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«Schaden die Corona-Selbsttests mehr, als sie nützen?» titelten viele Zeitungen des Tamedia-Konzerns über dem jeweils identischen Artikel. Zeitungen der CH-Medien-Gruppe setzten die Schlagzeile auf die Frontseite: «Corona-Selbsttests erkennen nur die Superspreader». Weitere Zeitungen des gleichen Konzerns setzten über einem fast seitenlangen Artikel das Zitat «Die Selbsttests sind nicht sehr nützlich» (Bild oben).
Das Zitat wurde dem Mikrobiologen Professor Gilbert Greub in den Mund geschoben, der seine mit Co-Autoren verfasste Studie über Schnelltests publik machte. Auch die anderen Zeitungen stützten sich für ihre Schlagzeilen ausschliesslich auf Aussagen von Greub. Der Lausanner Mikrobiologe Gilbert Greub und seine Co-Autoren hätten ermittelt, dass die Treffsicherheit bei Personen ohne Krankheitssymptome bei «unter 33 Prozent» liege. Es würden also «zwei von drei Infizierten von den Schnelltests nicht erkannt».
Die Studie vergleicht Resultate von Schnelltests mit Resultaten von aufwändigeren PCR-Tests. Doch dieser Vergleich hinkt, wenn man herausfinden möchte, ob jemand ansteckend ist oder nicht.
Eine Recherche von Infosperber ergab, dass der Roche-Schnelltest über 90 Prozent aller Personen erkennt, die zum Zeitpunkt des Tests ansteckend sind.
Positiv Getestete mit Ansteckenden verwechselt
Es sei bereits bekannt gewesen, dass «die Nasenabstrich-Tests für zu Hause weniger zuverlässige Resultate liefern als herkömmliche PCR-Tests», schrieben die Zeitungen des Tamedia-Konzerns. Dies sei jetzt bestätigt worden.
Erste Konfusion der Tamedia-Zeitungen: «Bei unserer Studie ging es nicht um Selbsttests mit Kurzabstrichen von 2 Zentimetern in der Nase, sondern um Schnelltests, bei denen Professionelle Abstriche bis in eine Tiefe von 8 Zentimeter in die Nase machten», so Gilbert Greub zu Infosperber. Die Tamedia-Zeitungen verwechselten also organisierte Schnelltests mit Selbsttests. Selbsttests, die jeder zu Hause selber macht, gelten als unzuverlässiger, weil selbst vorgenommene Proben aus der Nase fehlerhaft sein können.
Zweite grössere Konfusion bei allen Zeitungen: Sie verwechselten Ansteckende mit Infizierten. Bei den Schnelltests (wie auch bei den Selbsttests) geht es nicht darum, «Infizierte» zu finden (also mit einem PCR-Test positiv Getestete), sondern Ansteckende zu identifizieren. Denn die Getesteten möchten möglichst sicher sein, dass sie in diesem Moment nicht ansteckend sind und deshalb beispielsweise Betagte besuchen, mit Freunden zusammensitzen oder ins Kino gehen können.
Dafür aber sind PCR-Tests schlecht geeignet, denn sie ergeben «positive» Resultate auch bei vielen Getesteten, die längst nicht mehr ansteckend sind. Aus diesem Grund empfehlen die Hersteller, ihre PCR-Tests nur zum Diagnostizieren von Personen mit Krankheitssymptomen zu verwenden und nicht für Massentests an Gesunden.
Die Vermischung von «Infizierten» mit «Angesteckten» haben sich Medien und Behörden selber eingebrockt, weil sie statt sachlich von «neu positiv Getesteten» stets von «neu Infizierten» reden und schreiben. Unter «Infizierte» verstehen viele Leute fälschlicherweise Erkrankte oder Ansteckende. Siehe Infosperber vom 26.10.2020: «Auch nach Monaten ist exakte Corona-Sprache in Medien selten».
Tatsächlich redet man von einem «positiven» Testresultat oder eben von einem «Infizierten» auch dann, wenn die PCR-Tests lediglich Spuren des Erbguts von Sars-Cov-2 finden. Solche inaktive Erbgut-Spuren entdecken die PCR-Tests nach Angaben des Robert Koch-Instituts RKI bis zu zwei Monate nach einer Übertragung des Virus. In Einzelfällen könne der PCR-Test sogar fast drei Monte lang positiv sein, schrieb kürzlich das «New England Journal of Medicine».
Doch Personen, die keine oder fast keine Krankheitssymptome aufweisen, sind während höchstens zwölf Tagen ansteckend. Eine Studie aus Südkorea zeigte sogar, dass Personen mit nur schwachen Symptomen während noch weniger Tagen ansteckend sind. Deshalb sind zum Zeitpunkt des PCR-Tests viele der positiv Getesteten, meist «Infizierte» genannt, längst nicht mehr ansteckend.
PCR-Tests können nützlich sein, um das Verbreiten des Virus zu verfolgen. Um jedoch festzustellen, ob jemand ansteckend ist, sind sie nach der heutigen Testpraxis vor allem bei Personen ohne Symptome unbrauchbar.
Die PCR-Tests könnten mit einiger Genauigkeit Ansteckende von Nicht-Ansteckenden unterscheiden
«Nach der heutigen Testpraxis» deshalb, weil die Labors die Testproben analog einem Vergrösserungsglas so genau ansehen, bis sie noch kleinste Trümmerreste eines Corona-Virus entdecken. Das Robert Koch-Institut RKI und die US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention stellten schon lange fest: Wenn Labors mit zu grosser Lupe nach Resten des Virus suchen, finden sie «Fälle», die gar keine sind.
Doch eigentlich gibt es für jedes Testresultat einen sogenannten Ct-Wert, der die Zahl der durchgeführten Messzyklen des Probematerials angibt. Je mehr Zyklen, desto eher sieht man noch kleinste Spuren des viralen Erbguts. Bei einem Patienten mit viel Virusmaterial im Körper schlägt der Test häufig schon nach einer Vergrösserung von 15 Ct-Messzyklen an, sicher aber bei einer Vergrösserung von 25 Ct-Zyklen, sagen Labormediziner. Bei einer Vergrösserung von über 30 dagegen sind die Virus-Reste so minim, dass die gefundenen Virusteile keine Bedeutung mehr haben, sondern nur noch darauf hinweisen, dass die Person irgendeinmal mit einem Coronavirus in Berührung gekommen ist.
In der Schweiz und in Deutschland führen Labors bis zu 40 Zyklen durch, wenn nach weniger Zyklen keine Virenreste zum Vorschein kommen. Wenn wie bei Massentests vor allem Menschen ohne Symptome getestet werden, führt diese Suche mit dem grössten Vergrössungsglas zu sehr vielen «Infizierten», die nicht ansteckend sind. Je nach Hersteller der PCR-Tests bedeuten Resultate mit Ct-Werten ab 25 oder 30, dass nur noch ein Restrisiko besteht, eine ansteckende Person zu übersehen.
Testresultate mit einem Ct-Wert von über 30 oder sogar noch etwas darunter, sollten alle als «negativ» bewertet werden, sagt Michael Mina, Professor für Epidemiologie und übertragbare Krankheiten in Boston.
Dazu die Swissmedic: «Die Laboratorien müssen sich an die Vorgaben des Herstellers halten. Swissmedic hat keinen Einfluss auf diese Herstellerangaben bei den PCR Tests, da diese Systeme von Swissmedic nicht bewilligt oder zugelassen werden.» Auch die US-Behörde FDA sagt, die Hersteller und Labors könnten die maximalen Ct-Werte zur Bestimmung eines positiven Testresultats selber festlegen. Hier besteht jedoch ein Interessenkonflikt: Je mehr «positive» Resultate, desto mehr Folgetests lösen sie aus.
Wenn es darum geht, ob PCR-Tests oder Schnelltests Ansteckende mit grösserer Treffsicherheit finden, dann darf man die positiven Resultate von Schnelltests nur mit den positiven Resultaten von PCR-Tests vergleichen, die mit einem Ct-Wert bis 25 oder 30 durchgeführt wurden. Die miserable Trefferquote der Schnelltests von nur 33 Prozent kam deshalb zustande, weil man sie mit PCR-Tests verglich, die mit bis zu 40 Zyklen durchgeführt wurden. Studien-Autor Gilbert Greub rechtfertigt diesen Vergleich gegenüber Infosperber damit, dass auch mit hohen Ct-Werten Getestete noch ansteckend sein können. Das kann wohl sein. Aber diese Wahrscheinlichkeit ist sehr gering. Wie klein dieses Risiko tatsächlich ist, war nicht Gegenstand der Studie von Gilbert Greub. Selbst die WHO schätzt die Wahrscheinlichkeit als sehr gering ein.
Koreanische Wissenschaftler fanden bei Patienten, die in Spitälern mit einem PCR-Test positiv getestet wurden, ab einem Ct-Wert von 30 keine Viren mehr, die sich vermehren konnten. Diese Patienten waren nicht mehr ansteckend.
Trefferquote von 97,8 Prozent
Die von fast allen Medien zitierte Studie von Greub vergleicht Schnelltests jedoch nicht nur mit Ct-Werten von bis zu 40, sondern auch mit positiven PCR-Resultaten, die mit einem Ct-Wert nur bis zu 26 erreicht wurden. Bei diesem Vergleich lag die Trefferquote des Roche-Schnelltests nach Angaben von Gilbert Greub bei ausgezeichneten 97,8 Prozent. Schnelltests von anderen Herstellern erzielten bei diesem Vergleich Trefferquoten zwischen 95,6 und 100 Prozent. Die günstigeren und einfacheren Schnelltests fanden also fast gleich viele Ansteckende wie die PCR-Tests. Falls man man mit Ct-Werten zwischen 27 und 40 noch wenige Ansteckende gefunden hätte, welche bei diesem Vergleich unberücksichtigt geblieben wären, läge die Trefferquote der Schnelltests immer noch bei über 90 Prozent.
Ein wichtiger Vorteil von Schnelltests kommt dazu: Deren Resultat liegt unmittelbar nach dem Test vor, so dass Angesteckte sofort wissen, dass sie ansteckend sind und dafür sorgen können, dass sie niemanden mehr anstecken. Beim PCR-Test dauert es einen bis zwei Tage, bis das Testresultat vorliegt. Die Ansteckenden laufen also noch ein bis zwei Tage herum, ohne von ihrer Ansteckung zu wissen.
Berücksichtigt man diesen Vorteil, dann ist die nur wenig höhere Treffsicherheit der PCR-Tests nichts mehr wert. Schnelltests bewahren gleich viele Leute vor Ansteckenden wie die PCR-Tests.
Zu seinem Schnelltest erklärte der Roche-Konzern gegenüber Infosperber: «Bei einer Auswertung von über 70 unabhängigen Studien, die anhand von 30’000 Patientendaten weltweit über 20 Tests vergleicht, schneidet unser Test am besten ab. Er identifiziert schnell und zuverlässig Menschen mit einer hohen Viruslast, die als besonders ansteckend gelten.»
Weil es bei Schnelltests nur darum geht, ob man zum Zeitpunkt des Tests ansteckend ist, erklärte auch Gilbert Greub gegenüber Watson, er halte die Nasen-Schnelltests dann für sinnvoll, wenn damit Restaurants und Kinos geöffnet werden können.
➜ Morgen auf Infosperber: «Die Schweiz braucht eine Strategie mit Schnelltests». Ein Interview mit Arzt und Unternehmer Thomas Krech, der die Teststrategie des Bundesrates kritisiert.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine.