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3. KAPITEL. AUF DER STRASSE
Damals auf der Strasse von Maracay nach Choroni, als Amalia sich der wartende Reisegruppe genähert hatte, am Fusse der Berge mit der Teufelskurve, war auf einem Stein eine
junge,weissleuchtende Europäerin mit prächtigem Busen und viel zu engem Höschen, gesessen. Konuko hatte sich, eben an diese Dagmar, auf nackter Erde an ihre sanften Rundungen angelehnt gehabt. Die Gruppe witzelte über schneebedeckte Kurven,
sanfte Erhebungen und sonstige Berge. Konuko überhörte alles. Ein breites Gelächter brach aus.
Jetzt endlich erinnerte er sich, dass es eigentlich Konuko gewesen war, der mit Dagmar damals zusammen war. Kein Wunder, dass
Amalia denkt, ich sei ein Halbidiot. Alle diese Eindrücke waren zu viel gewesen. Alle sahen gleich aus, es waren irgendwie, wie dunkle Schatten gewesen. Der Aussenbortmotor schnurrte weiter, zufrieden sein billiges Benzin zu verbrennen.
Einer
der Anwesenden auf der Strasse, hatte Konuko gefragt, ob er schon auf Schneeberge geklettert sei.
Langsam verschwand der Nebel in Samis Erinnerung.
Konuko antwortete nicht. Ist es wirklich so kalt dort oben, wie man so sagt? Ob er denn Skifahren
gelernt habe, fragte ein anderer. Konuko ergriff einen Stein und spielte mit ihm. Es wurde still. Bei der nächsten Bemerkung würde der Stein losfliegen. Amalia warf ein, sie sei in Argentinien schon Ski gefahren. Die Anderen, die noch in der Runde
sassen, blickte sie erstaunt an.
„ Hier in Venezuela gibt es auch einen Schneeberg, der Pico Aguila, der ist über 5000 m hoch,“ bemerkte eine Frau mittleren Alters. Sie sass adrett auf einem Stein.
Ja, das war die
Mutter gewesen, dijenige, die ihre Tochter bewachte und immer wider misstrauische Blicke auf Chuchito den Muschelbären geworfen hatte. Die Tochter war ziemlich gut gepolstert gewesen. Sie war brav neben ihrer Aufpasserin gesessen.
„Ja,
der Pico mit den tiefen Täler,“ ergänzte ein anderer. Wieder lachten alle.
Dagmar, die Blondine, verstand kaum was sie alle sagten. Sie fühlte sich richtig falsch am Platz. Sami war gerade vom Fluss zurückgekommen und hatte
sich neben Amalia hingepflanzt. Dagmar schaute ihn flehend an, so wie „tu doch was.“ Sami schickte ihr solidarisch einen Blick zurück, im Anbetracht ihrer Kurven. Amalia schoss sofort Giftpfeile ab. Er klaubte eine Kopfbedeckung
aus Stoff heraus aus der Reisetasche. Amalia flüsterte ihm verächtliche Bemerkungen über die zu engen Höschen der «Gringa» ins Ohr. Dagmar stand auf, sie sei müde, und gehe jetzt schlafen, sie fühle sich nicht
gut. Ihr germanischer Akzent verhallte im Dickicht des der grünnen Blätter. Die Venezolaner schauten sich an, es klang nach diesen Kriegsfilmen, von denen sie schon einige im Fernseher gesehen hatten. Dagmar walzte zum Autobus. Die Männer verfolgten
das rosa Fleisch, die Frauen zerrissen es mit ihren Gedanken tuscheltenn.
Sami sagte :“ ich würde niemals in so einen heissen Ofen wie in diesen Bus gehen, da bekommt man ja Kopfweh».
Amalia schaute ihn kurz prüfend
an. Er lehte sich leicht an Amalia und an einen runden Steinsbrocken. Konuko war einfach sitzen geblieben, die anderen plaperten vor sich hin. Die r Stimmen lullten ihn ein, seine Wimpern klappten zu. Jemand stiess ihn an die rechte Schulter. Als er die Augen
öffnete, sah er eine Plastikflasche mit einer schwarzen Hand vor seiner Nase. Er nahm einen Schluck daraus, Er verschluckte sich und hustete. Es war ein Gemisch aus Anisschnaps und Zitronensaft. Es war brennend die Speiseröhre hinuntergestürzt.
Dabei war „ Chinoto“ (Limonade) auf der Flasche gestanden. Nachdem er sich erholt hatte, bedankte er sich höflich bei seinem Spender, der nicht gelacht hatte. Sami gab Amalia die Flasche. Er forderte sie auf, auch zu probieren. Dies sei nichts
für anständige Frauen, meinte sie, und gab eben diesem Konuko kurzerhand die Flasche zurück.
Ob sie heute oder morgen in Choroni ankommen würden, war ihm jetzt vollkommen gleichgültig geworden. Ein riesiger Regentropfen
zersprang auf seinem Kopf. Eine kleine dunkle Wolke schwebte über ihren Köpfen, und bespritzte sie. Sami sprang auf: „ Der Regen kommt!“ schrie er. Er wollte die Reisetasche in Sicherheit bringen. Die Anderen schauten ihn ganz verwundert
an. Sie unterbrachen kurz ihren Redestrom, aber dann ging es unbekümmert weiter. Sami stupste Amalia verärgert an. Sie solle doch aufstehen, sie solle ihm helfen das Gepäck in den Bus zu bringen.
„Bist du denn aus Zucker?“,
fragte sie ihn, „Der Bus ist ja besetzt, aber geh doch ruhig in den Ofen. Aber pass auf, dass dich die weisse Teufelin nicht aufisst.“ Die Frauen kicherten, die Männer taten so als seien sie nicht da. Er stand da wie ein begossener Pudel.
Er wusste nicht was er tun sollte.
„Der Regen zieht gleich vorbei,“ beschwichtigte sie ihn,“setz dich wieder hin.“
So war es denn auch. Das Wasser verdunstete in weissen Dampfschwaden auf dem Asphalt der Strasse.
Sami nahm sein Buch aus der Tasche und begann zu lesen.
Nach einer Stunde kam Dagmar zurück. Sie sprach Sami auf Deutsch an. Dagmar, hiess sie, sie würde hier alleine reisen.
«Sprichst du denn kein Spanisch?», fragte
er sie.
«Doch, aber nur ein bisschen, was man so aufschnappt, etwas Italienisch kann ich schon und Englisch, ich komme damit ganz gut zurecht». Dagmar setzte sich zu ihnen auf einen der runden Steinblöcke.
Amalias Eifersucht
war wieder entfacht. Sie schaute kramfhaft nach vorn. Alle sollten bemerken, dass sie damit nichts zu tun hatte. Dieses weisse Fleisch war zu provokativ, das gehört in eine Bar und nicht auf die Landstrasse, ausserdem lässt sis sich noch mit den
Lokalen hier ein.
„Zuerst bin ich mit einer Freundin nach Margarita geflogen, einer Insel an der Küste,“ erzählte Dagmar, „dann haben sich unsere Wege getrennt,“ sie legte eine Pause ein. Sami war ein guter Schweizer.
Er fragte natürlich nicht nach.
Sie studiere Germanistik und Romanistik an der Universität in Wien, und sei verrückt nach Salsa, plapperte Dagmar eifig weiter.
„ Nach was?» fragte Sami.
„Nach Salsa Musik,
das ist..,“
„Ja, ich weiss, ich kenne die Musik, hört man denn viel Salsa in Österreich?“
„In Wien schon,- es geht, warum nicht?“
„ Hast du denn keine Probleme, wenn du als Frau so alleine
herumreist ? » fragte Sami.
„ Ja schon ein bisserl, die venezolanischen Männer denken schon, wir seien Freiwild.“
«Gut, dass du keine Lederhosen mitgenommen hast,» bemerkte Sam.
„ He was soll das, ihr in der Schweiz jodelt auch
ganz schön.“
Sami kratzte sich den Kopf: „Ok, es war bloss ein Witz.“
Dagmar nickte mit dem Kopf, er nickte zurück.
„ Aber das Dorf Choroni ist wunderschön, und die Leute dort ganz lieb. Ich bin schon
eine Woche an dem Ort. Gestern bin ich mit Konuko nach Maracay gefahren, um mir einen Bikini zu kaufen, er hatt mir dabei geholfen».
Hast du denn keine Badesachen mitgebracht?» fragte Sami misstrauisch.
„ Doch, doch“,
antwortete sie ihm. Sie schaute ihn erstaunt an und schüttelte ihre Mähne, wie kann man nur so blöd fragen, dann lächelte sie: „nur einen Badeanzug hatte ich mit, der war aber nicht mehr schön.“
Sami «ahate»
und betrachtete sie eingehend trotz des blendenden Sonnenlichtes und Amalias Eifersucht. Durch Dagmars hellblonden, halbgeschlossenen Wimpern, huschten dunkle Schatten über ihre hellblauen Augen, Spuren der letzten Nacht, bildete er sich ein gesehen zu
haben.
Amalis Eifersucht erreichte den Siedepunkt. Sami bemerkte es endlich.
„Red doch mit ihr, sie spricht gut Englisch und du ja auch,“ forderte Sami seine Begleiterin auf.
Amalia fand das vollkommen daneben:“ worüber soll ich mit ihr reden?“ flüsterte sie ihm zu.
„Über
Litteratur, zum Beispiel, das studiert die Österreicherin.“
Amalia zuckte mit der Schulter. Sie wendete sich wieder den Anderen zu. Sami erhob sich langsam. Er dehnte seine Glieder. Dann ging er entschlossenen Schrittes zum Polizisten. Dieser
stand neben seinem Motorrad und hielt mit seinem Telefon regen Dialog. Sami erkundigte sich höflich, in klarem Spanisch, nach dem neuesten Stand der Dinge. Er lehnte es kategorisch ab. Da sei nichts zu machen, heute käme hier keiner hindurch.
„ Was?“ fragte Sami ihn ungläubig.
„ Was, was?“ äffte ihn der Polizist nach: « das war doch klar genug!»
„ Haben sie den Felsen, noch nicht wegräumen können, die da oben?“
Der Polizist würdigte ihn keines Blickesmehr. Er hörte verbissen in den Hörer, als wolle er hineinkriechen.
Sami blieb neben ihm stehen. Langsam befreite der Ordnungshüter sein Ohr. „ Heute kommt hier keiner durch, verstanden!“
Dann legte er seine freie Hand an seinen Knüppel und starrte Sami grimmig an.
„ Gut, Gut, ist ja schon gut,“ lenkte Sami ein, „ ich habe ja nur wissen wollen....“
Sami kehrte mit der Nachricht zurück. Er packte
seine Reisetasche und Amalia machte es ihm zu seinem Erstaunen nach.
Er stemmte die Tasche hoch auf seine Schultern. Er ging auf der Strasse zurück. Amalia folgte ihm. Nach 5 Minuten rief ihm Amalia zu er solle doch auf sie warten. Was er auch
tat. Als sie sich zu ihm geschleppt hatte, wollte er wieder los. «Stop,» rief Amalia, «wohin gehst du?»
«Na zurück, was denn sonst!»
«Was, den ganzen Weg zu Fuss, du spinnst, ich bleib da.»
«Okey, ich geh, da wird bestimmt ein Auto mal vorbeikommen.»
«Da hier draussen, bestimmt nicht, solange die Strasse gesperrt bleibt. Da warte ich lieber hier».
«Okey ich gehe, du kannst ja machen was du willst,
du bist ein freier Mensch, das Warten hier ist mir zu blöd, die werden hier nie fertig mit der Strasse.»
«Was, du lässt mich hier ganz allein mitten in der Wildnis und ich habe mir extra frei genommen wegen Dir!».
«Du
kannst ja zu den Anderen zurückgehen».
« Du gehts wieder nach Caracas, willst du wirklich nicht mehr ans Meer?»
Sami blieb eine Weile unschlüssig stehen, Amalia war auf ihre Reisetasche geplumpst. Sie tat ihm Leid,
wie sie so wie ein Häufchen Elend dasass.
«Okey gib mir deine Reisetasche, wir gehen zurück zum Bus».
Sie sprang auf und wollte ihn umarmen, er wehrte ab und packte auch ihre Tasche. Als sie wieder zur Gruppe zurückkamen,
war gerade Bewegung in die Reisegruppe gekommen. Die Strassen war doch befreit worden und man nahm Platz im Bus.