Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03512.jsonl.gz/2614

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Ludwig Wittgensteins logisch-philosophische Abhandlung, der Tractatus logico-philosophicus ist mit Sentenzen wie dieser berühmt geworden. Mit ihr beendet Wittgenstein seine Abhandlung, in der er sich, wie er im Vorwort anmerkt, mit der Sprache, dem „Ausdruck der Gedanken“ beschäftigt hat und der Frage, ob und wie sich dieser Ausdruck der Gedanken begrenzen lasse.
Der Tractatus ist, wie sein Titel festhält, nicht nur ein Buch über Philosophie, sondern auch über Logik. Philosophie und Logik, oder allgemeiner, eine Untersuchung der Sprache, gehören für Wittgenstein zusammen, das gilt nicht nur für den Tractatus, sondern auch für die Philosophischen Untersuchungen, seinem zweiten Hauptwerk.
Im Tractatus macht Wittgenstein dabei eine wichtige Einschränkung: Seine Untersuchung gilt dort Aussagesätzen. Sätzen also, in denen etwas (die Wirklichkeit, die Tatsachen, „was der Fall ist“) beschrieben wird, und die entsprechend wahr oder falsch sind. Nur solche Sätze sind für die Logik relevant. Sie sollen sich begrenzen oder definieren lassen. Ob und wie sich der Ausdruck der Gedanken begrenzen lässt, beinhaltet also eine Erörterung, ob sich definieren lässt, was ein Aussagesatz ist, und welcher Art eine solche Definition ist.
Eine doppelte Verwandtschaft
Ein faszinierender Aspekt des Tractatus ist die Art und Weise, wie Wittgenstein darin Philosophie und Logik zueinander in Beziehung setzt: Zum einen finden sich darin Bemerkungen zu einer Theorie der Logik. Worauf gründet sich logisches Schliessen? Wie ist ein logisches Argument als gültig nachzuweisen? Wie sind logische Quantoren und Junktoren zu interpretieren? Solche Probleme, die sich Logiker und Mathematiker seiner Zeit stellten, verknüpft Wittgenstein mit der Frage nach der Natur der Philosophie und der Probleme, die sie beschäftigen.
Er erkennt eine doppelte Verwandtschaft zwischen Philosophie und Logik: Erstens beschäftigen sich beide Disziplinen mit Problemen nicht mit Fragen. Zweitens beruhen für ihn Probleme darauf, dass die „Sprachlogik“ nicht klar ist. „Was ist das Gute?“ ist beispielsweise ein klassisches Problem der Philosophie. Um es zu lösen, gilt es zuerst einmal zu erkennen, dass hier ein Problem aufgeworfen und nicht eine Frage gestellt wird. Eine Frage würde nur dann gestellt, wenn es eine Aussage gäbe, das heisst, eine Beschreibung einer Tatsache, nach der gefragt wird. „Wo steht Annas Auto?“ oder „Was ist ein Pfeiffhase?“ lassen sich so beantworten. Die Antwort ist dann eine Aussage und kann wahr oder falsch sein. Wittgenstein reserviert also die Bezeichnung Frage für Fragestellungen, auf die dem Äussern eines Satzes zu reagieren ist. Dabei wird das Bestehen eines Sachverhaltes festgestellt. Es brauch Sinneserfahrung, Empirie – den „Vergleich mit der Wirklichkeit“, wie Wittgenstein sich ausdrückt – um zu entscheiden ob die Antwort richtig ist. Probleme dagegen werden anders angegangen. Sie werden gelöst und damit, im Fall der Philosophie auch aufgelöst, sie verschwinden. Die Fragestellung „Was ist das Gute?“ wird für Wittgenstein zum philosophischen Problem, weil etwas im sprachlichen Kleid einer Frage auftritt, das tatsächlich gar keine Frage ist und entsprechend auch nicht durch irgendeine Entdeckung entschieden werden kann. Da sie „äusserlich“ nicht von einer Frage im eigentlichen Sinn unterschieden ist, kann sie leicht mit einer solchen verwechselt werden.
Die Lösung von Problemen, sowohl logischer als auch philosophischer, liegt in der Sprache. Ein erster Schritt dazu, besteht darin sich klar zu machen, wie Sprache überhaupt funktioniert. Das heisst für den Tractatus festzustellen, wie sprachliche Zeichen verwendet werden, wenn damit Aussagen formuliert werden. – Wie gesagt: Zuerst muss klar werden, warum die Fragestellung „Was ist das Gute?“ nicht auf eine Antwort abzielt. Warum ist derjenige, dem sie sich stellt, nicht mit einer Aussage zufriedenzustellen? Dazu muss klar werden, was denn Aussagen sind. Das beinhaltet nicht, dass etwas Neues, eine neue Tatsache über die Sprache entdeckt wird. Vielmehr muss ein anderer Blick auf sie geworfen werden. Es gilt, einen Perspektivenwechsel zu vollziehen. Im Tractatus heisst das: Den Wechsel von der Perspektive der „umgangssprachlichen“ Grammatik zur „logischen“ Grammatik.
Ein Problem ist also der Ausdruck oder das Symptom einer Unklarheit. Das gilt auch für die Logik: In der Logik stellen sich Probleme, solange man sich nicht im Klaren darüber ist, wie sprachliche Zeichen verwendet werden, respektive welches die Möglichkeiten ihrer Verwendung sind. Ist das einmal geklärt, dann lässt sich eine logische Notation entwickeln, die die jeweilige Verwendungsweise klar zum Ausdruck bringt. Wird diese Notation gebraucht, dann stellen sich auch in der Logik keine Probleme mehr.
Logik und Philosophie verbindet also erstens, dass man in ihnen mit Problemen konfrontiert ist, und zweitens, dass diese Probleme dadurch gelöst werden, dass die Sprache unter einer bestimmten Perspektive betrachtet wird.
Perspektivenwechsel
Wenn er im Tractatus von Sätzen oder „dem Satz“ spricht, meint Wittgenstein damit sprachliche Äusserungen, insofern mit ihnen Aussagen gemacht werden. Zugleich versteht er darunter aber auch den Grundbegriff der Logik, das logische Fundament, aus dessen Erklärung oder Definition sich für ihn die gesamte Logik, als formale Disziplin ergeben muss. Ist einmal erklärt, was ein Satz ist, dann sind auch die logischen Probleme gelöst.
Wie fasst Wittgenstein das Verhältnis von Alltags- oder Umgangssprache, wie er gesprochene Sprachen im Allgemeinen nennt, und Logik auf? Was heisst es, den Perspektivenwechsel von „umgangssprachlicher“, beispielsweise deutscher oder japanischer Grammatik zur „logischen“ Grammatik zu vollziehen? Darauf will ich abschliessend etwas eingehen.
Die beim Sprechen aus Wörtern gebildeten Sätze sind nicht nur gemäss der Grammatik der jeweiligen „Umgangssprache“ – des Deutschen, des Japanischen – gebildet, sondern zugleich auch entsprechend der logischen Grammatik. In der Schule haben wir gelernt, nach welchen Kriterien Wörter in grammatische Kategorien eingeteilt sind. Wir haben als Schulkinder Kriterien kennengelernt, um z.B. Wortarten zu unterscheiden (handelt es sich um ein Nomen, ein Verb oder ein Pronomen etc.?) und ihre syntaktische Funktion zu benennen (ist in diesem Satz ein Satzglied Subjekt, Prädikat oder Objekt etc.?). Nun sollen sich die Wörter nach den Kriterien der logischen Grammatik betrachten lassen. Was heisst das? Eine abschliessende Antwort auf diese Frage würde einige Ausführungen verlangen. Ich beschränke mich hier darauf aufzeigen, dass sich Wörter gemäss anderen Kriterien als denen der umgangssprachlichen Grammatik einteilen lassen. Ich will herausarbeiten, dass es einen Unterschied macht, ob man einen Satz gemäss der deutschen Grammatik oder gemäss der logischen Grammatik betrachtet.
Wenn wir uns von der Frage leiten lassen, was für eine Aussage wir mit einer bestimmten Äusserung bilden, dann soll gemäss Wittgenstein ihre logische Syntax in den Blick geraten und damit das, was an ihr für die Logik relevant ist. Dabei die Idee wichtig, dass sich dasselbe mit verschiedenen Worten sagen lässt. Aussagen und Behauptungen lassen sich reformulieren und dadurch explizieren. Was ein Sprecher mit einer bestimmten Äusserung sagt, ist nicht durch diese allein bestimmt. Worauf er sich mit ihr genau festlegt, zeigt sich erst daran, dass er sie explizieren kann. In diesem Sinne macht erst der Gebrauch, den er von seinen Worten macht, deutlich, was für eine Bedeutung er ihnen gibt: Erst der Gebrauch sprachlicher Äusserungen macht aus diesen Sätze mit einem bestimmten Gehalt.
Wie lässt sich ausgehend von dieser Idee nun die logische Grammatik von der umgangssprachlichen abheben? Ich will das an einem Beispiel aus dem Tractatus aufzeigen, an der Aussage: „Grün ist grün“. In diesem Satz wird nicht nur dasselbe Wort zweimal auf je unterschiedliche Weise verwendet. Zu diesem Resultat kommen wir auch, wenn wir den Satz gemäss den Kriterien der deutschen Grammatik betrachten: Das erste „Grün“ wird als Subjektwort verwendet, das zweite bildet zusammen mit der Kopula „ist“ ein Prädikat. Doch über die Verwendungsmöglichkeiten des Wortes „grün“ hinaus kann auch das ganze Satzzeichen auf unterschiedliche Art und Weise verwendet werden. Er lässt sich verwenden, um eine Aussage über einen Herrn Grün zu machen. Aber wir können uns auch andere Verwendungsweisen denken. Beispielsweise lässt sich mit denselben Worten auch ein Binsenwahrheit sagen, oder in der Terminologie des Tractatus: eine Tautologie bilden: Alles, was grün ist, ist grün. Gemäss der deutschen Grammatik haben beide Äusserungen dieselbe Syntax. Betrachtet man sie isoliert und nicht in ihrem Verwendungskontext, scheint es deshalb, dass zweimal derselbe Satz gebildet wurde. Dagegen ist die logische Syntax der Äusserung je nachdem, wie sie verwendet wird, eine andere. Die unterschiedlichen Explikationen – „Herr Grün ist grün“ oder „Alles was grün ist, ist grün“ – machen deutlich, dass mit beiden Äusserungen zwei unterschiedliche Sätze formuliert werden. Sie machen deutlich, dass zwar die Sätze mit denselben Wörtern gebildet werden, aber doch auf unterschiedliche Weise. Analysiert man hingegen diese beiden Äusserungen nur gemäss der deutschen Grammatik, so haben sie jeweils dieselbe Struktur: Es liegt in beiden Fällen ein einfacher Satz vor mit Satzsubjekt und Prädikat. Er lässt sich dann gar nicht unterscheiden, dass es sich hier um zwei Sätze handelt. Aus der Perspektive der umgangssprachlichen Grammatik besteht also eine Gleichheit im sprachlichen Ausdruck, die sich aus der Perspektive der logischen Grammatik als äusserlich erweist.
Die „Logik der Sprache“ gerät also dann in den Blick, wenn man bemerkt, dass dieselbe Äusserung auf verschiedene Weise als Aussage verwendet werden kann und sich entsprechend ihrer Verwendung unterschiedlich explizieren lässt. Die beiden Explikationen, die ich oben gegeben habe, können als Übersetzungen der Äusserung aufgefasst werden: „Grün ist grün“ ist dann mit „Herr Grün ist grün“ oder aber mit „Alles, was grün ist, ist grün“ zu übersetzen, je nachdem, wie es verwendet wird. Die beiden Übersetzungen machen deutlich, dass der Satz je nach Verwendungskontext ein anderer ist. Für Wittgenstein ist ein Satz ein Satzzeichen, das einen bestimmten Sinn hat. Wenn das Satzzeichen in unterschiedlichen Verwendungskontexten anders expliziert wird, wird dadurch angezeigt, dass es sich zwar um dasselbe umgangssprachliche Zeichen, aber um zwei verschiedene Sätze handelt. Zudem wird deutlich, dass das Satzgefüge je ein ganz anderes ist. Die logische Syntax der beiden Sätze ist unterschiedlich.
Durch die Verwendung einer logischen Notation lassen sich diese Unterschiede nochmals deutlicher machen. Der erste Satz wird dann mit „fa“ übersetzt und als Funktion eines Namens geschrieben. Der zweite Satz wird mit „(x)(fx -> fx)“ übersetzt, einem allquantifizierten Satz.
Die Logik beschäftigt sich für Wittgenstein also nicht mit einer künstlichen Sprache, die es neben der Sprache, die wir im Alltag verwenden, auch noch gibt und für bestimmte wissenschaftliche Zwecke ersonnen worden ist. Vielmehr beschäftigt sie sich gerade mit der Umgangssprache. Die logische Notation, die Kandidatin für eine solche künstliche Sprache wäre, dient ihm bloss als Mittel dazu, klar darzustellen, wie die umgangssprachlichen Zeichen, also die deutschen, englischen oder japanischen Wörter, verwendet werden.
Literatur:
Wittgenstein, Ludwig: (1989): Logisch-philosophische Abhandlung. Tractatus logico philosophicus. Kritische Edition, hrsg. von McGuinness, Brian & Joachim Schulte. Frankfurt a. M., Suhrkamp.
–– (2003): Philosophische Untersuchungen. Frankfurt a. M., Suhrkamp.
Zu Wittgensteins Verständnis von Sprachgebrauch: Diamond, Cora (2004): „Saying and Showing: An Example from Anscombe“. In: Stocker, Barry: Post-Analytic „Tractatus“. Ashgate Publishing, Aldershot.
Zum „Unsagbaren“: McGuinness, Brian (2002): „The unsayable: a genetic account.“ In: Approaches to Wittgenstein. Collected Papers. London, Routledge.
Zur Verknüpfung von Philosophie und Logik: Kremer, Michael: (2012): „Russell’s Merit“. In: Zalabardo, José L.: Wittgenstein’s Early Philosophy. Oxford, Oxford University Press. S. 195–241.
Über die Autorin
Beitrag von Susanne Huber