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Von Preisstabilität spricht man dann, wenn sich die Preise für die Dinge des täglichen Bedarfs so wenig verändern, dass man das von heute auf morgen kaum wahrnimmt. Die Nationalbank bezeichnet die Preise als stabil, wenn das allgemeine Preisniveau in der Schweiz weniger als 2% pro Jahr steigt und auch keine negative Teuerung auftritt. Von einer Inflation oder Deflation spricht man erst, wenn das gesamte Preisniveau über eine längere Zeit stark steigt oder sinkt. In den letzten 100 Jahren traten inflationäre Phasen mehrfach auf. Im selben Zeitraum kam es hingegen bisher nur einmal zu einer längeren Periode mit deutlich negativer Teuerung, also einer Deflationsphase, nämlich in den 1930er-Jahren.
Um die Veränderung des Preisniveaus zu verfolgen, stützt sich die Nationalbank auf den Landesindex der Konsumentenpreise (LIK). Dieser zeigt anhand eines Korbs von Waren und Dienstleistungen, die ein durchschnittlicher Haushalt in der Schweiz konsumiert, wie sich die Preise verändern.
Ob 100 Franken als viel oder wenig Geld erscheinen, hängt nicht nur davon ab, wie viel man verdient oder besitzt, sondern auch, wie viel man sich damit kaufen kann. Und das verändert sich: Im Jahr 1915 zum Beispiel erhielt man für 100 Franken über 500 Kilogramm Kartoffeln. Heute bekommt man für denselben Betrag noch knapp 40 Kilogramm, weil der Preis von Kartoffeln ziemlich stark angestiegen ist. Auch viele andere Waren und Dienstleistungen sind teurer geworden. Wer heute für 100 Franken einkauft, hätte für das Gleiche vor 100 Jahren nur etwa 10 Franken bezahlt.
Grund dafür ist, dass die Preise in vielen Volkswirtschaften – so auch in derjenigen der Schweiz – über die letzten 100 Jahre merklich gestiegen sind. Dieser Preisanstieg führt dazu, dass das Geld an Wert verliert. Dies bedeutet aber nicht, dass wir uns heute weniger leisten können als vor 100 Jahren. Denn mit den Preisen für Essen, Kleidung, Wohnen, Verkehr usw. sind auch die Löhne gestiegen.
Die meisten Löhne sind sogar deutlich stärker gestiegen als die Preise – sodass wir uns heute mit unserem Lohn glücklicherweise viel mehr und bessere Produkte leisten können als die Menschen vor 100 Jahren. Als Folge davon haben sich in dieser Zeit auch unsere Bedürfnisse sowie das Angebot stark verändert. Uns geht es heute also bedeutend besser als früher.
Sowohl starke Inflation als auch Deflation sind äusserst schädlich. Während die Wirtschaft kurzfristige Abweichungen von der Preisstabilität verkraften kann, sind grosse, lang anhaltende Abweichungen – nach oben wie nach unten – äusserst schädlich. Eine hohe, unerwartete Inflation führt zu grosser Unsicherheit für Unternehmen und Haushalte und zu Umverteilung von Vermögen und Einkommen. Das Geld verliert an Wert, viele Menschen können sich dadurch weniger leisten, d.h. ihre Kaufkraft wird reduziert. Denn der Lohn oder die Rente passt sich der Teuerung nicht immer oder nur zum Teil und erst verspätet an. Auch eine anhaltende Deflation hat schädliche Folgen, denn sie wirkt sich negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung aus.
Die Bundesverfassung schreibt der Nationalbank vor, eine Geld- und Währungspolitik im Gesamtinteresse des Landes zu führen. Das Nationalbankgesetz konkretisiert diesen Auftrag: Es verpflichtet die Nationalbank dazu, die Preisstabilität zu gewährleisten – also sowohl Inflation als auch Deflation zu verhindern. Dabei muss sie der konjunkturellen Entwicklung Rechnung tragen.
Das Gesetz gibt dabei eine klare Hierarchie der Ziele vor: Die Gewährleistung der Preisstabilität steht an erster Stelle, die Berücksichtigung der konjunkturellen Entwicklung kommt an zweiter Stelle. Die Preisentwicklung und die konjunkturelle Entwicklung sind allerdings eng miteinander verknüpft. Natürlich ist die Konjunktur in der Schweiz auch stark durch das wirtschaftliche Geschehen im Ausland geprägt, worauf die Nationalbank keinen Einfluss hat.
Die Nationalbank kann mit ihrer Geldpolitik das Preisniveau und die wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz nicht punktgenau steuern. Geldpolitische Massnahmen wirken zudem zuerst vor allem auf die Konjunktur und erst mit Verzögerung auf die Preise. Die Geldpolitik kann die wirtschaftliche Entwicklung nicht nachhaltig beeinflussen und für höheres Wachstum sorgen. In der langen Frist hat die Geldpolitik überhaupt keinen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung. Aber mit der Gewährleistung von Preisstabilität kann sie für gute Rahmenbedingungen sorgen. Die Möglichkeiten der Geldpolitik, die Konjunktur zu beeinflussen, sind also begrenzt und dürfen nicht überschätzt werden.
Zeigt die Inflationsprognose der Nationalbank die Gefahr an, dass die Preise zukünftig mehr als 2% pro Jahr steigen, erhöht sie die Zinsen und drosselt die Geld- und Kreditversorgung der Wirtschaft – und umgekehrt. So setzt die Nationalbank ihr Mandat um.
Die Geldpolitik der Nationalbank wirkt sich vielfältig auf die Wirtschaft aus. Geldpolitische Änderungen lösen eine Kette von Ereignissen aus, dieser Prozess wird mit dem Begriff «Transmissionsmechanismus» umschrieben. Über die Zinsen und den Wechselkurs beeinflusst die Geldpolitik Preise und Konjunktur.
Das geldpolitische Konzept beschreibt, wie und mit welchen Instrumenten die Nationalbank ihr Ziel erreicht. Es besteht aus drei Elementen: Als Erstes definierte sie bei der Einführung dieses Konzepts, was sie unter Preisstabilität versteht, nämlich dass das allgemeine Preisniveau in der Schweiz um weniger als 2% pro Jahr steigt. Zweitens erstellt die Nationalbank vierteljährlich eine Inflationsprognose für die folgenden drei Jahre. Für diese Prognose verwendet sie einen über die gesamte Zeitdauer unveränderten SNB-Leitzins. Anhand dieser Inflationsprognose erkennt die Nationalbank, ob die Teuerungsrate eher zu hoch, eher zu tief oder im Rahmen der Preisstabilität ausfallen wird. Und basierend darauf fällt sie – drittens – ihren Zinsentscheid: Sie erhöht den SNB-Leitzins, senkt ihn oder lässt ihn unverändert.
Die Nationalbank nimmt jeweils Mitte März, Juni, September und Dezember eine vertiefte geldpolitische Lagebeurteilung vor. Dabei analysiert sie die wirtschaftliche Lage in der Schweiz und im Ausland und erstellt Prognosen für künftige Entwicklungen. Gestützt auf diese Analysen, fällt das Direktorium den geldpolitischen Entscheid. Falls es die Umstände erfordern, kann die Nationalbank auch zwischen den vierteljährlichen Lagebeurteilungen geldpolitische Massnahmen ergreifen – wie dies zum Beispiel bei der Einführung des Mindestkurses zum Euro am 6. September 2011 sowie bei dessen Aufhebung am 15. Januar 2015 der Fall war.
Wenn die geldpolitischen Entscheide gefällt sind, informiert die Nationalbank mit einer Medienmitteilung darüber. Im Juni und Dezember führt sie jeweils ein Mediengespräch für Journalisten durch, bei Bedarf gibt es zusätzliche Medienkonferenzen.
Die geldpolitischen Entscheide sind in der Regel Zinsentscheide. Doch kann die Nationalbank bei Bedarf auch anders gelagerte Entscheide treffen – der Mindestkurs ist ein Beispiel dafür. Üblicherweise kann die Nationalbank die Preisstabilität sicherstellen, indem sie das Zinsniveau verändert. Doch in einer kleinen offenen Volkswirtschaft wie der Schweiz übt neben den Zinsen auch der Wechselkurs einen bestimmenden und raschen Einfluss auf die Entwicklung der Preise aus. Es sind die Zinsen und der Wechselkurs zusammen, welche die sogenannten monetären Rahmenbedingungen für die Wirtschaft bestimmen. Mit ihren geldpolitischen Entscheiden sorgt die Nationalbank dafür, dass diese angemessen sind und die Preisstabilität gewährleistet ist.
Seit einigen Jahren befinden wir uns in aussergewöhnlichen geldpolitischen Zeiten. Die Nationalbank muss unkonventionelle Massnahmen ergreifen, wie zum Beispiel die Einführung des Mindestkurses von 1.20 Franken pro Euro. Mit der Aufhebung des Mindestkurses am 15. Januar 2015 steht für die Nationalbank zwar wieder die Zinspolitik im Vordergrund, doch normale Zeiten sind damit keineswegs angebrochen. Denn gleichzeitig mit der Aufhebung hat die Nationalbank die Zinsen noch weiter in den negativen Bereich gesenkt. Dadurch wurden Anlagen in Franken weniger attraktiv, was über die Zeit weiter zu einer Abschwächung des Frankens beitragen sollte. Auch ist die Nationalbank weiterhin bei Bedarf am Devisenmarkt aktiv.