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Herstellungsort unbekannt, 16. Jh.
Alabaster
H. 22 cm
Inv. 1907.1624.
Die kleine Statuette der Caritas aus weissem, mit schwarzen Adern und Flecken durchzogenem Alabaster hat bislang wenig Beachtung gefunden. Dabei ist sie nicht nur bedeutsam, weil sie wegen ihrer italienischen Herkunft neben den vorwiegend süddeutschen Kleinskulpturen im Sammlungskontext des Museums Faesch eine Ausnahme ist, sondern weil sich die Figur als ein Werk von hervorragender Qualität behaupten kann.
Wie in der abendländischen Ikonografie seit dem 14. Jahrhundert zumeist üblich wird die weibliche Allegorie der Nächstenliebe von zwei Kindern begleitet. Halb lehnt, halb sitzt die Caritas auf einer Bank, der unten links eine Stufe vorgelagert ist. Ein geflügelter Cherubkopf ziert vorne links den Unterbau. Dieser Sitz bereitet die anmutigen kontrapostischen Bewegungen vor, die die ganze Figurengruppe bestimmen. Auf dem linken Oberschenkel der Frau steht über aufgeschobenen Mantelfalten der jüngere der beiden Knaben, der sich an ihre linke Brust drängt und dem sie mit der linken Hand Halt gibt. Gleichzeitig neigt sie sich mit fürsorglichem Blick zu dem nach aussen gewandten Älteren herab und sucht ihn am Entweichen zu hindern, indem sie ihn mit der flachen Rechten an sich zieht und ihm mit dem hochgestellten Knie den Weg versperrt. Wohl als Granatapfel und damit als symbolische Frucht der Liebe hat schliesslich die Kugel in der Hand des Jungen zu gelten. In der fertigen Skulptur sind noch die eng bemessenen Dimensionen des ursprünglichen, vorne rechts abgeschrägten Alabasterblockes zu erkennen, die die Körperhaltung, die versammelte Gestik und die Beinstellung bedingten. Eine wichtige Funktion hat der Mantel, der alle Bewegungen hinterfängt, die Kontur bestimmt und die ganze Figur umschliesst. Die Rückseite zeigt sich nur grob bearbeitet. Auf eine abschliessende Politur der Figur hat der Bildhauer verzichtet.
Alabaster war ein geschätztes Material für Kleinskulpturen, da es leicht zu bearbeiten ist und sich gut polieren lässt. In der frühen Neuzeit arbeiteten nordalpine Bildhauer wie Conrat Meit (1470/85–1550/51), Leonhard Kern (1588–1662) oder die Familie Tissenaken im flämischen Mecheln gerne mit diesem Mineral (Kat.-Nr. 86). Weniger verbreitet war der Alabaster allerdings in Italien, wo diese Statuette entstanden sein dürfte.
Ihr Bildhauer hatte sein Auge sicher an Werken Michelangelos und seiner Nachfolger geschult. Die sitzende Gestalt mit den in der Höhe verschobenen Oberschenkeln und dem aufgestauten Gewandstoff erinnert an den Moses des Juliusgrabmales in S. Pietro in Vincoli in Rom und andere, plastische wie gemalte Sitzfiguren Michelangelos. Bei seinen Madonnen begegnet darüber hinaus das auf antike Weise hoch gegürtete Gewand; gleiches gilt für das in Schrittstellung begriffene Kind, das zum Beispiel im Tondo Taddei (um 1503, London, Royal Academy of Arts) oder bei der Madonna der Florentiner Medici-Kapelle zu sehen ist. All diese Motive finden sich auch in der Nachfolge des Meisters, so bei dem gebürtigen Florentiner Jacopo Sansovino (1486–1570) in der Madonna del Parto in Sant’Agostino in Rom (um 1518–1521).
Gesteigert gegenüber den Werken Michelangelos und Sansovinos erscheint der manierierte, beinahe schulmeisterliche Kontrapost, dem die gesamte Figur unterworfen ist. Weil ihre Bewegungen teilweise gesucht wirken und die kontrapostischen Züge gegenüber den Werken der grossen Bildhauer noch gesteigert werden, ist die Statuette vermutlich um 1600 zu datieren. Von Michelangelo und Sansovino unterscheidet sich die Caritas zudem in der Physiognomie, da die Gesichter hier weicher und runder formuliert sind und auf eine klassisch antike, gerade heruntergezogene Nase verzichtet wird. Deutliche Anklänge an die vorhergehende Generation von Bildhauern zeigen in der Zeit um 1600 zum Beispiel der aus Lothringen stammende und in Rom tätige Nicolas Cordier (Niccolò Cordieri, 1567–1612) oder im Veneto der gebürtige Genuese Niccolò Roccatagliata (erwähnt 1593–1636). Letzterer schuf neben Statuetten, Reliefs und Gebrauchsgerät eine Madonna (frühes 17. Jh., H. 57,1 cm; New York, The Metropolitan Museum of Art). Von Cordier hat sich eine stehende Caritas mit drei Kindern erhalten (um 1600, H. 37 cm; London, Victoria and Albert Museum). Beide Skulpturen sind Beispiele für das Fortleben der oben erwähnten stilistischen Charakteristika, die der Basler Caritas in den reichen, fein austarierten gegenläufigen Bewegungen verwandt sind (Weihrauch 1967, S. 161, 240). Wegen der lieblichen Gesichter mag man am ehesten eine Zuschreibung der Alabasterfigur an Roccatagliata erwägen, der jedoch die härtere Gewandbildung an dessen bekannten Werken wiederum zu widersprechen scheint.
In der Sammlung der polnischen Adelsfamilie Starowieyski hat sich schliesslich eine mit der Basler Statuette weitgehend identische Kleinbronze erhalten, die ein Abguss der Alabasterfigur ist. Dies lassen die geglätteten Details vermuten sowie der Thron von kristallin zersplitterter Struktur, der es an der notwendigen Balance gegenüber der Figur fehlen lässt (Kat. Olsztyn 2000, S. 21). Zudem hätte ein Bildhauer das blockhaft Gedrängte der Figur sicher aufgelockert, wenn eine Bronzeskulptur am Anfang gestanden hätte.