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John Fogerty war Leadsänger, Leadgitarrist und treibende Kraft in der legendären US-Rockband Creedence Clearwater Revival, die sich mit Hits wie «Proud Mary» und «Bad Moon Rising» unsterblich machte. Streit mit seinen Bandkollegen sowie ein desaströser Knebelvertrag mit seiner Plattenfirma vermiesten ihm lange die Freude an der Musik. Inzwischen steht er wieder regelmässig auf der Bühne.
Fast ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit Sie mit Creedence Clearwater Revival Musikgeschichte schrieben. Mit welchen Gefühlen denken Sie heute an Ihre Band zurück?
John Fogerty: Vor allem bin ich sehr stolz. Wir waren vier junge Burschen, die schon zusammen spielten, bevor wir internationalen Ruhm erlangten. Ohne jetzt auf das problematische Innenleben von Creedence einzugehen – ich schaue heute sehr gerne auf diese Zeiten und die Musik zurück.
Viele Ihrer heutigen Fans waren damals noch nicht einmal geboren und fanden erst mit dem Film «The Big Lebowski» Zugang zu Creedence. Stimmt es, dass Sie von diesem Effekt gar nichts mitbekamen?
Das wäre untertrieben. Als Hauptdarsteller Jeff Bridges im Februar 1998 in der David Letterman Show auftrat, um den Film zu promoten, war ich zufälligerweise auch zu Gast. Jeff sagte mir: «Ich habe gerade einen Film gemacht, der voll von Ihrer Musik ist.» Ich nickte, lächelte höflich und dachte mir nichts weiter dabei. In den Jahren danach sprachen mich die Leute immer wieder darauf an. «Haben Sie diesen lustigen Film mit Ihrer Musik gesehen?» Ich hatte ihn nicht gesehen aber merkte irgendwann, das muss grosses Kino sein.
Irgendetwas zu nehmen, während ich Musik machte, war für mich undenkbar.
Sie haben ihn immer noch nicht gesehen?
Ich habe Ausschnitte gesehen. In einer Szene raucht Jeff einen Joint im Auto, während «Lookin’ Out My Backdoor» läuft. Der Joint fällt in seinen Schoss, worauf er mit seinem Wagen einen Abfalleimer rammt. Das ist sehr lustig.
Joint-Szene aus «The Big Lebowski» (Quelle: Youtube )
Apropos Cannabis: Sie bezeichnen sich selbst als Hippie, hatten aber stets eine kritische Einstellung gegenüber Drogen und ihrer Rolle in den 60er-Jahren. Glauben Sie, Jimi Hendrix und Janis Joplin hätten ohne Drogen noch bessere Musik gemacht?
Zweifellos. Schauen Sie, ich war jung und rauchte ebenfalls gelegentlich Cannabis. Ich bin aber auch von Natur aus ehrgeizig und erachtete meine Musik als etwas Besonderes, wollte immer mein Bestes geben. Irgendetwas zu nehmen, während ich Musik machte, war für mich undenkbar. Das schadet einem selbst und es schadet den Fähigkeiten. In diesem Nebel liefert man nicht die beste Arbeit ab.
Und trotzdem hat dieser Mythos bis heute überlebt, dass Drogen diese wichtige Rolle für die Musik der 60er spielten.
Drogen waren überall und Teil der Kultur damals. Sie lieferten vielleicht einen farbige Kulisse, aber die Kunst wurde dadurch nicht besser. Wenn ich heutige Künstler sehe, die denselben Weg beschreiten, kann ich nur sagen: «Du könntest so viel besser sein, wenn du dir besser Sorge tragen würdest.»
Creedence live am Woodstock-Festival, 16. August 1969 (Video: Youtube )
Der Höhepunkt der drogengeschwängerten 60er muss Woodstock gewesen sein. Ich habe gehört, beim Auftritt von Creedence klappte nicht alles wie geplant.
Das kann man wohl sagen. Unser Auftritt war für Samstag 21 Uhr geplant, eine sehr gute Zeit. Das Problem: Wir waren nach den Grateful Dead dran. Deren Konzerte gingen immer endlos und gegen Schluss wusste man nicht, ob alle überhaupt denselben Song spielten. Ich war also nervös und tatsächlich wurde es immer später. Irgendwann um Mitternacht fingen sie an, um plötzlich wieder aufzuhören. Wir dachten, jetzt sei Creedence an der Reihe und machten uns bereit. Dann fingen sie erneut an! Als wir endlich die Bühne betraten, war das Publikum eingeschlafen. Frustriert trat ich ans Mikrofon und sagte: «Wir hoffen, euch gefällt die Musik, viel Spass.» Irgendwo in der Dunkelheit zündete jemand sein Feuerzeug an und rief: «Mach dir keine Sorgen John, wir sind bei euch.» Es sieht so aus, als spielten wir letztlich für eine einzige Person, während alle anderen schliefen.
Creedence – kometenhafter Aufstieg und tiefer Fall
Creedence Clearwater Revival (Bild oben: Chris Walter/Getty Images; von links nach rechts Doug Clifford, Tom Fogerty, Stu Cook, John Fogerty) veröffentlichte zwischen 1967 und 1972 sieben Alben, abgesehen vom letzten alle sehr erfolgreich. Danach löste sich die Band im Streit auf.John Fogerty hatte lange das fehlende Engagement der drei anderen kritisiert, während diese behaupteten, er habe alles an sich gerissen. Erschwerend hinzu kam ein unvorteilhafter Vertrag mit ihrer Plattenfirma Fantasy Records, der ihnen nur einen kleinen Teil der Einnahmen zusprach.In den 1990er-Jahren kam es zu vielen Klagen und Gegenklagen zwischen Fogerty, seinen ehemaligen Bandkollegen und Fantasy Records. Creedence wurde 1993 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, trat aber nie mehr in Original-Besetzung auf.
Sie waren die treibende kreative Kraft hinter dem Erfolg von Creedence. Fragen Sie sich manchmal, was möglich gewesen wäre, wenn Sie mit talentierteren Leuten zusammengearbeitet hätten?
Man kann auf vielerlei Art über alternative Realitäten träumen. Aber wir waren diese vier Jungen, einer davon mein Bruder Tom, mit den anderen zwei ging ich seit der achten Klasse zur Schule. Wir entwickelten uns zu einer ziemlich guten Band und nach der Auflösung der Beatles wurden wir weltweit die Nummer 1. Rückblickend ist es schon erstaunlich, was wir erreichten und wie gut unsere Alben waren. Es stimmt schon, wir mussten viel lernen und ich sagte den anderen mehr oder weniger, was und wie sie spielen sollen. Irgendwann reicht das nicht mehr. Aber wenigstens blieben wir lange genug zusammen, um das zu erreichen. Wir hatten dieses kurze Zeitfenster, in dem ich mich völlig aufs Songwriting konzentrierte und mich weigerte, mittelmässig zu sein. Und es ging auf. Allerdings ist es auch schwierig, eine solche Konzentration über längere Zeit aufrecht zu erhalten.
Herr Trump hat ein Talent, alle vor den Kopf zu stossen.
Aus jener Zeit stammt auch «Fortunate Son», Ihr berühmter Song gegen den Vietnamkrieg. Bis heute nehmen Sie politisch kein Blatt vor den Mund. Was halten Sie eigentlich von Donald Trump?
Ich liebe mein Land und zögere etwas, im Ausland über US-Politik zu reden. Herr Trump, den ich nicht gewählt habe, ist definitiv ein Aussenseiter, was er im Wahlkampf ja oft genug betont hat. Ich finde, er ist genau das, wofür er sich damals ausgab. Trotzdem sind wir jetzt alle überrascht. Politiker versuchen in der Regel tunlichst, niemanden zu beleidigen. Deshalb erscheinen ihre Aussagen oft sinnfrei. Herr Trump hingegen hat ein Talent, alle vor den Kopf zu stossen. Er hat es sogar geschafft, Amerikas Verbündete zu beleidigen, vor allem in Europa. Ein ziemlich einzigartige Leistung in nur 100 Tagen. Ich glaube, es steckt auch Gutes in ihm und hoffe, es gelingt ihm, ausgelagerte Jobs zurückzubringen. Wenn ihm das gelingt, werden ihm die Menschen vieles verzeihen.
Gegen den Vietnamkrieg: «Fortunate Son» von Creedence (Quelle: Youtube )
Die Gegenwart ist nicht weniger turbulent als die 60er. Sie und viele andere Künstler protestierten damals gegen den Vietnamkrieg. Warum gibt es das heute nicht mehr?
Im grossen Unterschied zu damals hatten wir keine allgemeine Wehrpflicht, als der Irakkrieg begann. George W. Bush schickte Reservisten, also Freiwillige. Diese absolvierten mehrere Einsätze, was den Krieg von Amerika fernhielt. Anders als früher ist die Bevölkerung heute auch in der Lage, die Soldaten von den Politikern zu trennen. Im Vietnamkrieg gaben viele junge Leute den Soldaten die Schuld, was natürlich nicht fair war. Es ist immer die Regierung, welche die Politik festlegt und dann ihre 19-Jährigen los schickt, um sie auszuführen. Heute gibt es andere Themen. Gewisse Regierungen scheinen im Krieg eine Geschäftsmöglichkeit zu sehen, ein bisschen wie Google, aber mit dem Militär zur Verfügung. Das ist krank. Und ja, darüber sollte es mehr Musik geben.
Jemand arbeitet jahrelang an einem Album, dann erscheint es und innerhalb von Sekunden ist es gratis verfügbar.
Die Musikbranche von heute funktioniert völlig anders als zu Creedence-Zeiten. Was finden Sie gut? Was weniger?
Ich bin fest im 21. Jahrhundert verankert, ich mag die Technologie, iPhones, iPads und so weiter. Und die digitale Revolution ist grossartig für die Fans – gleichzeitig hat sie die Musik als Geschäftsfeld völlig auf den Kopf gestellt. Jemand arbeitet jahrelang an einem Album, dann erscheint es und innerhalb von Sekunden ist es gratis verfügbar. Die erste Person kauft es, für alle anderen nachher kostet es nichts. Das hat die Wertschätzung der Fans für Musik verändert. Du musst nirgends hingehen, du sitzt auf dem Sofa und mit einem Klick holst du dir das Album, an dem jemand anders so lange gefeilt hat. Was so einfach zu bekommen ist, wird vermutlich nicht besonders wertgeschätzt. Dessen ungeachtet wird heute sehr viel gute Musik gemacht. Zuoberst auf meiner Liste steht Ed Sheeran. Ich darf zum Glück immer noch meine Tochter zur Schule fahren und bekomme mit, was für Musik sie hört. Ich mag Popmusik, die viel einfacher zu machen ist, weil man den Computer hat statt ein Instrument zu erlernen. Auch die Auswahl ist heute riesig, das hatten wir in den 60ern nicht. Die jungen Leute hörten damals Rock and Roll und damit hatte es sich.
Ich habe mich schlau gemacht, wie Creedence damals in der Schweizer Hitparade abschnitt. Sie landeten genau einmal auf Platz 1. Erraten Sie mit welchem Song?
War es «Have You Ever Seen The Rain»?
Nein.
«Bad Moon Rising»?
Das hatte ich auch geglaubt. Nein, es war «Sweet Hitchhiker» 1971.
Oh, das ist hochinteressant. Das war auf dem letzten Creedence-Album mit dem Trio, nach dem Abgang meines Bruders Tom. Die Band stand damals schon auf sehr wackligen Beinen und das Ende zeichnete sich ab. Aber vielleicht war das für die Fans nicht so augenfällig.
«Sweet Hitch-Hiker» von Creedence, 1971 (Video: Youtube )
Am kommenden Sonntag treten Sie am Rock the Ring festival in Hinwil auf. Am Tag zuvor spielen Gotthard und Krokus, zwei Schweizer Rockgrössen. Kennen Sie ihre Musik?
Ich glaube ja. Das ist ziemlich harter Rock, oder?
Ja, eher auf der harten Seite.
Ich kann nicht behaupten, dass ich ihre Musik kenne. Aber die Namen sind mir über die Jahre aufgefallen.
Letzte Frage: Sie blicken auf ein sehr bewegtes Leben zurück. Wenn Sie zurückgehen und eine einzige Sache ändern könnten, was wäre das?
Eine interessante Frage. Früher erzählte ich in diesem Zusammenhang einen Witz: Frank Sinatra sang «I did it my way» und «I wouldn’t change a thing». Und wenn ich das hörte, sagte ich immer «Herrje, ich würde ALLES ändern». Im Ernst, wer will schon, dass sich die eigene Band gegen einen wendet? Das hatte ich mir anders vorgestellt. Es mag jetzt etwas simpel klingen, aber ich würde folgendes ändern: Alle sollen glücklich sein und den Erfolg geniessen. Dafür bewundere ich Bands wie U2. Die waren auch einmal jung und schafften es, zusammen erwachsen zu werden. Fast hätte ich auch die Rolling Stones erwähnt, aber bei denen hoffen wir, dass sie nie erwachsen werden (lacht). Die sind seit fast 60 Jahren zusammen und vertragen sich immer noch. Das war Creedence leider nicht vergönnt.
Nachtrag
Eine berechtigte Frage wurde John Fogerty nicht gestellt. Und zwar weil er sie schon 1000 Mal beantwortet hat: Was bedeutet eigentlich «Creedence Clearwater Revival»? Ganz einfach. Ein entfernter Bekannter hiess Credence Nuball und der Band gefiel, dass in dem Namen «Glaubwürdigkeit» und «Integrität» mitschwingt. «Clearwater» stammt aus einer Bierreklame und fiel in die Anfänge der Umweltbewegung. Und «Revival» bezieht sich auf den Neustart der Band, die zuvor «Golliwogs» geheissen hatte.