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An Giovanni Moretti mag sich heute kaum noch jemand erinnern. Vor 60 Jahren war er eine kleine, aber feste Grösse unter Italiens Kleinserienherstellern: 1904 geboren, machte der in Turin ansässige Automobilliebhaber schon früh mit Eigenkonstruktionen Furore: Karosseriedesign, aber auch Motoren, Getriebe und Fahrwerk samt Chassis – die Fabbrica Automobili Moretti SpA entwickelte alles selbst! Doch dieser anspruchsvolle Ansatz erlaubte weder ein starkes Wachstum noch ein Überleben: In den 1960er-Jahren lehnte sich das Unternehmen an Fiat an und nutzte fortan die technischen Komponenten des Konzerns, um Nischen zu besetzen, die die Grossserienfertigung damals nicht füllte. So entstanden hübsche Coupés auf den Plattformen der Fiat-Baureihen 500, 600, aber auch 2300, 1500 (Spider) und schliesslich 850, zu der man je ein Coupé, Cabriolet und eine viertürige Limousine konzipierte.
Moretti war freilich nicht der einzige Kleinserienproduzent mit dieser Strategie: Auch Allemano, die Carrozzeria Ellena, Lombardi oder Vignale bauten schicke Fiat-Derivate. Doch der Turiner Konzern begann auf der Suche nach eigenem Wachstum immer mehr, selber Nischenprodukte zu produzieren, stellte zum Beispiel 1965 eigene Coupé- und Cabriolet-Varianten zum 850 vor. Um überleben zu können, musste Moretti ausgeklügelte Alternativen zu den Fiat-Eigengewächsen anbieten – und setzte beim 850 Sportiva, gezeichnet vom Schweizer Dany Brawand, auf Sportlichkeit und Dynamik.
Brawand wurde am 9. März 1934 in Vevey geboren und besuchte auch die Schulen in der Schweiz. Schon früh interessierte er sich für das Automobil, und so bat er seinen Vater, ihm bei der Stellensuche behilflich zu sein, mit Erfolg. Im Jahr 1952 konnte er seine Passion für Autos zum Beruf machen und trat eine Stelle bei der Carrozzeria Ghia-Aigle an. Dort traf er auch Felice Mario Boano und Giovanni Michelotti, der ihm schliesslich eine Stelle in seiner Designfirma anbot. Aus einem sechsmonatigen Praktikum wurde eine 12-jährige Schaffensperiode, in der Brawand sehr viel lernte und massgeblich etliche Projekte Michelottis mitgestaltete.
Anfang der Sechzigerjahre entschied sich Brawand, unter eigenem Namen zu arbeiten und seine Dienste als Industrie-Designer unterschiedlichen Firmen, die vom Kugelschreiber bis zum Mähdrescher alles produzierten, anzubieten. Kurze Zeit später offerierte ihm aber Giovanni Moretti die Stelle als Direktor des Styling-Centers; die beiden hatten sich natürlich schon früher kennengelernt, denn auch Michelotti hatte für Moretti Autos gezeichnet. Zwischen 1965 und 89 war Brawand für die Gestaltung praktisch aller Autos aus der Moretti-Fertigung verantwortlich; er verstarb Anfang 2012 im Alter von 77 Jahren.
Steht der Moretti-Heckmotorsportwagen vor einem, fallen einem sofort Ähnlichkeiten zum Fiat Dino, aber auch zum Dino 206/246 GT von Ferrari auf. Gemeinsame Designelemente sind insbesondere die Wölbungen über den Kotflügeln und die in einem oval endenden Frontabschluss integrierten Scheinwerfer. Wer hatte da wem abgeguckt in den Sechzigerjahren?
Wenn man die Abfolge der damaligen Präsentationen genauer studiert, stellt man schnell fest, dass der Fiat Dino Spider, dessen Design von Pininfarina stammt, im Oktober 1966 in Turin präsentiert wurde, während der Moretti 850 Sportiva bereits rund acht Monate vorher am «Saloncino dell’Auto da Competizione» in Turin erstmal gezeigt worden war.
Beide Wagen dürften daher eher Weiterentwicklungen der Grundzüge jenes Ferrari 206 P Dino Berlinetta Speciale gewesen sein, den Pininfarina bereits am 52. Pariser Autosalon im Herbst 1965 vorstellte. Jene Studie trug die Scheinwerfer allerdings noch unter Glas und hatte besonders kräftige Ausbuchtungen über den Rädern. Man kann sowieso davon ausgehen, dass zwischen den italienischen Designern jener Zeit ein fruchtbarer Austausch von Ideen stattfand, mutmassen Szenekenner.
Der Moretti 850 Sportiva jedenfalls gedieh zu einem Meisterstück von Dany Brawand. Die knappe Karosserie weist eine schwungvolle Linienführung und attraktive Details auf. Das knackige Heck, das grosszügige Glashaus und die kurze Front wirken wie aus einem Guss. Das Ergebnis sieht aus wie ein Mini-Dino – und war mit rund 660 kg leichtgewichtiger als das Fiat 850 Coupé, das über 700 kg wog…