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Was ist Heimat? Ist es jener Ort, an dem man geboren wurde? Oder das Land, das eine bessere Lebensqualität bietet? Mit 85 Jahren hat Thomas Voute die meiste Zeit seines Lebens in den Vereinigten Staaten verbracht. Ein paar Jahre in der Schweiz machten ihm bewusst, wie breit die Kluft zwischen Erinnerung und Realität sein kann.Dieser Inhalt wurde am 12. April 2021 - 09:00 publiziert
"Um die technische Abnahme in der Schweiz zu bestehen, muss man sein Auto an allen Ecken und Enden polieren und praktisch neu zusammenbauen", blickt Thomas Voute auf die vier Jahre zurück, die er Anfang der 1990er-Jahre in der Schweiz verbracht hatte.
Es war eine eklatante Konfrontation mit einer Schweizer Realität, die der Walliser seit seiner Auswanderung in die Vereinigten Staaten 30 Jahre zuvor wahrscheinlich vergessen hatte.
Voute wird 1936 geboren und wächst in Crans-Montana auf. "Wir waren zweisprachig, aber zu Hause haben wir Schweizerdeutsch gesprochen." Er besucht das Internat in Schiers (Kanton Graubünden) und absolviert anschliessend eine kaufmännische Lehre in Basel.
"Das Einzige, was ich in der Romandie gemacht habe, war der Militärdienst, in Lausanne." Sein Französisch ist immer noch top. Noch wohler fühlt er sich aber im Schweizerdeutschen, das er – nach all den Jahren – mit einem Hauch von amerikanischem Akzent spricht.
Einmal Pfadfinder, immer Pfadfinder
Anfang der 1960er-Jahre arbeitet Voute für die "Schweizerische Verkehrsgesellschaft". Zu jener Zeit fördert dieses Unternehmen den Tourismus in der Schweiz, verkauft aber auch Fahrkarten für alle europäischen Bahn- und Busgesellschaften an Reisebüros und Privatpersonen. Nach Aufenthalten in London und Paris wird er nach New York geschickt. "Ich hätte sechs Monate dort bleiben sollen, aber nach diesem halben Jahr wollte ich nicht mehr zurück."
Neben seinem Job engagiert er sich weiterhin ehrenamtlich bei den Pfadfindern – eine Aktivität, die er schon seit seiner frühen Jugend ausübt. Mehrere Jahre lang leitet er eine Gruppe in New York. "Mit meiner Schweizer Kultur und Mentalität waren wir immer beim Zelten und Wandern."
Wahrscheinlich ist es auch seine Schweizer Gründlichkeit, welche die Boy Scouts of AmericaExterner Link davon überzeugt, ihm den Posten des Leiters der Bewegung in Manhattan und dann jenen des Direktors der Organisation in White Plains (Bundesstaat New York) zu geben. Dort lernt er seine Frau Patricia kennen.
Voute macht Karriere und wird schliesslich Geschäftsführer der Pfadfinder des Bundesstaats New Hampshire. "Weil ich Englisch, Französisch und Deutsch spreche, wurde ich gebeten, die Leitung der World Scout FoundationExterner Link zu übernehmen", die ihren Sitz in Genf hat. So lassen sich der Walliser, seine Frau und die beiden Kinder 1991 in der Schweiz nieder.
Eine komplizierte Eingewöhnung
In Bougy-Villars (Kanton Waadt) mietet die Familie ein Haus. "Nach 30 Jahren in den USA war ich sehr glücklich, in die Schweiz zurückzukehren. Aber wegen der Sprache und der kulturellen Unterschiede war es für meine Frau und meine Kinder relativ kompliziert", sagt Voute.
Die Arbeit des Familienvaters ist extrem zeitaufwendig: Er ist mehr als 50 Prozent seiner Zeit auf Reisen, was seine Frau zwingt, sich um alles im Haus zu kümmern. "Sie bemühte sich sehr, die Grundkenntnisse der französischen Sprache zu erlernen, aber es war trotzdem sehr schwierig für sie im täglichen Leben." Die Kinder gehen in die internationale Schule, weil sie mit 10 und 14 Jahren nur Englisch sprechen und nicht eine öffentliche Schule besuchen können.
Für Voute aber ist die grösste Herausforderung das Geld: "Ich verdiente zwar anständig, aber immer noch nicht genug, um die hohen Lebenshaltungskosten in der Schweiz zu decken. Ich musste auf meine Ersparnisse zurückgreifen, um zu überleben. Steuern, die Miete für ein Drei-Zimmer-Haus... alles war so teuer", erinnert er sich.
Seit 30 Jahren an die weite Natur und die amerikanische Geselligkeit gewöhnt, verspürt der Schweizer in seiner Heimat ein gewisses Unbehagen. Er findet die Schweiz kleinlich und kompliziert. "Ausserdem sind die Schweizerinnen und Schweizer nicht unbedingt sehr angenehm. Man muss sie sehr gut kennen, bevor sie sich öffnen."
Hinzu kommt, dass Tochter Erin kurz vor dem Eintritt in die Universität steht. "Ein Studium in der Schweiz kam nicht in Frage, weil sie dafür nicht gut genug Französisch sprach. Und für uns hatten die Kinder immer Priorität." Von dem Moment an "war die Schweiz nicht mehr die beste Option für uns", sagt er. Nach vier Jahren in Genf beschliesst die Familie, zurück in die Vereinigten Staaten zu gehen.
Positive Aspekte überwiegen
"Für meine Familienmitglieder war diese Rückkehr in die USA wie eine Heimkehr. Für mich war es sowohl eine Rückkehr als auch eine zweite Ausbürgerung." Doch für den 85-Jährigen überwiegen die positiven Aspekte dieser Erfahrung.
Durch den Aufenthalt in der Schweiz hatten die Kinder ihre zweite Heimat kennengelernt. Sie waren im Wallis Skifahren, hatten das ganze Land besucht und waren auch in Europa herumgereist. Und seit ihrer Rückkehr nach Amerika kommen sie regelmässig in die Schweiz, um die Ferien mit Familie, Freundinnen und Freunden zu verbringen.
Voute ergänzt, nicht ohne Kritik an seiner Wahlheimat: "Ohne die vier Jahre in Genf wären meine Kinder typische Amerikaner geworden, die keine Ahnung haben, dass es ausserhalb der USA noch etwas anderes gibt." Sie selbst würden sagen: "Wir sind keine Amerikaner, wir sind Weltbürger."
Der Schweizer, der seit einigen Jahren im Ruhestand ist, hat nicht vor, eines Tages in die Schweiz zurückzukehren – vor allem aus finanziellen und familiären Gründen. Aber auch nach 60 Jahren in den Vereinigten Staaten findet er, dass "das schönste Land der Welt immer noch die Schweiz ist, und vor allem das Wallis", sagt er lachend.
Die Schweiz und die USA
Die USA sind ein beliebtes Ziel für Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer. Rund 24% von ihnen leben dort. Dies entspricht 81'300 Menschen. Schätzungsweise leben in den USA rund eine Million Menschen mit Schweizer Wurzeln.
Die Schweiz und die Vereinigten Staaten von Amerika unterhalten seit fast 200 Jahren diplomatische Beziehungen. Die ersten Konsulate in Washington und New York wurden 1822 eröffnet.
Die Schweiz vertrat von 1961 bis 2015 die Interessen der USA in Kuba und von 1991 bis 2015 die kubanischen Interessen in den Vereinigten Staaten. Seit 1980 vertritt sie die US-Interessen im Iran.
Der Handel zwischen der Schweiz und den Vereinigten Staaten ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Rund 500 Schweizer Unternehmen sind in den Vereinigten Staaten angesiedelt und schaffen rund 333'000 direkte Arbeitsplätze.End of insertion