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An meinen erlauchten Herrn.
Nachdem die Liebesschmerzen, die ich aus Liebe zu Euer Gnaden den in verschiedenen Briefen und Gedichten niedergelegt habe, einzeln nicht vermocht haben, das Mitleid Euer Gnaden mit mir zu erregen, ja Euch nicht einmal bewogen haben, mir soviel Höflichkeit zu erzeigen, dass Ihr mir ein Wort zur Entgegnung schriebet, so habe ich mich entschlossen, sie alle in diesem Buch zu vereinigen, um zu sehen, ob es allen zusammen nicht gelingen dürfte, Euer Herz zu erweichen. Euer Gnaden werden daher hier nicht den Ozean meiner Leidenschaften, meiner Tränen und Qualen erblicken, da dieser ein grundloses Meer ist, sondern nur ein kleines Rinnsal davon. Doch sollen Euer Gnaden nicht glauben, ich habe dies getan, um Euch Eure Grausamkeit zu Gemüte zu führen – man kann von Grausamkeit nicht sprechen, wo keine Verpflichtung vorliegt – oder Euch eine trübe Stunde zu bereiten, sondern um Euch Eure Hoheit recht klar erkennen zu lassen und Euch zu erheitern. Wenn Ihr seht, welche Früchte Eure Härte gegen mich gezeitigt hat, so könnt Ihr daraus entnehmen, welcher Art die sein würden, die ihr Entstehen Eurer Milde verdankten, wenn es sich nämlich je ereignen sollte, dass der Himmel Euch Mitleid mit mir einflößte oder mir mit Euch ein edles, ein herrliches, ein göttliches Geschenk machte, nachdem auch die Qual mir Freude bereitet und Frucht getragen hat. Mögen daher Euer Gnaden, wenn Ihr Euren wichtigeren und angenehmeren Geschäften ein Mußestündchen abgewinnt, die Aufzeichnungen über die ernsten Liebessorgen Eurer allertreuesten und allerunglücklichsten Anassilla lesen und aus diesen Versen, die nur der Schatten ihrer wirklichen Liebe sind, ersehen, wie sie für Euch in Gedanken sorgt und empfindet; denn sicher wird es niemals geschehen, dass mein armes, trauriges Haus würdig wäre, seinen erhabenen Gast, nämlich Euer Gnaden, zu empfangen. Ich bin überzeugt, die Betten, die Zimmer, die Säle und alles übrige würden von den Klagen, dem Schluchzen, den Seufzern, den Tränen erzählen, die ich Tag und Nacht vergossen habe, während ich den Namen Euer Gnaden ausrief. Dabei habe ich aber stets selbst mitten in meinen größten Qualen den Himmel und mein glückliches Los gepriesen; denn es ist tausendmal besser, für Euch, Herr Graf, zu sterben, als um eines anderen willen in Freuden zu leben. Was tue ich aber? Denn ohne Not halte ich Euer Gnaden allzu lange auf und langweile Euch; zugleich begehe ich auch ein Unrecht gegen meine Verse, als ob sie nicht selbst ihre Sache führen könnten und der Fürsprache eines anderen bedürften. Ich beziehe mich daher auf sie und schließe, bitte aber Euer Gnaden, als niedrigste Belohnung meiner treuesten Dienstfertigkeit, mir beim Empfange dieses armen Büchleins die Gunst nur eines Seufzers zu spenden, der das Andenken an Eure vergessene und verlassene Anassilla auf so weite Ferne hin erneuere. Und du, Büchlein, Überbringer meiner Tränen, tritt in Gesellschaft meiner lauteren Treue so demütig wie möglich vor unserem Herrn auf. Und wenn du wahrnimmst, dass bei deinem Empfange sich jene ewigen Augen, die mein Schicksal sind, nur ein wenig erheitern, so sind all unsere Leiden gesegnet und all unsere Hoffnungen über Erwarten in Erfüllung gegangen. Und so sei Friede in Ewigkeit mit dir!
Gaspara Stampa an den Grafen Collalto