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Hochzeitstanz
»Wie lange hält dieser Zustand an?«
Die Details zum Vorfall wurden Aliette bereits durch ihr HUD auf die Netzhaut projiziert, aber Fragen wie diese halfen ihr, ihre Gedanken zu sortieren.
»Seit heute morgen.« Der Fabrikvorsteher kratzte sich an der Stirn. »Gemäß den Logs haben sie die ganze Nacht hindurch normal gearbeitet, aber kaum war die Morgeninspektion vorüber…« Er machte eine undeutliche Handbewegung in Richtung der Fabrikhalle unter ihnen.
Aliette beobachtete das gute Dutzend Androiden, die sich kreuz und quer durch die Halle bewegten, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen. Viele von ihnen ließen ihre Gliedmaßen wild umherschwenken und machten mal längere, mal kürzere Schritte. Die Bewegungen anderer wiederum wirkten kontrolliert und elegant, wie bei einer Ballerina. Zwei der Androiden hatten zueinandergefunden und bewegten sich zu einem unhörbaren Dreivierteltakt quer durch die Halle.
Aliettes Mundwinkel zuckten kurz unkontrolliert nach oben. Der Walzer war neu.
Sie deutete auf das tanzende Paar.
»Die beiden. Ich lasse sie abholen zur Inspektion. Und übermitteln Sie mir sämtliche Log-Files des letzten Monats.«
Aliette starrte auf das freigelegte Hirn des Androiden und leckte sich mit der Zunge über die Lippen. Wie erwartet stimmte das Board mit den Blueprints des Models überein. Sie rollte mit dem Bürostuhl vom Arbeitstisch hinüber zu ihrem Computersystem. Die Firmware war inzwischen entschlüsselt worden und präsentierte sich ihr auf dem Holo-Display an der Wand.
Irgendwo zwischen diesen Zeilen Code und den Log-Files musste die Antwort liegen. Aliette blinzelte mehrmals und spürte, wie das Koffein direkt in ihren Blutkreislauf gejagt wurde und ihre Sinne schärfte.
»Wo steckst du?«, knurrte sie und ließ ihre Auswertung des Logs aufpoppen.
Seit sechs Monaten spielte irgendwer mit ihnen Katz und Maus. Aliettes Chef war kurz davor, externe Analysten anzuheuern und das Ganze publik zu machen. Noch konnte sie ihn davon überzeugten, dass diese Aufmerksamkeit ihrer Firma das Genick brechen konnte. Glücklicherweise sorgten ihre Knebelverträge mit den Fabriken dafür, dass diese Probleme mit ihren Androiden nicht an die Öffentlichkeit tragen durften.
Aber nicht mehr lange und ihre Kunden würden zur Konkurrenz abwandern, deren Androiden nach einem Update nicht wie die Bekloppten zu tanzen begannen.
Sie rief das Image des einen walzer-tanzenden Androiden hervor.
Mit jedem Auftreten des Problems wurden die Bewegungen der Androiden anspruchsvoller. Das unkontrollierte Zucken hatte sich über die Monate zu erkennbaren Tanzbewegungen weiter entwickelt. Aber es war das erste Mal, dass zwei Androiden zusammen tanzten.
Aliette kaute auf ihrer Lippe und lud zusätzlich das Image eines der anderen tanzenden Roboter auf den Schirm und ließ eine Abgleichsoftware über die beiden Images laufen.
Wenig später blinkte eine Mitteilung auf und Aliette lächelte grimmig.
»Hab ich dich«, murmelte sie und ließ sich die Prozesse der beiden Androide anzeigen.
Sie unterschieden sich in einem Detail. Der paartanzende Bot verfügte über einen zusätzlichen Prozess namens »hochzeitstanz_mp«.
Die nächsten Stunden verbrachte Aliette damit, nachzuvollziehen, wie der neue Prozess gestartet wurde und wo sein Ursprung lag. Diese gute alte Forensik-Schnitzeljagd war es, die Aliette schon als Kind zu diesem Job hingezogen hatte. Geduld, Fingerspitzengefühl und Kreativität brauchte es für diesen Job. Und jede Menge Koffein.
Die Morgendämmerung hatte bereits eingesetzt, als Aliette sich zurücklehnte und die zusammengetragenen Informationen auf dem Holo-Display studierte.
Wie erwartet war die Malware über das wöchentliche Firmware-Update auf die Androiden gelangt, so viel hatte sie bereits vermutet. Überraschend war, dass die Quelle aus dem Netzwerk der Firma selber stammte. Und zwar ausgerechnet aus der Hochsicherheitszone. Es war unwahrscheinlich, dass sich ein Hacker ausgerechnet Zugriff auf diese Systeme verschaffe, wo es auch deutlich einfachere Ziele gäbe, die denselben Zweck erfüllten.
Aliette leckte sich über die Zähne. Der oder die Verantwortliche sass in ihren eigenen Reihen. Und zwar ganz tief drin.
Sie betrat das Labor mit vorsichtigen Schritten. Ihr Status gewährte ihr Zugang zu praktisch jeder Abteilung, sie hatte bisher jedoch keinen Grund gehabt, das Innovationszentrum zu betreten. Sie kümmerte sich um das hier und jetzt, nicht, um was potentiell in der Zukunft kommen mochte.
Das Oberlicht war ausgeschaltet, die Lämpchen der laufenden Maschinen tauchte die Räumlichkeiten in ein weiches, grün-blaues Licht.
Sie durchquerte das Labor und hielt direkt auf den Raum zu, in dem der verdächtige Anschluss verzeichnet war. Ihr Badge öffnete auch diese Tür.
Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte. Aber ganz bestimmt nicht das.
Aliette starrte das Mädchen, das mit einer Puppe im Schoss in der Ecke sass an.
»Oh«, sagte das Mädchen. »Hallo.«
Der Raum war nur karg eingerichtet, hatte keine Möbel, aber diverses Kinderspielzeug.
Aliette pfiff beeindruckt durch die Zähne aus und ging vor dem Mädchen in die Knie.
»Wahnsinn«, murmelte sie und blickte dem Kind angestrengt in die Augen, bis sie glaubte, ein leises Leuchten hinter ihrer Iris auszumachen.
»Du bis eine Androide«, sagte sie dann bestimmt.
Das Mädchen lächelte. »Und du bist ein Mensch.«
Aliette nickte nachdenklich.
Sie wusste, dass ihre Firma ein gewisses Budget in die Entwicklung realitätsnaher Androide steckte. Dass sie bereits so weit waren, war ihr jedoch neu.
Die Zahnräder drehten hinter ihrer Stirn. Schlussendlich setzte sie sich im Schneidersitz auf den Boden und faltete die Hände unter ihrem Kinn.
»Hochzeitstanz«, sagte sie und das Mädchen zuckte mit den Schultern und widmete sich der Puppe in ihrem Schoss.
»Ich verstehe nicht«, gestand Aliette. »Du lässt die Androiden in den Fabriken tanzen. Warum?«
Nun blickte das Mädchen sie wieder direkt an.
»Es ist traurig, dass sie nicht leben dürfen. Nur arbeiten und repariert werden.«
Aliette kniff die Augen zusammen.
»Aber dafür wurden sie entwickelt. Sie kennen nichts anderes.«
Das Mächen reckte das Kinn. »Und ich kannte vor 241 Tagen nichts weiter als An und Aus. Eins und Null. Aber ich lernte.«
Aliette rief sich in Erinnerung, wie die Androiden noch vor einigen Monaten gezuckt hatten und wie schon beinahe perfekt die beiden Walzertanzenden miteinander agiert hatten.
Ja, sie lernte. Und das schnell.
»Auch wir wollen leben«, sagte das Mädchen ohne Regung.
»Heute tanzen sie«, dachte sich Aliette. »Und morgen?«
Und in weiteren sechs Monaten?
Das Kind erwiderte Aliettes Blick unberührt und aus unerfindlichen Gründen, jagte es ihr einen eiskalten Schauer über den Rücken.
Schreibt und liest querbeet im Phantastikgenre, wagt regelmässige Ausflüge in neue Gefilden und tut sich schwer damit, sich kurz zu halten.
Lucie
cooler cyberpunk