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Alkohol ist ein Nervengift. Nur wenige Minuten, nachdem wir ein Gläschen gekippt haben, kommt er im Gehirn an – und stört es bei der Arbeit. Wer schon mal zu tief ins Glas geschaut hat, kennt die Auswirkungen: Bei steigendem Blutalkoholspiegel kommt es zu Sprach- und Wahrnehmungsstörungen und Benommenheit. Im Extremfall droht ein lebensgefährliches Koma.
In kleineren Dosierungen hat das Nervengift aber auch Auswirkungen, die wir in der Regel als angenehm empfinden, zum Beispiel eine angeregte Stimmung oder gesteigerte Redseligkeit. Dafür sorgt der Neurotransmitter Dopamin, der nach Alkoholkonsum freigesetzt wird.
Zu diesen positiven Effekten gesellt sich ein weiterer: Alkohol macht kreativ! Das ahnten wir natürlich schon lange – schreibende Trunkenbolde wie Hemingway, Steinbeck, Simenon oder Bukowski haben die Vorstellung zementiert, Alkohol und Autor gehörten zusammen. Oder wie es William Faulkner formulierte:
Dumm nur, dass Alkohol diese segensreiche Wirkung nur bei bescheidener Dosierung entfaltet. Zu diesem Befund kommt jedenfalls eine österreichische Studie, die kürzlich im Fachblatt «Consciousness and Cognition» erschien. Das Forscherteam vom Institut für Psychologie der Universität Graz führte ein Experiment mit 70 Versuchspersonen durch, um den Einfluss von Alkoholkonsum auf die Fähigkeit zu untersuchen, Probleme kreativ zu lösen.
Die Probanden, die zwischen 19 und 32 Jahre alt waren und keinen auffälligen Alkoholkonsum aufweisen, mussten abhängig von Geschlecht und Gewicht eine bestimmte Menge Bier trinken – in der Regel ein grosses Bier (5 dl) für Männer und ein kleines Bier (3,5 dl) für Frauen. Damit sollten sie auf einen Blutalkoholspiegel von 0,3 Promille kommen – allerdings nur die Hälfte der Testpersonen. Die andere Hälfte erhielt nämlich ohne es zu wissen alkoholfreies Bier.
Vor dem Bierkonsum und eine halbe Stunde danach absolvierten die Versuchspersonen drei psychologische Tests. Das Arbeitsgedächtnis wurde dadurch geprüft, dass sie einzelne Buchstaben auf dem Bildschirm zu sehen bekamen und dann angeben mussten, ob das aktuelle Zeichen mit dem jeweils zwei Buchstaben zuvor gezeigten übereinstimmte.
Das kreative Denken wurde mit zwei Tests geprüft: Einerseits sollten die Probanden zu jeweils drei nicht verwandten Wörtern einen zu allen passenden Begriff finden. Um andererseits ihre Fähigkeit zum «lateralen Denken» oder «Querdenken» zu testen, sollten sie Ideen entwickeln, wie sich gewöhnliche Objekte kreativ nutzen liessen.
Die Testresultate zeigten, dass bereits diese leichte Alkoholintoxikation die Leistung des Arbeitsgedächtnisses beeinträchtigte. Dagegen verbesserte sich die Fähigkeit kreativer Problemlösung mit Wörtern, während das Querdenken unbeeinflusst blieb. Die Psychologen erklären die Ergebnisse damit, dass der Alkohol kognitive Kontrollen lockere. Dies fördere wiederum bestimmte Formen des kreativen Denkens wie die
Assoziationen mit Wörtern. Andere Formen wie das Querdenken blieben davon unberührt.
Die Interpretation der Psychologen: Alkohol lockert kognitive Kontrollen und eine zu starre Fokussierung der Gedankengänge, und das wiederum fördert bestimmte Formen des kreativen Denkens (wie Wortassoziationen), andere – wie das Querdenken – aber eher nicht. Man könne daher nicht davon sprechen, dass Alkohol die Kreativität generell fördere:
Überdies räumen die Forscher ein, dass sich der positive Effekt nur bei sehr geringen Mengen von Alkohol einstellt. Versuche mit einer höheren Alkoholmenge führten sie jedoch nicht durch, auch weil die Kontrollgruppe dann bemerkt hätte, dass sie alkoholfreies Bier getrunken hatte. Höherer Konsum dürfte jedoch eher nachteilig sein, betonen die Psychologen. Die meisten Denkprozesse profitierten nämlich von einem hohen Mass an kognitiver Steuerung – also von einem nüchternen Kopf.
Wer seiner Kreativität also mit ein paar Drinks auf die Sprünge helfen möchte, sollte sich vielleicht lieber zuerst diese humoristische Moralpredigt in Versen von Arthur Kramer zu Gemüte führen, die 1946 im «New Yorker» erschien:
(dhr)