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Schweizerische Einheitsfahrzeuge gehen in Pension
Die orangefarbene Uniform, die er dem öffentlichen Stadtverkehr in der Schweiz hätte verpassen sollen, ist eine Episode geblieben. Jetzt tritt der Einheitstrolleybus des Verbandes schweizerischer Transportunternehmungen nach 30 Jahren ab - fast überall.
P. S. Die Busbetriebe in der Schweiz waren und sind zum Teil heute noch ein Spiegel der föderalistischen Eidgenossenschaft. Oft wird das Rad nicht gemeinsam, sondern in jedem Unternehmen für sich neu erfunden. Das hatte auch für Fahrzeugbeschaffungen gegolten, bis die einheimische Industrie in den beiden vergangenen Jahrzehnten unter anderem an diesem kostentreibenden Individualismus zugrunde ging. Insofern ist der Effort des Verbandes schweizerischer Transportunternehmungen (VST, heute Verband öffentlicher Verkehr) bemerkenswert, in dessen Folge sich die Verkehrsbetriebe der fünf grössten Städte 1971 zur bis heute umfassendsten koordinierten Trolleybusbestellung der Schweiz zusammenrauften: 31 der 1974/75 gelieferten Gelenkbusse waren für Zürich bestimmt, 26 für Bern, 18 für Genf und 10 für Basel; 18 Zweiachser gelangten nach Lausanne. 1976 folgten 10 Gelenkbusse für Neuenburg, 1977 weitere 6 für Bern.
Die Farbe der Müllabfuhr?
Zum einen hatten die VST-Trolleybusse die altersschwach und zu klein gewordenen Wagen aus der Gründerzeit der elektrischen Traktion auf Pneus zu ersetzen. Zum anderen waren sie eine Voraussetzung für deren weitere Expansion in der Schweiz. Während sie in Neuenburg gleichsam als Nachklang des automobilen Zeitgeists der fünfziger und sechziger Jahre Trams ablösten, traten sie in der mittlerweile ökologisch erweckten Deutschschweiz an die Stelle von Dieselbussen. Die stattliche Beteiligung Berns an der vom Branchenverband orchestrierten Beschaffung resultierte aus Volksentscheiden gegen die Beschaffung von Dieselbussen und für die Elektrifizierung dreier bis anhin thermisch betriebener Linien.
Das Bestreben des VST, den öffentlichen Stadtverkehr zu vereinheitlichen, beschränkte sich nicht auf die gemeinsame Beschaffung von Trolleybussen. 1974 empfahl er seinen Mitgliedern, ihre Fahrzeuge fortan orange zu spritzen und diese Farbe dadurch zu jener des öffentlichen Verkehrs zu machen. Damit verbunden war das Anliegen, eine generelle Vortrittsberechtigung auch der Busse im Strassenverkehrsrecht zu verankern. So wenig diesem Ansinnen Erfolg beschieden war, so wenig setzte sich Orange bei Tram und Bus in der Schweiz durch. Böse Zungen lästerten, die Farbe sei bereits durch die Müllabfuhr besetzt. 72 der insgesamt 119 gemeinsam bestellten Trolleybusse wurden in der Signalfarbe ausgeliefert - jene für Genf, Lausanne, Neuenburg und Basel; Bern steckte lediglich etwas mehr als die Hälfte der VST-Trolleybusse in das neue Gewand, und Zürich blieb ganz beim Blau und Weiss seines Wappens. Bis heute durchsetzen konnte sich Orange lediglich bei den Genfer Verkehrsbetrieben sowie bei einigen kleineren Bahnen und Busunternehmen; sonst dominieren überall wieder traditionelle oder lokal begründete Farben.
Grenzen der Einheit
Auch die Einheitlichkeit der Fahrzeuge war eine relative; während die anderen Städte auf den Gelenkbus mit 160 Plätzen setzten, hielten die Lausanner Verkehrsbetriebe wegen der Unwägbarkeiten des Winterbetriebs auf ihren steilen Strecken am Betrieb mit zweiachsigen Trolleybussen à 90 Plätzen plus Anhänger fest. Zürich und Bern erachteten der Wendigkeit zuträgliche gelenkte dritte Achsen als nötig. Während FBW sämtliche Chassis lieferte und eine Arbeitsgemeinschaft von BBC und Sécheron alle Fahrzeuge elektrisch ausrüstete, kamen bei den Aufbauten neben den damaligen Schweizer Marktführern Hess und Ramseier & Jenzer verschiedene Lokalmatadoren zum Zuge.
Exportieren liess sich der Schweizer VST-Trolleybus nicht; Probefahrten in Vancouver und Seattle (1974) sowie in Arnhem (1976) führten zu keinen Bestellungen. Wesentlich dürfte dabei der im internationalen Vergleich stolze Stückpreis von 546 000 Franken gewesen sein. Den Sprung über die Landesgrenzen hinaus schafften einige der Fahrzeuge erst, nachdem sie hierzulande ihre Pflicht und Schuldigkeit getan hatten. Ausrangierte Exemplare fanden den Weg nach Lateinamerika und nach Osteuropa. Während sie aus den Fahrzeugflotten von Zürich, Basel und Lausanne bereits verschwunden sind, steht der Abschied von den letzten, zum grössten Teil noch orange lackierten Wagen in Neuenburg und Genf unmittelbar bevor. Design und Interieur von Bussen aus den siebziger Jahren werden dann lediglich noch in Bern anzutreffen sein; die 11 in der Bundesstadt verbliebenen Fahrzeuge wurden kürzlich dem neuen roten Erscheinungsbild angepasst. Ihr anhaltender Einsatz ist - wie seinerzeit schon ihre Beschaffung - unter anderem Konsequenz eines Volksentscheids, der die Kreise der lokalen Verkehrsstrategen störte: in diesem Falle des Neins zur Umstellung der Trolleybuslinien nach Bümpliz und Bethlehem auf Trambetrieb.
Quelle: www.nzz.ch