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Die Regierungen und Sozialversicherungen der europäischen Länder schützen ihre Bevölkerung mit unterschiedlichen Sozialleistungen. Die Sozialausgaben der Länder variieren unter anderem je nach Wohlstand, Gesundheitszustand und Struktur der Bevölkerung. Die Länder mit den höchsten Sozialausgaben sind in Nord- und Westeuropa zu finden. In den osteuropäischen Ländern sind die Sozialausgaben tiefer.
Gefälle zwischen Ost und West
Die Regierungen und Sozialversicherungen der europäischen Länder schützen ihre Bevölkerung mit unterschiedlichen Sozialleistungen. Die Sozialausgaben der Länder variieren unter anderem je nach Wohlstand, Gesundheitszustand und Struktur der Bevölkerung. Die Länder mit den höchsten Sozialausgaben sind in Nord- und Westeuropa zu finden. In den osteuropäischen Ländern sind die Sozialausgaben tiefer.
Für aussagekräftige internationale Vergleiche werden die finanziellen Daten mit zwei Grössen ausgedrückt:
1) in Franken KKP pro Kopf: Mit der Kaufkraftparität (KKP) lassen sich Preisunterschiede zwischen den Ländern ausgleichen. In der Schweiz ist sie wie folgt definiert: 1 Franken = 1 CHF KKP.
2) Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP): Der Anteil der Sozialausgaben am BIP zeigt das relative Gewicht dieser Ausgaben innerhalb der Volkswirtschaft.
2018 beliefen sich die Sozialausgaben der Schweiz auf 20 795 Franken pro Kopf und gehörten damit im internationalen Vergleich zur Spitzengruppe. Im Verhältnis zum BIP platziert sich die Schweiz mit einem Anteil von 24,6% dagegen im Mittelfeld (vgl. Karte).
Reiche Länder haben ein stärkeres System der sozialen Sicherheit
Wie aus der nachfolgenden Grafik hervorgeht, sind die Sozialausgaben in Ländern mit einem hohen BIP (z.B. in Dänemark) in der Regel höher als in Ländern mit einem tieferen BIP (z.B. Nordmazedonien). Die Schweiz ist das drittwohlhabendste Land Europas (BIP pro Kopf: 85 000 Fr.). Ihre Sozialausgaben in Prozent des BIP (24,6%) liegen dagegen eher im Mittelfeld der Europäischen Union (EU28-Durchschnitt: 26,5%).
Zur besseren Lesbarkeit der Grafiken und Tabellen werden die Ergebnisse gruppiert und die Ländernamen abgekürzt:
– Nordeuropa: Dänemark (DK), Finnland (FI), Island (IS), Norwegen (NO), Schweden (SE)
– Westeuropa: Österreich (AT), Belgien (BE), Frankreich (FR), Deutschland (DE), Irland (IE), Luxemburg (LU), Niederlande (NL), Vereinigtes Königreich (UK)
– Südeuropa: Zypern (CY), Griechenland (GR), Italien (IT), Malta (MT), Portugal (PT), Spanien (ES)
– Osteuropa: Tschechische Republik (CZ), Estland (EE), Ungarn (HU), Lettland (LV), Litauen (LT), Polen (PL), Rumänien (RO), Slowakei (SK), Slowenien (SI), Bosnien und Herzegowina (BA), Bulgarien (BG), Kroatien (HR), Nordmazedonien (MK), Serbien (RS)
Die Korrelation zwischen dem BIP pro Kopf und dem Anteil der Sozialausgaben am BIP bestätigt sich jedes Jahr von Neuem. Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle: der Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Sozialleistungen, aber auch die Altersstruktur der Bevölkerung, die Lebensformen der Haushalte, die Arbeitslosenquote, Lohn- oder Geschlechterungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt und die Armut.
Sozialausgaben pro Einwohnerinnen und Einwohner steigen fast in allen Ländern
Auch in den meisten europäischen Ländern haben die Sozialausgaben zugenommen (vgl. nachfolgende Grafik). In der Schweiz sind die Sozialausgaben pro Kopf (und zu konstanten Preisen) zwischen 2009 und 2018 um durchschnittlich 1,6% pro Jahr gestiegen.
In Griechenland waren die Sozialausgaben zwischen 2010 und 2014 im Rahmen der Sparmassnahmen, die besonders die Gesundheitsversorgung und die Invalidenleistungen trafen, stark rückläufig (–20%). Sie haben sich seither aber stabilisiert.
In den meisten Ländern ist der Aufwärtstrend hauptsächlich auf einen Anstieg der Sozialleistungen für Alter und Gesundheitsversorgung zurückzuführen. Dabei scheinen vor allem zwei Faktoren eine entscheidende Rolle zu spielen:
1) Wirtschaftsentwicklung: In Europa hängt das BIP-Wachstum eng mit der Zunahme der Sozialausgaben pro Kopf zusammen. Zwischen 2000 und 2018 verzeichneten alle europäischen Länder ein mehr oder weniger starkes Wirtschaftswachstum: In der Schweiz wuchs das BIP pro Kopf im Schnitt jährlich um 1,0% (zu Preisen des Vorjahres). Wenn mehr wirtschaftliche Ressourcen verfügbar sind, kann ein Land sein System der sozialen Sicherheit grundsätzlich verstärken. So werden etwa die AHV-Renten anhand des gemischten Lohn- und Preisindexes an die wirtschaftliche Entwicklung angepasst.
2) Bevölkerungsalterung: In allen beobachteten Ländern hat der prozentuale Anteil der Bevölkerung über 65 Jahren zugenommen. In der Schweiz ist er zwischen 2000 und 2018 von 15,3% auf 18,3% angestiegen, in der EU von 15,6% auf 19,7%. Der Zusammenhang zwischen der Bevölkerungsalterung und den steigenden Ausgaben ist jedoch nicht klar erkennbar, wenn lediglich diese beiden Grössen betrachtet werden.
Wirtschaftsentwicklung und Sozialausgaben
In 16 der 23 Länder, für die vollständige Zeitreihen vorliegen, sind die Sozialausgaben zwischen 1995 und 2018 schneller gewachsen als die wirtschaftliche Tätigkeit (BIP). In der Schweiz zum Beispiel erhöhte sich der Anteil der Sozialausgaben am BIP um 4,8 Prozentpunkte. Griechenland und Island verbuchten unter anderem einen noch stärkeren Anstieg im Verhältnis zum BIP (+6,5 bzw. +5,6 Prozentpunkte).
In den restlichen sieben Ländern ging der Anteil der Sozialausgaben am BIP hingegen zurück. In Schweden und Irland verringerte er sich um 3,8 Prozentpunkte.
In den meisten osteuropäischen Ländern liegen ab dem Jahr 2000 Daten vor. Zwischen 2000 und 2018 blieb in diesen Ländern der Anteil der Sozialausgaben am BIP im Kontext eines wirtschaftlichen Aufholprozesses stabil bei durchschnittlich 18%.
In Rezessionsphasen wie 2009 oder 2020 nimmt das BIP per Definition ab. Gleichzeitig steigen die Ausgaben für Sozialleistungen, insbesondere diejenigen für Arbeitslose. Umgekehrt nimmt das BIP in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs zu, während die Ausgaben für Sozialleistungen sinken. Aus wirtschaftlicher Sicht ist dieses Phänomen nicht unwichtig, weil der Anstieg der Sozialleistungen in Rezessionsphasen die Einkommensverluste der Haushalte senkt, den Konsum stützt und somit das Ausmass der Rezession begrenzt. Die Sozialausgaben haben somit eine stabilisierende Wirkung auf die Wirtschaft.
Leistungen hauptsächlich für Alter und Gesundheit
Die zahlreichen Leistungen des Systems der sozialen Sicherheit in der Schweiz und in den anderen Ländern werden anhand des Risikos oder Bedürfnisses, das sie abdecken sollen, in sogenannte «Funktionen der sozialen Sicherheit» eingeteilt.
Das Alter ist aus finanzieller Sicht ein wichtiger Interventionsbereich des Systems der sozialen Sicherheit. Dies gilt sowohl für die Schweiz (10,6% des BIP) als auch für die meisten anderen europäischen Länder (Durchschnitt EU28: 10,8% des BIP). Im Allgemeinen gilt: Je grösser der Anteil der älteren Menschen an der Bevölkerung, desto höher fallen diese Ausgaben aus.
An zweiter Stelle stehen die Sozialausgaben im Gesundheitsbereich. In der Schweiz werden 7,8% des BIP für Leistungen in diesem Bereich ausgerichtet, in Deutschland sind es 10,1%, in Frankreich 9,0% und in Italien 6,4%.
Danach folgen die Ausgaben für Familien/Kinder (EU18: 2,2% des BIP), für Invalidität (2,0%) und für Hinterlassene (1,4%). In der Schweiz sind die Leistungen für Invalidität (2,0% des BIP) höher als jene für Familien/Kinder (1,5%).
Auf Arbeitslosigkeit, soziale Ausgrenzung und Wohnbeihilfen entfallen sowohl in der Schweiz als auch in der EU BIP-Anteile von höchstens 1%. Dank der guten Konjunktur von 2018 sind die Sozialleistungen für die Arbeitslosigkeit in Europa tief.
Die Funktion «soziale Ausgrenzung» umfasst diverse Geld- und Sachleistungen für Personen, die mit mehrfachen oder dauerhaften Schwierigkeiten in den Bereichen Finanzen, Gesundheit, Sucht oder Arbeitsmarktintegration zu kämpfen haben. Nicht zu dieser Kategorie gehören Sozialleistungen, die klar einer anderen Funktion zugeordnet werden können. In der Schweiz umfasst die Funktion soziale Ausgrenzung unter anderem einen Grossteil der Ausgaben für Sozialhilfe, für die Asyl- und Flüchtlingspolitik sowie für Opferhilfe.
Soziale Sicherheit wird durch Steuern und Sozialbeiträge finanziert
Die Ausgaben für die soziale Sicherheit werden aus verschiedenen Quellen finanziert («Einnahmen»). Die wichtigsten Quellen sind die Sozialbeiträge und die Beiträge der öffentlichen Hand.
In der Schweiz stammen 67% der Einnahmen aus Sozialbeiträgen der Arbeitgeber und der versicherten Personen. Auf letztere, insbesondere auf die Arbeitnehmenden, entfallen 37%, auf die Arbeitgeber 30%. Zum Vergleich: In der EU belaufen sich die Anteile dieser beiden Quellen auf 20% bzw. 35%.
Die zweite wichtige Finanzierungsquelle sind die Beiträge der öffentlichen Hand. In der Schweiz machen sie 23% der Einnahmen aus. Dieser Anteil ist im internationalen Vergleich relativ klein: Lediglich in vier Ländern ist das Gewicht der Beiträge der öffentlichen Hand geringer (zum Beispiel in Polen: 18%).
Eine nicht vernachlässigbare Finanzierungsquelle sind in der Schweiz die Vermögenserträge. Auf sie entfallen 10% der Einnahmen der sozialen Sicherheit. Sie werden hauptsächlich auf dem Finanz- und Immobilienmarkt generiert, insbesondere von den Pensionskassen. Lediglich in drei europäischen Ländern ist der Anteil der Vermögenserträge höher als in der Schweiz: zum Beispiel in den Niederlanden mit 15%.
Weiterführende Informationen
Andere Statistiken zu den Finanzen der sozialen Sicherheit
Die folgenden Statistiken decken gewisse finanzielle Aspekte der sozialen Sicherheit sowohl in der Schweiz als auch im internationalen Vergleich ab. Weitere Informationen finden Sie im PDF Dokument in den Grundlagen.
- Europäische System der integrierten Sozialschutzstatistiken (ESSOSS): Die GRSS ist die Umsetzung von ESSOSS in der Schweiz. Diese Statistik wird von Eurostat koordiniert.
- Social Expenditures Database (SOCX): Diese Statistik wird von der OECD in Zusammenarbeit mit Eurostat erstellt und weist die Ausgaben für die soziale Sicherheit der Mitgliedsländer der OECD aus.
- Government expenditure by function: Diese Statistik wird von der OECD publiziert und basiert auf internationalen Standards des IWF. Sie ermöglicht einen internationalen Vergleich der öffentlichen Finanzen einschliesslich der öffentlichen Ausgaben für die soziale Sicherheit.
- Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR): Basierend auf dem europäischen System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (ESVG 2010) zeigt diese Statistik die wirtschaftlichen Aktivitäten eines Landes. Daraus lassen sich auch die wichtigsten Geldflüsse im Zusammenhang mit der sozialen Sicherheit erkennen.
- System of Health Accounts (SHA): Das System der Gesundheitskonten (englische Abkürzung ist SHA) ist eine Synthesestatistik über die Geldflüsse im Gesundheitsbereich.
Grundlagen und Erhebungen