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Seltsam, dachte ich, als der Boden unter dem Oleander vor einigen Wochen mit kleinen grünen Kügelchen übersät war. Es musste sich um Kot handeln, doch ich konnte mir keinen Reim darauf machen, von welchem Tier er stammte. Wer frisst schon die hochgiftigen Oleanderblätter? Und wer kackt schon Röllchen mit blumenförmigem Querschnitt? Ich wischte die Terrasse. Am nächsten Morgen waren neue Kügelchen da. Viele
Einige Tage später löste sich das Rätsel: Im Oleander sass eine Raupe. Sie war gut zehn Zentimeter lang und daumendick, grasgrün mit weissen Sprenkeln. Mit den beiden weissen Seitenlinien hätte man sie beinahe selbst für ein Blatt halten können. Sie frass. Schnell. Innert Minuten verschwanden unter ihrem leisen Schmatzen ganze Blätter.
Störte man sie beim Mampfen, rollte sie den Kopf ein, so dass dahinter riesige blaue Augenflecken aus ihren Raupenhautfalten auftauchten und ihr ein gefürchiges Aussehen verliehen.
Eine kurze Internetrecherche ergab, dass es sich um die Raupe des Oleanderschwärmers handelte. Und sie war nicht allein. Zu viert machten sie sich über Blätter und Zweige her, und der Oleander sah bald ziemlich ausgefranst aus. Sie frassen weiter. Nach der Vorstellung von Biologen sind die Tiere nachtaktiv und ruhen tagsüber unter den Büschen auf der Erde. Unsere Oleanderraupen kümmerte das nicht. Sie frassen ununterbrochen. Tag und Nacht. Sie wurden immer noch dicker und dicker. Sie begannen sich zu verfärben. Eine nach der anderen nahmen die Raupen einen grau-silbernen Schimmer an. Sie frassen weiter. Und dann waren sie auf einml verschwunden. Wir schauten unter den Blättern nach, an den Stängeln, am Boden. Nichts.
Dann, eines Morgens war eine wieder da: Ganz anders gefärbt, jetzt schwarz und senfgelb, aber unverkennbar eine unserer Raupen. Wellenartig bewegte sie sich über die Terrasse und blieb in einer Ecke liegen. Ich füllte eine Gemüsekiste mit weicher Erde und setzte sie hinein. Sofort begann sie, sich einzugraben. Bald war nichts mehr von ihr zu sehen. Wochen vergingen.
Und dann sitzt auf einmal unten an der Treppe ein eigenartiges Tier. Fingerlang und daumendick, mit dunkel gemusterten, eng anliegenden Flügeln. Unsere Raupe ist ein Falter geworden! Den ganzen Tag sitzt er an seinem Platz. Er entfaltet sich ganz langsam, gerade so, als müsste er sich an seine neue Gestalt gewöhnen. Am Nachmittag breitet er die Flügel aus. Jetzt ist das ganze Muster zu sehen, eine Zeichnung in schwarz, grün und rosa auf zartsamtigem Pelz. Als die Dämmerung hereinbricht, vibriert er mit den Flügeln, macht sich bereit. Und als wir das nächste Mal nachschauen, ist er weg. Hinausgeflogen in die Nacht.