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Wer im «Kusto» speist wird im Verlaufe des Menus früher oder später wahrscheinlich auch die Sauce «Belasco» kosten – eine Kreation von Simone Pinjami, die salzige, süsse, scharfe und rauchige Noten zu einem einzigartigen Geschmack verbindet. Mit dem Namen dieser Sauce will die Köchin an den Pianisten Lionel «Lanky» Belasco erinnern, der um 1930 mehrmals im «Kusto» auftrat – damals, als das Lokal noch die erste Adresse in Sachen Jazz auf der Insel war.
Lionel Belasco kam um 1882 in Hastings (Barbados) zu Welt. Er stammte wie die meisten Instrumentalisten seiner Zeit (ausser den Perkussionisten) aus einer Mittelklasse-Familie. Seine Mutter war eine kreolische Klavierlehrerin aus Trinidad. Sein Vater Butin Belasco war ein Sepharde, der Bariton sang, Orgel und Geige spielte. Lionel Belasco erhielt eine Ausbildung in klassischer Musik. Ganz zum Missvergnügen seiner Eltern interessierte er sich jedoch früh für das wilde Leben am Rande der Gesellschaft: für archaische Rituale, Hahnenkämpfe, Stockkämpfe und vor allem auch das, was er «Bush Music» oder «Jungle Music» nannte (Calypso, Kalindar, afro-karibische und südamerikanische Ritualmusik). – Um 1900 gründete Belasco eine eigene Band in Port of Spain (Trinidad). Das schien ihm damals «the most cosmopolitan place in the world for ist size. It‘s like Hong Kong. You have every nationality in the world there.» Wie viele seiner Zeitgenossen (Donowa, Lovey, Merrick) adaptierte auch Belasco Strassenmusik (Motive des Karnevals von Trinidad) für das Piano und damit für die Aufführung im Innenraum.
In den Jahren nach 1900 spielte Belasco als Pianist für eine Britische Firma, die in der südlichen Karibik Filme vorführte: «We were the first ones ever to put movie pictures machines in those little settlements and sometimes they would give us eggs and chickens as entrance fees.» In diesem Zusammenhang gelangte Belasco am 29. März 1906 auch nach Port-Louis. Das war zugleich das erste Mal, dass die Insel das Licht der Kinematographie erblickte (der Tag, ein Donnerstag, ist bis heute in einem etwas bizarren Wortspiel erinnert: «Je di je di du cinema»).
Am 3. September 1914 nahm Belasco in Trinidad seine ersten Stücke auf und fuhr wenig später nach New York. In den folgenden Jahren war er mit unterschiedlichen Formationen auf Tournee, realisierte Aufnahmen und bespielte auch Klavierrollen (für QRS) – zwischendurch hielt er sich immer wieder entweder in New York oder Trinidad auf. In den späten 1920er Jahren spielte «Lanky» einige Stücke mit westindischen Musikern ein (etwa mit dem Calypso-Sänger Wilmoth Houdini).
Zu den charmantesten Stücken, die Lionel Belasco in den 1930er Jahren aufgenommen hat, gehört sicher auch dieser karibische Walzer mit seiner wunderbar melancholischen Trompeten-Stimme. Simone Pinjami hat ihn uns unter dem Titel «Promenade in Santa Lemusa» vorgestellt. Laut anderen Quellen allerdings heisst das Stück «The Palms of Maracaibo». Die Aufnahme wurde vermutlich 1930 in New York realisiert.
In jener Zeit machte Belasco zwischen New York und Trinidad auch immer wieder auf einzelnen Inseln der Karibik halt – auch auf Santa Lemusa, wo er mehrfach und in unterschiedlichen Formationen in dem 1923/24 gegründeten Jazz-Lokal «Kusto» auftrat. Ein wahrscheinlich letztes Mal spielte er dort am 24. Mai 1931. Zur Bewerbung dieser «Soirée Jazz» liess das «Kusto» damals (bei Alizé) ein wunderschönes Plakat drucken, das im Stil ein wenig an die Grafik von A.M. Cassandre erinnert (ein Exemplar hängt heute noch über dem Schreibtisch von Simone Pinjami). Die auf dem Plakat angekündigte Performance trug den Titel «Atlantic» – vielleicht ein Vorbote der vielen Reisen, die Lionel Belasco in den kommenden Jahren zwischen der Karibik, Europa und Nordamerika unternehmen sollte.
Ab den 1940er Jahren arbeitete Belasco regelmässig mit der Sängerin Massie Paterson zusammen, später auch mit Gracilia Faulkner. In den 1950er Jahren tourte er hauptsächlich durch die Vereinigten Staaten. Auch im hohen Alter gab «Lanky» noch Konzerte, nahm aber kaum noch Platten auf. Als er am 24. Juni 1967 in New York im Alter von 85 Jahren starb, arbeitete er gerade an der Vertonung eines Stücks mit dem Titel «The Rajah of the Islands». - Die Musik von Lionel Belasco ist typisch für eine kreolische Mittelkasse-Musik, wie man sie in ganz Amerika finden kann. Ab dem späten 19. Jahrhundert, als die Epoche der Sklaverei endgültig vorüber war, wurden vor allem in den Städten neue Musikstile erfunden, die sowohl von der europäischen Musiktradition des Bürgertums wie auch von der afroamerikanischen Kultur der Plantagen-Arbeiter inspiriert waren – und sich doch auch sehr deutlich davon unterschieden.
First Publication: 5-2006
Modifications: 19-2-2009