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Einführung in das »Buch der Klosterstiftungen«
Inhaltlich ist das »Buch der Klosterstiftungen« die natürliche Fortsetzung des »Lebens«. Läßt uns die heilige Theresia in ihrem »Leben« einen Blick tun in ihr Vorleben in der Welt und in ihr reiches Innenleben im Menschwerdungskloster zu Ávila mit all den Prüfungen und gnadenvollen Heimsuchungen Gottes, um dann mit dem Bericht über die Gründung des ersten Reformklosters St. Joseph in Ávila (1562) abzuschließen, so gibt uns die große Reformatorin des Karmel in dem vorliegenden »Buch der Klosterstiftungen« (»Libro de las fundaciones«) ausführlichen Bericht über ihre fernere reformatorische Tätigkeit in Gründung von weiteren sechzehn Klöstern für den weiblichen Zweig der neuen Reform. Das Buch umfaßt also die Zeitspanne von 1567—1582, von der Gründung des zweiten Reformklosters bis zum Tode der Heiligen.
Nachdem der Ordensgeneral P. Johannes Baptista Rubeo gelegentlich seiner Visitation der spanischen Karmelitenklöster auch das neugegründete Reformkloster zum hl. Joseph in Ávila besucht und darin das blühende Leben nach der ursprünglich ungemilderten Regel des Karmel bewundert hatte, gab er, erfreut ob dieses ersten sichtlichen Erfolgs der Möglichkeit einer Ordensreform im Sinne des Tridentinischen Konzils, Theresia kraft seines Amtes bereitwilligst die Vollmacht, noch weitere solcher Reformklöster im Bereiche des Königreichs Kastilien zu gründen. (Ávila 27. April 1567, bzw. Madrid 16. Mai 1567.)
Theresia, erfüllt von glühender Liebe zu ihrem göttlichen Bräutigam und zugleich von dem Verlangen, Seelen für ihn zu gewinnen, bzw. zu retten, ging sofort an die Ausführung dieses für die Kräfte einer Frau scheinbar unmöglichen Werkes. So gründet sie im Verlauf der fünfzehn Jahre, die ihr noch zu leben beschieden sind, noch weitere sechzehn Klöster für den weiblichen Zweig ihres Ordens, zumeist ohne jegliche finanzielle Mittel, vielfach trotz größter Schwierigkeiten seitens weltlicher und geistlicher Behörden. Ungeachtet ihrer durch die vielen Leiden der vorausgegangenen Jahre geschwächten Gesundheit und dauernder körperlicher Gebrechen, ungeachtet der vorgenannten Schwierigkeiten durcheilt Theresia den größten Teil Spaniens; bald dehnt sie ihre Reformtätigkeit auch auf
andere Teile Spaniens aus, neue Klöster gründend, die bereits gegründeten besuchend, um nach dem Rechten zu sehen, eingreifend und, wo es nötig war, Übelstände abschaffend.
Und unter welchen Umständen mußten diese beschwerlichen Reisen landauf, landab gemacht werden! P. Hieronymus Gracián, der langjährige Begleiter der Heiligen auf solchen Reisen, ihr Beichtvater und zugleich ihr innigster Vertrauter und Berater, gibt uns einen interessanten Bericht, wie es bei solchen Reisen zuging. »In der Regel«, so erzählt er, »gingen drei von unseren Mitbrüdern und einige befreundete Laien auf ihren Reisen mit ihr. Die heilige Mutter befand sich auf einem zweiräderigen, von Ochsen oder Maultieren gezogenen Karren, der mit einer SegeltuchBlahe bedeckt war, um die heilige Mutter und die sie begleitenden Schwestern nicht nur vor den neugierigen Blicken der Leute, sondern auch vor den Unbilden der Witterung zu schützen. Bevor wir eine Herberge erreichten, schickte die Heilige einen der Begleiter voraus, um für Unterkunft und Zimmer zu sorgen. Das Erste, was nach der Ankunft geschah, wenn es irgend die Zeit gestattete, war, daß wir die heilige Messe feierten und der heiligen Mutter die heilige Kommunion reichten. In der Herberge selbst verschloß man den Eingang zu den Räumen, die die Heilige mit den Schwestern bewohnte, und stellte eine Person vor dem Eingang auf, die Pfortendienste zu verrichten und darauf zu achten hatte, daß niemand jene Räume betrete… Sowohl in den Herbergen, die man auf den weiten Reisen beziehen mußte, wie auf dem Wege, hatte die heilige Mutter immer ein Glöckchen bei sich, um damit das Zeichen zu geben zum Beginn entweder der Betrachtung oder des Offiziums oder des Stillschweigens, je nach der Tageszeit, da überall die Tagesordnung eingehalten wurde, als ob sie daheim im Kloster wäre. Immer konnte man sehen, wie besorgt die Mutter um alles war, was ihre Begleiter bzw. die Maultiertreiber benötigten, als hätte sie an sonst nichts zu denken, oder als hätte sie ihr Leben lang Leute wie diese Maultiertreiber um sich gehabt. Bisweilen rief sie jene, die zu Fuß mitgingen, zum Wagen heran und unterhielt sich in liebenswürdigster Weise mit ihnen, so daß diese auf alle Müdigkeit vergaßen. Manchmal kam es auch vor, daß die heilige Mutter auf einem Maultier reitend die Reise machte (wenn eben eine Reise zu Wagen in unwegsamen Gegenden unmöglich war), und sie verstand es, so sicher sich darauf zu halten, als wäre sie in einem bequemen Wagen… Mir scheint, als habe ihr Gott aber auch zu allem und jedem eine besondere Gnade verliehen. …« (Anmerkungen des P. Gracián zum »Leben der hl. Theresia« des P. Ribera.)
Wenn wir ferner bedenken, daß solche Reisen bei den damals gänzlich unzulänglichen Verkehrsverhältnissen Spaniens durch unwegsame Landschaften, bei strömendem Regen oder durch tiefen Schnee, bei brennender Sonnenglut oder unter fürchterlichen Stürmen gemacht werden mußten; daß oft Ströme, durch plötzlich einfallenden Regen über die Ufer getreten, unter größter Lebensgefahr überquert werden mußten; daß des öfteren die Lebensmittel, die unserer Reisegesellschaft in den Herbergen geboten wurden, völlig unzulänglich waren, so kann man begreifen, daß solche Reisen auch für die Begleiter der Heiligen kein geringes Opfer bedeuteten. Doch Theresia verstand es meisterhaft, ihre Begleitung stets in froher Stimmung zu erhalten, sei es durch erbauliche Gespräche oder fromme Gesänge, sei es durch fröhliches Geplauder, so daß es allen,
selbst den Maultiertreibern, ein Genuß war, wie sie wiederholt versicherten, mit Theresia zu reisen. Wohl eine der größten Überwindungen kostete es Theresia, wenn sie mit ihrer Begleitung in einer Herberge, wie sie in jener Gegend auf einsamen Landstraßen der Übernachtung dienten, nächtigen mußte; wenn in solchen Herbergen, in denen oft alles mögliche landfahrende Gesindel zusammenkam, Schimpf und Fluchworte der gemeinsten Art an ihr Ohr drangen, Lärmen und Streiten vor ihren Augen sich abspielte. Und was mag sie zumal gelitten haben in solchen, meist von Schmutz und Ungeziefer starrenden Herbergen, sie, die gerade in diesem Punkte so empfindsam war!
Des öfteren macht die Heilige in ihrem Buche Andeutungen über derartige Zustände. Doch was bedeuteten für ihre hochgemute Seele all diese Hindernisse und Opfer und Schwierigkeiten! Durch einen Franziskanermissionär, der aus »Indien«, wie man damals Amerika nannte, zurückgekehrt war, hatte Theresia in dem Menschwerdungskloster von Ávila gehört, wie dort ungezählte Seelen aus Mangel an Missionären dauernd verlorengehen. Dies hatte sie erst recht bestärkt in dem Verlangen, Seelen für Gott zu retten durch ein Leben des Gebetes und der intensivsten Buße. Um für ein solches Leben Seelen heranzubilden, hatte sie ihr Reformwerk unternommen.
Was war nun der eigentliche Anstoß zur Abfassung des Berichtes über die erste Entwicklung dieses Reformwerks? Nachdem Theresia die Geschichte der Gründung des ersten Reformklosters von Ávila auf Befehl ihres Beichtvaters, P. Garcia de Toledo, O. Pr., geschrieben hatte, dachte sie vorläufig an keine weiteren Gründungen und fügte deshalb diesen Bericht ihrem »Leben« bei. Als sie dann 1567 auf Geheiß des Ordensgenerals, P. Rubeo, an die Gründung weiterer Klöster ging und so nach und nach die Reformklöster von Medina del Campo, Malagón, Valladolid, Durvelo entstanden, hatte sie über die Gründungsgeschichte dieser Klöster keinen eigentlichen Bericht geschrieben, sondern nur auf fliegenden Blättern sich gelegentlich einige Aufzeichnungen gemacht, bis sie eines Tages nach der hl. Kommunion, wie sie selbst in einem ihrer geistlichen Berichte erzählt (cf. Geistl. Berichte III. in d. neuen deutsch. Ausg. od. IX. in d. span. Ausg. des P. Silverio), von seiten Gottes die Stimme zu hören glaubte, auch die Geschichte dieser Klöster niederzuschreiben. Doch dieser inneren Anregung von seiten Gottes kam sie vorläufig nicht nach, bis diese Stimme Gottes durch den förmlichen Befehl ihres Vorgesetzten, d. i. ihres Beichtvaters, ergänzt wurde. Das war im August 1573, als sie eben in Salamanca
an der Neugründung eines Klosters arbeitete. Da gab ihr nämlich ihr damaliger Beichtvater, P. Hieronymus Ripalda S. J., den ausdrücklichen Auftrag, die Geschichte der bis dahin gegründeten Klöster zu schreiben.
Die Heilige wandte diesem Auftrag gegenüber ein, daß sie nicht einsehe, welchen Nutzen diese Berichte haben könnten, und daß sie infolge ihrer anderweitigen Beschäftigungen überhaupt keine Zeit dazu finde. Doch als ihr Seelenführer auf seinem Befehl bestand, machte sich die Heilige, gehorsam wie immer, daran, die seinerzeit gemachten kurzen Notizen zu ordnen und zu ergänzen. So entstanden in Salamanca die ersten neun Hauptstücke des Buches, umfassend nur die Gründungen von Medina del Campo und Malagón. (Siehe ihre eigenen Worte im 27. Hauptstück der »Klosterstiftungen«!)
Dieser erste Teil der »Stiftungen« enthält nun nicht allein den Bericht über das Entstehen der beiden erstgenannten Klöster, sondern in diesem Bericht finden sich eine Reihe von wichtigen Ermahnungen über das geistliche Leben eingereiht, welche die Heilige an die Priorinnen der bis dahin gegründeten und in Zukunft noch entstehenden Klöster richtete. So spricht sie besonders im fünften Hauptstück ausführlich über den Gehorsam und findet dafür Worte, die zu dem Besten gehören, was je von den bedeutendsten geistlichen Schriftstellern über diesen Punkt geschrieben wurde.
Nach dem neunten Hauptstück brach Theresia diese Berichte über ihre Klostergründungen wieder ab, obwohl es der bis dahin bereits gegründeten Klöster schon sieben waren; denn zahlreiche andere Arbeiten hinderten sie einerseits daran, anderseits trug sie sich auch jetzt wieder mit dem Gedanken, diese Arbeit überhaupt ruhen zu lassen, da sie, wie schon so oft, auch jetzt wieder von einem geradezu unüberwindlichen Widerwillen erfaßt war gegen jede Art schriftstellerischer Betätigung.
Als sie nun im Jahre 1576 in Toledo weilte, gab ihr P. Hieronymus Gracián, damals apostolischer Kommissär und infolgedessen ihr Vorgesetzter, den strikten Auftrag, die Berichte über ihre Klostergründungen fortzusetzen. Auch diesmal fügte sich Theresia, ungeachtet alles natürlichen Widerstrebens, dem Willen des Vorgesetzten. Sofort bat sie in einem Brief (24. Juli 1576) ihren Bruder Laurentius in Ávila, er möchte ihr von Ávila aus die dort hinterlegten Aufzeichnungen über die bisherigen Gründungen sowie den bereits fertigen Bericht über die beiden ersten Gründungen (1. —9. Hauptstück) nach Toledo schicken. Im Oktober des gleichen Jahres (1576) macht sich Theresia an die Niederschrift, und bereits am 14. November hat sie die weiteren Hauptstücke 10— 27 vollendet, wie sie am Schluß des Kap. 27 schreibt.
Dieser zweite Teil ihres Werkes umfaßt die Gründungen von Valladolid (15. VIII. 1568), Toledo (14. V. 1569), des ersten Reformklosters der Patres in Durvelo (28. XI. 1568), der beiden Klöster in Pastrana, eines für die Schwestern (9. VII. 1569) und eines für die Patres (13. VII. 1569), Salamanca (1. XI. 1570), Alba de Tormes (25. I. 1571), Segovia (19. III. 1574), Veas (25. II. 1575), Sevilla (29. V. 1575) und schließt mit der Gründung von Caravaca (1. I. 1576). Es ist nicht ohne Bedeutung, wenn sie am Schluß dieser letzteren Gründung (27. Hauptstück) gleichsam als Epilog hinzufügt: »Dieser Bericht wurde vollendet am 14. November des Jahres 1576«, gleich als hätte sie geahnt, daß der große Sturm der Verfolgung gegen sie und ihr Werk nun anhebt und sie auf Jahre hinaus an dessen Fortsetzung hindern werde. Zugleich mochte sie wohl glauben, mit diesem Hauptstück die Schrift endgültig abgeschlossen zu haben.
Doch der Sturm gegen die junge Reform ging vorüber, freilich nicht ohne deren beiden Trägern, Theresia und Johannes vom Kreuz, schwere Prüfungen gebracht zu haben. Und so begibt sich Theresia in den Jahren 1580—1582 neuerdings auf den dornenvollen Weg der Gründung von weiteren Klöstern. So entstanden in den drei genannten Jahren die Klöster von Villanueva de la Jara (21. II. 1580), Palencia (29. XII. 1580), Soria (3. VI. 1581) und Burgos (22. IV. 1582). Während die Heilige die Berichte über die Gründung der beiden ersten Klöster in Palencia im April 1581 niederschrieb, verfaßte sie jene über die Gründung von Soria und Burgos jeweils nach Vollendung der betreffenden Gründung. Sie umfassen die letzten Hauptstücke (28—31) des uns vorliegenden Werkes. Der Bericht über die Gründung von Burgos ist geschrieben im Juli 1582, also wenige Monate vor dem Tode der Heiligen.
Als Theresia nach Vollendung dieser letzteren Gründung Burgos verließ, um bald darauf in Alba in die ewige Herrlichkeit einzugehen, übergab sie die Handschrift dieser Berichte, zusammen 31 Hauptstücke, einem gewissen Dr. Manso, der während ihres Aufenthaltes in Burgos ihr Beichtvater gewesen war. Von diesem ging das Original sowohl dieser Gründungsberichte als auch der übrigen Handschriften der heiligen Reformatorin im Jahre 1587 in den Besitz der Ehrw. Anna von Jesu über, die sie sammelte, um sie durch P. Ludwig de León O.S.Aug. Professor an der Universität Salamanca, veröffentlichen zu lassen. Als jedoch letzterer im August 1591 starb, noch bevor er zusammen mit den übrigen Schriften der heiligen Theresia die »Klosterstiftungen« veröffentlicht hatte, ging die Handschrift der letzteren an einen gewissen Dr. Sobrino, Universitätsprofessor von Valladolid, über.
Im Jahre 1592 gab König Philipp II. von Spanien seinem Beichtvater P. Didakus de Yepes, Prior des Augustinerklosters im Escorial, den Auftrag, ihm die Originalhandschriften der heiligen Theresia zu verschaffen. So kamen diese durch des Letztgenannten Vermittlung in den Besitz des Königs, der von nun an deren eifrigster Leser blieb. Nach dem Tode seines Sohnes Philipp III. wurden sie der Bibliothek des Escorial einverleibt.
Als ich vor Jahren das Glück hatte, in der Bibliothek des Escorial diese für einen Sohn der großen Ordensstifterin so unendlich kostbaren Handschriften zu sehen, konnte ich nur in stiller Verehrung und Bewunderung vor diesem wertvollen Schatz der Bibliothek stehen. Doch welch ein Unterschied, wenn man die beiden Handschriften des »Lebens« und der »Klosterstiftungen« miteinander vergleicht! Im »Leben« die Handschrift noch voll jugendlicher Kraft, in Eile auf das Papier hingeworfen; eine von augenblicklichen Eingebungen erfüllte Seele spiegelt sich darin. Hier dagegen, in den »Klosterstiftungen«, verrät sich sofort eine unsagbar große Müdigkeit. Wohl trägt auch hier die Schrift noch ihren persönlichen Charakter, eine Seele voll Energie; aber sie ist schon viel weniger regelmäßig als dort; die Schriftzüge sind feiner, die Buchstaben kleiner, die aus Unachtsamkeit gemachten Fehler sind zahlreicher. Zumal gegen Ende des Buches merkt man, wie die Hand der heiligen Verfasserin vollständig ermattet. Die letzte Schrift der Heiligen vor ihrem Tode! Welch teueres Erbe! Was erzählen nicht diese 132 Blätter! Die Geschichte von fünfzehn Jahren voll unsagbarer Opfer und Mühen, die Geschichte einer Seele, erfüllt von Heldenmut und unvergleichlichem Opfergeist!
Von den verschiedenen Abschriften, die noch vor Übergabe der Originalhandschriften an den König von einigen Freunden der Heiligen, gelehrten Männern, an Hand der Originale gemacht worden waren, existieren nur noch zwei: die eine im Besitz der Karmelitinnen von Toledo, die andere in der Akademie für Geschichte in Madrid.
In Druck erschien das »Buch der Klosterstiftungen« erstmals im Jahre 1610 zu Brüssel bei Roger Velpius & Hubert Antoine, besorgt durch die Ehrw. M. Anna von Jesu, die damals Priorin zu Brüssel war, in Verbindung mit P. Hieronymus Gracián. Jedoch fehlten in dieser Erstausgabe die Hauptstücke zehn und elf, in denen die Geschichte der außerordentlichen Berufung der kleinen Casilda de Padilla erzählt wird, die damals noch in einem Kloster der Franziskanerinnen lebte. Auch sonst enthielt diese Ausgabe viele Abweichungen vom ursprünglichen Text. — Eine zweite Sonderausgabe der »Klosterstiftungen« erschien 1623 zu Zaragoza (bei Pedro Gil), besorgt durch die Karmeliten der alten Observanz. Auch diese Ausgabe enthielt zahlreiche willkürliche Abweichungen vom Original. So z. B. erschien darin als erstes Hauptstück der Bericht der Heiligen über die Gründung des Josephsklosters in Ávila, der dem »Leben« entnommen war; die Einteilung des Buches war sehr willkürlich, die Hauptstücke zehn und elf fehlten auch hier; dazu kamen noch verschiedene Verstümmelungen von Worten und Sätzen, entspringend dem damaligen Kampfgeist der alten Observanz gegen die Reform. — In der Gesamtausgabe der Werke der heiligen Theresia erscheint das »Buch der Klosterstiftungen« zum erstenmal 1630 bei Balthasar Moretus (Plantin) in Antwerpen, gleichfalls mit allen Mängeln der editio princeps (1610). — Auch die Ausgabe von 1661 bei Jos. Ferd. Buendia in Madrid, zusammen mit den übrigen Werken der Heiligen, besorgt durch P. Antonius a Mater Dei C. D., wies noch viele Mängel auf, obwohl ihr zum erstenmal die Originalhandschriften des Escorial zugrundegelegt worden waren. In ihr erschienen zum erstenmal auch die Hauptstücke zehn und elf. — Die folgenden Ausgaben von 1675 bei Foppens in Brüssel, sowie die von 1778 und 1795 bei Doblado in Madrid machten sich nicht einmal die textkritischen Verbesserungen der vorausgehenden Ausgabe zunutzen. — Auch die beiden textkritischen Ausgaben des Don Vincente de la
Fuente von 1861 und 1881 ließen an Vollständigkeit und Gründlichkeit vieles zu wünschen übrig. Sehr verdienstvoll jedoch war die photolithographische Ausgabe des »Buches der Klosterstiftungen« von 1880. Erst die durch P. Silverio de S. Teresa C. D. besorgte Ausgabe der »fundaciones«, Burgos (Tipogr. de »El Monte Carmelo«) 1918 (5. Bd. der sämtlichen Werke), gibt uns erstmals einen in jeder Hinsicht vollständigen und von allen Beimischungen und Verstümmelungen gereinigten Text der »Klosterstiftungen«.
Das »Buch der Klosterstiftungen« nimmt unter den Schriften der heiligen Theresia an literarischem Wert weitaus die erste Stelle ein. Mögen andere ihrer Werke, wie die »Seelenburg«, spekulativ viel tiefer und gehaltvoller sein oder, wie die »Rufe der Seele«, an lyrischem Schwung sie weit übertreffen, so ist doch das »Buch der Stiftungen« in literarischer Hinsicht vollkommener: der Bericht über die Gründung der einzelnen Klöster ist voll entzückender Schlichtheit, lebendig, in leichtem Plauderton dahingleitend, voll natürlicher Anmut. Darin offenbart sich so ganz die Ungezwungenheit theresianischen Stils, eine abgewogene Feinheit des Ausdrucks, eine zarte Nüchternheit im Gebrauch der Bilder, wie sie nur den Werken der großen Klassiker zu
eigen sind. Zugleich ist es ein Meisterwerk der Geschichtschreibung. Die heilige Verfasserin will um jeden Preis nur die volle und ganze Wahrheit der Tatsachen wiedergeben; sie verwahrt sich von Anfang an dagegen, auch nur in kleinsten Dingen eine Unwahrheit sagen zu wollen. Sie schildert die Menschen, wie sie sind, mit all ihren Licht und Schattenseiten. Sie versteht es zudem meisterhaft, den an sich trockenen historischen Berichten Leben und Wärme einzuhauchen, indem sie ab und zu der Erzählung lustige Szenen einzuflechten weiß, z. B. wenn sie in humorvoller Weise den ruinösen Zustand des Hauses in Medina del Campo schildert, das sie beziehen sollen; oder wenn sie die Angst ihrer Begleiterin in Salamanca während der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen beschreibt oder von den Schwestern in Villanueva berichtet, die von den lateinischen Gebeten, die sie verrichteten, nicht das geringste verstanden; oder wenn sie so ergötzlich erzählt, wie die ersten Mönche von Durvelo in ihrem Übereifer nicht einmal etwas hatten, worauf sie sich zur Ruhe legen konnten, dafür aber fünf Sanduhren besaßen, um die Tagesordnung genau zu halten, und dergleichen mehr. Aus all dem strahlt uns das lichte, heitere Wesen der Heiligen entgegen, die alles Melancholische, Düstere aus tiefster Seele verabscheut und
darum auch die sogenannten »traurigen Heiligen« nicht ausstehen kann.
Die Heilige sagte von vorliegendem Buche eines Tages zu dem Lizentiaten Aguiar: »Serán cosas de mucho gusto algún día« »Es wird die Zeit kommen, da dieses Buch mit großem Interesse gelesen wird.« Diese Prophezeiung war keine Übertreibung oder Überheblichkeit von seiten der Heiligen, sondern sie hat sich in den mehr denn dreihundert Jahren, seitdem dieses Werk der Welt übergeben ist, voll und ganz bewahrheitet und wird sich auch in den kommenden Zeiten erfüllen.
P. Ambrosius a S. Theresia O.C.D (Rom)