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Die Turn- und Konzerthalle Glärnisch, die am 26. April 1909 zusammen mit dem Schulhaus eingeweiht wurde, ist ein durch Zwischentrakt mit dem Hauptgebäude verbundener, quer dazu gestellter, niedriger Walmdachbau. Schleppgauben lockern die mit roten Tonziegeln eingedeckte Dachfläche auf. Die den Pausenplatz begrenzende Südwestfassade mit Eckrisalit und Bossenquaderung im Sockelbereich und an den Eckpartien ist symmetrisch gestaltet. In der Mitte der Längswand befindet sich der zentrale Eingang mit im alten Stil erneuerter zweiflügliger Türe und wieder geöffneten Oberlichtern. Links und rechts des Mittelzugangs sind je zwei Rundbogenfenster angeordnet. Diese sind jetzt isolierverglast, zeigen aber wieder die Sprosseneinteilung der Bauzeit.
Der klar gegliederte Innenraum erinnert mit seiner strengen Architektur an Kirchenräume im Jugendstil. Die Verwandtschaft mit dem Innern der reformierten Kirche Wallisellen ist besonders augenfällig. Hier haben die gleichen Planer und Gestalter gewirkt: Robert Bischoff und Hermann Weideli. Die Kirche Wallisellen wurde im Juli 1908 eingeweiht, die Glärnischhalle Wädenswil im April 1909. Dem Wunsch der Auftraggeber entsprechend, verstanden es die Architekten, aus der Glärnischhalle mehr zu machen als einen zweckdienlichen Raum für Turnunterricht. Über die Garderobe- und Geräteräume zogen sie – einer Kirchenempore gleich – eine Galerie mit zwei seitlichen Logen, und an die gegenüberliegende Schmalseite plazierten sie – als bewusst gesetzten Gegenpunkt – die um einen Meter erhöhte Bühne mit ursprünglich rotem Seidenplüschvorhang. Auch sie wurde, wie die nur über den Zwischentrakt zugängliche Galerie, streng symmetrisch in die Wandmitte eingepasst. Links und rechts davon führten Freitreppen vom Bühnenrand zu ebenfalls symmetrisch angeordneten Innentüren hinunter. Durch sie konnten der Turnhallenkeller mit Ankleideräumen sowie der Ring- und Schwingplatz erreicht werden.
Modernem Stilempfinden der Zeit entsprechend, wurde die Holzkonstruktion des abgewalmten Dachstuhls auf Sicht gezeigt; in die Zwischenfelder legte man leistengerahmte Eternitplatten. Die beiden mit mächtigen Rundbogenfenstern durchbrochenen Längswände waren durch kräftig vorspringende Lisenen gegliedert. Eine gekehlte hölzerne Zierleiste trennte die auch farblich abgehobene Sockelzone von der darüberliegenden Wandfläche. Unter den meisten Fenstern waren – sofern der Platz nicht für fest montierte Turngeräte beansprucht wurde – Wandbänke angebracht.
Rekonstruierte Jugendstilornamente an der Galerie.
Fensterpartie mit rekonstruierter ornamentaler Girlande in SchabIonenmalerei.
Die 1987/88 restaurierte Glärnischhalle aus dem Jahre 1909. Blick in die restaurierte Turn- und Mehrzweckhalle.
Die Sicherheit des Turnbetriebs einerseits und die Anforderungen an einen zeitgemässen Konzertraum andererseits erforderten anlässlich der Renovation von 1987/88 (Architekt: Christian Hurter, Wädenswil) unter anderem folgende Änderungen von der 1909 verwirklichten Konzeption: Rückversetzung der in den Raum vorkragenden Galerie um 90 Zentimeter; Wiederherstellung der ursprünglichen Grösse der Eingangspartie unter der Galerie; Verkleinerung der Lisenenvorsprünge in den Längsfassaden; Entfernung der Wandbänke und neue Holzverkleidung vor den Heizkörpern; Abbruch der Freitreppen links und rechts der Bühne und Ersatz durch eine demontierbare Vorbühne; Installation einer neuen Deckenbeleuchtung; Ersatz der Eternittafeln in der Deckenverkleidung durch Holzplatten; Einbau schallhemmender Schiebewände, welche bei Turnbetrieb die Bühne, die Eingangspartie unter der Galerie sowie die Galerie samt seitlichen Logen abdecken.
Zu diesen Veränderungen in der schützenswerten Jugendstilhalle gaben die Denkmalpflege des Kantons Zürich und die Natur- und Heimatschutzkommission Wädenswil ihre Zustimmung. Sie konnten dies um so eher tun, als Baukommission, Primarschulpflege und Architekt andererseits Hand boten, beim Farbkonzept im Sinne einer Restaurierung die ursprüngliche Wirkung des Innenraums weitgehend wiederherzustellen.
Vor der Renovation und Restaurierung von 1987/88 wirkte das Innere der Glärnischhalle grau, düster, nüchtern. Das war nicht immer so und entsprach vor allem keineswegs dem Farbempfinden des Jugendstils, dem Dekorationsgefühl zur Zeit des Turnhallenbaus in den Jahren 1907 bis 1909.
Durch sorgfältiges Abkratzen der Farbschichten bis auf den 1909 sichtbaren Anstrich konnte das ursprüngliche Farbkonzept der Wände, des Sockels, der Lisenen, des Holzwerks und des Brüstungstäfers der Galerie rekonstruiert werden. Zwei Innenaufnahmen aus dem Einweihungsjahr 1909 liessen sich vergrössern und gaben weitere Anhaltspunkte über den ornamentalen Schmuck.
Die gegenüber dem ursprünglichen Zustand geringfügig modifizierte Farbgebung – die Farben wurden etwas aufgehellt – kommt nun wieder prachtvoll zur Geltung. Die Wände sind in Richtung Ocker aufgehelltem Neapelgelb gestrichen; der etwas dunklere Sockel trägt einen gesprenkelten lasierenden Anwurf: dem Holzton entsprechende Tupfen, welche eine Art Tapete imitieren. Alles Holzwerk ist in vergrautem Grün gehalten. Die beigen Deckenfelder mit Grünschimmer werden durch Stäbe in mit Gelb leichtergemachtem Oxidrot gefasst.
Vom gereinigten originalen Brüstungstäfer der Galerie waren senkrecht verlaufende Felderteilungen abzupausen, die nun als dekoratives Element auch die drei in den Raum vorkragenden Aussenwände der neuen Galerie schmücken. Ein Fries aus vielleicht Blüten nachempfundenen, zu gestürzter Hufeisenform verfremdeten Ornamenten – ebenfalls eine Kopie des freigelegten Originalzustands – zieht sich über die ganze Länge des hölzernen Türsturzes unter der Galerie und übernimmt als Einzelelement zudem Kapitellfunktion auf den Türgerichten.
Die beiden schwarz-weissen Innenaufnahmen liessen erkennen, dass auf allen vier Wänden nur wenig oberhalb der hölzernen Trennleiste zwischen, Sockel und Wand eine ornamentale Girlande verlief, die sich auch links und rechts der Galerie hochzog und ausserdem den Gewänden der Fenster und deren Rundbogen entlangführte. Durch Vergrössern der Aufnahmen liessen sich Anzahl und Form der Elemente bestimmen: Es handelte sich um mit kleinem Abstand aneinandergereihte, gleich grosse Kreissegmente. Ihre Sehnen lagen parallel zur oberen Sockelleiste oder den sie aussen begleitenden Fenster- und Täferpartien. Bei Richtungsänderungen von der Waagrechten in die Senkrechte wurde das Kreissegment so gestürzt, dass Ecke und Sehne ein Dreieck bildeten.
Diese ursprüngliche, den Raum belebende ornamentale Girlande wurde – wie die Verzierungen an der Galerie und am Türsturz ebenfalls in der Technik der Schablonenmalerei – in Rekonstruktion wieder angebracht. Der braune Farbton musste allerdings, entsprechend dem leicht veränderten Grundton der Wände, etwas aufgehellt werden.
Auf die Ausmalung der Fensterleibungen wurde bewusst verzichtet. Originaler Dekor war hier nicht mehr zu fassen, und aus den Fotos von 1909 liess sich die Ornamentstruktur wegen Schattenwirkungen auch nicht mehr ermitteln. Die gleiche Feststellung gilt für die 1909 bezeugte «Deckenbemalung», unter der man sich wohl, dem Stile der Zeit und der übrigen Ausmalung der Glärnischhalle entsprechend, eine gleichfalls mit Ornamenten belebte und damit festlicher wirkende Decke vorzustellen hat als die jetzt restaurierte.
Dass es dank der Einsicht aller Beteiligten gelungen ist, in der renovierten Glärnischhalle wichtige Elemente des Jugendstils wieder zu Geltung und Wirkung zu bringen, ist höchst erfreulich. Das glücklich vollendete Werk wird hoffentlich viele Wädenswilerinnen und Wädenswiler ansprechen und nicht nur bei Kunsthistorikern und Denkmalpflegern weit über Wädenswil hinaus Beachtung finden.
Peter Ziegler