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Geboren wurde Ailian Guan 1905 in Kanton. Anfang der Fünfziger Jahre beginnt sie, sich sowohl mit den grossen politischen Ereignissen Chinas zu beschäftigen als auch mit den daraus resultierenden Konsequenzen und den Problemen in ihrer unmittelbaren Umgebung. Sie arbeitet als Lehrerin in einer Grundschule. „Die Jahresringe der Strasse“ sind ihre Tagebuchaufzeichnungen. Sie arbeitet 40 Jahre lang in einem Strassenausschuss ihrer Heimatstadt. Ihre Aufzeichnungen beginnen mit dem Tod Stalins 1953 und enden mit der „Öffnung“ von Deng Xiaopeng gegenüber dem ausländischen Kapital und dem Weltmarkt; also nach dem Tode Mao Zedongs 1976 und der Wiedereinführung von Konkurrenz und Profit in der Wirtschaft.
Ihr Werk ist eine ungeheuer kostbare Quelle von Informationen aus allererster Hand. Guan stellt dar, was es in einer Strasse in Kanton bedeutete, die „Vier gut“ anzustreben, wie das Revolutionskomitee arbeitete, wie die öffentlichen Anklagen aussahen, wie sich die Rotgardisten benahmen, wie man im Stadtteil eine Stahlschmelze organisierte und wie das mit der Auswanderung nach Hongkong vonstatten ging. Wie sah die Lebenswelt einer chinesischen Hausfrau während der Kulturrevolution aus? Welche Auswirkungen hatten die späteren Vier Modernisierungen und die Öffnung nach Westen auf das Alltagsleben?
Welche Konsequenzen wurden im Stadtviertel sichtbar als Mao Zedong „Bombardiert das Hauptquartier!“ rief? Was bedeutete dies eigentlich? Es sollte ein Aufruf sein, nicht mehr in konfuzianischer Tradition den hohen Autoritäten sklavisch zu glauben: konkret der Staats- und Parteiführung von Deng Xiaoping und Liu Shaochi, die in erbitterter Opposition zu Mao stand. Das Ergebnis war aber auch die faktische Auflösung der Kommunistischen Partei. Stattdessen gründeten sich die Roten Garden in der Jugend und dann die Revolutionskomitees in Fabriken und Stadtteilen, so wie auch bei Ailian Guan in Kanton.
Sozialistischer Alltag, feministischer WiderstandMit Enthusiasmus ging Ailian Guan die Probleme der Stadtbewohner_innen an: Kampagnen zur Fliegen- und Rattenbekämpfung, Spendensammlung für die Opfer eines Taifuns und zur Landverschickung von Jugendlichen organisieren, die Grundsteuer eintreiben, die Begrünung des Stadtteils vorantreiben, einen von der Bevölkerung der Strasse selbstorganisierten und selbstfinanzierten Kindergarten einrichten und das Studium von Mao Zedong in die Wege leiten.
Die Zitatesammlung von Mao, im Westen als „Kleines Rotes Buch“ bekannt, wurde in so hoher Auflage herausgegeben, dass die Druckereien damit völlig ausgelastet waren. Ailian Guan versuchte, die vollständigen Texte von Mao in den „Ausgewählten Werken“ zu bekommen, um ein ernsthaftes Studium zu ermöglichen. Sie konnte sie nicht finden. Das heisst, das gesamte „Studium“ beschränkte sich auf aktuelle Zeitungsartikel und Zitate. Und auch heute werden in Schulen und Universitäten in China nicht vollständige Texte, sondern nur Zusammenfassungen gelesen.
Eindringlicher und überzeugender als viele Journalist_innen und angebliche China-Expert_innen beschreibt sie die grossen Umwälzungen in China. Dabei reflektiert sie besonders ihre Erfahrungen als Frau in dieser Zeit. 1956 tritt sie der Kommunistischen Partei Chinas bei. Sie schreibt, sie hätte es schon früher getan, aber sie dachte nicht, dass es auch Frauen gestattet sei. Sie war schon seit Jahren im Strassenausschuss aktiv. Eine Parteimitgliedschaft war keineswegs zwingende Voraussetzung für eine Funktion in den Selbstverwaltungsorganen. Eine der ersten Massnahmen der neuen chinesischen Regierung nach der Ausrufung der Volksrepublik China war die Reform des Scheidungsrechts. Nun war es Frauen erlaubt, sich auch ohne Einwilligung des Ehemannes scheiden zu lassen. Zugleich wurde es den Männern vom Gesetz her ausdrücklich verboten, ihre Ehefrauen zu schlagen. Ailian Guan geht mit einer Gruppe des Strassenausschusses von Haus zu Haus, informiert die Familien über die Neuerungen – und erfährt die Proteste der Männer: Warum soll jetzt etwas verboten sein, was doch immer üblich war?
Auch in der Kulturrevolution, die 1966 begann, werden die Schwierigkeiten der Frauenemanzipation in China deutlich. Mao Zedong rief zu einer neuen, sozialen und kulturellen Revoluton auf. Er forderte, in eigenhändig geschriebenen Wandzeitungen, Kritik an diesen Partei- und Staatsführern zu äussern. In Guans Strassenausschuss nehmen aber nur die Männer diese Möglichkeit wahr. Die meisten Frauen können weder lesen noch schreiben. Also organisiert Ailian Guan Alphabetisierungskurse.
Fliegenfänger in HeimarbeitGeschichte wird lebendig. Medienschlagzeilen nehmen Gestalt an. So zeigt sich beispielsweise die Kampagne des „Grossen Sprungs nach vorn“ Ende der Fünfziger Jahre in den Darstellungen Guans völlig anders als in den Statistiken zur Entwicklung der Produktivität und des Bruttosozialprodukts in diesen Jahren. Auf Initiative Maos sollten nicht nur die Grossbetriebe die chinesische Wirtschaft in Gang setzen, sondern an der Basis sollten Initiativen entstehen, Kollektive, die ohne grosses Know-how und ohne Maschinen, getrieben von Enthusiasmus und auf der Grundlage der eigenen Arbeitskraft ihren Anteil leisteten. Am Ende der über mehrere Jahre gehenden Kampagne zeigte sich, dass die Erfolge in der Industrie insgesamt gesehen minimal waren, in der Landwirtschaft sogar katastrophal.
Ailian Guan erläutert die Hintergründe für diese Kampagne. Sie äussert sich zur hohen Arbeitslosigkeit in den Metropolen in diesen Jahren. 30 bis 40 Prozent der Leute in Kanton leben von familiärer und staatlicher Unterstützung. Ohne Geld und von der Gesellschaft als Parasiten missachtet. Die Stadt Kanton (Guangzhou) hatte im Jahr 2000 eine Bevölkerung von rund sechs Millionen, im Einzugsbereich 12 Millionen, heute sind es geschätzt 24 Millionen– 1955 lebten Guangzhou aber nur 1,7 Millionen Menschen. Wie sollten damals so viele Menschen, die grösstenteils vom Land gekommen waren, Arbeit finden?
„Der Grosse Sprung nach vorn“ ruft zur Eigeninitiative auf. Ailian Guan trommelt Arbeitslose zusammen, sie gehen zu den grossen Fabriken. Sie sammeln Eisenabfälle, Nägel, Pfannen. Sie stellen in Heimarbeit Fliegenfänger her. Für Guan geht es nicht nur um den materiellen Wert ihrer Arbeit. Sie schreibt, wie die zuvor Arbeitslosen an Achtung und Selbstachtung gewinnen: Sie sind Teil der Gesellschaft geworden.
Maos Stimme im RadioAusführlich geht es um die Zeit der Kulturrevolution, von 1966 bis zum Tode Mao Zedongs 1976. Guan beschreibt ihre Erlebnisse sehr genau – es war eine unglaublich widersprüchliche, chaotische Epoche, voller guten Willens, revolutionärer Ziele und voller Unterwerfung, Opportunismus, Brutalität und Machtwillkür.
Die Kommunistische Partei hatte sich zurückgezogen. Sie war unsichtbar geworden. Die Roten Garden und die Revolutionskomitees haben nun scheinbar die Macht. Es gibt jedoch keine oberste Führung. Jede beliebige Gruppe kann sich „Rote Garde“ nennen. Von Anfang an finden sich in den „Roten Garden“ Anhänger_innen Maos und seiner Revolution, aber auch Gruppen seiner Gegner, die nur das „Kleine Rote Buch“ hochhalten, um nicht ihren Einfluss zu verlieren und auch kriminelle Banden. Handgeschriebene Wandzeitungen und Radiosendungen, durch öffentliche Lautsprecher übertragen, sind die hauptsächlichen Informationsquellen. Es ist leicht möglich, sich als einzige_n echte_n Vertreter_in der Mao-Zedong-Ideen zu präsentieren.
Guan übernimmt die schöpferische Arbeit der Kulturrevolution: Sie ruft einen selbstorganisierten und selbstfinanzierten Kindergarten ins Leben, sie eröffnet mit sogenannten „Barfussärzten“, die nur eine kurze sanitäre Ausbildung hatten, eine medizinische Station, versucht ausreichend Medikamente westlicher wie traditioneller chinesischer Medizin zu bekommen – und sie hat auch daran Teil, zu verhindern, dass sich zwei rivalisierende „Rote Garden“ beschiessen. Sie geben nach Vermittlung und langen Verhandlungen ihre Waffen ab.
Ailian Guan ist ein aussergewöhnliches Geschichtsbuch gelungen. Die Unmittelbarkeit ihrer Erfahrungen wird hervorragend ergänzt durch die Einführung zur chinesischen Zeitgeschichte von Anton Stengl. Lobend hervorzuheben ist auch die Gestaltung des Buch durch Fabio Blasio mit vielen Fotos aus der damaligen Zeit.