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Ricky Turner hatte in seinem Leben schon viele Jobs. Bis 2008 war ihm gar ein beruflicher Aufstieg gelungen, welcher seiner Familie die Aussicht auf ein Eigenheim eröffnete. Doch seither kämpft er mit den Folgen der Finanzkrise. Seine gut bezahlte Arbeit hat er verloren, er schlägt sich durch, aber freie Stellen sind kaum zu finden. Derweil wächst der Schuldenberg und der Wunsch nach einem eigenen Haus rückt in weite Ferne.
Das soll sich nun ändern: Zwischen Verzweiflung und Euphorie entscheidet sich Ricky, als “selbständiger” Kurierfahrer für einen Paketzustelldienst zu arbeiten – “Franchise” oder “Gig-Economy” nennt sich sowas: Ein Geschäftsmodell, bei dem ein Unternehmen (im Film “Parcels Delivered Fast”) einem anderen Unternehmen (in unserem Falle Ricky) das Recht einräumt, sein Geschäftskonzept, seinen Namen, seine Marke und andere geschützte Eigenschaften zu nutzen.
Ricky entschliesst sich, einen eigenen Transporter zu kaufen – in erster Linie, weil ihm das Mieten eines Transporters bei “Parcels Delivered Fast” auf lange Sicht teurer zu stehen käme. Sein Transporter, seine Verantwortung, seine Leistung, die seinen Lohn bestimmt: Ein Schein von Selbständigkeit breitet sich aus. Doch die Hoffnung, die er in sein neues Arbeitsverhältnis setzt, wird bald enttäuscht: Ricky gerät in einen Teufelskreis von Zeitdruck, Überarbeitung und finanziellen Defiziten.
Immer schlechtere Arbeitsbedingungen belasten Familienverhältnisse
Rickys Frau Abbie arbeitet derweil als Pflegerin und geht von Haus zu Haus um für ihre Patientinnen und Patienten zu sorgen. Auch ihr Arbeitsverhältnis basiert auf einem sogenannten “Null-Stunden-Vertrag”. In ihrem Arbeitsvertrag ist keine festgelegte Mindestanzahl von Arbeitsstunden vorgesehen. Stattdessen wird sie nur für die Betreuung einer bestimmten Anzahl von Patienten entlohnt. Um den Transporter ihres Mannes zu finanzieren, war sie zum Verkauf ihres Autos gezwungen. Folglich verbringt sie viel Zeit im Bus und an Bushaltestellen, ihr Arbeitsweg wird zur zusätzlichen Belastung. Nebenbei führt sie Telefonate mit ihren Kindern, um ihnen mitzuteilen, wo das Mittagessen bereitsteht und wer sie für den Schwimmunterricht oder den Chor abholen wird.
Von den sich stetig verschlechternden Arbeitsbedingungen bleiben die Verhältnisse in der Familie nicht unberührt. Nicht nur die Beziehung zwischen Ricky und Abbie verschlechtert sich zusehends, auch das Verhältnis zu den Kindern wird gestört. Da ist einmal der Sohn im Teenager-Alter namens Seb, der vorerst Verständnis für die finanziellen Schwierigkeiten und den alltäglichen Stress seiner Eltern aufbringt, dann aber zunehmend unter den Umständen zu leiden beginnt und Ausbruchsversuche aus der familiären Dynamik wagt. Er schwänzt die Schule, findet Gefallen an der Graffiti-Kunst (die ihn in Konflikt mit dem Gesetz bringt) und begeht Ladendiebstahl. Er kämpft mit den üblichen Herausforderungen des Erwachsenwerdens, für die ihm aufgrund der überlasteten Eltern nicht die nötige Aufmerksamkeit zukommt.
Und dann ist da die Tochter Lisa, einige Jahre jünger als Seb: Zu jung, um Verantwortung zu übernehmen, aufgrund ihres Alters zur Passivität gezwungen, wird sie zwischen den Fronten aufgerieben. Sie leidet, wünscht sich die frühere Harmonie zurück und entwendet deshalb eines Nachts Rickys Autoschlüssel. Die neue Arbeit des Vaters habe die Familie auseinandergerissen, das müsse aufhören. Im Ansatz richtig, macht sie das, was nur das naive Kind, das in diese grausame Welt noch nicht integriert wurde, machen kann – und verschlimmert damit freilich die Lage. Ricky beschuldigt fälschlicherweise Seb, kann nicht zur Arbeit erscheinen, verliert einen weiteren wichtigen Arbeitstag und damit das so wichtige Geld. Stattdessen gibts eine weitere Abmahnung – die letzte vor der Kündigung.
Oft müssen beide Eltern arbeiten, um über die Runden zu kommen
Nicht nur in sogenannten “Brennpunktschulen” dürften den Schülerinnen und Schülern die von Ken Loach gezeigten Bilder vertraut vorkommen. Wer schon mal unterrichtet hat, weiss: Oft stecken die Eltern in prekären Arbeitsverhältnissen fest. Dass beide Elternteile arbeiten müssen (manchmal gar an mehreren Orten) um die Familie über Wasser zu halten, ist längst keine Ausnahme mehr. Für die Lehrkräfte zeigt sich dies nicht erst in Elterngesprächen und an Elternabenden – wenn die Eltern überhaupt noch die Zeit aufbringen, zu diesen Anlässen aufzutauchen. Die Familienverhältnisse lassen sich auch ablesen am Auftritt und den Leistungen ihrer Kinder: Ist genug Geld da für die nötige Schulausrüstung und die Schulreise? Werden die Schülerinnen und Schüler in ihrem Lernprozess unterstützt, können sich die Eltern Nachhilfe leisten? Und so weiter und so fort.
Weil der Film die Wichtigkeit ökonomischer Ressourcen betont, liefert er einen anschaulichen Ausgangspunkt zur Kontextualisierung von Konkurrenz und Benachteiligung.
Unter dauerndem Leistungs- und Konkurrenzdruck fällt es Schülerinnen und Schülern oftmals schwer, die Herausforderungen ihres Schulalltag in einen gesellschaftlichen Zusammenhang einzuordnen. Weil der Film die Wichtigkeit ökonomischer Ressourcen betont, liefert er einen anschaulichen Ausgangspunkt zur Kontextualisierung von Konkurrenz und Benachteiligung. Abgesehen davon dürften sich viele der Schülerinnen und Schüler in den Rollen der beiden Kinder Seb und Lisa wiederfinden. Die beiden leiden auf die jeweils ihrem Alter entsprechenden Weise am Zerfall der Familie. Minute für Minute dringt der Stress der Arbeitswelt weiter in die familiären Verhältnisse: Für Seb und seine pubertären Ausbrüche fehlt schlicht die Zeit, er erhält nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient. In der Folge vergrössert sich die Distanz zwischen ihm und seinen Eltern, insbesondere zu seinem Vater, der in seiner Verzweiflung und Überarbeitung nur noch mit autoritärem Gehabe und Wut zu reagieren vermag. Lisa leidet derweil im Stillen und ist als Jüngste mit der Situation gänzlich überfordert. Auch ihr fehlt die nötige Zuwendung in diesem Zerfallsprozess, den sie – teils zurecht – auf die neue Arbeit ihres Vaters zurückführt.
Tausendfach gelebte Geschichten
Identifikationsangebote machen noch keinen guten Film. Ken Loachs Film empfiehlt sich für den Unterricht, weil darin die Identifikation als Köder funktioniert: Ken Loachs Filme sind so gut, weil sie so echt sind. Der Film kommt aus ohne Fantasie, ohne Spezialeffekte, ohne Pathos. Er erzählt eine Geschichte, wie sie tausendfach gelebt wurde und sonst nichts. Ken Loach überwältigt sein Publikum mit der Realität – deshalb eignen sie sich hervorragend für den Schulunterricht. Was wir auf der Leinwand gezeigt bekommen, ist ein ungeschönter Bericht aus dem alltäglichen Leben, der seine Tragik nicht aus irgendeiner Dramen-Theorie ableitet, sondern aus konkreten Lebensumständen gewinnt. Das verschafft Loachs Figuren ein enormes Identifikationspotenzial und vereinfacht den Zugang für die Schülerinnen und Schüler zu den Themen, die dem Film zugrunde liegen.
Ken Loach überwältigt sein Publikum mit der Realität – deshalb eignen sie sich hervorragend für den Schulunterricht.
Angefangen bei Ricky: Neuesten Schätzungen zufolge stecken in England über sieben Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter in einem Gig-Arbeitsverhältnis. Und auch hierzulande bilden Gig-Jobs keine Randerscheinung mehr: Airbnb, Uber, Upwork und so weiter erobern die Arbeitsmärkte. Das ist kein Zufall: Mit der Abwälzung von Kosten auf ihre Angestellten steigern die Unternehmen ihre Profite und erhöhen ihre Konkurrenzfähigkeit. Gig-Unternehmen versuchen neue Arbeitskräfte mit den verlockenden Aspekten des Gig-Lebens für sich zu gewinnen: Sei “dein eigener Chef”, geniesse als “Selbständige” die “Freiheit und Flexibilität”, den eigenen Tagesablauf selbst zu bestimmen. Diese Vorstellung mag attraktiv klingen – doch wer einen Blick hinter die PR-Kulisse wirft, erkennt ein prekäres Arbeitsverhältnis.
Mit Flexibilität und Freiheit ist es nicht weit her
Da sind einmal die erheblichen anfängliche Investitionen – in Rickys Fall der Kauf eines eigenen Transporters. Die finanziellen Aufwendungen zur Aufnahme der Arbeit sind nicht nur schmerzlich, sondern erhöhen die Abhängigkeit vom Unternehmen, da die Investitionen erstmal “abgearbeitet” werden müssen. Zweitens ist es mit der gepriesenen Flexibilität und Freiheit nicht weit her: Als Gig-Arbeiterin sind Betriebsstandards und Richtlinien (Geschäftsmodell, Produkt, Marketingstrategie und so weiter) des Unternehmens einzuhalten, was die Flexibilität erheblich einschränkt. Drittens sind Null-Stunden-Verträge und Arbeit auf Provision nur auf den ersten Blick verlockend: Ricky sieht es als Chance, mit extra viel Anstrengung extra viel Geld zu machen. Mehr Arbeiten gleich mehr Geld verdienen. Stimmt schon – in der Theorie. In der Praxis führen derartige Anstellungen im Vergleich zu einigermassen gesicherten Arbeitsverhältnissen jedoch zu Stress und Überbelastung. Wer als Lehrkraft Jugendliche im Berufswahlprozess begleitet und diese angemessen auf ihre berufliche Zukunft vorbereiten möchte, kommt um die Problematisierung dieses Arbeitsverhältnisses nicht umhin – weil gerade für die von Unternehmen umworbenen Jugendlichen die “Selbständigkeit” eine grosse Verlockung darstellen kann.
“Auch meine Mutter arbeitet im Spital und ist dauernd müde”, meint eine meiner Schülerinnen.
Auch um neue Pflegende wird bei der Jugend geworben. Damit wären wir bei Abby und ihrem alltäglichen Kampf. Der Pflegeberuf steht mittlerweile exemplarisch für Arbeitsumfelder, die sich gerade innerhalb der letzten Jahre nochmals prekarisiert haben. Die Zustände und das in den Spitälern eingesetzte Personal haben (nicht erst) im Zuge der Corona-Pandemie gelitten: Personalmangel, unmögliche Dienstpläne, Stress und tiefe Löhne prägen den Arbeitsalltag. “Auch meine Mutter arbeitet im Spital und ist dauernd müde”, meint eine meiner Schülerinnen. Ein Ende 2022 veröffentlichter Artikel aus dem Beobachter bestätigt ihre Beobachtung und gibt einen eindrücklichen Einblick in den Arbeitsalltag des Pflegepersonals und stellt fest, dass sich auch ein Jahr nach Annahme der Pflegeinitiative nichts zum Besseren gewendet hat: “Der Branche laufen jeden Monat 300 Leute davon. Diejenigen, die bleiben, sind am Anschlag”. Abby und die Pflege stehen für sämtliche Berufe im öffentlichen Dienst, die infolge von Sparmassnahmen zunehmend unter Druck geraten. Auch hier bietet der Film einen geeigneten Ausgangspunkt, die wahren Zustände in den Arbeitswelten zu betrachten – was in den standardmässig zur Verfügung stehenden Lehrmitteln leider oftmals nur unzureichend geschieht.
Wer also – wie ich – die Wahl des Films nicht (mehr) seiner Klasse überlassen möchte, dem sei Ken Loach wärmstens empfohlen. Als nächstes werde ich es mit “I, Daniel Blake” versuchen.