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«Massenentlassungen», sagt Sabri Derdiyok im Basler Büro der Mediengewerkschaft Comedia, «Massenentlassungen sind im Moment das Hauptproblem in der Druckindustrie». Die ausländische Konkurrenz ist gross, schweizerische Druckereien werden geschlossen. Allein 2009 ist die Wertschöpfung der grafischen Industrie in der Schweiz um 9,9 Prozent eingebrochen. Die Situation sei schwierig: In Grossbetrieben – wenn die Rendite stimmt und genügend Arbeit da ist – könne die Gewerkschaft bei einer Massenentlassung zumindest einen guten Sozialplan fordern. «Aber was forderst du, wenn ein KMU-Betrieb konkursgeht?»
Die Fusion der Comedia mit der Gewerkschaft Kommunikation auf 2011 sieht Derdiyok als Chance: «Wenn die eigene Branche kleiner wird, dann ist es sinnvoll, mit Branchen zusammenzugehen, die wachsen – mit dem IT-Bereich zum Beispiel.» An der Rebgasse 1 in Basel arbeiten die beiden Gewerkschaften schon heute in einer Bürogemeinschaft zusammen. «Fusionen müssen an der Basis beginnen, nicht einfach von oben diktiert werden: Das haben wir von der Comedia-Fusion 1999 gelernt.» Damals fusionierte die Gewerkschaft Druck und Papier mit der Schweizerischen Journalistinnen- und Journalistenunion, dem Schweizerischen Lithographenbund und den Angestellten des Schweizerischen Buchhandels.
Die Hauptaufgabe des Comedia-Sekretärs Derdiyok besteht darin, für fremdsprachige Kollegen Übersetzungen und Beratungen zu organisieren. Soweit es die türkische Sprache betrifft, übersetzt und berät er selber.
Die andere Seite der Gewerkschaft
In die Schweiz gekommen ist Sabri Derdiyok mit 19 Jahren, 1977. Als Jugendlicher, der sich in der Türkei für die Neue Linke engagiert hat, empört ihn damals die politische Entwicklung in seiner Heimat: Im September 1980 putscht das Militär und geht im Namen einer nationalistisch-islamistischen Ideologie brutal gegen linke Oppositionelle und gegen die kurdische Autonomiebewegung vor. Derdiyok beginnt deshalb, sich zusammen mit Exil-Türken und -Kurden in ganz Europa gegen die Menschenrechtsverletzungen, Folterungen und Hinrichtungen in der Türkei zu engagieren.
Als er 1983 in einer Druckerei zu arbeiten beginnt, wird er zudem in der Gewerkschaft Druck und Papier (GDP) aktiv; als Vertrauensmann, dann in der Migrationskommission, im Sektions- und im Zentralvorstand. Die GDP war eine kämpferische Gewerkschaft: «Wenn nötig, gingen unsere Leute auf die Strasse. Und erfolgreiche Verhandlungen brachten wiederum neuen Schwung in die Bewegung.»
Gewerkschaften findet Derdiyok aber nicht nur wegen des politischen Kerngeschäfts wichtig. Hier sei es zum Beispiel möglich, dass er als kurdischer Alevit selbstverständlich mit türkischen Sunniten zusammenarbeite. Hier sei es egal, ob einer Türke sei, Kurde, Albaner oder Schweizer – der er selber seit 2000 ist: «Die Sorge um den Arbeitsplatz oder um saubere Luft ist für alle die gleiche. Um zu erreichen, was wir alle brauchen, engagieren wir uns gemeinsam.»
Die andere Seite des Fussballclubs
Für Sabri Derdiyok gelten solche Überlegungen nicht nur für die Gewerkschaft: Als sein Sohn Eren 1994 als kaum sechsjähriger Knirps seinen fünf Jahre älteren Bruder ins Fussballtraining beim BSC Old Boys Basel begleiten will, ermuntern ihn die Eltern: «Zu Beginn spielte er in der ‘Pampers-Gruppe’. Er wusste kaum, in welche Richtung das Spiel lief, und die Turnhosen reichten ihm bis über die Knie hinunter.»
Wie es in der Gewerkschaft nicht nur um Politik gehe, gehe es in einem Fussballclub nicht nur um Fussball: «Auch in dieser Gemeinschaft entsteht Kollektivität: Ausbildung und Regeln für alle, gemeinsames Training, die Vorbereitung aufs Spiel, das Spiel selber, gemeinsam duschen und essen… Egal, wer welche Hautfarbe hat, man hat ein gemeinsames Ziel. So lernt man miteinander leben.»
Zwar interessiere ihn die alevitische Religion nicht sonderlich, sagt er. Aber am Glauben seiner Vorfahren schätze er, dass er für Nachbarschaft und Kollektivität ohne Zwang und Unterdrückung stehe. Und dafür, dass alle frei sein sollen mitzumachen, wenn sie wollen.
So wenig er seine Wurzeln verleugnet, so wenig verkennt er, dass seine Söhne andere haben. Sie seien Basler, sagt er: «Darum denke ich, dass Eren richtig entschieden hat, für die Schweizer Fussballnationalmannschaft zu spielen. Auch weil Trainer und technische Leitung gute Arbeit machen und die Secondos wirklich fördern.»
Auch Sabri Derdiyok wird vor dem Fernseher mitfiebern, wenn am 16. Juni in Südafrika das Schweizer Team zum ersten Gruppenspiel der Fussballweltmeisterschaft einlaufen wird. «Es gibt eine Schweiz mit neuen Schweizern», sagt er. «Vielleicht haben das einfach noch nicht alle begriffen.»
Am 16. Juni 2010 gewann die Schweizer Fussballnationalmannschaft in Durban ihr Auftaktspiel an der Weltmeisterschaft überraschend gegen den späteren Weltmeister Spanien mit 1:0. Eren Derdiyok war als Stürmer mit dabei.
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Von Tunceli nach Buckten
Aufgewachsen ist Sabri Derdiyok (* 1958) mit sechs Geschwistern auf 1800 Metern über Meer, in einem Bergdorf in der osttürkischen Region Tunceli. Schulen in verschiedenen Dörfern, danach drei Jahre in einem Internat. Technisches Gymnasium in Rize.
Weil er keine Berufsperspektive hat, folgt er 1977 einem seiner Brüder in die Schweiz. Zwei Jahre Hilfsarbeiter in einer Metzgerei in Buckten (BL), drei Jahre in der Pneufabrik Maloya in Gelterkinden (BL). Dann Wechsel in die Basler Druckerei Gasser. Anlehren im Buchdruck, im Offsetdruck, an der Sechsfarbenmaschine und in der Buchbinderei. Ab 1996 zunehmende Rückenprobleme, die ihn 2000 zwingen, den Beruf aufzugeben. Umschulung an der Neuen Sprach- und Handelsschule in Basel. Abbruch wegen akuter Lähmungserscheinungen. Diskusherienoperation mit nur teilweisem Erfolg: Er leidet heute unter chronischen Schmerzen. Teil-Rente der IV. Als Sekretär der Gewerkschaft Comedia arbeitet er so viel, wie es sein Rücken zulässt.
Sabri Derdiyok lebt mit seiner Frau im oberen Baselbiet. Zwei erwachsene Söhne. Hobbys: Kino, Lesen, Schwimmen, das Spiel der türkischen Laute Saz und die Matchs des FC Basel – auch wenn sein Sohn unterdessen bei Bayer 04 Leverkusen in der Bundesliga spielt.