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Blogbeitrag
11 | 06 | 2011
Am 10. Juni 2011 wurde die Zürcher Lernstandserhebung, welche vom Institut für Bildungsevaluation unter der Leitung von Urs Moser im Auftrag der Bildungsdirektion durchgeführt wurde, in der Neuen Zürcher Zeitung vorgestellt. Bereits am Tag zuvor wurden die Ergebnisse der Tests von 2009, nach 6 Jahren Primarschule, öffentlich bekannt gegeben. Von anfänglich 2046 geprüften Schülerinnen und Schüler waren nach drei Jahren noch 96% dabei und nach 6 Jahren immerhin noch 88% (1803 Kinder).
Geprüft wurden die Fachleistungen am Ende der 6. Klasse in Deutsch und Mathematik (1.), die Einflüsse von individuellen Merkmalen und Lernvoraussetzungen auf den Lernfortschritt (2.), der Einfluss der Klassenzusammensetzung auf die Leistungen (3.), die Benotung von Leistungen durch Lehrpersonen (4.) und der Übertritt in die Sekundarstufe I (5.).
Hier die zentralen Ergebnisse aus der Broschüre, welche auf der Homepage der Bildungsdirektion heruntergeladen werden kann. Zum Weiterlesen auf den Button klicken …
- Der grösste Teil der Schülerinnen und Schüler befindet sich am Ende der 6. Klasse in Deutsch und Mathematik in den mittleren Leistungssegmenten. Eine relativ grosse Gruppe von Schülerinnen und Schülern erbringt jedoch am Ende der 6. Klasse ungenügende Leistungen. In Deutsch sind es 17 Prozent, in Mathematik 18 Prozent. 8 Prozent der Lernenden gehören zu einer Risikogruppe, die sowohl in Deutsch als auch in Mathematik die Lehrplanziele nicht erreicht. Im Vergleich zum Ende der 3. Klasse ist dieser Anteil gestiegen. Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass sich nach der 3. Klasse zwischen den Lernenden die Leistungsschere öffnet. Der Anteil der Lernenden im mittleren Leistungssegment wird bis zum Ende der 6. Klasse geringer, der Anteil im sehr hohen bzw. sehr niedrigen Leistungsniveau steigt.
- Die unterschiedlichen Merkmale und Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler erklären zu einem gewissen Teil, warum einige beim Lernen in der Primar schule schneller vorwärtskommen und höhere Leistungen erzielen als andere. Von den verschiedenen Merkmalen erklärt vor allem die soziale Herkunft die unterschiedlichen Leistungen im Lesen, im Wortschatz und in Mathematik. Schülerinnen und Schüler mit privilegierter sozialer Herkunft haben beim Schulbeginn in allen drei Bereichen einen Leistungsvorsprung, der bis zum Ende der 6. Klasse zunimmt. Es entsteht eine Leistungsschere entlang der sozialen Herkunft der Lernenden.
- Zusätzlich zu den individuellen Merkmalen beeinflussen auch Merkmale der Klasse wie die sprachliche und die soziale Klassenzusammensetzung die Leistungen der einzelnen Schülerinnen und Schüler. Für die Leistung der Einzelnen ist vor allem von Bedeutung, mit wie vielen Schülerinnen und Schülern mit Deutsch als Erstsprache und wie vielen mit Deutsch als Zweitsprache sie in ihrer Klasse lernen. Je höher der Anteil an Lernenden mit Deutsch als Zweitsprache, umso niedriger sind die Leistungen der Einzelnen in der Klasse. Die soziale Zusammensetzung der Klasse spielt hingegen für die Leistungen der Einzelnen nur dann eine Rolle, wenn sehr viele Schülerinnen und Schüler der Klasse aus einem sozial privilegierten Elternhaus kommen. In diesen Klassen erbringen die Lernenden höhere Leistungen.
- In die Benotung der einzelnen Schülerinnen und Schüler fliessen neben den erbrachten Leistungen individuelle Merkmale, wie die soziale Herkunft oder die Erstsprache, ein. Trotz gleicher Leistungen in der Lernstandserhebung werden Lernende aus einem sozial benachteiligten Elternhaus und mit Deutsch als Zweitsprache tiefer bewertet als Lernende aus einem privilegierten Elternhaus und mit Deutsch als Erstsprache. Zudem werden Schülerinnen und Schüler aus einem sozial benachteiligten Elternhaus tiefer benotet. Wenn diese Lernenden in einer leistungsstarken Klasse sind, werden sie zusätzlich an einem strengeren Massstab gemessen. Abbildung 33 aus der Broschüre (S. 31) zeigt, welche Effekte sich wie auf die Benotung auswirken (zum Vergössern aufs Bild klicken).
- Beim Übertritt von der Primarschule in eine Abteilung der Sekundarschule bzw. ins Langgymnasium spielen neben den Leistungen und Noten der Schülerinnen und Schüler auch ihre individuellen Merkmale eine Rolle. Besonders die soziale Herkunft der Lernenden hat einen Einfluss auf den Übertritt in die Sekundarstufe I. Lernende, die durch ihre soziale Herkunft benachteiligt sind, erbringen oft tiefere Leistungen und erreichen tiefere Noten als privilegierte Lernende. Ihre Benachteiligung wird beim Zuweisungsverfahren noch verstärkt. Bei einem Notendurchschnitt von 4.5 werden sie eher der Abteilung B oder C zugewiesen, bei einem Notendurchschnitt von 5.5 eher der Abteilung A. Sozial privilegierte Lernende treten mit diesen Notendurchschnitten eher in die jeweils höheren Leistungsniveaus über. Besonders der Zugang zum Langgymnasium ist für sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler erschwert.
Das Forschungsteam stellt in der Broschüre sehr übersichtlich dar, welche Schlussfolgerungen nun aus diesen Ergebnissen gezogen werden können (vgl. S. 39). Hier die wichtisten Stichworte:
- Leistungsschere mit unterrichtsnahen Massnahmen verkleinern
- Klar beschreiben, was Schülerinnen und Schüler können und wisen müssen
- Sozial benachteiligte Lernende besonders unterstützen
- Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache fördern
- Eltern als Bildungspartner anerkennen
- Mehr Gerechtigkeit bei der Benotung walten lassen, besonders beim Übertritt
Dies sind klare Forderungen! Sicher nicht einfach umsetzbar in der Schulpraxis, aber auch nicht unmöglich 😉 Gespannt sein kann man jedenfalls auf die dritte Lernstandserhebung dieser Kohorte im Jahr 2012, dann am Ende der Sekundarstufe I.
Quellen:
- Homepage der Bildungsdirektion mit allen Downloads (Permalink)
- Zeitungsartikel in der NZZ
- Broschüre mit den wichtigsten Resultaten