Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03300.jsonl.gz/3068

Gott lässt sich weder beweisen noch widerlegen, weil es "den" Gott nicht gibt. Mit dem Begriff "Gott" werden völlig verschiedene Dinge bezeichnet, weshalb ein Beweis oder eine Widerlegung unmöglich ist. Solange nicht klar ist, was mit "Gott" bezeichnet wird, lässt sich seine Existenz genauso wenig beweisen oder widerlegen wie jene eines Kwabromuzls. Was also ist "Gott", der/die/das bewiesen oder widerlegt werden soll? Handelt es sich dabei um einen alten Mann mit weissem Bart, der Erde und Menschen vor rund 6000 Jahren geschaffen haben soll? Oder handelt es sich dabei um eine höhere "Kraft" oder "Energie", welche alles durchdringt? Um etwas Allmächtiges? Handelt es sich um einen Gott, um eine Göttin, um "ein" Gott (eine "Sache") oder um eine ganze Götterwelt? Gehören Engel auch zum Göttlichen, ist Gott in jedem von uns drin? Ist Gott die Liebe, das Erkennen (Meister Eckhardt)? Offenbart sich Gott in den Handlungen der Natur (Galileo Galilei)? Ist Gott die Wahrheit (Mahatma Gandhi)? wesensgleich mit der naturgesetzlichen Macht (Max Planck)? eine grenzenlos überlegene Vernunft (Albert Einstein)? die zentrale Ordnung der Wirklichkeit (Werner Heisenberg)? (Niemz 2011, S. 86) Je nachdem, was mit "Gott" bezeichnet wird, müssen Beweis oder Widerlegung ganz verschieden ausschauen. Zudem muss geklärt werden, wie ein Beweis oder eine Widerlegung ausschauen müsste. Genügt als Beweis eine Offenbarung, eine Gotteserfahrung, eine platte Behauptung? als Widerlegung das Aufzeigen eines logischen Widerspruchs? Oder ist Gott eben gerade das grundsätzlich Unwiderlegbare?
Das Denkbare
Einer der bekanntesten Gottesbeweise lautet, dass Gott existieren müsse, weil Gott als das Absolute, das Grösste denkbar sei. Gott sei dasjenige, worüber nichts Grösseres gedacht werden könne ("Gott ist grösser"). Gott sei allerdings nicht nur ein Gedanke, sondern müsse auch real existieren, weil die Existenz Gottes etwas Grösseres sei als der alleinige Gedanke, dass Gott existiere. Gottes Existenz gehe über den Gedanken als das "Grösste" hinaus, also müsse Gott als Absolutes, Grösstes existieren. Dieser "ontologische Gottesbeweis" wurde allerdings durch Immanuel Kant widerlegt und es lassen sich dagegen leicht Einwände vorbringen.
Der absolute Gott
So müsste Gott als Absolutes, Grösstes zugleich absolut gut, allmächtig und allwissend sein. Ist Gott aber allwissend, allmächtig und zugleich nur gut, dann lässt sich das nicht Gute nicht erklären. Das sogenannte Theodizee-Problem ist schon seit langem bekannt, lässt sich aber nicht lösen und stellt damit einen Gott in Frage, der alle ausschliesslich positiven Eigenschaften in sich vereint. Entweder ist Gott auch verantwortlich für alles Böse / Nicht-Gute oder es muss etwas anderes nebst Gott geben, das für das Böse / Nicht-Gute verantwortlich ist. Im Christentum hat der Teufel diese Rolle inne - der damit aber mindestens so mächtig wie Gott sein müsste, da er sich sonst nicht gegen Gott durchsetzen könnte. Zudem wurde angeblich Eva durch den Teufel verführt, der mit Gott identische Gottessohn durch den Teufel geprüft - was die Ohnmacht Gottes erst recht bestätigen würde.
Ein damit verwandtes Problem hat mit der Willensfreiheit des Menschen zu tun. Ist Gott allwissend, weiss er auch wie sich Menschen entscheiden werden. Weiss Gott, was ich tun werde und kann ich nur das tun, was Gott ohnehin schon weiss, wie kann er mich dann für meine Handlungen verantwortlich machen? Ohne solchermassen verstandene Willensfreiheit, die nicht mit einem allwissenden Gott vereinbar ist, trägt Gott als Schöpfer der Menschen die Verantwortung für deren Taten. Eine Beurteilung nach dem Tod (Hölle oder Himmel) ist damit gerechterweise nicht möglich, ein wesentliches Element des (jüdischen, christlichen und muslimischen) Gottesbildes widerlegt.
Solche Widersprüchlichkeiten eines "absoluten" Gottes ergeben sich auch bei folgender bekannten Frage: Kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass Gott ihn nicht selbst heben kann? Wer die Frage mit "ja" beantwortet gesteht ein, dass Gott nicht jeden möglichen Stein heben kann, gesteht also ein, dass Gott nicht allmächtig ist. Wer die Frage mit "nein" beantwortet gesteht ein, dass Gott nicht alles schaffen kann, dass er also nicht allmächtig ist. Wie man die Frage auch beantwortet: Gott kann nicht allmächtig sein. Kann Gott ohne Allmacht aber das "Absolute", das "Grösste" sein?
Beweis- und Widerlegbarkeit
Die Vorstellung eines allmächtigen Gottes ist selbstwidersprüchlich, weshalb aus wissenschaftlicher Perspektive ein allmächtiger Gott schlicht nicht existieren kann und damit auch nicht existiert. Es ist also nicht so, dass jede Gottesvorstellung möglich ist. Vielmehr lassen sich verschiedene Gottesbegriffe logisch ausschliessen, wie bereits diese einfachen Beispiele zeigen. Man kann zwar an einen solchen Gott glauben so wie man auch an den Osterhasen glauben kann oder daran, dass die Erde eine Scheibe ist, die auf dem Panzer einer Schildkröte ruht. Will man aber nicht einen völlig willkürlichen und rein auf Glauben und Phantasie basierten Gottesbegriff, darf dieser keine Widersprüche enthalten, sind diesem enge Grenzen gesetzt. Gottesbegriffe, die widersprüchlich sind, sind unmöglich und widerlegt. Es handelt sich bei einem solchen "Gott" nicht um ein "Mysterium", um etwas "Unerklärliches", um etwas, das der Verstand nicht erfassen kann oder um etwas "Undenkbares", sondern um ein Phantasiegebilde, das nicht real existiert.
Natürlich lässt sich behaupten, dass Gottes Wege unergründlich seien - es stellt sich dann zumindest im Bereich der abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) die Frage, warum er sich trotzdem in einem Buch offenbart haben soll. Es lässt sich auch mit Luther sagen, dass wer ein Christ sein wolle, der Vernunft die Augen ausstechen müsse (Spektrum.de). Geht es aber darum, Gott zu beweisen oder zu widerlegen, muss die Vernunft vorausgesetzt werden und klar sein, was mit Gott bezeichnet wird. Denn ansonsten meint Gott alles und nichts, wird Gott seiner Attribute beraubt, wird der Begriff Gott zum Begriff Willkür, kann mit Gott auch ein Teufel gemeint sein. Für Beweis- und Widerlegbarkeit eines Gottes gibt es also ziemlich klare Bedingungen - und die Beweislast liegt nicht bei jenen, welche an Gott zweifeln:
„Viele strenggläubige Menschen reden so, als wäre es die Aufgabe der Skeptiker, überkommene Dogmen zu widerlegen, und nicht die der Dogmatiker, sie zu beweisen. Das ist natürlich ein Fehler. Würde ich die Ansicht äußern, dass eine Teekanne aus Porzellan zwischen Erde und Mars auf einer elliptischen Bahn um die Sonne kreist, so könnte niemand diese Behauptung widerlegen, vorausgesetzt, ich füge ausdrücklich hinzu, die Teekanne sei so klein, dass man sie selbst mit unseren stärksten Teleskopen nicht sehen könne. Würde ich dann aber behaupten, weil man meine Behauptung nicht widerlegen könne, sei es eine unerträgliche Überheblichkeit der menschlichen Vernunft, daran zu zweifeln, so würde man mit Recht sagen, dass ich Unsinn rede. Würde die Existenz einer solchen Teekanne aber in antiken Büchern bestätigt, jeden Sonntag als heilige Wahrheit gelehrt und den Schulkindern eingetrichtert, so würde jedes Zögern, an ihre Existenz zu glauben, zu einem Kennzeichen von Exzentrik, und der Zweifler würde in einem aufgeklärten Zeitalter die Aufmerksamkeit von Psychiatern erregen, in einer früheren Zeit dagegen die der Inquisitoren.“ (Bertrand Russell, zitiert in Dawkins 2008, S. 74f.)
Um sich der Frage nach der Existenz Gottes zu nähern ist es also sinnvoll, zu klären, was mit "Gott" überhaupt gemeint ist und ob der jeweilige Gottesbegriff Widersprüche enthält.
Der gefühlte, abstrakte Gott
Gott wird von manchen Menschen als eine "Kraft" bezeichnet, als eine "Macht" oder "Energie", welche alles durchströmt, als etwas Unbeschreibliches, das sich aber fühlen und empfinden lässt. Der Astronaut Edgar Mitchell beschrieb dieses Gefühl in seinem Buch "Wege ins Unerforschte" über den Rückflug vom Mond zur Erde wie folgt:
„Was ich während der dreitägigen Rückkehr zur heimatlichen Erde erlebte, war so etwas wie ein überwältigendes Gefühl universalen Verbundenseins. Ich fühlte tatsächlich, was gerne als Ekstase der Einheit beschrieben wird ... Und ich hatte das Empfinden, unsere Präsenz als Raumfahrer sowie die Existenz des Universums selbst war nichts Zufälliges, sondern ein intelligenter Prozess. Ich nahm das All als ein in gewisser Weise bewusstes Universum wahr..." (Weblink, abgerufen am 6.8. 2014) In ähnlicher Weise beschreiben manche Mystiker Gott, begründen damit, dass die Welt nicht durch "zufällige", evolutionäre Mechanismen entstanden sein könne, sondern durch ein intelligentes Wesen geschaffen worden sein müsse. Dieser Schluss ist allerdings äusserst problematisch. Denn es ist alles andere als klar, ob es sich bei diesem Gefühl wirklich um einen "real existierenden Gott" handelt oder einfach - um ein Gefühl.
Mystiker beschreiben verschiedene Formen von Gotteserfahrungen, welche viele Ähnlichkeiten mit Drogenerlebnissen aufweisen. Auch Edgar Mitchell befand sich offenbar in einem Ausnahmezustand als er seine Erlebnisse hatte. Nur weil jemand das Gefühl hat, Gott zu erfahren bedeutet aber noch lange nicht, dass er Gott auch erfährt. Im Drogenrausch können Menschen der felsenfesten Überzeugung sein, fliegen zu können - und es fatalerweise auch ausprobieren, können Wahngefühle geweckt werden, in Träumen erscheinen unbezweifelbare Wesen, welche offensichtlich nicht real existieren. Es gibt sogar Menschen, welche eindeutig fühlen, dass sie tot sind oder dass ein Körperteil wie ein Arm nicht der ihre sei - obwohl es sich ganz offensichtlich um ihren Arm handelt. Analog dazu existiert ein gefühlter Gott als Gefühl, es ist aber längst kein Beweis dafür, dass ein Gott auch unabhängig und real existiert.
Zumal sich Gott als etwas Gefühltes relativ leicht ohne übernatürlichen oder übermächtigen Gott erklären lässt. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist dies sogar aus mindestens zwei Gründen naheliegend: zum einen müsste sich eine "Energie" oder "Kraft" messen lassen, da sonst der zweite Satz der Thermodynamik (Energiesatz) falsch sein müsste. Bislang konnte aber eine göttliche Kraft weder gemessen werden noch gibt es Hinweise dafür, dass eine "übernatürliche Macht" existiert (»Gibt es Übersinnliches?). Vielmehr würde eine solche nicht messbare "Energie" einen »Leib-Seele Dualismus voraussetzen, der aus wissenschaftlicher Sicht ausgeschlossen werden kann. Zum anderen lassen sich Gotteserfahrungen induzieren: mittels magnetischer Stimulationen gewisser Hirnareale lassen sich mystische Erlebnisse und Gotteserfahrungen aktiv herbeiführen, was eindeutig gegen eine göttliche Herkunft dieser Erfahrungen spricht (z.B. Müller 2011, S. 195-198, die Ergebnisse sind allerdings noch umstritten).
Ebenfalls erstaunlich ist, dass Gotteserfahrungen auch von Atheisten gemacht werden können. So schreibt Ronald Dworkin in seinem Buch "Religion ohne Gott" auf Seite 12: "Sie [religiöse Atheisten] sagen, dass sie, obschon sie nicht an einen "personalen" Gott glauben, nichtsdestotrotz davon überzeugt sind, dass es im Universum eine "Macht" gibt, die "grösser ist als wir". Diese "Macht" bezeichnen sie offensichtlich aber nicht als Gott (sonst wären es keine Atheisten). Wesentlich ist aber vor allem, dass es kaum Hinweise dafür gibt, dass es sich bei dieser "gefühlten Macht" um dasselbe handelt wie bei dem, was gemeinhin als Gott bezeichnet wird und wie es - oder "er" beispielsweise in der Bibel beschrieben wird. Eine Gotteserfahrung ist weder Beweis noch Hinweis dafür, dass es sich bei dem Gefühlten um etwas Göttliches handelt, noch dass es sich dabei um den Gott handelt, der die Welt erschaffen haben soll, der dem Leben einen Sinn geben, der absolute Werte vorschreiben, der Natur eine immanente Schönheit geben soll (vgl. allgemein zu Gotteserfahrungen: Hill S. 199-226.).
Der personale Gott
Denn der allmächtige Gott, der einen zu schweren Stein erschaffen können soll, ein allwissender Gott, ein allgütiger Gott, Gott als Schöpfer allen Lebens, Gott als Richter über Recht und Unrecht - stets handelt es sich dabei um eine personale Vorstellung. Es handelt sich dabei nicht um eine unpersönliche "Macht", welche alles durchwebt und verbindet, sondern um eine projektive, menschenähnliche Vorstellung. Gott ist wie ein Mensch - einfach mit perfekten Attributen. Spürt ein Mystiker, ein betender oder meditierender Mensch also Gott, so handelt es sich dabei kaum um einen personalen Gott, wie er in vielen "heiligen Büchern" beschrieben wird. Gott als Gefühl ist nicht dasselbe wie Gott als Vorstellung des Perfekten, der erstaunlicherweise in den heiligen Bücher gar nicht mal so perfekt dargestellt wird.
Bei den alten Griechen lieben, hassen und streiten die Götter. Der jüdische und christliche Gott belohnt und bestraft, richtet und urteilt, bezeichnet sich selbst gar als "eifersüchtig". Es handelt sich dabei keineswegs um eine "Kraft", welche gefühlt werden kann, sondern um handfeste Personen. Dass solche personalen Götter mit urmenschlichen Eigenschaften der menschlichen Phantasie entspringen erscheint naheliegend. Der Gott eines Pferdes hätte wohl andere Eigenschaften. Vor allem aber setzt die personale Vorstellung voraus, dass irgendwo ein menschenähnlicher Gott existiert, für den in einer Analogie die Erde wie für uns vielleicht eine Art Puppenhaus oder Computerspiel ist: der personale Gott hat diesen Gegenstand (die Erde) selbst geschaffen so wie ein Mensch ein Puppenhaus oder auch eine virtuelle "Sims-Welt" schaffen kann.
Diese Analogie des "schöpfenden" Gottes findet sich auch beim Wunderglauben. Wunder sind Phänomene, welche zugleich nicht gesetzmässig, aber auch nicht zufällig geschehen. Es sind Phänomene für welche es keine natürliche Erklärung gibt, sondern die in der Regel auf einen Gott zurückgeführt werden. Dieser kann in die Geschicke der von ihm selbst geschaffenen Welt eingreifen wie der Sims spielende Mensch in die Geschicke der virtuellen Welt eingreifen kann. Wunder in diesem Sinne setzen eine Absicht voraus, ein zielgerichtetes Vorgehen, das wiederum einen personalen Gott voraussetzt. Eine "Macht", die alles durchwirkt kann keine Wunder wirken wie sie auch nicht die Welt als Ganzes "schöpfen" oder "schaffen" kann. Auch der Gott als Schöpfer der Welt, des Universums, des Urknalls, der Gott als erster Beweger entspricht also dieser personalen Vorstellung. Ein personaler Gott als Schöpfer des Universums kann aus wissenschaftlicher Sicht nicht ausgeschlossen werden. Es ist aber eine transzendente, grundsätzlich unüberprüfbare und damit unwissenschaftliche Vorstellung. Die meisten (wenn nicht alle) Wunder lassen sich zudem bei genauerer Untersuchung ganz natürlich erklären: es handelt sich dabei um subjektiv unerklärbare Phänomene, die als göttliches Eingreifen erscheinen mögen, für die es aber einfache und vor allem ganz natürliche Erklärungen gibt (»Warum persönliche Erlebnisse wenig Aussagekraft haben). Es gibt aus wissenschaftlicher Sicht keinen Grund und keine Hinweise für die Existenz von Wundern, die auf einen personalen Gott zurückgehen, der in die Geschicke der Welt eingreift. Vielmehr führen solche Vorstellungen sehr schnell zu Widersprüchen (»Gibt es Übersinnliches?; »Determinismus oder Indeterminismus), lässt sich die Vorstellung eines personalen Gottes nicht mit Gestalt und Art des Universums in Übereinstimmung bringen.
Gleichwohl glauben viele Menschen an einen personalen Gott, weil sie an einen personalen Gott glauben wollen, weil ihnen diese Vorstellung bei der Lebensgestaltung und Lebensbewältigung hilft und weil sie einen personalen Gott erfahren. Die Erfahrung eines personalen Gottes (im Gegensatz zur alles durchdringenden Kraft) lässt sich allerdings leicht als eine Art kindliche Phantasie erklären: so wie für ein Kind Eltern "allmächtig" erscheinen wird Gott als etwas Allmächtiges und Personales projiziert. So wie man sich einen Superman oder eine Superwoman vorstellen kann, auch wenn diese nicht existieren, lässt sich ein "Supermensch" vorstellen, den man dann als Gott bezeichnet und dem man alle positiven Eigenschaften zuschreibt. Diese Phantasievorstellung kann so "real" werden, dass mit ihr kommuniziert werden kann. So wie wir mit dem oder der abwesenden Geliebten im inneren Monolog kommunizieren und sie oder ihn als ständigen Begleiter erfahren können, lässt sich auch mit einem imaginierten Gott reden. Dieser kann auch gut zuhören, einem Tipps gehen, wird als etwas Fremdes erlebt, obwohl er mitten in einem drin zu sein scheint. Hier vermischen sich dann die Vorstellung eines personalen Gottes mit jener eines unpersönlichen Gottes. Denn diese "innere Stimme" kann einfach imaginiert sein, oftmals steckt aber auch mehr dahinter.
Gott als innere Stimme
Mithilfe von Gebeten, Ritualen, Meditation oder auch unterstützt durch Drogen kann eine innere Stimme wahrgenommen werden, welche irgendwie als zugleich fremd und besonders nahe empfunden wird. in der Entspannung kann das "normale" Ich in den Hintergrund treten und eine Stimme gefühlt und auch gehört werden, welche zwar aus dem tiefsten Inneren zu kommen scheint, zugleich aber auch "anders", fremd ist. Manche Leute bezeichnen diese Stimme als ihr "wahres Selbst", das es zu ergründen gelte, andere bezeichnen sie als "Gott". Verstärkt wird dieser göttliche, überlegene Eindruck dadurch, dass diese innere Stimme eine sehr grosse Autorität besitzt und "weiser" zu sein scheint als man selbst. Die Stimme scheint sehr viel zu wissen, gute Ratschläge geben zu können, die Kontrolle und den Überblick zu haben. Die Stimme kann zu einem sprechen, als ob jemand Fremder zu einem spricht, die Stimme ist aber zugleich eindeutig ein Teil des eigenen Selbst. Es fühlt sich an, als ob jemand zu einem spricht, der zugleich anwesend und abwesend ist.
Doch auch hier scheint es sich einmal mehr um einen psychologischen und ganz natürlichen Effekt zu handeln. Ob es sich um eine göttliche oder einfach eine "innere" Stimme handelt, lässt sich im Prinzip sehr einfach überprüfen: Handelte es sich bei der Stimme um die Stimme Gottes oder je nach Religion um die Stimme eines Gottes, dann müsste die Stimme auf bestimmte Fragen immer die gleiche Antwort geben. Fragte man sie beispielsweise nach ihrer Augenfarbe, dann müsste sie immer die gleiche Antwort geben: entweder die korrekte Augenfarbe - oder dass sie gar keine Augen hat. Schon bei dieser eigentlich absurden Fragestellung ergeben sich mit Sicherheit unterschiedliche Antworten - aber es liessen sich natürlich noch viel bessere Fragen stellen. Wichtig bei einem solchen "Test" wäre allerdings, dass er doppelblind durchgeführt würde: die Fragestellungen müssten von anderen Personen verfasst werden als jenen, welche am Test teilnehmen oder diesen praktisch durchführen.
Berühmt geworden ist Gott als "innere Stimme" auch durch George W. Bush, der sich angeblich durch sie (oder eben "durch Gott") bei seinen Entscheidungen leiten liess (Focus.de, abgerufen am 6.8.2014). Es erscheint offensichtlich genug, dass dieser "Gott" weder allmächtig noch allwissend noch nur gut gewesen wäre, da sich doch manche Entscheidung als falsch herausgestellt hat - und andere Leute, welche ebenfalls durch die innere Stimme "mit Gott" gesprochen haben wollen, konträre Antworten erhalten haben werden. Dies erstaunt auch nicht weiter, da angeblich der identische Gott Juden, Christen und Muslime völlig verschiedene und sich widersprechende Handlungsanweisungen gegeben haben soll, was ja auch immer wieder zu Konflikten bis hin zu Kriegen führt. Die "innere Stimme", egal ob von einem "einfachen Gläubigen" oder einem angeblich "heiligen Propheten" ist kaum Gottes Stimme, sondern ein inzwischen hinlänglich untersuchter psychologischer Effekt.
Gott als Quelle der Wahrheit
Diese "göttliche innere Stimme" spielt vor allem in der Esoterik eine eminent wichtige Rolle. Sie wird dort gerne auch als "Intuition" bezeichnet. Intuition ist an sich etwas sehr Wichtiges und auch sehr Wirkungsvolles. Es handelt sich dabei aber vor allem um eine Entscheidungshilfe basierend auf selbst gemachten (auch unbewussten) Erfahrungen und definitiv nicht um einen "Quell der Wahrheit", um eine "Verbindung zum Universum", zur "geistigen Welt", zum Göttlichen, auch wenn es sich so anfühlen mag. Dies lässt sich mit dem eben beschriebenen Test zeigen, der natürlich doppelt verblindet durchgeführt werden müsste: man müsste verschiedenen Esoterikern wiederum identische Fragen stellen, die nur eine "göttliche Macht" beantworten kann. Handelt es sich bei der Intuition, bei der innerlich gefühlten Stimme um einen "Quell der absoluten Wahrheit", müsste die Antwort bei allen identisch ausfallen, was kaum geschehen wird, betrachtet man beispielsweise die enorme Fehlerquote "ernsthafter" Astrologen (Wahrsagercheck). Dabei spielt es keine Rolle, ob die Verbindung durch "Trance", "Channeln", "Pendeln" oder was auch immer hergestellt würde, ob angeblich die "Akasha-Chronik" angezapft oder mit "Engeln" kommuniziert würde.
Fazit
Gott gibt es nicht. Gott gibt es genausowenig wie es einen verheirateten Junggesellen oder ein Kwabromuzl gibt - da der Gottesbegriff viel zu umfassend und dadurch widersprüchlich ist. Um Gott zu beweisen oder zu widerlegen muss deshalb zuerst geklärt werden, was mit "Gott" genau bezeichnet wird. Wie diese Analyse gezeigt hat, lässt sich weder ein personaler Gott noch ein Gott als "abstrakte Macht" problemfrei denken. Vielmehr deutet vieles darauf hin, dass es sich bei Gotteserfahrungen um Täuschungen handelt, dass Gott eine Projektion, eine Phantasie ist und es keinen Gott unabhängig vom menschlichen Denken gibt. Es sei aber nochmals vermerkt, dass ohne genaue Klärung des Gottesbegriffs weder ein Beweis noch eine Widerlegung sinnvoll machbar sind und es definitiv Gottesbegriffe gibt, die denkbar und möglich sind.
Diese Erkenntnis ist zentral bei Gesprächen über Gott. Es sollte stets darauf geachtet werden, dass klar ist worüber man spricht: nur allzuoft streitet jemand die Existenz eines personalen Gottes ab mit weissem Bart ab - um einige Minuten später in anderem Zusammenhang wieder von einem personalen Gott zu sprechen. Solche semantischen Verschiebungen (»Versetzen der semantischen Torpfosten) sind äusserst tückisch und verschleiern gerne die Problematik, um die es eigentlich geht. Gesprächen über Gott und die Welt - sollten sie dem Erkenntnisgewinn dienen - müssten also eigentlich jeweils eine Begriffsklärung vorhergehen: ansonsten können sich zwar abendfüllende, spannende und unterhaltsame Gespräche ergeben, der Wahrheit kommt man aber nicht näher.