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1902-1989, geboren in Basel, gestorben in Brissago
Aus "PEN Erinnerungen" 2/2004, von Hans Mohler: "Als ich 1956 Mitglied wurde, präsidierte Theodora von der Mühll den Basler P.E.N. Sekretärin war Gertrud Lehndorff, die aber bald zurücktrat. Ich wurde als «Schreiber» ihr Nachfolger. Nach wenigen Jahren war auch die Präsidentin amtsmüde. Der energische Jack Thommen wurde an ihre Stelle gewählt. Obwohl er selbst kein hervorragender Schriftsteller war, erlebte der Basler P.E.N. unter seiner Führung eine Zeit der Hochblüte. Eine leidige Affäre (ein Gast musste ausgeladen werden, weil er sich nicht an unsere Auflagen halten wollte, was ein Mitglied zur Intervention in London veran- lasste) bewog ihn zum Rücktritt, obwohl London unser Vorgehen nachträglich guthiess. Nachfolger Thommens wurde Walter Muschg, allerdings für sehr kurze Zeit.
Den peinlichsten Moment erlebte ich während des Vortrages, den der frisch zurückgetretene erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss im Basler P.E.N. hielt. Die Räume im Hotel «Drei Könige» waren für einen solchen Anlass zu klein, aber auch die Aula der alten Universität vermochte den Zustrom nicht zu fassen. (Als Sekretär kauerte ich mit ein paar anderen jüngeren Leuten hinter dem Rednerpult am Boden. Andere Besucher standen im Vestibül). Wir hatten uns im Vorstand Gedanken darüber gemacht, wer den illustren Gast würdig einführen könnte, denn es war uns klar, dass es mit einer präsidialen Begrüssung nicht getan sein würde. Mir kam die Idee, unseren Ehrenpräsidenten Emanuel Stickelberger aufzubieten. Er war einer der Gründer des Basler P.E.N., und ich hatte ihn wiederholt als Präsident der Bibliophilen erlebt, deren Jahresversammlung er jeweils überlegen und umsichtig geleitet hatte. Er sagte zu.
Jack Thommen begrüsste den hohen Gast kurz und prägnant. Darauf trat Stickelberger ans Rednerpult. Sein dickes Manuskript erweckte bereits den Verdacht, ich könnte meinen Vorschlag bald bereuen. Tatsächlich: Stickelberger las nicht nur lange, sondern auch sehr schlecht, viel zu leise und meistens undeutlich. Das war nicht der Mann, wie ich ihn in Erinnerung hatte! Zudem verhaspelte er sich mehrmals: «Nein, das kommt später. Wo geht es weiter? Ja, hier, ich habe es gefunden.» Nach zwölf peniblen Minuten wird Jack Thommen, der in der ersten Reihe sitzt, unruhig. Nach weiteren drei Minuten tritt er ans Rednerpult. Ich höre ihn flüstern: «Herr Doktor, Sie haben schon zu lange geredet, Sie müssen aufhören.» Stickelberger schaut konsterniert auf: «Ja, aber ich bin noch nicht fer- tig!» Thommen insistiert: «Sie müssen zum Schluss kommen, sofort.» Er geht an seinen Platz zurück. Stickelberger jedoch liest unbeirrt fast unverständlich weiter. Ein zweitesmal muss unser Präsident nach vorn gehen und den Redner zum Aufhören auffordern. Er sagt es diesmal deutlicher: «Kommen Sie herunter, Sie stehlen dem Herrn Professor Heuss die Zeit. Machen Sie sofort Schluss!» Endlich scheint Stickelberger zu begreifen, dass dies nicht sein eigener Abend ist. Er sagt: «Aber ein Ende muss gemacht sein, ich brauche nur noch eine Minute.» Ich habe nicht kontrolliert, ob es nicht länger dauerte, bis das Rednerpult endlich frei war.
Jack Thommen hat mir beim Verlassen der Aula erzählt, Heuss habe ihm schon vor der ersten Intervention einen Zettel geschickt: «Wenn der Kerl nicht sofort aufhört, geht der Heuss weg.» Glücklicherweise hat mich später niemand für die Panne verantwortlich gemacht. Ich hatte ja wirk- lich nicht wissen können, dass der so magistral die Bibliophilen präsidierende Stickelberger inzwischen senil geworden war. Auch Theodor Heuss liess sich die Verärgerung nicht anmerken. Wir haben uns selbstverständlich bei ihm entschuldigt, aber er winkte ab."