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Ein paar Tage vor dem Nikolaustag kommt Karl aufgebracht von der Schule nach Hause.
“Was ist denn los?”, fragt seine Mutter.
“Frau Lager hat heute gesagt, dass es den Sankt Nikolaus nicht gibt.”
“Deine Lehrerin hat gesagt…”
“Der Sankt Nikolaus sei schon vor vielen, vielen Jahren gestorben.”
Frau Müller schluckt leer.
“Und?”
“Ich habe Frau Lager gesagt, dass dies nicht sein könne, da uns der Sankt Nikolaus letztes Jahr besuchte.”
“Hmm”, macht Frau Müller nachdenklich, “und was hat Frau Lager geantwortet?”
“Frau Lager konnte nicht antworten, denn Hassan war schneller. Er meinte, es habe nie einen Sankt Nikolaus gegeben.”
Es wird immer besser, denkt Frau Müller, sagt aber nichts.
“Frau Lager meinte, der Sankt Nikolaus gab es schon einmal. Er lebte im 4. Jahrhundert und zwar in Myra, der heutigen Türkei.”
“Ach ja?”, sagt Frau Müller.
“Mein Freund Robert protestierte und sagte, dass der Sankt Nikolaus am Nordpol lebe. Daraufhin meinte Ronja: `Na klar, dann ist der Sankt Nikolaus eben umgezogen.`“
Frau Müller schaut ihren Sohn an.
“Und was meinst Du?”
“Das mit dem Umziehen macht Sinn, denn ich habe mich immer gefragt, von wo der Sankt Nikolaus seinen Esel hat. Er hat ihn von der Türkei mitgenommen! Und das Rentier am Nordpol kennengelernt.”
“Das hast Du gut überlegt”, lobt Frau Müller.
Karl nickt.
“Frau Lager wollte den Wohnort des Sankt Nikolaus nicht weiter diskutieren. Sie wechselte das Thema und fragte uns, was der Sankt Nikolaus denn so bringe. Ronja zählte auf: `Spanische Nüsse, Mandarinen und..` Weiter konnte Ronja nicht sprechen.“
“Warum?”
“Weil Melanie Ronja einfach unterbrach. Melanie wollte wissen, warum der Sankt Nikolaus Spanische Nüsse bringe, wenn er doch am Nordpol wohne. Ronja antwortete: `Na, weil es keine nordpolarische Nüsse gibt.`”
Frau Müller setzt sich hin. Karl spricht weiter:
“Warum der Sankt Nikolaus nicht Baumnüsse nehme, hackte Melanie nach. Ronja erwiderte: `Weil die Kinder Baumnüsse nicht aufmachen können und weil es am Nordpol keine Bäume gibt. Also muss er auf jeden Fall Nüsse im Ausland einkaufen.`”
“Hmm”, macht Frau Müller.
“Genau das hat Frau Lager auch gesagt”, meint Karl, “und dann verwies Frau Lager auf die `Mandarinen`, die man neben den Nüssen nicht vergessen sollte.”
“Und gab es dazu Fragen?”, seufzt Frau Müller.
“`Warum Mandarinen?`, wollte Melanie wissen.”
“Und?”
“Frau Lager schien sich nicht sicher, aber für mich sind Mandarinen logisch.”
“Ach ja?”
“Wenn der Sankt Nikolaus wegen den Nüssen schon in Spanien ist, kann er auch noch die dortigen Früchte einkaufen. Datteln und Feigen gibt es doch auch in Spanien, oder?”
“Du weisst aber viel.”
“Robert fragte, ob der rote Mantel mit dem roten Tuch der Stierkämpfer zu tun habe.”
“Nun wird es aber interessant”, murmelt Frau Müller.
“Interessant? Frau Lager war entsetzt und sagte: `Um Gottes Willen, nein. Der rote Mantel hat mit Coca Cola zu tun.`“
“Hmm.”
“`Häää?`, riefen ich und viele andere, denn das machte überhaupt keinen Sinn.”
“Wieso nicht?”
“Weil man im 4. Jahrhundert Amerika noch nicht entdeckt hatte. Wie also könnte der Mantel von Coca Cola kommen?”
“Ich freue mich auf Frau Lagers Antwort.”
“Frau Lager sagte, wir seien vom Thema abgekommen. Wichtig für uns sei nur, dass wir nicht vergessen sollten, uns am 6. Dezember warm anzuziehen, denn wir würden den Sankt Nikolaus im Wald besuchen.”
“Schön.”
“`Wie kann der Sankt Nikolaus kommen, wenn es ihn gar nicht gibt?`, fragten wir Frau Lager.”
“Jetzt bin ich aber gespannt.”
“`Fragt Eure Eltern`, sagte Frau Lager.”
6 Kommentare zu „Kinder erklären den Sankt Nikolaus“
Liebe Priska, ich hatte LUST!
Deine Geschichte ist wirklich toll. Sie hat mich einige Male schmunzeln und nachdenken lassen. Sie zeigt zudem auf ganz eindrückliche Art, welche Probleme in einer Schulklasse entstehen können, wenn verschiedene Kulturen und unterschiedliches „Wissen“ aufeinanderprallen.
Im Grunde der Dinge aber ist sie eine traurige Geschichte, denn sie zeigt, das man manchmal vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht.
Für den einzelnen Menschen, v.a. für Kinder ist es wichtig, Antworten zu haben oder solche zu bekommen. Eine Lehrerin ist diesbezüglich Fachfrau für Antworten. Auf die Frage „Wie kann der Nikolaus kommen, wenn es ihn nicht gibt?“ sollte sie unbedingt antworten können.
Einige Schulen ziehen sich clever aus dem Schneider,
indem sie Nikolausfeiern und anderes, was mit der Weihnachtszeit zu tun hat, aus dem Programm streichen. Die Schule habe neutral zu sein, so die Begründung. Nikolaus, Advent, Weihnachten und Ostern aber – das ist Kultur.
Einschub:
Die Kultur wird als Kultur des Menschen am Menschen und mit Menschen gelebt. Kultur bedingt Toleranz und einfühlendes Verständnis und wird gelebt und gezeigt in Form von Traditionen und Bräuchen, von Kunst und Geschichte. Kultur spricht in irgend einer ihrer Formen die Sinne jedes Menschen an.
Ende des Einschubs:
Kultur um der (religiösen) Neutralität wegen zu streichen, finde ich falsch, denn wo sonst, als in der Schule, kann besser und gemeinschaftlicher Kultur gelernt werden?
In diesem Sinne bin ich ganz und gar für Multi-Kultur. In einer Schulklasse, in der es z.B. auch muslimische oder jüdische Kinder hat, sollen alle Kulturen – den Verhältnissen entsprechend – gelebt werden.
Ich vermute, dass die Lektionsvorbereitung „Nikolaus“ für Frau Lager nicht einfach wird. Aber – ich spreche aus Erfahrung – es gibt nun mal Lektionen, die „ans Lebendige“ gehen und deren Vorbereitungen einem schon herausfordern können. Dies kommt, weil es in solchen Lektionen um Kultur geht. Da Kultur keine universale Sprache spricht, wird es schwierig.
Ich zitiere Josef Ludin:
„Kultur bezieht sich auf die innere Moralität des einzelnen Individuums und seiner Gemeinschaft. Kultur kann keine universale Sprache sprechen, weshalb Dialog und Kommunikation auf dieser Ebene schwierig werden.“
Vielleicht wäre es notwendig, dass Lehrkräfte zu Kultur-Themen Unterstützung von Fachkräften (Religionsphilosphen) bekämen oder sogar auf vorbereitetes und lediglich noch anzupassendes Material zurückgreifen könnten.
Frau Lager sollte (als Ergenis ihrer didaktischen Analyse) wissen:
1) Es gab einen Nikolaus, der vor langer Zeit in Myra lebte.
2) ist: Es gibt Kinder, die an den Nikolaus glauben.
3) Es gibt KInder, die nicht mehr an einen Nikolaus glauben.
4) Es gibt Kinder, die (wahrscheinlich) nichts vom Bischof von Myra wissen und deshalb nicht an einen Nikolaus glauben können.
5) Die historische Figur des Nikolaus und die Kunstfigur des Weihnachtsmanns sind nicht identisch.
Alle andere rund um den Nikolaus ist nicht Wissen, sondern Meinen und Fühlen.
So, und nun kommt die Herausforderung. Wie kann eine Lektion/eine Lektionsreihe gestaltet werden, in der keine KInder vor den Kopf gestossen, keine in ihren Gefühlen verletzt und keine unbeachtet gelassen werden?
Die Lektion oder die Reihe muss Antworten geben und darf auf keinen Fall im „Fragt eure Eltern“ gipfeln.
Wichtig ist, dass am Schluss jedes Kind die Antworten für sich hat, die ihm „gut tun“. Kultur ist nämlich nichts Objektives, nichts, was nur die oder jene Antwort zulässt.
Frau Lager hat sich selber ein Ei gelegt. Sie bestellt einen Nikolaus in den Wald und will die Kinder wissen lassen, dass es ihn nicht gibt. Tut mir leid, das zu sagen, aber das ist ein bisschen typisch für die heutige Zeit, in der „Äggschen“ zum Wert an sich geworden ist und die eigentlichen Werte verblassen.
Die Frage ist nämlich nicht, ob es den Nikolaus gibt oder nicht, wie er gewandet ist oder nicht, was er bringt oder nicht. Die Frage ist, welches ethische Grundprinzip will mit den Nikolausgeschichten bildhaft dargestellt werden?
Ich bin überzeugt, die Kinder der Klasse von Frau Lager hätten die Antwort auf diese Frage gefunden.
Barbara
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Ja der richtige Nikolaus oder Sankt Nikolaus hatte eben einen blauen Mantel – der rote Mantel kam tatsächlich vom Coca-Cola Konzern und dieser Mann heisst Weihnachtsmann – mit dem Coca-Cola Mobil das durch die Städte braust wird er den Menschen näher gebracht.
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Danke für Deine Rückmeldung. Hat mich sehr gefreut.
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*lach*, schwierige Kiste für eine Neuzeitlehrerin, die mehrere Nationen und Religionen in einer einzigen Klasse versammelt hat. Sie hat sich ziemlich rausgehalten aus den verschiedenen Meinungen und hat auch den roten Mantel nicht näher besprochen. Tja, sie machte es sich ein bissel einfach, aber jedem Kind hätte sie sowieso nicht gerecht werden können.
Nun kommt das Wunder, sie gehen in den Wald, um den Nikolaus zu besuchen 🙂
Danach werden sie wissen, daß der Nikolaus überall wohnen kann, wenn man nur die nötige Fantasie hat 🙂
Schmunzelnde Grüße von Bruni
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Schade, dass die Lehrerin keine befriedigenden und/oder erklärenden Antworten auf die Fragen der Kinder fand und das Thema dann mit der Aufforderung: „Fragt eure Eltern“ beendet hat.
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Ja, da hast Du recht.
Herzliche Grüsse. Priska
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