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Füller contra Schwitter: Fabian Schwitter, Redaktionsmitglied von delirium, diskutiert mit Albrecht Füller von der Gruppe Konverter, einem nicht-kommerziellen Kunstkollektiv aus Zürich.
Schwitter: Nach Bourdieu: Kunst bestimmt sich seit dem 19. Jahrhundert über die (mehr oder weniger grosse) Autonomie des Produktionsprozesses und das materielle Werk. Die Kunst ist der paradigmatische Ort der Autonomie. Bestimmte Off-Szenen-Projekte, wie die Zürcher Gruppe Konverter, bestimmen sich jedoch rein über die Autonomie. Die Werke sind nicht im engeren Sinn als Kunst zu verstehen. Die Kunst liegt im Ort der Gruppe selbst. Der wöchentliche Treffpunkt ist als Kunst im umfassenderen Sinn zu verstehen: Die Garage ist die Kunst.
Füller: Nach Adorno: Autonomie der Kunst ist eine bürgerliche Kategorie. Mit den Mitteln der Kunst sich gegen diese Kategorie aufzulehnen, erlaubt nicht, die historisch vollzogene Trennung wieder aufzuheben. Indem aber die historische Spaltung von kreativer Tätigkeit in Kunst und Laientum bewusst aufgezeigt wird, kann eine Haltung zugunsten tätiger und gelebter Kreativität eingenommen werden, die zwischen affirmativer Haltung gegenüber der Kunst und dilettantischen Versuchen jenseits einer Kategorie der Bürgerlichkeit liegt, aus der heraus zumindest die Möglichkeit besteht, Kunst zu überwinden, indem ihre Kategorien historisch relativiert und damit entkräftet werden. Weder der Werkcharakter noch die Auseinandersetzung innerhalb der Institution Kunst, die den Warencharakter der Kunst in Begrifflichkeiten wie «Konzeptkunst» abstrakt perpetuieren, haben Platz in einer solchen Stossrichtung, die sich die Abschaffung aller Kunst zum Ziel setzt. Oder einfacher gesagt: Ausgehend vom Status quo besteht die Autonomie der Kunst darin, zu sagen: «Ich male, also bin ich Künstler» («male» kann hier durch beliebig andere kreative Tätigkeiten ersetzt werden). Konverter sagt: «Ich male, also bin ich kreativ tätig.» Oder noch einfacher: Es ist keine Kunst im Konverter, weil wir gar nicht Kunst machen (wollen). Keine Werke, keine Konzepte.
Schwitter: Tja: Da scheinen wir vom Selben zu reden. Natürlich muss ich meine Aussage präzisieren: «Die Garage wäre Kunst.» Da die Zusammensetzung der Kunst aus Werk und Autonomie keine einseitige Fokussierung weder auf das Werk noch auf die Autonomie erlaubt, kann folglich eine nur autonom vollzogene Tätigkeit nicht mehr «Kunst» genannt werden. Die Frage ist nun: Welche Bezeichnung wäre stattdessen zu wählen? So wie ich das sehe, geht es beim Konverter und den wöchentlichen Treffen eben darum, die kreative Tätigkeit als Teil einer Lebensführung zu verstehen, d.h., es gibt keine Trennung von «Werk» und Lebensführung. In der herkömmlichen Kunst ist es ja eben möglich und wird auch gefordert (selbst wenn das vielleicht ein nie zu erreichendes Idealpostulat ist), das Werk unabhängig von der Lebensführung zu verstehen. Das macht ja auch den Mythos der sogenannten bürgerlichen Kunst aus – bzw. eben der hohen Kunst, die sowohl vom Produktions- als auch vom Rezeptionsprozess her vollständig autonom gedacht ist.
Füller: Ja, wie möchte man das nennen? Ich schlage immer noch «kreative Tätigkeit» als zeitweilige Überbrückung vor, da sie den institutionellen Charakter von «Kunst» aufhebt: als Institution, aber auch als Verfahren, das vom Leben getrennt ist, sowie als Profession. Daher auch dieser zweite Slogan, den wir einst aufbrachten: «Kunst kann jeder machen – sogar Künstler.» (Im Sinne einer laienhaften Kunst, die nicht als Profession, sondern als Verlängerung der gesellschaftlichen Praxis auftritt. Der Natur des Künstlers gemäss hat dieser hierbei die grösste Hürde zu überwinden, seine eigene Abschaffung nämlich zu denken.) Ja, es ist die herkömmliche «Kunst», die an ihrem eigenen Untergang nagt, so wie das (alte) Gross-, Klein- und Bildungsbürgertum ebenfalls. Das Kleinbürgertum hat sich nach einer nazistischen Periode auf Konsumgüter gestürzt und beweist seit 150 Jahren nur Verklemmung und Infantilismus; seine Partizipation hat sich erübrigt, solange man dem Baby einen iSchnuller gibt. Die Bildungsbürger, aufgrund ihrer Einsicht noch am ehesten als «Totengräber» des eigenen Systems tauglich, sind zwar ebenso Teil dieser untergehenden Ordnung, aber sie drehen sich seit vierzig Jahren in einer Metaspirale – in Gesprächen, in denen die Struktur der Struktur debattiert wird, und das zu einem Zeitpunkt, da das Publikum schon lange den Raum verlassen hat. Dass der Rückgriff auf ein «Proletariat» heute bizarr anmutet, kann ich verstehen. Ein Rückgriff aber auf eine dieser Schichten, die ich oben kurz skizziert habe, scheint mir noch irrwitziger. Und «Kunst» kann sich für eine solche Klasse nicht autonom gestalten, sie ist organisch gebunden an die Lebensrealität der eigenen Klasse. Oder ganz platt: Wenn der Prolet versteht, dass er selber auch Gedichte schreiben kann, kommt er vielleicht auf die Idee, dass er und seinesgleichen auch im Betrieb übernehmen können. Ist der Prolet nicht mehr Zuschauer der Kunst, hört er vielleicht auch auf, bloss Zuschauer seines eigenen Lebens zu sein. Wird er kreativ tätig, ohne Künstler zu werden, kann er vielleicht auch gegenüber der Ausbeutung tätig werden, ohne Ausbeuter zu werden. Und jetzt bitte ich um viel Häme… Nein, ernsthaft: Der letzte Absatz ist eine Skizze, mit der ich tastend mich vorwärts bewege. Sie diene dir nicht als Beispiel, um das vorherige zu entkräften, da sie selber ohne Kraft noch ist.
Schwitter: Hurrah. Wir nähern uns dem Abgesang. Da ist ja doch etwas drin in dieser gesättigten Zeit. Insofern: Ich stimme grösstenteils zu. Das klingt alles sehr interessant. Nur: Der pädagogische Aspekt ist nicht wegzudenken. Das verschiebt die Sache vom Gebiet der Kunst ins Feld der Pädagogik. Da stellt sich aber die Frage: Wie ist es möglich diese Verschiebung zu vollziehen, ohne wieder in paternalistische Muster zu verfallen? Es müsste eine Erziehung mit suspendierter oder graduell aufgehobener Autorität sein. Das Credo: Die LehrmeisterInnen haben Leitern zu verteilen, die länger sind als sie selbst.
Füller: Hehe, ja, es ist ein Abgesang. Zwischendurch erlaube ich mir auch noch ein bisschen Rage. Ich glaube nicht, dass das Pädagogische hierbei problematisch ist – ich stehe dazu. Ein Stück weit muss man sich da weit hinauslehnen, auch wenn die Gefahr lauert, paternalistisch zu werden (wobei ich frage, was daran denn falsch ist… oder anders gesagt: In Zeiten, in denen die allgemeine Infantilität so stark ausgebreitet ist, mag Paternalismus seine Berechtigung haben. Jeder Zeit das, was sie verdient…).
Schwitter: Nur, dass ich mich nicht als Lehrmeister betiteln lassen will. Da haben wir das Problem: Wir sind uns einig, dass es um Ermächtigung geht und dass die Kunst diesbezüglich einen entscheidenden Beitrag leisten kann. Da stellt sich natürlich die Frage, ob Paternalismus der richtige Weg ist, läuft er doch Gefahr, selbsterhaltend zu sein. D.h., können paternalistisch geprägte Menschen wirklich aus dieser Haltung heraus? Bleibt zu fragen: Wie also anregen zu Tätigkeit, und zwar zu möglichst gut ausgestalteter Tätigkeit?
Füller: Warum sich nicht als Lehrmeister verstehen, ohne gleich zum Lehrer zu werden? Wir müssen das ja nicht aufs Professionelle raufschrauben. Darin liegt übrigens auch die Parallele zur Kunst: Wir können uns kreativ betätigen, ohne uns gleich als Künstler aufzuspielen. Wer nichts lernen möchte, der vermeide tunlichst alle anderen Menschen. Nein, ich halte das für ein verfehltes Menschenbild. Wir sind Lernende und Lehrende und wer etwas zu sagen hat, der sage es auch. Man muss daraus, wie gesagt, nicht gleich eine Programmatik entwickeln, aber wenn du die Frage stellst, wie anzuregen sei, dann antizipierst du bereits ein Verhältnis zu einem (fiktiven) Zuschauer oder Leser, das ungleich ist. Das kommt nicht aus der eigenen Haltung heraus, sondern liegt in der Sache selbst. Kunst trennt die Menschen in Machende oder Vorführende und in Zuhörende oder Stille. Das allein wäre vielleicht noch nicht schlimm, wenn es temporär wäre, aber im Kapitalismus schliesst diese Logik an jene im Arbeitsprozess an. Oder um es jetzt ganz spitz zu formulieren: Der Autor, der nicht belehren möchte, ist wie der Arbeitgeber, der auf gut Freund mit seinen Untergebenen machen möchte. Beide verschleiern ihre Position und belügen sich selber.