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Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón hatte zuletzt ein wunderbar deliriöses Weltraum-Kammerstück mit George Clooney und Sandra Bullock gedreht: «Gravity». Dafür gab's zwei Oscars.
Auch mit seinem neuen Film gewann Cuarón bereits wieder einen wichtigen Preis: Am 75. Filmfestival Venedig wurde «Roma» mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Der Film unterscheidet sich aber komplett vom famosen Vorgänger.
Titelgeberin für «Roma» ist nicht die italienische Hauptstadt. Der Film spielt in jenem Stadtteil von Mexiko-City, in dem Alfonso Cuarón seine Kindheit verbrachte – als Spross einer mittelständischen Familie.
«Roma» ist eine persönliche Erzählung über soziale Gräben zwischen spanischstämmigen und indigenen Mexikanern, die tief in der Gesellschaft verankert sind. Und über Mütter, über Frauen und ihren Kampf, den sie führen müssen. Egal auf welcher Seite des Grabens.
Gewohnt wird in der Wäschekammer
«Roma» spielt 1970/71 – mitten in einer unruhigen Zeit, als Studierende für Freiheit demonstrieren und von einer von der Regierung finanzierten Miliz zusammengeschossen werden.
Hauptfigur des Films ist die junge Mixtekin Cleo, die für die Familie von Sofia den Haushalt macht und die vier Kinder versorgt, zusammen mit ihrer Freundin Adela.
Während die Familie in einem hellen, grossen Haus wohnt, teilen sich die beiden Freundinnen eine winzige Kammer, die auch noch als Wäsche- und Bügelzimmer dienen muss.
«Roma» und der Ritterschlag für Netflix
Die Netflix-Produktion «Roma» wurde am 75. Filmfestival Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Es war das erste Mal in der Festivalgeschichte, dass der Preis für den besten Film an einen Streaming-Anbieter ging.
Cleo verliebt sich in einen Mann, von dem man nur weiss, dass er Martial Arts betreibt, und wird schwanger. Aber als sie ihm von der Schwangerschaft erzählt, lässt er sie mitten in einer Kinovorstellung sitzen.
Unüberwindbare Konflikte
Doch nicht nur Cleo hat Probleme: Sofias Mann, ein wohlhabender Arzt, verlässt die Familie, ohne sich auch nur zu melden. Cuarón fokussiert nicht auf einen Konflikt zwischen Herrin und Dienstmädchen. Dieser Umgang ist meistens respektvoll, freundlich.
Aber der gesellschaftliche Graben und gross, unüberwindbar – «auf perverse Art in die Gesellschaft eingeschrieben», schreibt Cuarón im persönlichen Statement zum Film.
Haufenweise Hundehäufchen
Alfonso Cuarón hat nicht nur die Geschichte geschrieben und Regie geführt hat. Er war auch für die Kameraarbeit verantwortlich und hat diesen Film in hellem Schwarzweiss gedreht.
Das steht dem Film gut. Auch so sind die Hundehäufchen plastisch genug, die sich im Lauf des Films in der Toreinfahrt ansammeln. Auch schwarzweiss ist die Wäsche, die von unzähligen indigenen Dienstmädchen auf den Dächern des Viertels mühsam gewaschen und aufgehangen wird, bunt genug.
Die Drecksarbeit machen die Frauen
Schon die erste Einstellung des Films ist voller Schönheit und Symbolik. Die Kamera zeigt einen schmutzigen Plattenboden, zu hören sind Wischgeräusche. Bis plötzlich ein Schwall Wasser über den Boden gegossen wird.
Und nun spiegelt sich im Boden das Tor nach Aussen und der Himmel, wo gerade ein Flugzeug vorbeifliegt – die unerreichbare Freiheit spiegelt sich im Putzwasser. Es ist natürlich Cleo, die einmal mehr die Einfahrt von den Hundehäufchen befreit.
Eine Liebeserklärung
Alfonso Cuarón hat gesagt, dieser Film sei ein intimes Porträt der Frauen, die ihn erzogen hätten, eine Liebeserklärung an sie. Damit meint er sowohl seine Mutter als auch sein indigenes Kindermädchen.
Auf beiden Seiten dieser Zweiklassengesellschaft sind es in diesem wunderbar traurigen Film «Roma» die Frauen, die am meisten unter der grausamen Zweigeschlechtergesellschaft leiden.