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Anfangs März 1999 warteten wir in Nome (Alaska) auf den Sieger des Iditarod (Hundeschlittenrennen über mehr als 1'800 km von Anchorage nach Nome). Wir blickten über geschichtetes und hoch aufgetürmtes Eis nach Westen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Beringsee (bildet zugleich die Datumsgrenze) liegt Sibirien. Damals kam der Gedanke auf, irgendeinmal dorthin zu fahren und zwar auf die Halbinsel Kamchatka. Da befindet sich noch eines der letzten Wildnisgebiete unserer Erde, das erst 1991 für Reisende geöffnet wurde. Selbst für russische Staatsbürger war Kamchatka eine Sperrzone, die nur von Militärs betreten werden durfte. Nach einer fast zweijährigen Vorbereitungszeit starteten wir im Juni 2005. Wir hatten die Absicht, von der Schweiz aus ganz Europa und Asien bis zur Beringsee zu durchqueren. Als der Zar "Peter der Grosse" 1725 den Auftrag zur grossen nordischen Expedition erteilte, wurde Sibirien auch als der 8. Kontinent bezeichnet. Zwei Deutsche, Johann Georg Gmelin und Gerhard Friedrich Müller, wurden zu Pionieren der Sibirienforschung. Während sie bei uns vergessen sind, kennt sie in Russland jedes Kind. Was von uns ursprünglich als Reise geplant war, gleicht nun eher einer Expedition. Alles was wir bei der Abreise an Dokumenten in der Tasche hatten, waren Pass und ein Flugticket Zürich-Moskau-Zürich. Keine Vouchers, keine Fahrkarten, keine Reservationsbestätigungen für diverse Exkursionen etc., einfach Nichts.
Nach einem 3 ½ - stündigen Flug landen wir in der 12 Millionen-Stadt Moskau, die nach dem gleichnamigen Fluss benannt wurde. Moskau ist Europas grösste Stadt.
Aufgrund der relativ geringen Entfernung zum Westen, begreifen wir das - während der Zeit des "eisernen Vorhanges" - herrschende Gefühl des Unbehagens und Bedrohtseins der Europäer. Einreiseformalitäten und Gepäckkontrolle sind innert einer Viertelstunde erledigt. Überraschend schnell finden wir unsere Kontaktperson des staatlichen Reisebüros. Im Hotel passieren wir samt Gepäck die Sicherheitskontrolle (ähnlich wie auf Flughäfen). Gleich darauf werden uns die Pässe abgenommen, mit der Zusicherung, dass wir diese bei der Abreise zurückerhalten. Wie sich noch zeigen sollte, ist dies in ganz Russland üblich. Es ist ein komisches Gefühl, abends - quasi als Papierlose - die nähere Umgebung des Hotels zu erkunden. Moskau ist heute eine westliche Stadt in der man sich frei bewegen kann. Alles was das Herz begehrt, ist vorhanden; selbst extravagante Boutiquen von weltweit bekannten Labels (Uhren, Schmuck, Mode), gute Restaurants etc. fehlen nicht. Erstaunlich, wie viele exklusive Autos mit einem Wert von CHF 200'000 und mehr auf den Strassen unterwegs sind. In Moskau leben mehr als 60 Milliardäre und in der Hauptstadt sind 500 Rolls-Royce, 600 Maserati, 400 Ferrari und 2500 Bentleys zugelassen. Am folgenden Morgen erfolgt Teil 1 der Stadtbesichtigung und tags darauf Teil 2. Unsere Übersetzerin, Nataschka, führt uns am grössten Einkaufshaus GUM vorbei zum Wahrzeichen der Stadt, nämlich: dem Roten Platz (rot bedeutet in Russisch schön) mit der Basilius-Kirche, dem Lenin-Mausoleum und dem Kreml sowie an das Grab des unbekannten Soldaten. Ganz in der Nähe liegt auch der Vermessungspunkt "km 0", der für alle Distanzangaben im gesamten Lande gilt.
Zu den vielen anderen Sehenswürdigkeiten gehören ebenfalls einige Untergrundstationen, die auch als "Paläste unter der Erde" bezeichnet werden. Zu einer der Schönsten zählt die Station "Komsomolskaja", die mit ihrem barocken Erscheinungsbild an eine Kirche erinnert; Pfeiler mit hellem Marmor verkleidet, Rundbögen und mächtige Kronleuchter. Grosse Mosaikbilder, mit Stuck umrahmt, erzählen die Geschichte Russlands. Auch die Station "Ploschtschad Revoljuzij" am Roten Platz ist marmorverkleidet und mit fast lebensgrossen Skulpturen aus Bronze geschmückt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Aussage, dass die Metro als Sinnbild des Fortschrittes, mit ihren von Ikonen-ähnlichen Wand-/Deckenmalereien und Fresken geschmückten Stationen, die orthodoxen Kirchen ersetzen wollte. Gebaut wurde die Metro 1935 und gilt immer noch als die Schnellste der Welt (bis zu 120 kmh).
Nach zwei Tagen verlassen wir Moskau mit der transsibirischen Eisenbahn (Bauzeit 1891 – 1905) in Richtung Irkutsk. Beim Auschecken im Hotel erhalten wir die Pässe zurück, versehen mit dem Nachweis über die Dauer des Aufenthaltes. Ein Fahrer des staatlichen Reisebüros bringt uns zum Bahnhof Jaroslawski und händigt uns dort die Fahrscheine sowie die Platzreservierungskarten aus. Bis nach Irkutsk am Baikalsee sind es rund 5'153 km oder 3 1/2 Tage (dies entspricht etwas mehr als der Hälfte der Gesamtlänge). Weiter bis zum berühmten Endpunkt Wladiwostok sind es nochmals 4'135 km. Kein Russe käme wohl auf den Gedanken, freiwillig in einen Zug von Moskau nach Ostsibirien zu steigen, aber wir Westler schon.
Mit einem lauten Sirenenton setzt sich der Zug auf einer Spurweite von 1530 mm in Bewegung und tritt die Reise durch die russsche Steppe an. Von nun an werden wir jeden Tag eine Zeitzone durchqueren. Wir beziehen die beiden Deluxe-Abteile und richten uns ein. Die Schaffnerin bringt uns Bettlaken und Handtücher. Allerdings dürfen wir die Betten selber anziehen. Es ist etwas umständlich, die zusammengenähten Anzüge mit der kaum 60 cm grossen Rundöffnung über die Matratze zu zwängen.
Mit einer Grösse von mehr als 10 Mio. km2 ist Sibirien grösser als jedes andere Land der Erde. 7'000 km zieht es sich von Ost nach West, 3'500 km von Nord nach Süd. Das riesige Gebiet unterteilt sich in drei Vegetationszonen, nämlich: die arktische Kältewüste (im Norden), die Tundra (Steppengürtel in Zentralsibirien) und im Süden die Taiga (770 Millionen Hektar borealer Waldgürtel). Die Abholzungen in diesem Gebiet gefährden das Weltklima (die sibirischen Wälder sind doppelt so gross, wie der Dschungel des Amazonas). In Sibirien leben rund 40 Mio. Einwohner. Kaum sind wir ausserhalb von Moskau gilt als Zahlungsmittel nur noch der Rubel. Weder Dollars, Euros, Traveller’s Cheques oder Kreditkarten werden akzeptiert, auch im Speisewagen nicht. Also begnügen wir uns mit einfacheren Gerichten, wie die Nationalsuppe Borschtsch (Rote-Beete-Suppe) und kaufen an den Haltestellen bei den fliegenden Händler Würste, Brot und Früchte. Selbst beim rund 15-minütigen Halt in der heimlichen Hauptstadt Sibiriens, Novosibirsk, können wir am Bahnhof kein Geld wechseln.
Wir überqueren fast alle grossen Ströme, wie Wolga, Kama, Ob, Jenissei und die bergigen Ausläufer des Urals. Bei Kilometer 1'777 km (ab Moskau) liegt die Grenze zwischen Europa und Asien.
Draussen ziehen endlose Birken- und vereinzelt Tannenwälder vorbei, ab und zu mal kleine Bauerndörfer mit Holzhütten, ein paar Wiesen, Ställe, Sägewerke. Die Holzhäuser verfügen meist über kein Wasser und keinen Strom. In den weiten Ebenen leben Elch, Rentier, Luchs, Wolf und Braunbär. Wir stehen stundenlang im Gang und starren in die Natur. Wie weiter östlich wir kommen, desto öfters sieht man aufgegebene Kolchosen und unbearbeitete Felder, die allmählich wieder verbuschen. Leer stehende Industriekomplexe mit zerbrochenen Fensterscheiben, abbröckelnden Fassaden, beschädigtem Mauerwerk und undichten Dächern tauchen von Zeit zu Zeit gespensterhaft auf. Kräne, Maschinen, Rohrleitungen rosten vor sich hin. Uns fällt ein: im Jahre 2004 erreichte der Schrottpreis einen Höchststand. Hätte man hier all den Schrott eingesammelt und recycelt, wäre es nie zu einem Schrottengpass gekommen. Überall fehlt das Geld für den Unterhalt, viele Menschen sind ohne Arbeit. Doch selbst in den ärmsten Dörfern versuchen die Leute, aus dem bisschen was sie haben, noch etwas zu machen. Des öftern hören wir bei Diskussionen: „vor der Perestroika war alles besser, jeder hatte eine Arbeit und verdiente wenigstens etwas“.
Der Mongolenexpress hält an 22 Stationen und an grösseren Bahnhöfen hasten Babuschkas (Grossmütterchen) über die Gleise und erkaufen warme Kohlpastete, getrockneten Fisch, Würste, selbstgebackenes Konfekt und Brot, Obst und Wodka. Gut 5 Minuten vor jedem Halt werden die Durchgänge zu unserem Wagen, beide Abteile sowie die Toilette durch die Zugbegleiterin geschlossen. Nach dem Öffnen der Wagentür reinigt sie den Messinghandlauf und stellt einen Aussteigeschemel bereit. Jetzt dürfen wir den Bahnwagen verlassen, während die Dame die Eingangstüre bewacht. Der Transsib ist die Lebensader Sibiriens, quasi ein rollendes Depot für den Fernen Osten und weitab aller staatlichen Kontrolle. Im Zug mitfahrende Händler verhökern ihrerseits Schmuggelware sowie Bier und Wodka. Alles läuft nach dem Motto: anhalten – ausladen – kassieren. Damit verdienen sie ihren Lebensunterhalt. Nebst den Sprachproblemen - wir begegneten keiner Seele, die Englisch, Deutsch, Französisch oder Italienisch sprach -, hatten wir auch mit der kyrillischen Schrift zu kämpfen. In den frühen Morgenstunden der vierten Nacht nähert sich der Zug der Stadt Irkutsk (auch Paris des Ostens genannt mit 600’000 Einwohner), die zugleich die älteste Stadt Sibiriens ist. Die Region Irkutsk ist sehr reich an unterschiedlichen Naturressourcen, unter denen Holz- und hydroenergetische Ressourcen dominieren. Daneben gibt es Öl-, Gas-, Steinkohle-, Eisenerz-, Salz-, Gold-, Graphit- und Bauxitvorkommen, die durch Kombinate abgebaut werden. Die Stadt ist auch ein wichtiger Finanzplatz mit einer grossen Zahl von Banken und einer Börse, sowie ein Kultur- und Wirtschaftszentrum. In Irkutsk (wurde von den Kosaken gegründet) verlassen wir um 04.40 h den Zug. Trotz Dunkelheit finden wir problemlos unseren Fahrer, der uns zum Hotel bringt.
Nach dem Frühstück erwartet uns die junge Studentin Natalia. Eine 70 km lange Busfahrt führt uns zum Ort Listwjanka und bringt uns zur Hauptsehenswürdigkeit der Region, dem Baikalsee. Mitten in Sibirien, zwischen Steppe und Taiga, erstreckt sich dieser sichelförmig. Bei der eindrücklichen Bootsfahrt können wir uns davon überzeugen, dass der Baikal der See der Superlative ist: er ist mit 31'500 km2 Gesamtfläche der grösste, der tiefste (1'637 m), der älteste (mehr als 25 Mio. Jahre alt) und 637 km lang und bis zu 75 km breit. Etwas Magisches und Faszinierendes geht von diesem See aus. Der Baikal könnte den Trinkwasserbedarf der Weltbevölkerung für fünfzig Jahre decken. In der Bevölkerung gilt er als "heiliges Meer", "Brunnen des Planetes", "Perle Sibiriens" und das mit Recht. 365 Flüsse und Bäche strömen aus den umliegenden Bergen in den Baikal, doch gibt es nur einen einzigen Abfluss, die Angara an der Südspitze des Sees. Im Winter friert der See komplett zu. Das klare Wasser bietet eine Sicht bis zu 40 Meter Tiefe und hier lebt sogar eine Süsswasser-Robbenart. Viele endemische Pflanzen säumen sein Ufer. Trotz extremen Temperaturunterschieden im Jahresverlauf, ist die Natur wunderbar und die Landschaft einzigartig. Der Name Baikal kommt von den Burjaken und bedeutet „erhabenste Schöpfung der Natur“. Die Burjaken sind ein nordmongolisches Volk und leben östlich des Baikalsees. Leider nimmt dieser wunderschöne See bereits Schaden durch die Einleitung von Industriewasser einer grossen Papierfabrik. Aus Geldmangel dürfte auch die noch zu bauende Pipeline – trotz vielen Einsprachen – dem See entlang geführt werden. Auf Empfehlung unserer Übersetzerin werfen wir im Hafen eine Münze über den Rücken in den See. Dies soll uns Glück bringen und gemäss einer Legende, zugleich Burkhan (einer von vielen Baikal-Göttern) ehren. Mit der Besichtigung des Freiluftmuseums beschliessen wir den heutigen Nachmittag und nächtigen im Hotel mit schöner Sicht auf den Baikalsee.
Tags darauf fahren wir zurück nach Irkutsk. Natalia führt uns zu den interessantesten Sehenswürdigkeiten der Stadt, die noch viele Zeugnisse aus der Vergangenheit vorweisen kann. Auffallend ist denn auch der mongolische Einfluss, liegt doch die Mongolei nur rund 200 km südlich. Die Jakuten - ebenfalls ein mongolisches Volk - leben rund um die Stadt. Die Besichtigung einer Russisch Orthodoxen-Kirche mit pracht- und wertvollen Ikonen schliesst unseren Rundgang ab. Natalia bringt uns zum Hotel, das etwas ausserhalb der Stadt liegt. Auf uns alleine gestellt, wollen wir nachmittags mit der Strassenbahn ins Zentrum von Irkutsk fahren. Erste Schwierigkeit: in welche Richtung? - wie kommen wir zu einem Fahrschein? Wir versuchen uns zu informieren. Niemand versteht uns und die Angaben in kyrillischer Schrift helfen uns auch nicht weiter. Wir beraten uns und fahren zufälligerweise in die richtige Richtung. Auch hier stehen, die Fahrgäste möglichst nahe bei der Türe. Das Öffnen der Türe erfolgt mittels einer Kette, die vor schwarzem Fett strotzt. Diese ist nicht verschalt und hinterlässt deshalb bei den Unvorsichtigen ihre Spuren. Anschliessend unternehmen wir einen Streifzug durch die Innenstadt, von dem auch komische Situationen in Erinnerung bleiben. Nach langem Suchen finden wir endlich ein einheimisches Lokal. Wir steigen ein paar Stufen hinunter, drücken die Klinke und stehen direkt vor dem Tresen. Nach einer Runde Wodka, versuchen wir - mit Händen und Füssen, wild gestikulierend und eigenartige Laute ausstossend - das Essen zu bestellen. Und fast wie durch ein Wunder, serviert man uns nach einiger Zeit das, was jeder für sich ausgewählt hatte.
Am Flughafen erhalten wir die Flugtickets ausgehändigt. Ab Irkutsk erreichen wir nach einem 3 ½ - stündigen Tupolev-Flug die Hafenstadt Wladiwostok (eine der Endstationen des Transsibs). Von hier nach Japan sind es lediglich 500 km. Südlich und weiter westlich liegen China und Peking. Wir sind also weiter, als das Reich der Mitte reicht. Zwischen dem Strom Amur und Wladiwostok leben noch Leoparden, Kragenbären und die letzten Sibiischen Tiger. Wladiwostok ist 9'288 Kilometer und sieben Zeitzonen von Moskau entfernt. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass in der ganzen russischen Föderation im Zugfahrplan immer nur die Moskauer Zeit angegeben wird.
Nachdem die Tataren (Sibirien) das Mongolenreich von Tschingis Khan besiegten, zerfällt dieses. Die tatarischen Ureinwohner haben Sibirien diesen Namen gegeben, was schlafende Erde bedeutet. Die Tataren wurden ihrerseits später durch die Kosaken geschlagen, die innert 50 Jahren ganz Sibirien bis Kamchatka eroberten. Diese Völker, und später die Nachkommen von Verbannten, besiedelten langsam die 10 Mio. km2 umfassende, fast menschenleere unendliche Weite mit karger Steppenlandschaft östlich des Urals bis hin zu der Taiga (Waldgürtel) Sibiriens. Schon vor Jahrhunderten haben Einige erkannt, welch enormer Reichtum in diesem Land verborgen ist. Ende des 16. Jahrhunderts wurde Sibirien Verbannungsort; Massendeportationen setzten erst im19. Jahrhuindert ein: Erst traf es die Dekabristen, die Adeligen des gescheiterten Dezemberaufstandes von 1825, später Sozialrevolutionäre und Bolschewiki. Mehr als eine Million Verbrecher, politisch Missliebige und religiös Andersdenkende kamen 19. Jahrhundert nach Sibirien. 1900 zählte man 287'000 Verbannte zwischen Ural und Pazifik. Zur Zeit der grossen Säuberung (1937) wurden viele Frauen und Männer aus Willkür zur Zwangsarbeit nach Sibirien gebracht. 1947 waren es etwa vier bis sechs Millionen. Diese so genannten Gulag-Häftlinge (rund 600’000 befanden sich in Straflagern) brachten Sibirien weiter. Wie viele aus den Gulags zurückkehrten, wie viele umkamen, weiss niemand.
Weitere 3 ½ Stunden benötigt die Tupolev bis wir Kamchatka (370'000 Einwohner) erreichen und in der Hauptstadt Petropavlovsk landen. Beim Anflug über die Avacha-Bucht wurde uns das Fotografieren verboten. Die siebentägige Anreise hat sich gelohnt, wir haben vieles gesehen, einiges erlebt und viele unserer Vorstellungen revidieren müssen. Abgeholt werden wir durch Mitarbeiter der Kamchatka Travel Group (KTG). Im Hotel Avacha erwartet uns die Chefin Ekaterina von KTG. Sie spendiert uns einen Drink und kassiert gleich das Geld für die gebuchten Ausflüge. Übrigens ist vom Staat vorgeschrieben, dass jede Reisegruppe immer von einem Guide, einem Koch und einem Übersetzer begleitet sein muss.
Petropavlovsk liegt am Fusse des Hausvulkans „Avacha“ und ist eine zweigeteilte Stadt, nämlich; in einen zivilen und einen geheimen Teil mit dem Heimathafen der russischen Pazifik-U-Boot-Flotte. Die Stadt zählt heute noch 240'000 Einwohner und die restlichen 130'000 verteilen sich über ganz Kamchatka. Auch hier fehlt das Geld für den Unterhalt. Von den vielen gesprungenen oder fehlenden Fensterscheiben ist hie und da eine mit Plastikfolie abgedeckt. Allmählich - mangels Unterhalt - zerfallen die Holzhäuser und das gleiche Schicksal dürfte die Plattenbauten aus der Sowjetzeit ereilen.
Kamchatka ist ein Land aus Feuer und Eis und das nördliche Glied im Ring of fire (2'000 km Kuril-Kamchatka Island Arc). Rauchende Vulkane und dampfende Flüsse, Kraterseen mit kochender Schwefelsäure, Lachse, Bären und Riesenseeadler haben dieses abgelegene Gebiet berühmt gemacht. Die Region ist bis heute geologisch nicht zur Ruhe gekommen; gewaltige Kräfte aus dem Erdinneren formen das Land noch immer. Die Halbinsel ist rund 1'000 km lang und so gross wie Deutschland und Österreich zusammen. Über 200 Vulkane - 29 davon sind noch aktiv - erstrecken sich als mächtige Gebirgskette von Nord nach Süd. Fast ein Jahrhundert lang war die Region militärisches Sperrgebiet; die grandiose Natur blieb daher fast unberührt. Nebst einem grandiosen Fischreichtum ist die Halbinsel auch für ihre Braunbär-Population bekannt.
Im südlichen Teil leben über 10'000 Grizzlies (es gibt keine Schwarzbären) und stellen somit weltweit den grössten Braunbärenbestand dar. Die Grizzlies (Ursus arctos beringianus) werden auf Kamtchatka bis zu 800 Kilo schwer. Dies ist weiters nicht erstaunlich, denn es drängen ebenfalls weltweit die stärksten und grössten Lachsbestände von der Bering- via Okhotsksee kommend, stromaufwärts in die Flüsse und Seen. Die Millionen von Lachsen bilden somit einen wichtigen Nahrungsteil für die Bären. Russische und amerikanische Wissenschaftler arbeiten eng zusammen, um die (noch) riesigen Lachsbestände zu erhalten.
Die Vorfahren der modernen Itelmenen (verwandt mit den amerikanischen Tlingit-Indianern), Eskimos, Korjaken, Tschuktschen, Aleuts kamen vor rund 10'000 Jahren nach Kamchatka, um zu fischen und jagen. Die Ewenken sind erst seit 150 Jahren ansässig. Heute sind nur noch kleine Minderheiten dieser Volksstämme übrig geblieben.
Unser Aufenthalt in Kamchatka unterteilte sich in 9 Tage Sightseeing und in der letzten Woche wollten wir Königslachse (Tschawytscha) angeln.
Mit 11 verschiedenen Salmonidenarten ist Kamchatka das Mass aller Dinge in Sachen Biodiversität und ein Traumziel für viele Lachs- und Forellenangler. Nebst den fünf bekannten Pazifik-Lachsarten (König-, Silber-, Rot-, Hunds- und Buckellachs) steigt in Asien und nur in Asien, zusätzlich noch der Kirschlachs (engl. cherry salmon, lat. oncorhynchus masou, rus. Sima) ein.
Diese Art ist kleiner als der Hundslachs, nimmt aber eine ähnliche Laichfärbung an. Die Mikischa (Urform der Regenbogenforelle - ihre genetische Identität ist hier seit Jahrtausenden unverändert) und ihre meerverwandte Schwester (Steelhead), die arktische Äsche, der pazifische Saibling (Dolly Varden) sowie der ostsibirische Saibling (Kundja) vervollständigen die Palette.
Zwei Tage später stossen wir mit dem Off-Roader in das Innere der Halbinsel vor. Die Schotterpiste führt uns während mehr als 10 Stunden gut 520 km weit nach Esso. Hier leben noch Ewenken, Nachkommen der Ureinwohner. In diesem Dorf gibt es kein kaltes Wasser. Heisse Quellen versorgen selbst die Spülung der Toiletten. Esso dient uns als Ausgangspunkt, um morgen zu den Rentierhirten (Nomaden mongolischer Abstammung) zu gelangen. Gut eine halbe Stunde benötigt der russische MI8-Hubschrauber aus dem Jahr 1968 um auf Touren zu kommen. Wir steigen ein und setzen uns. Nach ein paar russischen Sätzen (vermutlich Begrüssung oder Sicherheitshinweise) heben wir ab. Vier Mann sind für die Bedienung des MI8 (Pilot, Ingenieur, Mechaniker und Navigator) erforderlich. 4'500 l Treibstoff werden für eine Flugdauer von 5 Stunden benötigt. Auf rund 10 m Höhe fliegt der Hubschrauber rückwärts und bleibt am Pistenende ein paar Minuten in dieser Position. Vergeblich suchen wir die Sicherheitsgurten. Wir klammern uns mit den Händen an den Bänken fest und versuchen mit den Füssen irgendwo Halt zu finden. Vermutlich ist jetzt die richtige Drehzahl erreicht. Auf jeden Fall gewinnen wir an Höhe und es geht vorwärts zu einer abgelegenen Hochebene, die sonst nur zu Fuss in mehreren Tagesmärschen zu erreichen ist. Beim Heranbrettern des Helikopters stiebt die Herde von 1'500 Rentieren in alle Himmelsrichtungen auseinander. Es dauerte Stunden bis die drei Hirten die Tiere wieder zusammengetrieben haben. Übrigens sind Rentiere die einzigen Hirsche bei denen auch die Weibchen ein, wenn auch kleineres, Geweih tragen. Zwischenzeitlich bittet uns die Frau des Herdenbesitzers in die Jurte (mongolisches Rundzelt). Die mongolische Abstammung der gesamten Familie und deren Helfer sind unverkennbar. Über einem kleinen Feuer in der Mitte des Rundzeltes hängt ein Kochkessel. Darin brodelt Rentierfleisch. Wir werden aufgefordert am Boden Platz zu nehmen. Die Clan-Angehörigen sind neugierig: sie wollen wissen, woher wir kommen, ob wir Kinder oder Grosskinder haben und wie das Leben in dem Land ist, wo wir herkommen. Während jeder einen Napf von dem Eintopfgericht erhält, beantworten wir die Fragen. Unsere Übersetzerin, Natascha, gibt die Antworten weiter. Ob richtig oder falsch kann keiner beurteilen. Die Nomaden verstehen nur halbwegs russisch, antworten aber in ihrer Sprache. Die Übersetzerin beherrscht diese auch nicht gänzlich. Was sie meint verstanden zu haben, erklärt sie uns in einem nicht ganz einwandfreien Englisch. Später als die Herde wieder vereint ist, warten wir bis sich die im Kreise bewegenden Rene ganz beruhigt haben. Der Herdenbesitzer hat ein Männchen ausgewählt und fängt dieses mit dem Lasso. Alsdann packt ein Helfer das Geweih, verwendet die Hebeltechnik und zwingt das Tier zu Boden. Der andere Helfer eilt herbei und hebt die beiden Hinterbeine hoch. Mit einem gekonnten Schnitt ist das Männchen kastriert, steht sofort auf und fügt sich wieder in der Herde ein. Wir sehen keinen einzigen Tropfen Blut. Behände bringt ein kleiner Junge die Hoden weg. Der Chef erklärt: kastrierte Männchen werden in der Folge grösser als ihre Artgenossen und dienen dann als Arbeitstiere. Zudem ist die Kastration für die gesamte Herde von Nutzen, da jedes Männchen bis zu 25 Weibchen zu betreuen hat. In den nächsten Tagen soll die Hochzeit des Sohnes stattfinden. Daher müssen für die Festivitäten zwei Tiere getötet werden. Etwas später geben wir dankend den uns dargebotenen Napf mit frischem Blut und den "mongolischen Nierchen" zurück. Bereits am Anfang ist uns ein spezielles Geräusch der Rentiere, ähnlich wie Hüsteln, aufgefallen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass eine lebendgebärende Fliege (Rachendasseln) während des Fluges bis zu 500 Junglarven in die Nasenhöhlen und Rachen der Rene spritzt. Die in der Rachenhöhle parasitierenden Larven des zweiten und dritten Stadiums (2,5 - 4 cm lang) werden dann verpuppungsreif ausgehustet. Sie bohren sich in den Boden ein. Nach drei bis sechs Wochen schlüpfen die erwachsenen Fliegen. Diese sind unmittelbar nach dem Schlupf geschlechtsreit und der Kreislauf beginnt von Neuem.
Zurück in Esso gönnen wir uns bei strömendem Regen im 40 Grad warmen Wasser des Naturbeckens ein wohltuendes Bad. Was für ein herrliches Gefühl: der Körper ist im dampfenden Wasser eingetaucht und kalte Regentropfen prasseln auf den Kopf.
Tags darauf besichtigen wir das "Völkerkunde-Museum" in Esso. Wer Lust hat, kann sich die traditionelle Kleidung der Ewenken überziehen und tanzen. Bei einem kleinen Streifzug durch das Dorf, versuchen andere mittels Gebärdensprache Grizzly-Klauen zu kaufen, was auch gelingt. Was hingegen nicht gelingt, ist Gold zu kaufen, obwohl in Kamchatka ebenfalls Gold gefördert wird und auch Nuggets gefunden werden. Der ganze Fund geht an den Staat. In Alaska sind Nuggets käuflich erwerblich, dafür gibt es keine Grizzly-Krallen im Angebot. Nachmittags organisieren die Ewenken uns zu Ehren eine Tanzveranstaltung mit einheimischer Folklore in Anavgai.
Heute sind die Wetterbedingungen nicht schlecht, um mit dem Hubschrauber zum Tal der Geysire zu fliegen. Der Flug wird im Halbstundentakt verschoben, da die zu überfliegenden Bergen noch immer in Wolken gehüllt sind. Kurz vor Mittag heben wir ab. Diesmal sind sogar Sicherheitsgurten und Bordmikrofone vorhanden. Vor mir sitzt ein russischer Soldat im Tarnanzug und glänzenden Stiefeln. Seine Hände umklammern die Kalaschnikow. Der Helikopter setzt millimetergenau mitten im roten Punkt der Plattform auf. Draussen warten ein Militärangehöriger mit gesicherter Waffe und ein weiblicher Guide. Jetzt ist uns auch klar, weshalb wir ohne unseren Wachhund (wie wir mittlerweile liebevoll unsere Natascha nennen) fliegen durften. Mit einem komischen Gefühl steigen wir aus. Wir werden zum "Besucherzentrum" begleitet. Bei einer Tasse Tee erhalten wir Kurzinformationen über den Nationalpark. Das Tal gilt als weltweit einzigartig und gehört zum Weltkulturerbe. Es wurde erst 1941 entdeckt. Das 6 km lange Tal weist etwa 90 Geysire und viele heisse Quellen auf, vor allem auf der linken Uferseite des Flusses Geisernaja. Danach werden wir gebeten, eine Formation zu bilden. Kopf und Ende der Kolonne bilden die beiden Militärs und dazwischen sind ein russisches Ehepaar auf Hochzeitsreise und wir vier Schweizer. Die bewaffnete Begleitung ist für unsere Sicherheit verantwortlich, da Bären gerne an diesen Ort kommen und von den idealen Bedingungen (üppiges, grünes Gras, angenehme Temperaturen) profitieren. In der Tat sehen wir in sicherer Entfernung ein paar Bären. Auf Holzstegen werden wir durch das Tal geführt, wo über 20 heisse Quellen brodeln. Wasser, das in Erdspalten eindringt, wird durch aufsteigendes Magma erwärmt und kocht empor. Aus mehreren Geysiren schiessen alle paar Minuten heisse Wasserfontänen bis in 30 Meter Höhe. Die Eruptionen sind in Dampfschwaden eingehüllt. Diese steigen teilweise mehr als 200 Meter hoch und fallen, als leichter „Nieselregen“, auf uns nieder. Während wir auf einen neuen Ausbruch warten, öffnet das russisch Ehepaar eine Flasche Champagner und lädt uns zum Mittrinken ein. Nastrovje! Übrigens gibt es weltweit nur vier Orte, wo Geysire vorkommen: Island, Yellowstone-Park (USA), Neuseeland und Kamchatka.
Ein weiteres Highlight steht heute auf dem Programm. Ziel ist die Besteigung des Vulkans "Camel". Wladimir startet seinen Minibus, der später gegen Saschas altes, aber umgebautes, Geländefahrzeug eingetauscht wird. Der russische Fahrer lenkt das Gefährt schaukelnd und wippend ein ausgetrocknetes Bachbett hoch. Die absolut halsbrecherische Fahrt, welche uns jeden Knochen zu brechen droht, findet erst ihr Ende, als uns riesige Schneefeldern stoppen. An den Pneus wird etwas Luft abgelassen und weiter geht's, bis wir stecken bleiben. Mit alten russischen Snowmobils, noch mit Ketten angetrieben, erreichen wir eine Art Basislager unterhalb des Vulkankegels. Wir verpflegen uns. Alsdann beginnt der Anstieg. Dann liegen nur noch rund 200 Höhenmeter vor uns. Wir nehmen die letzte Etappe in Angriff. Der Vulkanhang besteht aus verwittertem Basalt. Es ist eine schweisstreibende Angelegenheit in Geröll und verkrusteter Asche vorwärts zu kommen. Der Kegel ist steil und die Schuhe finden keinen richtigen Halt. Alles nach dem Motto: 3 Schritte hoch und gleich deren Zwei zurück.
In der letzten Woche wollen wir den Königslachsen im Fluss Bolshaya mit seinen Zuflüssen Plotnikova, Ushatina, Danilina, Karymchina, Shikova, Bannaya und Bystraya nachstellen. Laut russischen Quellen sollen Königslachse bis zu 60 kg schwer werden. Nach der mehrstündigen und abenteuerlichen Anfahrt mit dem Geländewagen durch bis zu zwanzig Meter lange und 60 cm tiefe Wasserstellen, erreichen wir endlich den Fluss. Wir warten bei strömendem Regen auf das Eintreffen des Bootes und erwerben an der Kontrollstelle unsere Fischereibewilligung. Endlich trifft das Boot ein; eine Art Weidling, frisch mit hellgrüner Farbe gestrichen. Letzteres wurde erst bemerkt, nachdem die Regenbekleidung eine typisch hellgrün gestreifte Musterung annahm. Wir machen Bekanntschaft mit Jewgenij, dem Organisator. Dieser orientiert uns, dass er flussaufwärts bereits ein Camp errichtet hat und stellt uns den Campchef Adrian vor. Zwei typische Russen: Jewgenij, gross und stark wie ein Bär, hätte in jedem James Bond-Film als Bösewicht mitwirken können. Adrians vom Wetter gegerbtes Gesicht, mit buschigen Brauen und funkelnden, braunen Augen, lässt Schläue und Schlitzohrigkeit erkennen. Igor, der Dritte im Bunde, ist ein drahtiger Kerl und dürfte flink wie ein Wiesel sein. Der Weidling wird vollgepackt mit den Ausrüstungsgegenständen, den Lebensmitteln und Tranksamen, die wir für den siebentägigen Wildnisaufenthalt benötigen. Dann werden zwei von uns, zusammen mit Natascha, aufgefordert in einem Kleinboot Platz zu nehmen. Nur drei Zentimeter hindern das Wasser ins Boot einzudringen. Die restlichen Beiden setzen sich ins Schlauchboot (geeignet für max. drei Personen), das von Igor gefahren wird. Der Weidling kommt im reissenden Wasser kaum vorwärts und demzufolge müssen die Lasten nach wenigen Minuten neu verteilt werden. So bekommt das Schlauchboot einen weiteren Beifahrer. Igor kurvt auf dem gigantischen Flusssystem umher, versucht vergeblich das Camp zu finden. Nachdem wir auf unserer Irrfahrt zum dritten Mal eine heikle Stelle mit gefährlich tückischen Wasserwirbeln queren, entscheidet er sich für irgend einen Nebenarm. Überall gibt es Inseln und jeder Seitenarm gleicht dem Nächsten. Nach jeder Kurve sieht die Flusslandschaft genau so aus wie die Vorhergehende. Alles ähnelt sich, keinerlei Orientierungspunkte sind erkennbar. Niemand weiss, wo wir sind und das Mobiltelefon zeigt kein Empfangssignal. Plötzlich sehen wir ein kleines Camp (vermutlich Wilderer), die in der Abgelegenheit ihrem Metier nachgehen. Dies bedeutet nichts anderes, als vom illegal gefangenen Lachs den Rogen (Kaviar) zu behändigen und diesen auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Die Fischwilderei ist hier ein ernsthaftes Problem, versucht doch die verarmte Bevölkerung mit dem Verkauf von Lachskaviar zusätzliches Geld zu verdienen. Die Wilderer behandeln uns sehr nett, bitten uns in den behelfsmässig erstellten Unterstand. Sie offerieren uns heissen Kaffee und Tee, reichen geräucherte Lachsstreifen und Kaviar. Igor versucht von ihnen in Erfahrung zu bringen, wo sich denn unser Camp befinden könnte. Sie wussten es zum Glück. So erreichten wir mit viel Verspätung, durchfroren und -nässt unsere kleine Zeltstadt. Olga, die Köchin und Ehefrau von Jewgenij, versorgt uns sogleich mit warmen Getränken und serviert eine Zwischenverpflegung. Alsdann werden unsere Vorgänger, eine sechsköpfige Gruppe aus St. Petersburg, verabschiedet. Ihre Tagesbeute an frisch gefangenem Königslachs wird zusammen mit dem Gepäck verladen und weg sind sie. Wir richten uns ein, legen die Zeltmatten und die Schlafsäcke aus und sehen erwartungsvoll dem nächsten Tag entgegen.
Nach einem deftigen Frühstück informieren uns Jewgenij und Adrian über die Organisation des Camps und die geltenden Gepflogenheiten. Da während der Nacht weitere Schauer niedergegangen sind, mussten zuerst die Zeltmatten getrocknet und das sich in den Mulden gesammelte Wasser beseitigt werden. Im Laufe des Vormittages unternehmen wir die erste Erkundungsfahrt. Wir suchen nach geeigneten Angelplätzen und finden keine Stelle, wo wir - direkt im Bachbett stehend - hätten angeln können. Die Schlauchboote selbst sind für 2 Fischer und Bootsführer zum Fischen viel zu eng. An den seichten Stellen ragen nur noch Zweige und Astwerk aus dem Wasser. Das Ufer ist mit hohen Büschen und Bäumen bewachsen. Schon bei der Ankunft stellten wir fest, dass der Wasserpegel aufgrund der Schneeschmelze relativ hoch steht (Ende Februar dieses Jahres lagen in Petropawlowsk immer noch 6 Meter Schnee). Im Laufe des Nachmittages können wir bei zaghaftem Sonnenschein in einem Nebenarm von der Böschung aus fischen. Es brauchte einiges an Überredungskunst, um von Jewgenij etwas Lachseier zu erbetteln. "Damit hat hier noch niemand einen Fisch gefangen!", polterte er. Wir wussten ja, die Russen essen den Kaviar lieber selber. Eine Flasche Wodka hilft seine Stimmung wieder zu verbessern. Da nach rund zwei Stunden angeln, keiner einen Biss verspürte, hören wir auf und warten auf das Boot. Aus lauter Langeweile gehen wir der Böschung entlang. Nach ein paar hundert Schritten steigt uns ein widerlicher Gestank in die Nase. Wir stossen auf einen stattlichen Haufen verwesender Lachse. Alles Weibchen mit aufgeschlitzten Bäuchen. Wir wissen sofort Bescheid:
- Erstens waren da Profis an der Arbeit. Vor ein paar Tagen dürften Wilderer den Rogen mitgenommen und den Rest liegen gelassen haben. Nebst dem Fischfrevel durch Einzelpersonen, dringen auch organisierte Banden mit Geländefahrzeugen und Helikoptern in die Wildnis vor. Ganze Flüsse werden mit Netzen abgesperrt, um tonnenweise Lachskaviar nach Moskau und ins Ausland zu verkaufen.
- Zweitens ist im weiteren Umkreis, und dies zu unserer Beruhigung, mit keinen Bären zu rechnen, denn diese hätten sich dem Fischhaufen bereits angenommen.
Endlich trifft das Boot ein bringt uns ins Camp. Kaum ist die russische Sauna (da gibt es noch Schläge mit Zweigen) beendet, setzt ein Dauerregen ein. Der Wasserstand steigt und steigt. Wir versehen einen Zweig mit einer Skala und stecken diesen in die Böschung. Damit kontrollieren wir, um wie viel der Pegel nach einer Stunde angestiegen ist. Jewgenij ist zufrieden und grinst uns triumphierend an, hat er doch mit dem Spinner zwei mittlere Lachse gefangen. Teile davon: Kopf, Rückgrat, alle Flossen, Innereien und sogar die Gonaden werden uns am Abend als Ucha (russische Fischsuppe) serviert. Dies trifft nicht unbedingt unseren Geschmack. Dennoch bemühen wir uns, anstandshalber ein paar Löffel zu versuchen. Der zeitliche Abstand von Löffel zu Löffel wird länger und länger. Unserer Aufmerksamkeit entgeht nicht, dass Adrian schon länger ungeduldig um den Tisch tigert und immer in unsere Teller schielt. In stillem Eiverständnis kapitulieren wir und legen die Löffel hin. Zum Verdauen wäre jetzt ein Schluck Wodka bestimmt angebracht. Wir holen eine Flasche aus unserem Vorrat von ursprünglich 6 Flaschen. Keiner wusste, dass dieses Getränk aus vollgefüllten Wassergläser und wie Wasser getrunken wird.
Hinter den Zelten knackt es. Offenbar verspeist Adrian gerade die Fischköpfe. Wir holen eine weitere Flasche, die nach einer Viertelstunde ebenfalls ausgetrocknet ist. Am anderen Tag ist der Zweig untergetaucht. Wir sehen, wie der Fluss über das Ufer tritt. Wie ein Schwamm hat sich unsere Insel mit Wasser vollgesogen. Setzt man den Fuss auf eine vermeintlich feste Unterlage, gurgelt es und Wasser quillt hoch. Wir graben Ablaufkanäle, um wenigstens die Küche und die Zelte vom eindringenden Wasser freizuhalten. Es nützt nichts. Durch den ununterbrochenen Regen steigt das Wasser weiter und flutet schlussendlich unsere Zelte samt der Küche. Die Luftmatratzen schwimmen. Keiner hat noch etwas Trockenes anzuziehen. Also entscheiden wir am dritten Tag den Sumpf zu verlassen und geben damit das Camp auf. Die tagelang andauernden Regengüsse liessen sämtliche Flüsse über die Ufer treten. Angeln in einer braunen Brühe zwischen Büschen und Bäumen konnte man definitiv vergessen. Zudem dürfte es bestimmt mehr als eine Woche dauern, bis sich die Verhältnisse wieder halbwegs normalisiert haben. Jewgenij macht kein Geheimnis daraus, dass er uns für Weicheier hält. Als wir ihm mitteilten, dass er keinerlei finanziellen Einbussen zu befürchten habe, fügte er sich seinem Schicksal. Doch Olga ist dankbar. Sie ist so stark erkältet und ihr Hals derart angeschwollen, dass ihr Kopf direkt auf den Schultern zu ruhen scheint.
So kam es, dass wir ungewollt die restliche Zeit in Petropavlovsk absitzen mussten. Im Nu verwandelten sich unsere Hotelzimmer in Trocknungsräume. Überall hängen unsere feuchten Klamotten, womit der letzte Charme der Zimmer flöten geht. Etwas gewöhnungsbedürftig ist für westliche Gäste das Gefühl, dauernd überwacht zu werden. Egal ob man den Aufzug oder die Treppe benutzt, jeder muss unweigerlich an einem "Kontrollposten" vorbei, der rund um die Uhr besetzt ist. Vom Posten aus gibt es direkte Sicht in die rechte Gangseite. Damit auch die linke Seite einsehbar wird, ist an der gegenüberliegenden Wand ein mehr als mannshocher Spiegel angebracht. Jede Bewegung der Gäste wird fein säuberlich in einem grossen Buch mit Zeitangabe und Zimmernummer festgehalten. Ist dies ein Überbleibsel der Sowjetzeit?
Wie vorher vereinbart, treffen wir uns am späteren Nachmittag in der Bar, die zum Hotel gehört, aber ein paar Stufen unterhalb der Lobby liegt. Beim Bezahlen kommt die erste Überraschung. Anschreiben auf das Zimmer geht nicht, Kreditkarten oder Traveller's Cheques werden - im Gegensatz zum Hotel - nicht angenommen. Nur Rubel werden akzeptiert. Wir erklären, dass der Change-Schalter im Hotel momentan geschlossen ist. Das interessiert nicht! Einen Stock tiefer befindet sich das Casino, das ebenfalls zum Hotel gehört. Da kann immer gewechselt werden, informiert man uns. Gesagt, getan. Allerdings ist der Kurs noch schlechter als im Hotel. Uns war bekannt, dass der offizielle Wechselkurs des Dollars eh unter seinem Wert liegt. Abends beschliessen wir dem Casino einen Besuch abzustatten. Wir legen einen 100 US-Dollarschein hin und möchten dafür 10 Jetons à 10 US-$. Geht nicht! Wir können die Jetons im Nennwert von 100 US-$ nur gegen Rubel kaufen. Wir gehen wieder nach oben und wechseln am Hotelschalter 100 US-Dollar in Rubel. Mit den erhaltenen Rubeln kehren wir zurück ins Casino und möchten diese nunmehr in Jetons im Nennwert von 100 US-$ tauschen. Geht nicht! "Aha - und warum bitte?". Zu wenig! Nach einer rund 10-prozentigen Nachzahlung in Rubel sind wir endlich stolze Besitzer von 10 Jetons à 10 US-$. Clever, die Russen. Merke: wie tiefer die Lage der Wechselstuben, desto ungünstiger der Kurs.
Wir beabsichtigen, während zwei Tagen, die ganze Stadt und die nähere Umgebung zu Fuss zu erkunden. Zuerst besuchen wir den Markt. Das Angebot ist unspektakulär. Billigkleider aus China, etwas Obst und Gemüse. Doch bei den Fischständen staunen wir. Da liegen sie, die Königslachse. Filets bis 5 cm dick, mittig halbiert immer noch gut 50 cm lang und mehr als 30 cm breit. Diese sind offenbar mit den Netzen gefangen worden. Ihre Farbe ist rotbraun und glänzt, als ob sie lackiert worden sind. Es dürfte sich dabei um irgendein Konservierungsmittel handeln. Weitere Streifzüge folgen quer durch die Stadt. Augenfällig ist auch hier – wie übrigens in anderen Städten – die grosse Anzahl hübscher Frauen. Modern gekleidet stolzieren sie auf High Heels über kaputte Strassen und aufgebrochene Gehsteige. Wasserlachen umhüpfend verschwinden sie lachend in irgend einem Haus, das keiner von uns hätte bewohnen wollen. Wir begegnen praktisch keinen alten Leuten und die Jungen scheinen keine Perspektive zu haben. Fast jeden Abend ist im Festsaal des Hotels ein Gelage der Studienabgänge, die bis in den frühen Morgen feiern. Vermutlich dürften diese später in Gegenden abwandern, wo Arbeitsplätze vorhanden sind.
Wir sehen im Hafen richtige "Seelenverkäufer", also verrostete Kähne, die immer noch zum Hochseefischen auslaufen. Wer da anheuert, benötigt ein Heer von Schutzengeln. Für eine Truppenübung werden Panzer verladen. In der Nähe zum Hafen promenieren schlanke, schlaksige Matrosen in Ausgangsuniform mit ihren Herzdamen. Die Körpergrösse der Marineangehörigen scheint den engen Verhältnissen im U-Boot angepasst zu sein. Langsam sind wir hungrig und finden Platz in einem Restaurant, das einheimische Spezialitäten anbietet. Genau das Richtige. Auf der Speisekarte werden die verschiedenen Gerichte sogar in einem mangelhaften Englisch erklärt. Zu Zweit entscheiden wir uns für "piglets", umsomehr dies als weltweit das Beste angepriesen wird. Wir vermuten, dass es sich dabei um Schweinefleisch, vielleicht "Wädli" (Eisbein), eventuell Zimmerli (Schweinsplätzchen vom Stotzen) oder sogar Spanferkel handeln könnte. Weit gefehlt, wir erhalten einen riesigen Schweinsfuss, der nur aus Fett besteht. Das Gleiche haben Russen am Nebentisch bestellt. Sie schmatzen und spülen das Ding mit jeder Menge Wodka weg. Zurück im Hotel erhalten wir die Mitteilung von KTG , dass wir morgen um 10.00h abgeholt werden. Mittlerweile sind unsere Kleider auch wieder trocken. Wir sind froh, endlich den mehrstündigen Bootstrip rund um die Avacha Bay in Angriff nehmen zu können. Die natürliche Bucht – 25 km lang und rund 15 km breit – ist vollkommen geschützt (tsunamisicher). Wir erkennen kurz vor der Hafenausfahrt die auf den Bergflanken angebrachten militärischen Befestigungs- und automatisch funktionierenden Überwachungsanlagen. Diese sind von der Einfahrtseite her nicht auszumachen. Auch unter Wasser ist die Einfahrt durch Fangnetze und Torpedos gesichert. Ironischerweise hat sich kurz nach unserer Abreise ein russisches U-Boot darin verfangen. An der relativ schmalen Einfahrt von 4 km Breite wenden wir bei „den drei Brüdern“ (3 grosse Felsen). Plötzlich steuert der Kapitän unerwartet das Ufer an und befiehlt uns - was nicht vorgesehen war - zu fischen. Was ist geschehen? 20 Minuten später nimmt man uns das Angelzubehör brüsk aus den Händen. Auf der Rückfahrt zum Quai werden wir aufgeklärt: „Immer wenn die U-Boot-Flotte ausläuft, müssen alle übrigen Schiffe ans Ufer der Bucht!“ Deutlich ist auf der gekräuselten Wasserfläche die Spur der U-Boote zu erkennen. Zum Abschied werden wir von Ekaterina und ihren Mitarbeitern (KTG) zum Abendessen eingeladen. Bei dieser Gelegenheit erhalten wir in bar Geld zurück, das aus verschieden Gründen, bei unseren Ausflügen eingespart werden konnte. Wir bedanken uns für die tolle Geste. Auch so etwas gibt es!
Der Rückflug mit einer Boeing 767 von Kamchatka nach Moskau dauerte 9 ½ h. Die schier endlose Weite Sibiriens lässt sich nicht erklären. Selbst wenn man darüber fliegt, hat man den Eindruck, dass sie nie aufhört. Im Vergleich: Georg Wilhelm Steller erforschte im Auftrag des Zaren auch die Natur von Kamchatka und brach im Dezember 1737 aus St. Petersburg auf. Für die knapp 10.000 km lange Reise benötigte er mehr als zweieinhalb Jahre.
Randbemerkungen:
- In jeder Unterkunft, ob Hotel oder B&B mussten wir unsere Pässe aushändigen und uns innert 24 Stunden registrieren lassen. Diese Papiere wurden in den Pass gelegt und anlässlich der Ausreise kontrolliert und entfernt.
- Das wohl beliebteste russische Souvenir ist die Matrjoschka oder Matroschka. Im Inneren der bemalten Holzpuppe verbargen sich früher bis zu 9 und heute schon bis zu 29, als wie kleiner werdende, Figuren. Im Westen sind die Matrjoschkas auch unter dem falschen Namen Babuschka bekannt.
- Kirschlachs
Nebst den bekannten fünf Pazifiklachsen steigt in Asien, und dies nur in Asien, auch noch der Kirschlachs in die Flüsse. Weitere Namen sind lat. Oncorhynchus masou, engl. cherry salmon und rus. Sima. Der Kirschlachs ist mit 2 -3 kg relativ klein.
- Anfangs Juni 2007 verschüttete eine grosse Schlammlawine rund zwei Drittel des Tales der Geysire und anschliessend bildete sich ein Thermalsee. Wissenschaftler sind der Ansicht, dass die Natur ihre Wunden selbst heilen werde. Der besonders grosse Geysir Velikan, einer der grössten des Feldes, ist noch aktiv. Die Geysire Wodopadnaja und Schei schleudern bereits wieder mit vollem Eifer Wasser und Dampf in den Himmel.