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Was ist literarischer Kitsch? Man bezeichne damit Texte, so erklärte es der Germanist Helmut Kreuzer, die von den «dominierenden Geschmacksträgern» einer Zeit «ästhetisch diskriminiert werden». Folgen wir dieser Bestimmung, dann ist «Lea», das neue Buch von Pascal Mercier, zweifellos kitschig. Denn führende Geschmacksträger der Gegenwart haben vor ihm bereits gewarnt. Sogar Elke Heidenreich, die sonst immer nur Empfehlungen abgibt, riet von einer Lektüre ab.
Solche Reaktionen waren vorauszusehen. Warum? Weil Pascal Mercier getan hat, was man als Autor, der literarisch ernstgenommen werden will, einfach nicht tun darf: er hat mit «Perlmanns Schweigen», «Der Klavierstimmer» und «Nachtzug nach Lissabon» gleich drei Romane geschrieben, die von der Literaturkritik wenig beachtet und trotzdem alle sehr erfolgreich wurden. «Nachtzug nach Lissabon» verkaufte sich innerhalb von drei Jahren über 1,5 millionenmal, viel häufiger als Daniel Kehlmanns Bestseller «Die Vermessung der Welt». Nichts kränkt professionelle «Anwälte der Literatur» mehr, als wenn so etwas ganz ohne ihr Zutun geschieht. Deshalb erklären sie in diesem Fall nicht, warum diese Bücher soviel Zuspruch finden konnten. Sie geisseln vielmehr den Erfolg als Geschmacksverirrung des Publikums. Aber ist es wirklich eine?
Man muss, um diese Frage gerecht zu beantworten, ein bisschen ausholen. Pascal Mercier heisst im bürgerlichen Leben Peter Bieri. Er ist Professor für Philosophie in Berlin und hat ein philosophisches Sachbuch über «Das Handwerk der Freiheit» geschrieben, das im Gegensatz zu den Büchern der meisten seiner Fachkollegen ein Kassenschlager war. Darin widerspricht er vieldiskutierten Thesen von Hirnforschern wie Wolf Singer und Gerhard Roth, die meinen, alle menschlichen Willensakte seien vollständig neuronal determiniert. Bieri hält dagegen daran fest: «Was wir tatsächlich tun, ist nicht das einzige, was wir tun können. Es liegt an uns, welche der verschiedenen Möglichkeiten wir verwirklichen, und das heisst: Es liegt daran, was wir wollen.» Was der Philosoph Bieri theoretisch entwickelt und anschaulich begründet, zeigt der Romancier Mercier an Fallbeispielen. In «Perlmanns Schweigen», seinem besten Roman, demonstriert er, mit welcher nahezu unausweichlich erscheinenden Folgerichtigkeit ein Gelehrter zu einem Mörder an einem Kollegen werden kann, es aber doch nicht zwangsläufig werden muss. Angereichert mit Reflexionen über den Zusammenhang von Sprache, Gedächtnis und Erinnerung, erschöpft sich dieses Buch also nicht darin, ein atemraubend spannender Thriller zu sein. Und auch die beiden Romane, die auf «Perlmanns Schweigen» folgten, kombinieren eine spannende Geschichte mit nicht minder spannenden philosophischen Fragen. Was hat Mercier vor diesem Hintergrund mit seinem neuen Buch im Sinn gehabt?
Protagonist ist der Wissenschafter Martijn van Vliet. Er hat seine Frau bei einem Unfall verloren und lebt seitdem mit seiner Tochter Lea allein. Lea hat den Verlust ihrer Mutter nicht verkraftet und erwacht erst zu neuem Leben, als sie eine Strassenmusikerin Bachs Partita in E-Dur spielen hört. Sie will daraufhin selbst das Geigenspiel erlernen, zeigt sich ungewöhnlich begabt und wird schliesslich ein Star. Den Verlust der Mutter vergisst sie darüber zeitweise, kann ihn aber nie restlos kompensieren. Die gewonnene und mühsam behauptete Identität bleibt fragil. Ihr hebräischer Name, der soviel bedeutet wie «die sich vergeblich Bemühende», ist daher sprechend gewählt. Am Ende landet Lea in der Psychiatrie.
Gelangt Lea jemals an einen Punkt, an dem sie verantwortlich für ihr Leben eine Entscheidung hätte treffen können? Und ist nicht auch ihr Vater ein von den Umständen Getriebener? Mit den Fragen, die diese Novelle aufwirft, wirkt sie beinahe wie ein Dementi der vom Philosophen Peter Bieri vehement verteidigten Willensfreiheit. Aber sie ist kein Dementi. Denn bei näherem Hinsehen zeigt es sich, dass es einen schmalen Grat gibt, der Lea und ihren Vater trennt. Wie schon der Titelheld in «Perlmanns Schweigen», muss Martijn van Vliet nicht handeln, wie er handelt. Bei seiner Tochter fragt man sich dagegen unablässig, ob es für sie überhaupt Alternativen geben könnte. Diesen Unterschied sinnfällig zu machen, ist offensichtlich die Idee, die der Novelle zugrunde liegt. Wie hat Mercier sie ausgeführt?
Er scheut diesmal, anders als in seinen bisherigen Romanen, weder Pathos noch Empfindsamkeit und geht dabei sehr weit. Dann zum Beispiel, wenn von einer «kochenden Lava der Gefühle» die Rede ist oder wenn Leas Geigenspiel eine «heilige Messe der gestrichnen Töne» genannt wird. Diese plakative Bildlichkeit paart sich noch dazu mit abgegriffenen Metaphern, etwa jener von der allseits bekannten Faust, die aufs Auge passt. Das häufige Weinen und Schluchzen kombiniert mit dem Sujet des tragisch scheiternden musikalischen Genies erinnert schliesslich sehr an triviale Genres. Und Mercier gelingt es leider nicht, den unter anderem dadurch geweckten Eindruck einer ungebändigten Rührseligkeit wieder zu relativieren. So hadert man am Ende mit einer durchaus komplexen Geschichte, bei der es der Autor nicht vermochte, eine deutliche Tendenz zur Sentimentalität besser zu zügeln.
besprochen von Gunter Nickel, Darmstadt
Pascal Mercier: «Lea». München: Hanser, 2007.