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Im Juni 1995 kaufte ich bei einem Fachhändler in Kiel nach längerer
Überlegung ein Gerät der Firma Siemens. Ausschlaggebend
war unter anderem der deutsche Hersteller und daher die
Vermutung, daß ich im eventuellen Reparaturfall einen
schnellen und zuverlässigen Service in Anspruch nehmen könnte. Ich sollte ein blaues Wunder erleben...
Natürlich wurde das Gerät zu Hause sofort ausgepackt
und nach einer flüchtigen Lektüre der übrigens sehr
guten Bedienungsanleitung in Betrieb genommen. Die
Bedienungselemente sind gut durchdacht, die Bedienung des
Gerätes ist daher schnell zu erlernen.
Dann wurden die einzelnen
Wellenbereiche geprüft. Als Referenzempfänger diente
ein kleiner Precision 5612 mit Digitalanzeige und PLL.
Erste Eindrücke: Langwelle: prima! Gute Trennschärfe,
gute Empfindlichkeit und aufgrund des großen
Lautsprechers und des guten NF-Teils eine gute, bei
starken Sendern sogar sehr gute Wiedergabe. Mittelwelle:
siehe Langwelle.
Kurzwelle, und darauf kommt es ja an: pfui! Während der
kleine Referenzempfänger mir gleich einige Dutzend
Sender ins Haus brachte, präsentierte mir der Siemens
lediglich drei Stationen, u.a. die Deutsche Welle auf
6075 kHz in atemberaubend schlechter Qualität.
Auch der UKW-Teil hatte eine kleine Macke. Gute
Empfindlichkeit, mässige Trennschärfe und sehr gute
Wiedergabe - aber leider kein Stereoempfang mit dem Kopfhörer.
Nach zwei Tagen vergeblicher Fehlersuche brachte ich das
Gerät zum Verkäufer zurück, der mir die festgestellten
Mängel prompt bestätigte. Er müsse es zum Hersteller
einsenden, sagte er.
Eine Nachfrage nach zwei Wochen ergab folgendes: Fehler
gefunden (HF-Stufe defekt), Ersatzteil in Taiwan
angefordert, bitte noch ca. 2 Monate gedulden. Taiwan? 2
Monate warten? Nun erfuhr ich, daß der Empfänger
lediglich von Siemens entwickelt wurde, aber in Taiwan
von der Firma Sangean hergestellt wird. Dann hätte ich
doch vielleicht gleich ein japanisches Produkt kaufen
sollen?
Aber um sachlich und fair
zu bleiben, der Siemens-Service beseitigte alle Fehler
bereits beim ersten Versuch und überschritt die
zugesagte Wartezeit nur unwesentlich. Unschön war
allerdings der Kratzer auf dem Display, die dann fehlende
Wurfantenne und die Tatsache, daß bei der Langwellen-
Abstimmung mit den Tasten "Auto-Scan" eine um 2
kHz zu hohe Frequenz eingestellt wird. Aber speziell bei
Langwelle ist das nicht so gravierend, da man diesen
Mangel mit der Feinabstimmung problemlos überspielen
kann, ausserdem kann man die Sender aus den Speichern (9
Memories auf Langwelle) abrufen.
Bezüglich des Kratzers und der fehlenden Antenne bekam
ich vom Fachhändler Ersatz, und wegen des geringen
"Restmangels" wollte ich das Gerät nicht noch
einmal auf unbestimmte Zeit entbehren. Der Kieler Fachhändler
hat sich im übrigen sehr hilfsbereit gezeigt, so wurde
mir spontan ein Leihgerät als Ersatz angeboten. Außerdem
war er einmal in Berlin beim Siemens-Service, um sich
nach dem Fortgang der Reparaturarbeiten zu erkundigen.
Nun konnte ich endlich auch die Kurzwelle testen. Mein
Eindruck ist, daß das Gerät bei guter Empfangssituation
eine ganze Menge leistet. Die Wiedergabe stärkerer
Sender (DW, VoA, BBC, RÖI und Radio Norway, um nur
einige zu nennen) ist mit sehr gut zu bezeichnen, wobei
man allerdings den Tonregler und den Regler "RFGain"
relativ weit aufdrehen sollte. Der HF-Abschwächungsregler
ist übrigens nur im Kurzwellenbereich von 1711 bis 29995
kHz aktiv und nur bei stärkeren Stationen, die deutlich
durch schwächere Sender gestört werden, sinnvoll
einzusetzen.
Die Trennschärfe ist bereits in der Schalterstellung
"AM wide" recht ordentlich, die Umschaltung auf
"AM narrow" bringt nur selten eine deutliche
Trennverbesserung. Allerdings leidet die Wiedergabe spürbar.
Bei Trennschärfeproblemen ist es oft besser, sich in
Richtung des ungestörten Seitenbandes "abzusetzen",
was bei LW, MW und KW in 1-kHz-Schritten möglich ist.
Die Teleskopantenne bringt bei schwächeren Sendern nur mässige Ergebnisse, hier kann die mitgelieferte Wurfantenne oft
eine deutliche Verbesserung bewirken. Hierzu eine Frage
an die Leser: Hat jemand Erfahrung mit dem Einsatz einer
Aktivantenne (z.B. AN-1 von Sony oder FRA-7700 von Yaesu)
an diesem Gerät? Über Zuschriften würde ich mich sehr
freuen. Zum SSB-Empfang läßt sich sagen, daß stärkere
Sender wie z.B. Norddeich Radio auf 2614 kHz recht gut
wiedergegeben werden, wobei die Einstellung mit dem BFO
doch ein erhebliches Fingerspitzengefühl erfordert.
Sonst pfeift es lustig, oder Donald Duck spricht zu uns...
Nach den Anfangsproblemen
bin ich mittlerweile mit dem Gerät sehr zufrieden. Es übertrifft
die Empfangsergebnisse meiner sonstigen Kofferradios auf
Kurzwelle im erwarteten Umfang und ist auch auf den
anderen Wellenbereichen "zu Hause". Zu seinen
Stärken gehören ohne Frage die einfache und logische
Bedienung und die wirklich gute Wiedergabe.
Das ansonsten gute Display mit dem recht brauchbaren S-Meter
(7-stufig) und allen nötigen Anzeigen (Frequenz,
Wellenbereich, bei KW Angabe des Meterbandes, Uhrzeit und
sonstige Betriebszustände) leistet sich leider eine Schwäche.
Mit dem Blickwinkel von schräg oben läßt es sich
aufgrund fehlenden Kontrastes schlecht ablesen. Abhilfe
kann man nur dann schaffen, wenn man das Display von schräg
unten beleuchtet oder besser, wenn man es gleich geneigt
aufstellt. Diesen Mangel kann auch die
Hintergrundbeleuchtung nicht beseitigen. Sie schaltet
sich übrigens nach knapp 15 Sekunden wieder ab, egal, ob
man möchte oder nicht.
Als Fazit läßt sich
feststellen, daß der Siemens RK 765 trotz einiger
kleiner Schwächen ein ordentliches Gerät ist. Das Preis-Leistungs-Verhältnis
stimmt auf jeden Fall. Heute würde ich allerdings dem
Siemens RK 770 (entspricht dem RK 765, hat aber zusätzlich
ein Cassettenteil) den Vorzug geben.
Karl Thomas Oberem,
Neuenbrooker Weg 11, 24250 Warnau, Tel.: 04302-9172