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Im frühen 20. Jahrhundert ist Ernst Linck eine führende Figur in der Berner Kunstszene. Mit dem stetigen Verschwinden seiner Werke gerät sein Name in Vergessenheit. Einzig die Wandmalerei mit dem «Bannerträger» bei der Zytglogge in Bern bleibt bestehen.
Von Gerry Fässler
Der monumentale Bannerträger am Brunnerhaus in unmittelbarer Nähe der Zytglogge ist wohl das einzige Werk von Ernst Linck, welches sich heute noch einer gewissen Bekanntheit erfreut, was nicht zuletzt seiner Grösse und Lage zu verdanken ist. Es überrascht entsprechend, dass der Bannerträger, der 1906 geschaffen wurde, nicht Lincks Karrierehöhepunkt darstellt, sondern seinen Karrierestart in der Berner Kunstszene.
Das übergrosse Aushängeschild ebnet ihm den Weg vorerst für die dekorative und farbliche Ausgestaltung von zahlreichen Berner Kirchen. Dies wiederum führt zu Glasmalereiarbeiten in der Form von Kirchenfenstern und ermöglicht schlussendlich weitere Aufträge in der Ausmalung öffentlicher Räume in Bern. Sieben Jahre nach dem Bannerträger erhält Linck erneut einen grossen Prestigeauftrag an einer prominenten Lage in Bern. Er darf die Bilder für die Schalterhalle der damaligen Spar- und Leihkasse (heutige Valiantbank) am Bundesplatz gestalten. Über dem Eingang sollen fünf Bildfelder platziert werden, in der Mitte ein Berner Wappen, rechts und links davon ein sitzendes Paar, aussen flankiert von jeweils drei Arbeitern im Gespräch. Über einem Bogen links vom Eingang befinden sich zwei weitere Bildfelder mit jeweils einem Arbeiter, um das Trio von Landarbeiter, Bauarbeiter und Industriearbeiter zu vervollständigen.
Eine blühende Karriere
Die Bilder in der Spar- und Leihkasse Bern werden, zusammen mit dem Bannerträger, fortwährend beispielhaft erwähnt für Lincks öffentliche Arbeiten in Bern. In den folgenden Jahren gesellen sich weitere Projekte dazu: Wandmalereien im Bürgerhaus Bern (1913), diverse Arbeiten an der Landesausstellung 1914 und ein grosses Wandgemälde im Kursaal Bern (1914), Arbeiten im Volkshaus Bern (1915), das Treppenhausfenster in der Brandversicherungsanstalt Bern (1920), Wandbemalungen im Variété Corso Bern (1927) sowie ein Beitrag für die Schweiz an der Weltausstellung in Paris (1925). 1929 veranstaltet die Kunsthalle Bern eine Ausstellung zur Wand- und Glasmalerei von Berner Künstlern, wo Linck mit 31 ausgestellten Werken dominiert, darunter die Entwürfe des Bannerträgers und der Spar- und Leihkasse.
Bereits 1903 schreibt Paul Klee über Linck und die anderen Lehrer an der Kunst- und Handwerkschule in sein Tagebuch «Sie hodlern alle mehr oder weniger.» Damit nimmt er vorweg, dass Linck in den folgenden Jahren eine Freundschaft zu seinem Vorbild Ferdinand Hodler aufbaut und nach dessen Tod 1918 der primäre Vertreter der Hodler’schen Schule ist. Gleichzeitig avanciert Linck zum Vorsitzenden der Berner Abteilung der Gesellschaft Schweizerischer Maler Bidhauer und Architekten (GSMBA) und ist ein geschätztes Mitglied des Schweizer Werkbundes. Bis zu seinem Tod im Juni 1935 bleibt er eine führende Persönlichkeit in der Berner Kunstszene.
Das schrumpfende Erbe
Nach einer letzten Ehrung mit einer Ausstellung in der Kunsthalle Bern im Juli 1935, erneut mit dem Entwurf des Bannerträgers an prominenter Stelle, schrumpft Ernst Lincks Erbe stetig: Der Kursaal und das Variété Corso werden abgerissen, das Bürgerhaus und das Kaiserhaus werden zu Büros umfunktioniert und aus dem Volkshaus wird das Hotel Bern. Die Bildfelder in der Spar- und Leihkasse werden bei einem Umbau in den 70er Jahren entfernt und mit modernen Werken ersetzt. Der Bannerträger jedoch, welcher 1929 von Linck persönlich restauriert wird, bleibt stoisch bestehen, während Lincks andere Berner Werke langsam verschwinden. Lincks Schaffen bleibt jedoch trotzdem allgegenwärtig, wenn auch seine Signatur nur noch selten zu finden ist. So war er verantwortlich für die Bemalung der historischen Berner Brunnen oder restaurierte die Werke des Nelkenmeisters im Münster sowie die Hodlerbilder im Kunstmuseum Bern. Am prägnantesten bleibt sein Schaffen in den zahlreichen Berner Kirchen, die von ihm mit Fenstern und Wappenscheiben ausstaffiert wurden.
Das Archiv Ernst Linck in der NB enthält Entwürfe und Studien zu Lincks diversen Projekten sowie Fotografien, Korrespondenzen und Lebensdokumente, die einen Einblick in Lincks vielseitige Arbeit ermöglichen.
Ernst Linck wird 1874 in Windisch (AG) geboren, absolviert in Zürich eine Lehre als Dekorationsmaler und besucht die Malschule von Albert Freytag. Ab 1899 ist er in Bern wohnhaft, leitet seine eigene Malschule und den Abendunterricht im Aktzeichnen an der Kunst- und Handwerkschule Bern. Er stirbt 1935 an einem Herzanfall im Alter von 60 Jahren in Bern. Ernst Linck ist der Vater des Bildhauers Walter Linck (1903-1975) und der Schwiegervater der Keramikkünstlerin Margrit Linck-Daepp (1897-1983).
Letzte Änderung 15.11.2021