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Es gibt Namen, die an der Basler Grenzacherstrasse 124 keinen guten Klang haben. Einer dieser Namen ist Kamie Kendall. Am Hauptsitz von Roche ist er Synonym für Rechtsstreitigkeiten, Schadenersatzzahlungen und Reputationsprobleme.
Als dreizehnjähriges Mädchen bekam die Amerikanerin Kendall von ihrem Hautarzt das Roche-Medikament Roaccutan verschrieben. Das Mittel sollte Kendalls schwere Akne heilen. Es wirkte bestens. Nach ihrer mehrstufigen Behandlung allerdings entwickelte der Teenager schwere Bauch- und Darmprobleme, die letztlich dazu führten, dass Kendall der Dickdarm entfernt werden musste. Bald war klar: Die medizinischen Komplikationen hängen mit dem Präparat von Roche zusammen. 2005 verklagte Kendall den Konzern. Seither wird um den Fall juristisch gestritten.
Erst vor einigen Tagen hat ein US-Geschworenengericht Roche zu einer Schadenersatzzahlung in Höhe von fast 1,6 Millionen Dollar verurteilt. Der Pharmakonzern habe Kendalls Ärzte nicht ausreichend vor den Nebenwirkungen des Präparats gewarnt, befanden die Geschworenen. In einem ersten Verfahren, das vor dreieinhalb Jahren aufgrund von Verfahrensmängeln kassiert worden war, hatte eine Jury Kendall sogar über 10 Millionen Dollar zugesprochen.
In der Schweiz noch erhältlich
Roche brachte Roaccutan Anfang der 1980er-Jahre auf den Markt. Seither haben rund 16 Millionen Personen die Pille geschluckt. Am Umsatz gemessen war sie jahrelang das zweitwichtigste Präparat der Basel – ein wirklicher Bestseller. Auf dem Höhepunkt im Jahr 2000 setzte Roche mit Roaccutan weltweit 860 Millionen Dollar um.
Auch nach Ablauf des Patentschutzes im Jahr 2002 liess Roche das Produkt auf dem Markt, obwohl es von diversen Kopien bedrängt wurde und rapide Marktanteile verlor. Erst 2009 nahm der Konzern das Mittel in den USA aus dem Verkauf. Dies nachdem ein Gericht Patienten mit ähnlichen Darmproblemen wie Kamie Kendall einen zweistelligen Millionenbetrag an Schadenersatz zugesprochen hatte. Offiziell hatte, insistierte Roche damals, der damalige Rückzug nichts mit den juristischen Niederlagen zu tun.
Neben schweren Darmproblemen wurde Roaccutan auch mit Depressionen, Selbstmordgedanken und schweren Schädigungen von ungeborenen Kindern in Verbindung gebracht. Die Warnhinweise auf der Packungsbeilage umfassten in den USA rund 3000 Worte. Das entspricht rund drei eng beschriebenen A4-Seiten. In der Schweiz hat Roaccutan bis heute die Zulassung der Arzneimittelbehörde Swissmedic. Sie ist bis Ende 2017 gültig. Selbst in den USA ist das Präparat weiterhin erhältlich – nur nicht von Roche. Diverse Generikafirmen – unter anderem die israelische Teva – verkaufen den Wirkstoff von Roaccutan nach wie vor.
Nahrhaftes Juristenfutter
Die unerwünschten Nebenwirkungen von Roaccutan waren und sind für amerikanische Anwälte ein gefundenes Fressen. Diverse Kanzleien suchen auf ihren Homepages bis heute nach Patienten, die Roche verklagen möchten. Gemäss der von Patientenanwälten betriebenen Internetseite Drugwatch gibt es über 7000 Verfahren im Zusammenhang mit dem Aknemittel. Der bisher bezahlte Schadenersatz summierte sich auf rund 50 Millionen Dollar.