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Vorlesen ist ein ungemein komplexer Vorgang: Die Augen erfassen Buchstaben und ein ganzes Schriftbild, das Gehirn verarbeitet diese Informationen zu Wörtern und Sätzen und ermittelt deren Sinn; dann gibt es die entsprechenden Informationen an die Sprechwerkzeuge, die damit Laute bilden, die von den Hörenden über das Ohr ähnlich verarbeitet werden wie zuvor die Schrift über die Augen.
Und das alles ist erst ein Teil des Ganzen – noch nicht berücksichtigt ist der eigentliche Inhalt, die Kommunikation dessen, was der Text für die Lesenden wie für die Hörenden bedeutet, seine Bedeutung für ihr Leben. Aber gerade darum geht es, wenn im Gottesdienst Texte aus der Heiligen Schrift vorgetragen werden.
Um Lektorinnen und Lektoren ihren Dienst zu erleichtern, bietet das Lektionar zwei Hilfen an:
Überschriften: Die erste Hilfe ist die in Kursivschrift gesetzte Überschrift, die immer ein Zitat aus dem betreffenden Text ist. Ein Beispiel: Am 15. Sonntag im Jahreskreis A lautet die Überschrift vor der 1. Lesung: „Wie der Regen die Erde zum Keimen und Sprossen bringt, so bewirkt mein Wort, was ich will". Im gleichen Formular trägt das Evangelium die Überschrift: „Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen". Damit ist der Zusammenhang hergestellt zwischen dem Haupttext des Tages, dem Evangelium, und der 1. Lesung, die mit Blick auf das Evangelium ausgesucht wurde. Weil die Auswahl der 2. Lesung in der Zeit im Jahreskreis nach anderen Kriterien erfolgt ist, versucht die Überschrift dieses Textes auch hier eine Brücke zu bauen. Sie lautet im genannten Beispiel so: „Die ganze Schöpfung wartet auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes". Somit ist die zentrale Botschaft des Tages klar: Gottes Wort ist ausgesät – es ist eine Botschaft, nach der sich die Menschen sehnen – damit es seine Wirkung entfalten kann, bedarf es der Aufmerksamkeit der Menschen. So helfen die Überschriften zu erkennen, welche Botschaft beim Vorlesen besonders hervorzuheben ist, aber sie sind nicht dazu gedacht, selbst vorgelesen zu werden.
Sprechzeilen: Im Mess-Lektionar sind die Lesungstexte durch drei Elemente gegliedert.
- Grössere Abschnitte sind durch eine halbe Leerzeile voneinander abgesetzt.
- Wenn eine Zeile am vorderen Rand beginnt, bedeutet dies, dass diese Zeile im Sprechen wie ein ganzer Satz behandelt wird, dass also in der Regel am Ende der Zeile die Stimme gesenkt wird, auch wenn kein Satzzeichen steht.
- Wenn eine Zeile eingerückt beginnt, handelt es sich um eine Sinn-Einheit mit der vorangehenden Zeile. In diesem Fall soll der Spannungsbogen zwischen den Zeilen aufrecht erhalten werden; das geschieht in der Regel dadurch, dass die Stimme oben bleibt und nur eine ganz kurze Pause eingefügt wird. In Einzelfällen kann es sich auch um eine Wortgruppe handeln, die in einer einzigen Zeile nicht unterzubringen ist und darum in der nächsten Zeile weiterläuft; in diesem Fall wird natürlich keine Pause gemacht.
Die Sprechzeilen helfen zu einem sinngemässen Vortrag. Auch wenn es vielleicht zunächst ungewohnt ist, einzelne Satzteile wie ganze Sätze zu sprechen, entdeckt man in der Praxis schnell, dass auf diese Weise der Text für die Zuhörenden sehr viel leichter zu verstehen ist. Der Lektor oder die Lektorin selbst spürt ganz besonders gerade bei langen und schwierigen Sätzen eine Erleichterung, weil durch diese Gliederung schneller erkennbar ist, wo man absetzen kann.
Eduard Nagel (11.12.2013)