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Es war ein unglaublich steiler Aufstieg. Für einige Leute zu steil. Als Assistentin bei «Saturday Night Live» startete Jamie Tarses 1985 in New York ihre Fernsehkarriere. Nur ein Jahr später bekam sie einen Job in Los Angeles, wo sie die Drehbücher für bereits laufende Comedy-Serien bei NBC absegnen musste oder Änderungsvorschläge machte. Unter anderem brachte sich sich so bei «Cheers» ein.
Ihr unglaubliches Gespür für gute Comedy blieb bei NBC nicht lange unbemerkt. Der Entertainment-Chef Brandon Tartikoff – zu jener Zeit der einflussreichste TV-Mann Amerikas und von der «New York Times» als «Der Mann, dem die Primetime gehört» bezeichnet – nahm Tarses unter seine Fittiche und beförderte sie zur Abteilung, die Comedy-Serien entwickeln sollte.
«Friends» als grösster Erfolg
Und wieder zeichnete sich Jamie Tarses, damals erst 25 Jahre alt, durch ihr ausgezeichnetes Händchen für künftige Erfolge aus. Sie arbeitete an «Der Prinz von Bel-Air» («The Fresh Prince of Bel-Air»), «Überflieger» («Wings») oder auch an «Blossom» mit.
Doch ihren grössten Erfolg bei NBC feierte sie mit «Friends». Tarses sah in der Serie Potenzial und lockte die Autoren zu NBC. Dort entwickelte sie zusammen mit den Schöpfern David Crane und Marta Kauffman die Drehbücher. «Friends» wurde sofort zum Hit und plötzlich wollten alle Fernsehsender Tarses.
Gerüchte in die Welt gesetzt
Michael Ovitz, damals Disney-Präsident, versuchte, Tarses zu einem Wechsel zum eigenen ABC-Sender zu überreden. Er versprach ihr sogar die Leitung des Senders. Das Problem: Tarses htte bei NBC noch einen laufenden Vertrag. Und NBC hatte kein Interesse daran, diesen aufzulösen.
Und so machten plötzlich in Hollywood Gerüchte die Runde, dass Tarses behaupte, von einem hohen Tier bei NBC sexuell belästigt worden zu sein. So wolle sie aus dem Vertrag kommen. Es kam zu einer dreckigen Schlammschlacht. NBC beschuldigte Disney-Chef Ovitz, das Gerücht in die Welt gesetzt zu haben und Tarses dementierte die Geschichte immer wieder. Doch hat man in Hollywood einmal einen Ruf, ist dieser zementiert, für die NBC und Tarses gab es keine Zukunft mehr.
Anonyme Anfeindungen
1996 übernahm Jamie Tarses die Programmleitung bei ABC und war damit mit 32 Jahren die zweitjüngste Person der Geschichte auf einem solchen Posten. Das zog weitere Neider an. In einem grossen Porträt im «New York Times Magazine» wurde sie als «unsicher», «arrogant» und «nur von Emotionen getrieben» beschrieben. Ein anonymer Mitarbeiter sagte im Artikel: «Frauen sind nun mal emotional. Und Jamie ist besonders emotional.»
Diesen Druck und die ganze Erwartungshaltung lastete schwer auf Tarses. Nach nur zwei Jahren als Leiterin von ABC hatte sie genug. «Ich mag da nicht mehr mitspielen. Die Arbeit macht Spass. Der Rest ist Blödsinn, den ich schlicht nicht mehr brauche», sagte sie beim Abgang zur «Los Angeles Times».
Privatleben spannender als der Beruf
«Ihr Problem war, dass sie jung, single und attraktiv war», schrieb die «New York Times», nachdem Tarses bei ABC ging. Sie sei nie nach ihren Qualifikationen beurteilt worden, nur ihr Privatleben und ihr Äusseres seien Thema gewesen. Nachdem sie bei einem Branchenanlass mit dem damals noch eher unbekannten Ryan Reynolds («Deadpool») beim Knutschen fotografiert worden war, wurde ihr vorgeworfen, ihn nur deshalb für eine neue Sitcom gecastet zu haben. Es war die klassische Opfer-Täter-Umkehrung: Wären Tarses die Schauspielerin und Reynolds der Manager gewesen, hätten die Medien geschrieben, dass sie sich ihre Karriere erschlafen gehabt hätte.
Zweite Karriere als Produzentin
Dem Fernsehen kehrte Tarses nach ihrem Abgang bei ABC nicht den Rücken. Sie produzierte mehrere TV-Serien, allerdings eher mit mässigem Erfolg. So zum Beispiel «My Boys» oder «Happy Endings».
Anfangs Februar 2021 ist Jamie Tarses im Alter von nur 56 Jahren gestorben. Karey Burke, die Präsidentin von ABC von 2018 bis 2020 und jetzige Chefin von 20th Television, schrieb zu ihrem Tod in einem Statement: «Tarses hat alle Stereotypen und Vorstellungen zerschlagen, was eine weibliche Führungspersönlichkeit im Showbusiness erreichen kann. Sie hat mir und vielen anderen Frauen den Weg geebnet. Und dabei einen hohen Preis bezahlt.»