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Bienengesundheit
Krönung im Bienenvolk
Auf den ersten Blick erscheint das Honigbienenvolk als Monarchie, mit der Königin als Alleinherrscherin. Je tiefer man allerdings in die faszinierenden Vorgänge in einem Honigbienenvolk eintaucht, desto mehr reift die Erkenntnis, dass im Grunde genommen die Arbeiterinnen im Volk das Sagen haben, indem sie Königinnen wählen oder auch abberufen.
In einem Honigbienenvolk leben tausende von individuellen Honigbienen – und jede Einzelne leistet einen wichtigen Beitrag, damit das Zusammenleben funktioniert. Während die weiblichen Arbeiterinnen für alle Tätigkeiten im und um den Stock zuständig sind, haben die männlichen Drohnen und die Königin nur eine, allerdings enorm wichtige Aufgabe: die Fortpflanzung. Etwa eine Woche nach dem Schlüpfen fliegt die jungfräuliche Königin aus und verpaart sich auf einem oder mehreren Hochzeitsflügen mit etwa 12-16, manchmal auch mit bis zu 45 Drohnen. Sie speichert einen Teil des dabei gesammelten Spermas in ihrer körpereigenen Samenblase, auf welche sie dann ihr gesamtes Leben lang zurückgreifen kann. Zurück im Stock legt die Königin fortan Eier, wobei das in Spitzenzeiten bis zu 2000 täglich sein können.
Wenn die Königin weiblichen Nachwuchs produziert, legt sie ein befruchtetes Ei in die dafür vorgesehene Brutzelle aus Wachs, für männliche Drohnen hingegen ein unbefruchtetes Ei in spezielle, grössere Drohnenzellen. Dies führt dazu, dass Männchen mit einem einfachen und Weibchen mit einem doppelten Chromosomensatz ausgestattet sind. Ob sich aus einem befruchteten Ei eine Arbeiterin oder eine Königin entwickelt, hängt mit der Nahrung zusammen, welche die Ammenbienen den jungen Larven verfüttern: zukünftige Königinnen werden mit besonders nährstoffreichem Gelée royal gefüttert, während Arbeiterinnen ab dem dritten Tag im Larvenstadium nährstoffärmeres Pollen-Futter erhalten.
Wie wählen Honigbienen ihre Königin?
Bei den weiblichen Nachkommen gibt es aufgrund der königlichen Mehrfachverpaarung verschiedene genetische Linien, sogenannte Unterfamilien, innerhalb eines Volkes. Eine Königin lebt im Durchschnitt etwa 3-5 Jahre und wird durchgehend von einer Gruppe Arbeiterinnen, ihrem Hofstaat, intensiv gefüttert und gepflegt.
Damit einem diese royale Behandlung zuteil wird, muss man es allerdings erst einmal in diese Position schaffen – und da rückt eine ausserordentlich spannende Frage ins Zentrum: Wie wählen eigentlich Honigbienen ihre Königin?
Die Vorgänge in einem Honigbienenvolk sind überaus komplex und spielen sich häufig im Verborgenen ab, so dass auch nach vielen Jahren Forschungsarbeit noch etliche biologische Mechanismen nicht vollends geklärt sind. Genauso verhält es sich auch mit der Wahl der Königin. Bestehende Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet liefern Hinweise, dass bei der Auswahl eine genetische Komponente eine tragende Rolle spielt. So wurde festgestellt, dass von den verschiedenen genetischen Unterfamilien in einem Volk bestimmte Linien öfters zu Königinnen herangezogen werden als andere Linien, und es von diesen Familien verhältnismässig wenige Arbeiterinnen gibt im Volk. Warum es genau diese Linien auf den Thron schaffen und wie genau die Ammenbienen diese bei der Brutpflege erkennen, ist momentan noch ein gut gehütetes, royales Geheimnis.
Am Ende der Legislaturperiode
Hingegen steht zweifelsfrei fest, dass die Dauer der Legislaturperiode einer Königin in ihrem Volk einer natürlichen Beschränkung unterliegt. Im besten Falle liegt das daran, dass sich das Volk als Ganzes fortpflanzen will, indem ein Schwarm mit der bestehenden Königin auszieht und sich an einem neuen Ort niederlässt, während eine eigens dafür produzierte Jungkönigin das Volk im bestehenden Stock weiterführt. Hat ein Bienenvolk im Frühjahr viele Jungbienen und ein reiches Nahrungsangebot, kommt das Volk in Schwarmlaune und beginnt mit der Produktion von speziell für die Königinnenaufzucht gebaute Weiselzellen.
Der darin abgelegte royale Nachwuchs wird entsprechend gefüttert und gepflegt. Kurz bevor die erste Jungkönigin schlüpft, verlässt die alte Königin mit einem Teil der Arbeiterinnen das Volk und zieht aus. Sobald die erste der nachgezogenen Königinnen geschlüpft ist, tötet sie die noch nicht geschlüpften royalen Konkurrentinnen in den übrigen Weiselzellen. Gelingt es mehreren Königinnen zu schlüpfen, kommt es in der Regel zu einem tödlichen Kampf zwischen den Kontrahentinnen, wenn diese aufeinandertreffen. Die Jungkönigin, die als Siegerin hervorgeht, übernimmt fortan das Zepter im Volk.
Das Absetzungsprozedere
Das Bienenvolk ist auf eine gesunde, leistungsfähige Königin angewiesen, da das Überleben des Volkes nur mit der ausreichenden Produktion von Nachwuchs gesichert werden kann. Wenn die bestehende Königin schwächelt, kann sich das Bienenvolk keine Gnade leisten und läutet das Absetzen der Königin, eine sogenannte Umweiselung, ein. Hierfür bauen die Arbeiterinnen ebenfalls Weiselzellen und betreiben Brutpflege für den royalen Nachwuchs. Zu den Gründen für eine verminderte Leistungsfähigkeit einer Königin zählen fortgeschrittenes Alter, ungenügende Befruchtung, aber auch Krankheiten oder Verletzungen. Wenn die Leistungsfähigkeit der Königin abnimmt, kommt es meist zu einer Reduktion ihrer Legeleistung, was zu einer Abnahme an Bienennachwuchs im Volk führt. Ebenfalls fatal ist, wenn die Königin in ihrer Samenblase kein funktionsfähiges Sperma mehr hat. Dies führt dazu, dass sie keine befruchteten Eier mehr legen kann und somit «drohnenbrütig» wird, also nur noch männlichen Nachwuchs produzieren kann.
Regieren mit Duftnoten
Bevor Arbeiterinnen die notwendige Umweiselung einleiten, müssen sie allerdings bemerken, dass die Leistungsfähigkeit der Königin unzureichend und für das Bienenvolk nicht mehr tragbar ist. Um den Arbeiterinnen ihre Präsenz zu signalisieren, produziert die Königin einen speziellen Duftstoff in der Unterkieferdrüse, der ausgehend vom Hofstaat durch ständigen Futteraustausch zwischen den Arbeiterinnen die Bienen im gesamten Stock erreicht. Die Minderung der Leistungsfähigkeit macht sich durch die Abnahme der königlichen Pheromonproduktion bemerkbar. Verstirbt die Königin unerwartet, versiegt der Königinnenduftstoff gänzlich, was eine ganze Reihe an Massnahmen in Gang setzt, die den Fortbestand des Bienenvolkes ermöglichen sollen. Arbeiterinnen wählen eine kleine Anzahl an Eiern oder sehr jungen Larven aus, die von der Königin kurz zuvor gelegt wurden, bauen die Brutzellen zu den für Königinnen typischen Weiselzellen um und versorgen diese ausgewählte Brut mit Königinnenfutter. Existiert im Volk zum Zeitpunkt des Todes der Königin keine ausreichend junge Brut, um daraus eine Königin nachzuziehen, ist das Volk unwiderruflich dem Untergang geweiht. Allerdings geben die Bienen dann nicht einfach auf. Stattdessen entwickeln einige Arbeiterinnen ihre Eierstöcke und legen dann unbefruchtete Eier. Ein Volk ohne Königin kann dann je nach Grösse noch einige hundert Drohnen aufziehen, um so noch die Gene des Volkes in die nächste Generation zu bringen.
Die Königin wird verheizt
Nur den wenigsten Königinnen ist es vergönnt, bis an ihr Lebensende im Volk zu leben und eines natürlichen Todes zu sterben. Kann eine Königin ihre Aufgabe nicht mehr zufriedenstellend erfüllen, wird sie von ihrem Volk durch eine neue Königin ersetzt und von ihrem eigenen Volk danach gänzlich vernachlässigt oder sogar getötet. Für Letzteres wird die dem Untergang geweihte Königin von einer Gruppe Arbeiterinnen umzingelt. In der Mitte dieser Traube eingeschlossen wird die Königin wortwörtlich verheizt; die Arbeiterinnen heizen das Innere der Traube mittels aktivem Muskelzittern so stark auf, bis die Königin in der Mitte stirbt. Das royale Leben nimmt damit ein wenig glamouröses Ende und ist alles andere als ein Honigschlecken …
Auf den ersten Blick erscheint das Honigbienenvolk als Monarchie, mit der Königin als Alleinherrscherin. Je tiefer man allerdings in die faszinierenden Vorgänge im Leben eines Honigbienenvolkes eintaucht, desto mehr reift die Erkenntnis, dass im Grunde genommen die Arbeiterinnen im Volk das Sagen haben. Unbestritten ist, dass die Bienenvölker ein überaus erfolgreiches biologisches Phänomen sind und uns Menschen mit ihrem königlichen Dasein schon seit Jahrtausenden in ihren Bann ziehen.
Über das Institut für Bienengesundheit
Das Institut wurde im Jahr 2013 an der Vetsuisse Fakultät der Universität Bern gegründet und besteht aus einem internationalen Team. Priorität des Instituts ist es, die Gesundheit der Bienen zu verstehen und zu verbessern, indem es grundlegende und angewandte Forschung betreibt und Wissen an Studierende, Imkerinnen und Imker und andere Interessengruppen weitergibt. Das Institut fördert die internationale Zusammenarbeit und ist Sitz der globalen Vereinigung COLOSS (Prevention of honey bee COlony LOSSes).
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