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Bedeutend disparater als der erste Teil kommt nun dieser zweite Teil der Problemgeschichte der Dialektik von H. H. Holz daher. Das liegt zum einen an der Tatsache, dass Holz hier Aufsätze einbindet, die er schon einmal, in anderen Zusammenhängen, veröffentlicht hat. Zum andern aber auch daran, dass er in der Antike weniger Namen, weniger Texte zu besprechen hatte, und so in historischer Reihenfolge vorgehen und sehr textnah interpretieren konnte.
Teil 2 beginnt mit Kirchengeschichte. Die Entwicklung der christlichen Kirche aus dem jüdischen Messianismus des Jesus und seiner unmittelbaren Jünger; über die Institutionalisierung, derer sich Paulus rühmt; die Systematisierung der Lehre (durch – u.a. – Tertullian, Cyprian und Irenäus); Konstantins Eingriff, der die christliche Kirche zur Staatskirche erhob und sich und seinen Nachfolgern damit gleichtzeitig das Recht sicherte, an den Konzilien über theologische Fragen (mit) entscheiden zu dürfen; Augustin, der für die Infiltration der Theologie durch die Philosophie sorgte; Boëthius schliesslich, der den Glauben zu einer Sache des Herzens machte (und damit eigentlich quer in der philosophisch-theologischen Landschaft steht). Holz entwickelt das aus einer Festschrift für Karl Barth heraus und bemüht sich deshalb auch um eine Bestimmung des Inhalts und Zwecks der Theologie, die sich an der Barths ausrichtet, und im Grunde genommen als Reden über Gott eine Bestimmung der drei Personen Gottes versucht. Barth wendet sich entschieden gegen Schleiermacher, der Gott zu einer persönlichen Sache machte (und damit vielleicht die protestantische Kirche in 21. Jahrhundert retten konnte, aber Theologie als auch nur Versuch einer Wissenschaft zu Grabe trug). Holz kann Barths Positionen insofern übernehmen, als er in den Bewegungen der göttlichen Personen untereinander, die die Theologie zu definieren sucht, eine dialektische Bewegung festmachen kann. (Und für Holz ist die Dialektik tatsächlich eine idealistische Bewegung – nämlich im Sinne eines Idealismus, wie er existierte, bevor ihn Schleichermacher sozusagen zerstörte. Den Schluss allerdings, den ich aus Holz‘ Position ziehen würde, nämlich, dass Hegels Dialektik demzufolge eine verkappte Theologie ist, scheint er nicht zu ziehen.)
Im Hochmittelalter, und damit in der Hochscholastik, scheinen Holz vor allem die Rebellen gegen die Orthodoxie zu interessieren – die, die dem neuplatonisch gefärbten Rückgriff auf Platon versuchten, arabisch gefärbten Aristotelismus entgegen zu setzen. Hier spielt dann weniger die Trinität eine zentrale Rolle, sondern die Schöpfungsgeschichte, genauer gesagt das Verhältnis von Geist zu Materie. Vereinfacht formuliert: Hat Gott die Materie aus dem Nichts erschaffen, oder gab es diese Materie schon immer? Letztere Position schien dem gesunden Menschenverstand logischer, sie war aber theologisch gefährlicher, konnte sie doch in einen Pantheismus münden, den Holz auch bei den Arabern (v.a. bei Averroës) de facto gegeben sieht. Nun hatten die Araber zwar auch mit orthodoxer Theologie zu kämpfen, aber wenigstens die Komplikation in Form der Trinität nicht auch noch zu berücksichtigen – die wiederum in der christlichen Philosophie-Theologie erneut zu Versuchen dialektischer Lösungen auch des Geist-Materie-Problems führte, jedenfalls, wenn man Holz glauben will. Und so kommen wir über Anselm von Canterbury, Scotus Eruigena, Abaelard, Arnold da Brescia (und den ersten Klassenkämpfen in Europa) zu Petrus Lombardus‘ Sentenzenbuch, einem Florilegum theologischer Gewissheiten. Die dann durch Friedrich II., – im Grunde genommen der erste barocke, rein weltliche Herrscher der Geschichte – wieder aufgemischt wurden, weil der endgültig die arabischen Philosophie in die europäische Theologie zog. Thomas von Aquin ist die Vollendung der Hochscholastik. Wobei Holz bezeichnenderweise vor allem die Frühschriften des Aquinaten berücksichtigt, weil er nur da – in der Auseinandersetzung mit Averroës – dialektische Bewegung findet. Später hat sich der Aquinate gemäss Holz an die orthodoxe Lehre angepasst, ohne allerdings zum Verfolger jener zu werden, die immer noch an Aristoteles hingen, wie es ein Bonaventura wurde. Siger von Brabant ist Holz ein Beispiel jener, die ihrem Aristotelismus nicht abschwören wollten und daran zu Grunde gingen.
Damit sind wir mit Holz schon beim Ausklang des Mittelalters, wo er noch den Nominalismus bespricht (wenig ergiebig, meiner Meinung nach) und Cusanus, den letzten Systemdenker des Mittelalters (dessen possest mit seinen mystischen Untertönen sich natürlich prächtig eignet für eine Inbesitznahme durch dialektisches Denken).
Es fällt auf, dass Holz als ‚Mittelalter‘ die Zeit definiert von der frühen Patristik bis zu (jeweils exklusive) Martin Luther in der Theologie und René Descartes in der Philosophie. In seinen Ausblicken in die Neuzeit, die er dann macht, weist er aber auf keinen von den beiden hin, sondern vor allem auf Entwicklungen, die wir bei Leibniz finden – der so zum eigentlichen Erben der Scholastik wird.
Wie schon zu Beginn angedeutet, fand ich Band 1 der Problemgeschichte bedeutend besser, weil konziser. In Band 2 finden sich doch viele unpräzise Gemeinplätze der Philosophiegeschichte wieder.