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Eine Auen-Geschichte
Eine Auen-Geschichte
Es war einmal ein bescheidener und zufriedener Bauer. Er lebte auf einem kleinen Hof mit Hühnern, Schweinen, alten Obstbäumen und einem bunten Gemüsegarten. Auf dem Markt verkaufte er seine Produkte und lernte eines Tages im Frühling eine Frau aus dem benachbarten Dorf kennen. Sie flocht die schönsten Körbe, die man sich vorstellen kann und beherrschte ausserdem die Holzschnitzerei. Die beiden verliebten sich Hals über Kopf ineinander, erzählten sich Geschichten, lernten voneinander und beschlossen schon bald zu heiraten. Trotz der Schmetterlingen im Bauch stimmte dieser Beschluss den Bauern traurig. Denn weder seine Geliebte noch er selbst waren in der Lage, eine Hochzeit zu bezahlen. Verzweifelt lief der Bauer in den Wald und weinte sich unter einer grossen und mächtigen Eiche aus. Sein lautes Schluchzen hörten auch die Waldtiere. Sie eilten herbei, um den Bauern zu trösten – vergeblich.
Auch eine überirdische Gestalt hörte das herzzerreissende Weinen des Bauern und nutzte es zu ihrem Vorteil. Sie versprach dem Bauern die nötigen Mittel, wenn der seine Seele hergebe: «Im Winter, wenn die Blätter von allen Bäumen gefallen sind, so schenke du mir deine Seele. Im Gegenzug werde ich dir dafür die fehlenden Mittel für die Hochzeit beschaffen.» Verzweifelt stimmte der Bauer dem Pakt zu. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Als der Bauer am nächsten Morgen in seiner Scheune die Leiter zum Pflücken der Äpfel holen wollte, sah er in der Ecke des Raumes etwas glitzern. Als er nähertrat, entdeckte er einen Haufen mit Goldstücken. Vor lauter Glück tanzte der Bauer in seiner Scheune und kurz darauf wurde geheiratet.
In seinem Glück vergass der Bauer jedoch den eingegangenen Pakt. Nicht so die alte Eiche! Sie hatte Erbarmen mit den Liebenden und überlegte sich, wie sie das Glück der beiden wahren könnte. Sie ging nochmals die Situation mit dem überirdischen Wesen durch: …im Winter, wenn die Blätter von allen Bäumen gefallen sind, so schenke du mir deine Seele. Im Gegenzug werde ich dir die fehlenden Mittel beschaffen… wenn alle Blätter von allen Bäumen gefallen sind… – Wenn die Eiche doch nur ihre Blätter nicht fallen liesse!
Als der Winter einbrach und sich die Tiere des Waldes auf die kalte Jahreszeit eingestellt hatten, verloren auch die Bäume ihre Blätter – bis auf die alte Eiche. So wundersam es war, sie behielt ihre braun verfärbten Blätter den ganzen Winter hindurch und liess sie erst im Frühling fallen.
Jahrein, jahraus wartete die überirdische Gestalt verzweifelt auf den Tag im Winter, an dem die Eiche ihre Blätter verlöre und damit die Seele des Bauern an sie ginge. Doch auch der grösste Sturm sollte der alten Eiche nichts anhaben. Irgendwann gab die überirdische Gestalt auf, verschwand, und das Glück der Liebenden bewahrte sich dank der alten Eiche.
*Geschichte in «Waldfühlungen»; 1999. Sie basiert auf dem Original von Antje und Burkhard Neumanns und wurde für diesen Beitrag von uns umgeschrieben.
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