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Geschichte
Zwischen Wissenschaft und Politik
Die wissenschaftliche Erforschung des Reichslandes Elsaß-Lothringen ist lange vernachlässigt worden und kommt erst in den letzten Jahren langsam in Gang. Bezeichnend dafür ist die Tatsache, dass die 1991 an der Universität Frankfurt am Main angenommen Dissertation von Stephan Roscher über die Kaiser-Wilhelm-Universität in Straßburg ohne Änderungen 2006 erscheinen konnte, weil keine weiteren wesentlichen Forschungsergebnisse in den vergangenen 15 Jahren hinzugekommen sind! Dabei bietet die (Wissenschafts-) Geschichte der Straßburger Universität ein einzigartiges Forschungsobjekt und einen idealen Mikrokosmos der reichsländischen Problematik: das Verhältnis zwischen Altdeutschen und Einheimischen, Protestanten und Katholiken sowie die Stellung zwischen Reich und Region.
Roschers Entscheidung seinen Untersuchungszeitraum von der Gründung der Reichsuniversität 1872 bis zur Einrichtung der katholisch-theologischen Fakultät 1902 zu begrenzen, ist durchaus verständlich - er blickt freilich immer wieder bis zum Ende 1918, was die Steckung des größeren Zeitrahmens wünschenswert erscheinen lässt. Inhaltlich teilt sich die Studie nach einer Einführung in die Landesgeschichte in zwei Blöcke: im ersten beschäftigt Roscher sich mit den Absichten bei der Gründung, dem Charakter und der historischen Entwicklung der Universität, im zweiten mit ihren Geisteswissenschaftlern und hier insbesondere mit deren Verhältnis zur Region.
Dabei arbeitet er heraus, dass die Gründung der "Reichsuniversität", die erst 1877 den Namen "Kaiser-Wilhelm-Universität" erhielt, als ein Tribut an den Zeitgeist aufzufassen ist. So wie die Idee der Gründung eines neuen deutschen Reiches mit Macht vor allem von der deutschen Professorenschaft vorgetragen und gefordert wurde, so ist die Errichtung einer deutschen Universität in dem eingegliederten Gebiet nur als eine logische Konsequenz zu sehen.
Die auch als "Burg der Weisheit am Rhein" bezeichnete Universität knüpfte dabei durchaus an die elsässische Wissenschaftstradition an, erhielt aber ebenso den ideologischen Auftrag der (Re-) Germanisierung.
Für ihre Aufgabe erhielt sie eine gut besoldete und auffallend junge Professorenschaft (Durchschnittsalter 40 Jahre), die bald eine rege Forschungstätigkeit entwickelte und sowohl national als international höchste Beachtung fand. Die Universitätsbibliothek war zudem bestens ausgestattet worden.
Die neue Universität übernahm keine alten Zöpfe, sie war modern: sie verzichtete auf eine eigene akademische Gerichtsbarkeit, übersteigerte Titulaturen (die Professoren lehnten öffentlich den sonst üblichen Titel "Geheimrat" ab) und Amtstrachten. Neu und von anderen Universitäten bald übernommen war auch die Einrichtung von Seminaren und die Eigenständigkeit von Studienfächern (Geographie) sowie die einer modernen philosophischen Fakultät (Mathematik und Naturwissenschaften bildeten eine eigene Sektion).
Und schließlich war Straßburg selbst keine typische Universitätsstadt. Während Soldaten ca. 10% der Einwohner ausmachten, fielen die wenigen hundert Studenten kaum auf. Sie kamen meist von anderen Universitäten auf diese "Arbeitsuniversität", um ihr Studium abzuschließen. In den späten 1890er Jahren waren die Studentenzahlen gestiegen und immerhin waren 50% der Studierenden Einheimische, was auf die Akzeptanz der Universität auch im Reichsland schließen lässt.
Roschers Methode ist vom biographischen Ansatz geprägt, er skizziert Lebensläufe und Positionen von Wissenschaftsverwaltern und Wissenschaftlern, definiert ihre Stellung in und ihre Bedeutung für die Universität. Die rege Regionalforschung durch die Straßburger Professoren der Geisteswissenschaften zeigt nicht nur deren durchaus von nationalen Kreisen erwünschten Einfluss, sondern vielmehr ebenso die stetige Verwurzelung sowohl der Professorenschaft als auch der einzelnen Professoren im Reichsland.
Die gut lesbare und akribische Studie schneidet zwar viele weitere Aspekte nur an, die einer vertiefenden Betrachtung noch harren, gleichwohl ist mit ihr ein wichtiger, erster Schritt zur Erforschung der reichsländischen Straßburger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte erfolgt. Leider befindet sich der Fußnotenapparat nicht am Ende der Seiten, sondern des Gesamttextes, so dass immer wieder ein eigentlich überflüssiges Vor- und Zurückblättern nötig ist.
Es bleibt mit Roscher zu hoffen, dass eine Untersuchung des Zeitraumes von 1903 bis 1918 folgen wird, um festzustellen, ob und inwieweit sich die Entwicklungsprozesse nach der Errichtung der katholischen Fakultät fortgesetzt haben. Ebenso sind vergleichbare Studien über andere Universitäten wünschenswert.