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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

55. Vortrag
4.
Was aber die Worte betrifft: „Als der Teufel dem Judas Ischariot, dem Sohne des Simon, bereits ins Herz gegeben hatte, daß er ihn verriete“ ― wenn du fragst, was dem Judas ins Herz gegeben worden sei, so ist es eben dies, „daß er ihn verriete“. Diese Eingebung ist eine geistige Einflüsterung; sie geschieht nicht durch das Ohr, sondern in Gedanken, und darum nicht körperlich, sondern geistig. Es ist nämlich das, was man geistig heißt, nicht immer im lobenden Sinne zu nehmen. Der Apostel kennt gewisse Geistesmächte der Bosheit in den Himmelshöhen, gegen welche wir nach seinem Zeugnis einen Kampf führen1; es gäbe aber auch keine bösen Geistesmächte, wenn es nicht auch böse Geister gäbe. Denn vom Geiste hat das Geistige den Namen. Aber wie es komme, daß teuflische Einflüsterungen stattfinden und mit den menschlichen Gedanken sich vermischen, so daß sie der Mensch als die seinigen ansieht, woher weiß man das? Es ist auch kein Zweifel, daß ebenso verborgen und geistig auch gute Eingebungen von einem guten Geiste ausgehen; aber es kommt darauf an, welchem von ihnen der menschliche Geist beistimmt, entweder von der göttlichen Hilfe verlassen durch Mißverdienst oder unterstützt durch die Gnade. Bereits nun war im Herzen des Judas durch die teuflische Einflüsterung die Wirkung erzielt, daß er, der Schüler, den Meister verriet, den er aber nicht als Gott erkannt hatte. Schon war er als solcher zum Mahle gekommen, als Auskundschafter des Hirten, als Auflauerer des Heilands, als Verkäufer des Loskäufers; schon war er als solcher gekommen, er wurde gesehen und erduldet, und er meinte, man kenne ihn nicht, weil er in dem, den er täuschen wollte, sich täuschte. Aber [S. 793] jener, der ihn in seinem Herzen durchschaute, bediente sich seiner ohne sein Wissen mit Wissen.
1: Eph. 6, 12.