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Ehemalige Fellows
Dr. Boris Kayachev hatte zuletzt ein Marie Curie Research Fellowship an der Universität Oxford inne (2019–21); zuvor lehrte und forschte er am Trinity College Dublin (2016–18) und an der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) in Trondheim (2016). In seiner Forschung konzentrierte er sich zuletzt auf die anonymen Gedichte der sog. Appendix Vergiliana: so publizierte er eine neue kritische Edition der Ciris zusammen mit einem detaillierten Kommentar zu deren Text (Swansea 2020) und ist derzeit mit der Drucklegung von Kommentaren zu Dirae und Lydia beschäftigt. Daneben veröffentlichte er unter anderem eine Aufsatzsammlung zu anonymer Dichtung aus der griechisch-römischen Antike (Cambridge 2021).
Im Rahmen des Basel Fellowship in Latin Literature wird Boris Kayachev diese Forschungsinteressen weiterverfolgen, indem er sein Interesse dem Moretum, einem weiteren Gedicht der Appendix, zuwenden wird. Während das Moretum im Vergleich zu den anderen Gedichten der Sammlung recht wohlwollend rezipiert worden ist, war der Überlieferungszusammenhang des Gedichtes als Teil der pseudo-Vergilischen Sammlung seinem Verständnis abträglich. Im Rahmen einer umfassenden Kommentierung des Gedichtes zielt Boris Kayachev deshalb darauf, über die enge Interpretation des Gedichtes als einer Epos-Parodie (wie sie derzeit die Forschungsliteratur dominiert) hinauszugehen und stattdessen eine holistische Deutung des Moretum vorzulegen, die das Gedicht der Tradition der theokriteischen Bukolik zuordnet. Das Basel Fellowship ermöglicht es ihm, mit der kritischen Neuedition des Textes, einer englischen Übersetzung sowie textkritischen Erklärungen die Grundlage für eine solche Neubewertung zu schaffen.
Dr. Boris Kayachevs Forschungsaufenthalt in Basel fand vom 4. April bis 27. Juni 2022 statt.
Jared Hudson ist Associate Professor of Classics an der Harvard University. Seine Studien haben ihn an die Universitäten Yale, Cambridge (UK) und die University of California, Berkeley geführt, wo er 2013 promoviert wurde. Sein Hauptinteresse in Lehre und Forschung ist die lateinische Prosaliteratur in ihrem kulturellen Kontext, besonders in der Zeit der späten Republik und des frühen Prinzipats. Seine erste Monographie, The Rhetoric of Roman Transportation: Vehicles in Latin Literature (Cambridge 2021), widmet sich einer kulturellen Poetik des Verkehrs und Transports in der lateinischen Literatur und zeigt, welche Funktionen bestimmte Verkehrsmittel in unterschiedlichen Autoren und Genres haben. Jared Hudson ist besonders an marginalen und scheinbar unbedeutenden lateinischen Texten interessiert respektive an solchen, deren Kanonizität aus bestimmten Gründen infragesteht; so hat er jüngst Forschungsarbeiten zu Florus, Varro, Nepos und zur Appendix Sallustiana publiziert.
Im Rahmen des Basel Fellowship in Latin Literature arbeitet Jared Hudson an seinem aktuellen Buchprojekt unter dem Arbeitstitel Writing Latin Geography: Pomponius Mela’s Peripheral Vision. Dieses Projekt verbindet Hudsons Forschung zu wenig beforschten Texten mit seinem Interesse an der Darstellung des Raumes in lateinischen Texten, an der antiken Fachschriftstellerei und der griechisch-römischen Kultur der Epitomierung. Writing Latin Geography bietet eine literatur- und kulturwissenschaftliche Untersuchung der lateinischen geographischen Literatur, wobei der Schwerpunkt auf der einst kanonischen, heute aber weitgehend vernachlässigten Epitome De Chorographia aus dem ersten Jahrhundert unserer Zeit liegt. Es wird argumentiert, dass sich an Melas distinkter Form der geographischen Epitome, die in einer hoch rhetorisierten Kunstprosa ihren Ausdruck findet, eine zentrale Veränderung in der Art und Weise festmachen lässt, wie in Rom die Anlage der bekannten (und der weniger bekannten) Welt dargestellt wird. Damit zielt das Projekt auf die Neubewertung eines heutzutage kaum beforschten Werkes, das für die Entwicklung der geographischen Fachliteratur in lateinischer Sprache ebenso wie für römische Vorstellungen vom ‚globalen Raum‘ von zentraler Bedeutung ist.
Jared Hudsons Forschungsaufenthalt in Basel fand vom 28. April bis 3. Juli 2022 statt.
PD Dr. Ute Tischer ist als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität Dresden tätig, wo sie aktuell an einem Projekt zur digitalen Modellierung von Invektive in antiker lateinischer Literatur arbeitet. In ihrer bisherigen Forschung hat sie sich mit Kommentaren und Scholien zu antiker Dichtung und besonders mit der antiken Vergilexegese beschäftigt; einen weiteren Schwerpunkt bildeten Konzepte und literarische Verfahren wie Anspielungen, Zitate, Kontext oder Autorschaft. In ihrer Habilitationsarbeit zu Zitat und Markierung. Signalisieren und Erfassen von Zitaten in römischer Prosa (in Vorbereitung für die Reihe „Hypomnemata“ bei V&R in Göttingen) untersucht sie das Konzept und die Normen des Zitierens bei verschiedenen römischen Prosaautoren, u.a. Cicero, Sueton und Aulus Gellius. Sie ist Mitherausgeberin einer Reihe von Sammelbänden, darunter zuletzt ut pictura poeta. Author Images and the Reading of Ancient Literature (Turnhout, forthcoming 2022).
In Basel wird sich ihre Forschungsarbeit auf die Rezeption der horazischen Ars poetica durch Quintilian richten. Ausgangspunkt ist ein Zitat im Einleitungsbrief zur Institutio oratoria, mit dem sich Quintilian für sein eigenes Prosawerk auf die von Horaz für Dichtung angeführten Grundsätze beruft. Auch sonst scheint Horazens Gedicht über Dichtung eine nicht unwichtige strukturelle und konzeptionelle Rolle für Quintilians systematisches Lehrbuch über die Prosarede gespielt zu haben, wie Zitate und Anspielungen auf verschiedenen Ebenen zeigen. In ihrer Untersuchung möchte Ute Tischer schließlich auch der Frage nachgehen, inwiefern Quintilians Lektüre der Ars poetica die Interpretation und Rezeption dieses in vielerlei Hinsicht irritierenden Gedichtes in der Folgezeit und bis in die Gegenwart beeinflusst hat.
PD Dr. Ute Tischers Forschungsaufenthalt in Basel fand vom 15. August bis 13. November 2022 statt.
Anna Anguissola ist Associate Professor in Klassischer Archäologie an der Universität Pisa. Vor ihrem Ruf nach Pisa lehrte und forschte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Prof. Anguissolas zentrales Forschungsgebiet ist die visuelle Kultur der griechisch-römischen Antike, wobei die Geschichte und Technik der antiken Skulptur, die Beziehung zwischen griechischer und römischer Kunst, Architektur und Stadtentwicklung sowie die Rezeption der antiken Kunst in späteren Zeiten Arbeitsschwerpunkte bilden. Daneben legte sie auch zahlreiche Veröffentlichen zum griechisch-römischen Diskurs über die bildenden Künste vor. Sie ist die Verfasserin von Supports in Roman Marble Sculpture: Workshop Practice and Modes of Viewing (Cambridge 2018), "Difficillima imitatio”. Immagine e lessico delle copie tra Grecia e Roma (Rom 2012), Intimità a Pompei: Riservatezza, condivisione e prestigio negli ambienti ad alcova di Pompei (Berlin-Boston 2010). Als Feldarchäologin koordiniert sie zudem Prospektionen und Ausgrabungen in Hierapolis (Phrygien) und in Pompeji.
Prof. Anguissolas aktuelles Forschungsprojekt gilt der Frage, wie Material und künstlerischer Prozess in den ‚Kunstbüchern‘ der Naturgeschichte Plinius d.Ä. konzeptualisiert werden. Diese Fragestellung nimmt auf aktuelle Entwicklungen in der Erforschung der griechisch-römischen Kunst Bezug, in der zunehmend die naturwissenschaftliche Analyse der in Skulpturen verwendeten Steine, Pigmente und Metalllegierungen sowie ein differenzierteres Verständnis der angewendeten Techniken und Arbeitsweisen zu einem radikalen Umdenken unseres Zugangs zu antiken Kunstwerken geführt und eine Revision archäologischer Theorien und Modelle erzwungen haben. Professor Anguissolas Projekt untersucht entsprechend, wie die Darstellung von Künstlern und Kunstwerken in Plinius‘ Naturgeschichte von Vorstellungen und Annahmen zu Wert, Eigenschaften und relativer Hierarchie unterschiedlicher Materialien resp. vom Wissen um bestimmte Arbeitsweisen geprägt werden. Es zeigt sich dabei, dass solche materiellen und performativen Aspekte von Kunst und Handwerk nicht nur einen zentralen Ort in Plinius’ Naturgeschichte innehaben, sondern auch ihrerseits modellbildend sind: Sie bilden die Grundlage für Plinius’ Konzeption und Erklärung von ‘intellektueller Arbeit’ und spezifisch für die Strategien, die er in seinem Versuch, die zentralen Eigenschaften der Natur zu dokumentieren, zur Anwendung bringt.
Prof. Anguissolas Forschungsaufenthalt in Basel hat vom 2. September bis 19. Oktober 2021 stattgefunden.
Nandini B. Pandey war Associate Professor of Classics an der University of Wisconsin-Madison und ist nun Associate Research Professor an der Johns Hopkins University.Sie verfolgt vielfältige Forschungsinteressen im Bereich der römischen Literatur und Kultur und ihres Nachlebens. Ihre Studien in Classics und Englischer Literatur haben sie ans Swarthmore College sowie an die Universitäten Oxford, Cambridge und Berkeley geführt (PhD, Berkeley 2011). Ihr erstes Buch, The Poetics of Power in Augustan Rome: Latin Poetic Responses to Early Imperial Iconography (Cambridge 2018), untersucht, inwiefern die römischen Dichter und ihre Leser zur Konstruktion augusteischer Herrschaft beitragen und diese einer ,Kritik von unten‘ unterziehen; es wurde mit dem 2020 CAMWS First Book Prize ausgezeichnet. Sie hat zudem zahlreiche wissenschaftliche Artikel und Arbeiten für ein breites Publikum veröffentlicht, insbesondere auch für das online-Magazin Eidolon.
Prof. Pandey hat im Rahmen des Basel Fellowship in Latin Literature an ihrem zweiten Buchprojekt gearbeitet: Die Monographie unter dem Arbeitstitel Diversitas: Negotiating Ethnic Difference in Imperial Rome (unter Vertrag bei Princeton University Press) nimmt die lateinische Literatur der frühen Kaiserzeit in den Blick und fragt nach den Vorstellungen und Praktiken, die den römischen Umgang mit ethnischer Pluralität in Literatur und Gesellschaft bestimmen. Pandey verbindet die genaue Analyse von Autoren wie Vergil, Ovid, Petron, Plinius d.Ä., Martial und Juvenal programmatisch mit der Untersuchung der materiellen Hinterlassenschaften der römischen Kultur und verfolgt so römische Begegnungen mit Diversität in der Stadt, in Speisesälen, Gärten, Schlafzimmern und im Circus. In solchen Räumen, argumentiert Pandey, wurden importierte Güter ebenso wie importierte Menschen zu Trägern epistemischer Diskurse: Im Umgang mit ihnen lernten einerseits viele Römer die demographische Vielfalt in ihrem Staat kennen und schätzen, während sie andererseits, im Modus der Metonymie, imperiale Verhaltenslogiken einübten. Die Untersuchung der lateinischen Literatur soll dabei aber auch für gegenwärtige Diskurse fruchtbar gemacht werden, indem sie aus einer historischen Perspektive das Verhältnis zwischen der Wertschätzung für Diversität und der Verschleppung, Ausbeutung und Verwertung von Menschen auslotet, die ‘anders’ sind.
Prof. Pandeys Forschungsaufenthalt in Basel fand vom 20. September bis 10. November 2021 statt.
Ábel Tamás unterrichtet am Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft der Loránd Eötvös Universität (ELTE, Budapest), in permanenter Kooperation mit dem Lehrstuhl für Latinistik. Wie u.a. seine Doktorarbeit (Catull und die Poetik der Medien, 2012) zeigt, stehen literaturtheoretische Methoden bzw. medien- und kulturwissenschaftliche Ansätze im Mittelpunkt seiner Forschung. Seine Interpretationen lateinischer Texte akzentuieren u.a. intertextuelle, narratologische, mediengeschichtliche und philologietheoretische Aspekte. In jüngerer Zeit hat er sich mit einer Poetik der Absenz bei Catull sowie Intertextualität bei Plinius d.J. beschäftigt. Dr. Tamás nimmt regelmäßig an altphilologischen und literatur- oder kulturwissenschaftlichen Forschungsprojekten teil und ist Mitherausgeber verschiedener Sammelbände (u.a. Kulturtechnik Philologie, Heidelberg 2011).
Das aktuelle Forschungsprojekt von Dr. Tamás – das er mit der Unterstützung der Basel Fellowships in Latin Literature wesentlich voranbringen konnte – thematisiert „Curiositas-Szenen in der römischen Literatur“. Es geht um die Interpretation einer Reihe unterschiedlicher literarischer Texte, die sich mit dem Phänomen der curiositas (‚Neugier‘) beschäftigen. Bei aller Unterschiedlichkeit lässt sich in diesen Texten ein gemeinsames Schema erkennen: Wer immer jemanden als curiosus/curiosa bezeichnet (ein Wort, welches das Bedeutungsspektrum der griech. Begriffe polypragmon und periergos umfasst), wird, so stellt es sich am Ende heraus, selbst als curiosus oder curiosa charakterisiert. „Curiositas-Szenen in der römischen Literatur“ zeigen, wie riskant es ist, an der literarischen Kommunikation teilzunehmen: Weder als Autor, Erzähler oder Sprecher noch als literarische Figur oder Leser kann man gänzlich den Eindruck vermeiden, dass man sich in die Angelegenheiten anderer einmischt. Die Kapitel der geplanten Monographie werden Texte von Catull, Cicero, Vergil, Tacitus, Plinius dem Jüngeren, Apuleius und Augustin behandeln.
Ábel Tamás' Forschungsaufenthalt in Basel fand vom 20. September bis 18. Dezember 2021 statt.