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Micky-Maus-Comics aus Zürich
Seit 1951 erscheint in Deutschland das «Micky Maus Magazin». Doch lange davor veröffentlichte die Zürcher Druckerei Bollmann mit der «Micky Maus Zeitung» die erste deutschsprachige Disney-Comicserie. Wenn auch mit wenig Erfolg.
Kleine Druckerei an der Limmat
Die 1880 gegründete Buchdruckerei Jacques Bollmann AG hat ihren Sitz am Unteren Mühlesteg in Zürich (zwischen dem heutigen Mühlesteg und der Bahnhofbrücke) und wird in den 1930er-Jahren von Emma Regina Bollmann und ihrem Bruder Ernst geführt. Die Druckerei veröffentlicht Jahresberichte, Studien, Zeitungen, Atlasse, Stadtkarten und vieles mehr.
Auf einer Italienreise lernt Ernst Bollmann erstmals die Comics von Disney kennen und erkennt, dass die lustige Maus der Druckerei vielleicht aus ihren finanziellen Schwierigkeiten heraushelfen kann. Als Folge der Weltwirtschaftskrise erlebt die Schweiz in diesen Jahren eine anhaltende Stagnation und einen Anstieg der Arbeitslosigkeit.
«Wunderbücher» und «Micky Maus Zeitung»
Die Bollmanns beschaffen sich die Rechte am Disney-Material, gründen 1936 den Micky-Maus-Verlag Bollmann und beginnen, «Wunderbücher» herauszugeben. Es sind Bilderbücher mit ausklappbaren und heraustrennbaren Figuren. Die aufwändig produzierten Pop-up-Bücher sind mit Preisen zwischen 1.65 und 7 Schweizer Franken (heute umgerechnet circa 55 Franken) teuer und verkaufen sich schlecht.
Mehr Erfolg versprechen sich die Bollmanns von der «Micky Maus Zeitung». Die Zeitung kostet 25 Rappen und erscheint zweimal im Monat. Vorbild ist die britische «Mickey Mouse Weekly», welche im Februar 1936 erfolgreich gestartet ist. Neben «Topolino» in Italien, «Le Journal de Mickey» in Frankreich und der spanischen «Mickey» ist sie eine der ersten europäischen Disney-Zeitschriften. In Deutschland erscheinen zwar erstmals 1930 vereinzelte Zeitungsstrips oder Bücher, als Serie fasst Micky Maus dort aber erst 1951 Fuss.
Unterhaltendes, Lehrreiches und … Werbung
Um der damals negativen Haltung gegenüber Comics entgegenzuwirken, erscheint auf den acht Seiten nebst Micky- und Donald-Duck-Strips auch Lehrreiches über Johanna Spyri oder das Zürcher Sechseläuten. Aus Spargründen werden die restlichen Seiten mit Rätseln, Spielen, Kinoprogramm und Sportresultaten gefüllt. Auf Werbeinseraten posiert Micky in Bally-Schuhen, macht mit «Schi-Gwändli für zukünftigi Schi-Kanone» Werbung für den PKZ oder preist Bonbons der Aargauer Firma Disch an.
Zu Micky wird ein lokaler Bezug hergestellt: «Wo wohnt Micky Maus?», wird im Editorial gefragt. «Im Herzen der Stadt Zürich», ist die Antwort. «Das Gebäude steht auf Pfählen mitten in der Limmat und hat ein grossmächtiges Wasserrad.» Gemeint ist das Gebäude der Druckerei Jacques Bollmann AG auf dem Mühlesteg, das Wasserrad erzeugt den Strom für die Schnelldruckpressen.
In der Nullnummer von Weihnachten 1936 können die Leserinnen und Leser bei einem Wettbewerb einheimische Namen für die Hauptfiguren vorschlagen. Das Ergebnis erscheint in der folgenden Ausgabe. Donald Duck erhält in der Schweizer Version den Namen Schnatterich, Goofy wird in Muli umgetauft.
Zürcher Comics in der ZB
Die vor fast 90 Jahren herausgegebene «Micky Maus Zeitung» hat den Weg in die Zentralbibliothek Zürich gefunden. Künstlerisch gibt die Comic-Zeitung wenig her, doch ist sie ein wichtiges Zeitzeugnis der Zürcher Comic-Geschichte.
Nicht nur für die Comic-Stadt Luzern mit ihrem jährlichen Comix-Festival Fumetto (2. bis 10. April 2022), sondern auch für Zürich ist die neunte Kunst heute noch zentral. Das Comic-Magazin «Strapazin», der Globi-Verlag mit Papa Moll und – natürlich – Globi und Globine sowie die Edition Moderne mit Mike van Audenhove und Anna Sommer sind Zürcher Comic-Institutionen. Als Kantonsbibliothek sammeln wir Comics aus und über Zürich, unter anderem in den Verlagsbucharchiven.
«Nicht alle haben genug Batzen»: Micky verabschiedet sich
Die Micky-Zeitung der Bollmanns ist – wie die «Wunderbücher» – ein finanzieller Flop. Disneys Lizenzbeschränkungen erlauben keine grossen Gewinne, die Wirtschaftslage ist prekär. So endete die Serie nach nur 19 Ausgaben im Herbst 1937. Das Schlusswort der letzten Nummer erstaunt trotzdem, denn ihre Pendants in den Nachbarländern verkaufen sich ununterbrochen erfolgreich.
So verabschiedet sich die weltberühmte Maus von ihrem Publikum mit folgenden Worten: «Ihr müsst auch bedenken, dass eine Zeitung viel Geld kostet und die Schweiz nur ein kleines Land ist, das der Verbreitung eines Blattes durch Taxen und Polizeiverordnungen weit mehr Schwierigkeiten in den Weg legt als andere Länder. Ihr werdet sagen: Es gibt aber viele tausend Kinder in der Schweiz, und alle lieben die Micky-Maus-Zeitung. Ja, das weiss ich … aber nicht alle haben genug Batzen, um sie kaufen zu können. Viele Eltern müssen sparen, damit das wenige, das sie verdienen, fürs tägliche Brot reicht.»
Giovanni Peduto
Wissenschaftlicher Bibliothekar und Comic-Rezensent
April 2022
Header-Bild: «Micky Maus Zeitung», Juli 1937 (Bild: Walt Disney Company)