Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03488.jsonl.gz/2068

Schauspielerei will gelernt sein
- Donnerstag, 24. Januar 2013, 18:48 Uhr
Wie schaffen es Schauspieler, sich auf der Bühne oder vor der Kamera in einen fremden Charakter zu versetzen und diesen möglichst natürlich darzustellen? Ein eindeutiges Rezept gibt es nicht.
Marilyn Monroe, Dustin Hoffman, Angelina Jolie und viele weitere Hollywood-Stars haben eines gemeinsam: Nicht nur, dass sie sich durch eine einzigartige schauspielerische Leistung auszeichnen, viele von ihnen lernten die Kunst des Schauspiels nach dem Prinzip des Method Acting, bei welchem die reale Persönlichkeit des Schauspielers im Mittelpunkt steht. In jeder gespielten Situation sollten echte Gefühle aus dem emotionalen Gedächtnis abgerufen werden können – und zwar immer wieder. Einige der renommiertesten Schauspielschulen lehren nach dieser Methode.
Der Begründer, Lee Strasberg, dürfte sich heute über die Popularität seiner Methode freuen. Er selbst war zu Lebzeiten eher bescheiden und propagierte das Method Acting nie als eigene Erfindung, sondern führte es auf eine Weiterentwicklung der Lehre seines Mentors Konstantin Stanislawski zurück. Stanislawski war ein russischer Schauspieler und Regisseur, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Theorien zum Schauspiel niederschrieb. Er befasste sich mit dem Verhältnis vom «persönlichen Ich» in der realen Welt und dem «künstlerischen Ich» des Schauspiels.
Heisse und kalte Schauspieler
Seither entwickelte sich eine ganze Reihe von Schauspieltheorien, wobei oft zwei verschiedene Typen von Schauspielern unterschieden werden: Der «heisse» Schauspieler bringt seine eigenen Gefühle zum Ausdruck, wobei er in persönlichen Erfahrungen danach sucht. Der «kalte» Schauspieler versucht Gefühle künstlich herzustellen, indem er Gestik, Mimik oder Handlungsabläufe der zu spielenden Situation immer wieder wiederholt.
Roger Lille, Leiter der Professur Kulturvermittlung und Theaterpädagogik an der Fachhochschule Nordwestschweiz, betont: «Es ist zwar wichtig, echte Gefühle zu zeigen, um authentisch zu wirken, genauso wichtig ist es aber, eine Distanz zum fiktiven ‚Ich‘ zu wahren. Eine vollständige Identifikation des Schauspielers mit seiner Rolle ist gefährlich, da starke schauspielerische Emotionen das reale Leben beeinflussen können.»
Die beste Methode
Eignet sich eine Methode besonders gut? Peter Ender ist Schauspieldozent an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK. Eine bessere oder schlechtere Methode das Schauspiel zu lernen, gebe es seiner Meinung nach nicht. In seinem Unterricht hat er eine eigene Arbeitsweise entwickelt. Er geht individuell auf seine Schüler ein und versucht das Schauspiel nicht nach einem festgefahrenen Schema zu vermitteln. «Das Talent und die persönliche Herangehensweise der Schauspieler sollen berücksichtigt werden», sagt Ender.
«In der heutigen Zeit verliert vor allem das Theater den psychologischen Ansatz. Es wird immer öfter improvisiert. Klassische Schauspielmethoden wie Stanislawski verlieren an Gewicht», sagt Lille. Er selbst arbeitet immer öfter mit nicht fertigen Stücken und lässt den Schauspielern Raum für Improvisationen.