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Alexandria
(Alexandreia), eine von Alexander d. Gr. 331 v. Chr. gegründete und nach ihm benannte Stadt an der Küste von Unterägypten, jahrhundertelang eine der glänzendsten Großstädte des Altertums und als Pflegerin der Wissenschaften berühmt. Der Sage nach hatte dem Eroberer im Traum ein Greis die Verse Homers recitiert:
»Eine der Inseln liegt in der weit aufwogenden Meerflut
Vor des Ägyptos Strom, und Pharos wird sie geheißen" -
und so die
Lage der zu erbauenden Stadt bestimmt. Sie nahm den sandigen
Streifen zwischen dem
Meer und dem
Strandsee
Mareotis ein und war vom
Baumeister
Deinokrates angelegt. Ihr
Umfang betrug an 19 km. Die vorliegende
Insel
Pharos war
mit dem
Festland durch einen mächtigen, 7 Stadien (1290 m) langen
Damm (Heptastadion) verbunden, welcher den
Hafen in eine westliche (Eunostos) und eine östliche Hälfte (den sogen.
Großen
Hafen) teilte. Diese Häfen sind noch die
der jetzigen Stadt
Alexandria; das tief und fest begründete Heptastadion ist durch die vom
Meer angeschwemmten
Gerölle und Schuttmassen
zu einer etwa 500 m breiten
Landzunge geworden, die
Kanäle aber, welche die Häfen ehedem verbanden, sind
längst angefüllt.
Auf der Ostspitze der Insel Pharos erhob sich, von Sostratos unter Ptolemäos I. im 3. Jahrh. v. Chr. erbaut, der berühmte, 160 m hohe, aus acht Stockwerken bestehende Leuchtturm, dessen Leuchte auf 300 Stadien (50-60 km) den Schiffen sichtbar war. Das prächtigste Quartier der Stadt war das sogen. Brucheion oder Basileia, das den »großen Hafen« von S. einschloß und alle zur königlichen Residenz gehörigen Bauwerke umfaßte. Hier stand das weltberühmte Museion, der Brennpunkt des geistigen Lebens für mehrere Jahrhunderte, mit der großen, angeblich 700,000 Rollen [* 3] starken Bibliothek (s. unten, S. 331); weiter nach der Küste hin der Tempel [* 4] des Poseidon [* 5] und das Theater. [* 6] Am östlichen Ende des Brucheion ragten die sogen. Nadeln der Kleopatra [* 7] empor, zwei schlanke Obelisken aus dem 16. Jahrh. v. Chr., von denen der eine seit 1878 in London, [* 8] der andre seit 1880 in New York sich befindet. Im S. des Brucheions stand das prunkvolle Gymnasion mit 200 m langen Säulenhallen und ostwärts davon, vor dem Kanoposthor, der große Hippodrom (die Rennbahn). Im SW. der Stadt lag das Serapeion, nächst dem Kapitol in Rom [* 9] das prachtvollste Gebäude seiner Art in der damals bekannten Welt (mit einer zweiten wertvollen Bibliothek von 200,000 Rollen), in dessen weiten Räumen zu Anfang des 4. Jahrh. n. Chr. ein römischer Präfekt, Pompejus, zu Ehren des Kaisers Diokletian eine imposante Säule errichtete, die noch heute, gewöhnlich Pompejussäule benannt mitten unter Schutthügeln aufrecht steht, ein riesenhafter Monolith aus rotem Granit von 20 m Höhe und 2½ m Durchmesser.
Sie gehört zur korinthischen
Ordnung und erreicht mit
Fußgestell und
Knauf
[* 10] eine Gesamthöhe von fast 32 m.
Auf ihr wurden auf
Napoleons I. Befehl die
Namen der beim
Sturm auf die Stadt gebliebenen französischen
Soldaten eingezeichnet,
die an ihrem
Fuß beerdigt liegen. Den
Mittelpunkt der gesamten Stadt bildete der ungeheure Platz, auf
dem sich die beiden über 30 m breiten Hauptstraßen
Alexandrias rechtwinkelig schnitten;
Reihen großer Schutthaufen, einzelne
Säulen
[* 11] und zahlreiche
Zisternen deuten noch jetzt den
Lauf dieser Hauptstraßen an. Im W. lag die große (unterirdische) Gräberstadt
(Nekropolis), bis zu dem sogen.
Bade der
Kleopatra sich erstreckend.
Die
Hunderte der noch immer vorhandenen
Zisternen zeugen noch heute von der
Größe des alten
Alexandrien.
Unter den aufgetürmten Schuttmassen mögen noch ansehnliche Reste der großen Vorzeit verborgen liegen; mit vielen der alten
Marmor- und Granitwerke hat sich
Rom ausgestattet und nachmals Byzanz, über andre flutet das
Meer. Bei der Besitznahme der
Römer
[* 12] zählte
Alexandria nahezu eine
Million Einwohner, und ein seltsames Gemisch von Völkern war hier zusammengedrängt: Griechen
(die
Mehrzahl), Ägypter und zahlreiche
Juden;
daneben Leute aus allen Gegenden der damals bekannten Welt, Schwarze und Weiße, die der Handel oder die Sklaverei hierher führte, endlich als Befehlende Römer.
Vgl.
Kiepert,
Topographie
des alten
Alexandria (Berl. 1872).
Das jetzige
Alexandria (arab.
Iskanderieh, s. beifolgenden Stadtplan), Haupthafen und erste Handelsstadt
Ägyptens, ist nächst
Kairo
[* 13] die größte und blühendste Stadt des
Landes, nimmt aber nur etwa ein Drittel von dem
Raum des alten
Alexandria ein, nämlich die
frühere
Insel
Pharos und die sie mit dem
Festland verbindende
Landzunge (das alte Heptastadion). Zu beiden
Seiten der letztern liegen die beiden Häfen: westlich der alte oder afrikanische, östlich der neue oder asiatische
Hafen,
beide jetzt allen
Nationen offen stehend, während bis Anfang dieses
Jahrhunderts die fremden christlichen
Schiffe
[* 14] nur in den
nicht hinlänglich sichern neuen
Hafen einlaufen durften.
Alexandria ist keine eigentlich orientalische Stadt,
es bildet ein Gemisch von
Orient und
Occident, wobei jedoch der europäische
Charakter mehr und mehr zur Geltung gelangt.
Die Straßen des ältern (türkischen) Stadtteils sind ungepflastert, im Winter daher äußerst schmutzig, fast ungangbar, die Häuser entweder aus Backsteinen und rotem Lehm oder aus weißem Sandstein mit Mörtel gebaut, zwei, höchstens drei Stockwerke hoch, mit flachen Dächern, die Thüren nach der Straße zu verschlossen, die Fenster vergittert. Die mehr in die Augen fallenden Gebäude, wie der Palast des Chedive, das Zollhaus, das Marinearsenal u. a., sind sämtlich Werke Mehemed Alis.
Das auffälligste Gebäude ist das auf der ehemaligen Pharosinsel (wahrscheinlich an der
Stelle des alten
Leuchtturms) stehende
Kastell, wo sich auch seit 1842 der neue, 55 m hohe
Leuchtturm erhebt, der auf 30 km sichtbar ist. Die
Stadt ist nach der
See- und Landseite hin durch
Befestigungen verteidigt. Die
Mauer, welche sie umschließt
und durch etwa 100
Türme und
Bastionen flankiert wird, ist die nämliche, welche die Araber nach der Zerstörung des alten
Alexandria errichteten. Das immer mehr wachsende und sich ausdehnende
Quartier der
Franken, in dem alljährlich palastartige Neubauten
entstehen, zumal um den Platz
Mehemed Ali (auch Platz der
Konsuln) mit der
¶
mehr
Reiterstatue Mehemed Alis in Erzguß, drängt die Stadt der Einheimischen immer mehr in den Schatten.
[* 16] Hier hat sich ein völlig
europäisches Leben entwickelt mit Gasbeleuchtung, glänzenden Läden, Kaffeehäusern, Theatern, Hotels; hier haben die Klubs und
Vereine (»Deutscher Verein«) ihren Sitz, hier liegen die europäischen Spitäler (deutsches Diakonissenhaus). Jeder europäische
Handelsstaat hat in
Alexandria eine kleine Kolonie unter einem Konsul; alle Religionen genießen Schutz und Freiheit,
und alle christlichen Hauptsekten besitzen hier Kirchen.
Die Juden haben mehrere Synagogen und die Mohammedaner über 30 Moscheen. Einige reiche europäische Kaufleute haben sich in der
Nähe von
Alexandria prächtige Landhäuser gebaut und Parke angelegt, und die Oberbeamten des Chedive fangen an,
diesem Beispiel zu folgen. Der fremden Bevölkerung
[* 17] steht eine mindestens dreimal so starke einheimische, zumeist aus türkischen
und arabischen Elementen gemischte gegenüber, die in armseligen, aus Lehm zusammengekneteten Hütten
[* 18] wohnt, und zu der sich
noch Vertreter der verschiedensten afrikanischen Völkerschaften gesellen.
Die Gesamtzahl der Einwohner wird zu (1883) 208,755 angegeben. Davon kommen
auf die europäische Bevölkerung, welche, Handelsgewinn suchend, sich in
Alexandria niedergelassen hat, nahezu 60,000, vorherrschend
Italiener, Griechen und Franzosen (nur etwa 1000 Deutsche).
[* 19] Der Flor der neuen Stadt gründet sich hauptsächlich auf den überseeischen
Export- und Importhandel, welcher hier für ganz Ägypten
[* 20] seinen Sitz hat. Die Hauptgegenstände des Exporthandels
sind gegenwärtig: Baumwolle
[* 21] und Baumwollsamen, Hülsenfrüchte, Ölsamen, Hanf, Indigo,
[* 22] Zucker,
[* 23] Gummi, Opium, Wolle, verschiedene
Droguen etc.;
Hauptgegenstände des Importhandels: europäische Seidenwaren, wollene und baumwollene Stoffe, Leder- und allerlei
Kurzwaren und Luxusgegenstände etc. Die Verkehrsmittel
Alexandrias sind so entwickelt wie
nur die irgend eines andern Hafens am Mittelmeer;
Dampferlinien führen nach Southampton, Marseille, [* 24] Genua, [* 25] Brindisi, Triest [* 26] und Konstantinopel. [* 27]
Jährlich besuchen über 2000 Schiffe Alexandria. Zwei Telegraphenkabelführen nach Europa. [* 28] Eine Eisenbahn führt in östlicher Richtung nach der nahen Sommerfrische Ramle und nach Rosette, eine zweite nach Kairo und Suez, eine dritte nach El Meks, Mittelpunkt der Arbeiten für die von einem englischen Hause ausgeführten großartigen Hafenanlagen. Das außerordentlich schnelle Emporkommen Alexandrias unter der jetzigen Regierung ist übrigens großenteils auf Kosten andrer Plätze bewerkstelligt worden, besonders Rosettes, das in gleichem Verhältnis sank und verarmte.
Der Lebensnerv des heutigen Alexandria ist der Mahmudiehkanal, welcher die Verbindung mit dem Innern unterhält und zugleich den Zweck hat, die Stadt mit Trinkwasser zu versorgen. Dieses großartige Werk despotischer Willenskraft, 1819 von Mehemed Ali angelegt und zu Ehren des Sultans Mahmud benannt, läuft vom alten Hafen zum Nilarm von Rosette in einer Länge von 83,5 km, 30 m breit und 6 m tief. Mit diesem Kanal, [* 29] an dem anfangs 100,000, später sogar 310,000 Menschen arbeiteten (20,000 sollen durch Krankheiten und Hunger hingerafft worden sein), steht ein kleinerer von etwa 2728 m Länge, 20 m Breite [* 30] und 6 m Tiefe in Verbindung, um beim Anschwellen des Nils das eintretende überflüssige Wasser abzuführen. An Stelle der Zisternen, von denen es noch über 1000 geben soll, ist seit 1860 eine aus dem Kanal Moharrem Bei (einem Zweig des Mahmudiehkanals) gespeiste Wasserleitung [* 31] getreten, deren Wasser in der trocknen Jahreszeit jedoch kaum brauchbar ist.
Das Klima [* 32] Alexandrias ist im ganzen gesund, und selbst im Sommer ist die Hitze, durch den Seewind gekühlt, nicht drückend; selten steigt das Thermometer [* 33] auf 26° C. Der vorherrschende Wind ist der Nordwind; im Winter regnet es fast täglich. Alexandria ist der Sitz eines Gouverneurs, eines koptischen Patriarchen, seit 1876 eines internationalen Appellhofs, der Marine- und Handelsanstalten sowie der Marine- und Militärschulen und der fremden Konsuln. Alle Europäer genießen vollkommene Gewerbe- und Steuerfreiheit und Schutz von den ägyptischen Behörden.
Die Garnison besteht aus 2-3000 Mann Kerntruppen. Die Eröffnung des Suezkanals und damit des Konkurrenzhafens Port Said hat keineswegs, wie man befürchtete, nachteilig auf die Blüte [* 34] der Stadt gewirkt, die im Gegenteil sich noch mehr gehoben hat und den seit dem amerikanischen Bürgerkrieg so bedeutend gewordenen ägyptischen Baumwollhandel monopolisiert.
Vgl. Franceschi, Volkswirtschaftliche Studien über Alexandria und das untere Nilthal (Wien [* 35] 1874).
Geschichte. Was der große Makedonier mit der Gründung Alexandrias gewollt, führten die ihm nachfolgenden Beherrscher Ägyptens teilweise aus. Die Ptolemäer wählten zur Hauptstadt ihres neuen Reichs, und unter ihrer Regierung hob es sich zu einer der blühendsten Städte des Altertums empor, groß durch Handel wie keine, als Sitz der Wissenschaften berühmter als alle, aber auch als Sitz einer durch überschwenglichen Reichtum genährten grenzenlosen Sittenlosigkeit und Üppigkeit berüchtigt.
Als Cäsar 48 v. Chr. nach Pompejus' Ermordung in Alexandria erschien, entstand eine Empörung des Volks, gegen welche sich die Römer unter heftigen Kämpfen neun Monate lang im Besitz des Brucheion behaupteten (Alexandrinischer Krieg); ein Brand verzehrte damals den größten Teil der berühmten alexandrinischen Bibliothek. Mit Kleopatra endigte 30 v. Chr. die Reihe der Ptolemäer, aber die Blüte Alexandrias verlor beim Wechsel der Herrschaft nicht; es stand auch im Römerreich nur Rom selbst an Größe nach und war das Emporium, wo sich der gesamte Welthandel konzentrierte, der große Markt, wo die Produkte Arabiens, Indiens, Afrikas und das Korn Ägyptens für das Gold [* 36] und Silber und die Erze der Westwelt vertauscht wurden.
Die wissenschaftliche Bedeutung Alexandrias machte es auch zu einem Hauptsitz des Christentums; die heftigsten Kämpfe zwischen diesem und dem Heidentum und zwischen den christlichen Parteien schädigten die Blüte der Stadt. In diesen Kämpfen ging 389 n. Chr. mit dem Serapeion auch der Rest der Bibliothek zu Grunde. Vernichtet wurde aber Alexandria als Hauptstadt Ägyptens und herrschender Handelsplatz durch die Araber, welche unter Führung Amrus die Stadt nach 14monatlicher tapferer Verteidigung durch griechische Truppen im Dezember 641 eroberten.
Die Festungswerke wurden geschleift; der größte Teil der Stadt blieb zwar verschont, erhob sich aber nicht wieder zu der frühern Größe. Als das Kalifat selbst in Verfall geriet, erklärte sich der Statthalter Achmed 868 für unabhängig und gründete die Dynastie der Tuluniden, welche aber nach kurzer Dauer (908) Mahadi, dem Fatimiden, Platz machen mußte. Da beide Dynastien Kairo zur Residenz wählten, kam Alexandria mehr und mehr herab. Im J. 1171 wurde die fatimidische Herrschaft von Saladin gestürzt, dessen Nachfolger ihrerseits 1250 durch die Mamelucken verdrängt wurden. Unter solchem Herrenwechsel kam Alexandria durch Belagerung und Plünderung wiederholt in große Bedrängnis. Genuesen und Venezianer, die es zum Hauptstapelplatz des ¶
mehr
indischen Handels auserkoren, schützten es allein noch vor größerm Verfall, der aber unvermeidlich eintreten mußte, als 1498 der neue europäisch-indische Handelsweg um Afrika [* 38] entdeckt wurde. Im J. 1517 nahm die Despotie der Türken die Stelle der Mamelucken ein. Vom alten Alexandria hatte sich bis zu Edrisis Zeit (12. Jahrh.) immer noch ein großer Teil der alten Monumente erhalten; ein Schatten von ehedem, war die Stadt gleichwohl noch groß und herrlich. Erst Selim und seine Türken gaben ihr den letzten Todesstoß.
Was noch stand, wurde geschleift, durch Feuer und Schwert vernichtet und unter Schutt begraben; sogar die unter den Tuluniden entstandene Stadt der Araber, welche durch ihre sich rechtwinkelig durchschneidenden Gassen einem Schachbrett glich und zahlreiche Prachtgebäude einschloß, wurde der Erde gleichgemacht. Seitdem war Alexandria nicht viel mehr als ein Haufe Trümmer, den niedrige arabische Hütten, dann und wann das zierliche Haus eines Franken oder die ummauerte Wohnung eines Türken, geräumige Gärten oder Anpflanzungen hoher Palmen [* 39] umgaben. In solchem Zustand befand sich Alexandria, als Bonaparte mit seiner Expedition in der Nacht vom 1. zum vor Alexandria erschien und es sofort erstürmte.
Drei Jahre, bis Oktober 1801, blieb es in den Händen der Franzosen. Als sie abzogen, hatte Alexandria kaum noch 7000 Einw., die in elenden Lehmhütten wohnten. So fand es Mehemed Ali bei seinem Regierungsantritt, der die rühmlichsten Anstrengungen machte, die Stadt wieder emporzubringen, und so im wesentlichen der Schöpfer des neuen Alexandria ward. Im J. 1882 wurde die Stadt infolge der Empörung Arabi Paschas arg heimgesucht: 11. Juni war es Schauplatz einer blutigen Verfolgung der Europäer durch den aufgehetzten Pöbel, und da Arabi Pascha die Stadt besetzen und die Forts armieren ließ, ward es 11. Juli von der englischen Flotte unter Seymour bombardiert, worauf es von den erbitterten Soldaten und dem Volk in Brand gesteckt und geplündert wurde, bis die Engländer es 14. Juli besetzten.