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Transgenerationalität am Beispiel des Schweigens und Sprechens im Kontext fürsorgerischer Zwangsmassnahmen in der Schweiz: Eine qualitative Studie mit Nachkommen Betroffener
Autorin: Dr. phil. des. Nadine Gautschi
Gutachtende: Prof. Dr. Manfred M. Bergman (Universität Basel); Prof. Dr. Regula J. Leemann (PH FHNW)
Projektlaufzeit: 2019-2023
Abstract
Die vorliegende Dissertation vereint vier Artikel zum Thema Transgenerationalität im Kontext fürsorgerischer Zwangsmassnahmen (FSZM) in der Schweiz vor 1981.
Sog. FSZM bezeichnen in der Schweiz eine bis ins Jahr 1981 andauernde Praxis der behördlich angeordneten Platzierung von Minderjährigen ausserhalb von ihren Familien in Pflegefamilien, Heimen, auf Bauernhöfen und in weiteren, meist geschlossenen Institutionen. Die FSZM erlebten viele Betroffene als traumatisch, und in der Schweiz galten FSZM jahrzehntelang als Tabu.
Im Zentrum steht zu untersuchen, wie erwachsene Nachkommen von Betroffenen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen das Schweigen und Sprechen über die Geschichte der Eltern erlebt haben.
Dazu wurden biografisch-narrative Interviews mit Nachkommen Betroffener geführt und mittels der Grounded Theory Methodologie analysiert. Die Dissertation wird von der theoretischen Annahme geleitet, dass Transgenerationalität im interaktionellen Austausch zwischen Eltern und ihren Kindern sichtbar werden.
Der erste Artikel untersucht, wie Nachkommen das Schweigen ihrer Eltern über deren Vergangenheit erleben. Die Ergebnisse zeigen, dass die verschwiegene elterliche Geschichte aus Sicht der Nachkommen gleichzeitig als an- und abwesend erlebt wird. Anwesend ist sie u.a. in Form von Andeutungen und Erfahrungen stiller Präsenz. Dazu gehören zum Beispiel Gefühle der Nachkommen gegenüber den Eltern, oder elterliche Verhaltensweisen, die von den Nachkommen im Hinblick auf die Vergangenheit der Eltern gedeutet werden. Abwesend ist die elterliche Geschichte durch vermeidende Kommunikationsformen und Erfahrungen stiller Absenz.
Der zweite Artikel geht der Frage nach, wie sich vor dem Hintergrund der gegenwärtigen öffentlichen Aufarbeitung der FSZM in der Schweiz der Umgang mit der elterlichen Geschichte in betroffenen Familien verändert. Deutlich wird, dass die öffentliche Aufarbeitung sowohl Enttabuisierungen anstossen kann in den Familien, aber auch zu neuen Konstellationen des Schweigens führt.
Der dritte Artikel befasst sich methodisch mit dem interviewbezogenen Schweigen. Gewisse Nachkommen erzählten in den Interviews anstelle von ihrer eigenen Lebensgeschichte ausgiebig von ihren Vätern, die als Minderjährige von FSZM betroffen waren. Transgenerationalität zeigt sich in den Erzählungen in der Dethematisierung des eigenen Lebens. Der hohe Anteil an Erzählungen über die Väter, die narrative Orientierung an ihnen und die Dethematisierung von eigenem Leid korrespondiert mit der hohen erlebten Präsenz der betroffenen Väter im eigenen Leben, der ausgeprägten Orientierung der Nachkommen an den Vätern im Leben und der Dethematisierung von eigenen schwierigen Erfahrungen gegenüber den Vätern.
Der vierte Artikel ist ein Übersichtsartikel zu den Gesamtergebnissen der übergeordneten Studie, innerhalb derer ich meine Dissertation erarbeitete.
Insgesamt verweisen die Befunde deutlich auf die emotionalen und beziehungsbezogenen Belastungen, die von den Nachkommen auf die erlebten FSZM der Eltern zurückgeführt werden. Sie zeigen aber auch die vielfältigen Umgangsweisen der Nachkommen mit diesen Belastungen.
Die gewonnenen Erkenntnisse erweitern internationale Erkenntnisse im Zusammenhang mit transgenerationalen Auswirkungen traumatisierender Kollektivereignisse. Für den schweizerischen Kontext, in dem bislang kaum Studien zu Transgenerationalität im Kontext der FSZM vorliegen, sind sie neu.