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Anekdoten zur Geschichte
Ein neues Mythenhaus auf 1991!
Anlässlich der 125. Generalversammlung des Vereins der Mythenfreunde im Hotel «Wysses Rössli» in Schwyz stimmten die anwesenden Mitglieder einhellig folgendem Antrag des Vorstandes zu:
1. Das bestehende Mythenhaus wird bis auf die Grundmauern abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt.
2. Das Bauvorhaben soll im Jahre 1990 realisiert werden, sodass auf die Zentenarfeier im Jahre 1991 das neue Mythenhaus sei-
nem Zwecke übergeben werden kann.
3. Die Gesamtkosten für die Erstellung des neuen Mythenhauses belaufen sich auf budgetierte Fr. 500'000.--.
Die Finanzierung sieht folgendermassen aus:
Fr. 100'000.-- Frondienstarbeiten der Mitglieder
Fr. 40'000.-- eigene Mittel
Fr. 210'000.-- durch Beiträge und Spenden aufzubringen
Fr. 150'000.-- fremde Mittel (Kredit)
Fr. 500'000.-- Gesamtkosten
===========
Der Vorstand ist beauftragt, die zur restlichen Finanzierung notwendigen Geldmittel im Maximalbetrag von Fr. 150' 000.-- auf dem
Darlehenswege zu beschaffen. Diese erforderlichen Mittel sind zulasten der laufenden Rechnung zu verzinsen und jährlich mit
mindestens Fr. 5'000.-- zu amortisieren. Dieses Darlehen sollte innert 20 Jahren zurückbezahlt sein.
Der Vorstand wird mit dem Vollzug beauftragt.
4. Die Generalversammlung erteilt dem Vorstand die Kompetenz, das Projekt «neues Mythenhaus» im Sinne der heutigen Vorstel-
lung zu bearbeiten und zur Baureife zu bringen. Falls die vorgesehene Finanzierung - insbesondere bezüglich Beiträge und Spen-
den - nicht in einem verantwortbaren Rahmen zustandekommt, ist der Vorstand berechtigt, das Vorhaben abzubrechen und der
nächsten Generalversammlung Alternativ-Vorschläge zu unterbreiten.
Schwyz, 5. Mai 1988
An den Schluss der Zeittafel der Mythenfreunde sei der im Jahre 1947 ausgesprochene Wunsch von Leo Fellmann hier angefügt, den er in folgende Sätze fasste:
«Es sei der Wunsch, dass sich recht viele Freunde unserer <Alten Mythen> zu einer grossen Gemeinschaft zusammenschliessen mögen, um das Wahrzeichen von Schwyz, Gemeinde und Kanton, im Sinne der ersten Eroberer in ihre Obhut zu nehmen und Weg und Steg bis hinauf in die Höhe, im leuchtenden Licht der Morgensonne, jedem Eidgenossen und Freund unserer Berge, in unbeschwerter Freude, zugänglich zu machen.»
Die OA-Verwaltung Schwyz
Auszug aus dem Protokoll der Oberallmeindgemeinde vom 15. November 1863
No. 11. Begehren einer Gesellschaft von Bürgern der Gemeinde Schwyz, es möchte die Oberallmeindgemeinde beschliessen:
1. die genannte Gesellschaft sei zur Erstellung eines Fussweges von Schwyz bis auf die Spitze der Mythen soweit selber über
Corporationsboden geht, ermächtiget
2. sollte die Gesellschaft zur Hebung ihres Unternehmens die Ausführung einer Baute für nothwendig halten, so ist derselben,
nach deren eigenen Wahl, ein Bauplatz auf irgend einer Stelle des Weges bewilligt und sie erhält von der Corporation das
zu einer solchen Baute erforderliche Holz unentgeltlich in möglicher Nähe angewiesen
3. sei die Verwaltung beauftragt, das zur Erstellung des fraglichen Weges nöthige Holz, namentlich für Schutzhäge etc. an ge-
eigneter Stelle anzuweisen.
Herr Seckelmeister Horath findet, dass durch die Concession einen Weg auf die Mythe zu erstellen, die Corporation in ihren lnteressen nicht gefährdet oder geschädigt werde und beantragt Bewilligung der Anlage des genannten Weges.
Herr Ratsherr Hediger von Schwyz beantragt, es möchte das ganze Begehren, wie es eingereicht und verlesen worden, bewilligt werden.
Bei der Abstimmung wird der Antrag des Herrn Ratsherrn Hediger einstimmig zum Beschluss erhoben und das eingereichte Begehren bewilligt.
Für den getreuen Protokollauszug,
Schwyz, den 26. Dez. 1863
Carl Bettschart, Sekretär
Abschrift nach Original der Urkunde.
Panoramen, Karten und Mythenführer
Zu den begehrtesten Mythen-Publikationen gehören die von Professor Albert Heim 1867 und 1924 und 1974 in Stein gestochenen Mythen-Panoramen. Sie geben die umfassende Fernsicht vom Grossen Mythen in seltener Schärfe wider. Jeder Berggipfel ist mit den den damaligen Höhenkoten bezeichnet, aber auch die Namen der Dörfer, der Seen und Alpen sind gut übersichtlich angegeben.
Die Kartenblätter des Bundesamtes für Landestopographie erfassen die Mythen auf den Blättern lbergeregg 1:25 000 Blatt 1152 und Lachen 1:50 000 Blatt 236.
Mythenführer der Sektion Mythen SAC, als Berg-, Wander- und Kletterführer, sind, verfasst von Dr. med. Hugo Müller im Jahre 1919 und verfasst von Franz Anderrüthi und Fritz lneichen, beide bei Triner in Schwyz gedruckt, 1966 erschienen. Eine Mythenmonographie als Bildband von Alois Suter und Hans Steinegger, gedruckt bei der Schwyzer Zeitung AG, wurde 1987 herausgegeben. Anstelle der vergriffenen Mythenführer erschien 1984 im Schweizer Alpen-Club, Sektion Pilatus, der «Clubführer Zentralschweizerische Voralpen». ln diesem Führer sind die Mythen auf 173 Seiten mit allen damals begangenen Routen vertreten. Verfasser Willy auf der Maur und Fritz lneichen.
Mythenreliefe, im Massstab von 1:25 000 von Kartograph Xaver lmfeld (1853-1909) befinden sich im Gletschergarten Luzern. Ein weiteres Relief in der Grösse von 1:5000 von Josef Reichlin, Kägiswil, blieb vermutlich unvollendet.
Von den Quellen am Mythen
Die Mythen gehören zu den sogenannten «Klippen», das heisst, sie sind nicht vom Erdinnern durchgestossen, sondern sie stocken auf einer Rutschfläche, dessen Gestein um etliche Millionen Jahre jünger ist als das der Mythenstöcke. Nach den Geologen sind die Mythen aus dem mittleren oder südlichen Tessin 40-60 Kilometer nach Norden verschoben worden. Dort im Tessin, sind sie in einem einstigen Meer abgelagert, verfestigt und zu hartem Kalk abgebunden worden, bevor sie bei der Alpenfaltung an ihre heutige Stelle verfrachtet wurden. Am Fusse der Mythen, ja hoch oben am Mythen selbst, gibt es interessante und ergiebige Quellen. Es sind meistens Schichtquellen, bei denen sich das Wasser zwischen zwei verschiedenen Felsschichten seinen Weg bis zur Quelle sucht. Zu diesen Quellen gehört das «kalte Brünneli» am Weg nach Zwüschet Mythen, das kaum versiegende «Nollenbrünneli», am schmalen Pfad zwischen Geissstock und Mythenmatt und die starke Quelle auf der Alp Schwendi. Die ergiebigsten Mythen-quellen fliessen aber im Rätigs, auf 1084 m, in der Nähe des Gütsch.
Die reduzierte Gipfelhöhe
Auf der alten Dufourkarte 1:50 000, Blatt Pragel von 1939, ist der Grosse Mythen noch mit der Höhe von 1902 m angegeben. Nach neueren Berechnungen und der Fixierung des Messpunktes des «Pierre du Niton» bei Genf auf 373,6 m durch die Landestopographie, musste auch der Grosse Mythen 3,6 m von seiner früheren Höhe «abgeben». Er ist also nicht durch Sprengungen beim Bau des Mythenhauses in der Höhe reduziert worden. Der Grosse Mythen ist, wie alle Alpengipfel, durch moderne Messungen kleiner geworden.
Pflanzenschutzreservat Mythengebiet
Entstehung des Reservates
Auf Anregung der Sektion Mythen SAC und des Vereins der Mythenfreunde hat das Justizdepartement des Kantons Schwyz die Schaffung eines Pflanzenschutzreservates für das Mythengebiet gutgeheissen. Seit März 1970 ist gemäss § 5 der Verordnung über den Schutz wildwachsender Pflanzen vom 29. Juni 1965 das Pflücken, Ausreissen und Ausgraben aller Arten verboten. Das Reservat umfasst das Gebiet rund um die Mythen und ist mit rotweissen Markierungspfählen und Verordnungstafeln markiert.
Die Aufsichtsorganisation, die sogenannten Pflanzenschutzwächter, sind dem Schwyzer Naturschutzbund unterstellt und rekrutieren sich aus Kreisen der Mythenfreunde und der Sektion Mythen SAC. lhnen obliegt die Kontrolle sowie die Markierung der Reviergrenzen. Einer vernünftigen und sinnvollen Erschliessung, die Erleichterungen in der Land-, Forst- und Alpwirtschaft bringt, steht sicher nichts im Wege.
Die letzten Jahre zeigten aber ganz klar, dass schonungslos Projekte ausgeführt wurden, welche auf die Natur keine grosse Rücksicht nehmen.
Sinnvoller wäre es sicher, vorerst mit allen interessierten Kreisen, eine Orientierung über geplante Vorhaben abzuhalten, ansonsten alle bestehenden Verordnungen eine Farce und Alibiübung für die Behörden gleichen!
Das Reservat Mythengebiet ist seit Bestehen der Verordnung über den Schutz wildwachsender Pflanzen stark eingeschränkt und verletzt worden, und zwar nicht durch den Einzelnen, der bestraft wird, wenn er eine Blume oder Pflanze pflückt.
Es wäre an der Zeit, dass sich die verantwortlichen Stellen, die ganze Reservatsgeschichte neu überdenken und den Mut aufbringen, ganz klar zwischen Naturreservat, Erholungsgebiet und Nutzungsraum zu unterscheiden, um wenigstens die nötigen Massnahmen in die Wege zu leiten.
Erfahrung mit den Schutzgebieten
Durch den Konjunkturaufschwung wurde der Erhaltung der Natur immer weniger Beachtung geschenkt. Rege Erschliessungen von Wald- und Alpgebieten ermöglichte immer mehr Leuten, in die noch intakte Natur vorzustossen. Es wurden ganze Gartenbe-pflanzungen ins Tal gezügelt.
Das schonungslose Vorantreiben von sogenannten Erschliessungsstrassen zerstörte manches bis anhin heile Naturreservat.
lm Mythengebiet wurde als erstes
- die Stockwaldstrasse im Zusammenhang mit der Sanierung des Nietenbaches gebaut
- anschliessend zum Güntrigs mit Verlängerung zum Hasliwald
- zur Schwändi
- und dann eine Parallelstrasse ins Gebiet «oberes Mythenbad» erstellt
- Vom Alpthal her erschloss man das Haggenegg-Gebiet und ermöglichte nun sogar eine direkte Überfahrt von Schwyz nach
Alpthal.
- Im Geissloch wurde ein grosser Kiesabbau betrieben, der dank lntervention der Pflanzenschutzorganisation eingeschränkt
und eingestellt wurde.
- Ein weiteres Projekt wäre noch die Erschliessung der AIp Zwüschet Mythen und dem Waldgebiet am Kleinen Mythen.
ln den Bestimmungen des Regierungsrates sind die forst- und landwirtschaftliche Nut-zung im Pflanzenschutzgebiet gestattet. Einschlägige Kreise der Forst- und Landwirtschaft sind heute erstaunt darüber, dass
- im Gebiet Geissloch oder teilweise auf Wanderwegen Motorradfahrer trainieren;
- Auf der Zwüschet Mythen kampiert wird;
- ln Alpgebieten Fahrzeuge neben der Strasse oder im Waldgebiet geparkt werden.
Je besser ein Gebiet erschlossen ist, umso mehr lockt es bequeme Ausflügler an, zurück bleiben meistens Unordnung und Abfall.
Der Jagdbannbezirk Mythen
von Meinrad Husi, Jagdverwalter, Rickenbach
Die beiden Mythen, Kennzeichen unseres Kantons, verdienen durch ihre Wucht, aber gleichzeitig auch Eleganz, grosse Bewunde- rung. Nicht minder ist ihr Stellenwert hinsichtlich der Entwicklung und des Bestandes der Wildtiere und Vögel in dieser Region. So können wir doch heute im Mythengebiet Gemsen, Rehe und Murmeltiere, zeitweise auch Hirsche sowie Alpendohlen, Birkhühner, Falken und viele weitere Wildarten antreffen. Doch wenn nicht von alters her um die Fauna in dieser Region Sorge getragen worden wäre, könnten wir uns wahrscheinlich heute nicht mehr an all diesen Naturschönheiten freuen.
Bereits zwischen den Jahren 1487 und 1492 erliessen Räte und Landsleute von Schwyz unter Landammann Ulrich Auf der Maur über dieses Gebiet einen Bannbrief, «da allenthalben in unserem Lande das Gewild und besonders die Gemsen durch Einheimische und fremde Hintersassen durch Schiessen, <Trü legen> und andern aus unsern Bergen überall verjagt und vertrieben werden.» Dieser «Bann» oder Schutz blieb den Mythen glücklicherweise bis heute erhalten. Das Gebiet wurde sogar in die Liste der eidgenössischen Banngebiete aufgenommen und geniesst somit erhöhte Bedeutung. Nicht zuletzt ist es durch diese Massnahme gelungen, einerseits den Wildreichtum im Kernland Schwyz zu erhalten, und anderseits der Region Mythen urwüchsiges Leben zu verleihen.
Die «Bannung» der Mythen ist heute noch, wenn auch nicht mehr mit der damaligen Zielsetzung der Bekämpfung der Wilderei, sicher gerechtfertigt und angebracht. Entsprechend der Zweckbestimmung der neuen Jagdgesetzgebung des Bundes, nämlich der Erhaltung der Artenvielfalt und der Lebensräume der wildlebende Säugetiere und Vögel, bilden die Bannbezirke nicht nur Refugien für unser Wild, sondern im speziellen auch Schutz vor Beeinträchtigung der Umwelt durch unnötige Eingriffe baulicher oder anderer Natur. AIs Nebenwirkung dieses Schutzgedankens darf schlussendlich nicht unerwähnt bleiben, dass auch die umliegenden Regionen ihren Profit daraus ziehen, indem die Wildbestände, im besondern die Gemsen und Murmeltiere, durch Auswanderungen immer wieder bereichert und somit erhalten werden.
Mythen-Episoden
Vor Jahren hatten die Mythenfreunde für einige Tage einen jungen Mann angestellt, dessen Aufgabe darin bestand, im Stundenlohn ein halbes Dutzend Schäden am Mythenweg zu beheben. Besondern Aufwand verursachte eine Stelle am westlichen Rand der Totenplangg, wo der Wegrand abgerutscht war. Hier arbeitete Paul, so hiess der Bursche, unangeseilt, ein Bein ausserhalb der Weganlage in den steilabfallenden, grasig/felsigen Hang gestellt. Wie er dermassen den Pickel schwang und sich abmüdete, kam eine Ordensschwester vorbei, hielt an, besah sich die beunruhigende Szenerie und meinte dann: «Gälled Sie, Gottvertraue muess me ha!» Darauf Paul, in seiner trockenen Art: «Nei Schwöschter, gueti Schueh!»
Tägg, tägg, tägg... ein Mythenfreund war dabei, für eine Seilverankerung in der 8. Wegkehre ein Loch in den Fels zu spitzen. Hell widerklangen die Hammerschläge in den blumengeschmückten Felsen. Weil sich an dieser Stelle an der Wegkante eine unergründliche Felskehle öffnet, hatte er eine Reepschnur um die Hüfte gebunden und das Seilende um eine Felszacke gelegt. Kam da ein Tourist mittleren Alters hinaufgestiegen, hörte sich einen Augenblick verweilend das Hammerkonzert an und fragte dann wissbegierig, in bestem Hochdeutsch: «Üben Sie Bergsteigen?»
Blitzaktion des Wegchefs: Die alte Weganlage in der Nordflanke sollte ein Aussengeländer erhalten. Nur gerade ein zweiter Mythenfreund konnte sich heute freimachen und deshalb wurde rasch ein Kartonstück beschriftet und bei der «Baustelle» am bergseitigen Handlauf befestigt. Text: «Hier lhr Arbeitsplatz, auch nur stundenweise. Schonende Behandlung zugesichert!»
Bald kamen Sie, die ersten Mythenbesteiger, sahen die beiden Mythenfreunde gleich Steinmetzen auf dem Boden hockend den Fels bearbeiten, lasen das Stellenangebot, und dann ging's eben los. Der Erste wurde von seiner Frau auf der Holzegg zurückerwartet, ein Anderer war zeitknapp, da er noch eine Generalversammlung leiten sollte, ein Dritter hatte im Sinn, noch diesen Tag mit einer hübschen Braut vor den Traualter zu treten. Und alle hätten sie furchtbar gerne geholfen!
Den Vogel schoss indessen ein älterer Herr ab. Er rupfte kurzerhand den Hemdenstock aus der Hose und wies erbarmenhei- schend auf eine lange, jüngere Operationsnarbe am Unterleib. Wenn unsere beiden Wegmacher das Werk auch allein vollenden mussten: Zu dürsten brauchten sie nicht. Alle, der Mustergatte, der Herr Vereinspräsident, der sportliche Bräutigam und unser glaubwürdiger Rekonvaleszent fühlten sich bemüssigt, ein Getränk zu spendieren, das bei Albert Klein bereitgestellt oder gar auf den Arbeitsplatz gebracht wurde. Schade nur, dass es in der Mythen-Nordflanke nicht heisser ist!
Slavko, ein junger Asylbewerber polnischer Abstammung, hatte erregende Stunden hinter sich. Er, der Flachländer, der sich während seines Aufenthaltes in der Schweiz in die Berge verknallt hatte, war mit dem Mythenpächter am Rand der tief verschneiten Totenplangg am fixen Drahtseil auf den Gipfel des Grossen Mythen geklettert, seinen ersten, richtigen Berg. Er hatte einen prächtigen Gipfelabend erlebt und im noch feuchtkalten Mythenhaus die Nacht verbracht. Anderntags nun, als die Schnee- räumungsequipe heraufgestiegen kam, half er die Weganlage freischaufeln. Seinen Arbeitsplatz bekam er in der am weitesten in die Nordflanke hinausführenden Spitzkehre zugeteilt, wo er im bereits ausgehobenen, tiefen Weggraben sicher aufgehoben schien. Etliche Kubikmeter harten Schnees warteten in der Wegnische darauf, in die Tiefe befördert zu werden. In hohem Bogen kamen denn auch die Schollen aus dem Loch geflogen. Kaum, dass man einmal über der Kante ein Stück der Schaufel oder Slavkos Mütze tanzen sah. Da plötzlich ein dumpfer Knall: der ganze Schneehang, vom Gipfelgrat bis zum Bändli hinab, geriet in Bewegung, schlitterte in Schollen, sich überschlagend, in zunehmender Geschwindigkeit in die grausige Tiefe. Ein herrliches Schauspiel! Aber was ist mit Slavko in seinem Schneeloch, das von der weissen Flut gerade noch gestreift wurde? Kaum war das Zischen der Lawine verebbt, sah man zehn Meter bergwärts ein verstörtes, bleiches Gesicht über dem Grabenrand auftauchen. Gottseidank: Slavko hatte richtig reagiert. Er hatte die Schneeschaufel - die in der Folge ausgegraben werden musste - aus den Händen fallen lassen und war geflüchtet.
Abends dann, als man mit müden Armen zu Tale stieg, meinte unser lieber Freund: «Dies war mein schönster Tag in der Schweiz... aber auch der gefährlichste!»
Der Aussichtsberg
Nach einem Text von Prof. Dr. Albert Heim aus dem Jahre 1863
Die Aussicht auf dem Grossen Mythen ist in der Tat herrlich. Ein Gesichtskreis von mindestens achtzig Stunden Durchmesser öffnet sich. Hufeisenförmig zieht ein prachtvoll markierter Bergkranz, im Osten beginnend, durch Süd nach West, und setzt sich von dort in schwächeren Umrissen nach Norden fort. Östlich: Vorarlberger Alpen, Speer, Säntis, Altmann, Chufirsten, Glärnisch, Rieselt- und Hausstock, Selbsanft, Gemsfayren, Tödi, Clariden. Südlich: Scherhon, Düssistock, Oberalpstock, Grosse und Kleine Windgällen, Bristen, Spannörter, Blacken- und Urirotstock. Südwestlich: Finsteraarhorn (der höchste Gipfel im Sichtfeld), Schreck-, Wetter- und Silberhorn, Mönch, Eiger, Jungfrau, Faulhorn, Brienzer Rothorn, Pilatus. Westlich: die lange Jurakette vom Neuenburgsee (Mont Aubert, Chasseral, Weissenstein) bis zum Randen im Kanton Schaffhausen, die Vogesen. Nördlich: der Schwarzwald, Feldberg und die württembergischen Hügelketten.
Von diesem grossen Kranz umschlossen stehen unmittelbar vor uns die schönen Schwyzeralpen: Rossberg, Rigi, Fronalp, Lidernen, Pragel, Drusberg, Auberg und andere. Gegen Westen, wo zwar die Rigi einen kleinen Teil der Landschaft deckt, und gegen Norden schweift das Auge über zwölf Seen, Iiebliche Gelände und eine Unzahl von Ortschaften, unter denen das nahe scheinende Zürich besonders zu erwähnen ist. An hellen Tagen dringt der Blick tief hinunter ins Elsass und zum Schwabenland. Wahre Perlen sind in diesem Panorama der unmittelbar um den Fuss der Mythen sich ausdehnende Talgrund von Schwyz und die westliche Fortsetzung in den Goldauer- und Arther Boden. Dies sind so zierliche, reliefartige Bilder, dass man sie immer und immer wieder betrachten muss. Kaum ein anderer Berg der Schweiz wird zu seinen Füssen eine gleiche Fülle landschaftlicher Schönheit zeigen.
Wie der Grosse Mythen zum Wanderberg wurde
1947 hat Leo Fellmann, Präsident der Sektion Mythen SAC eine maschinengeschriebene «Geschichte der Mythengesellschaft» verfasst. Nachdem diese Schrift längst vergriffen ist, hat Dr. Xaver Schnüriger aus Anlass des 125jährigen Jubiläums der Mythengesellschaft, Fakten, Namen und Daten aus dieser Geschichte zusammengetragen und Hugo Triner hat bis zum Jubiläumsjahr 1988 erweitert um sie für die Nachwelt festzuhalten.
Die Geschichte des Mythenweges beginnt eigentlich mit der Sage, nach der ein zum Tode Verurteilter auf den Mythen hinauf und wieder hinunter gestiegen sei, um damit, sozusagen als Gottesurteil, seine Unschuld zu beweisen.
Historisch belegt ist dann, dass 1790 von einem Josef Betschart ein Kreuz auf dem Grossen Mythen aufgerichtet wurde. Dieses Kreuz soll dann immer wieder ersetzt worden sein. ln den Jahren der «Erschliessung» der Alpen, besuchte 1865 Dr. Jules Piccard als Einzelgänger den Berg und berichtete in der «La Suisse» über seine Erlebnisse. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts wurde der Berg durch Einzelne oder in Gruppen immer wieder bestiegen, so 1839 von G. Hofmann, der in seinem Buch «Wanderungen und Gletscherfahrten», 1843 darüber berichtete. Vor dem Bau des Mythenweges bestiegen 1864 der erwähnte Professor Jules Piccard und Prof. E. Rambert vom Polytechnikum Zürich in Begleitung von Gemeinderat Josef Nauer in Rickenbach, den Grossen Mythen. Sie begutachteten das Wegprojekt, das von Unternehmer Domenico Taddei ausgearbeitet worden war und das er zum Akkordpreis von 3500 Franken auszuführen übernommen hatte. Dieser Weg, den Taddei mit seinen Mineuren und Maurern aus dem Fels sprengte und auf vier Fuss (1,2 m) Breite planierte, hat sich als Felsenweg bis heute auf dem grössten Teil der damaligen Strecke erhalten.