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Bern – Montags1
Lieber Freund.
Mit der größten Betrübniß habe ich diesen Morgen vernommen, daß ein Krankheitsanfall, welcher H. Escher getroffen hat, die Veranlaßung zu Deiner Rückkehr nach Hause geworden ist. Ich hoffe von ganzem Herzen, daß das Leiden eine günstige Wendung nehmen & daß es Dir verstattet sein wird, erleichtert & beruhigt wieder hieher zu kommen.
Über meine Mißion giebt der Brief2, den ich gestern Abends flüchtig in Basel an H. Hildebrandt geschrieben habe, den nothwendigen Aufschluß. Hier noch einige Details. Leipzig wurde von allen Seiten als eine Dépendence von Berlin geschildert. H. Hirzel versicherte mir, daß Frege3 & Becker4, an die ich Empfehlungen hatte, gewiß ganz & gar nichts für die Gesellschaft thun werden. Was die Berliner Börse betrifft, so erklärte nahmentlich Schönlein5, der die Verhältniße sehr genau kennt, dieselbe sei höchst ungünstig; es sei da viel Gescherr & wenig Wolle. Die meisten Banquiers machen vorherrschend Geschäfte für Andere; zB. Bleichröder6 | für Rothschild. Die Börse sei vollgepfropft mit Papieren, weßhalb neue (nahmentlich solche, die erst noch creirt werden müßen) wenig Anklang finden. Der einzige, der in der Lage wäre, eine große Unternehmung zu machen ( Magnus7 ), habe ein Mißtrauen gegen die Eisenbahnen; sein Vermögen habe er durch die Negotiation von Staatsanleihen begründet, weßhalb er sich auch diesem Fache hauptsächlich zu wende.
Sodann gingen alle Berichte überein stimmend dahin: Man betrachte die Schweizerischen Eisenbahnen mit Mißtrauen; man finde viel Unklarheit in dem ganzen Thun & Treiben; es werde zu viel gebaut; man fürchte die Concurrenzlinien; die Nordbahn -Unternehmung habe eine gewiße Mißstimmung zurückgelaßen; Magnus habe seiner Zeit genau voraus gesagt, wie es gehen werde u. s. f.; daß sofort 20% eingezahlt werden müßen, schrecke ab; 18% hätten genügt; überhaupt seien die Einzahlungsbedingungen etwas stringent; & es erwecke einiges Mißtrauen, daß die Züricher Banquiers nicht kecker voran gehen etc. etc.
Der Stand der Pariser Börse wurde ebenfalls als ein nachtheiliges Moment bezeichnet. | Ich habe mir nach Kräften Mühe gegeben, die unklaren & schiefen Vorstellungen zu berichtigen & so viel ist aus unsern Besprechungen hervor gegangen, daß die Überzeugung bei den H. Hirzel, Keller8, Guttenberg9 u. s. f. feste Wurzel geschlagen hat, daß unsere Unternehmung solid sei & von allen Eisenbahnen in der Schweiz die beste Rente verspreche. Diese Herren werden selbst Aktien zeichnen & H. Hirzel hat gute Hoffnung in Leipzig & Dresden für eine erkleckliche Summe Abnehmer zu finden. Du weißt, daß er Direktor der Leipzig–Dresden Bahn ist, die 9% abwirft.
Bleichröder hatte auf Betreiben des H. Guttenberg (des Schwagers des H. Hildebrandt) an Oppenheim10 in Cöln geschrieben, & bestand darauf, daß man mit diesem Banquier eintrete. Nach Allem, was ich gehört, fand ich es am Ende in Übereinstimmung mit H. Bleichröder, daß es das Beste sei persönlich nach Cöln zu gehen. Dort ging es geradeso, wie mir Schönlein vorher gesagt hatte, man würde mich von Berlin nach Cöln & von Cöln nach Paris weisen!
Hirzel hat in der ganzen Sache mir den Eindruck gemacht, daß er wirklich mit warmem Intereße & vieler Umsicht sich für die Unternehmung bemühe; ich | habe das größte Vertrauen zu ihm. Einen Brief11, den ich so eben von ihm erhalte, lege ich bei. Es wäre gut, wenn mit Hinsicht auf die Angelegenheiten der Gesellschaft H. Hildebrandt an ihn schreiben würde. Was mich betrifft, so kann ich ihn natürlich nur über das antworten, was mich privatim12 betrifft.
In der Hoffnung, Dich bald zu sehen, grüßt Dich aufs Freundlichste
Dein
J Rüttimann
Empfehle mich doch Deiner werthen Familie & versichere sie meiner lebhaften Theilnahme an dem Befinden des H. Escher.
Viele Grüße an unsere Freunde.