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Ihr Leben ist durchdrungen vom Sport, ihr Trainer hat noch mehr mit ihr vor. Ein Besuch bei Petra Vlhova, der Skirennfahrerin, die in letzter Zeit sogar schneller war als Mikaela Shiffrin.
Petra Vlhova fällt auf in der Fussgängerzone von Sterzing, einem Südtiroler Städtchen nahe dem Brennerpass. Sie hat Trainerhosen an und eine Jacke voller Sponsorenlogos. Und sie trägt zwei Drumsticks mit sich herum. Vlhova, die Weltmeisterin im Riesenslalom, ist unterwegs zu Giacomo, ihrem Schlagzeuglehrer, einem Mann mit rauer Stimme und ergrautem Rastazopf.
Jetzt sitzt Vlhova, 24, in einem schummrigen Keller hinter einem Schlagzeug. Sie macht die Übungen nach, die Giacomo ihr vorzeigt, der Blick fixiert die Instrumente, das Spiel wirkt ziemlich angestrengt. Als Drummerin ist Vlhova eine Anfängerin, es war wieder einmal so eine Idee von Livio Magoni, dem Cheftrainer ihres Privatteams.
Magoni ist 57-jährig und seit 36 Jahren Skitrainer, aber am Anfang lebte er nicht davon, sondern vom Schlagzeugspielen. Er hat einen siebenjährigen Buben, und als er ihm einmal im Schlagzeugunterricht bei Giacomo zusah, dachte er, das könnte etwas für Vlhova sein. «Ich denke ständig daran, was wir noch tun könnten, um das Optimum herauszuholen für Petra», sagt Magoni. Also spielt Petra Vlhova seit ein paar Wochen Schlagzeug, für die Koordination von Händen und Füssen, für das Rhythmusgefühl im Stangenwald.
Kostelic, Kostelic und Vlhova
Magoni möchte Vlhova zur besten Skirennfahrerin der Welt formen, zur Gesamtweltcup-Siegerin. Sollte das gelingen, wäre es vergleichbar mit der Erfolgsgeschichte der kroatischen Geschwister Janica und Ivica Kostelic, den bis heute einzigen Gesamtweltcup-Siegern, die keiner bedeutenden Skination entstammen. Petra Vlhova ist Slowakin, sie kommt aus Liptovsky Mikulas, einer Stadt mit gut 30 000 Einwohnern. Eine Dreiviertelstunde entfernt liegt Jasna, ein Skiort in der Niederen Tatra, wo die Eltern früher ein Restaurant hatten und wo Petra und ihr älterer Bruder Boris als Kinder immer Ski fuhren.
Der slowakische Verband ist klein und schwach, es gibt keine Strukturen, denen regelmässig Weltcup-Fahrer entspringen. Die Familie von Petra Vlhova orientierte sich an der Familie von Veronika Zuzulova, der die Karriere in einem Privatteam fünf Weltcup-Siege einbrachte. Vlhova hatte fünf Jahre lang einen slowakischen Privattrainer, jetzt arbeitet sie die vierte Saison mit Magoni.
«Als ich jung war, zahlte alles mein Vater», erzählt Vlhova. Sie hat sich an den Stubentisch gesetzt im Miethaus ausserhalb von Sterzing, das der Equipe als Winterbasis dient. Zum Kern des Betreuerstabs gehören Magoni, ein Assistenz- und ein Konditionstrainer, zwei Servicemänner und der Bruder Boris. Das Jahresbudget ist auf 300 000 bis 350 000 Euro angestiegen. Heute kommen primär Sponsoren dafür auf, früher war die Finanzierung ein Kraftakt.
Der Vater lag ständig im Clinch mit dem Verband, wegen fehlender Unterstützung. Er führt das Privatteam und noch eine andere Firma, eine eigene mechanische Werkstatt. «Gäbe es diese Firma nicht, wäre meine Karriere vielleicht längst zu Ende», sagt Petra Vlhova. Sie erlebte Zeiten, als nicht nur das Geld knapp war, sondern auch gute Resultate fehlten. Vlhova spürte, dass sie auf andere Weise unter Druck stand als ihre Konkurrentinnen. «Ich wusste ja, dass alles privat ist, dass die Leute um mich herum Geld kosten.» Das Privatteam stiess auf Missgunst, Vlhova und ihr Vater dachten ans Aufhören. «Aber ich hatte Ziele im Kopf, ich wollte die Beste sein.»
2014 wurde Vlhova Juniorenweltmeisterin im Slalom, 2015 gewann sie erstmals ein Weltcup-Rennen, 2019 einen ganzen Medaillensatz an den Weltmeisterschaften in Åre – und im Januar 2020 alle drei Slaloms oder Riesenslaloms. Vlhova ist zur grossen Rivalin der langjährigen Weltcup-Dominatorin Mikaela Shiffrin aufgestiegen. Die beiden sind Jahrgängerinnen, geboren 1995. Vlhova zeigt auf dem Handy ein Bild von einem internationalen Kinderrennen, zwei Mädchen mit einer Medaille um den Hals. Mikaela war Erste geworden, Petra Dritte, eine Hierarchie, die noch Jahre später galt.
Wenige Stunden nach dem Besuch der NZZ in Sterzing macht Shiffrin den Unfalltod ihres Vaters publik. Seither sind ihre Gedanken bei diesem Verlust, nicht bei Ranglisten und Rivalitäten. Der Todesfall relativiert die vorangegangenen Polemiken zwischen den beiden Lagern: Shiffrin, die sich beschwerte, weil Livio Magoni regelmässig ihre Trainings filmen liess; Vlhova, die in Flachau befand, Mike Day, der Headcoach der Amerikanerin, habe als Kurssetzer «alles gesetzt, was ich nicht mag»; Magoni und Day, die sich überwarfen.
Am Wochenende finden in Kranjska Gora ein Riesenslalom und ein Slalom statt. Shiffrin hat noch kein Signal ausgesandt, wann sie wieder Rennen fahren wird. Sie führt im Gesamtweltcup noch 145 Punkte vor Federica Brignone und 334 Punkte vor Vlhova. Es sind tragische Umstände, die den Wettstreit um die grosse Kristallkugel spannend machen. Für Vlhova ist der Sieg im Gesamtweltcup eigentlich noch gar kein Ziel in diesem Winter, sie will erstmals eine Disziplinenwertung für sich entscheiden. Vlhova hatte Anlaufschwierigkeiten, das Sommertraining war krankheitsbedingt schlecht verlaufen.
Livio Magoni sieht in dieser Saison einen Probelauf. Vlhova fährt neuerdings auch viele Speed-Rennen, und das bereits auf Top-Ten-Niveau. Magoni traut ihr zu, im nächsten Winter alle Rennen zu fahren, es wäre ein monströses Programm, aber Magoni führte mit dieser Strategie schon einmal eine Athletin zum Gesamtsieg: Tina Maze, die Slowenin, die 2013 auch den Punkterekord aufstellte.
Tennis, Kajak und Motocross
Es ist ein Plan, der Vlhova schon jetzt viel abverlangt. Zum Beispiel, dass sie während der Saison nach Sterzing zurückkehrt statt in die Heimat, wegen der besseren Lage und der besseren Trainingsbedingungen. «An Weihnachten waren die Familie und mein Freund hier, am Abend assen wir zusammen, am nächsten Morgen konnte ich Ski fahren wie an einem normalen Trainingstag.»
Magoni ist in der Gegend daheim und bestens vernetzt. Er scheut keinen Aufwand, um in Ladurns oder am Rosskopf Trainingspisten zu präparieren, mit einem dicken Wasserschlauch in der Hand, damit die Unterlage zu einer Eisbahn gefriert. Neben dem Skitraining setzt er auf Abwechslung, aber das Skifahren hat er immer im Hinterkopf. Wenn Vlhova Tennis spielt, dann so, dass sie vor allem Seitwärtsbewegungen ausführen muss – und Rückhandschläge, wegen der Torsion des Oberkörpers. Solche Bewegungen sind artverwandt mit denen beim Slalomfahren. Vlhova paddelt deshalb auch im Kajak. Sie fährt Motocross, das fördert die instinktive Linienwahl. Sie läuft Schlittschuh, das soll beim Beschleunigen nach dem Start helfen. Im vergangenen Frühling wollte sie einen Triathlon über die halbe Ironman-Distanz absolvieren, doch ein Virus hinderte sie an der Teilnahme.
Wie sehr der Sport dieses Leben durchdrungen hat, wird im Südtiroler Miethaus augenfällig. Die Garage ist ein Skiraum, in der Küche türmen sich Bidons mit Nahrungsergänzungsmitteln, in der Stube stehen ein Spinning-Velo und eine Massagebank, überall hängen und liegen Sportutensilien.
Sterzing ist der Ort für den totalen Fokus auf die Skikarriere. Vlhova sagt, nach den WM-Erfolgen sei es etwas schwierig geworden zu Hause: «Ich habe keine Ruhe mehr, weil ich jetzt ein bisschen berühmt bin.» Der Assistenztrainer erzählt eine Episode von einer Raststätte, wo ihr jemand bis in den Toilettenraum gefolgt sei für ein Selfie.
Livio Magoni möchte, dass Petra Vlhova fortan das ganze Jahr in Italien trainiert, bei ihm und den Spezialisten seines Vertrauens. Die Athletin zögert, sie schwärmt von der Heimatstadt und sagt: «Sterzing ist gut, aber daheim fühle ich mich in der Slowakei.» Magoni glaubt: «Wenn sie dem Weg folgt, den ich ihr zeige, wird sie im nächsten Winter schwer zu schlagen sein.» Aus ihm sprechen die Ruhe und die Überzeugung eines Mannes, der weiss, wie das geht: den Gesamtweltcup gewinnen. Aber Magoni weiss auch, wie hoch seine Ansprüche sind. «Es ist wirklich hart, man nimmt ein Jahr ihres Lebens und sagt: ‹Okay, wir versuchen es und schauen, was passiert.› Vielleicht will das Petra nicht.»
Aufwand, Stress und Druck
Gesamtweltcup-Sieger sind oft extrem, das Unterfangen fordert ihnen alles ab. Marcel Hirscher sagte 2014 in einem Interview mit der NZZ: «Das kann man nicht zehn Jahre durchhalten, mit diesem Aufwand, diesem Stress, diesem Druck. Dafür sind Menschen nicht gemacht.» Hirscher hielt acht Jahre durch, acht Gesamtsiege in Serie, bis zum Rücktritt im vergangenen Sommer.
Als die zweifache Gesamtsiegerin Anna Veith 2016 von der «NZZ am Sonntag» auf Hirschers Zitat angesprochen wurde, sagte sie: «Ich sehe das ganz ähnlich. Und ich glaube, dass meine Verletzung nicht ohne Grund passiert ist. Wir müssen körperlich und mental sehr viel aushalten.»
Ein Jahr später wurde Lara Gut von der gleichen Zeitung gefragt, ob die Belastung im Weltcup zu gross sei. Sie antwortete: «Diesen Sommer habe ich mit Tina Maze und Anna Veith darüber gesprochen. Wir haben alle drei den Gesamtweltcup gewonnen und dabei festgestellt, dass wir irgendwann kraftlos und leer waren. Was sollen wir tun? Die FIS fragen, ob sie uns eine Verletzungspause wegen eines Burnouts gewährt?»
Petra Vlhova sagt, nicht nur ihr Trainer sei ein Perfektionist, sondern auch sie. «Livio weiss, dass ich die Beste sein kann. Da will er mich hinbringen. Ich hoffe, wir schaffen es bald.»