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Vor dem Virus sind alle gleich, hiess es zu Beginn der Pandemie. Betonen wollte man damit, dass die Krankheit Covid-19 alle betreffen kann, dass sich darum alle schützen sollen und dass daher Solidarität zwischen Ländern und innerhalb der Bevölkerung wichtig sei. Doch recht schnell zeigte sich, dass wir vor dem Virus eben nicht alle gleich sind.
In den USA erkrankten und starben wesentlich mehr Menschen lateinamerikanischer oder afroamerikanischer Herkunft. Das hat aber weniger mit ihrem Ursprung zu tun, sondern damit, unter welchen Verhältnissen diese Menschen heute leben. Sozial Benachteiligte stecken sich eher mit dem Coronavirus an, landen häufiger auf der Intensivstation und sterben öfter an den Folgen von Covid-19. Dies belegen mittlerweile viele wissenschaftliche Studien für die USA, Grossbritannien und Deutschland. Belegt ist es auch mit Arbeiten in der Schweiz und dem Kanton Genf.
Jetzt legte die NZZ am vergangenen Sonntag eine Datenanalyse vor, die einiges an Sprengstoff in sich birgt. Sie hat für den Kanton Zürich detailliert untersucht, wo mehr Leute an Covid-19 erkranken. Untersucht wurden Gemeinden mit über 10 000 Einwohnenden und einzelne Quartiere in der Stadt Zürich.
Die Resultate decken sich zunächst mit den Befunden der wissenschaftlichen Untersuchungen.
- Weniger Wohlhabende und weniger Gebildete sind stärker gefährdet. Von den zehn Prozent der ärmsten Menschen lagen doppelt so viele Leute auf der Intensivstation wie aus der Schicht der reichsten zehn Prozent. In Gemeinden, in denen die Leute wenig verdienen, wie Dietikon oder Wald, erkranken deutlich mehr an Covid-19. Und in Gemeinden mit höherer Inzidenz ist der Anteil der Sozialhilfeempfänger durchschnittlich grösser. Die tiefsten Fallzahlen haben die reichen Gemeinden am Zürichsee. Die Gründe dafür dürften sein, dass ärmere Leute eher Vorerkrankungen haben, weil sie härtere Jobs haben, sich schlechter ernähren, enger aufeinander wohnen und in Gegenden mit höherer Umweltbelastung leben. Aber auch weil sie schlicht keine Zeit für Corona-Tests haben und sich so bei Krankheitssymptomen nicht isolieren oder zu spät in ärztliche Pflege begeben.
- Überdurchschnittlich gefährdet ist auch die ausländische Bevölkerung. Hier sind die Gründe zum Teil dieselben wie eben genannt. Hinzu kommen kulturelle Unterschiede oder Verständigungsprobleme, derentwegen die Leute schlechter informiert sind.
- Der vierte Faktor birgt den Zündstoff: die politische Ausrichtung. Konkreter: Je höher der Wähleranteil der SVP in einer Stadt oder einem Quartier, desto mehr Covid-Infektionen treten auf.
Natürlich ist keiner dieser Faktoren der alleinige Auslöser, einige überlappen sich. Und die Erklärungen sind nicht einfach. Das zeigen zum Beispiel die Stadtkreise 4 und 12 in Zürich. In beiden Kreisen ist der Ausländeranteil hoch. Im Kreis 4 sind Einkommen und Bildungsgrad durchschnittlich, im Kreis 12 eher tief. Der Kreis 4 wählt links, der Kreis 12 hat einen für die Stadt Zürich hohen Anteil an SVP-Wählern. Trotz Gemeinsamkeiten und Unterschieden sind es die Stadtkreise mit den meisten Corona-Fällen pro 100 000 Einwohner.
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Die Zusammenhänge sind also komplex. Aber die Analyse der NZZ ist ziemlich seriös gemacht und deckt sich mit ähnlichen Untersuchungen zum Beispiel in Deutschland: Je rechtspopulistischer eine Bevölkerung eingestellt ist, desto mehr Covid-Opfer hat sie zu beklagen.
Angesichts dieses Befundes ist es doch einigermassen überraschend – und das meine ich jetzt nicht politisch, sondern epidemiologisch – dass ausgerechnet die Partei am schnellsten alle Corona-Massnahmen abschaffen will, welche die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsteile anspricht. Hat man nicht immer gefordert, dass vor allem die Vulnerablen, die Schwächsten, vor der Pandemie geschützt werden sollen? Oder anders gefragt, warum gefährdet die SVP mit ihren Turbo-Forderungen ausgerechnet die eigene Wählerschaft?