Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03534.jsonl.gz/925

Das Auge
Ich bin für das Licht, was die Biene ist für die Blüte.
In grossen Keltern trage ich das Licht fort und bestäube
damit meinen blinden Lumpen wie über eine kleine
Stäbchenfabrik.
Ich sage blinder Lumpen, weil: hätte er an meiner
Stelle zwei schwarze Löcher, was könnte er sehen
von der Schönheit der Welt?
Ich gebe zu, ich bin ein komplexes, ja, multiples
Organ. Ich sehe die Dinge, sehe, wie sie aussehen.
Aber ob mein Lumpen, die Dinge so sieht, wie
sie aussehen, das weiss ich nicht.
Einmal führte mich mein Lumpen in einen Zirkus.
Ein Clown war da und ein Elefant. Beide
ritten sie zusammen durch einen brennenden
Hula-Hopp-Ring. Der Hut des Clowns ging in
Flammen auf, und die Zuschauer lachten.
Mein Lumpen murmelte: Ich glaube, die Leute weinen.
Siehst du nicht, wie sie weinen?
Ich hielt es für das Beste, wie Oma zu schweigen.
Doch später sagte ich: Manno, du, mein Lumpen,
hast ja mindestens drei Augen! Mit dem ersten, mit mir,
siehst du die realen Gegenstände. Mit dem
zweiten erkennst du die realen Gegenstände in
ihrer Funktion und assoizierst sie mit Gedanken.
Mit dem dritten schliesst du mich und das Auge
hinter der Stirn.
So. Nun gibt es nur noch dein drittes, schönstes
und gefährlichstes Auge.
Es stellt eine Art persönlichen Bezug her zwischen
der Realität, dem Verstand und dir, mein Lumpen!
Es kann dich mit grausamer Blindheit schlagen,
einer Blindheit, die sieht oder nicht sieht, mein Lumpen!
Es kann dir eine Phantasie schenken und somit ein
eigenes, durch Erfahrung eingebranntes Bild.
Ein Bild der Nähe nimmt dir die Vorurteile über das
Fremde. Du beherrscht es nicht, aber du brauchst das dritte
Auge. Ohne würde es in deinem Innern verdammt
arm aussehen.