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| Sulpicius Severus (um 420) - Drei Dialoge (Dialogi; über den hl. Martinus)

1. Dialog
3.
"Jetzt sind es drei Jahre her, seit ich dir, Sulpicius, bei meiner Abreise Lebewohl sagte. In Narbonne bestiegen wir das Schiff. Fünf Tage nachher liefen wir in einem afrikanischen Hafen ein — so sehr begünstigte Gottes Vorsehung die Reise. Es kam uns das Verlangen, nach Karthago zu gehen, die Stätten der Heiligen aufzusuchen und besonders am Grabe des Märtyrers Cyprian zu beten. Nach fünfzehn Tagen kehrten wir zum Hafen zurück und stachen wieder in die See mit dem Kurs nach Alexandrien. Ein widriger Südwind hätte uns beinahe auf die Syrten1 getrieben, allein die umsichtigen Schiffsleute wichen der Gefahr aus und gingen vor Anker. Vor unseren Augen lag das Festland; wir fuhren in Kähnen hinüber. Da wir nirgends Spuren menschlicher Ansiedelungen wahrnahmen, wurde meine Neugierde wach; ich ging weiter landeinwärts, um die Gegend auszukundschaften. Ungefähr drei Meilen2 von der Küste erblickte ich mitten im Sande eine kleine Hütte. Ihr Dach glich einem Schiffskiele, wie Sallust sagt3 , war mit starken Dielen gedeckt und reichte bis auf den Boden. Man hat sich zwar dort nicht vor gewaltigen Regenschauern zu fürchten — denn dort hat noch nie jemand etwas von einem Regenschauer gehört —, allein die Stürme sind derart gewaltig, daß man in jenen Landstrichen schon mehr Unheil befürchten muß, als irgendwo auf dem Meer, wenn einmal auch bei nahezu klarem Himmel eine nur mäßige Brise einsetzt. Gras oder Saaten kommen hier nicht fort, da der Boden nicht fest ist und der trockene Sand von jedem Windstoß davongetragen wird. Wo aber Vorgebirge auf der Seite, die vom Meere abliegt, die Winde auffangen, ist der Boden ein klein wenig fester und läßt spärlich rauhes Gras hervorsprossen, das den Schafen gute Nahrung bietet. Die Einwohner leben von Milch; wer aber von ihnen unternehmender oder, wenn ich so sagen soll, reicher ist, nährt sich von Gerstenbrot. Gerste allein wird dort geerntet. Bei dem raschen Wachstum, wie es jener Boden dort ermöglicht, fällt sie gewöhnlich dem Verderben der rasenden Orkane nicht zum Opfer; soll sie doch schon dreißig Tage nach der Aussaat zur Reife kommen. Daß hier Menschen bestehen können, ist einzig und allein der Steuerfreiheit zu danken. Dieses Gebiet umschließt die äußerste Küste der Cyrenaica und stößt an jene Wüste, die zwischen Ägypten und Afrika liegt; durch diese führte einst Cato4 auf seiner Flucht vor Cäsar sein Heer.
1: Die sogenannte große Syrte westlich von der Cyrenaica, dem heutigen Tripolis, mit vielen gefährlichen Untiefen.
2: Gegen 4.5 km.
3: Sallust., Bell. Jug. 18, 8.
4: Der jüngere, Anhänger des Pompejus, vgl. Lucanus, Pharsal. 9, 371 f. Er nahm sich nach dem vollständigen Sieg Casars zu Utica selbst das Leben im Jahr 46 vor Chr.