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Tausende von Stämmen aus den riesigen Urwäldern des Landes liegen im Hafen Kinshasas am Ufer des Kongo in der brütenden Sonne. Kaum etwas bewegt sich in der feuchten Hitze. Erst wenn es Nacht wird in der 12-Millionen-Metropole, belebt sich der Umschlagplatz.
Schwere Lastwagen fahren vor, werden mit den wertvollen Stämmen beladen und verschwinden in der Dunkelheit. Viele der Trucks sind mit illegal geschlagenem Tropenholz unterwegs in Richtung Grenze. Einige fahren die vielen hundert Kilometer in den Sudan. Der Grossteil ihrer Fracht wird in China landen. Die asiatische Macht ist in wenigen Jahren zum grössten Abnehmer von kongolesischem Holz aufgestiegen. Reiche Chinesen lieben es, sich mit Mahagoni, Ebenholz oder Teak zu umgeben.
Der illegale und der legale Holzhandel spielen sich in Kinshasa parallel ab. Einzelne Beobachter sprechen von «Zuständen wie im Wilden Westen». Die schwarz gefällten Urwaldriesen werden dabei direkt unter den Augen des Umweltministeriums abtransportiert, das seine Büros nur einige hundert Meter vom Hafen entfernt hat – und unter den Augen von Lionel Nardon. Der mit einer Schweizerin verheiratete Franzose arbeitet seit November 2011 in Kinshasa.
Als Angestellter des börsenkotierten Genfer Prüf- und Inspektionskonzerns SGS übernimmt er im Kongo Aufgaben, die der Staat nicht erfüllen kann. SGS ist im Kongo sozusagen ein Staat im Staat, Nardon so etwas wie der oberste Holzpolizist im Kongo. Sein Job ist es, den blühenden Handel mit illegal gefällten Hölzern zu unterbinden. «Wir bauen ein System auf, das die Nachverfolgbarkeit jedes Stamms vom Urwald über den Transport bis zum Export sicherstellen wird», sagt Nardon. «Jeder Stamm wird einen Strichcode bekommen.» Zudem würden künftig bis zu hundert SGS-Inspektoren in den Regenwäldern des Landes unterwegs sein, um illegal geschlagene Stämme aufzuspüren und im Namen der Regierung zu beschlagnahmen. Selbst das Eintreiben der Waldsteuern kontrolliert SGS künftig für den kongolesischen Staat.
Nardons Aufgabe ist also immens. Im Kongo werden gemäss Schätzungen des Genfer Konzerns rund 400000 Kubikmeter Holz pro Jahr legal gefällt und als Stämme oder verarbeitete Bretter exportiert. Der illegale Teil ist aber um den Faktor zwölf grösser. Pro Jahr würden bis zu 5 Millionen Kubikmeter Tropenholz illegal gefällt und ins Ausland verschoben.
Einmal abgesehen vom ökologischen Schaden, der durch den unkontrollierten Raubbau entsteht, entgehen dem Kongo dadurch Steuereinnahmen in Millionenhöhe. Zudem wird eine der wichtigsten Ressourcen des Landes gefährdet. Dabei hat die Regierung grosse Pläne, um sich mit nachhaltigem Tourismus im zweitgrössten Regenwald der Welt eine Deviseneinnahmequelle zu erschliessen. Noch stehen dem grosse Hindernisse im Weg, etwa der anhaltende Krieg im Osten des Landes.
Doch der Wald soll nicht weiter ausgebeutet werden. «Die Regierung ist entschlossen, den informellen Sektor in die formelle Wirtschaft zu integrieren», sagt Nardon. «Ich spüre einen starken politischen Willen für eine bessere Wald-Governance. Insbesondere der neue Umweltminister und der Premierminister sind sehr engagiert.» Glaubt er an einen Erfolg? «Selbst wenn der Erfolg unseres Programms nicht eindeutig ist und es sehr schwer ist, den illegalen Holzhandel komplett auszurotten, muss man es versuchen», sagt Nardon. «Genau das tun wir.»
Das ist für Länder wie den Kongo wichtig, aber auch für die Abnehmer des Holzes. Unlängst wurde zum Beispiel der legendäre US-Gitarrenbauer Gibson empfindlich gebüsst, weil er für seine Instrumente Hölzer aus dem Schwarzhandel verwendete. Zudem konfiszierte der Staat in Gibsons Lager sämtliche Hölzer, die nicht nachweislich sauber waren.
Ins Geschäft mit dem Kongo kam die Genfer SGS, nachdem die Regierung den Auftrag für eine Überwachung des Holzsektors international ausgeschrieben hatte. Gestartet wurde das Projekt im Jahr 2010. Die bisherigen Vorbereitungsarbeiten kosteten rund 8 Millionen Dollar. Die Regierung Kongos finanzierte die Summe aus Krediten der Weltbank. Künftig aber soll sich das Projekt selbst tragen. Richtig loslegen will Nardon «in den kommenden Tagen». «Das Einzige, was uns noch fehlt, ist jetzt der Einsatzbefehl der Regierung. Wir sind bereit, sobald wir grünes Licht haben.»
Staatliche Kunden sind für SGS wichtig – nicht nur im Kongo. In Mexiko überprüft SGS Zolldokumente im Kampf gegen den Schmuggel. In Ghana treibt SGS Steuern ein. In Kamerun arbeitet der Genfer Konzern mit dem Wirtschaftsministerium zusammen, um wie im Kongo ein System der Nachverfolgbarkeit in der Holzwirtschaft zu realisieren. Ein ähnliches Projekt baut SGS auch in Papua-Neuguinea auf.
In Kamerun und Papua geht man allerdings weniger weit als im Kongo. Im Wesentlichen beschränken sich diese Projekte auf technische Hilfeleistung. Insgesamt erwirtschaftete SGS mit staatlichen Kunden im letzten Jahr einen Umsatz von 222 Millionen Franken. Gemessen am Gesamtumsatz von 4,8 Milliarden liegt der Anteil damit bei knapp 5 Prozent. Das Geschäft wächst aber rasant. Im ersten Halbjahr 2012 erreichte der Umsatz bereits 123 Millionen. Das entspricht einem Plus von mehr als einem Fünftel. Zudem sind die Deals mit den Regierungen sehr lukrativ. Die betriebliche Marge lag im ersten Halbjahr bei fast 23 Prozent, 2011 sogar leicht darüber. Die Sparte war damit die zweitbeste der zehn Konzerndivisionen.
Wachstumstreiber Afrika
In Afrika sind staatliche Kunden für SGS noch wichtiger als im Rest der Welt. Mit einem Anteil von über einem Viertel kommt der Löwenanteil des Umsatzes aus diesem Segment. Die Genfer sind in 37 Ländern des Kontinents präsent; rund 8000 Personen arbeiten zwischen Kairo und Kapstadt für SGS. Vier der zahllosen Übernahmen der letzten Monate (siehe Kasten) hat Konzernchef Chris Kirk in Afrika getätigt. In den letzten Jahren stieg der Umsatz um jeweils rund 30 Prozent. Afrika sei ein Wachstumsmarkt, sagt Kirk.
Darauf setzt auch Lionel Nardon in Kinshasa – und wartet auf das grüne Licht.
Übernahmen: SGS kaufte 2012 schon 17 Firmen
Mini-Übernahmen
Im Unterschied zu Kollegen bei anderen grossen Schweizer Firmen beschäftigt sich SGS-Konzernchef Chris Kirk nicht nur mit ganz grossen Deals, sondern auch mit Mini-Übernahmen. Diese Woche etwa kaufte SGS die kleine niederländische Ware Care mit einem Umsatz von 3,2 Millionen Euro und 29 Angestellten. Zum Vergleich: Als Konzern setzt SGS gegen 5 Milliarden Franken um und hat über 70000 Personen auf der Lohnliste.
Hohe Kadenz
Ware Care ist bereits die 17. Firma in diesem Jahr, die Kirk zukaufte. 2011 tätigte er 22 Übernahmen. Und die Pipeline des Briten ist weiterhin gut gefüllt, wie er kürzlich vor Analysten sagte. SGS kauft Technologien und Verfahren, die der Konzern noch nicht hat.