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Spartacus Reloaded
"Ich habe in diesem Jahr auf eine gewisse Art mehr gewonnen als bei meinen Siegen, weil ich bis zum letzten Moment – selbst, als ich schon geschlagen war – gezeigt habe, dass ich kämpfe“, fasst Fabian Cancellara eine für ihn enttäuschende Saison zusammen. Was ist 2011 passiert? Wo waren die prestigeträchtigen Siege, die die Fans von ihm erwarten, vor allem bei den Frühjahrs-Klassikern, und ganz besonders nach der bestechenden Form, die er Ende März und Anfang April gezeigt hatte? Die Frage im Vorfeld der Flandern-Rundfahrt war nicht, wer gewinnen würde, sondern, wie man Fabian Cancellara schlagen kann. Unsere Frage veranlasst Cancellara zu einem dünnen Lächeln. „Ja, es hat gefehlt“, bestätigt der Schweizer, weil „es einfacher ist, ein Radrennen zu gewinnen, als eines zu verteidigen“, wie er reflektiert.
Cancellara hat vieles zu verteidigen. Er hat den am breitesten gefächerten Palmarès im Peloton. So hat zum Beispiel kein anderer aktiver Fahrer drei verschiedene Monumente gewonnen – Paolo Bettini war der letzte. Cancellara gewann das olympische Zeitfahren in Peking und hat vier Weltmeistertitel im Zeitfahren zu Buche stehen. Hinzu kommen neun Etappen bei großen Rundfahrten, darunter sieben bei der Tour de France. Das i-Tüpfelchen seiner Bilanz sind die Gesamtsiege bei Tirreno – Adriatico 2008 und der Tour de Suisse ein Jahr später vor heimischer Kulisse.
2010 gewann er zudem als erst zehnter Fahrer die Monumente Flandern und Roubaix in einem Jahr. Er trug das Trikot des Schweizer Meisters und war in sensationeller Form. Ein Jahr später schien „Spartakus“ unschlagbar zu sein. Das demonstrierte er eine Woche vor der Flandern-Rundfahrt beim E3 Prijs, als er nach mehreren Defekten fast im Alleingang das Feld von hinten auffuhr und zum Solosieg stürmte. Wie sich herausstellte, war der Sieg an diesem Tag im März einer von nur zweien bei einem Eintagesrennen in seiner Saison 2011 – als einziger weiterer steht das Straßenrennen der Schweizer Meisterschaft im Juni zu Buche.
Im vergangenen April war die einzige Taktik seiner Rivalen, ihn mit Argusaugen zu bewachen und ihm nicht die berühmten zwei Radlängen Vorsprung zu lassen, die bestimmt den Sieg bedeutet hätten. Letztlich deshalb ging Cancellara mit leeren Händen aus den Frühjahrs-Klassikern hervor. Er kam bei den ersten drei Monumenten aufs Podium, doch das war eine magere Ausbeute für seine Form. An den Tagen selbst wurde er einfach derart kontrolliert, dass er keine Chance hatte: „Diese Situationen sind entstanden, weil alle mich beobachtet haben oder gegen mich gefahren sind, und das macht es noch schwerer, ein Resultat zu erzielen.“
Neben der Renntaktik gab es andere, strukturelle Gründe, warum es 2011 nicht klappte. Sein Teamwechsel zu Beginn des Jahres war der wichtigste davon. Sein Transfer von Bjarne Riis und Saxo Bank, wo er zu einem so dominanten Fahrer geworden war, war langwierig und kontrovers. Damals sagte er zu Procycling, er könne seinen Vertrag mit Saxo Bank nicht einhalten, weil er sich in dem Team nicht wohlfühlen würde. Riis hatte die Finanzierung für 2011 erst spät in der Saison unter Dach und Fach bekommen, und zu viele wichtige Mitarbeiter – ganz zu schweigen von der halben Mannschaft – waren zum sicheren Luxembourg Pro Cycling Project übergelaufen. „Schließlich war ich unzufrieden, weil ich das Gefühl hatte, dass [Saxo Bank] ein neues Team war, und ich fühlte mich nicht wohl“, erklärt er.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es Cancellaras neues Team war, Leopard Trek, wo seine Ambitionen scheiterten. Besonders bitter war für ihn bestimmt, dass sich sein Ersatz bei Saxo Bank, Nick Nuyens, den Sieg bei der Flandern- Rundfahrt schnappte.
Beobachter wiesen auch auf das Fehlen eines starken Teamchefs hin, wie er sie in Riis und zuvor in Giancarlo Ferretti bei Fassa Bortolo gehabt hatte. Es gab niemanden von diesem Format bei Leopard. Kim Andersen konzentrierte sich auf die Tour, und Brian Nygaard, der Generalmanager des Teams, gab offen zu, keinen sportlichen Sachverstand zu haben. Lag es auch am Fehlen eines großen Charakters hinter ihm? Cancellara seufzt. „Das ist schwer zu sagen. Ich meine, es war das erste Jahr, und es fehlte auch etwas, was die Fahrer anging – ich sage nicht, bessere Fahrer – aber vielleicht hätten wir eine stärkere Mannschaft haben können. Aber schließlich haben wir das Beste daraus gemacht und bis zum Ende gekämpft.“
War er denn stärker? „Ich war anders. Es könnte sein, dass ich etwas stärker war, aber die Situation war ganz anders. Ich meine, ich hatte neue Rennmaschinen, ich war in einem neuen Team … Es war so einiges neu, und irgendwie hat das alle Energie gekostet.“
Auch im Zeitfahren hatte Cancellara anscheinend seinen Biss verloren. Er gewann vier Rennen gegen die Uhr, aber bei diesen Gelegenheiten war Tony Martin, sein designierter Erbe, nicht am Start. Ihre direkten Vergleiche gingen 3:0 für den Highroad-Fahrer aus. Cancellaras durchschnittlicher Verlust auf den Cottbuser beim Tour-Zeitfahren in Grenoble, dem Vuelta-Zeitfahren und der Weltmeisterschaft betrug 1:29 Minuten. Bei der WM, wo der Schweizer seinen Rhythmus nicht fand, wie er sagte, und sich in der letzten Kurve versteuerte, verlor er 1:20 Minuten und musste sich mit Bronze begnügen. „Tony hat den Sieg verdient“, erkannte er anschließend an.
Vielleicht hatte Cancellara in dieser Woche in Dänemark aber auch andere Dinge im Kopf. Nach vier WM-Titeln im Zeitfahren, sagt er, war seine „Motivation eine andere“, was wir so verstehen, dass sie nicht sehr groß war. Erfolge auf neuen Gebieten sind das, was Cancellara motiviert.
„Ich hatte mich mehr auf das Straßenrennen als auf das Zeitfahren vorbereitet und habe den Unterschied gesehen. Dazu hatte ich beim Zeitfahren einen schlechten Tag. Gegen die Sprinter habe ich [beim Straßenrennen] viel herausgeholt. Die drei Fahrer vor mir sind reine Spezialisten, und ich war dort. Darauf kann ich stolz sein.“
Zu Recht zieht Cancellara nach seiner Saison eine positive Bilanz, nicht zuletzt, weil er die Herzen unzähliger Fans gewonnen hat, die seine starke und angriffslustige Fahrweise bewundern. Kein einziges Mal hat Cancellara sich geschlagen gegeben, ohne sich zuvor mit aller Macht gegen die Niederlage zu stemmen. Auf der Muur van Geraardsbergen in Flandern, wo er unter schmerzhaften Muskelkrämpfen litt, brachte er die Kraft auf, um bis zum Finale mit den anderen Führenden mitzuhalten. In Belgien war er ein Held. Das Einzige, was das „wielervolk“ noch lieber sieht als den Sieg eines großen Champions, ist, wenn er das Rennen sprengt und dann mit einer Radlänge verliert – dadurch bekommt die Szene eine Prise Pathos. Wenn Cancellara schlicht sagt, „ich war ein Kämpfer“, kann man ihm nicht widersprechen.
Hinweis: Den ganzen Artikel gibt's im Magazin "ProCycling"