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Seit geraumer Zeit taucht bei stürmischen Wetterlagen im Mittelmeerraum das Wort «Medicane» auf. Es setzt sich aus Silben der englischen Wörter «Mediterranean area» (Mittelmeerraum) und «Hurricane» (Bezeichnung für Wirbelstürme im Atlantik und der Karibik) zusammen. Mit Recht fragt man sich, ob wir denn schon so weit sind, dass wir im Mittelmeerraum gefährliche Wirbelstürme (Hurricanes) erwarten müssen? Wir können beruhigt sein, denn ein Medicane gleicht einem Hurricane nur aus der Satelliten-Perspektive. Doch auch er kann heftige Niederschläge und starke Stürme bewirken, hat aber ein ganz anderes Entstehungsprofil als sein atlantisches Pendant.
Fragen wir uns also, wie denn die beiden Wirbelstürme entstehen, wie sie sich auswirken und was sie am Leben hält.
Hurricanes: warmes Wasser…
Hurricanes bilden sich durch Gewitterzellen in der tropischen Zone Westafrikas. Diese Gewitterzellen werden durch südöstliche Passatwinde auf den Atlantik hinausgetrieben. Die tropische Zone liegt zwischen 5 bis 15 Grad nördlicher Breiten. Das Wasser des Atlantiks hat in der Hurricane-Saison meistens eine Temperatur von 26 bis 28 Grad Celsius, und diese Temperatur ist eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung von Hurricanes. Die Temperatur in einer Gewitterzelle nimmt mit der Höhe kontinuierlich ab.
… und instabile Luftschichten
Wenn das Temperaturgefälle durch die warme Meeresoberfläche und Kondensationswärme gestört wird, entsteht eine äusserst instabile Luftschichtung. Diese Instabilität ist eine weitere Bedingung für einen tropischen Wirbelsturm. Das warme Meer verdunstet nämlich viel Wasser. Der Wasserdampf steigt auf, kondensiert ab einer bestimmten Höhe zu Wassertropfen und bildet die turmartigen Gewitterwolken. Dabei wird Kondensationswärme frei, welche die feuchte Luft noch weiter zum Aufsteigen antreibt. Über der warmen Meeresoberfläche entsteht dabei ein Unterdruck, und um diesen auszugleichen, wird aus der Umgebung weiterhin feucht-warme Luft angesogen.
In der Gewitterwolke bildet sich so ein richtiger Kamin und vergrössert die Instabilität. Der Energiefluss bleibt erhalten, und durch die Drehung der Erde um ihre eigene Achse bekommt auch die Gewitterwolke einen Drehimpuls. Es beginnt sich ein Wirbel zu entwickeln, der nach einer gewissen Zeit zum Hurrikan heranwächst und langsam über den Atlantik bis in die Karibik und dann auf das amerikanische Festland zieht.
Zu den Kennzeichen eines Hurrikans gehören orkanartige Winde mit einer Geschwindigkeit von über 250 km/h und gigantische Wassermengen, die ein grosses Zerstörungspotenzial aufweisen. Erst wenn dem Hurricane auf dem amerikanischen Festland oder im kälteren Nordatlantik die wärmende «Herdplatte», das heisst das warme Meerwasser von unten her, entzogen wird, beginnt er sich abzuschwächen und langsam aufzulösen.
Hurricanes sind aus Satellitenperspektive fast kreisrunde und sehr kompakte Wolkengebilde mit einem «Auge» in ihrer Mitte. Das «Auge» ist eine windfreie Zone und hat einen Durchmesser von 30 bis 60 Kilometer. Die Hurricanes selber haben eine Ausdehnung von 300 bis 500 Kilometern, im Extremfall aber bis zu 1000 Kilometern.
Medicanes: kalt in der Höhe…
Bei den mediterranen Wirbelstürmen, den Medicanes, sind die sehr kalten Temperaturen in grosser Höhe entscheidender als die Meerestemperatur. Die Wassertemperaturen des Mittelmeeres liegen in den Herbstmonaten noch um zirka 20 Grad Celsius. Fliesst nun vom Norden her polare Kaltluft über die Alpen bis ins Mittelmeer, wird sie über dem Mittelmeer abgeschnitten.
… und warm-feucht unten
Sie bekommt die Form eines Tropfens. In der Meteorologie spricht man denn auch von einem «Kaltlufttropfen», der auf die warm-feuchte Luft über dem Mittelmeer trifft. Die Luftschichtung wird mit der warm-feuchten Luft unten und der kalten Luft in der Höhe sehr instabil. Diese Instabilität lässt Gewitterwolken entstehen, die enorme Ausmasse erreichen können. Durch die Erddrehung beginnen sich Wirbel zu bilden. Die Wolken enthalten ebenfalls grosse Mengen an Wasserdampf, der zu Wassertropfen auskondensiert. Die entstehende Kondensationswärme lässt die feuchte Luft noch weiter aufsteigen. Im Wirbel bilden sich spiralförmige Arme mit starken Auf- und Abwinden. Die Abwinde in der Mitte des Wirbels formen dabei ein «Auge» ähnlich wie bei einem tropischen Wirbelsturm.
Medicanes erreichen im kleineren Mittelmeer nicht so grosse Ausdehnungen wie die Hurricanes auf dem Atlantik. Sie haben auch keine lange Lebensdauer, können aber in wenigen Stunden enorme Regenmengen ausschütten, die zu Überschwemmungen und Erdrutschen führen. Dazu blasen orkanartige Stürme mit einer Geschwindigkeit von maximal 110 bis 120 km/h. Im Vergleich dazu blies im Jahre 1999 der Sturm Lothar im Schweizer Mittelland mit einer Geschwindigkeit von 140 bis 160 km/h. Als man in den 1980er-Jahren zum ersten Mal auf einem Satellitenbild einen Wirbelsturm im Mittelmeer sah, erinnerte das an einen atlantischen Hurricane. Seither werden solche Mittelmeerwirbel Medicane genannt.
Mario Slongo ist ehemaliger DRS- Wetterfrosch. Einmal im Monat erklärt er in den FN spannende Naturphänomene. Weitere Beiträge unter: www.freiburger-nachrichten.ch, Dossier «Wetterfrosch».