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Der Grundgedanke des Bündner Ingenieurs Richard La Nicca (1794–1883) aus dem Jahr 1842 war bestechend: die damals wilde und unberechenbare Aare bei Aarberg mit einem Kanal in den grossen Bielersee umzuleiten und weiter oben bei Nidau eine weitere Querverbindung vom Bielersee zurück in den Aarelauf bei Büren zu schaffen. So würden die drei Juraseen zu einem riesigen Ausgleichsbecken mit dem Ziel, die Gefahr verheerender Hochwasser zu reduzieren. Damals standen die Dörfer und Städte in der Region oft unter Wasser. Armut, Hunger und Krankheiten gehörten zum Alltag. Ein wesentlicher Grund für die häufigen Überschwemmungen war die grosse Menge an Geschiebe aus den Bergen, welche die Aare unterwegs ablud und Stauungen auslöste.
La Nicca ging davon aus, dass der Bielersee genug gross war, um das Geschiebe aufzunehmen. Ausserdem würde die Korrektion der Jurarandseen zu einer Absenkung ihrer Spiegel um 2,5 Meter führen und die ausgedehnten Sumpfgebiete der Region trockenlegen. So würden grössere Gebiete für die landwirtschaftliche Nutzung gewonnen. «Unzweifelhaft ist die Korrektion der Juragewässer nach Zweck, Natur und Ausdehnung ein solches Werk, welches eine thatkräftige Unterstützung der Eidgenossenschaft beanspruchen darf», schreibt der Bundesrat in seiner Botschaft 1863. Es sei klar, dass «ohne Dazwischenkunft und Unterstützung des Bundes eine Verständigung der betheiligten Kantone zur Ausführung des Unternehmens nicht in Aussicht steht». Dabei dürfe der Bund trotz seines Engagements die Kantone nicht bevormunden.
Widerstand der Kantone
Die Juragewässerkorrektion wurde eine der ersten grösseren Aufgaben, die der neue, 1848 nach dem Sonderbundskrieg gegründete Bundesstaat anging. Doch die Idee war an sich alt – erstmals machten die Berner Behörden zu Beginn des 19. Jahrhunderts konkrete Überlegungen in diese Richtung. Dann ging der Bundesrat das Problem an und nahm 1854 La Niccas Plan auf. Doch zwei Anläufe, 1857 und 1863, scheiterten, vor allem am Kostenschlüssel. Der Bundesrat erklärte die Verzögerung in seiner Botschaft mit dem Widerstand der Anrainer-Kantone Bern, Freiburg, Neuenburg, Solothurn und Waadt, die sich zum Teil um das Projekt foutierten. Sie vom Projekt zu überzeugen war die eigentliche Herausforderung für den Bundesrat. «In dieser Beziehung hat die Angelegenheit kaum einen Schritt vorwärts gethan, und es zeigt sich bei mehreren der beteiligten Kantone weit eher eine gleichgültige, wo nicht feindselige Stimmung, als eine freudige Begeisterung für das Unternehmen», so der verbitterte Kommentar der zuständigen nationalrätlichen Kommission 1862. Die Regierung des Kantons Freiburg schrieb im selben Jahr: «Die Ausführung würde für den Kanton Freiburg von geringem Nutzen sein. Die Tieferlegung würde sogar für denselben beträchtliche Nachtheile zur Folge haben, indem dadurch der Hafen von Estavayer und die Seedämme von La Sauge und Murten trocken gelegt würden.» Für so einen Plan sei im Übrigen einfach kein Geld vorhanden, Punkt, schrieb Freiburg.
Parallel zur Planung von La Nicca gab es weitere, deutlich verwegenere Überlegungen. So wurde ein Kanal für die Saane von Gümmenen in den Murtensee erwogen – doch diese Variante erwies sich als zu wenig sinnvoll und kostspielig. Ein noch viel überrissenerer Lösungsansatz war eine Kanalverbindung vom Neuenburger- in den Genfersee, von Yverdon nach St-Sulpice.
Die erste Subvention
Es mussten noch einmal 13 Jahre vergehen, bis der Bundesrat seine Botschaft durch die Eidgenössischen Räte bringen konnte. Die Befürworter des Bauwerkes sprachen von einem «grossen vaterländischen Unternehmen» und einer «Sisyphusarbeit». 1867 setzte sich der Bund durch und sprach fünf Millionen Franken. Für damalige Verhältnisse war das ein riesiger Betrag und entsprach rund einem Viertel des gesamten Bundeshaushaltes jenes Jahres. Der Bundesbeitrag – die erste grössere Subvention, welche die Eidgenossenschaft zu diesem Zeitpunkt ausbezahlt hatte – wurde durch einen Anteil der beteiligten Kantone und den Kauferlös des trockengelegten Landes ergänzt. Dafür wurde aufwendig ein neuer Kostenschlüssel ausgehandelt. Die Gesamtkosten wurden auf rund 14 Millionen Franken geschätzt.
Ein funktionierendes System
Mit dem Betrag wurden die Hauptbauwerke erstellt: der Hagneckkanal von der Aare in den Bielersee und der Nidau-Büren-Kanal. Hinzu kommt der Ausbau der oberen Zihl und der unteren Broye zu Kanälen, die seither eine Verbindung der drei Seen untereinander gewährleisten. Schliesslich wurde auch die Aare im Abschnitt von Büren zur Einmündung der Emme bei Attisholz ausgebaut. Eine Vollzugskommission aus Vertretern des Bundes und der Kantone wurde für die Umsetzung des Plans eingesetzt.
Der Zeithorizont für die Arbeiten betrug ursprünglich rund zehn Jahre. Abgeschlossen wurde das Werk 1891. Die Bauwerke wurden nacheinander erstellt und eröffnet, um die Wirkung des Ausgleichssystems zu ermöglichen. Auf die erste Juragewässerkorrektion Ende des 19. Jahrhunderts folgten mehrere kleinere und zwischen 1962 und 1972 die zweite grosse Korrektion. Dessen Hauptwerk war das grosse Regulierwehr beim Ausgang des Bielersees in Port.
Die erste Juragewässerkorrektion, wie auch die folgenden Werke, verbesserten die Lebensbedingungen der Bevölkerung stark. Unter anderem entstand in den letzten Jahrzehnten im Grossen Moos der «Gemüsegarten der Schweiz».
Ausstellung zum Jubiläum
Dieses Jahr, 150 Jahre nach dem Startschuss der Korrektion 1867, feiern die fünf Anrainerkantone und der Bund das Jahrhundertbauwerk mit einer Wanderausstellung mit dem vielsagenden Namen «Pegelstand». Bilder und Videos in zwei Containern sollen einerseits die Wirkung des Grossprojekts aufzeigen und andererseits einen Blick in die Zukunft werfen. Nach einer Tour, welche in Biel begann und total zehn Orte im Dreiseenland besucht, steht die Ausstellung seit gestern in Murten.
Eine weitere Folge der Juragewässerkorrektion wäre fast der «Kontinentalflughafen Grosses Moos» gewesen. Pläne für einen vierten Grossflughafen – denjenigen für die Bundesstadt Bern – wälzte der Bundesrat seit 1945. Doch der Widerstand aus der Bevölkerung und den Gemeinden war zu stark – und Bern erhielt keinen Grossflughafen.
Zur Person
Ein grosser Ingenieur: Richard La Nicca
Der Bündner Pfarrerssohn Richard La Nicca (1794–1883) war als Ingenieur für eine ganze Reihe von Bauten verantwortlich. Er studierte in Tübingen technische Wissenschaften. Als erstes Bauwerk leitete er die Errichtung des Ponte Vittorio Emanuele entlang der San-Bernardino-Strasse. Als kantonaler Oberingenieur lancierte er unter anderem den Bau der Passstrassen über Julier, Maloja und Bernina sowie die Korrektur des Rheins bei Domleschg. Er laborierte an Bahnlinien über den Splügen und den Lukmanier, die beide nicht zustande kamen. Dafür wurde die Gotthardbahnlinie gebaut. Gleichzeitig mit seiner Arbeit an der Juragewässerkorrektion wurde La Nicca in die Kommission für die Linthkorrektion berufen. Die Korrektion der Aare im Berner Oberland und die Tieferlegung des Hallwilersees gehörten ebenfalls zu seinen Arbeiten. La Nicca absolvierte auch eine militärische Karriere, unter anderem als Offizier in Diensten des Königs von Sardinien.
Die Sicht des Historikers
Ein eidgenössisches Jahrhundertwerk in einer Zeit der Krise
Die Juragewässerkorrektion von 1867 bis 1891 war aus vielerlei Gründen ein Jahrhundertwerk, sagt der Historiker und Buchautor Matthias Nast. Er hat die Ausstellung «Pegelstand», welche diesen Sommer an verschiedenen Standorten im Seeland gezeigt wird, inhaltlich verantwortet.
Mit dem Grossbauwerk habe der Bundesstaat den Kantonen erstmals seinen Nutzen als Instrument für die Durch- und Umsetzung gemeinsamer Interessen bewiesen. Noch 20 Jahre nach der Gründung der modernen Schweiz herrschten in der Politik Partikulärinteressen vor, so Nast, die Kantone schauten weitgehend für sich und trauten der Zentralregierung in Bern nicht viel zu.
Die Region Seeland war wiederum eine Schweiz im Kleinen. Über unterschiedliche Interessen sowie verschiedene Sprachen und Konfessionen hinweg brachte die Eidgenossenschaft die Gewässerkorrektion durch. «Es hat den Bund für den Ausgleich gebraucht.» Er habe gewissermassen eine Katalysatorfunktion gehabt. Ausserdem sei das Unternehmen ein Beleg für den Fortschritt im Bauwesen jener Zeit gewesen. «Es war für die damalige Zeit ein technologischer Hosenlupf», sagt Nast, und es war verbunden mit dem Einsatz einer noch nie da gewesenen Maschinerie wie etwa riesigen Dampfbaggern. Schliesslich habe der Bund mit diesem Vorhaben das Subventionswesen lanciert, wie es noch heute funktioniere: «Der Bund sichert einen wesentlichen Beitrag zu, wenn sich die Kantone auf ein Vorgehen in einem Projekt einigen können.»
Die Ausstellung sei nicht nur ein Rückblick, sondern solle durchaus auch zum Denken über die Gegenwart und die Zukunft anregen, so Nast. «Denn wir stehen vor grossen Herausforderungen.» Gegenläufige Interessen konkurrierten immer stärker miteinander. Als Beispiele nennt er die Folgen der Klimaveränderung oder die Konflikte zwischen Landwirtschaft und Umweltschutz. Es sei deshalb nötig, Kompromisse zu finden.
Matthias Nast hat in Bern Geschichte, Politische Wissenschaften und Allgemeine Ökologie studiert und 1996 doktoriert. Unter anderem erarbeitete er die Wanderausstellung «150 Jahre Bundesstaat». Er war für die Kommunikation des Dachverbandes des Gas- und Wasserfaches verantwortlich. Er ist als freier Historiker und Texter Autor zahlreicher Bücher, unter anderem «Überflutet – überlebt – überlistet – Die Geschichte der Juragewässerkorrektion».
Das Grosse Moos und seine Zukunft
Der fruchtbare Torfboden sackt jedes Jahr weiter ab
Die beiden Juragewässerkorrektionen haben das frühere Sumpfgebiet trockengelegt und so für die Landwirtschaft nutzbar gemacht. Seitdem ist das Grosse Moos «eines der Haupternährungsgebiete» der Schweiz, sagt Peter Thomet, Präsident des Vereins Pro Agricultura. Auf der 7000 Hektar grossen Fläche werden vor allem Gemüse, Kartoffeln und Zuckerrüben angebaut.
Doch die Zukunft des Grossen Mooses ist bedroht: «Auf einem Viertel der Fläche ist die Bewirtschaftung schon heute nur noch eingeschränkt möglich», sagt Matthias Stettler, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Agrartechnik an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) der Berner Fachhochschule. Grund ist das Absacken des Torfbodens.
Probleme auf den Feldern
Seit der Trockenlegung des Gebiets durch die Juragewässerkorrektion kommt der entwässerte Torf mit Sauerstoff in Kontakt. Bodenbakterien zersetzen ihn dann zu Wasser und Kohlenstoffdioxid. Der Torf verschwindet also. «Jedes Jahr senkt sich der Boden um ein bis zwei Zentimeter», beobachtet Fredy Moser, Gemüseproduzent und Gemeinderat von Kerzers.
Mit der Zersetzung und dem Absacken des Torfs geht fruchtbarer Erdboden verloren. Darunter kommen meist Sand, Lehm oder Seekreide zum Vorschein. Die beiden Letzteren machen die Nutzung eines Feldes für die Landwirtschaft quasi unmöglich. Zusätzlich hat sich der Boden der Felder stellenweise so stark gesenkt, dass die Landwirte Schwierigkeiten haben, mit ihren Maschinen auf das tiefer liegende Feld zu gelangen. Ebenfalls werden öfters die unterirdischen Drainageleitungen beim Pflügen beschädigt, weil diese nur noch knapp unter der obersten Erdschicht liegen.
Fehlende Qualitätskontrolle
Den natürlichen Prozess der Torfabsackung zu stoppen sei nicht möglich, einzig ihn zu verlangsamen komme in Betracht, sagt Moser. Eine Möglichkeit sei zum Beispiel, sandig-lehmigen Aushub auf die Felder zu streuen oder in den Boden zu mischen, erklärt Stettler. Diese kostspieligen Bodenaufschüttungen benötigen allerdings grosse Mengen an mineralischem Material. «Aufgrund der Grösse der betroffenen Fläche ist es gar nicht möglich, überall Boden aufzuschütten», ergänzt Moser.
Stettler schätzt, dass drei Viertel der Aufschüttungen ohne Qualitätskontrolle und ohne Baubewilligung erfolgen. Die Landwirte fühlten sich gezwungen, das vorgeschriebene Prozedere zu umgehen, so Thomet von Pro Agricultura. Der noch nicht angepasste Vollzug der Bodenschutzgesetzgebung verhindere nämlich eine zeitnahe Realisierung von Bodenaufschüttungen.
Eine weitere Handlungsoption gegen die Torfabsackung sei, den Boden weniger intensiv zu bearbeiten, erklärt Stettler. Der Gemüseproduzent Moser weist hier auf mögliches Konfliktpotenzial mit den Grossverteilern hin: «Diese wollen möglichst ständig Ware erhalten. Doch gerade auf Torfböden sind der Wechsel der Fruchtfolgen sowie der Wechsel zwischen extensiver und intensiver Bewirtschaftung sehr sinnvoll.»
Eine Lösung, die alle Betroffenen zufriedenstellt, ist derzeit nicht in Sicht. Doch die Zeit drängt. «Nur noch an ganz wenigen Orten hat es eine dicke Torfschicht», sagt Thomet. «Es besteht also klarer Handlungsbedarf.» Stettler stimmt zu: «Weitermachen wie bisher ist nicht mehr möglich.»
Massnahmen
Es fehlt an Wissen über die Böden im Grossen Moos
Bislang fehlt es im Grossen Moos an einer kantonsübergreifenden und koordinierten Reaktion auf das Problem der Torfabsackung. «Wenn Landwirte, Umweltverbände, Ingenieure und Behörden zusammen nach Lösungen suchen, wird das zu guten Ergebnisse führen», ist Matthias Stettler, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Agrartechnik an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) der Berner Fachhochschule, überzeugt.
Allerdings fehle das Wissen über den Nutzen von verschiedenen Massnahmen für die notwendige langfristige Bodenverbesserung, sagt Peter Thomet, Präsident des Vereins Pro Agricultura. Um diese Informationslücken zu beheben, habe Pro Agricultura kürzlich zusammen mit der HAFL das Projekt «Bodenverbesserung Seeland» beim Bundesamt für Landwirtschaft eingereicht. Es sei vorgesehen, während sechs Jahren auf einer Gesamtfläche von 216 Hektaren verschiedene Methoden zur Bodenbearbeitung und -verbesserung auf ihre Wirksamkeit zu prüfen.
Prognosekarte in Planung
Gleichzeitig solle eine Bodenkartierung Informationen über die Zusammensetzung der heterogenen Böden im Grossen Moos liefern. Diese Karte werde zeigen, wo ein Aufwertungspotenzial für den Boden vorliege, sagt Stettler. Der Auftrag hierfür werde noch im August ausgeschrieben, kündigt Thomet an.