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Die Gotthard-Bergstrecke: Schon bald ein UNESCO-Welterbe?
Im September 2013 wurde an einem Symposium des Bundesamts für Kultur festgestellt, dass die Gotthard-Bergstrecke zum UNESCO-Welterbe gehören könnte. Darauf reagierte die SBB mit Bemühungen zur Aufrechterhaltung der alten Strecke. Auf Bundes- und Kantonsebene ist es überraschend still.
Das wichtigste Denkmal der Schweiz
Die Gotthard-Bergstrecke ist wohl das wichtigste Bauwerk der Schweiz seit der Gründung des Bundesstaates 1848. Die Linie wurde rasch zur meist befahrenen Alpentransversale. Mit dem Bau der Nord-Südachse integrierte sich die Schweiz in die europäische Verkehrslandschaft. Die Schweiz konnte ihre Unabhängigkeit stärken, indem sie, mitfinanziert von Italien und Deutschland, die Aufgabe als neutralen Alpentransitdienstleister übernahm. Der grosse Erfolg der Gotthardbahn begründete auch den Mythos Gotthard, bei dem die Öffnung der Schöllenen im 13. Jahrhundert rückwirkend als Geburtsstätte der Schweiz eingestuft wurde. Vor und während des Zweiten Weltkriegs wurde der Gotthard zum Inbegriff einer unabhängigen Schweiz, die den totalitären Regimes im Norden und Süden die Stirne bot. Neben dieser ausserordentlichen historischen, politischen und wirtschaftlichen Bedeutung ist die Gotthardlinie als Bauwerk von Bedeutung: Die Gotthard-Bergstrecke besticht durch eine weitsichtig angelegte Linienführung, die bis zur Eröffnung der Gotthardautobahn 1980, den Anforderungen genügte, die Transportbedürfnisse durch die Alpen zu bewältigen. Herausragend sind der Bau des damals längsten Tunnels der Welt und die Linienführung mit den Kehrtunnels. Sie ermöglichten in den engen Zufahrtstälern vor Ort Höhe zu gewinnen, damit die maximale Steigung von 26 Promille nirgends überschritten und dadurch die Qualität als Hochleistungsbahn nicht beeinträchtigt wurden.
Der Wandel ist die Konstante
Die Gotthard-Bergstrecke ist für die Denkmalpflege eine Herausforderung. Es ist ein typisches Werk der Industrialisierung, das die Gotthardbahngesellschaft und die SBB mehrere Male den neuesten Anforderungen anpassten. Es ist ein Bauwerk, das nicht den Ablieferungs- oder sogenannten Originalzustand repräsentiert, sondern aus vier Entwicklungsschichten besteht, die sich vom Bauwerk wie in einer archäologischen Schichtung ablesen lassen. Grundlegender Bestandteil ist die Linienführung, die diese als Bauwerk von aussergewöhnlichem universellem Wert auszeichnet, wie es die Richtlinien für die Einschreibung als UNESCO-Welterbe fordern. Aus der Bauzeit sind die gesamte Linienführung, die teilweise erneuerten Bahnhöfe und fast alle Bahnwärterhäuser erhalten geblieben. Auch die meisten Tunnelportale und viele Stützmauern präsentieren sich in der Erscheinung von 1882. Wenige Jahre nach der Eröffnung baute die Gotthardbahn die Linie auf Doppelspur aus. 1921 elektrifizierten die SBB die Linie. Sie betrieben diese mit einheimischer Energie und steigerten die Kapazität der Linie mit schnelleren und stärkeren Lokomotiven um mehr als 50%. Die SBB bauten zwei Wasserkraftwerke, eines in Amsteg und eines in Ambri-Piotta, sowie zwei Unterwerke, in Giornico und in Göschenen. Die markanten festungsartigen Bauten sind wichtige Fixpunkte.
Alle 800 Meter bauten die SBB Kabelbuden, die mit den Bahnwärterhäusern die serielle Erscheinung der Bahnlinie prägen. Die Kabelbuden dienten dem Unterhalt der unterirdisch verlegten Telefonkabel und als Telefonzellen. In den Bahnwärterhäusern lebten Bahnangestellte, die die Strecke überwachten. Verbesserungen der Traktion erhöhten die maximal mögliche Geschwindigkeit der Züge auf 80 km/h. Dies war im Vergleich mit der ersten Generation Elektrolokomotiven, wie dem «Krokodil», mehr als eine Verdopplung der Geschwindigkeit. Die SBB unterteilten die Linie in Streckenabschnitte und bauten Spurwechsel ein, damit möglichst viele Züge gleichzeitig über den Gotthard fahren konnten. Denkmalpflegerisch am meisten umstritten sind die Erneuerung der Brücken und die Lärmschutzwände. Vor und vor allem nach den Zweiten Weltkrieg ersetzten die SBB die Stahlfachwerkbrücken mit Betonbrücken im Heimatstil. Die mit Gneis oder Granit verkleideten Bogenbrücken sind weniger unterhaltsintensiv und stabiler. Damit waren diese dem steigenden Verkehrsaufkommen mit schwereren Lokomotiven und längeren Zügen gewachsen. Eine Stahlwerkbrücke von 1892 ist in Göschenen als Strassenzugang zum Bahnhof erhalten geblieben.
Die Gotthard-Bergstrecke als UNESCO-Welterbe?
Vor zehn Jahren, im September 2013, stellte das Bundesamt für Kultur am Symposium «Eine Zukunft für die Verkehrslandschaft Gotthard» fest, dass die Gotthard-Bergstrecke das Potential hat, UNESCO-Welterbe zu werden. Ein Jahr später beantwortete der Bundesrat das 2012 eingegebene Postulat vom damaligen Urner Ständerat Isidor Baumann. Der Bundesrat stellte fest, dass eine Stilllegung der Strecke trotz der Eröffnung des Basistunnels 2016 nicht angezeigt ist. Sie habe eine wichtige Erschliessungsfunktion für die beiden Regionen nördlich und südlich der Alpen. Die Infrastruktur könne aber vereinfacht werden. Eine Kandidatur als Welterbe dürfen die SBB damit nicht gefährden. Nun soll der gesamtwirtschaftliche Nutzen und die Kosten eines Welterbes als Entscheidungsgrundlage ermittelt und nach der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels (2020) die Frage einer Eingabe der Gotthardlinie als UNESCO-Welterbe noch einmal geprüft werden.
Das Resort in Andermatt entwickelte sich in der Zwischenzeit zum wirtschaftlichen Erfolg. Andermatt floriert. Obwohl die Anbindung von Göschenen nach Andermatt noch nicht heutigen Ansprüchen genügt, erreichen immer mehr Wochen- und Tagesgäste den Ferienort mit dem öffentlichen Verkehr. Mit dem Treno Gottardo, der seit Dezember 2020 durchgehende Verbindungen von Basel und Zürich in das Tessin anbietet, stiegen die Passagierzahlen trotz Pandemie um mehr als das Doppelte. Der «Gotthard Panorama Express» mit Panoramawagen von Luzern nach Lugano funktioniert und erweitert in diesem Jahr sein Angebot. Das steigende Verkehrsaufkommen bestätigt, dass die Strecke ein Bedürfnis befriedigt. Die SBB verschraubten und entfernten viele Weichen, denn diese sind unterhaltsaufwändig, und automatisierten die Strecke weiter. Die Denkmalpflege der SBB inventarisiert die Strecke. Die ist eine Voraussetzung für eine Eingabe als UNESCO-Welterbe. Im Moment verhandeln die SBB mit dem Bundesamt für Verkehr über den Finanzbedarf, um die Infrastruktur der Gotthard-Bergstrecke langfristig erhalten zu können.
Und der Kanton Uri?
Dem Kanton Uri muss es sehr gut gehen. Er macht mit dem Kanton Tessin wenig Anstalten, die Gotthard-Bergstrecke als UNESCO-Welterbe zu diskutieren und als Schwerpunkt der touristischen Vermarktung nutzen zu wollen. Die Vermarktung der Geschichte konzentriert sich auf Themen der «Geistigen Landesverteidigung» wie der Teufelsbrücke, des Rütlis und Wilhelm Tells. Die Gotthard-Bergstrecke lässt man – mit wenigen Ausnahmen – aussen vor. Die «Gotthard-Panoramastrecke», wie sie bei einer Vermarktung heissen muss, zeichnet die wilde Bergregion aus, macht sie einzigartig und ist ein idealer Werbeträger für alle Arten von Tourismusattraktionen. Das Welterbe passt auch zur Exzellenz des Resorts in Andermatt, das noch und noch mit Preisen überhäuft wird. Nun liegt der Ball bei der Urner und Tessiner Regierung.
Bundesamt für Verkehr BAV (2014): Künftige Nutzung der Gotthard-Bergstrecke. Bericht in Erfüllung des Postulates 1235.21 von Isidor Baumann vom 12.5.2012. Bern.
Ecoplan (2018): Wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen des Tourismusresorts Andermatt, Andermatt.
Elsasser, Kilian T. (2004): Wie die SBB schweizerische Identität stiften. In: Neue Zürcher Zeitung NZZ vom 9.12.2004. Zürich.
Elsasser, Kilian T. (2007): Wanderweg Gottardo. Zu Fuss entlang der Gotthardbahn. Baden.
Elsasser, Kilian T. (2016): Von der regionalen zur europäischen Bedeutung 1882. In: Elsasser, Kilian T. / Grass, Alexander: Drei Weltrekorde am Gotthard, 176-189. Baden.
Feusi, Alois (2017): Attraktiver Dorfrundgang in Göschenen. Das Gotthardtunneldorf wehrt sich gegen das Vergessenwerden. In: Neue Zürcher Zeitung NZZ vom 31.5.2017. Zürich.
Flepp, Fabio (2014): The touristic future on and along the ‚Gotthard Bergstrecke‘. Unpublizierte Masterarbeit, University of Lugano.
Marchal, Guy P. / Mattioli, Aram (Hg. 1992): Erfundene Schweiz – Konstruktion nationaler Identität. Zürich.
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Speich Chassé, Daniel (2016): Unterwegs mit der Gotthardbahn um 1900. Die Kirche von Wassen und die Inszenierung von Landschaft. In: Previšić, Boris (Hg.): Gotthardfantasien. Eine Blütenlese aus Wissenschaft und Literatur, 38-48. Baden.