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Gescheiterte Revolutionen werfen stets die Frage auf, ob nicht alles anders hätte ablaufen können. War die Niederlage unausweichlich, oder hätte unter günstigeren Umständen eine Chance auf Erfolg bestanden? Wie in anderen Fällen historischer Traumata, sind die Ungarn mit der fehlgeschlagenen 1956er Revolution bis heute nicht fertiggeworden. Bis vor kurzem glaubte die öffentliche Meinung im Grundsatz, eine Gelegenheit sei damals vertan worden, und zwar weil die erhoffte Hilfe aus dem Westen ausblieb. Entsprechend drehten sich spätere Überlegungen immer darum, was vor allem die Vereinigten Staaten hätten tun können und tun müssen, um die Ungarn zu unterstützen. Angesichts der in jener Periode massiven amerikanischen Propaganda für die Befreiung «versklavter Nationen», durfte die damalige ungarische öffentliche Meinung wohl mit einer gewissen Berechtigung – zumindest aus moralischer Sicht – von konkreter westlicher Hilfestellung irgendwelcher Art ausgehen. Eine heute, mit mehr Abstand unternommene Analyse dagegen ist nicht mehr frei, jene übergeordnete internationale Lage auszublenden, die letztlich entscheidend war. Den USA fehlten damals die politischen Druckmittel, um die Sowjetunion zum Verzicht auf Ungarn zu zwingen, und eine wie auch immer geartete westliche militärische Intervention hätte nach aller Wahrscheinlichkeit zu einer direkten Konfrontation der Supermächte und zu einem dritten Weltkrieg geführt.
Daraus folgt, dass die Ereignisse in Ungarn in Wirklichkeit nicht vom Westen abhingen, sondern von der sowjetischen Reaktion auf die politische Krise, die am 23. Oktober 1956 ausgebrochen war. Dass Tito in einer Rede vom 11. November die erste sowjetische Intervention vom 24. Oktober als Fehler bezeichnete, ist allgemein bekannt. Um so mehr erstaunt, wie wenig Aufmerksamkeit bei der Beurteilung damaliger Wahrscheinlichkeiten oftmals die Tatsache erhalten hat, dass den Sowjets (und nur den Sowjets) am 23. Oktober eine wirkliche Wahl offenstand, dass sie also in jenem Augenblick auch anders hätten entscheiden können.
So wäre es den Sowjets durchaus möglich gewesen, im Falle Ungarns das polnische Drehbuch zu reaktivieren. Und in der Tat, in der Sitzung des Präsidiums der KPdSU vom 23. Oktober formulierte Mikojan – nicht nur mit den ungarischen Verhältnissen wohlvertraut, sondern auch der einzige diesbezüglich sachkundige Sowjetführer – mit aller Klarheit die Alternative: «Ohne Nagy ist die Bewegung nicht unter Kontrolle zu bringen, und darüber hinaus ist es für uns auch kostengünstiger. […] Was haben wir zu verlieren? Die Ungarn werden die Ordnung aus eigenem Antrieb wiederherstellen. [Wenn unsere Truppen eingreifen, ruinieren wir die ganze Sache zu unserem eigenen Schaden.] Wir sollten erst zur Politik, erst dann zur Truppe greifen.» Nach der Lage der Dinge verkörperte Mikojans Vorschlag die einzige rationale Alternative, doch stand er im Präsidium damit allein.
Seit 1953 war die sowjetische Führung in den wichtigsten internationalen Fragen pragmatisch vorgegangen; im Falle der polnischen Krise war sie durchaus zum Verzicht auf eine militärische Intervention fähig gewesen, obschon die Reflexe des Kalten Krieges, aber auch ältere, ideologische und emotionale Reflexe nach einer solchen geradezu riefen. Im Falle Ungarns erwies sie sich zu ähnlich kaltblütigem Zusehen ausserstande. Chruschtschow und seine Genossen entschieden sich für die – auch aus Sicht ihrer eigenen Interessen – politisch schlechtestmögliche Lösung und setzten genau jenen Prozess (den einzigen antisowjetischen Befreiungskampf in der Geschichte des Kalten Krieges) und jene misslichen Konsequenzen in Gang, die sie mit ihrem militärischen Schnellschuss zu vermeiden gehofft hatten.
Wir werden nie wissen, welchen Weg die Ereignisse in Ungarn genommen hätten, wäre die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung der ungarischen Regierung und ihren Streitkräften überlassen geblieben. Vieles spricht dafür, dass in diesem Fall die reelle Chance einer Konsolidierung bestanden hätte, der Verwirklichung einer beschränkten, aber rasch eingeführten politischen Reform wie in Polen, von den Sowjets toleriert als akzeptable Lösung, die ihre grundlegenden strategischen Interessen gewahrt hätte. Man würde dann heute nicht vom ungarischen Volksaufstand von 1956 sprechen, sondern vom Durchbruch oder Sieg der reformkommunistischen Schule.
Genau so gut ist aber vorstellbar, dass Imre Nagys Regierung einer Radikalisierung nicht mehr hätte zuvorkommen können und dass innert Tagen oder Wochen der Sowjetunion doch keine andere Wahl geblieben wäre, als den Aufstand mit militärischen Mitteln zu unterdrücken. In diesem Fall aber hätte sie mit Recht geltend machen können, dass sie selber nach Kräften eine friedliche Lösung gesucht hätte und daher für das Scheitern nicht verantwortlich zu machen sei. Man kann daher ohne Übertreibung sagen, dass im Umgang mit Krisen in Mittel- und Osteuropa zwischen 1953 und 1981 – und aus Sicht ihrer eigenen imperialen Interessen – die Entscheidung der Sowjets vom 23. Oktober die einzige vollständig verfehlte war – mit Ergebnissen, die den beabsichtigten dia-metral zuwiderliefen. Das bedeutet gleichzeitig, dass die militärische Invasion vom 4. November die logische und unvermeidliche Konsequenz der ursprünglichen Fehlentscheidung war. Denn die erste sowjetische Intervention vom 24. Oktober dynamisierte die Ereignisse in Ungarn derart, dass sie – im Gegensatz zu Polen – von einem gewissen Moment an ausser Kontrolle von Politik und Behörden gerieten. Als Folge wurde der Zerfall des ungarischen kommunistischen Systems bis Ende Oktober immer augenfälliger, was den ganzen Zusammenhalt des Sowjetblocks direkt gefährdete. Und von jenem Punkt an blieb den Sowjets keine andere Möglichkeit als die militärische Repression.
Während ältere wie neuere Analysen zum Thema die entscheidende Rolle der ersten sowjetischen Invasion kaum oder gar nicht berücksichtigen, hat die Veröffentlichung der sogenannten Malin-Aufzeichnungen in den letzten Jahren eine generelle Neubeurteilung der Sowjetpolitik rund um den ungarischen Volksaufstand nach sich gezogen. Diese inoffiziellen, aber aussagekräftigen Notizen zu den Präsidiumsbesprechungen der KPdSU gewähren neue und faszinierende Einblicke in die sowjetischen Diskussionen rund um die Lage in Ungarn – und sie bestätigen, dass es heftige Diskussionen auch tatsächlich gab.
Gleichzeitig ist zu unterstreichen, dass sich in diesen Aufzeichnungen keinerlei Hinweis findet, woraus zu entnehmen wäre, dass auch nur ein einziges Mitglied der sowjetischen Führung willens gewesen wäre, die Veränderungen in Ungarn samt ihren zunehmend drastischen Konsequenzen hinzunehmen. Nur, sollte das erstaunen? Man erinnere sich allein der bekannten Tatsache, dass in der Nacht vom 1. auf den 2. November auf der Insel Brioni Tito persönlich mit einer sowjetischen Invasion einig ging und diese später sogar öffentlich als unausweichlich bezeichnete. Er tat dies, obschon niemand ausser ihm ein grösseres Interesse am Aufstieg des Nationalkommunismus und damit, zumindest in diesem Zusammenhang, an einer Unterstützung der Nagy-Regierung haben konnte. Wenn sogar Tito, nach seiner ursprünglichen Parteinahme für die ungarische Sache, die Diktatur des Kommunismus in Ungarn – zutreffenderweise – in Gefahr sah, dann wäre es doch merkwürdig gewesen, wenn die sowjetischen Führer weniger Konsequenz an den Tag gelegt hätten als die jugoslawischen, nachdem sie in der Vergangenheit im besten Fall nur viel bescheidenere Veränderungen akzeptiert hatten.
Sollte also 1956 eine historische Gelegenheit verpasst worden sein, war es meines Erachtens keinesfalls diejenige, dass sich die Sowjets zu einem Aufgeben Ungarns hätten bereitfinden können. Vielmehr liesse sie sich etwa wie folgt umschreiben. Wäre die Nagy-Regierung am 30. Oktober dank irgendeines Wunders imstande gewesen, den rasanten Demokratisierungsprozess abzublocken, hätte die Sowjetführung in einen Rückzug ihrer Truppen aus Ungarn eingewilligt: eine grössere Konzession als irgendeine im Verlauf der polnischen Krise. Das bedeutet, dass Moskau unter dem Einfluss des ungarischen Volksaufstandes in der Tat zu einem nie dagewesenen Zugeständnis an einen Satellitenstaat bereit war – bereit, ein Vorrecht innerer wie äusserer relativer Unabhängigkeit für Ungarn zu gewähren.
Die wissenschaftliche Ausarbeitung dieses Artikels wurde unterstützt von der Forschungsgruppe für die Geschichte und Dokumentation der ungarischen Revolution von 1956, von der Széchenyi-Nationalbibliothek sowie von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Die Übertragung aus dem Englischen besorgte Reinhart Fischer.