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Europäisches Eichhörnchen
Sciurus vulgaris
© 2007 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
Die Ordnung der Nagetiere (Rodentia) ist die bei weitem umfangreichste der insgesamt 45 Säugetierordnungen. Ihr gehören mehr als vierzig Prozent aller bekannten Säugetierarten an, nämlich rund 2000 von etwa 4600.
Die frühesten Vorfahren der heutigen Nagetiere hatten sich vor gut fünfzig Millionen Jahren in Nordamerika herausgebildet. Von dort aus haben die Nager dank ihrer enormen Anpassungsfähigkeit an unterschiedlichste Lebensräume die ganze Welt erobert. Heute bilden sie - wenn man einmal von der Menschheit absieht - mit Abstand die am weitesten verbreitete Säugetiersippe.
Die Nagetiere machen auch einen nennenswerten Teil der europäischen Säugetierfauna aus: Über fünfzig einheimische Arten und ein halbes Dutzend eingebürgerte kommen in Europa vor. Die meisten Arten sind klein und nachtaktiv, und darum selten zu sehen. Von dieser Regel gibt es allerdings ein paar augenfällige Ausnahmen, darunter den Eurasiatischen Biber (Castor fiber)
, der zu den grössten Nagetieren der Welt gehört, sowie sieben Mitglieder der Familie der Hörnchen (Sciuridae), welche tagaktiv sind.
Mit ungefähr 270 Arten bilden die Hörnchen eine der grösseren Nagetierfamilien. Von Australien abgesehen kommen sie auf allen Kontinenten vor. In Europa sind es sechs einheimische Arten (wovon das Kaukasische Eichhörnchen (Sciurus anomalus)
allerdings ein «Grenzfall» ist) und zwei Neuankömmlinge, nämlich das vom Menschen aus Nordamerika eingeführte Grauhörnchen (Sciurus carolinensis)
und das selbst westwärts gewanderte Sibirische Streifenhörnchen (Tamias sibiricus)
. Sieben der acht in Europa vorkommenden Hörnchenarten sind vornehmlich tagsüber rege und in den für sie günstigen Lebensräumen verhältnismässig leicht zu beobachten; einzig das Gewöhnliche Gleithörnchen (Pteromys volans)
führt eine heimliche, dämmerungs- und nachtaktive Lebenweise.
Die bei weitem grösste Hörnchenart Europas ist das Alpenmurmeltier (Marmota marmota)
, dessen untersetzte Gestalt, watschelnder Gang und gellender Warnpfiff wohl allen bekannt sind, die jemals in den Alpen eine Wanderung unternommen haben. Am besten vertraut ist uns aber gewiss das Europäische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris)
, dessen Verbreitungsgebiet sich von den Britischen Inseln im Westen quer durch das nördliche Eurasien bis zur nordjapanischen Insel Hokkaido im Osten erstreckt. Von ihm soll hier berichtet werden.
Oberseits fuchsrot bis schwarzbraun
Das Europäische Eichhörnchen weist eine Kopfrumpflänge von 20 bis 25 Zentimetern, eine Schwanzlänge von 16 bis 20 Zentimetern und ein Gewicht von gewöhnlich 250 bis 400 Gramm auf. Männchen und Weibchen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Grösse wie auch ihres Aussehens nicht. Gute Kennzeichen des Europäischen Eichhörnchens sind die auffälligen Haarbüschel an seinen Ohrspitzen und sein langer, buschiger Schwanz, der beim Sitzen meistens über den Rücken gelegt wird.
Oberseits ist das Europäische Eichhörnchen ziemlich variabel gefärbt - von fuchsrot über kastanienbraun und graubraun bis hin zu dunkel schwarzbraun. Die Unterseite ist hingegen stets weiss. Zuweilen findet sich an den Seiten eine gelbe Übergangszone.
In Europa herrscht vielerorts in den tieferen Lagen fast ausschliesslich die fuchsrote und im Gebirge die schwarzbraune Färbung vor. In Regionen, wo helle und dunkle Farbvarianten nebeneinander vorkommen, nimmt der Anteil der dunklen Tiere mit der Höhe zu. Im Übrigen nimmt der Prozentssatz dunkler Tiere von Nordosten nach Südwesten zu. Von den Zoologen wird die Variabilität der Fellfärbung teils auf die Kost, die Umgebungstemperatur, die Feuchtigkeit und andere Umwelteinflüsse zurückgeführt. Da aber helle und dunkle Junge im selben Wurf vorkommen können, müssen auch Erbfaktoren eine Rolle spielen. Genau geklärt ist das Phänomen der Verschiedenfarbigkeit bei den Europäischen Eichhörnchen bislang nicht.
Zweimal jährlich machen die Europäischen Eichhörnchen einen Haarwechsel durch, nämlich im Herbst zum Winterfell und im Frühling zum Sommerfell. Dies geht gewöhnlich mit einer leichten Änderung der Färbung einher: Das Winterfell ist etwas grauer - und selbstverständlich erheblich dicker - als das Sommerfell. Nur einmal im Jahr, nämlich im Herbst, werden aber die Ohrbüschel und die Schwanzhaare ersetzt. Dies hat zur Folge, dass im Winter die Ohrpinsel mit einer Länge von bis zu 3,5 Zentimetern besonders stark entwickelt sind und der Schwanz besonders buschig ist. Im Frühling fallen dann allmählich die Haupthaare an den Ohrrändern sowie am Schwanz teilweise und die Unterwolle am Schwanz fast vollständig aus. Der Schwanz ist darum im Sommer ziemlich schütter behaart, und die Ohrpinsel können fast vollständig fehlen.
Der lange, buschige Schwanz erfüllt zwei Funktionen. Zum einen kann er um den Körper gewickelt werden und schützt so in den Winternächten vor der Kälte. Zum anderen dient er beim Laufen, Klettern und Springen im Geäst als Balancierhilfe und Steuerruder. Europäische Eichhörnchen können sich zwar am Boden mühelos fortbewegen, doch fühlen sie sich auf Bäumen am wohlsten und vermeiden längere Ausflüge am Boden nach Möglichkeit. Sie sind überaus wendige Kletterer. Mit Leichtigkeit vermögen sie selbst senkrechte Baumstämme hinauf- und hinabzuklettern. Dabei vermitteln ihnen die scharfen, gekrümmten Krallen an ihren vier Fingern und fünf Zehen einen ausgezeichneten Halt. Dank ihrer kräftigen, sprungstarken Hinterbeine können sie auch meterweite Lücken im Geäst eines Baums oder zwischen den Wipfeln zweier Bäume sicher überqueren.
Der Kletterfähigkeit entsprechend kommt das Europäische Eichhörnchen fast ausschliesslich in Waldgebieten vor. Der grösste Teil seines Verbreitungsgebiets deckt sich mit der nördlichen («borealen») Nadelwaldzone, die sich in einem breiten Gürtel über das ganze nördliche Eurasien erstreckt. In den südlichen Bereichen des Verbreitungsgebiets kommt das Europäische Eichhörnchen vor allem in den Nadelwäldern der Bergregionen vor, bewohnt aber auch Mischwälder und teils sogar reine Laubwälder in tieferen Lagen. Im Gebirge steigt es bis in Höhen von ungefähr 2200 Metern ü.M.
Bis zu 200 Fichtenzapfen am Tag
Eichhörnchen verfügen wie alle Nagetiere über eine körperbauliche Sonderentwicklung, welche für den enormen Erfolg der ganzen Sippe ausschlaggebend war und weiterhin ist: die Nagezähne. Zwar ist bei den Nagetieren die Zahl der Schneidezähne, aus denen die Nagezähne hervorgegangen sind, auf zwei Paare verringert, während beispielsweise wir Menschen vier und die Katzen sechs Paare besitzen. Sie wachsen aber zeitlebens nach, so dass sie im harten Einsatz ständig abgewetzt werden können, ohne dass sie kürzer werden. Auch werden sie niemals stumpf, da sie auf der Vorderseite eine besonders harte Schmelzschicht aufweisen, so dass sie beim Nagen meisselförmig abgenützt werden und vorne stets über eine messerscharfe Schneidekante verfügen.
Die stetig nachwachsenden und ständig geschärften Nagezähne erlauben es den Nagetieren, ein besonders breites Spektrum von Nahrungsquellen zu nutzen, darunter insbesondere Nüsse und hartschalige Samen, welche für andere Tiere nur schwer zu «knacken» sind. Tatsächlich ernährt sich auch das Europäische Eichhörnchen zur Hauptsache von Samen, insbesondere von Nadelbaumsamen, aber auch von Bucheckern, Eicheln, Haselnüssen und anderen hartschaligen Baum- und Strauchsämereien. Es ist allerdings nicht wählerisch und nimmt auch diverse andere Futterdinge zu sich. Zu nennen sind vor allem Beeren, Pilze, Knospen, Triebe, Blüten und Rinden. Mitunter verspeist es auch tierliche Kost, insbesondere Raupen und andere wirbellose Kleintiere sowie deren Larven. Ob regelmässig auch Vogeleier und nestjunge Vögel auf seiner Speisekarte stehen, wie es von alters her heisst, ist umstritten.
Das Europäische Eichhörnchen wendet zwischen sechzig und achtzig Prozent seiner Aktivitätszeit für die Nahrungssuche auf. Beim Verspeisen seiner Lieblingsnahrung, der Samen von Nadelhölzern, welche in deren Zapfen verborgen sind, geht es sehr methodisch vor: Auf seinen Hinterbeinen sitzend hält es den zuvor mit seinen Zähnen abgebissenen Zapfen in seinen Händen und beginnt vom stumpfen Ende her, die holzigen Deckschuppen spiralförmig abzureissen und die dadurch freigelegten Samen stückweise zu verzehren. Bis zu 200 Fichtenzapfen kann ein einzelnes Eichhörnchen täglich verwerten. Nadelholzbäume, auf denen sich ein Eichhörnchen verpflegt hat, fallen deshalb jedem Waldgänger auf: Um ihren Stamm herum ist der Boden mit den Überresten der Mahlzeit - abgerissenen Deckschuppen, kahlen Spindeln und herabgefallenen Zapfen - förmlich übersät.
Wetterfestes Kugelnest
Die Europäischen Eichhörnchen leben gewöhnlich einzelgängerisch. Ihre Wohngebiete weisen eine Fläche von ein paar Hektaren auf, wobei die Wohngebiete der Männchen durchschnittlich etwas grösser sind als die der Weibchen. Die meiste Zeit des Jahres verhalten sich die Tiere nicht territorial: Sie beanspruchen ihr Wohngebiet also nicht zur alleinigen Nutzung, weshalb dieses mit den Wohngebieten der benachbarten Individuen stark überlappt. Einzig während der Jungenaufzucht erweisen sich die Weibchen vorübergehend als unverträglich: Sie verkleinern ihr Streifgebiet beträchtlich und halten andere Artgenossen aktiv vom Betreten dieses Kerngebiets, in dessen Zentrum sich die Kinderstube befindet, ab.
Innerhalb seines Wohngebiets verfügt jedes Europäische Eichhörnchen über mehrere selbst gebaute Kugelnester, so genannte «Kobel», in denen es abwechselnd die Nacht verbringt. Es sind robuste Gebilde mit einem Durchmesser von etwa 30 bis 40 Zentimetern. Die Hülle besteht aus verflochtenen Zweigen; der Innenraum ist mit Moos, Rindenstückchen, Blättern und Flechten regendicht und isolierend ausgekleidet. Eine oder zwei enge, kaum erkennbare Öffnungen führen zur Nestkammer.
Im Allgemeinen werden die Kobel in der Krone eines mindestens zwanzig Meter hohen Baums angelegt, und zwar häufig in einer kräftigen Astgabel unweit des Stamms in ungefähr halber Höhe. So besteht die Gewähr, dass das Nest auch bei Sturmwinden gut hält und dass vielfältige Fluchtrouten beim Auftauchen etwaiger Fressfeinde zur Verfügung stehen. Manchmal werden auch natürliche, durch Verrottung entstandene Baumhöhlungen oder ausgediente Spechthöhlen zum Übernachten verwendet.
Die Paarungszeit fällt beim Europäischen Eichhörnchen gewöhnlich in die Monate Januar und Februar. Die Männchen dringen dann in die Wohngebiete der Weibchen ein. Anfangs werden ihre Annäherungsversuche von den Weibchen mit Angriffen beantwortet, was wiederum seitens der Männchen Imponierlaufen und Scheinangriffe auslöst. So finden in dieser aufregenden Zeit rasante Verfolgungsjagden statt, an denen häufig ein Weibchen und zwei oder drei Männchen beteiligt sind. Aus der anfangs ernst gemeinten Flucht des Weibchens wird mehr und mehr ein symbolisches Davonlaufen. Schliesslich, nach meist stunden- oder sogar tagelangem Werben, wird eines der Männchen vom Weibchen als Partner akzeptiert und zur Begattung zugelassen. Dazu bezieht das Paar für kurze Zeit denselben Kobel. Nach der Paarung gehen Weibchen und Männchen wieder separate Wege. Letztere haben also keine väterlichen Pflichten.
Nach einer Tragzeit von fünf bis sechs Wochen bringt das Weibchen zumeist im März zwei bis fünf (durchschnittlich drei) Junge in einem seiner Kobel zur Welt. Die jungen Eichhörnchen sind typische Nesthocker: Bei der Geburt sind sie taub, blind und rosignackt und wiegen lediglich zehn bis fünfzehn Gramm. Im Alter von drei Wochen sind sie behaart, und mit vier Wochen öffnen sie ihre Augen. Im Alter von etwa sieben Wochen verlassen sie erstmals das schützende Nest und beginnen, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Im Alter von neun bis zehn Wochen werden sie entwöhnt. Danach löst sich die Bindung zwischen der Mutter und ihrem Nachwuchs allmählich auf. Ältere Weibchen pflanzen sich oftmals noch ein zweites Mal im selben Jahr fort. Die Geburten erfolgen dann ungefähr im Juni.
Viele der jungen, unerfahrenen Eichhörnchen werden schon früh von Mardern, Greifvögeln und anderen Fressfeinden erbeutet, und viele überleben ihren ersten Winter nicht, weil sie dem Hunger, der Kälte oder Krankheiten zum Opfer fallen. Diejenigen, die es schaffen, schreiten bereits im folgenden Frühling zur Fortpflanzung. In der freien Wildbahn mit all ihren Unwägbarkeiten liegt ihre Lebenserwartung bei maximal sechs bis sieben Jahren, im Durchschnitt sogar bei nur ungefähr drei Jahren. In Menschenobhut haben einzelne Europäische Eichhörnchen ein Alter von zehn bis zwölf Jahren erreicht.
Grauhörnchen als Widersacher
Noch ist das Europäische Eichhörnchen sehr weit verbreitet und gilt nicht als in seinem Fortbestand gefährdet. Seine Lebensräume werden aber, besonders im westlichen Europa, immer stärker zerstückelt. Tatsächlich sind verschiedene regionale Bestände rückläufig.
Ein besonders markanter Bestandsschwund hat in Grossbritannien stattgefunden. Zeitlich fällt er mit der Ausbreitung und Vermehrung des Grauhörnchens zusammen, welches im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert vom Menschen auf der Insel eingebürgert wurde. Welche Rolle dem Grauhörnchen genau zukommt, wird von den Fachleuten unterschiedlich beurteilt. Manches deutet aber darauf hin, dass das etwas kräftigere Grauhörnchen im Wettstreit um die verfügbaren Ressourcen dem Europäischen Eichhörnchen in den meisten Lebensräumen überlegen ist und dieses zu verdrängen vermag.
Das Grauhörnchen hat sich inzwischen mit der Unterstützung des Menschen auch im nördlichen Italien anzusiedeln vermocht, und es weitet auch hier sein Vorkommen fortwährend aus. Ausrottungsprogramme wurden als zu aufwändig und überdies als chancenlos eingestuft. Es dürfte deshalb bloss eine Frage der Zeit sein, bis das Grauhörnchen Slowenien, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, erreicht haben wird - mit schwer abschätzbaren, aber möglicherweise schlimmen Folgen für die im Land heimischen Bestände des Europäischen Eichhörnchens.
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