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Nummer 46:
Vierzig Sechsundsechzigstel meines Lebens war ich Lehrer an einer wirklich tollen Schule, die man eben gründete, als ich aus der Uni kam. Man rief klugerweise eine Schule ins Leben für Schülerinnen und Schüler, die schulisch anspruchsvollere Berufe wie Chemielaborant, Architekturzeichnerin, Physiotherapeut, Operationsassistentin, Psychiatrie-Pflegefachfrau ergreifen wollten und die keine gymnasiale Maturität anstrebten. Äußerst sinnvoll war die Erschaffung dieses Schultyps, weil dadurch den Gymnasien die Plage erspart blieb, dass sich nach zwei Jahren einige Klassen jeweils fast leerten, und den Lernenden konnte man ein sinnvolleres, kohärenteres, abgeschlosseneres Programm bieten, als es ein abgebrochenes Gymnasium gewesen wäre. — Die Schule führte zu einem Abschluss, der gleichsam einer etwas einfacheren Maturität entsprach und den man als ‹Diplom› bezeichnete. So nannte sich die Schule ‹Diplommittelschule›, abgekürzt DMS.
Im Zuge der vielen Bildungsreformen und Gegenreformen, die abwechselnd Heil und Unheil ins Land brachten, wurde nach etwa dreißig äußerst erfolgreichen Jahren dieser Schule von schwergewichtigen Bildungsgremien der Begriff ‹Diplom› neu definiert. Die Diplommittelschule durfte nach der neuen Definition kein Diplom mehr ausstellen und konnte sich folgerichtig auch nicht mehr Diplommittelschule nennen. Andere, nicht mindergewichtige Gremien setzten sich daraufhin zusammen, berieten, förderten aktiv die lokale Weißwein-Produktion und die Catering-Services und verpassten der Schule nach wenigen Monaten angestrengter linguistischer Dispute den meiner Meinung nach wenig geglückten neuen Namen: Berufsvorbereitende Schule, abgekürzt BVS.
Spannender ist, dass man nun auch für das ‹Diplom› einen Ersatz suchte und fand: ‹Zertifikat›. Und noch spannender ist, dass diese neue Bezeichnung Schulleitung, Lehrkörper und Alumnat spaltete: Die einen waren darüber erbost und entrüstet, dass man das würdevolle Diplom zum schmählichen Zertifikat heruntergestuft hatte, die anderen nahmen die Hiobsbotschaft gesenkten Hauptes hin und zürnten allenfalls den Kritisierenden, weil sie noch schlimmere Maßnahmen durch die Erziehungsdirektion fürchteten.
Nicht spannend, aber ziemlich merkwürdig finde ich, dass ich mich nicht erinnern kann, dass auch bloß eine Einzige oder ein Einziger sich oder mich gefragt hätte, was denn Zertifikat oder Diplom bedeutet. — Ungefragt und freilich zu spät liefere ich nun die Erklärung nach:
‹Zertifikat› kommt aus dem Lateinischen ‹certus› (sicher, gewiss, bestimmt) und ‹facere› (tun, machen). Also bedeutet es schlicht ‹Bestätigung›. ‹Diplom› ist Griechisch, ‹δίπλωµα› (díploma), und bedeutet ‹zweifach Gefaltetes›. Siehe Bild.
Nummer 47:
Mit den Wörtern ist es wie mit den Pflanzen: Die einen samen üppig aus und schlagen überall Wurzeln, die andern sind heikel und verwelken bereits im Keimen.
Was ist doch aus dem althochdeutschen ‹biogan› (biegen) alles entstanden: beugen, bücken, Beugung, Biegung, Bogen, Bügel, bügeln, Bug, Bückling, biegsam…; mit Vorsilben und Endungen: zerbiegen, verbeugen und Verbeugung, ausbügeln, vorbeugen, Abbiegung…; in Komposita: Pfeilbogen, Regenbogen, Beugemuskel, Lichtbeugung, Bogenlampe, Spitzbogen, Bogenmaß, Papierbogen, Steigbügel, Bügeleisen, Bügelfalte, Flussbiegung, Biegebelastung, Fallbeugung, Bugfigur…
Demgegenüber hat das ebenfalls althochdeutsche ‹kara› (beklagen, beweinen) nur eine karge Ausbeute: ‹karg› und ‹kärglich› sind denn auch die einzigen Sprösslinge, die mir dazu einfallen. — Ach nein! Da ist ja noch der Karfreitag (Mittelhochdeutsch ‹karvrītac›) und die ganze Karwoche, die man mit knurrendem Magen und mit Klagen und Weinen verbringen sollte.
Und wenn wir schon am Jammern sind: Der Gründonnerstag wird in einigen Quellen als Ableitung von Mittelhochdeutsch ‹grîenen› (weinen, Schweizerdeutsch ‹grännä›) gedeutet. Das würde zwar sehr schön zur vorösterlichen Depression, zu Askese, Selbstflagellation, Selbstkasteiung und ähnlichen Bußeritualen passen, aber nicht zum viel älteren lateinischen ‹dies viridium› (wörtlich ‹Tag der Grünen›, womit nicht Umweltschützer gemeint sind, sondern die durch Absolution von den Sünden und Kirchenstrafen Befreiten, im Sinne von ‹Erneuerten, Frischen›; Lukas-Evangelium 23,31: ‹grünes Holz›). — Wie dem auch sei: Jammern wir bis Karsamstag; was es am Sonntag gibt, habe ich bereits in Nummer 44 geschrieben.
Nummer 48:
«Wer den Rappen nicht ehrt, ist des Frankens nicht wert» sagt ein Sprichwort, zu dem ich persönlich ein belastetes und immer noch belastendes Verhältnis habe. In der realen Welt habe ich es nur ein paar wenige Male gehört, und die paarmal wurde der Aphorismus meinem Vater gegenüber in feierlicher Pose deklamiert, wenn er sich fast (und eines Tages sogar ganz) zu Tode gerackert hatte und sich über seinen jämmerlichen Gastarbeiterlohn (und oft genug über nicht eingelöste Versprechen) enttäuscht zeigte.
Weniger schmerzlich als diese meine Erinnerung ist der sprachgeschichtliche Hintergrund des ‹Rappens›. — Bevor der Rappen, analog zum Cent (‹centime›, ‹centavo›, ‹cèntim›, ‹centesimo›, ‹σεντ› in anderen Sprachen), als Hundertstel eines Frankens definiert wurde, bezeichnete das Wort im süddeutschen Raum, vor allem im westlichen Teil, in der deutschen Schweiz und im Elsass jede Münze von geringem Wert.
Während die wertvolleren Silber- und erst recht die Goldmünzen mit dem Wappen oder dem Porträt des amtierenden Herrschers geprägt waren und vom Nachfolger jeweils eingezogen, eingeschmolzen und mit neuem Bild neu geschlagen wurden, blieben die kleinen Münzen über Generation, Thronfolgen und Dynastien im Verkehr und bekamen ihren Wert nicht offiziell durch ein Geldinstitut, sondern durch den Handel. Auf der Rückseite dieser kleinen Münzen war meistens ein Vogel abgebildet, der eigentlich einen Adler hätte darstellen sollen, der aber so schlecht gezeichnet war, dass man ihn für einen Raben hielt.
Das Wort für Rabe war im Mittelhochdeutschen, aber noch lange, bis weit in die neuhochdeutsche Zeit hinein ‹Rape› oder eben ‹Rappe›, wie wir ein rabenschwarzes Pferd heute noch nennen. So bezeichnete das Wort ‹Rappen› jede Art von Münze kleineren Nominalwertes. (Vermutlich, aber noch nicht vollständig gesichert, gilt die Etymologie auch für die ‹Räppli›, die ‹Konfetti› der Basler Fasnacht.) Im frühen 19. Jahrhundert entstand in der Studentensprache, ziemlich sicher in Heidelberg, das Verb ‹berappen› für: ‹eine Schuld dadurch mühsam abbezahlen, dass man Münze um Münze zusammensuchen oder erbetteln muss, um den geschuldeten Betrag zusammenzukriegen›.
Nummer 49:
Die meisten kennen wohl die amüsanten Geschichten um die Entstehung von Spezialitäten wie ‹Coq au vin›, ‹Chili con carne›, ‹Cacciucco›, ‹Paella›, ‹Pilaw› (meistens von Eintöpfen mit vielen Zutaten). Diese anekdotischen Erzählungen haben üblicherweise ein Grundmuster: Ein bescheidener Koch gerät in eine Lage, die ihn völlig überfordert. Wegen eines Unwetters, einer schlechten Nachricht oder eines Achsenbruchs an einem Wagen ist ein Fürst, ein Sultan oder der Papst auf der Durchreise gezwungen, mitsamt seinem Gefolge in einer einfachen Gaststätte einzukehren und zu übernachten. Der Wirt wird von Panik ergriffen, fürchtet wegen seines unabwendbaren Versagens die Hinrichtung, handelt völlig irrational, schüttet verzweifelt und ohne zu überlegen alles in einen großen Topf, was er zufällig in seiner Vorratskammer hat, betrinkt sich, mühlt Gebete ab, schläft ein, fällt in Ohnmacht… ein Küchengehilfe, ein Lehrling, oft die Frau des Kneipiers, springt ein, versucht mit Gewürz und Fantasie zu retten, was zu retten ist… und stabreimt wundersam aus Zutat und Zufall eine lukullische Spezialität. Der Wirt wird gewürdigt statt geköpft und die Orte (denn diese Erfindungen wiederholen sich in der Regel an verschiedenen Orten unter ganz ähnlichen Umständen) werden weltberühmt. — Ich liebe solche Stories, die sich hervorragend eignen, um mit fremdenführerischer und verführerischer Dramatik wissbegierigen Touristen in Sandalen, Shorts, tausendbuntem Hemd und Strohhut erzählt zu werden. Allein: mit Geschichte und Sprachgeschichte haben diese Geschichten nichts zu tun! Und dass sie von Meistern wie Giovanni Boccaccio, Geoffrey Chaucer, Honoré de Balzac oder Siegfried Lenz erzählt werden, erhebt sie zwar in den Stand der literarischen Delikatessen, aber nicht in jenen der wissenschaftlich belegten Fakten.
Ich habe in vergangenen Amuse-Bouche dadurch, dass ich wissenschaftliche Begriffe wie ‹Vermutung›, ‹Hypothese›, ‹Theorie›, ‹Beleg› etc. nicht hinreichend geklärt habe, ab und an offenbar etwas Verwirrung ausgelöst. Dafür möchte ich mich entschuldigen — und ich nehme mir vor, die Unklarheiten nach und nach zu beseitigen. In dieser Nummer nur Folgendes: Belege ermöglichen es Linguistinnen und Linguisten, sprachgeschichtliche Entwicklungen objektiv, das heißt: nicht nur auf privaten Erfahrungen, Annahmen oder Absichten fußend zu beschreiben. Das bedeutet, dass ein Eintrag in einem Kaufvertrag, in einer Anweisung zur Herstellung von etwas, in einem Text also, der keine andere Absicht haben kann, als verstanden zu werden, vertrauenswürdiger ist als solche, die sich dem Verdacht aussetzen, eine Entwicklung auf welche Weise auch immer beeinflussen zu wollen.
Nummer 50:
Es mag merkwürdig erscheinen, dass auf Griechisch, Latein, Portugiesisch, Spanisch, Katalanisch, Französisch, Italienisch, Romanisch und Rumänisch das Wort für Finger und Zehe dasselbe Wort ist. Wenn man in diesen Sprachen nicht Finger und Zehen zusammen bezeichnen möchte, sondern nur die Zehen, muss man gewissermaßen ‹Fußfinger› oder ‹Finger des Fußes› sagen. Im nächsten Absatz ist der Ausdruck ‹Finger des Fußes› in den oben aufgezählten Sprachen in derselben Reihenfolge angegeben, sodass man den Paragrafen einfach überspringen kann, wenn man die ganze Auflistung nicht lesen will.
Δάχτυλο του ποδιού (dáchtylo tou podioú), digitus pedis, dedo do pé, dedo del pie, dit del peu, doigt du pied, dito del piede, daunt dal pè, deget de la picior.
Etwas weniger überraschend ist, dass das Griechische, das Lateinische und das Germanische auch in diesem Fall einen gemeinsamen Ursprung im Protoindoeuropäischen haben. — Aber jetzt wird es spannend: Wer hätte gedacht, dass es auch im Germanischen vor zweitausend Jahren für Finger und Zehen nur ein Wort gab? Doch es kommt noch verblüffender: Das gemeinsame germanische Wort für alle zwanzig ‹Digiti› der Hände und der Füße war nicht der Finger, sondern die Zehe! — Die Finger kamen erst spät (während der ersten Lautverschiebung) in den Sprachgebrauch und wurden lange nur dann verwendet, wenn man mit den Fingern etwas machte, was man mit den Zehen nicht tun kann: zählen, fangen, zur Faust ballen… — So gehen das Wort ‹Faust›, ‹fangen› und das Zahlwort ‹fünf› auf dieselbe indoeuropäische Wurzel zurück wie ‹Finger›; Protoindoeuropäisch ‹*penku̯e› ( = ganze Hand, auch Handfläche). [Kurz ausschweifend: Von ‹*penku̯e› stammen auch die Wörter ‹Pentagon›, ‹Pentagramm›, ‹Pentatonik›, ‹Pfingsten›, ‹Pflanze›, ‹Palme›… doch darüber ein andermal.]
‹Zehe› hingegen geht — wie ‹digitus› und δάχτυλος (dáchtylos) — auf das indoeuropäische Wort ‹*deik̑› ( = zeigen) zurück! Und dann leuchtet es auch ein, dass mit Zehen ursprünglich nicht Zehen gemeint waren, weil man mit Zehen ja nur sehr schwer zeigen kann.
(Das Sternchen [*] bedeutet in der Sprachwissenschaft, dass das Wort aufgrund von sprachdynamischen Gesetzen rekonstruiert, aber nicht belegt ist.)