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Am 12. September 2023, zum 175-Jahre-Jubiläum der Schweizer Eidgenossenschaft, wird am Bundeshaus ein Kunstwerk enthüllt. Ein Mosaik aus 246 Kacheln, das die Sonnenstrahlen in unterschiedlichen Schattierungen von grün bis gold reflektiert. Es wurde prominent platziert, just unter der Bundeshauskuppel im bislang leeren Giebelfeld. «Tilo» heisst das Kunstwerk. Dass es zum Jubiläum der Eidgenossenschaft enthüllt wird, ist wohl viele Menschen in der Schweiz bekannt. Was wohl die Wenigsten wissen: Das Werk ist der ersten Schwarzen Nationalrätin, Tilo Frey, gewidmet. Ihr Name dürfte den Wenigsten bekannt sein.
1971 werden elf Frauen in den Nationalrat gewählt. Es sind die ersten nationalen Wahlen, bei denen sowohl Männer als auch Frauen antreten dürfen – die Freude über die neu erlangte, wenn auch magere, Repräsentation in der eidgenössischen Legislative ist gross. Eine der elf neu gewählten Frauen ist Tilo Frey aus dem Kanton Neuenburg.
Tilo Frey ist Schweiz-Kamerunerin, wird 1923 in Maroua geboren und verbringt ihre ersten fünf Lebensjahre in Kamerun. Danach zieht ihr Vater mit ihr in die Schweiz. Paul Frey lernt die Mutter von Tilo, Fatimé Bibabadanna, in Westafrika kennen, als er dort für einige Jahre als Händler arbeitet. Über die Kindheit der späteren Nationalrätin ist wenig bekannt, ausser, dass ihre leiblichen Eltern nicht verheiratet sind und dass sie in der Schweiz von Katsche Frey, der Schweizer Ehefrau von Paul Frey, adoptiert wird, während ihre leibliche Mutter in Kamerun bleibt.
In Neuenburg wächst Tilo Frey in gut bürgerlichem Haus auf und wird Lehrerin. Ihre Karriere endet für sie aber nicht im Schulzimmer. Sie arbeitet sich hoch und wird befördert, zu einem späteren Zeitpunkt wird sie Direktorin der École professionnelle de jeunes filles. Aber nicht nur beruflich, auch politisch strebt sie den Aufstieg an. 1959, mit der Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts auf kommunaler Ebene, tritt Tilo Frey der FDP bei und übernimmt die Leitung der kantonalen Frauensektion. Ihre politische Karriere startet sie 1964 im Neuenburger Conseil général (Legislative der Stadt Neuenburg), in dem sie zehn Jahre lang politisiert. Nur fünf Jahre nach ihrem Wahldebüt gelingt ihr der Sprung auf die kantonale Ebene und sie wird Abgeordnete im Grossen Rat (1969 – 1973). Just zur Einführung des nationalen Stimm- und Wahlrechts für Frauen 1971, folgt bereits ihr nächster Wahlerfolg und sie zieht in den Nationalrat ein.
«Ich wollte beweisen, dass eine Frau, und dazu noch eine Nicht-Weisse, im Beruf und in der Politik ebenso gut ihre Aufgaben erfüllen kann, wie ein Mann», sagt Tilo Frey zu ihrem politischen Engagement.
Über Tilo Frey als Privatperson ist wenig bekannt, ebenso wenig Berichte gibt es über ihre inhaltlichen Überzeugungen. Es gibt zwar einige Presseartikel über sie als erste Schwarze Politikerin unter der Bundeshauskuppel. Es ist jedoch nichts darüber festgehalten, wie es ihr damit ergeht, dass sie fortlaufend auf ihre Hautfarbe reduziert wird und dass ihre Präsenz in den Medien stark durch ihre Biografie, mit einem nicht-europäischen Elternteil, geprägt ist. Die Historikerin Jovita dos Santos Pinto schreibt dazu: «Über die Exotisierung von Tilo Freys Körper wird gleichzeitig eine weisse Norm etabliert, die mit Transparenz assoziiert werden kann, von der Tilo Frey durch ihre Sichtbarkeit ausgeschlossen ist.». Zudem nehme ihr Erscheinungsbild in der Berichterstattung einen Grossteil des Berichteten ein, wobei das Gesagte nur einen verschwindend kleinen Anteil ausmacht.
Auch in Anbetracht des geopolitischen Umfelds der 1930er und 1940er Jahre in Europa dürfte weder die Jugend noch das Erwachsenenleben von der FDP-Nationalrätin frei von rassistischen Begegnungen und Diskriminierungen gewesen sein. Sie beschliesst jedoch, sich dazu nicht öffentlich zu äussern. Dies gilt bis auf wenige Ausnahmen, so etwa kurz vor ihrer Wahl in den Nationalrat: «Als ich acht Jahre alt war, tat es mir weh, wenn mir Kinder ›N-‹ nachriefen. Heute liesse es mich kalt.»
Wie die Republik in einem Artikel über sie berichtet, habe sich Tilo Frey zeitlebens angepasst und die gesellschaftlichen Konventionen übermässig genau befolgt. Die Knigge-Regeln habe sie allesamt auswendig gekannt, auch habe sie stets ein zweites Paar Strümpfe bei sich getragen, um im Falle einer Laufmasche ihre Strumpfwaren sofort wechseln zu können. Sie habe sich «weiss wie eine Lilie» zu geben versucht, wie es ihr der Vater empfohlen habe. Ricardo Lumengo (SP/BE), der 2007 in den Nationalrat gewählt wird, habe sie geraten, rassistische Bemerkungen wegzulächeln und sich nicht um Vorurteile zu scheren. Lumengo ist in Angola aufgewachsen und flüchtete als 20-Jähriger in die Schweiz. Bei seiner Wahl wird er von zahlreichen Medien als erster Schwarzer Volksvertreter im Nationalrat bezeichnet. Dass es vier Jahrzehnte zuvor eine Schwarze Volksvertreterin gegeben hat, scheint, wenig überraschend, bereits vergessen.
Politisch engagiert sich Tilo Frey für gleichstellungspolitische Themen wie etwa Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern und eine Entkriminalisierung der Abtreibung. Aber auch für eine verstärkte Entwicklungszusammenarbeit oder einer starken Armee setzt sie sich auf nationaler Ebene ein. Anti-Rassistische Themen macht sie während ihrer Zeit im Nationalrat nicht zu ihrem Schwerpunkt.
Nach einer Legislatur im Nationalrat wird Tilo Frey abgewählt und arbeitet von 1976 bis 1984 als Lehrerin an der École professionelle commerciale. Aus dem öffentlichen Leben zieht sie sich nach ihrer politischen Laufbahn komplett zurück. Mit 85 Jahren entscheidet sie sich für den Freitod mit Hilfe von Exit. Vor ihrem Ableben zerstört sie ihr persönliches Archiv – weitere oder neue Informationen zu ihr als Pionierin in der Schweizer Politik, oder generell zu ihr als Person, dürften schwer auffindbar sein.
Dennoch ist es wichtig, dass Tilo Frey nicht vergessen geht und auch künftig präsent bleiben wird. Als eine der ersten elf Frauen im Nationalrat und als erste – und bis heute einzige – Schwarze Politikerin in Bundesbern ist sie, ob gewollt oder ungewollt, ein Vorbild für zahlreiche Menschen in der Schweiz. Sei es bezüglich Repräsentation von Minderheiten auf allen Staatsebenen oder im jahrelang andauernden Kampf um die Gleichstellung aller Geschlechter. Tilo Frey ist somit eine Pionierin, wohl auch etwas wider Willen oder zumindest ohne die Absicht, damit als Einzelperson hervorzustechen.
Im Juni 2019 wird in Neuenburg ein Platz nach ihr benannt, der «Espace Tilo-Frey – 1ère Neuchâteloise élue au parlement fédéral – femme politique suisso-camerounaise – 1923–2008». Die Umbenennung des Platzes war überfällig: Er trug zuvor den Namen des Schweizer Naturforschers Louis Agassiz. Agassiz lebte im 19. Jahrhundert, war ein Rassentheoretiker, der die Menschheit in Rassen eingeteilt und diese in eine Rangfolge kategorisierte.
An der Bundeshausfassade erinnert nun seit letztem September zudem das Mosaik «Tilo» hoch über den Köpfen der heutigen Parlamentarier:innen an sie. Erschaffen hat es das Künstler:innenpaar Renée Levi und Marcel Schmid. In den Augen der Künstler:innen wurde die Schweiz erst 1971 mit der Einführung des Frauenstimmrechts zu einer Demokratie. Daran sollen die 246 Mosaikplatten erinnern. Daran, und an die erste Schwarze Nationalrätin. Auch wenn nicht zweifelsfrei geklärt werden kann, ob all die Aufmerksamkeit Tilo Frey ehrte oder ob sie lieber im Hintergrund geblieben wäre.
Autorin: Anna Storz, Mitglied der Redaktion von Geschlechtergerechter. Tourgestaltung: Louise Alberti, Projektmitarbeiterin Geschlechtergerechter
Bemerkung der Autorin: Schwarz ist eine politisch gewählte Selbstbezeichnung, die eine von Rassismus betroffene gesellschaftliche Position beschreibt.