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SDG 14
Das Leben unter Wasser erhalten
Rauchen hat direkte Auswirkungen auf die Gesundheit von Flüssen und Meeren und ihre Lebewesen. Der Anbau von Tabakblättern erfordert grosse Mengen an Pestiziden und Düngemitteln. Dies liegt zum einen daran, dass die Pflanze in Monokulturen angebaut wird, und zum anderen daran, dass sie einen hohen Bedarf an Stickstoff, Phosphor und Kalium aufweist, was zu einer Verarmung der Böden führt.[1] Diese Agrochemikalien – darunter Chlorpikrin, ein für Meeresorganismen hochgiftiges Pestizid –gelangen häufig in das Grundwasser und anliegende Wasserläufe. Studien in Nicaragua und Brasilien haben in Flüssen nahe von Tabakplantagen gefährlich hohe Werte nachgewiesen.[2]
Tabakpflanzen müssen zudem bewässert werden. Um eine Tonne Tabak zu produzieren, werden 2925 m3 Wasser benötigt – mehr als doppelt so viel wie für die Produktion der gleichen Menge Mais.[3] Auch die Herstellung von Zigaretten erfordert grosse Mengen an Wasser, vor allem in Form von Dampf, um den Feuchtigkeitsgehalt des Tabaks zu regulieren und diesen mit Zusatzstoffen zu versehen.
Im Jahr 2013 verbrauchte British American Tobacco eigenen Angaben zufolge 2,46 Millionen m3 Wasser für die Herstellung von 676 Milliarden Zigaretten. Hochgerechnet auf die weltweite Produktion entspricht dies 22 Millionen m3 Wasser pro Jahr.[4] In Anbetracht der Tatsache, dass sich viele Tabakplantagen und -fabriken in Schwellenländern mit Wasserknappheit befinden, gefährdet dies die Stabilität ihrer Grundwasserspeicher.
Zigarettenfabriken erzeugen ausserdem toxische Rückstände, die aus Ammoniak, Nikotin, Salzsäure, Methanol oder Nitraten bestehen und Wasserläufe verunreinigen können. Laut dem unternehmenseigenen Bericht zur sozialen Verantwortung enthielten die Abwasser von Altria im Jahr 2014 450 Kilogramm Phosphor und 7’700 Kilogramm Stickstoff.[5]
Die grösste Gefahr für die Gewässer und ihre Lebewesen geht jedoch von Zigarettenkippen aus: Jedes Jahr werden rund 4,5 Billionen Kippen und zwei Millionen Tonnen Karton, Schachteln, Aluminiumfolien und Zellophanverpackungen in die Natur geworfen.[6] Zigarettenkippen bestehen aus dem Kunststoff Celluloseacetat und sind hochproblematisch, weil sie im Durchschnitt 12 Jahre brauchen, um sich zu zersetzen.[7] Celluloseacetat wurde in den 1950er Jahren von der Tabakindustrie eingeführt, als der Zusammenhang zwischen Zigaretten und Lungenkrebs bekannt wurde. Sie sind jedoch nutzlos, da die Raucherinnen und Raucher den geringeren Teergehalt durch stärkeres Inhalieren kompensieren.[8]
Unter der Einwirkung der UV-Strahlen der Sonne zerfallen die Zigarettenkippen in Tausende von Plastikmikropartikeln, die von Wasserlebewesen aufgenommen werden und so in die Nahrungskette gelangen.[9] Sie werden schliesslich auch vom Menschen aufgenommen, wenn er Fisch oder Meeresfrüchte konsumiert. Zudem fressen Fische auch ganze Zigarettenkippen, die sie mit Insekten verwechseln, was zur Verstopfung im Verdauungsapparat mit möglicher Todesfolge führen kann.[10]
Zigarettenstummel enthalten 7’000 Chemikalien, von denen rund 50 krebserregend sind.[11] Werden Kippen auf den Boden geworfen, gelangen diese Stoffe – darunter Nikotin (ein natürliches Pestizid), Arsen und Schwermetalle – in die Kanalisationen, Wasserläufe, Meere und Ozeane. Ein deutsches Forschungsteam hat nachgewiesen, dass eine einzige Zigarettenkippe ausreicht, um 1’000 Liter Wasser zu verschmutzen, und dass dieser Effekt in weniger als 30 Minuten eintritt.[12]
Das hat dramatische Auswirkungen auf das Leben im Wasser. Eine von der amerikanischen Umweltschutzbehörde durchgeführte Studie hat gezeigt, dass das 96-stündige Einweichen von Zigarettenkippen in Wasser die Hälfte der darin lebenden Süsswasser- und Meeresfische tötet.[13] Eine Studie der Universität von San Diego mit Fischen ergab, dass eine einzige Zigarettenkippe pro Liter Wasser für den Neuweltlichen Ährenfisch (Atherinops affinis) und die Dickkopfelritze (Pimephales promelas) tödlich ist.[14]
Weitere Forscherinnen und Forscher haben herausgefunden, dass Zigarettenkippen in Gewässern die Fortpflanzung von Ruderfusskrebsen (kleine Krebstiere) beeinträchtigen, das Wachstum und die DNA von Nereiden (Meereswürmern) beeinflussen, zu einem Rückgang der Aktivität von Süsswasserschnecken führen und die Filterkapazität von Miesmuscheln verringern können.[15] Die in den Zigarettenrückständen enthaltenen chemischen Bestandteile reichern sich ausserdem im Körper bestimmter Arten an (z. B. Forellen und Muscheln), was ihren Verzehr für den Menschen gefährlich macht.[16]
Auch die zunehmende Beliebtheit von elektronischen Zigaretten und erhitzten Tabakprodukten birgt neue Gefahren für die Gewässer und ihre Wasserlebewesen. Die Geräte lassen sich nur schwer recyceln, da sie aus mehreren Komponenten bestehen, darunter Lithium-Ionen-Batterien, Leiterplatten, Kunststoffkartuschen und Flüssigkeitsreste aus Nikotin und anderen Chemikalien. Werden sie in der Natur zurückgelassen, setzen sie schädliche Chemikalien und Schwermetalle frei, insbesondere Blei, die Flüsse und Meere verseuchen können.[17]
Die Tabakindustrie hat sich bislang geweigert, die Verantwortung für die Billionen von Zigarettenkippen zu übernehmen, die das Leben im Wasser gefährden. Stattdessen schiebt sie die Schuld auf die Konsumentinnen und Konsumenten, die Zigarettenabfälle nicht ordnungsgemäss entsorgen. Viele Tabakunternehmen sind im Rahmen ihrer Aktivitäten zur sogenannten sozialen Verantwortung Partnerschaften mit Umweltschutzorganisationen eingegangen: Sie organisieren Strandsäuberungsaktionen, stellen Aschenbecher an öffentlichen Plätzen auf oder klären Raucherinnen und Raucher über die Umweltrisiken der nicht sachgerechten Entsorgung von Zigarettenkippen auf.[18]
Philip Morris International lancierte beispielsweise eine Initiative mit dem Titel «Unsere Welt ist kein Aschenbecher». Darin verpflichtet sich Philip Morris, die Menge an Plastikmüll, die durch seine Produkte verursacht werden, bis 2025 um 50 % zu reduzieren.[19] Mehrere Zigarettenhersteller (z. B. Imperial Brands und R.J. Reynolds) haben versucht, biologisch abbaubare Filter oder Papierfilter auf den Markt zu bringen. Diese wurden jedoch schnell wieder vom Markt genommen, mit der Begründung, sie kämen bei den Konsumentinnen und Konsumenten nicht gut an.[20] In der Zwischenzeit leidet das Leben unter Wasser weiterhin unter den Folgen dieser Untätigkeit.
[2] Lecours N, Almeida GEG, Abdallah JM, et al, Environmental health impacts of tobacco farming: a review of the literature. Tobacco Control 2012;21:191-196.
[4] Ibidem
[12] Amy L. Roder Green, Anke Putschew, Thomas Nehls, Littered cigarette butts as a source of nicotine in urban waters, Journal of Hydrology, Volume 519, Part D, 2014, Pages 3466-3474, https://doi.org/10.1016/j.jhydrol.2014.05.046.
[14] Slaughter E, Gersberg RM, Watanabe K, et al, Toxicity of cigarette butts, and their chemical components, to marine and freshwater fish. Tobacco Control 2011;20:i25-i29.
[16] Ibidem.
[17] Pourchez J, Mercier C et Forest V, From smoking to vaping: a new environmental threat?, The Lancet, 2022, https://doi.org/10.1016/
[18] Curtis C, Novotny TE, Lee K, et al, Tobacco industry responsibility for butts: a Model Tobacco Waste Act. Tobacco Control 2017;26:113-117.