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«Futebol» ist zweifellos die populärste Sportart in Brasilien. Sie entstand im späten 19. Jahrhundert im Umfeld der europäischen Auswanderer und wurde rasch von der wohlhabenderen Stadtbevölkerung übernommen. Bald erfasste das Fussballfieber auch die Arbeiterschicht. Private Klubs entstanden und begannen ab 1910, Fussballstadien zu bauen: Fussball war von da an auch als Zuschauersport fest verankert.
Es folgte eine Blütezeit, in der die Stadien immer grösser, die Spiele kommerziell gewinnbringender wurden und die brasilianischen Spieler zu den Besten der Welt gehörten. 1950 wählte die FIFA Brasilien erstmals als Austragungsort der Weltmeisterschaften.
In den 1960er bis 1980er Jahren wuchs die Bedeutung des Fussballs in Brasilien weiter. Die tiefen Eintrittspreise für die einfach gebauten Stadien ermöglichten den Matchbesuch auch für die Arbeiterklasse. Organisierte Fangruppen – «torcidas organizadas» – traten auf den Plan und verwandelten Fussballspiele in karnevalartige Veranstaltungen.
Die Stadien wurden derweil vor allem von der öffentliche Hand gebaut und finanziert und blieben bis ins 21. Jahrhundert unter öffentlicher Verwaltung. Die wirtschaftliche Potenz der europäischen Fussballteams erlaubte es diesen, brasilianische Stars einzukaufen. Der Talentpool im eigenen Land wurde entsprechend dünner.
In den späten 1980er Jahren – der Zeit nach der Diktatur – erwies sich der brasilianische Staat zunehmend als unfähig, in seine Infrastruktur zu investieren. Fussballspiele wurden zum Ventil für die Frustration und zunehmend von Gewalt überschattet. Als Antwort darauf wurden die Stadien immer mehr zur militarisierten Zone.
Dies trug mit dazu bei, dass die Stadien zunehmend leer blieben. Kabel- und Satellitenfernsehen bescherten gleichzeitig der FIFA Rekordgewinne in einem zunehmend globalisierten Sportmarkt. Den Fernsehsendern zuliebe wurden die Fussballspiele auf die Zeit nach den kommerziell interessanten Telenovelas verschoben – nach 22 Uhr.
Der Fussball war in eine strukturelle Krise geraten. Korruption grassierte, indem die Chefs der intransparenten und amateurhaften Fussballklubs die Gelder von Spielertransfers in ihre eigenen Taschen fliessen liessen. Gesetzliche Regelungen vermochten dies bis heute nicht zu durchbrechen.
Zu Beginn des 21. Jahrhundert war Brasilien nicht in der Lage, Grossveranstaltungen durchzuführen. Zu gross waren die Defizite im Bereich Transport, Sicherheit und Sport-Infrastruktur. Insbesondere Städte wie Rio de Janeiro wollten sich aber durch sportliche Gross-Events als Business- und Tourismusdestination positionieren.
Als die Fussball-WM dem brasilianischen Publikum angekündigt wurde, versprach die Regierung, keine öffentlichen Gelder dafür auszugeben. Es kam anders: Rund 98,5 Prozent der Ausgaben für die Weltmeisterschaft in der Höhe von schätzungsweise 11 Milliarden Franken trägt die öffentliche Hand. Mehr Transparenz und Kontrolle sind damit nicht einhergegangen.
Gleichzeitig schreitet die «Elitisierung» des Fussballs in Brasilien voran. Die Ticketpreise sind zwischen 2007 und 2012 um 70 Prozent gestiegen. Entsprechend stammen die Fans vermehrt aus den oberen sozialen Schichten.
Die Stadien reflektieren die Ziele der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes: Die traditionellen Fans sollen zu Konsumenten werden, wobei die Arbeiterklasse mit ihrer geringeren Kaufkraft eher störend ist.
Der Wandel ist nicht allein auf die Weltmeisterschaft zurückzuführen, wird von ihr aber gefördert. Der Bau von zwölf neuen Stadien für die Fussball-WM ist der Höhepunkt eines jahrzehntelangen Projektes, das soziale und ökonomische Profil des brasilianischen Fussballs zu verändern. Eine Veränderung, die nicht dem kulturellen Milieu der brasilianischen Zuschauer entspricht.
Die Kommerzialisierung des Fussballs hat nicht nur Brasilien erfasst, ähnliches geschieht auch in Nordamerika und Europa. Stossend ist es trotzdem, wenn schlussendlich die Steuerzahler die Zeche zahlen – für gigantische, nach den Spielen meist leerstehende Stadien und undurchsichtig finanzierte Sportklubs. Die Finanzierung der nötigen Infrastruktur für die Bevölkerung bleibt derweil auf der Strecke.