Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03115.jsonl.gz/2495

Das Äussere
Die Talkirche Rued erscheint in ihrer äusseren Gesamtwirkung sehr einheitlich, gleichzeitig aber auch sehr einfach. Der erste Eindruck vermittelt das Bild einer grossen Kapelle. Dies ist wohl auf den fehlenden Turm (die Glocken hängen in einem Dachreiter mit Spitzhelm) und das durchgezogene Satteldach zurückzuführen. Das Gebäude ist auf drei Seiten vom Kirchhof umgeben, weist also noch die klassische Einheit von Kirche und Friedhof auf, die heute vielerorts räumlich getrennt vorliegt.
Der klar proportionierte, ausgewogene Baukörper basiert auf einfachen geometrischen Formen, welche ganz direkt auf die mittelalterlichen Ursprünge dieser Kirche verweisen. So ist das doppelquadratische Schiff (=Verhältnis von Länge zu Breite etwa 2:1) in seinem Kern romanisch und reicht ins 11. oder 12. Jahrhundert zurück. Im leicht eingezogenen gotischen Polygonalchor lässt sich im Grundriss ein gleichseitiges Dreieck einbeschreiben.
Die südliche Aussenwand des Kirchenschiffs schmücken zwei Grabplatten (Epitaphien), eine Gedenktafel (als Ersatz für drei während der Renovation in den 1960er-Jahren entfernte Grabplatten) sowie eine 1964 neu aufgemalte, originalgetreue Kopie einer Sonnenuhr von ca. 1730.
Die Epitaphien an der südlichen Aussenmauer erinnern vor allem an Familienmitglieder der ehemaligen Herrschaftsfamilie May, deren Mitglieder mehr als drei Jahrhunderte auf Schloss Rued gelebt haben und die als Oberherren der Herrschaft sowie nachmalige Gutsbesitzer bis 1807 für die Talkirche zuständig waren. Hier befindet sich auch das Familiengrab**der letzten Bewohner von Schloss Rued** aus dem Hause May. Ihre Grabsteine mussten in Zusammenhang mit der Mauersanierung und der Verstärkung des Kirchenfundaments zu Beginn der 1990er-Jahre entfernt werden. An deren Stelle ist heute eine schlichte Tafel mit den Namen der hier beerdigten Personen angebracht.
Ihre letzte Ruhestätte fanden hier:
Carl Friedrich Rudolf May von Rued (1768–1846), der bekannte letzte Inhaber der Herrschaft Rued. Er bekleidete im Alten Bern und danach im neu gegründeten Kanton Aargau hohe politische Ämter (u.a. Bezirksamman des Bezirks Kulm, Grossrat etc.).
Margaretha May geborene von Steiger (1772–1843), die Tochter des letzten regierenden Schultheissen im Alten Bern.
Sigmund Amadeus Friedrich May (1801–1883), der Sohn von C. F. R. May. Er war der letzte der Familie, der das Schloss Rued bewohnte.
Esther May (1840–1899);Tochter von Sigmund Amadeus May und dessen Frau Julie von May. Sie war mit Hans von Hallwyl verheiratet, der zeitweise als Aargauer Regierungsrat, dann als Militärattaché in Wien tätig war. Er agierte glücklos und stürzte Schloss Rued in den finanziellen Ruin. Seine Frau Esther liess sich 1879 von Hans von Hallwil scheiden.
Ein besonders schöner Epitaph ist oberhalb der eben erwähnten Gedenktafel für Julia Carolina Elisabeth May von Belletruche (1808–1875) in die Südwand des Kirchenschiffs eingelassen. Ihr Mann – der oben erwähnte Sigmund Amadeus – war Privatgelehrter. Sie erledigte längere Zeit seine Sekretariatsarbeiten und arbeitete aktiv an den beiden umfangreichen Chroniken ihres Schwiegervaters C. F. R. May mit («Haus Cronik» / «Herrschaftschronik Rued»). Im höheren Alter war Julie von May aktiv in der Frauenbewegung tätig und verlangte unter anderem anlässlich der Totalrevision der Bundesverfassung im Jahr 1872 die Gleichstellung von Mann und Frau.
Grabplatte von Juli May
Ebenfalls an der Aussenmauer angebracht ist die Grabplatte des Prädikanten Johann Lienhard Vögeli von Aarau. Er amtierte in den Jahren 1676–1685 in Kirchrued. Während seiner Amtszeit wurde die grosse Kirchenrenovation von 1683 ausgeführt. Im Totenrodel ist folgender Eintrag zu finden: «1685 – Ist den 8. Augstmonat selig in dem Herrn entschlafen Joh. Leonhard Vögeli, geweßner Pfahrer alhier». Auf dem Epitaph ist vermerkt, dass er «gottselig gelebt, fleissig gstudiert, eifferig gelehrt, ritterlich gekempft und (das Leben) selig überwunden» habe. Seiner Gemeinde gab der Pfarrer, der noch vor seinem 40. Lebensjahr gestorben war, über seinen Tod hinaus zu bedenken:
«Hier lieg ich schwaches Vögelin,
Dort sing ich mit dem Cherubin.
Gehab dich wohl, min liebe Gmein,
und stehe fest im Glauben rein.»