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Am 7. Mai 2023 starb in Wien im 86. Lebensjahr die amerikanische Sängerin Grace Bumbry. Sie wurde bereits 1961, als Venus in Wieland Wagners Produktion von «Tannhäuser», in Bayreuth zur Legende.
Wenn eine Sängerin von internationalem Format von der Bühne verschwindet, hat sie heute in den allermeisten Fällen das Glück, in Tondokumenten und Opernverfilmungen weiterzuleben. Dennoch ist es nicht mehr dasselbe, wie wenn wir einer künstlerischen Persönlichkeit und einem musikalisch-szenischen Temperament «live» begegnen. Doch spätere Generationen nehmen auch die überlebenden «konservierten» Dokumente dankbar zur Kenntnis,
Grace Bumbry hatte eine reiche dynamische Stimme, die von tieferen Mezzo-Partien bis ins Fach hoher dramatischer Sopranistinnen reichte. Als Wieland Wagner sie für seine Venus in Bayreuth engagierte, hatte man noch keine Ahnung, was sich diese Sängerin in späteren Jahren noch alles zumuten würde. Als ihre Karriere bereits abgeschlossen war, widmete die Deutsche Grammophon Gesellschaft zusammen mit Unitel ihr zu ihrem 80. Geburtstag eine Festgabe mit 8 CDs und einer DVD, letztere eine Verfilmung ihrer Carmen-Aufnahme unter Herbert von Karajan. Wer sich heute diese Aufnahmen anhört, hegt keinen Zweifel daran, dass wir es hier mit einer der bedeutendsten Mezzo-Sopranistinnen der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zu tun haben. Ihre Konkurrenz war zwar beachtlich gross – man denke etwa an Kathleen Ferrier, Christa Ludwig, Giulietta Simionato, Janet Baker oder Jessy Norman –, doch Bumbrys Leistungen in Rollen wie Verdis Lady Macbeth oder Eboli in «Don Carlo» können neben denen ihrer Kolleginnen sehr gut bestehen.
Stimmlich-sprachliche Wendigkeit
Ob ihrer Leistungen auf der Opernbühne vergisst man häufig, dass sie auch als Oratoriensängerin, als Liedgestalterin und im amerikanischen Broadway-Gesang Schönes vollbrachte. Angeleitet offenbar von ihrem Vorbild, der Sängerin Lotte Lehmann, zog sie erfolgreich durch Länder, Sprachen und Kontinente und wurde so ein begehrter Gast in Paris, London, Berlin und an der Met in New York. In den Vereinigten Staaten begegnet man von der Ost- bis zur Westküste allenthalben Musikfreunden, die sich an unvergesslich ergreifende Momente ihrer Darbietungen von Verdis Azucena, seiner Amneris, von Saint-Saëns’ Dalila oder der Santuzza aus Mascagnis «Cavalleria rusticana» erinnern.
Dass man sie als die «Schwarze Venus von Bayreuth» in «sensationeller» Erinnerung behielt, hängt mehr mit den medialen Bedürfnissen und denen des Publikums und der Journalisten zusammen als mit einer rationalen Beurteilung ihrer Leistungen. Sonst würde man heute mehr über ihre Schubert- und Brahms-Liedinterpretationen lesen können. In dieser Hinsicht war die Bumbry irgendwie die Zwillingsschwester von Jessy Norman, die ja auch wie Bumbry – aus der afro-amerikanischen Musiktradition stammend – zu einem sprachlich-musikalischen Phänomen wurde in der Interpretation von deutschem und französischem Liedgut.
Wagners Zwiespalt
In vielen seiner Opern finden wir bei Wagner den Liebeskonflikt zwischen sinnlicher Erotik und vergeistigt reiner und erst so erlösender Liebe. Am deutlichsten ist dieses Dilemma von Wollust einerseits, Erlösungswahn durch Verzicht und asketischem Eifer andererseits in Wagners Oper «Tannhäuser» dargestellt. Hier hat er die Verbindung dieses Zwiespalts im Künstler und Sänger Tannhäuser verkörpert und dies gleichzeitig mit der Tradition eines Sängerkriegs aus mittelalterlichen Zeiten auf der deutschen Wartburg verbunden.
Diese Oper hat Wagner in mehreren Phasen seines Lebens beschäftigt. Die Uraufführung der ersten Fassung fand an der Dresdner Hofoper im Oktober 1845 statt. Danach hat Wagner sein Werk mehrmals überarbeitet. Die einschneidendste Veränderung war die Umarbeitung von 1861 für die Pariser Oper, zu der – wie für Paris obligatorisch – auch eine Balletteinlage hinzukommen musste. Das Entscheidende ist freilich, dass wir bei einer Entwicklungsphase Wagners waren, in der er schon ganz in der von ihm entwickelten «Tristan-Harmonik» stand. Darum gibt es bis heute Musikliebhaber, die Wagners frühe Fassungen der Pariser «Bacchanale-Orgie» vorziehen und lieber bei Wagners frühen Annäherungen an das Thema bleiben. Wagner-Freunde der inkarnierten Sorte wollen vollkommen zu Recht beide Varianten kennen. Dass die heutigen Opernbesucher die Pariser Fassung in französischer Sprache zu hören wünschen wie bei der Aufführung von 1861, gehört inzwischen zu den historischen Kuriositäten, mit denen sich kaum noch jemand abgeben will.
Im Venusberg
Historisch ist dies der Höselberg bei Eisenach, wohin sich Tannhäuser am Anfang der Oper befindet, weil er das sinnenfeindlich fromme Getue seiner Künstlerfreunde nicht mehr ertragen hat. Nun ist er im Reich der Venus, der lustfreundlichen Göttin, wo sich alles tummelt, was der Wollust frönt: Satyre, Faune, Amoretten, sogar Grazien, «Berauschte in brünstiger Liebesumarmung». Nur die Grazien sind etwas verwirrt durch die Liebesraserei ihrer Umgebung. Zwischen Berauschung und Ermattung schwanken die Gefühle hin und her. Sirenen singen von glühender Liebe und «seligem Erwarmen». Doch auch Tannhäuser zeigt sich von diesem sinnlichen Liebesstress ermüdet: «Zu viel! Zu viel!», klagt er. Er ist benommen und will weg, was die Liebesgöttin Venus gar nicht begreift.
Venus versucht, ihren abspenstig gewordenen Geliebten mit allen Lockmitteln zu halten. Doch der ist im Reich der Venus wollustmüde geworden, will sein Heil und seine Ruhe nun in «Busse und Sühne finden», denn bei Venus finde er nie «Freuden und Ruh». Er ist überzeugt: «Mein Heil liegt in Maria!» – gemeint: im anderen Frauenideal, bei der Muttergottes! Er wird sie am Ende der Oper schliesslich bei der von ihm verehrten «heiligen» Elisabeth von Thüringen gefunden haben.
Sängerstreit um die richtige Liebe
Tannhäuser kehrt zurück zu den Minnesängern. Doch da eskaliert der Wettstreit unter den Lobdichtern der Liebe. Bei ihm stösst die idealisierte Form der Liebe wieder derartig auf Ablehnung, dass er mit einem Lied auf die Sinnlichkeit und das Reich der Venus seine verehrte Elisabeth und seine Künstlerkollegen, insbesondere seinen Freund Wolfram von Eschenbach, vor den Kopf stösst. Tannhäuser sieht seine liebestolle Blindheit ein und will nun mit einem Pilgerzug nach Rom ziehen, um dort vom Papst Verzeihung zu erlangen. In Tannhäusers sogenannter «Romerzählung» des 3. Aktes erfahren wir, wie es ihm dort ergangen ist und dass seine Bussfertigkeit an Ort und Stelle keine Wirkung erzielt zu haben schien. Man darf auch Wunder nicht sogleich an angeblichen Gnadenorten erwarten.
Am Ende wird freilich seines Freundes Wolframs Erinnerung an die ihn liebende Elisabeth Tannhäuser noch einmal aus dem Reich der Venus erlösen, die in der Schlussszene nur noch ein kurzes Erscheinen hat, in dem sie trotz all ihrer Lockrufe, ihn in ihren Venusberg zurückzulocken, eingestehen muss: «Weh! Mir verloren!» Freund Wolfram kommentiert: «Heinrich, du bist erlöst!»
In Wagners «Tannhäuser» bleibt die Rolle der Venus bis heute eine begehrte und dankbare Partie, die nach wie vor für Mezzo-Sopranistinnen mit grossem Stimmpotential in der Höhe nicht weniger attraktiv ist als die Sopranpartie der Elisabeth mit ihrer «Glanznummer», der sogenannten «Hallenarie» am Eingang des 2. Aktes.
Elisabeth hat ihre Halle, Venus hat ihren Berg! Und beide hat Wagner musikalisch bestens bedient.
Am Dirigentenpult stand damals in Bayreuth Wolfgang Sawallisch. Den Tannhäuser sang der als Wagnersänger berühmt gewordene Wolfgang Windgassen.