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Auf nächtlichen Spaziergängen durch Zürich oder bei Wanderungen in den Bergen: Viele Stücke des Musikers Hansueli Tischhauser entstehen beim Laufen. Zu Hause im Wohnzimmer tüftelt er daran weiter.
In einer Ecke des grossen Wohnzimmers, das auch als Schlafzimmer dient, sind eine ganze Reihe von Gitarren aufgestellt. Vor ihnen steht ein Stuhl, und davor liegen, im Halbkreis angeordnet, einige Effektpedale auf dem Boden. Das Ganze wirkt wie das Klanglabor eines Alleinunterhalters, der jederzeit bereit ist für Hauskonzerte im kleinen Rahmen. An der gegenüberliegenden Wand lagern Instrumentenkoffer in verschiedenen Grössen, denen man ansieht, dass sie viel gereist sind.
An der Wand, zwischen zwei Fenstern, hängen gegen zehn Ukulelen – billige Plastikmodelle, transparent und bunt, aber auch gut klingende aus Holz. Mitten zwischen ihnen ist ein kleiner goldener Käfig befestigt, in dem ein zierlich gefertigter Vogel sitzt. Hansueli Tischhauser setzt den Mechanismus in Bewegung und lässt den Vogel zur Begrüssung einige Melodien zwitschern. Ein Zwergblasbalg und eine Minipanflöte erzeugen dank einer ausgeklügelten Mechanik den zarten Gesang. Der Singvogelautomat ist feinstes Kunsthandwerk aus dem jurassischen Sainte-Croix. In der Mitte des 18. Jahrhunderts entstand dort, eng verbunden mit der Uhrmacherei, die Produktion von mechanischen Musiken.
Asketischer Grafikerlehrling
Auch Hansueli Tischhauser, der in einer ruhigen Nebenstrasse in der Nähe des Zürcher Klusplatzes in einem einfachen Haus mit drei Wohnungen und einem kleinen Garten lebt, ist ein Tüftler. Er hat sich schon in frühester Jugend dem Blues, besonders demjenigen aus Chicago, verschrieben und ist ihm bis heute treu geblieben. Im Radio hörte er Anfang der siebziger Jahre «I Ain’t Superstitious» und nahm den Song auf Kassette auf. Es dauerte Jahre, bis er ihn auf der Schallplatte «London Sessions» von Howlin’ Wolf entdeckte und als Song von Willie Dixon identifizieren konnte.
Tischhauser ist in Oetwil am See als Sohn des Dorflehrers aufgewachsen. «Da bist du belastet», sagt er im Gespräch und erzählt, dass er eigentlich Schlagzeuger werden wollte, aber «man fand», dass er zuerst ein «richtiges Instrument» lernen sollte. So fuhr er mit dem Velo ins elf Kilometer entfernte Rapperswil in die Gitarrenstunde, genoss erste Freiheiten, lernte die wichtigsten sieben Griffe auf der Gitarre und wie man den Blues «züpflet».
In Egg am Pfannenstiel begann er 1977 eine Grafikerlehre, weil sein Chef ein «cooler Lehrmeister» war, mit dem er viel philosophieren konnte und der ihn mit makrobiotischer Ernährung bekannt machte. «Während einiger Jahre, ungefähr bis ich dreissig Jahre alt war, habe ich recht asketisch gelebt, und als Folge davon ging die Stimme runter – rums! –, und abends habe ich meiner Mutter erklärt, wie man Gemüse rüstet.»
Während der Lehre gründete Tischhauser mit einigen Kollegen die Speakeasies Blues Band und tourte den See rauf und runter durch Jugendhäuser, Pfadiheime. Die Band spielte im Seminar Küsnacht, in der Kanti und Kulti Wetzikon – die «Frühhochschultour» – an Zwergopenairs. Nur nach Zürich schafften sie es nicht und verpassten vor lauter Blues gar Bob Marley im Hallenstadion und den Opernhauskrawall 1980.
Mit Beat Cadola gründete Tischhauser Anfang der achtziger Jahre Pirelli & The Pancakes. Aber die Zeit war noch nicht reif für die karge Besetzung mit Gitarre und Schlagzeug. «Wir haben an Kilbis einfach einen Stand gemietet, unser Zeug aufgebaut und gespielt. Allerdings haben die Auftritte meistens nicht lange gedauert und waren nicht so gefragt.» In der Kulti Wetzikon heuerten die Pirellis den Bassisten Martin «Heimi» Heimgartner an, und 1983 stiess Walter Milan alias Jerry Milano dazu. «Inzwischen hatten wir den Blues-Brothers-Film etwa dreissigmal gesehen, und zusammen mit Milano – einem absoluten Bühnentalent – verwursteten wir auch noch Italoschnulzen und Rock ’n’ Roll.»
«Klein bleiben, nicht anfüttern»
1992, nach einer guten, aber desaströsen Spanientournee und einem Monsterverlust, stieg Milano aus, und es folgten nur noch einige Benefizkonzerte, um die Schulden zu tilgen. 1994 gründete Tischhauser mit Jean et les Peugeots das Nachfolgeprojekt, und vier Jahre später zeichnete die Band in Havanna in den staatlichen Egrem-Studios – wie Ry Cooder – die CD «Gran Turismo» auf. Diese Band tritt noch heute auf, doch nur selten.
Irgendwoher musste aber schon früher das Geld herkommen. Mit den Brüdern Stefan und Christoph Vogler gründete Tischhauser 1982 die Agentur Tischhauser & Vogler. Sie waren mit «Werbung, Public Relations und Graphic Design» recht erfolgreich, für Tischhauser zu erfolgreich. Er wollte «klein bleiben, nicht alles machen und kritisch bleiben, wollte nicht nur noch Aufträge vorbereiten und ‹anfüttern›». Nach sechs Jahren verkaufte er seinen Anteil, um wieder Musik zu machen.
Musik und Jobs hiess sein neues Lebenskonzept. Dabei ist er geblieben. Er arbeitete als Schreiner im Umfeld der Burkhardts vom Theater Ticino in Wädenswil, hat an verschiedenen Orten gejobbt und 2003 eine Fünfzigprozentstelle beim Zürcher Schauspielhaus angenommen. Die Arbeit im Hausdienst des Schiffbaus ist kein Traumjob, aber der Rhythmus sagt ihm zu. Fünf Nächte Dienst am Stück, dann sieben Tage frei, ein langes Arbeitswochenende, dann wieder sieben Tage frei und alles von vorne: Das lässt ihm genügend Zeit für die Musik. Die Arbeit beginnt eine Stunde vor Vorstellungsbeginn und dauert, bis das Restaurant La Salle oder der Jazzclub Moods schliessen. Wenn jemand aus Versehen den Alarm auslöst und die Feuerwehr mit drei Lastwagen angebraust kommt – «die Feuerwehrleute alle voll auf Adrenalin, mit der Axt in der Hand» –, dann ist Tischhauser vom Hausdienst gefordert. Er muss den Hauptmann ausfindig machen – meist ein ruhiger älterer Herr – und informieren: «Fehlalarm. Kein Ereignis, zum Glück.» Dann kracht bei der Mannschaft das Adrenalin wieder runter.
Auf seinen nächtlichen Stadtspaziergängen nach der Arbeit, die bis zur Morgendämmerung dauern können – also dann, wenn Zürich am schönsten ist –, oder auf Wanderungen in den Bergen formt er den Blues im Kopf. «Aus einem Riff entsteht ein Song. Beim Laufen geht das wunderbar. Instant Blues, das kann ich gut. Nach einem Wochenende habe ich sieben neue Stücke gespeichert.»
Texte als «Nützlinge» der Musik
Tischhauser schreibt keine Musik, er spielt sie. Lakonisch meint er: «Es ist ja nur Blues.» Das hat ihn immer geärgert in seiner Jugend, wenn das jemand gesagt hat. Inzwischen nimmt er es gelassener, kokettiert beinahe damit. Auch zu Texten hat er sein eigenes Verhältnis, sie sind «Nützlinge» in seiner Musik. Er will nichts mitteilen, sondern eher eine Stimmung vermitteln. «Ich kann auch den Tom-Waits-Gang reinschmeissen, wenn es passt.» Waits gehört wie Captain Beefheart zu seinen grossen Vorbildern. Ein sich wiederholendes «Boogie Woogie, Boogie Woogie …» kann zum gesungenen Loop werden, einer Technik, die er auch mit Gitarre und Effektpedalen zu nutzen weiss. Dann wird Tischhauser zur One-Man-Band, die zu Hause im Wohnzimmer an den Stücken tüftelt und sich Material für zukünftige Programme erarbeitet.
Mit dem zwanzig Jahre jüngeren Luca Ramella aus Schaffhausen wagte er 2005 als Los Dos einen Neustart mit Gitarre und Schlagzeug. Die Zeit war reif. Die CD «Flying Home» haben sie 2006 an einem Nachmittag in der Luzerner Schüür eingespielt. Zwei Jahre später erschien das Konzeptalbum «Boogie», für das sich Tischhauser – geschminkt und mit unzähligen Perlenketten behängt – wie eine «Puffmutter» inszeniert. Seine Perlenketten hängen an der Garderobe: «Alles falsche, aber vielleicht schenkt mir mal jemand eine echte aus einer Erbschaft – da stauen sich ja die Perlen von den Grossmüttern.» Er mag die Verwirrung, die sein Auftreten mit einer solchen Kette hervorruft, und trägt sie seither regelmässiger, auf der Alp und im Schiffbau.
In der Zeit mit Los Dos reifte die Idee für eine Spaghettiwesternbluesplatte im Geist von Ennio Morricone. Tischhauser zeichnete eine ganze Reihe von musikalischen Ideen in seinem Wohnzimmerstudio auf zwei CDs auf. Die von ihm stilvoll gestalteten Verpackungen, ein «Bestechungsteil», erinnern an den Grafiker. Er gibt diese Aperçus an MusikerInnen als «Ideen» ab. Im Wohnzimmer wird dann gemeinsam etwas geprobt und später in der Innerschweiz aufgenommen.
«Hombres» von Los Dos & Orchestra ist im November erschienen. Im Untertitel ist zu lesen: «An imaginary motion picture soundtrack». Für 2012 möchte Tischhauser eine «schnelle Bluesplatte mit einem Trömmeler» und dem Titel «12 Bars» aufnehmen, und auf 2013 will er auf die grosse Tour mit dem Orchestra.
Man wünscht Tischhauser zu seiner Wohnung noch eine Veranda, damit er draussen sitzen und für die aufgehende Sonne seine «amerikanisch-karibisch-afrikanisch-pazifische insulare Musik» spielen kann.
Los Dos & Orchestra spielen in Ilanz im Cinema Sil Plaz am Montag, 26. Dezember, und im Theater Ticino Wädenswil von Donnerstag, 29., bis Samstag, 31. Dezember. Im Zürcher Exil sind sie bis auf weiteres jeden ersten Mittwoch des Monats zu hören. www.losdos.ch