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Bildgedächtnis
Michael Guggenheimer
Bubendorf. Ein Dorf im Kanton Basel Land. Den Namen hörte ich erstmals im schottischen Fort William und hielt ihn zunächst für einen typisch englischen Witz. Ein Trainspotter aus England, den ich auf einer Wanderung traf, als er gerade die vorbei schnaufende alte Dampfbahn nach Malaig fotografierte, erzählte mir vom „Waldenburgerli“ in der Schweiz, einer weiss-roten Eisenbahn, die auf einer Spurweite von 750 Millimetern fahre und die einzige europäische Bahn mit dieser Spurweite sei, die nicht vorwiegend touristischen Zwecken diene. Wohl um zu zeigen, wie weitgereist oder bahngebildet er sei, zog er zum Vergleich den Schienenverkehr in Afghanistan herbei, der derzeit bloss aus zwei Eisenbahnstrecken für den Güterverkehr bestehe, die beide zusammen nur 25 Kilometer lang seien. Als ich meinem Freund René, er besitzt eine ansehnliche Modelleisenbahn und ist auch ein Trainspotter, vom „Waldenburgerli“ erzählte, meinte er, ich sei in Schottland einem wahren Kenner der Schweiz begegnet und Bubendorf sei übrigens in Afghanistan bekannter als Luzern oder die Jungfrau.
Ich bin Renés Behauptung nachgegangen. René hat Recht. Ich bin mit dem rot-weissen Bähnli von Liestal nach Bubendorf gefahren. Die Bahn hält zwar nicht gerade im Dorf, aber von der kleinen Haltestelle mit dem Namen Bad Bubendorf aus sieht man Bubendorf. Wikipedia erzählt einem von keltischen und alemannischen Gräbern, von den Resten eines römische Gemäuers, von 6 Landwirtschaftsbetrieben sowie von alten Baselbieter Bauernhäusern. Kein Wort von Afghanistan.
Zugegeben: Wenn man zu Fuss vom Bahnhalt im Dorf ankommt, muss man wissen, dass im Hinterhaus der Hauptstrasse 34 an der Brühlstrasse 2 jene Institution domiziliert ist, die auf einer Tafel mit einer Aufschrift in lateinischen Lettern und in Farsi als das „Afghanistan Institut“ angeschrieben ist und in Kabul bei kulturell interessierten Leuten und bei manchen Politikern bekannter ist als Interlaken oder das Matterhorn. Der Mann, der einen freundlich empfängt, ist so bescheiden, dass er keine Homestory wünscht und keinesfalls im Zentrum eines Textes stehen möchte. Dennoch muss er kurz vorgestellt werden, denn ihm, Paul Bucherer-Dietschi und seiner Frau Veronika ist zu verdanken, dass die grösste Bibliothek zu Afghanistan in Europa ausgerechnet im 4400 Einwohner zählenden Bubendorf steht. Nach 50 Reisen nach Afghanistan hat er aufgehört seine Aufenthalte dort zu zählen. Die Liebe zu den Monumenten und zu den Menschen dieses Landes, das er 1971auf auf einer Reise mit einer umgebauten französischen Armeeambulanz kennen gelernt hat, ist damals erwacht und hat nie aufgehört. Man hört sich die Reisegeschichte von damals an und staunt, wo es heute gewiss gefährlich – wenn nicht sogar unmöglich sein muss – mit einem Auto von Bubendorf nach Kabul zu fahren.
Paul Bucherer hat Farsi gelernt, er hat Literatur über Afghanistan und Bücher aus Afghanistan mitgebracht. Die Bibliothek, die er angelegt hat, ist mit den Jahren gewachsen und umfasst heute über 17 000 Titel in Farsi, Englisch, Russisch und Deutsch. Wissenschaftler, Journalisten, Studierende schauen in Bubendorf vorbei und vertiefen sich in den Werken zur Geschichte, Politik, Religion, Literatur Afghanistans, wobei die leidvolle Geschichte der Zeit der russischen Besetzung und der kriegerischen Auseinandersetzungen ebenso ein Thema ist, dem man beim Abschreiten der dicht beladenen Büchergestelle begegnet. Erstaunt stellt man als Laie fest, dass Afghanistan eine hellenistische Geschichte aufweist, weil Alexander der Grosse bis nach Afghanistan gekommen ist. Weil die Afghanistanforschung derzeit angesichts der Lage im Land nicht vor Ort erfolgen kann, melden sich Fachleute immer wieder im Bubendorfer Afghanistan-Institut an. Die rund 200 Leute, die sich heute weltweit forschend mit dem Land befassen, schicken ihre wissenschaftlichen Texte nach Bubendorf, wo sie aufbewahrt werden. Sie tun es, weil die Afghanistan Bibliothek der Ort ist, an dem das Wissen der westlichen Welt über das Land aufbewahrt und gleichzeitig bearbeitet wird.
Zweites Herzstück des Instituts ist neben der Bibliothek die Phototeca Afghanica. In einem grossen kühlen Raum, in dem die Luftfeuchtigkeit stets kontrolliert und niedrig gehalten wird, befindet sich die rund 60 000 Fotos umfassende, weltweit grösste Fotosammlung zu Afghanistan, in der sich Bildmaterial befindet, das nach den Kriegs- und Bürgerkriegswirren nicht einmal in Afghanistan mehr zu finden ist. Fotografien aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, Bilder, die von Expeditionsfotografen und Reisenden aufgenommen wurden, dienen heute beim Wiederaufbau und bei der Renovation von zerstörten und beschädigten Häusern als Vorlage in Kabul und anderen Ortschaften. Durch Quervergleiche mit Zeichnungen und Plänen sowie unter Bildern verschiedener Fotografen kann Paul Bucherer Bauten, Landschaften und sogar Personen, die auf Fotografien abgebildet sind, orten und benennen, was der Afghanistanforschung zu Gute kommt. So einmalig und wichtig sind die Bestände von Bibliothek und Photothek in Bubendorf, dass das deutsche Entwicklungshilfeministerium hier Akten aus den Jahren 1955 bis 1978 deponiert hat. Noch in diesem Jahr soll eine Publikation zum vierzigjährigen Bestehen des Instituts erscheinen, dem eine Zeitlang sogar ein Afghanistanmuseum angeschlossen war. Und sollte sich Paul Bucherer eines Tages altershalber den Beständen nicht mehr widmen wollen oder können, so ist deren Aufbewahrung und Pflege dank einer Absichtserklärung für die Zukunft gesichert: Die Bibliothek am Guisanplatz in Bern soll die Bestände dann übernehmen und Forschern weiterhin zugänglich machen.
Schweizerisches Afghanistan-Institut
Bibliotheca Afghanica
Brühlstrasse 2
4416 Bubendorf
T: 061 933 98 77
www.afghanistan-institut.ch
Der Apfelkorb
Heinz Egger
Eine Reise nach Afghanistan? – Eine zwar reizvolle, aber gefährliche Angelegenheit. Wer trotzdem sich dem vorwiegend durch negative Schlagzeilen bekannten Land annähern möchte, kann das in der Schweiz tun. Genauer in Bubendorf im Afghanistan-Institut, zu dem eine umfangreiche Bibliothek gehört. Sie ist mit ihren 17 000 Titel bestimmt die grösste auf dem europäischen Festland – nur in England ist Ähnliches zu finden. Und sie ist so bedeutend, dass von überall auf der Welt Interessenten anreisen, um ihn ihren Beständen zu suchen und zu forschen. Dazu gehören Studenten, Wissenschaftler, Vertreter von Entwicklungshilfeorganisationen, wirtschaftliche Unternehmen, Journalisten, Privatpersonen und sogar afghanische Stellen.
Die Bibliothek ist zwar öffentlich. Trotzdem ist es notwendig, sich anzumelden. Wer wissenschaftlich arbeiten will, braucht eine Bestätigung des betreuenden Hochschullehrers.
Es ist sehr erstaunlich, was die Bibliothek alles enthält. In einem relativ kleinen, fensterlosen Raum mit Klimagerät stehen links und rechts von einem schmalen Gang drei Reihen Büchergestelle aus hellem Tannenholz. Als Bücherstützen fungieren Stücke von dickem Kantholz. Links vom Eingang steht ein ganz kleiner Tisch mit einem Stuhl. Im Lager mit den Büchern und Zeitschriften hält sich normalerweise niemand auf. Die Bücher werden geholt und an einen der Arbeitstische im angrenzenden grossen Büro gebracht. Trotz kaltem Neonlicht, das den Raum ganz erfüllt, ist die Atmosphäre angenehm. Hier finden sich nicht nur Bücher in Englisch, Deutsch und Französisch, sondern auch Werke in Farsi. Letztere ergäben zusammen mit den Schriften, die in anderen orientalischen Sprachen geschrieben wurden, einen etwa 40 Meter hohen Turm. Die Bibliothek deckt die wesentlichen Wissensgebiete über das Land ab: Geografie, Geologie, Fauna und Flora, Geschichte, Wirtschaft, Kultur und Religion. Sogar Reiseführer stehen in einem Gestell, auch Land- und Stadtkarten gibt es. Alle in den vergangenen Jahrzehnten geschriebenen Dissertationen über Afghanistan lagern in einem Gestell. Etwa 50% davon sind aus den Beständen der Bibliothek heraus entwickelt worden. Es gibt leider weltweit keinen Lehrstuhl zur Afghanologie. Deshalb fehlt auch der wissenschaftliche Nachwuchs.
Die Bibliothek ist eine reine Präsenzbibliothek. Wer sich informieren will, muss in Bubendorf arbeiten. Intern steht ein umfassender, sehr schneller Katalog in elektronischer Form zur Verfügung. Die Katalogisierung ist bis auf ein Gestell fast abgeschlossen. Den Bestand auch nur zum Teil zu digitalisieren, zieht niemand in Betracht, auch wenn manche Schrift, manches Buch nie im Buchhandel war. Zu gross sind die Kosten.
Die Bibliothek gehört einer Stiftung. Sie ist für ihre Arbeit auf Spenden angewiesen. Obwohl das Departement des Innern die Oberaufsicht über die Bibliothek beansprucht, gibt es keine staatliche Unterstützung ausser für Projekte, wie Ausstellungen.
Der Nucleus der Bibliothek stammt aus der Sammlung von Paul und Veronika Bucherer-Dietschi. Die Sammlung hat heute ein derartiges Gewicht, dass die Bestände von aussen erweitert werden. Dies geschieht dank einem ausgedehnten Netz von Kontakten über die ganze Welt und besonders auch nach Afghanistan. So treffen laufend Zeitungs- und wissenschaftliche Artikel und Berichte zu Familien in Afghanistan ein. Das Archiv ist auch ein Auffangort für Nachlässe.
Ein deutsch-afghanisches Ehepaar lieferte eine grosse Anzahl Schriften des Widerstandes. Diese Werke wurden in sehr kleinen Auflagen, die kaum 100 Exemplare erreichten, meist in Pakistan gedruckt. Dorthin war die Intelligenzia während des kommunistischen Regimes zwischen 1978 und 1989 geflüchtet. Schmuggler brachten die Schriften über die Grenze und verteilten sie. Sogar die gta aus Deutschland, das Pendant zur schweizerischen Deza, lieferte ihren ganzen Aktenbestand aus der Zeit von 1955 bis 1978 an die Bibliothek. Es gilt allerdings der Grundsatz, dass die Bibliothek wie ein Korb Äpfel funktioniert: Jeder darf etwas hinzufügen, aber was drin ist, bleibt drin.
Die Stiftung hält auch das „visuelle Gedächtnis“ Afghanistans. Zehntausende Bilder und etwa 300 Videobänder sind es. Bilder zur Geschichte Afghanistan sind im Land selber kaum mehr vorhanden. Die Kommunisten zerstörten die Erinnerung an eine bürgerliche Gesellschaft radikal, die nachfolgenden Taliban vernichteten alles, was Menschen abbildete …Heute werden Restaurationspläne – darunter die weltberühmten Buddha-Statuen von Bamiyan und zahlreiche historische Gebäude in Afghanistan – nach Fotos der Phototeca Afghanica erstellt.
Und wenn der Stiftungsleiter, Paul Bucherer, nicht mehr weitermachen will oder kann? Für den Fortbestand der Bibliothek und des Fotoarchivs ist gesorgt: Beides wird in die Bibliothek am Guisan-Platz in Bern integriert.