Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03537.jsonl.gz/2259

Niemand wusste, dass…
“Ein Mann stand am Eingang einer Metrostation in Washington DC und fing an, die Violine zu spielen; es war ein kalter Morgen im Januar. Er spielte sechs Stücke von Bach während 43 Minuten. In dieser Zeit gingen 1’097 Personen durch die Station, die meisten auf dem Weg zur Arbeit.
Drei Minuten waren vergangen, ein Mann mittleren Alters bemerkte den spielenden Musiker. Er verlangsamte seinen Schritt, hielt für ein paar Sekunden an und eilte dann davon. Eine Minute später erhielt der Violinist seinen ersten Dollar. Eine Frau warf die Münze ohne zu stoppen in den Violinkasten. Einige Minuten später lehnte sich jemand gegen die Wand, um ihm zuzuhören. Doch dann schaute dieser Mann auf seine Uhr und ging wieder davon – er war offensichtlich spät dran.
Die Person, welche ihm die meiste Aufmerksamkeit schenkte, war ein 3-jähriger Knabe. Er war vom Violinist wie gefesselt, das Eilen der Mutter interessierte ihn nicht. Schlussendlich schob ihn die Mutter mit Nachdruck weiter. Er drehte seinen Kopf immer wieder zurück. Einige weitere Kinder verhielten sich gleich. Und alle Eltern, ohne Ausnahme, forderten sie zum Weitergehen auf.
Was geschah in den 43 Minuten? Sieben Personen hielten an und standen für eine Weile dort. 27 Personen gaben ihm Geld, gingen aber eiligen Schrittes weiter. Der Violinist erhielt insgesamt 32 Dollar. Als er fertig war, kehrte wieder Stille ein und niemand bemerkte es. Niemand applaudierte, es gab keine Anerkennung oder Wertschätzung.”
Niemand wusste, dass der Violinist Joshua Bell war – einer der talentiertesten Musiker der Welt. Er hatte soeben eines der kompliziertesten Stücke gespielt, die je geschrieben wurden, auf einer Violine im Wert von 3,5 Millionen Dollar. Zwei Tage zuvor hatte Joshua Bell im ausverkauften Theater in Boston gespielt. Ein Eintritt kostete durchschnittlich 100 Dollar.
Dies ist eine wahre Geschichte. Die Zeitung “Washington Post” lancierte diesen Auftritt im Jahre 2007 als Teil eines sozialen Experiments. Das Thema war: In einem üblichen, öffentlichen Umfeld zu einer unpassenden Zeit – Nehmen wir Schönheit wahr? Halten wir an und anerkennen sie? Erkennen wir Talente in einem unerwarteten Umfeld, Kontext? Es wurde sehr deutlich, wie entscheidend der Kontext für die Bewertung sowie Wertschätzung von Schönheit und Talent ist.
Wir könnten uns fragen: Wenn wir keinen Moment Zeit haben, um einem der besten Musiker der Welt bei einem der grössten Stücke zuzuhören – wie viele andere schöne Dinge verpassen wir? Oder aus einer anderen Perspektive betrachtet: Wir alle sind Talente – die Frage ist, auf welche “Bühne” wir sie bringen (wollen).
Und Sie? Was zeichnet Sie aus? Wo haben Sie Talente, Fähigkeiten, Stärken und ungeahnte Kräfte? Welche zeigen Sie, welche leben Sie nur für sich selbst. Und wo sagen Sie ganz mutig: The stage is mine!