Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03375.jsonl.gz/3181

Die Jabuti-Völker setzen sich aus zwei Gruppen zusammen, welche traditional den Süden des Bundesstaates Rondonia bewohnten: die Arikapú und die Djeoromitxí. Die Sprachen der Arikapú und Djeoromitxí sind eng miteinander verwandt und stellen wahrscheinlich einen Arm des Sprachstamms Macro-Jê dar. Die ersten Kontakte zwischen den Jabuti-Völkern und den Weissen fanden wahrscheinlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts statt.
Jabuti
|Andere Namen: Arikapú, Djeoromitxí

Sprache: Arikapú, Djeoromitxí, beide aus der Sprachfamilie Jabuti (wahrscheinlich vom Sprachstamm Macro-Jê).
Population: 190 Djeoromitxí (nach FUNASA 2010);
33 Arikapú (nach FUNASA 2010)
Region: IT Rio Branco (Bundesstaat Roraima) und
IT Rio Guaporé (ebenfalls Roraima)
|INHALTSVERZEICHNIS

Namen
Sprachen
Der kulturelle Komplex “Marico”
Geschichte des Kontakts mit der weissen Bevölkerung
Kontemporane Aspekte
Quellennachweis
Als Mehrheit der eingeborenen Gruppen des Südens von Rondonia, hatten die Arikapú und Djeoromitxí einst einige Tausend Mitglieder – nach ihrem Kontakt mit der weissen Rasse wurden beide Völker entsetzlich dezimiert und aus ihrem Lebensraum vertrieben. Heute bewohnent die Mehrheit der Restgruppe das Indianer-Territorium Rio Branco, südlich ihres traditionellen Gebietes, sowie das IT Rio Guaporé, Hunderte von Kilometern gen Westen, an der Grenze mit Bolivien. In beiden Reservaten, die starkem ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Druck des Okzidents ausgesetzt sind, leben sie heute zwischen anderen eingeborenen Gruppen.
Die Selbstbezeichnungen der beiden Jabuti-Völker sind “Arikapú” und “Djeoromitxi”. Diese Namen werden auch jeweils von einer der beiden Gruppen gebraucht, wenn sie sich auf die andere bezieht. Der Name Jabuti, oder manchmal auch Yabuti, ist in einigen linguistischen Quellen zu finden, wenn sie sich auf jene Sprachfamilie beziehen, welche die Arikapú- und die Djeoromitxi-Sprache einbegreifen (zum Beispiel Greenberg 1987). In Anbetracht der praktischen Verwendung eines einzigen Namens zur Identifizierung zweier ethnischer Gruppen und ihrer Sprachen sollte man vielleicht die Bezeichnung Jabuti für dieselben beibehalten.
Der Name Arikapú wird auch von den Nachbarstämmen benutzt und von Weissen ebenfalls. Seine Herkunft ist nicht klar. Eine mögliche Erklärung wäre die Herkunft aus der Tupi-Tupari-Sprache der Nachbarn Makuráp – die bezeichnen mit “arikapú” einen Vogel aus der Gymnostinops-Familie.
Der Name “Burukayo” bezieht sich auf einen ausgerotteten Stamm, der den Arikapú und Djeoromitxi bekannt war. Einige behaupten, dass deren Sprache jener der Arikapú sehr ähnlich gewesen sei, und deshalb die Sprache eines anderen Clans gewesen sein soll. Vielleicht handelte es sich dabei um jene Gruppe, welche von dem deutschen Ethnologen Emil Heinrich Snethlage als “Jabutitxitxi” oder “Bakurönjatxitxi” bezeichnet wird, und deren Sprache anscheinend jener der Djeoromitxi sehr ähnlich war. Die Endung “txitxi” bedeutet “gross” – sowohl in der Arikapú- als auch in der Djeoromitxi-Sprache.
Eine andere Bezeichnung, die man in der Literatur findet, ist “Maxubi” oder “Mashubi” – sie bezieht sich auf eine ethnische Gruppe, welche wahrscheinlich Arikapú sprach. Dieser Name wurde nur ein einziges Mal schriftlich registriert, und zwar von der Expedition des Engländers Percy Harrison Fawcett im Jahr 1914 (B. Fawcett 1953). Aber dieser Name wird von keiner gegenwärtigen Gruppe der Region anerkannt, seine Etimologie ist unbekannt.
Der Name Djeoromitxi wird von Weissen nicht benutzt, und seine Herkunft ist ebenfalls unklar. Vielleicht war er einstmals als Name eines Clans im Gebrauch – jedenfalls deutet er auf eine bestimmte Palmenart hin (Maldi 1991).
Unter den Weissen der Region sind die Djeoromitxi traditionell als “Jabuti” bekannt – eine Bezeichnung, welche eigentlich aus der Tupi-Sprache entlehnt ist und im Portugiesischen eine bestimmte Schildkrötenart bezeichnet (Testudo tabulata). Sie wird von den Indianern nicht als Selbstbezeichnung verwendet, und eine mögliche Art und Weise wie sie als Name für die Djeoromitxi entstanden sein mag, ist folgende: Die Makuráp bezeichneten die Djeoromitxi als “Txawiti” – das bedeutet “andere Indianer” (unbekannte oder wilde). Es ist möäglich, dass die Weisse dieses Wort als “Jabuti” interpretierten.
In einigen anthropologischen und linguistischen Quellen findet sich der Name “Kipiu” oder “Quipiú” als alternative Bezeichnung für die Djeoromitxi. Sie wurde so von der Expedition Snethlage im Jahr 1934 registriert, aber es ist nicht sicher, ob es sich dabei tatsächlich um einen Namen handelt. Ausserdem wird diese Bezeichnung ebenfalls von der heutigen Jabuti-Bevölkerung nicht anerkannt.
Verschiedene Namen von Untergruppen oder Clans der Djeoromitxi sind den gegenwärtigen Gruppen bekannt: “kunõny’rø” und “kunõmbi’ro” beziehen sich auf bestimmte Ameisenarten, mit “urikyta’rε” bezeichnen sie anscheinend die Bewohner eines gewissen Tals. Viele dieser Namen sind auch aus der einschlägigen Literatur bekannt (Maldi 1991).
Einige der Ältesten erinnern sich noch an den Namen “Kurupi” als Bezeichnung für eine ausgestorbene Gruppe, die sich mit einer anderen Sprache verständigte. Andere wiederum behaupten, dass deren Sprache dem Djeoromitxi sehr ähnlich gewesen sein soll. Es ist möglich, dass der Name einen der traditionellen Clans der Djeoromitxi bezeichnet – er stammt wahrscheinlich vom Wort “kurú” ab, womit die Djeoromitxi den Fuss einer Buriti-Palme (Mauritia vinifera) bezeichnen.
Bis vor kurzem gab es praktisch keine Dokumentation der eingeborenen Sprachen von Arikapú und Djeoromitxi. Ausserdem nahm man seit den 30er Jahren an – indem man sich auf die existierenden Aufzeichnungen einer Reihe von Worten stützte – dass diese beiden Völker eine besondere linguistische Familie bildeten, nämlich die der Jabuti. Ein paar linguistische Quellen bringen sogar eine dritte, schon ausgerottete, Jabuti-Sprache ins Spiel – die als “Maxubí” bezeichnet wird. Allerdings suggeriert die von Fawcett 1914 bei den Maxubí zusammengestellte Wortliste, eine sehr nahe Verwandtschaft mit dem Arikapú. Dies wurde erstmals von Franz Caspar im Jahr 1955 festgestellt, der daraus den Schluss zog – indem er sich auf linguistische und kulturelle Erkenntnisse stützte – dass es sich bei Fawcetts Maxubi-Indianer um denselben Stamm der Arikapú handelte.
Die Sprachen der Jabuti sind sehr verschieden von den anderen Sprachen der Guaporé-Region, und sie fügen sich auch nicht in die benachbarten Sprachfamilien der Tupi, Nambikwara oder Txapakura ein. Von vielen Wissenschaftlern werden die Jabuti-Sprachen deshalb als kleine isolierte Familie betrachtet, ohne verbindung zu jedweder anderen bekannten Sprachfamilie. Jedoch hat schon Curt Nimuendaju 1935 beobachtet, dass die von Snethlage aufgestellte Liste mit Arikapú- und Djeoromitxi-Begriffen Ähnlichkeiten mit gewissen Jè-Begriffen der Xerente, Kaiapó, Kaingang und Timbira aufwiesen. Jüngere Untersuchungen von Ribeiro und Vander Voort (2005) lieferten sogar lexikale und grammatische Beweise, welche die Hypothese von Nimuendaju untermauern. Daraus schliesst man, dass die Jabuti-Sprachfamilie wahrscheinlich einen linguistischen Zweig des Macro-Jè darstellt.
Die Jabuti-Sprachen sind einander sehr ähnlich, aber sie sind nicht identisch. Wenn man bedenkt, dass die Arikapú und die Djeoromitxi in unmittelbarer Nachbarschaft leben, ist es wahrscheinlich, dass ihrer beiden Sprachen sich einst aus einer Sprache ihrer gemeinsamen Vorfahren entwickelt haben. Es ist unwahrscheinlicher, dass diese Abwandlung ausserhalb ihrer heutigen Region stattgefunden hat und beide Sprachen sich erst später zusammengefunden haben. Daraus folgt, dass die zeitliche Distanz zwischen den Sprachen Arikapú und Djeoromitxi auf ein zeitliches Minimum hinweist, innerhalb dessen die beiden Stämme im Gebiet des Guaporé coexistierten. Ein vorsichtiger Vergleich suggeriert, dass es mehr als eintausend Jahre brauchte, bis sich beide so völlig auseinander lebten, dass sie dazu wurden, was sie heute sind. Die Vorfahren der Jabuti werden deshalb vor mehr als eintausend Jahren in die Region des Rio Guaporé eingewandert sein – und sie sind aus dem Osten gekommen, denn sie sprachen Macro-Jé!
Wahrscheinlich zählten die Gruppen der Arikapú und Djeoromitxi vor dem Kontakt mit den Weissen Tausende von Mitgliedern – heute sind davon 65 Personen übrig geblieben, die Djeoromitxi sprechen – und Arikapú ist ganz am Verschwinden, nur noch zwei alte Männer sind dieser Sprache mächtig. Die Gesamtzahl derer, welche sich ethnisch als Arikapú und Djeoromitxi identifizieren, ist ein bisschen grösser. Die Mehrheit der Djeoromitxi lebt im IT Guaporé. Ihre Sprache ist ernstlich vom Aussterben bedroht, wird aber innerhalb gewisser Familien bewusst aufrecht erhalten, wo sie von allen Generationen gepflegt wird. 1992 schrieb die brasilianische Linguistikerin Nádia Pires ihre Doktorarbeit bei der UNICAMP (Uni von Campinas) über die Djeoromitxi-Sprache und, zusammen mit den Indianern, die diese Sprache beherrschen, sowie der Unterstützung des Museums Goeldi (Belém), erarbeitete sie eine praktische Ortographie und Material zur Alphabetisierung der Indianer in ihrer Muttersprache. Gegenwärtig lehren verschiedene eingeborene Lehrer in Portugiesisch und in ihrer Eingeborenensprache in den Grundschulen des IT Guaporé. Im IT RioBranco wird Djeoromitxi lediglich von einer Handvoll Individuen gesprochen. Die Arikapú-Sprache wir dagegen nicht mehr gesprochen, denn der eine Mann, der sie beherrscht, lebt im IT Rio Branco, der andere im IT Guaporé. Wenn diese beiden Personen sterben, wird die Arikapú-Sprache mit ihnen verschwinden, denn niemand hat sie je den folgenden Generationen beigebracht.
Die Mehrheit jener, welche Djeoromitxi beherrschen, spricht auch Portugiesisch – einig sprechen weitere Sprachen. Die Mehrheit der Arikapú im IT Rio Branco sprechen Tupi neben dem Portugiesisch, und im IT Guaporé spricht man Makuráp. Einer der beiden Männer, die Arikapú beherrschen, spricht auch Djeoromitxi, Makuráp und Portugiesisch – während der andere in erster Linie Tupari spricht und ein bisschen Portugiesisch.
Es ist immer noch nicht geklärt, von wo die Jabuti-Völker eigentlich kamen, und ihre eigene mündliche Überlieferung enthält keine Informationen, die auf eine Zeit vor ihrer Ankunft in der Guaporé-Region hinweisen. Die gerade linguistische Verbindung zwischen Arikapú und Djeoromitxi suggerieren, dass beide Jabuti-Stämme seit ihrer Ankunft in diesem Gebiet in direkter Coexistenz lebten. Der traditionelle Lebensraum der Jabuti-Stämme ist der tropische Regenwald. Nach ihren eigenen Berichten lebten sie schon immer am Oberlauf des Rio Branco. Ihre Sprachen enthalten zum Beispiel keine Namen für Fische, die nur am Unterlauf desselben Flusses oder im Rio Guaporé vorkommen – wie zum Beispiel der “Surubim” (aus der Familie Platystomatichthys).
Nach Franz Caspar (1975) lebten sie bis 1955 am linken Ufer und an den Nebenflüssen des Rio Branco, oberhalb des heutigen Ortes Alta Floresta d’Oeste. Die Djeoromitxi lebten am selben Fluss unterhalb der Arikapú. Ihre traditionellen Nachbarn waren die Makuráp und die Wayurú aus der Sprachfamilie Tupi-Tuparí, die weiter unterhalb am linken Ufer des Rio Branco zuhause waren. Am rechten Ufer lebten die Tuparí, sie waren Feinde der Jabuti. Noch weiter unten gab es dann noch die Aruá aus der Sprachfamilie der Tupi-Mondé.
Vor dem Kontakt mit den Weissen zählten die Jabuti-Völker wahrscheinlich einige Tausend Individuen. Sie hatten grosse Dörfer in Form eines Bienenstocks, und ihre Existenz basierte auf Fischfang, Jagd, Sammeln von Früchten und Insekten, sowie einer bescheidenen Feldbestellung. Sie pflanzten Mais, Maniok, Erdnüsse, Inhame-Wurzeln, Bananen und Kürbisse, und sie züchteten verschiedene Arten von essbaren Insektenlarven. Sie bestatteten ihre Toten innerhalb ihrer Häuser – in Urnen aus Keramik sitzend, die mit einem Deckel verschlossen waren. Über dem Grab unterhielten sie tagelang ein Feuer als Mittel zur Konservierung der sterblichen Überreste. Wenn eine Familie umzog, nahm sie in der Regel die Urnen mit, um sie im neuen Haus wieder einzugraben.
Was ihre Kultur betrifft, waren die Jabuti-Völker direkt mit anderen eingeborenen Stämmen des Südwestens von Rondônia verbunden. Mit ihnen teilten sie sich einige spezifische Charakteristika, wie zum Beispiel den Gebrauch des “Rapé” (oder “Paricá”) durch ihre Schamanen, ein halozinogenes Pulver aus den Samen des “Angico” (Anadenanthera peregrina), um sich mit den Geistern in Verbindung zu setzen. Auch die “Marico” ist charakteristisch für die Völker aus dem Süden Rondonias – eine von den Frauen aus Palmblattfäden gehäkelte Tasche. Die Etno-Historikerin Denise Maldi (1991) definiert den “Kulturellen Komplex Marico” mittels dieser Charakteristika. Diese kulturelle Region begreift verschiedene Gruppen der Tupi-Sprache ein, sowie die beiden Jabuti-Stämme, die Kanoê, Aikanã und Kwazá – welche sich einer isolierten Sprache bedienen, die keiner anderen bekannten Familie angehört.
Andere Eigenschaften der Jabuti kommen ebenfalls bei anderen Stämmen der Region des Guaporé vor, wie zum Beispiel die territorialen Untergruppen, der zeremonielle Gebrauch von fermentiertem “Chicha” und das Fehlen der bei anderen Indianerstämmen des Südens so geschätzten “Mandioca brava” (giftige Maniok) und deren Derivat, das Maniokmehl. Es gibt Berichte, nach denen die Djeoromitxi in territorialen Untergruppen lebten, die sich durch Namen von unterschiedlichen Palmenarten und Ameisen identifizierten. Die Arikapú-Gesellschaft war wahrscheinlich ganz ähnlich organisiert, aber wir wissen zu wenig von deren Geschichte. Andere bedeutende Aspekte der mit den Nachbarvölkern traditionell verbundenen Kultur weisen auf Körperschmuck und –bemalung, Musik und Mythologie hin.
Nach möglichen sporadischen Kontakten mit Reisenden zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert, traten die Völker am rechten Ufer des Guaporé mit der Welt der Weissen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in regulären Kontakt. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gründeten Gummisammler “Barracões” an den Flüssen Rio Branco, Mekens, Colorado und Corumbiara. Dies waren kommerzielle Aussenposten, in denen die aus den umliegenden Wäldern extrahierten Produkte gelagert wurden, und von denen aus Boote die Produkte nach Guajará-Mirim brachten. In diesen Posten lockten die Weissen lokale Indianerstämme an mit Äxten aus Metall und anderen Industrieprodukten – und sie stellten die Eingeborenen zum Latex-, Paranuss- und Ipeca-Sammeln (Cephaelis ipecacuanha) ein – nach ihrem üblichen “Aviamento-System” (Arbeit gegen Waren). Die Indianer wurden durch diesen Kontakt mit ansteckenden Krankheiten infiziert, durch die sie ohne immunologische Resistenz zum Tod verurteilt waren.
Anfang der 30er Jahre begann der SPI (staatlicher Indianerschutz jener Zeit) mit der Umsiedelung von Indianerstämmen des Südwestens in die “Kolonien” des Westens nach “Ricardo Franco”, heute IT Guaporé genannt, am Rio Guaporé gelegen, etwas oberhalb seines Zusammenflusses mit dem Rio Mamoré. Die Indianer waren gezwungen, unter ausbeuterischen Bedingungen zu arbeiten und ihr Leben zu fristen. Viele versuchten zu fliehen und zu ihren angestammten Territorien an den Flüssen Rio Branco, Corumbiara und Pimenta Bueno zurückzukehren. Schliesslich endete der Kontakt mit der weissen Rasse mit der Dezimierung oder kulturellen Eingruppierung der Mehrheit jener Gruppen des Südens von Rondonia – vielerorts bevor man überhaupt eine ernst zu nehmende kulturelle oder linguistische Dokumentation dieser Menschen hätte vornehmen können. Zwischen 1930 und 1980 wurden die Überlebenden vieler eingeborenen Stämme in Reservate umgesiedelt, die bis zum heutigen Tag von illegalen Invasoren bedroht sind – von Holzfällern und Minenarbeitern.
Die letzten Repräsentanten einer Generation aus traditioneller Zeit erinnern sich, dass sie am Oberlauf des Rio Branco gelebt haben. Nach ihrem Kontakt mit den Weissen erlitt die eingeborene Gesellschaft aus dem Süden Rondonias eine Desintegration und die Entwurzelung ihrer Mitglieder. Um 1920 kamen viele Jabuti den Fluss herab, um im Aussenposten von Paulo Saldanha zu arbeiten, wo auch viele Tupari im Jahr 1927 dazu stiessen. Zwischen 1930 und 1960 waren sie gezwungen, sich noch weiter den Fluss hinab zu bewegen – bis zum Posten São Luís, in dem sich auch viele Makuráp, Aruá und Wayurú befanden. Zu jener Zeit wurden auch viele Personen zur Kolonie Ricardo Franco am Rio Guaporé weitergeleitet. Ausserdem befreiten sich viele Indianer vom ausbeuterischen Aviamento-System, indem sie nach Guajará-Mirim flohen – zu jener Zeit die Hauptstadt des Territoriums, von wo aus sie nach Ricardo Franco und anderen reservaten im Guaporé-Tal transferiert wurden. Gegenwärtig leben die restlichen Jabuti im IT Rio Branco und IT Guaporé.
Im IT Rio Branco: Offiziell anerkannt im Jahr 1986, hat dieses Reservat fast 400 Bewohner, aufgeteilt in verschiedene Dörfer entlang des mittleren Abschnitts des gleichnamigen Flusses. Die Mehrheit jener Bevölkerung besteht aus Tupari, mit kleineren Gruppen von Makuráp, Aruá, Kanoê, Djeoromitxí und Arikapú. Das Hauptdorf, São Luis, ist per Auto von Alta Floresta d’Oeste aus erreichbar. Die anderen Dörfer, wie Trinitário, Colorado, Cajuí und andere, können wegen ihres isolierten Gebiets nur vom Fluss aus erreicht werden – ergo sind unter diesen auch ihre Originalsprachen und die traditionellen kulturellen Aspekte besser erhalten. Dort fischt man noch mit Pfeil und Bogen, es gibt noch Schamanen, die sich des “Paricá” zu Heilungen bedienen, und es gibt dort auch noch Chicha-Feste, bei denen sich die Dorfbewohner mit den Pflanzenfarben Urucum und Genipapo bemalen und nach einem antiken traditionellen Zeremoniell tanzen und singen.
Die Schamanen der Arikapú waren dermaleinst bekannt als die mächtigsten Zauberer der Region. Noch heute ist der respektierteste Schamane des Reservats ein Arikapú-Indianer. Der mittlere Teil des IT Rio Branco grenzt an die “Reserva Biológica do Guaporé” (Biologische Reserve). Dies ist eine “Off-Limits-Einheit”, welche von Eingeborenen-Gruppen bewohnt wird, die sich bis heute jeglichem Kontakt mit Weissen entzogen haben. Ihre Sprache und ethnische Identität sind unbekannt.
Obwohl sie unter bundesstaatlicher Protektion auf einem der Föderation gehörendem Territorium leben, werden die Bewohner des IT Rio Branco von weissen Nachbarn und korrupten Politikern auf verschiedene Art und Weise bedroht. Infolge der kontinuierlichen Abholzung ihrer Umgebung ähnelt das Reservat zunehmend einer Insel, auf der das jagdbare Wild verschwindet und die Bewohner immer mehr vom Fischfang abhängig werden. Gleichzeitig invadieren Weisse das Reservat, um dort kommerziellen Fischfang in grossem Stil zu betreiben. Pestizide, die auf den mechanisierten Fazendas der Umgebung ausserhalb des Reservats eingesetzt werden, verseuchen den Hauptfluss und bringen damit die Gesundheit der Indianer in Gefahr. Ausserdem provozieren illegale hydroelektrische Projekte der Region – einige davon gehören Familienangehörigen des gegenwärtigen Gouverneurs von Rondonia, Ivo Cassol – schwerwiegende Schäden der fluvialen Ökosysteme. Schliesslich führt die illegale Abholzung innerhalb des Reservats zu weiteren ökologischen Schäden.
Die fundamentalistische protestantische Kirche, die sich inzwischen ebenfalls in dem Gebiet eingenistet hat, lehnt das Schamanentum und die traditionellen Feste der Indianer ab und provoziert dadurch eine interne Spaltung der Kommune. Es gibt Berichte von Zerstörungen archäologischer Fundstätten durch Bauprojekte in Paulo Saldanha, am oberen Rio Branco. In einigen Fällen wurden sogar Begräbnisurnen ausgebuddelt und absichtlich zerstört, um juristische Beweismittel aus der Welt zu schaffen. Solche Misshandlungen belasten zukünftige Optionen der Jabuti und anderer Gruppen bei der Reklamation ihrer angestammten Ländereien, auf die sie laut brasilianischem Grundgesetz Anrecht haben. Für die Ältesten der Stämme, die einen Fast-Genozyd überlebt haben, ist dies ein besonderer emotionaler Schock. Einer der Alten, welcher noch Arikapú spricht, hat seine Mutter und seine fünf Jahre alte Tochter in traditioneller Manier am Oberlauf des Rio Branco beerdigt – er drehte durch, als er von der wahrscheinlichen Zerstörung ihrer Gräber hörte.
Im IT Guaporé: Hier leben fast 500 Indianer, verteilt auf verschiedene Dörfer an Buchten und Seen entlang des grossen Stromes Guaporé. Das Reservat wurde im Jahr 1996 endlich offiziell vom Staat anerkannt und seine Demarkierung abgeschlossen. Seine Bevölkerung besteht aus gemischten Familien der Aruá, Wayurú, Makuráp, Tuparí, Kanoê, Aikanã, Djeoromitxí, Arikapú, Wari’ und Kuyubí. Ihre Mehrheit lebt in dem übervölkerten Dorf Ricardo Franco, direkt am Rio Guaporé. Hier gibt es einen Posten der FUNAI, ärztliche Betreuung und eine Schule. Ähnlich wie im Fall von São Luís, ist auch in Ricardo Franco der Einfluss weisser Kultur sehr stark. Alles in allem finden die Jugendlichen dort nur wenige Optionen für ihren Tatendrang, und das führt zu schweren gesellschaftlichen Problemen. Die Verhältnisse in den anderen Dörfern, Baía das Onças, Baía da Coca und Baía Rica sind besser in Hinsicht auf die Jagd, den Fischfang und die Feldarbeit. Und die eingeborenen Sprachen sowie die Elemente der traditionellen Kultur können an diesen Orten besser überleben. Das Gebiet rund um das IT Guaporé ist nicht vollständig erschlossen und kann deshalb noch unbekannte Indianer beherbergen. Bewohner des IT erzählen, dass sie bei verschiedenen Gelegenheiten unbekannten Indianern begegnet seien.
Wie im IT Rio Branco, wird auch das IT Guaporé von illegalen weissen Fischern invadiert, während das Problem der Abholzung und der Pestizide hier weniger akut sind, aus Gründen seines Abgelegenheit und ohne Zugang zu Land. Die Tatsache, dass dieses Gebiet an der bolivianischen Grenze liegt – in einer Entfernung von 300 Metern über den Rio Guaporé – hat allerdings eine eigene Problematik: Schon seit vier Jahren schaufeln Invasoren in Baía das Onças, auf der brasilianischen Seite, den Kies aus dem Flussbett. Sie behaupten, dass sie das Material zur Herstellung von Zement verwenden, aber ihre Aktivitäten sehen eher nach Diamanten- und Goldsuche aus. Wie auch immer, ihre Tätigkeit gefährdet das Ambiente des Reservats, denn sie zerstört die Ufer des Flusses und beeinflusst die Strömung. Man hat mehrmals versucht, die brasilianischen Behörden davon in Kenntnis zu setzen, immer vergebens, denn ehe die Polizei aus dem weit entfernten Guajará-Mirim anrücken konnte, hatten die Invasoren ihre technische Ausrüstung längst auf der bolivianischen Seite in Sicherheit gebracht.
Die erste Registrierung eines Jabuti-Stammes und erste Muster ihrer Sprache waren das Verdienst jenes geheimnisumwitterten Coronels Percy Harrison Fawcett, eines Engländers, der von der bolivianischen Regierung in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts unter Vertrag genommen wurde, um eine topografische Vermessung der Grenze zwischen Bolivien und Brasilien vorzunehmen. An einem der Zuflüsse des östlichen Ufers des oberen Rio Branco traf Fawcett auf eine Eingeborenengruppe, die er “Maxubi” nannte (Fawcett 1915, B. Fawcett 1953). Nach Fawcett hat niemand mehr jene Maxubi gesehen – auch hat niemand je von ihnen gehört. Die Mehrzahl der Worte auf der von Fawcett angefertigten Liste sind mit Ausdrücken der Arikapú identisch, sodass es sich wahrscheinlich um diesen Stamm gehandelt hat. Alles spricht dafür, dass die Arikapú vor Fawcetts Zeit noch keinerlei Kontakt mit Weissen gehabt hatten.
Zwanzig Jahre später besuchte der deutsche Ethnograph Emil Heinrich Snethlage das Guaporé-Gebiet im Auftrag des Ethnologischen Museums von Berlin (Snethlage 1937). Er begegnete vielen Stämmen des Rio Branco, inklusive den Arikapú und Djeoromitxi (die er “Kipiu” nannte), und kehrte nach Berlin zurück mit einer Sammlung von Objekten, Fotos, Filmen und Tonaufnahmen auf Wachsmatrizen (Snethlage 1939). Zu dieser Zeit hatten die Völker jener Region bereits verschiedene Epedemien von Mumps, Masern, Grippe und anderen verheerenden Krankheiten hinter sich gebracht. Besonders die Arikapú waren von diesen Krankheiten stark mitgenommen, als Snethlage sie 1934 kennenlernte war nur noch eine kleine Gruppe von ihnen am Leben, verteilt auf zwei Dörfer.
Zwischen 1948 und 1955 arbeitete der Schweizer Ethnograph Franz Caspar im Gebiet des Rio Branco, er wurde durch seine eindrucksvolle Arbeit über die traditionelle Kultur der Tupari (1958, 1975) bekannt. Caspar fertigte ebenfalls ausführliche Listen mit Begriffen aller ihm vorkommenden Eingeborenensprachen an – inklusive der Djeoromitxi und Arikapú. Er hatte ebenfalls Zugriff zu den Feldtagebüchern von Snethlage und zitierte sie in seiner Doktorarbeit (Caspar 1953). An den Wissenschaftler Caspar können sich die Ältesten noch heute erinnern!
Anfang des Jahres 1954 machte die eingeborene Bevölkerung des Rio Branco eine erneute schreckliche Mumps-Epidemie durch. Alles deutet darauf hin, dass besonders die Arikapú davon verheerend betroffen waren – als Caspar 1954 zu ihnen zurückkehrte, waren sie auf nur wenige Individuen geschrumpft, während die Djeoromitxi sich noch als grössere Gruppe behaupten konnten.
1968 führten die Missions-Linguistiker Willem Bontkes und Robert Campbell für das Summer Institute of Linguistics im Süden Rondonias eine Erhebung durch – SIL Bontkes fertigte eine kleinere Liste von Begriffen der Arikapú des Rio Branco an und berichtete von 14 Personen, welche diese Sprache benutzten. Campbell trug eine Liste von Djeoromitxi-Begriffen zusammen, von denen einige in einer Aufstellung von Rodrigues über eingeborene Sprachen Brasiliens (1986) publiziert wurden.
In den 80er Jahren besuchten verschiedene Anthropologen und Linguistiker die Region und lernten Indianer kennen, welche die Jabuti-Sprachen benutzten. Als Teil ihrer antropologischen Untersuchung, interviewte die Ethno-Historikerin Denise Maldi viele Stammesälteste und sammelte traditionelle Mythen für ihre Aufstellung, die sie “Complexo Cultural Marico” benannte (Maldi 1991). Die Anthropologin Betty Mindlin bereiste ebenfalls dieselbe Region ausführlich, sie sammelte und publizierte eine reihe von populären Volumen traditioneller Erzählungen der eingeborenen Völker (Mindlin 1993, 1998, 1999). Auch der Linguistiker Denny Moore vom Museum Goeldi erstellte vergleichende Listen mit Worten im Reservat von Guaporé. Danach führte die Linguistikerin Nádia Pires eine Feldarbeit unter den Djeoromitxi des Reservats Guaporé für ihre Doktorarbeit durch, welche in einer Beschreibung der Djeoromitxi-Sprache resultierte (1992) sowie dem Material zur Alphabetisierung in dieser Sprache (1994 und 1995). Zwischen 2001 und 2004 führten die linguistischen Feldforschungen Hein van der Voort zu Interviews mit den beiden letzten Repräsentanten der Arikapú-Sprache.
Museu Paraense Emílio Goeldi im April 2006
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther