Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03553.jsonl.gz/2762

Während sich viele Länder in Europa im Zuge des einsetzenden Winters über die effektivste Strategie gegen die nächste anrollende Covid-19-Welle die Köpfe zerbrechen, ist dies in Äthiopien eher zu einem Nebengeräusch verkommen. Im Norden des Landes wütet seit über einem Jahr der gewaltsame Konflikt zwischen der Zentralregierung und der Tigray-Region. Doch der Tigray-Konflikt ist keinesfalls der einzige Brandherd in Äthiopien. In vielen Regionen des Landes befinden sich Menschen in katastrophalen humanitären Situationen.
Unter dem Radar der Medien sorgen vergessene Katastrophen wie die anhaltende Heuschreckenplage, wiederkehrende Dürren und Überschwemmungen sowie interethnische Konflikte für akute Notstände. Fallen diese zeitlich und geografisch zusammen, vervielfacht sich die Bedrohungen für Mensch und Tier. Trotz grosser Bemühungen und Investitionen in die Bekämpfung der Heuschreckenplage konnte diese in den vergangenen zwei Jahren nicht beendet werden. Kürzlich wurden ausgewachsene Schwärme in der Grenzregion zwischen Äthiopien und Kenia registriert. Gemäss offizieller Einschätzung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) von Ende November 2021 wird daraus mit hoher Wahrscheinlichkeit noch im Dezember eine nächste Generation heranwachsen. Vielerorts wird die Bekämpfung der Plage aufgrund gewaltsamer interethnischer Konflikte und damit verbundener Unzugänglichkeiten erschwert oder gar verunmöglicht.
Hinzu kommen wiederkehrende Dürreperioden oder Überschwemmungen, die sich – so ist man sich mittlerweile einig – als Folge des Klimawandels weiter intensivieren werden. Substanzielle Ernteausfälle implizieren, dass immer mehr Menschen auf direkte Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind. Wie viele Menschen effektiv davon betroffen sind, lässt sich erahnen, wenn man bedenkt, dass der Landwirtschaftssektor in Äthiopien 85% der Gesamtbeschäftigung ausmacht und davon wiederum 90% Regenfeldanbau betreiben. In südlichen und südöstlichen Gebieten, so etwa in der Oromia-Region, ist die Notlage bereits heute gross. Die von Oktober bis Dezember dauernde Deyr-Hageya-Regenzeit kam sowohl verzögert als auch mit dramatisch reduzierten Wassermengen. Es war der trockenste Oktober seit 40 Jahren. Zu den direkten und bereits sichtbaren Auswirkungen gehören drastisch schwindende Wasser- und Futterreserven und damit verbundenes atypisches Viehsterben.
Tume Jilo Boru, eine 55-jährige Mutter von sieben Kindern, verlor ihren Ehemann durch den Konflikt. Der momentanen Dürre sind ausserdem bereits zwei ihrer Rinder zum Opfer gefallen und die Gesundheitszustände der verbleibenden verschlechtert sich rasant – die für die Familie so essenzielle Milchproduktion bleibt dadurch komplett aus. Der Blick in die Zukunft gelobt keine rasche Besserung: Die heftigsten Folgen der Dürre werden für Februar 2022 erwartet.
Düstere Prognosen für die Ernährungssicherheit
Auch die anhaltenden interethnischen Konflikte verursachen viel Leid. Felder werden zerstört, Vieh entwendet und oftmals können Bäuerinnen und Bauern die eigenen Anbaufelder nicht erreichen. Zu akut ist die Gefahr von spontanen bewaffneten Übergriffen. Als einzige Option bleibt oft nur die Flucht – mit dem Zurücklassen des gesamten Hab und Gut. Diese Menschen, oft intern Vertriebene genannt, sind dann aufgrund ihrer ökonomischen Situation und der Lieferknappheit vielfach auf sofortige Unterstützung angewiesen. Für die nahe Zukunft zeigen die Analysen zur Ernährungssicherheit der Plattform FEWS NET (Famine Early Warning Systems Network) ein düsteres Bild. Zusätzlich zu den Gebieten im Tigray, die bereits heute zwischen «Notlage» und «Hungersnot» eingestuft werden, muss damit gerechnet werden, dass sich die Situation auch in anderen Regionen und insbesondere in der Grenzregion zu Kenia dramatisch verschlechtern wird. Im Allgemeinen wird es in weiten Teilen des Landes zu einer erheblichen Anspannung der Lage kommen.
Massgeschneiderte Hilfspakete und starke Partnerschaften
Um auf die Bedürfnisse der einzelnen Bäuerinnen und Bauern sowie Viehhirten eingehen zu können, bedarf es sowohl innovativer Ansätze als auch lokaler Präsenz und starker Partner. In enger Zusammenarbeit mit UN-Organisationen konnten in den letzten beiden Jahren durch mehrere Projekte eine Vielzahl von in Not geratenen Haushalten erreicht werden. Zusätzlich zu Sofortmassnahmen wie Bargeldtransfer, dürreresistenterem Saatgut oder der Bereitstellung von Futtermittel setzt Caritas Schweiz auch in den Nothilfeprojekten auf Langfristigkeit. Dies beinhaltet beispielsweise Schulungen für lokale Experten im Bereich der Viehwirtschaft sowie für die Bäuerinnen und Bauern. Dank ganzheitlicher Massnahmepakete mit Komponenten aus den Bereichen Landwirtschaft, Wasser und Material zur Deckung des Grundbedarfs werden die verletzlichsten Menschen gezielt unterstützt. Insbesondere die interethnischen Konflikte bedrohen nicht nur die Lokalbevölkerung, sondern stellen auch die Projektteams vor Herausforderungen. Durch ein starkes Sicherheitsdispositiv und erfahrene Mitarbeitende setzt Caritas Schweiz weiterhin alles daran, die Projektaktivitäten wie geplant durchzuführen.
Menschen wie Tume Jilo sind dafür dankbar: «Durch die zielgerichtete und rasche Abgabe von Tierfutter konnte ich das schlimmste für mich und meine Familie abwenden», sagt die Bäuerin. Nun warten Tume Jilo und die gesamte Gemeinschaft auf das Einsetzen des Regens und hoffen, ihre Resilienz aus eigener Kraft wieder stärken zu können.
Bild: Nothilfe zur Sicherung des Lebensunterhalts für von Wüstenheuschrecken befallene Gemeinden. (c) Caritas Schweiz