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Erst ausgestorben, jetzt erfolgreich wieder angesiedelt Bartgeier in den Alpen wieder heimisch
Der Bartgeier, Gypaetus barbatus, wurde als bestialisches Wesen verschrien und in den Alpen bis 1920 ausgerottet. Dabei ist er völlig harmlos und ernährt sich von Knochen und Sehnen toter Tiere. Seit 1986 läuft in vier Alpenländern, darunter auch in der Schweiz, ein erfolgreiches Wiederansiedlungsprogramm. Rund 80 Bartgeier leben heute wieder in den Alpen und haben sich auch fortgepflanzt.
Es gab eine Zeit, da hatte der Bartgeier einen ganz schlechten Ruf als bestialisches und schreckliches Wesen, das Schafe und Kinder raubt. Wie der Wolf, der Luchs und der Bär wurde der Geier gejagt, vergiftet und verfolgt, bis er um etwa 1920 endgültig aus dem Alpenbogen verschwunden war. Dabei ist dieser Vogel ein völlig harmloser Aasfresser.
Mit seiner Flügelspannweite von 266 bis 282 cm ist der Bartgeier einer der grössten Vögel Europas. Er misst etwa 110 bis 150 cm und wiegt zwischen 4500 und 7150 g. Seine langen, schmalen und gezackten Flügel geben ihm den Anschein eines riesigen Falken. Ein keilförmiger Schwanz, der zwischen 47 und 52 cm lang werden kann, bildet den Abschluss seines schlanken und spindelförmigen Körpers. Männchen und Weibchen unterscheiden sich in Form und Farbe kaum voneinander; allenfalls ist das Weibchen ein wenig grösser. Der Bartgeier hat kurze Füsse, die bis zu den Krallen geﬁedert sind. Rötlich gefärbtes Gefieder Während das Geﬁeder eines jungen Bartgeiers rundum braun ist, ist dasjenige eines ausgewachsenen Tiers mehrfarbig: der Rücken, der Schwanz und die Flügel sind schieferfarbig glänzend, der Bauch ist ockergelb bis rot, und der Schwanz und die Brust sind rot bis orange. Die ursprünglich weissen Federn verfärben sich in ein schönes Rot, das von den Eisenoxidpartikeln stammt, die im Geﬁeder hängen bleiben, wenn die Bartgeier ein Bad in eisenhaltigem Schlamm nehmen. Der kleine Kopf des Tieres ist in seiner Gattung einmalig: Das Auge ist bläulich mit einer hellgelben Iris, darum herum schliesst sich ein roter Lederhautring an, der wiederum schwarz eingefasst ist. Vom Auge zieht sich ein breites schwarzes Band zum Schnabel. Dieses ist mit langen schwarzen Borsten versehen, die auf beiden Seiten des Schnabels wie ein kleines Bärtchen hinunterhängen und ihm seinen Namen gegeben haben. Früher wurde der Bartgeier übrigens auch Lämmergeier, Geieradler, Goldgeier, Bartfalk oder Berggeier genannt.
Lebensraum Südeuropa
Der Bartgeier hat sich in Bergund Steppengebieten Südeuropas niedergelassen: Pyrenäen, Korsika, Griechenland, Kreta, Türkei, Marokko. Die Alpen sind die nördlichste Gegend seines Verbreitungsgebiets. Der sesshafte Vogel bleibt sein ganzes Leben einem zwischen 200 und 400 km2 grossen Territorium treu. Er ist nicht eigentlich ein Verteidiger seines Reviers, abgesehen von der unmittelbaren Umgebung seines Horstes. In diesem Fall greift er sogar den Steinadler an, wenn dieser dem Nest zu nahe kommt. Auch um die Nahrung braucht er sich nicht zu streiten, denn der Bartgeier wartet geduldig, bis alle anderen von dem Aas gefressen haben, und macht sich als Letzter und Einziger über die Knochen her.
Ausgerottet und wieder angesiedelt
Lebte der Bartgeier in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch in einem Grossteil des Alpenbogens, wurde er in weniger als hundert Jahren in den Alpen restlos ausgerottet. Die letzten Vögel wurden 1886 in der Schweiz ( Visp VS ), 1906 in Österreich und 1913 in Italien ( Aostatal ) erlegt. Ein letztes Nest wurde Der erste Schritt bei der Wiederansiedlung des Bartgeiers bestand darin, ein umfangreiches Brütprogramm in Gefangenschaft auf die Beine zu stellen. 1986 verfügte das Projekt über 10 fortpflanzungsfähige Paare. Eines davon ist dieses Bartgeierpaar in einer Voliere unweit von Bonneville ( Haute-Savoie ). Im Monat Mai, wenn die in Gefangenschaft geborenen Jungen etwa 90 Tage alt sind, werden sie zum Ort der Aussetzung getragen. Sie werden anschliessend in ein provisorisches Nest gebracht, wo sie Schritt für Schritt selbstständig werden.
1884 in Graubünden beobachtet.
In den Siebzigerjahren des 2O. Jahrhunderts erschien eine Wiederansiedlung möglich, denn es gab wieder grosse Mengen wild lebender Huftiere, die als Beute für den Bartgeier in Frage kamen. Dazu trat ein neues Gesetz in Kraft, das den Bartgeier schützte und die Anwendung von Strychnin in den Ködern untersagte. 1973 wurde in der Haute Savoie ein erster Ansiedlungsversuch mit afghanischen und russischen Bartgeiern, die in Volieren auf die Freilassung vorbereitet wurden, unternommen. Dieser scheiterte, weil die Anzahl Vögel zu gering war. Man begriff damals, dass es besser wäre, in Zukunft mit Zoos und Aufzuchtstationen zusammenzuarbeiten, um ein grosses Wiederansiedlungsprogramm auf die Beine zu stellen. Die Aufzuchtphase war erfolgreich: Bis 1986 gelangen 43 Aufzuchten, und man verfügte über 10 fortpﬂanzungsfähige Paare. Als mögliche Wiederansiedlungsregionen wurden der Nationalpark Hohe Tauern in Österreich und das Massif du Bargy in Frankreich ausgewählt. Die Schweiz war damals noch nicht dabei, weil sie als zu « sauber » eingeschätzt wurde – es hatte schlicht zu wenig Aas! Die erste Aussetzung fand am 25. Mai 1986 in Österreich statt, wo vier junge Bartgeier freigelassen wurden. 1987 war Frankreich an der Reihe, das drei Exemplare aussetzte. In der Folge wurden jedes Jahr Vögel in die Freiheit entlassen. In den Neunzigerjahren kamen zwei weitere Gebiete dazu, der schweizerische Nationalpark und der Park Mercantour-Argentera in den südfranzösischen Seealpen/Alpes-Maritimes. Die für die Freilassung und die Anpassungszeit gewählte Technik erwies sich als erfolgreich. Die in Gefangenschaft geborenen Jungen werden im Alter von 90 Tagen in einen Horst gesetzt, wo sie langsam heranwachsen. Gefüttert werden sie durch einen Schlauch, der in die Höhle herabhängt, wo die Jungen leben. Die Vögel werden so ohne Kontakt zu Menschen ernährt, können aber aus Distanz überwacht werden. Gegen Ende Juni, nach rund einem Monat, werden die jungen Geier ﬂügge. Jeder Vogel wird durch unterschiedliche Einfärbung von Schwungoder Steuerfedern markiert, damit man ihn bis zur nächsten Mauser, 12 bis 18 Monate später, leicht wieder erkennt.
Der Horst des in Hochsavoyen angesiedelten Paares liegt in einer kleinen Höhle mitten in einer senkrechten Wand, wo er vor der Unbill des Wetters geschützt ist. Die Bartgeier haben bereits mehrmals an dieser Stelle erfolgreich gebrütet. Der junge Bartgeier, den man hinten im Nest erkennen kann, ist etwa acht Wochen alt. In diesem Alter ist er oft allein im Horst, seine Eltern kommen aber regelmässig, um ihn zu füttern. Der Horst des Bartgeiers liegt an einer ruhigen und einsamen Stelle in einer unzugänglichen Felswand. In den Alpen werden die Horste auf einer Höhe zwischen 1000 und 2000 m eingerichtet, während die Bartgeier im Himalaya bis auf 4000 m brüten.
Erste erfolgreiche Nistversuche
Bevor sich Bartgeier entscheiden, wo sie sich niederlassen wollen, schauen sie sich ausgiebig um. Manchmal leben sie schliesslich mehr als 200 km von dem Ort entfernt, an dem sie in die Freiheit entlassen wurden. Der erste Brutversuch fand 1997 in der Haute-Savoie statt. Seither hat das sehr fruchtbare Paar vier weitere Male erfolgreich Junge aufgezogen. Die anderen Paare, die sich gefunden haben, setzten weitere 16 junge Bartgeier in die Welt. 2002 wurden sechs Jungvögel in den Alpen geboren, drei in Italien und drei in Frankreich. « Phénix Alp Action », der erste 1997 in Hochsavoyen geborene Vogel, ist jetzt geschlechtsreif, und ein Nisten der zweiten Generation ist in den nächsten ein bis zwei Jahren möglich. Bis im Herbst 2002 waren insgesamt 114 junge Bartgeier ausgesetzt worden, von denen rund 80 in den Alpen überlebt haben.
Aussehen und Flug
Mit seiner charakteristischen Silhouette kann der Bartgeier kaum mit anderen Vögeln verwechselt werden. Wenn er ﬂiegt, hält der Vogel die Flügel gewölbt, der Rücken ragt über diese hinaus, und der Kopf neigt sich leicht gegen den Boden. Seine Flügelschläge sind kräftig und elegant. Da die Flächenbelastung – Gewicht des Vogels dividiert durch die Oberﬂäche der Flügel – 20% unter jener des Adlers liegt, erreicht der Bartgeier in der Thermik eine Aufwindgeschwindigkeit, die höher ist als bei jedem anderen Greifvogel. Aber eigentlich liebt der Bartgeier das schnelle Auf und Ab nicht, er segelt lieber in geringer Höhe über Grate und schwebt nahe an Felswänden entlang. Der Vogel macht regelmässige Runden. Er überﬂiegt täglich die gleichen Stellen und hält sich oft zur gleichen Tageszeit an immer den gleichen Orten auf. Für die Nacht zieht er sich in der Regel in eine unzugängliche Felswand zurück.
Bartgeier ernähren sich von Knochen
Der Bartgeier ist ein spezialisierter Aasfresser, der sich hauptsächlich von Knochen verendeter Tiere ernährt. Sie machen 80 bis 90% seiner Nahrung aus. Die Magensäfte des Geiers sind so stark, dass ihnen kein Knochen widersteht.
Der Vogel vertilgt auch das Knochenmark sowie Sehnen und Bänder. Kleine Säugetiere wie Hase, Murmeltier, Fuchs und Hühnerund Rabenvögel, die man in den Horsten von Bartgeiern antrifft, sind meistens schon tot, wenn sich die Geier an ihnen gütlich tun. Am Aas tritt der Vogel nicht in Konkurrenz mit anderen Aasfressern, denn er ist der Einzige, der sich vom Skelett ernährt. Wenn die Knochen klein sind, frisst er sie an Ort und Stelle, grössere nimmt er mit, ﬂiegt an eine bestimmte Stelle und lässt sie auf einen Felsen niederfallen, damit sie auseinander brechen. Diese höchst ausgefeilte Technik ist typisch für den Geier. Jedes Paar hat mehrere « KnochenDie schwarzen Federn in der Nähe des Ohrs sind typisch für die Unterart Gypaetus barbatus barbatus, die in Europa und Asien lebt. Der in Afrika – Äthiopien, Kenia, Tansania, Südafrika – heimische Gypaetus barbatus meridionalis ist kleiner und hat diesen Fleck nicht; sein Hinterkopf ist völlig weiss.
Dieser Vogel ist einer des in Hochsavoyen in die Freiheit entlassenen Paares. Im Flug hält der Bartgeier den Kopf ein wenig zum Boden gerichtet, die Flügel liegen tiefer als der Rücken.
zertrümmerungsstellen » in seinem Revier, die es regelmässig aufsucht.
Fortpflanzung
Der Fortpﬂanzungszyklus des Bartgeiers ist ausgesprochen lang, nämlich ein Dreivierteljahr. Die Vögel werden im Alter von sieben Jahren geschlechtsreif. Die Hochzeitsvorbereitungen beginnen im November. Die beiden Vögel absolvieren ein veritables Akrobatikprogramm, das sie mit jammernden Schreien begleiten: Sie ﬂiegen Volten, Loopings und lassen sich in trudelnde Sturzﬂüge fallen. Ein Paar nennt in der Regel mehrere Horste sein Eigen, die es der Reihe nach bewohnt. Der Horst ist eine Plattform, die vor Wind und Wetter geschützt in einer unzugänglichen Felswand liegt. Die Paarung ﬁndet in der Nähe des Horstes in den Monaten Dezember und Januar statt. Das Weibchen legt meistens innerhalb von wenigen Tagen zwei Eier. Sowohl das Männchen als auch das Weibchen beteiligen sich mit höchster Disziplin am Brüten, das 55 bis 60 Tage dauert. Im März oder April schlüpfen dann die Jungen aus.
Wie beim Adler gibt es auch beim Bartgeier das Phänomen des « Kainismus »: Der jüngere der beiden Jungvögel wird vom älteren sofort angegriffen und stirbt in kurzer Zeit an den Attacken und der mangelnden Ernährung. Mit der Aufzucht von zwei Jungen wären die Eltern überfordert; das zweite Ei wird gleichsam zur Reserve ausgebrütet, für den Fall, dass eines verloren oder beim Brüten kaputt geht. Der kleine Geier, der fast vier Monate im Nest verbringt, wächst nur langsam heran. Zu Beginn ernährt er sich ausschliesslich von Fleisch. Die Knochen kommen erst nach etwa vier Wochen ins Spiel. Mit zwei Monaten beginnt er als Vorbereitung zum Fliegen mit Turnübungen – Aufspringen und mit den Flügeln ﬂattern –, und mit drei Monaten hat er die Grösse seiner Eltern erreicht. Den ersten Flug unternimmt er im Alter von 110 bis 120 Tagen, zwischen Ende Juni und Anfang August. Der junge Vogel wird noch während rund zweier Monate von den Eltern ernährt. Er verlässt das Territorium, sobald die Eltern einen neuen Fortpﬂanzungszyklus beginnen, und macht sich auf die Suche nach einem Revier mit viel Nahrung. Er lebt ein Vagabundenleben, bis er einen geeigneten Standort gefunden hat.
Die Fortpﬂanzung hängt offenbar stark von der Qualität des Lebensraums und von der Nahrungsmenge ab, die zur Verfügung steht. Die Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen hat bis jetzt keine besonderen Schwierigkeiten mit sich gebracht, da darüber sehr gut informiert wurde und die Bergbevölkerung begriffen hat, dass der Bartgeier keine Bedrohung für die eigenen Herden und die wild lebenden Tiere darstellt. Das Programm ist dann erfolgreich, wenn sich in ein oder zwei Jahren in der Wildnis geborene Bartgeier ihrerseits an die Fortpﬂanzung machen werden.