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Der Rückfall in die Klassengesellschaft
Seit der französische Wirtschaftsprofessor Thomas Piketty vor zwei Jahren mit seinem Buch «Das Kapital im 21. Jahrhundert» einen Weltbestseller lancierte, finden in der Makroökonomie Fragen zur Einkommensverteilung wieder mehr Gehör. Die soziale Seite – oder sollte man besser die unsoziale sagen? – des Kapitalismus und der Globalisierung wird inzwischen (wieder) in zahlreichen Büchern, Diskussionspapieren und wissenschaftlichen Arbeitspapieren durchleuchtet.
Einen der interessantesten Beiträge seit Pikettys Erstveröffentlichung hat nun der Wirtschaftswissenschaftler Branko Milanovic veröffentlicht. Das Buch ist bislang nur auf Englisch erhältlich und trägt den Titel «Global Inequality. A New Approach for the Age of Globalization».
Es beschäftigt sich mit der weltweiten Einkommensungleichheit. Anders als Piketty betrachtet sie Milanovic von einer globalen Sichtweise aus. Er präsentiert aggregierte Daten über den weltweiten Anteil der Mittelklasse, über die Topverdiener auf der Einkommensskala und die Ärmsten der Armen. Und bricht die Erkenntnisse dann, wo gewünscht, auf einzelne Länder herunter.
Die liegende S-Kurve
Sein wichtigster Chart, Ausgangspunkt für die weitere Analyse, ist der folgende. Milanovic spricht von der «liegenden S-Kurve».
Auf der horizontalen Achse ist die globale Einkommensverteilung aufgeführt – von den Ärmsten links bis zu den Reichsten rechts. Die vertikale Skala führt die Veränderungsrate des Pro-Kopf-Einkommens der Privathaushalte von 1988 bis 2008 in Prozent auf.
Entscheidend sind drei Punkte.
- In den zwanzig Jahren verzeichneten die mittleren Einkommensschichten mit rund 80 Prozent die höchsten realen Einkommenssteigerungen (im Chart: Punkt A). Es handelt sich um eine weltweite Betrachtung. Mittlere Einkommen sind vor allem die Privathaushalte in den aufstrebenden asiatischen Ländern wie China, Indien, Thailand, Vietnam, Indonesien.
- Fast ebenso stark stiegen die realen Einkommen der Superreichen ( C ). Das globale 1 Prozent an der Spitze. Die Hälfte der Personen, die dazu zählen, stammt übrigens aus den USA.
- Unsere westliche Mittelklasse, wie wir sie in Europa und den USA definieren, verzeichnete im betrachteten Zeitraum hingegen keine Verbesserung (B). Ihre Realeinkommen stagnierten seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Beginn der modernen Globalisierungswelle.
Allein schon dieser Querschnitt legt offen, wer zu den Gewinnern der Globalisierung zählt und wer sich zu den Verlierern rechnen muss. Er liefert Hinweise darauf, weshalb in Europa und den USA der Unmut in weiten Kreisen der Bevölkerung so gross ist. Weshalb die Wachstumserfolge nicht «in der Mitte und unten ankommen». Warum Protestparteien am rechten und linken Rand des politischen Spektrums Zulauf erhalten; und weshalb die etablierten Parteien, die unverändert mit Behauptungen argumentieren, die sich seit den Erkenntnissen der Neunzigerjahre nicht geändert haben, immer mehr Wähler verlieren.
Milanovic plädiert dafür, die Globalisierung nicht zu verteufeln. Denn die Daten des Charts belegen letztlich auch, dass die Einkommensungleichgewichte weltweit kleiner geworden sind. Man müsse die Erkenntnisse allerdings ehrlich in die politische Debatte einbeziehen. Angemessene verteilungspolitische Strategien dürften künftig mehr und mehr an Bedeutung gewinnen, sowohl innerhalb einzelner Staaten als auch auf internationaler Ebene.
Zurück ins 19. Jahrhundert
Ein Seitenaspekt des Buchs verdient es, gesondert erwähnt zu werden. Milanovic wendet sich gegen Pauschalurteile, dass beispielsweise die Armen der Welt immer ärmer werden oder dass alle Entwicklungs- und Schwellenländer von der Globalisierung profitieren. Das hänge von Land zu Land ab und müsse von Fall zu Fall untersucht werden.
Aber Milanovic sagt voraus, dass die Reichen immer reicher würden.
Bisher war vor allem der Umstand entscheidend, in welchem Land jemand geboren wird, um seine Einkommenschancen im weiteren Lebensverlauf abschätzen zu können. In den letzten zwei Jahrzehnten hat dieser Faktor etwas an Bedeutung verloren. Milanovic argumentiert, dass die soziale Zugehörigkeit hingegen wichtiger geworden sei.
Wir bewegen uns immer mehr hin zu einer Gesellschaft, in der es vor allem darauf ankommt, aus der richtigen Familie abzustammen, um Karrierechancen zu erhalten. Ähnlich wie im 19. Jahrhundert ist die soziale Klasse der Schlüssel zu hohem Einkommen und nicht allein der Ort.
Zahlreiche Entwicklungen deuten auf die Konzentration von Kapital in den Händen einer Minderheit hin, wie sie bereits Piketty in seinen Büchern beschreibt. Aber sie zeigen beispielsweise auch die Tatsache, dass in einer Gesellschaft, in der alle gut ausgebildet sind, Bildung selbst nicht mehr der ausschliessliche Faktor zum Erfolg ist. Das sei in den USA zu beobachten: «One sees the effect of family money and networks in the United States very clearly in the occupations where lots of power and money accrue.»
Für Milanovic verlieren die USA damit eines ihrer prägendsten Merkmale: die Chance, sozial aufzusteigen. Die Aussicht auf Chancengleichheit und die Möglichkeit, dank eigener Talente die Karriereleiter erklimmen zu können, hoben die Vereinigten Staaten vor allem im 19. und im 20. Jahrhundert von der übrigen Welt ab.
Wer im kommenden Jahrhundert diese Rolle der ökonomischen Talentschmiede übernehmen wird, wagt Milanovic allerdings nicht zu prophezeien.