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Interview mit Konrad Bauer: «Hummelsummen»
Die Klangwelt des Konrad Bauer
Von Hans-Jürgen von Osterhausen
Die Jazzszene der DDR ist vielfach noch heute ein unbekanntes «Territorium», ohne Grund und Berechtigung, hatte sie doch unter teilweise schweren Bedingungen und ohne die ständige Auffrischung und/oder Berieselung durch die amerikanischen Szene und deren Marktbeherrscher einen eigenen Weg gehen müssen. Etliche ihrer Exponenten muss man bis heute zu den herausragenden Persönlichkeiten der Improvisierten Musik zählen. Einer von diesen ist der Posaunist Konrad Bauer, der nicht das Glück wie Albert Mangelsdorff hatte, seine Musik frühzeitig um die Welt schicken zu können, aber mit seinen Qualitäten seinen westdeutschen Kollegen in nichts nachsteht. Erwähnt man seinen Namen im Kreise der aktuellen New Yorker Szene, wie vom Interviewer jüngst geschehen, erntet man regelmässig sehr anerkennende Reaktionen.
Konrad Bauer wurde 1943 im thüringischen Sonneberg geboren, studierte Posaune in Dresden und Berlin und war einer der richtungweisenden Musiker des Jazz in der DDR. Seine Karriere begann er als Gitarrist und Sänger. Seit Anfang der 70er Jahre gehörte er den stilbildenden Gruppen Exis (1971-73, Synopsis (1973/74, s. die LPës «Auf der Elbe schwimmt ein rosa Krokodil», FMP 1974, «Synopsis» Amiga 1974 mit Ernst-Ludwig Petrowsky, Ulrich Gumpert und Günter Sommer), FEZ (1974-77), verschiedene Gruppen unter seinem Namen, als Quartett wie als Trio (seit 1980), Doppelmoppel (seit 1981), Zentralquartett (seit 1984, Besetzung wie Synopsis), Tiny Island (1988-91), Double Dosis (1991-92).
Bis heute besonders populär ist das Quartett Doppelmoppel mit seinem Bruder, dem Posaunisten Johannes Bauer und den beiden Gitarristen Uwe Kropinski und Joe Sachse.
Seit den 70er Jahren ist Konrad Bauers Weg gezeichnet von der Begegnung mit vielen internationalen Musikern, wie Derek Bailey, Han Bennink, Antony Braxton, Peter Brötzmann, Louis Moholo, Joachim Kühn oder Gerry Hemingway. Die Zusammenarbeit mit Gianluigi Trovesi dokumentiert eine Aufnahme aus dem Jahr 1979 (Secret Points, Dragon), die mit Fred van Hove eine CD aus dem Jahr 1997 (Pijp, Wim Provier). Ein musikalisches Wiedersehen nach der Wiedervereinigung war die Aufnahme «Generations from (East) Germany» mit Joachim, aber auch Rolf Kühn (1995, Klangräume). Von einem USA-Aufenthalt in 1999 brachte er eine Duo-Aufnahme mit dem jungen Posaunisten Nils Wogram mit (Serious Fun, CIMP), von dem ein Jahr später eine Aufnahme mit dem Pianisten Borah Bergmann und dem Violinisten Mat Maneri (The River of Sounds, Boxholder Records). Zu seinen wichtigsten Kooperationen gehörte die mit Peter Kowald und Günter Sommer, dokumentiert auf der CD «Three Wheels «Four Directions (1992, Victo) und auf der neuen Einspielung «Between Heaven and Earth» (2001 aufgenommen, Anfang 2003 veröffentlicht, Intakt). Auch ist er gelegentlich mit der Pianistin Aki Takase im Duo zu hören (News from Berlin, Victo 2002).
1987 und 88 leitete er das Jazzorchester der DDR unter Beteiligung von Musikern wie Andreas Altenfelder, Johannes Bauer, Jörg Huke, Dietmar Diesner, Joe Sachse, Klaus Koch und Günter Sommer, auch dies festgehalten auf der (Doppel-) LP «Jazzorchester der DDR» (Amiga). In den letzten Jahren war er auch im European Jazz Ensemble von Ali Haurand zu hören (25th Anniversary, Konnex, 2001 aufgenommen, 2002 veröffentlicht). Seit 1980 sind seine Solokonzerte und «aufnahmen dokumentiert (Conrad Bauer, Amiga). Sein einzigartiger Umgang mit den Klangmöglichkeiten grosser Räume, die dabei entstehende Vielstimmigkeit wird besonders deutlich bei den beiden Aufnahmen im Völkerschlachtdenkmal in Leipzig (Conrad Bauer live im Völkerschlachtdenkmal, 1988 aufgenommen, 89 erschienen, Amiga) und in dem vorübergehend geleerten Trinkwasserspeicher des Wasserwerks Severin in Köln (Flüchtiges Glück, 1984, Eigelstein Musikproduktion). Das Erlebnis im Völkerschlachtdenkmal hat er mit deinem Bruder Johannes noch einmal wiederholt (Bauer Bauer, 1993, Intakt, 1995 erschienen). Nach der Aufnahme «Torontotöne» aus dem Jahr 1991 (Victo), erscheint nun eine neue Soloaufnahme mit dem vielsagenden Titel «Himmelsummen» (Intakt). Am Rande des Total Music Meeting 2002 im Berliner Podewil, bei der Bauer mit «Doppelmoppel» am ersten Abend auftrat, fand ein Gespräch mit ihm statt.
Ich höre in deiner Musik Komponenten, die damit zu tun haben, wie du zur Musik gekommen bist, Komponenten, die man bis heute in deiner Musik immer wieder spürt. Wie waren deine Wege?
Als Jugendlicher habe ich sehr gerne Rock & Roll im Radio gehört, Elvis Presley, Little Richard, Bill Haley, Ray Charles. Dann habe ich mir eine Gitarre gekauft, mir das Geld dazu in den Ferien, als ich auf die Oberschule ging, mit Arbeiten verdient. Da habe ich angefangen, die Lieder nach zu singen, mich selbst zu begleiten, autodidaktisch natürlich. Aber das ist bei einer Gitarre ja auch nicht so schwer, so ein paar Akkorde zu finden, die klingen. Dann habe ich ziemlich schnell mehr über die Musik wissen wollen, habe andere Instrumente ausprobiert, mir zum Beispiel ein Saxophon geliehen. Ein Klavier hatten wir zu hause, aber ich hatte bis dahin keinen Unterricht gehabt. Auch Kontrabass habe ich probiert und wollte dann eine Band gründen, damals in Sonneberg. Die Tanzkapellen hatten meistens keinen Bass, sondern oft mehrere Gitarren, alles akustisch und unverstärkt. Da hatte ich die Idee, eine Band mit Bass zu gründen und so musste einer meiner Gitarren-Freunde Bass spielen. Dann erfuhr ich, dass es in Sonneberg einen sehr guten Posaunenlehrer gibt, Hans Bake. Ich bin oft auf jüngere Posaunisten gestossen, die Unterricht bei ihm hatten. Hans Bake hat mir dringend empfohlen, doch endlich Noten zu lernen und Musik zu studieren. Da hab ich mir überlegt, dass es schon etwas sein müsste, was mir auch Spass macht, Jazz oder Tanzmusik. Damals spielten die Bands in den Tanzsälen und Bars. Es wurde Foxtrott getanzt und dazu passten die Swing Standards wie Honeysuckle Rose, die dann auch überall gespielt wurden. In der Musikzeitschrift Melodie und Rhythmus habe ich dann gelesen, dass die Musikhochschule Dresden so eine Abteilung plant. Da habe ich mich beworben, aber erst mal eine Absage bekommen, weil es für Auswärtige noch nicht genügend Internatsplätze gab. Ich hab zunächst ein Jahr im Sonneberger Kulturorchester Gitarre gespielt und mich dann mit Erfolg noch mal in Dresden beworben. Da habe ich Gitarre und Posaune vorgespielt. Das war die Zeit der Beatles und Rolling Stones und so gab es über 50 Gitarre-Bewerbungen. Man sagte mir, wenn Sie sich entschliessen, Posaune zu lernen, würden wir Sie sofort nehmen, aber für Gitarre haben wir schon so viele. Und ich merkte sehr schnell, dass das genau meinen Wünschen entsprach. Ich habe damals in Dresden in der Hochschulband schon Count Basie Arrangements gespielt. Und es gibt noch eine andere Wurzel bei mir, die kommt aus dem Pfarrhaus. Als Kind habe ich im Chor gesungen, hab dadurch die ganze Kirchenmusik im Ohr gehabt. Ich wusste jede Tonart, in der die Stücke standen, hatte mir das einfach gemerkt. Der Organist der Kirche sagte dann, der Konrad soll anstimmen, der weiss den richtigen Ton.
Kann es sein, dass deine Vorstellung vom Raumklang da ihren Ursprung hat?
Die Musik fand doch in Kirchenräumen statt, die meist ein besonderes Klangvolumen haben. Eigentlich nicht. Das kam viel später. Ich habe die ganzen 60er Jahre hindurch Gitarre gespielt, auch wenn ich in Dresden Posaune studiert habe. Schliesslich hatte ich die Gelegenheit, in Dresden eine Band zu gründen, die bläserbesetzt war. Alle Bläser spielten auch Gitarre, taten dies abwechselnd. Mit dem Saxophonisten Helmut Voss habe ich eine Zeit lang in einer Band gespielt, wo wir uns beide mit dem E-Bass abwechselten. Auch das war nicht so schwierig, die Technik war noch ganz am Anfang. 1970 bin ich als Posaunist zur Berliner Modern Soul Band gekommen. Soul Musik war damals noch ganz neu und modern. Zu der Zeit habe ich auch das Singen aufgegeben. Ende der 60er Jahre hatte ich angefangen, eigene Songs zu komponieren. Wenn man die im Radio produzieren wollte, hiess es, nein, der Text geht so nicht. Ich hab dann doch so einen umgedichteten Text gesungen und mich sehr geärgert, als er auch noch ein Hit wurde. Als nächstes meinten die Leute vom Fernsehen, ich müsste mir die Haare abschneiden. Da hab ich endgültig mit der Gitarre aufgehört. Und das war der Anfang des Posaunenspiels. 1974 habe ich zum ersten Mal Posaune Solo gespielt und eigentlich erst zu der Zeit diese Räume entdeckt.
Dann hast du wahrscheinlich auch gemerkt, dass du gar nicht singen musst, dich durch die Verlängerung der Posaune viel besser ausdrücken kannst?
Das war eine neue Erfahrung. Mit reiner Musik kann man zum Beispiel Stimmungen viel mehr ausdrücken als mit Texten. Auch die Ratio kommt mit ins Spiel, wenn man einen Text hört. Das hat nichts damit zu tun, was man musikalisch in einem Moment ausdrücken kann.
Dann kam die Posaune als Hauptinstrument?
Zunächst in der Soulband, das hat viel Spass gemacht. Wir haben damals drei bis vier mal die Woche gespielt, zum Tanz, so sechs Stunden. Und trotzdem habe ich noch jeden Tag viel geübt, in den Hotelzimmern. Als ich nur noch Posaune gespielt habe, habe ich auch sehr schnell einen Entwicklungs-Sprung gemacht, alles genutzt, was es auf der Bühne gab, auch mal ein Stück mit einem längeren Posaunensolo geschrieben. Nebenher habe ich meine erste eigene Band aufgebaut, die hiess «Exis», war besetzt mit Schlagzeug, Kontrabass, Gitarre, Querflöte und Posaune.
Eine erstaunliche Klangkombination, Flöte und Posaune.
Ja, da haben wir auch noch komponiert, am Anfang. Das waren so Kompositionen, wie sie damals üblich waren: Ein Thema vorgegeben mit einer auch vorgegebenen Entwicklung und Struktur. Es war auch freie Improvisation, aber nicht so ganz frei. Das fing erst später mit «Synopsis» an.
Wie kam dieser Übergang von der wohl mehr klassischen Moderne mit eigenen Akzenten?
Das ist alles in den drei Jahren passiert, in denen ich in der Soul Band gespielt habe. Da habe ich meistens mit sehr jungen Musikern gespielt. So ganz frei improvisieren ging da nicht so gut. Ich war ungefähr 10 Jahre älter als die anderen. Ich hätte es schon gerne gemacht, hab dann ja auch angefangen mit Petrowsky und Günter Sommer. Ab 1973 hab ich dann nur noch frei improvisierte Musik gespielt, oder Free Jazz, wie es damals hiess. So einen richtigen –bergang gab es eigentlich nicht. Man hatte studiert, arbeitete mit einer Band und da hatte ich einfach Lust, etwas mit ganz anderen Mitteln zu machen, die die klassischen Regeln durchbrechen. Wie Peter Kowald immer gesagt hat, muss man die Regeln kennen, wenn man zu etwas Neuem kommen will. So bewusst war mir das damals nicht. Vielleicht hat das auch mit den 68ern zu tun. Mit diesen Dingen hatten wir zwar im Osten nichts zu tun, aber das eine oder andere ist dann doch zu uns herübergeschwappt.
Gab es da schon das Volksbühne Festival?
Nein, das fing erst, ich glaube, in 77 an. Auch aus dem West-Rundfunk kam nicht viel Jazz, Free Jazz schon gar nicht. Der Rundfunk im Osten, Berliner Rundfunk und auch Deutschlandsender, hat dann eine Reihe von Jazzprogrammen gehabt. Da war aber damals der Jost Gebers, der kam oft zu den Veranstaltungen «Jazz in der Kammer», eine Reihe, die es schon in den 60er Jahren am Deutschen Theater gab, einmal im Monat. Der Jost Gebers brachte uns seine neuen Platten, auch die ECM Sachen und was es damals so gab. Er hatte sie bei einem Freund gelagert, wo man sie sich ausleihen konnte.
Da kam es dann darauf an, mit wem man zusammentraf? War es Zufall, mit dem späteren Zentralquartett?
Nein, da kannten sich alle. Wenn da irgendwo ein neuer auftauchte, zum Beispiel in Weimar, sprach sich das sofort herum. Auch kam alles nach Berlin, wo der Mittelpunkt war. Zufall war das nicht. Mit Günter Sommer hab ich zum Beispiel zusammen studiert, der hat dann auch mit Friedhelm Schönfeld gespielt. Ulli Gumpert und Günter Sommer spielten in einer Band, die der Soul Band ähnlich war. Vielleicht waren die noch ein bisschen mehr in Richtung Jazz, Rock Jazz. Wir haben alle gleichzeitig bei diesen Bands aufgehört. Es gab im November 73 eine Einladung zur Jazz Jamboree nach Warschau. Der sind wir kurz entschlossen gefolgt, und das war der eigentliche Beginn von Synopsis.
Die Synopsis- Phase war sehr kurz, aber sehr kreativ?
Das ging über die ganzen 70er Jahre. Nur ich bin früher ausgestiegen. Ich stellte mir vor, mir mit der Improvisierten Musik etwas aufzubauen, was dann genauso funktionierte und von dem man leben konnte, wie von der Modern Soul Band. Aber das war schwer. Petrowsky spielte in der Radio Band und konnte oft nicht, auch wenn wir lange Zeit an neuen Dingen gearbeitet hatten. Ich sagte mir, ich brauche eine Band, auf die Verlass ist. Das war dann die Gruppe FEZ unter anderem mit Hannes Zerbe und Christoph Niemann. Ich wollte eine Band, die dauernd spielt, und wollte konsequent sein und mit gutem Beispiel vorangehen und musste alles andere aufgeben. Und der Weg war richtig. Nach relativ kurzer Zeit hatten wir so 10 bis 12 Konzerte im Monat. Auch der Szene insgesamt hat das gut getan. So haben wir eine ganze Reihe neuer Veranstalter aufgetan.
Ich kann mir vorstellen, dass ihr mit FEZ die Freie Musik viel populärer an ein grösseres Publikum bringen konntet. Synopsis war doch hartes Brot für das Publikum, auch sehr intellektuell orientiert?
Auch Synopsis kam damals gut an, war doch richtig in Mode.
In der DDR gab es wohl ein Publikum für diese Musik, das sich sogar bis heute gehalten hat?
Es ist erstaunlich, es sind immer noch dieselben Leute. Da kam dann noch Doppelmoppel, die eigentlich die noch kreativere Band war und auch bis heute das Publikum hat.
So hast du mit dieser Musik auch deinen Rahmen für die nächsten Jahre ausgeweitet, immer wieder den Rückbezug auf deine Quellen und andererseits auch immer wieder die Öffnung zur freien Musik praktiziert, die auch nie zur reinen Kopfmusik geworden ist?
Vor allem die Solokonzerte haben mich immer wieder beeindruckt, dieser Umgang mit den Klangmöglichkeiten verschiedener Räume. Wie bist du eigentlich dazu gekommen? Wenn man so ein Blasinstrument spielt, bekommt man ziemlich schnell mit, dass man einen grossen Raum braucht, wo der Klang sich entwickeln kann. Ich habe zu hause in meiner Wohnung eine schallsichere Kabine, in der ich Technik üben kann. Aber zum Musizieren ist die nicht geeignet. Diese Erfahrung habe ich erst spät gemacht. Es ist auch immer weder eine Herausforderung, wenn ich einen Kirchenraum betrete und überlegen, was da möglich ist.
Hast du auch mal in einer grossen Kirche wie dem Magdeburger Dom gespielt?
Im Magdeburger Dom habe ich zweimal gespielt, allerdings im Rahmen einer Barlach-Ausstellung, zur Eröffnung und zum Abschluss. So vor zehn Jahren habe ich viel mit Elektronik gearbeitet, was ich aber in letzter Zeit immer mehr weglasse, vor allem in grossen Kirchen, in denen man das nicht braucht. Da ist ein Nachhall, wobei ein lauter Ton mehr Nachhall hat als ein leiser. Und das kann man gut ausnutzen. Es passiert immer seltener, das ich die Elektronik einsetze. Ich habe jetzt auch wieder bei Intakt eine akustische Solo-Aufnahme gemacht, die in den nächsten Monaten erscheinen wird. Auch wird es dann eine Reihe von Solo-Konzerten geben.
Intakt hat die alten Zentralquartett-Aufnahmen neu aufgelegt, wie auch manches aus dieser Gründerzeit der freien Musik. Du hast dich aber nie an ein Label gebunden. Zur DDR Zeit gab es nur Amiga und FMP?
Bei FMP habe ich nicht viel gemacht. Immer nur dann, wenn ich gefragt wurde, obwohl meine Musik eigentlich zu FMP gehört hat. Eigentlich habe ich viel zu wenig Platten gemacht, zumindest damals in der DDR Zeit.
Es gibt auch keine Bänder mehr?
Doch, es könnte sein, dass im Rundfunkarchiv noch was ist. Was die Frage nach dem Label angeht: Musiker mit fester Bindung müssen dann natürlich auch ständig etwas liefern. Ich finde es besser, eine Platte dann zu machen, wenn es ein wirklich neues Projekt gibt.
Seit den 60er Jahren hatte der Jazz in der DDR glücklicherweise nicht mehr die ideologischen Schwierigkeiten, die er davor hatte. Die Popularität der Musik wurde offenbar auch unterstützt, wie man an den Platten sieht.
In den 50er Jahren gab es den Stalinismus, den ich nicht so recht miterlebt habe. In den 60er Jahren wurde die Musik allerdings überschattet von der sog. Revolution des Rock und Pop. Als ich nach Dresden zum Studieren ging, gab es nicht viele, die das auch machten, nur so Leute wie Joachim Kühn. Es gab dann noch so ein bisschen Amateur-Dixieland. Joachim Kühn ging dann schon 67 oder 66. Es ging erst wieder los, als wir, Petrowsky, Gumpert und andere in Erscheinung traten. Wir hatten in Warschau ja den Erfolg und die Kulturmenschen im Politbüro wussten dann irgendwann auch, dass es in der DDR Musiker gab, die gut Free Jazz spielten. Aber es hat dann doch Jahre gedauert, bis wir uns Leute aus dem Westen eingeladen haben, um gemeinsam auf Tour zu gehen. Erst ab Ende der 70er Jahre.
Was hat sich nun mit der Wende musikalisch wie wirtschaftlich eigentlich verändert, bei den Möglichkeiten, die Musik weiter zu pflegen?
Das zu beantworten bin ich eigentlich nicht der Richtige. Die Situation ist nicht anders als im Westen. Die Leute, die da viel machen, haben ihre Freunde. Und sie könnten sonst was spielen, und die Leute würden kommen.
Du spielst wahrscheinlich in Zürich oder in Kanada häufiger als in Köln oder Stuttgart?
Das vielleicht, aber am meisten spiele ich in der ehemaligen DDR. Ich habe zum Beispiel kürzlich in Weimar gespielt, wo ich seit Jahren nicht war. Da gab es im Rahmen der Thüringer Jazzmeile einen von der Musikhochschule organisierten Workshop, den ich zusammen mit Peter Kowald und Günter Sommer gemacht habe. Man hatte auch den Ernst Reijseger eingeladen und dann gab es ein Abschlusskonzert. Ich muss sagen, es war wie in alten Zeiten, die Leute waren begeistert und wir mussten mehrere Zugaben spielen. Und auch viele Gesichter habe ich wieder gesehen, obwohl ich da lange nicht war.
Hatte sich die Zusammenarbeit mit Peter Kowald jetzt intensiviert?
Die Zusammenarbeit geht seit 1973 oder 72. Jost Gebers hatte seine Musiker auch oft mitgebracht, zum Beispiel nach dem Total Musik Meeting. Da kam er montags in die Melodie-Bar im Friedrichstadtpalast. Die hatten Montags Ruhetag und da haben wir ein Konzert gemacht. So ist es zweimal im Jahr zu solchen Treffen gekommen. Der Günter Sommer hat den Peter Kowald auch nach Meissen eingeladen, wo er damals gewohnt hat und hatte mich auch zwei Mal dazu eingeladen. Da haben wir uns schon näher kennengelernt. Das muss so 72 gewesen sein. Als der Austausch dann Ende der 70er Jahre einfacher wurde, habe ich häufiger mit Peter Kowald zusammen gearbeitet. Diese Treffen durften nie rein deutsch-deutsch sein, weshalb wir immer den einen oder anderen Europäer dazu einluden. 1992 gab es dann ein Album mit dem Trio bei Victo. Da konnte das Ziel verwirklicht werden, kontinuierlich zusammen zu arbeiten, ohne immer jemanden weiteren dazu nehmen zu müssen. Das ging gleich nach der Wende los. Jetzt wo es beendet ist, bin eigentlich ein wenig traurig darüber, dass wir nicht mehr gemacht haben. Es ist schon spannendes Trio. Wir hatten hier im Osten ohnehin kaum Rhythmusgruppen. Daher auch die Idee der Besetzung mit Bass und Schlagzeug. Gerade in letzter Zeit, seit ich nun eine Managerin habe, haben sich die Möglichkeiten aufzutreten, auch erheblich vergrössert. Das Trio spielt nun hin und wieder mit Barre Phillips.
Gibt es auch neue Projekte?
Du hast zum Beispiel immer wieder mit Texten und Tanz gearbeitet, siehe das Alice im Wunderland-Projekt. Schon 1982 habe ich Tadashi Endo kennengelernt und bin oft mit ihm aufgetreten. Später gab es ein Theater-Projekt in Dresden. Ich mache solche Projekte gerne, kann aber nicht sagen, dass ich sie von mir aus unbedingt machen will. Wenn ich einen guten Tänzer sehe, macht mir das Mitmachen schon Spass. Wir Musiker spielen immer mit einer akustischen Information, reagieren, antworten, spielen mit. In dem Fall ist aber eine visuelle Information, die eigentlich ganz genauso funktioniert. Man ist mit dem Auge fast noch ein bisschen schneller. Mit Sprache und Stimme, das mache ich noch nicht sehr lange. Man muss da viel mehr auf den Punkt bringen, hat nicht so viel Spielraum. Es geht eigentlich ganz gut, zur Zeit.
Hast du den noch unerfüllte Wünsche, zum Beispiel mit grösseren Ensembles?
87 habe ich so etwas in der DDR gemacht, mit dem Jazzorchester der DDR, habe ich gegründet. Hat sich aber nur drei Jahre gehalten. Es könnte mehr Konzerte geben, das wäre ein Wunsch. Bei einem grossen Ensemble könnte man auch mehr komponieren. Jetzt in Weimar habe ich schon gemerkt, dass ich mich weiterentwickelt habe. Was das Ensemble angeht, bin ich nicht ein autoritärer Typ, der vorne steht und dirigiert. An der Freien Improvisation finde ich eigentlich schön, dass da jeder gleichberechtigt ist, die Verantwortung für sich selbst hat.
Gibt es Musiker, mit denen du gerne mal oder mal wieder zusammen spielen möchtest?
Natürlich, so war es in Weimar schön, mit Ernst Reijseger zusammen zu spielen, mit Leuten mit viel Fantasie. In diese Richtung mehr zu machen, hätte ich gerne. Ansonsten hat man einfach nicht viel Zeit, über Musikprojekte nachzudenken. Man muss sehen, dass man genug Konzerte für die Miete hat.
Besonders gut bezahlt sind die Konzerte ja auch nicht.
Es ist eher noch weniger geworden. Viele Veranstalter machen überhaupt nichts mehr, weil sie keine Zuschüsse bekommen und das Risiko ihnen zu gross ist. Trotz aller Schwierigkeiten geht es weiter, zum Beispiel auch mit Duos mit Peter Brötzmann, Han Bennink und Markus Stockhausen, auch gibt es ein Trio mit meinen Brüdern, dem Bassisten Matthias und dem Posaunisten Johannes Bauer.
Vielen Dank und viel Glück.
Literatur:
Bert Noglik / Heinz-Jürgen Lindner: Jazz im Gespräch, 1978, Verlag Neue Musik Berlin
Ekkehard Jost: Europas Jazz 1960 bis 1980, 1987, Fischer TB
Günter Sommer: Between Heaven and Earth. Für Peter Kowald, Begleitheft zur gleichnamigen CD bei Intakt
CD-Tipps:
Konrad Bauer Trio, Three Wheels « Four Directions, Victo cd023
Bauer-Gumpert-Petrowksy-Sommer Zentralquartett, Intakt CD 069 (Wiederveröffentlichung)
Walfriede Schmitt « Conrad Bauer und Alice im Wunderland, Eulenspiegel 3-359-010126-4
Nils Wogram & Konrad Bauer, Serious Fun, CIMP #212 Borah Bergman with Conny Bauer Mat Maneri, The River of Sounds, Boxholder Records BXH 024
Aki Takase Konrad Bauer, News From Berlin, Victo cd081
Conrad Bauer Peter Kowald Günter Sommer: Between Heaven And Earth, Intakt CD 079/2003
Neu: Conrad Bauer, Himmelssummen, Conrad Bauer Trombone Solo, Intakt CD 085 <
Erstveröffentlichung: Jazzpodium, Stuttgart, Dezember 2003