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Die Entwicklung von Akkordeon
Die Erfindung und Entwicklung der Durchschlagzunge
Die meisten klassischen Musikinstrumente haben ihren Ursprung im Fernen Osten (in alten orientalischen und asiatischen Kulturen). So stammt auch das älteste Musikinstrument mit einer Durchschlagzunge aus China. Dieses Blasinstrument, das „Sheng“ (auch Mundorgel genannt) existiert seit mehr als 4000 Jahren. Es besteht aus einer Kürbisschale, die als Windlade dient und in die durch einen seitlich angebrachten Schnabel Luft eingeblasen wird. Im Deckel dieser Kürbisschale stecken Bambusröhren von unterschiedlicher Länge. Im unteren Teil dieser Röhren sind in die Rohrwand durch schwingende Zungen eingeschnitten. Dieser Teil befindet sich unter dem Deckel. Oberhalb des Deckels sind die Bambusröhren durchbohrt. Soll eine Röhre angespielt werden, so muss mit einem Finger das betreffende Loch abgedeckt werden. Dies geschieht, um die Röhre resonanzfähig zu machen und damit das Einsetzen der Zungenschwingung zu ermöglichen. Auch in Ägypten bei den Pharaonen lässt sich eine Doppelschalmei mit dem Namen Arghül mit frei schwebender Zunge nachweisen.
Es ist unklar, wann und wie die Durchschlagzunge nach Europa kam, ob das Sheng oder artverwandte Instrumente von Entdeckungsreisen mitgebracht wurden, oder ob sich hier eine eigenständige Entwicklung vollzogen hat.
Die erste Anwendung dieser Durchschlagzunge erfolgte in einem Orgelregister als Ergänzung zu den Pfeifen mit Aufschlagzungen. Eine Verbreitung dieser Orgelregister kam jedoch nicht zustande, sie gerieten in Vergessenheit. Aus den nachfolgenden 150 Jahren sind keine entsprechenden Dokumente bekannt. Erst Ausgang des 18. Jh. wurde die Durchschlagzunge wieder interessant. In der Zeit des Übergangs vom Barock zur Klassik änderte sich das Klangbild der Musik und damit auch das Klangideal. Die polyphone Kunst (Vielstimmigkeit; mit rhythmisch und melodisch selbstständigen Stimmen) wich mehr und mehr der homophonen Musik (eine führende Oberstimme mit akkordischen Begleitstimmen). Es begann die Zeit der Entdeckung, ein Experimentieren, eine Suche neuer Instrumente, neuer Klangfarben. Benjamin Franklin entwickelte so 1762 seine Glasharmonika. (Mozart und Beethoven haben für dieses Instrument komponiert.)
In Kopenhagen experimentierte in dieser Zeit der Mediziner und Akustiker Kratzenstein mit der Durchschlagzunge. Er baute Sprechmaschinen. Bei seinen Versuchen assistierte ihm der Orgelbauer Kirsnik und dieser wiederum beschäftigte sich damit, das Prinzip dieser Tonerzeugung auf seine Instrumente zu übertragen. Er baute Register mit Durchschlagzungen in eine seiner Kleinorgeln ein. Kleinorgel lernte Abbi Vogler, königlicher Hofmusikdirektor in Stockholm, bei Kirsnik kennen. Der Eindruck dieser zarten Zungenstimmen war so groß auf Vogler, dass er sich 1790 solche Durchschlagzungen in sein Orchestrion, eine tragbare Konzertorgel, einbauen ließ. 1806 entstand, durch Experimentieren der beiden Bayer Bernhard Eschenbach und Kaspar Schlimbach mit frei schwingenden Zungen, ein spielfähiges Instrument, die Aeoline. Dies war gewissermaßen die Grundsteinlegung für die Zungeninstrumente. Auch andere Instrumentenbauer experimentierten in dieser Richtung. So entstand 1821 in Wien durch Anton Haeckis die Physharmonika, die einem Harmonium sehr nahe kam. Da in der Zeit bei all' diesen Instrumenten mit diesem Klangprinzip die Spielwinderzeugung mit Hilfe der Beine oder Füße erfolgte, müssen diese zu den Vorläufern des Harmoniums gezählt werden. Handbewegte Balginstrumente waren zu diesem Zeitpunkt unbekannt.
Die Geschichte (Entwicklung) des Akkordeons
Der aus Thüringen stammende und nach Berlin übersiedelte Friedrich Buschmann gilt als eigentlicher Erfinder der Mundharmonika als auch der Handharmonika. Der 1805 geborene Instrumentenbauer qualifizierte sich bereits als Jugendlicher zu einem Meister seines Fachs. Mittelpunkt der Arbeiten in der Werkstatt Buschmanns war das vom Vater erfundene Terpodion, ein Harmonium ähnliches Instrument mit Pianoklaviatur. Parallel dazu liefen Arbeiten an Zungeninstrumenten, an den Vorläufern zum Harmonium. Durchschlagzungen gehörten dem nach zu alltäglichen Arbeitsgegenständen Friedrich Buschmanns.
1821 kam Friedrich auf die Idee, mehrere dieser Durchschlagzungen aus Metall so auf einem Klangholz mit ausgeschnitzten Kantzellen und Tonlöchern zu befestigen, dass er sie mit dem Mund anblasen konnte. Es ging ihm nicht darum, ein neues Instrument, sondern vielmehr ein Klangwerkzeug, eine Stimmhilfe zu schaffen. Er gab sich aber mit dem Erreichten nicht zufrieden. 1822 verbesserte er sein Stimmgerät, baute sich einen Lederbalg für die Spielwinderzeugung und versah die einzelnen Tonzungen mit Ventilen. Beim Aufziehen füllte er den Balg mit Luft und ließ ihn durch das Eigengewicht herabsinken, wobei die Luftströmung je nach geöffnetem Ventil den gewünschten Vergleichs Ton erzeugte. Damit war der Ton länger anhaltend, und zum Stimmen waren beide Hände frei. Später verbesserte Buschmann sein Gerät abermals, indem er Doppelzungen für Zug- und Druckluft einbaute, den Balg vergrößerte und die Ventile mit Spieltasten versah, zu beiden Seiten des Balges Zungen einbaute und somit den Tonumfang erweiterte. „Handacoline“ nannte er dieses erste Balginstrument.
Friedrich Buschmann schien somit die ersten Vorbilder für die Handharmonika geschaffen zu haben. Andere brachten dann diese zu größerer Vollkommenheit während er seine eigentliche Lebensaufgabe darin sah, diejenigen Instrumente weiterzuentwickeln, die zum Harmonium führten.
1829 wurde in Wien vom Orgel- und Klavierbauer Cyrill Demian das erste Patent auf ein Handbalginstrument angemeldet, das der Erfinder mit Accordion bezeichnete. Es ist nicht klar, ob Demian durch Buschmanns „Handaeoline“ angeregt wurde, oder ob sich in Wien eine unabhängige Entwicklung vollzogen hat. Beschreibung des Patents: „Es ist die Rede von einem kleinen Kästchen mit einem Blasbalg und von 5 Tasten. Außerdem heißt es: »Die vibrierenden Teile sind dünne Metallplättchen, welche ein Schnarrwerk mit durchschlagenden Federn bilden." Der Tonumfang dieses ersten Instrumentes reichte von c' bis e" a diatonisch.
Der Name „Accordion" hatte seinen besonderen Grund. Zusätzlich zu den frei wählbaren Einzeltönen waren zwei Begleitakkorde eingebaut, z.B. im C-Dur-Instrument der C-Dur-Vierklang bei Zugspiel, der G-Septimenakkord bei Druckspiel. Anfangs wurden die Accordions nur mit einer Tonart ausgerüstet. Bald folgten auch Typen mit zwei Tonarten, die im Quintabstand lagen. (F/C- Dur oder G/D-Dur). 1834 erlosch Demians Patent und damit sein Recht auf die Alleinherstellung des Accordions. Die Zahl der Produktionsstätten nahm ab diesem Zeitpunkt ständig zu.
1854 wurde in Wien von Matthäus Bauer das erste Balginstrument mit einer Pianoklaviatur angefertigt. Nachdem der ebenfalls in Wien lebende Musiker Franz Walther 1850 schon ein erstes chromatisches Knopfinstrument (allerdings nur rechts gleichtonig!) gebaut hatte, entwickelte Bauer 1890 ein beiderseitig chromatisches und gleichtoniges Akkordeon mit je 46 Tasten, die Bass Seite in Einzeltonfolge ohne Akkorde, so wie heute die M3-lnstrumente bekannt sind (Freebass-Akkordeon). Diese Bassausführung geriet aber vorerst wieder in Vergessenheit, weil weder die Spielgewohnheiten noch die gespielte Literatur dieser Bauweise entsprachen. Matthäus Bauer war seiner Zeit weit voraus.
Während die Melodieseite des Accordions bereits 1850 auch in chromatischer, gleichtoniger Ausführung gebaut wurde, hinkte die Bassentwicklung deutlich nach. Erst im Jahre 1870 erfolgte der Schritt zur chromatischen, gleichtonigen Bassbegleitung mit vier Knopfreihen.
In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg war der Grundaufbau des Akkordions mit allen wesentlichen Bestandteilen abgeschlossen. Sowohl die Diskantseite als auch der Bassteil wurden mit einer chromatisch gleich tonigen Stimmplattenbelegung ausgestattet. Damit war in Verbindung mit der Einführung einer Bassmechanik das tonartgebundene Spiel überwunden. Trotz dieser bedeutsamen Fortschritte auf dem Wege zu einem Konzertinstrument stand das Akkordion in dieser Zeitepoche noch ganz im Schatten der diatonischen Instrumente, die eine starke Verbreitung gefunden hatten. Zunächst blieb es dabei, dass mit dem Begriff „Akkordeon" nicht nur eine das Spiel in nahezu allen Tonarten ermöglichende Bassmechanik verknüpft war, sondern auch eine Pianoklaviatur. (Sehr häufig spielte in "Tanzmusik-Ensemble" der Pianist als Zweitinstrument ein Akkordeon.)
Auf dem Weg zum Konzertinstrument wurde der Standardbass der letzten Entwicklungsstufe mehr und mehr zu einem störenden Hindernis. Jeder Spieler eines derartigen Instrumentes weiß, wie schwierig es ist, auf der Bassseite eine Melodie zu spielen oder einen Akkord zusammenzustellen, der nicht im „Standard" liegt, also nicht zu den vorgegebenen, gekoppelten Akkorden gehört.
In den 50er Jahren setzten bei verschiedenen Firmen Bemühungen ein, dem Spieler anstatt des Standardbasses oder zusätzlich zum Standardbass einen Melodiebass zur Verfügung zu stellen. Etwa gleichzeitig wurde an der Entwicklung von umschaltbaren Bassmechaniken gearbeitet. Einige Jahre später kam eine dritte Variante zum Durchbruch, „der Freebass“.
Akkordeonverwandte Instrumente
1834 baute Carl Friedrich Uhlig aus dem damaligen Chemnitz ein Balginstrument mit quadratischen Gehäuseteilen. Angeregt zu dieser Arbeit wurde er durch Demian, bei dem er das Accordion kennen gelernt hatte. Dieses Instrument hatte rechts und links je fünf Spielknöpfe, war diatonisch, und er nannte es Konzertina, ohne von der englischen Concertina etwas gewusst zu haben. In der linken Seite baute er Einzelbässe ein. Im Laufe der Jahre vergrößerte Uhlig seine Konzertina, ohne jedoch von der diatonischen Stimmung abzugehen. Der Krefelder Musiklehrer Heinrich Band lernte Uhligs Konzertina kennen und verwendetet sie ab 1840 in seinem Stadtorchester. Auf der Grundlage dieses Instrumentes entwickelte er 1846 eine neue Zuordnung der Töne zu den Tasten und nannte sein Erzeugnis Bandoneon. Im Gegensatz zur Konzertina gab es beim Bandoneon in seiner letzten Entwicklungs-Epoche zusätzlich chromatische Modelle.
Die englische Concertina ist das einzige Balginstrument, das nicht auf Demian zurückgeht. In England hatte sich der Physiker Charles Wheatstone etwa zur gleichen Zeit wie Buschmann und Demian mit der Durchschlagzunge beschäftigt und war nach ersten Versuchen an einem Blasinstrument ebenfalls zur Konstruktion eines Balginstrumentes vorgestoßen, dass er Concertina nannte und das er 1829 patentieren ließ. Das Gehäuse ist sechseckig, die Tonausstattung chromatisch und die chromatische Tonfolge ist abwechselnd auf die rechte und linke Seite verteilt. Weitere Modelle, die ihre Beliebtheit in der Volksmusik bis in die Gegenwart behalten haben, sind: Akkordeon Knopf und Piano, Schwyzerörgeli, Bandoneon, steirische Harmonika, Concertina, diatonische Handharmonika.