Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03520.jsonl.gz/2286

Rudolf Häsler war ein Mann, der seine Leidenschaft konsequent verfolgte. Im Jahr 1927 – er ist 25 Jahre alt – gibt er seinen Beruf als Primarlehrer auf und reist für ein halbes Jahr in die algerische Sahara, um zu malen.
Seine Reisen führen in nach Andalusien, Italien, Jugoslawien und Nordafrika. 1956 lernt er in Granada seine Frau Maria Dolores Soler kennen.
Die beiden heiraten ein Jahr später und verbringen die Flitterwochen in Kuba, dem Heimatland seiner Frau. Angesteckt vom revolutionären Geist werden aus zwei Wochen Ferien schliesslich 11 Jahre.
Aufstieg und Fall in Kuba
In Kuba erhält Häsler dank eines Bekannten seiner Frau einen Job und legt eine steile Karriere hin: 1960 wird er im neuen sozialistischen Staat zum Direktor für Kunsthandwerk ernannt. Häsler ist damit zeitweilig zweithöchster Ausländer im Land – gleich nach Ernesto «Che» Guevara.
Häslers hat eine sture und unbeugsame Art. Sie äussert sich unter anderem darin, dass er sich weigert, als ranghoher Regierungsangestellter eine grüne Uniform zu tragen. Das führt zu einem steilen Fall: Drei Jahre nach seiner Ernennung wird der Künstler zum regimeuntreuen Maler erklärt.
In dem gefälschten Lebenslauf, der in Umlauf gebracht wird, wird er nicht nur als ehemaliges SS-Mitglied, sondern auch als Spion der CIA verleumdet. Erst 1969 dürfen Häsler und seine Familie – er und seine Frau haben mittlerweile vier Kinder – nach Spanien ausreisen. Dort lässt sich die Familie nieder.
Wenig Erfolg in der Schweiz
Inspiriert von der Ausreise über die USA beginnt Häsler bald, fotorealistische Bilder zu malen. Teilweise arbeitet er monatelang an seinen Werken. Häsler versucht, sie in der Schweiz zu verkaufen – mit mässigem Erfolg.
Seine manchmal schwierige Art sei wohl einer der Gründe, weshalb Häslers Kunst in der Schweiz wenig Beachtung gefunden habe, meint Peter Killer, ehemaliger Leiter des Kunstmuseums Olten. «Er schimpfte ständig über den Kunstbetrieb und die moderne Kunst.»
Dass Häsler keine einfache Person war, bestätigt auch Heinz Häsler, Kurator des Kunstmuseums Interlaken (und nicht mit dem Künstler verwandt): «An der Vernissage zur Ausstellung kam eine Frau zu mir und meinte: ‹Ah, da hängt ja mein Bild!›».
Offenbar habe Häsler eine Ausstellung in Barcelona gemacht und ihr das Bild nie zurückgegeben. Trotz allem sei Häsler auch ein herzlicher, «gemütlicher» Mensch gewesen, so der Kurator.
Der falsche Zeitpunkt
Häslers fehlende Rezeption in der Schweiz hat aber auch andere Gründe. So habe er zwar sein Handwerk ausgezeichnet beherrscht, sind sich Killer und Kurator Häsler einig. Es habe jedoch zum Teil die Komplexität und der erfinderische Geist gefehlt. Nicht zuletzt habe Häsler einfach den richtigen Zeitpunkt verpasst.
Häsler verstarb 1999 ohne dass ihm jemals eine Ausstellung in der Schweiz gewidmet worden wäre. 2016 jedoch ehrte ihn Heinz Häsler im Kunsthaus Interlaken mit einer umfassenden Werkschau.
Dass Häsler Zeit seines Lebens nicht richtig rezipiert wurde, ist in der Kunstgeschichte keine Ausnahmeerscheinung. Sein Leben hingegen schon.