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9. Februar 2015 | NZZ
Bald wird der Kantonsrat neu besetzt. Doch wählen die Zürcher Gemeinden auch, wie sie abstimmen? Ein Student der Politikwissenschaft hat dies untersucht und ist auf interessante Ergebnisse gestossen.
Der Student Lukas Lauener hat für einen Blog-Beitrag im Masterseminar «Politischer Datenjournalismus» untersucht, wie stark die Gemeinden den Abstimmungsparolen der Parteien folgen. Dazu hat er 52 eidgenössische Abstimmungen zwischen 2008 und Februar 2014 ausgewertet und herausgefunden, dass die Bevölkerung nicht die Partei wählt, mit der sie die grösste Übereinstimmung hat.
Obwohl die CVP nur 5 Prozent des Kantonsrats stellt, stimmen fast 85 Prozent der Gemeinden im Durchschnitt über sechs Jahre entsprechend der CVP-Parole. Sogar die Stadt Zürich liegt bei dieser Betrachtung näher bei der CVP als bei den Sozialdemokraten. Diese kommen erst an zweiter Stelle. Die SVP liegt in der Kantonshauptstadt abgeschlagen am Ende der Rangliste mit weniger als 50 Prozent Übereinstimmung. Klar ist aber auch, dass bei vielen Abstimmungen die Werte gegen die Mitte tendieren, was den Mitteparteien zugutekommt.
26 Gemeinden kommen über die sechs Jahre den SVP-Parolen am nächsten. Darunter finden sich die Gemeinden Höri, Bäretswil und Bauma. Wird die ganze Schweiz betrachtet, zeigt sich ein ähnliches Bild. Der grösste Teil der Gemeinden stimmt am ehesten wie die CVP ab, einige Gemeinden wie die SVP und einzelne Gemeinden in den Regionen Jura und Genfersee wie die SP.
Welchen Parteiparolen folgt ihre Gemeinde am ehesten? Die interaktive Grafik zeigt das Abstimmungsverhalten im Kanton Zürich. Mit Klick auf eine Gemeinde werden die Werte angezeigt.
Quelle: Lukas Lauener
Das SP-Jahr 2010
Ein Blick auf die Abstimmungskarte zeigt eine grosse Übereinstimmung mit der CVP. Doch nicht immer liegt die CVP vorne. Wenn man jedes Jahr einzeln betrachtet, wird ersichtlich, dass 2010 über ein Fünftel der Gemeinden der SP am nächsten standen. Schaut man sich die Abstimmungen in diesem Jahr an, wird klar, weshalb das so ist. 2010 fand die Abstimmung über die Ausschaffungsinitiative statt. Die Sozialdemokraten waren als einzige Partei beim Gegenvorschlag uneins. Da der Gegenvorschlag eher knapp abgelehnt wurde, erzielte die SP bei dieser Abstimmung extrem gute Werte. Zusätzlich kam die Senkung des Umwandlungssatzes der Pensionskassen zur Abstimmung. Dort konnten die linken Parteien punkten.
Auffallend ist das Jahr 2011. Da damals nur die Initiative «Für den Schutz vor Waffengewalt» zur Abstimmung kam, gibt es keine Mittelwerte. Die Übereinstimmungen sind deshalb in diesem Jahr sehr extrem. Wie nahe eine Gemeinde einer Partei ist, hängt stark von den zugrundeliegenden Abstimmungen ab.
Adlikon stimmt wie die SVP
Aus den Perspektiven der Parteien zeigt sich, welche Gemeinde am treusten ihrer Parteiparole folgt. Die Gemeinde Zumikon folgt den Mitteparteien am stärksten. Keine andere Gemeinde weist eine grössere Übereinstimmung mit den Parolen der CVP (73,5 Prozent), FDP (70,3 Prozent) und BDP (69,4 Prozent) auf. Die Gemeinde Zollikon (66,7 Prozent) stimmt von allen Gemeinden am ehesten wie die Grünliberale Partei. Bei der SVP liegt Adlikon (68,4 Prozent) auf dem ersten Platz. Kaum erstaunen dürfte, dass die Stadt Zürich von allen Gemeinden den Parolen der SP (64,9 Prozent) und der Grünen (62,9 Prozent) am nächsten kommt.
Potenzial nicht ausgeschöpft
Wenn man die Übereinstimmung bei Abstimmungen mit den effektiven Wahlergebnissen vergleicht, wird ersichtlich, dass viele Parteien ihr theoretisches Potenzial bei weitem nicht ausschöpfen. Das theoretische Potenzial wird berechnet, indem der Wähleranteil der Partei in der Gemeinde von der Übereinstimmung mit der Parole abgezogen wird. Besonders die CVP und die BDP hätten im Kanton Zürich ein sehr grosses Potenzial. Das grösste theoretische Potenzial hat die CVP in Zollikon mit 68,5 Prozent, die BDP in Zumikon mit 65,1 Prozent. Aber auch die Grünen, die Grünliberalen und die FDP schöpfen ihr Potenzial nur schlecht aus. Die SP hat auch noch etwas Luft nach oben. Nur die SVP hat ihr Potenzial mehrheitlich schon sehr gut ausgeschöpft.
Natürlich spielen beim Wahlverhalten Sympathien, Traditionen und das persönliche Umfeld auch eine wichtige Rolle. Theoretisch könnten sich Plakatkampagnen in den Gemeinden mit grossem Potenzial aber stärker lohnen als bei Gemeinden mit tiefem Potenzial. So sollte die SP vielleicht in Uitikon einen stärkeren Wahlkampf führen, da ihr theoretisches Potenzial in dieser Gemeinde 43,5 Prozent beträgt. Ob die Parteien bei den kommenden Kantonsratswahlen diese Chancen nutzen, wird sich am 12. April zeigen.
Erhebungsmethode
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Um den Übereinstimmungsindex zu bestimmen, hat der Student Lukas Lauener den Unterschied zwischen den Abstimmungsergebnissen in den Gemeinden und den Parteiparolen berechnet und von 100 Prozent abgezogen. Die Parteiparolen werden differenziert betrachtet, indem Abweichungen von Kantonalsektionen zu den jeweiligen Mutterparteien mitberücksichtigt werden. Für die Übersichtskarte wurden 52 Abstimmungen zwischen 2008 und 2014 verwendet.