Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03411.jsonl.gz/131

Er hat nicht einmal mehr die Kraft zum Weinen. Nur ein leises Wimmern ist zu hören. Wir betreten ein karges Zimmer im grössten öffentlichen Spital von Aden, der Interimshauptstadt des Jemen. Von den Wänden blättert der Verputz. Die Luft riecht nach Krankheit. Es ist stickig. Sana Faisal hält uns das Bündel entgegen, das sie in den Armen hält: eingewickelt in Tücher liegt der kleine Mohammed, ein kleines Etwas von Haut und Knochen, der Körper ein ausgemergeltes Nichts.
«Mohammed ist vier Monate alt. Eigentlich sollte er fünf oder besser sechs Kilogramm wiegen», sagt Sana Faisal. Doch Mohammed wiegt nur knapp drei Kilogramm. «Ich versuche ihn zu stillen. Aber es geht nicht.»
Keine Behandlung im Kriegszustand
Der kleine Mohammed ist schwer unterernährt. Nicht, weil es im Jemen zu wenig zu essen gibt. Sondern weil er einen gespaltenen Gaumen hat und deshalb nicht trinken kann. Aber weil Krieg herrscht im Jemen und weil deshalb die Spitäler keine Medikamente haben, keinen Strom, keinen Sauerstoff, weil es an allem mangelt, was man für eine solche Operation braucht, kann der kleine Mohammed nicht behandelt werden. Und weil er nicht behandelt werden kann, wiegt er viel zu wenig und droht zu sterben.
Ihre drei anderen Kinder hat Sana Faisal bei den Grosseltern im Dorf zurückgelassen. Das Geld hatte ja kaum für die Reise für sie und Mohammed ins al-Sadaqqa-Krankenhaus in Aden gereicht. Jetzt sitzt sie da und weiss nicht, was sie für Mohammed tun kann. Für eine bessere Behandlung hat sie keinen Rial übrig. Und so liegt Mohammed in einem stickigen, kleinen Zimmer und hat als Folge seiner Unterernährung ein stockendes Herz, kaum funktionierende Nieren und alarmierende Leberwerte.
Hunderttausende gefährdete Kinder
Im Jemen funktioniert laut IKRK höchstens noch ein Viertel der Gesundheitsversorgung. Vier von fünf Jemeniten sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. 400'000 Kinder sind lebensgefährlich oder akut mangelernährt.
Als wir am nächsten Tag erneut ins al-Sadaqqa-Spital fahren, finden wir in Mohammeds Zimmer Doktor Radwan Hattan, den Oberarzt. Mohammed ist äusserst schwach. Er reagiert kaum noch auf den Arzt. «Sein Zustand ist ernst, sehr ernst.» Neben Doktor Hattan steht der Vater von Mohammed. «Falls er genügend Gewicht hat, kann er dann operiert werden?»
Mohammeds Vater hält den Arzt verzweifelt am Ärmel fest. «Normalerweise muss er ein Jahr alt sein für eine solche Operation. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das sehr schwierig.» Der Vater lässt nicht locker. «Ich habe gehört, man könne eine solche Operation mit sechs Monaten machen?» «Ja, aber nicht, wenn das Baby keine drei Kilogramm wiegt.»
Kaum noch funktionierende Spitäler
Dem Arzt ist anzusehen, dass er kaum Hoffnung hat für den kleinen Mohammed. Als wir Mohammed an diesem Abend verlassen, tun wir es mit dem Gefühl, dass wir das Baby nicht noch einmal lebend sehen werden.
Mehr als 160 Spitäler oder Gesundheitseinrichtungen sind bei den Luftangriffen der von Saudi-Arabien geführten internationalen Koalition zerstört worden. Der Jemen muss mit allem von aussen versorgt werden: Nahrungsmittel, Wasser, Elektrizität, Treibstoff, Medikamente. Doch wegen der Blockaden gelangt nur ein Bruchteil dessen ins Land, was benötigt würde.
Als wir kurz vor unserer Abreise noch einmal ins al-Sadaqqa-Spital fahren, ist unsere Überraschung gross. Vielleicht auch, weil sich unsere Besuche herumgesprochen haben, durfte Mohammed in eines der vier Betten auf der Intensivstation. «Gestern bekam Mohammed plötzlich keine Luft mehr. Wir warteten sechs Stunden, bis er endlich Sauerstoff bekam.» Seine Mutter sitzt wie immer bei unseren Besuchen auf dem Bett des kleinen Jungen. «Aber seit wir auf der Intensivstation sind, geht es ihm spürbar besser.»
Die Leiterin der Intensivstation hat von der Ankunft der ausländischen Fernsehcrew gehört und kommt angeeilt. «Hier haben wir permanent Sauerstoff. Das haben wir sonst nicht, wegen des Kriegs.» Mohammed wirkt deutlich weniger gestresst als zuvor. Er, der noch vor wenigen Tagen bereit schien zu sterben, hat offensichtlich neue Lebenskraft geschöpft. «Wird er überleben?» Unsere Frage scheint der Ärztin trotzdem unangenehm. «So Gott will… – wir hoffen es.»