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Der Kormoran
Ich bin depressiv, aber nicht verrückt. Trotzdem sass heute Morgen ein Kormoran in meiner Küche. Er starrte mich an, ich starrte ihn an. Seine Augen waren grün. Als er die Flügel ausbreitete, zuckte ich zusammen.
«Wo kommst du denn her?», sagte ich leise, mit einer Stimme, die man eben für Tiere oder kleine Kinder benutzt.
Der Kormoran antwortete nicht. Natürlich nicht. Wenn der Kormoran in meiner Küche sprechen könnte, dann wäre ich wirklich verrückt. Ausserdem war offensichtlich, wo er herkam. Er war durch das offene Fenster hereingeflogen.
Das Fenster stand deshalb auf, weil ich abends gerne in der Küche einen Joint rauchte. Und manchmal, wenn ich gutes Gras hatte, vergass ich, das Fenster wieder zuzumachen. Vielleicht war der Kormoran auch der Beginn einer drogeninduzierten Psychose. Kein schöner Gedanke.
«Was machen wir denn jetzt?», fragte ich und merkte, dass ich das Wort «wir» schon eine ganze Weile nicht mehr benutzt hatte.
Der Kormoran antwortete immer noch nicht. Zum Glück.
Ich entschied mich für das Naheliegendste. Es war Morgen, ich wollte Kaffee. Die Kaffeemaschine stand schräg hinter dem Kormoran auf der Arbeitsplatte. Ich ging mit langsamen Schritten auf sie zu. Dabei machte ich einen möglichst grossen Bogen um den Kormoran und liess ihn nicht aus den Augen. Er hielt es genauso. Als er sich in meine Richtung drehte, fielen mir seine Füsse auf: Schwarze Wasservogel-Patsche-Füsse.
Ich war mir nicht sicher, ob es hier überhaupt Wasser gab. In der Stadt jedenfalls nicht. Wenn dann ausserhalb, einige Tümpel. Der Kormoran war ganz schön vom Weg abgekommen.
Während der Kaffee durchlief, standen wir uns still gegenüber. Es war ein grosser Vogel. Sein Gefieder war leuchtend schwarz mit einem Stich ins Grüne. Nur an der Brust war es etwas heller. Mit seinem Schnabel konnte er vermutlich Dosen öffnen. Oder was auch immer.
Endlich war der Kaffee fertig. Mir wurde nämlich langsam schwindelig von der ganzen Anstarrerei.
Ich schnappte mir meine Tasse und ging ins Wohnzimmer. Auf Milch verzichtete ich heute, der Kormoran stand zu nah am Kühlschrank.
Ich setzte mich an den Schreibtisch und fuhr den Rechner hoch.
«Kormoran» tippte ich in die Suchmaske. Es erschien ein Bild von genau der Art Vogel, wie in meiner Küche. Natürlich wusste ich das schon von Lilli, meiner Exfreundin. Lilli hatte es fast sieben Monate mit mir ausgehalten. Dann hatte sie mir die Pistole auf die Brust gesetzt: Therapie, oder Beziehungsende.
Lilli kannte sich gut aus mit Vögeln und Pflanzen.
Der Kormoran in meiner Küche war vielleicht ein guter Anlass, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Auf jeden Fall sollte ich ein Foto von ihm machen.
Aber erst las ich noch ein bisschen im Internet.
Kormorane leben in grossen Gruppen, stand da. Dann musste sich der Arme ziemlich alleine fühlen. Ausserdem sind sie gute Taucher und Fischjäger. Ihr Gefieder ist nicht wasserdicht, weshalb sie oft ihre Flügel ausbreiten, um sie zu trocknen. Wie eben in meiner Küche. Wobei der Kormoran gar nicht nass ausgesehen hatte. Aber Menschen kratzen sich auch manchmal, obwohl es sie nicht juckt. Übersprungshandlung nennt man das.
Ich nahm mein Handy und öffnete die Küchentür. Fast erwartete ich, dass der Kormoran nicht mehr da war. Das wäre eigentlich typisch für mich.
Aber er sass immer noch auf dem Boden, die Flügel majestätisch gespreizt.
Ich machte ein Foto und lehnte ich mich an den Türrahmen.
«Du kannst nicht hier bleiben», sagte ich zu dem Kormoran.
Ganz klar, einen Kormoran kann man nicht als Haustier halten. Er ist viel zu gross und ausserdem ein Gruppentier. Ich wollte auch nie Haustiere haben. Wenn, dann eine Katze. Ihr Schnurren hilft angeblich gegen Depressionen. Aber ich finde Katzen unheimlich.
Der Kormoran starrte mich an, ohne sich zu bewegen.
Lilli hätte gesagt, dass die Situation typisch für mich war: Ich stand hier und wartete, den Ereignissen, in dem Fall dem Kormoran, hilflos ausgeliefert.
«Du musst etwas tun, dein Leben in die Hand nehmen», das war ihr Lieblingssatz.
Ich ging einen Schritt auf den Kormoran zu, wedelte mit den Armen und sagte: «Kusch.»
Der Kormoran lehnte sich ein Stück nach vorne und kackte auf den Küchenboden. Einen Moment lang starrte ich das glibberige Etwas an. Dann stieg der Gestank in meine Nase. Gestank nach Vogelgrippe, Bakterien und Verderbnis. Ich wurde sauer.
«Hey!», herrschte ich den Kormoran an. «So nicht!»
Ich stampfte kurz vor ihm auf und wedelte energischer mit den Armen. Der Kormoran schlug mit den Flügeln und hob ab. Meine Küche war erfüllt von schwarzen, hektischen Bewegungen. Dazu gab der Kormoran einen schrillen Ruf von sich. Er versuchte, mit dem Schnabel auf mich einzuhacken. Ich hob die Arme vors Gesicht und duckte mich. Der Kormoran trudelte jetzt über dem Küchentisch. Und schon wieder kackte er.
Ich griff nach dem Stuhl und drohte damit in seine Richtung. Immerhin war er jetzt näher am Fenster, er brauchte doch einfach nur nach draussen zu fliegen.
Stattdessen schrie er nochmal, flog über mich und den Stuhl, stiess an die Lampe, kackte knapp an mir vorbei. Er landete auf der geöffneten Küchentür. Ich stand schnaufend da und liess den Stuhl sinken. Wir starrten uns an.
Schliesslich gab ich nach. Ich füllte einen Eimer mit Wasser und Spülmittel und begann, die Küche zu putzen.
«So geht das nicht», sagte ich, als ich zum dritten Mal das Wasser wechselte und die Küche wieder einigermassen normal roch.
«Es gibt Regeln für das Zusammenleben, verstehst du?»
Der Kormoran breitete die Flügel aus.
«Regel Nummer eins: Nicht in die Küche kacken.»
Ich wrang den Lappen aus und überlegte. Eigentlich müssten jetzt Regel Nummer zwei und drei folgen, aber mir fiel nichts ein.
«So. Ich gehe duschen.»
Nach dem Duschen setzte ich mich in die Küche, um zu frühstücken. Der Kormoran stand wieder auf dem Boden und schaute mir dabei zu.
Ich hatte schon länger nicht mehr in Gesellschaft gegessen. Das letzte Mal vermutlich Weihnachten bei meinen Eltern. Es fühlte sich seltsam an. Der Kormoran beobachtete jede meiner Bewegungen genau.
Dann hopste er auf den zweiten Küchenstuhl. Nach der Trennung von Lilli hatte ich überlegt, den Stuhl wegzuschmeissen, weil er mich zu sehr an sie erinnerte. Aber eine Küche mit nur einem Stuhl, das war mir dann doch etwas zu einsiedlerisch erschienen. Ausserdem hatte mir die Energie gefehlt.
Nun stand der Kormoran auf dem Stuhl und reckte seinen Hals über den Tisch. Er roch nach Fisch und Wasser. Eigentlich nicht unangenehm, eher wie eine frische Brise am Meer. Trotzdem musste ich daran denken, dass das bestimmt furchtbar unhygienisch war.
«Du kannst doch nicht am Küchentisch sitzen», sagte ich. Das hätte mir vorher einfallen sollen, als ich die Regeln aufgestellt hatte. Regel Nummer zwei, nicht am Küchentisch sitzen. Regel Nummer drei, einmal die Woche Müll runter bringen. Ein ungewohntes Gefühl stieg in mir hoch und ich musste kichern.
Der Kormoran reckte sich noch weiter und spreizte die Flügel. Sein Schnabel war an der Spitze scharf gebogen und sah aus, als könnte er ganz schön wehtun.
Jetzt begriff ich, was er wollte.
Ich legte ihm ein Stück Käse hin und zog meine Hand schnell zurück.
Tatsächlich nahm er es in den Schnabel. Er kaute ein paar Mal darauf herum, dann liess er es fallen.
«Hey, Essen wirft man nicht weg», ermahnte ich ihn. «Du willst Fisch, stimmt’s?»
Der Kormoran wackelte unruhig hin und her.
«Hab ich nicht.»
Ich schnitt ihm ein kleines Stück Brot ab. Auch das landete leicht angekaut auf dem Küchenboden. Scheinbar war er ziemlich unflexibel, was seine Ernährung anging. In dem Moment traf ich eine Entscheidung.
Ich stiess die Metalltür auf und trat mit zusammengekniffenen Augen auf das Dach. So hell hatte der Tag in meiner Wohnung gar nicht ausgesehen. Und so viel Himmel auf einmal hatte ich auch lange nicht mehr gesehen. Blaugrauer Himmel mit schnell ziehenden Wolken, weich und irgendwie selbstverständlich. Der Kormoran watschelte hinter mir her und wir sahen uns um. Das flache Dach war mit Kieselsteinen bedeckt, zwischen denen vereinzelt trotzige Grashalme herauslugten. Am Rand gab es eine kleine Mauer. Einige Tauben beäugten uns und flatterten dann davon. Direkt neben dem Aufgang lagen ein paar leere Bierflaschen und Kippenstummel. Bestimmt war es hier nachts, wenn man jung und wild war, sehr romantisch.
Wind fegte über das Dach. Leise klangen die Geräusche der Stadt nach oben, Verkehrslärm, Hupen, schreiende Kinder.
Ich hatte erwartet, dass schon der blosse Anblick des freien Himmels und der Wind den Kormoran dazu bringen würden, abzuheben und mein Leben zu verlassen. Aber er starrte mich nur durchdringend an.
«Na los, flieg schon», sagte ich.
Wahrscheinlich war ihm gar nicht klar, dass wir hier hoch oben in der Luft in seinem Element waren. Und vielleicht war das Element des Kormorans auch gar nicht Luft, sondern Wasser.
«Was magst du lieber, Luft oder Wasser?», fragte ich ihn.
Dann biss ich mir auf die Lippen. Ich musste wirklich aufhören, mit dem Kormoran zu sprechen. Naja, genau deshalb waren wir ja hier.
Um ihn zu motivieren, ging ich auf den Rand des Daches zu. Er kam mir hinter her. Ich blieb in sicherem Abstand zur Mauer stehen. Hier blies der Wind noch heftiger, und ich konnte von oben in die Baumkronen sehen. Eine seltsame Perspektive.
Der Kormoran stand dicht neben mir und breitete die Flügel aus. Das war schon mal ein Anfang. «Sehr gut. So ist es richtig. Und nun flieg.»
Dann stehe ich auf der Mauer. Unter mir grauer Asphalt. Und ein Sog. Ein Sog, der so stark ist, dass es mir fast den Magen umdreht. Mir bleibt die Luft weg und ich wundere mich, dass ich nicht schon auf dem Weg nach unten bin. Alle Geräusche verstummen, als wäre ich taub.
Aus dem Augenwinkel nehme ich eine Bewegung wahr, aber ich kann den Kopf nicht drehen. Erst, als der Kormoran schon einige Meter vom Dach entfernt ist, sehe ich ihn fliegen. Er gleitet elegant durch die Luft, ohne sich noch mal nach mir umzudrehen. Der Sog wird stärker. Der Kormoran verschwindet zwischen den Bäumen und ist weg.