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Um in die DDR zu gelangen, muss man nur zweimal von der Hauptstrasse abbiegen. Beim grossen Kreisel gehts nach links, dann bei der „Pulpería Gonzalez“ um die Ecke und schon ist man da: „Alemania Democrática“ heisst das Viertel am Rande des grossen Sees von Managua, Nicaraguas Hauptstadt. Schade nur, dass kein einziger Deutscher im Unterschichtsviertel mit den erstaunlich sauber gehaltenen Strassen lebt.
Ihren Namen verdankt die nicaraguanische Ausgabe der „Alemania democrática“ ihrem grossen Bruder, offiziell „República Alemana Democrática“ („Deutsche Demokratische Republik“) genannt. Das kam so: Anfang der Achtzigerjahre – Nicaragua hatte soeben die Sandinisten-Revolution hinter sich und der Umbau der Wirtschaftsordnung war in vollem Gang – schickte die DDR im grossen Stil Entwicklungshilfe ins zentralamerikanische Land. Ein Teil der Nahrungsmittel und Baumaterialien landeten im kleinen Armenviertel gleich neben der international bekannten Riesen-Müllhalde „La Chureca“. Als Dank für die Unterstützung benannten die Bewohner ihr „Barrio“, das sich in diesen Jahren rapide veränderte, nach dem Vorbild aus dem fernen Europa.
Es blieb nicht beim Namen. Im lokalen Schulhaus hefteten sie die das Emblem der DDR an die Wand und in manchen Häusern wehte gar die Flagge, wie sich die Bewohner erinnern. Davon bleibt heute freilich nichts übrig – wäre es nicht des Namens wegen, würde sich die „Alemania Democrática“ kaum von anderen Vierteln der überall verstörend gleich aussehenden Grossstadt Managua unterscheiden.
Fast hätten sie ihr auch noch ihre Identität genommen. „Als die DDR zusammenbrach, wollten die Behörden den Namen unseres Viertels ändern und durch den eines historischen Helden ersetzen“, erinnert sich Yamileth Pérez, eine Sozialarbeiterin des Viertels, „doch wir widersetzten uns. Niemand wird uns unseren Namen stehlen!“
Das Vorzeigeprojekt
Die „Alemania Democrática“ ist nicht die einzige nicaraguanische Verbindung zu einem Staat, der längst von der Weltkarte verschwunden ist. Die andere steht an der Carretera del Norte, vom Siemens-Gebäude zwei Blocks nach Süden, wie man es dem Taxifahrer, der wie alle keine Strassennamen kennt, erklären müsste. Sie heisst: „Hospital Alemán Nicaraguense“ oder auch einfach nur „HAN“. Diesen Namen hat das „deutsch-nicaraguanische Krankenhaus“ aber erst 1993 angenommen, zuvor hiess es ideologisch kohärent „Hospital Carlos Marx“.
Denn auch beim Krankenhaus, gar mehr noch als beim Strassenviertel, gilt: Ohne die Hilfe der DDR würde es nicht existieren. Das 1985 gegründete „Carlos Marx“ war während Jahren DAS Vorzeigeprojekt der ostdeutschen Entwicklungshilfe, praktisch der gesamte Aufbau wurde mittels Spenden aus der DDR finanziert. Doch nicht nicht Zelte und OP-Container wurden aus dem fernen Europa angeliefert, auch das Personal setzte sich massgeblich aus der deutschen Solidaritätsbewegung zusammen.
Hunderte Ärzte und Krankenschwestern leisteten ihren Dienst im „Carlos Marx“ und auch die drei ersten Direktoren sprachen deutsch. Dabei ging es um weit mehr als um rein medizinische Hilfe: „Wir pflegen noch immer Freundschaften, die in dieser Zeit entstanden sind. Es war eine der besten Zeiten meines Lebens“, sagt Michael Funke, der 1988 als junger Arzt nach Nicaragua reiste und heute in den USA arbeitet.
Die Behörden verweigern die Auskunft
Die Arbeitsumstände waren dabei alles andere als einfach: Im Land tobte der Guerilla-Krieg zwischen den Regierungstruppen und den Contra-Rebellen und im Krankenhaus fehlte trotz der Lieferungen aus der DDR manch medizinisches Gerät. Die Ärzte operierten teilweise bei gegen 40 Grad. Dennoch half das Krankenhaus, die Gesundheitsversorgung in einem der ärmsten Stadtteile Managuas entscheidend zu verbessern.
Das „Hospital Aléman Nicaragüense“ steht noch immer – und gilt als eines der wichtigsten Gesundheitszentren des Landes. Gerne hätten wir ein paar aktuelle Zahlen über Betten, Operationen und Mitarbeiter erfahren und vor allem wissen wollen, ob es im „HAN“ noch Relikte aus der DDR gibt. Die konsequente Informationsverweigerungspolitik der nicaraguanischen Behörden funktionierte jedoch einwandfrei. Im Krankenhaus selbst hat niemand die Befugnis, mit Journalisten zu sprechen. Es wird aufs Gesundheitsministerium verwiesen. Dort nimmt die zuständige „Informationsbeauftragte“ zwar Emails und Anrufe entgegen, flüchtet sich dann aber mit bewundernswerter Dreistigkeit in Ausreden wie „die Direktorin ist gerade besetzt“ oder „Sie werden die Informationen spätestens morgen kriegen“. Passiert ist auch nach Wochen (ja, Wochen!): nichts.
Karl Marx grüsst aus dem Kasten
Also bleibt nichts anderes übrig, als sich auf veraltete Zahlen und auf die Schilderungen von Ehemaligen zu verlassen. Die sind schon genug eindrücklich: Das Einzugsgebiet des „HAN“ umfasste 2005 nicht weniger als 600‘000 Personen, heute dürften es noch mehr sein. Die Anzahl Betten betrug damals zwischen 260 und 280 und es gab insgesamt 23 Gesundheitszentren oder –posten innerhalb des Krankenhauses. In den 30 Jahren seit der Eröffnung im Jahr 1985 kamen 111‘000 Kinder zur Welt und 315‘000 Personen wurden medizinisch behandelt. „Was sie mit den vorhandenen Mitteln leisten, ist unglaublich“, sagt Doktor Funke. Dank deutscher Spenden wurde 2009 zudem eine ganze neue Intensivtherapie-Station aufgebaut.
Vom ursprünglich hergeschifften medizinischen Material bleibt im Spital offenbar nichts mehr übrig, von den Gebäuden stammen aber weiterhin viele aus DDR-Zeiten. Und wenn man genug lange sucht, findet man sogar im Krankenhaus mit dem mittlerweile unverdächtigen Namen sogar historische Schätze. Arzt Michael Funke: „In irgendeinem Schrank wird die Büste von Karl Marx gehütet. Bei besonderen Gelegenheiten holen sie diese dann hervor.“