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Sozialistischer Realismus Künstler in der Sowjetunion betrieben mehr als Schönfärberei
- Donnerstag, 20. April 2017, 17:23 Uhr
Mit Enthusiasmus reagierten russische Künstler vor 100 Jahren auf die Revolution und begründeten den Sozialistischen Realismus. Ein Kunststil, der immer hämischer wurde – und mit der Sowjetunion unterging. Ein Rückblick in acht Beispielen.
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1.Alexander Samochwalow: «Textilfabrik», 1929Vor 100 Jahren beflügelte die Utopie einer kommunistischen Gesellschaft junge russische Künstler. Sie stellten ihre Malerei in den Dienst dieser Ideologie und begründeten damit den Sozialistischen Realismus.
Wie viele Maler der revolutionären Frühzeit fokussiert Alexander Samochwalow auf die Menschen in der modernen, industriellen Arbeitswelt. Hier bildet er einerseits die Arbeit im Kollektiv und den technischen Fortschritt in der jungen Sowjetunion ab, andererseits ganz grundsätzlich die kommunistische Utopie der klassenlosen Gesellschaft.
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2.Juri Pimenow: «Wir errichten den Sozialismus», 1928Einen grossen Stellenwert erringt im Sozialistischen Realismus die Plakatkunst. Mit diesem Mittel bringt die Partei ihre sozialistischen Versprechen unter das Volk.
Künstler wie Juri Pimenow haben den Auftrag, die Realität nicht bloss abzubilden, sondern zu gestalten, den Menschen Handlungsanweisungen und Leistungsvorgaben zu vermitteln. Es geht darum, die kapitalistischen Gesellschaften zu überflügeln, wie Lenin in einer Rede 1921 postuliert hat.
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3.Alexander Gerassimow: «Stalin auf dem XVI.Parteikongress», 1930erDie junge Sowjetgesellschaft brauchte neue Heldenfiguren. Früh schon entwickelte sich deshalb ein hysterischer Personenkult um die Parteiführer, insbesondere Lenin und später Stalin.
Sie künstlerisch verewigen zu dürfen, wurde nur besonders linientreuen Künstlern wie Alexander Gerassimow gewährt. Zum Lohn erhielten sie Funktionärsstatus und Privilegien, und einige wurden sogar selber in Bildern und Statuen porträtiert.
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4.Kusma Petrow-Wodkin: «Einweihungsfeier», 1937Im Zuge von Stalins zunehmend brutaler Säuberungspolitik gerieten auch die Künstler unter enormen Druck. Abweichungen von der Parteilinie und vom Sozialistischen Realismus oder gar Kritik konnten Straflager oder Tod bedeuten.
Nur selten erkennt man im damaligen Kunstschaffen subversive Züge wie in Petrow-Wodkins «Einweihungsfeier»: Der Haufen Geschirr und Wäsche im Spiegel signalisiert, dass hier dreckige Wäsche gewaschen wird, dass Denunzianten und Verleumder am Werk sind, diejenigen Figuren nämlich, welche direkt die Bildbetracher ins Visier nehmen, förmlich zu belauern scheinen.
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5.Alexander Deineka: «Bau des kolchoseeigenen Kraftwerks», 1952Wie die Wirtschaft stand auch die Kunst in der Sowjetunion unter dem Druck, Erfolge auszuweisen. Alexander Deinekas Gemälde von der Inbetriebnahme eines kolchoseeigenen Kraftwerks ist ein typisches Anschauungsbeispiel – auch für die Schönfärberei, die mit solchen «Erfolgsmeldungen» jeweils einherging. Die Menschen sind schön, vital und gut gelaunt, und immer herrscht eitel Sonnenschein.
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6.Erik Bulatov: «Krasikov Street», 1977Nach Stalins Ableben 1953 und dem politischen Tauwetter unter Chruschtschow entwickelte sich allmählich eine künstlerische Untergrundszene, welche die Stilmittel des Sozialistischen Realismus umdrehte und zur Systemkritik verwendete.
Erik Bulatovs «Krasikov Street» macht das besonders anschaulich: Lenins zukunftsweisender Auftritt auf dem grossen Strassenplakat lässt die Menschen kalt, sie gehen achtlos daran vorbei – und erst noch in die Gegenrichtung.
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7.V.Komar/A.Melamid: «Visit to the Museum of the Revolution», 1981Ab den 1960er-Jahren flohen oder emigrierten einige russische Maler in den Westen. Vitaly Komar und Alexander Melamid setzten sich im New Yorker Exil besonders intensiv und durchaus sarkastisch mit ihrer künstlerischen Herkunft auseinander. Sie schufen unter anderem 1981/82 dieses allegorische Bild: Die russische Revolution als kronentragende Totgeburt.
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8.Vladimir Dubossarsky/Alexander Vinogradov: «At the Factory», 1995Auch in Russland selber wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit dem Sozialistischen Realismus abgerechnet.
Mit einiger Häme inszenieren Vladimir Dubossarsky und Alexander Vinogradov postsowjetische Fabrikhelden, die – anders als ihre Vorgänger – nicht mehr den sozialistischen Fortschritt vorantreiben, sondern die Dämonen der Vergangenheit schlachten.
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100 Jahre Russische Revolution
|Vor 100 Jahren fand die russische Revolution statt.|
|Doch im heutigen Russland wurde der Jahrestag kaum gefeiert,|
|Nach dem Sturz des Zaren im Februar übernahmen Revolutionäre wie Lenin und Trotzki das Sagen.|
|Viele von ihnen hatten sich zuvor im Exil in der Schweiz aufgehalten.|
|Das Zentrum Paul Klee und das Kunstmuseum in Bern widmen sich der Oktoberrevolution 1917 mit einer gemeinsamen Ausstellung. |
|Hier geht's zum Beitrag in der «Tagesschau» vom 12. April 2017|
|Die Ausstellung «Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!» läuft bis zum 9. Juli 2017.|
|Mehr Infos gibt's auf der Seite des Museums.|
Sendungsbeitrag zu diesem Artikel
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Sozialistischer Realismus – Vom Enthusiasmus zur Häme
Aus Kulturplatz vom 19.4.2017
Das Kunstmuseum Bern zeichnet die Entwicklungslinien im Kunstschaffen des Sozialistischen Realismus nach, von den Anfängen vor 100 Jahren bis in die jüngste Zeit. Eindrücklich wird sichtbar, wie der Anspruch ideologischer Volkserziehung die bildende Kunst ihrer kreativen Freiheit beraubt und sie in eine ästhetische Sackgasse treibt, aus der sie sich letztlich nur mit ironisch-sarkastischen Gegenschlägen wieder zu befreien vermag. Ein Crashkurs mit Kathleen Bühler, der Kuratorin dieses Teils der Ausstellung.
Pascal Derungs
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