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Glasgow im Jahr 1973: Der zwölfjährige James Gillespie (William Eadie) wächst mit seiner Familie in einem ärmlichen Teil der Stadt auf. Richtige Perspektiven gibt keine, die Häuser sind heruntergekommen, überall liegt Müll herum – nicht zuletzt weil die Müllmänner streiken. Immerhin: Den Menschen wurde versprochen, dass sie ein neues Zuhause bekommen sollen. Möglich machen soll dies ein Programm, welches vorsieht, die alten Häuser abzureissen und dafür modernere zu bauen. Während viele ihrer Nachbarn bereits an der Reihe waren und nach und nach ausziehen, heisst es für James, seine Eltern (Tommy Flanagan, Mandy Matthews) und die beiden Schwestern noch zu warten. Während der Junge davon träumt, dem Drecksloch zu entkommen und ein neues Leben beginnen zu dürfen, streift er durch die Nachbarschaft, trifft sich mit anderen und versucht zu vergessen, was vorgefallen ist …
Aus dem Leben der AbgehängtenBei britischen Sozialdramen fällt einem natürlich zunächst Ken Loach an, der mit Werken wie Sorry We Missed You immer wieder aus dem Leben der Gescheiterten erzählt. Von Menschen, die aus Gründen, die nicht in ihrer Macht lagen, nach unten durchgereicht werden oder von vornherein keine Chance hatten. Dabei zeigte die schottische Regisseurin Lynne Ramsay, dass sie durchaus das Talent hätte, in diesem Bereich mitzumischen und eine eigene Geschichte zu erzählen. Inzwischen ist sie für ihre hochkarätig besetzten, sehr düsteren Werke We Need to Talk About Kevin und A Beautiful Day bekannt, die von psychologischen Abgründen erzählen. Ihr nicht minder sehenswertes Debüt Ratcatcher ist dabei leider etwas in Vergessenheit geraten, obwohl dieses auch ohne grosse Namen grosse Qualitäten hat.
Im Gegensatz zu den späteren Filmen, die sich mehr mit Individuen befasste, losgelöst von gesellschaftlichen Bedingungen, da nehmen Letztere in Ratcatcher einen grossen Raum ein. Um eine Gesellschaftskritik handelt es sich dabei jedoch weniger. Ramsay beschreibt vielmehr die Zustände. Sie beschreibt aber vor allem, wie die Menschen, die dort leben, sich darin schlagen. Hauptfigur ist dabei James, durch dessen Augen wie die Misere beobachten. Das klingt erst einmal nach zynischer Manipulation. Ein Kind, das in bitterer Armut aufwächst? Das läuft gerne mal auf billigen Elendstourismus hinaus, der beim Publikum Gefühle erzwingen will. Glücklicherweise liegen solche Mechanismen der Regisseurin und Drehbuchautorin aber fern. Sie begegnet den Figuren mit Verständnis und Respekt, ohne diese zu reinen Opfern machen zu wollen.
Zwischen Elend und PoesieTatsächlich hält Ratcatcher die Balance aus Elend und Poesie. Immer wieder finden sich in dem Müll und der Verwahrlosung Momente der Zärtlichkeit und Menschlichkeit. So freundet sich James irgendwann mit einem Mädchen an und entdeckt darin einen Halt, der in seinem brüchigen Zuhause fehlt. Selbst sein Vater darf gegen Ende hin eine andere Seite an sich zeigen, darf mehr sein als der gleichgültige Alkoholiker, der seiner Familie nichts zu bieten hat. Und doch ist das hier kein Wohlfühldrama, welches einem das Gefühl gibt, dass alles am Ende gut ausgehen wird. Vielmehr behält der Film eine ambivalente Note bei, bis zum Schluss. Hoffnung und Ernüchterung sind untrennbar miteinander verbunden, der Blick ist immer auf den Horizont gerichtet. Oder das, was der Horizont wäre, wenn jemand die Müllberge entfernen würde.
Immer wieder ist da der Traum, allem zu entkommen, sei es mit dem Bus oder – in einer skurril-tragischen Szene – einem Ballon. Und wenn das physisch nicht geht, dann wenigstens im Kopf. Das geht mit einem ständigen hin und her einher. Eine tatsächliche Entwicklung sollte man sich von Ratcatcher nicht erwarten. Stattdessen ist das Drama aus vielen Einzelepisoden zusammengesetzt, die nur vereinzelt mal aufeinander aufbauen. Ramsay berichtet von einem Ist-Zustand, der ständig in Bewegung ist und dabei doch nie vom Fleck zu kommen scheint. Da passiert immer wieder etwas Neues und gleichzeitig auch nicht. Das ist dann weniger kathartisch als andere Sozialdramen. Es warten auch keine bahnbrechenden Erkenntnisse zum Schluss, welche uns die Welt und das Leben erklären können – zumal die Geschichte vor bald 50 Jahren spielt. Und doch ist es lohnenswert, sich in all dem zu verlieren, mit James und den anderen im Müll zu wühlen, auf der Suche nach einem Schatz oder einem versteckten Ausgang. Das Coming-of-Age-Drama handelt davon, sich selbst in einer Welt zu finden, die einem nichts zu bieten hat.