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Auf dem ersten Blick sind Vermögen in der Schweiz deutlich ungleicher verteilt als Einkommen und Löhne. Wesentliche Teile des Vermögensbestandes werden aber nicht oder nur partiell erfasst. Dies verzerrt die Statistik und die Wahrnehmung.
Überall auf der Welt sind die Vermögen ungleicher verteilt als die Einkommen. Daran ist nichts Unethisches oder gar Verwerfliches. Diese Regelmässigkeit kommt nämlich schon dadurch zustande, dass die meisten Menschen einen Teil ihres Einkommens zur Seite legen. So kumulieren sich die persönlichen Ersparnisse im Lauf des Lebens, was ihre Verteilung naturgemäss ungleicher werden lässt als jene der laufenden Einkommen. In der zweiten Hälfte der Erwerbsphase steigt in der Regel das Einkommen und die Sparquote wird erhöht, was den Vermögensaufbau beschleunigt. Dazu kommen die Vermögenserträge, die den Aufbauprozess über den Zinseszins-Effekt markant verstärken. Dies alles gilt in einer (hypothetischen) Gesellschaft mit stabiler Altersstruktur. In den alternden westlichen Gesellschaften nimmt die Ungleichheit der Vermögen aus mehreren Gründen noch weiter zu. Zum einen steigt der Anteil der älteren Erwerbstätigen, die mehr sparen und in ihrem persönlichen Vermögensaufbau schon weit fortgeschritten sind. Zum anderen schlagen die Zinseszinsen für die zahlreicheren Älteren mehr zu Buch. Die Vererbung spielt dagegen eine eher untergeordnete Rolle bei der Konzentration der Vermögen.
«Skandalöse» Vermögensverteilung?
In der Verteilungsdebatte werden solche Zusammenhänge meist konsequent ignoriert. Stattdessen wird die Schweizer Vermögensverteilung von den Befürwortern einer weitergehenden Umverteilung lustvoll skandalisiert. Kaum ein Podium zur Verteilungsfrage kommt ohne den Hinweis aus, dass die Vermögensunterschiede in der Schweiz besonders eklatant seien. Untermauert wird dies meist mit Steuerdaten: der Gini-Koeffizient der steuerlichen Reinvermögen (Vermögenswerte minus Schulden) liegt in der Tat bei einem hohen Wert von 0.81. Zum Vergleich: Die Ungleichheit der Primäreinkommen der Haushalte (d.h. die Summe aller Markteinkommen) ist mit einem Gini- Koeffizienten von 0.41 nur etwa halb so gross. Weiter wird ins Feld geführt, dass die Schweizer Vermögen so ungleich verteilt seien wie die US-amerikanischen. Haben wir tatsächlich amerikanische Verhältnisse in der Schweiz?
Altersvorsorge gar nicht, Immobilienvermögen nur teilweise berücksichtigt
Die Antwort lautet Nein. Die Statistiken zur Vermögensverteilung in der Schweiz sind nur wenig aussagekräftig, denn wesentliche Vermögensbestandteile sind nicht oder nur teilweise steuerpflichtig und fallen durch die Maschen der Steuerstatistik:
- Die Vermögen in der beruflichen Vorsorge (BVG) fehlen vollständig. Mit verwalteten Geldern von 750 Mrd. Fr. (2011) ist diese «Unterlassung» von grosser Bedeutung. Leider gibt es keine offiziellen Zahlen zur personellen Verteilung der BVG-Vermögen. Es ist jedoch zu vermuten, dass die während der Erwerbsphase ersparten Beiträge nur unwesentlich ungleicher verteilt sind als die Löhne, denn zwischen dem Koordinationsabzug und dem maximal versicherbaren Gehalt gilt ein lohnunabhängiger Beitragssatz. Die Löhne sind in der Schweiz aber ausgesprochen gleichmässig verteilt.
- Die Vermögen in der 3. Säule fehlen ebenfalls vollständig. Sie beliefen sich 2011 auf 78 Mrd. Fr. und steigen jedes Jahr um gut 5 Mrd. Fr. Da die steuerliche Abzugsfähigkeit begrenzt ist (2013 für Unselbständige 6‘749 Fr.), dürften diese Vermögen sehr gleichmässig verteilt sein. Gemäss der Schweizerischen Sozialversicherungsstatistik 2012 werden denn auch zwei Drittel der Beiträge von den mittleren Einkommensklassen einbezahlt.
- Der Steuerwert von privat gehaltenen Immobilien beträgt gemäss Schätzung der SNB nur rund 60% des effektiven Marktwertes. Auch diese Praxis führt zu einer massiven Unterschätzung der Vermögen, zumal die Wohneigentumsquote in den letzten 15 Jahren von 30% auf 40% gestiegen ist. Eine grobe Schätzung ergibt, dass so rund 400 Mrd. Fr. Immobilienvermögen nicht erfasst werden, die vor allem dem Mittelstand gehören.
- Die im Umlageverfahren finanzierte AHV wird nicht in die Vermögensdiskussion einbezogen. Ökonomisch kann man aber argumentieren, dass diese Anwartschaften aus Sicht der Haushalte ein Vermögen darstellen, denn die Renten fliessen wie Zinsen aus einem Bankguthaben. Die Kapitalisierung der ausbezahlten AHV-Renten aus dem Jahr 2011 (Diskontsatz 2%, mittlere Restbezugsdauer der Rentner 12 Jahre) ergibt ein Vermögen von 350 Mrd. Fr. Wegen der stark gekappten Rentenformel ist das AHV-Vermögen äusserst gleichmässig auf die Haushalte verteilt.
Die fehlende Hälfte wirkt ausgleichend
Die Reinvermögen in der Steuerstatistik beliefen sich 2009 auf knapp 1,4 Bio. Fr. Gemäss der obigen Überschlagsrechnung kommen Vermögen von mehr als 1,5 Bio. Fr. dazu, die aber wesentlich gleichmässiger verteilt sein dürften. Mit einem Gesamtvermögen der Privaten in der Höhe von 2,8 Bio. Fr. (2011) kommt die Statistik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) zu einem ganz ähnlichen Wert. Mit anderen Worten: Gut die Hälfte aller Vermögen der Haushalte wird in den gängigen Debatten unter den Teppich gekehrt. Wie stark die vollständige Erfassung die gemessene Vermögensungleichheit in der Schweiz reduzieren würde, weiss niemand genau. Eine neuere Studie für Deutschland – ein Land, in dem die gemessene Vermögensungleichheit vergleichbar hoch ist – legt den Schluss nahe, dass der Effekt beträchtlich sein dürfte, insbesondere im Mittelstand. So sinkt der deutsche Gini-Koeffizient von 0.8 auf 0.6, sobald die Rentenversicherung zum Vermögen gezählt wird.
Der Sozialstaat ersetzt privates Sparen
Bemerkenswert ist ebenfalls, dass die erfassten Vermögen auch im egalitären Schweden ähnlich ungleich verteilt sind wie in der Schweiz und Deutschland, der schwedische Gini-Koeffizient beträgt ebenfalls 0,8. Dies legt die Vermutung nahe, dass ein stark ausgebauter Sozialstaat die Anreize zum privaten Sparen schwächt. Nur so ist erklärbar, warum die Zyprioten höhere Durchschnittsvermögen aufweisen als die Deutschen – wie dies eine Studie der Europäischen Zentralbank jüngst feststellte. Dies ist ein Argument mehr, auch die Altersvorsorge in die Analyse der Vermögensverteilung einzubeziehen.