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Gustav Uwe Jenner wurde am 3. Dezember 1865 in Keitum auf der nordfriesischen Insel Sylt als jüngstes Kind eines musikliebenden Arztes geboren. Gustavs Eltern wechselten mehrmals ihren Wohnsitz, bis sie sich 1879 in Gleschendorf bei Lübeck niederliessen. Der Junge beginnt früh mit dem Klavierunterricht und wagt sich schon als jugendlicher Autodidakt heimlich ans Komponieren. Ab 1880 besucht er das Gymnasium in Kiel. Hier nimmt der mit Johannes Brahms befreundete Dichter Klaus Groth den begabten Jungen in seine Obhut. Jenner widmet dem Beschützer 1899 seine dritte Sonate für Geige und Klavier. Der Schule überdrüssig, beschliesst der junge Musiker bald, sich ganz der Kunst hinzugeben. In Kiel folgten Musikstudien bei H. Stange, Th. Gänge und in Hamburg bei Arnold Krug.
Im Jahre 1887 lernte Jenner Brahms kennen, der ihn ermunterte, nach Wien überzusiedeln. Ein Stipendium aus seinem Freundeskreis ermöglichte es ihm, den Unterricht und die Fürsorge von Brahms bis 1895 zu genießen. Die Wiener Jahre sehen ihn schon bald als gefragten Klavierlehrer und Chorleiter, als Schriftführer des Tonkünstler-Vereins und als Leiter des katholischen Kirchenmusik-Vereins im benachbarten Baden.
Im März 1895 ernennt ihn die Universität Marburg zum Musikdirektor, später zum Ordinarius. 25 Jahre lang wirkte er danach als Leiter der akademischen Konzerte, als Komponist und Dozent, von den Studenten ob seiner musikwissenschaftlichen Vorlesungen und Übungen über Bach, Brahms, Schubert und das deutsche Lied gerühmt und verehrt. Unermüdlich war er bestrebt, die Leistungen des Konzertvereins der Universitätsstadt zu steigern und das Repertoire zu bereichern. Jenner starb am 29. August 1920 in Marburg.
Die Sonate in G-Dur für Klarinette und Klavier op. 5 entstand 1900. Sehr sichtbar wirft Meister Brahms seinen Schatten auf alle vier Sätze dieses Werkes. Besonders deutlich kommt sein Einfluss in der durchwegs zarten Melancholie des Eingangssatzes Allegro moderato e grazioso zum Ausdruck. Brahms ist allgegenwärtig im Aufbau, in der Melodik, im wiegenden Rhythmus, in der Beherrschung der kontrapunktischen Tradition wie der Gewandtheit in der Verwendung neuartig raffinierter Harmonien. Auch wenn dem Schüler letztlich die einmalige Bleicktiefe des Meisters abgeht, haben wir es doch mit einem Werk von ausgezeichneter kompositorischer Qualität zu tun.
Wie Brahms, Waldemar von Baussern, Henri Marteau, Carl Heinrich Reinecke und andere mehr, schrieb Jenner seine Klarinettenstücke dem zeitgenössischen Solisten Richard Mühlfeld auf den Leib. Ihm ist denn auch die Sonate op.5 namentlich zugeeignet.
Das ausserordentliche Talent Mühlfelds hatte auch Johannes Brahms in späten Jahren zu vier genialen Kompositionen inspiriert, nämlich dem Trio für Klarinette, Cello und Klavier op. 114, dem Quintett für Klarinette und Streicher op. 115, und den beiden Sonaten für Klarinette und Klavier op. 120.
Brahms' Klarinettensonaten in f-moll und Es-Dur entstanden im Sommer 1894 im oberösterreichischen Kurort Bad Ischl, der damaligen Sommerresidenz der österreichisch-ungarischen Monarchie. Die beiden Sonaten op. 120 bringen die Klarinette wundervoll zur Geltung und verflechten ihre Stimme ideal mit jener des Klaviers. Solche Vollkommenheit kann kein Zufall sein. Brahms hatte sich zuvor von Mühlfeld das gesamte Klarinettenrepertoire vorspielen lassen und ihn mit Fragen über die technischen und klanglichen Eigenschaften des Instrument bestürmt. Als Ergebnis entstanden zwei Werke, die zwar an den Solisten höchste Ansprüche stellen, deren Virtuosität jedoch gleichsam abgesetzt, abgeschminkt und fast ganz nach innen gekehrt ist. Nichts Äusserliches, nichts Selbstgefälliges, nichts Unnötiges stört das vollkommene Gefüge dieser späten Kammermusikstücke von typisch brahmsschem Schriftzug.
Die vier Sätze der ersten Sonate sind in traditioneller Folge aneinandergereiht. Die zweite dagegen besteht aus nur drei Sätzen mit einem abschliessenden Andante con moto, wo Brahms seiner Vorliebe für die Variationstechnik freien Lauf lässt.
Am 10. November spielen die beiden Freunde Mühlfeld und Brahms in Frankfurt die Sonaten samt dem Trio op. 114 der geliebten Freundin Clara Schumann vor, die hell begeistert ist. Die ersten öffentlichen Aufführungen finden am 8. und 11. Januar 1895 in Wien statt.