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Von unseren Studierenden: Laura-Jane Läuchli, David Herzig, Alexander Gäumann
Zwischen 1950 und 2000 nahm der Anteil der Weltbevölkerung, der 65 Jahre alt oder älter ist, um ca. 2% zu. Eine Projektion der Vereinten Nationen geht davon aus, dass das Wachstum derselben Weltbevölkerungsgruppe zwischen 2000 und 2050 über 9% betragen wird. Die Baby-Boomer-Generation, die zu den Zeiten hoher Geburtenraten zwischen 1944 und 1964 geboren wurde, hat die demographische Entwicklung fest im Griff. Gesundheitsexpertinnen und -experten befürchten, dass diese demographische Entwicklung die Gesundheits- und Sozialkosten weltweit erhöhen werden. Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kommt zum Schluss, dass die Kosten pro Kopf in der Alterspflege in 25 OECD-Ländern im Jahr 2010 durchschnittlich um 9% gestiegen sind (OECD, 2013), wobei die gesamten Gesundheitskosten im selben Jahr um «nur» 4% zunahmen.
Um diese Kostensteigerung zu bremsen, beobachtet man weltweit Bemühungen betagte Personen möglichst lange ausserhalb von kostenintensiven stationären Einrichtungen zu pflegen. In der Schweiz z. B. hat die Anzahl Klientinnen und Klienten von Spitex-Organisationen, die ambulante Pflegeleistungen zu Hause anbieten, zwischen 2015 und 2020 um rund 36% zugenommen (Spitex, 2021). Zudem versucht man hierzulande auch über Reformen, die die ambulante Versorgung fördern sollen, wie z. B. die «einheitliche Finanzierung ambulant und stationär» (EFAS), den Anstieg der Gesundheitskosten zu bremsen.
Wie gehen andere Länder mit dieser Herausforderung um und könnten diese Versorgungsformen auf die Schweiz übertragen werden? Die Autoren nehmen diese Fragen zum Anlass, um über den eigenen Tellerrand nach Fernost zu schauen.
Demographische Entwicklung in China
Die Volksrepublik China zählte Ende 2020 über 1.4 Mia. Einwohnerinnen und Einwohner und ist heute das einwohnerreichste Land der Welt. Die demographische Entwicklung macht auch im Land der Mitte keinen Halt. Die Lebenserwartung für Frauen und Männer stieg in China innert 23 Jahren von 71 auf 79 Jahre. Im Vergleich verbucht die Schweiz in derselben Zeitspanne lediglich einen Anstieg um 3 Jahre, wobei Schweizerinnen und Schweizer mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von rund 83 Jahren länger leben. Heute sind rund 10% der chinesischen Bevölkerung 60 Jahre alt oder älter. Dieser Anteil soll gemäss Weltgesundheitsorganisation bis ins Jahr 2040 auf 28% steigen (WHO, 2021). Dies kann u. a. auf die jahrelang geltende «Ein-Kind-Politik» der Regierung zurückgeführt werden. Die Bevölkerungspyramide in Abbildung 1 zeigt die erwartete Bevölkerungsstruktur im Jahr 2040.
Traditionsgemäss ist die Alterspflege in China eine Familienaufgabe. Die kindliche Pietät nimmt im weit verbreiteten Konfuzianismus eine zentrale Rolle ein. Im Grundsatz geht es um die Liebe der Kinder zu ihren Eltern und darüber hinaus zu ihren Ahnen. Die Familie fängt damit die begrenzten Ressourcen, z.B. beim Gesundheitsfachpersonal oder auch bei den stationären Pflegeeinrichtungen, auf. Obwohl die Bevölkerung zwischen zwei staatlichen Krankenversicherungen (Pattinson, 2020) wählen kann, sind Pflegeleistungen grösstenteils durch betagte Personen selber zu berappen (Hu et al., 2020). Die staatliche Unterstützung wird von jeder Provinz selber festgelegt. Grundsätzlich beschränkt sich diese Unterstützung auf Menschen mit Behinderungen und/oder geringem Einkommen. Aufgrund beschränkter staatlicher Unterstützung spielen Familienmitglieder eine derart wichtige Rolle. Diese Verantwortung ist gar in der Gesetzgebung verankert. So steht in der Verfassung Chinas, dass “erwachsene Kinder eine Verpflichtung in der Betreuung und Unterstützung ihrer Eltern haben». Im Jahr 1996 ist das Elders’ Protection Law of The People’s Republic of China in Kraft getreten, welches die gesetzliche Verantwortung von Kindern für die Betreuung und Unterstützung deren Eltern im Alter hervorhebt und Sanktionen ermöglicht, falls diese Pflicht von den Nachkommen nicht wahrgenommen wird.
Wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass die Pflege durch die Familie einen positiven Effekt auf die Lebensqualität von betagten Personen hat. Die Provinz Hainan im Süden Chinas weist die höchste Lebenserwartung und den grössten Anteil an hundertjährigen Personen auf. Die sozio-kulturellen, wirtschaftlichen und eben auch demographischen Entwicklungen im Land gefährden aber die Versorgung durch Familienangehörige, insbesondere in ländlichen Gebieten. Gemäss Umfrage sehen über 80% der Befragten die Regierung in der Pflicht in den Zugang zu Pflegeleistungen zu investieren und diesen für die Bevölkerung sicherzustellen (World Bank, 2018).
Was macht nun die Regierung in Peking?
Seit 2006 investiert die chinesische Regierung in den Gesundheitssektor, um u. a. die Kapazitäten im Angebot zu erweitern (Hu et al., 2020). Massnahmen zur Entwicklung von effizienten und nachhaltigen Leistungen in der Alterspflege werden in der 13. Version des Fünf-Jahresplans für die Entwicklung der Alterspflege beschrieben. Die Alterspflege soll durch drei integrale Säulen sichergestellt werden. Die informelle Betreuung zu Hause soll weiterhin als Fundament dienen. Die Betreuung durch die Gemeinschaft, sogenannte «community-based care», soll als zweite Säule unterstützend agieren und durch die institutionelle Betreuung als dritte Säule ergänzt werden. «Community-based care» sind ambulante Einrichtungen, die Angebote wie Pflegeleistungen, Mahlzeitendienst, psychologische Sprechstunden und Seniorenaktivitäten unter einem Dach anbieten (Xia, 2020). Diese Einrichtungen sollen Familien aktiv(er) unterstützen und das Versorgungsnetzwerk stärken. Durch die Mobilisierung von Freiwilligenarbeit und gegenseitige Hilfeleistungen unter den Betagten sollen die Kapazitäten erhöht werden. Schliesslich werden in ländlichen Gebieten stationäre Einrichtungen mit zusätzlichen Pflegebetten ausgebaut, um Tages- sowie Ferienbetten anbieten zu können.
Das Fazit der Autoren
Die demographische Entwicklung ist eine globale Herausforderung. Regierungen auf der ganzen Welt suchen nach Lösungen, um die Alterspflege sicherzustellen. In China nimmt die Familie aus kulturellen Gründen eine wichtige Rolle in der Alterspflege ein. Diese Versorgungsform stösst aber aufgrund von wirtschaftlichen und demographischen Entwicklungen an ihre Grenzen. Die Regierung in Peking hat deshalb im Rahmen von Fünf-Jahresplänen Massnahmen definiert, um diese niederschwellige Versorgungsform aufrechtzuerhalten.
Das chinesische Modell ist kaum eins-zu-eins auf die Schweiz übertragbar. Eine Gesetzesänderung, die Familienangehörige verpflichtet, Eltern zu pflegen, hätte hierzulande keine Chance. Nichtsdestotrotz ist die Pflege durch Angehörige auch bei uns stark verbreitet. Um diese Versorgungsform zu fördern, hat der Bundesrat den «Aktionsplan zur Unterstützung und Entlastung von betreuenden und pflegenden Angehörigen» verabschiedet. Hierfür benötigt es zum einen bessere Informationen und zum andern den Ausbau von Entlastungsangeboten, wie Unterstützung durch Freiwillige oder Kurzaufenthalte in Alters- und Pflegeheimen. Ausserdem braucht es Massnahmen, um die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenbetreuung zu fördern.
Die Autoren stellen fest, dass trotz der grossen Distanz und kulturellen Unterschieden zwischen China und der Schweiz die Herausforderungen und Lösungsansätze, zumindest in der Alterspflege, ähnlich sind. Der Blick über den eigenen Tellerrand ermöglicht spannende Einblicke in ferne Gesundheitssysteme und lohnt sich aus Sicht der Autoren, um die eigene Perspektive zu erweitern.
Die Autoren sind Studierende im Masterstudiengang Health Economics and Healthcare Management der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).
Quellen:
Hu, B., Li, B., Wang, J., Shi, C. (2020). Home and community care for older people in urban China: Receipt of services and sources of payment. Health Soc Care Community. 28:225–235. https://doi.org/10.1111/hsc.12856
OECD/European Commission. (2013). A Good Life in Old Age? Monitoring and Improving Quality in Long-Term Care, OECD Health Policy Studies, OECD Publishing. http://dx.doi.org/10.1787/9789264194564-en
Pattinson, T. (2020). How does China’s healthcare system actually work?. China-Britain Business Focus. https://focus.cbbc.org/how-chinas-healthcare-system-actually-works/#.Y9lv2HDMLEb
Spitex. (2021). Jahresbericht 2021. https://jb2021.spitex.ch/#themen
WHO. (2021). Caring for the health of the elderly in China. https://www.who.int/news-room/feature-stories/detail/caring-for-the-health-of-the-elderly-in-china
World Bank. (2018). Options for Aged Care in China: Building an Efficient and Sustainable Aged Care System. https://documents1.worldbank.org/curated/en/171061542660777579/pdf/132213-PUB-PUBLIC-PUBATE-11-19-18.pdf
Xia, C. (2020). Community-based elderly care services in China: An analysis based on the 2018 wave of the CLHLS Survey. China Population and Development Studies, 3(4), 352–367. https://doi.org/10.1007/s42379-020-00050-w