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Max Haas
(11. Januar 1943 − 23. Februar 2018)
Andreas Haug — Wie kein anderer Gelehrter seiner Generation trat er für eine kulturelle Entgrenzung des Gegenstands musikgeschichtlicher Forschung ein. Sein wissenschaftliches Lebenswerk, für das die Universität zu Köln Max Haas 2015 mit der Würde eines Ehrendoktors ausgezeichnet hat, ist überwiegend an der Basler Universität entstanden: Dort hat er studiert; dort wurde er 1970 mit einer Arbeit über byzantinische und slavische Notationen promoviert; dort hat er sich 1977 mit Untersuchungen zum Verhältnis von Musiklehre und Philosophie im Hochmittelalter habilitiert; dort lehrte er von 1982 bis 2005 als Professor für Historische Musikwissenschaft; dort betrieb er von 1984 bis 1987, assistiert von seiner nachmaligen Doktorandin Heidy Zimmermann, im SFN-Projekt Musik und Kult Grundlagenforschung zu einer Musikgeschichte des ersten Jahrtausends; dort entwickelte er vor 25 Jahren als Vordenker der Digitalen Geisteswissenschaften Methoden zur Analyse digitaler Korpora einstimmiger Musik und setzte selbst geschriebene Programme ein für sein 1997 erschienenes Buch Altrömischer Choral und mündliche Überlieferung. Historische und analytische computergestützte Untersuchungen; nach Basel kehrte er 1990 aus Tel Aviv zurück, wo er an der Bar Ilan University, 1996 aus den USA, wo er, von Leo Treitler eingeladen, an der City University of New York gelehrt hat.
Vor den Grenzen zwischen Sprachen, Traditionen, Religionen und Wissensgebieten hat seine intellektuelle Ungenügsamkeit, die Themen seiner Qualifikationsschriften bezeugen es, von Anbeginn nicht Halt gemacht. Seine auf Musik bezogenen historischen, anthropologischen und philosophischen Fragen hat Haas weit hinein in angrenzende Gebiete verfolgt. Und er hat sich tief hingearbeitet in jene Traditionen, die in der lateinisch-westlichen Musikgeschichte gängigen Zuschnitts, wie er beklagte, «fatalerweise kein Heimatrecht erhalten haben»: die griechisch-byzantinische, die hebräisch-jüdische, die arabisch-muslimische. Griechische Musiktheorie in Arabischen, Hebräischen und Syrischen Zeugnissen oder Zur Musiktheorie der drei Schriftreligionen Judentum, Christentum und Islam im Mittelalter: Mit derlei Themen hat Haas die Grenzen des christlichen lateinischen Westens sprachlich, religiös und räumlich überschritten, zeitlich eine in der Karolingerzeit einsetzende Musikgeschichte, deren Beginn er entgegen der verbreiten Sehgewohnheit zum Ende einer Musikgeschichte des erstens Jahrtausends umgepolt hat. Das von Haas entworfene Bild des Mittelalters und seiner Bewohner, der «Mittelalterlichen», wie er sie gerne nannte, birgt ein kritisches Potential gegen identitäre Ideen einer «Musik im Abendland».
Der wissenschaftliche Grenzgänger und Fremdgänger war kein Einzelgänger. Wollte man Haas auf seinen Expeditionen auf nicht-lateinisches Terrain begleiten, ebnete er einem bereitwillig den Weg, half er einem über mangelnde Sprachkenntnisse und karge Sachkenntnisse ohne Hochmut hinweg. Sein Buch Musikalisches Denken im Mittelalter, in dem der Begriff des musikalischen Denkens für den Versuch steht, «Denkmöglichkeiten anhand von Musik zu erproben», trägt den Untertitel Eine Einführung. Das ist kein Understatement: Wer sich auf den denkerischen Duktus dieses Buch – gewiss eine der bedeutendsten musikwissenschaftlichen Publikationen der letzten Jahrzehnte – einmal eingelassen und eingelesen hat, dem wird tatsächlich von Grund auf erklärt, inwiefern Musik im Mittelalter eine «Reflexionsform» war; weshalb sie sich nicht in Form bleibender Werke manifestiert; dass der Gegenstand musikgeschichtlicher Forschung auf weite Strecken seiner 5000-jährigen Geschichte nicht in die Domäne des im neuzeitlichen Sinne Musikalischen fällt. Nicht immer drang man in Diskussionen mit Max Haas mit eigenen Fragen und Erwägungen zu dem auf seine eigenen gedanklichen Koordinaten Eingestellten vor. Aber selbst wenn man meinte, er habe eine Frage missverstanden, hatte man stets das Gefühl, er überschätze generös deren Gewicht.
Als die Krankheit diagnostiziert wurde, der er rasch erlag, hatte Haas gerade ein Typoskript im Umfang eines Buches abgeschlossen: Über das Visualisieren von auditiven Daten im Mittelalter. Weitere Arbeiten hätten folgen sollen. Er war mit dem Forschen noch lange nicht fertig.
Sein Fach verdankt ihm viel. Nicht zuletzt, dass er es in den Augen jener anspruchsvollen Musikwissenschaftlerinnen und Musikwissenschaftler einer jüngeren Generation attraktiv gemacht hat, denen das Vorbild seiner intellektuellen Ungenügsamkeit imponiert.