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Im Blickpunkt …
Zu den schönsten Texten in der Bruder Klaus Literatur zählen die drei Visionen, die Caspar am Büel (Ambühl), ein Sohn der Verena von Flüe in Altsellen, vor 1500 überliefert hatte (Quelle 068). Der Anfang der Handschrift fehlt allerdings. Dann folgt zuerst die Episode mit dem Fremden, der zunächst aussieht wie ein Pilger mit Hut und Stab, dann aber sein Aussehen mehrmals ändert – Pilgervision.
Der vornehme Mann antwortet zwar nicht auf die Frage, woher er komme. Bruder Klaus, noch im Wohnhaus auf der Schiblochmatte im Flüeli, sieht ihn aber aus dieser Richtung herkommend, wo im Sommer die Sonne aufgeht (Sommer-Sonnenwende, im 15. Jahrhundert wegen der Kalenderabweichung von 9 Tagen der 12. Juni, Julianischer Kalender). Es wurde auch schon gesagt, dass die Sonne am 21. Juni (Gregorianischer Kalender) in jener Richtung aufgeht, die im Weiteren auf Einsiedeln zeigt. Wenn wir auf der Karte beim Hügel «Oberbüel» (zwischen Flüeli und Sarnen) den Azimut 52,34° (von Süden aus) setzen, sehen wir, dass das genau zutrifft. – Wie auch immer die Geografie mitspielt, viel naheliegender ist, dass eben die Sonne selbst aus dieser Richtung kommt. Ist der Pilger eine Verkörperung der Sonne selbst, des Gestirns oder sogar einer Person, die einen entsprechenden Hoheitstitel trägt?
Nun die Tage um die beiden Sonnenwenden hatten bei vielen Völkern eine kultische, religiöse Bedeutung – auch im Christentum samt Alttestamentlicher Tradition. 275 wurde durch Kaiser Aurelian der Geburtstag des «Sol Invictus» (unbesiegbare Sonne, die Sonne ist aber im Latein und im Altgriechischen grammatikalisch männlich) auf den 25. Dezember festgelegt. Warum aber nicht der 21., der Tag der Winter-Sonnenwende? Dieser Gott war irgendwie eine Mischung der griechischen Götter Helios und Apollos sowie des persischen Mithras. Es wird gesagt, dass seit dem 4. Jahrhundert der Geburtstag Jesu Christi genau auf diesen Tag, den 25. Dezember, festgelegt wurde, um das alte heidnische Fest zu überformen, zu überhöhen. Gibt es biblisch einen symbolischen Zusammenhang zwischen dem erwarteten Messias und der Sonne? Ja.
Das letzte Buch des Alten Testaments enthält Worte des Propheten Maleachi. Der Vers 3,20 (Vulgata 4,2) lautet: «Für euch aber, die ihr meinen Namen achtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, und ihre Strahlen werden Heilung bringen. Ihr werdet hinausgehen und vor Freude hüpfen wie Kälber, die auf die Weide gelassen werden.» – Wird also aus dem römischen Sol Invictus der Sol Iustitiae (Vulgata – in der griechischen Septuaginta: Hëlios Dikaiosynës, in der hebräischen Bibel: Schëmësch Zĕdakah)? In der christlichen Liturgie wurde um 800 diesem Titel ein bestimmter Tag zugeteilt. Die «Sonne der Gerechtigkeit» kommt hier aber nicht am 25. sondern am 21. Dezember zur Sprache, also am Tag der Sonnenwende. Die O-Antiphon dieses Tages lautet:
O Oriens,O Aufgang,
splendor lucis aeternae, Glanz des ewigen Lichtes,
et sol justitiae, und Sonne der Gerechtigkeit,
veni, et illuminakomm und erleuchte uns,
sedentes in tenebrisdie wir sitzen in Finsternis
et umbra mortis.und im Schatten des Todes.
Licht und Finsternis (Abwesenheit des Lichtes) werden auch an mehreren Stellen im Johannesevangelium christozentrisch thematisiert. – Finsternis ist auch die Abwesenheit von Liebe, Weisheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden.
Der Titel «Sol Justitiae» (Sonne der Gerechtigkeit) kommt nun also im christlichen Glauben Jesus, bzw. dem Messias bei Maleachi, zu. Und in der erwähnten Pilgervision? – Der fremde Pilger vom Sonnenaufgang ändert das Aussehen, legt Hut und Mantel ab, erscheint in einem blauen Kleid und geht dann seinen Leidensweg zur Kreuzigung. Er ist die Wahrheit (Joh 14,6), der die Menschen den Rücken zu wenden (vgl. Jer 32,33), während an deren Herzen ein grosses Geschwür wuchert, der Eigennutz – Lüge, Ungerechtigkeit und Unfriede. Diese Wahrheit erhält ein menschliches Antlitz im Schweisstuch der Veronika (Legende um Lk 23,27). Schliesslich erscheint Jesus in der Pilgervision von Bruder Klaus als der Sieger im goldglänzenden Bärenpanzer. Die Bärenhaut gab es bei vielen Völkern als Panzer, der Körperform, den Muskeln, angepasst – Muskelstruktur von Brust und Bauch werden nachgebildet. Mehr Bewegungsfreiheit als bei einem Eisenpanzer oder Kettenhemd, leicht, mittlerer Schutz gegen Schwert- oder Hellebardenhiebe, nicht aber gegen Stiche und Pfeile. Die Rüstung aus Bärenleder hatte bisweilen Metallbeschläge und -verzierungen, die im Sonnenlicht blitzten.
Im biblischen Sinne bedeutet «Gerechtigkeit» zugleich immer auch: Barmherzigkeit und Treue. Gottes Gerechtigkeit ist also auch Barmherzigkeit und Treue im Sinne von Festigkeit, Beständigkeit. Jesus gilt im christlichen Glauben auch als der König der Gerechtigkeit, in althebräischer Sprache: «Melchi Zedek». Jesus der siegreiche Held. «Der Name Jesus sei euer Gruss», so eröffnet Bruder Klaus seine Briefe an die Räte von Konstanz und Bern (Quelle 026 und Quelle 031). Und die Wahrheit ist: Jeschajahu (Jesus) ist die Mensch gewordene Liebe aus dem Herzen Gottes, und diese ist unsterblich. «Der Held aus Juda siegt mit Macht und schliesst den Kampf.» (Joh. Seb. Bach, Johannespassion)
Die O-Antiphonen sind auch im Adventslied «Gott (Herr), send herab uns deinen Sohn» (Gotteslob 112, Kath. GB Schweiz, 304, GB ev. Schweiz 362) enthalten. Einen symbolischen Zusammenhang mit der Sonne finden wir auch in anderen Liedern der Adventszeit.
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