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Fairbairn 1998
In ihrem umfangreichen Katalog der italienischen Zeichnungen des Sir John Soane's Museum, London, schreibt Lynda FairbairnFairbairn, Lynda James S. AckermanAckerman, James S. bezüglich der sehr unterschiedlichen Berliner Codices Destailleur A (= OZ 109) und D (= HDZ 4151) die Auffassung zu:
"[…] the drawings as sketched and very unfinished on-site drawings, and he acknowledged that he found no reason for the existence of multiple copies of them." [Fairbairn 1998, S. 531]
Dagegen sieht sie selbst beide Codices eher als Zusammenstellungen von Kopien an:
"The drawings in the codices are probably all copies rather than original on-site sketches." [Fairbairn 1998, S. 531]
Offensichtlich betrachtet sie dabei beide Codices A und D irrtümlicherweise und ohne Angabe von Gründen als zusammengehörig, wobei sie deren Inhalt anschließend wie folgt beschreibt:
"In addition to Labacco's model, the Berlin Destailleur codices contain drawings of Roman buildings, many of them copied from Codex Destailleur B in the Hermitage, the Tempietto at S. Pietro Montorio [sic!] and S. Eligio, a particularly fine series of drawings of the baths as well as several French antiquities. Interestingly, a drawing of a Roman military encampment by an anonymous French draughtsman of the middle of the 16th century is tipped on the first page of Orazio Porta's sketchbook in Siena, and a plan of the Roman theatre at Antibes by an anonymous French draughtsman, with the identifying caption in Orazio's handwriting, is tipped on to the front of the first gathering of the Marciana sketchbook dal francese (from the Frenchman), and other notes on fols 1r and 11r refer to the French unit of measurment or piede del Re, which confirm that some of the drawings were copied from a French draughtsman." [Fairbairn 1998, S. 531]
Keine der mir bisher durch die umfangreiche Fotothek der Bibliotheca Hertziana in Rom oder durch Veröffentlichungen bekannt gewordenen Zeichnungen aus dem Codex Destailleur B der St. Petersburger Eremitage lässt sich als Vorlage auch nur für eines der Blätter im Codex Destailleur D ansehen! Neben der vor allem in perspektivischer Hinsicht ungelenken Darstellungsweise, die in vielen Blättern auf den Anfang des 16. Jahrhunderts hindeutet — daher wohl auch Geymüllers Zuschreibung an Fra Giocondo — und dem weitgehenden Fehlen von Massangaben lässt sich ausserdem in der Beschränkung der dargestellten Gegenstände auf Baudetails wie Schmuckbasen oder auf zumeist fantastisch rekonstruierte, wenn nicht sogar erfundene Bauten ein deutliches Indiz dafür sehen, dass zwischen beiden Codices keinerlei Verbindung bestehen kann! Und warum es sich bei der Zeichnung, die nur die Handschrift Orazio Portas aufzuweisen scheint, um ein Blatt eines französischen Zeichners handeln soll, erklärt Fairbairn nicht. Immerhin lässt die Aufschrift "dal francese" auch die Deutung zu, Porta habe diese Zeichnung von "dem Franzosen" kopiert. Die Massangaben in französischen Fuss können bestenfalls auf eine entsprechende Vorlage deuten, aber auch auf eine — dann natürlich erklärungsbedürftige — Verwendung des Maßes durch Porta selbst zurückgehen. Nicht ausgeschlossen werden kann zudem die Verwechslung eines antike Fussmasses mit dem französischen Fuss.
Abgesehen von der eher oberflächlichen Zuordnung der St.-Peter-Zeichnungen zu Labacco's model sieht Fairbairn im Codex Destailleur D aber nicht nur eine Sammlung von Kopien, sondern teilweise ebenso eine Vorlage für andere Zeichnungen, speziell für diejenigen Montanos im Sir John Soane's Museum:
"Some of Montano's drawings depend on drawings attributed to Fra Giocondo in the Codex Destailleur B in the Hermitage and the drawings by the anonymous French and Italian draughtsmen in codices Destailleur A and D in the Kunstbibliothek, Berlin, some of which are also copied from drawings attributed to Fra Giocondo in Codex Destailleur B, while other drawings in Destailleur A and D can be shown to depend on Sallustio Peruzzi." [Fairbairn 1998, S. 546--547]
Genauere Angaben über die hier gemeinten Blätter oder gar ein detaillierter Nachweis der behaupteten Abhängigkeiten seitens der Autorin fehlen allerdings. Unter den von Fairbairn vollständig publizierten Blättern des Londoner Montano-Bandes ist eine Beziehung oder gar Abhängigkeit zum Codex Destailleur D jedenfalls nicht auszumachen und mit Sicherheit auszuschliessen. — Für die angebliche Abhängigkeit einzelner Zeichnungen des vorliegenden Codex Destailleur D von Blättern Sallustio Peruzzis sind ebenfalls keine Anhaltspunkte zu finden: Lediglich das Blatt zu S. Eligio (dieses aber mit einigen Zeichnungen = some drawings) weist eine Übereinstimmung mit einem Blatt Sallustion Peruzzis auf: Welcher Art diese aber ist – ob einseitige Abhängigkeit der einen von der anderen oder beider von einer gemeinsamen Vorlage (was wohl die wahrscheinlichste Erklärung ist) lässt sich nicht mit jener Sicherheit sagen, die Fairbairns Formulierung "depend on" suggeriert.
Tatsächlich nennt die Verfasserin als Begründung für diese und andere ihrer Behauptungen nur mehr oder weniger charakteristisch erscheinende stilistische Merkmale, die in ihrer Allgemeinheit jedoch kaum als signifikant oder gar beweiskräftig für den Nachweis tatsächlicher Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Montano-Zeichnungen und denen des Codex Destailleur D angesehen werden können:
"The means of representation of orthogonal projection with contrived perspective and showing a profile of the entablature above a cluster of columns on the left and the columns with an almost straight entablature on the right, ultimately derive from drawings of the temple of Vesta at Tivoli, as shown in Codex Destailleur B in the Hermitage and the Destailleur codices A and D in Berlin." [Fairbairn 1998, 650; Komm. zu Kat.-Nr. 1103]
"Montano's plan, with the arms of the cross projecting from the circular chamber, is based on the plan of the Tempio delle Tosse as drawn by Sallustio PeruzziPeruzzi, Sallustio and by the anonymous draughtsman of Codex Destailleur D in Berlin." [Fairbairn 1998, 670; Komm. zu Kat.-Nr. 1159]
Weitere Kopien nach dem Berliner Codex Destailleur D meint die Verfasserin in dem Mailänder Skizzenbuch Montanos gefunden zu haben:
"In the Milan album Montano copied Codex Destailleur D in Berlin, showing tabernacle niches on consoles with alternating triangular and segmental pediments framed by full columns standing on an basement and supporting an entablature with statues and an entablature below the coffered barrel vault, a decorative scheme that was probably still visible in the 16th century." [Fairbairn 1998, 644; Komm. zu Kat.-Nr. 1081]
Dass die Übereinstimmung in den wiedergegebenen Formen eines Gebäudes nicht die hier von Fairbairn geschlussfolgerte Abhängigkeit der Zeichnungen untereinander verbürgt, bedarf keiner weiteren Begründung: Im Gegenteil erlaubt gerade der den Zeichnungen gemeinsame Referenzpunkt bei unterschiedlichen Details einen Ausschluss jeglicher Abhängigkeit. — Ergänzend angemerkt sei nur, dass auch der Montano-Codex der Biblioteca Nacional in Madrid nach Ausweis der in der Bibliotheca Hertziana, Rom, vorhandenen Fotografien — das Original konnte bisher nicht eingesehen werden — keinerlei Abhängigkeiten vom oder andere Beziehungen zum Berliner Codex Destailleur D aufweist.
Solange sich keine tatsächlichen, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Italien entstandenen Kopien nach dem Codex Destailleur D nachweisen lassen, entfallen damit vorerst auch alle Mutmassungen über den Verbleib des Codex nach seiner Fertigstellung. Die bisherige Untersuchung des Codex legt zumindest die Vermutung nahe, dass nicht nur der Hauptzeichner, der Anonymus Destailleur, ab 1546–1547 nicht mehr in Rom anwesend war — da man sonst z.B. weitere Zeichnungen zu späteren Planungs- bzw. Ausführungsstadien von St. Peter erwarten können sollte —, sondern dass auch der Codex Destailleur D selbst — z.B. nach einem denkbaren Tod des Zeichners in diesem Zeitraum oder seiner Abreise — in Rom nicht mehr vorhanden oder zumindest vollkommen unbekannt war: Nur so lassen sich sowohl das Fehlen eindeutig späterer Zeichnunge aus dem römischen Kontext im CDD als auch die Tatsache erklären, dass der Codex in den vielen Antikenstudien und -veröffentlichungen der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts offensichtlich keine Spuren hinterlassen gespielt hat, also vermutlich dort unbekannt oder unzugänglich war. Schon vor dem Hintergrund dieser Überlegungen ist es unwahrscheinlich, das Montano den Codex Destailleur D überhaupt gekannt haben dürfte.