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Nach dem Erfolg mit ARACHNOPHOBIA fühlte sich Frank Marshall, einstiger Hauptproduzent in Steven Spielbergs Amblin Schmiede, befähigt eines schwierigen Themas anzunehmen. Es sollte die wahre Geschichte des Flugzeugsabsturz einer Rugbymannschaft aus Uruguay in den Anden, unweit ihres Ziels in Chile, sein. In die Schlagzeilen geriet die Sache nicht nur, weil von 45 Menschen an Bord bei deren Rettung nach über 2 Monaten 16 überlebten, sondern diese nur so lange durchhielten, weil sie das Fleisch der Verstorbenen assen. Ein Entscheid, der nicht leichtfertigt fiel, der aber im Nachhinein für grosse Schlagzeilen und Empörung sorgte.
Der Film hat seine starken Momente: Der Absturz ist mitreissend (und ohne Computerhilfe) gestaltet, auch die ersten Tage nach dem Unglück sind verstörend zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit erzählt. Zweifellos einer der schwierigsten Momente taucht auf, wenn Roberto (Josh Hamilton) sich als erster überwindet, ein Stück Fleisch aus einem der Toten schneidet und dieses isst. Leider verfällt Marshalls Film öfters in unnötige Hollywood Action, durchaus schade. Der Stoff und das Buch, auf dem der Film beruht, würden alleine genügend Konfliktmaterial hergeben, wie es in einer Gruppe, die vor unglaubliche Herausforderungen gestellt wurde, existierte. Wie sehr da das Studio dem Regisseur im Nacken sass, wird auch in den Liner Notes nicht aufgelöst, wir erfahren aber, dass der Film bis zum Kinostart tüchtig gekürzt werden musste.
James Newton Howard stand 1993 am Beginn einer grossen Karriere. Er hatte Hits mit PRETTY WOMEN und FLATLINERS verbucht, vertonte beachtete Filme wie GUILTY BY SUSPICION und GRAND CANYON und holte sich mit THE PRINCE OF TIDES seine erste Oscarnomination. 1992 und 1993 schrieb er zu 12 Filmen die Musik, darunter THE FUGITIVE, DAVE, FALLING DOWN und eben ALIVE.
Die Hollywood Records CD, die mit dem Filmstart erschien, beinhaltete lediglich 30 Minuten Musik, die von den ersten beiden Aufnahmetagen stammte. Dankenswerterweise hat sich Intrada daran erinnert und legt nun auf CD 1 den gesamten Filmscore mit einer Länge von 73 Minuten auf. Dazu gibt es 38 Minuten «Extras» und auch noch das einstige Soundtrack Programm, beides auf CD 2.
Klugerweise unterlässt es Howard die Absturzsequenz mit Musik zu untermalen – sie ist packend genug – und so gibt es vom superkurzen «Main Title» bis zur ersten Nacht in den Anden nur Dialog und Toneffekte zu hören. Mit dem dramatisch mitreissenden, mit Flöten beginnenden «The First Night», startet der Score dann eigentlich erst richtig, auch wenn Intrada als Track 1 die tolle, perkussionsbetonte Trailermusik ausgesucht hat (das Hauptthema ist dabei ganz zum Schluss des Stücks zu hören); das passt eigentlich ganz gut in den musikalischen Ablauf. Das Hauptthema ist erstmalig in «The Dead», gespielt von einem Panflöten-ähnlichen Instrument zu hören.
Howard verwendet eine Gitarre als eines der Instrumente, das wie er selber sagte, zum Setting in Südamerika passen sollte, wie von Marshall gewünscht. Er unterlässt es aber eine hispanische Melodie zu knüpfen. Die Gitarre ist in den ersten Noten des Scores «Main Title» und als wichtiger Bestandteil für Nando (Ethan Hawk) und seine Schwester Susana («Nando Awakes» mit Harfe und Klavier, «Rosary Montage») in einem wunderbar eingängigen, sentimentalen Stück Musik und als Variation in «Silent Night» zu hören.
Die Musik sollte der düsteren Thematik Gegengewicht geben und das schafft sie problemlos. Howard weiss jedoch wann er sich mehr zurückhalten muss, er weiss aber auch wann Emotionen und Gefühle mit Musik verstärkt und unterstrichen werden können und natürlich geht er bei einigen der Hollywoodmomente, die der Film eigentlich nicht gebraucht hätte, in die Vollen. Also ist für einmal Platz für dynamische Passagen wie in «Tomorrow We Climb» (die THE FUGITIVE vorwegnehmen) und «Sledding». Howard beweist ein Händchen für spirituelle Momente wie in «It’s God» oder «Sunlight» – Glaube (ob tief oder atheistisch) spielt in ALIVE durchaus eine Rolle – aber auch um emotionsgepackte Bilder wie im abschliessenden «Saved» oder dem 6minütigen «Final Climb Pt. 1 & Pt. 2» zu festigen. Mit am schwierigsten für Howard war «Eating», da, wie er beschreibt, man sich davon gleichzeitig abgestossen fühlen aber gleichzeitig für die Lage, in der sich die Überlebenden befinden, Verständnis vermitteln sollte. Die CD (1) kommt mit zwei wunderschönen Stücken zu einem wirklich tollen Ende: «Saved» und «End Credits».
James Newton Howards ALIVE ist ein Juwel, es ist die Sorte Filmscore, die man heute oft vergeblich sucht, melodisch an Stellen opulent, dann tragisch, bedrückend und beglückend. Ein Juwel, das lange in einer 30-Minuten Form als CD vor sich hinschlummerte und erst jetzt wieder mit dieser Intrada CD aufgeweckt wurde. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, ALIVE gehört zu den fünf schönsten Arbeiten des Komponisten und diese Intrada Scheibe ist es mehr als Wert gekauft zu werden, ob man den alten 30 Minüter bereits besitzt oder als Premierenkauf!
Phil 16.3.2020
ALIVE
James Newton Howard
Intrada Special Collection
142 Min. (2 CD)
53 Tracks