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III. Ebnefluh
III. Ebnefluh ( 3964 Meter. ) Dienstag den 8. August brach ich von Ried auf; ich beabsichtigte jenseits der Rhone bei Turtig den Postwagen abzuwarten; als ich aber unweit Gampel über die Lonzabrücke gehen wollte, fand ich dieselbe weggerissen und wurde gezwungen, den Umweg über Niedergestelen zu machen, an dem kleinen See vorbei, der zwischen beiden Dörfern liegt. In Visp nahm ich die Post und fuhr bis nach Brieg, dann am frühen Morgen nach Viesch. Von da ist man in vier Stunden beim Hotel Eggischhorn, wo ich am Mittwoch Vormittag eintraf und Führer bestellte, um zum Ersatz für die misslungene Mittaghorn-Bestei-gung der Ebnefluh einen Besuch zu machen. Mit meinen Führern Aloys Seiler und Alexander Anderegg wollte ich noch am Nachmittag bis zur Faulberghütte gehen; eine Gesellschaft von 5 Engländern mit 5 Führern war im Begriff, ebenfalls dahin aufzubrechen; während meine Führer Proviant aufluden, ging ich mit genannter Gesellschaft den Berg hinauf; als wir den Eggischhorngrat überstiegen hatten, sahen wir den Märjelensee ziemlich vergrössert gegen frühere Jahre, und wir waren genöthigt, einen bedeutenden Umweg nach der rechten Seite hin zu machen, um auf das jenseitige Ufer zu gelangen. Es wurde mir bald schwer, mit den leichtfüssigen Engländern Schritt zu -halten, ich blieb daher am Kande des Aletschgletschers etwas zurück, und stieg, meine Führer erwartend, langsam ihren Stufen nach bis auf die Höhe des Aletschgletschers. Die Führer holten mich bald ein, aber statt den Engländern zu folgen, die an der Seite der Strahlhörner über den Gletscher hinaufgingen, hielten wir uns gegen die Mitte des Gletschers. Eisspalten und zahlreiche Bäche hielten uns lange auf, so dass wir erst bei Anbruch der Nacht bei der Faulberghütte ankamen, wo die Engländer bereits abgekocht hatten. Wir waren da ziemlich eng zusammengepresst, denn auf der mit Stroh belegten Pritsche hatten höchstens 6 Personen Platz, die 7 Führer mussten sitzend und stehend sich um den Kochherd herum zusammendrängen; geschlafen hat wohl Niemand. Die Engländer gingen um 2 Uhr fort nach dem Finsteraarhorn, dessen Spitze sie um 9a/2 Uhr erreicht haben sollen. Um 3 Uhr gingen auch wir fort und betraten den Aletschgletscher noch in der Dunkelheit; am frühen Morgen war derselbe gut zu begehen, abgesehen von den immer noch zahlreichen Eisspalten, die Vorsicht erheischten. Auf dem Aletschfirn waren keine Eisspalten mehr, allein derselbe glich einem frisch mit dem Pflug durchstrichenen Ackerfeld und das war bei einer Strecke von circa drei Stunden sehr unangenehm. Wir nahmen die Richtung auf einen vorspringenden Fels, welcher den Ausläufer des Grates bildet, der sich von der Ebnefluh südwärts gegen das Aletschhorn hinabzieht. Weiterhin umgingen wir die Felsenecke rechts und betraten den Ebnefluhfirn, der sich terrassenförmig zwischen dem Mittaghorn und dem südlichen Ebnefluhgrat hinaufzieht. Diese Terrassen sind nicht sehr steil, wohl aber mit einem wahren Labyrinth von Schrunden durchzogen und desshalb nicht ungefährlich. Wir waren genöthigt, über einen Bergschrund hinauf zu klettern, der viel Aehnlichkeit mit demjenigen unten am Roththalsattel hat, weil die obere Wand fast überhängend ist. Um 8 Uhr hatten wir das Ebnefluhjoch erstiegen, es liegt an der Ostseite des Mittaghorns und ist nur um 137 m niedriger als dieses, und man könnte glauben, dass vom Joch aus das Mittaghorn leicht zu besteigen wäre; allein sowohl die noch zu überwindenden Felspartien als die Eisspalten, welche an den Seiten sichtbar waren, hielten uns von einem Versuch ab. Wir entschieden uns für die Ebnefluh. Nach einer kurzen Rast, während welcher unsere Blicke auf das zu unsern Fussen liegende Hügelland bis über den Jura hinaus schweifen konnten, nahmen wir den Ebnefluhgrat in Angriff. Auf dem an vielen Stellen übereisten scharfen Grat selbst war nicht fortzukommen; wir hielten uns desshalb immer circa 1—2 m tiefer an der nördlichen Seite, welche sich gegen den Breitlauenengletscher hinabsenkt. Aloys Seiler musste gleich beim Betreten der steilen Nordwand mit Stufenhacken anfangen, und um den Rückweg zu erleichtern, erweiterte Anderegg diese Stufen. So ging es langsam über eine erste Erhöhung des Grates; jenseits desselben nöthigte uns ein Felsvorsprung, auf die Südseite überzugehen, was nicht leicht auszuführen war. Nahe am zweiten schon ziemlich höhern Gipfel kamen wir auf eine abere Stelle von lockerem Gestein, bestehend aus krystallinischen dunkelgrünen Schiefern und grauen Gneissplatten; diese Stelle war kurz; jenseits derselben nöthigte uns ein zweites Hinderniss, über den hier messerscharfen Grat wieder auf die Nordseite zu gehen, wo unsere equilibristischen Künste wieder in Anwendung gebracht werden mussten, und zwar oberhalb des circa 1200™ tiefen Absturzes gegen das Roththal; wir blieben von da an immer an der Nordseite des Grates bis zur höchsten Spitze, welche wir um ll'/a Uhr und nach einer dreistündigen Stufenhackerei erreichten.
Der Gipfel der Ebnefluh ist ein gegen das Gletscherhorn hin sanft geneigter schmaler Rücken, der viel Aehnlichkeit mit demjenigen des Mont Blanc hat, und wo circa 50 Personen Platz haben können. An diesem schönen Tage genossen wir eine unermessliche Aussicht; sie kann freilich nicht mit derjenigen der Jungfrau verglichen werden, die noch um circa 200 m höher ist und sich von hier aus schlank und zierlich ausnimmt. Allein nach Süden, Westen und Norden hemmen keine höhern Gipfel die Aussicht; die Beschreibung derselben will ich hier unterlassen, sie ist von benachbarten Bergen schon oft geschildert worden. Wir blieben wohl eine Stunde da oben in unvergesslicher Bewunderung der Rundsicht. Nachdem wir die üblichen Wahrzeichen der Besteigung in einer Flasche eingeschlossen und in den harten Firn eingegraben, traten wir den Rückweg an, der ohne Unfall von Statten ging. Bereits um 2 Uhr erreichten wir den Aletschfirn wieder, nachdem wir einige gelungene Rutschpartien ausgeführt, welche uns rasch abwärts beförderten. Allein wir waren alle drei ziemlich ermüdet und kamen auf den etwas gewagten Einfall, uns auf dem Firn niederzulegen und ein wenig zu schlafen; eine Rast, die bei dem scharfen Gegensatz der Hitze der Sonnenstrahlen und der Kälte des Firnes, mir schlecht bekam und desshalb kurz ausfiel. Gegen 6 Uhr kamen wir zum Faulberg, gerade als die Engländer die Hütte verliessen, um noch zum Hotel Eggischhorn hinab zu gehen. Mein Führer Aloys Seiler ging mit ihnen und ich blieb mit Anderegg einzig in der Hütte zurück, um dann am folgenden Morgen früh ebenfalls eine wohnlichere Gegend aufzusuchen. Im Nachmittag ging ich vom Eggischhorn den Schlittweg hinab nach Viesch und blieb dort über Nacht.
Der Rückweg führte mich Samstags thalaufwärts zum Rhonegletscher und über die Grimsel, die ich seit 1843 nicht mehr überschritten, und Sonntag, den 13. August traf ich Abends wieder in Bern ein und damit waren meine diesjährigen Excursionen zu Ende.
Die Besteigung der Ebnefluh ist bereits im Jahr 1868 durch Herrn T. L. Murray-Browne aus England ausgeführt worden, und zwar mit Umgehung des Grates von der Südseite. Er stieg zuerst mit seinen Führern Peter Bohren und P. Schlegel von Grindelwald auf den Grat, welcher sich in südlicher Richtung gegen das Aletschhorn hinabzieht, von da aus soll er mit Leichtigkeit den Gipfel erreicht haben.
Der von mir verfolgte Weg ist aber ein von dem von Herrn Murray-Browne eingeschlagenen wesentlich verschiedener, indem ich zuerst mich dem Ebnefluh- joch zuwandte und von da aus über den ganzen Ebnefluhgrat stieg, welcher sich vom Mittaghorn hinweg und von West nach Ost über die zwei niederem Gipfel bis zur höchsten Spitze an der Seite des Gletscherhorns hinanzieht.
Die drei Spitzen der Ebnefluh sind auf dem Panorama, welches Herr G. Studer vom Gross-Wanne-horn aus aufgenommen hat, deutlich sichtbar; dieses Panorama wurde dem Jahrbuch von 1865 beigegeben.
Im Sommer 1850 habe ich in der Umgebung " von Mürren die von dort sichtbare Alpenkette photographisch aufgenommen; es waren die ersten photographischen Aufnahmen von Gebirgsansichten in der Schweiz. Der Standpunkt der meiner Beschreibung beigegebenen Ansicht der Ebnefluh war beim Hause Gertsch auf der Westseite von Mürren, woselbst die Touristen einkehrten und logirten, als daselbst noch keine Gasthofe erbaut waren. Christian Lauener, Vater, begleitete mich damals auf meinen photographischen Excursionen.