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Am 12. Februar des nächsten Jahres hat die Schweizer Stimmbevölkerung über eine Vorlage zu befinden, die eine erleichterte Einbürgerung für AusländerInnen der dritten Generation vorsieht. Bei solchen Vorlagen wird jeweils der Vorwurf erhoben, dass die Linke ihr Wählerpotential vergrössern wolle. Es ist davon auszugehen, dass die Contra-Seite dieses Argument im Abstimmungskampf verwenden wird. Wie steht es nun um die politischen Einstellungen der 3. Generation? 50plus1 stellt empirische Ergebnisse vor.
Ein Zusatzmodul zur MOSAICH 2015 Umfrage ist bisher die einzige Befragung in der Schweiz, welche es erlaubt, die politischen Einstellungen der dritten Generation genauer unter die Lupe zu nehmen. Bei dieser Befragung haben 947 Personen teilgenommen. Davon sind 719 Personen Schweizer Bürger, wovon wiederum 114 Personen (16%) einen Migrationshintergrund der dritten Generation haben. Diese Personen haben mindestens einen Grosselternteil (aber keinen Elternteil), welcher im Ausland geboren ist.
Im Folgenden vergleichen wir die politischen Einstellung der dritten Generation mit jenen der Schweizer ohne Migrationshintergrund (61%), den Personen, welche im Ausland geboren sind (erste Generation; 4%) oder mindestens einen Elternteil haben, welcher im Ausland geboren ist (zweite Generation; 19%). Aufgrund der kleinen Stichprobe sollten die absoluten Zahlen mit Vorsicht genossen werden, die Unterschiede zwischen den Kategorien hingegen dürften aber durchaus in etwa den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen und damit aufschlussreich sein.1
Zuerst fokussieren wir uns auf die Wahlbeteiligung der dritten Generation. Die erste Abbildung zeigt einen Vergleich der Wahlbeteiligung bei den Nationalratswahlen 2011. Wie üblich fällt die selbstdeklarierte Wahlbeteiligung in der Umfrage deutlich höher aus als in der Realität. Dies kann sowohl darauf zurück geführt werden, dass die Befragten nicht gerne zugeben, dass sie der Wahl ferngeblieben sind, als auch dem Umstand, dass Wähler bei Umfragen eher erreicht werden als Nichtwähler (Sciarini und Goldberg 2016). Die Unterschiede zwischen den Gruppen dürften dennoch aufschlussreich sein. Sie zeigen, dass die dritte Generation mindestens so aktiv an Wahlen teilnimmt wie Personen ohne Migrationshintergrund und damit auch deutlich mehr als Personen der ersten und zweiten Generation.
Wie steht es um die Beteiligung bei Volksabstimmungen? Die zweite Abbildung zeigt die durchschnittlichen Werte für folgende Frage: “Nehmen wir an, im Laufe eines Jahres würden zehn eidgenössische Abstimmungen stattfinden. An wie vielen von diesen Abstimmungen nehmen Sie normalerweise teil?” Auch hier zeigt sich dasselbe Bild: Personen der dritten Generation nehmen mindestens so oft an Abstimmungen teil wie Personen ohne Migrationshintergrund. Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die dritte Generation genauso politisch aktiv ist wie die Schweizer ohne Migrationshintergrund.
Doch unterscheidet sich die dritte Generation in ihren politischen Einstellungen von den Schweizern ohne Migrationshintergrund? Die dritte Abbildung zeigt die durchschnittliche Selbstpositionierung auf der Links-Rechts-Skala. Dieser Indikator hat gegenüber dem Wahlverhalten (siehe unten) den Vorteil, dass die Frage auch von Personen beantwortet werden kann, welche nicht an den Wahlen teilgenommen haben. Es zeigt sich, dass sich die dritte Generation im Durchschnitt fast identisch positioniert wie die Personen ohne Migrationshintergrund und damit etwas weiter rechts als die zweite und die erste Generation.
Von praktischer Bedeutung ist letztlich das tatsächliche Wahlverhalten. Die vierte Abbildung zeigt das Wahlverhalten für drei politische Blöcke: Links, Mitte-Rechts und Rechts.2 Da die Nichtwähler diese Frage nicht beantworten konnten, verkleinert sich die Stichprobe nochmals, was wiederum Vorsicht bei der Interpretation verlangt. Die Abbildung zeigt wiederum sehr grosse Ähnlichkeiten im Wahlverhalten zwischen der dritten Generation und den Personen ohne Migrationshintergrund. Zwar neigt die dritte Generation leicht stärker zur Linken, allerdings ist der Unterschied statistisch nicht signifikant und könnte demnach zufällig sein.
Auch die Werte für die erste und die zweite Generation sind plausibel. Wie ich im Zusammenhang mit den Nationalratswahlen 2011 gezeigt hatte (Strijbis 2014), tendieren Personen mit Migrationshintergrund erster oder zweiter Generation etwas mehr zur Linken als die anderen Schweizer.
Fussnoten:
1Das sind 77% der 1235, welche in der repräsentativen CAPI-Umfrage teilgenommen haben. Die Verzerrung des Samples beim Zusatzmodul dürfte etwas grösser sein als im Gesamtsample. Wie Ernst Stähli et al. (2015) im technischen Bericht zeigen, ist aber die zusätzliche Verzerrung gering.
2Links: SP, CSP, PdA, GP; Mitte-Rechts: FDP, CVP, BDP, EVP, GLP; Rechts: SVP, EDU, Lega, MCR, SD.
Literatur:
Sciarini, Pascal, and Andreas C. Goldberg. 2016. “Turnout Bias in Postelection Surveys: Political Involvement, Survey Participation, and Vote Overreporting.” Journal of Survey Statistics and Methodology: smv039.
Ernst Stähli, Michèle et al. 2015. MOSAiCH-ISSP: Befragung zur Staatsbürgerschaft und zum Sinn der Arbeit – 2015 [Dataset]. Lausanne: FORS – Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften.