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Kaum ein Thema wird in Zürich so emotional diskutiert wie der Verkehr. Fragen Sie mich nicht, weshalb das so ist. Ich habe keine Erklärung. An den Fakten kann's nicht liegen.
Ich wohne in Wollishofen und arbeite in Seebach. Mein Arbeitsweg führt also quer durch die ganze Stadt und beträgt rund zehn Kilometer. Nehmen wir an, ich fahre diese Strecke mit dem Auto mitten in der Nacht, alle Ampeln blinken organge und die erlaubte Höchstgeschwindigkeit betrage fünfzig Stundenkilometer; dann dauert die Fahrt zwölf Minuten. Wäre die Höchstgeschwindigkeit für die ganze Strecke dreissig Stundenkilometer, so dauerte die gleiche Fahrt zwanzig Minuten, also sage und schreibe acht Minuten länger – und das für eine Fahrt quer durch die ganze Stadt. Ist das wirklich so dramatisch?
Ebenfalls beliebt ist das Zählen von Parkplätzen und das Streiten um die Resultate der Zählung. Dabei ist klar: In der Innenstadt und den angrenzenden Gebieten ist die Anzahl der Parkplätze dank dem historischen Parkplatzkompromiss seit Jahre unverändert, was nun bereits von mehreren Instanzen bestätigt wurde (und in den Aussenquartieren hat's eh genug). Die Behauptung, Geschäfte verschwinden aus der Innenstadt wegen der Parkplatzsituation ist lächerlich. Die Zürcher Buchhandlung «Romancia» beispielsweise, die im vergangenen Jahr am Limmatquai ihren Betrieb einstellen musste, hätte wohl auch nicht mit zwei Dutzend eigenen Parkplätzen gerettet werden können. Wer kauft seine Bücher noch in solchen Buchhandlungen? Immer mehr Menschen bestellen ihre Bücher im Internet oder lesen sie direkt auf ihrem E-Reader. «Romantica» war wie viele Einzelhändler nicht Opfer fehlender Parkplätze, sondern Opfer eines Strukturwandels. Aktuellstes und prominentestes Beispiel aus Zürich ist das Warenhaus Manor, das seit 30 Jahren an der Bahnhofstrasse ist und nie auch nur über einen einzigen Kundenparkplatz verfügte. Weshalb bangt Manor jetzt um seinen Standort? Nicht wegen fehlender Parkplätze, sondern weil der Vermieter die Miete verdreifachen will.
Und jeder Zürcher weiss, dass während den Schulferien der Verkehr auf Zürichs Strassen sehr flüssig läuft. Wie hoch schätzen Sie die prozentuale Reduktion des Verkehrs durch Ferienabwesenheiten? Es sind nur etwas mehr als zehn Prozent. Mit anderen Worten: Würde von zehn Autofahrern einer auf den ÖV umsteigen oder mit einem Kollegen fahren, wären die Verkehrsprobleme Zürichs gelöst.
Aber was heisst schon «Verkehrsprobleme»? Wenn ich Zürich mit anderen internationalen Grossstädten vergleiche (und das machen wir Zürcher ja gerne), sind die Zustände auf unseren Strassen ausgezeichnet. Einmal mehr gefällt sich Zürich im Jammern auf hohem Niveau.
Es ist jedoch klar, dass der Verkehr künftig wohl nicht abnehmen, sondern eher zunehmen wird. Ebenfalls klar ist, dass der Raum für den Verkehr in Zürich knapp ist. Der logische Schluss: Als Stadt müssen wir auf raumsparende, effiziente Verkehrsmittel setzen und deshalb den ÖV priorisieren und ausbauen (v.a. auch die Tangentialverbindungen) sowie den Langsamverkehr sicherer und damit attraktiver machen. Eine weitere Massnahme, die ich befürwortete, wäre die Einführung eines so genannten Mobility Pricings, wie es der liberale Think Tank Avenir Suisse vorschlägt. Allerdings wäre das eine Massnahme, die aufgrund fehlender übergeordneter gesetzlicher Grundlagen in Zürich momentan gar nicht umgesetzt werden kann.
Hinzu kommt noch eine weitere Herausforderung, die mit dem Verkehr zusammenhängt: Der Lärm. Ungefähr ein Drittel der Bevölkerung in Zürich ist zu hohen Lärmwerten ausgesetzt. Die Grenzwerte haben übrigens nicht wir Zürcher uns ausgedacht. Wir müssen sie einfach umsetzen (und bezahlen!). Die heute gängigen Massnahmen zur Lärmreduktion sind: Lärmschutzwände entlang von Strassen, Lärmschutzfenster in den Häusern oder die Reduktion des Lärms an der Quelle. Angesichts der knappen städtischen Finanzen drängt sich hier natürlich ebenfalls eine möglichst ökonomische Lösung auf. Die mit Abstand günstigste Massnahme ist die Reduktion an der Quelle und die kann – zumindest teilweise – durch eine Temporeduktion erzielt werden.
Dass das Gewerbe und ein Teil der Bevölkerung auf Strassen und Parkplätze angewiesen ist, ist unbetritten und dafür soll es auch Platz haben. Doch die grösste Behinderung des MIV ist und bleibt der MIV.
Ich fahre im Normalfall übrigens ganz gelassen mit dem Tram zur Arbeit. Es ist meine tägliche halbe Stunde Luxus, während der ich ungestört ein Buch (ja so ein altmodisches) lesen, E-Mails beantworten oder über die Frage nachdenken kann, weshalb beim Thema Verkehr so viele so emotional werden.