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Deshalb will der Spanier irgendwann einmal Leonardo Bonucci (29) trainieren. “Er ist seit jeher ein Lieblingsspieler von mir”, sagte Guardiola im März vor dem Rückspiel in den Champions-League-Achtelfinals zwischen Bayern München und Juventus Turin. Was Guardiola schon im Frühling wusste, wurde in den letzten Wochen in Frankreich offenkundig. Bonucci ist derzeit einer der besten Verteidiger der Welt. Er hat keine Schwächen, denn er ist stark in der Luft, versiert mit den Füssen, hart in den Zweikämpfen und respektiert als Führungsspieler.
Nach dem begeisternden Auftritt in den Achtelfinals gegen Spanien schrieb die Römer Tageszeitung “La Repubblica” über ihn unter dem Titel: “Il nostro Kaiser”. Dass dabei ein deutsches Wort verwendet wurde, hat nur in zweiter Linie mit dem nächsten Gegner Italiens zu tun. “Il Kaiser” ist in Sachen Fussball auch für die Italiener Franz Beckenbauer. Und “il Kaiser” wird in Italien auch heute noch verehrt wie kein anderer deutscher Sportler, ausser vielleicht Michael Schumacher.
Mit Beckenbauer also vergleichen die Italiener nur die Besten der Besten. Franco Baresi war einer von ihnen. Sein Vorname wurde von der “Gazzetta dello Sport” an der Heim-WM 1990 eingedeutscht. Aus Franco wurde Franz. Der Vergleich mit dem Kaiser stimmt bei Bonucci aber mehr als bei Baresi. Der damalige Abwehrchef von Milan und Italien zeichnete sich zwar auch durch Offensivdrang aus, war aber eher klein (1,75 m). Bonucci dagegen ähnelt auch äusserlich dem deutschen Fussball-Kaiser, wenn er mit seinen 1,90 m und mit aufrechtem Gang, hohlem Kreuz und mit Ball am Fuss in die gegnerische Platzhälfte stürmt.
Das offensive Meisterstück lieferte Bonucci im EM-Startspiel gegen Belgien ab, als er einen phänomenalen 40-m-Pass auf Emanuele Giaccherini schlug, den dieser zum Führungstor veredelte. Wie Beckenbauer spielte auch Bonucci in seinen ersten Profi-Jahren im Mittelfeld. Er hat das Auge und das Gespür für die Angriffsauslösung. Italiens Trainer Antonio Conte hat in den letzten Wochen immer wieder mit dem Gedanken gespielt, Bonucci im zentralen Mittelfeld einzusetzen. Ein erstes Mal im April nach den Ausfällen von Claudio Marchisio und Marco Verratti, dann in den letzten Tagen aufgrund des sich im Hinblick auf den Viertelfinal gegen Deutschland abzeichnenden Forfaits von Daniele de Rossi.
Doch letztlich behielt Bonucci seinen Platz im Zentrum der Defensive. Er kann die Spieleröffnung auch von dort aus orchestrieren und fehlt dadurch nicht als Abwehrchef. Bonucci ist für Conte so wichtig, dass er nicht mal dann auf ihn verzichtet, wenn es nicht so wichtig ist. Obwohl Bonucci mit einer Gelben Karte vorbelastet war, spielte er im unbedeutenden letzten Gruppenspiel gegen Irland von Beginn weg – als nur einer von zwei Spielern aus der Stammformation der ersten Partien.
Für Conte ist Bonucci unersetzlich, Guardiola möchte ihn liebend gern trainieren und José Mourinho will ihn zu Manchester United lotsen. Doch etwas fehlt Bonucci noch: ein internationaler Titel. Er verlor 2012 den EM-Final mit Italien gegen Spanien und 2015 das Champions-League-Endspiel mit Juventus Turin gegen den FC Barcelona.
In Italien hoffen sie, dass diese Niederlagen für Bonucci der Anfang einer lange währenden Parallele mit Beckenbauer sind. Der Kaiser hatte zunächst auch bittere Niederlagen erlitten. Er war mit Deutschland 1966 im WM-Final und 1970 im WM-Halbfinal unterlegen, ehe er zwischen 1972 und 1976 Welt- und Europameister wurde und mit Bayern München dreimal den Meistercup gewann. Beckenbauer holte mit 27 Jahren den ersten internationalen Titel. Bei Bonucci könnte der Knoten in diesen Tagen in Frankreich mit 29 Jahren platzen.
(SDA)