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Die Reduktion der CO2-Emissionen ist ein starker Wirtschaftsmotor
Für einen New Deal in der Energiepolitik
Lange Zeit drehte sich die politische Diskussion um die Frage, welche Dosis Umweltschutz für die Wirtschaft erträglich sei. Die AkteurInnen aus Wirtschaft, Politik und Nichtregierungsorganisationen positionierten sich entlang dieser Achse. Dieses gedankliche Schema hat die politische Diskussion während 20 bis 30 Jahren geprägt. In Zeiten der Hochkonjunktur wurde die Umwelt stärker geschützt. Bei verschlechterter Konjunktur hingegen stagnierte der Umweltschutz oder ging zurück, man betrachtete ihn als überflüssigen Luxus. Dieses Phänomen zeigte sich deutlich in den 1990-er Jahren, als die angespannte wirtschaftliche Lage Fortschritte verhinderte und die EU die Schweiz einholte.
Gegenwärtig können wir ein rasches Umdenken beobachten. Wie ein grosser Granitblock, der ein neues Gleichgewicht sucht, schwanken die Denkmuster. Die erste Bewegung ist bereits erfolgt, die zweite ist gerade im Gang.
Erster Paradigmenwechsel: Untätigkeit kostet
Spätestens seit dem Bericht von Sir Nicholas Stern (30. Oktober 2006) weiss man, dass global gesehen der Kampf gegen die Klimaerwärmung nicht länger als Gegensatz zum Erhalt des Wohlstandes betrachtet werden kann. Stern hat einfach festgestellt, dass die Vermeidung der Klimaerwärmung ihren Preis hat, dass aber die Kosten der Untätigkeit weit höher ausfallen würden. Die politische Schlussfolgerung auf der Grundlage des Stern-Berichts führte zum ersten Paradigmenwechsel: Wirtschaftlich gesehen ist es günstiger, dem Klimawandel vorzubeugen als darunter zu leiden.
Zweiter Paradigmenwechsel: Die Reduktion der Emissionen ist rentabel und förderlich
Zwei Dinge werden heute klar: Erstens sind die Reduktionen der CO2-Emissionen aus makroökonomischer Sicht rentabel. Die Rechnung ist einfach: Mit jeder Tonne eingespartem CO2 erspart man sich den Kauf von 300 bis 400 kg fossilen Brennstoffs. Zweitens können die notwendigen Investitionen für die nächsten 50 Jahre als Motor der Wirtschaft wirken.
In der Studie von McKinsey[1] untersuchen die Autoren die Rentabilität der Reduktion von Treibhausgasen (THG) in der Schweiz bezüglich zweier verschiedener Erdölpreise (52 $ und 100 $ pro Fass). Was den Erdölpreis anbelangt, so ist niemand Wahrsager, aber sogar die Internationale Energieagentur sieht mittlerweile für 2020 einen Oil Peak und Preise von 100 $ bis 2015 und von 120 $ danach voraus[2]. Die AutorInnen haben sich auf das technische Potenzial der Sektoren Bau, Transport und Elektrizität (Import & Effizienz) konzentriert.
Tabelle: "Rentables" Reduktionspotential in der Schweiz gemäss McKinsey (negative Kosten oder unter CHF 150.-/t CO2-eq) in Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, Investition und Nettogewinn
*Mt = Millionen Tonnen CO2-Äquivalent
Schlussfolgerung von McKinsey: Mit den in obiger Tabelle dargestellten Reduktionen und jenen, die in der Landwirtschaft und den Zementfabriken denkbar sind, ist eine Reduktion bis 2030 in der Grössenordnung von 40% nicht nur realistisch, sondern gesamthaft gesehen rentabel[3]. Mit der Entwicklung des öffentlichen Verkehrs ist sogar noch mehr möglich.
Hinzu kommt die dynamische Dimension. Die Modernisierung der Infrastrukturen und Ausrüstungen stellt ein zusätzliches privates und öffentliches Investitionsvolumen von mindestens ca. 3 Milliarden Franken pro Jahr dar. Es handelt sich hier also um einen kräftigen, kurzfristig wirksamen Wirtschaftsmotor zur Stützung der Beschäftigung.
Mittel- und langfristig erweist sich neben den Einsparungen infolge verbesserter Effizienz die technologische und kommerzielle Führungsrolle als äusserst wertvoll. Tatsächlich wird die ganze Welt massiven Bedarf an diesen Technologien für eine nachhaltige Entwicklung aufweisen. Für ein exportorientiertes Land wie unseres sind die Möglichkeiten riesig. Die Infras-Studie[4] zeigt auch die daraus resultierende strukturelle Entwicklung auf: Während die Raffinerie-, Kunststoff- und Zementindustrie zurückgeht, werden die Bereiche Holz, Recycling, Bau und erneuerbare Energien gestärkt. Das Beispiel Deutschland ist ermutigend: 2007 gab es im Bereich der erneuerbaren Energien 249'000 Arbeitsplätze, was bereits 60% der Stellen in der Automobilindustrie entspricht.
Spätestens seit dem Zusammenbruch des Finanzsektors ist erwiesen, dass Klimafragen und Wirtschaftsentwicklung zusammengehören. Sowohl aus makroökonomischer als auch aus konjunktureller und technologischer Sicht wäre es somit völlig unverantwortlich, auf die Nutzung dieses Potenzials zur Reduzierung der Emissionen zu verzichten. Dies ist ein zusätzlicher Grund, in der Schweiz bis 2020 mindestens eine Reduktion um 30% der Emissionen im Inland anzustreben, wie es die Klima-Initiative verlangt.
Bleibt eine Frage: Wenn eine Reduktion um 35% oder 40% gesamthaft rentabel ist, warum erfolgt diese nicht "spontan"? Sowohl der Stern-Bericht als auch die Studie von McKinsey erklären dies mit einer Reihe von Versagen des Marktes: Fehlende Information, zu kurze Zeithorizonte der InvestorInnen und KäuferInnen, Angst vor Risiko, zu teurer Zugang zu Kapital, fehlender Wille usw. Und beide sind der Meinung, dass der Staat mit verschiedenen Instrumenten intervenieren muss, um dieses Versagen des Marktes zu korrigieren, damit unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft vom Potenzial zur Reduktion der Emissionen profitieren: Information, Vorschriften, wirtschaftliche Anreize, Einspeisevergütung, Investition, Unterstützung der Forschung usw. Hierbei handelt es sich um die Essenz einer guten Klimapolitik.
Und eine gute Klimapolitik in der Schweiz ist es, was die Sozialdemokratische Partei und die Allianz für eine verantwortliche Klimapolitik fordern. Wir brauchen einen New Deal in der Energiepolitik, sowohl für das Klima als auch für die Wirtschaft. Und wie Hans-Peter Fricker Ihnen erklären wird, gewinnt die Bevölkerung damit auch auf s
[3]Das Potenzial in Landwirtschaft, Zementindustrie und Flugverkehr wurde nicht berücksichtigt. Sie schliessen in ihrer Annahme auch jegliche Verhaltensänderung aus wie eine vermehrte Nutzung des öffentlichen Verkehrs. Das zweite Szenario enthält eine Variante, bei der ein Ausstieg aus der Atomenergie eingeschlossen ist. In einem solchen aus unserer Sicht wünschenswerten Szenario beträgt das Reduktionspotenzial 34% anstatt 37%. Wir sehen also nebenbei, dass die Atomkraft bei der Reduktion der Treibhausgase absolut nicht entscheidend ist.
[4] Martin Peter, Rolf Iten, Wirtschaft, Wachstum und Umwelt - Skizze einer klimaverträglichen Schweizer Wirtschaft 2035, Infras, Juni 2008, im Auftrag des WWF.

Contact: Roger Nordmann, Rue de l'Ale 25, 1003 Lausanne,
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1.04.2017