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Nach der Lehre hatte ich mich damit abgefunden, im Heim zu leben, und dachte, ich würde den Rest meines Lebens in Heimen verbringen und mein letztes Heim sei dann das Altersheim. Doch ich benötigte fast keine Betreuung und so konnte ich ja auch alleine wohnen. Ich merkte selbst, wie meine Selbständigkeit unter der guten Betreuung im Wohnheim schwand. Ich stellte den Antrag auszuziehen. Dieser wurde aber abgelehnt. Die Arbeit war mir sehr wichtig. Wer im Wohnheim wohnte, durfte ganz sicher im Bürozentrum arbeiten. Ich war total überrascht, als ich einige Monate später erfuhr, dass ich ausziehen durfte. Ich fand relativ schnell eine Wohnung am Stadtrand von Bern.
Ich begann, mein Buch an Warenmärkten zu verkaufen. Dann habe ich am meisten davon, und ich schätze es, mich mit den Leuten zu unterhalten. An Märkte muss ich viel mitnehmen. Ich merkte schnell, dass ich die Sachen am besten in einem Koffer transportiere. Soll ich mir einen kaufen oder...? Nein, im Estrich lagerte wohl noch ein Koffer, der mir gehörte, ich ging ja schon ein paarmal in die Ferien. Ich fragte meine Schwester und Vermieterin, ob ich den Koffer haben könne. Sie gab ihn mir kommentarlos. Einige Tage darauf fragte sie mich, wann ich in die Ferien ginge. Ich wurde beinahe wütend: „Ich habe doch nichts von Ferien gesagt!“ „Warum wolltest du denn den Koffer?“ „Ach... Der kann doch auch bei mir in der Wohnung sein (kleine Notlüge, aber ich wollte ihr nicht erzählen, dass ich an Warenmärkten teilnahm).“ „Buche bloss nicht im Geheimen Ferien!“ ermahnte sie mich. Geheim Ferien buchen? Das habe ich noch nie getan. Aber ich wusste schon, was sie meinte: Als ich meine Biographie geschrieben hatte und sie im Verlag in Arbeit war, berichtete ich der Person, die mich auf die Idee zum Schreiben gebracht hatte, per Brief über das baldige Erscheinen meines Buches. Übermütig notierte ich, mit dem Honorar könnte ich nach Australien und Neuseeland, fügte aber gleich an, dass das natürlich unrealistisch sei. Doch die Idee war ab diesem Zeitpunkt da – und liess mich nicht mehr los. Im nahen Reisebüro holte ich einen Prospekt; ich wollte einfach ein wenig davon träumen. Das durfte mir niemand verbieten. Doch plötzlich dachte ich, dass dieser Traum kein Traum bleiben muss, eigentlich war er gar nicht so unrealistisch. Doch dann bekam ich doch noch kalte Füsse... Im Reisebüro gab man mir darauf den Rat, mich an ein Büro in Bern zu wenden, wo sie auf Australienreisen spezialisiert sind. Ich war mich gewohnt, nach Bern in ein Büro zu gehen; ich arbeitete zu jener Zeit einmal pro Woche an meinem früheren Arbeitsplatz. Aber diesmal ging ich nicht ins Büro, um zu arbeiten. Ich war furchtbar aufgeregt. Doch ich wurde freundlich bedient. Nach kurzer Zeit war die Reise unter Dach und Fach. Ich ging nach Hause und rief sofort die Schwester, die mein finanzieller Beistand ist und im Nachbardorf wohnt, an: „Ich habe eine Reise gebucht. Nach Neuseeland.“ Das glaubte sie mir natürlich nicht. „Nein, nein“, beruhigte ich sie. „Nur nach Australien.“ Das wollte sie auch nicht glauben. „Doch“, beteuerte ich. „Ich habe eine Australienreise gebucht, sicher.“ Als sie mir immer noch nicht glauben wollte, fragte ich, ob sie die Reisedokumente sehen möchte. Nun blieb ihr nichts anderes übrig, als mir zu glauben. Meine jüngere Schwester hatte an jenem Tag Geburtstag und in der Reistegg war eine kleine Feier angesagt, doch ich hatte schon lange angekündigt, dass ich nicht daran teilnehmen würde. Ich hatte der Schwester eine Karte geschickt, worüber sich alle freuten, wie ich später erfuhr. Doch dann musste die andere Schwester die Nachricht überbringen, dass ich eine Australienreise machen würde... Papa rief mich an und seufzte: „Kleine Kinder, kleine Sorgen – grosse Kinder, grosse Sorgen.“ „Es ist noch nicht sicher, dass ich gehe“, versuchte ich ihn zu beruhigen. „Unterschreibe noch nichts“, bat er mich. Ich sagte ihm nicht, dass ich schon alles unterschrieben habe. Die Aussage „Es ist noch nicht sicher, dass ich gehe“, entsprach nur der halben Wahrheit. Schliesslich dauerte es noch einige Wochen bis zu meiner Abreise, und da konnte noch viel passieren, zum Beispiel ein tödlicher Unfall. Die ganze Wahrheit lautete: „Es ist sicherer, dass ich gehe, als dass ich wieder nach Hause komme.“ Ich bin schon lange wieder zu Hause, aber das Honorar hätte für die Reise niemals gereicht. Papa hatte sich gefürchtet und wollte mich von meinen Plänen abbringen. Er rief mich an und redete auf mich ein. „Ich kann nicht mehr schlafen“, jammerte er. Das ging so weit, bis ich seine Anrufe ignorierte und nicht mehr entgegennahm, was ich aber nicht oft tat, denn ich wurde darauf hingewiesen, dass das ziemlich unfair war. Die Reise war toll und gab mir auch ein gewisses Selbstwertgefühl. Die Reisegruppe akzeptierte mich entgegen Papas Befürchtungen super. Und ich war dort nicht mal die schlechteste Fussgängerin. Der Reiseveranstalter war ähnlich wie Procap auf Behinderte spezialisiert. Ich genoss dieses Abenteuer. Aber es war eine Reise, keine Ferien! Ich wiederhole: Ich habe noch nie im Geheimen Ferien gebucht.