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Da gibt es nichts zu sehen
Vor ein paar Tagen ist im Alter von 84 Jahren der Verhüllungskünstler Christo gestorben. Ich habe ihn Mitte der Sechzigerjahre in seinem Atelier in New York besucht, er hat mir seine neuesten Werke gezeigt – und mich dann mit einer Äusserung nachhaltig irritiert. Als ich nämlich seine «stores» inspizierte, metallene Ladenfronten und Ladenfenster mit zugezogenen Vorhängen, meinte er: Was schaust du? Da gibt es nichts zu sehen. Seine Reaktion auf mein Interesse an seinen Objekten fand ich so seltsam, dass sie mir über Jahrzehnte in Erinnerung geblieben ist.
Dass ein Künstler den Betrachter seines Werks auffordert, dieses Werk grad eines Blicks zu würdigen, aber dann nicht weiter anzuschauen, mutet doch einigermassen paradox an. Werden denn Kunstwerke nicht in der Absicht hergestellt, dass sie möglichst viele anschauen können?
Christo stand zur Zeit meines Besuchs als Objektkünstler, den «nouveaux réalistes» nahe, die das Alltägliche in ihre Arbeiten einbanden und es sich zum Ziel setzten, dem Betrachter zu suggerieren, das Reale intensiv wahrzunehmen. Als er in den Folgejahren zum international arrivierten Verpackungs- und Verhüllungskünstler mutierte und seine gigantischen Projekte realisierte, hat er dem Paradox, dass man nämlich etwas anschaut, an dem es doch nichts zu sehen gibt, Gestalt verliehen.
Die Berner Kunsthalle, den Berliner Reichstag, den Pont neuf hat er verhüllt, vor uns versteckt, so dass wir die Bauwerke anschauen und doch nicht sehen konnten. Der Umstand, dass sie versteckt waren, verstärkte ihre Präsenz. Christos zeitlich befristeten, mit riesigem Aufwand inszenierten Kunstaktionen, seine Eingriffe in urbane Zentren oder in die Natur waren unübersehbar. Aber eigentlich verbargen sie das Sehbare vor den Augen des Betrachters, zeigten ihm Hüllen – an denen es nichts weiter zu sehen gab.