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Ukraine: komplexe Verletzungen durch Explosivwaffen
Welche Verletzungen verursachen Explosivwaffen in der Ukraine? Wie helfen wir den Spitälern? Und welche Bedeutung hat die Frührehabilitation? Wir haben mit Gaëlle Smith, Spezialistin für Notfallrehabilitation bei Handicap International, gesprochen.
Wir unterstützen das städtische Krankenhaus 2, genannt Oleksandr Shalimo, durch die Bereitstellung von Tragen, Toilettenstühlen, Krücken, Waschschüsseln und Gehhilfen. | © T. Mayer / HI
Welche Arten von Patient*innen behandeln Sie in der Ostukraine?
«Das Spital, in dem Handicap International in Dnipro arbeitet, nimmt Kriegsverletzte auf und stabilisiert sie, bevor sie in den Westen verlegt werden. Wir behandeln viele Patient*innen, die nicht nur eine, sondern mehrere Verletzungen haben, die ihnen durch Explosivwaffen zugefügt worden sind.
Durch die Detonation von Sprengkörpern sind die Menschen gleichzeitig mehreren Arten von Verletzungen ausgesetzt. Zunächst einmal können durch den Druck die Lunge, die Ohren, die Augen und der Darm beeinträchtigt werden. Dann können die Explosionen selbst oder die Splitter der Bomben und Granaten zu Knochenbrüchen und oberflächlichen Verletzungen führen, die operativ behandelt werden müssen. Beim Aufprall nach einer Explosion können die Opfer ein Schädel-Hirn-Trauma oder Wirbelsäulenverletzungen erleiden. Schliesslich sind auch Hautverbrennungen möglich und es können Atemwegsverletzungen vorkommen, wenn die Menschen Rauch, Staub oder Chemikalien einatmen. In Dnipro weisen die Patient*innen eine Mischung aus all diesen Verletzungen auf. Einige Verletzungen können für sich genommen schon schlimm sein, aber wenn sie kombiniert auftreten, sind sie noch schwerwiegender.
Einer unserer Patienten benötigte eine vollständige Unterkieferrekonstruktion und konnte weder den Mund öffnen noch schlucken. Er musste sich mehreren Operationen unterziehen, um seine Atmung zu stabilisieren und seinen Brustkorb durch eine Thoraxdrainage zu entlasten. Ausserdem hatte er mehrere gebrochene Wirbel. Die Behandlung von Atemproblemen bei Patient*innen mit einer instabilen Wirbelsäule ist sehr komplex. Das Personal muss die Prioritäten und Vorsichtsmassnahmen bei vier oder sogar fünf kombinierten Verletzungen verstehen und in der Lage sein, dies den Patient*innen, die vielleicht nicht lange im Spital bleiben werden, verständlich zu erklären.»
Wie hilft Handicap International den Spitälern, die Bedürfnisse der Verletzten zu erfüllen?
«Wir führen theoretische und praktische Schulungen für das Reha-Personal vor Ort durch: für Ärztinnen, Physiotherapeuten und Ergotherapeutinnen. Dabei liegt der Schwerpunkt hauptsächlich bei Patient*innen mit Kriegsverletzungen. Wir arbeiten direkt mit dem Reha-Team eines Spitals zusammen, um praktische Schulungen anzubieten, und für Mitarbeitende von anderen Kliniken und Spitälern organisieren wir eine Schulung zur Frührehabilitation von Kriegsverletzten. Ich habe mit sehr kompetenten Leuten zusammengearbeitet. Alle leisten unglaubliche Arbeit, um die Patient*innen zu stabilisieren. Aber der Bedarf ist enorm und es handelt sich um eine Art von Patient*innen, die sich das Personal nicht gewohnt ist.»
Warum benötigen die Patient*innen eine Frührehabilitation?
«Unser Ziel ist es, spätere Komplikationen zu vermeiden. Jede Verletzung geht immer mit einer Liste möglicher Probleme einher. Wenn also Patient*innen mehrere Verletzungen haben, birgt jede von ihnen weitere Risiken, die die Genesung beeinträchtigen können. Es ist sehr wichtig, dass die Patient*innen sich sicher bewegen können. Wenn sie sich zu lange nicht bewegen, drohen ihnen Kreislaufprobleme und ihre Gelenke verlieren an Beweglichkeit. Bereits drei oder vier Tage ohne Bewegung können einen enormen Einfluss auf den Körper haben. Es dauert nicht lange, bis sich ihr Zustand zu verschlechtern beginnt, und die Genesung sehr schwierig wird.
Es kann zum Beispiel sein, dass Patient*innen nach einer Verletzung oder Operation ihr linkes Bein nicht bewegen können. Das rechte Bein, die Kernmuskeln und die oberen Gliedmassen müssen jedoch trotzdem weiterhin regelmässig bewegt werden, um eine Verschlechterung des Zustands zu verhindern und die funktionelle Erholung zu fördern.»
Welche Arten von Komplikationen können auftreten?
«Wenn man von körperlicher Rehabilitation spricht, muss man an den ganzen Körper denken. Dazu gehören nicht nur die Haut und die Muskeln, sondern auch das Nervensystem und die lebenswichtigen Organe. Das Herz hängt von der Lunge ab, und eines der grössten Probleme, das wir sehen, sind Komplikationen bei der Atmung. Wenn Patient*innen nicht husten und ihre Lungen befreien können, besteht die Gefahr einer Lungenentzündung oder eines Atemstillstands, der tödlich enden kann. Ein niedriger Sauerstoffgehalt kann auch zum Absterben von Gewebe führen, was für die Heilung von Verletzungen nicht förderlich ist. Es gibt viele verschiedene Rehatechniken, die den Patient*innen je nach Zustand das Atmen erleichtern, aber eine der besten Möglichkeiten ist, wenn die Patient*innen aufstehen und sich bewegen. Auch hier zeigt sich, wie wichtig eine Frührehabilitation ist, um die Mobilität zu verbessern.
Bewegung wirkt sich auch auf das Wohlbefinden aus, das dann wiederum den Heilungsprozess beeinflussen kann. Wir hatten Patient*innen, die sechs Wochen nicht mehr draussen waren, was auch ihre psychische Gesundheit beeinträchtigte. Wir hatten auch viele ältere Menschen, die gesundheitliche Probleme entwickelt hatten, weil sie über längere Zeit in geschlossenen Räumen Schutz gesucht hatten, bevor sie evakuiert wurden. Allein die Tatsache, dass sie mobil genug sind, um rauszugehen – oft mit Mobilitätshilfen – kann eine grosse Veränderung bewirken und ihr Wohlbefinden erheblich verbessern.»