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Harmonie von früh bis spät
Kleine Tyrannen
Quintessenz:
- „Kleiner Tyrann“ wird zum geläufigen Begriff bei Anmeldungen zur kinderpsychiatrischen Abklärung schulpflichtiger Kinder.
- Es handelt sich um Kinder, die die eigenen Eltern tyrannisieren, dritten gegenüber hingegen öfters quasi wie Sozialphobiker wirken.
- Solche Dynamiken entstehen in Familien, in denen die Eltern, die autoritär erzogen worden sind, wie unbewusste Pioniere zu den eigenen Kindern eine zärtlich- permissive Haltung pflegen. Sie glauben, dass diese Haltung, die noch keiner Erziehung entspricht, zu einer erfolgreichen Entwicklung des Kindes beitragen wird.
- Die eigene Erziehungsformel sowie die Haupterziehungstile werden vorgestellt.
Fallbeispiele mangelhafter sozialen Kompetenzen unterschiedlicher Kinder
1. Kevin
Er sieht wie ein Engel aus, beim Erstgespräch bemüht er sich auch, sich „engelartig“ zu benehmen. Fast falle ich dann in die italienische Gewohnheit, beim Abschied nach der Untersuchung, Kevin zu küssen. Auf dem Anmeldeblatt wird er so bezeichnet, wie die Eltern ihn nennen: „der kleine Tyrann“. Kevin bringt die Mutter mit seinen Tobattacken täglich zum Weinen. Er will mit ihr wie ein Erwachsener diskutieren, präsentiert ihr auch täglich sein Programm, nach Plänen, die er sich selbst zurecht gelegt hat. Das Kind hat viele (Zwangs)Rituale und ist fast pedantisch in den Aufforderungen an die Eltern. Bei Änderungen rastet er aus und macht die anderen verrückt. Die Eltern haben ein Vermeidungsverhalten entwickelt, besonders öffentliche Anlässe sind für sie mittlerweile Tabu. Sie verkünden Kevin den Tagesplan erst in der letzten Minute, nachdem sie die „Austobezeiten“ Kevins ausgerechnet haben, weil eins klar ist: egal, was die Eltern dem Sohn anbieten werden, er wird alle Ihren Vorschläge ausnahmslos abweisen!
In der Interaktion zur zweit wird die Mami sogar als „böse“ bezeichnet, wenn sie ihn nicht zufrieden stellt. Die Zeit, die die Mutter mit ihm verbringen muss, geht auf Kosten der jüngeren Schwester, die, unbeaufsichtigt, z.B. einen Sessel eingecremt hat!
Kevin streitet heftig mit der 3-jährigen Schwester, die zwar nur halb so alt, jedoch fast so gross ist wie er. Wutausbrüche inszeniert er auch, wenn die Schwester etwas kann, das ihm noch nicht gelingt, wie z.B. Velofahren.
Ich kenne Kevin vorerst durch seine Videos: vor einem Jahr beim Verhaltensbeobachtungssitzung, als er 5 Jahr alt war, hat er kaum gesprochen. Nachher, im freien Spiel, wird er fast logorrhöisch, voller Phantasie. Die neuromotorische Untersuchung bereitet ihm grosse Mühe: hier kommt seine motorische Unreife als Überreste seiner leichten Zerebralparese zum Vorschein. Sein IQ ist zwar im Normbereich, jedoch diskrepant, im verbalen Teil viel besser als im Handlungsteil. Im Kindergarten ist die Situation ruhig, auch wenn nicht frei von „Besonderheiten“: „Welches Kind zeigt keine Besonderheiten?“ Als mir die Kindergarten-Lehrerin am Telefon so antwortet, will ich auch sie küssen! „Kevin streckt nie auf, wenn es darum geht, freiwillig etwas vorzuführen, ich würde ihn auch nie dazu zwingen. Er ist etwas langsam, perfektionistisch und deswegen öfters mit sich unzufrieden. Er ist im Kindergarten gut integriert, kommt gern“, ergänzt die Kindergarten- Lehrerin.
Eigentlich macht die Selbstwahrnehmung der eigenen motorischen Ungeschicklichkeit viele Kinder unsicher. Ich beschreibe den Eltern, wie unsichtbare Handicaps die Kinder in eine subjektive Paralyse drängen. Kevin schildert diese Wahrnehmung beim Velo fahren lernen, was er später als die jüngere Schwester gelernt hat: “ich kann nicht die Strasse vor mir anschauen, gleichzeitig die Füsse richtig bewegen, das Lenkrad steuern…“.
Die von den Eltern ausgefüllten Fragebögen über soziale Kompetenzen sind sehr auffällig entsprechend den Schwierigkeiten, die sie im Umgang mit dem Kind haben. Jedoch, wenn es Kevin gelingt, sein Verhalten so anzupassen, dass er jeweils wie ein Engel oder Tyrann erlebt wird, ist die Prognose positiv. Dies sage ich der Mutter nach der ersten Begegnung, bei der Kevin die Schwester die ganze Stunde mit der Psychologin spielen lässt.
2. Lukas
„Ich mache alles für ihn, ich habe Angst vor seinen Wutausbrüchen“, sagt die Mutter des bald 7-jährigen verzweifelt. „Lukas behandelt uns Eltern wie Gleichaltrige, er will alles mit uns debattieren. Wo kommt diese Sturheit her? Lukas ist unselbständig, sagen seine Eltern, vergisst stetig seine Sachen. Ihn rechtzeitig daran zu erinnern, was er am Tag machen und in die Schule mitnehmen muss, wirkt nicht: Ich muss hinter ihm herlaufen, er muss meinen Atem im Nacken spüren, sonst funktioniert er nicht. Er ist sooo langsam und verbreitet schnell Chaos um sich herum. Dann diese ständigen Auseinandersetzungen mit uns! Ich muss ihn zufrieden stellen, sonst wird die Situation noch schlimmer. Die Geschwister sind längst resigniert und meiden ihn eher, als sich in eine Diskussion mit ihm zu verwickeln“.
In der Schule wird behauptet, Lukas sei nur durch individualisierte Hinweise erreichbar, er beharre auf Selbstbestimmung. Das Niveau seiner Leistungen hängt davon ab, ob er die Aufgabe interessant findet oder nicht. Er wolle in der Gruppe nicht mitmachen, spiele lieber allein als sich einem anderen anzupassen.
Es gibt viele Kinder, die den Eltern Schwierigkeiten bereiten. Manchmal ist ein niedriges Selbstwertgefühl aufgrund der motorischen Ungeschichtlichkeit des Kindes zu erkennen, wie bei Kevin, jedoch nicht immer.
Andere Kinder sind eher extrovertiert, wie Lukas, und sind sowohl zu Hause als auch in der Schule auffällig. Beide Kinder zeigen Defiziten der sozialen Kompetenzen.
Sowohl der introvertierte Kevin als auch der extrovertierte Lukas zeigen u.a. folgende Defizite: vermeidender Blickkontakt (es ist nicht Eponym für Autismus!), drein reden (die unmittelbare Aufmerksamkeit der Eltern verlangend), sie können NICHT: Kontaktangebote machen und angemessen erwidern, jemand um einen Gefallen bitten, sich entschuldigen, die Gefühle anderer erkennen, Gefühle anderer verstehen, verhandeln, Selbstkontrolle ausüben.
Beide zitierten Elternpaare haben ein Vermeidungsverhalten entwickelt, trotzdem weder die Eltern noch die Kinder zufrieden sind.
Nach dem x-ten kleinen Tyrannen und der x-ten Mutter, die die ganze Zeit bei mir weint, denke ich nach. Diese Kinder haben das Kommando zu Hause, trotz der Grösse (aber auch die echten Tyrannen waren nicht alle klein: Hitler, Mussolini, Franco, Stalin, Ghaddafi, Pu…).
Warum gehorchten die Eltern damals?
Wenn ich die Eltern frage: wie sind Sie erzogen worden? ist die Antwort dieselbe, egal ob jüngere, ausländische oder einheimische Eltern: sie sind immer noch autoritär erzogen worden. „Ich war nicht so im Alter meines Kindes! Im Gegenteil, ich war sehr gehorsam und voller Respekt meinen Eltern gegenüber! Ein Blick von meiner Mutter / meinem Vater reichte und ich benahm mich! Ich wurde nie gefragt…“
Die Eltern berichten von der Welt des „man“: man macht es nicht, es gehört sich nicht, mit der Variante: man tut es nicht. „Man“ hatte damals wenige, ungeschriebene, aber feste Regeln, „man“ hat sich daran gehalten. „Das war’s“.
Heute sind die Eltern von Ratgebern und Medienangeboten überflutet, in denen „Experten“ eine Erklärung zu jeglicher Frage abgeben. Die Erzieher werden dadurch nicht schlauer. Sie wollen ihre Aufgabe einfach gut machen, aber die Qual der Wahl überfordert sie. Moderne Eltern sind dadurch verunsichert. In dem Versuch, dem Kind gerecht zu werden, schenken sie ihm Zufriedenheit und vergessen dabei die Strukturen. Es fehlt den Eltern ein „main stream“, da heutzutage alles individualisiert wird.
Oft reicht es den Eltern, das Gegenteil dessen zu machen, was sie selber erlebt haben. Sie haben klare Vorstellungen, was sie vermeiden wollen, nämlich, die Wiederholung der eigenen Erziehung und dem Kind zu wenig Zuwendung, Entscheidungsraum, Kontakte, Gefühle. Das Kind soll auch von Verboten verschont werden. Jedoch können sich die Eltern nicht vorstellen, was die Folgen einer „ungekehrten/ alternativen“ Haltung längerfristig bewirken könnte. Es ist, wie wenn man, beim Planen einer langen Reise sich entschieden würde: mit jeglichen Verkehrsmittel, nicht nur mit dem Zug! Man weißt noch lange nicht, welche Mittel für die Reise die geeignete sind, ob sie am gewünschten Ziel bringen würden.
Beim Versuch, den Geist der eigenen strengen Eltern zu vertreiben, werden einige Eltern zu Freunden ihres Kindes und vergessen, dass sie eigentlich Erzieher sein sollten, nach dem Motto: „liebevoll, aber stur“. Eltern, die das Kind als Gleichgesinnte behandeln, werden vom ihm tyrannisiert. Einige Eltern haben Angst vor dem Liebesentzug des Kindes, falls sie streng werden. Diese Eltern vergessen, dass das Kind von ihnen emotional abhängig ist, es kann den Eltern nicht kündigen. Eigentlich die einzigen, die Liebesentzug betreiben könnten, sind die Eltern.
Bei Fehlverhalten reden die Fürsorger auf das Kind ein und machen ihm Vorwürfe. Das bedeutet, dass die Eltern aus dem Bauch heraus reagieren (emotional), den Kopf des Kindes ansprechen (Vernunft), das Kind aber aus dem Bauch heraus zuhört (emotional).
Resultat: alle sind unzufrieden. Das Kind hat nur verstanden, dass es sich schlecht verhalten hat, öfters identifiziert es sich mit seinem Verhalten. Die Eltern ihrerseits sind vom Kindsverhalten verletzt. Sie haben dem Kind nicht gesagt, was sie von ihm verlangen, nur, was es falsch gemacht hat. Dadurch wird das Kind nicht schlauer und die Wiederholung des Missgeschicks ist programmiert.
Jeder Elterteil bemüht sich, die Kinder so respektvoll wie möglich zu behandeln, sprich wie in einer symmetrischen Beziehung. Die Prinzipien eines reif-autoritativen Stils, der auf einer hierarchischen Eltern- Kind Beziehung basieren sollte, sind ihnen jedoch nicht vertraut: Sie sind Pioniere auf diesem Feld. Die Eltern können sich an Büchern orientieren, haben selber aber keine Vorerfahrung und zu wenige Vorbilder, an denen sie sich orientieren können.
Wenn wir den Verlauf der Bindungen in verschiedenen Entwicklungsstufen vom Kleinkindesalter zum Schulalter zur Adoleszenz in Bezug auf die Eltern, die Bezugspersonen und die Peergruppe anschauen, ist klar, dass die Eltern ihr Kind zunehmend weniger beeinflussen können. Ab der Pubertät gewinnen die Gleichaltrigen eine bedeutsame Rolle. Infolgedessen ist es für die Eltern nie zu früh, ihre Rolle als Erzieher ernst zu nehmen.
Um die Erziehungskompetenzen zu evaluieren, höre ich den Eltern aufmerksam zu, ob Begriffe wie Erziehung, Regeln, Konsequenzen bekannt bzw. Fremdwörter sind. Denn öfters sprechen die Eltern diese Begriffe nur nach genaueren Nachfragen aus: was für Regel gibt es zu Hause? Was für Aemtli hat das Kind? „ja, aber wir sagen auch mal Nein“. Viele Eltern folgen dem Mythos: Eltern müssen ihre Kinder immer lieben. Für sie wird die eigene Mission auf Liebe, auf Gabe und Hingabe basiert. Mütter sind insbesondere unerschöpfliche Quellen der unkonditionierten Liebe. Die Erziehung geschieht in diesem Fall als etwas, dass das Kind hauptsächlich durch Vorbild der Eltern spontan lernen sollte, bzw. an die Schule delegiert wird. Viele Erzieher sind zusätzlich dadurch verunsichert, dass Erziehung durch Vorbildverhalten tatsächlich für die Geschwister funktioniert hat und sie haben, neben den „kleinen Tyrannen“ öfters einen älteren, bzw. einen jüngeren anständigen Sprössling, bei dem die „unkonditionierte Liebe“ funktioniert hat.
Mit dem Ziel, die Entwicklung des Kindes zu respektieren, wird keine Forderung gestellt. Man bewundert, was es spontan kann (Fernbedienung des Fernsehen besser handhaben als die Eltern) und man hat keine Erwartungen an das Kind. Manchmal fehlen in der Umgebung Gleichaltrige (oder überhaupt Kinder), an denen sich sowohl die Kinder als auch die Eltern orientieren könnten („Mit nur 5 Jahren ist es schon windelfrei!“ sagen die Eltern voller Begeisterung).
Einige Fürsorger, die das Kind immer mit Liebe und Respekt behandelt haben, wundern sie sich, dass das Kind sie nicht als „gute Riesen“ schätzt, im Gegenteil, es hält sie für Gleichaltrige, ist undankbar und tyrannisiert sie.
Historischer Hintergrund
Nach Schneewind gibt es 3 Erziehungsstile, die die chronologisch-historische Erziehungshaltung darstellen:
- Grenzen ohne Freiheit: paradox -autoritativer Stil (fordern, aber nicht fördern)
- Freiheit ohne Grenzen: naiv- verwöhnender Stil (fördern, aber nicht fordern)
- Freiheit in Grenzen: reifer- autoritativer Stil, (fördern und fordern)
In der Geschichte der Pädagogik bis zu den 70er-jahren, und abgesehen von einigen genialen Beiträgen, die isoliert blieben, gab es nur eine autoritär-absolutistische erzieherische Haltung. Es war eine Erziehung ohne Freiheit, eine vom Kind fordernde Haltung, ohne das Kind zu fördern. Obwohl innovative / alternative Erziehungsmethoden lange zuvor veröffentlicht worden waren, fassten sie vor der Jugendbewegung der 68er Jahre kaum Fuss. Nach dieser Zeit wollte man alles anders machen als zuvor.
Erst ab den 70er Jahren gab es die erzieherische „Gegenbewegung“ der Freiheit ohne Grenzen. Dieser Stil konnte sich nicht in unserer mitteleuropäischen Kultur verwurzeln.
Eine Erziehung, die zu liberalisiert ist, ohne Grenzen, missachtet in tragischer Weise den Wert des Kindes, denn sie lässt die Kinder beim Aufbau eines stimmigen Weltbilds allein. Es ist somit der allerschlimmste Erziehungsfehler, den Kindern keine Grenzen zu setzen. Wünschenswert ist hingegen eine Form der liebevollen Zuwendung, denn Kinder lieben das Klare, Geregelte bis hin zum Rituellen. Klare und eindeutige und für Kinder nachvollziehbare Regeln tragen dazu bei, dass Kinder lernen, mit ihren Aggressionen positiv umzugehen und konstruktiv auf den Stress des Lebens zu reagieren.
Eine grenzenlose erzieherische Haltung, auch infolge des Schadens, der heute evident ist (man spricht von Wohlstandsverwahrlosung der Kinder, von seelisch unterernährten Kindern), wird langsam von einem Stil „dazwischen“ ersetzt, einer Haltung der „Freiheit in Grenzen“.
Das bedeutet eine Erziehung, die einer reifen Autorität entspricht, einer bewussten elterlichen Haltung, die erzieht und fördert (forma e informa), jedoch auch fordert. Eine kindesadäquate Erziehung in jedem Kindesalter.
Ein vertrauter Umgang mit jeglichem Verfahren braucht jedoch Zeit, so blieb die Erziehung der heutigen Eltern selber mehrheitlich autoritärer Art.
Das erlangen des eigenen Ranges
„Ihr seid Chef des eigenen Familienunternehmens! (wenn ich so predige, schaue ich nur die Mutter an.) Handeln Sie so, als wären Ihre Kinder Ihre Mitarbeiter. Seien Sie liebevoll, aber stur, und vergessen Sie nicht, dass Sie das Kommando haben, es gibt keine Gleichberechtigung in der Familienhierarchie“.
Zum Beispiel: Wie würde ein Chef damit umgehen, wenn der Mitarbeiter unentschuldigt fehlen würde? Würde der Chef durch das eigene Vorbild und mit Geduld das Verhalten des Mitarbeiters zur Recht führen? Oder würde der Chef eher Konsequenzen erkundigen?
„Weniger ist mehr!“ Was Kinder wirklich brauchen, ist die Erfüllung seelischer Grundbedürfnisse: Jedes Kind geht eigentlich davon aus, dass der Erwachsene seine Bedürfnisse kennt und sie stillen kann.
Die Voraussetzungen einer kindgerechten Erziehung
„Die Voraussetzungen einer kindgerechten Erziehung sind dieselben, die Prof. R. Largo für die Gehorsamkeit aufgelistet hat“. Wenn ich das sage, weiten sich die Augen der Eltern, während ihren Ohren immer grösser werden, denn es ist eigentlich der Auftrag der Eltern: wie verwandelt sich der kleine Tyrann in einen Prinzen?
- Geborgenheit als Grundlage
- Entwicklungsorientierter Umgang
- Konsequente Erziehungshaltung
- Vorbilder
In meiner Erfahrung, wie bisher geschrieben, sind die Punkte 1 und 4 meist gegeben.
Bezug nehmend auf Punkte 2 und 3:
- Eltern sollen für ihre Kinder herausfordernde und unbequeme Sparringpartner sein, auf einem bisweilen konfliktreichen Weg zur Selbstständigkeit.
- Kinder brauchen Grenzerfahrungen, an denen sie sich orientieren können.
- Eine Erziehung, die auf Grenzsetzungen verzichtet, ist keine Erziehung.
- Es gibt kein wirksames Erziehen ohne Autorität.
„Wie bitte? wundert sich die Mami von Kevin, Sparringspartner werden, wo früher unkonditionierte Liebe war? Dann bin ich wirklich die „Böse“. Ich bringe es nicht über mich! „
Der häufigste Denkfehler der Eltern, zusammen mit dem Glauben an den Mythos, Eltern müssten die Kinder immer lieben, ist eben: wenn ich mal konsequent bin, wird das Kind aufhören, mich zu lieben.
Das Kind ist von der Liebe der Eltern abhängig. Die Eltern haben dies verdrängt. Wenn man fragt, ob sie die eigenen autoritären Eltern geliebt haben, leuchtet es ihnen ein.
Sobald die Eltern sich ihrer Rolle als Erzieher bewusst werden, stellen sie sich die
die Frage des Wie?
Mein Vorschlag
Auf der Suche nach der golden Regel, beziehungsweise nach einer Alternative zur ursprünglichen elterlichen Gleichung:
Förderung= Liebe = (Hin)Gabe. (Merke: der Begriff 'Erziehung' ist nicht dabei) biete ich folgenden Vorschlag:
Eine erfolgreiche Förderung ist das Resultat einer konsequenten Erziehung mit der Zeit.
Eine erfolgreiche Erziehung entsteht aus Regeln, die die Eltern den Kindern vermitteln.
Eine erfolgreiche Erziehung korreliert direkt mit einem angepassten Verhalten des Kindes.
Probleme in der Erziehung sind umgekehrt proportional zum Respekt vor den Regeln oder je mehr, desto weniger Regel respektiert werden. Probleme sind direkt proportional zu einem unangepassten Verhalten.
Anders formuliert ist die Erziehung direkt proportional zum Einhalten der Konsequenzen und indirekt proportional zu Problemen. Was dazu führt, dass eine erfolgreiche Erziehung in direktem Zugammenhang zu Konsequenzen und Regeln steht und in indirekter Korrelation zu einem unangepassten Verhalten.
Positive Konsequenzen sind Belohnung, Lob, Anerkennung (positive Verstärkung) für jegliche positive Leistungen (manchmal muss man die Phantasie einsetzen: wie sitzt du schön gerade, heute hast du deine Mappe nicht vergessen!).
Negative Konsequenzen sind kindangemessene negative Folgen (negative Verstärkung): diese sollten umso unmittelbarer erfolgen je jünger das Kind ist. Dabei sollten die Massnahmen wirksam sein, das heisst, sie sollten jeweils die Interessen des Kindes betreffen, was bei einigen Kindern schwierig ist und manchmal erfolgt nur durch Entzug von abgemachter Belohnung (weniger Taschengeld).
Regel: (Regel wie Regelmässigkeit) wenige, aber klare verbalisierte Normen (wie Normalität), die das Kind verstehen kann (wie z.B: 1. Zähneputzen, nichts mehr essen, 2. fünfzehn Minuten TV, 3. ab ins Bett und 4. keine Umkehrung der Reihenfolge!).
Der heutige Stand
„Braucht es einen Kurs, um kompetente Eltern zu werden?“
Gab es nicht zu jeder Zeit den pädagogischen Hinweis „kindgerecht“? Ist das aktuelle erzieherische Angebot wirklich kindgeschneidert oder nur der aktuelle Trend?
Mein Eindruck ist, dass ein „main stream“ fehlt, so wie ein Vater mit Kindern aus zwei Generationen reflektiert hat. Noch vor einigen Jahren, als das Rennen nach individualisierter Erziehung zuerst in der Schule anfing, war die Rollenverteilung Eltern-Kind klar hierarchisch definiert. Infolgedessen fühlten sich die Eltern ihrer Autorität bewusst und selbstsicher. Jahrhunderte von autoritärer Erziehung unterstützten verschiedene Generationen Erzieherer. Heute realisieren die Eltern, dass sie keine Vorbilder von kindgerechten Beispielen haben, an denen sie sich orientieren können: sie sind Pioniere.
Vorausgesetzt, dass Punkto Pädagogik keine Rückbesinnung auf „die guten alten Zeiten“ angestrebt wird, muss man, was ich „die menschlichen Zeiten“ benenne, auch vorwärts respektieren. Das heisst eingestehen, dass die neue, kindgerechte Methode der Freiheit in Grenzen noch nicht Fuss gefasst hat. Die Zeiten der Etablierung einer Kultur bleiben gleich menschlich, man kann sie nicht z.B. mit den Anpassungszeiten der Medienveränderungen vergleichen. Beim Medienkonsum lernen bald die Opas, obwohl nicht so schnell wie die eigenen Grosskinder, dass sie einen Fernseher, ein Radio, einen Fotoapparat und ein Telefon in Form von Iphone in ihrer Hosentasche tragen, womit sie Kinokarten oder Reisen online buchen können. Die Tatsache, dass dieselbe Anwendungsmöglichkeiten eines Geräts vor fünf Jahren nicht nur unvorstellbar, sondern auch für nicht so unabdingbar gehalten wurden, stört keinen.
Die Assimilationszeiten einer Kultur sind nicht so schnell zu beschleunigen. So braucht die Kultur einer modern-elternbewussten Erziehung Zeit und die Zusammenarbeit von Familie, Schule und Strukturen, wo sich diese Werte schon gefestigt haben.
Literaturempfehlung:
Haim Omer und Arist von Schlippe : Stärke statt Macht: Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde von von Vandenhoeck & Ruprecht (18. Februar 2010)
Haim Omer und Arist von Schlippe Autorität durch Beziehung. Die Praxis des gewaltlosen Widerstands in der Erziehung von von Vandenhoeck & Ruprecht (21. Juli 2010)
Freerk Huisken: Erziehung im Kapitalismus. Von den Grundlügen der Pädagogik und dem unbestreitbaren Nutzen der bürgerlichen Lehranstalten, VSA Verlag, Hamburg, 1998, ISBN 978-3-87975-722-0.
Jesper Juul: Das kompetente Kind, 5. Aufl., Rowohlt, 2003, ISBN 3-499-61485-5.
Michael Köditz: Wenn Kinder schwierig sind. Eine Hilfestellung für Eltern, Lehrer und Erzieher., dtv Verlag, München, 2004, ISBN 978-3-423-34117-2.
Norbert Kühne: Erziehen und Fördern – die 100 wichtigsten Fragen (FAQ). Bildungsverlag EINS, Troisdorf, 2004, ISBN 3-427-19372-1.
Monika Löhle: Wie Kinder ticken. Vom Verstehen zum Erziehen, Huber Verlag, Bern, 2007, ISBN 978-3-456-84496-1.
Klaus Schneewind Kinder im Vorschulalter kompetent erziehen. Huber, Bern 2009, ISBN 978-3-456-84585-2 (mit Beate Böhmert)
Klaus Schneewind Kinder Im Grundschulalter kompetent erziehen. Huber, Bern 2008 ISBN 978-3-456-84514-2 (mit Beate Böhmert)
Klaus Schneewind Jugendliche kompetent erziehen. Huber, Bern 2009, ISBN 978-3-456-84586-9 (mit Beate Böhmert).
Remo Largo: Babyjahre. Carlsen Verlag, Hamburg 1993.
Remo Largo: Kinderjahre. Piper Verlag, München/Zürich 1999.
Remo Largo: Schülerjahre: Wie Kinder besser lernen. Piper Taschenbuch (Juni 2010).