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SRF News: Wie hat das Gericht seinen Entscheid begründet?
Thomas Accola: Die Freiheit, eine Religion zu praktizieren, gilt in Kanada auch für Indianer und Inuit – jedenfalls heute. Bis weit ins 20. Jahrhundert waren ihre Riten verboten. Heute dürfen sie ihre Zeremonien durchführen und ihren Glauben an die nächste Generation weitergeben. Diese Freiheit müsse der Staat schützen, betont nun der Oberste Gerichtshof Kanadas. Nicht schützen müsse der Staat aber das Objekt eines Glaubensinhalts: in diesem Fall ein ganzes Bergmassiv mit rund 60 Quadratkilometern Fläche. Das gehe zu weit und bedeute eine zu grosse Einschränkung für Drittparteien, die diesem Glauben nicht angehörten.
Ein ganzes Bergmassiv mit rund 60 Quadratkilometern zu schützen, bedeute eine zu grosse Einschränkung für Drittparteien, sagt das Gericht.
Und was ist in diesem Fall der Glaubensinhalt?
Die Ktunaxa – ein Volk im Südosten der Provinz Britisch Kolumbien – sagen, das Gebiet des «Jumbo Glacier Resorts» sei die Wohnung des Grizzly-Bären-Geistes, einer zentralen Figur in ihrer Religion. Wenn nun die Wohnung dieses Geistes beschädigt werde, verlasse der Geist diese Region. Die Ktunaxa könnten dann keine Verbindung mehr zu ihm haben und ihre Religion werde damit auch zerstört.
Die Ktunaxa sagen, das Gebiet des ‹Jumbo Glacier Resorts› sei die Wohnung des Grizzly-Bären-Geistes. Wenn sie nun beschädigt werde, verlasse der Geist diese Region.
Was sieht das Projekt vor?
Geplant sind rund 20 Seilbahnen und Sessellifte bis in eine Höhe von 3400 Metern. Dort hat es gleich vier Gletscher, und so kann das neue Ski-Gebit auch im Sommer betrieben werden. Hinzu kommt ein eigentliches Dorf in einem heute unbewohnten Tal mit etwa 6000 Fremdenbetten. Diese Region in den Purcell-Mountains westlich von Invermere ist frei nutzbares Staatsland, es ist also nicht Teil eines Schutzgebietes. Und es ist auch nicht völlig unberührt: Es gab da schon mal eine Sägerei und es wird Heliskiing betrieben. Das «Jumbo Glacier Resort» würde allerdings den Charakter der Region schon ziemlich verändern.
Wurden die Indianer bei der Planung dieses Projekt nicht konsultiert?
Doch. Dass die Behörden und Unternehmen das tun müssen, hat das Oberste Gericht Kanadas übrigens bereits 2004 ausdrücklich festgehalten, und es befand jetzt, dass die Ktunaxa genügend Gelegenheit hatten, ihre Argumente gegen das Projekt darzulegen. Dieses Recht auf Anhörung bedeute aber kein Vetorecht. Das heisst also, dass ein Indianervolk ein Projekt auf seinem Gebiet nicht verhindern kann, wenn es überwiegende andere Interessen gibt.
Es war das erste Mal, dass sich das Oberste Gericht Kanadas mit einer solchen Frage befassen musste.
Welche Bedeutung hat der Entscheid für Kanada?
Der Fall wurde in ganz Kanada aufmerksam verfolgt. Es war das erste Mal, dass sich das Oberste Gericht Kanadas mit einer solchen Frage befassen musste. Auf das Urteil gewartet haben deshalb nicht nur die Ureinwohner, sondern auch christliche, muslimische und jüdische Organisationen. Deren religiöse Stätten sind anders als bei den Indianern als Gebäude sichtbar, und nicht einfach Landschaft. Zudem sind Kirchen, Moscheen und Synagogen örtlich begrenzt und es wäre nicht gleich ein ganzes Berggebiet betroffen.
Kreise der Wirtschaft müssen nun Klagen von Ureinwohnern weniger fürchten, wenn ihre Projekte deren religiöse Stätten betreffen.
Die übrigen Religionsgemeinschaften dürfte dieser Entscheid also nicht gross treffen – die Indianer aber sehr wohl. Und aufatmen dürften sicher Kreise der Wirtschaft, im Tourismus, im Bergbau, in der Oelindustrie und in der Forstwirtschaft. Sie müssen nun Klagen von Ureinwohnern weniger fürchten, wenn ihre Projekte deren religiöse Stätten betreffen.
Das Gespräch führte Marlen Oehler.