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Hier möchte ich einige interessante Hintergrundinformationen, Geschichtliches und Interessantes über das Märchen vom Gestiefelten Kater vorstellen. Über weitere Informationen, Anregungen oder Korrekturen dazu freue ich mich.
Einige Stationen zur Entstehung des Märchens in der Fassung der Gebrüder Grimm in Stichworten
Giovanni Francesco Straparola, (ca. 1480 - 1557?), Italien
Zwischen 1550-1553 erschien seine Geschichtensammlung „Le piacevoli notti“, in welcher auch die Urform des Märchens „Der gestiefelte Kater“ enthalten war.
Die erste deutschsprachige Ausgabe erschien 1791 in zwei Teilen in Wien.
Giovanni Battista (Giambattista) Basile, (1575 - 1632), Italien
Er gilt gemeinhin als Europas erster großer Märchenerzähler.
Seine Geschichten wurden von seiner Schwester postum zwischen 1634 und 1636 unter dem Pseudonym Gian Alesio Abbattutis, einem Anagramm des Autornamens, herausgegeben unter dem Titel Lo cunto de li cunti (dt. Das Märchen der Märchen). Darin findet sich auch das Märchen „Der gestiefelte Kater“.
Die erste deutsche Gesamtübersetzung durch Felix Liebrecht erschien im Jahre 1846.
Charles Perrault (1628 - 1703), Frankreich
In der Märchensammlung von 1697 war auch der gestiefelte Kater enthalten.
Kennzeichen seiner Märchen ist die ironisch-witzige Moral, welche er in Versform am Schluss den Märchen hinzu fügt.
In den später bei den Brüder Grimm als deutsche Märchen erscheinenden Versionen fehlt allerdings dieser Schlussteil.
Ludwig Tieck (1773 - 1853), Deutschland
1797 hat er seine Version vom Gestiefelten Kater in den Volksmärchen veröffentlicht.
Das Kindermärchen besteht aus drei Akten, mit Zwischenspielen, einem Prolog und Epilog.
Uraufführung 1844 in Berlin.
Die Brüder Grimm, (Jacob 1785 - 1863 und Wilhelm 1786 - 1859), Deutschland
1812 und 1815 veröffentlichten sie die "Kinder- und Hausmärchen". Als Nr. 33 fand sich darin „Der gestiefelte Kater“. Später wurde das Märchen entfernt, da es anderen Quellen zugeschrieben wurde. Heute existiert die Fassung der Brüder Grimm gleichberechtigt neben den älteren Ausgaben.
Xavier Montsalvatge (1912 - 2002), Spanien
Er schrieb 1947 die Oper "Der gestiefelte Kater" (El Gato con Botas). Sie wurde im Januar 1948 am Gran Teatre del Liceu, Barcelona, uraufgeführt.
Das Libretto wurde 2006 von Mechthild von Schoenebeck neu ins Deutsche übersetzt.
Zusammengestellt von Gitta Hassler, Ethnologin und Archivarin, St. Gallen
Wer sich vertieft mit den verschiedenen Erzählern und den unterschiedlichen Inhalten der letzlich gleichen Geschichte beschäftigen möchte, dem sei nachstehende Zusammenfassung zum beschaulichen und lehrreichen Studium empfohlen.
Zur Entstehungsgeschichte des Gestiefelten Katers
Es gibt eine Märchenfigur, die uns auf Schritt und Tritt verfolgt: Der Gestiefelte Kater. Da rennt doch ein schwarzer Kater mit vier verschiedenfarbigen Stiefeln aus einem bekannten Schuhladen, aufrecht wie ein Mensch! Wieso braucht ein Kater eigentlich Stiefel, wenn er doch scharfe Krallen hat? Die Figur ist allgemein bekannt, doch die Geschichte ihrer Entstehung fördert eine Reihe von Überraschungen zutage.
Der Gestiefelte Kater gehört bei uns zu den beliebtesten Märchen – und ganz selbstver-ständlich wird angenommen, man habe ein Grimmsches Märchen vor sich. Doch weit gefehlt – mit Staunen liest man von mehr als 500 Varianten dieses Märchens in den verschiedensten Ländern. Die ältesten sind über 500 Jahre alt und stammen aus Italien. Die Struktur des Märchens ist immer gleich: Der Kater – mitunter auch eine Katze – hilft seinem armen Herrn und sich selbst aus einer aussichtslos erscheinenden Lebenssituation. Plötzlich wird man gewahr, dass in diesem Märchen nichts auf die Katze als Furcht erregen-des Teufelstier des Mittelalters hinweist; vielmehr ist es ein hilfreiches und dankbares Tier. Der treueste Begleiter des Menschen ist hier kein Hund, sondern ein Kater. Der Kater sagt seinem Menschen, wie der sich zu verhalten habe. So ermöglicht er für sich und seinen Herrn durch Bluff und Schmieden listenreicher Ränke Glück und sozialen Aufstieg. Selbstbewusst trägt er sein Markenzeichen, die Stiefel. Aber welch eine Überraschung: In den frühen italienischen Varianten trägt der Kater noch gar keine Stiefel! Beim Märchen von Giovanni Francesco Straparola (um 1480 – 1557) handelt es sich ausserdem um eine weibliche Katze, die aus dem bettelarmen Jüngling Constantino Fortunato den König von Böhmen macht.
In Neapel spielt die Version vom grossartigen Erzähler Giambattista Basile (um 1575 – 1632). Das Märchen mit dem Titel „Gagliuso“ berichtet vom armen Mann gleichen Namens, der von seinem Vater einen Kater geerbt hatte. Der Kater verhilft seinem Herrn mit raffinierten Täuschungsmanövern zu angesehener Stellung und Reichtum. Als sich allerdings Gagliuso undankbar gegenüber seinem Wohltäter erweist, verlässt dieser ihn mit den Worten: „Gott hüt’ uns vor den Hohen, die gefallen, so wie vor den gestiegenen Bettlern allen“. Hier wird ganz offensichtlich vor Arroganz und Machtmissbrauch gewarnt.
Populär wurde das Märchen mit dem Kater erst in der französischen Version des Charles Perrault (1628 – 1703). Seine Märchensammlung kursierte in den Salons von Paris. Perrault hatte als Steuereinnehmer und späterer Generalinspektor der Bauten Ludwigs XIV. Einblick in die höfische Gesellschaft. Kein Wunder, nannte er den Herrn des Katers „Marquis von Carabas“, wobei die Herkunft des Namens ein Rätsel bleibt. War bei Straparola und Basile der Erblasser anscheinend ein armer Handlanger, lässt Perrault ihn als Müller auf- bzw. abtreten, der seinen Söhnen Mühle, Esel und eben einen Kater vererbt. Woher genau sich Perrault inspirieren liess, ist nicht gesichert. Jedenfalls zieht erst er seinem Protagonisten Stiefel an und nennt die Geschichte nun „Le Maître Chat ou le Chat botté“. Die Stiefel als wichtigstes Attribut sind ein Privileg der Reichen und Adeligen, verleihen Macht und Ansehen – und vor allem, mit ihnen geht man aufrecht wie ein Mensch. Die Aktionen des kecken Katers werden vielfältiger und schonungsloser. Bei Straparola kommt der Kater noch zufällig in den Besitz des Schlosses, da der dort wohnende Ritter tödlich verunfallt war. Perrault lässt im Schloss einen mächtigen, menschenfressenden Zauberer wohnen, den der Kater erst eliminieren muss, bevor er das Schloss für seinen Herrn in Besitz nehmen kann.
Die Moral von der Geschichte gipfelt in zwei Sinnsprüchen, in denen Geschicklichkeit, Verstand und äussere Erscheinung wichtiger als erworbene Güter gepriesen werden. Kleider machen Leute bzw. feine Stiefel machen aus einem intelligenten Kater einen Herrn.
Das ganze Märchen in französischer Sprache kann als PDF-Datei heruntergeladen und nachgelesen werden.
Perraults Märchensammlung wurde in mehrere Sprachen übersetzt und kursierte sowohl schriftlich wie mündlich in ganz Europa. Von den Übersetzungen ins Deutsche war wohl
die von Friedrich Justin Bertuch „Der Meisterkater“ (1790) die wichtigste. Vor allem die deutsche Romantik fühlte sich von der Märchenwelt angezogen. Mehr als 100 Jahre nach Perrault schrieb 1797 der Schriftsteller Ludwig Tieck (1773 – 1853) in Berlin seinen „Gestiefelten Kater. Kindermärchen in drei Akten, mit Zwischenspielen, einem Prologe und Epiloge“. Das ist nicht etwa ein Märchen für Kinder, sondern ein ironisches und satirisches Doppel-Spiel, das die zeitgenössische Literatur, das Theater und die Herrschenden aufs Korn nimmt. Auch heute noch wird die Lektüre dieses Werkes durch seinen Witz und die treffende Beobachtungsgabe zum Genuss.
Die Perrault-Märchen sowie Ludwig Tiecks Bearbeitung waren den Brüdern Grimm (Jacob 1785 – 1863, Wilhelm 1786 – 1859) bekannt. Übrigens entspricht die Vorstellung der zwei über Land ziehenden, den einfachen Leuten zuhörenden und fleissig mitschreibenden Brüdern durchaus nicht der Wahrheit. Vielmehr beruhen die Grimmschen Märchen auf Erzählungen von literarisch gebildeten Frauen, mit denen sich die Grimms zu Kaffeekränz-chen zu Hause trafen. So wird ihnen die Hugenottin Jeanette Hassenpflug 1812 die fran-zösische Perrault-Version erzählt haben. Die Grimms veränderten den Text, indem sie satirische Bemerkungen entfernten, volkstümlich klingende Wendungen und Dialoge ein-fügten und damit den Eindruck eines „richtigen“ Volksmärchens erweckten. Was ursprüng-lich für die mondäne Welt erlauchter Zirkel gedacht war, erfreut nun das Bürgertum. Wegen der französischen Wurzeln wurde Der Gestiefelte Kater in späteren Ausgaben der berühmten Kinder- und Hausmärchen nicht mehr aufgenommen. Trotzdem gilt dieses Märchen weiterhin als Grimmsches Märchen und erscheint nach wie vor in populären Ausgaben.
Die Fassung der Gebrüder Grimm kann als PDF-Datei heruntergeladen und nachgelesen werden.
Im 21. Jahrhundert mutiert der Kater zum Kino-Helden für die ganze Familie: Sein Auftritt in dem computeranimierten Film „Shrek 2“ im Jahre 2004 war so erfolgreich, dass sogleich diverse Fortsetzungen lanciert wurden. Die Mischung zwischen Schmusekater und Muske-tier spricht alle Altersstufen an, die Doppelrolle macht ihn zum Sympathieträger. Nach dem ersten Triumphzug der Perraultschen Version und der weiteren Verbreitung durch die Brüder Grimm erfolgt nun ein globaler Auftritt mit neuen Medien.
Mit seinen Stiefeln hat der Kater Teil an der Welt der Menschen, die ihm bisher verschlossen war. Der aussichtslos scheinenden Situation nach dem Tod des Müllers begegnet er mit einer ausgeklügelten Strategie: Er geht in die Offensive. Auch wenn er sein Ziel mit Täuschungsmanövern, Lügen und Druck erreicht, so geht es ihm doch um Loyalität und Freundschaft zu seinem Herrn, dem er aus seiner unverschuldeten Misere helfen will, wenn auch nicht ganz uneigennützig. Der Kater bzw. die Katze als Helfer des Menschen ist eine positive Märchenfigur. Die Katze endlich rehabilitieren – dies wollte wohl auch der St. Galler Pfarrer und Präsident des Kunstvereins Peter Scheitlin (1779 – 1848), als er 1840 seinen "Versuch einer vollständigen Thierseelenkunde" mit einem wohlmeinenden Kapitel über die Katze veröffentlichte. Die „Menschenseelenkundler" würden sagen, dass sich Tiere in Märchengestalten gut als Projektionsfläche für die eigenen Wünsche eignen. Der gestiefelte Kater ist eine Identifikationsfigur für Menschen in Not. Auf die moderne Wirtschaftswelt projiziert, könnte das Märchen als Anleitung für ein gewinnbringendes Verhalten dienen: zielstrebig und flexibel, mit einer gewissen Portion Rücksichtslosigkeit den Gegner matt setzen, um für sich und die Seinen einen Vorteil herauszuholen. Eine Strategie, die nichts an Aktualität verloren hat.
Gitta Hassler, Ethnologin und Archivarin, St. Gallen
Nach diesen eher intellektuellen Ausführungen zur Abwechslung ein paar kleine Gedankensplitter, Gedichte und Geschichten rund um den Gestiefelten Kater.
Ba, Be, Bi, Bo, Bu
Ba, be, bi, bo, bu, bé!
Le chat a mis ses bottes,
Il va de porte en porte
Jouer, danser,
Danser, chanter -
Pou, chou, genou, hibou.
"Tu dois apprendre à lire,
A compter, à écrire,"
Lui crie-t-on de partout.
Mais rikketikketau,
Le chat de s’esclaffer
En rentrant au château:
Il est le Chat Botté!
Text:
Maurice Carême
Musik:
Francis Poulenc
(La courte paille)
Ba, Be, Bi, Bo, Bu
Ba, be, bi, bo, bu, bé!
Der Kater hat seine Stiefel an.
Er geht von Tür zu Tür.
Spielend, tanzend.
Tanzend, Singend.
Pou, Chou, genou, hibou
(Laus, Kohl, Knie, Eule)
"Du musst Lesen,
Rechnen und Schreiben lernen."
Ruft man ihm von überall zu.
Aber rikketikketau,
Der Kater bricht in Gelächter aus
Und er geht zurück zum Schloss:
Er ist der Gestiefelte Kater!
Fortsetzung folgt!