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Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes eigenes Auto? Die meisten starten mit einer schrulligen, alten Büchse ins Autofahrer-Leben. Lina Fuchs fragt sich: Muss der erste Wurf immer gleich auch der perfekte sein?
Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Wohnung? Oder an Ihr erstes eigenes Auto?
Für meine erste Wohnung habe ich Schulden gemacht, um sie drei Monate vor Ausbildungsschluss mieten zu können. Einen Tisch habe ich im Brocki aufgestöbert, statt eines Kleiderschrankes hatte ich ein Billy-Regal von Ikea und fand es zuerst unglaublich kostengünstig und dann ziemlich unpraktisch, weil die Regalbreite zu schmal war für einen Pullover. Man musste die Pullover zweimal längs zusammenfalten, so dass sie zu einer Art Wurst wurden. Wollte man sie auf den schmalen, 30 cm tiefen Billy-Regalbrettern aufeinander beigen, war das ein ähnlich wackliges Unterfangen wie früher am Stammtisch das Bauen eines Bierdeckelkonstrukts.
Ich hatte ausserdem ein blaues Sofa, für das damals mein ganzes Erspartes draufgegangen ist. Einen Fernseher hatte ich übernehmen können, Stühle hatte ich keine, ans Bett erinnere ich mich nicht mehr. Brauchte ich wohl nicht. Keine Zeit zum Schlafen.
Und dann das erste Auto: Ich konnte den alten, weinroten Opel Kadett meines Vaters übernehmen. Mit diesem Wagen gondelte ich in der Weltgeschichte rum und da das Gefährt schon etliche Jahre auf dem Buckel hatte, kam es vor, dass es mitten auf der Strasse in einer Rauchwolke stehen blieb und vor sich hinröchelte und -räuchelte. Man musste immer einige Flaschen Wasser mitführen, welches man irgendwo in eine Öffnung giessen musste. Es zischte, dampfte und rauchte und wenn man Glück hatte, liess sich der Kadett daraufhin nochmals zum Tanz bitten. Eines Tages an der Ticketsäule einer Tiefgaragenbarriere wollte ich die Scheibe runterkurbeln. Das ging damals noch alles mechanisch und trieb einem den Schweiss auf die Stirn. Nach zwei Umdrehungen rumste die ganze Scheibe runter und blieb in der Türe stecken. Mist! Fortan hatte ich eine Art Cabrio. Irgendein geschickter Mech hat die Scheibe dann wieder oben fixiert, so dass sie oben blieb, für immer. Stellen Sie sich in der Folge das Szenario an der Ticketsäule der Tiefgaragenbarriere vor.... Man musste schon ziemlich hart gesotten sein, wenn man sich unter den belustigten oder genervten Blicken der anderen Autofahrer zwischen Türe, Sitz und Ticketsäule hochschlängelte, um sich dann sein Parkticket zu angeln. Wenn es runterfiel, musste man abtauchen, dabei rutschte einem natürlich die Türe weg und knallte einem gegen die Rübe. Vom Bücken, vom Schlag an den Kopf und von der peinlichen Turnerei hatte man dann jeweils einen Kopf wie eine reife Tomate. Heute alles nostalgische Erinnerungen.
Unterdessen wohnen wir in einem sehr grosszügigen Einfamilienhaus. Billy-Regale kaufe ich nur noch in der halben Breite. Die sind stabiler. Ich habe positive Kleiderschrank-Erfahrungen gesammelt und es hat für jeden einen Stuhl zum Sitzen. Schon lange musste ich mich nicht mehr zwischen Autotüre und Ticketsäule emporhangeln, und im Winter heize ich meinen chronisch tiefgefrorenen Hintern mit der Sitzheizung auf.
Die erste Wohnung, das erste Sofa, das erste Auto: Alles erste Male und man erinnert sich noch gut an die freudige Erwartung und den Stolz, welche damit verbunden waren. Auch wenn die Wohnung äusserst bescheiden und die Karre eine altersschwache Rochel war. Es war das erste Eigene und das war alles, was zählte. Wenn sich dann jemand abfällig darüber äussert, kommt das in der Regel nicht so gut an....
Ja und so passierte mir das kürzlich auch mit unserer Plattform «Lina Fuchs». Sie sei unstrukturiert, nicht ansprechend, verwirrend und überhaupt einfach Kacke. Und da erinnerte ich mich wieder an mein erstes Auto, den launischen, weinroten Opel Kadett. Ich habe meine Auto-Karriere als Opel Kadett-Fahrerin begonnen. Der Kadett war alles andere als schnittig, im Gegenteil, es war die ausrangierte Familienkutsche meiner Sippe und muffelte nach nassem Hund. Aber ich hatte ihn mit meinem Geld gekauft und er war mein erstes Auto, welches dann bald aus oben beschriebenen Gründen durch eine andere alte Rochel ersetzt wurde. Leider weiss ich deren Marke nicht mehr, denn die zweiten Male werden meistens von der Zeit verschluckt.... Und so ist es auch mit der Website. Sie ist vielleicht «nur ein Kadett», aber wir haben sie selber geplant und uns dabei einiges überlegt, wir haben ziemlich viel Kuchen weggeputzt, Prosecco getrunken und eine Menge Zeit investiert. Irgendwann wird der Kadett sicher durch einen soliden VW ersetzt. Darauf folgt dann vielleicht ein Maserati, bei dem man fast keine Kompromisse mehr eingehen muss, weil man schliesslich eine Menge Kohle dafür hingeblättert hat, dass alle Ansprüche, welche man ja auch erst mit den Jahren kennen gelernt hat, erfüllt sind.
Lina Fuchs freut sich im Moment noch über ihren Kadett, macht sich aber schon seit einiger Zeit Gedanken über ein Nachfolgemodell. Das geht aber nicht so schnell. Sowas muss wachsen und Lina Fuchs hofft, dass ihr diese Zeit zugesprochen wird....
Aufgezeichnet: von Lina Fuchs im November 2016
Status: Fährt grad noch Opel Kadett, gibt ihr Bestes....