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Hängt political correctness an einzelnen Worten?
- Dienstag, 10. September 2013, 17:32 Uhr
«Messerwerfer» hui, «Negerlein» pfui. Während die Öffentlichkeit um politisch korrekte Wortwahl in Kinder- und Jugendbüchern streitet, prüfen und beurteilen Fachleute Bücher aus aller Welt nicht auf einzelne Worte, sondern grundsätzlicher auf Fundamentalismus, Paternalismus und Ethnozentrismus.
Darf man heute in einem Kinderbuch noch von «Negerlein» oder vom «Negerkönig» sprechen? Einige Kinderbuchverlage sagen «Nein!». Darum ist Pippi Langstrumpfs Vater schon seit 2009 kein «Negerkönig» mehr, sondern ein «Südseekönig». Und im Januar 2013 kündigte der Thienemann-Verlag an, in der Neuausgabe des Kinderbuchklassikers «Die kleine Hexe» von Otfried Preussler «behutsame sprachliche Modernisierungen vornehmen zu lassen».
Die Ankündigung löste vor allem in Deutschland einen emotionalen Sturm über diskriminierende Begriffe in Kinderbüchern aus. Otfried Preussler selbst hat diese Änderungen noch vor seinem Tod am 18. Februar 2013 autorisiert, wie der Verlag schreibt.
«Messerwerfer» statt «Negerlein»
Mitte Juli ist die Neuausgabe, praktisch ohne mediales Echo, in die Buchläden gelangt. Die kleine Hexe trifft im Dorf immer noch auf einen Kinderfasnachtszug, nur ist aus dem «Negerlein» ein «Messerwerfer» geworden, aus dem «Hottentottenhäuptling» ein «Seeräuber», aus den «Türken» wurden «Cowboys» und aus den «Eskimofrauen» «Prinzessinnen».
An der neuen Version ist nichts auszusetzen: Wüsste man nicht um die Anpassung, man würde sie nicht bemerken. Erlaubt sei höchstens die Frage, ob sich das Zielpublikum – Vorschulkinder – vor einem Messerwerfer nicht stärker fürchtet, als vor einem dunkelhäutigen Kind.
Was tun mit politisch unkorrekten Wörtern?
Es bleibt auch die Grundsatzfrage: Sollen in Kinder- und Jugendbüchern Ausdrücke, die in ihrer Entstehungszeit unverdächtig waren, die heute aber als politisch unkorrekt gelten, ersetzt werden?
Bei Erwachsenenliteratur rechnet man damit, dass die Lesenden abstrahieren und historische Ausdrucksweisen einordnen können. Kindern fehlt diese Fähigkeit naturgemäss noch. Und die sprachlichen Modernisierungen der Kinderbuchklassiker deuten darauf hin, dass man den Eltern nicht vertraut, ihren Kindern den korrekten Umgang mit unkorrekten Wörtern beizubringen.
Die Debatte um Mark Twains «Nigger Jim»
In den USA läuft eine ähnliche Auseinandersetzung unter dem Begriff «Nigger Jim»-Debatte. «Nigger Jim» ist eine Figur in Mark Twains Jugendromanen um Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Insbesondere in der weniger bekannten Geschichte «Tom Sawyers abenteuerliche Ballonfahrt», die letztes Jahr bei Hanser neu übersetzt herauskam, wird der erwachsene, dunkelhäutige Jim im Vergleich zu den beiden weissen Buben Tom und Huck als unerträglich naiv und hilflos dargestellt.
Deshalb stuft Roger Meyer vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien die Lektüre dieses Romans, ohne historische Aufarbeitung, als «nicht geniessbar» ein. In den USA selbst wurden Twains Jugendbücher vielerorts aus dem Schulkanon verbannt, weshalb 2011 eine «jugendkonforme» Ausgabe veröffentlicht wurde, in welcher das Wort «Nigger» durch «Slave» («Sklave») ersetzt wurde.
Der afroamerikanische Schriftsteller und Bürgerrechtler Ishmael Reed dagegen fordert im Wall Street Journal, man solle besser die Bücher lesen, um sie überhaupt zu verstehen, statt einzelne Wörter zu zensieren. Zudem habe die Romanfigur des «Nigger Jim» mehr Tiefgang und Profil als viele Schwarze, die man heute in Film, Theater und Literatur fände.
«Kulturensensibles Lesen»
In der Tat stecken ungerechte Geschlechterrollen, eine westlich-zentrierte Perspektive auf fremde Kulturen oder ideologische Manipulation oft nicht in Einzelwörtern, sondern in der Gesamtdarstellung einer Kultur oder in der Zeichnung einzelner Figuren. Gerade der Markt für Kinder- und Jugendliteratur ist in den vergangenen Jahrzehnten enorm gewachsen und hat sich stark gewandelt. Vor allem auch Entwicklungsländer und Schwellenländer werden heute in Bilderbüchern und Jugendromanen abgebildet.
Blick auf das Gesamte, nicht auf Einzelwörter
Cyrilla Gadient vom Verein «Baobab Books» sichtet und bewertet in ihrer täglichen Arbeit neue Kinder- und Jugendbücher. Sie schaut dabei nicht in erster Linie auf einzelne Wörter, sondern auf die Gesamtdarstellung, auf die Figurenzeichnung, auf den Autor oder die Autorschaft. Wenn ein Buch aus einer fremden Kultur kommt, achtet sie stärker auf offene oder versteckte Ideologien. Kommt ein Buch, wie die allermeisten in diesem Segment, aus Europa oder Nordamerika, besteht hingegen die Gefahr des eurozentrischen Blicks.
Der Blick auf eine fremde Welt birgt immer die Gefahr, dass er entweder überheblich ist oder dass er idealisiert. Es gibt viele Beispiele, in denen die fremde Welt nichts ist als eine trendige Kulisse für eine simple Geschichte nach europäischem Muster. Cyrilla Gadient nennt das Beispiel eines Bilderbuchs, in welchem ein Massai-Mann auf seinem Weg alle Tiere freundlich grüsst und am Ende seine Frau findet, die drapiert ist wie ein amerikanisches Pin-Up-Girl.
«Hütten» und ein «Gestell mit einem Kuhfell»
Es ist aber nicht nur der Rückfall in alte kolonialistische Denkweisen und Perspektiven, welcher afrikanischen oder asiatischen Kulturen in Kinder- und Jugendbüchern Gewalt antut. Oft handeln Geschichten über fremde Kulturen nur von Krieg, Hunger, Armut und Krankheiten – als ob es in Afrika kein normales Leben gäbe.
Bewertungen der fremden Welt stecken oft in kleinen Details, wie Cyrilla Gadient feststellt: Die Wohnstätten von Afrikanern werden als «Hütten» bezeichnet, das Bett eines Kindes als «Gestell mit einem Kuhfell». Durch die Wortwahl werden die Dinge als minderwertig und baufällig abgestempelt, obwohl sie für die Menschen dort ebenso sehr «Haus» oder «Bett» sind wie für uns unsere modernen Designobjekte. Interessant ist auch, dass afrikanische Geschichten fast nie in Städten spielen, sondern auf dem Land. All dies führt in der Masse zu einem einseitigen Bild von fremden Kulturen.
Fremde Kulturen ohne Belehrung zeigen
Natürlich befürworten weder Cyrilla Gadient noch Roger Meyer diskriminierende Wortwahl in Kinder- und Jugendbüchern. Wichtiger als «böse Wörter» sind ihnen aber verborgene Spuren von Ideologie, Paternalismus oder Ethnozentrismus. Ein gelungenes Kinderbuch, ein gelungener Jugendroman über eine fremde Kultur soll ohne Belehrungen auskommen, soll keine expliziten Erklärungen zu dieser Kultur enthalten – in Schweizer Geschichten wird ja auch nicht zuerst erklärt, was ein Bergbauer ist und was ein Kindergarten.
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19.8.2013, 10:03 Seit 10:03
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