Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03255.jsonl.gz/1118

1987 erfüllte ich mir einen lang ersehnten Wunsch und kaufte eine Segelyacht vom Typ Bianca 320. Nicht ganz klar war immer, ob sich die Zahl 320 auf die Breite der Yacht von 3,2 Metern oder die Länge von 32 Fuss bezog. Sie wurde in Meilen auf dem Zürichsee stationiert. Meilen deshalb, weil es nahe am Wohnort lag und somit die Chance bestand, auch mal Abends nach der Arbeit die Yacht geniessen zu können.
Eigentlich fing das Ganze noch etwas früher an. Aufgrund meiner langjährigen Segelerfahrung wollte ich endlich auch mal einen offiziellen Segelschein machen und meldete mich 1986 zu einem B-Schein Kurs, dem schweizerischen Fähigkeitsausweis zum Führen von Sport- und Vergnügungsschiffen auf See, an. Das dazu auch der ganz normale Segelschein zum Führen von Segelyachten auf Binnengewässern Voraussetzung war, erfuhr ich mit dem Studium der Prüfungsvoraussetzungen für den B-Schein. Obwohl ich bereits seit 1970 segelte und von 1974-1982 in der Nationalmannschaft der Schweiz als Segler aktiv war und sogar nebst vielen Regatten sogar Meistertitel ersegelte, war ich bezüglich offizieller Ausweise ein echtes Greenhorn. Nun ja, auch Formel 1 Fahrer benötigen keinen gültigen Fahrausweis um Rennen zu fahren und im In- wie auch Ausland fragte uns nie jemand vor einer Regatta, ob wir einen gültigen Segelschein hätten.
Also los ging es mit dem sogenannten A-Schein, dem offiziellen Ausweis in der Schweiz für die Führung von Segelyachten auf Binnengewässern. Da der Bodensee spezielle Umweltschutzanforderungen an die Wassersportler und ihre meist schwimmenden Fahrzeuge stellt und an Deutschland, Österreich und die Schweiz grenzt (und somit eigentlich ein internationales Gewässer darstellt), genügte der reine A-Schein der Schweiz nicht, um auch die Zulassung für den Bodensee zu erhalten. Also benötigte man von Schweizer Seite her auch das sogenannte "Bodenseeschifferpatent". Das hiess, dass es an der theoretischen Prüfung ein paar auf den Bodensee bezogene Theoriefragen mehr gab und dass die praktische Prüfung auf dem Bodensee durchgeführt werden musste. Aufgrund der Ausbildung bei den Seepfadfindern, dem Militärdienst als Pontonier und der langjährigen Segelerfahrung war die Theorieprüfung für mich doch eher leicht, da ich die meisten Vorschriften, Seezeichen, Vorfahrtsregeln usw. sowieso bereits kannte. Die praktische Prüfung war dann sogar noch etwas spezieller, da sie zu einer Segel- und Trimmunterrichtsstunde von mir an den Prüfungsexperten wurde. Dieser nahm die Gelegenheit nämlich war, sich von einem begeisterten Regattasegler gleich ein paar Segel- und Trimmtricks während einem ganzen Nachmittag! zeigen zu lassen.
Ohne das ich mich im Detail wirklich informiert habe was der B-Schein eigentlich beinhaltet, meldete ich mich dann für einen B-Schein Kurs am Bodensee an. Da ich weder Lust noch Laune hatte x Abende zu opfern um einen für mich normalen "Segelkurs" über mehrere Monate zu besuchen, wählte ich einen 2-wöchigen Intensivkurs mit anschliessender Prüfung. Also traf sich eine Gruppe Gleichgesinnter am fixierten Starttermin in Bad Horn am Bodensee und bezog dort die Zimmer. Das Aha-Erlebnis kam für mich aber bereits in der ersten Unterrichtsstunde, als erklärt wurde, was alles zum B-Schein gehöre, dass es NICHT um das eigentliche Segeln gehe, dass es auch hier eine Theorieprüfung gebe welche durch einen bzw. zwei praktische Törns über insgesamt mind. 1000 Seemeilen bestätigt werden müsse und das man davon ausgehe, dass sich die Anwesenden bereits im Vorfeld des Kurses mit den teils bestellten Kursunterlagen schon mit der Thematik vertraut gemacht hätten. Wow, das war gerade etwas viel für mich! Ich "als erfahrener Segler, Pontonier und ehemaliger Seepfadfinder" hatte mir nämlich gedacht, diesen B-Schein mit Links mitzunehmen und eigentlich gehofft, in Bad Horn zwei gemütliche Ferienwochen verbringen zu können. Das Erwachen folgte Schlag auf Schlag. Erstens hatte ich die Lehrmittel nicht im Vorfeld des Kurses beschafft, noch hatte ich eine Ahnung, was der genaue Inhalt des Unterrichts war. Ich hatte die Kursausschreibung mit den Details einfach nur oberflächlich gelesen und gedacht, ist ja keine Sache für mich. Klar, Seemannschaft kannte ich. Da gab es nicht mehr viel Neues. Aber Kursberechnungen vom richtigen zum falschen Kurs resp. umgekehrt, Handling der Seekarten, Leuchtfeuerverzeichnis, Seerecht, Meteo, Medizin an Bord usw. Da war doch vieles recht neu und ich war froh, dass es auch noch andere Kursteilnehmer gab, die im einen oder anderen Fach etwas Schwierigkeiten hatten. Schon am zweiten Tag bildete sich eine verschworene Gruppe, welche zusammen lernte und sich gegenseitig unterstützte. Oft sassen wir am Abend noch bei einem Bier zusammen, fragten uns gegenseitig ab oder versuchten je nach Thema etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Bald war klar, dass nach erfolgreichem Bestehen der Theorieprüfung, die verschworene Gruppe auch die verlangten Meilen gemeinsam absolvieren wollte. Sepp, unser Primus der Gruppe, kannte einen Skipper mit einer 65 Fuss Taiwan Ketch, auf welcher wir alle zusammen Platz finden würden. Nach x-Stunden büffeln, auswendig lernen, gegenseitigem abfragen, Kursberechnungen und entsprechenden Zeichnungen in die Unterrichts-Seekarte, kam der Tag der Prüfung. Wir alle bestanden die Prüfung schlussendlich mehr oder weniger gut und in der geforderten Zeit. Geschafft und glücklich (auch über das ersehnte kühle Bier nach der Prüfung) beschlossen wir, dass wir im Frühling 1987 gemeinsam unseren ersten Törn in Angriff nehmen wollten. Die Kontaktdaten hatten wir ausgetauscht (damals noch nicht mit Smartphone und SMS) und wir verabschiedeten uns voneinander. Sepp, unser Gruppenprimus würde den Törn organisieren und sich rechtzeitig mit uns wieder in Verbindung setzen.
Da hat es mir schon viel besser gefallen als im heissen Theoriesaal am Bodensee. Das ist mein Element, wobei ich auch gerne in der Kombüse hantiere, wie andernorts auch beschrieben ist.
Hier sitze ich am Ruder der 18 m Taiwan Ketch Nelea auf dem Mittelmeer. Leider finde ich im Moment nicht mehr Bilder aus jener Zeit.
Die Törns waren allesamt super und der Teamspirit war genial. Aus dem verschworenen Grüppchen aus dem Theoriesaal am Bodensee wurden teils langanhaltende Freundschaften.
Nebst den beiden reinen Meilentörns, welche uns schlussendlich den ersehnten B-Schein einbrachten, trafen wir uns auch sonst privat und auch nochmals zu einem Ferientörn auf der Nelea und genossen die Inseln des Tyrrhenischen Meers. Die Costa Concordia war damals noch nicht vor Giglio gestrandet und verzerrte den Blick auf das wunderschöne Inselchen.
1987 war es dann endlich so weit. Ich kaufte mir meine eigene Yacht. Da ich im Beruf sehr stark engagiert war, kam eigentlich nur eine Yacht in Frage, welche auf dem Zürichsee stationiert werden konnte d.h. in der Nähe meines Wohnorts. Obwohl die Yacht auf einem eher kleinen Binnensee stationiert wurde, musste sie jedoch das Potential haben, dass man sie aufs Meer transportieren und auf ihr hätte Leben können. Ausgewählt wurde eine Bianca 320, welche genügend Platz in der Pflicht bot und mit einer Bug- und Heckkabine ausgestattet war, welche genügend Platz für 4 Personen aufwies. Die Küche war passabel und im Salon hatte man ebenfalls genügend Platz. Auch die Navigationsecke war komfortabel ausgestattet, so dass dort genügend gut mit Seekarten hantiert werden konnte. Eigentlich ein Schiff, mit dem man alleine oder zu zweit hätte um die Welt segeln können. Irgendwie hatte ich dies auch als Hintergedanke beim Kauf der Yacht. Einziger Nachteil war, dass ich selbst mit meinen 187 cm keine echte Stehhöhe im Schiff hatte.
Wie man sieht, war aber auch die Backskiste genügend gross für mich. Es war die Zeit gekommen, um die lauen Sommerabende auf dem Zürichsee mit Freunden zu geniessen, gut zu essen und bei einem Bier oder Glas Wein über Törns und Leben auf dem Schiff zu diskutieren und Pläne für die Zukunft zu schmieden. Es war eine wunderschöne Zeit, wenn da nur nicht der berufliche Alltag immer wieder dazwischen gekommen wäre. Die Yacht wurde auf den Namen "Zubenubi" getauft, welches die Abkürzung des Namens des Alpha-Sterns im Sternzeichen Waage ist und auch zu mir passte, da die Waage mein Sternzeichen ist. Der Name der Yacht war übrigens der Vorschlag unseres Gruppenprimus aus dem verschworenen Grüppchen vom B-Schein Kurs.
Fast gleichzeitig mit dem Kauf der Yacht trat Alice in mein Leben. Kennengelernt hatten wir uns ursprünglich anlässlich einer Snowboard-Woche von José Fernandes in Livigno. Danach verging fast ein Jahr bis wir uns an einem Nachtessen bei einer gemeinsamen Freundin wieder trafen und wie konnte es anders sein, zusammen blieben.
Das Segeln begeisterte Alice dermassen, dass sie sich entschloss, ebenfalls alle Ausbildungen durchzuziehen. Dazu gehörten dann natürlich auch Meilen- und Überführungstörns. Ich war als Partner bzw. Begleiter zwar gern gesehen, die Ausbildung sollte jedoch durch andere Skipper erfolgen (ist ja immer so, der Prophet im eigenen Land .....).
Die Bilder hier sind eigentlich die einzigen Fotos, die während dieser Zeit auf dem Meer entstanden sind. Hier waren wir zusammen auf einem Überführungstörn einer 55 Fuss Yacht von Sizilien via Sardinien, Menorca nach Mallorca.
Da wir an den Törns, dem Segeln und Leben auf dem Meer, dem Reisen, den verschiedenen Ländern mit ihren Kulturen, Menschen und auch kulinarischen Köstlichkeiten immer mehr Gefallen fanden, beschlossen wir 1989 eine gemeinsame Firma zu gründen. Der Zweck der Firma war und ist auch heute noch die Durchführung von Törns und Events auf Binnen- wie auch auf Hochsee sowie der Handel mit jeglichem Schiffszubehör. Was lag da näher als den Namen Zubenubi auch für die Firma zu verwenden.
Nach einigen wundervollen Jahren mit unserer Zubenubi auf dem Zürichsee mit teils sehr lustigen Sommerferien mit unseren Patenkindern und weiteren Nichten und Neffen wurde schlussendlich das Engagement für den Beruf bei Alice und mir immer grösser. In den Jahren 96 und 97 schafften wir es insgesamt nur noch an 4 Wochenenden auf unser Schiff. Dies bewog uns, da ein nichtbenütztes Schiff wirklich am meisten leidet, Zubenubi schweren Herzens zum Verkauf auszuschreiben. Zubenubi fand schlussendlich ein neues Eignerpaar und wurde an den Lago di Lugano transportiert. Dort wollte das neue Eignerpaar die Sommer, welche im Tessin doch einiges länger sind als am Zürichsee, auf dem Schiff verbringen, ihre Pension und das Tessin geniessen.
Die vergangenen 18 Jahre nach dem Verkauf der Yacht verbrachten wir grösstenteils mit intensiver Arbeit. Wir hatten im Beruf viele interessante Projekte zu bewältigen und hinzu kamen auch mehrere Fusionen auf Arbeitgeberseite. Der berufliche Alltag hatte uns fest im Griff. Nebenher bauten wir, unter starker Mithilfe meines Vaters und eines Bruders von Alice, unser 1994 gekauftes Haus stetig um und vergrösserten die nutzbare Fläche um fast 100 %. Mit schlussendlich zwei Indoor- und einer Outdoorküche (aktuell mit 5 Grills!) konnte ich mein teils fast wichtigstes Hobby in vollen Zügen auskosten. Natürlich kamen auch unsere Verwandten und Freunde oft in den Genuss, das eine oder andere Schmankerl zu geniessen oder dann als "Versuchskaninchen" herzuhalten.
Oft überlegten wir uns, ob wir nicht doch wieder eine Yacht kaufen sollten, doch das berufliche Engagement war einfach zu hoch. Die Zeit verging und wir nähern uns nun langsam aber stetig dem sogenannten 3. Lebensabschnitt. Der Tod meines Vaters führte mir dann vor wenigen Jahren klar vor Augen, dass das Leben endlich und eigentlich recht kurz ist. Er hatte das ganze Leben bis zur Pensionierung hart gearbeitet und wollte dann als Rentner noch etwas herumreisen und das Leben geniessen. Dieser Wunsch blieb ihm leider krankheitshalber vergönnt.
Dieses Erlebnis und die geführten Gespräche mit meinem Vater während seiner Krankheit waren eigentlich der auslösende Moment, welcher uns dazu bewog, unseren 3. Lebensabschnitt etwas früher zu planen und wieder nach einer Yacht Ausschau zu halten. Die Zeit ist und wurde reif, dass wir uns bewegen und noch etwas neues beginnen!