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Der Bus zurück nach Kairo ist vollgepackt. Eine junge Chinesin besetzt gleich zwei Sitze. Sie trägt ein seidenes Negligé, das ihr kaum über den Po reicht und ihre langen, schönen Beine zur Schau stellt. Obwohl ihre Kleidung gegen sämtliche, örtlichen Regeln verstösst, scheinen die Passagiere toleranter zu sein als ich. Auf dem Sitz neben ihr liegen iPhone, iPad und eine Leica. Die junge Dame ist mit einer kleinen, chinesischen Gruppe unterwegs.
Einer ihrer Reisekollegen sitzt zwei Reihen weiter vorne, wo er die dickgepolsterten Schulterriemen seines Tagesrucksacks über die Lehne des Sitzes vor ihm gestülpt hat. Die vollgestopfte Tasche hängt schwer hinunter und stützt sich auf seinen Beinen ab. Der Bus stoppt, ein grossgewachsener, starkgebauter Ägypter steigt ein und wählt den letzen freien Platz.
Der Sitz, über den die chinesischen Riemen gelegt sind.
Der Ägypter setzt sich, lehnt zurück und stockt. Mit den zwei dicken Riemen im Rücken kann er es sich unmöglich für die fünfstündige Fahrt bequem machen. Sein Gesicht rötet. Der Chinese hinter ihm nimmt keine Notiz von seiner Umgebung, ist in seinen iPad vertieft. Der Ägypter räuspert, er ist wütend. Der Blick aller Passagiere richtet sich auf das Geschehnis. Nun schaut sogar die Chinesin im kurzen Gewand von ihrem Bildschirm auf und hält den Atem an. Die Sinne schärfen sich, der Aussenlärm wird stärker, das Motordröhnen lauter, die Zeit langsamer.
Sauer, beschliesst der Geplagte, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, zieht am schmalen Hebel, lässt damit die Rücklehne so weit wie möglich nach Hinten schnellen. Der Chinese, zwischen seiner eigenen Tasche und dem Sitz eingeklemmt, schaut zum ersten Mal hoch. So rasch entstehen Konflikte, denke ich und wundere mich, was als nächstes kommt.
Die Luft ist geladen.
Der Chinese akzeptiert die neue Situation ohne Murren, lenkt seine Aufmerksamkeit zurück zum iPad. Wenige Momente später beschliesst er nichtsdestotrotz, dass ihm die Situation nicht passt. Er entfernt den Rucksack von der Sitzlehne. Vielleicht tut er es, um die Lage zu entschärfen, vielleicht auch nicht. Der Ägypter sieht die Geste als Friedensangebot. Er steht auf, dreht sich um, fasst sich mit seiner Hand ans Herz, entschuldigt sich verlegen in seiner Landessprache, verstellt die Rückenlehne, Objekt des Konflikts, und setzt sich wieder. Nun lächelt auch der Chinese, zufrieden. Einige klatschen. Die Fahrt geht ereignislos weiter.
(aus meinem Reisetagebuch: irgendwo in Ägypten, 2012)