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1887 zahlten in der Stadt Thun 702 natürliche Personen Steuern auf ihr Einkommen aus Arbeit und Erwerb. Sieben Personen bezogen zwar keinen Lohn, hatten jedoch ein Einkommen aus Pensionen und Leibrenten und 72 Personen versteuerten nur ein Einkommen aus Zinserträgen von Wertschriften. Zu dieser Zeit gab es in Thun aber etwa 1190 Haushaltungen. Verfügten die übrigen Haushalte über kein oder ein so geringes Einkommen, dass sie keine Steuern zahlen mussten? Zum Teil war das so, denn damals mussten 364 Einzelpersonen, darunter auch Kinder, und Familien unterstützt werden. Andere Haushalte erscheinen 1887 nicht im Thuner Steuerregister, weil sie gemäss der damaligen Gesetzgebung ihr Einkommen in einer anderen Gemeinde versteuerten. Umgekehrt wurden bis Anfang 1918 zahlreiche Personen in Thun besteuert, obwohl sie nicht in Thun wohnten.55
Das Steuerregister war also nicht deckungsgleich mit der in Thun ansässigen Bevölkerung. Trotzdem sagt es etwas über die ungefähre Einkommensverteilung und damit auch über die Frage nach Arm und Reich aus. Zum einen belegt es, dass das Einkommen aus Arbeit und Erwerb viel bedeutender war als jenes aus Pensionen und Renten oder Kapitalerträgen. Der Einkommenssteuerertrag wuchs in Thun zwischen 1870 und 1917 stärker als in Bern, Biel oder Langenthal. Das war zum Teil der wachsenden steuerzahlenden Bevölkerung geschuldet, vor allem aber der Entwicklung Thuns zu einer Stadt der Lohnempfänger. Die Bevölkerung wuchs in Thun langsamer, die Zahl der Lohnabhängigen jedoch schneller als in Bern.
Ausserdem zeigt das Register, dass das Einkommen 1887 ungleich verteilt war. Wenige verdienten viel und viele wenig. Die wenigen Thuner aus der höchsten Einkommensklasse verdienten 1887 überproportional viel, während fast zwei Drittel der Thuner, die Einkommenssteuern zahlten, nur etwa ein Fünftel des Totals aller Erwerbseinkommen erzielten. Die Verteilung des Einkommens in der Thuner Bevölkerung nahm sich auch 1898 noch etwa gleich aus wie zwölf Jahre zuvor. In der untersten Einkommensklasse fanden sich nun aber vermehrt Arbeiter der eidgenössischen Betriebe.56
Die Familie von Schulhausabwart Carl Stadelmann im Pestalozzischulhaus, um 1920. Der Vater, der früher als Magaziner in der Munitionsfabrik gearbeitet hat, hält als Statussymbol einen Fotoapparat auf dem Schoss. Die Mutter Anna Elisabeth ist dem bürgerlichen Ideal der Hausfrau entsprechend mit einer Strickarbeit beschäftigt. Auch die Spielsachen wurden als Zeichen des Wohlstands zur Schau gestellt. Handorgel, Buch und Eisenbahn zeigen, wie die Söhne ihre Mussestunden verbrachten.