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Remo Stoffel hat nicht nur Probleme, das Valser Thermenhotel in seinen Besitz zu bekommen. Nächste Woche steht er in St. Moritz vor Gericht.
Zuletzt stand er in den Schlagzeilen, als die Gemeinde Vals sich im Streit um den Verkauf des Thermenhotels Ende März für ihn und nicht für den Architekten Peter Zumthor entschied: Remo Stoffel, 35-jährig, Herrscher über ein Liegenschaftenimperium im Wert von 500 Millionen Franken (siehe WOZ Nr. 11/12). Viele ValserInnen sind dem Immobilientycoon, der ihrem Dorf entsprang, nicht wohlgesinnt. Gegen ihn laufen mehrere Strafuntersuchungen. Am kommenden Dienstag, 19. Juni, steht er in St. Moritz vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft Graubünden hat Strafanklage erhoben. Sie wirft Stoffel ungetreue Geschäftsbesorgung und Gläubigerschädigung durch Vermögensverminderung vor.
Im Juli 2004 beauftragte das mitangeklagte Betreiberehepaar des Cafés Puntschella in Pontresina Remo Stoffel, damals noch Vermögensverwalter, das Café und den damit verbundenen Produktionsbetrieb Gianda finanziell zu sanieren. «Bereits nach unmittelbarer Aufnahme dieser Tätigkeit stellte er fest, dass das Café Puntschella bzw. deren Gesellschafter vor dem Konkurs standen», heisst es in der Anklageschrift. Wie aus ihr hervorgeht, handelte Stoffel rasch: Er hiess den Cafébetreiber, sämtliche Guthaben sowie das gesamte Inventar der beiden Betriebe an dessen Frau abzutreten – obwohl sie nicht zum Kreis der GläubigerInnen gehörte. Darauf wies Stoffel die Frau des Cafébetreibers an, ein Privatkonto auf ihren Namen zu eröffnen. Und das «Puntschella» wurde in eine Einzelfirma umgewandelt, die nur noch unter dem Namen des Cafébetreibers lief.
Die Verzweiflung der Revisoren
Kaum hatte Stoffel die Berechtigung, Transaktionen über das neue Privatkonto der Frau des Cafébetreibers vorzunehmen, legte er die bestehenden Konten der beiden Betriebe still. Und wickelte deren gesamten Bankenverkehr über dieses Privatkonto ab, wie die Anklageschrift schildert. Bis Ende 2004 zahlten die Schuldner des «Puntschella» und der Gianda rund 1,3 Millionen Franken auf dieses Konto ein. Eine halbe Million davon überwies sich Stoffel parallel dazu auf sein eigenes Konto und transferierte es von dort weiter auf ein Konto, das der Mutter der Frau des Cafébetreibers gehörte. Diese zahlte damit laut Anklage auf Stoffels Anweisung bestehende Hypothekar- und Betriebskredite an die Gläubigerbank zurück und beglich weitere Schulden.
Die verbleibenden Gläubiger erlitten in der Folge einen Verlust von über zwei Millionen Franken, nachdem sich der Cafébetreiber und die Gianda im Februar 2005 für zahlungsunfähig erklärt hatten.
So weit die Anklageschrift. Sie beschreibt Geschäftspraktiken von Remo Stoffel, die in andern Strafanzeigen und in Gesprächen mit ehemaligen Geschäftspartnern wiederholt auftreten: Da werden Konten eröffnet, über die Stoffel Geldtransaktionen im sechs- bis achtstelligen Bereich laufen lässt; und es werden – oft in rascher Folge – Firmen gegründet und liquidiert. So weit alles legal.
Aber auch die Vorwürfe und Anzeigen wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung, Veruntreuung und Urkundenfälschung tauchen in Stoffels beruflichem Werdegang immer wieder auf. Bereits während seiner Banklehre in Chur sollen laut «Bilanz» Ungereimtheiten aufgetreten sein.
Eine erste Strafanzeige wegen Veruntreuung und Urkundenfälschung erwächst ihm ausgerechnet in Vals. Ganze 25 Bundesordner mit Unterlagen dazu soll die Stockwerkeigentümergemeinschaft der Therme-Aussenhäuser 2006 der Polizei übergeben haben: Sie dokumentieren Remo Stoffels Tätigkeit aus seiner Zeit als Vermögensverwalter der Gemeinschaft zwischen 2000 und 2006. Und die wachsende Verzweiflung der Revisoren. «Für die Revisoren und viele Eigentümer sind die von Herrn Stoffel vorgenommenen Transaktionen nicht nachvollziehbar», schreiben sie in einem Sonderbericht aus dem Jahr 2005. Kontoauszüge und -abschlüsse fehlten zuhauf, Stoffel mache widersprüchliche Angaben zum Verbleib des Vermögens: Mal soll es auf einer Bank in Liechtenstein sein, dann bei der Bündner Kantonalbank, der Bank Bär in Zürich und schliesslich bei einer «Depotverwaltungsstelle», deren Sitz er «aus Geheimhaltungsgründen nicht nennen» könne.
Dazu liefert Stoffel Belege, die sich gemäss Bericht als gefälscht herausstellen: ein Dokument der Bündner Kantonalbank etwa, das lediglich mit einem Kürzel gezeichnet ist. Die Bank verneint gegenüber den Revisoren, dass das Dokument aus ihrem Haus stammt, und auch das Kürzel gehört keinem ihrer Angestellten, sondern Stoffels Notar und Treuhänder aus St. Gallen. Zwei weitere Dokumente, die den Verbleib des Vermögens der Eigentümergemeinschaft belegen sollen, stammen zwar tatsächlich von der Bank Bär. Die darin genannten Konten gehören jedoch einem damaligen Geschäftspartner Stoffels.
Anfang dieses Jahres kommt das gerichtspolizeiliche Ermittlungsverfahren zum Abschluss. «Wir haben jetzt formell eine Strafuntersuchung eröffnet», sagt der Bündner Staatsanwalt Maurus Eckert. «Die Befragungen laufen.»
«In Millionenhöhe geschädigt»
Hannjörg Hereth, Stoffels damaliger Geschäftspartner und Inhaber der Konten bei der Bank Bär, hat 2007 Strafanzeige bei der Zürcher Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf Veruntreuung, ungetreue Geschäftsbesorgung, Urkundenfälschung und Betrug eingereicht. Hereth ist ein gestandener Geschäftsmann Mitte siebzig. Remo Stoffel hat er kurz nach der Jahrtausendwende kennengelernt und ihn als ehrgeizigen jungen Unternehmer unter seine Fittiche genommen. Auf Stoffels Rat transferierte er einen Gutteil seiner Konten zur Bank Bär und stattete Stoffel mit einer Verwaltungsvollmacht aus. Was explizit ausschloss, dass Stoffel über diese Konten Zahlungen an sich selbst oder an Dritte tätigen durfte.
«Stoffel hat mit diesem Geld eigenmächtig spekuliert», sagt Hereth heute. «Er hat mich dadurch in Millionenhöhe geschädigt.» Stoffel soll, wie eine weitere Strafanzeige Hereths von 2011 gegen die Bank Bär respektive zwei ihrer Mitarbeiter darlegt, Überweisungen von über sieben Millionen Franken an Dritte respektive an eigene Firmen zu Lasten dieses Kontos vorgenommen haben. «Diese Überweisungen habe ich weder in Auftrag gegeben noch abgesegnet, noch habe ich von ihnen irgendwelche Kenntnis gehabt», so Hereth. Er vermutet, dass in diesem Zusammenhang Urkunden sowie seine Unterschrift gefälscht worden sind.
Hauptstreitpunkt der Auseinandersetzungen zwischen Hereth und Stoffel ist der gemeinsame Riesendeal vom April 2005: die Übernahme des Grundstückverwalters Avireal aus der Konkursmasse der Swissair. Der Deal umfasste Grundstücke und Immobilien um den Flughafen Zürich im Wert von rund 350 Millionen Franken sowie das Facilitymanagement an den Flughäfen Zürich und Genf. Hereth liess Stoffel weitgehend freie Hand bei den Vertragsverhandlungen. Als Verwaltungsrat der neuen Avireal-Gruppe kümmerte sich Stoffel um die Finanzen. Dabei habe er ihm Schlüsselinformationen vorenthalten, sagt Hereth heute.
Zwei Jahre später reichte er die erwähnte Strafanzeige gegen Stoffel ein. Einer der zentralen Vorwürfe lautet, dass sich Stoffel unmittelbar nach der Übernahme der Avireal aus einem der gemeinsamen Geschäftskonten eine Provision in Höhe von gut drei Millionen Franken sowie 1,75 Millionen für Honorare und Dienstleistungen auf sein eigenes Konto habe auszahlen lassen. Die Firma habe ihm «keinen Auftrag erteilt, der eine solche Honorarzahlung hätte begründen können», steht in der Anzeige. Auch liege keine Leistung vor, die eine solche Zahlung hätte rechtfertigen können.
Des Weiteren soll sich Stoffel über verschiedene Geschäftskonten persönlich um Millionen bereichert haben. In der Anklageschrift heisst es: «Auf diese Weise diente die Unternehmenskasse dem Angeschuldigten in grossem Umfang als Privatschatulle.» Um das Ganze zu vertuschen, soll Remo Stoffel ausserdem Hereths Unterschrift als Verwaltungsratspräsident gefälscht haben: An einer Generalversammlung, die gemäss Hereth nie stattgefunden hat und an der die Jahresrechnung abgesegnet worden sein soll. Hereth selbst war zum Zeitpunkt der GV im Ausland – das könne er anhand von Dokumenten und Zeugenaussagen nachweisen.
Weshalb hat die Staatsanwaltschaft Zürich bislang keine Anklage gegen Stoffel erhoben? «Das Verfahren ist seit 2010 sistiert», sagt Staatsanwalt Markus Keller, «weil die Eidgenössische Steuerverwaltung ein Verfahren gegen Stoffel durchführt.» Und das besitzt Priorität.
Stoffel will nicht Stellung nehmen
Tatsächlich ermittelt eine Sondereinheit der Eidgenössischen Steuerverwaltung ESTV im Zusammenhang mit dem Avireal-Deal seit nunmehr zwei Jahren gegen Stoffel, wegen schwerer Steuerhinterziehung und Steuerbetrug im Umfang von über 150 Millionen Franken. Dabei geht es laut «Bilanz» um das Verbuchen von geschäftsmässig nicht begründetem Aufwand, um verdeckte Gewinnausschüttung und um die Begründung und Bilanzierung von Nonvaleurs, also wertlosen Wertpapieren.
Die ESTV sagt auf Anfrage, sie sei nicht befugt, sich zu Einzelfällen zu äussern. Aus Hereths Strafanzeige lässt sich indes schliessen, worin ein zentraler Vorwurf bestehen könnte: Stoffel soll auf ein fiktives Aktionärsdarlehen von 180 Millionen Franken faktische Bezüge gemacht und diese nicht versteuert haben. Strafrelevant wäre auch, dass Stoffel gemäss Hereth ein sogenanntes Steuerruling, in dem man sich mit den Steuerbehörden vorgängig über die Steuerfolgen einer Transaktion verständigt, aufgesetzt und darin das fiktive Aktienkapital als real ausgegeben hat. «Von der Existenz dieses Steuerrulings habe ich erst Mitte 2008 erfahren», sagt Hereth.
Vorderhand gilt für Remo Stoffel die Unschuldsvermutung in diesem wie auch in allen anderen Fällen. Ob es in den laufenden Ermittlungen der ESTV überhaupt zur Anklage kommen wird, wird sich ebenso weisen wie, ob es in St. Moritz zu einer Verurteilung kommt.
Wie sieht Stoffel selbst eigentlich diese immergleichen Vorwürfe und die wachsende Anzahl Strafanzeigen und -verfahren? Belastet ihn das nicht – ihn und vor allem seine Geschäftsbeziehungen? Trotz wiederholter Nachfrage steht Remo Stoffel für ein Gespräch nicht zur Verfügung, wie sein PR-Manager Jan Freitag insistiert. Zumindest nicht vor der Gerichtsverhandlung in St. Moritz am 19. Juni. Und überhaupt sei das mit dem «Puntschella» ja keine schwerwiegende Sache.
Remo Stoffel geschäftet weiter in Pontresina: Er hat die ans «Puntschella» angrenzende Parzelle von der Familie der Frau des ehemaligen Cafébetreibers gekauft – jene Parzelle, die das ebenfalls angeklagte Ehepaar ursprünglich als Sicherheit für die Bankkredite für die Betriebsfinanzierung des Cafés eingebracht hatte. Dort baut Stoffel jetzt vier Häuser mit über vierzig luxuriösen Eigentumswohnungen. Nach dem Konkurs soll laut «Südostschweiz» übrigens Remo Stoffels Mutter das Café Puntschella übernommen haben.