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(lat. Morbus, in zusammengesetzten Wörtern oft griech. nosos, pathos), die Abweichung einzelner oder aller
Organe des Körpers von derjenigen Beschaffenheit oder demjenigen Verhalten, wie es zur Erhaltung des Organismus und seiner vollkommenen
Leistungsfähigkeit erforderlich ist. Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, eine scharfe Definition von Krankheit zu geben, weil
in den Erscheinungen des Lebens nicht überall eine bestimmte Grenze zwischen dem gesunden und dem kranken Zustand besteht,
und weil die Gesetze, nach welchen die krankhaften Prozesse verlaufen, die nämlichen sind, die auch für
die normalen gelten. KleineAbweichungen von der vollkommenen
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Schnell eintretende und schnell verlaufende Krankheiten heißen akute im Gegensatz zu den chronischen mit schleichendem Verlauf;
je nachdem Fieber vorhanden ist oder nicht, unterscheidet man fieberhafte (entzündliche, hitzige) und
fieberlose Krankheiten, ferner nach der Art des Verlaufs rhythmische (cyklische, periodische) Krankheiten mit deutlicher Aufeinanderfolge
regelmäßig begrenzter und charakteristischer Perioden, wie die Infektionskrankheiten, und arhythmische (atypische), bei
denen dergleichen nicht zu beobachten ist.
Bei den intermittierenden (aussetzenden) Krankheiten sind einzelne Anfälle, Paroxysmen, durch Perioden
verhältnismäßigen Wohlbefindens voneinander getrennt. Der regelmäßige Verlauf einer Krankheit wird oft unterbrochen
durch eine plötzliche (akute) Verschlimmerung (Exacerbation), eine Verbreitung des Krankheitsprozesses auf noch gesunde
Teile eines Organs (Nachschub) oder durch einen Rückfall (Recidiv), der oft erst im Stadium der Genesung (Rekonvaleszenz) auftritt.
Die Krankheiten enden mit dem Tod oder mit völliger, oft aber auch nur mit teilweiser Genesung. Bisweilen
nimmt die Krankheit rasch eine Wendung zum Bessern, es tritt eine Krisis ein, und der Patient erholt sich auffallend schnell, in andern
Fällen kann eine akute Krankheit chronisch werden, die Genesung kann sehr langsam erfolgen, und es bleiben wohl
auch andersartige krankhafte Zustände (Nachkrankheiten) oder eine ausgesprochene Disposition zu neuen Erkrankungen zurück.
Innerhalb einer Bevölkerungsgruppe treten die Krankheiten einzeln, sporadisch, auf, oder die Fälle häufen sich, kumulieren,
und es kommt zur Seuche, Epidemie. GewisseKrankheiten finden sich beständig in bestimmten Lokalitäten und nur oder fast nur
in diesen, wie Wechselfieber in Sumpfgegenden, und heißen dann endemische.
Nach dieser Lehre beruht das Wesen der in einer Störung des normalen Zustandes der Gewebszellen und der gestörten Wechselwirkung
dieser
Zellen untereinander. Die Störung betrifft entweder die Funktion, oder die Ernährung, oder beide zusammen. Funktion und
Ernährung können aber in zwei Richtungen gestört werden, sie können eine krankhafte Steigerung und eine krankhafte Herabsetzung
erfahren. Die Ursachen, welche eine Krankheit, d. h. eine allzu große Schwankung der Lebensthätigkeit
nach der Seite des Zuviel oder Zuwenig, bedingen, sind zweierlei Art. Die erstere Reihe umfaßt die entferntern,
die disponierenden Ursachen, die Krankheitsanlage (s. Anlage), die zweite dagegen die nächsten, direkten, unmittelbaren Ursachen.
Letztere nennt VirchowReize, und je nach der Wirkungsweise derselben auf die Gewebe
[* 7] unterscheidet er mechanische, chemische,
elektrische und thermische (Wärme,
[* 8] Kälte) Reize. Eine fernere Möglichkeit, wie eine Schädlichkeit ihre
Einwirkung auf organische Teile geltend machen könnte, ist zur Zeit nicht denkbar, und wenn wir auch bei vielen Krankheiten
die nächsten Ursachen nicht kennen, so müssen sich unsre Mutmaßungen doch immer auf diesem engen Gebiet bewegen.
Wie und in welcher Weise aber die Krankheiten erworben werden, ist meist noch unbekannt. So werden die verschiedensten Krankheiten
auf eine Erkältung zurückgeführt, die besten Falls oft nur die Gelegenheitsursache bildet, während die Krankheit selbst
durch angeborne Eigentümlichkeiten des Organismus und durch sehr verschiedene Schicksale desselben längst vorbereitet war.
Die Gelegenheitsursache muß also eine Anlage oder Disposition vorfinden, wenn sie eine Erkrankung und eine bestimmte Erkrankung
bewirken soll.
Dies gilt selbst für die Infektionskrankheiten (ansteckenden, kontagiösen Krankheiten), welche auf Übertragung eines Keims
auf den gesunden Organismus beruhen. Letzterer muß eine bestimmte Disposition zur Erkrankung besitzen,
wenn der übertragene Keim in Wirksamkeit treten soll. Hierauf beruht es, daß bei einer Seuche stets nur ein mäßiger Prozentsatz
der Bevölkerung
[* 10] stirbt, während man annehmen muß, daß ein sehr viel größerer Teil derselben ebenfalls den Krankheitsübertrager
aufgenommen hat.
Hinsichtlich der sogen. Entwickelungskrankheiten ist zu bemerken, daß die Entwickelung, in welcher Periode sie auch begriffen
sein möge, keine eigentümlichen Krankheitsformen, also keine solchen erzeugt, die man nur vor oder nach Entwickelungsperioden
und nicht ohne direkte Veranlassung von
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forlaufend
diesen aus beobachtete, daß aber Krankheiten, welche in Entwickelungsperioden fallen, und zu deren Ausbruch die Entwickelung
oft den letzten Anstoß gibt, großenteils sich eigentümlich gestalten und daher auch eine besondere, im allgemeinen eine
exspektative Behandlung nötig machen.
Die Lehre von der geographischen und klimatischen Verbreitung der Krankheiten (Nosogeographie) ist ein von der
Medizinalstatistik unzertrennlicher Zweig der Medizin, welcher lehrt, welche Krankheiten in den verschiedenen Ländern vorkommen,
durch welcherlei geographische und klimatische Einflüsse ihre Häufigkeit gegenüber andern Krankheiten bedingt wird, wie
sich die Widerstandsfähigkeit der Eingebornen gegenüber der von fremden Einwanderern verhält, bis zu welchem Grad eine
Akklimatisation stattfinden kann, und wovon diese abhängig ist.
Zur bequemern Übersicht teilt man wohl ein in Nosogeographie der Tropenländer, der subtropischen Zonen, der gemäßigten,
der höhern Breiten und der arktischen Gegenden; allein da viele endemische Krankheiten, namentlich das gelbe Fieber und andre
Formen der schweren Malariafieber, nicht sowohl von der Entfernung der Länder vom Äquator, sondern wesentlich
von der Feuchtigkeit, von der Höhenlage, von der Bodenbeschaffenheit und der herrschenden Windrichtung abhängig sind, so
hat jedes Land seine eigne Nosogeographie, und wiederum innerhalb jedes Landes sind oft recht bedeutende Verschiedenheiten
im Auftreten und Verlauf von Krankheiten festzustellen.
Bekanntlich sind die Höhen des Camerungebirges völlig frei von den gefährlichen Fiebern, denen in der
Ebene und an den Flußmündungen schon
so viele Forschungsreisende erlegen sind; die ungesunde Zone erstreckt sich in der Ebene
noch eine Strecke weit ins Meer hinaus, über diese Grenze weg hört der Einfluß auf, die Eingebornen sind ihm überhaupt nicht
unterworfen. In manchen Küstenstädten, San Francisco u. a., sind nur die tief gelegenen Stadtteile dem
gelben Fieber ausgesetzt, während die Straßen auf den Anhöhen frei bleiben. In Italien
[* 17] ist die Schädlichkeit der Pontinischen Sümpfe
schon im Altertum gekannt und gefürchtet gewesen, und die Nosogeographie hat gelehrt, wie segensreich, abgesehen von dem wirtschaftlichen
Nutzen, die Trockenlegung des Netze- und Warthebruchs und der Schutz der Weichselniederungen durch Dämme auch für die Gesundheit
der Anwohner gewirkt hat.
Diese aus der Erfahrung hergenommenen Kenntnisse müssen vorhergehen, bevor die genaue Erforschung der einzelnen Krankheitsursachen
beginnt, und so hat z. B. die Nosogeographie seit langem gewußt, daß der Brutherd der Cholera in den
Gangesniederungen Indiens, in Kalkutta
[* 18] und Bombay
[* 19] zu suchen sei, bevor der Kommabacillus durch die hierher gesandte Cholerakommission 1883 entdeckt
wurde. Es ist Aufgabe der Nosogeographie, zu ermitteln, welche besondern Pilze
[* 20] den Madurafuß hervorbringen, welche klimatischen
und sozialem Mißstände der Beriberikrankheit im japanischen Archipel zu Grunde liegen, durch welchen
Umstand die fortschreitende Kultur den Aussatz in die norwegischen Hochlande einerseits und in den fernen Orient anderseits zurückgedrängt
hat, was der schwarze Tod des 15. Jahrh., was die Beulenpest für Seuchen gewesen sind, und wodurch wir von ihrer Wiederkehr
verschont bleiben.