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Die Kinos sind geöffnet. Ich habe oft darüber nachgedacht, welche Freude es mir bereiten würde, diesen Satz eines Tages schreiben zu können. Im Frühjahr haben wir noch solidarisch abgewartet, wir haben uns mit der hübschen Fantasie von harten Zeiten getröstet, in denen man sich verbrüdern und verbinden soll. Im Februar dann beantragten die Agence pour le Développement Régional du Cinéma, die Association Française des Cinémas d’Art et Essai und das Bureau de Liaison des Organisations du Cinéma bei der französischen Wettbewerbsbehörde, dass den Verleihern – entgegen dem nationalen und europäischen Wettbewerbsrecht – erlaubt werde, untereinander einen gestaffelten Veröffentlichungszeitplan zu vereinbaren, mit dem jeder seinen eigenen Platz auf dem Spielplan erhält.
Am 5. Mai versammelten sich dann im Centre National du Cinéma die drei grössten Distributions-Gesellschaften. Bei Hunderten von Filmen müsse man sich einigen, sonst, so Eric Lagesse, Präsident von Pyramide Distribution, herrsche «das Gesetz des Dschungels» – ein Handgemenge.
Am 5. Mai aber bekräftigte der einzige anwesende Vertreter der FNEF (der Gewerkschaft der grössten Verleiher) vor den Vertreter*innen von SDI und DIRE die Wichtigkeit des freien Wettbewerbs: Der Markt solle sich selbst regulieren. «Damit», so resümierte Jonathan Musset vom SDI (der die kleinsten Unternehmen vertritt), «gibt es keinen Grund mehr, am Tisch zu bleiben.» Als junger Emporkömmling im Dschungel (er hat 2011 Wayna Pitch gegründet, das gerade den Indiefilm Irma herausgegeben hat) bewahrt er eine
Coolness, die mich erstaunt.
Natürlich nur indirekt betroffen, erlebte ich das Scheitern der Verhandlungen als eine Ohrfeige für eine andere Art von Kino, die ich zu verteidigen versuche. Musset beschreibt zwei Visionen des Filmeverleihens, die sich vielleicht nicht vertragen – zwei unterschiedliche Berufe sozusagen: «Einige ‹grosse› Verleiher geben Filme frei, um die vertraglichen Bindungen mit den Produzenten zu respektieren.
Es spielt keine Rolle, ob sie zu wenig gezeigt werden oder ganz untergehen, sie werden auf den Markt gespült. Aber am anderen Ende der Skala, wenn man fünf Filme im Jahr herausbringt wie Wayna Pitch, kümmert man sich um sie, man verteidigt sie. Wenn man es schafft, in der dritten Woche einen rauszubringen, ist es schwer, eine begrenzte Aufführung zu akzeptieren und sich gegen Kolleg*innen zu behaupten, die bereits drei ihrer Filme platziert haben.»
Das Scheitern der Verhandlungen ist umso bedrückender, weil die Auswirkungen verborgen bleiben: Um ihre Verpflichtungen einzuhalten, haben viele Kinos seit dem 19. Mai die geplanten Filme unterprogrammiert, sie nur einstatt zweimal pro Woche gezeigt oder ihre Laufzeiten verkürzt. Die Öffentlichkeit ist sich dieser Trockenlegung spezieller Filmproduktionen gar nicht bewusst: Sie sieht das Plakat draussen hängen, doch das Plakat ist irreführend. Der Film wird kaum gezeigt. Die Kosten, die für die Freigaben an-
fallen, bleiben aber gleich. Es wird befürchtet, dass einige Distributoren bis Ende 2021 nicht mehr von den Einnahmen leben können. Für Jonathan Mus- set stehen wir daher vor einer «echten politischen Wahl»: «Frankreich hat die Besonderheit, Autorenfilme in Zirkulation zu bringen, und das in einer Viel- falt, die anderswo nicht existiert. Die Filme, die ich herausbringe, werden oft nur in vier oder fünf anderen Ländern der Welt gezeigt. Die Frage ist, ob die- ses französische Modell der Vielfalt wichtig ist.»
Vielfalt versus Markt: Am runden Tisch hätte es geradeso gut einen Dialog der Gehörlosen geben können. Wenn ich mit ausländischen Kolleg*innen über dieses Projekt der heiligen Eintracht diskutierte, hörte ich oft: «Das ist sehr französisch!» Sind wir ein Land der Träum*inner – der Naivlinge? Wir sind sicherlich – viele unter uns zumindest – bereit, das Unwahrscheinliche zu versuchen, um die Türen zu allen Kinos – und Filmen – wieder zu öffnen. Diese Naivität gefällt mir.
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