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«Wir müssen den (Wieder-)Aufbau in eine echte Chance für die Zukunft verwandeln.»
Antonio Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen
Die COVID-19-Krise hat die Menschheit in ihrem Funktionieren grundlegend verändert. Sie hat tief greifende Auswirkungen auf unseren Umgang miteinander, unsere Arbeit, unsere Wirtschaft – kurz, auf unsere Gesellschaften. Hunderttausende Menschen sind am Virus gestorben, Millionen wurden infiziert und Milliarden sind noch immer von Ausgangsbeschränkungen betroffen. Wer hätte geglaubt, dass das Virus in wenigen Wochen die ganze Welt erfasst? Solche Ereignisse werden «Black Swans» oder «schwarze Schwäne» genannt. Im Englischen stand der Ausdruck «Black Swan» für etwas Unmögliches, bis dann in Australien schwarze Schwäne entdeckt wurden. Seither werden unwahrscheinliche Ereignisse, deren Eintreten unsere Gewissheiten in Frage stellen würde, als «Black Swans» bezeichnet.
Die «Black Swan»-Ereignistheorie (Taleb, 2007) ihrerseits beschreibt ein Ereignis, das unwahrscheinlich erscheint, weitreichende Konsequenzen hat und sich im Nachhinein als vorhersehbar herausstellt. Die Hitzewelle von 2003 war ein solcher «schwarzer Schwan» für Europa. Sie forderte rund 72’000 Todesopfer in 15 europäischen Ländern, über 1000 davon in der Schweiz. Bis 2003 glaubten wir, dass Hitzewellen die Schweiz nicht so massiv betreffen könnten. Wir waren nicht vorbereitet. Um sich gegen «schwarze Schwäne» zu wappnen, muss die Resilienz unserer Gesellschaften gestärkt werden.
Den Klimaszenarien zufolge werden die Temperaturen in der Schweiz stark ansteigen. In der Stadt Genf wird die Anzahl Hitzetage mit Temperaturen von über 30 °C bis 2060 von 15 auf 35 Tage zunehmen. Dies erfordert Anpassungen. Um die Temperatur zu senken und Hitzeinseln abzukühlen, können beispielsweise Bäume gepflanzt werden. Die Genfer Grünen haben eine entsprechende Motion (M2579, August 2019) eingereicht. Auch mit der Begrünung von Dächern wie in Basel lässt sich die Hitze reduzieren. Mehr Vegetation in den Städten trägt zudem dazu bei, die Hochwassergefahr zu verringern und die Biodiversität, insbesondere für die Insekten, zu erhalten. Da Bäume erst nach 10 bis 20 Jahren einen solchen Schutz bieten, muss dies frühzeitig angegangen werden. Solche Anpassungen sollten in allen Schweizer Städten in Betracht gezogen werden.
In der Schweiz wurde mit dem Auftauchen eines Coronavirus gerechnet (Link)[1]. Jüngere Epidemien wie SARS, Ebola oder Schweinegrippe haben jedoch nur Asien und Afrika betroffen, was uns in falscher Sicherheit wiegte. Das Erscheinen eines Virus, das sich über alle Kontinente hinweg ausbreitet, war eine Wahrscheinlichkeit, blieb für uns aber bloss ein Szenario aus einem schlechten Katastrophenfilm.
COVID-19 ist eine sogenannte Zoonose – eine Krankheit, die vom Tier auf den Menschen übertragen wird. Diese Krankheiten werden nachweislich durch Umweltzerstörung, die Verringerung der Biodiversität (z. B. durch Abholzung) und insbesondere durch das Verschwinden von Raubtieren begünstigt. Mit der Destabilisierung der Ökosysteme unseres Planeten und der Veränderung seines Klimas zerstören wir jahrtausendealte Gleichgewichte. Klimatisch gesehen, befinden wir uns seit über 11 000 Jahren im Holozän, einem Zeitalter mit stabilem Klima, das vorhersagbare Temperaturen und Niederschläge bot, wie wir sie benötigen – unter anderem für unsere Landwirtschaft.
Die menschlichen Aktivitäten verändern das System Erde. Eine Forschungsgemeinschaft rund um Rockström (2009) hat neun Belastbarkeitsgrenzen des Planeten identifiziert. Diese dürfen nicht überschritten werden, wenn wir wollen, dass unser Erdsystem in einem «Safe Operating Space», einem sicheren Handlungsraum, bleibt. Allerdings haben wir bereits vier dieser Grenzen überschritten: bei der Biodiversität, dem Klima, den biogeochemischen Flüssen (Stickstoff- und Phosphorkreislauf durch unsere Düngemittel) sowie bei der Bodenbedeckung. Aufgrund dieser Veränderungen treten wir in ein neues Zeitalter – das Anthropozän – ein, welches das Auftauchen von «Black Swans» begünstigt.
Die Schweiz muss sich zur Reduktion ihres ökologischen Fussabdrucks verpflichten – nicht nur im Inland, sondern auch weltweit. Dazu muss sie sicherstellen, dass der Verbrauch von Gütern und Dienstleistungen durch ihre Bevölkerung nicht zu einer Überschreitung der planetaren Belastbarkeitsgrenzen führt. Aufgrund der Importe der Schweiz fallen heute 60 Prozent unserer Treibhausgasemissionen im Ausland an.
Dies muss auch auf die Unternehmen und das Finanzsystem der Schweiz ausgeweitet werden, damit ihre Investitionen die planetaren Belastbarkeitsgrenzen nicht gefährden. Gemäss dem Masterplan der Klima-Allianz[2] verursachen die insgesamt über den Finanzplatz Schweiz getätigten Investitionen Treibhausgasemissionen von über 1100 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten, das heisst22-mal so viel wie die Treibhausgasemissionen im Inland. Die Schweiz ist zwar ein kleines Land (0,11 Prozent der Weltbevölkerung). Wäre ihr Finanzsektor jedoch ein Land, läge er bei den Emissionen in absoluten Zahlen weltweit auf Platz acht, gleich hinter Japan und vor Kanada.
Nachhaltige Entwicklung ist nicht eine Theorie für die Agenda der Vereinten Nationen. Was nicht nachhaltig ist, kommt definitionsgemäss zum Stillstand. Wenn wir einen guten Entwicklungsstand bewahren möchten, müssen die verschiedenen Länder rasch auf eine nachhaltige Entwicklung umstellen.
COVID-19 ist ein «schwarzer Schwan», aber auch ein klares Zeichen: Die Norm hat sich verändert. Die Schweiz muss diese Chance für eine Neuausrichtung nutzen und darf sich nicht nur damit begnügen, für die Kompensation ihrer Treibhausgasemissionen zu bezahlen. Sie muss sich den führenden Ländern und Akteuren der nachhaltigen Entwicklung anschliessen.
Dieser Artikel wurde im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) verfasst. Für den Inhalt ist allein der Autor verantwortlich.