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Die 12-jährige Roqia beim Müll-Sammeln. Sie soll bald heiraten.
Von: World Vision Afghanistan
Roqia war gerade sieben Jahre alt geworden, als ihr Vater Suliman – wenn auch widerwillig – zustimmte, sie zu verheiraten. Damals war dem jungen Mädchen mit den dicken schwarzen geflochtenen Haaren, das gerne draussen mit seinen Freunden spielte, kaum bewusst, was das bedeutete. Für sie änderte sich vorerst nichts. Aber ihr Vater hatte sich von einem Kontaktmann eine grosse Summe Geld geliehen. Dafür hatte er zugestimmt, seine Tochter einem alten Mann – Bashir – zu geben. Im Gegenzug würden seine Schulden in eine Mitgift umgewandelt.
Roqia hat einiges im Müll gefunden, womit sich ein Feuer entfachen lässt.
Bashir will seine Braut holen
Roqia lebte ruhig und unbehelligt mit ihrer Familie, besuchte einige Jahre lang die Schule. Sie vergass dabei fast die Mitgift, die für sie bezahlt worden war. Doch nun, fünf Jahre später, ist Roqias Ehemann zurückgekehrt. Seine unangenehmen Besuche im Haus der Familie in der nordwestafghanischen Stadt Herat sind häufig. Er klopft regelmässig an die Tür und seine Forderungen werden jedes Mal lauter: Bashir will seine Braut mit nach Hause nehmen. Er ist ein bereits verheirateter älterer Mann und er hat sogar Enkelkinder im selben Alter wie Roqia. Roqia ist inzwischen 12 Jahre alt und sie weiss eines: Sie will zur Schule gehen und mit ihren Freunden spielen. Sie will nicht verheiratet sein.
Kinderheirat ist in Afghanistan weit verbreitet
Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Welt. Über Jahrzehnte hinweg entstanden brüchige staatliche Strukturen und die 40 Millionen Einwohner profitieren nur von wenigen Sozialleistungen. Kinderheirat ist leider weit verbreitet – obwohl sie laut Verfassung illegal ist. Doch schon vor dem Regierungswechsel im August 2021 wurden in Herat und der benachbarten Provinz Badghis in den Jahren 2018 und 2019 mindestens 183 Kinderehen registriert. Es wird geschätzt, dass landesweit mindestens 28 Prozent der afghanischen Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet wurden.
So wie Roqias Vater entscheiden sich viele Familien dafür, ihre Töchter zu verheiraten. Sie begleichen so persönliche Schulden oder legen Streitigkeiten bei. «Meine Mutter und meine Geschwister weinten, als sie von meiner Verlobung erfuhren, aber [unsere Familie] hatte niemanden, der sich um uns kümmern konnte. Eigentlich wollte mein Vater mich nicht verheiraten. Er sagte, er habe keine andere Wahl», berichtet Roqia.
Ihr Vater Suliman war seit langem krank und konnte wegen Rückenproblemen nicht arbeiten. Er hatte gehofft, mit dem Geld, das er sich von seinem Bekannten Bashir geliehen hatte, die Behandlungskosten für seinen Rücken bezahlen zu können. Er wollte schnell wieder arbeiten und seine Schulden abbezahlen. Stattdessen ist er immer noch ans Bett gefesselt und sein Zustand verschlechtert sich weiter.
Roqia sortiert den gefundenen Müll. Vielleicht ist dabei etwas, das sie verkaufen könnte.
Als Kind die Familie ernähren
Jahrelang sind Roqia und ihre Geschwister als einzige Ernährer der Familie eingesprungen: Sie standen frühmorgens auf und sortierten den ganzen Tag lang Müll. Immer hofften sie, etwas Brauchbares zu finden, das sie verkaufen konnten – zum Beispiel Metallschrott und Plastik. In den kalten Wintern in Herat wird Plastik auch zum Heizen und als Brennstoff für den kleinen Kochherd von Familien verwendet. Der giftige Rauch setzt sich dann in ihrem Haus fest, füllt die Lungen der Familien und bringt sie zum Husten.
Die jahrzehntelangen Konflikte und Unruhen haben bei Roqias Mutter zu Depressionen und Frustration geführt. «Wenn sie wütend wird, verlässt sie einfach das Haus und geht weg», erzählt Roqia. Die Verantwortung, für ihre Familie sorgen zu müssen, lastet schwer auf ihr. Ihre Mutter hatte sich gewünscht, einen Arzt oder Psychologen aufzusuchen, aber die Armut verunmöglichte dies. Obwohl Roqia die Schule abbrach, um Vollzeit zu arbeiten, reichte das Geld, das sie nach Hause brachte, nur gerade zum Überleben. Es reichte jedoch nicht, um die ausstehenden Schulden von 1000 US-Dollar bei Bashir zu begleichen.
Schulung in Kinderschutz-Fragen
Die humanitäre Katastrophe, die Afghanistan seit dem Sturz der letzten Regierung im August 2021 heimgesucht hat, ist komplex und vielschichtig. Der wirtschaftliche Zusammenbruch hat fast alle Menschen – 95 Prozent der Bevölkerung – in die Armut gestürzt. Es ist zu befürchten, dass eine wachsende Zahl junger Mädchen der Gefahr einer Verheiratung ausgesetzt ist. Die Kinderschutzarbeit von World Vision zielt darauf ab, diese Zahlen zu verringern. Allein in den letzten sechs Monaten haben wir 1980 Gemeindemitglieder und Freiwillige in grundlegenden Fragen des Kinderschutzes geschult und 359 Kinder psychologisch betreut. Langfristig hoffen wir, zur wirtschaftlichen Stabilität der Menschen beizutragen und dafür zu sorgen, dass Familien nicht zu negativen Bewältigungsmechanismen greifen müssen wie Roqias Vater.
Bislang hat Roqias Familie den alten Bashir in Schach gehalten, aber es ist unklar, wie lange sie noch Erfolg haben werden. Roqia, die einst studierte, musste sich schnell an eine Vollzeitbeschäftigung gewöhnen. Aber sie weigert sich, sich an die Ehe zu gewöhnen. «Ein Mädchen sollte erst heiraten, wenn es reif genug ist», sagt sie. Sie will nicht mit Bashir nach Hause gehen. Und sie sagt: «Ich will mich von diesem Mann scheiden lassen.» Und das mit 12 Jahren.
Anmerkung: Die Namen wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert. Die Zahlen stammen von World Vision Afghanistan.