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Im 19. Jahrhundert bot die Geschichtsschreibung hinreichend Raum für die kultische Verehrung von historischen Persönlichkeiten. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel erkannte 1806 in Napoleon die "Weltseele zu Pferde", der schottische Historiker Thomas Carlyle sprach emphatisch von den "Heroen der Geschichte". Die Sehnsucht nach Größe und Bedeutung vermehrt indessen nicht die Größe und Bedeutung einer Persönlichkeit, sondern schreibt ihr diese nur zu. Auch Friedrich der Große – im Volksmund der "Alte Fritz" genannt – trägt keine Schuld an der postumen Bewunderung und Idealisierung. Der ehemals an der Universität Cambridge lehrende Historiker Tim Blanning legt eine umfangreiche Biografie zu dem König vor, der letzthin – mit dem Prädikat "der Große" versehen – von 1740 bis 1786 herrschte, von vielen verehrt wurde, von manchen Geschichtslehrern, aber auch von Militaristen und Monarchisten. Nicht wenige wertschätzen bis heute den kunstsinnigen Philosophen aus dem Hause Hohenzollern.
Blannings Darstellung bietet zwar keine Skandalgeschichten aus Preußen, aber eine Reihe von zumindest souverän präsentierten Enthüllungen, die bei einigen Lesern für Staunen, Verwunderung und Ernüchterung sorgen könnten. Die Homosexualität des preußischen Königs, auch seine angefochtene psychische Konstitution, mag zwar diskret angedeutet worden sein, hier wird sie offen präsentiert – aber ist das überraschend? Auch dass der verehrte Philosoph Platon homosexuelle Beziehungen pflegte, ist weithin bekannt, nur diskret behandelt worden, dasselbe gilt für die ausschweifend praktizierte Päderastie seines Lehrmeisters Sokrates.
Vernünftigerweise verzichtet der Autor mit Blick auf Friedrich auf orakelnde Mutmaßungen, deutet die Formen von konkreter Zuneigung, die Friedrich entwickelt und auch gründlich ausgelebt zu haben scheint, als Erweise emotionaler Bindungen, möglicherweise auch einer gewissen, virulenten Okkupation. So schildert Blanning, dass Friedrichs Empfindungen für den Kammerdiener Michael Gabriel Fredersdorf ungleich größer gewesen seien als für seine Gattin Elisabeth Christine. Fredersdorf hatte direkten Zugang zum König. Friedrich schwärmte für ihn. Blanning schreibt: "Obwohl es keine eindeutigen Belege für eine sexuelle Beziehung gibt (wie denn auch?), kann kein Zweifel daran bestehen, dass Friedrich eine große Zuneigung zu ihm gefasst hatte. … Nur einmal scheint Fredersdorf seine bevorzugte Stellung eingebüßt zu haben, nämlich als Friedrich ihn während seines Feldzugs zugunsten eines attraktiven Husaren aus dem Zelt wies. Der rätselhafte Selbstmord seines Rivalen brachte Fredersdorf bald wieder in Friedrichs Gunst zurück." Der junge König adressiert an den Diener leidenschaftliche Briefe. Diese seien so "intim", mit Blannings Worten gesagt – "wie man es vielleicht von einem zärtlichen Ehemann erwarten würde". Offensichtlich spiegelt dieses erotische Abhängigkeitsverhältnis die philosophischen Liebesarten wider, die auch in der Weimarer Klassik und im Zeitalter gehäuft auftraten. Die "sexuelle Orientierung" verband Friedrich mit Johann Joachim Winckelmann, der den König zwar "hasste" und als Despoten verachtete, aber wie dieser die Künste hochschätzte, ja sakralisierte. Friedrich errichtete einen "Schönheitstempel" für die Kunst, ein Opernhaus in Berlin: "Der Bau dieses autonomen Tempels der Künste war ein Vorbote einer Bewegung, die vor allem im deutschsprachigen Teil Europas große Strahlkraft entfalten sollte: der Sakralisierung der Kultur. Darunter ist die Emanzipation der Hochkultur von repräsentativen zu unterhaltenden Funktionen zu verstehen und ihre Erhöhung zu einem sakralen Akt, dem mit Andacht zu begegnen ist. Paradoxerweise lag dieser Sakralisierung ihr scheinbares Gegenteil: die Säkularisierung, zugrunde. Während traditionelle Formen der organisierten Religion im Rückzug begriffen waren, begann eine wachsende Zahl von Intellektuellen nach anderen Möglichkeiten metaphysischer und geistiger Erbauung zu suchen. Die Kunst wurde von einem Werkzeug zum Ruhme Gottes nun selbst in den göttlichen Stand erhoben."
Tim Blanning schildert hier Phänomene der Zeit eher allgemein, wenn auch möglicherweise allgemeinverständlich. Welche "traditionellen Formen der organisierten Religion" mögen gemeint sein? Der Leser darf spekulieren. Wer genau veranlasste den "Rückzug" unbestimmt bleibender "traditioneller Formen" der Religion? Wurden "Intellektuelle" von treuen Kirchgängern nun zu ungläubigen, aber kunst- und weltfrommen Ästheten? Der Leser bleibt mit seinen Fragen allein. Auch Friedrich favorisierte eine "Mischung aus sinnlicher Erfüllung und hochgeistigem Ästhetizismus". Das Opernhaus stellt Blanning als "städtische Kathedrale für Friedrichs Kunstreligion" vor: "An diesem Ort wurden grandiose liturgische Werke in Gestalt der großen Opern aufgeführt, die während der Karnevalssaison auf die Bühne kamen." So sorgte sich Friedrich zwar auch um die "Prunkentfaltung", achtete aber besonders darauf, dass nicht "Extravaganzen" vorherrschten, sondern auch eine Begegnung mit Kunst möglich wurde: "Eine visuelle, dramatische und klangliche Welt zu erschaffen, war ihm eine seelische Notwendigkeit." Nicht weniger engagiert, nicht weniger gewissen Notwendigkeiten folgend, führte Friedrich dann auch einige Kriege, die ebenso ausgiebig in ihrem Verlauf beschrieben werden.
Blanning widmet sich den preußischen Schlössern, beschreibt Sanssouci, dessen "Charme und Originalität" unübertroffen sei. Der Historiker schreibt zwar geschichtswissenschaftlich solide, aber auch essayistisch. Die Biografie ist überreich an Metaphern und Bilder. So spricht der Autor zuweilen feierlich von "Friedrichs Herzensprojekten". Zugleich finden sich Bemerkungen darüber, dass Grafen "ihm ein besonderer Dorn im Auge" gewesen seien. Tim Blanning stellt auch fest, "dass sein persönlicher Hofstaat sehr eigenwillige Züge trug". Mancher Leser fragt sich vielleicht: Muss ich das eigentlich wissen?
Das umfangreiche, imposante Werk über den preußischen König ist kenntnisreich erarbeitet. So entsteht ein persönliches, nahezu intimes und teilweise distanzloses Porträt Friedrichs, verbunden mit weitläufigen, zuweilen unbestimmten Betrachtungen zu der Epoche, in der er herrschte. Etwas kürzer hätte das Buch durchaus sein dürfen, sein können. Blannings opulentes Werk bezeugt vor allem die Faszination, die diese Gestalt der deutschen Geschichte noch immer – und nicht nur auf Historiker – ausübt.