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Alle seine männlichen Vorfahren arbeiteten als Kommandanten der Bukarester Feuerwehr. Nur Victor Stoica nicht. Als erster Sohn seiner Familie beginnt er in den 1950er-Jahren ein Geschichtsstudium im aufstrebenden kommunistischen Spitzelstaat Rumänien.
Das geht nicht lange gut. Einmal äussert sich Stoica gegenüber seinem besten Freund kritisch über die Regierung. Kurz darauf wird er aus einer Vorlesung gezerrt und abgeführt. Der junge Student verschwindet für neun Jahre in den berüchtigten rumänischen Foltergefängnissen und Straflagern.
Ans Messer geliefert hat ihn sein bester Freund höchstpersönlich, der in der Zwischenzeit Offizier des Geheimdienstes Securitate geworden ist. Vor Gericht sagt sogar Victors eigener Bruder gegen ihn aus.
Eine Geschichte, fünf Generationen
Erst 1989, unmittelbar vor dem Sturz des Diktatorenpaars Ceausescu und gut 30 Jahre nach seiner Entlassung, erzählt Victor die Geschichten seiner Familie. Sie reichen fünf Generationen zurück. Das beginnt mit dem Ururgrossvater, der behauptete, als Feuerwehrmann die Stadt praktisch im Alleingang vor dem Untergang bewahrt zu haben.
Doch Victor erinnert sich auch, wie seine Grosseltern im Nebengebäude des Feuerwehrturms Verstossenen Unterschlupf gewährten. Und er erinnert sich, wie sein Vater mit ihm vom Feuerturm aus in die Ferne blickte und behauptete, man könne sogar die Spitze des Eiffelturms sehen.
Buchhinweis:
Catalin Dorian Florescu: Der Feuerturm. C. H. Beck, 2022.
Metaphorisch aufgeladener Feuerturm
Die Feuerwehr und der Feuerturm sind in Catalin Dorian Florescus historischem Roman stark metaphorisch aufgeladen. Neben den realen Bränden, etwa der Bukarester Universität oder eines Zirkuszelts, dient der Turm auch als Beobachtungsposten für die Brände in der Gesellschaft, die viel schwieriger zu löschen sind.
«Der Feuerturm» schildert eindrücklich das stete Hin und Her zwischen Nationalismus, Liberalismus, Faschismus und Kommunismus, das Rumänien zwischen 1890 und 1989 von einer Katastrophe in die nächste rutschen liess. Dabei greift Florescu vor allem auf Szenen aus dem täglichen Leben zurück, die ihre Wirkung erst nach und nach im Zusammenhang entfalten.
Man wartet zusammen mit den Figuren bis spät in die Nacht auf etwas Gas zum Kochen und erlebt ihre Spannung mit, wenn auf Geheiss von Diktator Ceaucescu Kirchen verschoben werden. Auch die grausamen Zustände im Straflager spart er nicht aus. In der Summe ergibt das ein relativ düsteres Bild.
Der Turm ist eine Metapher für die Widerstandskraft der Menschen.
Trotzdem erzählt «Der Feuerturm» auch eine Geschichte des Wieder-Aufstehens und Weitermachens. Dafür sei der Bukarester Turm ebenfalls ein Symbol, erklärt der Autor. Mit seinen drei Meter dicken Mauern stehe er mächtig und widerspenstig mitten in der rumänischen Hauptstadt. «Als ich ihn das erste Mal sah, wusste ich sofort: Dieser Turm ist eine Metapher für die Widerstandskraft der Menschen.»
Die Kraft des Erzählens
Diese Kraft gewinnen die Menschen in Florescus Roman nicht zuletzt aus dem Geschichtenerzählen. Victor Stoica etwa findet sowohl während der schlimmen Zeit im Straflager als auch danach Halt in Erinnerungen an die Erzählungen seiner Familie.
Das Erzählen stecke tief in der rumänischen Kultur, sagt der Autor: «Wir erzählen, um aus der grossen, grausamen Einsamkeit im Leben auszubrechen.» Man hoffe, damit jemanden zu erreichen und auf Mitgefühl und Trost zu stossen.
«Der Feuerturm» verlangt einem beim Lesen einiges ab. Der Roman schildert 100 Jahre rumänische Geschichte. Zudem umfasst die Handlung neben fünf Generationen Personal aus der Feuerwehrfamilie auch zahlreiche Nebenfiguren und Schauplätze. Und das alles auf weniger als 400 Seiten.
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Gerade zu Beginn des Buches ist es nicht einfach, die Übersicht zu behalten. Doch mit seiner eindrücklichen Bildsprache und den vielen Geschichten, die sich gekonnt durcheinander winden, entwickelt Catalin Dorian Florescus Roman einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann.
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