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«The L» – Mit der Hochbahn durch Chicago
Es gibt nicht wenige Menschen, die sagen, Zürichs Herz schlage im Takt der VBZ. Das ist ein schönes Kompliment – wie sehr die Qualität und Zuverlässigkeit des öffentlichen Verkehrs dieser Stadt geschätzt wird. Wie aber ist das in anderen Grossstädten dieser Welt? Sind Busse, Trams, S- oder U-Bahnen dort ähnlich pünktlich und komfortabel wie bei uns? In einer losen Serie werden wir solche und ähnliche Fragen rund um den internationalen ÖV zu beantworten versuchen – durch persönliche Berichte von sogenannten «Sonderkorrespondenten». Heute stellt uns Tobias Wälti «the L» vor, die Hoch- und U-Bahn von Chicago.
Bis zu meiner Ankunft am Flughafen Chicago O’Hare dachte ich, die Strassenbahn von Chicago verlaufe in der gesamten Stadt als Hochbahn. So hatte ich dies zumindest aus Filmen in Erinnerung, wie der gleichnamigen Filmadaption von Nick Hornbys Bestseller «High Fidelity», oder dem Thriller «The Fugitive», in dem Harrison Ford durch die Stadt gehetzt wird, oder auch dem 80er-Jahre-Teenager-Film «Ferris Bueller’s Day Off». Bei meiner Fahrt mit der «Blue Line» vom Flughafen in die Stadt musste ich dann allerdings feststellen, dass ich mich all die Jahre getäuscht hatte – die Bahn fuhr plötzlich eine unterirdische Passage, und an meiner Haltestelle stand ich darum etwas irritiert in einer U-Bahn-Station.
Wie ich später erfahren habe, war meine Erwartung nicht gänzlich falsch und die Filme aus der Traumfabrik haben mir nicht grundsätzliche eine falsche Realität vorgespielt: Der grösste Teil der Strassenbahnen verläuft tatsächlich als Hochbahn. Aus diesem Grunde wird das gesamte Hoch- und U-Bahnnetz in Chicago auch «the L» genannt, die Abkürzung für «Chicago Elevated».
Die «Blue Line» verläuft vom Flughafen nach Downtown Chicago zum «Loop» und von dort weiter in ein Aussenquartier. Da sich meine Unterkunft direkt neben einer Haltestelle der blauen Linie befand, lag es auf der Hand, dass die «Blue Line» in Chicago meine Linie sein wird.
Der grosse Vorteil von Hochbahnen
Als Tourist (aber nicht nur als Tourist!) hat eine Hochbahn gegenüber einer U-Bahn natürlich den Vorteil, dass man während der Fahrt etwas von der Stadt sieht und trotzdem mühelos am Verkehr vorbeikommt – in diesem Falle schwebend. In Chicago lässt sich ein weiterer Vorteil einer Hochbahn ebenfalls erleben: Nachdem die erhöht verlaufende «Bloomingdale Line» nicht mehr benötigt wurde, hat man sie zu einer Fussgänger- und Velo-Brücke umfunktioniert. Der damit entstandene «Bloomingdale Trail» ist nun eine Art Hoch-Park, der auf einer Länge von 4,3 Kilometer von Ost nach West verläuft. Der erhöhte Park bildet den wichtigsten Teil des «606» genannten Netzwerkes von Parks und Wegen für den Langsamverkehr. In einer grossflächigen Stadt wie Chicago, wo trotz vieler Anstrengungen immer noch das Auto als Verkehrsmittel dominiert, wird der Park auf dem Steg rege genützt.
Dass Chicago völlig zurecht auch «Windy City» genannt wird, durfte ich während einer Velofahrt in dem höhergelegten Park hautnah miterleben: Der kalte Wind vom nahen Lake Michigan blies mir mit voller Wucht derart entgegen, dass ich teilweise fast das Gefühl hatte, ich würde rückwärts fahren. Da lässt sich die Stadt vielleicht trotz Sonnenschein doch leichter mit «the L» erkunden.
«The L» - Chicago Elevated
Eine Besonderheit des Netzes ist der «Loop», ein Hochbahnring als Zentrum des Liniennetzes. Er verläuft als Ringlinie in etwa acht Metern Höhe über Strassen aufgeständert und umschliesst den Kern der Innenstadt von Chicago.