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Jean de La Bruyère (1645-1696) war der Vorläufer der französischen Moralisten. Sozialkritik ist in Frankreich zuerst Sittenkritik. Sozialkritik ist gelegentlich unwirksam, aber bestimmt oft gefährlich oder nachteilig. Doch Sittenkritik ist bestimmt oft genauso unwirksam. La Bruyère war ein höflicher Mensch. Der Hof diktierte den Stil, und der Stil ist alles, worauf es ankommt. Wenn man sich heute mit La Bruyère befasst, fällt dieser Ton als erstes auf.
La Bruyère beschreibt den Menschen. Sein Hauptwerk, die Aphorismen-Sammlung mit dem Titel „Die Charaktere“, kann heute als eine „zeitgenössische Anthropologie“ (Ralph-Rainer Wuthenow im Nachwort) gelesen werden. Wie verhalten sich die Menschen? Wie treten sie, müsste man ergänzend fragen, in der Öffentlichkeit auf? La Bruyère hält ihnen den Spiegel vor das Gesicht – und findet keine Züge darin. Es ist leer. Arroganz und mangelnden Anstand wirft La Bruyère seinen Zeitgenossen vor, Habgier, auch Unterwürfigkeit (vor den Oberen). Die Glücksgüter, die von den einen erworben werden wollen und von den anderen verteidigt werden müssen, haben die einen wie die anderen hart gemacht.
La Bruyère war kein Revolutionär; dazu lebte er 100 Jahre zu früh. Er kann infolgedessen auch nicht den notwendigen Schritt vollziehen und betreiben, was wir heute Gesellschaftskritik nennen. Die meisten Menschen sprechen früher als sie denken. Das ist sein Stil wie derjenige der Moralisten (La Rochefoucauld, Vauvenargues, Chamfort und anderer, die nach ihm kamen).
Es sind keine Menschen, die er meint, sagt er an einer Stelle – „sie haben Geld“. Das genügt. Die Händler hintergehen die Menschen, wo und wie sie können. "Alle Morgen öffnet man das Geschäft und breitet die Waren aus, um seine Welt zu betrügen; und man schliesst am Abend, nachdem man den ganzen Tag betrogen hat.“ Fleiss ist nicht alles. Die Dummheit der anderen bringt einen oft weiter. Unter den Menschen gibt es auch solche, sagt er weiter, die "nur für die Verdaung geboren" zu sein scheinen.
„Es ist die tiefe Unwissenheit, die den dogmatischen Ton erzeugt.“ Stellt derjenige fest, der die Menschen seiner Zeit im Blick hatte. Es ist ein Satz, der heute noch stimmt. La Bruyère war ein unbestechlicher Beobachter. Wenigstens dieses Zeugnis kann ihm uneingeschränkt ausgestellt werden.
Der Suhrkamp Verlag hat „Die Charaktere“ von La Bruyère unter Verwendung der alten Übersetzung von Otto Flake neu aufgelegt. Der Preis von Fr. 77.-- lässt einen Schluss auf die Höhe der Auflage zu. Sie kann nicht sehr hoch gewesen sein. Wer will heute noch La Bruyère lesen? fragt man sich. Schlechte Frage, falsch gestellt. Wissen ist immer ein Gewinn und mehr Wissen mehr Gewinn.