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| Zeno von Verona (um 370) - Traktate (Predigten und Ansprachen)

Buch 1
Traktat XIII. Die Beschneidung.
10.
Wir sprachen bis jetzt von der ersten Beschneidung, wie sie die Juden haben; nun noch ein kurzes Wort über die zweite Beschneidung, die da die unsrige ist. Sie besitzt soviel Macht, daß sie von einer Frau ihren Anfang nimmt, was der früheren unmöglich war. Ja von dem Weibe, das zuerst gesündigt hatte, geht auch das Heilmittel dieser Beschneidung aus. Weil der Teufel mit seiner Überredung durch das Ohr in Eva sich ein geschlichen, sie verwundet und getötet hatte, darum trat [S. 165] auch Christus durch das Ohr in Maria ein1 und schnitt alle Laster des Herzens aus. Indem er von einer Jungfrau geboren ward, heilte er die Wunde des Weibes. Hier habt ihr das Zeichen des Heiles! Auf die Schwächung folgte die Unversehrtheit, auf die Geburt die Jungfräulichkeit. In ähnlicher Weise wird Adam durch das Kreuz des Herrn beschnitten. Und weil durch das Weib, das allein den verhängnisvollen Baum berührt hatte, beide Geschlechter den Tod überkommen hatten, darum empfing im Gegensatz dazu durch den Mann, der am Holze hing, die ganze Menschheit wieder das Leben. Und damit der ursprüngliche Zustand wieder vollständig hergestellt erscheine, wurde zuerst der Mann am Kreuz durch den Tod zur Vollendung gebracht; und nachdem er selig entschlafen war, wurde in ähnlicher Weise aus seiner Seite zwar nicht eine Rippe herausgenommen, aber durch den Lanzenstich entstieg ein Strom von Wasser und Blut, die da Taufe und Martyrium bedeuten, der geistige Leib der geistigen Frau, damit in gesetzmäßiger Weise Adam durch Christus, Eva durch die Kirche wiederhergestellt würde.
1: Nach der Lesart der Ballerini: per aurem intrans Christus in Mariam. Die Hinzufügung von Giuliari: verbo per aurem intrans ist handschriftlich nicht begründet. Die Redeweise der Empfängnis durch das Ohr findet sich seit dem vierten Jahrhundert öfters, so bei Ephrem u. a. Sie ging auch vielfach in die Anschauung des Mittelalters über und fand in verschiedener Form auch in der bildenden Kunst Ausdruck. Es liegt ihr die Vorstellung zugrunde, daß Maria durch den gläubigen Gehorsam empfangen hat; der Glaube ist aus dem Hören, und das Hören geschieht durch das Ohr. Vgl. etwa 0. Bardenhewer, Maria Verkündigung, Freiburg 1905, S. 169—172. Spätere gnostische Sekten haben die Empfängnis durch das Ohr zuweilen wörtlich gedeutet. Vgl. Einleitung S. 41.