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Die Leiber schieben sich unwillig zur Seite, wenn ein Töff eine Schneise durch die Gasse zieht. Bleich und gross bewegen sich die Gäste aus Europa, neben den wendigen Marokkanern wirken sie wie Möwen, die in Flip-Flops schaukeln. Sie kommen in Paaren und Scharen, und wenn sich eine Möwe vorwagt und in der Auslage von Rashids Gewürzladen an einem struppigen Ding zupft, das sie nicht kennt, sagt er: «Das sind Zahnstocher, wie sie Berber benutzen!»
Prompt ist er im Gespräch. Denn wer sind überhaupt diese Berber, und wie setzt man das Ding ein? Und vielleicht setzt die Möwe nach: «Und was ist das?» – «Das ist schwarze Seife für den Hamam.» Vielleicht bleibt die Möwe auf einen süssen Pfefferminztee, den Rashid ihr kocht. Vielleicht kauft sie Muskatnüsse oder ein Fläschchen Argan-Öl oder ein paar Gramm Safran. Vom teuren echten für sich, vom minderwertigen zum Verschenken. Am Ende des Tages bleiben Rashid vielleicht ein paar Hundert Dirham, der Kurs zum Schweizer Franken ist etwa 10 zu 1. Das Geld teilt er mit seinen Eltern, für die er sorgt.
Rashid spricht neben Arabisch und Französisch ein wenig Englisch und Spanisch und sehr ordentlich Deutsch. Das bringt er sich bei, wenn das Geschäft flau ist und die Gäste im Resort-Hotel draussen vor der Stadt am Pool liegen und eine Pizza bestellen, weil ihnen Couscous nach zwei Tagen zum Hals heraushängt. Eigentlich meinten sie Sonne, und sie bekamen Afrika. Und das wenigstens in der Version light: Europäischer als Marrakesch ist kaum eine Stadt in Afrika.
Sinnloser, teurer Hürdenlauf
Rashid und ich waren uns vor fünf, sechs Jahren vorgestellt worden. Durch meine Schweizer Gastgeberin in Marrakesch. Im November oder Februar, immer wenn ich wieder in der Stadt war, tranken wir Tee und teilten in seinem Laden das Brot und das halbe Hühnchen, das er zum Mittagessen gekauft hatte. Wir sprachen über das Leben und die Geschäfte, über Marokko und die Schweiz, und das möglichst in Deutsch, jener Sprache, die Rashids Kundschaft versteht.
Irgendwann kam bei einem Abendessen mit einer Schweizer Bekannten die Idee auf, ich könnte doch meinem marokkanischen Freund Rashid auch einmal mein Land und meine Leute zeigen, wo mich doch sein Land und seine Leute mit offenen Armen und breitem Lächeln aufgenommen hatten.
Es ging um einen Aufenthalt von neun Tagen im Sommer, wenn die Gäste Marrakeschs Altstadt meiden, weil ihnen zu heiss ist. Wir hatten Rashid in die Schweiz eingeladen. Wir, das waren eine Ärztin aus Baden, ein Manager und seine Frau aus Basel und ich aus Zürich. Alle kannten ihn, ich am längsten, daher übernahm ich die Federführung. Das Resultat war, Originalton aus Baden und Basel, «zum Kotzen».
Grundsätzliches Misstrauen
Als Erstes brauchte Rashid einen Pass. Der Mann, Jahrgang 1975, hatte Marokko noch nie verlassen. Als der Pass da war, war ein Foto fürs Visum nötig. Nicht älter als sechs Monate, von erstklassigem Druck, nur 35 bis 40 Millimeter breit, es sollte «die natürliche Hautfarbe» zeigen, diktierte die Botschaft. So weit, so gut.
Von mir als Gastgeber verlangte die Schweizer Botschaft in Marokko Beweggründe für die Einladung. Wir würden Rashid am Flughafen abholen, ihm Basel zeigen und Baden auch, Luzern und den Pilatus sowieso und je nach Zeit die Bündner Berge, wo ich herkomme, und ihn wieder zum Flughafen bringen. Ich kaufte das geforderte Flugticket und schloss bei der Europäischen Reiseversicherung in Basel die nötige Police ab. Über 50'000 Franken, falls dem Mann aus Marokko etwas zustossen sollte. Das ging flott online, die 168 Franken wurden ebenso problemlos abgebucht wie die mehreren Hundert Franken für den Flug vom 11. Juli und den Rückflug am 19. Juli.
Mitte Mai ersuchte Rashid um einen Termin bei der Schweizer Botschaft in Rabat. Der Chef für konsularische Angelegenheiten, Michel Malizia, setzte den Termin auf den 4. Juli fest. Eine Woche vor Abflug. Vergebens versuchte ich, den Termin vorzuverschieben. Die Botschaft habe in jenen Wochen «besonders viel zu tun», schrieb Malizia per Mail. Merkwürdig: Edelweiss fliegt die Schweiz im Juni und Juli gar nicht an und im August bloss zwei Mal. Daher hatte ich für Rashid einen Flug mit Easyjet nach Basel buchen müssen. Zudem beschränkt die Botschaft den Zeitraum, in dem man ein Visum beantragen darf.
Rashid nahm den Nachtbus nach Rabat und wieder zurück nach Marrakesch. Zwei Tage blieb sein Geschäft geschlossen. Man würde ihm die Antwort am 9. Juli in Rabat geben, sagte man in der Botschaft. Rashid nahm erneut den Nachtbus nach Rabat. Dort drückte man ihm ein dreiseitiges Schreiben in die Hand. Auf der letzten Seite ein Kreuzchen. Antrag abgelehnt. Das heisst, die Schweizer Botschaft in Marokko hatte ihn extra nach Rabat reisen lassen, um ihn zu brüskieren. Im Zeitalter von E-Mails. 36 Stunden vor dem Abflug.
Wut und Scham
Ich war ausser mir. Rashid hatte angeblich nicht nachweisen können, dass er «das Territorium», also die Schweiz und den Schengen-Raum, wieder verlassen würde. Ich rief bei der Hotline des Schweizer Aussenministeriums an. «Sie können ja Rekurs einlegen», riet mir ein Herr Della Chiesa. Wann der Rekurs behandelt würde? Nun ja, wohl nicht in 36 Stunden. Es sollte Monate dauern. Der Flug verfiel. Und was soll ich mit der Versicherung tun? «Nun ja, Sie hätten eine Offerte einholen können, statt einen Vertrag abzuschliessen.» Eine Offerte. Für eine Versicherung, die man online abschliesst. Im Jahr 2019. Für die Schweizer Beamten wäre eine Offerte erst recht der Beweis, dass Rashid «das Territorium» nicht zu verlassen gedachte.
Ich schrieb der Botschaft in Rabat eine Mail. Ihr Vorgehen sei «von oben herab, respektlos und geradezu niederträchtig». Marianne Clément von der Visa-Abteilung antwortete in Copy-Paste-Amtsdeutsch, es sei ein Vorschuss von 200 Franken oder 1900 Dirham zu entrichten, dann würde ein Rekursverfahren eingeleitet, falls die Botschaft «eine Fehleinschätzung» gemacht habe. Bei Rashid entschuldigte ich mich für das Vorgehen meines Landes und hoffte, das würde unsere Freundschaft nicht beschädigen. Er hatte 60 Euro zahlen müssen, bevor man ihm sagte, er würde das Visum nicht bekommen. Was mich zusätzlich beschämte. 60 Euro sind für ihn ein Wochenlohn.
Wenn Herr Malizia und Frau Clément ohnehin wissen, dass sie unverheirateten Männern in Rashids Alter keine Visa erteilen – warum sagen sie es ihnen nicht von Anfang an? Anstatt einen derart teuren Leerlauf zu veranstalten? Das werde auch getan, sagt Daniel Bach, Sprecher des Staatssekretariats für Migration. «Es steht aber jeder Person frei, ein Visumsgesuch einzureichen.» Auf den vielen staatlichen Websites, die Visumsgesuche betreffen, fand ich keinen Hinweis darauf, sonst hätte ich diese Arbeitsbeschaffungsmassnahme sofort gestoppt.
Daniel Leiser vom Beobachter-Beratungszentrum kennt einige solcher Fälle. «Man muss sich bei der Botschaft unterwürfig zeigen, wenn man ein Visum beantragt. Ein Recht darauf, eins zu erhalten, gibt es nicht.»
Der Rekurs
Das Nein der Schweizer Botschaft in Rabat wollte ich nicht akzeptieren und legte Rekurs ein. Ich zahlte die 200 Franken für den Vorschuss und die 18 Franken für den Auszug aus dem Betreibungsregister und schickte die Kopien von drei Lohnabrechnungen von mir samt Kopie meines Passes und 14 Antworten auf Fragen wie: «Aus welchen Gründen ist es Rashid (…) möglich, längere Zeit Ferien in der Schweiz zu verbringen?».
Das Staatssekretariat für Migration lehnte den Rekurs auf drei Seiten und mit vielen Hinweisen auf Gesetzestexte ab. Bei meinem marokkanischen Freund handle es sich um eine «ungebundene Person» männlichen Geschlechts, stellte man überraschend fest. Jüngere Männer seien besonders anfällig, zu versuchen, sich im Ausland «eine vermeintlich bessere Zukunft aufzubauen». Kurz: Weder Gast noch Gastgeber hätten das Amt davon überzeugen können, dass eine fristgerechte Ausreise gewährleistet sei.
«Ihre Integrität als Gastgeber wird dabei keinesfalls in Frage gestellt», tröstet mich ein Herr mit dem Kürzel TRA. Und: «Es ist Ihnen schliesslich zuzumuten, den Gesuchsteller im Ausland zu besuchen.» Als ob es darum gegangen wäre. Auf den Rekurs beim Bundesverwaltungsgericht verzichtete ich, als der Aktenberg über ein halbes Kilo wog und die Kosten im vierstelligen Frankenbereich lagen.
Inzwischen hatte mein marokkanischer Freund die Lust verloren, Deutsch zu lernen. Vorbei die Zeiten, in denen wir im Laden sassen und er mich fragte, warum es im Deutschen der Mond heisse und die Sonne, wo doch der Mond im Französischen weiblich sei und die Sonne männlich und das Arabische sowieso keine drei Artikel kenne, sondern nur einen, nämlich Al oder El.