Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03494.jsonl.gz/3316

Von Dominik Riedo
Kaum ein anderer Autor haderte so sehr mit der ihm eigenen Gabe, Nachschlagewerk-Wissen mit einem Schuss Fantasie zu einer genialen Form von Realität zu kompilieren. Dominik Riedo über Karl May.
«Wir erzählen von Karl May und seinem abenteuerlichen Leben. Der Führer liebt und liest ihn gerne.»
Joseph Goebbels
Er ist der auflagenstärkste Autor der deutschen Literaturgeschichte. Seine Bücher haben allein eine deutschsprachige Gesamtauflage von weit über fünfzig Millionen Exemplaren erreicht und sind dazu in mehr als 25 Sprachen übersetzt worden. Sämtliche Medien haben sich seiner bemächtigt und schlachten ihn bis heute gewinnbringend aus, in Form des Buchs, des Taschenbuchs, der CD, des Internets und des Films. Nicht zuletzt ist er der Schöpfer von zwei allen bekannten Figuren: Winnetou und Old Shatterhand. Die Rede ist von Karl May.
Als Sohn eines armen Webers aus Hohenstein-Ernstthal wird Karl May 1842 geboren. In seinen ersten Lebensjahren ist er, eigenen Angaben zufolge, blind. Doch auch nach einer gelungenen Operation lebt er in kümmerlichen Verhältnissen. Mit Müh und trotz der Not schafft er die Ausbildung zum Volksschullehrer. Wegen eines angeblichen Diebstahls verbüsst er 1862 eine kurze Gefängnisstrafe. Nach dieser ersten Haft kommt es zu wiederholten Straffälligkeiten und insgesamt siebeneinhalb Jahren Zuchthaus.
1875 zieht er nach Dresden und arbeitet als Redakteur. Es folgen erste schriftstellerische Arbeiten. Ab 1877 nennt er sich ‹freier Schriftsteller›, 1880 heiratet er. Inzwischen wird seine Mitarbeit an verschiedenen Zeitschriften immer besser entlöhnt. Es entstehen ab 1882 fünf umfangreiche Kolportageschriften, die er anonym verfasst, die acht berühmten Texte (spezifisch für die Jugend) und seine noch berühmteren Romane. Der grosse Ruhm aber kommt vor allem mit den «Gesammelten Reiseerzählungen», die im Jahre 1892 in 33 Bänden zu erscheinen beginnen und die Grundlage zu den heute noch bekannten Ausgaben liefern. Als Folge davon kann sich der Schriftsteller 1896 die «Villa Shatterhand» in Radebeul leisten.
Genial kompiliert und mit Fantasie
Doch der Name deutet bereits auf einen bei Karl May letztlich zu einem Problem führenden Zug seines Wesens hin: Gerade zu dieser Zeit bricht in ihm die alte Lust der Maskerade, der Hochstapelei, durch, die ihm schon die Vorstrafen eingebracht hat. Er posiert vor der Kamera als «Kara Ben Nemsi» und «Old Shatterhand» mit der ‹Silberbüchse› in der Hand, die er laut den eigenen Texten längst dem toten Winnetou ins Grab gelegt hat. Er spielt sich als weitgereister Experte auf und erzählt seine Erfahrungen als West-Mann. Bis zu diesem Zeitpunkt ist Karl May jedoch nie nach Amerika oder in den Orient gereist. Seine Werke sind geniale Kompilationen aus Nachschlagewerken mit einem Schuss Fantasie. Erst 1899/1900 und 1908 wird er als Tourist an die Handlungsorte seiner Bücher reisen. Dennoch behauptet er zuvor, er sei Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi und habe erlebt, was er schreibe – Ausdruck eines Wunsch-Ichs, das tagtraumartige Ersatzkonstruktionen erstellt. Sein Ruhmeswahn gipfelt in der Behauptung, er beherrsche aktiv vierzig Sprachen und verstehe 1200 Sprachen und Dialekte. Zusammen mit dem Problem, dass die inzwischen unter seinem Namen wieder auf den Markt geworfenen Kolportageromane als ‹Schund› verfemt werden, reizt diese Angeberei förmlich nach Enthüllung. Ein gefundenes Fressen für die Presse. Es drischt nun eine unvergleichliche Hetze auf den Autor ein, bei der nach und nach seine kriminelle Vergangenheit hervorgezerrt und das öffentliche Ansehen vernichtet werden. Dummerweise legt sich May anfangs viele Begebenheiten seines Lebens so zurecht, wie er sie für die Verteidigung zu brauchen vermeint, und prozessiert immer wieder gegen Intriganten. So bleibt immer etwas aufzudecken oder zu berichten und sein Fall stetig brandaktuell.
Karl May stirbt 1912 als gebrochener Mann. Letzte Lichtstrahlen brachten nur noch die 1903 geheiratete zweite Frau und die Möglichkeit, in Wien einen Vortrag zu halten, Empor ins Reich der Edelmenschen, acht Tage vor seinem Tod. Auch Adolf Hitler soll ihm da gelauscht haben.
Ein polternder Fürsprecher
Es blieb aber den Nachgeborenen überlassen, Mays Ansehen zu rehabilitieren. Schon bald nach seinem Tod galten seine Werke zumindest verkaufstechnisch wieder etwas; und ein paar erste Untersuchungen ebneten die Bahn. Doch der Schriftsteller Arno Schmidt mit seiner polternden Art war es dann schliesslich, der Karl May als möglichen ‹Grossdichter› ins Gespräch, auch der Literaturwissenschaft, rückte. Als Folge und Reaktion darauf wurde 1969 die Karl-May-Gesellschaft gegründet, die May vor allem mit ihren Jahrbüchern mehr und mehr als Untersuchungsgegenstand der Wissenschaft schmackhaft zu machen vermochte. In ihrem Umfeld wird der seriösen Forschung endlich auch eine nicht veränderte Fassung der Texte Karl Mays bereitgestellt, was wichtig ist, gerade bei Stellen wie der folgenden, die richtiggehend nach mehreren Lesarten schreit:
«Als ich ihr die Hand gegeben hatte und mich nun von ihr wendete, erblickte ich den Bläser der Signalpfeife. Er winkte mir und ging davon, indem er sich einige Male umsah, ob ich ihm folge. Leider verstand er weder meine, noch ich seine Sprache. Dennoch hörte und begriff ich auf das Deutlichste, weshalb er mir gewinkt hatte. Er griff nämlich sein Rieseninstrument, welches in der Ecke lehnte, spitzte den Mund, formte ihn zu einem weiten, runden Schlauch, legte ihn an das Loch der Pfeife und begann zu blasen, dass sein Gesicht blau, mir es aber rot und violett vor den Augen wurde. Er wollte, ehe wir auf Nimmerwiedersehen voneinander gingen, mir noch einmal den Genuss bereiten, den er für den höchsten des Erdenlebens hielt. Ich hörte ihm zu, bis ich glaubte, Einhalt tun zu müssen, da er sonst unbedingt zerplatzen werde, und gab ihm einige Stücke kleiner Münzen, über welche er so erfreut war, dass er die Pfeife sofort wieder an den Mund setzte. Ich aber machte mich mit der Gänsehaut, welche er mir angeblasen hatte, auf das Schleunigste von dannen.»
Auf dass er ins Rosenrote tauchen möge …
Dominik Riedo (*1974 in Luzern) lebt und arbeitet als Schriftsteller und Mitherausgeber von «Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie» in Bern. Dreizehn Buchveröffentlichungen. Von den Kulturschaffenden der Schweiz und der interessierten Bevölkerung direktdemokratisch zum Kulturminister der Schweiz ernannt (2007-2009). Präsident des DeutschSchweizer PEN-Zentrums von 2010-2012. – Dominik Riedo schreibt regelmässig für «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012». – Sein neuestes Werk, der Essay-Band «Mein Herz heisst DENNOCH», erscheint Ende 2014 im Verlag Pro Libro.
- gesichtet #76: Der Turm, dessen Sinn und Zweck ein Rätsel ist
- Zitat der Woche: Hugo Ball, Totentanz