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Julie Schmidt hiess die Frau. Besser: Als Julie Schmidt gab sie sich aus. Und sie schickte einem Freund von mir vorige Woche folgende Nachricht, wörtlich: «Alt, jung, mir ist egal, was der Status jetzt ist. Das wichtigste, was Sie schlafen Wagen, ich kann mich puasin, fühlte ich mich glücklich. Machen Sie etwas jung, wenn Sie nicht machen können Frauen unzufrieden … Kontaktieren Sie mich hier, um fuck … Sie sind hier richtig.» Das Ganze garniert mit einer Webadresse. Besagter Freund, muss man wissen, ist ein bekannter Schriftsteller. Er leitete mir das unzweideutige Angebot dieser Julie weiter und kommentierte: «So sollte man schreiben können!»
Ein solcher Scherz kann mir einen ganzen Tag versüssen. «So sollte man schreiben können!», schreibt das Kalb. Wie ich jetzt auf «das Kalb» komme? Vermutlich wegen Klaus Schädelin. Schrieb der nicht in «Mein Name ist Eugen» zuweilen: «… das Kalb»? Und wo wir vergangene Woche bei den Fragen waren, die ich mir so stelle, wenn der Tag lang ist: Warum finde ich es beim Gewichtestemmen weniger anstrengend, wenn ich statt von 1 bis 25 von 25 bis 1 rückwärts zähle? Und warum fällt mir, wann immer im Fernsehen Leichtathletik gezeigt wird, Renaldo Nehemiah ein? Erinnerst du dich?
Ich mich schon. Denn ich weiss noch genau, wo ich am 19. August 1981 war. Im alten Letzigrund-Stadion. Ausflug des Turnvereins Wohlen bei Bern ans Leichtathletikmeeting. Und dieser Nehemiah, der erste Mensch, der die 110 Meter Hürden in weniger als 13 Sekunden gelaufen war, verbesserte an dem Abend den Weltrekord auf 12,93 Sekunden.
Der Kerl muss uralt sein, es ist 36 Jahre her … Falsch. Nehemiah ist 58-jährig, und wenn man ihn so googelt: Ihm scheint es gut zu gehen. Obschon er ein Pechvogel war. Zwei Mal war er für die Olympischen Spiele hochfavorisiert, zwei Mal verpasste er sie: 1980, weil seine USA die Spiele in Moskau boykottierten. Vier Jahre später, in Los Angeles, weil ihn der Werbevertrag mit einer Sportschuhfirma um den Amateurstatus und somit um die Teilnahme brachte. Dafür wechselte er zum American Football und gewann mit den San Francisco 49ers das Spiel der Spiele, den Super Bowl.
Eigenartig ist, wie genau ich mich an Nehemiahs Zürcher Rekordlauf erinnere. Ich weiss sogar noch, dass an einem seiner Schuhe die Bändel lose waren. Dabei sassen wir auf der Gegengeraden, ich kann es gar nicht mitbekommen haben. Am selben Abend lief Sebastian Coe übrigens Weltrekord über eine Meile. Das habe ich nun nachgelesen, ich hatte es komplett vergessen. Warum die Wahrnehmung des Menschen so selektiv ist? Man müsste Julie Schmidt fragen können.