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Gigantische Projekte, eine oft irrationale Wirtschaftspolitik und Schlägerbanden, die den Roten Garden während der Kulturrevolution in nichts nachstehen: Yu Hua hat das derzeit wichtigste Sachbuch über China geschrieben.
Als Yu Hua klein war, gab es in China weder eine Kinder- noch eine Jugendliteratur. Das Einzige, was es dafür in jedem Haushalt zu lesen gab, waren die kleine rote Mao-Bibel und die (meistens noch eingepackten) mehrbändigen Ausgewählten Schriften von Mao Zedong. An diesen fand der Junge – sehr zur Freude seiner Eltern und LehrerInnen – Gefallen. Sie konnten nicht ahnen, dass er in Wirklichkeit nur die Fussnoten mit historischen Anmerkungen las. Denn zumindest dort wurden ein paar Geschichten erzählt.
«China in zehn Wörtern» ist ein politisches Sachbuch, aber es besteht ausschliesslich aus Geschichten. Die meisten hat Yu Hua persönlich erlebt, und er erzählt sie meisterhaft. Beispielsweise wie er zum ersten Mal einen Zahn zog. Oder wie aus ihm, dem Zahnarzt, ein Schriftsteller geworden ist. Wie er, frierend über den Lenker seines Fahrrads gebeugt, durchs nächtliche Beijing fährt, um dann zu merken, wie es plötzlich wärmer wird. Er spürt die Wärme der Menschenmassen, die am Dritten Beijinger Stadtring dem Militär die Zufahrt ins Zentrum versperren, noch bevor er sie sehen oder hören kann. Für diese Menschen hat er das Buch geschrieben. Auch wenn sie es nicht lesen können: Kein Verlag in der Volksrepublik würde ein Buch drucken, dessen drei wichtigste Aussagen die folgenden sind:
– Bis 1989 gab es sowohl wirtschaftliche als auch politische Reformen. Die politischen Reformen kamen mit der Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 zum Stillstand. Fortan gab es nur noch ökonomische Veränderungen, die aber dafür mit doppelter Geschwindigkeit. Eine liberalisierte, entfesselte Wirtschaft führt jedoch bei intransparenten Strukturen und einer unkontrollierbaren Regierung zwangsläufig zu genau jenen Phänomenen, die das heutige China prägen: extreme Einkommensunterschiede, grassierende Korruption, grossflächige Umweltzerstörung.
– Die gewaltsamen Vertreibungen der Bauern und Bäuerinnen von ihrem Land und von StädterInnen aus ihren Wohnungen ähneln nicht zufällig den Überfällen während der Kulturrevolution (1966 bis 1976). Die Schlägertrupps der Lokalregierungen oder der Bauherren kommen wie früher die Roten Garden nachts und schlagen alles kurz und klein. Dem zugrunde liegt die in China weitverbreitete Überzeugung, dass es ein kollektives Ziel gibt (sei es nun der Klassenkampf oder das Wirtschaftswachstum), das die Verletzung oder Aufhebung der Rechte der Individuen rechtfertigt.
– Die gewaltigen Infrastrukturprojekte entsprechen oft der irrationalen Wirtschaftspolitik des «Grossen Sprungs nach vorn», zu dem Mao 1958 aufgerufen hatte. Damals wurden, um «England in der Stahlproduktion zu überholen», überall im Land Hinterhofhochöfen errichtet, in denen die Bevölkerung alles verfügbare Metall – auch Messer, Töpfe und Türklinken – einschmolz. Leere Autobahnen und überdimensionierte Häfen zeigen, dass die Tonnenideologie bis heute noch viele AnhängerInnen hat. Die Magie der grossen Zahlen ist ungebrochen.
Für die nichtchinesischen Ausgaben wäre es aber besser gewesen, Yu Hua hätte es bei den ersten acht Wörtern (Volk, Führer, Lesen, Schreiben, Lu Xun, Unterschied, Revolution und Graswurzeln) belassen. Die beiden letzten Begriffe «shanzai» (Gebirgsdorf, in der ursprünglichen Bedeutung «Bergfeste») und «huyou» (Schaukeln, in der ursprünglichen Bedeutung «schwankend») sind weder adäquat übersetzbar noch für die Aussage des Buchs wichtig.
Konstruktive Vorschläge fehlen in dem Buch. Mit Absicht: «Jeden Tag loben in China 99 von 100 Schriftstellern die Regierung über den grünen Klee», sagt Yu Hua. «Ich sehe meine Aufgabe darin, Missstände aufzuzeigen.» Das ist ihm gelungen. So ist «China in zehn Wörtern» das wichtigste Sachbuch über China seit dem Erscheinen von Peter Hesslers «River Town» vor zehn Jahren und «What Does China Think?» von Mark Leonard vor fünf (die deutsche Fassung – «Was China denkt» – erschien 2009).
Im Gegensatz zu diesen beiden Büchern hat «China in zehn Wörtern» den Vorteil, von einem Chinesen geschrieben worden zu sein, der immer noch in der Volksrepublik leben und publizieren kann und dessen Mikroblog über vierzehn Millionen Menschen verfolgen. Es wäre schön, wenn nun sein Buch im Westen genauso eifrig gelesen würde.