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Rentenalter 57, aber nur für Frauen
Lieber Herr Bornhauser
Weshalb, bitte – fragen Sie –, soll die weit verbreitete Fixierung auf die Erwerbsarbeit als Argument dienen gegen ein gleiches Pensionierungsalter für Mann und Frau, wie es die Rentenrevision 2020 vorsieht?
Nun, es verhält sich ein wenig komplexer, als es auf den ersten Blick aussieht. Es ist auch nicht so, dass sich Hausarbeit und Kinderbetreuung automatisch gleichmässig auf beide Geschlechter verteilen. Das ist selbst dann nicht der Fall, wenn Mann wie Frau einer Erwerbsarbeit nachgehen.
«Bezahlte» und «nicht bezahlte» Arbeit
Man muss unterscheiden zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit. Zu den unbezahlten Arbeiten gehören Haushalt, Kinderbetreuung und die Pflege kranker Angehöriger. Laut Bundesamt für Statistik (BfS) wurde im Jahr 2013 8,7 Milliarden Stunden unbezahlt gearbeitet – das sind 14 Prozent mehr als im Sektor der bezahlten Arbeit. Zwei Drittel der unbezahlten Arbeiten werden von Frauen getätigt, während zwei Drittel der bezahlten Arbeit von Männern ausgeführt wird. Auch das hält das BfS fest. Daraus lässt sich schliessen: Die meisten Frauen arbeiten, ohne dafür einen Lohn zu erhalten.
Ebenfalls ist es eine Tatsache, dass Frauen nach wie vor rund 20 Prozent weniger verdienen als Männer. Diese Aussage basiert ebenfalls auf Zahlen, die das BfS analysiert hat. Frauen erhalten für ihre Arbeit weniger oder gar keinen Lohn. Dass sie aus diesen Gründen weniger in die Sozialwerke einbezahlen, ist richtig. Um wirklich gerechte Verhältnisse zu schaffen, müsste das Rentenalter nicht von 64 auf 65 Jahre angehoben werden. Vielmehr müsste das Rentenalter auf mindestens 57 Jahre gesenkt werden: Die sieben Jahre entsprechen den 20 Prozent weniger Lohn. Einfach gesagt: Würden Frauen für ihre Erwerbsarbeit genauso viel verdienen wie Männer, könnten sie sich mit 57 Jahren pensionieren lassen.
In jedem Fall ist es stossend, dass Frauen – mit der Anhebung ihres Rentenalters – dafür bezahlen sollen, dass den Sozialwerken nicht genug Geld zur Verfügung steht.
Zu Ihrer zweiten Frage: Wie stützt die Autorin ihre Behauptung, dass Frauen «immer noch hauptverantwortlich für Kinderbetreuung und Haushalt» sind?
Immer mehr Frauen (80 Prozent) arbeiten nach der Geburt eines Kindes weiter, die meisten – 63 Prozent – Teilzeit. Laut BfS tragen aber nach wie vor gut drei Viertel der erwerbstätigen Frauen die Hauptverantwortung für Hausarbeit und Kinderbetreuung. In Zahlen ausgedrückt: Mütter wenden durchschnittlich 55,5 Stunden pro Woche dafür auf, dass der Kühlschrank gefüllt, das Essen gekocht und die Wohnung aufgeräumt ist, die Kleider gewaschen, die Kinder zufrieden sind. Geht die Frau zusätzlich einer Erwerbsarbeit nach, erhöht sich der durchschnittliche Arbeitsaufwand auf 68 Stunden. Das sind täglich knapp 10 Stunden, auch samstags und sonntags.
Auch das durchschnittliche Arbeitspensum der Männer ist enorm. In der Tat müssen sie aufgrund ihrer erwerbstätigen Frauen vermehrt im Haushalt mit anpacken. 30,5 Stunden pro Woche Hausarbeit leisten Väter in Familien mit kleinen Kindern. Kumuliert mit der Erwerbsarbeit – die in den meisten Fällen ein Vollzeitpensum von mindestens 40 Stunden umfasst –, ist das ebenfalls eine beachtliche 70-Stunden-Woche.
Steuersenkungen für Kita-Unterstützer
Es gibt sie zwar, die «modernen Väter» – doch sie sind eine krasse Minderheit: 9 von 10 Vätern arbeiten nach wie vor Vollzeit – auch das ein Befund des Bundesamts für Statistik. Eine Studie des deutschen Instituts für Demoskopie Allensbach, in der 947 Männer zwischen 18 und 65 Jahren befragt wurden, ergab: Der Erfolg im Beruf ist für die meisten Männer wichtiger als die Familie. Kommt es zu einem zeitlichen Konflikt zwischen Beruf und Familie, entscheidet sich die Mehrheit der Männer für den Beruf.
Das Thema Arbeit wird sehr ideologisch abgehandelt. Dass Konzerne von Steuerbelastungen verschont werden sollen, verstehe ich nicht. Weshalb ist es in Ordnung, dass Geldinstitute und Grosskonzerne kaum Steuern bezahlen müssen, ihren Managern aber Millionenboni auszahlen? Warum werden Aktionäre steuerlich bevorzugt behandelt?
Diese Praxis führt dazu, dass wir – in einem der reichsten Länder der Welt – uns plötzlich gezwungen sehen, im Gesundheits- und Bildungssegment zu sparen.
Wäre es nicht sinnvoller, wir würden den Konzernen Steuererleichterungen nicht aus blindem Gehorsam gewähren, sondern erst dann, wenn sie sich am Gemeinwohl beteiligen? Steuerermässigungen für Firmen könnten etwa dann ausgesprochen werden, wenn sie einen Teil ihres Geldes den Kitas zufliessen lassen würden. So erhielten Kita-Angestellte endlich einen anständigen Lohn. Sie sind es, die einen höchst verantwortungsvollen Job verrichten, in dem sie unsere Kleinkinder betreuen, während wir für die Konzerne als Arbeitnehmer stramm stehen.
In diesem Sinne grüsst Sie herzlichst
Sibylle Stillhart