Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03351.jsonl.gz/359

Die Kirche war zehn Jahre voraus
Als ich 2002 als erste Frau an die Spitze der Synode gewählt wurde, war das im kirchlichen Umfeld völlig normal. Die Weichen dafür wurden schon 1994 gestellt, bei meiner Wahl ins Büro der Synode. Männer und Frauen begegneten sich bereits damals in der Kirche auf Augenhöhe, auf Gemeinde- wie auch auf kantonaler Ebene. Etwa zur gleichen Zeit habe ich in Dozwil als erste Frau für den Gemeinderat kandidiert. Am Tag vor der Wahl wurde ein Flugblatt verteilt, auf dem der zurückgetretene bisherige Gemeinderat – ein Mann – wieder zur Wahl vorgeschlagen wurde. Ich wurde nicht gewählt und es gab Frauen, die sich bei mir dafür entschuldigt haben, dass sie – wenn sich ein Mann zur Wahl stelle – nicht eine Frau in den Gemeinderat wählen könnten. Für mich unverständlich und enttäuschend. Aber die Zeiten haben sich auch im ländlichen Umfeld verändert. Zehn Jahre später – im Jahr 2005 – wurden in Dozwil nach dem Rücktritt der Primarschulbehörde diskussionslos fünf Frauen in die neue Behörde gewählt. Dass Frauen heute selbstverständlich in den Leitungsgremien teilhaben, hat in der Kirche angefangen, auf die Schule «übergegriffen» und ist jetzt auch in den Gemeinderäten eine Selbstverständlichkeit.
Ich hatte in meiner Tätigkeit als Präsidentin der Synode nie das Gefühl, dass man mir als Frau besonders kritisch begegnen würde. Die Auseinandersetzungen wurden in der Sache geführt und die Kritik wurde in der Debatte unter weiblicher Leitung manchmal vielleicht etwas «höflicher» vorgetragen.
(Ernst Ritzi)