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Das Interview führte Markus Schmid von der Technischen Rundschau.
Frau Brühwiler, erst zu Decoupling: Ist dieser Begriff ein Konzept, hinter dem mehr steckt als lediglich das englische Wort für Entkoppelung?
Claudia Brühwiler: Wie bei vielen Begriffen, die plötzlich vermehrt in Gebrauch sind, ist es auch bei jenem des «Decoupling» so, dass Unterschiedliches gemeint sein kann. So finden Sie den Begriff auch in Strategiebüchern, mal beschreibt er Wirtschaftswachstum ohne steigenden Druck auf die Umwelt, mal das Auseinanderdriften oder Entkoppeln von technologischen Standards. Im jetzigen Kontext interessiert «Decoupling» vor allem in seiner Bedeutung der Entflechtung, der Ent- oder Abkopplung von Wirtschaftsräumen.
Bleiben wir bei der letzten Definition: Wann gewann diese in der Politik an Bedeutung?
Um 2007/2008 sprachen Ökonomen des Internationalen Währungsfonds IWF/IMF dann von «Decoupling», wenn das Wirtschaftswachstum in gewissen Regionen weniger von den Entwicklungen in anderen Weltteilen abhängig wird. In einer Studie hiess es sogar schlicht, «Decoupling» beschreibe, ob und wie stark Schwellenmärkte von der US-Wirtschaft abhängen. Dieses Begriffsverständnis geht auf die damalige Finanzkrise zurück, von der man anfangs glaubte, sie werde gewisse Schwellenmärkte weniger tangieren, da sich diese abgekoppelt hätten. Es wurde auch spekuliert, ob sich die BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China der US-Konjunktur entziehen könnten. Jetzt wird der Begriff wieder im Licht anderer Umstände verwendet.
Aktuell steht mit Blick auf Decoupling wohl vor allem die Beziehung zwischen den USA und China im Fokus?
Absolut. Mit dem Wahlkampf von Donald Trump rückte dieses Verhältnis vollends ins wirtschaftspolitische Zentrum. Trump sprach davon, sämtliche chinesische Importe mit Zöllen von 45 Prozent zu belegen, wenn China nicht endlich ein fairer Handelspartner werde. Konkret verwies er auf Chinas Handelsüberschuss mit den USA sowie den mangelnden Schutz des geistigen Eigentums.
Und welches war die übergeordnete Strategie hinter diesen einzelnen konkreten Massnahmen?
Mit seinem Kurs gegen China hatte der Kandidat Trump vor allem die Wähler ohne Hochschulbildung sowie jene im sogenannten «Rust Belt» im Blick, die vom Niedergang respektive Wegzug und der Veränderung der verarbeitenden Industrien betroffen sind. Sein damaliger Berater Steve Bannon bezeichnete Freihandel mit China als «radikale Idee» und erklärte nach den Wahlen, dass «wirtschaftlicher Nationalismus» einer der Grundpfeiler der Trump-Administration würde.
Was meinte er damals genau mit diesem wirtschaftlichen Nationalismus?
Als Präsident machte Trump schnell klar, was «America First» im Handelsverhältnis mit China bedeutet: Ab 2018 begann ein eigentlicher Handelskrieg, im Zuge dessen die USA verschiedene Importe aus China mit Strafzöllen belegte und chinesische Unternehmen wie Huawei sanktionierte, wofür sich die Gegenseite natürlich revanchierte.
Zwar wurde im letzten Amtsjahr Trumps ein Abkommen zwischen den Staaten unterzeichnet, das China verpflichtet, seinen Handelsüberschuss mit den USA zu verringern und zusätzliche US-Waren in Milliardenhöhe zu kaufen. Viele der Massnahmen aus der Ära Trump sind indessen noch in Kraft.
Wo sehen Sie die Vorteile eines Decoupling der USA?
Ein völliges Entkoppeln von China scheint weder politisch noch wirtschaftlich gangbar zu sein, sodass man höchstens über ein selektives «Decoupling» und dessen Vorteile spekulieren kann. Den Wählern versprach die Administration Trump hier ja einiges, vor allem mehr Arbeitsplätze und ein geringeres Handelsbilanzdefizit mit China. Es wäre sicher nicht verkehrt, Abhängigkeiten in gewissen Sektoren abzubauen, wie uns nicht zuletzt die Covid-19-Pandemie gelehrt hat.
Wo liegen die Nachteile einer Politik des «Decoupling»?
Die meisten Ökonomen weisen auf die grossen wirtschaftlichen Kosten und natürlich auch auf den Umstand hin, dass damit die Politik wirtschaftlicher Liberalisierung infrage gestellt wird. Lange wurde ja auch die Hoffnung gehegt, mit einer stärkeren wirtschaftlichen Einbindung und Öffnung Chinas dort politische Veränderung zu bewirken.
Was kostet denn das Ganze?
Ich bin nicht Ökonomin, weswegen ich mir erlaube, auf eine vielzitierte Analyse der US-Handelskammer vom Februar dieses Jahres zu verweisen. Dort wurde berechnet, dass die amerikanische Wirtschaft bis 2025 jährlich 190 Milliarden US-Dollar verlieren würde, wenn Zölle von 25 Prozent auf den gesamten Handel mit China erhoben würden. Hinzu kämen die entgangenen Gewinne auf dem Kapitalmarkt und der Verlust potenzieller Umsätze von US-Firmen in China selbst. Allein für die Halbleiterindustrie rechnet der Bericht der Handelskammer mit dem Verlust von 100’000 Arbeitsplätzen in den USA.
Ist das alles, oder gibt es darüber hinaus noch «Kollateralschäden», wenn ich das mal so nennen darf?
Nicht berechnet werden kann, was der Verlust in das Vertrauen in die USA als Handelspartner für den Rest der Welt bedeuten würde. Auch «meine» Branche leidet: Da es für chinesische Studierende und Forschende schwieriger geworden ist, entsprechende Visa zu erhalten, bleiben sie amerikanischen Universitäten fern. Für die Universitäten bedeutet dies finanzielle, aber auch ideelle Einbussen – jede Hochschule möchte im globalen Wettbewerb um die besten Forschungstalente mitmachen können und verzichtet ungern auf den chinesischen Talentpool.
Ist das ein rein einseitiger Prozess? Müssen wir uns auf die USA allein konzentrieren?
Nein, Experten sprechen davon, dass China selbst seit Jahrzehnten darauf bedacht ist, Abhängigkeiten abzubauen, also sektorielles «Decoupling» zu betreiben. Dies schildert jüngst auch ein gemeinsamer Bericht, den die Berliner Denkfabrik Mercator Institute for China Studies (MERICS) mit der Europäischen Handelskammer in Peking erstellt hat, die 1700 EU-Unternehmen in China vertritt. Beispielhaft für Chinas eigene Politik des «Decoupling» ist das Programm «Made in China 2025», mit dem strategisch die Abhängigkeit von ausländischer Technologie abgebaut und nationale Champions aufgebaut worden. Ausserdem beobachten wir spätestens seit der Covid-19-Pandemie, dass auch in Ländern, die den amerikanisch-chinesischen Handelskrieg kritisiert haben, vermehrt die Abhängigkeit vom Ausland zu überdenken, zumindest in kritischen Sektoren. Schlagworte wie «Reshoring» oder «De-Globalisierung» zeugen davon, aber auch Diskussionen um die Regionalisierung von Lieferketten oder die Schaffung von alternativen Lieferketten. Der zitierte Bericht der Europäischen Handelskammer spricht gerade im Bereich der Technologien davon, dass sich hier Europa stärker engagieren und Abhängigkeiten abbauen müsse.
Nach der Ära Trump und der Wahl von Biden als US-Präsident: Geht es so weiter?
Die Tonart hat sich in Washington schlagartig verändert, aber bezeichnenderweise hat Präsident Biden nur wenige von Trumps Massnahmen, die das Verhältnis mit China betreffen, rückgängig gemacht. Die nicht mehr so neue Administration will sich Zeit lassen, bevor sie eine neue Strategie formuliert, hat aber auch schon klare Signale gesendet, dass wir nicht zum Zustand von vor der Präsidentschaft Trumps zurückkehren werden. Präsident Biden hat auch nicht hinter dem Berg gehalten, was er von der chinesischen Führung hält.
Wo sehen Sie diese klaren Signale?
Ein starkes Zeichen dafür ist beispielsweise die «Executive Order», die Joe Biden im Februar unterzeichnet hat, die im Zeichen der Diversifizierung der Lieferketten steht. Konkret sollen in vier Bereichen die Lieferketten auf zu grosse Abhängigkeiten überprüft werden, namentlich bei Computerchips, Batterien für Elektrofahrzeugen, bei Pharmazeutika und deren aktiven Inhaltsstoffen sowie bei Mineralien, die für Elektronikprodukte verwendet werden. Die Folgen dieser hunderttägigen Überprüfung sind nicht definiert, aber indem der Präsident bereits von möglichen neuen Arbeitsplätzen gesprochen hat, ist es naheliegend, dass ein «Reshoring» zu den möglichen Konsequenzen zählen könnte. Hier dürfte er dann auch auf den Rückhalt der Republikaner bauen können, deren Schlüsselfiguren sich die Trumpsche Rhetorik des Wirtschaftsnationalismus zu eigen gemacht haben.
Werden sich Staaten wie die Schweiz irgendwann einmal zwischen China und den USA entscheiden müssen?
Die USA nutzen immer wieder ihre Position, um die Zusammenarbeit zwischen Staaten zu beeinflussen, beispielsweise wenn sie selbst ihre Beziehungen einstellen oder internationale Sanktionen erzwingen. Die Frage ist weniger, ob dies auch in Bezug auf China geschehen wird, sondern vielmehr in welchem Ausmass – und inwiefern sich die Vereinigten Staaten das leisten können, gemessen an den eigenen Verlusten bei einer solchen Strategie.
Was bedeutet das für ein Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und den USA?
Grundsätzlich haben die Vereinigten Staaten im Moment ohnehin andere Prioritäten. Die Pandemie-Bekämpfung und die Bewältigung ihrer wirtschaftlichen Folgen hat für die Administration Biden höchste Wichtigkeit. Es wurde ja vor den Wahlen vielfach darüber spekuliert, ob unter einem Präsidenten Trump die Schweiz eher zum Zug käme als unter Joe Biden. Tatsächlich aber hat sich auch unter Trump die Sache weniger schnell bewegt als erhofft. Sicherlich wird die jetzige Regierung nur zögerlich neue Abkommen aufgleisen, wobei ein bilateraler Prozess zumindest aussichtsreicher ist als jener für ein Transatlantisches Freihandelsabkommen.
Unter dem Motto «Decoupling – Risiken und Chancen» diskutieren am 19. Swissmem Symposium (Donnerstag, 26. August 2021 von 09.30 bis 17.30 Uhr im Lake Side Zürich) Experten über die beschleunigte Entkopplung der massgebenden Marktblöcke in der Weltpolitik mit besonderm Blick auf die Lage in den USA, Europa und China.
In Fachreferaten und Diskussionen von Expertinnen und Experten sollen Perspektiven für Unternehmen der Schweizer Fertigungsindustrie erörtert und Handlungsoptionen erwogen werden.
Informationen und Anmeldung unter:
swissmem-symposium.ch