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Die Fallstudie der Harvard Business School über die reale Unternehmerin Heidi Roizen wurde im Jahr 2003 von Frank Flynn (zitiert in), Professor an der Colombia Business School, und Cameron Anderson, Professor an der New York University, mit einem Haken an die Studierenden ausgeteilt: Nur die Hälfte der Student*innen erhielt Heidis Geschichte. Die andere Hälfte der Klasse erhielt die gleiche Geschichte, aber Heidis Name wurde in "Howard" geändert. Als die Student*innen gefragt wurden, wie sie Heidi und Howard einschätzen, bewerteten sie beide als gleich kompetent, da ihre Leistungen identisch waren. Allerdings bewerteten die Student*innen Howard als den «sympathischeren Kollegen» und Heidi als «nicht die Art von Person, die man einstellen oder für die man arbeiten möchte». Zwei identische Fälle, mit einem Unterschied - dem Geschlecht - sehr unterschiedliche Eindrücke. Die Studie ist 20 Jahre alt. Was hat sich seitdem geändert?
Die Soziologin Heike Solga untersucht mit Ko-Autor*innen im Jahr 2020 basierend auf einer Befragung von 1.818 Professor*innen in Deutschland inwiefern weibliche Bewerberinnen in einem Bewerbungsverfahren benachteiligt oder bevorzugt werden. In einer Vignettenstudie wurden analog zum Beispiel von Heidi und Howard neben den Leistungen auch das Geschlecht der Bewerber*innen manipuliert. Die Ergebnisse zeigen, dass weibliche Bewerberinnen deutlich öfter eingeladen werden als männliche Bewerber und dass weibliche Bewerberinnen bei gleichen Leistungen als deutlich qualifizierter wahrgenommen werden als männliche Bewerber.
Die Soziologin Gunn Elisabeth Birkelund untersucht mit Ko-Autor*innen in den Jahren 2016-2018 in einem Feldexperiment in sechs Ländern die Einladung von Frauen und Männern für Bewerbungsgespräche. Es wurden fiktive Anschreiben und Lebensläufe auf 21.318 offene Stellen, die auf nationalen Online-Plattformen ausgeschrieben waren, verschickt und alle Antworten gesammelt und kodiert. Die Ergebnisse zeigen, dass männliche, nicht weibliche, Bewerber*innen bei der Einstellung in vier der sechs Länder diskriminiert werden. Die Feldversuchsdaten zeigen keine Hinweise auf eine Diskriminierung von Frauen bei der Einstellung in einem der Berufe in allen einbezogenen Ländern.
Die Soziologen Mark Lutter und Martin Schröder untersuchen im Jahr 2013 auf Grundlage von Karriere- und Publikationsdaten praktisch aller Soziologen, die an deutschen soziologischen Fakultäten arbeiten, wie meritokratische Faktoren (wissenschaftliche Produktivität) sowie nicht-meritokratische Faktoren (Zuschreibung, symbolisches und soziales Kapital) die Chancen auf eine unbefristete Professur in der Soziologie beeinflussen. Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen ihre erste unbefristete Stelle als Universitätsprofessorin mit durchschnittlich 23 bis 44 Prozent weniger Publikationen als Männer erhalten; bei sonst gleichen Bedingungen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Professur erhalten, etwa 1,4-mal höher als bei Männern.
Eine Meta-Analyse der umfangreichen, widersprüchlichen wissenschaftliche Literatur über geschlechtsspezifische Vorurteile in der akademischen Wissenschaft von 2000 bis 2020 zeigt folgende Resultate: Frauen mit Tenure-Track-Status sind mit Männern mit Tenure-Track-Status in den Bereichen Zuschussfinanzierung, Annahme von Zeitschriften und Empfehlungsschreiben gleichgestellt. Bei den Einstellungen sind Frauen gegenüber Männern im Vorteil. Bei den Bewertungen der Lehrtätigkeit und den Gehältern finden sich Hinweise auf eine Voreingenommenheit gegenüber Frauen; obwohl die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei den Gehältern viel geringer sind als oft behauptet.
Fazit: Der Effekt von Heidi und Howard hat sich im Jahr 2023 verkehrt. Es kommt nur noch selten zur negativen Diskriminierung leistungsfähiger Frauen. Im Gegenteil: diese profitieren oft von einer positiven Diskriminierung. Letzteres entspricht allerdings auch einer negativen Diskriminierung von Männern.