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Dass Medikamente bei falscher Dosierung oder Verwendung Menschenleben gefährden, ist bekannt. Dass aber auch Todesfälle geschehen, weil Medikamente gar nicht erst genommen werden, wird kaum zur Kenntnis genommen. Zahlen aus den USA zeigen das ungekannte Ausmass.
Medikament nach Hause nehmen und gut ist?
Es konnte verschiedentlich gezeigt werden, dass gut die Hälfte der Patienten mit chronischer Krankheit ihre Medikamente nicht anwenden, wie verordnet. Sie vergessen die Einnahme oder setzen ein Medikament von sich aus ab. Ausserdem werden Anwendungsformen wie Inhalatoren oder Spritzen oft falsch angewendet.
Die Gründe sind vielfältig: Es gibt Bedenken wegen der Nebenwirkungen oder man weiss gar nicht, wofür die Medikamente eigentlich sind. Zudem sind Patienten mit einer zu grossen Zahl an Medikamenten überfordert: Die genauen Einnahmezeiten richtig zuzuordnen und einzuhalten ist keine Kleinigkeit.
Bedenkliche Ausmasse
In den USA wird geschätzt, dass sich pro Jahr 125'000 Todesfälle ereignen, weil Patienten ihre Medikamente nicht einnehmen und sich ihre Krankheit daher fortlaufend verschlimmert. Häufig geht es um Erkrankungen wie hohes Cholesterin oder Bluthochdruck, die vom Patienten nicht als bedrohlich wahrgenommen werden. Erst ein Herzinfarkt oder ein Hirnschlag offenbart die ganze Tragweite - jedoch enden solche Ereignisse sehr schnell tödlich oder verkürzen die Lebenserwartung.
Zudem sollen rund 10% der Spitaleintritte durch die mangelnde Therapietreue verursacht werden. Die dadurch verursachten Kosten für Gesundheitssystem und Volkswirtschaft bewegen sich irgendwo zwischen 100 und 289 Milliarden Dollar pro Jahr.
Bedeutung für die Schweiz
Hochgerechnet auf die Schweiz wären dies 3000 Todesfälle pro Jahr. Zum Vergleich: Schätzungsweise 2000 Menschen sterben jedes Jahr an Infektionen, die sie in Schweizer Spitälern auflesen und etwa 500 Menschen jährlich versterben mutmasslich an Medikationsfehlern, also zum Beispiel bei der Verwechslung von Medikamenten oder falschen Dosierungen.
Kostenmässig liegen die Auswirkungen hochgerechnet zwischen 2.4 und 6.9 Milliarden Franken pro Jahr. Zum Vergleich: Santésuisse möchte durch Preissenkungen auf Medikamenten und Hilfsmitteln (inklusive Kostenüberwälzungen auf Patienten) etwa 500 Millionen Franken sparen.
Auch wenn die Daten sich nicht zu 100 Prozent auf die Schweiz übertragen lassen, zeigen die Grössenordnungen sonnenklar: Das teuerste Medikament ist dasjenige, das falsch oder gar nicht eingenommen wird.
Patienten aufklären, bestärken und begleiten
Ein Grundproblem ist, dass Patienten zu wenig ausreichende Erklärungen über ihre Krankheit und die dagegen verschriebenen Medikamente erhalten. Sie sollten sich über die Schwere ihrer Erkrankung bewusst sein und bei der Verordnung der Therapie stärker einbezogen werden. Therapeutische Änderungen des Lebensstils müssen ebenfalls in Betracht gezogen werden, da sie wichtiger Bestandteil jeder Behandlung sein sollten und eine Möglichkeit für Patienten darstellen, die einer lebenslangen Einnahme von Medikamenten nicht gewogen sind.
Aus diesem Grund sollte bei der Verordnung und Abholung der Medikamente auf die saubere Orientierung des Patienten geachtet werden. Er sollte sich nicht mit einem Berg Medikamenten allein gelassen fühlen, sondern in jeder Phase Partner haben, die offene Fragen klären und bei der Ausführung helfen.
Lösungen aus der Apotheke
Die Apotheke bietet für dieses Problemfeld den richtigen Mix an Dienstleistungen. Bei der ärztlichen Verordnung instruieren wir Patienten über die korrekte Einnahme ihrer Medikamente. Die Verwendung von Spritzen und Inhalatoren können wir mit Hilfe von Attrappen demonstrieren. Ausserdem bieten wir eine pharmazeutische Zweitmeinung an, wenn Patienten sich bei der ausgewählten Therapie nicht sicher sind.
Als Begleitung für Patienten mit chronischer Krankheit bieten wir eine Beratung an, in der der Wissensstand über die Medikamente und die Regelmässigkeit der Einnahme besprochen werden. Wenn Unsicherheiten vorhanden sind oder andere Hindernisse bei der Einnahme festgestellt werden, können diese Probleme auf den Patienten abgestimmt angegangen werden.
Für therapeutische Änderungen des Lebensstils bieten wir vertiefte Beratungen in den Bereichen Rauchstopp, Ernährung und Schlaf an. Patienten sollten sich darin ein Paket von Massnahmen schnüren, bei dem sie auch von sich aus bereit sind, es im Alltag umzusetzen. Dies verbessert den Effekt der Therapie nicht nur generell, sondern erlaubt manchmal auch eine Reduktion bei den Medikamenten.
Autor:
Florian Sarkar, eidg. dipl. Apotheker
Quellen:
https://www.nytimes.com/2017/04/17/well/the-cost-of-not-taking-your-medicine.html?_r=0