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(Bild: unsplash.com/Dikaseva)
Etwas mehr als 150 Jahre ist es her, dass Phylloxera vastatrix, ein kleines, unscheinbares Läuseding, den gesamten europäischen Weinbau in ein Tal des Jammers gestürzt hat. Als blinder Passagiert überquerte die Reblaus ab den 1850er Jahren auf modernen Dampfschiffen den Atlantik und startete ihren zerstörerischen Eroberungszug durch die Weingebiete der Welt.
Das winzige Insekt aus Nordamerika ist ein Fortpflanzungsgenie, es kann sich durch Klonen oder durch Paarung vermehren, einige bilden Flügel aus und reisen so kilometerweit. Die unscheinbaren Parasiten nagen und saugen an den Blättern und Wurzeln der Reben, dabei löst ihr Speichel Deformationen an der Wurzel aus. In diese Ballungen erfolgt die Eiablage und das Übel nimmt seinen Lauf: Die Versorgung der Pflanze mit Wasser- und Nährstoffen wird geschwächt, sie wird anfällig für Bakterien, Pilze und Viren und verdorrt am Ende kläglich.
Dabei war die Reblaus nicht das erste importierte Weindesaster aus Amerika. Bereits wenige Jahre zuvor, in den späten 1840ern, war der Echte Mehltau eingeschleppt worden. Durch die Erfindung des Dampfmotors wurden die vorher sehr langen Seereisen viel kürzer und kostengünstiger, das ermöglichte auch den Transport von Pflanzensetzlingen. So kam mit der Sammelwut der Europäer erst der Mehltau nach Europa, was zu einer ersten grossen Katastrophe führte. Die zweite folgte kurz darauf. Denn weil amerikanische Rebsetzlinge gegen den Pilz immun waren, orderten die europäischen Winzer nach der Mehltauplage vermehrt amerikanische Wildreben. Und ahnten nicht, dass damit auch das noch viel grössere Grauen mitreiste.
Ab 1863 kam es zu einem ersten Aufflammen der Reblausplage in den Weinbergen des südlichen Rhône-Tals. Und obwohl die ersten Läuse 1863 in London entdeckt wurden, brachte niemand die Miniviecher mit dem Rebensterben in Frankreich in Verbindung. Unerkannt im Weinparadies Europa vermehrten sich die Schädlinge rasant und eroberten in kurzer Zeit Frankreich, Deutschland, Österreich, die Schweiz und dann auch Italien, Spanien und Portugal. Und richteten ein Massaker an, in gerade mal 20 Jahren vernichteten sie drei Viertel des europäischen Weines. Es war der französische Winzer Gaston Bazille, der im Jahre 1868 Rebwurzeln ausgrub, eine ganze Läuseinvasion an den Wurzeln entdeckte und den Zusammenhang erkannte. Die Wurzeln waren so dicht besiedelt, dass es aussah, als wären sie mit einer gelblichen Lacksicht überzogen.
Was also tun? Am Naheliegendsten war, den Schädling zu töten. Die Winzer versuchten es mit Schwefel und Petroleum, mit Jauche und Urin, sogar mit dem Fluten der Weinberge. Vergeblich. 1870 prüft eine Nationale Reblauskommission in Paris mehr als 500 Zerstörungsideen, kein einziger Vorschlag war erfolgreich. Im November 1881 folgte am Internationalen Reblauskongress in Bordeaux der drastische Paukenschlag und der Beschluss: Alle verlausten Flächen sind komplett zu entwurzeln und das Nervengift Schwefelkohlenstoff ist auszubringen. Nach dieser Rosskur waren nicht nur die Rebläuse tot, sondern auch die Böden.
Die Rettung kam aus einem Verfahren, das man bei den Obstbäumen schon lange kannte: Pfropfen. Beim Pfropfen wird der Stamm der Pflanze gespalten und in den Spalt ein Trieb einer anderen Pflanze gesteckt. Die Schnittstelle wird mit Wachs geschlossen und verwächst sich. Die Gastpflanze bildet den Oberbau der Pflanze während die Wurzeln aus einer Wildgattung sind. Auf die reblausrestistente Unterlage der amerikanischen Wildreben wurde die europäische Edelsorte aufgepfropft. Die französischen Winzer begannen bereits Anfang der 1880er Jahre im grossen Stil zu pfropfen, in anderen Ländern dauert es deutlich länger, bis sich das Verfahren etablierte. Heute ist es so, dass weltweit rund 85% aller Rebstöcke veredelt sind.
Die Weingebiete haben sich inzwischen erholt, der Plagegeist aber lediglich unter Kontrolle gebracht werden, ausgerottet wurde er nicht.
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