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Prominente Netstaler
Dorfarzt und Forscher
von Kurt Meyer
Der 1924 geborene Dorfarzt Dr. med. Walter Blumer stellte in den 50er Jahren fest, dass viele seiner Patienten unter chronischen Kopfschmerzen litten. Es fiel ihm auf, dass die Anwohner an der Hauptstrasse dreimal mehr unter diesen Schmerzen litten, als diejenigen in den Aussenquartieren. Er vermutete einen Zusammenhang zwischen Kopfschmerzen und Autoverkehr. Eine Bestätigung dieses Zusammenhanges zeigte sich darin: Wenn schmerzgeplagte Leute von der Strasse weg in ein Aussenquartier zogen, waren sie nach kurzer Zeit beschwerdefrei. Man wusste schon damals, dass das stetige Einatmen von kleinen Bleimengen nicht nur Kopfschmerzen, sondern auch andere Störungen wie Müdigkeit, Depressionen, Nervosität, Schlaf- und Verdauungsstörungen zur Folge hat. Auch diese Beschwerden traten bei den Patienten, die an der Hauptstrasse wohnten, häufiger auf als bei den Bewohnern der verkehrsarmen Quartiere. Da nicht alle Leute dem Verkehr ausweichen konnten, wurden oft zu viele Medikamente geschluckt. Dr. Blumer wusste, dass Kalzium Blei bindet und über die Nieren ausscheidet. Nach einer vier- bis fünfwöchigen Behandlung mit Kalziumspritzen waren die meisten Patienten geheilt. Der Verbrauch von Medikamenten ging dank dieser Behandlung stark zurück.
Unterstützung bekam er von seinem Kollegen Dr. Rudolf Jaumann, ebenfalls Dorfarzt in Netstal, und Professor Theodor Reich. Die drei suchten im amtlichen Totenregister sämtliche Krebstodesfälle von 1959 bis 1970 heraus
und zeichneten den Wohnort der Verstorbenen auf dem Ortsplan der Gemeinde ein. Dabei zeigte sich, dass die Anwohner der Hauptstrasse viel häufiger an Krebs erkrankten und starben, als die Bewohner der Aussenquartiere. Untersuchungen im Auftrag der Eidgenössischen Lufthygienekommission hatten bereits anfangs der 1950er Jahre erhöhte Blutbleiwerte mit ähnlichen Symptomen beim Garagenpersonal, bei Tankwarten und Verkehrspolizisten nachgewiesen. Der Dorfarzt konnte wohl einige Artikel im Rahmen der Schweizerischen Gesellschaft für Sozial und Präventivmedizin veröffentlichen, fand aber unter den einheimischen Medizinern kaum Beachtung. Er wurde einige Male für Vorträge in die USA, in die Tschechoslowakei, nach Holland, Deutschland und Frankreich eingeladen, doch im eigene Land interessierte diese Thematik niemanden. «Der Prophet im eigenen Land gilt nichts». Eine zu mächtige Lobby widersetzte sich einem Bleiverbot im Benzin. Walter Blumer nahm Kontakt mit besorgten Parlamentariern auf; diese beklagten sich aber über die gleichen Widerstände der verschiedenen Lobbys. Der Automobilclub und die Autoimporteure bekämpften dieses Verbot und drohten allen Zeitungsredaktionen mit einem Inseratenstopp bei missliebigen Beiträgen.
Dem amerikanischen Forscher Clair Patterson ging es ähnlich wie der Netstaler Forschergruppe, niemand hörte auf ihn. Doch 1986 konnte sich die Vernunft in den USA durchsetzen und das verbleite Benzin wurde verboten.
Die Erfahrungen von Dr. Blumer hat der RentschVerlag 1973 in einem, heute vergriffenen, Büchlein mit dem Titel "Motorisierung - Seuche des Jahrhunderts" publiziert. Immerhin hat die Schweiz, unter dem Druck der EU, mit der Luftreinhalteverordnung nachgezogen. Ab dem 1. 1. 2000 wurde das Bleibenzin aus den Tanksäulen verbannt und gleichzeitig der Benzolgehalt gesenkt. «Was lange währt wird endlich gut», auch wenn der eigentliche Grund nicht die Gesundheit der Menschen, sondern der bleiunverträgliche Katalysator war. Wenn man auf Dr.
Walter Blumer gehört hätte, wäre das Verbot von verbleitem Benzin schon mehr als zwanzig Jahre früher ausgesprochen worden.