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Verantwortung: Patrick Kupper
Referentinnen: Raffael Fischer / Patrick Kupper / Mathieu Jon / Anna-Katharina Wöbse
Moderation: Matthias Schulz
Das Panel „Global denken – lokal handeln? Internationale Umweltpolitik und regionale Agenden“ befasste sich mit verschiedenen Umweltkonferenzen im 20. Jahrhundert. Den Anfang machte PATRICK KUPPER, der sich in seinem Referat unter dem Titel „Weltnaturschutz: Die misslungene Helvetisierung der Welt“ mit der „Conference internationale de la protection de la nature“ auseinandersetzte. Diese Zusammenkunft fand im November 1913 auf Einladung der Schweiz in Bern statt. Teilnehmer waren vor allem europäische Staaten, aber auch Argentinien, die USA und Australien. Es handelte sich um die erste weltweite Naturschutzkonferenz. Treibende Kraft hinter der Tagung war der Basler Gelehrte und Forscher Paul Sarasin. Auf verschiedenen Reisen nach Südasien führte er naturwissenschaftliche und anthropologische Studien durch. Dabei stellte er fest, dass die Natur schnell zu Grunde gerichtet würde, und es die Pflicht des Wissenschaftlers sei, diese möglichst zu erhalten und sich aktiv für sie einzusetzen. Die Schweiz war für Sarasin ein gutes Pflaster, um den Naturschutz zu organisieren. Er wurde Führer der neuen Naturschutzbewegung und dachte von Anfang an in globalen Zusammenhängen: Die Organisation sollte so eingerichtet werden, dass eine Internationalisierung jeder Zeit möglich blieb. Dies erreichte er dadurch, dass eine schweizweite Ebene über den einzelnen kantonalen Sektionen eingerichtet wurde. Den neuen Schweizer Nationalpark präsentierte er als Musterbeispiel für andere Staaten und wünschte sich eine „Helvetisierung“ des weltweiten Naturschutzes. Für die Schweiz bot der Naturschutz eine internationale Profilierungsmöglichkeit. Das Thema wurde stark diskutiert, war aber auf internationaler Ebene noch nicht besetzt. Die Konferenz hatte schliesslich zum Ergebnis, dass eine „Commission consultative pour la protection internationale de la nature“ gegründet wurde, deren Aufgabe die Sammlung, Klassifizierung und Publikation aller Daten über den internationalen Naturschutz war. Aufgrund des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges kam es aber nie so weit, dass die Kommission ihre Tätigkeit tatsächlich aufnahm. In der Diskussion um die gescheiterte Helvetisierung im internationalen Naturschutz wurde angesprochen, dass eine andere Struktur zu jener Zeit gar nicht denkbar gewesen wäre. Alleine der Souveränitätsgedanke der Staaten hätte keine andere Möglichkeit offen gelassen.
Der zweite Beitrag von ANNA-KATHARINA WÖBSE zu den Ressourcen- und Naturschutzkonferenzen der UNO 1949 fiel in Folge Krankheit der Referentin aus, weshalb in den Referaten ein zeitlicher Sprung zur Stockholmer Weltkonferenz 1972 erfolgte.
RAFFAEL FISCHER erläuterte unter dem Titel „Überdenken des Wachstums oder weiter wie bisher? Rezeption der Stockholmer Weltkonferenz über Umweltschutz in der Schweiz“ seine Gedanken zum Einfluss der Konferenz auf den Umweltschutz in der Schweiz. Bei der Konferenz in Stockholm 1972 manifestierte sich ein Nord-Südkonflikt zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern, der von unterschiedlichen Wertvorstellungen und Prioritäten geprägt war. Während der Westen einsah, dass die Schattenseiten der Industrialisierung nicht länger verdrängt werden konnten, strebte der Süden die Industrialisierung und den Fortschritt erst an und fürchtete, dass seine Entwicklung durch zu starke Einschränkungen im Umweltbereich behindert werden könnte. Neu war, dass wirtschaftspolitische Aspekte in die Diskussion einflossen. Als Ergebnis wurde von der Konferenz ein Aktionsplan mit 109 Punkten verabschiedet, der UNO die Gründung eines Umweltschutzprogramms empfohlen und ein Umweltfonds ins Leben gerufen. In der Schweiz wurde über die Konferenz in der Presse sehr sachlich und nüchtern berichtet. Man diskutierte vor allem über die Grenzen des Wachstums, unternahm aber keine politischen Schritte; nach der Weltwirtschaftskrise und der Rezession Mitte der 1970er Jahre kamen Stimmen auf, die monierten, dass es ohne Wachstum schlecht gehe und dieser damit unerlässlich sei. Die Phase der Umorientierung, in der sich eine politisch eher links stehende Umweltbewegung bildete, die sich mit Protesten gegen AKW's, Grossprojekte und Wachstumskritik positionierte, fand 1972 ein Ende. Die an das Referat anschliessende Diskussion warf vor allem die Frage auf, ob und inwiefern die Stockholmer Konferenz eine Zäsur in der Umweltschutz-Bewegung darstellte. Der Referent vertrat dabei die These, dass die Weichen viel mehr kontinuierlich gestellt worden seien und die Konferenz an und für sich keinen Bruch darstellte.
JON MATHIEU schliesslich referierte in seinem Vortrag unter dem Titel „Geburt eines Grossökosystems: wie kam die Agenda 21 zu einem Gebirgskapitel?“ über den grossen Gipfel in Rio '92 und die dort verabschiedete Agenda 21. Dabei galt sein Augenmerk der dort erstmals eingebrachten Vorstellung vom Schutz der Berggebiete als globales Ökosystem. Anders als Wüsten, Ozeane oder Regenwälder galten Berge bis dahin nicht als speziell schützenswert. Unter der Führung der Gruppierung „Mountain Agenda“ gelang es, den Eingang eines Kapitels „Umgang mit fragilen Ökosystemen, nachhaltiger Umgang mit Berggebieten“ in die Agenda 21 zu integrieren. Die internationale Gemeinschaft akzeptierte die Vorreiterrolle der Schweiz in diesem Bereich, sah man doch das Land als klassisches Bergland. So betrachtet gelang es, ein nationales Identitätskonstrukt auf internationale Ebene zu projizieren, womit man 1992 von einer gelungenen Helvetisierung sprechen kann, dies im Gegensatz zum im ersten Referat von Patrick Kupper erwähnten Versuch. Vereinfacht wurde die Aktion dadurch, dass bereits andere fragile ecosystems existierten und der Schutz der Berge sich in ein bereits existierendes Ordnungssystem einreihen konnte. Die Bemühungen zeigten Wirkung: Man schuf erstmals eine allgemeine Definition von Bergregionen und es gab weitere Projekte und Folgekonferenzen. Als grösster Post-Rio-Erfolg kann allerdings das Jahr der Berge 2002 bezeichnet werden. In der Schweiz fand dieses allgemein – wie bereits die Erfolge an der Konferenz '92 – wenig Beachtung. Die innenpolitische Stimmung zeigte in eine andere Richtung: „Der nationalistische Overkill von Kühen und Bergen ging der aufstrebenden Mittelklasse auf die Nerven“, zeichnete Jon Mathieu die herrschende Situation aus.
In einem abschliessenden Kommentar fasste MATTHIAS SCHULZ die vorgetragenen Erkenntnisse zusammen. Er stellte fest, dass sich im Laufe der Zeit Begrifflichkeiten verändert hätten und sich in der Naturschutzbewegung ein Dualismus herauskristallisiert: Neben dem eigentlichen Anliegen der Aktivisten, dem Umweltschutz, wurde auf der anderen Seite die Ökonomie immer stärker in den Vordergrund gerückt. Als Beitrag, den die Historiker im Diskurs leisten können, erkannte er die Erforschung der Milieus, welche die Umweltbewegung tragen, und deren Einfluss an den grossen Konferenzen. Schliesslich stellte er einige Fragen in den Raum, die in Zukunft weiter diskutiert werden können: So zeigt sich eine Folgenabschätzung als ziemlich schwierig und weiterhin kann über Wendepunkte und Kontinuitäten diskutiert werden. Abschliessend bemerkte Schulz, dass gerade die Disfunktionen des Multilateralismus faszinierend seien und man sich die Frage stellen könne, weshalb man so langsam vorankomme.
Patrick Kupper: Weltnaturschutz: Die misslungene Helvetisierung der Welt
Anna-Katharina Wöbse: „The shrinking planet“: Die Ressourcen- und Naturschutzkonferenzen der UNO von 1949
Raffael Fischer: Überdenken des Wachstums oder weiter wie bisher? Rezeption der Stockholmer Weltkonferenz über Umweltschutz in der Schweiz
Jon Mathieu: Geburt eines Gross-Ökosystems: Wie kam die Agenda 21 zu einem Gebirgskapitel?