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Wenn man Menschen nach ihrem wichtigsten Wunsch fragt, dann nennen die meisten das „Glücklichsein“. Wenn man sie aber fragt, welche Voraussetzungen ihrer Meinung nach Glück bewirken, dann äußern sie recht unterschiedliche Einschätzungen. Für die einen braucht es gute Beziehungen, andere möchten vor allem friedfertige Mitmenschen. Der Wunsch nach viel Geld wird ebenso häufig genannt, wie jener nach einem befriedigenden Sexleben (häufiger Männer) und gesunden Kindern (häufiger Frauen).
Doch führen die Erfüllung dieser Wünsche tatsächlich zu anhaltendem Glück ?
Ist es nicht so, dass schon kurz nach deren Erreichung eine Gewöhnung eintritt und dann neue Begehren entstehen ?
Einer der lange darüber nachdachte, war der Schriftsteller Gottfried Keller. Er brachte seine Erfahrungen unter dem Titel "Der Schmied seines Glücks" zu Papier und veröffentlichte diese Kurzgeschichte im Jahr 1873.
Die recht unterhaltsame Geschichte handelt vom Seldwyler Johannes Kabis der nach vielen Irrungen und Verwirrungen letztlich entdeckte, wie man einen „Zipfel des Glücks“ erhaschen kann.
Doch bevor es soweit war, musst er oft leidvoll erfahren, dass am Ziel seiner Wunsches selten Glück aufscheint.
Gottfried Keller beschrieb, wie dieser Johannes Kabis versuchte sich Zugang zu den vornehmeren Kreisen zu verschaffen, indem er seines Namens in John Kabys umänderte. Mit mancherlei Äußerlichkeiten, mit oberflächlichem Verhalten und zum Teil unmoralischen Tricks versuchte er das Glück herbeizuzwingen. Als Äußerlichkeiten nannte G.Keller: vergoldete Brille, emaillierte Hemdknöpfe, goldenes Kettchen mit einer langen goldenen Uhrenkette, geblümte Weste, Busennadel, säuberlicher Rock, Hut, blankes Vorhemdchen, große Ringe, großer Rohrstock mit eine Knopf und Operngucker, Futteral aus Leder, Zigarrenspitze aus Meerschaum, rote Zigarrentasche mit vergoldetem Schloss, elegantes Feuerzeug, silberne Tabakdose, gestickte Schreibtafel, Geldtäschchen mit vielen Abteilungen.
Die Geschichte beginnt mit dem Lebensleitvorstellung von John Kabys: „John Kabys führte den Spruch im Munde, dass jeder der Schmied seines eigenen Glückes sein müsse, solle und könne, und zwar ohne viel Gezappel und Geschrei.
Ruhig und mit wenigen Meisterschlägen schmiede der rechte Mann sein Glück ! Womit er nicht etwa die Erreichung bloß des Notwendigen, sondern überhaupt alles Wünschenswerten und Überflüssigen verstand.“
Doch, dieser Leitsatz brachte John Kabys kein Glück. Zwar konnte er verschiedentlich Freuden erfahren, doch jedes Mal wurde er kurz darauf ziemlich brutal in die glückarme Wirklichkeit zurückgeworfen. Am Ende der Erzählung gelangte er in vorgerücktem Alter, arm und einsam nach Seldwyla zurück, wo er mit seinem letzten Besitz eine kleine alte Nagelschmiede kaufen konnte.
An dieser Stelle verdichtete Gottfried Keller seine Lebenserfahrung in folgende Sätze: „Er musste aber (um die Nagelschmiede kaufen zu können) alle seine Attribute und Kleinode veräußern, was er um so leichter tat, als er nun keine Hoffnung mehr auf diese Dinge setzte; sie hatten ihn ja immer betrogen, und er mochte nicht mehr um sie Sorge tragen.
Er wurde ein wackerer Nagelschmied, der erst in leidlicher, dann in ganzer Zufriedenheit so dahinhämmerte, als er das Glück einfacher und unverdrossener Arbeit spät kennenlernte, das ihn wahrhaft aller Sorge enthob und von seinen schlimmen Leidenschaften reinigte.
Nur einigemale stieß der Schmied seines Glückes seinen Kopf gegen die Esse, aus Reue über die unzweckmäßige Nachhilfe, welche er seinem Glück hatte geben wollen.“
Gottfried Keller "Der Schmied seines Glücks" (Nachdruck der Ausgabe von 1873), Reclam Stuttgart 1990, Nr.6175, ISBN 3-15-006175-X