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Rana Plaza - Fabrikeinsturz in Bangladesch
Was ist passiert?
Laut des bangladeschischen Innenministers waren drei der acht Etagen illegal errichtet worden, eine neunte befand sich im Bau. Im Gebäude waren neben Banken und Geschäften auch fünf Textilfabriken untergebracht, die für international bekannte Marken produzierten. Obwohl die Arbeiterinnen und Arbeiter dem Management schon vor dem Einsturz Risse in den Mauern gemeldet hatten, wurden sie angewiesen, weiter in diesem Gebäude zu arbeiten. Als das Gebäude am 24. April 2013 schliesslich in sich zusammenbrach, kam für viele jede Hilfe zu spät.
Involvierte Markenfirmen
Zu den zwölf Firmen, die ihre Produktion im Rana Plaza-Gebäude zum Zeitpunkt des Zusammensturzes bestätigt hatten, gehören Benetton, El Corte Inglés, KiK und Mango. Lokale Aktivistinnen und Aktivisten fanden in den Trümmern jedoch auch Labels, Bekleidung und Bestellscheine weiterer Marken, die ihre Geschäftsbeziehungen zu den Fabriken in Rana Plaza bestritten oder als beendet erklärten. 32 Firmen konnten bis anhin mit Rana Plaza in Verbindung gebracht werden:
Adler Modemärkte (Deutschland), Auchan (Frankreich), Ascena Retail (USA), Benetton (Italien), Bonmarché (England), C&A (Belgien), Camaïeu (Frankreich), Carrefour (Frankreich), Cato Fashions (USA), El Corte Inglès (Spanien), Grabalok (Store 21, USA), Gueldenpfennig (Deutschland), Iconix (Lee Cooper, USA), Inditex (Zara, Spanien), JC Penney (USA), Kappa (Italien), Kanz (Kids Fashion Group, Deutschland), Kik (Deutschland), L.C. Waikiki (Türkei), Loblaws (Kanada), LPP (Polen), Mango (Spanien), Manifattura Corona (Italien), Mascot (Dänemark), Matalan (England), NKD (Deutschland), Premier Clothing (England), Primark (England/Irland), PWT (Texman, Dänemark), The Children’s Place (USA), Walmart (USA), YesZee (Italien).
Die Situation der Betroffenen
Nach dem Unglück dauerte es sehr lange, bis Opferlisten erstellt werden konnten, die eine notwendige Basis für Entschädigungszahlungen darstellen. Überlebende und Hinterbliebene sahen sich mit zahlreichen Schwierigkeiten konfrontiert – wie zum Beispiel zu beweisen, dass sie oder ihre Angehörigen in Rana Plaza gearbeitet hatten. Die gefragten Dokumente existierten entweder gar nicht oder waren in den Trümmern verloren gegangen. Und Familienangehörige von Vermissten konnten ohne Totenschein keinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung stellen. Ein Grossteil der Betroffenen ist aufgrund körperlicher Verletzungen oder aufgrund eines Traumas nicht mehr in der Lage, zu arbeiten. Viele befinden sich zudem trotz des ausgehandelten Kompensationsabkommens weiterhin in einer finanziellen Notlage.
Ein Meilenstein: Das Entschädigungsabkommen
Es dauerte mehr als ein halbes Jahr, bis ein Entschädigungsabkommen, das sogenannte «Rana Plaza Arrangement», ausgehandelt werden konnte. Viele der in Rana Plaza produzierenden Firmen wehrten sich vehement dagegen, für die Missstände, die zu dem tragischen Unglück geführt hatten, Verantwortung zu übernehmen und einen finanziellen Beitrag an die Entschädigung der Betroffenen zu leisten. So dauerte es dann auch über zwei Jahre, bis die zur Entschädigung aller Betroffenen benötigte Summe von über 30 Millionen US-Dollar endlich zusammenkam. Das Kompensationsabkommen, welches von der Clean Clothes Campaign (CCC) gemeinsam mit drei Kleiderfirmen (Primark, Loblaw, El Corte Ingles), dem bangladeschischen Arbeitsministerium, bangladeschischen Arbeitgebervereinigungen, sowie globalen und nationalen Gewerkschaften koordiniert wurde, ist dennoch ein Meilenstein: Zum ersten Mal ist es gelungen, ein Abkommen basierend auf der ILO-Konvention 121 (Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten) auszuhandeln, welches die Entschädigung für medizinische Kosten sowie Lohnausfälle aller Betroffenen eines Industrieunglücks regelt.
Das Gebäudesicherheitsabkommen für Bangladesch
Bereits Jahre vor dem Einsturz des Rana Plaza Fabrikgebäudes forderten lokale Gewerkschaften und internationale NGOs, darunter auch die Clean Clothes Campaign, einen Massnahmenplan zur Verbesserung der Arbeitssicherheit in Bangladesch. Erst nach dem Fabrikfeuer von Tazreen sowie dem Einsturz von Rana Plaza konnte jedoch genug öffentlicher Druck aufgebaut werden, um einige Markenfirmen zu einem Umdenken zu bewegen. Im Mai 2013 kam der längst überfällige «Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh» zustande, ein Programm für mehr Gebäude- und Brandschutzsicherheit in der bangladeschischen Textilindustrie. Der Accord wurde ursprünglich für fünf Jahre ausgehandelt.
Die bis zum 31. Mai 2021 ausgehandelte Verlängerung bildet die Grundlage dafür, dass die Arbeit für Gebäudesicherheit fortgesetzt werden kann. Entscheidend für den Erfolg wird jedoch sein, dass möglichst alle Firmen, die in Bangladesch produzieren lassen, dem verlängerten Abkommen auch beitreten.
Bangladesch ist das viertwichtigste Ursprungsland für Bekleidung, die in die Schweiz importiert wird. Schweizer Firmen beteiligen sich bisher jedoch noch nicht ausreichend am Accord: Bisher hat erst eine Schweizer Modefirma die Verlängerung des Gebäudesicherheitsabkommens unterzeichnet, obwohl viel mehr Schweizer Modefirmen in Bangladesch produzieren lassen.
Forderungen der Clean Clothes Campaign
Die Clean Clothes Campaign fordert alle Firmen, welche in Bangladesch Bekleidung produzieren, dazu auf, dem erweiterten Gebäudesicherheitsabkommen beizutreten. Des Weiteren fordert die Clean Clothes Campaign von allen Akteurinnen und Akteuren, Massnahmen zu ergreifen, damit Menschen- und Arbeitsrechte in den Lieferketten weltweit respektiert werden müssen sowie Wiedergutmachung für Betroffene in Zukunft selbstverständlich wird.
Weiterlesen:
- Offener Brief an Schweizer Markenfirmen: Nie wieder Rana Plaza
- Bangladesh Accord: die Ausreden der Firmen
- Wie sieht die Situation in Bangladesch heute aus, fünf Jahre nach dem grössten Unglück in der Geschichte der Textilindustrie? Lesen Sie es nach im Public Eye Magazin Nr. 11 „Was von Rana Plaza übrig bleibt“.