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Ein Placebo wirkt sogar dann, wenn der Patient weiß, dass er eine wirkstofffreie Tablette bekommt. Das haben US-amerikanische und britische Wissenschaftler jetzt in einer Studie gezeigt.
Reizdarm-Beschwerden-Beschwerden besserten sich dabei durch die Einnahme von Zuckerpillen, von deren Wirkstofffreiheit die Probanden wussten. Dieses Resultat widerspricht der gängigen Theorie zum Placeboeffekt, nach welcher der Erfolg der wirkstofflosen Präparate auf dem festen Glauben des Patienten basiere, er nehme ein echtes Medikament.
Möglicherweise reichen also schon die medizinischen Rituale der Einnahme eines Medikamentes aus, um günstige Effekte zu erzielen, vermuten die Wissenschaftler. Das Team um Ted Kaptchuk von der Harvard Medical School in Boston stellte seine Resultate im Fachmagazin PLoS ONE Bd. 5, Artikel e15591) vor.
Ihre Tests führten die Forscher mit 80 Patienten durch, die an einem Reizdarmsyndrom leiden, was mit Schmerzen und Unwohlsein im Bauchraum verbunden ist. Die eine Hälfte der Probanden erhielt keine Behandlung, die restlichen bekamen Zuckerpillen, die sie zweimal täglich einnehmen sollten. Die Wissenschaftler sagten nicht nur ausdrücklich, dass es sich um Placebos handelte, zusätzlich stand auch noch auf der Verpackung der Pillen „Placebo“.
Über drei Wochen hinweg dokumentierten die Wissenschaftler nun das Befinden der Probanden. Es zeigte sich ein deutliches Resultat: Verglichen mit der Kontrollgruppe vermeldeten doppelt so viele Patienten der Placebogruppe während der Versuchsphase eine Verbesserung ihrer Beschwerden. Das sei ein Effekt, der etwa mit der Wirkung von realen Medikamenten gegen die Beschwerden des Reizdarmsyndroms zu vergleichen sei, erklärten die Forscher.
Der Placeboeffekt ist der Medizin schon lange bekannt und ein bedeutender Aspekt bei wissenschaftlichen Studien und bei der Entwicklung von Medikamenten. Dabei werden die Scheinpräparate als Vergleich eingesetzt, um die reale Wirkung einer Substanz von dem psychologischen Einfluss der Medikamentengabe unterscheiden zu können.
Placebos werden von Ärzten aber gelegentlich auch gezielt eingesetzt, um einen Behandlungserfolg ohne die Gabe von möglicherweise belastenden Medikamenten zu erreichen. Diese Strategie nutzten sie bisher allerdings ohne das Wissen der Betroffenen – eine Vorgehensweise, welche die Autoren der aktuellen Studie für bedenklich halten. Darum wollten sie nach eigenen Aussagen herausfinden, ob auch ein offener Umgang mit dem Thema erfolgreich sein kann.
Weitere Untersuchungen müssten nun folgen, um die aktuellen Resultate zu bestätigen, betonen die Wissenschaftler. Sie sehen jedoch in ihrer Studie schon einen erstaunlich deutlichen Hinweis auf einen komplexeren psychologischen Effekt hinter dem Erfolg von Scheinmedikamenten als bisher vermutet. Zudem zeige die Studie, dass Ärzte die Placebo-Strategie auch nutzen können, ohne den Patienten über die wirkstofffreie Therapie im Unklaren lassen zu müssen.
Quelle:
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/44016/Placebo_wirkt_auch_ohne_Taeuschung.htm
Kommentar & Ergänzung:
Dieses überraschende Studienresultat deutet tatsächlich darauf hin, dass das Placebo-Phänomen komplexer ist als landläufig angenommen.
Jedenfalls ist die Überzeugung verbreitet, dass ein Placebo nur wirkt, wenn der Patient glaubt, dass er ein richtiges Medikament bekommt. Diese Sichtweise ist nun in Frage gestellt.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
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