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Mit der Ankündigung des Tamedia-Konzerns, «Le Matin» einzustellen, ist die Medienvielfalt in der Westschweiz auf dem Tiefpunkt angelangt. Ein Gespräch mit Jacques Pilet, einem der prägendsten Westschweizer JournalistInnen der letzten Jahrzehnte.
WOZ: Herr Pilet, Sie haben die überregionale Westschweizer Zeitungsbranche mitaufgebaut. Vor gut einem Jahr stellte Ringier das von Ihnen gegründete Magazin «L’Hebdo» ein, nun begräbt Tamedia «Le Matin». Sind Sie wütend?
Jacques Pilet: Nein, besorgt. Mich beschäftigen zwei Dinge: Erstens verschwindet mit dem Niedergang der Zeitungen die Idee der Romandie, die wir 1981 mit der Gründung von «L’Hebdo» im Blick hatten. Vorher gab es zwar eine grosse Vielfalt an Zeitungen – allein in Genf waren es vier. Doch sie waren auf ihre Region fokussiert, das Radio und das Fernsehen waren die einzigen überregionalen Medien. Vor allem aber existierte kaum eine Verbindung zur Deutschschweiz. Die Zeitungen hatten höchstens jemanden fürs Bundeshaus. Mit «L’Hebdo» lancierten wir Themen, die alle Romands betrafen, und wir schrieben viel mehr auch über die Deutschschweiz, wo wir mit «Die Woche» unser Pendant hatten. Der «Nouveau Quotidien», den ich später gründete, und der dann mit anderen Zeitungen zu «Le Temps» fusionierte, tat das täglich.
Sie glauben, dass mit dem Niedergang der überregionalen Zeitung auch die Romandie als Region verschwindet …
Ja. Der erste Schlag gegen die Idee kam mit der Einstellung der Tageszeitung «La Suisse» 1994. Nach der Einstellung von «Le Matin» bleibt jetzt noch – glücklicherweise – «Le Temps» übrig.
Was ist der zweite Punkt, der Sie beschäftigt?
Die Industrialisierung der Presse – wobei das ja ein weltweites Phänomen ist. In der Schweiz hat sich die Medienkonzentration in den letzten zehn Jahren vor allem in den Händen von Tamedia und Ringier beschleunigt. Zuerst hat Ringier mit der Idee des Newsrooms beim «Blick» begonnen, nun kauft Tamedia einen Titel nach dem anderen auf. Damit werden Zeitungsfabriken errichtet, die sogenannten Content produzieren. Das zerstört den Journalismus. Ich kenne einen Auslandsjournalisten der «Tribune de Genève», der nun jeden Morgen nach Lausanne reist, um dort vor dem Computer über internationale Politik zu schreiben – obwohl sich in Genf ein Grossteil der Weltpolitik abspielt! Die Konzerne werden immer schwerfälliger, hemmen die Kreativität – und der Anteil der Leute, die tatsächlich schreiben, wird immer kleiner.
Sie waren bis vor einigen Jahren selber Direktionsmitglied bei Ringier. Eine späte Einsicht?
Ich muss dazu sagen, dass diese Entwicklung bei Ringier relativ spät einsetzte. Zudem finde ich es bis heute nicht schlecht, dass die Leute vom «Blick» und jene vom «SonntagsBlick» stärker zusammenarbeiten. Das ist nicht das Gleiche wie die Zusammenlegung von «24 heures» und der «Tribune de Genève» mit ihren vollkommen unterschiedlichen Kulturen.
Warum liegt Ihnen die Idee einer medial konstruierten Romandie so am Herzen?
Die Westschweizer haben als sprachliche Minorität gemeinsame Interessen, etwa eine angemessene Vertretung in der Bundesverwaltung. Und noch viel wichtiger: Sie brauchen einen Ort, wo der kulturelle Austausch und die gesellschaftliche Debatte stattfinden können. Wir erleben derzeit eine Provinzialisierung der Romandie – auch wenn der öffentliche Rundfunk hier Gegensteuer gibt.
Die Steuertricks des Waadtländer Finanzdirektors Pascal Broulis wurden vom «Tages-Anzeiger» aufgedeckt …
Ja, doch dieses Beispiel hat eher mit der Industrialisierung der Presse zu tun. Die Journalisten werden von den Verlagen aufgefordert, die institutionelle Politik zu dokumentieren und den Amtsvorstehern das Mikrofon hinzuhalten. Der Journalismus wird dadurch redundant: Überall finden Sie die gleichen Nachrichten! Diese heutigen Strukturen führen dazu, dass die Journalisten immer weniger eigene Pisten verfolgen. Neugier kostet die Verlage Geld und bringt Ärger. Aber natürlich gibt es noch immer gute Journalisten.
Wer ist schuld am Niedergang des Westschweizer Journalismus?
Zum einen die Verlage. Eine desaströse Rolle haben die Gratiszeitungen gespielt. Nachdem Tamedia in der Deutschschweiz «20 Minuten» lanciert hatte, versuchte Edipresse, mit dem Gratisblatt «Le Matin Bleu» die Marktlücke in der Westschweiz zu füllen, womit sie ihre eigenen Zeitungen konkurrenzierte. Am Ende setzte sich Tamedia durch. Ich glaube jedoch, dass der Erfolgszyklus der Gratiszeitungen langsam am Ende ist. In Frankreich wurden zuletzt mehrere Gratiszeitungen eingestellt – jene Titel, die noch bleiben, spielen praktisch keine Rolle. Aber auch die Journalisten tragen Schuld am Niedergang.
Woran denken Sie?
Die Umwälzungen haben sie ängstlich gemacht. Das hemmt ihre Neugier, sie bleiben in der Routine. Wenn es gerade keine Aktualität gibt, schreiben alle Zeitungen wie gerade dieser Tage über ein paar thailändische Schüler, die in einer Grotte gefangen sind. Was für eine Relevanz bitte soll diese Geschichte haben?! Statt die Zeit zu nutzen, um rauszugehen, mit Leuten zu reden und zu recherchieren …
Das ist aber auch das Resultat von Verlagen, die den Journalisten immer weniger Ressourcen geben.
Sicher, ein Grossteil der Verantwortung liegt bei den grossen Verlagen, die immer weniger Interesse an Journalismus haben. Aber viele Journalisten haben den Mut verloren, sich den Konzernen entgegenzustellen. Die jüngsten Streiks nach der angekündigten Schliessung von «Le Matin» stimmen jedoch zuversichtlich. Die Journalisten senden eine Botschaft aus: «Wir existieren!» Ich glaube, dass der Widerstand am Erwachen ist.
Sie haben in den sechziger Jahren mit Journalismus begonnen, als noch vieles möglich war. Wo liegen die Möglichkeiten heute? In Onlineplattformen wie «Bon pour la tête», die Sie mitbegründet haben?
Die Plattform ist zurzeit noch ein kleines Rettungsboot. Allerdings klopfen immer mehr junge Menschen bei «Bon pour la tête» an, die eine ungeheure Lust auf Journalismus haben. Ich sehe die aktuelle Situation auch als Chance, um neue journalistische Formen und digitale Formate zu entwickeln.
Sie hoffen also nicht auf Tamedia oder Ringier?
Nein! Ich wäre schon zufrieden, wenn sie nicht noch weitere Zeitungstitel aufgeben. Sie werden keine neuen Titel schaffen. Doch das ist gut so. Es ist höchste Zeit, dass die Leute hier in der Romandie die Sache wieder in die eigene Hand nehmen. Es ist doch nicht normal, dass wir alles Tamedia, Ringier und dem französischen Medienkonzern Hersant übergeben haben.
Am Ende muss man den Journalismus aber auch finanzieren …
Die Nachfrage nach Zeitungen und Zeitschriften ist vorhanden. Und zum Geld: Die Kantone, die Loterie Romande, Stiftungen und Mäzene – sie werden irgendwann begreifen, dass die Kultur und die Gesellschaft einen Echoraum brauchen. Wir müssen auf wilde, handwerkliche Strukturen setzen, die weniger kosten. Ich erinnere mich etwa an das internationale Prestige der «Gazette de Lausanne», die mit kleinen, motivierten Redaktionen arbeitete. Ihre Berichterstattung über den Algerienkrieg las man bis nach Paris.
Und eine öffentliche Medienfinanzierung?
Die indirektere Finanzierung über die Reduktion des Posttarifs ist richtig. Ich befürworte auch die Idee einer öffentlichen Stiftung, die private Spenden sowie staatliche Subventionen verwaltet und gezielt journalistische Arbeit unterstützt. Doch der Journalismus muss unbedingt unabhängig von der politischen Macht bleiben.
Als hier in der Waadt die kantonale Unternehmenssteuerreform von rechts bis links uneingeschränkte Unterstützung erhielt, hätten bei jedem Journalisten die Alarmglocken schrillen müssen. Und was macht «24 heures» vor der Abstimmung? Sie fragen das Finanzamt an, ihren Lesern in einer Beilage die Steuervorlage zu erklären. Die haben damit ihre Seele verkauft. Das ist selbstmörderisch! Dieser Kurs wird nun aber korrigiert, und die Zeitung macht einen guten Job. In diesen unruhigen Zeiten werden sich die Journalisten der Wichtigkeit ihres Berufs und ihrer Verantwortung immer bewusster.
Jacques Pilet (74) begann seine Laufbahn beim «Journal de Montreux». Danach arbeitete er bei «24 heures» und beim Westschweizer Fernsehen. 1981 gründete er das Nachrichtenmagazin «L’Hebdo», 1985 das Kulturmagazin «Emois» und 1991 den «Nouveau Quotidien». In den folgenden Jahren hatte er diverse Kaderfunktionen bei Ringier.