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Ich habe eine Schwäche für moderne Märchen, besonders für wahre. Eines dieser modernen Märchen lautet so:
Es war einmal ein kleiner Hirtenjunge in Niederwald, einem weltabgeschiedene Dorf im Goms, dem deutschsprachigen Oberwallis. Als er alt genug war, liess er die Ziegenherde hinter sich und ging nach Brig, wo er eine Lehre als Kellner machte. Nach seinem unrühmlichen Rausschmiss zog der Hirtenjunge nach Paris, wo 1867 gerade eine Weltausstellung stattfand. Dort, im Nobelrestaurant Voisin, machte er seine ersten Erfahrungen in der Luxus-Gastronomie. Weitere Stationen waren Wien, Nizza, die Rigi, Locarno, San Remo – und schliesslich das Grand Hotel National in Luzern, wo der Hirtenjunge erstmals nicht nur Oberkellner oder Maitre d’Hôtel, sondern geschäftsführender Direktor war und seine eigene Vorstellung von einem erstklassigen Hotel verwirklichen konnte. Die Hautevolee Europas und Amerikas war entzückt und bald ein „einig Volk von Stammgästen“. Der Hirtenjunge, berühmt für sein Personengedächtnis und sein unschlagbares Improvisationstalent, übernahm gleichzeitig die Leitung weiterer Hotels in London, Rom, Monte Carlo, Cannes und Baden-Baden (und gewann überall eine begeisterte und zahlungskräftige Stammkundschaft), bis er sich 1898 endlich seinen Lebenstraum erfüllen konnte: Sein eigenes Hotel in Paris, das er von A bis Z selber entworfen hatte und das heute noch seinen Namen trägt. Und wenn er nicht gestorben wäre (er starb 1918 im Alter von 68 Jahren in geistiger Umnachtung), so würde er heute noch jeden Gast persönlich mit Namen und Titel begrüssen.
Der zum Hotelkönig aufgestiegene einstige „Geissenpeter“ aus Niederwald VS hiess Cäsar Ritz. Ebenso heisst auch das Buch, das seine Witwe Marie-Louise über ihn geschrieben hat.