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Am 5. April mit einführendem Vortrag von Elise Lammer, s. unten
«Grobkörniges Super 8 in Schwarzweiss: Derek Jarman sitzt einsam in seiner Industrie-Loft im Londoner Bankside-District an einem Tisch, denkt nach, dichtet und schreibt. Ein junger Mann stampft auf der lebensgrossen Replik von Caravaggios ‹Amor Vincit Omnia› (1602) herum, bis er sich dem gemalten Körper schliesslich hingibt. Auf der Tonspur: eine warm-mächtige Musik und die verführerische Off-Stimme von Nigel Terry. Schon in diesen Anfangssequenzen entwickelt der Film mit den verschiedenen visuellen und akustischen Ebenen einen veritablen Sog, auf den man sich gerne einlässt und die angedeuteten Symbole und Überlegungen für sich einordnet und interpretiert (…). The Last of England eröffnet ein Zeitbild der Achtzigerjahre im nachindustriellen England unter Thatcher und im Zeitalter von Aids und Drogen. Gleichzeitig ist es ein sehr persönliches Werk von Derek Jarman, in dem sich, geprägt von der HIV-positiv-Diagnose und dem Tod des Vaters, gesellschaftliche und private Erinnerungen verbinden: Fragmente seiner Familiengeschichte, dokumentarische Aufnahmen eines sich verändernden London, kleine Geschichten und Spielereien. Der daraus entstehende filmische Essay kulminiert in einem wunderbar bizarren Tanz von Tilda Swinton in einem Hochzeitskleid.» (Beat Schneider, Xenix, 2010)
«Tilda Swinton wird Jarmans Heroine, die der Maler und Lichtkünstler wie ein Altmeistergemälde inszeniert (…). Er macht sie zur Ikone – Tilda Swinton schenkt ihm dafür ihre Hingabe. Wer sagt denn, dass Hingabe etwas Passives sein muss! Sie brüllt und rast in The Last of England (1988) als Schmerzensbraut, die mit einer Schere ihr Hochzeitskleid malträtiert, in ihrem zweiten Jarman-Film.» (Martina Knoben, Du, November 2010)
«Derek stellte bloss die Kamera an und filmte, was immer ich tat. Und ich entschied selbst – ich entschied bis auf den Text alles. In The Last of England zum Beispiel, die Szene im Hochzeitskleid, da gab es die Schere und es gab das Kleid, und ich beschloss ganz einfach, mich aus dem Kleid zu schneiden. Wir hatten keine Absprache, es geschah einfach.» (Tilda Swinton im Gespräch mit Daniele Muscionico, Du, November 2010)
The Queering of Nature – Derek Jarmans Werk im Spiegel seines Gartens
Einführender Vortrag von Elise Lammer, 5.4., 18.00 Uhr
1986 begann mit dem Spielfilm Caravaggio zwischen Tilda Swinton und dem britischen Filmemacher, Künstler, Aktivisten, Dichter und Gärtner Derek Jarman (1942–1994) eine viele Jahre dauernde Zusammenarbeit und enge Freundschaft. Das Biopic über die Queerness des italienischen Barockmalers ist ein grossartiges Beispiel für Jarmans geradezu systematischen Versuch, kanonische Lesarten von (Kunst-)Geschichte und Ästhetik in Frage zu stellen.
Als 1986 bei ihm HIV diagnostiziert wurde, war er einer der Ersten, die während der AIDS-Krise offen über die Krankheit sprachen und gleichzeitig einen grossen Beitrag zur Schwulenrechtsbewegung im Vereinigten Königreich leisteten. Obwohl Jarmans Filme sehr experimentell sind, erlangten sie im Vereinigten Königreich breite Anerkennung. Jarman gilt heute als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der britischen Kultur des 20. Jahrhunderts.
In ihrem Vortrag spricht Elise Lammer über Jarmans besondere Beziehung zur Natur – insbesondere zu Prospect Cottage, dem Garten, den er anlegte und pflegte, bis er 1994 an den Folgen von AIDS starb. Dieser einzigartige Ort in Dungeness an der Südküste von Kent ist für das Verständnis von Jarmans Werk von zentraler Bedeutung. Der Garten taucht in Szenen von The Last of England (1987) und The Garden (1990) auf und ist auch die Grundlage für «Modern Nature» (1989), seine Memoiren und sein Gartentagebuch aus dieser Zeit. Prospect Cottage war Therapie und Arznei und diente als symbolischer Friedhof für die vielen Freunde, die Jarman während der HIV-Epidemie verlor. Mit seinem Garten übertrug er ein Leben, das sich seinem Ende näherte, in den Boden und vollzog, was man als Queering Nature verstehen kann.
Elise Lammer ist Kuratorin und Autorin und lebt in Basel. Seit 2018 entwickelt sie in La Becque | Artist Residency in La Tour-de-Peilz am Ufer des Genfersees ein Garten- und Kunstprogramm als Hommage an Derek Jarman.
Drehbuch: Derek Jarman
Kamera: Tim Burke, Richard Heslop, Christopher Hughes, Derek Jarman, Cerith Wyn Evans
Musik: Simon Fisher-Turner
Schnitt: Peter Cartwright, Angus Cook, John Maybury, Sally Yeadon
Mit: Tilda Swinton (die Braut), Spencer Leigh (Soldat u. a.), «Spring» Mark Adley (Spring u. a.), Gerrard McArthur, Jonny Phillips, Gay Gaynor, Matthew Hawkins (Schrottplatz-Typ), Nigel Terry (Erzähler)
87 Min., Farbe + sw, 35 mm, E/d