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Annette Hug liest einen Klassiker anders
«Laufgitter» ist ein sehr deutscher Begriff. Auf Französisch heisst das Gerät einfach «parc», was hübsch ist: Aus Sicht des krabbelnden Wesens ist der Weg vom einen zum andern Ende anstrengend, Monster und Tiere liegen da herum und Klingelzeug. An einen solchen Freizeitpark dachte Iris von Roten nicht, als sie 1958 «Frauen im Laufgitter» veröffentlichte. Vergangenes Jahr erschien zum ersten Mal eine französische Übersetzung des Buchs, das damals ein Skandal war. Mit dem Titel, den der Verlag und die Übersetzerin Camille Logoz gewählt haben, entkommt es dem Kinderzimmer und dem verniedlichenden Deutschschweizer Duktus. Den stellt Iris von Roten in satirischen Salven aus, sie wiederholt ihn aber auch ständig.
«Femmes sous surveillance» (Frauen unter Aufsicht) heisst das Buch jetzt auf Französisch, und so stand es vor einer Woche in Brüssel zur Diskussion. Da gerieten die Verkleinerungsformen in einen ganz neuen Strudel. Als «Fräuleinberufe» hat Iris von Roten Tätigkeiten bezeichnet, die Frauen früher nur bis zur Heirat ausüben durften, und auch das nur «am Rand, nur auf der Kante».
Zu schlechtem Lohn. In einer Wirtschaftskrise war auch das vorbei und der Fräulein- wurde zum Herrleinberuf, «nein ‹Männerberuf›», schrieb Iris von Roten, «denn mit dieser Wendung hätte man natürlich auch die Ebene des Diminutivs verlassen». Bei Camille Logoz wird aus dem Herrlein ein «damoiseau», worin ich zuerst ein Schachtelwort aus «demoiselle» und irgendeinem Maskulinum vermutete. Laut Wörterbuch heisst «damoiseau» aber einfach «Knappe», wobei der damenhafte Anfang ein leicht nonbinäres Flimmern erzeugt – eine willkommene Verfremdung der sprachlichen Umgebung, in der das Fräulein hockt. Umso mehr, als die Übersetzung von Camille Logoz an einem Festival in Belgien neben Essays von Gloria Steinem stand, die Mona de Pracontal zum ersten Mal ins Französische übersetzt hat. Gloria Steinem hat 1972 das Magazin «Ms.» mitbegründet, die bekannteste feministische Zeitschrift der USA. Drei Jahre zuvor hatte eine Freundin von ihr am Radio ein Interview gehört, in dem die Aktivistin Sheila Michaels von einem interessanten Tippfehler erzählte. Ein Couvert an eine Studienkollegin war weder mit «Mrs.» noch «Miss» angeschrieben, sondern mit «Ms.».
Das wäre doch der ideale Ausweg aus der doofen Zuschreibung «verheiratet» und «ledig» in der Anrede von Frauen, fand Michaels, und der Titel des Magazins «Ms.» trug dann dazu bei, die neue Form der Anrede zu verbreiten. Dass Wonder Woman auf einer der ersten Titelseiten erschien, hatte ebenfalls praktische Konsequenzen: Die Herausgeber des berühmten Comics nahmen ihre Entscheidung zurück, der einzigen weiblichen Superheldin die magischen Kräfte zu entziehen. Fortan konnte Wonder Woman wieder Wunder wirken.
Einer meiner Lieblingsausdrücke auf Französisch ist der erfreute Ausruf: «C’est dépaysant!» Es kann berückend sein, aus seinem Land herausgehoben zu werden. Die französische Übersetzung von Iris von Rotens Klassiker hat einen ähnlichen Effekt: Der Text wird vom Land der Fräuleins in ein frankofones Belgien versetzt, wo er auf Wonder Woman trifft. Camille Logoz benennt diesen Vorgang im Vorwort sehr sachlich. Sie hofft, die Übersetzung werde eine Vervielfachung der Lesarten ermöglichen.
Annette Hug ist Autorin in Zürich. «Femmes sous surveillance» von Iris von Roten ist in der Übersetzung von Camille Logoz im Verlag antipodes in Lausanne erschienen.