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ODER WIE KAM DER FUSSBALL NACH BRASILIEN?
Brasilianische Anthropologen haben unter den zahlreichen Beispielen der im Land gefundenen Felszeichnungen und Höhlenmalereien auch solche entdeckt, die eine Gruppe von Personen zeigen, welche um einen menschlichen Schädel herumstehen, so als wollten sie um seinen Besitz streiten. Fragt einer der findigen Wissenschaftler: “Ob es sich hierbei wohl um den vorgeschichtlichen Anfang des Fussballspiels handeln könnte”?
Historiker halten dagegen und setzen die Anfänge jenes Disputs um den Ballbesitz auf 2.600 vor Christi Geburt, als unter den Chinesen ein ziemlich raues Spiel mit einem Lederball aufkam, der mit Pferdehaaren gefüllt war. Sogar der Kaiser Chen-Ti selbst soll mitgespielt haben. In der Ming-Dynastie wurden für diese Spiele hohe Einsätze verwettet und das Verlierer-Team empfindlich bestraft.
Etwa zur gleichen Zeit kannte man während der japanischen Kaiser Engi und Teureki ein ähnliches Ballspiel, auf einem Terrain von zirka 200 Quadratmetern. Die Halbzeit zwischen zwei Spielabschnitten war dazu da, den Spielern Gelegenheit zu geben, sich für eventuelle Fouls beim Gegner zu entschuldigen!
Trotz dieser einleuchtenden Versionen beharren andere Forscher auf den alten Griechen, wie immer, wenn es etwas zu verteidigen gibt, dessen Erfindung auf der Kraft und Ästhetik des menschlichen Körpers beruht. Unter den Spartanern existierte ein Spiel, das sie “Spiskiros” nannten – in dem eine luftgefüllte Schweinsblase zwischen zwei Gruppen von Spielern hin und hergetreten wurde. Die rudimentäre Form des Fussballs leitet man in diesem Fall von der Tatsache ab, dass es bei den Griechen Angreifer und Verteidiger gegeben haben soll. Zu einer Gruppe gehörten 12 Spieler auf jeder Seite – und die durften sogar ihre Hände gebrauchen!
Um 1.500 vor Christus besetzten dann die Römer Griechenland – und in Rom taucht das von den Griechen abgeguckte Schweinsblasen-Spiel als “Harpastum” auf – das Feld wurde durch zwei Linien begrenzt und der Ball bestand aus der Harnblase eines Haustiers – bei den Römern, so nimmt man an, war es die eines Widders. Das Spiel avancierte zum bevorzugten Sport der Legionäre.
Als der junge “Charles Miller” – Sohn eines Engländers und einer brasilianischen Mutter – den Stadtteil “Brás” in São Paulo hinter sich liess, um in England sein Studium fortzusetzen, kam er 1894 zwar mit dem erwarteten Diplom der “Bannister Court School” von Southampton zurück, aber er hatte noch viel mehr in seinem Gepäck: verschiedene Vereins-Shirts von Fussballteams, eine Trillerpfeife und, natürlich, nicht nur einen sondern gleich zwei Fussbälle. Und noch mehr: die Erfahrung einiger Jahre als Mittelstürmer einer Auswahlmannschaft der Grafschaft Hampshire. Begünstigt durch das Interesse seiner brasilianischen Freunde an allem, was an Neuem aus Europa herüberkam, brachte er ihnen das Fussballspielen bei und organisierte 1895 das erste historisch belegte Fussballspiel in Brasilien – er selbst war bis 1910 der beste brasilianische Spieler – wurde dann Schiedsrichter und zog sich schliesslich ganz aus dem Sport zurück.
Dies ist die offizielle Version, die man über die Einführung des Fussballs in Brasilien zu hören bekommt. Inoffizielle gibt es aber auch eine ganze Reihe: Zum Beispiel wird erzählt, das die Priester des Kollegiums “São Luís”, in Itú/Sáo Paulo, schon Jahre vor Charles Miller, Ausscheidungsspiele zwischen ihren Schülern veranstaltet hätten – oder, dass englische Seeleute auf der Durchreise in Rio, am Strand von Glória ihre Matches ausgetragen hätten – “völlig nackt”, wie der Polizeibericht entrüstet feststellte.
Die Zeitung “Manchete” bezeichnet in ihrer Ausgabe vom 23. März 1957, auf den Seiten 12 und 13, den “Esporte Clube Rio Grande”, im Bundesstaat Rio Grande do Sul, als Wiege des brasilianischen Fussballs und zitiert folgende Fakten: “Der Engländer Arthur Lawson ist der Vater des brasilianischen Fussballs” und, so berichten die Zeitungen jener Epoche, “er hat für die Durchsetzung seiner Idee sehr gekämpft”. Der stärkste Widerstand erwuchs ihm aus den Reihen der besseren Gesellschaft, die partout nicht einsehen wollte, warum erwachsene Männer hinter einem Ball herrennen und dabei auch noch ihre schrecklich behaarten Beine zur Schau stellen sollten. Aber es gelang ihm schliesslich, im Jahr 1900, zwei Mannschaften aufzustellen – die ersten des Clubs Rio Grande, der heute der älteste noch aktive Fussball-Club Brasiliens ist. Sein erstes offizielles Spiel fand am 18. Mai 1901 gegen die Mannschaft des englischen Kanonenbootes “Nymphe” statt und endete mit einem Sieg der Brasilianer aus Rio Grande do Sul, mit 2:1.
Bei einem Fussballspiel, das in den 40er Jahren im Bundesstaat Paraíba ausgetragen wurde, platzte die Naht des Leders ausgerechnet bei einem Strafstoss, der vom Mittelstürmer der Hausmannschaft ausgeführt wurde – die Luftblase flog ins Tor und das Leder am Tor vorbei. Der Schiedsrichter, unter dem Druck der Zuschauer und ziemlich ratlos gegenüber dem nicht in den Regeln enthaltenen Tatbestand, entschied sich für ein “halbes Tor”. Da bis zum Schluss des Spiels kein weiteres Tor fiel, wurde dies die einzige Partie in der Geschichte des Fussballs, die mit einem Stand von 0,5:0 endete!!