Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03515.jsonl.gz/1793

mehr
erbaute Tabernakel bemerkenswert. Überhaupt gibt es in London [* 2] 1151 größere dem Gottesdienst geweihte Gebäude, worunter 554 den Anglikanern, 514 den Dissidenten, 66 den Katholiken und 17 den Juden gehören.
Öffentliche Bauwerke. Paläste etc.
An großartigen öffentlichen Bauten ist London zwar nicht gerade arm, aber bei der Zerstreuung derselben über die ganze Stadt fallen diese weniger in die Augen. Als architektonischer Glanzpunkt kann eigentlich nur der vom Parlamentsgebäude und der Westminsterabtei überschaute Parlament Square gelten. Trafalgar Square, der infolge seiner Lage Gelegenheit böte, große architektonische Wirkungen zu erzielen, wirkt enttäuschend, wird aber vielleicht im Lauf der Zeit auf eine Weise umgewandelt werden, welche der reichsten und größten Hauptstadt der Welt würdig ist.
Seit Wilhelm dem Eroberer ist London unbestrittene Landeshauptstadt, kann aber trotzdem keinen des Reichs würdigen königlichen Palast aufweisen. Der Tower, welchen Wilhelm als Palast und Zwingburg baute, und der später als Staatsgefängnis diente, ist jetzt Kaserne und Arsenal (s. unten). Der von I. ^[Inigo] Jones vorgeschlagene Prachtbau, an Stelle des durch Feuer zerstörten Palastes von Whitehall, ist Bruchstück geblieben. St. James' Palace, die älteste königliche Residenz Londons, stammt teilweise aus der Zeit Heinrichs VIII., ist aber in architektonischer Beziehung ohne alle Bedeutung.
Die wichtigern Hofzeremonien finden in demselben statt; aber die Königin bewohnt während ihrer seltenen Besuche Londons den benachbarten Buckingham Palace, ein 1703 vom Herzog von Buckingham erbautes und später umgestaltetes und erweitertes Gebäude mit hübscher Fassade in deutscher Renaissance (von Blore). Das Innere enthält einige geschmackvolle Räumlichkeiten, darunter den mit scharlachrotem Atlas [* 3] behangenen Thronsaal und den 1856 vollendeten Ballsaal sowie eine wertvolle Sammlung von Gemälden und Skulpturen.
Marlborough House, 1709-10 von Chr. Wren für den großen Herzog von Marlborough erbaut, steht neben dem St. James' Palace und ist Stadtresidenz des Prinzen von Wales. Kensington Palace, aus der Zeit Wilhelms III. stammend, wird von einigen Mitgliedern der königlichen Familie bewohnt. Die Wohnsitze des hohen Adels zeichnen sich weniger durch prachtvolle äußere Ausstattung als durch behagliche Einrichtung des Innern und ihren Gehalt an wertvollen Kunstschätzen aus.
Der ehrwürdigste unter ihnen ist Lambeth Palace, die Stadtresidenz des Erzbischofs von Canterbury, am rechten Themseufer, oberhalb der Parlamentsgebäude. Die 1244-70 erbaute Kapelle ist der älteste Teil desselben, und der sogen. Lollardturm, in welchem die Lollarden oder Wiclefiten gefangen gehalten wurden, stammt aus dem 15. Jahrh. Stafford House am St. James' Park, Sitz des Herzogs von Sutherland, Bridgewater House am Green Park, Apsley House (Herzog von Wellington) am Hyde Park Corner und Grosvenor House (Herzog von Westminster), östlich vom Hyde Park, sind wohl die beachtenswertesten unter ihnen und enthalten sämtlich wertvolle Kunstschätze. Holland House, im W. der Kensington Gardens, ist durch historische Erinnerungen interessant. Northumberland und Burlington House bestehen nicht mehr; aber in der City kann der Wißbegierige noch einen Einblick in einen aus dem 15. Jahrh. stammenden Palast gewinnen (Crosby Hall), [* 4] welcher jetzt als Speisewirtschaft dient.
Unter den Staatsgebäuden steht obenan der neue Palast von Westminster oder das Parlamentsgebäude, an Stelle des 1834 durch Feuer zerstörten alten Palastes errichtet und jedenfalls der größte gotische Bau der Neuzeit. Erbauer des Palastes war Charles Barry. Der Bau begann 1837, und das Äußere wurde 1868 mit einem Kostenaufwand von über 2 Mill. Pfd. Sterl. vollendet. Der gewaltige Bau bedeckt einen Flächenraum von 3,24 Hektar und enthält 1100 Räume, teilweise von großartigen Verhältnissen.
Die dem Fluß zugewandte, 286 m lange Hauptfassade ist ziemlich einförmig; schöner ist die westliche Fassade, weil sie reichere Abwechselung bietet. An der nordwestlichen Ecke steht der viereckige, 97,5 m hohe Glockenturm mit der 140 Doppelzentner schweren Stephansglocke und während der Nacht erleuchteter Uhr, [* 5] deren vier Zifferblätter je 7,16 m Durchmesser haben. In der Mitte des Gebäudes erhebt sich der 91 m hohe, zierliche Mittelturm und an seiner südwestlichen Ecke der bis zu den Zinnen 102,4 m hohe Viktoriaturm mit 19,8 m hohem Portal, durch welches die Königin bei Eröffnung des Parlamente einfährt.
Die 1397-99 erbaute Westminster Hall ist dem Parlamentsgebäude einverleibt worden. Sie ist 73,2 m lang, 20,5 m breit, 12,7 m hoch und hat ein vielbewundertes Holzdach. Eine Treppe [* 6] führt von ihr hinab in die unterirdische St. Stephanskapelle, einen Rest des alten Palastes, 1290-1345 erbaut und in jüngster Zeit glänzend restauriert. Das Innere des Gebäudes durch Westminster Hall betretend, gelangen wir zuerst in die St. Stephen's Hall, in welcher die Bildsäulen von zwölf berühmten Parlamentsmitgliedern aufgestellt sind, und die reichverzierte achteckige Central Hall, 18,28 m im Durchmesser und 24 m hoch.
Zur Linken derselben liegt das geschäftsmäßig eingerichtete Haus der Gemeinen (welches indes nicht sämtliche Mitglieder zu fassen vermag), zur Rechten das prunkvoll ausgestattete Herrenhaus. Hinter letzterm liegt eine Reihe von Räumen, welche die Königin bei Eröffnung des Parlaments durchschreitet. Im Prinzengemach steht eine Bildsäule der Königin (von J. ^[John] Gibson); in der nächstliegenden Royal Gallery befinden sich die berühmten Fresken von D. Maclise, den Tod Nelsons und das Zusammentreffen Wellingtons mit Blücher bei Waterloo [* 7] darstellend.
Überhaupt ist sowohl das Äußere als das Innere des Gebäudes mit Werken der Bildhauerkunst [* 8] und Skulpturen überreich verziert. Die breite Straße Whitehall, die das Parlamentsgebäude mit Charing Croß verbindet, ist dazu bestimmt, Mittelpunkt der Regierungsämter zu werden. Erst jüngst (1868-74) ist dort ein gewaltiger Bau im italienischen Stil entstanden, in welchem die Ministerien des Innern, der Kolonien, Indiens und der auswärtigen Angelegenheiten ein würdiges Unterkommen gefunden haben.
Die Fassade nach der Straße zu ist 96,7 m lang, und das Gebäude erstreckt sich bis zum St. James' Park. Sein Äußeres sowohl als die Höfe sind mit Skulpturen reich verziert. Die vielgenannte Downing Street trennt diesen Bau von dem Schatzkammeramt (Treasury buildings), welches die Büreaus des ersten Ministers (Lord High Treasurer), des Handelsamts und des Geheimen Rats enthält. Die von Barry 1846-47 einem häßlichen, alten Gebäude angepaßte Fassade hat eine Länge von 90 m. Hinter demselben liegt das unansehnliche Finanzministerium, welchem der Chancellor of the Exchequer vorsteht. Weiter in der Straße fortschreitend, erreichen wir die »Horse Guards«, zwei Schildwachen zu Pferde, [* 9] beim Amtslokal des Oberbefehlshabers der Armee, einem malerischen Bau (mit Uhrturm) aus dem letzten Jahrhundert. Nördlich davon ¶
mehr
sind dem neu zu erbauenden Kriegs- und Marineministerium Bauplätze angewiesen. Am Strand, bei der Waterloobrücke, liegt Somerset House, das Meisterwerk Sir W. Chambers', 1776-1827 im Stil Palladios erbaut, mit 183 m langer Fassade nach der Themse hin und schönem Hof [* 11] mit dem Denkmal Georgs III. In ihm befinden sich das Standes- und das Steueramt. Die Record Office (Staatsarchiv), ein seit 1856 feuerfest aufgeführter gotischer Bau mit dickem viereckigen Turm, [* 12] liegt versteckt in einer Hintergasse bei Fleet Street.
Das von Smirke 1825 bis 1829 errichtete Generalpostamt liegt bei der St. Paulskirche und hat eine 107 m lange Fassade mit ionischem Portikus. Ihm gegenüber steht das 1874 errichtete Zentraltelegraphenamt. In diesen beiden Gebäuden arbeiten an 5000 Beamte (mit Einschluß zahlreicher Telegraphistinnen). Trinity House, Sitz der mit dem Lotsenwesen und den Leuchttürmen betrauten Behörde, und die königliche Münze sind ziemlich unansehnliche Gebäude beim Tower.
Für die Münze ist indes auf dem Themsedamm ein Neubau im Entstehen. Unter den städtischen Gebäuden sind hervorzuheben die Guildhall oder das Rathaus, 1411 erbaut, aber später vielfach restauriert. Die große Halle, [* 13] in welcher die städtischen Festlichkeiten stattfinden, ist 46,6 m lang, 15,2 m breit, 16,8 m hoch und enthält auch einige Denkmäler; Gänge führen von ihr in die städtische Bibliothek und das Museum (1870-73 erbaut) sowie in einige der städtischen Gerichtshöfe. Das Mansion House, die Amtswohnung des Lord-Mayors, ward 1739-41 von Dance aufgeführt und hat einen korinthischen Portikus von sechs Säulen. [* 14] Unter seinen Räumen ist die sogen. Ägyptische Halle der bedeutendste. Ihm gegenüber liegen die 1841-44 erbaute Börse (Royal Exchange) mit stattlichem korinthischen Portikus und die hinter einer ornamentalen Mauer versteckte Bank von England.
Die obersten Gerichtshöfe des Landes tagen seit 1882 in dem nach den Plänen Streets errichteten ziemlich schwerfälligen, gotischen Bau, der nach dem Strand zu eine Fassade von 152 m hat, so recht in der Mitte des Advokatenviertels und seiner Inns of Court. Diese Inns sind von alters her Sitz der englischen Rechtsgelehrsamkeit. Sie sind Eigentum der vier großen Advokateninnungen, welche sie durch Kauf oder Schenkung erworben haben, und die Mehrzahl der angesehenen Advokaten Londons hat in ihnen ihre Büreaus.
Die vornehmste dieser Inns ist der Temple, 1184-1313 im Besitz der Tempelherren und später der Johanniter, welche ihn an eine Genossenschaft von Rechtsgelehrten vermieteten, die sich bis auf den heutigen Tag in dessen Besitz erhalten hat. Außer zahlreichen Wohnhäusern befinden sich im Umkreis des von Fleet Street bis zur Themse reichenden innern und mittlern Temple (einen äußern Temple gibt es nicht mehr) eine 1185 in normännischem Stil erbaute Rundkirche mit im 13. Jahrh. angefügtem frühenglischen Chor, die zwei »Hallen« oder gemeinschaftlichen Versammlungslokale und eine 1861 errichtete Bibliothek. Lincoln's Inn hat eine von Inigo Jones erbaute Kapelle und eine prächtige, im Tudorstil aufgeführte neue Halle mit daran stoßender Bibliothek. Noch weiter nach N. hin, jenseit Holborn, liegt Gray's Inn mit 1560 erbauter Kapelle, früher Klostereigentum, aber von Heinrich VIII. den Rechtsgelehrten überlassen.
London hat zwar nur wenige große Kasernen (die ganze Garnison, einschließlich Woolwich, besteht nur aus 5 Bataillonen Infanterie, 2 Regimentern Gardereiterei und 12 Batterien), besitzt aber trotzdem einige Militärbauten von hohem Interesse. Unter ihnen ist der altehrwürdige Tower unterhalb der City, am Themseufer, am merkwürdigsten. Derselbe bedeckt eine Oberfläche von 5½ Hektar, ist von einem tiefen, jetzt trocknen Graben umschlossen und hat in der Geschichte Englands als Festung, [* 15] Gefängnis, Schatzkammer, Zeughaus und königliche Residenz eine merkwürdige Rolle gespielt (vgl. Dixon, Der Tower von London, deutsch, Berl. 1870, 2 Bde).
Der »weiße Turm« in der Mitte ist der älteste Teil und wurde 1078 von Wilhelm dem Eroberer gebaut. Er enthält eine normännische Kapelle und einen geschmackvoll geordneten Vorrat von 60,000 Gewehren. An ihn schließt sich eine höchst wertvolle und gut geordnete Waffensammlung an. Unter den andern Türmen sind historisch merkwürdig: der Beauchamp Tower, im 13. Jahrh. erbaut, in welchem die beiden Grafen Warwick bis zu ihrem Tod gefangen saßen;
der Bloody Tower, in welchem die Kinder Eduards IV. ermordet wurden;
der Brick Tower, welcher der Jane Gray als Gefängnis diente;
der Record Tower, welcher früher das königliche Archiv enthielt, und in welchem jetzt ein Teil der Kronjuwelen aufbewahrt wird.
Die königlichen Gemächer, in welchen Anna Boleyn bis zu ihrem Tod wohnte, wurden 1688 abgebrochen. Die neue Kaserne steht an Stelle des alten Zeughauses. Auf dem innern Hofraum fielen die Köpfe zweier Gemahlinnen Heinrichs VIII. (Anna Boleyn und Katharina Howard), der Königin Jane Gray und des Grafen Essex. Sie sowohl als die 1389-1746 auf dem Towerhügel gerichteten »Hochverräter« haben in der unansehnlichen Kirche St. Peter ad Vincula (1272-1307 erbaut) ihre letzte Ruhestätte gefunden. Das von Karl II. gestiftete, von Wren erbaute Chelsea Hospital ist ein Invalidenhaus für Soldaten. Greenwich Hospital ist der neugegründeten Seeakademie überlassen worden (s. Greenwich).
Unter den Gebäuden, welche der Kunst und Wissenschaft dienen, gebührt auch architektonisch dem Britischen Museum (s. d.) der vornehmste Rang, wogegen die Nationalgalerie in einem äußerlich unansehnlichen Gebäude untergebracht ist. Bemerkenswert ist auch das vom Staat erbaute neue Burlingtonhaus, in welchem die Royal Society und andre gelehrte Gesellschaften ihren Sitz haben. Der Hauptbau, in italienischem Geschmack, liegt an Piccadilly. Ein hoher Thorweg führt in den Hof, dessen Hintergrund das Haus der königlichen Akademie der Künste einnimmt.
Nördlich davon liegt der Palast der Londoner Universität, im Stil Palladios, mit zahlreichen Statuen. Ferner verdienen Erwähnung das Museum in South Kensington, das ebendort erbaute Naturgeschichtliche Museum und das Imperial Institute. Unter den großen Bahnhöfen gebührt die Palme [* 16] der Midland Station, deren gewölbtes Dach [* 17] einen Raum von 213 m Länge bei 73 m Breite [* 18] bedeckt; unter den Märkten nehmen die Fleischhallen auf Smithfield den vornehmsten Rang ein.
Unter den Theatern ist nur ein einziger monumentaler Bau, nämlich Covent Garden, der aber einen Vergleich mit ähnlichen Anstalten auf dem Kontinent kaum zuläßt. Bemerkenswert ist hingegen die 1871 eröffnete Alberthalle, im Hyde Park, eirund, 97,5 m lang, 85,3 m breit und mit Sitzplätzen (ohne die Galerie) für 5266 Zuschauer nebst Orchester und Chor von 1000 Personen. Der Kristallpalast in Sydenham ist ein Gebäude, dem keine andre Stadt Ähnliches an die Seite zu stellen hat. Beachtung verdienen ferner: St. Thomas' Hospital an der Themse, dem Parlamentsgebäude gegenüber;
das Bethlehem Hospital mit ¶