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«Diese Dichter, die allein unterwegs sind / unermesslich einsam / unterwegs zu ungenannten/von den Menschen verfluchten Inseln /am Ende der Welt / Oh, meine Freundin – und du willst die Frau werden, die Frau eines Dichters!» Die Verse sind im Original französisch und stammen aus dem 1922 erschienenen lyrischen Debüt «L’aube dans les feuilles» («Die Dämmerung in den Blättern») von Werner Renfer. Der 1898 geborene Bauernsohn aus dem jurassischen Corgémont hat sein Agronomiestudium an der Zürcher ETH abgebrochen und versucht sich in Paris als Dichter durchzubringen. Den Erstling schickt er der Jugendfreundin Germaine Berthoud nach Corgémont, und die liest nur die Liebeserklärung, nicht aber die Warnung aus dem zitierten Gedicht heraus. Hals über Kopf verlässt sie das Elternhaus, um mit dem jungen Literaten zu leben: in Paris und später, während glücklicher Monate, auf der Insel Port Cros vor Le Lavendou, über der am Ende tatsächlich etwas wie ein Fluch liegt, als die Herbststürme den Dichter und seine schwangere Gefährtin vertreiben. Nach einem Hungerwinter in Paris, wo sein erster Sohn zur Welt kommt, sieht Renfer sich gezwungen, das Studium an der ETH wieder aufzunehmen: eine Niederlage, die der von seiner literarischen Berufung Überzeugte «nicht seinem schlimmsten Feind wünschen» würde. Nach beendetem Studium wird Renfer zunächst Journalist beim «Paysan Jurassien» in Delsberg, dann, bis zu seiner fristlosen Entlassung drei Tage vor seinem Tod am 27. März 1936, einziger Redaktor der Tageszeitung «Journal du Jura bernois» in St-Imier. Nicht genug, dass er bei der miserabel bezahlten Tätigkeit einem infamen Mobbing des Zeitungsbesitzers ausgesetzt ist, es erfüllt sich auch die Erwartung, dass der Journalismus ihm Freiraum für Literarisches lassen würde, nur bedingt. Nicht nur als Dichter, auch als Journalist hat er zunehmend den Eindruck, ins Leere hinaus zu schreiben, und seine Frustration geht so weit, dass er sich ein Erdbeben oder eine Revolution herbeiwünscht: «etwas, das die ungeheure Trägheit der Leute und der Dinge aufrütteln könnte, etwas, das die Mauer einstürzen liesse, was die Kommunikation zwischen meiner Seele und der Heimat ermöglichen würde». 1933 soll es so weit sein, da will er mit einem Befreiungsschlag die Voraussetzung für ein autonomes Schriftstellerleben schaffen. In diesem Jahr sollen seine Zeitungskolumnen als Buch erscheinen, dazu der Roman «Hannebarde», die Gedichte «La Beauté du monde» («Die Schönheit der Welt») und der Erzählband «La Tentation de l’Aventure» («Die Versuchung des Abenteuers»). Aber die Kolumnen kommen aus finanziellen Gründen gar nicht erst heraus, und das Echo auf die publizierten Bücher ist derart marginal, dass sich sein Traum einmal mehr in Luft auflöst und er die drei ihm noch verbleibenden Jahre im Zeichen von Krankheit, Einsamkeit, Verkanntheit und Verzweiflung durchlebt – einzig noch getröstet von Germaine, seiner Geliebten, Ehefrau und Muse. Erst als Pierre-Olivier Walzer 1958 eine Werkausgabe herausbringt, nimmt die Welt staunend zur Kenntnis, was für ein feinsinniger Erzähler und was für ein grossartiger, stupend moderner, in der Nachfolge von Apollinaire und des Surrealismus stehender Lyriker dieser scheinbar weltverlorene Dichter Werner Renfer gewesen ist. 1997 kamen «Hannebarde» und weitere Erzählungen, übersetzt von Barbara Traber, in der Edition «Reprinted by Huber» erstmals auf Deutsch heraus. 1999 porträtierte Barbara Traber den Dichter unter dem Titel «Das Abenteuer Provinz» bei «orte» und 2012 kamen bei Limmat seine Gedichte in der deutschen Übersetzung von Christoph Ferber im Band «Frühzeitiger Herbst» heraus. Eine Stimme, die nicht mehr missen will, wer sich einmal davon hat betören lassen.