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Lieber Niklaus Peter
Das Magazin N°19 – 11. Mai 2019
Professor Ben Moore stellt fest «Im Namen der Wissenschaft hat nie ein Krieg stattgefunden, auch wenn sie für solche missbraucht wurde – auch von Religionen». Die Aussage ist unfair: Auch Religionen wurden missbraucht. Umgekehrt gaben Unterschiede im (durch Wissenschaft bewirkten) technischen Entwicklungsstand den Anlass für kriegerische Eroberungen und Unterdrückung. Zudem ist der technische Fortschritt die wesentliche Ursache dafür, dass sich die Menschheit in den letzten hundert Jahren vervierfachen konnte und sich Afrikas Bevölkerung bis 2050 verdoppeln wird. Das bewirkte die heute bedeutendsten Probleme der Menschheit: die demografischen und ökonomischenGräben. Ein Beispiel für Ersteres: Die Fortpflanzungsrate im Industriestaat Südkorea beträgt 0.98, im afrikanischen Niger liegt sie bei 5.5. Also mehr als Halbieren und mehr als Verdoppeln beides innerhalb einer Generation.
Beim Lösen des demografischen Problems spielen die Religionen eine entscheidende Rolle. Zwar liegt der Gedanke nahe, nachdem Religionen den Kinderreichtum ihrer Anhänger fördern, müsste man den Einfluss der Religionen verringern. Etwa mit dem Hinweis, dass es zur Erklärung des Weltenlaufs keinen Gott braucht.
Aber dieser Weg ist teilweise verschlossen, denn die Religionen werden immer wichtiger. Das hängt mit dem zweiten Problem der Menschheit zusammen. Der Fortschritt vernichtet Arbeitsplätze und damit Perspektiven. Religionen füllen diese Lücke mit Ersatzperspektiven, die darin bestehen, dass man zum kommenden Triumph seiner Religion beitragen kann (und sich daher zu den Siegern zählen kann). Der Beitrag kann entweder im Gründen einer grossen Familie bestehen, womit man einen Beitrag zur Vermehrung der Gläubigen leistet, oder indem man sich kämpferisch, für die Ausbreitung seines Glaubens einsetzt.
Die Überlegungen zur wachsenden Bedeutung der Religionen erklären zum Beispiel den schwindenden Einfluss der säkularen Ideologie in der Türkei oder im Iran. Das wird von den Regierungen gefördert, eben weil der mehr säkular orientierte Teil der Bevölkerung aus demografischen Gründen an Bedeutung verliert und der mehr religiöse Teil wächst.
Daher ist es nötig, das demografische Problem von zwei Seiten her zu thematisieren und damit Brücken über die Gräben zu bauen. Gemeinsames Ziel ist ein langes, gutes Fortbestehen der Menschheit. Von der „atheistischen“ Seite mit der Begründung, dass wünschenswert ist, dass die Menschheit noch viele grosse Rätsel löst und viele zukünftige Besucher in den Genuss der Schönheit unserer Erde kommen. Von der „religiösen“ Seite her zusätzlich, weil dies der Wille eines barmherzigen Gottes ist.
Mit freundlichen Grüssen
Gernot Gwehenberger
PS: vergleiche dazu eventuell auch das Buch „Die Technik reicht nicht“ BoD 2016