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Tsüri.
Es ist nicht lange her, da nannte man in Zürich Menschen mit dunkler Haut noch «Neger». Anhand diverser Quellen aus dieser Zeit lässt sich dokumentieren, wie in der Limmatstadt ein systemischer Rassismus gepflegt wurde. Dies belegt letztendlich auch, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bis heute Teil der Schweizer Identität sind.
Der Begriff «Neger» ist in vielerlei Hinsicht stossend. Es beschreibt indirekt die Geschichte der Ausbeutung ganzer Kontinente, verkörpert die Versklavung von Menschen mit dunkler Hautfarbe. Allerdings zeigt das Wort nicht nur den weltweiten Terror des «weissen Mannes» in Form von wirtschaftlicher und sozialer Unterdrückung auf, welcher bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt praktiziert wird. Vielmehr ist es eine Art Mahnmal für Jahrhunderte der Gewalt von Menschen mit weisser Haut gegen Menschen mit dunklem Teint.
«Neger» ist darüber hinaus ein Sinnbild für eine alltägliche Entwürdigung von Minderheiten in der «westlichen Zivilisation». Umso stossender ist es, wenn man die Verwendung eben dieses Wortes in etlichen Quellen, die teilweise nur gerade zwei Generationen zurückliegen, wiederfindet. Im Zürich unserer Grosseltern waren «Neger» bekanntlich vor allem eines: Diener, die in der Evolution weniger entwickelt sind.
Der erste schwarze Grundbesitzer der Stadt
In einem beiläufigen Beitrag mit der Überschrift «Sehenswürdigkeiten» in der einstigen Zeitung «Chronik der Stadt Zürich» wird am 26. September 1903 ein dunkelhäutiger Mann portraitiert: «Seit kurzer Zeit weist die Altstadt Zürich einen Neger aus Afrika als Hausbesitzer und Zigarrenhändler auf; er ist nämlich Eigentümer des Haus Predigerplatz 54, welches früher «Zum Prediger» hiess und nun «zum Afrikaner» umgetauft wurde». Der Beitrag schildert weiter, der Mann sei im Alter von 18 Jahren als «Diener» erst in Panama später dann in Dresden, Berlin sowie Russland tätig gewesen, bevor er sich mit einer «Deutschen verheiratet» und mit ihr in Zürich niedergelassen habe. Johannes Glatty, der erste Grundbesitzer der Stadt Zürich, handelte mit «Afrikaner-Zigarren». Besonders die Leute, die behaupten, es gäbe heute in Zürich keinen systemischen Rassismus mehr, würden nun wahrscheinlich argumentieren, die Geschichte Glattys liege bereits mehr als hundert Jahre zurück. Doch es ist bei Weitem nicht der jüngste rassistische Zeitungsbeitrag in Zürich, welcher die Rassentrennung der Stadt bezeugt.
«Negerboxen» im Zürcher Boxclub
Im Jahre 1948, also fast 50 Jahre später, titelt die Zeitung «Die Tat», welche 1935 von Gottlieb Duttweiler gegründet und von der Migros herausgegeben wurde: «Negerstaffel gegen Boxclub Zürich». Gemäss dem Artikel sei es nicht das erste Mal, dass in Zürichs traditioneller Kampfstätte, der «Stadthalle», «Neger» ihre «boxerischen Künste» vorführten. Die Kämpfe fanden unter anderem auch im Zürcher Volkshaus statt. Weiter heisst es im Beitrag, «Neger» hätten das Boxen geradezu «im Blut». Es handle sich um eine «schwarze Probe» für die Schweizer Boxer, schliesslich «happere» es im Fliegengewicht bedenklich. Die sogenannten «Negerstaffeln» waren Boxkämpfe zwischen Schweizern und «Negerboxern», die meist gut besucht waren. Die Kämpfe waren quasi eine Neuinterpretation der Völkerschauen (Menschenzoos zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei denen Schwarze wie Tiere vorgeführt wurden).
Der Terminus «Neger» findet auch gegenwärtig noch regen Gebrauch
Während in Zeitungsberichten bis in die Siebziger Jahren «Neger» als eine Art Herkunftsbezeichnung zur Anwendung kommt, wird heutzutage stattdessen meist auf alternative Bezeichnungen ausgewichen. Nicht selten vergreift man sich jedoch speziell in konservativen Kreisen vorsätzlich im Ton. 2015 schreibt der Journalist Max Wey beispielsweise in der Weltwoche einen Artikel zum damaligen Credit-Suisse-Chef Tidjane Cheick Thiam mit der simplen Überschrift: «Neger». Und weiter: «Der neue Mann an der Spitze von Credit-Suisse ist ein Schwarzer auf Zeit». Den Inhalt eines Artikels mit einem solchen Titel muss man nicht diskutieren. Besonders abscheulich: Der Autor überschreitet bewusst eine Grenze. Er braucht den Ausdruck nicht fiktional wie beispielsweise in einem historischen Roman, welcher zur Zeit der Sklaverei in den Vereinigten Staaten spielt. Er benützt es als Bezeichnung einer «Rasse», unterscheidet klar «Weisse» und «Neger». Damit erreicht er auf skrupellose Weise sein Ziel: Der/die Leser*in wird darauf aufmerksam. Eben genau diese Unterscheidung aufgrund der Hautfarbe bezeichnet den systemischen Rassismus, der in Zürich gerne als überwunden dargestellt wird. Es ist ein über Dekaden kultiviertes Unterscheiden von Menschen ihrer Hautfarbe oder Kultur wegen, ein zynisches Bedienen von Stereotypen, das weit über den Rassismus gegen Schwarze hinausgeht.
Eine Sprache der Gewalt
Die Redeweise einer Kultur verrät viel über deren Vergangenheit. Anhand der Konnotation einer Äusserung lässt sich die Vergangenheit rekonstruieren. Wie bestialisch unsere alltägliche Sprache ist, lässt sich nicht nur anhand des Wortes «Neger» veranschaulichen. So durchlief beispielsweise «behindert» in unserer Gesellschaft eine zutiefst traurigen Wandel. Wörter wie «Mongo» oder «behindert» werden auf unseren Schulhöfen bis jetzt im Sprachgebrauch der Kinder und Jugendlichen als Beleidigungen verwendet. Diese Ausübung sprachlicher Gewalt legt letztendlich nicht nur die Diskriminierung von Menschen mit einer «körperlichen» resp. «geistigen Einschränkung» dar, vielmehr unterstreicht es die sukzessive Ausgrenzung des «Fremden» oder nicht «Gesellschaftskonformen». Die Jüngsten unserer kleinen privilegierten Welt erlernen infolge von sozio-politischen Gewohn- und Gegebenheiten in ihrem Umfeld schon in frühen Jahren unbewusst eine gewalttätige Artikulation. Ein weit positiveres Beispiel für die fortlaufende Veränderung eines Wortes infolge kultureller Faktoren ist der Begriff «geil». In der Umgangssprache verschob sich seine Bedeutung von «sexuell erregt» zu «gut» oder «toll». Dies lässt vermuten, dass die Sexualität in unserer Gesellschaft zunehmend eine positive Konnotation durchlaufen hat und weniger tabuisiert wurde. Ein Blick auf die Unterschiede der aktuellen und ehemaligen Wahrnehmung von Sexualität bestätigt diese These durchaus.
Die rassistische Sprache der Weissen
Unsere Kommunikation widerspiegelt also unsere Geschichte. Von «Mohrenkopf» bis «wer hat Angst vor dem schwarzen Mann» – Deutsch ist aus einer historischen Perspektive eine weisse Sprache, eine Sprache der Sklavenhändler, Kolonialherren, der Vergewaltiger (Über schwarze Zürcherinnen aus dieser Ära findet man übrigens herzlich wenig bis keine Quellen) und Mörder. In gewisser Weise sind alle westlichen Sprachen von Rassismus beeinflusst. Dass fremdenfeindliche Begrifflichkeiten teilweise noch Part unserer Kultur sind, beweist wie die Xenophobie in der Schweiz gegenwärtig weiterhin Teil des Systems ist.
Die Empfindung der eigenen Realität
«Durch Geschichte zur Gegenwart» heisst ein bekanntes Schweizer Lehrbuch. Neben der «Bill of Rights» sollte man den Schüler*inner wohl zudem erklären, woher die Öle und Pigmente, das Papier und der Leim zur Herstellung ihrer Geschichtsbücher stammen. Man sollte ihnen erklären, wo das Gold für die weltbekannte Schweizer Uhrenindustrie abgebaut wird oder wo der Kakao für die Schweizer Schokolade wächst. Sie müssen verstehen, dass die Sklaverei noch immer existiert und lediglich eine pervertierte Form angenommen hat. Und wenn sie diese Beziehung verstanden haben, sollte man ihnen die Bilder der SVP von den weissen und schwarzen Schafen zeigen. Erst wenn der weisse Westen seine Politik und damit schlussendlich seine Wahrnehmung ändert und die Ausschlachtung der nicht-weissen Kontinente ein Ende nimmt, werden auch die rassistischen und fremdenfeindlichen Wurzeln unserer Sprache endlich aufhören weiter zu wuchern. Geht man davon aus, dass eine Gegenseitige Beziehung zwischen einer empathischen Sprache und der Politik besteht, so könnte ein wohlwollender Sprachgebrauch dennoch jetzt schon grosses Potential bergen.