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Das war ein Geniestreich von Claude Nobs: Das erste Montreux Jazz Festival vor 50 Jahren mit Charles Lloyd und dessen Band zu eröffnen. Alle Zeitungen schrieben über das sensationelle Quartett, die Fotos des Saxophonisten mit dem beeindruckenden Afro und der Existenzialistenbrille zierten auch biedere Illustrierte.
Mit heissen Ohren vor dem Bildschirm
Und für mich als Teenager, der zwar immer noch alten Jazz hörte, Louis Armstrong und so, war dieses Quartett die Verbindung mit den Gleichaltrigen, die für die Stones und die Beatles schwärmten.
Ein paar Monate später wurde das Konzert im Fernsehen übertragen. Ich sass mit heissen Ohren vor dem Bildschirm in Nachbars Stube. Auch die abfälligen Bemerkungen des Ländlerfreundes konnten meine Begeisterung kaum bremsen.
Ein neuer Messias muss her
In den frühen 1960er-Jahren war aber noch nicht Charles Lloyd das Mass der Dinge im Jazz, sondern Saxophonist John Coltrane. Die internationale Jazzgemeinde schaute hoch zu ihm. Für unzählige Musiker rund um den Erdball war er Vorbild und Inspiration.
Mit Coltranes Tod am 17. Juli 1967 entstand plötzlich ein Vakuum, man hoffte buchstäblich auf den neuen Messias. Einer, der damals für viele der Mann war, um diese Rolle zu übernehmen, war: Charles Lloyd.
Ein Quartett wird zum Überflieger
Charles Lloyd aus Memphis, Tennessee, hatte in Kalifornien studiert und kam 1960 nach New York. Freejazzer wie Don Cherry gehörten zu seinen musikalischen Verbündeten, gleichzeitig spielte er in Bluesbands seiner südlichen Heimat.
Seinen ersten Job bekam er beim Schlagzeuger Chico Hamilton und realisierte mit ihm einige LPs – aber auch unter seinem eigenen Namen. Sein Quartett, das er 1966 gründete, wurde zum Überflieger.
Der Nerv der Zeit
Charles Lloyd entdeckte zwei junge Musiker, die noch Jazzgeschichte schreiben sollten: den erst 21-jährigen Pianisten Keith Jarrett und den wenig älteren Schlagzeuger Jack DeJohnette.
Er kreierte einen aktuellen Sound. Neue Bands wie die Beatles und die Rolling Stones begeisterten die Jugend, der Jazz war zur elitären und randständigen Musik geworden, Lloyd wollte raus aus den Clubs und rein in die Stadien.
Mit seiner Musik, die die hymnische Emphase eines John Coltrane mit der Leichtigkeit der Popmusik verband, traf er den Nerv der Zeit. Er spielte sowohl für ein junges Publikum, als auch für die Gralshüter des Jazz.
Lloyd als Hippie-Jazzer
1966 kam die LP «Soundtrack» seines neuen Quartetts auf den Markt. Im Innern des Umschlags gab es eine grosse Fotostrecke in Schwarz-Weiss, die Charles Lloyd sowohl mit seiner Familie zeigt, an dem Ort wo er herkam, als auch als flötenspielender Faun in der Natur, als Hippie-Jazzer.
Die nächste Platte machte seinen Anspruch noch deutlicher: «Love-In» hiess sie und erschien 1967. Das Titelbild war ganz im hippiemässigen Zeitgeist gehalten. Aufgenommen war die Platte in Bill Grahams Fillmore West in San Francisco, einem der wichtigsten Rocktempel jener Jahre in den USA. Beim 50. Montreux Jazz Festival, das morgen Donnerstag beginnt, ist Lloyd wieder Headliner des ersten Abends, mittlerweile ist er 78-jährig.
Sendehinweis
Vor 50 Jahren hätte niemand erwartet, dass der betuliche Ferienort am Genfersee zum globalen Musikmekka würde. Doch Claude Nobs und seine Verbündeten führten das Montreux Jazz Festival zu Weltruhm.
- «Sternstunde Musik»: 50 Jahre Montreux Jazz Festival
Sonntag, 17.7.2016, 11:55 Uhr auf SRF 1