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In Folge des cultural turn der Geisteswissenschaften wird dem Thema 'Gabe, Tausch, Geschenk' bereits seit vielen Jahren besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Das Interesse an ihm bringt sich in verschiedenartigen Zugängen zum Ausdruck - in dezidiert theoriegeleiteten Ansätzen ebenso wie in der 'dichten Beschreibung' der konkreten kulturellen Phänomene und ihrer Historizität. Zurückgegriffen wird dabei auf unterschiedlichste Referenzmodelle (etwa auf Mauss, Bataille, Simmel, Derrida, Godelier etc.). Gerade die mediävistischen Disziplinen konnten in diesem Zusammenhang maßgeblich zu einer historischen Differenzierung dieser fundamentalen sozialen Gesten beitragen, und dies sowohl im Bereich 'realer', vor allem politischer Situationen als auch im Bereich der literarischen Manifestationen der Gabe. Mit der Frage nach der historischen Spezifik der sozialen Formationen wurden z.B. Gabenpraxis und -diskurs in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadt untersucht, wurde die Sozialitäts-These von Mauss kritisch diskutiert und die Frage nach der Stofflichkeit von Gaben aufgeworfen. Forschungsfelder im Bereich literarischer Entwürfe waren Reziprozität und Gabe als Formen höfischer Interaktion, Diskurse über die milte, die fürstliche Freigebigkeit, sowie Kommunikationsstrukturen und zeichentheoretische Aspekte im Kontext von Gabe und Gewalt. Desweiteren wurde die Problematik um Verausgabung, Verschwendung und Lohn als zentrale Dimension der Liebeshandlung analysiert, die Relation von Tausch, sexuellem Begehren und Erzählen sowie die Verflechtung von Gaben- und Tauschlogik im Liebes- und Herrschaftsdiskurs.
Trotz dieser Anstrengungen blieb eine systematische Sichtung, Analyse und Deutung von Gaben in Liebesbeziehungen in der mittelalterlichen Kultur und Literatur bisher weitgehend aus. Dieses Desiderat mag in der historischen Anthropologie ein Resultat der mangelnden historiographischen Quellen sein; teilweise wurden Liebesgaben wie die mittelalterlichen Minnekästchen von der Forschung auch als Relikte einer nicht mehr rekonstruierbaren 'Volkskultur' marginalisiert. In der Literaturwissenschaft dürfte die mangelnde Aufarbeitung sowohl sachgeschichtlich als auch methodisch motiviert sein: Erstens scheint vor allem die ältere Forschung die Skepsis, die insbesondere die höfisch-didaktische Literatur den Minnegaben entgegenbringt, unkritisch übernommen zu haben. Dabei geht es darum, dass der ökonomische Mechanismus, der ihnen zugrunde liegt, in den didaktischen Texten als problematisch dargestellt oder gar als in¬adäquat denunziert wird, weil er die 'wahre' Liebe verfälschen könnte - ein Urteil, das von der Forschung möglicherweise nicht nur überbewertet, sondern auf den gesamten höfischen Liebesdiskurs übertragen worden ist. Zweitens ist auf methodischer Ebene der ökonomische Diskurs als Teilbereich eines umfassenden kulturwissenschaftlichen Interesses erst in jüngster Zeit wieder Gegenstand der Literaturwissenschaft geworden. In diesem Sinne betritt ein historisierendes Fragen nach dem Ökonomischen als narratologische und poetologische Kategorie - von wenigen Studien abgesehen - ein immer noch weithin unkartiertes Terrain.
Zur systematischen Erschließung dieses Fragenfeldes haben die VeranstalerInnen zwei aufeinander aufbauende, interdisziplinäre Kolloquien angesetzt. Im ersten Kolloquium, das im Dezember 2009 in Kiel durchgeführt wurde (PDF, 4 MB), stand die literarische Inszenierung der kommunikativen, semiotischen und performativen Dimensionen der Liebesgabe im Zentrum.
Das zweite Kolloquium, das am 6.-8. Mai 2010 in Zürich stattfindet, wirdmet sich der poetologischen Überkodierung der literarisch entworfener Liebesgaben. Die Arbeitshypothese lautet: An die Zeichenhaftigkeit der Liebesgaben auf der Ebene der Diegese knüpfen sich spezifische Zeichenfunktion der Liebesgaben auf der metatextuellen Ebene: Inwieweit, so wollen wir fragen, sind die Liebesgabenbeschreibungen als intradiegetische Momente der Erzählung mit poetologischen Reflexen und Reflexionen ausgestattet? Aufbauend auf der systematischen Sichtung, Analyse und Deutung von Gaben in Liebesbeziehungen wird so eine systematische Sichtung, Analyse und Deutung von poetologischen Aussagen in Liebesgabenentwürfen angestrebt. Vor dem Hintergrund einer Zusammenführung der Diskursivierung von Gabe und Geben mit der Diskursivierung von Liebe und Begehren soll im Zürcher Kolloquium die Frage nach dem Verhältnis von Liebesgabendiskurs und poetologischem Diskurs im Zentrum stehen. Schließlich soll - die zwei Arbeitsgespräche aus poetologischer Perspektive resümierend - die fachgeschichtliche Frage zur Diskussion gestellt werden, welche Trends und Ausblendungsmechanismen dazu geführt haben, dass die Diskursivierungen von Gabe und Geben und die Diskursivierungen von Liebe und Begehren kaum zusammengedacht worden sind. Welche poetologischen Modelle haben, über die realgeschichtlichen und narratologischen Fragen hinaus, zur Marginalisierung des in den zwei Arbeitsgesprächen zu konturierenden Arbeitsfeldes beigetragen?
Das Arbeitsfeld des Zürcher Kolloquiums wird durch die folgenden Punkte markiert:
• Poetologische Aspekte der Herstellung dinglicher Liebesgaben: Inwieweit machen explizite oder implizite Aussagen über die materiale, prozessuale Verfertigung von Liebesgaben auch Aussagen über die Arbeit an den Texten, die von diesen Prozessen und Objekten erzählen? Das Verhältnis der Materialität der Liebesgabe zur Medialität ihrer literarischen Inszenierung: Inwieweit werden die literarisch entworfenen Liebesgaben mit einer medialen Qualität ausgezeichnet, die einen Rückbezug auf den Text nahelegt, der von ihm berichtet?
• Schriftgaben: Ein besonderer Stellenwert kommt den literarisch inszenierten Liebesgaben zu, die selbst Schrift sind (etwa Briefe etc.). Inwieweit verbinden sich mit der literarischen Inszenierung einer Schriftgabe programmatische poetologische Aussagen, die auch für den rahmenden Text Geltung beanspruchen?
• Schriftwerkzeuge als Liebesgaben: Welche poetologischen Aussagen knüpfen sich an die literarische Herausstellung insbesondere der Kulturtechnik des Schreibens? Wenn die Gabe von Schreibinstrumenten auf einen zuvor eingeführten Schriftgebrauch im Text zurück- und auf eine kommende intradiegetische Schriftproduktion vorausverweist (Briefe, Lektüren): Inwieweit werden auf diese Weise ausdrücklich weiterführende literarische Diskurse in den rahmenden Text eingebunden?
• Die Inszenierung von Texten und ihren Darbietungen als Liebesgaben: Die Engführung von Text(-Darbietung) und Liebesgabe wird von denjenigen lyrischen Texten exponiert, die das Handlungsmodell des Minnesangs mit Entwürfen autopoetischer Konstiuierung literarischer Produktion verbinden, mehr noch: beides bis zur Unauflöslichkeit ineinander verspiegeln. Inwieweit können diese radikalen Konstellationen als Modell aufgefasst werden, um andere Typen der literarischen Liebesgabe poetologisch einzuordnen?
• Liebesgaben und Reflexionen von Autorschaft: Wer bestimmt über den Einsatz von (handlungslenkenden) Liebesgaben, legt ihn nahe oder stellt ihn als Möglichkeit in den Raum? Inwieweit kann die Inszenierung von gerissenen, weisen oder hellsehenden Figuren, die die Lenkung anderer handelnder Figuren durch Liebesgaben ersinnen, mit der Kompetenz zur Lenkung der Erzählung verglichen werden? Gibt sie Aufschluss über Konzeptionen von Autorschaft?
• Das Verhältnis von Text und Begehren: Der Verwendung von Liebesgaben in den Texten eignet nicht bloß ein zeichenhafter, sondern zugleich ein performativer Aspekt, an den charismatische, auratische, verführerische Effekte gekoppelt sein können. Inwieweit werden durch Liebesgaben nicht allein die Bindungen zwischen handelnden Figuren erzeugt und verändert, sondern ebenfalls die Bindung der Leser an die Texte konstituiert, manipuliert und vertieft? Inwieweit inszenieren die Liebesgaben so die Präsenz und Wirkungsabsicht der Dichtung in Bezug auf ihre Leser?
• Die Versprachlichung der Gabe: Geht man von der aporetischen Struktur der Gabe aus, die einerseits ohne Erwiderung, ohne Gegengabe, nicht denkbar ist, zugleich aber als 'totale Gabe' grundsätzlich jenseits von Rückkehr, Zirkularität und Reziprozität konzipiert ist, dann lässt sich fragen, ob Reflexe auf diese Aporie in der sprachlichen Diskursivierung der Liebesgabe beobachtbar sind. Oder wird hier vielmehr ein spezifischer Aspekt mittelalterlicher Alterität greifbar, in dem Sinne, dass die Aporien der Liebesgabe im Rahmen mittelalterlicher Denkfiguren gar keine sind?
• Liebesgabe und Erzählen: Unmittelbar mit dieser Grundspannung der Gabe ist eine spezifische Repräsentationsproblematik verbunden, insofern die Gabe, sobald sie als solche zur Sprache kommt, im Gesagt- und Gewusstwerden als Gabe annulliert wird. Dieses Repräsentationsproblem lässt sich auch auf Aspekte des Narrativen beziehen. Inwiefern lassen sich im Erzählen Reflexe auf jene aporetische Struktur der Liebesgabe finden? Inwiefern speisen sich hieraus Dynamiken des Erzählens?
• Die Rolle der Liebesgabe in höfischer und religiöser Kommunikation: Das von Nähe und Distanz gekennzeichnete Verhältnis von höfisch-weltlichen und geistlichen Liebesmodellen wirft zum einen die Frage nach differierenden Formen und Möglichkeiten der sprachlichen Diskursivierung der Liebesgabe im höfischen und im religiösen Bereich auf. Zum anderen stellt sich die Frage, wie sich konzeptuell unterschiedliche Liebesgaben-Entwürfe zu den differierenden Modellen von Autorschaft und Textgenese verhalten, die etwa die legendarische und mystische Literatur von der höfischen Dichtung unterscheiden.