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Fühlen Sie sich als Europäerin, als Europäer? Ändert sich Ihre Antwort auf diese Frage, je nachdem, wer fragt? Was, wenn jemand in der Beiz im Dorf fragt? Was, wenn jemand in einem tatsächlich fremden Land fragt, etwa in Indien oder Japan? Gegenüber einem Hindu würden sich wohl viele Leute als Christen bezeichnen, die innerhalb der Schweiz Wert legen darauf, konfessionslos zu sein. Für die Ostschweizer sind wir Oberländer, während wir gegenüber einem Thuner klarstellen, dass wir nicht aus Reichenbach sind, sondern aus Frutigen. Die Frage, wo man sich zugehörig fühlt, hängt immer auch davon ab, in welchem Rahmen sie gestellt wird.
Ich habe mich gerade frisch verliebt. In einen Satz. In eine Songzeile, genauer gesagt. «My lips are chapped from thinking of your mouth.» Das Lied heisst «Invention», von der hierzulande leider sehr unbekannten Amerikanerin Lotte Kestner. Es ist immer schwierig, anderen verständlich zu machen, warum eine bestimmte Zeile mich derart berührt. Ich entschuldige mich hier auch grad bei all den lieben Menschen, die sich auf meinem Sofa schon Songs anhören mussten, sie mucksmäuschenstill, und ich ganz hibbelig: «Jetzt dann, diese Zeile! Hör mal! So schön, oder?» Und sie lächelten verlegen, und sagten: «Ja, schono schön.» Oder auch: «Ich hab glaub nicht alles ganz verstanden…»
Der Kabarettist Gabriel Vetter wurde kürzlich zum Stadt-Land-Graben befragt. Er sagte, in seiner Wahrnehmung spreche man auf dem Dorf eher über Themen, die für den Alltag unmittelbar relevant seien, während man in der Stadt schneller theoretisch und philosophisch werde. Verkürzt: Das Dorf bespricht den konkreten Fall, der in der Nachbarschaft stattfindet. Die Stadt verhandelt die Theorie, nach der man Fälle einordnen müsste. Als Pendler zwischen Stadt und Land leuchtet mir diese These im Grundsatz ein. Weil man im Dorf das Problem einer konkreten Geschichte wahrnimmt, das in der Anonymität der Stadt aber erst relevant wird, wenn es mehrere Fälle betrifft.