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Illetrismus. Was für ein hässliches Wort. Ist Illetrismus eine Krankheit? Und, wenn ja, lässt sie sich heilen? Und was steckt überhaupt dahinter? Illetrismus, auch als funktionaler Analphabetismus bezeichnet, ist eine Volkskrankheit. Die «Durchseuchung» ist enorm. Fast jeder sechste berufstätige Schweizer oder jede sechste Schweizerin ist davon betroffen.
Um es vorwegzunehmen: Illetrismus ist keine Form der Dummheit. Davon betroffen können alle sein, unabhängig von Herkunft oder Bildung. Illetristen können hervorragende Mathematiker oder IT-Cracks sein, Architekten oder Schreinermeister. Nur haben sie eine Schwäche: Sie können nicht richtig lesen oder schreiben.
Versuchen wir einmal, das Phänomen zu beschreiben. In einer Ausgabe des deutschen Nachrichtenmagazins «Spiegel» stand jüngst ein kurzer Artikel über die britische Bestseller-Autorin und Millionärin Jojo Moyes («Ein ganzes halbes Jahr»). Sie fördert mit einem namhaften Beitrag, die Rede ist von 120 000 britischen Pfund, die Publikation von Büchern für Erwachsene mit einer Leseschwäche. Solche Bücher, geschrieben in einer sogenannt «Einfachen Sprache» oder «Leichten Sprache» – diese beiden Begriffe sind verwandt, aber sind nicht ganz dasselbe –, sollen es ihren britischen Mitbürgern ermöglichen, auch kompliziertere Texte zu verstehen. In Grossbritannien leben nach aktueller Schätzung rund 5,1 Millionen Menschen als funktionale Analphabeten, in Deutschland sind es rund 7,5 Millionen.
Natürlich weckten diese Zahlen das Interesse. Das Schweizer Bildungssystem ist eigentlich ziemlich fantastisch. So leistet sich die Schweiz nach Luxemburg das zweitteuerste Schulsystem innerhalb der OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development). Gut investiertes Geld. Sollte man meinen.
Schlechter Start ins Berufsleben
Gut und schön. Doch 12 000 bis 17 000 Jugendliche pro Jahr verlassen dieses finanziell gut ausstaffierte Schweizer Schulsystem nach neun Schuljahren als funktionale Analphabeten. Sie können selbst aus kurzen Texten keine Informationen herausfiltern, sind nicht in der Lage, Informationen zu verknüpfen und einfache Schlussfolgerungen zu ziehen. Von einem «Systemversagen» sprechen Bildungsforscher. Wegen ihrer massiven Defizite im Lesen und Schreiben würden diese Schüler auch in anderen Fächern nachhinken und jahrelang einfach mitgeschleppt, ohne Lernfortschritte zu erzielen. Einfach ausgedrückt: In der Schweiz haben etwa 16 Prozent der Erwachsenen zwischen 16 und 65 Jahren Mühe, einen einfachen Text zu verstehen: einen Geschäftsbrief, einen Busfahrplan, eine Agenda oder Ähnliches. Etwa die Hälfte von ihnen ist in der Schweiz geboren (gemäss Bundesamt für Statistik). Steuerklärung? Einbahnstrasse. Bussenbescheid der Polizei? Keine Ahnung. Rekursmöglichkeiten vor Gericht? Viel zu kompliziert.
Die Sprache, so sagte einmal Jean-Paul, «ist ein Herbarium verwelkter Metaphern». Ein schöner Spruch, der stimmt, doch er stammt aus dem 18. Jahrhundert, und die Industrie 4.0 hat vieles verändert und sehr viel schneller gemacht. Wer heute sprachlich nicht mithalten kann, landet im Offside, also neben dem Spielfeld. Beruflich, persönlich, im Freundeskreis. Ein Aussenseiter, der nicht mitreden kann.
Manchmal treiben die Sprachdefizite einen Betroffenen fast in den Ruin – wie beim bekanntesten Steueropfer der Schweiz, Hilfsarbeiter E.S. aus dem Kanton Zürich, dessen Geschichte es auch in die Boulevardmedien schaffte. Wegen seiner Leseschwäche reichte er keine Steuererklärungen ein und wurde von den Steuerbehörden eingeschätzt. Die Steuerrechnungen stiegen kontinuierlich an. Am Schluss schätzten die Behörden das Einkommen des Hilfsarbeiters auf ein Managerniveau von 480 000 Franken. Er zahlte – und etwa eine Viertelmillion Franken zu viel. Die überrissenen Steuerrechnungen frassen nicht nur sein Jahreseinkommen auf, sondern auch seine Ersparnisse. Schliesslich lenkten die Steuerkommissäre ein und zahlten 250 000 Franken zurück. Hand aufs Herz. Sind Sie sprachlich fit? Aber sicher, denn Sie lesen «active & live». Aber Ihr Nachbar? Ihr Bruder? Ihr Enkel? Sind die das auch? Oder sind Ihnen schon Dinge aufgefallen, über die Sie sich irgendwie gewundert haben?
Erschreckende Zahlen
Um es noch einmal zu sagen: Der funktionale Analphabetismus ist keine Art der Dummheit. Nur diese vermaledeiten Buchstaben spielen halt manchmal verrückt oder die Wörter tanzen Samba. Der Satz ist einfach zu lang, er hat zu viele Wörter. Es ist für einen Illetristen zwar möglich, den Satz zu lesen, irgendwie die Worte aneinanderzureihen, doch der Sinn dahinter bleibt ihm verborgen. Zumeist ist es ganz einfach zu viel Information auf einmal. Noch einmal Zahlen, die überraschen: Fast 800 000 Erwachsene in der Schweiz, also rund 16 Prozent der arbeitenden Bevölkerung – oder anders ausgedrückt: jeder Sechste oder Siebte – sind von einer Leseschwäche betroffen. Dies gemäss dem Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben, der zusammen mit der Interkantonalen Konferenz für Weiterbildung eine Hotline-Kampagne gestartet hat (siehe Kasten). Das in einem Land, das sich rühmt, die Bildung als eines der wichtigsten Güter zu fördern und voranzutreiben. Ist das erstaunlich? Ja, aber vielmehr auch erschreckend.
Die «Leichte Sprache»
Um Menschen mit Leseproblemen zu unterstützen, wurde das Instrument der «Leichten Sprache» geschaffen. In Deutschland wurde dafür 2006 eigens ein Verein aus der Taufe gehoben unter dem Namen «Netzwerk Leichte Sprache». Die Mitglieder kommen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus der Schweiz, Österreich, dem Südtirol und Luxemburg. Darunter finden sich Übersetzer, Sprachexperten und auch sogenannte Prüfer. Doch der Reihe nach. Was hat es auf sich mit der «Leichten Sprache»?
Sie sind kein Jurist und Sie haben auch nicht unbedingt ein Doktorat in Sprachwissenschaften? Dann sind auch Sie schon sicherlich einmal über einen Text gestolpert, den Sie einfach nicht richtig haben verstehen können. Hier ein Beispiel des Wirkungsberichts zur Behindertenpolitik des Kantons St.Gallen vom 27. November 2018:
«Gemäss Gesetz über die soziale Sicherung und Integration von Menschen mit Behinderung im Kanton St.Gallen (sGS 381.4; abgekürzt BehG) erstattet das Departement des Innern der Regierung periodisch Bericht über die Wirkung der kantonalen Gesetzgebung für Menschen mit Behinderung (nachfolgend Wirkungsbericht Behindertenpolitik). Im Gesetz werden vier konkrete Wirkungsdimensionen genannt (Art. 3 Abs. 1 BehG): (…)»
Auf der entsprechenden Website des Kantons findet sich indes auch eine Übersetzung in «Leichte Sprache»; und das liest sich dann folgendermassen:
«Dazu hat der Kanton einen Bericht geschrieben.
Hier lesen Sie eine Zusammen·fassung von diesem Bericht in Leichter Sprache.
In der Zusammen·fassung steht das Wichtigste aus dem Bericht.
Darum geht es in der Zusammen·fassung:
Wer hat den Bericht geschrieben?
Wieso gibt es den Bericht?
Wie sieht die Behinderten·politik vom Kanton aus?
Was steht im Bericht?
Wie geht es weiter?»
Das ist jetzt schon sehr viel verständlicher, obwohl, das merkt man schnell, es sich eben nicht um eine 1 : 1-Übersetzung handelt. «Das ist auch nicht das Ziel», sagt Simon Meier vom Amt für Soziales in St.Gallen. Vielmehr ginge es bei der Translation darum, in einem ersten Schritt die wichtigsten Aspekte eines Textes herauszufiltern, ihn zu kürzen und diese zu gliedern und erst dann zu «übersetzen». Derartige Texte richten sich beileibe nicht nur an Illetristen, sondern vielmehr an eine «breite Bevölkerung», denn das klassische Amtsdeutsch oder auch das Geschreibsel der Juristen ist für die meisten Leser absolut ungeniessbarer Tobak. Eher schwächer sprachlich Gebildete haben damit genauso Mühe wie etwa Immigranten, welche die deutsche Sprache noch oder nur mangelhaft beherrschen. Doch auch ein höheres Alter kann dabei eine Rolle spielen.
Teilnehmen an der Gesellschaft
Die «Leichte Sprache» soll einem grossen Teil der Bevölkerung die «gesellschaftliche Teilhabe» überhaupt erst ermöglichen, sagt Simon Meier. Daher seien entsprechende Veröffentlichungen auch ein gesellschafts- und sozialpolitisches Anliegen, das dem Staat als Verwalter dieser Interessen am Herzen liegen müsse.
Dabei baut die «Leichte Sprache» auf einem strengen Regelwerk auf und besitzt eine eigene Grammatik. Wichtig sind im Prozess auch die «Prüfer». Menschen mit Leseschwächen prüfen vorab Texte in «Leichter Sprache» und geben entsprechende Rückmeldungen, was für sie gut, weniger gut oder gar nicht gut verständlich war. Darauf lässt sich zeitnah reagieren, und entsprechende Passagen können angepasst werden.
Das Thema ist weitaus komplexer, als es auf den ersten Blick aussieht.
Ausführliche Informationen dazu unter: www.leichtesprache.org
Hotline für Analphabeten
Eine neue Hotline in der Schweiz bietet Hilfe für Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können oder denen andere Grundkompetenzen für das digitale Zeitalter fehlen. Unter der Gratisnummer 0800 47 47 47erhalten Anrufer im ganzen Land individuellen Rat. Die Berater vermitteln den Hilfesuchenden beispielsweise Weiterbildungskurse in ihrer Region. Die Kampagne mit dem Titel «Einfach besser» bezweckt eine Sensibilisierung für die Wichtigkeit der Weiterbildung im digitalen Zeitalter, in dem eine schnelle Auffassungsgabe immer wichtiger wird. Denn: Illetrismus im digitalen Zeitalter bedeutet mehr als nicht lesen und schreiben können.
Peter K., 38 Jahre, Illetrist
Peter K. ist 38, gelernter Bäcker und arbeitet heute im Bereich des öffentlichen Verkehrs am Schalter. Peter K. ist Illetrist, das heisst, er hat grosse Mühe mit Lesen und Schreiben. Und er steht seinen Mann im Beruf, trotz seiner Beeinträchtigung. «active & live» hat sich mit ihm zu einem Gespräch verabredet.
So etwa ab der dritten Klasse sei ihm selbst seine Lese- und Schreibschwäche aufgefallen. «Ein Diktat, da konnte ich noch so viel vorab lernen, das blieb einfach nicht im Gedächtnis haften», so Peter K. Nicht besonders hilfreich war sein Lebenslauf, sein Stiefvater wechselte sehr häufig seine Arbeitsstelle, und der kleine Peter war kaum mehr als ein Jahr in der gleichen Schule. Mithilfe von Kleinklassen meisterte er dennoch die obligatorischen Schulen, doch die Lese- und Schreibschwäche ist geblieben. «Jemandem etwas vorzulesen, das wäre eine Katastrophe», sagt Peter K. «Geht gar nicht.» Auch ein Buch sei eine «Zumutung». Er könne das Buch zwar getreu seinen Wörtern lesen, doch würde er dann die Zusammenhänge nicht verstehen. Irgendwie bliebe der Faden zwischen den einzelnen Sätzen auf der Strecke.
Tägliche Herausforderungen
Und die tägliche Bewältigung normaler Aufgaben? «Nun, eine Steuerklärung, das ist schon eine Herausforderung, da brauchte ich Hilfe.» Allerdings gehe es besser, seit die Erklärung auch am Computer ausgefüllt werden könne und dort einfach formulierte Hilfsfenster aufblinken würden. Die tägliche Arbeit bereite ihm indessen keine Sorge. «Fahrpläne, Tickets ausgeben, das habe ich gelernt, das funktioniert hervorragend.» Auch hier sei der Computer hilfreich. Wenn er mal einen Rapport verfassen müsse, dann frage er auch einmal seinen Arbeitskollegen um Hilfe. «Doch der fragt mich ja auch, so können wir uns austauschen.»
Und könnte Peter K. sich vorstellen, das Sorgentelefon für Betroffene anzurufen und dann allenfalls einen entsprechenden Kurs zu besuchen? Die entsprechende Gratisnummer hat er von «active & live» erhalten. «Die Telefonnummer habe ich zu Hause abgelegt. Danke dafür. Und ja, ich könnte mir das sehr gut vorstellen, dass ich mir professionelle Hilfe hole, da ich jetzt weiss, dass es ein solches Angebot gibt.» Aber, und das ist ihm wichtig: «Meine Arbeit, die mache ich 100-prozentig richtig.»
Roland Breitler