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Vor fünfzig Jahren schrieb Roland Barthes seine „Mythologies“ (deutsch „Mythologien“), mit dem er dem Denken eine neue Richtung gab. Ein französischer Professor, der sich mit den Strukturen im Werk von Honoré de Balzac und der écriture beziehungsweise der Ordnung der Zeichen in der Sprache befasst hatte, also mit klassischen Literatur- und modernen Wissenschaftsfragen, hatte im Alleralltäglichsten eine bis dahin verborgene Ordnung entdeckt.
Mit den „Mythologies“ war der Strukturalismus geboren, der zwei Jahrzehnte lang die geistige Diskussion beherrschte und als neue Art gefeiert wurde, sich mit geistigen Fragen auseinander zu setzen. Die Entwicklung ist seither weiter und über den Strukturalismus hinausgegangen, der Horizont, den er erreicht hatte, ist unhintergehbar geworden.
50 Jahre nach Roland Barthes erscheint in Frankreich ein Buch, dessen Titel als Anspielung zu verstehen ist: „Nouvelles Mythologies“, herausgegeben von Jérôme Garcin (bei Seuil) – ein Werk, das wie ein Nukleus die neuesten Mythologien oder operationellen Begriffe des Denkens aufspürt und zur Diskussion stellt.
Die Methoden Barthes werden neu evaluiert – mit dem kleinen Unterschied, dass Barthes den semiologischen Versuch unternommen hatte, die Welt als eine Summe von Zeichen zu ordnen, zu unterscheiden und zu befragen, während Garcin und seine 60 Autorinnen und Autoren es mehr auf eine inhaltliche Interpretation des Zeitgeists abgesehen haben.
Mit einem Mal versteht man das Denken, das „in der Luft“ liegt und sich, wie das Wetter, ebenfalls erwärmt und Turbulenzen verursacht. Keine akademischen Analysen werden unternommen, sondern eine elegante Art, hypothetisch zu denken und spielerisch zu debattieren, wird betrieben. Darin sind die Franzosen Meister.
Das Handy, das SMS, der iPod, Google, der Blog, Parolen wie „Rauchen tötet“ oder „fairer Handel“, Bio-Produkte, die 35-Stunden-Woche, der viel bemühte polnische Klempner, der 4x4 (hierzulande Offroader) sind einige Begriffe (beziehungsweise Mythen) in dem besagten Buch.
Die Auswahl nimmt deutlich auf Frankreich Bezug. Ich hätte gern etwas gelesen über Diana („Königin der Herzen“), den DJ, Alinghi, Porno, Fundamentalismus, Harry Potter, Model, Partygirl, Jugendkultur, Wertekonservativismus, multikulturelle Gesellschaft, politische Korrektheit, Billigflieger, Finanzprodukte, Traumferien. Oder über das Downloaden. Oder das Versprechen, alles „gratis“ zur Verfügung gestellt zu bekommen wie zum Beispiel Gratiszeitungen. Oder über die Alternative zwischen Britney Spears und Kylie Minogue (ein Krieg der Sternchen).
Die Liste lässt sich beliebig verlängern und die Konzeption erweitern und verändern, unabhängig davon, ob es sich dabei nun um Mythen im strengen Sinn des Begriffs handelt oder einfach nur um mediale Denkschablonen (was Mythen nicht sind, auch wenn sie, genau wie Mythen, den Vorgang des Denkens oder unter Umständen des Nicht-Denkens, also leeren Repetierens von Formeln und Vorstellungen, aufzeigen können).
Ein Verleger, der die Idee einer solchen Zeitgeist-Enzyklopädie aufgreift, müsste sich doch finden lassen...