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Die einst als fortschrittlich gepriesene Technik hielt nicht, was sie versprach: So häuften sich Defekte an der bestehenden GolI-Orgel aus dem Jahr 1952 mit elektropneumatischer Registertraktur und elektrischer Spieltraktur schon in den achtziger Jahren. Die Kontakte waren wegen Feuchtigkeit und wegen des Alterungsprozesses zunehmend störungsanfällig geworden. Organistinnen und Organisten standen im ständigen Kampf mit ihrem Instrument, mussten in der Auswahl der Register Wetter, Temperatur und «innerkirchliches Klima» mit berücksichtigen, wollten sie nicht während des Gottesdienstes oder während eines Konzerts «Heuler» in Kauf nehmen. Die Windladen waren teilweise gerissen, die elektrische Anlage des Spieltischs war schadhaft, weitere Elemente waren unbrauchbar geworden, und die Gebläseanlage stammte gar noch von der noch älteren Kuhn-Orgel (Baujahr 1919/20). Rudolf Bruhin (Basel), Konsulent für Orgelfragen der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege, umschreibt die Situation folgendermassen: «Seit Jahren traten bei der bisherigen Orgel von 1952 immer wieder Störungen und Defekte auf, und auch klanglich-musikalisch waren die Kirchenmusiker mit dem Instrument nicht mehr zufrieden. Man dachte deshalb schon 1990 an einen Umbau, an eine Gesamtsanierung oder gar an einen Orgel-Neubau und liess sich damals von einer namhaften Orgelbaufirma einen Kostenvoranschlag für eine vollständige Renovation der bestehenden Orgel unterbreiten, Aufgrund der seinerzeit sehr hohen Kosten verzichtete die Kirchgemeinde allerdings auf eine sofortige Lösung und behalf sich mit der Behebung der auftretenden Störungen.»
Innenrenovation und Verein
Frischen Anstoss zum Bau einer neuen Orgel gab dann zweierlei: der Beschluss der Kirchenpflege. die Innenrenovation der Kirche in Angriff zu nehmen und dafür 1996 eine Baukommission ins Leben zu rufen, und die Gründung des Vereins Orgelfreunde Wädenswil, 1992 initiiert von Organistin Ursula Hauser, ständiger ideenreicher «Motor» des Vereins, der schliesslich eine runde Viertelmillion Franken an die neue Späth-Orgel zahlte (178‘000 Franken an die Kirchenpflege fürs Instrument direkt, plus 75‘000 Franken für die zusätzlich offerierte mechanische Setzeranlage, eine Eigenentwicklung und Spezialität der Rapperswiler Orgelbauer).
Orgelkommission gegründet
Die Baukommission der Kirchenpflege wählte überdies bereits 1996 eine besondere Orgelkommission. Diese hatte abzuklären, ob die bestehende Orgel erhaltenswert sei, ob sie restauriert oder durch einen Neubau unter Einbezug alter Register ersetzt werden soll. Alle von der Orgelkommission neu eingeholten Expertisen bestätigten einhellig, dass die Kosten-Nutzen-Analyse gegen eine Revision des bestehenden Instruments sprach, und Urs Fischer, Orgel-Inventarisator der zürcherischen kantonalen Denkmalpflege, versicherte der Wädenswiler Orgelkommission, dass für eine «UnterschutzsteIlung der Goll-Orgel die nötigen Kriterien nicht gegeben sind».
Kirchen- und Orgelfest
Im Juni 1997 organisierten Kirchenpflege, Orgelkommission und Orgelfreunde ein zweitägiges Kirchen- und Orgelfest. Ziel war die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für den Bau einer neuen Orgel. Dank Unterstützung der Kirchgemeinde schloss das Fest mit einem Überschuss von rund 19‘400 Franken ab, die dem Orgelfonds gutgeschrieben wurden.
Im August desselben Jahres fand im Kirchgemeindehaus Rosenmatt ein öffentlicher Orientierungs- und Ausspracheabend zum Thema «Orgel» statt, der von Prof. Dr. h.c. Peter Ziegler und den bei den Experten Dr. Bernhard Billeter und Rudolf Bruhin bestritten wurde. Das unter Leitung von Stadtpräsident Ueli Fausch stehende Podiumsgespräch, die Diskussion und auch Kurzreferate zeigten, dass ein Neubau mehrheitlich begrüsst wurde.
Wettbewerb
Die Grubenmannsche Querschiff-Kirche erträgt − wegen des kurzen Wegs, den der Schall von der Orgel zur Nordwand mit der Kanzel zurücklegt − keine schrillen, aggressiven Töne. So wurde der Orgelkommission, der Organistin und den zugezogenen Experten immer klarer, dass die neue Orgel warm und weich, dennoch kraftvoll klingen sollte. Exkursionen zu Orgeln verschiedener Bauart verdichteten die Meinungen und schränkten gleichzeitig den Kreis der möglichen Orgelbauer ein. So lud man im September 1997 fünf Schweizer Orgelbauer ein, eine Offerte für ein Instrument mit mechanischer Traktur und einer Disposition von 41 Registern einzureichen.
Drei Offerten bewegten sich in einem ähnlichen finanziellen Rahmen, und so konnte der Entscheid ausschliesslich nach musikalischen Kriterien gefällt werden. Nach weiteren Exkursionen, Hörproben und Tests − insbesondere nachdem man die Späth-Orgel von Katholisch-Weinfelden mit «ihrem überzeugenden Klang» gehört hatte − fiel der Entscheid einstimmig für die Orgelbaufirma Hans Späth in der Rosenstadt. Baukommission und Kirchenpflege schlossen sich diesem Entscheid kurze Zeit später an.
Orgelbauer Hans Späth montiert den ersten Registerzug.
Zwei bedeutende Ja
Am 7. Juni 1998 stimmten Stimmbürgerinnen und Stimmbürger an der Urne der Innenrenovation der Kirche zu, am 22. September gleichen Jahres fand die Anschaffung einer neuen Orgel der Firma Späth, der fünften übrigens in diesem Gotteshaus, die Zustimmung der von 120 Gemeindegliedern besuchten Kirchgemeindeversammlung mit dem Stimmverhältnis 117 zu 3. Die Kosten für das neue Instrument von 974‘250 Franken verringerten sich um 101‘250 Franken für Übernahme und Wiederverwendung bestehender Pfeifen auf 873‘000 Franken. Dank Beiträgen des Vereins Orgelfreunde in Höhe von 178‘700 Franken und des Kirchenrats des Kantons Zürich von 139‘600 Franken verblieben Nettokosten von 554‘700 Franken (eine Reparatur des alten Instrumentes wäre auf mindestens 400‘000 Franken zu stehen gekommen; und es wäre ja dann immer noch das alte mit seinen konstruktiven Mängeln gewesen). Die Orgelfreunde machten etwas später das Angebot, eine mechanische Setzeranlage im Wert von rund 75‘000 Franken zu stiften. Nach eingehender Prüfung nahmen Experten und Orgelkommission die willkommene Ergänzung dankend an.
Späth startet im Herbst 1999 mit den ersten Vorarbeiten, und im April 2000 besucht die Orgelkommission die Rapperswiler Orgelbauer: Die Arbeiten gestalten sich zügig, und die Experten sind zufrieden. Im September darauf steht die Orgel in der Werkstatt fertig da. Und ab Mitte November erfolgt der Transport im Möbelwagen nach Wädenswil und der Aufbau auf der merkwürdig leer wirkenden Empore. Orgel-Aufrichte ist am 7. Dezember.
Pfeifen des zweiten Manuals im Schwellwerk.
Aufwändiges Intonieren
Im Januar und Februar 2001 intoniert Hans Späth selber die einzelnen Pfeifen und Register und stimmt sie auf den Kirchenraum ab: Ursula Hauser, Rudolf Bruhin und Bernhard Billeter begleiten ihn bei dieser anspruchsvollen Aufgabe. Hans Späth schreibt zum Intonieren: «Bei der Orgel in Wädenswil fällt der warme und weiche Klang auf. Er ist die Folge einer sehr zeitaufwändigen Vorintonation (ca. 20 Minuten pro Pfeife), bei der ausschliesslich alte Intonationstechniken des 18. und 19. Jahrhunderts angewandt wurden.»
Am Palmsonntag, 8. April 2001, nimmt die festlich-begeisterte Gemeinde das Instrument in Besitz. Kirchenpflegepräsident Dr. Martin Ungerer hat dazu ausgeführt: «So möge dieses glanzvolle Werk der Solidarität seinen reichen und farbenfrohen Klang in die Zukunft tragen und immer wieder Menschen trösten, stärken und erfreuen.» Am Festgottesdienst übergab Hans Späth den Schlüssel zur Orgel zuerst dem Kirchenpflegepräsidenten, der ihn dann an Organistin Ursula Hauser weiterreichte (grosser Applaus in der Kirche). Pfarrer Peter Weiss setzte sich in der Predigt mit dem Titel «Eine schöne Tat» ebenfalls mit dem Gedanken der Solidarität und des Freiwilligeneinsatzes auseinander.
Hans Späth beim Vorintonieren einer Orgelpfeife.
Die am Palmsonntag 2001 eingeweihte Orgel in der reformierten Kirche Wädenswil.
Blick ins Innere der vom Verein Orgelfreunde Wädenswil finanzierten mechanischen Setzeranlage.
Verein der Orgelfreunde
Der Verein weckt die Freude an der Orgelmusik, fördert und vertieft Kenntnisse über Orgelmusik und Orgelbau und «unterstützt Bestrebungen für ein in klanglicher und qualitativer Hinsicht dem prachtvollen Raum unserer Grubenmann-Kirche entsprechendes neues Instrument», heisst es im Artikel 2 (Zweckartikel) der Statuten des Vereins Orgelfreunde (OF), 1992 auf Initiative von Ursula Hauser von ein paar orgelmusikbegeisterten Wädenswilerinnen und Wädenswilern gegründet und an einer besonderen Generalversammlung am 18. Juni 2001 wieder aufgelöst: Der Vereinszweck war ja mit der Einweihung des neuen Instruments erfüllt.
Orgelpfeifenverkauf und Benefizkonzerte
Der Verein sammelte in den zehn Jahren seines Bestehens über eine Viertelmillion Franken, die vollständig in den Orgelfonds flossen (Spesen und Unkosten sind geradezu lächerlich tief). Neben den von der nimmermüden Ursula Hauser organisierten und selbstbestrittenen Benefizkonzerten − Highlights waren etwa Pepe Lienhard, Jugendmusik, Akkordeonorchester, Männerchor Eintracht, Holzbläserensemble und Brass-Band-Posaunenchor − verkauften die Orgelfreunde bei verschiedenen Gelegenheiten alte Orgelpfeifen, die ihnen von der Kirchgemeinde überlassen worden waren.
Vorbereitung für den Orgelpfeifen-Verkauf vom 19. Juni 1999 im Kirchgemeindehaus.
Finanziell besonders erfolgreich war der OF mit dem 500er-Klub, der Privatpersonen, Institutionen und Unternehmen umfasste, die mindestens 500 Franken an die neue Späth-Orgel beigesteuert hatten. Sie kamen in den Genuss eines Extrakonzerts, das Ursula Hauser speziell einstudiert hatte und das − um den exklusiven Charakter zu unterstreichen − gar vor der offiziellen Orgeleinweihung stattfinden durfte. Ein Apero im Kirchgemeindehaus liess den fröhlich-festlichen Anlass ausklingen. Den OF-Vereinsmitgliedern bot man Ausflüge, zum Beispiel zu Orgelbauer Hans Späth, ins Chorherrenstift Beromünster und nach Weinfelden, um die dortige Späth-Orgel zu erleben.
Barock und romanisch
In den vergangenen Jahrhunderten gehörte zu jeder Epoche der Musikgeschichte jeweils ein bestimmter Stil des Orgelbaus. Heute aber, so erläutert Hans Späth, erwartet man von einer grösseren neuen Orgel, dass auf ihr «möglichst die gesamte Orgelliteratur stilgerecht» dargestellt werden kann. «Dieser Wunsch kann aber nicht erfüllt werden», so Späth, denn die Anforderungen innerhalb von Ländern, Regionen und Epochen sind derart unterschiedlich, dass «sich bestimmte Konstellationen gegenseitig ausschliessen». Es muss ein Schwerpunkt gesetzt werden. Diesen hat Hans Späth für die Wädenswiler Orgel in die «Mitte zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert, in der Zeit des Übergangs», gesetzt. Während das Hauptgewicht noch in der süddeutschen barocken Bauweise liegt, lässt sich bereits die Tendenz zur romantischen Orgel mit den dazu gehörigen Solostimmen spüren und hören. Auch die Intonation hat der Rapperswiler Orgelbauer so angelegt, dass sich mit bestimmten Registern Stile und Epochen kombinieren lassen. Späth beantwortet die Frage, die er sich selber gestellt hat, ob die Wädenswiler Orgel eine barocke oder romantische sei, so: «Die neue Orgel der reformierten Kirche Wädenswil hat ihren Schwerpunkt in der barocken Orgel des süddeutschen Raums. Durch romantische Ergänzungen lässt sich, bei entsprechender Auswahl der Register, barocke wie romantische Literatur darstellen.»