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Ein Jahr nach dem Reaktorunglück blickt Hans Wanner, Direktor des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats ENSI, zurück. Er erläutert die Arbeiten der Schweizer Aufsichtsbehörde, die Erkenntnisse und die seither getroffenen Massnahmen.
Das ENSI hat nach dem schweren Reaktorunglück vom 11. März 2011 in Fukushima Dai-ichi sofort gehandelt. Die Aufsichtsbehörde hat Massnahmen ergriffen und alle Schweizer Kernkraftwerke anhand der Analyse der Ereignisse in Japan überprüft. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass die Kernkraftwerke in der Schweiz sicher sind.
Videointerview Teil 1
Transkription des ersten Teils des Videointerviews
Die Zeitung Die Botschaft transkribiert in ihrer Ausgabe vom Samstag, 10. März 2012, das Videointerview mit ENSI-Direktor Hans Wanner:
Hans Wanner, am 11. März ist es genau ein Jahr her seit dem schweren Erdbeben an der japanischen Ostküste. Wissen Sie noch, wie Sie davon erfahren haben? Ja, ich war auf dem Weg zur Arbeit, als ich übers Internet erfahren habe, dass sich in Japan ein sehr schweres Erdbeben ereignet hat und dass Kernkraftwerke Probleme hätten. Aber dann hat der Arbeitstag mit diversen Sitzungen begonnen. Kurz vor Mittag hatte ich eine Sitzung, als mein Stellvertreter, Georg Schwarz, hereinkam, die Sitzung unterbrach und mich informierte, dass sich da etwas Schweres anbahne. Wie haben Sie persönlich darauf reagiert? Ich habe ruhig reagiert. Ich wusste ja auch noch nicht genau, was genau geschehen war. Wir waren am Anfang sehr im Ungewissen. Wir haben einen Ad-hoc-Krisenstab aus verschiedenen Fachleuten gebildet, die die Aufgabe hatten, sich Informationen zu beschaffen, damit wir uns ein Bild machen konnten. Diese Gruppe hat sich im Laufe des Freitagnachmittags alle zwei Stunden getroffen, und am Abend hatten wir das Fernsehen im Haus und haben aus unserer Sicht Auskunft gegeben.
Sie sagen es, am Anfang herrschte ein Chaos in Sachen Informationslage. Wann wurde denn eigentlich klar, wie die Tragweite des Ereignisses aussieht? Ja, das wurde spätestens am Tag darauf klar, am 12. März, als sich die erste Explosion in Fukushima-Daiichi ereignet hat, und dann später natürlich, als sich die grossen radioaktiven Freisetzungen auf das Festland in Japan ereigneten.
Wie beurteilen Sie die Ereignisse jetzt, ein Jahr später? Es war relativ rasch klar, dass diese Werke viel zu wenig gut gegen relativ häufige Tsunamis ausgerüstet waren. Sie waren zu wenig gut geschützt. Offensichtlich wurde diese Gefährdung vernachlässigt, massiv unterschätzt. Und wir wissen heute, dass die Aufsichtsbehörde auch zu wenig unabhängig war und sich nicht durchsetzen konnte.
Was bedeutete das für die Schweiz? Was war das Wichtigste, was man in der Schweiz machen musste? Für uns, das Ensi, war das die Information. Es bestand ein sehr grosses Bedürfnis der Öffentlichkeit nach Informationen. Die waren ja am Anfang sehr, sehr spärlich. Übers ganze Wochenende war es sehr schwierig, an gesicherte Informationen zu kommen. Die Japaner haben sehr karg informiert. Die Internationale Atomenergieagentur IAEA war über das Wochenende nicht zugegen. Und es war sehr schwierig, aus der Fülle von Informationen das zu plausibilisieren, was eben plausibel war. Und dafür waren unsere Fachleute geeignet, weil sie das nötige Fachwissen hatten und weil sie über den Typ der Anlage im Bild waren.
Sehr rasch kam die Frage nach den Schweizer Kernkraftwerken. Sie haben sich sicherlich damals sehr rasch damit auseinandergesetzt. Zu welchem Schluss kamen Sie damals? Bei einem derart grossen Ereignis ist zuerst einmal zu beurteilen, ob für die Schweizer Kernkraftwerke aufgrund dieses Ereignisses eine unmittelbare Gefahr besteht. Das wäre ein Ausserbetriebnahme-Kriterium. Es war relativ schnell klar, dass ein derartiges Erdbeben und auch ein derartiger Tsunami in der Schweiz nicht unmittelbar bevorstünden, also konnte man diese Frage schon beantworten. Dann haben wir aber in der Öffentlichkeit von Anfang an immer gesagt, sobald wir aus dem Ereignis in Japan Erkenntnisse haben, werden wir für unsere Kernkraftwerke die nötigen Massnahmen ergreifen.
Wie sahen denn diese Massnahmen aus? Als Erstes haben wir schon eine Woche nach Fukushima angeordnet, dass die Betreiber bis zum 1. Juni ein geschütztes, gebunkertes, externes Lager für Notfallschutzmaterial erstellen mussten. In Japan hatte dieser Tsunami einfach alles fortgeschwemmt. Da war kein Werkzeug, kein Schraubenschlüssel mehr vor Ort, kein Hilfsmaterial war mehr da. Wenn ein derartiges Ereignis passiert, dann muss es möglich sein, von einer externen Stelle auf dem Luftweg, wenn alle anderen Wege nicht mehr passierbar sind, dieses nötige Mate¬rial herbeizuführen. Und zwar handelt es sich um Stromgeneratoren, Pumpen, Schläuche, Strahlenschutzmaterialien und so weiter.
Sie haben zahlreiche Verfügungen erlassen, um weitere Nachweise zu erhalten. Wie beurteilen Sie ein Jahr später die Resultate? Ja, diese Nachweise haben wir gefordert. Der Hochwassernachweis musste innerhalb von drei Monaten erbracht werden. Der wurde auch erbracht von drei der vier Werke. Mühleberg hat ihn aufgrund der Analyse nicht erbringen können und musste dann vorübergehend ausser Betrieb gehen, hat nachgerüstet und ist dann mit unserer Zustimmung Mitte September, dank der Nachrüstungen, wieder ans Netz gegangen. Die Nachweise für Erdbebensicherheit mit den neuen Gefährdungsannahmen sind noch im Gange und werden Ende März 2012 eingereicht.
Fürs Ensi war das ein intensives Jahr. Wie beurteilen Sie die Arbeit der Aufsichtsbehörde? Also ich bin sehr zufrieden mit unserer Arbeit. Alle Mitarbeiter haben sich mustergültig eingesetzt, von Anfang an. Wir haben für unsere Massnahmen und Verfügungen von der internationalen Expertenkommission Anfang Dezember ein grosses Lob bekommen, und da bin ich sehr stolz darauf.
(Quelle: Die Botschaft, Ausgabe vom 10. März 2012)