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Werner Kaufmann (2270) – Andras Puskas (1970)
Schweizerische Gruppenmeisterschaft 2013
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 d6 7.Db3
Theorie ist 7…Dd7. Als ich das nach der Partie vorschlug, belehrte mich mein Gegner, dass so etwas ganz schlecht wäre, weil die Dame den Läufer c8 verstellt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Spieler bis ungefähr 2000 Elo sämtliche Gambite annehmen, obwohl sie von der Theorie keinen Dunst haben. Ich hatte bis zu dieser Partie mit angenommenen Morra- und Göring-Gambiten gegen 100% erzielt. Stärkere Spieler lehnen Gambite meistens ab.
7…Sxd4 8.Sxd4 exd4
Ein interessanter Moment. Ich überlegte, dass ich ihm mit 8.Lxf7+ Kf8 9.0-0 die Rochade verderben, und damit einen langfristigen Vorteil gewinnen würde. Anderseits würde ich nach dem natürlichen Konter 9…Df6 meinen Läufer entweder auf g8 tauschen oder nach c4 zurück ziehen müssen, wonach sich meine Initiative vorerst verflüchtigt hätte. Auf jeden Fall wäre dank seiner Königsstellung genug Kompensation für den Bauern, den ich damit ins Geschäft stecken würde, vorhanden.
Bald einmal gefiel es mir aber viel besser, einfach zu rochieren. Er konnte ja f7 nicht decken, ohne den Läufer auf a5 mit einem Zwischenschach einzustellen. Bei dieser Überlegung übersah ich 9…Dd7, aber Freund Houdini versichert mir gerade, dass ich nach 10.cxd4 praktisch auf Gewinn stünde. Er spielte wie erwartet:
9.0–0 Le6 10.Lxe6 fxe6 11.cxd4
Weil jetzt e6 und b7 hängen, gewinne ich den Bauern mit Stellungsvorteil zurück. Er entschloss sich, e6 aufzugeben.
11…Lb6 12.Dxe6+ De7
13.Dxe7+ kam für mich wegen Ausgleichs nicht in Frage. Also zurück mit der Dame. Aber wohin? 13.Dc4 oder 13.Db3? Ich entschied mich gegen 13.Dc4, weil nach 13…Dxe4 14.Sc3 Dxd4 meine Dame auf c4 angegriffen gewesen wäre.
13.Db3
Wegen 13…Dxe4 14.Sc3 machte ich mir keine Sorgen. Den d-Bauern würde er kaum auch noch nehmen dürfen, und nach 14…Df5 15.Te1+ würde meine überlegene Entwicklung seinem in der Mitte stecken gebliebenen König wohl den Garaus machen. Experte Houdini pflichtet mir bei, dass ich besser stehe, aber so einfach findet er es denn doch nicht.
Als potenzielle Gewinnfortsetzung schlägt er nach 15.Te1+ Kf8 16.Sd5 Sf6 17.Sxf6 Dxf6 18.Te4 Lxd4 19.Tf4 Lxa1 20.Dxb7 vor. Dass dies auf das Brett gekommen wäre, halte ich für höchst unwahrscheinlich.
Während der Partie hatte ich 16.a4 mit der Idee 17.a5 gesehen, was tatsächlich stark ist.
Ich hatte 13…Df7 14.Dd3 Se7 erwartet, um kurz zu rochieren.
13…0–0–0
Das schien mir ziemlich frech. Ich schätzte das auf der Hand liegende 14.Dd3 als klar vorteilhaft ein und fing an, mich selbst zu beweihräuchern. 9.0-0 und 13.Db3 waren doch hervorragende Züge gewesen, oder etwa nicht?
Aber der Kerl hatte doch gerade in zwei offene Turmlinien hinein rochiert! Das musste bestraft werden! In dieser Stimmung war es mir ganz einfach nicht möglich, bescheiden 14.Dd3 zu ziehen, und ich begann nach Angriffszügen Ausschau zu halten. Der einzige, der mir einfiel, war 14.Sc3, aber das ist nur der zweitbeste.
Sehr stark ist 14.Le3. Er ist praktisch verpflichtet, e4 zu nehmen, sonst bekommt er nicht einmal einen Bauern für den Angriff mittels Sd2-c4 und a4-a5, also 14…Dxe4 15.Sd2 Df5 16.Sc4 Se7 17.a4.
Eine prächtige Angriffsstellung. Sowohl 17…d5 18.Sxb6+ axb6 19.a5, als auch 17…Sc6 18.a5 sind nahe am Gewinn. So ganz unrecht hatte ich mit meiner Einschätzung, dass etwas „drin“ sein müsste, nicht.
14.Sc3 Lxd4 15.Tb1 c6
Das hatte ich übersehen. Ich hatte nur mit 15…Lb6 gerechnet, und dann „vernichtend“ 16.Sd5 Dxe4 17.Lg5 „nebst Tfc1“ geplant.
Mein elektronischer Trainer antwortet 17…Te8 und dann auf 18.Tfc1 ganz cool mit 19…Kb8 20.Sxb6 cxb6, weil 20…axb6 wegen 21.Dc3 Tc8 22.Ld8 verliert.
Jetzt ist nichts mit 21.Dc3 wegen 21…Se7. Ich muss hier bereits mit 21.Da3 ums Remis betteln.
Sehr hübsch ist auf 17.Lg5 auch die Verteidigung 17…Sf6 18.Lxf6 gxf6 19.Tfc1 Kb8. Auf das scheinbar tödliche 20.Txc7 kommt jetzt 20…Thg8 21.g3 Tg5. Nach dem erzwungenen 22.Sxf6 Df5 23.Tf7 Dxf2+ 24.Kh1 hätte ich lieber Schwarz, obwohl meine Stellung immer noch spielbar ist.
So viel zu den objektiven Tatsachen. Subjektiv muss er erst einmal Te8, Kb8 und cxb6 oder Sf6, Kb8 und Tg5 finden, finden, während dessen ich immer die simpelsten Angriffszüge produziere.
Ich nenne dies das „Spielmann-Prinzip“ und zitiere dazu aus Rudolf Spielmanns berühmtem Buch „Richtig Opfern!“ (Curt Ronniger, Leipzig, ca. 1935, Seite 75)
„Nicht oft genug kann ich betonen, dass in der praktischen Partie keineswegs die objektive Sachlage, sondern die relative Schwierigkeit der zu bewältigenden Aufgabe entscheidet. Ist die Aufgabe besonders schwierig, so wird der Spieler meistens an ihr scheitern, auch wenn die Dinge objektiv zu seinen Gunsten stehen. Das gilt insbesondere in der Verteidigung, die sowohl aus technisch-strategischen, wie auch aus psychologischen Gründen weit schwieriger zu führen ist als der Angriff. Daher auch meine Anschauung, dass man Opfer nicht bloss vom Standpunkt der Korrektheit, sondern hauptsächlich von jenem der Gefährlichkeit beurteilen muss. Als Angreifer wird es sich lohnen, solche Opfer zu wagen, als Verteidiger empfiehlt es sich, ihnen nach Möglichkeit auszuweichen.“
Objektiv ist die Stellung somit ausgeglichen, aber nur dann, wenn er eine Serie von drei schwierigen Zügen findet, um den Verlust zu vermeiden. Während dessen sind meine Züge leicht zu sehen, und ich riskiere höchstens remis. Von der Gefährlichkeit her steht die Variante vielleicht +2 für mich.
Ich zeigte diese Partie ein paar Leuten. Jeder von ihnen, IM wie auch Stammkneipen-Partner, hat mich gefragt, weshalb ich nicht einfach 14.Dd3 gespielt, und „den Patzer risikolos zerquetscht“ hätte? Ich wusste jeweils keine bessere Auskunft, als dass 14.Sc3 meiner Auffassung entspricht, und dass der Zug ja korrekt gewesen wäre. Und dass ich an das Spielmann-Prinzip glaube. Womit ich ein paar hämische Bemerkungen betreffs „Schwierigkeit der Aufgabe“ einsackte. Heute würde ich vielleicht sagen, dass ich dynamisches Spiel statischem vorziehe.
Ich hätte den Zug auch gegen einen stärkeren Spieler gemacht. Aus den letzten 10 Weiss-Partien vor dieser hatte ich 9½ Punkte gegen ein Gegnermittel von 2200 Elo geholt, genau mit solchen Zügen. In drei dieser Partien stand ich glatt auf Verlust, pikanterweise auch gegen die zwei schwächsten meiner Gegner. Anderseits gingen zwei IM, nach einer zweifelhaften Eröffnung ihrerseits, im Angriff unter.
Selbstverständlich hatte ich keine der genannten Verteidigungsideen gesehen, und war der Ansicht, dass ich komplett auf Gewinn stünde. Subjektiv wäre dies nach 15…Lb6 wohl auch der Fall gewesen, weil die Verteidigung für ihn einfach zu schwierig gewesen wäre. Zurück zur Partie nach 15…c6.
(1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 d6 7.Db3 Sxd4 8.Sxd4 exd4 9.0–0 Le6 10.Lxe6 fxe6 11.cxd4 0–0–014.Sc3 Lxd4 15.Tb1 c6)
Man kann einen Zug auch mal übersehen. Nach all meinen Gewinnphantasien erwischte er mich aber damit kalt. Ich war wegen meines vorherigen guten Spiels sehr selbstzufrieden geworden und hochnäsig der Ansicht, dass ein 2000-er Patzer einfach einmal zusammenbrechen müsse.
Ausserdem hatte sich das „Lg5 nebst Tfc1“-Syndrom unwiderruflich in meinem Gedächtnis eingebrannt. Darüber gibt es Literatur. Krogius nennt es „träges Abbild“ (Nikolai Krogius, Psychologie im Schach, Sportverlag Berlin 1983), und bemerkt:
„Beim Auftreten träger Abbilder macht sich in der Regel fehlende Anpassungsfähigkeit des Denkens und geistige Trägheit bemerkbar. Das Selbstbewusstsein des Spielers schwankt zwischen Extremen: Es ist entweder übermässig gross oder stark herabgemindert. Beim Auftreten träger Abbilder lässt ausserdem die emotionale Spannung nach. Es entsteht ein Zustand der Entspannung, und die Erregtheit wird durch Teilnahmslosigkeit abgelöst. Als Ergebnis der verringerten Gefühls- und Willensanspannung geht das erforderliche Verantwortungsgefühl für die zu treffenden Entscheidungen verloren.“
Wie treffend!
Nüchtern betrachtet habe ich jetzt nach dem offensichtlichen 16.Td1 Lxc3 (nicht 16…Lb6 17.Sa4) 17.Dxc3 gewaltigen Angriff.
Gegen einen stärkeren Gegner hätte ich mir sicher ein Viertelstündchen Zeit genommen, um mich neu zu orientieren. In meinem Geisteszustand war ich aber nicht mehr in der Lage, irgend etwas nüchtern betrachten zu können. 16.Lg5 „musste“ einfach durchdringen! Also los!
16.Lg5? Sf6 17.Tfc1 Kb8
Er verhindert 18.Sd5. Ich konnte keine vernünftige Fortsetzung mehr finden und hätte mich damit abfinden müssen, mit einem Bauern weniger irgendwie ums Remis zu kämpfen. Das gab mein Kopf einfach nicht zu. Da sah ich auf einmal einen Ausweg. Ich würde ihn beschwindeln. Mein nächster Zug hätte eine Falle sein sollen…
18.Se2 Lxf2+ 19.Kxf2 Sxe4+ 20.Kg1 Sxg5
So. Und nun 21.Txc6. Aber irgendwie wollte der Zug keinen rechten Effekt haben. Peinlich. Also ein neuer, diesmal verzweifelter Trick:
21.Sd4 Ka8
Ich war glücklich von minus 1 auf minus 3 Bauern gelandet, und fing an, um mich zu schlagen.
22.h4 Se4 23.Txc6 Sd2 0-1
Wie Sie an diesem Beispiel sehen, können Patzer durchaus starkes Schach spielen. Sein einziger zweifelhafter Zug nach der missglückten Eröffnung war die lange Rochade, welche später genau mein Delirium verursachte. Trotzdem vermute ich, dass er es ohne meinen Mangel an Objektivität nicht geschafft hätte, die Partie zu halten. Ich habe es ihm zu leicht gemacht. Überheblichkeit ist ein schlechter Ratgeber. Es ist offensichtlich, dass ich ein Überheblichkeitsproblem habe. Wenn ich 2000-er so wie 2400 respektieren würde, hätte ich wohl 100 Elo mehr…