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Wenn Moctezuma nicht nach Mexiko kommt, geht Mexiko halt zu Moctezuma. Das ist die Kurzfassung einer schier unglaublichen Geschichte, um die Rückgabeforderungen einer aztekischen Federkrone, die heute im «Weltmuseum Wien» ausgestellt ist. Die Rede ist vom «Quetzalfeder-Kopfschmuck» (mexikanisch: «Penacho de Moctezuma», aztekisch: «Kopilli Ketzali » ), der um 1520 datiert.
Weil diplomatische Bemühungen das Objekt nicht zurück nach Mexiko brachten, haben Sebastián Arrechedera und Yosu Arangüena – ein Dokumentarfilmer und ein Publizist – die Audioguides im Museum ausgetauscht, um die «Wahrheit» über das «unschätzbare Objekt aztekischer Kultur» zu erzählen. Dabei wurde die ganze Aktion so geheim gehalten, dass das Museum selbst erst aufgrund eines Artikels in der Zeitung «El Confindecial» herausfand, dass die Audioguides, die die Besucher hörten, nicht die originalen waren.
Hier 6 Punkte zu diesem einzigartigen «Kulturaustausch»:
«Also Österreich hat da eine Politik, die ich als kulturfeindlich oder egoistisch bezeichnen würde. Ich habe einen Brief an den Kanzler geschickt. Es ging nicht darum, dass er uns das Objekt zurückgibt, sondern dass er einen Weg findet, es bei uns auszustellen. Er lehnte dies strikt ab», dies verkündete der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador (AMLO).
Diese Aussage des mexikanischen Präsidenten bezüglich des «Quetzalfeder-Kopfschmuck» – eine aztekische Federkrone – spiegelt eine hochaktuelle internationale Debatte wider: Ehemals kolonisierte Ländern wollen von europäischen Staaten ihr Kulturerbe zurück, um es ihren Bürgern zugänglich zu machen. Und gerade in Mexiko ist der Transfer aktueller ethischer Kriterien auf Ereignisse, die Jahrhunderte zurückliegen, ein Teil der politischen Strategie.
Dabei ist die besagte Federkrone in Grossteilen nicht mehr original. Denn im 19. Jahrhundert wurde starker Schädlingsbefall am Objekt entdeckt, woraufhin es restauriert (und nicht konserviert) wurde: Fehlende Goldplättchen wurden durch vergoldete Bronze ersetzt, Federn möglichst derselben Art neu eingesetzt. Die Krone besteht aus Federn verschiedener Vogelarten: blauen Federn von Kotingas, rosa Federn von Rosalöfflern, braune Federn eines Kuckucks und grüne Federn von Quetzals. Eingearbeitet sind zudem kleinen Goldplättchen.
Die Federkrone ist das einzige erhaltene Objekt seiner Art. Was es zu einem wertvollen Schlüsselobjekt der aztekischen Hochkultur macht – und Mexiko will derartig herausragende Kulturschätze wieder zurückführen. Österreich hingegen will das Objekt nicht nach Mexiko transportieren, weil die Gefahr bestehe, dass es zerstört werde, sobald man es bewege.
Un equipo de investigadores examinó a fondo los misterios del #PenachodeMoctezuma: ¿cuál es el significado de sus elementos? ¿en qué estado se encuentra? ¿cómo llegó a Europa?— TV UNAM (@tvunam) August 25, 2021
«El penacho de Moctezuma. Plumaria del México antiguo»🐦
📺 Miércoles 25 de agosto, 19:00 h. pic.twitter.com/PAw11R3mee
Die älteste eindeutige Beschreibung der Federkopftracht findet sich in einem 1596 angelegten Inventar der Kuriositätensammlung des Erzherzogs Ferdinand von Tirol. Die meisten Stücke dieser Sammlung gelangten Anfang des 19. Jahrhunderts ins «Kunsthistorische Museum Wien» sowie ins «Weltmuseum Wien».
Aktuell ist die Kopfbedeckung in der Form eines europäischen Fächers in einer Vitrine des «Weltmuseum Wien» ausgestellt, die starken Erdstössen standhalten könne. Eine in den 1940ern hergestellte Kopie befindet sich im «Museo Nacional de Antropología».
Arangüena erläutert dem «El Confindecial» den ausgeklügelten Plan hinter dem Audioguide-Austausch: «Wir haben das gleiche Modell von Audioguides gekauft, wie es sie im Museum bereits gab und diese in den vorhandenen Bestand eingeschleust. Die Texte, welche die Besucher hören, sind dieselben, wie auf den originalen Guides. Ausser bei der «Krone von Moctezuma» – dort hören sie unsere Audiobotschaft über Herkunft und Besitz der Federkrone», erklärt Arangüena dem «El Confindecial».
Kein interner Mitarbeiter war eingeweiht. Arrechedera und Arangüena schlenderten mit einem offiziellen Audioguide durch die Ausstellung und liessen beim Hinausgehen zwei Audioguides in der dafür vorgesehenen Box zurück – dabei war einer der Audioguides kein originaler, sondern eben ein manipulierter. Zugute kam ihnen, dass die Audioguides vom Museum nicht gezählt werden.
Insgesamt wurden etwa 50 modifizierte Geräte eingeschleust. Da es verdächtig gewesen wäre, das Museum jeden Tag zu betreten, halfen junge Menschen verschiedener Nationalitäten bei der Umsetzung der Aktion, erklärten die beiden Aktivisten dem «El Confindecial».
«Willkommen zu diesem Audioguide der Wahrheit. Die Geschichte erzählt von den Erben derjenigen, die unter der europäischen Invasion gelitten haben. Mein Name ist Xokonoschetlet Gómora, ich stamme von den Azteken ab und habe mein Leben dem Ziel gewidmet, die heilige Krone unseres Kaisers Moctezuma in unser Land zurückzubringen», so beginnt die gehackte Botschaft.
Gómora ist Aktivist, Schamane und Anführer der indigenen Bewegung «Yankuik Anahuak». Sein oberstes Ziel: Die Federkrone zurück nach Mexiko zu holen. Nach Gómora gehörte die Krone dem aztekischen Herrscher Moctezuma.
Zusammen mit 120 Mexikanern aus 13 verschiedenen ethnischen Gruppen hat er Märsche durch 13 europäische Länder organisiert, um die Plünderung der aztekischen Kultur anzuprangern.
In seinem achtminütigen Audiobeitrag erklärt Gómora, dass die «Kopilli Ketzali » – so der aztekische Name des Objekts – eine kostbare Krone sei, die eine spirituelle Macht symbolisiere, äquivalent zur Mitra des Papstes. Zudem prangerte er an, dass Cortés eine ganze Zivilisation ausgelöscht habe. Zum Schluss verweist Gómora auf die Weigerung der österreichischen Regierung, das symbolträchtige Stück zurückzugeben oder auszuleihen, weil gesagt werde, dass die empfindlichen Federn der Erschütterungen der Reise nicht standhielten. Er klagt dies als Ausrede an.
Entgegen der Behauptung von Gómora gibt es keine historischen Belege dafür, dass es sich bei der Federkrone um eine Krone von Moctezuma handelt. «Es gibt viele Versionen und Wahrheiten über dieses Stück», erklärt Arrechedera.
Das «Weltmuseum Wien» schreibt: «Die Verbindung zu Mexiko führte dazu, dass der Federkopfschmuck im nachrevolutionären Mexiko jahrzehntelang dem Aztekenherrscher Moctezuma zugeschrieben wurde und zum indigenistischen Symbol der Identität des neuen Mexiko mit dem aztekischen Reich wurde. Dieser Mythos hielt sich hartnäckig.»
Auch wie die Federn nach Mitteleuropa gelangten, ist nicht bekannt. Sie könnten ein Teil der Geschenke gewesen sein, die Cortes an Kaiser Karl V. schickte, sagt Arrechedera weiter.
Nachdem sie von der Botschaft der Mexikaner erfahren hatte, startete die Abgeordnete Petra Bayr eine Initiative, um die Regierung zur Rückgabe der Federkrone an Mexiko zu bewegen.
RT Gracias a la Miembro del Parlamento Austriaco @BayrPetra no solo por haber introducido la moción en el Parlamento, sino también por apoyar nuestra nueva petición en https://t.co/HT52k18gpg— Sebastián Arrechedera (@sarrechedera) February 12, 2022
Firma aquí.https://t.co/hyzFrGJTVm#QueVuelvaLaCorona pic.twitter.com/1VPMzZQjoA
Sie wies darauf hin, dass die Studie, die zum Schluss kam, dass das Objakt beim Transport beschädigt werden könnte, bereits mehr als 10 Jahre alt ist. Und dass diese Frage angesichts des technischen Fortschritts und der Entwicklungen im Bereich der Konservierung erneut geprüft werden sollte.
Die Federkrone ist eine Ikone des «Weltmuseum Wien» – und somit auch ein Objekt, an dem das Museum finanzielles Interesse hat. Denn die Federkrone ist in unzähligen Auswüchsen im Museumsshop zu erwerben.
Dieser Fall ist nur einer von vielen, der die Frage danach stellt, wer Kulturgüter besitzen darf. Wem Zugang zu Kulturgüter gewährleistet werden muss oder für wen sie welchen Wert haben. Gehören Kulturgüter Nationen oder ethnischen Gruppen? Kann sowohl die Unversehrtheit eines Objekts, als auch dessen rituellen oder kulturellen Sinn erhalten bleiben?
Was passiert mit Kulturgütern, wenn sie restituiert worden sind, werden sie zu politischen Trophäen? Diese Diskussion ist nicht manichäisch.
Rückgabeforderungen müssen ernst genommen werden und die Debatte um Rückführungen muss auch in der Öffentlichkeit geführt werden. Und die Museumsguide-Aktion rund um die «Kopilli Ketzali» hat diese Debatte auf eine denkwürdige Weise in die Öffentlichkeit getragen.
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