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Der Meilemer Banker Thomas Matter rückt für Christoph Blocher in den Nationalrat nach und mit ihm ein Netzwerk von neoliberalen Unternehmern, die die FDP als Vertreterin der Wirtschaft aufgegeben haben.
Thomas Matters prägende Kindheitserinnerung ist diejenige an eine schroffe Felswand, an die senkrecht abfallende Sissacher Fluh im Baselbiet.
Oben gibt es eine schöne Beiz, wo am Wochenende die Ausflügler aus der Stadt die Aussicht geniessen. Unten liegt Sissach, ein schmuckloses Durchgangsdorf mit einem Bahnhof, einem Autobahnkreuz und einem schlechten Eishockey-Club.
Von dort brach Matter in die USA auf, nachdem er das Gymnasium abgebrochen hatte, absolvierte die Highschool, kehrte zurück, wurde ein Bankgeselle und mit 21 Jahren der jüngste Händler der Schweiz mit Börsenlizenz. Was Matter anpackte, das gelang. Er verdiente viel Geld, gründete eine Familie und dann 1999 mit 28 seine erste Bank.
Im Zuge der Swiss-First-Affäre warfen sein Geschäftspartner Ruben Hranov und die Medien Matter Insider-Transaktionen vor. Er habe Insiderwissen über eine bevorstehende Fusion seiner Swiss First Bank mit der Bellevue-Bank ausgenutzt, Pensionskassen um Riesensummen betrogen und deren Verwalter geschmiert. Matter musste all seine Anteile verkaufen, verlor ein Vermögen und seinen guten Ruf. Weil ihm die Beziehungen in die Medien (ausser zur Weltwoche, die er von den Basler Zeitung Medien an den Tessiner Financier Tito Tettamanti transferierte), die Politik und das Establishment fehlten, war er der Welle der Empörung wehrlos ausgesetzt. Erst Jahre später wurden die Ermittlungen gegen ihn eingestellt, die rufschädigenden Artikel in den Zeitungen auf den Frontseiten widerrufen und Matter rehabilitiert.
Dieser hatte seine Lektion gelernt: Wer im Haifisch-Becken der Hochfinanz überleben will, der braucht ein Netzwerk in Politik und Medien, muss nicht nur freundlich sein, sondern auch Freundlichkeit demonstrieren, darf sich vordergründig nicht nur für Geld interessieren, sondern muss die Menschen, die Öffentlichkeit gewinnen. Das tut er seither.
2010 zog «Tommy», wie ihn seine Freunde nennen, mit seiner zweiten Ehefrau Marion und der mittlerweile sechsjährigen Tochter in eine schöne Villa nach Meilen. Der heute 48-Jährige rettete zusammen mit Denner-Erbe Philippe Gaydoul den konkursiten EHC Kloten, investierte in den Privatsender 3+. Er gründete die Neue Helvetische Bank «als Bank für Schweizer Unternehmer» mit, trat in die SVP ein und übernahm bald das Amt des Säckelmeisters der Kantonalpartei. Er trat für die Nationalratswahlen 2011 an, tourte trotz eines geschätzten Vermögens von zwischen 100 und 200 Millionen mit einem alten VW-Bus Jahrgang 74 volksnah durch den Kanton und verpasste den Sitz nur knapp um zwei Plätze.
Wenn ein Sitz in der grossen Kammer frei wurde, zeigte er sich geduldig. Er gratulierte Gregor Rutz, als dieser für den gefallenen Bruno Zuppiger nachrückte und machte dem Gemüsebauern Ernst Schibli Mut, für den zurückgetretenen Bankenfachmann Hans Kaufmann nachzurücken, obwohl die Partei es lieber gesehen hätte, wenn Schibli zu Gunsten von Matter verzichtet hätte.
Nun vollzieht sich mit dem Nachrücken Matters auch ein weiterer Schritt im sogenannten Generationenwechsel der SVP. Auf diesen drängten neoliberal-wirtschaftsnahe Kreise schon lange, scheiterten aber immer wieder am Sitzfleisch der alten Garde um Schreiner Toni Bortoluzzi, Sekundarlehrer Hans Fehr, Historiker Christoph Mörgeli und zuletzt auch wieder am Selbstbewusstsein von Gemüsebauer Schibli. Mit Matter zieht nun die «Galionsfigur der neuen Wirtschaftselite», wie ihn der Tages-Anzeiger bezeichnete, endlich auch ins Parlament ein.
Galionsfigur deshalb, weil er nebst seinen eigenen Ressourcen auch breite Kreise einflussreicher Industrie- und Wirtschaftsführer wie in seinem «Club zum Rennweg» oder der «IG Schweizer Unternehmer gegen wirtschaftsfeindliche Initiativen» aktivieren kann. Diese haben sich von der FDP wegen ihrer schwindenden politischen Macht schon lange losgesagt.
In der Politik erhoffen sich seine einflussreichen Freunde aus der Wirtschaft viel von Matter, der hinter den VW-Hockey-Philantrophen-Kulissen geblieben ist, was er schon immer war: Ein Händler mit einer neoliberalen Haltung, der die Schweiz als Wirtschaftsstandort sieht, dessen Vorzüge im Dienste der Industrie und der Hochfinanz erhalten wenn nicht sogar ausgebaut werden müssen.
Er kämpfte gegen die Steuerinitiative der SP, half die Krankenkasseninitiative zu bodigen und spaltete zusammen mit Konrad Hummler die SVP, um die Front gegen die Personenfreizügigkeit zu brechen. Die EU ist Matter ebenso ein Horror wie Eveline Widmer-Schlumpf, die Weissgeldstrategie oder die Finanzmarktaufsicht.
Darin unterscheidet er sich wenig von Christoph Blocher, seinem Vorgänger im Nationalrat. Und wie dieser kennt Matter die Auf- und Abstiege des Lebens, hat oben und unten gesehen.
Nicht nur an der Sissacher Fluh.