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Trennungsreaktion und Trennungsstörungen
Im vorangegangenen Teil haben wir bereits erwähnt, dass die Trennungsreaktion ein wesentlicher Teil des Bindungskonzepts ist. Wenn ein Lebewesen nach der Trennung von einem Beziehungspartner keine erkennbare Reaktion zeigt, wird dies bereits als ein Hinweis auf eine zumindest nicht optimale, oftmals gar als eine distanzierte oder chaotische Bindung gewertet.
Text: Udo Ganslosser und Sophie Strodtbeck
Die distanzierte, auch vermeidende Bindung ist diejenige, bei der im Zusammenleben die beiden Beziehungspartner sehr wenig Kontakt miteinander haben und bei der der zurückgebliebene nach der Trennung kein deutliches Suchverhalten zeigt. Wie wir sehen werden, ist bisweilen bei vermeidenden Bindungen sogar das Gegenteil der Fall: Der Hund beschäftigt sich im Trennungstest in Abwesenheit seines Halters mehr mit dem Fremden als in Anwesenheit seines Halters.
Phasen der Trennungsreaktion
Eine Trennungsreaktion besteht immer aus mehreren Phasen, die nichts Anderes sind als die auf den Verlust des Partners ausgerichteten Phasen der allgemeinen Stressreaktion. Die erste Phase, als Protestphase bezeichnet, besteht darin, dass man den Partner überall sucht, sehr aktiv ist und durch Rufen und andere Formen der Kontaktaufnahme versucht, den Verlorengegangenen wiederzufinden.
Hormonell ist die Protestphase gekennzeichnet durch eine Erhöhung sowohl des Kampf- und Fluchtsystems mit dem Haupthormon Adrenalin wie auch, wenn auch etwas schwächer, des Kontrollverlustsystems mit dem Haupthormon Cortisol.
Irgendwann, abhängig von Vorerfahrung und Persönlichkeit des Betreffenden, geht die Protestphase in die Depressionsphase über. Jetzt kehrt der Adrenalinwert weitgehend zu seinem Basiswert zurück, der Cortisolwert dagegen ist erhöht. Das Tier wird nun inaktiv, frisst kaum, hat kein Interesse an Spielen und anderen Aktivitäten. Es zieht sich zurück, verliert oftmals sehr stark an Gewicht (nicht nur wegen des wenig Fressens, sondern auch durch den stressbedingt erhöhten Stoffwechsel) und als Folge des schlechten Allgemeinzustandes sieht man oft auch eine schlechte Fellqualität.
Hunde kommen bisweilen, wie wir in unserer Beratungspraxis festgestellt haben, in diese Depressionsphase, z. B. wenn sie bereits wenige Monate nach der Übernahme durch eine neue Familie wieder in die Hundepension oder in andere «Zwischenlagerstätten» abgeschoben werden. Um eine Beziehung endgültig zu festigen und zu stabilisieren bedarf es auch beim Hund offensichtlich einiger Monate. Erst ab ca. einem halben Jahr oder noch länger kann von einer stabilen Beziehung ausgegangen werden und erst dann kann man dem Tier auch die zusätzliche Belastung einer erneuten längeren Trennung zumuten.
Zu betonen ist jedoch, dass das bei Hunden wie auch Wölfen kurz nach der Trennung hörbare Heulen weniger der Ausdruck einer Trennungsdepression ist. Vielmehr handelt es sich hierbei um einen Stimmfühlungslaut, den Konrad Lorenz in seinen Gänsestudien mit den schönen Worten «Hier bin ich, wo bist du?» übersetzt hat. In einer neu veröffentlichten Studie über die Intensität des Heulens bei Wölfen wurde von einer italienischen Arbeitsgruppe im Wolfspark in Colorado folgendes Experiment durchgeführt: Man nahm einen der handaufgezogenen und daher leinenführigen Wölfe für zwanzig Minuten aus dem Gemeinschaftsgehege des Rudels und brachte ihn entweder ins Nachbargehege oder führte ihn alleine im Wald spazieren. Gleichzeitig wurde aufgezeichnet, wie oft und wie intensiv die zurückgebliebenen Wölfe dann heulten. Zwei interessante Abhängigkeiten ergaben sich dabei: Zum Einen wurde häufiger und heftiger von allen geheult, wenn ein ranghohes Tier das Rudel verliess, zum Anderen wurde individuell von den einzelnen Wölfen besonders dann heftig geheult, wenn ihr bevorzugter Bindungspartner verloren ging. Speichelproben zur Bestimmung des Stresshormons Cortisol zeigten bemerkenswerterweise keinen Zusammenhang zwischen der Intensität des Heulens und der Höhe des Cortisolspiegels. Wir können daraus erschliessen, dass die Stimmfühlungslaute nach dem Verlust eines Partners von der Qualität der Beziehung und von dessen Position im Familienverband abhängig sind und nicht unbedingt ein Ausdruck des auftretenden Stresses. Waren die Wölfe dagegen im Nachbargehege untergebracht – eine Situation, die das Rudel bereits kannte – so waren sowohl der Cortisolwert als auch der Heulwert wesentlich geringer. Auch Wölfe können also lernen, mit Trennungen umzugehen.
Beide Befunde sind auch für den Umgang des Menschen mit dem Hund zur Vorbereitung und optimalen Durchführung von regelmässigen Trennungssituationen bedeutsam.
Beobachtungen zum Trennungsverhalten
Beobachtungen von Hunden unterschiedlichen Alters beim Alleinsein erfolgten in mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen durch Videoaufzeichnungen. Eine Untersuchung von Frank et al (2007) liess erkennen, dass es drei verschiedene Möglichkeiten der Reaktion gab: Manche Welpen zeigten sich sehr erkundungsfreudig und spielten sehr viel in Abwesenheit ihres Menschen. Die zweite Gruppe war ausgesprochen passiv und die dritte Gruppe zeigte durch Lecken, Gähnen, Kratzen und andere Übersprungverhaltensweisen deutlich ihr Unbehagen.
In einer anderen Untersuchung von Lund und Jorgensen (1995) wurde der zeitliche Verlauf der Verhaltensreaktion untersucht. Das Verhalten der Hunde in der Trennungssituation vom Menschen entstand aus zwei unabhängigen zeitlichen Steuerungssystemen: Zum Einen eine zyklische Komponente, mit einem Zyklus von ca. 23 bis 28 Minuten, innerhalb dessen die Verhaltensweisen immer wieder heftiger und dann wieder abgeschwächt auftraten. Die zweite Komponente war ein Langzeiteffekt. Je länger die Trennung anhielt, desto mehr ging die Aktion des Hundes insgesamt zurück.
Durch die Beobachtung der Hunde liess sich auch zeigen, dass weder Ungehorsam noch Langeweile, sondern Frustration die Ursache für die meisten – vor allem anfänglichen – Verhaltensauffälligkeiten der Hunde war. Heulen und Winseln war überwiegend mit Furcht und Angstsituationen zu erklären. Bellen dagegen mit allgemeinem Erregungsgrad. Hunde, die ein sehr starkes Zerstörungsverhalten während der Trennung von ihrem Menschen zeigten, waren auch mit sehr viel Objektspiel beschäftigt.
Die schwedische Doktorandin Theresa Rehn hat unter anderem den Zusammenhang zwischen der Dauer der menschlichen Abwesenheit und dem Verhalten des Hundes bei Rückkehr untersucht und sich über unterschiedliche Formen des Begrüssungsverhaltens zwischen Mensch und Hund geäussert. Die Hunde blieben entweder eine halbe Stunde, zwei Stunden oder vier Stunden allein. Während der Abwesenheit des Menschen zeigten sich in dieser Untersuchung keine Unterschiede im Verhalten der Hunde in Bezug auf die Zeitdauer der Trennung. Kam aber der Mensch nach einer längeren, vor allem nach der vierstündigen Trennung wieder, war das Verhalten des Hundes bei der Begrüssung sehr viel intensiver. Bemerkenswert ist, dass dadurch auch gleichzeitig eine Art von einfachem Zeitempfinden bei den Hunden bewiesen wurde. Worauf dieses Zeitempfinden beruht, konnte in der Studie selbst nicht belegt werden. Die amerikanische Hundeforscherin Alexandra Horowitz vermutete in einem Referat, dass es sich dabei um eine geruchliche Komponente handelt, weil die Duftstoffzusammensetzung der zurückgelassenen Spuren sich im Laufe von einigen Stunden eben ändere. Ältere Hunde haben, wie mehrere Untersuchungen gezeigt haben, in der Trennungsphase vom Menschen grössere Probleme (s. voriger Teil im SHM 9/13).
Die Ursachen dafür sowie für die bei älteren Hunden ebenfalls öfter auftretenden echten Trennungsstörungen (siehe nachfolgend), sind wahrscheinlich vielfältig. Sowohl die bereits beginnenden geistigen Einschränkungen, die beispielsweise die räumliche Orientierung und das Erkennen von Sozialpartnern betreffen, wie der allgemein im Alter ansteigende Cortisolspiegel und auch die vielfach eintretende Beschränkung der Leistungsfähigkeit der Sinnesorgane können hierfür herangezogen werden – Altersstarrsinn ist es jedenfalls nicht.
Risiken für eine Trennungsstörung
Eine echte Trennungsstörung, bei der die Hunde entweder mit Unsauberkeit, Zerstörung, hektischen und zuweilen stereotypischen Bewegungen oder anderem unnormalem Verhalten auf das Weggehen ihres Menschen reagieren, tritt mittlerweile leider bei sehr vielen Hunden auf. Die Überlegung des britischen Hundeforschers John Bradshaw geht dahin, dass immer mehr Mensch-Hund-Beziehungen eine Pflegebeziehung statt einer echten sozialen Bindung sind und daraus eine Zunahme von Trennungsstörungen resultieren könnte. Hunde mit Trennungsstörungen sind in der Begrüssung wesentlich aktiver, verbringen weniger Zeit in der Trennungsphase neben dem leeren Stuhl ihres Menschen und lassen die oben geschilderte Abnahme der allgemeinen Aktivität bei längerer Trennung nicht erkennen. Sie zeigen aber interessanterweise, so eine Studie von Vera Konok aus der Arbeitsgruppe von Adam Miklosi in Budapest, keinen Unterschied im freundlichen und soziopositiven Verhalten ihrem Halter gegenüber. Bereits diese Beobachtung zeigt, dass das häufig von Trainern vertretene Konzept einer zu engen Bindung zwischen Hund und Mensch als Ursache für die Trennungsstörung wohl nicht ganz zutreffend ist.
Die Vorgeschichte von Hunden mit Trennungsstörung zeigt – nach mehreren Untersuchungen in Grossbritannien –, dass oftmals die eigentlichen Risikofaktoren bereits weit vor dem Auftreten des Trennungsproblems liegen. Hunde, die in der frühen Junghund- und späten Welpenzeit (zwischen achter und vierzehnter Woche) entweder medizinische oder psychische Probleme hatten (von Verletzungen und Operationen bis zu Infektionen und verstärkten Impfreaktionen, ebenso wie frühzeitige Trennungen von der Mutter oder sonstige soziale Instabilitäten), neigen im Alter von über einem halben Jahr wesentlich stärker zum Auftreten von Trennungsstörungen, Bellstereotypien und anderen Verhaltensauffälligkeiten. Ebenso sind Hunde, die zwischen dem 6. und 12. Lebensmonat in einer abwechslungsreichen und sozial gut strukturierten Umwelt leben konnten, nahezu völlig immun gegen die Trennungsstörung. Es gab in den Untersuchungen von John Bradshaw auch keinen Unterschied zwischen Mischlingen und Rassehunden und auch nicht zwischen Tierheimhunden und solchen, die direkt vom Züchter in die Familie kamen. Rüden waren dagegen anfälliger als Hündinnen.
Auch die Untersuchungen von Michael Mendl und seinen Mitautorinnen von der Universität Bristol zeigen, dass pessimistische Hunde, die allgemein in neutralen und unbekannten Situationen mehr Risiken als Chancen sehen, häufiger zu Trennungsstörungen, Bellstereotypien und den damit verknüpften Auffälligkeiten neigen als optimistische Hunde, für die auch der Futternapf stets halb voll anstatt halb leer ist.
Die amerikanische Verhaltensmedizinerin Karin Overall konnte zeigen, dass Hunde mit Trennungsangst auch mit sehr hoher statistischer Wahrscheinlichkeit allgemeine Geräuschangst oder Gewitterangst haben. Die umgekehrte Korrelation ist nicht ganz so deutlich; wer allgemeine Geräuschangst hat, hat in etwa zwei Drittel der Fälle auch Trennungsangst, wer Gewitterangst hat, hat nur etwa in der Hälfte der Fälle auch Trennungsangst. Dies zeigt, dass diese drei, von Laien oftmals verwechselten Verhaltensauffälligkeiten offensichtlich unterschiedliche Vorgeschichten und unterschiedliche Hintergründe im Gehirn, Hormonsystem und Erfahrungswert der Hunde haben.
Zum Schluss das Beste
All diese Befunde lassen doch vieles überdenken, was in der klassischen Trainings- und Ausbildungsphilosophie für Hunde oftmals falsch gemacht wird. Es gibt eben kein Konzept einer zu engen Bindung, die man erweitern müsse, schon gar nicht dadurch, dass man ein Begrüssungsverhalten oder den Aufenthalt des Hundes hinter der geschlossenen Wohnungstür verbietet. Trennungsstörungen sind keine Form von Langeweile und auch keine Form von Ungezogenheit. Dass der Hund die Wohnung zerstört und dann hinterher von seinem Menschen dafür noch gemassregelt wird, weil er ja angeblich ein schlechtes Gewissen habe, ist ein weiterer, völlig in die Irre leitender Gedanke.
Auch müssen gerade bei Hunden mit eher pessimistischer und/oder zu Kontrollverlust neigender Grundpersönlichkeit Trennungsrituale sehr gut und differenziert einstudiert und eingehalten, werden und ein Trennungstraining muss auf bessere Vorhersagbarkeit und Planbarkeit des Menschen und nicht, wie häufig bisher gelehrt, auf eine möglichst grosse Unvorhersehbarkeit des menschlichen Weggehens ausgerichtet werden.
Sollte ein Hund bereits eine massive Trennungsstörung haben, ist oftmals die Behandlung unter Einsatz von Pheromonen und/oder Psychopharmaka für die Zeit des Umorganisierens und Aufbaus neuer Trennungsrituale hilfreich. Hierzu müssen jedoch einschlägig kompetente Verhaltensmediziner herangezogen werden, die möglichst auch den ethologischen und nicht nur den rein lernpsychologischen Ansatz verfolgen können.