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Biodiversität und Wirtschaft – eine Auslegeordnung
1. Die Grundlagen
Was ist Biodiversität?
Die Biodiversität umfasst den Artenreichtum von Tieren, Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen. Sie besteht aus der genetischen Vielfalt innerhalb der verschiedenen Arten, der Vielfalt der Lebensräume sowie den Wechselwirkungen innerhalb und zwischen diesen Ebenen (vgl. Grafik). Die Artengemeinschaften stehen als funktionale Einheit miteinander und mit ihrer nicht belebten Umwelt in Wechselwirkungen. Auf diese Weise bilden sich Ökosysteme aus.
Biodiversität ist ein sehr abstraktes und schwer greifbares Konzept. Im Vergleich zum Instrumentarium beim Klimaschutz stehen die Bewertungskriterien für die biologische Vielfalt noch in den Anfängen.
Biodiversität bedeutet Vielfalt von Tieren, Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen.
Was nützt Biodiversität?
Eine hohe Artenvielfalt ist eine Art biologische Rückversicherung. Fällt eine Art aus, können andere ihre Aufgabe im Ökosystem erfüllen, und das System an sich bleibt stabil. Je höher die Diversität eines Ökosystems ist, desto kleiner ist das Risiko, dass der Verlust einer einzigen Art dessen Funktionsfähigkeit beeinträchtigt. Im Umkehrschluss heisst das aber auch: Je mehr Arten verschwinden, desto instabiler werden die Ökosysteme, und umso mehr steigt in einer Kaskade das Risiko, dass weitere Arten aussterben und schliesslich das betroffene Ökosystem kollabiert. Die Leistungen der Biodiversität ermöglichen also die Existenz des Menschen sowie die Ausübung wirtschaftlicher Tätigkeiten.
Aus volkswirtschaftlicher Sicht spricht man von Naturkapital, also vom ökonomischen Wert der Natur, dessen zentraler Bestandteil die Biodiversität ist. Biodiversität erbringt Leistungen von wirtschaftlichem, gesellschaftlichem und ökologischem Wert, wie z.B. die Bereitstellung von Trinkwasser, von Nahrung für Mensch und Tier und von Wirkstoffen für Arzneimittel. Ebenso dient sie der natürlichen Schädlingskontrolle und die Menschen können Naturräume für die körperliche und geistige Erholung und somit für die Gesundheit nutzen.
Die unten stehende Tabelle zeigt die Ökosystemleistungen auf. Sie werden in Basisleistungen, Versorgungsleistungen, regulierende Leistungen und kulturelle Leistungen unterteilt. Sie sind auch für die Schweizer Wirtschaft relevant. Einerseits können sie direkt die Produktion beeinflussen, wie z.B. die Produktion von Nahrungsmitteln oder von Pharmazieprodukten. Andererseits haben sie einen indirekten Einfluss auf das wirtschaftliche Wohlergehen, indem z.B. die Regulation des Mikroklimas einen Einfluss auf die Standortattraktivität, und somit auf den Tourismus hat.
Eine Abnahme der Biodiversität hat somit nicht nur den Verlust von Flora und Fauna zur Folge, sondern vermindert auch den Nutzen der Natur für die Menschen. Die Messung dieses Nutzens der Biodiversität ist hingegen schwierig. Betrachtet man beispielsweise isoliert einzelne Arten, ist von vielen noch nicht bekannt, welche Funktionen sie im Ökosystem einnehmen, welchen direkten Nutzen die Menschen und die Wirtschaft aus ihnen ziehen können. Ebenso ist oftmals unklar, welche Rolle sie in Zukunft einnehmen werden (beispielsweise bei verändernden Klimabedingungen). Es ist aber erwiesen, dass nicht nur häufige, sondern auch seltene Arten für die Leistungserbringung von Ökosystemen von hoher Bedeutung sind.
Alle Ökosystemleistungen sind für die Wirtschaft relevant – ob mit direkter oder indirekter Wirkung.
Wie steht es um die Biodiversität?
Der Weltbiodiversitätsrat der Vereinten Nationen hat 2019 einen Bericht zur Artenvielfalt veröffentlicht. Demgemäss können die meisten international vereinbarten Biodiversitäts- und Nachhaltigkeitsziele nicht erreicht werden. Das Artensterben beschleunigt sich fortwährend und ist bereits 10- bis 100-mal höher als im Durchschnitt der vergangenen 10 Millionen Jahre. Von geschätzten acht Millionen Tier- und Pflanzenarten, die es weltweit gibt, sind rund eine Million vom Aussterben bedroht. Auf lokaler Ebene ist dieser Biodiversitätsverlust auf den ersten Blick nicht immer erkennbar, da die Totalzahl der Arten im Durchschnitt oft gleich bleibt. Was sich aber stark verändert ist die Zusammensetzung der Arten in den lokalen Gemeinschaften, wie eine Studie von Blowes (2019) zeigt. Die Ursachen für den globalen Verlust an Biodiversität sind zu starke Land- und Meeresnutzung, direkter Abbau natürlicher Ressourcen, Klimawandel, Verschmutzung und die Verbreitung invasiver Arten. Durch die globalisierte Wirtschaft verlagert sich die Belastung der Natur stark von den Industrie- in die Entwicklungsländer.
In der Schweiz sind gemäss dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) knapp die Hälfte der Lebensraumtypen und die Hälfte aller beurteilten einheimischen Arten bedroht oder potenziell gefährdet. Hauptgründe dafür sind die Zersiedelung, die intensive Nutzung von Böden und Gewässern sowie die Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten. Flächenmässig wird mehr als ein Drittel der Ökosysteme der Schweiz landwirtschaftlich genutzt. Das betroffene Land wird häufig unter starkem Einsatz von Dünger, Futtermitteln sowie Pflanzenschutzmitteln bewirtschaftet. Diese Mittel dienen der landwirtschaftlichen Produktion und verhelfen der Landwirtschaft zu beträchtlichen Ertrags- und Qualitätssteigerungen, bergen aber auch ein Potenzial für unerwünschte Nebenwirkungen – etwa in Bezug auf die Artenvielfalt. Als Gegensteuer dazu werden heute fast 16 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche zur Förderung der Biodiversität eingesetzt. Jedes Jahr werden rund 400 Millionen Franken Direktzahlungen dafür ausgerichtet.. Als ein möglicher Effekt dieser Bestrebungen gibt es heute im Talgebiet deutlich mehr ökologisch hochwertige, artenreiche Wiesen als noch vor 15 Jahren.
Fast ein Drittel der Schweizer Landesfläche ist heute bewaldet. Auch wenn der Wald naturnah erscheint und hier die Probleme tatsächlich weniger drängen: Vielen Arten fehlen Totholz und alte Bäume.
In den Parks und Gärten im Siedlungsraum dominieren oft monotone Rasenflächen und exotische Gewächse. Andererseits bieten Städte vielfältige und kleinräumige Nischen, wodurch die Artenvielfalt heute im urbanen Gebiet sogar grösser ist als auf dem Land. Die Infrastrukturdichte in der Schweiz, man denke etwa an das Strassen- und Schienennetz oder die Bergbahnen, ist hoch und beansprucht ebenfalls Landfläche. Infrastrukturen bieten aber auch Lebensräume und stehen nicht zwingend in Konkurrenz zur Biodiversität. Als Beispiele seien Eisenbahnlinien genannt, die Korridore und Trockenstandorte bieten, sowie Flughafengelände, die als ungestörte Biodiversitätshotspots fungieren können.
In Abgrenzung zu diesen Entwicklungen auf der genutzten Fläche wurden in der Schweiz zahlreiche Naturschutzgebiete eingerichtet. Dazu gehören Gebiete von nationaler Bedeutung, 18 Pärke (unter anderem auch der Nationalpark), kantonale Schutzgebiete sowie unzählige kleinere, kommunale oder sogar private. Diese sind sehr zahlreich, allein im Kanton Bern beispielsweise gibt es 240 davon.