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Eine Freiburgerin, die ihre Epoche geprägt hat
Für Frauen war es im 19. Jahrhundert alles andere als einfach, Künstlerin zu werden. Eine Karriere war nur für diejenigen möglich, welche die Stärke und den Mut hatten, sich in einer Szene zu profilieren, die normalerweise den Männern vorbehalten war. Adèle d’Affry wagte es und war erfolgreich. Ihre künstlerische Ausbildung war jedoch eklektisch. Zwar wurde sie in das Zeichnen und Aquarellieren eingeführt und besuchte Bildhauerkurse, ihre Ausbildung blieb aber lückenhaft. Weil sie sich dieser Tatsache und der zu überwindenden Hindernissen im Zusammenhang mit ihrem weiblichen Geschlecht bewusst war, bildete sie sich ab 1850 autodidaktisch in den Bereichen der Kunst, der Philosophie, der Religion, der Geschichte und der Literatur weiter. Doch die Verbesserung ihrer Bildung sicherte der Freiburger Künstlerin keinen Platz in der Welt der Kunst. Adèle d’Affry musste sich behaupten, denn das Leben als Bildhauerin, das auf eine vor allem von Männern bestimmte Welt ausgerichtet war, stand im völligen Gegensatz zum Leben einer jungen Frau des 19. Jahrhunderts, die zu Hause eingesperrt war und bei jedem Gang in der Öffentlichkeit streng beobachtet wurde. Die Freiburgerin sah sich mit der Realität ihrer Tätigkeit als Bildhauerin konfrontiert und wollte ihrem sozialen Status als Herzogin entkommen, um von den Kritikern und anderen Künstlern ernst genommen zu werden. Deshalb stellte sie 1863 im Pariser Salon zum ersten Mal unter dem Namen Marcello aus. Unter diesem Pseudonym, das die Gegensätzlichkeit ihrer künstlerischen Identität widerspiegelt, erhielt sie die soziale und professionelle Anerkennung, nach der sie gesucht hatte. Sie starb zu früh, um die Veränderungen im Bereich der Integration und der Anerkennung der Frau in der Kunstszene mitzuerleben, verkörperte mit Marcello aber nichts Geringeres als den langsamen aber steten Durchbruch der Frauen.
Marcello, Selbstporträt, 1858
Als sie in Rom Carlo Colonna, Herzog von Castiglione-Altibrandti, heiratete, wurde Adèle d’Affry zur Herzogin von Castiglione Colonna. Nachdem sie einige Jahre in Italien, kulturelle Heimat der jungen Frau und Ursprung ihres künstlerischen Erwachens, gelebt hatte, zog Adèle nach Paris, wo sie in das künstlerische und gesellschaftliche Leben eintrat. Ihr Status als Herzogin und ihre Freundschaft zum Kaiserpaar legten ihr nämlich einige gesellschaftliche Verpflichtungen auf: Bälle, Salons und Einladungen zu den Séries de Compiègnes, in den Tuilerienpalast oder nach Fontainebleau. Die Herzogin von Castiglione Colonna war ausserdem beim Hof und bei ihren Mitmenschen sehr beliebt. Sie musste deshalb lernen, ihr gesellschaftliches Leben mit dem einer Künstlerin zu vereinbaren, was aber oft problematisch war.
Gustave Courbet, „Le sculpteur Marcello“, 1870
Marcello wurde von den Kollegen geschätzt und von den Kritikern gelobt. Die Freiburgerin tat sich nicht nur durch ihre Skulpturen hervor, sondern auch durch ihre Zeichnungen und Malereien. Als Künstlerin mit mehreren Talenten war sie ausserdem Schriftstellerin, Briefschreiberin, Musikliebhaberin und Kunstsammlerin. Die Themen, mit denen sie sich beschäftigte (der Orient oder die Frau als Heldin) und die Werke, die daraus entstanden, wurden von ihren Reisen in Europa (Italien, Spanien und Frankreich) sowie von ihren Aufenthalten in Givisiez und Freiburg inspiriert. Ihre Werke leben von ihren Reisen und den verschiedenen Einflüssen. Eines der bedeutendsten und wahrscheinlich bis heute bekanntesten Werke von Marcello ist Die Pythia der Opéra Garnier. Der Orientalismus, der in der Pythia dargestellt wird, zeugt vom Interesse der Epoche am Orient. Marcello jedoch zeigte in ihrem Werk eine Körperspannung und einen Ausdruck, die man noch nie zuvor dargestellt hatte. Die Pythia von Marcello kündigte damit die neue Körperwahrnehmung in der Welt der Kunst an. Charles Garnier erwarb die Skulptur, stellte sie in der Opéra Garnier an einem speziell für sie eingerichteten Platz aus und verhalf Marcello zu beruflicher Anerkennung.
Marcello, „Die Pythia“, 1870
Marcello, „Bianca Capello“, 1863
Adèle d’Affry, Herzogin von Castiglione Colonna, oder Marcello war also eine Frau der Gegensätze, hin und her gerissen zwischen männlich und weiblich, zwischen der Welt des Hofes und dem Künstlermilieu, zwischen Tradition und Moderne. Diese Freiburgerin des 19. Jahrhunderts war eine Pionierin auf vielen Gebieten, und auch wenn ihre Krankheit und ihr früher Tod sie daran hinderten, sich vollständig zu verwirklichen, hörte sie nie auf, Risiken einzugehen und sich durchzusetzen, um ihre Ziele zu erreichen.
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