werde mich nie verändern»: Das ist jetzt auch interessant: Auf das Zynische «Ich wünschte ich könnte Teil eurer Scheisse sein» kommt die ehrliche Lüge «Ich werde mich nie verändern», die sich sogar zurückwendet: «Die Gitarrenhändler hauen mich immer noch übers Ohr» bezieht sich auf das Lied «Hamburg Rockt» vom Debüt «Digital ist besser». Dieses Lied ist wie eine zu schnelle Töfffahrt im Sommer, es schmeisst alles Genörgel über Bord und sagt: Wir sind die Guten und ihr seid Doofmänner (also dieses Lied, nicht das, auf das sich dieses bezieht). «Ich möchte irgendwas für dich sein»: Ganz leise schrummeln sie zwei Akkorde rauf und runter, rauf und runter. Viermal: «Ich möchte irgendwas für dich sein.» Achtmal: «Am ende bin ich nur ich selbst.» Das weist schon den Weg in die Welt, die die nächste Platte «Es ist egal aber» dann beherrscht hat. «Ich mach meinen Frieden mit euch»: Wieder sehr zynisch: Locker flockige Hintergrund-Musik und dazu Zeilen wie: «Hallo Vollidiot, hallo Arschloch, ich bin einer von euch». Gesungen von Schlagzeuger Arne Zank, der sehr gut schlecht singen kann. «Ich heirate eine Familie»: Musikalisch würde dieses Lied auch auf die nachfolgende Platte passen. Der Text bringt aber noch ein letztes mal auf den Punkt, worum es hier geht. Arne singt, er heirate unter anderem auch eine bürgerliche Familie und ein spiessiges Haus mit zwei Badezimmern. Jetzt kommt alles zusammen, er trifft die «Anderen» nicht nur an der Beerdigung, er heiratet sie sogar.
Nächstes Mal bleiben wir in Deutschland (wenn wir schon mal da sind). Wir düsen ins Jahr 1993