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Im Februar 2022 ging der deutsche Virologe Christian Drosten gegen den Hamburger Physiker Roland Wiesendanger juristisch vor. Wiesendanger sagte damals in einem Interview mit der Zeitschrift «Cicero», Christian Drosten habe die Öffentlichkeit «gezielt getäuscht», was die Herkunft des Pandemievirus betreffe.
Das liess Drosten nicht auf sich sitzen. Für «ehrabschneidend» halte er diese Äusserung, sagte er und schaltete Anwälte ein, um von Wiesendanger eine Unterlassung in sieben Punkten einzufordern.
Das Landgericht Hamburg gab Drosten daraufhin in vier Punkten Recht, worauf Wiesendanger Berufung einlegte. Das Verfahren ist hängig.*
Eidesstattliche Erklärung Drostens
Am 2. März 2022 unterschrieb Drosten eine eidesstattliche Erklärung. Darin hielt er fest, er «habe kein Interesse, den Verdacht über den Ursprung des Sars-CoV-2-Virus in eine bestimmte Richtung zu lenken». Ausserdem versicherte er an Eides statt, dass er nicht an einem offenen Brief beteiligt war, der im März 2020 in der Fachzeitschrift «Nature Medicine» erschien. «Mir war diese Veröffentlichung vor Einreichung nicht bekannt», schrieb Drosten in seiner eidesstattlichen Erklärung.
«Diese Aussage ist nachweislich unwahr. Es handelt sich um eine Falschaussage», hält Roland Wiesendanger nun fest. Wiesendanger beruft sich dabei auf bisher geheim gehaltene E-Mails, die im November 2022 dank des «Freedom of Information Act» publik wurden. Infosperber hat darüber berichtet.
«Drosten hat sogar selbst daran mitgearbeitet»
Drosten gehörte zu einem kleinen Kreis internationaler Virologen, die zu Beginn der Pandemie an einer zunächst geheim gehaltenen Telekonferenz mit Anthony Fauci teilnahmen und die auch miteinander korrespondierten. Die E-Mails der Beteiligten kommen nun nach und nach ans Licht der Öffentlichkeit.
Laut der E-mail-Korrespondenz mit Anthony Fauci sei Christian Drosten auf dem Verteiler der Entwürfe des offenen Briefs in «Nature Medicine» gewesen, so Wiesendanger. «Drosten hat sogar selbst daran mitgearbeitet und die Vorversionen mehrfach kommentiert, mindestens am 08.02.2020 und am 09.02.2020, wie aus der E-mail-Korrespondenz hervorgeht.»
Damit drängt sich die Frage auf, ob Drosten in seiner eidesstattlichen Erklärung einen Meineid geleistet hat – ein Vergehen, das in Deutschland mit einer Geldstrafe oder Gefängnisstrafe von sechs Monaten bis maximal 15 Jahren1 bestraft wird.
Drosten schreibt von «unserer eigenen Verschwörungstheorie»
Dieselbe Frage stellt sich in einem weiteren Punkt. «Ich habe kein Interesse, den Verdacht über den Ursprung des Sars-CoV-2-Virus in eine bestimmte Richtung zu lenken», schrieb Drosten in seiner eidesstattlichen Erklärung.
Anders klingt es jedoch in einer E-Mail, die Drosten am 9. Februar 2020 an den engen Kreis internationaler Virologen richtete, die mit Anthony Fauci im Austausch standen. «Schlossen wir uns nicht zusammen, um eine bestimmte Theorie in Frage zu stellen und sie, wenn wir es können, zu verwerfen? […] Arbeiten wir daran, unsere eigene Verschwörungstheorie zu entlarven?», schrieb Drosten dort.
Gerne würde Infosperber über Christian Drostens Stellungnahme informieren. Doch zwei Anfragen vom 28.11. und 4.12.2022 via Pressestelle seines Arbeitgebers blieben bisher unbeantwortet.
Widersprüchliche Aussagen des prominenten Virologen
Obwohl Drosten laut eigenem Bekunden kein Interesse daran hatte, «den Verdacht über den Ursprung des Sars-CoV-2-Virus in eine bestimmte Richtung zu lenken», unterzeichnete er zu Beginn der Pandemie einen offenen Brief in der Ärztezeitschrift «The Lancet»: «Wir stehen gemeinsam dafür ein [im Original: «we stand together»], Verschwörungstheorien, die behaupten, dass Covid-19 keinen natürlichen Ursprung habe, scharf zu verurteilen», hiess es dort.
Wissenschaftler aus vielen Ländern seien mit «überwältigender Mehrheit» zum Schluss gekommen, dass dieses Coronavirus von Wildtieren stamme, schrieben die 27 Unterzeichner, darunter Christian Drosten, schon kurz nach dem Beginn der Pandemie.
Zu diesem frühen Zeitpunkt «die Laborthese […] einfach vom Tisch zu wischen, war erstaunlich vollmundig. Das konnte man schlicht noch nicht wissen», urteilte die ARD-«Tagesschau» im März 2022. Auch in seinem «NDR»-Podcast äusserte sich Drosten zur Laborhypothese: «Kompletter Unsinn: Drosten widerlegt Labortheorie» titelte daraufhin beispielsweise der «Focus».
Öffentliche Diskussion massgeblich beeinflusst
Die beiden offenen Briefe in «The Lancet» und in «Nature Medicine» prägten die mediale und die öffentliche Diskussion fortan stark in die Richtung, dass das Pandemievirus wohl eher natürlichen Ursprungs sei. Im offenen Brief an «Nature Medicine» stand: «… wir glauben nicht, dass irgendeine Art von labor-basiertem Szenario plausibel ist». Damit lenkten die renommierten Autoren die öffentliche Diskussion, woher das Pandemie-Virus stammte, weg von der Laborhypothese.
Christian Drosten gehörte zu einem kleinen, internationalen Kreis von Virologen, die sich mit Anthony Fauci austauschten und von Beginn weg in der Öffentlichkeit die Hypothese favorisierten, dass Sars-CoV-2 nicht aus einem Labor stamme, sondern einen natürlichen Ursprung habe.
«Tatverdacht der fahrlässigen Tötung von Millionen Menschen»
«Man hat versucht, negative Auswirkungen auf das Ansehen der Wissenschaft abzuwenden, indem man einen Laborursprung von SARS-CoV-2 ausschloss, anstatt frühzeitig alles zu tun, um aus der Kenntnis des Virusursprungs heraus die geeignetsten Massnahmen für den Schutz der Menschen zu treffen», sagte Roland Wiesendanger am Samstag in einem Interview mit dem «pleiteticker.de». Aus seiner Sicht steht der dringende Tatverdacht der fahrlässigen Tötung von Millionen Menschen im Raum.
Neben Christian Drosten spielte auch der umstrittene Virologe Ron Fouchier eine Rolle
Der Virologe Christian Drosten war wahrscheinlich nicht der Einzige, der bei dem gewichtigen, offenen Brief in «Nature Medicine» im Hintergrund mitwirkte, wie die amerikanische Transparenzorganisation «U.S. Right To Know» jüngst aufdeckte. Immer wieder taucht «Ron Fouchier» in den E-Mails und Diskussionen der Wissenschaftler auf, die sich mit Anthony Fauci austauschten.
Fouchier sorgte im Jahr 2011 für weltweites Entsetzen. Damals erschuf der niederländische Virologe im Labor mit voller Absicht «wahrscheinlich eines der gefährlichsten Viren, die man machen kann», wie er selbst sagte – ein H5N1-Vogelgrippe-Virus, das über die Luft auf Säugetiere übertragbar ist. Einige wenige Mutationen im Erbgut genügten, damit die Viren diese Eigenschaft erwarben. Danach veröffentlichte Fouchier seine Erkenntnisse und löste damit ebenfalls einen Sturm aus, weil dieses Wissen so in falsche Hände geraten könnte. Kritiker wiesen darauf hin, dass es bereits kleine, begrenzte Ausbrüche mit H5N1-Vogelgrippe-Viren gab, die auf Menschen übersprangen. Die Todesrate der Infizierten betrug dort 60 Prozent. Fouchier selbst erachtete das Risiko für die Menschheit, das von seinen Experimenten ausging, als extrem gering.
Fouchiers Experimente lösten grösste Kontroversen aus und wurden zeitweilig gestoppt. Ein Epidemiologe der Universität Toronto sagte «U.S. Right To Know», der Name «Fouchier» sei für ihn gleichbedeutend mit «verantwortungsloser Laborwissenschaft».
Prophezeihung: Eine Ansteckung im Labor werde in einer Million Jahren nicht passieren
Fouchier dagegen redete die potenziellen Risiken der «gain-of-function»-Forschung (GOF), bei der Mikroben absichtlich gefährlicher gemacht werden, klein. In einer Million Jahren sei in seinem Labor mit weniger als einer Infektion eines Labormitarbeitenden zu rechnen, rechnete er 2015 in einem Fachartikel vor. Und dass eine solche Infektion zu weiteren Ansteckungen führe, sei noch viel unwahrscheinlicher, so Fouchier.
«The Intercept» berichtete allerdings kürzlich, dass in einem US-Labor, in dem ähnliche, ebenso umstrittene Experimente stattfanden wie in Fouchiers Labor, im Jahr 2013 zwei Laborunfälle innerhalb von nur einer Woche passierten.
Wie die jetzt offengelegten E-mails zeigen, hat Fouchier im Hintergrund zum Inhalt des offenen Briefs in «Nature Medicine» beigetragen, in dem stand: «… wir glauben nicht, dass irgendein Labor-basiertes Szenario plausibel ist.» Er wurde dort aber nicht als Co-Autor genannt. Laut «U.S. Right To Know» wurden die verdeckten Beiträge von Fouchier und Drosten auch «von mehreren Teilnehmern bestätigt».
Die Transparenzorganisation zitiert den «gain-of-function»-Kritiker Richard Ebright von der Rutgers University: «Für Personen, die nachdrücklich argumentierten, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unfall im Zusammenhang mit der GOF-Forschung eine Pandemie verursachen könnte, im Verlauf von fünf bis zehn Jahrzehnten nahezu null ist, ist es schwierig, die Möglichkeit anzuerkennen, dass ein Unfall im Zusammenhang mit der GOF-Forschung bereits in diesem Jahrzehnt eine Pandemie verursacht haben könnte», sagte Ebright. «Für Personen, die ihren Lebensunterhalt mit GOF-Forschung verdienen – insbesondere für diejenigen, die an dem spezifischen GOF-Forschungsprojekt beteiligt waren, das die Pandemie verursacht haben könnte –, ist es noch schwieriger.»
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1 In einer früheren Version hiess es, dass Meineid in Deutschland mit einer Gefängnisstrafe bis zu 15 Jahren bestraft wird. Die Quelle war das «Rechtsportal des deutschen Anwaltvereins». Korrekt ist: Meineid wird in Deutschland mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahre bestraft, im Maximalfall bis zu 15 Jahre.
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* Nachtrag
Nach Erscheinen dieses Artikels gab die Deutsche Presse Agentur (DPA) am 6. Dezember kurz vor 18 Uhr bekannt, dass Roland Wiesendanger dem Berliner Virologen Christian Drosten auch weiterhin nicht eine gezielte Täuschung der Öffentlichkeit vorwerfen dürfe. Das gehe aus einem aktuellen Beschluss des Hanseatischen Oberlandesgericht (OLG) hervor. Das OLG habe weitgehend eine einstweilige Verfügung des Landgerichts Hamburg bestätigt, erlaube Wiesendanger jedoch eine andere zuvor untersagte Äusserung, erklärte ein Gerichtssprecher nach der mündlichen Verkündung des Beschlusses am Dienstag. Worum es sich dabei handelt, geht aus der Mitteilung der DPA nicht hervor.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.