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Handschriftliche und gedruckte Quellen zu Pazifismus und Antimilitarismus bilden seit jeher einen Schwerpunkt der Archivabteilung des Sozialarchivs. So dokumentieren zahlreiche Körperschaftsarchive das langjährige Engagement der schweizerischen Friedensbewegung für Abrüstung, Gewaltlosigkeit und das Recht auf Wehrdienstverweigerung. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand dann der Einsatz für den Ost-West-Dialog und gegen die atomare Bedrohung, beziehungsweise gegen die atomare Aufrüstung der Schweiz, im Vordergrund.
Zu den wichtigsten Beständen gehören die Archive der von Leonhard Ragaz und Pierre Cérésole gegründeten Schweizerischen Zentralstelle für Friedensarbeit, der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (gegründet 1915), des Schweizerischen Friedensrates (gegründet 1945), des Kirchlichen Friedensbundes der Schweiz und der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA). Hinzu kommen die Nachlässe von Aktivistinnen und Aktivisten der Friedensbewegung, u.a. von Max Rotter (1881-1964), Rodolfo Olgiati (1905-1986), Willi Kobe (1899-1995) und Aline Boccardo (*1920).
In den letzten Monaten konnte das Sozialarchiv zwei weitere Bestände zur schweizerischen Friedensbewegung übernehmen: das Archiv des Schweizer Zweigs des Internationalen Versöhnungsbundes (IFOR) und den Nachlass von Hansheiri und Bertel Zürrer.
IFOR Schweiz (IFOR-MIR CH)
Der Internationale Versöhnungsbund wurde 1919 als Reaktion auf die Schrecken des Ersten Weltkriegs anlässlich der sog. Bilthoven-Konferenz in Utrecht (NL) gegründet. Zur Gruppe der Gründer gehörte auch Pierre Cérésole, der, wie bereits vermerkt, auch in der Schweizerischen Zentralstelle für Friedensarbeit engagiert war und 1920 den Service Civil International (SCI) mitbegründete. In der Romandie entstand dann in den 1920er Jahren die Gruppe "La Réconciliation", die sich dem Mouvement international de la réconciliation (MIR/IFOR) anschloss. In der Deutschschweiz ging es erheblich länger, bis sich der Einfluss des IFOR direkt bemerkbar machte. Dies hing einerseits mit der in der Deutschschweiz vergleichsweise starken Stellung der Religiös-sozialen Bewegung zusammen. Andererseits hatte sich hier bereits 1925 die von Karl von Greyerz und Rudolf Liechtenhahn initiierte Vereinigung Antimilitaristischer Pfarrer konstituiert, die ein ähnliches Programm wie der IFOR verfolgte. Die Vereinigung Antimilitaristischer Pfarrer wurde 1938 umbenannt in Kirchlicher Friedensbund der Schweiz (KFB). Der KFB kann als Parallelorganisation zum MIR in der Romandie angesehen werden. Nach einer Phase mehr oder weniger enger Kooperation mit dem IFOR und dem RUP (Rassemblement pour l’unité et la paix) kam es dann 1965 zur formellen Verbindung von KFB und MIR zu einer schweizerischen Zweiggruppe des IFOR. Zur Überwindung des Sprachengrabens hatte nicht zuletzt der gemeinsame Kampf gegen die militärische Nutzung der Atomkraft im Rahmen der "Schweizerischen Bewegung gegen die atomare Aufrüstung" beigetragen. 1974 wurde die Arbeitsgemeinschaft zwischen KFB und MIR aufgelöst, 2011 schlossen sich das MIR und der 1996 in "Forum für Friedensarbeit" umbenannte KFB zum IFOR Schweiz (IFOR-MIR CH) zusammen.
Der Archivbestand von IFOR Schweiz reicht zeitlich bis in die frühen 1940er Jahre zurück. Der Schwerpunkt liegt allerdings im Zeitraum zwischen 1980 und 2010 (Forum für Friedenserziehung). Speziell hervorzuheben sind die Korrespondenzen und Drucksachen des Kirchlichen Friedensbundes aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs.
Nachlass Hansheiri Zürrer (1918-2015)
Hansheiri Zürrer verstarb am 12. Juli 2015 mit 97 Jahren in Zürich. Er gehörte jahrzehntelang zu den markantesten Persönlichkeiten der schweizerischen Friedensbewegung. Unermüdlich war er präsent, wo es etwas für den Frieden zu tun gab, sei es an Manifestationen oder Anlässen, besonders eifrig aber beim Sammeln von Unterschriften für Volksinitiativen. Hansheiri Zürrer wurde 1918 geboren und studierte Theologie. Nach Abschluss des Studiums war er 1944/45 für den CVJM (Christlicher Verein Junger Männer) in der Kriegsgefangenenhilfe in Danzig und 1945/46 in der Flüchtlingshilfe im Tirol tätig. Er erlebte die Bombardierung Danzigs mit unzähligen zivilen Opfern. Dieses einschneidende Erlebnis machte ihn zum Pazifisten. In einer Zeit, da die Landesverteidigung im Kalten Krieg ein unhinterfragtes Tabu war, rang er sich zur Militärverweigerung durch. Später weigerte er sich, den Militärpflichtersatz zu bezahlen. Zürrer ging dafür achtzehn Mal ins Gefängnis. In Zürich wurde ihm eine Anstellung als Pfarrer verwehrt, was ihn besonders hart traf. Zürrer arbeitete als Fabrik-, Giesserei- und Bauarbeiter, später als Personalchef diverser Firmen. Hansheiri Zürrer war mit der Geigenlehrerin Bertel Zürrer-Saurenmann (1916-2009) verheiratet und hatte vier Kinder.
Hansheiri Zürrer war in vielen Friedensorganisationen aktiv, insbesondere in der Schweizerischen Bewegung gegen die atomare Aufrüstung und in der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK). Später konnten die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee, das Friedensforum Zürich und nicht zuletzt die Religiös-sozialistische Bewegung um die Zeitschrift "Neue Wege" auf seine Mitarbeit zählen. Der Nachlass von Hansheiri Zürrer besteht im Wesentlichen aus der umfangreichen Korrespondenz und aus unzähligen handschriftlichen Notizen, vieles davon in stenographischer Schrift. Vorhanden sind auch Materialien von und über friedenspolitische Organisationen, in denen Zürrer engagiert war.
> Das Archiv von IFOR Schweiz kann im Lesesaal des Sozialarchivs ohne Benutzungsbeschränkungen eingesehen werden. Der Nachlass von Hansheiri Zürrer wird zurzeit bearbeitet.