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Káiro
(Masr el
Káhira, die »Siegreiche«, hierzu der
Plan »
Kairo
[* 2] und Umgebung«),
die Hauptstadt Ägyptens, liegt am rechten Ufer des Nils, 18 km oberhalb der Stromspaltung, am Fuß des Mokattamgebirges. Der Charakter der Stadt, ursprünglich ein rein arabischer, ist jetzt ein gemischter geworden, indem das europäische Element mehr und mehr an Boden gewinnt, ein Verhältnis, welches auch in der Architektur hervorzutreten beginnt. Auf der Esbekieh, dem Hauptplatz, halten sich das europäische und orientalische Element das Gleichgewicht; [* 3] sie ist der Sammelplatz der Fremden, da die besten Häuser und Gasthöfe, mehrere Konsulate, die Theater [* 4] etc. hier liegen.
Die Mitte des achteckigen Platzes nimmt ein parkartig angelegter Garten [* 5] ein; von ihm aus geht nach SO. die Muski genannte Hauptstraße, in welcher die europäischen Kaufläden, Buchhandlungen und Apotheken liegen und unter dem schützenden Dach [* 6] aufgespannter Zelttücher und Brettdächer den ganzen Tag über eine große Menschenmenge hin und her wogt. Zu beiden Seiten liegen die arabischen Quartiere, ein wahres Labyrinth kreuz- und querlaufender, winkeliger Gäßchen und Gänge.
Einige
Straßen werden nur von Handwerkern bewohnt und zwar gewöhnlich von Mitgliedern einer
Zunft, so daß die Waffenschmiede,
die
Schuhmacher, die Kesselschmiede, die Sattler etc. beisammen sind.
Charakteristisch für
Káiro sind die
Bazare, unter welchen
der
Chan el Chalili der
Hassanên-Moschee gegenüber, hervorragt. Er besteht aus mehreren gedeckten
Straßen und
Höfen, in welchen
die verschiedensten orientalischen
Waren in offenen
Buden zum Verkauf ausliegen oder in
Magazinen aufgestapelt sind.
Neben ihm liegt der Bazar der Gold- und Silberschmiede; Seiden- und Wollenstoffe werden im Bazar El Ghuriye, Posamentierwaren im Bazar Akkadim, Früchte und Zucker [* 7] im Bazar Sukkariye, Waffen [* 8] im Suz es Selah feilgehalten. Neben den Bazaren erscheinen die Kaffeehäuser, zugleich Barbierstuben, und die öffentlichen Brunnen [* 9] (Sebil), oft Meisterwerke arabischer Architektur, für die Physiognomie der Stadt bestimmend. An Märkten fehlt es nicht; einer der bedeutendsten ist der Karameidan (Plusa Mehemed Ali) im S., wo Pferde, [* 10] Esel und Kamele [* 11] feilgeboten werden und oft Beduinen in ihren Zelten lagern.
Von den öffentlichen Gebäuden ist zunächst die
Citadelle zu nennen, welche im SO. der Stadt auf einem Vorsprung des Mokattam
bereits 1166 von
Jussuf
Saladin erbaut wurde, dessen mit antiken
Säulen
[* 12] geschmückter
Palast hier bis 1823 stand,
wo er durch eine Pulverexplosion zerstört wurde. Was man heute sieht, ist das Werk
Mehemed
Alis, welcher auch die
Befestigungen
neu herstellen und mehrere
Forts auf den überragenden
Höhen des Mokattam erbauen ließ. Als größte Merkwürdigkeit der
Citadelle wird der 90 m tief in den
Felsen gesprengte Josephsbrunnen, vielleicht ein Pharaonisches Werk,
gezeigt; neben ihm liegt die mit schlanken
Minarets gekrönte Alabastermoschee
Mehemed
Alis, von deren
Terrasse aus man die berühmte
Aussicht auf
Káiro hat, welches wie eine
Insel mitten in der
Wüste daliegt.
Káiro besitzt nicht weniger als 400
Moscheen (Dschâmas),
die alle mehr oder weniger nach dem
Plan der heiligen
Moschee in
Mekka angelegt sind, und deren Besuch auch
den
Christen freisteht, wenn sie sich der mohammedanischen
Sitte unterwerfen, beim
Eintritt die Fußbekleidung abzulegen.
Die Sultan Hassan-Moschee (1356-59 erbaut) ist eins der bedeutendsten Werke arabischer Baukunst, [* 13] mächtig in den Verhältnissen, edel in allen Linien, reich und doch maßvoll verziert, gegenwärtig aber in völligem Verfall. Wahrhaft majestätisch ist das an der Ostseite befindliche Portal, welches aus einer 20 m hohen, im kleeblattförmigen Bogenschnitt endenden Nische besteht. Die Tulûn-Moschee ist die älteste, sie wurde 879 durch Ahmed ibn Tulûn nach dem Vorbild der Kaaba in Mekka erbaut, ist jetzt aber ¶
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äußerst baufällig. Die Moschee des Sultans Kalaun (1287 erbaut) wird auch Muristân (Hospital) genannt, weil sie mit einem von demselben Sultan erbauten großen Hospital zusammenhängt. Doch ist ein großer Teil des Baues verfallen. Die Moschee Hassanên, zu Ehren von Hassan und Hussen, den beiden Söhnen Alis, des Schwiegersohns des Propheten, benannt, gehört zu den heiligsten Kairos. Am berühmtesten ist die Moschee El Azhar (»die Blühende«),
gleichzeitig mit der neuen Hauptstadt unter dem Kalifen Muiz (um 970 n. Chr.) gegründet und von spätern Herrschern vergrößert. Sie enthält eine der ersten Hochschulen des Morgenlandes (mit wertvoller Bibliothek von ca. 25,000 Bänden), die von Tausenden von Schülern aus allen mohammedanischen Ländern besucht wird. Lehrgegenstände sind: Grammatik, Arithmetik, Logik und insbesondere Religions- und Gesetzeswissenschaften;
der Unterricht wird unentgeltlich von 200 Professoren erteilt.
Besondere Stiftungen bestehen für unbemittelte Studenten, deren es an 8000 gibt, und ein Teil des Gebäudes ist zur Aufnahme von 300 Blinden eingerichtet. Unter den übrigen Moscheen nennen wir noch El Môjed (1412-21 vom gleichnamigen Sultan erbaut), eine der schönsten der Stadt, und die in malerischen Ruinen liegende Hâkim-Moschee (erbaut 1003 vom Gründer der Drusensekte, Sultan Hâkim). Sehenswert sind die außerhalb der Stadt gelegenen kleinen Grabmoscheen auf den Friedhöfen, die als Muster arabischer Architektur gelten können.
Die Gräber der tscherkessischen Mameluckensultane (irrigerweise Kalifengräber genannt) liegen im O. der Stadt. Die erste dieser Grabmoscheen, El Aschraf, wird gegenwärtig als Pulvermagazin benutzt; ihr zunächst steht die des Sultans Barkuk, des Gründers der zweiten Mameluckendynastie (1382), ein stattlicher Bau mit zwei schönen Minarets und zwei Kuppeln; weiter südlich die Moschee Kait Bei, das Grabmal des 19. Tscherkessensultans Abel Nusr Kait Bei (1496), ein wahres Kleinod, in dem der Geist der arabischen Kunst zum vollen Ausdruck gelangt. Ein zweiter Friedhof liegt im S. der Stadt und enthält die malerischen Ruinen der sogen. Mameluckengräber, kleiner Moscheen, die den eben erwähnten in architektonischer Beziehung kaum nachstanden. Noch weiter südlich liegt die Grabmoschee der Familie Mehemed Alis, ein im türkischen Stil gehaltener Bau.
Von den alten Mauern, welche Saladin zum Ersatz für die frühern Erdwälle um die Stadt ziehen ließ, ist nur ein kleiner Teil an der Nordseite erhalten, wo auch noch zwei schöne Stadtthore, Bab el Futûch und Bab en Nasr, vorhanden sind. Von den übrigen Thoren ist noch das Bab Zulieh bei der Moschee El Môjed mitten in der Stadt vorhanden, während es zu Saladins Zeiten das südlichste Thor war. Hier wurde 1518 der letzte Mameluckensultan geköpft. Die Paläste Kairos sind Werke der jüngsten Zeit und meist unter europäischem Einfluß entstanden.
Das vizekönigliche Palais liegt in der Citadelle; das schönste Schloß ist das von Gesîreh (erbaut 1863-68), Bulak gegenüber, umgeben von einst prächtigen, jetzt aber verwahrlosten Gärten. Am südlichen Ende von Bulak steht der Palast von Kasr en Nil, und neben demselben befindet sich die neuerbaute, auf steinernen Pfeilern ruhende eiserne Gitterbrücke, welche über den Nil nach der Insel Gesîreh führt. Inmitten der Stadt endlich liegt der Palast Abdin, welchen der Chedive gewöhnlich bewohnt.
Nur durch einen schmalen Arm des Nils vom Land getrennt, liegt westlich von
Káiro die Insel Roda, an deren Südspitze
der berühmte Nilmesser (Mikyâs) steht. Es ist eine achteckige, mit
einer Skala versehene Säule inmitten eines viereckigen
Brunnens, errichtet 761 vom Kalifen Sulejmân. Die Skala ist in Ellen zu 54 cm, jede Elle in sechs Teile zu 9 cm geteilt; der tiefste
Wasserstand, den der Nil für eine günstige Überschwemmung erreichen muß, beträgt 18 Ellen; übersteigt
er 22 Ellen, so wird die Überschwemmung verderblich. -
Káiro besitzt zwei Vorstädte: Bulak und Altkairo.
Bulak (s. d.) ist der lebhafte Hafen der Stadt am Nil, berühmt durch sein Museum, eine der reichsten und merkwürdigsten Sammlungen ägyptischer Altertümer. Da die bisherigen Räume für die Schätze nicht ausreichen, so wird auf Gesîreh, gegenüber Bulak, ein neues Museum gebaut. Altkairo (Fostât oder Masr el Atîka) liegt im S. der Stadt, von dieser durch die 2000 m lange steinerne Wasserleitung [* 15] getrennt, welche 1518 erbaut wurde und die Citadelle mit Nilwasser versieht. Es steht auf der Stelle des ägyptischen Babylon, jener Stadt, welche von Ramses II. (1400 v. Chr.) assyrischen Gefangenen zum Wohnsitz angewiesen wurde. Sehenswert sind die Überreste des römischen Kastells, die koptische Kirche Abû Serge, welche der heiligen Familie bei der Flucht nach Ägypten [* 16] als Zufluchtsstätte gedient haben soll, und die bereits 643 n. Chr. erbaute Amru-Moschee, an der Stelle gelegen, wo der Eroberer Amru sein Zelt bei der Belagerung Altkairos aufgeschlagen haben soll, und die, einer alten Sage nach, mit dem Bestand des Islam verknüpft ist.
Káiro zählt (1882) 374,838 Einw., darunter 21,650 Fremde (besonders im Winter), die hier zur Kur weilen, denn
Káiro ist ein klimatischer Kurort ersten Ranges für Brustkranke. Es ist Residenz des Chedive, Sitz der Ministerien, obersten Behörden
sowie aller für den Wirkungskreis der Zentralgewalt nötigen Ämter und untersteht einem eignen Generalgouverneur. Konsulate
(zugleich als Postämter für das Ausland) vertreten die fremden Mächte. Den Bedürfnissen seiner gemischten
Bevölkerung
[* 17] entsprechend, besitzt
Káiro mohammedanische und europäische Schulen, darunter solche französischer, amerikanischer
und englischer Missionäre und französischer Frauenorden.
Unter dem Chedive Ismail Pascha wurden eine Rechtsakademie, ein ägyptologisches Institut, eine nach europäischer Weise eingerichtete Bibliothek (1870), Schulen für Medizin, Pharmazie, Rechts- und Ingenieurwissenschaft sowie neuerdings (1875) eine Geographische Gesellschaft gegründet. Hospitäler für Mohammedaner und Christen, Armenversorgungsanstalten, Gotteshäuser für alle Konfessionen, [* 18] Bankinstitute, europäische Vereine und Klubs, ein Opernhaus, verschiedene Theater, meist unter französischer Leitung, sind ausreichend für die Bedürfnisse der Eingebornen wie der Fremden. Eisenbahnverbindung findet statt mit Alexandria, Suez und nilaufwärts mit Siut.
Káiro ist hervorgegangen aus Altkairo oder Fostât, welches 640 n. Chr. von Amru, dem Eroberer Ägyptens, gegründet
wurde, der rings um sein bei der Belagerung von Babylon (s. oben) benutztes Zelt den neuen Ort entstehen ließ, zu welchem das
benachbarte Memphis das beste Baumaterial lieferte. 969 gründete Gauhar el Kaid, der Feldherr des Fatimiden Moez Eddin, nördlich
von Fostât eine neue Stadt, in welcher der Kalif später sein Lager
[* 19] aufschlug. Sie wurde Masr el Kahira (»siegreiche
Hauptstadt«) genannt, weil, wie Moez Eddin schrieb, »der Augenblick der Gründung zusammenfiel mit dem Aufgang des Mars,
[* 20] des
Bezwingers der Welt«. 1176 baute der große Saladin die Citadelle, vergrößerte
Káiro und umgab es mit teilweise
noch erhaltenen Mauern. Seine
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Nachfolger ließen sich die weitere Verschönerung angelegen sein, wovon die Moscheen noch Zeugnis ablegen. Der Verfall beginnt
mit der Eroberung durch die Türken 1518; er war am größten unter den Mamelucken Ende des 18. Jahrh. Nachdem
Káiro 1798-1801
unter französischer, dann unter englischer Botmäßigkeit gestanden, flößte ihm der Schöpfer des
heutigen Ägypten, Mehemed Ali, neues Leben ein und legte den Keim zu seiner heutigen Größe.
Káiro offenbart sich durch sein reges
Treiben als eine Weltstadt; sie ist durch ihre Lage, als Schlüssel der Nilländer, einer der begünstigtsten Plätze des ganzen
Orients.
Jene Blüte, [* 22] welche sie unter den Kalifen als zweite Hauptstadt der mohammedanischen Welt berühmt machte, ist zwar längst verwelkt, sie ist auch nicht mehr Stapelplatz des indoeuropäischen Verkehrs; dafür ist sie aber der große Markt der aufgeschlossenen Nilländer, der politische und zivilisatorische Brennpunkt von ganz Nordostafrika, der Berührungs- und Austauschpunkt für dieses und Europa [* 23] geworden.
Vgl. Ebeling, Bilder aus
Káiro (Stuttg. 1878, 2 Bde.).