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Kenia Leak
Kriminalroman und Familiensaga
die Geschichte einer aussergewöhnlichen Freundschaft
Textprobe
Im Schatten des Nussbaums war es trotz Sonne ziemlich kühl und Tetu verkoch sich in die Strickjacke, die ihm Mettler geliehen hatte und von der er sich kaum noch trennen konnte. Er presste die Oberarme an den Körper und hätte sich für einen ersten Blick einen wärmeren Platz gewünscht. Hoffentlich beseitigte das Ende der Dunkelheit auch sein dauerndes Frösteln.
Sie sassen auf der Bank und schwiegen. Tetu verfolgte Mettlers regelmässigen Atem, hörte die leisen Geräusche der Blätter des Baumes. Mücken summten. Manchmal schoss brummend eine Fliege aus dem Nichts, kurvte um den Tisch und war wieder weg. Im Tal war ab und zu ein Auto zu hören, es roch nach einer saftigen Wiese, nach Kräutern, nach Blumen und dem bitteren Saft des Nussbaums, nach Feuchtigkeit, die in der Sonne verdampfte. Dann spürte er Mettlers Hand auf dem Rücken.
«Ich knüpfe dir jetzt die Binde auf. Das Ablösen der Pflaster überlasse ich dir. – Bist du bereit?»
Tetu nickte und Mettler nestelte hinter seinem Kopf an Fäden und Klammern. Der Druck um Stirn und Schläfen liess nach, die Binde erschlaffte und Mettler zog ihm das Tuch über die Ohren und aus der Stirn.
Den frischen Wind empfand er als angenehm. Dass der Verband ihn nicht mehr einengte. Die Pflaster spürte er nicht. Seine Augen blieben geschlossen, er sass am Tisch, stützte den Kopf in die Hände und wartete. Er löste die Pflaster. Er wartete, weil er sich nicht getraute, die Augenlider anzuheben. Er wartete, weil er sich vor dem Licht fürchtete, der Helligkeit, die genauso gut eine Blendung bedeuten konnte. Er wartete, weil er wusste, dass mit dem Schauen ein neues Leben anfing, ein Leben, von dem er nicht sicher war, ob er es überhaupt noch einmal wollte.
Doch dann, vorsichtig und mit einer Anstrengung, als müsste ein fest verklebtes Gewebe mit Kraft durchtrennt werden, wagte er einen ersten Blick.
Nach einem blitzartigen Lichteinfall sah er, stark verschwommen, aber ohne Zweifel, über die Rundung seines Bauchs in die Tiefe. Sah auf Mettlers Hund, auf das struppige Fell eines ausgestreckten Hinterlaufs. Ein Moment totaler Entspannung, und in jäher Aufwallung kaum gekannten Überschwangs presste er die Augen zusammen, um sie kurz darauf erneut zu öffnen und auf das Bild zu schauen, den schlafenden Hund zwischen seinen Schenkeln, die Pfote, das Bein, darunter die Kalkadern der dunklen Steinplatte. So etwas Schönes wie das Fell Busonis glaubte er noch nie gesehen zu haben. Die feinen, gelbbraunen, auch grauen Härchen entlang der Biegung des Beines und wie sie dann immer dichter und länger wurden und sich auf dem Rücken zu einem struppigen, festen Pelz verbanden, erfüllte ihn mit einem Glücksgefühl, das ihn in seine Kindheit versetzte. Sein ganzes Erwachsenenleben kannte keine solche Freude. Er schloss die Augen, richtete sich auf und lehnte sich gegen die Rückenlehne der Bank.
Das also bedeutete Sehen!
Er hatte es bei allen Bildern doch vergessen. Es dauerte eine Weile, bis Tetu ein weiteres Mal die Augen öffnete. ... Das Schauen forderte Zeit und jeder Augenblick löste ein immer grösseres Staunen aus. Die grünen Hügel Afrikas liessen sich mit dieser Vielfalt auf engstem Raum nicht vergleichen, die neuen Bilder verbanden sich nicht mit den alten und sie reihten sich nicht erfahrungsgemäss aneinander, Wunder stand neben Wunder, als müssten sie das Laufen noch lernen. Und hatten bei aller Weite etwas Kleinräumiges, Putziges.
Tetu hatte keine Ahnung, wie er seine Eindrücke einordnen sollte. Bis er die Kamele entdeckte. Drei Kamele trotteten auf der Böschung des Flusses einen Uferwald entlang. Eines nach dem andern schaukelte durch das grüne Meer, und nicht nur das Grün, nein, auch der Flusskanal, die Böschung, der gerade Weg, die kleinen Bäumchen, die ihre Zweige in den Wind bogen, als wären es Röcke, die sie silbern schimmernd im Wind tanzen liessen, jagten ihm einen solchen Widerwillen ein, dass er entsetzt die Hand vor die Augen schlug.
Mit einem Mal bekam die gesamte Kulisse etwas Verlogenes. Die drei Kamele im Grünen wurden zu einem Hirngespinst, zu einem Spuk, losgelöst von jeder Wirklichkeit.
Mit einem Seufzer entzog er Mettler seine Hand und lehnte sich zurück. Diese Operation bescherte ihm eine noch viel grössere Blindheit, als es der langsame Verlust seines Augenlichts je war.
«Hast du Schmerzen?», wollte Mettler wissen. «Wird es zu viel?»
«Nein.»
Tetu beugte sich nach vorn, stützte sich mit beiden Händen auf der Bank ab, schaukelte leicht und schaute mit geschlossenen Augen zu Boden. Er brauchte Zeit. Zeit, um Mettlers Frage zu verdrängen. Diese unverhohlene Neugier. Er hatte sie vergessen. Seit jeher hatten ihn die direkten Fragen des Weissen gestört. Da war ihm eine Hand lieber als diese Schamlosigkeit, an die er sich erst wieder gewöhnen musste. Schliesslich sagte er leise und es klang wie ein Geständnis:
«Ich glaube, mit meinem Kopf ist etwas nicht in Ordnung.»
Mettler schwieg und Tetu war froh darüber.
«Ich sehe verrückte Dinge, mein Kopf fantasiert und verfälscht, was meine Augen sagen. – Du und Moody, ihr habt mich liebevoll und ausführlich auf diese neue Welt vorbereitet, das viele Grün, und Naomi hat mir bestätigt, was ihr geschildert habt. Jetzt habe ich gesehen, dass ihr Recht hattet. – Aber dann marschieren drei Kamele durch meine Bilder, Tiere, die es hier nicht gibt.»
«Deine Augen täuschen dich nicht», hörte er Mettler sagen, als spräche er zu einem Kranken. «Die drei Kamele im Grünen sind, was du siehst. Ein Weinbauer im Tal hält sich diese exotischen Tiere als Attraktion, er bietet seinen Kunden Kamelausflüge an, „im Kamelsattel durch die Weinberge“, ein findiger Geschäftsmann. Ob sein Angebot wirklich genutzt wird, weiss ich nicht. Aber was du siehst, stimmt. Drei Kamele schreiten das Flussufer entlang, auf grünen Matten, unter grünen Bäumen. – Du musst lernen, deinen Augen zu vertrauen. »
Tetu blinzelte ins Tal. Die Kamele waren ein gutes Stück vorangekommen. Und jetzt erkannte er auch einzelne Gestalten, die bei ihnen waren. Menschen in bunten Kleidern. Er drehte sich nach Mettler um.
«Danke», sagte er und versuchte zu lächeln. Mettler rutschte ans andere Ende der Bank. Er tat, als ob er mehr Platz für seine Beine brauche. Er ging auf Distanz. Tetu konnte sich auf sein Gespür verlassen. Besser als auf seine Augen.
«Nun, mein lieber Robinson Njoroge», eröffnete Mettler seine Befragung, wahrscheinlich mit einem Schmunzeln. «So langsam möchte ich doch wissen, warum du in die Schweiz gekommen bist? Jetzt, nach so langer Zeit? – Hat es etwas mit deiner Enkelin zu tun?»
Tetu war auf die Fragen vorbereitet. Mettler hatte bereits mehrmals versucht, ihm auf den Zahn zu fühlen, aber bislang konnte er Mettlers Neugier mit dem Hinweis auf seine Operation in die Schranken weisen. Er brauchte Zeit, jetzt war sie reif. Trotzdem war er froh, als er hörte, wie Mettler seine Pfeife auf dem Tisch ausklopfte und in seiner Hosentasche nach dem Tabakbeutel kramte. Mettler richtete sich als Zuhörer ein, und Tetu bereitete sich auf eine Rede vor, von der er nicht wusste, wie sie aufgenommen würde. Er legte den Kopf in den Nacken, verschloss sich mit dem Zeigefinger den Mund und schwieg.
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