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Intro
Do it Yourself"Das Grosse zeigt sich im banalen Wollpullover"Sibilla Bondolfi (Text), Ester Unterfinger (bilder)
Einführung
Svenja
Als Svenja Mitte 20 war, kaufte sie ein sehr günstiges, aber renovierungsbedürftiges Haus mit Baujahr 1875. Um Geld zu sparen, setzte sie es mit Hilfe von Freunden selbst instand. Sie entfernte den Kriechestrich (ein niedriger Dachboden, den man nur gebückt betreten kann), riss das Täfer raus, isolierte, verputzte und strich die Wände. Sicherheitsrelevante Installationen liess sie von Handwerker:innen machen, aber der Elektriker, mit dem sie befreundet war, erklärte ihr, was sie alles selbst vorbereiten konnte, so dass seine Arbeitszeit möglichst kurz ausfiel.
Svenja
Weil sie schon in jungen Jahren wegen Übergewichts eine Insulinresistenz entwickelte, also eine Diabetesvorstufe, ernährt sich Svenja kohlenhydratreduziert sowie gluten- und zuckerfrei. Zwar gibt es viele Lowcarb-Produkte und zuckerfreie Varianten auf dem Markt, aber diese enthalten meist künstliche Süssstoffe.
Svenja
Svenja stellt deshalb Konfitüren, Brot, Kuchen und vieles andere lieber selbst her und süsst mit natürlichen Süssungsmitteln wie Stevia oder Erythrit. Dank dieser Diät konnte sie ihre Blutwerte normalisieren. Dieses Selbermachen sei teurer (die Zeit nicht eingerechnet), so Svenja, aber sie mache das für ihre Gesundheit.
Boom
Boom (nicht nur) dank Corona
Diese Beobachtung teilt Konrad Kuhn, Assistenzprofessor der
Europäischen Ethnologie an der Universität Innsbruck. "Die Leute hatten mehr Zeit, zumindest diejenigen, die ins Homeoffice konnten", erklärt er. Als Ausgleich hätten viele angefangen, Brot zu backen.
Dass Mehl und Hefe mancherorts bald ausverkauft waren, hat laut Kuhn auch mit einem Phänomen zu tun, das nahe zur Prepper-Bewegung steht: Angesichts von Krisen wie der Pandemie, der Klimaerwärmung oder des Ukraine-Kriegs wollten die Menschen vorbereitet sein. "Vorbereitetsein und Selbermachenkönnen haben Konjunktur", so Kuhn.
Boom nicht nur nach Corona
Laut Kuhn werden beim Selbermachen wichtige Zukunftsfragen verhandelt, etwa: Wohin geht unsere Gesellschaft mit der Klimakatastrophe? Wie kann man trotz modernen Lebensstils gesund bleiben und sich gegen Gefahren wappnen? "Das Grosse zeigt sich im Kleinen, also gleichsam im banalen selbstgestrickten Wollpullover", so Kuhn.
Reinhild Kreis, Professorin für Geschichte der Gegenwart an der Universität Siegen, kann nachvollziehen, dass es für manche Menschen in Krisenzeiten ein beruhigendes Gefühl ist, eine Sache auch selbst machen zu können. "Doch das ändert nichts an der Abhängigkeit von der Verfügbarkeit der Zutaten, man ist immer noch stark auf Konsuminfrastrukturen angewiesen." Selbstversorgung bleibe ein Randphänomen.
Kapitalistische Logik
Kapitalistische Logiken trotz Kritik an Konsumgesellschaft
Kapitalistische Logiken trotz Kritik an Konsumgesellschaft
Kuhn. Industriell gefertigte Massenware löse bei manchen ein Unbehagen aus, es gebe eine Sehnsucht nach dem individuellen Pulli oder dem Dessert ohne Konservierungsstoffe. Insofern sei der westeuropäische und nordamerikanische Trend eine Reaktion auf die Konsumgesellschaft und auch eine Form der Gesellschaftskritik.
Nicht zuletzt ist der Selbstmach-Boom laut den beiden Forschenden ein Wohlstandphänomen. In der Schweiz sei die Kaufkraft hoch, der Trend daher besonders ausgeprägt, so Kuhn. "Die Schweiz ist vom Zweiten Weltkrieg nicht direkt betroffen gewesen und entwickelte sich rascher zu einer modernen Konsumgesellschaft." Es sei schneller ein Kompensationsbedürfnis aufgekommen als anderswo.
Geschichte
Menschen legten immer schon gerne selbst Hand an
Einerseits ging es um die Frage der Verfügbarkeit: Gerade auf dem Land gab es zuweilen keine Möglichkeit, die Dinge im Laden vor Ort zu kaufen. "Wer in der DDR eine coole Jeans wollte, musste sie selbst nähen", ergänzt Kuhn.
Laut Kreis steckten manchmal auch gesellschaftlicher Erwartungsdruck hinter dem Selbermachen. Gerade im deutschsprachigen Raum herrschte laut der Historikerin die Vorstellung vor, eine gute Mutter versorge die Familie mit selbstgekochtem Essen und stelle Gästen nicht eine Fertigpizza hin. "Oder ein Mann mit zwei linken Händen galt nicht als richtiger Mann", so Kreis.
Manchmal wurden Dinge schlicht aus ökonomischer Notwendigkeit selbst hergestellt, vor allem Essen und Kleider.
Menschen legten immer schon gerne selbst Hand an
Das ist heute nicht anders. Zwar legen manche auch heute noch selbst Hand an, um Geld zu sparen, etwa indem sie eine Wand selbst streichen, statt einen Handwerker zu beauftragen – so wie Svenja. "Ob Selbermachen billiger kommt, ist umstritten", so Kuhn. Heute sei alles verfügbar, und vieles zu einem günstigen Preis. "Ob man sparen kann, hängt stark vom Produkt ab. Im Niedrigpreissegment kann man Essen billiger kaufen." Wenn man nebst Materialkosten, Werkzeug und Boden einen fiktiven Stundenlohn einrechne, sehe die Bilanz bei den meisten Dingen schlecht aus.
Schon zu allen Zeiten haben Menschen aber auch Dinge selbst gemacht, weil sie Spass daran hatten. "An Tagebüchern und Briefen merkt man, dass Selbermachen zwar Arbeit war, diese aber Freude bereitete", so Kreis, die ein Buch über die Geschichte des Selbermachens geschrieben hat.
Kleine Geschichte des Selbermachens
Mit der Industrialisierung wurden zwar manche Arten des Selbermachens verdrängt, weil es die Dinge neu zu kaufen gab. Gleichzeitig entwickelten Unternehmen aber Waren, Zutaten und Werkzeuge, die das Selbermachen gewisser Produkte erleichterten. Dr. Oetker etwa entwickelte ein Backpulver zum Kuchenbacken und bot – sehr zum Verdruss der Konditoren – Backkurse für Laien an, Singer und Bernina verkauften Nähmaschinen für den Heimgebrauch und Weck vertrieb erfolgreich Einkochgläser.
Kleine Geschichte des Selbermachens
Doch auch das Selbermachen wurde gewissermassen kommerzialisiert: In den Jahrzehnten um 1900, vor allem aber ab den 1960er-Jahren, kamen Fertigprodukte und Hilfsmittel zum Selbermachen wie Geliermittel, Backmischungen, Näh- und Bohrmaschinen oder selbstklebende Tapeten auf den Markt.
Bild: Die Vertreter:innen der Lebensreform-Bewegung streben nach dem Naturzustand in allen Belangen. Foto um 1940.
Kleine Geschichte des Selbermachens
Kleine Geschichte des Selbermachens
Kleine Geschichte des Selbermachens
Heimwerken, Basteln, Nähen und Do-it-yourself wurden unabhängig von finanziellen Erwägungen immer beliebter, da diese Freizeitaktivitäten mit Spass und Freude in Verbindung gebracht wurden. In den letzten rund 15 Jahren – und jüngst verstärkt durch die Pandemie – gab es erneut einen Boom.
Ökologie
Ist Selbermachen ökologischer?
Fliesstext
Fliesstext
Laut Corina Gyssler vom WWF ist Selbermachen aus ökologischer Sicht sinnvoll, wenn die verursachten Umweltbelastungen beim selbst erzeugten Gegenstand über dessen Gesamtlebenszyklus geringer sind als beim industriell erzeugten Produkt. Dies könne beispielsweise der Fall sein, wenn beim Selbermachen vorhandene Materialien wiederverwertet würden oder wenn der selbstgemachte Gegenstand länger Freude mache. Do-it-yourself sei jedenfalls eine ökologisch sinnvollere Freizeitbeschäftigung als Shoppingtrips oder Flugreisen.
So ist Selbermachen nachhaltig
Wir haben bei Greenpeace und WWF nachgefragt, wann Selbermachen aus ökologischer Sicht sinnvoll ist. Als Faustregel lässt sich sagen: Ökologisch sinnvoll ist Selbermachen, wenn möglichst wenig Inhaltsstoffe und Energie verwendet werden, wenn Reste verwertet werden oder Altes repariert wird und wenn bei den Materialien auf eine ökologische Produktion geachtet wird. Auch die eingesetzte Energie ist entscheidend: Muskelkraft oder Ökostrom sind besser als Strom aus Kohlekraftwerken, Diesel oder Erdgas.
So ist Selbermachen nachhaltig
So ist Selbermachen nachhaltig
So ist Selbermachen nachhaltig
Pflegeprodukte und Kosmetika eigenhändig herzustellen, kann sinnvoll sein, da man schädliche Inhaltsstoffe weglassen kann. Laut WWF ist es wichtig, dass nicht zu viele Rohstoffe, beziehungsweise nur solche eingekauft werden, die auch anderweitig Verwendung im Haushalt finden.
Dasselbe gilt für Putz- und Waschmittel. "Ein selbstgemachter Essigreiniger aus Schalen von Zitrusfrüchten und Bio-Essig ist ökologischer als ein gekaufter Kraftreiniger mit umweltschädlichen Zutaten", so Sandmeier von Greenpeace. WWF Deutschland empfiehlt zudem mechanische Hilfsmittel: Statt des Rohrreinigers eine Saugglocke benutzen, statt des Glasreinigers einen Abzieher, statt Scheuermilch eine Bürste.
So ist Selbermachen nachhaltig
So ist Selbermachen nachhaltig
Auch wenn man Möbel selber herstellt, sollte man möglichst bestehende Möbel und Materialien verwenden oder upcyceln. Beim Kauf von neuem Material sollte man laut WWF auf Öko-Labels wie FSC-, Blauer Engel- oder Oecoplan achten. Allgemein gilt beim Heimwerken: Das Werkzeug nach Möglichkeit ausleihen oder gebraucht kaufen und nur so viel Material kaufen, wie tatsächlich benötigt wird.
So ist Selbermachen nachhaltig
Fertigprodukte wie etwa Gemüsebrühe oder Salatsauce selbst zu machen, ist nicht nur tendenziell gesünder und billiger, sondern kann aus ökologischer Sicht Sinn machen, wenn damit Reste verwertet und Food Waste vermieden werden. Gemüsebrühe etwa kann aus Rüstabfällen hergestellt werden. Man sollte dabei aber auf die richtige Konservierung und rasche Konsumation achten, denn wenn am Ende das Selbstgemachte weggeworfen wird, ist die positive Öko-Bilanz dahin.
Debatte
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DEBATTE
https://swissinfo.ch/ger/fragen-und-antworten/-doityourself--was-machen-sie-aus-welchen-motiven-selb...