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Seit den Neunzigerjahren beschäftigen sich Bildungsverantwortliche mit der Aus-und Umgestaltung der ersten Bildungsstufe, dem Kindergarten und den ersten beiden Klassen der Primarstufe. Anlass gab eine umfassende Analyse verschiedener Probleme im Kindergarten, und beim Einritt in die Primarschule, wie beispielsweise:
die Diskussion um das Einschulungsalter,
Kinder, die für ein zusätzliches Jahr im Kindergarten behalten werden und die speziellen Massnahmen beim Übertritt in die Primarschule wie Einführungsklasse / Einschulungsjahr,
die kantonal sehr unterschiedliche Verweildauer im Kindergarten (Angebots-und/oder Besuchsobligatorium) und die unterschiedliche Organisation von Kindergarten und Primarschule,
der Umgang mit den grossen Unterschieden in der Entwicklung und im Lernstand der Kinder,
die Forderungen nach früher Integration und Förderung von Kindern aus benachteiligten Familien.
Aufgrund dieser Problemlage wurde eine Neuorganisation der Eingangsstufe ohne «Schnittstelle Schuleintritt» skizziert.
In der Basis-oder Grundstufe spielen und lernen Kinder in einer altersdurchmischten Klasse. Die Basisstufe umfasst zwei Jahre Kindergarten und die 1. und 2. Primarklasse; die Grundstufe zwei Jahre Kindergarten und die 1. Primarklasse. Diese beiden Modelle zeichnen sich aus durch flexible organisatorische Rahmenbedingungen und einen Unterricht, der den unterschiedlichen Bedürfnissen von Kindern im Alter zwischen 4 und 8 Jahren pädagogisch gerechter werden soll.
Mehrere Kantone haben diese Idee der Neugestaltung der Eingangsstufe aufgenommen und erprobten die Modelle. Seit dem Schuljahr 2003/2004 begannen, zeitlich gestaffelt, 170 Schulversuchsklassen mit der Basisstufe und/oder Grundstufe in den Kantonen AG, AR, BE, FR, GL, LU, NW, SG, TG, ZH und im Fürstentum Liechtenstein. Die Kantone definierten für ihre Schulversuche unterschiedliche Rahmenbedingungen, orientierten sich jedoch an gemeinsamen Zielsetzungen:
In einer altersgemischten Klasse sollen die Kinder ihrer individuellen Entwicklung gemäss gefördert werden. Das Spiel und das spielerische und aufgabenorientierte Lernen stehen ebenso im Vordergrund, wie erste Schritte in Lesen, Schreiben und Rechnen, die früher möglich sind.
Der Eintritt in die Basisstufe oder Grundstufe bzw. der Übertritt in die nachfolgende Klasse kann halbjährlich erfolgen.
Die Verweildauer ist flexibel: Die Grundstufe kann in 2 bis 4 Jahren, die Basisstufe in 3 bis 5 Jahren durchlaufen werden.
Die frühe Förderung und Integration aller Kinder sind anzustreben.
Zwei Lehrpersonen mit unterschiedlichem Ausbildungshintergrund (je eine Lehrperson des Kindergartens und der Primarstufe) arbeiten in gemeinsamer Verantwortung mit der schulischen Heilpädagogin oder dem schulischen Heilpädagogen in einer Klasse.
Die wissenschaftliche Begleitung und Auswertung der Schulversuche erfolgte durch das Institut für Bildungsevaluation der Universität Zürich und das Institut für Lehr-und Lernforschung der Pädagogischen Hochschule des Kantons St.Gallen. Sie untersuchten während fünf Jahren die Lernfortschritte von 1000 Kindern ab dem ersten Kindergartenjahr bis zur dritten Primarklasse aus Schulversuchs-und traditionell geführten Schulklassen und befragten deren Eltern und Lehrpersonen zu ihren Erfahrungen.
Gemeinsam legen nun die Erziehungsdirektoren-Konferenz der Ostschweizer Kantone und des Fürstentums Liechtenstein (EDK-Ost) sowie die weiteren beteiligten Kantone der Deutschschweiz den Projektschlussbericht EDK-Ost 4bis8 vor, in dem die kantonalen Erfahrungen mit den Schulversuchen und die wissenschaftlichen Ergebnisse präsentiert werden.
Wichtigste Erkenntnisse aus den Schulversuchen mit der Basisstufe und der Grundstufe
Mit dem Modell der Basisstufe und der Grundstufe konnten die in den Schulversuchen gesetzten Ziele grundsätzlich erreicht werden. Die Ergebnisse der beiden Modelle - Basisstufe bzw. Grundstufe - unterscheiden sich kaum:
Die Schnittstelle zwischen Kindergarten und 1. Klasse kann aufgelöst werden. Spezielle Massnahmen, wie Einschulungsklassen oder Einführungsklassen sind mit den neuen Modellen nicht notwendig.
Der Übertritt von der Basisstufe oder Grundstufe in die 2. oder 3. Klasse gelingt unterschiedlich gut.
Mit dem Teamteaching und der engen Zusammenarbeit mit weiteren Fachpersonen gelingt die Integration von Kindern mit verstärktem sonderpädagogischem Bedarf. Die Integration aller Kinder führt zu keinen Nachteilen für die leistungsstärkeren Kinder.
Kindergarten und 1./2. Primarklasse können organisatorisch und pädagogisch-didaktisch zusammengeführt werden.
In der Basisstufe haben Spielen und Lernen genügend Raum, die Kinder profitieren von den vielfältigen Unterrichtsformen und der altersdurchmischten Gruppe.
Die Kompetenzen in Lesen und Mathematik können am Anfang der Basisstufe oder Grundstufe früher gefördert werden. Nach vier Jahren haben sich die Leistungen in Lesen und Mathematik allerdings wieder angeglichen.
Einige Kinder absolvieren die Basisstufe oder die Grundstufe in kürzerer Zeit, andere benötigen ein Jahr länger Zeit. Die unterschiedliche Verweildauer und der flexible Eintritt in die Basisstufe oder Grundstufe bzw. der Übertritt in die nachfolgende Klasse werden genutzt.
Die Schulen haben sich freiwillig am Schulversuch beteiligt. Die Lehrpersonen schätzen die Zusammenarbeit im Team im Umfang von 15-18 Lektionen pro Woche und die gemeinsame Verantwortung für den Unterricht.
Eltern, welche die pädagogischen Ziele der neuen Modelle durch Erfahrungen ihrer Kinder kennenlernen, schätzen diese durchwegs positiv ein.
Die vielfältigen Erkenntnisse aus den Schulversuchen erlauben in einzelnen Aspekten einen Vergleich mit dem traditionellen System Kindergarten -1./2. Primarklasse.
- Die Untersuchungen zeigen auf, dass die Grundstufe, die Basisstufe und das traditionelle System mit Kindergarten und 1./2. Primarklasse vergleichbare Leistungen erbringen, die Lernziele am Ende der 3. Klasse erfüllen und auf gute Akzeptanz von Seiten der Eltern stossen.
- In der Basisstufe und Grundstufe gelingt dies mit der Integration fast aller Kinder, ohne dass für die leistungsstärkeren Kinder daraus ein Nachteil entstünde.
- Im Vergleich gelingt es keinem der drei Organisationsmodelle, Kinder aus benachteiligten Familien wesentlich besser zu unterstützen.
- Die Kosten für die Grundstufe oder Basisstufe sind insgesamt höher als diejenigen für den Kindergarten und 1./2. Primarklasse. Um wie viel die Kosten höher sind, hängt von den kantonalen Rahmenbedingungen und Vorgaben ab. Die Mehrkosten wirken sich entsprechend von Kanton zu Kanton verschieden aus. Berechnungen zeigen jedoch, dass es aufgrund der Optimierungsmöglichkeiten in der Klassenbildung gerade in Gemeinden mit Kleinstschulen zu kostenneutralen Lösungen oder sogar Einsparungen gegenüber dem Kindergarten und den 1./2. Primarklassen kommen kann.
Beim Leistungsvergleich unter den drei Organisationsformen ist zu bedenken, dass bei den neuen Modellen ein erhebliches Mass an Entwicklungsarbeit erst im Verlauf der Schulversuche geleistet werden konnte.
Die Fragestellungen, verglichen mit denjenigen zu Beginn des Projekts von 2002, haben sich erheblich verändert. So sind in den letzten Jahren in der Weiterentwicklung des Kindergartens, des Schuleintritts und des Übertritts in die 1. Primarklasse in vielen deutsch-und gemischtsprachigen Kantonen wesentliche Massnahmen umgesetzt worden, die bei einer Beurteilung und Bewertung der Ergebnisse des Schulversuches ebenfalls zu berücksichtigen sind.
21 Kantone und das Fürstentum Liechtenstein haben in einem Projektverbund ein bedeutendes Schulentwicklungsanliegen auf überregionaler Ebene unterstützt. Wichtige Erkenntnisse liegen nun vor. Für die weiteren Entscheide stehen den Kantonen vielfältige Erkenntnisse und umfangreiche Grundlagen zur Verfügung. Der Entscheid, wie dies umgesetzt werden soll, steht in der abschliessenden Kompetenz jedes einzelnen Kantons.
Projektschlussbericht EDK-Ost 4bis8 ist unter www.edk-ost.ch einsehbar.