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Der Berg, auf dem der Krieg nie ankam
Beim Après-Bike auf der Sonnenterrasse der Locanda San Silvestro in Meride, unseres Hotels während den Primavera-Trailtagen Südtessin, hat man einen wunderbaren Blick auf den Monte Pravello. Friedlich steht er da, bis oben von Wald bewachsen. Doch unter diesem versteckt finden sich nicht nur zahlreiche grossartige Trails, sondern auch eindrückliche Überreste einer nicht ganz so friedlichen Geschichte.
Diese hängt mit dem Ersten Weltkrieg zusammen, und der Angst der Italiener davor, dass die österreichisch-deutschen Truppen durch die Schweiz in die Lombardei einfallen könnten. Die Italiener begannen deshalb nach ihrem Kriegseintritt im Sommer 1915 damit, die Grenze zur Schweiz massiv zu befestigen. Die «Linea di difesa alla frontiera nord» (Verteidigungslinie an der Nordgrenze), das nach dem italienischen Oberbefehlshaber General Luigi Cadorna auch als «Linea Cadorna» (Cadorna-Linie) bezeichnete Verteidigungssystem, zog sich vom Val d’Ossola bis zu den Bergamasker Alpen östlich des Comersees.
Die Anlage, an der bis im Frühling 1918 gebaut wurde, umfasste 72 km Schützengräben, 88 Kanonenstellungen, 25’000 Quadratmeter Barackenlager, 296 Kilometer LKW-Wege und 398 Kilometer Karrenwege oder Saumpfade. Beschäftigt waren 15’000 bis 20’000 Arbeiterinnen und Arbeiter, darunter wegen der militärisch bedingten Absenz der Männer auch viele Jugendliche und Frauen. Drei Jahre lang wurde in Tages- und Nachtschichten gearbeitet, sieben Tage pro Woche.
Für die ersten Arbeiten, die im Sommer 1915 gemacht wurden, sind wir Bikerinnen und Biker noch heute dankbar. Um die Festungsanlagen bauen zu können, wurde in den Hügeln und Bergen an der Grenze ein umfangreiches Netz von Karrenwegen, Saumpfaden, Wegen und Pisten gebaut, die zum Teil heute noch bestehen. Weniger Freude daran hatten einige Einheimische. Das dazu notwendige Land wurde mit sofortiger Wirkung enteignet, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob das Land genutzt wurde. Streitigkeiten um Entschädigungen zogen sich noch jahrelang hin.
Nach den Strassen folgten die Unterkünfte, Schützengräben und Kanonenstellungen. Auch diese sind zum Teil heute noch gut erhalten. So auch jene auf dem Monte Pravello und dem sich – von Meride aus gesehen – dahinter versteckenden Monte Orsa. Hier und auf dem benachbarten Monte Grumello befinden sich zwei der insgesamt elf gedeckten Kanonenstellungen der gesamten Linea Cadorna – eindrückliche Tunnelsysteme, scheinbar für die Ewigkeit gebaut, vor allem aber: völlig umsonst. Während im östlichen Teil der Alpen, vom Stilfserjoch bis Slowenien, die «Guerra Bianca», der Weisse Krieg, tobte, wurde entlang der Linea Cadorna keine einzige Kugel abgefeuert. Auch im Zweiten Weltkrieg wurden die Anlagen nie gebraucht.
So kann man die zum Teil aus dem Ersten Weltkrieg stammenden Wege und die von Einheimischen gebauten Trails, die vom Monte Pravello ins Tal führen, ohne schwermütige Gedanken an vergangene Zeiten geniessen. Aber beim Après-Bike auf der Hotelterrasse in Meride wird man danach einen etwas anderen Blick auf den so friedlich dastehenden Berg haben.