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«Versuchen Sie nicht, Ihrer Tochter alles abzunehmen!»
Immer mehr Eltern wollen Kinder vor negativen Erfahrungen schützen. Sie sagen: Wenn es meinem Kind schlecht geht, geht es mir auch schlecht. Diese Symbiose ist weder für das Kind noch für sie selbst gut.
Eine Mutter schreibt an Jesper Juul ...
Meine Tochter Mia, 6, ist ein soziales, fürsorgliches, aufgeschlossenes und sanftes Mädchen mit vielen Freundinnen und Freunden. Trotzdem habe ich kürzlich etwas erlebt, das mich nachdenklich stimmt. Mia wurde zu einem Mädchen namens Laura nach Hause eingeladen. Laura und Mia sind sehr gute Freundinnen. Lauras Mutter hatte – ohne dass ich es wusste – auch Sophie nach Hause eingeladen. Mir war sofort klar, dass dies problematisch ist. Mia und Laura wollten gern zu dritt spielen, Sophie wollte aber Laura für sich alleine haben und war wütend, dass Mia auch da war. Sophie boykottierte deshalb alle gemeinsamen Spiele, und schliesslich schaffte sie es und spielte mit Laura ein Spiel, von dem sie sagten, dass es «nur zu zweit geht». Auf dem Weg nach Hause versuchte ich, das Thema meiner Tochter gegenüber anzusprechen, und fragte, ob sie sich heute ausgeschlossen fühlte. Sie bejahte und brach in Tränen aus.
Da merkte ich, dass mir die Worte fehlten. Was soll ich sagen, um sie zu trösten? Ich erinnere mich noch gut an solche Situationen aus meiner eigenen Kindheit. Nach diesem Ereignis habe ich versucht, Treffen mit drei Kindern zu vermeiden und meine Tochter zu ermutigen, eigene Verabredungen zu treffen. Was kann ich tun, damit sie in Zukunft besser mit solchen Situationen umgehen kann, und wie kann ich verhindern, dass sie sich selbst anderen Kindern gegenüber so verhält?
Antwort von Jesper Juul
Solche Episoden wie diejenige, die sie zwischen den drei Freundinnen beschrieben haben, kommen nicht selten vor. Es gibt aber einen grossen Unterschied im Umgang mit einem Kind, das dies gelegentlich erlebt, und einem Kind, das fast immer beim Spielen ausgeschlossen wird. Wenn ich Sie richtig verstehe, passiert es Ihrer Tochter nicht ständig. Wenn das stimmt, war Ihre Reaktion sowohl relevant als auch hilfreich. Sie helfen Mia, Worte für ihren Schmerz zu finden und das Erlebte einzuordnen. Mehr können Sie nicht tun.
Es ist nichts falsch daran, zu trösten, dem Kind einen Kuss oder eine Umarmung zu geben. Aber dann sollte man seine eigenen Gefühle beherrschen, damit es nicht so endet, dass die Mutter getröstet und beruhigt werden muss. Dies geschieht relativ oft und die Folge davon ist, dass das Kind beschliesst, seinen Schmerz geheim zu halten, um seine Mutter zu schützen.