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Die moderne Bibelwissenschaft ist ein Kind der Aufklärung. In einzelnen Teilen lässt sie sich bis zur Renaissance und zur Reformation zurückführen. Wie der Begriff es sagt, ist sie ein fester Teil der Epoche der Moderne und nur aus ihr heraus verstehbar. In diesem Teil beschreibe ich, wie die moderne Bibelwissenschaft entstand und lege ihre Denkvoraussetzungen offen. Auf diese Weise soll der Begriff «Bibelkritik» fassbar werden.
Von der modernen Bibelwissenschaft ist oft vereinfachend als der «Bibelkritik» die Rede. Der unscharfe Begriff ist Bezeichnung für einen wissenschaftlichen Zugang zur Bibel, dessen Anfänge auf das 18. Jahrhundert anzusetzen sind. Im 19. Jahrhundert wurde der Begriff «Kritik» zum Leitbegriff der modernen Bibelwissenschaft. Während im heutigen Sprachgebrauch mit Kritik ein abwertendes Kritisieren gemeint ist, stand der Begriff im aufstrebenden Wissenschaftsbetrieb des vorletzten Jahrhunderts für ein methodisch überprüfbares Vorgehen. In diesem Sinn wird der Begriff in der Wissenschaft immer noch verwendet. So will eine «kritische» Werkausgabe von Luthers Schriften oder ein «kritischer» Matthäuskommentar nicht Luther oder Matthäus kritisieren, sondern die auf sie zurückgehenden Texte nach wissenschaftlichen Regeln analysieren.
Der Anspruch der Bibelkritik ist ein hoher und fest mit westlichem rationalistischem Denkvermögen verbunden. Die moderne Bibelwissenschaft will unter neuzeitlichen Denkvoraussetzungen eine methodisch kontrollierbare Erschliessung der biblischen Schriften bieten. Sie hat dazu die «historisch-kritische» Methode entwickelt, die ich in Teil 5 näher beschreiben werde.
Renaissance und Humanismus
Wenn man die moderne Bibelwissenschaft verstehen will, muss man sich ein Stück europäische Geistesgeschichte vergegenwärtigen.
Im 15. Jahrhundert kommt es in Italien zu einem kulturellen Aufbruch, der ganz Europa erfasst und später von den Historikern als «Renaissance» (Wiedergeburt) bezeichnet wird. Mit dem Begriff wird zum Ausdruck gebracht, dass die Ideale der Antike wiederentdeckt und fruchtbar gemacht wurden. Zentrum der Frührenaissance ist Florenz, das durch Bankgeschäfte und Handel zu Reichtum gelangt. Das Vermögen wird dazu verwendet, Klöster, Künste, Gelehrte und antike Forschung zu finanzieren.
Die Epoche der Renaissance bringt den Humanismus hervor, in welchem die Gottebenbildlichkeit des Menschen und seine Würde als Geschöpf in den Mittelpunkt tritt. Zum bedeutendsten Wegbereiter der Reformation wird der berühmte niederländische Humanist Erasmus von Rotterdam (1466–1536). Man sagte ihm nach, er habe das Ei gelegt, das Luther ausgebrütet habe.
Das Losungswort der Humanisten lautet «ad fontes!» (zu den Quellen). Es ist Ausdruck der Suche nach den Idealen der Antike in ihrer unverfälschten Gestalt. Damit ist eine wichtige Vorbedingung für die Reformation erfüllt, in der die Beschäftigung mit dem Bibeltext von zentraler Bedeutung wird. Die Humanisten lernen fleissig Griechisch, um die antiken Klassiker wie Homer und Platon und das Neue Testament in der Originalsprache lesen zu können. Bisher kennt man den christlichen Glauben fast ausschliesslich durch die Vermittlung der katholischen Tradition und Theologie des Mittelalters. Das ändert sich nun. Man beginnt sich kritisch mit literarischen Quellen zu befassen und fragt nach ihrem historischen Ort: Wo entstanden sie? Wer schrieb sie? Mit welcher Absicht? Man bemüht sich um exakte Übersetzungen ins Lateinische, das in Europa bis ins 18. Jahrhundert Amts- und Gelehrtensprache ist, und schenkt so den ursprünglichen Texten viel Aufmerksamkeit.
Eine weitere Frucht des Humanismus ist die Gründung zahlreicher Universitäten, unter anderem in Tübingen (1477) und Wittenberg (1502), wo Luther lehren wird, und die Gründung bedeutender Bibliotheken, die nicht an ein Kloster angeschlossen sind. Damit werden die Grundlagen gelegt für die Entwicklung wissenschaftlicher Forschung, die sich nicht mehr eng an den christlichen Glauben anlehnt und ihre Berechtigung in ihrem humanistischen Selbstverständnis findet. Der Humanismus wird zum entscheidenden Wegbereiter der Reformation:
«Der Humanismus bereitete als geistige Grossmacht Europas entscheidend den Boden für die Reformationen. Die Möglichkeiten zum Studium der Quellen, die daraus sich ableitende Kritik althergebrachter Traditionen und vor allem die kritische Wendung gegen die Lebensferne scholastischer Theologie prägten alle Persönlichkeiten der Reformation nachhaltig.»[1]
Die Reformation
Nach Überzeugung der Reformatoren ist das, was das Christentum ausmacht, an den Aussagen der Schrift zu prüfen. Diese Prüfung ist ihrer Auffassung nach möglich, weil die Schrift in sich selbst klar und verständlich ist.
Wie gelangen die Reformatoren zu ihrer Erkenntnis? Sie folgen dem wissenschaftlichen Impuls ihrer Zeit und gehen wie die Humanisten zurück zu den Quellen. In ihrem Fall ist das das Neue Testament. Luther liest mit Inbrunst das Neue Testament, studiert aber auch fleissig die Werke berühmter Humanisten.
Die Beschäftigung mit der Bibel rückt in den Mittelpunkt der evangelischen Theologie. An die Stelle des katholischen Lehramts tritt die Autorität der Schrift samt ihrer sachgerechten Auslegung. Damit ist eine wichtige Voraussetzung für das spätere Entstehen der historisch-kritischen Methode gegeben:
«Für die Reformation ist die Heilige Schrift die ‘Urkunde’ der Offenbarung Gottes und darum die einzige und ausschliessliche Quelle aller Verkündigung der Kirche. Kirchliche Traditionen, auch traditionelle Regeln für die Auslegung der Bibel, sind dem grundlegenden Zeugnis der Schrift unterzuordnen und an diesem zu prüfen. Damit aber wird der wörtliche Sinn des biblischen Zeugnisses massgeblich für sein Verständnis. Seit der Alten Kirche hatte sich für die Bibelauslegung in Theorie und Praxis das System eines vierfachen Schriftsinns entwickelt. Neben dem Wortsinn glaubte man einen dreifachen übertragenen Sinn entdecken zu können: Der allegorische oder mystische Sinn umfasst die hinter dem Wortsinn verborgenen Glaubenswahrheiten, der moralische Sinn entnahm dem Bibelwort Anweisungen zum rechten Handeln, der anagogische Sinn richtete sich auf die eschatologischen (endzeitlichen) Geheimnisse. Die Reformatoren betonten demgegenüber, dass die Bibel als ein in der Geschichte ergangenes Zeugnis an ihrem historischen Ort verstanden werden muss, denn das Wort ist Fleisch geworden (Joh 1,14). Diese Einsicht in den geschichtlichen Charakter der Offenbarung Gottes förderte nicht nur die Bemühung um die ursprünglichen hebräischen und griechischen Texte der Bibel, sondern liess die Schriftauslegung zum überragenden Kennzeichen der Reformation werden. Die Betonung des Wortsinns der Heiligen Schrift schuf so die Voraussetzungen für die spätere historisch-kritische Methode.»[2]
Entscheidend für die Reformation (und die Auslegungsgeschichte der Bibel) ist Luthers Auftritt vor Kaiser und Reichstag am 17. April 1521 in Worms. Luther erklärt:
«Solange ich nicht durch das Zeugnis der Heiligen Schrift oder klare Vernunftgründe widerlegt werde, so halte ich mich überwunden durch die Heilige Schrift. Mein Gewissen ist in Gottes Wort gefangen. Darum kann und will ich nicht widerrufen, weil gegen das Gewissen zu handeln beschwerlich und gefährlich ist. Gott helfe mir. Amen.»[3]
Luthers Auftritt in Worms gehört zu den entscheidenden Ereignissen der abendländischen Geschichte. Luther nimmt für sich vor dem Reichstag in Anspruch, in Sachen Glauben anders zu urteilen als zehn Konzile, hundert Kirchenväter und tausend Jahre Auslegungstradition! Sein Gewissen löst sich vom Zugriff des Dogmas, es ist an Gottes Wort gebunden, nicht an die Verlautbarungen der Kirche. Luthers Weigerung zu widerrufen, samt seiner Begründung, ist ein epochaler Vorgang. Mit Luther erkämpft sich das autonome Gewissen seinen legitimen Platz in der europäischen Geschichte. Es ist jetzt legitim, an überkommenen Vorstellungen zu zweifeln, auch wenn die letzte Konsequenz dieses Zweifelns erst mit der Aufklärung sichtbar wird. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Aufklärer das von Luther erstrittene Recht zu zweifeln, für ihre Sicht in Anspruch nehmen. Sie werden weit über Luthers Kritik an Tradition und Theologie hinausgehen und an den Grundfesten des christlichen Abendlandes rütteln.
Aufklärung und kritisches Denkvermögen
Als wichtigstes Merkmal der Aufklärung, deren Anfänge auf die Mitte des 17. Jahrhunderts anzusetzen sind, gilt die Berufung auf die Vernunft als entscheidende Urteilsinstanz. Nur hundert Jahre nach Luther hat sich die Situation so geändert, dass fundamentale Kritik an der christlichen Weltanschauung möglich wird. In der Zeit der Reformation gab es keinen Streit über das Existenzrecht christlicher Weltanschauung, sie wurde vorausgesetzt. Der Streit zwischen Katholizismus und Reformation beschränkte sich darauf, welche christliche Sicht die richtige ist. Jetzt wird die christliche Weltanschauung selbst in Frage gestellt.
Wahlspruch der Aufklärung ist der von Immanuel Kant geprägte Satz: «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!» Kant (1724–1804) gilt als der wichtigste Philosoph der deutschen Aufklärung und als einer der einflussreichsten Denker des Abendlandes. Kant definiert die Aufklärung als «Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.» Aus Sicht der Aufklärer hat das kirchliche Dogma den Bürger entmündigt. Unmündigkeit ist nach Kant «das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne eines anderen zu bedienen.» Die Loslösung von traditionellen Vorstellungen und kirchlichen Dogmen ist im Zeitalter der Aufklärung «modern» und führt zu einem ersten grossen Säkularisierungsschub in der Geschichte des Christentums.
Renaissance, Humanismus und Reformation haben die Vorarbeit für diese Entwicklung geleistet. Die Wiederentdeckung der antiken Wissenschaften durch die Renaissance führte zu einem verstärkten Fragen nach der Natur und dem Ursprung der Dinge. Der Humanismus appellierte an die Vernunft und lenkte den Blick auf die Möglichkeiten des Menschen. Und die Reformation war Voraussetzung für die Aufklärung, indem sie Kritik an der Kirche und ihren Traditionen populär machte.
«Ich denke, also bin ich»
Nicht nur die Philosophie bewegt sich, auch in den Naturwissenschaften kommt es zu grossen Veränderungen. Im 17. Jahrhundert macht die Welt technische Quantensprünge. Zahlreiche Entdeckungen und Erfindungen verändern das Leben und führen das herbei, was wir die «Moderne» nennen. An die Stelle von Tradition treten Erfahrung und Vernunft. Erstmals in der Geschichte blickt man nicht mehr zurück, sondern voraus, um das Leben zu meistern. Je schneller der Wandel sich vollzieht desto weniger ist die Tradition eine Hilfe. Im Umgang mit den neuen Möglichkeiten der modernen Welt sind Wissen und Vernunft gefragt. Wissenschaftlich haltbar kann in der Folge nur noch sein, was durch praktischen Nachvollzug bewiesen werden kann und was vernünftig ist. Die Welt wird je länger je weniger durch den Glauben verstanden und bald nur noch durch die Vernunft erfasst. Das wird sich sehr bald als Wende im abendländischen Denken erweisen.
Für die neue Art zu denken steht der französische Naturwissenschaftler und Philosoph René Descartes (1596–1650), der mit seinem berühmten Satz «Ich denke, also bin ich» etwas von ungeheurer Sprengkraft tut: Er verlegt die Gewissheit von Gott in den Menschen! Bis zu Descartes fand der Mensch sein Selbstverständnis in der Betrachtung Gottes und im Glauben daran, dass er Ebenbild des Schöpfers ist. Jetzt richtet sich das denkende Subjekt ganz auf sich selbst. Descartes fragt sich, wie er zu gesicherten Erkenntnissen kommen kann. Er stellt alles, was sicher scheint, radikal in Zweifel. Er zweifelt an Gott, an der Welt, an der Natur der Dinge und an sich selbst. Gibt es Gott? Gibt es mich selbst überhaupt? Während Descartes alles gründlich anzweifelt und die Dinge sozusagen im freien Fall sind, macht er eine Entdeckung: Da ist jemand, der am zweifeln und daher am denken ist! Also muss es diesen jemand geben und dieser jemand bin ich! Ich denke, also bin ich! Das Faktum der eigenen Existenz wird zum Fundament aller Gewissheiten.[4]
Die an der Vernunft orientierte Denkweise, gilt nicht nur für wissenschaftliche Behauptungen, sondern bald auch für das kirchliche Dogma und das altkirchliche Schriftverständnis. Die Vordenker der Aufklärung lesen die Bibel mit den Augen der Vernunft. Die biblischen Schriften «müssen zuerst als historische Urkunden der Vergangenheit gesehen werden, nicht als ein die Gegenwart beanspruchendes Wort. Daher sind die biblischen Schriften nach denselben Methoden zu untersuchen wie andere Dokumente ihrer Zeit, genau wie die Schriften Platons und Senecas. Was sie für die Gegenwart bedeuten, muss dann ihre Interpretation durch die autonome Vernunft ergeben.»[5]
Was Theologie ist, wie sie betrieben werden soll, und wem sie zu dienen hat, erfährt in dieser Zeit eine bis heute nachwirkende Veränderung. Das Bibelwort wird dem subjektiven Urteil des Forschers unterworfen und so der menschlichen Vernunft ausgeliefert. Auf dem Höhepunkt des Vernunftzeitalters glaubt man, Schriftauslegung ohne Rückbindung an die kirchlichen Bekenntnisse und ohne Rücksicht auf die Auslegungsgeschichte und die Dogmatik allein nach wissenschaftlichen Regeln durchführen zu können. Die Folge ist eine Entfremdung der akademischen Theologie von der kirchlichen Basis, die bis heute nicht überwunden ist. Dort, wo die Bibel mit radikalem Zweifel gelesen wird, löst sich der Grundbestand des Glaubens im Dunstkreis der Vernunft auf.
Die Entstehung der modernen Bibelwissenschaft verdankt sich, wie deutlich geworden ist, einem vielschichten und zum Teil anspruchsvollen Prozess. Diesen Prozess sollte man in seinen Grundzügen kennen, wenn man sich ein Urteil darüber erlauben will, was die moderne Bibelwissenschaft ausmacht.
Ein Klassiker
Wenn man verstehen will, auf welchen Denkvoraussetzungen die moderne Bibelwissenschaft gründet, muss man Ernst Troeltsch (1865–1923) lesen. Die Auseinandersetzung mit ihm ist anspruchsvoll, aber notwendig, um den genetischen Code der modernen Bibelwissenschaft zu knacken.
In seinem Klassiker «Über historische und dogmatische Methode in der Theologie» bringt er die Grundsätze der modernen Bibelwissenschaft nach den Denkvorgaben der Aufklärung auf den Punkt. Die «historische» Methode, wie Troeltsch sie nennt, ist die Methode der modernen Bibelwissenschaft, wonach die Bibel nicht aus sich selbst heraus, sondern vom Standpunkt der allgemeinen Geschichte aus betrachtet und ausgelegt wird. Die «dogmatische» Methode dient bei Troeltsch als Bezeichnung für das klassische Schriftverständnis, so wie es heute die Evangelikalen vertreten. Troeltsch möchte die beiden Methoden miteinander vergleichen und dabei die Vorzüge der Bibelkritik aufzeigen. Troeltsch benennt drei Leitprinzipien, nach denen gearbeitet werden soll:
Das erste Prinzip, auf das Troeltsch die Theologie verpflichten will, ist die historische Kritik. Die biblischen Berichte müssen einer kritischen Beurteilung unterworfen werden. Wie bei Descartes muss der biblische Text von der Vernunft systematisch in Zweifel gezogen werden. Kritik bedeutet für Troeltsch, «dass es auf historischem Gebiet nur Wahrscheinlichkeitsurteile gibt, von sehr verschiedenen Graden der Wahrscheinlichkeit, vom höchsten bis zum geringsten, und dass jeder Überlieferung gegenüber daher erst der Grad an Wahrscheinlichkeit abgemessen werden müsse, der ihr zukommt.»[6] Eine historische Sichtweise erlaubt also nur Wahrscheinlichkeitsurteile darüber, ob vergangener Ereignisse wie berichtet stattgefunden haben. Zu Gewissheiten führen kann sie nicht. Was in voraufklärerischer Zeit als biblische Wahrheit durchging, wird jetzt kritisch relativiert. Man muss alles gründlich in Zweifel ziehen und fragen, welcher Grad an Wahrscheinlichkeit beispielsweise einem Wort von Jesus oder einer von ihm berichteten Tat zukommt. Hat Jesus das wirklich gesagt? Ist es Jesus, der hier spricht, oder sind ihm die Worte von der Urkirche in den Mund gelegt worden? Wie wahrscheinlich ist es beispielsweise, dass Jesus auf dem Wasser gegangen ist?
Wie kann man den Grad der Wahrscheinlichkeit einer Sache ermitteln? Das geschieht zweitens durch das Prinzip der Analogie. Nach Troeltsch weisen alle historischen Ereignisse eine prinzipielle Gleichartigkeit auf. Für Ereignisse und Vorgänge, die wir heute beobachten können, gibt es einen hohen Grad an Wahrscheinlichkeit, dass sie auch vor zweitausend Jahren stattgefunden haben. Dinge, die es heute nicht gibt, haben mit einem hohen Grad an Wahrscheinlichkeit auch früher nicht stattgefunden. Das Prinzip der Analogie ist also ein Erfahrungskriterium. Der Forscher schliesst von seiner heutigen Erfahrung analog auf damals. Troeltsch spricht in diesem Zusammenhang von der «Allmacht der Analogie».[7] Die Gleichartigkeit historischer Ereignisse erlaubt es dem Forscher zu beurteilen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Ereignis so stattgefunden hat, wie es in den Evangelien oder an anderer Stelle berichtet wird.
Gemäss der modernen Bibelwissenschaft ist es die Aufgabe des Forschers, kritisch zu unterscheiden zwischen den biblischen Berichten und den ursprünglichen Ereignissen, auf die sich die Berichte beziehen. Es ist davon auszugehen, dass zwischen Ereignis und Bericht Differenzen bestehen. Der Forscher will den vermuteten Differenzen auf die Spur kommen. Er fragt zu diesem Zweck ganz im Sinne von Troeltsch: Wie wahrscheinlich ist es, dass Jesus predigend durch die jüdischen Lande zog und das Gottesreich ausrief? Wie wahrscheinlich ist es, dass Jesus sich als Messias verstand? Wie wahrscheinlich ist es, dass Jesus auf dem Wasser ging? Troeltschs Analogiekriterium würde in diesem Fall bedeuten: Weil es auch heute Leute gibt, die sich an Strassenecken aufstellen und predigen, ist es wahrscheinlich, dass Jesus das auch tat, zumal wandernde Prediger im Judentum keine Seltenheit waren. Hingegen wird mir heute kaum jemand begegnen, der in Basel oder Köln über den Rhein spaziert. Analog dazu ist es unwahrscheinlich, dass die Berichte der Evangelien vom Gang Jesu auf dem Wasser, ein historisches Ereignis wiedergeben.
Schliesslich fragt Troeltsch, was dazu berechtigt, durch analoge Schlüsse Wahrscheinlichkeitsurteile zu fällen. Das führt zum dritten Prinzip der Korrelation. Es besagt, dass alle historischen Begebenheiten in einer innerweltlichen Wechselwirkung zueinanderstehen. Alles, was geschieht, steht in einem korrelativen Fluss mit anderen Dingen und muss von diesen Dingen her verstanden und beurteilt werden:
«Ist aber diese alles nivellierende Bedeutung der Analogie nur möglich auf Grund der Gemeinsamkeit und Gleichartigkeit des menschlichen Geistes und seiner geschichtlichen Betätigungen überhaupt, so ist damit der dritte historische Grundbegriff gegeben, die Wechselwirkung aller Erscheinungen des geistiggeschichtlichen Lebens, wo keine Veränderung an einem Punkte eintreten kann ohne vorausgegangene und folgende Änderungen an einem anderen, so dass alles Geschehen in einem beständigen korrelativen Zusammenhange steht und notwendig einen Fluss bilden muss, indem Alles und Jedes zusammenhängt und jeder Vorgang in Relation zu anderen steht.»[8]
Jedes Ereignis hat also eine Ursache, die sich innerhalb eines deistischen Weltbildes (Gott greift nicht in die Geschichte ein) erklären lassen muss und somit immanent ist. Was meint Troeltsch damit genau und welche Methodik zeigt sich hier?
Bruchlinien
Im Grunde genommen führt Troeltsch einen methodischen Atheismus (es gibt keinen Gott) im Bereich der Theologie durch. Sein Weltbild ist zumindest eine Form des Deismus. Die Bibel wird allein mit den Mitteln der Vernunft und des Zweifels interpretiert, so als gäbe es keinen Gott und könnte dieser auch nicht in das Weltgeschehen eingreifen. In diesem Zusammenhang redet man von einem «immanenten Weltbild».
Die moderne Bibelwissenschaft arbeitet immer noch nach den von Troeltsch benannten Prinzipien und wendet sie mehr oder weniger konsequent an. Die Theologen, die konsequent nach diesen Prinzipien die Bibel auslegen, sprechen der Bibel ihre historische Verlässlichkeit rundweg ab. Eine «biblische Wahrheit» kann es unter diesen Denkvoraussetzungen nicht mehr geben. Es gibt nur noch eine Fülle sich widersprechender Aussagen. Die radikale Anwendung von Troeltschs Methodik bringt ein atheistisches Weltbild hervor und führt zum blanken Unglauben.
Das bedeutet nicht, dass die Methoden der modernen Bibelwissenschaft grundsätzlich abzulehnen sind. Damit würde man Ergebnisse und Methode einander gleichsetzen. Es wäre das Gleiche, wie wenn man das Kochen ablehnen würde, nur weil einem das Menü nicht schmeckt. Das sollte man nun wirklich nicht tun!
Wir haben noch einige Denkarbeit vor uns, um Klarheit in das Verhältnis von evangelikalem Schriftverständnis und moderner Bibelwissenschaft zu bringen. Dieser Denkarbeit stelle ich mich in den nächsten drei Teilen. Ich werde im 4. Teil beschreiben, nach welchen Grundsätzen evangelikale Theologen die Bibel auslegen. Im 5. Teil werde ich zeigen, welche Methoden Vertreter der modernen Bibelwissenschaft anwenden, um biblische Texte zu interpretieren. Im 6. Teil werden wir die Ergebnisse auswerten und fragen: Können wir, wenn wir die Bibel als Gottes Wort verstehen, die Methoden der modernen Bibelwissenschaft anwenden? Oder führt das unweigerlich zum Unglauben? Wo gehen die Bruchlinien zwischen einem vertrauensvollen Lesen der Bibel und dem Einsatz der Vernunft in der Auslegung durch?
[1] Lauster, Die Verzauberung der Welt, 307.
[2] Arnoldshainer Konferenz, Das Buch Gottes, 173–174.
[3] Zitiert nach Brandt, Basiswissen Kirchengeschichte, 265.
[4] Küng, Das Christentum, 766.
[5] Goppelt, Theologie des Neuen Testaments, 24.
[6] Troeltsch, Über historische und dogmatische Methode in der Theologie, 731.
[7] Ebd., 732.
[8] Ebd., 733.