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An den Herausgeber der New York Tribune
Verehrter Herr!
Baron von Humboldt machte mich vor ein oder zwei Tagen auf einen Artikel aufmerksam, der, aus einer anderen Zeitung stammend, am 12. Mai in The Semi-Weekly Tribune unter dem Titel „ A Huge Pile of Serpents “ [Ein riesiger Haufen Schlangen] abgedruckt wurde und folgendermaßen begann: „Baron Humboldt sagt: In der Savanne von Izacubo, Guayana, sah ich das wunderbarste und schrecklichste Schauspiel, das man sich vorstellen kann,“ etc. Er lächelte über die Vorstellung, daß ihm diese Geschichte zugeschrieben wurde, denn er war nie in dem genannten Land gewesen und konnte also ganz sicher keine solche Beschreibung einer Szene liefern, die er so nie gesehen hatte. Er äußerte sich über diesen Artikel jedoch nicht, weil er ihm irgendeine Bedeutung beimaß oder ihn richtigstellen wollte, sondern weil er ihm die Möglichkeit bot, etwas zur Sprache zu bringen, das ihn persönlich betraf. Also bat er mich, diese Angelegenheit in den Spalten der Tribune bekannt zu machen.
Seit zwölf oder vierzehn Jahren, sagt er, ärgere er sich über den Gebrauch seines Namens durch verschiedenen Personen in Amerika, vor allem in Mittel- und Südamerika, die sich aufgrund einer angeblichen Verbindung zu ihm das Vertrauen wohlmeinender Personen erschlichen, es manchmal sogar mißbrauchten, während diese glaubten, ihm damit eine Ehre zu erweisen. Sein Bruder hinterließ keine Kinder, er selbst hat nie geheiratet und ist der Letzte seines Stammes. Es gibt keine lebende Person, die irgendeine verwandtschaftliche Verbindung zu ihm beanspruchen kann. Daß es vielleicht noch andere Menschen des Namens Humboldt auf der Welt gibt, streitet er gar nicht ab; wahrscheinlich ist aber, daß viele vorgebliche wissenschaftliche Entdeckungen, welche von Menschen verbreitet wurden, die sich selbst Humboldt nannten, allein dem Wunsch entstammten, mit größerer Sicherheit und Wirksamkeit zu täuschen und zu betrügen. Ich glaube, bin aber nicht ganz sicher, er erzählte in diesem Zusammenhang auch von einer lächerlichen Geschichte irgendeines Humboldt, der sich fünfhundert Neger besorgt hatte, mit denen er Versuche anstellen wollte, indem er sie mit Gelbfieber infizierte.
Die langen Briefe, welche ihn bisweilen aus Amerika und Westindien von Menschen erreichen, die sich, wie sie vorgeben, um erkrankte Mitglieder seiner Familie gekümmert haben oder anderweitig Anspruch auf seine Aufmerksamkeit oder Freundschaft erheben, sind ein echtes Ärgernis, die wissenschaftlichen Absurditäten, die in den Zeitungen unter seinem Namen veröffentlicht werden, sind dagegen eher albern.
Dieser edle und ehrwürdige Mann, obgleich schon einiges über achtzig Jahre alt, bewahrt immer noch ein reges Interesse am Fortschritt unseres Landes. Mit jedem Amerikaner, den er trifft, spricht er über seine Freunde Jefferson und Gallatin und bedauert, daß sich die Position der amerikanischen Regierung zur Sklaverei seit den Tagen jener Politiker stark verändert hat. Er spricht in Worten aufrichtigsten und tiefsten Mitgefühls über Websters letzte Tage und läßt auch keine Gelegenheit ungenutzt, den Amerikanern klar zu machen, in welch tiefe moralische Erniedrigung die Vereinigten Staaten als Nation sich in den letzten Jahren gebracht haben. Obwohl er ein enger Freund des Königs ist, sagt man (er selbst äußert sich dazu natürlich nie), daß Politik beziehungsweise politische Angelegenheiten zwischen ihnen nie besprochen werden. Wenn man sieht, mit welchem Interesse er die Entwicklung und den Fortschritt des republikanischen Gedankens in Amerika verfolgt, kann man sich gut vorstellen, daß von der Liste der Themen, die er mit Friedrich Wilhelm diskutieren kann, Politik in der Tat zu streichen ist. Auf seine Bitte zeigte ich ihm auf der Karte die Grenzen der neuen Territorien Kansas und Nebraska – seine Karte war, obwohl recht neu, noch auf dem Stand vor der Auseinandersetzung um Douglas und Pierce.
Für unseren Nationalstolz ist es sehr befriedigend, zu hören, wie Humboldt einige unserer Autoren preist. Prescott ist seiner Meinung nach einer der besten, wenn nicht der beste lebende Historiker, der in englischer Sprache schreibt. Mehrfach hat er den Wunsch geäußert, diesen Mann kennenzulernen. Ich glaube, von Prescotts Werken mag er am liebsten Ferdinand and Isabella. In Bezug auf The Conquest of Mexico [Die Eroberung von Mexiko] hätte der ausgezeichnete Autor einmal selbst nach Mexiko reisen und mit eigenen Augen die Szenerie betrachten sollen, die er beschreibt. Dann wäre zu der Eleganz des Stils und der extremen Genauigkeit noch der Charme der Beschreibung von Szenen aus persönlicher Erfahrung hinzugekommen, und das Buch, so scheint Humboldt zu denken, wäre perfekt gewesen. Es ist nur verständlich, daß er einen Mangel dieser Art bei einem Buch über Mexiko empfindet. Aber ich glaube nicht, daß ein Leser, der nicht über Humboldts persönliche Erfahrungen verfügt, diesen Mangel spüren wird.
Teile von Owens großartigem Bericht über die Region des Lake Superior haben ihm sehr gefallen. Ich war überrascht, daß er von Whitneys neuem Buch über die Bodenschätze in den Vereinigten Staaten noch nichts gehört hatte, obwohl der große Chemiker Rose es schon zum Gegenstand mehrerer Vorträge bei der Geographischen Gesellschaft gemacht hatte. Aber heutzutage geht Humboldt nur noch sehr selten zu solchen Veranstaltungen.
Der folgende Abschnitt aus einer Nachricht, geschrieben kurz nachdem er in der Tribune etwas über die Eröffnung der Panama-Eisenbahn gelesen hatte, kann, denke ich, für Ihre Zeitung übersetzt werden, ohne daß dies unpassend wäre und die Vertraulichkeit privater Korrespondenz verletzen würde:
„Die Panama-Eisenbahn habe ich schon im Jahr 1803 vorgeschlagen, zusammen mit dem viel nützlicheren und leicht durchführbaren Projekt eines ozeanischen Kanals zwischen Capica und Atrato.
Die traurigen Debatten über die Verbreitung des Systems der Sklaverei haben glücklicherweise auch einigen wenigen edlen Seelen die Möglichkeit geboten, tröstliche Worte auszusprechen. Man muß ja nicht unbedingt die sofortige Abschaffung der Sklaverei fordern. Vielmehr geht es darum, Schritt für Schritt einige Erleichterungen in die gegenwärtige Gesetzgebung einzuführen, etwa damit nicht mehr die Kinder von der Mutterbrust weg verkauft werden. Die Selbstgefälligkeit des Präsidenten, in einem Brief an Herrn Soulé, zu glauben, er habe das Recht, die Insel Kuba zu erobern, nur weil ein Nachbarstaat seine Gesetze menschlicher gestalten möchte, erscheint mir durch und durch barbarisch.“
Die Geschmäcker mögen verschieden sein, aber mir wäre die Zustimmung lieber, die in den obigen Zeilen für den noblen Kurs, dem Seward, Sumner und Chase folgen, zum Ausdruck kommt, als den Titel Präsident, den Pierce trägt, so zu erhalten! Humboldts Anerkennung ist so viel wert wie die aller Männer-Räuber und Frauen-Verkäufer vom Potomac bis zur Grenze Mexikos.
Ihr gehorsamer Diener,
Ein Amerikaner in Deutschland.
Berlin, Preußen, den 10. Juni 1855.
Baron Humboldt und Amerikanische Angelegenheiten