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Aktualisiert: 13. Sept.
Man kennt die Effekte eines Bahnhofs auf die Stadt- und Dorfplanung von vielen Beispielen her. Auch in Zürich kam der Hauptbahnhof nach längerer Evaluation von Standorten an die Stelle des alten Schützenhauses beim Platzspitz zu liegen. Der Entscheid beeinflusste die Entwicklung der Stadt massiv. Ohne den Bahnhof wäre die Planung und Errichtung des zugedeckten Fröschengrabens zur mondänen Bahnhofstrasse nicht gelungen, oder wenigstens nicht so schnell erfolgt. Und man stelle sich vor, was geschehen wäre, wenn – wie in Luzern – der Bahnhof zwecks Verbindung mit dem Seeverkehr am Bürkliplatz zu stehen gekommen wäre!
Und in Wollishofen? Was geschah mit der Positionierung der Bahn-Station? Welche Effekte kann man beobachten? Dazu kann man zunächst einfach sagen, dass die Effekte kleiner waren als anderswo. Das hatte aus meiner Sicht zwei Gründe: zum einen kam der Bahnhof an die Achse der alten Unteren Landstrasse, der heutigen Seestrasse, zu liegen, die selber schon ähnliche Effekte auf die Dorfplanung hatte wie der Bahnhof. Und zweitens wurde der Bahnhof auf Aufschüttungsland errichtet, das auch für andere Nutzungen zusätzliche Flächen bereitstellte. So kann man sagen, dass die Positionierung des Bahnhofs bisherige und ohnehin geplante Entwicklungen «nur» begünstigte, nicht eigentlich auslöste. Dennoch kann man, betrachtet man etwa eine Aufnahme von 1903, durchaus erkennen, dass Ende des 19. Jahrhunderts so etwas wie ein Bahnhofsviertel entstanden war. Betrachten wir die Karte etwas genauer:
Blick aufs «Bahnhofsviertel» Wollishofen im Jahre 1903. Baugeschichtliches Archiv Zürich.
Der Standort des unbekannten Fotografen ermöglicht einen Blick vom See her, er ist leicht erhöht – der Künstler stand wohl auf dem Dach der Maschinenfabrik an der Bachstrasse, die 1892 errichtet, und 1898 umgebaut wurde (ja: die soeben abgebrochene einstöckige Fabrikbaute der Garage Franz).
Im Vordergrund erkennen wir ein behäbiges Bauernhaus mit einstöckigem Anbau, beide Gebäudeteile mit Mansarde, das Haupthaus sicher aus dem 18. Jahrhundert: Es ist das sog. «Haus zum Engel», das im 19. Jahrhundert auch eine Wirtschaft war.
Dahinter liegt der «Hirschen», errichtet 1833, mit links angebautem Festsaal.
Rechts davon steht ein urban wirkendes Doppelmehrfamilienhaus, mit Läden im Erdgeschoss, später (heute) Seestrasse 342/344.
Die freie Fläche vor dieser Liegenschaft, ennet der Strasse, und neben dem Haus zum Engel, nutzte eine Firma zwischen zwei parallelen Schuppen als Lagerplatz (Eisenhandel Pestalozzi).
Im Mittelgrund über dem Lagerareal ist der Haumesser zu erkennen; das alte mehrstöckige Haus Haumesserstrasse 22 überragte die übrigen Häuser.
Weiter rechts erkennt man mehrere sog. Baumeister-Häuser, die an der neu geschaffenen Seestrasse, zur «Umfahrung» des Haumesser-Viertels, errichtet wurden (diese Häuser stehen heute noch: Seestrasse 330, 328 etc.).
Restaurant Schweizerhof (später El Patio), Seestrasse 329, beim Bahnhof Wollishofen. 1924. Abgerissen 2008. Foto: Tiefbauamt. Baugeschichtliches Archiv Zürich.
Vis-à-vis von der Seestrasse 330 (damals 312) ging ein Stichsträsschen zum Bahnhof, senkrecht von der Seestrasse weg. Links und rechts dieser Verbindung entstanden zwei Häuser, nummeriert von der Seestrasse her (Nrn. 329 und 333), die beide als Restaurants in die Geschichte eingingen: Restaurant Schweizerhof (329) und Restaurant Bahnhof (333). Im Hintergrund kann man schliesslich die Bellariastrasse mit der Villa Kehl (1902 errichtet) und der Villa Greten mit dem spitzen Eckturm erkennen.
Übersichtsplan (Ausschnitt) von Burger+Hofer 1896. E-rara.
Das Bahnhofsviertel ist auch auf dem Übersichtplan von Burger+Hofer 1896 gut erkennbar. Zu beachten dabei ist, dass die 1896 angegebenen Hausnummern bei der Seestrasse im 20. Jh. nochmals eine grosse Änderung erfahren haben. Das Bahnhofsviertel im engeren Sinne umfasst neben der Station die vier Baumeisterhäuser an der Seestrasse und die beiden Restaurants an der Stichstrasse zum Bahnhof. Im weiteren Sinne gehören zum Bahnhofsviertel auch der Hirschen und der Engel (später: Pestalozzi-Geschäftshaus) sowie letztlich auch die Maschinenfabrik an der Bachstrasse und die Rote Fabrik (Seiden-Weberei).
Geschäftshaus Pestalozzi Seestr. 353. 1962. Foto: Baugeschichtliches Archiv Zürich.
Zu Beginn des 20. Jahrhundert wurden weitere entscheidende Schritte eingeleitet. So wurde das altehrwürdige Haus zum Engel 1905 abgerissen, es musste einem grösseren urbanen Wohn- und Geschäftshaus Platz machen, das der Firma Pestalozzi diente; gemäss Stauber wurde zunächst auch die Post Wollishofen im Gebäude einquartiert (auch die Post nutzte die durch den Bahnhof entstandene neue Zentralität). Bergseitig an der Seestrasse entstand 1925 an der markanten Ecke zur Staubstrasse das grosse Wohn- und Geschäftshaus, das auch heute noch da steht (Seestr. 332-336). Mit dem Ausbau der linksufrigen Seebahn wurde auch der erste Bahnhof durch einen zweiten ersetzt (siehe Blog UM 1900). An der Staubstrasse entstanden die ersten grossen Wohnhäuser – teils mit Jugendstil-Fassaden. Und gegen die Albisstrasse hin wurden alte Häuser wie zum Beispiel das Tivoli (vgl. Blog) abgerissen und durch grössere Wohn- und Geschäftshäuser ersetzt. 1959 – auch das wissen wir vom gleichnamigen Blog – musste auch der «Hirschen» dran glauben. Hotel und Festsaal wurden abgerissen und durch einen – gar nicht schönen – modernen Neubau ersetzt (Blog HIRSCHEN). Die Moderne war in Wollishofen definitiv angekommen, mit den schönen und weniger schönen Aspekten dieser Entwicklung.
Eine Trouvaille aus der Arealentwicklung Bahnhofsviertel möchte ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, zum Schluss noch auftischen. Es ist ein Blick in bessere Zeiten: neben dem Bahnhof brauchte es eine neue, grössere Lagerhalle, die 1929 in Dienst genommen wurde. Heinrich Wolf-Bender hat diese damalige Schönheit auf Zelluloid gebannt:
Güterschuppen Seestr. 313a (beim Bahnhof). 1928. Foto: Heinrich Wolf-Bender. Baugeschichtliches Archiv Zürich.
Dem Vernehmen nach soll der Güterschuppen demnächst Stein um Stein rückgebaut werden und ausserhalb Zürichs (im Zürcher Oberland) eine neue Bleibe finden. Dies, nachdem ja auch unser Bahnhof einst von Zug nach Wollishofen, ebenfalls Stein um Stein, gezügelt wurde (siehe Blog WOLLISHOFEN UM 1900).
Das Projekt für eine neue Bahnhofsüberbauung wurde unlängst der Öffentlichkeit vorgestellt! Damit wird ein neues Kapitel des Bahnhofviertels Wollishofen aufgeschlagen.*
(SB)
* Siegerprojekt Wellenlänge in Zürich 2 und Tages-Anzeiger anfangs Juli 2022 präsentiert.