Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03610.jsonl.gz/1528

Interview: Tobias Hüberli
Fotos: Njazi Nivokazi
Wann besuchten Sie das Festival del Habano zum ersten Mal?
Alain Proietto: Das war 2005. Ich verliebte mich damals sofort in die Insel, in die Menschen und in die Kultur. Seither besuche ich Havanna etwa drei Mal pro Jahr, nicht nur fürs Festival, sondern auch um Freunde zu treffen und Ferien zu machen.
Ihre Frau Sofia lernten Sie ebenfalls in Havanna kennen.
Ja, das war ein Glücksfall. Wir trafen uns 2015 an der Opening Night des Festival del Habano. Ich hatte einen Termin mit dem Topmanager von Birley Cigars, einem auf Vintage-Zigarren spezialisierten Unternehmen in London. Ich erwartete einen Mann, dann kam sie. Ich kaufte ihr jeweils Zigarren zu komplett überhöhten Preisen ab, nur um sie in London auf einen Kaffee treffen zu können. 2017 heirateten wir. Sie kümmert sich seither um alle unsere Geschäftsteile, die Zigarren betreffen.
Wie hat sich der Handel mit kubanischen Zigarren in den letzten Jahren verändert?
Zwischen 2005 und 2010 blieb alles gleich. Ans Festival reisten mehrheitlich Europäer, die meisten waren Zigarrenimporteure und Fachhändler. Vor zehn Jahren nahmen die ersten Asiaten am Festival teil. Fortan konzentrierte sich Habanos SA auf diese neuen Märkte. Die Nachfrage nach kubanischen Zigarren nahm zu, die Preise stiegen ebenfalls, und es wurde immer schwieriger, Spezialitäten oder seltene Zigarren zu finden.
2005 ahnten wenige, wie sich die Nachfrage nach Habanos entwickeln würde. Sie schon.
Etwa 2008 realisierte ich, dass seltene und gelagerte kubanische Zigarren ein gutes Investment sind. 2009 ging ich ins Lager des Schweizer Importeurs Intertabak und suchte nach alten Kisten. Ich hatte Glück. Ich fand viele 50er-Kabinetts etwa von H. Upmann, aber zum Beispiel auch Trinidad Fundadores aus der Zeit vor 2000. Ich kaufte, so viel ich konnte, aber nicht mit dem Ziel, dereinst viel Profit daraus zu schlagen. Ich betrachtete Zigarren nie als Geschäft, sondern primär als etwas, das man mit Freunden geniesst.
Welche Zigarren empfehlen Sie einem guten Freund?
Viele Kunden fragen immer nur nach Cohiba, weil das der exklusivste Brand der Kubaner ist. Eine Zigarre ist etwas sehr Persönliches, viel hängt vom Kontext ab, in dem sie geraucht wird: von der Gesellschaft, der Tageszeit, der Dauer, die man dem Rauchen widmet, der Stimmung und der Verbindung der Getränke. Mit einem guten Freund würde ich eine gereifte Zigarre teilen. Wieso nicht eine Partagás im Tubo von 2008? Sie wird nicht mehr produziert und schmeckt jetzt hervorragend. Erstanden habe ich sie 2011, als sie niemand haben wollte. Jetzt, zehn Jahre später, ist diese perfekt gelagert im Casa del Habano von Lugano verfügbar. Stückweise.
Sprechen wir über Ihre Sammlung.
Ich hatte das Glück, bereits 2005 damit angefangen zu haben. Die wichtigsten Stücke erstand ich zwischen 2005 und 2009. Damals interessierten sich nur wenige Leute für alte oder gereifte Zigarren. In jener Zeit fand ich in London, aber auch in der Schweiz viele einzigartige Stücke. Ich investiere jedes Jahr in Zigarren, um sie zu lagern, oder kaufe sie an Auktionen für die Sammlung.
Daneben interessieren mich allerdings noch viele andere Dinge, zum Beispiel Pferde, Autos oder Uhren.
Was genau fasziniert Sie eigentlich an historischen Zigarren?
Jedes Stück erzählt seine eigene kleine Geschichte. Es bereitet mir grosse Freude, Zigarrenliebhabern diese zu erzählen. Da wäre etwa ein Musterkoffer mit Pre-Embargo-Zigarren, mit dem die Verkäufer von Intertabak in den Siebzigerjahren durchs Land zogen. Einzelstücke kann man aktuell bei uns im Casa del Habano in Lugano bewundern. Mein grosser Traum ist es, im Gebäude nebenan irgendwann ein Zigarrenmuseum einzurichten.
Nehmen wir an, das Gebäude, in dem Ihre Sammlung lagert, stünde in Flammen. Welche drei Stücke würden Sie retten?
Da wäre sicherlich der Humidor Cohiba 30. Aniversario de Guayasamin. Davon existieren weltweit nur 30 Exemplare. Dank der Hilfe von Intertabak-Anteilseigner Louis-Charles Lévy sowie dem damaligen Geschäftsführer Urs Tanner konnten wir 2008 die Nummer 10 kaufen. Ebenfalls unbedingt aus dem Feuer retten würde ich den Jar, der für den König von England produziert wurde, sowie den Humidor für das 100-Jahre-Jubiläum von Partagás.
2014 eröffneten Sie in Lugano das dritte Casa del Habano der Schweiz. Wie kamen Sie dazu?
Meine ersten Erkundigungen unternahm ich 2012 in Havanna. Dann wartete ich zwei Jahre. Die Geschäftsführer der Habanos SA wollten mich kennen lernen. Sie mussten sich sicher sein, ob ich die nötige Leidenschaft dafür mitbringe. Ein Casa del Habano gibt man nicht einem Unternehmen, sondern einer Person. Damit einher geht eine grosse Verpflichtung.
Sie verfügen über eine Auswahl an kubanischen Zigarren, die auch für ein Casa del Habano überdurchschnittlich ist. Wie machen Sie das?
Wir haben im Tessin mehrere Zigarrenhandlungen. Die Spezialitäten reservieren wir aber für das Casa del Habano. Und dann bevorzugen wir es, Zigarren einzeln zu verkaufen, sodass möglichst viele Liebhaber in den Genuss kommen. Darum haben wir auch nie viele Boxen im Geschäft. Wenn eine Kiste leer ist, holen wir eine neue aus dem Lagerhaus. So verhindern wir, dass jemand unser ganzes Lager aufkauft. Es wäre ein Kinderspiel, Spezialitäten jeweils innerhalb eines halben Tages zu verkaufen. Aber dann sind sie weg. Das ist nicht in unserem Sinn.
Die Verfügbarkeit von kubanischen Zigarren ist stark gesunken. Wie beurteilen Sie die Lage?
Zurzeit ist es sogar schwierig, normale Formate zu kriegen, etwa eine Partagás D4 oder eine Wide Churchill. Nach unseren Informationen ist aufgrund der Pandemie die Produktion anscheinend um 30 Prozent gefallen, und deshalb ist es sehr schwer, genügend Ware für alle zu erhalten.
Zudem agieren asiatische, allen voran chinesische, Käufer aggressiv in allen Märkten. Wird das Ihr Geschäft tangieren?
Es ist durchaus möglich, dass wir diese Entwicklung in den nächsten fünf bis zehn Jahren mehr spüren werden. Für uns ist wichtig, das Casa del Habano weiterzuführen. Auch wir erhalten nicht alle Zigarren, die wir uns wünschen, aber wir haben sicher einen bevorzugten Zugang.
Wird dieser mit dem Anfang Juni in Nyon eröffneten vierten Schweizer Casa del Habano geschmälert?
Ich verstehe die Entscheidung von Intertabak. Aus geschäftlicher Perspektive ergibt sie Sinn. Je mehr Casa del Habanos ein Land hat, desto mehr Zigarren kriegt es zugeteilt. Ich befürchte jedoch, dass wir in Lugano unter dem Strich weniger Zigarren erhalten werden, wünsche aber natürlich alles Gute zur Neueröffnung.
Hat der Zigarrenverkauf im Tessin unter der Pandemie gelitten?
Die Leute hörten nicht auf, Zigarren zu kaufen. Aber uns fehlten die vielen internationalen Kunden, die bei uns Ware bezogen. Die kubanischen Zigarren sind bei uns zwar teurer als etwa in Italien oder Spanien. Aber die Qualität in der Schweiz ist eine der besten.
Zum Schluss: Was erhoffen Sie sich vom Sommer?
Dass die Touristen nach Lugano zurückkehren. Etwa jene aus dem arabischen Raum. Wie auch in Genf waren diese Gäste das Kerngeschäft für Lugano. Diese Leute mögen Zigarren. Ich bin zuversichtlich, dass es schnell aufwärtsgehen wird, wenn die Pandemie endet.
Die Zigarrensammlung von Alain Proietto ist einzigartig und umfasst zahlreiche Kisten, Humidore und Jars. Herzstück bildet der von Fidel Castro persönlich signierte Humidor Cohiba 30. Aniversario de Guayasamin, von dem weltweit nur gerade 30 Exemplare existieren. Weitere Prunkstücke sind ein für den König von England gefertigter Jar sowie ein Humidor von Partagás, hergestellt 1945 anlässlich des 100-Jahre-Jubiläums der Marke. Ausgewählte Stücke der Sammlung können im Casa del Habano von Lugano bewundert werden.
cigarmust.com