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© M. Huss
Trotz viel Schnee: Keine Erholung für Gletscher und Permafrost Kryosphärenbericht 2021
Das Volumen der Schweizer Gletscher nahm auch 2021 ab, dank viel Schnee im Winter und einem wechselhaften Juli aber weniger stark als in den letzten Jahren. Im Sommer fiel trotz grossen Niederschlagsmengen kaum Neuschnee in den Alpen. Die Erwärmung des Permafrosts in der Tiefe geht weiter.
Witterung und Schnee: Nasser Sommer aber insgesamt dennoch zu warm
Oberhalb 2300 m erfolgte das Einschneien vielerorts bereits Ende September 2020, darunter spätestens anfangs Dezember. Für die mehrmaligen Schneefälle zwischen Dezember und Februar bis ins Flachland waren weniger die Niederschlagsmengen, sondern die Kombination von Niederschlag und genügend kalten Lufttemperaturen verantwortlich. Die Temperatur von November bis April lag im Mittel der letzten 30 Jahre. Die Niederschlagssumme der Wintermonate war beidseits der Alpen überdurchschnittlich, in März und April dagegen geringer als normal. Über das ganze Winterhalbjahr betrachtet waren die Schneehöhen in der Ostschweiz und in Graubünden (vor allem im Engadin) überdurchschnittlich, im Rest der Schweiz durchschnittlich, mit Ausnahme der Westschweiz unterhalb 1500 m. Aufgrund eines kühlen April und Mai erfolgte die Ausaperung der Messstationen in hohen Lagen rund ein bis zwei Wochen später als normal.
Die Sommermonate 2021 nördlich der Alpen gehören laut MeteoSchweiz zu den nässesten in den über 100-jährigen Aufzeichnungen (siehe rechts). Die Temperaturen waren im Bereich des Mittelwerts der letzten drei Jahrzehnte, was aber einen Temperaturüberschuss von 1,8°C gegenüber der Normperiode 1961–1990 bedeutet. Der sehr warme und sonnige September brachte nur zweimal kleine Neuschneefälle im Gebirge, aber entschädigte viele Berggänger für den wechselhaften Sommer.
Gletscher: Rückgang hält an
Der Rückgang der Gletscher in den letzten Jahrzehnten war immens – ein Extremjahr folgte dem nächsten. Witterungsmässig stimmten die Voraussetzungen 2021 für eine Verschnaufpause. Leider ist in Zeiten des Klimawandels selbst ein «gutes» Jahr nicht gut genug für die Gletscher: Der Verlust setzte sich trotz reichlich Schnee im Winter und einem wechselhaften Sommer fort, wenn auch weniger schnell. Ende April lagen auf den meisten Gletschern nur leicht überdurchschnittliche Schneemengen, aber der Mai brachte viel zusätzlichen Schnee im Hochgebirge.
Die Gletscher waren noch bis in den Juli gut durch Winterschnee geschützt. Dennoch war die Eisschmelze bis Ende September beträchtlich und schweizweit gingen mit rund 400 Millionen Tonnen Eis fast 1% des verbliebenen Gletschervolumens verloren. Die Messungen zeigen fast überall einen weiteren Rückgang der Gletscherzungen. Rund die Hälfte der Beobachtungen zeigt einen Schwund zwischen wenigen und 20 m in der Länge. Ein weiterer Viertel weist massive Verluste bis zu 50 m auf. Bei den drei Walliser Gletschern Ferpècle, Lang und Turtmann hat sich das Gletscherende schlagartig um mehrere hundert Meter zurückverlagert, nachdem sich deren Zungen über die letzten Jahre stark ausgedünnt hatten und sich nun jeweils ein grösserer Teil abgetrennt hat.
Trotz weniger alarmierendem Eisdickenverlust als in den letzten Jahren, konnte nirgends ein Gewinn festgestellt werden. Im nördlichen Wallis (Rhonegletscher, Grosser Aletschgletscher) ist die Abnahme der mittleren Eisdicke mit rund 0,2 Metern moderat. Im südlichen Wallis, im Tessin und in der Nordostschweiz sind die Verluste hingegen kaum geringer als im Mittel der letzten 10 Jahre. Auch wenn 2021 schweizweit den geringsten Eisverlust seit 2013 zeigt, ist für die Gletscher keine Entspannung in Sicht.
Permafrost: Etwas tiefere Temperaturen nahe der Oberfläche
Oberflächentemperaturen werden an Permafroststandorten unterschiedlicher Topographie sowie Oberflächen- und Schneebedeckung gemessen. Durch die späte Ausaperung und den verregneten Sommer waren sie im Jahresmittel 2020/21 tiefer als im Vorjahr, teilweise über 1°C. So war auch die Auftauschicht – die oberste Schicht über dem Permafrost, die im Sommer auftaut – etwas weniger mächtig als 2020: zum Beispiel am Stockhorn/VS war sie 2021 mit 4,4 m einen halben Meter geringer als im Vorjahr. Die Werte lagen jedoch über dem langjährigen Mittel und erreichten an einzelnen Stellen sogar Rekorde, zum Beispiel am Schilthorn/BE mit über 11 m oder in Gentianes/VS mit fast 6 m.
Die etwas tieferen Temperaturen nahe der Oberfläche im Jahr 2020/21 machten sich auch bei den Kriechgeschwindigkeit der Blockgletscher bemerkbar: Letztere nahmen an den meisten Standorten im Vergleich zum Vorjahr etwa 20% ab. Es reichte jedoch nicht für eine Abkühlung in grösserer Tiefe, in welche Oberflächentemperaturen mit zunehmender Verzögerung und abnehmender Variabilität vordringen. Ab etwa 15 m Tiefe reagieren Temperaturen nicht mehr auf jahreszeitliche Schwankungen, sondern nur auf langfristige Klimaveränderungen. Hier setzte sich der Erwärmungstrend fort und die Permafrosttemperaturen waren vielerorts so hoch wie noch nie.
Kryosphärenmessnetze Schweiz
Die Beobachtung der Kryosphäre umfasst Schnee, Gletscher und Permafrost. Die Expertenkommission für Kryosphärenmessnetze (EKK) koordiniert die Beobachtungen und die Messnetze. Die Schnee-, Gletscher- und Permafrostmessungen werden von verschiedenen Bundesämtern, kantonalen Forstämtern, Forschungsinstitutionen des ETH Bereichs und den Universitäten und Hochschulen getragen. Sie beinhalten rund 150 Schnee-Messstationen (www.slf.ch, www.meteoschweiz.ch). Messungen an etwa 120 Gletschern werden im Rahmen des Schweizer Gletschermessnetzes (GLAMOS) durchgeführt (www.glamos.ch). Das Schweizer Permafrostmessnetz (PERMOS) umfasst rund 30 Standorte mit Messungen von Permafrosttemperatur-, Geoelektrik- und/oder Blockgletschergeschwindigkeit (www.permos.ch).