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Der Fotograf Igor Kostin behauptet, als Erster den explodierten Reaktor fotografiert zu haben. Dieses Heldenepos verkauft sich, ist aber nicht wahr. Auch andere bizarre Geschichten umranken die Atomkatastrophe.
Tschernobyl macht einen verrückt. Es ist nichts, wie es scheint. Die Sonne steht rot im Westen, an den Bäumen schimmern grün die ersten Blätter. Ein Elch geht über die Strasse. Vom Aussichtsturm sieht man in der Ferne einige grosse Gebäude und drei verlorene Lichter - das Atomkraftwerk Tschernobyl und die Geisterstadt Pripjat, in der einst über fünfzigtausend Menschen lebten, bevor sie vor zwanzig Jahren Hals über Kopf evakuiert wurden. Es dämmert, und man weiss, es gibt keinen friedlichen Platz auf Erden, der tödlicher ist.
Der Ort nennt sich Sapavednik, Naturschutzpark. Es ist das einzige Naturreservat, das errichtet wurde, um die Menschen vor der Natur zu schützen - die Tschernobyl-Schutzzone im Südosten Weissrusslands. Hier liegt eine beachtliche Menge Plutonium-241, das binnen weniger Jahre zu Americium-241 zerfallen wird, ein Radionuklid, das noch aggressiver und gefährlicher als Plutonium ist. Die Fische in den Seen sollte man nicht fangen, und wenn man es tut, muss man sie als radioaktiven Müll entsorgen, sagt der Direktor des Parks. Er ist Wissenschaftler, versucht die Folgen des radioaktiven Niederschlags im Naturpark zu ergründen und versteht nicht, weshalb keine westlichen WissenschaftlerInnen hier arbeiten wollen.
Das falsche erste Bild
Hier kann man Dinge erforschen, sagt er, die es sonst nirgends gibt. Die Strahlung ist wie ein Tier, ein unsichtbares Monster, das sich wendet und wandelt. Man weiss nie, was es als Nächstes tut mit den Tieren und Pflanzen. Ob es abhaut, sich in die Erde verkriecht oder noch hinterhältiger wird. Das Einzige, das man weiss: Es gebärdet sich jedes Jahr ein bisschen anders und tut Dinge, die man nicht erwartet hat. Tausende von Jahren wird das Monster hier verweilen. Aber ausser den WeissrussInnen ist keiner da, der es untersuchen will.
Tschernobyl ist ein Mosaik bizarrer Geschichten. Wie zum Beispiel die Geschichte von Igor Kostin. Er ist ein begnadeter Fotograf und Erzähler. Vor wenigen Wochen publizierte er auf Französisch und Deutsch den Fotoband «Tschernobyl Nahaufnahmen». Ein atemberaubendes Buch. Das erste Bild zeigt ein Gebäude, dessen Innerstes nach aussen gekehrt ist. Ein Schutthaufen auf einem grobkörnigen, fahlen Farbfoto: der geborstene Tschernobyl-Reaktor - angeblich am ersten Tag, dem 26. April 1986, aus einem Helikopter aufgenommen. Kostin schildert, wie ihn an jenem Tag frühmorgens ein befreundeter Helikopterpilot anrief und sagte: «Igor, im Kernkraftwerk hat es heute Nacht gebrannt. Wir fliegen hin. Kommst du mit?» Er geht mit. In Tschernobyl fliegen sie über den Reaktor: «Auf dem Grund der Ruinen erkennt man nur schwach den rötlichen Schein des schmelzenden Reaktorkerns. (...) Ich öffne das Seitenfenster. Ein Schwall heisser Luft dringt in die Kabine. Ich kann kaum schlucken», schreibt Kostin.
Zurück in Kiew entwickelt Kostin die Bilder: «Fast alle Bilder sind vollständig schwarz. In diesem Moment begreife ich noch nicht, dass das auf die Radioaktivität zurückzuführen ist.» Nur ein einziges Bild habe diesen Tag überstanden - das besagte erste Bild im Buch. In der Legende steht: «Das ist das einzige existierende Foto vom Tag des Unfalls selbst.»
Der unbekannte Held
Die Schweizer Zeitungen berichten bewundernd über Kostin, «der sich» - so der «Tages-Anzeiger» - «wie durch ein Wunder keine bleibenden körperlichen Schäden zugezogen hat». Die NZZ begleitete den Siebzigjährigen in die Zone. Er trägt einen Kaschmirmantel und gibt sich Mühe, wie ein Künstler auszusehen, erzählt der Journalistin erneut vom ersten Tag und sagt: «Die Wahrheit, die Wahrheit ist immer arrangiert. Glaub nur nicht, dass es bei dir im Westen anders ist.»
Wie wahr: Kostin war nicht der Held, der das erste Bild des explodierten Reaktors schoss. Das war Anatoli Rasskasow. Kostin kam erst später in die Zone.
Rasskasow war der Werkfotograf von Tschernobyl und wohnte seit 1973 in Pripjat. Heute lebt er mit seiner Ehefrau Galina in der Ukraine, am Rand von Kiew, in einer kleinen Einzimmerwohnung. Sie besitzen nicht viel, genau gesagt, sind sie arm. «Wir haben eine neue, demokratische Regierung - aber heute müssen wir die Medikamente selber bezahlen, wenn wir ins Spital gehen. Früher war das bezahlt», sagt er und lacht. Dieser behäbige, gemütliche Mann ist schwer krank.
Er war ein überzeugter Sowjetmensch, er liebte sein AKW, seine Arbeit und tat, was man ihm sagte. An jenem 26. April befahl man ihm am Morgen, möglichst nahe ans zerstörte Gebäude heranzugehen und zu fotografieren. Er sah, da war etwas passiert, doch was genau, wusste er nicht und auch sonst keiner, der an jenem Morgen vor dem AKW stand. Er ging ums AKW herum, zusammen mit einem Dosimetristen. Er fotografierte die Trümmer, die auf dem Boden lagen. Was er fotografierte, wusste er nicht. Etwa um zwei Uhr nachmittags schickten sie Rasskasow - zusammen mit zwei Offizieren und zwei Zivilisten - mit einem Helikopter auf einen Flug über den Reaktor. Sie mussten fliegen, weil der Notfallstab wissen wollte, was da war. Denn wenn das Unvorstellbare passiert, braucht es seine Zeit, bis man begreift, dass es wirklich passiert ist. Und wenn man es endlich glaubt, kennt man das Ausmass der Zerstörung noch lange nicht. Von unten sah man nur die Wand des geborstenen Reaktors. Die Leitungen, die lose herunterhingen, die Trümmer und den Rauch. Der Notfallstab brauchte auch Fotos, um nach Moskau rapportieren zu können.
Rasskasow erzählt, wie sie im Helikopter sassen und er durch die Fenster keine guten Bilder machen konnte. Er schlug vor, das Fenster zu öffnen, der Helipilot wie die Offiziere hätten opponiert. Einer der Zivilisten aber sagte: «Warum fliegen wir, wenn wir nichts sehen - öffnet das Fenster!» Rasskasow beugte sich hinaus. Ein Militär hielt ihn an den Beinen, während er fotografierte. Es war unglaublich, sagt Rasskasow heute: «Der Reaktor strahlte wie ein grosser, heller Spot. So etwas hat ausser uns noch nie jemand auf der Welt gesehen.» Es klingt ehrfürchtig, wie er das sagt.
Rasskasow entwickelte seine Bilder in seinem Labor Pripjat. Von mehreren Filmen waren tatsächlich die meisten schwarz. «Mir wurde heiss und kalt», sagt Rasskasow, «ich fürchtete schon, meinen Auftrag nicht richtig erfüllt zu haben.» Die Strahlung hatte die Bilder allerdings nicht während des Fluges zerstört, sondern als er am Boden Trümmer fotografierte. Die Trümmer waren hochradioaktive Grafitbrocken, die aus dem Reaktor katapultiert worden waren. Acht seiner Fotos waren schliesslich brauchbar. Er übergab sie - inklusive Negative - den MitarbeiterInnen des Notfallstabes. Als diese die Bilder sahen, hätten sie beschlossen, Pripjat zu evakuieren. Das war am späten Nachmittag des 26. April. Es war nicht sowjetischer Zynismus, dass man die Stadt erst nach 48 Stunden räumte, es war nackte Überforderung.
Rasskasows Fotos waren fast zwanzig Jahre lang verschwunden. Vor wenigen Wochen erhielt er von einem Tschernobyl-Kadermann, der am 26. April mit ihm zeitweilig unterwegs war, die Abzüge von zwei Bildern. Wo die anderen sind, weiss Rasskasow nicht. Eines seiner Bilder wurde Anfang Mai 1986 im sowjetischen Fernsehen gezeigt. Auf diesem Bild ist nicht zu sehen, dass der Reaktor heftig raucht; ein Teil der Trümmer und herunterhängende Kabel waren wegretouchiert, damit es nicht ganz so schrecklich aussah. Dieses Bild machte Geschichte (vgl. Foto zu diesem Artikel). Das zweite Bild ist aus dem Helikopter aufgenommen, deutlich sieht man, wie der Reaktor raucht. Es ist noch ein drittes Bild von Rasskasow im Umlauf. Er selbst besitzt jedoch keinen brauchbaren Abzug, sondern nur eine schlechte Kopie davon. Rasskasow weiss nicht, wer den richtigen Abzug besitzt. Es ist direkt über dem Reaktor aufgenommen und sieht aus, als ob ein gigantischer Scheinwerfer aus dem zerstörten Gebäude strahlen würde.
Kaum jemand weiss, dass Rasskasow diese unglaublichen Bilder aufgenommen hat. Als Werkfotograf unterstand er strikter Geheimhaltungspflicht. Er hat geschwiegen und an den historischen Fotos noch keine Kopeke verdient. Anfang Jahr schickte er der «Chernobyl Post», dem Organ einer Tschernobyl-Hilfsorganisation, einen Brief und erzählte seine Geschichte, weil es ihn wurmte, dass andere für etwas berühmt wurden, was er getan hatte.
Als Rasskasow Kostins Buch mit dem angeblich «ersten» Bild sieht, schmunzelt er: «Das ist viel später aufgenommen worden - man sieht deutlich: Da raucht nichts mehr.» Er sagt, an jenem Tag habe ein grosses Chaos geherrscht. Doch die Strassen um Pripjat seien alle abgesperrt gewesen. Niemand kam einfach so rein. Und niemand durfte aus der Zone raus, selbst höchste Kader nicht, die ihre Familien wegbringen wollten. Seine Version klingt glaubwürdig. Die AKW-Leute brauchten Fotos, aber nie hätten sie in dieser Situation einen Pressemann frei fotografieren lassen.
Rasskasows Bilder werden bald im Tschernobyl-Museum, das von Feuerwehrleuten unterhalten wird, in Kiew zu sehen sein. Er sagt, die Leute vom Museum würden nicht alle seine Bilder mögen, und kramt ein Schwarzweissfoto hervor, eine spätere Luftaufnahme vom geborstenen Reaktor mit dem Maschinenhaus. Er zeigt auf das Maschinenhaus. «Da sieht man Löcher im Dach», sagt er, «die entstanden, als bei der Explosion Trümmer aufs Dach fielen. Aber man sieht auch deutlich, dass es nicht gebrannt hat. Es gibt keine Brandspuren.»
Rasskasow sagt, dass es gar kein gewöhnliches Feuer gab, nur der Reaktor habe gebrannt - ein unlöschbares Feuer. Die Chefs der Feuerwehr mögen diese Version der Geschichte nicht. Sie hatten in jener Nacht, als die Katastrophe geschah, mehrere Feuerwehrleute losgeschickt, um das Feuer zu löschen. Diese Männer starben binnen weniger Tage oder Wochen an akuter Strahlenkrankheit. Ein grausamer Tod. Rasskasow sagt: «Wenn es stimmt, was ich sage, sind die Feuerleute umsonst gestorben. Es gab gar kein Feuer, das sie hätten löschen können.» Rasskasow könnte Recht haben, nur wenige waren an jenem Tag so nahe am Reaktor dran wie er. Wie es wirklich war, wird man in diesem Dschungel von Geschichten und Tragödien nie erfahren.
Was geschah wirklich?
Man wird vermutlich auch nie erfahren, ob Mikola Karpan Recht hat. Er ist Physiker und war ein wichtiger Mann in Tschernobyl. Er schrieb die Handbücher für die Reaktoren und prüfte jedes Jahr das Fachwissen der Operateure. Er kannte den Reaktor besser als die meisten, die dort arbeiteten. Zwanzig Jahre lang hat er geschwiegen. Vor kurzem publizierte Karpan ein dickes Buch über die Atomindustrie, die Probleme des Tschernobyl-Reaktors und seine Version des Unfalls. Sein Job war es, für die nukleare Sicherheit zu sorgen, er sollte eigentlich wissen, was damals wirklich los war. Er sagt, man hätte schon länger gewusst, dass dieser Reaktortyp sehr gefährlich sei. Verschiedene hochkarätige Wissenschaftler hätten gefordert, diese Reaktoren müssten abgeschaltet und sicherer gemacht werden. Das Politbüro habe aber angeordnet, die Reaktoren weiterlaufen zu lassen und gleichzeitig das Sicherheitssystem zu verbessern.
Karpan holt einen grossen Bogen Millimeterpapier hervor. Darauf sind verschiedene Kurven eingezeichnet. Es ist eine Grafik, die die letzten Stunden, Minuten und Sekunden des Reaktors abbildet. Karpan erklärt im Detail, was in jener Nacht passiert war, erläutert die Besonderheiten dieses Reaktors und die Geschichte mit dem Experiment. Dieses hätte am 25. April abgeschlossen sein sollen. Dann kam etwas dazwischen, es wurde um einige Stunden verschoben. Karpan war an jenem Tag nicht im Werk. Später fand er heraus, dass der Chefoperateur um Mitternacht - beim Schichtwechsel - dem verantwortlichen Physiker von der Sicherheitsabteilung mitteilte, er müsse nicht zur Arbeit kommen, das Experiment sei erfolgreich abgeschlossen. Was nicht stimmte. Sie begannen erst nach Mitternacht mit dem Experiment, obwohl der Reaktor in einer nukleartechnisch labilen Situation war. Vielleicht wollten es die Operateure nicht wissen oder realisierten es nicht.
Karpan sagt, wenn einer seiner Physiker da gewesen wäre, hätten sie nie zugelassen, dass man das Experiment trotzdem machte. Man machte es trotzdem. Was dann passierte, sieht auf dem Papier wie eine plötzlich scharf ansteigende Kurve aus, die noch einmal kurz abfällt und dann über die Grafik hinausschiesst. So schlicht lässt sich der grösste anzunehmende Unfall (GAU) auf dem Papier darstellen.
Karpan sagt: «Im Reaktor ist nichts mehr. Alles ist weg. Nach offizieller Version wurde nur ein minimer Teil des Reaktorkerns freigesetzt, aber das stimmt nicht.» Nach Karpans Einschätzung gelangten neunzig Prozent des spaltbaren Materials in die Umwelt, zehn Prozent liegen geschmolzen unter dem Reaktor.
Vielleicht hat Karpan Recht. Wenn er Recht hat, sähen plötzlich die Opferzahlen ganz anders aus. Denn die Opfer werden theoretisch hochgerechnet: Je mehr Radioaktivität freigesetzt wird, desto mehr Krebstote wird es geben.
Das ist es, was einen verrückt macht an Tschernobyl: Man weiss nichts präzise - man ahnt nur Böses. Diejenigen, die die Mittel und die Pflicht hätten, Klarheit zu schaffen - wie die Funktionäre der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) -, tun alles, um nichts Präzises zu erfahren. Nach Meinung der IAEO sind bis heute nur 50 Menschen an den Folgen des GAUs gestorben, 4000 weitere Krebstote dürfte es noch geben. Absurde Zahlen, die nahe legen sollen, dass selbst ein GAU ein unangenehmes, aber handhabbares Unglück ist.
Wölfe jagen
Derweil Sein und Schein sich weiter sonderbar vermischen. In der weissrussischen Schutzzone gedeihen wieder Pflanzen, die man dort früher ausgerottet hatte. Seltene Vögel kehren zurück. Die Biber breiten sich aus und bauen Dämme. Das Land wird wegen der Dämme überflutet, die Radionuklide schwimmen weg und verseuchen Ackerböden. Die Wölfe vermehren sich unflätig stark. Fremde dürfen im Winter für vierhundert Dollar die Stunde einen Helikopter mieten und aus der Luft Wölfe jagen. Das ist Tschernobyl heute - eine bösartige Groteske.
Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.Unterstützen Sie den ProWOZ