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Womit befasst Du Dich als Weltraumforscherin?
Ich erforsche die Planeten und Monde in unserem Sonnensystem. Im Moment beschäftige ich mich intensiv mit den Monden der Gasriesen Jupiter und Saturn im äusseren Sonnensystem. Die Monde sind aus zwei Gründen wissenschaftlich besonders interessant: Erstens ist es dort draussen so kalt, dass die Monde noch heute aus dem Eis bestehen, das sich aus der Urwolke bildete – der Wolke, aus der sich das gesamte Sonnensystem geformt hat. Die Monde servieren uns somit gewissermassen 4,5 Milliarden Jahre alte Proben auf einem Silbertablett, anhand derer wir erforschen können, wie unser Sonnensystem entstanden ist. Zweitens weiss man seit etwa 25 Jahren, dass es bei diesen Eismonden unter der kilometerdicken Eiskruste flüssiges Wasser gibt. Die grosse Frage ist deshalb, ob dort Leben möglich ist oder sogar Leben existiert.
Nun wurdest Du in das Fachkomitee «Moons of the Giant Planets» gewählt, das innert zwei Jahren die wissenschaftlichen Ziele für die nächste sogenannte «Large-Class Mission» der ESA definieren wird. Geht mit der Wahl ein Traum in Erfüllung?
Ich glaube, alle Astrophysikerinnen und Astrophysiker träumen davon, an Weltraummissionen beteiligt zu sein. Dass ich jetzt die wissenschaftlichen Ziele der nächsten grossen ESA-Mission mitdefinieren kann, ist natürlich eine einzigartige Gelegenheit. Eine Mission dieser Grösse gibt es nur alle zehn Jahre.
Worauf freust Du Dich am meisten als Mitglied des Komitees?
Die intellektuelle Herausforderung steht für mich an erster Stelle. Im Komitee sind Leute aus unterschiedlichsten Fachgebieten: Astrobiologie, Geochemie, Geologie und verschiedene Bereiche der Physik wie Plasmaphysik, Atmosphärenphysik oder Oberflächenphysik. Es ist jeder Aspekt abgedeckt, der beim Ausarbeiten der wirklich grossen Fragen eine Rolle spielen könnte. Die Zusammenarbeit wird äusserst interessant sein. Wir sind zwölf Leute aus acht verschiedenen Ländern. Einige meiner Kolleginnen und Kollegen in diesem Team kenne ich bereits, andere sind Koryphäen auf Gebieten, mit denen ich sonst wenig zu tun habe. Es ist auch schön zu sehen, dass die Definition einer neuen Mission mit der wissenschaftlichen Fragestellung anfängt. Sprich, es gibt viele Optionen, die wir in Betracht ziehen müssen: Besucht man nur einen Mond oder mehrere? Fliegt man ins Jupiter-System oder ins Saturn-System? Reicht ein Orbiter? Braucht es einen Lander? Einen Rover? Müssen Boden-Proben vor Ort analysiert werden? Oder müssen wir Proben zurück zur Erde holen? Das sind lauter technische Fragen, und über allen steht die wissenschaftliche Fragestellung.
Was hat dich eigentlich ursprünglich motiviert, Astrophysikerin zu werden?
Wir hatten früher zu Hause ein Set von Kinder-Lexika. Eines davon befasste sich mit dem Weltraum – ich habe es wieder und wieder studiert. Gleichzeitig hatte ich schon immer einen enormen Spass an Rätseln, Knobeleien und Puzzles. Astrophysik ist für mich heute die perfekte Kombination dieser beiden Leidenschaften: Den Rätseln des Universums auf den Grund zu gehen. Ich gehe jeden Tag gerne zur Arbeit an der Universität Bern. Es war eine der besten Entscheidungen in meinem Leben, diese Karriere einzuschlagen.
Warum bist Du nach dem Studium der Elektrotechnik und Informationstechnologie an der ETH Zürich 2008 für eine PhD-Stelle an die Universität Bern gewechselt?
Die Uni Bern kann mit dem ersten Sonnenwindsegel auf Apollo 11 und mit der Beteiligung an zahlreichen Weltraummissionen wie Giotto, Mars Express, Venus Express und Rosetta auf eine lange und stolze Geschichte in der Weltraumforschung zurückblicken. Ich denke, was weltweit wirklich nur ganz wenige Institute im Bereich der Weltraumforschung bieten, ist das Zusammenspiel von Technologie und Wissenschaft. Wir betreiben nicht nur Wissenschaft, sondern entwickeln und bauen auch komplexe Messinstrumente, von der Idee bis zum flugfähigen Produkt. Im Bewerbungsprozess für das ESA-Komitee hat sicher für mich gesprochen, dass ich sagen konnte: Ich bringe Euch die Wissenschaft, kenne mich aber auch in der Technologie sehr gut aus.
Und wie ist es, sich als Frau in der Weltraumforschung zu behaupten?
Ich hatte in meiner Karriere noch nie das Gefühl, diskriminiert zu werden. Sich zu behaupten ist aber sicherlich schwierig, nicht nur für Frauen. Natürlich sehe ich aber auch die Statistiken, und es ist gut, dass der niedrige Prozentsatz an Frauen in unserer Wissenschaft thematisiert wird. Dies hat zum Beispiel dazu geführt, dass heutzutage bei Anträgen für Forschungsgelder an den Schweizerischen Nationalfonds der Zeitaufwand für Betreuungspflichten berücksichtigt wird, wenn die bisherige wissenschaftliche Leistung in Abhängigkeit von der Dauer der akademischen Tätigkeit bewertet wird. So wurde ich vor acht Jahren und sechs Monaten promoviert, aber aufgrund der Betreuungspflichten gegenüber meinen drei Kindern beträgt mein ‘akademisches Alter’ netto nur vier Jahre und sieben Monate. Es ist meiner Meinung nach jedoch immer noch so, dass Eltern auf ein gut funktionierendes Umfeld angewiesen sind, um Familie und Beruf zu vereinbaren. Allein schafft man es nicht. Mein Mann ist auch Wissenschaftler, und wir unterstützen uns gegenseitig.
Was sagen Deine Kinder zu Deinem Beruf?
Die sind natürlich stolz und erzählen gerne, was ich mache. Als im Dezember 2019 der Raketenstart mit dem Berner Weltraumteleskop CHEOPS an Bord stattfand, war ich mit dem Laptop in der Klasse meiner älteren Tochter, um den Start live mitzuverfolgen. Die Begeisterung war gross: «Das ist Bern, das ist die Schweiz, das sind wir, die ein Teleskop ins Weltall schiessen!»
Hast Du einen Lieblingshimmelskörper?
Neben den Eismonden, die einfach fantastisch sind wegen ihren Besonderheiten und ihren Potenzialen, gefällt mir Uranus sehr. Alle anderen Planeten drehen regelmässige Pirouetten auf ihren Umlaufbahnen im Sonnensystem. Uranus hingegen schlägt Purzelbäume. Ich beschäftige mich den ganzen Arbeitstag mit Regelmässigkeiten und Gesetzmässigkeiten, und dann ist da Uranus, der macht einfach alles anders. Mir gefällt, dass er den Erwartungen einfach widerspricht.