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Nationalstaaten entstehen
Mit dem Aufbau nationaler Staaten im 18., 19. und 20. Jahrhundert wurden auch «nationale Identitäten» geschaffen. Dabei ist nicht nur die territoriale Abgrenzung, sondern auch die (rechtliche) Unterscheidung zwischen der Bevölkerung des eigenen Staates von derjenigen anderer Staaten wichtig. Eine zentrale Rolle spielt die Entwicklung eines «Wir-Gefühls», welches durch Bezüge zu einer gemeinsamen Sprache, Religion oder Geschichte oder zu einem gemeinsamen Territorium hergestellt wird. Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Staat wird schliesslich über nationale Identitätspapiere eindeutig geregelt. Der Pass wird zum Nachweis der Staatsangehörigkeit und damit einer übergeordneten Zugehörigkeit.
Die Förderung der nationalen Identität beschränkt sich nicht auf die «Definition» der Staatsangehörigkeit. Nationalstaaten sind bestrebt, eine «nationale Kultur» zu schaffen, welche das «Staatsvolk» als eine kulturell homogene Nation erscheinen lässt. Die Förderung einer nationalen Sprache, das Bildungssystem sowie der Militärdienst fördern diese Homogenisierung. Die Bildung eines «Wir-Gefühls» ist für die Abgrenzung nach aussen sowie die Loyalität nach innen bedeutend.
Nation und Nationalität
Die Nationalität ist eine besonders dominante Form kollektiver Identität. Auch einer Nation lassen sich keine natürlich gegebenen Eigenschaften zuschreiben, obwohl sich viele Nationen auf Ursprungsmythen berufen, die die gemeinsame Abstammung und eine besondere Verbundenheit mit dem Territorium untermauern wollen. Fragt man sich, was «die Nation» ausmacht, wird häufig auf eine gemeinsame Religion, Kultur oder Sprache verwiesen. In der Wissenschaft wird jedoch die Konstruiertheit der Nation betont, dass sie eine «imaginierte Gemeinschaft» darstellt und dass sie vor allem durch den Willen zur Gemeinschaft sowie das politische System erhalten bleibt. Eine einfachere Art, die Vorstellung einer «einheitlichen Nation» zu stärken, bietet der Fokus darauf, was «die Nation» nicht ist. Dazu wird beispielsweise die Gruppe der «Anderen» gebildet oder die Bedrohung der «eigenen Identität» durch «Fremde» zum Thema gemacht.
Dass die Identifikation mit der eigenen Nationalität für viele Menschen zentral ist und auch im Migrationskontext nicht an Bedeutung verliert, macht der Begriff «Diaspora» deutlich. Ursprünglich für Menschen gleicher Religionszugehörigkeit verwendet, werden heute auch Personen gleicher ethnischer oder nationaler Zugehörigkeit als Diaspora bezeichnet. Indem sich Menschen zu einer solchen Diaspora zugehörig fühlen, halten sie die Verbindungen zu ihrer Heimat, ihrer Kultur und ihrer Nationalität aufrecht und festigen diesen Teil ihrer Identität.
Die Schweiz
Auch beim Aufbau des Schweizer Bundesstaats spielt die Förderung einer nationalen Identität eine zentrale Rolle. Die Schweiz als «Willensnation» teilt weder die Sprache, noch bildet sie eine religiöse oder homogene Gemeinschaft. Stattdessen wurde eben diese Heterogenität, die ihren Ausdruck in der Mehrsprachigkeit oder dem föderalistischen System findet, zu einem wichtigen Aspekt der «nationalen Kultur».
Doch auch Abgrenzung gegen aussen ist wichtig. Dabei wird häufig auf das «Fremde» und die Unterscheidung «Schweizer – Ausländerin» verwiesen. Mehrere Volksinitiativen rechtspopulistischer Kreise bedienten sich solcher Abgrenzungsargumente und erklärten «die Schweizer Identität» durch die Präsenz «der Ausländer» bedroht.
Mehrheiten und Minderheiten
Nicht alle Personen können sich gleichermassen mit einer Nation bzw. einem Nationalstaat identifizieren. Ein Teil der Bevölkerung ordnet sich der nationalen Definition zu. Diese Mehrheit nimmt für sich in Anspruch, das Nationale zu verkörpern. Andere sehen sich von dieser Zuordnung ausgeschlossen. Die Vorstellung einer kulturell homogenen Nation führt damit stets zur Entstehung von nationalen Minderheiten. Die Schweiz hat 1998 das Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten des Europarates ratifiziert. Das Übereinkommen sieht den Schutz von Minderheiten – z.B. von Fahrenden oder jüdischen Gemeinschaften – vor, aber auch die Förderung und der Erhalt von nationalen Sprachminderheiten sind zentral.
In anderen Staaten sind mehrere ethnische Gruppierungen beheimatet, die jeweils eigene Identitäten für sich behaupten und Mehrheiten oder Minderheiten bilden können. Neben der nationalen Identität wird häufig die ethnische als zentrales Identitätsmerkmal verwendet. Die ethnische Identität wird besonders dann in den Vordergrund gestellt, wenn diese Gruppen um die Anerkennung ihrer Rechte oder um Zugang zu Ressourcen kämpfen.
Letzte Änderung 30.05.2020