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„Eines Nachts kommt es mir plötzlich in den Sinn, wo ich dieses Kindergesicht schon gesehen habe: In New York, in Rio de Janeiro und in Paris! Die Blumenverkäufer! Die, die draussen vor den teuren Restaurants, Bars und Hotels stehen und versuchen, rote Rosen ”an den Mann” zu bringen! Mit einer Hartnäckigkeit, die unvergleichlich ist, legen sie die in durchsichtiges Zellophanpapier eingewickelten Rosen vor dem Gast auf den Tisch und warten. Warten so lange, bis der junge (oder auch alte) Kavalier in Begleitung einer hübschen Dame, die Rose kauft. Abweisen lassen sich die Kinder nicht. Stumm und geduldig warten sie. Wie peinlich für den Kavalier, wenn er den Verkäufer wegjagt! Ist ihm denn eine kleine Rose zu viel für seine Begleiterin? Nach einer gewissen Zeit jedoch nimmt das Kind die Rose in die Hand und geht zu einem andern Tisch. Dieser Vorgang wiederholt sich, bis es wieder zum ersten Tisch kommt. Und alles beginnt von vorne…
Diese Kinder – wo auch immer in den Grossstädten der Welt – haben alle den gleichen Ausdruck im Gesicht: Stumm, bittend. Alle gleich. Natürlich war Sprite noch nie in New York, Rio oder Paris gewesen. Aber in Bangkok.
”Sprite”, frage ich und schaue ihn an, ”du bist früher Blumenverkäufer gewesen, nicht wahr?”
Mit seinen dunklen Augen schaut er mich an und nickt. Dann senken sich seine Augen wieder. Ich merke nur zu gut, dass er nicht gerne darüber spricht. Er hat es selbst noch nicht vergessen, wie oft er von seinem Stiefvater geschlagen worden war, wenn er jeweils in der Morgendämmerung nach Hause geschlichen kam und nicht alle Blumen verkauft hatte. Er war jeweils zu müde gewesen, um mit dem kreischenden Stiefvater zu streiten. So liess er die Schläge willenlos über sich ergehen, um nachher auf die schmutzige Matratze am Boden zu fallen. Der Mann aber fluchte und krempelte die Hosentaschen des Buben um, um das Geld mit gierigen Augen zu zählen. War der Betrag kleiner als erwartet, stiess er Sprite an die Wand und drückte ihm mit beiden Händen die Kehle zu: „Ich zeig es dir, du Bengel!”
(Auszug aus dem Buch „Haus der Heimatlosen“ von Erwin Gröbli)
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