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Ja, in der Tat, Maurice Jarre war Mitte der 80er Jahre bis in die 90er so was wie der go-to-guy wenn es um Thriller und elektronische Musik ging. WITNESS, FATAL ATTRACTION, DREAMSCAPE, JACOB’S LADDER. Das erstaunte deshalb, weil der Franzose, der ansonsten für seine ausschweifend epischen Musiken wie, es muss eigentlich nicht erwähnt werden, LAWRENCE OF ARABIA, berühmt war, in seiner späten Phase nochmals richtig experimentierfreudig wurde. Uneingeschränkt anhörbar waren diese Musiken nicht immer, auch wenn Jarre seine Elektronika stets live einspielen liess und einige der bekanntesten Keyboarder und Sessionmusiker dafür versammelte (Michael Boddicker, Ralph Grierson, Michael Miller, Judd Miller…) standen in The Record Plant hinter ihren Instrumenten, angeordnet fast wie ein Orchester.
In NOW WAY OUT führt eine Dreiecksliebe zu dramatischen Ereignissen, die bis in die höchsten Ämter der US-Regierung führen. Kevin Costner (Tom Farrell) verliebt sich in Sean Young (Susan), die aber mit dem Defense Secretary, gespielt von Gene Hackman, liiert ist. Dieser, verheiratet und Familienvater, ahnt in seiner krankhaften Eifersucht, dass seine Geliebte ein Verhältnis mit einem anderen Mann hat bis es zum tragischen Tod von Susan kommt.
Für Kevin Costner war die Zeit um NO WAY OUT der Start in eine fulminante Phase, die schliesslich mit DANCES WITH WOLVES, JFK und ROBIN HOOD-PRINCE OF THIEVES ihren Höhepunkt erreichte. Zwei Jahre nach SILVERADO war Costner im Hit THE UNTOUCHABLES zu sehen, auch NO WAY OUT, der quasi im gleichen Jahr entstand, war im Kino und in den Videotheken ein grosser Erfolg – ein spannender Thriller, der sich auch heute noch richtig gut ansehen lässt (und wer THE BIG CLOCK, den ich mir einst auf Andis Empfehlung hin gönnte, kennt, wird Parallelen erkennen). Drehen wir das Rad 30 Jahre vorwärts und zu einem neuen Label namens Notefornote Music (ein etwas gewöhnungsbedürftiger Name), das irgendwie mit BSX Records in Verbindung gebracht werden kann. Aus dem 30 Minuten Album, das damals bei Varèse erschien, hat man nun eine 45 Min. Veröffentlichung gemacht. Somit ist ziemlich alles was Jarre für den Film komponierte, ist hier zu hören, sei es als Score oder als Bonustracks und auf CD 2 ist ausserdem für die ganz Abgebrühten unter uns die alte Albumversion enthalten.
Jarres Versuche mit der „E-Musik“ klingt heute etwas old-fashioned und seine elektronischen Scores hatten meiner Meinung nicht die Tiefe und den Zugang wie jene etwa eines Jerry Goldsmith. Doch heute wo elektronische Filmmusik wieder en vogue ist, macht sich ein NO WAY OUT ganz gut. Sie sind Zeitzeugen einer Ära, in der der digitale Synthesizer und das MIDI-System mehr und mehr die Filmmusik zu dominieren begann.
NO WAY OUT beginnt mit einem ganz hohen, fiepsenden Geräusch, es ist also nicht die Stereoanlage, die futsch ist, sondern der Anfang der Musik. Es folgt Jarres ominöse Spannungsmusik, die über dem „Main Title“ läuft. In diesem ist auch das Hauptthema ab ca. 1:45 zu vernehmen, das einen Hauch osteuropäischer Folklore in sich trägt, Hinweis gebend, dass der Gesuchte, der Vertuschung wegen, ein KGB-Agent sein soll. Dieses Thema nützt Jarre auch in Fragmenten und streut es insbesondere im letzten Drittel des Scores immer wieder ein. Ein Liebesthema, das im Film nur kurz bestand hat, da Sean Youngs Charakter recht früh das zeitliche segnet, ist zu Beginn von „You’re Exotic/CID Blood Type 1/Arrival at the Pentagon“ als gesampelter Trompetenklang (gespielt vom E.V.I., einem elektronischen Blasinstrument) zu hören. Ausführlicher enthalten ist dieses Thema in „Susan Leaves Embassy Party/Sailing“. Mit „Cover Up/Fatal Picture“ taucht Jarre in den Stil von NO WAY OUT ein, der ab hier dominiert. Der Suspense-Jarre, der teils schwierig abseits vom Film geniessbar ist. Lang ausgehaltene Synthieflächen, plötzlich eingestreute perkussive Elemente, Simmons Drums, „typische“ Jarre Arpeggios. Wer sich nicht nostalgisch an die guten alten, mitte-achtziger Jahre erinnert fühlt, wird gerade mit Stücken wie „The Jewel Box/Car Chase/Foot Chase“ oder „Mate Arrivals at Pentagon/Mate Spots Tom/Carry Sidearm…“ seine liebe Mühe haben. Ich finde den Spass an solchen Musiken durchaus wieder, was nicht heisst, dass ich einst FATAL ATTRACTION ad nauseam hörte, ganz im Gegenteil. Der Elektronik-Jarre war damals keineswegs ein Dauerbrenner auf dem Plattenteller.
Sagen wir es abschliessend so: In eine Serie wie zum Beispiel der populären STRANGER THINGS, in der Kyle Dixon und Michael Stein sich auf die guten alten 80er Synthiescores besinnen, würde ein NO WAY OUT Jarre durchaus passen und in dieser Musikstil liegen so manche Erinnerungen an eine Filmzeit, deren neue Stars und durchaus ansehnliche Filme, neben den üblichen Abfallprodukten, die jede Ära mit sich bringt. Kommt hinzu, dass eine Story wie in NO WAY OUT heute wieder aktueller denn je wirkt. Es ist wie immer, alles kehrt irgendwann wieder und selbst jenes wird wieder zum „Hit“, das man einst nicht mehr hören oder sehen (die Mode…) konnte. So kehren sie wieder zurück, die elektronischen Filmmusiken, ob als Wiederveröffentlichung oder zu neuen Filmen – bleibt nur zu hoffen, dass es die Shoulderpads nicht mehr tun werden.
Ein Satz noch zum Booklet: Das ist leider wie so oft wenn es der BSX Ecke entstammt, nur mässig gelungen. 6 Seiten Text mit teils halbseitigen Filmfotos sind arg wenig für ein derartiges Komplettrelease.
Phil, 17.10.2018
NO WAY OUT Maurice Jarre Notefornote Music CD 1: 45 Min. / 15 Tracks CD 2: 40 Min. / 12 Tracks