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Die enormen Schulden der Invalidenversicherung werfen viele Fragen auf. Eine davon zielt auf die Unterscheidung zwischen Krankheit und Gesundheit, denn IV-Renten sind mit Gesundheit nicht kompatibel. Auch fragt es sich, ob Renten der Gesundheit wirklich förderlich oder ihr nicht unter Umständen sogar schädlich seien. Um hier glaubhafte Antworten zu finden, brauchen wir ein klares Verständnis dafür, was Gesundheit ist. Zusammen mit Karl-H. Wehkamp entwickelte ich daher 2006 das Meikirch-Modell; namengebend war der Ort unserer Zusammenarbeit.1) Dieses Modell definiert Gesundheit wie folgt: «Gesundheit ist ein dynamischer Zustand von Wohlbefinden, bestehend aus einem biopsycho-sozialen Potential, welches genügt, um die alters- und kulturspezifischen Anforderungen des Lebens in Eigenverantwortung zu befriedigen. Genügt das Potential nicht, um diese Anforderungen zu befriedigen, so besteht Krankheit.» Im Zentrum steht der Begriff des Potentials, der die kurz-, mittel- und längerfristige Befähigung eines Individuums ausdrücken soll, den Ansprüchen des Lebens zu genügen. Es besteht aus zwei Teilpotentialen, dem biologisch gegebenen und dem sozial erworbenen Potential (vgl. Abb. S. 27).
Bei der Geburt eines Menschen hat das biologisch gegebene Potential eine endliche Grösse, die durch die genetische Ausrüstung und die Qualität der Schwangerschaft bestimmt wird und von Mensch zu Mensch verschieden ist. Im weiteren Verlauf des Lebens vermindert es sich, da die biologische Kapazität eines Individuums, auf verschiedene Herausforderungen zu antworten, mit zunehmendem Alter laufend abnimmt. Bei vielen Krankheiten und Unfällen vermindert sich das biologisch gegebene Potential vorübergehend oder dauernd. So fällt es etwa während einer akuten Grippe lediglich während einiger Tage ab, um sich dann wieder zu normalisieren. Im Gegensatz dazu bleibt es etwa nach einer Querschnittlähmung anhaltend herabgesetzt, weil Rückenmarkverletzungen bisher nicht heilbar sind. Zum Zeitpunkt des Todes fällt das biologisch gegebene Teilpotential auf Null.
Das persönlich erworbene Potential schliesst alles ein, was ein Mensch im Lauf seines Lebens «erwerben» kann. Dazu gehören beispielsweise Immunität gegenüber durchgemachten Krankheiten, motorische und sensorische Fähigkeiten, die psychische und spirituelle Entwicklung sowie das soziale Kapital. Das persönlich erworbene Potential beginnt sich schon in der Schwangerschaft zu bilden. Zum Zeitpunkt der Geburt ist es noch gering, es vergrössert sich jedoch rasch während der Kindheit und Adoleszenz. Grundsätzlich kann es während des gesamten Lebens weiterzunehmen, sofern sich ein Individuum darum bemüht. Es gehört zur persönlichen Verantwortung jedes Individuums, sich für die Entwicklung dieses Potentials einzusetzen. Je mehr sich eine Person dafür engagiert, desto mehr wird sie davon erwerben.
Das Meikirch-Modell beschreibt Gesundheit – im Gegensatz zur geltenden WHO-Definition – nicht als Beschwerdefreiheit. In der Schweiz klagt die Bevölkerung über verschiedene Schmerzen und andere Symptome mit einer Häufigkeit von 23 bis 42 Prozent, wobei nur 14 Prozent gleichzeitig sagen, ihre «Gesundheit» sei nicht gut. Viele Symptome, wie zum Beispiel Kopf- und Rückenschmerzen sowie Einschlafstörungen, sind mit Gesundheit kompatibel.
Für das persönlich erworbene Potential ist man in erster Linie selbst verantwortlich. Aber auch das soziale Umfeld trägt eine Verantwortung dafür. Es kann ein Individuum darin unterstützen, persönliches Potential zu erwerben; es kann aber auch destruktive Kräfte ausüben. Empathie und Förderung der Autonomie im Elternhaus, gute Erziehung und Ausbildung sind günstig, während Konflikte zwischen den Eltern, soziale Deprivation, Stress, Alkohol, Drogen destruktiv wirken. Somit liegt die Verantwortung des sozialen Umfeldes in erster Linie darin, dem Individuum zu ermöglichen, fortlaufend mehr persönliches Potential zu erwerben.
Im Zusammenhang mit der Arbeitsfähigkeit ist es wichtig, den Begriff der Gesundheit nicht auf ein guterhaltenes biologisch gegebenes Potential zu reduzieren. Dieses ist zwar für die Arbeitsfähigkeit wichtig, für viele Arbeitsprozesse jedoch nicht eine zwingende Voraussetzung. Alle Menschen haben sich damit auseinanderzusetzen, dass ihr biologisch gegebenes Potential im Laufe des Lebens abnimmt und sie in ihrer Zukunft mit verminderten biologischen Ressourcen rechnen müssen. Deshalb ist es bedeutungsvoll, dass ein Verlust an biologisch gegebenem Potential durch die Vermehrung des persönlich erworbenen zumindest teilweise kompensiert werden kann. Deutlich wird der Prozess etwa bei Querschnittgelähmten. Viele von ihnen werden nach der Rehabilitation wieder selbständig und arbeitsfähig. Die Möglichkeit dieser Art von Kompensation gilt im Prinzip für die meisten Lebenssituationen. Entsprechend ist bei der Gestaltung der Arbeit zu berücksichtigen, wie sich die Qualität unserer Gesundheit im Laufe des Lebens verändert.
Das persönlich erworbene Potential kann am Arbeitsplatz gefördert oder beschädigt werden. Die Gesundheit hängt weniger von der Höhe des Gehalts ab als von der Autonomie des Arbeitnehmers und von seiner gesellschaftlichen Partizipation.2) Wichtig ist auch das Konzept der Salutogenese: hohe Verständlichkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit einer Lebenssituation – wozu auch der Arbeitsplatz gehört – trägt zur Gesundheit bei.3) Arbeitgeber wissen, dass eine gesunde Familie die Arbeitsfähigkeit eines Mitarbeiters unterstützt. Zusammen weisen alle diese Überlegungen in die gleiche Richtung: bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit eines Individuums ist das persönlich erworbene Potential von zentraler Wichtigkeit und darf nicht vernachläss-igt werden. Dabei ist es keine Konstante, sondern eine variable und beeinflussbare Grösse, zu der die Qualität der Arbeitssituation, die Familie und die Eigenverantwortung des Arbeitnehmers einen positiven oder negativen Beitrag leisten.
Beide, das biologisch wie auch das persönlich erworbene Potential, bilden die Voraussetzung für die Arbeitsfähigkeit eines Menschen. Steht für eine Person beispielsweise eine Invalidenrente zur Diskussion, so wird dadurch das persönlich erworbene Potential stark betroffen. Es kann beschädigt werden, etwa wenn die Person ihr Verhalten ändert, weil durch die Aussicht auf Rente vermeintliche Risiken wegfallen (moral hazard). Wird die Rente tatsächlich gesprochen, so entsteht eine neue Situation, deren Unbeweglichkeit der Dynamik des persönlich erworbenen Potentials nicht gerecht werden kann. Oft fällt infolge staatlicher Unterstützungsleistungen auch die Herausforderung weg, persönliches Potential zu erwerben, was der Gesundheit nicht zuträglich ist. Eine staatliche Existenzsicherung kann daher im besten Fall immer nur die zweitbeste Lösung sein.
1) Johannes Bircher & Karl-H. Wehkamp: «Das ungenutzte Potential der Medizin». Zürich: Rüffer und Rub, 2006.
Weitere Informationen zum Meikirch-Modell unter www.meikirch-modell.net.
2) Michael Marmot: «The Status Syndrome: How Social Standing Affects Our Health and Longevity». New York: Henry Holt, 2004.
3) Aaron Antonowsky: «Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit». Tübingen: DGTV, 1997.