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Kein uns bekannter Planet beherbergt ein solch raffiniertes Ökosystem wie die Erde. Unser blauer Planet bietet die Lebensgrundlage für eine Vielfalt an komplexem Leben sowohl an Land als auch in den Meeren — so auch uns Menschen. Doch menschliche Tätigkeiten haben grosse Teile dieser Ökosysteme zerstört und vielen Lebewesen das Leben erschwert. Ohne die Funktionen und Ressourcen, welche die Ökosysteme erfüllen und bereitstellen, können wir nicht überleben.
Diesen Teil der Artikelserie zu den Sustainable Development Goals (SDG) widmen wir den zwei Zielsetzungen, welche sich dem Schutz der Arten unter Wasser und an Land vorschreiben.
SDG 14: Leben unter Wasser
Die Ozeane treiben eine Vielzahl an globalen Systemen an, die die Erde für die Menschheit und andere Lebewesen überhaupt erst bewohnbar machen. Regenwasser, Trinkwasser, Wetter, Klima, ein Grossteil unserer Nahrung und der Grossteil des Sauerstoffs in der Luft werden alle vom Meer bereitgestellt und reguliert. Mehr als 3 Milliarden Menschen sind für ihren Lebensunterhalt auf das lebendige Meer angewiesen. Es ist das grösste Ökosystem der Welt und beherbergt fast eine Million bekannter Arten. Ein sorgsamerer Umgang mit diesem essentiellen Lebensraum ist schon seit langem nötig. Die Überfischung, Verschmutzung und Versauerung führen zu einer kontinuierlichen Verschlechterung des Zustands der Weltmeere.
Das 14. Nachhaltige Entwicklungsziel nimmt sich deshalb vor, „Ozeane, Meere und Meeresressourcen im Sinne nachhaltiger Entwicklung zu erhalten und nachhaltig zu nutzen“. Bis 2025 sollen bereits alle Arten der Meeresverschmutzung verringert und die Versauerung der Ozeane auf ein Mindestmass reduziert werden. Bis 2020 hätten illegale und unregulierte Fischerei sowie zerstörerische Fangpraktiken beendet werden sollen. Laut dem neusten Fortschrittsbericht der UN werden die derzeitigen Bemühungen zum Schutz der Ozeane dem Bedarf an Schutz aber nicht gerecht.
Meeresschutzgebiete
Seit der Ratifizierung der SDGs steigt die Anzahl an Meeresschutzgebieten (Marine Protected Areas; MPAs) rapide an. Diese grossflächigen Schutzgebiete, die mindestens 100’000 Quadratkilometer gross sind, werden zugewiesen, um die Folgen der Überfischung zu reduzieren und so die Ökosysteme der Ozeane zu entlasten. Bis 2020 sollten etwa 10 Prozent der gesamten Meeresoberfläche unter Schutz gestellt sein. Laut UN sind mit Stand 2019 7 Prozent abgedeckt. Es stellen sich jedoch damit zusammenhängende Probleme. Unter anderem wird kritisiert, dass die Überwachung und Durchsetzung von Schutzmassnahmen unzureichend ist. Dazu kommen Grenzstreitigkeiten bei der Zuweisung der Schutzgebiete, da diese sich oft über Küsten- und Meeresgebiete mehrerer Länder erstrecken. Zudem sind zahlreiche weitere Probleme, womit unsere Meere zu kämpfen haben, mit Schutzgebieten allein noch nicht gelöst.
Die grösste Müllhalde der Welt
Die Ozeane haben mit einer regelrechten Müllflut zu kämpfen. Laut WWF gelangt jede Minute eine LKW-Ladung Plastikmüll ins Meer. Schätzungen des UN-Umweltprogramms gehen davon aus, dass sich der Plastikeintrag in die Ozeane alljährlich um 8 Millionen Tonnen steigert.
Darüber hinaus sind noch viele Altlasten im Meer vorhanden. Bis in die 1970er-Jahre galten die Ozeane als planetare Müllhalde: Giftstoffe wurden sorglos im Meer «entsorgt» — von Pestiziden über chemische Waffen bis hin zu radioaktiven Abfällen. Man nahm damals an, dass die Ozeane gross genug seien, um die Unmengen an Chemikalien zu verdünnen. In Wahrheit sind die giftigen Stoffe aber nicht verschwunden, sondern gelangen teils konzentriert via Nahrungskette wieder zum Menschen zurück. Trotz Verboten gibt es heute noch illegale Müllentsorgungen, die zur Verschmutzung der Meere beitragen.
Die Pestizide, Chemikalien und Dünger gelangen über Flüsse ins Meer. Die Überdüngung löst dann in Gewässern Algenblüten aus. Das klare Wasser verwandelt sich in eine glibberige Sauce; die Meereslebewesen ersticken oder erhalten zu wenig Sonnenlicht. Das Phänomen kreiert grossflächig tote Zonen, in denen kein Leben mehr möglich ist.
Diese Faktoren, gemeinsam mit der Übernutzung und Erderwärmung, machen den Meeren und ihren Lebewesen zunehmend zu schaffen. Auf der Roten Liste höchst gefährdeter maritimer Arten der IUCN sind über 3’000 Tierarten verzeichnet — und es kommen rapide neue dazu.
SDG 15: Leben an Land
Auch die Ökosysteme an Land stehen unter zunehmendem Stress. Der Mensch hat fast 75 Prozent der Erdoberfläche verändert und die Lebensräume für die Tier- und Pflanzenwelt zerteilt, verkleinert oder gänzlich zerstört. Das SDG 15 fordert deshalb, „Landökosysteme zu schützen, wiederherzustellen und ihre nachhaltige Nutzung zu fördern, Wälder nachhaltig zu bewirtschaften, Wüstenbildung zu bekämpfen, Bodendegradation zu beenden und umzukehren und dem Verlust der biologischen Vielfalt ein Ende zu setzen“.
Der neuste Fortschrittsbericht der UN stellt auch hier fest, dass zahlreiche Arten weiterhin vom Aussterben bedroht sind und essentielle Ökosysteme weiter zerstört werden.
Artensterben geht weiter
Laut dem Globalen Bericht des Weltbiodiversitätsrats von 2019 (Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services) sind eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht — viele innerhalb der nächsten Jahrzehnte. Von allen bekannten Tierarten sind derzeit über 20 Prozent vom Aussterben bedroht. Entwaldung und Wüstenbildung, verursacht durch menschliche Aktivitäten und den Klimawandel, sind die grössten Einflussfaktoren für dieses Artensterben. Rund zwei Drittel aller bekannten Tier- und Pflanzenarten leben in Tropenwäldern. Auf einem Hektar Regenwald finden sich laut Expertenschätzungen sagenhafte 18’000 Tier- und Pflanzenarten. Durch Rodungen für die Vergrösserung landwirtschaftlicher Flächen verlieren wir diese Ökosysteme in einem schwindelerregenden Tempo: Jede Sekunde wird eine Fläche grösser als ein halbes Fussballfeld gerodet. Weltweit ist ein Fünftel der Landfläche unseres Planeten — eine Fläche fast so gross wie Indien und Russland zusammen — aufgrund von Abholzung, nicht nachhaltigen landwirtschaftlichen Praktiken und Verstädterung degradiert. Hinzu kommen die illegale Wilderei und der Schwarzhandel, die jährlich die Bestände von 7’000 seltenen und oftmals gefährdeten Tier- und Pflanzenarten ausdünnen. Obwohl Schutzgebiete heute 15 Prozent der Land- und Süsswasser-Ökosysteme abdecken, werden sie laut UN nicht effektiv oder gerecht verwaltet.
Es bleiben weniger als zehn Jahre, bis die Ziele zum Schutz der Artenvielfalt erreicht sein sollen. Für viele der bedrohten Arten läuft der Countdown ums Überleben aber schon viel früher ab.
Quellen und weitere Informationen:
UN: SDG 14
WWF: Verschmutzung der Meere
UN: SDG 15
UN (2020): Progress towards the Sustainable Development Goals
IBPES (2019): Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services