Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03657.jsonl.gz/2181

Aber zum Beispiel das grosse O ist ja immer sehr schön. Oder das sympathische, einfache I, und das sogar in gross und klein. Dafür sind mir das grosse Q und kleine g zu verschnörkelt. Aber am aller schlimmsten ist das ß.
Dafür gibt es viele Gründe. Und nicht nur ästhetische. Um einige dieser guten Gründe soll es im Folgenden gehen und darum, wieso es hier in der Schweiz keinen Platz für das Eszett hat.
Phänomen statt Buchstabe
Eigentlich ist das Eszett eher ein Phänomen als ein Buchstabe. Daher rührt es vielleicht auch, dass es mal als scharfes-S, mal als Buckel-S, mal als Eszett bezeichnet wird. Wo kommt es eigentlich her, was bringt es und wo soll es überhaupt hinführen?
Aber wie immer, bei wichtigen Argumentationen, muss jetzt auch erstmal ein bisschen Namedropping betrieben werden. Eigentlich fängt alles – wie so oft im westlichen Teil der Welt – 1450 bei Gutenbergs Erfindung des modernen Buchdrucks an. Damals hat man in gebrochenen Schriftarten gedruckt. Gebrochene Schriftarten, zum Beispiel Fraktur, sind all jene Schriftarten, die Unterbrechungen und erkennbare Richtungswechsel im Linienverlauf des einzelnen Buchstabens aufweisen.
Die heute hauptsächlich verwendeten Antiqua- und Grotesk-Schriften bestehen aus einer gleichmässig verlaufenden Linie. Um in den frühen Anfängen des modernen Buchdrucks die häufig auftretende Buchstabenkombination aus einem langen s, das damals „ſ“ geschrieben wurde und „z“, das mit einer verschnörkelten Unterschlinge geschrieben wurde, entstand die Ligatur „ſʒ“. Ligatur bedeutet so viel wie das Verschmelzen von zwei oder mehreren Buchstaben zu einer Glyphe. Man kann erahnen, wohin das führt: Nach etlichen Andersschreibungen und Wirrungen zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit wurde im 19. Jahrhundert dann aus dem „ſʒ“ das Antiqua-ß.
Man hört dem Eszett nicht an, was es ist
Aber wofür das alles? Und warum hat das Eszett so viele verschiedene Namen? Die Namensgebung des Buchstabens orientiert sich – im Gegensatz zu den Buchstaben des lateinischen Alphabets – an seiner Form und nicht an seiner Aussprache, denn das wäre sehr schwierig. Am ehesten trifft es dann vielleicht das scharfe-S. Denn eigentlich dient das ß zur Wiedergabe stimmloser s-Laute im Deutschen. Zum Beispiel nach betonten und langen Vokalen wie in dem Wort „Straße“ oder nach langen Doppelvokalen wie in „heißen“.
Und natürlich hat das ß seither einige Änderungen durchlaufen, aber das sprengt den Rahmen dieses Beitrags und ist, wie angekündigt, eigentlich auch nur „viel Lärm um nichts“. Shakespeare (Namedropping), von dem dieser Satz stammt, und seine Landsleute wären und sind bis heute übrigens verwirrt über diesen merkwürdigen Buchstaben, der nicht mal im Alphabet – geschweige denn in einer anderen Sprache – zu finden ist. Daher lesen viele Englischsprechende das ß einfach als grosses B, was hin und wieder für Verwirrungen sorgen kann, dann nämlich wenn aus „groß“ „groB“ wird oder aus „schießen“ „schieBen“. Aber nicht nur den Engländern bereitet das Eszett Kopfschmerzen. Der Diskurs um das ß ist zwar auch ein grammatikalischer – aber nicht zuletzt auch ein kultureller.
Das Ganze auch noch in gross
Die ersten Gespräche um die Normierung und Einführung einer grossen Variante des Eszett gab es schon vor rund 100 Jahren. Neuerdings, genauer seit Juni 2017, war es dann soweit.
ẞ
Das Aussehen des Buchstabens, als Mischform zwischen der der kleinen Variante des ß und dem grossen B, ist zwar fragwürdig, aber aus Sicht des internationalen Rats für Deutsche Rechtschreibung nun unbedingt notwendig. Wieso nochmal? Wörter, die mit Eszett beginnen, gibt es doch sowieso nicht. Aber ach ja, genau.
Die Werbung ist Schuld. Zum Glück nicht die Schweizerische. Sprachexperten haben nämlich festgestellt, dass in Deutschland gerade in der Werbung der Trend zur Versalien-Schreibweise enorm gestiegen ist. Bislang musste aufgrund des Nichtvorhandenseins des ẞ, ersatzweise auf das Doppel-S zurück gegriffen werden. In einem FAZ-Artikel dazu munkelt der Autor, ob die Einführung des grossen Eszett nicht in Wahrheit auch davon angetrieben wäre, dass sich die Deutschen aufgrund der historischen Korrektheit endlich vom SS trennen wollten. Aber das wäre ja nun wirklich ein ganz anderes Thema.
Aber es gibt – natürlich – auch etwas offensichtlichere Gründe. Beispielsweise konnten bislang Personen- und Ortsnamen auf Ausweispapieren nicht korrekt wiedergegeben werden. Hatte jemand ein ß im Namen, so wurde dieses kurze Hand auf den Ausweispapieren zu Doppel-S geändert. Aber das ist jetzt anders und da freuen sich Herr und Frau Mußtermann.
Ursprünglich – 1998 – bei der Rechtschreibreform, war übrigens etwas ähnliches, sozusagen, massgeblich ausschlaggebend. Ein entscheidendes Argument zum Erhalt des ß im Bundesdeutschen kam damals seitens des Zolls: Die Notwendigkeit „Masse“ besser von „Maße“ unterscheiden zu können. In der Schweiz hat man’s auch ohne überlebt. Sogar am Schweizer Zoll.
Kein Platz für's Eszett
Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Der Schweizer Sprachwissenschaftler Peter Gallmann findet gleich mehrere Gründe für die Absenz des Eszett im Schweizerdeutschen. Zum einen ist zu erwähnen, und das ist ein schriftgeschichtliches Argument, dass die oben genannte Antiqua-Schrift in der Schweiz bereits vollständig etabliert war, bevor in Deutschland die Glyphe des ß überhaupt entwickelt war. So sickerte das Eszett nie richtig ins Schweizer-Sprachfundament und wurde letztendlich 1938 auch vollends von den Schweizer Lehrplänen gestrichen.
Bücher und Zeitungen aus Schweizer Verlagen, die für den gesamtdeutschen Raum erscheinen, werden dennoch häufig mit ß publiziert. Das ist aber eher Ökonomie als Sprachgeschichte. Ein weiterer, sehr pragmatischer Grund ist die Schweizer Nähe zu Frankreich. Geografisch – und sprachlich. Ausserdem sehen aufgrund der Mehrsprachigkeit in der Schweiz die damaligen Schreibmaschinen und heutigen Computertastaturen anders aus als die Bundesdeutschen.
Da die Zahl der Tasten beschränkt ist, hat es einfach keinen Platz für das Eszett.
Runtergebrochen könnte man aber auch sagen: Wenn die Schweizer das ß für notwendig halten würden, würde man ein Plätzchen finden und so bleibt es eben das kleine – und groẞe – Problem des grossen Nachbarn im Norden.