Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03138.jsonl.gz/906

Empore mit Orgel: Gut zu sehen sind hier die versetzten Säulen unter der schlichten Empore
Die beiden Seitenportale liegen am Quergang direkt von dem Chorbereich, der sich über zwei Stufen erhöht präsentiert.
Im typisch protestantischer Tradition ist die hölzerne Kanzel in der Mitte der Ostwand positioniert, ebenso das Taufbecken.
Eines der Seitenportale
«Christus spricht:
Ich bin bei Euch alle Tage
bis an der Welt Ende.»
Matthäus 28,20
Eines der Seitenportale
Über dem Seitenportal steht:
«Christus spricht:
Ich bin bei Euch alle Tage
bis an der Welt Ende.»
Matthäus 28,20
Die Kanzel besteht aus einem einfachen Polygonkorpus auf Konsole aus Eichenholz.
Die Kanzel von 1708
Der Schalldeckel trägt im Fries die Spruchinschrift «Selig sind die das Wort Gottes hören und es bewaren Luk. X, 28» und die Jahreszahl des Kirchenbaus, 1708.
Der hölzerne Schalldeckel mit dem Vers 10,28 aus einer Seligpreisung nach dem Lukas-Evangelium
Der Taufstein in seiner schlichtestmöglichen Form: über achteckigem Schaft eine Halbschale aus Muschelkalk. Er stammt vermutlich aus der Mitte des 15. Jahrhunderts und ist der einzige Bestandteil aus dem Vorgängerbau.
In dieser Kirche, die weitgehend in Weiss erscheint, findet sich eine grosse Überraschung in Farben – die vom Vorgängerbau stammt: Anlässlich der Renovierung von 1973 wurde rechts der Kanzel eine bis dahin vermauerte Fensternische entdeckt, deren Gewandseiten mit spätgotischen Wandmalereien aus dem frühen 15. Jahrhundert geschmückt sind.
Blick auf das ganze Fenster, von links nach rechts: die hl. Verena, ein Bischof, Christus im Bogenscheitel, die hl. Agnes und die hl. Margaretha
Sie zeigen fünf Figuren in zwei übereinander gestellten Registern: je zwei auf der linken und auf der rechten Gewandseite bzw. eine im Bogenscheitel. Links (unten) handelt es sich um die hl. Verena von Zurzach, darüber steht die Figur eines Bischofs; rechts (unten) ist die die hl. Margaretha von Antiochia und darüber und die hl. Agnes von Rom dargestellt.
Die Haltung der vier Heiligen in den Seitengewänden ist symmetrisch ausgerichtet. Das heisst, sie sind nach vorne zur Kirche, auf die Betrachter ausgerichtet. Christus im leicht gefasten Chorscheitel erscheint in einer Position, die ihn für die Betrachter ebenfalls direkt ‹lesbar› macht.
Farblich präsentiert sich diese Wandmalerei in feinem Braunrot, Türkis und Gelb. Die Heiligen tragen Gewänder in Braunrot, Türkis und Weiss. Die Figuren werden mit schwarzen Konturlinien konturiert und akzentuiert. Eingefasst und geschmückt werden sie mit einem einfachen, teilweise verzierten roten Wellenband und mit sechszackigen farbigen Sternen – so einfache wie bezaubernde Darstellungen.
Alle vier Heiligen tragen goldene Nimben, auch der Bischof hinter seiner Mitra, was auch ihn als Heiligen kennzeichen soll. Die drei weiblichen Heiligen tragen über ihrem langen blonden Haar eine Krone im Nimbus: dreimal ineinandergestellte (und somit potenzierte, aufgeladene) Motive in Gelb, das stellvertretend für Gold steht – goldene Kronen auf goldenen Haare, umrahmt von Goldnimben. Nochmals gesteigert bzw. modifiziert wird dies in der Darstellung des Christus im Scheitel des Fensterbogens: goldene Haare und der ihm vorbehaltene Kreuznimbus in Gold. Eine weltliche goldene Krone braucht der Pantokrator nicht.
Linke Gewandseite des Fensterbogens: die hl. Verena, ein Bischof und im Scheitel Christus
Die Attribute der hl. Verena von Zurzach sind Gefäss und Kamm. In dieser Darstellung ist nur ein goldenes Gefäss in ihrer rechten Hand zu sehen, allerdings erscheint ihre Linke – wie Teile ihres Gewandes – lädiert, und es ist denkbar, dass dieser Teil zerstört wurde. Dafür spräche auch die Tatsache, dass die vier anderen Dargestellten in beiden Händen je ein Attribut tragen bzw. auch die rechte Hand von Christus explizit ausgestaltet ist in seinen Segensgestus.
Die hl. Verena mit einem goldenen Gefäss in ihrer Rechten
Der Bischof wird erscheint mit Mitra, dem Bischofsstab in der rechten Hand (der farblich und in der Leichtigkeit der Darstellung den eleganten Palmwedeln der beiden Heiligen auf der rechten Gewandseite entspricht). In seiner Linken trägt er ein Buch (wohl die Bibel).
Der Bischof mit Mitra, Bischofsstab und Bibel
Im Chorscheitel, zuoberst, thront der segnende Christus. Er ist als einziger zusätzlich von einer Art partieller Mandorla umgeben, wohl, um seine herausragende Qualität nicht nur durch die Position zuoberst, im Chorscheitel («nahe beim Himmel»), sondern auch mit diesem zusätzlichen geschmückten Band – das ihn zugleich auch abhebt – zu kennzeichnen und hervorzuheben.
Im Scheitel des Fensterbogens, zuoberst, der segnende Christus mit goldenem Kreuznimbus, Segenshand und geschlossenem Buch in seiner linken Hand
Rechte Gewandseite des Fensterbogens: die hl. Margaretha, die hl. Agnes und im Scheitel ChristusDie hl. Margaretha von Antiochien überwindet das Böse, hier dargestellt als Drachen, dem sie eine kreuzbekrönte Lanze in den Schlund sticht. Traditionellerweise wird diese Heilige mit dem Drachen an einer Kette (= besiegt) gezeigt, hier hingegen wird ein stilisierter Drachenkampf in der Bildtradition des hl. Georg gezeigt. Der Drache symbolisiert das Böse, Dämonische, das durch die Heilige erfolgreich bekämpft wird.
Detail des Drachens und des Lanzenstiches
Die hl. Agnes von Rom zeigt sich mit einem Palmwedel in ihrer Rechten und dem «agnus Dei», dem «Lamm Gottes» in ihrer Linken, das Reinheit und Unschuld symbolisiert. Dass es sich tatsächlich nicht nur um ein gewöhnliches Lamm, sondern um das «agnus Dei» handelt, ist daran erkennbar, dass dieses mit einem Kreuznimbus gekennzeichnet ist.
Die hl. Agnes von Rom mit Palmzweig und dem «agnus Dei» in ihren Händen
Detail der hl. Agnes
Ein entzückendes Detail ist das Lamm mit dem Kreuznimbus, das die Heilige fast spielerisch in ihrer Hand hält: Es ist so klein, dass es ohne weiteres in ihre Hand passt.
Das «Lamm Gottes» mit dem Kreuznimbus in der linken Hand der hl. Agnes
Die Kleidung und Haartracht der Heiligen sind elegant, höfisch, wie sie in der zeitgenössischen Buchmalerei zu finden sind. Auch die leichte S-Form der schlanken Figuren, insbesondere der drei Frauen, wirkt höfisch und elegant. So lässt sich zum Beispiel an Darstellungen des Codex Manesse denken, der zwar etwas früher (Zürich, um 1300–1340) entstanden ist, aber teilweise verblüffende Ähnlichkeiten aufweist, so etwa auf dem Von Obernburg-Blatt 342 verso, auf dem die Dame ebenfalls ein kleines Tier in ihrer linken Hand trägt. Obschon es sich hier um ein weisses Hündchen handelt, ist die Ähnlichkeit mit einem Lamm überraschend, auch in der Hinwendung des Kopfes der beiden Tiere. Selbst die Haartracht und die kronenartige höfische Kopfbedeckung liessen sich durchaus vergleichen.
Codex Manesse, Blatt Von Obernburg (fol 342 verso)
Die 1973 so unerwartet aufgetauchte spätgotische Malerei in der Kirche Seon erscheint farbig, in grosser Leichtigkeit, mit verspielten, schwungvollen Elementen – und doch würdevoll und in den strengen protestantischen Sakralraum wunderbar passend.
Im Durchgang zur Kirche sind auch zwei bedeutende Grabplatten zu sehen, die aus dem 18. Jahrhundert stammen und beide für Offiziere geschaffen wurden. Die linke Grabplatte war für Oberst Franz Schlatter von Zürich (1651–1721) mit dem Allianzwappen Schlatter-Graviseth und ausführlicher lateinischer Inschrift; die rechte Grabplatte für Johann Friedrich Graviseth (1696–1767), Landmajor des unteren Aargaus, mit lateinischer Majuskelinschrift und Familienwappen. Beide Grabplatten sind aus Sandstein und messen 206x103,5 bzw. 206x110 cm, sind also fast gleich gross.
Text «Die Kirche Seon und das ‹Agnus Dei› der heiligen Agnes» aus dem a+o vom April 2017 ( PDF, 111 KB)

Grabplatte Oberst Franz Schlatter

Grabplatte Johann Friedrich Graviseth