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Meine Frau liest zur Zeit das “Handbuch Begabung” (Beltz, 2021). Im Aufsatz “Begabung als sozialhistorisches und sozialkulturelles Konstrukt” (88-103) – der Titel verrät in sich schon den historizistischen Ansatz – wird Bezug auf das Christentum und den Einfluss der Kirche genommen. Im Prinzip macht der Aufsatz klar, dass der Sozialkonstruktivismus zwar ein bestimmtes Verständnis als gegeben voraussetzt, die Frage nach der Begründung jedoch offen bleibt. Weshalb muss Begabung gefördert werden? Wer ist der Adressat der Förderung? Wem kommt die Förderung zugute? Soll sie nur dem Einzelnen zukommen (wirtschafts-liberales Begründungsmuster; Bildungselite durch bevorzugten Zugang zu Bildung) oder der Gesellschaft (sozialistisches Begründungsmuster; gleicher Lehrplan für alle wie im Kommunismus)?
Der Leipziger Pädagogikprofessor Heinz-Werner Wollersheim schreibt (90-91):
Wenn ‘Begabung’ ein Konstrukt ist, das interindividuelle Unterschiede in der Leistung nicht nur beschreiben, sondern auch erklären soll, dann bedarf es zuallererst eines positiven Blicks auf das Individuum und der kulturellen Bereitschaft, von einem Individuum erbrachte Leistungen ganz oder überwiegend seiner Urheberschaft zuzuschreiben.
(Zum Beginn des neuen Verständnisses von Individualität im 13. Jahrhundert: Eine neue Textsorte Predigt) Bezeichnend für die Predigt ist im Hinblick auf Individualität, dass sie vor einer Gruppe vorgetragen wird, nämlich der Gemeinde, sich aber an jeden Einzelnen in dieser Gemeinde wendet und ihn persönlich zu erreichen sucht: Du bist gemeint. Der Einzelne ist von Belang, er ist Adressat der Predigt.
(Bezug auf eine franziskanische Predigt über das Gleichnis von den anvertrauten Talenten, Mt 25,14-30) Im Text des Matthäusevangeliums geht es um Vermögenswerte, die Knechten anvertraut werden, einen unklaren Auftrag des Eigentümers und den unterschiedlichen Auftrag der Knechte mit diesem Auftrag, schliesslich um das Einfordern von Rechenschaft und die abschliessende Bewertung durch den Eigentümer. Eine Kernbotschaft dieses Gleichnisses ist, dass es nicht ausreicht, das Anvertraute sicher zu bewahren, sondern dass man sich auch für den Umgang mit dem Anvertrauten rechtfertigen muss.
(Zur veränderten Sicht auf das Individuum) Das in der Renaissance erwachende Selbstbewusstsein des Menschen, sich als Vollender der göttlichen Schöpfung zu verstehen, begünstigte die Entwicklung einer positiven Sicht der Individualität des Einzelnen; ebenso die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, der die Kennzeichnung der Urheberschaft eines Textes auch zum Schutz vor Veränderung des nunmehr leicht reproduzierbaren Werkes mit sich brachte.
(Jann Amos Comenius) Der Dreissigjährige Krieg bringt unter andere die Innerlichkeit eines Paul Gerhardt, der im Menschen eine persönliche Frömmigkeit anregen will, und damit den Übergang zur Subjektivität, die sich im Pietismus eines August Herman Francke weiterentwickelt.
Ohne Christentum keine fundierte (transzendente) Begründung der Begabung!