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Das Ende des Onsernonetales gehört zu Italien
Wer vom Weiler Spruga aus auf der Fahrstrasse nach Westen in Richtung hinteres Onsernonetal, dem Quellgebiet des Flusses Isorno, wandert, trifft nach etwas mehr als einer halben Stunde Fussmarsch am Ende der Fahrstrasse auf die Grenze zu Italien. Das Gebiet weiter flussaufwärts liegt seit Beginn des 19. Jahrhunderts auf italienischem Staatsgebiet.
Das gesamte Quellgebiet gehört zur italienischen Gemeinde Craveggia, welche auf der anderen Seite der rund 2'000 m hohen Bergkette im Val Vigezzo liegt. Das Val Vigezzo ist die westliche Fortsetzung des Centovallitales in Italien.
Im 16. und 17. Jahrhundert kam es immer wieder zu Konflikten zwischen den Bewohnern von Spruga und Comologno und den Besitzern der Alpweiden im oberen Onsernonetal, welche vor allem in den Dörfern Craveggia, Olgia und Dissimo (heute Re) wohnten. Diese Dörfer gehören heute zur italienischen Provinz Verbano-Cusio-Ossola (Region Piemont).
Spruga ist ein Weiler des Dorfes Comologno, welches heute mit allen übrigen Dörfern im Valle Onsernone und im Valle di Vergeletto zur politischen Gemeinde Onsernone mit Sitz in Loco/Russo gehört. Beide Täler gehören seit 1803 zum Kanton Tessin.
Die Bergbauern aus diesen heute in Italien liegenden Dörfern hatten seit Jahrhunderten Weiderechte auf der Nordseite der Gebirgskette.
Das Valle Vigezzo (Italien) ist wesentlich stärker besiedelt als die Täler Onsernone und Vergeletto, in welchen trotz der starken Gliederung kaum je über 800 Einwohner/innen gelebt haben. Bereits im 15. Jahrhundert als die Urner und Obwaldner ihre Oberhoheit zum Schutz ihrer lukrativen Handelswege und Weiderechte ins Eschental (heute Val Formazzatal und Val Antigorio) ausdehnten, war bekannt, das die Bauern aus dem Val Vigezzo ihr Vieh auf die Sommerweiden im oberen Onsernonetal trieben.
Von 1400 bis zur Schlacht von Marignano in der Nähe von Mailand wechselten in dem im Westen an das Valle Onsernone angrenzenden Eschental mehrfach die Herrschaftsverhältnisse. Das Herzogtum Mailand und die Orte der Alten Eidgenossenschaft stritten sich in blutigen Auseinandersetzungen um den Einfluss über dieses Gebiet.
Aus dieser Zeit gibt es Berichte und Dokumente, welche belegen, dass die Alpweiden im oberen Onsernonetal von Bauern aus dem Val Vigezzo genutzt wurden.
Kurz und auch nach der für die Entwicklung der Eidgenossenschaft so wichtigen Schlacht von Marignano von 1515 gehörte sowohl das Valle Vergeletto wie das Onsernonetal zur «ennentbirgischen Vogtei Luggarus (heute Locarno», welche als von den Eidgenossen als Untertanengebiet, den Gemeine Herrschaften, verwaltet wurden. Bei der Eroberung, der Verwaltung und Überwachung des Besitztümer der Gemeinen Herrschaften waren alle Stände (meistens ausser Bern) der Eidgenossenschaft beteiligt. Die Herrschaftsverhältnisse in den «Tessiner Vogteien» blieben bis Ende des 18. Jahrhundert unverändert. Die Landnutzungsrechte im Onsernonetal blieben in dieser Zeit weitgehend unverändert.
Heute gibt es an den Hängen im Talkessel am Ende des Tales auf italienischem Staatsgebiet mehr als 3 Dutzend grössere Alpbetriebe. Die Alpweiden werden in den Sommermonaten stark genutzt. Das Wegnetz in diesem Gebiet ist stark auf die ins Val Vigezzo verlaufenden Passübergänge ausgerichtet.
Im Frühsommer nach der Schneeschmelze treiben die Bauern im Valle Vigezzo noch heute ihr Vieh auf den seit Jahrhunderten von ihnen genutzten Pfaden über die Pässe auf die Sommerweiden im Valle Onsernone. Je nach Standort ihrer Ställe für den Winterbetrieb oder die Lage ihrer Maiensässe mussten und müssen sie bei ihren Alpaufzügen verschieden lange Wegstrecke und Höhendifferenzen überwinden. Die von den italienischen Bauern bei ihrem Viehtrieb zu bewältigenden Wege und Höhendifferenzen vom Val Vigezzo ins obere Onsernonetal sind verglichen mit anderen noch heute in der Schweiz Jahr für Jahr stattfindenden Alpaufzügen keineswegs ausserordentlich lang bzw. gross.
Die untenstehenden Profile zeigen den Verlauf von drei möglichen Triebrouten:
Zwischen dem italienischen und dem schweizerischen Teil des Onsernonetales verlief lange Zeit auf der linken Talseite lediglich ein Saumpfad. Heute gibt es auf der rechten Talseite zusätzlich noch einen Wanderweg. Rund ein Dutzend Pfade führen noch heute über die Pässe ins nach Süden ins Val Vigezzo.
Trotz der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung des Talkessels im Quellgebiet des Flusses Isorno durch die italienischen Bergbauern blieb der genau Grenzverlauf im lange Zeit ungeregelt. Die Leute aus Comologno pochten auf die Waldnutzung und ihre Wegrechte. Ein endgültiges Grenzabkommen zwischen dem napoleonischen Königreich Italien und dem neu dem Bund der Eidgenossen beigetreten Kanton Tessin wurde am 25. Juli 1805 in Mailand (Lombardei) unterzeichnet. Eine weiteres Abkommen wurde in Aquacalda (Bagni di Craveggia) am 15. Juli 1807 unterschrieben. Bis zuletzt hatten sich u.a. die Bevölkerung von Comologno gegen die Absichten der Herren in der Hauptstadt gewehrt.
Der Kanton Tessin hat der doch eher ungewöhnlichen Grenzziehung im Valle Onsernone und im Valle di Campo zugestimmt. Die Zustimmungen erfolgte in einer turbulenten Zeit im Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert, wo sich Kriege und Gebietsannexionen in Europa ausbreiteten sowie der französische General und spätere Kaiser Napoléon Bonaparte der Eidgenossenschaft und in Norditalien den Herrschern (u.a. dem Herzog von Mailand) seine Macht spüren liess. Die alte Eidgenossenschaft hatte sich aufgelöst . Nach dem Ende der Helvetischen Republik 1802 waren die ehemaligen Bündnispartner geschwächt, zersplittert und in der Sache oft uneinig. Das Staatsbewusstsein hatte sich noch nicht gefestigt.
Bis 1798 gehörten die Gebiete im heutigen Kanton Tessin, darunter auch das Valle Onsernone, zu den Ennetbirgischen Vogteien und wurden von den Ständen Uri , Schwyz und Unterwalden im Auftrag der 12 Orte kontrolliert.
Von 1998 bis 1802 gehörte das Onsernonetal gemäss der Verfassung der von Frankreich kontrollierten Helvetischen Republik zum Kanton Lugano. Die Grenzgebiete zum Tessin lagen im Einflussbereich des Königreichs Italien, welches bis zu seiner Entmachtung 1814 von Napoleon Bonaparte kontrolliert wurde.
Das Onsernonetal gehörte im Mittelalter zur «Ennetbirgischen Vogtei Luggarus» der Alten Eidgenossenschaft
Das Gebiet, durch welche die Flüsse Isorno und Ribo fliessen, stand viele Jahrhundert lang unter dem Einfluss der «Comune di Onsernone», welche um das Jahr 1000 herum gegründet wurde.
Im 15. und 16. Jahrhundert dehnten die Orte der Alten Eidgenossenschaft ihre Einflusszonen über die Alpenkette hinaus nach Oberitalien aus. Die neu eroberten Gebieten Ennetbirgischen Vogteien zugeschlagen. Diese Landvogteien wurden von allen oder von Teilen der Orte der Alten Eidgenossenschaft (Gemeine Herrschaften) verwaltet. Die Eidgenossen wollten die Handelsrouten über die Alpen u.a. für den Käseexport beherrschen.
Die eidgenössischen Orte Nidwalden, Schwyz und vor allem Uri beanspruchten Weidegebiet in den südlichen Alpentälern wie dem Eschental (heute Val Formazza und Val Antegório, dem Meiental (heute Maggia- und Verzascatal) und dem Levinental (heute Leventina).
In dieser Zeit garantierte der eidgenössische Landvogtei auf den Hochsommer begrenzten Weiderechte der Bauern in der Gemeinde Craveggia im hintersten Teil des Onsernonetales. Alle übrigen Nutzungsrechte blieben bei den Eidgenossen.
1422 ging das Eschental für die Eidgenossen endgültig verloren. Die Urner und die sie unterstützenden eidgenössischen Truppen erlitten 1422 bei der Schlacht von Arbedo eine bittere und vernichtende Niederlage gegen das zahlenmässig überlegene und besser geschulte Heer des Herzogs von Mailand. Die Urner verloren nach diesem Waffengang alle Gebiete südlich des Alpenkammes. Mailand beherrschte wieder das ganze Gebiet bis zum Gotthard.
1515 mussten die Eidgenossen das Eschental nach der Schlacht von Marignano wieder an das von den Franzosen beherrschte Herzogtum Mailand abtreten.
1516 wurden ein Friedensvertrag mit Frankreich abgeschlossen, welche die «ennetbirgischen» Gebiete in eidgenössischen Besitz brachten. Bellenz (Bellinzona), Luggarus (Locarno), Lauis (Lugano, Mendris (Mendrisio) sowie die bündnerischen Eroberungen im Veltlin blieben bei der Eidgenossenschaft. Das Onsernone und das Vergelettotal gehörten zu dieser Zeit zum Untertanengebiet Luggarus der Gemeinen Herrschaften der 12 Orte der Alten Eidgenossenschaft.