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Folgende Geschichte trug sich in einem innerschweizerischen Bergdorf zu, nennen wir es Hinterfotzelen NW. Hinterfotzelen NW, ein beschaulicher Ort in aussichtsreich hoher Lage, wo der Gemeindeamman ein CVPler, die Landwirtschaft noch präsent und die Steuern tief sind. Man würde zunächst nicht vermuten, dass es innerhalb dieser konservativ-katholischen Bevölkerung viele Leute gibt, die sich dem Zelebrieren der Hiphop-Kultur verschrieben haben. Doch wie die meisten Pubertierenden, die nach neuen Identifikationsfiguren suchen, so gab es auch hier einige, die empfänglich waren für die rebellischen Aussagen der sich maskulin und vermeintlich ehrenhaft verhaltenden Musiker, die als Rapper bekannt sind. Und so kam es, dass sich ein Teil der Dorfjugend zusammentat, um ebendieses Verhalten möglichst detailgetreu nachzuahmen, und Kleidungs- wie Sprechstil zu imitieren.
Die zunächst einzige Gruppierung dieser sonderlichen Dorfbewohner wurde zweigeteilt, als Gängschter-Seppli, so nannte man ihn, sich im Sommer 2002 erlaubte, die damalige Freundin von Jimmy D-Lo, so nannte er sich, nach einer intensiven Dorfparty zu sich nach Hause mitzunehmen, um sie zu schwängern. Das Ganze kam nur raus, weil Fritz Mächler, Vater von Gängschter-Seppli, welchen er nicht Gängschter-Seppli, sondern Markus nannte, am darauffolgenden Morgen mitbekam, wie Jimmy D-Los Freundin breiten Ganges sein Haus verliess. Davon berichtete Fritz Mächler dann dem Vater der jungen Dame. Es ginge doch nicht an, dass sich die Tochter des Gemeindeammans durchs halbe Dorf schläft, wo sei man denn eigentlich. Und wie es in einem Dorf halt meist der Fall ist, wusste dessen ganze Bevölkerung nach kurzer Zeit Bescheid über den Vorfall. Das Kind, Gängschter-Seppli wollte zunächst die Schule abbrechen und erfolgreicher Rapper werden, um so dem Kind ein Leben im Luxus zu ermöglichen, wurde bereits im ersten Monat der Schwangerschaft abgetrieben. Dass Seppli der Vater sein musste, ergab sich aus dem Umstand, dass Jimmy D-Lo während des Zeitraums der Begattung in den Skiferien war. Verständlicherweise war er ziemlich unerfreut über dieses Ereignis, wollte gar mittels der väterlichen Offizierspistole Rache üben, revidierte seine Vergeltungspläne jedoch nach einem Gespräch mit dem Dorfpfarrer, den er seit seiner Zeit als Ministrant regelmässig aufsuchte, um zu beichten und Probleme zu bereden, und entschied sich schliesslich dafür, seiner neuen Exfreundin und seinem neuen Erzfeind lebenslänglich Verachtung entgegenzubringen. Die restlichen Mitglieder der lokalen Hiphop-Gemeinde hatten sich zu entscheiden, auf welche Seite sie sich schlagen wollen, und taten dies nicht aufgrund moralischer Überlegungen, sondern anhand der Sympathien, die sie für Jimmy und Seppli hatten. Zwei Banden waren geboren, die bereit waren, sich mit den übelsten Streichen gegenseitig das Leben schwer zu machen, und notfalls gar Gewalt anzuwenden, verbale wie physische.
Die South-South-Eastside Powerbangaz, für deren Namen wie Führung Gängschter-Seppli verantwortlich war, bestanden aus 12 Mann und 5 Frauen, ihre Gangfarbe war Burgunderrot, die Farbe des Blutes, drei der 12 Mann waren Cannabisspezialisten, zwei davon Alkoholbesorgungsbeauftragte, zwei waren für die Recherche nach sehenswerten Pornofilmen zuständig, und der Rest hatte keine spezifische Aufgabe, war jedoch angehalten, nach primitiver Rapmusik zu suchen und auf Funde hinzuweisen. Peter Mächler, Onkel von Gängschter-Seppli, hatte der Bande seine Scheune als Ganglokal überlassen, um im Gegenzug über die sehenswerten Pornofilme informiert zu werden. Alte Sofas und Tische, eine Leinwand mit Beamer, diverse Videospielkonsolen, eine reichhaltige Sammlung an Pornofilmen, eine Bar und ein Kühlschrank befanden sich darin. Ausserdem verfügte ihr Bandenlokal über eine kleine, tiefe Bühne, auf welcher ein gut ausgerüstetes DJ-Pult und zwei Monitorboxen standen, und drei Shure SM 58-Mikrofone lagen. Vor der Bühne standen zwei leistungsstarke Lautsprecher. Das sogenannte Freestylen gehörte zu den Hauptaktivitäten der Gang, denen man hier nach Feierabend oder Schulschluss bei einigen Bieren nachging. Nicht alle waren talentiert, freestyleten aber dennoch. Thematische Tabus gab es dabei kaum. Es durfte, auch bei Anwesenheit von weiblichen Mitgliedern, über Mösen, Fütze, Ärsche, Titten, Hupen, Möpse, Muschis, Vaginas, triefende Ficklöcher, bevorzugte Bumseingänge, Mösen, Ärsche, Titten, und damit verbundene Aktivitäten gefreestylet werden. Einzig politische Themen durften nicht angesprochen werden, da sich unter den Gangmitgliedern CVP-, FDP- sowie SVP-Sympathisanten und -Wähler befanden, und nicht über alle Sachverhalte Einigkeit herrschte.
Eine weitere Haupttätigkeit war das Aushecken von Plänen zur Demütigung der gegnerischen Gang. Zur Gangversammlung traf man sich jede zweite Woche am Sonntagabend, setzte sich an zwei nebeneinander stehende Tische, trank sein Bier und diskutierte aktuelle Vorhaben. Es brauchte eine einfache Mehrheit, um Vorschläge anzunehmen, Bandenboss Gängschter-Seppli verfügte aber über ein absolutes Vetorecht. Seinen zwei Capitani, Psycho Andy und Eichhof David, war es möglich, ein suspensives Veto einzulegen.
Zu Beginn der Sitzung hatte eines der weiblichen Mitglieder jeweils einen kurzen Striptease hinzulegen, um diese offiziell zu eröffnen. Damit die fünf Damen einen entsprechenden Migros Klubschule-Kurs besuchen konnten, hatte man extra einen nicht kleinen Teil des Gangvermögens investiert. Wirklich gelohnt hatte sich dies nach Meinung der meisten Gangmitglieder jedoch nicht. Heute war Julia wieder an der Reihe, die Sitzung zu eröffnen, und wie immer schien es für sie ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, sich im Takt von Lil‘ Jons „Get Low“ zu bewegen, geschweige denn, dabei besonders sexy zu wirken. Klar, die Grösse ihres Hinterns war definitiv die eindrücklichste, welche die fünf Gangdamen zu bieten hatten. Sie war eigentlich auch noch ganz hübsch, und ihr minimes Übergewicht stellte bisher auch nie ein Problem dar. Nur eben das Strippen war nicht gerade ihre grösste Stärke. Der bereits dritte Versuch von Crazy Cowboy, Julia von ihren Stripverpflichtungen zu befreien, scheiterte erst vor einem Monat wieder am Veto des Bosses. Begründet hatte er dies jeweils damit, der Gangzusammenhalt könne darunter leiden.
Julia war mit dem Strippen bei ihrer, in der Gangfarbe gehaltenen Reizwäsche angelangt. Weiter musste sie nicht, durfte sie aber natürlich gehen. Heute beliess sie es beim Entblössen ihrer linken Brustwarze, welche für zwei Sekunden zu sehen war. Die Gang applaudierte, einige riefen passende Ausdrücke wie „geile Sau“ oder „nice boobies“ aus. Darauf folgte das gemeinsame Aufsagen des Gangmottos, welches für dieses Jahr „Figgä, Vöglä, Bumsä, gloyb mer, i bechum sä, Ehre, Stolz und Alkohol, dennä isch eys allnä wohl“ lautete. Fickmeister Ferdinand, einer der älteren Dazugehörigen, wurde mit der Leitung der Sitzung beauftragt, Krassomaten Freddy war bereit, das Protokoll in sein neues, burgunderrotes MacBook einzutöggeln.
Der erste Hauptpunkt auf der Traktandenliste war die Festlegung des Datums der nächsten Gangstaparty. Man entschied sich relativ rasch für den Samstag, welcher auf den bevorstehenden Geburtstag des Chefs folgte.
Zweiter Punkt: Wahl eines Motives für das neue Gang T-Shirt. Krassomaten Freddy liess die eingereichten Vorschläge auf der Leinwand erscheinen. Darunter viele halbprofessionelle Graffiti, welche, konnte man sie denn entziffern, den Gangnamen wiedergaben. Doch auch originellere, mittels Photoshop entstandene Vorschläge waren dabei. Einer davon zeigte das Ganglogo, ein abgetriebener Fötus, der an den Grund für die Entstehung der Gang mahnen sollte. Weitere Motive zeigten nackte Frauen oder Alkoholika, unterschrieben mit lustigen Sprüchen wie beispielsweise „Wir sind der Beweis – Bier macht schön“. Klar war bereits, dass das Gangmotto auf dem Rücken zu stehen hatte. Das Rennen für die Front machte schliesslich Koital Köbis stilisierte Darstellung einer unrasierten Vulva, über welche er ein Fadenkreuz gelegt hatte. Anschliessend war es Zeit für eine kurze Toilettenpause.