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Frauen hatten oft einen Beistand
Bei der Vorbereitung zur Ausstellung «Iigfädlet» – Gemeinschaftsausstellung acht Ostschweizer Museen – stiess man im Altstätter Stadtprotokoll auf die allgemeine Frauenvormundschaft, die bis 1881 dauerte.
Werner Ritter
Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist heute ein wesentlicher Grundsatz der schweizerischen Rechtsordnung. Das war nicht immer so. Bei der Vorbereitung der Ausstellung «Iigfädlet» zur Geschichte der Ostschweizer Textilindustrie, bei der auch das Museum Prestegg ein Ausstellungsort unter dem Titel «Grenzland – Jacob Rohner und die Stickereizeit» (ab 29. April) ist, lieferte ein Eintrag im Pfandprotokoll der Stadt Altstätten nicht nur wertvolle Informationen zur Textilgeschichte, sondern erinnerte auch an die allgemeine Frauenvormundschaft im Kanton St. Gallen, die bis ins Jahr 1881 dauerte. Im Eintrag über einen Kaufschuldversicherungsbrief im Pfandprotokoll vom 7. Dezember 1869 wird die Schuldnerin wie folgt bezeichnet: «Zündt Jakob Hörnliwirths sel. Wittwe geb. Oeler auf der Brestegg, vertreten durch ihren Schutzvogt Herrn Bezirksammann Segmüller.»
Die Schuldnerin wird also über ihren bereits verstorbenen Ehemann definiert und hat zudem einen Schutzvogt, also einen Beistand. Diesen hatte sie nicht, weil sie geistig nicht in der Lage gewesen wäre, ihre rechtlichen Angelegenheiten selbst zu erledigen, sondern weil sie eine Frau war. Die Frauenvormundschaft war in Europa im 19. Jahrhundert weit verbreitet. Nur wo das gemeine römische Recht galt, waren alle Frau rechtlich selbstständig, zum Beispiel in bestimmten deutschen Staaten.
Schutzvogt und Waisenamt redete mit
Die Frauenvormundschaft hatte zur Folge, dass ledige, volljährige Frauen, die nicht unter der väterlichen Gewalt verbleiben wollten, einen Schutzvogt erhielten, ebenso Witwen, geschiedene Frauen, Ehefrauen, deren Männer in Konkurs geraten waren, Ehefrauen, die ihr Vermögen unter amtliche Versicherung legten und als kriminell beurteilte Frauen, auch wenn sie aus der Haft entlassen worden waren. Die Rechte von verheirateten Frauen bestimmten sich nach dem Eherecht und waren auch eingeschränkt. Die unter Schutzvogtei stehenden Frauen konnten zwar ihre Einkünfte selbst beziehen und frei darüber verfügen. Für Dispositionen über ihr Vermögen und die entsprechenden Rechtsgeschäfte brauchte es aber die Zustimmung des Schutzvogtes – und in vielen Fällen sogar des Waisenamtes. Eine Ausnahme galt bei Witwen, richterlich geschiedenen und ledigen Frauen, die volljährig waren. Sie durften über die aus ihren Einkünften gemachten Ersparnisse frei verfügen und auch beliebig Verträge aller Art eingehen. Sie wurden mit Bezug auf diese Einkünfte sogar als handels- und wechselfähig angesehen. In der Praxis stellte sich aber stets die Frage, welches Vermögen ein bestimmtes Geschäft betraf, sodass im Zweifel die Zustimmung des Schutzvogtes eingeholt werden musste.
Im Kanton St. Gallen setzte das Bundesgesetz betreffend die persönliche Handlungsfähigkeit vom 22. Juni 1881 der generel- len Geschlechtervormundschaft über die unverheiratete Frau ein Ende und das Schweizerische Zivilgesetzbuch beendete 1912 – von wenigen Ausnahmen abgesehen – die eheliche Vormundschaft über die Frauen.
Nicht alle unterstützten Frauenvormundschaft
Die Frauenvormundschaft war in St. Gallen nicht unumstritten. So heisst es im Buch «Der Rechtsfreund für den Canton St. Gallen» von 1839 auf Seite 4: «Merkwürdig bleibt es, dass unsere Gesetzgebung, im Widerspruch mit beinahe allen guten Gesetzgebungen anderer Staaten, noch das weibliche Geschlecht, unter welchem es so viele äusserst vernünftige und haushälterische Wesen gibt, auf Lebenszeit beinahe total bevormundet, während der Fall, in welchem das Weib durch ihre Eigenschaften den Mann mit Rath und That unterstützte, seine Familie nährte und rettete, nicht zu den seltenen gehört.»
Die Frauenvormundschaft beruht auf denselben Vorstellungen, wie die noch heute bestehenden Ansichten in diversen Kulturkreisen über die untergeordnete Stellung der Frau. Die Erfahrungen in Europa mit der Gleichberechtigung seit der Zeit des römischen Reiches sollten genug Beweis sein, dass solche Vorstellungen im 21. Jahrhundert keinen Platz mehr haben.