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Viele Arten von Haien sind noch immer ein Mysterium für die Wissenschaft und gewähren nur selten Einblick in ihr geheimnisvolles Leben. Zu ihnen zählt ohne Frage auch der Grönlandhai (Somniosus microcephalus), der wohl einer der am wenigsten erforschten Haie ist. Bisher ist man davon ausgegangen, dass sich die zu den Schläferhaien gehörenden Fische vor allem in arktischen Gewässern des Nordatlantiks aufhalten. Gelegentlich werden sie auch weiter südlich beobachtet. Jetzt wurde bekannt, dass ein Grönlandhai in einer Region gesichtet wurde, wo man die Tiere wohl am wenigsten vermutet — bei Belize in der westlichen Karibik vor dem zweitlängsten Barriereriff der Erde. Der Bericht über die diese Entdeckung wurde kürzlich in der Fachzeitschrift Marine Biology veröffentlicht.
Die Doktorandin Devanshi Kasana von der Florida International University war eigentlich rund um das Glover’s Reef Atoll gemeinsam mit einheimischen Fischern unterwegs, um Tigerhaie (Galeocerdo cuvier) zu markieren. Als sie im Morgengrauen noch einmal die Leinen kontrollierten, entdeckten sie statt eines Tigerhais etwas, das aussah wie ein «länglicher, glatter Stein, der zum Leben erwacht war». Dies und weitere Merkmale wie die stumpfe Schnauze und die kleinen, blass-bläulichen Augen ließen das Team vermuten, dass es sich um einen Vertreter aus der Familie der Schläferhaie handeln muss.
«Zuerst war ich mir sicher, dass es sich um etwas anderes handelte, etwa um einen Sechskiemerhai, der aus den tiefen Gewässern vor Korallenriffen bekannt ist», sagte Kasana in einer Pressemitteilung. «Ich wusste, dass es etwas Ungewöhnliches war, und das wussten auch die Fischer, die in all den Jahren, in denen sie fischen, noch nie so etwas gesehen hatten.»
Nach dem Hinzuziehen von Damian Chapman, Direktor der Hai- und Rochenschutzforschung am Mote Marine Laboratory & Aquarium und Doktorvater von Kasana, und mehreren Experten für Grönlandhaie stand fest, dass er definitiv zur Familie der Schläferhaie gehört. Sie gehen davon aus, dass es sich aufgrund seiner Größe — zwischen drei und dreieinhalb Meter — höchstwahrscheinlich um einen Grönlandhai oder eine Kreuzung zwischen einem Grönlandhai und einem Pazifischen Schläferhai (Somniosus pacificus) handelt. Grönlandhaie wachsen extrem langsam und können mehrere hundert Jahre alt werden.
Die Experten nehmen nicht an, dass sich der Hai verirrt hat, sondern vermuten vielmehr, dass Grönlandhaie im gesamten Weltozean unterwegs sind und in wärmeren Regionen vor allem in größeren Tiefen, wo die Temperaturen niedrig sind. Gerade weil so wenig über die Art bekannt, kann nichts ausgeschlossen werden.
Die Gewässer, in denen Kasana und die Fischer den Hai fanden, sind recht tief. Das Glover’s Reef Atoll — Teil des Weltnaturerbes Glover’s Reef Marine Reserve, einem Meeresschutzgebiet — liegt auf einer Kalksteinplattform und bildet eine Lagune, die von einem Korallenriff umgeben ist. Entlang der Ränder des Atolls gibt es einen steilen Abhang, der von knapp 500 Metern auf 2.900 Meter Tiefe abfällt. Es gibt dort also durchaus kaltes Wasser, das Grönlandhaie zum Gedeihen brauchen.
«Ich bin immer aufgeregt, wenn ich meine Tiefseeangel auslege, weil ich weiß, dass es dort unten Dinge gibt, die wir in Belize noch nicht gesehen haben, aber ich hätte nie gedacht, dass ich einen Grönlandhai fangen würde», sagte Omar Faux, einer der Fischer in Belize.
Für den Fall, dass bei den Markierungsaktionen von Tigerhaien noch ein weiteres Mal ein Schläferhai anbeißt, hat der weltweit führende Experte für Grönlandhaie — Nigel Hussey, außerordentlicher Professor für Biologie an der Universität Windsor — dem Forschungsteam vier Satellitensender zur Verfügung gestellt, um mehr über die Verbreitung der Tiere zu erfahren.
Julia Hager, PolarJournal
Link zur Studie: Kasana, D., Martinez, H.D., Faux, O. et al. First report of a sleeper shark (Somniosus sp.) in the western Caribbean, off the insular slope of a coral atoll. Mar Biol 169, 101 (2022). https://doi.org/10.1007/s00227-022-04090-3