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Proben ist feige!
Wie baut man eine Late Night Show, die trotz später Anfangszeit den Saal vollkriegt, und nun schon ein Jahr läuft? Die konservative Theatermethodik schlägt folgendes vor: Sechs bis acht Wochen Probezeit; ein fünf- bis sechsstelliges Budget; Tonnen an Kostümen; fettes Lightdesign; den gesamten Theaterboden um 2,5 cm wahlweise anheben oder absenken (kein Witz, war alles […]
Sechs bis acht Wochen Probezeit; ein fünf- bis sechsstelliges Budget; Tonnen an Kostümen; fettes Lightdesign; den gesamten Theaterboden um 2,5 cm wahlweise anheben oder absenken (kein Witz, war alles schon da); eine Regie wäre auch nicht schlecht; und sonst bitte keine anderen Verpflichtungen. «Zahnarzttermin? Drei Wochen vor der Premiere? Bist du wahnsinnig? Geht das nicht vor acht Uhr?» – «Wie? Der (unbezahlte) Statist will vier Wochen vor der Premiere für fünf Tage nach Norditalien? Ist mir egal ob das sein einziger Urlaub ist, so war das nicht besprochen! Ach doch? Also mir hat niemand was gesagt, wo ist der verdammte Regieassistent!!!» …
Oder:
Man kocht erst mal fett Nudeln. Redet. Hat keine Idee. Isst die Nudeln. Immer noch keine Idee. Isst weiter. Zeigt dem anderen auf Youtube etwas ganz Lustiges, z.B. Clips von Jon Stewart, Saturday Night Live, die wir zwar anhimmeln, aber nicht durchführen können, weil entweder haben wir keinen Blue-Screen, oder kein Budget. Oder beides. Diese Erkenntnis führt unweigerlich zu einer zweiten Portion Nudeln. Danach Ratlosigkeit, dann eine Zigarette, Trennung. Verabredung für den nächsten Tag.
Dominik geht zur Vorstellung. Romeo liest die Qualitätszeitung «20 Minuten», bevor er zur Abendprobe muss, er entdeckt die neueste Migros-Werbung – und muss lachen. Dominik sieht eine Wahlwerbung der CVP – und muss lachen. Dann gehen die Kopfmonologe los.
Spätestens um 23 Uhr ein Anruf: «Hey, ich hab die voll geile Idee!» – «Ich auch!» Gegenseitiges erzählen. Man findet die Idee des anderen nicht lustig. Diskussion über «was ist Lustig?» mit dem Ergebnis: «Okay, wenn du’s lustig findest, dann machen wir’s.» Und nach drei Tagen zwischen Proben und Vorstellungen und fünf Kilo Nudeln hat man plötzlich Material für drei Stunden. Mist. Zu lang. Diskussion über «Was kann man streichen.» Die Ideen des anderen, natürlich. Ein Anruf von Raoul (Musik). Er will wissen, was wir musikalisch geplant haben. Ach, ja, stimmt, Musik wollten wir auch machen. Na gut, dann streichen wir eben noch mehr vom Anfang. Am nächsten Tag mailt uns Raoul eine grossartige Idee. Für die macht man gern Platz. Kill your Darlings.
Zwei Tage vor der Aufführung letzte Änderungen an den Video-Clips von Captain Bananii und Justine Case. DVDs werden in Briefkästen hinterlegt. Man hat ja keine Zeit für persönliche Treffen.
Am Tag der Aufführung in der Lokremise. Um 18 Uhr geht Dominik mit der Technik den Ablauf für Licht und Ton durch. DVD geht nicht, Romeo fährt hektisch auf Dominiks Fahrrad hin und her, brennt die DVD nochmals und vergisst dabei, den Talkgast vom Bahnhof abzuholen. Um 19 Uhr Soundcheck. Wir proben die Lieder zum ersten Mal mit der Band. Dominik merkt, dass er keine schwarzen Socken dabei hat. Romeo hat seinen Gürtel vergessen. Dominik läuft nach Hause und überlegt nur ganz kurz, warum er sich all das antut. Romeo hat inzwischen den Talkgast zur Lokremise gelotst und zeigt ihm den Raum.
Um 20 Uhr fragt der Techniker, warum wir nichts über ein Mikrophon für den Gast erwähnt haben. Er fährt dankenswerterweise zum Theater und holt noch eins. Dann machen wir den restlichen Soundcheck eben kurz vor Beginn.
Dazwischen die Angst, dass niemand kommen wird und alles umsonst war.
Um 21 Uhr fragt Romeo bei der Kasse nach und erfährt, dass bereits achtzig Plätze reserviert sind. Um 21.30 Uhr sind 150 Karten weg. Um 21.54 merkt Dominik, dass er kein Haar-Gel hat und benutzt Romeos Haarspray. Um 21.59 Uhr ein Gefühl zwischen Wahn und Tod. Beruhigungsversuche mit einem Dextro Energy. Dominiks Frisur ist Beton. Der Saal ist fast ausverkauft. Dann beginnt der Abend mit der von Raoul extra komponierten Titelmusik. Let’s do it. Wir treten auf und denken an Nudeln. Aber das merkt zum Glück ja keiner.
Der Rest ist Geschichte und wird jedes Mal neu geschrieben.
Late Night LOK – Die Geburtstagsshow. 5. November, 22 Uhr, Lokremise.
von Dominik Kaschke