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Der Steinkauz ist nach dem Sperlingskauz und der Zwergohreule die drittkleinste einheimische Eule. Er ist recht klein, gedrungen, kurzschwänzig aber langbeinig und hauptsächlich in der Dämmerung und zur Nachtzeit, aber teils auch tagsüber aktiv. Wer ihn schon einmal beobachten konnte, schwärmt von seinem aufgeweckten und koboldhaften Verhalten mit Kreisen und Drehen des Kopfes und aufgeregtem, ruckartigem Verbeugen, Schwanz- und Flügelzucken, wenn er etwas entdeckt hat, erregt oder in Brutlaune ist.
Männchen und Weibchen sind gleich gefärbt. Ihr Federkleid ist oberseits braun und hell gefleckt und unterseits hell und dunkel gezeichnet. Den relativ grossen, ausdrucksstarken Kopf zieren zwei V-förmig über den schwefelgelben Augen und dem graugelben Schnabel angelegte auffallende crème-weisse Überaugenstreifen sowie einen schwach ausgeprägten, hellbraunen Gesichtsschleier. Seine langen Beine sind befiedert.
Weitgehend unbekannt ist das sogenannte "Scheingesicht", das seinen Hinterkopf mit teils übergrossen Nachbildungen von Augen und Überaugenstreifen zeichnet und auch bei anderen Kleinkäuzen zu beobachten ist. Wissenschaftlich wird es als Okzipitalgesicht bezeichnet. Ob es eine feindabwehrende Wirkung bezweckt oder in der Anpaarungsphase zwischen den Partnern eine Rolle spielt, ist noch nicht endgültig geklärt.
Wie der Haussperling oder die Strassentaube, die Hausmaus, die Winkelspinne, die Stubenfliege oder Unkraut-Pflanzen, ist auch der Steinkauz ein sogenannter Kulturfolger. Sie alle und einige weitere Tier- und Pflanzenarten folgen dem Menschen seit Jahrtausenden in seinen Siedlungsraum und seine Behausungen, weil sie dort für sich vorteilhafte Lebensbedingungen finden.
So erstaunt es nicht, dass auch unser Vogel des Jahres für sein erfolgreiches Überleben ein reichstrukturiertes, möglichst offenes Kulturlandschafts-Mosaik benötigt. Dazu gehören alte Baumbestände mit genügend Bruthöhlen und Jagdwarten, Hochstammobstgärten mit ganzjährig kurzer Vegetation, Extensiv-Wiesen und Hecken. Er schätzt auch alte Gebäude und Steinmauern, in denen er Einstände findet und sich fortpflanzen kann. Dieser Lebensraumtyp ist über die Jahrzehnte vor allem durch Intensivierung und Rationalisierung in der Landwirtschaft, Verschwinden der Streuobst- und Altbaumbestände, Verlust von extensiven Mähwiesen und Kleinstrukturen sowie Rückgang von Grossinsekten leider immer seltener geworden und teilweise ganz verschwunden. In der Folge sind deshalb auch die Brutbestände überall stark zusammengebrochen; in unserem Land auf ein Minimum von wenigen Revieren in den Endneunzigerjahren.
Wie dramatisch der Bestandsniedergang in unserem Land zwischen den 50er-Jahren und der Jahrtausendwende wirklich war, illustrieren auf eindrückliche Weise die beiden Verbreitungskarten aus dem Brutvogelatlas 2013-2016 der Schweizerischen Vogelwarte.
Inzwischen ist durch vereinte Schutzaktivitäten von BirdLife Schweiz und seinen Partnern die ehemalige kleine Restpopulation von nur noch 50-60 Brutpaaren bis heute wieder auf erfreuliche rund 150 Reviere angestiegen. Für eine kontinuierliche Erholung des Bestands und eine langsame Wiederausbreitung der kleinen Eule gibt es aber noch viel zu tun. Dazu müssen die bestehenden Lebensräume weiterhin konsequent geschützt, ergänzt und aufgewertet werden.
Die Brutgebiete des Steinkauzes liegen in den gemässigten, mediterranen Steppen- und Wüstenzonen von Eurasien und erstrecken sich von der Atlantik- bis zur rund 10'000 km entfernten Pazifikküste. Weitere grosse Lebensräume bewohnt der Steinkauz auch in Nord- und Nordost-Afrika sowie in Vorderasien. In Gross-britannien wurde die Eule in den 1870er–80er Jahren gezielt angesiedelt.
Der Steinkauz mit seinen 13 Unterarten ist also in einem sehr grossen Areal und mit einer geschätzten Population von 5¬–10 Millionen Brutpaaren weitverbreitet und gilt über das gesamte Verbreitungsgebiet als nicht gefährdet. Anders sieht es in Mitteleuropa aus, wo die kleine Eule überall unter starkem Druck steht und auf den nationalen Roten Listen als gefährdet oder wie bei uns sogar als stark gefährdet eingestuft ist. Auf dem amerikanischen Doppelkontinent ist der Steinkauz nicht vertreten.
Hat sich ein Paar gefunden und in einem passenden Lebensraum etablieren können, verteidigen die beiden Partner ihr Revier vehement gegen Eindringlinge und benutzen den einmal gewählten Neststandort zur Fortpflanzung dann über mehrere Jahre, während denen sie in der Regel zusammenbleiben. Ihre enge Bindung bestärken sie immer wieder durch soziale Gefiederpflege, feines gegenseitiges Schnäbeln, Aneinanderkuscheln und leisem, liebevollem Quieken.
Früh im Jahr beginnt eine intensive Balzzeit mit demonstrativen Revierflügen,
Beuteübergaben, Höhlenzeigen, sozialem Kraulen und Beknabbern sowie häufigen Begattungen, die oft von charakteristischen Rufen begleitet werden. Ab zweiter Aprilhälfte legt das Weibchen dann drei bis fünf, selten bis acht Eier, die es allein in knapp einem Monat ausbrütet. Während dieser Zeit wird es fürsorglich vom Männchen gefüttert.
Nach einer Brutdauer von 27–28 Tagen schlüpfen die Küken blind und tragen ein feines, weisses Dunenkleid. Sie sind aber noch völlig hilflos und benötigen in der Bruthöhle für rund einen Monat intensive Betreuung durch beide Eltern, wobei sie hauptsächlich vom Weibchen gehudert (gewärmt) werden. Solche Nestlinge bezeichnet man als Nesthocker im Gegensatz zu Nestflüchtern, die ganz kurz nach dem Schlüpfen das Nest verlassen und sofort laufen, schwimmen und Futter aufnehmen können. Alle Hühner- und Entenvögel sind zum Beispiel Nestflüchter.
Beim Füttern sperren (betteln mit weitem Schnabelaufreissen und Halshochstrecken) die jungen Steinkäuze wie Singvögel. Nach 30–35 Tagen verlassen sie, noch nicht flügge, als sogenannte Ästlinge die Höhle und klettern in den nahen Ästen herum; sie kommen aber bis gegen den 46. Tag immer wieder zum Ruhen und Schlafen in die Nestwärme zurück. Nach 2–3 Monaten sind sie selbständig und verlassen dann das Brutrevier ihrer Eltern. Die Sterblichkeit unter den Jungvögeln ist im ersten Lebensjahr mit über 70 Prozent sehr hoch.
Dabei fallen die Jungkäuze vor allem Hauskatzen, Mardern und Greifvögeln zum Opfer, teilweise aber auch längeren Kälte- und Nässeperioden.
Eulen haftet durch ihr nächtliches Dasein ein Hauch des Unheimlichen und Geheimnisvollen an. So galten sie Menschen einst als Hexen- und Zaubervögel und Abgesandte dunkler Mächte. Kaum eine andere Eule ist in unserer Kulturgeschichte so tief verwurzelt wie der Steinkauz. Lange wurde er als Totenvogel verfolgt und mancherorts zur Abwehr von Blitz und Feuer, Unheil und Tod an Scheunentore und Türen genagelt.
Heute empfinden wir für seine nächtliche Lebensweise eher eine staunenswerte Bewunderung. Und wenn wir ihm einmal überraschend tagsüber begegnen und er uns mit drolligen Bücklingen und seinen stechend-gelben Kulleraugen begrüsst, ist er uns definitiv zum koboldhaften, bezaubernden Kauzenvogel geworden.
Ebenso bewundert wurde der Steinkauz schon weit vor Christi Geburt von den alten Griechen, die ihn zum Wappenvogel und Begleiter der Weisheits- und Glücksgöttin Athena (Pallas Athene) bestimmten. Athena war auch Namensgeberin und Schutzgöttin von Athen, und der dort weitverbreitete Steinkauz wurde damit zum städtischen Wahrzeichen. Die bekannte Redewendung Eulen nach Athen tragen bezieht sich also auf den Steinkauz. Sie besagt, dass es sinnlos ist, etwas zu tun, das es schon im Überfluss gibt, also zum Beispiel Steinkäuze (Eulen) nach Athen zu bringen, weil es von denen dort schon genug gibt.
Zu erwähnen bleibt noch, dass dem Steinkauz eine dreifache "Ehrung" widerfahren ist. Erstens wurde er schon vor über 2000 Jahren auf der altgriechischen Tetra-drachme abgebildet und ziert seit dem Jahr 2002 nun auch noch die heutige griechische Euro-Münze.
Zweitens wurde ihm schon vor über 250 Jahren der wissenschaftliche Name Athene noctua, also nächtliche Athene, zugeteilt. Und drittens hat ihn der frühere, langjährige Präsident und Vorstand des NVVM als Wappenvogel unseres Vereins eingeführt. Der Steinkauz gehörte ehemals eben zur Münchensteiner Vogelwelt; heute steht er für uns im Logo gar als Hoffnungsträger für eine erwartete Neuansiedlung.
Ist der Steinkauz eine Eule? Ja – definitiv. Weshalb heisst dann der Steinkauz nicht Steineule? Mhh … jetzt wird's schwierig. Fest steht, dass einerseits die Bezeichnung Eule als Oberbegriff für alle fast 240 weltweit vorkommenden Eulenarten verwendet wird. Andererseits wurde schon vor langer Zeit die eine Hälfte dieser Arten ohne zoologische Systematik als Eule, die andere Hälfte als Kauz bezeichnet. So scheint es, dass die Differenzierung zwischen Eule und Kauz eine Besonderheit der deutschen Sprache ist, die so in Europa nirgends sonst üblich ist. Denn im Englischen heissen alle Eulen owl oder im Niederländischen uil.
Man hat schon versucht, eine gewisse Ordnung in die beiden Bezeichnungen zu bringen und Eulen die Attribute gross, kräftig, mit Federohren, den Käuzen dagegen die Merkmale klein, gedrungen, ohne Federohren zuzuordnen, scheiterte dann aber schnell bei der grössten und kleinsten Art, dem Bartkauz und der Zwergohreule, weil bei beiden diese Merkmale überhaupt nicht zutreffen. So wird vermutet, dass beide Ausdrücke eher einen lautmalerischen Ursprung haben könnten, der durch die teils unheimlich heulenden und klagenden Rufe dieser Vögel geprägt wurde.
Vielleicht könnte die Unterscheidung zwischen den beiden Bezeichnungen auch in einer psychologischen Wertung liegen, die Eulen als bedacht und weise, Käuze hingegen als tollpatschig, dusselig oder verschroben einteilt. Eigenbrötlerische Menschen werden bei uns bekanntlich schnell als Kauz oder kauzig bezeichnet. Zu den zwei oben gestellten Fragen gibt es also nur eine klare Antwort.
Auch dieses Jahr mein Hinweis auf die informative Homepage von BirdLife Schweiz (www.birdlife.ch). Nebst dem eindrücklichen Kurzvideo über den Vogel des Jahres 2021, empfehle ich Interessierten, die noch mehr über den Steinkauz erfahren möchten, wärmstens den ausgezeichneten PowerPoint-Vortrag und für Lehrpersonen das Schuldossier, die beide im BirdLife-Shop bestellt oder gleich gratis heruntergeladen werden können.
Und zum Schluss habe ich wie in den Vorjahren die wichtigsten Stichworte zum Vogel des Jahres 2021 in kompakter Form zusammengestellt:
: Vögel (Aves)
Ordnung: Eulen (Strigiformes)
Familie: Eigentliche Eulen (Strigidae)
Artname wissenschaftlich: Athene noctua (Scopoli, 1769)
Artname deutsch: Steinkauz
Artname französisch: Chevêche d'Athéna
Artname italienisch: Civetta
Artname rätoromanisch: tschuetta da la mort
Artname spanisch: Mochuelo Europeo
Artname englisch: Little Owl
Artname volkstümlich: "Wiggle", "Wäckerle", "Epfelchütz", "Dootechutz", "Chummittli"
Körpergrösse: 21–23 cm
Flügelspannweite: 54–58 cm
Gewicht: Männchen 105–210 g, Weibchen 120–226 g
Kennzeichen: Kleine, gedrungene, kurzschwänzige, langbeinige, dämmerungs- und nachtaktive Eule, mit "ernstem" Gesichtsausdruck und koboldartigem Verhalten
Stimme:
Rufe: Reich differenziertes Repertoire variabler miauend, kläffend und keckernd klingender Laute wie 'kwiu', 'klu', 'kikiki'. Die Stimmen beider Geschlechter sind weitgehend identisch. Nestjunge schirken, das heisst sie äussern vom ersten Lebenstag an bei Angst, Kontaktmangel oder Kälte Unlustlaute wie 'srii' oder 'chriih'
Reviergesang: Gedehnte, klangvolle 'guhk'-Strophen der Männchen erwidern Weibchen mit kürzeren, rauer klingenden Tonfolgen
Instrumentallaute: Bei Störung und Abwehr Schnabelknappen (schnelles hölzern klingendes Aufeinanderschlagen von Ober- und Unterschnabel mit klackendem Ton)
Verbreitung: Gemässigte, mediterrane Steppen- und Wüstenzonen Eurasiens von der Atlantik- bis zur Pazifikküste, in Vorderasien sowie Nord- und Nordost-Afrika; Gesamtfläche 52,7 Millionen km2
In der Schweiz liegen die Brutgebiete in den vier Regionen Ajoie (JU), Seeland (BE/FR), Genf und Südtessin
Lebensraum: Reichstrukturierte offene und halboffene Kulturlandschaft mit Hochstamm-Obstgärten, alten Baumbeständen, Extensiv-Wiesen, Hecken, Jagdwarten, alten Gebäuden und Steinmauern
Zugverhalten: Brut- und standorttreuer Jahresvogel. Jungvögel siedeln sich im Umkreis von nur wenigen Kilometern an
Nahrung: Als Bodenjäger vielseitiger Nahrungs-Opportunist: Grossinsekten (Laufkäfer, Grillen, Heuschrecken, Nachtfalter), Regenwürmer, Kleinsäuger und seltener kleine Amphibien, Reptilien und Sperlingsvögel
Neststandort: Nördlich der Alpen in Baumhöhlen oder Brutkästen; im Tessin hauptsächlich in Gebäudenischen. Das Gelege wird auf dem ungepolsterten Höhlengrund ausgebrütet
Gelegegrösse: 3–5 (1–8) Eier
Brutdauer: 27–28 Tage. Das Weibchen brütet und wird vom Männchen gefüttert
Nestlinge: Bedunte Nesthocker
Jahresbruten: In der Regel 1 Brut; Zweitbruten sind selten. Bei frühem Verlust wird eine neue Brut mit einem Ersatzgelege und meist mit einem Höhlenwechsel versucht
Alter: Älteste, beringte Individuen 15.6 und 9.5 Jahre. Die durchschnittliche Lebenserwartung dürfte jedoch viel tiefer bei 3–4 Jahren liegen
Bestand Eurasien: 5–10 Millionen Brutpaare (BirdLife International 2021)
Bestand Mitteleuropa: 0.5 Millionen Brutpaare
Bestand Schweiz: 115–150 Brutpaare (2013-2016)
Gefährdung:
Möchtest du diesen Bericht ausdrucken? Du findest den Bericht über den Steinkauz hier zum Download.
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