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Diese Ausgabe enthält das folgende Thema:
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Gleichgeschlechtliche Liebe vor 4600 Jahren
eos. "Uns hat es schon immer gegeben", ein salopper Spruch, Wunschdenken? Oder Wissen um die Vielfalt der Natur, auch um das Relative des Menschen mitsamt seinen Kulturformen? Klarheit schafft wohl nur das Forschen nach Fakten. Auch das hat es schon sehr früh gegeben. Heute haben wir mehr Mittel dazu. Ein Beispiel fand sich in Ägypten.
Wenn wir nach Beweisen für unangefochten gelebte und akzeptierte gleichgeschlechtliche Liebe innerhalb bestimmter Gemeinschaften, Kulturen, Stämmen suchen, müssen wir uns entweder zu Menschen begeben, die nur noch vereinzelt ihre Traditionen leben oder als Gruppe kaum je von unserer Zivilisation berührt wurden. Oder aber, wir wenden uns einer ganz anderen Art der Forschung zu und werden in Überresten verschwundener alter Zivilisationen zufällig fündig.
Das Erste ist ein junger Zweig der ethnologischen Forschung. Ihre Ergebnisse zeigen, dass "Naturvölker" diesen Namen auch deshalb zu Recht erhielten, weil sie die Natur nicht korrigierten. Sie liessen beispielsweise drei Formen des Menschseins zu, neben der mehrheitlich weiblichen oder männlichen auch die beides enthaltende Form, die viel seltener ist. Sie sahen darin etwas Besonderes, nicht Geteiltes, die Gegensätze Aufhebendes, fast Götter-Ähnliches, das sich nicht fortpflanzte, wohl aber lieben konnte. Diese Frau/Mann-Mitglieder der Gemeinschaft eigneten sich für andere als die üblichen, für besondere Aufgaben: "Medizinfrauen", "Medizinmänner", die das Heilen verstanden, aber auch das "Wissen", die "Kultur", den Ahnen- und Götterkult des Stammes weitertragen und an die Nachkommen übergeben, die Kinder unterrichten konnten. Solche Lebensformen wurden bei Naturvölkern - in vielen Variationen - sowohl in Polynesien und Australien, in Sibirien, Indien/Südostasien, Afrika, Nord- und Südamerika gefunden und dokumentiert. Gewisse Forscher wie etwa Ninian Smart in seinem Werk "The Religous Experience" (1996, 5. Auflage) haben "Naturreligionen" als Ausdruck von Stammes-Kulturen in ihre Gesamtschau einbezogen und den bekannten Religionsformen gleichgestellt.
Grab eines Männerpaares
Die zweite Möglichkeit, das Erforschen der Zeugnisse antiker Zivilisationen, begann bereits in der Renaissance und entwickelte sich dann im 18. und 19. Jahrhundert bis heute weiter zur Archäologie, wie wir sie kennen. Ihr verdanken wir einen 1964 gemachten Fund in Ägypten, der auf die Existenz eines gleichgeschlechtlichen Paares hinweist. Es handelt sich um ein Grab bei der berühmten Gräberstätte von Sakkhara etwa 30 km südlich von Kairo. Sein Alter konnte in die Zeit der 3./4. Dynastie datiert werden, also um 2600 v. C, als es die bekannten drei Pyramiden von Gizeh noch nicht gab. Schon der Ort des Grabes zeigt an, dass es sich hier um Männer handelt, die der Oberschicht angehörten und als Paar vollkommen integriert waren.
Wichtig sind die Reliefs an den steinernen Wänden des Grabes, auf denen traditionell die beiden Ehepartner, Mann und Frau, mehrfach dargestellt sind, händehaltend und sich in die Augen schauend. Hier sind es zwei Männer. Die Farben sind noch gut erhalten, wenn auch die Wände teilweise beschädigt wurden. In den dazugehörenden Hieroglyphen-Texten, ebenfalls reliefartig, wird berichtet, dass es sich um hochgestellte Personen in den Positionen persönlicher Diener des Pharao und dessen Umfeld handelt, der eine als Zahnarzt, der andere als Aufseher der Friseure, Nagel-, Hand- und Fusspfleger. Beide hatten Kinder aber keine Hauptfrau. Und beiden standen auch priesterliche Funktionen zu, etwa beim Kult des Sonnengottes Ra. Ihre Namen: Nianch-chnum und Chnumhoteb.
Von diesen Namen gibt es ein Bild, das Greg Reeder 1999 veröffentlicht hat*. Es zeigt die beiden Namens-Hieroglyphen über dem Eingang zur Grabkammer. Dazu verfasste Reeder eine Erklärung: Chnum ist eine Gottheit, jene der Töpfer, dargestellt mit der Hieroglyphe "Krug". Zweimal ist der Krug zu sehen, rechts zusammen mit dem Zeichen "Ankh" (unser Buchstabe T mit einer Schleife darüber, eine Art Schlüssel) und dem Zeichen für den Fluss Nil in Form von Wellen (liegende Zickzacklinie). Es ist der Name Nianch-chnum, was bedeutet: Chnum ist Leben (Schlüssel zum Nil = Leben). Links steht wieder der Krug und daneben ein Halbrund, ein Rechteck und eine Tischfläche mit einem runden Gegenstand drauf, was als Ganzes einen Opfertisch mit Gaben darstellt und "zufrieden" oder einfach "Friede" bedeutet. Die drei Zeichen werden als Wort "hoteb" gesprochen. Das Ganze ergibt den Namen Chnumhoteb. Reeder fährt dann fort, der Gott Chnum sei zugleich Sinnbild für die Tätigkeiten "vermengen, zusammenfügen", was mit dem Kneten des Töpferlehms ja gemacht werde. Damit liessen sich die Namen der beiden Männer direkt über dem Eingang ihres Grabes auch als Sinnbild lesen: Im Leben vereint - im Frieden vereint.
Gleichgeschlechtliche Liebe in der Mythologie
So steht im Morgendämmer der Geschichte ein sich liebendes Männerpaar. Und wenn wir noch einmal 500 Jahre weiter zurückgehen, kommen wir nicht mehr in der Geschichte, aber im Übergang von Geschichte zur Mythologie auf ein weiteres gleichgeschlechtliches Männerpaar, das in Mesopotamien am Unterlauf von Tigris und Euphrat sich liebte. Der eine war Gilgamesch, König von Uruk im Reich der Sumerer. Der andere Enkidu, sein Diener, dem König aber an Kraft und Grösse ebenbürtig. Zuerst kämpften sie gegeneinander, dann aber liebten sie sich innig und unternahmen viele Heldentaten. Enkidu starb und Gilgamesch suchte ihn in seiner Trauer bis in die Unterwelt. Das Gilgamesch-Epos ist das älteste der Menschheit.
Offenbar hatten die Menschen in Kulturen des Altertums kein Problem mit der gleichgeschlechtlichen Liebe. Und ebenso geht es bis heute jenen Menschen und Stämmen, die nur wenig oder gar nie mit unserer dominierenden Zivilisation in Berührung kamen.
Die Ächtung dieser Liebe schufen sich offenbar jene Leute, die massgebend waren beim Entwickeln und Fortbestehen dieser dominierenden Zivilisation. Ein Hinterfragen der Ächtung begann erst kurz vor der Gegenwart, zögerlich und sporadisch. Wer sich mit gleichgeschlechtlicher Liebe, wer sich mit queeren Menschen befassen will, kommt an der Grundfrage nach der Ächtung und ihrer langen Geschichte nicht herum. Es bedarf des Hinabsteigens in die grausamen Tiefen des Ausschliessens und Verdammens, die bei den Wurzeln unserer Zivilisation liegen und dort gleichzeitig als bitteres Gift zu wachsen begannen. Erst diese Katharsis macht uns offen.
Darum ist die erste der neun Epochen unserer Schwulengeschichte jene mit dem Namen Ächtung. Sie soll Aussenstehenden beim Prozess der Einsicht und des Verstehens unserer Vergangenheit als Führer dienen und Anregung zu eigenem Forschen sein.