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Der rapide Rückgang des Erdöls löst Diskussionen über die wirtschaftliche Tragfähigkeit erneuerbarer und kohlenstoffarmer Technologien aus. Die Debatte bringt jedoch einige Missverständnisse hervor, denn die Ölkrise ist für den Übergang zu erneuerbarer Energie weitgehend irrelevant.
Einfluss auf den Energiemix
An erster Stelle steht häufig der Irrtum, dass Preisänderungen von fossilen Brennstoffen einen grossen Einfluss auf den Energiemix haben. Dem ist nicht so. Öl wird in der Regel nicht zur Stromerzeugung verwendet. Die Tatsache, dass es jetzt weniger kostet, ist somit für die meisten Stromproduzenten irrelevant. Zudem sind erneuerbare Energien in vielen Teilen der Welt so viel billiger als Kohle und Gas, dass die fossilen Brennstoffe nicht annähernd wettbewerbsfähig sind.
Auch einen Blick in die Fahrzeugindustrie – ein Sektor, der ebenfalls stark von Öl abhängig ist – zeigt, dass billigeres Rohöl die Entwicklung von Elektrofahrzeugen und somit die Geschwindigkeit der Energiewende nicht verlangsamt. Das liegt zum Teil daran, dass der Rohölpreis nur einen begrenzten Einfluss auf die Benzin- und Dieselpreise hat. In Europa beispielsweise nehmen die Steuern den Löwenanteil der Kosten für einen Liter Treibstoff ein (in der Regel mehr als 60%). Die Margen der Einzelhändler und die Raffinierungskosten machen einen weiteren grossen Teil aus, wobei der Rohölpreis nur einen kleinen Rest einnimmt.
Sobald die Wirtschaft nach der Pandemie wieder in Schwung kommt, dürften auch die chinesischen Autofahrer den jüngsten Ölpreisschock nicht allzu sehr spüren. Die Behörden in China haben eine Untergrenze für den Einzelhandelspreis von Treibstoff festgelegt. Einen grösseren Einfluss haben die Ölpreise allerdings auf die Benzinpreise in den USA, wo die Steuern niedriger sind.
Gesamtkosten haben keinen Einfluss auf Kaufentscheidung
Der zweite Fehler besteht in der Annahme, dass der Treibstoffpreis – und darüber hinaus die Gesamtkosten eines Elektroautos im Vergleich zu einem herkömmlichen Fahrzeug – ein wichtiger Faktor für die Kaufentscheidung der Autofahrer darstellt. Im Luxusbereich des Personenwagenmarktes sind die Gesamtkosten selten ein Kriterium. Entscheidet sich jemand für einen 100’000 US-Dollar Tesla, weil er 1’000 US-Dollar pro Jahr an Treibstoff sparen kann? Leistung und die Marke – und die damit verbundenen Status- und Lifestyle-Erwägungen – sind viel wichtiger.
Ebenso wenig sind die Gesamtbetriebskosten ein entscheidender Faktor für den Verkauf von Autos. Die Hersteller von Elektrofahrzeugen empfinden es als äusserst schwierig, Einzelhandelskäufer dazu zu bewegen, über den ausgeschriebenen Preis hinaus zu schauen – weshalb die Preise der neuesten Elektrofahrzeuge für die breite Masse viel näher an vergleichbaren Modellen mit Verbrennungsmotoren liegen.
Regulierung als Treiber
In Europa ist die Regulierung bei weitem der wichtigste Treiber für den Anstieg der Verkaufszahlen von Elektrofahrzeugen. Die EU verlangt seit diesem Jahr von den Autoherstellern, die durchschnittlichen CO2-Emissionen auf 95g/km zu senken. Der Verkauf von Elektrofahrzeugen wird für das Erreichen dieses Ziels entscheidend sein. Die Autohersteller werden für ihre Kunden Anreize schaffen, auf batteriebetriebene Fahrzeuge umzusteigen.
Auch in China spielt die Regulierung bei der Wahl des Fahrzeugs eine wichtige Rolle. Um die Verkehrsstaus unter Kontrolle zu bringen, verteilen die Behörden in den chinesischen Grossstädten nur eine begrenzte Anzahl an Führerscheinen und Autokennzeichen. Die Wahrscheinlichkeit, einen Führerschein für ein traditionelles Auto zu erhalten, wird in Zukunft verschwindend gering werden.
Markteinbruch als Segen für Elektrofahrzeuge
Die ernsthaften Herausforderungen der Hersteller von Elektrofahrzeugen bleiben weiterhin bestehen. Es besteht das Risiko, auf falsche Technologien zu setzen oder die unzureichende Infrastruktur von Batterieaufladestationen in den meisten Ländern zu unterschätzen – ganz zu schweigen von den unmittelbaren Auswirkungen des Coronavirus (COVID-19) auf die Autoverkaufszahlen sowie der Arbeitsabläufe der Hersteller. Fallende Diesel- und Benzinpreise zählen allerdings nicht zu deren Herausforderungen.
Nach einem schwierigen Jahr 2019 sollten sich jedoch die mittelfristigen Aussichten für die Wertschöpfungskette von Elektrofahrzeugen – von den Batterieherstellern bis hin zu den Autohändlern – aufhellen. Die Regulierung und die zunehmende Sensibilisierung gegenüber dem Klimawandel zusammen mit einer rasch anwachsenden Auswahl an Elektromodellen, kommen dem Markt zugute. Billigeres Öl mag das Umsatzwachstum in einigen der kleineren Elektroautosegmenten etwas verzögern, aber nicht ernsthaft aufhalten.
Der Wind könnte sogar drehen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn Konjunkturprogramme zur Bekämpfung des Coronavirus und der Ölkrise den Schwerpunkt auf saubere und erneuerbare Technologien legen. Sollte dies der Fall sein, könnten sich die jüngsten Markteinbrüche letztlich als Segen für die Einführung von Elektrofahrzeugen erweisen.
Deirdre Cooper ist Portfolio Manager beim Global Environment Fund von Ninety One.