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Dank dem Schriftsteller Lukas Bärfuss flog womöglich ein Literatur-Skandal auf. Während viele Medien kritiklos über die Verleihung des Schweizer Buchpreises am 12. November berichteten, nahm Lukas Bärfuss kein Blatt vor den Mund. „Den Buchpreis in der heutigen Form muss man für tot erklären“, schreibt er in einem Kommentar, der jüngst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien. Er wirft der Jury mangelnde Unabhängigkeit und wirtschaftliche Interessen vor.
Einen unglaublichen Fauxpas leistete sich bereits am Abend vor der Preisverleihung die Moderatorin Nicola Steiner, ihres Zeichens immerhin Leiterin des SRF-Literaturclubs. An einer Podiumsdiskussion nannte die Moderatorin mit Jonas Lüscher ihren persönlichen Favoriten für den Buchpreis, der dann am Sonntag auch tatsächlich gewann. Sie gab (als Moderatorin!) sogar ihrer Hoffnung Ausdruck, Jonas Lüscher möge den Schweizer Buchpreis gewinnen! Einen derartigen Ausraster dürfte sich keine Moderatorin, kein Moderator leisten, nicht einmal bei einem kleinen Lokalradio. Doch nicht genug damit. An der Podiumsdiskussion beleidigte und disqualifizierte die Moderatorin einen der Mitbewerber für den Schweizer Buchpreis, Urs Faes, in ungebührlicher Weise. Sie liess aus einer Rezension zu einem Werk von Urs Faes zitieren, eine besonders drastische Stelle, die einem Verriss seines Romans „Paarbildung“ aus dem Jahr 2010 gleichkommt, und die der Kritiker Martin Ebel im Zürcher Tagesanzeiger geschrieben hatte. Urs Faes und die übrigen Nominierten sassen dabei als offiziell eingeladene Gäste im Publikum… Urs Faes verzichtete in der Folge auf eine Teilnahme an der Feier.
Der Schriftsteller Lukas Bärfuss und die beiden Autorinnen Melinda Nadj Abonji und Monique Schwitter zeigten sich mit einer Intervention solidarisch mit Urs Faes. Die drei Schreibenden haben alle den Schweizer Buchpreis schon mal gewonnen. Lukas Bärfuss unterstellte den Buchpreis-Veranstaltern, gegen das Unabhängigkeitsgebot mehrfach verstossen zu haben. Seine Anklage formulierte er in der „F.A.Z. Plus“, der Online-Ausgabe der Zeitung. Die Veranstalter des Schweizer Buchpreises, der Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband SBVV und der Verein LiteraturBasel, bezeichneten diese Vorwürfe in einer Medienmitteilung als „unhaltbare Vorwürfe“. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Lukas Bärfuss nennt als Beispiel für die Verstösse gegen das Unabhängigkeitsgebot die mehrfache Teilnahme der Hauptverantwortlichen des Buchpreises an Preissitzungen. Zitat: „In mindestens drei Fällen sollen sie über die Titel der Shortlist diskutiert, ihre Meinung vertreten und ihre Präferenzen und Bedenken geäussert haben“, schreibt Bärfuss.
Persönlich habe ich Lukas Bärfuss als mutigen und innovativen Autor kennengelernt. Während des Literaturfestivals in Leukerbad durfte ich ein langes Gespräch mit ihm führen (Bild). Mit seinem Roman „Hagard“ hat er es nicht auf die Shortlist für den Schweizer Buchpreis geschafft. Er ist eine der seltenen kritischen Stimmen im Schweizer Literaturbetrieb. In meinem Blog vom 7. November habe ich die fünf nominierten Bücher vorgestellt und dabei auf die seltsam anmutende „Shortlist“ hingewiesen.
Mein Resümee zur diesjährigen Shortlist für den Schweizer Buchpreis habe ich in meinem Blog vom 7. November dargelegt. Damals habe ich geschrieben: „Keines der fünf vorgeschlagenen Werke überzeugt mich restlos. Was auffällt, das ist die Tatsache, dass es keine erfahrenen Autorinnen und Autoren auf die Shortlist geschafft haben, mal abgesehen von Urs Faes (…).“ Nach dem Knatsch und nach den verschiedenen Affronts und Fauxpas anlässlich der Verleihung de Buchpreises gibt es dem eigentlich nichts mehr beizufügen.
Text und Foto: Kurt Schnidrig.