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Sie arbeiten hart und verdienen wenig. Schweizer Schauspieler setzen für ihre Traumkarriere in Los Angeles alles auf eine Karte.
Letzten Herbst hat Eliane mit Leo gedreht. Eliane Chappuis aus Bern mit Leonardo Di Caprio aus «Titanic». Zusammen standen sie in Rom für Martin Scorseses «Gangs of New York» vor der Kamera. Es war nur eine Szene. Und ob sie je auf die Leinwand kommt oder herausgeschnitten wird, weiss noch niemand. Immerhin, es war keine Statistenrolle. Eliane hatte einen kurzen Text, ihr Teenagertraum Di Caprio musste zuhören. Knapp 2000 Franken Tageshonorar gegenüber 35 Millionen Franken Gage. In Hollywood gilt so etwas als Chance des Lebens.
«Natürlich war ich nervös», sagt Eliane, «ich bin doch nur eine aus Bern.» Und wie wars? Sie wägt ihre Worte sorgfältig ab, korrigiert, filtert Emotionen heraus. Nur nichts sagen, was einem später, wenn der Ruhm kommt, vorgehalten werden könnte. «Es war ein Traum. Und dabei ist es geblieben.»
Eliane Chappuis ist keine Anfängerin. Seit sie zwölf war, spielte sie im Stadttheater Bern mit, wurde mit 17 an die Schauspielakademie in Zürich aufgenommen und nahm mit 18 an einem der begehrten Workshops in Robert Redfords Sundance Institute teil. Seither hat sie in neun Filmen mitgespielt, und nicht immer waren die Rollen so klein wie bei Scorsese. Aber noch nie war der Regisseur so berühmt.
Kerzengerade sitzt die 23-Jährige da. Der rosa Tanga ragt dezent, aber unübersehbar aus der blütenweissen Caprihose. Weil die Gagen noch nicht zum Leben reichen, modelt die gross gewachsene Tochter einer Vietnamesin und eines Schweizers gelegentlich für Schuhhersteller Charles Jourdan und für Jack Nicholsons Designer-Tochter Jennifer.
Das Geld steckt sie in ihren Beruf, Bücher, Körpertraining, Workshops. Seit sie vor fünf Jahren herkam, wohnt sie in einem winzigen Studio in West-Hollywood. Sie lebt mit wenig, geht kaum aus, liest, schreibt Liedtexte, entwirft Drehbuch-Ideen. Bereits ist sie für einen neuen Film gebucht. «Ich bin dabei», sagt sie, «eine working actress zu werden.»
Mit andern Worten: Eliane Chappuis hat es in Hollywood weiter
gebracht als die meisten.
«Working Actors» sind Schauspieler, die von ihrem Beruf leben können. Von den 135’000 Mitgliedern der Schauspielergewerkschaft Screen Actors Guild verdienen sechs Prozent einen Lohn zwischen 55’000 und 125’000 Franken pro Jahr. In die A-Liga der Stars mit Jahreseinkommen von über 180’000 Franken schaffen es nur knapp zwei Prozent. Weit über 70 Prozent der Mitglieder verdienen mit der Schauspielerei zwischen 0 und 13’000 Franken pro Jahr. Sie sind das Rückgrat der südkalifornischen Restaurantbetriebe. Es gibt im Grossraum Los Angeles kein Lokal, in dem nicht die Mehrheit des Bedienungspersonals auf den einen, alles verändernden Vorsprechtermin hofft.
Schauspieler in Hollywood: Nur wenige Berufe bieten eine grössere Chance, keine Karriere zu machen. Vor allem wenn man Ausländer ist und womöglich einen Akzent hat. Jedes Jahr kommen ein paar hunderttausend Neue an und buhlen mit um eine Hand voll Sonnenplätze. «Wenn du nicht glaubst, dass du hierher gehörst und dass es dich treffen wird», sagt Fredrick Weiss, «dann solltest du zu Hause bleiben.»
Der 25-jährige Zürcher, seit zwei Jahren in Los Angeles, hat ausser seiner unerschütterlichen Gewissheit nichts, was ihn erkennbar für Hollywood prädestiniert. Er besucht sporadisch Schauspiel-Workshops, zeichnet zu Hause seine Monologe mit der Videokamera auf, übt immer und immer wieder. Er schreibt an einem Drehbuch, nimmt an jedem erdenklichen Casting teil und geht auf Leute zu, wo er kann. Am meisten Filmkontakte hat der «nicht religiöse Gläubige» beim Kirchgang geknüpft.
Das Schwerste, sagt Fredrick Weiss, seien am Anfang die ständigen Absagen bei den Castings gewesen. «Wenn jemand sagt, dich kann ich überhaupt nicht brauchen, musst du wissen, dass es nicht um deine Person geht. Du bist einfach nicht der gesuchte Typ. Aber als Schauspieler trägst du halt deine Arbeit auf der Haut.» Und das jahrelang. Stars, die angeblich über Nacht berühmt wurden, haben davor im Durchschnitt zehn Jahre lang Klein- und Kleinstrollen gespielt.
Vor ein paar Monaten ergatterte Fredrick Weiss seine erste wichtige Statistenrolle: in John Woos 140 Millionen-Dollar-Kriegsfilm «Windtalker» sollte er drei Monate lang zum festen Platoon von Hauptdarsteller Nicholas Cage gehören. Freie Verpflegung und tausend Dollar Wochengage. Nach nur einem Monat schickten sie ihn und ein paar andere ohne Erklärung nach Hause. Wer niemand ist, wird in Hollywood auch so behandelt. Zurzeit verdient er Geld mit der deutschen Synchronisierung von DVD-Filmen: 14 Dollar pro Stunde.
In der Schweiz war Fredrick Weiss mit seinen hochfliegenden Plänen ein Aussenseiter, ein verlachter Spinner. Hier ist er ein ganz normaler Träumer unter Träumern. «Harrison Ford ist erst mit 34 berühmt geworden», sagt er, sagen sie alle. Los Angeles ist voll von 50-jährigen Schauspielern, die knapp über die Runden kommen und mit niemandem tauschen würden. «In Zürich», sagt Fredrick Weiss, «verpuffen so viel Talent und so viele Träume in der Sicherheitszone.»
Der Walliser Roman Wyden flog 1992 nach Handelsschule und vier Jahren Bürojobs mit 15’000 Dollar Gespartem nach Kalifornien. Eine Saison als Animateur in Fuerteventura hatte ihn vermuten lassen, dass ihm ein Showberuf mehr liegen könnte als eine Prokuristenkarriere. Sechs Monate später prangte sein Kopf nach einer Bewerbung bei einer PR-Agentur auf Werbeplakaten in der ganzen Stadt. «Mein Gott», sagte sich Wyden, «hier ist ja alles möglich.»
Inzwischen lebt Roman Wyden, 31, in Los Angeles und hat ein reichhaltiges Curriculum: Strandverkäufer, Telefonmarketing-Angestellter, Student für ComputerGrafik, Barkeeper, Kellner, Synchron-Sprecher. Und, nicht zu vergessen, Schauspieler. 1996 begann er, mit seinem Landsmann Mike Boss Film-Ideen zu entwickeln, unter anderem für den Spielfilm «Die Träumer» über junge Schweizer, die mehr als ein vorgespurtes Leben wollten. Das Schweizer Fernsehen lehnte eine finanzielle Beteiligung ab, die Träume seien «zu pubertär». «Das kannst du mir nicht bringen», sagt Wyden, «das ist, als sagte jemand, Luft ist nicht gesund zum Atmen.» Zurzeit bereitet er einen digitalen Spielfilm vor, in dem seine Freundin Gia Natale die Hauptrolle spielt.
Bei ihr, sagt Silvia Spross, sei es einfach immer gelaufen, sie habe Glück gehabt. Die schmale Frau mit den langen, hellen Zöpfen gleicht Sandra Bullock so auffällig, dass jeder sie darauf anspricht. Es interessiert sie nicht gross. In den Träumen der 28-Jährigen aus Greifensee ZH kommt die Liga der Sandra Bullocks oder Meg Ryans so wenig vor wie der Sunset Strip.
Mit Hollywood, sagt sie, habe sie eigentlich nichts zu tun. Sie lebt von knapp zweitausend Franken im Monat, kellnert, wenns sein muss, und wohnt, «umgeben von lieben Verrückten», in einem Apartment in der Küstengemeinde Santa Monica. «In Hollywood», sagt Silvia Spross, «sehen alle gleich aus und meinen, sie müssen auch gleich sein.» Sie sieht aus wie ein liebenswürdig eigensinniger Hippie.
Sechs Jahre lebte sie nach dem KV in New York, bediente neben der Schauspielschule an Theaterbars und spielte in unabhängig finanzierten Filmen mit. Letztes Jahr kam sie nach Los Angeles, «es war Zeit». Inzwischen kennt sie hier mehr Leute als in New York. Kollegen nehmen sie mit zu Filmfestivals. Gegenwärtig – «ich bin fest im Indie-Film-Kuchen» – dreht sie einen Film nach dem andern und ist begeistert, «weil die nicht die Perfektion der grossen Filme haben, aber viel mehr Kreativität».
Der wahrscheinlich radikalste Schweizer Träumer in Hollywood heisst Claude Keller.
Als der diplomierte ETH-Physiker aus Seewen 1998 beschloss, in Kalifornien Schauspieler zu werden, verdiente er als Firmenberater der renommierten Boston Consulting Group (BCG) 170’000 Franken im Jahr, Boni nicht inbegriffen. Aber er war «einfach nicht ganz glücklich».
Keller hatte eine Ahnung, was ihn glücklich machen würde. Als der Physiker mit dem MBA-Abschluss von seiner Firma 1994 nach New York versetzt wurde, begann er, neben seiner Arbeit Sprachunterricht zu nehmen, am Wochenende, in den Mittagspausen. Zwei Jahre später, zurück bei BCG Schweiz, begann er mit Gesangsstunden. 1998 der grosse Schnitt: Keller, damals 32, kündigte und schrieb sich in Pasadena im Hinterland von Los Angeles an der Schauspielschule ein.
Claude Keller ist kein eifriger Networker. Es ergebe sich, sagt er, seither einfach eins nach dem andern: Film, Theater, diese Woche ein kleiner Fernsehauftritt bei NBC.
Das Ersparte schrumpft, aber Keller war nicht umsonst ein hoch qualifizierter Berater. Er arbeitet gelegentlich wieder als Firmencoach und kann sich ein Pendeln zwischen der Schweiz und Kalifornien durchaus vorstellen. Gerne würde er auch Firmenberater beraten, «damit sie lernen, ihre Geschichten nicht so langweilig zu erzählen».