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Das Interview führte Alena Sibrava, Ressortleiterin Kommunikation
Die Schweiz ist bei den internationalen Innovationsrankings seit Jahren ganz vorne mit dabei. Sind wir so gut, wie es die Rankings suggerieren?
Martin Wörter: Diese Rankings – zum Beispiel das European Scoreboard oder der Global Innovation Index – beziehen sich immer auf recht allgemeine Innovationsindikatoren wie zum Beispiel die Anzahl Doktoranden, PISA-Ergebnisse, Indikatoren zur politischen Stabilität, aber auch eine Reihe von Patentindikatoren. Die Schweizer Wirtschaft ist aufgrund der starken Pharmaindustrie sehr patentaffin und schneidet unter anderem deshalb im internationalen Vergleich sehr gut ab. Wenn wir aber genauer hinschauen und nur die Innovationsindikatoren heranziehen, die unmittelbar mit der Innovationsleistung der Unternehmen zusammenhängen, zeigt sich ein differenzierteres Bild.
Nämlich?
Der Anteil an Firmen, die Forschung und Entwicklung betreiben, geht gesamtwirtschaftlich zurück. Gleichzeitig nehmen die Ausgaben in Forschung und Entwicklung zu. Das heisst, in der Schweiz findet eine gewisse Konzentration der F&E- Aktivitäten auf weniger Firmen statt.
Heisst das, die Diskrepanz zwischen Unternehmen, die F&E betreiben, und anderen, die das nicht tun, wird grösser?
Ja. Es gibt Firmen, die kontinuierlich in F&E investieren und ihre Investitionen noch erhöht haben, und andere, die ganz ausgestiegen sind. Das heisst aber nicht, dass diese Firmen nicht mehr innovativ wären. Wenn wir den Industriesektor betrachten, sehen wir zum Beispiel, dass der Anteil an Firmen, die durch Prozessinnovationen Produktionskosten senken konnten, in den letzten zwei Perioden massiv gestiegen ist. Wir vermuten dahinter einen erhöhten Kostendruck. Die Firmen müssen sparen und setzen deshalb bei den Prozessinnovationen an; sie verbessern zum Beispiel die Produktionsabläufe oder führen neue Technologien ein, statt neue Produkte oder Dienstleistungen hervorzubringen.
Das ist für die Firmen vielleicht einfacher, dort anzusetzen?
Das würde ich so nicht sagen. Auch Prozessinnovationen sind mit Umstellung und Veränderung für die Unternehmen verbunden. Es werden die Arbeitsabläufe angepasst oder neue Technologien eingesetzt. Das bedeutet oft Weiterbildung oder Umschulung der Mitarbeitenden.
Können Sie die Industrie gesamtwirtschaftlich einordnen?
Wir unterteilen den Industriesektor in Hightech-Unternehmen – wozu auch die MEM-Industrie gehört – und Lowtech-Unternehmen. Bei den Hightech-Unternehmen sehen wir ein ähnliches Bild wie bei der Gesamtwirtschaft. Auch hier geht der Anteil an Firmen, die F&E betreiben, zurück. Allerdings bei weitem nicht so stark wie bei der Gesamtwirtschaft, und einen Rückgang sehen wir erst seit der Finanzkrise. Davor waren die Zahlen stabil. Der Umsatzanteil der innovativen Produkte – der Erfolg der innovativen Produkte am Markt – ist jedoch ziemlich konstant geblieben.
Woher nehmen die Unternehmen ihre Ideen für Innovationen?
Wir erheben in unseren Umfragen die Bedeutung von 14 «Wissensquellen» für die Innovationsaktivitäten der Unternehmen. Bei unseren Umfragen werden die Kunden und Lieferanten am häufigsten als wesentliche Quelle genannt. An dritter Stelle stehen Messen und Ausstellungen, danach folgen die Konkurrenten und bei den grösseren Firmen die Universitäten mit ihrem Wissens- und Technologietransfer.
Heisst das, die KMU kooperieren weniger stark mit den Hochschulen?
In der Schweiz haben über 20 Prozent der Unternehmen mit mehr als fünf Beschäftigten Hochschulkontakt. Diese Zahl ist hauptsächlich von den KMU getrieben. Man kann also sagen, die KMU in der Schweiz sind durchaus hochschulaffin. Damit sie vom Wissen der Hochschulen profitieren können, hilft es, wenn sie eigene F&E-Aktivitäten betreiben. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie das Wissen der Hochschulen erfolgreich umsetzen können.
Sind Unternehmen, die mit Hochschulen kooperieren, innovativer?
Wir haben untersucht, welchen Impact die Transferaktivität mit der Hochschule auf den Innovationsoutput der Firma hat, und sehen hier in der Tat einen positiven Zusammenhang. Produkte von Firmen, die mit Hochschulen kooperieren, sind in der Regel am Markt erfolgreicher als Produkte von Unternehmen, die das nicht tun. Die Innovationslandschaft verändert sich.
Was sind die aktuellen Trends, die Innovation triggern?
Die Digitalisierung spielt eine grosse Rolle. Darüber hinaus nehmen die Nachhaltigkeitsanforderungen an die Produkte – wie zum Beispiel Langlebigkeit oder Rezyklierbarkeit – zu. Gleichzeitig beobachten wir auch einen erhöhten Preisdruck. Für die Schweizer Industrieunternehmen, die einen Grossteil ihrer Produkte ins Ausland exportieren und mit der ausländischen Konkurrenz mithalten müssen, birgt das einige Herausforderungen.
Würden Sie sagen, es ist für die Unternehmen schwieriger geworden, innovativ zu sein?
Es scheint so zu sein, ja. Wir sehen den Rückgang bei der F&E-Quote, und das ist schon ein Indiz, dass es schwieriger, vielleicht auch riskanter und kostspieliger geworden ist, in F&E zu investieren. Hier ist die Wirtschaftspolitik gefordert, die Rahmenbedingungen für die Unternehmen entsprechend zu verbessern.
Denken Sie an bestimmte Rahmenbedingungen?
Ganz zentral für die Unternehmen ist die internationale Rekrutierung von Talenten. Es braucht kluge Köpfe für Innovationen. Das heisst, der freie Personenverkehr ist essenziell. Für die KMU ist zudem wichtig, dass sie von der Forschungs- und Innovationslandschaft in der EU profitieren können und Zugang haben zu Forschungsprogrammen wie Horizon 2020 oder Eurostars. Weiter müsste man vielleicht auch mal bei den Fördersystemen über die Bücher und sich fragen, ob für besondere Herausforderungen – wie zum Beispiel die Digitalisierung oder Artificial Intelligence – die aktuellen Fördermethoden noch ausreichen. Im Ausland erhalten Unternehmen zum Teil Steuererleichterung für F&E-Ausgaben. In der Schweiz fördern wir hauptsächlich die Kooperation mit Hochschulen.
Schauen Sie positiv in die Zukunft?
Ja. Ich glaube, dass die Unternehmer insgesamt sehr innovativ sind und schon oft gezeigt haben, wie schnell sie auf neue Trends und Herausforderungen reagieren können. Wichtig für die Problemlösungsfähigkeit der Gesellschaft sind eine innovative Unternehmenslandschaft und Rahmenbedingungen, die es den Unternehmern erlauben, risikobereit zu sein und in die Entwicklung und Anwendung neuer Technologien zu investieren.
Martin Wörter ist Titularprofessor an der ETH Zürich und Leiter der Sektion Innovationsökonomik der Konjunkturforschungsstelle KOF. Er hat an der Universität Innsbruck im Bereich der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften promoviert. Martin Wörters Kerngebiet ist die empirische Innovationsforschung an der Schnittstelle zwischen Management und Ökonomie sowie zwischen technologischen Entwicklungen und volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen.