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Schon vom „Fleutischwung“ oder vom „Fleugedätsch“ gehört? Von diesen beiden Schwüngen wusste ich bis vor kurzem ebenfalls nichts. Da ich zurzeit einen Beitrag über den Entlebucher Schwingerverband schreibe, stöberte ich auch ein wenig über dessen Geschichte. Dabei stiess ich auf ein altes Buch: „Fragmente über Entlebuch“, 1797 von Franz Josef Stalder veröffentlicht.
Stalder und sein Buch entdeckte ich im „Historischen Lexikon der Schweiz“. Im Kapitel „Schwingen“ schreibt Hans Peter Treichler (ein Schweizer Journalist sowie Interpret von Volksliedern und Chansons): „Eine ausführliche Beschreibung mit historischem Rückblick liefert der Entlebucher Pfarrherr Franz Josef Stalder 1797 in seinen „Fragmenten über Entlebuch“: Die von ihm postulierten festen Regeln scheinen nicht die einzigen gewesen zu sein. Andere Quellen belegen, dass an Stelle der heute gebräuchlichen kurzen Überhosen auch Mähergurten oder ein um den Oberschenkel geknüpftes Tuch zum Einsatz kamen. Auch die Dauer des einzelnen Wettkampfs, Gang genannt, war keineswegs einheitlich reglementiert.“
Franz Josef Stalder
Im oben erwähnten „Historischen Lexikon der Schweiz“ finden sich auch Angaben zum Leben von Franz Josef Stalder, welcher am 14.9.1757 in Luzern geboren und am 25.7.1833 in Beromünster starb. Der Sohn von Jakob Anton und Maria Theresia Dula studierte am Jesuitenkollegium Luzern. 1780 wurde Stalder zum Priester geweiht, war erst Vikar in Schüpfheim und von 1781 bis 1785 Pfarrhelfer in Luzern. Später war er Pfarrer in Romoos und ab 1792 in Escholzmatt. 1791 wurde Stalder Mitglied der Helvetischen Gesellschaft, die er mehrmals präsidierte. Von 1799 bis 1821 bekleidete der Pfarrherr zudem das Amt eines Oberschulinspektors des Amts Entlebuch. 1809 wurde der Stadtluzerner Dekan des Kapitels Sursee und amtete ab 1822 als Chorherr von Beromünster. Stalder widmete sich über seine seelsorgerischen Pflichten hinaus besonders der Förderung des Schulwesens und betrieb auch volkskundliche Studien. Er gilt als Begründer der Dialektologie in der Schweiz.
Das Schwingen
Im Buch „Fragmente über Entlebuch“ schreibt Stalder: „ (…) ich nenne das Schwingen, worin die Entlebucher lange schon um den Vorzug mit ihren benachbarten Hirten stritten.“ Schwingen definiert er folgendermassen: „Das Schwingen, eine Art von Ringen, gehört eigentlich zur schwereren Kampfgymnastik und unter den jetzigen gymnastischen Spielen mag es weit die allerschwerste Übung sein, weil solche einerseits viel Nervenskraft und Geschmeidigkeit des Körpers, anderseits viel Geschicklichkeit in schneller Benutzung der Schwächen des Gegners sowohl als verschiedener regelmässiger Listen und Trugwendungen voraussetzt. Vermutlich mag der Name Schwingen und Schwinger daher rühren, weil der Kämpfer mit überwiegender Kraft seinen Gegner emporhebt, ihn gleichsam in der Luft herumschwingt, und dann auf die Erde schleudert.“
Man bedenke, dass diese Zeilen um 1797 geschrieben wurden. Ich beliess die Worte und Sätze, wie sie Franz Josef Stalder verfasste. Erlaubte mir aber ein paar orthographische Korrekturen. Beispielsweise machte ich aus „beyde“ – heute korrekt „beide“ oder aus „thun“ – entsprechend „tun“.
Der Fleutischwung
Stalder erwähnt einen gewissen Jakob Cooks, welcher bei seinen Reisen eigene Beobachtungen anstellte: „Im Angriff sowohl als im Niederwerfen stimmt die Ringart der Südsee-Insulaner mit jener der schweizerischen Gebirgsbewohner ganz überein.“ Der Pfarrherr verglich Cook’s Beobachtungen mit den seinen und ergänzte: „Und besonders eigen ist ihnen beiden eine der Liebligsarten, den Gegner an sich heranzuziehen, und, ehe man ihn auf die Erde wirft, zwei oder dreimal herumzuschwingen. Der Entlebucher heißt diese Kampfart den Fleutischwung, wie man nachgehends sehen wird.“
Den „Fleutischwung“ beschreibt Stalder so: „Wenn beide Teile auf erwähnte Art zusammengegriffen haben, fangen sie an, wechselseitig zu ziehen und zu stossen; hierauf allmählich schneller, und oft so schnell, dass Einer den Andern (besonders wenn sie lustig kämpfen) im weiten Zirkel der Zuschauer herumwirbelt, ohne jeden Griff zu lassen, so dass der Kreis zersprengt wird und endlich Einer dem Andern das rechte Bein um das linke schlägt, ihn überspringt, und auf den Rücken wirft.“
Vom Fleugedätsch
Besonders viel Platz lässt Stalder dem Beschreiben von verschiedenen Schwüngen. Nebst dem Fleutischwung erwähnt er auch den „Fliegendätsch, oder wie der Entlebucher sagt, Fleugedätsch“. Der ehemalige Oberschulinspektor vom Amt Entlebuch schreibt dazu: „Hier zieht er mit vieler Geschicklichkeit blitzschnell die rechte Hand vom Hosengurt los, schlägt dieselbe flach beim Angesicht vorbei auf der linken Seite in den Nacken; mit der linken behält er immer den Griff im Gstöss, und springt beim Nackendätsch ein wenig rückwärts, doch so, dass er nie seinen Griff fahren lässt; und dieser wohl angebracht tut so gute Dienste, dass der Getroffene drei bis viermal über und über trollt, und unter lautem Gelächter der Zuschauer auf dem Rücken liegt.“
Die Erläuterungen darüber wie der Gegner auf den Rücken zu liegen kommt, lassen darauf schliessen, dass damals beim Schwingsport viel gelacht wurde. Das Schwingen war seinerzeit wohl mehr Unterhaltung als Sport. Bei gewissen Situationen wurde das komische oder ungeschickte Verlieren mit lautem Lachen quittiert. Das wäre heute undenkbar.
„Letz, oder eigentlicher, nach der Mundart der Entlebucher, Lätz“
„Die kreisförmig herumstehende Volksmenge macht das Publikum aus, das Beifall klatscht, oder Missfallen zischt; und alterfahrene Schwinger von beiden Teilen sind das richterliche Tribunal in streitigen Fällen.“ Stalder erwähnt auch das Publikum, welches beim Zuschauen noch stand. Ein sogenanntes Kampfgericht, „das richterliche Tribunal“ mit erfahrenen Schwingern, durfte damals schon nicht fehlen. Was den heutigen Schwingfestbesucher irritieren mag, ist das bereits erwähnte „Auslachen“, oder das Publikum, welches „Missfallen zischt“.
Bekannte Schwünge wie der „Lätz“ wendeten schon die alten Entlebucher an: „Der Siegsuchende sucht den Gegner kurz zu ziehen; das heisst er springt rechts an des Gegners rechte Seite, so dass er mit seiner rechten Huft an seine Huft anstellt; dann schlägt er augenblicklich sein rechtes Bein um des Andern rechtes. Kann er aber sein Bein nicht ganz hackenförmig anklammern, trittet er ihm flugs auf den rechten Fuß, scheint ganz vorwärts mit ihm zu fallen – und gewiss stürzt der Andere unter ihm auf den Rücken.“
Franz Josef Stalder beschrieb in „Fragmente über Entlebuch“ ausführlich das Schwingen. Nicht nur einzelne Schwünge wurden detailliert erklärt. Auch die noch heute gültigen Grundregeln fanden Erwähnung: „Jeder Schwinger reicht vor dem Angriff dem Andern freundschaftlich die Hand; und sie geloben einander brüderlichen Frieden. Dann schlagt jeder seine Rechte in den Hosengurt seines Gegners, und seine Linke in die aufgerollten Hosen des rechten Schenkels, oder, wie’s der Entlebucher heisst: In’s Gstöss des rechten Dickbeins.“
Stalder’s Buch über das damalige Entlebuch beinhaltet viele interessante Dinge über das Leben jener Zeit. Ich konzentrierte mich vor allem auf das Schwingen und überflog dazu einige Seiten. Etliche Mühe bekundete ich mit der alten Schrift. Glücklicherweise sind die PC’s aber so schlau und wandelten beim Kopieren ins „Word“ das Geschriebene in eine leserliche Schrift um.
„Fragmente über Entlebuch“ hat die ETH Bibliothek übrigens als pdf-File online gestellt.
feldwaldwiesenblogger