Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03647.jsonl.gz/2652

Frankreich verliert sensationell gegen Grossbritannien 3:4 n.V und steigt ab. Die Hockey-Götter haben sich gerächt.
Bei der WM 2015 in Prag ist Österreich eigentlich gerettet. Es gibt nur eine sehr unwahrscheinliche Möglichkeit: Lettland gewinnt gegen Frankreich nicht nach 60 Minuten, sondern erst nach Verlängerung oder Penaltys. Bei allen anderen Resultaten erwischt es entweder Lettland oder Frankreich.
Das Wunder geschieht. Frankreich gewinnt 3:2 nach Penaltys. Die Art und Weise, wie die Franzosen den 0:2 Rückstand aufholen und vor allem wie der lettische Torhüter die Pucks im Penaltyschiessen reinrutschen lässt, erlaubt einem ehrlichen Menschen nur einen Schluss: abgekartetes Spiel.
Frankreichs legendärer Nationaltrainer Dave Henderson (im Amt von 1999 bis zur letzten Saison) ist so erbost über eine entsprechende Frage eines Chronisten im Rahmen der offiziellen Pressekonferenz nach dem Spiel, dass er sich kaum mehr beruhigen kann. Die französische Delegation deponiert deswegen beim Präsidium des internationalen Verbandes (IIHF) eine Beschwerde. IIHF-Präsident René Fasel wimmelt die zornigen Franzosen charmant ab: den Chronisten kenne er aus langjähriger Erfahrung, der sei sowieso unbelehrbar.
Es war dies erst das zweite Mal, dass die WM-Abstiegsfrage durch mutmasslichen Betrug entschieden worden ist. 1982 einigten sich die Schweiz und Rumänien im letzten Spiel der B-WM in Klagenfurt auf ein 3:3. Damit es echt aussah, oblag es Köbi Kölliker, in den Schlussminuten eine Schlägerei zu inszenieren. Durch dieses Resultat wurde China zum Abstieg verurteilt. Hätte es bei Schweiz gegen Rumänien einen Sieger gegeben, wäre der Verlierer abgestiegen.
Nun, heilsam ist die Macht des Vergessens. Der Betrug der Schweizer und Rumänen ist längst vergessen. Aber die Hockeygötter haben den Franzosen nicht verziehen.
2007 sind die Franzosen in die höchste WM-Klasse aufgestiegen. Seither gehören sie zum festen Bestandteil des alljährlich wiederkehrenden «Klassetreffens» der besten Nationalmannschaften der Welt und pflegen exzellente hockeypolitischen Beziehungen bis in die höchsten Kreise.
Die Legende geht, dass IIHF-Präsident René Fasel am 9. Mai 2013 nach dem Sensationssieg der Franzosen gegen Russland (2:1) wegen einer verlorenen Wette mit den Spielern in der Kabine die Marseillaise, Frankreichs Nationalhymne gesungen habe.
Auch bei der WM 2019 in Bratislava und Kosice drohte eigentlich keine Abstiegsgefahr. Eigentlich. Der grosse SCB-Meistertrainer Kari Jalonen arbeitet hier an der WM für Deutschland als Scout. Er sagte der «Berner Zeitung» unmissverständlich: «Für Grossbritannien wird es ein kurzer Aufenthalt in der A-Gruppe sein. Die Briten werden mit Sicherheit absteigen.»
Die Briten haben ihre Mannschaft aus ihrer heimischen Operetten-Liga zusammengestellt. Aber der Aufsteiger hatte im letzten Spiel seine letzte Chance. Mit einem Sieg gegen die Franzosen konnten sich die Briten auf Kosten der Franzosen retten.
Kari Jalonen hat sich gründlich getäuscht. Die Briten holten ein 0:3 auf und siegten in der Verlängerung 4:3. Ausgerechnet Philippe Bozon, einst Frankreichs erster NHL-Spieler, hat als Nationaltrainer zusammen mit seinem Assistenten René Matte (Ambri) diese Schmach zu verantworten.
In seinem Team hatte er auch vier Schweizer: die Stürmer Tim Bozon (sein Sohn) und Eliot Berthon (Servette), Charles Bertrand (Gottéron) sowie Zugs Verteidiger Thomas Thiry.
Der Abstieg ist die grösste Schmach in Frankreichs Nachkriegs-Hockeygeschichte und ein Akt der Gerechtigkeit. Der «Betrug von Prag» ist gerächt.
Für die Schweizer ist diese Sensations-Relegation ärgerlich. Sie organisieren die nächste WM und hätten wegen des Zuschauerinteresses die Franzosen gerne in Lausanne, dem zweiten Spielort neben Zürich gehabt.