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watson – murielle schlup / schweizerisches nationalmuseum
Gebrauchsgegenstand und Accessoire, Kunstwerk und Statusobjekt: Der Funktionsreichtum des Fächers ist ebenso «breitgefächert» wie seine weit in die Vergangenheit zurückreichende Entwicklungsgeschichte.
Die ältesten Darstellungen von Fächern zeigen grosse, langstielige Wedel aus Palm- oder Lotusblättern sowie Gebinde aus Stroh, Tierhaaren oder Federn, insbesondere Pfauen- und Straussenfedern, mit denen Diener und Sklaven in warmen Ländern – von Ägypten bis Griechenland, von China bis Indien – ihre Herrschaft vor Überhitzung und lästigen Insekten schützten.
Der Fächer war schon immer mehr als ein rein funktionales Instrument zur Kühlung bei schwülem Klima. Die frühen Hochkulturen kannten den Fächer auch als Gegenstand zeremonieller Handlungen sowie als Hoheitssymbol von Machthabern und Würdenträgern. Zudem waren einfachste Handfächer auch in der Bevölkerung verbreitet. Sie wurden beispielsweise zum Kühlen heisser Speisen oder zum Anfeuern benutzt.
Handfächer aus dem Orient, insbesondere Rad-, Fahnen- und Federfächer, kamen erstmals durch die Kreuzfahrer im 12. Jahrhundert über Venedig nach Europa und verbreiteten sich zunächst vor allem in Oberitalien, wo sich im Laufe der Zeit die erste selbstständige Fächerproduktion Europas entwickelte. In zahlreichen repräsentativen Damenporträts tauchen im Laufe der Zeit Handfächer auf, wo sie als weibliche Statussymbole, ja quasi als feminine «Hoheitszepter» fungierten. So ist etwa Katharina de Medicis (1519–1589) Faible für Fächer in mehreren Porträts bezeugt.
Durch ihre Heirat mit dem Herzog von Orléans (1519–1559), dem späteren König Heinrich II. von Frankreich, führte sie den Fächer am französischen Hof ein, wo er sich als unverzichtbares Modeaccessoire der aristokratischen Damenwelt etablierte und von wo aus er sich bald auch an anderen europäischen Höfen verbreitete. Der Fächer unterstrich Eleganz und Stilbewusstsein der Trägerin und stand für eine verfeinerte Lebensart der gehobenen Gesellschaftsschicht. Gleichzeitig liessen sich hinter dem Fächer Gefühlsregungen ebenso verbergen wie ein Kropf, ein Geschwür oder schlechte Zähne.
Im Verlaufe des 16. Jahrhunderts erhielten die bisher verbreiteten Fächer Konkurrenz, die den Markt schon bald dominierte: Portugiesische Händler brachten den Faltfächer aus Ostasien mit nach Europa. Die bereits bestehende lebhafte Nachfrage nach Fächern stieg insbesondere am französischen Hof nochmals erheblich und kurbelte zugleich die Einwanderung vieler Fächerhersteller aus Oberitalien nach Frankreich an. Französische Kunsthandwerker gingen bei diesen in die Lehre. Eine wachsende Anzahl «Eventaillistes», wie die Fächerhersteller in Frankreich hiessen, etablierten eine eigene, selbstständige Berufsgattung. Die wachsende nationale Produktion liess Ludwig XIV. (1638–1715) durch das Zurückdrängen italienischer Importe schützen.
Spätestens bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, der Blütezeit des Fächers in Europa, war Frankreich zum Hauptzentrum der westlichen Fächerproduktion aufgestiegen. In England förderte die Einwanderung von Hugenotten nach dem Edikt von Nantes (1685) die stark und schnell wachsende Eigenproduktion auf der Insel mit Zentrum London.
Der Faltfächer, der vermutlich eine Erfindung aus Japan ist, blieb bis heute die bekannteste und am weitesten verbreitete Fächerform. Nicht nur, weil er besonders raffiniert und handlich ist, sondern auch, da seine Konstruktion zahlreiche Variationen in Material und Gestaltung ermöglichte. Vor allem aber bot sein sich weit öffnendes Fächerblatt eine Plattform für virtuose portable Kunstwerke.
Die Fantasie und Detailverliebtheit, mit der jeder Fächermacher den anderen zu übertrumpfen suchte, kannte dabei kaum Grenzen. Die Stäbe und die beiden Deckblätter des Gestells waren bei kostbaren Ausführungen oft aus Elfenbein, Perlmutter, Schildpatt, Edelholz und Edelmetallen gefertigt. Ausgeschmückt wurden sie mit aufwendigen Schnitzereien und Durchbrucharbeiten sowie Applikationen aus Strass und Edelsteinen.
Das in offenem Zustand halbkreisförmige Fächerblatt aus Seide, Papier, Vellum (hauchdünnem Pergament) und Schwanenhaut (feinem Leder, etwa von Lämmern) wurde mit Seiden- und Silberfaden, Perlen, Pailletten, Spitzen und Malereien dekoriert. Letztere waren meist in Zentrum und zeigten gerne Szenen aus der altgriechischen Mythologie und der Bibel sowie Chinoiserien, später kamen Schäfer-, Genre- und Hafenszenen dazu, politische oder gesellschaftliche Aktualitäten sowie Kopien und Variationen bekannter Gemälde. Als Mitbringsel von Bildungsreisen wurden Fächer in Auftrag gegeben, die historische Städte und berühmte Bauwerke wie den Petersdom und das Kolosseum abbildeten.