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Sie haben Städte gegründet und hiessen alle Berchtold. Aber wer waren sie wirklich?
So richtig beginnt die Geschichte der Zähringer mit dem Bau ihrer Burg. Zähringen. Es war das elfte Jahrhundert, die Zeit, in der sich Europas Adel erstmals feste Steinburgen baute und nach dieser wurden die Familien nun auch benannt: Habsburger, Kyburger, Zähringer.
Gebaut wurde die Stammburg von Berchtold II. Nicht weit von ihr gründete Berchtold III zusammen mit seinem Bruder Konrad 1120 die Stadt Freiburg im Breisgau. «Frei-Burg»: Der Name war Programm. Denn wer in die Stadt zog, musste keinen Frondienst mehr leisten, keine Naturalabgaben entrichten und nur eine relativ kleine Steuer bezahlen.
Es war eine Zeit mit starkem Bevölkerungswachstum. Wälder wurden gerodet, Dörfer ausgebaut und komplett neue Städte gegründet. Für ihre Städtegründungen sind die Zähringer bis heute bekannt. Und das, obschon es eigentlich nur drei richtige Zähringerstädte gibt: die beiden Freiburg und Bern. Burgdorf, Thun, Murten, Rheinfelden, Offenburg oder Villingen haben die Zähringer zwar nicht gegründet, aber ausgebaut und mit Stadtrechten versehen. A propos Rechte: Der Status der Zähringer ist etwas kompliziert. Denn die Herzöge von Zähringen hatten kein Herzogtum. Verantwortlich dafür war ein politisches Manöver: Kaiser Heinrich III versprach Berchtold II das Herzogtum Schwaben. Nach Heinrichs Tod setzte seine Witwe aber ihren Sohn Heinrich IV als Herzog von Schwaben ein – zur Entschädigung erhielt Berchtold immerhin das Recht, den Titel zu führen.
Aber worüber herrschten die Zähringer, wenn nicht über ein Herzogtum? Einerseits über eigene Ländereien. Andererseits über Lehen, die sie vom Kaiser erhalten hatten – die sie also in seinem Namen verwalteten. Und drittens übten sie «Vogtrechte» über Klöster aus. Ein Vogt ist ein Schutzherr und einen solchen brauchten die Klöster, da die Mönche keine Gewalt ausüben durften.
Obschon es also kein «Herzogtum Zähringen» gab, erstreckten sich die Gebiete der Familie über grosses Terrain. Ihr Einflussgebiet umfasste Besitztümer in Kärnten, Verona, Süddeutschland, dem Burgund, dem Thurgau, dem Aargau und auch Zürich gehörte zeitweise den Zähringern. Ihren Einfluss in der heutigen Westschweiz festigten sie mit der Gründung Freiburgs (1157) und Berns (1191), wobei damals niemand vom «Üechtland» sprach. Freiburg hiess «Freiburg im Burgund» – und mit der Stadtgründung setzte sich Berchtold III gleich doppelt über bestehendes Recht hinweg.
Denn das Land auf dem Freiburg erbaut wurde, gehörte gar nicht den Zähringern, sondern dem Kloster Payerne. Dieses wurde dann mit einem Viertel der Einnahmen der Pfarrkirche St. Nikolaus entschädigt. Ausserdem hätten die Zähringer zumindest theoretisch auch den Kaiser um Erlaubnis fragen müssen.
Die Gründung Freiburgs war auch eine diplomatische Frage. Die Zähringer hatten den Kaiser als «Rektoren» im Burgund vertreten. 1156 heiratete dieser jedoch Beatrix von Burgund. Somit war er selbst im Burgund präsent und das Rektorat der Zähringer wurde überflüssig. Als Ersatz übertrug er ihnen das Recht, die Bischöfe von Sitten, Lausanne und Genf zu ernennen und tolerierte die Gründung Freiburgs.
Gegen Ende des elften Jahrhunderts wurden die Zähringer in den «Investiturstreit» hineingezogen, den Machtkampf zwischen Königen und dem Vatikan. Eine klare Stellung bezogen sie nicht. Sie positionierten sich zwar kirchenfreundlich, waren aber auch um gute Kontakte mit weltlichen Herrschern bemüht. Ein Grund für die Parteinahme waren familiäre Verflechtungen. Die Ehefrau Berchtolds II war die Tochter Rudolfs von Rheinfelden – der wiederum vom Papst zum «Gegenkönig» ausgerufen wurde. Rudolf starb 1080 auf dem Schlachtfeld. Seine Güter fielen an seine Tochter und damit an die Zähringer.
Die Episode zeigt zwei wichtige Faktoren für Aufstieg und Fall von Dynastien: Familienpolitik und Zufälle. Bei ersterem waren die Zähringer zurückhaltend. Andere Adelshäuser zeugten viele Nachkommen und riskierten damit Konflikte oder eine Zersplitterung ihres Besitzes. Die Zähringer hatten wenig Kinder – und das wurde ihnen letztlich zum Verhängnis. Berchtold V starb 1218 ohne einen männlichen Erben. Damit zerfiel das Zähringerreich. Manche Teile gingen an den Herzog von Schwaben, andere an den Markgrafen von Baden und in der heutigen Schweiz machten vor allem die Kyburger ihre Ansprüche geltend. Bern wurde als «freie Reichsstadt» direkt dem Kaiser unterstellt, Freiburg kam unter Kontrolle der Kyburger, erhielt aber weitreichende Freiheitsrechte und wurde 1476 ebenfalls dem Kaiser unterstellt. 1481 wandte es sich dann der Eidgenossenschaft zu.
Bis zu ihrem Verschwinden waren die Zähringer sehr erfolgreich, Berchtold V wurde gar als Nachfolger Kaiser Heinrichs VI ins Gespräch gebracht. Dennoch bleiben sie als Personen relativ unfassbar und nebulös. Unter späteren Herrscherfamilien war es Usus, sich eine Familiengeschichte schreiben zu lassen, um Mit- und Nachwelt zu verkünden, wer man war und was man geleistet hatte. Die Zähringer hingegen legten keine Chronik an. Das hat den Nachteil, dass wir wenig über sie wissen – und den Vorteil, dass wir wenig Falsches über sie zu wissen glauben.
Am meisten wird über Berchtold V erzählt. Er sei ein grausamer, ungerechter Tyrann gewesen, behaupten die Chronisten. Aber ist das glaubhaft? Nach heutiger Kenntnis war er nicht grausamer als andere Herrscher seiner Zeit. Doch anders als bei ihren eigenen Herren, konnten die Schreiberlinge über die verschwundenen Zähringer ungestraft kundtun, was sie wollten. Wirklich festgesetzt hat sich die üble Nachrede allerdings nicht. Heute bezeich-nen sich ein Dutzend Städte selbstbewusst als Zähringer--Städte – in Erinnerung an die früh verschwundenen Pioniere.
Frage Simon Sprecher, Professor für Biologie
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Experte Hans-Joachim Schmidt ist Professor für mittelalterliche Geschichte. Seine Forschungsschwerpunkte sind Innovation und Tradition als mittelalterliche Denkmuster, Testamente als politische Programme, Ordens- und Klostergeschichte, Fürstenspiegel, Pädagogische Konzepte des späten Mittelalters oder Emotionen als Instrumente von Herrschaft.
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