Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03662.jsonl.gz/2939

Schutzverhalten
Flipper schwimmt zu Hilfe
Delfine gelten als freundliche Genossen. Tatsächlich gibt es immer wieder Fälle, in denen die Meeressäuger Schwimmer vor Haiangriffen retten. Weshalb sie das tun, ist nicht bekannt.
Tierschützer fordern Wildtier-Verbot Tierleben
Bärenland in Arosa wird später eröffnet Kamerafallen im Amazonas
Auf frischer Tat ertappt
Schon die alten Griechen berichteten von Delfinen, die angeblich Schiffsbrüchige oder Schwimmer vor Haien beschützt haben sollen. Und auch in der heutigen Zeit liest man in regelmässigen Abständen von Delfinen, die Surfer, Taucher oder Badende erfolgreich vor den gefürchteten Meeresräubern mit den rasiermesserscharfen Zähnen gerettet hätten. Im Kinofilm «Flipper» etwa, der in der berühmten Fernsehserie in den 1960er-Jahren seine Fortsetzung fand, rettete Delfin Flipper seinem Freund, dem Jungen Sandy, bei einem Haiangriff das Leben.
Hilfreiche Delfine gibt es aber längst nicht nur in Kinofilmen und in der Boulevardpresse. Besonders gut dokumentiert ist ein Fall, der sich im Jahr 2007 vor der kalifornischen Küste zugetragen hat: Ein 24-jähriger Surfer war – auf seinem Surfbrett liegend – von einem rund fünf Meter grossen Weissen Hai angegriffen und schwer verletzt worden. Auf einmal tauchten mehrere Delfine auf und bildeten so lange einen schützenden Kreis um den aus mehreren Wunden stark blutenden Surfer, bis dieser mit letzter Kraft ans rettende Ufer entkommen konnte.
Begleitschutz für Extremschwimmer
Ein anderer aufsehenerregender Fall hatte ?sich im November 2004 vor der Küste Neuseelands zugetragen. Hier retteten Delfine gleich vier Schwimmer vor einem Weissen Hai. Der aus sechs Tieren bestehende Delfin-Schwarm hatte einen schützenden Ring um einen Rettungsschwimmer und drei Mädchen gebildet und so verhindert, dass der Hai zuschlagen konnte. Die vier Schwimmer verbrachten 40 Minuten im Schutzkreis der Delfine, bevor der Raubfisch aufgab und ein Rettungsboot die Menschen aus dem Wasser holen konnte.
Das gleiche Muster wurde 1996 im Roten Meer südlich der israelischen Hafenstadt Eilat beobachtet: Ein badender englischer Tourist wurde gleich von mehreren Haien attackiert. Drei Delfine kamen zu Hilfe, bildeten einen Verteidigungsring um das Opfer und schützten den bereits mehrfach gebissenen Mann so lange vor den Haien, bis er von menschlichen Rettern an Bord einer Yacht gehievt und ins nächste Spital gebracht werden konnte.
Im Jahr 2014 schliesslich wollte der Extremsportler Adam Walker die 26 Kilometer breite Cookstrasse zwischen der Nord- und der Südinsel Neuseelands durchschwimmen. Als ein rund zwei Meter langer Hai auftauchte, wurde ihm etwas mulmig zumute. Doch plötzlich tauchten auch Delfine auf. Eine ganze Schule von ungefähr zehn Tieren, wie Walker später erzählte. Sie schwammen rund eine Stunde lang mit dem Menschen – zuweilen so nahe, dass er ihre Flossen berühren konnte. Taten sie das aus reinem Vergnügen? Oder spürten sie die Gefahr, in der der Schwimmer schwebte, und wollten ihm helfen? Es lässt sich weder das eine ausschliessen noch das andere nachweisen.
Dass Delfine Menschen gegen Haie verteidigen, ist grundsätzlich möglich. Und zwar deshalb, weil Haie in Sachen Kampfstärke im Vergleich zu Delfinen schlecht abschneiden: Delfine können durchaus Haie töten. Obwohl Haie mit schärferen Zähnen und einer härteren und damit widerstandsfähigeren Haut punkten, liegen die Vorteile bei den Delfinen. Das hängt mit der weit überlegenen Manövrierfähigkeit der Meeressäuger zusammen.
Delfine sind oft ganz schön aggressiv
Ihre Wendigkeit verdanken die Delfine dem Aufbau ihrer Schwanzflosse. Bei Haien ist die Schwanzflosse senkrecht angeordnet, das schränkt die Fähigkeit, rasch auf- und abzutauchen gewaltig ein. Delfine dagegen verfügen über eine waagrechte Schwanzflosse, mit der sie schnelle Auf- und Abwärtsbewegungen geradezu spielerisch durchführen können. Genau diese Fähigkeit erlaubt es Delfinen beispielsweise, mit ihrer harten Schnauze den Bauch eines Hais von unten mit grosser Geschwindigkeit zu rammen und diesem dadurch so schwere innere Verletzungen zuzufügen, dass er daran stirbt.
Das tun die oft als derart niedlich und nett geltenden Meeressäuger tatsächlich – und zwar nicht nur in Notwehr. Denn Delfine haben durchaus eine dunkle Seite in sich: So hat man mehrfach beobachtet, dass die Tiere junge Haie einkreisen und dann mit ihnen spielen, bevor sie sie töten – ähnlich wie ?eine Katze mit Mäusen. Nach menschlich-juristischem Ermessen würde es sich dabei übrigens um astreine Morde handeln, denn die Delfine verzehren ihre Beute nicht.
Aber warum schützen Delfine Menschen vor Haien? Die Erklärungsversuche der Wissenschaft für dieses ungewöhnliche Verhalten sind bisher eher unbefriedigend. So erklärte die neuseeländische Meeressäugerforscherin und Delfinspezialistin Rochelle Constantine, auf das Thema angesprochen, etwas lapidar: «Delfine lieben es eben, Hilflose zu schützen.»
Deutlich differenzierter, wenn auch umstritten, ist die sogenannte «Schutzreflex-Hypothese». Sie besagt, dass Delfine Menschen als eine Art unbeholfene Verwandte wahrnehmen, denen man einfach helfen muss. Schliesslich unterstützen Delfine sich gegenseitig häufig. Das gilt vor allem für Jungtiere. So halten Mütter den Kopf eines neugeborenen Delfinkalbes am Anfang konsequent über Wasser, damit es atmen kann. Ob die ansonsten so klugen Delfine jedoch einen Menschen tatsächlich mit den eigenen Sprösslingen verwechseln, erscheint allerdings mehr als zweifelhaft.