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In «La panthère des neiges», eben mit dem César für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet, spüren die Filmemacherin Marie Amiguet und der Meisterfotograf Vincent Munier dem Phänomen Schneeleopard nach: dem Prinzip des Unsichtbar-Gegenwärtigen.
Sein «ikonisches» Bild eines Schneeleoparden in freier Wildbahn ist derart unspektakulär, dass Vincent Munier zunächst nicht einmal wusste, dass sich in der – wenig aufregenden – Aufnahme eines Falken, der da auf einem Felsvorsprung sitzt, noch ein zweiter Gast eingerichtet hatte. Es brauchte seine Zeit, bis er realisierte, dass die unauffällige Ausbuchtung der Horizontlinie Scheitel und Ohren der grossen Katze repräsentierten, deren gelassener Blick dem ahnungslosen Fotografen galt.
Ikonisch ist das Bild also nicht seiner fotografischen Qualität wegen, sondern weil es demonstriert, was alle bezeugen, die sich auf die Spur dieser flüchtigen Erscheinung gesetzt haben: Den Schneeleoparden sieht man nur, wenn er es zulässt. Sobald er reglos verharrt, ist er praktisch unsichtbar. (Eine Fähigkeit, die er, nebenbei, mit andern Katzen teilt; aus Sibirien gibt es diesbezügliche Berichte von Tigern, die einem das sprichwörtliche Blut in den Adern stocken lassen. Auch der kleine Mansul, die Pallaskatze, die in Muniers Film «La panthère des neiges» ein paarmal zu sehen ist, kann problemlos zur Unsichtbarkeit erstarren.)
Vor einem halben Jahrhundert
Wenn man will, kann man auch die drei Aufnahmen, die George B. Schaller vor einem halben Jahrhundert, im November 1971, im «National Geographic» als «first photographs of snow leopards in the wild» präsentierte, als ikonisch bezeichnen. Entstanden sind sie 1970 in Chitral im pakistanischen Hindukusch, also im äussersten Westen des sich über ganz Innerasien erstreckenden riesigen Verbreitungsgebiets des seltenen Tiers. Schaller, damals bereits berühmt durch seine wegweisenden Feldstudien zu den Berggorillas (die dann Diane Fossey inspirieren sollten) sowie zu Tigern und ihrer Beute, war eigentlich auf der Spur der Blauschafe (des wichtigsten Beutetiers des Schneeleoparden) unterwegs gewesen, um deren Ort «zwischen» Schafen und Ziegen näher zu bestimmen. Und der Bharal, das Blauschaf, war auch das Ziel der Expedition, die ihn im Spätherbst 1973 ins Innere Dolpo führte, ein entlegenes Berggebiet im westlichen Nepal. Eingeladen hatte er dazu den Schriftsteller und «nature writer» Peter Matthiessen, den er bei seinen Löwenstudien in der Serengeti kennengelernt hatte (nachzulesen in dessen im Jahr davor erschienenen Buch «The Tree Where Man Was Born», hervorgegangen aus einer Artikelreihe für den «New Yorker»).
Fünf Jahre später war Matthiessens Buch da (und dessen Titel lautete, wenig überraschend, nicht «Das Blauschaf»). Erst hatte er «Far Tortuga» (1975) fertigstellen müssen, das in Delirien verschwimmende literarische Meisterwerk des Autors über einen verlorenen Trupp karibischer Schildkrötenfänger, angesiedelt an den Rändern der englischen Sprache. (Seine eigenen Erfahrungen als Berufsfischer vor Long Island hat Matthiessen 1986 in «Men’s Lives» zu Papier gebracht. 1971 war «Blue Meridian» erschienen, seine grosse Reportage über Peter Gimbels Dreharbeiten zum Dokumentarfilm «Blue Water, White Death» vor Südafrika und Australien; der damals auch zoologisch praktisch unbekannte Weisshai sollte in der Folge Peter Benchleys und Steven Spielbergs «Jaws» inspirieren.)
Präsenz des Unsichtbaren
Der Titelheld stand bei «The Snow Leopard» nicht für zoologische Information, eher schon für deren Gegenteil. Das Tier, dessen Vorhandensein Spuren und Kotproben bezeugten, war ein Phantom geblieben. Während der mehr als zwei Monate, in denen Schaller und Matthiessen zu Fuss unterwegs waren, hat es sich nicht einmal gezeigt. Erst nach Matthiessens Abreise konnte Schaller eine einzige Sichtung verzeichnen, einen kurzen Blick auf ein aufspringendes Exemplar. Doch wird es dem Autor nicht einfach zur Metapher für das nicht Sichtbare, dem unsere Sehnsucht gilt, sondern ebenso zum Bild für die Präsenz dieses Unsichtbaren.
Es sei wundervoll, sagt der Zen-Adept (der später Rōshi und ordinierter Zen-Priester sein wird) einmal, wie die Anwesenheit dieses Lebewesens die ganze Landschaft auf einen Punkt hin verdichte – vom Schimmern eines alten Widdergehörns bis zum Klang eines Kiesels auf dem gefrorenen Grund ... Der Buchumschlag der Erstausgabe, ein Foto von Schaller, zeigte folgerichtig nicht das Tier, sondern eine entrückte, tiefverschneite Himalajalandschaft, darin eine weltabgeschiedene Klosteranlage – ein Hauch von Shangri-La. (Auch die deutschen Ausgaben, bis hin zur jüngsten, 2021 bei Matthes & Seitz erschienen, haben sich an dieses «Bilderverbot» gehalten.)
Nimbus des Entrückten
1978 erschienen (und in den beiden Folgejahren gleich zweimal mit dem National Book Award ausgezeichnet), Expeditionsbericht und Tagebuch einer spirituellen Reise in einem, sollte «The Snow Leopard» zum wohl bekanntesten Werk des 2014 verstorbenen Autors werden (dessen letzte Jahre und letztes Buch, «In Paradise», dem Komplex Auschwitz galten). Jedenfalls hat es die allgemeine Wahrnehmung des Tiers als eines dem Auge entzogenen Wesens geprägt. Und so dürfte diesem der Nimbus des Unzugänglichen, Entrückten erhalten bleiben, auch wenn es inzwischen vielfach auf exzellentem Foto- und Filmmaterial figuriert (darunter mehrjährige Beobachtungen), in Hunderten von Zoos gehalten wird (bereits 1900 war ein Irbis auf einer stereoskopischen Aufnahme aus dem Zoologischen Garten Berlin zu sehen) und als Romanheld Buchtitel vom Krimi bis zum Kinderbuch ziert.
Der lange Schatten von Matthiessens Buch hat auch verhindert, dass Vincent Muniers grossangelegtes Projekt «La panthère des neiges» in den USA als «The Snow Leopard» beworben werden darf. Sowohl der Film, bei dem Muniers Lebenspartnerin, die Tierfilmerin Marie Amiguet, Regie geführt hat, wie das 2019 erschienene Buch gleichen Titels von Sylvain Tesson, der im Film neben Munier zu sehen ist, wie er an einer von dessen Expeditionen teilnimmt, müssen hier als «The Velvet Queen» auftreten. Dabei ist «La panthère des neiges» – soeben mit dem César für den besten Dokumentarfilm 2021 ausgezeichnet – zweifellos die bisher am tiefsten lotende und jedenfalls poetischste Annäherung an das Phänomen Schneeleopard, dessen Abwesenheit beziehungsweise unsichtbare Präsenz auch hier zum Leitmotiv geworden ist.
Wildheit des Lebens
Acht Jahre hat der Meisterfotograf aus den Vogesen an das Projekt gewandt, war in verschiedenen Regionen Osttibets unterwegs, konfrontiert, wie er in Interviews sagte, mit der allgegenwärtigen, oft brutalen chinesischen Polizei, die die einheimische Bevölkerung schikaniert. Erkundet hat er dabei Einöden von schwer vorstellbarer Leere und Wildheit der Elemente, die dann bei aller vermeintlichen Lebensfeindlichkeit überraschende Tierbegegnungen bereithalten konnten. Am eindrücklichsten zweifellos diejenige mit einem bedrohlich schnaubenden Wildyak, deren Stiere selbst dem Gaur an Masse und Gefährlichkeit nahekommen und deren gewaltige Hörner und zottiges Fell sie wie aus Urzeiten herübergekommen erscheinen lassen.
Sich an eine von einem solchen Bullen, der zwanzigmal schwerer ist als man selber, bewachte Herde heranzuwagen, um vielleicht ein unachtsames Kalb zu erbeuten, ist auch für einen erfahrenen Schneeleoparden ein lebensgefährliches Unterfangen. Zu Beginn des Films sehen wir, in wohl kilometerweiter Entfernung und deshalb nicht ganz leicht zu erkennen, wie ein Trupp Wölfe ebendies versucht – und wie zuletzt der Bulle, durch die Wölfe verwirrt, aus Versehen dann das Kalb mit seinen Hörnern erwischt und in die Luft schleudert, den Wölfen vor die Füsse.
Munier, Liebhaber des Unwirtlichen
Im entlegenen Quellgebiet des Mekongs versammelt der Film ein weites Panorama raren Tierlebens in scheinbar ausgestorbenen Landstrichen. Selbstverständlich sind Aufnahmen wie die all der Tibetantilopen, Tibetgazellen, Tibetwildesel, von Tibetfuchs, Tibetwolf und Tibetbär nur um den Preis häufig tagelangen, ergebnislosen Wartens und anstrengender Gänge in dünner Höhenluft bei klirrend kaltem Wind zu haben.
Für alles entschädigen dann Momente wie in der Sequenz, in der eine Bärin mit zwei fast ausgewachsenen Jungtieren auf die Equipe zukommt, bis diese beschliesst, sich zurückzuziehen.
Vergnüglich mitanzusehen ist, wie geniesserisch Munier sich in dichtem Schneetreiben einrichtet, da lebt einer in Kälte und Unwirtlichkeit erst so richtig auf – mitunter fast unirdisch sind etwa die Aufnahmen, die er von Polarwölfen auf Ellesmere Island gemacht hat. Sein Begleiter hingegen vermittelt eine Vorstellung von der Plackerei, die mit einem Unterfangen verbunden ist, bei dem es bis auf 5’000 Meter hinauf gehen kann. Sylvain Tesson, ein paar Jahre älter als Munier, ist kein Matthiessen (den er im Buch widerwillig knapp erwähnt), lieber ergeht er sich in bildungshuberischer Sophisterei, bei der es dann vom Pathos nie weit ist bis zum Schwulst. Im Film ist kaum etwas davon zu hören, und wenn es doch einmal etwas bemüht poetisch wird, dann gibt es auch witzige, kluge kurze Reflexionen. Anders als im Buch sehen wir ihn hier mit den Kindern der Yakhirten herumalbern oder wie er sich von einem der Buben bei den Übungen in seinem Tibetisch-Lehrmittel helfen lässt.
S wie Schneeleopard
Zuletzt wird sie sich doch noch offenbaren in diesen «Landschaften des Wartens», wie Munier sie nennt, die grosse Katze mit dem begehrten Fell (und die einzige Grosskatze, von der keine Angriffe auf Menschen bekannt sind). Aber auch diese Manifestationen erfolgen sehr dosiert: Lange wird das Display der Videofalle leer bleiben, so lang, dass der Fotograf sich – ähnlich wie seinerzeit Peter Matthiessen – fragen wird, ob es vielleicht doch besser sei, sich den Traum zu bewahren (wobei er auf früheren Expeditionen bereits das eine und andere Bild hat machen können). Schön, wie er Orwells berühmtem geflügelten Wort einen ganz neuen, eben «biogenetischen» Klang verleiht, wenn er davon spricht, dass «der Grosse Bruder uns beobachte».
Zu sehen bekommen Munier und Tesson diesen endlich aus einer offensichtlich schon von Bären genutzten Höhle heraus, deren Eingang zudem das prächtige Gehörn eines Blauschafwidders markiert: «Sao, wie sich der Schneeleopard selber nennt», wie es bei Matthiessen einmal heisst, lässt es zu, dass man ihm beim Mahl an einem Yakkadaver zusieht. Im Abspann ihres vortrefflichen, reichhaltigen Erstlings lässt Marie Amiguet dann mit Momentaufnahmen aus der Fotofalle den Schneeleoparden auch verspieltere Seiten zeigen. Zuvor aber haben wir ihn – in wahrhaft ikonischer Gebärde, die das Phantom, den Schemen zur konkret-schönen Epiphanie verfestigt – erlebt, wie er, halb verborgen, hoch oben auf einem Grat mit dem prachtvollen Schweif ein grosses S an den Himmel schreibt. S wie Sao. S wie Schneeleopard.
Ab 31. März im Kino.