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Wie eine Russin Frauen den Weg an die Uni Zürich ebnete und wie lange sie auf die erste Rektorin warteten.
Die Studenten im Lichthof verstanden kein Wort, wenn ihre Kommilitoninnen vor 150 Jahren im Lichthof miteinander plauderten. Kein Wunder: Sie sprachen untereinander Russisch. Aber alles der Reihe nach. Als Nadeschda Suslowa um 1860 in St. Petersburg hospitierte, wollte sie Ärztin werden, um etwas gegen das Elend im eigenen Land tun zu können. Damals durften sich Frauen in Russland seit Kurzem Vorlesungen anhören. Doch schon 1864 verbot Zar Alexander II. diese Möglichkeit wieder.
Eine Bekannte Nadeschdas, Maria Knjaschina, liess sich das nicht bieten. Um ihre Studien fortzusetzen, reiste sie nach Zürich. Hier konnten Frauen nämlich – ohne tatsächlich immatrikuliert zu sein – schon seit geraumer Zeit Vorlesungen beiwohnen. Nadeschda folgte ihr. Doch während Maria die gemeinsame Wohnung an der Plattenstrasse bald wieder verliess und nach Russland zurückkehrte, promovierte Nadeschda am 14. Dezember 1867 als erste Frau an der Universität Zürich.
«Kosakenpferdchen» an der Uni
Die junge Ärztin Nadeschda wurde wegen ihres Abschlusses ein Vorbild für zahlreiche Frauen, die daraufhin aus ganz Europa und den USA für eine Hochschulbildung in die Schweiz kamen. Sie war auch Wegbereiterin für die sogenannten «Kosakenpferdchen»: Junge, rabiate russische Revolutionärinnen, die die Universität Zürich teils als Studienort, manchmal aber auch bloss als Fluchtort vor grausamen Strafen und Verfolgung in der Heimat nutzten und mit ihren sozialistischen Ideen aufwühlten.
Noch bis 1915 machten die Russinnen den grössten Teil der Studentinnen in der Schweiz aus.
Die erste Schweizer Ärztin
Auch für das Frauenstudium allgemein war Nadeschdas Promotion ein Meilenstein – Zürich war neben Paris die erste europäische Universität, an der Frauen einen Abschluss machen konnten.
Die Anzahl Schweizerinnen an der Uni Zürich blieb noch bis zur Jahrhundertwende klein. Dies lag vor allem daran, dass es in der Schweiz für Mädchen kein Gymnasium gab. Dennoch taten es einige einheimische Frauen den Russinnen gleich und errangen einen Hochschulabschluss.
Marie Vögtlin, die Cousine und ehemalige Verlobte des Schweizer Mediziners Friedrich Erismann, den Nadeschda später heiratete, wurde 1872 die erste Schweizer Ärztin. Bis 1906 stieg der Anteil der weiblichen Studierenden in der Schweiz auf insgesamt ein Viertel. Ein Wert, der erst nach den beiden Weltkriegen und dem Aufbruch der 60er Jahre, nämlich im Jahr 1973, wieder erreicht wurde.
Bisher gab es erst eine Rektorin
1887, also 20 Jahre nach Nadeschdas Abschluss, wurde der Juristin Emilie Kempin-Spyri, zu deren Ehren heute noch Pipilotti Rists riesige Chaiselongue im Lichthof steht, als erster Schweizerin ein Doktortitel verliehen. Allzu kühn erschien dem Schweizerischen Bundesgericht jedoch Kempin-Spyris Idee, auch noch das Anwaltsexamen zu machen. Die Zulassung wurde ihr verwehrt. Die engagierte Juristin setzte sich noch zeitlebens für die Rechte der Frauen ein und wurde 1891 erste Privatdozentin der Uni. Erst 77 Jahre später sollte Verena Meyer die erste ordentliche Professorin an der Uni Zürich werden. 1982 wurde die
Physikerin schliesslich zur ersten Rektorin einer Schweizer Universität gewählt. Auf die zweite warten wir bis heute.