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Kurze Geschichte der Migration in der Schweiz
Migration ist nichts Neues. Und auch die Gründe für die Migration haben sich nicht grundlegend verändert: erschwerte Lebensbedingungen wegen Krieg, Hunger und Vertreibungen, aus wirtschaftlichen Gründen oder einfach nur aus Wanderlust oder Neugierde. Doch: Meistens besteht im Zielland aber auch ein Bedarf nach Arbeitskräften aus dem Ausland.
Migration im 17. Jahrhundert
Eine Eigenheit, die die Schweiz sich traditionell selbst zuschreibt, ist ihre Offenheit gegenüber Flüchtlingen. Ende des 17. Jahnhunderts gewährte die Schweiz Ausländern das erste Mal Asyl: den reformierten Hugenotten. Sie gaben der Schweizer Wirtschaft neue Impulse.
19. Jahrhundert: Die Ausländer bringen die Schweiz voran
Im 19. Jahrhundert zeichnete sich die Einwanderungspolitik der Schweiz durch grosse Freizügigkeit aus. Man brauchte keine Papiere, um in die Schweiz einzureisen. Viele MigrantInnen waren Akademiker und sie brachten Bewegung in die schweizerischen Universitäten. Im Jahr ihrer Gründung 1833 hatte die Universität Zürich „auf allen elf Lehrstühlen ausländische Professoren“. 1915 hatten noch 27 Prozent aller Professoren an Schweizer Universitäten keinen Schweizer Pass. Und auch heute besetzen Hochschulen ihre Lehrstühle oft mit ausländischen Professoren. (Quelle Bild: Wikipedia)
Im 19. Jahrhundert kamen aber auch viele Handwerker aus Deutschland in die Schweiz. Diese wurden wegen ihres „technologischen Wissens, das die einheimische Landbevölkerung nicht besass“, von den „aufstrebenden Wirtschaftszweigen“ gesucht. Zur gleichen Zeit wanderten aber auch viele Bauern aus der Schweiz aus. Es wurde gesagt, dass die „Fremden“ den Einheimischen die Arbeit wegnehmen würden. Doch: viele Bauern, die auswanderten, konnten sich nicht an die neue industrielle Ausrichtung der Schweizer Wirtschaft anpassen. Und ohne Immigration wäre die Schweizer Wirtschaft nicht geworden, was sie ist.
Ein anderer Typ Einwanderer war der visionäre Unternehmer. Viele, heute weltbekannte Schweizer Firmen wurden von Immigranten gegründet: Nestlé (Deutschland), Maggi (Italien), Wander (Deutschland) oder die Ciba (Frankreich).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Eisenbahnnetz gebaut – damit begann auch der Tunnelbau in der Schweiz: Gotthardtunnel (1872), Simplon (1898) und Lötschberg (1907) wurden im Wesentlichen von ausländischen Arbeitskräften gebaut. Die italienische Wohnbevölkerung in der Schweiz verzehnfachte sich zwischen 1860 und der Jahrhundertwende.
Restriktive Ausländerpolitik
1914 erreicht der Ausländerbestand mit rund 600'000 Personen rsp. 15% der Gesamtbevölkerung einen Höchststand. In den Grenzstädten war er sogar deutlich höher: 30,8% in Lugano, 37,6% in Basel, 40,4% in Genf. Ungefähr in dieser Zeit avancierte die Schweiz zu einem der reichsten Länder der Welt. In der Politik diskutierte man gar über Zwangseinbürgerungen. Man erhoffte sich so, die Ausländer als Arbeitskräfte in der Schweiz behalten zu können.
In der Schweiz kam aber gleichzeitig ein Überfremdungsdiskurs auf. Im ersten Weltkrieg wurden die fremdenpolizeilichen Bestimmungen verschärft, eine Visumspflicht eingeführt und die eidgenössische Zentralstelle für Fremdenpolizei geschaffen. In der Geschichtsschreibung spricht man von der „restriktivsten Phase der schweizerischen Ausländerpolitik“.
Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten in der Zwischenkriegszeit kamen auch mehr Flüchtlinge. Während des 2. Weltkrieges wurden viele Flüchtlinge in die Schweiz aufgenommen, viele wurden aber auch abgewiesen. Dazu schreibt der Bergier-Bericht: „Eine am Gebot der Menschlichkeit orientierte Politik hätte viele Tausend Flüchtlinge vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten und ihre Gehilfen bewahrt“.
Aufschwung für die Schweizer Wirtschaft dank Saisonniers
Im Gegensatz zu den Nachbarländern, konnte die Schweizer Industrie ihre Produktion nach dem Krieg rasch wieder starten. Deshalb brauchte die Schweiz dringend Arbeitskräfte aus dem Ausland. Diese erhielten eine sogenannte Sasionier-Bewilligung. Mit dem Saisonierstatut konnte man die Ausländer je nach Bedarf holen. Jene durften dann für höchstens 9 Monate bleiben rsp. mussten das Land für mindestens drei Monate wieder verlassen. Dies bot ein unerschöpfliches Reservoir an Arbeitskräften, welche man wieder loswerden konnte, sobald man sie nicht mehr brauchte. Ihre Familien mussten die Arbeiter zu Hause lassen.
Zwischen 1950 und 1970 stieg die Zahl der ständig Niedergelassenen in der Schweiz von 140'000 auf 584'000. Wieder machte die Angst der „Überfremdung“ die Runde (knapp verworfene Schwarzenbach-Initiative). Man argumentierte, dass sie den Schweizern die Arbeitsplätze wegnehmen würden – dabei verrichteten sie die Arbeiten, die kein Schweizer mehr machen wollte. Max Frisch sagte dazu: „Man hat Arbeitskräfte gerufen und es kommen Menschen.“
Als Mitte der siebziger Jahre eine neue Wirtschaftskrise begann, kehrten bis in die achtziger Jahre mehr als 300 000 Italiener zurück.
Eine neue Migrationspolitik
Nach 1950 kamen in Wellen mehrere Gruppen von Flüchtlingen in die Schweiz, die der Situation in ihren Herkunftsländern entgehen wollten: Tibeter, Ungarn, Tschechen und Slowaken und Tamilen. Ihre Ankunft löste in der Schweizer Bevölkerung eine Reihe von Solidaritätsbewegungen aus.
Bis in die siebziger Jahre äusserte die Wirtschaft immer wieder Vorbehalte gegen das Saisonnierstatut: Es war für die Wirtschaft nicht produktiv, eingearbeitete Arbeitskräfte wieder nach Hause zu schicken, um dann neue zu holen.
Die Basis einer neuen Integrationspolitik, die einer bessere Rechtstellung der Ausländer ermöglichte, wurde in den siebziger Jahren gelegt. Gewährt wurden ein erleichterter Familiennachzug und eine Verbesserung des Anwesenheitsrechts. Der Begriff der Überfremdung verschwand allmählich.
Die Hürde der Einbürgerung
Nun hatten viele Einwanderer Wurzeln geschlagen. Die Italiener von einst waren längst von der Gesellschaft akzeptiert. Trotzdem blieb die Einbürgerung immer noch eine hohe Hürde. So blieb der Anteil der ausländischen Bevölkerung im Vergleich zu anderen europäischen Ländern relativ hoch, weil die Einbürgerungsquote so tief war.
In den achtziger Jahren erlebte die Schweiz einen wirtschaftlichen Aufschwung. Nun gab es wieder Bedarf an Arbeitskräften, diesmal kamen sie aus entfernteren Ländern. In dieser Zeit entwarf die Schweiz das Drei-Kreise-Modell: Aus dem ersten Kreis (EU- und EFTA-Staaten) sollen die Arbeitskräfte frei in die Schweiz einwandern dürfen; aus dem zweiten Kreis (USA, Kanada, Australien, Neuseeland) soll die Einwanderung eingeschränkt werden; aus dem dritten Kreis (Asien, Afrika, Lateinamerika) soll die Einwanderung grundsätzlich ausbleiben.
Die Zahl der Migranten und Migrantinnen in der Schweiz stieg in 80er-Jahren konstant an: Während 1980 14,8% der Wohnbevölkerung Ausländer waren, stieg sie 1990 auf 18,1%, im Jahr 2000 auf 20,8%. Heute sind es etwa 22,5%. Die drei grössten Migrantengruppen sind die Italiener (16,7%), gefolgt von dem Deutschen (15,5 %) und der Portugiesen (12,5%). Noch immer arbeiten AusländerInnen in traditionell eher schlecht bezahlten Bereichen (Reinigung, Industrie, Hauswirtschaft, Pflege, Bau). Aber es kommen auch immer mehr gut ausgebildete Arbeitskräfte in die Schweiz (Ärzte, Forscher, Hochschuldozenten). Dies vor allem deshalb, weil die Schweiz nicht genügend Nachwuchs ausbildet.
Prof. George Sheldon ( Uni Basel) kommt zum Schluss, „dass zwischen 1995 und 2000 fast die gesamte Zunahme der Arbeitsproduktivität von jährlich 0.5% auf die Zuwanderung zurückzuführen war“ (Comtesse, 2009) .
Heuchlerisch: Illegal aber trotzdem gefragt
Mit dem Schengener Abkommen hat die Schweiz das Drei-Kreise-Modell zementiert. Trotz Abschottung leben in der Schweiz rund 100'000 Illegalisierte – sogenannten Sans-Papiers. Sie leben und arbeiten, ohne dass sie über die entsprechenden Bewilligungen verfügen. Nur: Offenbar gibt es einen Markt für ihre Arbeitskraft, denn die Sans-Papiers arbeiten als Hausangestellte, bei Baufirmen, etc. Die Situation ist absurd: Offiziell will man MigrantInnen aus dem dritten Kreis nicht in der Schweiz haben. Ihre Arbeitskraft wird von der Wirtschaft aber dennoch gerne angenommen, oft nützen die Arbeitgeber die prekäre Situation der Sans-Papiers aus und lassen diese zu Hungerlöhnen und miserablen Arbeitsbedingungen schuften.
Literatur
- Bundesamt für Migration. Migrationsbericht 2010.
- Caritas: „Migration: ein Plus für die Schweiz. Die Positionierung von Caritas zum Verhältnis Migration und Sozialstaat“, Caritas Positionspapier März 2011.
- Comtesse, Xavier: Die Neue Zuwanderung – Die Schweiz zwischen Brain-Gain und Überfremdungsangst (pdf), 2009.
- Niederberger, Josef Martin: „Die Entwicklung einer schweizerischen Integrationspolitik“, deutschsprachige Vorlage für: „Le développement d’une politique d’integration suisse.“ In: Hans Mahnig et al., Histoire de la politique de migration, d’asile et intégration en Suisse depuis 1948. » Zürich: Seismo, 2005.
- Wottreng, Willi: Ein einzig Volk von Immigranten. Die Geschichte der Einwanderung in die Schweiz. Zürich: Orell Füssli Verlag, 2001.
Zum Thema ist zudem der Film „Home, sweet Home“ von Charles Heller zu empfehlen (Bestellbar bei chazheller(at)yahoo.com).