Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03583.jsonl.gz/1706

News
Gene Tunney: Ungeschlagener Schwergewichts-Champ
08.01.2012 - Das Sesquicentennial Stadium in Philadelphia ist ausverkauft, als im „Kampf des Jahrhunderts“ Gene Tunney gegen Schwergewichtsweltmeister Jack Dempsey antritt. 120.000 Zuschauer haben am 23. September 1926 Einlass ins Stadion gefunden und harren bis zur zehnten Runde auch im Regen aus.
Nur 10 Runden hat Dempsey, „The Mankiller“, vertraglich festlegen lassen. Und Dempsey hat’s richtig gemacht, denn 15 Runden hätte er niemals aufrecht überstehen können. Nun kommt er zumindest über die Runden, wenngleich auch völlig entkräftet und ausgelaugt. Gene Tunney gewinnt klar nach Punkten und ist neuer Weltmeister im Schwergewicht. Er wird die Krone zwei Jahre später ungeschlagen abgeben, neben Rocky Marciano als einziger Titelträger.
Vorbereitung, Kampf, Weltmeister
Tunney bereitet sich mit nahezu „wissenschaftlicher“ Präzision auf diesen Kampf vor, die zu dieser Zeit äußerst ungewöhnlich ist. Als Sparringspartner sucht er sich Schwergewichtler, die bereits mit Dempsey im Ring gestanden haben. Vor dem Kampf boxt er gegen Leute, die mit Dempsey Erfahrungen hatten, z.B. Tommy Gibbons, der 1923 gegen Dempsey angetreten war und nur knapp verloren hatte.
Der Kampf gegen Dempsey platzt fast, als Tunney zum Wiegen mit dem bekannten Piloten Casey Jones fliegt und luftkrank wird. Beim Wiegevorgang sieht er kränklich aus, was einige Beobachter so interpretieren, als habe er Angst vor dem bevorstehenden Kampf gegen Dempsey. Unmittelbar vor Kampfbeginn sucht ihn – so sieht’s das Regelwerk vor – der Ringrichter in der Kabine auf und erklärt ihm vor seinem Abgang, dass er „keine Klagen“ bei einer Niederlage hören wolle. Tunney interpretiert die Aussage des Ringrichters als persönlichen Angriff, ist empört und erwidert, er solle auf der Stelle zu Dempsey gehen und ihm das gleiche sagen.
Im Kampf selbst wendet Tunney das an, was ihn auszeichnet: Er boxt abwartend, ist auf den Beinen beweglich und geht auf Distanz zu Dempsey. Aber: Schon früh trifft er Dempsey hart am Kopf und schüttelt ihn durch. Er weiß nun, dass er diesen Kampf gewinnen wird, muss aber in der sechsten Runde einen harten linken Haken am Hals hinnehmen. Tunney zermürbt Dempsey in den folgenden Runden und gewinnt deutlich nach Punkten.
Jugend
James Joseph „Gene“ Tunneywird am 25. Mai 1898 in einem Vorort New Yorks, in Greenwich-Village, geboren. Sein Vater ist ein Hafenarbeiter, der aus Irland eingewandert war. Gene beteiligt sich als Junge an den Straßenkämpfen im Ort, ist aber weniger an Boxen interessiert, eher an der Leichtathletik. Er ist ein guter Sprinter, schwimmt aber auch wettkampfmäßíg, fährt Rad und angelt. Berufswunsch ist für ihn Rechtsanwalt. Dieses Berufsziel kann er aber nie erreichen. Schon sehr früh liest er auch klassische Literatur. Bekannt ist seine spätere Freundschaft zum irischen Dramatiker Georg Bernhard Shaw. Immer hat er ein Buch dabei, wo er sich auch aufhält. Er besucht Kurse an der Uni und arbeitet zunächst als Laufbursche bei einer Reederei, wird hier aber von seinen Vorgesetzten geschätzt und verdient dann vergleichsweise gut. Gene beginnt mit dem Boxtraining und wird zunächst Amateur.
„The Fighting Marine“
Bereits im Jahre 1915 wird er Profi. Sein erster Profikampf im Halbschwergewicht findet am 02. Juli 1915 (manche Quellen sprechen auch vom 03.07.) in New York gegen Bobby Dawson statt. Zeitungsquellen berichten von einem TKO-Sieg in der sechsten Runde. Andere von einem TKO-Sieg in der achten Runde: Dawson habe nach einem Niederschlag in der siebten Runde nicht mehr den Kampf fortsetzen wollen. Von einer offiziellen Boxberichterstattung – und Statistik kann in dieser Zeit keine Rede sein. Bis ins Jahr 1918 berichten die Quellen von etwa 11-13 Kämpfen. Von einer gesicherten Quellenlage über die genauen Kampfverläufe kann man für diesen Zeitraum kaum ausgehen.
Gegen Ende des Ersten Weltkriegs schließt er sich dem US-Marinekorps an. Sein offizieller Kampfname „The Fighting Marine“ rührt daher. Er braucht nicht an die Front, sondern wird in der Soldatenbetreuung als Boxer eingesetzt. Schon zu dieser Zeit vertieft er sich in Analysen seiner Kämpfe, verbessert seine beobachteten Fehler und lernt täglich hinzu. Seine Trainer helfen ihm dabei, aber er selbst legt Wert darauf, selbstständig in seinen Entscheidungen zur Vorbereitung und zu den Trainingsstrukturen zu bleiben. Er meint, dass Trainer häufig zu wenig über ihre eingeschnitzten Trainingssysteme hinaus denken und weniger die individuellen Fähigkeiten eines Boxers einschätzen und weiter voranbringen. „Auch Kunstmaler produzieren nicht immer das selbe Bild“, äußert er einmal. Er hat sich als eine Trainingseinheit beispielsweise angewöhnt, über eine festgelegte Zeit möglichst schnell rückwärts zu laufen, um seinen Gleichgewichtssinn zu schulen und verstärkt zu lernen, beim Kampf im Rückwärtsgang schnelle Ausweichbewegungen hinzubekommen. Solche Trainingsansätze sind den damaligen Boxbetreuern unbekannt. Sie sehen eher die Gefahr, dass er sich bei diesen Versuchen verletzt, lernen dann aber, dass ein solches Training durchaus erfolgsversprechend sein kann. Nicht zu Unrecht wird Tunney als „Wissenschaftler im Ring“ gesehen.
Gegen Ende des Ersten Weltkriegs wird er im US-amerikanischen Expeditionskorps Meister im Halbschwergewicht und kämpft unter anderem im Frankreich, später aber auch in Deutschland. Nach dem Krieg ist er zunächst arbeitslos, entschließt sich aber dann, weiter als Profi mit Boxen seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ziel: Weltmeister im Schwergewicht. Und Weltmeister ist seit 1919 Jack Dempsey.
Der Weg zum Weltmeister
Seine Kämpfe nach dem Krieg in den USA sind erfolgreich. Er siegt nicht selten entscheidend, meint aber nach einer zweijährigen Anlaufzeit, dass die Härte seiner Hände nicht ausreichend sei, um bei höheren Aufgaben zu bestehen. Hinzu kommt, dass seine Hände verletzungsanfällig sind. Er pausiert vom Boxen. Und geht für vier Monate zu den Holzfällern, haut dort reihenweise die Bäume um. Anschließend verdingt er sich als Straßenarbeiter. Er selbst sagt, dass er nach sechs Monaten Hände, so hart wie Stahl, habe, ist aber der Ansicht, dass sein Gewicht noch zu hoch sei und unternimmt ein tägliches Konditionsprogramm, gewürzt mit einer Diät.
Im Halbschwergewicht besiegt er eine Reihe von Gegnern, bis er um die US-amerikanische Halbschwergewichtsmeisterschaft gegen Battling Levinsky am 13. Januar 1922 kämpft. Tunney siegt hoch nach Punkten. Allerdings: Schon vier Monate später, am 23. Mai 1922, verliert er den Titel gegen Harry Greb, „The Pittsburgh Windmill“, der ihn förmlich auseinandernimmt. Nur mit großer Mühe kann er den Kampf überstehen. Seine einzige Niederlage als Profi. Er ist völlig down, auch körperlich stark mit einem Nasenbeinbruch und erheblichen Augenbrauenverletzungen gezeichnet. Und analysiert akribisch seine Fehler, trainiert verbissen und tritt wenige Monate später erneut gegen Greb an, obwohl ihm Freunde von einer weiteren Karriere im Boxsport abraten. Zwischendurch kämpft er gegen einige Halbschwergewichtler der Weltspitze an, so z.B. Charley Weinert, Jack Renault, und gewinnt. Dann kommt die Revanche gegen die Windmühle, und er schlägt Harry Greb deutlich. Auch in drei weiteren Revanchekämpfen mit Greb setzt er sich klar durch. Im Juni 1924 siegt er gegen den Europameister im Schwergewicht, Erminio Spalla, mit TKO. Spalla hätte ihn aber zuvor fast ausgeknockt, als Tunney eine Zehntelsekunde unachtsam ist und aus dem Ring einen Bekannten entdeckt, der ihm zuwinkt. Und lernt: Lass niemals deinen Gegner aus den Augen.
Am 24. Juli 1924 kommt es gegen Georges Carpentier, den in dieser Zeit besten europäischen Halbschwer- und Schwergewichtler, zum lang erwarteten Kampf. Tunney hatte den Kampf auch deshalb angestrebt, weil Carpentier bereits gegen Dempsey angetreten war. Der Franzose leistet tapfersten Widerstand. Bis zur zehnten Runde führt er nach Punkten. Danach dreht Tunney das Kampfgeschehen. Schlägt den Franzosen mehrfach nieder. Als Carpentier in der 15. Runde aus der Ecke kommt, stoppt der Ringrichter den Kampf, weil Carpentier nach seiner Einschätzung nicht in der Lage ist, den Kampf weiter fortzusetzen. Tunney siegt durch TKO. Nach weiteren siegreichen Kämpfen, u. a. gegen den späteren Schmeling-Gegner Johnny Risko und Tommy Gibbons, dem er die einzige KO-Niederlage seiner Laufbahn bereitet, kann er endlich Jack Dempsey herausfordern.
Jack Dempsey, „The Mankiller“, ist seit 1919 durch einen TKO-Sieg gegen Jess Willard Weltmeister im Schwergewicht und Amerikas Superstar. Keiner kann es mit seiner Popularität aufnehmen. Sein Kampfstil unterscheidet sich diametral von dem Tunneys. Stets im Angriff, im Crouch in den Gegner hineinstoßend, bestreitet er seine Kämpfe. Tunney dagegen: berechnend, schnell auf den Beinen, zurückweichend, konternd, technisch versiert. Und er besiegt den Mankiller, wird Weltmeister (s.o.)
Der Rückkampf und „The Long Count“
In einer Qualifikation erboxt sich Dempsey das offizielle Recht, gegen Tunney erneut um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht anzutreten. Dempsey besiegt in einem Ausscheidungskampf Jack Sharkey, den späteren Weltmeister, durch KO in der siebten Runde. Am 22. September 1927, ein Jahr nach dem ersten Titelkampf, kommt es auf dem ausverkauften Soldiers‘ Field in Chicago vor 104.000 Zuschauern zum Revanchekampf. Es sieht wie ein Spiegelbild des ersten Kampfes aus: Tunney beherrscht den Gegner, technisch brillierend, schnell auf den Beinen und mit den Fäusten. Dempsey: Wie üblich im Tiefcrouch, tapfer in den Gegner stoßend, aber chancenlos. Dann aber bringt er einen harten Treffer an den Kopf Tunneys durch, bleibt am Mann, schlägt mehrfach zu, selbst als Tunney schon fast den Boden erreicht hat. Tunney liegt flach auf dem Boden, der Ringrichter beginnt aber nicht mit dem Zählvorgang, sondern will vorher Dempsey in die neutrale Ecke schicken. Tunney zieht sich langsam an den Seilen hoch, steht dann, aber erst nach real gezählten 14 Sekunden. Und übersteht mühsam die Runde. Der Ausdruck der „Langen Zahl“ ist geboren. Tunney gestaltet dann den Kampf wieder für sich, schickt Dempsey in der achten Runde fast auf die Bretter. Aber Dempsey lässt sich nicht ausknocken. An Tunneys klarem Punktsieg gibt’s aber nichts zu rütteln.
Tunney wird später befragt, wie er die Zeit am Boden, die „Lange Zahl“, selbst empfunden habe. Er antwortet, dass er ab „Vier“ wieder klargewesen sei und die restliche Zeit zur Erholung und zur Planung genutzt habe, um seine Fehler im weiteren Kampfverlauf gutzumachen. Tex Rickard, der bekannteste Promoter in den USA, will Dempsey zu einem dritten Kampf gegen Tunney bewegen. Doch der soll geantwortet haben, dass er sich nicht mehr zutraue, Tunney zu schlagen.
Der Rücktritt
Tunneys letzter Kampf findet am 26. Juli 1928, wiederum in Chicago, gegen Tom Heeney statt. Er siegt in der 11. Runde durch TKO. Und erklärt, als Titelträger ungeschlagen, seinen Rücktritt vom Boxsport. Seinen Rücktritt erläutert er aus einem Erlebnis beim Sparring: Nach einem Zusammenstoß mit den Kopf seines Sparringsgegners und einem folgenden schweren Kopftreffer leidet er kurze Zeit unter einer Gedächtnislücke. Da sei ihm die Gefährlichkeit des Boxens erstmals unmittelbar klar geworden.
Er selbst sagt später, dass er niemals einen Gegner „zertrümmern“ oder gar gesundheitlich schädigen wollte. Seine Auftritte im Ring waren immer fair, so wird es bezeugt, weshalb er auch als „Gentleman im Ring“ gesehen wurde. Von 87 Kämpfen beendete er 83 siegreich, davon 49 durch KO bei einer Niederlagen, zwei Unentschieden und einem Kampf ohne Wertung.
Nach seinem Rücktritt ist er als Mitglied in den höheren gesellschaftlichen Schichten der Vereinigten Staaten akzeptiert. Er heiratet eine Millionenerbin. Sein Sohn John Varick, eines von vier Kindern, wird in den siebziger Jahren Senator in Kalifornien.
Gene Tunney verstarb am 07. November 1978 mit achtzig Jahren.
Fazit
Gene Tunney ist einer der ersten Boxer, den man als präzise vorbereiteten Techniker sehen kann. Einer, der ständig seine Kämpfe analysierte, der aus diesen Analysen entsprechende Schlüsse zog und für die nächsten Kämpfe bereitstellte. Seine Schnelligkeit, seine ausgefeilte Technik und sein systematisch aufbauendes Training, das er zu einem erheblichen Teil selbstständig entwickelte, machte ihn zu einem Boxer, der auch nach heutigen Maßstaben boxerisch mithalten könnte. Beim „normalen“ Boxpublikum war er weniger beliebt. Dies bevorzugte Kämpfernaturen wie Jack Dempsey. Auch seine Ambitionen zur klassischen Literatur, seine kulturellen Liebhabereien, waren bestimmt nicht dazu angetan, ihn populärer zu machen; sie sind ihm sogar vorgehalten worden. Dennoch zählt er nicht nur wegen der Tatsache, ungeschlagen den Titel abgegeben zu haben, zu den Größten des Schwergewichts. Er hat das Boxen, speziell das Schwergewicht, weiter vorangebracht und zu einem „edlen Männersport“ entwickelt, wie Max Schmeling, der ihn bei seinem letzten Kampf gegen Heeney live im Stadion beobachten konnte, schrieb. Eins ist sicher: Gene Tunney gebührt ein herausragender Platz in der Geschichte des Boxsports.
http://www.boxen.de
Weitere News