Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03638.jsonl.gz/1112

Gehirne braucht das Land! Und Gehirnjäger, die nach ihnen Ausschau halten. Das erinnert mich an eine Formulierung Max Frischs. In den 1970er Jahren notierte er den bekannten Satz: «Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.» Dem Staatssekretariat müsste man daher entgegenhalten: Wir importieren Gehirne, und es kommen Menschen. Die Menschen wollen wir aber anscheinend gar nicht, sondern nur die Gehirne. Aber stimmt das wirklich? Ist es wirklich das, was wir wollen? Das Staatssekretariat hat sich dazu keine Gedanken gemacht, denn noch fehlt es in Bern an Brain.
Im globalen «war for talents» ist der «brain drain» die grosse Furcht der Staaten. Sie gieren nach «brain gain», der im allgemeinen freilich nicht dadurch erfolgt, dass man inländische Hirne sucht oder fördert, vielmehr will man Hirne aus dem Ausland importieren. Besonders beliebt ist bei unserem Staatssekretariat der «brain return»: die Repatriierung nationaler Hirne, die im Ausland Erfolg hatten. Dabei arbeitet das im Ausland hirnjagende Staatssekretariat mit dem Schweizerischen Nationalfonds Hand in Hand: der Nationalfonds (be)fördert Gehirne gezielt in das Ausland, die dann aber vom Staatssekretariat wieder repatriiert werden können. Viel Hirn, viel Verwirrung.
Der Brain-Abteilung des Staatssekretariats würde die Lektüre der Kurzgeschichte «Mary and William» des norwegisch-walisischen Autors Roald Dahl guttun. Sie dreht sich um das Ehepaar Mary und William, wobei der Mann krebskrank ist und bald sterben wird. Der Philosoph Landy rät William zu folgender Prozedur: Neue Methoden erlauben es, das Gehirn auch nach dem Tod in einer Nährlösung und mit einer Kreislaufmaschine funktionieren zu lassen. Auf diese Weise kann William noch 200 Jahre weiterleben und an der Welt teilhaben. Auch ein Auge kann man an das Gehirn anschliessen. William will damit Mary zwingen, dass sie ihm nach seinem Tod endlich die gebührende Aufmerksamkeit zuwendet. Tatsächlich geschieht das auch so, und Mary nimmt das Glas mit dem Hirn und dem Auge zu sich. Jetzt kann sie endlich mit Lust tun, was ihr Ehemann William verboten hat, nämlich rauchen und fernsehen. William schaut aus seinem Glas heraus zu und kann nur noch das Auge rollen.
Die Kurzgeschichte ist für das Staatssekretariat und seine neunzehn Hirnjäger im Ausland äusserst lehrreich. Die moderne (Hirn-)Forschung macht es vielleicht bald möglich, dass das Staatssekretariat ebenso wie Mary zu seinen Hirnen kommt. Am einfachsten wäre es für das Staatssekretariat in der Tat, mit Hirnen in einer Nährflüssigkeit zu arbeiten. So liesse sich auch ein augenrollendes Hirn im Eingangsbereich des Verwaltungsgebäudes aufstellen, wo das Staatssekretariat residiert. Es müsste ein stark und böse augenrollendes Hirn sein, eben eine Art tyrannischer William, denn jeder Besucher des Staatssekretariats soll sich fragen: Denke ich genug? Hab ich Hirn?
Diese neue Einrichtung würde auch den Satz Max Frischs falsifizieren. Die ultimative Maxime der Forschungsbürokraten lautet: Wir importieren Hirne, und es kommen auch nur Hirne. Schliesslich wäre das ein konstruktiver Beitrag zur Überwindung des Ausländerproblems.