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Herr Fakhri, ganz grundsätzlich, was bedeutet das Recht auf Nahrung?
Rein technisch bedeutet es, dass jeder Mensch das Recht hat, nicht hungern zu müssen. Dafür müssen gesunde Lebensmittel ausreichend verfügbar und zugänglich sein. Im Kern bedeutet das Recht auf Nahrung aber vor allem auch Genuss. Denn Essen ist kulturell geprägt, es beinhaltet Erinnerungen, Familie, Feste feiern und Freude.
Doch viele Menschen, die in Konfliktregionen leben, können diese Verbindung von Essen und Feste feiern wohl kaum herstellen.
In der Tat. Wenn Essen nicht mehr ein Quell der Freude ist und man anfangen muss, sich zu fragen, wen man in der Familie zuerst füttert und ob es für einen selbst noch reicht, dann geht es nur noch ums Überleben. Meist sind es die Frauen, die in einer Familie als erstes hungern. In diesen Fällen handelt es sich um einen klaren Verstoss gegen das Menschenrecht auf Nahrung.
Zur Person
Der Jurist Michael Fakhri lehrt an der Universität Oregon, wo er am dortigen Environmental and Natural Resources Law Center das Projekt für Resilienz in der Nahrungsmittelversorgung leitet. Die breite Palette seiner Themen umfasst unter anderem internationales Wirtschafts- und Handelsrecht, Ernährungspolitik sowie Agrarökologie. Seit 2020 ist Michael Fakhri UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung. Dieses wurde im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (Artikel 11) verankert, der 1966 verabschiedet und mittlerweile von 160 Staaten ratifiziert worden ist. Das Recht auf Nahrung ist eines der am meisten verletzten Menschenrechte.
In Ihren Berichten betonen Sie, dass Hunger immer das Produkt politischer Entscheidungen ist. Laut Schätzungen hungern derzeit 828 Millionen Menschen weltweit. Wie konnte es so weit kommen?
Der jüngste Wandel, der zu den heutigen Problemen geführt hat, begann in den 1960er Jahren mit der zunehmenden Industrialisierung des Ernährungssystems. Damit ist die Macht einzelner Unternehmen gewachsen, die Saatgut, Wasser und Land kontrollieren. Gleichzeitig wurde das Ernährungssystem immer abhängiger von einer kleinen Anzahl Grundnahrungsmittel wie Weizen, Reis und Mais, die wiederum von wenigen Ländern für den Export produziert werden. Das Kernproblem ist, dass Nahrung überwiegend wie eine Ware behandelt wird, die mit mehr Dünger und Pestiziden angehäuft werden kann. Aber das Leben ist keine Fabrik, es ist ein Kreislauf.
Wie fragil dieses System ist, hat uns der Krieg in der Ukraine vor Augen geführt.
Genau. Die Landwirtschaft in der Ukraine war vor allem auf Export ausgerichtet und nicht darauf, die eigene Bevölkerung zu ernähren. Für Länder, die vom Weizen der Ukraine oder Russlands abhängig waren, hat sich die Ernährungsunsicherheit durch den Krieg verschärft. Aber auch für viele andere Länder, weil die Spekulationen der Finanzmärkte die Weizenpreise in die Höhe trieben. Als Folge mussten sich viele Länder zunehmend auf das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen verlassen, das wiederum die Hälfte seines Weizens von der Ukraine bezog. Das globale System der humanitären Hilfe und des internationalen Handels wurde durch das gleiche Abhängigkeitsverhältnis schwer gestört.
«Hunger, Unter- und Fehlernährung sind Formen der Gewalt, die von unserem Ernährungssystem erzeugt werden.»Michael Fakhri, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung
In Ihrem neuesten Bericht «Konflikt und das Recht auf Nahrung» beschreiben Sie diese Abhängigkeit von Exportprodukten, Konzernen und Finanzmärkten als eine Form der Gewalt. Können Sie das erläutern?
Wenn der Zugang zu Nahrung verwehrt wird, ist das eine Verletzung der Menschenrechte, also eine Form der Gewalt. Wie wir wissen, sind es immer die gleichen Personengruppen, die es als erstes trifft: Frauen, Kinder, alte Menschen, Migrierende, Kleinbauernfamilien, Indigene, Menschen mit Behinderungen. Das bedeutet, dass die Ungleichheit im System eingebaut ist. Mein Bericht zeigt auf, dass es Abhängigkeits- und Ausbeutungsformen sind, die diese Ungleichheit systemisch machen. Abhängigkeit bedeutet immer eine ungleiche Machtverteilung. Und indem sich einzelne Länder auf Kosten anderer bereichern, beuten sie die Natur aus und zerstören traditionelle Lebens- und Arbeitsformen. Deswegen sind auch Hunger, Unter- und Fehlernährung Formen der Gewalt, die von unserem Ernährungssystem erzeugt werden.
Wie kommen wir da wieder raus?
Kurzfristig wäre meine dringende Empfehlung, Programme weiterzuführen, die während der Covid-19-Pandemie lanciert wurden. Dazu gehören Gratismahlzeiten für Schulkinder, Barzahlungsprogramme für Familien oder gezielte Unterstützung für lokale Erzeuger und Märkte. Das alles hat sich in der Krisenzeit bewährt. Was mich frustriert, ist, dass diese Programme jetzt wieder eingestellt werden. Zwar ist die Pandemie weitgehend vorbei, aber die Ernährungskrise noch lange nicht, deswegen plädiere ich dafür, die Massnahmen dauerhaft in der Politik zu verankern. Langfristig, glaube ich, müssten wir die Beziehungen innerhalb des Ernährungssystems verändern. Und da wird es komplexer.
Wie sollten diese Beziehungen aussehen?
Es geht um wechselseitige Beziehungen. Eine vielversprechende Möglichkeit dafür bietet das Konzept der Agrarökologie. Sie ahmt die natürlichen Prozesse nach und erhöht damit die Vielfalt, anstatt sie zu zerstören. Gleichzeitig stellt das Konzept die Beziehungen der Menschen zu der Natur und untereinander in den Vordergrund. Denn die Agrarökologie hat verstanden, dass die Art und Weise, wie man das Land behandelt, untrennbar verbunden ist mit der Art und Weise, wie man die Menschen behandelt.
Agrarökologie legt den Fokus auf die lokalen Märkte. Würde das Konzept, grossflächig angewendet, auch das Ende des globalen Handelssystems bedeuten, wie wir es kennen?
Zum Teil, ja. Denn aktuell fördert das Abkommen über die Landwirtschaft der Welthandelsorganisation (WTO) ausbeuterische Ernährungssysteme. Selbst in der WTO ist man sich heute einig, dass das Abkommen überholt ist, aber es gibt keine Vision. Deswegen fordere ich in meinen Berichten immer wieder: Wir müssen die internationalen Abkommen neu verhandeln! Das würde aber nicht das Ende des Handels bedeuten. Es wird weiterhin Länder geben, die exportieren und importieren, aber auf der Grundlage von fairen Strukturen und Beziehungen.
«Aktuell fördert das Abkommen über die Landwirtschaft der Welthandelsorganisation (WTO) ausbeuterische Ernährungssysteme.»Michael Fakhri, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung
Wie könnte das konkret aussehen?
Auch da können wir von der Pandemie lernen: Es waren die Versorgungsketten mit stabilen Beziehungen zwischen Verkäufern und Kunden, die funktioniert haben. Tatsächlich gibt es seit je eine Vielfalt an Möglichkeiten, uns und unsere Ressourcen zu organisieren, beispielsweise Genossenschaften oder Kooperativen. Diese Ansätze könnte man ausbauen. Weil die konkreten Lösungen in jedem Land anders aussehen, brauchte es einen international koordinierten Aktionsplan zur Bewältigung der Ernährungskrise. Das Recht auf Nahrung bietet einen normativen Rahmen, an dem sich die Länder dabei orientieren könnten.
Gibt es denn innerhalb der UNO solche Bestrebungen?
Am meisten Potenzial sehe ich in dem Komitee für Welternährungssicherheit (CFS) wo das Recht auf Nahrung in der Vision verankert ist. Seit seiner Reform im Jahr 2009 hat sich das CFS zum Ziel gesetzt, die Stimmen aller zivilgesellschaftlichen Akteure und indigenen Gruppen in die politischen Debatten über Ernährung miteinzubeziehen. So können sie ihre Anliegen gegenüber Regierungen und Unternehmen vorbringen. Jetzt geht es darum, eine bedeutende Anzahl von Regierungen für das CFS zu mobilisieren. Dieses Jahr ist dafür entscheidend, da im Oktober das Programm für die nächsten vier Jahre verabschiedet wird.
Sie sind seit drei Jahren UN-Sonderbeauftragter für das Recht auf Nahrung. Drei Jahre liegen noch vor Ihnen. Was haben Sie noch vor, und was gibt Ihnen Hoffnung?
Mein übergeordnetes Ziel ist, dass die Ernährungskrise auf der internationalen Agenda bleibt, um Regierungen zu einer Zusammenarbeit zu ermutigen. Gerade im Hinblick auf den Klimawandel ist jetzt der Moment, in dem etwas geschehen muss. Ich benutzte lieber das Wort Glauben anstelle von Hoffnung. Ich glaube an die Macht der Menschen, sich zu organisieren und Druck auf die Regierungen auszuüben. Denn Regierungen müssen endlich anfangen, nicht die Beziehungen zu den Konzernen in den Vordergrund zu stellen, sondern die Beziehungen zu ihrer Bevölkerung. Das wäre ein Fundament, auf dem man aufbauen kann.
Dieser Beitrag ist in der EDA-Publikation «Eine Welt» erschienen.
Das Recht auf Nahrung im ländlichen Raum
Das Projekt «Raise» das 2022 von der NGO Fastenaktion gestartet wurde, hat zum Ziel, die 2018 verabschiedete UN-Deklaration für die Rechte der Bäuerinnen und Bauern und anderer Personen im ländlichen Raum (UNDROP) umzusetzen. Gemeinsam mit Kleinbäuerinnen, Viehhaltern und Jugendlichen werden Vorschläge für die Verbesserung von nationalen Gesetzen der Landwirtschafts- und Ernährungspolitik in den zehn Projektländern erarbeitet, welche die bäuerlichen Rechte einbeziehen. Zudem werden die Regierungen der Projektländer in einem Dialog auf die Situation von Bäuerinnen und Bauern aufmerksam gemacht und für alternative Anbausysteme wie die Agrarökologie sensibilisiert. Auf globaler Ebene wird auf die Etablierung eines Sonderberichterstatters für die Rechte der Bäuerinnen und Bauern hingewirkt. Der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Michael Fakhri, bekräftigt: «Kleinbauernfamilien, Hirten und indigene Gruppen sollten als Verwalter von Saatgutsystemen für die gesamte Menschheit anerkannt werden.» Das Projekt «Raise» läuft unter dem DEZA-Programm «Menschenrechte in Ernährungssystemen» und wird von ihr mitfinanziert.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.