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SNF-Projekt: Komparative Theologie im Schweizer Kontext (2020–24)
1. Europäische Religionsgeschichte
Im Rahmen einer Globalisierung religiöser Entwicklungen ist die Position einer „europäischen“ Religionsgeschichte aus zwei Gründen neu zu bestimmen: Zum einen gibt es Hybridisierungs- und Austauschprozesse auf globaler Ebene, zum anderen existieren weiterhin Religionskulturen, die von regionalen Faktoren oder von einzelnen Religionen geprägt sind. In dieser Perspektive sind die Spezifika einer europäischen Religionsgeschichte zu beschreiben (so wie man analog die Spezifika von religiösen Entwicklungen in anderen Regionen beschreiben könnte). Eine Monographie zu strukturellen Eigenheiten einer so verstandenen europäischen Religionsgeschichte ist gerade erschienen ("Europäische" Religionsgeschichte. Religiöse Zughörigkeit durch Entscheidung - Konsequenzen im interkulturellen Vergleich, 2016)
2. Aktuelle Entwicklungen in der Anthroposophie
Ein Überblick zur gegenwärtigen Situation der Anthroposophie fehlt, obwohl sie weiterhin die wichtigste der „klassischen“ esoterischen Vereinigungen ist. Ein durchaus persönlich gefärbter Einblick in die anthroposophische Bewegung ist in Arbeit.
Im 19. Jahrhundert ändert sich der Diskurs über „Religion“ grundlegend. Der Glaube an geoffenbarte Texte als einzige Quelle religiöser Erkenntnis wird durch den Historismus und die Naturwissenschaften zurückgedrängt. Zunehmend rücken Modelle von Erfahrung ins Zentrum religiöser Wahrheitsansprüche, die häufig unter dem Begriff „Mystik“ zusammengefasst werden. In diese Zeit des religiösen Umbruchs fällt sowohl die Entstehung der Religionswissenschaft als eigene Disziplin als auch die Gründung von heute oft als esoterisch bezeichneten, religiösen Strömungen, wie die der einflussreichen Theosophischen Gesellschaft.
Die verschiedenen Gruppen und Wissenschaftler beschreiben „mystische Erfahrung“ unterschiedlich. Während der Indologie Friedrich Max Müller die Universalisierbarkeit religiöser Erfahrung in der menschlichen Vernunft gegeben sieht, geht der Religionspsychologe William James von der Möglichkeit einer übersinnlichen Erfahrung aus, die sich der Logik entzieht. Die Theosophische Gesellschaft konzipiert, vom akademischen Diskurs beeinflusst, wieder eigene Kriterien religiöser Legitimation durch Erfahrung.
Die mystische Erfahrung wird als Paradigma der frühen Religionswissenschaft verstanden, das in ständiger Abhängigkeit von historischen oder zeitgenössischen Erfahrungsberichten steht, wie sie Müller aus religiösen Texten oder James aus Experimenten gewinnt. Die Analyse dieser Berichte, sowie die Berichte selbst sind wieder beeinflusst von Annahmen über religiöse Erfahrung, die bestimmten kulturellen Kontexten entspringt. Die Aufarbeitung dieser Kontexte und deren Einfluss auf die Beschreibung und Bewertung religiöser Erfahrung bildet den Kern der Arbeit.
Die Arbeit ist Teil des SNF Projektes „Die Genese der universitären Religionswissenschaft in der Auseinandersetzung mit nichthegemonialen, insbesondere theosophischen Traditionen", das in das Verbundprojekt "Gesellschaftliche Innovation durch 'nichthegemoniale' Wissensproduktion" eingegliedert ist.
Der Spiritismus und die modernen Medien (1770-1930)
Die Geschichte der (technischen) Medien des 20. Jahrhunderts ist ohne den Spiritismus nicht zu verstehen, weil dessen ‚Geisterkommunikation‘ Strukturmerkmale besaß, die auch die technischen Medien denkmöglich machten: etwa die Konzeption von Fernwirkungen oder die Entmaterialisierung der Kommunikation. Diese Geschichte ist nicht, wie bislang zumeist, vor allem als Ergebnis des 19. Jahrhunderts zu lesen, sondern steht im Rahmen eines seit der Frühen Neuzeit laufenden und im Konzept einer historischen longue durée zu deutenden Prozesses.
In einem ersten Schritt soll die ‚Genese‘ des Spiritismus zwischen 1770 und 1930 rekonstruiert werden, unter besonderer Berücksichtigung der kaum erforschten Phase um 1800. Untersucht werden die anthropologischen Debatten über erweiterte Wahrnehmungsfähigkeiten des Menschen (‚höhere Erkenntnis‘) und deren Transformation, durch die der Spiritismus zu einer Art religiöser ‚Naturwissenschaft‘ wird, in dem etwa Fernwirkungen diskutiert und experimentell untersucht wurden – an menschlichen wie an technischen Medien.
Ziel der Untersuchung ist es, (1.) die Verdrängung des Spiritismus aus der Mediengeschichte zu revidieren und (2.) den Spiritismus wiederum aus dem Getto ‚esoterischer‘ Forschung zu befreien und ihn in die allgemeine Kulturgeschichte seit dem 18. Jahrhundert zu integrieren. Damit werden (3.) Quellen und Kontexte der Mediengeschichte sichtbar, die diese weniger als eine Geschichte der Erfindung technischer Medien, sondern vielmehr als Produkt polysemer kultureller Prozesse ausweist.
Diese Forschung ist Teil des Verbundprojektes "Gesellschaftliche Innovation durch 'nichthegemoniale' Wissensproduktion".
Schule als Ort der „höheren Erkenntnis“. Theosophie zwischen Philologie, Hinduismus und sozialem Engagement
Die Relativierung der scheinbar allgemeingültigen Wissensbestände durch die sich etablierende empirische Wissenschaft und die Philologie, die in der Anwendung auf die Bibel deren Historizität erforschte (Historismus) und durch die Erschliessung aussereuropäischer Schriften eine Relativierung der christlichen Positionen mit sich brachte, führte zu einer Unsicherheit in der Gesellschaft. Katalysiert durch die „Beschleunigung“ und Veränderungen in der althergebrachten Hierarchisierung der Gesellschaft wurde diese Unsicherheit in Teilen der Gesellschaft zur Suche nach neuen Wissensbeständen transformiert. Diese „neuen Religionen“ (Okkultismus, Esoterik etc.), die sich in ihrem Selbstverständnis auf Jahrtausende altes universelles Wissen (Philosophia perennis) stützen und gleichzeitig die Wissenschaftlichkeit ihrer Methoden betonten, suchten unter anderem in Indien nach den philologischen Beweisen der universellen Wahrheit. Eine zentrale Gruppierung in diesem Milieu war die Theosophische Gesellschaft, die 1875 von Helena Blavatsky, Henry Olcott und anderen in New York gegründet wurde. Wenig später verlegten sie ihr Hauptquartier nach Adyar, Indien, wo es noch heute steht und legten eine umfangreiche Bibliothek mit Sanskritmanuskripen an. In der Folgezeit gründeten die Theosophen zahlreiche Schulen auf Ceylon, heute Sri Lanka, in Indien und anderswo. Namentlich Annie Besant, die zur zweiten Generation der Theosophen gehörte und 1907 nach Olcotts Tod die Leitung der Theosophischen Gesellschaft übernahm, gründete Schulen in ganz Indien, die zum Teil bis heute bestehen. Das Central Hindu College in Vārānasi ist herauszuheben, da dieses zu den ersten Schulgründungen Besants gehört und später zum Nukleus der Benares Hindu University (BHU) wurde. Das Board of Trustees, zu dem auch Besant gehörte, veröffentlichte drei Schulbücher, die Sanātana Dharma Textbücher, die für die religiöse Erziehung im Central Hindu College eingesetzt werden sollten. Diese Bücher wurden in verschiedene indische Sprachen übersetzt und in den Anfängen der BHU auch dort als Schulbücher eingesetzt. Unter Einbezug historischer und philologischer Methoden, gestützt auf translationswissenschaftliche und komparationswissenschaftliche Theoriemodelle untersucht Yves Mühlematter die gegenseitigen Einfluss- und Transformationsprozesse zwischen „Hinduismus“ und „Theosophie,“ wie sie sich in den Sanātana Dharma Textbüchern niederschlugen.
Keywords: Hinduismus, Translation, Esoterik, Komparatistik