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Am 6. Juni jährt sich der D-Day zum 75. Mal. Was der Tag der alliierten Landung in der Normandie für die Schweiz bedeutete, weiss der Militärhistoriker Michael Olsansky.
Michael Olsansky
Militärhistoriker
Der Historiker Michael Olansky ist Dozent für Militärgeschichte , Link öffnet in einem neuen Fensteran der Militärakademie an der ETH Zürich.
SRF News: Wie nahe hat man das Geschehen am 6. Juni in der Schweiz mitverfolgt, als über 150'000 alliierte Soldaten die Küste der Normandie erreichten?
Michael Olsansky: Man hat versucht, jegliche Nachrichten über die Vorgänge in der Normandie aufzuschnappen. Das klappte relativ gut. So widmete die Abendausgabe der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 6. Juni dem Thema bereits zwei Seiten. Man war also sehr nah am Geschehen dran. Das lag vor allem daran, dass das alliierte Kommando laufend Pressemeldungen herausgab, die über die internationalen Nachrichtentagenturen auch in die Schweiz gelangten. Das Schweizer Radio berichtete schon am Morgen des D-Day über die Landung in der Normandie.
Hat man schon am 6. Juni 1944 das Ende des Nationalsozialismus kommen sehen?
Zunächst hat man sich gefreut. So hat General Henri Guisan gemäss Berichten von Augenzeugen gestrahlt, als er die Nachricht der alliierten Landung erhielt. Allerdings wusste am 6. Juni noch niemand, was in den nächsten Tagen und Wochen passieren würde. So hätte es bis zum tatsächlichen Ende des Krieges in Europa für die Schweiz kurzfristig auch noch schlimmer kommen können.
Es dauerte noch einige Zeit, bis die grosse Erleichterung die Schweiz erfasste.
Auch war nicht bekannt, ob das nun der Hauptangriff oder erst ein Ablenkungsangriff war. Das grosse Bild erschloss sich erst mit der Zeit. Deshalb dauerte es auch noch einige Zeit, bis die ganz grosse Erleichterung die Schweiz erfasste.
Wie hat die Regierung, der Bundesrat, reagiert?
Bildliche Überlieferungen von den bundesrätlichen Reaktionen sind mir keine bekannt. Sicher aber haben etliche der Bundesräte ebenso gestrahlt wie der General. Im Gegensatz zur Regierung ging Guisan nach der ersten Freude aber alle Möglichkeiten der künftigen Entwicklung durch und verlangte in der Folge, dass sämtliche Grenztruppen mobilisiert werden.
General Guisan wollte sämtliche Grenztruppen mobilisieren, doch der Bundesrat wollte die Bevölkerung nicht unnötig beunruhigen.
Der Bundesrat aber wollte darauf verzichten, um nicht die Bevölkerung zusätzlich zu beunruhigen. Es kam in den folgenden Tagen zu einem Tauziehen zwischen Generalstab und Bundesrat, welches nach rund einer Woche in einer typisch schweizerischen Kompromisslösung endete: Man bot etwa die Hälfte der Grenz- und Fliegertruppen auf – und das quasi nicht öffentlich, sondern brieflich, um die Bevölkerung nicht allzu stark zu beunruhigen.
Der D-Day war für die Schweiz also erst längerfristig der Tag der Befreiung?
Es war sicher ein Tag der grossen Hoffnung, dass der Krieg jetzt endlich irgendwann zu Ende gehen werde. Von Freudentänzen in den Strassen schon am 6. Juni 1944 ist aber nichts bekannt. Man war voller Hoffnung, harrte aber der Dinge, die noch kommen sollten.
Das Gespräch führte Eliane Leiser.