Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03130.jsonl.gz/316

Da ist der Grossvater: ein 86jähriger Patriarch und unheimlicher Patriot, Begründer der Geschäftskette «Heremode Wänger» mit sieben Filialen im Kanton Bern, zwanzig Jahre lang Grossrat und als Grossratspräsident ein Jahr lang höchster Berner, im Militär Major, in der Zunft Säckelmeister. Dann ist da «Unggle Sämi», ein bunter Vogel, der als Nichtschwuler im Schwulenchor Köniz singt, ein Fabulierer, der Frauenherzen bricht und in Wengen standesgemäss «absyts vor Pischte» ums Leben kommt. Daneben gibt es zum Beispiel die Cousine Vivienne: Sie spricht elf Sprachen, betreibt in New York «es Zäntrum für usgschtorbnigi Schprache» und sagt beim Smalltalk nebenbei, «Schprache syge ke Heimat und heige ke Heimat».
Und natürlich ist da der Erzähler, ein junger Mann, der – wie seinerzeit sein Erfinder Guy Krneta – die Rekrutenschule verweigert hat und in Genf seine sechs Monate Halbgefangenschaft absitzt. Im Ausgang lernt er die Peruanerin Isabel kennen, die als Servierfrau Geld verdient und hier für vier Monate einen Sprachkurs besucht, aber eigentlich einem Bürgermeister in den Anden versprochen ist und in Lima Pädagogik studiert. Als der junge Mann nach ihrer Rückkehr nach Südamerika vernimmt, sie sei schwanger, reist er ihr nach. Er will mit einem Bluttest klären, ob er der Vater ist.
Was ist ein «Spoken-word-Roman»?
«Spoken Word muss klingen, geht durchs Ohr, das heisst, die Wörter müssen Körper haben.»
Beat Sterchi
Diese Figuren stehen im Zentrum von achtzig kurzen Texten – viele kürzer als eine Buchseite –, die Guy Krneta zum gut 150-seitigen Text «Unger üs» zusammengebaut hat. Eine Gattungsbezeichnung trägt das Buch nicht, aber sicher ist es mehr und anderes als eine Kurzgeschichtensammlung. Alexander Sury hat es im «Bund» als «fragmentarische[n] Episodenroman» charakterisiert; Krneta hat beim Schreiben von einem «Spoken-Word-Roman» geträumt. Roman charakterisiert den Text zweifellos gut. Bloss, was ist ein «Spoken-Word-Roman»?
«Spoken word» steht für jene literarische Gattung, die den Text vom Buch emanzipiert, um ihn im mündlichen Vortrag vor dem Publikum direkt zur Geltung zu bringen. Entsprechend sind solche Texte gebaut: «Spoken Word muss klingen, geht durchs Ohr, das heisst, die Wörter müssen Körper haben. Spoken Word wird bestenfalls zu Musik und Musik lebt stark von Rhythmus» (Beat Sterchi).
Um als gesprochener Text zu wirken, muss er entsprechend gebaut sein: Zwar kommt er zumeist im umgangssprachlichen Parlandoton daher, ist aber kunstvoll komponiert. Rhetorische Stilmittel, Tempo und Phrasierung der Sätze sind wichtig. Der wirkungsvolle Schluss der Texte ist eine Wissenschaft für sich: Wie die Kadenz beim Musikstück muss er von unmittelbar einleuchtender Evidenz sein. Spoken-word-Texte enden – ob sprachwitzig subtil, ironisch schillernd oder plump kalauernd – mit einer pointenartigen Wendung, die gleichzeitig ein rhetorischer Knicks vor dem Publikum ist (so, jetzt könnt ihr klatschen).
Tatsächlich sind die Textstücke auch in Krnetas Buch in dieser Art gebaut – wobei ihre Schlüsse meist mit Understatement vorgetragen geistreich subtil sind. Und obschon eine solche Textsorte eigentlich eher mit einer Kabarettnummer verwandt ist als mit einem Romankapitel, muss man zugeben: Krneta hat tatsächlich einen «Spoken-Word-Roman» geschrieben.
Die ästhetische Innovation
Wie das? – Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein wurden Romane wie grossflächige Gemälde hergestellt: Neben vielfältiger Kunstfertigkeit war dazu auch viel flachmalerische Fleissarbeit nötig. Gegen solch ausgepinselten Textrealismus stellte die Literatur der Moderne die Montage von Textfragmenten und zeigte, dass ein Text nicht alles sagen muss, wenn er so erscheinen will, als würde er alles sagen. Auch das Ausgesparte vermag im Kopf der Lesenden den Schein romanesker Totalität zu erzeugen.
Krnetas Leistung ist, dass seine Texte gleichzeitig als Ganzes und als Teil eines grösseren Ganzen funktionieren.
Fredi Lerch
Das weiss natürlich auch Krneta. Seine Leistung ist, dass er für die Montage ausschliesslich spoken-word-taugliche Texte einsetzt und sie so doppelt codiert. Zum einen dienen sie in wechselnden Konstellationen für den mündlichen Vortrag, zum anderen eindeutig verortet als Romanepisode. Je nach Funktion sind sie deshalb ein Ganzes oder Teil eines grösseren Ganzen.
Diese Form hat etwas sehr Zeitgemässes: Zum einen verweist die zweifache Verwendbarkeit des Materials auf den Verwertungszwang heutiger Literaturproduktion. Zum anderen haben sich die Lesegewohnheiten der Menschen verändert. Wer würde es sich heute noch leisten, das Handy auszuschalten und sich einen Tag lang in einen Roman zu vertiefen? Krnetas Roman nimmt man dagegen auch dann mit Gewinn zur Hand, wenn man nur eine Viertelstunde Zeit zum Lesen hat: Bedeutend mehr als eine konventionelle Romanseite spricht hier jede Buchseite für sich selbst. «Spoken word-Roman» heisst auch: Die antiquierte Hoffnung, von bildungsbürgerlicher Beschaulichkeit aufgesucht zu werden, ist verabschiedet. Der Text geht auf das Publikum zu mit dem Angebot einer schnell erfassbaren und doch nicht trivialen Unterhaltung.
Der Buchpreis wäre eine wichtige Überraschung
Die Form, die Guy Krneta mit «Unger üs» zur Diskussion stellt, hat eine eigene ästhetische Qualität. Sollte am kommenden 9. November diesem Text der diesjährige Schweizer Buchpreis verliehen werden, dann sicher nicht zuletzt für diese Innovation.
Allerdings ist «Unger üs» ein Mundarttext. Und weil der literarische Kanon hochdeutsch spricht, wäre der Preis eine Überraschung – wenn auch eine wichtige: Es wäre eine Anerkennung der Tatsache, die das AutorInnen-Netzwerk «Bern ist überall» – dem auch Krneta angehört – in einem Manifest 2006 so gefasst hat: «Es gibt keine hohen und niederen Sprachen. Jede Sprache ist eine Brücke in die Welt.» Der Preis für «Unger üs» wäre die Anerkennung für ein herausragendes Stück, das auf dem Boden eines kollektiven sprachschöpferischen und sprachpolitischen Engagements gewachsen ist.