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Im Dezember 2014 hat der Bundesrat den Bericht zur Weiterentwicklung der Finanzmarktstrategie zur Kenntnis genommen, der unter Leitung des Berner Volkswirtschaftsprofessors Aymo Brunetti verfasst wurde. Darin enthalten ist etwa die Empfehlung, die Positionierung des Schweizer Finanzplatzes im Ausland durch eine gute Koordination von Staat und Finanzbranche zu verbessern und gezielter über die Standortvorteile zu informieren. Diese strategische Stossrichtung ist vor dem Hintergrund des zunehmenden Wettbewerbs zwischen internationalen Finanzzentren zu sehen. Die Frage ist nun: Wie kann die Wettbewerbsfähigkeit eines Standorts gemessen werden?
Zu Beginn muss grundsätzlich geklärt werden, was ein Finanzzentrum ist.[1] Aus makroökonomischer Sicht ist dies eine Ortschaft oder eine Region, wo der Finanzsektor einen relativ hohen Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP), an der Gesamtbeschäftigung oder am Gesamtsteueraufkommen einnimmt. Aus mikroökonomischer Perspektive hingegen entspricht ein Zentrum einer räumlichen Ansammlung verschiedener der Branche zugehöriger Institutionen und Unternehmen: Das sind beispielsweise Börse, Aufsichtsbehörde und Zentralbank, aber auch Finanzdienstleister sowie Rechts- und Beratungsunternehmen.
Die Unterscheidung zwischen makro- und mikroökonomischer Ebene erlaubt eine genauere Betrachtung des Konzepts der Wettbewerbsfähigkeit: Einerseits gibt es den Wettbewerb zwischen einzelnen Finanzzentren und somit zwischen Standorten, andererseits konkurrenzieren sich einzelne Unternehmen. Beide Arten von Wettbewerb sind eng miteinander verbunden: So hat beispielsweise die Ausgestaltung der nationalen Regulierung eine grosse Wirkung auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit einzelner Finanzinstitute. Dabei ist denkbar, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen den inländischen Unternehmen eine strategische Differenzierung gegenüber ausländischen Mitbewerbern ermöglichen.
Über die letzten Jahre hat sich die Art und Weise, wie der Schweizer Finanzsektor an Wettbewerbsfähigkeit gewinnt, von einem quantitativen zu einem qualitativen Ansatz geändert: So geht es nicht mehr darum, dass der Finanzsektor einen möglichst hohen Anteil zur Erwirtschaftung des BIP beiträgt – eine Erkenntnis, die mittlerweile in mehreren Studien bestätigt wurde –, sondern dass dieser Anteil möglichst «optimal» ist. Begründet wird dies damit, dass ein überproportional wachsender Finanzsektor anderen Branchen u. a. personelle Ressourcen entzieht. Ein ausgewogener Mix an Branchen wirkt zudem den Gefahren eines einseitigen Wirtschaftsgefüges entgegen, das gegenüber dem Finanzzyklus und strukturellen Veränderungen anfälliger ist.
Staat kann Wettbewerbsfähigkeit beeinflussen
Die Wettbewerbsfähigkeit eines Finanzzentrums wird nebst den geltenden Rahmenbedingungen auch von dessen einzelnen Finanzinstituten und deren jeweiligen Stärke und Innovationskraft geprägt. Aufgabe des Staates ist es, für günstige Rahmenbedingungen zu sorgen – etwa für eine stabilitätsorientierte Regulierung sowie für ein faires und effizientes Steuerregime. Auch die Verfügbarkeit von qualifizierten Mitarbeitenden im Finanzsektor lässt sich staatlich beeinflussen, nämlich über ein hohes Engagement in Bildung und Forschung. Der Zugang zu den internationalen Finanzmärkten, die wirtschaftliche Offenheit und die Rechtssicherheit üben ebenfalls Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit aus. Dasselbe gilt für eine leistungsfähige Infrastruktur im Bereich des Transportwesens und des Zahlungsverkehrs. Letztlich sind auch weichere Faktoren wie die Kultur und die Sprache zu beachten. Oft dient die Bewertung von verschiedenen Faktoren einem Benchmarking und Ranking (siehe Kasten).
Räumlich-funktionale Verflechtungen als Gradmesser
Die im Kasten vorgestellten Benchmarks liefern bereits ein relativ gutes Abbild der unterschiedlichen Qualität einzelner Finanzzentren. Das wichtige Merkmal der räumlich-funktionalen Verflechtung zwischen Finanzplätzen wird aber nicht ausreichend berücksichtigt. Bessere Kenntnisse dieser Abhängigkeiten liessen es zu, die weltweite Bedeutung eines städtischen Finanzzentrums gezielter einzuschätzen und zu beurteilen. So könnte es interessant sein, die globalen Wertschöpfungsanteile einzelner Finanzzentren an den verschiedenen Geschäftsbereichen auszuweisen und/oder den Anteil sämtlicher finanzwirtschaftlicher Aktivitäten am gesamten Output eines Standorts zu ermitteln.[2] Hierzu versucht nun die noch relativ junge wissenschaftliche Disziplin Finanzgeografie einen Beitrag zu leisten. Sie befasst sich mit der Analyse räumlich-funktionaler Verflechtungen von Finanzplätzen und der Beziehungen zwischen deren verschiedenen Akteuren.
Globale Finanzzentren sind entstanden durch internationalisierte Finanzmärkte aufgrund des technologischen Fortschritts sowie der Deregulierung und Liberalisierung. Dadurch hat die Bedeutung des Kapitalmarkts zur (Re-)Finanzierung von Unternehmen und Staaten stark zugenommen gegenüber einer Mittelbeschaffung am Kreditmarkt bei den Banken. Entsprechend haben die Abhängigkeiten von ausländischen Marktentwicklungen zugenommen.
Der technologische Fortschritt hat zudem die Verflechtung zwischen globalen Finanzzentren wie London und New York und regionalen Finanzplätzen wie Rom und São Paulo ermöglicht. In diesen Netzwerken funktionieren die Zentren als «Hub» (Achse) und die kleineren Finanzplätze als «Spokes» (Speichen). Einfachere, standardisierte Aufgaben in der Wertschöpfungskette werden von den kleineren Finanzplätzen übernommen, die in diesem Bereich mit geringeren Kosten operieren können. Die grossen Finanzzentren fokussieren sich dabei auf diejenigen Komponenten, wo sie Mehrwert schaffen können, wie Front-Office-Tätigkeiten, Produktinnovationen usw. Dies zeigt: Globalisierung geht einher mit Dezentralisierung. Gegenwärtig gelten London und New York als die einzigen wirklich globalen Zentren. Ihre führende Position ist relativ stabil.
Zürich näher bei New York als bei Regensdorf
Räumliche und soziale Entwicklungsprozesse können sehr unterschiedlich verlaufen und lassen sich nicht abschliessend auf der Ebene des (geschlossenen) Nationalstaats verstehen. So profitieren von globalisierten Kapitalmärkten nie ganze Länder, sondern nur bestimmte Standorte und Bevölkerungsgruppen. Die Globalisierung vollzieht sich demnach nicht für alle homogen. Einerseits gibt es die globalen Orte: Kommandozentralen wie London und New York funktionieren als globale Pools von Humankapital und Talenten im Finanzbereich. Andererseits gibt es globalisierte Orte mit einer geringeren Entscheidungsmacht wie die Offshore-Zentren Bahamas, Monaco und die Kanalinseln Guernsey und Jersey. Dadurch entstehen Abhängigkeiten zwischen den globalen und den globalisierten Orten und eine zunehmende Unsicherheit bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklung. Deshalb müssen globale Orte auch stets mit einem Abstieg in die Peripherie rechnen. Zugleich bietet sich den globalisierten Orten die Möglichkeit eines Aufstiegs.
Grosse Finanzzentren sind nicht nur Knoten im Netz globalisierter Finanzmärkte, sondern auch konstituierende Elemente des internationalen Städtesystems: So gibt es starke Parallelen zu den «Global Cities», welche die Globalisierung vorantreiben. Um die Bedeutung einer Stadt innerhalb eines Netzwerks zu erfassen, können die Verbindungen abgeschätzt werden, die an einem Standort zusammenlaufen. Mögliche Indikatoren hierfür sind: Wie häufig wird ein Finanzplatz in den lokalen Medien anderer Städte erwähnt? Wie hoch sind die Flugbewegungen und -gastzahlen? Wie hoch ist die Präsenz der Niederlassungen global agierender Finanzdienstleister? Oft sind dabei die «Global Cities» untereinander stärker vernetzt als mit ihrem jeweiligen unmittelbaren Umfeld, was sich beispielsweise auch in der Entwicklung der (Miet-)Preise widerspiegelt. So betrachtet sind sich die Finanzplätze Zürich, London und New York näher als die Städte Zürich, Wetzikon und Regensdorf.
Vermögen aus Asien für Schweizer Banken wichtig
Zwischen Finanzzentren besteht ein ambivalentes Verhältnis: Einerseits sind kooperierende Beziehungselemente vorhanden, andererseits konkurrierende. Mit Blick auf Europa kooperieren die Finanzplätze etwa im Rahmen des «Roundtable of European Financial Centres» – eines informellen Netzwerks bestimmter EU-Finanzplätze zur Förderung nachhaltigen Wachstums. Auch verbinden Finanzdienstleister zur Herstellung und zum Vertrieb ihrer Produkte spezielle Tätigkeiten komplementär an verschiedenen internationalen Standorten. Wenn es hingegen um die Ansiedlung von Finanzinstituten, Holdinggesellschaften oder internationalen Organisationen geht, stehen diese Finanzzentren im Wettbewerb zueinander. Der Finanzplatz Schweiz hat sich bisher bei solchen Standortentscheiden erfolgreich behauptet.
Zahlreiche die Wettbewerbsfähigkeit beeinflussende Faktoren werden also auch vom Ausland mitbestimmt. Ein Beispiel ist das effektive Wachstum der globalen Privatvermögen. Diese Entwicklung könnte für den Schweizer Finanzplatz in seiner Funktion als grenzüberschreitendes Vermögensverwaltungszentrum einen Nettozufluss ausländischer Gelder sicherstellen. Die Schweiz verwaltet gegenwärtig weltweit am meisten grenzüberschreitende Vermögen, wobei rund die Hälfte aus Westeuropa stammt. Vermögenszunahmen finden in Westeuropa jedoch kaum mehr statt, sondern erfolgen vielmehr im asiatisch-pazifischen Raum, aber auch in Lateinamerika und Osteuropa. Dabei erscheinen in Asien nicht nur die prognostizierten Wachstumsraten der Privatvermögen am attraktivsten, sondern auch in absoluten Grössen betrachtet wirkt die Region anziehend. Die Schweizer Banken und Vermögensverwalter haben dies erkannt und berücksichtigen in ihren Strategien seit einiger Zeit vermehrt diese aufstrebenden Märkte.
Ziel einer hohen Wettbewerbsfähigkeit ist, dass die Finanzdienstleister ihre Produkte weltweit gewinnbringend verkaufen können. Damit leisten sie einen Beitrag an ein hohes Nationaleinkommen und einen hohen Lebensstandard für die Bevölkerung. In der Regel wird die Wettbewerbsfähigkeit von Finanzplätzen mehrdimensional gemessen, weil dies ein möglichst objektives Resultat gewährleistet. Da Finanzzentren stark mit dem Ausland verflochten sind, wären bessere Kenntnisse der grenzüberschreitenden Beziehungen erwünscht. Überwiegen eher die kooperativen oder die kompetitiven Seiten? Welche Muster gibt es für die verschiedenen Finanzplätze und Geschäftsbereiche? Eine vertiefte Bearbeitung solcher Fragen könnte wertvolle Erkenntnisse für die einleitend angesprochene Standortpromotion und ihre Wirksamkeit liefern.
- Finanzzentren können einen unterschiedlichen Wirkungskreis haben, d. h., sie können eher global und international oder eher national und regional geprägt sein.
- Gerade beim Geschäft der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung wären Wertschöpfungsanteile von Interesse, aber hierzu fehlen in der Schweiz die geeigneten Daten. Zum Anteil des Finanzsektors am gesamten Output siehe Studie AWA des Kantons Zürich; BAK Basel Economics. Finanzplatz Zürich 2014/15.