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Erstmals seit den 1980er-Jahren steigt die Zahl der hungernden Menschen weltweit wieder an. Die Fair-Food-Initiative, die am 23. September zur Abstimmung kommt, will solchen negativen Entwicklungen entgegenwirken. Aus Sicht der Caritas zentral ist eine Entwicklungszusammenarbeit, welche die Kleinbauern weltweit unterstützt und fördert.
Etwa ein Drittel der Weltbevölkerung ‒ rund 2,7 Milliarden Menschen ‒ verdienen ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft. Die meisten davon leben in Ländern des Südens, sind Selbstversorger und verkaufen die erzielten Überschüsse auf lokalen Märkten. In diesen Ländern gibt es auch grössere Betriebe mit angestellten Landarbeiterinnen und Landarbeitern, die für den lokalen und globalen Markt produzieren. Stark zugenommen hat der Trend, dass grosse internationale Unternehmen Land aufkaufen, auf Export-Nahrungsmittel («Cash Crops») wie Kaffee, Bananen, Reis, Sonnenblumen- und Palmöl setzen und diese auf dem globalisierten Agrarmarkt anbieten.
Insgesamt hat die Produktion von Nahrungsmitteln und weiteren Agrarprodukten in den Entwicklungsländern zugenommen. Trotzdem hungern immer noch über 815 Millionen Menschen weltweit. Zum ersten Mal seit der Hungersnot in Äthiopien während der 1980er-Jahre steigt die Zahl der vom Hunger betroffenen Menschen wieder an. Obwohl weltweit genügend Lebensmittel produziert werden, stellen Unter- und Mangelernährung weiterhin eine immense Herausforderung in der Armutsbekämpfung dar.
Agro-ökologische Landwirtschaft fördern
Intensive Landwirtschaft und die Produktion von landwirtschaftlichen Erzeugnissen im grossen Stil konnten die Situation nicht verbessern. Bei ihrer Arbeit in Ländern wie Guatemala, Tschad, Mali, Südsudan, Uganda, Äthiopien und Kambodscha beobachtet die Caritas, dass zwar in vielen Fällen die Produktivität erhöht wird und die Bevölkerung auf dem Land zusätzliche Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten findet. Doch die Umsetzung geht oft einher mit Raubbau an der Natur durch Übernutzung von Boden und Grundwasser. Der starke Einsatz von künstlichem Dünger und Pflanzenschutzmittel belastet die Gesundheit der Landarbeiter, den Boden und das Trinkwasser und wirkt sich negativ auf die Artenvielfalt aus. Aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen tragen solche Betriebe nicht zu inklusiver und nachhaltiger Wirtschaftsentwicklung in ländlichen Regionen bei.
Caritas Schweiz engagiert sich seit über drei Jahrzehnten für die ländliche Entwicklung und betrachtet nachhaltige Bewirtschaftung von natürlichen Ressourcen und die Sicherung der biologischen Vielfalt als eine Voraussetzung, damit Ernährungssicherheit mit gesunden und nahrhaften Lebensmitteln erreicht werden kann. Sie legt ihren Fokus auf die Weiterentwicklung der kleinbäuerlichen Produktionsweisen. Die Einführung von agro-ökologischen Methoden und von Saatgut, das an die veränderten Bedingungen durch den Klimawandel angepasst ist, erhöht und sichert die Produktivität. Durch intelligentes Produktionsmanagement (Fruchtfolge, Zwischenfrucht und Gründüngung, Kompost, biologische Schädlingsbekämpfung) können höhere Erträge erzielt werden, ohne die natürlichen Ressourcen zu schädigen.
Was heisst das für Konsumentinnen und Konsumenten?
Gut 20 Prozent der Schweizer Agrarimporte stammen aus Entwicklungsländern. Umso wichtiger ist es, dass Landwirtschaftsbetriebe nachhaltig produzieren. Hier können wir als Konsumentinnen und Konsumenten von Produkten aus Ländern des Südens unsere Verantwortung wahrzunehmen. Bereits heute können wir Fair Trade und biologische Produktion unterstützen. Dadurch ermöglichen wir höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Es ist sogar mit den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) vereinbar, wenn wir bei importierten Gütern darauf pochen, dass die internationalen Standards zu Arbeit und Umwelt eingehalten werden.
Seit 2011 hat sich der Absatz von Fair-Trade-Produkten in der Schweiz mehr als verdoppelt. Was mit Bananen, Honig, Kaffee und Rohzucker begann, hat längst alle Lebensmittelkategorien erfasst. Um fair produzierten Lebensmitteln auch per Gesetz zum Durchbruch zu verhelfen, haben die Grünen die Fair-Food-Initiative ins Leben gerufen. Für Caritas ist das Anliegen der Initiative, eine nachhaltige und faire Produktionsweise, unterstützungswürdig. Fraglich ist jedoch, ob Produzentinnen und Produzenten aus Entwicklungsländern die verlangte Umstellung auf eine ökologisch und sozial nachhaltige Produktion aus eigener Kraft leisten könnten. Wichtig wären Unterstützungsmassnahmen oder Übergangsfristen für die entsprechende Umstellung der Lebensmittelproduktion in Entwicklungsländern.
Zugang zu lokalen und internationalen Märkten erleichtern
Vermehrt müssen Konsumentinnen und Konsumenten bereit sein, einen angemessenen Preis für Kaffee, Bananen, Reis oder Öle zu bezahlen. Wichtig ist auch, dass wir im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit Kleinbauern bei der Umstellung zu einer nachhaltigen Produktion unterstützen und ihnen damit den Zugang zu lokalen und internationalen Märkten erleichtern. Dadurch verhelfen sie vielen Leuten zu fairen Arbeitsbedingungen und angemessenen Löhnen, bekämpfen den Raubbau an der Natur und leisten einen wichtigen Beitrag zur Hungerbekämpfung.
Bild: Landwirtschaft in Äthiopien (Fabian Biasio/Caritas Schweiz).