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Es gilt allgemein als Ziel ärztlichen Handelns für die Patienten Gesundheit zu erlangen.
Was auf den ersten Blick als eine Trivialität erscheinen mag, erweist sich bei genauerem Hinsehen als in verschiedener Hinsicht problematisch. Es wird im Folgenden darum gehen, das Sensorium für verschiedene, verborgene Fragestellungen zu schärfen. Zu nennen sind insbesondere :
möglicherweise wird das Erreichen des explizit genannten Ziels – die Gesundheit – durch versteckt und heimlich wirkende implizite Ziele sabotiert.
Es ist sicherzustellen, dass das angepeilte Ziel – die Gesundheit – bekannt ist und klar umschrieben werden kann. Unbekannte Ziele lassen sich nicht erreichen.
«Gesundheit» stellt, (wie beispielsweise auch «Freiheit» oder «Gerechtigkeit») ein abstrakter Allgemeinbegriff dar. Soll er im praktischen Alltag handlungsrelevant werden, ist es nötig, sich zuerst mit dem konkreten Kontext, in welchem Gesundheit entsteht, zu befassen ; das heisst mit den Menschen, die gesund oder krank sein können und mit der Welt als ganze, in welcher ebendiese Menschen zu dem werden, was sie sind.
Es gibt Hinweise dafür, dass das in der Medizin explizit verfolgte Ziel zwar die Gesundheit sein mag, dass aber zudem eine heimliche Agenda besteht. Diese könnte darin bestehen, Wirtschaftswachstum zu generieren. Sollte sich diese Vermutung bestätigen, wäre die Medizin erfolgreich und würde das gesteckte Ziel problemlos erreichen, denn sie stellt einen Wachstumsmarkt erster Güte dar. Das jährliche Wehklagen über steigende Krankenversicherungsprämien wäre so gesehen als ein Ritual zu werten, das dem quartalsweise wiederkehrenden Jubel über Milliardengewinne des medico-industriellen Komplexes untergeordnet werden muss.
Zu dieser Vermutung passt auch folgendes : Nach wie vor dominiert die WHO-Definition über alle anderen Versuche, Gesundheit zu definieren. Sie tut dies, obwohl längst gezeigt werden konnte, dass sie inhaltlich und formal massive Mängel aufweist.1 Aus dem Blickwinkel eines maximalen Wirtschaftswachstum ist die WHO-Zielvorgabe, «vollständiges physisches, geistiges und soziales Wohlbefinden» für Alle herzustellen, aber genau passend : Als konkretes Ziel zwar unerreichbar, steigert sie aber gerade dadurch das Bedürfnis nach und den Konsum von medizinischen Leistungen ins Unermessliche.
Es bleibt zu diskutieren, ob Mediziner sich dieser heimlichen Agenda entziehen sollen und wenn «ja», wie sie dies tun können. Wenn sie sich entscheiden, dies nicht zu tun, dann wäre es möglicherweise ratsam, wenn das bisher implizite und heimliche Ziel explizit und öffentlich gemacht würde. Es gälte dann, darauf hinzuweisen, welche enorme Leistung das Medizinalwesen – und damit auch die Ärzte – als Wachstumsmotor einer darbenden Weltwirtschaft erbringen.
Soll es aber darum gehen, dass sich Ärzte aus der Umklammerung durch wirtschaftliche Interessen lösen, dann kann ein erster Schritt darin bestehen, ein Ziel ärztlichen Handelns zu definieren, das genuin ärztlich ist. Die Anforderungen an eine solche Vorgabe sind beträchtlich : Sie sollte formal gesehen klar, knapp, in sich kohärent und leicht verständlich sein. Inhaltlich sollte sie der menschlichen Natur gerecht werden und auch tatsächlich erreichbar sein.
Der folgende Vorschlag einer Gesundheitsdefinition sei zur Diskussion gestellt : Gesundheit heisst ein sinnvolles Leben zu führen.
«Sinn» oder «sinnvoll» meint hier das subjektive Gefühl, welche sich beim Menschen zeigt, wenn er in Kontakt mit seiner ganz spezifischen, insbesondere auch durch die menschliche Sprache gesetzten Grenze kommt und wenn er sich bemüht, diese Grenze zu übersteigen, zu transzendieren.2 So gesehen ist Gesundheit, verstanden als sinnvolles Leben, eine anthropologische Kategorie.
Obwohl häufig nicht nur von gesunden Menschen, sondern auch von gesunden Tieren, Pflanzen und sogar von gesunden Volkswirtschaften gesprochen wird, kann Gesundheit so nicht widerspruchsfrei gedacht und konzipiert werden. Dies hat damit zu tun, dass beim Menschen eine durch die komplexe, menschliche Sprache vermittelte Ebene zur Verfügung steht, welche bei allen anderen Lebewesen nicht existiert und welche dem Begriff der Gesundheit beim Menschen eine völlig andere Dimension zu verleihen vermag.2
Der genannte Vorschlag einer Gesundheitsdefinition geht mit einem ganz bestimmten Menschenbild einher. Soll sie zuerst verstanden, dann akzeptiert und zuletzt handlungsrelevant werden, dann ist es allerdings nötig, dass alle, welche damit arbeiten wollen, Einigkeit darüber erzielen, was den Menschen zum Menschen macht, d.h. sie müssen sich auf ein gemeinsames Menschenbild einigen. Nicht nur das: Menschen sind auch integraler Teil eines Kosmos, zu dem sie in vielfältiger Interaktion und Abhängigkeit stehen. Erstere – die Menschen und die Gesundheit des Menschen – sind nicht ohne letzteres – den Kosmos – zu verstehen.
Soll ein wirkungsmächtiges, auf echte Heilung ausgerichtetes Gesundheitsverständnis gefunden und in einem offenen Diskurs handlungsrelevant gemacht werden, ist es nötig, dass insbesondere auch bei den Ärzten eine Reflexion darauf einsetzt, wie die heute disparat verstreuten Theorieelemente in ein kohärentes und allgemein anerkanntes Welt- und Menschenbild vereint werden können.