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6. Die Interdisziplinarität
Das Europainstitut machte schon früh etwas Modernes: Es stellte die Methode, die Art des Denkens, ins Zentrum der Auseinandersetzung. Wegleitend war die Tatsache, dass interdisziplinäre Kompetenz nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch im nichtwissenschaftlichen Berufsleben immer wichtiger wird, weil man immer häufiger mit Arbeitskollegen aus anderen Disziplinen kooperiert. Im Vordergrund stand daher die Absicht, praxisrelevante Kenntnisse und damit auch berufsrelevante Qualifikationen zu erlangen.
In der Forschung war Interdisziplinarität seit Längerem eingeführt und vergleichsweise einfach zu bewerkstelligen: Eine Forschungsfrage wurde aus verschiedenen, vor allem methodologisch konstituierten Disziplinen angegangen, und die verschiedenen Befunde wurden miteinander in Verbindung gebracht. Und in der Lehre? Naheliegend war das Teamteaching, wobei damit noch nicht gesagt war, wie das zu geschehen hatte. Mit gestaffelten Exposés zu bestimmten Fragen und gegenseitiger Kommentierung? Wenn die Zusammenführung einzig Ergänzungen brachte und nicht Widersprüche, war das wenig problematisch. Im zusätzlichen Dialog mit Studierenden, die mit unterschiedlichen Grundstudien ausgestattet waren, war dieser Unterricht bereits per se interdisziplinär. Bei den Studierenden dominierte aber der Wunsch, klare und eindeutige Lerninhalte zu erhalten. Das konnte so weit gehen, dass die Dozierenden aufgefordert wurden, statt im Unterricht zu streiten, sich vor der Veranstaltung darauf zu einigen, was gelten soll.
Teamteaching war teuer, bei einer tridisziplinären Ausstattung kostete eine Lektion eben das Dreifache. Nach ersten Erfahrungen legten wir uns auf ein Y-Model fest: In gestaffelten Einheiten zum Beispiel in je vier Stunden wurde aus der Sicht der einbezogenen Disziplinen hintereinander unterrichtet, und in einer Schlusssitzung von vielleicht nochmals vier Stunden unter Mitwirkung aller Dozierenden die verschiedenen Betrachtungsweisen zusammengeführt. Die Diplomarbeiten mussten in jedem Fall zumindest bi-disziplinär angelegt sein.
Die Interdisziplinarität verlangte von allen Beteiligten die Bereitschaft, sich auf etwas Neues einzulassen. Gelegentliche Konflikte und gegensätzliche Ansichten zu ihrem Sinn und Wert sowie zu ihrer Umsetzung blieben dabei nicht aus. Das Institut arbeitete allerdings konsequent auch an der strukturellen Fortentwicklung interdisziplinären Arbeitens. Insbesondere die Schaffung einer interdisziplinären Doktorandenschule stand bereits 2009 auf der Wunschliste des Europainstituts. 2012 stellte das Rektorat die Entwicklung eines interdisziplinären Doktoratsprogramms in Aussicht. Seit 2017 bietet die Philosophisch-Historische Fakultät in enger Zusammenarbeit mit dem Institut ein Doktorat im Fach „European Global Studies“ an.6
Über den Autor
Prof. Dr. Georg Kreis war von 1993 bis 2011 Leiter des Europainstituts der Universität Basel, wo er auch weiterhin unterrichtet. 2008 wurde er als Professor für Neuere Allgmeine Geschichte und Schweizer Geschichte am Historischen Seminar der Universität Basel emeritiert. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Geschichte der europäischen Integration, internationale Beziehungen, Fragen der Identität, Nationalismus sowie die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, Genozid, kollektive Erinnerungen und Repräsentationen des Vergangenen.