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Persönlichkeiten aus der Geschichte des Alpinismus: Jean-Estéril Charlet-Straton - der Mann der Drus und von Isabella
Der 1840 geborene Jean Charlet war einer der grossen Führer der heroischen Epoche. Als junger Mann begleitete er die berühmten Bergführer von Argentière, Jean und Michel Croz sowie Michel Ducroz, genannt Chenavier.
Jean Charlet war ein begabter Führer, und es dauerte nicht lange, bis er eine sehr gute Kundschaft aufgebaut hatte. Unter seinen Gästen gab es auch Frauen. Davon sollte eine, Miss Mary Isabella Straton, zum fortwährend über seinem Alpinistenleben leuchtenden Stern werden.
Die Taufe der Pointe Isabella Am 22.. " " .September 1871 gelang Jean Charlet die Erstbesteigung der Aiguille du Moine. Begleitet wurde er dabei von einem weiteren Bergführer, Joseph Simond, und den zwei jungen Amerikanerinnen Miss Mary Isabella Straton und Miss Emmeline Lewis-Lloyd. Zuvor hatte Isabella Straton bereits zahlreiche Touren unternommen, die von ihrem bevorzugten Bergführer geleitet wurden. Dabei stieg sie u.a. als erste Frau auf den Dom und den Monviso ( Piémont ).
Zu jener Zeit hatten die Bergsteigerinnen zu den meisten von Männern gegründeten Clubs keinen Zugang. Dabei folgten die immer zahlreicher werdenden Frauen bereits seit dreiunddreissig Jahren der von Henriette d' Angeville vorgegebenen Spur! Gegen 1870 überstürzten sich die Ereignisse im Frauenbergsteigen: Nun traten die Engländerinnen auf die alpinistische Bühne. Lucy Walker, die später eines der Gründungsmitglieder des ersten Frauen-Alpenclubs - des englischen Ladies'Alpine Club -werden sollte, führte die ersten Frau-enbegehungen von Aiguille Verte, Aus der zeitlichen Distanz von heute gesehen, stellt man sich vielleicht die Frage, was die Frauen und Männer damals überhaupt dazu brachte, sich so stark im Bergsteigen zu engagieren. Bedenkt man die rudimentäre Ausrüstung jener Zeit, vor allem was die Schuhe betrifft, so versprach eine solche Winterbesteigung wahres Abenteuer! Ski kannte man in den Alpen noch nicht; dies bedeutete, dass eine im Winter unternommene Tour mit Schneestampfen und noch einmal Schneestampfen bis zum Überdruss verbunden war. Ein einziges Missgeschick während einer solchen Tour - z.B. ein Spaltensturz oder ein Schlechtwettereinbruch - kam einer Katastrophe gleich!
Die Gruppe verliess Chamonix um acht Uhr morgens in Richtung der Grands-Mulets-Hütte. Sie benötigte elf Stunden, um den eisigen und hoffnungslos einsamen, hochgelegenen Aufenthaltsort zu erreichen. Am 29. brachen die Alpinisten um fünf Uhr morgens auf und gelangten am Nachmittag an den Beginn des Bosses-Grat. Bei -20 Grad stiegen sie bis dreihundert Meter unter den Gipfel auf, wo sie sich um vier Uhr nachmittags schliesslich zur Umkehr entschlossen. Die späte Stunde und ihr langsames Vorwärtskommen brachte sie zu diesem weisen Entscheid. Die ganze Mannschaft stieg wieder zu der schutzgewährenden Grands-Mulets-Hütte ab, wo sie eine zweite Nacht verbrachte. Um vier Uhr am nächsten Morgen brachen sie wieder auf. Jean Charlet profitierte auf dem ersten Abschnitt von der am Vortag getretenen Spur, weiter oben war sie jedoch vom Wind bereits völlig verweht. Doch die vier Bergsteiger erlebten dank ihrer Hartnäckigkeit, wie ihre Anstrengungen schliesslich zum Erfolg führten: « Die Menschen von Chamonix, die uns mit dem Fernrohr zuschauten, sagten sich wohl:
Bei jeder Tour verstärkten sich die Gefühle von Jean Charlet für Miss Straton. Die Wertschätzung und Bewunderung, die sie füreinander hegten, konnten sie jedoch nicht lange voreinander verschweigen. Jean Charlet konnte seine Worte schliesslich nicht mehr zurückhalten, er musste reden. So gab der Bergführer seinen Gefühlen endlich Ausdruck, und ihre Liebe führte - zum allgemeinen Erstaunen - am 29. November 1876 in Argentière zur Heirat. Zwei Bergführer, Jeans Bruder Pierre Charlet und sein Cousin Gaspard Simond, waren die Trauzeugen; achtzig Personen nahmen am Hochzeitsbankett teil.
Jean Charlet und der Petit Dru Jean Charlet, der durch die Heirat mit Isabella Straton für immer von materiellen Sorgen befreit war, konnte sich nun vollumfänglich seiner grossen Leidenschaft widmen: den Bergen. Von nun an wählte der Führer Touren aus, die auf seiner Wunschliste oder jener seiner Frau standen.
Zu jener Zeit waren die umworbensten Ziele die Drus, die Dent du Géant, die Meije und der Grépon. Vier Monate vor seiner Heirat hatte Jean Charlet seinem Freund Whitehouse, Mitglied des Alpine Club, versprochen, mit ihm eine Besteigung der Aiguille du Dru zu versuchen. Der Engländer traf nicht rechtzeitig zum Rendezvous ein. Nachdem Charlet mehrere Tage vergeblich auf ihn gewartet hatte, verlor er die Geduld und entschloss sich schliesslich am 13. Juli, allein aufzubrechen! Er vertraute seinen Plan einem Freund an und entschied sich dann zum Auf- Foto: H. Brégeault Jean-Estéril Charlet-Straton ( 1839-1925 ) bruch: « So brach ich also morgens um zwei Uhr auf, ganz allein, nur mit einem Seil, einem Pickel und einem Stock, den ich - im Falle des Erfolgs oder Misserfolgs - dazu brauchen wollte, die Fahne auf dem Gipfel oder beim höchsten Punkt, den ich erreichen würde, aufzustellen.»1 Jean Charlet bewies bei diesem Versuch aussergewöhnliche Entschlossenheit. Er gelangte bis fünfzig Meter vor das Ende der Schwierigkeiten, wo er bei einer allzu riskanten Stelle aufgeben musste. Dort stellte er dann seinen mit einem roten Fähnchen versehenen Stock auf - dieser war jedoch vom Tal aus nicht sichtbar. Kurz nachdem Jean Charlet nach Chamonix zurückgekehrt war, zweifelte man an, dass er so hoch gekommen war. Diese Anfechtung verletzte ihn tief.
Jean Charlet hatte die von ihm angegebene Höhe jedoch wirklich erreicht. Auch heute noch löst sein Exploit uneingeschränkte Bewunderung aus. Das Erstaunlichste an sei- Jahrbuch des CAF, 1876 Die Unterkunft Grands-Mulets zur Zeit, als Isabella Straton, Jean Charlet und Sylvain Couttet die Wintererstbesteigung des Montblanc unternahmen ( Zeichnung von F. Schrader ) In der Nähe der Grands-Mulets, bei den Séracs des Zusammenflusses der Gletscher. Diese Darstellung datiert aus jener Epoche, als Jean Charlet noch ein junger Alpinist war ( aus Ten scenes in the last ascent of Mont Blanc von J. D.H. Brown, 1853 ) Alpine Geschichte, Kultur, Erzählungen Die Charpoua-Seite der Drus. Im Juli 1876 unternahm Jean Charlet einen Versuch, den Petit Dru im Alleingang zu besteigen; er scheiterte kurz unterhalb des Gipfels. Während des Abstieges entwickelte er die Doppelseil-Technik. Am 31. August 1879 gelang ihm dann die erste Besteigung des Petit Dru.
Alexander Burgener, der berühmte Schweizer Führer, führte 1878 die Erstbesteigung des Grand Dru durch. Man war sich jedoch in Chamonix seit langer Zeit einig, dass nur diejenigen Alpinisten, die den Petit Dru bezwingen würden, sich des Sieges über den prestigeträchtigen Gipfel rühmen konnten ( aus Pionneers of the Alps von Cunningham, 1887 ).
Von links nach rechts: Miss Emmeline Lewis-Lloyd, Jean Charlet, Miss Isabella Straton. Diese Aufnahme wurde gegen 1860 gemacht, als die zwei jungen Freundinnen Kundinnen von Jean Charlet waren.
nem Alleingang war die Art, wie Jean Charlet den Abstieg hinter sich brachte; zu diesem Thema sind schon verschiedene Vermutungen angestellt worden. Einige meinen, dass der Führer bei jenem Abstieg die Abseiltechnik erfunden habe! Ich persönlich glaube, dass Charlet tatsächlich eine Technik ausgetüftelt hat, die es ihm erlaubte, sein Seil bei Bedarf immer wieder einzuziehen; er hat damit als erster Bergsteiger systematischen Gebrauch vom Doppelseil während eines Abstieges gemacht. Ich bezweifle aber, dass er damals schon ein Vorgehen entwickelt hatte, das der Art des Abseilens, wie man es Jahrzehnte später ausübte, glich oder entsprach. Sein Bericht über den Versuch am Dru lässt vermuten, dass er sich nur mit den Händen festhaltend am Seil herabgleiten Hess. Vergessen wir nicht, dass Guido Rey und seine Führer noch 1905, neunundzwanzig Jahre später, auf die gleiche Art und Weise vom Grépon abseilten.
Wenige Tage nach seiner Rückkehr vom Dru führte Jean Charlet ebenfalls im Alleingang einen sehr kühnen Versuch am Nordgrat der Dent du Géant durch. Er gelangte bis wenige Meter unter den Gipfel, wo er die Hoffnung endgültig aufgeben musste, den letzten Aufschwung, der ihn vom Erfolg trennte, zu überwinden. Eine von ihm zurückgelassene Holzstange war noch 1929 auf einer Terrasse ca. 100 Meter unter dem Gipfel angebracht. Der Nordgrat sollte sich in der Folge als einziger Anstieg auf die Dent du Géant erweisen, bei dem man keine künstlichen Hilfsmittel benützen muss. Es gereicht Jean Charlet zu Die Charlet-Straton-Hüttc beim Charpoua-Felsen. D ses Bild wurde 1905 von Guido Rey bei seiner Rücl kehr vom Petit Dru aufge nommen.
grosser Ehre, den logischen Anstieg auf diese Spitze entdeckt und weitgehend begangen zu haben.
Endlich der ersehnte Erfolg 1878 gelang den von Alexander Burgener geführten Engländern die Erstbesteigung des Grand Dru. Doch der bekannte Schweizer Führer, der von Mummery begleitet wurde, scheiterte am Petit Dru. In Chamonix jedoch war man der Ansicht, dass nur den Eroberern des Petit Dru die Ehre zukommen würde, den Berg bestiegen zu haben. Diese Meinung entsprach zwar nicht gerade gutem Glauben, aber es ist richtig, dass die Besteigung des Grand Dru nicht viel mit jener seines kleineren, aber bedeutend schwierigeren Bruders zu tun hat.
Jean Charlet liebte es, in den Bergen entweder von seiner Frau begleitet zu werden oder aber allein aufzubrechen. Isabella Charlet-Straton konnte ihren Mann jedoch wegen der Geburt ihres Kindes nicht an den Dru begleiten. Sie hatte es allerdings nicht gerne, wenn ihr Bergführer allein zu seinen Abenteuern aufbrach. So gab Jean Charlet auf das Insistieren seiner Frau, die vom Erfolg überzeugt war, schliesslich nach und liess sich durch zwei weitere Führer von Chamonix begleiten.
Die drei Männer brachen am 3O. August 1879 auf und stiegen an den Beginn der Schwierigkeiten am Anfang des Grates hoch, wo sie biwakierten. Dreissig Jahre später sollte dieser Grat vom Dichter und Alpinisten Guido Rey auf den Namen ( Steinflammen ) getauft werden. Am nächsten Tag packten Jean Charlet und seine Begleiter die Kletterei frühmorgens an. Charlet war ein sehr ungezwungener Kletterer, sein Stil war von natürlicher Eleganz geprägt. Er lehnte den Gebrauch jeglicher künstlicher Hilfsmittel ab, insbesondere das Benützen von Leitern. Während jenes Klettertages traf er wieder auf die zahlreichen heiklen Passagen seines 1876 im Alleingang unternommenen Versuches. Etwas weiter oben sah er sich plötzlich seinem Fähnchen gegenüber, das auch den heftigsten Stürmen der vergangenen drei Jahre getrotzt hatte! Dies war für Jean Charlet ein Augenblick von besonderer Gnade: Seine Begleiter würden bei ihrer Rückkehr in Chamonix die Wahrheit seiner Berichte über den 1876 allein unternommenen Versuch bestätigen können! Überdies war der Gipfel, wie es der Führer bereits beim ersten Versuch vermutet hatte, wirklich sehr nahe. Eine ausgesetzte Platte musste überwunden werden, bevor die drei Alpinisten auf einen leichten Schneehang gelangten. Es blieben ihnen nur noch die letzten Stufen zum Gipfel, die sie im Laufschritt hinter sich brachten. Es war 14 Uhr 15 am 31. August 1879, als sich Jean Charlet, Prosper Payot und Frédéric Folliguet auf dem Gipfel des Petit Dru herzlich umarmten. Weit in der Ferne hörten die drei Männer den Widerhall von Kanonenschüssen, die zu ihren Ehren in Chamonix und Argentière abgefeuert wurden. Zu jener Zeit war es nämlich üblich, von Chamonix aus sicht- bare Gipfel-Eroberungen, die durch Einheimische des Tals durchgeführt wurden, auf diese Art zu feiern.
Dieser Erfolg sollte eine der schönsten Seiten der ganzen Geschichte des Alpinismus bezeichnen. Die Diskrepanz zu dem zuvor Erreichten war schlicht verblüffend; das beweist Jean Charlets Beschreibung der Überwindung einer schwierigen Stelle: « Der Fels wurde äusserst glatt und kompakt, die Vorsprünge, an denen man sich hätte halten können, immer seltener. Nachdem ich auf die Schultern meiner Begleiter gestiegen war, suchte ich in den Spalten des Felsens nach einer Möglichkeit, meine Hände oder Füsse abzustellen. Wenn ich diese Stelle gefunden hatte, nahm ich die Füsse von den Schultern der Führer, um auf einen Pickel zu stehen, der - wenn es die Länge des Pickels erlaubte - bis zu jenem Punkt angehoben wurde, wo ich auf den Fels wechseln konnte. War das einmal geschafft, befestigte ich mein Seil an einem Felsvorsprung und behielt es immer sorgfältig in den Händen. Die zwei Führer gelangten dann zu mir, indem sie sich am Seil festhielten.»2 Die Rückkehr der drei in zerrissene Kleider gehüllten Bergführer war ein Triumph: Man feuerte Kanonenschüsse ab, und das ganze Tal machte sich zu ihrem Empfang auf den Weg nach Montenvers auf.
Harmonische Ehe -und Unglück Das Ehepaar Charlet-Straton hatte drei Kinder. Isabella, durch ihre Mutterpflichten zurückgehalten, konnte nur noch selten mit ihrem Mann in die Berge gehen. Sie begleitete ihn jedoch bei der Erstbesteigung eines wunderschönen Gipfels oberhalb des Lac Blanc in den Aiguilles Rouges de Chamonix. Sie bestiegen ihre Nadel am 6. September 1881 über den Westgrat und tauften sie in Erinnerung an die Mühe, die sie beim Eingestehen ihrer Liebe gehabt hatten, « Aiguille de la Persévérance»3.
Jean Charlet unternahm noch ein paar Touren als Bergführer und begleitete seinen ältesten Sohn, als dieser zwölf Jahre alt war, auf das Matterhorn! Danach führte das Ehepaar ein friedliches Leben in seinem Haus in Trölechamp oberhalb von Argentière und in seiner Winterresidenz in Roche-sur-Foron. Darauf angesprochen, erzählte Isabella Char-let-Straton mit aller Bescheidenheit von ihrer Vergangenheit als Alpinistin. Sie beteuerte dabei, dass ihre längst vergangenen Erfolge nichts wären im Vergleich mit den Leistungen der nächsten Generation von Bergsteigerinnen. Die sehr kultivierte Dame von eleganter Haltung flösste grossen Respekt ein. Jean Charlet, ehrwürdiges Familienoberhaupt mit einem gepflegten, langen, weissen Bart, bildete ein Gegengewicht zu seiner Gattin, der man den aristokratischen Hintergrund anmerkte. Zusammen bildeten sie ein harmonisches Paar, dessen Gesellschaft gesucht war. Doch schliesslich kam auch Unglück über die Familie: Einer der drei Söhne, Robert Charlet, kam 1915 im Krieg ums Leben. Die schreckliche Nachricht erschütterte Mary Isabella zutiefst, und sie überstand die drei folgenden Jahre bis zu ihrem Tod mehr schlecht als recht.
Jean Charlet wurde nach dem Verlust seiner Gattin wieder zu jenem Mann, der er im Herzen seiner Berge oft gewesen war: einsam, unbeugsam und eigenwillig. Er begann, ein Stück Land seiner Vorfahren zu bebauen und zu vergrössern. Seine Kraft und geistige Lebendigkeit blieben ihm bis zu seinem Tod erhalten. Bis zu seinem letzten Atemzug im Alter von 86 Jahren wurde der junggebliebene und verehrte Bergführer hochgeachtet.
Und in der Ferne, weit in der Ferne, jenseits der Drus und der Aiguille du Moine, ruht die Pointe Isabella schimmernd und verborgen wie schlafend unter dem Sternenregen.
Dominique Roulin, Veyrier GE ( ü