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Sologesang mit Ensemble
Vorwort zu Band 3
Vier ihrer geistlichen Lieder hat Martha von Castelberg für Ensemblebesetzung umgeschrieben bzw. eingerichtet. In ihrem eigenhändigen Werkverzeichnis sind diese Lieder in chronologischer Folge untereinander aufgeführt, wobei sich die Nennung vermutlich auf die wohl ursprünglichen Fassungen für Singstimme und Tasteninstrument bezieht: Ave Maria 1939, O salutaris 1940, Krippenlied 1940, Ave maris stella 1941.
Die einfachste Form der Bearbeitung findet sich beim Ave Maria (MvC 2.1a bzw. MvC 2.1c). Hier wird dem Tasteninstrument, in diesem Fall der Orgel bzw. dem Harmonium, das Cello als obligate Verstärkung der linken Hand zur Seite gestellt. Lediglich für einige Einwürfe löst sich das Cello aus dieser Rolle des Stützbasses. Das Lied entspricht ansonsten jener Fassung, die Martha von Castelberg 1947 in ihren Sieben geistlichen Liedern bei der Edition Hug in Zürich für Singstimme und Klavier veröffentlichte (MvC 2.1b; → MvC-Edition Band 2). Anders verhält es sich beim O salutaris (MvC 6.2b). Zwar gibt es auch hier eine eigenständige Fassung für Singstimme und Tasteninstrument (MvC 6.2a; →MvC-Edition Band2), diese ist aber mit Bleistift geschrieben und könnte damit in unmittelbarem zeitlichem und funktionalem Zusammenhang mit der ebenfalls mit Bleistift, aber auf anderem Papier geschriebenen Erstniederschrift der Ensemblefassung für Violine, Violoncello und Orgel stehen. Ausserdem unterscheiden sich Klavier- und Ensemblefassung bei gleicher Melodie in der Setzweise deutlich voneinander. Diese satztechnische Neueinkleidung gilt auch für das Krippenlied (MvC 6.3b bzw. MvC 6.3c), dessen Ensemblefassung der Besetzung des O salutaris noch eine zweite Violine hinzufügt. Beim Ave maris stella (MvC 6.4c) für Streichquartett und Orgel/Harmonium rekurriert die Ensemblefassung, anders als beim Ave Maria, nicht auf jene Version, die Martha von Castelberg 1947 in den Sieben geistlichen Liedern (MvC 6.4b; → MvC-Edition Band 2) veröffentlichte, sondern um die Version für Singstimme und Orgel (MvC 6.4a; → MvC-Edition Band 2). Auffällig ist, dass die Ensemblefassung gegenüber dieser Orgelfassung hinsichtlich der dynamischen Abstufungen wesentlich differenzierter ausgeführt ist, also offenbar für die Komponistin einen höheren Stellenwert hatte.
Die vier Ensemblelieder wurden von vornherein für die praktische Nutzung konzipiert. Es gibt neben den Partituren auch Stimmenmaterial sowie vom Ave Maria und vom Krippenlied jeweils eine Transposition für tiefe Stimme, wobei im Falle des Krippenlieds diese tiefe Fassung in G-Dur die massgebliche zu sein scheint. Die Eintragungen in das Stimmenmaterial zeigen, dass diese Fassung gespielt wurde, während es zu der ursprünglichen höheren Fassung in C-Dur lediglich unvollständiges Stimmenmaterial ohne Eintragungen gibt.
Vom Krippenlied und vom Ave Maria sind durch Briefbelege Aufführungen verbürgt. Wie Berta Gysin-Lauber der Komponistin in einem Brief vom 17. Dezember 1952 mitteilte, fand das Krippenlied in einer Aufführung im Lyceum-Club in Zürich grossen Anklang:
«Frau Hoigné sang an unserer Weihnachtsfeier zwischen zwei Kantaten von Bernhard + J. S. Bach Ihr Krippenlied – begleitet von einem kleinen Orchester. Das kleine Werk klang selten schön + innig und am Schluss hörte man, wie ein Raunen der Bewunderung und der Freude durch den Saal ging.»
Das Krippenlied wurde auch 1942 anlässlich einer Advents- und Weihnachtsfeier der Kolingesellschaft in Zug aufgeführt. Hier wurde zudem Kammermusik von Schubert gespielt, es wäre also daher naheliegend, dass es sich um die Ensemblefassung des Krippenlieds handelte.
Auch das Ave Maria hatte die mit Martha von Castelberg befreundete Sängerin Alice Hoigné-Heinemann im Repertoire. Das Lied wurde wiederholt aufgeführt, beispielsweise sang es Peter Willi am 9. März 1941 zur Orgelweihe in der katholischen Kirche Zollikon, allerdings in der Fassung für Tenor und Orgel.
Alice Hoigné-Heinemann war in der Kirche St. Martin für das Ressort Kirchenmusik zuständig. Daneben war in den Jahren 1952 bis 1954 Eugen Squarise für die Gründung und Leitung des Kirchenchors zuständig. Im Gegensatz zu den Jahren davor und danach wurden nun im Liturgischen Kalender des Kirchenanzeigers 5 Musikaufführungen verzeichnet. Innerhalb der Betsingmesse (jeweils um zehn Uhr) wurden wiederholt Lieder von Martha von Castelberg aufgeführt, zur Besetzung und zu Aufführenden fehlen allerdings meist genauere Angaben.
Eine Aufführung von O salutaris ist für den 15. Juni 1952 vermerkt. Das Krippenlied wurde am 25. Dezember 1952 in der Singmesse um zehn Uhr mit Streicherbegleitung aufgeführt. Am selben Tag sang der Kirchenchor im Hochamt eine Missa brevis von Mozart. Das Krippenlied könnte also auch mit chorisch besetzten Stimmen begleitet worden sein. Ab dem Jahr 1955 wird Hermann Fischer Chorleiter in St. Martin. Im Liturgischen Kalender des Kirchenanzeigers fehlen nun bis auf wenige Ausnahmen Angaben zu Aufführungen von Musik im Gottesdienst.
Die Familie von Castelberg lebte ab 1927 an der Rislingstrasse 1 im Zürcher Flunternquartier. Im Jahr 1939 wurde ganz in der Nähe, an der Krähbühlstrasse, nach den Plänen des Architekten Anton Higi die Kirche St. Martin erbaut (Gastbeitrag von Fabrizio Brentini). Die Kirche wurde zur geistlichen Heimat der Komponistin. Martha von Castelberg und ihr Ehemann Victor haben sich für die Kirche St. Martin sehr engagiert. Victor von Castelberg wirkte ab der Konstituierung 1940 für elf Jahre im Stiftungsrat der Kirchengemeinde. Die Familie stiftete zudem Hochaltar und Tabernakel.
Dass Martha von Castelberg bei der Einrichtung der vier geistlichen Lieder für Ensemble direkt von den Bedingungen in St. Martin ausgegangen sein könnte, zeigt die Besetzungsänderung beim Tasteninstrument. Die Kirche erhielt erst 1942 eine Orgel, die am 25. Oktober eingeweiht wurde. Vermutlich liegt hier der Grund für die Verwendung zunächst des Harmoniums und die nachträgliche Änderung zu Gunsten der Orgel. Anlässlich der Orgelweihe wurde auch Musik von Martha von Castelberg gespielt.
Knud Breyer studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Neuere Deutsche Philologie an der Technischen Universität Berlin und promovierte dort mit einer Arbeit über das späte Klavierwerk von Johannes Brahms. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hanns Eisler Gesamtausgabe (Akademie der Künste, Berlin) und der Max Reger Werkausgabe (Max-Reger-Institut/Elsa-Reger- Stiftung, Karlsruhe). Zudem war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Erich Schmid Edition an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) beschäftigt. Daneben ist er freiberuflich als Editor und Autor für verschiedene Verlage tätig.