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IV Bei St.Kolumbanskirche und Salisschem Hof
Als unser Stich entstand, lag der grosse Umbau der St.Kolumbanskircbe schon acht Jahre zurück. Für den durch Handel und Gewerbe erstarkten Reichshof war das Gotteshaus zu klein geworden. Man hatte es 1782 bis 86 nach Westen verlängert und zwei übereinandergehende Emporen eingebaut. Der niedere Käsbissenturm wurde erhöht und erhielt seinen Zwiebelaufsatz. Damals entstand die eindrucksvolle einschiffige Barockkirche, wie wir sie bis heute kennen. Die vornehmen Familien wetteiferten miteinander in kirchlichen Spenden. So hatten die von Hoffinann schon 1665 den St.Antonius- und 1731 den Hochaltar gestiftet. Sie und die von Bayer schmückten auch die kleine Seelenkapelle. Ihre Begräbnisstätten im Stile der Zeit grenzten an die Mauer des benachbarten 114 Salisschen Hofes. Der Kirchenverlängerung musste die Kaplanei weichen, die im Haus der heutigen I. Kaplanei neu erstand.
Der grosse, dem Kirchhof nordöstlich anliegende, ummauerte kleine Bezirk gehört zu den verbrieften Lehen und heisst, weil ihn die Freiherren von Salis zu Zizers während mehreren Generationen (seit 1669) besassen, der Salissche Hof8 Zur Zeit Ludwigs XIV. spielte dieses schlossähnliche Gebäude mit Treppengiebel und Erker die Rolle eines französischen Werbe- und Horchpostens. Besonders Oberst Rudolf von Salis warb von hier aus für die Schweizergarde in Paris. Die von Salis bekleideten unter dem Lilienbanner hohe Offiziersränge und verbrachten ihre Urlaube meist in Rorschach. Jetzt (1794) wohnt hier Frau Marschall von Salis, die Witwe eines Rudolf, der den Tuileriensturm miterlebt hatte und mit andern Schweizern ein Opfer der Septembermorde (2. Sept. 1792) geworden war. Vor den Salis beherbergte der Bau Vertreter namhafter Geschlechter, wie der Mötteli, Blarer und Reding von Biberegg. Noch schwingt sich aus Kaiser Maximilians Zeiten das «Schwabentor» über die Strasse als Relikt eines Grenzschutzes, den Abt Gotthard Giel von Glattburg angeordnet hatte. Dank der Wachsamkeit der Gotteshausleute konnte am 11. April 1499 ein Überfäll der Lindauer auf Rorschach abgewehrt werden.
Die drei Häuser vor der Seelenkapelle an der Ecke beherbergen kleine Werkstätten im Erdgeschoss, in denen genäht, gehämmert und gehobelt wurde. Sie gehören Kamezolmacher Rothfuchs' sel. Tochter (Kamisol = kurzes Wams), Schuhmacher Josef Anton Haggenmüller und Schreiner Josef Hüttenmoser. Zum Herrschaftshaus der Salis gehören – ganz wie wenn sie in der Bündner Herrschaft wären – östlich angebaut der Torkel und am See zwei weiter unten zu besprechende Rebgärten. Das nächste Haus nach links («Traube»)9 gehört Schlosser Jakob Bauhofer, ebenso die Werkstatt rechts an der aufsteigenden Buechgass (heute Buchstrasse). Den darüber liegenden Garten samt Wohnhaus besitzt Amtsschreiber und Pfalzrat Waibel, über das folgende verfügen die Witwen eines Ulrich Lehner und Lorenz Rothfuchs, alles Namen langezeit in Rorschach ansässiger Familien. Dann folgt das grosse Bauerngut «In der Hueb», das sich bis zur Huebmühle ausdehnt.
Anhand des ganzen Stichs von Rorschach entdecken wir, dass nur noch wenige Häuser östlich der Buechgass liegen9a. Mit ihnen sind wir am obern Ende Rorschachs angelangt. Wenn wir die Buechgass überschreiten, gehört das erste Haus (Hauptstr. 5) Richter Aegidius Heer, das nächste ostwärts (Hauptstrasse 3) Michel Rothfuchs und Franz Josef Jungmann, dem Besitzer der schon 1658 bezeugten, damals von Hans Jungmann betriebenen Obern Färb (südl. der Flurname «Ob der Färb»). Die Jungmann waren – im gelegentlichen Wechsel mit den Roth und Meyer – die eigentlichen Rorschacher Färber und treue Diener des Rorschacher Leinwandgewerbes. Franz Joseph besitzt auch die Untere Färb (heute Münzhof). Es folgt die kleine Kupferschmiede des Ferdinand Roth (etwa Hauptstrasse 1) und über dem Weg (heute Bellevuestrasse 4) das Heim der Witwe des Josef Bürki und ihrer Kinder. Von den drei zusammengebauten Häusern mit schönem Garten gegen den See gehören die westlichen zwei einer Familie Frommenwiler , deren einer Vertreter Korntregler (Arbeiter im Kornhaus), der andere Arzt ist. Das Haus liegt im Bayerschen Spitalgut, und im grossen östlichen Anbaut befindet sich die berühmte «obere Bayersche schribstuben». Die bekannte Kaufmannsfamilie verstand es nicht nur, ihre Leinwand nach der Levante abzusetzen, sondern auch während der Hungerzeit von 1770/71 Abt und Gotteshausleuten für 200000 Gulden Korn aus der Lombardei zu verschaffen. Der mühselige Transport durch Träger über die Alpen und schliesslich bis ins Rorschacher Kornhaus wurde offenbar von diesem Kontor aus in Szene gesetzt. So gehen immer wieder schöpferische Ideen von einfachen Bürgerstuben aus. Das letzte Doppelhaus am linken Bildrand, mit Stadel, Waschhaus und zwei Gärten, gehört Rat Josef Waldmann und besteht nicht mehr.
8 Später «Seehof», abgebrochen 1979. VgL auch R.G., Der Salishof, RMC 1979/Juni.
9 Abgebrochen 1979.
9a Vgl. auch die Abb. S. 81