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Lange verstand ich nicht, warum Leute in der Türkei manche Männer als «top» bezeichnen. Denn top heisst eigentlich Ball. Meinen sie kugelrunde Menschen? Meinen sie Fussballer? Irgendwann fand ich heraus, dass sie von Schwulen sprachen. (Dass das englische «top» die aktive Rolle beim Sex beschreibt, ist purer Zufall). In der Türkei sind Schwule nicht nur Bälle, sondern grundsätzlich alles, was rund ist (yuvarlak = Kreis, tekerlek = Rad, halka = Ring).
Weshalb, weiss ich zwar bis heute nicht. Beim Recherchieren stiess ich aber auf die tolle Seite moscasdecolores.com. Sie beinhaltet ein ausführliches Wörterbuch für Begriffe aus der ganzen Welt, mit welchen man Schwule bezeichnet. Unten eine Auswahl der kuriosesten. Doch Vorsicht! So harmlos sie auch scheinen, in ihren jeweiligen Sprachen haben sie eine abwertende Bedeutung:
In China sind Schwule Gläser. Denn das chinesische Wort «玻璃, Bōlí» wird auch für Homosexuelle verwendet. Darauf kamen die Chinesen möglicherweise von der Abkürzung «BL», die für «Boy Lover» steht. Die beiden Buchstaben klingen ausgesprochen wie das chinesische Wort für Glas.
In Englisch gibt es massenhaft Bezeichnungen für Schwule. Ein oft gehörtes Wort ist «Faggot». Entgegen der Vorstellung vieler Nicht-Englischsprachiger bezieht sich das nicht auf das Blasinstrument «Fagott». Das heisst auf Englisch «Bassoon». Es gibt verschiedene Erklärversuche, woher das englische faggot kommt. Es könnte sich auf die wörtliche Übersetzung «Holzbündel» beziehen, wobei man an die Verbrennung von Sündern im Mittelalter denkt, oder an die mittelalterliche Bezeichnung für eine unangenehme, alte Frau, die man ertragen muss wie ein Bündel Holz auf dem Rücken. Manche vermuten den Ursprung auch hinter «Faygele», dem jiddischen Wort für ein Vögelchen, das auch für Homosexuelle verwendet wird. Andere sehen den Ursprung in einem alten englischen Begriff «fag», welches einen jungen Schüler bezeichnet, der für Ältere Dienste erledigt.
In Finnland bekommen Schwule den Übernamen «Hinaaja». Das sind Schlepper-Boote, die mit ihren Haken andere abschleppen. Nur einer von zahlreichen Begriffen, die auf Sexualpraktiken von Homosexuellen anspielen.
Die Franzosen kennen zig Begriffe für Schwule. Einer davon ist «pédale». Was aussieht, als hätte es einen Zusammenhang mit harmlosen Velo-Pedalen, kommt von einem uralten, schlimmen Vorurteil. Es gibt für Schwule häufig Worte, die mit «ped-» beginnen, weil Homosexuelle lange mit Päderasten gleichgestellt wurden. Männer, die sich von Buben oder männlichen Jugendlichen angezogen fühlen. Das «ped-»-Phänomen gibt’s auch in anderen Sprachen: Auf Russisch wandelte sich das Wort zu «Petuh», Gockel. In den ex-jugoslawischen Ländern kennt man «peder», aber auch das abgeleitete «peškir», was eigentlich Handtuch heisst.
Ob das italienische «finocchio» wirklich für Fenchel stand, als man begann, es für Homosexuelle zu gebrauchen, ist nicht erwiesen. Es kursiert aber die Theorie, dass man die Pflanze im Mittelalter ins Feuer warf, während man Schwule auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Das sollte den ekligen Geruch des verbrannten Fleisches übertünchen. Andere vermuten den Ursprung hinter einer früheren Bedeutung des Worts für einen wertlosen Mann. Wiederum andere finden, die Zwiebel des Fenchels sehe aus wie ein Po. Es gibt noch zig andere Erklärungsversuche. Welche auch immer stimmt, schaurig ist die Scheiterhaufengeschichte allemal.
In Japan sind Homosexuelle ein «okama オカマ», zu Deutsch Topf. Wieso, bleibt auch hier Spekulation. Interessant: Die Portugiesen waren in der Geschichte die ersten Europäer, die auf Japaner trafen. Und auch im Portugiesischen gibt es einen Begriff, der mit Töpfen zu tun hat und sich heute auf Schwule bezieht: Ein «pandelerio» ist ein Mensch, der Töpfe herstellt oder verkauft.
Bei den ganzen Begriffen begann ich mich zu fragen, woher denn eigentlich «schwul» kommt. Auch hier scheint man sich nicht ganz sicher zu sein. Eine Vermutung führt zurück zum niederdeutschen «schwul», das drückend heiss bedeutete (vgl. das heutige «schwül»). Ob das nun mit «warmen Brüdern» zu tun hat, mit einer früheren Behauptung, die Haut von Homosexuellen sei wärmer als jene von Heterosexuellen, oder ob die Atmosphäre in «einschlägigen Lokalen» damit gemeint ist, bleibt offen.