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Die ersten beiden Wecker höre ich nicht. Die iPhone-Alarme klingen auch, als kämen sie aus einer anderen Dimension. Nämlich fast gar nicht.
Mein Körper fühlt sich an, als wären die Knochen entfernt und durch warmes flüssiges Blei ersetzt worden. Ich kann mich nicht bewegen. Ich kann nicht mal die Hand heben. Die Augenlider sind schwer wie eine Horde übergewichtiger Elefanten. Das Läuten des letzten Weckers (der mit den Schellen obendrauf und dem Hämmerchen, das dazwischen hin- und herschwingt) dringt immerhin so weit in mein Bewusstsein vor, dass ich den Arm bewegen und das Ding ausschalten kann.
Dann liege ich da, der Geist halbwach, der Körper ganz und gar nicht wach, und will mich zum aufstehen zwingen; halte mit den kalten Fingern die Augen auf, kneife mich in den Unterarm, um mich aus diesem unwirklichen Zustand zu holen, versuche, die Decke zurückzuschlagen, was mir nicht gelingt, weil sie tonnenschwer auf mir liegt und mich beinah erdrückt.
Ich liege im Bett wie in einem Tierbauch, alles ist weich und warm und still. Mein Herz schlägt langsam und ich höre, wie es manchmal zu stolpern scheint, wenn ich vor lauter lauschen zu atmen vergesse.
Es ist halb sieben! ruft meine Mutter.
Es ist viertel vor sieben! ruft sie eine Sekunde, eine Ewigkeit später.
ES IST SIIIIEEEBEN! brüllt sie.
Weitere fünfzehn Minuten später schaffe ich es, mich aus dem Bett zu schälen. Mich ins Bad zu schleppen. Unter die Dusche zu stehen. Kleider zu finden, sie anzuziehen. Sogar an die Reithose denke ich und packe sie ein.
Auf dem Weg zur Bushaltestelle erzählt Stephen Fry von früher, von den frühen Achtzigern. Wie er Buchkritiken schrieb und wie ein Buch so ganz und gar grauenvoll war, dass er kein einziges nettes Wort dafür finden konnte. Wie er danach das Buchkritikenschreiben wieder aufgegeben hat.
In der Bäckerei kaufe ich zwei Croissants, esse eines und vergesse das andere. Es ist noch immer in meiner Tasche.
Ich bin die letzte, die im Büro aufkreuzt. Um elf Uhr stürzt der eine CTP-Rechner ab, um halb zwölf meldet der Roboter «Error Node 36» – mal wieder.
Beim Mittagessen gibt’s eine hitzige Diskussion, die ich entfache und aus der ich mich sofort wieder ausklinke, weil ich mich nicht über M. ärgern will, der immer sofort laut wird, wenn jemand nicht seiner Meinung ist.
Wenn man seine Meinung lauter als die anderen äussern muss, hat man schon verloren. Dann ist die Meinung nicht stark genug.
{Ich mag es nicht, wenn Leute laut reden. Ich mag es nicht, wenn sie näher als einen Meter vor mir stehen. Ich mag es nicht, die Wärme des anderen zu spüren. Ich mag es nicht, zu riechen, welches Waschmittel mein Gegenüber verwendet. Welches Duschgel. Shampoo.}
Nach dem Espresso schlafe ich fast am Tisch ein.
Als ich später am Nachmittag nach oben ins Büro komme, rümpfe ich die Nase und sage «Erdbeere. Künstliches Erdbeeraroma». Die anderen werfen sich Blicke zu, ich gehe dem Gestank nach und finde in der Küche im Abfall einen leeren Erdbeerquarkbecher. «HA!»
C. findet es unmöglich, dass ich das riechen kann, Stunden, nachdem sie den Becher in den geschlossenen Abfalleimer warf. Ich erzähle, dass es ausserdem nach Trident-Wassermelonenkaugummi und Elmex-Zahnpaste riecht. (Ich habe recht damit: die Kaugummis sind in der Jackentasche des Lehrlings, die Zahnpaste in der Schublade.)
«Ich war in meinem früheren Leben ein Spürhund. Oder eher eine ganze Herde Spürhunde», sage ich zu meiner Entschuldigung.
Auf dem Weg zum Stall schaue ich im Reitladen vorbei und kaufe ein Secondhand-Nasenband, das ich zusammen mit einem alten Zaum von mir zu einer gebisslosen Zäumung umfunktioniere. Dem Monsterpferd wurden am Montag zwei kaputte Zähne gezogen, jetzt darf er eine Weile keine Trense im Maul haben. Und ich muss ihm jeden Tag Gras- und Heureste aus der Zahnlücke pulen (ja, Hand ins Pferdemaul!) und das Maul ausspülen – und der kleine Spinner geniesst das. Lässt den Schlauch kaum wieder los.
Als ich mein Zeug verräumt habe und die Treppe zum Stall wieder hinuntersteige, hört mich das draussen angebundene Monsterpferd und wiehert so laut wie schon lange nicht mehr. Meine Augen kitzeln und werden feucht.
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Da sind die Blumen, die ich morgens auf dem Weg ins Büro fotografiere.
Da ist das Foto der Scream-Maske, das ich in der Mittagspause per MMS an C. schicke und für das sie mich morgen umbringen wird.
Da ist das Monsterpferdefell das nach Apfel riecht (obwohl er seit Tagen keinen hatte) und nach Heu, nach Gras und nach Sägemehl und nach… Monster.
Da ist Monsterpferdchens Nachbarin, die laut brummelt, als ich ihren Namen sage.
Da ist das Lied, das mir nachläuft.
Robots in Disguise – The Tears