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Prof. Dr. Irene Hösli-Krais, Klinik für Geburtshilfe und Schwangerschaftsmedizin Universitätsspital Basel: «Seit langem ist bekannt, dass die Ernährung in der Schwangerschaft mit dem Schwangerschafts- und Geburtsverlauf assoziiert ist.» Ob die Schwangerschaft, die Geburt und die Stillzeit für Mutter und Kind gut verlaufen, hat wesentlich mit der Ernährung zu tun. Drei Faktoren spielen dabei die wichtige Rollen:
Das mütterliche Gewicht vor der Schwangerschaft und die Gewichtszunahme in der Schwangerschaft.
Die Zusammensetzung der Ernährung in der Schwangerschaft.
Die Leistungsfähigkeit und Gesundheit der Placenta.
Es ist also alles andere als einerlei, welches Gewicht die werdende Mutter zu Beginn der Schwangerschaft hatte und wie stark sie zunimmt. Auch «essen für zwei» ist nicht zu empfehlen. Untergewichtige sollten – im Vergleich zu Normalgewichtigen - überdurchschnittlich zunehmen. Bei Übergewichtigen wird eine reduzierte Gewichtszunahme angestrebt.
Untergewicht
Untergewichtige Mütter mit einem Body-Mass-Index BMI < 18.5 sollten eine durchschnittliche Gewichtszunahme von 12,7 – 18,1 kg erzielen.
Babys untergewichtiger Mütter haben oft mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Auch ist die Gefahr eine Frühgeburt erhöht.
Normalgewicht
Bei einem Normalgewicht mit BMI 18.5 - 24.9 sollte die durchschnittliche Gewichtszunahme bei 11,3- 15,2 kg in einer Einlingsschwangerschaft liegen.
Bei Normalgewicht bei einer Zwillingsschwangerschaft ist eine Gewichtszunahme von 16,7 bis zu 24,5 kg gesund und normal.
Der gesteigerte Energiehaushalt beträgt bei Normalgewichtigen im 2. Schwangerschaftsdrittel (4. bis 6. Schwangerschaftsmonat) ca. 350 kcal/Tag und ca. 500 kcal/Tag im letzten Schwangerschaftsdrittel.
Übergewichtige Schwangere
Übergewichtige mit einem BMI 25 - 29,9 sollten nicht mehr als 6,8 bis 11,3 kg zunehmen. (Bei Zwillingen 14,1 bis 22,7 kg).
Bei Schwangeren der Adipositas classe 1 (BMI 30-34,9) wird eine restriktive Gewichtszunahme von 5 bis 9 kg angestrebt. (Bei Zwillingen 11,3 bis 19,1 kg).
Noch keine wissenschaftlichen Empfehlungen liegen für Frauen der Adipostas classe 2 (BMI 35-39,9) und Morbider Adipositas (BMI über 40) vor.
Übergewicht kann in der Schwangerschaft gravierende Folgen nach sich ziehen: Diabetes, Schwangerschaftsvergiftungen, Fehlbildung des Föten, risikoreicher Geburtsverlauf und Probleme während der Stillzeit sind nur einige Beispiele.
Herausforderung für Geburtshelfer
In der Schweiz stieg in den letzten Jahren der Anteil der Frauen mit einem BMI > 30. Welche Empfehlungen bezüglich Gewichtszunahme und Ernährung für diese potentiellen Risikoschwangerschaften richtig sind, ist heute noch zu wenig geklärt. Generell lässt sich sagen, dass bei übergewichtigen Schwangeren einer Ernährungsberatung sowie einer Anleitung zu regelmässiger Bewegung eine zentrale Bedeutung zukommt. Sportliche Aktivität beeinflusst chronische Erkrankungen wie Hypertonie, Diabetes und Adipositas günstig.
Folsäure vor der Schwangerschaft
Die Ernährung während der Schwangerschaft ist keine Hexerei: Die Nahrungszusammenstellung und die Anzahl der Mahlzeiten entspricht den Empfehlungen der Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE), die in der Lebensmittelpyramide übersichtlich dargestellt sind. Auf einige Besonderheiten ist zusätzlich zu achten:
Eine ausreichende Versorgung mit Folsäure (ein Vitamin aus dem B-Komplex) ist während der Schwangerschaft wichtig. Folsäure kommt natürlicherweise vor allem in (grünen) Gemüsen, Getreide und Nüssen vor.
Wer eine Schwangerschaft plant, sollte schon im Vorfeld an die Wichtigkeit der Folsäure denken. Eine Folsäuresupplementierung sollte, wenn möglich, bereits 1-2 Monate vor der Schwangerschaft begonnen werden, da dadurch das Risiko für Neuralrohrdefekte (Spina bifida, «offener Rücken») um ca. 75 Prozent reduziert werden kann.
Ab der Befruchtung kann in den ersten 28 Schwangerschaftstagen Folsäure als Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden. Nach dem 28 Tag ist eine Supplementierung wirkungslos, weil das Neuralrohr in der frühembryonalen Phase gebildet wird.
Langkettige ungesättigte Fettsäuren werden vermehrt ab der 2. Schwangerschaftshälfte benötigt und können durch eine bis zwei Fischmahlzeiten pro Woche oder durch entsprechende Supplementierung ergänzt werden. Ideal sind fetthaltige Fische wie Lachs oder Hering. Allerdings ist dabei auf die Quecksilberbelastung der Fische zu achten. So sind Kabeljau, Forelle und Lachs eher wenig belastet, währenddem auf Hai, Schwertfisch und (Weisser) Thon (auch aus der Dose) und Hecht eher zu verzichten ist. Omega-3-Fettsäuren sind für die Entwicklung des Gehirns und des Zentralnervensystems des Föten ausserordentlich wichtig. Auch die Mütter profitieren von einer ausreichenden Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren, da diese einen günstigen Einfluss auf Wochenbett-Depressionen hat.
Verzichtet werden muss während der Schwangerschaft auf Rohmilch und rohes Fleisch (Beef Tartar).
Gesunde Placenta
Die Placenta, ein bezüglich des Stoffwechsels (Metabolismus) sehr aktives Organ, nimmt eine Schlüsselfunktion im Transfer von Nährstoffen und Sauerstoff vom mütterlichen Körper zum Ungeborenen ein. Die Transferkapazität der Placenta steigt mit zunehmender Schwangerschaftsdauer und Grössenzunahme der Placenta an. Deshalb gilt: Während der Schwangerschaft soll die werdende Mutter nicht doppelt so viel, aber doppelt so gesund essen.
- Quelle
Nationale Fachtagung der SGE, «Die ersten 1000 Tage», September 2012