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Der globale wirtschaftliche Brennpunkt verschiebt sich von Westen nach Osten. Entsprechend wird Asien für Schweizer Unternehmen zusehends wichtiger als Absatzmarkt, als Investitions- und Produktionsstandort sowie als Herkunftsmarkt für industrielle Halbfabrikate zur Weiterverarbeitung. Der Aussenhandel zwischen der Schweiz und Asien hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt: Bereits findet knapp ein Viertel des gesamten Aussenhandels mit asiatischen Staaten statt (siehe Abbildung 1).
Im Jahr 2017 ging knapp ein Fünftel der schweizerischen Exporte im Umfang von 90 Milliarden Franken in die Region Asien-Ozeanien[1]– das ist ein grösserer Anteil als derjenige von Nordamerika.[2] Trotz Frankenstärke stiegen die Exporte nach Asien-Ozeanien zwischen 2007 und 2017 um gegen 200 Prozent. Besonders hoch war die Zunahme in China, wo die Exporte im vergangenen Jahr ein Volumen von 24 Milliarden Franken erreichten. Damit ist das Land hinter der EU und den USA der drittwichtigste Handelspartner der Schweiz. Auch die ausländischen Direktinvestitionen wuchsen in Asien zwischen 2007 und 2017 mit jährlich 12 Prozent stärker als in Nordamerika und Europa, wobei die Schweiz zu den zehn grössten Investoren in Asien zählt.[3]
Abb. 1: Entwicklung des Schweizer Aussenhandels (2007 und 2017)
Quelle: EZV / Die Volkswirtschaft
Die asiatischen Märkte, ihre Strukturen sowie ihr Entwicklungs- und Integrationsstand sind äusserst divers. Dies lässt sich am Beispiel der Association of Southeast Asian Nations (Asean) aufzeigen (siehe Abbildung 2). Die zehn Mitgliedsstaaten zählen zusammen fast 650 Millionen Einwohner und erwirtschafteten vergangenes Jahr insgesamt ein Bruttoinlandprodukt (BIP) von 2,8 Billionen Dollar. Damit bilden die Asean-Staaten den sechstgrössten Wirtschaftsraum der Welt.
Das Gefälle zwischen den Asean-Staaten ist enorm: Während Singapur 2017 ein durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen von 57’713 Dollar aufwies und als 14.-wichtigster Handelspartner der Schweiz weltweit figurierte, betrug das Pro-Kopf-Einkommen von Myanmar gerade einmal 1278 Dollar, und das Land stand lediglich an 99. Stelle der schweizerischen Handelspartner.[4]
Ende 2015 lancierte der Staatenverbund offiziell die Asean-Wirtschaftsgemeinschaft mit der Absicht, die Region als einen einheitlichen, wettbewerbsfähigen Markt weiter in die Weltwirtschaft zu integrieren. Zwischen den sechs Asean-Staaten Brunei, Indonesien, Malaysia, Philippinen, Singapur und Thailand sind bereits heute 99 Prozent der Zölle entweder abgeschafft worden oder liegen unter 5 Prozent. Zwischen den übrigen vier Mitgliedsstaaten Kambodscha, Laos, Myanmar und Vietnam ist dies noch nicht der Fall. Wenig überraschend gestalten sich jedoch der Abbau nicht tarifärer Handelshemmnisse sowie die Harmonisierung von Normen und Standards im heterogenen Staatenverbund schwierig. Trotz der Integrationsbemühungen macht der Asean-interne Handel gemäss Weltbank nur rund ein Viertel des Gesamthandels aus. Zum Vergleich: In Ostasien, das unter anderem die Länder China, Japan und Südkorea umfasst, beträgt die Quote 35 Prozent. Deutlich tiefer ist sie hingegen in Südasien (Bangladesch, Indien, Pakistan, Sri Lanka etc.), das zu den wirtschaftlich am wenigsten integrierten Regionen der Welt gehört. Dort macht der intraregionale Handel lediglich 5 Prozent aus.
Regionale Mega-Abkommen
Vier Asean-Länder – Brunei, Malaysia, Singapur und Vietnam – haben dieses Jahr gemeinsam mit Australien, Chile, Japan, Kanada, Mexiko, Neuseeland und Peru das Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pacific-Partnership (CPTPP) unterzeichnet. Mit dem erfolgreichen Abschluss haben sie, trotz des Rückzugs der USA, ein starkes Zeichen für den Freihandel gesetzt. Die CPTPP-Partner generieren 14 Prozent des weltweiten BIP und schaffen mit dieser Vereinbarung einen integrierten asiatisch-pazifischen Wirtschaftsraum mit einer halben Milliarde Einwohner. Falls weitere Länder zum CPTPP stossen, könnte es dereinst das weltweit wichtigste plurilaterale Handelsabkommen werden und eine Neuordnung von globalen Wertschöpfungsketten bewirken – mit Konsequenzen auch für die Schweizer Wirtschaft.
Grosse Aufmerksamkeit zieht zudem ein anderes Wirtschaftsabkommen auf sich, dessen Verhandlung seit 2013 läuft: die Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP), welche die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Australien, China, Indien, Japan, Neuseeland und Südkorea und den zehn Asean-Staaten konsolidieren soll. Das RCEP-Abkommen würde knapp 40 Prozent des globalen BIP abdecken und 3,4 Milliarden Konsumenten umfassen. Allerdings ist das Abkommen weniger ambitiös ausgestaltet als das CPTPP. So sind im RCEP unter anderem keine Bestimmungen über das öffentliche Beschaffungswesen, zu Staatsfirmen oder Arbeits- und Umweltstandards vorgesehen.
Schweiz setzt auf Freihandel
Mittelfristig werden über zwei Drittel des weltweiten Mittelklasse-Wachstums in Asien stattfinden. Entsprechend dürfte die Nachfrage nach schweizerischen Konsumgütern, Hochqualitäts- und Luxusprodukten weiter steigen. Bereits 2030 wird die Mittelklasse der Region schätzungsweise fünfmal so gross wie jene Europas sein. Vor diesem Hintergrund will die schweizerische Aussenwirtschaftspolitik möglichst optimale Rahmenbedingungen für Schweizer Unternehmen in Asien schaffen. Eines der wichtigsten Instrumente sind Freihandelsabkommen (FHA).
Im Verbund der Europäischen Freihandelsassoziation (Efta) verfügt die Schweiz in Asien über Freihandelsabkommen mit Singapur (2003), Südkorea (2006), Hongkong, China (2012) sowie den Philippinen (2018). Darüber hinaus hat sie bilaterale Freihandelsabkommen mit Japan (2009) und China (2014) abgeschlossen. In diesem Jahr ist ein umfassendes Freihandelsabkommen der Efta mit Indonesien hinzugekommen. Das Abkommen mit dem bevölkerungsmässig viertgrössten Land der Welt ist für die Exportwirtschaft von grossem Nutzen, insbesondere da die indonesischen Durchschnittszölle mit 8 Prozent relativ hoch sind und die EU noch über kein solches Abkommen verfügt.[5] Dank dem Abkommen werden mittelfristig 98 Prozent der Schweizer Exporte nach Indonesien von Zöllen befreit. Für dieses Abkommen soll 2019 der parlamentarische Genehmigungsprozess beginnen.
Abb. 2: Freihandelsabkommen der Schweiz in Asien/Ozeanien
Mit der Mongolei, Myanmar und Pakistan wurden Zusammenarbeitserklärungen abgeschlossen. Diese schaffen einen institutionalisierten Dialog zur Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen.
Seit Längerem verhandelt die Schweiz im Efta-Rahmen mit Indien, Malaysia und Vietnam über Freihandelsabkommen. Allerdings gestalten sich diese Verhandlungen aus unterschiedlichen Gründen schwierig. Mit Indien bestehen beispielsweise Differenzen im Bereich geistiges Eigentum, die es hinsichtlich eines erfolgreichen Verhandlungsabschlusses zu überbrücken gilt. Mit Thailand sind die Verhandlungen seit Längerem unterbrochen. Weiter prüft die Schweiz momentan, ob die Handelsbeziehungen mit Pakistan gestärkt werden können. Auch Taiwan wäre grundsätzlich ein interessanter Freihandelspartner für die Schweiz.
Wichtige Interessenwahrung
Das Spannungsfeld von Globalisierung und Protektionismus ist heute eine Realität, in welcher sich Wirtschaftsakteure zurechtfinden müssen. Weltweit versuchen Regierungen zusehends, bestimmte Sektoren der heimischen Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz zu schützen. In Asien etwa haben China, Indien und Indonesien in den letzten zwei Jahren überdurchschnittlich viele Massnahmen in den für die Schweizer Wirtschaft wichtigen Exportbranchen Biotech, Metall-, Elektro- und Maschinenindustrie eingeführt.
Zur Verunsicherung bei Unternehmen hat auch die Aufkündigung von bilateralen Investitionsschutzabkommen durch einzelne Schwellenländer beigetragen. So hat sowohl Indonesien im Jahr 2015 als auch Indien ein Jahr später das jeweilige Investitionsschutzabkommen mit der Schweiz gekündigt. Dadurch sind unerwünschte Rechtslücken im bilateralen Vertragsrahmen, namentlich für neue Investitionen, entstanden. Obwohl inzwischen mit beiden Staaten Neuverhandlungen aufgenommen worden sind, bleibt ungewiss, ob das vorgängig hohe Schutzniveau auch in Zukunft gewährt werden kann.
Angesichts solcher Herausforderungen hat die Schweizer Wirtschafts- und Handelsdiplomatie in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Ein wichtiges Instrument sind offizielle Wirtschaftsmissionen mit Privatsektordelegationen, welche Bundesrat Johann Schneider-Ammann in den letzten Jahren mehrfach nach Asien führten. Eine wertvolle Plattform bieten zudem die sogenannten Gemischten Wirtschaftskommissionen, die das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) mit diversen asiatischen Partnerländern unterhält. In diesen institutionalisierten wirtschaftspolitischen Dialogen mit formellem Einbezug des Privatsektors werden konkrete Anliegen wie Handels- und Investitionsprobleme vorgebracht. Regelmässig kommen dabei auch nicht tarifäre Massnahmen zur Sprache, die für die Schweizer Wirtschaft im entsprechenden Partnerland eine Herausforderung darstellen.
In Asien sind Schweizer Unternehmen in zunehmendem Mass von Lokalisierungsvorschriften betroffen. Das heisst, es wird ein hoher Anteil lokaler Wertschöpfung verlangt. Innovative Unternehmen, etwa aus der Pharmaindustrie, werden oftmals durch ungenügenden Patentschutz vor Schwierigkeiten gestellt. Zusätzlich machen den Schweizer Wirtschaftsakteuren in vielen asiatischen Ländern die Rechtsunsicherheit, aufwendige und teils intransparente administrative Abläufe, Korruption sowie der Fachkräftemangel zu schaffen.
Im Rahmen der Wahrung wirtschaftlicher Interessen berücksichtigt das Seco nicht nur sektorielle, sondern auch firmenspezifische Anliegen. Dazu berät es gemeinsam mit der diplomatischen Vertretung vor Ort die betroffenen Firmen bei Bedarf gezielt. Um diese wichtige Aufgabe auch in Zukunft kompetent wahrzunehmen, ist die Schweiz bestrebt, ihr aussenwirtschaftspolitisches Beziehungsnetz fortlaufend auszubauen.