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Die Renaissance ist durch den optischen Raum der Zentralperspektive geprägt. Zu diesem gehört das Subjekt, das durch seinen Standpunkt die Erscheinungsweise der Welt optisch wie ideell autonom bestimmt. Andererseits erzeugt die Zentralperspektive die präzise Objekthaftigkeit des Gesehenen. Das wird zur Grundlage einer ganzen Kultur.
Die Postmoderne hat diese doppelte Abhängigkeit der Perspektivität dekonstruiert und nimmt dafür die Fläche selbst in den Blick, auf der das Bild erscheint. Sie dekonstruiert das Zustandekommen des Bildes gewissermassen von beiden Seiten der Leinwand: aus seiner Abhängigkeit von der Perspektive des Betrachters und aus den (politischen, wirtschaftlichen, ideologischen usw.) Bedingungen des Erscheinens. Auch das wird Kultur. Das Bild erscheint nicht mehr wie ein Fensterrahmen, der einen objektiven Blick auf einen Raum dahinter aus der Perspektive eines bestimmten Subjekts eröffnet, sondern als eine Fläche, auf der der Blick selbst ruht. Die Malerei dieser Zeit, etwa von Barnett Newman oder Mark Rothko, realisiert das: sie fragt nach einem Sehen, das das Auge in das flächige Bild selbst versetzt und dort ein selbstleuchtend Erscheinendes empfängt.
Mark Rothko: White Center (Yellow, Pink and Lavender on Rose), 1950 (Bild: en.wikipedia.org)
Die in den 1970er Jahren entwickelte Fenster-Optik der Betriebssysteme bedient sich eines solchen Sehens, das sich gewöhnt hat, auf der Oberfläche zu sehen. Auf den Flächen verschiedener, parallel geöffneter Fenster erscheinen Bilder, die schon auf der Oberfläche alles zeigen, was wichtig ist. So wie die camera obscura die technische Realimagination des Sehens der Renaissance war, ist das dekonstruierte «Window» der grafischen Benutzeroberflächen in der Postmoderne eine Realimagination postmodernen Sehens.
Xerox Alto, entwickelt 1973, erste Umsetzung einer grafischen Benutzeroberfläche mit überlappenden Fenstern; verfügte auch über Maus-Steuerung, ein E-Mail-System und wysiwyg-Textverarbeitung. (Bild: www.digibarn.com)
Die Flächenhaftigkeit des ‹Windows› war nur ein Durchgangsstadium. Heute erscheint die Zentralperspektive der Renaissance wieder, nur in genauer Umkehrung. Wenn der Raum der Renaissance vom Fluchtpunkt aus den Raum projiziert, die Postmoderne das Bild in der Fläche dekonstruiert, so verlegt das Digitale den Fluchtpunkt vor den Schirm. Der Fluchtpunkt dieser Zentralperspektive ist der Benutzer selbst. Er ist nicht mehr ein Betrachter, der vor dem Schirm sitzt und sieht ein Bild der Welt sieht, sondern das Gerät fungiert nunmehr als Betrachter und macht sich ein Bild vom Benutzer.
Bild: E.N. März 2015
Der Sehraum des Digitalen macht das einstige Subjekt zum beobachteten Objekt: er nimmt das Innenleben des Subjekts auf und macht es für die Beobachtung der Anderen zugänglich. In einem solchen Sehen wird das Auge zum Projektor, das eine umgekehrte Zentralperspektive praktiziert: Das Auge projiziert die Bilder des Innenlebens auf den Schirm, wo es zur Beobachtung freigegeben wird und nun gesehen, bewertet, verbunden und beliebig vervielfältigt werden kann.
Welche Art von Kultur könnte solches Sehen – ausser Big Data, Narzissmus, Porno, Transparenz – sonst noch hervorbringen?
(P.S. weiter hierzu hier: Digitaler Weltuntergang, kontemplativ.)
Ellie Harrison: Timelines (2013), gesehen im HeK Basel/Münchenstein August 2015. Das Werk der britischen Künstlerin ist ein «Selbstportrait», das auf den Daten von vier Wochen totalem Selftracking basiert und den Ablauf von 24 Stunden zu typischen Mustern zusammenstellt, die ein Bild von ihr ergeben.