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Von Michael Hugentobler
BNE klebt zu Tausenden an Telefonzellen, Strommasten und Parkbänken. In Bangkoks Amüsierviertel Sukhumvit, in ganzen Strassenzügen in Hongkong, Singapur, Hanoi, New York und Paris. BNE schmückt Hauswände, Abfallkübel und Parkuhren, aber auch die Kornhausbrücke in Bern und Fallrohre an der Langstrasse in Zürich.
BNEs Merkmal ist ein rechteckiger Kleber, so gross wie eine Postkarte. Auf weissem Hintergrund stehen die schwarzen Buchstaben B, N und E. Es ist eine schnörkellose Schrift, die man in jedem Word-Dokument anwenden kann, sie heisst Helvetica Neue Condensed Bold.
Was um Himmels willen ist BNE? Was bedeutet es? Wer versteckt sich hinter den drei obskuren Buchstaben und was will er, was bezweckt er?
Hunderttausende dieser Kleber sind auf der ganzen Welt verteilt, und wenn man sich mal achtet, dann fallen sie einem sofort auf. Die drei Buchstaben haben den Effekt, den die Produkte grosser Firmen wie Coca-Cola, Apple oder Microsoft erzielen, der Betrachter begegnet ihnen ständig und erkennt sie deshalb sofort wieder. Das ist die Absicht hinter den BNE-Klebern. Ein Niemand wollte aus der Masse herausstechen. Millionen werden in Werbung investiert, doch BNE ist es gelungen, mit einer selbst gebastelten Kampagne fast so bekannt zu werden wie Kelloggs Cornflakes.
BNE bleibt geheim, im Verborgenen, will nicht gefunden werden. Im Dezember 2009 sprach BNE zum ersten und einzigen Mal mit den Medien. Er verriet der New York Times, dass er Anfang 30 sei und die Zeitung schrieb, er klinge wie jemand aus New York. Seither schien er mit der Aussenwelt nur noch per E-Mail zu kommunizieren. Aber auch über den Mail-Kanal findet man ihn nur sehr schwer.
Die Recherchen zu diesem Artikel liefen über zwei Jahre, ein Jahr, bis eine Kontaktperson gefunden war, und einige Monate später antwortete BNE per Mail durch diese Kontaktperson. Nach einiger Überzeugungsarbeit willigte er in ein Interview ein, aber es dauerte nochmals Monate, bis die Antworten eintrafen. Aussagen zu seiner Identität oder seinem Aufenthaltsort machte er nicht. Er schreibt, es sei seine persönliche Entscheidung, das Rampenlicht zu meiden. BNE versteckte sich aber auch, um einer Haftstrafe zu entgehen.
Bevor er zur Kultfigur wurde und die Menschen begannen, Fotos seiner Kleber aus Kuala Lumpur, Tokyo oder Amsterdam zu sammeln, machte er die Verwaltungen vieler Weltstädte wütend. Vor sieben Jahren sagte der Bürgermeister von San Francisco: «Wir müssen jenen finden, der dies getan hat», und sprach eine Belohnung von 2500 Dollar aus, für jenen, der diesen Kleber-Fanatiker den Behörden meldet. Doch niemand meldete sich und BNE wurde auch nie verhaftet.
Heute sagt BNE der «Schweiz am Sonntag»: «Ich habe keine Angst, denn Angst ist kontraproduktiv.» Überhaupt sei es «extrem unwahrscheinlich, dass er jetzt noch gebüsst» werde. Denn er klebe seit geraumer Zeit nicht mehr. Doch vor allem der Stadtstaat Singapur, der für seine harschen Gesetze bekannt ist, wird den Vandalen wohl kaum so schnell vergessen.
BNE ist im Anfang September erschienenen «World Atlas of Street Art and Graffiti» der Universität Yale aufgelistet und gilt damit als einer der einflussreichsten und weltweit aktivsten Künstler dieser Gattung. Doch in Internet-Foren wird immer noch diskutiert, ob das denn wirklich Kunst sei. Viele sehen in BNE einen Schmierfink, der nichts Besseres zu tun hatte, als Strassenzüge vollzupflastern. Er selber sagt: «Es ist eine Mischung aus allem: Kunst, Werbung und Vandalismus.»
BNE wuchs in armen Verhältnissen mit nur einem Elternteil auf. Er sagt: «Das Skateboard und die Kunst haben mein Leben gerettet und mich davor bewahrt, in grössere Schwierigkeiten zu geraten». Er war ein Teenager wie viele andere, der seinen Namen an die Wände seiner Heimatstadt malte. Aber an den Wänden standen schon viele andere Namen und es war schwierig sich hervorzuheben. Deshalb begann er zu kleben. Er ging auf Reisen und klebte auf der ganzen Welt. Die Kleber habe er gewählt, «weil sie effizient sind». Hätte er das alles «sprayen oder malen müssen, wäre er nie so weit gekommen».
In Japan eröffnete er mit einem Freund ein Restaurant. Es wurde ein Erfolg und weitere Lokale folgten. Mit dem Geld, das er verdiente, ging er auf weitere Reisen. Er ging nächtelange durch Grossstädte, um mehr Kleber an U-Bahn-Treppen und Geländer zu heften. «Ich liebe es, zu Fuss unterwegs zu sein, es hält mich fit und so sehe ich eine Stadt am besten», sagt er.
Der Grund, warum es in der Schweiz relativ wenig BNE-Kleber gibt, liegt darin, dass er die meiste Zeit in den Bergen verbrachte, beim Wandern und Klettern. «Ich will die schöne Schweiz nicht mit meinen Klebern verschandeln», sagt er.
Dass er etwas Grosses erschaffen hatte, bemerkte er, als die internationalen Medien über seine drei Buchstaben zu berichten begannen. Und die grössten Werbeagenturen wollten die Marke BNE benützen, um sie zu Geld zu machen. Das wolle er aber nicht. «Ihre Gier und ihr Egoismus stiessen mich ab», sagt er. Trotzdem wollte er die Marke nutzen und gründete 2011 eine Wohltätigkeitsorganisation, die BNE Water Foundation. «Sauberes Trinkwasser ist der erste Schritt für ein verarmtes Land in Richtung Wachstum».
Der Start war aber eine Enttäuschung. «Ehrlich gesagt, war ich nicht sehr gut darin, Geld durch Spenden zu generieren», sagt er. Die Leute seien vor allem «an den T-Shirts mit aufgedrucktem BNE-Kleber interessiert». Der Rebell wurde zum T-Shirt-Verkäufer. Es folgten Bioprodukte wie der BNE-Labello, ein Biolippenpflegestift. Mir dem Verkaufserlös finanziert er Brunnenbauten in Indonesien und Uganda.
Nebenbei arbeitet BNE mit anderen Streetart-Künstlern. Einer davon ist Shepard Fairey, der durch das «Hope»-Plakat des amerikanischen Präsidenten Barack Obama bekannt wurde. Zurzeit verkaufen sie Kunstdrucke und wollen mit dem Geld Brunnen in Indien bauen.
Doch weshalb soll man einen ehemaligen Gesetzesbrecher und Vandalen unterstützen? «Auf der ganzen Welt geben die Menschen ihr hart verdientes Geld an Firmen, deren Verantwortungslosigkeit noch viel grösser ist als jene eines Ex-Vandalen», antwortet er.
Die Chance, dass seine Kunst jemals in einem klassischen Museum ausgestellt wird, ist eher gering. Ihm und seiner Kunst wurde zwar schon einmal eine Ausstellung in New York gewidmet, aber sie interessierte ihn nicht wirklich. «Der Trick von BNE ist Quantität und Wiederholung und dieser Effekt sei nur in der Strasse möglich», sagt BNE, «man muss die Strassen der grossen Städte hinuntergehen, um diese Form von Kunst und meinen Beitrag dazu zu verstehen.»
Seine künstlerische Zukunft sieht BNE in speziellen Galerien und einer Mischung aus Kunst und Werbung. Er will mobile Läden einrichten, die er spontan in die Galerien stellen kann und wo die Besucher seine BNE-Bioprodukte kaufen können. «Das wäre doch toll», sagt er. Dann würde nur noch eines fehlen: der Vandalismus. Aber diese Zeiten scheinen tatsächlich vorbei zu sein.
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Niemand weiss, was BNE ist oder wer sich dahinter versteckt. Wir konnten mit dem Meisterkleber nach zweijähriger Recherche Kontakt aufnehmen. Er will nicht mehr kleben und versucht stattdessen, die Marke zu vermarkten.
Von Michael Hugentobler