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Rettungsgrabungen ermöglichen Einblick in den Boden
Aktuell ist die Archäologische Bodenforschung mit mehreren gleichzeitig laufenden Rettungsgrabungen stark ausgelastet. Hintergrund ist der Ausbau der klimafreundlichen Fernwärme durch die IWB bis ca. 2035. Die IWB verlegen die neuen Leitungen nicht in bestehende Werkleitungen, sondern in Strassenbereichen, in denen die archäologischen Schichten noch weitgehend intakt sind. In den Altstadtzonen von Gross- und Kleinbasel sowie den Vorstädten sind aufgrund dieses Vorgehens über weite Strecken grosse Rettungsgrabungen mit drei jeweils um die zehn Personen umfassenden Teams, notwendig.
Freie Strasse
An der Freien Strasse erfolgt zurzeit eine weitere Etappe des Ausbaus der Fernwärme bis zum Marktplatz. Die Freie Strasse als eine der ältesten Hauptachsen Basels war seit jeher wirtschaftliches Zentrum und kann bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. zurückverfolgt werden. Entlang der Strasse befanden sich römische und frühmittelalterliche Wirtschaftsbauten. Aus dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit werden immer wieder Gebäude- und Kellermauern der ehemals schmaleren Strasse angetroffen.
Besonders spannend war ein Bereich am Marktplatz, in dem überaus fundreiche, mit Brandschutt verfüllte Keller des 13./14. Jahrhundert freigelegt wurden. Darin kamen auch für das Ausgrabungsteam nicht alltägliche Funde zum Vorschein, z. B. ein mittelalterliches Handwaschgefäss (Aquamanile), und es gibt Hinweise auf metallverarbeitende Gewerbe, wie z. B. eine mittelalterliche Gussform. Der Marktplatz war im Spätmittelalter noch viel kleiner als heute. Nach einem Brand im Jahr 1377 liess der Rat zwölf Liegenschaften niederreisen, die sich am Südende zwischen dem damals noch offenen Birsig und der unteren Freien Strasse befanden, um den Platz zu vergrössern. Bei der Ausgrabung werden deshalb immer wieder Reste dieser Häuser angetroffen. Ob die Brandschichten mit dem Quartierbrand von 1377 in Verbindung gebracht werden können oder von einem anderen Ereignis, z. B. vom Basler Erdbeben von 1356 stammen, muss offen bleiben.
Beim Abbruch einer spätmittelalterlichen/frühneuzeitlichen Kellermauer in der Freien Strasse kam im Fundamentbereich ein römisches Architekturfragment zum Vorschein. Der sorgfältig gearbeitete Stein mit Fries gehörte ursprünglich zu einem römischen Tempel oder einem anderen monumentalen Steinbau. In Basel haben wir bisher keine Hinweise auf solch klassische Monumentalbauten des 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. Römische Architekturteile finden sich aber immer wieder sekundär verbaut in die spätantike Befestigungsmauer auf dem Münsterhügel. Die Mehrheit der wiederverwendeten Bauteile wurde vermutlich von Augusta Raurica auf dem Rhein nach Basel transportiert, um während den Unruhen des 3. Jahrhunderts rasch eine Befestigung zu errichten. Aus den Schriftquellen ist bekannt, dass auch im Mittelalter in den römischen Ruinen in Augst regelmässig «Steine gebrochen» wurden.
Rund um den Wettsteinplatz
Bei den aktuellen Bauarbeiten für den Ausbau des Fernwärmenetzes in den Quartieren rund um den Wettsteinplatz kamen bisher 11 frühmittelalterliche Gräber zum Vorschein, darunter ein reich ausgestattetes Mädchengrab aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. Erst kürzlich entdeckte das Team der Archäologischen Bodenforschung das Grab eines Mannes, das mit Steinplatten umfasst war. Solche Steinkistengräber sind typisch für das 7./8. Jahrhundert n. Chr. und enthalten meist keine Beigaben. Weitere Gräber werden erwartet. Bei den bisherigen Ausgrabungen kamen neben den Grabbefunden auch zahlreiche Überreste der mittelalterlichen und neuzeitlichen Bebauung Kleinbasels zum Vorschein. So konnten die Fundamente des im 13. Jahrhundert als Teil der Stadtbefestigung errichteten Riehentors freigelegt werden.
St. Alban-Vorstadt
Anfang Juni 2022 hat der Fernwärmeausbau in der St. Alban-Vorstadt begonnen. Die St. Alban-Vorstadt bildet das Vorgelände des seit 3000 Jahren besiedelten Münsterhügels. In frührömischer Zeit entwickelte sich eine römische Siedlung im Bereich Rittergasse-Kunstmuseum, die nach Südosten bis in die St. Alban-Vorstadt reichte. Ausserdem verlief hier die antike Strasse nach Augusta Raurica, an der in römischer Zeit die Toten begraben wurden. Erwartet werden auch Bestattungen des mittelalterlichen Spitals des St. Alban-Klosters sowie weitere hoch- und spätmittelalterliche Bauten. Im Bereich Malzgasse ist mit der mittelalterlichen Befestigung der St. Alban-Vorstadt (Tor, Stadtmauer, Graben, Kontermauer) des 13. Jahrhundert zu rechnen.
Personen am Medienrundgang
Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt:
Marco Bernasconi, Abteilungsleiter Ausgrabung
Erik Martin, Ausgrabungsleiter St. Alban-Vorstadt
Simon Graber, Ausgrabungsleiter Wettstein
Dagmar Bargetzi, Projektleiterin Vermittlung
Bau- und Verkehrsdepartement Basel-Stadt:
Daniel Hofer, Co-Leiter Kommunikation
Markus Werder, Projektleiter St. Alban-Vorstadt
Weitere Auskünfte
Marco Bernasconi, Tel. +41 61 267 23 55
lic. phil., Abteilungsleiter Ausgrabung
Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt
Abbildungen zur Ausgrabung in der Freien Strasse/Markplatz
Basel-Freie Strasse/Marktplatz: Bei den aktuellen Untersuchungen dokumentierte das Team der Archäologischen Bodenforschung Reste der mittelalterlichen Bebauung, die vermutlich nach einem Quartierbrand im Jahr 1377 abgebrochen wurde. Foto: Philippe Saurbeck, Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt.
Basel-Freie Strasse/Marktplatz: Die Keller waren mit Brandschutt verfüllt und enthielten viele aussergewöhnliche Funde, z.B. ein Handwaschgefäss (Aquamanile) und eine Gussform. Foto: Philippe Saurbeck, Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt. Foto: Philippe Saurbeck, Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt.
Basel-Freie Strasse/Marktplatz: Funde vom Marktplatz: Das Giessgefäss (Aquamanile) in Form eines Löwen benutzte man in besseren Haushalten zum Händewaschen bei Tisch vor dem Essen. Foto: Philippe Saurbeck, Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt.
Basel-Freie Strasse/Marktplatz: Mit der steinernen Gussform konnten pro Arbeitsvorgang gleich 5 verschiedene Motive aus Bunt- oder Edelmetallen produziert werden. Es handelt sich vermutlich um Schmuckstücke, die auf Textilien aufgenäht wurden. Deutlich erkennbar ist der Zuflusskanal für das flüssige Metall. Foto: Philippe Saurbeck, Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt.
Basel-Freie Strasse: Das unter einer Kellermauer gefundene Architekturfragment war ursprünglich unter dem Dach eines römischen Tempels oder eines anderen monumentalen Steinbaus verbaut gewesen. Foto: Philippe Saurbeck, Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt.
Abbildungen zur Ausgrabung in den Quartieren rund um den Wettsteinplatz
Basel-Riehentorstrasse: Freilegen der Bestattung eines Mannes in einer Steinkiste. Solche Gräber, die mit Steinplatten umfasst waren, sind typisch für das 7./8. Jahrhundert n. Chr. Foto: Corinne Hodel, Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt.
Basel-Riehentorstrasse: Das frühmittelalterliche Grab war durch frühere Leitungsbauten gestört. Der kräftige Mann war ohne Beigaben beigesetzt worden. Foto: Adrian Jost, Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt.
Abbildungen zur Ausgrabung in der St. Alban-Vorstadt
Basel-St. Alban-Vorstadt: Die Rettungsgrabungen in der St. Alban-Vorstadt werden neue Erkenntnisse zur römischen und mittelalterlichen Siedlungsgeschichte ermöglichen. Foto: Philippe Saurbeck, Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt.