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Am 10. Dezember 2014 hat der Verwaltungsrat der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) den amtierenden Chefredaktor Markus Spillmann entlassen. Kurz darauf wurde klar, dass nach dem Willen dieses Verwaltungsrates der blochernahe Chefredaktor der Basler Zeitung, Markus Somm, die Leitung der NZZ übernehmen sollte. Mag sein, auch wegen des sofortigen solidarischen Protestes von NZZ-KorrespondentInnen und -RedaktorInnen bestätigte Somm am 15. Dezember zwar Gespräche mit dem Verwaltungsrat, teilte aber mit, als Chefredaktor nicht zur Verfügung zu stehen.
Wie anders sollte man diesen Vorgang deuten denn als Angriff des ungekrönten SVP-Königs Christoph Blocher auf das ideologische Herzstück des schweizerischen Freisinns? Und wenn es so wäre: Was bedeutet dieser Angriff anderes als einen weiteren strategischen Schritt Blochers zur Berlusconisierung der (deutsch-)schweizerischen Medienöffentlichkeit?
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Berlusconisierung muss in der Schweiz demnach Blocherisierung heissen, und meint so oder so zweierlei, nämlich Medienmacht und Medienpopulismus.
• Medienmacht: Mit der Übernahme der NZZ (und der längerfristigen Strategie, über die NZZ-Gruppe auch grösseren Einfluss auf die Medienplätze Ostschweiz und Innerschweiz zu gewinnen) hätte Blocher nach der «Weltwoche» (ab 2001) und der «Basler Zeitung» (2010) den Einfluss auf die Printmedienöffentlichkeit entscheidend gestärkt. Dass die SVP diese Medienmacht braucht, um in der Europa- und der Ausländerpolitik eine stabile Mehrheit der FDP Schweiz auf ihre Linie zu bringen, liegt auf der Hand.
• Medienpopulismus: Der Begriff wird vom italienischen Philosophen Maurizio Ferraris als System charakterisiert, «in welchem man (vorausgesetzt, dass man die Macht dazu hat) verlangen kann, alles Mögliche glauben zu machen». Beim Medienpopulismus gehe es um die mediale Umsetzung des Nietzsche-Wortes: «Thatsachen giebt es nicht, nur Interpretationen.» Es gehe darum, die Objektivität des Realismus mit dem Antirealismus des Mythos zu überwinden; darum, die Wirklichkeit als «System ohne Alternative» zu präsentieren, in dem gelte: «Die Vernunft des Stärkeren ist immer die beste.»[1]
Für Ferraris ist diese Charakterisierung des Medienpopulismus bloss eine Nebenbemerkung bei seinem weitreichenden Versuch, einen «Neuen Realismus» zu postulieren gegen die Behauptung der Postmoderne, dass «eine Wirklichkeit ‘da draussen’ nicht existiert». Er stellt klar, dass die postmodernen Dekonstruktionen zwar mit «emanzipatorischen Hoffnungen» verbunden gewesen seien, jedoch: «Das, wovon die Postmodernen geträumt haben, haben die Populisten verwirklicht.»
Mit den diskursiven Strategien der Ironisierung, Entsublimierung und Entobjektivierung werde «jede Autorität des Realen […] aufgehoben und an seiner Stelle […] eine Quasiwirklichkeit mit stark märchenhaften Elementen [errichtet].» Diese Quasiwirklichkeit fasst Ferraris mit dem Begriff «Realitysmus».
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Während der Lektüre von Ferraris’ «Manifest des neuen Realismus» habe ich zu meinem Vergnügen auf einem Notizzettel eine Weltgeschichte des «Realitysmus» skizziert – einer Geschichte des Problems, Macht, Wahrheit und Wirklichkeit möglichst kongruent erscheinen zu lassen, um Herrschaft zu legitimieren. Eine solche Geschichte müsste vier Zeitalter abhandeln:
1. Das Zeitalter der Lügenbekämpfung. – Seit es Mächtige gab, galt die längste Zeit als unhinterfragbar: Was mächtig ist, ist wahr. Wer diese Wahrheit anzweifelte, konnte das in dieser Logik nicht anders, als indem er log. Lügner – in religiösen Dingen als Häretiker bezeichnet – brachte man zum Schweigen.
2. Das Zeitalter der Wahrheitsbekämpfung. – Eine der wirkungsvollsten Herrschaftstechniken dieser Mächtigen war die Arkanisierung der eigenen Praxis. Diese Geheimhaltungsstrategie war naturgemäss anfällig auf Indiskretionen. Darum war immer weniger die ausgesprochene Lüge, sondern die ausgesprochene Wahrheit das Problem. Sie versuchte man mit Zensur zum Schweigen zu bringen und wenn das nicht reichte, mit der Waffe.
3. Das Zeitalter der narrativen Versatzstücke. – Als es im Kalten Krieg um den Machtkampf zwischen ideologischen Systemen ging, war das Problem immer weniger das Fürfalschhalten oder Fürwahrhalten einzelner Fakten. Das Problem war nun, dass über zusammenhängende Aspekte der Wirklichkeit opportune Deutungen durchgesetzt werden mussten (wobei aus Plausibilitätsgründen die verwendeten Einzelfakten sehr wohl stimmen durften, solange sie ins Konzept passten). Man könnte dieses Zeitalter als jenes der Manipulation bezeichnen.
4. Das Zeitalter der Totalnarration. – Dieses Zeitalter basiert auf der elektronischen Revolution und ist darauf angewiesen, Wirklichkeit als Reality grossflächig virtualisieren und so entwirklichen zu können. Noch vor einem Vierteljahrhundert präsentierten sich im öffentlichen Raum höchstens Junkies derart weggetreten, wie es die Kopfhörergeneration heute zunehmend flächendeckend tut. Aus diesen Kopfhörern tönt vieles, aber alles bedeutet: Ausserhalb der unbeeinflussbaren Narration der Reality gibt es keine politikable Realität – und damit keinen Grund, als Konsumjunkie die Kopfhörer überhaupt noch je abzulegen.
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Im Zeitalter der Totalnarration – dies meine These – versucht der Medienpopulismus, die gesellschaftspolitische Realität als Computergame zu inszenieren; als Game notabene, das auch gehobenen intellektuellen Ansprüchen etwas bieten soll. Das Game ist realitätsnah, abwechslungsreich, fordernd und unterhaltend. Eigentlich ist alles wie im richtigen Leben, bloss: Dort, wo in der Wirklichkeit die unhintergehbare Offenheit der Zukunft beginnt, liegt im Game die ewige Gegenwart der unveränderbar gesetzten Spielregeln.
Das Computergame des Medienpopulismus könnte hierzulande den Namen «achtung: die schweiz 2.0» tragen. Das Spielfeld ist deckungsgleich mit den Landesgrenzen. Für den Rest der Welt gilt: Nichtspieler Maul halten! Für die Eingeschlossenen dagegen: Wenn du klug bist, spielst du mit. Das Narrativ des Spiels funktioniert wie ein Entwicklungsroman: Zu Beginn bist du zum Beispiel ein gottgefälliger Pfarrerssohn, ausgestattet mit einem bescheidenen Startkapital. Ziel des Spiels: Räume so viele Feinde aus dem Weg, dass Du innert vierzig Spieljahren sechs Milliarden angehäuft, das Gameland im Griff hast und niemand öffentlich dein gottgefälliges Leben in Frage stellt. Gratistipp: Du erreichst dein Ziel einfacher, wenn du die Medien des Landes mit Geschichten bedienst, die das Publikum niederschwellig ansprechen und wenn nicht direkt für deine Ziele einnehmen so doch deine Spielstrategie nicht stören.
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Mitte Dezember 2014 hat nun ein Nerd an seiner Spielkonsole auf Schloss Rhäzüns beim Gamen mit «achtung: die schweiz 2.0» aufgrund einer Fehleinschätzung einen schwachen Zug gemacht. Der Nerd verwechselte die NZZ mit einer dieser Forumszeitungen, deren Redaktionen schon seit vielen Jahren den Opportunismus gegenüber dem Lesemarkt zur einzigen politischen Linie gemacht und sich mit der hohen Kunst der Sowohl-als-auch-Publizistik im Bewusstsein geübt haben, dass es Tatsachen nur insofern gibt, als sie in Kommentaren interpretiert werden können als das, was sie für den Abostand sein müssen: Von links bis rechts unbestreitbar Sowohl-als-auch.
Der Nerd von Rhäzüns hat lernen müssen: Die NZZ ist anders. Bloss wie? Ganz einfach: konservativ wie eh und je! Bloss heisst das eben heute auch: Diese Zeitung ist immer noch dem Journalismus des 20. Jahrhunderts verpflichtet. Ihre Redaktion versteht sich nach wie vor als einen Teil der vierten Gewalt im Staat, inhaltlich wirtschaftsliberal und nicht sehr weitsichtig, wenn es um die Nachteile des grenzenlosen Kapitalismus geht, aber daneben einer Aufklärung verpflichtet, die sie als den «Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit» versteht, wie das eben seinerzeit Bildungsprivilegierte am Gymnasium noch gelernt haben.
Als Arrièregarde hat die NZZ-Redaktion gegen den medienpopulistischen Realitysmus ihres Verwaltungsrates einen heute schon fast vergessenen Journalismus verteidigt: die hartnäckige Kleinarbeit der Kritik an den Tatsachen gemäss einer redaktionellen Linie. Nie hat mir die NZZ – wenn sie Flagge gezeigt hat – mehr Eindruck gemacht als diesmal. (1.1.2015)
Hier und im folgenden: Maurizio Ferraris: Manifest des neuen Realismus, Frankfurt am Main (Vittorio Klostermann) 2014, insb. 16-32, sowie ders.: Was ist der Neue Realismus?, in: Markus Gabriel [Hrsg.]: Der Neue Realismus, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2014, 52-75, insb. 54 f.