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„Manipulierte Wissenschaft“
Die kürzliche Veröffentlichung des kanadischen Reports zum Safety Code 6 (hochfrequente elektromagnetische Strahlung und Gesundheit) rückte das Problem der elektromagnetischen Hypersensibilität (EHS) wieder ins Rampenlicht. Wiederum wurden Wissenschaftler und Laien im kanadischen Report mit dem üblichen Mantra abgespeist: „Die Symptome sind real, aber was sie verursacht, ist ein Rätsel.“ Dasselbe Mantra wird durch WHO, ICNIRP und zahlreiche Expertenkomitees verbreitet.
Ich habe die Empfindung, dass dieses Mantra vor einigen Jahren zu dem alleinigen Zweck in die EMF-Forschung eingeführt wurde, „die EHS-Leute los zu werden“.
Die Erfinder des Mantras hofften, mit dem Vorzeigen von Mitleid für die Elektrosensiblen die Spannungen zwischen den an EHS Leidenden und den Entscheidungsträgern mildern zu können.
Sie lagen falsch. Das Mantra milderte die Spannungen keineswegs, und die EHS-Betroffenen fordern immer energischer eine Lösung ihres Problems. Das bloße Eingeständnis, dass ihr Leiden, ihre Symptome real seien, genügt nicht. Es braucht beides, den Vorsorgeansatz und ernsthafte Forschungsanstrengungen, um herauszufinden, durch was und wie EHS verursacht wird.
Schauplatz der EHS-Forschung
Leider ist der Schauplatz der EHS-Forschung durch „Bad Science“ korrumpiert. Schlecht entworfene und durchgeführte Studien verschwenden Geld und erzeugen falsche Schlussfolgerungen. Sie halten den Status Quo aufrecht und bewirken, dass weitere schlecht geplante Studien finanziert werden. Haben Wissenschaftler den Verstand verloren? Merken sie denn nicht was sie tun?
Eines der Probleme mit der EHS-Forschung besteht darin, dass das Feld von Psychologen und Psychiatern beherrscht ist. So werden Studien geschaffen, die schon aufgrund ihres Designs EHS gar nicht erfassen können. Die Benutzung von Methoden der Psychologie und Psychiatrie wird die Frage nicht beantworten, ob die biochemische Physiologie unseres Körpers durch die Belastung mit elektromagnetischen Feldern (EMF) geschädigt wird.
EHS ist kein wohldefiniertes Leiden. Die Liste der Symptome, die durch EMF verursacht werden sollen, ist lang und ganz unspezifisch. Gleiche Symptome können durch eine Vielfalt von Faktoren verursacht werden, unter anderem auch durch gewöhnlichen Alltagsstress. Das andere Problem ist das Vorhandensein nicht nur von EMF, sondern auch von weiteren Stressfaktoren in unserer Umgebung. Die Unterscheidung, welcher der Stressfaktoren für EHS-Symptome verantwortlich ist, kann zu Hause, in einer nicht kontrollierten Umgebung, schwierig sein. Aber den EHS-Betroffenen bleibt nichts anderes. Sie diagnostizieren ihre EHS selbst. Ohne besondere Tests für EHS ist die Selbstdiagnose allerdings eine schwierige Aufgabe. Gewiss glaube ich, dass einige der selbst diagnostizierten EHS-Fälle einer Belastung durch EMF zugeschrieben werden können, aber einige könnten auch falsch und die Symptome urch Nicht-EMF-Stressfaktoren verursacht sein.
Ein Blick auf die Tabelle der EHS-Studien im EMF-Portal zeigt die Schwierigkeiten im Aufspüren der Ursachen von EHS. Die Spalte der berichteten Beschwerden und Funktionsstörungen („Endpoints“) bestätigt den weiten Bereich unspezifischer Symptome, mit denen die EHS-Forschung zu tun hat. In der nächsten Spalte, „Parameter“ benannt, ist die ganze Vielfalt der EMF-Strahlungsquellen aufgelistet. Die „Endpoints“ sind nun derart unspezifisch, dass man ohne diese „Parameter“-Spalte rätseln müsste, welcher der vielen Stressfaktoren in einer bestimmten Studie untersucht wurde.
Einige der in der Tabelle des EMF-Portals aufgelisteten Studien sind Kohortenstudien* (Beobachtung einer Gruppe exponierter und einer Gruppe nicht exponierter Probanden "= Kontrollgruppe").
Ihre Verlässlichkeit ist fraglich, weil eine echte Kontrollgruppe fehlt. Wir alle sind überall der Mobilfunkstrahlung ausgesetzt. Da wir ja das Strahlungsniveau, auf dem EHS-Symptome ausgelöst werden, nicht kennen, ist es nicht möglich zu bestimmen, wer als Kontrollgruppe dienen kann. Außerdem gibt es neben den diversen EMF-Quellen eine sogar noch größere Zahl weiterer Umweltstressfaktoren, was zu massiven Unsicherheiten in der Bewertung der Ergebnisse führt.
Das andere Problem besteht bei den Studien, in denen EHS-Betroffene ins Labor zur Teilnahme an Versuchen eingeladen werden. Schon aufgrund ihrer Voreinstellung haben diese Personen Angst vor EMF-Belastung und sind besorgt, ob ihnen die Teilnahme an den Experimenten gesundheitlich schaden werde. Zumindest bei einigen ist das schon Grund genug, die Mehrzahl der im EMF-Portal aufgelisteten Symptome auszulösen.
Die selbstdiagnostizierten EHS-Personen werden entweder einer realen oder einer fingierten Strahlung ausgesetzt und dabei nach ihren Empfindungen gefragt. Man fragt sie, ob sie EHS-Symptome verspüren. Aber ihre Antworten sind a priori unzuverlässig, weil sie unter Stressbedingungen, die für sich allein schon Symptome auslösen können, gegeben werden.
Lächerliches wissenschaftliches Argument
Das lächerlichste, häufig auch öffentlich vorgebrachte wissenschaftliche Argument ist dasjenige, dass EHS-Betroffene nicht unterscheiden können, wann die Strahlung eingeschaltet und wann sie ausgeschaltet ist. Oft wird das als eine Art endgültiger Beweis angeführt, dass EHS nicht existiere und EHS-Symptome nicht durch EMF verursacht würden. Das ist nun wirklich „Bad Science“. Wenn die Person erkennen würde, wann die Strahlung „an“ ist und wann „aus“, dann wäre das ein Beweis. Aber wenn eine Person das nicht erkennt, dann sagt das gar nichts aus. Weder sagt es aus, dass EHS existiert, noch dass EHS nicht existiert. Es beweist gar nichts. Wer von uns könnte denn Röntgen-oder UV-Strahlung „fühlen“? Wir können sie weder spüren noch sehen noch riechen, und doch tut sie, was sie tut…!
Ein anderes „Bad Science“-Problem im Zusammenhang mit dem Heranziehen selbstdiagnostizierter EHS-Personen für experimentelle Studien ist die Tatsache, dass man es wegen der Selbstdiagnose höchstwahrscheinlich mit gemischten EHS-und Nicht-EHS-Gruppen zu tun hat. Die Selbstdiagnose wird teils korrekt sein, teils nicht. Aber wenn die Studie dann die Antworten aller Versuchspersonen aus der Gruppe der korrekt und der inkorrekt selbstdiagnostizierten Personen kombiniert, dann erzeugt die statistische Auswertung nichts Greifbares, keine verlässlichen, objektiven Daten.
Doch gerade diese subjektiven, unzuverlässigen Daten benutzen WHO, ICNIRP und nun auch der kanadische Report als „wissenschaftliche“ Grundlage ihrer Behauptung, es gebe keine Kausalität zwischen EHS und EMF.
Wir haben es hier mit „Bad Science“ zu tun.
Die Qualität der EHS-Forschung sowie die Qualität deren Bewertung durch WHO, ICNIRP, Kanada-Report und andere ist in Frage gestellt.
Elektromagnetische Hypersensibilität muss existieren. Zwar haben wir wegen der bis heute falsch laufenden Forschung noch keinen wissenschaftlichen Beweis. Aber auch ohne den letztgültigen wissenschaftlichen Beweis ist die Existenz von EHS schlicht eine Lebenstatsache. Die einzige Frage ist, bei welchen Expositionswerten EHS ausgelöst wird.
Für jede Strahlungsart, jede Chemikalie, jeden Umweltschadstoff gibt es Menschengruppen, die empfindlicher sind als andere. Diese Erscheinung, bekannt als individuelle Empfindlichkeit, liegt in unserer genetischen Diversität begründet. Es ist eine Tatsache, dass individuelle Sensibilität existiert. Bezeichnenderweise wird die Existenz der individuellen Sensibilität nur dort verneint, wo sie die Interessen der Mobilfunkindustrie tangiert.
Es wäre schön, wenn die Wissenschaftler der Mobilfunkindustrie und deren Befürworter endlich erklären würden, was an den EMF so besonders ist, dass sie keine individuelle Sensibilität verursachen können. Will da jemand antworten?