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Der Liberalismus steckt in einer schweren Legitimitätskrise, nicht erst seit heute, nicht einmal erst seit dem Ausbruch der Finanzkrise, aber seit ihr ganz sicher.
Grundsätzlich sind mit Liberalismus drei Sachverhalte gemeint:
- Das Zusammenleben der Menschen sollte auf einigen wenigen Grundprinzipien basieren, in erster Linie Eigenverantwortung, Wettbewerb und Privateigentum.
- Der Staat sollte lediglich allgemein gültige Gesetze erlassen, sich aber möglichst wenig punktuell in die Abmachungen der Menschen einmischen, seien diese Abmachungen nun eher wirtschaftlicher, sozialer, politischer oder kultureller Natur.
- Die Grenzziehung zwischen dem Privaten und dem Kollektiven sollte dem Privaten grossen Raum geben und nicht alles und jedes dem kollektiven Entscheid unterwerfen, mit anderen Worten das Subsidiaritätsprinzip sollte hochgehalten werden.
Die Legitimitätskrise besteht darin, dass viele Menschen heute die freiheitliche Ordnung nicht mehr selbstverständlich akzeptieren, und zwar keineswegs nur Leute, die immer schon links politisiert haben, sondern sehr wohl Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, die nie anderes als FDP oder SVP gewählt haben. Sie zweifeln daran, dass die freiheitliche und marktwirtschaftliche Ordnung, die auf den oben genannten Prinzipien beruht, eine gute Ordnung ist, dass sie erstrebenswert ist, dass sie effizient und fair ist.
Doch welche Fairness streben wir eigentlich an? Friedrich August von Hayek betonte, dass das Konzept der Sozialen Gerechtigkeit auch deswegen problematisch ist, weil jeder und jede etwas anderes darunter versteht. Ernst Fehr von der Universität Zürich, der sich viel mit Fairness beschäftigt, zeigt zwar in seinen Experimenten im Labor, welche Teilungen und Verteilungen Durchschnitte oder Mehrheiten als fair empfinden, aber zugleich eben auch, dass es jeweils Abweichungen von den mittleren Vorstellungen gibt. Die von einem Durchschnitt oder einer Mehrheit als fair empfundene Verteilung ist eine wackelige Grundlage für die Definition gesellschaftlicher Fairness.
Eine vielversprechendere Basis ist daher der Begriff der Verantwortung. Die meisten Menschen empfinden es als unfair, wenn das Prinzip der Haftung ausgehebelt wird, wenn Menschen nicht für die Folgen ihres Tuns gerade stehen müssen, wenn asymmetrische Lohnstrukturen Tüchtigkeit und Glück grosszügig belohnen, Fehlentscheide und Unachtsamkeit dagegen nicht oder kaum bestrafen.
Wer haftet, trägt Verantwortung. Und in einer freien Gesellschaft sollten die Menschen Verantwortung wahrnehmen. Sie sollten nicht vor jeglicher Unbill geschützt werden, sie sollten die Konsequenzen ihres Tuns tragen.
Diese Gedanken stammen aus einem Vortrag von Gerhard Schwarz bei der «Aargauischen Stiftung für Freiheit und Verantwortung» im Oktober 2013. Lesen Sie nächste Woche über die enge Beziehung zwischen Verantwortung und Freiheit.