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Ein Meister der Weltliteratur in der Schweiz – Tolstoi auf den Spuren
Leo Tolstoi zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des 19. Jahrhunderts, dessen Romane wahre Meilensteine der russischen Literatur sind. In seinen realistischen Werken porträtierte er detailliert die russische Gesellschaft der damaligen Zeit, an dessen Meisterhaftigkeit bis heute nur wenige Schriftsteller reichen können.
Zu Lebzeiten führte der Schriftsteller ein beeindruckendes Leben, das sowohl von Erfolg wie auch von Tiefpunkten geprägt war. Darunter war auch eine ausgedehnte Europareise, die seine Lebenseinstellung stark beeinflusste. Dabei hielt er sich auch mehrere Tage in der Schweiz auf, was ihm zu der Kurzgeschichte Luzern inspirierte.
Wer war Leo Tolstoi?
Leo Tolstoi kam 1828 auf dem Landgut Jasnaja Poljana südlich vom Moskau auf die Welt, das er nach dem Tod seiner Eltern später als Nachfahre des Adelsgeschlechts Tolstoi erben sollte. 1844 begann er an der Kazan Universität zu studieren. Doch seine Studienzeit gestaltete sich erfolglos. In diesem Abschnitt seines Lebens begann er seine ersten Schriftstücke zu erstellen. 1851 trat er der zaristischen Armee bei. Die Ereignisse, die er erst dabei erlebte, gaben ihm den Anstoss detaillierte Berichte über das Leben als Soldat zu schreiben.
Schnell wurde er als begnadeter Literat bekannt. In den folgenden Jahren bereiste er mehrmals Europa und traf wichtige Namen der europäischen Intelligenzija. Seine Lebenserfahrung sowie die Bekanntschaft mit einflussreichen Persönlichkeiten veränderten langfristig seine Weltanschauung und sein Lebensstil. Das Konzept der Gewaltlosigkeit wurde das Leitmotiv Tolstois. In den folgenden Jahren arbeitete er an seinen realistischen Erfolgswerken Krieg und Frieden und Anna Karenina. Beide Romane porträtierten detailliert die russische Gesellschaft der damaligen Zeit und schenkten Tolstoi bereits zu Lebzeiten Ruhm und Anerkennung für seine Fähigkeiten als Literat.
Der Schriftsteller verwob Fiktion meisterhaft mit persönlichen Erfahrungen, so dass seine Romane mit autobiographischen Elementen und wiederkehrenden Motiven bestückt sind. Als ein Mitglied der russischen Adelsgesellschaft führte er in jungen Jahren selbst ein ausschweifendes Lebensstil. Die Folge war, dass er mit finanziellen Problemen zu kämpfen hatte, die oftmals seine Schreibtätigkeit beeinflussten wie im Fall des Manuskripts von Die Kosaken. Die Höhen und Tiefen in seinem Leben zwangen ihn schliesslich dazu Russland für einige Zeit zu verlassen und die erwähnte Europareise anzutreten. Mit zunehmendem Alter widmete er sein Leben jedoch der Literatur und Philosophie und führte ein ruhiges Leben mit seiner Familie am Landgut seiner Kindheit.
Tolstoi in der Schweiz
Leo Tolstoi besuchte die Schweiz nach einem Aufenthalt in Frankreich anlässlich seiner ausgedehnten Europareise und hielt dabei seine Eindrücke teilweise schriftlich fest. Er verweilte eine kurze Zeit am Genfer See und unternahm eine Wanderung von Montreux nach Meiringen am Berner Oberland. Wie er in seinem Tagebuch beschreibt, war das Dorf Les Avants als Zwischenstopp vorgesehen. Heute hat die Ortschaft seine Popularität eingebüsst. Doch im 19. Jahrhundert gehörte sie zu den beliebtesten Dörfern der Schweiz für Winteraufenthalte der europäischen High Society.
Auch wenn die Landschaften Tolstoi nicht sehr beeindruckten, erzählte er in seinen Tagebucheintragen seine Liebe für die Natur und machte ersichtlich, dass er den Aufenthalt in den Bergen genoss. Zudem stoppte er in weiteren Dörfern und schrieb seine Beobachtungen und Erfahrungen nieder. Klar wird, dass er zwar die Natur genoss, aber vom Touristenansturm an den Alpen irritiert war. Denn schon damals war die wunderschöne Natur der Schweiz ein Grund für viele Menschen aus ganz Europa, eine Reise in die Alpen zu gestalten. Rustikale Hotels, die bis heute ihre Gäste willkommen heissen, versicherten dabei einen komfortablen Aufenthalt an den Bergen. Die Wanderroute Tolstoi´s kann heute grösstenteils mit öffentlichen Verkehrsmitteln bereist werden.
Seine Erfahrungen verarbeitete er in seiner Erzählung Luzern, die 1857 veröffentlicht wurde. Der Hauptprotagonist Fürst D. Nechljudow verbringt im Hotel Schweizerhof eine Nacht. Er geniesst die bergigen Landschaften um den Vierwaldstättersee und bewundert die Aussicht am Rigi. Doch wie Tolstoi selbst ist er auch von seinen Mitmenschen, die sich ebenfalls als Touristen dort aufhalten irritiert.
Die Fähigkeit seine Umgebung aufmerksam zu beobachten, war einer der Gründe, die Tolstoi zu einem grossartigen Literaten verwandeln. Jede Lebenserfahrung diente ihm als eine Inspiration und führte zu grossartigen literarischen Werken. Auch der kurze Aufenthalt in der Schweiz verleitete ihn dazu, seine Gedanken in einem fiktionalen Schriftstück, das mit persönlichen Erfahrungen bestückt war, niederzuschreiben.
Titelbild: Lew Tolstoi, Porträt von Iwan Kramskoi (1873)
Titelbild: Wikipedia, public domain