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Bus Stop
Thomas betrat den Bus zusammen mit dem Strom der anderen Leute. Im Bruchteil einer Sekunde wurden die guten Plätze von den üblichen Verdächtigen eingenommen. Der Bus hatte zu weit hinten angehalten, weshalb Thomas zu weit weg von der Tür gewesen war, sonst hätte er sich auch einen dieser Plätze ergattert. Resigniert steuerte er auf den Bereich zu, der die besten Aussichten auf eine angenehme Fahrt bot. Da! Ein Platz war tatsächlich noch frei. Thomas war ein wenig erstaunt darüber, doch als er zu dem Sitz kam, sah er, weshalb ihn noch niemand beanspruchte. Auf dem Sitz lag eine rosafarbene Wollmütze, die wahrscheinlich jemand vergessen hatte. Thomas nahm den Fensterplatz und legte die Wollmütze auf den Gangplatz daneben. Von so einer Wollmütze liess er sich nicht abschrecken. Genausowenig war es sein Problem. Wenn einer zu doof war, darauf aufzupassen, hatte er eben Pech gehabt. Thomas setzte seine Kopfhörer auf und wählte auf dem Handy die Schwarze Scheibe von Metallica aus, als auch schon die nächste Haltestelle kam. Er studierte gerade die Abläufe eines Solos, als jemand mit den Händen vor seinem Gesicht herumwedelte.
«Entschuldigung, gehört die ihnen?» Claudia wusste die Antwort schon, bevor der Metalhead hinsah, aber sie wollte sich trotzdem vergewissern. Er hätte die Mütze ja auch für jemanden gekauft haben können, eine kleine Nichte vielleicht.
«Nein, sehe ich so aus?», sagte er prompt.
Er wandte sich ab und sah wieder aus dem Fenster. Er wollte wohl seine Ruhe haben. Claudia verstand es. Auch sie hatte einen anstrengenden Arbeitstag gehabt und gleich war sie noch verabredet.
Sie nahm die Wollmütze, setzte sich hin und suchte nach einer Möglichkeit, die Mütze zu verstauen, fand aber keine. Das war nun nicht so optimal. Sie konnte die Mütze ja schlecht mit nach Hause nehmen. Wäre Claudia bis zum Endbahnhof gefahren, hätte sie das Ding dort abgegeben, aber leider musste sie vorher aussteigen. Sie hatte keine Zeit, bis zum Bahnhof mitzufahren, heute wirklich nicht. Vorsichtig legte sie die Wollmütze auf den Boden, in der Absicht, sie dem Fahrer zu übergeben, wenn sie ausstieg. Unerwartet hielt der Bus an. Es dauerte einige Sekunden, in denen nichts passierte. Die Passagiere wurden unruhig und Claudia war eine von ihnen. Schliesslich war sie heute Abend verabredet. Der Busfahrer machte eine Durchsage, dass sie aufgrund einer Baustelle weiter vorne Stau hatten und er nicht genau sagen konnte, wie lange es noch dauern würde. Na, klasse.
Ruedi wartete auf den Bus. Es war nur noch eine Haltestelle bis zum Bahnhof, aber mit seinen nicht mehr ganz frischen Gelenken und dem schweren Bierbauch war er sehr froh, dass er nicht zu Fuss gehen musste. Der Bus kam mit grösserer Verspätung als üblich. Ruedi seufzte leise, denn jetzt würde er seinen Zug verpassen, und deshalb eine Viertelstunde zu spät kommen. Wenigstens konnte er sitzen, da wie immer viele Leute bereits vorher ausgestiegen waren. Er nahm den erstbesten Platz. Der Bus holperte und ratterte und Ruedi ging es fast ein wenig zu schnell um die Kurve, während er eine Nummer in seine Handy eintippte. Zu allem übel war nun auch noch die Verbindung schlecht. Er musste fast schreien, während er seinem Bekannten erklärte, was passiert war.
Nachdem er aufgelegt hatte, schaute er ein wenig umher und da fiel ihm etwas auf. Neben einem jungen Rocker lag eine kleine Wollmütze am Boden. Ruedi überkam augenblicklich ein tiefes Mitgefühl. Ein Kind oder seine Mutter mussten die Mütze verloren haben. Bestimmt suchten sie schon wie verrückt danach und das Kind würde furchtbar traurig sein, wenn die Mutter feststellte, dass die Mütze verschwunden war. Der Bus kam letztlich doch noch beim Bahnhof an und der Fahrer wünschte den Passagieren einen schönen Abend. Kurz entschlossen hob Ruedi die Mütze auf, nahm sie mit und machte einen Abstecher zum Fundbüro. Es lag ja am Weg und der Zug, den er eigentlich hatte nehmen wollen, fuhr ihm buchstäblich vor der Nase weg. Aber zum Rennen war Ruedi zweifellos nicht in der Lage.
ist fasziniert von Geschichten über menschliche Gefühle. Das Genre spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist ihr nur, dass ein möglichst breites Spektrum abgedeckt wird: Von den Abgründen bis zu den Höhenflügen.