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Ernst beschliesst zu sterben
01.11.18 | Sabine Arnold
Heute an Allerheiligen eröffnet Ernst Widmer mit einem religiösen Ritual sein Sterbefasten. «Ich gebe damit Gott mein Leben zurück», sagt der zutiefst religiöse Mensch. Begleitet wird er dabei von seiner Frau, seinen Söhnen, einem Seelsorger und Onko Plus.
Ernst Widmer schreibt über sein Leben und ist froh, dass jemand ihn auf dem letzten Abschnitt davon schreibend begleitet. Schon immer hat der 81-Jährige Tagebuch geführt. Er hat über seine Mutter geschrieben, die Tochter aus einer wohlhabenden Müllerfamilie, die ebenfalls Tagebuch schrieb und die vier Kinder alleine durchbringen musste, weil ihr Mann früh an Tuberkulose starb. Ernst schrieb auch über seinen Vater, seine Erinnerungen an ihn und die psychologischen Experimente, mit denen er 38 Jahre nach dessen Tod versuchte, sich ihm anzunähern. Ernst schreibt über seine immensen Schmerzen, über seinen Wunsch zu sterben, über seine innige Beziehung zu Gott. Ernst schreibt über die Liebe zu seiner Frau Hedy. «Mein letztes Schriftstück ist der letzte Liebesbrief an meine Frau.»
«Die Sehnsucht, sterben zu können, ist penetrant, fast ununterbrochen präsent. Auch nachts, wenn ich wegen der Schmerzen in den Beinen, wegen der Kopfschmerzen erwache.»
Ernst Widmer, Kontemplationslehrer, Verwaltungsdirektor, Dozent, Pflegefachmann
Er sitzt im Rollstuhl, trägt einen hellgelben Pullover, Dreitagebart, auf der Nase eine schwarze Hornbrille. Auf dem Tisch hat er bereits ein grosses Couvert für mich vorbereitet. Darin ausgewählte, ausgedruckte Seiten seiner am Computer geschriebenen Gedanken und Erlebnisse. Es sind knapp sechzig Seiten. Er sei der Ernst, sagte er. Er mag es unkompliziert, aber will, dass ich ihn als Persönlichkeit mit all seinen Facetten erfasse. Ich werde seine Geschichte fertig schreiben. Ich werde dokumentieren, wie es ist, wenn Ernst nicht mehr isst und trinkt. Wie es für ihn ist und wie für seine Liebsten, wenn er durch das sogenannte Sterbefasten seinen Tod willentlich herbeiführt. Er leidet seit Jahren unter chronischen Schmerzen, an Schmerzen an der Lendenwirbelsäule, an einer Nervenendkrankheit in den Beinen, an einer rheumatischen Muskelerkrankung und an einem Tumor der Prostata, von dem er interessanterweise gar nicht spricht. Am Tisch sitzen ausser ihm und mir seine Frau Hedy, sie trägt ebenfalls eine fröhliche Farbe, pink, sowie Palliativpflegefachfrau Evi Ketterer.
In einem Aufsatz, der den Titel «sommerliche Mondfinsternis-Schmerzen» trägt, schreibt er, wie er diesen August in Sils-Maria aus dem Bett fiel, und einmal kippte er gar mit dem Rollstuhl um. Er verzweifelt fast wegen der Schmerzen, obwohl er bereits bei einem Schmerzspezialisten und Palliativmediziner in Behandlung ist und eine implantierte Schmerzpumpe hat. Sein Schmerzmittelkonsum ist beeindruckend. «Die Sehnsucht, sterben zu können, ist penetrant, fast ununterbrochen präsent. Auch nachts, wenn ich wegen der Schmerzen in den Beinen, wegen der Kopfschmerzen erwache. Seit einiger Zeit kommen noch Nackenschmerzen dazu. Morphium, Dafalgan, Minalgin, Mydocalm helfen mir, die Schmerzen zu lindern.» Kurz nachdem er diese Zeilen verfasst hat, entscheidet er sich, sein Leben mittels Sterbefasten zu beenden.
«Ich habe mich entschieden, Gott mein Leben nicht vor die Füsse zu schmeissen, wie ich das mit einem Suizid täte. Sondern ich gebe es ihm zurück, indem ich faste und bete.»
Ernst Widmer, Patient mit chronischen Schmerzen und einem Prostata-Tumor
Ich frage ihn nach seinem Motiv, und er antwortet: «Ich habe ein erfülltes Leben hinter mir – und enorme Schmerzen. Ich habe mich entschieden, Gott mein Leben nicht vor die Füsse zu schmeissen, wie ich das mit einem Suizid täte. Sondern ich gebe es ihm zurück, indem ich faste und bete.» Es sind vier Gebete, die Ernst täglich begleiten. Eines davon lautet schlicht: «Jesus, Jesus, Jesus, Jesus» und endlos so weiter. Ernst betet es permanent, auch jetzt während er mit mir spricht.
Heute also nimmt Ernst Widmer mit einem religiösen Übergangsritual begleitet von seinem Seelsorger, einem Freund, das Sterbefasten auf. «Weit wie das Meer ist Gottes grosse Liebe» werden sie singen, es ist sein liebstes Kirchenlied. Er singt es mir vor. Ernst ist ein zutiefst religiöser Mensch, aber ein freier Geist. Er hängt der christlichen Mystik an, war zuletzt als Kontemplationslehrer tätig. 14 Jahre Studium des Zen-Buddhismus und dreissig Tage ignatianische Exerzitien mit einem Jesuitenpater halfen ihm, seinen Glauben zu vertiefen. «Ich bin bei den Reformierten akkreditiert, bin aber auch ein bisschen katholisch, ein bisschen buddhistisch.» Am Fenster über dem Esstisch hängt eine Wappenscheibe aus Glas: «Ernst Widmer, Kirchenpflegepräsident von Meilen». Ernst hatte dieses Amt zwölf Jahre inne. Das sei seine intensivste, seine schönste und erfüllteste Zeit gewesen in der Kirche.
«Das Fasten an sich hat ja eine spirituelle Bedeutung und ist nicht nur eine medizinische Methode.»
Evi Ketterer, Palliativpflegefachfrau
Von Beruf war Ernst zuerst Zimmermann gewesen, dann Psychiatriepfleger, schliesslich Dozent für Psychiatrie und psychiatrische Krankenpflege an den Krankenpflegeschulen der Stadt Zürich, Direktor Pflege an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und schliesslich Verwaltungsdirektor der Wäckerlingstiftung in Uetikon am See. Das alles steht auch in seinen Unterlagen, in den sechzig Seiten.
Pflegefachfrau Evi Ketterer singt Ernst ein Lied vor, bevor wir gehen. Die Onko-Plus-Mitarbeiterin ist auf der gleichen Wellenlänge wie Ernst. Zwar hat sie als Buddhistin mit der Kirche und Gott nichts am Hut, aber auch sie ist eine Mystikerin, übt sich in Meditation, Kontemplation, assoziativem Schreiben. «Ich glaube, dass du das hinkriegst, Ernst», sagt sie und strahlt ihn an. Sie hatte ihn motiviert, wenn schon, dann das Sterbefasten als spirituellen Weg zu gehen. «Das Fasten an sich hat ja eine spirituelle Bedeutung und ist nicht nur eine medizinische Methode», sagt sie. Zum Sterbefasten seien nämlich sehr viel Disziplin und Durchhaltevermögen nötig.
Die grosse Herausforderung ist der Durst
Der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeiten (FVNF), wie die Methode auch genannt wird, gilt in der Palliative Care und darüber hinaus als Trend. Viele stellen es sich als eine Art «natürlichen Suizid» vor. Viele müssen diesen harten Weg aber wieder abbrechen. Palliativmediziner und Geriater Markus Minder vom Spital Affoltern sagte, er habe noch nie jemanden erlebt, der es geschafft habe, nicht wieder mit dem Trinken zu beginnen. Der Durst sei die grosse Herausforderung, nicht der Hunger. In der Regel dauert der Prozess zwischen zwei bis drei Wochen je nach Allgemeinzustand.
Ernst hofft selbst, dass er den Prozess möglichst lange bewusst erleben kann. Er sei sich ja starke Schmerzmittel gewohnt, die andere benebeln würden und ihn noch immer denken, schreiben, lesen und beten lassen. Bevor er damit beginnt, wird noch ein Pflegebett geliefert, damit die Pflege einfacher fällt. Er möchte keinesfalls mehr ins Spital, so Ernst. «Und ich möchte im Kreis meiner Frau und meiner zwei Söhne sein.»
Bildlegende: «Vor einigen Jahren habe ich wieder mit dem Rauchen von Zigaretten begonnen. Hier auf der Fähre geniesse ich das Rauchen wie ein Glas Wein. Der Rauch wird vom Wind aufgenommen und verweht. Er wird mit dem Wind eins, unsichtbar und verschwindet im Universum. Genuss pur!» Text aus Ernst Widmers Tagebuch (Bild: Adrian Zimmermann).