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Wissenschaftler zu werden heisst, sich in den je gültigen kollektiven "Denkstil" (Ludwik Fleck) einer Disziplin einzuüben. Dies lässt sich besonders plastisch anhand der Sozialisation nachvollziehen, die Chemiestudierende im Labor durchliefen.
Laborunterricht war in der Chemie - anders als in anderen Naturwissenschaften oder gar den Ingenieurwissenschaften - bereits üblich, als das Polytechnikum gegründet wurde. Dabei handelt es sich um eine traditionale Unterweisung: Sie folgte den etablierten, historisch gewachsenen Rationalitäten der Disziplin und war auf den Erwerb praktischer Kompetenzen, die nicht als Lehrbuchwissen vermittelt werden können, ausgerichtet. Lehrern wie Studenten stand diese besondere Qualität der Laborarbeit klar vor Augen. Nicht selten war die Tradition sakral gefärbt. Mit einer inzwischen schon berühmten Formulierung wollte der deutsche Chemiker Emil Erlenmeyer bestimmte Räume der "selbständigen Forschung geweiht" sehen. Aus diesen Räumen blieben Anfänger natürlich ausgeschlossen. Diese Trennung nach Novizen und "Vorgerückteren" war auch in Zürich gang und gäbe, wo die Abzugsschächte für chemische Dämpfe ebenso wie andernorts als "Kapellen" bekannt waren. Die ironisch-distanzierenden Anführungszeichen lieferten die Polytechniker gleich mit, beispielsweise in der von Chemieprofessor Georg Lunge herausgegebenen Broschüre, die das neue, 1886 bezogene Chemiegebäude der Öffentlichkeit und vor allen Dingen den Fachkollegen anderer Universitäten vorstellte (Bluntschli/Lunge 1889, 18).
Die Aufnahme in ein Denkstilkollektiv erfolgte mit "sanftem Zwang" (Ludwig Fleck). In den ersten vier Semestern waren täglich vier Stunden analytische und präparative Arbeit angesetzt. So wie die Studierenden die chemischen Stoffe u.a. über körperliche Kontrolle beherrschen lernten, das heisst über das geschickte Hantieren mit Apparaten und Stoffen, so kontrollierte der Lehrer "den Candidaten". Seine "praktischen Fortschritte" wurden am Ende des zweiten Jahreskurses in einem Übergangsexamen geprüft. Diese Kontrolle war, wie der Beitrag in einer so genannten Bierzeitung des studentischen Fachvereins verdeutlicht, oft paternalistisch angelegt. In der 1906 erstellten "Chemiker-Regel", die zur Melodie "Wer will unter die Soldaten" gesungen wurde, werden Berufsanfänger offenbar in Professorenrhetorik mit "mein Sohn" angesprochen. Die Verfasser bauten die bereits erlernten Handgriffe ein.

"Milligramme musst du wägen,

Bis das Zünglein richtig steht,
Deine Filter musst Du pflegen,
Musst sie waschen früh und spät.
Hast kein' Lust Du, lieber Sohn,
Lass die Nase nur davon. ...
Kakodyl und andre Sachen
Sind zum Parfümieren nicht,
Chlor, Jod kratzen dir im Rachen,
Und das Brom sehr übel riecht.
Kannst Du riechen lieber Sohn,
Lass die Nase nur davon.
Um dich auch nicht zu vergiften,
Denn das ist gewiss kein Spass,
Lies nur fleissig chem'sche Schriften,
sonst beissest Du bald ins Gras.
Cyankalium, lieber Sohn,
Lass die Nase nur davon."

Drei
traditionelle Vorstellungen zur Professionsidentität von Chemikern finden sich im Gedicht wieder: Chemiker waren Schöpfer, ihre Kunst
beruhte auf handwerklichem Geschick und sie hatten sich eine
heldenhafte Haltung gegenüber der Laborarbeit anzutrainieren, worauf die Landsermelodie anspielte.
Die Eigenschaften der chemischen Stoffe wurden mit Hilfe "chem'scher Schriften" erfasst und durch experimentell gesammelte Erfahrung manipuliert, um daraus neue Verbindungen zu erzeugen. Dies war aber nicht das einzige Ergebnis: Wer Sicherheit im Experimentieren erlangt hatte, konnte sich auch besser vor Berufsgefahren, im Ulk-Gedicht mit "Cyankalium" umschrieben, schützen. Dabei gehörten kalkuliertes Risiko und das Ertragen von verharmlosend "Rachenkratzen" oder "Stinkarbeiten" genannten Begleiterscheinungen zum Berufsethos (Jobmann 2001). Schon in den ersten Wochen lernten die Chemiker das feinmotorisch anspruchsvolle Pipettieren kennen. "Um eine verlangte Menge einer Flüssigkeit genau gemessen auszuschöpfen und der Untersuchung zu unterwerfen", müsse man die Pipetten mit der Spitze in die aufzunehmende Flüssigkeit eintauchen. Weiter heisst es im jahrzehntelang aufgelegten "Handbuch der technisch-chemischen Untersuchungen" des Zürcher Professors für chemische Technologie Pompejus Alexander Bolley: "Anlegen des Mundes und Aufsaugen der Flüssigkeit bis etwas über die Marke, Zurückziehen des Mundes und rasches Schliessen mit dem Zeigefinger der rechten Hand, in welcher man das Instrument hält."
Chemiestudenten mussten sich heroisch zeigen. Etwaige Ängste flossen nicht nur in Trinklieder, sondern auch in Nonsenstexte ein, die das Genre der wissenschaftlichen Publikation und die verlangte Arbeitsdisziplin parodierten. In der "Allgemeinen Chemiker-Zeitung" vom 11. Februar 1881, vermutlich zum Semesterabschluss herausgegeben, wurde etwa "die Bestimmung der freien Alkalien in Lösungen" revolutioniert. Der Autor schlug "statt des zeitraubenden Titrirens" ein in vielen Versuchen aufwändig ermitteltes und nunmehr erfolgreich standardisiertes Verfahren vor:
"Die Lösung wird zum Sieden erhitzt und hierauf ein Theil derselben behutsam über die rechte Hand gegossen (die Linke gibt ungenaue Resultate). Der Gehalt an freiem Alkali wird sehr scharf durch die Zeit wiedergegeben, nach welcher die Hand ihren normalen Zustand erreicht hat. ... Für ganze feine Bestimmungen lässt sich die Methode nach Bruse's Angaben dahin verändern, dass man sich durch Fallenlassen des Gefässes die siedende Lösung in das eine Auge einträgt und mit dem anderen beobachtet, was vorgeht."
Andrea Westermann