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"Sie kam und blieb" (L'Invitée) beginnt mit Hegel. Simone de Beauvoir hat dem Roman ein Zitat von ihm als Motto vorangestellt: "Ebenso muss jedes Bewußtsein auf den Tode des anderen gehen". Man erinnert sich vielleicht: Der Andere ist in Sartres philosophischem Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" der kategoriale... "Sie kam und blieb" (L'Invitée) beginnt mit Hegel. Simone de Beauvoir hat dem Roman ein Zitat von ihm als Motto vorangestellt: "Ebenso muss jedes Bewußtsein auf den Tode des anderen gehen". Man erinnert sich vielleicht: Der Andere ist in Sartres philosophischem Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" der kategoriale Gegenspieler zum Ich (Für-Sich). Das Hirn rattert: Beide Werke sind zeitgleich erschienen, die enge intellektuelle Bindung von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir ist hinlänglich berühmt. Noch vor dem ersten Satz des Romans könnte ergo die Vermutung naheliegen, dass es sich bei "Sie kam und blieb" um einen 'existantialistischen' Roman wie Sartres "Der Ekel" handelt. (Als solcher wird er ja auch gerne etikettiert.) Liest man aber weiter, merkt man schnell, dass dem nur bedingt so ist. Die Ménage-à-trois mit all ihren Spannungen, Verwicklungen und Verzwickungen, die psychologische Konturierung der Figuren, die Innenausstattung der Protagonistin stehen klar im Vordergrund. Hier gibt es keine philosophischen Krisen, keine Meditationen vor einer Baumwurzel wie bei Sartres Antoine Roquentin. Nur Einstreuungen erinnern daran, dass der Roman mit philosophischer Vorbelastung begann. Ohnehin gilt das Interesse des Lesers bei Fortschreiten der Lektüre mehr und mehr dem hier ausgebreiteten Panorama des intellektuellen Milieus im Paris der Vorkriegszeit einerseits, und dem Fortgang der spannungsreichen Geschichte der Dreiecksbeziehung und der Lösung des Knotens. Die wenigen philosophischen Partikel des Romans, die ohnehin eher wie zusätzlich aufgetragene Duftnoten wirken, treten in den Hintergrund. - Viele lesen Beauvoirs Erstling ja gar als Schlüsselroman: Ein weiteres philosophisches Antidot. Bis dahin kann man Simone de Beauvoir keinen Vorwurf machen. Ganz im Gegenteil! Der Roman entwickelt nachgerade einen Sog des Lesens, so packend ist er. Alle Stärken der Schriftstellerin Simone de Beauvoir sind hier bereits in voller Reife zu bewundern, dazu zählt für mich insbesondere die Innenperspektive, die Figur der Françoise. Und da liest man also atemlos vor sich hin, nur um - auf der Zielgeraden in seiner Intelligenz aufs gröbste beleidigt zu werden. Es gibt Fetischisten der Überraschung, also verrate ich nicht weshalb. Nur soviel: Was als philosophischer Roman begann, sich dann als erfreulich 'lebendiger' Roman herauszustellen schien, endet in einem nahezu unglaublichen Akt der Selbstsabotage als purer Thesenroman: Hier verhunzt eine Lieblingsidee französischer Schriftsteller (action gratuit) ein ansonsten großartiges Werk. Entgeistert kehrt man zur ersten Seite zurück und liest noch einmal das Hegelzitat, und wenn man das Buch dann, zwar nicht verdrossen, aber etwas unzufrieden, zuklappt, kapert man vielleicht ein schopenhauersches Schimpfwort und resümiert: "Hegelei!" Und dennoch eine höchst lesenswerte.