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Brunos Tramnotizen – N°61
Die Frau war Anfang dreissig, er Mitte vierzig, sie sassen müde auf der Bank, sie lehnte ihren Kopf an seine Schultern, seine Linke ruhte auf ihrem rechten Oberschenkel, beide schienen einen langen Arbeitstag gehabt zu haben. Der Mann in schwarzem Anzug und weissem Hemd hatte seine Krawatte gelockert, den obersten Hemdknopf geöffnet, er starrte vor sich hin, sprach leise und traurig. Die Frau in elegantem Outfit lauschte nachdenklich seiner Geschichte und schwieg. Der 2er fuhr vom Bellevue Richtung Tiefenbrunnen los, es war schon neun, das Tram praktisch leer. Die Geschichte des Mannes klang düster, es ging um seinen Arbeitgeber, der ihn damit beauftragt hatte, in seiner Abteilung die Belegschaft zu reduzieren, um einen Viertel per sofort, im Verlauf des nächsten Jahres nochmals um gleich viel. Er könne das nicht. Es sei nicht nur menschlich gewissenlos, es sei für die Firma ein Desaster, man würde damit die ganze Entwicklung neuer Produkte zunichte machen und die Zukunft der Firma aufs Spiel setzen, es sei unverantwortlich. Der Firmenleitung ginge es bloss um die kurzfristige Schönung der Bilanzen und das Ruhigstellen gieriger Aktionäre, die höhere Dividenden reklamierten. Das sei nur dumm, der Firma ginge es gut, sie schreibe Gewinne, aber scheinbar zu wenig. Er wisse momentan echt nicht weiter. Die Frau legte ihre Hand auf die seine, sagte nach anfänglichem Zögern mit fester Stimme, er solle aufhören, kündigen, jetzt, sofort! Seit einem Jahr laufe dieses Spiel bereits. Er dürfe nicht trotzig daran festhalten, nur weil er zehn Jahre Arbeit in diese Firma investiert habe. Es heisse ja nicht, dass die zehn guten Jahre zuvor eine Fehlleistung oder ein Irrtum gewesen seien. Aber wenn die gute Sache jetzt zur schlechten gemacht werde, so schlecht, dass nichts mehr zu retten sei, dann müsse er aufhören. Es wäre fatal, stur an einer Sinnlosigkeit festzuhalten. Der Mann seufzte, das Projekt sei einmal verdammt gut gewesen... die Frau unterbrach energisch, jetzt nicht mehr, da sage der gesunde Menschenverstand Stopp. Wenn etwas nicht mehr gut sei, dann höre man auf. Er esse ja auch nicht einfach weiter, wenn es ihm nicht schmecke, und, wenn ihm ein Anlass nicht passe, stünde er auch auf und ginge. An dem jetzt eingeschlagenen Kurs seiner Firma könne er nichts ändern. Darum müsse er sich in dieser Sache klar distanzieren, nicht Handlanger sein, sondern Grösse zeigen und gehen. Der Mann lehnte sich etwas zurück, lächelte, obwohl es ihm gar nicht zum Lachen war, es ginge ja nur um das Geld. Um Geiz und Gier. Es werde alles weggespart, bis nichts mehr da sei. Es wären wohl kaum Katastrophen die das Ende unseres Daseins besiegelten, der Mensch rotte sich mit seiner schamlosen Gier vorher aus und die Welt würde sich danach gemächlich weiterdrehen.
17. April 2016