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Perfektionismus ist ein zweischneidiges Schwert. In Vorstellungsgesprächen ist Perfektionismus eine beliebte Antwort auf die Frage nach den eigenen Schwächen. Dies verdeutlicht unsere Ambivalenz, die negativen aber auch positiven Assoziationen, die wir mit dieser Eigenschaft verbinden.
Ist Perfektionismus gut oder schlecht?
Schwer zu sagen. Dies beginnt bereits bei dem Problem, dass obwohl jeder den Begriff kennt, bis heute keine einheitliche Definition von Perfektionismus existiert. Häufig werden Perfektionisten als Personen mit unrealistisch hohen Erwartungen, extrem hohen Leistungszielen und überkritischen Selbstbeurteilungen beschrieben. Mit Perfektionismus assoziieren wir Eigenschaften wie Zielstrebigkeit und Disziplin, die in der Berufswelt sehr geschätzt werden. Doch diese bringen für Perfektionisten oft hohe Kosten mit sich. Sie sind selten mit ihrer Arbeit zufrieden und ihr Selbstwertgefühl ist stark von ihrer Leistung abhängig. Das anhaltende Streben, perfekte Leistungen zu erbringen, kann zu Überlastung und Stress, langfristig sogar zu Angststörungen, Burnout und Depressionen führen. Doch muss Perfektionismus diese Konsequenzen mit sich bringen?
Perfektionismus – eine einheitliche Eigenschaft?
Unter Forschern gibt es eine lange Debatte darüber, ob Perfektionismus nur negativ oder nicht auch adaptiv sein kann. So gab es bereits vor über 40 Jahren den ersten Ansatz, Perfektionismus in zwei Formen zu unterteilen. Seitdem treibt die Wissenschaftler die Frage um, ob Perfektionismus ein- oder mehrdimensional ist. Eine jüngere Studie aus Norwegen ergab nicht eine, sondern zwei Dimensionen. Dies bestätigt die Ergebnisse zahlreicher anderer Studien, die nahelegten, dass es unterschiedliche Formen von Perfektionismus gibt. Häufig findet man die Unterteilung in eine adaptive und eine maladaptive Dimension. Die adaptive Komponente, häufig «perfektionistisches Streben», gesunder oder funktionaler Perfektionismus genannt, bezieht sich vor allem auf das Setzen und Verfolgen hoher Standards und Ziele. Die maladaptive, dysfunktionale Dimension oder «perfektionistische Besorgnis» bezieht sich hingegen vor allem auf die Besorgnis darüber, gesetzte Standards nicht zu erreichen, sowie auf die Angst vor Fehlern und ihren Konsequenzen.
Unterschiedliche Dimensionen - unterschiedliche Auswirkungen
Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2017 untersuchte die Zusammenhänge von Perfektionismus und psychopathologischen Outcomes. Dabei wies die Besorgnis-Dimension stärkere Zusammenhänge auf als die Strebens-Dimension: neben Symptomen wie auffälligem Essverhalten, Depressivität, Zwängen und Ängsten hing sie mit psychischen Störungen und suizidalen Gedanken zusammen. Die Strebens-Dimension zeigte geringere Zusammenhänge, und dies vor allem mit Essstörungen. Zudem gibt es Studien, die neben der Abwesenheit von negativen Effekten auch positive Effekte der Strebens-Dimension feststellen konnten. So hängt die Strebens-Dimension nicht nur mit offensichtlichen Outcomes wie Ausdauer und Leistung zusammen, sondern zum Beispiel auch mit hoher Gewissenhaftigkeit und Extraversion, sowie mit einer höheren Lebenszufriedenheit und gesteigertem Wohlbefinden.
Relevanz von Perfektionismus
Was bedeutet das alles zusammengefasst? Dass man nicht von *dem* Perfektionismus sprechen kann, sondern dass Perfektionismus je nach Ausprägung unterschiedliche Auswirkungen hat, die das komplette Spektrum von negativen, sogar pathologischen Konsequenzen bis hin zu einem gesteigerten Wohlbefinden abdecken. Die Wichtigkeit, sich genauer mit dem Konstrukt auseinanderzusetzen, wird durch eine kürzlich erschienene Metaanalyse untermauert. Sie zeigte basierend auf Daten von über 41000 Collegestudenten, dass Perfektionismus bei jungen Erwachsenen über die letzten Jahrzehnte signifikant zugenommen hat.
Zurück zu Perfektionismus als «Schwäche» im Vorstellungsgespräch: HR-Verantwortliche sollten sich genauer mit der Unterscheidung der Perfektionismus-Dimensionen und deren möglichen Auswirkungen für ihr Unternehmen auseinandersetzen. Das Nennen von Perfektionismus als Schwäche scheint durchaus Sinn zu machen, da sich in der vermeintlichen Schwäche auch eine Stärke verstecken kann.
Weiterführende Literatur:
Curran, T., & Hill, A. P. (2019). Perfectionism is increasing over time: A meta-analysis of birth cohort differences from 1989 to 2016. Psychological Bulletin, 145, 410-429.
Limburg, K., Watson, H. J., Hagger, M. S., & Egan, S. J. (2017). The relationship between perfectionism and psychopathology: A meta‐analysis. Journal of clinical psychology, 73, 1301-1326.
Stoeber, J. & Otto, K. (2006). Positive conceptions of perfectionism: Approaches, evidence, challenges. Personality and Social Psychology Review, 10(4), 295-319.
Woodfin, V., Binder, P. E., & Molde, H. (2020). The Psychometric Properties of the Frost Multidimensional Perfectionism Scale–Brief. Frontiers in Psychology, 11, 1860.
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