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Dieser Tage erschien beim Verlag Neue Zürcher Zeitung in der Reihe «die neue Polis» ein Band mit Beiträgen zu politischen Determinanten von Siedlungsstrukturen in der Schweiz. Zehn Autorinnen und Autoren entwickeln weiter, was bislang als «Stadt-Land-Gegensatz» behandelt wurde. Die Dichotomie hat in den letzten Jahren an Erklärungskraft eingebüsst. Der Zusammenhang zwischen Siedlungsstruktur und politischem Verhalten ist bedeutend komplexer, wie auch die Vielfalt der Beiträge zeigt.
Wichtig ist die genauere Betrachtung der Agglomeration, jene Siedlungsstruktur, die weder Kernstadt noch ländliches Dorf ist und in dem die Mehrheit der Bevölkerung wohnt. Agglomeration kann – wie z.B. Claude Longchamp in seinem Beitrag «Storf – die schweizerischen Agglomerationsgemeinden zwischen Stadt und Dorf» – nicht als einheitliches Gebilde erfasst werden; Agglomerationsgemeinden sollten räumlich und historisch differenziert betrachtet werden.
Historisch gesehen war das Land lange bürgerlich-ländlich, während die Stadt bürgerlich-städtisch oder städtisch-links, wobei letztere Schichten ähnlich gelagert waren. Eine urbane, postmaterialistische Schicht hat sich erst im Laufe der Zeit entwickelt. Das Abstimmungsverhalten der Bewohner der Agglomerationen hat sich im Laufe der Zeit weg von der Stadt- hin zu den Landgemeinden entwickelt (dies wird am Beispiel von europapolitischen Abstimmungen dargestellt). Zugleich fand seit den 1990er-Jahren einer Umschichtung statt. In früh urbanisierten Gemeinden war vor 30 Jahren die SVP stark, in spät urbanisierten Gemeinden die Linke. Seither hat sich das dies gewandelt: Die Linke wächst in Gemeinden mit gutem ÖV-Angebot, während die SVP heute in Gemeinden mit grösseren sozioökonomischen Unterschieden und wenig ÖV-Angebot stark ist. Je nach Bevölkerungszusammensetzung ist die Agglo mehr «nachmaterialistisch» sozialisiert und damit damit eher raumbezogen offen eingestellt oder sie ist mehr «materialistisch» sozialisiert und damit eher traditional und sich abgrenzend verortet.
Auch Paul Schneeberger widerspricht in seinem Artikel «Städtisches Leben in den Agglomerationen der Schweiz» dem Stereotyp des Agglomerationsbewohners als «mentale Dörfler». Er greift dabei auf Hugo Loetschers Umschreibung der Stadt als «grösstmögliche Gleichzeitigkeit menschlicher Möglichkeiten» und findet diese schliesslich auch in der Agglo. Bis zum Zweiten Weltkrieg waren es die Unter- und die Oberschicht, die in der Agglomeration gewohnt haben. Seit der Automobilisierung im Zusammenhang mit dem Wirtschaftsaufschwung seit den 1950er-Jahren (vgl. den Beitrag von Benedikt Loderer unten) hat die Agglomerierung auch die Mittelschicht erfasst. Die Dezentralisierung erfasste auch ganze Wirtschaftsbranchen, darunter die Logistikbranche (vgl. dazu meinen Beitrag zu Hochschulen in ehemaligen Postbetriebsgebäuden).
Schneeberger kommt zum Schluss, dass die Agglo besser sei als ihr Ruf. Auch dem Anspruch Loetschers werde die Agglo weitgehend, wenn auch nicht vollumfänglich, gerecht. Städte und Agglos zusammen erfüllten gemeinsam den Anspruch auf «grösstmögliche Gleichzeitigkeit menschlicher Möglichkeiten».
Benedikt Loderer zeigt in seinem Beitrag «Von der Bauern- zur Bezinschweiz – Vor und nach Guisan» die fundamentalen Veränderungen der zurückliegenden 50 Jahre. In seiner nachdrücklichen Art stellt Loderer fest, dass wir in dieser Zeit «die alte Sesshaftigkeit» aufgegeben haben und «automobil» geworden sind. Das Auto, das nach 1950 mit dem Wohlstand kam, hat die Schweiz in seinen Grundzügen verändert. Loderer spricht in diesem Zusammenhang vom «Angriff auf den Föderalismus», vom «Gleichmacher und Grenzverschieber», vom «Hersteller von Metropolitanregionen und von alpinen Brachen». Für die Autoinfrastruktur wurde soviel investiert wie für keine andere Infrastruktur; und nach 1950 wurde mehr gebaut alle «Generationen seit den Römern zusammen». Loderer vergleicht den Übergang von der Sesshaftigkeit zur Mobilität mit dem Übergang von den Jägern und Sammlern zu den Bauern im Neolithikum.
Im Buch einleitend – an dieser Stelle ausleitend – verwendet Georg Kreis den Begriff der Agglomeration als neuen Gegegenpol zur Stadt. Lange hielt sich die ausschliesslich negative Konnotation der Agglomeration (Fokus Zersiedelung); erst in den 1990er-Jahren begannen erste positive Würdigungen der Agglomeration (ein modernes netzwerkartiges Ordnungsmuster entsprächen mehr einer pluralistischen-demokratischen Gesellschaft als eine zentrumsorientierte Struktur).
Literatur
Kreis, Georg (Hrsg.) n(2015): Städtische versus ländliche Schweiz? Siedlungsstrukturen und ihre politischen Determinanten. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung