Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03187.jsonl.gz/260

Plumpfuss, Torte und Gardinen: Die Künstlerin Meret Oppenheim war auch literarisch tätig. Sie übersetzte Pablo Picassos Theaterstück «Wie man Wünsche am Schwanz packt».
Von Rudolf Probst
Dass Pablo Picasso auch Theaterstücke geschrieben hat, ist kaum bekannt. Eines davon, mit dem Titel Le désir attrapé par la queue, entstand in Paris im Winter 1941 unter dem Eindruck der deutschen Besatzung. In diesem surrealistisches Text, in welchem es viel um's Essen und um sexuelle Begehrlichkeiten geht, treten Figuren wie der Plumpfuss, die Torte, die Zwiebel, die Kusine, die fette und die magere Angst sowie zwei Gardinen auf. Die Torte etwa sagt: «Wisst ihr, ich bin der Liebe begegnet. Sie hat zerschundene Knie und geht bettelnd von Tür zu Tür. Keinen Groschen hat sie in der Tasche und sucht eine Stelle als Schaffnerin in einem Vorstadt-Autobus.»
In der Tradition von André Bretons Écriture automatique hat Picasso ein dadaistisch anmutendes assoziatives Textgeflecht erschaffen, das auf der Bühne inszeniert und interpretiert sein will, das von der Bühne wirken soll. Die Uraufführung fand drei Jahre später als szenische Lesung in Michel Leiris Wohnung in Paris statt, unter der Leitung von Albert Camus. Mitgewirkt haben neben dem Wohnungsmieter Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre und Raymond Queneau. Der Text erschien 1944 in der französischen Zeitschrift Messages und in Buchform 1945 bei Gallimard. Paul Celan hat den Text ins Deutsche übertragen, seine Übersetzung erschien 1954 im Arche-Verlag in Zürich unter dem Titel Wie man Wünsche beim Schwanz packt, illustriert von Pablo Picasso.
1956 fand das Stück seinen Weg auch nach Bern. Daniel Spoerri arbeitete als erster Tänzer am Stadttheater Bern, wo er in Operetten und Musicals sowie in kleinen Rollen auch im Schauspiel mitwirkte. Nebenher inszenierte er diverse Theaterstücke am Kleintheater Kramgasse 6. Spoerri war der erste, der Stücke von Eugène Ionesco im deutschen Sprachraum auf die Bühne brachte, so etwa 1956 die deutsche Erstaufführung des Stücks Die kahle Sängerin oder La Leçon. Im Dezember 1956 spielte das Theater an der Kramgasse die deutschsprachige Erstaufführung von Pablo Picassos Wie man Wünsche am Schwanz packt, in der Übersetzung von Meret Oppenheim und mit einem Bühnenbild von Otto Tschumi.
Es existiert also noch eine andere Übersetzung des Theaterstücks von Picasso, auch Meret Oppenheim hat es ins Deutsche übertragen. Meret Oppenheim war nicht nur als bildende Künstlerin aktiv, sie war auch literarisch tätig, hat bildende Kunst und Literatur in ihrem Schaffen immer wieder kombiniert. Schon früh hat sie etwa ihre Träume aufgezeichnet oder Gedichte geschrieben, die Titel ihrer Kunstwerke haben oft literarische Qualität. Der Text ihrer Picasso-Übersetzung galt lange Zeit als verschollen. In den Beständen der Schweizerischen Nationalbibliothek (NB) finden nun alle diese Dokumente wieder zusammen. Erst kürzlich ist das Typoskript der Oppenheim-Übersetzung im Archiv des Arche-Verlags wieder aufgetaucht, welches das Schweizerische Literaturarchiv (SLA) 2011 übernommen hat. Im Nachlass von Meret Oppenheim findet sich ein Foto zu Spoerris Inszenierung, das Meret Oppenheim und Lilly Keller in der Rolle der Gardinen aus dem Stück zeigt. Im Archiv von Daniel Spoerri in der Graphischen Sammlung der NB ist ein Plakat der Inszenierung erhalten geblieben, das auch den Eintrittspreis und die exakte Dauer der Inszenierung angibt: 48 Minuten und 40 Sekunden Picasso für 3 Franken.
Kontakt
Schweizerische Nationalbibliothek
Schweiz. Literaturarchiv
Hallwylstrasse 15
3003 Bern
Schweiz
Telefon +41 58 462 92 58
Fax +41 58 462 84 08