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Die Zeit, in der ich lebe, wird immer mehr zum Zeitalter des Undenkbaren, zum undenkbaren Zeitalter. Der soziale und kulturelle Wandel ist soweit beschleunigt, die Parameter des Politischen werden in einer derartigen Häufung und Widersprüchlichkeit variabel, dass das Nach-Denken über das, was im öffentlichen Raum als ganzem zurzeit der Fall ist, obsolet wird: Denken, wie ich es verstehe, ist – ob als manichäisches Entweder-Oder, ob als Suche nach dialektischer Zweiwertigkeit betrieben – ein grundsätzlich monokausales Geschäft. Auch die vielschichtigste, komplexeste Argumentation führt in einem bestimmten Augenblick immer nur einen Gedanken durch (die Behauptung, es gebe ein Denken, das simultan polykausal verlaufe, definiert geradezu irrationalistisches Meinen). Das komplexe Argument ist deshalb eine zeitlich gestaffelte, irgendwie geartete Verknüpfung von monokausalen Einzelschritten. Dieses Nacheinander der Verknüpfung, dieser Entwicklung des Arguments, ergibt in der Durchführung die komplexe Struktur. Diese Durchführung braucht Zeit. In dieser Zeit ist das Denken auf einen kleinen Betrug angewiesen: Um überhaupt stattfinden zu können, muss es supponieren, während der Durchführung des Gedankens stehe die Zeit still, verharre die Welt unverändert.
Nur wenn die Welt von Anfang bis Ende der Durchführung des Arguments als grundsätzlich identisch gesetzt wird, kann es am Schluss seiner Ent-Wickung «stimmen». Sonst ergeben sich innerhalb diese Ent-Wicklung so etwas wie «differentielle Verwehungen», die zwar mit Sprachartistik kaschiert werden können, das Argument aber trotzdem insofern obsolet machen, als sich seine Grundannahmen schneller verändert haben, als die Ent-Wicklung möglich war.
Als schematisches Beispiel: Ich werde Zeuge eines Verkehrsunfalls. Ich denke: Wenn dieses Auto nicht bremst, kollidiert es mit dem anderen. Während des Zeitraums, den ich benötige, dies zu denken, hat sich der Unfall ereignet, bereits bräuchten Verletzte meine Hilfe. Während ich noch die Argumente prüfe, wie den Verletzten am besten zu helfen sei, stirbt eine Person etc.
Das Zeitalter des Undenkbaren ist in doppeltem Sinn ein katastrophisches: Einerseits verändert sich die Welt in der Wahrnehmung und der Reflexion der Einzelnen immer deutlicher fortwährend in der Art des unvorhersehbar katastrophisch Eintreffenden (d. h.: das eigene Denken bleibt immer und möglicherweise immer mehr hinter der Wirklichkeit zurück, Wirklichkeit wird uneinholbar und insofern für das subjektive Erfahren eine abstrakte Grösse). Andererseits hat sich das Denken in Katastrophen in eine Katastrophe des Denkens verkehrt, weil immer mehr die Rezeption der Welt ihre Reflexion ausschliesst und umgekehrt.
Ich gehe davon aus, dass die Welt nicht mehr jene ist, die sie war, als ich diesen Gedanken zu denken begonnen habe. Weiter gehe ich davon aus, dass der Gedanke – wegen der zunehmenden Beschleunigung der sozialen und kulturellen Prozesse – während des Denkens stichhaltiger geworden ist. Und schliesslich gehe ich davon aus, dass mich das Denken dieses Gedanken weiter abgehängt hat und ich zur Strafe, dass ich mir diesen Gedanken zu denken erlaubte, um die Zeitdauer des Denkens mehr Mühe haben werde, den Abschluss an die Welt halten zu können. Mit Sicherheit kann den Anschluss nur halten, wer nicht mehr denkt.
(9./11.06.1994; 24.08.2005; 12.12.2017; 11.07.2018)
Tatsächlich scheint es so zu sein – von der Fussgängerwelt der alten Griechen über das pedantische Königsberg von Kant bis zur Schreibstube meines Nachbarn Kurt Marti –, dass der sprachliche Ausdruck in einer entschleunigten Welt am meisten über den Moment hinaus zu reden vermag. Aber darüber, ob dieses Über-den-Moment-hinaus-Reden in der real existierenden Welt, die nicht entschleunigt, noch viel zu sagen hat, müsste mit mehr als einem Gedanken bedacht werden.
(26.08.2006; 11.07.2018)