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Erfolgreich und sozialverträglich regieren SozialistInnen seit hundert Jahren in La Chaux-de-Fonds. Am 13. Mai dürfte in der Uhrenstadt im Neuenburger Jura das zweite Jahrhundert linker Herrschaft beginnen.
Es war der 12. Mai 1912, als in La Chaux-de-Fonds zum ersten Mal Gemeindewahlen nach dem Proporzsystem stattfanden. Gewählt wurden zwanzig Mitglieder des bürgerlichen Blocks, ebenso viele der Sozialistischen Partei. Die Pattsituation führte zu mehrwöchigen Auseinandersetzungen, bis die Gewählten zurücktraten und am 7. Juli 1912 Neuwahlen abgehalten wurden. Das Resultat brachte der Sozialistischen Partei 21, den zwei bürgerlichen Parteien 19 Sitze. Seither herrscht, mit einer kurzen Unterbrechung während des Ersten Weltkriegs, die Linke in «La Tscho», der ersten Stadt in der Schweiz mit einer sozialistischen Mehrheit.
In der Arbeiterklasse verwurzelt
Wie kommt es, dass die Uhren auf tausend Metern Jurahöhe so ganz anders ticken? «Die Linke hat hier zwei Dinge begriffen», analysiert Leo Bysaeth, Redaktor der Zeitung «L’Impartial». «Zum einen regiert sie pragmatisch, und zum andern hat sie eine Gegenkultur zur bürgerlichen aufgebaut.» Bysaeth erinnert sich an seinen Vater, Uhrenarbeiter und passionierter Schachspieler. «Es gab Arbeitersport-, Arbeiterschach-, Arbeiterwander-, Arbeiterkulturvereine …» Bysaeth erinnert sich auch an den Stolz seines Vaters, wenn dessen Verein einen Sieg über den «Doktorenschachklub» der Bürgerlichen davontrug. «Dieser Stolz, dieses Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft hatte nichts mit Neid und Missgunst zu tun, sondern mit der Selbstsicherheit von Menschen, die in ihrer Klasse verwurzelt sind.» Dies sei über lange Jahrzehnte der Boden für linke Mehrheiten gewesen. Mehrheiten, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs mithilfe der kommunistischen Partei der Arbeit (Parti Ouvrier et Populaire, POP), seit den achtziger Jahren auch mithilfe der Grünen Partei gesichert werden. Heute stellen die SP elf, der POP und die Grüne Partei je sieben Sitze in der Legislative; die SVP kommt auf acht, die fusionierten Liberalen und Freisinnigen ebenfalls.
Maximum an Sonne und Licht
«La Chaux-de-Fonds kann als eine einzige Uhrenmanufaktur betrachtet werden», schrieb Karl Marx 1867 im «Kapital» – kein Wunder, dass in La Chaux-de-Fonds und Le Locle frühe Sektionen der Kommunistischen Internationale gegründet wurden und dass die politische Konkurrenz, nämlich der Anarchist Michail Bakunin, in Saint-Imier im Val de Travers seine berühmten «drei Konferenzen» abhielt, die die Gründung der antiautoritären Internationale begleiteten. 1870 arbeiteten rund 4500 Menschen in der Uhrenherstellung. Das war etwa die Hälfte der gesamten Bevölkerung von La Chaux-de-Fonds.
Nach einem Brand 1794 war die Stadt nach aufklärerischen Prinzipien wiederaufgebaut worden. Das berühmte Schachbrettmuster der Stadt entstand aus der Idee, dass jedes Wohngebäude ein Maximum an Sonne und Licht erhalten sollte, denn die Winter sind in der höchstgelegenen Stadt der Schweiz lang und hart. Dank dieses Schachbrettmusters ist La Chaux-de-Fonds, auf Initiative der Linken, am 27. Juni 2009 ins Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen worden, zusammen mit der Nachbarstadt Le Locle, beide Zeugen «einer gelungenen Symbiose zwischen Urbanistik und Uhrenindustrie», wie das Unesco-Komitee urteilte.
Ein wichtiger Faktor zur Erklärung des Sonderfalls «La Tscho» ist die Wohnpolitik der Stadt. Sie hat seit den zwanziger Jahren wo immer möglich Boden gekauft und subventionierten Wohnungsbau betrieben respektive Wohnkooperativen gefördert. So profitiert heute ein grosser Teil der Bevölkerung von tiefen Mietzinsen und gesicherten Unterkünften. Für Bysaeth erklärt diese «Trilogie der Arbeiterbewegung» – die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen linken Parteien, Gewerkschaften und der Kooperativen-Bewegung – den dauerhaften Erfolg linker Politik in seiner Stadt.
Für Mariette Mumenthaler, pensionierte Lehrerin und Vertreterin der Grünen Partei in der Legislative, geht die Besonderheit der Uhrenstadt noch weiter zurück: «Die bürgerliche Revolution von 1848 ging von den ‹Montagnes›, den Bergen aus, die Revolutionäre zogen von den Jurahöhen hinunter in die Stadt Neuenburg, um der preussischen Monarchie ein Ende zu setzen.» Seither seien die Spannungen zwischen den revolutionären und mausarmen Montagnes und den am See gelegenen gut-betucht-bürgerlichen Kantonsteilen eine Konstante der Neuenburger Politik.
Laurent Duding ist Präsident der SP-Sektion von La Chaux-de-Fonds. Der 38-jährige Politologe ist Mitglied eines Kollektivs, das ein Buch zum 100. Jahrestag der linken Mehrheit herausgegeben hat (vgl. «Hommage an die grossen Alten» im Anschluss an diesen Text). Für ihn ist neben der Rolle, die grosse historische Persönlichkeiten wie Charles Naine oder Ernest-Paul Graber spielten, vor allem die Tatsache entscheidend, dass die Linke während all dieser Jahrzehnte eine erfolgreiche Finanz- und Wirtschaftspolitik betreiben konnte.
Bekämpfung der Arbeitslosigkeit
Und zwar während der grossen Krise der dreissiger wie während der Uhrenkrise der siebziger Jahre. «Die Gemeinde hat eine sehr voluntaristische Politik betrieben, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden: Wir waren die Ersten, vor der Eidgenossenschaft und vor dem Kanton, die Arbeitsbeschaffungskredite zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sprachen.» Dies trage so wie die Integration der ausländischen Gemeinschaften zum guten sozialen Klima in der Stadt bei, und zwar trotz der noch immer grossen Abhängigkeit von der Uhrenindustrie. Die Stadt werde stets mit der Frage konfrontiert, ob sie ein regionales Zentrum bleiben oder zu einem Satelliten der unteren Kantonsteile werden solle. «Die linke Mehrheit hat sich immer für die erste Option entschieden», sagt Duding stolz.
Und offensichtlich ist die Linke nicht ohne Grund stolz auf ihre Bilanz. «Ich habe grosse Hochachtung vor der SP und auch vor dem POP», sagt der 38-jährige Christophe Ummel, Bauer und Vertreter der FDP / Die Liberalen in der Legislative. Er definiert die Rolle seiner Partei in der Gemeinde als konstruktive Opposition: «In der Politik wählt man sein Gegenüber nicht selbst, es wird vom Volk gewählt.» Er hat Verständnis dafür, dass sich die linke Mehrheit nicht dreinreden lasse, wenn es um Grundsatzfragen gehe. Trotzdem würde er sich manchmal ein bisschen mehr Entgegenkommen wünschen, «wenn es der Linken nicht ans Lebendige geht».
Er fände es gut, wenn die Sicht der Kleinunternehmen und Selbstständigen, die er vertritt, auf mehr Beachtung stossen würde: «Die Sitzungen wären weniger frustrierend.» Auch Mariette Mumenthaler hat eine Kritik anzubringen, wenn auch nur im Rückblick: «Die Stadt hatte lange Jahre einen sozialistischen Präsidenten, was ein bisschen einschläfernd wirkte.» Seit acht Jahren wechselt nun das Präsidium jährlich, und das findet Mumenthaler gut: «Es bringt frischen Wind.»
Keine grossen Lohnunterschiede
Frischer Wind und neue Ideen kommen unterdessen auch aus dem nahen Le Locle. Auch hier herrscht seit hundert Jahren die Linke, und die kleine Schwester von La Chaux-de-Fonds besitzt noch eine Besonderheit mehr: Sie ist die einzige Stadt der Schweiz, in der nicht die SP die linke Mehrheitspartei ist, sondern der POP. «Die SP hat einen Fehler gemacht», erinnert sich Cédric Dupraz, einer der drei POP-Regierungsräte in der fünfköpfigen Exekutive: «Sie hat sich mit den Bürgerlichen zusammengetan, um gegen den Willen der Bevölkerung Restrukturierungen und Sparprogramme durchzusetzen. Das hat uns vor acht Jahren erlaubt, die Mehrheit zu übernehmen.» Und siehe da, es sei dem POP gelungen, das rote Le Locle in die schwarzen Zahlen zu bringen – und das ohne Kürzung von Subventionen und Sozialleistungen.
Wie schafft man so etwas? Der 35-jährige Historiker Dupraz ist bescheiden genug, um zuzugeben, dass es nicht allein auf das Konto der Gemeindepolitik gehe, weil die Gemeindefinanzen auch von der kantonalen Politik abhängig seien. Dennoch: Der POP in Le Locle setze sich für möglichst flache Hierarchien ein und ziehe es vor, Gelder für konkrete Projekte statt für eine Vielzahl von Chefposten auszugeben. Und noch etwas: In der Gemeindeverwaltung sei das Verhältnis vom tiefsten zum höchsten Lohn ein Verhältnis von eins zu drei. «Für uns ist das nicht nur ein entscheidender Beitrag zur Senkung der Kosten, sondern auch Ausdruck unserer egalitären politischen Prinzipien!»
Ein Erinnerungsbuch
Hommage an die grossen Alten
Zur Feier der hundertjährigen linken Mehrheit in La Chaux-de-Fonds hat ein Kollektiv von dreizehn SP-Mitgliedern das Buch «La Chaux-de-Fonds 1912–2012, Histoires d’une ville de gauche» herausgegeben. Das Buch sammelt Geschichten, die zum Verständnis beitragen, weshalb die Linke so lange Zeit die Mehrheit behalten konnte. Gegliedert ist es in Themenbereiche wie «Wohnung und Stadtplanung», «Schulen und Ausbildung», «Sozialpolitik», «Kulturpolitik» oder «Aufnahme und Integration von MigrantInnen», also all jene Bereiche, in denen linke Politik direkt ins Leben der Menschen eingreift und zur Entstehung einer dauerhaften Gegenkultur beiträgt.
Darüber hinaus ist das Werk auch eine Hommage an die grossen Alten der Arbeiterbewegung aus den Neuenburger «Montagnes», etwa den 1874 geborenen Charles Naine, Uhrmacher, Anwalt und Redaktor der sozialistischen Zeitschrift «La Sentinelle». Zusammen mit seinem Schulkollegen, dem 1875 geborenen Ernest-Paul Graber, baute Naine die Sozialdemokratische Partei der Westschweiz auf und spielte eine aktive Rolle bei zahlreichen Streiks und Protestaktionen. Beide bekannten sich offen zum Pazifismus, was Naine 1903 eine Verurteilung wegen Verweigerung des Militärdiensts einbrachte. 1914 enthielten sich Naine und Graber als einzige Nationalräte anlässlich der Übertragung der Vollmachten an den Bundesrat der Stimme, um nicht den Militärkrediten und der Landesverteidigung zustimmen zu müssen. Graber wurde 1917 wegen eines antimilitaristischen Artikels in «La Sentinelle» zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Im Verlauf einer Protestdemonstration wurde das Gefängnis gestürmt und Graber befreit, worauf die Armee La Chaux-de-Fonds besetzte. Diese pazifistische und antimilitaristische Komponente spielte auch in den folgenden Jahrzehnten eine wichtige Rolle in der Geschichte von La Chaux-de-Fonds.
Das Buch ist mit zahlreichen Dokumenten, mit Plakaten, Porträts, Reproduktionen von Zeitungen und Fotografien illustriert.
Raymond Spira (Hrsg.): «La Chaux-de-Fonds 1912–2012. Histoires d’une ville de gauche». Editions Alphil. Neuenburg 2012. 180 Seiten. 37 Franken.