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Ich liebe Italien, aber – ich gestehe es beschämt – war noch nie in Neapel. Meine Reisen ins Land, wo die Zitronen blühen, blieben bisher alle irgendwo südlich von Rom stecken. Nicht dass ich etwas gegen Neapel, diese wunderbare Stadt, hätte, ausser vielleicht das diffuse Gefühl, man würde beim Klettern über Abfallberge von kleinen oder grossen Gangstern ausgeraubt. Aber wahrscheinlich, so sage ich mir, ist dies nur ein borniertes Vorurteil, und zudem ist das Reisen ja überall mit Risiken verbunden.
Eigentlich steht Neapel seit meiner ersten Reise mit den Eltern in die Antike, welche damals in Rom endete, auf meiner Agenda. Später, als Präsident der schweizerischen Kommission für Ozeanografie und Limnologie, hätte ich zudem gerne der altehrwürdigen Stazione Zoologica Anton Dohrn einen Besuch abgestattet, wo die Schweizer Wissenschaft vor Jahrzehnten wichtige Schritte in die eigene Meeresforschung getan hatte und seither mit diesem Institut eng verbunden ist.
Frühe Fantasiereisen zum Vesuv
Im Gymnasium hatte mich die dramatische Geschichte von Pompeji fasziniert. Ich stellte mir damals die Abhänge des Vesuvs als eine zwar fruchtbare, aber äusserst gefährliche Gegend vor, durch welche wagemutige Ingenieure am Ende des 19. Jahrhunderts eine Schmalspurbahn gebaut hatten, die Circumvesuviana, welche sich in meiner Fantasie durch auf Asche angelegte Gemüsefelder und Weinberge schlängelte. Die Lokomotivführer, so meine kindliche Vorstellung, müssten auf ihrer endlosen Fahrt um den Vesuv herum ständig den Vulkan im Auge behalten und im Falle einer Eruption den Zug sofort stoppen.
Später verschwanden meine Fantasien über jene Gegend in den tieferen Schichten des Gedächtnisses, bis ich vor ein paar Jahren irgendwo las, im Rahmen des Ostschweizer Tarifverbundes „Ostwind“ würde die von der Südostbahn betriebene S-Bahnlinie S4 zu einer Ringlinie erweitert, welche von St. Gallen nach Rorschach, durch das Rheintal nach Sargans, dem Walensee entlang nach Ziegelbrücke, weiter nach Uznach und von dort durch den Rickentunnel nach Wattwil und zurück nach St. Gallen führen werde.
Zwar sind Ringlinien in städtischen Tram-, U-Bahn- oder S-Bahn-Netzen keine Seltenheit. In meiner Schulzeit in Basel verband der Zweier der Basler Verkehrsbetriebe den Bahnhof SBB mit dem Badischen Bahnhof in einer Endlosschleife, welcher über die Wettstein- und Johanniterbrücke führte, bis dann der eine Ast dem Neubau der Johanniterbrücke zum Opfer fiel.
Traum und Wirklichkeit der Circumvesuviana
Doch eine Ringlinie um ein ganzes Bergmassiv herum! – Da kam mir die geheimnisvolle Circumvesuviana wieder in den Sinn. Ich suchte sie im Internet, verfolgte ihr Trassee mit Google Earth und musste ernüchtert feststellen, dass meine Vorstellung eines durch Reben und Olivenhaine führenden romantischen Bähnchens ziemlich weit von der Realität entfernt liegt. In Realität ist die Vesuviana heute ein modernes Nahverkehrssystem von elektrisch betriebenen Linien, welche durch dicht besiedeltes Gebiet führen und mit ihrer exotischen Spurweite von 95 Centimetern (die normale Schmalspur beträgt 100 cm) ein von den italienischen Staatsbahnen vollständig getrenntes Netz von 142 Kilometern Länge betreibt. Die Umrundung des Vesuvs ist ca. 75 Kilometer lang. Man muss einmal umsteigen und ist von Neapel aus ungefähr zweieinhalb Stunden unterwegs.
Soweit die Verwandlung meines romantischen Zügleins der Jugendzeit in ein modernes Verkehrsmittel. Aber die Romantik wollte ich mir dennoch nicht ganz nehmen lassen. Wer weiss, vielleicht hält ja die S4 der Südostbahn, was mir die Circumvesuviana einst versprochen hat. Nur einen besseren Namen müsste man ihr geben. Wie hiess doch der Säntis im Latein und bei den Rätoromanen? – Sambatinus, „der am Samstag Geborene“. Wie wäre es also mit Circumsambatina?
200 Bahnkilometer rund um den Säntis
An einem Morgen im November stehe ich in Uznach auf dem Perron. Die S4 macht hier einen Richtungswechsel, den einzigen auf der ganzen Strecke. Die Circumsambatina bildet also nicht einen geschlossenen Kreis, sondern sie gleicht einer Birne mit dem spitzen Ende in Uznach. Vor mir liegt eine Reise von knapp 200 Kilometern.
Von Ziegelbrücke her nähert sich ein moderner Zug der Südostbahn. Alle rot-silbernen Triebwagen dieser Serie tragen Namen von Bergen. Meiner heisst Mürtschenstock; ich werde im Laufe des Tages noch dem Chrüezberg, dem Hohen Kasten und dem Speer begegnen. (Kleine Denksportaufgabe: Die S4 fährt in beiden Richtungen im Stundentakt; ein Umlauf dauert drei Stunden. In jede Richtung sind also drei Züge unterwegs. Wie oft begegne ich auf meiner Fahrt dem gleichen Zug?)
Pünktlich setzt sich der Zug Richtung Wattwil in Bewegung. Frühere Generationen – ich gehöre auch noch dazu – haben die Schweiz im Zug kennengelernt. Die Ausflüge im Auto über vier oder mehr Pässe wurden erst später Bestand sonntäglicher Vergnügungen. So verbindet sich für mich fast jede Bahnlinie mit Erlebnissen meiner Kindheit. Die Strecke vom rechten Zürichseeufer durch den Ricken nach St. Gallen, auf der in den 1950er Jahren noch direkte Züge fuhren, weckt Erinnerungen an Besuche bei der Grossmutter in St. Gallen. Mein Vater nannte die Strecke, welche sich den Hang hinauf zur Station Kaltbrunn und weiter zum Südportal des Rickentunnels zieht, die Lötschbergrampe der Linthebene, weil hier der Blick für ein paar Minuten weit übers Land geht.
Erinnerung an ein Bahnunglück
Beim gedämpften Knall, welche die Druckwelle beim Eintritt in den Rickentunnel verursacht, höre ich meinen Vater erklären: Mit 8,6 Kilometern der viertlängste Eisenbahntunnel der Schweiz. – Das war er tatsächlich bis ins Jahr 1999, als der Vereinatunnel eröffnet wurde. Unterdessen kamen noch einige Giganten dazu, vor allem der Gotthard- und Lötschberg-Basistunnel, aber der Ricken belegt noch immer den zehnten Rang.
Und noch etwas gehörte zum Erzählritual des Vaters: das tragische Unglück vom 4. Oktober 1926, als neun Bahnangestellte durch Rauchgasvergiftung ums Leben kamen. Da das nördliche Tunnelportal bei Wattwil über 130 Meter höher liegt als dasjenige bei Kaltbrunn, weist der gesamte Tunnel eine Steigung von fast 16 Promille auf. Solche einseitig geneigte Tunnels waren für den Dampfbetrieb wegen der Kaminwirkung unbeliebt und gefährlich.
An jenem Unglückstag blieb eine mit schlechter Kohle befeuerte Dampflokomotive mit ihrem Güterzug im Tunnel stecken. Die beiden Lokführer erstickten, so wie weitere sieben Personen, welche als Retter in den Tunnel einfuhren. Nur sieben Monate später wurde auf der Strecke der elektrische Betrieb aufgenommen. Dennoch lief uns Kindern jedes Mal auf der Fahrt durch den Ricken ein leiser Schauer den Rücken hinunter.
Engel für Drogensüchtige
Nach sechs Minuten verlässt der Zug den Tunnel des kindlichen Grauens und fährt in einer langen Linkskurve in den Bahnhof Wattwil. Links oberhalb des Bahnhofs, auf einem steilen Hügel, liegt das ehemalige Kapuzinerinnenkloster „Maria der Engel“, eine von einer Ringmauer umschlossene Anlage, welche 2010 wegen Nachwuchsmangels geschlossen wurde und heute eine Auffangstätte für drogenabhängige Männer ist.
Den Erbauern der Bahnlinie von Wattwil nach St. Gallen der ehemaligen Bodensee-Toggenburg-Bahn stellten sich anfangs des 20. Jahrhunderts einige topografische Herausforderungen in den Weg, mussten doch mehrere vom Alpstein Richtung Norden führende Täler und die dazwischen liegenden Hügelzüge gequert werden. So folgt die Strecke kaum zwei Kilometer dem Thurtal abwärts, bevor sie beim Städtchen Lichtensteig, dem einstigen Sitz des Grafen von Toggenburg, in den 3556 Meter langen Wasserfluhtunnel verschwindet, um in Brunnadern im Neckertal wieder ans Licht zu kommen. In einer engen Rechtskurve geht es – immer wieder über imposante Bogenbrücken – ins Tal des Aabachs nach Degersheim, über den Wissbach, die Glatt, an Herisau vorbei zum 99 Meter hohen Sitterviadukt, der höchsten Bahnbrücke der Schweiz. Dabei kam dem einstigen Briefmarkensammler die orangefarbene 5-Rappen-Marke der 1950er-Jahre in den Sinn, auf der drei Sitterbrücken abgebildet waren, zuvorderst diejenige, über die ich eben gefahren bin.
St. Gallen. Die meisten Reisenden steigen hier aus, darunter ein älterer Mann, der in Wattwil, beladen mit zwei vollen Einkaufstaschen, zugestiegen ist und während der ganzen Fahrt weder auf ein Handy noch in eine Zeitung geschaut, sondern vor sich hin (oder in sich hinein?) geblickt hat. Der Lokführer benützt den sechsminütigen Aufenthalt und verschwindet für kurze Zeit, ob an ein stilles Örtchen oder zur Zigarettenpause weiss ich nicht. Der Zug füllt sich mit neuer Kundschaft, darunter eine Mutter mit vier zappelnden Kindern, die kaum aufs Mittagessen warten können.
Intermezzo
Eine gedrungene Gestalt, den Kopf eingehüllt in eine Kapuze, huscht an mir vorbei und verkriecht sich im hintersten Abteil. Ich hatte sie schon wieder vergessen, als auf der Weiterfahrt Richtung Rorschach durch das Goldauer Tobel, wo sich wenig später der Blick zum Bodensee öffnet, zwei Billettkontrolleure durch den Wagen kommen. Im hinteren Abteil höre ich die beiden älteren Männer bei der Frage nach Billett oder Ausweis verschiedene Sprachen ausprobieren, bis schliesslich von einer Frauenstimme ein paar spanische Wörter zurückkommen.
Die Kontrolleure schauen ratlos auf ein in Plastik eingepacktes Stück Papier, das ihnen die Frau entgegengestreckt hat. Ich höre den einen „Zigeunerin“ flüstern, worauf der andere via Handy jemanden um Rat fragt. Schliesslich führen sie die Frau unbestimmten Alters hinaus zur Plattform und steigen schliesslich mit ihr in St. Margrethen aus, wo sie ungeduldig nach dem bestellten Grenzpolizisten Ausschau halten. Die Frau bleibt stoisch vor einer Plakatwand stehen, das Gesicht abgewandt. Den zurückbleibenden Zugspassagieren ist die Situation offensichtlich nicht weniger peinlich als den beiden Kontrolleuren.
Schon ist sie vorbei, die kleine europäische Migrationsgeschichte, welche die Zuschauer rat- und hilflos lässt. Der Zug fährt nun durch das St. Galler Rheintal, eine Gegend voll von fleissigen Menschen und blühenden Industrieunternehmen, so dünkt es einen. Zwischen Altstätten und Oberriet kann man für wenige Sekunden schräg hinter dem Hohen Kasten den Gipfel des Säntis sehen, das einzige Mal auf der ganzen Fahrt auf der Circumsambatina. Auf der anderen Seite, gegen den Rhein hin, erblicke ich den spitzen Turm der Kirche von Montlingen unter dem Montlinger Berg, einer kleinen, aber markanten Erhebung mitten in der Rheinebene, auf der man in den 1920er Jahren eine prähistorische Wehranlage entdeckt hat.
Mir ist dieser Anblick seit frühester Zeit vertraut, hing doch in meinem Kinderzimmer ein Bild des Turms von der Malerin Hedwig Scherrer, welche 1908 am Montlinger Berg ihr selbst entworfenes Atelierhaus gebaut hat, das heute einer Stiftung gehört. Sie war eine Freundin meiner Grossmutter und die Gotte meines Vaters. Für ihn schrieb und zeichnete die Künstlerin mehrere Märchenbücher, welche heute in der St. Galler Kantonsbibliothek Vadiana aufbewahrt werden.
Über den Erinnerungen an jene vertrauten Bilder meiner Jugend sind wir an Buchs vorbeigefahren und in Sargans eingetroffen. Seit dem Bau einer Schlaufe entlang der A13 müssen die Züge zwischen Buchs und Zürich hier nicht mehr wenden. Nun fahren wir dem Walensee entlang. Auf halber Höhe der Churfirsten zieht sich ein Wolkenband hin, das mich irgendwie an das Gemälde im Nationalratsaal erinnert. Hier fährt die Circumsambatina ein kurzes Stück durch den Kanton Glarus. Sonst hält sie, ausser dem kurzen Abstecher bei Herisau in den Kanton Appenzell Ausserrhoden, während ihrer dreistündigen Fahrt dem Kanton St. Gallen die Treue.
Zurück nach Uznach
Ziegelbrücke: Die eiligen Reisenden steigen hier aus, darunter drei radebrechende Männer, welche mich in Buchs nach der schnellsten Verbindung nach Zürich gefragt haben. Noch ein kurzes Stück durch die Linthebene, die hier den für uns Kinder immer etwas beängstigenden Namen Gaster trägt – assoziierten wir den Namen mit garstig? –, vorbei am Gallusturm von Schänis, der einmal Teil einer romanischen Kirche gewesen ist, und schon fährt mein Zug nach 2 Stunden und 56 Minuten pünktlich in Uznach ein. Vier Minuten später wird sich der „Mürtschenstock“ erneut auf seine Rundreise machen. Circumsambatina ade!