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Der Jazz entstand bekanntlich in New Orleans, vor gut 100 Jahren. Einer, der PIanist Jelly Morton, behauptete nachträglich sogar, ihn ganz allein erfunden zu haben. Ob das stimmt, sei dahingestellt.
Sicher ist jedoch, dass der Jazz bald aus New Orleans auszog. Damals, 1917, als die USA in den Ersten Weltkrieg eintraten, schlossen die amerikanischen Bundesbehörden das dortige Vergnügungsviertel Storyville. New Orleans war ein Marinestützpunkt und man wollte die vielen Soldaten nicht den Versuchungen aussetzen. Neben den Prostituierten wurden auch unzählige Musiker arbeitslos. Die meisten zogen Mississippi aufwärts in Richtung Chicago, wo es Arbeit gab, vor allem während der Prohibition. Billy Wilder erzählt davon in seinem unsterblichen Film «Some Like It Hot».
Tanzmusik für Weisse
Doch bereits zu diesem Zeitpunkt war New York, was Jazz anbelangt, gross im Kommen. Die Metropole hatte schon damals die innovativeren Musiker zu bieten als New Orleans oder danach Chicago. Ein junger Bandleader aus Washington zum Beispiel, namens Duke Ellington, und sein Kollege Fletcher Henderson. Und spätestens als bei Henderson der 24-jährige Startrompeter Louis Armstrong anheuerte, war klar, wo die aktuellen Sounds gespielt wurden, wo die Unterhaltungsmusik am Puls der Zeit war: Im Big Apple New York. Und daran hat sich seither nichts mehr geändert.
Ende der 20er-Jahre sagte Duke Ellington ein langjähriges Engagement im Cotton Club zu, ein Club an der 142. Strasse tief in Harlem. Es war das teuerste und angesagtesten Nachtlokal – mit Zutritt nur für Weisse, selbstverständlich. Seine Band wurde aus dem Club landesweit übers Radio übertragen. Jeder, wohnte er noch so weit im Wilden Westen, hörte seine Musik – die Jazzmusik aus New York.
Von Manhatten nach Brooklyn
In den 40er-Jahren, als die jungen Musiker nicht mehr Tanzmusik fürs weisse Publikum spielen wollten und in kleinen Clubs einen völlig neuen Stil erfanden, mit dem sie vernehmbar und unbescheiden ihren Kunstanspruch proklamierten, passierte dies natürlich auch in New York. Und nochmals knapp zehn Jahre später, als Miles Davis «The Birth of the Cool» ausrief, tat er dies im Royal Roost Club, und der stand – erraten: in New York.
Es gibt nur einen einzigen Jazzstil, der nichts mit New York zu tun hat, und der deshalb sein geographisches Zentrum schon im Namen trägt: der West Coast Jazz der 50er-Jahre.
In den letzten Jahren hat sich das Zentrum des Jazz innerhalb von New York verlagert, Manhattan ist ein zu teures Pflaster geworden. Auch der Jazz muss rentieren, doch mit neuen, frechen und innovativen Klängen ist dies nur bedingt möglich. Viele der wirklich aufregenden Musikerinnen und Musiker haben ihren Lebensmittelpunkt deshalb nach Brooklyn verlegt.
Wer es wissen will, muss sich im Big Apple beweisen
Seit ungefähr drei, vier Jahrzehnten hat es sich auch bei europäischen Musikern herumgesprochen, dass sich im Big Apple beweisen muss, wer es wirklich wissen will. Vorreiter war der Wiener Pianist Joe Zawinul, der 1959, kaum in New York angekommen, schon mittendrin im Kuchen agierte. Auch der deutsche Klarinettist Rolf Kühn spielte sehr schnell mit den Grossen, in seinem Fall mit seinem erklärten Vorbild Benny Goodman. Viele andere aber waren dem unerbittlichen Konkurrenzkampf nicht gewachsen, unter anderem eine der ersten Jazzerinnen, die emigrierten: die Leipziger Pianistin Jutta Hipp.
Als wertvolle Erfahrung steht New York für alle Jazzer dieser Welt nach wie vor hoch im Kurs, auch wenn die wenigsten ein Jazzerleben in New York anstreben. Hier ist man mitten im Auge des Hurricans: Wenn einem der Wind derart um die Ohren pfeift, muss man sich warm anziehen.