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Eine Eiswand der Clariden
II. Zeller-Horner.
Eine Eiswand der Clariden Von Sowohl im Schächenthal als auch vom Urnerboden her tritt der gewaltige Grat in die Augen, welcher von der Passhöhe des Klausen in der Richtung gegen die Einsattelung zwischen dem Claridenstocke und dem Kammlistocke bis zur Firnregion sich erhebt und vermöge seiner mässigen Steigung einen leichtem und kürzern Zugang auf die Clariden zu gewähren scheint, als die bisher unternommenen Wege von der Ostseite und Westseite her. Bei günstiger Beleuchtung ist dieser Grat auch aus weiter Ferne deutlich zu erkennen, wobei man aber mit bewaffnetem Auge entdeckt, dass am obern Ende desselben der Firn sich hindernd in den Weg stellt, welcher Umstand in der Nähe des Gebirges durch vorspringende Felsstufen dem Auge grösstentheils entzogen wird.
Der erste bekannte Versuch, den Claridenstock von dieser Seite her zu ersteigen, wurde im Sommer 1863 durch die Section Aarau des S.A.C. unternommen, und ist von Herrn Frei-Gessner im Jahrbuch I sehr einlässlich beschrieben worden, Daraus geht hervor, dass die Reisenden- von jener Eiswand abgeschreckt wurden, nachdem sich durch eine Recognoscirung der Führer Thut und Vögeli die Erklimmung als sehr gefährlich und zeitraubend, wenn auch nicht ganz unmöglich, herausgestellt hatte. Nicht besser erging es Herrn Landrath Hauser, welcher ein Jahr später mit den Führern Eimer, Vater und Sohn, den Grat vom nördlichen Claridengletscher aus erkletterte, dann aber vor einer unübersteiglich gehaltenen Kluft zwischen dem Felsen und der Eiswand zurückwich und dagegen den schwierigen Abstieg nach dem Griesgletscher wagte, von wo aus ihm noch am gleichen Tage die Ersteigung des Kammlistockes gelang.
In der Absicht, die Beschaffenheit dieser Eiswand mit eigenen Augen zu untersuchen, verliess ich mit meinen zwei jüngsten Söhnen Morgens den 21. Juli 1872 das schön gelegene neue Wirthshaus zum Stäubi in Aesch, dem hintersten Weiler des Schächenthales, nachdem wir am Tage vorher den Gang durch 's Bisithal über den Ruessalpkulm zurückgelegt hatten. Leodegar Gysier, ein als Jäger mit der Gegend vertrauter Mann, diente uns als Führer. Hart am linken Ufer des prachtvollen Stäubifalls emporsteigend, erreichten wir auf schattigem Pfad die Hütten der Oberalp, am Fuss des Griesstocks. Von dort wendet sich der Weg östlich über eine zweite Stufe, und um eine Ecke bie-gend' befanden wir uns am untern Rande des Griesgletschers, dessen Anblick aber meiner Erwartung nicht entsprach; denn er ist wie die meisten Gletscher stark zurückgewichen und bis weit hinauf mit Schutt be- deckt. Desto imposanter zeigt sich hier das Scheerhorn mit seinen blendend weissen Schultern, und die riesige Wand des Kammlistocks.
Der Endmoräne des Gletschers entlang gehend, liessen wir die Kammlialp links liegen und stiegen über die steilen Grashalden des Kammliberges hinan zum Punkt -2358 m, wohin man auch vom Klausenpass her leicht gelangen kann. Hier hört der Graswuchs auf, der Bergrücken wird allmälig schmäler; Geröllhalden wechseln ab mit leicht zu erklimmenden Felsabsätzen und vereinzelten Schneeflecken, bis .endlich die Schneeregion vollständig vorherrscht. Der^Gang ist lang und würde die Geduld des Steigers fast erschöpfen, wenn nicht die immer mehr sich entfaltende Aussicht Zerstreuung gewährte. Noch ist eine Stufe zu überklettern und wir stehen am obersten Ende des Kammligrates, unmittelbar in Ansicht der berüchtigten Eiswand auf einer Höhe von 2870 m.
Der Anblick übertraf meine Vorstellung bei weitem, und ich begriff sofort, warum die bisherigen Versuche, hier noch weiter vorzudringen, an der Wand gescheitert sind. Sie ist nämlich kein Gletscherwall, den man mit Einhauen von Stufen bewältigen könnte, sondern eine lothrechte, « theilweise sogar überhängende Eismauer, die in fantastischen Gebilden wie ein krystallenes Zauberschloss auf kolossalem Felsgestell sich vor uns erhebt und um so mehr imponirt, als keine höheren Gipfel dieselbe beherrschen. Von dem Standpunkte aus gesehen, den ich zum Behufe einer Zeichnung* ) etwa 200 SchritteVergl. Beilagen.
entfernt wählen musste, verdeckt nämlich die Wand vermöge ihrer Nähe sowohl den östlich stehenden Claridenstock, 3270 m, als auch die zwei Spitzen des Kammlistocks, 3160 und 3238 m.
Der Grat, wo rechts in der Zeichnung die Reisenden stehen, ist gegen Osten senkrecht abgerissen und mit einer Schneegwächte belegt. Wer dort voreiliger Weise zu weit vortritt, läuft Gefahr, etwa 500 m tief in den grauenhaften Circus der nördlichen Claridengletscher hinabzustürzen. Von jener Stelle ist der Claridenstock sichtbar, sowie die Firnwände, welche sich von demselben in einem grossen Bogen bis zum Standpunkt 2870 m erstrecken und häufig Eisblöcke donnernd in jenen Kessel hinuntersenden. Auf dem Grat ist die Eiswand am weitesten vorgeschoben und erreicht dort eine vertikale Höhe von ungefähr 30 m; dann wendet sie sich in einem rechten Winkel nach Südwest, vielfach zerrissen und unzugänglich, bis zu einer Stelle, wo ich es nicht für absolut unmöglich halte, nach Ueberschreitung von zwei Schneekehlen unterhalb zweier merkwürdiger Eisgewölbe auf den Scheitel der riesigen Felswand, 2949 m, zu gelangen, welche als Fussgestell des vordem Kammlistocks gegen 600 m hoch lothrecht aus dem Griesgletscher sich erhebt. Von dort wäre es leicht, über den sanft ansteigenden Hochfirn in die Kammlilücke, 3016™, und wohl ohne besonderes Hinderniss- links auf den Claridenstock zu gelangen. Schwieriger dürfte hingegen von dieser Seite her die Ersteigung des Kammlistocks sein.
So interessant die Auffindung eines neuen Zugangs wäre, so halte ich die Ueberwindung dieser Wand für ein Wagstück, dessen Erfolg dennoch nicht im Verhältniss zur Gefahr stehen würde, welche sowohl die-, drohenden Eisbrüche, als auch das Erklimmen der Schneerunsen und steilen, schlüpfrigen Kalkfelsen bieten..
Eine sehr auffallende Erscheinung an der Eiswand sind die Linien oder Ritzen, welche dieselbe in wagrechter Richtung mehr oder weniger parallel durchziehen und in mannigfachen Biegungen bis in die höchsten Eisthürme sichtbar sind. Vermuthlich entsprechen diese Linien einer Schichtbildung des Firns, deren nähere Untersuchung bei einem so schönen Durchschnitt von mindestens 30 in Eisdicke interessant genug wäre, wenn man nur besser beikommen könnte; allein es war mir nicht einmal möglich, die Beschaffenheit der untersten dieser Ritzen zu prüfen, weil sie noch mehrere Mann hoch über der zugänglichen Stelle lag.
Ausser dem Anblick der Eiswand selbst ist auch die Aussicht überhaupt so eigenthümlich und ergreifend,, dass es sich der Mühe lohnt, schon desshalb den Gang: hieher zu unternehmen. Mit der wildesten Hochgebirgsnatur coutrastiren liebliche Thalgrunde und eine immense Fernsicht. Grossartig tritt gegen Westen die vielgipflige Gruppe vom Sustenpass bis zum Urirothstock auf, wo insbesondere die gewaltige Ausdehnung des Glattenfirns im Hintergrund des Erstfelder-thal« überrascht. Gegen Nord-Ost imponiren vor Allein die kahlen Felsgestalten des Ortstocks, Faulen und Glärnisch in ungewohnten Formen, ihre Südseite weisend. Gegen Norden, zunächst von der schroffen Felskette des Rossstocks, der Schächentaler Windgelle und des Glatten begrenzt, liegt der gebirgige Kanton Schwyz wie ein Relief vor uns, und darüber hinweg .die breite duftige Zone des schweizerischen Hügellandes mit seinen Seespiegeln bis zur fernen Linie des Jura und Schwarzwaldes. Reizend schön ist zur Linken der Anblick des Schächenthals in seiner ganzen Länge bis zum Reussthal und den Gestaden des Vierwaldstättersees; rechts ruht das Auge gerne auf der grünen Fläche des Urnerbodens und folgt dem Linththal bis zu seiner Ausmündung zwischen Glärnisch und Schilt.
Schade, dass wir nicht bis zum Sonnenuntergang bleiben durften, welcher in dieser Umgebung ein prachtvolles Schauspiel geboten hätte! allein gegen 5 Uhr mahnte der Führer zum Aufbruch, um den Vorsicht erheischenden Abstieg zum Urnerboden noch vor Nacht zurücklegen zu können. Der östlichen Kante des Grates folgend, gelangten wir mit Hülfe beförderlicher Rutschfahrt auf Schnee in 1 Stunde 40 Minuten zum Klausenpass, wo ich unsern bescheidenen Begleiter entliess, und erreichten gegen 9 Uhr die Nachtherberge bei der Kapelle auf dem Urnerboden, also ungefähr in der Hälfte der Zeit, welche die Ersteigung bis zur Eiswand von Aesch aus gekostet hatte.
Freunden einsamer Pfade ist zur Abwechslung statt der gewohnten Strasse nach dem Schächenthal der Gang durch das kaum dem Namen nach bekannte Bisithal und über den selten betretenen Ruessalpkulm, 2176 m, zu empfehlen. Dieser Pass gewährt eine imposante Hochgebirgsaussicht, namentlich auf die Scheerhorn-gruppe.