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Ob die Bezeichnung "Hungerbühl" auf die grosse Hungersnot 1816/17 zurückgeht, ist unwahrscheinlich, die Ortsnamen haben sich früher gebildet. Unter Hunger litt die Bevölkerung aber immer wieder - es gibt bezeichnenderweise vier "Hungerbühl" im Thurgau, auch den Familiennamen "Hungerbühler".
(Bild aus der "Hungertafel"; Toggenburger Museum Lichtensteig)
Verschiedene Hungersnöte haben die Ostschweiz heimgesucht (zum Beispiel 1343/44, 1430-32, 1437/38, 1691, 1770-72), die grösste war aber jene von 1816/17.
Diese Hungersnot hatte verschiedene Ursachen:
- Ausbruch des Vulkans Tambora im April 1815 in Indonesien (fast 100'000 Tote); Ausbreitung der entsprechenden Aerosole (Vulkangase, Schwefeldioxid) und Aschenpartikel rund um den Erdball; Absorbtion des Sonnenlichtes; markanter Temperaturrückgang; Zunahme der Niederschläge. 1816 regnete es fast pausenlos und schneite jeden Monat bis ins Flachland ("das Jahr ohne Sommer").
Die Kartoffeln verfaulten im Boden; wo noch ein paar spärliche Weizenhalme wuchsen, mussten diese bewacht werden; die wenigen ausgepressten Trauben lieferten einen "erbärmlich sauren Saft" - die Ernte reifte nicht oder verfaulte.
- Zusammenbruch der Heimindustrie: viele Heimweber und -spinner verloren ihre Arbeit und Einkünfte, nachdem England (nach der Kontinentalsperre Napoleons) Europa mit billiger Industrieware überschwemmt hatte
- Ausbleiben der üblichen Getreideimporte aus Süddeutschland - das Korn wurde dort selbst benötigt
- eine beispiellose Teuerung als Folge; die wenigen Lebensmittel wurden unerschwinglich
- kaum Vorräte als Folge vorhergehender Missernten und Stationierung fremder Heere
Nachdem 1816 so viele Niederschläge gefallen waren und der Schnee in der Kälte kaum schmelzen konnte, kam es 1817 zu einer "doppelten" Schneeschmelze bei weiterhin anhaltenden Niederschlägen.
Das führte zu den grössten Überschwemmungen und Hochwassern der letzten Jahrhunderte.
Ein kleiner Trost für die Weinfelder Dorfjugend: auf dem Marktplatz konnte sie in ihren Holzzubern "Schiffli fahren".
Im Bild rechts die Hochwasserstände in Ermatingen.
"7. Juli 1817. Es ist zwei Uhr nach Mitternacht; ich konnte nicht Ruhe mehr finden im Bette und stund auf, dir einige Zeilen zu widmen. Nach beinahe 40 Tage anhaltendem Unwetter und 36stündigem Platzregen unter Donner und Blitz brach es los: urplötzlich war die ganze Runde überschwemmt, hervor unterm Boden in allen Zimmern des ersten Stockes in der Fabrik brach es aus, als wären unterirdische Quellen. Gegen drei Schuh hoch steht das Wasser in den Zimmern der Fabrik! Die armen Arbeiter! Lange können sie nicht mehr kommen, ihr Brot darin zu verdienen! Und von was wollen sie sich indes erhalten in der schrecklichen Teuerung?! Der Tag bricht an. Die Morgenröte spiegelt sich in der Flut tief überdeckter Kornfelder. Hie und da ragten gestern noch Halme und Blust der Erdäpfel übers Wasser empor; heute ist alles verschlungen, nichts als eine Wasserfläche mit dem See vereint. Es ist ein schauerlicher Anblick!"
Textilfabrikant J. H. Mayr aus Arbon im Juli 1817
In der Ostschweiz mussten während des "Sterbends" fast 100'000 Hungertode zu Grabe getragen werden.
Thurgauer Tagblatt: 1817 plagt Hunger den Thurgau
Der St. Galler Pfarrer Peter Scheitlin bereiste die Ostschweizer Hungergebiete und hielt seine Eindrücke in seinem Bericht "meine Armenreisen..." fest:
"Herr Gott! Was sah ich? Auf der Bank am Fenster sass eine kranke Frau mit von Wunden
offenen Füssen und verkrüppelten Händen, abgemagert wie ein Totengebilde.
Hinter dem Ofen sass ein zwanzigjähriges Mädchen, stumm, völlig verstandlos, taub, mit glotzigen Augen und schlaffen Händen; auf der Ofenbank ein sterbendes, mit dem Tode ringendes Kind, blass wie die Leichen sind, auf schwarzen Fetzen; zwei andere Kinder lagen auf dem harten Boden in zerlumpten Hemden, und noch eins sass auf der Ofenbank neben dem mit dem Tode Ringenden...
"Oft zählte man auf einer Wiese zur gleichen Stunde 30 oder 40 Menschen, die unter dem Vieh ihre Nahrung suchten"
(Zeichnung aus der unteren "Hungertafel"; Toggenburger Museum Lichtensteig)
Studieren Sie diesen Bericht über die Hungersnot - und beachten Sie insbesondere, wie die Gemeinden und die Thurgauer Regierung mit den Hungernden umgegangen sind:
Merkwürdige Beschreibung der beispiellosen Teuerung des Jahres 1817,
welche schon im Mai 1816 anfing und bis am 23. Juni 1817 so entsetzlich überhand nahm, dass viele Menschen verhungert auf dem Felde gefunden wurden (siehe Figur 4). Das Allerbetrübteste war die Verdienstlosigkeit, das war die Ursache, dass alle Armen schon am Anfang dieses Jahres um Almosen ausgehen mussten, und oft endete das Leben der Menschen auf eine jammervolle Weise. Oft zählte man auf einer einzigen Wiese zur gleichen Stunde 30 bis 40 Menschen, die unter dem Vieh ihre Nahrung suchten (siehe Figur 2). Da diese Nahrung den Menschen nicht diente, so staben sie bald dahin. In vielen Gemeinden starben wöchentlich 10 –14 erwachsene Personen aus Mangel an Nahrung (siehe Figur 5). Die Regierung unseres Kantons verfügte, dass jede Gemeinde ihre Armen selbst zu versorgen habe. In einigen Gemeinden, wo bessere Einrichtungen waren und bedeutendes Armengut vorhanden war, wurden sie kräftig unterstützt, in einigen aber viel zu schwach. Daher kam es zur Auswanderung; auch diesem wurde bald Einhalt geboten. Überall wurden Polizisten aufgestellt, die von den Auswanderern ein gewisses Reisegeld sehen wollten – widrigenfalls ihr Weiterkommen gehemmt wurde (siehe Figur 1).
Ein "einziges Ey" kostete damals rund einen Tageslohn, also nach heutiger Kaufkraft ca. 250 Franken, 1 kg "Erdäpfel"
2 Tageslöhne (heute 600.-) oder ein "ganzes Brodt"
15 Tageslöhne, rund 4'000 heutige Franken...
O! grosses Elend! O! unerträgliche Hungers-Noth!
Welche die Menschen zu grossem Zwang und
Gewallt nöthigte, zu allerley unerhörten Lebens-Mitteln ihre Zuflucht zu nehmen; denn es musste nicht nur, nachdem dieser traurige Winter vorüber war und die Erde, durch Gottes Güte, wieder etwas hervorbrachte, allerley Gras und Kräuter
den Armen zur Nahrung dienen, ...
Doch auf Regen folgt wieder Sonnenschein: Das Jahr 1817 war so gesegnet, dass alle Früchte bedeutend abschlugen, die Teuerung nahm ein Ende.
Reichsgraf von Rumford, ein amerikanischer Physiker in bayrischen Diensten, erfand diese Suppe für Armeesoldaten - sie soll besonders "preiswert, aber nahrhaft" gewesen sein.
Diese Suppe wurde in vielen Dörfern des Thurgaus in grossen Mengen zur Speisung der Armen und Hungernden zubereitet und ausgegeben.
In Winterthur waren das täglich 1'400 Portionen:
Mancherorts haben grossherzige Adlige die Ausgabe der Armensuppe finanziert, so die Familie Scherrer vom Schloss Kastel in Tägerwilen oder die Zollikofer vom Schloss Hard in Ermatingen.
Ganz so nahrhaft wird diese Suppe allerdings nicht gewesen sein: eine Portion enthält gleich viel Nährwert wie zweieinhalb Reihen Schokolade.
Und das als einzige Mahlzeit des Tages ... zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben.
Bettelnde, gezeichnet von Armut, Krankheit, Kriegsverletzungen oder Alter.
Aquarellierte Federzeichnungen, Daniel Düringer (1720-1786), Steckborn
Aus dem Armengesetz 1712:
"Bettler, Strolche, Heiden, Zigeuner und Landstreicher soll man allen Orten abschaffen, sie zurück wieder aus dem Land weisen, und wenn sie sich weigern oder mit Diebstahl sich vertraben, dieselben abprügeln, auf die Galeeren schicken, peinigen oder gar hinrichten."
Missernten, Teuerung und Arbeitslosigkeit trieben grosse Teile unserer Bevölkerung in die Armut und die Bettelei. Besonders häufig traf es Witwen und Waisen (3/4 der Armen waren Frauen), Verunfallte und Invalide (viele ehemalige Söldner), Alte und Kranke, körperlich oder geistig Behinderte, Knechte, Mägde und Tagelöhner.
Hungersnöte verschärften dieses Elend noch drastisch.
Ein Herisauer Bürger berichtete, während der Hungersnot hätten an einem Tag 900 Bettler an seine Türe geklopft. Man stelle sich das vor: das wäre jede Minute einer, den ganzen Tag lang.
Hilfe nur für Bürger
Die Armenfürsorge war lange Aufgabe der Kirchen, die dafür einen Armenfonds unterhielten. Dieser wurde aus Kirchensteuern oder oft durch grosszügige Zuwendungen reicher Familien geäuffnet.
Allerdings wurde nur für die Bürger der eigenen Gemeinde gesorgt - bettelnde "Hintersassen" oder Bürgerlose wurden verprügelt und aus der Gemeinde verjagt oder gekarrt, oft in regelrechten "Bettlerjagden".
"wegen Hungers aus dem Landt gezogen":
Noch eine Auswirkung hatten die Armut, der Hunger und das Elend: Viele Leute wanderten aus (nicht immer freiwillig; manchmal zahlte die Gemeinde die Reise) und erhofften sich so eine bessere Existenz.
Heute nennt man solche Migranten "Wirtschafts-flüchtlinge".
Unterstützung aus Russland:
Der russische Zar Alexander I. zeigte sich 1817 grossherzig: er schickte Getreide und 100'000 Rubel in die Ostschweiz, die dann (zum Teil erst nach langjährigen Streitereien) auf die Armenfonds der Gemeinden verteilt wurden.
(Man stelle sich das heute vor: "Putin saniert die Schweizer Sozialwerke"...)
In der Kirchenchronik von Raperswilen lesen wir:
Lesen Sie diesen eindrücklichen Bericht, wie einige Weinfelder während der Hungersnot 1771 nach Bellinzona marschierten, um dort je einen 50 kg-Sack Weizen zu kaufen und diesen auf ihren Schultern wieder zurück über die Alpen zu tragen...
Das Museum Herisau zeigt die Sonderausstellung
„Hatili und die Hungerkatastrophe 1816/17“
Die neue Sonderausstellung beleuchtet Ursachen, Auswirkungen und Folgen des tragischen Hungerjahrs, in dem "Haufen von Kindern Gras und Kräuter weideten".
Heute leidet im Wohlfahrtsstaat Schweiz mit den ausgebauten Sozialwerken kaum mehr jemand Hunger, doch weltweit sind das immer noch 800 Millionen Menschen.
Rund eine Milliarde Menschen lebt in "extremer Armut" und muss mit unter 1.25 $ pro Tag auskommen.
Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind auf unserer Welt (resp. stirbt an den Folgen von Unterernährung)!
Man zähle einmal...
Mich beeindrucken immer die Bücher von Jean Ziegler - er beschreibt das Schicksal der Notleidenden mit viel Einfühlungsvermögen und analysiert anschliessend die Ursachen dieses Schicksals messerscharf (zugegeben, etwas polarisierend und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen).
Zum Beispiel die verzweifelte Mutter in einer brasilianischen Favela, die abends Steine für ihre Kinder kocht und diese immer wieder damit vertröstet, es seien Kartoffeln - in der Hoffnung, die Kinder würden bald einschlafen...
Wie Sie das Thema "Hungersnot" resp. "Hunger" in der Schule aufnehmen können, lesen Sie hier.