Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03489.jsonl.gz/874

Autor: Markus Lau
«In jenen Tagen erging ein Erlass des Kaisers Augustus, den ganzen Erdkreis aufzeichnen zu lassen» (Lk 2,1). An Weihnachten werden sie wieder zu Gehör gebracht, die grossen Texte aus den Evangelien, die von der Geburt Jesu erzählen. Sie sind uns oft so gut vertraut, dass wir über manche Nuancen der Texte einfach hinweghören. Und zugleich sind sie uns fremd, weil sie aus einer anderen Zeit und einem anderen Kulturraum stammen.
Nehmen wir das Lukasevangelium als Beispiel. Wir lesen in der Geburtsgeschichte Jesu von der weltweiten Steuerschätzung des Augustus, die Maria und Josef nach Bethlehem führt, von einem Säugling, der gewickelt in einer Krippe liegt, und von Hirten, denen ein Engel nachts die Geburt des Herrn und Retters ankündigt und die sich schliesslich auf den Weg zum Kind in der Krippe machen.
Für uns klingt das nach behaglicher Krippenidylle und Lagerfeuerromantik. Für die Gemeinde, die Lukas in der griechisch-römischen Antike im ausgehenden 1. Jahrhundert im Blick hatte, enthielten diese Verse indes religiösen und politischen Sprengstoff. Warum? Lukas erzählt von der Geburt eines Retters und Herrn, dessen Ankunft einer Freudenbotschaft gleicht. Diese Geburt bedeutet Frieden für alle Welt. Die Hirten, die von Engeln über dieses Weltereignis zuerst informiert werden, haben schliesslich nichts anderes zu tun, als bei Nacht ihre Herde sich selbst zu überlassen und eiligst nach Bethlehem zu laufen.
Wenn man all diese Details zusammen in einer Geburtsgeschichte liest, dann hat ein antikes Publikum fast zwangsläufig das Bild vom «Goldenen Zeitalter» vor Augen. «Goldenes Zeitalter» – das war ein Schlagwort, hinter dem sich die hoffnungsvolle Erwartung eines neuen, von den Göttern gesandten Retters und Weltenherrschers verbarg. «Goldenes Zeitalter» – das bedeutete ein von den Göttern durch die Geburt dieses Retters gewirkter Neuanfang, das waren paradiesische Zustände, das versprach eine Epoche weltweiten Friedens bei Mensch und Tier.
«Goldenes Zeitalter» – das war gerade um die Zeitenwende ein populäres politisch-religiöses Konzept. Für manche Dichter und Denker war nämlich der römische Kaiser Augustus (links abgebildet auf einer Goldmünze aus Lugdunum/Lyon) der Anbruch und Garant des «Goldenen Zeitalters». Inschriften, die sich bis heute erhalten haben, preisen seine Geburt als Anfang aller guten Nachrichten (Evangelien), weil die Götter mit ihm den Retter und Friedensstifter schlechthin gesandt haben.
Die lukanische Geburtsgeschichte erinnert mit vielen Erzähldetails an die Erwartung des «Goldenen Zeitalters». Nur ist es bei Lukas die Geburt Jesu, des Retters – hier abgebildet auf einer byzantinischen Goldmünze -, die Frieden für alle verheisst. Diese Freudenbotschaft bringt die Hirten dazu, ihre Herden nachts allein zu lassen. In diesem «Goldenen Zeitalter» droht den Tieren eben keine Gefahr mehr. Goldene Zeiten, die brechen für Lukas mit Jesus an und nicht mit Augustus, dem zur Zeit der Geburt Jesu herrschenden römischen Kaiser. Von ihm heisst es bei Lukas, dass er eine weltweite Steuerschätzung anordnet. Steuern zahlte man in der Antike genauso ungern wie heute. Augustus ist bei Lukas kein Retter, kein Friedensstifter, sondern ein Steuereintreiber.
Das alles ist Kritik an der Ideologie eines kaiserlichen Heilsbringers, der goldene Zeiten verbürgen will. Und es ist die Ankündigung eines anderen Herrn der Welt. Der Herrscher, der wirklich ein «Goldenes Zeitalter» verbürgt, ist für Lukas dieser in einer armseligen Krippe geborene Jesus von Nazareth.
Und die in der Welt scheinbar Mächtigen – wie Augustus und seine Nachfolger – haben in Wahrheit schon ausgespielt. «Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen» (Lk 1,52), so lässt Lukas Maria während ihrer Schwangerschaft Gott preisen. Die lukanische Weihnachtsgeschichte ist keine Krippenidylle, sondern die subversive Ansage eines neuen Weltenherrschers, der nicht im Palast, sondern in einer Futterkrippe geboren wird und dessen Lebensweg nicht auf den Thron, sondern ans Kreuz führt.
Für die Gemeinde des Lukas war das eine unerhörte, herausfordernde Botschaft. Und für uns? Der Text sagt auch uns, dass mit Jesu Geburt goldene Zeiten angebrochen sind, dass uns und unserer Welt Frieden versprochen ist. Das zu glauben, fällt angesichts der Wirklichkeit dieser Welt mehr als schwer – heute wie auch damals in den Zeiten des Lukas.
Seine Weihnachtsgeschichte ist eine bleibende Herausforderung: mitten in den Strukturen einer augenscheinlich ungerechten Welt, mitten im konkreten Alltag, Spuren des angebrochenen «Goldenen Zeitalters» zu finden und an der endgültigen Durchsetzung dieser Friedensbotschaft tatkräftig mitzuwirken. Weihnachten, das ist Geschenk und Auftrag zugleich.
Gesegnete Weihnachten!
Markus Lau ist Assistent am Departement für Biblische Studien der Universität
Freiburg.