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Just aus jener Partei, welche für sich beansprucht, als einzige die Werte der Schweiz hochzuhalten, stammt der Vorstoss, der langfristig den Zusammenhalt der Schweiz gefährdet. Anfang 2013 hatte die damalige Thurgauer SVP-Kantonsrätin Verena Herzog mit einer Motion gefordert, das Französisch aus dem Lehrplan der Primarschule zu streichen. Kürzlich hat das Thurgauer Parlament gegen den Willen der Regierung und als erster Kanton dieses Begehren mit deutlicher Mehrheit unterstützt. Inzwischen sitzt Verena Herzog im Nationalrat, und auch in dieser Funktion ist sie der Meinung, das Frühfranzösisch sei zu streichen. Der Thurgauer Lehrerverband befürwortet das ebenfalls; Schülerinnen und Schüler beziehungsweise Lehrerinnen und Lehrer seien überfordert, wird im Thurgau argumentiert. Möglicherweise trifft das auf die Lehrerinnen sowie Lehrer zu, die wohl zu wenig vorbereitet und ausgebildet sind; vielleicht fehlen auch geeignete Lehrmittel, um den Kindern unsere zweite Landessprache auf spielerische und erfolgreiche Weise näher zu bringen.
Die französische Schweiz ist besorgt über das Streichen des Französischunterrichts in den Primarschulen des Thurgaus, da sie befürchtet, dass weitere Kantone diesem Beispiel folgen könnten. Das Tessin protestiert ebenfalls, denn in der italienischen Schweiz weiss man, dass eine Schwächung der französischen Sprache gleichzeitig die Bedeutung des Italienischen herabmindert. Das Herabstufen der französischen Sprache lässt auch den Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Innern aus dem zweisprachigen Kanton Freiburg, Alain Berset, nicht kalt; er denkt inzwischen darüber nach, wie diese Entwicklung aufgehalten werden könnte.
Rückzug aus der Westschweiz
Bis vor gut 50 Jahren verbrachten viele junge Frauen und Männer nach der obligatorischen Schulpflicht ein Jahr in der Westschweiz, seltener im Tessin, bei einer Familie, auf einem Bauernhof, bei einem Handwerker oder in einer Schule. Dabei entstanden Freundschaften, die manchmal ein Leben lang dauerten. Heute reisen die jungen Schweizerinnen und Schweizer in englisch sprechende Länder, und sie haben recht, die Welt zu entdecken. Dadurch kommt jedoch der Austausch zwischen unseren Sprachregionen zu kurz. Heute gibt es sogar Nationalräte, die nicht genügend Französisch verstehen, um in einer Kommissionssitzung den Argumenten eines französisch sprechenden Kollegen zu folgen. Sind Politiker, welche die zweite Landessprache nicht verstehen und deshalb die Denkweise der Romands nicht nachvollziehen können, noch eidgenössische Parlamentarier? Eidgenössisch und Eidgenossenschaft lassen sich nämlich nicht auf die deutsche Schweiz reduzieren.
Englisch als erste Fremdsprache gefährdet den Zusammenhalt
Sind wir Schweizer und Schweizerinnen nicht mehr stolz auf die Vielsprachigkeit unseres Landes, eines der wesentlichen Merkmale der Schweiz? Gerade in den letzten 25 Jahren wurden und werden in Europa sowie in anderen Kontinenten wiederum ganze Bevölkerungsgruppen nach Sprachen, Religion und Volkszugehörigkeiten getrennt; durch gewalttätige Verfolgung wurden und werden Minderheiten zur Flucht gezwungen. Angesichts der vielen ethnischen Säuberungen ist die Schweiz ein Modell für das friedliche, wenn auch nicht immer einfache Zusammenleben von Menschen verschiedener Sprachen und Kulturen. Vielen Menschen in unserem Land scheint nicht bewusst zu sein, dass für das Zusammenleben verschiedener Sprach- und Bevölkerungsgruppen ein gewisses Mass an gegenseitiger Solidarität, Interesse und Verständnis erforderlich ist. Auf die Bedürfnisse und die Befindlichkeit der Minderheiten sollte die deutschschweizerische Mehrheit nicht allein im Bereich der Sprache und in der Politik Rücksicht nehmen. Seit einiger Zeit hat sich der Wettbewerb zwischen den Kantonen durchgesetzt, und das Zusammenleben verschiedener Kulturen in unserem Land wird kaum mehr als Reichtum betrachtet – die Nützlichkeit ist zum entscheidenden Massstab geworden.
So ist in vielen deutschschweizerischen Kantonen, z.B. in Zürich, Englisch als erste Fremdsprache eingeführt worden. Englisch ist nützlich, um beruflich voranzukommen, es ist zweifellos eine wichtige Sprache, die man aber später und dank Deutsch- und Französischkenntnissen leichter lernen kann. Wenn das wirtschaftliche Interesse für die Wahl der Sprache den Ausschlag gibt, wird ein Wesensmerkmal unseres Landes geopfert. Sofern Schweizer und Schweizerinnen zum Englisch greifen müssen, um sich zu verständigen, ist das ein Alarmzeichen dafür, dass wir uns auseinanderleben.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
keine