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Welturaufführung in Freiburg
Jürg Federspiels Stück «Die Märchentante» wird zum ersten Mal gespielt
Das Talman-Ensemble schreibt Theatergeschichte: Anfang November bringt es ein noch nie gespieltes Werk Federspiels im Theater Espace Moncor auf die Bühne. Zwei Wochen später führt es im Espace Jean Tinguely – Niki de Saint Phalle einen 12-Stunden-Theatermarathon durch.
Von ELISABETH SCHWAB-SALZMANN
Jürg Federspiel gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschsprachigen Literatur. Mit seinem Tagebuch über das Leben in New York, «Museum des Hasses», erreichte er 1969 Weltruf. Er landete als einziger Schweizer Schriftsteller mit seiner «Ballade von der Typhoid Mary» 1982 auf der amerikanischen Bestseller-Liste. Vor vier Jahren sah er Niklaus Talman im Stück «Enigma» von Schmitt und erzählte ihm von seinem Stück «Die Märchentante». Damit war die Grundlage zur Welturaufführung in Freiburg gelegt. Am kommenden sechsten November ist es so weit. Unter der Regie von Talman spielen der Mitbegründer des Talman-Ensembles, Luc Spori, zusammen mit Martin Maurer, Erich Furrer, Claudia Fäs und Sibilla Semadeni (die die Märchentante spielt) das Werk, das eigentlich gar nichts Märchenhaftes an sich hat.
Krieg ohne Aussicht auf Frieden
Im Stück dreht sich alles um eine Person, vielleicht ist damit auch Gott gemeint, die nie sichtbar wird, die man aber immer wieder sprechen, heulen, lärmen hört. Der unsichtbare «Chef», Kneipenbesitzer oder Allmächtige wird umworben. «Es geht allen darum, die Liebe und Gunst von ihm zu gewinnen», erklärt Spori. Krieg wird angesprochen, welcher bleibt offen, auch der Weltuntergang könnte es sein. Assoziationen zu Becketts «Warten auf Godot», zu Gogols Nachtasyl und zu Sartre-Texten sind möglich.
Die fünf Schauspieler bewegen sich in einem Mikrokosmos. Die Bar könnte überall auf der Welt sein. Spori als Philosoph, Fäs als Hulda, die Säuferin und Hure, Maurer als Kellner, Furrer als Robert, Bruder vom Kellner, und Semadeni als Irma warten auf das Ende eines Krieges.
Eigentlich sei kein Frieden in Aussicht gestellt, sagt der Regisseur. Der Tod sei die Erlösung. Dass das Stück «Die Märchentante» aber kein Trauerstück wird, dafür sorgt der eingestreute Humor. «Ein Stück kann noch so tragisch sein, es muss einfach die humorvolle Komponente enthalten», so Talman. Musik wird eine wichtige Rolle spielen, Jazz, französische Chansons etc. ertönen aus einer authentischen Jukebox. Das Bühnenbild besticht schon lange bevor darin gespielt wird. Brutus Luginbühl gestaltete einen Eisenleuchter, der seinesgleichen sucht. Ebenso fertigte er ein Bar-Interieur, das vielleicht in seiner ganzen Grösse in kein anderes Theater passen wird. Das Theater wird in deutscher Sprache aufgeführt, parallel zur Handlung werden französische Texte projiziert.
Vielleicht ein Eintrag
im Guinness-Buch
Als «Kunst in der Kunsthalle» eigne sich die einmalige Aktion, die sich die beiden Theaterleiter, Talman und Spori, zusammen mit Felix Bertschin ausgedacht haben, ausgezeichnet. Am 22. November 2003 spielen die drei Schauspieler während zwölf Stunden ununterbrochen Theater. «Zwölf Stunden nonstop» heisst die Aktion. Sie beginnt am Mittag und endet um Mitternacht. Neunmal aneinander gereiht führen die Männer dasselbe Stück auf. Yasmina Reza schrieb das Theaterstück mit dem Namen «Kunst». Eine Freundschaft wird auf die Probe gestellt. Eine herbe Diskussion entfesselt sich, als einer seinen zwei Freunden erzählt, er kaufe sich ein komplett weisses Bild für 200 000 Franken.
Der Anfang und das Ende der Aufführung sind identisch. Wie sich die Schauspieler fit halten werden, verraten sie nur ansatzweise: «Wir bestellten eine Unmenge Red-Bull, das wird uns helfen». Auf jeden Fall habe man die Aktion bei den Verantwortlichen des Guinness-Buches der Rekorde angemeldet. Bisher wurde noch nie ein 12-Stunden-Theatermarathon aufgeführt.
Die Theaterbesucher kaufen sich ein Eintrittsbillett und können so lange zusehen, wie sie mögen. Das Beste komme vielleicht gegen Ende des Theatermarathons, dann nämlich, wenn vor lauter Texten gar nichts mehr so sei wie am Anfang, spekulieren die Schauspieler.
Die Details
«Die Märchentante» wird im Theater Espace Moncor gespielt. Premiere ist am 6. November um 19 Uhr. Aufführungsdaten: 7., 8., 13., 14., 15. November. Das Stück wird in Deutsch gespielt mit laufenden Textprojektionen in Französisch.
Der «Kunst-Marathon» wird im Espace Jean Tinguely – Niki de Saint Phalle aufgeführt. Er beginnt am 22. November um 12 Uhr und endet um Mitternacht.
Reservationen für beide Aufführungen beim Theater Espace Moncor, Villars-sur-Glâne, Tel.: 026 401 99 22. ess