Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03610.jsonl.gz/1850

Die gängige neoliberale Antwort auf Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit sind Steuersenkungen. Eindeutig der bessere Weg, um mehr Stellen zu schaffen, wären Investitionen. Im Care-Bereich würden sie am meisten wirken. Das belegt eine neue Studie des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB).
Steuersenkungen führen bei der öffentlichen Hand zu Mindereinnahmen. Auf solche reagiert sie mit Sparmassnahmen. Diese führen zu Stellenabbau. Ob dieser Abbau kompensiert wird, weil die Privaten wegen der Steuersenkungen mehr Geld ausgeben, ist fraglich.
Investieren in Care-Arbeit ist das wirkungsvollste Instrument
Eine neue Analyse, die der Internationale Gewerkschaftsbund IGB in Australien, Dänemark, Deutschland, Italien, Japan, Grossbritannien und den USA durchgeführt hat, kommt zum Schluss, dass es bessere Wege aus der Krise gibt. Anhand von Modellrechnungen zeigen die StudienautorInnen, dass Investitionen in die Care-Ökonomie, also in die Versorgung und Betreuung von Kindern sowie pflegebedürftigen Erwachsenen, das wirkungsvollste Instrument sind, um Arbeitsplätze zu schaffen. Wenn in den sieben untersuchten OECD-Ländern zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts in den Care-Sektor investiert würden, hätte dies neben neuen Arbeitsplätzen im Care-Bereich auch einen Stellenanstieg bei den Zulieferern sowie - aufgrund gestiegener Haushaltseinkommen - in weiteren Sektoren zur Folge. Das daraus resultierende Beschäftigungswachstum von 2.4 bis 6.1 Prozent ist sogar höher als bei Investitionen derselben Höhe in den Bausektor, die zwischen 1.6 und 3.8 Prozente neue Arbeitsplätze zur Folge hätten.
Frauen profitieren prioritär, aber nicht ausschliesslich
Investitionen in den Care-Sektor könnten ausserdem die Erwerbsintegration von Frauen fördern und somit die Geschlechterschere verkleinern: Einerseits arbeiten Frauen häufiger als Männer im Care-Bereich, andererseits würde die Entlastung von Care-Aufgaben Personen mit Betreuungspflichten die Möglichkeit geben, ihr Pensum zu erhöhen oder eine Erwerbsarbeit aufzunehmen. Schlussendlich profitieren von den positiven Effekten jedoch alle Arbeitnehmenden: Auch in eher männerdominierten Bereichen wie dem Bau käme es zu einem Stellenausbau, müsste doch die nötige Infrastruktur bereitgestellt werden. Die StudienautorInnen kommen zum Schluss, dass mit entsprechenden Investitionen bei den Frauen ein Beschäftigungsanstieg zwischen 3.3 und 8.2 Prozent, bei den Männern von zwischen 1.4 und 4 Prozent möglich wäre.
Mehrere Probleme auf einen Streich
Die IGB-Analyse liefert sehr gute Gründe dafür, in den Care-Bereich zu investieren, anstatt die Steuern noch mehr zu senken und zu hoffen, dass das Geld dann schon wieder irgendwie in den Wirtschaftskreislauf zurückfliesst. Investitionen in den Care-Bereich zahlen sich aber auch anderweitig aus. Bereits heute gibt es grosse Lücken in der Betreuung von pflegebedürftigen und älteren Menschen, die zunehmend durch schlecht bezahlte Care-Migrantinnen gefüllt werden. Massnahmen dagegen sind Pflicht, wenn der "triste Lebensabend" und Pflege unter prekären Arbeitsbedingungen nicht zu einem Markenzeichen der Moderne werden sollen. Gleichzeitig herrscht ein Fachkräftemangel, der auch damit zu tun hat, dass die Vereinbarkeit von Familien und Beruf in der Schweiz für die meisten Eltern ein teurer Spiessrutenlauf ist. Von Investitionen in eine qualitativ hochstehende, ausreichende und für alle bezahlbare Betreuung und Pflege von Erwachsenen und Kindern würden letztendlich Wirtschaft und Familien profitieren. Eine Care-Offensive wäre also eine plausible Antwort auf Arbeitslosigkeit, auf die Lücken in der Betreuung pflegebedürftiger Menschen, auf die Vereinbarkeitsprobleme sowie auf den Fachkräftemangel. Man muss es nur noch tun.