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Das Panel befasste sich mit den finanziellen und personellen Ressourcen des hochmittelalterlichen Königreichs Burgund, wie JOHANNES LUTHER (Zürich) in seiner Einleitung ausführte. Dieses Reich lag in der Gegend um den Genfersee und wurde 1032 an das römisch-deutsche Reich angegliedert. In der kollektiven Erinnerung an das Hochmittelalter dominiert die Vorstellung von opulenten Banketten und Herrschern, die ihre Macht pompös inszenierten. Das Panel sollte zeigen, dass es auch andere Methoden der Machtdurchdringung gab.
LISA KLOCKE (Mainz) untersucht die Herrschaftssicherung in Burgund durch Konrad II. und Heinrich III. Sie fokussierte in ihrem Beitrag auf die Bistümer Basel und Besançon und nutzte Urkunden als Hauptquellen. Nachdem Rudolf III., der letzte Rudolfinger, erbenlos verstorben war, fiel die Herrschaft über Burgund an Konrad II. und anschliessend an dessen Sohn Heinrich III. Klocke zitierte Verena Türck, der zufolge Konrad nur nominell das Königtum, aber nie die eigentliche Herrschaft über Burgund für sich sicherte. Klocke führte jedoch aus, dass Burgund erst sehr spät und zwischen zwei grossen Feldzügen zum Reich kam, Konrad aber in dieser kurzen Zeit versucht habe, seine Herrschaft auszubauen. Eine Urkunde aus Besançon bestätige beispielsweise eine Schenkung an Rudolf III. und damit möglicherweise die Stärkung seines Netzwerkes. Zudem habe Konrad in Basel einen neuen Bischof eingesetzt und seinen Anspruch gestärkt, indem er erhaltene Güter an die Klöster zurückgab. Vor 1039 führte er eine weitere Investitur in Lausanne durch und sicherte auch dort seine Herrschaft, indem er ausschliesslich Personen seines Vertrauens einsetzte. Klocke warf die beiden Fragen auf, ob Heinrich III. nach Konrads Tod auf die alten Netzwerke zurückgriff oder neue schuf, und ob er Burgund faktisch oder nur nominell regierte. Eine faktische Herrschaft negierte sie, da es keine Urkunden gäbe, die das beweisen würden. Dennoch scheint Heinrich III. aktiv seine Herrschaft vorangetrieben zu haben. Möglicherweise wurde der neue Bischof von Basel, Theoderich, von ihm investiert. Insgesamt seien aus Heinrichs Regierungszeit sieben Urkunden für Burgund erhalten, eine davon gefälscht, wobei die meisten die Vergabe von Rechten behandeln. Klocke zog das Fazit, dass Konrad II. wohl nur begrenzt auf bestehende Netzwerke zurückgreifen konnte. Er habe eigene Bischöfe sowohl zu Beginn (Basel) als auch gegen Ende seiner Herrschaft (Lausanne) eingesetzt und das Episkopat genutzt, um Burgund an sich zu binden. Heinrich III. habe anschliessend dieselben Netzwerke genutzt und Burgund durch die Einrichtung einer Kanzlei auf eine Ebene mit den anderen Teilreichen gestellt. Zuletzt merkte Klocke an, dass man neben den kirchlichen auch die weltlichen Netzwerke der Kaiser untersuchen müsste, um ein umfassenderes Bild zu erhalten.
Johannes Luther befasste sich mit der Epoche des Investiturstreits 1070 – 1120, in dem Burgund mehrmals Schauplatz von Auseinandersetzungen wurde und eigene Äbte und Bischöfe in die Versammlungen schickte. Besonders die Rolle der Bischöfe stand im Fokus, da Burgund eine wichtige Herrschaftsressource für das Papsttum darstellte. Luther führte aus, dass nach dem Tod von Heinrich III. die persönliche Kontrolle eines einzelnen Herrschers abbrach und Burgund zerfiel. Sein Sohn Heinrich IV. konnte nur noch kleine Gebiete Burgunds sichern. Dieses Machtvakuum nutzten die Reformpäpste, um die Zusammenarbeit mit den Bischöfen zu suchen. 1037 wurde Gregor VII. zum Papst ernannt und traf in Burgund auf zwei konkurrierende Machtblöcke aus Königstreuen einerseits und Geistlichen andererseits. In dieser Situation sei der Einfluss von Einzelpersonen gewachsen, darunter zum Beispiel Burchard von Lausanne, der sich als Heerführer und Berater kontinuierlich im Umfeld von Heinrich IV. aufhielt. Dieser wiederum honorierte Burchards Dienste und liess sie ausführlich dokumentieren. Nach Luther war dieser Umstand wichtig, da die Verleihung grosser, landwirtschaftlicher Güter eine Erhöhung Lausannes zur Folge hatte. 1112/1113 kam es zwischen den Domkapiteln St. Jean und St. Etienne zum Streit über den Ort des neuen Bischofssitzes. Erzbischof Guido von Vienne, als Legat vom Papst beauftragt, entschied zugunsten von St. Jean, worauf sich St. Etienne an den Kaiser Heinrich V. richtete und Unterstützung erhielt. Bei der Krönung Heinrichs hätte es zu einer Einigung kommen sollen, dieser zwang jedoch den Papst sich unterzuordnen, was von Guido wiederum aufs Schärfste verurteilt wurde. Erst nachdem Guido als Kalex II. zum Papst gewählt worden war, gelang es Heinrich und ihm, Frieden zu schliessen. Faktisch war damit sowohl der Investiturstreit beendet, als auch die Unabhängigkeit Burgunds bestätigt. Zusammenfassend lässt sich erstens erkennen, dass sich Guido und Burchard an ihren Positionen bereichern konnten und zweitens, dass das burgundische Episkopat weiterhin eine wichtige Herrschaftsressource für die Bischöfe und Herrscher darstellte.
In seinem Kommentar warf JAN RÜDIGER (Basel) die Frage auf, wann aus einer Konjektur ein Fakt werde. Als Beispiel für seine Argumentation verwendete er das Jubiläum der Münsterweihung von 1019. Unterschiedliche Quellen berichten über dieses Ereignis, bei der Kaiser Heinrich II. und Bischof Adalbero angeblich persönlich anwesend waren. Rüdiger dekonstruierte dieses Ereignis. So lasse sich eine ausführliche Erzählung darüber beispielsweise erst in einer Basler Chronik aus dem 18. Jahrhundert finden, die sich auf ältere, nicht mehr erhaltene Chroniken beruft. Die Übersetzung wurde dahingehend gedeutet, dass Heinrich das Münster selbst gestiftet hat, was jedoch ein nachträglicher Einschub gewesen sein könne. Rüdiger schlug eine alternative Übersetzung vor, wonach Basel mit diesem Ereignis nicht ans Reich übergeben wurde, sondern der Basler Bischof sich lediglich an den königlichen Hof gesellen sollte. Rüdiger fragte kritisch, warum die Basler Geschichte ständig nach der Figur des starken, allmächtigen Herrschers verlange. Der Burgunderkönig Rudolf III., der konsensual und mit dem Einvernehmen aller herrschte, sei als weiblich und schwach bezeichnet worden. Die darauffolgenden Salierkönige hätten auf dieselbe Weise geherrscht, abgesehen davon, dass sie sich noch weiter weg von Burgund aufhielten, seien dafür aber gelobt worden. Rüdiger endete mit der Frage, warum die aktuelle Forschungsrhetorik so sehr auf die Machtdurchdringung von Herrschern fokussiere, selbst wenn diese weder zu den Quellen noch dem Forschungsstand passt.
In der Diskussion wurde gefragt, wie Macht anders ausgeübt werden könne als über Stellvertreter und woran man erkenne, dass ein König Macht ausübte. Nach Klocke wird die Machtausübung etwa besonders dann sichtbar, wenn Heinrich III. Verleihungen vornahm, wobei dies ebenfalls als Zeichen konsensualer Herrschaft gedeutet werden könnte. Zuletzt wurde infrage gestellt, ob die Investitur tatsächlich Herrscherwille war oder ebenfalls Zustimmung benötigte. Besonders in Basel, so Klocke, sei die Nähe der fraglichen Personen zum König deutlich in den Quellen sichtbar und ihre Einsetzung sei eindeutig von dessen Willen ausgegangen. Für die Gebiete ausserhalb kann nur aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen darauf geschlossen werden, die Quellen geben darüber zu wenig Aufschluss.
Panelübersicht:
Luther, Johannes: Das vertraute Fremde. Versuch einer Binnenperspektive auf das Königtum des letzten Rudolfingers
Klocke, Lisa: Garanten der Herrschaft? Die Rolle burgundischer Bischöfe in der Zeit des Investiturstreits
Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 5. Schweizerischen Geschichtstagen