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Mindestlöhne schaden dem Stellenmarkt, den Löhnen und der Wettbewerbsfähigkeit des Landes, sagen die Gegner. Der linke Ökonom Samuel Bendahan weist dies zurück und hebt die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen und die positiven Effekte von Minimalsalären hervor.
In allen Diskussionen über Mindestlöhne, über deren Einführung am 18. Mai abgestimmt wird, hört man wirtschaftliche Argumente. Mindestlöhne würden Stellen kosten sowie die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft und das Lohnniveau senken. Aber stimmt das? Was wissen wir über die ökonomischen Mechanismen im Zusammenhang mit Minimallöhnen? Hier einige Antworten.
Kostet der Mindestlohn Stellen?
Das ist eines der Killer-Argumente der Gegner. Aber diese Logik ist simpel, zu simpel. Die Arbeitgeber sehen die Kosten für ihre Angestellten steigen. Damit die Belastung nicht steigt, müssen sie also Leute entlassen. Nur: Die Realität ist nicht so einfach. Realität ist, dass es zahlreiche Studien über die Effekte von Mindestlöhnen gibt. Sie zeigen, dass Minimallöhne absolut keine Gefahr für die Beschäftigung darstellen. Sie zeigen im Gegenteil viele andere Mechanismen auf, wie die Wirtschaft auf die Einführung oder die Erhöhung der Mindestlöhne reagiert.
Samuel Bendahan
Der 34-Jährige lehrt an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) Wirtschaft.
Dort ist er auch als Forscher am Brain Mind Institute tätig.
Der Sozialdemokrat Bendahan ist zudem Mitglied des Parlaments des Kanton Waadt.
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Der Wirtschaft gelingt es, die Stellen zu bewahren, weil es viele Möglichkeiten zur Anpassung gibt. Eine amerikanische Studie hat diese Variablen sehr detailliert untersucht (Schmitt, 2013, "Why Does the Minimum Wage Have No Discernible Effect on Employment?" – "Warum hat der Mindestlohn keinen erkennbaren Effekt auf die Beschäftigung?"). Sie stützte sich auch auf 64 entsprechende Studien von 1972 bis heute.
Müssen die Unternehmen Mindestlöhne einführen, können sie beispielsweise Naturalleistungen reduzieren, die sie Mitarbeitern gewähren. Am häufigsten aber wird der Anstieg der tiefen Löhne mit der Reduktion der Boni oder der höchsten Saläre kompensiert. Eine dritte Strategie ist die minime Erhöhung der Preise für die erbrachten Dienstleistungen. Einige Firmen haben dies vor der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes getan. Profitable Unternehmen haben auch eine leichte Einbusse beim Gewinn in Kauf genommen.
Neben diesen Mechanismen darf man die positiven und sehr starken Auswirkungen der Einführung von Minimallöhnen nicht vergessen. Erstens sind Mitarbeiter, die einen anständigen Lohn erhalten, motivierter und eher bereit, mehr zu leisten und somit produktiver zu sein.
Die Effizienz ihrer Arbeit steigt, ebenso die Energie, die sie investieren, sowie die Bereitschaft, mehr zu tun, als im Pflichtenheft steht.
Der Anteil des Fernbleibens vom Arbeitsplatz sinkt; der Wille, diesen zu behalten, steigt. Das wiederum senkt die globale Job-Rotation und somit die Kosten für die Ausbildung und jene im Zusammenhang mit der Arbeitslosigkeit.
Heute subventioniert der Staat indirekt jene Firmen, die ihre Mitarbeiter schlecht bezahlen.
Samuel Bendahan
Dazu hat die Anhebung der Löhne einen wichtigen makro-ökonomischen Effekt, der nicht zu unterschätzen ist: Menschen mit tiefen Löhnen neigen dazu, ihr Einkommen sehr schnell auszugeben, das heisst, diese Mittel fliessen sofort wieder in das Wirtschaftssystem. Die so geschaffene Nachfrage erzeugt Bedarf für neue Jobs. Und diese neuen Stellen können die allfälligen Verluste durch einen hypothetischen Stellenabbau mehr als kompensieren.
Wir wissen wohl, dass es schwierig ist, mit 4000 Franken im Monat zu leben. Was sind die Folgen davon? Der Staat subventioniert Menschen mit niedrigem Einkommen. Mit komplementären Leistungen, Unterstützungs- und anderen Leistungen zur Sozialhilfe versucht der Staat, diesen Menschen ein Leben in grösstmöglicher Würde zu ermöglichen. Mit anderen Worten: Heute subventioniert der Staat indirekt jene Firmen, die ihre Mitarbeiter schlecht bezahlen.
Subventionen sind nicht grundsätzlich schlecht. Aber sie sollten abgestimmt sein im Hinblick auf gute Praktiken. Auch sollten sie nur in wünschbaren Bereichen geleistet werden. Sie sollten nicht darauf abzielen, dass es sich der Privatsektor erlauben kann, seinen Angestellten zu wenig zu bezahlen.
Nivelliert ein Minimalsalär die Löhne nach unten?
Die Einführung von Minimallöhnen drücke andere Löhne Richtung "4000-Franken-Mauer" hinunter, hört man oft. Das ist offensichtlich falsch. Stellen Sie sich vor, Sie verkaufen Ihren Occasionswagen. Welche Variante ziehen Sie vor? Die, in der Sie keine Option zum Verkauf haben oder jene, wo Sie wissen, dass Ihr Garagist den Wagen für 4000 Franken zurückkaufen würde? Letztere Minimalvariante stärkt Ihr Verhandlungsvermögen und verleiht Ihnen den Mut, den richtigen Preis zu verlangen. Ein Minimallohn erlaubt Ihnen, ein etwas höheres Salär auszuhandeln, in dem Sie mit den unterschiedlichen Qualifikationen argumentieren.
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So können Mindestlöhne nicht nur die Tiefstlöhne anheben, sondern auch der unteren Mittelschicht helfen, ihr Einkommen leicht zu steigern. Die Kompensation könnte von Seiten der höchsten Einkommen stammen.
Abgestimmt auf die Branchen
Die Forderung ist bei den Arbeitgeberverbänden und bei Unternehmen der Gastronomie, der Hotellerie oder des Detailhandels auf Widerstand gestossen. Wenn der verlangte Mindestlohn die Produktivität und die Möglichkeiten dieser Branchen und der Exportindustrie überstiege, bliebe ihnen nur noch Restrukturationen, Entlassungen und die Verlagerung ins Ausland, so die Argumentation.
Wenn Sie zu 100% tätig sind, ohne Möglichkeit, mehr zu arbeiten, und Sie geben sich Mühe und tun, was von Ihnen verlangt wird: ist es dann normal, dass Ihr Verdienst nicht für ein anständiges Leben ausreicht?
Samuel Bendahan
Es wären also die Beschäftigten, die die Konsequenzen zu tragen hätten. Zudem sind Lohnverhandlungen einer staatlichen Regelung vorzuziehen. Man kann sich dieser Sichtweise anschliessen, denn trotz einem generell hohen Produktivitätsniveau im Land, braucht es auch Tätigkeiten, die wenig rentabel sind. Auf die Branchen abgestimmte Verhandlungen tragen diesem Umstand hingegen Rechnung.
Ist ein Mindestlohn von 4000 Franken zu hoch?
Man vergleicht oft den geforderten Mindestlohn in der Schweiz von 4000 Franken mit den Löhnen in anderen Ländern. Es stimmt, dass z. B. in Frankreich der Mindestlohn viel tiefer liegt. Vergleicht man aber jene Löhne mit dem generellen Lebensstandard in den entsprechenden Ländern, ist der Schweizer Vorschlag durchaus verhältnismässig.
Der Medianlohn in der Schweiz liegt bei über 6000 Franken, der geforderte Mindestlohn beträgt also 61% dieses Medianlohnes. In Frankreich beträgt er 64%, in anderen Ländern sind es bis 71%. Im Vergleich mit dem Lebensstandard in der Schweiz ist dieser Mindestlohn vernünftig.
Muss Arbeit ein würdiges Leben ermöglichen?
Die einzige fundamentale Frage, die sich stellt, ist jedoch die folgende: Wenn Sie zu 100% tätig sind, ohne Möglichkeit, mehr zu arbeiten, und Sie geben sich Mühe und tun, was von Ihnen verlangt wird: ist es dann normal, dass Ihr Verdienst nicht für ein anständiges Leben ausreicht?