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Als «Assessment» wird in der Schweiz ein Vorgehen bezeichnet, das Menschen, die finanzielle Hilfe vom Staat benötigen, im Hinblick auf ihre Integrationsfähigkeit für den Arbeitsmarkt beurteilt. Hierzu kommen VertreterInnen der Sozialversicherungen, der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) und des Sozialdiensts zusammen mit dem Ziel, jene Menschen, die aus dem System herausfallen, wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern – sei ihr Fall auch noch so hoffnungslos.
«Welches sind Ihre Ziele für die nächsten 20, 25 Jahre?», fragt die Vertreterin der Sozialdienste einen 54-jährigen IV-Bezüger. Dieser wurde nach einem schweren Motorradunfall vor sieben Jahren arbeitsunfähig, nun attestiert ihm die IV nach einer Abklärung eine Arbeitsfähigkeit von 91 Prozent. «Ziele», «Massnahmen», «Arbeitsfähigkeit» schreibt die Vertreterin der Sozialdienste während des Gesprächs auf einen Flipchart. Mit diesen Worthülsen offenbart sie die Fragwürdigkeit eines Prozesses, in dem zwar alle anscheinend das Beste wollen, der jedoch hauptsächlich dazu zu dienen scheint, denen ein Auskommen zu sichern, die in dieser Maschinerie beschäftigt sind.
Es ist ein genereller Anfangsverdacht, der bei den «Assessoren» gegenüber jeder der hier porträtierten Personen, Klienten genannt, im Raum steht. Dieses ungute Grundgefühl vermittelt der Dokumentarfilm «Assessment» hervorragend. Dies hat viel damit zu tun, wie der 1984 geborene Mischa Hedinger Gesprächspausen, Gesten, die ganze Körpersprache ins Bild setzt in seinem Low-Budget-Dokumentarfilm, der mit seinem Formbewusstsein beeindruckt.
Die Kamera bewegt sich kaum, sie filmt während des ganzen Films aus nur zwei verschiedenen Perspektiven. Dies war nötig, weil der Raum, in dem die Gespräche zwischen «Assessoren» und «Klienten» stattfanden, klein war und die Gespräche durch die Anwesenheit der Kamera so wenig wie möglich beeinträchtigt werden durften. Die ZuschauerInnen scheinen dadurch auf der Seite der «Assessoren» zu stehen, denn die «Klienten» werden jeweils frontal gezeigt, was deren unangenehme «Castingsituation» auch physisch deutlich macht. Die sechs «Assessoren» erscheinen jeweils in der für sie komfortableren Seitenansicht.
Seine Weltpremiere hatte «Assessment» im vergangenen November an der Duisburger Filmwoche. Hier gewann Mischa Hedinger den Carte-Blanche-Nachwuchspreis. Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert und garantiert, dass der nächste Film des Regisseurs in den Wettbewerb einer der zukünftigen Duisburger Filmwochen aufgenommen wird. Ausserdem wird der Regisseur bei der Realisierung dieses Films von einem erfahrenen Mentor beraten. Im Fall von Mischa Hedinger ist das der vielfach ausgezeichnete Dokumentarfilmer und Videokünstler Harun Farocki. Kein schlechter Anfang für einen unbekannten Jungregisseur aus der Schweiz, den im eigenen Land bis anhin kaum jemand kannte, von dem aber noch viel zu hören sein wird.
Solothurn, Kino Canva Blue, Di, 26. Januar 2014, 14.15 Uhr; Kino Canva Club, Di, 26. Januar, 14.30 Uhr 2014, und Kino im Uferbau, Do, 30. Januar 2014, 11.30 Uhr.