Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03205.jsonl.gz/270

In diesen Tagen, wenn die Schulen nach den Ferien erwachen, erscheinen wieder die Berichte über den Lehrkräftemangel. Es gibt zu wenige Lehrerinnen, und zu wenige Lehrer sowieso. Laien werden porträtiert, die aus irgendeiner Werkstatt ans Lehrerpult gewechselt sind. Klagelieder erklingen: über immergleiche, immer neu variierende Reformen. Und die oberste Lehrerin der Schweiz fordert, wie zuletzt in einem Interview mit der Zeitung “Die Zeit”: “Wir dürfen diesen Beruf nicht demontieren.”
In diesem Sommer bin ich zu dem Dorfschulhaus in Marbach, Kanton St. Gallen, zurückgekehrt, in dem ich die Mittelstufe besucht hatte. Fast alles war noch da: unten auf dem roten Platz der Torpfosten, an dem ich mir meine Frontzähne ausschlug, oben im Treppenhaus die Scherenschnitte an den Wänden. Das Schulhaus Feld ist für mich ein besonderer Ort, auch weil einer der Lehrer mein Vater war.
Ich sass hinten, auf einem der Kinderstühle, und fragte mich, worauf es als Lehrer ankommt.
An dem Nachmittag sass er vorne am Klavier und begleitete seine Klasse zu einem letzten Lied. Dann begannen die Sommerferien – und endete sein Leben als Lehrer. 42 Jahre lang unterrichtete er die Kinder im Dorf. Er war in der Stadt St. Gallen aufgewachsen, in einer Zeit von Lehrerüberfluss. Er hätte überall unterrichtet, am Ende bewarb er sich auf eine kleine Notiz, die die Schulgemeinde Marbach im Amtlichen Schulblatt publiziert hatte: “Tüchtige Bewerber/innen finden bei uns günstige Klassenbestände und neuzeitlich eingerichtete Schulräume.”
Als er im Winter 1981 zum ersten Mal nach Marbach kam, war das Wetter eisig. Einer seiner zukünftigen Schüler lag mit einer Platzwunde in der Einfahrt – er war beim Eisschlittern gestürzt. Mein Vater bekam die Stelle, er sollte hier seine Frau kennenlernen, eine Familie gründen und nie mehr eine andere Stelle antreten, bis zu diesem Tag am Klavier, seinem letzten Schultag.
Ich sass hinten, auf einem der Kinderstühle, und fragte mich, worauf es als Lehrer ankommt: Was sind die Lektionen, die er hier gelernt und gelehrt hat?
I. Die Welt als Schulstoff
Als er am Tag seiner Pensionierung am Klavier sass, waren die Wände um ihn herum schon kahl. Nur ein kleiner Vespa-Kalender hing noch über seinem Pult. Sein Schulzimmer im obersten Stock unter dem Dach, mit riesigen Fensterfronten, war eine eigene Welt. Jetzt, als wir uns in den Sommerferien treffen, richtet er sie mit Worten noch einmal ein.
Der Vater hat zu den Kindern gesagt, sie müssten wie ein Schwamm sein: aufsaugen und behalten.
“Ich hatte nie eine perfekte Ordnung”, sagt er, “ich wollte einen Ort, an dem es einem wohl ist. Es lagen Spiele aus, oder die ‘Tierwelt’, oder Lexika. Die Hoffnung war immer: Wenn sie unter H den Hund suchen, werden sie auf der Doppelseite noch anderes finden.” Er habe zu den Kindern gesagt, sie müssten wie ein Schwamm sein: aufsaugen und behalten. Das Behalten, sagt er, war manchmal schwierig.
Aus seinem Schulzimmer sah man hinauf in die Berge, hinaus ins Riet. “Das Leben draussen lehrt dich mehr als die Schule”, glaubt mein Vater, “ich sagte oft: ‘Hey, lueged emol use!'” Früher begann der Geschichtsunterricht in der Mittelstufe bei den Pfahlbauten und den Alemannen. Aber anderes war ihm ein grösseres Anliegen: In der vierten Klasse zeigte er den Kindern das Dorf, in der fünften den Kanton, in der sechsten die Schweiz. Wenn die Tour de Suisse durch das Land fuhr, unterrichtete er über die Distanzen und Zeiten im Velorennen und lehrte nebenbei auch noch die Alpenpässe. Er habe zu den Kindern gesagt, sie müssten wie ein Schwamm sein: aufsaugen und behalten. “Gäbe ich jetzt noch Schule”, sagt er, “hätte mir der aktuelle Unfall im Gotthardtunnel sicher zwei Lektionen gefüllt: Wo ist der Gotthard? Warum ist er wichtig? Was ist ein Basistunnel? Die Kinder sollten merken, wie alles miteinander verknüpft ist.” Ich glaube, mein Vater war ein Lehrer, der in der Welt den Schulstoff suchte und nicht im Schulstoff die Welt.
“Gäbe ich jetzt noch Schule, hätte mir der aktuelle Unfall im Gotthardtunnel sicher zwei Lektionen gefüllt.”
Zu seiner Pensionierung hat ihm eine andere Lehrerin aus dem Dorf einen Film geschnitten, in dem ehemalige Schülerinnen und Schüler erzählten, was ihnen aus der Schulzeit “beim Herrn Tanner” geblieben ist: der Ausflug zur Portalpina, das Skilager, die Erkundigungen im Engadin. Mein Vater kam mir manchmal vor, als sei er eine Art Andreas Moser unter den Lehrern: Als Schüler bekam ich mit, wie seine Schülerinnen und Schüler mit Lupen in den Wald ausrückten, oder mit dem Velo an den Alten Rhein.
“Es ist ein hoher Anspruch”, sagt mein Vater, “aber im Idealfall kannst du alle Kinder irgendwie packen, auch wenn es nicht im Schulzimmer ist.”
II. Der “Tüpflischiisser” am Klavier
In den Wochen nach seinem Schulabschluss hat mein Vater sein Archiv sortiert. Er zeigt mir einen Notizzettel, den er aus seiner Anfangszeit aufbewahrt hat. Titel: “Regeln”.
– Wenn es läutet, sitzen wir auf unseren Plätzen
– Wir halten den Finkenraum in Ordnung
– In der Pause dürfen alle mitspielen
– Die Schulsachen tragen wir im Tornister nach Hause
Er hat die Regeln über die Zeit gerettet. Mein Vater galt im Dorf als strenger Lehrer. Es hiess, wenn er am Morgen auf seinem Velo pfeifend zum Schulhaus fahre, sei alles gut. Wenn er nicht pfeife, werde der Unterricht anders als sonst. “Ich war ein ‘Tüpflischiisser'”, sagt er, “aber ich wusste, warum ich einer war. Ich glaube, die Kinder haben es leichter, wenn sie wissen, was von ihnen erwartet wird, und wenn sich die Regeln nicht ständig verändern.”
Bei ihm entstanden die ausgelassenen Momente aus der Ordnung, nicht aus der Verwegenheit.
Was ihn als Lehrer vielleicht charakterisiert, ist sein Morgenritual: Zuerst wollte er jedem Kind die Hand schütteln, auch um zu sehen, wer müde und wer schon wach war. Dann setzte er sich ans Klavier, um mit der Klasse zu singen. Jeden Morgen. Bei ihm entstanden die ausgelassenen Momente aus der Ordnung, nicht aus der Verwegenheit. Abends im Skilager, an der Handorgel, sang er mit den Kindern “Von den blauen Bergen kommen wir / Unser Lehrer ist genauso dumm wie wir”, bis sie aufgedreht waren – aber dann drehte er auch wieder herunter.
Ende der neunziger Jahre, vor seinem ersten Bildungsurlaub, geriet er in eine Krise. Jüngere Lehrer zogen ins Schulhaus ein, und mit ihnen ein neuer Stil. Sie liessen die Kinder durch die Gänge rennen, die Türe schletzen, alles easy. “Ich fragte mich: Bin ich noch zeitgemäss?”, sagt mein Vater. Als er im Bildungsurlaub in einer Werkstatt von Polymechanikern mitarbeitete, sagte ihm einer der Lehrlinge: Dieses Tuch bitte dahin, jenes Werkzeug dahin, so will es der Chef. “In dieser Werkstatt bekam ich das Gefühl: Ich bin schon auf dem richtigen Weg. Wenn 5,20 Millimeter gefragt sind, dann sind es nicht 5,15 Millimeter. So ist das Leben nicht immer, aber so ist es auch.”
III. Die Angst vor Hunden
Mein Vater unterrichtete schon gerne, als er noch Schüler war. Auf der Primarstufe war er ein sogenannter Stellvertreter des Lehrers – und wenn dieser nicht erschien, was ab und zu vorkam, übernahm er den Laden und liess, schon damals, aus dem Gesangbuch singen. Er leitete Lager im Cevi. Und dann ging er ans Lehrerseminar. Nach der Probezeit wollte er wegen einiger schlechter Noten aber zu einem Psychologen. Er fragte sich: Bin ich clever genug? Mein Vater sagt, wenn er Eltern jeweils darüber informierte, dass ihr Kind in der Realschule besser aufgehoben wäre als in der Sek, dann habe er manchmal von sich erzählt: “Man kann es auch zu etwas bringen, wenn es einmal stockt.”
In der Zeit, in der er in Marbach anfing, unterrichteten ältere Lehrer noch mit der Krawatte, die sie wie eine Unantastbarkeitsurkunde vor sich hertrugen. Wenn ich an meinen Vater als Lehrer denke, dann trägt er kurze Hosen und ein Kurzarmhemd. Er war auch am Wochenende erreichbar, aber er gab seine Handynummer nicht heraus. Er unterrichtete gerne frontal, “um die Filaxe im Auge zu behalten”, wie er sagt, aber die Kinder konnten sich an Sechsertische setzen, wenn sie trotzdem aufpassten. Er brauchte das Whiteboard, das sie ihm gegen Ende ins Schulzimmer stellten, nicht mehr richtig, aber als Leinwand, um den Kindern einen Film über die Schneeräumung am Sustenpass zu zeigen.
“Man kann es auch zu etwas bringen, wenn es einmal stockt.”
Ihm war es wichtig, dass es weiterhin Prüfungen gibt, aber er wollte, dass man auch Schwächen zeigen darf. “Die Kinder wissen sowieso genau, wer wo gut ist und wo eine Pfeife”, sagt er. “Sie merkten sofort, dass ich nicht zeichnen kann. Wenn ich einen Elefanten zeichnete, musste ich darunterschreiben: Elefant. Und sie wussten, dass ich Angst habe vor Hunden. Es gab Klassen, die mich dann in die Mitte nahmen auf einem Ausflug.”
Ich glaube, mein Vater stand als Lehrer immer ein bisschen zwischen den Trends und den Reformen, die über die Schule hereinbrachen.
IV. Du bist mir nicht Wurst
Seine Schulreisen führten immer mal wieder auf den nahen Kronberg, da konnten sich die Zeiten rundherum noch so verändern. In der ersten Klasse hatte er noch kein Migrantenkind, nachher kamen sie aus Vietnam, aus dem früheren Jugoslawien, aus Sri Lanka, dann aus Kosovo, aus Afghanistan. In seiner letzten Klasse hatte er einen Buben aus der Ukraine.
“Es gibt überall die Cleveren und die weniger Cleveren”, sagt mein Vater, “alle haben irgendwo ihre Stärken. Elementar ist einfach: möglichst schnell Deutsch lernen. Das ist nicht nur für den Unterricht wichtig, sondern auch für die Pause.”
Die Kinder sind selbstbewusster geworden – “und kritischer, zusammen mit den Eltern”. Im besten Fall sei das schön, sagt mein Vater, aber der Lehrerberuf sei sicher “vielbräuchiger” geworden. Er hatte Eltern, die ihm sagten, ein Übertritt in die Realschule bedeute “eine Katastrophe”. Ein Bub zog die Hosen herunter, um zu zeigen, wo der Vater zuschlug. Mein Vater schaltete die Schulsozialarbeit ein. Und als er an ein schwieriges Elterngespräch nicht allein gehen wollte, nahm er den Schulpräsidenten mit. Ein anderes Kind schickte er in eine Time-out-Klasse ausserhalb des Dorfs. Aber am Ende fand man meistens den Rank.
Mein Vater lässt die Dinge nicht schleifen, ihm ist nichts egal. Inzwischen glaube ich, es geht nicht anders, wenn einem etwas wichtig ist. Das ist eine Lektion, die ich von ihm gelernt habe.
“Du musst das Vertrauen der Kinder gewinnen”, sagt er, “indem du dich für sie interessierst: Wieso sind sie gestresst? Haben sie ein familiäres Problem? Und dann sagte ich ihnen oft: Das Reiben aneinander, zwischen Schüler und Lehrer, ist ein Zeichen, dass einem jemand wichtig ist. Wenn du mir Wurst bist, setz ich dich in eine Ecke, und du schreibst irgendwas ab. Wir sitzen jetzt zusammen und suchen eine Lösung, weil du mir nicht Wurst bist.”
Als ich ihm zuhöre, denke ich, er rede über mich, über uns. Obwohl ich nie zu ihm in die Schule ging. Als Kind fragte ich mich manchmal, wieso er nicht ein bisschen lockerer sein konnte, wenn wir zu Hause die Schuhe nicht schön nebeneinandergestellt hatten. Mein Vater lässt die Dinge nicht schleifen, ihm ist nichts egal. Inzwischen glaube ich, es geht nicht anders, wenn einem etwas wichtig ist. Das ist eine Lektion, die ich von ihm gelernt habe.
Was von einem Lehrerleben bleibt? Verblichene Schulzimmerwände, wo früher Postkarten hingen.
Dieser Artikel ist zuerst in der NZZ erschienen