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Man könnte sich glatt in den Ferien wähnen bei der Familie Meillard. Vom Gartensitzplatz vor dem Chalet am Steilhang etwas ausserhalb von Hérémence VS aus reicht die Sicht bis hinauf zur Staumauer Grande Dixence. Vater Jacques Meillard kann alle Bergspitzen des fantastischen Panoramas aufzählen, die man von hier sieht, auf vielen war er selber schon.
«Man muss die Berge und die Abgeschiedenheit schon lieben, um hier zu leben», sagt er und lächelt seine Familie an. Für Loïc, 20, und Mélanie, 19, bietet der Garten viel Platz fürs Training, und während die beiden auf der dünnen Slackline balancieren und ihr Lachen durch die Herbstluft schallt, schaut Katze Cacahuète vom Gerätehäuschen aus zu, bereit, ihnen zwischen die Beine zu springen.
Die Familie zügelte für die Karriere der Kinder
Die Idylle beeindruckt Besucher. Die Meillards hingegen sind vor acht Jahren aus Neuenburg in ihr ehemaliges Feriengebiet gezogen, um besser arbeiten zu können. Damals war Loïc zwölf und Mélanie zehn Jahre alt, und es zeichnete sich ab, dass die beiden nicht nur aus Plausch Ski fahren wollen.
Das Hin und Her zwischen dem Skitraining und der normalen Schule wurde irgendwann zu mühsam. Und so baute die Familie in Hérémence 20 Minuten oberhalb von Sion ein Haus, zwei Jahre später verkaufte der Vater sein Elektrogeschäft in Neuenburg.
Die grössten Talente im Schweizer Skisport
Die unmittelbare Nähe zum Skigebiet hat sich gelohnt: Loïc ist Junioren-Weltmeister im Riesenslalom und zweimal in der alpinen Kombination, Mélanie wurde Jugend-Olympiasiegerin im Riesenslalom. Kurz: Es sind zwei der grössten Talente, die die Schweiz im Skisport hat.
«Die letzte Saison war toll», schwärmt Mélanie, die mit Top-5-Rängen im Weltcup verblüffte. An die Heim-WM in St. Moritz wurden gleich beide aufgeboten, obwohl Loïc im Dezember noch einen Eingriff am Knie zu verkraften hatte.
Eine sportliche Familie
Der Skisport ist die grösste Leidenschaft der Familie; Jacques, 49, fuhr selbst FIS-Rennen und war in der Nationalmannschaft der Speedskier. Auch sonst sind die vier sportlich unterwegs: Klettern, wandern, Rad fahren, die Eltern waren im September gerade mit dem Velo auf dem Mont Ventoux.
So ist es nicht verwunderlich, dass die Kinder mit zwei Jahren schon auf Ski standen; das gemeinsame Hobby verbindet, Streit gabs und gibt es selten. Die kleine Schwester hat den Bruder dieses Jahr bei der Kadereinteilung übertrumpft und hätte sich ein besseres Auto aussuchen dürfen. «Doch ich habe mich für dasselbe entschieden wie er», sagt sie.
Loïc als einziger Romand im Ski-Kader
Loïc geht am liebsten mit seiner Kamera ausgerüstet in die Berge, wo er auf Steinböcke, Hirsche und Rehe wartet. Oder er fängt bei seiner Freundin in Norwegen Landschaften ein. Schon lange fotografiert er leidenschaftlich gerne, bisher vorwiegend für sich selbst.
Nun lässt er auf dem Blog seiner Homepage die Fans an den Bildern teilhaben. «Und meine Skikollegen finden es toll, dass ich von ihnen Bilder schiesse, die sie für Social Media benützen können», witzelt er. Von seiner Familie spricht Loïc am besten Deutsch – es blieb ihm nichts anders übrig, als die Sprache schnell zu lernen, da er in seinem ersten Jahr im Swiss-Ski-Kader der einzige Romand war.
Loïc ist der entspanntere des Geschwisterpaars. «Mélanie kann man schneller auf die Palme bringen», sagt ihr Bruder. Dafür ist Mélanie für ihr Lachen bekannt und hat gerade vor einem Rennstart eine bemerkenswerte Lockerheit. «Sie ist nicht zu verbissen, hat wirklich Spass daran.» Beide sind Profis, seit er die Banklehre bei Raiffeisen respektive sie das KV bei Ochsner Sport abgeschlossen hat.
In einer Woche starten die beiden am 28. und 29. Oktober in Sölden (Ö) in ihrer Spezialdisziplin Riesenslalom in den Winter. Und dann? «Mal schauen.» Natürlich sind die Olympischen Spiele in Südkorea im Februar das Ziel, und Mélanie würde auch gerne an der Heim-Junioren-WM in Davos starten.
Sollten sich Loïc und Mélanie für Olympia qualifizieren, werden die Eltern auch in Pyeongchang dabei sein; sie begleiten die Kinder so oft wie möglich an die Rennen. Die Chancen stehen gut. Schöne Aussichten – fast wie von der Meillard’schen Gartenterrasse.
Erst kürzlich stellten die Geschwister mit anderen Sportlern die Kleider für die Winterolympiade vor.