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Argentinien, Jamaica, Serbien, Nigeria, Ukraine oder Pakistan – mancher denkt bei Ländern wie diesen an Fernreisen, politische Unruhen oder an exotische Flora und Fauna. Börsianern hingegen fällt hier ein anderer Begriff ein: Frontier Markets. Dahinter stecken Schwellenländer aus der zweiten Reihe, die ähnliche Charakteristika wie Emerging Markets aufweisen, die aber oft noch weniger entwickelt sind und die für Privatanleger oft nicht so einfach zugänglich sind.
Trotzdem haben sich die Kurse in diesen Ländern in den letzten Jahren stark entwickelt. So kletterte der MSCI-Frontier-Market-Index – in diesem sind 26 der 34 Frontier Markets enthalten – seit November 2002 um rund 350 Prozent. Der SMI brachte im selben Zeitraum nur rund 70 Prozent, der Dow Jones hat sich auch nur verdoppelt.
Geringe Wirtschaftsleistung pro Kopf
Die Marktkapitalisierung dieser Börsen beläuft sich auf rund 1,1 Billionen Dollar, und der durchschnittliche Handelsumsatz betrug zuletzt am Tag rund 1,3 Milliarden Dollar. Die Zahl der Einwohner der Frontier-Märkte ist auf 890 Millionen zu taxieren, was 13 Prozent der Weltbevölkerung entspricht. Die Gruppe zeichnet hingegen weltweit mit 3,4 Milliarden Dollar nur für rund 5 Prozent des Bruttoinlandproduktes verantwortlich.
In diesem Jahr kletterte der MSCI-Frontier-Market-Index schon um rund 10 Prozent, auf Sicht von zwölf Monaten beträgt das Plus mehr als 20 Prozent. Der MSCI-Emerging-Markets-Index tritt im selben Zeitraum in etwa auf der Stelle.
Frontier-Märkte: Die Bevölkerung wächst rasant
Anleger werden von den Frontier Markets durch ähnliche Beweggründe angezogen, wie es auch lange Zeit bei Emerging Markets der Fall war. Einer der wichtigsten Gründe ist die in der Regel vorteilhafte Demografie dieser Länder. So sagen die Vereinten Nationen fünf afrikanischen Staaten und dem Irak eine Zunahme der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren von 15 bis 21 Prozent für die nächsten fünf Jahre voraus.
Aussichtsreich stehen die Grenzmärkte auch bei den Wachstumsaussichten da. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert den Volkswirtschaften der Frontier Markets von 2014 bis 2019 einen Zuwachs beim realen Bruttoinlandprodukt von durchschnittlich 4,7 Prozent. Das liegt sogar noch leicht über der Prognose für die Emerging Markets von 4,5 Prozent pro Jahr und deutlich über dem erwarteten Plus von 2,5 Prozent für die entwickelten Länder. Als besonders wachstumsstark werden die Frontier-Märkte Nigeria, Katar, Bangladesh, Sri Lanka, Kenia, Vietnam und Kasachstan eingestuft. Dort rechnen die Vereinten Nationen mit einem jährlichen Wachstum von über 5 Prozent.
Vorbildlich: Überschuss bei Leistungsbilanz und Staatshaushalt
Werden die Durchschnittswerte herangezogen, dann schneiden die Frontier Markets auch bei anderen volkswirtschaftlichen Daten gut ab. Etwa bei den Leistungsbilanzen und bei den Staatsbudgets. Im Schnitt wurde im Vorjahr für die Leistungsbilanz ein Überschuss von 14,5 Prozent, gemessen am Bruttoinlandprodukt, ausgewiesen sowie ein Haushaltsüberschuss von 7 Prozent. Für 2014 rechnet das Researchhaus Renaissance Capital mit einem Plus bei den Staatshaushalten der Frontier Markets von im Durchschnitt 5 Prozent und mit Leistungsbilanzüberschüssen von 11 Prozent.
Allerdings ist viel von dieser positiven Bilanz auch den ölreichen Staaten im Nahen Osten geschuldet. Ein Tatbestand, der daran erinnert, dass die Frontier Markets trotz der Einstufung in eine Klasse sehr heterogen sind. So steht einem Bruttoinlandprodukt von 745 Milliarden in Saudi-Arabien nur ein Wert von sieben bis acht Milliarden Dollar in Ruanda gegenüber. Beim Bruttoinlandprodukt pro Kopf kontrastiert ein Wert von 48'000 Dollar für Kuwait gegenüber weniger als 1000 Dollar für Bangladesh.
Neue Indexzusammensetzung
Zu beachten ist auch, dass 45 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung nur auf zwei Länder entfallen und dass die Börse in Kuwait grösser ist als die siebzehn kleinsten Börsen zusammen. Auf Sektorebene haben die Finanzwerte mit einem Anteil von 55,9 Prozent ein sehr hohes Gewicht. Erwähnenswert ist ausserdem, dass mit Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten derzeit zwei Index-Schwergewichte ab Juni in den MSCI Emerging Markets aufsteigen, was zu einigen Verschiebungen führen wird.
Bereits in Bewegung geraten, sind zuletzt die Bewertungsrelationen. Durch die zuletzt vergleichsweise gute Wertentwicklung ist das KGV im Schnitt auf zwölf gestiegen. Damit besteht jetzt ein Bewertungsaufschlag von 14 Prozent gegenüber den Emerging Markets, während Anfang 2013 noch ein Bewertungsabschlag von 12 Prozent zu Buche gestanden ist. Rechnet man jedoch die ausscheidenden Börsen Katar und Vereinigte Arabische Emirate heraus, die relativ anspruchsvoll bewertet sind, dann fällt die Bewertung wieder auf das Niveau der Emerging Markets zurück.
Frontier-Märkte sind attraktiver als Emerging Markets
Leicht vorne haben die Frontier Markets im Duell mit den Emerging Markets laut Renaissance Capital hingegen schon jetzt die Nase bei der Dividendenrendite (3,4 Prozent zu 2,7 Prozent) und bei der Eigenkapitalrendite (13,9 Prozent zu 12,6 Prozent). Und auch die Gewinnaussichten sind laut Analystenprognosen für 2014 und 2015 mit einem Zuwachs von 12 und 15 Prozent gegenüber 9 und 11 Prozent besser. Ein weiterer Pluspunkt ist zudem der geringe Gleichlauf mit anderen Aktienmärkten. So betrug die Korrelation des MSCI-Frontier-Markets-Index mit dem MSCI-World-Index auf 52-Wochensicht nur 0,43 und verglichen mit dem MSCI-Emerging-Markets-Index sogar nur 0,23.
Wer Zeit und Arbeit investiert, kann sich in den Frontier Markets als Stockpicker versuchen. Mit genug Fleiss lassen sich da sicher die einen oder anderen Schnäppchen ausgraben. Für normale Privatanleger sind Index-Zertifikate auf einzelne Länder eine gute Alternative. Hoch gehandelt wird dabei von einigen Analysten derzeit Nigeria. Nachdem der dortige Markt zuletzt Verluste hinnehmen musste, hebt nicht nur Renaissance Capital, sondern auch die Cititgroup diesen Markt auf das Favoritenschild.
Zur Risikostreuung geeignet, aber auf Blase achten
Allerdings dürften viele Missstände in diesem Land, wie sie auch durch die jüngste Entführung von mehr als 200 Mädchen zum Zweck der Zwangsverheiratung widerspiegelt werden, für die meisten Investoren ein «No-Go» sein. Zumal auch die Reaktion der Regierung auf diese Straftat als wenig vertrauenserweckend einzustufen ist. Am meisten Sinn dürfte es für interessierte Anleger auch aus Aspekten der Risikostreuung ohnehin machen, sich mit Hilfe von Fonds in den Frontier Markets zu positionieren.
Ähnlich wie die Frontier Markets allgemein, befinden sich derzeit auch diese Fonds im Aufwind. Bei allen Faktoren, die für Frontier Markets sprechen, darf aber auch hier nicht vergessen werden, dass auch Aktien aus dieser Anlageklasse keine Allzweckwaffe für jedes Börsenumfeld sind. Sollten beispielsweise die Bewertungen wegen zu hoher Nachfrage und aufkeimender Euphorie in diesem Segment zu anspruchsvoll werden, müsste auch hier ein Engagement überdacht werden. Immerhin ist Blasenbildung an exotischen Börsenplätzen oft zu beobachten. So sind beispielsweise viele von RBS aufgelegte Zertifikate auf die Frontier-Märkte bereits ausverkauft – Briefseiten durch den Emittenten gibt es keine mehr.
Frontier-Märkte – Fonds und Zertifikate
Die Citi-Analystin Maria Gratsova erwartet für diesen Markt ein KGV von 11,3 und eine Dividendenrendite von 4,6 Prozent.