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Abbas Khider soll nach der Lektüre von The Prophet seinen Berufswunsch geändert haben: Nicht mehr Imam, Schriftsteller wollte er werden. Für die Richtigkeit der Anekdote kann ich nicht bürgen. Ich kenne Abbas Khider nicht persönlich. Ich habe auch noch keines seiner Bücher gelesen, um sagen zu können, ob man eventuell Spuren vom Propheten darin findet. Ganz sicher findet man Spuren bei den Beatniks und bei deren Nachfolgern, den Hippies. Auch wenn letztere dann indische Gurus dem als Kind aus dem Libanon in die USA Eingereisten vorzogen. Ganz sicher lassen sich noch im Lied The Prophet’s Song, das Brian May 1975 für die Glamour-Rock-Band Queen geschrieben hat, sowohl inhaltlich wie sprachlich große Anklänge an Kahlil Gibrans Lyrik-Zyklus The Prophet finden, auch wenn das meines Wissens nirgends festgehalten ist.
Gibrans The Prophet besteht aus 26 Kapiteln, die in einer Sprache geschrieben wurden, die sich irgendwo zwischen der von Lyrik und der von Prosa bewegt, und die sehr stark von der biblischen beeinflusst ist. Anders als in Nietzsches Zarathustra, in dem der Autor diese Anklänge in parodistischem Sinne verwendet, ist es Gibral ernst. Dieser sein Seher soll tatsächlich eine spirituelle Führer-Gestalt sein. Das Büchlein hat sogar eine Art Story: Der Prophet kehrt, nach Jahren des Aufenthaltes in der Stadt Orphalese in seine Heimat zurück. Bevor sein Schiff abfährt, nähern sich ihm noch verschiedene Bewohner der Stadt und fragen um Erhellung zu ein paar Fragen, die oft, aber nicht immer, mit ihrem Beruf zusammenhängen. Liebe, Heirat, Kinder, Essen und Trinken, aber auch Freundschaft, die Zeit, Gut und schlecht, oder der Tod sind einige der Themen.
Gibran war gläubiger Maronit, also Christ. Aber es finden sich im Propheten auch Einflüsse der Sufi-Mystik oder der Lehren der Bahai. (Gibran hatte den Sohn Bahāʾullāhs, des Stifters dieser Religion, also ʿAbdul-Baha’, auf einer von dessen Reisen in den Westen kennen gelernt. Summa summarum haben wir hier demnach ein religiöses, ja ein mystisches Werk vor uns.
Neben der wirklich schönen, getragenen Sprache des Textes trägt vor allem ein Trick zu diesem Mystizismus bei: Immer wieder postuliert der Prophet zu den ihm vorgetragenen Fragen eine Antwort, um im Laufe seines Sermons dann auch das genaue Gegenteil zu postulieren. Es ist im Grunde genommen derselbe Trick, den Hegel verwendet in seiner Dialektik: A ist zugleich Nicht-A, bzw. die beiden werden zusammengefasst in einem übergeordneten Artikel – wie immer der heissen mag. Hegel spricht vom Aufgehobenen, Gibran benennt diesen Zustand nicht. Beiden, Hegel und Gibran, hat dieser Trick den Ruf großen Wissens und einige eingefleischte Jünger eingetragen.
Das gleichzeitige In-eins-sehen-Können von Gegensätzen ist also der Dreh- und Angelpunkt von Gibrans Text. Muss man können. Und mögen. Und können mögen. Mir persönlich liegt das weder als Hegel’sche Dialektik, noch als Gibran’sche Mystik. Wenn ich den Text trotzdem gern gelesen habe, dann wegen seiner Sprache. Ich habe ihn im englischen Original gelesen, in einer Ausgabe, die – wie die Erstausgabe – mit Gibrans eigenen Illustrationen versehen ist (London: Folio Society, 2019). Ich kann nicht beurteilen, was irgendeine der aktuell rund 10 im Handel erhältlichen Übersetzungen ins Deutsche taugt.

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