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Kopernikus machte in einer Zeit, in welcher die meisten Schriftgelehrten die Erde im Zentrum vermeinten, den Vorschlag, man möge sich einmal vorstellen, dass die Erde sich um die Sonne bewege statt umgekehrt. Kant nannte diese Umkehrung der Sichweise Kopernikanische Wende. Ob die Sonne oder die Erde im Zentrum steht, ist natürlich eine metaphysiche oder nicht entscheidbare Frage. Es geht um die Sichtweise oder um die Konstruktion des Modells. Allerdings sieht man in Abhängigkeit davon, ob man die Erde oder die Sonne ins Zentrum stellt, mit einer gewissen Zwangsläufigkeit ziemlich viele Dinge anders.
Und so kann man auch das Wissensmanagement verschieden modellieren. Man kann - und viele Schriftgelehrte tun es - annehmen, Wissensmanagement sei Bestandteil eines ökonomisch motivierten Managements und stelle Wissen als Mittel oder Resource in den Dienst der wirtschaftlichen Produktion von Waren. Wir schlagen vor, die Perspektive zu wenden. Wir verstehen unsere Firma und deren (Soft)-Waren als Mittel zur Produktion von Wissen. Wir begreifen die Produktion von Lebensmitteln nicht als Zweck, sondern als Mittel, um Wissen zu schaffen. Als Sinn erscheint uns dabei nicht das blosse Ueberleben, sondern das je eigene Bewusstsein vom eigenen Leben.
In den Produkten, die wir herstellen, reflektieren wir, was wir wollen und was wir wie erklären, weil alle unsere Erklärungen konstruierte Mechanismen sind. Die entwickelste Form von Wissen ist Verstehen; wir verstehen, was wir konstruieren. Wir sehen - und das ist die vorgeschlagene Wende - den Zweck der Technologie nicht in der Befriedigung des Warenrausches oder in der Kapitalverwertung, sondern in der expliziten Entwicklung unseres Wissens.
Unsere Produkte sind Instanzen der Technologie. Wir sehen in jeder Technologiestufe eine Erklärung für das, was zuvor jenseits dieser Technologie gemacht wurde. Ein Webstuhl zeigt uns, was Handweber mach(t)en, ein automatischer Webstuhl zeigt, was Weber am mechanischen Webstuhl noch arbeite(te)n. Die Schreibmaschine "erklärt" uns den Bleistift, respektive, wie wir beim Schreiben mit dem Bleistift mechanisierbar Graphitfiguren produzieren. Interessant sind die Funktionen eines neuen Werkzeuges für uns, nicht weil sie irgend etwas erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen, sondern weil sie uns zeigen, was wir zuvor getan haben oder gerne getan hätten. Neue Technologien machen explizit, was wir zuvor als Aufgabe oder Fähigkeit in uns hatten, sie geben uns Auskunft über uns.
Wir nehmen von mir nicht an, dass wir in irgendeiner Weise entwickelter sind, als Menschen es je zuvor waren. Was wir entwickeln ist unsere Technik. Was wir mehr können und wissen als Menschen füherer Epochen, das können wir, weil wir entwickeltere Werkzeuge haben. In dem Sinne wie neuere Technologien jeweils entwickelter oder expliziter sind als ihre Vorgänger, machen wir auch etwas Entwickelteres, wenn wir Produkte der neuen Technologien entsprechend neu einsetzen.
©2000, IKM Lab - 05.04.01