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Interkultureller Austausch im Alltag
Die Universität Freiburg als Laboratorium für das multikulturelle Europa
An der Universität besteht die sonst seltene Möglichkeit, dass der Austausch zwischen den Sprachgemeinschaften täglich gelebt wird. Deren Leitung ist deshalb der Meinung, dass diese Chance noch mehr genutzt werden sollte. Dies sagte Professor Urs Altermatt in seiner Rektoratsansprache am Dies academicus.
Von WALTER BUCHS
Wie es üblich ist, hielt Urs Altermatt in seinem ersten Jahr als Rektor gleich selbst den Festvortrag am Dies academicus. Dieser wurde am Samstag, dem Fest des heiligen Albert des Grossen, gefeiert. Der Historiker hatte dabei das Thema gewählt: «Zweisprachige Universität: Anspruch und Wirklichkeit». Er teilte dabei die Zeit seit der Gründung der Universität in drei Perioden ein, wobei er jeweils die drei Ebenen Schweiz, Freiburg und Universität beleuchtete.
Sprachlicher Pragmatismus
Den ersten Zeitraum zwischen 1889 und 1920 stellte Urs Altermatt unter das Thema «Auf dem Weg zum Ausgleich zwischen Sprachen, Nationen und Ideologien». In dem auch mit lustigen Anekdoten gespickten Vortrag erinnerte er daran, dass die Universität Freiburg das Produkt des Kulturkampfes und die Sprache dabei nicht ausschlaggebend gewesen war. Der zweisprachige Standort sei höchstens ein «willkommenes Nebenprodukt» gewesen.
Obwohl die Regierung klar auf Französisch als Regierungssprache setzte, habe sie an der Universität in der Sprachenfrage eine andere Politik betrieben. Als katholische Universität habe sich Freiburg ja an die Studierenden aller Kantone gewandt. Der Historiker Altermatt kommt in seinen Forschungen zum Schluss, dass das zweisprachige Nebeneinander am Anfang ziemlich gut funktioniert habe und der Sprachenproporz flexibel gehandhabt worden sei. Daneben stellt er fest, dass die Anwesenheit der Studenten und Professoren der sprachlichen Minderheit in der Stadt Freiburg den Rücken gestärkt habe und folgert daraus: «Die Stadt Freiburg wäre bis 1914 ohne die Universität mehr romanisiert worden.»
«Wohlwollende Gleichgültigkeit»
Der zweiten Zeitspanne von 1920 bis 1960 gab Rektor Altermatt die Überschrift: «Freiburg als Brücke zwischen Kulturen». Nachdem während des Ersten Weltkrieges die europäischen Konflikte an der Universität spürbar waren, sei die Zweisprachigkeit von 1920 bis 1945 kein grosses Thema gewesen. Die Hauptstudiengebiete wurden mehr und mehr in beiden Sprachen angeboten. Lediglich in den Naturwissenschaften mussten mehr Vorlesungen in der anderen Sprache belegt werden. Wie gesamtschweizerisch habe ebenfalls an der Universität Freiburg von 1945 bis 1965 eine «wohlwollende Gleichgültigkeit» zwischen den Sprachgemeinschaften geherrscht. Erst ab den 70er Jahren habe sich das Klima verändert, als einerseits das Romandie-Bewusstsein (Jura-Konflikt) sich verstärkte, und andererseits in der Deutschschweiz die Dialektwelle aufkam. Auch in Freiburg hätten dann die beiden Sprachgemeinschaften begonnen, ihre Ängste und Forderungen offen zu artikulieren. Charakteristisch für den Beginn dieser dritten Periode ist gemäss Professor Altermatt die Tatsache, dass dank der Bildungsdemokratie die Anzahl der Studierenden aus dem Kanton Freiburg stark zugenommen habe.
Zweisprachigkeit bewusster betont
Diese Entwicklung habe an der Universität Freiburg einen grundlegenden Wandel eingeläutet. So sei die Zweisprachigkeit mit Schwerpunkt «Kulturvermittlung» ab den 70er Jahren bewusster betont worden. So konnten sowohl die Ansprüche der Studierenden aus der Deutschschweiz als auch der französischsprachigen Freiburger und der anderen Westschweizer berücksichtigt werden.
Mit dem Bundesgesetz über die Hochschulbeiträge sei dann, so Rektor Altermatt weiter, die Zweisprachigkeit noch mehr in den Vordergrund gerückt. Mit der Erosion des katholischen Milieus habe gleichzeitig dieser Aspekt an Bedeutung eingebüsst. Der Anteil der 1949 eingeführten Hochschulkollekte am Gesamtbudget sei mehr und mehr zurückgegangen, sei aber ein geistiger Rückhalt geblieben.
Entwicklungspotenzial
In seinen Schlussfolgerungen erinnerte Urs Altermatt daran, dass die stärkere Bedeutung der Zweisprachigkeit dazu geführt habe, dass ab den 80er Jahren Konzepte für zweisprachige Studiengänge erarbeitet wurden. Im vergangenen Studienjahr hätten an der Juristischen Fakultät 23 Prozent und bei den Wirtschaftswissenschaften gut zwanzig Prozent der Absolventen ihr Diplom zweisprachig abgelegt. Nach seiner Ansicht benutzen noch zu wenige Studierende diese Möglichkeit.