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Pessoa bedeutet im Portugiesischen »Person, Maske, Fiktion, niemand«. Dies mag einen assoziativen Ausgangspunkt signalisieren für diesen Film, der als seine Grundader die Schriften des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa (1888—1935) bestimmt. Einen zweiten findet man in den Texten selbst, die hauptsächlich von Fragen des Wahrnehmens und Empfindens, der Imagination sprechen, von Fragen also, die davon handeln, wie der einzelne sich sinnenhaft und bedenkend in die Welt einläßt und als ein Selbst zu bestimmen und zu verorten sucht. »Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern das, was wir sind.« Es sind Texte, die ihre enorme Kraft aus dieser existentiellen Dimension und ihrer poetischen Anlage schöpfen. Sie arbeiten mit Andeutungen, Metaphern und Metonymien, eröffnen Vorstellungsräume und sind als ein sich Ereignendes, Prozeßhaftes zu verstehen. Diese komplexe Anlage und Bildmächtigkeit von Pessoas Sprache stellt an jeden Versuch, auf sie in Bild und/oder Ton einzugehen, schier unlösbare Probleme. Und darin liegt denn auch die Crux dieses Films.
Als geographischen und auch geomantischen Ausgangspunkt bestimmte Heinz Bütler, zusammen mit dem Künstler Jean Odermatt, den Raum Lucendro, in dem Odermatt seit Beginn der neunziger Jahre seine Szenographien (Inszenierungen im Gelände) situiert. Lucendro heißt die 70 Meter hohe und 270 Meter lange, innen vollständig hohle Staumauer im Gotthardgebiet. In den Stein- und Betonhöhlen des Mauerinnern irrt »der Blinde« umher - in den physiognomischen Nuancen äußerst differenziert und ausdrucksstark gegeben von Udo Samel. Tastend liest er die Pessoa-Texte, und tastend erfühlt er seine Umwelt. Gleichzeitig geht, scheinbar ziellos, die Frau (Jessica Früh) durch die Gewölbe und Gänge und blickt, als »die Sehende«, durch schießschartenartige Öffnungen in die gebirgige Außenwelt. Zwei Musiker (Werner Lüdi und Burhan Öçal) spielen auf ihren Instrumenten, in sich und auf Echo horchend, als ob sie sich derart selbst in den Räumen zu orientieren suchten. Die Kamera flieht streckenweise aus diesen Höhlen und fährt in ruhigen Schwenkbewegungen über die verschneiten Landschaften und über Fluß und Ebene des Po, über Reste und Ankündigungen menschlicher Zivilisation.
Der Blinde und die Sehende, der Mann und die Frau, physische Empfindung und gedankliche Imagination, östliche und westliche Musik, Innen- und Außenräume, Bergwelt und unendliche Ebene, statische Monumentalität und fließende Luzidität: Der Film bewegt sich in diesen Spannungsbogen, bewußt im Bodenlosen. Im Versuch einer Korrespondenz - durch Unterscheidung und Entsprechung - verschiedener Medien hat Bütler Erfahrung: Schon in Chartres (1990) und Holozän (1992) ist er verwandten Intentionen gefolgt. In Pessoa, wo alles reduzierter und gleichzeitig vielschichtiger angelegt ist, zeigen sich jedoch deutlich die Schwierigkeiten der Verhältnisbestimmung von Wort, Bild, Musik/Geräusch und »Handlung«. Die von Bütler erfundenen Geschehen und Szenarien, die er dem Text beistellt, pendeln zwischen Illustration und Verdoppelung, zwischen ungebundender Assoziation und metaphorischem Pathos hin und her. Sie bleiben dem Text fremd, hinken ihm stets hinterher. Einerseits wagt dieser Film bezüglich seiner spezifischen Möglichkeiten viel und vermag gerade dadurch zu faszinieren. Andererseits eignet dem Ganzen letztlich etwas Kryptisches, Raunendes, dem auch die von Beat Kuert eingefangenen - an sich äußerst einprägsamen - Bilder keine Kontur zu verleihen vermögen. Was bleibt, ist Ratlosigkeit.