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Halloween
»Immer das gleiche«, meinte Jasmin.
»Was ist das gleiche?«, fragte Tanja.
Jasmin deutete auf den Zettel am Mitarbeiteranschlagbrett. »Der Dresscode für Halloween.«
»Dresscode?«, sagte Tanja überrascht und studierte die Nachricht.
»Genügt es nicht, dass wir uns an der Fasnacht verkleiden müssen, jetzt machen wir diesen Halloween-Mist auch noch mit?«, zeterte Jasmin weiter.
Tanja tippte auf den eingerahmten Kasten auf dem Zettel.
»Sexy Hexen«, las sie vor. »Yay?«
»Nur für die Frauen logischerweise«, erklärte Jasmin. »Für die Männer gilt das Thema ›Vampire‹.«
»Ohne sexy«, meinte Tanja matt.
»Kommt schon«, sagte eine Stimme hinter ihnen.
Als sie sich umdrehten, stand da Bar-Manager Dani mit ausgebreiteten Armen und einem mitleidhaschenden Blick. »Ich muss da auch nur mitziehen, weil die Chefs unserer Kette das so entschieden haben, okay?«
Das glaubte sie ihm sogar.
»Können wir nicht auch eins auf Vampir machen?«, fragte Tanja, aber Dani schüttelte den Kopf.
»Es geht perfekt auf an dem Abend. Zwei Vampire und zwei Hexen. Gutes Gleichgewicht, verstehst du?«
Hinter Dani an der Bar stand Andreas und lauschte dem Gespräch offenbar interessiert, während er das Bier in den Kühlschrank räumte. Es mischte sich aber nicht ein. Ihm konnte es ja auch egal sein.
Er war großgewachsen, mit breiten Schultern und seine langen, schwarzen Haare trug er immer zu einem Rossschwanz zusammengebunden. Er würde den perfekten Vampir abgeben.
Tanja gab es auf und machte sich bereit für ihre Schicht. Das war das Los, wenn man in einer kleinen, gemütlichen Bar arbeitete, die halt irgendwie mit all den anderen Clubs mithalten musste. Da biss man ab und zu in den sauren Apfel und machte so einen Quatsch mit.
Sie gehörte immerhin zu den glücklichen, die sich mit dem Verkleiden an und für sich nicht sonderlich schwertat, wie beispielsweise Jasmin. Aber dass alles immer sexy sein musste …
Inzwischen galten ja auch Vampire als Sex-Symbol, gut möglich also, dass die Chefs ihrer Kette darauf hofften, dass die Männer oben-ohne und mit Glitzerstaub beklebt auftauchen würden. Bei dem Gedanken musste sie zuerst schmunzeln, denn errötete sie leicht bei der Vorstellung, wie Andreas mit nacktem Oberkörper Drinks mixte. Sie verscheuchte den Gedanken und malte sich stattdessen aus, was sie anziehen würde, hätte sie das Thema ›Vampir‹ gekriegt. Sie würde dem klassischen Ansatz folgen. Ein weißes Hemd mit Puffärmeln und eine Brokatweste, dazu vielleicht ein Paar gruslige Linsen.
Erst jetzt fiel ihr auf, dass Andreas sie beobachtete und ein Kribbeln fuhr durch ihre Magengegend. Hatte er vielleicht ihre Gedanken erraten?
Sie wusste nicht, ob ihm klar war, dass er es ihr angetan hatte. Sie hoffte eigentlich nicht. Romanzen am Arbeitsplatz endeten selten gut.
»Was ist?«, fragte sie, vielleicht etwas forsch, so dass er sich zuerst rasch abwandte.
Dann entschied er sich aber um und nickte ihr zu.
»Wie müssen reden«, sagte er.
Sie schluckte leer.
***
An Halloween-Abend betrachtete sich Tanja im Spiegel und war äußerst zufrieden mit sich. Sie hatte den Brad-Pitt-Look aus ›Interview mit einem Vampir‹ wirklich getroffen. Auf gruslige Linsen hatte sie verzichtet, dafür hatte sie sich spitze Eckzähne eingesetzt und sich einen blassen Teint mit roten Lippen geschminkt. Von ihrer Mitbewohnerin hatte sie außerdem eine samtene Jacke für über die Brokatweste ausgelehnt.
Die anderen in der Bar würden Augen machen.
Zügig machte sie sich auf den Weg, denn das Make-up hatte mehr Zeit benötigt, als sie gedacht hätte.
»Hallo zusammen!«, trällerte sie vergnügt, als sie die Bar betrat.
»Tanja«, rief Jasmin überrascht. »Was ist das denn?«
»Mein Kostüm«, erklärte Tanja und drehte sich einmal um sich selbst.
Jasmin trug ein schwarzes, knielanges Kleid und hohe Lederstiefel, dazu gothic-mäßiges Make-Up und einen spitzen Hut.
»Dani wird keine Freude haben«, meinte sie tadelnd.
»Woran werde ich keine …«
Dani war durch die Tür vom Vorratsraum getreten und brach mitten im Satz ab, als er Tanja sah. Sein Blick verfinsterte sich.
»Tanja, ich sagte, die Kostüme sind fix!«
»Falsch«, korrigierte ihn Tanja. »Du sagtest, sie gehen perfekt auf: zwei Hexen und zwei Vampire.«
In dem Moment ging die Tür zur Bar und sie alle verstummten auf einen Schlag.
Tanja konnte nicht anders, als ganz langsam den Blick über die ellenlangen Beine wandern zu lassen, die in unbequem wirkenden Highheels sowie feinmaschigen Netzstrümpfen steckten. Nur ganz knapp unter dem Schritt starteten Hotpants aus falschem Leder, die so tief geschnitten waren, dass sie Hüftknochen und einen flachen Bauch entblößten. Nur ein kurzes, etwas zu enges Strickjäckchen umspannte die Brust.
Einer der beiden Arme, die ebenfalls in Handschuhen aus Netzstoff steckten, war in die Hüfte gestützt, die andere Hand zwirbelte eine lange, schwarze Haarsträhne und den Zeigefinger.
Es wer das allererste Mal, dass Tanja Andreas mit offenen Haaren sah.
»Na, sexy genug, Dani?«, fragte Andreas und hauchte einen Kuss von schwarz bemalten Lippen in die Richtung des Bar-Chefs.
»Ihr macht mich noch mal fertig«, sagte dieser geschlagen und verschwand wieder im Vorratsraum.
Schreibt und liest querbeet im Phantastikgenre, wagt regelmässige Ausflüge in neue Gefilden und tut sich schwer damit, sich kurz zu halten.