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Chirurgīe
(griech., »Handwirkung«,
die mit den
Händen wirkende ärztliche
Kunst), Wundarzneikunde. Eine scharfe
Definition von
Chirurgie läßt sich nicht geben, weil
das Gebiet derselben mehr durch
Gebrauch und altes Herkommen als durch Umstände, welche in der
Natur der
Krankheiten liegen, festgestellt worden ist. Sowenig es eine scharfe und naturgemäße
Grenze zwischen innern und äußern
Krankheiten gibt, sowenig läßt sich zwischen der
Chirurgie und der innern
Medizin eine strenge Unterscheidung aufstellen. Beide
Zweige der praktischen
Medizin schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen vielmehr einander.
Darum muß auch der Chirurg im Vollbesitz des allgemeinen
¶
mehr
medizinischen Wissens sein, wie umgekehrt der Arzt, welcher sich vorzugsweise der Behandlung der innern Krankheiten widmet,
ohne chirurgische Kenntnisse nicht auskommt. Die Trennung der
Chirurgie von der innern Medizin beruht darauf, daß der Chirurg über
eine gewisse Technik verfügen muß, welche namentlich bei den chirurgischen Operationen, bei der Anwendung mechanisch
wirkender Heilmittel etc. in Frage kommt, und die sich nicht jeder Arzt in dem genügenden Grad aneignen wird; praktisch wird
daher die Trennung der
Chirurgie und der innern Medizin fortbestehen, in der Wissenschaft selbst aber besteht eine solche Trennung
durchaus nicht. Das Gebiet, welches, der Tradition entsprechend, der
Chirurgie anheimfällt, umfaßt vorzugsweise
die zu Tage liegenden, äußerlich sichtbaren Schäden, also namentlich die Wunden und Geschwüre, die Knochenbrüche und Verrenkungen,
die Unterleibsbrüche, Vorfälle, Geschwülste, überhaupt alle diejenigen Krankheitszustände, welche der ärztlichen Behandlung
auf operativem oder mechanischem Weg zugänglich sind.
Wesentliche Bestandteile der
Chirurgie sind die Lehre
[* 3] von den chirurgischen Operationen und die Verbandlehre. Die
Lehre von den blutigen Operationen heißt Akiurgie, die von den unblutigen Mechanurgie. Die Militär- oder Kriegschirurgie ist,
wie sich eigentlich von selbst versteht, keine ihrem innern Wesen nach von der
Chirurgie verschiedene Disziplin; sie besteht vielmehr
nur in der Anwendung allgemein chirurgischer Grundsätze auf die im Krieg vorzugsweise vorkommenden Krankheiten.
Früher unterschied man zwischen der höhern und niedern
Chirurgie. Zur letztern gehörten das Aderlassen, Ansetzen von Schröpfköpfen
und Blutegeln, Zahnausziehen und ähnliche Manipulationen.
Geschichte. Die
Chirurgie ist nächst der Geburtshilfe wohl der älteste Teil der gesamten Heilkunde. Ihre Anfänge haben wir wahrscheinlich
bei den Ägyptern zu suchen; sie führten Ärzte auf ihren Feldzügen bei sich und übten bereits die Amputationen,
den Steinschnitt und andre große Operationen aus. Für viel vollkommener würde die
Chirurgie der alten Inder gelten müssen, wenn
man sicher wäre, daß ihr berühmtes medizinisches Werk »Ayurveda« oder
Buch der Lebenskunde, von Susrutas, wirklich das hohe Alter besitze, welches einzelne Gelehrte ihm zuschreiben,
die es 1000-1400 v. Chr. zurückdatieren.
Bei den Griechen erfreute sich die
Chirurgie schon zu Hippokrates' Zeiten (460-377) einer großen Blüte;
[* 4] wegen der mangelhaften Ausbildung
der Anatomie und Physiologie konnten die größern blutigen Operationen bei den Griechen nicht in Aufnahme kommen. Dagegen leisteten
die griechischen Ärzte z. B. auf dem Gebiet der Knochenbrüche und Verrenkungen schon Ausgezeichnetes,
besonders in der Zeit nach Hippokrates in Alexandria. Zu den Römern wurde die
Chirurgie von Griechenland
[* 5] aus importiert.
Celsus (1. Jahrh. n. Chr.) spricht schon von plastischen Operationen, von den Unterleibsbrüchen; auch gibt er eine Amputationsmethode
an, welche noch heute geübt wird. Die spätern römischen Ärzte, selbst Galenus (gest. 201), haben die
Chirurgie nicht wesentlich weitergebildet; doch suchte Galenus der Chirurgie wie der Heilkunde überhaupt eine sichere anatomische Grundlage
zu geben. Der Zusammenhang zwischen der römischen und der spätern westeuropäischen Kultur wurde durch die Araber vermittelt,
welche auch die Führung in der medizinischen Wissenschaft übernommen hatten. Allein bei ihrer auf religiösen
Vorurteilen beruhenden Scheu vor blutigen Operationen brachten sie es nur zu einer größern Sicherheit in der Unterscheidung
und Erkennung der
chirurgischen Krankheiten, und an Stelle des Messers bedienten sie sich des Glüheisens, das sie in der größten
Ausdehnung
[* 6] anwendeten. Als die Hauptrepräsentanten der arabischen
Chirurgie sind zu nennen Rhazes (850-932),
Avicenna (980-1037), Abulkasem (gest. 1106) und Avenzoar (gest. 1162). Nach der
Zeit der Araber blühte die Medizin in der Schule zu Salerno in Unteritalien.
Der berühmteste Wundarzt dieser Schule ist Roger von Parma
[* 7] (um 1200). Zu neuer Blüte erwachte das Studium
der
Chirurgie im 13. Jahrh. auf den italienischen Universitäten Neapel,
[* 8] Bologna und Padua.
[* 9] Von Italien
[* 10] aus wurde dann die
Chirurgie vorzugsweise
durch die Bemühung Lanfranchis nach Frankreich verpflanzt, wo sie von nun an eine bleibende Pflegstätte fand. Der berühmteste
unter den ältern französischen Chirurgen ist Guy de Chauliac, welcher auch 1363 ein lange in Ansehen
stehendes Lehrbuch der
Chirurgie geschrieben hat.
Eine neue Zeit brach für die
Chirurgie an, als im Lauf des 16. Jahrh. die Anatomie neu begründet und durch den gemeinsamen Fleiß
der Ärzte aller Länder wissenschaftlich ausgebildet wurde. An der Spitze dieser Reformation stand der Niederländer
Vesalius. Dazu kam der Umstand, daß der Chirurgie ein ganz neues Gebiet von Krankheiten, nämlich die Schußwunden, zufiel. Die Schrift
des berühmten französischen Chirurgen Ambroise Paré über die Schußwunden und die von ihm eingeführte Arterienunterbindung
bildete den Ausgangspunkt für die Umgestaltung der gesamten Chirurgie. Die gelehrten Ärzte und die Professoren
an den Universitäten übten damals fast gar keinen Einfluß auf den Entwickelungsgang der aus, während die praktischen Chirurgen,
die häufig die Chirurgie nur handwerksmäßig erlernt hatten, zum Teil eine hervorragende Bedeutung erlangten.
Nirgends aber lag die Chirurgie mehr danieder als in Deutschland. [* 11] Epochemachend in der Geschichte der Chirurgie ist die Gründung der Akademie der Chirurgie in Paris [* 12] 1731, welche in jeder Beziehung der medizinischen Fakultät daselbst gleichgestellt wurde und fast ein Jahrhundert lang für die Chirurgie in ganz Europa [* 13] tonangebend blieb. An der Spitze der chirurgischen Akademie standen Männer wie Petit, Desault, Percy u. a., welche zusammen mit hervorragenden englischen Wundärzten als die Gründer der modernen Chirurgie betrachtet werden müssen. In England erreichte die Chirurgie im Lauf des vorigen Jahrhunderts einen hohen Grad von Ausbildung.
Unter die berühmtesten Chirurgen dieser Periode zählen wir Männer wie Pott, William und John Hunter (1728-93), Benjamin Bell (1749-1806), Cheselden, Alex. Monro u. a. Unter ihnen ist John Hunter ohne Zweifel das größte Genie, ebenso bedeutend als Anatom wie als Chirurg. Hinter den genannten Männern Frankreichs und Englands stehen die deutschen Chirurgen des 18. Jahrh. weit zurück. Der bedeutendste von ihnen ist wohl Lorenz Heister. Mehr Aufschwung kommt in die deutsche Chirurgie erst mit dem Eintritt des gegenwärtigen Jahrhunderts, besonders durch v. Siebold (gest. 1807) und August Gottlob Richter (gest. 1812). Von jetzt an treten, in Deutschland wenigstens, die Professoren der Chirurgie wieder in den Vordergrund und behaupten fortan diese Stellung, weil sie jetzt die Chirurgie auch in Wirklichkeit praktisch ausüben. Doch nehmen noch im Anfang des 19. Jahrh. die französischen Chirurgen den ersten Rang ein; Männer wie Boyer, Delpech, Dupuytren, Larrey, der Leibarzt Napoleons I., übten auf die Ausbildung der Chirurgie den größten und wohlthätigsten Einfluß aus. Neben ihnen erhob sich in England die Autorität von Astley Cooper (1768-1841). Die Schriften der genannten englischen und französischen ¶
mehr
Wundärzte regten zunächst auch in Deutschland das Interesse für die Chirurgie an. Bald aber trat auch hier eine selbständige Arbeit auf diesem Gebiet und zwar in der nachhaltigsten und gediegensten Weise ein. Zu dem Aufschwung der Chirurgie in Deutschland, welches zusammen mit England die geistige Führerschaft auf diesem Gebiet an sich gerissen hat und noch festhält, haben zunächst österreichische Ärzte, namentlich Vinzenz v. Kern in Wien, [* 15] den Anstoß gegeben. Aus seiner Schule stammen Männer wie Rust, v. Gräfe, der Wiedererwecker der plastischen Chirurgie, Langenbeck der ältere u. a. In der ersten Hälfte unsers Jahrhunderts übte den größten Einfluß auf die gegenwärtige Gestalt der Chirurgie in Deutschland Dieffenbach (gest. 1847) aus, einer der genialsten und kühnsten Operateure, die es bisher gegeben hat. Je mehr die Chirurgie unsrer Tage auf dem Boden anatomischer und physiologischer Studien hervorgewachsen ist, um so bestimmter konnte sie ihre Aufgaben und die Grenzen [* 16] ihrer Wirksamkeit feststellen.
Sie hat ihre wichtigste und schönste Aufgabe nicht im Zerstören und Schneiden, sondern in der Erhaltung der erkrankten Teile erkannt. Auf jedem ihrer Gebiete sind die Grundsätze der konservativen Chirurgie zur Herrschaft gelangt. Es ist vorzugsweise das Verdienst Stromeyers und seines berühmten Werkes über Kriegsheilkunde, die konservative Richtung der Chirurgie begründet zu haben. Gefördert wurde diese Richtung durch die Entdeckung der schmerzstillenden Wirkungen der Einatmung von Äther und Chloroform.
Durch das Chloroform hat das chirurgische Verfahren unendlich an Sicherheit gewonnen, und die operativen Aufgaben selbst konnten dadurch beträchtlich erweitert werden. Einen Glanzpunkt in der konservativen Chirurgie bildet die Behandlung schwerer Gelenkkrankheiten durch die Resektion v. Langenbecks sowie die ausgedehnte Anwendung der unbeweglichen (Gips-) Verbände, namentlich in der Kriegschirurgie. Auf dem Gebiet der plastischen Operationen, durch welche fehlende Weichteile ersetzt werden, stehen in unerreichter Meisterschaft Dieffenbach und sein Nachfolger v. Langenbeck.
Ein wesentlicher Fortschritt war auch die Einführung der Galvanokaustik in die Chirurgie durch Middeldorpff, durch welche es gelingt, größere Operationen ohne Blutverlust auszuführen, ein gleicher die subkutane Muskel- und Sehnendurchschneidung zum Zweck der Beseitigung von Verkrümmungen der Glieder, [* 17] des Schielens etc.; die Zertrümmerung der Harnsteine in der Blase oder die Lithotripsie, um welche sich die französischen Wundärzte Civiale, Heurteloup und Leroy d'Etiolles unsterbliche Verdienste erworben haben; die Anwendung des Kehlkopfspiegels zum Zweck operativer Eingriffe am Kehlkopf [* 18] ohne vorhergehende blutige Eröffnung desselben etc. Die jüngste Ära in der Chirurgie hat vielleicht den Anspruch auf die Krone aller Verdienste, da sie den gefährlichsten Feind aller blutigen Operationen, die Wundinfektionskrankheiten, mit einem Erfolg bekämpft, der die Sterblichkeitsziffer selbst bei den größten Operationen auf ein früher für unmöglich gehaltenes Minimum herabsetzt.
Sie datiert seit Ende der 60er Jahre, seit Erforschung der pflanzlichen Krankheitserreger, seit der Einführung des antiseptischen Verbandes durch Lister.-
Was die Standesverhältnisse der Wundärzte anbelangt, so ist die Klasse der zunftmäßigen Chirurgen (der Bader und Barbiere) in Deutschland im Aussterben begriffen. Es werden im Deutschen Reich hinfort nur noch Ärzte gebildet, welche die Heilkunde in ihrem ganzen Umfang auszuüben berechtigt sind. Die bisherigen niedern Chirurgen werden höchstens in der Form von Heilgehilfen fortbestehen. Der Unterricht in der Chirurgie, für welchen früher an verschiedenen Orten besondere chirurgische Akademien bestanden, ist in Deutschland ausschließlich den Universitäten anvertraut; die Lehrer der Chirurgie an denselben sind ausnahmslos auch als Operateure praktisch thätig.
Nur in England besteht noch eine ziemlich strenge Grenze zwischen Chirurgen (surgeons) und Ärzten (physicians).
Vgl. Stromeyer, Handbuch der Chirurgie (Freiburg [* 19] 1844-68, 2 Bde.);
Pitha und Billroth, Handbuch der allgemeinen und speziellen Chirurgie (Stuttg. 1865-81);
Hueter, Allgemeine Chirurgie (Leipz. 1873);
Bardeleben, Lehrbuch der Chirurgie und Operationslehre (8. Aufl., Berl. 1879-81, 3 Bde.);
Roser, Handbuch der anatomischen Chirurgie (7. Aufl., Tübing. 1875);
Billroth, Allgemeine chirurgische Pathologie und Therapie (10. Aufl. von Winiwarter, Berl. 1882);
König, Lehrbuch der speziellen Chirurgie (3. Aufl., das. 1881);
Albert, Lehrbuch der Chirurgie und Operationslehre (2. Aufl., Wien 1881, 4 Bde.);
Billroth und Lücke, Deutsche [* 20] Chirurgie (Stuttg. 1879-82);
Hueter, Grundriß der Chirurgie (3. Aufl., Leipz. 1885, 2 Bde.);
Sprengel, Geschichte der Chirurgie (Halle [* 21] 1805-19, 2 Bde.);
Häser, Historische Entwickelung der Chirurgie und des chirurgischen Standes (in Billroths »Deutscher Chirurgie«, Bd. 1);
Fischer, Vor hundert Jahren.
Historische Studien (Leipz. 1876).