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Lange Zeit hat es danach ausgesehen, als ob der am Montag in Kanada zur Abstimmung gelangende Vorschlag für eine Verfassungsrevision keine Erfolgschance haben werde. Doch mit dem Näherrücken des Urnengangs vom 26. Oktober scheint dessen Ausgang immer ungewisser zu werden.
Der zur Abstimmung stehende, komplexe Reformvorschlag, genannt "Charlottetown Agreement", wurde Ende August von Vertretern der kanadischen Regierung, der Provinzen und sowie von Indianerorganisationen als Folge der permanenten Separationsdrohungen der frankophonen Provinz Quebec verabschiedet. Einer der zentralen Punkte dieses übereinkommens ist die Anerkennung Quebecs als "distinct society". Damit sollen in der kanadischen Verfassung die französischsprachige Minderheit und das unterschiedliche kulturelle Erbe ausdrücklich verankert werden, was de facto schon lange Tatsache ist.
Es ist dies der sechste Reformvorschlag in 25 Jahren - und fünfmal sagte das Stimmvolk bisher Nein. Gemäss der neüsten Umfrage des "Globe and Mail" sind übers Land verteilt wiederum 45 Prozent gegen den jetzigen Vorschlag, 39 Prozent sind dafür, und 16 Prozent konnten sich noch nicht entscheiden. Nur gerade in Ontario und Atlantic Canada überwiegen die Befürworter; in British Columbia ist man mehrheitlich dagegen, ebenso in Quebec. Doch überall sind noch viele Wähler unentschlossen, und sie halten den Wahlausgang in der Schwebe. Quebec selber mit einem Viertel der kanadischen Gesamtbevölkerung ist zerstritten: Premier Robert Bourassa ist dafür, Jacques Parizeau, der Führer des separatistischen Parti Quebecois, ist dagegen.
Sollte das kanadische Volk den "Charlottetown Accord" ablehnen, so dürfte vermutlich schon innerhalb von 18 Monaten das Volk in Quebec erneut um seine Meinung gefragt werden - diesmal aber über die Frage einer vollständigen Trennung. Doch wie die Beziehungen Quebecs zu Kanada und den anderen nordamerikanischen Staaten aussehen würden, müsste vorerst definiert werden. Nach den Vorstellungen von Separatistenführer Parizeau sollten die Bürger Quebecs auch nach der Trennung einen kanadischen Pass besitzen und mit kanadischen Dollars bezahlen können. Ein Ansinnen, das Premierminister Brian Mulroney ins Reich der Illusion verwies; Kanada sei keine Cafeteria, in der man nehme, was einem gefällt, und liegen lasse, was einem nicht behagt.
Aber auch ein Ja zur Verfasssungsrevision würde das Thema nicht unbedingt entschärfen. Mindestens ebenso wichtig wie der Wahlausgang insgesamt wird das Wahlverhalten in den einzelnen Provinzen sein, namentlich in Quebec. Sollte etwa im französischsprachigen Teil anders gestimmt werden als im englischsprachigen, so wird die frankophone Elite mit Sicherheit das alte Lied anstimmen, wonach man missverstanden werde und Englisch-Kanada noch immer kein Verständnis für die Anliegen Quebecs aufbringe.
Tatsache ist, dass die grosse Mehrheit der Quebecois mit dem Status quo nicht zufrieden ist. Tatsache ist aber auch, dass der "Charlottetown Accord" aus Sicht der französischsprachigen Sonderklasse ebenfalls nicht das Gelbe vom Ei verspricht. Sollten deren Separationsgelüste bei einem Ja-Votum für einige Zeit auf Eis gelegt werden, dann höchstens aus wirtschaftlicher Berechnung und gewiss nicht aus emotionalen Beweggründen.
Erschienen in der Handelszeitung am 22. Oktober 1992