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Die Erforschung von Kolonialismus und Sklaverei ist in die Gänge gekommen. Doch was tun, wenn dabei der eigene Familienname auftaucht? Die Kulturwissenschaftlerin Ina Boesch (Bild) stiess auf Vorfahren, die indirekt vom Sklavenhandel profitierten, und schrieb das Buch «Weltwärts. Die globalen Spuren der Zürcher Kaufleute Kitt».
Ganz zufällig taucht ein Salomon Kitt, der in der Karibik in koloniale Geschäfte verwickelt gewesen sein soll, bei Forschungen der Autorin auf. Kitt, so heisst doch ihre Zürcher Grossmutter, die sie kaum gekannt hat. Sollten ihre Vorfahren in den Sklavenhandel verwickelt gewesen sein? Als Kulturwissenschaftlerin ist sie gefordert, sie will es genau wissen, recherchiert in den Archiven und folgt den Spuren bis in die Karibik, die USA und nach Ägypten.
In vier Kapiteln beschreibt Ina Boesch die Geschichte ihrer Vorfahren anhand ihrer Recherchen. Zwischendurch nimmt sie imaginativ das Gespräch mit ihnen auf, stellt Fragen aufgrund heutiger Erkenntnisse, formuliert ethische Bedenken und schafft so immer wieder einen Bezug zur heutigen Sicht. Das Buch gibt fundierte Einblicke in das Funktionieren des frühen globalen Handels.
Den Auftakt macht Sebastian Kitt, ein aus Feldkirch nach Zürich eingewanderter Tischler, der 1535 kurz nach Zwinglis Tod eingebürgert wird. Durch gute Heirat wird er Kaufmann und hinterlässt seinen Nachkommen ein beachtliches Vermögen. Im Geschäft am Münsterhof verkauft sein gleichnamiger Sohn Sebastian über Lyon importierte Ware: Pelze, Zucker, Gewürze wie schwarzer Pfeffer, Ingwer, Muskatnüsse, Nelken, Zimt, Safran, Zitronen, Gummiarabikum, Schreib- und Mercerie-Waren wie Bändel Bordüren, Schnüre, Stoffe und vieles mehr. Durch ein Darlehen verschuldet, muss er den Laden aufgeben und flieht ins Ausland.
Der dritte Sebastian Kitt kann die kostbare Ware des konkursiten Vaters retten, bleibt vermögend und heiratet 1613 in die noble Zürcher Familie Grebel ein. Und hier wechselt die Autorin zur Enkelin Anna Margaretha (1652-1701), deren Kinderbildnis sie kennt. Aber von der sie nichts weiss, weil sich die Familie nicht für die Vorfahren interessiert.
Conrad Meyer, Bildnis der Anna Margaretha Kitt als Dreijährige, 1655. Foto: Frederic Meyer (Privatbesitz)
Den ungeratenen Bruder Rudolf schicken die Eltern 1683 nach Surinam, wo er für die Niederländische Westindien-Kompanie arbeitet. In seinen Briefen schreibt er von unbekannten Früchten, Ananas, Kokos, Bananen und bringt bei seiner Rückkehr einen See-Atlas zurück, der heute im Besitz der Zentralbibliothek Zürich ist, und wo Ina Boesch einen sensationellen Fund macht: Das handschriftliche Kochbuch der Anna Margaretha Kitt von 1699.
Anna Margarethas Ehe bleibt kinderlos und ihr um fast zwanzig Jahre älterer Mann stirbt früh. So beginnt sie nach dessen Tod Kochrezepte aufzuschreiben: Einundsiebzig Fleischrezepte, zweiundfünfzig Fischrezepte, zweiundvierzig Geflügelrezepte, Pasteten, Torten, Küchlein, Milch- und Eierspeisen, Gemüse und Früchte, für «Herdäpfel» gibt es nur ein Rezept, sie gehören noch nicht zu den Grundnahrungsmitteln. Eine Trouvaille ist das erste deutschsprachige Fonduerezept «Käss mit Wein». Insgesamt enthält das Kochbuch vierhundertsiebzig Gerichte, alle verfeinert mit Gewürzen aus den Kolonien.
Im dritten Kapitel macht die Autorin einen Zeitsprung und wendet sich dem abenteuerlichen Leben des Kaufmanns Salomon Kitt (1744 – um 1825) zu. Nach seinem Konkurs in Zürich reist er in die Karibik und ist als Textil- und Kolonialwarenhändler in St. Eustatius tätig. Die heute unbedeutende kleine Insel in den südlichen Antillen ist der wichtigste Umschlagplatz im 17. Jahrhundert. Es gibt keine fruchtbaren Böden, aber im Hauptort Oranjestad stehen zahlreiche Lagerhäuser am Hafen, wo die Waren hin und her geschoben werden. In der Festung quartiert man die ankommenden Sklaven aus Afrika ein, päppelt sie auf, bevor sie verkauft werden.
Ansicht von St. Eustatius, von Carel Frederik Bendorp, 1782
Salomon Kitt hat als sogenannter Projectmacher stets hochfliegende Pläne und rennt von einem Konkurs zum anderen. Am Schluss scheitert er als Bodenspekulant im Westen Amerikas und taucht unter; sein Todesjahr ist unbekannt. Er ist ein glückloser Kaufmann, aber kein Sklavenhändler – auf ein entsprechendes Angebot ist er nicht eingegangen, wie Ina Boesch feststellen kann. Sie ist seiner Spur von St. Eustatius über St. Thomas bis nach Tennessee gefolgt.
Das vierte Kapitel handelt von Armin Kitt (1841-1891), den es nach Ägypten zieht, wo er in Kairo bei einem Schweizer Handelsunternehmen arbeitet. Als unauffälliger und gewissenhafter Buchhalter hinterlässt er kaum Spuren, bis Ina Boesch entdeckt, dass er der Universität Zürich 1884 zwei Mumien geschenkt hat. Das gibt ihr den Anstoss, dem Mumienhandel jener Zeit nachzugehen.
Kairo, Männer auf Säcken (AfZ, NL Warda Bleser-Bircher)
Nicht hinter jeder Mumie steckt ein Pharao. Viele stammen aus einfachen Gräbern, wurden ausgebuddelt und verkauft, weil das in Mode war und Geld brachte. Der Umgang mit Mumien, auch in unseren Museen, ist bis heute nicht geklärt, wie die Kulturwissenschaftlerin feststellen muss. Im Interesse der Wissenschaft werden sie untersucht, aufbewahrt, auch ausgestellt, aber ist das mit unserer Ethik von der Würde und Integrität auch längst Verstorbener vereinbar? Ina Boesch stösst mit diesem Kapitel auf ein Thema, das im Zusammenhang mit der Rückgabe von Kulturgütern aus Kolonialgebieten diskutiert wird.
Titelbild: Ina Boesch, Foto: Pia Zanetti (Wikimedia Commons)
Bilder aus dem Buch
Ina Boesch, Weltwärts. Die globalen Spuren der Zürcher Kaufleute Kitt. Verlag Hier und Jetzt, Zürich, 2021. ISBN 978-3-03919-528-2