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Wie Sie Verletzungen der Wirbelsäule sicher erkennen
Ein (Fast) verheerender Einsatz...
Wir befinden uns gerade auf der Rückfahrt von einem Einsatz zurück zum Stützpunkt, als es aus dem Funk ertönt: "Einsatz P2 im Altersheim". Wir quittieren per Funk und drücken 'Zielführung' auf dem kleinen Bildschirm in unserem Einsatzfahrzeug. Die Sanitätsnotrufzentrale 144 kann uns sämtliche Daten, die sie am Telefon erhebt, auf diesen Monitor übermitteln. Dort steht, dass es sich um einen Sturz im Badezimmer handelt, die Patientin ansprechbar ist, aber Rückenschmerzen hat.
Wir, das sind mein Teamkollege, der sich noch in Ausbildung befindet und ich. Zu diesem Zeitpunkt bin auch ich noch nicht sehr lange diplomiert.
Wir treffen bei einem kleinen Altersheim ein. Ich war bisher noch nie dort gewesen. Der Lift ist klein. Definitiv nicht mit der Bahre befahrbar. Ein kurzer Blick ins Treppenhaus bestätigt mir, dass auch das Treppenhaus sehr eng ist.
Warum mich das interessiert? "Sturz" und "Rückenschmerzen" sind zwei Schlagwörter, die bei mir im Kopf eine kleine Kaskade auslösen: Hat sich die Patientin auf Grund des Sturzes an der Wirbelsäule verletzt, bzw., kann ich das nicht ausschliessen, dann muss ich diese Person immobilisieren. Das heisst, die Person muss möglichst "in-line", also ohne Bewegungen der (fraglich verletzten) Wirbelsäule auf die Vakuummatraze gebracht werden. Mit dieser speziellen Matratze wird die Wirbelsäule im Anschluss für den weiteren Transport ruhig gestellt. Dazu wäre es natürlich sehr praktisch, wenn ich mitsamt Bahre und Vakuummatratze mit dem Lift zur Patientin fahren könnte. Ist der Lift zu klein, müsste die Person auf dem Rettungsbrett die Treppe herunter getragen werden. Ist auch dieses sehr eng und verwinkelt, wird das zusätzlich erschwert. Beides ist hier der Fall.
Wir treffen bei der Patientin ein. Sie liegt im Bett und ist ansprechbar. Eine Pflegefachperson ist ebenfalls vor Ort. Gemeinsam erzählen die beiden uns, dass die Patientin beim Gang auf die Toilette gestolpert und gefallen ist. Die Patientin hätte aber wieder mobilisiert werden können und sei mit etwas Unterstützung selber zurück ins Bett gegangen.
Mein Kollege untersucht nun die Patientin gemäss den gültigen Standards. Wie Sie das machen, lesen Sie hier. Die Patientin ist ansprechbar, sie atmet normal. Alle ihre Vitalparameter wie Blutdruck, Herzfrequenz, etc. sind für ihr Alter im Normbereich. Sie kann sich an das Sturzereignis erinnern und ist auch sonst nicht irgendwie verwirrt. Ihr einziges Problem: Sie hat Rückenschmerzen auf Höhe der Lendenwirbelsäule. Nach genauerem Nachfragen finden wir heraus, dass sie das vor dem Sturzereignis auch schon hatte.
Nach dem die Patientin eine Infusion und Schmerzmittel erhalten hat, treffen wir die wichtigste Entscheidung hier: Dürfen wir die Dame aufstehen lassen und mit dem Rollstuhl mit in den Lift nehmen, oder müssen wir sie auf dem Rettungsbrett immobilisieren und unter viel Kraftaufwand das enge Treppenhaus hinuntertragen?
Wir entschieden uns, die Patientin in den Rollstuhl zu mobilisieren. Schliesslich war sie ja auch schon selbständig wieder ins Bett gegangen (und hat dabei ihre Wirbelsäule bewegt) und hatte auch vorher schon Rückenschmerzen. Daher unterstützen wir die Patientin nun dabei, an den Bettrand zu sitzen. Sie hatte ihren Oberkörper noch kaum angehoben, als sie vor Schmerz aufschrie und herauspresste, dass Sie nun Ihre Beine nicht mehr spüre...
Soviel sei gesagt: Es kam alles gut - Gott sei Dank! Wir konnten unsere Patientin sorgfältig zurück ins Bett legen und haben Sie anschliessend immobilisiert und mit dem Rettungsbrett geborgen. Dieser Einsatz war mir aber eine grosse Lehre, denn es hätte auch anders herauskommen können...daran darf ich kaum denken! Ich schwor mir, dass mir das nie mehr passieren würde.
3 Punkte, Wie sie verletzungen der Wirbelsäule erkennen
Damit auch Sie einfach und sicher entscheiden können, ob Sie eine Person nach einem Unfall bewegen (lassen) dürfen, oder ob Sie sie anweisen müssen, sich möglichst still zu halten, haben wir diese umfängliche Thematik in 3 einfache Punkte zusammengefasst.
In diesem Blogartikel haben wir uns ausführlich rund um das Thema Patientenbeurteilung unterhalten. Sicher können Sie sich noch an die drei Patientenkategorien erinnern:
Ganz wichtig ist, dass es für Sie klar ist, dass eine allfällige Wirbelsäulenverletzung nur bei der ersten Kategorie, den ansprechbaren Patienten berücksichtigt wird. Da diese Personen ja ansprechbar sind, besteht auch kein überlebenswichtiger Grund, diese anders zu lagern, als sie angetroffen werden.
Anders Anders sieht es bei Betroffenen der zweiten Kategorie aus (bewusstlose Patienten mit regelmässiger Atmung): Ab hier ist eine allfällige Wirbelsäulenverletzung von sekundärer Bedeutung. Denn diese Personen müssen zwingend immer in die stabile Seitenlagerung gebracht werden – zu gross ist die Gefahr des Erstickens einer bewusstlosen Person in Rückenlage.
Leblose Personen, also Patienten der dritten Kategorie (bewusstlose Patienten mit unregelmässiger oder fehlender Atmung), sind immer zu reanimieren. Auch hier spielt eine allfällige Rückenverletzung definitiv eine untergeordnete Rolle.
Somit muss einzig bei Betroffenen der ersten Kategorie nach einem Unfall an die Möglichkeit einer Wirbelsäulenverletzung gedacht werden.
Wenn eine Person ihre Beine nicht mehr spürt und/oder bewegen kann, ist der Fall klar: Es liegt eine gravierende Wirbelsäulenverletzung mit Beschädigung des Rückenmarks vor. Das ist auch der Fall, wenn die Person über Gefühlsstörungen („Ameisenlaufen“) in einzelnen Körperregionen klagt.
Trotzdem kann eine Wirbelsäulenverletzung nicht ausgeschlossen werden, wenn keine der oben genannten Symptome vorliegen. Sogar wenn eine betroffene Person stehend oder gar gehend (denken Sie an meinen oben erzählten Einsatz zurück, bei dem die Patientin vorher noch selber herumgegangen ist!) angetroffen wird, ist das kein Beweis, dass die Wirbelsäule unbeschädigt ist. Im Gegenteil: Viele Betroffene, die später im Spital einen chirurgischen Eingriff zur Stabilisierung ihrer Wirbelsäule benötigen, wurden am Einsatzort herumgehend angetroffen oder gingen sogar selbständig auf die Notfallstation.
Daher ist es wichtig, in wenigen Schritten einfach und sicher herauszufinden, ob eine verunfallte, ansprechbare Person (1. Kategorie) allenfalls eine Wirbelsäulenverletzung aufweist und somit möglichst nicht mehr bewegt werden soll (und entsprechend professionelle Hilfe für die weitere Versorgung und Transport angefordert werden muss). Folgende drei Punkte müssen bei der verletzten Person abgeklärt werden:
- Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule (Rückenschmerzen)
- Verwirrtheit
- Hohe Gewalteinwirkung auf den Körper
Sie fragen also die verunfallte Person: „Haben Sie Rückenschmerzen?“ Wenn die Person vorbestehende Rückenbeschwerden hat, ist entscheidend, ob diese stärker oder anders sind als vorher.
Neuaufgetretene oder verstärkt bestehende Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule sind ein Hinweis auf einen möglichen Schaden. Daher ist die betroffene Person bis zum Beweis des Gegenteils (mittels bildgebendem Verfahren im Spital) möglichst nicht mehr zu bewegen.
Äussert die Person keine Schmerzen, ist es wichtig, kurz abzuklären, ob sie orientiert ist. Das Gegenteil von orientiert ist ja bekanntlich desorientiert, also verwirrt. Um die grobe Orientierung einer Person zeitnah abzuklären, lässt man sie eine einfache, geschlossene Frage beantworten, deren korrekte Antwort einem bekannt ist. „Können Sie mir sagen, ob im Moment Morgen, Mittag oder Abend ist?“ Auch Fragen zum aktuellen Monat und Jahr bieten sich an. Warum hat eine allfällige Verwirrtheit etwas mit einer Rückenverletzung zu tun? Ganz einfach: Wenn eine Person verwirrt ist, hat sie Ihnen womöglich auf die Frage des ersten Punkts („Haben Sie Rückenschmerzen?“) nicht korrekt geantwortet. Daher ist bei einer verwirrten Person nach einem Unfall, bis zum Beweis des Gegenteils, von einer Rückenverletzung auszugehen. Das trifft ebenfalls zu, wenn eine Person stark alkoholisiert ist oder man sich aus anderen Gründen nicht gut verständigen kann (z.B. auf Grund einer Fremdsprache).
Der letzte Punkt betrifft die Energie, die auf den Körper eingewirkt hat. Dazu müssen Sie das Unfallgeschehen einschätzen. Wie heftig war das Ereignis? Wäre jemand anderes nach dem gleichen Ereignis womöglich schwer verletzt (auch an der Wirbelsäule) oder tot? Oder ist die Person gar schwer verletzt? Wenn Sie eine dieser Fragen (wäre eine andere Person schwer verletzt oder ist die Person schwer verletzt) mit „Ja“ beantworten müssen, können Sie nicht ausschliessen, dass auch die nun betroffene Person eine Rückenverletzung hat – auch wenn die Person kurz nach dem Ereignis Rückenschmerzen verneint und orientiert ist.
Haben die drei Punkte abgeklärt, fühlen sich aber trotzdem unsicher in der Entscheidungsfindung? Dann gehen Sie von einer Verletzung der Wirbelsäule aus – lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig.
Was ist dann die logische Konsequenz? Sie müssen ein Rettungsmittel alarmieren, dessen Besatzung die betroffene Person dann korrekt bergen und transportieren kann.
Mein Learning
Haben Sie bemerkt, welchen Punkt wir bei unserem Einsatz im Altersheim zu wenig berücksichtig haben?
Genau, den Ersten: Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule. Ja, die Dame hatte Rückenschmerzen und ja, sie waren auch vorher schon bestehend. Hätten wir aber noch etwas genauer nachgefragt, ob diese Schmerzen stärker oder anders sind als vorher, hätte sie das bestätigt. Dann hätten wir sie von Anfang an immobilisiert, damit der Dame die Schmerzen und uns den ganzen Schrecken erspart.
Ich werde diesen Einsatz nie vergessen und ich hoffe, Sie nun diese drei Punkte auch nicht!
Training
Ich hoffe, Ihnen mit diesem Blogbeitrag die 3 wichtigsten Punkte rund um Wirbelsäulenverletzungen näher gebracht zu haben. Wissen kann aber praktisches Training nie ersetzten. Erst Recht, wenn dieses sehr nahe an die Realität herankommt (Stress, äussere Einflüsse, etc.). Hier sind wir die Profis! Trainieren Sie mit uns Notfallsituationen in verschiedenen Fallsimulationen, die Ihnen in Ihrem Arbeitsalltag begegnen können. Dabei profitieren Sie von der Praxisnähe, die wir Ihnen dank unserer täglichen Einsätzen im Rettungsdienst als dipl. Rettungssanitäter HF mitbringen. So erhalten Sie maximale Sicherheit, das erworbene Wissen auch im echten Notfall abrufen zu können.
Dabei erfüllen Sie die arbeitsgesetzlichen Anforderungen (ArGV 3, Art. 36) und die der SUVA im Bereich der Ersten Hilfe mit dem kürzesten und kompaktesten Kursformat der Schweiz und sparen damit Lohnkosten Ihrer Mitarbeitenden!
Es ist unser Ziel, Erste Hilfe für Sie einfach, verständlich und in der Praxis anwendbar zu machen. Dazu verschonen wir Sie vor langer Theorie uns setzen auf "Machen". Verwirrliche Details einzelner Krankheits- und Unfallbilder erhalten Sie keine. Vielmehr trainieren Sie allgemeingültige Grundsätze, mit denen Sie in jeder Notfallsituation korrekt handeln.
Wir freuen uns über Ihre Kontaktaufnahme für ein unverbindliche Erstberatung!