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Das Schlagzeug legt los, Synthesizer und Bass setzen ein. Frauen und Männer in Turnschuhen, Leggins und Stulpen bewegen sich synchron zum Sound der Schweizer Band Azimut. Die Aerobicsendung «Mach mit – bliib fit!» läuft. Das Fernsehen DRS hatte sie 1983 als Antwort auf die Fitnessvideos der Schauspielerin Jane Fonda in Auftrag gegeben.
Paul Schönenberger schaut vom Bildschirm auf und lacht. «Diese doofen Ringelsocken. Die Migros wollte, dass wir sie tragen. Im Training waren wir schon anders angezogen.» Schönenberger hatte das Konzept für die Serie geschrieben und zeigte die Ausdauer- und Beweglichkeitsübungen zusammen mit der Sportlehrerin Riitta Güttinger-Hemminki dem Fernsehpublikum vor. Die Migros redete bei der Bekleidung mit, weil sie die Sendung über die Stiftung Sporthilfe sponserte und ihre Produkte platziert haben wollte.
Karriere in Turnschuhen?
Über dreissig Jahre später versucht sich Schönenberger zu erinnern, wie es kam, dass er als 25-Jähriger mit wilder schwarzer Mähne zu einem Protagonisten der Fitnessbewegung wurde. Obwohl er als Jugendlicher viel Sport getrieben und auch eine Jugend-und-Sport-Ausbildung durchlaufen hatte, war ihm eine Karriere in Turnschuhen eigentlich fern gewesen. Er hatte Kapitän werden wollen, am liebsten auf hoher See. Nach einer Lehre als Maschinenschlosser und der Rekrutenschule als Grenadier hatte er zweieinhalb Jahre auf Schiffen gearbeitet, unter anderem auf dem Zürichsee. Dann war für ihn klar: «Die Hierarchie auf dem Wasser ist nichts für mich.» Den folgenden Winter verbrachte er als Skilehrer in Scuol und betrieb für den Studentenreisedienst eine Bar. Im Sommer wechselte er an den Strand von Mykonos, wo er mit seinem Zwillingsbruder Peter Schönenberger eine Cocktailbar kaufte.
Die Aerobicsache begann 1982. Ein Bekannter seines zweiten Bruders, des Tänzers Jakob Schönenberger, wollte Aerobickurse lancieren. Gemeinsam starteten sie an der Theater- und Tanzschule Vorbühne Zürich mit nur einem Schüler. Während der Bekannte bald wieder ausstieg und einen Job in Ägypten annahm, zog Schönenberger die Idee durch. Er testete verschiedene Angebote, etwa einen Kurs für Hausfrauen am Mittwochnachmittag. «Es kamen dann aber auch viele Kinder, das ging nicht.»
Sein Feierabend war jeweils um «zehn oder elf Uhr in der Nacht». Das «Mascotte», das «Commercio» oder das «Roxy» gehörten zu den Zürcher Lokalen, in denen es damals um diese Zeit noch etwas zu essen gab. Hier lernte Schönenberger DJs kennen, die ihn fortan mit Musik versorgten. Sein Aiwa-Kassettenrekorder wurde zum wichtigen Arbeitsinstrument. Das Training mit «gutem Sound» zu kombinieren, war Schönenbergers Anspruch und bald auch Teil der Mund-zu-Mund-Propaganda für seine Kurse.
Das Kartonabo
Als die Illustrierten Jane Fonda als neue Fitnessikone präsentierten, zeichnete Schönenberger ein Zehnerabo auf ein Stück Karton und kopierte es für die ersten StammkundInnen. Mit der neu gegründeten Trimm Company bezog er Räume in einer ehemaligen Textilfabrik an der Weberstrasse im Zürcher Kreis 4. An der Vorbühne war es eng geworden, und Aerobic passte der dort ansässigen Tanz- und Theaterszene anfänglich ohnehin nicht. Zudem graute den US-Amerikanerinnen vom Zürichberg in Schönenbergers Kundschaft vor der gemischten Garderobe.
Die leeren Maschinenhallen an der Weberstrasse boten da willkommenen Freiraum für die neue Form der Körperbildung. Statt Maschinenlärm waren nun ausgesuchte Titel der Steve Miller Band, von David Bowie, Frankie Goes to Hollywood oder Marvin Gaye zu hören. Fitnessklubs schickten ihre LehrerInnen zu Schönenberger, «um abzuschauen». Er war froh, wenn seine Musikkassette am Ende der Lektion nicht wegkam.
Die Soundauswahl war neben dem Übungsablauf das Neue an Schönenbergers Training. Das Konzept aber, Gymnastik durch Musik zu steuern, hat eine längere Geschichte. Es stammt aus derselben Zeit wie die Maschinenhallen, die Schönenberger für seine Kurse mietete. Anfang des 20. Jahrhunderts war rhythmische Gymnastik eine Körpertechnik gewesen, mit der LebensreformerInnen gesundheitsschädigende Auswirkungen der Industrialisierung zu kompensieren versuchten. Auch das Fernsehen hatte musikbegleitete Gymnastik schon vor den achtziger Jahren entdeckt. So besass die Sendung «Fit mit Jack» des Turnertrainers Jack Günthard in der Schweiz der siebziger Jahre Kultstatus. Ab 1970 waren aber auch immer neue Auflagen des Buchs «Aerobics» des US-amerikanischen Sport- und Militärmediziners Kenneth Cooper erschienen. In Verbindung mit Popmusik vermochte dieses Bewegungstraining die Selbstformung junger Erwachsener zu beeinflussen. Günthard hingegen war nicht auf deren Wellenlänge, wie Schönenberger sagt: «Er hatte etwas Zackiges, Militärisches.»
Die damalige Präventivmedizin förderte die Bewegungstrainings ausdrücklich. Schon 1973 hatte sich das entsprechende Institut der Universität Zürich an einem «Kurzturnen mit Musik» beim Lebensmittelhersteller Haco in Gümligen beteiligt. Täglich fand fünf Minuten vor der 9-Uhr-Pause in der Fabrik ein freiwilliges Turnen mit Musik ab Tonbandgerät statt. Präventivmediziner Kurt Biener, der diese «Bewegungspause» begleitete, wird zehn Jahre später bestätigen, dass Schönenbergers Aerobic vom medizinischen Standpunkt her in Ordnung gewesen sei.
Grillieren auf dem Üetliberg
Weil das Haco-Turnen – anders als das Aerobic an der Weberstrasse – inmitten produktiver Maschinen stattfand, warf es die Frage auf, ob es hier tatsächlich um die individuelle Gesundheit der ArbeiterInnen oder doch eher um eine Optimierung ihrer Arbeitskraft, das heisst um die «Fitness» des Betriebs, gehe. Linke Filmschaffende um Regisseur Roman Hollenstein nutzten Aufnahmen aus der Haco AG, um im Film «JE KA MI – oder Dein Glück liegt ganz in dieser Welt» von 1978 Breiten- und Gesundheitssport als Mittel zur Gleichschaltung und Unterdrückung der Menschen anzugreifen.
Schönenberger war solche Skepsis bekannt. Vielen Leuten sei die Mitgliedschaft in einem Sportverein zu spiessig gewesen, und sie wollten auch mal «sündigen» dürfen. Er stand dem Streben nach Fitness selbst nicht vorbehaltlos gegenüber. Die alte Sorge um Gesundheit war dabei, in einen Schönheitswahn überzugehen, der auf fragwürdigen Normen beruhte. «Was da aus Amerika kam, war aus meiner Sicht viel zu extrem. Abnehmen, nichts essen, und dann fallen die Leute reihenweise um im Training.» Er habe seinen KundInnen schon gesagt, dass sie mit Training die Figur verbessern, eine bessere Kondition erlangen und die Beweglichkeit steigern könnten. Aber es sei nicht immer nur darum gegangen: «Wir gingen auch windsurfen auf dem Sihlsee, 150 Leute, oder grillieren auf dem Üetliberg, und wenn der Regen kam, gingen wir in meine Schule und machten da weiter.»
1986 zog Schönenberger mit seiner Aerobicschule in die Mühle Tiefenbrunnen um, wo er eine Tanz-, Fitness- und Ballettschule mitbegründete. Er stieg ins Gastgewerbe ein und verlor langsam das Interesse an Aerobic. Dreissig Jahre später blickt er auf und fragt: «Kann ich die Fernsehsendung nochmals sehen?» Diese hatte ihn übrigens in seinem Anspruch herausgefordert, das Training mit gutem Sound zu kombinieren. Das Fernsehen wollte für die Musik nichts zahlen, und so hatte er mühsam nach guten Titeln suchen müssen, für die keine Gebühren anfielen.