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MJS: Können wir reden, ohne genau Intention?
Jeanne Stürmchen: Was liegt vor?
MJS: man nennt es Sommerloch …
Jeanne Stürmchen: immer noch?
MJS: ich schäme mich.
Jeanne Stürmchen: Warum? Worüber?
MJS: Es ist immer dasselbe. Nur stärker.
Jeanne Stürmchen: Was ist immer dasselbe?
MJS: die Abwesenheit von Allen … ausser von mir.
Jeanne Stürmchen: warum schreibst du dich nicht wieder
tief in dich hinein?
MJS: Weil ich… habe mir Ferien genommen.
Jeanne Stürmchen: Wieso sowas?
MJS: Nach einer Pause fängt man frisch an, nicht?
Ich habe mir Ferien aufgezwungen, aber am ersten Ferienabend
bin ich abgestürzt ….
Jeanne Stürmchen: du warst aus?
MJS: Ich war aus. Zum erstenmal seit 15 Jahren.
Jeanne Stürmchen: Oh! Und warum heulst du jetzt?
War es denn nicht schön, einmal nicht da zu sein,
sondern dort?
MJS: Es ist viel zu kompliziert…
Jeanne Stürmchen: Was ist zu kompliziert?
MJS: Dein Fragen. Aber es ist wahr, ich war
einen Moment lang freier denn je. Mein Körper
war frei.
Jeanne: war das das erstemal seit 15 Jahren, dass
du frei warst von deinem Körper?
MJS: wenn du die Stunde der Liebe
nicht dazu zählst, ja …
Jeanne: es war unter Drogen?
Jeanne: … zähle die Stunde der Liebe nicht dazu ….nein, nein, nein!
MJS: warum nicht?
Jeanne: Ja, genaugenommen zum erstenmal seit
15 Jahren. Ich weiss nicht, wie es dazu kam,
aber ich glaube, ich wollte meine Ferien früher
abbrechen als geplant ….
Jeanne: durch eine Intoxikation?
MJS: das ist der klinische Ausdruck für den Versuch,
einen Ausgleich zu schaffen …
Aber schau, normalerweise ist das Leben eine Bewegung.
Mit der Tendenz zu einer Monotonie, die der Alltag mit sich bringt.
Feiertage und Ferien wurden dafür geschaffen, sich zu distanzieren.
Einen anderen Rhythmus, eine andere Bewegung zu versuchen.
Eine Bewegung auf sich zu, auf ein Zentrum zu …. auf einen andern hinzu….
Jeanne Stürmchen: warum hast du damals vor 15 Jahren mit
trinken aufgehört?
MJS: ich sage dir zuerst, warum ich es getan habe, ja? Dann verstehst
du auch, warum ich damit aufgehört habe ….
Ich bin damals dort hin, an diesen einen Tisch aus Holz, und habe
ein Bier bestellt. Ich setzte mich an den Rand und habe das Übliche gespürt …
Jeanne: das Übliche?
MJS: Eine Art Dualismus von meinen Gedanken, meines Denkens im Augenblick,
meines Gedachten im Nachher und den Dingen, namentlich Menschen, die in dem Moment
real wurden, realer als alles andere …. es war ein totaler Zusammenstoss!
Jeanne: warum redest du so komisch unnatürlich? Warum redest du nicht,
wie dir der Mund gewachsen ist?
MJS: weil ich mich schäme.
Jeanne: Wofür?
MJS: Genau für diesen Mund, der mir gewachsen ist und mit dem ich jetzt
bereits viele Jahrzehnte nichts als rudimentäre Schreie von mir gebe,
weil ich nicht denken kann, nicht analysieren kann, nicht überleben kann,
was ich empfinde, in dem Moment, in dem ich es empfinde.
Jeanne: Das ist tatsächlich schwach. Hast du denn keinen Psychiater mehr?
MJS: ich habe mich mehrere Jahre wieder vergeblich dafür beworben ….
aber schau: wohin muss und kann die Einsicht, die Entwicklung, das Lernen
und Verbessern seiner Schwächen führen? Man braucht doch die Welt als
Übungsfeld dazu…. man braucht doch die Welt als Ort der Bewährung?
Jeanne: und dorthin bist du nicht mehr hin gelangt?
MJS: Nein, praktisch und physisch war ich gerade über ein Jahrzehnt lang verhindert,
dorthin zu gelangen, wo das Leben ist. Aber ich habe es gefunden, an meinem
ersten und letzten Ferienabend!
Jeanne: durch das Trinken?
MJS: zum Trinken muss ich dir Folgendes sagen: ich habe es damals, jahrelang,
jedes Wochenende getan. Das Schwierige war, überhaupt erstmals an diesen
Tisch zu gelangen, wo andere schon längst angekommen waren,
doch nach der Hälfte des ersten Bieres hat sich dieser Dualismus versänftigt,
ich bestellte schnell ein zweites Bier, noch mitten im ersten. Und im dritten
Bier, da erlebte ich dieses fulminante Ankommen. Aufeinmal hatte ich, wie
aus einem Wunder genug Platz an einem Tisch unter lauter feindseligen
Menschen, ganz Platz hatte ich, völlig ganz …. und mehr noch: es kam mir so vor, als
wäre ich endlich da, wo die andern sind, ich fühlte mich wirklich wie durch
ein Wunder reduziert gedanklich und gefühlsmässig, ich fühlte mich versinken,
immer tiefer in mir und gleichzeitig immer ferner vom Gerüst, das mich
böse zusammenhält: der Körper. Die Situation belustigte …. es war so
unglaublich easy, glücklich zu sein! Wow!
Jeanne: Was meinst du damit?
MJS: dass ich aufeinmal an diesem riesigen Holztisch sitzen, trinken und
reden, kreuz und quer reden, rufen oder sogar singen konnte,
dass dieses Lebenselixier einen einfach fand, und man sich in dem Moment nicht
vorstellen konnte, es je wieder zu verlieren….
Jeanne: Aber man verlor es, auf grausame Weise, nehme ich an …
MJS: Ja, und besonders damals hat sich diese Situation mehr und mehr verändert.
Je mehr ich von ihr erwartete, je mehr ich vom Rausch begehrte, und umso öfter
ich ihn erlebte nach dem dritten Bier, ein viertes Bier vor mir erblickte, und nach
dem vierten Anfang die Bierreste der herumsitzenden Männern zu trinken …
Jeanne: Gott, warum hast du das getan?
MJS: Sag du es mir, du bist jetzt Psy!
Nein, sage es mir nicht! Wir wissen es! Und ich habe mich gehasst
dafür. Ich war schon am abstürzen. Mit den Flügeln schon die Sonne gestreift,
wurde ich langsam schwer, schwer und schwerer, wie Theseus,
es war eine grausame Katastrophe, zu spüren, wie dieses Denken als Gewissheit,
als Trennung von den anderen Leibern, dieses Bewusstsein als dualer Teil von
den Dingen, die mir jetzt wieder entglitten, in mich zurück tröpfelte ….
ich hasse diesen Übergang in die Trennung! Es war, als wäre die Realität das Gift
und der Rausch die Freiheit, der Zustand, in dem man einmal wahr und frei ist,
wahrhaftig wahr und frei.
Aber wie bei allem Kostspieligen: eines Tages kam ich zu diesem Punkt, wo ich
mir sagen musste: dies ist mein letzter Rausch oder ich kehre davon nie wieder
zurück. Verstehst du? Bisher hatte die Intoxikation eine Art Funktion
als Reinigung gehabt. Durch sie war es mir möglich, all den diffusen Dreck
ungelebten Lebens wegzuspühlen, und zwar im schlimmen Kater und im Kotzen und
dem Fieber danach…. es war wie ein Trip, der, wie ein Ritual aufgebaut, am Ende eines
Alltags einsetzte, zu einem Zeitpunkt, freitag oder samstag, vielleicht, wo ich nicht länger
verhungern konnte an Austauch, physisch, sinnlich , intellektuell, emotional, ganz normal ….
also ging ich wieder dort hin an diesen üblen Ort und machte diesen strengen Umweg
über den ikaurischen Höhenflug hinab zum Thartaros, um dann, endlich,
endlich Frieden zu haben, angekommen in meinem ewigen Hades, dann, wenn ich
alles aus mir heraus eruptiert hatte, viele Stunden, Ruhe kehrte in meinen Körper,
verflossen meine Gedanken. Tränen anfingen zu sprudeln aus meinem Herzen.
Jeanne: Man könnte das als eine Form der Selbstverletzung bezeichnen ….
MJS: Als Psy, ja….aber bist du denn einer?
Jeanne: Nein. Wenn ich einer wäre, müsste ich dir Wege aufzeigen?
MJS: Was für Wege?
Jeanne: Andere Wege, wie du dein soziales Bedürfnis befriedigen kannst.
MJS: Ich brauche Berührung, Reibung!
Jeanne: Und du glaubst, dies ist nur unter falschen Voraussetzungen
möglich?
MJS: es ist nur möglich, da, wo Entgrenzung möglich ist.
Wie soll ich sonst spüren, wer ich bin?
Wie kann ich mir verströmen, vermitteln?
Wo ich hin komme, überall, treffe ich auf verschlossene
Menschen. Auf Menschen, die mir nicht, aber auch gar nichts von
sich anvertrauen, die sich nicht preisgeben. Sie sind ungreifbar.
Und bilden dieses Bollwerk der Einsamkeit, die mich zu killen
droht. Effektiver als die Krankheit, die mich nur homebound fesselt.
Jeanne: Du solltest deine Ferien wirklich abbrechen und wieder schreiben?
Gibt es denn keine neuen Projekte?
MJS: ich liebäugele mit einem Romanprojekt mit dem Titel : Goodbye Sickhouse.
Jeanne: Gefällt mir. Warum beginnst du nicht noch heute damit?
MJS: Weil ich nicht denken, mich nicht konzentrieren kann, ca. 80
Prozent der Zeit.
Jeanne: wenn du so betrunken warst, kannst du dich denn überhaupt
an etwas erinnern von deinem nächtlichen Ausgang?
MJS: Oh ja, immer wieder kommen mir Dinge in den Sinn. Zwischen-
zeitlich floss da ein vibranter Strom zwischen uns hin und her,
vielleicht habe ich soviele Sätze angefangen, wie mittendrin beendet,
und einmal, als wir schon etwas langamer wurde, rief der neben mir
sass über die Tische hinweg einem andern, Stadtbekannten Schnösel zu:
Da ist Marion!
MJS: Können wir reden, ohne genau Intention?