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Ein Buch über eine ungewöhnliche Beziehung: Die Genferin Ella Maillart schreibt über ihre Reisebegleiterin in Indien: ein Kätzchen namens Ti-Puss.
Das winzige Kätzchen wird Ella Maillart gebracht, als dessen Mutter keine Milch mehr hat. Die Schriftstellerin besorgt ihm eine Schachtel und Sand für seine Bedürfnisse. Von da an sind die beiden für ungefähr drei Jahre zusammen. Auch auf ihren Reisen in Indien nimmt Ella Maillart ihren kleinen Schützling mit. Ti-Puss ist übrigens eine Verballhornung von Petit-Puss. Manchmal ruft sie das Kätzchen auch «Minou», das französische Wort für eine weibliche Katze. Ti-Puss erinnert Ella Maillart an die Katze ihrer Jugend, die Ella am Bahnhof abholen kam, wenn sie von einer Reise zurückkam.
Ella Maillart (1903 – 1997) stammt aus Genf. Als junge Frau war sie sehr sportlich, eine exzellente Skifahrerin und vertrat die Schweiz 1924 als Einhandseglerin an den Olympischen Spielen in Paris. Ihre lebenslange Leidenschaft wurde das Reisen. Abenteuer scheute sie nicht; sie fuhr unter anderem in die noch junge Sowjetunion, nach Turkmenistan, Afghanistan, Indien, China, Tibet und Nepal und schrieb verschiedene Bücher darüber.
Ella Maillart bei einem Interview an ihrem Wohnsitz in Chandolin (1992) / commons.wikimedia.org
In TI-Puss. Drei Jahre in Indien mit meiner Katze. beschreibt die Autorin, wie das Kätzchen bei ihr aufwächst und die Welt für sich erobert – berührende Szenen, die nicht nur Katzenfreundinnen und -freunde erfreuen. Ella Maillart nimmt Ti-Puss zum Spazierengehen mit, sie geht mit ihm zum indischen Weisheitslehrer, dessentwegen sie eigentlich nach Südindien gekommen ist. Sie fährt mit ihrer Katze auch längere Strecken im Zug, denn in der besonders heissen Saison haben Freunde ihr ein Haus in den Bergen vermittelt. Und am Ende reisen die beiden ganz in den Norden, in die Himalayaberge. Dort, in Kalimpong an der Grenze zu Sikkim, verschwindet Ti-Puss, während sich die sportliche Ella auf eine Bergwanderung begibt. Als sie zurückkehrt, ist das Kätzchen nicht mehr bei den Leuten, die es aufgenommen hatten. Ella sucht nach ihr, aber ohne Erfolg.
Selbstbewusste Frauen auf Reisen
Ella Maillart war mit Annemarie Schwarzenbach befreundet, zusammen reisten sie durch den Iran. Es gab in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einige Frauen, die aus den Konventionen ausbrachen und ungewöhnliche Reisen unternahmen: Isabelle Eberhardt (1877-1904), die ebenfalls aus Genf stammte, lebte lange in Marokko und kleidete sich dort als Mann, um unbehelligt reisen zu können. Oder die Französin Alexandra David-Néel (1868-1969), die Tibet bereiste, später auch Japan und China, eine ungewöhnliche Frau, die als junges Mädchen von zu Hause ausriss, um über den Gotthard zu wandern. Auch sie verkleidete sich eine Zeitlang als tibetischer Mönch, um nicht aufzufallen. Als Frau und Europäerin hätte sie Tibet verlassen müssen.
Solchen Gefahren war Ella Maillart in Indien nicht ausgesetzt. Sie hatte viele europäische Freunde, daneben war sie mit auch Inderinnen und Indern bekannt. Ella Maillart erklärt einmal, dass sie in Indien Hosen trägt, um das Klima besser zu ertragen. Ein Sari, der aus sechs Meter Stoff besteht, sei ihr viel zu heiss. Snobistisch war sie nicht. Im Zug nahm sie lieber die 3. Klasse, weil dort einfachere, umgänglichere Leute sassen.
Interesse für Land und Leute
Nicht nur Weltenbummlerinnen und Abenteurer reisen nach Indien, sondern auch Sinnsuchende. Ella und ihre Freundinnen und Freunde gehören zu ihnen. Eigentlich ist die Entdeckung der indischen Kulturen, der Philosophie und Religion eine Folge der Kolonisation durch die Engländer. Nicht nur die alten Denkmäler, die Musik, die bunten Textilien und das komplizierte gesellschaftliche System der Kasten interessierte die Europäer, sondern auch die alte Philosophie der Veden, wozu auch Yoga gehört, das bei weitem mehr umfasst als Übungen für einen geschmeidigen Körper.
Man besuchte den bis heute verehrten «Weisen auf dem Berg», Ramana Maharshi in Tiruvannamalai in Tamil Nadu (Südindien) und versuchte, dessen für westliches Denken ungewohnte Art zu begreifen. Er verharrte nämlich vorwiegend in Schweigen, nur auf Fragen antwortete er. Seinetwegen war auch Ella Maillart dorthin gereist. Sie trifft daneben auch andere Weise, Sri Aurobindo in Pondicherry, dessen Zentrum Auroville auch heute noch Anziehungskraft besitzt. – Die zweite Welle des Interesses für Kultur und Religion in Indien erfasste einige Jahrzehnte später die Hippies und mit ihnen die Beatles.
Faszination für die indische Philosophie
Ella Maillart nimmt durchaus ernst, was Ramana Maharshi vermittelt, und setzt sich mit ihren Lebenseinstellungen auseinander. Sie reflektiert im vorliegenden Buch ihr Verhältnis zu ihrer Katze, die ihr mehr Gefährtin als Haustier ist. Daneben tötet sie ohne Zögern die jungen Katzen, die Ti-Puss zur Welt bringt, wenn Ella keinen Platz für sie findet. Und sie nimmt an einer Treibjagd teil: Ein Tiger wird erlegt.
Das Buch entstand in den 1940er Jahren. Vom 2. Weltkrieg, der zwar hauptsächlich, aber nicht nur in Europa tobte, lesen wir kein Wort. Auch von den politischen Verhältnissen in Indien – Gandhi und seine Unabhängigkeitsbestrebungen waren in vollem Gange – kein Wort. Wollte Ella Maillart darüber nicht schreiben oder war sie im südindischen Urwald tatsächlich so weit entfernt von den sich anbahnenden Umwälzungen?
Wer sich beim Lesen bewusst macht, dass die Welt vor achtzig Jahren eine andere war, wird die Aufzeichnungen mit Gewinn, zuweilen mit einem Schmunzeln lesen und erkennen, wie fundamental sich Leben und Anschauungen geändert haben – oder vielleicht doch nicht so sehr.
Ella Maillart: Ti-Puss. Drei Jahre in Indien mit meiner Katze. Aus dem Englischen von Ursula von Wiese. Lenos Verlag 2023. Vervollständigte Neuausgabe als E-Book.
ISBN 978-3-03925-709-6
Titelbild: pixabay.com