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Nahe herangehen, mit kritischem Blick hinsehen und teilnehmen: Bereits als 21-Jähriger hielt der Fotograf und Filmemacher Danny Lyon die amerikanische Bürgerrechtsbewegung in den USA fest. Im Auftrag der Organisation Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) reiste er 1963 während eines Jahres durch den Süden der Vereinigten Staaten, um die Aufstände der Afroamerikaner zu dokumentieren – von Sitzblockaden über Protestmärsche bis hin zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen den Demonstrierenden und der Polizei. Danny Lyons Fotografien bestechen durch die Nähe zu seinen Motiven. Er dokumentiert seit den 1960er-Jahren nicht nur das Leben von sozialen Aussenseitern, sondern brachte sich auch in das Leben der Menschen ein, die vor seiner Kamera stehen. «Sobald Du mir eine Kamera in die Hand drückst, will ich den Menschen nahekommen. Nicht nur körperlich, emotional; in jeder Hinsicht», sagte Danny Lyon. Es ist eines der Zitate, die in der Retrospektive zu seinem fotografischen und filmischen Werk im Fotomuseum an der Wand steht.
Betrachtet man das Bild von der Verhaftung Taylor Washingtons, das auf dem Titelblatt des SNCC-Fotobuchs «The Movement» abgedruckt wurde, wird klar, dass bei Danny Lyon der dokumentarische und der subjektive Blick zusammenfallen. Auch bei seinem umfangreichsten Projekt über texanische Häftlinge, bei dem er 1967 Zugang zu sämtlichen Gefängnissen des Bundesstaates erhielt, tauchte er in das Leben seiner Protagonisten ein: Während 14 Monaten befasste er sich als einer der ersten mit dem inhumanen Strafvollzug in Texas. Dabei entstanden enge Freundschaften zu den Häftlingen, die es ihm wieder ermöglichten, die für sein Werk herausragende Nähe herzustellen. Danny Lyon verleiht seinen Subjekten ein Gesicht. Oder wie es Kurator Hugh Edwards 1966 beschrieb: «Die Bilder bitten nicht um ‹Hilfe› für diese Menschen, sondern um etwas viel Schwierigeres, dass man sich kurz und intensiv ihrer Existenz bewusst werde, einer Existenz, die so wirklich und so bedeutsam ist wie die eigene.»
Die Zeit im SNCC politisierte Danny Lyon. Doch er stieg noch vor der Radikalisierung der Bewegung aus – und widmete sich einer anderen Subkultur, den «Bikeriders»: Auch hier war er kurze Zeit Teil der Bewegung und stieg dann wieder aus, «ohne je zurückzublicken». Die Identifikation mit seinen Projekten entspricht dem Programm des «New Journalism», der in den 1970er-Jahren aufkam. «Ich habe diese Dinge als Themen betrachtet und mich selbst als Journalisten», sagte der Fotograf 2012 rückblickend. Danny Lyon versteht das Medium Fotografie als ein Mittel, um Geschichte festzuhalten, sie aber auch zu verändern. Mit seinen Bildern will er späteren Generationen etwas hinterlassen. «Message to the Future», so der Titel der Retrospektive im Fotomuseum, lenkt den Blick auf diese Botschaft an die Zukunft.
Die «Message to the Future» von Danny Lyon nicht mit Fotografie, sondern mittels einer Spoken-Word-Performance für die Schweiz im Jahr 2017 zu aktualisieren: Das ist die Idee des Auftritts von Amina Abdulkadir und Henri-Michel Yéré am 12. August im Fotomuseum. «Diese Zukunft ist jetzt», erklärt Amina Abdulkadir, weshalb sie und Henri-Michel Yéré in ihrer Performance keine weitere Botschaft an zukünftige Generationen formulieren, sondern mit der Ausstellung in einen Dialog treten wollen. Die beiden Kunstschaffenden versuchen eine Brücke zur Gegenwart und zur Schweizer Kultur zu schlagen. «Wir greifen die Themen Diskriminierung und Rassismus auf und behandeln sie aus unserer Perspektive», umschreibt Amina Abdulkadir das Vorhaben. Während sie sich performativ ebenfalls an der subjektiven Perspektive und der Beat Generation orientiert, wird Henri-Michel Yéré Literarisches von anderen Autorinnen und Autoren in Bezug auf die Bürgerrechtsbewegung rezitieren. Dabei treten die beiden – auf Deutsch, Englisch, Französisch und Mundart – zunächst in Dialog miteinander, anschliessend mit den Werken von Danny Lyon. Durch dieses In-Dialog-treten erhoffen sich die Kunstschaffenden, dem Publikum einen neuen Blick auf die Ausstellung zu ermöglichen. Zugleich fordern sie als Privatpersonen auch ein, dass man sich ihrer Existenz bewusst wird – so wie es Danny Lyon für seine Protagonisten einfordert.
Spoken-Word-Performance
Samstag, 12. August, 16 Uhr
Eintritt: CHF 10/8
Fotomuseum Winterthur
Grüzestrasse 44+45
www.fotomuseum.ch