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Comtesse Geneviève d’Ursel-le Peletier de Rosanbo – eine Betrügerin?
Im Lauf der Zeit haben die unterschiedlichsten Leute das Casino besucht und dabei die unterschiedlichsten Geschichten erlebt. Besonders aufregend war sicher die Geschichte, die einer Garderobiere 1938 passiert ist.
„Gute Frau Vogt. Es tut mir furchtbar leid, der Polizei zu melden, dass sie mir 400 Franken gestohlen haben.“ Als die ‚gute Frau Vogt‘ den Brief am 12. Dezember 1938 aus ihrem Briefkasten im Breitenrain fischte, dürfte sie einen gehörigen Schreck erlitten haben. Die Garderobiere des Casinos wurde beschuldigt, Geld im Wert von heute rund 3‘000 Franken entwendet zu haben. Und das nicht von irgendwem, sondern von der Comtesse Geneviève d’Ursel-le Peletier de Rosanbo – der Frau des belgischen Botschafters.
Sie verstehe ja, dass es schwierig sei, Geld zurückzugeben, wenn man es erst mal in den Händen halte. Aber „für Ihr Gewissen, für Ihre Ehre, für Ihre Ruhe“, bat die Comtesse: „Geben Sie es zurück“. Sie werde dafür auch niemandem etwas sagen, 100 Franken könne die Garderobiere zum Dank behalten und ausserdem wolle die Comtesse dafür schauen, „dass Ihnen Glück ins Leben kommt“.
Auf den Schock folgte die Verwunderung. Warum sagte die Comtesse, sie werde niemandem vom Vorfall erzählen, nachdem sie im ersten Satz gesagt hatte, sie habe es der Polizei gemeldet? Wieso wollte sie ihre vermeintliche Diebin kennenlernen und ihr nicht nur 100 Franken überlassen, sondern auch noch „Kleider Geschenke bringen“? Und vor allem: Warum ging jemand, der unmittelbar neben dem Casino wohnte mit 400 Franken Bargeld in der Tasche an ein Konzert?
Frau Vogt verlor keine Zeit. Schnurstraks ging sie zur Polizei. Dort erfuhr sie, dass die Comtesse bislang keine Anzeige erstattet hatte. Anschliessend berichtete sie ihrem Chef, dem Hauswart des Casinos von der Geschichte und schliesslich ging sie zur belgischen Botschaft. Die Botschafterin empfing sie nicht und der Botschafter versuchte wohl, die Wogen zu glätten. Dann geschah einige Tage nichts. Die Polizei wollte die Comtesse befragen, stellte aber fest, dass diese ausser Landes gereist war.
Alles weist darauf hin, dass auch die Comtesse einsah, dass ihr Vorwurf voreilig und konfus gewesen war. Aber sich Fehler einzugestehen gehörte wohl nicht zu ihren Stärken. Geneviève d’Ursel-le Peletier de Rosanbo hätte die Sache wohl am liebsten auf sich beruhen lassen und vergessen – aber das ging für die Garderobiere nicht. Solange der Vorwurf ungeklärt im Raum stand, war ihr Ruf beschmutzt und das war für Frau Vogt ein ernstes Problem. Wer würde schon eine vermeintliche Diebin anstellen?
Es ist nicht aktenkundig, dass sich die Botschafter-Gattin mündlich entschuldigte und zur Wiedergutmachung ein Geschenk anbot. Davor jedenfalls warnte der Casino-Verwalter die Garderobiere ausdrücklich. Sie brauche zwingend ein schriftliches Dokument, schrieb er ihr, das ihren Ruf wiederherstelle: eine schriftliche Entschuldigung oder einen Gerichtsentscheid. Vogts oberster Chef gelangte deshalb schriftlich an die Botschafterin. Sie solle die Sache bitte der Polizei melden, bat der Verwalter, damit Vogt sich vor Gericht verteidigen könne. Das tat die Comtesse allerdings nicht. Wenigstens gibt es zu einem Prozess keine Akten. Geneviève d’Ursel zog es wohl vor, die für sie längst schon peinlich gewordene Geschichte mit einer schriftlichen Entschuldigung zu beenden.
Bleibt zu hoffen, dass trotz der falschen Anschuldigung noch „Glück ins Leben“ der Garderobiere gekommen ist.
Autor: Benedikt Meyer. Er ist Historiker und mag nicht nur die Akustik des Konzertsaals, sondern auch die Geräuschkulisse der Gartenterrasse an lauen Sommerabenden. www.benediktmeyer.ch