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musik
Bild: Marco Borgreve
M&T: Leonidas Kavakos, Sie haben die Musik Mozarts schon mit den Tempeln der griechischen Antike verglichen. Gilt das auch für das G-Dur-Violinkonzert, mit dem Sie in der Schweiz auftreten?
Leonidas Kavakos: Die klassische Musik wurde aus der Renaissance geboren, und die Renaissance fand in der klassischen Antike ihre Vorbilder, Inspirationen, Formen und Ideale. Es geht nicht darum, zu messen oder Zahlenverhältnisse zu suchen, aber auf einer spirituellen Ebene hat Mozarts Musik die Struktur eines griechischen Tempels. Sie hat Harmonie, Rhythmus, Farben, Licht und Schatten. Ich sage das nicht, weil ich Grieche bin, aber die klassische griechische Antike hat ein ästhetisches Niveau vorgegeben, das nie wieder erreicht wurde. Das inspiriert mich und treibt mich an, als Mensch und Musiker.
M&T: Haben Mozarts Violinkonzerte damit für Sie eine besondere Stellung im Repertoire für die Geige?
Leonidas Kavakos: Ich mag es nicht so sehr, solche Leuchttürme zu stark herauszuheben. Das Repertoire für die Violine ist riesig, ich würde nicht sagen, ich hätte alles gespielt, aber doch sehr viel. Manches aus diesem Repertoire ist mir näher, anderes weniger, aber ich mag es nicht, irgendwelche Ranglisten zu erstellen. Für mich gilt einfach: Wenn ich ein Stück spiele, dann muss ich es hundertprozentig ernst nehmen und alles tun, den Absichten des Komponisten gerecht zu werden. Im Griechischen gibt es für Interpretation ein wunderbares Wort: Ermenia. Darin steckt Hermes, der Götterbote. Das ist sehr wichtig zu verstehen, dass nicht der Interpret das Wesentliche ist, sondern die Botschaft des Komponisten.
M&T: Was wäre denn Mozarts Botschaft für die Menschen des 21. Jahrhunderts?
Leonidas Kavakos: Seine Musik reflektiert das menschliche Leben. Selbst als er jung war und sein Leben noch durch nichts getrübt wurde, hat er das Leid in seiner Musik ausdrücken können. Aber Mozart lebte in einer anderen Zeit, seine Musik entspricht der Ästhetik seiner Epoche, sie entfaltete sich im Umfeld, wie damals Musik gespielt und gehört wurde. Man hat geredet und gelacht während der Vorstellung, man ist aufgestanden und hinaus gegangen, hat gegessen und getrunken und geflirtet. Es wäre interessant zu wissen, wie Mozart komponiert hätte, wenn er gewusst hätte, wie rituell unsere Konzerte heute ablaufen. Dennoch sind die ästhetischen Prämissen seiner Zeit dieselben wie heute, und das zu zeigen, ist die Aufgabe heutiger Interpreten.
M&T: Finden Sie in der heutigen Musik tatsächlich die gleichen ästhetischen Prinzipien wie bei Mozart?
Leonidas Kavakos: Die Neue Musik hat lange darunter gelitten, dass die Komponisten meinten, immer etwas Neues finden zu müssen und dabei verkannten, dass wir immer geprägt sind von der Vergangenheit und auf irgendeine Weise doch immer wieder zurückkommen. Heute schauen sie eher zurück und suchen Elemente des Unverbrauchten, Unverfälschten in der Vergangenheit. Es gibt auch hier immer Zyklen und Spiralen, weil die Erinnerung immer präsent ist. Ein Komponist wie zum Beispiel Dutilleux fiel ja nicht vom Himmel, in seinem Werk finden Sie den gesamten musikhistorischen Hintergrund, vor dem man ihn verstehen muss.
M&T: Wir leben in einer sehr lauten und schnellen Welt. Reflektiert die aktuelle Musik einfach diese Situation?
Leonidas Kavakos: Sicher auch. Das Problem ist: Die Technologie gibt uns unglaublich tolle Möglichkeiten, aber nicht die Mittel, wie wir als Menschen mit diesen Möglichkeiten umgehen können. Wenn wir dieselben Farben, die Picasso verwendete, einem Amateur-Maler geben, dann wird er deswegen kein Kunstwerk zustande bringen. Komponieren ist kein Selbstzweck, sondern sollte einen nachhaltigen Wert haben. Leider haben nicht sehr viele Leute dieses Talent, komponieren aber trotzdem. Wir leben tatsächlich in einer Zeit ästhetischer Verwirrung, und das spiegelt sich in der Musik wider. Häufig klingt zeitgenössische Musik wie ein organisiertes Chaos. Und ich als ausführender Künstler unterwerfe mich keiner Doktrin, die da meint, ich müsse diese Musik mögen. Ich empfinde also keine grundsätzliche Verantwortung für die zeitgenössische Musik, sondern bloss für meine Auswahl aus dem, was sie geschaffen hat. Und so ist es mit der Zivilisation: Wir sind geblendet von den technischen Möglichkeiten, aber wir realisieren nicht wirklich, wie wir sie nutzen könnten, um weiterzukommen. Wie zum Beispiel kann man eine Atombombe erfinden?
M&T: So funktioniert die Evolution. Wenn etwas getan werden kann, findet sich sicher einer, der es tut.
Leonidas Kavakos: Es ist immer wieder dasselbe: Herkules am Scheideweg. Wir haben ein Gehirn und dadurch haben wir auch die Wahl. Deswegen ist Kunst so wichtig: Kunst war und ist immer politisch und wird es immer sein. Kunst zeigt dem Menschen, was er eigentlich erreichen könnte. Kunst kann nie unethisch sein, sie kann nur unethisch benutzt werden. Aber das hat unsere Zeit nicht erkannt, im Gegenteil: Wenn gespart wird, wird an der Kultur zuerst gespart.
M&T: Dabei scheint die Situation der klassischen Musik nicht allzu schlecht: Die Menschen geben doch enorme Summen für Oper und Festivalkonzerte aus.
Leonidas Kavakos: Oper ist durch die Verbindung von Musik und Theater in einer anderen Situation. Es gibt aber viele grosse Städte, in denen die Kammermusik praktisch tot ist, und wo sogar mit sinfonischen Programmen die Konzertsäle nicht gefüllt werden können. Die klassische Musik erreicht die Leute, die sie schon kennen, die anderen hat man beiseite gelassen. Das hat die Popmusik besser geschafft, sie ist Teil unseres Alltags geworden. Und es ist höchste Zeit, dass wir hier Terrain zurückgewinnen. Dass wir nur schon den Leuten sagen, dass an der klassischen Musik nichts Seltsames oder Schwieriges ist, dass es ganz normale Leute sind, die klassische Musik spielen, keine Freaks.
M&T: Klassische Musik ist zu langsam, zu leise, zu schwierig.
Leonidas Kavakos: Das Leise kann etwas Wunderbares haben. Mozart ist manchmal auch ganz leise. Wirkliche Kommunikation passiert meistens ganz leise, manchmal sogar schweigend. Das ist die menschliche Dimension: Zärtlichkeit, Intimität.
M&T: Und wie könnte sich das Leise behaupten gegen die technisch aufgeblasene Lautstärke?
Leonidas Kavakos: Wir haben die Wahl. Aber genau da liegt auch das Problem, nämlich darin, wie wir unseren Kindern diese Wahl präsentieren: gar nicht! Wer bringt ihnen denn klassische Musik nahe, so dass sie sich überhaupt dafür entscheiden könnten? Eine kleine Minderheit von Eltern, eine noch kleinere Minderheit von Lehrern! Das ist das Problem. Sie haben gar keine Wahl, weil sie die Möglichkeiten schon gar nicht kennen. Europa ignoriert seine Traditionen: Wie kann man in Deutschland aufwachsen, ohne Brahms zu kennen? Überall ist es so: Griechische Kinder wachsen auf, ohne Platon und die Mythologie zu kennen. Wir werfen einen grossen Teil unserer Kultur in den Mülleimer. Nicht nur Musik, auch Geschichte, Literatur, Philosophie. Jeder soll frei entscheiden können, in Ordnung, aber dafür müssen wir ihm zuerst präsentieren, woraus er auswählen kann. Ich war zwei Jahre lang im Militär in Griechenland. Ich habe mich nicht unwohl gefühlt, aber ich war traurig, dass man diese Zeit nicht nutzt, um den Leuten jene Bildung beizubringen, die sie bis dahin verpasst haben. Wie sollen sie denn kämpfen, wenn sie nicht wissen wofür? Bei den alten Griechen waren die Dichter und Philosophen immer auch Krieger. Das gehörte damals selbstverständlich zusammen.
M&T: Ist das ein erstrebenswertes Ziel? Die Zivilisation sollte sich doch zu gewaltfreien Konfliktlösungen hin entwickeln?
Leonidas Kavakos: Das ist ein naiver Traum. Wir haben uns hier in Europa einen schönen Wohlstand etabliert und wollen am liebsten immer so weiterleben. Aber der Planet ist nicht ruhig, und die Menschen sind es auch nicht. Die menschliche Natur ist dynamisch, sie sucht Veränderung. Wir hingegen versuchen, die Nicht-Veränderung mit allen Kräften durchzusetzen. Das ist eine Illusion, denke ich. In den alten Zeiten kämpften sie in menschlichen Dimensionen und mit Respekt vor dem Menschen. Das ist heute durch die Technik verdrängt worden, aber die menschliche Natur ist noch immer schlimmer und stärker als jede Waffe. Aber auch die grossen Geister entzünden ihre grossen Ideen an dieser Natur. Sokrates redete mit den Dämonen. Kunst entsteht aus Konfrontation, früher, jetzt und immer.