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Wer hat Platon in Musik übersetzt?
Die Geigerin Janine Jansen spielt demnächst die Antwort auf diese Frage.
«So vernachlässigt ist ein grosser Gott!» Die Intellektuellen, die sich irgendwann im Februar des Jahres 416 v. Chr. zu einem Gastmahl im Haus des Tragödiendichters Agathon getroffen haben sollen, konnten es nicht fassen. Ausgerechnet über den Gott Eros, «der von den Göttern der älteste, meistgeehrte und wichtigste zum Erwerb der Tugend und des Glücks für die Menschen ist», wurden bisher keine grossen Hymnen geschrieben: Das sollte sich ändern.
Und wie es sich geändert hat! Der Philosoph Platon, der dieses Treffen in seinem «Symposion» vor über 2500 Jahren beschrieben respektive erfunden hat, gelang ein Coup damit. Die Sammlung von Reden über Eros, die er den Teilnehmern zuschrieb, gehört zu den einflussreichsten Werken nicht nur der Philosophie, sondern auch der Weltliteratur. Die Art, wie hier über irdische Lüste und ihre geistige Überhöhung gesprochen wurde, hat unzählige Denker, Maler und Psychoanalytiker sowie die entsprechenden *innen angeregt.
Subtile Argumentationen
Und die Komponisten? Die haben nicht Eros, aber doch Platon ziemlich vernachlässigt. Sie komponierten jede Menge Liebeslieder, Klavierbotschaften an nahe und ferne Geliebte oder Opern über amouröse Turbulenzen – doch die subtilen Argumentationen, die Platon seinen Protagonisten zuschreibt, lassen sich offenbar kaum in Töne übersetzen.
Nur zwei haben es gewagt: Eric Satie verwendete einen kurzen Textausschnitt in seinem «Socrate». Vor allem aber fand Leonard Bernstein, der mit seinem Musical «West Side Story» eine der süffigsten Adaptionen von «Romeo und Julia» komponierte, auch für die Liebe in Platons Darstellung den richtigen Ton – wie demnächst in der Tonhalle Zürich zu hören sein wird.
Dass Bernstein sich für den Text interessierte, dürfte auch damit zu tun haben, dass darin Homo- und Heterosexualität überaus entspannt verhandelt werden: So kommen etwa in der Erzählung von den vierbeinigen «Kugelmenschen», die einst von den Göttern geteilt worden und seither auf der Suche nach ihrer anderen Hälfte seien, alle möglichen Kombinationen vor.
Sprechende Instrumente
In Bernsteins Serenade wird davon allerdings wortlos erzählt: Er verzichtete auf Texte und Gesang und überliess die «Eros-Hymnen» einer Solovioline und einem mit Streichern, Harfe und Schlagzeug besetzten Orchester. Die Instrumente «sprechen» schnell oder langsam, frech oder lyrisch – genau wie die Protagonisten in Platons Dialog. Und wie diese nehmen sie Motive der anderen auf, um sie weiter zu führen, ihnen zu widersprechen oder sie irgendwann unter den Tisch zu wischen.
Platon selbst hätte sich wohl gefreut darüber. Er hat sich oft über Musik geäussert und hielt sie für einen wichtigen Teil der Erziehung. Denn, so schrieb er in seinem Dialog «Politeia»: «Rhythmen und Töne dringen am tiefsten in die Seele und erschüttern sie am gewaltigsten».
Gut möglich, dass Janine Jansen, die in der Tonhalle Zürich den Solopart in Bernsteins Serenade übernimmt, diesen Satz kennt: Wie man die Seele erschüttert mit Musik – das weiss sie jedenfalls wie kaum eine andere Geigerin.