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Kakapo oder Eulenpapagei
Strigops habroptilus
© 2005 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Neuseeland bildete jahrmillionenlang ein «Reich der Vögel». Denn bis zu dem Zeitpunkt, als der Mensch die Doppelinsel im Südpazifik betrat, hatte - von ein paar Fledermäusen abgesehen - kein einziges Landsäugetier dorthin gefunden. Stattdessen hatte sich auf Neuseeland ein breites Spektrum von Vogelformen herausgebildet. Mehr als 250 Arten nutzten nicht allein die vogeltypischen ökologischen Nischen, sondern hatten sich auch in all jene Nischen eingepasst, welche anderenorts von den Landsäugetieren besetzt sind. Die spektakulärsten unter Neuseelands Vögeln waren zweifellos die Moas - riesenhafte Laufvögel, von denen einzelne eine Höhe von mehr als drei Metern und ein Gewicht von über 250 Kilogramm erreichten. Es gab aber noch viele andere eindrucksvolle und/oder eigentümliche Gestalten, beispielsweise den enormen Haast-Adler (Harpagornis moorei), den grössten Greifvogel aller Zeiten, oder die Kiwis (Apteryx spp.), von denen die Neuseeländer ihren Spitznamen haben.
Infolge des Fehlens grosser Landsäugetiere waren den neuseeländischen Vögeln bodenlebende Fressfeinde fremd. Entsprechend unvorbereitet waren sie in ihrem Körperbau und in ihrem Verhalten, als der Mensch und mit ihm diverse Raubsäuger in ihre abgeschiedene Inselheimat eindrangen. Als fatal erwies sich unter anderem für die Moas, dass sie im Laufe ihrer Stammesgeschichte die Flugfähigkeit aufgegeben hatten.
Das Vogelsterben auf Neuseeland begann, als vor rund 1300 Jahren die aus Polynesien stammenden Maoris die Doppellinsel erreichten. Zu schaffen machte den Vögeln hauptsächlich zweierlei: Einerseits wurden sie von den Maoris für den Verzehr bejagt, andererseits veränderten die Maoris das Pflanzenkleid der Doppelinsel durch Brände. Als dann vor gut 200 Jahren die Europäer begannen, das 1642 entdeckte Neuseeland im grossen Stil zu erschliessen, da wurde der Niedergang der Vogelwelt noch erheblich beschleunigt.
Zahlreiche Vogelarten Neuseelands - darunter alle Moas und der Haast-Adler - sind längst ausgestorben. Praktisch alle anderen erlitten beträchtliche Bestandseinbussen. Eine Art, die dem Aussterben nur äusserst knapp entging und weiterhin zu den seltensten und meistbedrohten Vogelarten der Welt gehört, ist der Kakapo oder Eulenpapagei (Strigops habroptilus)
. Von ihm soll hier berichtet werden.
Papagei mit Eulengesicht
Mit einem Gewicht um 3,5 Kilogramm ist der Kakapo das weltweit schwerste Mitglied der Familie der Papageien (Psittacidae). Ausserdem ist er der einzige flugunfähige Vertreter der Sippe. Die Länge der erwachsenen Individuen bemisst sich auf ungefähr sechzig Zentimeter, wobei die Männchen im Durchschnitt etwas grösser sind als die Weibchen.
Ein eulenartiges Gesicht mit borstenartigen, aus Federn hervorgegangenen «Schnurrhaaren» im Schnabelbereich ist das Kennzeichen des Kakapos. Dies kommt in seinem wissenschaftlichen Gattungsnamen zum Ausdruck: Strigops
bedeutet «Eulengesicht» (von griechisch strix
für Eule und ops
für Gesicht). Seine Flügel sind gut ausgebildet, aber verhältnismäsig klein. Hingegen sind seine Beine gross und kräftig.
Die erwachsenen Kakapos sind nachtaktive und ausserhalb der Paarungszeit einzelgängerische Bewohner dichter, unwegsamer Hügel- und Bergwälder. Tagsüber ruhen sie zumeist an einer schattigen Stelle auf dem Waldboden und sind dann dank ihres moosfarbenen, gesprenkelten Gefieders kaum zu erkennen. Jeweils in der Abenddämmerung gehen sie auf die Fresswanderung und legen bis zum Morgen in ihrem schlurfenden Gang zumeist mehrere Kilometer zurück. Den Körper halten sie beim Gehen vornübergebeugt, so dass ihre empfindlichen Schnurrhaare Bodenkontakt haben und in der Dunkelheit den Weg weisen können.
Jedes Individuum bewegt sich in einem festen Wohngebiet umher und legt darin richtige Trampelpfade an. Die Streifgebiete der Männchen bemessen sich typischerweise auf 15 bis 30 Hektaren, diejenigen der Weibchen mit abhängigen Jungen auf bis zu 50 Hektaren. Obschon die Wohngebiete benachbarter Individuen gegenseitig überlappen, meiden die Tiere ausserhalb der Paarungszeit direkte Begegnungen mit ihresgleichen. Sie sind wie die meisten Papageien stimmfreudige Vögel und äussern viele verschiedenartige Rufe. Am häufigsten ist ein lautes, kreischendes Skraark
, mit dem sie einander vermutlich über ihren jeweiligen Standort und ihre Wanderrichtung informieren.
Die Nahrung der Kakapos besteht ausschliesslich aus pflanzlichen Stoffen, das heisst aus Früchten, Samen, Blüten, Farnen, Moosen, Beeren, Pilzen, Blättern, Trieben und Wurzeln vieler verschiedener Pflanzenarten. Die meisten Nahrungsdinge finden sie im Bodenbereich. Nicht selten klettern sie bei der Nahrungssuche aber auch auf Bäume, indem sie ihre Krallen tragenden Greiffüsse und ihren Hakenschnabel einsetzen. Sehen sie sich dazu gezwungen, aus dem Geäst eines Baums auf den Boden zurück zu springen, so breiten sie ihre Flügel aus und segeln im schrägen Gleitflug hinunter - Beobachtern zufolge «mit der Eleganz eines Backsteins».
Gefiederte Ballons
Die meiste Zeit des Jahres führen die Kakapos ein sehr unauffälliges Leben in der bodennahen Vegetation ihrer Inselheimat. Jeweils im November, also im südlichen Frühsommer, verspüren sie jedoch den Drang, sich fortzupflanzen, und dann verhalten sich die erwachsenen Männchen recht auffällig: Sie, die einander sonst tunlichst aus dem Weg gehen, versammeln sich nun an ihren regionalen, zumeist seit Generationen benutzten Gemeinschafts-Balzplätzen, um dort ihre dumpfen Balzrufe vernehmen zu lassen - in der Hoffnung, auf diese Weise ansässige Weibchen zu sich locken und sich mit ihnen paaren zu können.
Die Balzarenen der Männchen befinden sich gewöhnlich auf Hügelkuppen oder auf Bergkämmen mit niedrigwüchsiger Vegetation. Dort richtet sich jedes Männchen seinen persönlichen Balzplatz her, indem es einen alten instand setzt oder aber einen neuen schafft. Beim Balzplatz handelt es sich um ein kleines Grundstück, welches mehrere in den Boden gescharrte, untereinander durch deutlich sichtbare Pfade verbundene Mulden aufweist. Ist die Balzplatzverteilung zwischen den rivalisierenden Männchen erfolgt, so beginnt das Werben um die Weibchen. Dabei setzt sich jedes Männchen in eine seiner Mulden und pumpt zunächst seinen (für Papageien untypischen) Kehlsack auf, bis es einem moosgrünen gefiederten Ballon ähnelt. Dann lässt es aus der geblähten Brust alle drei, vier Sekunden einen dumpfen, traurig klingenden Balzruf erklingen. Je nach der örtlichen Topografie und den aktuellen Windverhältnissen sind diese Rufe für den Menschen 8nd wohl auch für die Kakapos bis zu fünf Kilometer weit hörbar. Jedes Männchen äussert durchschnittlich 1000 Rufe je Stunde, dies während sechs bis sieben Stunden je Nacht, und dies wiederum drei bis vier Monate lang. Kein Wunder verliert es in dieser Phase rund die Hälfte seines Körpergewichts.
Von den Rufen angelockt, wandern die Weibchen zu den Balzarenen, begutachten dort die Männchen und wählen schliesslich eines als Vater für ihren Nachwuchs aus. Sie begeben sich zur Mulde des betreffenden Männchens, worauf dieses einen Balztanz vollführt und anschliessend, wenn alles stimmt, zur Begattung schreitet.
Danach trennt sich das Paar sogleich wieder, denn Vaterpflichten obliegen dem Männchen keine. Es balzt weiter, während das Weibchen zu seinem Wohngebiet zurückkehrt und dort wenig später seine zumeist zwei oder drei Eier ablegt. Als Nest dient eine schlichte, mit den Füssen gescharrte Mulde in der Höhlung eines Hangs oder unter einem Baumstrunk. Die Jungen schlüpfen nach ungefähr einem Monat aus den Eiern. Sie bleiben zehn bis zwölf Wochen lang im Nest und werden während dieser Zeit vom Weibchen mit Futter versorgt. Nach dem Verlassen des Nests beginnen sie zwar, selbstständig Nahrung zu sich zu nehmen, müssen aber während weiteren sechs Monaten vom Weibchen zugefüttert werden. Alles in allem stellt die Fortpflanzung auch für das Weibchen eine körperlich höchst anspruchsvolle Aufgabe dar.
Die Geschlechtsreife tritt bei den jungen Kakapos spät ein, nämlich im Alter von vier oder fünf Jahren. Dafür ist die Lebenserwartung wie bei vielen Papageien recht hoch. Der derzeit älteste Vogel ist ein Mittfünfziger und körperlich noch in bester Verfassung.
Eine leichte Beute
Bis zur Ankunft des Menschen scheint der Kakapo ein weit verbreiteter und häufiger Vogel Neuseelands gewesen zu sein, und zwar auf den beiden Hauptinseln, der Nordinsel und der Südinsel, ebenso wie auf den grösseren vorgelagerten Inseln, darunter der Stewart-Insel vor der Südküste der Südinsel. Dies änderte sich nach der Ankunft der Maoris rasch.
Erstens machten diese - mit der Unterstützung ihrer Hunde - eifrig Jagd auf die fluguntüchtigen Papageien, um deren Fleisch für den Verzehr zu gewinnen. Da die Eulenpapageien weder mit Flucht noch mit Abwehr auf die Neuankömmlinge reagierten, sondern sich höchstens duckten und auf ihr Tarnkleid vertrauten, bildeten sie eine überaus leichte Beute. Zweitens schleppten sie die Polynesische Ratte (Rattus exulans)
ein, welche zwar keine erwachsenen Kakapos angreift, jedoch eine eifrige Nestplünderin ist. Die ohnehin geringe Nachzuchtrate der Kakapos sank dadurch noch tiefer. Drittens verloren die Eulenpapageien viel Lebensraum, weil die Maoris nennenswerte Teile der neuseeländischen Urwälder niederbrannten, um Pflanzland zu gewinnen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Kakapos zwar aus weiten Bereichen Neuseelands verschwunden, kamen aber zumindest regional noch in grösseren Beständen vor. Als nun aber die Europäer einerseits damit begannen, die verbleibenden Urwälder auf breiter Front zu roden, und andererseits verschiedene zusätzliche Raubsäuger, darunter Frettchen, Hermelin, Mauswiesel und Hauskatze, einbürgerten, da schwanden auch diese Restbestände rasch dahin.
1995 nur noch 51 Überlebende
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts stand der Kakapo am Rand der Ausrottung, und bemerkenswerterweise fand damals bereits ein erster Rettungsversuch statt: 1894 wurden unter der Leitung des neuseeländischen Naturschützers Richard Henry mehrere hundert Kakapos auf der Südinsel eingefangen und auf die raubsäugerfreie Resolution-Insel vor der Südwestküste der Südinsel umgesiedelt. Unglücklicherweise gelangten lediglich sechs Jahre später Hermeline auf die Insel und rotteten den gesamten Kakapobestand innerhalb kürzester Zeit aus.
Im Verlauf der nächsten fünfzig Jahre, welche von zwei Weltkriegen und einer grossen Wirtschaftskrise geprägt waren, wurde den Kakapos kaum Beachtung geschenkt. Seit dem Zweiten Weltkrieg aber setzt sich die neuseeländische Naturschutzbehörde intensiv für die Erhaltung der Kakapos ein: Zwischen 1949 und 1973 wurden mehr als sechzig Expeditionen durchgeführt, um Kakapos ausfindig zu machen, diese einzufangen und sie einem Erhaltungszuchtprojekt zuzuführen. Der Erfolg all dieser Bemühungen war allerdings minimal: Es konnten in all den Jahren bloss sechs Kakapos in Fjordland, einer zerklüfteten Gebirgsregion im Südwesten der Südinsel, geortet und eingefangen werden; alle sechs waren Männchen; und fünf von ihnen starben kurz nach dem Fang.
1974 wurden die Anstrengungen zur Rettung der Kakapos nochmals intensiviert. Tatsächlich konnten im Verlauf der nächsten drei Jahre 18 Vögel aufgespürt werden. Doch wiederum waren sie allesamt Männchen. Offensichtlich gab es keine weiblichen Kakapos mehr.
Da wurde 1977 überraschenderweise ein bisher unbekannter Kakapobestand mit ungefähr 200 Individuen beiderlei Geschlechts entdeckt, und zwar auf der bereits erwähnten Stewart-Insel, welche glücklicherweise noch immer frei von Hermelinen, Frettchen und Mauswieseln war. Allerdings gab es Anzeichen dafür, dass der Bestand unter der Bejagung durch verwilderte Hauskatzen litt. Darum wurde beschlossen, die Vögel zu evakuieren und auf mehrere kleine, raubsäugerfreie, unter Naturschutz stehende Inseln im Küstenbereich Neuseelands zu verteilen: auf die Codfish-Insel und die Pearl-Insel vor der Küste der Stewart-Insel, auf die Te-Kakahu-Insel vor Fjordland, auf die Maud-Insel im Marlborough-Sund zwischen den beiden Hauptinseln und auf die Little-Barrier-Insel im Hauraki-Golf im Norden der Nordinsel.
Den auf die Maud-Insel umgesiedelten Kakapos wurde das einzige überlebende Männchen zugesellt, das zu Beginn der 1970er-Jahre in Fjordland auf der Südinsel gefangen worden war und - nach jenem frühen Naturschützer, der sich für die Erhaltung der Art eingesetzt hatte - den Namen «Richard Henry» trägt. Als einziges überlebendes Individuum der Südinsel-Population ist dieses Männchen für die Erhaltungszucht von grosser Bedeutung, da er über ein anderes Erbgut verfügt als die Vögel von der Stewart-Insel. Mit seiner Hilfe lässt sich also das Inzuchtrisiko vermindern. «Richard Henry» zeugte 1998 drei Jungvögel auf der Maud-Insel und wurde nun auf die Te-Kakahu-Insel versetzt, wo er sich hoffentlich wiederum am Fortpflanzungsgeschehen beteiligen wird.
Zwar konnte mit der Umsiedlung der letzten überlebenden Kakapos auf die genannten Inseln die unmittelbare Gefahr des Aussterbens der eigentümlichen Papageien gebannt werden. Es zeigte sich aber schnell, dass dadurch die Zukunft der Art keineswegs gesichert ist. Die Kakapos unternahmen nämlich nur sporadisch Brutversuche, ein Grossteil der Eier war unbefruchtet, und viele Jungvögel verhungerten als Nestlinge. Bis 1995 waren auf den verschiedenen Inseln insgesamt bloss drei Junge erfolgreich aufgezogen worden - und der Gesamtbestand war auf 51 Vögel gesunken. Erneut bestand dringender Handlungsbedarf.
Nun wurde innerhalb des neuseeländischen Naturschutzdepartements eine Spezialistengruppe, das «National Kakapo Team», zusammengestellt und mit der Rettung der Vögel betraut. Seither werden die Vögel sehr intensiv betreut, und vor allem werden sie nun reichlich mit energie- und nährstoffreichem «Kraftfutter» versorgt. Letzteres hat sofort zu einer Anhebung der Nachzuchtrate geführt, denn gut genährt schreiten die Vögel alljährlich und nicht bloss alle zwei bis vier Jahre zur Brut. Ausserdem überleben deutlich mehr Jungvögel die Nestlingsphase. Ein besonders gutes Nachzuchtjahr war 2002, als 24 Jungvögel erfolgreich aufgezogen wurden. Zu Beginn des Jahres 2005 umfasste der Gesamtbestand 83 Individuen. Das ist zwar noch immer eine kläglich geringe Zahl, doch scheint es mit den Kakapos nun endlich aufwärts zu gehen.
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