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Spinnerei Wettingen – Zeugnis der Industriekultur
Der nordöstliche Aargau ist dank seiner grossen Flüsse im 19. und 20. Jahrhundert zu einer Industrielandschaft seltener Dichte gewachsen. Viele der ehemaligen Fabriken und Kraftwerksbauten stehen noch und legen Zeugnis ab von einer Kultur, welche die Menschen in der Region nachhaltig geprägt hat. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden grosse Textilfabriken und mit ihnen erste Arbeitersiedlungen. Die Flüsse waren Ausgangspunkt für den Bau von Kraftwerken, für den Antrieb der Maschinen und später für die Stromerzeugung.
In den meisten Regionen der Schweiz begann die Industrialisierung während des Ancien Régime, also vor 1800, zuerst in der Form der Heimarbeit, später in Manufakturen. Im Berner Aargau siedelte sich die Baumwoll- und Leinenproduktion an, im Wynen- und Seetal die Tabakverarbeitung und im Freiamt die Strohflechterei.
Im Raum Baden setzte die industrielle Entwicklung erst im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts ein. Das hatte verschiedene Gründe. Die Obrigkeit in der Landvogtei und Grafschaft Baden wechselte ständig und bot den eidgenössischen Orten keinen Anlass, eine aktive Wirtschaftspolitik zu betreiben, wie das in den Stadtstaaten Zürich und Bern im 18. Jahrhundert der Fall war.
Gründung der Spinnerei, Zwirnerei und Weberei Wettingen
1837 eröffneten die beiden Zürcher Johann Wild und Joseph Solivo eine Baumwollspinnerei mit Kanal und zwei Wasserrädern in der Badener Aue. Sie war damals eine der grössten Spinnereien der Schweiz mit 24’000 Spindeln. 1885 arbeiteten 262 Beschäftigte in der Spinnerei. Später schied Solivo als Teilhaber aus. 1849 trat der gleichnamige Sohn von Johann Wild in die Leitung des Baumwollspinnereigeschäftes ein. Er verliess die Spinnerei bereits 1857, um eine grosse Spinnerei, Zwirnerei und Weberei in Wettingen, auf ehemaligem Klosterbesitz an der Limmat, zu gründen. Nachdem die Baumwollspinnerei von Johann Wild auf der Klosterhalbinsel 1858 ihren Betrieb aufgenommen hatte, begann das Unternehmen schon bald zu florieren. Die Spinnerei wurde durch eine zweigeschossige Weberei erweitert; beide Gebäude waren durch den Kanal der ehemaligen Klostermühle getrennt. Fünf Jahre später liess Wild in der Klosterrüti auf der Neuenhofer Seite ein Kosthaus errichten und die Fähre durch eine Brücke ersetzen. 1865 erfolgte der Bau einer Weberei in der Damsau wo sich heute der Neuenhofer Ortsteil Webermühle befindet.
Aufstieg und Ende der Spinnerei
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/1871) erlebte die «Bauelepfupfi», wie sie auch genannt wurde, einen wirtschaftlichen Höhepunkt. Rund 800 Arbeiter verdienten ihr Brot in der Fabrik. In diesem Zuge entstand um 1875 die Arbeitersiedlung an der heutigen Bahnhofstrasse mit den 12 Werkmeisterhäuschen (die heute nicht mehr stehen) und dem langgezogenen Kosthaus mit 20 Wohnungen auf der gegenüberliegenden Strassenseite.
Nach dem Tod des Firmengründers Johann Wild 1890 und seiner Ehefrau Emilie Wild 1894 führten deren Schwiegersöhne den Betrieb weiter. Die Firmenleitung übernahm Henry Zweifel Wild, der 1898 das Zauslerhaus erstellen und 1901 einen achtstöckigen Treppenhausturm mit Lift und Wasserreservoir an das Spinnereigebäude anbauen liess. 1911 ging die Firma, die in der Zwischenzeit in Händen der Schwiegersöhne des Firmengründers befand, Konkurs.
Nachfolger wurde die Baumwollspinnerei und -weberei Wettingen AG, welche 1929 vom Zürcher Jakob Heusser-Staub übernommen wurde. Dieser verkaufte das Land und die Wasserrechte an die Stadt Zürich. Der Kanal zwischen den beiden Spinnereigebäuden wurde zugeschüttet.
Die Weberei und die Spinnerei wurden 1972 geschlossen und das Gebäude für Gewerbe und Ateliers umgenutzt. Heute befinden sich u.a. Gebäude der Kantonsschule Wettingen, das Sozialunternehmen Wendepunkt und die Bierbrauerei LägereBräu in der alten Spinnerei.
Die Gebäude stehen unter Denkmalschutz.