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Wir kommen nicht perfekt zur Welt – und wir verlassen sie auch nicht perfekt. Unfälle, das fortschreitende Alter: Alles sorgt dafür, dass wir früher oder später nach Ersatzteilen verlangen, in friedlichen Zeiten – und in schlimmen erst recht: Kriege lassen verstümmelte Menschen zurück. Im 16. Jahrhundert begann sich der Barbier Ambroise Paré, der auf Feldzügen scharfe Messer für die Rasur im Gepäck trug, angesichts der abgehackten Gliedmassen für Anatomie und Chirurgie zu interessieren. Paré entwickelte künstliche Hände, Arme, Beine, die er von einem Schlosser in Paris anfertigen liess – er entwarf Prothesen.
Das Wort stammt aus dem Griechischen und heisst hinzufügen. Nicht mehr funktionierende Teile werden ersetzt, dem Körper wird etwas nicht Eigenes hinzugefügt. Parés Kunsthände konnten eine Schreibfeder halten. Dennoch erschaudern wir vor alten Bildern, wenn sich Krüppel ohne Beine auf Brettern mit Rädern durchs Leben bewegen. Prothesen sind heute naturnah und brauchbar geworden.
Ein Schweizer als trauriger Pionier
Mit der Entwicklung der Chirurgie entstand die Möglichkeit, etwas zu ersetzen, statt «nur» hinzuzufügen. Es begann mit einem Kropf, einer krankhaft vergrösserten Schilddrüse, hervorgerufen durch den Mangel an Jod. Der Berner Chirurg Theodor Kocher ersann Abhilfe. Er schnitt zahlreichen Leuten die Schilddrüsen heraus.
Das erwies sich als fataler Irrtum: Seine Patienten wurden schwachsinnig. Um den Schaden wieder gutzumachen, verpflanzte Kocher 1883 als Erster Schilddrüsengewebe von Mensch zu Mensch. Die Wirkung für die Patienten war vorübergehend; nachhaltig war sie für die Medizingeschichte. Die Möglichkeit, kranke Organe durch gesunde zu ersetzen, löste einen Experimentierschub aus, Messer und Säge gewannen in der Heilkunst an Bedeutung. Man tauschte Nieren und Herzen von Hunden und Katzen, übertrug Bauchspeicheldrüsen und Nieren auf Menschen, Hoden und Zirbeldrüsen von Mensch zu Mensch. Die Operationen verliefen meist tödlich: Das fremde Gewebe wurde abgestossen. Man versuchte, die Abwehr des Körpers durch Kortison und Röntgenstrahlen zu dämpfen, doch das schwächte die Organempfänger zusätzlich, und so verebbte die Transplantationschirurgie.
Erst 1942 kamen englische Forscher den Ursachen für die Abwehr auf die Spur. Das erhöhte die Chancen, dass der Körper das fremde Organ annahm. Nach zahlreichen Fehlschlägen gelang 1954 die erste, auch langfristig erfolgreiche Nierentransplantation bei eineiigen Zwillingen mit fast identischem Immunsystem.
1958 fand man ein erstes Mittel zur Unterdrückung der Abwehr, Organübertragungen wurden erfolgversprechender. Am 3. Dezember 1967 setzte Christiaan Barnard in Kapstadt das erste Herz eines Unfallopfers in die Brust eines Todgeweihten – und leitete eine neue Kontroverse ein: Wann ist ein Mensch überhaupt tot? Wurde das Herz nicht einem Sterbenden entnommen? Markierte bis dahin der Herzstillstand das Ende eines Lebens, so wurde der Körper nun durch das Abschalten des Hirns zur Leiche. Das Herz schlägt, aber der Patient wird für tot erklärt. Die Organe werden einem scheinbar lebenden Leichnam entnommen, der künstlich beatmet wird, warm und durchblutet ist. Die meisten Länder änderten ihre Definitionen und akzeptierten den Hirntod.
Der Bedarf an Organen wächst
Bald wurden marode Herzen, Nieren, Lebern routinemässig verpflanzt. Die Transplantationschirurgie wird ein Opfer ihres Erfolgs: Der Bedarf an Organen wächst – der Nachschub lässt zu wünschen übrig. Die Götter in Weiss können sich zunehmend als Götter fühlen, weil sie mit der Organzuteilung wirklich über Leben und Tod entscheiden: Welcher Todgeweihte bekommt das nächste Herz? Die Organknappheit führt zu Wartelisten. Zu viele Sterbenskranke hoffen auf ein Organ, zu wenige möchten sich in ihrer Totenruhe stören lassen. Dabei könnten sie als Organbank dienen für Augäpfel, Hirnhaut, Hornhaut, Innenohr, Luftröhre, Herz, Lunge, Leber, Darm, Knorpel, Knochenmark. Die Verteilkämpfe werden härter.
Der Mangel an Rohstoffen treibt einerseits die Forschung an bei der Suche nach Alternativen; anderseits führt er zum schwunghaften Handel mit Organen. Beide Auswege sind umstritten, die Diskussionen gepflastert mit Horrorgeschichten um skrupellose Zwangsentnahmen durch kriminelle Elemente und durch Frankensteins neue Monster, die von Forschern in Labors gezüchtet werden.
Ein Herz wie eine Grapefruit
Kaum umstritten sind künstliche Ersatzteile aus verträglichen Kunststoffen: Sie machen die Medizin unabhängig von Spenden. Herzschrittmacher haben sich ebenso bewährt wie Hüftgelenke aus Titan oder Zähne aus Porzellan. Das erste Herz aus Kunststoff und Titan schlägt unter dem Namen Abiocor in einer menschlichen Brust. Es ist so gross wie eine Grapefruit – zu gross für Frauen. Doch es wurde männlichen Patienten eingesetzt, die kaum mehr als einen Monat zu leben hatten. Proteste sind kaum zu vernehmen.
Ebenfalls in Grenzen hält sich der Protest dort, wo eigenes Zellmaterial des Patienten ausserhalb seines Körpers im Labor nachgezüchtet wird. Zum Beispiel wenn ein Hautlappen dazu dient, Ersatzgewebe für nicht heilende Wunden zu züchten. Ist dieses dann zu neuer Haut gewachsen, wird sie zurück auf den Patienten übertragen. Da wird der Selbstheilung einfach nachgeholfen – ohne Stammzellen und Embryonen.
Hirnzellen oder Zellen von inneren Organen aber lassen sich nicht so leicht im Labor züchten – sie brauchen zum Wachsen beispielsweise Stammzellen. Je jünger die Stammzellen, desto wandlungsfähiger sind sie. Embryonale Stammzellen sind Alleskönner, in ihnen wächst, was Chirurgen an Organgewebe brauchen können.
Kranke haben wenig Bedenken
Erwachsene Menschen haben wandlungsfähige Stammzellen nur noch in Gehirn und Knochenmark. Da drängt es sich auf, die Stammzellen anderswo zu gewinnen, zum Beispiel bei abgetriebenen Föten oder aus Nabelschnurblut. Das wirft weitere Fragen auf: Sind die überzähligen Embryonen, die im Labor für die Schwangerschaft eines kinderlosen Paars erzeugt wurden, geschützt? Ist es mit der Menschenwürde vereinbar, Embryonen für Forschungszwecke zu brauchen? Ist der Handel mit abgetriebenen Föten zulässig? Darf man «Designer-Babys» züchten oder gar Kinder als Ersatzteillager für kranke Geschwister in die Welt setzen?
Wo Menschenmaterial zur Züchtung der Rohstoffe verwendet wird, wehren sich vor allem religiöse Kreise. Moralische Skrupel und ethische Bedenken werden mit Standortargumenten aus dem Feld geschlagen, weil Forscher in England oder in den Vereinigten Staaten nicht von Embryonenschutzgesetzen gebremst werden. Kranke habe wenig Verständnis für ethische Bedenken. Sie hoffen.
Auch die Übertragung tierischer Organe und Gewebe auf den Menschen ist möglich, aber Tierschützer bekämpfen die Forschung an den Zuchtobjekten ohne Stimme: den Tieren. Die Xenotransplantation, bei der die Organe von – eventuell genetisch manipulierten – Tieren auf Menschen übertragen werden, ist unabhängig von menschlichen Spenden.
Besonders geeignet für die Übertragung von lebens- und funktionstüchtigen Zellen zwischen verschiedenen Spezies ist das Schwein – Schwein und Mensch sind genetisch nahe verwandt. Im Experiment mit Tieren hat sich das Austauschverfahren bereits bewährt: Affen, die bei Versuchen als Menschenersatz dienen, erhielten Herzen und Nieren von genetisch veränderten Schweinen, und sie überlebten.
Bei der Transplantation von Schweineorganen auf Menschen kämpft die Forschung noch gegen akute Abwehrreaktionen. Aber Menschen, die an Parkinson leiden, können sich dank frischen Schweinezellen im Hirn über deutlich verbesserte Lebensqualität freuen. Gleichwohl sind viele Experten skeptisch – nicht nur, weil eine evolutionäre Barriere überschritten wird. Sie befürchten, dass unentdeckte Viren in die Patienten getragen werden und sich epidemieartig ausbreiten. Die genetischen Grenzen zwischen den Arten waren bisher ein Schutz gegen die Verbreitung von Seuchen. Das gilt nicht mehr.
Leben schaffen, um es zu vernichten
Was tun? Abstossreaktionen und Infektionsgefahren liessen sich durch geklonte Doppelgänger reduzieren, das heisst durch individuell hergestellte Embryokopien aus den Körperzellen eines Patienten. Aus dem geklonten Embryo könnten Stammzellen entnommen und ein funktionsfähiges Organ nachgebaut werden – die malträtierte Leber eines Alkoholikers wird durch eine frische ersetzt. Aber dazu müsste man Leben schaffen, um es wieder zu vernichten. Eine Horrorvision. Klonen ist daher in den meisten Ländern verboten.
Der bekannte Medizinkritiker Walter Krämer von der Universität Dortmund spricht von einer «Explosion des Machbaren» und schreibt: «Der moderne Arzt muss sich heute fühlen, wenn nicht wie Gott, dann zumindest wie sein Erzengel. In seiner Macht stehen Leben und Tod. Er operiert ungeborene Säuglinge noch im Mutterleib, lehrt Taube wieder hören und Blinde wieder sehen und programmiert verletzte Hirne neu.» Es darf mit Fug und Recht bezweifelt werden, ob das immer zum Wohl des Patienten ist. So kritisiert der renommierte französische Handchirurg Guy Foucher die Verpflanzung von Händen: «Statt eines gesunden Mannes mit einer Hand hat man jetzt einen Kranken mit zwei Händen.»