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Die ersten Ganzsachen der Schweiz ( I )
Briefumschläge der Genfer Kantonal-Post 1846/48, ZU-Nr. 07
In französischer Sprache erschien dieser Artikel bereits in SBZ 12/1980 und 1/1981 im Rahmen der Studie über die Kantonalmarken (Titel: "Etüde sur les timbres de la poste cantonale, 1.4. Cinquieme timbre emis").
In seiner Rede im Grossen Rat vom 22. Mai 1843 verlangte der Abgeordnete de Candolle die Einführung von Briefmarken (Frankozettel) für die kantonale Post und sah diese Ganzsachen bereits voraus, indem er ausführte: ". . . und die Verkäufer von Briefpapier kleben die Briefmarke zum voraus auf die Briefumschläge, welche sie dann unter Zuschlag des Briefmarkenwertes verkaufen"
Die Ausführung wurde alsdann tatsächlich vereinfacht, indem die Briefmarke als Wertstempel auf den Umschlag gedruckt wurde! Es war die Geburtsstunde der ersten Ganzsache der Schweiz (und des Kontinentes) nach England.
Wie in ändern Ländern anlässlich der Einführung der Briefmarken, so hatte auch die Genfer Bevölkerung grosse Mühe, sich an diese Art der Portobezahlung zu gewöhnen. Um dem Publikum diese neue, für die Post viel praktischere Weise schmackhaft zu machen, wurde der Verkaufspreis der Marke von 5 auf 4 Centimes reduziert. In diesem Sinne wurden auch Briefumschläge mit aufgedrucktem Wertstempel vorgesehen.
Im Protokoll der Sitzung des Finanzdepartementes vom 9. Dezember 1845 ist zu lesen:
"Der Herr Präsident erwähnt, dass neben den kleinen Marken zu 4 Centimes, was dem Porto von 5 Centimes für den Kanton entspricht, auch zwei verschiedene Grossen von Briefumschlägen zur Verfügung stehen. Diese Umschläge kämen der Postverwaltung auf 5 Franken das Tausend zu stehen, d.h. 50 Centimes pro hundert Stück. Hinzuzufügen wären noch die Kosten für das Anbringen des Wertstempels, was einem Preis von 5 Centimes das Stück entspräche."
Eingesehen obenstehender Rapport.
Das Departement beauftragte den Präsidenten:
1) zehntausend Briefumschläge zu kaufen,
2) den zum Bedrucken der Briefumschläge nötigen Wertstempel anzufertigen,
3) die mit dieser Frankatur versehenen Umschläge zum Preise von 5 Centimes zu verkaufen. Diese Briefumschläge mit einem Briefmarkenwert von 5 Centimes wurden ohne Rabatt verkauft, um so den Einkaufspreis des Briefumschlags und das Aufdrucken des Markenwertes zu kompensiere.
Die Zeitung "Le Federal" teilte am
27. Februar 1846 mit: "Um denjenigen Personen, die ihre Briefe mit der kleinen Post (petite poste) frankieren wollen, die Arbeit zu erleichtern, hat das Finanzdepartement grosse, mittlere und kleine Umschläge herausgegeben, versehen mit dem Wertstempelfür die Lokalpost. Diese Umschläge sind bei der Post und bei Herrn Wessel, Grand-Rue, erhältlich. "
Diese gelblichen Umschläge wurden in drei Grossen hergestellt: Die Breite war bei allen Umschlägen gleich, nämlich 140 mm. Lediglich die Höhe war verschieden: 55 mm, 75 mm und 111 mm.
Fulpius fand einen total abweichenden Umschlag, und zwar mit den Massen 88 x 55 mm, aus weissem, glasiertem Papier und mit aufgedrucktem gelblichem Wertstempel. Die umgeschlagene Klappe ist abgerundet und mit rotem Siegellack versehen. Das Stempel-Datum ist der 15.6. 1847. Der Wertstempel ist durch eine rote Rosette AW Nr. l/A/2 entwertet. (Abb. 2) Es existiert ebenfalls ein Ausschnitt dieses neu (1952) entdeckten Briefumschlages.
Die Papeterie Wessel lieferte am 5. Februar 1846 an Ch.A. Schmid neue Umschläge. Dies ist durch eine Faktura über Fr. 228.85 für 40.000 Exemplare belegt, die am 6.3.1846 beglichen wurde. Diese Faktura gibt keinerlei Auskunft über die verschiedenen Grossen (klein, mittel oder gross).
Aber auch in diesem Falle wurde die Postverwaltung enttäuscht: das Publikum war von der Neuerung nicht begeistert und diese Umschläge fanden nur spärlichen Absatz. Und dies ganz einfach deshalb, weil die Bevölkerung noch sehr an dem alteingesessenen Faltbrief festhielt. Die heute üblichen Briefumschläge kamen erst um 1850 in England so recht in den Handel.
Um 1945 fand man bei einem Notar in
Abb: 2
Genf ein Originalpapierband, mit welchem die Briefumschläge in Zehnerserien gebündelt wurden. Es handelt sich um ein blau und weiss bedrucktes Band, das sinnigerweise den Vermerk "Enveloppes de lettre" (Briefumschläge) (sie) enthält. Heute scheint uns diese Präzisierung übertrieben, zu jener Zeit jedoch (1846) war sie bestimmt angebracht, da die Briefumschläge ja praktisch unbekannt waren.
Druck der Briefumschläge
Fulpius schreibt in seinem Werk, dass Ch. A. Schmid "wahrscheinlich die Briefumschläge nicht selbst bedruckt hat". Er begründet dies damit, dass Schmid Lithograph und nicht Buchdrucker gewesen sei. Allerdings trägt der Kopf der Bogen Doppelgenf, Kleiner Adler und Grosser Adler den Aufdruck "Lith. Schmid". Bei näherem Studium der Gewohnheiten jener Epoche kann man feststellen, dass "Lith." sowohl zeichnen und gravieren als auch drucken bedeutete.
Eine Faktura vom 17.3.1846 mit dem Firmenaufdruck "Schmid Imprimeur Lithographe" erbringt den Beweis, dass diese Firma die Ganzsache tatsächlich gedruckt hat. Diese Rechnung ist von W. Pasteur und von Barde als Departementsvorsteher visiert und am 4.4.1846 von Schmid quittiert worden; sie betrifft den Druck von 40.000 Umschlägen ä Fr. 5.- per tausend Stück, d.h. Fr. 200.—
Die Briefumschläge sind vor dem Anbringen des Wertstempels gefalzt worden. Dies wird durch die Tatsache belegt, dass bei einem Umschlag der mittleren Grosse der obere Rand des Aufdrucks fehlt. Wäre der Aufdruck vor dem Falzen des Umschlags erfolgt, so hätte man auf der Rückseite oder im Falt den Rand finden müssen.
Diese Art des Vorgehens verzögerte die Ausgabe der Umschläge vom Dezember 1845 bis Ende Februar 1846.
Eigenschaften des Wertstempels
Ausser dem weiter gespreizten Flügel des Adlers ist die Zeichnung (Genfer Wappen) dieselbe wie für die "petits verts" (Doppel-Genf, Kleiner und Grosser Adler) Die Marke misst 171/2 mm auf schwach 20 l/2mm.
Die feine innere Linie ist auf allen vier Seiten praktisch gleich weit vom dickeren äusseren Rand entfernt. Auf der rechten unteren Seite ist der weisse Zwischenraum etwas schmaler als die Umrandung; auf der oberen Seite ist es gerade umgekehrt.
Die feine innere Linie ragt leicht über den Schnittpunkt hinaus.
Poste de Geneve berührt nie die feine innere Linie; nach der Schrift kommt ein Punkt. Mit Ausnahme der beiden ersteren werden alle Buchstaben durch den Strahlenkranz berührt oder gekreuzt. Vom t bis zum d zählt man 5 über den Buchstaben weiterführende Strahlen oder Linien. Geneve ist etwas fetter als Poste.
Oberhalb der Mitte des zweiten e verläuft eine Linie; eine weitere in der Mitte des G. Von diesem letzteren Buchstaben bis zum vierten e zählt man 6 Linien und schliesslich gibt es zwischen dem e von de und dem G von Geneve noch eine Linie. Der Strahlenkranz besteht aus 43 Strahlen. Die Buchstaben IHS sind grösser als jene von Tenebras. Oberhalb des//befindet sich ein Zirkumflex; dies ist bei den anderen Genfer Marken nicht der Fall. Die Banderole beschreibt in der Mitte eine Kurve nach unten und berührt das Wappen, während die rechte Seite beinahe an die feine innere Linie herankommt. Links beträgt der Abstand der Schleife vom feinen Rand 3/4 mm. Die Aufschrift Post Tenebras Lux ist klar und deutlich, aber Post und Lux sind in kleinerer Schrift gehalten als Tenebras. Zwei eingravierte Striche sind nach dem S von Tenebras zu erkennen, während die Seite des 7, das näher am Banderolenrand liegt als das S, leer ist.
Die feine innere Linie des Wappens berührt den äusseren Rand leicht links der Spitze; die Mittellinie, die das Wappen in zwei Teile teilt, fällt genau auf die Spitze und rechts des a von Cantonal.
Die rechte Hälfte des Wappens weist 14 senkrechte Linien auf. Die Krone des Adlers ist links unten unterbrochen: sie ist rechts oben durch eine feine Linie mit dem inneren Rahmen verbunden. Die linke Seite der Krone berührt den feinen inneren Rahmen, sodass der Eindruck entsteht, die Krone sitze schief.
Der untere linke Teil der Krone ist mit dem Adlerkopf verbunden. Die Krone, der Kopf und die Flügel sind voll gedruckt, während der Körper des Vogels gefleckt ist.
Die Schwungfedern zwei, drei, vier und sechs kommen an den inneren Rand der feinen Linie, während die fünfte und die siebte nicht soweit reichen
Der Wappenhintergrund zwischen dem Schnabel und dem Flügel enthält 12 Punkte. Hinter dem C befindet sich ein ganz kleiner Punkt; ein solcher fehlt nach der 5 und dem Wort Cantonal. Beim Ausschnitt sind die Ränder oben und rechts immer gleich, während die beiden ändern mit der Schere ausgeschnittenen Seiten von unterschiedlicher Breite sind.
Es ist nicht bekannt, weshalb eine eingangs auf 10.000 Umschläge vorgesehene Bestellung auf 40.000 erhöht wurde! Da nun diese vielen Umschläge auf die eine oder andere Weise aufgebraucht werden mussten, verordnete die Postverwaltung am 1.6.1849 (de iure bestehen die eidgenössischen Regalien seit dem 1.1.1849) das Ausschneiden der Wertstempel, um sie durch Aufkleben auf den Faltbriefen als Marken zu benützen.
Man kann also feststellen, dass dieser Ausschnitt links und unten (Schnitt mit der Schere) glatte Ränder aufweist, während die Ränder oben und rechts durch das Aufschneiden im Falz mit einem Papiermesser ein wenig ausgefranst sind. Dieser Zustand ist besonders deutlich sichtbar bei dem Brief Pilet vom 6. November 1850 (Offerte Zumstein 1979).
Fälschungen des Wertstempels
- - 11 bis 16 Schraffierungen innerhalb der rechten Hälfte des Wappens,
- - Pest anstatt Post,
- - oberhalb des Wappens die violette und ausradierte Inschrift "fac simile",
- - 3 bis 9 Punkte zwischen dem Schnabel und dem Flügel des Wappentiers.
Das Vorkommen der Ganzsachen
Die gebrauchten Briefumschläge, welchen Formats auch immer, sind sehr selten, rarer sogar als die Doppelgenf! Der grosse Sammler Ferrari nannte "nur" zwei Ausschnitte auf Briefen sein eigen! Der kleinformatige Briefumschlag ist besonders rar; es sind auch nur einige wenige Exemplare des grossen Formats bekannt. Im Gegensatz dazu findet man die ungebrauchten Ganzsachen im grossen Format noch ziemlich oft; sie waren wahrscheinlich zuletzt herausgegeben worden.
Fortsetzung folgt