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Video-Buchtipp
Playback
Ich schaue mir viele Bücher an, damit ich Ihnen hier jede Woche ein Buch vorstellen kann. Darunter finden sich immer mal wieder Neuausgaben von Klassikern. Normalerweise lege ich die schnell weg, schliesslich gibt es genug zeitgenössische Literatur. Eigentlich wollte ich auch die Neuübersetzung von Raymond Chandlers «Playback» weglegen. Das ist der einzige «Marlow»-Roman, der nicht in Los Angeles spielt und nicht verfilmt worden ist. Ich wollte nur schnell einen Blick ins Buch werfen. Doch dann hat mich das Buch, vor allem sprachlich, so gepackt, dass ich es nicht mehr weglegen konnte. So kommt es, dass ich Ihnen in meinem 172. Buchtipp sage, warum ich diese Neuübersetzung von Ulrich Blumenbach wärmstens empfehle.
Neben vielen Kurzgeschichten hat Raymond Chandler zwischen 1939 und 1958 sieben Romane geschrieben. Hauptfigur in allen Romanen ist Privatdetektiv Philip Marlowe. Wir können ihn uns heute wohl gar nicht mehr anders vorstellen als in der Verkörperung durch Humphrey Bogart in «The Big Sleep». Marlowe gibt gegen aussen den hartgesottenen, trinkfesten und zynischen Privatdetektiv, ist innerlich aber ein verletzlicher (und verletzter) Romantiker. Wie Humphrey Bogart.
Auch im Roman «Playback» steht Marlowe im Zentrum. Er erhält den Auftrag, eine junge Frau zu beschatten. Die Frau heisst zwar Betty Mayfield, reist aber unter dem Namen Eleanor King. Marlowe folgt der Frau von Los Angeles aus bis nach Esmeralda, einem kleinen Ferienort an der kalifornischen Küste. Esmeralda ist ein fiktiver Ort, ist aber unschwer als La Jolla bei San Diego zu erkennen. In La Jolla hat Chandler von 1946 bis zu seinem Tod 1959 gelebt. Er kannte den Ort und seine Bewohner also sehr genau.
In Esmeralda zeigt sich auch, dass Marlowe nicht der hartgesottene Detektiv ist, als den er sich gibt, sondern ein romantischer Mann: Als Betty Mayfield von einem Mann erpresst und bedroht wird, versucht er, sie zu retten und gibt sich dabei ihr gegenüber zu erkennen. Er gerät in der Folge in einen Loyalitätskonflikt: Soll er sich auf die Seite seines Auftraggebers in Los Angeles schlagen oder soll er Betty Mayfield helfen? Viel Zeit für eine Entscheidung bleibt nicht. Betty klopft mitten in der Nacht an die Tür seines Motelzimmers: Sie hat ihren Erpresser tot auf dem Balkon ihres Hotelzimmers gefunden.
«Playback» ist der letzte Roman von Chandler, ein Jahr nach Fertigstellung ist er gestorben. Und es ist der einzige Roman von Chandler, der nicht verfilmt worden ist. Unter Chandler-Apologeten gilt der Roman als weniger gelungen. Nach der Publikation reklamierte die «New York Times», dafür, dass Chandler sich viereinhalb Jahre Zeit zu Schreiben genommen habe, sei es eine «mickrige Arbeit». Entsprechend gross waren meine Vorbehalte, als ich die Neuübersetzung der Geschichte zur Hand nahm. Doch dann begann ich zu lesen.
«Die Stimme am Telefon klang scharf und herrisch, was sie genau sagte, bekam ich nicht mit – ich war noch nicht ganz wach, und ausserdem hielt ich den Hörer verkehrt herum. Ich drehte ihn zurecht und knurrte.
‹Haben Sie mich verstanden? Ich habe gesagt, hier ist Clyde Umney, der Anwalt.›
‹Der Anwalt. Ich nehm an, davon gibts ein paar mehr.›
‹Sie sind Marlowe, stimmts?›
‹Ja. Soweit ich weiss.› Ich sah auf die Armbanduhr. Es war 6.30 Uhr, nicht meine beste Zeit.
‹Werden Sie bloss nicht frech, junger Mann.›
‹Tut mir leid, Mr. Umney, aber ich bin kein junger Mann. Ich bin alt, müde und kaffeelos bis zum Eichstrich. Was kann ich für Sie tun, Sir?›
‹Ich möchte, dass Sie um acht am Bahnsteig sind, wenn der Super Chief einfährt, unter den Passagieren eine junge Frau identifizieren, ihr folgen, bis sie sich irgendwo ein Zimmer genommen hat, und sich dann bei mir melden. Verstanden?›
‹Nein.›
‹Warum nicht?›, blaffte er.
‹Ich weiss zu wenig, um sicher zu sein, dass ich den Fall übernehmen kann.›» (Seite 7)
Das ist gestochen scharf geschrieben, wie ein Holzschnitt oder ein Kupferstich. Da stimmt jedes Wort. Oder nehmen Sie diese Stelle:
«Ich ging die Treppe zur Bar hinunter und schob mich in ein halbrundes Separee mit Blick auf die Tanzfläche. Die eine Seite des Gebäudes bestand aus einer riesigen Panoramascheibe. Draussen war nichts als Nebel, aber in klaren Nächten mit niedrigem Vollmond über dem Wasser musste der Ausblick sensationell sein. Eine mexikanische Drei-Mann-Combo spielte das, was mexikanische Combos eben so spielen. Es klingt immer gleich. Sie singen immer dasselbe Stück voller schöner offener Vokale, ein langgedehntes, zuckersüsses Gezirpe, der Sänger gniedelt auf einer Gitarre herum und hat sehr viel über amor und mi corazón zu sagen, eine Dame, die linda, aber sehr schwer zu erweichen ist, er hat immer zu langes und zu öliges Haar, und wenn er sein Liebesgefiepe mal sein lässt, sieht er aus, als könne er in einer dunklen Gasse effizient und ökonomisch mit einem Messer umgehen.» (Seite 61)
Wenn ich das lese, spielt es keine Rolle mehr, dass «Playback» nie verfilmt worden ist. In meinem Kopf entsteht ein Film. Die Regie in meinem Kopf führt Aki Kaurismäki. Musik: ein Hit aus der Jukebox. Paul Anka vielleicht. Die Farben: Wie auf einem Bild von Edward Hopper. Die Kamera schwenkt auf die Tanzfläche.
«Die meisten tanzten Wange an Wange, falls man es Tanzen nennen konnte. Die Männer trugen weisse Smokings, und die Frauen trugen leuchtende Augen, rubinrote Lippen und Tennis- oder Golfmusklen. Ein Paar tanzte nicht Wange an Wange. Er war zu betrunken, um den Takt zu halten, und sie war zu beschäftigt, sich nicht auf die Pumps treten zu lasen. Meine Angst, Miss Betty Mayfield aus den Augen zu verlieren, war unnötig gewesen.» (S. 62)
Und weiter:
«Ich setzte mich und zündete mir eine Zigarette an, die mechanische Reaktion, die einen bei anderen immer so langweilt. Dann sass ich einfach nur da, sah sie an und wartete.
Unsere Blicke trafen sich über Abgründen des Nichts.
Nach einer Weile schob sie eine Hand langsam in die schräge Tasche der Windjacke und zog die Automatik heraus.
‹O nein›, sagte ich. ‹Nicht schon wieder.›
Sie musterte die Waffe. Ihre Lippe zuckte. Sie zielte auf nichts. Sie stiess sich von der Wand ab, kam auf mich zu und legte die Automatik neben meinen Ellbogen.» (S.69
Das ist sparsam und präzise geschrieben und perfekt übersetzt. Ich konnte das Buch nicht mehr weglegen, ich musste den Film in meinem Kopf zu Ende schauen. Ich finde, es hat sich gelohnt.
Raymond Chandler: Playback. Roman. Neuübersetzung von Ulrich Blumenbach. Diogenes, 240 Seiten, 34 Franken; ISBN 978-3-257-07247-1
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783257072471
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Basel, 20. September 2023, Matthias Zehnder
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