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Kulturland und Bauland: ein Konflikt
Böden entwickeln sich nur sehr langsam. Als sich vor 12’000 bis15’000 Jahren die Gletscher zurückzogen, waren in unserem Land fast keine Böden im Sinn, wie wir sie heute verstehen, vorzufinden. Alles Erdmaterial war oft bis auf den Fels oder frühere geologische Formationen vom Eis zugedrückt, zum Teil wegrasiert und wegtransportiert worden. Seither haben sich bei uns wieder Böden gebildet, im besten Fall in einer Mächtigkeit von 1 bis 2 Metern. Man rechne: das wären also etwa 0,1 mm Bodenbildung pro Jahr, oder ein Zentimeter in hundert Jahren. Ein sehr langsamer Prozess.
Vom Menschen ungestörte Böden findet man bei uns nur noch an entlegenen Orten, z. B. im Berggebiet, und dort, wo Wald steht, bzw. immer gestanden hat. Überall sonst hat der Mensch als Bauer stark in die Bodenbildung eingegriffen: er hat Land „gewonnen“ durch Rodung, durch Beweidung und schliesslich durch den Pflug. Böden wurden vielerorts eingeebnet, terrassiert oder drainiert und so für eine ackerbauliche Nutzung hergerichtet: Steine wurden herausgelesen, eine Tätigkeit, die heute noch praktiziert wird. Mit dem Pflug gelang es, den Boden aufzureissen; so konnten „Unkräuter“ bekämpft und ein Saatbett hergerichtet werden. Neuere Pflüge konnten den Boden später gar wenden, so wurde und wird Mist und Gülle vergraben und die Böden können mit Nährstoffen versorgt werden.
Jahrtausendalte ackerbauliche Nutzung
Ackerböden sind so gesehen eigentliche Kulturgüter, weil sie unter Umständen Tausende von Jahren „alt“ sind. Die Bodenbildung geschah dort unter intensivem Mittun durch den Menschen. Solche Böden unterscheiden sich sehr von Wald- oder Weideböden. Sie gelten als fruchtbar und ertragreich. Es sind die sog. „besten“ Böden eines Betriebs oder eines Dorfes und sind per se schutzwürdig.
Die detaillierte Kartierung der Böden in einzelnen Kantonen zeigt, dass die „besten“ Böden in einer Gemeinde oft auffällig rund um das Dorf, um den Dorfkern verteilt zu finden sind, während die weiter weg gelegenen weniger ertragreich sind. Sie werden eher für Heunutzung oder nur als Weide genutzt, je nach Topographie und Klima. Diese „Ansammlung“ guter Böden ums Dorf dient als indirekter Beweis, dass eine jahrtausendalte ackerbauliche Nutzung die Böden eben verändert und verbessert. Umso mehr sollte man diese Böden erhalten und schützen!
In Unkenntnis der bodenkundlichen Zusammenhänge
Leider sind die Standorte rund um das Dorf, die Kleinstadt oder die Gemeinde gleichzeitig auch die interessantesten, was die bauliche Nutzung angeht. Wenn sich eine Gemeinde entwickelte, tat sie dies, indem rund ums Zentrum „freies“ Bauland beansprucht wurde, was als logisch und vernünftig galt. So wuchs ein Dorf quasi aus der Mitte heraus ins „freie“ Feld. Die viel später einsetzende Raumplanung hat diese Zwangsläufigkeit in völliger Unkenntnis der bodenkundlichen Zusammenhänge gleichsam „kodifiziert“ und daraus eine plausible Regel geformt: so sollte sich eine Siedlung nicht im Raum verzetteln, was zur „Zersiedelung“ führt, sondern sich möglichst rund um den ehemaligen Dorfkern konzentrieren.
Bei Strassendörfern verhält es sich anders, indem die Entwicklung vom Verkehrsträger dominiert wurde. Aber auch dort wurden und werden die jeweils besten Böden in Anspruch genommen. Dieses Denken wurde zum Selbstläufer und hat zum heutigen Aussehen vieler Gemeinden beigetragen: zuinnerst der alte Dorfkern mit den ehemaligen Bauernhäusern, zuäusserst die neuen Einfamilienhaus-„Äcker“, oft in seltsamen ringförmigen Bauzonen.
Zaghafter Gesinnungswandel
Mit diesem Vorgehen hat sich ein Konflikt ergeben, der in seiner Tragweite noch nicht richtig erkannt ist. Wenn behauptet wird, es werde jede Sekunde in der Schweiz ein Quadratmeter Land überbaut, so ist das nur die halbe Wahrheit. Denn es handelt sich dabei oft nicht um irgendwelchen Quadratmeter, sondern vermutlich um den besten, in der Gemeinde noch befindlichen. Denn, noch immer wird sehr guter Boden in Bauzone umgewandelt und eben nicht der „schlechtere“ Boden.
Erst in den letzten Jahren hat ein zaghafter Gesinnungswandel eingesetzt, der in erster Linie angestossen wurde durch die Diskussion um die sogenannten Fruchtfolgeflächen. Der Sachplan Fruchtfolgeflächen des Bundes sieht nämlich vor, dass eine bestimmte Fläche Ackerland in der Schweiz geschützt werden muss, damit sich das Land „in Zeiten gestörter Zufuhren“ ernähren könnte. Er zwingt so die Gemeinden, etwas sorgsamer umzugehen mit ihren Böden.
Langsam setzt sich die Einsicht durch, dass wir die verbleibenden, guten Böden erhalten sollten. Der Schaden allerdings ist angerichtet und wir können nicht zurück: einmal überbauter Boden wird nie mehr zu Ackerland. Die Schweiz kann zurzeit gerade noch zu 50% ihren kalkulatorischen Kalorienbedarf decken. Die andere Hälfte muss zwingend aus dem Ausland kommen; eine solche Ernährungssouveränität lässt grüssen …
Und noch immer wird auf guten Böden gebaut, denn Einzonen ist ein sehr einträgliches Geschäft: die Umwidmung von Landwirtschaftsland in Bauland wird vielerorts mit einem Faktor 100 „vergoldet“! Neu muss ein Teil dieses Mehrwertes zwar abgegolten werden; eine Art Ablass, der jedoch den Boden nicht wieder herstellt. Diese ganz und gar nicht nachhaltige Entwicklung geht allerdings auf Kosten kommender Generationen. Wir hinterlassen den Jungen einen ungedeckten Check; unser sorgloser Umgang mit guten Böden könnte sich früher oder später rächen.
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