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Beschreibt sich die Martin Stiftung selbst, steht ein Fakt im Mittelpunkt: Hier wohnen und arbeiten Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Doch was bedeutet dieser Begriff genau? Eine Definition.
Woher kommt das Wort kognitiv?
Kognitiv leitet sich ab vom lateinischen Verb cognoscere. Es wird mit erkennen, erfahren und wissen übersetzt. Die Kognition wie auch die kognitive Entwicklung (lateinisch: Kennenlernen, Erkennen) ist die Entwicklung der Wahrnehmung, des Denkens, der Sprache, des Lernens, des Behaltens, des Erinnerns und des Vorstellens.
Was ist eine kognitive Beeinträchtigung?
Wenn die kognitiven Fähigkeiten, die Leistungen des Gehirns, eines Menschen beeinträchtigt sind, wird von einer kognitiven Beeinträchtigung gesprochen. Das bedeutet konkret: Den Personen fällt es beispielsweise schwer, komplexe Informationen zu verstehen, zu lernen, zu planen oder eine Situation zu verallgemeinern.
«Auch im sprachlichen, motorischen, sozialen und emotionalen Bereich können Entwicklungsverzögerungen auftreten. Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung entwickeln sich langsamer, manche Entwicklungsstufen erreichen sie nie», ergänzt Knut Vollmer im «Fach-Wörterbuch für Erzieherinnen und pädagogische Fachkräfte».⁴
Laut der Definition des Deutschen Bildungsrates von 1973 ist kognitiv beeinträchtigt, «wer infolge einer organisch-genetischen oder anderweitigen Schädigung in seiner psychischen Gesamtentwicklung und seiner Lernfähigkeit so beeinträchtigt ist, dass er voraussichtlich lebenslanger sozialer und pädagogischer Hilfen bedarf».¹
Welche Ursachen hat eine kognitive Beeinträchtigung?
Eine kognitive Beeinträchtigung kann jederzeit im Leben eintreten. Bereits nach der Befruchtung der Eizelle und mit Beginn der Zellteilungen kann es zu genetischen Ursachen, Gen-Mutationen, kommen. Sie verursachen zum Beispiel eine Trisomie 21.
Während der Schwangerschaft beeinträchtigen Infektionskrankheiten oder Drogenkonsum der Mutter das Kind in seiner Entwicklung. Eine Frühgeburt oder Sauerstoffmangel bei der Geburt sind weitere Ursachen für kognitive Beeinträchtigungen. Im Laufe des Lebens können Unfälle, Infektionskrankheiten oder Erkrankungen wie Parkinson oder Multiple Sklerose Auslöser für eine Behinderung sein.
Manchmal bleibe es bei einer kognitiven Beeinträchtigung, häufig kämen jedoch auch motorische Beeinträchtigung hinzu, schreibt Beate Strobel in ihrem Buch «Einführung in die Heilpädagogik für ErzieherInnen». Diese Mehrfachbehinderungen wirkten sich wiederum auf Sprache, Hör- und Sehfähigkeiten aus. Innere Erkrankungen wie Herzschäden, Lungen- und Atemwegserkrankungen seien ebenfalls oft die Folge.
Welche Formen von kognitiver Beeinträchtigung gibt es?
Medizin und Psychologie haben Klassifikationssysteme entwickelt. Sie sollen helfen, Personen mit kognitiver Behinderung in Gruppen einzuteilen. Ein System orientiert sich am Intelligenz-Quotienten.
Eine leichte Behinderung liegt demnach bei einem IQ von 50-69 vor, eine mittlere geistige Behinderung bei einem IQ von 35-49. Eine schwere Form der kognitiven Beeinträchtigung wird mit einem IQ unter 35 definiert.⁵ Bei allen Versuchen der Einordnung ist jedoch Vorsicht geboten. Sie wirken stigmatisierend und defizitorientiert. Sie definieren ein Individuum nur nach den ihm fehlenden oder eingeschränkten Fähigkeiten.
Was ist der Unterschied zu einer kognitiven Störung?
Eine kognitive Störung ist im Gegensatz zu einer kognitiven Beeinträchtigung reversibel. So kann zum Beispiel eine Amnesie nach einem Unfall oder einem Schlaganfall behandelt werden.
Das gilt auch für die «Leichte kognitive Beeinträchtigung». Sie ist eine Störung der Denkleistung. Diese kommt vor allem im Alter vor und beeinträchtigt das Alltagsleben kaum. Auf Englisch wird diese leichte Form «mild cognitive impairment», kurz MCI, genannt. In manchen Fällen ist die MCI eine Vorstufe der Alzheimer-Demenz.
Ist eine kognitive Beeinträchtigung eine Krankheit?
Nein. Die Weltgesundheitsorganisation, WHO, definiert Gesundheit als Gegenteil von Krankheit mit folgenden Worten: «Gesundheit ist ein Zustand vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit oder Gebrechen.» Eine Person mit kognitiver Beeinträchtigung ist weder in ihrem Wohlbefinden beeinträchtigt, sie kann arbeiten und ist nicht zwingend auf medizinische Unterstützung angewiesen.
Oder ist sie eine Behinderung?
Ja, die kognitive Beeinträchtigung ist eine Behinderung. Genauer gesagt eine kognitive Behinderung. Diese definierte Ulrich Bleidick, Professor für Erziehungswissenschaft und Sonderpädagogik, mit diesen Worten:
«Als behindert gelten Personen, welche infolge einer Schädigung ihrer körperlichen, seelischen oder geistigen Funktionen soweit beeinträchtigt sind, dass ihre unmittelbaren Lebensverrichtungen oder die Teilnahme am Leben der Gesellschaft erschwert wird.»³
Urs Haeberlin, Hochschullehrer an der Schweizer Universität Freiburg, erweiterte die Definition noch um das Wechselspiel zwischen betroffener Person und der Gesellschaft:
«1. Behinderung kann als Beeinträchtigung eines Individuums im Verhalten, das zur Bewältigung des Alltagslebens erforderlich ist, verstanden werden. Beispielsweise ist ein Rollstuhlfahrer in seinen Möglichkeiten der Fortbewegung behindert, oder ein Lernbehinderter ist in seinen Möglichkeiten zum Schreiben und Rechnen behindert.»²
«2. Behinderung kann als Beeinträchtigung des Funktionierens einer gesellschaftlichen Einrichtung durch ein Individuum verstanden werden. Beispielsweise beeinträchtigt der Rollstuhlfahrer das Funktionieren von öffentlichen Verkehrsbetrieben, oder der Lernbehinderte stört den Betrieb der Normalklasse.»²
Beispiele aus der Martin Stiftung
In der Martin Stiftung leben rund 170 erwachsene Menschen. Die kognitive Beeinträchtigung ist ihre Primärbehinderung. Das Wohn- und Arbeitsangebot der Martin Stiftung ist gross. Es reicht von Angeboten für 18-Jährige bis hin zur Begleitung von Senioren und Seniorinnen. Manche Betroffene haben Lernschwierigkeiten, andere leben mit Autismus, dem Prader-Willy-Syndrom, dem Down-Syndrom oder psychischen Erkrankungen.
Geistige Behinderung versus kognitive Beeinträchtigung
Über viele Jahre hat sich der Begriff «Geistige Behinderung» in der Alltagssprache und auch der Fachliteratur eingebürgert. Aber macht er überhaupt Sinn? Nein, sagten die Bewohner der Martin Stiftung. Sie mussten es wissen, denn sie sind schliesslich selbst betroffen. «Wir sind keine Geister», betonten sie. Sie seien Menschen. Auch sei ihr Geist nicht behindert, sagten sie. Vielmehr hätten sie Probleme bei der Wahrnehmung und Lernschwierigkeiten. Kognitive Beeinträchtigung wird als weniger diskriminierend empfunden. Bereits seit den frühen Nuller-Jahren sprechen wir deshalb in der Martin Stiftung nicht mehr von geistiger Behinderung.
Auch das Leitbild wurde in diesem Sinne überarbeitetet. Im aktuellen Leitbild geht es noch einen Schritt weiter. Es heisst: «Jeder Mensch ist einzigartig und hat ungeachtet seines Leistungsvermögens oder seiner Beeinträchtigung das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe».
Geistige Behinderung in der Leichten Sprache
In den vergangenen Jahren wurde der veraltete Begriff «geistige Behinderung» durch «kognitive Beeinträchtigung» ersetzt. Jedoch ist die Bezeichnung lang und oft unverständlich. Viele Interessierte erkundigen sich immer wieder bei uns, was genau unter dem Begriff zu verstehen sei.
Ironie der Geschichte: Im Konzept der Leichten Sprache wird noch der Begriff «Geistige Behinderung» verwendet. Der Grund: Er ist einfacher und verständlicher. Auch auf der Seite der Martin Stiftung in Leichter Sprache und in der Hauszeitschrift Mehrsicht schreiben wir deshalb «Geistige Behinderung».
Weiterlesen
Im Jahresbericht der Martin Stiftung finden Sie einen ausführlichen Artikel (ab Seite 14) über das Wohnangebot der Martin Stiftung für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung und Demenz. Beziehungsweise wird hier häufig von einer dementiellen Entwicklung gesprochen, da die Betroffenen aufgrund ihrer kognitiven Beeinträchtigung nicht an den gängigen ärztlichen Tests zur Diagnose der Krankheit teilnehmen können.
Bild: Torvioll Jashari, Miriam Eckert, Pixabay, Unsplash
Quellen:
¹ Eitle, Werner (2003): Basiswissen Heilpädagogik, Bildungsverlag EINS, Troisdorf
² Haeberlin, Urs (1985): Allgemeine Heilpädagogik. Haupt, Bern
³ Strobel, Beate (2009): Einführung in die Heilpädagogik für ErzieherInnen, Ernst Reinhardt Verlag, München
⁴ Vollmer, Knut (2011): Fach-Wörterbuch für Erzieherinnen und pädagogische Fachkräfte, Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau
⁵ Dohrenbusch, H., Godenzi, L., Boveland, B.(2005): Differentielle Heilpädagogik, SZH CSPS, Luzern