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Fukushima bedeutet auf Japanisch «Insel des Glücks.» Am 11. März 2011 ereignete sich in der Kleinstadt 250 Kilometer nordöstlich von Tokio jedoch ein verheerendes Unglück: Aufgrund einer Reihe von katastrophalen Unfällen konnte aus dem Kernkraftwerk in Fukushima radioaktive Strahlung entweichen.
Wie kam es zu dieser Nuklearkatastrophe? Wie geht es der Stadt nun nach zehn Jahren? Und was hat sich bis heute getan? Ein Rückblick.
Am Morgen des 11. März 2011 erreichten uns folgende Nachrichten:
Nach Angaben von Polizei und Behörden habe es hunderte Tote und Verletzte gegeben. Menschen wurden von Erdrutschen verschüttet, viele sollen ins Meer gespült worden sein. Es soll sich um das stärkste Beben in Japan seit Erdbebenaufzeichnung handeln.
Der Tsunami überflutete mehr als 560 Quadratkilometer des japanischen Festlands. Über 470'000 Gebäude wurden schwer beschädigt oder zerstört.
Zu einem dieser Gebäude gehört auch das direkt an der Pazifikküste gelegene Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Die starken Beben und der davon ausgelöste Tsunami trafen das Kernkraftwerk mit voller Wucht. Es gehörte – bis zu jenem Zeitpunkt – mit seinen sechs Reaktorblöcken und bis zu 4,5 Gigawatt elektrischer Nettoleistung zu den leistungsstärksten Kernkraftwerken des Landes.
Kurz nach der Meldung des starken Erdbebens wurde bekannt, dass alle Menschen das Gelände des Atomkraftwerks aus Sicherheitsgründen verlassen sollen.
Experten beschrieben die Situation rund um Fukushima als besorgniserregend. So auch die internationale Atombehörde (IAEO), welche die Lage als sehr beunruhigend bezeichnete. Die Indizien sprachen schnell dafür, dass sich eine Kernschmelze ereignet habe.
Heute weiss man, dass der Tsunami das Hauptkühlsystem des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi ausser Betrieb setzte. Dies führte zu einer Überhitzung der Reaktoren und anschliessend zur unkontrollierbaren Kernschmelze. Infolgedessen wurde in den Tagen danach eine grosse Menge an Radioaktivität aus den Reaktoren der Kernanlage in die Umwelt freigesetzt.
Wenn es bei einem solchen Unfall zur Kontamination der Umwelt kommt, spricht man von einem Super-GAU. In Fukushima liefen gleich mehrere Super-GAUs gleichzeitig ab: Vier von sechs Reaktorblöcken waren betroffen. Die Reaktorunfälle von Fukushima gingen in die Geschichte ein. Es war die schlimmste Atomkatastrophe seit dem Unfall im ukrainischen AKW Tschernobyl im Jahr 1986.
kollabierten mehrere Kühlsysteme
Mehr als 160'000 Einwohner mussten das Gebiet aufgrund der Strahlung vorübergehend oder dauerhaft verlassen. Rund 500'000 Tiere mussten zurückgelassen werden. Nachdem immer wieder Einwohner zurückgekehrt waren, erklärte die Regierung das Gebiet 20 Kilometer rund um das Kraftwerk Fukushima zum Sperrgebiet.
37'000 Menschen sind Stand Juli immer noch evakuiert. Alte Gegenstände oder Kleidung dürfen aufgrund der Strahlung nicht umgesiedelt werden.
Nicht nur in Fukushima spürte man die Auswirkungen des nuklearen Ausbruchs: In Tokio, 250 Kilometer von Fukushima entfernt, überstieg die Belastung des Trinkwassers zeitweise einen kritischen Wert. Zahlreiche Lebensmittel aus der betroffenen Region wie Gemüse, Milch, Kräuter oder Fisch durften nicht mehr verzehrt werden.
Das hat sich nun aber deutlich verbessert: Nach zehn Jahren liegt die Kontamination lokaler Lebensmittel unter dem Grenzwert von 100 Becquerel pro Kilogramm. 2019 hob die EU ihr Embargo der Produkte aus Fukushima auf. Lebensmittel wie Gemüse oder Fisch werden vor Ort auf ihre Radioaktivität überprüft.
Bis heute gelten weite Landstriche noch als kontaminiert. Die Ausbreitung der Strahlenbelastung ist in den letzten Jahren aber deutlich zurückgegangen. Laut Zahlen des BAG hat sich die Fläche des evakuierten Gebiets von 1'150 Quadratkilometer (April 2011) auf 337 Quadratkilometer (März 2020) reduziert. Die Gefahr ausserhalb der Sperrzone mag gebannt sein, die Langzeitfolgen sind aber dennoch schwer abzuschätzen.
Im Kerngebiet von Fukushima lag die durchschnittliche Strahlendosis im ersten Jahr nach dem Unfall bei 200 Millisievert pro Jahr. Heute findet man in den am Kraftwerk angrenzenden Regionen nur noch vereinzelt Werte mit über 5 Mikrosievert pro Stunde, was 43 Millisievert pro Jahr entspricht.
Die Gebiete, die nicht mehr zur Sperrzone gehören, sind wieder bewohnbar. Vor allem ältere Menschen kehren in ihre alte Heimat zurück. Es ist jedoch schwierig, diese Regionen wiederzubeleben. Die Regierung versucht deshalb mit Umzugsprämien von rund 17'000 Franken die Einwohner in ihre Ursprungsgebiete zu locken.
Rund 300 Quadratkilometer gehören heute noch zum Sperrgebiet. Der Zutritt ist nur eingeschränkt möglich. Eine Genehmigung haben beispielsweise die 6000 Mitarbeiter des Atomkraftwerks. Das Gelände darf in voller Schutzmontur aber nur während zwei Stunden betreten werden. Wenn man die Sperrzone verlässt, muss an einem Gate erst einmal die Strahlung gemessen werden. Radioaktiver Staub darf nicht nach «draussen» gelangen.
Die unbeschädigten Reaktorblöcke 5 und 6 wären eigentlich noch funktionsfähig. Anfangs wollte man die Anlange wieder in Betrieb setzten. So weit kam es aber nicht. Am 20. März 2011 erklärte die japanische Regierung, dass man die Anlage vollständig stilllegen möchte.
Gleichzeitig begann man in der Region sowie in der AKW-Anlage mit den Aufräumungs- und Sicherheitsarbeiten. Deren Abschluss wird erst um das Jahr 2050 erwartet.
Das grösste Problem ist der bei den Aufräumarbeiten entstandene Atommüll. Haufenweise Säcke mit radioaktiven Abfällen werden auf dem Gelände zwischengelagert. Der produzierte Abfall hat bereits ein Volumen von 16 Millionen Kubikmetern. Die Lagerkapazitäten sind bald ausgeschöpft, die Entsorgungsfrage bleibt jedoch weiterhin ungeklärt. Ein weiteres Problem ist das verseuchte Wasser, das weiterhin ins Meer fliesst.
Vor dem Unfall hatte Japan 54 Reaktoren in Betrieb, nach der Nuklearkatastrophe wurden die restlichen 50 Reaktoren nach und nach heruntergefahren. Erst wollte man ganz aus dem Kernenergiegeschäft aussteigen, entschied sich aber dafür, dass die bestehenden Kernkraftwerke in Betrieb bleiben dürfen. Einzige Bedienung: Die Kraftwerke müssen sicher sein.
2020 folgte eine Kehrtwende: Der japanische Umweltminister Shinjirō Koizumi kündete an, dass er aktiv auf die Schliessung der Atomkraftwerke hinarbeiten möchte. Das wünschen sich auch die Anwohner. Eine Umfrage des Rundfunksenders HHK im Dezember hat ergeben, dass sich 67 % der Bewohner in Japan eine Reduktion oder den kompletten Ausstieg der Atomenergie wünschen.
Der Anteil der Atomkraft an der Gesamtstromerzeugung ging aber seit dem Reaktorunfall deutlich zurück: Vor der Katastrophe lag der Anteil bei 30 Prozent, 2015 lag dieser Wert bei weniger als einem Prozent. Anschliessend haben die Zahlen wieder bis zu 7,5 Prozent zugenommen.
Wissenschaftler der UNSCEAR kommen in einer medizinischen Studie zum Schluss, dass die Risiken für Gesundheitsschäden durch die Nuklearkatastrophe sehr gering sind. Das bedeute aber nicht, dass gar kein Krebsrisiko besteht, betonte die Organisation. Viele Rettungskräfte waren sehr hohen Strahlungen ausgesetzt, weshalb man mit einigen wenigen Krebsfällen rechnet.
«Es ist eine Katastrophe, aber es ist keine Strahlenkatastrophe», sagte Anna Friedl, Strahlenbiologin und Vertreterin von UNSCEAR in Deutschland, zur Studie. Verglichen mit Tschernobyl seien in Fukushima weit weniger radioaktive Stoffe freigesetzt worden. Grösstenteils seien die Strahlungen statt über Land im Meer niedergegangen.
Im Mai 2011 entschied sich der Bundesrat für einen schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie. 2016 wurde die Initiative für einen schnellen Ausstieg aus der Atomenergie abgeschmettert. 2017 folgte die Gesetzesanpassung: Der Bau neuer Kernkraftwerke wurde verboten, die alten Anlagen hingegen dürfen weiterhin in Betrieb bleiben. So soll es zu einem schrittweisen Ausstieg kommen. Vier Kernkraftwerke in der Schweiz sind noch in Betrieb.
Auch weitere Länder wie Deutschland oder Belgien haben nach der Katastrophe einen Atomausstieg in die Wege geleitet. In Deutschland werden die Anlagen gemäss Atomgesetz spätestens 2022 abgeschaltet. Belgien will bis 2025 aus der Atomkraft aussteigen.
In Italien wurden die Atomkraftwerke kurz nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl ausser Betrieb genommen. 2011 stimmte man über einen Wiedereinstieg ab. 94 Prozent stimmten dagegen.
Gemäss dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) sind die Schweizer Kernkraftwerke sicher. Nach dem Reaktorunfall in Fukushima sind die Sicherheitstechniken erneut überprüft und weiter verbessert worden.
Im Februar dieses Jahres wurde Fukushima erneut von einem starken Beben der Stärke 7,3 heimgesucht. Die Aufräumarbeiten wurden dadurch erneut zerstört.
Die Atomruine sei laut Berichten aber nicht erneut beschädigt worden. Dass es nach 10 Jahren zu erneuten Beben kommen kann, sei nicht überraschend, sagte Kenji Satake vom Erdbebenforschungszentrum der Universität Tokio. Das Inselreich Japan gehört zu den am stärksten von Erdbeben gefährdeten Ländern weltweit.