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Cyrano de Bergerac
aus: Staaten und Reiche des Mondes
(...) Die Sünde, einen Menschen zu morden, ist nicht so gross, weil er eines Tages wieder neu leben wird, als einen Kohlkopf abzuschneiden und ihm das Leben zu nehmen, ihm, der kein zweites mehr zu erhoffen hat. Du vernichtest die Seele des Kohls, da du ihn sterben lässt. Aber wenn du einen Menschen tötest, so bringst du ihn nur an einen anderen Wohnsitz.
Und ich behaupte viel mehr: da Gott, der gemeinsame Vater aller Dinge, seine Werke mit gleicher Zärtlichkeit liebt, ist es nicht billig, dass er seine Wohltaten in gleicher Weise unter uns und die Pflanzen verteilt? Es ist wahr, wir kamen zuerst zur Welt; aber in Gottes Familie gibt es kein Erstgeburtsrecht. Wenn also die Kohlköpfe nicht mit uns teilhaben an dem uns verliehenen Rechte der Unsterblichkeit, so ward ihnen zweifellos ein anderes Vorrecht, das so gross ist, dass es sie für seine kurze Dauer entschädigt. Es ist vielleicht ein allumfassender Verstand, vollkommene Kenntnis aller Dinge in ihren Ursachen, und darum auch hat der weise Urheber ihnen nicht Organe, die unseren gleichen, zugeschnitten, deren höchste Leistung nur ein einfaches, schwächliches und oft unrichtiges Nachdenken ist, sondern andere viel kunstreicher gearbeitete, stärkere und zahlreichere, mittels derer sie ihre spekulativen Gespräche halten. Du fragst vielleicht, ob sie uns niemals etwas von diesen erhabenen Gedanken mitgeteilt haben? Aber, sage mir, haben uns nicht die Engel ebensowenig wie sie je etwas gelehrt? Da es kein geregeltes Verhältnis, keine Beziehung, keine Harmonie gibt zwischen den geringen geistigen Fähigkeiten des Menschen und denen jener göttlichen Wesen, so könnten die geistvollen Kohlköpfe sich anstrengen, soviel sie wollten, uns die verborgene Ursache aller merkwürdigen Begebenheiten zum Verständnis zu bringen, uns fehlen die Sinne, die fähig wären, diese erhabenen Einsichten aufzunehmen:
Moses, der grösste aller Philosophen, da er, wie ihr sagt, die Kenntnis von der Natur aus der Quelle der Natur selber erschöpfte, versinnbildlichte diese Wahrheit, als er vom Baum der Erkenntnis sprach. Er wollte uns unter diesem Rätsel lehren, dass einzig die Pflanzen die vollkommene Weisheit besitzen. Gedenke doch daran, o du hochmütigstes aller Tiere, dass wenn auch ein Kohlkopf, den du abschneidest, kein Wort sagt, er darum nicht weniger denkt; aber das arme Pflanzenwesen hat nicht wie ihr Organe, mit denen es brüllen kann; keine zum Zapeln, keine zum Weinen; es hat aber trotzdem welche, mit denen es sich über das Unrecht, das ihr ihm antut, beklagt, mit denen es die Rache des Himmels auf euch herabzieht. Wenn du mich fragst, wieso ich weiss, dass die Kohlköpfe diese schönen Gedanken haben, so frage ich dich, wieso du weisst, dass sie sie nicht haben? Und dass so einer nicht nach eurem Vorbild etwa abends, wenn er sich schliesst, sagt: - Ich bin, Herr Kohlkopf Frise, Ihr ergebenster Diener, Kohlkopf Cabus.<«
|Cyrano de Bergerac

Franz. L'autre monde ou les États et Empires de la Lune, Éd. critique par Madeleine Alcover, Paris, Librairie Honoré Champion, 1977
oder Deutsch: Die andere Welt oder Reise zu den Staaten und Reichen des Mondes (1657-1662), in: Die Reise zu den Mondstaaten und Sonnenreichen, Heyne Verlag, München, 1986, S. 93 f.