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«Pädophil: Das war mein Vater. Das war mein Vater: pädophil. Mein Vater war pädophil. Und: Wie war es für dich?–Ich weiss es noch nicht. Aber sexuell missbraucht hat er uns nicht.» In seinem aktuellen Buch «Nur das Leben war dann anders» widmet sich Schriftsteller Dominik Riedo einem unangenehmen Thema: Nach dem Tod seines pädophilen Vaters stellt er sich der heiklen Frage, wer Otto Riedo–der Mann, den er von Geburt an zu kennen glaubte–eigentlich wirklich war.
Schwieriges Selbstgespräch
Otto Riedo ist in den frühen 1940er-Jahren in Tafers zur Welt gekommen, in Deutschfreiburg aufgewachsen und hat im luzernischen Littau eine vierköpfige Familie gegründet. Gleichzeitig hat der Familienvater zweier Söhne–gezeichnet von einer unglücklichen Kindheit und Jugend, einer gescheiterten Lehrerkarriere und einer letztlich in die Brüche gegangenen Ehe–damit begonnen, amouröse Beziehungen zu Buben im frühen Teenager-Alter zu unterhalten. Nach einem missratenen Fluchtversuch nach Thailand, seiner Festnahme und jener von elf anderen pädophilen Männern im Jahr 1992 in der Schweiz und der anschliessenden Verurteilung zu 18 Monaten Haftstrafe auf Bewährung bricht Otto Riedo die sexuellen Kontakte zu den Buben ab. Gleichzeitig steht er vor dem gesellschaftlichen Ruin: Zu den wenigen Menschen, die sich bis zu seinem Tod 2013 nicht von Otto Riedo abgewendet haben, gehören die beiden Söhne.
Seinem älteren Sohn, Dominik, mit dem er sich bereits zu Lebzeiten über die eigene problematische sexuelle Neigung unterhält, hinterlässt er zahlreiche Akten. Sie zeugen von einem missglückten Leben. Die Tagebucheinträge, Briefe und Notizen des Vaters stellt Dominik Riedo in seinem literarischen «Nekrolog» den Polizeiprotokollen, psychiatrischen Gutachten, Gerichtsakten und Zeitungsberichten gegenüber. All diese zuweilen verstörenden Innen- und Aussenansichten prüft er mit den eigenen Erinnerungen an den plötzlich verstorbenen Vater. Dabei entwickelt sich ein vielstimmiges Selbstgespräch zwischen einem «Ich» und einem «Über-Ich», die sich beim Beantwortungsversuch der leitenden Frage «Wer war mein Vater?» schonungslos gegenseitig ins Wort fallen. Und so der Verharmlosung ebenso wie der Dämonisierung des Täters entgegenwirken.
«Nicht ad acta gelegt»
«Als wenige Monate nach der Beerdigung meines Vaters alles erneut über mich hereinbrach, habe ich beschlossen, dieses Buch zu schreiben», erklärt Dominik Riedo den Freiburger Nachrichten. Wenn er über seinen Vater und das Buch spricht, dann zittert seine Stimme nur selten. Meist wirkt er gefasst, beinahe schon ruhig. Und er antwortet seinem Gegenüber offen. Auch auf die Frage, warum er mit der belastenden Geschichte an die Öffentlichkeit getreten ist. Warum er sich nach dem Tod des Vaters nicht dazu durchringen konnte, sie einfach ruhen zu lassen. «Es ist ganz bestimmt kein schönes Thema. Aber es ist nun mal jenes, das mir in die Wiege gelegt wurde», erklärt der 42-Jährige. Ob mit dem Schreib- und Veröffentlichungsprozess vielleicht auch eine therapeutische Wirkung einhergegangen sei, könne er indes nicht sagen: «Wenn ich daran denke, dass ich bei der Lektüre gewisser Stellen noch immer fast zu weinen beginne, würde ich eher behaupten, dass mir das Thema nach wie vor sehr nahe geht. Es ist längst nicht alles gelöst oder ad acta gelegt.»
Menschliches Schicksal
Dass sich die in der öffentlichen Wahrnehmung kolportierte Vorstellung des Pädophilen als einem dämonischen «Grüsel» nicht problemlos mit Riedos Darstellung von seinem Vater vereinbaren lässt, dürfte auf manchen Leser verstörend wirken. Der unverstellte Blick auf das komplexe Täterschicksal lässt viele menschliche Züge durchschimmern. «Ich war oft böse auf meinen Vater», sagt Riedo. Aber nicht nur: «Manchmal tat er mir auch einfach nur leid.» Nimmt der Sohn seinen Vater in Schutz? Nein. Dafür sind die Bilder, die der Schriftsteller von den Vergehen des Vaters zeichnet, zu prägnant und explizit. «Diese Fotos, ich ertrage sie nicht», schreibt Riedo über die Fotografien, mit denen er in den Unterlagen seines Vaters konfrontiert wurde: «Diese billig kopierten Kopien. Diese aus Modekatalogen herausgeschnittenen Knäbelchen.» Es sei ihm ein grosses Anliegen, sagt der in Bern lebende Autor, dass die Gesellschaft in Zukunft Lösungen finde, um mit dem Problem der Pädophilie besser umzugehen. Dafür aber müsse über das Thema gesprochen werden. «Wir sollten Menschen, die pädophile Neigungen haben, alle Hilfe zukommen lassen, damit sie nicht straftätig werden.» Auch deshalb gehe der Erlös der ersten Auflage von Riedos Buchs an die Stiftung des deutschen Präventionsnetzwerks «Kein Täter werden». In diesem Sinne, sei der «Nekrolog» auf seinen pädophilen Vater denn auch nicht als ein Werk zu verstehen, dass in erster Linie an Opfer oder Täter gerichtet sei: «Sondern an uns alle, die auf die eine oder andere Weise und ohne Vorwarnung mit dieser Thematik konfrontiert werden können.»
Dominik Riedo:«Nur das Leben war dann anders. Nekrolog auf meinen pädophilen Vater», Offizin 2015, 267 Seiten.
Zur Person
Vom Klassenzimmer in die Schreibstube
Dominik Riedo wurde 1974 in Luzern geboren und wuchs in Littau auf. Nach der Ausbildung zum Primarlehrer studierte er Germanistik, Philosophie und Geschichte in Zürich, Berlin und Luzern. Nach mehreren Semestern als Lehrbeauftragter an der Universität Zürich und als Mittelschullehrer an verschiedenen Gymnasien arbeitet er seit 2007 als freischaffender Schriftsteller und Mitherausgeber der Philosophie-Zeitschrift «Aufklärung und Kritik». Für seine 18 bisher veröffentlichten Bücher hat Riedo verschiedene Auszeichnungen erhalten und wurde europaweit zu Lesungen eingeladen. Von den Kulturschaffenden der Schweiz und der interessierten Bevölkerung wurde er 2007 direktdemokratisch zum «Kulturminister der Schweiz» ernannt–ein Amt, dass er bis 2009 ausübte. Heute lebt und arbeitet Dominik Riedo in Bern.mz