Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03529.jsonl.gz/2235

Lisa Schmuckli (Luzern)
Die in Wien gegründete Forschungsgruppe "Queering Psychoanalysis" hat diesen vielseitigen Sammelband in der Absicht herausgegeben, die «längst überfällige theoretische und klinische Auseinandersetzung an der Schnittstelle von Queer Theory und Psychoanalyse im deutschsprachigen Raum anzustossen» (S. 9). Einerseits boten die Herausgeber*innen deutschsprachigen Denker*innen die Möglichkeit, ihre Zugänge zu Psychoanalyse und Queer Theory darzulegen; andererseits wollten sie entsprechende Schlüsseltexte aus der angloamerikanischen Debatte seit 2003 zugänglich machen. Die Herausgeber*innen beobachteten seitens der Psychoanalyse einen pathologisierenden und entwertenden Diskurs zur Infragestellung von Heteronormativität und Geschlechteridentität und seitens der Queer Theory eine oft reduzierte Auseinandersetzung zur Subjektkonstitution und Performativität von Geschlecht aufgrund der Weigerung, das Unbewusste und unbewusste Dynamiken mitzudenken. So ist es der explizite Wunsch der Herausgeber*innen, «die Psychoanalyse zu queeren» (S. 12), indem sie das immanent Widerständige der Psychoanalyse selbst produktiv machen wollen. Entstanden ist ein Sammelband, den man als Hinführung ins widersprüchliche Feld Queer/Psychoanalyse verstehen darf.
Drei Zugangsweisen sind mir während meiner Lektüre aufgefallen: Erstens, psychoanalytische Autor*innen kommen zu Wort, die psychoanalytische Metatheorie(n) erneuern wollen, sodass das Sexuelle triebhaft wirksam ist und es bleibt, eine starre Geschlechtsidentität aufgeweicht, Heteronormativität kritisierbar wird und jegliche Trans*Lebensentwürfe selbstverständlich werden können. Sie bedienen sich bei Jean Laplanche oder Jaques Lacan, um den Ödipuskonflikt zu dynamisieren oder ein multiples Begehren zu sichern. Oder sie fokussieren sich in ihren Texten auf einen Aspekt aus ihrer unmittelbaren Arbeit als Psychoanalytiker*innen wie beispielsweise die Perversion oder die Übertragung (namentlich: Esther Hutfless, Jack Drescher, Susann Heenen-Wolff, Ilka Quindeau, Eve Watson, Anne Worthington, Christoph Sulyok und Almut Rudolf-Petersen). Kulturwissenschaftlich orientierte Autor*innen wiederum setzen - zweitens - auf das Performative als subversives Politikum (im Sinne Judith Butlers), dekonstruieren jegliche Binaritäten wie starre Identitäten, kritisieren Asymmetrien als politische Machtgefälle und spekulieren über die Notwendigkeit von postmodern-pluralen, performativen Subjekt-Entwürfen (namentlich: Teresa de Lauretis, Antke Engel, Lee Edelman, Tim Dean). Schliesslich kommen - drittens - Autor*innen der LGBTQI-Community mit eigenen klinischen Erfahrungsberichten zu Wort und verdeutlichen (nebenbei) den altbekannten Hiatus zwischen Theoriebildungen und klinischen Erfahrungen (namentlich: Barbara Zach, Griffin Hansbury und Jack Pula).
Im Folgenden werde ich aus den drei Zugängen einzelne Autor*innen exemplarisch vorstellen mit dem Ziel, die Differenzen der Zugänge zu skizzieren:
Ausgehend von der Psychoanalyse als empirischer Wissenschaft stellt Susann Heenen-Wolff fest, dass die veränderte Realität von bspw. Patch-work-familien, Zwei-Mütter-Familien und/oder Alleinerziehenden sich sowohl in der psychosexuellen Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen als auch in einer Neukonzeption des Ödipuskonfliktes abbilden lassen müssen. Sie erinnert einerseits an Freuds Vorstellung des Polymorph-Perversen als prägenitalem Geschehen und andererseits an das von Laplanche entwickelte Konzept der «intersubjektiven Triebtheorie» (S. 107). Das Kind müsse angesichts der emotionalen Überreizung seitens der Eltern und ihrer rätselhaften Botschaften psychisch arbeiten bzw. das Rätselhafte verarbeiten, wobei eine Zuordnung einer Geschlechtsidentität als Junge oder Mädchen wiederum vom Unbewussten der Eltern kompromittiert sei. Heenen-Wolff folgert daraus: «Die zeitgenössische - relative - Aufhebung von Verdrängung macht Geschlechtsidentitäten offener und banalisiert gelebte homosexuelle, bisexuelle und auch geschlechtsbezogene transidentitäre Erfahrungen» (S. 109).
Esther Hutfless setzt sich kritisch mit dem psychoanalytischen Begriff der Identität auseinander. Sie stellt vorab fest: «Interessant ist, dass das Konzept ‹Identität› zu jenem Zeitpunkt die Bühne des Diskurses betritt, als ‹Transsexualität› ins Zentrum des medizinischen und psychiatrischen Interesses rückt» (S. 141). Sie zeichnet die zwei Konzepte der Identität innerhalb der psychoanalytischen Literatur nach, nämlich Identität als Kohärenz im Sinne von Erik Erikson und seinen Nachfolger*innen und Identität als Geschlechtsidentität im Sinne von Robert Stoller, und weist nach, wie beide Ansätze der heteronormativen Geschlechtsbinarität verpflichtet bleiben. Sie moniert, dass Transsexualität nur dann akzeptiert wurde, wenn sie der konkreten Umsetzung des heterosexuellen Begehrens diente. In der Folge wurden andere, denn heterosexuelle, Begehrenskonstellationen ausgeschlossen. Hutfless' Fazit: «Bei Geschlechtsüberschreitungen wirkt der Gender-Begriff (…) ordnungsstiftend» (S. 151).
Hutfless entdeckt in den Schriften der französischen Philosophin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva eine gelungene Kombination von Queerness und Psychoanalyse, und zwar in ihrem Konzept des Subjekts im Prozess. «Sinn und Subjekt stellen hier jeweils nur vorläufige Setzungen dar, die sich wieder verflüssigen, die mobil und offen bleiben» (S. 161). Dieses gleichsam fluide Subjekt sei eines, das selber auf dem Spiel steht und sich dennoch kontinuierlich (er)finde, indem es sich Bedeutung gebe. Kristeva sehe solche Praxen, in «denen durch Offenheit von Subjekt und Sinn eine revolutionäre Praxis ermöglicht wird» (S. 162) vor allem in der Kunst. Genau diese offene Subjekt-Vorstellung erlaube einen nicht-pathologischen, nicht-identitären queeren Subjektentwurf zu denken.
Ilka Quindeau nennt aufgrund ihrer Freud-Laplanche-Lektüre fünf zentrale Punkte der Diskussion zwischen Psychoanalyse und den Queer Studies: 1. Das Primat des Anderen in der Konstitution des Subjekts, wie sie es bei Laplanches Vorstellung entdeckt, nämlich wie das Geschlecht gleichsam über die bewussten und unbewussten Botschaften seitens der Primärbezugspersonen ins Kind einfliesst; 2. die konstitutionelle Bisexualität, die die starre Geschlechtsidentität aufweicht und zu verschiedenen Mischungsverhältnissen zwischen bewusst/unbewusst und männlich/weiblichem führt; 3. multiple geschlechtliche Identifizierungen, die im individuellen Konstitutionsprozess des Geschlechts wirksam werden; 4. das polymorph sexuelle Begehren, das grundlegend etwas Grenzüberschreitendes mit sich führt und damit das Subjekt de-zentriert; sowie schliesslich 5., eine Ambiguitätstoleranz gerade im Zuge der Öffnung von der Dyade in die Triade und der damit einhergehenden Aneignung von Differenzen.
Teresa de Lauretis, Queer- und Kulturtheoretikerin, verortet in ihrem Text die amerikanische Rezeptionsgeschichte des Freud'schen Triebbegriffs und die verhängnisvolle Akzentverschiebung in der Übersetzung vom Trieb als Instinkt, um die Unterscheidung zwischen instinkthafter und triebhafter Sexualität zu schärfen und «das Sexuale» (S. 232) davon abzugrenzen. Sie referiert Laplanches Zweizeitigkeit der Sexualität ebenso wie das von ihm als perverse, nicht-reproduktive «Sexuale» jenseits von Sex und Gender. Ihr etwas überrumpelndes Fazit:
«Ich habe in der Folge vorgeschlagen, die nicht-normative Idee des Sexualen, die Laplanche für die Psychoanalyse zurückgewonnen hat und die auf Freuds eigene Erkenntnis zurückgeht, tatsächlich als Konzeption einer queeren triebhaften Sexualität zu lesen» (S. 247).
Die Philosophin und feministische Queer-Denkerin Antke Engel will mit Jaques Lacan die Begehrensrelationen erweitern und vom Objekt lösen. Diese «Neuordnung des Begehrens» (S. 277) soll fluid zwischen den Subjekten zirkulieren und unter dem Aspekt des Polymorph-Perversen neue Praktiken eröffnen. Engel will «die Psychoanalyse überzeugen, das Begehren von seiner ‹Einkapselung im Subjekt› zu befreien und es als ein Geschehen im Sozialen zu fassen» (S. 290). Auf diese Weise ermögliche das Begehren die Umarbeitung sozialer Normen.
Als Cis-Psychoanalytikerin, die mit Trans*Personen arbeitet, fand ich die drei Erfahrungsberichte aus der Community insofern anregend, als sie Fragen generierten und Brüche aufspürten: Barbara Zach, lesbische Psychoanalytiker*in, die mit Queer- und Trans*Personen arbeitet, beschreibt ihr psychisches Erleben als Resonanz und reflektiert ihren eigenen psychischen Raum als Übergangsraum auch für ihr Trans*- oder Queer*Gegenüber. In diesem Übergangsraum werden Paradoxa spür- und verbalisierbar: «Dem Paradoxon, die normativ dichotome Verfasstheit von Geschlecht ablehnen zu müssen und sich mangels Alternativen notwendigerweise doch darin einzufinden, entkommt das Individuum nicht» (S. 548 f.). Welche eigenen, ordnungsstiftenden Kategorien und/oder Vorstellungen von Geschlecht werden in der eigenen Praxis unbewusst oder bewusst wirksam?
Griffin Hansbury ermöglicht in seinem Primeur als Trans-Analytiker*in Einblick in die psychoanalytische Arbeit mit einem*r Trans*Patienten*in. Die Frage, ob Trans-Analytiker*in anders als Cis-Analytiker*in arbeiten, schwingt im Text gerade dort mit, wo der Wunsch nach Auflösung und Beständigkeit von Binarität präsent ist, wo Verlötungen männlich-penetrieren/weiblich-penetriert-werden, männlich-empfangend und weiblich-phallisch auftauchen und eigene Geschlechtervorurteile infrage gestellt werden.
Es ist dem Verdienst der beiden Herausgeber*innen zu verdanken, die vielfältigen neueren Texte zusammengestellt sowie aus dem Amerikanischen übersetzt und so einem zunehmend interessierten deutschsprachigen Fachpublikum zugänglich gemacht zu haben. Viel Arbeit steckt in diesem Reader!
Dieser ist geprägt von grossen Gesten: Neubegründung der Psychoanalyse durch Queerness, Neukonzeptionalisierung des Ödipuskonlikts, Neuordnung des Begehrens, Neukonzeptionalisierung des Subjekts. Braucht es diese Überhöhungen? Psychoanalyse als empirische Wissenschaft versucht - so mein Verständnis - Phänomene der Klinik mit Theoremen der Gegenwart zu vermitteln im Wissen um diese Bruchstelle zwischen individuellen Erfahrungen und theoretischen Reflexionen zur Gesellschaft. So sieht sich die Metapsychologie im Spagat zwischen empirischem Material und theoretischem Wurf und zerfällt kontinuierlich in Widersprüche. Bereits Freuds Theorie ist kein geschlossenes Werk, sondern vielmehr ein Steinbruch, der vor allem Fragen aufwirft. Hier spielt Jean Laplanches Diktum rein, Freud mit Freud bzw. Freud für sich arbeiten zu lassen. Die Psychoanalyse hat also aus sich selber heraus Möglichkeiten, sich zu erneuern, nimmt sie individuelle und gesellschaftliche Phänomene symptomatisch und die fluide Wirksamkeit des Unbewussten ernst. Dass sich Queer Theory bei der Psychoanalyse bedient oder sich an ihr theoretisch abarbeitet, dass sie psychoanalytische Begriffe aufgreift und Konzepte entlehnt oder auch entfremdet, verstehe ich als Form von Erkenntnisinteresse und Theoriemischung. Dass sie als Neubelebung der Psychoanalyse auftritt und als solche Anerkennung einfordert, versteht Queer Theory möglicherweise als queere Machtkritik an der Psychoanalyse. Sie erweist sich jedoch eher als eine die produktive Auseinandersetzung störende Kampfansage um die richtige Interpretation der Geschlechterdifferenz.