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Thomas Meyer, Der Bund (21.09.2009)
Exzellentes Ensemble, zwiespältiger Schluss: Gioacchino Rossinis selten gespielte Oper «Mosè in Egitto» in Zürich
Moses und Pharao als Geschichte von Wirtschaftskrise und Terror: Das Opernhaus Zürich zeigt einen aktualisierten Rossini.
Die Aktien fallen, Investitionen bleiben aus, die Börse crasht. Was uns höchst aktuell erscheint, liesse sich ja auch als biblische Plage deuten: kein Regen, Dürre, keine Ernte, Hunger. Oder umgekehrt: Die Not, die Moses über Ägypten brachte, gleicht der aktuellen Wirtschaftskrise. Davon erzählt in der Zürcher Inszenierung nun Gioacchino Rossinis Oper «Mosè in Egitto», die 1818 und überarbeitet 1819 in Neapel uraufgeführt wurde. Der Pharao will die Hebräer nicht ziehen lassen und widerruft mehrmals seine Erlaubnis, sodass Moses noch eine Plage hinzufügt. Es ist Terror, den der Prophet hier anwendet, um zu seinem Ziel zu gelangen. Das Hin und Her, gesteigert durch die Liebe des Pharaosohns zu einer Hebräerin, endet mit dem Untergang des ägyptischen Heers im Roten Meer.
Es ist reiz- und effektvoll, diese alttestamentliche Geschichte so zu aktualisieren, wie es nun das belgische Regieduo Moshe Leiser und Patrice Caurier am Opernhaus tun. Und es ist nicht unproblematisch: Schuld an der Krise sind die Hebräer, die für einmal nicht die Banker darstellen; Moses wird zu einem Bin-Laden-ähnlichen Fanatiker, in einer Szene wird er wie ein Guantanamo-Häftling traktiert. Diese Vergleiche, die die Verhältnisse aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten suchen, werden nicht allen Zuschauern passen. Konsequent jedoch wird die Handlung in die Gegenwart verlegt, wobei noch weitere Ebenen ins Spiel kommen. Die Kostüme (Agostino Cavalca) sind ebenso modern wie das Bühnenbild von Christian Fenouillat. An Mafiafilme («The Sopranos») erinnert eine Szene in der Tiefgarage, wo der Pharao den unnachgiebigen Moses von Schergen zusammenstauchen lässt. Und wenn sich der Pharao am Frühstückstisch in der Einbauküche mit seinem Sohn Osiride unterhält und nach seinen Problemen fragt, sieht das aus wie in einer Fernsehserie. So entstehen ungewöhnliche, in sich schlüssige Bilder, die allenfalls in der Aufeinanderfolge nicht immer ganz stringent wirken. Mal werden die Ägypter als Börsianer dargestellt, dann als eine feine Gesellschaft, die zuletzt aber auch noch als Heer fungieren muss.
Schlüssige Ambivalenz
Dennoch entsteht auf diese Weise eine farbige und lebendige Inszenierung, dies vor allem, weil die beiden Regisseure nicht an ihrem Konzept kleben, sondern die Figuren mit Leben und Gefühlen erfüllen. In der erwähnten Vater-Sohn-Szene etwa erscheint Michele Pertusi, ein beherrschter Bass mit Gewicht, ernstlich besorgt um seinen Sohn, der mit der Wahrheit nicht rausrücken will. Und diese Angst ist im wunderbar hellen Tenor von Javier Camarena (der einzig in den Tiefen etwas blass wirkt) auch körperlich spürbar. Überhaupt wird die Ambivalenz der Figuren deutlich: Der so mächtige Pharao ist aus Liebe zu seinem Sohn wankelmütig, und dieser, eigentlich zärtlich in die Hebräerin Elcìa verliebt, ist zu jeder Brutalität bereit.
Die zentrale Figur des Stücks ist eben diese Elcìa, der Eva Mei, so unscheinbar sie äusserlich dargestellt ist, immer mehr Wärme und Präsenz verleiht. Moses selber tritt daneben fast in den Hintergrund: Erwin Schrott erfüllt seine Rolle darstellerisch und vokal mit Kraft und wirkt wie ein unbewegliches Bollwerk in der Handlung. Es ist ein gutes Zeichen, wenn der Star des Abends sich so überzeugend in seine Rolle einfügt.
Rossinis Musik ist ohne jede sakrale Schwerfälligkeit, wie man sie bei einer biblischen Opera seria erwarten könnte. Sie baut äusserst wirkungsvolle Szenen auf, hält aber auch Unerwartetes bereit. Entsprechend wird sie nun in Zürich gestaltet. Gewiss: Es wäre interessant, auch die italienische Oper des frühen 19. Jahrhunderts durch die Erfahrungen der authentischen Aufführungspraxis zu hören. Hier besteht immer noch Nachholbedarf, aber der italienische Dirigent Paolo Carignani, der zuletzt als Generalmusikdirektor in Frankfurt wirkte, nimmt die Musik so agil und frisch, ja stellenweise fast schmissig, dass man ständig mitgezogen wird. Und das Orchester der Oper Zürich klingt richtig schön.
Exzellentes Ensemble
Die besorgte Pharaonenfrau Amaltea führt mit Sen Guo zu einem der vokalen Höhepunkte des Abends. Die Leistung des Ensembles ist insgesamt exzellent, und sie wird ergänzt durch den glänzend von Jürg Hämmerli vorbereiteten Opernchor, der zu einem zweiten Hauptakteur in der Oper heranwächst.
Nur den Schluss verschenken die beiden Regisseure, weil sie glauben, noch eins draufgeben zu müssen. Die Szene am Roten Meer, das sich für die Hebräer teilt und dann die Ägypter unter sich begräbt, brachte Rossini bei der ersten Uraufführung trotz musikalischem Erfolg einige Buhrufe ein, weil sie so ungeschickt gelöst war. In Zürich überzeugt sie szenisch vor allem, was den Untergang der Ägypter angeht. Noch bedrückender wäre es wohl, wenn zu der das Werk auf geniale Weise abschliessenden Meeresstille nun auch eine leere Bühne erschiene. Da aber erhebt sich eine hohe Bilderwand, und sie zeigt uns noch einmal all die Schreckensbilder des Terrors, die wir täglich in den Tagesschauen sehen. Das soll wohl unter die Haut gehen, wirkt aber plakativ wie eine Benetton-Werbung.