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Die Not weltweit war noch nie so gross wie heute. Klimaschocks, Konflikte, Covid-19 und eskalierende Nahrungsmittelpreise haben Millionen Menschen an den Rand einer Hungersnot gebracht. Der Krieg in der Ukraine hat diese dramatische Lage nun noch verschlimmert.
Krieg in der Ukraine. Hunger weltweit.
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Ein Versorgungschock mit verheerenden Auswirkungen
Russland und die Ukraine gehören zu den fünf grössten Exporteuren vieler Nahrungsmittel, darunter Mais, Gerste und Sonnenblumenöl. Damit zählen sie zu den Kornkammern Europas. Auf beiden Seiten entfallen zwölf Prozent des gesamten Kalorienhandels der Welt. Nun hat der Einmarsch Russlands in die Ukraine die Produktion und den Export von ukrainischen Lebensmitteln faktisch zum Erliegen gebracht und die Ausfuhr von russischen Lebensmitteln zumindest teilweise behindert. Die Invasion hat zu einem Verbot für alle Handelsschiffe im Asowschen Meer und zur Schliessung der ukrainischen Häfen geführt. Zwar verlässt noch etwas Getreide Russland und die Lebensmittelexporte sind derzeit von den gegen Russland verhängten Sanktionen ausgenommen, doch werden angesichts der Ungewissheit im Zusammenhang mit dem Krieg, der Erwartung weiterer Sanktionen und steigender Fracht- und Versicherungskosten kaum neue Geschäfte abgeschlossen. Je länger der Krieg andauert, desto grösser ist die Gefahr, dass die Kosten weiter ansteigen und sich verdoppeln oder gar verdreifachen werden. Hinzu kommt, dass aufgrund kriegerischer Handlungen bis zu einem Drittel der ukrainischen Ackerflächen zerstört werden könnten.
Dieser Versorgungsschock hat zu einem unmittelbaren Anstieg der Weltmarktpreise für Lebensmittel geführt: Nur eine Woche nach der Invasion war der globale Index der Getreidepreise im Vergleich zu den Preisen zu Beginn des Jahres um 22 Prozentpunkte gestiegen, während beispielsweise die Weizenpreise um 47und die Getreidepreise um 26 Prozent zulegten und damit ein Niveau erreichten, das seit 2008 nicht mehr beobachtet wurde. Auch der Preis für Düngemittel – wo Russland zusammen mit Weissrussland zu den weltweit grössten Exporteuren gehört – ist um 40 Prozent gestiegen.
Aus einer humanitären Krise droht nun eine Katastrophe zu werden
Der weltweite Bedarf an humanitärer Hilfe war bereits vor Ausbruch des Krieges in der Ukraine höher denn je.
Vom zentralamerikanischen Trockenkorridor und Haiti über die Sahelzone, die Zentralafrikanische Republik und den Südsudan bis hin zum Horn von Afrika, Syrien, Jemen und Afghanistan erstreckt sich ein Feuerring um die Welt, in dem Konflikte und Klimaschocks bereits Millionen von Menschen an den Rand des Hungertodes getrieben haben.
Weltweit gefährdet akuter Hunger bereits das Leben von 276 Millionen Menschen in 81 Ländern.
In einer zunehmend instabilen Welt, die immer noch mit den Folgen der Covid-19-Pandemie zu kämpfen hat, während sich die Klimakrise weiter beschleunigt und die Lebensmittelpreise bereits auf Rekordniveau sind, könnten aufgrund der Ukraine-Krise nun bis zu 47 Millionen Menschen zusätzlich in die Hungersnot getrieben werden.
Am stärksten gefährdet sind zum einen Menschen, die in Ländern leben, die von Lebensmittelimporten aus der Ukraine und Russland abhängig sind. Aber auch solche, die arm sind und einen überproportionalen Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben. Ebenfalls stark gefährdet sind diejenigen, deren Ernährung am stärksten von den betroffenen Nutzpflanzen wie Weizen, Gerste, Mais oder Sonnenblumenöl abhängt.
Klimakrise – Covid-19-Pandemie – Konflikte – Hungersnot – und nun steigende Lebensmittelpreise
Die Menschen am Horn von Afrika sind hart von der Klimaerwärmung und den Folgen der Covid-19-Pandemie betroffen. Hunderttausende Kinder und Familien in diesen Ländern leiden bereits an Ernährungsunsicherheit und sind dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen.
Die Menschen in Somalia beispielsweise sind von einer der schlimmsten Dürren seit 40 Jahren betroffen. Die anhaltende Dürre hat die Menschen an den Rand des Abgrunds gebracht. Besonders hart betroffen sind Kinder. Drei aufeinander folgende Regenzeiten sind in den letzten zwei Jahren ausgefallen. Ernten sind verdorrt, Tiere verdurstet oder verhungert. Die Menschen verlieren ihre Lebensgrundlage. Nun sind die Kosten für Strom und Transport aufgrund der gestiegenen Kraftstoffpreise im Kontext der Ukraine-Krise in die Höhe geschnellt – mit verheerenden Folgen für Kleinbauern und Viehzüchter. Ein Viertel der Bevölkerung braucht dringend Hilfe. 1,4 Millionen Kinder sind mangelernährt. 330 000 Kinder unter fünf Jahren sogar lebensbedrohlich.
Nordafrika und der Nahe Osten
Die Länder in dieser Region importieren gemeinsam mehr als 50 Prozent ihres Getreidebedarfs aus der Ukraine und Russland. Für sie hat der Wegfall der Getreideexporte verheerende Folgen:
Während Haushalte mit mittlerem Einkommen ausreichend finanzielle Puffer haben um den Anstieg der Lebensmittelpreise für eine gewisse Zeit abzufedern, oder auf den Konsum anderer Grundnahrungsmittel auszuweichen, trifft es arme Familien besonders hart. Ein nur minimer Anstieg der Brotpreise hat zur Folge, dass Familien ihre Portionen rationieren und kürzen müssen. Dies zu einer Zeit, in welcher bereits mehr als jedes dritte Kind unter fünf Jahren in der Region nicht genügend zu Essen hat. In Ägypten beispielsweise sind die Preise für Weizen und Sonnenblumenöl über Nacht um 44 Prozent gestiegen, da Ägypten 85 Prozent seines Weizenbedarfs und 73 Prozent seines Sonnenblumenöls von Russland und der Ukraine importiert.
Libanon
Im Libanon erhielten bereits vor Ausbruch des Krieges in der Ukraine 94 Prozent der Kinder unter fünf Jahren nicht genügend zu essen. Die Explosion in Beirut im August 2020 hat die Getreidelager und Verladeanlagen am Hafen zerstört, weswegen Libanons Weizenreserven für nur noch einen Monat gelagert werden können. Das Land importiert zu 80 Prozent seines Weizens aus Russland und der Ukraine.
Jemen
Im vom über achtjährigen Bürgerkrieg betroffenen Jemen machen Weizen und Getreide mehr als die Hälfte der Kalorienzufuhr einer Familie aus. Der langjährige Konflikt liess die Wirtschaft im Jemen weiter zusammenbrechen. Abwertung des Jemen-Rial führte zu einem Anstieg der Lebenshaltungskosten um 36 bis 45 Prozent. Knapp 500 000 Kinder unter fünf Jahren leiden bereits unter schwerer akuter Mangelernährung. Ein Drittel des Weizens kommt aus Russland und der Ukraine.
Afghanistan
Hawa aus Afghanistan, Aseel aus dem Jemen und Hibo Ali aus Somalia sind noch zu klein um den Krieg in der Ukraine zu verstehen. Doch wegen der sich anbahnenden Ernährungskatastrophe droht ihnen und Millionen anderer Kinder weltweit eine akute Hungersnot.
Die Welt steht am Scheideweg
Die Beendigung von Hunger und Mangelernährung ist ein moralisches Gebot. Wenn die Weltgemeinschaft jetzt nicht handelt, könnte der Teufelskreis von Hunger, Unruhen, Gewalt und Flucht ein noch nie dagewesenes Ausmass annehmen.
Konflikte und Instabilität führen dazu, dass Länder den Rückwärtsgang einlegen, Entwicklungserfolge zunichtemachen und ihre Lebensgrundlagen zerstören. Länder, in denen es in der Vergangenheit immer wieder zu politischen Unruhen kam, die durch schwache Volkswirtschaften und unerschwingliche Nahrungsmittel ausgelöst wurden, sind besonders gefährdet.
Es ist deshalb wichtiger denn je, den unmittelbaren humanitären Bedarf zu decken und gleichzeitig Programme zu unterstützen, die die langfristige Widerstandsfähigkeit von Menschen in grossem Massstab aufbauen. Wir müssen dafür sorgen, dass sie sich selbst ernähren können und ihre Heimat nicht verlassen müssen.
Ohne die dringend benötigten Mittel zur Bewältigung dieser beispiellosen Hungersnot wird die Welt einen noch höheren Preis für die Unterstützung von Vertriebenen, den Wiederaufbau von Gesellschaften und die Bewältigung von Verlusten zahlen, da die Ergebnisse jahrelanger Entwicklungsförderung ins Gegenteil verkehrt werden.