Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03279.jsonl.gz/3037

Hintergrund - 24.11.2023 - 13:30
Die Einrichtung der Handelsakademie im Jahr 1898 war nur eine unter vielen Schulgründungen in dieser Zeit. Ebenfalls um die Jahrhundertwende entstanden etwa die Webschule in Wattwil, mehrere Stickereifachschulen in Grabs, Degersheim, Kirchberg und Rheineck sowie die «Zeichenschule für Industrie und Gewerbe» in St.Gallen. Die Bildungseinrichtungen wurden gemeinsam von Gemeinden und Industriellen getragen und verfolgten letztlich alle das Ziel, der Ostschweizer Textilindustrie durch gut ausgebildete Fachkräfte einen ausschlaggebenden Standortvorteil zu verschaffen.
Die grossrätliche Kommission, welche vor 125 Jahren über die Einrichtung einer «Höheren Schule für Handel, Verkehr und Verwaltung» beriet, argumentierte: «Immer mehr wird von unseren Grosskaufleuten betont, dass der bisher eingeschlagene Bildungsgang zur Führung grosser Geschäfte mit weit verzweigten Verbindungen in aller Herren Länder, nicht genüge, dass dazu auch Kenntnis der Zoll- und Handelsgesetzgebungen […], eine gewisse Vertrautheit mit Rechtsfragen und ein Einblick in die Volkswirtschaftslehre erforderlich seien.» Unter den neun Mitgliedern der Kommission waren immerhin drei namhafte Textilunternehmer: Heinrich Cunz, Mitinhaber der Textildruckerei Cunz, Wettler und Forrer (später Textilwerke Blumenegg AG) in Rorschach, Anton Messmer, Kaufmann und Inhaber eines Stickereigeschäfts in Bazenheid, sowie Emil Schubiger, Gründer der Seidenweberei Schubiger in Uznach.
Hinzu kam Nationalrat Karl Emil Wild, St.Galler Architekt und Präsident des Zentralverbands der Stickereiindustrie. Er war der Gründer und Direktor des 1878 eröffneten Industrie- und Gewerbemuseums St.Gallen (heute: Textilmuseum St.Gallen) mit der angeschlossenen Schule für Stickereizeichnerinnen und -zeichner. Wild war ein wichtiger Befürworter der St.Galler Handelsakademie und wurde schliesslich auch ihr erster Direktor. Schliesslich waren die Vertreter der Textilbranche nicht nur politisch, sondern auch finanziell an der Gründung der HSG beteiligt. Die Kosten für den Betrieb der Schule wurden zwischen Bund, Kanton und Stadt St.Gallen sowie dem Kaufmännische Direktorium aufgeteilt.
Folgerichtig bildet die Textilwirtschaft im Curriculum der frühen Handelsakademie einen wichtigen Schwerpunkt. Im Fach «Warenkunde» etwa standen 1903 die Verarbeitung von Wolle und Seide, die Herstellung chemischer Fasern, Bleich- und Färbeprozesse sowie die Fabrikation von Spitzen an erster Stelle. Zur Veranschaulichung besichtigten die Teilnehmer des Kurses die Stickereiexportgeschäfte Otto Alder & Co. sowie Hirschfeld & Co. in St.Gallen. Noch prominenter war das Thema im Programm der öffentlichen Vorlesungen vertreten, welches auf die Weiterbildung des städtischen Bürgertums abzielte. Im Jahr 1904 etwa wurden gleich drei Veranstaltungen zur Textilwirtschaft angeboten: «Wirtschaftsgeographie. Die Produktionsgebiete der Baumwolle und Seide» (Heinrich Schmidt), «Entwicklungsgang der Spitze und ihre Beziehung zur Maschinenstickerei» (Karl Emil Wild) und «Die Chemie in ihrer Anwendung auf die Textilindustrie» (Eduard Steiger).
Innerhalb der neugegründeten Handelsakademie wurde ausserdem eine «Versuchsanstalt für die Textilindustrie» eingerichtet. In den Laboren der Schule wurden unter der Leitung des Chemikers Johann Anastasius Jovanovits Experimente durchgeführt, um die Verfahren zur Verarbeitung von verschiedenen Textil- und Lederwaren weiterzuentwickeln. Von den Ergebnissen profitierte insbesondere die lokale Textilwirtschaft. 1937 wurde die Versuchsanstalt durch den Bund übernommen und in die Eidgenössische Materialprüfungsanstalt EMPA eingegliedert. Die Zusammenarbeit mit der Handelshochschule insbesondere im Bereich der Ausbildung von Textilfachleuten und in der Ausarbeitung von technischen Standards blieb aber weiter bestehen. Unter dem Dach der Handelshochschule wurde 1947 die «Höhere Textilfachschule St.Gallen» eingerichtet, welche u.a. Weiterbildungskurse für Färbereifachleute und für Führungspersonen aus der Textilindustrie anbot. Anlässlich der Eröffnung heisst es: «Auf jeden Fall freuen sich die Organe der Handelshochschule […], ihre Kräfte in noch stärkerem Masse als bisher […] in den Dienst der für das ostschweizerische Wirtschaftsgebiet nach wie vor lebenswichtigen Textilindustrie zu stellen.»
Im Laufe der 125-jährigen HSG-Geschichte dürften tatsächlich viele Vertreterinnen und Vertreter der Ostschweizer Textilwirtschaft ihre Aus- oder Weiterbildung an der St.Galler Handelshochschule absolviert haben. Die meisten Unternehmen wurden innerhalb der Familie weitergeführt, sodass die theoretische Bildung an der HSG eine naheliegende Ergänzung zur praktischen Berufsbildung im elterlichen Geschäft war. Ein namhafter Absolvent ist etwa Leiv Helly-Hansen, der Erbe des gleichnamigen Unternehmens in Norwegen, der sich 1936 zum Studium in St.Gallen einschrieb. Nach dem Besuch des Handelsgymnasiums in Oslo hatte er bereits erste Berufserfahrungen im Unternehmen seines Vaters gesammelt und wollte seine Ausbildung an der HSG abrunden, «um dann wohlvorbereitet in die kaufmännische Praxis überzutreten», wie er in seiner Bewerbung schrieb.
Einen ähnlichen Ausbildungsweg nahm der 1926 geborene Robert Schläpfer. Nach dem Abschluss der Handelsmatura an der Kantonsschule St.Gallen besuchte er einen Abendkurs in der Ostschweizer Stickereifachschule und unterstützte seinen Vater Jakob Schläpfer nebenher bei der fremdsprachigen Geschäftskorrespondenz. 1946/47 schrieb er sich in der Handelshochschule St.Gallen ein, brach das Studium jedoch auf Wunsch seines Vaters nach zwei Semestern wieder ab, um Vollzeit im elterlichen Geschäft mitarbeiten zu können. Robert Schläpfer und seine Ehefrau Lisbet Schläpfer-Bucher waren bedeutende Wegbereiter für die Neuausrichtung der kriselnden St.Galler Stickereiindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg. Durch die Entwicklung von neuen Produktionstechniken (etwa zum mechanischen Anbringen von Pailletten, zur Herstellung von bunt bedruckten Seidenstoffen und zur Fixierung von Swarovski-Steinen) eröffneten die beiden mit dem Familienunternehmen Jakob Schlaepfer und Cie. einen neuen Absatzmarkt im Bereich der Luxuswaren. Namhafte Modehäuser im In- und Ausland, wie z.B. Hubert de Givenchy, Chanel, Dior, Yves Saint Laurent, Giorgio Armani und Akris, gehören bis heute zu den Abnehmern der St.Galler Textilerzeugnisse.
Zwischen dem St.Galler Familienunternehmen Akris und der HSG besteht eine ganz besondere Verbindung. HSG-Alumnus Peter Kriemler und sein Bruder Albert Kriemler führen das aus einer Schürzennäherei hervorgegangene Geschäft bereits in der dritten Generation und verstehen sich als das Modehaus, in dem Stoff, Stadt und Universität verwurzelt sind. Die Architektur auf dem HSG-Campus diente in den vergangenen Jahren immer wieder als Bühne für die Akris-Kollektionen. Seit Oktober dieses Jahres hängen aussergewöhnliche Fotodrucke des international bekannten Fotografen Iwan Baan im Förderer-Bau der HSG. Die Fotoausstellung «100 years Akris – 125 years University of St.Gallen» lädt noch bis Ende Jahr zum Entdecken und Betrachten ein.
Janett Seewer, Universitätsarchiv
Bilder: Universitätsarchiv und Iwan Baan (Akris-Fotografie)
Titelbild: Schweizerische Versuchsanstalt in den Räumen der HSG, Physikalischer Prüfraum für Garne und Gewebe (um 1930)