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21 Mal schlägt der kubanische Hochspringer Javier Sotomayor die magische Marke von 2,40 Meter. Seit 22 Jahren hält er den Weltrekord. Doch am Ende kann ihn auch sein Freund Fidel Castro nicht retten.
Das wahnwitzige Talent des Javier Sotomayor zeichnet sich schon während seiner Teenager-Zeit ab. Als 14-Jähriger überwindet der kubanische Nachwuchs-Hochspringer die Zwei-Meter-Marke mit Leichtigkeit – mit 16 gelingt ihm erstmals ein Satz über 2,33 Meter.
Knapp zwei Jahre später, 1985, muss sich der 1,93-Meter-Mann an der Hallen-WM in Paris nur dem Schweden Patrik Sjöberg geschlagen geben und gewinnt Silber. Es ist der Auftakt zu einer Phase absoluter Dominanz, die bis zur Jahrtausendwende anhalten sollte.
Siebenmal WM-Gold und dreimal Silber holt der nervenstarke Sotomayor im Laufe seiner Karriere. Nachdem er die Olympischen Spiele von 1988 verpasst, weil die kubanische Mannschaft die Austragung aus Solidarität mit Nordkorea komplett boykottiert, steht er 1992 in Barcelona ganz zuoberst auf dem Podest. Vier Jahre später muss er verletzungshalber passen, aber mit 32 holt er 2000 in Sydney noch einmal Silber.
Der Ausnahmekönner, der neben seiner Sportlaufbahn auch eine Ausbildung als Lehrer absolviert, beeindruckt mit einer einzigartigen Technik. Galoppartig beschleunigt er während den ersten seiner 14 Schritte, macht im Mittelteil zwei elegante Hüpfer, bevor er explosionsartig wieder zu maximalem Speed aufdreht. Beim Absprung stösst er sich mit seinem starken linken Sprungbein ab und schraubt sich mit beiden Armen voraus in die Luft.
Mit dieser Technik knackt der Kubaner im September 1988 den Weltrekord seines Widersachers Sjöberg und verbessert die eigene Bestleistung ein Jahr später noch einmal auf 2,44 Meter – die exakte Höhe eines Fussball-Tores.
Lange Zeit gilt diese Marke als unantastbar. Auch Sotomayor selbst kann ihr vier Jahre lang nicht einmal mehr annähernd gefährlich werden. Bei seiner Olympia-Gold-Kampagne von 1992 reicht ein sieben Zentimeter schlechterer Sprung für den Sieg.
Am 27. Juli 1993 ist es dann doch soweit. Das erfolgreichste Jahr seiner Karriere (Gold bei der WM in Stuttgart, Gold bei der Hallen-WM in Toronto) krönt er beim Meeting im idyllischen spanischen Städtchen Salamanca am Ufer des Rio Tormes mit einem neuen Weltrekord über 2,45 Meter, der bis heute Bestand hat.
Sotomayor nützt die Aufmerksamkeit für eine indirekte Liebeserklärung an seine Heimat: «Ich wollte den Rekord unbedingt hier brechen, weil Salamanca eine kleine Stadt ist, in der ich mich wie zuhause in Kuba fühle. Die Leute erkennen mich auf der Strasse und fragen wie es mir geht – die Kinder umringen mich. Es ist wunderbar.»
Überhaupt zählt der Weltrekordler als einer von Fidel Castros prominentesten Unterstützern. Vor der WM 1995 in Göteborg gibt er dem kubanischen Staatsoberhaupt allen Kredit für seine Erfolge: «Ich bin ein Produkt von Castros Kuba, seine Idee einer sozialen Gesellschaft hat es mir und vielen anderen Sportlerinnen und Sportlern ermöglicht, Weltklasse zu werden. Dafür bin ich ihm für immer dankbar.»
Diese Treue bringt ihm in seiner Heimat grosse Popularität. Obwohl westliche Autos in Kuba verboten sind, darf er mit seinem roten Mercedes, den er an der WM 1993 in Stuttgart gewonnen hat, ungestraft in Havanna spazieren fahren. Seine Landsleute missgönnen ihm den Luxus nicht, sondern sind stolz auf ihn.
Noch handfester profitiert Sotomayor von seiner engen Bande zu Castro 1999 während der dunkelsten Wochen und Monaten seiner Karriere. Bei den Panamerikanischen Spielen in Winnipeg wird der Hochspringer positiv auf Kokain getestet und anschliessend mit einer zweijährigen Sperre belegt.
Kurzerhand stellt sich der kubanische Verband hinter seinen Athleten und dank der Intervention von Fidel Castro wird die Sperre bereits einen Monat nach dem Urteil auf ein Jahr verkürzt, obwohl mittlerweile auch eine zweite positive Dopingprobe aufgetaucht ist. Die absurde Begründung des internationalen Leichtathletikverbandes: Der «König der Lüfte» habe so viel für seinen Sport getan, dass man ihm mit dem Entgegenkommen ermöglichen möchte, noch einmal bei olympischen Spielen anzutreten.
Bis heute bestreitet Sotomayor jeglichen Kokainmissbrauch und spricht von Sabotage. Man habe ihm die Substanz ohne sein Wissen untergejubelt. Res Brügger, der ehemalige Direktor von «Weltklasse Zürich», äussert gegenüber der «Basler Zeitung» eine andere Theorie: «Ich könnte mir vorstellen, dass er sich mit Koks die Schmerzen genommen hat – so wie man früher Morphium nahm.»
Denn tatsächlich ist Sotomayor trotz seiner beeindruckenden Karriere regelrecht vom Verletzungspech verfolgt. Durchschnittlich zweimal pro Jahr setzen ihn schmerzhafte Verletzungen an Knöchel oder Knie ausser Gefecht. In langen und intensiven Trainingsphasen muss er sich immer wieder an die Spitze zurück kämpfen. Vielleicht griff er gerade für diese endlose Quälerei auf schmerzlindernde Substanzen zurück.
Endgültig geklärt wird die Kokain-Frage nie. Sicher ist aber, dass Sotomayor aus seiner Doping-Affäre nichts gelernt hat. Zwei Jahre nach seiner Begnadigung wird er bei einer Trainingskontrolle wieder erwischt. Dieses Mal handelt es sich um Nandrolon, ein anaboles Steroid, welches den Muskulaturaufbau fördert. Um der anstehenden lebenslangen Sperre zu entgehen, tritt der Kubaner durch die Hintertür ab und beendet seine Karriere freiwillig.