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Die folgende Kurzgeschichte habe ich während einer Zugfahrt von Basel nach Bern geschrieben. Sie spielt mit der (Un)Logik zwischenmenschlicher Gepflogenheiten.
Der Hungrige schaute seinem Gegenüber begierig auf die Finger. Diese hatten zuvor einen grossen Keks aus einem Rucksack hervorgebracht und machten sich nun daran, diesen für den Verzehr vorzubereiten. Der Hungrige wusste, dass sein Gegenüber den Keks mit ihm zu teilen hätte. Die gute Manier verlangte dies. Die beiden hatten zusammen den Pass erklommen, auf dessen höchstem Punkt sie nun sassen und rasteten, um sich von den Strapazen zu erholen. Der Hungrige hatte sein Wasser brüderlich geteilt, auch von seinem Essen hatte er seinem Gegenüber grosszügig abgegeben, obwohl er doch zu wenig mitgenommen hatte. Deshalb erschien es ihm jetzt nur gerecht, dass auch er seinen Teil vom Keks abbekommen sollte. Das Gegenüber schien sich dieser Pflicht gewahr zu sein, jedenfalls machte es sich daran, den Keks zu zerteilen. Der Hungrige schaute aufmerksam zu.
Falls sein Gegenüber beim Zerteilen des Keks nicht genau die Mitte treffen würde, folglich zwei Stücke unterschiedlicher Grösse resultierten, so hätte es nach guter Manier ihm das grössere anzubieten. Der Hungrige würde also mehr vom Keks abbekommen, je ungleicher die Stücke ausfielen. Mit Freude erkannte er, dass sich sein Gegenüber tatsächlich etwas ungeschickt anstellte und nun das eine Stück fast doppelt so gross wie das andere war. An ein Nachbrechen war nicht zu denken, müsste doch das Gegenüber dem Hungrigen entweder mehrere Bruchstücke anbieten, was optisch kein gutes Bild abgäbe oder vom grösseren Stück, das ja schon so gut wie dem Hungrigen gehörte, für sich noch Keks abtragen, was knausrig wirkte. Nach allen Regeln der zwischenmenschlichen Gepflogenheiten müsste der Hungrige also den grösseren Teil bekommen, folgerte er.
“Welches Stück möchtest du?”, fragte ihn sein Gegenüber freundlich. Er sass in der Falle.