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L’approche actionnelle est devenue un paradigme de la politique européenne des langues étrangères. Toutefois, elle n’a pas encore pu s’imposer totalement, notamment dans l’enseignement de la littérature en allemand langue étrangère au niveau secondaire II. Fort de ce constat, Luc Fivaz a étudié la situation de l’enseignement de la littérature au niveau secondaire II dans le canton de Vaud dans sa thèse de doctorat. Avec « l’agir littéraire », il présente un concept permettant de concilier approche actionnelle et enseignement de la littérature. Entretien.
Nach einem Studium an der Universität Lausanne und der Pädagogischen Hochschule Waadt war Luc Fivaz zehn Jahre lang als Lehrperson für Deutsch als Fremdsprache und vier Jahre lang als Praxisausbildner am Gymnasium Bugnon in Lausanne tätig. Seit bald vier Jahren ist er nun als Lehrbeauftragter an der PH Waadt angestellt. In seiner soeben verteidigten Doktorarbeit präsentiert er das Konzept des „agir littéraire“ und dessen Auswirkungen auf den Unterricht und kommt zum Schluss, dass es durchaus möglich ist, im handlungsorientierten Literaturunterricht literarische Kompetenzen zu erlangen.
CeDiLE: Was ist unter dem Begriff „agir littéraire“ zu verstehen? Und was hat Sie dazu gebracht, dieses im Rahmen des handlungsorientieren Ansatzes zu untersuchen?
Luc Fivaz: Zuerst muss vielleicht erwähnt werden, dass der Begriff des „agir littéraire“ bisher nicht existierte. Ich habe den Begriff in Anlehnung an Christian Puren, Didaktiker für Französisch und Spanisch als Fremdsprache, kreiert. Er definiert nämlich das „agir“ folgendermassen: „Ce qui est fait volontairement pour enseigner et pour apprendre: activité, action, tâche, exercice“. Drei Dimensionen können dabei unterschieden werden: eine diachronische, eine soziale und eine didaktische Dimension.
Diachronisch bedeutet, dass die verschiedenen Methoden der Fremdsprachendidaktik im Laufe der Zeit verglichen werden können: die Grammatikübersetzungsmethode, die direkte Methode, die kommunikative Wende und der handlungsorientierte Ansatz. Mit der sozialen Dimension wird umschrieben, dass der gesellschaftliche Umgang mit Literatur je nach Epoche verschiedenen sozialen Zwecken dient. So wurden zum Beispiel im 19. Jahrhundert kanonische Texte und zu Beginn des 20. Jahrhunderts literarische Texte gelesen und besprochen. Heute hingegen werden Booktubes erstellt und literarische Kritiken verfasst. Die didaktische Dimension schliesslich umfasst die methodischen Elemente des Handelns in der Schule.
Der handlungsorientierte Ansatz ist das aktuelle Paradigma in der Fremdsprachendidaktik in Europa und der Schweiz seit dem Erscheinen des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GERS) vor 20 Jahren. Aber auch wenn der Europarat 2018 einen Begleitband mit neuen Deskriptoren veröffentlicht hat, in dem der Anteil an Literatur grösser ist, kann festgestellt werden, dass methodischen Hinweise im Bereich Literatur nur spärlich vorhanden sind. Deshalb war mir wichtig, Literatur im aktuellen Paradigma didaktisch und methodisch stärken einzubeziehen. Der Begriff „agir littéraire“ ist ein Versuch in diesem Sinn.
Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass auch wenn der Lehrplan zwar einen handlungsorientierten Ansatz vorsieht, es den Lehrpersonen schwerfällt, einen handlungsorientierten Literaturunterricht zu gestalten, da es an didaktischen und methodischen Werkzeugen fehlt.
Eine Pionierarbeit also. Können Sie die Situation rund um den Literaturunterricht auf gymnasialer Stufe im Kanton Waadt beschreiben?
Als ehemaliger Lehrer und Praxisausbildner Deutsch als Fremdsprache in einem Gymnasium im Kanton Waadt habe ich bemerkt, wie wichtig der Literaturunterricht auf gymnasialer Stufe ist. Mindestens eine Stunde (von drei bzw. vier) pro Woche während der drei Studienjahre ist der Literatur gewidmet. Zudem ist die Literatur Teil der mündlichen und schriftlichen Maturaprüfungen.
Die hohe Autonomie der Lehrpersonen im Kanton Waadt ist eine wichtige Komponente. Jedes Gymnasium, ja jede Lehrperson organisiert seine bzw. ihre eigenen Prüfungen. Am Gymnasium, an dem ich unterrichtete, hatten meine Lernenden z.B. nicht dieselben Fragestellungen wie die Lernenden meiner Kolleg*innen. Jede Lehrperson war selbst verantwortlich für die Auswahl der literarischen Texte und der Prüfungsfragen. Das lässt den Lehrpersonen zwar viel Freiraum, die Autonomie kann aber auch eine Bremse für die Kooperation mit anderen Lehrpersonen sein. Dies führte u.a. zur Fossilisierung der traditionellen Praxis (z.B. Textanalyse mit Fragebogen und Frontalunterricht). Die Lernenden haben so zudem die Tendenz, an den Prüfungen genau das wiederzugeben, was die Lehrperson gesagt hat.
Als Praxisausbilder konnte ich diese traditionellen Praktiken auch bei meinen Praktikant*innen beobachten. Der Literaturunterricht fokussiert oft darauf, den Lernenden die Texte so zu vermitteln, wie sie von den Lehrenden verstanden werden, und weniger auf die Konstruktion von literarischer Bedeutung. Bereits als Gymnasialschüler war mir klar, was das für Folgen hat: Gute Schüler*innen bleiben gut und Schüler*innen mit schulischen Schwierigkeiten bleiben ungenügend im Literaturunterricht. In beiden Fällen findet jedoch kein literarisches Lernen statt.
Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass auch wenn der Lehrplan zwar einen handlungsorientierten Ansatz vorsieht, es den Lehrpersonen schwerfällt, einen handlungsorientierten Literaturunterricht zu gestalten, da es an didaktischen und methodischen Werkzeugen fehlt.
Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Studie?
Das Ziel meiner Studie besteht darin, die Kluft zwischen Theorie und Praxis zu verringern. Die Paradigmen der Handlungs- und Kompetenzorientierung sind auf der theoretischen Ebene etabliert, bei der Umsetzung in die Praxis hapert es aber. Die Praxis gestaltet sich sehr oft noch text- und lehrpersonenzentriert. Mit dem „agir littéraire“ versuche ich, den Lehrpersonen mit didaktischen und methodischen Elementen einen neuen Unterrichtsstil zu zeigen.
Darüber hinaus versuche ich, die Literaturdidaktik im Kontext des Kantons Waadt wissenschaftlich zu erforschen. Bis jetzt sind fast keine Studien im Bereich Literaturdidaktik in der Fremdsprachendidaktik im Kanton Waadt vorhanden. Ich habe mich also auf Beiträge zur Literaturdidaktik im französisch- und deutschsprachigen Raum gestützt. Zudem habe ich das Archiv des Literaturunterrichts im Kanton Waadt durchforstet, um das „agir littéraire“ anhand empirischer Daten im Waadtländer Kontext zu untersuchen. Meine Dissertation ist sozusagen eine Pionierarbeit auf diesem Gebiet im Kanton Waadt.
Welche Forschungsfragen haben Sie besonders interessiert?
Meine zentrale Frage lautet: Was bedeutet „agir littéraire“ in einem handlungsorientierten Ansatz für angehende Lehrpersonen Deutsch als Fremdsprache in der Sekundarstufe II, die an einem Mentoringprogramm teilnehmen?
Diese Frage verbindet Praxis und Wissenschaft: Einerseits geht es darum, die Bedeutung des Konzepts im handlungsorientieren Ansatz für die Lehrpersonen und die Auswirkungen auf den Unterricht zu untersuchen. Andererseits geht es aber auch um die Bedeutung des Konzepts in Bezug auf die Reflexion des erteilten Unterrichts (z.B. welche Elemente meiner Lektion waren handlungsorientiert, welche traditionell geprägt?).
Wie sind Sie vorgegangen, um Antworten auf diese Frage zu finden?
Ich habe im Laufe des Frühlingssemesters 2017 ein Programm zur Begleitung literarischer Praktiken in einem handlungsorientierten Unterricht an der PH Waadt entwickelt. Vier angehende Lehrpersonen für Deutsch als Fremdsprache auf der Sekundarstufe II haben jeweils drei Lektionen unterrichtet und reflektiert.
Für die Auswertung habe ich eine qualitative Inhaltsanalyse durchgeführt. Die gefilmten Lektionen sowie die anschließenden halbdirektiven Interviews wurden nach einer deduktiven und induktiven Methode kodiert, analysiert und interpretiert, um die Bedeutung des „agir littéraire“ für die Teilnehmer*innen zu eruieren.
Und zu welchem Schluss sind Sie gekommen?
Die Resultate zeigen einerseits, dass der handlungsorientierte Literaturunterricht vielfältige und unterschiedliche Praktiken bietet. In den zwölf beobachteten Unterrichtsstunden werden sehr unterschiedliche Aktivitäten durchgeführt. Beispiele hierfür sind: Gespräche erfinden auf der Basis einer Stelle eines gelesenen literarischen Textes, die Fortsetzung eines Kapitels erfinden, einen Comic erstellen oder einen Trailer kreieren.
Andererseits zeigen die Ergebnisse, dass die Lernenden im handlungsorientierten Literaturunterricht durch die kooperativen Lernformen und die aktive Begleitung durch die Lehrpersonen eine hohe Aktivität aufweisen. Die unterrichteten Lektionen stellten die aktive Beteiligung der Lernenden mithilfe von kreativen Aufgaben in den Vordergrund und liessen ihnen so viel Freiraum bei der Umsetzung.
Darüber hinaus habe ich festgestellt, dass die Bedeutung des „agir littéraire“ im handlungsorientierten Ansatz durch einen methodischen Pluralismus gekennzeichnet ist: Handlungsorientierter Literaturunterricht enthält auch methodische Elemente anderer Methoden. Es geht nicht mehr darum, sich in ein methodisches Paradigma zu integrieren und die vorigen aufzugeben, sondern methodische Elemente verschiedener Ansätze auszuwählen, zu verknüpfen oder zu kombinieren, je nach Aufgabe.
Unterstützen Sie die literarische Bedeutungsbildung Ihrer Schüler*innen und stellen Sie nicht Ihre eigene Interpretation in den Vordergrund.
Die Ergebnisse zeigen darüber hinaus ein Zusammenspiel der rezeptiven und produktiven Fertigkeiten in einem Kontinuum von nicht-integrativer über halb-integrativer bis hin zu integrativer Arbeit an sprachlichen Fertigkeiten. Wenn die rezeptive Arbeit nicht mit der produktiven Arbeit verknüpft ist, ist das „agir littéraire“ in einer nicht-integrativen Perspektive verortet, egal in welchem Ansatz (traditionell oder handlungsorientiert) man sich befindet. Wenn eine Verknüpfung zwischen den Fertigkeiten vorhanden ist, befindet sich das „agir littéraire“ in einer integrativen Perspektive. Wenn die Verknüpfung nicht von Beginn an da ist, sondern erst im Verlauf der Lektion hergestellt wird, situiert sich das „agir littéraire“ in einer halb-integrierten Perspektive. Diese halb-integrierte Perspektive scheint ein Kompromiss zwischen dem Übergang von einem traditionellen zu einem handlungsorientierten Literaturunterricht zu sein. Betrachtet man die Abbildung unten, zeigt sich ein differenziertes „agir littéraire“: Von einem traditionellen Literaturunterricht, der den Schwerpunkt auf den Text legt, bis zum handlungsorientierten Literaturunterricht, der den Schwerpunkt auf die Aufgabe legt.
Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Nicht integriert bedeutet eine Lektüre, bei der der Text gelesen wird und Fragen der Lehrperson beantwortet werden. Der literarische Text steht im Vordergrund und das Ziel des Unterrichts ist es, die immanente Bedeutung des Textes zu entschlüsseln, also am Textverständnis zu arbeiten.
Im Gegensatz dazu bedeutet integriert ein handlungsorientiertes Lesen, indem z.B. ein Interview mit dem*r Autor*in des literarischen Textes geführt wird oder ein Klappentext zu einem literarischen Text geschrieben wird. In dieser Perspektive ist die Involviertheit der Schüler*innen wichtig. Es geht nicht mehr darum, am Textverständnis zu arbeiten, sondern literarische Kompetenzen zu entwickeln, indem die Bedeutung eines literarischen Textes durch die Beteiligung der Schüler*innen aufgebaut wird.
Was bedeuten diese Resultate für Fremdsprachenlehrpersonen auf der Sek II-Stufe? Haben Sie einen Tipp für sie?
Diese Ergebnisse sind sehr erfreulich und zeigen, dass es möglich ist, literarische Kompetenzen in einem handlungsorientierten Paradigma zu entwickeln.
Mein Tipp für die Fremdsprachenlehrpersonen wäre der Folgende: Wagen Sie sich an neue Aktivitäten, indem Sie Ihren Unterricht abwechslungsreich gestalten. Das Wichtigste ist: Unterstützen Sie die literarische Bedeutungsbildung Ihrer Schüler*innen und stellen Sie nicht Ihre eigene Interpretation in den Vordergrund.
Wie geht es nun für Sie weiter? Was wären Forschungsfragen, welche noch geklärt werden müssen?
Ich setze meine Tätigkeit an der PH Waadt als Lehrbeauftragter fort und erteile seit dem Herbstsemester 2021 die Seminare für angehende Deutschlehrkräfte der Sekundarstufe II. Eine interessante und dringende Forschungsfrage betrifft aus meiner Sicht die Konstruktion der literarischen Bedeutung(en): Wie wird sie von den Lehrpersonen didaktisch und methodisch unterstützt? Das würde ich gerne in einem nächsten Forschungsprojekt untersuchen.
Referenzen:
Puren, C. (2014). Approche communicative et perspective actionnelle, deux organismes méthodologiques génétiquement opposés… et complémentaires. S. 3. https://www.christianpuren.com/mes-travaux/2014a/
Fivaz, L. (2022). L’agir littéraire dans la perspective actionnelle en classe d’allemand langue étrangère dans les gymnases vaudois : Analyse de pratiques enseignantes tirées d’un dispositif d’accompagnement de type collaboratif [A paraître]. Bern: Peter Lang.