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„Do not cite the Deep Magic to me, Witch! I was there when it was written.“
Verfilmungen eines Stoffes haftet der eher schlechte Ruf an, dass sie die Vorlage meist mehr als Inspiration als als Vorlage sehen, und es diesbezüglich nicht sehr genau nehmen mit der Adaption. Hier wird eine wichtige Figur herausgeschnipselt, und dort wird dem Teeniepublikum zuliebe eine Romanze eingewoben. Dabei bewiesen gerade Werke wie die Herr der Ringe-Trilogie oder About a Boy, dass eine möglichst detailgetreue Adaption eines beliebten Stoffes im wahrsten Sinne Gold wert ist, denn diese Filme verkauften sich meist ausserordentlich gut. So auch bei der Verfilmung des ersten Bandes der siebenteiligen Narnia-Reihe des Schriftstellers C.S. Lewis, The Lion, The Witch & The Wardrobe, die sich im entsprechenden Jahr nur dem dritten Star Wars-Film geschlagen geben musste.
Die vier Kinder Peter, Susan, Edmund und Lucy Pevensie verlassen 1940 nach dem Bombardement von London gezwungenermassen die Hauptstadt Englands und ziehen zu einem älteren Professor aufs Land. Dort entdecken sie in einem Wandschrank versteckt hinter Mänteln ein Land mit dem Namen Narnia, in dem seit hundert Jahren eisiger Winter herrscht. Dieser wurde von der bösen weissen Hexe Jadis herbeigerufen, die sich damit zur Herrscherin über das Land ausgerufen hat. Eine Prophezeiung besagt jedoch, dass je zwei Adamssöhne und Evastöchter diesen Fluch brechen können, weshalb Jadis alles daran setzt, die Eindringlinge in ihr Land zur Strecke zu bringen. Unerwartete Hilfe erhalten die Kinder von einer Horde Tiere, darunter der mächtige Löwe Aslan…
Wie schon angesprochen gelingt es dem Film, den Stoff der Vorlage sehr detailgetreu zu übernehmen und auch die Stimmung, die Magie von Narnia wie auch die kalte Ausstrahlung der weissen Hexe, die Lewis so gekonnt auf Papier niederzuschreiben wusste. Dabei nimmt man gerne auch die eine oder andere kleinere Änderung in Kauf, seien das die Umstände, wie Lucy in den Schrank findet, oder Edmunds Gefangenschaft. Diesbezüglich ist der erste Teil seinen beiden Nachfolgern, die je sehr abgeänderte Plots aufweisen, um einiges voraus. Doch die Adaption des ersten Buches der Narnia-Reihe folgt nicht einfach blind der Story der Vorlage, sondern räumt, man ist versucht zu sagen, vorbildlich, Fehler der Vorlage aus dem Weg. So trägt der Faun Tumnus seinen Schwanz nicht wie im Buch über dem Arm, weil er – und ich weiss so Zeugs nicht aus dem FF, keine Sorge, sondern hab es gelesen – schlicht keinen richtigen Schwanz hat. Das zeigt doch, dass man sich beim Schreiben des Drehbuchs auch einige Gedanken gemacht hat, was ich für sehr lobenswert erachte. Dagegen ergeben sich in der Verfilmung durch das Weglassen einzelner Passagen kleinere Logikfehler, die aber die Qualität dieser Adaption der Story nicht schmälern.
Mit der Zeit begehen die Macher aber den Fehler, den schon der ein oder andere Fantasyregisseur gemacht hat, und sehen Narnia als eine Art Herr der Ringe für jüngeres Publikum. Die Magie weicht einer düsteren Mittelerde-Stimmung, begleitet von finsteren Gestalten, die zwar in den Büchern nie eine Erwähnung fanden, dafür den Orks und Uruk-Hai verdächtig ähnlich sehen. Auch die Schlacht gegen Ende muss in diesem Sinne episch sein, zieht sich jedoch höchstens in epische Längen, wenn Slow Motions kämpfender Bestien gezeigt werden und dabei von vornherein klar ist, dass am Ende alle glücklich und froh sein werden. Aber auch hier kriegt der Film gerade noch so die Kurve, was vorallem an der beruhigenden und weit interessanteren parallelen Handlung beim Steinernen Tisch liegt, wo Aslan, ganz Christus-Allegorie, sich opfert, um Edmund zu schützen, und dabei wiederaufersteht.
Dass nicht mehr dieser religiös motivierten Moralpredigten und Allegorien ihren Weg in den Film gefunden haben, ist angesichts der Tatsache, dass man mit Walden Media, eine Produktionsfirma, der nachgesagt wird, stockkatholisch zu sein, erstaunlich und wem auch immer dafür verantwortlich, hoch anzurechnen. Doch man muss es auch etwas differenziert sehen, denn anders als beispielsweise „The Voyage of the Dawn Treader“ schwimmt (haha, Wortwitz) der erste Band der Reihe nicht regelrecht in christlichen Sinnbildern und Weisheiten, Aslans Auferstehung hat man hingegen mit grossem Trara umgesetzt. Das war dann schon wieder ganz nahe an der Grenze zum schlechten Geschmack, aber eben, nur ganz nahe daran. Und was der tiefe Zauber, der das Schicksal und die Leben der Personen leitet, schliesslich repräsentieren soll, ist auch offensichtlich.
Der Film beginnt mit wunderschönen Landschaftsbildern (also nach dem Angriff auf London!), von denen es auch später im Film noch viele zu sehen gibt, und deren Spur sich bis in den neuesten Film verfolgen lässt. Angesichts solcher Highlights wäre gerade im optischen Bereich eine grosse Leistung der Macher zu erwarten, aber wiederholt versagen diese gerade, wenn es um die Effekte oder die Kostüme geht. Mal sind es die ziemlich klar als solche erkennbaren Plastikhörner des Minotauren die wackeln, wie das echte Hörner nie tun würden, oder es sind schlechte Bluescreens. Und gerade bei der Animation der Tiere hätte man sich ruhig mehr Mühe geben dürfen, die Biber und auch der Fuchs wirken stellenweise mehr wie drollige Handpuppen, als wie reale Wesen. Aber vielleicht hat sich seit 2005 auch in diesem Bereich viel getan, und ich erwarte einfach etwas viel von einem älteren Film. Dem widerspricht die tadellose Animation Aslans, für den über 5 Millionen digitale Haare kreiert wurden, und für den sich diese Mühe offensichtlich gelohnt hat. Manchmal ist halt mehr einfach mehr.
Ein klarer Pluspunkt ist dagegen die Auswahl der Darsteller, die übers Band hinweg gute bis grossartige Leistungen abliefern, allen voran die Darsteller der zwei jungen Pevensies Lucy und Edmund, Georgie Henley und Skandar Keyes (im Übrigen, so sagt mir die Wikipedia, Urururenkel des Begründers der Evolutionstheorie, Charles Darwin), die als verträumtes und von den Geschwistern nicht für voll genommenes kleines Mädchen, bzw. als der fiese grosse Bruder, der neben seinen Geschwistern leichte Minderwertigkeitskomplexe entwickelt und so beinahe eine fatale Entscheidung trifft. Dabei werden Anna „Awwr-some“ Popplewell und William Moseley, die Schauspieler von Susan und Peter zwangsläufig, aber durch sehr blasse Darstellungen auch selbstverschuldet, leicht ins Abseits gestellt. Das ist aber angesichts der grossartig-kühlen Tilda Swinton als weisse Hexe und James McAvoys leider sehr kurzen, aber nicht minder verspielten Verkörperung des herzensguten Fauns Tumnus noch zu ertragen.
Dieser sorgt auch für eines der besten Musikstücke des Films, nämlich „A Narnia Lullaby„, das er spielt, als er Lucy verzaubert. Harry Gregson-Williams, seines Zeichens Komponist der Filmmusik, setzte dies mit dem armenischen Instrument Duduk um. Dieses Stück steigert sich langsam und die Dramatik dieser Szene wird geradezu spürbar. Ein weiterer guter Titel des durchwegs gelungenen Scores ist der bei der Bombadierung Londons erklingende Track „The Blitz, 1940„, der martial klingt und die Verzweiflung der Szene gut einzufangen weiss. Desweiteren ist sehr zu empfehlen das Narnia-Thema, das den Titel „To Aslan’s Camp“ trägt und den Zuschauer gleichzeitig verzaubert und mitreisst. Die zusätzlichen gesungenen Stücke sind nur Beigemüse und klingen neben Gregson-Williams Melodien wie ein verzweifelter Klavierschüler, der versucht mit Bach mitzuhalten.
Narnia ist sicher kein perfekter Film, dazu unterlaufen ihm zuviele Fehler, und er ist lange nicht so gut wie Herr der Ringe, an dem er sich oft selber zu messen scheint. Dafür ist er deutlich besser als die frühen Harry Potter-Filme und besticht durch grossartige Schauspieler und seine Fähigkeit, eine Buchvorlage sehr detailgetreu umzusetzen.