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Aurora Borealis
Es gibt unzählige Namen für dieses unheimliche und gleichzeitig faszinierende Phänomen, welches man nur in den nördlichen Breitengraden der Erdkugel zu sehen bekommt: Polarlicht, Nordlichter, Aurora borealis, usw. Es ist die Winterattraktion schlechthin. Würde man sich inzwischen dieses Farbenspiel nicht physikalisch erklären können, wäre man dazu geneigt, dieses als Glücksbringer oder Unglücksboten zu deuten. So vielfältig wie die Kulturen auf den Kontinenten sind, genau so verschieden waren die Deutungen, die unsere nordländischen Vorfahren mit den Nordlichtern in Verbindung brachten. In Island gab es beispielsweise Völker, die das Polarlicht mit der Geburt assoziierten. Es hiess, dass die Lichter den Gebärenden den Schmerz während der Geburt solange verringern würden, wie diese nicht in den Himmel schauten. Andere wiederum behaupteten, dass die Nordlichter die Seelen der Totgeborenen und getöteten Kinder seien.
Ob der im norwegischen Bergen geborene Komponist Edvard Grieg (1843 – 1907) die Nordlichter jemals gesehen hat, wird wohl ungeklärt bleiben. Doch in seinem Werk Two nordic melodies für Streichorchester, Op. 63 (1895) gibt es viele Passagen, die wie eine musikalische Vertonung dieses Phänomens wirken. Gerade die ersten Töne des melancholischen Anfangs im ersten Satz I folketonestil klingen, wie wenn man den frostigen, pechschwarzen Nachthimmel Norwegens vor sich hat. Auf einmal erscheinen kalte, grünliche Farben, die sich bewegen und immer stärker und intensiver werden. Ähnlich verhält es sich mit den Harmonien und crescendi, die den Streicherklang im Verlaufe des Satzes ebenfalls verdichten und wärmer werden lassen. Im zweiten Satz Kulok und Stabbelåten verwendete Grieg norwegische Volkslieder als Vorlage, wie auch thematisches Material aus seinen früheren Werken.
Die Anregung zur einzigen Sinfonie Griegs war einem weiteren nordländischen Komponisten zu verdanken, der im Konzertprogramm zu finden ist. Der dänische Komponist Niels Wilhelm Gade (1817 – 1890) wendete sich während eines Aufenthaltes in Leipzig von der „nordischen“ Tonsprache in seinen Werken ab und wandte sich einem universellen Kompositionsstil zu, wie er in der Leipziger Schule gepflegt wurde. In den beiden Noveletten für Streicher (Op. 53 und 58) taucht dieser jedoch schlagartig wieder auf. Am 10. April 1875 fand die Uraufführung von Op. 53 im Kopenhagener Musikverein unter Gades Leitung statt.
Ein erstes Aufeinandertreffen der beiden Komponisten Edvard Grieg und Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840 – 1893) fand 1888 ebenfalls in Leipzig statt. Sofort empfanden sie eine starke Sympathie füreinander und im Verlaufe dieses Jahres schickten sie sich regelmässig Briefe. Die Griegs besuchten regelmässig Aufführungen ihres neu gewonnenen russischen Freundes. „Sympathische Geister wachsen nicht auf den Bäumen!“ schrieb Grieg am 26. Mai 1888 an Tschaikowsky und erhielt darauf eine Einladung, in Russland aufzutreten.
Der damalige Newcomer Sergej Rachmaninow (1873 – 1943) widmete seinem grossen Vorbild, P. I. Tschaikowsky, kurz vor dessen Tod die Suite für zwei Klaviere, Op. 5. Dieser fühlte sich geehrt und witzelte, er habe in diesem Sommer „nur eine kleine Sinfonie“ zustande gebracht (Sinfonie Pathétique, Op. 74). Von Tschaikowskys Liedern herkommend, fällt bei Rachmaninov sofort die besondere Bedeutung des Klaviers in seinen Werken auf. In unzähligen Bearbeitungen verbreitete sich beispielsweise die Vocalise, die ursprünglich zu den 14 Liedern (Op. 34) gehörte, die Rachmaninow grossen russischen Sängerpersönlichkeiten auf den Leib schrieb.
- E. Grieg — Two nordic melodies, Op. 63
- N. Gade — Novelletter für Streichorchester in F‑Dur, Op. 53
- S. Rachmaninoff — Vocalise
- P. I. Tschaikowsky — Streicherserenade