Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03129.jsonl.gz/1340

Wimbledon-Debütant Henri Laaksonen gibt im Jahr 150'000 Franken aus. Ein Zuhause hat er nicht. Sein einziger Besitz: Ein Auto.
Als Stan Wawrinka im letzten Jahr die US Open gewinnt, bringt ihm das auf einen Schlag 3,5 Millionen Dollar ein. Während die Besten viel Geld verdienen, wird die Luft für die zweite Garde schnell dünner. Zwar kamen im letzten Jahr 100 Spieler auf ein Preisgeld von einer Viertelmillion Franken. Doch der Schein trügt.
Die Steuern fressen einen Viertel der Einnahmen, dazu kommen Ausgaben für Trainer, Physiotherapeut, Reisen, Unterkunft. Henri Laaksonen, der in Wimbledon erstmals im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers steht, sagt, seine Kosten beliefen sich im Jahr auf 150'000 Franken. «Das Leben auf der Tour ist teuer. Darum mache ich auch alles selber: Ich buche die Hotels, die Flüge und mache die Buchhaltung.»
420'000 Dollar Preisgeld hat Laaksonen bisher verdient. Davon bleibt kaum etwas übrig. Im Gegenteil: Alleine der Schweizer Verband hat seit 2009 über eine halbe Million Franken in dessen Karriere investiert, wie Alessandro Greco, Leiter Spitzensport, vorrechnet. Laaksonen profitierte vor allem vom Trainer-Know-how und von der Infrastruktur im nationalen Leistungszentrum in Biel, wo er kostenlos trainiert. An Turniere wurde Laaksonen jeweils kostenlos von den Trainern Sven Swinnen oder Roland Burtscher begleitet. Sie und Konditionstrainer Beni Linder waren massgeblich an seiner Ausbildung beteiligt.
Das alles wurde in einem sogenannten Pay-Back-Vertrag geregelt. Verdient Laaksonen dereinst genügend Geld, muss er einen Teil davon an Swiss Tennis abtreten, aber nie mehr als das, was der Verband in ihn investiert hat. «Natürlich hoffen wir für ihn, dass er einmal vom Tennis leben kann. Ob das passiert, wissen wir aber nicht», sagt Greco. Viel wichtiger ist für ihn, dass Laaksonen die Schweiz dort vertritt, «wo die Musik spielt»: bei Grand-Slam-Turnieren und im Davis-Cup.
Während Laaksonen in den ersten Jahren jeweils noch ein kleiner Fixlohn ausgezahlt wurde, erhielt er zuletzt noch leistungsbezogene Boni. «Unser Ziel ist es, die Spieler zur Selbstständigkeit zu erziehen.» Die Sporthilfe unterstützt Laaksonen auf Initiative des Verbandes mit einem Zustupf über 30'000 Franken. Nun habe man ihm auch noch Mäzen Reinhard Fromm als Geldgeber vermittelt. Swiss Tennis versteht sich als Nachwuchsverband, «danach müssen die Spieler selber lernen, im Haifischbecken zu schwimmen», sagt Greco.
Laaksonen ist jetzt 25 Jahre alt und soll auf eigenen Beinen stehen. Heute steht er erstmals im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers, wo er auf den Tschechen Lukas Rosol (31, ATP 213) trifft. Ein sportlicher Meilenstein, aber auch finanziell. 44'000 Franken erhält der Verlierer in der Startrunde vor Abzug der horrenden Steuern, die in Grossbritannien die Hälfte des Preisgeldes auffressen.
Für den Traum von der Unabhängigkeit erbringt Laaksonen selber grosse Opfer. Einen festen Wohnsitz hat er nicht mehr. «Ich bin nur zehn Wochen im Jahr in der Schweiz, das lohnt sich nicht.» Stattdessen steigt er beim Grossvater in Schaffhausen, Vater Sandro in Lausanne oder Mutter Pirjo in Vantaa, nördlich von Helsinki, ab. «Ich führe ein Leben aus dem Koffer.» Sein einziger Besitz ist das Auto, das derzeit in Hamburg steht.
Was er verdient, investiert er in die Karriere. Mit Olli Leppanen und Tuomas Sketola stehen zwei Trainer auf seiner Lohnliste, die sich die Betreuung aufteilen. Dazu kommt Fitnesstrainer Pekka Kainulainen. Dass er in London im Hauptfeld steht, sei «eine sehr schöne Überraschung». Auf Rasen habe er aber wohl erst etwa 20 Tage gespielt.
Übersteht Laaksonen in Wimbledon die erste Runde, rückt er erstmals in die Top 100 der Welt vor. Es soll ein Zwischenschritt sein. «Ich werde mich nicht zurücklehnen, sondern will unter die ersten 50.» Heinz Günthardt, als Berater von Swiss Tennis Ansprechpartner für Laaksonen, ist überzeugt von dessen Potenzial. Entscheidend sei, dass Laaksonen selber das Gefühl habe, dort hinzugehören. Der sagt über den Startgegner lächelnd: «Sicher nicht einfach, aber sicher einfacher als Roger.»
Berührungspunkte mit Federer und Wawrinka gibt es sonst keine. «Wir sehen uns selten. Sie spielen grössere Turniere.» In Laaksonens Welt zählt jeder Rappen. Sich unter den 100 Besten zu etablieren, ist für ihn existenziell. «Mein Konto», sagt er lakonisch, «ist immer noch im Plus. Ich reise immer noch. Irgendetwas mache ich richtig.»