Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03532.jsonl.gz/106

Am «m4music»-Festival in Zürich hörte ich die schottischen Young Fathers, die einmal mit Hop-Hop begannen, eine unerhörte Musik aufführen, die sehr frei ist. Erinnert wird man allenfalls an den Tribal Dance von Faithless, an den Soul von Frank Ocean, an den Lärm der Einstürzenden Neubauten, an das Punkgeschrei von The Fall. Die vier Männer haben zwar ein Elektroschlagzeug, vielleicht noch vorgefertigte Spuren und Sequencer, aber eigentlich singen und johlen sie einfach auf der Bühne.
Für einen älteren Musikhörer mag das eigenartig uncool wirken, keine tief hängenden Gitarren, keine Hip-Hop-Gesten, keine Angeberei mit der Mikrofonstange, sondern ein unkontrollierter Veitstanz und ein Stehschlagzeuger, der lächerlich weit ausholend die Trommel schlägt. Dieser Auftritt war für mich eine Offenbarung. Es lohnt sich, sich aktuelle Popmusik anzuhören – ich sage es stets gleichaltrigen FreundInnen, die allzu wehmütig von der Musik von früher erzählen.
Ich habe vor gut zwanzig Jahren über Monate hinweg alle zwei, drei Tage am Abend einen Song geschrieben. Geschrieben ist etwas falsch, ich habe auf einem Synthesizer einen Beat programmiert, spontan eine Hookline gespielt, eine Bridge, einen Refrain und ein Streicherarrangement, mit einem Vierspur-Kassettengerät aufgenommen, ein paarmal angehört, dann erneut eingespielt, eine Gesangsspur erfunden … Es musste unbedingt gesungen werden in diesen Songs. Da es auch Englisch sein musste und ich nicht unbedingt die Fähigkeit und Geduld hatte, englische Texte zu schreiben, hatte ich diese einfach aus CD-Booklets von anderen Bands genommen. So haben viele Songs von mir Texte von Hüsker Dü, XTC und sogar David Bowie, was nicht unbedingt förderlich für eine Veröffentlichung ist.
Aber mein Musikdrang ist trotz diesbezüglicher Untätigkeit immer noch da. Nur hatte ich, trotz Klavierunterricht, DJ-Auftritten und meiner Schlagzeugerei in einer Kellerband, nie wirklich dieses urmusikalische Verlangen, physisch mit Musikinstrumenten und den dazugehörenden Gerätschaften umzugehen, Verstärker herumzutragen, Kabel zu verkabeln. Ich bewundere KollegInnen, die mehrere Gitarren besitzen, wenn sie mir diese zeigen und erklären, wie ihr Klang ist, ihr Holz, ihre Verarbeitung. Andere haben verschiedene prähistorische Synthesizer, Korg, Oberheim, wunderbar, wie sie nach Elektrik duften und strömeln und wie ihre Knöpfe und Regler zum sofortigen Musizieren einladen. Auf einer echten Roland-808-Drum-Machine einen Beat zu machen, ist für jeden Musikfan ein erhabenes Ereignis, auch für mich. Ich habe auf meinem iPhone eine App davon. Es gibt auch alle anderen Instrumente als App, und so wäre es einfach, auf dem Laptop Musik zu machen.
Aber die Musik kommt kurz vor dem Aufwachen oder beim Gehen. Sie muss beim Gehen auf der Strasse komponiert werden können. Sie sollte in der Natur sein, man sollte die Noten anfassen und herumschieben können, in der Luft, wie einst die Schlagzeilen im Sendungssignet von «Giacobbo/Müller». Die Klänge müssen von den Instrumenten gelöst werden und von jeglichen digitalen Viervierteltakt-Patterns und Spuren, mit denen man auf dem Computer Musik macht. Die Töne müssen wachsen und gepflückt werden können wie Blüten, sie müssen einem (ich nehme keine Drogen) entgegenfliegen wie Schmetterlinge. Ich möchte die Musik denkend festhalten und spielen können. Keine verkopfte Musik, sondern ganz gefällige. Ich lese gerade das Buch «Homo Deus» von Yuval Noah Harari, dem israelischen Historiker, mit seinem Blick in die menschliche Zukunft, der Unsterblichkeit und Verschmelzung von Geist und Maschine, da sollte mein bescheidener Wunsch quasi als Nebenprodukt erfüllbar sein.
Die Gefahr, dass die Superdigitalisierung nicht neue MusikerInnen fördert, sondern die alten auf ewig weiterleben lässt, indem sie sie noch perfekter wiedergebärt, ist hingegen gross.
Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.
Young Fathers: «White Men Are Black Men Too» (Big Dada, 2015). Yuval Noah Harari: «Homo Deus» (C.H. Beck, 2017). F20: «Tapes 1997–1999» (Ruedi Widmer, unreleased).