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Good Bye, Maslows Pyramide!
Aktualisiert: 28. Nov 2020
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In 2003 wird Daniel Brühl zu einem Star im Deutschen Kino. In dem tragikomischen Film Good Bye, Lenin! spielt er den Sohn einer Frau, welche, kurz vor der Novemberrevolution im Oktober 1989, in ein Koma fällt. Dadurch verpasst sie, dass die Berliner Mauer gefallen ist. Brühl versucht ihr dies zu verheimlichen, da er ihr keinen Schock versetzen möchte.
Ganz ähnlich wie Brühls Mutter geht es vielen, wenn die Berliner Mauer durch Maslows Pyramide ersetzt wird. Wie die Berliner Mauer ist auch Maslows Pyramide gefallen. Gleichzeitig ist sie für viele von uns immer noch Realität. Das liegt daran, dass sie unfassbar simpel ist, leider noch häufig zitiert wird und keiner ihren Fall bemerkt hat. Die wissenschaftliche Unhaltbarkeit der Theorie tut dem kein Abbruch. Genauso wenig, dass selbst Abraham Maslow sie als ungültig deklariert hat. Warum ist die Pyramide Humburg und welche stabilen Theorien bieten sich stattdessen an, um über Motivation, Bedürfnisse und Verhalten zu diskutieren?
Eine wacklige Pyramide
Abraham Maslow, seines Zeichens Psychologe, veröffentlichte 1943 die erste Version seiner Pyramide in dem Artikel A Theory of Human Motivation. Durch die starke Vereinfachung fand sie schnell Eingang in andere Felder, unter anderem der Wirtschaftspsychologie mit solchen Fragen wie “Wie verkauft sich mein Produkt am Besten?” oder “Wie motiviere ich meine Mitarbeiter?”. Diese ursprüngliche und meistzitierte Variante seiner Pyramide soll die Bedürfnisse des Menschen darstellen. Wobei jede nächste Stufe dann relevant wird, sobald die Darunterliegende erfüllt ist. Ganz unten befinden sich physiologische Bedürfnisse (essen, schlafen, atmen, Fortpflanzung) gefolgt von Sicherheitsbedürfnissen (finanzielle, körperliche und mentale Sicherheit), sozialen Bedürfnissen (Familie, Gemeinschaft, Kommunikation), Individualbedürfnissen (Freiheit, Unabhängigkeit, Erfolg, Vertrauen) und ganz oben an der Spitze das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und dem Leben einer Vision.
Maslows Pyramide ist eine wissenschaftliche Theorie. Wie alle wissenschaftlichen Theorien muss sie wissenschaftlich untersucht und mit Belegen untermauert werden.
Die empirischen Daten die diese Theorie stützt sind schlichtweg unzureichend. Die theoretische Fundierung ist bestenfalls dürftig. Die Fundierung basiert auf einem grundsätzlich positiven Menschenbild. Dieses bietet keine Erklärung für den häufigen Wünschen nach Macht und Unterwerfung oder aggressivem Verhalten. Diese Art der Psychologie ist mehr der Gegenspieler zur klassischen Psychoanalyse und eine Abbildung des damalig vorherrschenden Zeitgeistes, als eine Annäherung an die tatsächliche Realität.
Passend zum Zeitgeist wurde auch viel der westlichen Kultur direkt in die Theorie mit eingewoben. Individualismus, wie wir ihn in Europa oder Nordamerika kennen, ist als solcher in vielen asiatischen und afrikanischen Kulturen sekundär zur Gesellschaft. Damit würde soziale Bedürfnisse und Individualbedürfnisse sicherlich vertauscht und auch das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung würde in der Pyramide nach unten rutschen.
Aber selbst innerhalb einer Kultur ist die fixe Hierarchie der Pyramide nicht gegeben. Das klassische Gegenbeispiel für die Kritik sind Hungerstreiks - ein Vertauschen der obersten und untersten Stufe. Werte werden hier als gegeben angesehen anstatt sie als individuell zu betrachten.
Maslow publizierte die Pyramide als Empfehlung für wie Menschen motiviert werden können. Als Basis dachte er das Verhalten auf die Bedürfnisse zurückführen zu können. Diese Verwurstelung von drei Themen, ist eines der Gründe warum die Theorie so unhaltbar ist. Aber spezifisch in diesem Kontext wird sie in sich doppelt widersprüchlich. Unternehmen versuchen häufig Mitarbeiter zu motivieren, in dem sie versuchen die Vision von Firma und Mitarbeiter*innen zu alignieren. Aber ein Unternehmen schlecht bestimmen kann, auf welcher Stufe eine Mitarbeiterin sich befindet. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass wenn Mitarbeiter*innen die Möglichkeit erhalten, bei der Arbeit ihre eigene Vision vorwärts zu bringen dies sich motivierend auswirkt. Das ginge aber nicht laut der Pyramide, da zuerst alle darunter liegenden Bedürfnisse komplett erfüllt sein müssten.
Die Pyramide lässt sich noch weiter kritisieren, aber die restliche Lesezeit soll nicht mit einem Zombie-Fakt, sondern mit haltbaren Theorien verbracht werden.
Verhalten und die Dilts Pyramide
Für diejenigen Leser*innen die gerne Themen Struktur verleihen, soll die Dilts Pyramide als Alternative genannt werden. Veröffentlicht von Robert Dilts, einem der Pioniere der Neuro-Linguistischen-Programmierung, kurz NLP, bietet die Dilts Pyramide ein Modell für Verhalten.
Anders als bei Maslow, beschreibt Dilts in seiner Pyramide Stufen der Veränderung. Höhere Stufen wirken sich dabei stärker auf Untere aus als umgekehrt. Die Pyramide ist durchlässig. Ein Mitarbeiter wird mit grösserer Leichtigkeit konstruktives Feedback geben, wenn ihm individuelles Wachstum ein Wert ist. Umgekehrt wird der Mitarbeiter möglicherweise irgendwann den Wert des individuellen Wachstums formen, wenn ihm auffällt, dass seine Arbeitskollegen aufgrund seines konstruktiven Feedbacks selbstständiger und kompetenter werden.
Die sechs Stufen sind:
die Umgebung (Wo handle ich?),
das Verhalten an sich (Was tue ich?),
die Fähigkeit (Was muss ich können um so zu handeln?),
die Werte/Glaubenssätze (Welcher Wert wird in der Handlung erfüllt?),
die Identität (Wer bin ich, wenn ich so handle?) und ganz zu oberst
die Vision (Welchem höheren Zweck dient die Handlung?).
Ein Beispiel aus der Anwendung: Im Coaching kann eine Problemsituation nachhaltiger gelöst werden, wenn sie auf einer höheren Stufe angegangen wird. Wird die Pyramide auf interpersonelle Konflikte angewendet, so kann beispielsweise überlegt werden, auf welcher Ebene ein Konflikt herrscht. Stört die Handlung (Verhaltensebene) an sich, oder verletzt mein Gegenüber einen Wert von mir? Möchte ich meiner Chefin gegenüber ein neues Verhalten zeigen, so wird dies leichter fallen, wenn ich weiss welchen Wert ich erfülle (Werteebene) oder weiss wofür ich etwas tue (Visionsebene). Ein konkretes Beispiel:
Immer wenn Frank’s Chefin sagt, “Wir brauchen mehr Ressourcen auf dem Projekt” wird Frank wütend. Durch Selbstreflektion oder ein Coaching merkt er, dass er den Wert hat Menschen als solche zu sehen. Dass seine Chefin von Menschen als Ressourcen spricht, verletzt diesen Wert. Eine neue Handlungsmöglichkeit die dadurch entsteht, ist nun den Konflikt anders ansprechen zu können, da der Grund für die Wut klar ist.
Zwei widersprüchliche Grundbedürfnisse
Bei der Studie der Grundbedürfnisse stossen wir auf zwei Kernbedürfnisse. Die Bindungstheorie (Attachment Theory) von Psychoanalytiker John Bowlby benennt in erster Linie das Bedürfnis nach Beziehungen. Die Theorie beschreibt Bindungen und ihre Veränderungen im Laufe des Lebens eines Menschens. Durch das Gegenüber entsteht die Identität oder in den sehr treffenden Worten Jeannette Fischers
Um das Ich zu bilden, brauchen wir ein Du, brauchen wir Gemeinschaft, Auseinandersetzung, Konflikt, Begehren. Wir brauchen die Differenz zum anderen Ich. Das Ich ist keine fixe Grösse, die, einmal geboren und gebildet, nun bewahrt werden muss, sondern das Ich ist in ständiger Bewegung und bildet sich unentwegt um.
Dies ist eines der Gründe warum so viele Menschen in der Isolation der Coronakrise Angst hatten. Wer bin ich denn überhaupt, wenn ich kein Gegenüber mehr habe? Was wäre eine SVP oder AfD ohne Ausländer? Eine Antifa ohne Faschisten? In der Andersartigkeit anderer sieht man sich selbst.
Dem Bedürfnis nach Gemeinschaft, Bindung, Resonanz, Beziehung steht ein weiteres Grundbedürfnis entgegen - das der Selbstentfaltung, des Teils in einem der einzigartig ist. Zu dem werden, was in einem angelegt ist. Der Wunsch nach Freiheit der-/diejenige sein zu können, die/er ist. Der Samen eines Apfels wird nie eine Erdbeere erzeugen, egal was für Dünger er erhält oder auf welchem Kontinent er gepflanzt wird. Gleichwohl ist jeder Mensch individuell und seine Eigenheit wird nie wegtherapiert.
Das Paar Verbundenheit/Selbstentfaltung findet sich in vielen Theorien wieder. Meist leicht modifiziert, mit anderem Schwerpunkt und unter leicht anderen Namen. Eines der folgenden Paare erscheint möglicherweise bekannt - Sicherheit/Freiheit, Stabilität/Veränderung, Gruppe/Individuum. Auch wenn die allumfassende Grundbedürfnistheorie nicht existiert, so kann bereits die Anzahl der Varianten, die alle das Gleiche thematisieren und tatsächlich gültige Resultate erzeugen, einem ein Hinweis darauf sein, dass sie einen höheren Wahrheitsgehalt in sich tragen.
Die zwei Bedürfnisse sind in sich widersprüchlich und der Versuch der Überwindung dieses Widerspruchs ist laut des Sozialpsychologen Erich Fromm unsere Handlungsbasis. Der Versuch gilt als funktional, so bleibt das Individuum erhalten und geht in seiner Ganzheit in die Verbindung. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa würde hier von Resonanz sprechen. Bei einem nicht-funktionalen Versuch wird mindestens eines der zwei Bedürfnisse verletzten. Beispielsweise kann eine Beziehung auch durch Dominanz oder Macht erzwungen werden, dabei geht allerdings die Integrität der beiden Individuen verloren und die Freiheit ebenfalls.
Im Alltag lässt sich leicht beobachten: Die Gewichtung der zwei Grundbedürfnisse variiert von Person zu Person. Die vorherrschende Verteilung der Gewichtung der zwei Grundbedürfnisse variiert stark nach Kultur. In irgendeiner Form bleiben diese beiden Bedürfnisse allerdings trotzdem erhalten. Ein Einsiedler wird eine Form von Beziehung zu seiner physischen Umgebung oder spiritueller Form leben. In den meisten Verhalten mischen sich in ein- und derselben Person funktionale so wie unfunktionale Versuche zur Überwindung.
Fazit
Natürlich sind die Theorien von Dilts, Bowlby und Fromm, ganz normal für gute Forschung, auch Kritik unterworfen. Allerdings ist keine so fundamental, dass ich den zwei Theorien aktuell ihren kompletten Wert absprechen würde. Ganz im Gegensatz zu der Maslowschen Pyramide. Eine Kritik an Dilts Pyramide, beispielsweise demonstriert, dass Dilts zu kritisieren, einiges anspruchsvoller ist und mehr bedarf als die an Maslow. Positiv zu vermerken ist, dass die zwei vorgestellten Theorien aktiv weiter erforscht und wissenschaftlich mit Belegen untermauert sind. Abraham Maslow hat wertvolle Beiträge geleistet, wir sollten diese rezipieren anstatt einen seiner schwächsten Teile weiterhin zu verbreiten.
Wer Vision weiterhin als wichtiges Element in der Motivation zitieren will, kann auf Dilts zurückgreifen. Die, oft unterbewusste, Motivation aus der Überwindung des Widerspruchs herzuleiten ist leider nicht ganz so trivial, wie das mit dem Menschen so häufig ist. Dafür trägt sie Früchte in der Therapie. Zu Motivation empfiehlt sich auch die Lektüre der Gedanken zu intrinsischer Motivation.
Cover Photo by and with kind of permission of Darren Crawford