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Das Leben schreibt die besten Geschichten. Und so ist es auch mit ehrwürdigen Häusern, die mit einer spannenden Historie aufwarten können. Die Villa Marguerita in Zuoz im Oberengadin ist solch ein Zeitzeugnis der besonderen Art. Auf den Grundmauern eines Bauernhauses, dessen Ursprünge bis ins Jahr 1542 zurückreichen, wurde 1911 von dem renommierten St. Moritzer Architekten Nicolaus Hartmann ein stattliches Domizil mit über 700 Quadratmetern Wohnfläche im Bündner Heimatstil erbaut. Der Elektriker, Unternehmer und Auftraggeber Ernst Egli, der es in der Pionierzeit der Elektrifizierung zu einem beachtlichen Vermögen gebracht hatte, nutzte es als Wohn- und Arbeitsstätte und vermietete etliche Zimmer an eine wohlhabende Klientel dieser Zeit. Der Name des Hauses erinnert an seine verstorbene Verlobte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es als hochalpines Töchterinstitut geführt, bis ab 1924 wieder Wohnungen an Feriengäste vermietet wurden. Im Jahr 1963 starb Ernst Egli. Der schwer erkrankte Unternehmer vermachte das Haus noch zu Lebzeiten den Ordensschwestern eines Spitals mit dem Stiftungszweck, dass die Diakonissinnen das Anwesen in der hochalpinen Berglandschaft als Erholungsheim nutzen. Ein kleines Ferienhaus daneben überliess er seiner Familie. Im Jahr 2007 kam erneut ein Wendepunkt: Der Orden informierte die Stiftung, dass er das Objekt finanziell nicht mehr tragen könne. Für eine komplette Sanierung, die inzwischen dringend nötig war, fehlte das Geld. Bald darauf kontaktierten sie die Nachkommen ihres Gönners. Jetzt bot sich den Geschwistern Ursula und Robert Egli, die hier oft ihre Ferien verbrachten, die Chance, die Villa ihres Grossvaters zurückkaufen.
Anschliessend begann die Ideenfindung. Was tun mit dem grossen Anwesen? In ein Hotel verwandeln, Ferienwohnungen daraus machen oder ein Bed & Breakfast eröffnen? Im Jahr 2008 beauftragten beide das ortsansässige Architekturbüro Christian Klainguti und Gian-Reto Rainalter, die reiche Erfahrung mit der Sanierung alter Häuser in dieser Gegend haben, mit der grundlegenden Sanierung – ohne in die historische Bausubstanz einzugreifen. Die gesamte Technik, die Böden und die meisten Wandbeläge waren in einem desolaten Zustand. «Die Geschichte des Hauses sollte erhalten und behutsam an das 21. Jahrhundert angepasst werden», erzählt der Hausherr, der lange in der Holzbranche tätig war. Bei dem Projekt machte auch Petra Brütsch mit, eine langjährige Freundin Robert Eglis.
Nach vielen Gesprächen bei erlesenen Weinen und gutem Essen reifte der Entschluss, eine gemischte Nutzung zu realisieren. Neben den Privaträumen sollten zwei Wohnungen, die fest vermietet werden, einige Ferienapartments und ein Gästehaus entstehen. Das Besondere bei Letzterem: Petra Brütsch und Robert Egli bieten den Besuchern zusätzlich verschiedene Kurse für die Freizeitgestaltung an.
«Diese Hommage an das dänische Designgenie Finn Juhl findet man in der Schweiz nicht noch einmal.»
«Wir wollen Menschen zusammenbringen und einen kreativen Austausch ermöglichen», sagt Petra Brütsch. «Es sollte ein frischer Wind in das traditionsreiche Gebäude kommen.» Die beiden haben sich beim Fliegenfischen kennen gelernt. Warum nicht die Gäste damit vertraut machen, in einer Gegend mit verträumten Bergseen, dem Inn und zahlreichen Wildbächen? In den sauerstoffreichen Gewässern tummeln sich reichlich Äschen, Bachforellen und Saiblinge. Erfahrene Fotografen lehren die Gäste die Kunst der Fotografie, und Künstler aus der Region führen die Besucher an verschiedene Maltechniken heran. Wer hier übernachtet hat und das selbst gebackene und noch leicht warme Brot aus dem Ofen serviert bekam, die köstlichen Marmeladen oder gar ein Rührei mit frisch geriebenen Trüffeln probieren durfte, wird sich beim nächsten Mal vielleicht für einen Kochkurs anmelden. Die edlen Pilze sind nicht etwa aus einem Gemüseladen in St. Moritz, sondern Trüffelhund Jiaru, ein italienischer Lagotto Romagnolo, «findet die wertvollen Exemplare mit seiner feinen Nase im Unterland, wenn ich dort durch die Wälder streife», verrät Petra Brütsch. Die Kulinarik wird hier zwanglos zelebriert, was auf den Tisch kommt, erfüllt höchste Ansprüche. Alles ist klein und fein.
Käse aus der Region, sortenreiner Apfelsaft oder edler Schinken aus dem Rauch. Auch beim Interieur spürt man den erlesenen Geschmack. Ihren Sinn für das Schöne hat Petra Brütsch von ihrer Mutter, die als Künstlerin tätig war und sie als Kind immer in Museen mitnahm. Das Faible für Mid-Century-Raritäten teilt das Paar. Im Flur des Erdgeschosses lässt sich erahnen, welche Trouvaillen der Designgeschichte hier versammelt sind, die man in der historischen Villa mit ihren schokoladenbraunen Holzfensterläden von aus-sen nicht vermuten würde.
Von Finn Juhls «Pelican»-Sessel aus dem Jahr 1940 mit seiner expressiven organischen Form, dessen gebogene Rückenlehne an einen Pelikan erinnert, schweift der Blick in die Engadiner Berglandschaft. Das avantgardistische Statement-Piece, über das der dänische Designer einst sagte, «ein Stuhl ist nicht nur das Produkt dekorativer Kunst in einem Raum, er selbst ist Form und Raum», zieht die Blicke auf sich. Gegenüber steht das filigrane «Odin»-Sofa von Konstantin Grcic. Als perfektes Pendant fungiert Sebastian Herkners runder «Bell»-Beistelltisch.
Von der klassischen Zirbelstube mit Kachelofen, die nicht verändert wurde und in der gefrühstückt und gegessen wird, kann man schon die nächsten Raritäten erspähen: In ihrem Lese- und Rückzugszimmer kombinierten Petra Brütsch und Robert Egli zwei grasgrüne Retrosessel mit Veloursbezug des deutschen Architekten und Möbeldesigners Herbert Hirche mit dem Stapelhocker «Little Tom». An der Wand hängt ein Gemälde des Hamburger Künstlers Michael Bauch. Die Holzböden restaurierte der Eigentümer selbst. Aus den ehemaligen Pitchpine-Dielen liess er Stabparkett fertigen und verlegte es in elegantem Fischgratmuster. Auf der anderen Flurseite liegen die Profiküche und das private Schlafzimmer.
«Wir wollen Menschen zusammenbringen und einen kreativen Austausch ermöglichen.»
Das Ensuite-Wohnzimmer beherbergt ausschliesslich aussergewöhnliche Reeditionen von Finn Juhl wie das kapitonierte «Poet»-Sofa von 1941 und den «Eye»-Tisch aus schwarzem Glas mit Teakgestell. Die zeitlosen Entwürfe faszinierten die Bewohner so sehr, dass sie ihnen diesen Raum widmeten. «Diese Hommage an das dänische Designgenie findet man in der Schweiz nicht noch einmal», sagt Petra Brütsch. Der «Circle»-Teppich mit dem grafischen Muster zoniert die Sitzecke vor dem Zirbenholz. Gegenüber positionierten die Besitzer Juhls exklusive Japan-Serie. Die Erhabenheit in der Bescheidenheit charakterisiert die Entwürfe von 1957, die von japanischen Bautechniken inspiriert sind. Durch die zierlichen Polsterungen und filigranen Gestelle wirkt das Zimmer trotz vieler Designikonen keinesfalls überladen.
Die drei Gästezimmer im neuen, eingeschossigen Trakt, der durch einen Innenhof mit der Villa verbunden ist, überzeugen ebenfalls durch ihre Einrichtung mit wenigen ausgesuchten Möbeln. Das Architekturbüro ordnete die Räume versetzt an, damit jeder einen privaten Sitzplatz mit einem traumhaften Blick auf den Inn erhielt. Sichtwände aus Beton und eine eingefärbte Spachtelmasse auf dem Boden sind Zeugnisse heutiger Baukultur. Alle Bäder wurden mit satinierten Glaselementen abgetrennt. Durch nach Süden ausgerichtete Oberlichter flutet das natürliche Licht in die Duschen und erhellt zusätzlich die Schlafbereiche. Auf dem Flachdach liessen die Besitzer einen Garten mit Hochbeeten anlegen. Flusssteine aus dem nahegelegenen Inn, die auf dem Boden verlegt wurden, verbinden die beiden Gebäude optisch und ziehen sich durch den Neubau bis in das moderne Wannenbad mit eigener Sauna. Sie verleihen dem Aussenbereich auch auf über 1700 Metern ein südliches Flair. Einige schlaflose Nächte bereitete dem Paar die Gestaltung der fensterlosen Aussenwand des neuen Baukörpers. Von der ersten Idee, sie einfach zu begrünen, nahmen beide bald Abstand. Beat Zoderer, ein befreundeter Künstler aus Zürich, schlug vor, die kahle Fläche mit farbigen Elementen zu gestalten. Nach seinem Entwurf wurde der Beton tagelang mit einem Presslufthammer bearbeitet. Die Erhebungen, die an Fliesen erinnern, liess er mit roten, gelben, grünen und blauen Streifen bemalen. Es war seine Idee, zusätzlich ein grosses Wasserbecken aus Beton zu giessen, in dem sie sich bei Sonnenschein spiegeln. Und in der warmen Jahreszeit geniesst dann nicht nur Petras Tochter Felicitas ein kühles Fussbad im glasklaren Nass, sondern auch Freunde und Gäste.