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Nach einer 28-stündigen Reise komme ich endlich in La Paz an. Meine Vermieterin hat mir angeboten, mich am Flughafen abzuholen. Da ich nicht weiss, wie ich auf die Höhe reagiere, und ich nicht mit einem Pochen im Kopf und Atemnot in der Stadt umherirren will, um die Unterkunft zu suchen – meine Familie und Freunde kennen meinen schlechten Orientierungssinn – nehme ich dieses Angebot dankbar an.
Die Landung in La Paz ist eindrücklich. Als ob er uns das komplette Bild der Stadt vermitteln will, zieht der Pilot vor der Landung noch einen Kreis. El Alto auf 4000 Meter über Meer, wo sich auch der Flughafen befindet, besteht aus quasi identischen Häusern. Sie sehen aus wie rote Backsteinhäuser mit einem Blechdach. Dazwischen stehen vereinzelt Kirchen. Imposant wie die Stadt La Paz von El Alto abfällt, als wäre ein Stück der Erde abgebrochen. La Paz erstreckt sich ins Tal hinunter. So ragen weiter unten die Hochhäuser des Zentrums empor.
Der Verkehr ist ein Erlebnis. Unser Fahrer kämpft sich durch einen Kreisel oder eine Kreuzung, so genau kann ich das nicht beurteilen, da von allen Seiten Autos herein drücken und auch in alle Richtungen weiter fahren wollen. Ich bin erstaunt, dass es zu keinem Zusammenstoss kommt. Der Fahrer nimmt’s mit Humor, während die beiden Frauen, die mitfahren, meinen, deswegen würden sie in La Paz selber niemals Auto fahren. Und alle diskutieren darüber, dass man die Strasse ausbauen müsste. Auf dem Weg sehen wir Masten für eine Seilbahn, die hier gebaut und El Alto mit La Paz verbinden wird. Sie soll das überlastete Strassennetz entlasten und den Pendlerstrom erleichtern. Viele Menschen, die in El Alto wohnen, arbeiten in La Paz. Gebaut wird die Seilbahn vom österreichisch-schweizerischen Unternehmen Doppelmayr/Garaventa Gruppe. Wir fahren vorbei an verlassenen Industriegebäuden. Früher wurden hier Stoffe und Zündhölzer hergestellt. «Bevor die Chinesen kamen», erklärt meine Vermieterin. Jetzt sind es Geisterhäuser, die allerdings schöne Bildersujets hergeben. Sie empfiehlt mir, einmal hinzugehen. Meistens habe man Zugang. Dass sich meine Vermieterin dafür interessiert, ist klar. Sie ist Architektin.
Als ich landete, schien noch die Sonne. Kurz bevor wir bei der Wohnung ankommen, setzt der Regen ein. Und ich erinnere mich an die Worte der Botschaftsangestellten. «Um diese Jahreszeit ist es gleichzeitig regnerisch, heiss und kalt.»
Debatte um Koka-Plantagen
Am nächsten Tag bin ich noch immer erstaunt über die Nicht-Reaktion meines Körpers auf die Höhe. Ich habe grossen Durst und spröde Lippen, das ist alles. Keine Kopfschmerzen, kein Schwindel, keine Atembeschwerden. In einem Café gleich um die Ecke meiner Unterkunft frühstücke ich. Hier gebe es richtigen Kaffee, versichert mir meine Vermieterin. Hier halte ich auch die erste physische Ausgabe von Página Siete in den Händen. Am Montag beginnt mein Stage bei dieser Zeitung. Die Ereignisse um eine Schiesserei in Apolo, rund 200 Kilometer nördlich von La Paz, dominiert die Samstagsausgabe. Vor einer Woche gerieten Spezialeinheiten der Fuerza de Tarea Conjunta (FTC) und Koka-Produzenten aneinander. Dabei kamen vier Menschen – zwei Soldaten, ein Polizist und ein Arzt – ums Leben. Die FTC bekämpft den Drogenhandel, indem sie im ganzen Land den überschüssigen Koka-Anbau zerstört, der zur Produktion von Kokain genutzt wird. In Bolivien sind laut Gesetz 12 000 Hektaren Koka-Plantagen erlaubt, die der traditionellen Verwendung für Tee, zum Kauen und für die Rituale der Indianer dienen. Derzeit beträgt die Fläche aber mehr als das Doppelte, rund 25 300 Hektaren. Die Regierung überlege sich jetzt eine Erhöhung auf 20 000 Hektaren, da sich die Zahl im Gesetz auf Annahmen der 1980/90er Jahre beziehe und der traditionelle Konsum seither gestiegen sei, wie Página Siete schreibt.
Laut Regierungsangaben geriet die FTC in einen Hinterhalt ausländischer Drogenhändler. Eine Debatte zwischen traditionellem Nutzen der Koka-Pflanze, dem Missbrauch zur Drogenherstellung und dem Ursprung der Gewalt in Apolo ist entfacht.