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Ein provokatives Buch erhellt mit zehn Beiträgen den aktuellen Stand der heutigen Queer Studien und wirft aktuelle Fragen zur Dekonstruktion bestehender Normen auf.
Nachdem die Begriffe ‹sex› und ‹gender› mittlerweile selbstverständlich in die langjährigen Diskussionen rund ums Thema Geschlecht einfliessen, kursiert heute zusätzlich auch der Begriff ‹queer› in verwandten Diskussionen. Ursprünglich war ‹queer› ein Schimpfwort für Schwule. Seit den 1990er-Jahren wird in lesbischen und schwulen Studien ‹queer› als subversives Modell verwendet, das dank seiner Elastizität diverse Lebensweisen und Sexualitäten einbezieht und Heteronormativität dekonstruiert.
Das von Gudrun Perko und Leah Carola Czollek kürzlich herausgegebene Buch ‹Lust am Denken. Queeres jenseits kultureller Verortungen› geht noch einen Schritt weiter. Gudrun Perko etwa widmet ihren eigenen Beitrag dem Begriff der ‹Magmalogik›, als transformative Erweiterung von ‹queer›. Sie berücksichtigt hierbei den Anderen/die Anderen, nicht im Sinne der Ausgegrenzten und Verneinten, sondern als grundlegende Beziehung aller Subjekte. Schliesslich führt sie eine Politik der ‹Autonomie› ins Feld, in der kein einheitlicher Subjektbegriff imaginiert wird, um handlungsfähig zu sein. Ein starrer Subjektbegriff würde schliesslich immer zu Ein- und Ausschlussverfahren beitragen, und das wäre nicht im Sinne von ‹queer›. Fraglich ist wohl, ob der Begriff ‹queer› nicht beliebig werden könnte, wenn er sich so ausdehnt, dass er weit über die Thematisierung sexueller Identitäten hinausgeht.
Anerkennung individueller Vielfalt
Grada Kilomba Ferreira analysiert in ihrem Beitrag ‹Rewriting the Black Body› ihr Verhältnis zur Sprache. Sie erzählt, wie sie als Kolonialisierte von den Kolonialisierern dazu gezwungen wurde, die Geschichte ihres Landes aus deren Sichtweise zu erzählen. Ihre konsequenten Gedanken führen sie zum tragischen Schluss, dass sogar das Buchstabieren ihres eigenen Namens ein Akt des Kolonialismus ist: «My own name is an act of colonization, even when I spell it.» Doch jener Zwischenraum, von dem aus sie schreibt, muss nicht nur als ein Raum des Verlustes gesehen werden, sondern auch als ein Ort radikaler Offenheit und Kreativität.
Mit ‹queerer› Medizin oder Mediation könnten in diversen Gesellschaftsbereichen und Institutionen Veränderungen durchgeführt werden. Normen, wie etwa das Zweigeschlechter-Modell oder eine binäre Theoriebildung führen zu Entscheiden, deren schmerzhafte Folgen zu wünschen übrig lassen. So wird kritisiert, dass bei intersexuellen Menschen das Geschlecht schon sehr früh durch operative Eingriffe als männlich oder weiblich festgelegt wird. Die Annahme einer eindeutigen und stabilen Geschlechtsidentität ist offensichtlich problematisch und wird anhand dieser Argumentation ad absurdum geführt. Interessant wäre nun, nebst diesen prägnanten Beispielen den ‹queeren› Anteil einer breiteren Bevölkerungsschicht zu thematisieren, was die Geschlechtsidentität und das Begehren betrifft. | Dominique Zimmermann
Gudrun Perko/Leah Carola Czollek (Hg.): ‹Lust am Denken. Queeres jenseits kultureller Verortungen›. PapyRossa Verlags GmbH & Co., Köln, 2004. 165 S., kt., CHF 32. Infos: www.papyrossa.de