Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03196.jsonl.gz/827

Komplexität kann und soll man weder reduzieren, noch in die Umwelt auslagern, wie ich auch schon gehört habe. Das Gerede von der Reduktion der Komplexität ist ein Ammenmärchen. Komplexität haben wir als hochstehende raum-zeitliche Informationsstrukturen kennen gelernt, die unter vielen „Fluktuations- und Instabilitätsschmerzen“ geboren wurden und unter ständiger Aufbietung von Ressourcen genährt werden. Wer nun diese Strukturen „reduzieren“ will, ist in höchstem Masse destruktiv. Unsere ganze Welt – die Sterne, die Pflanzen, die Tiere, unser Gehirn – das sind alles hochkomplexe Strukturen. Will eine Unternehmung bestehen, muss sie einen immer höheren Komplexitätslevel erreichen. Alle organisatorischen Institutionen einer Unternehmung, die der Wettbewerbsfähigkeit dienen wie z.B. IT-Integration, Qualitätsmanagement, Supply Chains, etc., sind komplexe Strukturen. Wie kann man nur auf die Idee kommen, diese reduzieren zu wollen? Der Titel eines Buches lautet „Management von Komplexität – Ein integrierter, systemtheoretischer Ansatz zur Komplexitätsreduktion“. Das Buch habe ich zwar gekauft, weil so viele Widersprüche in einem einzigen Titel natürlich neugierig machen. Darüber hinaus ist es nur peinlich. Für mich ist die Komplexität die Seele eines lebenden Systems. Wenn jemand von Komplexitätsreduktion spricht, zucke ich buchstäblich zusammen, weil es mir weh tut.
Und wie steht es mit dem Auslagern von Komplexität? Was kann damit gemeint sein? Warum soll ich meine nützlichen Strukturen „auslagern“? Ich glaube, wer so spricht, der schlägt den Sack, wenn er eigentlich den Esel meint. Nicht die Komplexität soll ausgelagert werden, sondern etwas, das sich Entropie nennt. Das ist eine sehr unanschauliche Grösse, die Chaos und Unordnung misst. Sie ist in den fluktuativen und instabilen Phasen, also gerade während Projekten, am grössten. Systeme, die sich verändern, erzeugen Entropie. Können sie diese in die Umgebung exportieren, dann gelingt es ihnen, einen höheren Komplexitätsgrad zu erreichen. Wir können daraus eine Voraussetzung für Systeme ableiten, die wettbewerbsfähige Strukturen bilden können: sie müssen offen sein, um negative Entropie aus der Umgebung aufnehmen und Entropie an die Umgebung abgeben zu können. Unternehmen, die nicht offen sind – die z.B. ihre Produkte nach proprietären, geheim gehaltenen Standards designed haben und wenig kompatibel mit der Industrienorm sind – haben wenig Überlebenschancen. Wie sieht der Entropieexport in der Praxis aus? Wie wir gesehen haben, werden komplexe Systeme ständig von Energie-, Material- und/oder Informationsfluss durchströmt. Diese Flüsse erzeugen Drücke und Kräfte, die die Systemteile veranlassen, sich zu ordnen. Eine globale Ordnung nannten wir Mode, welche wiederum die Systemteile versklavt („Eschers Hände“). Damit die Mode aufrecht erhalten bleibt, muss das System laufend Energie, Material und Informationen dissipieren, also verarbeiten und von hochwertig zu niederwertig umwandeln1. Aus höherwertiger Energie wird Wärme, aus teurem Material wird Abfall und aus erstmaliger Information wird bestätigte Information. Wir erinnern uns an das Beispiel „Stadt“ eines komplexen Systems. Täglich werden z.B. hunderttausende von Kilowatt elektrischen Stroms in die Stadt herein gepumpt und verlassen sie als Wärme wieder, die in den Himmel hinauf steigt. Täglich kommen hunderte von Tonnen Nahrung herein und verlassen die Stadt in verdautem Zustand wieder. Täglich konsumieren hunderttausende von Leuten in Zeitungen und Fernseher News, die morgen schon wieder veraltet sind. Wenn sie morgen jemandem etwas erzählen, das heute passiert ist, wird er sofort die Aufmerksamkeit abziehen und gähnend bemerken, dass er das schon wisse. Das ist Entropieexport in praxi. Je fluktuativer und chaotischer das System während der instabilen Phase ist, desto mehr Entropie wird erzeugt und desto wertvoller kann die entstehende Struktur dann vielleicht sein. „Wertvoll“ ist hier so gemeint, dass die entstehende Struktur das Ziel der Veränderung trifft. Jantsch schreibt: Für den schöpferischen Aufbau einer neuen Struktur werden keine Kosten gescheut…Nur ein auf Sicherheit ausgehendes etabliertes System muss haushalten2.
Wenn Sie die Unbestimmtheit meinen, die es (während eines Projekts) zu reduzieren gilt, dann kann das insofern geschehen, als dass Sie dafür sorgen, dass immer sehr viel neue Information ankommt. Wir hatten das bereits im Beitrag Investieren Sie in Expertenwissen gesehen. Neues Wissen muss von Anfang an im Überfluss vorhanden sein.
Ein anderes oft gehörtes Ammenmärchen im Zusammenhang mit Komplexität ist die Behauptung, Gleichgewicht sei etwas an sich gutes, und es sei zu vermeiden, dass Systeme aus dem Gleichgewicht geraten. Das Gegenteil ist wahr. Gleichgewicht bedeutet Stillstand und Tod. Da geht nichts mehr. Nur was im Ungleichgewicht ist, kann sich verändern, kann sich verbessern und kann wachsen. Nur das Ungleichgewicht liefert die Spannung, die es braucht, um etwas in Gang zu setzen und zu halten. Denken Sie an eine Uhrfeder. Sobald diese im Gleichgewicht ist, steht die Uhr still. Die relative Stabilität zwischen den instabilen Phasen ist nicht zu verwechseln mit Gleichgewicht. Ein gesunder menschlicher Körper ist überhaupt nicht im Gleichgewicht, obwohl er relativ stabil ist. Ein gesundes Biotop ist ebenfalls weit weg vom Gleichgewicht. Nur so kann das Wasser sauber bleiben. Wenn es „kippt“, sagen die Leute, dass es aus dem Gleichgewicht geraten sei. In Tat und Wahrheit bewegt es sich dann zum Gleichgewicht hin. In Phasen relativer Stabilität ist ein System in einer Art dynamischen Gleichgewichts. Stellen Sie sich vor, auf einer Tennisanlage wären auf beiden Seiten 1000 Bälle am Boden und die beiden Spieler werfen ständig Bälle auf die andere Seite. Wenn beide gleich schnell werfen, dann befindet sich das System in einem dynamischen Gleichgewicht. Mal hat’s auf der einen Seite 1005 Bälle, mal 993, mal 1007, mal 998, etc. Möglicherweise meint man das dynamische Gleichgewicht, das eigentlich gar keines ist, wenn man von „Gleichgewicht“ spricht.
1Die hier dargestellten Zusammenhänge der Entwicklung von komplexen Systemen können Sie in einschlägiger Literatur zum Thema nachlesen, z.B. bei
Hermann Haken. Synergetik. Springer Verlag, 1982
Hermann Haken. Erfolgsgeheimnisse der Natur. Deutsche Verlags-Anstalt, 1981
Eine etwas neuere und ausgezeichnete Darstellung findet sich in
Christian Lapp. Darwinistische Evolutionstheorie und Theorie der Selbstorganisation von Materie: Widersprüchliche Zugänge zum Naturverständnis? Diplomarbeit an der Karl-Franzens Universität. Graz 2001
2Erich Jantsch. Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist. dtv. München 1982