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Literatur | Philosophie | Sprache
Valérie Mumenthaler, 2002 | Basel, BS
Diese Facharbeit legt eine Interpretation von «Das andere Geschlecht» vor, der zufolge Simone de Beauvoir die Hegelsche Herr–Knecht Dialektik als Denkschema zur Untersuchung des männlich–weiblichen Geschlechterverhältnis verwendet. Dabei wird auch die Rezeption von de Beauvoir kritisch beleuchtet, um ihre Intervention in patriarchale Denkmuster zu beleuchten.
Fragestellung
Meine Arbeit untersucht, wie Simone de Beauvoir in ihrem Hauptwerk «Das andere Geschlecht» (1949) die Hegelsche Dialektik von Herr und Knecht auf das Verhältnis von Mann und Frau überträgt, um dadurch ihre Hauptthese zu begründen, nämlich dass die Frau in ihrem sozialen Stellenwert das ‘andere’ Geschlecht sei.
Methodik
Um de Beauvoirs Argument kritisch zu diskutieren habe ich themabezogene Textpassagen aus «Das andere Geschlecht» analysiert und interpretiert. Meine Arbeit orientiert sich hierbei an der Chronologie von de Beauvoirs Argument, um die Einbettung der Hegelschen Dialektik in ihrem Werk stringent nachvollziehen zu können.
Ergebnisse
Schon im ersten Kapitel verwirft De Beauvoir das Schicksal als haltbare Begründung für die tiefere soziale Stellung der Frau. Vielmehr versucht sie aufzuarbeiten, wie es zum sozialen Stellenwert der Frau kam und kommt, wozu sie eine wichtige Unterscheidung zwischen biologischem Geschlecht (sex) und gesellschaftlicher Erscheinung (gender) vornimmt. Sie verleugnet also nicht die Existenz von biologischem Geschlecht, glaubt aber als Existenzialistin nicht, dass die Frau durch dieses komplett determiniert sei. Um die gesellschaftlichen Dynamiken zu verstehen, zieht de Beauvoir die dialektische Methodik des deutschen Philosophen Georg Willhelm Friedrich Hegel heran. Dabei bezieht sie sich auf eine verhältnismässig kurze Passage, die Hegel früh in seinem umfangreichen Werk «Phänomenologie des Geistes» formulierte, in der die Herr-Knecht Dialektik als rudimentäre Form von Selbsterkenntnis beschrieben wird. Diese Dialektik von Herr und Knecht verwendet de Beauvoir wiederum als Denkschema für ihre Geschlechtertheorie, wobei sie Parallelen zwischen dem Herren und dem Mann, sowie dem Knecht und der Frau zieht. In der Perspektive des Mannes ist die Frau das Andere, das Negative; er identifiziert sie als das, was er nicht ist, wodurch er seine Individualität bestätigt erhält. Gleichzeitig kann die Frau nicht völlig zum Objekt degradiert werden: sie bleibt auch Subjekt. Darin besteht ihre Zweideutigkeit. Die Stabilität der Geschlechterhierarchie sieht de Beauvoir unter anderem darin begründet, dass Frauen die Perspektive des Mannes nicht bekämpfen. Im Gegenteil, die Frau gefalle sich in ihrer Rolle als das Andere. Um diese Seins-Zustände zu verstehen, greift de Beauvoir zudem Sartres Das Sein und das Nichts und die Konzepte von Immanenz und Transzendenz auf. Im Existenzialismus hat der Mensch kein Wesen. Aus dieser Unbestimmtheit folgt die Freiheit des Menschen. Dies aber bedeutet, dass der Mensch sich selbst Essenz geben muss, was er durch transzendente Akte tun kann, die auch als «produktive» Arbeit verstanden werden können. Immanenz hingegen sieht de Beauvoir als das Erfüllen natürlicher Funktion und das Erhalten des Status quo. Um sich aus ihrer Rolle als das Andere zu emanzipieren, sollen Frauen, den Männern gleich, «produktiv» arbeiten. Indem sie ihre Rolle als das unwesentliche Andere akzeptiert, mache sich die Frau de Beauvoir zu Folge ihrer Unterdrückung jedoch mitschuldig.
Diskussion
In der feministischen Rezension von «Das andere Geschlecht» ist Simone de Beauvoir scharf für ihre normative Hierarchisierung von Transzendenz und Immanenz, der Abwertung von Mutterschaft als unkreative Arbeit und eine generelle Abwertung traditionell weiblicher Werte kritisiert worden. Man wirft ihr vor, dass sie, indem sie Frauen zu «produktiver» Arbeit aufruft, blind männlich geprägte Wertesysteme in ihre Philosophie übernimmt. Inwiefern de Beauvoir patriarchale Denkmuster in ihre feministische Theorie übernimmt, muss jedoch differenziert betrachtet werden, denn indem sie transzendente Aktivität als ethischen Massstab für ein gutes menschliches Leben verwendet, kritisiert sie gleichzeitig den sozial ungleichen Zugang zum «Gut» transzendenter Arbeit.
Schlussfolgerungen
Eine anhaltende kritische Auseinandersetzung mit den Fragen, die de Beauvoir aufwirft, ist auch in meiner Generation von grosser Bedeutung – die Philosophie erlaubt uns einen kritischen Diskurs über unsere eigene Gesellschaft: erst durch ein tieferes Verständnis der Ursprünge der in ihr enthaltenen Machtstrukturen, wie der exemplarischen Beziehung von Herr und Knecht, können wir uns eine andere Art von Gesellschaft vorstellen.
Würdigung durch die Expertin
Hannah Schoch
Valérie Mumenthaler untersucht, wie Simone de Beauvoir in “Das andere Geschlecht” die Herr-Knecht Dialektik von Hegel als Denkschema für eine Analyse der gesellschaftlichen Geschlechterordnung von Mann und Frau verwendet. Die sorgfältige Ausarbeitung von de Beauvoirs Argumenten wird durch eine kritische und eigenständige Reflexion ihrer feministischen Rezeption ergänzt: Sie beleuchet, wie sich de Beauvoir über die Konzepte von Immanenz und Transzendenz zwar in eine bestimmte (männlich geprägte) philosophische Tradition einschreibt, dabei aber ihre Eigenständigkeit als Denkerin nicht verliert.
Prädikat:
sehr gut
Gymnasium am Münsterplatz, Basel
Lehrer: Andreas Cremonini