Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03229.jsonl.gz/193

Hätte man die Aufgabe, auf der grünen Wiese ein Wirtschaftssystem zu entwickeln, das zu einem möglichst hohen Lebensstandard führt, würde einem wohl kaum die Marktwirtschaft einfallen: ein System, bei dem Unternehmen und Haushalte vor allem ihre eigenen Interessen verfolgen und in dem der Austausch über anonyme Märkte erfolgt. Ein System überdies, in dem niemand dafür verantwortlich ist, dass die Abermillionen von tagtäglich getroffenen wirtschaftlich relevanten Entscheiden aufeinander abgestimmt sind. Der schottische Ökonom Adam Smith gilt nicht zuletzt deshalb als Gründervater der Volkswirtschaftslehre, weil er als Erster überzeugend erklären konnte, warum dieses scheinbar chaosträchtige System am besten geeignet ist, mit der unglaublichen Komplexität einer arbeitsteiligen Wirtschaft effizient umzugehen. Sein zentraler Beitrag lässt sich mit dem berühmten Bild der unsichtbaren Hand zusammenfassen.
Dezentrale Preissignale
Warum funktioniert die sichtbare Hand einer verantwortlichen zentralen Planungsbehörde nicht? Ganz einfach: Sie würde an der schieren Komplexität der Aufgabe scheitern. Man stelle sich einmal vor, wie viele aufeinander abgestimmte Entscheide für Anbieter und Nachfrager an einem einzigen Tag notwendig wären, wenn man nur schon die wirtschaftliche Aktivität in einer Kleinstadt zentral organisieren müsste. Kein Wunder, führten in der Vergangenheit alle Versuche mit zentralgeleiteten Wirtschaften zu Ineffizienz und wirtschaftlichem Chaos. Wesentlich zielführender ist stattdessen – so die fundamentale Einsicht von Adam Smith – ein dezentrales System, bei dem die individuellen Entscheide durch die unsichtbare Hand der Preissignale gelenkt werden. Und zwar von Preisen, die durch das Zusammentreffen von Tausenden von Anbietern und Nachfragern auf Tausenden untereinander verbundenen Märkten spontan und ungeplant gebildet werden.
Die so entstandenen Preise zeigen die Knappheiten der Güter an und lenken die Entscheide effizient. Steigt ein Preis an, so ist das ein Signal, das Nachfragern einen Anreiz setzt, mit bestehendem Budget weniger von diesem Gut zu kaufen. Und umgekehrt signalisiert der Preisanstieg den Produzenten, dass es sich bei gegebenen Kosten lohnt, mehr von dem Gut anzubieten. Beide Reaktionen führen zu einem «effizienten» Umgang mit den Ressourcen, der sich nach der Knappheit eines Gutes ausrichtet. Dies geschieht jedoch nicht, weil die Anbieter und Nachfrager bewusst versuchen, zu einem effizienten Wirtschaftssystem beizutragen, sondern einfach aus ihrem individuellen, «egoistischen» Kalkül. Die leichte Verwunderung über diese fundamentale, aber nicht unbedingt intuitive Einsicht kommt im wohl berühmtesten Zitat von Adam Smith zum Ausdruck: «Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Bäckers und Brauers erwarten wir das, was wir zum Leben brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.» Indem das Individuum seine eigenen Interessen verfolge, bringe es die Gesellschaft wirksamer voran, als es sie in Wahrheit voranbringen möchte.
Allokation der Ressourcen
Preise bestimmen in einer Marktwirtschaft letztlich die sogenannte Allokation der Ressourcen, also wofür die knappen Mittel verwendet werden. Entscheidend ist dabei nicht, wie hoch der absolute Preis für ein bestimmtes Gut ist, sondern wie hoch der Preis im Vergleich zu den Preisen anderer Güter ist. Deshalb ist oft von den sogenannten relativen Preisen die Rede.
Konzeptionell können wir die Lenkungsfunktion der Preise in vier Elemente unterteilen. Erstens vermitteln die Preise Informationen über Knappheiten: Ein tiefer relativer Preis gibt das Signal, dass ein Gut reichlich vorhanden ist. Zweitens führen diese Knappheitssignale der Preise zu einer effizienten Allokation der Ressourcen: Die Mittel werden dorthin gelenkt, wo die grösste Knappheit herrscht. Drittens haben die Preise eine Koordinationsfunktion: Der Preis führt dazu, dass der Tausch auf Märkten in effizienter Weise stattfindet. Preise koordinieren die Einzelentscheide der voneinander getrennt agierenden Anbieter und Nachfrager. Viertens schliesslich zeigen die Knappheitssignale der Preise an, wo sich Innovation lohnt, und lösen damit wohlstandsteigernden technischen Fortschritt aus.
Wir wollen diese Effekte an einem bekannten Beispiel analysieren, nämlich an der schockartigen Preiserhöhung von Erdöl in den 1970er-Jahren. Sie zeigt in einem globalen Kontext die genannten Funktionen von Preisen exemplarisch auf. Die Preiserhöhung setzte damals ein Signal: Sie informierte die Marktteilnehmer darüber, dass Erdöl auf dem Weltmarkt knapper wurde. Dieses Signal schuf für die Nachfrager von Erdöl einen Anreiz, den Verbrauch zu verringern, da sie sich mit vorhandenem Budget weniger dieses Gutes leisten konnten. Das betraf Haushalte in ihren Konsumentscheiden ebenso wie Unternehmen, die Erdöl als Rohstoff verwendeten in ihren Produktionsentscheiden. Gleichzeitig setzte die Preiserhöhung für Anbieter Anreize, die Produktion auszuweiten. So führten die hohen Preise dazu, dass es rentabel wurde, neue, bisher zu teure Erdölquellen, zum Beispiel in der Nordsee, zu erschliessen. Die neuen Knappheitsverhältnisse bewirkten also eine neue Allokation der Ressourcen, weil die alte Allokation unter den neuen Rahmenbedingungen nicht mehr effizient war. So kauften beispielsweise die Haushalte kleinere, verbrauchsärmere Autos, oder die Unternehmen versuchten, in der Produktion weniger Erdöl zu verwenden. Durch die Preisänderung wurden diese voneinander unabhängigen, individuellen Reaktionen von Erdölproduzenten, Erzeugern von Alternativenergie und Energiekonsumenten wie durch eine «unsichtbare Hand» effizient koordiniert, ohne dass eine zentrale Planungsstelle für diese Abstimmung sorgen musste. Schliesslich führte die Preiserhöhung des Erdöls zu einem Schub an Innovationen. Alternative Energieträger wurden attraktiver, sodass die Forschung in diese Richtung verstärkt wurde. Ebenfalls angeregt wurde die Suche nach weniger energieintensiven Produktionsmethoden.
Und was ist mit dem Staat?
Die ökonomische Analyse macht klar, dass für die Verwendung der knappen Ressourcen der Staat keine Lenkungsrolle spielen muss. Ja, sie geht sogar noch weiter: Bei einem funktionierenden Markt führt jeder Eingriff des Staates in die Preisbildung zu einer Verschwendung knapper Ressourcen. Die Preissignale lenken effizienter als staatliche Vorgaben. Daraus wird oft vorschnell der Schluss gezogen, dass der Staat für die effiziente Allokation der Ressourcen keine Rolle spiele. Das ist in zweierlei Hinsicht nicht der Fall.
Erstens funktionieren dezentrale Märkte nur dann, wenn die Eigentumsrechte an den gehandelten Gütern klar definiert und durchgesetzt werden; und damit das effizient funktioniert, braucht es eine zentrale Stelle mit Gewaltmonopol, einen funktionierenden Staat eben. Und zweitens gibt es sogenannte Marktversagen, also Situationen, in denen die Preissignale nicht die tatsächlichen Knappheiten anzeigen. In diesen – aber nur in diesen, klar definierten – Fällen kann ein gezieltes staatliches Eingreifen die Effizienz des Systems verbessern. Wir werden in einer späteren Folge unserer Serie die Umweltproblematik besprechen, die sich aus dem wohl wichtigsten Marktversagen ergibt. In den allermeisten Fällen aber gilt: Die unsichtbare Hand von Preissignalen, welche die relativen Knappheiten anzeigen, sorgt für einen wesentlich schonenderen Umgang mit knappen Ressourcen, als wenn dies durch eine staatliche Stelle gelenkt würde.