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Die Umwelt. Im Krieg gilt sie unter Fachleuten als sogenanntes «silent victim», als stilles Opfer, einen Kollateralschaden, den man in Kauf nimmt, um seine strategischen Ziele zu erreichen mit fatalen Folgen für Boden, Luft und Wasser, schildert Astrid Sahm, die sich bei der Deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik mit der ukrainischen Umwelt befasst.
Die Auswirkungen des Krieges auf die Umwelt seien vielfältig. «Insbesondere im Bereich der Zerstörung von Infrastruktur, also Brände von Öltanks, von Chemieindustrie und ähnlichem. Sie wirken sich aber auch durch die Verminung von Böden, Verschmutzung von Böden auf die Landwirtschaft aus. Und auch ein Drittel der Naturschutzgebiete des Landes ist von Kriegshandlungen betroffen.»
Ahnungslose Soldaten
Allein im ersten Monat des Krieges habe Russland 86 sogenannte Umweltverbrechen begangen, etwa Angriffe auf die Schwerindustrie, auf Naturschutzgebiete oder Landwirtschaftsflächen.
Einer, der sich mit kriegerischen Konflikten und deren Folgen befasst, ist Wim Zwijnenburg, Forscher bei der niederländischen Friedensorganisation Pax. Er weist auf das Risiko von Chemiefabriken in der Ostukraine hin, wo Unmengen an giftigen Abfällen gelagert würden. Würde eine solche Fabrik zerstört, könnten die Giftstoffe in Flüsse oder ins Grundwasser gelangen, ganze Gegenden drohten so, unbewohnbar zu werden.
Zwijnenburg hat die Region zuletzt 2018 bereist und dabei mit Soldaten an der Frontlinie gesprochen. Eine Erkenntnis: Die Truppen auf beiden Seiten hätten kaum eine Ahnung von den Gefahren, die von Chemiefabriken oder Atomkraftwerken ausgingen. Das habe in diesem Krieg das Verhalten jener russischen Soldaten gezeigt, die sich während Wochen ungeschützt in der Sperrzone von Tschernobyl aufgehalten hätten.
Instabile Böden
Sahm weist auf eine weitere Gefahr hin: die Kohlebergwerke im ostukrainischen Donbass. Seit 2014 ist die Region im Krieg. Viele Kohleminen wurden deshalb in aller Eile und unprofessionell stillgelegt. Das Regenwasser, das in die Minen gelangt, wird nicht mehr wie sonst üblich abgepumpt und die Minen werden überflutet.
«Und durch diese Überflutung entstehen sowohl Umweltschäden. Vor allen Dingen aber wird die Landschaft instabil, und es kann zu Erdeinbrüchen kommen. Und das kann die Stabilität von Orten, Wohnhäusern, anderen Infrastrukturobjekten wie Brücken und Ähnliches bedrohen.»
Ein kleiner Lichtblick
Und in einigen Kohleminen würden auch radioaktive Abfälle gelagert. Ein weiteres erhebliches Risiko für Natur und Mensch, ergänzt Zwijnenburg. Seit bald sieben Jahren dokumentiert er solche Umwelt-Hotspots und zeichnet die Gefahren auf interaktiven Karten ein. Hilfsorganisationen könnten so bei einem Chemieunfall gezielt Menschen helfen, die etwa in der Nähe eines vergifteten Flusses wohnten. Aber auch für die Zeit nach dem Krieg sei die Arbeit wertvoll, wenn es dereinst ans Aufräumen und an den Wiederaufbau gehe.
Und hier sieht die Expertin für ukrainische Umweltpolitik auch einen kleinen Lichtblick. Sollte die Ukraine ihre Souveränität zurückgewinnen, biete der Wiederaufbau der Wirtschaft auch eine Chance. «Am Beispiel der Kohlebergwerke und der Stahlindustrie sieht man sehr deutlich die grossen Umweltgefahren, aber auch durchaus – wenn der Krieg vorbei ist – die Chance, dass Strukturwandel anders angegangen werden kann.» Also weg von der Schwerindustrie, hin zu einer grüneren Wirtschaft.
Noch aber herrscht Krieg, mit Tausenden Toten und der Umwelt als stillem Opfer.