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Wenn sich eine Investmentbank wie Lehman unter das schützende Dach des US-Chapter-11-Verfahrens begibt, leidet eine ganze Reihe von anderen Banken mit. «Das hatte es in diesem Ausmass noch nie gegeben», kommentiert Elie Darwish, Analystin bei Exane BNP Paribas.
Die Hauptgefahr ist nun das sogenannte Gegenparteienrisiko, die Kreditausfallversicherungen, die über CDS-Derivate vorgenommen wurden, sowie ein weiterer Kurszerfall bei Kreditderivaten, weil jetzt das von Lehman gehaltene milliardenschwere Portfolio auf private Wohnhäuser, kommerzielle Liegenschaften und Kreditfinanzierungen zu Liquidationspreisen auf den Markt kommen dürfte.
Axa ist Lehman-Gläubigerin
Die Bilanz von Lehman umfasste Vermögenswerte von 639 Mrd Dollar. Einer der grössten Gläubiger ist Axa, Mutterkonzern der Winterthur-Versicherung. Über die Asset-Management-Gesellschaft Alliance Bernstein hielt Axa 7,25% an Lehman. Axa-Sprecher in Paris kommentierten die Höhe der Abschreiber nicht. Offiziell sind es 300 Mio Dollar. Wenn man aber vom Aktienkurszerfall ausgeht, mindestens das Zehnfache.
Das Gegenparteirisiko haben vor allem Banken in ihren Büchern, aber auch etliche Kleinanleger, die strukturierte Produkte von Lehman gekauft haben. Zu Wochenbeginn wurden Positionen glatt gestellt, Probleme könnten hohe Nettosaldi gegenüber Lehman bringen. Grösste Gläubiger mit ungesicherten Schulden sind die Tokioter Bank Aozora (463 Mio Dollar), Mizuho (289 Mio Dollar), Citigroup (275 Mio Dollar), BNP Paribas (250 Mio Dollar) und Shinsei Bank (231 Mio Dollar).
Die Analysten von CreditSights erwarten für Obligationen (und auch für Retailinvestoren, die strukturierte Produkte gekauft haben) Rückzahlquoten von 60% des Nennwertes.
JP-Morgan-Analyst Kian Abouhossein ermittelte die europäischen Banken mit den höchs- ten Tradingpositionen; je höher diese sind, desto grösser das Risiko von Abschreibern, weil Lehman zu den Top-Ten-Investmentbanken weltweit gehört hatte. In Europa hatte die Deutsche Bank Ende des 2. Quartals Tradingpositionen im Umfang von 1,138 Billionen Euro in ihren Büchern, gefolgt von der UBS mit 653 Mrd Euro und der Société Générale mit 473 Mrd Dollar. Die Credit Suisse ist mit 278 Mrd Dollar weniger exponiert.
«Der Verkauf von Assets wird die Märkte belasten», kommentiert Matthew Clark von Keefe, Bruyette und Woods, einer Londoner Research-Firma. Lehman hat 17 Mrd Dollar Wertschriften auf Privathypotheken in den Büchern. Hinzu kommen 33 Mrd Dollar Kreditderivate auf kommerzielle Liegenschaften. Laut Clark sind hier insbesondere die Credit Suisse, die UBS, die Deutsche Bank, Barclays und die Royal Bank of Scotland gefährdet; diese Banken halten alle zweistellige Milliardenbeträge von solchen Papieren.
UBS besser als Credit Suisse
Der praktisch gleichzeitig angekündigte Verkauf von Merrill Lynch an die Bank of America zeigt derzeit, dass Vermögensverwaltungssparten von Banken weiterhin einiges wert sind.
Das Angebot der Bank of America entspricht etwa dem 1,4-fachen des Buchwertes für Merrill Lynch bzw. dem 1,1-fachen des Buchwertes, wenn die Blackstone-Beteiligung herausgerechnet wird. «Das dürfte den Aktien von Credit Suisse oder der UBS eine gewisse Stütze geben», kommentiert Clark.
Auf einen letzten Aspekt weist Merrill-Lynch-Analyst Stuart Graham hin. Bis Jahresende müssen die europäischen Banken 258 Mrd Dollar fällig werdende Schulden ablösen. Laut Graham sind dabei insbesondere die Banken mit hohem Fremdkapitalanteil bzw. hohem Schulden-Einlagen-Verhältnis wie die Deutsche Bank, Barclays und auch die Schweizer Grossbank Credit Suisse gefährdet.
Relativ gut stehen für einmal Banken wie die UBS (trotz der Kursverluste) oder die französische Société Générale da, die sich rechtzeitig neues Kapital beschafft hatten.