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Die Inflationserwartungen erregen derzeit weniger Aufmerksamkeit als die globalen Handelskonflikte. Edi Aumiller von Legg Mason erklärt, wieso sie auf lange Sicht wohl trotzdem direktere Auswirkungen auf die Bewertung von festverzinslichen Anlagen haben.
21.06.2018, 08:46 Uhr
Redaktion: ans
Die Fed und die Europäische Zentralbank sind trotz Handelsdiskussionen und politischer Uneinigkeiten zu eigenen Schlüssen über den Verlauf der Inflation in den nächsten Monaten gekommen. Aber dieser wichtige Indikator ist bekanntlich schwer zu messen. Edi Aumiller, Country Head Switzerland bei Legg Mason ist sich sicher, dass dieser sehr wohl niedriger sein könnte als manche vermuten. Was wiederum einen Vorteil für Investitionen mit längerer Duration bedeuten könnte.
US-Inflation gemessen an vier Einheiten von 18.06.2015 bis 18.06.2018
Die vom Amt für Arbeitsmarktstatistik annualisierte und saisonbereinigte Kerninflationsrate des US-Verbraucherpreisindex (Consumer Price Index, CPI) lag im März 2018 über der bekannten 2%-Rate der Fed: Sie erreichte im Mai einen annualisierten Wert von 2,2%. Dies gibt dem Offenmarktausschuss der Fed einen statistisch-basierten Rückhalt für seine erklärte Neigung, die Zinsen im weiteren Verlauf des Jahres 2018 zweimal zu erhöhen ungeachtet des Verzerrungspotenzials infolge von Korrekturen für saisonale Faktoren und des "Roll-off"-Effekts der Monatszahlen aus den Vorjahren, so der Experte.
Positive Auswirkungen der Inflationsrate
Aber der CPI sei nicht das einzige verfügbare Inflationsmass: Zwei der von der Fed favorisierten Indikatoren stimmen nicht genau überein; der Personal Consumption Expenditures (PCE) Deflator und die interne 5-Jahres Breakeven-Inflationsrate der Fed zeigen 1,80% bzw. 2,14%. Dabei kann die Breakeven-Rate als ein Indikator für die Inflationserwartungen in fünf Jahren nicht für die heutige Wirtschaft gelesen werden. Der PCE-Deflator, der von Janet Yellen, der früheren Vorsitzenden des Fed Offenmarktausschusses, stark gewichtet wurde, liegt immer noch unter der 2%-Richtlinie des Offenmarktausschusses, ergänzt Aumiller.
Für Anleiheninvestoren könnte eine niedrigere Inflationsrate aus Sicht des Experten bedeuten, dass das aktuelle Renditeniveau, insbesondere am längeren Ende der Kurve, bessere Werte repräsentiert als viele annehmen. Dies könnte wiederum darauf hindeuten, dass die Erhöhung der Netto-Duration eine Möglichkeit bietet, die Meinungsverschiedenheiten zum Vorteil der Anleger zu nutzen.
Im Aufschwung: Handels-basierte Unsicherheit
Die aktuellen Handelskonflikte, die sich in dieser Woche auf die USA und China konzentrieren, sind an den Aktien- und Rohstoffmärkten stärker zu spüren als an den Obligationenmärkten. Bei Aktien ist die Unsicherheit unternehmensspezifisch, da der US-Dollar-Wert der Bedrohungen auf ein Vielfaches des gesamten Handelsvolumens zwischen den beiden Ländern gestiegen ist. Bei Agrarrohstoffen, bei denen Futures-Kontrakte als Sicherungsinstrumente von Landwirten für die Planung der Ernte in der nächsten Saison eingesetzt werden, waren die Auswirkungen zumindest kurzfristig gravierend: Die November-Sojafutures wurden mit 911,5 US-Dollar pro Kontrakt gehandelt 13,5% weniger als am 12. April.
"Die sich schnell beschleunigende Debatte könnte ein weiterer Faktor dafür gewesen sein, dass die Rendite für 10-jährige US-Treasuries stabil unterhalb der aufmerksam beobachteten Grenze von 3% blieb", hält Aumiller fest. Sogar nach einem innertäglichen Abzug offenbar angetrieben durch den Nachrichten-Zyklus lagen die 10-Jährigen bei 2,889%. Das ist deutlich unterhalb ihrer Spitze von 3,007% am 13. Juni.
Im Abseits: Die politische Macht von Theresa May
Die Brexit-Verhandlungen sind in die britische Politik zurückgekehrt. Dies nachdem die Frage der Zustimmung des Parlaments zu den noch nicht festgelegten Bedingungen einer Vereinbarung die Lebensfähigkeit der Regierung von Premierministerin May wieder bedroht. Der Experte ist sich sicher, dass so eine Abstimmung im britischen Unterhaus einerseits zu ihrer Absetzung führen könnte. Auf der anderen Seite könnte das Resultat die Tories auch durch eine "Remain"-freundliche Labour-Mehrheit ersetzen. Aumiller sieht darin eine der wenigen Möglichkeiten, wie die Verhandlungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich noch komplexer werden könnten, als sie es bereits sind.
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