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Eine Polemik untergräbt die Glaubwürdigkeit der internationalen Expertengruppe über die Entwicklung des Klimas (IPCC), die den Klimawandel wissenschaftlich begründet. Der renommierte Klimaforscher Martin Béniston versucht zu beruhigen.
Martin Béniston ist Professor an der Universität Genf. Er war Vizepräsident des IPCC zwischen 1992 und 1997 und er wird am nächsten Bericht des UNO-Klimarats mitarbeiten. der in vier Jahren erscheinen soll. 2007 war der Klimarat mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden.
swissinfo.ch: Der IPCC hat eine Polemik ausgelöst. In seinem vierten Bericht von 2007 heisst es, die Gletscher im Himalaya würden im Jahr 2035 geschmolzen sein. Ein unrealistisches Datum, weil eigentlich das Jahr 2350 gemeint war. Das Datum wurde aber jahrelang nicht korrigiert. Ist das nicht ein schockierender Fehler?
Martin Béniston: Ein oder zwei Fehler in einem Dokument von 3000 bis 4000 Seiten ist fast normal. Vielleicht hat es auch noch andere. Die Frage ist, ob der Fehler absichtlich nicht korrigiert wurde. Sollte das der Fall sein, ist der Fehler schwerwiegend.
Wenn nicht, würde ich dem nicht zu grosse Bedeutung beimessen. Während der Erstellung des Berichts wird man regelrecht mit allerlei Schreiben bombardiert, so dass die eine oder andere Korrektur auch mal verloren gehen kann.
swissinfo.ch: Kann man den Resultaten des IPCC denn noch vertrauen?
M.B.: Die Grundlage der Schlussfolgerungen des IPCC sind seit 20, 25 Jahren dieselben: Durch die Tätigkeiten des Menschen gelangen immer mehr Treibhausgase in die Atmosphäre und beinträchtigen das Klima. Die Details können sicher noch verbessert werden. Aber der Inhalt des Berichts (der die Berichte aus drei Arbeitsgruppen zusammenfügt) ist völlig korrekt.
Es gibt Unterschiede zwischen den Berichten der Arbeitsgruppen. Der Bericht Wissenschaft (Gruppe I) ist total vertrauenswürdig. Er stellt die Verbindung her zwischen den menschlichen Aktivitäten, den Treibhausgasen und der Klimaveränderung.
Mit den Prognosen der Erwärmung im Zusammenhang mit den verschiedenen Szenarien bezüglich Auswirkungen des Treibhausgases ist dieser Bericht eine Vorlage für die anderen, die sich auf die Auswirkungen richten. In Bezug auf die Folgen ist die Wissenschaft noch weniger weit. Und gewisse Fehler oder Spekulationen können in die Berichte der Gruppen II und III einfliessen.
swissinfo.ch: Wie funktioniert eigentlich der IPCC?
M.B.: Die Regierungen ernennen ihre Wissenschaftler, aufgrund von Vorschlägen der Universitäten und Akademien. Der IPCC funktioniert auf zwei Ebenen. Die Wissenschaftler bereiten die Evaluations-Berichte vor. Sie werten die aktuellsten Informationen der wissenschaftlichen Literatur aus zu verschiedenen Aspekten des Klimas. Diese Informationen werden in Kapitel gegliedert.
Diese zirkulieren dann unter den zuständigen Wissenschaftlern zur Prüfung und Korrektur, und werden darauf von den Regierungen ein weiteres Mal geprüft, im Hinblick auf politische Stellungnahmen.
Diese Berichte gehören weltweit zu den am besten evaluierten Rapporten. Die Fachartikel in Nature oder Science durchlaufen nie eine solch rigorose Reihe von Auswertungen. Der Irrtum über die Himalaya-Gletscher ist innerhalb dieser sehr langwierigen Prozedur der Lektüre untergegangen.
swissinfo.ch: Die Klima-Skeptiker werfen dem IPCC vor, sie widerspiegle einen wissenschaftlichen Konsens, der eines Tages umgestossen werde…
M.B.: Konsens hin oder her. An Konferenzen und in der Wissenschafts-Literatur finden Debatten zu verschiedenen Klima-Aspekten statt, über Fragen zu gewissen Schlussfolgerungen, die in der einen oder anderen Fachzeitschrift veröffentlicht wurden.
So zum Beispiel über das Ausmass oder die Geschwindigkeit der Klimaerwärmung. Das ist normal in der Wissenschaft. Ohne Debatte bleibt die Wissenschaft stehen.
Beim angesprochenen Konsens geht es jedoch um etwas anderes. Damit die Berichte des IPCC von den Regierungen ratifiziert werden, müssen sich diese einig sein über die Terminologie und Formulierung der Schlussfolgerungen. Das ist ein harter Prozess. Es handelt sich aber nicht um einen wissenschaftlichen Konsens.
swissinfo.ch: Fehler bei den Gletschern, Kritik an der Überprüfung des IPCC und sogar an den Aktivitäten ihres Präsidenten: Wieso kommt das alles zum jetzigen Zeitpunkt?
M.B.: Die Untergrabung begann mit dem Diebstahl britischer E-Mails kurz vor der Klimakonferenz in Kopenhagen. Damit wurde quasi der Floh ins Ohr gesetzt. 2010 ist das Schlüsseljahr zur Aushandlung des Nach-Kyoto-Protokolls (das Ende 2012 ausläuft). Nachher dürfte es schwieriger werden.
Man beobachtet Vorstösse, welche Zweifel bei jenen Politikern nähren sollen, die seit einem oder zwei Jahren von der Klimaerwärmung überzeugt sind. Wenn man sie wieder davon abbringt, 8298458 eine Entscheidungen zu treffen, wäre das ein Gewinn für gewisse Industrien und Lobbies.
Rajendra Pachauri (IPCC-Präsident) hätte sich in seiner Kommunikationsarbeit weniger nachlässig geben sollen. Er hätte mehr tun sollen, um in dieser Angelegenheit zu vermitteln. Aber all das kam nicht von alleine. Der Fehler tauchte drei Jahre nach der Publikation des Berichts auf, nach einjähriger Kritik. Das ist nicht ganz unverschuldet.
swissinfo.ch: Das Vertrauen scheint angeschlagen zu sein. Fünf Wissenschaftler haben in der Zeitschrift Nature ihre Vision zur Zukunft des IPCC vorgeschlagen. Einige sind sogar für dessen Verschwinden. Welches ist Ihre Position?
M.B.: Der IPCC ist eine sehr schwerfällige Maschine, aber einzigartig, an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik. Er spielt eine zentrale Rolle, um die Wissenschaftler zu mobilisieren und die Entscheidungsträger für Fragen zu sensibilisieren, die alles andere als harmlos sind.
Beim vierten Bericht 2007 habe ich mir ernsthaft die Frage gestellt, ob es einen fünften Bericht braucht. Es gibt eine Trägheit im System, die verhindert, dass man sich von der Pflicht, am bereits Lancierten festzuhalten, befreien könnte.
Ich bin für alles offen, solange der Druck auf die öffentliche Meinung und die Entscheidungsträger anhält, damit sie mit der Sprache herausrücken. Wir waren fast am Ziel in Kopenhagen. Je länger man die Entscheidungen hinauszögert, die anstehen, desto schwieriger wird es sein, auf gewisse Folgen der Klimaerwärmung zu reagieren.
Pierre-François Besson, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Französischen: Gaby Ochsenbein)
IPCC
Der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) mit Sitz in Genf wurde 1988 durch die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) gegründet.
Die Ergebnisse der Arbeiten sind die Basis für die internationalen Klimaverhandlungen im Rahmen des United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC).
Das IPCC besteht aus drei Arbeitsgruppen.
Die Arbeitsgruppe I befasst sich mit wissenschaftlichen Aspekten des Klimasystems und des Klimawandels.
Die Arbeitsgruppe II beschäftigt sich mit der Sensibilität der sozio-ökonomischen und natürlichen Systeme auf die Klimaänderung, mit den negativen und positiven Konsequenzen des Klimawandels sowie mit Anpassungsstrategien .
Die Arbeitsgruppe III befasst sich mit Strategien zum Schutz des Klimas.