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17.07.2021 von Katharina Marchal
Nie wurde in der Schweiz mehr und schneller gebaut als in den Jahren des Baubooms zwischen 1960 und 1975. Seither sind die Anforderungen an die Gebäude gestiegen, und ein Grossteil der Bauten muss auf den neusten Stand gebracht und saniert werden. Ziel sollte sein, die Bausubstanz dieser aussergewöhnlichen Zeitzeugen nicht nur aus ökonomischer Sicht zu erhalten, sondern die gestalterischen Qualitäten und bautechnischen Besonderheiten zu verstehen.
Wichtige Schweizer Architekten der Nachkriegszeit waren Max Schlup, Franz Füeg, Fritz Haller, Alfons Barth und Hans Zaugg, bekannt unter dem Namen «Solothurner Schule». Barth und Zaugg Architekten begeisterten sich bereits in frühen Jahren für die Stahl- und Glas- Konstruktionen des in die USA emigrierten Mies van der Rohe und Philip Johnson. Deren Gebäude zeichnen sich durch eine klare und reduzierte Architektursprache aus. Sie war auch Vorbild für die Schulanlage Auen, die Barth und Zaugg ab 1967 am nördlichen Stadtrand von Frauenfeld umsetzten. Zuerst entstand das Schulgebäude «Auen 1» mit 16 Klassenräumen, dem Werkstattgebäude und der Doppelturnhalle. Ein Vierteljahrhundert später wurde die Anlage um ein kleineres Schulgebäude – dem «Auen 2» – mit 9 Klassenzimmern erweitert; dessen konstruktiver Aufbau folgte dem älteren Beispiel. Gemeinsam bilden die vier kubischen Baukörper ein Ensemble, das in seiner versetzten Anordnung einem Universitätscampus nach amerikanischem Vorbild gleicht. Doch die Bauten der Schulanlage Auen entsprachen nicht mehr den heutigen betrieblichen, bauphysikalischen und bautechnischen Anforderungen. Eine Gesamtsanierung war deshalb notwendig. Den ausgeschriebenen öffentlichen Wettbewerb zur Sanierung und Erweiterung der Schulanlage gewannen 2014 jessenvollenweider, gemeinsam mit ZPF Ingenieure aus Basel. Im letzten Jahr wurde das Projekt abgeschlossen. Es ergänzt und verdichtet den Campus in einer selbstverständlichen Art. Dabei bleibt die ursprüngliche strukturelle Logik des Konzeptes von Barth und Zaugg nicht nur erhalten, sondern der Campus wird im Geist des Bestandes erweitert. Sämtliche Sanierungsmassnahmen wurden in enger Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege umgesetzt.
Zuerst wurden die nachträglich erstellten Kunststoffdächer auf dem Pausenplatz entfernt. Heute reihen sich hier drei elegante Pavillonbauten aneinander. Gemeinsam bilden sie eine «dritte Spur» innerhalb des bestehenden Rasters.
Die Neuinterpretation der Ecke
Zwei Pavillons sind als offene Unterstände gestaltet: Der eine überdacht die Velos, der andere bietet geschützten Aufenthalt in der Pause. Die leichte und offene Konstruktion bringt den Pausenplatz wieder voll zur Geltung und gibt den Blick auf die «Kleine Allmend» im Westen der Anlage frei. Als Auftakt der Anlage befindet sich im Osten der dritte geschlossene Pavillon; dieser nimmt zum Platz hin das Bistro mit dem Kiosk auf. Zur Strasse hin liegt die Aula, die auch als Mehrzweckraum genutzt werden kann. Die einläufige Treppe ins Untergeschoss ermöglicht auch ausserhalb des Schulbetriebs den Zugang zur Sporthalle. Im Zug der Erweiterung der Zwei- zur Dreifachturnhalle wurden die Garderoben neu organisiert, die bestehende unterirdische Verbindung zur Sporthalle ergänzt sowie der Aussenraum der Schulanlage erneuert. Grosse Steinblöcke fassen den Uferbereich des bestehenden Biotops am Eingang der Schulanlage neu ein. Der Pausenplatz ist durch grossformatige Betonplatten aufgewertet.
Jessenvollenweider knüpften nicht nur in städtebaulicher Hinsicht an die Ideen von Barth und Zaugg an. Auch die Konstruktion des Bestands inspirierte sie zum Weiterdenken. Während das Tragwerk der Bestandsbauten im Baukörper integriert ist, liegen die Stahlrahmen des geschlossenen Pavillons ausserhalb der Fassade. Konsequenterweise sind die Stützen der Dächer aus den Ecken geschoben.
Zur grössten Herausforderung zählte die Sanierung der Vorhangfassaden der Bauten aus den 1968er Jahren. Während alle Fassadenprofile wieder verwendet werden konnten, mussten aufgrund der energetischen Anforderungen die Gläser durch Dreifachverglasung ersetzt und mit neuen Sonnenstoren versehen werden. Diese Massnahme senkt den Energieverbrauch wesentlich und ermöglicht den Minergie-Standard für die sanierten Bauten. Doch die Profile mussten verstärkt werden, deshalb entstand die «offene» Ecke, die mit einer abgerundeten Verglasung ausgefacht wird. Damit differenziert sich die Konstruktion bewusst von der Mies’schen Ecklösung, der die Vorgänger folgen. Auch die Farbgebung entwickelten jessenollenweider weiter. Im Bestand sind die Primärstruktur durch die anthrazitfarbenen Stahlstützen und die Sekundärstruktur durch die weissen Binder klar ablesbar, genauso wie die bestehenden Steigzonen und die neuen Schächte für die neue Lüftung rot gestrichen sind. Daran angelehnt sind die Tragstruktur und die abgehängten Decken aus Trapezblech der Neubauten in Weiss gehalten. In der vorwiegend weissen Aula setzen die roten Vorhänge vor der kleinen Bühne einen feierlichen Akzent. Die Betonwände der innen liegenden Kerne sind bewusst roh belassen. Der nachträglich eingebaute Lift im Foyer wurde entfernt, um das offene Treppenhaus im «Auen 1» wieder voll zur Geltung zu bringen.
«Wir kämpften um jeden Zentimeter»
Aufgrund der Rasterstruktur der Bestandsbauten sind alle Innenräume flexibel aufteilbar. Zur Erfüllung der heutigen Brandschutzauflagen und zur Reduzierung der Schallübertragung zwischen den Räumen mussten die Trennwände im «Auen 1» sowie im Werkgebäude verstärkt werden. «Für die Erhaltung des schlanken Konstruktionsaufbaus der Wände kämpften wir um jeden Zentimeter», erklärt Bauleiter Roland Grandits. Damit bleiben die räumliche Offenheit und Transparenz der Bauten von Barth und Zaugg erhalten. Jessenvollenweider haben es geschafft, das historische Gesamtensemble durch drei Pavillons logisch zu ergänzen und die ursprüngliche Idee des Konzepts wieder spürbar zu machen. Gleichzeitig differenzieren sich die Neubauten klar vom Bestand.
Bilder: Hanspeter Schiess