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Von zwanzig auf hundert
Von einem Sportreporter des Tagi habe ich gehört, dass ein Coiffeur in der Hallwylstrasse für zwanzig Franken Haare schneidet, Frauen bezahlen dreissig. Der Kollege wunderte sich, wie der Figaro mit seinen Preisen aus den Achtzigerjahren über die Runden kommt. Bei meinen Stammcoiffeusen bezahle ich meist das Doppelte, obwohl es auf meinem Kopf nicht viel zu tun gibt.
An einem Vormittag im Februar bin ich hingegangen, Bassel und Guys heisst der Laden, er befindet sich neben einem jüdischen Café, auf dem Flachbildschirm liefen die Olympischen Spiele von Sotschi, der Biathlon der Männer. Es war ein netter Laden ohne Firlefanz, Parkett, eine Reihe schwarzer Ledersessel. Bassel, der Coiffeur, plauderte mit einem älteren Kunden, er trug ein hochgeknöpftes, olivgrünes Berufshemd mit seinem Schriftzug, ein gut aussehender Mann zwischen dreissig und vierzig Jahren, mit einem jugendlichen Gesicht und kurz geschnittenen grauen Haaren.
In einer Viertelstunde waren wir durch, es kostete tatsächlich zwanzig Franken. Er habe Kunden, sagte Bassel, die mehr zahlten, dreissig, vierzig Franken, wichtig sei aber nicht der Preis, sondern dass die Kunden zufrieden seien.
Er komme aus Zypern, erzählte Bassel, «Sonne, Meer, wenig Arbeit». Darum habe er sich in Europa umgesehen, seine Familie sei es gewohnt, unterwegs zu sein, Bassels Vater stammt aus dem Libanon. Den Laden an der Hallwylstrasse habe er vor einem guten Jahr von einem Kurden übernommen, schon der habe für zwanzig Franken Haare geschnitten, das Geschäft laufe gut, in den Spitzenzeiten könnte er einen Gehilfen anstellen, wichtig sei, dass die Leute nicht warten müssten.
Was wäre die Schweiz ohne die Bassels, dachte ich, als ich ihn erzählen hörte, ohne unternehmungslustige, junge Berufsleute, die bereit sind, neue Wege zu gehen, viel zu riskieren – die Ersparnisse der Familie aus Zypern und dem Libanon steckten in seinem Laden, sagte Bassel.
Ich fragte ihn, ob er von der Abstimmung gehört habe. Klar, antwortete Bassel, er könne die Schweizer verstehen. Die Zeiten hätten sich geändert, die Krise, sagte er, die Konkurrenz sei härter geworden, die Krise sei gut für die Reichen, aber nicht für die Arbeiter, weil immer jemand bereit sei, für einen niedrigeren Lohn zu arbeiten. Und jetzt, sagte Bassel, hätten sich die Schweizer gesagt, dass es Zeit sei, ihr Land zu beschützen. Es klang einsichtig, wie er so redete, mit der Erfahrung eines Weitgereisten.
Beim Abschied sagte Bassel, er habe Probleme mit dem Rücken, vielleicht müsse er den Laden aufgeben. Als ich kürzlich vorbeischaute, war Bassel bereits am Räumen, Ende Monat höre er auf. Sein Nachfolger sei bereit, die Zwanzig-Franken-Politik weiterzuführen, sagte Bassel. Vielleicht steige er ins Autobusiness ein, aber er habe sich auch schon überlegt, als Störcoiffeur zu arbeiten, da müsse man nicht den ganzen Tag stehen, bei den Kunden zu Hause. «Hundert Franken für einen Haarschnitt», sagte Bassel. «Das sollte funktionieren.»
Jeden Donnerstag lesen Sie hier die Stadtgeschichten von Miklós Gimes, Autor beim «Das Magazin» und freier Mitarbeiter beim «Tages Anzeiger».
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