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Meine frühen Kontakte mit den «Schweizer Monatsheften» (als Literaturzeitschrift) erfolgten zu meiner Studienzeit im Medienzimmer der Universität Zürich. Seit meinem Berlin-Aufenthalt an Ostern 1968, mit verbreiteter Polemik gegen Professoren wie Emil Staiger («Reaktionär») oder Max Wehrli (an einer Vollversammlung als «Schwein» tituliert), empfand ich mich als entschiedenen Anti-68er. Umso mehr, als ich bei einer Versammlung von Germanisten zu hören bekam, Freude an Sprache und Literatur sei mit «kulinarischer» Nabelschau gleichzusetzen. Damit werde die Herrschaft des Bürgertums über das Geistesleben zementiert. In der Folge wurden für eine Probevorlesung des politischen Philosophen Hermann Lübbe Störaktionen angekündigt. Sein Vortrag, wonach Geschichte nicht als Ablauf einer Gesetzmässigkeit bestehe, sondern sich in Erzählungen konstituiere, prägte mich als Akademiker für den Rest des Lebens. Seinetwegen wechselte ich die Strategie meiner Studien in Richtung Philosophie. Lübbe war mir wie die genannten Professoren als Autor der «Schweizer Monatshefte» bekannt gewesen.
Nicht schlecht staunte ich, dass es unter Studienkollegen wie Hermann Burger Beiträger zu einer Zeitschrift gab, die für mich wie sonst nur noch die «Literarische Tat» von Erwin Jaeckle, Förderer von Erika Burkart, eine geistige Orientierungsmarke bedeuten sollte. In den genannten Literaturbeilagen wurde die Legende vom Aargau als literarisches Niemandsland widerlegt. Es gab nun mal nicht nur Baden als Kurstation von Hermann Hesse oder die «Kätzli»-Gedichte der (zwar unterschätzten) Sophie Hämmerli-Marti. Der «dunkeläugige Kanton» (Albin Zollinger) präsentierte sich jenseits verkitschter «heiler Welt» als hochdifferenzierte literarische Landschaft. Mit Bildungsbürgern, deren analytisches Format sich vor «Literaturpäpsten» nicht verstecken musste. So massgeblich Anton Krättli (1922–2010), ab 1966 für 28 Jahre Kulturredaktor der «Monatshefte». Unter seiner Ägide publizierte kein Geringerer als Karl Popper einen grundlegenden Artikel gegen Vereinnahmung der Wissenschaft durch die Politik (den Beitrag von Ulrike Ackermann dazu lesen Sie auf Seite 67). Also genau das Unheil, wogegen zu meiner Zeit der «Studentenring» mit dem keineswegs unpolitischen Sinologen Harro von Senger tapfer Pflöcke eingeschlagen hatte.
Am allerwenigsten politisch vereinnahmen, auch nicht durch «liberale» Bekenntnisse, liess sich ein in den Seminarien von Emil Staiger bemerkbarer Studienkollege mit äusserlich betont bürgerlichem Habitus: Hermann Burger. Selten und leise, dafür substanziell, meldete er sich zu Wort. Im Hintergrund sass augenzwinkernd Peter von Matt. Dass die beiden Jahre später von Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki als die je für ihr erfolgreichstes Jahrzehnt «bestschreibenden» Schweizer Autoren betitelt wurden, hätte sich wohl nicht einmal «Papstvorgänger» Staiger träumen lassen. Burger hatte aber schon mit dem in den «Monatsheften» präsentierten Vorabdruck von «Der glücklichste Tag eures Lebens» als Teil seiner Werkouvertüre «Bork» seine Klasse aufblitzen lassen. Als keineswegs nur kabarettistische Heiratssatire (mit dem Motiv eines verkehrt ablaufenden Hochzeitsfilms) eine auf brillantem sprachlichem Niveau unternommene Kritik der noch wackeren Versuche aus unserer Generation, es mit einer herkömmlichen bürgerlichen Ehe zu probieren. Mag er sich später in Sachen Frauenbild mit «Die künstliche Mutter» verzweifelt übernommen haben: In «Bork», so wie bei den frühen, in den «Monatsheften» erstveröffentlichten Gedichten, hat Burger mit furiosem Können die Ouvertüre seines Lebenswerks präsentiert. Messerscharf, kritisch, sarkastisch, eine Analyse noch ohne Schuldzuweisung. Für diese literarische Geburt eines Genies zeichneten die «Monatshefte» dank Krättli – der übrigens in Burgers letztem Buch «Brenner» als Adam Nautilus Rauch Romanfigur wurde – im besten Sinne Geburtshilfe. Ein Feuilleton, das Massstäbe zu setzen wusste.