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Ein Leben in den Schweizer Alpen ohne Lawinenschutzmassnahmen ist undenkbar. Erste nachweisliche Bauten zum Schutz einzelner Gebäude stammen bereits aus dem 17. Jh. So liessen die Bewohner um 1600 in Leukerbad eine 4 m hohe und 80 m lange Lawinenleitwand oder in Davos ein Spaltkeil zum Schutz der Frauenkirche errichten (Abb. 1). Relativ früh wurden Gebäude auch mit Lawinenkellern, so genannten "Lawinengruften", versehen, wo die Bewohner bei Lawinengefahr Zuflucht suchten. Erste Lawinengalerien wie an der Simplonpassstrasse stammen von 1805. Die baulichen Schutzmassnahmen bestanden damals meist aus Mörtelmauerwerk. Im frühen 19. Jh. wurden erstmals Verbauungen im Lawinenanbruchgebiet erstellt – Mauern und Erdterrassen sollten verhindern, dass Lawinen überhaupt entstehen. Bis 1938 zogen sich gegen 1000 km solcher Bauwerke durch die Schweizer Alpen (Abb. 2). Coaz, einer der Pioniere im schweizerischen Lawinenschutz, erkannte schon um 1910, dass die erstellten Terrassen und Mauern für einen wirksamen Lawinenschutz zu niedrig waren (Abb. 3). Bereits um 1939 veröffentlichte das SLF erste wegweisende Erkenntnisse über die Schneedruckberechnung und untersuchte in Versuchsverbauungen am Dorfberg die Wirkung von verschiedenen Werktypen (Abb. 4 und 5).
Der Katastrophenwinter 1950/51 brachte das grosse Umdenken im Lawinenschutz. Innerhalb kurzer Zeit wandelten sich die Stützwerktypen von Mauern oder Terrassen zu schlanken, viel wirksameren Konstruktion aus Stahl, Aluminium, Holz, Drahtseilen oder Beton. Erhöhte Bundesbeiträge lösten eine wahre Flut von Verbauungsprojekten aus. Bis heute wurden seither mehr als 500 km Stützwerke erstellt. Stützverbauungen haben in der Schweiz die grösste Bedeutung im baulichen Lawinenschutz. Das SLF hat die Praxis und Industrie dabei von Anfang an in Form von Beratungen und Richtlinien unterstützt. Eine erste provisorische Richtlinie über den Stützverbau publizierte es 1955. Die aktuelle Version der Richtlinien zum Lawinenverbau im Anbruchgebiet von 2007 basiert auf einer mehr als 50 jährigen Entwicklungsgeschichte. Heute haben sich unter den Stützwerken Stahlschneebrücken (Abb. 6) und Schneenetze (Abb. 7) durchgesetzt. In Zusammenarbeit mit dem BAFU prüft das SLF neue Stützwerktypen.
Raumplanerische Massnahmen
Verbauungen sind jedoch nicht die einzigen Massnahmen, um vor Lawinen zu schützen. Ebenso wichtig ist eine nachhaltige Raumplanung auf der Grundlage von Gefahrenkarten. Das SLF erarbeitete bereits im Jahre 1960 eine der ersten Gefahrenkarten der Schweiz für die Gemeinde Wengen (Abb. 8). Die Gefahrenkarten wurden damals auf Grund von Expertenbeurteilungen auf der Basis von beobachteten Lawinenereignissen ohne Berechnungen erstellt. In der Lawinenperiode von 1968, wo insbesondere die Region Davos grosse Schäden und Todesopfer zu beklagen hatte, übertrafen etliche Lawinen die bestehenden Gefahrenzonen. Das SLF erarbeitete daraufhin Richtlinien für die Erstellung von Gefahrenkarten. Heute haben mehr als 80% der Gemeinden mit lawinengefährdeten Gebieten eine Gefahrenkarte.
Sich allein mit baulichen und raumplanerischen Massnahmen vor Lawinen zu schützen, genügt jedoch nicht und ist im Fall der baulichen Massnahmen auch sehr aufwendig. Heute lösen Sicherheitsverantwortliche in Berggebieten Lawinen deshalb vermehrt künstlich aus, um gefährdete Gebiete zu schützen. Das kombinierte Vorgehen gegen Lawinen wird als sogenannter Integraler Lawinenschutz bezeichnet. Integraler Lawinenschutz bedeutet, dass waldbauliche, raumplanerische, technische und organisatorische Schutzmassnahmen aufeinander abgestimmt werden, um das Lawinenrisiko effizient auf ein Minimum zu verringern. Der Lawinenwinter 1999 hat gezeigt: der integrale Lawinenschutz bewährt sich. Ein wichtiger Teil dabei ist die rechtzeitige Warnung vor drohenden Naturereignissen. Mit der vom SLF entwickelten „Gemeinsame Informationsplattform Naturgefahren GIN“ ist diesbezüglich ein weiterer Meilenstein erreicht. Dort bieten die für Naturgefahren zuständigen Bundesstellen (BAFU, MeteoSchweiz, SLF und SED) ihre Mess- und Beobachtungsdaten, Vorhersagen, Warnungen, Modelle und Bulletins erstmals auf einem gemeinsamen Internet-Portal für die Sicherheitsverantwortlichen in Bund, Kantonen und Gemeinden an.