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Zwar denkt man bei lokalen oder generalisierten Schmerzsyndromen nicht in erster Linie an endokrine oder diabetische Erkrankungen. Dennoch kann Schmerz ein wichtiges Symptom bei zahlreichen endokrinen Krankheitsbildern sein, die im Folgenden von Kopf bis Fuss beschrieben werden. Zudem soll auf die Charakteristik der Schmerzpräsentation eingegangen werden.
Akute Kopfschmerzen mit neuaufgetretenen Sehstörungen, Nausea und Kollaps bis hin zu Bewusstseinsverlust können durch eine Hypophysenapoplexie verursacht sein, entweder im Rahmen einer schweren Hämorrhagie, dem sogenannten Sheehan-Syndrom, oder durch Infarkt eines Hypophysen-Adenoms. Der Patient ist akut gefährdet durch den Ausfall der Cortisol-Achse, entsprechend ist eine prompte intravenöse Gabe von Hydrocortison indiziert.
Hinter anfallsartigen Kopfschmerzen verbunden mit Pallor, Panikattacken, Raynaud-Syndrom oder Schwindel kann sich ein Phäochromozytom verstecken, das immerhin rund 0.1% der Hypertonien verursacht. Diagnostisch ist die Bestimmung der freien Metanephrine/Normetanephrine im Blut, die auch im symptomfreien Intervall eine sehr hohe Sensitivität und Spezifität haben.
Retroorbitale Schmerzen sind ein häufiges Problem bei der endokrinen Orbitopathie, die im Rahmen eines M. Basedow bei 5-10% der Patienten schwer ausgeprägt ist, begünstigt durch Nikotinabusus. Die T-Zellaktivierung führt zu inflammatorischer Schwellung der Augenmuskeln und des orbitalen Fettgewebes und damit zum praktisch pathognomonischen Exophthalmus. Neben der schmerzhaften intraorbitalen Druckerhöhung und Gefahr der ischämischen Optikusschädigung, kann der verminderte Lidschlag und –schluss (Stellwag- und Graefe-Zeichen) zu Konjunktivitis und Keratitis führen. Bei der Beurteilung muss neben dem Ausprägungsgrad vor allem auch die Aktivität der endokrinen Orbitopathie beurteilt werden, da neben den gross-zügig einzusetzenden befeuchtenden lokalen Massnahmen die Indikation zur Selen- und hochdosierten intravenösen Prednisolon-Therapie gestellt werden muss. Im Gegensatz dazu ist die diabetische (proliferative) Retinopathie meistens schmerzlos ausser dem Druckgefühl bei Glaskörpereinblutungen.
Krankheitsgefühl, Fieber, Abgeschlagenheit und exquisite Druckdolenz über der Schilddrüse sind gut vereinbar mit einer viralen Thyreoiditis de Quervain. Typisch sind eine hohe Senkung oder CRP, eine passagere Hyperthyreose und sonographisch eine sehr inhomogene Struktur. Therapeutisch sind NSAID empfohlen, nur bei therapierefraktärem Verlauf der Einsatz von Prednisolon. Die Thyreoiditis kann einseitig sein, rezidivieren oder auf den anderen Schilddrüsenlappen überspringen und tritt meistens am Übergang der Jahreszeiten auf.
Eine akute Mastodynie kann beim Mann durch ein Testosteron-Östrogen-Ungleich-gewicht ausgelöst werden, z.B. durch —Therapie mit Spironolacton («Androgen-Rezeptor-Antagonist»), durch eine Hormontherapie bei Prostatakarzinom (z.B. Goserelin (Zoladex)) oder durch Anabolika-Abusus beim Bodybuilding. Therapeutisch hilft ein Wechsel auf Eplerenon (Inspra) oder eine einmalige perkutane Bestrahlung.
Akute heftige, beengende und nicht-ausstrahlende Rückenschmerzen thorakolumbal können durch osteoporotische Wirbelkörperfrakturen bedingt sein. Nicht immer sind die Frakturen im konventionellen Röntgenbild sichtbar, auch subperiostale «Mikrofrakturen» können sehr schmerzhaft sein. Wenn Frauen mit bekannter Osteoporose über akut einschiessende und immobilisierende, tieflumbale Schmerzen klagen, steckt häufig eine Sakrumlängsfraktur dahinter. Bei Männern mit osteoporotischen Wirbelkörperfrakturen kann in rund 2/3 der Fälle eine sekundäre Ursache gefunden werden (z.B. ein Hypogonadismus oder Klinefelter-Syndrom), die mitbehandelt werden muss. Neben der analgetischen und antiresorptiven Therapie muss intensiv physiotherapeutisch behandelt werden.
Akute Bauchschmerzen und Peritonismus sind obligate Begleitsymptome bei einer Addison-Krise und bei der diabetischen Ketoazidose. Der akute Cortisolmangel führt zu Nausea, Fieber, Kreislaufinstabilität bis hin zum Schock, der Katecholamin-resistent ist und vom septischen Schock mit stets nach-weisbaren Eosinophilen im differenzierten Blutbild unterschieden werden kann. Die sofortige intravenöse Gabe von Hydrocortison ist entscheidend und führt zu einer raschen Regredienz der Symptomatik. Blut-zucker über 12 mmol/l und Peritonismus beim Diabetiker sind Ausdruck einer Ketoazidose, die praktisch immer intravenös Volumen und Insulin benötigt. Allerdings kann das peritonitische Abdomen auch Ursache der Ketoazidose sein und spezifische diabetische Erkrankungen, wie die emphysematöse Cholecystitis oder Pyelonephritis müssen zusätzlich zu den üblichen Ursachen einer infektiösen Peritonitis gesucht werden, vor allem wenn labor-chemisch Hinweise auf einen bakteriellen Infekt bestehen.
Differentialdiagnostisch sind bei der akuten Pankreatitis zwei endokrine Erkran-kungen auszuschliessen, welche rund 10% aller Pankreatitiden ausmachen, nämlich die Hypertriglyzeridämie, meistens familiär und durch eine Mutation des Lipoprotein-lipase-Gens bedingt und der primäre Hyperparathyreodismus, diagnostiziert durch Hyperkalzämie und inadäquat hohe Parathormonspiegel. Neben der üblichen Pankreatitis-Therapie kommen bei ersterem eine Heparin- und Glukose/Insulin-Infusion und bei letzterem Kalzium-senkende Massnahmen dazu. Auch eine akute Nierensteinkolik kann in bis zu 15% durch einen primären Hyperparathyreoidismus bedingt sein («Stein-, Bein- und Magenpein»).
Die diabetische Neuropathie führt typischerweise zu einem socken- und hand-schuhförmigen Sensibilitätsausfall mit verminderter Schmerzwahrnehmung. Gele-gentlich findet sich aber auch eine «Plus»-Symptomatik mit einschiessenden, elektrisierenden Schmerzen in die Beine mit konsekutiver Atrophie der Oberschenkelmuskulatur, die sogenannte amyotrophe diabetische Neuropathie oder eine Allodynie der Füsse mit Schmerzen bei geringster Berührung wie etwa der Bettdecke. Beide Formen finden sich gehäuft bei älteren Männern mit schlechter Kontrolle der diabetischen Stoffwechsellage und können während einiger Monate noch zunehmen nach Einleitung einer Insulintherapie. Eine gute Blutzuckereinstellung und Therapie mit Amitriptylin (Saroten) oder Doluxetin (Cymbalta) bringen meistens nach 3 bis 6 Monaten eine deutliche Besserung.