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Louis Soutter existierte wirklich, nicht nur sehr wahrscheinlich. (Im französischen Original heißt es nur „wahrscheinlich“ (probablement); ich vermute, dass die Übersetzerin, Yla M. von Dach, das Wörtchen „sehr“ eingefügt hat, um den Rhythmus des Französischen beizubehalten – was mich in Bezug auf die sehr melodiöse Sprache dieses biografischen Romans beruhigt: Sie stammt offenbar vom Autor selber.) Soutter lebte von 1871 bis 1942. Von 1923 an bis zu seinem Lebensende war er Insasse eines Altersheims, in das ihn seine Familie gesteckt hatte, weil man nicht wusste, wie man dem zusehends zielloser durch die Welt vagabundierenden und unsteten Leben Louis’ Herr werden konnte. Und dessen Herr werden wollte die ehrbare Apothekers-Familie aus Morges im Kanton Waadt. Sie befand sich mit solchem in Übereinstimmung mit dem überwiegenden Teil der Schweizer Bevölkerung.
Louis Soutter ist im französischen Sprachraum – und vor allem natürlich in seiner Heimat, der französischen Schweiz – sicher bekannter als im deutschen. Das festzustellen, genügt schon ein Vergleich von Länge und Umfang der jeweiligen Wikipedia-Artikel zu ihm. Der deutschsprachige enthält dabei noch einen groben Schnitzer: Soutter wird ohne weiteren Kommentar dem art brut zugerechnet, zu dem er nicht gehört, sondern nur gerechnet wird, weil die Kunstspekulanten mit diesem Begriff Kasse machen können. Anders als Wölfli (der wohl das Paradigma des art brut darstellt, und dessen Namen, zusammen mit dem Robert Walsers, leider auch der Verlag der deutschen Übersetzung von Layaz’ biografischem Roman nicht unterlassen hat, auf dem Buchdeckel zu nennen), anders als Adolf Wölfli also und dessen Kollegen des art brut hat Soutter nämlich durchaus eine Ausbildung als Kunstmaler genossen. Ja, er hat sogar eine Zeitlang in Colorado Springs an einem dortigen College das Departement für bildende Kunst geleitet.
So viel ungefähr wissen wir über ihn. Wir wissen auch noch, dass sein entfernter Cousin, der Architekt Le Corbusier, ihn eine Zeitlang protegiert hatte – bis Soutter aufhörte, seine „wilden“ Bleistift-Strichzeichnungen zu machen und gleich mit den Fingern malte. Wir wissen, dass ihn Schriftsteller wie Jean Giono oder C. F. Ramuz in seiner Malerkarriere zu unterstützen versuchten. Wir wissen, dass er auch ein begabter Musiker war und eine Zeitlang die erste Geige in den führenden Orchestern der Romandie spielte. Wir wissen nicht, warum er Job und Ehe in Colorado Springs hinwarf. Wir wissen nicht, warum ihm als Geiger mehr und mehr Aussetzer unterliefen, die machten, dass er in der Orchesterhierarchie immer weiter nach hinten versetzt wurde und schließlich gar seichte Kaffeehaus-Musik machte.
Die Biografie eines Mannes zu schreiben, der mit 52 Jahren in ein Altersheim in einem kleinen, unzugänglichen Krachen versteckt wurde, wo er weitere fast 20 Jahre blieb, ohne dass er nochmals auf große Reisen ging, ohne dass er versuchte, in der Kunst- oder Musikszene nochmals Fuss zu fassen, ist mangels äußerer Erlebnisse fast unmöglich. Vieles geschah bei Soutter im Inneren. Aber Inneres ist nicht abbildbar, nicht fassbar – es ist eben nur sehr wahrscheinlich.
Layaz hat es gar nicht erst versucht, eine eigentliche Biografie zu schreiben. Oder doch: Er hat es irgendwie versucht, denn sein Roman ist chronologisch geordnet, seine Kapitel tragen Monat und Jahr der geschilderten Ereignisse als Titel; aber die unweigerlich vorhandenen Lücken musste er mit Mutmaßungen füllen. So entsteht keine Biografie, sondern mehr (oder weniger): ein biografischer Roman. Und das ist in vorliegendem Fall nicht das schlechteste.
Der Autor versucht so etwas, wie ein Psychogramm eines Künstlers zu zeichnen, der „absolut“ ist. Eines Künstlers, der nur auf sein Inneres hört. Ob seine Bleistift-Strichzeichnungen von der bigott-calvinistischen Leiterin des Altersheims goûtiert werden, oder ob sie sie, wenn sie sie in die Finger kriegt, im Ofen verbrennt: Einmal fertiggestellt, interessiert Soutter das Schicksal seiner Werke kaum noch. Wenn die Einwohner des nahe gelegenen Dorfs Ballaigues – die meisten ebenso engstirnig und bigott wie die Leiterin des Heims – in seinen Zeichnungen nackte Frauen erkennen und Soutter als Hersteller pornografischer Werke diffamieren, kümmert ihn das kaum. Auch, dass er schief angeschaut wird in diesem Bauerndorf, weil er immer städtisch und piekfein angezogen ist, lässt ihn kalt. Elegante Kleidung und elegantes Schuhwerk sind für ihn essentiell, selbst als er nicht mehr in den feineren Kreisen verkehrt. (Das Geld, das er für immer neue Anzüge, Schuhe und Krawatten ausgibt, war für seine Familie der Hauptgrund, ihn unter Kuratel zu stellen.) Soutter hat seine zwei oder drei ihm wohl gesinnten Bekannten im Dorf. Mehr scheint er nicht zu brauchen. Obwohl … so ganz sicher scheint sich Layaz auch selber seiner Figur nicht zu sein. Die Frage, die der Autor uns LeserInnen stellt, ist (auch) die Frage, ob und wie ein menschlicher oder künstlerischer Zugang zu einem alles aus sich selber holenden Künstler möglich ist. Erwünscht ist. Erwünscht auch und vor allem von Seiten des Künstlers selber. Layaz’ Soutter stellt sich die Frage nicht. Was eine Antwort des Lesers verunmöglicht. Und das lag wohl in der Absicht des Autors.
In einer melodiösen Sprache geschriebenes, einfühlsames Portrait eines Künstlers. Eines Künstler, der nicht für die Kunst lebt – und schon gar nicht von ihr, sondern eines Künstlers, den die Kunst lebt. Eines Künstlers, der nicht zuletzt deswegen an sich selber leidet – und dieses Leiden wieder in Kunst umwandelt. Die ihn ihrerseits erneut leiden lässt. Ein Teufelskreis, bei dem man als Leser – so gern man den ausgezeichnet geschriebenen Roman liest – froh ist, kein Künstler zu sein. Oder, wie es Soutters Fall wohl war, sein zu müssen.
Michel Layaz: Louis Soutter, sehr wahrscheinlich. Roman übersetzt aus dem Französischen von Yla M. von Dach. Biel / Bienne: verlag die brotsuppe, 2020.
Mit bestem Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.