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Schweizer Forscher warnen, dass ein geplanter Kaiserschnitt das Sterberisiko für Säuglinge im Vergleich zu normalen Geburten verdopple. Am Genfer Uni-Spital sind für die Studie Daten von 60'000 Geburten von 1982 bis 2004 ausgewertet worden.
Innerhalb von 20 Jahren sind 13% aller geborenen Babies mit einem Kaiserschnitt zur Welt gekommen.
Davon war ein Drittel im Voraus geplant, wegen medizinischen Vorgaben oder auf Wunsch der Schwangeren selbst. Zwei Drittel waren (ungeplante) Notfälle.
Bei geplanten Kaiserschnitt-Geburten wird jedoch das Mortalitäts-Risiko für Babies reduziert, wenn die Geburt am biologisch vorgesehenen Datum angesetzt wird, anstatt vorher.
Die im Fachmagazin Pediatrics publizierte Studie spricht für die Behauptung, dass es besser ist, im Voraus geplante Kaiserschnitt-Geburten zumindest nicht vor dem natürlich eintretenden Geburts-Termin vorzunehmen.
"Generell jedoch gilt gemäss der ausgewerteten Daten, dass ein Kaiserschnitt, und im Speziellen ein vorprogrammierter, das Sterberisiko erhöht", sagt Forschungsteam-Mitglied Professor Michel Berner gegenüber swissinfo.ch.
"Dabei gibt es zwei Arten von Kaiserschnitt: Den Notfall-Kaiserschnitt, der nicht zu umgehen ist. Und einen zweiten, der nicht unbedingt nötig ist, und bei dem man sich bewusst sein sollte, dass die Geburt nicht vorzeitig eingeleitet werden sollte", betont der Arzt.
"Unsere Behauptungen werden untermauert von 56'000 untersuchten Geburten innerhalb von 20 Jahren. Das sind grosse Datenmengen. Es gibt nur wenige Studien, die auf einer derart grossen Datenbasis beruhen."
In den letzten 20 Jahren wuchs der Kaiserschnitt-Anteil an den Geburten demnach von 10 auf 20%.
Ignorierte Probleme
Die Kaiserschnitt-Quote nimmt weltweit zu. Die Studie ist ein dringender Aufruf an Politiker im Gesundheitswesen und an Fachleute, auf die medizinischen und gesellschaftlichen Folgen dieser Operationen zu achten.
Spitäler in Europa, den USA, Südamerika und Ostasien berichten, dass die Kaiserschnitt-Anteile an den Entbindungen in den letzten Jahren 30 bis 40% erreicht haben.
Die Studie räumt zwar ein, dass laut Tests auch vorgeplante Kaiserschnitt-Eingriffe in einigen wenigen Fälle angezeigt sind. Das ist der Fall bei Steissgeburt oder HIV-Infektion, wo der Kaiserschnitt sowohl von Eltern als auch vom medizinischen Personal vorgezogen wird.
Im allgemeinen haben die Risiken für die Gebärenden signifikant abgenommen. Das Restrisiko für das Baby erscheint somit klein, und nichtmedizinische Gründe lassen einen Kaiserschnitt attraktiv erscheinen.
Die Autoren der Studie stellen aber fest, dass frühnatale Sterblichkeit und Krankheitsrisiko bei geplantem Kaiserschnitt "oft ignoriert und ihr Gewicht minimiert werden".
Letzten Dezember rief der Schweizerische Hebammenverband (SHV) dazu auf, die Kaiserschnitt-Frage von Gesundheitsexperten besser durchleuchten zu lassen. Auch die Folgen für die Kinder und Mütter sollten detaillierter untersucht werden.
Michelle Pichon vom SHV-Vorstand sagt, die vorliegende Studie weise in dieselbe Richtung. Sie werfe die Frage auf, ob eine geplante Kaiserschnitt-Geburt für das Kind langfristig besser sei als eine zum natürlichen Zeitpunkt anfallende.
"Die Kaiserschnitt-Frage sollte von Gesundheits-Profis sowie unter den Eltern debattiert werden", verlangt Pichon.
Alarmglocken
Die Studie zeigt im weiteren, dass Kaiserschnitt-Geburten tendenziell den positiven Effekt einer Normalgeburt auf die Anpassung der Lunge des Babies beeinträchtigen. Dies führe in der Folge vermehrt zu Problemen der Atemwege.
Die Resultate der vorliegenden Studie bestätigen somit Ergebnisse, die 2007 gemacht wurden: Die Anzahl der Babies mit Atemweg-Problemen hat sich in der Schweiz in den letzten 30 Jahren verdoppelt.
Diese Zunahme könnte laut den Forschern mit der Zunahme der Kaiserschnitt-Geburten in einem Zusammenhang stehen.
Diese 2007er-Studie war vom Vorsteher der Frühgeburts-Abteilung des Zürcher Uni-Spitals, Hans Ulrich Bucher, iniziiert worden. Bucher findet nun, die neue Studie bestätige einen damals festgestellten Verdacht.
"Es haben nun mehrere Alarm-Glocken geläutet - die neue Studie ist wahrscheinlich bisher die Lauteste. Das Problem sollte an die Öffentlichkeit getragen werden. Es geht vor allem um den Bezug zwischen auf einen früheren Termin geplanten (Kaiserschnitt-)Geburten und gesundheitlichen Problemen."
Er hoffe, so Bucher, dass sich die Leute dieses Problems etwas besser bewusst würden und dass der Anteil vorgeplanter Kaiserschnitt-Geburt sinke. Doch es brauche dafür sicher noch einige Jahre.
Jessica Dacey, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Englischen: Alexander Künzle)
Fakten
1998 betrug in der Schweiz die Relation an Kaiserschnitt-Geburten gegenüber den normalen 22,7%, bis 2007 ist sie auf 32,2% gewachsen.
In anderen Ländern liegt sie unter 20%.
Bei privat versicherten Gebärenden in der Schweiz ist fast jede zweite Geburt ein Kaiserschnitt.
Immer mehr Kaiserschnitte
Laut dem Schweizerischen Hebammen-Verband (SHV) gibt es keine medizinische Erklärung für die Zunahme der Entbindungen per Kaiserschnitt.
Der SHV hat deshalb Regierung, Kantone und Krankenkassen aufgefordert, in den Spitälern vermehrt Kaiserschnitt-Geburten auf ihre Zulässigkeit zu prüfen.
Ärzte sollten den Kaiserschnitt nur auf Grund medizinischer Gründe vorschlagen, denn dieser Eingriff trage gegenüber einer normalen Geburt ein grösseres Risiko und könne Folgen für die Gesundheit des Kindes und der Mutter haben.
Doppelt so viele mit Kaiserschnitt als normal entbundene Kinder landen mit Atemproblemen in der Intensivstation.
Auch doppelt so viele Mütter mit Kaiserschnitt-Geburt müssen laut SHV ins Spital zu einer Nachgeburts-Behandlung zurückkehren, viele haben Probleme mit der Muttermilch oder während weiteren Schwangerschaften.