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Literarische Praxis: Editionsphilologie
Die Editionsphilologie befaßt sich mit den produktionsrelevanten Grundlagen von literarischen Texten im mehrpoligen Spannungsfeld von Entstehung, Überlieferung, Veröffentlichung und Deutung. Im Gegenzug zur hermeneutischen Rezeption von Texten versucht der editionsphilologische Umgang, keine bestimmte Form (Lesbarkeit, Vollendung, Gattung), keine Publikationsabsicht und keinen literarischen Inhalt vorauszusetzen, sondern erforscht produktionsorientiert die Bedingung und den Prozeß der Entstehung sowie die Erscheinung und die Wirkung von Texten. Es können drei ineinander spielende Aspekte unterschieden werden:
• Dokumentarisch: Worin unterscheidet sich – unter den jeweiligen historischen Bedingungen − ein literarisches Dokument von anderen, z.B. juristischen, ökonomischen, anderen künstlerischen Dokumenten? Hier werden die Materialien und Techniken der literarischen Produktion, aber auch deren Beziehungen zu den näheren und ferneren Institutionen (Bildungsanstalten, Bibliotheken, Archiv, Netzwerke, Polizei, Justiz, Klinik etc.). Über die Erforschung des Dokumentarischen vom Pergament bis zur Datei ist die Editionsphilologie unmittelbar verbunden mit der diskurspraktischen Forschung der Kulturwissenschaften.
• Textkritisch: Im engeren, editionswissenschaftlichen, Sinn überprüft die Textkritik die inneren und äußeren Zusammenhänge eines Textes im Hinblick auf die Bestimmung oder Herstellung eines ‚authentischen‘ Textes. Textkritik stellt aber auch unabhängig vom unmittelbaren Editionszweck die Frage nach der Entstehung von Texten, und zwar unter zwei Aspekten: Neben der Textgenese im Sinn der zielorientierten Entstehung eines ganzen, fertigen Textes kann der Schreibprozeß analysiert werden: Hier stehen die konkreten, singulären und situativen Momente des Schreibens wie Schreibmaterialien, Schreibgewohnheiten sowie individuelle, soziale, politische usw. Begleitumstände im Vordergrund. Diese Momente finden inhaltliche Entsprechungen in mehr oder weniger deutlich ausgeprägten Schreibszenen des Textes und bilden mit diesen das poetische Spannungsfeld von Selbst‑ und Fremdreferenz.
• Editionswissenschaftlich: Das Kerngeschäft besteht zunächst im Auswählen und Ordnen von Textträgern (Manu‑, Typoskripte, Dateidrucken etc.), die miteinander in Beziehung stehen (als Versionen), in der Transkription und in der Präsentation eines Textes. Dann gilt es, einen philologischen Apparat zu erstellen, in dem die Wahl des präsentierten Textes begründet, die Entstehungs‑ und Publikationsgeschichte sowie die Arbeits‑ und Überarbeitungsvorgänge (Varianten, Streichungen, Erweiterungen etc.) dargestellt und − je nach Anlage und Zweck der Edition: Lese‑, Studien‑, Textausgabe etc. – inhaltliche Belange (Sachen, Personen, Daten, Bedeutungen) erläutert bzw. kommentiert werden. Diese editionspraktische Tätigkeit wird stets begleitet von editionstheoretischen Bestrebungen: Dabei gilt es, die verschiedenen editorischen Verfahren zu vergleichen, entsprechende Kriterien und Modelle sowie eine angemessene Terminologie zu entwickeln und das wechselseitige Bedingungsverhältnis von Edition und Interpretation zu reflektieren.
Die Editionsphilologie ist interphilologisch und interdisziplinär orientiert. Sie fördert folgende literaturwissenschaftlichen Basiserkenntnisse:
- Ein Text ist geprägt von den dokumentarischen, das heißt materialen, technischen, institutionellen usw. Entstehungs‑, Überlieferungs‑ und jeweiligen Editionsbedingungen.
- Diese wirken auf die Rezeption und Interpretation von Texten ein, so wie umgekehrt Rezeption und Interpretation das Edieren von Texten beeinflussen.
- Die Analysen von Textgenese und Schreibprozeß verschaffen Einsicht in die Produktionsverfahren von Texten und erhellen die Faktur des Poetischen oder Literarischen vom Dokumentarischen her.
Gleichzeitig vermittelt die Editionsphilologie praxisrelevante Kompetenzen:
- Sie führt ein in den Umgang mit historischen Dokumenten, d.h. in die Archivierung, Transkription, Apparatierung, Kommentierung, sie schult mithin genaues, systematisches, lösungsorientiertes Arbeiten.
- Sie schärft die (semiotische) Wahrnehmung für materiale, technische, graphische und buchstäbliche Phänomene unterhalb der textsemantischen Schwelle, erweitert aber auch die hermeneutische Deutungskompetenz, die beim Entziffern beginnt.
- Sie fördert ebenso das individuelle, selbstverantwortliche Arbeiten wie das Arbeiten im Team.
Die in den spezifischen Seminaren und Forschungsseminaren vermittelten Erkenntnisse und Kompetenzen können in Editionspraktika (mit Studienvertrag/Learning Contract) in einem der laufenden Editionsprojekte vertieft und erweitert werden. Sie gelten zugleich als Qualifikation für einen späteren Einstieg in eine Edition in Voll- oder Teilzeitarbeit.