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Kulturtipps
Klassiktipp
Maurice Ravel: „Daphnis et Chloë“, komplettes Ballett, Ensemble Aedes, Les Siècles, François-Xavier Roth
Sie denken, der Sonnenaufgang im «Zarathustra» von Richard Strauss sei nicht zu toppen ? Mag sein, aber schon Strauss macht sich später in der „Alpensinfonie“ kräftig selbst Konkurrenz, in der üppigen, naturalistischen Schilderung dieses Naturereignisses. Und ist damit längst nicht der Erste. Schon Haydn fing das Erwachen des Sonnenlichts in der „Schöpfung“ sehr suggestiv ein, Grieg zauberte Morgenstimmung im „Peer Gynt“ über die Sahara, Mussorgsky über russische Flusslandschaften in „Chowanschtschina“ oder Sibelius schilderte den Sonnenaufgang als Erlösung nach einem unheimlich wilden „Nächtlichen Ritt“. Aber noch ein Sonnenaufgang gehört ganz zuvorderst in diese Rangliste: „Lever du jour“ aus Ravels Ballett „Daphnis et Chloë“. Vor allem, wenn er so gespielt wird wie hier vom Orchester „Les Siècles“, das der Pariser Dirigent François-Xavier Roth 2003 als Originalklangensemble für das 19. Und 20. Jahrhundert gründete, das unterdessen vor allem in der Musik des Fin du Siècle für Furore sorgte: 2015 schon erhielt das Ensemble für die historisch das Klangbild der Uraufführungen berücksichtigende, vor allem aber lebendige und klangsinnliche Interpretationen der Strawinsky-Ballette „Petruschka“ und Sacre du Printemps“ den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik.
Debussys Orchesterstück „La Mer“ wird oft als Höhepunkt französisch-impressionistischer Instrumentierungskunst genannt. Man muss – hört man hier „Les Siècles“ zu – Ravels Ballett, das 1912 für Diaghilevs „Ballets russes“ in einer Choreographie von Michel Fokine uraufgeführt wurde, Debussys unbestrittenem Meisterwerk auf gleicher Höhe an die Seite stellen. Es ist ein veritables Abenteuer, dem immensen, subtil ausgedeutetem Reichtum dieser Klangfarbenschichtungen zuzuhören, und das in einer der historischen Instrumente wegen filigranen Durchsichtigkeit, die dennoch punktet mit strahlender Leuchtkraft und Intensität. „Les Siècles“ überzeugen in allen Registern: die samtenen Farben der noch auf Darmsaiten spielenden Streicher, die schmeicheln, aber nicht sülzen, eröffnen dabei ein stabiles Podium für Ravels grossartige Klangfarbenpalette aus dem ganzen Arsenal an Holzbläsern seiner Zeit, die auf diese Weise allen Raum zur Entfaltung erhalten, und unter den Händen von Roth auch nutzen, um die suggestive Kraft dieser Ballettmusik mit glühender Intensität zum Leben zu erwecken. Nie hat Ravel mehr Farben für sein Orchester erfunden, sogar der textlose Chor fügt sich ein in die Naturstimmungen dieser Hirtenmusik.
Reinmar Wagner, Musik & Theater 05/2017
Jazztipp
Tomasz Stanko New York Quartet: December Avenue, Tomasz Stanko (tp),
David Virelles (p), Reuben Rogers (b), Gerald Cleaver (dr)
Mit seinem neuen Album erinnert Tomasz Stanko an den Schriftsteller und Maler Bruno Schulz (1892-1942). Nur einige wenige Erzählungen und Bilder sind erhalten vom Autor der „Zimtläden“ und haben längst Weltruhm erlangt. Die aktuelle Stanko-CD „December Avenue“ enthält eine „Ballad for Bruno Schulz“ sowie „The street of crocodiles“, benannt nach der englischen Edition mit 16 Kurzgeschichten, die durch das absurde Universum des polnischen Künstlers führen. Als „jüdisch“ und „entartet“ wurde gebrandmarkt, was Schulz, der von einem SS-Mann auf der Strasse erschossen wurde, zu Lebzeiten schrieb und zeichnete. Als er dennoch eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte, wurde ihm gar die Welt seines Dorfes zu eng und zu laut. Ihm fehle „die Stille, die musikalische Stille“, schrieb er in einem Brief und sprach von der ruhigen Bewegung des Pendels, das nur dem Gesetz der Schwerkraft und keinen äusseren Einflüssen gehorche. Diese leise Poetik, in der es von Anspielungen an Klänge nur so wimmelt, bildet schon seit einer Weile einen Teil des Repertoires von Tomasz Stankos fabelhaftem New York Quartet.
Neu dabei ist der von Charles Lloyd kommende grosse Bassist Reuben Rogers, der sich wunderbar mit Drummer Gerald Cleaver ergänzt. Mit dem kubanischen, in New York lebenden Pianisten David Virelles formen sie ein Trio, das derzeit seinesgleichen sucht, was Ideenreichtum, Sinn für Balancen und subtile Interaktion betrifft, während Stankos Trompete wie ein Lichtkegel die Schattenwelt streift. „Die Strasse der Krokodile“ nannte man im Volksmund, nachdem Öl in der Gegend entdeckt worden war, eine neue Strasse durchs Heimatdorf von Schulz. Über seine „December Avenue“ lässt der Wahl-New Yorker an der Trompete die seltsamsten Figuren spazieren. Stanko und Virelles wissen mit jedem Solo eine Story zu erzählen. Wie auf Zehenspitzen wandern die glorreichen Vier durch eine Welt zwischen Tag und Traum, die voller Erinnerungen steckt, Reales und Fiktives miteinander mischend.
Karl Lippegaus, Fono Forum 05/2017
World Music-Tipp
Aziza Brahim, Abbar el Hamada
Das neue Album „Abbar el Hamada“ (Durch die Hamada) von der aus der Westsahara stammenden Sängerin und Aktivistin Aziza Brahim ist ein beeindruckendes und mitfühlendes Statement über die turbulente Zeit, in der wir gerade leben. In einer Zeit, in der in Europa und anderen Teilen der Welt wieder Mauern und Grenzen aufgebaut werden, ist der poetische Trotz, der in Aziza Brahims leidenschaftlicher Musik durchdringt, besonders zeitgemäss und tiefgründig.
Aufgewachsen in einem Flüchtlingslager in der Wüste Algeriens und mehr als 20 Jahre im Exil (erst Kuba, nun Barcelona) ist die Musik Aziza’s geprägt von Tragödien einerseits und Hoffnungen andererseits, die in dem alltäglichen Leben als Flüchtling so nah beieinander liegen.
Vom pulsierenden Desert Rock „Calles De Daji“, über das afro-kubanische „La Cordillera Negra“, zur düsteren Eleganz von „El Canto Del La Arena“ und die rohe Ballade „Mani“ spiegeln die Musik und die Lyrics von Abbar el Hamada meisterhaft die ruhelose Suche nach Heimat wider. Hamada ist das Wort, das die Sahauris verwenden, um die felsige Wüstenlandschaft entlang der Grenze zwischen Algerien und der Westsahara zu beschreiben, wo zehntausend Menschen in den improvisierten Flüchtlingslagern gestrandet sind.
Innovation, nackte Wahrheit, Menschlichkeit und ein politischer Aufschrei; das ist das Rohmaterial, aus dem Aziza Brahims musikalische Vision geschaffen wurde. Auf ihrem neuen Album verbindet sie diese Elemente in einem unvergesslichen Werk, das zutiefst inspirierend ist.
Während auf Azizas letztem Album „Soutak“, das sie zu einer der angesehensten jungen Stimmen Afrikas machte, die musikalischen Einflüsse ihrer Wahlheimat Barcelona deutlich zu hören waren, hat sie auf ihrem neuen Album die Einflüsse der zeitgenössischen westafrikanischen Musik bewusst mehr mit einfliessen lassen. Dies geschieht insbesondere durch die Zusammenarbeit mit dem senegalesischen Perkussionist Sengane Ngom und dem Drummer Aleix Torbas und die Rückkehr des malischen Gitarristen Kalilou Sangare in ihre Band.
lacandela.de
Buchtipp
Ulrich Drüner: Richard Wagner – Die Inszenierung eines Lebens, Biografie
Auf Richard Wagner selbst geht die Tradition zurück, Lebensbeschreibung und Werkbetrachtung zu trennen. Er hatte die Darstellung seines Lebens Carl Friedrich Glasenapp anvertraut, während die Zuständigkeit für das Werk – und vor allem für die dahinter liegenden Ideen – Hans von Wolzogen zufiel. Diese Trennung hält sich bis heute, samt ihrem Grundproblem: Wagner als Schöpfer der Bühnenwerke ist kaum in Einklang zu bringen mit dem politischen Bürger, dem Umstürzler und dem schroffen Feind der Moderne.
Diesen Zwiespalt überwindet Ulrich Drüner, in dem er Wagners von Brüchen, Fluchten und Liebessehnsucht geprägtes Leben mit der Beschreibung und Interpretation der Werke fast übergangslos verschränkt. Er entwickelt ein Verstehensmodell, das es erlaubt, sich Wagner in seinen gegensätzlichsten Facetten ohne die bisher üblichen Beschönigungen oder Verteufelungen zu nähern. Neben dem Mythos Wagner, der weitgehend abgetragen wird, entsteht ein Gegen-Mythos. Dieser aber lässt in der Werkbetrachtung Themen anklingen, die dem musikdramatischen Oeuvre eine ganz neue Relevanz zuweist.
Ulrich Drüners unvoreingenommener Blick fördert zahlreiche verblüffende neue Details und Erkenntnisse zutage. Sie betreffen Wagners Verhältnis zum christlichen Glauben und zu seiner eigenen Mutter, seine Hungerjahre in Paris und das oft kreativ bedingte Schuldenmachen, seine strategische Feindschaft gegenüber dem damaligen Meister des Opernwesens, Giacomo Meyerbeer, und den Juden allgemein, sowie seine Ehen mit Minna Planer und mit Cosima, der Tochter seines grossen Freundes Franz Liszt. Drüner zeigt überdies, wie Wagner bestimmte Quellen – Meyerbeers Dramaturgie, Heinrich Heines Werke oder Hegels Philosophie – systematisch tot- oder zumindest kleinredet und andere – etwa Schopenhauers erst sehr spät in sein Leben tretende Philosophie – zur Verwischung der eigentlichen Spuren überbewertet.
Karl Blessing Verlag, München, 2016
Konzerttipp
Freitag, 9. Juni 2017, 19.30 Uhr, Stadthaus Winterthur
Musikkollegium Winterthur
Leitung Mario Venzago
Sopran Rachel Harnisch
Tenor Jörg Dürrmüller
Bass Jordan Shanahan
Othmar Schoeck – „Sommernacht“ Pastorales Intermezzo op. 58
Othmar Schoeck – „Besuch in Urach“ für hohe Stimme und Orchester aus dem Liedzyklus „Das holde Bescheiden“ op. 62
Othmar Schoeck – „Vom Fischer un syner Frau“, dramatische Kantate für drei Solostimmen und Orchester op. 43