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Viagra im Alter
Trotz seiner 76 Jahre ist Edgard ein rüstiger Rentner. Der Informatiker im Ruhestand lebt in Genf und unternimmt viel: Tennis, Wandern oder Reisen gehören zu seinen Hobbys. Nur mit dem Sex klappte es nicht mehr so, wie er es gern hätte.
Früher hatte Edgard ein sehr aktives Sexleben, aber seit einigen Jahren leidet er wie viele ältere Männer unter Erektionsstörungen. Für die meisten ist das ein Tabuthema. Im Gegensatz zu vielen anderen ist Edgard bereit, offen darüber zu reden, auch vor der Kamera.
Er erzählt, wie ihn 2011 seine Frau verliess. Edgard lebte zunächst allein, nahm dann aber eine frühere Beziehung mit seiner brasilianischen Freundin Iris wieder auf. Er entschied, Iris nach Genf zu holen. Kurz nach ihrer Ankunft wollten die beiden wie früher Sex miteinander haben.
Aber es klappte nicht mehr. Edgard bekam keine Erektion. Das Potenzmittel Levitra (ein Generikum von Viagra) half. Die beiden Verliebten erleben so einen zweiten Frühling miteinander. Der lebensfrohe Rentner rät auch anderen Männern, die Sexpillen zu nehmen.
Edgard hatte auch keinerlei Schwierigkeiten, mit seiner Partnerin Iris über das Problem zu sprechen. Iris nahm es von Anfang an positiv auf, dass er etwas gegen seine Erektionsstörungen unternehmen wollte: «Für mich ist das so, als ob er ein Medikament gegen Kopfschmerzen nähme. Da sehe ich keinen Unterschied. Ich finde das natürlich.»
So wirkt Viagra
Der Viagra-Wirkstoff Sildenafil hemmt ein Enzym, das in der glatten Muskulatur von Blutgefässen und im Schwellköper im Penis vorkommt.
Das führt zu einer Muskelentspannung, mehr Blut kann in den Penis strömen – eine Erektion entsteht.
Das klappt bei 80 bis 90 Prozent der Männer, denn bei vier von fünf Betroffenen sind die Erektionsprobleme rein körperlich bedingt und oft Vorbote einer Gefässverengung und somit von Herzinfarkten oder Schlaganfällen.
In der Zeit vor Viagra mussten sich Männer mit Potenzproblemen mit sehr unromantischen Vakuum-Penispumpen behelfen.
Oder sie liessen sich Prothesen implantieren, die den Penis permanent halbsteif hielten oder mittels eines Mechanismus über ein Flüssigkeitsreservoir in der Bauchwand aufgepumpt werden konnten.
Ganz Unerschrockene verpassten sich eine Spritze in den Penis mit dem körpereigenen Botenstoff Alprostadil. Wirkungsdauer nach der Tortur: 10 bis 30 Minuten. Viagra wirkt bis zu fünf Stunden.
Die artverwandte Substanz Verdanfil (Levitra) wirkt ebenso lang - und Tadalafil (Cialis) sogar bis zu 36 Stunden.
Viagra nach einer Krankheit
Ganz so harmonisch läuft es aber nicht für alle Männer ab. Manchen können die Liebespillen wie Viagra, Levitra oder Cialis nicht helfen. Zu ihnen gehört Adriano. Er musste vor einigen Jahren eine Nieren-Transplantation vornehmen lassen. Seitdem hat er oft Schmerzen im Rücken. Wenn er aber Schmerzen fühlt, stellt sich bei ihm keine Erektion ein.
Darüber zu reden, ist für ihn nicht einfach. Vor seiner Frau verschwieg er die Probleme. Er suchte nach Ausflüchten, um die Momente zu vermeiden, in denen die beiden Sex haben konnten.
Heute ist Adriano überzeugt, dass das ein Fehler war. Seine Frau verliess ihn nach mehreren Jahren platonischer Beziehung. Er ist überzeugt: Alles wäre anders gekommen, wenn er mit ihr gesprochen hätte.
Als Adriano eine neue Freundin suchte, stand er vor demselben Problem. Hatte er Schmerzen, dann wollte es einfach nicht klappen. Potenzmittel halfen ihm so gut wie gar nicht. Wie aber damit umgehen?
Jahrelang hatte Adriano keinen Arzt gefunden, der ihm helfen konnte. Erst als er in der Genfer Uniklinik den Arzt Francesco Bianchi-Demicheli kennenlernte, fühlte er sich endlich verstanden.
Bianchi-Demicheli ist seit über 20 Jahren auf die Behandlung von Erektionsproblemen spezialisiert. Er versucht nicht, das Problem sofort durch die Verschreibung von Potenzmitteln zu lösen. Er hörte Adriano erst einmal zu.
Der Arzt verschreibt zwar doch ein Potenzmittel aber er betont vor allem, dass Adriano mit einer eventuellen Partnerin über das Problem sprechen soll. Sie könne ihm zum Beispiel dabei helfen, Stellungen zu finden, in denen er weniger Schmerzen habe.
Beim ersten romantischen Essen mit seiner neuen Freundin, spricht er über seine Nierentransplantation und über Erektionsprobleme. Er ist überzeugt, dass sie ihn sofort sitzenlassen wird, dass er einfach kein geeigneter Partner für sie ist. Es geschieht aber das Gegenteil. Sie fragt ihn: «Ja und, wo ist jetzt das Problem für uns?»
Dann geschieht fast so etwas wie ein Wunder: Adriano kann wieder Sex haben. Die beiden wählen gemeinsam die Momente aus, in denen Adriano keine Schmerzen hat. Wenn er an einem Abend nicht kann, ist es für seine Freundin kein Problem. Das Potenzmittel nahm Adriano letztlich nur einmal, dann brauchte er es nicht mehr.
Viagra-Konsum in der Schweiz
Wenige Medikamente haben in den letzten Jahrzehnten für so viele Schlagzeigen gesorgt wie Viagra.
Geschätzte 150 Millionen Männer leiden weltweit an einer erektilen Dysfunktion. In der Schweiz sollen ca. 300'000 Männer betroffen sein, manche Schätzungen liegen sogar deutlich darüber.
Pro Monat werden deswegen hierzulande 100'000 Viagra-Tabletten geschluckt. Damit rangiert die Schweiz in der Spitzengruppe nach Finnland, Norwegen, Grossbritannien und Irland.
Viagra in der Schwulenszene
Fabrice aus Lyon hatte nie Potenzprobleme, trotzdem sind für ihn Potenzmittel zum Problem geworden. Fabrice gehört zu den wichtigen Figuren in der Schwulenszene von Lyon.
Er erzählt, dass er lange wechselnde Partner hatte und Viagra nahm, um seine Potenz zu erhöhen. Mit der Zeit geriet er immer stärker unter Druck.
Für Fabrice wird Viagra zu einer Art Partydroge. Mehrmals die Woche geht er zu sogenannten «Chems»-Abenden, also Festen, auf denen ein Gemisch aus Viagra und chemischen Drogen konsumiert wird. Eine für die Gesundheit hochgradig gefährliche Sache.
«Ich hatte solche wahnsinnigen Höhepunkte erreicht, dass ich nur noch an meinen nächsten 'Chems'-Sex dachte, um etwas noch Intensiveres zu fühlen.» Ohne Drogen war der Sex für Fabrice nicht mehr spannend. Er zieht die Notbremse.
Fabrice findet einen festen Liebhaber und lässt sich auf eine stabile Beziehung ein. Das sei zwar manchmal auf sexueller Ebene als habe er «ein ständiges Feuerwerk gegen ein Lagerfeuer getauscht», aber er lebe wesentlich besser so. Denn das was wirklich zähle, sei eben doch die Liebe.
Unterhaltsame Fakten zu Viagra
Tests aus der Schmuddelecke
Als klar wurde, dass der Viagra-Wirkstoff Sildenafil als Bluthochdruckmedikament ein Flop war, dafür unverhofft zu Erektionen verhalf, mussten zur Zulassung Tests an Patienten her.
Das heisst, die männlichen Versuchspersonen mussten in einer überwachbaren Situation nach der Einnahme der Pille einem sexuellen Stimulus ausgesetzt werden: naheliegenderweise Pornos. Nur war der Konsum von Pornographie beim Testbeginn 1993 in England nicht offiziell erlaubt. Forschung aus der Schmuddelecke.
Dem Kind einen Namen geben
Ging es vor einigen Jahrzehnten um Erektionsprobleme, sprachen Mediziner von Impotenz oder Potenzstörung – der Begriff war aber für die männliche potenzielle Kundschaft zu negativ belegt.
Marketing-Profis von Pfizer labelten die Impotenz kurzerhand zu «erektiler Dysfunktion» um. Das klingt wesentlich medizinischer und technischer – und weniger nach mangelnder Potenz.
Hilfsmittel zur Unzucht
Als Viagra am 27. März 1998 zugelassen wurde, gab es noch kein Medikament auf dem Markt, das speziell auf diese Thematik zugeschnitten war. Entsprechend war noch nie ein Medikament mit einem solch expliziten sexuellen Nutzen beworben worden.
Pfizer war deshalb zunächst noch extrem vorsichtig, denn die Angst vor ethischen oder religiösen Kontroversen war gross.
In den ersten Anzeigen waren deshalb immer Eheringe zu sehen, wenn es um Viagra ging. Eine Pfizer-Marketingexpertin soll die Werbung sogar zuerst ihrem Pfarrer gezeigt haben, um auf Nummer Sicher zu gehen.
Der Drill der Viagra-Armada
Nach der Zulassung von Viagra wurde in nur einer Woche 300’000-mal Viagra verschrieben. Eine ganze Armee von Medizinal-Vertretern wurde geschult und in die Arztpraxen losgeschickt.
Pfizer führte sogar ein Training gegen sexuelle Belästigungen durch, im speziellen für all die weiblichen Vertreterinnen, die den ganzen Tag – meist mit Männern – über Erektionen sprechen mussten.
Die Namensgeber
«Viagra» setzt sich zusammen aus dem lateinischen «vis» für Stärke und aus «Niagara», den berühmten Wasserfällen.