Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03497.jsonl.gz/525

So viel nützen Scheinmedikamente
Wirksam ohne Wirkstoff
Scheinmedikamente können nützen. Das ist seit längerem bekannt. Doch jetzt ist auch erwiesen: Sie wirken selbst dann, wenn die Patienten wissen, dass sie nur ein eigent- lich unwirksames Placebo erhalten.
Der Schotte William Cullen (1710 bis 1790) war ein bemerkenswerter Mann: Schiffsarzt, Landarzt, Universitätsprofessor in Edinburgh. 1776 führte er den Begriff Neurose für alle nicht entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems ein – und zählte auch psychische Störungen dazu. Das ist heute noch so.
Vier Jahre zuvor hatte er bereits einen anderen medizinischen Begriff etabliert. Am Bett des sterbenskranken Mr. Gilchrist entschied sich Dr. Cullen nämlich, dem Patienten zur Beruhigung und Hoffnung ein stimulierendes Senfpulver zu verabreichen. «Ich gestehe, dass ich von der Wirkung wenig überzeugt war, aber ich habe Mr. Gilchrist Senfpulver gegeben, weil es notwendig war, ihm überhaupt ein Medikament zu verabreichen, und zwar als ein Placebo, wie ich es nenne», protokollierte der Mediziner später. Auch das ist heute noch so.
Ein Placebo ist ein Scheinmedikament, das in einer für Medikamente üblichen Darreichungsform hergestellt wird, jedoch keine arzneilich wirksamen Inhaltsstoffe enthält. Der Patient aber nimmt die Arznei ein, weil er glaubt, sie enthalte einen Wirkstoff.
Die Wissenschaft unterscheidet zwischen reinen Placebos, die nur Zucker, Stärke und eventuell Farbstoffe enthalten, sowie aktiven Placebos, die bloss die Nebenwirkungen des Wirkstoffes nachahmen, ohne seine erwartete therapeutische Wirkung zu haben. Auch wenn zahlreiche Studien mehrfach belegen, dass auch Scheinmedikamente wirksam sind, so ist ihre Verwendung in der Medizin jedoch aus ethischen Gründen verpönt. Denn ein Placebo stellt eine Täuschung des Patienten dar und verletzt den ärztlichen Grundsatz der informierten Einwilligung.