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Reformationsgeschichte in Staufberg
Auf dem Staufberg befindet sich die alte Pfarrkirche
aus dem 10. Jahrhundert mit den Sprengeln Staufen, Schafisheim,
Niederlenz, einem Teil von Dottikon (bis zur Reformation), dann Lenzburg
(bis 1565), einem Teil von Othmarsingen sowie Hendschiken und Möriken –
insgesamt also eine recht grosse alte Pfarrei (Urpfarrei).
Das Stift Beromünster verfügte hier über umfangreiche Rechte und Einkünfte, trat die-se aber im 14. Jh. ans Kloster Königfelden ab. Das Vorschlagsrecht für den Pfarrer auf dem Staufberg lag bei Österreich, wurde aber nach der Eroberung des Aargaus im Jahr 1417 der Stadt Lenzburg überlassen. Bern sprach dieses bereits 1429 dem Kloster Königsfelden zu, weil es der Meinung war, dass auch die Wahl des Leutpriesters «einem patron bass [mehr] zuogehöre als denn dem underthanen».
Der Staufberg dient hier als Musterbeispiel für die Problemstellungen einer Priesterpersönlichkeit in den 1520er-Jahren, also im reformatorischen Umfeld.
Lenzburg emanzipiert sich von der Kirche Staufberg
Bereits lange vor der Reformation wünschte sich die Stadt Lenzburg eine eigenständige Stadtkirche, die nicht mehr Bestandteil der Pfarrei und Kirche Staufen sein sollte.
Ein Gesuch an die Landesherrin Bern wurde vom residierenden Pfarrer Johannes Fry, Meister der sieben Künste (=universitär geschult in den Fächern Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) abgelehnt.
Nach langen Verhandlungen fand man einen Kompromiss, der vorsah, dass zukünftig der Helfer (=Hilfspfarrer) auf Staufberg in der Stadt Lenzburg wohnen sollte, wo er die Seelsorge für die Stadtbevölkerung direkt ausüben konnte. Einnahmen (Kollekten, Begräbnisse, Jahrzeiten etc.) blieben bei der Mutterkirche auf dem Staufberg, die als Gegenleistung den Helfer entschädigen musste. Die Stadt durfte den Helfer selber wählen.
Die Bewohner der Stadt mussten jährlich am Kirchweihfest die Kirche auf dem Stauf-berg besuchen und einen angemessenen Beitrag an die dortigen Kirchenreparaturen bezahlen. Die anderen Gemeinden der «Kirchhöri» (Pfarrei) durften selber wählen, ob sie die Messe in der Stadtkirche oder auf dem Staufberg besuchen wollten.
Am 2. Oktober 1514 wurde das Abkommen besiegelt. Die Lenzburger Stadtkirche war jetzt eine Pfarrkriche und durfte sogar das Begräbnisrecht ausüben.
Leutpriester Fry auf dem Staufberg war ein ausgesprochener Gegner des Ablasshan-dels, der innerhalb der Eidgenossen zu dieser Zeit durch den Minoritenmönch Bernar-din Sanson mit grossem Eifer betrieben wurde. So wie in Bremgarten durch Dekan Bullinger, wurde Sanson auch in Lenzburg durch Pfarrer Fry, ebenso in Baden und auch in Zürich weggewiesen.
Der Pfarrer auf dem Staufberg in den 1520er-Jahren
Wie schon in der Ablassfrage verhielt sich Meister Hans (Johannes Fry) vielleicht auch in weiteren Bereichen reformatorisch: Er lebte offenbar auf dem Staufberg mit einer Frau im Konkubinat. Dies taten aber auch viele andere katholische Geistliche ohne reformatorische Hintergedanken – übrigens einer der vielen Kritikpunkte an den vorreformatorischen katholischen Klerikern.
Am 3. Juni 1524 wurde der Landvogt zu Lenzburg vom Berner Rat aufgefordert, dem Pfarrer auf dem Staufberg (Meister Hans) wie seinen Vorgängern den Zehnten auszuliefern, aber ihm auch zu übermitteln, dass den Priestern befohlen worden sei, «ir junckfrowen abzustellen».
Ende Mai 1525 folgte die nächste Aufforderung des Berner Rats an «meister Hannsen uff dem Stouffberg». Er solle wie die anderen auch, dem Mandat nachleben und die «jungkfrow von im thun» (wegschicken).
Am 7. August 1525 schrieb der Berner Rat dem Landvogt zu Lenzburg, er solle darauf achten, «wie der pfaff hus hab» (haushalte). Man erzähle, er habe «sin jungfrowen noch by im und enthalt (=wohnen lassen) ouch ander». Sei dem wirklich so, soll ihm die Pfrund gekündigt (=er entlassen) werden. Dennoch habe man ihn vorerst «begnadet und lediget» (begandigt und vom Vorwurf befreit).
Am 8. November 1525 wurde vom Berner Rat festgehalten, falls Meister Hansen «jungkfrouw unargwenig» (=unverdächtig) sei, könne er (der Landvogt) sie bei ihm lassen, wenn nicht, soll er sie von ihm wegholen.
Es ist deutlich sichtbar, dass trotz offensichtlicher Verstösse gegen das kirchenrechtlich fixierte Zölibat und gegen die bernischen Mandate in gleicher Sache der Pfarrer auf dem Staufberg lange Zeit unbehelligt blieb. Die katholischen Priester der 1520er-Jahre, von denen viele nach 1528 reformierte Prädikanten wurden, dürften sich intensiver mit den reformatorischen Forderungen auseinandergesetzt haben, als dies nachweis-bar ist. Immerhin geben – wie bereits erwähnt – Aktionen gegen den Ablasshandel oder auch das Konkubinat (heiraten konnten die Priester zu diesem Zeitpunkt noch nicht) Hinweise auf diesen inneren Diskurs der Geistlichen.