Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03432.jsonl.gz/2662

Szenarien für das Bildungssystem – AnalysenSzenarien 2015-2045 zum Bildungsniveau der Bevölkerung: wichtigste Ergebnisse
In rund zehn Jahren dürfte die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung über einen Tertiärabschluss verfügen
Gemäss dem Referenzszenario des BFS wird der Anteil der Personen mit Tertiärabschluss (Hochschulen und höhere Berufsbildung) an der Bevölkerung zwischen 25 und 64 Jahren noch einmal deutlich zunehmen und von 40% im Jahr 2014 auf 50% im Jahr 2027 und 56% bis 57% im Jahr 2040 ansteigen. Gemäss dem hohen Szenario würde die Grenze von 50% der Bevölkerung mit Tertiärabschluss 2023 überschritten, während gemäss dem tiefen Szenario um das Jahr 2035 ein Maximum von 50% erreicht würde.
Die Zahl der Tertiärabschlüsse in der Bevölkerung zwischen 25 und 64 Jahren dürfte bis 2030 um 800'000 ansteigen und somit 2,6 Millionen Personen mit Tertiärabschluss entsprechen. Rund 30% dieser Zunahme kämen aus dem Migrationssaldo von Personen mit einer Ausbildung auf Tertiärstufe und somit vom «Braingain ».
Der Anteil der Personen ohne nachobligatorische Ausbildung wird gemäss allen Szenarien voraussichtlich abnehmen, bis 2027 jedoch noch über 10% betragen (2014: 12%). Bei der ausländischen Bevölkerung dürfte dieser Anteil von 25% im Jahr 2014 bis in zehn Jahren auf ein Niveau von unter 20% sinken. Allerdings bestehen bei dieser Bevölkerungsgruppe grosse Unsicherheiten.
Aktualisierung: 22 Juni. 2015
Das Bildungsniveau ist der gängigste Indikator zur Messung des Humankapitals eines Landes. Seine Entwicklung ist in einer sich rasch verändernden Welt, wo das Wissen eine Schlüsselrolle für die globale Wettbewerbsfähigkeit spielt und die Gesellschaft immer mehr qualifiziertes Personal benötigt, von besonderer Bedeutung. Auf individueller Ebene hat das Bildungsniveau einen massgeblichen Einfluss auf die Beschäftigungsperspektiven. Personen ohne nachobligatorischen Schulabschluss weisen ein deutlich höheres Risiko auf, mit Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert zu sein.
Die Szenarien zur zukünftigen Entwicklung des Bildungsniveaus beziehen sowohl die bildungsrelevanten Entwicklungen innerhalb der Schweiz als auch den migrationsbedingten «Humankapitalfluss» so umfassend wie möglich mit ein. Sie tragen Effekten der Migrationsstruktur (Asymmetrie des Bildungsniveaus zwischen eingewanderten und ausgewanderten Personen) Rechnung und berücksichtigen, dass die Einbürgerungswahrscheinlichkeit je nach Bildungsniveau variiert. Darüber hinaus können Ergebnisse zur zukünftigen Entwicklung des Bildungsniveaus der ausländischen Bevölkerung in der Schweiz aufgezeigt werden.
Entwicklung des Bildungsniveaus der Gesamtbevölkerung der Schweiz
Unabhängig vom gewählten Szenario dürfte das Bildungsniveau der Schweizer Bevölkerung in den nächsten Jahren markant ansteigen. Gemäss Referenzszenario wird der Anteil der Personen mit Tertiärabschluss (höhere Berufsbildung und Hochschulen) an der Bevölkerung zwischen 25 und 64 Jahren voraussichtlich von 40% im Jahr 2014 auf 53% im Jahr 2030 ansteigen (57% gemäss dem hohen Szenario und 48% gemäss dem tiefen) und könnte 2040 bei 56% bis 57% liegen. Damit gäbe es ab 2019 mehr Personen mit Tertiärabschluss als mit Abschluss auf Sekundarstufe II. Diese signifikante Zunahme des Anteils Personen mit Tertiärabschluss ist jedoch nicht wirklich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Tertiärabschlussquote seit mehreren Jahren rund 50% beträgt, was bedeutet, dass langfristig gesehen auch ohne Erhöhung der Besuchsquote auf Tertiärstufe ein Stand von rund 50% erreicht werden wird. Beim hohen Szenario würde die Grenze von 50% Personen mit Tertiärabschluss in der Bevölkerung vier Jahre früher erreicht (2023) als beim Referenzszenario (2027). Der Anteil Personen mit Tertiärabschluss würde 2035 über 60% betragen und 2040 Niveau zwischen 63% und 65% liegen. Beim tiefen Szenario würde der Anteil Personen mit Tertiärabschluss deutlich weniger stark zunehmen, aber trotzdem im Jahr 2035 ein Maximum von 50% erreichen, bevor er leicht zurückginge. Die Unterschiede zwischen Frauen und Männern, die auf die in der Vergangenheit geringere Beteiligung der Frauen am Bildungssystem zurückzuführen ist, dürften sich stark verringern. Die Differenz von 11 Prozentpunkten im Jahr 2014 zwischen Frauen und Männern beim Anteil Personen mit Tertiärabschluss sollte 2030 unter 5 Prozentpunkte sinken und danach vollständig verschwinden.
Gemäss dem Referenzszenario werden die Hochschulabsolventinnen und -absolventen die Gruppe mit der grössten Zunahme darstellen. Ihr Anteil bei den 25- bis 64-Jährigen dürfte von 26% im Jahr 2014 auf 39% im Jahr 2030 ansteigen. Dann wird es in der Schweiz in dieser Altersklasse 1,8 Millionen Hochschulabsolventinnen und -absolventen geben (d.h. 640'000 mehr als heute). Betrachtet man die gesamte Tertiärstufe, wird sich die Zahl der Personen mit Abschluss 2030 auf 2,4 Millionen (+800'000) belaufen. Diese Entwicklungen erscheinen noch signifikanter, wenn man bedenkt, dass die gesamte Schweizer Bevölkerung dieser Altersklasse über diesen Zeitraum um 390'000 Personen wachsen wird.
Aufgrund der schrittweisen Erneuerung der im Allgemeinen wenig gebildeten Generationen durch Generationen mit einem sehr hohen Anteil an Personen, die einen nachobligatorischen Bildungsgang absolviert haben, sinkt der Anteil der 25- bis 64-jährigen Personen ohne abgeschlossene nachobligatorische Ausbildung unabhängig vom Szenario praktisch während des gesamten Beobachtungszeitraums. Der Anteil ginge im Referenzszenario von 12% im Jahr 2014 auf einen Wert von unter 10% im Jahr 2027 zurück. Im hohen Szenario würde die 10%-Grenze im Jahr 2022 unterschritten, während der Anteil der Personen ohne nachobligatorische Ausbildung im tiefen Szenario nur um 1 Prozentpunkt zurückginge und sich ab 2025 (auf einem Niveau von rund 11%) nicht mehr verändern würde. Dass der Rückgang geringer ausfällt als in früheren Szenarien berechnet, hängt damit zusammen, dass die Struktur der Migrationsflüsse besser berücksichtigt wurden (vgl. unten).
Entwicklung des Bildungsniveaus der Bevölkerung ausländischer Nationalität
Die Entwicklung des Bildungsniveaus der ausländischen Bevölkerung ist schwierig vorherzusagen, da sie von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird: Dazu gehören die Integration der Ausländerinnen und Ausländer, der Studienerfolg der in der Schweiz geschulten ausländischen Bevölkerung, der Humankapitalfluss im Zusammenhang mit dem Arbeitsmarkt oder mit der Rückkehr ins Herkunftsland beim Erreichen des Rentenalters, Veränderungen der Struktur der ausländischen Bevölkerung und Auswirkungen dieser Veränderungen auf zukünftige Generationen. Da in den vergangenen Jahren Humankapital zugeflossen ist, hat der Anteil der Personen mit Tertiärabschluss an der ausländischen Bevölkerung äusserst stark zugenommen und lag im Jahr 2014 bei 39%, womit er ähnlich hoch ausfiel wie jener der Schweizer Bevölkerung (41%). Studien haben allerdings gezeigt, dass der Migrationssaldo eine asymmetrische Komponente aufweist. Wenig gebildete Personen bleiben länger in der Schweiz als andere, was dazu führt, dass die Auswanderinnen und Auswanderer qualifizierter sind als die Einwanderinnen und Einwanderer. Diese Tatsache wird in die BFS-Szenarien integriert. Und auch die variablen Einbürgerungswahrscheinlichkeiten nach Bildungsstand und Alter werden einbezogen.
Wegen des sehr grossen Beitrags der Migration zum Bildungsniveau der ausländischen Bevölkerung enthalten die Szenarien eine zusätzliche Unsicherheit in dem Sinn, dass sich das Migrationsvolumen direkt auf das Bildungsniveau dieser Bevölkerungsgruppe auswirkt.
Gemäss dem Referenzszenario dürfte sich der Anteil der Personen mit Tertiärabschluss an der ausländischen Bevölkerung im Jahr 2030 auf 45% belaufen (53% gemäss dem hohen Szenario, während er gemäss dem tiefen Szenario auf dem aktuellen Stand von 39% bleiben würde). Im Referenzszenario könnte das Bildungsniveau der ausländischen Bevölkerung aufgrund der Hypothese eines Rückgangs des Migrationssaldos ab 2030 nicht mehr ansteigen und ab 2040 sogar leicht sinken.
Der Hauptunterschied zu den Schweizerinnen und Schweizern betrifft den Anteil der Personen ohne nachobligatorische Ausbildung: Bei der 25- bis 64-jährigen ausländischen Bevölkerung betrug dieser Anteil im Jahr 2014 insgesamt 25%, bei den Schweizerinnen und Schweizern 7%. Die schrittweise Erneuerung von wenig ausgebildeten Generationen durch besser ausgebildete junge Generationen sollte diesen Anteil verringern. Der Rückgang wird allerdings durch drei Effekte eingeschränkt: Erstens erlangen rund 20%1 der (zumindest teilweise) in der Schweiz ausgebildeten ausländischen2 Bevölkerung keinen nachobligatorischen Abschluss (gegenüber rund 3% der Schweizer Bevölkerung). Zweitens wird der Anteil an Personen ohne nachobligatorische Ausbildung aufgrund der aktuellen Migrationsstruktur bei den eingewanderten Personen auf rund 4 Prozentpunkte höher geschätzt als bei den ausgewanderten. Dies hat zur Folge, dass rund 18% des Migrationssaldos aus Personen ohne nachobligatorische Ausbildung besteht. Und drittens lassen sich die am besten ausgebildeten Ausländerinnen und Ausländer häufiger einbürgern als andere.
Gemäss Referenzszenario dürfte der Anteil der Ausländerinnen und Ausländer ohne nachobligatorische Ausbildung bis 2030 um lediglich 6 Prozentpunkte auf 19% zurückgehen (gemäss dem hohen Szenario auf 15% und gemäss dem tiefen auf 22%). Dies bedeutet, dass langfristig grosse Unterschiede zwischen der ausländischen und der Schweizer Bevölkerung bestehen bleiben.
1 Schätzungen aufgrund der SAKE (siehe auch Hypothesen und Unsicherheiten).
2 Nicht eingebürgert.
Migrationssaldo der Personen mit Tertiärabschluss und Gesamtzahl der Neudiplomierten
Die vergangenen Jahre waren in der Schweiz geprägt von einem grossen «Braingain», der auf den Wanderungssaldo (seit 2008 jährlich über 60'000 Personen) sowie auf die Tatsache, dass die Einwanderer in den meisten Fällen ein hohes Bildungsniveau aufwiesen (60% mit Tertiärabschluss bei den 25- bis 64-Jährigen), zurückzuführen ist. Wir konzentrieren uns hier auf die gesamte Tertiärstufe, das heisst auf die Hochschulen und auf die höhere Berufsbildung. Es ist interessant, die jährliche Gesamtzahl der Neudiplomierten mit Tertiärabschluss in der Schweiz zu quantifizieren und die in der Schweiz erworbenen Abschlüsse mit der «Nettogewinnung» von Personen mit ausländischem Tertiärabschluss zu kumulieren («Migrationssaldo der Personen mit Tertiärabschluss») und auch den relativen Beitrag des «Migrationssaldos der Personen mit Tertiärabschluss» an diesem Total zu messen.
Für die Periode 2005–2013 ist festzustellen, dass trotz der bedeutenden Entwicklungen bei den Schweizer Hochschulen die «Nettogewinnung» von Personen mit einem im Ausland erworbenen Tertiärabschluss durchschnittlich 35% der Gesamtzahl der Neudiplomierten erreicht hat (48%, wenn man sich auf den universitären Tertiärabschluss beschränkt).
Wir betrachten im Folgenden die Periode bis 2023, da für diesen Zeitraum die Szenarien für die Anzahl der Hochschulabsolventinnen und -absolventen verfügbar sind3. Gemäss Referenzszenario geht der Migrationssaldo der Personen mit Tertiärabschluss rasch auf ein Niveau von 23'000–24'000 zurück (gegenüber 32'000 im Jahr 2013). Trotz der erwarteten Zunahme der Neudiplomierten der Schweizer Hochschulen ginge das Total der Neudiplomierten von 86'000 im Jahr 2013 in der Periode 2016–2023 auf ein Niveau von 80'000–81'000 zurück und der Beitrag des Migrationssaldos würde für die Periode 2014–2023 durchschnittlich 30% betragen. Hingegen würde das Total der Neudiplomierten gemäss dem hohen Szenario ab 2016 auf 95'000–96'000 steigen, wobei der Migrationsbeitrag höher ausfallen würde als in den vergangenen Jahren (rund 40% des Totals der Neudiplomierten). Gemäss dem tiefen Szenario könnte das Total der Neudiplomierten auf 70'000 zurückgehen, während der Migrationsanteil zurückgehen würde (17% des Totals der Neudiplomierten ab 2017).
3 Wir beziehen uns auf die zukünftige Zahl der Neudiplomierten der Schweizer Hochschulen (Referenzszenario für die Hochschulen 2014–2023) und gehen aufgrund fehlender Prognosen von einem konstanten ungefähren Beitrag von 25'000 Personen der höheren Berufsbildung aus.
Weiterführende Informationen
Auskünfte:
Bildungsperspektiven, Jacques Babel, BFS, Sektion Bildungssystem, Tel.: +41 58 46 36381