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So tun als ob:
Vogelschaukarte des Berner Oberlandes, Giovanni Maggini, um 1900
Im Fin de siècle war die Fliegerei für die meisten noch etwas Unvorstellbares. Obwohl, einmal das Land von oben betrachten wie ein Vogel, das wäre eben schon eine feine Sache. Der Tessiner Ingenieur Giovanni Maggini erkannte die Marktlücke und produzierte einen repräsentativen «Volks-Atlas der Schweiz in 28 Vogelschaublättern». Im Grunde handelt es sich nicht um einen Atlas, sondern um ein Kartenwerk. Man kann alle Blätter nebeneinander legen und erhält eine grossartige Übersicht über die Schweiz. Schroff stehen die Bergreihen auf und werfen ihre Schatten auf die Täler. Doch irgendwie hat man das Gefühl, mit der Perspektive stimme etwas nicht. Das Gefühl wird stärker, wenn man ein ganzes Kartenblatt vor sich hat (hochaufgelöstes Bild) und die Form der Seeufer oder die Anlage des Gewässernetzes studiert. Diese scheinen senkrecht, also unverzerrt auf die Kartenebene projiziert zu sein. Im Gegensatz dazu sind die Berge zweifellos in Schrägansicht dargestellt. Zwei Perspektiven auf einer Karte, geht das? Die an der ETH Zürich von Bernhard Jenny und Kollegen entwickelte Software MapAnalyst ist unser Mittel der Wahl, um diese Frage zu klären. Wir stellen darin Magginis Karte einer modernen, als genau angenommenen topografischen Karte gegenüber. Dann wählen wir auf beiden Karten mindestens zwei Dutzend identische Punkte aus und lassen die Software die geometrische Verzerrung von Magginis Karte berechnen. Und siehe da: Wenn wir ausschliesslich Vergleichspunkte vom Seeufer oder zumindest entlang von Fliessgewässern im Talgrund wählen, erweist sich Magginis Werk als genaue Karte mit einem homogenen Massstab von rund 1:134 000. Wenn wir jedoch die Bergspitzen in die Rechnung einbeziehen, zeigen sich erhebliche Verzerrungen in der Blickrichtung. Das Rätsel ist also gelöst. Magginis Technik ist indes kein Schwindel, sondern seit der Frühen Neuzeit als Militärperspektive bekannt. Dieser Spezialfall der Parallelprojektion wurde nach Magginis Tod weiter perfektioniert, sogar patentiert und unter dem Namen «Aerovue» für diverse Karten der Schweizer Alpen eingesetzt.
Bibliografische Angaben
Berner Oberland, von Giovanni Maggini. Zürich: Orell Füssli, um 1900. (Volks-Atlas der Schweiz in 28 Vogelschaublättern, Blatt 16).
Bildauswahl und Text
Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich