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Weltl. Kollegiatstift, Gem. R. AG, Diözese Basel. 1228 ecclesia collegiata St. Martini Rinfeldensis, 1358 Kapitel des Tumes zu Rinfelden, 1730 Caesareo Archiducale Collegium S. Martini Rheinfeldensis. Gründung 1228. Patrozinium: St. Martin. Aufhebung 1870.
Im Zusammenhang mit dem Grafensitz der von R. auf der Rheininsel Stein wurde zu Beginn des 11. Jh. links des Rheins eine Kirche erbaut. Sie ist erstmals 1146 erwähnt, ihr erster Geistlicher 1170. Vor der Stiftsgründung vom 31.10.1228 bestand bereits eine Klerikergemeinschaft. Das Stift war damals wie die Stadt R. reichsfrei. 1330 verloren Stadt und Stift ihre Reichsfreiheit durch Verpfändung an Hzg. Otto von Habsburg. Fortan übte Österreich die Kastvogtei über St. Martin aus. Habsburg nutzte 1406 die wirtschaftl. Notlage des Stifts zum Ausbau seiner Rechte aus und sicherte sich, als Gegenleistung für die Schenkung der Kirche Herznach, das Kollaturrecht über die Kanonikate mit Ausnahme des Dekanats. Mit der Ächtung Hzg. Friedrichs IV. von Habsburg durch Kg. Sigismund erlangten Stadt und Stift 1415 wieder die Reichsfreiheit; das Kollaturrecht fiel an den König. Nach dem österr. Überfall auf die Stadt R. 1448 - sie hatte sich 1425 geweigert, unter die Herrschaft Österreichs zurückzukehren - huldigten Stadt und Stift im folgenden Jahr erneut Habsburg. Von 1523 bis Anfang der 1540er Jahre beeinflusste die Reformation das Stiftsleben stark, konnte sich jedoch wegen der Hegemonie Habsburgs nicht durchsetzen. Im Dreissigjährigen Krieg erlitt das Stift schweren wirtschaftl. Schaden. Z.Z. der Helvet. Republik musste es die linksrhein. Zinsen dem Kt. Aargau abtreten; 1808 und 1819 verlor es seine rechtsrhein. Besitzungen an Baden. Von den Verlusten zu Beginn des Dt.-Franz. Krieges erholte sich das Stift nicht mehr und wurde 1870 bei einem Bestand von drei Chorherren aufgelöst.
Das Stift St. Martin war mit den drei Dignitäten Propst, Dekan und Scholaster ausgestattet. Der Propst stand dem Stift vor, investierte die Chorherren, vertrat das Stift vor Stadt und Regierung und hatte in R. zu residieren. Der Dekan war sein Vertreter und zugleich Stadtpfarrer. Wegen Streitigkeiten wurde 1624 das Dekanat aufgelöst und stattdessen die Kustodie eingerichtet, welche die Aufgaben des Dekanats übernahm und an den jüngsten Chorherrn ging. Da sich diese Lösung auf die Dauer nicht bewährte, wurde 1700 die Kustodie vom Pfarramt getrennt, welches beim jüngsten Chorherrn blieb. Der Scholaster, dessen Amt vermutlich im frühen 14. Jh. eingeführt wurde, war für die Schule zuständig und übernahm zum Teil die Funktion des fehlenden Kantors. Nach der Aufbauphase umfasste das Stift mitsamt den Dignitäten 13 Chorherrenpfründen, wobei dem Propst deren zwei zustanden, und maximal 15 Kaplaneien. Die Chorherren waren kraft ihrer Privilegien vom städt. Gericht befreit. Bei Streitigkeiten zwischen Stiftsherren und Bürgern oder Einwohnern von R. übte das Stift die niedere Gerichtsbarkeit aus. Bei der Stiftsgründung wurde St. Martin die Kirche Eiken inkorporiert, deren Kollaturrecht 1868 an die Kirchgem. Eiken ging. Die Kirche Kilchberg (BL) kam 1400 als Schenkung ans Stift. Basel setzte ab 1529 mit Billigung von St. Martin einen ref. Pfarrer in Kilchberg ein und wurde 1807 Rechtsnachfolger des Stifts. Seine Rechte über die Kirche Herznach nahm St. Martin bis 1867 wahr. 1653 wurde die Kirche Wölflinswil dem Stift inkorporiert.
Literatur
– HS II/2, 400-425
– E. Desarzens-Wunderlin, Das Chorherrenstift St. Martin in R., 1228-1564, 1989
Autorin/Autor: Eva Desarzens-Wunderlin