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Experimentelle Kunst; Ästhetik; Philosophie neuer Musik; Künstlerische Forschung
Rietbrock Bernhard (ed.), Alvin Lucier Festival Box Set
, Institut für Theorie, ZHdK, Zürich.
Rietbrock Bernhard, Alvin Lucier Lexikonartikel, in edition Text + Kritik (ed.), 1.
Rietbrock Bernhard, Alvin Lucier und die minimale Differenz, in Tadday Ulrich (ed.), 1.
Mersch Dieter, Art as -research sui generis: The Compositions of Alvin Lucier, in Rietbrock Bernhard (ed.), Institut für Theorie, ZHdK, Zürich, 1.
Mersch Dieter, Von Wissenschaft zu Kunst. Alvin Luciers Werk als ästhetische Forschung, in Tadday Ulrich (ed.), edition Text + Kritik, Berlin, 1.
1. Zusammenfassung Eine angemessene Rezeption des zeitgenössischen amerikanischen Komponisten Alvin Lucier mit seiner eigenwilligen Ästhetik und seinem umfangreichen Œuvre steht noch aus. Das Projekt setzt sich erstens zur Aufgabe, es mit Bezug auf seinen dezidiert experimentellen Charakter überhaupt erst zu erschließen, sowie zweitens es für die Entwicklung dessen, was im Rahmen des Projektantrags vorläufig als „reflexive Experimentalästhetik“ bezeichnet werden soll, exemplarisch fruchtbar zu machen. Die beiden Seiten des geplanten Projekts umfassen so einerseits einen musiktheoretischen bzw. musikästhetischen Anteil, der hauptsächlich analytischer Art ist, sowie andererseits eine Grund¬lagenforschung mit Bezug auf eine „Epistemologie des Ästhetischen“. Letztere geht von der An¬nahme aus, dass den Künsten eine eigene Form des Wissens innewohnt, das an Praktiken gebunden ist, die sowohl eine Seite der Wahrnehmung und sinnlichen Erfahrung als auch der Reflexivität aufweisen. Das, was im Kontext des Projekts als „reflexive Experimentalästhetik“ apostrophiert wird, ist darauf bezogen: Die in Frage kommenden ästhetischen Praktiken weisen selbst einen experimentellen Cha¬rak¬ter. Sie sind von den Experimentalsystemen der Wissenschaften dadurch zu unterscheiden, dass sie weder methodisch-explorativ verfahren noch durch Prinzipien der Wiederholbarkeit nachprüfbar erscheinen, sondern, nach der Bestimmung von John Cage, das „Unvorhersehbare“ exponieren und gerade dadurch auf einzigartige Weise ihre eigene Medialität und deren Wahr¬nehm¬barkeit unter Reflexion stellen. Dies lässt sich auf paradigmatische Weise anhand der Arbeiten Alvin Luciers exemplifizieren: Ausgehend von kompositorischen Modellen im Bereich der Live-Elek¬tronik geht es ihm um die Erforschung der Phänomenalität des Klangs selbst. Weniger erscheint die mediale Gemachtheit (poiesis) seiner Musikstücke maßgeblich, als vielmehr die Untersu¬chung des Wahrnehmungsereignisses selbst, wofür ebenso die Strukturen der zum Einsatz kommen¬den Technologien ausschlaggebend sind wie die Performativität der Aufführungen selbst. Dies wird z.B. dadurch deutlich, dass - wie in dem Stück I am sitting in a room (1969) - durch rekursive Repetition einer Tonbandaufzeichnung der eigenen Stimme, die zuletzt so durch die Verschleifung ihrer Aufnahme der Aufnahme der Aufnahme … usw. geführt wird, dass sie sich gleichsam auszu¬höhlen beginnt, ihren Bedeutungscharakter wie ihre klangliche Seite einbüßt, bis nurmehr die Resonanzfrequenzen des jeweiligen Raumes zum Vorschein kommen. Erfahrbar wird so das per se Unerfahrbare, weil die betreffenden Raumkonstellationen erst die Bedingungen des Hörens ausmachen, ohne selbst gehört werden zu können. Es sind solche und ähnliche Experimentalanordnungen, die die Arbeiten des Komponisten prägen und sie im besonderen Maße zu einem Modell für die epistemische Kraft einer in diesem Sinne „experimentellen Ästhetik“ machen. Das Ziel des Projekts ist daher ein Doppeltes: Auf der Basis einer Zusammenarbeit zwischen ästhetischer Grundlagenforschung und musikwissenschaftlicher wie musikphilosophischer Analyse geht es sowohl um eine theoretische Erschließung des „Gesamtwerks“ Alvin Luciers als auch mit Bezug auf dieses um die Entwicklung und Überprüfung der Tragfähigkeit des anvisierten Konzepts einer „reflexiven Experimentalästhetik“.