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Seit kurzer Zeit sitzt ein Astronaut in der Promenade. Woher kommt er?
SARA TRAILOVIC
Er ist gross und goldig. Auf dem Sockel lese ich «The Thinker», erstellt vom niederländischen Künstler Joseph Klibansky, ermöglicht durch die Maddox Gallery. Seine Haltung kommt mir bekannt vor, sehr bekannt … Natürlich, der Astronaut in Gstaad muss an die Plastik «Der Denker» von Auguste Rodin angelehnt sein. Ich betrete die Maddox Gallery und erkundige mich beim Galeristen über das Kunstwerk.
Es wird drei Exemplare geben
Ganze 2,5 Tonnen schwer ist die imposante Bronzeskulptur, welche bis Ende der Wintersaison in der Promenade stehen wird. Die Herstellung dauert sechs bis acht Monate», verrät mir der Galerist. «Auf Anfrage werden noch zwei weitere Exemplare angefertigt.»
Das Original aus dem 19. Jahrhundert
Joseph Klinbanskys «The Thinker» nimmt eine bekannte Plastik auf, die in den Jahren 1880 bis 1882 enstanden ist: Den «Denker» des französischen Bildhauers und Zeichners August Rodin. Zu seinen Lebzeiten fertigte er mindestens zehn Abgüsse der Skulptur an. Nach seinem Tod im Jahr 1917 wurde das Recht für die Reproduktion an Frankreich übertragen. Seitdem ist die Zahl der Denkerstatuen auf über 20 gestiegen. Modell dafür stand der Boxer Jean Baud, weshalb der Körper nicht dem Klischee wenig muskulöser Intellektueller entspricht.
Ursprünglich war «Der Denker» eine der Figuren in Rodins Lebenswerk, dem «Höllentor», welches eine Szene aus Dante Alighieris «Göttlicher Komödie» darstellt. Rodin wurde vom französischen Staat beauftragt, die Skulptur für das neue Pariser Kunstgewerbemuseum herzustellen. Die beeindruckende Detailliertheit der grossformatigen Komposition kosteten den Bildhauer 37 Jahre Arbeit, bis knapp vor seinen Tod. Bis dahin wurde das «Höllentor» nie fertiggestellt und das Museum selbst wurde gar nie errichtet.
Replikation mit Parallelen
Der Erfolg des Denkers wird häufig auf die vertraute Stimmung zurückgeführt, mit welcher die Haltung assoziiert wird. Diese hat schon vielen Kunstschaffenden Anlass zur Eigeninterpretation gegeben, beispielsweise Banksy und Jeff Wall. So gibt es die einprägsame Pose heute unter anderem in Form von Gouachen, Polyamidskulpturen, Druckarbeiten und Fotografien.
Als Symbol der menschlichen Vernunft und Schöpfungskraft sitzt Rodins «Denker» im Nachdenken und Grübeln versunken, die Augen sind kaum sichtbar. Dieselben Eigenschaften weist auch «The Thinker» von Klibansky in Gstaad auf. Sein Astronautendasein unterstreicht zusätzlich, dass er sich beim Grübeln nicht mehr auf dieser Welt befindet. Anders als beim Original aus Frankreich kann sich der Betrachter gegenüber dem «Thinker» nicht sicher sein, wohin seine Augen unter dem Helm blicken. Betrachtet er die Passanten auf der Erde vom Weltraum aus?
Als ich die Galerie wieder verlasse, stehen Menschen vor dem Astronauten. Viele machen Fotos, andere betrachten ihr verzerrtes Spiegelbild im glänzenden Visier. Selbstreflexion.