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Internationale Organisationen wollen das Leid der Bevölkerung nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal lindern. Doch nicht jede Hilfe ist sinnvoll
Es riecht nach Desinfektionsmittel und Leid. Patienten stöhnen, liegen bleich auf ihren Betten. Plötzlich hört man das helle Lachen eines Mädchens. Weisse Zähne blitzen. Eifrig folgt Nirmala, 6, den Anweisungen des Physiotherapeuten und freut sich über dessen Lob. Auf und ab, links und rechts. Ein Bündel Verbandsmaterial verdeckt den Stummel ihres rechten Beins, mit dem sie versucht, ihren Stoffhund zu berühren.
Am Tag des stärksten Erdbebens, das Nepal seit 80 Jahren heimsuchte, hatte sie mit zwei Freundinnen einen Zeichentrickfilm angeschaut. Als die Erde zu vibrieren begann, rannte Nirmala nach draussen. Ein grosser Stein traf ihr rechtes Bein. Es war zertrümmert, die Ärzte mussten es amputieren. Noch heute sucht Nirmala manchmal nach ihm, fragt: «Papa, wann kriege ich mein Bein wieder?» Der Vater hat es noch nicht geschafft, seiner Tochter zu sagen, dass sie es für immer verloren hat.
Mehr als 8200 Menschen sind an den Folgen der Erdbeben vom 25. April und 12. Mai gestorben, doppelt so viele wurden verletzt. Acht Millionen Nepalesen benötigen Hilfe. Die Regierung koordiniert die Rettungseinsätze zusammen mit der UNO. Zurzeit sind geschätzte 35 000 internationale Helfer im Einsatz, das entspricht einem Drittel der Beamten in Nepal.
Aus der Schweiz sind vierzehn NGOs aktiv. Eine davon ist Handicap International, die das Spital betreibt, wo Nirmala seit einem Monat liegt. Es heisst «Bir» – nepalesisch für «mutig». Die ganze Familie schläft im Spital, zu viert in einem Bett. Nirmalas Vater hadert damit, dass er nicht da war, um seine Tochter zu beschützen. Und er sorgt sich um ihre Zukunft. Denn die Familie gehört einer buddhistischen Minderheit in der Bergprovinz Sindhupalchok an. Sie wird in Nepal oft diskriminiert. Und weil ihre Angehörigen in den entlegensten Gebieten wohnen, kam die Hilfe sehr spät an.
Plastikblachen, Küchengeräte und Tabletten erreichten das Dorf spät
Dabei hätte die Region Unterstützung bitter nötig. 90 Prozent der Häuser wurden durch die Beben zerstört. Doch noch immer haben die Hilfsorganisationen nicht alle Dörfer erreicht. Auch Subma Laxmi Lamas Haus stand in Sindhupalchok. Geblieben ist nur ein Haufen aus Ziegelsteinen, Stofffetzen und zersplittertem Holz. Aus den Resten ihres Hauses hat die 54-Jährige nun ein neues Zuhause für sich und ihre fünf Kinder geschaffen. Mit Wellblech und Bambus. Die verteilten Hilfsgüter blieben unbenutzt.
Die Nothilfe-Organisation Medair verteilte in diesem Dorf erst letzte Woche Plastikblachen, Küchenutensilien und Tabletten, um das Trinkwasser zu reinigen. Es sei aufwendig, diese Gebiete zu erreichen, da Erdrutsche die Strassen blockierten, verteidigt Wendy van Amerongen von Medair die späte Ankunft. Aber hätten diese Leute die Hilfe nicht am dringendsten gebraucht? Van Amerongen sagt: «Wir konnten ja auch nicht einfach mit den vollen Lastwagen an allen anderen auf der Strecke vorbeifahren.»
In einem Schulbuch steht: «Die Weissen sind wie Götter.» Dies zeigt, wie viel Respekt die Nepalesen den europäischen NGOs entgegenbringen. Doch die Hilfsorganisationen werden immer mehr kritisiert. «Nach dem Erdbeben gab es keine andere Wahl, als die internationale Gemeinschaft um Hilfe zu bitten», sagt Bhadra Sharma, ein Journalist in der Hauptstadt Kathmandu. Doch einige Organisationen würden mehr schaden als nützen: «Die Hilfsgüter werden unfair verteilt, das führt zu Missgunst.» Auch würden die lokalen Behörden nicht genug kontrolliert: «Es gibt Beamte, die eine zu hohe Opferzahl angeben, damit sie für ihr Gebiet mehr Güter erhalten. So bereichern sie sich selbst», sagt Sharma.
Bei Subma liegen die verteilten Plastikblachen in einer Ecke. «Sie sind nicht stark genug, um uns gegen den Wind und den Regen zu schützen», sagt sie. Sie lächelt, es bilden sich Fältchen in der ledrigen, gebräunten Haut. Bald komme der Monsun, spätestens dann hätte sie sowieso eine festere Unterkunft gebraucht. Auch bei anderen Familien bleiben Hilfsgüter in der Verpackung. «Die Leute brauchen sie nicht», sagt auch Bhadra Sharma. Die Blachen seien von schlechter Qualität und das Wasser in den Dörfern sei sauber: «Sie trinken es sonst auch ohne Tabletten drin.» Medair sieht es anders. Das Wasser sei durch die Bewegungen der Erde verschmutzt worden. Ausserdem wolle man mit der Nothilfe eine erste Entlastung geben, längerfristige Hilfe stehe später im Fokus.
Submas Mann war seit dem Erdbeben nicht wieder im Dorf
Bis Subma wieder in einem richtigen Haus wohnen kann, wird es zwei Jahre dauern. Das Baumaterial wird rar, die Preise steigen. Ein neues Heim koste sie wegen der Transportkosten über 10 000 Franken, schätzen lokale Helfer. Subma hat das provisorische Haus alleine aufgebaut. Ihr Mann arbeitet auf einem Feld so weit weg, dass er seit dem Erdbeben noch nicht im Dorf war. Sie senkt den Blick auf den sandigen Boden: «Vielleicht weiss er noch gar nicht, dass unser Zuhause nicht mehr da ist.»
Längerfristige Hilfe bietet Terre des hommes an. Schulen und Gesundheitszentren werden wieder aufgebaut. Zudem sollen mit einem Projekt für traumatisierte Kinder auch nicht sichtbare Wunden geheilt werden. Viele Nepalesen fürchten sich vor einem erneuten Beben und trauen sich nicht mehr, ein Gebäude zu betreten. Sie schlafen in Zelten, auch wenn ihr Haus noch bewohnbar wäre.
Die achtjährige Sati wurde beim Erdbeben verschüttet. Ausser einer Prellung am Bein blieb sie unverletzt. «Alle fragen sie, warum sie überlebt hat», klagt ihre Mutter. So könne Sati ihre Erinnerungen nicht verarbeiten. Wie sie einen ganzen Tag weinend unter Trümmern ausharren musste. Noch heute wache sie in der Nacht panisch auf, sagt die Mutter. Ihre Tochter habe sich seit dem Erdbeben verändert. Sie blinzelt nervös, wiederholt Wörter, lacht nicht.
Und immerzu spricht sie vom Weltuntergang. Dass die Berge auf das Dorf herabstürzen. Dass sich die Erde öffnet und sie verschluckt.