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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Sechzehnte Homilie.
I.
15. 16. 17. 18. Und darum ist er des neuen Bundes Mittler, damit durch den Tod, welcher zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bunde erfolgte, Diejenigen, welche berufen sind, das verheissene Erbe erhielten. Denn wo ein Testament ist, da muß der Tod Dessen, der das Testament macht, dazwischen kommen; denn ein Testament wird durch den Tod geltend, sonst hat es keine Kraft, wenn Der noch lebt, der es gemacht hat. Daher wurde auch das erste nicht ohne Blut errichtet.
Es war natürlich, daß Viele von den Schwächeren den Verheißungen Christi darum keinen Glauben schenkten, weil er gestorben ist. Paulus widerlegt nun eine solche Ansicht gründlich und stellt ein Zeichen auf, das allgemeine [S. 257] Geltung hat. Welches denn? Deßhalb gerade, sagt er, muß man fest vertrauen. Weßhalb? Weil nicht die Testamente der noch Lebenden zuverlässig und fest sind, sondern erst nach dem Tode Das werden. Darum beginnt er auch mit diesen Worten und sagt: „Er ist des neuen Bundes Mittler.“ Das Testament aber wird gegen den letzten Tag hin vor dem Hinscheiden gemacht und hat die Beschaffenheit, daß es Einige zu Erben einsetzt, Andere aber enterbt. So spricht auch Christus hier in Bezug auf die Erben: „Ich will, daß, wo ich bin, auch Diese seien.“1 Und wieder in Bezug auf die Enterbten vernimm seine Worte: „Ich bitte nicht für Alle, sondern für Diejenigen, welche durch ihr Wort an mich glauben werden.“2 Das Testament enthält ferner auch Manches, was Den angeht, der es macht, und Manches für Diejenigen, auf welche es lautet, so daß Diese etwas Gewisses empfangen und etwas Gewisses leisten. So ist es auch hier. Nachdem er ihnen Unzähliges verheissen, sagt er auch, was er von ihnen verlange, indem er spricht: „Ein neues Gebot gebe ich euch.“3 Dann muß das Testament auch Zeugen haben; höre seine eigenen Worte: „Ich bin es, der ich von mir selbst Zeugniß gebe, und es gibt Zeugniß von mir der Vater, der mich gesandt hat.“4 Und wieder: „Jener wird von mir Zeugniß geben,“5 indem er vom heiligen Geiste spricht. Und die zwölf Apostel sandte er aus mit den Worten: „Leget Zeugniß ab vor Gott;“ und deßhalb sagt er: „Er ist des neuen Bundes Mittler.“ Was heißt Das aber: „Mittler“? Der Mittler ist nicht Herr über die Sache, wofür er die Vermittlung übernimmt, sondern etwas Anderes ist die Sache, etwas Anderes der Vermittler, wie z. B. der Ehevermittler nicht Derjenige ist, welcher heirathet, [S. 259] sondern Derjenige, welcher Dem behilflich ist, der heirathen will. So ist auch hier der Sohn Mittler geworden zwischen dem Vater und uns. Der Vater wollte uns die Erbschaft nicht hinterlassen, sondern er zürnte uns und hatte gegen uns eine Abneigung wie gegen Feinde; Christus wurde daher der Mittler zwischen uns und ihm und legte bei ihm mit Erfolg Fürsprache ein. Und siehe, wie er der Mittler geworden. Unsere Worte brachte er zum Vater und des Vaters Mittheilungen zu uns und weihte sich dem Tode. Wir waren schuldbeladen und sollten sterben; er starb für uns und machte uns des Testamentes würdig. Daher ist auch das Testament sicher und fest, weil es nicht auf Unwürdige gestellt war. Anfangs stand es, wie wenn ein Vater für seine Söhne testirt; nachdem wir aber unwürdig geworden, bedurfte es keines Testamentes mehr, sondern es sollte Strafe folgen. Warum, sagt er, bist du also stolz auf das Gesetz? Denn durch dasselbe waren wir so sehr der Sünde verfallen, daß wir nie hatten Rettung finden können; wäre unser Herr nicht für uns gestorben, so hätte das Gesetz keine Kraft gehabt; denn es war ohnmächtig. Er führt aber den Beweis nicht mehr aus dem allgemeinen Gebrauche allein, sondern auch aus Dem, was im alten Bunde geschah; und Das zog sie besonders an. Aber dort, sagt man, ist Niemand gestorben; wie konnte jener (Bund) nun fest sein? Durch die gleiche Art und Weise, sagt er. Wie denn? Denn auch dort war Blut, wie hier Blut ist; wenn aber nicht Christi Blut, so wundere dich darüber nicht, denn es war nur ein Vorbild; darum sagt er auch: „Daher wurde auch das erste (Bündniß) nicht ohne Blut errichtet.“ Was heißt aber der Ausdruck: „wurde errichtet?“ Es wurde befestigt, bekräftigt. Dadurch, will er sagen, mußte es ein Vorbild des Testamentes und des Todes sein.
1: Joh 17,24
2: vgl. Joh 17,20
3: Joh 17,13
4: Joh 8,18
5: Joh 15,26