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Da standen sie sich nun endlich gegenüber, die Giganten mit den Visionen: George W. und John. Endlich ging es um Inhalte, dachte vielleicht mancher, der sich bei Nacht und Nebel unter die Zuschauer reihte. Voten, Argumente, Gegenargumente – Worte, Worte waren gefragt. Und zusammenhängende Sätze. «Bushs Satzbau war in Ordnung», hat ein deutscher TV-Kommentator befunden. Uns ist solches nicht einmal aufgefallen. Und wir haben im nachhinein einmal mehr festgestellt, dass die Macht der Bilder stärker ist als die Macht des Wortes, mindestens im vorliegenden Fall.
Was haben wir gesehen? George W. hat sich mit säuerlicher Miene hinter dem Rednerpult verschanzt wie hinter einer Brustwehr. Die Erinnerung an seine imponierende Beinarbeit verblasste: Wie er in Lederjacke und Jeans und mit leicht angewinkelten Armen über «The Big Country» schreitet, jeden Augenblick bereit ins Halfter zu greifen.
Aber beim Wortduell: Da wirkte er wie die ideale Besetzung einer Nebenrolle in einem Gangsterfilm, im Hinterzimmer einer Anwaltskanzlei – mit Ärmelschonern. Ein geschrumpftes Männchen, im Amt nicht gewachsen, wie von manchen erhofft. Was hat sich wohl Frau Laura dabei gedacht?
Und auf der andern Seite der mit dem langen Kopf und der silbernen Mähne. Er hatte die Brustwehr auf der Höhe des Solarplexus, den er mit beschwörenden Handbewegungen immer wieder zum Kribbeln brachte. Er war beredt und wirkte informiert, und trotzdem vermochte er die Bilder nicht zu verscheuchen, die die Zuschauer besetzten: Das Bild vom Mann auf dem Bostoner Parteikongress mit der Hand auf dem Herzen oder abgewinkelt an der Stirn: «Ich melde mich zum Dienst!» Wie ist Kerrys Rede bei seiner Frau Teresa wohl angekommen?
In Büchners Revolutionsdrama «Dantons Tod» setzt der Deputierte Camille Desmoulins in privatem Kreis zu einer rhetorischen Volte an, und als er dann seiner Frau Lucile einen Kommentar zu dem, was er gesagt hat, abringen will und sie fragt: «Was sagst du?» bekommt er zur Antwort: «Nichts. Ich sehe dich so gerne sprechen.»
Ob’s wohl Laura und Teresa ebenso formulieren würden? Und all die Wählerinnen und Wähler die jetzt gefragt sind? Wen sehen wir lieber sprechen, Bush oder Kerry. Das ist hier die Frage. Der Wahlkampf als Bilderrätsel.
Peter Zeindler ist Schriftsteller und Journalist.