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Dass Wörter mit dem Ding, dem Ereignis oder dem Sachverhalt, die sie bezeichnen, nicht mehr zu tun haben, als dass die Sprachgemeinschaft bewusst oder unbewusst, vorsätzlich oder infolge einer passiv hingenommenen Entwicklung übereingekommen ist, dem Ding, dem Ereignis oder dem Sachverhalt halt so zu sagen, wie man innerhalb der Sprachgemeinschaft eben sagt, ist eine Binsenweisheit. Wir wissen nicht erst, seit wir Peter Bichsels köstliche Kindergeschichte ‹Ein Tisch ist ein Tisch› gelesen haben, dass die Franzosen einander genauso verstehen wie wir, auch wenn sie dem Bett “li”, dem Tisch “tabl” sagen, das Bild “tablo” und den Stuhl “schäs” nennen.
Auch dass es Faux-amis gibt, so genannte ‹falsche Freunde›, wissen wohl alle: Einen einigermaßen gebildeten Menschen daran zu erinnern, dass ‹actually and sensibel› nicht ‹aktuell und sensibel› bedeutet und dass gute englische Schülerinnen und Schüler für ihre untadeligen Arbeiten nicht ‹good notes› kriegen, wäre schon fast eine Beleidigung.
In einigen Fällen ist die Sache jedoch ein wenig komplizierter: Das italienische Adjektiv ‹adagio› hat beispielsweise keine genaue Entsprechung im Deutschen. Es bedeutet zwar ‹langsam›, ist jedoch ein wenig schneller als ‹lento›, was ebenfalls ‹langsam› bedeutet, und ist im Gegensatz zu ‹gemächlich› eine völlig neutrale Geschwindigkeitsbezeichnung, die keinerlei Hinweis auf den Gemütszustand dessen beinhaltet, der sich in besagtem Tempo bewegt oder etwas Bestimmtes tut. So kann und wird eine deutschsprachige Dirigentin während einer Probe dem deutschsprachigen Tenor auf Deutsch sagen: «Sing die ganze Arie adagio und ohne Temposchwankungen!» — Sie verwendet das italienische Wort ‹adagio› mit Fug und Recht als Fremdwort in einem absolut korrekten deutschen Satz mit exakt der identischen Bedeutung, die das Wort im Italienischen hat. Und trotzdem gibt es zwischen dem italienischen ‹Adagio› und dem deutschen einen wesentlichen Unterschied. Die Dirigentin wird ihren Ehemann in einer Nachtfahrt bei Nebel auf der Autobahn nicht bitten, adagio zu fahren, und das durstige Kind nicht ermahnen, seine Cola adagio zu trinken, während es auf Italienisch üblich und völlig frei von irgendwelchen Anspielungen wäre, das Adverb auch in diesen Situationen zu verwenden. Auf Deutsch bedeutet also ‹adagio› genau dasselbe wie auf Italienisch, wird jedoch nur in einem musikalischen Kontext verwendet oder spielt unweigerlich auf einen musikalischen Kontext an.
Sprachen entlehnen aus anderen Sprachen aber nicht bloß Wörter, sondern auch Strukturen, und in gewissen Fällen ist es nicht leicht einzusehen, warum sie dies überhaupt tun. Beispielsweise ist der inzwischen nicht bloß in der Alltagssprache äußerst beliebte Satz ‹Es macht Sinn.›, objektiv betrachtet ein aus drei deutschen Wörtern bestehender englischer Satz. Obwohl es auf Deutsch Analogien gibt — zum Beispiel ‹Es macht Angst.› — klingt die Weglassung des unbestimmten Artikels in ‹Es macht Sinn› statt ‹Es macht einen Sinn› etwas befremdlich. Befremdlicher noch ist die Verwendung von ‹machen› als Übersetzung von ‹to make›, denn hier ist man ganz nahe an einem Faux-ami! In sehr vielen Fällen ist ‹machen› nämlich nicht die treffende Übersetzung von ‹to make›! In Wendungen wie ‹to make the time for something›, ‹to make something work›, ‹to make a decision›, ‹to make somebody wait› oder ‹he must be made to cooperate› verwendet man beim Übersetzen (noch und hoffentlich noch lange!) ganz andere Verben: Auf Deutsch findet man Zeit für etwas, man bringt eine Maschine zum Laufen, man trifft eine Entscheidung, man lässt jemanden warten und zwingt jemanden zur Mitarbeit, so wie man doch Touristen kaum als ‹Ferienmacher› bezeichnen würde.
Dass ‹Es macht Sinn› in der deutschen Sprache die wesentlich präziseren, nuancierteren und differenzierteren Äußerungen wie ‹Es ist sinnvoll›, ‹Es ergibt einen Sinn›, ‹Es führt zu etwas Sinnvollem›, ‹Es ist folgerichtig› gänzlich verdrängt und ersetzt hat, ist nunmehr eine Tatsache und wohl nicht mehr rückgängig zu machen. Es ist auch bei Weitem nicht das Schlimmste, was derzeit der deutschen Sprache im Speziellen — und im Allgemeinen auch allen andern Sprachen, die ich kenne — widerfährt.
Ich selbst habe mich bereits daran gewöhnt. Und trotzdem frage ich mich noch: «Macht es überhaupt Sinn?»