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Vorgestern begann in Paris, im Stade Roland Garros, das Grand-Slam-Turnier – das einzige der vier Anlässe der höchsten Kategorie, das auf Sand durchgeführt wird. Mittendrin Dominic Stricker aus Grosshöchstetten, der 2020 im Einzel und im Doppel die Junioren-Konkurrenz gewonnen hat.
Roger Federer im Jahr 2009 und Stan Wawrinka 2015 hoben die Siegestrophäe auf dem Court Philippe Chatrier in die Höhe – unangefochtener Rekordsieger ist der Spanier Rafael Nadal mit sage und schreibe 14 Titelgewinnen. So weit denkt Dominic Stricker, der Linkshänder aus der Gemeinde am Tor zum Emmental, noch nicht. Er will nach dem knapp missglückten ersten Anlauf im Vorjahr versuchen, die Porte, die Türe, an der Porte d’Auteuil aufzustossen und sich einen Platz im Hauptfeld der 128 Glücklichen zu ergattern.
Fussverletzung ausgeheilt
Eine Fussverletzung stoppte die Schweizer Hoffnung auf dem Weg für eine direkte Qualifikation im Haupttableau des Grossanlasses im 16. Pariser Distrikt. Nach dem Turniersieg am Challenger in Rovereto, wo er im Final den zuvor in Cherbourg erfolgreichen Italiener Giulio Zeppieri schlug, musste Stricker aufgrund einer Verletzung pausieren. «Eine Sehnenentzündung im Fuss behinderte mich, doch jetzt bin ich wieder schmerzfrei und fühle mich gut», so der Grosshöchstetter, der bei seinem Comeback in Prag seine Form gleich unter Beweis stellte und als erster Schweizer unter 21 Jahren bereits das fünfte Challenger-Turnier gewann. Auf dem Weg ins Endspiel, in dem er den Österreicher Sebastian Ofner bezwang, schlug er im Halbfinal auch den Serben Filip Krajinovic (ATP 79), einen ehemaligen Top-30-Spieler. Lohn waren
75 Punkte und ein erneutes Annähern an die Top 100, doch die für die Direktqualifikation in Paris notwendigen Siege fehlen letztlich wegen der verletzungsbedingten Spielpause halt doch.
Mit viel Selbstvertrauen
«Ich fühle mich auf Sand sehr wohl», sagte Dominic Stricker nach dem fünften Erfolg in einem Challenger-Turnier in Prag. «Ich reise voller Selbstvertrauen nach Paris und hoffe, dass ich es in diesem Jahr schaffe. Im letzten Sommer fehlte nur wenig.» Stricker hat seit seiner Juniorenzeit in vielen Bereichen grosse Fortschritte erzielt. Da ist einmal der Service zu erwähnen, wo Stricker als Linkshänder ohnehin einen leichten Vorteil besitzt. Auch in körperlicher Hinsicht ist der Berner stärker geworden, er ist schnell, konditionsstark und mit seinem offensiven, aggressiven Spiel für jeden Gegner unangenehm. Was vor allem im Spitzentennis wichtig ist, formuliert die derzeitige Nummer 3 der Schweiz wie folgt: «Auf diesem Niveau müssen einige Sachen zusammenspielen, um erfolgreich zu sein. Vieles entscheidet sich im Kopf und da ist es für mich wichtig, dass die Nervosität verflogen ist, wenn ich auf dem Platz stehe und das Spiel beginnt. Früher war ich jeweils noch etwas unruhiger, doch jetzt geniesse ich jeden Match, sobald der erste Punkt gespielt wird.»
Kindlmann neuer Trainer
Nach dreijähriger Zusammenarbeit mit Sven Swinnen hat Stricker seit Ende März einen neuen Coach. Der Deutsche Dieter Kindlmann, einst die Nummer 130 im ATP-Ranking, war bisher vor allem auf der WTA-Tour unterwegs und betreute Spielerinnen wie Maria Sharapova, Madison Keys, Anastasia Pvlyuchenkova und Catherine Bellis. «Auf und neben dem Platz klappt alles sehr gut, wir verstehen uns. Die Zusammenarbeit ist anders als mit Sven Swinnen, beide haben ihre eigenen Vorstellungen, doch für mich stimmt es», sagt Dominic Stricker, der nach wie vor, wenn er sich in der Schweiz aufhält, vorwiegend in Biel trainiert, im nationalen Leistungszentrum von Swiss Tennis.
Und dann kommt Wimbledon
Kindlmann und Stricker haben sich noch nicht endgültig festgelegt, wie das Tätigkeitsprogramm nach Paris aussehen wird. «Die Idee ist, dass ich noch zwei bis drei Turniere auf Rasen bestreiten werde, wo genau, haben wir bisher nicht bestimmt», so Stricker, dessen Fokus derzeit ganz klar auf Roland Garros liegt, wo er sich erstmals für ein Grand-Slam-Hauptfeld qualifizieren will. Gut möglich, dass Stricker in London, am ältesten Turnier der Welt, nicht mehr den mühsamen Weg über die Qualifikation gehen muss, sollte er an den Vorbereitungsturnieren auf seiner geliebten Unterlage Rasen die notwendigen ATP-Punkte ergattern und den Sprung unter die Top 100 schaffen.
Pierre Benoit
PERSÖNLICH
Dominic Stricker wurde am 16. August 2002 in Münsingen geboren. Er gewann 2020 im Einzel und Doppel das Junioren-Grand-Slam-Turnier von Roland Garros. 2021 verbesserte er sich in der Weltrangliste um 922 Ränge, derzeit belegt er im ATP-Ranking Platz 115. Bei den Next Gen ATP-Finals, wo die acht besten unter 21-Jährigen teilnehmen, erreichte er im November in Mailand den Halbfinal. Gewann bisher als erster Schweizer unter 21 Jahren fünf Challenger-Turniere.