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Im Laufe der Frömmigkeitsgeschichte wurde Maria zu einem Mythos. Durch den Titel der Mutter Gottes, den sie im Jahr 431 auf dem Konzil von Ephesos erhielt, entwickelte sich in der Ost- und Westkirche eine Marienfrömmigkeit, die im Laufe der Jahrhunderte auch die bildende Kunst und die Musik stark prägte.
Schon früh entstanden Legenden über das Leben Marias, deren Inhalte zusätzlich zu den biblischen bis heute in der orthodoxen Ikonographie dargestellt werden. Seit dem Mittelalter entstehen in Italien und am Oberrhein neue Motive. Maria wird mit einem zeitgenössichen Aussehen dargestellt. Die Bilder nehmen auch die Blumensymbolik der alten Göttinen auf und deuten diese im Blick auf Maria und Christus neu. Schon in der alten Kirche entstanden Marienhymnen, und durch alle Jahrhunderte hindurch neue Marienlieder.
Meerstern sei gegrüsset
Mit den Worten Ave maris stella/ Meerstern, sei gegrüsst beginnt ein lateinischer Hymnus aus dem 8. Jahrhundert. Meerstern ist einer der ältesten und meistverbreiteten Marientitel. Es spricht einiges dafür, dass das Symbol im Sinnzusammenhang mit der vom Diener des Propheten Elias vom Berge Karmel aus geschauten kleinen “Wolke über dem Meer” zu stehen scheint (1 Könige 18, 41 — 45): Die kleine Wolke als Zeichen der Hoffnung (= Maria) auf den ersehnten Regen, der das Land aus seiner Dürre befreit und neue Fruchtbarkeit (= den Messias) mit sich bringt. Deswegen trägt die Marienkirche auf dem Berge Karmel den Titel Stella Maris.
Salve Regina
Das Salve Regina ist die marianische Antiphon, die im Stundengebet der katholischen Kirche entweder nach der Vesper oder nach der Komplet gesungen wird. Benannt ist sie nach den ersten beiden Worten des lateinischen Textes, der vor 1054 entstanden ist und Hermann, dem Lahmen, einem Benediktiner der Abtei Reichenau, zugeschrieben wird. Die letzten Anrufungen des Gebets (o clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria) sind ein späterer Zusatz, den der heilige Bernhard von Clairvaux angefügt haben soll. Die gregorianisch anmutende Melodie ist jedoch jüngeren Datums und stammt aus dem 17. Jh., von dem wallonischen Komponisten Henri Du Mont.
Sei gegrüßt, o Königin,
Mutter der Barmherzigkeit,
unser Leben, unsre Wonne
und unsere Hoffnung, sei gegrüßt!
Zu dir rufen wir verbannte Kinder Evas;
zu dir seufzen wir trauernd und weinend
in diesem Tal der Tränen.
Wohlan denn, unsre Fürsprecherin,
deine barmherzigen Augen wende uns zu
und nach diesem Elend zeige uns Jesus,
die gebenedeite Frucht deines Leibes.
O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria.
Wunderschön prächtige
Das Lied entstand Mitte des 17. Jahrhunderts in Österreich im Blick auf eine Laurentius von Schnüffis zugeschriebene Elegie. Als geistliches Volkslied fand es 1808 unter dem Titel Maria, Gnadenmutter zu Freyberg Aufnahme in von Arnims und Brentanos Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“. Zum Kirchenlied wurde es erst 1842 durch zwei theologisch fundierte Umdichtungen.
Schuldlos Geborene, Einzigerkorene,
Du, Gottes Tochter und Mutter und Braut,
Die, aus der Reinen Schaar, Reinste, wie keine war,
Selber der Herr sich zum Tempel gebaut;
Du makellose Lilien-Rose, Krone der Erde, der Himmlischen Zier, Himmel und Erde sie huldigen dir.
Immer wieder finden wir das Motiv ihrer Reinheit, Schuldlosigkeit und Jungfräulichkeit, unabhängig davon, dass Maria Mutter, Braut, ja Tochter ist, ein Mensch wie wir. Es gibt eine tiefe menschliche Sehnsucht nach der Vergebung der Sünden, einem reinen weissen Seelenkleid und einem Neubeginn der Schöpfung. In Maria sah man dieses menschliche Sehnsuchtsmotiv ganz verkörpert. Das Lilien-Rosenmotiv, das wir auch auf mittelalterlichen Marienbildern finden, verkörpert die himmlische und die irdische Liebe. Himmel und Erde verbinden sich in ihrer göttlichen Mutterschaft. Im Blick auf Maria, als Vorbild der Glaubenden, liegt auch für uns das weisse Gewand einer reinen unbefleckten Seele bereit.
Denise Wyss