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Heidi Widmer war als Touristin in Sri Lanka, als der Tsunami kam. Sie überlebte – und wurde zur Nothelferin.
Die Geschichte von Heidi Widmer ist der Bericht einer Frau, die kaum je ein Angebot ausschlug, das ihr das Leben machte. Es ist ein Einblick in das Leben einer Reisenden, die mit jedem Heimkehren mehr Mühe hatte, weil sie den Überfluss im eigenen Land nicht mehr ertrug. Es ist die Geschichte einer Künstlerin aus Wohlen (AG), die dem Winter 2004 nach Sri Lanka entfloh, ohne zu wissen, dass sie damit ihr Leben aufs Spiel setzte.
Heidi Widmer war seit knapp einem Monat in Sri Lanka. Weihnachten feierte sie mit ein paar Schweizern in deren Villa. Während des Essens dachte sie wehmütig an zu Hause. Die Insel war für sie eine inspirierende Arbeitsumgebung. Die ausgebildete Künstlerin malte, zeichnete und schrieb jeden Tag. Ihre erste Schicht begann sie um 8 Uhr. Um 9 durfte sie dann schwimmen gehen. So hatte sie sich das eingeteilt.
«Am 26. Dezember entschied ich mich aus mir unerklärlichen Gründen, etwas später zu schwimmen», sagt Heidi Widmer. «Vielleicht war es Intuition, vielleicht war es Schicksal.»
Nur zehn Minuten später kam eine Welle, die die Welt um sie herum für immer verändern sollte.
Heidi Widmers Guesthouse stand auf einem Hügel. «Ich sah zuerst wie das Meer sich zurückzog und wollte mir das näher anschauen. Eine Freundin rief mich zurück. Kurze Zeit später rollte das Meer ins Land. Ich konnte an gar nichts mehr denken. Ich empfand puren Schrecken», sagt sie. An die ersten Stunden nach dem Tsunami kann sie sich nicht mehr erinnern.
«Es gab ein Davor und ein Danach. Dazwischen lag eine Stunde Null», sagt Heidi Widmer. «Die Welt, die es vorher gab, hörte einfach auf zu existieren.»
Drei Stunden, nachdem der Tsunami die Stadt Matara an der Südküste Sri Lankas praktisch auslöschte, nahm Heidi Widmer ein Velo und fuhr durch die Zerstörung. Den Ort, wie sie ihn kannte, gab es so nicht mehr. «Überall lagen tote Menschen, in den Bäumen, am Strand. Was ich sah, war furchtbar. Auf solch unermessliches Leid kann man sich im Leben nicht vorbereiten», sagt Heidi Widmer.
Die Menschen in Sri Lanka befanden sich nach dem Tsunami in einem Schockzustand – auch Heidi Widmer. «Wir verfielen in eine Art Apathie», sagt sie.
Während sie sich zehn Jahre später ihre Bilder von damals wieder anschaut, gräbt sich Schmerz in das Gesicht der Frau: «Ich habe diese Bilder schon lange nicht mehr gesehen.»
Heidi Widmer spricht heute von einem Trauma, das sie in den Tagen und Wochen nach dem Tsunami durchlebt hat. Den Weg hinaus hat sie selber gefunden.
Die Künstlerin wurde von einer Überlebenden zur Helferin. «Wir schauen uns das nicht an, wir sind ja keine Voyeure», sagten die anderen Schweizer aus der Villa zu ihr. Sie reisten wenige Tage später ab. Heidi Widmer sollte ihren Rückflug noch zweimal verschieben.
Mit dieser SMS an ihre Freunde löste Heidi Widmer eine Spendenaktion aus, die ganz Wohlen erfassen sollte. Beim ersten Betrag von 1000 Franken konnte sie ihr Glück kaum fassen. Doch immer mehr Leute schenkten ihr Vertrauen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich, dass die Aargauer Künstlerin in Sri Lanka helfen will.
Ganze 200'000 Franken verteilte Heidi Widmer schliesslich in Form von Reis, Zucker, Salz, Milchpulver, Linsen, Zwiebeln, Seife, Tee, Fahrrädern oder Matratzen an Menschen, die alles verloren hatten. Bis 2008 ging ihr Engagement mit Hilfe zur Selbsthilfe weiter. «Ich wurde zum Ein-Frau-Hilfswerk», sagt Heidi Widmer.
Von einem Tag auf den anderen liess Heidi Widmer ihre künstlerische Arbeit liegen und organisierte ab sofort Transporte, verhandelte Lebensmittelpreise, dokumentierte ihre Tätigkeiten für die daheim, hörte zu und spendete Trost. In einem Sri Lanker, der schon vorher für ein Hilfswerk tätig war, fand sie einen Vertrauten. Er begleitete sie in «wahrhaft gottvergessene» Dörfer, die zuvor noch keine Hilfe erreicht hatte.
«Ich war im Dauereinsatz. Schlafen konnte ich nicht mehr. Ich war wie verstört», erinnert sich Heidi Widmer heute. «Ich überlegte permanent, was ich als nächstes tun könnte, wo ich noch helfen könnte. Es gab so viel zu tun», sagt sie.
Die Wohlerin wuchs in ihre unerwartete Funktion als Nothelferin hinein. «Ich blieb, so lange es mich brauchte», sagt sie heute lakonisch. «Ich glaube, dass das Helfen auch mir geholfen hat, mit dieser Katastrophe umzugehen.»
Und Heidi Widmer blieb, als die Leichen zu riechen begannen. Sie blieb, als eine Cholera-Epidemie drohte. Sie blieb sogar, als eine weitere Tsunami-Warnung die Menschen in Panik versetzte.
Zehn Jahre später möchte Heidi Widmer nicht mehr nach Sri Lanka zurück. Geschichten über Korruption, Fischer, die nach der Katastrophe ins Landesinnere umgesiedelt wurden und somit ihre Lebensgrundlage verloren, haben es ihr verdorben.
Am 26. Dezember 2014 wird Heidi Widmer in ihrem Haus die Spender von damals empfangen. «Wir werden bei einem Apéro aller Opfer gedenken.»
Ein paar Tage später fliegt Heidi Widmer zurück in die Schweiz.