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Insbesondere das Gebiet rund um den Vierwaldstättersee war ein Kastanienland, wobei auch Bäume im Chablais und am Genfersee nachgewiesen sind. Die traditionelle Anbauform war die Kastanienselve: In lockeren Abständen werden auf einer Wiese Kastanienbäume gepflanzt, so dass eine eigentliche Parklandschaft entsteht. Dabei wird die Kastanienselve mehrfach genutzt, die Bäume bieten einerseits Früchte sowie Holz und die Wiese andererseits Futter. Diese ausgeklügelte Art der Bodennutzung war noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts in der Zentralschweiz verbreitet. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges verloren die Kastanienselven jedoch ihre Bedeutung für die menschliche Ernährung. Die vormals offenen Flächen wuchsen zu.
Der gezielten Restaurierung von ehemaligen Selven widmet sich der Verein Pro Kastanie Zentralschweiz. Durch die Arbeit dieser Idealisten konnten seit dem Jahr 2000 schon 14 Kastanienhaine mit einer Gesamtfläche von 16,3 Hektar wiederbelebt werden; so etwa die Chesteneweid, welche sich zwischen Vitznau und Weggis befindet. Die ursprünglich lockere Bewaldung und das spezifische Ökosystem wurden wiederhergestellt, wobei teilweise neue Bäume gepflanzt oder bei alten die Baumkronen ausgelichtet wurden. Auf zugewachsenen Wiesen wurden Gestrüpp, andere Baumarten sowie der Unterwuchs entfernt.
Für die Zentralschweiz sind bisher keine regionalen Sorten überliefert, im Gegensatz etwa zu Tessin oder Südbünden, wo man über 100 lokale Kastaniensorten kennt. Anlässlich der Restaurierung erstellten Forstingenieure ein Inventar über die Kastanienbestände. Die Forscher fanden einige Indizien – wie etwa Veredlungsstellen – die auf eine alte Innerschweizer Kastanienzucht hindeuten. Es ist höchst wahrscheinlich, dass im Rahmen dieser Katalogisierung „alte“ Sorten (wieder-)entdeckt werden. Durch eine regionale Sortensammlung in Küssnacht am Rigi, welche durch das Bundesamt für Landwirtschaft finanziell unterstützt wird, soll die Artenvielfalt nachhaltig gestärkt werden.
Flora und Fauna profitierten von der Anlegung von Kastanienhainen markant.
Mit der Restaurierung der Chesteneweid standen die Verschönerung des Landschaftsbildes sowie touristische Aspekte im Vordergrund: Geländestrukturen wie grosse Felsblöcke, natürliche Terrassen, Überreste alter Trockenmauern und geschützte Trockenweisen ermöglichen einen vielfältigen und einzigartigen Blick auf den Vierwaldstättersee. Doch auch die Biodiversität wird durch die Errichtung einer Kastanienselve nachhaltig gefördert. Eine vergleichende Untersuchung einer Selve und eines Kastanienwaldes in Mergoscia TI ergab, dass in der Selve die Artenvielfalt am Höchsten ist. So konnten beispielsweise einige Falter, welche auf der roten Liste stehen, beobachtet werden. Durch vielfältige Strukturen wie etwa Trockenmauern oder Steinhaufen bieten sich Pflanzen und Tieren mannigfaltige Lebensräume, seien es trockene oder feucht-schattige Plätze. Flora und Fauna profitierten von der Anlegung von Kastanienhainen somit markant.
Doch die Wiederverbreitung der Esskastanie in der Schweiz verläuft nicht ohne Tücken. Eine nicht heimische Insektenart, die chinesische Edelkastaniengallwespe (Dryocosmus kuriphilus) fand 2009 ihren Weg über Italien in das Tessin. Dieser Schädling befällt die Knospen der Kastanien, was zu einem Absterben der Triebe, reduzierter Marronibildung und zu schütteren Baumkronen führt. Als Folge dieser Gefahr besteht ein gesamtschweizerisches Verschiebeverbot für Kastanienbäume. Somit dürfen vorerst keine neuen Haine angelegt werden. Eine Überprüfung sämtlicher Zentralschweizer Kastanienhaine fiel im Mai 2012 glücklicherweise noch negativ aus. Kein einziger Kastanienbaum wies die Gallwespe auf.
Die Frage bleibt offen, ob das Interesse an den ökologisch wertvollen Kastanienselven erhalten bleibt oder anders gefragt, wie sichergestellt werden kann, dass die Haine nicht wieder zuwachsen. Zumindest in den nächsten Jahren scheint die Finanzierung zum Erhalt dieser wertvollen Kulturlandschaft noch gesichert. Doch ohne die Überlieferung des Wissens über Nutzen und Pflege dieser spezifischen Biosphäre werden die Selven in der Zentralschweiz bald wieder zugewachsen sein.