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| Armenische Väter - Beschreibung des Lebens und Sterbens des hl. Lehrers Mesrop

8. Die Erfindung der armenischen Schrift.
Und so unterzog er sich vielen Mühen, um seinem Volke eine Förderung im Guten zu gewinnen. Ihm schenkte es auch das Geschick vom alle Gnaden spendenden Gott, durch väterlichen Geist erzeugt, eine Geburt neu und wunderbar mit seiner heiligen Rechten, die Schrift für die armenische Sprache. Und nun zeichnete er sie sogleich auf, benannte sie und ordnete sie, und verband sie zu Silben und Verbindungen. Und darauf nahm er Abschied von den heiligen Bischöfen und ging mit seinen Gehilfen in die Stadt Samosata hinab, von dessen Bischof und Kirche er mit hoher Ehre ausgezeichnet wurde. Dort in der gleichen Stadt fand er einen Schreiber griechischer Schrift, mit Namen Rophanos. In Gemeinschaft mit diesem setzte er die ganze Auswahl der Schrift zusammen und paßte sie zurecht, die feineren, die kurzen und die langen, die selbständigen und die Doppellaute1 Darauf wandte er sich der Übersetzung zu mit zwei Männern, seinen Schülern; der erste hieß mit Namen Johann, aus der Provinz Egheghia, der zweite Joseph aus dem Hause der Paghanier. Er machte den Anfang zunächst mit den Sprüchen Salomos, der im Beginn es empfiehlt, der Weisheit kundig zu werden, indem er sagt: „Zu erkennen die Weisheit und [guten] Rat, zu verstehen die Worte der Klugheit." Diese Übersetzung ist auch geschrieben worden von der Hand dieses Schreibers, indem er die Knaben unterrichtete zu Schreibern derselben Schrift.
Hierauf dann erhielt er [Empfehlungs-] Briefe vom Bischof der Stadt. Und nachdem er von ihnen mit allen den Seinen sich verabschiedet hatte, trug er [sie?] zu den Bischöfen Syriens. Allen, bei denen er früher Aufnahme gefunden, legte er die von Gott gegebene Schrift vor. Dafür feierten ihn viele Lobeserhebungen von Seiten der heiligen Bischöfe und von allen Kirchen zur Verherrlichung Gottes und zu nicht geringem Trost der Schüler. Sie empfingen Empfehlungs-Briefe mit gütigen Geschenken, und mit all dem Ihrigen ging er auf die Reise. Von gastlichen Herbergen auf der Durchreise unterstützt, kam er mit Glück und geistiger Freude ins Land Armenien in die Gegenden der Provinz Ararat, in das Gebiet von Norkhalakh2 im sechsten Jahre3 des Wramschapuh, des Königs der Armenier. Und nicht so freute sich der große Moses beim Herabsteigen vom Berge Sinai; wir sagen nicht um vieles weniger. Denn als der Mann, der Gott schaute, von Gott das von Gott geschriebene Gebot in die Arme genommen hatte, stieg er vom Berg hernieder; aber wegen der Untat des Volkes, welches der Gottheit den Rücken gekehrt hatte, stürzten sie zur Erde; treulos gegen ihren Herrn, gossen sie sich ihre Götter und beteten sie an und betrübten ihren Gesetzgeber und machten sein Herz erstarren. Denn als durch das Zerbrechen der Tafel es offenkundig geworden war, sah man den Schmerz des Trägers. Aber mit diesem Seligen, wegen dessen das Gesagte dargelegt wird, verhielt es sich nicht nach jenem Vorbild, das sie damals gaben, sondern er, erfüllt mit geistigem Trost, ward als willkommen bei denen betrachtet, die ihn empfingen, und als verheißungsvolle Ordnung der Wege für diejenigen, die mit freudiger Hoffnung ihn aufnahmen.
Doch möge uns keiner wegen des Gesagten für zu kühn halten, als ob es einen geringern Mann mit dem großen Moses, mit dem Mann, der mit Gott sprach, dem Wundertäter verglichen und gleichgestellt hätte, wodurch wir wohl [ihn] herabgesetzt hätten. Ja, wir können noch mehr durch den Glauben. Denn es darf an keinen sichtbaren und unsichtbaren Dingen das Göttliche verkannt werden. Denn des einen allmächtigen Gottes Gnade waltet bei allen Völkern der Erdgeborenen.
1: Etwas verschieden ist die spätere Erzählung des Moses v. Ch. III, 53.
2: Zu deutsch: Neustadt. Die Stadt hieß auch Wagharschapat. Welte gibt den Stadtnamen unrichtig mit „Nor" [= Neu] wieder.
3: Hier liegt wieder ein chronologischer Irrtum vor, soferne Koriun oben schon nach dem 5. Jahre des Königs eine zweijährige Übung berichtet, dann von den Reisen schreibt, die auch Zeit forderten, so daß dies Ereignis nicht bloß ein Jahr nach dem oben Berichteten stattgehabt haben kann. Eine spätere Angabe Koriuns, daß die Schrifterfindung ins 8. Jahr Jesdegerds fiel, forderte die unrichtige Folgerung, daß das 6. Jahr des armenischen Königs Wramschapuh sich mit dem 8. Jahr Jesdegerds deckte, was unmöglich ist.