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In Artikel 22 der Schweizerischen Bundesverfassung von 1848 wird der Bund berechtigt, «eine Universität und eine polytechnische Schule zu errichten». Trotz des Verfassungsartikels kam eine Eidgenössische Universität nie zustande, eine polytechnische Schule hingegen schon. Im Verborgenen war ihr späterer Direktor, Joseph Wolfgang von Deschwanden, wesentlich an der Gründung der heutigen ETH beteiligt.
Angesichts des zu erwartenden Widerstands wurde die Hochschuldebatte auf Eis gelegt, nachdem der Hochschulartikel in die Bundesverfassung aufgenommen worden war. Erst im April 1851 stellte der zuständige Bundesrat Stefano Franscini (1796-1857) einen Antrag auf Einsetzung einer Expertenkommission, um einen Plan für die Organisation für eine Universität und ein Polytechnikum zu erarbeiten.
In diese Expertenkommission wurde auch der junge, einflussreiche Zürcher Politiker Alfred Escher (1819-1882) gewählt, der sogleich die Führung innerhalb der Kommission übernahm. Ihm wurde die Redaktion der beiden Gesetzesentwürfe über die Universität und das Polytechnikum übertragen. Während ihm die Vorlage für das Universitätsgesetzt leicht von der Hand ging, bekundete er Mühe mit der Vorlage über das Polytechnikum. Ein Sachverständiger musste her, den er im Rektor der Industrieschule Zürich fand. Dieser Joseph Wolfgang von Deschwanden berichtete in einem Brief vom 22. Juni 1851 an seinen Vater erstmals von seiner Arbeit für Escher:
L. Vater!
[…]
Seit einiger Zeit hat mich eine ganz ungewöhnliche Arbeit in hohem Masse in Anspruch genommen. Brgrmstr Escher war nämlich mit den Beschlüssen, welche die Hochschulkommission in Bern über eine zu errichtende polytechn. Schule fasst, ganz u gar unzufrieden. Da er nun die definitiven Vorschläge darüber zu entwerfen, u nächste Woche wieder jener Commission vorzulegen hat, u allein mit den Arbeiten der Commission sich nicht begnügen wollte, so musste ich nun einen Theil der Vorarbeiten zu dem neuen Vorschlage liefern, u habe jezt noch, nachdem dieser leztere der Hauptsache nach vollendet ist, einen Bericht dazu auszuarbeiten. Ich steke also noch mitten in diesen polytechnischen Arbeiten.
Ich muss daher für einstweilen abbrechen, werde aber wohl bald wieder schreiben, indem jene aussergewöhnliche Arbeiten bis nächsten Mittwoch, da Escher wieder nach Bern verreist, fertig sein müssen.
Unterdessen noch einmal einen freundlichen Gruss von deinem
Joseph.
Joseph Wolfgang von Deschwanden (1819-1866) an seinen Vater Victor Josef Louis von Deschwanden (1795-1856), 22.06.1851 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 141: 2)
Aus Deschwandens Brief spricht einerseits ein gewisser Stolz, dass der bereits in jungen Jahren sehr mächtige Alfred Escher seine Hilfe benötigt. Zugleich beklagt sich Deschwanden darüber, dass ihm der charismatische Politiker diese Bürde auflädt, die ja weder entlöhnt noch öffentlich anerkannt wird. Auch in seinen Tagebüchern klagt Deschwanden mehrmals über Eschers anmassende Art ihm Arbeiten aufzudrängen. Mit seinem Ärger darüber, wie Escher andere rücksichtslos für seine Ziel einspannte, stand Deschwanden nicht allein da. In seiner Biografie über Alfred Escher zitiert Ernst Gagliardi eine Aussage des Bündner Politikers Peter Conradin von Planta über sein Verhältnis zu Alfred Escher mit den Worten, «man konnte nicht sein Freund sein, ohne zugleich sein Knecht zu werden».
Bei den am Anfang des Briefes beschriebenen Arbeiten für «B[ü]rg[e]rm[ei]st[e]r Escher» handelte es sich um Beiträge zum Entwurf eines Polytechnikumgesetzes, den Escher Ende Juni 1851 der Expertenkommission vorlegte.
Neben den «Vorschlägen» zum Gesetz nennt Deschwanden in seinem Brief einen Bericht, den er für Escher auszuarbeiten habe. Offiziell war innerhalb der Kommission Rodolphe Blanchet, Regierungsrat aus der Waadt, mit dem Verfassen eines Berichts über die polytechnische Schule beauftragt worden. Dieser sollte dazu dienen, die allgemeinen Ausführungen zur Organisation des künftigen Eidgenössischen Polytechnikums, wie sie im Gesetzestext dargelegt worden waren, zu ergänzen und konkretisieren. Alfred Escher war mit dem Bericht von Blanchet so unzufrieden, dass er Joseph von Deschwanden damit beauftragte, einen gänzlich neuen Bericht zu verfassen. Im Verlauf des Sommers 1851 wurden die Gesetzesvorlage und Deschwandens Bericht dem Bundesrat und danach der Bundesversammlung vorgelegt. Im Bericht, den der Bundesrat erhielt, wird Deschwandens Name nirgends erwähnt.
Angesichts der anhaltenden zähen Opposition gegen eine eidgenössische Universität beantragte Escher im Nationalrat eine Vertagung der Hochschuldebatte. Das Geschäft wurde von der grossen Parlamentskammer im Januar 1854 wieder aufgenommen. Mit der Übergabe an die kleine Parlamentskammer erfolgte der Rückschlag für die Gesetzesvorlage: der Ständerat lehnte am 1. Februar 1854 eine eidgenössische Universität ab. Hingegen unterstützte er einen Antrag auf Gründung einer eidgenössischen polytechnischen Schule in Verbindung mit einer Schule für das höhere Studium der exakten, politischen und humanistischen Wissenschaften – quasi ein Polytechnikum mit Elementen einer traditionellen Universität, die für einen modernen demokratischen Staat zentral sind. Innert kurzer Zeit wird eine neue Gesetzesvorlage ausgearbeitet. Und nach dem Ständerat stimmt am 7. Februar 1854 auch der Nationalrat der Gesetzesvorlage zu.
Deschwanden bleibt weiterhin ein bestimmendes Element beim Aufbau der frisch gegründeten Schule. Im Polytechnikumsgesetz vom 7. Februar wurde die Schule nur sehr grob umrissen. Die Ausarbeitung eines ausführlichen Reglements und eines Berichts wurde einer weiteren neunköpfigen Expertenkommission übertragen. Alfred Escher ist wieder mit von der Partie auch Bundesrat Stefano Franscini. Zum Ärger insbesondere der Züricher Politiker wird jedoch Joseph Wolfgang von Deschwanden zuerst nicht in die Kommission berufen. Erst als der Basler Johann Jakob Stehlin die Wahl ablehnte, rutschte Deschwanden nach.
Von allen Kommissionsmitgliedern war Deschwanden der fachkundigste und hatte sich als Eschers Ghostwriter bereits intensiv mit dem Aufbau und der Organisation eines eidgenössischen Polytechnikums auseinandergesetzt. Wenig überraschend trug er die Hauptlast, fungierte als Präsident des Redaktionsausschusses und war Berichterstatter der Kommission.
Als der mit dem Schweizerische Schulrat im August 1854 die Schulleitung des Eidgenössischen Polytechnikums vom Bundesrat hauptsächlich mit Politikern besetzt wurde und die eigentlichen Vorbereitungsarbeiten für den Betrieb begannen, diente Deschwanden Schulratspräsident Johann Konrad Kern als rechte Hand – erneut ein inoffizielles Amt, für das er dieses Mal immerhin eine symbolische Gratifikation von CHF 500.- erhielt. Deschwanden kümmerte sich um die meisten organisatorischen Probleme, schrieb die Stundenpläne für den Vorbereitungskurs und kümmerte sich um die Räumlichkeiten. In den Schulratssitzungen wurde Deschwanden als Experte für Sachfragen beigezogen und zu guter Letzt blieben bis zur Besetzung des Sekretariats auch die meisten Schreibarbeiten an ihm hängen.
Im März 1855 wurde Joseph Wolfgang von Deschwanden zum Professor für darstellende Geometrie berufen und zugleich zum Direktor des Eidgenössischen Polytechnikums ernannt. Damit endete seine Arbeit im Verborgenen für eine eidgenössische polytechnische Schule. Während seiner Amtszeit als Direktor (1855-1859) prägte er nun ganz offiziell den Aufbau und die Entwicklung der heutigen ETH Zürich.
Weiterführende Literatur und Links
Gagliardi, Ernst. Alfred Escher: vier Jahrzehnte neuerer Schweizergeschichte. Frauenfeld, 1919.
Gyr, Peter. Josef Wolfgang von Deschwanden(1819-1866) erster Direktor des Eidgenössischen Polytechnikums in Zürich, Zürich 1981. Schriftenreihe der Bibliothek, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, Bd. 20.
Jung, Joseph. Alfred Escher 1819-1882: Der Aufbruch zur modernen Schweiz, Teil 3: Schweizerische Kreditanstalt; Eidgenössisches Polytechnikum; Aussenpolitik. Zürich, 2006.
Jung Joseph (Hrsg.), Digitale Briefedition Alfred Escher, Relaunch Januar 2022, Zürich. https://briefedition.alfred-escher.ch.