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Sie sind die Vorsitzende der Jungen Grünen in Finnland. Wie sind Sie in die Politik gekommen?
Wenn man 15 Jahre alt wird, kann man in Finnland einer Partei beitreten. Als ich 15 war, habe ich beschlossen, dass ich das auch machen werde.
Ich habe mir immer Sorgen um den Klimawandel gemacht. Das war einer der Hauptgründe, warum ich mein Studium und meine Jobs darauf ausgerichtet habe, zukünftig die Emissionen zu reduzieren und das Klima positiv zu beeinflussen.
Als ich jünger war, war ich gegen Kernkraft. Ich habe in der Schule Präsentationen über den Verzicht auf die Kernenergie gehalten. Dann habe ich mein Studium an der Universität begonnen, und wir hatten Vertreter von Firmen aus der Kernenergie zu Besuch und haben Diskussionen geführt. Erst dann habe ich verstanden, wie die Technologie funktioniert. Davor dachte ich eher, okay, das ist etwas Gefährliches, dem man nicht trauen kann. Als ich verstand, wie die Technologie funktioniert, dachte ich: Okay, das ist nicht so gefährlich. Es ist also weniger beängstigend, wenn man es versteht. Es ist klar, dass wir die Kernenergie zumindest in gewissem Umfang nutzen müssen, um den Klimawandel zu verhindern. Das hat meine Einstellung zu diesem Thema verändert.
Wofür stehen Sie als Vorsitzende der Jungen Grünen in Finnland?
Die Jungen Grünen sind ein Jugendverband der Partei und wir sind für Kernkraft. Wir setzen uns schon seit ein paar Jahren für die Kernenergie ein, aber wir wissen auch, dass wir nach einer weiteren Lösung suchen müssen. Aber da die Folgen des Klimawandels so drastisch sind, ist die Kernenergie die Lösung, die wir als Option beibehalten sollten. Und erst wenn wir die Klimakrise gelöst haben, können wir über andere Lösungen nachdenken.
Sie sind eine Verfechterin des Klima- und Artenschutzes – was denken Sie, welche Veränderungen es braucht, um die Klimaziele zu erreichen? Und: Hat die Kernenergie in diesen Überlegungen einen Platz?
Natürlich müssen wir in allen Bereichen unseres Lebens die Emissionen reduzieren. Ich habe mich im Studium auf die Energieerzeugung spezialisiert und sehe, dass wir da auf alles schauen müssen, zum Beispiel wie wir unsere Häuser heizen, welche Art von Strom wir verwenden, wie wir Auto fahren, etc.
In Finnland brauchen die meisten Fabriken immer mehr Strom. Und da ihr Stromverbrauch weiterhin steigen wird, ist Kernkraft so wichtig. In Finnland wird bereits fast 80% des Stroms ohne fossile Brennstoffe erzeugt wird.
Elektrizität ist das eine, ein anderes Problem ist die Heizung. Finnland ist ein kaltes Land ist. Um Wärme zu erzeugen, muss man etwas verbrennen. Wenn man Wärme erzeugen möchte, ohne etwas zu verbrennen, hat man im Grunde nur zwei Möglichkeiten. Die eine sind Kernkraftwerke und die andere ist die Geothermie, mit der wir im Moment einige Versuche machen, die jedoch nicht sehr erfolgreich sind. Wir sind uns nicht sicher, an welchen Orten die Geothermie funktionieren kann, wie viel Wärme sie produzieren wird und wie hoch die Kosten sein werden. Wir haben also zwei Optionen, die beide theoretisch sind. Ich denke aber, dass es wichtig ist, dass wir zwei Optionen haben. Denn wenn die eine nicht funktioniert, wird es vielleicht die andere. Und bei der Kernenergie wissen wir zumindest, dass die Technologie funktioniert. Aber es ist wichtig, weitere Lösungen zu finden.
Und was denken Sie über erneuerbare Energien? Sind sie ein wichtiger Teil von Finnland?
Erneuerbare Energien sind ein grosser Teil von Finnland, der immer mehr wächst. Die Solarenergie entwickelt sich erstaunlich gut, und vor allem die Windenergie ist ein wichtiger Faktor. Ich denke, die Lösung wird schlussendlich ein Mix von all diesen Energien sein. Ich sehe keinen Grund, warum man nur die Kernenergie nutzen sollte. Aber wir müssen abwägen, wie viel mehr Wind- oder Solarenergie wir brauchen und ob es Sinn macht, damit die derzeitigen Kernkraftwerke zu ersetzen. Ihr Anteil ist so gross, dass ich keinen Grund sehe, warum wir aus der derzeitigen Lösung aussteigen sollten.
Ihre Partei äussert sich öffentlich positiv zur Kernenergie. Vor allem in den deutschsprachigen Ländern passt die Kernenergie nicht in das Bild der Grünen. Warum ist das bei Ihnen anders?
Ich denke, wir in Finnland stehen anders zu dem Thema als die Grünen in den meisten anderen Ländern. Ich denke, das liegt daran, dass Finnland ein sehr technik-affines Land ist. Und in Finnland haben wir das Problem des radioaktiven Abfalls gelöst. Ich sehe, dass es in Ländern, die das Problem noch nicht gelöst haben, ein grosses Fragezeichen ist. Ich verstehe, warum die Menschen deshalb skeptisch sind und die Kernenergie für keine gute Option halten. Aber in Finnland haben wir das Problem gelöst, und viele Menschen, die besorgt waren, haben seit der Lösung des Problems kein schlechtes Gefühl mehr gegenüber der Kernenergie.
In Finnland gibt es keine Erdbeben, keine Tsunamis oder Ähnliches. Es liegt also auch daran, dass das Land recht stabil ist. Das wären sicherlich sonst gute Gründe, die gegen Kernkraftwerke sprechen, da dadurch ihre Sicherheit gefährdet sein könnte.
In Finnland gibt es aber auch keine Partei, die dafür ist, die Kernkraftwerke früher abzuschalten. Sie sagen, solange sie sicher sind, kann man sie nutzen. Und es hat nie eine Diskussion über eine frühzeitige Abschaltung gegeben. Ausserdem ist es in Finnland nicht so einfach, erneuerbare Energien zu nutzen wie in anderen Ländern. Zumindest gilt das für die Solarenergie. Die Windenergie funktioniert, sie hat ziemlich stark zugenommen. Aber das Ausmass, in dem sie wachsen soll, ist enorm. Denn wir haben eine Menge Industrien, die viel Strom verbrauchen.
Ein weiterer Grund ist, dass sich unsere Kernkraftwerke an Orten mit geringer Bevölkerungszahl befinden. Und wenn man sie dort baut, sind sie für die Bevölkerung kein grosses Thema.
In Finnland sind derzeit vier Kernkraftwerke in Betrieb, eines ist im Bau, und ein weiteres ist geplant.
Ja, ich glaube, das im Bau befindliche Kraftwerk soll noch in diesem Jahr Strom produzieren. Es hat lange gedauert, es zu bauen. Es war ein schlechtes Projektmanagement.
Ich denke, das ist einer der Gründe, warum wir in Finnland keine Pläne für den Bau neuer Kernkraftwerke haben.
Das geplante Kernkraftwerk hat die Genehmigung der Regierung erhalten, aber es ist ein gemeinsames Projekt mit Russland. Diesbezüglich gibt es gerade Diskussionen, ob das Projekt weiter mit Russland durchgeführt werden soll. Wegen des Krieges gegen die Ukraine wissen wir nicht, ob wir Sanktionen gegen Russland verhängen sollen und wie sich das auf die Menschen und den Bau des Kernkraftwerks auswirken wird.
Neben den Kernkraftwerken soll auch das Tiefenlager für hochaktive Abfälle in zwei Jahren in Betrieb genommen werden. Wie nehmen Sie die allgemeine Stimmung in der finnischen Bevölkerung in Bezug auf die Kernenergie wahr?
Wir haben einige Umfragen zum Thema Energie durchgeführt, um herauszufinden, wie die Menschen darüber denken. Ich denke, die Kernenergie hat an Popularität gewonnen, aber wenn ein Kernkraftwerk zum Nachbarn werden soll, sind die Menschen nicht mehr so glücklich darüber. Ich denke also, dass die Bevölkerung es im Allgemeinen gut findet, aber wenn man tatsächlich anfängt, es irgendwo zu bauen, dann haben die Leute mehr Bedenken und wollen es nicht in ihrem Bezirk haben. Andererseits bieten Kernkraftwerke Arbeitsplätze und bringen Steuern ein, sodass sie einen grossen Einfluss auf die Wirtschaft haben können.
Und die Kraftwerksbetreiber stellen sich tatsächlich vielen Diskussionen und sprechen offen über das, was sie tun, sodass die Menschen ihnen tatsächlich vertrauen können.
Ich denke, es ist ein bisschen gemischt. Im Allgemeinen ist es in Ordnung, aber wenn es um die Platzierung und die Sicherheit und so geht, haben die Leute natürlich unterschiedliche Meinungen.
Wann haben Sie das letzte Mal ein Kernkraftwerk besucht?
Ich war vor ein paar Jahren in Olkiluoto. Wegen der Pandemie war es danach nicht mehr möglich, die Kernkraftwerke zu besuchen. Aber ich war in Onkalo, dem Lager für den hochaktiven Abfall. Es war sehr interessant, und man hat uns erklärt, wie das Verfahren abläuft.
Was sind Ihre nächsten politischen Ziele?
Nächstes Jahr sind Parlamentswahlen, dort werde ich kandidieren. Und ich denke, die Energiefrage wird eines meiner wichtigsten politischen Themen sein, wobei natürlich auch die Kernenergie eine grosse Rolle spielen wird.
Quelle
A.D.