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Die Entstehung der Riehener Tracht
Lukrezia Seiler-Spiess
Die vielfältigen Schweizertrachten mit ihren mannigfachen Farben und Formen scheinen dem Betrachter lebendige Zeugen der Vergangenheit zu sein, seit Jahrhunderten unverändert von einer Generation zur andern überliefert. Mit Erstaunen muss er aber zur Kenntnis nehmen, dass die meisten heutigen Trachten auf historischen Vorbildern basierende Neuschöpfungen aus den zwanziger und dreissiger Jahren unseres Jahrhunderts sind. Im Laufe des 19. Jahrhunderts waren die alten, traditionsreichen Volkstrachten immer mehr durch modische Kleidung verdrängt worden, bis sie schliesslich in den meisten Landesgegenden vollständig zu verschwinden drohten. Dank der Arbeit der unermüdlichen Forscherin Julie Heierli (1859-1938), welche während vierzig Jahren alle erdenklichen Informationen und Darstellungen zusammentrug, blieb das Wissen um die historischen Schweizertrachten erhalten. Doch um die Jahrhundertwende und vor allem nach dem Ersten Weltkrieg erwachte ein neues Interesse an alter Volkskunst und -tradition. Nach ersten, begeisternden Trachtenfesten und der Gründung der Schweizerischen Trachtenvereinigung (1926) entstanden überall im Lande Gruppen, welche auf Grund historischer Vorlagen neue, kleidsame und tragbare Trachten schufen.
Auch in Riehen bildete sich 1932 ein kleiner Kreis Gleichgesinnter, bestehend aus Julia und Emil Feiner-Wiederkehr, Emma Grossmann-Häfliger und Paula Senn-Krebs, der nach Spuren einer alten Riehener Tracht forschte. Dies erwies sich als recht schwierig. In Riehen waren im 19. Jahrhundert kaum mehr Trachten getragen worden, mit Ausnahme des «Markgräfler Lätsch», mit dem sich eingeheiratete Markgräflerinnen noch bis in unser Jahrhundert zum Kirchgang schmückten (siehe RJ 1979, Seite 60). Ob die wenigen vorhandenen Riehener Porträts aus dem 18. und 19. Jahrhundert Riehener Trachten zeigten, liess sich nicht eindeutig feststellen.
Die erste Anregung zur Schaffung einer neuen Tracht für die Basler Landgemeinden hatte Julia Wiederkehr bereits einige Jahre zuvor von Ernst Laur-Bösch (1896-1968), dem Gründer des Schweizerischen Heimatwerkes und langjährigen Obmann der Schweizerischen Trachtenvereinigung erhalten. Ernst Laur war anlässlich einer Ausstellung in Bern 1928 auf die junge Schaffhauserin in ihrer handgewebten Tracht aufmerksam geworden und schlug ihr vor, im geplanten Schweizer Heimatwerk (gegründet 1930) die Abteilung Handweben zu übernehmen. Als Julia Wiederkehr ihm jedoch bald darauf mitteilte, dass sie als Gattin des Lehrers Emil Feiner nach Riehen ziehen werde, bat Ernst Laur sie, eine Riehener Tracht zu entwerfen.
Julia Feiner, deren Lebensbild wir im Jahrbuch 1971 dargestellt haben, war für diese Aufgabe wohl prädestiniert. In der Textilklasse der Kunstgewerbeschule Zürich hatte sie sich das Rüstzeug zum textilen Werken in den Fächern Sticken, Stoffdruck und Entwerfen erarbeitet. Nach fünfjähriger Tätigkeit als Lehrerin an der Frauenarbeitsschule Basel lernte sie bei einem Studienaufenthalt in der Landwebschule Sätergläntan in Schweden auch das Weben von Grund auf kennen und wurde mit der in Schweden bereits verbreiteten Heimatwerk (Hemslöjd)- und Trachtenbewegung vertraut. über dieses fachliche Wissen hinaus aber lebte sie ein im Künstlerischen und Handwerklichen verwurzeltes Leben, das wohl einmalig sein dürfte. Das schöne Haus «Zur Steinbrechi», welches Emil und Julia Feiner 1931 am Wenkenberg erbaut hatten, war und ist auch heute noch angefüllt mit Arbeiten aus ihrer Hand von handgewobenen Vorhängen und Teppichen zu bemalten Truhen und Kästen, vom handbemalten Geschirr zu den weitherum bekannten Scherenschnitten. Nicht genug damit - auch die selbstgesponnene Wolle stammte aus eigener Schafzucht, der Flachs für die Leinengewebe aus dem eigenen Garten! Ernst Laur, der dem Schaffen Julia Feiners beinahe eine ganze Nummer der Zeitschrift «Die Schweizertracht» (Nr. 3, 1935) widmete, schrieb voll Begeisterung: «Das Heim dieser Familie und das Leben, das sie darin führt, zeigt an einem lebendigen Beispiel, was wir unter Heimat- und Trachtenkultur verstehen.»
Als historische Vorlage für die Riehener Tracht wählte Julia Feiner die «Basslerischen Ausruff-Bilder» von David Herrliberger aus dem Jahre 1749, welche einfache städtische Handwerker, aber auch Bauern und Bäuerinnen aus Basel und Umgebung darstellen. Ob es sich hierbei auch um Bauern aus Riehen handelte, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen, aber doch vermuten. Ihre farbenfrohen Entwürfe - typische kleine Julia-Feiner-Kunstwerke! - zeigen bereits das Besondere der neuen Riehener Tracht: die weite, plissierte Junte, die leinene Hemdbluse, das geschnürte Mieder mit Brustlatz und dem römischen V auf dem Rücken, die kleine Haube (Begine), und die Verbindung von handwerklich kostbaren Leinen- und Wollstoffen mit reicher Stickerei - alles Elemente, die sich immer wie der in den bäurischen Trachten des 17. und 18. Jahrhunderts finden.
Die Entwürfe wurden im Riehener Kreis eifrig diskutiert, bis sich aus den verschiedenen Möglichkeiten eine gültige Form herauskristallisierte. Nun ging es ans Verarbeiten der Entwürfe. Es war in jenen Jahren sehr schwierig, Trachtenschneiderinnen und gute Materialien wie Handwebstoffe, Bänder oder Stickereien zu finden. Für die Riehener Frauen bot dies aber kein Problem - alle Mitglieder jener ersten Gruppe waren geschickte Weberinnen und Stickerinnen und stellten ihre Trachten von Grund auf selber her. Julia Feiner entwickelte für die Junte eine neue Webart, welche den Stoff direkt plissierte durch die abwechslungsweise Verwendung verschiedener Materialien und Muster - ein langgehütetes Webgeheimnis (das sie mir aber verriet). Das Mieder, im gleichen Farbton gehalten wie die Junte, jedoch glatt gewebt, wies vorne acht Schnürhaften aus Messing auf und wurde mit ebenfalls selbstgewobenen Bändern verschnürt. Den Rücken zierte das aus Litzen gebildete römische V, das vielen alten Bauerntrachten eigen ist.
Der schönste Schmuck der neu geschaffenen Riehener Tracht aber waren die Stickereien. In den alten Kleidervorschriften und Sittenmandaten des 17. und 18. Jahrhunderts waren feine Stoffe, seidene Bänder und silberne oder goldene Zieraten nur für die Kleidung der vornehmen Stände reserviert, den niedrigen Ständen und den Bauern aber bei Strafe zu tragen verboten. Schon damals hatten sich die Bauern dadurch zu helfen gewusst, dass sie ihre Bekleidung aus einfachen Woll- und Leinenstoffen mit reichen Stickereien und bunten Leinenbändern schmückten. Dieser Tradition blieb die Riehener Tracht treu: die gedämpften Rot-, Braun- und Blautöne der Wollstoffe wurden durch kunstvolle Stickereien in passender Farbe belebt. Besonders schön war der Rücken des Mädchenmieders ausgeschmückt, dessen drei Felder mit Blumen bestickt wurden. Bei der Frauentracht wies nur die innere Fläche des Rückens ein Füllmuster auf. Ein passendes Muster schmückte den obern Rand des Brustlatzes, und auch die Ärmel der leinenen Hemdbluse und die Schürzenfältchen wurden gelegentlich farbig abgenäht.
Das Prunkstück der Riehener Tracht bildet das bestickte Bödeli der Begine, der leichten, mit Bändern unter dem Kinn gebundenen Haube, die sich bei vielen alemannischen Trachten findet. Es ist bei den Frauen mit Blumen, bei den Mädchen mit einem Füllmuster ausgeschmückt. Auch bei der Männertracht aus schwarzem oder braunem Wollstoff mit dem weissen verzierten Leinenhemd durfte die Stickerei nicht fehlen: der breite Männergürtel aus Seide oder Wollstoff wurde mit ähnlichen Motiven wie die Begine verziert.
All diese Stickereien weisen die Handschrift von Julia Feiner auf - die gleichen Motive finden sich auch auf ihren bemalten Möbeln und Keramiktellern und später in ihren Scherenschnitten wieder. Da aber alle Mitglieder der ersten Riehener Gruppe Geschick hatten für volkstümliche Stickereien, wurde jede Tracht individuell verschieden - ein kleines, in sich stimmendes Kunstwerk. Die Forscherin Louise Witzig urteilt in ihrem «Schweizerischen Trachtenbuch»: «...alle mit künstlerischem Sinn verwendeten Töne verschmelzen sich zu einer wohlgefälligen Harmonie, sowohl an jeder einzelnen Tracht als auch in ihrer Gesamtheit. Das ist lebendige Volkskunst!»
An der Generalversammlung beim Trachtenfest 1933 in Rorschach wurde die neue Riehener Tracht angemeldet und für gut befunden, und am 25. Oktober 1933 fand die Gründungsversammlung der Trachtengruppe Riehen/Bettingen statt. In jenen Jahren der nationalen Bedrohung von aussen war die Pflege volkstümlicher Werte für viele ein Anliegen, und so fand sich bald eine Gruppe zusammen, welche wuchs und gedieh und in der geräumigen Stube der «Steinbrechi» mit Eifer und Humor die alten, neu aufgekommenen Volkstänze und Lieder übte.
War Julia Feiner die künstlerische Schöpferin der Riehener Tracht, so fand die Gruppe in Emma Grossmann-Häfliger ( 1888-1979) eine interessierte Forscherin, welche den historischen Quellen der Basler und damit auch der Riehener Tracht nachspürte. In einem unveröffentlichen Bericht «Trachtengruppe Riehen-Bettingen 1933-1966» schreibt sie: «Auch nach der Gründung der Gruppe war das Suchen nicht zu Ende, ab und zu wurden Zweifel an der Richtigkeit der Form geäussert. Das führte zu der Arbeit <Entwicklung der Basler Tracht im 17. Jahrhundert> von Emma Grossmann. ... Dieses Wissen aus alter Zeit gab uns nun das Sicherheitsgefühl, Zweiflern und Nörglern die richtige Antwort zu geben.» Sie leitete die Riehener Trachtengruppe von 1933 bis 1966 mit viel Engagement und hielt im hohen Alter noch Vorträge über die Trachtenforschung. Neben ihrer grundsätzlichen Arbeit über die Basler Tracht im 17. Jahrhundert erwarb sie sich besondere Verdienste durch die Sichtung und Einordnung des Nachlasses von Julie Heierli mit seinem immensen Bild- und Dokumentenmaterial.
Natürlich hat sich die Riehener Tracht in den bald sechzig Jahren seit ihrer Entstehung weiter entwickelt, denn wie Julia Feiner immer wieder betonte - «die Tracht ist keine Uniform». So wurde ihr später ein Göller beigegeben, das Blumenmuster auf dem Rücken der Mädchentracht durch ein Streumuster ersetzt, und neben der Festtracht wurde auch eine Ausgeh- und eine Werktagstracht geschaffen. Diese Weiterentwicklung und die Geschichte der Riehener Trachtenvereinigung wird Gegenstand einer späteren Darstellung sein.
Literatur und Quellen:
Emil Feiner-Wiederkehr: Lebensbild der Julia Feiner-Wiederkehr, Riehen 1981
Emma Grossmann: «Die Entwicklung der Basler Tracht im 17. Jahrhundert», in Schweiz. Archiv für Volkskunde, Band 38 (1940), Heft 1/2, Basel 1940
Emma Grossmann: Trachtengruppe Riehen-Bettingen 1933-1966, unveröffentlichtes Manuskript Verschiedene Unterlagen von Emma Grossmann, betr. Trachtengruppe Riehen-Bettingen, im Besitz von Irma Wenk-Madoery
Julie Heierli: Die Volkstrachten der Mittel- und Westschweiz (5. Band von: Die Volkstrachten der Schweiz), Zürich 1932
Ernst Laur und Kurt Wirth, Schweizer Trachten, Zürich 1954 Die Schweizertracht, 8. Jahrgang No.3, Zürich 1935
Lukrezia Seiler: «Gestaltetes Leben Zum 70. Geburtstag von Julia Feiner Wiederkehr», in z'Rieche, Ein heimatliches Jahrbuch 1971, Riehen 1971, S. 60-71
Louise Witzig: Schweizer Trachtenbuch, Zürich 1954
Julia Feiner-Wiederkehr und Irma Wenk-Madoery möchte ich an dieser Stelle herzlich für ihre Auskünfte danken.
Quelle: z’Rieche 1987 (Jahrbuch der Gemeinde Riehen)
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.