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Anna Miotto und Fridays for Future
«Die Coronakrise hat die Bewegung gebremst.»
«Vor dem ersten Klimastreik ich ging zu meiner Lehrerin», erzählt Anna Miotto. «‹Angenommen, ich würde heute Nachmittag streiken›, fragte ich sie, ‹was würden Sie mir empfehlen?›» «Melden Sie sich krank», erhielt sie zur Antwort, «so ist es am einfachsten.» Das war am 21. Dezember 2018. Es gab damals noch keine Regelung, wie das «Schwänzen» für den Klimastreik zu taxieren sei. Erst später gründete Miotto an der Kanti Wil eine Klimagruppe. Nun gab es eine Regelung: Wer streikte, musste die Lektionen kompensieren.
Miotto kam im Herbst 2018 über Chatgruppen mit der Klimabewegung in Kontakt. «Da mache ich mit», entschied sie sich. So half sie, den ersten Klimastreik in St. Gallen zu organisieren. Seither gehört sie zum Medienteam, organisiert Veranstaltungen, nimmt an Sitzungen und Diskussionen teil, schreibt Protokolle und betreut soziale Medien. Die Bewegung achte darauf, die Aufgaben zu verteilen, damit niemand zu viel Macht erhalte.
Inlandflüge sind ein Dorn im Auge
Wie hat ihr Umfeld auf ihr Engagement für das Klima reagiert? «Plötzlich begannen sich die Leute mir gegenüber zu rechtfertigen, obwohl ich sie gar nicht kritisiert hatte.» Etwa, weil sie Fleisch kauften. Dabei wolle sie den Leuten gar nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben. Sie setze sich dafür ein, dass alle die Möglichkeit haben, umweltbewusst zu leben. «Die Klimakrise soll von denen getragen werden, die sie verursacht haben.» Das seien Grosskonzerne und Banken. Sie verurteile aber nicht die Auslandschweizerin, die einmal im Jahr in die Schweiz fliege, um ihre Familie zu besuchen. Aber sie störe sich daran, dass Bundesrat Ignazio Cassis von Bern nach Zürich das Flugzeug genommen habe.
Die Umwelt ist Miotto wichtig. Einen perfekten Lebensstil pflegt sie deswegen aber nicht. «Wenn es mir sehr schlecht geht, gehe ich auch mal in den McDonald’s und esse einen Burger», erzählt sie unumwunden, obschon sie sich sonst vegetarisch ernähre. Da müsse sie sich manchmal Kommentare anhören, etwa von ihrer Mutter: «Du bist ja gar keine richtige Vegetarierin.» Doch nur, weil sie in seltenen Fällen eine Ausnahme mache, müsse sie ja nicht das ganze Engagement in Frage stellen. «Menschen sind nun mal nicht perfekt.»
Begeistert von Raketentriebwerken
Mittlerweile hat Miotto die Kanti abgeschlossen und studiert Maschinenbau an der ETH in Zürich. Was fasziniert sie an Maschinen? «Ich liebe Züge, Flugzeuge und Raketen», erzählt sie. Ein Bekannter studiert Raumfahrttechnologie in England. Als er ihr erklärte, wie ein Raketentriebwerk funktioniert, war sie Feuer und Flamme. Doch auch Züge haben es ihr angetan. Besonders der ICN. «Er sieht extrem cool aus», schwärmt Miotto, «und die ganze Neigetechnologie steckt im Boden drin. Leider halte er nicht mehr in Uzwil, bedauert sie. Früher habe sie manchmal gar extra einen Zug ausgelassen, um mit dem ICN fahren zu können.
Wo sieht sie denn die Klimabewegung in zehn Jahren? Die Coronakrise habe die Bewegung gebremst, findet Miotto. Denn die Bewegung sei ja quasi auf der Strasse entstanden. Zudem sei man sich innerhalb der Bewegung immer einig gewesen, die Schutzbestimmungen einzuhalten. «Ich bin aber überzeugt, dass die Klimabewegung auch in zehn Jahren eine Rolle spielt und ihre Hauptforderung in die Politik trägt: Dass die Schweiz bis 2030 nur noch so viele Treibhausgasemissionen ausstösst, wie sie aufnimmt.» Nun muss Miotto aber los. Sie stapft durch die winterliche Kälte und den Schnee zum Bahnhof. Um 11.28 Uhr fährt der ICN nach Zürich. Den will sie nicht verpassen.
Stefan Degen, kirchenbote-online