Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03453.jsonl.gz/997

Fallstudie: Die Kontrafaktur «Ave sidus clarissimum» / «Der seyden schwanz»
Forschungsprojekt im Rahmen des Programms «Music Practice and Research»
Stücke auf Latein aus dem ‚Glogauer Liederbuch‘ (um 1480) haben bislang nur wenig musikwissenschaftliches Interesse auf sich gezogen. Viele greifen auf präexistente Musik zurück: Neben liturgisch vorgesehenen Choralbearbeitungen befinden sich auch sogenannte „Kontrafakturen“ darunter, deren Funktion im musikalischen Kontext des spätmittelalterlichen Schlesiens bisher unklar bleibt. Ave sidus clarissimum / Der seyden schwanz ist in dieser Hinsicht ein aussagekräftiges Beispiel. Der fast durchgehende Kanon zwischen Discantus und Tenor wird in der Kontrafaktur akribisch textiert, während die Vorlage (Helas que pourra devenir von Caron) in den Chansonniers entweder gar keinen Text, nur das Incipit oder eine aus heutiger Perspektive problematische Textunterlegung aufweist. Mit seinem sekundären Titel verweist Ave sidus zusäzlich auf Instrumentalstücke, die im Liederbuch ebenso mit Tierschwänzen (und Erweiterungen dieser Metapher) betitelt sind.
In der vorliegenden Arbeit gehe ich von der Hypothese aus, dass die lateinische Textunterlegung eine innovative musik-poetische Struktur mit sich bringt, welche auch gestalterische Intentionen des Schreibers suggeriert. Indem dieser z. B. bestimmte melodische Einheiten mit (Halb)versen verbindet. Unter besonderer Berücksichtigung von Wortbetonungen durch die melodische Kontur gewinnen bestimmte Teile des Kanon-Satzes dabei eine individuelle Ausprägung. Im Zuge dieser Überlegungen zum Text als strukturierendem Faktor möchte ich auch Fragen zur Wahrnehmung in heutigen Aufführungen nachgehen: Wirkt ein Stück anders, wenn es textlos, mit einem französischen Text oder mit dicht gereimtem Latein erklingt?