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Offene Fragen zur Nachhaltigkeitsbewertung von WWF, SKS und STS
Das aktuelle Lebenmittellabel-Rating von WWF, Stiftung fürKonsumentenschutz (SKS) und Schweizer Tierschutz (STS) wurde um den hohen Anspruch einer umfassenden Nachhaltigkeitsbewertung erweitert. Dies ist auf den ersten Blick ein grosser Fortschritt gegenüber früheren Bewertungen. Aufgrund der untersuchten Kriterien ergibt sich daraus tatsächlich ein differenziertes Gesamtbild, das für die Weiterentwicklung der verschiedenen Angebote wertvoll sein könnte. So wirken sich etwa die Mehrleistungen bei der Biodiversität verdientermassen für das Biolabel "Delinat" sowie den führenden Standard der integrierten Produtkion, IP Suisse, positiv auf die Gesamtwertung aus. Die für eine breitere Öffentlichkeit erfassbare Kurzauswertung mit der Einteilung in die Kategorien "sehr empfehlenswert", "empfehlenswert" und "besser als kein Label" wirft aber insgesamt dennoch mehr offene Fragen auf, als tatsächlich beantwortet werden. Das hat mit dem Bewertzungsansatz zu tun
Der Bewertungsansatz
Stellen wir uns zur Veranschaulichung die folgende Situation vor: Bei einer Anzahl von Menschen wird die Begabung untersucht. In der untersuchten Gruppe befindet sich ein Violinist von Weltformat. (Nebenbei: eigentlich wollte er gar nicht bewertet werden.) Es werden verschiedenste Fertigkeiten bewertet, von handwerklichem Geschick über Fremdsprachenkenntnisse bis hin zu athletischem Können. Musikalität war eines von 10 Kriterien. Die Durchschnittsbegabung des Spitzenviolinisten wird mit „mittelmässig“ bewertet, denn er ist nur musikalisch wirklich gut. Nun erleidet er das Schicksal, dass es üblich geworden ist – ob gewollt oder nicht – dass solche Ratingergebnisse in einem Atemzug mit dem Namen einer Persönlichkeit genannt werden (so etwa wie ein akademischer Titel). So taucht mittlerweile selbst in Konzertprogrammen die Beurteilung „mittelmässig begabt“ auf. Die echten Kenner wissen es natürlich besser, einige haben auch das Bewertungshandbuch gelesen und wissen zu differenzieren. Die meisten KulturkonsumentInnen haben aber nur eine „Shortlist“ bei sich. Und da steht halt: „mittelmässig“.
Etwa so wie dem Violinisten geht es claro fair trade. Im „Handbuch“ steht zwar: „Labels wie MSC, Claro oder Naturafarm erzielten in Einzelbereichen Spitzenwerte, erreichten aber in anderen Bereichen nur durchschnittliche Resultate oder gar keine Punkte, weil ihre Richtlinien die entsprechenden Bereiche gar nicht abdecken. Sie erreichten die Kategorie «empfehlenswert».“ Aber wer liest das Handbuch? Es wird der kleine Faltprospekt sein, der Wirkung entfaltet.
Ausserdem: wie kann man denn überhaupt dazu kommen, claro fair trade als Biolabel zu raten, wenn es sich gar nicht um ein Biolabel handelt, sondern um einen Firmennamen? Das wäre etwa so, wie wenn man Coop oder Migros in die Label-Liste aufnehmen würde – mit der Folge, dass man allerhöchstens ein „besser als kein Label“ erteilen könnte. Deshalb muss man feststellen: die Überschrift „Labelbewertung“ ist schief.
Nun, vielleicht war dieser Kommentar eben auch etwas schief. Die Rede ist ja nicht (mehr) von Biolabels, sondern von Lebensmittellabels. Was passiert nun, wenn ein nächstes Mal beispielsweise WeightWatchers mit-raten? Werden dann alle Anbieter und Labels zurückgestuft, die keine Kalorienbegrenzungen in ihren Produkterichtlinien haben?
Oder: Was ist davon zu halten, wenn der wichtigste gesetzliche europäische Ökostandard, die EU-Bioverordnung, auf dem alle privatrechtlichen Bioprogramme basieren, pauschal als "besser als kein Label" abgetan wird? Auch hier ist die Begrifflichkeit falsch: Die EU-Bioverordnung ist ein gesetzlicher Basisstandard und kein Label. Zudem gilt im Schweizer Biomarkt die Schweizer Bioverordnung als Basisanforderung. Dies wäre im Interesse der KonsumentInnen-Information immerhin erwähnenswert, was wohl aus lauter Angst vor einem Basiszeichen für Schweizer Bioprodukte unterbleibt. Der weltweite Erfolg des Biomarkts wäre ohne diese gesetzlichen Basisregelungen, auch für die Biozertifizierung, undenkbar! Alles nur "besser als kein Label"?
Papier oder Realität?
Ein Einzelbeispiel: Flugverbot in den Richtlinien (etwa der Bio Suisse) führt zu Pluspunkten. Basis der Beurteilung sind Papiere. Und wie sieht es mit der Realität aus? Angenommen es werden „Bioverordnungskarotten“ aus Italien im Frühsommer nach Leerung der Lager in die Schweiz eingeführt. Die Produktionsweise ist den Richtlinien der Bio Suisse etwa gleichwertig, geflogen werden die Karotten selbstverständlich nicht. Die Beurteilung mit dem EU-Bio-Label bleibt unweigerlich schlecht. Realitäten können verständlicherweise nicht in die Richtlinien-Bewertungen einfliessen. Sind sie deshalb für das ganze Labelrating und schliesslich für den Konsum einfach unerheblich?
Viele Bioprodukte aus der EU erfüllen über die EU-Bioverordnung hinaus weiter gehende Anforderungen, auch wenn auf die zusätzliche Zertifizierung durch ein Schweizer Verbandslabel verzichtet wird. Grundsätzlich fraglich ist die Bewertung der Gesamtbetrieblichkeit: Der durchschnittliche Schweizer Biohof ist um ein vielfaches kleiner als der Biobetrieb in der EU. Für die kleinstukturierte Schweizer Landwirtschaft ist eine Teilumstellung schlichtweg gefährlich und unsinnig, in anderen Ländern und wesentlich grösseren Betrieben kann dies im Einzelfall durchaus sinnvoll sein.
Schweiz und Import
Bei der Bewertung der Schweizer Biolabel entsteht der Eindruck, dass grosse Unterschiede bei den verschiedenen Zusatzanforderungen bestehen, was nur teilweise zutrifft. Die positive Tatsache rückt in den Hintergrund, dass praktische alle Schweizer Bioprogramme beim Bezug aus der Schweizer Landwirtschaft den Standard der Bio Suisse voraussetzen. Die unterschiedlichen Bewertungen entstehen im wesentlichen durch die Beurteilung der Bioimporte. Das grösste Problem des Schweizer Biomarkts liegt aber in erster Linie in der teilweise extremen Unterdeckung der Bioinlandproduktion, v.a. im Getreidebau, wo der Grossteil importiert werden muss. Der Handel (z.B. Coop, Migros, Biofachhandel), der eine Versorgungsaufgabe erfüllen will, muss importieren. Wenn diese Zusammenhänge in den Hintergrund gestellt werden, ist es nicht weiter erstaunlich, wenn auf die Bewertung der Regional- und Herkunftsprogramme gleich ganz verzichtet wird.
Fisch
Sehr kritische Fragen sind bei der der Bewertung der Sea Food-Standards berechtigt. Bekanntlich fördert die WWF-Seafood Group die Verbreitung des MSC-Standards im Bereich Wildfang (neben Biofischzucht) aktiv und ausschliesslich. Gleichzeitig bestehen in der Realität eine ganze Reihe je nach Beurteilung gleichwertiger bis weiter gehender Standards. Diese Wettbewerbssituation ist für die Erreichung der Nachhaltigkeitszielsetzungen grundsätzlich positiv, zumal eine mit der Bioverordnung vergleichbare gesetzliche Basisregelung (noch) fehlt. In dieser Situation kann die Verdrängung all dieser Initiativen durch ein privatrechtlichen Monopol schlichtweg nicht im Interesse einer nachhaltigen Marktentwicklung sein. Dass der WWF sein unabhängiges Image als global anerkannte NGO dazu einsetzt, wirft viele ernsthafte Fragen zur Rollen- und Gewaltentrennung (Corporate Governance) auf.
Biofachhandel
Die Pioniere des Biodetailhandels in der Schweiz scheinen einmal mehr Verdrängungsopfer zu sein. Bei den verarbeiteten Produkten beziehen sie einen hohen Anteil aus den umliegenden EU-Ländern. Darunter mag sich sehr viel sogenannte Verbandsware (entsprechend Bio Suisse) finden. Entsprechende Labels finden sich auf Etiketten. Sie bleiben vom Labelprospekt-Benützer unerkannt, weil sie nicht aufgeführt sind. Die Konsumentin sieht nur das EU-Biolabel. Voilà.
Das unmögliche Vorhaben
Noch vor gut 20 Jahren war der Demeter-Produzentenverein klar der Auffassung, dass es kein Demeter-Brot, keinen Demeter-Quark und keinen Demeter-Most geben könne, sondern nur Brot aus Demeter-Getreide, Quark aus Demeter-Milch und Most aus Demeter-Obst – mit guten Gründen: als biologisch (oder biologisch-dynamisch) kann nur die landwirtschaftliche Produktion qualifiziert werden, nicht aber die Brotherstellung, die Milchverarbeitung oder die Mosterei. Inzwischen wurden die Labels um viele Zusatzkriterien angereichert. Aus verständlichen Gründen. Damit hat man sich aber aber das Problem eingehandelt, dass ein Biolabel – das es nach wie vor ist – Aussagen macht über Anforderungen, die mit Landwirtschaft nur mehr oder weniger eng zusammenhängen. Auch das ist verständlich und zu begrüssen. Definitiv problematisch wird es aber, alle Labels und Firmennamen auf eine Linie zu stellen und so zu tun, wie wenn es sich um Gleichartiges handeln würde. Delinat und Migros-Bio-Weidebeef erreichen mit 180 bzw. 177 Punkten die Spitzenränge, Bio Suisse „nur“ 163. Allein dies zeigt ein Problem: jedes Einprodukt-Label oder jedes Label für eine kleine Erzeugergruppe wird es viel leichter haben, einen guten Rang zu erzielen, als Labels mit komplexeren Anforderungen. Wollte Bio Suisse in die Top-Ränge aufsteigen, müsste sie sich auf eine fundamentalistische Kerngruppe redimensionieren und beispielsweise alle Anbindestall-Betriebe dem Bioverordnungsniveau überlassen. Wäre der Sache damit gedient?
Peter Jossi und Matthias Wiesmann