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«Entschuldigen Sie bitte», spreche ich die Frau vom Schalter an, die gerade durch eine Tür in den Warteraum getreten ist. «Wir haben gleich einen Termin und ich müsste noch ein Dokument ausdrucken und ein weiteres kopieren...». «Hier können Sie nicht drucken», unterbricht sie mich. «Ok. Aber ich müsste auch noch ein Dokument kopieren. Und da hinten steht ein Kopierer, über dem ein Schild mit der Aufschrifthängt. Der Kopierer ist am Strom angeschlossen, lässt sich aber nicht anschalten», erkläre ich ihr mein Anliegen. Sie schaut mich kurz an und sagt dann: «Kopieren können Sie nur am Morgen.» Dann geht sie weiter. Da ist es wieder: Dieses Gefühl von Ohnmacht. Mir kommt nicht ein vernünftiger Grund für diese Regel in den Sinn. Trotzdem weiss ich, dass Nachfragen nichts bringt. «Das ist halt so», «Das habe nicht ich entschieden», «Das steht im Dokument, das Sie erhalten haben», lauten die Antworten, die keine sind. Manchmal gibt es noch einen bedauernden Blick dazu, nämlich wenn die Person den Sinn einer Weisung selbst nicht nachvollziehen kann. Ich habe das Gefühl, ein Spiel zu spielen, bei dem meine Spielpartner*innen nach Belieben neue Regeln erfinden, um mich dann immer auf ein neues Regelbuch zu verweisen. Wer hätte da noch Lust, mitzuspielen? Aber zum Spielen sind wir sowieso nicht da. Heute ist der erste Termin von Amélie beim Sozialdienst Bern, einen Monat, nachdem wir mit der Anmeldung begonnen haben. Die Anmeldung sollte der erste Schritt aus ihrer vertrackten Situation werden. Stattdessen folgte ein administrativer Spiessrutenlauf, der mich dazu veranlasst hat, diesen Artikel zu schreiben.
Probleme über Probleme
Seit über fünf Jahren ist alles, was ich Amélie wünsche, eine kurze Verschnaufpause von ihren Problemen. Stattdessen wechseln sich die Probleme ab, wenn es darum geht, ihr Kopfzerbrechen zu bereiten. Mal dringt das eine an die Oberfläche, dann das andere. Je nach Situation lösen sie sich ab oder verstärken sich gegenseitig. Wenn sich alle Probleme gleichzeitig bemerkbar machen, werden sie zu einem unüberwindbaren Berg, einem Tunnel ohne Ende oder einem Waldbrand mit unzähligen Brandherden. Dann springen die Gedanken von Amélie von einem Problem zum anderen, um sich schliesslich nur noch im Kreis zu drehen. Wenn das geschieht, schafft sie es nicht, aus dem Bett zu kommen. Sie sagt, dass die Probleme sie erdrücken. Sofern sie am Nachmittag aufsteht, nimmt sie sich viel vor, aber bringt nichts zustande. Dadurch fühlt sich noch schlechter. Also räumt sie ihr Zimmer auf, manchmal mehrmals pro Woche. Und trotzdem habe ich ihr Zimmer noch nie in einem ordentlichen Zustand gesehen. Bei der Niedergeschlagenheit von Amélie handelt es sich um ein neues Problem. Eine Art Resignation ab dem jahrelangen Kampf gegen die nie endenden Existenznöte und familiären Schwierigkeiten. Ich bin mir noch nicht sicher, ob dieses Problem mit den anderen zusammen verschwinden würde, oder ob es schon ein Eigenleben führt. Aber was bringt diese Frage schon? Solange die anderen Probleme da sind, lässt sie sich sowieso nicht beantworten.
Ende Juli dieses Jahres haben sich die Probleme einmal mehr angestaut. Sie mit all ihren Ursachen und Zusammenhängen ausführlich zu beschreiben, sprengt den Rahmen dieses Erfahrungsberichtes. Hier soll es nur um die finanziellen Probleme gehen. Einerseits betreffen sie alle anderen Probleme, andererseits haben sie über die Jahre wohl die meisten Spuren hinterlassen, in sozialer als auch psychischer Hinsicht. Ganz ohne Kontext geht es aber nicht, deshalb fasse ich Amélies Situation kurz zusammen. Zu den finanziellen Problemen gesellten sich noch weitere: Die familiär bedingten Sorgen nahmen im August neue Dimensionen an, Amélie litt wegen ihres Studiums unter grossen Versagensängsten und fühlte sich in ihrer WG in Biel überhaupt nicht wohl. Bevor sie dorthin gezogen war, wohnte sie für einige Monate bei mir, weil sie sich keine Miete leisten konnte. Da zwischen uns unklar ist, ob und wie es weitergehen soll, zog sie im Mai dieses Jahres aber wieder aus.
Offene Krankenkassenrechnungen, Mietrückstände, gesperrtes Handy
Aber nun zu den finanziellen Problemen: Das obligatorische Masterpraktikum in einem Berner Museum gefiel Amélie sehr, war aber anstrengend. Vor allem half es ihr, die finanziellen Probleme eine Zeitlang zu verdrängen. Gelöst waren sie aber nicht. Der Praktikumslohn reichte nicht aus, um ihre laufenden Ausgaben zu decken. Ihrem anderen Job konnte sie in dieser Zeit kaum nachgehen, ausser sie musste am Wochenende im Museum arbeiten. In diesem Fall nutzte sie ihre freien Wochentage für ihre andere Arbeit. Mit ihrem Lohn öffnete Amélie Rechnungen, Mahnungen und Betreibungen schon gar nicht mehr, sie verschwanden im Chaos ihres Zimmers. Hilfe suchte sie sich schon seit Langem keine mehr. Einerseits aus Unwissen, dass und wo sie Anspruch darauf hätte, andererseits aufgrund negativer Erfahrungen in der Vergangenheit. Das einzige Mal, als sie sich während einer akuten Notlage an einen Sozialdienst wandte, wurde ihr gesagt, als Studentin müsse sie Stipendien beantragen. Das stimmt zwar. Was aber auch stimmt, ist, dass Sozialdienste dazu verpflichtet sind, Überbrückungshilfe zu leisten. Als sie nämlich 2013 Stipendien beantragte, bekam sie erst nach mehreren prekären Monaten eine negative Entscheidung mit dem Angebot, ein zinsloses Darlehen aufzunehmen, für welches sie derzeit betrieben wird. Wenn ich ihr jeweils half, schämte sie sich abgrundtief, egal wie sehr ich ihr zu erklären versuchte, dass auch ich für meinen Lebensunterhalt von meinen Eltern abhängig war und sie für ihre Situation ja nichts könne. Dass es zwischen uns nicht mehr gut lief, machte es in der letzten Zeit verständlicherweise noch schwieriger für sie, Hilfe anzunehmen, so sehr wir versuchen, diese Dinge zu trennen. Gleichzeitig schien sie selbst keinen Ausweg aus ihren Problemen mehr zu sehen. Und so rutschte sie nach dem Wegfall des Praktikums langsam in einen depressiven Zustand ab. Zu diesem Zeitpunkt konnte sie seit drei Monaten ihre Krankenkassenprämie nicht mehr bezahlen, hatte Mietrückstände, ein gesperrtes Mobilabonnement und wurde vom kantonalen Steueramt und der Krankenkasse betrieben. Hinzu kamen weitere unbezahlte Rechnungen wie die Immatrikulationsgebühren, die ungeöffnet in ihrem Zimmer herumlagen. Also erkundigte ich mich in meinem Umfeld, auf welche Unterstützung Amélie denn Anspruch hätte und bot ihr an, sie zum Sozialdienst zu begleiten.
Hier geht es zum zweiten Teil des Textes.