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"Es ist alles perfekt gelaufen, sagte Damien. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Und wir, sagte Damian, wir sind die Größten. Pierre schwieg. Mann, es ist alles perfekt gelaufen, sagte Damian noch einmal."
Ein Gesprächsfetzen - voller Begeisterung und Glückseeligkeit. Zumindest von Seiten Damiens. Doch Pierre teilt diese anscheinend nicht. Warum? Was geht Pierre gegen den Strich, was bedrückt ihn? War der Sieg doch nicht so vollkommen? Und wobei sind die beiden die Größten? Bei einer bestandenen Prüfung, einem Fußballspiel, einem Streich? Für die beiden käme wohl der Begriff des gelungenen Streiches am nächsten; einem kaltblütigen Mord an einer ihnen völlig Unbekannten.
Drei große Themen behandelt die französische Autorin Leslie Kaplan in dem im Berlin Verlag erschienenen Roman "Fever", dem 5. Teil ihrer großen Gesellschaftsstudie "Von jetzt an" und bedauerlicherweise erst der erste, der auf Deutsch erscheint. Die philosophisch-ethische Rechtfertigung für ihr Tun nehmen die beiden 17-jährigen Abiturienten aus dem Unterricht von Madame Martin. Diese ist "sehr schön, blond, kurvenreich und gleichzeitig so was wie die ideale Lehrerin, aufmerksam, fordernd, schlicht. Die ganze Klasse bewunderte sie, die Jungen waren verliebt, die Mädchen auch, und am Ende des Schuljahrs lauter gute Abiturnoten." Das Aussehen des Opfers weist unübersehbare Parallelen zur Beschreibung der angebeteten Pädagogin auf - diente dieses nur als Stellvertreterin?
In der Tradition Dostojewskis behandelt der Roman die Frage der Schuld schlechthin und ob es so etwas wie über Generationen hinweg übernommenes Verhalten geben kann. Denn die Großväter der Jugendlichen, die in beiden Fällen engere Bezugspersonen als die Eltern und Geschwister darstellen, schweigen sich über ihre Erlebnisse während der Besetzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten aus. Klar ist nur, dass es etwas zu verbergen gibt. Inwieweit sind die Taten der Schüler nur eine Spiegelung, ja fast logische Konsequenz, der Handlungen der Großväter? Gleichzeitig wirft die Autorin die Frage nach der Sühne bzw. Vergeltung für das während der Besetzung durch französische Kollaborateure begangene Unrecht auf.
Der dritte große Komplex besteht aus der Betrachtung des physischen und psychischen Reifeprozesses an der Schwelle des Erwachsenwerdens; der Beziehung der Jugendlichen zu Eltern, Geschwistern, Schülern und Lehrern und führt zu der erschreckenden Erkenntnis, dass, obwohl die Mörder unter starken psychosomatischen Beschwerden leiden, sie eiskalt, ruhig und sachlich über alle mit dem Mord in Zusammenhang stehende Themen diskutieren. Auch wenn es zu Überreaktionen kommt, finden sie doch immer wieder zu dieser sachlichen Basis zurück. Von ihrer Umwelt werden diese hitzigen Ausbrüche als Folge der Pubertät und der Prüfungsvorbereitungen angesehen und nicht weiter zur Kenntnis genommen.
Erstaunlicherweise und sehr zur Freude des Lesers, vermag die Autorin diese komplexen Inhalte auf sehr einfache und klare Weise zu vermitteln. In knappen Sätzen zeichnet sie, sofern man ihrer Analyse folgen möchte, das Bild des französischen Intellektuellen in den 90er Jahren. Darüber hinaus vergisst sie jedoch nicht, eine überzeugende Psychologisierung der beiden Protagonisten vorzunehmen. Diese, von Schuld zerfressen, zwischen Manie und Depression schwankend, ihren Mord in wunderschön formulierten Sätzen rechtfertigend, verstricken sich immer tiefer in ein Geflecht von Fäden, die ihren Anfang vor fast 65 Jahren nahmen. Es bleibt zu hoffen, dass mittelfristig auch die Teile 1 - 4 ihrer Reihe "Von jetzt an" erscheinen.