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| Rufin von Aquileia (345–411/412) - Kommentar zum apostolischen Glaubensbekenntnis (Expositio Symboli)

6.
Es folgt nun: "Und an Christus Jesus, seinen einzigen Sohn, unsern Herrn."
Jesus ist ein hebräisches Wort, das so viel heißt, als Erretter. Christus kommt von Chrisma, d. h. von der Salbung mit Chrisma. Wir lesen nämlich in den Büchern des Moses, daß Auses, der Sohn des Nave, nach seiner Erwählung zum Führer des Volkes anstatt mit dem bisherigen, mit dem veränderten Namen Jesus benannt worden sei, um anzudeuten, daß dieses der Name sei, welcher den Fürsten und Führern zukomme, denen nämlich. die den kommenden Geschlechtern das Heil brächten. Deßhalb wurde auch Jener Jesus genannt, der das auserwählte Volk, nachdem es aus Ägyptenland herausgeführt war und die Irrfahrten des Wüstenzuges überstanden hatte, hineingeleitete in das Land der Verheissung. So heißt auch Der Jesus, welcher das Volk aus der Finsterniß der Unwissenheit herausgeführt, von den Irrthümern der Welt zurückberufen und eingeführt hat in das Reich der Himmel. Auch der Name Christus ist ein hohepriesterlicher oder königlicher Name. Denn vormals wurden sowohl die Hohepriester als die Könige mit chrismatischer Salbung geweiht. Aber Jene, als sterbliche und vergängliche Menschen, empfingen die Salbung einer [S. 32] vergänglichen Materie: Dieser aber ist der Gesalbte durch die Salbung des heiligen Geistes, wie die Schrift es von ihm sagt: "Den der Vater gesalbt hat durch den heiligen Geist, welchen er vom Himmel sandte." 1 Und Isaias hatte es vorherverkündet, indem er den Sohn sagen läßt: "Der Geist des Herrn ist auf mir, deßhalb, weil mich gesalbt hat der Herr und mich gesendet, frohe Botschaft zu bringen den Armen." 2 Da wir nun die Bedeutung des Namens Jesus, dessen, der das Volk errettet, und Christus, der zum Hohepriester geworden in Ewigkeit, entwickelt haben, so müssen wir folgerichtig jetzt zusehen, wer Derjenige ist, dem jene beiden Namen beigelegt worden. " An seinen einzigen Sohn," heißt es, " unsern Herrn." Wir entnehmen aus diesen Worten, daß der Jesus, von dem wir gesprochen, und der Christus, dessen Namensbedeutung wir erklärt haben, der einzige Sohn Gottes und unser Herr ist. Um den Glauben auszuschließen, als ob diese der menschlichen Sprache entlehnten Worte irgend etwas Irdisches bezeichneten, unterläßt das Glaubensbekenntniß nicht, beizufügen, daß dieser der einzige Sohn Gottes und unser Herr sei. Als Einer wird er von dem Einen gezeugt, wie auch das Licht einen Glanz ausstrahlt und der Geist den einheitlichen Gedanken erzeugt: die unkörperliche Zeugung zerfließt nicht in eine Vielheit der gezeugten Objekte, noch kann da von einer Theilung die Rede sein, wo Derjenige, welcher geboren wird, in keiner Weise von dem Erzeugenden sich lostrennt. Einzig ist er, wie der innere Sinn der Seele, der Gedanke des Geistes, die Tapferkeit des Starken, die Weisheit des Weisen. Denn wie der Vater allein vom Apostel der Weise genannt wird, so der Sohn allein die Weisheit. Einzig also ist der Sohn: und wenn er an Ruhm, Ewigkeit, Kraft, Herrschaft und [S. 33] Machtfülle das ist, was der Vater ist, so hat er Dieß alles doch nicht ohne Urheber, wie der Vater, sondern aus dem Vater als ebenbürtiger Sohn ohne Anfang: und wenn er selbst das Haupt von Allem ist, so ist doch sein eigenes Haupt der Vater. So nämlich steht es geschrieben: "Denn das Haupt Christi ist Gott." 3
1: Apg 10,38. – Vulg. (übereinstimmend mit Griech.): quomodo unxit eum Deus Spiritu sancto et virtute; - misso de coelis ist Zusatz Rufins.
2: Jes 61,1.
3: Vgl. 1Kor 11,3.