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Ein Besuch der andalusischen Hauptstadt lohnt sich - vor allem, wenn der Anlass passt und die richtigen Leute dabei sind.
Ein bisschen Mühe hätten sich die beiden, derentwegen wir nach Sevilla gereist sind, ruhig geben können. Sie hätten sich die Kathedrale aussuchen und einen Kardinal oder zumindest einen Erzbischof anheuern können. Nicht ihretwegen natürlich. Aber unseretwegen. Als Zeichen der Wertschätzung und Entschädigung für die lange Anfahrt hätten sie schon ein Weilchen stramm stehen können vor der Capilla Mayor, dem gigantischen Hochaltar in der gigantischen Kathedrale Maria de la Sede, dem drittgrössten Kirchenbau Europas, wenn nicht der Welt. Aber nein, als religionsferne Linke begnügten sie sich mit einem Rathausinnenhof.
Andererseits hätte sich unser kleines Häuflein wahrscheinlich verloren in dem Gebäude von den Ausmassen eines Fussballplatzes. Und arg andächtig wäre es wohl auch nicht zugegangen mit H., der Restauratorin, die mit uns durchs Kirchenschiff sprang, all die zusammengeklauten Kirchenschätze erläuterte, die zahllosen Schnitzereien am 23 Meter hohen und 12 Meter breiten Altar begutachtete («da haben Flamen dran gearbeitet») und die merkwürdige Krummheit der halbmeterhohen Elfenbeinmadonnen in der Sakristei ausdeutete («so wächst das halt am Elefanten»). Mit der wissbegierigen L., die alle ständig fragen liess: «Wo rennt denn die gerade wieder hin?» Oder mit A., dem Architekten, der die gotische Bausubstanz im Blick hatte, die beeindruckende Dachkonstruktion analysierte, den Verlauf der Regenwasserleitungen erklärte und mehrfach hervorhob, dass im monumentalen Grabmal von Cristóbal Colon alle möglichen Knochen liegen mögen, nur kaum die von Kolumbus, der von Sevilla aus den Guadalquivir hinabschipperte, Lateinamerika fürs Christentum und die spanische Krone entdeckte und nach seinem Tod wiederholt ausgescharrt und vergraben wurde. Vielleicht ruhen ja dort jetzt die Überreste eines Indios, der von Colons Nachfolgern massakriert worden war. Ein netter Gedanke.
Überhaupt steckt ziemlich viel Geschichte in diesem Sakralgebäude. Der Turm der Kathedrale, die Giralda, war im zwölften Jahrhundert noch ein Minarett gewesen, dem jedoch nach der christlich-spanischen Eroberung von Sevilla im dreizehnten Jahrhundert ein Glockenturm aufgesetzt wurde. Von der alten Moschee ist nichts mehr übrig geblieben ausser dem Unterbau der Giralda und dem Orangenplatz vor der Nordpforte. Der Ort ist also so etwas wie ein frühes christliches Ayodhya (in diesem indischen Ort hatten 1992 Hinduisten eine Moschee zerstört, um an ihrer Stelle einen Tempel zu errichten) - mit dem Unterschied, dass die indische Regierung den Bau des Tempels bisher verhindert hat, die christlichen Eroberer von Sevilla aber über ein Jahrhundert hinweg ihre Kathedrale errichten konnten.
Von deren Turm aus kann man über die weisse Stadt blicken. Im Süden erkennt man die alte Fábrica de Tabacos, in der einst eine Arbeiterin namens Carmen nicht nur Zigarren gerollt haben soll, und im Norden sieht man bei guter Sicht das Estadio Olímpico. Es hat in Sevilla zwar nie Olympische Spiele gegeben, und es werden dort wohl auch keine ausgetragen - aber man kann ja nie wissen. Das Stadion wird selten genutzt, weil die beiden Erstligaclubs Sevilla FC und Real Betis über eigene Stadien verfügen und sowieso nie auf die Idee kämen, sich denselben Platz zu teilen. (Vor zwei Wochen trauerte halb Sevilla, weil der FC das Uefa-Cup-Endspiel gewonnen hatte). Eine besonders gute Sicht hat man von hier oben auf Real Alcácar, die von Pedro I. (dem «Grausamen») 1364 begonnene Sommerresidenz der spanischen KönigInnen. Der von maurischen Baumeistern aus Granada und Toledo geschaffene Palast ist einen Besuch wert - besonders dann, wenn man eine Restauratorin und einen Architekten dabei hat.
Aber zurück zu unserer Reisegesellschaft. Die war am Vorabend des Ereignisses, das uns überhaupt erst nach Sevilla geführt hatte, von P. (einem Hauptakteur des Familienspektakels) in ein Restaurant gelotst worden, wo er Tapas reichen liess - jene populäre spanische Vorspeise, die in Andalusien vorwiegend in frittierter Form daherkommt. Fisch-, Fleisch- und Gemüseteile werden in heisses Öl geworfen und wieder herausgefischt. Das schmeckt lecker. Am nächsten Tag gab es nachmittags - gegen den kleinen Hunger - wieder frittierte Tapas. Und was hat man uns am Abend als grosses Mahl serviert? Richtig geraten. Die Sevillanos leben offenbar von dem Zeug. Die Innenstadt wimmelt nur von Tapas-Bars.
Wie kommt das? Meine These, dass dies mit der grossen Sommerhitze von bis zu 45 Grad zu tun haben muss und man den Kartoffeln, Auberginen, Zucchini, Calamares und Boquerone vorgängige Hitzeschäden nicht mehr ansehen kann, nachdem sie - von einem Teigmantel umhüllt - in Öl gebrutzelt worden waren, wollten meine Mitreisenden nicht so stehen lassen. Es gebe ja auch Essen «a la plancha», sagten sie, ölfrei und fast naturbelassen. Bloss: Nach dem muss man suchen.
Boote für eine kurze Flussfahrt sind da einfacher zu finden. Unser Schiff fuhr den Guadalquivir hinab, am Torre del Oro vorbei, der von den Mauren als Wachtturm errichtet worden war und später als Lagerstätte des in Lateinamerika zusammengeraubten Goldes gedient haben soll (so genau weiss man das aber nicht). Und wieder hoch bis zum Gelände der Weltausstellung von 1992, mit der der spanische Staat und die Stadt den 500. Jahrestag von Colons «Entdeckung» gefeiert hatte. Übrig geblieben ist von diesem Grossereignis ein mächtiger Turm der Firma Schindler mit einem grossen Aufzug aussen, der wohl demonstrieren sollte, dass Schindler Leute über mehr als nur drei Stockwerke liften kann. Ausserdem ein Erlebnispark à la Disneyland, der allerdings nur im Sommer geöffnet hat. Und eine Vielzahl schräger, bunt angemalter, architektonisch interessanter Gebäude, die ein Jahrzehnt lang leer standen und erst im Zuge des Immobilienbooms der letzten Jahre InteressentInnen fanden.
Überhaupt ist die Agglomeration in den letzten Jahren förmlich explodiert. Vor ein paar Jahren lebten in der Stadt und den Vororten noch ungefähr 830 000 Menschen. Mittlerweile sind es über 1,3 Millionen. Dieser Zuwachs hat sich besonders in den Immobilienpreisen niedergeschlagen. Noch 2001 kostete ein Quadratmeter Wohnraum durchschnittlich tausend Euro. Wer heute eine Wohnung kaufen will, muss den dreifachen Quadratmeterpreis hinblättern. Dabei haben die Wohnungen dort - das fiel unserem Architekten A. sofort auf - nicht mal eine Heizung, obwohl es in Sevilla empfindlich kalt werden kann: «Elektroöfen im Winter, elektrische Klimaanlagen im Sommer - deren Stromrechnung möchte ich nicht sehen!»
Und wie weiter jetzt? Vielleicht ein Besuch der Stierkampfarena, sie ist immerhin die zweitgrösste des Landes? Schon der Blick von M., einer Tierschützerin aus Oberschwaben, hat uns diese Idee wieder verwerfen lassen. Es fanden, wie wir später erfuhren, aber ohnehin noch keine Kämpfe statt. (Bei einer späteren Besichtigung des Arena-Kassenraums, wo die Stierkampfplakate der letzten Jahre aushängen, konnten wir anhand der Ankündigungen immerhin herausfinden, welcher Torero im folgenden Jahr nicht mehr auftrat, möglicherweise also aufgespiesst worden war.)
Also hinein ins Nachtleben, das in der Vorosterzeit besonders ereignisreich ist. Beim Zug von Bar zu Bar kann es einem nämlich gegen Mitternacht passieren, dass plötzlich aus einer Nebengasse ein merkwürdiger Haufen dahergeschnauft und -geschlurft kommt. Der besteht aus rund vierzig Männern, alle gleich gross, alle gleich feist, die eine riesengrosse Palette mit Betonblöcken obendrauf im Nacken tragen. Sie üben für die Semana santa. In der Karwoche ziehen die Costaleros in zig Prozessionen mit vier bis fünf Meter hohen, tonnenschweren Marienstatuen durch die Stadt. Diese Schlepperei im Gleichschritt muss natürlich vorher geprobt werden, vor allem wenns um eine Ecke geht. Sonst wackelt die Jungfrau. Beim Grossereignis vor Ostern schlurfen die Männer hinter einem Vorhang daher, verhüllt wie die Mitglieder der Hermandads, der Bruderschaften, die die Züge anführen und oft Ku-Klux-Klan-Kostüme tragen.
Ansonsten aber ist Sevilla, seit dem Ende der Franco-Diktatur sozialdemokratisch regiert, eine stille Stadt, besonders im Inneren. B., der badischen Journalistin mit dem grossen Gespür für Stimmungen, war die Ruhe zuerst aufgefallen. Und in der Tat: kein Hupen, viele Fussgängerzonen, wenig Strassenverkehr in der City, dazu jede Menge lärmschluckender Bäume in den Parks, nur hin und wieder das leise Geräusch kochenden Öls.
Selbst die Strassenreinigung vermeidet Krach. Sie fegt nicht laut den Schmutz weg, sondern säubert spätabends die Strassen der Innenstadt mit einem Wasserstrahl. Und verteilt so den Dreck. «Nichts aufheben, was mal runtergefallen ist, schon gar keine Lebensmittel», war mir bei meinem ersten Sevilla-Besuch vor ein paar Jahren gesagt worden.
Warum ist unsere Gastgeberin hierhergezogen? Was liebt sie an der Stadt? «Es ist das warme Licht, der Duft der Blüten», sagt sie, «das Leben auf den Strassen, die engen Bars, die nach aussen hin überquellen.» Und die Leidenschaft. «Warum, verdammt noch mal, hat Middlesbrough den FC, diesen miesen alten Oberschichtenclub, im Uefa-Cup-Final nicht besiegen können?» Draussen hupten die FC-Fans.
Ach übrigens: In Tomares, einem Vorort von Sevilla, wo die Trauung schliesslich stattfand, gibt es ein gutes Bergsportgeschäft, das derzeit günstige Expressschlingensets im Angebot hat. Falls Sie vorbeikommen sollten: Ich bräuchte noch ein paar Stück. Und bringen Sie D., der leider nicht mitreisen konnte, einen Sack Picos mit.