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Grossmeister Chiu Kow hat in seinem Leben genug erlebt, dass mehrere Filme damit gefüllt werden könnten. Leider wären es keine friedlichen Wohlfühl-Streifen, sondern harte Geschichten über das Leben eines leidgeprüften Menschen. Es zeichnet ihn besonders aus, dass es ihm trotz all seiner Erlebnisse gelungen ist, die hohen moralischen und menschlichen Ansprüche des Hung Gar an seinen eigenen Nachfolger weiterzugeben.
Ein schwerer Start ins Leben
Geboren wurde Chiu Kow am 3. August 1895 in Samkong, Kanton. Das Leben der Bevölkerung in weiten Teilen von China war damals von Armut geprägt. Der Niedergang der Qing-Dynastie zeichnete sich schon deutlich ab. Zudem verlor in diesem Jahr das grosse Reich den Krieg gegen Japan und die Unruhen, welche fünf Jahre später zum Boxer-Aufstand führen sollten, hatten bereits ihren Anfang genommen. Die Eltern Chiu Kows hatten wie viele andere Chinesen nichts und selbst dieses Nichts wurde immer weniger und weniger. 1905 verkauften sie den Jungen als Arbeiter. Ob das aus Eigennutz geschah oder aus Hoffnung, Chiu Kow mit einer Arbeitsstelle eine Zukunft zu sichern, bleibe dabei dahingestellt.
Sklave auf Malaysia
Chiu Kow wurde nach Malaysia gebracht. Das Land war zu diesem Zeitpunkt unter der Herrschaft verschiedener Kolonialherren. Ein Grossteil gehörte Singapur (und damit Grossbritannien) oder unterstand direkt britischer Herrschaft, während ein kleinerer Landteil von Thailand regiert wurde. Leider konnte ich nicht herausfinden, wohin genau Chiu Kow gebracht wurde. Da in Thailand damals die Sklaverei bereits abgeschafft worden war, gehe ich davon aus, dass er nicht in einem der thailändisch kontrollierten nördlichen vier Staaten gewesen ist, doch das ist Spekulation.
Der Junge wurde zur Arbeit in Kohle- und Zinnminen eingesetzt. Diese Tätigkeit war hart und die Arbeiter hatten keinerlei Rechte. Misshandlung, manchmal bis hin zum Tode, war an der Tagesordnung. Der junge Chiu Kow erkannte in dieser Zeit seines Lebens, wie wichtig es war, kämpfen zu können. Kämpfen, um zu überleben. Im Alter von vierzehn Jahren, also circa im Jahr 1909, gelang ihm die Flucht. Diese führte ihn nach Singapur.
Leben in Singapur
Singapur gehörte 1909 nach wie vor Grossbritannien. Da Gummi als Handelsgut sehr wichtig geworden war, exportierte der Insel- und Stadtstaat vor allem genau das. In eben dieser Zeit fand Chiu Kow Arbeit bei der Familie Lok Yau. Deren Reichtum basierte auf den genannten Gummibaumplantagen. Die finanziellen Mittel setzte die Familie nicht nur für ihren persönlichen Wohlstand ein, sondern engagierte sich sehr für Bildung und den Bau von Universitäten.
Das Stadtbild von Singapur unterschied sich zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts jedoch massgeblich von heute. Schon damals war der Ort zwar einer der wichtigsten Handelsumschlagplatz und historische Fotografien zeigen schon einen klaren Stadtcharakter. Die Lage auf den Haupt- und zahlreichen Nebeninseln machten jedoch eine Verteilung der Bevölkerung in zahlreiche Dörfer mit Anschluss an Singapur notwendig. (Noch heute ist Landgewinn ein wichtiges Thema für Singapur. Seit den sechziger Jahren wurden 140 km2 aufgeschüttet.) Sich zwischen den Dörfern und dem Stadtbereich zu bewegen war nicht ungefährlich und erneut sah sich Chiu Kow mit der Notwendigkeit des Kampfes konfrontiert. Die Frage, wo er fortgeschrittenes Wissen erlangen sollte, blieb jedoch offen.
Ein Kampf als Wendepunkt
Während dieser Zeit wurden Zweikämpfe zwischen grossen Kämpfern auf einer grossen Tribüne, genannt Lei Tai, ausgefochten. Diese war oft hoch und mit angespitzten Stöcken umringt. Wer hinunterfiel, wurde schwer verletzt oder starb. Beide Kontrahenten mussten zudem einen Vertrag unterschreiben, in welchem sie sich einverstanden erklärten, dass der Kampf mit dem Tod enden könne.
Einen solchen Kampf, einen der grössten dieser Zeit, beobachtete eines Tages Chiu Kow. Der Hung Gar-Kämpfer Leng Sai Yuk focht gegen einen Kontrahenten namens Ha Saan Fu. Letzterer war selbst ein grosser Kung-Fu-Meister, aber auch Mitglied einer kriminellen Organisation, welcher sich wiederum Leng Sai Yuk in den Weg stellte. Dieser Kampf sollte Klarheit und, wenn es nach Leng ging, das Ende der kriminellen Tätigkeiten mit sich bringen. Der Hung Gar-Kämpfer wendete das Blatt rasch für sich und der Kampf endete mit dem Tod Ha Saan Fus.
Chiu Kow suchte nach dem Kampf Leng Cai Juk auf und bat ihn darum, von ihm lernen zu dürfen. Dieser jedoch lehnte mit der Begründung ab, dass er selbst den Rang eines Sifu nicht erreicht habe. Doch dies sah er nicht als Hindernis für den Lernwillen des jungen Chiu Kows, denn er brachte ihn zu seinem eigenen Meister, Wong Sai Wing (Achtung: Nicht zu verwechseln mit Lam Sai Wing, jedoch auch ein Schüler von Wong Fei Hung.) Dieser nahm ihn als Schüler auf. Zehn Jahre lang folgte Chiu Kow nun Wong Sai Wing und lernte von ihm sowohl die Kampfkunst wie auch die Heilkunde. Gemeinsam reisten sie quer durch Südostasien, Malaysia, Thailand und Indonesien. Schon bald begann auch Chiu Kow zu unterrichten. Noch heute berufen sich viele Schulen in diesen Gebieten auf diese beiden grossen Kämpfer.
Der nicht-unterrichtende Chiu Kow
Nachdem Wong Sai Wing gestorben war, reiste Chiu Kow 1927 wie viele andere Ausland-Chinesen auf den Aufruf Chinas hin zurück in sein Heimatland, um sich der Roten Armee anzuschliessen. Er wurde jedoch nicht ausgewählt, um für seine Heimat zu kämpfen und war völlig desillusioniert und enttäuscht. Er liess sich im Distrikt seiner Geburt nieder. Dort war er bald bekannt für sein gutes Kung Fu, allerdings auch dafür, dass er nicht unterrichten wollte. Deswegen bekam er den Spitznamen ‹Chiu But Kow›, also ‹Nicht unterrichtender Chiu Kow›.
Chiu Kow und Shiu Ying
In seinem neuen Lebensabschnitt angekommen, suchte Chiu Kow aktiv nach einer Ehefrau und lernte so Wong Shiu Ying kennen. Sie und ihre Familie praktizierten Mok Gar. Die beiden jungen Leute fanden in ihrer gemeinsamen Leidenschaft (sowohl die Kampf- wie auch die Heilkünste) eine Basis für ihr Zusammenleben und entschieden sich, zu heiraten. Gemeinsam zogen sie in Chiu Kows Heimatdorf auf einen kleinen Bauernhof.
Schüler von Lam Sai Wing
In den Wirren des Chinesischen Bürgerkriegs erfuhr Chiu Kow davon, dass der berühmte Lam Sai Wing in Hong Kong unterrichtete. Er und seine Familie wurden schon länger von Kommunisten bedroht und hatten zudem grosses Interesse davon, von diesem Meister zu lernen. Da Chiu Kow bereits von einem Schüler Wong Fei Hungs gelernt hatte, gehörten sie auch zur selben Kung-Fu-Familie und rechneten sich grosse Chancen aus, als Schüler angenommen zu werden. Sie nutzten die Gelegenheit und verliessen das Dorf. Die Familie reiste also nach Hong Kong, wo Chiu Kow als Schneider arbeitet. Dort traten sie in die Schule des berühmten Meisters ein. Die Zweigstelle wurde von Tang Hin Choi geführt, welcher zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht selber Sifu war. Erst im Laufe der Zeit wurde er zu einem solchen ernannt, was Chiu Kow und Shiu Ying unzweifelhaft zu Schülern von Lam Sai Wing macht. (Diese Tatsache wurde in Konflikten schon bestritten.) Als bereits weit fortgeschrittene Schüler wurden Chiu Kow und Shiu Ying schon bald von Lam Sai Wing persönlich unterrichtet. Wann genau die Stilnachfolge an ihn ging, ist nicht bekannt.
Lehrer und Arzt
Im Jahr 1931 eröffnete das Paar mit Erlaubnis ihres Lehrers ihre erste Schule in Hong Kong. Da es zu dieser Zeit üblich war, dass Herausforderungen ausgesprochen wurden, um die Qualität einer Schule zu prüfen, waren physische Auseinandersetzungen an der Tagesordnung. Chiu Kow machte sich rasch einen Namen als guter Kämpfer, beschränkte sich jedoch nicht nur darauf. Er eröffnete gemeinsam mit seiner Frau auch eine Arztpraxis und kümmerte sich um die Gesundheit der Menschen. Oft tat er das auch unentgeltlich und versorgte jeden, der Hilfe benötigte, unabhängig davon, ob er bezahlt werden konnte. Chiu Kow war der erste Arzt in Hong Kong, der ein Röntgengerät besass.
Zweiter Weltkrieg
Während des zweiten Weltkrieges musste Chiu Kow seine Schule schliessen und Hong Kong verlassen. Während langer Reisen arbeiteten sie als Kung-Fu-Lehrer und Ärzte, inzwischen auch unterstützt von ihren älteren Kindern. Es ist davon auszugehen, das vieles, was heute als ‹Village Kung Fu› bekannt ist, auf ihre Bemühungen zurückgehen, die Menschen Selbstverteidigung zu lehren.
Zurück in Hong Kong
Nach Kriegsende verlegten die Chius ihren Wohnsitz wieder nach Hong Kong. Chiu Kow eröffnete vier Schulen, welche sehr erfolgreich waren. Zudem nahm er viel (und sehr erfolgreich) an Wettkämpfen teil. Seinem Ruf als grosser Kämpfer, aber auch als gerechter Mann, wurde er mehr als nur gerecht. Er stellte sich wie andere seiner Linie aktiv gegen die chinesische Mafia und deren Verbrechen.
Modern Wushu
Als grosser Meister wurde Chiu Kow 1956 zu dem offiziellen Turnier der Regierung eingeladen, welches den Grundstein für die Entwicklung des 1959 offiziell anerkannten Modern Wushu werden sollte. Chiu Kow gewann das Turnier, weswegen seine Kunst in den neuen Nationalstil mit einfloss.
Übergabe an Chiu Chi Ling
Im Alter von 70 Jahren übergab Chiu Kow seine Schulen an seinen jüngsten Sohn und Erben Chiu Chi Ling. Er lehrte jedoch, genau wie seine Frau, bis ins hohe Alter in diesen Schulen. Im Alter von genau einhundert Jahren starb Chiu Kow am 20. Januar 1995. Als Zeichen des Respektes und als Ehrung seiner grossen Leistungen sprach man ihm jedoch drei Lebensjahre mehr zu. Deswegen ist noch heute häufig zu lesen, dass Chiu Kow 103 Jahre alt geworden sei.
Quellen
Die Hauptquelle für diesen Artikel ist das Buch meines Sifus Grossmeister Martin Sewer, dessen Quelle wiederum sein eigener Lehrer und der Sohn Chiu Kows, Chiu Chi Ling ist. Sofern möglich, habe ich die Gegebenheiten mit geschichtlichen Tatsachen abgeglichen. Das Foto ist mit freundlicher Genehmigung meines Sifus seinem Buch entnommen.