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12.03.2016 - Brigitte Poltera
12.03.2016
Brigitte Poltera
Der Spielplatz als Experimentierfeld
Das Playground Project zeigt die Entwicklung des Kinderspielplatzes seit 1910. Architektur für Kinder in der Kunsthalle Zürich – und ein Spielplatz, um sich auszutoben.
Nieselregen. Die Grosseltern hüten. Die Enkel foppen und balgen sich. Sie wollen sich bewegen. Wir versprechen einen Spielplatz in der Kunsthalle Zürich, im Playground Project.
Im dritten Stock der Kunsthalle entzündet eine grosszügige Sandlandschaft mit einem metallenen Klettergerüst aus den 20er-Jahren die kindliche Kreativität. Erstes Missverständnis: Hier dürfen Kinder nicht im Sand wühlen.
Das Playground Project ist eine Ausstellung, eine Rückschau auf die Entwicklung der Spielplätze in den letzten 100 Jahren, die mit Bildern, Texten und Videofilmen dokumentiert wird. Der erste Raum ist den Pionieren gewidmet, wie Aldo von Eyck (Amsterdam), Egon Moller-Nielsen (Stockholm), Joseph Brown (Princeton). Ab 1910 wollten die Pioniere herumlungernde Kinder von der Strasse holen und ihnen mit Zementrohren und Spielskulpturen ein Experimentierfeld bieten. Zwischen Seilen sollen sie sich frei bewegen können: klettern, springen, balancieren. Joseph Brown, Bildhauer und Boxer, schuf Seilkonstruktionen, um den Kindern das Gleichgewicht zu trainieren.
Auch vom Besteigen des hölzernen Hochhauses im zweiten Raum können wir die Enkel noch zurückhalten. Rund um das Baumhaus wird die bunte Welt der Abenteuerspielplätze dargestellt, die sich von den dänischen Grümpelspielplätzen um1930 in den 60er und 70er-Jahren mit aktiver Beteiligung der Eltern zu einer Hochform von Robinsonspielplätzen entwickelt haben. Aus dieser Zeit stammen in Zürich 14 Gemeinschaftszentren mit Spielplätzen, die heute noch benutzt und unterhalten werden. Dokumentiert werden der progressive Spielplatz im Triemliquartier und der Robinsonspielplatz Wipkingen, die von Alfred Ledermann und Alfred Trachsel gestaltet wurden.
Ein Film von Peter Saas von 1956 veranschaulicht einen unter der Ägide von Pro Juventute von den Kindern verwalteten Robinsonspielplatz, wo ohne Kritik und Zensur mit Erde, Feuer und Wasser gearbeitet wird. Der Film wurde 1960 im Fernsehen gezeigt. Der Enkel im Kindergartenalter sitzt gebannt vor dem auf Kindergrösse aufgebauten Bildschirm, begeistert vom gemeinsamen Werken der Kinder mit Holz, Nägeln und Sägen, die gar ein altes Kleinflugzeug auseinandernehmen durften.
Den ungeduldigeren Erstklässler verwickeln wir in ein Gespräch darüber, was Kinder gerne tun: Musik hören, sich verkleiden, Fundgegenstände sammeln, Burgen, Hütten und Zelte bauen. „Ja, ja,“ ruft er begeistert. Oder verstecken, beobachten, mit Wasser, Sand und Dreck spielen? „Das alles mach ich gerne“, erklärt er mit leuchtenden Augen und stürmt weiter in Richtung erlebbare Spiellandschaft im vierten Stock, im Falkenhorst der Ausstellung.
Der vierte Stock der Kulturhalle gehört den Kindern. Flink verschwinden sie im Lozziwurm, der problemlos auch noch zwei Kita-Gruppen schluckt. Sie klettern, rutschen und verstecken sich im bunten Rohr, jagen sich und flitzen durch die Mauselöcher in den Wänden weiter zur Seilstruktur, wo sich nur gute Kletterer den Dachstock erobern. Im dritten Raum wird das Schwingen an den raumhohen Seilen erst so richtig spannend, wenn sich der Nachbar in den Rhythmus einpendeln will oder eben auch nicht. Nach einer Stunde sammeln wir die Enkel ein, verschwitzt, erschöpft, glücklich.
Erwachsene sind hier überflüssig, zwar tragen sie die Verantwortung für die Kinder, betrachten dazu Bilder von den Spielskulpturen von Niki de Saint Phalle und Bernhard Luginbühl und erinnern sich an eigene Spielplatzerlebnisse. Da gab es selbstgebastelte Hütten im Gebüsch, ausgestattet mit Fundstücken aus der Sperrgutabfuhr am Strassenrand, kaum beaufsichtigte und über eine gewisse Zeit von Erwachsenen grosszügig tolerierte Nischen. Heute tummeln sich die Enkel auf Spielplätzen von hohem Ausbaustandard, genormt und kontrolliert von Vertretern der Unfallversicherung. Die Grosseltern beaufsichtigen pflichtbewusst (und manchmal ein bisschen gelangweilt) die ihnen anvertrauten Kinder und sorgen dafür, dass die Kids zu jedem Fahrzeug ihren Helm tragen.
Die Ausstellung sucht einen Weg zurück zum Spielplatz als Experimentierfeld im öffentlichen Raum, der subversiver Ort in der Nische unserer Städte und Reibungsfläche zwischen Erwachsenen und Kindern sein darf.
Die Ausstellung wird von einer Reihe von Workshops und von einem Symposium begleitet.