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In «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» hat Thomas Meyer ein ebenso einfühlsames wie humorvolles Bild der jüdisch-orthodoxen Kultur gezeichnet. Im Essay «Was soll an meiner Nase bitte jüdisch sein?» beschäftigt sich der Autor auf nachdenklichere Weise mit seiner jüdischen Identität und dem verstörenden Antisemitismus, den er im Alltag erlebt. Etwa wenn er in einem Café die gemeinsame Konsumation begleicht und spöttisch getadelt wird, er sei «ein schlechter Jude».
Überzeugend wehrt sich Meyer gegen die kollektive Beurteilung von Individuen anhand eines bestimmten Merkmals. Allerdings tappt er zuweilen selber in die Falle der Kollektivierung, etwa wenn er Nichtjuden kollektiv das Recht abspricht, ironische Bemerkungen über Juden zu machen (sie bräuchten dafür eine «spezielle Ausnahmebewilligung»). Und wenn er den identitätspolitischen Diskurs übernimmt und in Anlehnung an Robin DiAngelos «White Fragility» den Begriff «Gentile Fragility» ins Leben ruft, weckt das Zweifel, inwiefern damit der Individualismus gestärkt und Diskriminierung verhindert wird.
Geeigneter sind dazu Meyers Gedanken über die Wurzeln von Ressentiments. Diese ortet er massgeblich in unseren individuellen Erfahrungen und unserem Umgang damit – in unserem Verhalten. Und kommt zum Schluss: «Die Sorgfalt gegenüber sich selbst ist, glaube ich, das beste Mittel gegen Diskriminierung.» (lz)
Thomas Meyer: Was soll an meiner Nase bitte jüdisch sein? Elster & Salis, 2021.