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Die Aufzeichnung der Unterwasser-Rufe von Meeressäugern ist in der eisbedeckten Antarktis eine der vielversprechendsten Methoden, um die Verbreitungsgebiete und saisonalen Wanderungen von Meeressäugern zu untersuchen. Dort gibt es nur wenige visuelle Sichtungen dieser Tiere, denn selten kommen Menschen in die Antarktis und die Tiere tauchen nur gelegentlich zum Atmen auf. Akustische Aufnahmen sind dagegen ganzjährig durchführbar. So haben die Ozean-Akustiker vom Alfred-Wegener-Institut mit Hilfe des Observatoriums PALAOA unter anderem entdeckt, dass Seeleoparden und Rossrobben die antarktischen Gewässer nahe der Neumayer-Station III besiedeln.
Mittlerweile ist bei vielen Lauten bekannt, zu welchen Arten und zum Teil zu welchen Verhaltensweisen sie gehören, was weitere Rückschlüsse beispielsweise auf Paarungs- und Fortpflanzungszeiten erlaubt. So zeigten die Gesangsmuster von Seeleoparden und Rossrobben, dass sich beide Arten auch in den antarktischen Küstengewässern fortpflanzen. Bisher war dies nur von Weddellrobben und Krabbenfresserrobben bekannt.
Vergleiche zwischen verschiedenen Untersuchungsjahren lassen vermuten, dass die Fortpflanzungszeit an bestimmte Typen von Eis gekoppelt ist, auf denen die Tiere ihre Jungen zur Welt bringen. «Einige Robbenarten beginnen ihre Fortpflanzungsgesänge tatsächlich jedes Jahr in derselben Kalenderwoche», beschreibt Dr. Ilse van Opzeeland das überraschend genaue Timing der Tiere. Erstaunt waren die Forscher des Alfred-Wegener-Instituts, Buckelwale am Rande des antarktischen Kontinents zu hören, und das sogar im Winter. Auch die Gesänge von Blauwalen hat das Observatorium aufgezeichnet und damit die bisherige Vermutung widerlegt, diese grössten auf der Erde lebenden Tiere würden eisbedeckte Gewässer meiden.
Auch 50 Jahre nach Ende des kommerziellen Walfanges in der Antarktis ist noch sehr wenig über die langfristige Populationsentwicklung bei diesen fast ausgerotteten Grosswalen bekannt. Traditionelle, auf Sichtungen beruhende Zählungen registrieren oft nur wenige Tiere während einer mehrmonatigen Reise. Demgegenüber enthalten die PALAOA-Daten fast täglich Blauwalvokalisationen, denn die Rufe dieser Tiere haben mit mehreren hundert Kilometern eine sehr grosse Reichweite. Solche Informationen sind ausserordentlich wichtig, um ein generelles Verständnis der Lebensweise, der Bestandsgrösse und Erholung von Grosswalen zu beurteilen, die noch immer auf vielfältige Art und Weise bedroht sind.
Die lautesten von PALAOA registrierten Geräusche stammen von Eisbergkollisionen: Ungefähr einmal im Jahr prallen in Hörweite der Station Giganten bis zur Grösse Berlins aufeinander oder an den Rand des Schelfeises und sorgen für ordentlich Lärm in den Bremerhavener Büros der Ozean-Akustiker, die bei der täglichen Arbeit von den Live-Tönen aus der Antarktis begleitet werden. Neben der Forschung fanden die aussergewöhnlichen Klänge aus dem Antarktischen Ozean mehrfach Eingang in Radio und Fernsehen sowie in Werke von Musikern, Komponisten und bildenden Künstlern.
PALAOA steht für PerenniAL Acoustic Observatory in the Antarctic Ocean (ganzjähriges akustisches Observatorium im Antarktischen Ozean) und bedeutet ausserdem «Wal» in der alt-hawaiianischen Sprache. Es ist das einzige Hydroakustik-Observatorium in der unmittelbaren Umgebung des antarktischen Kontinents, genauer gesagt auf dem Ekström-Schelfeis in der östlichen Weddellsee auf der Position 70°31'S 8°13'W. Rund 25 Kilometer nördlich der deutschen Neumayer-Station wurden dort im Dezember 2005 mehrere Hydrophone und Sensoren durch Bohrlöcher unter dem 100 Meter dicken, schwimmenden Eisschild positioniert. Die kontinuierliche Aufzeichnung der Unterwasser-Geräuschkulisse über mehrere Jahre hinweg erlaubt dort erstmals Beobachtungen der Tierwelt auch während der Wintermonate sowie Vergleiche zwischen verschiedenen Jahren. PALAOA ist energetisch autark: Solarzellen und Windgenerator versorgen das Observatorium zu 90 % der Zeit mit regenerativer Energie. Während der mehrmonatigen Dunkelheit des antarktischen Winters und bei Temperaturen von bis zu 50°C springt an windstillen Tagen eine mit Methanol betriebene Brennstoffzelle ein, um den durchgehenden Betrieb zu gewährleisten. Die Horchstation hat in den letzten fünf Jahren mehr als 30.000 Stunden (6 Terabyte) Daten aufgezeichnet und registriert eine weite Bandbreite von Frequenzen. Damit erfasst PALAOA die niederfrequenten Laute von Blauwalen ebenso wie das hochfrequente Klicken, das Schwertwale sozusagen als biologisches Echolot zur Orientierung einsetzen. Neben der Akustik werden ozeanografische Daten, die Bewegung von Schelf- und Meereis sowie der lokale Schiffsverkehr erfasst, um deren Einfluss auf das Verhalten der grossen Meeressäuger zu untersuchen. Die Forscher hoffen noch auf einige Jahre Daten, bis das Eisstück, auf dem PALAOA steht, abbrechen und als treibender Eisberg den Südkontinent umrunden wird.
Quelle: AWI, Bremerhaven
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