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Der einsame Wolf Philip Marlowe ist zurück
- Mittwoch, 29. Juli 2015, 17:28 Uhr
Er ist der Prototyp des coolen Privatdetektivs: Philip Marlowe aus den Krimis von Raymond Chandler. Nun lässt ihn der Autor John Banville wieder aufleben – in «Die Blonde mit den schwarzen Augen». Das tut er so geschickt, dass man bei der Lektüre vergisst, dass das gar kein echter Chandler ist.
Privatdetektiv Philip Marlowe sitzt im Büro, die Geschäfte laufen schlecht. Da kommt Besuch: «Das Klackern von hohen Absätzen auf einem Holzboden löst jedes Mal etwas in mir aus.» Es sind die Absätze von Clare Cavendish. Sie ist reich, langbeinig, blond und hat tiefschwarze Augen: also genau Marlowes Typ. Die Schöne vermisst ihren Liebhaber. Marlowe soll ihn finden. Er nimmt den Auftrag an – wie immer für 25 Dollar die Stunde –, obwohl er ahnt, dass an der Geschichte etwas faul ist.
So beginnt «Die Blonde mit den schwarzen Augen» von John Banville alias Benjamin Black. Der Kriminalroman basiert auf den literarischen Vorgaben von Raymond Chandler (1888-1959), dem geistigen Vater des legendären Detektivs Philip Marlowe.
Der typische Chandler-Slang ist wichtiger als der Plot
Angesiedelt ist der Krimi im Los Angeles der 1950er-Jahre, die Anmutung ist schwarz-weiss – wie in allen Chandler-Krimis. Die Protagonisten bewegen sich in der Welt der Reichen und der Ganoven. Die Reichen leben in luxuriösen Villen und sind ziemlich verdorben. Die Frauen sind reich, schön, verrucht und nicht vertrauenswürdig. Die Ganoven haben manikürte Finger und tragen edle Klamotten; sie sind sehr böse und brutal.
Der Plot selbst spielt eigentlich keine Rolle. Die Handlung ist undurchsichtig und am Schluss fragt man sich, worum es überhaupt ging und ob wirklich alle Wendungen der Geschichte schlüssig sind oder nicht? Aber das ist unwichtig. Was zählt sind die Atmosphäre und der typische Chandler-Slang – beides trifft John Banville hervorragend.
Lockere Sprüche und sarkastische Dialoge
Raymond Chandler ist eine Ikone der amerikanischen Literatur. Daher ist es nicht einfach, an seiner Stelle Marlowe-Krimis zu schreiben. Was die Sprache angeht, ist Banville nahe bei Chandlers Stil. Es fallen Sätze wie: «Das Telefon auf meinem Schreibtisch sah aus, als wüsste es, dass es beobachtet wurde.» Oder: «Frauen bedeuten nichts als Ärger, egal was man sagt, egal was man tut.» Die Dialoge sind witzig-sarkastisch und sitzen: «Wie haben Sie sich die Narbe an Ihrer Wange zugezogen?» – «Ein Moskito hat mich gebissen.» «Moskitos beissen nicht, sie stechen.» – «Dieser hatte Zähne.»
Philip Marlowe kämpft gegen die Einsamkeit
John Banvilles Marlowe hat also genau so lockere Sprüche drauf wie Chandlers Original. Der Detektiv ist schlagfertig, zynisch und stets zur Stelle, wenn es darum geht, schöne Frauen zu retten. Es gibt aber auch Unterschiede. Banvilles Marlowe ist weniger hart. Zwar schlägt er zu oder zückt sein Schiesseisen, wenn es sein muss, und er ist trinkfest. Doch bei Banville zeigt Marlowe auch seine weiche melancholische Seite.
Das sei Absicht, sagt John Banville in einem Interview in «Harper's Magazin». Marlowe kämpfe stets gegen Traurigkeit und Einsamkeit an – das habe er zeigen wollen. Ob knallhart oder mit weichem Kern, auch in Banvilles Marlowe-Krimi kämpft der Privatdetektiv für die gerechte Sache. Er steht auf der Seite der Verlierer und sozial Schwächeren.
Anspielungen auf die Chandler-Klassiker
«Die Blonde mit den schwarzen Augen» ist ein Lesevergnügen für alle Chandler-Fans. Man fragt sich allerdings, was Booker-Preisträger John Banville alias Benjamin Black mit seinem Marlowe-Krimi bezweckt? Hat er doch seinen eigenen Ermittler in seinen Dublin-Krimis rund um den Pathologen Gerriet Quirke, der Marlowe charakterlich ähnlich ist. Vielleicht ist es für Banville einfach ein Spiel, denn sein Marlow-Krimi ist gespickt mit Anspielungen auf die Chandler-Klassiker – vor allem auf «The Big Sleep».
Buchhinweis
Benjamin Black: «Die Blonde mit den schwarzen Augen», Kiepenheuer und Witsch Verlag, 2015.