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Man lernt nie aus. Zum Beispiel – und natürlich dank Wikipedia –, dass „Anything goes“ eine Musical Comedy war, geschrieben von Cole Porter und uraufgeführt am 21. November 1934 im Alvin Theatre in New York (und in seinen Wiederaufführungen auf YouTube verewigt). Aber das wollten wir gar nicht wissen. Ist denn „Anything goes“ nicht das Markenzeichen „der“ Postmoderne – ein zynisches Schlagwort, das schon vor dem Zeitalter der Fake News den Untergang der Wahrheit eingeläutet hat? Ein „Beliebigkeitsparadigma“ (C. Vielhaber), das sich selbst als moralisch unhaltbar verrät und zum angeblich schlechten Geschmack postmoderner Architektur auch noch die schlechte Gesinnung marktgeiler Modephilosophen hinzufügt? Oder ist „anything goes“ der gemeinsame Nenner der Medientheorien von „McLuhan, Baudrillard, Virilio, Kittler und Flusser“, wie man zuweilen auch lesen kann? Nun, so ungefähr, wahrscheinlich.
Der Google Books Ngram Viewer verrät allerdings, dass für die Formel „anything goes“ im Britischen Englisch in den Kriegsjahren 1917 und 1944 jeweils kurze Konjunkturhöhepunkte zu verzeichnen waren: Im Krieg sind alle Mittel recht, muss alles „gehen“, um den Feind zu besiegen. Ab 1960 nahm dann die Häufigkeit der Wendung kontinuierlich und deutlich über das Niveau des Heeresgebrauchs hinaus zu (der Trend kehrte erst um die Jahrtausendwende) – ein Schelm, der sagt, die Postmoderne habe eben schon in den „Sixties“ begonnen. Denn im Ernst: Zur populären Referenz für das, was seit den späten 1970er Jahren die Postmoderne genannt wird, ist das „anything goes“ erst später geworden, wahrscheinlich in den 1990er Jahren. Der Urheber der philosophischen Variante der Formel „anything goes“ jedenfalls, der Wiener Wissenschaftsphilosoph und erkenntnistheoretische „Anarchist“ Paul Feyerabend (1924-1994), hatte damit nicht das im Sinn gehabt, was später mit der Postmoderne assoziiert wurde: keine Medientheorie, keine „französischen“ Sprachphilosophien à la Derrida oder Lacan (die er verachtete), und schon gar keine Neuerfindung der Architektur aus dem Geist der „Tradition“ wie bei Charles Jencks, dem maßgebenden Theoretiker der architektonischen Postmoderne.
Wider den Rationalismus
Paul Feyerabend war seit 1958 Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der University of California in Berkeley. Um seinen erkenntnistheoretischen Furor zu verstehen, den er dann in die Formel „anything goes“ gegossen hat, ist es wichtig zu wissen, dass Feyerabend ein Schüler von Karl Popper war, dem Begründer des sogenannten „Kritischen Rationalismus“. Popper hatte unter anderem versucht, Kriterien zu entwickeln, nach denen wissenschaftliche Erkenntnisprozesse fortschreiten und mit denen man daher auch Wissenschaft von allen Formen von Nicht-Wissenschaft unterscheiden könne. Zentral war dabei die sogenannte „Falsifizierbarkeit“: Popper postulierte, dass Theorien nur dann wissenschaftlich sind – und auch den Fortschritt der Erkenntnis ermöglichen –, wenn sie „falsifizierbar“ sind, das heißt, wenn es prinzipiell möglich ist, sie zu widerlegen. Glaubensätze wie „Jesus ist mein Retter“ sind nicht widerlegbar. Aussagen wie „Wasser kocht bei 100 Grad“ sind hingegen überprüfbar und damit prinzipiell widerlegbar (auch wenn sie sich unter bestimmten Bedingungen als wahr erweisen).
Das scheint ebenso einfach wie einleuchtend zu sein. Paul Feyerabend kam nun allerdings auf der Basis einer sehr intimen Kenntnis der Geschichte der abendländischen Wissenschaft zu der Überzeugung, dass die Vorstellung, die Wissenschaft entwickle sich im Sinne Poppers nach rationalen Regeln (wie eben der Falsifikation), schlicht nicht zutreffe. 1975 publizierte er in Berkeley sein dickleibiges und nicht leicht zu lesendes, dennoch aber schnell berühmt gewordenes Buch Against Method (dt. Wider den Methodenzwang. Skizze einer anarchistischen Erkenntnistheorie, 1976). An vielen wissenschaftshistorischen Beispielen und bis in komplexe Details hinein konnte er zeigen, dass sich neue wissenschaftliche Theorien oder Ansichten, die – wie etwa der Übergang zum kopernikanischen Weltbild – üblicherweise als „Fortschritt“ bezeichnet würden, nicht aus Gründen überlegener Rationalität, geschweige denn methodischer Strenge durchgesetzt hätten. Sie seien vielmehr unter vollkommen kontingenten, das heißt zufälligen Bedingungen erfolgreich geworden, oft nur dank „absurder“ Ideen von Außenseitern – und zuweilen auch erst unter Anwendung von Gewalt. Auf diese Weise, und nicht aus „rationalen“ Gründen, würden sie dann als neue „Ideologien“ – so Feyerabend – akzeptiert. Im Experiment „falsifizierbar“ waren und sind sie oft nicht, weil sie nicht einfache, überprüfbare Sachverhalte aussagen, sondern, wie etwa die Kosmologien von Kopernikus oder Einstein, ganze Weltbilder darstellen, die den theoretischen Apparat, mit dem sinnvoll über sie gesprochen werden kann, selbst erst erschaffen.
Was die Beschreibung der Geschichte der Wissenschaften angeht, ist Feyerabends These von deren Kontingenz im Prinzip kaum zu bestreiten. Aber er ging noch viel weiter. Für ihn ergab sich aus diesem Bild der Wissenschaftsgeschichte die Schlussfolgerung, dass es kein durchgängiges, überhistorisches Rationalitätskriterium und keinen allgemeingültigen methodischen Grundsatz gäbe, nach dem die Wissenschaft sich richten könnte. Stattdessen müsse man akzeptieren, dass buchstäblich alle Methoden, Ideologien, Weltbilder, Religionen und Mythen zur Beschreibung der Welt nützlich sein können. Es existiere daher, so Feyerabend, nur eine einzige erkenntnistheoretische Maxime, die er gelten lassen könne und die auch tatsächlich beschreibe, wie Wissen sich entwickelt: „Anything goes“.
Regentänze der Hopi
Man muss sich klar machen, was das bedeutete. Feyerabend meinte mit diesem „anything goes“ ausdrücklich nicht nur alle Konzepte im weiten Raum der abendländischen Philosophie und Wissenschaft, und auch nicht nur die faktischen Zufälle und Absonderlichkeiten der Wissenschaftsgeschichte, sondern auch Mythen wie die biblische Schöpfungsgeschichte, die Kosmologie der Hopi oder Steinzeitastrologie, die Philosophie des Dao, Heilpraktiken wie Kräutermedizin, Handauflegen oder „traditionelle“ chinesische Medizin. Warum sei man zum Beispiel so sicher, dass die Regentänze der Hopi nicht funktionieren? Dazu gäbe es, so Feyerabend mit Verweis auf „die parapsychologische Forschung“, keinen Grund. Denn „unter streng kontrollierten Versuchsbedingungen“ könne „das Bewusstsein die Materie beeinflussen“, und viele alte Kulturen würden lehren, dass man diese Bewusstseinskräfte üben und steigern könne.
Es war wahrscheinlich kein Zufall, dass Feyerabend seine „anarchistische“ Erkenntnistheorie in Berkeley entwickelte. Die Bay-Area um San Francisco herum war damals das Zentrum der – vereinfacht gesagt – Hippie-Kultur, genauer aber das Zentrum der experimentellen Suche nach neuen Lebensformen, neuen Weltbildern, neuen Wahrheiten und neuen Selbsttechniken. Dabei spielten östliche Weisheitslehren wie zum Beispiel der für den westlichen Markt angepasste Hinduismus des Maharishi Mahesh Yogi (der Guru der Beatles, von Mick Jagger oder Clint Eastwood) eine zentrale Rolle. Diese östlichen Strömungen vermischten sich mit den esoterischen Lehren des sogenannten „Wassermann-Zeitalters“ bzw. des „New Age“, und schließlich auch, gleichsam als lokale Variante, mit indianischen Mythen. Von diesen erzählte der Anthropologe und Mythologe Carlos Castaneda in seinen bis heute vielgelesenen Büchern über den – weitgehend erfundenen – „indianischen Weisen“ „Don Juan“, vor allem in The Teaching of Don Juan (1968, dt. Die Lehren des Don Juan: Ein Yaqui-Weg des Wissens).
Paul Feyerabend bezog sich nicht zuletzt und ohne Scheu auf diese counterculture der kalifornischen Sinnsuchenden. Habe nicht Carlos Castaneda gezeigt, dass „Wahrnehmungen auf höchst ungewöhnliche Art verknüpft werden können“, und keine „wahrer“ sei als die andere? Hänge denn nicht, fragte Feyerabend rhetorisch, aber in keiner Weise ironisch, die Wahrnehmung vollkommen davon ab, welche „Lebensart als Maßstab der Wirklichkeit“ gelte? Wer könne denn mit welchen Kriterien, auf der Grundlage von welchem Wahrheitsbegriff und vor dem Hintergrund von welcher Lebensweise dem Don Juan sagen, dass seine Einsichten – etwa sein Heilwissen oder zur Stellung des Menschen in der Natur – weniger wert seien als die des westlichen Rationalismus? Feyerabend war in seiner Zurückweisung der Vorstellung, dass es einen „allgemeinen“, allem anderen übergeordneten „rationalen“ Wahrheitsbegriff gäbe, absolut konsequent – und genau darum auch vollkommen offen nicht nur für alle Lehren und Philosophien rund um den Globus, sondern auch explizit für jeden Mythos und jeden religiösen Glauben. Sind denn, fragte er wiederholt, Wissenschaft und Mythos überhaupt zu trennen? Ja, ist Wissenschaft nicht auch einfach eine „Religion“ wie jede andere – beziehungsweise „ein Mythos unter vielen, entstanden unter besonderen historischen Bedingungen“, wie Feyerabend im Vorwort zur deutschen Ausgabe fragte?
New Age und Esoterik
Die New Ager und Esoteriker sahen das nicht anders. Der damals in Stanford forschende österreichische Physiker Fritjof Capra publizierte im selben Jahr wie Feyerabend in Berkeley ebenfalls so etwas wie ein wissenschaftstheoretisches Manifest: The Tao of Physics (dt. Der kosmische Reigen, 1977). In diesem Buch, das sogar vom Fachorgan Physics Today gelobt wurde, verkündete er die Botschaft einer tiefen Verwandtschaft von „westlicher“ Atom- und Quantenphysik mit den Weisheitslehren des Ostens, das heißt mit mystischen „Einsichten“, die dem Buddhismus, dem Taoismus und dem Hinduismus gemeinsam seien. Ebenfalls zur gleichen Zeit propagierte einer der bekanntesten Propheten des New Age, der Amerikaner David Spangler, in New Age. Die Geburt eines neuen Zeitalters (dt. 1978 – und bis heute zu kaufen, neben Dutzenden seiner weiteren Bücher) mit sehr ähnlichen Argumenten die Vorstellung einer Verbindung von „Bewusstsein“ und „Kosmos“. In vager Weise auf Erkenntnisse der Quantenphysik gestützt, postulierte er, die Wirklichkeit sei „eine gemeinsame Schöpfung oder ein Produkt der Beteiligung von Beobachter und beobachtetem Objekt“. Daraus folge, so Spangler: „Die Welt ist so hart, wie wir wollen, oder so offen, fließend und dehnbar, wie wir in der Lage sind, sie zu verkörpern.“ In sehr ähnlicher Weise sagte auch Feyerabend, „dass eine Veränderung universeller Prinzipien zu einer Veränderung der gesamten Welt führt“. Man gäbe damit zu, „dass die Forschung einen entscheidenden Einfluss selbst auf die festgefügtesten Bestandteile des Kosmos [!] hat“.
Das alles soll nun allerdings nicht heißen, dass Paul Feyerabend ein Esoteriker oder New Ager war – aber es soll heißen, dass seine „anarchistische“ Erkenntnistheorie viele offenkundige Berührungspunkte mit einer ganz unabhängig von ihm entstandenen und sich schnell ausbreitenden popkulturellen Strömung aufwies und daher begeistert aufgegriffen wurde. 1979 lagen von der deutschen Ausgabe – erschienen in der „Theorie“-Reihe des Suhrkamp Verlags und herausgegeben von keinem Geringerem als Jürgen Habermas – schon 13‘000 Exemplare vor; mein Exemplar, das ich 1980 kaufte, ist voll von Anstreichungen und zustimmenden Ausrufezeichen an den erstaunlichsten Stellen. Denn das „anything goes“ wurde, ganz im Sinne des New Age, aber auch der linken Alternativszene, als eine fundamentale Kritik am westlichen Rationalismus gelesen, der mit der manifesten Zerstörung der Umwelt und der Ausbeutung der „Dritten Welt“, ja der Zerstörung aller indigenen „Völker“ und „Kulturen“ vollständig delegitimiert erschien. Vor allem die damals verbreitete Begeisterung für die „Indianer“ konnte unmittelbar an Feyerabend anschließen, wenn er vom Regentanz der Hopi schrieb und Carlos Castaneda lobte. Dass er im akademischen Feld und in den großen Medien vor allem Spott und erbitterte Ablehnung provozierte und der Spiegel ihn einen „Clown“ nannte, schien nur das kritische Potential dieses mythologisierend aufgeladenen „anything goes“ zu bestätigen.
Wissenschaftsfeindschaft und Identitätspolitik
Feyerabend war sich der politischen Konsequenzen dieser Haltung nicht nur vollkommen bewusst, sondern formulierte sie in aller Deutlichkeit selbst. Er empfand die Verbindung von westlichem, wissenschaftlichem Rationalismus, Kapitalismus und Demokratie als ein System der Gewalt und Unterdrückung, das alle anderen Kulturen und Lebensweisen in ihrer Existenz bedrohe. Er meinte das – avant la lettre – identitätspolitisch: „Eine westliche Demokratie“ könne „keine Hopi-Kultur im vollen Sinne des Wortes enthalten; sie kann keine schwarze Kultur im vollen Sinne des Wortes enthalten; sie kann keine jüdische Kultur im vollen Sinne des Wortes enthalten“. Eine Anerkennung solcher Kulturen und Identitäten sei unter den Bedingungen der „unheiligen Allianz“ von Demokratie, Kapitalismus und Rationalismus nicht möglich, und diese Kulturen seien daher in ihrer Existenz bedroht. Aus diesem Grund forderte Feyerabend, dass nach der schon erfolgten Trennung von Kirche und Staat nun auch „die Trennung von Wissenschaft und Staat“ vollzogen werden müsse. Mit anderen Worten: „Die Eltern eines sechsjährigen Kindes können entscheiden, ob ihm die Grundlagen des Protestantismus oder des Judentums oder überhaupt keine Religion vermittelt werden soll, aber auf dem Gebiet der Wissenschaften haben sie kein solches Recht. Physik, Astronomie, Geschichte müssen gelernt werden. Sie können nicht durch Magie, Astrologie oder das Studium von Sagen ersetzt werden.“ Feyerabend hielt das für eine unhaltbare, weil „undemokratische“ Situation, die wie gesagt auch dazu führe, dass minoritäre und nicht-europäische Kulturen unterdrückt würden. Für ihn gab es daher nur ein akzeptables Modell: „Die Stimme jedes Betroffenen entscheidet über Grundfragen wie Lehrmethoden, die Wahrheit grundlegender Ansichten wie der Entwicklungstheorie [=Evolutionstheorie] oder der Quantentheorie – nicht die Autorität der großen Tiere.“ Anything goes: „Sollen wir Darwin lehren, oder Genesis, oder beides?“ Darüber müssten die „Betroffenen“ abstimmen, oder die Eltern für ihre Kinder die Entscheidung treffen – nicht aber der „Staat“, weil dieser nicht von der „Ideologie“ der Wissenschaft getrennt sei.
Nein – Paul Feyerabend meinte das nicht ironisch, wie zuweilen gesagt wird, dafür insistierte er zu sehr und immer wieder auf genau diesen politischen Schlussfolgerungen, vom Vorwort der deutschen Ausgabe bis zum letzten Kapitel seines Buches (das er für die deutsche Ausgabe überarbeitete). Liest man es heute, befällt einem die Angst, es könnte einem Impfgegner, einem Kreationisten oder einem Flat-Earther in die Hände fallen – oder den vielen Leugnern des Klimawandels… Vor allem aber dämmert einem die Einsicht, dass das, was abwertend als „Postmoderne“ kritisiert wird, wohl sehr viel weniger mit französischen Philosophen und ihren „dekonstruktiven“ Sprachtheorien zu tun hat, als mit jenen esoterischen und anti-rationalistischen, ja wissenschaftsfeindlichen Strömungen im pop- und gegenkulturellen Schatten dessen, was heute etwas verächtlich Mainstreamkultur heißt. Feyerabend hat zwar dem Glauben an die unumschränkte „Rationalität“ des wissenschaftlichen Fortschritts nicht ohne gute Gründe einen kräftigen Schlag versetzt. Gegenwärtig aber erkennen wir, dass die Kombination von Wissenschaftsfeindschaft, esoterischen Spekulationen über die Verbindungen von individuellem „Bewusstsein“ und „Kosmos“, und schließlich dem identitätspolitisch aufgeladenen Beharren auf der Eigenständigkeit und Einzigartigkeit jeder „Kultur“ ein ziemlich toxisches Gebräu ist. Nein, Feyerabend hat das alles nicht ausgelöst. Aber ein frühes Symptom für diese Entwicklung war er durchaus.