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Im Frühling 2012 bezieht Simon Teuscher ein Freisemester. Stellvertretend wird Joseph Morsel, Dozent am LAMOP (Université Paris 1), zwei Seminare anbieten. Das Fortgeschrittenen-Kolloquium wird, wenn auch in leicht abgeändereter Form, dennoch durchgeführt.
Warum Quellen? Eine Selbstverständlichkeit in Frage gestellt
Seminar
Seit etwa drei Jahrzehnten haben die HistorikerInnen zu fragen begonnen,
worin der soziale Sinn des Schriftgebrauchs bestehen könnte - jenseits
des schematischen Gegensatzes von Schriftlichkeit und Mündlichkeit.
Diese Frage ist für die Mediävistik aus mehreren Gründen entscheidend:
1. Die mittelalterliche Gesellschaft ist nur indirekt zugänglich durch
die Vermittlung vor allem von Schrift-Dokumenten (an zweiter Stelle von
Bild- und Sach-Dokumenten, auf die sich aber andere Disziplinen als die
Historie im eigentlichen Sinne stützen). 2. Die Schriftkultur ist im
Mittelalter zum Zweck der Herrschaft(sausübung) monopolisiert worden. 3.
Innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft sind verschiedene, uns
heute selbstverständlich erscheinende Techniken aufgekommen und
verbreitet worden (das Buch, das Papier, die Minuskelschrift, die
Worttrennung, der Druck und auch die Notenschrift); diese sind an
wichtige Bedürfnisse der Schriftproduktion geknüpft und stellen
Ordnungsmittel dar, deren Bedeutung sich nicht auf kulturelle Faktoren
bzw. unerwartete Erfindungen beschränkt. Die Gesamtheit der Vorgänge
zwischen der untersuchten Gesellschaft und dem Historiker - die
Herstellung der Schriftstücke, ihre Konservierung, ihre Archivierung und
Bereitstellung, ihre Edition - sollte folglich auf eine Frage hin
untersucht werden, die viel weniger evident ist, als sie zunächst
erscheint: "Warum haben wir Quellen?" Die Aufgabe besteht ganz einfach
darin, die mittelalterlichen Dokumente nicht nur unter technischen
Gesichtspunkten zu verstehen (d.h. durch Kurse in Paläographie und
mittelalterlichen Sprachen), sondern mit Blick auf die Beziehungen
zwischen diesen Dokumenten und der Gesellschaft, die sie gemacht und
hinterlassen hat.
Sozialverdichtung im Mittelalter
Forschungsseminar
«Encadrement social» (soziale Rahmung) bedeutet die langfristige Sicherung der Herrschaftsverhältnisse und insofern sowohl der Reproduktion der sozialen Ordnung als auch der Herrschafts(aus)übung. Im Gegensatz aber zur biologischen Reproduktion, die in bestimmten Momenten und Formen stattfindet, die sich vom laufenden Geschehen unterscheiden, vollzieht sich die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung tagtäglich und zwar in häufig kaum wahrnehmbarer Weise (was aber Momente herausgehobener Aktivität, z.B. durch Riten, nicht ausschließt). Vor allem aber setzt die Fortschreibung der sozialen Ordnung notwendig das (ungewollte) Mitmachen der Beherrschten voraus. Insofern könnte man die soziale Rahmung als die Herstellung eines selbstverständlichen Konsensus zwischen Herrschenden und Beherrschten definieren, wobei die soziale Kontrolle unmerklich von den Beherrschten selber gesichert wird. Der Begriff der 'Sozialverdichtung' wird demnach vorgeschlagen, um zwei Zwecke zugleich zu erfüllen: zum einen soll er die Notwendigkeit hervorheben, die soziale Rahmung als Beitrag zur Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung zu studieren; zum anderen soll er den Kritiken Rechnung tragen, die sich gegen binäre und vertikale Sozialmodelle richten (also gegen die Opposition Herrschende/Beherrschte bzw. die Opposition Herrschaft/Genossenschaft); so soll er es erlauben, sich auf die Faktoren der Anerkennung der Beherrschung zu konzentrieren. Die Problematik wird an Beispielen wie Dorfbildung, Entstehung von Einwohnerschaften u.ä. entwickelt.
LizentiandInnen-/Master-/DoktorandInnenkolloquium
Kolloquium