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PORTRAIT – Er gleicht einem lodernden Feuer, spricht wie ein Wasserfall und wäre einst fast selbst verglüht. Franco Sesa, Musiker und Heiler in der chinesischen Medizin, hat mit seiner Intensität schon manch ein Gegenüber überfordert.
Wie ein Mond schiebt sich von hinten eine helle Fläche in mein Gesichtsfeld und ich nehme kurz ein tiefes, mehr spür- als hörbares Flattern wahr. «Hör mal.» Plötzlich bricht ein gewaltiges Gewittern über mich herein: Franco Sesa lässt einen Schläger rhythmisch auf eine flache Trommel niedersausen, die etwa eine Armlänge Durchmesser hat. Während er ein tranceartiges Donnern schlägt, das tief in meinen Körper dringt und Gewebe und Knochen sirren lässt, führt er die Trommel an mir hoch und runter. Es fühlt sich an, als ob sich etwas in mir auflösen würde, wenn die Prozedur anhielte. Er sagt: «Krass, gell? Ich wurde bei einer schamanischen Séance auf diese Weise bearbeitet. Bis ich zerteilt war und wieder zusammengesetzt wurde.» Dann schaut er mich mit seinem feurigen Blick an, grinst und bricht in ein raues, stakkatoartiges Lachen aus. Franco Sesa kann einem ganz schön nahegehen.
Wir befinden uns im Proberaum seiner Band – eine Verbindung aus okkultem Tempel und Ort der Inspiration: Die Wände sind mit gelben und roten Tüchern bespannt und mit tibetischen Wimpeln, orientalischen Masken, Bildern und Plakaten geschmückt – eines mit einem Pentagramm, ein anderes mit Baphomet und den auf seine Unterarme eingeschriebenen Worten «Solve» und «Coagula» – Auflösung und Festigung. Franco sagt: «Leben ist Alchemie. Zersetzung und Werden.» Ich sehe ein altarähnliches Tischchen mit einer Kerze, um sie herum stehen wie eine Gruppe Schutzheiliger mehrere Statuen: Shiva, Ganesha, Buddha und andere Figuren, grössere und kleinere Totenschädel, Federn. Ein zweiter Altar trägt Erinnerungsstücke unseres kürzlich verstorbenen Freundes Martin Ain Stricker, mit dem Franco Sesa als Schlagzeuger in der Black-Metal-Band Celtic Frost spielte. Er zeigt auf einen Fetzen Papier mit mäandrierenden Linien: «Ein Notenblatt für tibetische Mönchsgesänge.» Überall Symbole, Zeichen, Mystisches und Bedeutungsvolles. Dazwischen die Instrumente: Francos Schlagzeug, eine Sitar und Bongos, Gitarren und Verstärker; Mikrofone, ein Mischpult. Neben dem Eingang ein abgewetztes schwarzes Ledersofa und ein schwarzes Tischchen voller Aschekrümel, leeren Bierdosen, ein Aschenbecher und in die Tischplatte eingeritzte Namen von Heavy-Metal-Bands – Markierungen wie Zeichen der Hoffnung einer vergangenen Jugend. Hier ist Franco Sesas Reich, hier wirkt er.
[Ich denke: Das Okkulte und Geheimnisvolle des Heavy Metal. Satanistisches, oft falsch verstanden und nur denen ersichtlich, die sich darauf einlassen. Bedeutungen, die ich nur am Rande erfasse. Wo führt es hin? Zur Erleuchtung oder nur zu einer diffusen Erklärung für die Welt? Zur Erlösung?]
Franco sagt: «Ich war schon immer eine suchende Natur.» Sein Elternhaus sei eine kulturelle Wüste gewesen. Für seine Eltern (der Vater aus Italien, die Mutter Schweizerin) stand wegen ihrer Armut der materielle Besitz an oberster Stelle. Er selbst aber suchte nach sinnvolleren, erfüllenden Erlösungen. Er fand sie im Sinnlichen, im Wissen und in der Musik. Er sagt: «Ich musste aus der Wüste einen Garten machen.» Für ihn wurde Musik zur Religion, zum Paradies. Er suche das Ritualisierende in der Musik, das habe ihn am Leben erhalten.
Als Immigrantensohn aus der Arbeiterklasse stammend, sei es in seinem Heimatort Dielsdorf selbstverständlich gewesen, dass er nicht den akademischen Weg einschlug; er besuchte die Realschule und lernte danach Koch. Mit seinem Vater befand er sich in einem Dauerkrieg: Dieser verstand sein Wesen nicht und lehnte seine Leidenschaft für die Musik ab. Jeden Tag riss er die Band-Plakate in Francos Zimmer herunter, dieser hängte sie wieder auf. Als er das elterliche Haus verliess, rief ihm sein Vater ein «Fahr ab!» nach.
[Ich denke: Ablehnung und Aufstand. Die Verletzung geht tief, dringt ein ins Innerste. Sie lässt sich vielleicht besänftigen, aber kaum je heilen.]
Franco zieht in eine Wohngemeinschaft voller Gymnasiasten. Die Gespräche am gemeinsamen Tisch drehen sich um Proust, Nick Cave, Philosophen. Franco versteht kein Wort, er kann nicht folgen. Er sagt: «Ich wurde wütend.» Als er in einem Buchladen Schopenhauers «Aphorismen zur Lebensweisheit» entdeckt, spricht ihn der Titel an. Er kauft das Buch, beginnt darin zu lesen – und ist erschüttert. Er sagt: «Ich las Deutsch, doch für mich war es wie eine fremde Sprache.» Mit dem Rettungsring eines Fremdwörterbuchs stürzt er sich noch einmal in den Text. «Jede Zelle in mir schrie: Du musst das begreifen!» Dann endlich beginnt sich das Dickicht zu lichten, die Sätze fangen an, Sinn zu machen. Und er erkennt eines: dass er nicht alleine ist auf der Suche nach Wahrheiten. Daraufhin verschlingt er Schriften von allem, was er in die Finger bekommt: von Philosophen, Psychologen, Historikern, Satanisten. Am meisten spricht ihn Nietzsche an: «Also sprach Zarathustra». Manchmal steht Franco auf, während er spricht, als müsste er seinen Worten zusätzliche Standfestigkeit verleihen. Dann zitiert er Sätze aus dem Gelesenen und wirkt wie ein Prediger. Er sagt: «Ich sah, dass ich nicht so sehr ein Punk war, wie ich angenommen hatte.»
[Ich denke: Aussenseitertum und der daraus entstehende unbändige Wille – geboren aus Wut, eingeschrieben in den Körper und in den Geist. Er hätte auch in den Drogen versinken können. Der innere Kern, die eigene Kraft entscheidet über den Weg. Das ist Punk. Das ist Ehrlichkeit. Zu sich kommen und ein zweites Mal geboren werden.]
***
Wir treffen uns auf dem Friedhof, wo Martin Ain Stricker begraben liegt. Als ich ankomme, sitzt Franco wie ein Buddha mit untergeschlagenen Beinen auf einer Bank. Der 48-Jährige wirkt in sich ruhend, gelassen wartend – eine gedrungene, kräftige Gestalt. Er schaut mich durch halb geöffnete Augen an, nickt. Er sagt: «Martin verpasst den Frühling.» Er trägt ein schwarzes Stirntuch, ein schwarzes T-Shirt mit der weissen Band-Aufschrift Unsane und einem von einem Messer durchdrungenen Schädel, Cargo-Hosen mit militärischem Camouflage-Muster und schwere Schuhe – die Uniform eines Heavy-Metal-Manns, die aber nicht so recht zu seiner Arbeit in der chinesischen Medizin passen will. Als er mir später seinen von hellen Farben geprägten Arbeitsplatz zeigt, wirkt er weniger fehl am Platz, als ich auf dem Friedhof annehme. Er sagt: «Martin ist verglüht.» Feuer und Wasser würden die Achse des Lebens bilden; sie seien Leben und Tod; Feuer müsse durch Wasser gebunden werden. Er selbst sei auch ein Wasserwesen, doch auch er sei fast verbrannt. Francos lodernder Blick spricht Bände. Er sagt: «Nach taoistischer Medizin kann ein Herzinfarkt die Konsequenz davon sein, dass die betroffene Person zu sehr nach Aussen und zu wenig nach Innen orientiert war.» Unser Freund war am Herzen gestorben.
Franco liebt es, vorgefasste Meinungen auszuhebeln und Allgemeinplätze umzupflügen. Mit fast jedem Satz fordert er sein Gegenüber heraus, die Worte sind ebenso Einladung, ihm zu folgen, wie Wachposten, für die man die Losung kennen muss. In seinem Redefluss springt er wie über Steine von Wort zu Wort, prüft ihr Fundament und geht ihnen auf den Grund. Dabei wirft er mir kurze Seitenblicke zu, wie um zu sehen, ob ich ihm noch folge. Er sagt: «Worte formen deine Welt.» Seine Stimme wirkt wie ein Mantra, ein fliessender Sermon, der mich mit auf eine Reise nimmt, die an Absurditäten und Lachen vorbei auch durch verminte Felder führt, Horizonte und Weiten öffnet und in dunkle Gefilde eindringt. Manchmal möchte ich innehalten, um über das Gesagte nachzudenken, doch Franco reisst mich weiter, weiter, weiter, als müsste er sich bisweilen selbst vom Gesagten überzeugen. Er sagt: «Ich bin an esoterischen Prozessen interessiert.» Heute werde der Begriff tragischerweise mit «New Age» gleichgesetzt, doch esoterisch bedeute nichts anderes als «nach innen gerichtet». Franco schaut nach innen und sprudelt nach aussen wie eine nicht versiegende Quelle.
[Ich denke: Welches Wissen besitzt er? Welche Einblicke hat er durch sein Studium, seine Gedankenwelt gewonnen? Hält er den Schlüssel zum guten Leben in der Hand?]
Als ich Franco Sesa in den 1990er-Jahren kennenlerne, spielt er als Schlagzeuger in kleineren Bands. Mich beeindruckt schon damals sein kraftvolles, energetisches Spiel; seine physische Präsenz ist einzigartig im Umfeld der Schweizer Musiker. Er sagt: «Als ich bei Celtic Frost für ihre Reunion einstieg, ging für mich ein Traum in Erfüllung.» Es ist ein Leben auf grossen Bühnen – in Amerika, Mexiko, Japan, Europa. Anerkennung und Ekstase. Der Traum endet in einem Albtraum: Da er kaum je ein Blatt vor den Mund nimmt, legt er sich auch mit dem Bandleader an, provoziert und spricht Dinge aus, die nicht gehört werden wollen. Die Spannung steigt, das Ende wird fassbar. Doch nicht daran sei die Band 2008 zerbrochen. Franco sagt: «Wir hatten die Heiligkeit, die der Musik inne ist, ohne tiefere Einsicht und zu egoistischen Zwecken missbraucht. Wir hatten uns versündigt.» Die Musik sei zu einem Vehikel für die Eitelkeit geworden, die Demut ging verloren.
Das Ende von Celtic Frost schickt ihn auf eine Abwärtsspirale, er sieht sich auch zum Sündenbock gemacht. Das schmerzt. Er sagt: «Mit dem Ende von Celtic Frost hatte ich alles verloren.» Er beginnt in einer Heavy-Metal-Bar an der Zürcher Langstrasse zu arbeiten, lebt den Exzess in einer nicht endenden Aftershow-Party weiter. Er ist in Prügeleien verwickelt, er wütet und tobt – und trägt einen Krieg in sich selbst aus. Ein Unfall mit der einen Hand und eine Krankheit an der anderen verunmöglichen ihm das Schlagzeugspielen. «Das Feuer verzehrt dich», sagt ihm sein Physiotherapeut, er müsse die Balance finden. Stundenlang läuft Franco durch Zürich, sucht eine Befriedung für sein loderndes Wesen.
Wir stehen auf und gehen an Martins Grab. Franco packt ein paar Salbeikerzen aus, entzündet sie und schöpft wie Wasser ihren Rauch über sich. Er sagt: «Um die bösen Geister zu vertreiben.» Er wird ruhig. Wir verlassen den Friedhof. Auf dem Weg zum Proberaum kommen wir an seinem Arbeitsplatz, einem Zentrum für Traditionelle Chinesische Medizin, vorbei. Wir treten ein: an Jurten erinnernde Behandlungsräume, sanfte, helle Farben, eine besinnliche Stimmung. In den Jurten: Liegen mit weissen Tüchern, Kissen, Schalen, Utensilien. Buddhas, japanische Zeichnungen, chinesische Zeichen. Auch hier: Symbole, Sinnbilder, Andeutungen.
[Ich denke: Verglühen, sich auflösen, in Vergessenheit geraten und vergessen. Flucht. Auslöschung. Die Wohltat des Schmerzes, doch auch das reinigende Feuer. Dantes göttliche Komödie, das Inferno. Wie Phoenix aus der Asche steigen. Alchemie: Solve und Coagula.]
Er sagt: «Ich hatte einen Geistesblitz.» Schon früher sei er zu einem Akupunkteur gegangen, der für ihn wie ein Vaterersatz war. Franco erkennt, dass die Zukunft in der Suche nach inneren Wahrheiten liegt. Er beginnt, sich mit Shiatsu und Taoismus zu beschäftigen, liest Bücher, lernt über Tai-Chi und Qigong und taucht in eine neue Welt. Er sagt: «Ich erkannte, da steckt etwas für mich drin.» Er beginnt ein Studium, das ihn jedoch nicht befriedigt. In einem Akupunkteur findet er aber einen Mentor und in einer «Hardcore-Taoistin» eine Mentorin. Er, der sich verloren hatte und in Stücken lag, lässt sich von ihr weiter auseinandernehmen, zerteilen; er beginnt seine Reise ins Innere. Eine Akupunkturbehandlung trägt den Namen «die Erde umpflügen». Er lässt sich umgraben. Er sagt: «Die Meisterin hat mich geschliffen.» Sie zerpflückt sein Ego, schickt ihn in Krisen, schlägt über ihm die Schamanentrommel, bis er sich nicht mehr kennt und lehrt ihn Demut und Dankbarkeit dafür, sich selbst werden zu dürfen.
Er findet zu sich selbst, wird ein Heilender, ein Schamane. Er sagt: «Ein Schamane ist ein Verbindender.» Er bringe Himmel und Erde, Wasser und Feuer zusammen. Um den Schutzwall seiner Patienten aufzubrechen stösst er sie auch vor den Kopf und hält ihnen schonungslos einen Spiegel vor. Er sagt: «Ich will den Menschen helfen, dorthin zu gelangen, wo sie sich selbst sind und suche einen Weg, um ihr Zwangsverhalten zu überwinden.» Er wolle ihren Kern sehen, denn wir alle trügen Masken.
Am schlimmsten sei der aktuelle Hedonismus und Techno sei der perfekte Soundtrack zum Neoliberalismus, ein Laufsteg des Egoismus. Er sagt: «Zu viel Selbstzentriertheit führt in den Wahnsinn.» Und fügt an: «Soziale Medien können von einer Genesung abhalten.» Die Menschen suchten heute zu oft Abkürzungen zur Erkenntnis, das funktioniere aber nicht. Wenn er nahe steht, legt mir Franco beim Sprechen oft die Hand kurz auf den Unterarm oder stösst mit dem Handrücken gegen den Oberarm.
[Ich denke: Ist sein Redefluss auch ein Schutz? Seine Maske? Er ist Feuer und Flamme für die innere Gesundheit und macht Verbindungen, die nur wenige zustande bringen. Sein Wissen ist ebenso aufwühlend, wie es Vertrauen schafft.]
Manchmal fühle ich mich mit ihm auch unbehaglich. Er kann vom Hundertsten ins Tausendste kommen und seine Gedankengänge nehmen Wendungen, denen ich nicht mehr folgen kann. Er stellt Fragen, die die Grenzen zwischen Plausibilität und einem Gedankengut, das eigentlich meiner Intuition widerspricht, auflösen; Sesa führt in Gefilde, in denen Vermutungen und unüberprüfbare Antworten aufeinandertreffen und wo das Gemenge an Möglichkeiten undurchschaubar wird. Er sagt: «Ich lehne keine Idee von vornherein ab, auch wenn sie auf den ersten Blick unglaubwürdig erscheint.» Ich denke: Wie lässt sich das nicht Sichtbare erklären, die halbwahre Behauptung widerlegen, die Wahrheit überprüfen? Sehe ich Verborgenes nicht? Ich denke: Franco Sesa ist ein Schamane, der Menschen entzweit und heilt, aufwühlt und besänftigt und Hölle und Himmel zusammenbringt.
Dann lodern seine Augen und er lacht sein raues, ein wenig teuflisches Lachen.
Text und Fotos: Jan Graber, April 2018.