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05.10.2015 - Maja Petzold
05.10.2015
Maja Petzold
Das verborgene Leben der Pflanzen
Eine erschütternde Familiengeschichte aus dem modernen Korea. Nach und nach kommen Verletzungen und Traumata ans Licht. – Wie geht die Familie damit um?
Der Roman des koreanischen Schriftstellers Lee Sung-U „Das verborgene Leben der Pflanzen“ erhielt vom deutschen Verlag den Untertitel: „Der Weg aus dem Schweigen – eine Familie und ihre Geheimnisse.“ Die Handlung spielt wahrscheinlich in den 1980er Jahren, als Südkorea noch unter der Militärdiktatur litt. Wir lesen die Geschichte aus der Perspektive des jüngeren Bruders. Er hatte sich wie viele Jugendliche nach seiner Schulzeit „herumgetrieben“, wie er selbst sagt, vor allem wollte er aus der Enge seines Elternhauses ausbrechen. Ohne etwas Erwähnenswertes erreicht zu haben, kehrt er nach fünf Jahren zurück und ist entsetzt: Sein älterer Bruder, den er immer bewundert hat, ist zur Bewegungslosigkeit verurteilt, denn er hat als Soldat beide Beine verloren. Zum Militärdienst war er nach studentischen Demonstrationen gezwungen worden.
Lee Sung-U
© LTI Korea/wikimedia.commons.org
Die politische Lage des Landes wird fast mit keinem Wort erwähnt. Um den Hintergrund zu verstehen, lohnt es sich aber, einen Blick in die Geschichte zu tun: Korea wird 1948 nach knapp vierzig Jahren japanischer Fremdherrschaft unabhängig, aber es folgt der Koreakrieg, der das Land in zwei Teile teilt. Seit den 1960-70er Jahren herrschten Militärregimes. Dagegen protestierten vor allem Studenten und junge Leute. Diese Demonstrationen, besonders der Aufstand 1980, wurden vom Militär äusserst brutal niedergeschlagen. Mit dem ansteigenden Wirtschaftswachstum gelang es, Südkorea in einem vorsichtigen Prozess von der Diktatur zur Demokratie zu führen.
Obwohl der Jüngere vorher nicht die Absicht hatte, daheim zu bleiben, sieht er nun die Notwendigkeit, in der Familie Verantwortung zu übernehmen. Aus Mangel an „besseren“ Ideen hatte er ein Büro als Privatdetektiv eröffnet. Der erste und bis auf weiteres einzige Auftrag, den er per Telefon erhält, stürzt ihn in Zweifel: Er soll seine Mutter beschatten. Dass sie es ist, findet er schnell heraus – wer der Auftraggeber ist, bleibt bis ans Ende unklar. Es wird aber auch immer unwichtiger. Denn der junge Mann, der in der Welt herumgezogen ist und dem seine Familie nicht viel bedeutete, muss erkennen, was die beiden Brüder und ihre Eltern miteinander verbindet. Die allmähliche Aufdeckung dessen, was bisher verschwiegen worden war, nimmt schnell dramatische Ausmasse an. Aus dem „Ausspionieren“ der Mutter entwickelt sich im Laufe des Romans die stützende Rolle des Jüngeren, nachdem auch er sich seiner früheren psychischen Verletzungen bewusst geworden ist und sie ablegen kann.
Die grössten Belastungen muss der ältere Bruder ertragen, denn er hat seine Selbständigkeit verloren und sieht als Musiker und Komponist keine Zukunft mehr. Er hat auch seine Freundin verloren, eine strahlende junge Sängerin, in die auch der Jüngere verliebt war. Auch die Eltern sind durch ein früheres Ereignis in ihren Rollen festgefahren. Die Mutter führt ein Restaurant; der Vater, der meistens schweigt, kümmert sich ein wenig um Haus und Garten, zieht sich aber fast immer zurück. Nur wenn der invalide Sohn in seiner Verzweiflung einen wilden Ausbruch hat, hilft er ihm und räumt sein Zimmer wieder auf. Diese Ausbrüche entstehen oft aus sexueller Frustration und terrorisieren die ganze Familie. Um den älteren Sohn davon zu entlasten, trägt die Mutter ihn von Zeit zu Zeit in ein Bordell. Der Auftrag, den der Jüngere erhalten hat, beginnt mit der Beobachtung eines solchen „Ausflugs“.
Der Vater nimmt im Laufe des Romans eine wesentliche Rolle ein. Seine Beschäftigung mit Pflanzen und Bäumen spielt darauf an, dass er die Gefühle in der Familie wahrnimmt und darauf – wie Pflanzen – wortlos, aber spürbar reagiert. Am Ende ist er es, der für die Familie kocht. Damit lässt er einen neuen Raum entstehen, in dem alle sich zusammenfinden können.
Lee Sung-U (*1959) studierte christliche Theologie. Der christliche Aspekt kommt nur unausgesprochen im Roman vor, abgesehen davon, dass der jüngere Sohn auf dem Weg in sein Elternhaus einen Pfarrer trifft, der ihm als erster von dem schweren Unfall des älteren Bruders erzählt. Auch der Schluss soll wohl auf Versöhnung als christlichen Wert hinweisen.
Lee Sung-U lehrt neben seiner Arbeit als Schriftsteller Koreanische Literatur an der Universität von Chosun im Südwesten des Landes. Seine Bücher sind in Frankreich schon seit mehr als 10 Jahren bekannt, dies ist die erste Übersetzung ins Deutsche. Der Roman ist sehr nüchtern geschrieben, ein Kontrast zu den starken Gefühlsausbrüchen. Ist dies der Übersetzung aus der fremden Sprache geschuldet oder hat der Autor bewusst diese trockene Erzählweise gewählt? Trotzdem kann man sich, je länger man liest, dem Sog der Handlung kaum mehr entziehen.
Lee Sung-U, Das verborgene Leben der Pflanzen.
Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
Unionsverlag, 2014, 224 Seiten
ISBN 978-3-293-00471-9
Das Buch ist in der Reihe „Der Andere Literaturclub“ erschienen, einem Zweig von artlink, Büro für Kulturkooperation. Ziel von artlink ist es, Kunstformen, Künstler und Künstlerinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa bekannt zu machen sowie die Arbeit der in die Schweiz eingewanderten Kulturschaffenden zu unterstützen. Dies als Ausdruck einer der Welt gegenüber offenen Schweiz, die in der interkulturellen Zusammenarbeit eine Chance wahrnimmt, eurozentristische Haltungen zu relativieren, den Respekt vor anderen Formen, Traditionen und Wertesystemen zu fördern und die Welt auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.