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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland
Rolf Hess, der zurzeit in San Francisco weilt, sandte mir die Fotografie einer Strassenbahn aus dieser Stadt, mit der Frage, ob ich schon einmal dort war. Ich musste die Frage verneinen, meine Wege haben mich bisher noch nicht in die USA geführt. Das Bild zeigt eine historische Strassenbahn mit der Aufschrift „Powell Hyde Street“. Einige Passagiere stehen auf der Einstiegsstufe und halten sich an den Pfeilern fest, die vom Boden des Fahrzeugs bis zur Decke verlaufen. Es ist ein städtisches Fahrzeug, denn auf der Wand unterhalb der Fenster ist „Francisco Municipal Railway“ zu lesen. Es wird in dieser hügeligen Stadt ein beliebtes Verkehrsmittel für Touristen sein und keine hohe Geschwindigkeit erreichen.
Strassenbahn in San Francisco
Erinnerungen kommen auf. Ich war 8 Jahre alt, als ich das erste Mal eine Strassenbahn bestieg. Meine Familie war vom Land ins Ruhrgebiet, gelegen im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen, gezogen. Das Ruhrgebiet, das seinen Namen von der Ruhr erhalten hat, der Fluss, der aus dem Sauerland von Osten nach Westen fliesst, bis er in den Rhein mündet, besteht aus vielen Städten eines vor einigen Jahrzehnten noch bedeutenden Industriegebietes. Es ist aus kleinen Anfängen immer mehr zu etwa einer Bevölkerung von 1,7 Millionen Menschen angewachsen, denn hier gab es Arbeit in den Berg- und Stahlwerken und in den Fabriken.
In den meisten Städten gab es Bergwerke, in denen Steinkohle geschürft wurde. Man benutzte sie für die Kohleöfen in der Wohnung und in Kokereien, die den Koks an die Stahlwerke weitergab. Die Kohle musste aus immer grösseren Tiefen hervorgeholt werden und war eines Tages gegenüber der Kohle aus den USA und anderen Gegenden der Welt nicht mehr konkurrenzfähig. So begann vor einigen Jahrzehnten der Abstieg. Einige Städte haben es geschafft, Alternativen aufzubauen, vor allem im Dienstleistungssektor, andere Städte leiden immer noch am Rückgang, ein bekanntes Beispiel ist Duisburg.
Die arbeitende Bevölkerung benötigte preiswerte Beförderungsmittel. Eines davon war und ist noch heute die Strassenbahn. Die Strasse war zweigeteilt, in der Mitte waren die Geleise, die teilweise unterhalb des Strassenbelags lagen und kaum zu sehen waren. Demgegenüber waren allerdings die Stromleitungen etwa in Höhe von 2,50 - 3 m klar zu erkennen. Heutzutage sind Geleise und Stromleitungen oft an den Rand gedrängt, aber immer war und ist das nicht möglich. Die Autofahrer müssen dann immer darauf achten, ob es eine Haltestelle gibt, denn wenn die Strassenbahn hält, dürfen sie nicht daran vorbei fahren, um die ein- und aussteigenden Fahrgäste nicht zu gefährden. Strassenbahnen halten also immer den Verkehr auf, deshalb wurden sie zeitweise unbeliebt, und häufig verschwanden sie aus dem Stadtbild und machten Bussen Platz.
Aber sie ganz aufzugeben, war doch oft nicht möglich oder erwünscht.
In meiner Kindheit konnte man mit der Strassenbahn vom äussersten Osten des Ruhrgebietes etwa 30 km in Richtung Westen durch die Städte Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen, Essen, Gladbeck und Oberhausen bis nach Duisburg fahren, ohne umsteigen zu müssen. Das dauerte einige Stunden. Ich erinnere mich, dass unsere Familie oft von Gelsenkirchen-Buer bis nach Essen in die Gruga, ein auch heute noch beliebter grosser Park, mit der Strassenbahn fuhr, eine Fahrzeit von einer guten Stunde. Es gab Familienkarten sowohl für die Fahrt als auch für den Eintritt.
Für mich als Kind war jegliche Fahrerei, sei es mit der Strassenbahn, mit dem Auto oder dem Omnibus eine Tortur. Mit Ausnahme in der Bahn wurde mir in diesen Fahrzeugen immer nach spätestens einer halben Stunde schlecht und oft musste ich mich übergeben. Ein wenig half es, wenn ich mich direkt hinter den Fahrer setzte oder wenn ich bei geöffnetem Fenster die Augen schloss und ruhig ein- und ausatmete. Es war nicht selten, dass ich lange vor dem Fahrziel an einer Haltestelle fluchtartig aus der Strassenbahn steigen musste, da mein Magen rebellierte, sehr zum Unmut meiner Mutter oder der ganzen Familie, die dann auf die nächste Bahn warten musste. Es dauerte höchstens 20 Minuten, bis sie eintraf, aber man kam eben später ans Ziel.
Der Schaffner zog, wenn jemand aussteigen wollte, an einem durch den ganzen Waggon verlaufenden Seil, an dem am Ende eine Glocke befestigt war. Heutzutage muss man einfach auf Knöpfe drücken, und die Haltestelle wird auf einem Monitor angezeigt, oft auch Teile der Fahrstrecke.
Anfänglich konnte man die Fenster noch manuell öffnen, wie auch die Zugangstüren. Heutzutage ist alles geschlossen und wird hydraulisch durch den Fahrer bedient. Heute sind die Strassenbahnen leiser geworden. In meiner Kindheit ratterten sie über die Strasse.
Das erinnert mich an das Jahr 1990. Ich hatte beruflich in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik zu tun, die in diesem Jahr mit der Bundesrepublik Deutschland wiedervereinigt wurde. Man konnte damals feststellen, dass die technische Entwicklung im Osten noch nicht so weit war wie im kapitalistischen Westen Deutschlands.
Es war in Halle an der Saale. Ich war in einem Hotel untergekommen. Das war zur damaligen Zeit noch Glückssache, denn es gab nicht sehr viele davon. Es war üblich, über eine offizielle Verteilungsstelle eine Gastunterkunft bei Privatleuten zu bekommen.
Vor dem Hotel war eine Strasse und darauf fuhr in regelmässigen Abständen eine von diesen alten Strassenbahnen, die ein wenig der auf dem Foto aus San Francisco ähnelte. Die Strasse war nicht asphaltiert, sondern hatte Kopfsteinpflaster. Das erhöhte den Lärm noch, den die vorbeifahrende Bahn machte. Sie fuhr bis 1 Uhr nachts und begann um 4 Uhr wieder mit dem neuen Tag. Jedes Mal riss sie mich aus dem Schlaf. Ich muss nicht der Einzige gewesen sein, beim Frühstück sah ich nur missmutige und unausgeschlafene Gesichter der Gäste.
Heute wird mir nur noch bei längeren Fahrten in der Strassenbahn übel. Ich kann inzwischen damit umgehen, indem ich tief einatme und mich ein wenig entspanne. Die Strassenbahnen fahren nicht mehr so ruppig, bremsen meist nicht mehr so ruckartig ab. Fenster lassen sich nicht mehr öffnen. Man muss der Technik und dem Fahrer, einen Schaffner gibt es nicht mehr, vertrauen, dass die Türen sich öffnen, wenn man aussteigen will. Es gibt aber für Notfälle auch einen Hebel, den man bedienen kann.
Aussehen und Ausstattung der Strassenbahnen haben sich immer mehr den U- und S-Bahnen oder der Metro angeglichen, sie fahren aber nur in den seltensten Fällen unterirdisch.
Früher musste man dem Schaffner das Fahrgeld bezahlen, der durch den Waggon lief, heute dem Fahrer beim Einstieg, es sei denn, man hat eine Monatskarte. In manchen Orten muss man den Fahrpreis an der Haltestelle ausserhalb bezahlen, was immer problematisch ist, entweder das Kleingeld reicht nicht aus, oder der Automat ist nicht einfach zu bedienen. „Schwarzfahren“, also das „Fahren ohne Beförderungsschein“, war schon damals teuer und ist immer teurer geworden. Dennoch versuchen es immer noch viele, die darauf hoffen, nicht gefasst zu werden, und gehen bei der ersten Aktivität des Kontrolleurs, der auf der Strecke zugestiegen ist, in die andere Richtung im Waggon und hoffen, bei der nächsten Haltestelle die Strassenbahn rechtzeitig verlassen zu können. Ich bin nicht oft „schwarz gefahren“, und soweit ich mich erinnern kann, „erwischt“ hat es mich nie!