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Die Untergrundbahnen würden stehen bleiben, die Warnlichter auf den Wolkenkratzern zu blinken aufhören. New Yorks Bürgermeister würde den Ausnahmezustand ausrufen und sich, falls die Gerüchte stimmten, in einem Geheimbunker unter den Zwillingstürmen verschanzen, während Plünderer und Vergewaltiger durch die Strassen zögen. Kernreaktoren, die versagten. Leute, die erfrören. Die Heizung seines Wohnwagens würde aussetzen, doch er hätte noch den Grill, das Brennholz und die Kohle. Er würde immerhin ein Bruchstück der Welt vor dem Ende bewahren können, anderthalb Aren Land am Rand eines Campingplatzes von Bozeman, Montana, hinter sich Wald, vor sich Gestrüpp und unter sich zwölf Kisten Munition.
Stanley Jones hörte zum ersten Mal vom Weltuntergang, als er noch Firmenberater war, mit seiner Frau in Seattle lebte und ein Ferienhaus auf Hawaii besass. Der Mann, den sie später den Schlumpf und noch später den blauen Weissen nennen würden, war im Hinterland von Montana aufgewachsen. Die Farm hatte der Vater selbst gezimmert, das Brot pflegte die Mutter selbst zu backen. Die Anzeige im «Bozeman Daily Chronicle» hatte wie eine Prophezeiung geklungen: Stanley R. Jones, dreizehn Buchstaben, war am Freitag, dem 13. Januar 1939, auf die Welt gekommen. Doch seine Mutter sagte es ihm immer wieder, und er nahm es sich zu Herzen: «Nur du bist für dich verantwortlich.»
Studium der Mathematik und der Psychologie in den sechziger Jahren. Ausbildung zum Aufklärungsflieger. Dienst in Vietnam, ohne ein einziges Gefecht zu sehen, immer nur Urwald von oben. Zweitstudium der Betriebswirtschaft auf Kosten der Armee in den siebziger Jahren. Vertragsmanager bei Boeing in Seattle, wo Jones zu Beginn noch mit Lochkarten arbeitete, weil das Speichern auf Computern zu teuer war. Um Platz zu sparen, verzichtete man auf dem Papier wie am Bildschirm auf die ersten zwei Ziffern des Jahres. Mitte der neunziger Jahre erschienen immer öfter Artikel in der Zeitung, die deswegen Abstürze beim Millenniumswechsel heraufbeschworen, manchmal auch die Wiederkehr des Gleichen: Auf den 31. Dezember 1999 würde der 1. Januar 1900 folgen, als wäre das Jahrhundert umsonst gewesen.
Jones lernte Hütten zu bauen, Kartoffeln zu pflanzen, Feuer ohne Streichhölzer zu entfachen. Schon Mitte der neunziger Jahre sass er in Überlebensworkshops, nahm sich Zeit für das Ende der Zeit. Als er einen Kurs über das Einmachen von Lebensmitteln besuchte, fiel ihm auf, wie ein Mann während der Pausen einen Apparat aufbaute. Endlich fand Jones die Antwort auf eine Frage, die er sich lange gestellt hatte. Denn er wollte auch seinen Körper auf die Apokalypse vorbereiten und sich für die Zeit rüsten, wenn er seinen Vorrat an Antibiotika aufgebraucht haben würde. Die Lösung schien erstaunlich einfach. Man müsse nur zwei Silberdrähte an eine Neun-Volt-Batterie anschliessen und die Enden in eine Wasserschüssel halten, sagte der Mann. Der Strom löse Silberionen im Wasser, von dem man jeweils zum Frühstück ein Glas trinken solle. Silber, hörte Jones, sei ein Antibiotikum mit Geschichte. Schon die Adligen im Mittelalter hätten die Pest nur überlebt, weil sie von Silbertellern gegessen hätten. Jones ging mit Prospekten nach Hause.
Er las, dass die Offiziere der Römer, weil auch sie von Silbertellern gegessen hätten, gesünder gewesen seien als ihre Soldaten. Dass die Siedler Amerikas meist eine Silbermünze in der Milchkanne aufbewahrten, weil die Milch so angeblich weniger schnell verdarb. Dass der Astronom Tycho Brahe bei einem Duell den Nasenrücken verlor und sich eine Silberprothese schmieden liess, die nicht nur schön war, sondern auch keimfrei.
Was Jones nicht wusste: Als Archäologen sich über Brahes Leiche beugten, fanden sie Grünspan auf dem Stirnknochen, ein Hinweis darauf, dass die Nase aus Kupfer bestanden hatte. Lange als nutzlose Volksarzneien verschrien, hat die Wissenschaft mittlerweile bewiesen, dass die beiden Elemente antiseptische Wirkung entfalten. Wenn sich zum Beispiel bestimmte Bakterien, Pilze oder Algen über Oberflächen aus Kupfer bewegen, nehmen sie dessen Atome auf, die ihren Stoffwechsel stören und schon nach Stunden zu ihrem Tod führen. Deshalb sind Türklinken und Geländer aus Metall, deshalb zahlen wir mit Münzen, die aus Kupfer oder Kupferlegierungen bestehen, deshalb ist es aber noch lange keine gute Idee, im Garten einen Schwermetallcocktail anzurühren.
Das tat Jones viereinhalb Jahre lang, fühlte sich munter, merkte nichts. Jeden Morgen trank er ein Glas Wasser, das er mit Silber-ionen versetzt hatte, und ging sorglos zur Arbeit. Als die Jahrtausendwende näherrückte, schlug er seiner Frau vor, nach Montana zu ziehen. Auf dem Land, stellte er sich vor, würden die Leute zusammenhalten, während die Grossstädte in Müll und Gewalt versänken. Seine Frau reichte die Scheidung ein. Jones zog allein nach Bozeman, wo er einen Wohnwagen und ein Stück Land kaufte. Im Walmart sah er Sonderangebote für Endzeitprodukte und legte einen Vorrat an. Dörrpflaumen, Thunfisch, Dosensuppe, Gemüsesamen, Maccaroni. Er dachte, diese Dinge und die Munition unter dem Wohnwagen würden ihm später, wenn der Dollar längst verschwunden war, als Währung dienen.
Als er einmal eine Pause machte und über das Land schaute, tauchte ein Kater auf und blieb. Jones taufte ihn Buddy und holte ihm eine der Wolldecken aus dem Lager, das er angelegt hatte. Auch mit diesen Decken würde er Handel treiben, nachdem das Stromnetz zusammengebrochen wäre. Es sprach schliesslich nichts dagegen, das Beste daraus zu machen und auch etwas am Weltuntergang zu verdienen. Manchmal las Jones von Testläufen, bei denen der Jahreswechsel gescheitert war. Manchmal hörte er Sätze von Politikern wie John Hamre, dem stellvertretenden Verteidigungsminister der USA, der den Jahreswechsel als elektronisches Gegenstück zu El Niño bezeichnete, ein Ereignis mit unangenehmen Überraschungen rund um die Welt, «a lot of nasty surprises». Jones, Buddy auf dem Schoss, sass in seinem Wohnwagen und wartete. Mehr konnte er nicht tun. Aber er fühlte sich bereit.
Silvester war wieder so ein Abend mit Buddy. Sie schauten die Nachrichten vom Jahreswechsel in New York, doch ausser Betrunkenen, die unter den Farbexplosionen am Nachthimmel tanzten, sah Jones wenig. Er sass vor dem Fernseher, und die Welt weigerte sich unterzugehen. Jones weiss noch, wie er um Mitternacht auf den Sitzplatz vor seinem Wohnwagen trat. In der Ferne flimmerten die Lichter der Stadt, und sie flimmerten auch im neuen Jahrtausend. Jones ging schlafen.
Vierzehn Jahre später schnurrt der fette Kater noch immer auf seinem Schoss, Jones hat sich das tausend Dollar kosten lassen, Einreisegebühr für Tiere. Aus Jones ist ein Mann geworden, den sie in seiner Strasse nur noch Gringo azul nennen, den blauen Weissen. Er lebt nun seit sieben Monaten in Ecuador, und wenn er durch Cuenca läuft, eine Stadt voll farbenfroher Häuser in den Anden, kichern die Schulmädchen in ihren blauen Uniformen. Bei Sonnenschein mehr als bei Regen, denn Jones gleicht einer Fotografie. Wenn er dem Licht ausgesetzt ist, entwickelt er sich. Am Abend, zur blauen Stunde, ist er am blausten.
Jones geht gern in den Teil Cuencas, der den Übernamen Gringolandia trägt, eine Kolonie von etwa fünftausend Amerikanern, wo die Spitäler besser sind als im Rest des Landes. Jones ist, was es in den USA in jeder Stadt gibt: ein Mallwalker. Oft verbringt er seine Tage in der Mall del Río, meidet das Sonnenlicht, geht beim Italiener essen, wandelt durch den Supermarkt wie durch ein Museum und schaut mit einem Lächeln den flinken Angestellten auf den Rollschuhen hinterher.
Manchmal kauft er sich ein Flugzeugmodell im Spielzeugladen, und in einer Cafeteria, wo er jeweils den «Miami Herald» liest, trifft er meist zufällig andere Rentner aus dem Norden. Aber seine Geschichte erzählt er erst, wenn er die Leute schon ein wenig kennt und die Neugier in ihrem Blick nicht mehr erträgt. Die Mall ist oft etwas verwaist, als wäre sie nur für Pensionäre gebaut worden, die eine Rente aus den USA beziehen. Manchmal trinken sie etwas zusammen, ab und zu bildet sich um Jones eine Gruppe von Zuhörern, die Hände an den Aluminiumstöcken, die Augen aufgerissen. Jones, in einem blauen Hemd, schaut aus blauen Augen in die Runde und erzählt von der Zeit des Weltuntergangs, der keiner war. Dazu rieselt Musik aus den Lautsprechern in der Decke, die Rentner essen Rahmtorten, und alle paar Minuten surrt ein melancholischer Angestellter auf einem Reinigungsfahrzeug vorbei.
«Nach dem Jahrtausendwechsel wurde ich Politiker. Ich war immer Republikaner gewesen, und eigentlich habe ich die Partei auch nicht verlassen. Sie hat mich verlassen. Ich wurde Mitglied bei der drittgrössten Partei der USA, der libertären Partei, das ist die mit der Freiheitsstatue im Logo. Wir wollen, dass der Staat sich aus unserem Leben heraushält. Schulen, Spitäler, Verkehr – das sollte der Markt regeln, alles andere widerspricht unserer Verfassung.» Jones schaut in die Gesichter der Leute, als wäre er sich ihrer Zustimmung nicht ganz sicher, doch sie nicken höflich. Durch die Kuppel über dem Food Court fällt das Licht der Mittagssonne, die kaum einen Schatten wirft. Die Angestellten stehen still wie Schaufensterpuppen hinter den Theken, nichts zu tun.
«Jedenfalls zog ich fünfmal in den Wahlkampf, dreimal wollte ich Gouverneur von Montana werden, zweimal wollte ich in den Senat von Washington einziehen. Aber ich holte immer nur etwa zwei Prozent der Stimmen. Es war bei einem Podiumsgespräch im Jahr 2002, als der Moderator mich auf einmal fragte, ob bei mir alles in Ordnung sei. Sicher, sagte ich. Weil aber auch das Publikum mich besorgt anschaute, fragte ich nach. Ich sei blau im Gesicht, sagte der Moderator. Ich verliess den Saal, und als ich mich im Spiegel sah, zuckte ich zusammen. Beschwerden hatte ich jedoch keine, also ging ich nach Hause. Vielleicht, dachte ich, würde nach einer Nacht alles wieder verschwinden. Aber als ich am Morgen erwachte, war ich immer noch blau. Bald fingen die Leute an, mich hinter meinem Rücken den Schlumpf zu nennen. Ich hörte dann auf, das Silber zu mir zu nehmen.» Jones lässt den Satz ein wenig nachhallen. Entsetzte, mitfühlende Gesichter.
Beim Arzt erfuhr Jones, dass er an Argyrie leide. Die Krankheit trat bis in die fünfziger Jahre bei Leuten auf, die in Minen oder Fabriken arbeiteten und Silberstaub einatmeten. Meist verfärbte sich das Gesicht, manchmal wurden aber auch die Augen und andere Stellen des Körpers blau. Tritt Argyrie einmal auf, behält man sie ein Leben lang. Im Internet hat Jones zwar einen Arzt gefunden, der eine Laserbehandlung anbietet. Aber er hat sich dazu entschieden, zu seinem Irrtum zu stehen, «die volle Verantwortung zu übernehmen».
Heute kommt die Krankheit nur noch selten vor. Berühmt geworden ist der Fall des tiefblauen Amerikaners Paul Karason, der das Silber nicht nur trank, sondern sich auch eine Silberlösung ins Gesicht rieb, weil er das für ein Mittel gegen seinen Ausschlag hielt. Er reiste durch die Talkshows, bekam den Übernamen Papa Schlumpf und gebrauchte das Silber selbst dann noch, nachdem ihm Ärzte geraten hatten, sofort damit aufzuhören. Letzten Sommer starb er an einem Herzschlag. Um die Jahrtausendwende nahm die Zahl der Fälle von Argyrie kurzfristig zu, was mit den Quacksalbern zu tun haben dürfte, die an den Veranstaltungen auftauchten, wo Leute wie Stanley Jones das Überleben lernen wollten. Für den Nutzen von Silbergetränken, wie er sie zu sich nahm, gibt es keine Beweise. Laborversuche zeigten zwar, dass die Silberlösung tatsächlich antibakteriell wirkt, aber nur in Petrischalen.
Der Teint erwies sich als Segen. Zeitungen und Fernsehsender berichteten über Jones und seinen Wahlkampf, den er aus der eigenen Tasche bezahlte, 20 000 Dollar für nichts. Sein Bild erschien im «National Enquirer», einem Gratisblatt in Millionenauflage, das man in Supermärkten an der Kasse bekommt. In einem Interview zitierte Jones Martin Luther King: «Ich wünschte, die Leute würden sich mehr für meine Politik interessieren als für die Farbe meiner Haut.» Als sie ihn später in einer Radiosendung fragten, was er heute anders machen würde, sagte Jones, dass er sich wieder so verhalten würde. Denn abgesehen von der Hautfarbe habe er nie Nebenwirkungen des Silbers wahrgenommen und glaube noch immer an seine Wirkung. Am Ende sagte er: «Lieber blau als tot.»
Auch heute, erzählt Jones, sei er oft froh um seine Hautfarbe. Vor zwei Wochen zum Beispiel habe ihn unten am Fluss ein Paar aus Spanien angesprochen und gefragt, ob ihm unwohl sei. Sie hätten sich zwar nur schlecht verständigen können, weil die Spanier kein Englisch gesprochen hätten. Trotzdem sei es eine schöne Begegnung gewesen. Jones lächelt vorsichtig. Zwei Security-Angestellte gehen durch den verlassenen Food Court und nicken Jones zu, man kennt sich.
Die Kaffeetassen sind schon lange leer, von den Süssigkeiten sind nur Krümel geblieben. Obwohl in der Mall die Zeit stehenzubleiben scheint, ist es schon spät geworden. Jones spürt, dass die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer nachlässt, vielleicht reicht es noch für eine Anekdote. «Als ich 2006 in den Wahlkampf zog, um Senator zu werden, wählten mich die Leute wie immer vor allem auf Kosten der Republikaner. Vermutlich haben sie meinetwegen Montana verloren, und was auf der Landkarte lange rot gewesen war, hatte auf einmal die Farbe der Demokraten: Blau.» Die Leute lachen freundlich und schauen einander flüchtig an, bis einer zögernd aufsteht und sich sofort alle anschliessen. Jones reicht ihnen die blaue Hand, «see ya».
Eine Fahrt im Bus der öffentlichen Verkehrsbetriebe von Cuenca kostet zwölf Cents, Jones nimmt auf einem der Schalensitze Platz. Dreissig Minuten wird er durchgeschüttelt, als sässe er in einer Achterbahn, so lange braucht er bis ans andere Ende der Stadt. Neugierig schaut er aus dem schmutzigen Fenster. Obwohl er die Strecke seit mehr als einem halben Jahr fast jeden Tag zurücklegt, ist sein Heimweg eine halbe Stunde Staunen. Vorbei am Kinderfotografen, der jeden Tag in derselben Ecke eines Platzes steht und unter einem Sonnenschirm auf Kunden wartet. Vorbei an den Apfelverkäuferinnen, die mit Dutzenden von Früchten in Plastictüten die Strassen auf und ab gehen und nie etwas zu verkaufen scheinen. Vorbei an all den Graffiti von Che Guevara, ¡hasta la victoria siempre! Vorbei an Frauen neben Bergen von Kochbananen, die sie rösten und an Gringos für einen Dollar verkaufen oder eher für einen Dolarito.
Jones kam nach Ecuador, doch Ecuador kam auch zu ihm. Seit vierzehn Jahren ist der US-Dollar die Währung des Landes. Sechs von zehn Ecuadorianern leiden inzwischen an Übergewicht. Die Autobahnschilder wirken, als wären sie in den USA gestohlen worden. Die Autos sind so neu und gross, als wären sie aus einer kalifornischen Vorstadt in die Anden gelangt. Der Fahrtwind weht durch die Dachluke des Busses und ist schwer wie Blei, es kitzelt in der Nase. Aus jedem zweiten Geschäft schallt Musik, fast immer sind es Cumbias, die Evergreens Lateinamerikas, die einem den Blues mit ein paar Takten austreiben.
Die Liste der Dinge, die Jones nicht recht begreift, ist lang. Er fragt sich zum Beispiel, warum die Leute so liebenswert und offen sind und ihre Häuser trotzdem alle wie Gefängnisse aussehen, jedes Fenster vergittert, alle Mauern mit bunten Scherben bestückt. Weil er kaum Spanisch spricht, rätselt er auch immer wieder, was die Leute rufen, die stundenlang in seinem Viertel umherfahren und durch ein Megaphon ihre Dienste anbieten. Und er wüsste gern, was die Greise reden, die sich vor dem Lebensmittelladen in seiner Strasse treffen, der Calle Pedro Curie, und sich unter einer einzigen Glühbirne oft bis in die Morgenstunden unterhalten.
Manchmal trifft Jones eine Frau, die Sandy Hidalgo heisst und ihm mit seinem Visum geholfen hat. Weil sie eine Weile im McDonald’s von Schaffhausen gearbeitet hat, spricht sie zwar Schweizerdeutsch, doch ihr Englisch ist so bescheiden wie Jones’ Spanisch. Sie treffen sich zweimal die Woche zum Essen im «California Kitchen», und weil sie gerade arbeitslos ist, übernimmt Jones jeweils die Rechnung. In letzter Zeit erzählt sie immer wieder irgendwelche Geschichten über Kinder, obwohl sie selber gar keine hat. Jones weiss auch nicht recht, warum sie ihn statt Gringo nun meist Gringuito nennt, Gringolein.
Er befürchtet, dass sie ein Kind adoptieren will und er auch dann die Rechnung übernehmen muss. Doch das ist nur eine Theorie, vielleicht versteht er etwas falsch. Die Zeit, in der sie zusammen Ausflüge unternahmen, liegt auch schon eine Weile zurück. Doch Jones denkt gern an ihre Tage in Guayaquil, als er ihre Familie kennenlernte und sie zur Sicherheit sein Portemonnaie bei sich in der Handtasche aufbewahrte, wenn sie durch die Stadt spazierten oder am Malecón einen dieser herrlichen Milchshakes tranken.
Einmal die Woche besucht Jones nach seinem Spanischkurs Estefania Consuegra, eine dicke, gutgelaunte Frau in einem Businessanzug, die mit ihrer Umzugsfirma auch für den Container mit seinen Besitztümern zuständig war, die Jones für fünftausend Dollar aus den USA einschiffen liess. Wenn er ein Dokument wie seinen Mietvertrag nicht versteht, besorgt sie ihm die Übersetzung. Einmal musste sie ihn in Quito abholen, wo er nach der Landung in Untersuchungshaft gekommen war, weil er mit einem Koffer voll Nahrungsergänzer hatte einreisen wollen und die Zollbeamten wegen all der Pillen und Pulver den Verdacht hegten, der blaue Gringo sei ein Grossdealer. Dabei waren es doch nur Omega-3-Fettsäuren und Zinktabletten.
Der Selfmademan, der als Politiker immer gegen die Einwanderung der Latinos war, sich gegen das Spanische als zweite Amtssprache wehrte und oft von Eigenverantwortung sprach, ist in Südamerika auf Hilfe angewiesen wie ein Kind. Die Leute geben sie ihm gern. Nirgends auf der Welt, sagt Jones, habe er so freundliche Menschen kennengelernt wie in Ecuador. Ein Umstand, der ihm manchmal Kopfweh bereitet, hat mit seiner Rente zu tun. Er wollte den Staat immer in die Schranken weisen, jetzt bekommt er von ihm seine Pension, viertausend Dollar im Monat. Er habe sich schon oft überlegt, sie abzulehnen. Aber eigentlich, sagt er etwas traurig, sei er ganz froh darüber. Das sei auch einer der Gründe, warum er hier sei. Die Krankenversicherung kostet ihn fast nichts, und Miete bezahlt er auch nur vierhundertfünfzig Dollar. Mit den USA habe er abgeschlossen, «viel zu rot». Dass er nun in einem Land lebt, an dessen Spitze der Linkspopulist Rafael Correa steht, ist Jones gleichgültig.
Wenn er um sechs Uhr nach Hause kommt, geht die Sonne unter, und die Laternen der Stadt beginnen zu flackern. Jones schliesst das Tor auf, geht durch den Garten und öffnet die Tür mit den drei Schlössern. Sofort schmiegt sich Buddy an seine Beine, der tagsüber allein mit Jones’ umfassender Sammlung von Modellflugzeugen ist, die im weitläufigen und fast leeren Haus herumstehen. Hellcat, Wildcat, Strike Eagle, Stratojet Bomb Wing. So heissen die Flugzeuge, die Jones gerade mit dem Dachshaarpinsel bemalt. Stunden der Versenkung hinter den Farbtöpfchen. Für die Uniform der winzigen, lächelnden Piloten braucht er jeweils seine Lieblingsfarbe.