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Varnashrama
Es gibt wohl kein Land auf dieser Erde, in dem die Gegensätze grösser sind als in Indien. Was immer man über dieses Land und seiner Bevölkerung schreiben mag, eines kann man sich gewiss sein: Das Gegenteil dürfte auch genauso gut zutreffen. Von den höchsten Bergen im Himalaja erstreckt sich das Land über weite Ebenen und Wüstengebiete bis zu den Traumstränden an der Malabarküste im Süden auf einer Gesamtfläche von 770 Mal diejenige der Schweiz, mit einer Einwohnerzahl von über einer Milliarde Menschen. Bekannt ist Indien für seine heiligen Kühe, sein Kastensystem, seine Bürokratie, die bittere Armut, die Spiritualität, in letzter Zeit auch als ernst zu nehmende Nuklear- und Wirtschaftsmacht.
In der Geschichte Indiens ist die Zeit der Gupta Dynastie von 320 bis 550 A. C. als "Goldenes Zeitalter" bekannt. Zu dieser Zeit wurde das Gesellschaftssystem von Varnashrama weitgehend in die Realität umgesetzt. Sowohl was Wohlstand, Handel, Kultur und Wissenschaft anbetrifft, war dies für Indien eine Blütezeit. In der Folge wurde das Land durch zahlreiche Kriege, Besatzungen und kulturelle Einflüsse verändert, nicht zuletzt mit der Kolonisierung der Briten ab Mitte des zweiten Millenniums. Mit Ausnahme vielleicht der grossstädtischen Yuppie- und Bollywood-Generation ist das indische Volk nach wie vor von tiefer Spiritualität geprägt. Das ganze Leben der Hindus wird durch zahlreiche Riten, Zeremonien und religiösen Festen bestimmt. Trotz Entartung des ursprünglichen Varnashramas in Form von erblich bedingten Kasten, bzw. von Kastenlosen ist der Geist der Veden in Indien noch weitgehend lebendig. Die schlimmsten Auswüchse von egomanen Sadhus existieren Seite an Seite mit den höchsten Gipfeln spiritueller Errungenschaften. In den weltweiten Statistiken werden allerlei Daten verglichen, bezüglich Pro-Kopf Einkommen, Lebenserwartung, Elektrifizierung usw.. Gäbe es aber eine Erhebung darüber, welches Land die meisten Jivan Muktas (Erleuchtete) produziert, würde Indien mit Sicherheit den Spitzenplatz einnehmen. Ist man auf der Suche eines Gurus oder spirituellen Meisters, kommt man kaum darum herum, die Strapazen einer Indienreise auf sich zu nehmen. Bereits in den alten Veden - und später in der Bhagavadgita - wird das spirituelle Gesellschaftssystem des Varnashrama beschrieben: Ein Gesellschaftsentwurf, der in einem tiefen spirituellen Verständnis des Menschen wurzelt. Es werden drei Ebenen (Varna, Ashrama und Purusharta) angesprochen, die in einer ganzheitlichen Betrachtungsweise das physische, psychische und seelische Wohlbefinden des Individuums in einer harmonisch strukturierten Gesellschaftsordnung zum Ziel hat.
Die vier Varnas
Gemäss Yoga-Lehre besteht der Mensch aus drei fundamentalen Eigenschaften oder Gunas: Sattva (Gleichgewicht), Rajas (Aktivität) und Tamas (Inertie). In jedem Individuum dominiert die eine oder andere Guna, wobei auch innerhalb eines Individuums die Gunas abwechslungsweise in Erscheinung treten. Aufgrund dieser Eigenschaften entstehen vier Hauptgruppen von Menschen oder Varnas: bei den Brahmanas dominiert Sattva, bei den Kshatrias dominiert Rajas, bei den Vaishyas steht Rajas im Vordergrund und Tamas im Hintergrund und bei den Sudras steht Tamas im Vordergrund und Rajas im Hintergrund. Derartige Einteilungen in Gruppen gab es bereits in der Antike der westlichen Welt. Die Temperamentlehre, die beispielsweise in der Medizin zur Anwendung kam, unterschied vier Temperamentgruppen: die Choleriker, die Sanguiniker, die Phlegmatiker und die Melancholiker. Interessant beim Varna-Konzept ist die Tatsache, dass es sich - in modernem Begriff übersetzt - um eine frühzeitige Berufswahltheorie handelt. Denn zu den vier Varnas gesellen sich aufgrund der korrespondierenden Eigenschaften vier berufliche Tätigkeitsfelder: Priester und Gelehrte gehören der Gruppe der Brahmanas an, Regierung und Kriegsführung werden den Kshatrias anvertraut, Ackerbau, Viehhaltung und Handel den Vaishyas, während die Sudras das Handwerk verrichten. Seit der Zeit der indischen Veden hat sich die Wirtschaftswelt jedoch stark verändert. In den modernen Berufswahltheorien ist diejenige von John L. Holland stark verbreitet. Er unterscheidet insgesamt sechs Persönlichkeitstypen, denen sechs Berufsgruppen entgegenstehen: Der realistische Typ, der intellektuelle Typ, der konventionelle Typ, der künstlerische Typ, der soziale Typ und der unternehmerische Typ. In der Bhagavadgita lehrt uns Krishna, der Mensch solle seiner Berufung folgen und diejenigen Aktivitäten verrichten, die seinen Fähigkeiten entsprechen, auch wenn der eigene Weg mit Schwierigkeiten gepflastert ist. Dies ist viel besser als den Weg eines anderen zu beschreiten, oder einen Weg, der von aussen betrachtet vielleicht als vorteilhafter erscheinen mag.
Die vier Ashramas
Die psychische und spirituelle Persönlichkeit eines Individuums versucht, sich im Evolutionsprozess auszudehnen und zu wachsen. Dieser wachsende und sich intensivierende Vorgang nimmt auf bestimmten Stufen spezifische Färbungen an: Das Individuum stellt dem Leben gegenüber jeweils eine charakteristische Form des Denkens und Verhaltens zur Schau. Von diesen Stufen, die als Ashramas bekannt sind, gibt es hauptsächlich vier: Die Stufe der Überschwänglichkeit und Energie der Jugend, welche Ausbildung und Disziplin benötigt und die nach Wissen sucht (Brahmacharya), die Stufe der äusseren Aktivität und der sozialen Beziehungen, in der man die normalen menschlichen Sehnsüchte erfüllt und als ein Teil der grossen Menschengesellschaft seinen entsprechenden Pflichten nachgeht (Grihastha), die Stufe der grösseren Denkreife, in der man die Vergänglichkeit der zeitlichen Werte und des materiellen Besitzes entdeckt und danach strebt, sich in die Wahrheit hinter den Erscheinungen zu vertiefen (Vanaprashta) und die Stufe der Erleuchtung, in der man ein Leben der Vereintheit mit der höchsten Wirklichkeit lebt (Sannyasa). Diese Stufen sind die “Ordnungen des Lebens”, die von den sich wandelnden Schwerpunkten notwendig gemacht werden, die das Leben im Laufe der sich entfaltenden Evolution setzt.
Die vier Purushartas
Die Ziele der menschlichen Existenz werden als Dharma (ethisches Ziel), Artha (ökonomisches Ziel), Kama (vitales Ziel) und Moksha (ultimatives Ziel) definiert. Nicht selten wird Spiritualität als eine “Phase” des Lebens, als einer von vielen Aspekten menschlicher Bemühung oder gar als anders-weltliches Ziel betrachtet, an das man am Ende seines Lebens denken sollte. Nichts kann die Wahrheit jedoch mehr entstellen, als diese Fehleinschätzung. Wie kann der unendliche Wert zu einem begrenzten Aspekt, einer blossen Phase des Lebens oder einem anders-weltlichen Belang degradiert werden? Beinhaltet das Unendliche nicht alle Dinge, anders-weltliche ebenso wie diesseits-weltliche und jenseitige ebenso wie zeitliche und vergängliche? Wie könnte es ansonsten das “Unendliche” sein? Und wie könnte Spiritualität ein isolierter Aspekt des Lebens sein, wo sie doch der Hinführungsprozess zum Unendlichen ist? Will sie nicht vielmehr die Gesamtheit des Lebens in sich umfassen, und wäre das Leben als solches ohne Spiritualität nicht gar unmöglich? Der spirituelle Wert ist nicht ein Wert sondern der Wert allen Lebens, ohne den das Leben seine Bedeutung verlieren und sich in ein essenzloses Phantom verwandelt. Wenn das Unendliche die moralischen, ökonomischen und vitalen Werte in sich beinhaltet, so dass Dharma, Artha und Kama in Moksha mit eingeschlossen sind, folgt daraus, dass das Streben nach Ethik, Wohlstand und persönlicher Befriedigung im Leben notwendigerweise in den Versuch, Moksha oder Befreiung von der Sklaverei des Lebens zu erreichen, mit einbezogen werden müssen, was bedeutet, dass das Weltliche im Spirituellen enthalten ist.
Es ist schwer, eine Wörterbuch-Definition für Dharma zu geben oder ein geeignetes Synonym dafür in der deutschen Sprache zu finden, da Dharma jenes alles durchdringende und zusammenfügende Prinzip ist, welches alle Dinge in einem harmonischen Zustand der Integration hält. Diese Harmonie und Integration ist auf jeder Ebene des Lebens zu finden. Physisch ist sie jene Energie, die den eigenen Körper zusammenhält und ihm nicht erlaubt, sich aufzulösen. Vital ist sie jene Kraft, die das Prana in Harmonie mit dem Körper bewegt. Mental ist sie jene Eigenschaft, die sowohl die geistige Gesundheit des Denkens aufrecht erhält als auch den psychologischen Apparat in einer geordneten Weise arbeiten lässt und ihm nicht gestattet, in beliebiger Weise Amok zu laufen. Moralisch ist sie der Drang dazu, in Anderen ebensoviel Wert zu sehen wie in sich selbst und jedem den entsprechenden Status einzuräumen, den er an seinem eigenen Platz einnimmt. Intellektuell ist sie das logische Prinzip des folgerichtigen Urteilsvermögens und der Übereinstimmung von Theorie und Tatsache. Im äusseren Universum wirkt sie physikalisch als Gravitationskraft, chemisch als wechselseitige Reaktion, biologisch als das Prinzip des Wachstums und der Lebenserhaltung, sozial als kooperatives Unternehmen und zu guter Letzt ist sie spirituell gesehen das Prinzip der Einheit des Selbst.