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Obwohl es nach wie vor «Bürgerliches Waisenhaus» heisst und sich seit 350 Jahren am selben Ort, in der ehemaligen, 1401 gegründeten Kartause befindet, ist es heute eher ein vorbildlich geführtes, modernes Wohnheim. Kinder und Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen werden nach neusten, pädagogischen Erkenntnissen zeitweilig betreut, unterstützt und gefördert.
Lange Jahre war in den altehrwürdigen Mauern jedoch mehr Weinen als Gelächter zu hören, wie dies auch das zum Jubiläum erschienene Buch «Zuhause auf Zeit» aufzeigt. Und das Waisenhaus ist ein Beispiel dafür, dass in der «guten, alten Zeit» eben doch nicht alles so gut war … vor allem in Bezug auf Kinder.
Gründung des «Zucht- und Waisenhauses» 1667
1665 fasste der Basler Rat den Beschluss, ein städtisches Waisenhaus zu gründen. Es dauerte jedoch bis Anfang 1667, bis das «Zucht- und Waisenhaus» eingerichtet wurde. Ziel war es, herumstreunenden und bettelnden Kindern, wie sie im 17. und 18. Jh. häufig anzutreffen waren, ein Dach über dem Kopf zu bieten und sie zu «Gottesfurcht und ehrlicher Arbeit» zu erziehen. Aber es wurden nicht nur Waisen, sondern auch schwer erziehbare Jugendliche, welche die Eltern los werden wollten und, gravierenderweise, erwachsene Strafgefangene aufgenommen.
Mit einem Posamenter namens Friedrich Muser als erster Waisenhausvater sowie dessen Frau, lebten anfänglich sechs Kinder in den Räumen des ehemaligen Steinenklosters, das später unter anderem auch als Kaserne und Schule diente. Friedrich Muser wurde später wegen Veruntreuung verhaftet. Durch eine Pestwelle sowie wirtschaftliche Krise gab es schon bald eine massive Zunahme an Waisenkindern und solchen, die sich ihr Essen zusammenbetteln mussten, da die Eltern sie nicht mehr ernähren konnten oder beide ganztags arbeiten mussten. Aus sechs Kindern wurden plötzlich 140. So zog man 1669 in die ehemalige Kartause, wo auch genügend Raum vorhanden war, die Kinder etwas von den Häftlingen abzuschirmen. Aber zumindest bei den Gebeten und der Sonntagspredigt trafen sie zusammen und es wundert nicht, dass zwei Mädchen schwanger wurden. Den Kindern wurde Lesen und Schreiben beigebracht, daneben mussten sie jedoch auch täglich gewisse Arbeiten verrichten.
Die Kinder mussten sich ihren Unterhalt verdienen
Sicher hat das Einführen des Systems der sogenannten «Admodiation» 1680 nicht zum Wohl der Kinder beigetragen. Der Waisenhausvater bekam, um Kosten zu sparen, nicht einfach ein Gehalt, sondern einen Pachtvertrag. Kinder und Strafgefangene mussten durch harte Arbeit den «Betrieb» finanzieren, dazu erhielt das Waisenhaus eine gewisse finanzielle Unterstützung sowie Nahrungsmittel. Für das Jahr 1729 ist bezeugt, dass fast alle Kinder die Krätze sowie geschwollene Glieder hatten, wohl wegen der schlechten Luft, mangelnder Hygiene und Ernährung. 1739, damals war ein Strumpffabrikant Waisenhausvater, wurde ein 15jähriges Mädchen derart geschlagen, dass sie ihren Verletzungen erlag – nur weil sie nicht genug gearbeitet hatte.
Erste Reform 1776
1776 erfolgte die erste Reform. Diese beinhaltete die Abschaffung der Admodiation, dennoch mussten die Kinder weiterhin Fabrikarbeit leisten und erhielten lediglich vier Unterrichtsstunden pro Werktag; nicht durch einen ausgebildeten Lehrer, sondern durch eine durch das Los bestimmte Person. Die Knaben mussten Wolle spinnen, zum einen für die Bewohner des Waisenhauses, dann auch für Tuchfabrikanten, sowie auf dem Feld, im Garten, der Schreinerei oder Schuhmacherwerkstatt mithelfen. Die Mädchen hatten zu Nähen, Stricken und die Hausarbeit zu erledigen und wurden quasi als künftige «Dienstmädchen» angelernt. Immerhin wurde jedoch vermehrt auf gesunde und ausreichende Ernährung und körperliche Hygiene geachtet, Kleider und Bettwäsche regelmässig gewechselt.
1806 verlegte man endlich die Strafgefangenen in das ehemalige Predigerkloster, das seit 1767 als Gefängnis diente, sodass die Kinder jetzt unter sich waren. Dann mussten sie ab 1830 auch nicht mehr für auswärtige Arbeitgeber wie Fabrikanten arbeiten. 1836 wurde dem Waisenhausvater ein Verwalter zur Seite gestellt, der sich um die wirtschaftlichen und finanziellen Belange kümmerte, sodass er sich auf die Erziehung der Kinder konzentrieren konnte. Die Kinder verbrachten nun mehr Zeit in dem geschlechterspezifisch gestalteten Schulunterricht, daneben verrichteten die Mädchen weiter Hand- und Hausarbeiten, während die Knaben in eine Lehre gesteckt wurden; welche, entschied die Waisenhausleitung. 1938 absolvierten alle 16jährigen Knaben im Basler Waisenhaus eine Lehre, während in anderen, vergleichbaren Institutionen in der Schweiz mehr Hilfsarbeiter «herangezogen» wurden. In vielen Belangen galt das Basler Heim als vorbildlich. Die Mädchen hatten mittlerweile auch die Möglichkeit, sich als Krankenpflegerinnen ausbilden zu lassen.
Nach der Gründung der Bürgergemeinde der Stadt Basel 1875, wurde diese Trägerin des Waisenhauses.
Alltag im Waisenhaus Ende des 19. und Anfang des 20. Jhs.
Die 1866 bis 1898 geltende Hausordnung des Waisenhauses gibt einen Einblick in den streng reglementierten Alltag der Kinder. Obwohl damals Johann Jakob Schäublin Waisenhausvater war, dessen Eltern auf dem Berowergut in Riehen gearbeitet hatten und von dem liebenswerte Jugenderinnerungen erhalten sind, war der Tagesablauf der Kinder streng geregelt, lebten sie ständig unter Aufsicht. Da gab es kaum unbeschwertes Spielen als Ausgleich für die Arbeit. Und obwohl die Kinder ab 1886/87 die öffentlichen Schulen besuchen, also das Waisenhaus Areal verlassen durften, wurden sie vom Alltagsgeschehen in der Stadt völlig abgeschirmt und sogar auf dem Schulweg überwacht. Zudem waren sie meist von weitem durch ihre altmodische, abgenutzte Kleidung zu erkennen und fühlten sich wohl aus mannigfaltigen Gründen gegenüber anderen Kindern ausgegrenzt. Noch aus den 1970er Jahren wird von ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern des Waisenhauses berichtet, dass sie sich von der Aussenwelt abgeschnitten gefühlt hätten.
Die Kinder verliessen das Waisenhaus meist im Alter von 16 Jahren, die Knaben nach der Konfirmation, die Mädchen vielleicht etwas später.
Eine ehemalige Bewohnerin des Waisenhauses schildert den Alltag in den 1920er Jahren folgendermassen: Um 6 Uhr mussten die Kinder aufstehen, Zähne putzen und die Betten machen. Um 6.30 Uhr folgte eine halbstündige Andacht durch den Waisenhauspfarrer. Um 7 Uhr bekamen die Kinder aus Kaffee und Brot bestehendes Frühstück oder eine Suppe. Von 7.30 bis 12 Uhr und von 13.30 bis 16 Uhr waren sie in der Schule, über den Mittag erhielten sie im Waisenhaus das Mittagessen. Nach der Schule und dem Zvieri arbeiteten die Knaben in der Werkstatt. Von 17 bis 18 Uhr war Aufgabenstunde unter Aufsicht des Lehrers. Nach dem Nachtessen verfügten die Knaben über etwas Freizeit, die Mädchen mussten vor dem Morgen- und nach dem Abendessen noch Hausarbeit erledigen. Im Sommer war um 21 Uhr, im Winter um 20.30 Uhr Lichterlöschen.
Die Kinder schliefen in grossen, kahlen Räumen, Bett neben Bett. Aus den 1920er Jahren wird von einem Schlafsaal für 20 Personen berichtet, der Aufseher, ein Handwerker des Waisenhauses, schlief hinter einem Vorhang.
Es gab jedoch auch Lichtblicke für die Kinder, wie beispielsweise der seit 1909 jährlich stattfindende Automobil-Ausflug des ACS.
Aufteilung in «Familiengruppen» als Reform
Der Waisenhausvater Hugo Bein, selber im Waisenhaus aufgewachsen und dort von 1928–1946 als Lehrer tätig, teilte die Kinder gemäss Alter und Geschlecht in Gruppen von 12 bis 18 Kinder auf. Das Waisenhaus wurde baulich angepasst und kleinere Räume geschaffen. Dies konnte jedoch auch zur Folge haben, dass Freunde und Freundinnen oder gar Geschwister getrennt wurden. Diese Reform fand jedoch schweizweit grossen Anklang und wurde im Laufe der Zeit noch verfeinert.
Gleichzeitig soll Hugo Bein «unzüchtige Handlungen» an Mädchen begangen haben, indem er sie auf den Mund küsste. Die Mädchen, die sich wohl wie die meisten Kinder nach etwas köperlicher Nähe und Wärme sehnten, konnten das Ausmass dieser Handlungen damals sicher nicht beurteilen. Die Untersuchungen verliefen ohne Konsequenzen für Hugo Bein. Er rasierte zudem schwierigen Kindern die Haare ab, um sie blosszustellen. Als weitere Form der Blossstellung liess er Kinder, die etwas verbrochen hatten, an einem separaten Tisch sitzen, läutete mit dem Glöckchen und erzählte von ihren «Schandtaten». Auch Bettnässer wurden so bestraft und bekamen abends nichts mehr zu trinken. Lange wurden die Kinder mit Stockschlägen gezüchtigt. Bis zur 2. Hälfte des 20. Jhs. war das Austeilen von Ohrfeigen gängig. Später waren Strafen wie das Kürzen des Taschengeldes oder eine Arbeit wie Unkraut jäten üblich. Dabei muss jedoch bedacht werden, dass auch manche Eltern ihre Kinder damals schlugen und zur Arbeit zwangen oder gar verdingten. Bittere Armut und ständiger Überlebenskampf hatten offenbar auch Mutterherzen hart werden lassen.
Im Waisenhaus, im Volksmund auch «Kischtli» genannt, waren neben den Erziehern und Erzieherinnen die verschiedensten Berufsgruppen vertreten, welche das Waisenhaus quasi autonom machten. Es gab neben Köchen auch Schneider, Schuster, Krankenpflegerinnen, einen Pförtner, Gärtner, Stallburschen, dazu Mägde, Knechte und sogar einen Buchbinder. Hin und wieder fungierten diese alle auch als Aufsichtspersonen und die Kinder lernten Aspekte ihres Berufes kennen. Vor allem hatten sie jedoch die Chance, eine weitere Bezugsperson zu finden.
Einführung des Zivilgesetzbuches 1912
Ein Artikel in dem 1912 eingeführten Zivilgesetzbuch erlaubte es den Behörden fortan, Kinder, bei denen sie eine «andauernde Gefährdung» oder «Verwahrlosung» vermuteten, fremd zu platzieren. Als Idealbild galt die Familienstruktur mit der Mutter als Hausfrau und dem Vater als Ernährer, welche bei minderbemittelten Familien nicht möglich war. So wurden die Kinder aus ihren Familien gerissen und in ein Heim gesteckt. Übrigens empfand noch 1968 der damalige Waisenhausvater Walter Asal das Umfeld von Scheidungskindern als «sozial schwaches, oft krankes Milieu».
Berufslehre für Heimerziehung ab 1962
Erst 1962 wurde unter dem Waisenhausvater Arnold Schneider, der viel Positives für die Kinder bewirkte, eine Berufslehre für Heimerziehung eingeführt, um gewisse pädagogische Grundvoraussetzungen zu schaffen. Auch Männer konnten diese abschliessen, die «soziale Mütterlichkeit» wurde jedoch bevorzugt. Man hatte endlich erkannt, dass die Kinder in erster Linie eine mütterliche Bezugsperson brauchten. Es waren teilweise sehr junge Frauen, welche diese Ausbildung machten und kaum im Berufsleben, wurden ihnen bis 20 Kinder anvertraut, die sie an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr zu betreuen hatten. Es liegt auf der Hand, dass es bald schwierig wurde, Frauen zu finden, welche diese völlig unterbezahlte, äusserst anspruchsvolle Aufgabe übernahmen. Von 1957 bis 1967 wurde übrigens in Riehen quasi eine Aussenstelle des Bürgerlichen Waisenhauses betrieben. Eine Betreuerin und ihre Praktikantin sorgten in einem grossen Haus am Pfaffenlohweg für Buschis und Kleinkinder des Waisenhauses.
Segensreicher Fortschritt
Seit der UNO-Kinderrechtskonvention, welche die Schweiz 1997 unterschrieb, steht das Wohl des Kindes im Vordergrund und es hat ein Mitspracherecht bezüglich weiterer Platzierung oder Austritt aus dem Waisenhaus.
Mittlerweile lebt nur noch eine Vollwaise im Bürgerlichen Waisenhaus in Basel. Die insgesamt 75 Kinder und Jugendlichen, die hier vorübergehend ein Heim, Geborgenheit und Unterstützung finden, welche ihnen ihre Familien nicht geben können, verfügen in der Regel über ein Einzelzimmer. Im Wohnexternat leben Jugendliche nach ihrem 18. Lebensjahr und ihrer Entlassung aus dem Waisenhaus in eigenen Wohnungen, können dennoch jederzeit auf die Unterstützung ihrer ehemaligen Betreuerinnen und Betreuer zurückgreifen.
Im Wesentlichen ist das ehemalige Kloster nach wie vor in einen Klausur- und Laienbereich unterteilt. In der «Klausur» leben die Wohngruppen und können so eine gewisse Privatsphäre geniessen. Im Laienbereich ist mittlerweile ein Kommen und Gehen, denn als das Waisenhaus Ende des 20. Jhs. unter finanziellen Druck geriet, begann man, Räumlichkeiten zu vermieten. So sind heute eine Kindertagesstätte, das Erziehungsdepartement Basel-Stadt mit drei Kindergärten-Spezialangeboten, die Jugendberatungsstelle JUAR, die Musikwerkstatt und andere Institutionen in den alten Gemäuern untergebracht. Nicht zuletzt gibt es den Mittagstisch, den Schülerinnen und Schüler aus der Theodorschule besuchen. Jedenfalls herrscht heute eine fröhliche und entspannte Stimmung innerhalb der alten Mauern, in denen einst die Mönche schweigend ihren Tätigkeiten nachgingen.
Karin Rey