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Er ist wieder da! Ex-Präsident Bulat Tschagajew muss sich dieser Tage in Neuenburg vor Gericht für den Konkurs von Neuchâtel Xamax verantworten. Zwischen 2011 und 2012 hatte er den Traditionsverein innert acht Monaten in den Konkurs getrieben. Die Chronologie des Untergangs.
16. April 2011: Der Name Bulat Tschagajew taucht erstmals in Zusammenhang mit Xamax in den Medien auf. Der Milliardär ist ein Vertrauter des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow und war zuvor Sponsor des Fussballclubs Terek Grosny. Tschagajew verpflichtete in Grosny Ruud Gullit als Trainer und schnell brodelt es auch in Neuenburg in der Gerüchteküche. Diego Maradona soll als Trainer kommen, heisst es.
12. Mai 2011: Bulat Tschagajew wird neuer Hauptaktionär bei Xamax. Der Tschetschene bezahlt seinem Vorgänger Sylvio Bernasconi für 69,5 Prozent der Aktien rund zwei Millionen Franken. In einer ausserordentlichen Generalversammlung wird der Deal fast ohne Gegenstimmen abgesegnet. Das definierte Ziel: die Champions League.
13. Mai 2011: Kurz vor der ausserordentlichen GV wird Trainer Didier Ollé-Nicolle gefeuert, Bernard Challandes wird am Tag danach als Nachfolger vorgestellt. Er soll den Drittletzten der Super League vor dem Abstieg retten. Diego Maradona kommt also nicht, er wird stattdessen Trainer von Al-Wasl in Dubai.
29. Mai 2011: Xamax kann den Abstieg aus der Super League verhindern und steht ausserdem im Cupfinal. Dort liegt man zur Pause gegen Sion allerdings 0:2 zurück und es kommt zu Tschagajews legendärem Wutausbruch. «I will kill you all!», droht er seinen Spielern.
30. Mai 2011: Einen Tag nach dem verlorenen Cupfinal wird Challandes entlassen. Nachfolger soll der ehemalige Servette- und Barcelona-Stürmer Sonny Anderson werden. Zwei Tage später stellt sich allerdings heraus, dass der Brasilianer keine UEFA-Pro-Lizenz besitzt und keine Super-League-Mannschaft trainieren darf. Anderson wird Technischer Direktor, François Ciccolini neuer Trainer. Doch die Rollen sind klar verteilt: «Ich bin der Chef», sagt Anderson.
3. Juni 2011: Massenexodus in der Administration: Sportchef Paolo Urfer, Geschäftsführer Philippe Salvi, Marketing-Chef Alexandre Rey und sein Assistent Cédric Pellet legen ihr Amt nieder.
Juni/Juli 2011: Es gibt Gerüchte, dass sich Xamax gleich mit mehreren Superstars verstärken soll. Gehandelt werden die Namen von Ruud Gullit (als Trainer), Madjid Bougherra, El-Hadji Diouf und Gabriel Heinze. Am Ende kommen acht neue Spieler – alle ohne grosses internationales Renommee.
19. Juli 2011: Xamax verliert zum Auftakt der neuen Saison gegen Luzern zuhause 0:3. Im Stadion wird in der Pause tschetschenischer Volkstanz per Video gezeigt und ein Plakat in kyrillischer Schrift hängt über den Fans. Für eine Standpauke lässt Tschagajew nach der Partie alle Spieler per Telefon vom Heimweg ins Stadion zurückbeordern.
24. Juli 2011: Tschagajew entlässt unmittelbar nach der 0:2-Pleite gegen Basel am 2. Spieltag den gesamten Trainerstaff. Der technische Direktor Sonny Anderson, Coach François Ciccolini und Goalie-Trainer Jean-Luc Ettori sind per sofort nicht mehr erwünscht.
25. Juli 2011: Der bisherige Präsident Andrei Rudakow wird zum Transferchef degradiert. Neu übernimmt Islam Satujew das Amt des Präsidenten. Joaquin Caparros kommt als neuer Trainer.
11. August 2011: Wegen Korruptionsvorwürfen und ausstehenden Lohnzahlungen verklagt der ehemalige Trainer Sonny Anderson Xamax-Klubbesitzer Bulat Tschagajew.
28. August 2011: Tschagajew mistet bei Xamax weiter kräftig aus. Nach dem 2:2 gegen Lausanne am 7. Spieltag soll er die Kabine mit bewaffneten Bodyguards betreten und seine Spieler sowie Trainer Caparros übelst beschimpft haben.
29. August 2011: An einer ausserordentlichen Generalversammlung ändert Tschagajew die Statuten des Vereins. Neu muss kein Schweizer mehr im Verwaltungsrat sein. Er lässt sich zum Präsidenten wählen und Islam Satujew wird Vize. Die Tschetschenen werden mit Buhrufen eingedeckt.
2. September 2011: Mit Joaquin Caparros wird bereits der fünfte Trainer in vier Monaten entlassen. Sein Nachfolger steht schon bereit: Vitor Munoz.
7. September 2011: Die Stadt Neuenburg macht Publik, dass Xamax Stadionrechnungen in Höhe von 200'000 Franken nicht bezahlt hat. Vizepräsident Satujew reagiert auf seine Weise: Er droht mit einem Wegzug in eine andere Stadt – Genf oder Lausanne.
11. September 2011: Fans protestieren beim Spiel gegen GC offen gegen Tschagajew und wollen die Spiele bis zur Winterpause boykottieren. Tschagajew bleibt gelassen. Über Umwege kommt ans Licht, dass er gedroht habe, das Team aufzulösen, falls Xamax gegen GC verliert. Die Neuenburger siegen schliesslich 2:0.
18. September 2011: Le Matin Dimanche berichtet, dass Xamax bei 25 Gläubigern Schulden in der Höhe von 3,2 Millionen Franken hat. Betroffen sind verschiedenste Unternehmen aus den Bereichen Hotellerie, Sportmarketing und Management, aber auch öffentliche Institutionen wie die kantonale Arbeitslosenkasse oder das Bundesamt für Finanzen sowie ehemalige Angestellte und Spieler. Die Swiss Football League SFL reicht wegen fehlender Informationen zur Finanzsituation Klage ein.
5. Oktober 2011: Der Anwalt von Ex-Spieler Freddy Mveng reicht vor Gericht einen Antrag auf ein Konkursverfahren gegen Xamax ein. Grund dafür ist eine strittige Entschädigungssumme von 400'000 Franken, die Mveng mit Ex-Präsident Andrei Rudakow im Sommer vereinbart haben soll, als der Spieler von Xamax zu YB transferiert wurde.
19. Oktober 2011: Weil die September-Löhne noch nicht bezahlt wurden, streiken die Spieler. Sie verhandeln mit der Klubleitung und erreichen, dass das Geld am nächsten Tag ausbezahlt wird. Danach nahmen die Spieler den Trainingsbetrieb wieder auf.
2. November 2011: Das Konkursverfahren gegen Xamax wird zurückgewiesen. Die Dispziplinarkommission der SFL büsst den Verein wegen Vergehen gegen die Lizenzbestimmungen mit 20'000 Franken. Weitere Verfahren sind hängig.
5. November 2011: Mit einer Bankgarantie über 35 Millionen Dollar der Bank of America bescheinigt Tschagajew der SFL, dass er über die nötigen finanziellen Mittel zur Tilgung aller Schulden verfüge. Doch die Echtheit des Dokuments wird bald öffentlich angezweifelt.
7. November 2011: Gegen Tschagajew wird Strafanzeige wegen «Fälschung und Betrugsversuch in einem Zivilprozess» eingereicht. Ein Anwalt will beweisen können, dass die Bankgarantie gefälscht ist. Auch die Genfer Staatsanwaltschaft schaltet sich ein: Bei Taschagajews Firmen und in seinem Privathaus werden Hausdurchsuchungen durchgeführt.
18. November 2011: Der Neuenburger Staatsanwalt Pierre Aubert bestätigt, dass das Dokument, mit welchem Tschagajew ein Vermögen von 35 Millionen US-Dollar auf einem Konto der Bank of America nachweisen wollte, nicht echt ist.
11. Dezember 2011: Xamax holt zuhause gegen den FC Basel ein 1:1 und schliesst die Vorrunde mit 26 Punkten auf Rang 4 ab. Noch ahnt niemand, dass es das letzte Spiel der Neuenburger in der Super League war.
14. Dezember 2011: Wegen wiederholter Verstösse gegen das Lizenzierungsreglement werden Xamax von der SFL vier Punkte abgezogen.
3. Januar 2012: Xamax werden von der SFL nochmals vier Punkte abgezogen, weil die geforderten Bestätigungen für die Überweisung der Oktoberlöhne nicht eingereicht wurden. Die Schulden des Klubs sollen sich bereits auf acht Millionen Franken belaufen.
4. Januar 2012: Tschagajew greift im sportlichen Bereich mal wieder durch. Mit Stéphane Besle, Haris Seferovic, Angel Javier Arizmendi und Vincent Bikana feuert der Xamax-Boss gleich vier Spieler.
18. Januar 2012: Xamax wird aus der Super League ausgeschlossen. Die Swiss Football League entzieht den Neuenburgern mit sofortiger Wirkung die Lizenz. Damit startet die Super League am 4. Februar mit neun statt zehn Mannschaften in die Rückrunde. Die Mannschaft mit ihren 15 verbliebenen Spielern befindet sich im Trainingslager in Dubai.
24. Januar 2012: Nach der Rückkehr aus dem Trainingslager teilt Tschagajew der Mannschaft mit, dass alle Spieler den Verein per sofort verlassen können.
26. Januar 2012: Xamax deponiert die Bilanz, das Neuenburger Zivilgericht verhängt wegen Verschuldung den Konkurs über den Traditionsverein. Tschagajew wird unterdessen in Genf wegen ungetreuer Geschäftsführung in Untersuchungshaft gesetzt, der Tschetschene tritt in den Hungerstreik.
Februar bis April 2012: Tschagajew muss immer wieder vor Gericht antraben. Er hofft auf seine Entlassung aus der U-Haft – das Gericht entscheidet aber anders.
25. Mai 2012: Nach vier Monaten wird Tschagajew aus der Untersuchungshaft entlassen. Er wohnt wieder in seiner Villa in St-Sulpice VD am Genfersee, muss sich allerdings zweimal wöchentlich bei der Polizei melden.
18. April 2013: Der Kanton Waadt entscheidet, dass Tschagajews Visum nicht verlängert wird und er aus der Schweiz ausgewiesen wird. Der Tschetschene reicht zwar Rekurs ein, doch dieser wird abgelehnt.
27. August 2013: Weil Tschagajew keine Aufentaltsbewilligung hat, muss er die Schweiz verlassen. Seine Villa wird bereits im Januar für 2,5 Millionen Franken zwangsversteigert.
23. August 2016: In Neuenburg beginnt wegen Misswirtschaft, ungetreuer Geschäftsführung sowie Hinterziehung der Quellensteuer in Höhe von 1,5 Millionen Franken der Prozess gegen Tschagajew. Entgegen aller Erwartungen taucht der Xamax-Totengräber im Gegensatz zum ehemaligen Vize-Präsidenten Islam Satujew vor Gericht auf. Da hat Bulat Tschagajew vor Gericht alle Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Konkurs des Fussballclubs Neuchâtel Xamax zurückgewiesen. Der Prozess wird am 21. September fortgesetzt.