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Nur Jonas Hiller (35) kann Biels Sturz aus den Playoffrängen verhindern. Im Spätherbst seiner Karriere steht der ehemalige NHL-Titan vor seiner grössten Herausforderung.
Die Statistik kann polemischer sein als jeder Chronist. Gemäss den offiziellen Zahlen des «Bundesamtes für Eishockey» (von Swiss Ice Hockey) ist Jonas Hiller die schwächste Nummer eins der Liga. Hier die Fangquote aus dieser Saison. Also der Prozentsatz der abgewehrten Schüsse. Der HCD hat als einziges NLA-Team zwei gleichwertige Torhüter.
Es gibt noch polemischere Zahlen. Biel hat bloss eines der letzten sieben Spiele gewonnen. Die Statistik beweist, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der Leistung des Torhüters und der Resultate gibt. Nachfolgend die Aufstellung dieser sieben Spiele und in Klammer die Fangquote von Jonas Hiller.
Diese Angaben bestätigen eine eiserne Regel des Eishockeys: Eine Mannschaft kann ein Spiel nur in absoluten Ausnahmefällen gewinnen, wenn der Torhüter nicht mindestens 90 Prozent der Schüsse hält. Mehr noch: Ein durchschnittlich talentiertes Team wie Biel braucht meistens von seinem Goalie eine Abwehrquote von mehr als 92 Prozent.
Diese Zahlen sind brisant. Der NHL-Titan, der in seiner Karriere rund 30 Millionen Dollar verdiente, der fürs NHL-All-Star-Spiel aufgeboten wurde, der mit Davos mehrere Titel gewann, hat die schwächste Statistik.
Die Brisanz ist umso grösser, weil kein Torhüter in einem Hockey-Unternehmen eine so zentrale Rolle spielt wie Jonas Hiller. Gewiss, jede Mannschaft ist auf einen guten Schlussmann angewiesen. Aber bei Biel ist die Situation speziell. Mit der Verpflichtung von Jonas Hiller ist in Biel eine neue Ausrichtung der Unternehmensstrategie verbunden. Diese grösste Investition auf dem Transfermarkt seit dem Wiederaufstieg von 2008 steht für den Schritt weg aus der «Zitterzone» um Strich und hin zum soliden Playoffteam.
Letzte Saison ist diese Strategie aufgegangen. Trotz Turbulenzen rund um die Entlassung von «Hockey-Gott» Kevin Schläpfer gelang die lockere, frühzeitige Qualifikation für die Playoffs. Daran hatte Jonas Hiller ganz wesentlichen Anteil. Er bestritt 47 der 50 Qualifikationspartien. Mehr noch als durch seine Fangquote (91,60 %) hat er durch seine Persönlichkeit Biel letzte Saison beeinflusst. Sein Charisma veränderte die Mannschaft. Im Wissen, dass hinten ein NHL-Titan steht, spielten die Vorderleute von Jonas Hiller alle so, als wären sie ein paar Kilo schwerer, ein paar Zentimeter grösser und ein paar Stundenkilometer schneller.
Aber nun ist der Kaiser nackt. Wie in der Fabel über die neuen Kleider des Kaisers wagt noch niemand zu sagen, dass der Kaiser ja gar keine Kleider trägt: Niemand wagt in Biel das Wort «Torhüterproblem» auszusprechen. Mit gutem Grund: Wenn Jonas Hiller erst einmal von offizieller Seite kritisiert wird – vom Präsident, von einem Verwaltungsrat, vom Trainer, vom Sportchef oder von einem Mitspieler – hat Biel ein unlösbares Torhüterproblem. Dann erlischt das Charisma von Jonas Hiller.
Das hätte fatale Folgen. Denn dann bilden sich in Biel zwei Fraktionen: Einerseits die «Zeugen Hillers», die bedingungslos hinter Jonas Hiller stehen und das Versagen auf ungenügende Leistungen der Vorderleute und auf falsche Taktik zurückführen. Und andererseits die «Goalianer», die erkannt haben, dass Jonas Hillers Leistungen ungenügend sind und unbesehen von Namen, Verdiensten und Salär die Ausmusterung Jonas Hillers und die Verpflichtung eines guten Torhüters fordern. So oder so würde der Sportchef ins Zentrum der Kritik geraten.
Ist Jonas Hiller die Ursache für Biels langsames, aber sicheres Absinken in der Tabelle? Ja. Er ist der Hauptgrund für die heraufziehende Krise. Hiesse Biels Torhüter Damiano Ciaccio oder immer noch Simon Rytz, dann wäre Biels Goalieproblem schon längst ein Medienthema. Forderungen nach einem ausländischen Torhüter würden erhoben. Kevin Schläpfer hat in den letzten Tagen dem EHC Biel noch einen letzten grossen Dienst erwiesen: er hat die Schlagzeilen beansprucht. Biels Torhüterkrise ist noch nicht hockeylandesweit thematisiert worden.
Die Bieler haben eine erstaunliche Entwicklung hinter sich. Sie sind seit dem Wiederaufstieg von 2008 Jahr für Jahr besser geworden. Aber sie sind noch keine sicheren «Playoffer». Sie sind auf einen grossen Torhüter angewiesen, um Mannschaften mit der Kragenweite von Langnau, Ambri, Servette, Kloten, Lausanne oder Gottéron hinter sich zu lassen. Mit einem durchschnittlichen Torhüter steht Biel den Playouts nach wie vor näher als den Playoffs.
Die Investition in Jonas Hiller war richtig. Der Vertrag bis 2019 auch. Kritik am Management und am Sportchef ist billig. Als Jonas Hiller im Frühjahr 2016 seine NHL-Karriere beendete, musste jeder Sportchef in der Situation von Martin Steinegger die Chance nützen.
Ein bestandener Spieler wird für seine bereits erbrachten Leistungen, für seine Vergangenheit bezahlt. Die Zukunft kennt niemand. Die Formkrise von Jonas Hiller zeigt nur, wie unberechenbar Eishockey, dieses Spiel auf einer rutschigen Unterlage sein kann. Jonas Hiller ist ein Musterprofi ohne Fehl und Tadel.
Biel spielt nun nacheinander gegen die ZSC Lions (am Freitag) und in Bern (am Samstag). Wenn Jonas Hiller zwei Siege heraushext, dann ist die Krise vorerst abgewendet. Bleibt er mit seiner Fangquote wieder unter 90 Prozent, dann sind die Playoffs und der Job von Trainer Mike McNamara in Gefahr.
Biel steht am Vorabend der grössten Torhüterkrise seiner Geschichte.