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Das Bild wurde ursprünglich von Anna Charlotte Dorothea von Medem (1761–1822), Herzogin von Kurland, beauftragt und für ihre Sammlung erworben. Spätestens im Jahr 1858 lässt sich das Werk im Eigentum der Fürsten von Hohenzollern-Echingen nachweisen. Pauline von Biron – die Tochter Anna Charlotte Dorotheas und ihres 37 Jahre älteren Gatten Peter von Biron – heiratete im Jahr 1800 Friedrich von Hohenzollern-Hechingen. Es ist davon auszugehen, dass das Gemälde im folgenden im Eigentum der Familie blieb. Im Mai 1890 wurde es beim Berliner Auktionshaus Rudolph Lepke aus dem Nachlass von Friedrich von Hohenzollern-Hechingen versteigert. Derzeit ist noch unklar, wer das Bild auf dieser Auktion erwarb.
Der Telemach rückte während des Projektes zur Provenienzforschung sehr schnell in den Mittelpunkt der Analyse, da sich auf seinem Keilrahmen eine gut leserliche, maschinengeschriebene Etikette mit einer erstaunlichen Aufschrift befindet, die klar auf NS-Raubgut hindeutet. Aber wer war «Aug. Hirsch»? Die anfänglichen Recherchen kamen nicht recht vom Fleck, da zuerst nach einem männlichen Eigentümer – einem August Hirsch – gesucht wurde. Es gab zwar einen möglichen Treffer, aber dieser August Hirsch war bereits im Sommer 1936 aus Deutschland in die USA geflohen, und weitere Recherchen ergaben, dass sich das Gemälde vermutlich nie in seinem Besitz befunden hatte. Mehr Glück hatte die Recherche, als sie auch auf Frauen – auf Auguste Hirsch – ausgeweitet wurde. So konnte das Gemälde schliesslich eindeutig lokalisiert werden, vor allem mit Hilfe digital zugänglicher biographischer Gedenkbücher: Im Herbst 1938 befand sich der Telemach in München, in einer Mietswohnung im ersten Stock der Giselastrasse 17 in Schwabing. Seine Eigentümerin war die 1857 geborene Auguste Hirsch geb. Amschel. Sie hatte 1883 in Frankfurt am Main den Bankier Hermann Hirsch geheiratet. Das Paar lebte bis 1890 in Augsburg, bekam dort fünf Kinder und zog schliesslich nach München, wo Hermann im Jahr 1892 verstarb.
Auguste Hirsch wurde während des Nationalsozialismus als jüdisch verfolgt und emigrierte am 13. August 1939 in die Niederlande zu ihrer Tochter. Sie verstarb dort am 1. April 1942 in Arnhem/Niederlande. Die genaue Todesursache ist unbekannt, jedoch liegen keine Anhaltspunkte für einen nichtnatürlichen Tod vor – beispielsweise Suizid, um sich einer Deportation zu entziehen.
Der Standort des Bildes konnte so sicher identifiziert und datiert werden, weil Auguste Hirsch Opfer eines Verbrechens wurde, der grossen stadtweiten Beschlagnahmeaktion im November 1938. Während dieses organisierten Raubes begann die Münchner Gestapo kurz nach dem Novemberpogrom («Kristallnacht»), Kunstwerke aus jüdischem Privatbesitz zu beschlagnahmen. Es handelte sich dabei um eine der grössten staatlich organisierten Kunstraubaktionen und der ersten innerhalb des sogenannten Altreichs. Unter diesem Begriff versteht man das Deutsche Reich innerhalb der Grenzen von 1937, vor dem ‚Anschluss‘ Österreichs im März 1938. Unterstützt wurde die Münchner Gestapo offensichtlich zum Teil vom Personal der Münchner Museen und freiberuflichen Sachverständigen. Geleitet wurde die Raubaktion vom Münchner Kriminalrat Josef Karl Gerum. Er selber verfügte vermutlich über wenig Kunstwissen – er war gelernter Metzger –, weshalb Max Heiss, Referent für Kunsthandelsfragen der Gaukulturkammer, am 11. November 1938 beauftragt wurde, eine Liste all jener Münchner Juden zusammenzustellen, bei denen Kunstgegenstände vermutet wurden. Offenbar bestand diese Liste zunächst aus etwa 50 Haushalten, aber Opfer der Beschlagnahmung wurden weitaus mehr, nämlich nahezu 70. Die Direktoren der Münchner Museen spielten eine grosse Rolle und sie waren auch die ersten Profiteure: Im Anschluss erwarben sie einige hundert Gemälde und Skulpturen oder erhielten sie als unentgeltliche Leihgaben. Nur Hans Posse, der Direktor der Staatlichen Gemäldegalerien Dresden hatte ein dringlicheres Zugriffsrecht, denn er suchte sich einige Bilder für Hitler persönlich, für die sogenannte Linzer Sammlung aus.
Der Raubzug begann zwischen dem 15. und 17. November 1938 offensichtlich bei denjenigen, bei denen die Gestapo auf den grössten Ertrag hoffte, bei der Kunsthändlerfamilie Bernheimer. Auguste Hirschs Wohnung im ersten Stock der Giselastrasse 17, wo sie seit Oktober 1935 wohnte, wurde erst am 28. November 1938 durchsucht und ihr Kunstbesitz beschlagnahmt. Es ist bemerkenswert, dass ihre Kunstsammlung überhaupt geplündert wurde – oder überhaupt bekannt war: Allem Anschein nach war sie weder jemals im Kunsthandel aktiv oder als Sammlerin
einem weiteren Kreis namentlich bekannt, noch war sie in einer sozialen oder gar politischen herausgehobenen Position. Sie gehörte – im Gegensatz zu den prominenteren Opfern wie der Bankier Martin Aufhäuser oder die Kaufhausbesitzer Max Uhlfelder und Isidor Bach – zweifellos nicht zur Münchner High Society. Sie war Witwe, Rentnerin und zum Zeitpunkt der Beschlagnahme 79 Jahre alt. Es ist unklar, wer von ihrer Sammlung wusste und sie auf die Liste der Gestapo setzte. Dass Auguste Hirsch den Tätern offenbar nichts sagte, kann man auch daran erkennen, dass sie sie in den offiziellen Protokollen anfangs fälschlicherweise als «August Hirsch» führten und diese dann handschriftlich korrigierten. Die Etikette auf dem Keilrahmen wurde offensichtlich nicht ausgebessert, hier blieb es bei der falschen männlichen Zuordnung.
Ihre kleine Sammlung gefiel den Sachverständigen jedoch gut: Karl Feuchtmayr, Konservator an den Staatsgemäldesammlungen, schrieb über das Gemälde, dass es eine „für die Malerin sehr charakteristische figürliche Komposition“ besitze. Der Telemach wurde im Anschluss an die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen verliehen, in deren Besitz er bis Ende des Krieges verblieb. Die Alliierten fanden das Gemälde im Auslagerungsdepot Kloster Beuerberg und brachten es 1946 in den Münchner Central Collecting Point.
Weite Teile von Auguste Hirsches Familie wurde während des Holocaust ermordet. Drei ihrer fünf Kinder überlebten nicht. Augustes dritte Tochter, Käthe, heiratete 1911 den Schweizer Bürger Paul Emden, das Ehepaar zog 1918 nach St. Gallen und überlebte den Holocaust. Dasselbe gilt für ihren zweitgeborenen Sohn Fritz Hirsch (*2. Januar 1890).
An Auguste Hirsches Neffen und zwei weitere Erbberechtigte wurden die Gemälde 1950 von den Alliierten restituiert und in die Schweiz geschickt. Von ihm kaufte das Bündner Kunstmuseum das Werk im Jahr 1970.