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Franco (Name geändert) ist ein ungewöhnlich ernstes Kind. Beim Sprechen fällt seine grosse Vernunft auf; er hört sich wie ein kleiner Erwachsener an. In der Mimik des Fünftklässlers erscheint kaum je ein entspanntes Lachen.
Franco hat nur wenige Spielkameraden. Wenn er nicht in der Schule ist, steckt er fast immer zu Hause. Er ist der enge Vertraute und Verbündete seiner Mutter. Sie erzählt ihm oft von ihren Konflikten mit der Schwiegermutter. Diese gab ihr von Beginn weg zu verstehen, dass sie mit der Haushaltsführung nicht einverstanden sei. Ihr Sohn hätte eine bessere Frau verdient, warf sie ihr im Streit an den Kopf.
Francos Mutter fühlte sich in der Familie ihres Mannes nie akzeptiert. Mit ihrem Mann kann sie nicht darüber sprechen. Er ist sehr loyal gegenüber seiner eigenen Mutter und vermeidet es, Stellung zu beziehen. Die Ehefrau hat den Eindruck, ihr Mann entziehe sich ihr. In der Folge klagt Francos Mutter ihrem Sohn von den Sticheleien seiner Grossmutter. Dieser fühlt sich hin- und hergerissen: Er mag seine Oma, spürt aber auch, wie unglücklich seine Mutter ist. Er tröstet sie, wenn nach kleinlichen Nörgeleien der Schwiegermutter wieder mal die Tränen fliessen.
Kinder können in bestimmten Lebenssituationen zu Tröstern, Ratgebern und engen Vertrauten eines Elternteils werden. Beispielsweise dann, wenn die Eltern mit dem Leben und ihrem Alltag überfordert sind, wenn sie Probleme mit Suchtmitteln haben oder psychisch labil sind. Söhne können in eine sehr enge Bindung zur Mutter geraten, wenn sich Väter distanzieren und die Wünsche ihrer Partnerinnen nach Nähe vernachlässigen. Sie wachsen unter Umständen in die Rolle eines «Muttersöhnchens» hinein, das von anderen Kindern gehänselt wird. Dadurch klammern sie sich noch stärker an die Mutter.
Nicht immer sind es Söhne, die zu Ersatzpartnern werden: Auch einsame Väter binden gelegentlich ihre Töchter zu sehr an sich. Diese fühlen sich in der Rolle als Vertraute des Vaters besonders geehrt, sie fühlen sich als eine Art Prinzessin. Ihr Selbstbewusstsein erfährt dadurch eine besondere Stärkung. Gelegentlich wird die Zuwendung des Kindes auch mit grosszügigen Geschenken «erkauft».
Die Sonderrolle ist ungünstig für die soziale Entwicklung. Werden Kinder zu einer Art Ersatzpartner, ist dies oft die Folge einer schwierigen Lebenssituation und einer grösseren Lücke im Gefühlsleben eines Elternteils, welche der Sohn oder die Tochter ausfüllen soll. Normalerweise pflegen Mütter und Väter mit ihren Kindern einen fürsorglichen Umgang. Wenn aber ein Elternteil seinerseits dauerhaft auf die Fürsorge eines Kindes angewiesen ist, gerät die natürliche Eltern-Kind-Balance in Schieflage.
Erfahrungen als Ersatzpartner können zu nachhaltigen Entwicklungs- und Verhaltensstörungen führen, die sich bis ins Erwachsenenalter bemerkbar machen.
Betroffene Kinder werden etwa beim Bilden eigener Partnerschaften von ausgeprägten Ängsten erfasst. Ihre Fähigkeit zu zwischenmenschlichen Bindungen ist eingeschränkt. Auslöser sind die belastenden emotionalen Verwicklungen aus der Kindheit. Die Betroffenen trauen ihren eigenen Gefühlen nicht. Sie setzen Liebe mit unentrinnbarer Abhängigkeit gleich.
Nähe zu einem Menschen setzen die Betroffenen gleich mit Klammern und hohen Ansprüchen, die sie nicht erfüllen können. Sie wahren daher stets eine gewisse Distanz oder brechen Beziehungen rasch ab, um nicht wieder in Gefühlsbedrängnis zu geraten. Andere Betroffene geraten an Partnerinnen und Partner, die psychisch sehr instabil sind. Damit wiederholen sie unbeabsichtigt jene Beziehungserfahrung, die sie mit ihrer Mutter oder ihrem Vater erlebt haben.
Auch Verhaltensauffälligkeiten, psychosomatische Leiden, Suchterkrankungen, starke Schwankungen im Selbstwertgefühl oder depressive Verstimmungen sind mögliche Spätfolgen einer symbiotischen Eltern-Kind-Beziehung. Es sind auch Einzelfälle von Suizidneigung bekannt, weil sich die Betroffenen in ihrer Rolle gefangen fühlen. Sie spüren, dass es der Mutter oder dem Vater sehr schlecht geht, wenn sie beginnen, ihr eigenes Leben zu leben. Diese inneren Konflikte können auf Dauer zermürben.
Kinder sind kleine Entdecker, die nach und nach die Welt ausserhalb des Elternhauses erkunden wollen. Auf diese Weise entwickeln sie ihre Eigenständigkeit und finden zu ihrer Rolle im Leben. So bauen sie Kontakte zu Nachbarskindern und zu Schulkamerad*innen auf. Manche Beziehungen sind von kurzer Dauer, andere halten über Jahre. Zwischenmenschliche Fähigkeiten können bereichernd, beglückend und inspirierend –, aber auch enttäuschend und verletzend sein. Beziehungsfähigkeit wird vor allem über praktische Erfahrung entwickelt. Dazu braucht es möglichst viele Gelegenheiten.
Gesellige Kinder lernen, mit unterschiedlichen Temperamenten und Mentalitäten umzugehen. Wenn Kinder jedoch eng an einen Elternteil gebunden sind und dadurch kaum Kontakt zu Gleichaltrigen haben, können sie ihre zwischenmenschlichen Fähigkeiten wenig erproben. Sie erhalten zudem wenig Resonanz und Inspiration, die sie weiterbringen. Sie bleiben gewissermassen auf einem kindlichen Entwicklungsstand stehen und wachsen nicht in ihr eigenständiges Leben hinein.
Wird die natürliche Hierarchie zwischen Eltern und Kindern umgedreht, kann dies bei den Beteiligten zu Gefühlsverwirrung führen. Aufgrund ihrer noch sehr geringen Lebenserfahrung können Kinder viele Zusammenhänge nur beschränkt einordnen und noch keinen eigenen Standpunkt einnehmen.
Bei Söhnen und Töchtern, welche in die Rolle des sehr engen Vertrauten der Mutter oder des Vaters hineinrutschen, spielt öfter das sogenannte Syndrom der «Eltern-Entfremdung» eine Rolle, auch «Parental Alienation Syndrom» (PAS) genannt.
Damit ist das Sabotieren der Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil gemeint, meist aufgrund einer Trennung oder Scheidung. Das Motiv ist oft Rache der Mutter oder des Vaters für Enttäuschungen und Verletzungen im Zusammenhang mit dem Scheitern der Elternbeziehung.
Mit heimtückischen Äusserungen wie «Wenn du jetzt zu deinem Vater gehst, siehst du mich nie wieder» oder «Hättest du mich wirklich lieb, würdest du jetzt bei mir bleiben» wird versucht, die Tochter oder den Sohn zu beeinflussen. Dieses Wecken von Ängsten ist eine Methode, um das Kind an sich zu binden.
Eine weitere ist das permanente Schlechtmachen des anderen Elternteils und dessen Angehörigen, etwa mit Sätzen wie: «Dein Papa ist ein Versager und deine Oma hat dich gar nicht wirklich lieb.» Auf diese Weise soll das Kind gezielt aus dem Beziehungsgeflecht herausgelöst werden. Experten sprechen gar von einer «Gehirnwäsche», welcher die Kinder zum Teil unterzogen werden. Die Folgen sind für die kindliche Psyche fatal.