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Methode mit einer langen und kontroversen Vergangenheit
Die 1938 erfundene Behandlungstechnik hat eine bewegte Geschichte. Viele erinnern sich wahrscheinlich noch an den Film «Einer flog über das Kuckucksnest», der in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt spielt. Aufgrund des grossen Erfolgs des Films haben sich viele Szenen in das kollektive Gedächtnis eingebrannt – so auch jene, in denen Elektroschocks nicht etwas zu therapeutischen Zwecken, sondern als Bestrafung eingesetzt werden. «Zudem gelangten Elektroschocks oft in unangemessenen Situationen zur Anwendung, z.B. gegen Alkoholismus oder Homosexualität», erklärt Dr. Celik. Überhaupt ist die 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts ein dunkles Kapitel der Psychiatrie – nicht nur wegen der Verwendung von Elektroschocks in fragwürdigen Situationen, sondern auch wegen der Misshandlung und ungerechtfertigten Unterbringung von Menschen in psychiatrischen Anstalten.
Mit der Entdeckung von psychotropen Medikamenten in den 1950er-Jahren trat die Elektroschock-Therapie langsam in den Hintergrund. Seit den 1980er-Jahren wächst das Interesse für diese Technik jedoch wieder. Basierend auf modernen Erkenntnissen wird die Methode heutzutage mit deutlich weniger Nebenwirkungen und geringer Schockintensität unter dem Namen Elektrokonvulsionstherapie (EKT) unter Vollnarkose zur Hirnstimulation eingesetzt.
Die Elektrokonvulsionstherapie heute: eine Ergänzung zur medikamentösen und psychotherapeutischen Behandlung
In den 1980er-Jahren gelangten wissenschaftliche Kreise zur Erkenntnis, dass Medikamente und Psychotherapie nicht alle Probleme lösen können. Gleichzeitig kamen mehrere Studien heraus, welche die Wirksamkeit und Ungefährlichkeit der Elektrokonvulsionstherapie bestätigten. «Trotz allem, was man manchmal hört: Die EKT ist für das Hirn nicht schädlich», betont Dr. Celik. «Die Nebenwirkungen, die vor allem das Gedächtnis betreffen, sind nur vorübergehender Natur. Nach der Behandlung erlangt der Patient wieder die volle Gedächtnisleistung.» Dank einer soliden wissenschaftlichen Dokumentation und vielen erwiesenen Behandlungserfolgen wird die Elektrokonvulsionstherapie in letzter Zeit in der Psychiatrie immer öfter angewendet. Für Dr. Celik ist die EKT «weder ein Allheilmittel noch der letzte Ausweg, sondern eine ergänzende Methode in klar definierten Fällen, mit der oft gute bis sehr gute Ergebnisse erzielt werden können.»
Neuer Fachbereich für Elektrokonvulsionstherapie in Martinach
Therapien auf Basis von Elektrostimulationen werden im Spital Wallis schon seit den 1970er-Jahren praktiziert, aber dank des neuen Fachbereichs in Martinach wird die EKT besser zugänglich. «Es geht uns vor allem darum, diese Behandlungsform zu entstigmatisieren und unter bestmöglichen Bedingungen anzubieten», so Dr. Celik. Am Aufbau des Fachbereichs EKT wird in Martinach bereits seit mehreren Jahren gearbeitet. Es handelt sich um ein pluridisziplinäres Projekt der Abteilungen für Psychiatrie und Anästhesie. An zwei Vormittagen pro Woche bietet ein Team bestehend aus einem Psychiater, einem Anästhesisten und drei Pflegefachkräften (EKT, Anästhesie und allgemeine Pflege) EKT-Therapien in Martinach an.
Wie läuft eine EKT-Therapiesitzung ab?
Die EKT wird ambulant durchgeführt, d.h. es ist keine Spitalübernachtung notwendig. Sie erfolgt unter Vollnarkose mit ständiger Überwachung der Herz- und Atemtätigkeit. Eine Sitzung dauert rund 20 Minuten. Die Elektrostimulation führt zu einer gewollten allgemeinen Verkrampfung, die zwischen 20 und 120 Sekunden dauert. Die Wirkung der Narkose lässt einige Minuten später nach. Sobald der Patient wieder bei Bewusstsein ist und Herz- und Atemtätigkeit stabil sind, wird er in den Aufwachraum gebracht und hier noch rund eine Stunde überwacht.
In welchen Fällen ist die EKT sinnvoll?
Die Elektrokonvulsionstherapie bietet sich in genau definierten Fällen an. «Bei schweren Depressionen ist die EKT die wirksamste Behandlung mit über 80% positiven Ergebnissen, auch im Rahmen von bipolaren Störungen», erklärt Dr. Celik. Ebenfalls, jedoch etwas weniger häufig, wird die EKT bei Manie, therapieresistenter Schizophrenie und Katatonie eingesetzt. Vielfach ist die Elektrokonvulsionstherapie sogar das Mittel der ersten Wahl, z.B. bei schweren Depressionen oder lebensbedrohlichen Katatonien.
Langfristige Wirksamkeit als Ziel
Auch wenn viele Patienten kurzfristig gut auf die EKT ansprechen, bleibt das Rückfallrisiko hoch. «Doch dieses Risiko kann in Kombination mit anderen Behandlungen deutlich gesenkt werden», sagt Dr. Celik. So sind zum Beispiel die psychiatrische und psychotherapeutische Begleitung sowie die medikamentöse Behandlung nach wie vor zentral. Manchmal kann die EKT auch zur Prävention von Rückfällen eingesetzt werden, indem man über einen Zeitraum von 6 Monaten mehrere Sitzungen mit immer grösseren zeitlichen Abständen durchführt. Dies ist auch längerfristig möglich.
Dr. Sacha Celik, Psychiater im Spitalzentrum des französischsprachigen Wallis (CHVR) und Verantwortlicher des Fachbereichs EKT in Martinach, unterhalten.