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Der Genfer Rohstoffhändler Gunvor ist in den USA und in der Schweiz zu einer Geldstrafe in dreistelliger Millionenhöhe verurteilt worden. Das Unternehmen hatte über mehrere Jahre hinweg hochrangige ecuadorianische Beamte des Staatskonzerns Petroecuador bestochen.
Gunvor, der Schweizer Konzern des Milliardärs Torbjörn Törnqvist, wurde vor gut einer Woche vom US-Bundesgericht in New York der Bestechung für schuldig befunden. Dem Unternehmen wurde vorgeworfen, gegen den „Foreign Corrupt Practices Act“ verstossen zu haben. Mitarbeiter hatten zwischen 2011 und 2020 Millionen Dollar gezahlt, um hochrangige Regierungsbeamte in Ecuador zu bestechen und so leichter an Ölverträge mit dem Staatskonzern Petroecuador zu kommen.
Anklage des US-Justizministeriums
Die Ermittlungen kamen 2021 ins Rollen, nachdem ein ehemaliger Gunvor-Mitarbeiter zugegeben hatte, an der Weiterleitung von mehr als 22 Millionen Dollar an ecuadorianische Beamte beteiligt gewesen zu sein. Die Bestechungsgelder wurden damals über Briefkastenfirmen in Panama und auf den Britischen Jungferninseln geleitet. Brent Wible, Kläger beim US-Justizministerium, erklärte, Gunvor habe durch das komplexe Bestechungssystem Hunderte Millionen Dollar an illegalen Gewinnen erzielt. Gunvor, das im Jahr 2022 einen Rekordgewinn von 2,36 Milliarden Dollar erzielte, muss nun eine Strafe von 374 Millionen Dollar zahlen und auf 287 Millionen Dollar Einnahmen verzichten. Insgesamt beläuft sich die Strafe auf 661 Millionen Dollar. Dies ist eine der höchsten Strafen, die jemals in den USA gegen einen Rohstoffhändler wegen Korruption im Ausland verhängt wurde. Gunvor erklärte, die Strafe sei aufgrund der „umfassenden Kooperation“ des Unternehmens sowie der Investitionen und Anstrengungen zur Stärkung seines Compliance-Programms erheblich reduziert worden.
Verurteilung auch in der Schweiz
Die Ermittlungen in den USA und die Aussagen des ehemaligen Mitarbeiters lösten auch in der Schweiz eine Untersuchung aus. Die Bundesanwaltschaft hat den Fall übernommen und einen Strafbefehl erlassen, der von Gunvor nicht angefochten wurde und damit rechtskräftig ist. Zeitgleich mit der US-Justiz wurde diese Woche das Urteil gefällt. Der Rohstoffhändler wurde wegen mangelnder Organisation verurteilt. Das Unternehmen habe nicht alle „erforderlichen und zumutbaren Massnahmen getroffen, um die Bestechung hoher ecuadorianischer Amtsträger zu verhindern“ (Art. 322septies Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 102 Abs. 2 StGB). Die in der Schweiz verhängte Geldstrafe beträgt 86 Millionen Franken, davon 4,3 Millionen als Busse, der Rest als Ersatzforderung. Die NGO Public Eye schreibt zum Urteil: „Diese Entschlossenheit der Schweizer Justiz, korrupte Praktiken im Hochrisikosektor des Rohstoffhandels zu bestrafen, ist ein positives Signal“.
„Korruption hat in unserem Unternehmen keinen Platz und wird niemals toleriert“
Gunvor erklärte gegenüber der US-Justiz, dass das fragliche Verhalten im Jahr 2011 begann und das Unternehmen seither Massnahmen ergriffen habe, um seine internen Compliance-Funktionen zu verbessern. „Als Unternehmen hat Gunvor damals Fehler gemacht, für die wir uns entschuldigen und an deren Behebung wir sorgfältig gearbeitet haben“, sagte Torbjörn Törnqvist, Mitbegründer und Präsident von Gunvor. „Korruption hat in unserem Unternehmen keinen Platz und wird niemals toleriert“. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Gunvor mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert sieht. Bereits 2019 befand die Schweizer Staatsanwaltschaft das Unternehmen der Beihilfe zur Korruption in der Republik Kongo und der Elfenbeinküste für schuldig und verurteilte es zur Zahlung von Geldstrafen und Entschädigungen in Höhe von 95 Millionen US-Dollar. Törnqvist sagte damals, er wolle nie wieder in eine solche Situation geraten.
Gunvor wurde im Jahr 2000 von Törnqvist und dem russischen Oligarchen Gennady Timchenko gegründet. Im Jahr 2014, kurz bevor er von der US-Regierung wegen seiner angeblichen Verbindungen zum russischen Präsidenten Wladimir Putin mit Sanktionen belegt wurde, verkaufte Timchenko seine Anteile an Törnqvist, der nun fast 90 Prozent des Unternehmens kontrolliert. Neben den Konkurrenten Trafigura, Vitol und Mercuria gehört Gunvor nach wie vor zu den grössten unabhängigen Ölhändlern der Welt. In den letzten Jahren hat das Unternehmen auch den Handel mit Gas, Strom und anderen Rohstoffen diversifiziert und handelt jährlich mit Rohstoffen im Wert von etwa 150 Mrd. USD. Laut der „Bilanz“ hat Gunvor nach dem Rekordjahr 2022 mit einem Nettogewinn von 2,36 Milliarden US-Dollar im ersten Semester 2023 einen minimen Rückgang. Der Energiehändler erzielte in den sechs Monaten einen Nettogewinn von 803 Millionen gegenüber 841 Millionen im Vorjahr. Der Markt beginne sich nach den starken Turbulenzen, die durch die Invasion in die Ukraine ausgelöst wurden, zu normalisieren, und die Margen seien durch die geringere Volatilität der Ölpreise beeinträchtigt. Die Situation sei für die Branche jedoch weiterhin sehr günstig, insbesondere bei verflüssigtem Erdgas, bei dem der Genfer Konzern Gunvor der weltweit grösste Händler ist. Gunvor, die eine «restriktive Dividendenpolitik» betreibt, die Gewinne also grösstenteils reinvestiert, erhöhte sein Eigenkapital auf 6,1 Milliarden Dollar. Der 70-jährige Schwede Torbjörn Törnqvist, der 85,7 Prozent der Aktien hält, will das künftige Wachstum als selbstständiges Unternehmen stemmen. Er gehört heute laut Bilanz mit 5 bis 6 Milliarden Fr. Vermögen zu den 300 reichsten Schweizern.