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Weiss, Peter: Die Ästhetik des Widerstands. Roman. 1195 S. 1998. Suhrkamp-Tb. , ISBN 3-518-39277-8
1975–1981: Die Ästhetik des Widerstands. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main (Erster Band: 1975. Zweiter Band: 1978. Dritter Band: 1981)
Zusatztext
Der Roman Die Ästhetik des Widerstands ist zu einem Kultbuch geworden: Peter Weiss gelingt nämlich eine erzählerische Synthese der politischen und ästhetischen Strömungen des 20. Jahrhunderts: Er entfaltet eine Ästhetik, die Widerstand gegen jede Art der Unterdrückung ist, und zugleich dem Widerstand eine Ästhetik einschreibt, die ihn vor jeder Dogmatik bewahrt. Was erzählt der Roman? Sein erstes Buch berichtet von Freunden, jungen Arbeitern, die im September 1937 in Berlin ihren Standort umreißen. Unter ihnen befindet sich der Erzähler. Über die Tschechoslowakei, wo seine Eltern ansässig sind, gelangt er nach Spanien und nimmt teil am bewaffneten Widerstand, bis zum September 1938, dem Zusammenbruch der Republik. Er geht nach Paris. Die letzten Bemühungen und die Bildung einer Einheitsfront der beiden zerschlagenen deutschen Arbeiterparteien verfolgt er hier. Es ergibt sich die Gelegenheit, nach Stockholm zu reisen. Geschildert wird im zweiten Buch die Vielschichtigkeit der Erlebnisse dort.
Weiss, Peter, Die Ästhetik des Widerstands II (Ln). Roman. 1984. ISBN 3-518-04418-4
Leseprobe
Der bärtige Zwerg aus Ebenholz hielt in seinen Fäusten den Leuchter über mich. Kanapees, riesige gepolsterte Sessel, Tische mit Marmorplatten oder mit Intarsien verziert, spiegelten sich im Parkettboden, an den mit Damast bespannten Wänden hingen dunkle Gemälde, Seestücke, Landschaften, in schweren Goldrahmen, einem Altar gleich erhob sich der Vorbau des Kamins, und unter dem dreiteiligen Fenster in gotischem Stil führte eine Wendeltreppe hinauf zur Galerie, die, mit einem Geländer voller Chinoiserien, den Saal in halber Höhe umlief. Schlafende lagen auf den Sofas, kauerten in den Fauteuils, zerschlißne Kleidungsstücke waren über die Lehnen geworfen, ein nackter Fuß ragte aus einer Decke hervor, eine schlaffe gedunsne Hand hing hinab zu staubigen Stiefeln.
Wieder lagerten wir in einer dieser Hallen, die zu nichts anderm dazusein schienen, als uns an den Dualismus zu erinnern, der unser ganzes Vorhaben bestimmte. Doch waren wir diesmal nicht gekommen, um das prunkvolle Bauwerk eines zeitweilig außer Kraft gesetzten Finanzadels zu requirieren und für unsre Zwecke zu benutzen, sondern um uns beherbergen zu lassen vom Hausherrn, für die Dauer einiger Tage, ehe wir, jeder seinen eignen Weg suchend, weiterziehn würden. Entlassen aus der zerfallenden spanischen Republik, am Abend in Paris eingetroffen, hatten wir unser Quartier bezogen in der Bibliothek der Cercles des Nations, an der Rue Casimir Périer, diesem Palais, das, während des Zweiten Kaiserreichs errichtet worden war für den Marquis d'Estourmelle, und das unter seinem jetzigen Eigentümer, dem schwedischen Bankier Aschberg, der Weltfriedensbewegung und dem Ausschuß zur Gründung einer deutschen Volksfront zur Verfügung stand.
übermüdet, doch zum Einschlafen nicht fähig, war ich zu den Regalen gegangen und auf ein Buch gestoßen, das ich zur Lektüre an mich nahm. Von den Sätzen auf den vergilbten Seiten ging eine ungemein beruhigende Wirkung aus, obgleich der Bericht sich mit Gewißheit auf die Katastrophe hinbewegte. Es war, als ließe sich, angesichts des hier beschriebnen, längst vollendeten Ereignisses, alles, was aufgerissen in mir lag, zu einer Schlichtung bringen. Den siebzehnten Juni Achtzehnhundert Sechzehn, morgens um sieben Uhr, bei gutem Wind, hatte das nach dem Senegal beorderte Geschwader, unter Anführung des Fregattenkapitäns, Herrn von Chaumareys, die Reede der Insel Aix verlassen. Bereits vier Jahrhunderte vor der Ausfahrt der französischen Flotteneinheit war Cadamosto, der Venezianer, im Auftrag Portugals, den Fluß im Senegalland hinaufgesegelt, die Portugiesen hatten ihre Faktoreien an der Küste etabliert, die Holländer lösten sie ab, und diese wurden von den Franzosen vertrieben, die im Delta die Stadt Saint Louis gründeten und zum Zentrum des Sklavenhandels machten. ...
V. Hindinger über P. Weiss und B. Brecht [Volltext lokal]