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Warum es falsch ist sich auf über hundertjährige Bildungskonzepte zu stützen
Stellen sie sich einmal vor, eine fremde Person würde ohne ihre Zustimmung darüber bestimmen, wie ihr Kind zu denken und in welchen Strukturen es sich zu bewegen hat, um als intelligent, fleissig, sozial oder einfach normal zu gelten. Stellen sie sich vor, diese fremde Person würde ihnen mit Bestimmtheit lauthals ins Gesicht sagen, ihr Kind sei dumm. Wahrscheinlich würden sie dies als einen unerhörten Angriff in ihre Privatsphäre empfinden und sie empört davonjagen. Wieso also sprechen sie der Schule Macht zu, darüber bestimmen zu dürfen, wozu ihr Kind fähig ist?
Ein Schulsystem aus dem Zeitalter der Industrialisierung
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts erfüllte die Mittelschulbildung in der Schweiz und beim grossen Vorbild Preussen, eine allgemeinbildende Funktion welche auf bürgerliche Berufe ausgerichtet war. Jungengymnasien hingegen zielten auf auf akademische Beamtenkarrieren und boten nur dem männlichen Geschlecht eine höhere Schulbildung. Mit dem Eintreten des Industriezeitalterns gegen Ende des 19. Jahrhunderts erkannte man, dass diese beiden Bildungswege den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anforderungen nicht mehr gewachsen waren und erweitert werden mussten. Die zunehmende Industrialisierung verlange nach differenzierter geschulten Arbeitnehmern, die die Volksschule bis dahin nicht zu bieten hatte. So würden Modernisierungsbemühungen angestellt, welche sich vor allem mit dem lehrplanorientierten Gymnasium, dem Ausschluss der Mädchen von der höheren Schulbildung, der Bildungsbegrenzung in den Volksschulen sowie der Berufsbildung befassten.
Vor diesem Hintergrund stellte die Königliche Akademie Erfurt die Preisfrage: „Wie ist unsere männliche Jugend vor der Entlassung aus der Volksschule, bis zum Eintritt in den Heeresdienst am zwecksmässigsten für die staatsbürgerliche Gesellschaft zu erziehen?“ Der Pädagoge und späterer Begründer der Berufs-Arbeits und Volksschule, Georg Kerschensteiner erhielt für seine Ausarbeitung den 1. Preis. Folgende Auszüge helfen dabei die Überlegungen nachzuvollziehen, welche den Weg für die Berufsbildung ebneten: „Das erste Ziel der Erziehung für die aus der Volksschule tretende Jugend ist die Ausbildung der beruflichen Tüchtigkeit und die Arbeitsfreudigkeit und damit jener elementaren Tugenden, welche die Arbeitstüchtigkeit und Arbeitsfreudigkeit unmittelbar zum Gefolge hat: der Gewissenhaftigkeit, des Fleisses, der Beharrlichkeit, der Verantwortlichkeit, der Selbstüberwindung und der Hingabe in ein tätiges Leben. (…)Hier lernt der einzelne sich unterordnen unter andere(…). Arbeit hat vor allem deshalb einen so hohen erzieherischen Wert, weil sie, jene Willensbegabungen übt, welche die Grundlagen der wichtigsten bürgerlichen Tugenden sind: Fleiss, Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit, Beharrlichkeit, Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit, Geduld, Selbstbeherrschung.“ (Wilhelm 1979, S. 109)
Unterrichten bedeutet Richten
Es entstand ein Bildungs- und Berufsbildungssystem, welches auf Konkurrenz, Auslese und Gehorsam basiert und auf die Anforderungen der Industriegesellschaft ausgerichtet ist. Schwächere Schüler wurden zu formbaren Bürgern und Arbeitern ausgebildet, die mit den angeeigneten „Tugenden“ eine gute Gefolgschaft für Arbeitgeber und Staat darstellten. Man hatte einen Menschen geschaffen, der das Hinterfragen in der fachorientierten Schule und später, da okkupiert mit Arbeit, nie gelernt hatte. Man war sich bewusst: Für Kriege, Militär und Wirtschaft braucht es funktionalisierte, abgerichtete Menschen, die Befehle befolgen – was bis zum zweiten Weltkrieg wunderbar funktionierte. In der Nachkriegszeit waren die von Leidensgeschichten und Ängsten geprägten Menschen auf ihre Grundbedürfnisse, wie etwa finanzielle und persönliche Sicherheit, Ruhe, Essen und eine Behausung bedacht. Ihre aus der Vergangenheit resultierte Angst und Genügsamkeit reichte ebenso nicht aus, Strukturen in Frage zu stellen und sich gegen diese aufzulehnen. Ihre Kinder, bemüht die Fehler aus der Vergangenheit nicht zu wiederholen, widersetzten sich alten Strukturen und erreichten teilweise Veränderungen, die zu einer offeneren Grundhaltung führten, jedoch ausserhalb des Schulsystems anzusiedeln sind.
Heute jedoch, in einer Zeit in der stets zugängliche Medien aller Art, neue, freidenkende, sich vergleichende und offene Generationen dazu beitragen, dass der Mensch den Drang hat sich selbst zu verwirklichen, dass er informierter, freier, kritischer und selbstsicherer geworden ist – wieso hinterfragt er die altbackenen Systeme nicht, die ihn einengen, klassifizieren und unterordnen? Wieso akzeptiert er, dass weiterhin Tugend, Profitmaximierung und Kapitalismus als einzige Möglichkeiten gepredigt werden?
Ausserschulische Interessen der Kinder wahrnehmen
Neben den obligatorischen Schulfächern existiert eine Fülle von Beschäftigungsmöglichkeiten, die zu unseren Talenten gehören könnten, wir aber nicht fähig sind zu entdecken, weil wir mit ihnen schlicht nicht in Berührung kommen, weil sie uns nicht zugänglich gemacht werden. Einerseits sind Lehrpersonen allzu oft überlastet um aufmerksam beobachten zu können, welche Begabungen und Interessen ein Kind in sich trägt und machen deshalb den Eltern gegenüber viel zu selten Vorschläge, wie sich die Kinder nach der Schule betätigen könnten. Andererseits scheitert die ausserschulische Förderung oft an den Kosten, die in mittelständischen Familien Hürden darstellen. Ist das finanzielle Problem gelöst, folgt auch bei der Auswahl der Aktivitäten Ernüchterung: Sie ist enorm limitiert. Landet das Kind dann doch in einem, der Tennis, Piano oder Werk-Kurse, merkt man schnell, dass es nicht zu persönlichen Höchstleistungen motiviert wird, weil es sich in der Regel um oberflächlich konzipierte und anspruchslose Veranstaltungen ohne Endziel handelt. Künste werden, ganz elitär, nur den Gymnasiasten angeboten, was gänzlich ausschliesst, dass sich ein Kind mit niederer Mittelschulbildung ohne elterlichen Einsatz in eine künstlerische Richtung entfalten kann. Es geht vergessen, dass individuelle Förderung der Neigungen im Kindesalter, auch bei schulisch weniger begabten Kindern, nicht nur die besten Resultate hervorbringt sondern auch langanhaltende Lebensfreude und sinnvolle Beschäftigung mit auf den Weg gibt. Eine Leidenschaft, die die nächsten Generationen davon abhält Schönheitsidealen, Materialismus und Konsum nachzueifern. Gibt man dem Kind Zufriedenheit von innen, muss es sie nicht mehr aussen suchen.
Neben der Aufgabe der Schule, ist es ebenso die elterliche Pflicht Kindern zu zeigen wie sie Interessensgebiete ergründen können. Dies muss nicht zwingend an finanziellen Voraussetzungen scheitern. Förderung beginnt schon damit, achtsam zu sein. Zu bemerken, welche Fragen ein Kind stellt, welche Fernsehsendungen es mag, welche Ausflüge und Aktivitäten Spass machen oder welches Buch es in der Bibliothek auswählt. Öffnen wir unseren Nachkömmlingen die Tore zu einer vielfältigen Welt damit sie leidenschaftlich lernen können – unwichtig, ob sie zur Schule gehen oder nicht.
Unnützes Schulwissen
Bereits in der ersten Klasse lernt das Kind Englisch. Eine vom Lehrplan als wichtig empfundene Sprache, da sie eine wichtige Voraussetzung darstellt, um erfolgreich sein zu können in der modernen Welt. Das Kindergarten Kind ist sich dessen jedoch nicht bewusst und macht als Erstes die schulische Erfahrung, dass es etwas lernen muss, das es nicht braucht. Man erklärt ihm darauf ein Schulleben lang, dass es sich gerade mit etwas befassen muss, was für die Zukunft wichtig ist. Die Gegenwart wird hierbei ausser Acht gelassen, obwohl sie eine der stärksten treibenden Kräfte ist im Lernprozess. Wie schon gesehen, hat jeder Mensch die Fähigkeit, sich aus purem Willen, Sprachen und andere Kenntnisse anzueignen, wenn sie ihm denn von Nutzen und Nöten sind.
Was verzweifelte Eltern schon immer gewusst haben, bestätigt der Hirnforscher Gerhard Hüther: „Man kann Menschen nicht dazu zwingen sich zu bilden. Man kann sie nur dazu einladen.“ Da bedarf es keines Antriebs und keiner Motivation von aussen. Versuchen wir also herauszufinden, was unsere Kinder lieben und sie werden aus eigener Energie und von sich aus wachsen.
Behinderte Bahnbrecher
Pablo Pineda ist eines der grossartigen Beispiele dafür, was passieren kann, wenn Kinder uneingeschränkten Zugang zu Förderung bekommen. Der 41-Jährige ist ein spanischer Lehrer der Pädagogischen Psychologie, Schauspieler, Buchautor und der erste Europäer mit Down Syndrom, der einen Universitätsabschluss hat. Ausserdem hat er eine Organisation gegründet, die sich für die Integration Behinderter einsetzt. Dank seiner Eltern und seines Mentors, des Professors der Universität Malaga, Miguel-Lopez Melero und seiner Frau, die ihn anspornrten, statt degradierten, hat Pineda erreicht, was viele seiner Mitmenschen, doch vor allem die Schule für ausgesprochen unmöglich hielt: Trotz Handicap steht er seinen gesunden Mitmenschen in nichts nach. Mit bedachten und reflektierten Worten erklärt der inspirierende Pineda, dass wir uns dem Individuum generell zu wenig zuwenden: „(…)Die Auswahl des Kindes à la carte ist nicht gut. Denn schlussendlich wählen wir das Perfekte. Und wenn dann alle gleich sind, sind wir um vieles ärmer. Auch Blumen sind verschieden, und alle sind schön. Der Drang zur sozialen Homogenisierung ist ein Übel der Gesellschaft. Wenn alle gleich denken, gleich aussehen, alle „uniform“ sind, dann ist das Faschismus.“ Und weiter: „Das größte Manko der Gesellschaft ist, das Anderssein nicht verstehen zu können.
Gleich wie Pablo Pineda, sagte man anderen Exoten, wie Albert Einstein oder Thoman Edison, heute zu den erfolgreichsten Menschen der Welt gehörend, sie würden es niemals zu etwas bringen, weil sie schwache Schüler seien und mit ihrem Verhalten von der Norm abwichen. Unzählige weitere Beispiele für schulische Unfähigkeit, doch persönliche Grossartigkeit, ausserhalb des vorgegebenen, sturen Sytems, lassen sich in der Geschichte der Menschheit finden.
Der Begriff „Bildung“ muss neu definiert werden
Nach Innovation strebende und zukunftsorientierte Unternehmen stellen fest, dass kreativer Nachwuchs schwierig zu finden ist. Hat man doch erkannt, dass Menschen, die Neues erschaffen und revolutionär denken, oft nicht die sind, welche klassisch ausgebildet wurden. Sie haben verstanden, dass dieses Schulsystem ausführende Personen produziert, die zwar gut funktionieren in gewissen Bereichen des Unternehmens, in kreativem Denken aber oftmals scheitern. Menschen, die kreativ sind, sich nicht scheuen neue Wege zu gehen und Grenzen zu sprengen, wurden in ihrem Leben und ihn ihrer schulischen Laufbahn dazu ermutigt dies immer wieder zu tun. Sie lernten, dass ihnen eine offenere, weitläufigere Welt ausserhalb der Schule und derer Pflichtfächer zur Verfügung steht, die sich auf eigene Art und Weise ergründen und neu definieren lässt. Je früher man also beginnt seinem Kind zu zeigen, dass die Welt noch vieles mehr zu bieten hat, desto eher hat es die Möglichkeit sein Selbstbewusstsein zu stärken, Kreativität zu leben und sogar bahnbrechende Gedanken zu formen.
Es ist an der Zeit neu zu definieren, was „Bildung“ bedeutet. Ob ein gebildeter Mensch einer ist, der zu formalen Abschlüssen fähig war und sich in Rastern zu bewegen gelernt hat, oder ob dies jemand ist, der seiner Leidenschaft nachgehen und sich deshalb in verschiedenen Gebieten umfangreicher und in kürzerer Zeit auf einen hohen Wissenstand bringen konnte, deshalb fähig war neuartige Denkansätze und Herangehensweisen zu entwickeln?
Kindliche Entwicklung und Kreativität richtig fördern
Schon früh beginnen Erwachsene Kinder in Schablonen zu pressen, die die kreative Entwicklung im Keim ersticken. Kommt ein Kind beispielsweise nach Hause und erzählt, es habe ein Monster auf dem Heimweg getroffen, wird man es ermahnen keine Dummheiten zu erzählen und seinen Entwicklungsprozess abrupt unterbrechen. Fragte man es hingegen: „Wie hat es ausgesehen? Was hat es gesagt? Wie war seine Stimme?“, trüge man dazu bei nicht nur die Kreativität des Kindes zu fördern, sondern liesse es auch Erzähltechniken entwickeln, die etwa einen späteren Harry Potter ausmachten.
Dass es nicht förderlich ist, Kinder in unsere erwachsene, rationale Welt hineinzupressen, entdeckte auch der Experte für Kunsterziehung, Pädagoge, Autor und Wissenschaftler, Arno Stern. Nachdem er 1946 als Mitarbeiter in einem Heim für Kriegsweisen entdeckt hatte, wie wichtig das Spiel ist, vorausgesetzt es geschieht unter geeigneten Bedingungen, erfand er dafür eine besondere Einrichtung, die bis heute weiterbesteht: Der „Malort“ in Paris. Ein Häuschen, in dem Kinder ganz nach ihren Vorstellungen, ohne Vorgaben und Einwirkung von aussen, malen und kreativ austoben können. Er lädt zum freien Spiel ein und nicht zur „anerzogenen Kunst und Abstraktion“. Seine 60-jährige Sammlung von Kinderwerken bringt Erstaunliches zutage: Jüngere Kinder malen in der Regel auf ihre eigene Art und völlig losgelöst von jeglichen Konventionen. Sobald sie älter werden, versuchen sie den Anforderungen der Erwachsenen und der Schule gerecht zu werden und verlieren dabei durch die negative Einwirkung des Belehrens immer mehr ihre Einzigartigkeit und Fantasie. Wenn man ein Kind zwingt Dinge zu tun, die es von Natur aus nicht fähig ist zu bewältigen, beginnt es Frustrationen aufzubauen und stagniert. Arno Stern’s Sohn André ging nie zur Schule. Er wurde auch nicht zu Hause geschult. Seine Eltern gaben ihm Zeitvorgaben und Strukturen, liessen ihn jedoch selbst entscheiden, womit er sich befassen möchte. Dies resultierte darin, dass der 1971 Geborene, Vater, Musiker, Komponist, Gitarrenbaumeister, Journalist und Bestseller Autor sowie Dozent ist und vier Sprachen perfekt spricht. Vater und Sohn sind sich sicher: „Wir müssen Menschen nicht formen und sie zu etwas machen, was sie nicht sind. Zu Menschen, die vor einem leeren Blatt sitzen und als erstes überlegen, wie sie den Erwachsenen befriedigen können. Machen wir weiter wie bis anhin, produzieren wir unzufriedene Menschen, die sich in den Konsum flüchten und in Formeln denken.“
Wenn die Schule aufhört unsere Kinder zu okkupieren mit Pflichtfächern, die ihre kostbare Zeit damit vergeuden Schwächen, statt Stärken zu fördern, wenn Schule und Eltern beginnen ihre Verantwortung gleichermassen wahrzunehmen, indem sie darauf achten, welche Interessen Kinder hegen, wenn sie sie ausserhalb der Strukturen spielen lassen – dann werden sie sich nicht nur einzigartig sondern in jedem Fall grossartig entwickeln. Sie mögen nicht alle Wunderkinder werden, die wissenschaftliche Neuentdeckungen oder Nobelpreise nach Hause tragen, doch wachsen sie ausnahmslos zu gebildeten und zufriedenen Individuen heran, die ihre Leidenschaften kennen und etwas kreieren statt bloss zu konsumieren. Sie werden zu ausgeglichenen Menschen, die sich und die Welt bestmöglich entdeckt und herausgefordert haben.
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