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Fokus
|3.2010|
|Viele Künstler hofften noch in den Neunzigerjahren im Crossover von Pop, Massenmedien und Kunst vor allem emanzipatorisches Potenzial zu entdecken. Dieser Kulturoptimismus ist längst obsolet geworden, die Entwicklung der Medienlandschaft und ihr ausgeprägter Hang, den Rezipienten gnadenlos zu verdummen, hat kritischere Töne auf den Plan gerufen. Der britische Video-Künstler Phil Collins, 2006 für den Turner-Preis nominiert, entlarvt in seiner melodramatischen Arbeit das prekäre Verhältnis von Realität und Medienwelt. Das folgende Porträt wurde anlässlich zweier Ausstellungen und eines öffentlichen Projektes im Vorfeld der 6. berlin biennale geschrieben.|

Phil Collins - Realität als Medium
von: Raimar Stange

links: the world won't listen, 2004-07, Teil 2: dünya dinlemiyor, 2005, Videostill aus synchronisierter Drei-Kanal-Videoprojektion mit Ton, ca. 60'. Alle Werkaufnahmen Courtesy Victoria Miro Gallery, London
rechts: they shoot horses, 2004, synchronisierte Zwei-Kanal-Videoprojektion mit Ton, 2 x 420'

Aus den Lautsprecherboxen erklingt Diskomusik, von Madonna beispielsweise. Im Raum sieht man, auf zwei nebeneinander gespannten Kinoleinwänden, Jugendliche tanzen, gefilmt und später gescreent in Echtzeit - und dies immerhin sieben Stunden lang. Und so wirken die Tanzwütigen dann auch zunehmend erschöpft und im wahrsten Sinne des Wortes «zum Umfallen müde». Gefilmt wurden diese Akteure im palästinensischen Ramallah von dem britischen Videokünstler Phil Collins. Dessen Video-Installation «they shoot horses», 2004, die diesen Tanzmarathon so stoisch wie melodramatisch in bewegte Bilder setzt, spielt an auf den Roman «they shoot horses, don't they?» (Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss), 1935, des amerikanischen Schriftstellers Horace McCoy, der 1969 von Sydney Pollack verfilmt wurde.

Let's dance
Bekanntlich wurden in den Dreissigerjahren in den USA diverse Tanzmarathons veranstaltet, die einerseits den von der grossen Depression gebeutelten Amerikanern die Möglichkeit gaben, Geld zu verdienen, andrerseits als sadistisches Sehvergnügen dargeboten wurden. Bei Collins spielt vor allem der zweite Moment eine Rolle, zugespitzt wird das ästhetische Geschehen dann auf medienkritische Überlegungen, die Neil Postman beispielsweise bereits in seinem Buch «Wir amüsieren uns zu Tode», 1985, angesprochen hat: Mediengenuss, in «they shoot horses» in Form von tanzendem Musikhören, wird in der Moderne zu einer destruktiven Tortur, die Momente der Unterhaltung und des individuellen Begehrens als Köder nutzt und dann klammheimlich in ihr Gegenteil wendet.
Szenenwechsel
Fans aus Kolumbien, Indonesien und der Türkei singen Songs «ihrer» britischen Kultband «The Smiths» in Karaokemanier. Exzentrische Dragqueens, homo- und heterosexuelle Pärchen und schmachtende Teenager beispielsweise treten da gefühlsecht in Aktion. Weniger dramatisch als im Tanzmarathon, eher liebevoll sensibel zeigen sich die Protagonisten in dem Video «the world won't listen», 2004-2007, und genauso werden sie auch von Phil Collins, der ebenfalls bekennender «The Smiths-Fan» ist und sich offensichtlich mit den Sängern identifiziert, gefilmt. Dennoch stehen hier ähnliche Probleme zur Disposition. Wie schon bei «they shoot horses» greift der Künstler wiederum auf bestehende Kulturformen - Karaoke und die vorgetragenen Songs - zurück und wiederholt diese in seiner Arbeit erkenntniskritisch. Die Wiedergabe führt bei «the world won't listen» zwar nicht zur totalen Erschöpfung der Akteure, trotzdem steht auch dieses Vortragen modellhaft für die Art und Weise, wie die moderne Kulturindustrie individuelle Identitäten bedroht, ist doch das Karaokesingen - auch die Künstler Candice Breitz und Christian Jankowski spielen dieses in diversen ihrer Videos durch - ein Vorgang, durch den die Sänger und Sängerinnen ihre Identität im Nachsingen und Nachempfinden vorgegebener Produkte entwickeln. Inwieweit sie dabei zu bloss kopierenden Papageien werden oder sich selbst gerade auf der Folie dieser immerhin von ihnen auserwählten Kultfiguren verwirklichen können, bleibt eine offene Frage, in deren Spannungsverhältnis sich Collins' Arbeit bewegt. Dass die solche Fragen aufwerfende Kulturindustrie inzwischen im globalen Massstab agiert, zeigt der Künstler durch die Internationalität seiner Fangemeinde, die ja aus drei verschiedenen Kulturkreisen kommt. Auch schon bei «they shoot horses» war der «Kulturexport» westlicher Popsongs ein Thema, tanzten die jungen Palästinenser doch ausschliesslich nach ebensolcher Musik. In «the world won't listen» kann anhand der unterschiedlichen Darbietungen jedoch abgelesen werden, in welchem Mass diese Form der Globalisierung lokale Differenzen bereits eingeebnet hat. Der Titel des Videos schliesslich hat, wie so oft bei dem Künstler, eine diskursive Funktion, zitiert er doch einerseits das gleichnamige «The Smiths»-Album aus dem Jahre 1987, andrerseits benennt er einen wichtigen Unterschied zwischen Popstars wie Madonna oder den «Smiths» und den Karaokesängern: Letztere werden nicht von «der Welt» vernommen, sondern singen meist nur im Rahmen einer Karaokebar.
Play it again
Gemeinsam ist den beiden eben beschriebenen Arbeiten auch die Integration von mitspielenden Nichtkünstlern. Für sein Projekt «gercegin geri donasu», 2005, lud Collins ehemalige Teilnehmer an sogenannten Reality-TV-Shows ein, um während einer von ihm in einem Istanbuler Luxushotel inszenierten Pressekonferenz über ihre desaströsen Erfahrungen mit diesen Sendungen zu berichten. Aus den Aufnahmen der Pressekonferenz wurden dann Filmporträts der Teilnehmer produziert. Der dritte Teil des Projekts bestand aus Interviews mit bekannten türkischen TV-Produzenten, schliesslich wurden noch glamouröse Fotoporträts der Reality-TV-Teilnehmer gemacht. So setzten sich diese erneut der medialen Aufbereitungsmaschinerie aus, die zuvor schon ihre Identität beinahe zerstört hatte. Die Wiederholung der traumatischen Erlebnisse hat in «gercegin geri donasu» durchaus therapeutische Züge, soll nämlich den Akteuren helfen, im spielenden Durchleben ihres TV-Lebens die eigene Tortur im Sinne der aristotelischen Karthasis zu verarbeiten. Diese Interpretation wird wieder durch den Titel der Arbeit untermauert, bedeutet «gercegin geri donasu» doch im Türkischen «return to the real», was dem Titel eines Buches des amerikanischen Kulturkritikers Hal Foster entspricht. In diesem entwickelt Hal Foster mit Blick auf Jacques Lacans Konzeption der Wiederholung die Idee, dass «Reales» erst durch Repetition möglich wird. Eben dieses geschieht dann auch in Collins Projekt, in dem sich ständig die Grenzen zwischen Authentizität und Rollenspiel sowie Entfremdung und Begehren verwischen. Denn genau dies macht heute die Medienrealität über weite Strecken aus: «Eigene» Sehnsüchte werden auf vorproduzierte Muster projiziert, um dann in einen spannungsvollen Bezug zum «richtigen Leben» gesetzt zu werden.
Filmreif
Scheinbar gänzlich in die Gefilde der Fiktion begibt sich Collins in seinem Video «soy mi madre», 2008. Der Künstler hat hier eine Soap Opera im Stil einer mexikanischen Produktion aus den Achtzigerjahren gedreht. Die Arbeit, die gerade im Rahmen der «Berlinale» in der daadgalerie zu sehen ist, erzählt ein für das Genre typisches Melodrama: Der Gärtner einer reichen Lady liegt nach einem Arbeitsunfall im Sterben. Eine dunkelhäutige Bedienstete, die Ehefrau des Gärtners, bittet die reiche Dame um Geld für einen Arzt. Kaltherzig lehnt diese ab, als ihr der todkranke Gärtner Liebesdienste verweigert. Dann die Überraschung: Die Abgewiesene erweist sich plötzlich als Schwester der Bediensteten ... Überspitzt wird die Künstlichkeit der Story noch durch ihre pathetische Darstellung - und durch einen Kurzauftritt eines Beleuchters. Ungeachtet dieser Blossstellung ihres fiktiven Charakters initiiert die Soap-Opera immer wieder die Identifikation mit den handelnden Personen. Dies gelingt auch deshalb, weil «soy mi madre» immer wieder überaus reale Probleme, wie soziale Ungerechtigkeit - in den Achtzigerjahren setzt sich nicht nur in Grossbritannien unter der Thatcher-Regierung der Neoliberalismus endgültig durch -, Rassismus und Todesangst etwa, ins Spiel bringt. Mediale und «tatsächliche» Wirklichkeit gehen so wieder ineinander über.
Geschichte drehen
Historische Wirklichkeit schliesslich steht in dem neuesten Projekt des Künst-lers, das ab Juni auf der 6. berlin biennale zu sehen sein wird, zur Disposition. Genauer: die Historie des ehemals real existierenden Kommunismus. In «Marxism today» wird Phil Collins mit Lehrern sprechen, die damals das Fach «Kommunismus» gelehrt haben. Zudem ist geplant, einige dieser Lehrer in einem zweiten Teil des Projektes wieder lehren zu lassen - und dies in Manchester, also an einer Geburtsstätte des Kapitalismus.
Bis: 20.03.2010

Phil Collins (*1970 Runcorn, Grossbritannien) lebt und arbeitet in Berlin

1990-1994 Universität Manchester, Manchester
1998-2000 Universität of Ulster, School of Art & Design, Belfast
Einzelausstellungen (Auswahl)
2003 maccarone inc., New York
2004 Kerlin Gallery, Dublin
2005 Milton Keynes Gallery, Milton Keynes; Wexner Center for the Arts, Columbus, Ohio
2006 Tate Britain, London; San Francisco Museum of Modern Art, San Francisco; Stedelijk Museum voor Actuele Kunst, Gent; Neue Kunsthalle St. Gallen, St. Gallen
2007 Dallas Museum of Art, Dallas; Carnegie Museum of Art, Pittsburg
2009 Tramway, Glasgow
«soy mi madre / hero», daadgalerie, Berlin, bis 20.3.
«Auto-Kino!», kuratiert von Phil Collins, Temporäre Kunsthalle, Berlin, bis 14.3.
6. berlin biennale, Berlin, 11.6.-8.8. Im Rahmen des durch die Europäische Kommission geförderten Projektes «Artists Beyond» ist Phil Collins einer von sieben Künstlern, der das lokale Publikum an seiner Arbeitsstätte in einen Dialog einbindet.

Links
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|Ausgabe||3 2010|
|Institutionen||daad Galerie [Berlin/Deutschland]|
|Institutionen||Temporäre Kunsthalle [Berlin/Deutschland]|
|Institutionen||Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst [Berlin/Deutschland]|
|Autor/in||Raimar Stange|
|Künstler/in||Phil Collins|
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