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Die Entwicklung des Stadtmenschen
Die ersten Menschen waren umherziehende Jäger und Sammler. In der Jungsteinzeit wurden sie nach und nach sesshaft, und Grossfamilien lebten ganzjährig in ersten Siedlungen. Vor nunmehr 9000 Jahren entstanden die ersten Dörfer und Städte. Jericho im Westjordanland nimmt für sich in Anspruch, die älteste Stadt der Welt zu sein. Die Spezies Stadtmensch war geboren.
Zur Römerzeit erlebte Europa einen Schub von Stadtgründungen. Viele mittelalterliche Städte gehen darauf zurück (Zürich, Basel, Solothurn). Weiter entstanden Städte aus Klostersitzen (Luzern, St. Gallen) oder hatten einen keltischen Ursprung (Genf, Bern). Die Stadt des Mittelalters hob sich durch die Stadtmauern oder Wassergräben vom Umland ab. Für die Bewohner war es ein Ort, der Schutz von Leib und Leben bot und entsprach sinngemäss der mittelalterlichen Burg. Der Begriff “Bürger“ war ursprünglich die Bezeichnung der Bewohner einer Burg und wurde für die Bewohner der befestigten Stadt übernommen. Die Anziehungskraft der Stadt zeigt sich auch im Rechtsgrundsatz des Mittelalters “Stadtluft macht frei nach Jahr und Tag“. Er galt Leibeigenen, die aus umliegenden Gütern in die Stadt flohen. Hier fanden sie Schutz und wurden zu freien Bürgern.
Das Stadtleben hatte den Ruf der Vielfalt und der Abwechslung. Der Bezug zur Natur gehörte zum normalen Alltag. Viele Handwerker hielten Hühner, Gänse, Schweine oder Ziegen. An den Stadträndern, innerhalb oder unmittelbar ausserhalb der Stadtmauern wurden Äcker bewirtschaftet.
Doch die Idylle trügte; die Hygiene liess zu wünschen übrig. Durch die fehlende Abfall- und Abwasserentsorgung vermehrten sich Ungeziefer und Ratten, die die Ausbreitung von Krankheiten begünstigten. Weiter standen die Häuser oft so dicht beieinander, dass bei einer Feuersbrunst nicht selten ganze Viertel niederbrannten. Feuerpolizeiliche Massnahmen waren dann auch die ersten baulichen Vorschriften.
Die Stadt gerät aus den Fugen
Im 19. Jahrhundert verschwanden Stadtmauern nach und nach. Ihr Zweck, sich vor Angreifern schützen zu müssen, war obsolet geworden. Durch die Schleifung der Wehranlagen ergoss sich die Stadt ins umliegende Land, zumeist ungeordnet. Wohl wurde in den Städten schon sehr früh - bereits zur Römerzeit - auf Grund von Gesamtplänen gebaut. Meist betrafen sie aber nur die repräsentativen Kernbereiche. Es waren vorwiegend Architekten, die sich schon damals ein Denkmal setzen wollten. Da und dort wurden als Gestaltungselemente Einzelbäume und Alleen gepflanzt oder Rasenflächen angelegt. Die Wohngebiete entwickelten sich mehr oder weniger planlos.
Die einsetzende Industrialisierung führte zu einer starken Landflucht. Die Städte wurden überrollt von Menschen, die in der Stadt ihr Glück suchten. Oft war es aus der Not heraus, weil Industriezweige, beispielweise die Textilindustrie, den Heimarbeitern die Existenzgrundlage raubte. Die Menschen waren gezwungen, in den stadtnahen Fabriken Geld zu verdienen, um die Familie ernähren zu können. Wegen der rasanten Bevölkerungszunahme musste in kurzer Zeit viel Wohnraum geschaffen werden - dies auf Kosten der Qualität.
„Wir haben vergessen, dass endlose Reihen von Backsteinkästen, die nach trostlosen Strassen und schmutzigen Hinterhöfen sehen, tatsächlich nicht menschliche Behausungen sind und es auch nicht werden können.“
Raymond Unwin, englischer Ingenieur, Architekt und Stadtplaner 1922
Enge, schlecht besonnte Wohnungen und mangelhafte Sanitäranlagen waren der Normalfall, es trug ihnen die Bezeichnung Mietskasernen ein. Die Menschen hatten keine andere Wahl dies auf sich zu nehmen; die Löhne reichten nur knapp fürs Leben. Schlechte Gesundheit war die Folge, die allein schon wegen der zum Teil unmenschlichen Arbeitsbedingungen angeschlagen war; alles in allem ein sehr tristes Stadtleben. Die krankheitsbedingten Ausfälle veranlasste manchen Fabrikanten dazu, aus Eigennutz die Wohnverhältnisse zu verbessern. Mit organisatorischen Massnahmen beeinflussten sie diese Siedlungen und die Lebensgewohnheiten der Arbeiter. Es gab aber auch altruistische Projekte wie die Gartenstadt von Ebenezer Howard in den 1920er Jahren. Ihm ging es um die Wohngesundheit. Ausreichend besonnte und durchlüftete Wohngebäude, genügend grosse Wohnungen, Freiflächen für Nutzgärten für die Selbstversorgung, selbst begrünbare Dachterrassen waren teilweise vorgesehen. Der Ausbruch des II. Weltkrieges liess diese Ideen vergessen.
Die Stadt dem Auto
In der Nachkriegszeit boomten die Grossbauprojekte. Die Bodenspekulation blühte. Es waren die fetten Jahre der Wirtschaft.
Das Auto eroberte die Stadt – der Mensch und die Siedlungen hatten sich dem Auto und seinen Ansprüchen unterzuordnen: die autogerechte Stadt war das Ziel.
„Die Fussgänger vornehmlich sind die Opfer des Autoverkehrs. Sie, die an seinen Vorzügen am wenigsten teilhaben, leiden über die Verluste an Leib und Leben hinaus am meisten unter seinen Belästigungen, dem Lärm und den Abgasen der Motoren.“ Hans Bernhard Reichow, deutscher Architekt und Stadtplaner 1959
Die Architektur kümmerte sich meist lediglich um die Bauwerke. Aussenräume wurden nicht mitgeplant. Natur in der Stadt ist im Verständnis vieler Architekten ohnehin ein Unding. Stadtgrün ist menschengemacht und vernachlässigbar und ist keine Natur im eigentlichen Sinne. Erst verhältnismässig spät - ab den 1970er Jahren - begann sich im deutschsprachigen Raum die Ausbildung von Stadtplanern und Städtebauer zu etablieren, die eine ganzheitlichere Sicht der Stadt einnahmen. Dies konnte aber nicht verhindern, dass
die Städte zusehends unwirtlich wurden: Lärm, Luftverschmutzung, Unfallgefahren und kein Grün weit und breit.
„Eine ganze Reihe von Städten sind heute kaum mehr als Ansammlungen von Stein, Beton, Stahl, Glas und Asphalt, eventuell noch mit ein paar Parzellen Rasen oder Brachland von geringem Nutzen.“ Europäische Städtecharta I 1992 (zu Umwelt und Natur in den Städten)
Der Stadtmensch hatte die Nase voll und suchte im Grünen ein besseres Wohnumfeld für seine Familie. So zog aufs Land, wer es sich leisten konnte, oder zumindest in die Agglomerationen. Eine eigentliche Stadtflucht setzte ein. Die Wohnbevölkerung in den Innenstädten nahm rasant ab. Die zurückgebliebene Stadtbevölkerung dagegen wehrte sich immer mehr gegen die unhaltbaren Zustände. Bürgerinitiativen entstanden, die sich für die Aufwertung von Quartierstrassen einsetzten. Doch brauchte es einen langen Atem, damit solche Projekte umgesetzt werden konnten.
Eine Wende wird sichtbar
Erst gegen Ende des 20. Jhd. machten sich auch Stadtobrigkeiten stark, eine gesunde Lebensführung in der Stadt zu ermöglichen. Im Wohnungsbau wurde vermehrt auf die Wohnqualität und Funktionalität geachtet. Zukünftige Bewohner wurden vielerorts immer mehr in die Planung einbezogen. Allerdings führten die Verbesserungen der Wohnbauten in der Stadt zu steigenden Boden- und Mietpreisen. Altbauwohnungen wurden und werden noch immer luxusrenoviert (Gentrifizierung). Wer es sich finanziell leisten kann, zieht nun wieder in die Stadt. Doch Bemühungen um lebensfreundliche, naturnahe Aussenräume blieben nach wie vor fast gänzlich aussen vor. Aber gerade sie machen zu einem grossen Teil eine lebenswerte Stadt aus. Die Durchgrünung der Stadt mit Strassenbäumen, Grünflächen und Stadtparks hat nicht nur für die Natur einen grossen Nutzen, auch die Stadtbevölkerung profitiert von der verbesserten Lebensqualität. Naturbeobachtungen in der nahen Wohnumgebung ermöglichen den Kindern einen Zugang zur Natur und sensibilisiert sie für einen sorgsamen Umgang mit Pflanzen und Tieren. Es ist auch nachgewiesen, dass je grüner die Wohn- und Schulumgebung und auch der Schulweg ist, desto besser sind Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsleistung der Kinder. Die naturnahe Begrünung verbessert die Luftqualität und sinnvoll ausgerichtete Grünzüge bilden Frischluftschneisen, die die Stadt belüften. Fusswege mit reichem Baumbestand, begleitet von naturnahen Grünflächen, beeinflussen auch das Sozialverhalten. Gut erreichbare, grössere Grünflächen und Parks motivieren dazu, sich im Freien aufzuhalten und sich körperlich zu betätigen und soziale Kontakte mit Nachbarn zu pflegen. In Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass Menschen in einem solchen Umfeld weniger häufig an Depressionen leiden.
Grünflächen mit Bäumen und Sträuchern erfüllen bei der Verdichtung von Wohngebieten eine wichtige Aufgabe: Mit viel natürlichem Grün werden solche Siedlungen von der Bevölkerung als weniger dicht empfunden. Selbst die WHO fordert für eine gesunde, lebenswerte Stadt ein stabiles Ökosystem, was nichts anderes heißt, als ein Netz von Grünräumen in der Stadt zu schaffen. Es ist höchste Zeit, diese Forderung ernst zu nehmen, um ein menschengerechtes Umfeld zu verwirklichen.