Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03628.jsonl.gz/2772

Schöpfung schlägt Evolution
Der Osten Tennessees ist abgelegen und wunderschön: Die Berge der Appalachen, Wälder, kleine Flecken. Die Gegend ist konservativ, viele evangelikale Kirchen säumen die Strassen. Einmal aber katapultierte sich die Region mitten auf die Weltbühne. Und zwar in der Kleinstadt Dayton, einem Ort von jetzt 7000 Einwohnern.
Wie es sich für eine Kreishauptstadt gehört, steht in der Ortsmitte das Gerichtsgebäude. Ein Schild an der Tür besagt, dass das Mitbringen von Schusswaffen und Messern verboten ist – ein notwendiger Hinweis in einem ländlichen Gebiet, dessen Einwohner traditionell Schusswaffen besitzen.
Eine Treppe führt hinunter zum kleinen Museum im Keller des Gebäudes, wo Dayton seines grossen Moments gedenkt: nämlich des Strafprozesses im Sommer 1925 gegen den örtlichen Biologielehrer John Scopes. Als «Affenprozess» ging er in die amerikanische Geschichte ein.
Scopes behandelte im Unterricht Darwins Evolutionslehre. Im Februar 1925 aber hatte das Staatsparlament in Nashville bestimmt, es sei «gesetzeswidrig, etwas zu unterrichten, das die Geschichte der göttlichen Schöpfung verneint». Findige Bürger Daytons inszenierten daraufhin einen Testfall in der Hoffnung, ihr Städtchen werde aus seinem Dornröschenschlaf erwachen und mit einem Schlag berühmt werden.
Tatsächlich reisten bekannte Journalisten aus dem gesamten Land an. Die Anklage führte der ehemalige demokratische Präsidentschaftskandidat William Jennings Bryan, ein evangelikaler Christ, die Verteidigung übernahm der berühmte Anwalt Clarence Darrow. Die Prozesseröffnung geriet zum Spektakel: Banner schmückten die Stadt, Schimpansen führten Zirkusstücke vor, fast 1000 Menschen drängten sich vor dem Gerichtsgebäude.
Nach elf Tagen wurde Scopes zu einer Geldstrafe verurteilt, und Dayton versank wieder in der Bedeutungslosigkeit. Es kämen noch immer «viele Besucher», sagt die Kuratorin des kleinen Museums. Vor allem alljährlich im Juli, wenn Dayton den historischen Prozess im Gerichtsgebäude nachspielt. Anschliessend können die Touristen nahebei in der Monkey-Town-Brauerei ein Bier zischen.
Vor einigen Jahren besuchte Darwins Ur-Ur-Enkel Matthew Chapman die Kleinstadt und schrieb ein Buch über seine Erfahrungen. Obwohl die Einwohner seit dem Prozess als Hinterwäldler verspottet worden seien, «sind alle meine Fragen mit grosser Höflichkeit beantwortet worden», notierte Chapman.
Die Kluft, die sich 1925 in Dayton aufgetan hat, existiert noch immer, nur in anderer Form. Denn wie in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts stehen sich auch heute zwei amerikanische Lager unversöhnlich gegenüber. Weltoffen und nach vorne gerichtet, aber auch arrogant und verächtlich über die andere Seite urteilend, das eine. Und Traditionen verpflichtet das andere. Misstrauisch beäugt es die Masseneinwanderung aus Ländern wie Mexiko oder China, ängstlich blickt es in eine Zukunft, die nicht mehr zu halten scheint, was Amerika einst versprach.
Fast unüberbrückbar ist der Graben zwischen den Kontrahenten geworden. Er legt Washington lahm, er produzierte Donald Trump, und er lässt nicht zu, dass längst überfällige Reformen in Angriff genommen werden. Nach dem Wahltag im November könnte die Kluft noch tiefer werden.