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"Als der Mensch die Mythologie aufgab, öffnete sich die Tür zur Imagination", schreibt die Herausgeberin des Prachtbandes "Fantasy Art", Dian Hanson, im Vorwort. Fantasykunst konnte es - ihrer Ansicht nach – also erst geben, nachdem wir den Glauben an Drachen, Hexen, Gorgonen, Greife und Nymphen aufgegeben hatten. Aber wer die vorliegende Publikation durchblättert, beginnt wieder zu glauben!
Viele Fantasykünsteler würden den Jugendstil als eine frühe Quelle ihrer Inspiration nennen, meint Hanson, obgleich der Surrealismus als der direkteste Vorläufer des Genres auch für den Laien leicht zu erkennen ist. Science Fiction und Fantasy seien nicht auseinander zu halten, schreibt Hanson, "visuell einander ähnlich, so handelt es sich doch um zwei sehr eigenständige Kunstformen". Während Science Fiction in der Wissenschaft verankert ist, sei Fantasy an keine Regeln gebunden. Sollte der Betrachter Zweifel hegen, könne man sich aber immer noch an die Raketenregel halten. Gibt es ein Raumschiff? Dann handelt es sich um Science Fiction. Stattdessen Drachen? Dann ist es wohl Fantasykunst!
Eine der ersten Fantasy-Art-Publikationen hieß "Weird Tales". Aber als "Amazing Stories" 1926 auf den Markt kam, zog es damit auch gleichzeitig die Trennlinie zwischen Fantasy und Science Fiction. Hugo Gernsback, der Herausgeber, war der Vater der "Scientification", wie er die von ihm publizierte Kunst gerne nannte. Weitere Magazine folgten. Während Science Fiction eher mechanisch ist, sei Fantasy organisch. Science Fiction beschäftige sich mit Schöpfungen der Menschen, Fantasy mit denen eines Alien-Gottes, so Hanson prononciert. Die Fantasy-Publikationen erreichten nach den Zensurbestrebungen der 1950er-Jahre in den psychodelischen 1960er- und 1970er-Jahren einen weiteren Höhepunkt. Denn jetzt wurden solche Illustrationen auch für Plattencover und nicht mehr nur für billige Pulp-Romane dringend benötigt. Einer dieser Künstler war etwa Martin Sharp, der die Covers der Cream-Alben "Disraeli Gears" und "Wheels of Fire" gestaltet hatte. Aber auch Roger Dean, der den fliegenden Elefanten eines Osibisa-Covers konzipiert hatte ist der Herausgeberin einen Eintrag wert. Auch wegen eigener Erinnerungen.
Einen weiteren gewaltigen Schritt bedeutete dann das in Frankreich herausgegebene Magazin Métal Hurlant. Es war nicht nur fantastisch - so Hanson - sondern auch psychedelisch, futuristisch, geistreich, sexy und unleugbar französisch. Aber es bot auch anderen europäischen und amerikanischen Künstlern viel Platz. Die amerikanische Ausgabe - Heavy Metal - erschien erstmals 1977 und enthielt vorerst nur dieselben Inhalte wie die französische Originalausgabe. In einem weiteren Essay widmet sich Dian Hanson, die auch schon viele andere aufsehenerregende Titel bei Taschen veröffentlicht hat, der Frage nach den wesentlichsten Unterschieden zwischen Science Fiction und Fantasy. "Mal deine eigenen verdammten Drachen", ermahnte der berühmte Fantasy-Künstler Boris Vallejo seine Frau Julie Bell, die zunächst nur bei ihm Modell gesessen war und ihn bald mit neuen Drachenentwürfen buchstäblich überflügeln sollte. "Legen Sie eine landwirtschaftliche Maschine und diese Galaxien übereinander, und Sie haben mein zeichnerisches Universum", so beschreibt Philippe Druillet, dem Hanson ebenso wie Julie Bell ein eigenes Kapitel in ihrem Buch widmet, seine eigene Kunst. Frank Frazetta wiederum startete seine Karriere schon im zarten Alter von acht Jahren. Ermutigt von seiner Großmutter, die ihm für jede vollendete Zeichnung ein paar Pennys zusteckte, schrieb er sich an der Brooklyn Academy of Fine Arts ein und lernte dort bei dem leider zu früh verstorbenen Michele Falanga. Schon mit 20 war Frazetta ein voll etablierter Künstler, schreibt Hanson, und zeichnete Western, Mystery, historische und Fantasycomics für "Famous Funnies", "Heroic" und "EC Comics", "Nation" und "Avon Comics" u. a. Eines seiner berühmten Conan-Gemälde wurde posthum von Kirk Hammett von Metallica für eine Million Dollar erworben. Der Künstler, der nach einem von einer Schilddrüsenüberfunktion verursachten Schlaganfall 1995 seine rechte Hand nicht mehr benutzen konnte, hatte unermüdlich bis zu seinem Tod 2010 mit der linken weitergearbeitet. Auch das Cover der vorliegenden Publikation stammt von Frank Frazetta. Es hat den Titel "Princess of Mars" und war 1970 für eine Edgar Rice Burroughs Publikation erstellt worden.
Bei dem Schweizer Künstler Hansruedi Giger kurz HR Giger, der u. a. die Aliens schuf, wurde schon früh die Begabung offensichtlich, die von der Mutter gefördert und vom Vater verhöhnt wurde. Aber die Geister, die er rief, wurde er nicht los: 1975 verübte seine Angebetete LiTobler, die er abgöttisch geliebt hatte, in seinem Atelier mit seiner Waffe Selbstmord. Auch seine Fantasykunst fand viele Reproduktionen auf Plattencovern etwa von Emerson Lake and Palmer, Dead Kennedys oder Debbie Harrys Solodebut KooKoo. Die Brüder Hildebrandt wiederum, beide 1939 (!) geboren, wurden zwar als zeichnende Zwillinge Tom und Greg bekannt, richtigen Erfolg brachte allerdings erste ihre Trennung. Als Tolkien- und Pin-Up-Illustratoren werden sie auch von Dian Hanson mit vielen großformatigen Bildern gehuldigt. Jeffrey Catherine Jones nannte sich Jeffrey Durwood Jones ab seinem 55. Geburtstag. Bekannt geworden ist er etwa durch das Gemälde "Three Ages of Women" (1970), das deutlich seine eigenen feminisierten Gesichtszüge zeigt. Rodney Matthews war der wohl expressionistischste der Prog-Rock-Künstler, schreibt Hanson, denn, breche etwa Dunkelheit über seine Landschaften herein, dann nicht als etwas Grausames, Wildes oder als psychotische Störung, so Hanson, sondern als Abenteuer. In der Werkstatt seines Vaters zog er sich selbst Wunden zu, "jemand blutete immer im Haus", erzählt der Sohn eines Holzhändlers. Als ihm eine Schusswaffe in seinen Händen explodiert, was zu einer Verzerrung der Sehkraft seines linken Auges führt, zieht er sich auf Anraten seines Vaters aufs Zeichnen zurück und reüssiert nebenbei als Schlagzeuger. In seiner Kunst ging es letztlich darum, die erweiterten Realitäten des Psychodelischen mit der Anderwelt der klassischen britischen Fantasy zu verbinden. Das Cover von "Another Time, another place" der Rolling Stones stammt zum Beispiel von Matthews.
Der "psychodelische Surrealist" Moebius, Generation 1938, war ebenso besessen von wie erfreut an den bandes dessinées, wie Comics in seinem Vaterland heißen. Mit seinem in den Gesichtszügen an Jean-Paul Belmondo erinnernden Blueberry-Protagonisten schuf er einen sympathischen Einzelgänger, der gegen rassistische Ungerechtigkeit kämpft. Aber die Liste der Werke von Moebius und seines Einflusses auf die Comic- und Popkultur ist lange und kann selbst in vorliegendem Mammutwerk nur in Auszügen wiedergegeben werden. Rowena Morrill war schon als Kind an ein Vagabundenleben gewöhnt, da ihre Eltern oft umzogen. So kam sie von der kleinen Stadt in Misssippi in die ganze Welt. Ihre Werke hingen als riesige Raubkopien sogar im Präsidentenpalast Sadam Husseins und die Sekte Children of God benutzte ihre Werke für Propagandabroschüren. Sie selbst hatte immer wieder Buchcover für hochrangige Schriftsteller gezeichnet, deren weibliche Protagonistinnen ihr eigenes Antlitz trugen. Aber das wusste niemand. Ihre großformatigen Werke in vorliegendem Band zeigen oft Tiermenschen mit schönen halbnackten Frauen, atemberaubende Illustrationen, die Fabeln mit Fantasy eindrucksvoll kombinieren.
Sanjulian wiederum gehörte zu den Barcelona-Künstlern und hatte die Ehre für Warren Publishing New York Vampirella einen neuen entscheidenden Touch zu geben. Es gelang und so mussten bald alle Vampirella-Zeichner sich an ihm ein Vorbild nehmen. Sanjulian, der eigentlich der Tradition seiner Familie folgend Seemann hätte werden sollen, zeichnete sich mit Conan-Illustrationen in den Olymp der Fantasy Art. Nicht zuletzt deswegen wird er von Hanson deswegen als "Der Klassizist" untertitelt. Schließlich Boris Vallejo, der Sohn eines Anwalts aus Lima/Peru, der hauptsächlich Körper zeichnete und weniger gerne Kleidung, weswegen seine Bodybuilder-HeldInnen oft halbnackt in einer Pose erstarren, "wie ein achtminütiges Gitarrensolo in der Mitte eines Neun-Minuten-Songs". Das Filmplakat zu Barbarella stammt zum Beispiel von ihm, aber auch Tarzan oder das phänomenale "Siren Song" und andere Klassiker der Comic-Literatur. Aber auch ein Buch nur mit Hinterteilen wurde 1998 von ihm verlegt - zehn Jahre nach der Heirat mit Julie Bell. Der Meister der Muskeln schaut selbst darauf, was ihm gut steht. Michael Whelan, der Realist, fing in jungen Jahren zu zeichnen an, damit sich seine südkalifornischen Altersgenossen um ihn versammelten. Auch er war mit seinen Eltern schon oft umgezogen und suchte auf diese Weise Anschluss an Gleichaltrige und so entdeckte er auch die therapeutische Wirkung des Zeichnens. Denn eine Geschichte von Richard Matheson (The Distributor) hätte aus ihm fast einen anderen Menschen gemacht. Mit 14 kopierte er Michelangelo für eine Aktzeichnenklasse, es folgten Albencover für Sepultura und Meatloaf und viele weitere Werke.
Dian Hanson zeigt, was in Fantasy Art steckt und was man selbst dabei für sich rausholen kann: Malen auch Sie Ihre eigenen Drachen!