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2. Bergstürze, Geologie, Geographie und Verkehrsgeschichte
„Nud ei perpeten, danor las midadas“
„Nichts ist ewig, ausser die Veränderung“ (Unbekannt)
Unter dem geographischen Begriff „Rhäzünser Boden“ (Pleun da Razén) werden hier die Territorien der heutigen Gemeinden Bonaduz, Ems, Felsberg und Rhäzüns bis zum Jahr 1851 verstanden, das Rheintal von den Westgrenzen Churs bis zur Vereinigung der beiden Rheine bei Reichenau auf der rechten und bis zum Felsband bei „Pfida“ auf der linken Flussseite, und ferner der „Rhäzünser Boden“ im engeren topographischen Sinn, nämlich die Terrasse von Bonaduz und Rhäzüns. Das bebaute Land des erstgenannten Teiles – Ems und Felsberg – ist ein vom Rhein geebneter Boden, aus dem sich seltsame Höcker respektive eine Reihe kegelförmiger Hügel erheben, gebildet aus Sturzmaterial des nördlich die Ebene begrenzenden Calanda und geformt von der Erosion des Wassers. Auch die Terrasse Bonaduz, die fruchtbare Campagna, besteht aus solchen so genannten Breccienbuckeln, die jedoch hier vom Flimser Bergsturz herstammen.1
Bild von 1642: Dr. Erwin Poeschel. Die Kunstdenkmäler d. Kant. Graub. Band III, Verlag Birkhäuser Basel 1940. S. 1.
Der geographische Begriff „Bezirk Imboden“ (el Pleun district) umfasst das Gebiet der Herrschaft Rhäzüns, das im Jahr 1819 an den Kanton Graubünden überging. Aus dem „Rhäzünser Boden“ entstand neu seit dem Jahre 1851 „mit dem Kreis Trins dazu der politische Bezirk Imboden“. (1851, neue Landeseinteilung im Kanton Graubünden)
Neben den Talabschnitten gehören zur Region die beidseitigen Talhänge, im Süden durch die Stätzerhornkette, im Norden durch den Piz Grisch, die Tschingelhörner, den Segnaspass, Ringelspitz und Calanda begrenzt. Am 1357 m hohen Kunkelspass (diluviale Transfluenzstelle des ehemaligen Rheingletschers) stösst die politische Grenze der Gemeinde Tamins allerdings noch rund 4.5 km weiter nordwärts vor und umfasst mit den Maiensässwiesen Kunkels und den Arealen der Gross- und Hinteralp wesentliche Teile des Einzugsgebiets des obern Vättner- beziehungsweise Taminatales.2
Beobachtungen in den 1930er-Jahren durch mehrere Geologen im Bergsturzgebiet in der Umgebung von Reichenau und Rhäzüns. Seit den Zeiten des Geologen G. Theobald hat die ungeheure Bergsturzmasse von Flims das Interesse der Geologen immer wieder wachgerufen. Das Vorhandensein einer einheitlichen Trümmermasse, welche aus der Südflanke des helvetischen Deckengewölbes herausgebrochen war, konnte nach den Aufnahmen von Albert Heim, J. Oberholzer und R. Gsell als gesichert gelten. Als unmittelbare Ursache der Katastrophe galt das Abschmelzen der eiszeitlichen Gletscher, welches die unterschnittenen Hänge ihres Sockels beraubte. J. Oberholzer gelangte auf Grund seiner äusserst sorgfältigen Untersuchungen zu der letztmalig 1933 (5) vertretenen Ansicht, dass in der Gegend von Reichenau-Tamins noch drei weitere grosse Sturzmassen vorliegen, deren Abrissgebiete am Kunkelspass und am benachbarten Calanda eine weitere Sturzmasse etwas östlicher unter der Calandaalp vermutet wurden. Eine genaue Abgrenzung der Abbruchnischen und der Trümmermassen schien unmöglich, da die letztern aus demselben Gesteinsmaterial, insbesondere aus Hochgebirgskalk, Docker, Rötidolomit und grünen altkristallinen Schiefern des Tavetscher Massives bestehen, welche Schichtglieder und Gesteine auch in den Abrissgebieten vorherrschen.3 Durch Beobachtungen und Forschungen von mehreren Geologen aus verschiedenen Universitäten wissen wir seit den 1930er-Jahren, dass es mindestens 5 grössere nachweisbare Bergstürze in der Region Imboden gegeben hat.4
Imposantes Bergsturzgebiet. Auf der rechten Talseite umfasst die Region die Gemeinden Rhäzüns, Bonaduz und Domat/Ems sowie den ehemaligen Kreis Rhäzüns und auf der linken die Dörfer Tamins und Felsberg, zwei Gemeinden des ehemaligen Kreises Trins. Der politische Bezirk Imboden (ehemals Kreis Rhäzüns und Kreis Trins) deckt sich somit nicht genau mit der Region Imboden, da der vormalige Kreis Trins neben den erwähnten Siedlungen zusätzlich die Gemeindeareale von Trins und Flims umfasste. Deshalb verschiebt sich die Bezirksgrenze beträchtlich talaufwärts und schliesst die wesentlichen Teile des spätglazialen Flimser Bergsturzes mit ein. Vom hügeligen, bewaldeten Ablagerungsgebiet, welches als eigentlicher Fremdkörper das Vorderrheintal unterhalb Ilanz brüsk begrenzt und die Landschaft in die Sur- und Sutselva trennt, zählen zum Bezirk das bewaldete Umland der Waldhäuser mit den bekannten Bergsturzseen Prau Pulté, Cauma- und Crestasee sowie die reizvolle Waldwiese Conn mit eindrücklichem Blick auf die tief gelegene Rheinschlucht Ruinaulta. Im Norden umfasst das Gemeindegebiet von Flims zudem zwischen Flimserstein und Piz Grisch auch die gewaltige Ausbruchnische des nacheiszeitlichen Bergsturzes, der mit seiner Abbruchkubatur von rund 13 Milliarden Kubikmetern für den gewaltigen “Alpensturz“ repräsentativ ist und mit seinen östlichsten Ausläufern (Hügeln) bis in der Gegend von Bonaduz und Reichenau vorstösst (Bot Tschavir, Bot Danisch, Bot Dagatg).
Hügellandschaft. Von den Talhängen abgesehen ist für die Region Imboden die eindrückliche Bodengestaltung der Talniederung charakteristisch, das heisst beträchtliche, ausgesprochen flache Areale, wie beispielsweise der Emser und Rhäzünser Boden. Der Name „Imboden“ (el Pleun) für den politischen Bezirk basiert zweifelsohne auf dieser eindrücklichen Bodengestaltung.
Aus diesen auffälligen Alluvialebenen des Talbodens erheben sich meist mehr oder weniger kegelförmige – vielfach eine Vulkanlandschaft vortäuschende – Hügel: ils Bots von Bonaduz, las Tumas von Ems und las Crestas von Rhäzüns. Der Reliefcharakter ist derart einmalig, dass der bekannte Geologe Albert Heim – speziell für die Hügellandschaft um Domat / Ems – den Begriff „Tomalandschaft“ prägte. Die Bezeichnung „Toma“ (romanisch: Tuma beziehungsweise Tumma) wird vom lateinischen „tumulus oder „tumus“ abgeleitet, was Hügel oder Erhebung bedeutet. Es handelt sich bei diesen Hügeln aber keineswegs um vulkanische Überreste, sondern um Bergsturzrelikte aus Gesteinsdeponien mehrerer spätglazialer Stürze, die ähnlich wie der alte Flimser Bergsturz von der linken, im Schichtfallen liegenden Talseite nach dem Rückzug des Würmgletschers und dem dadurch bedingten Wegfall des seitlichen Eisdrucks niederbrachen. Es geht dabei um Stürze aus der Kunkelspass- und Calandaregion. Dem auffälligen „Felszirkus“ – der scharf profilierten Ausbruchsnische westlich des Kunkelspasses – entstammen die Malm- und Doggerhügel um Tamins sowie die ausgedehnte Hügellandschaft „ils Aults“ (die Anhöhen) südöstlich von Reichenau, deren höchster Punkt auf 768 m ü. M. den Emserboden um 168 m überragt.
Ein zweiter Sturz erfolgte rund einen Kilometer östlich des Kunkelspasses aus der Bleiswaldnische heraus (unterhalb Foppachopf). Ihm verdanken die Crestas bei Rhäzüns, die Hügelreste bei Undrau und ausserhalb der Region im Domleschg der Trias-Dolomithügel bei Pardisla (Gemeinde Paspels) wie auch der südlichste Bergsturzrest (Tomba von Rodels) ihre Existenz.
Ein dritter Bergsturz, dem die 12 Hügel von Domat / Ems – die „klassische Tomalandschaft“ – wie auch der Hügel beim Felsberger Schulhaus ihr Dasein schulden, erfolgte schliesslich noch etwas weiter östlich unterhalb der Calandaalpen. (Eine Tomalandschaft bilden zudem auch die kleinen Erhebungen am westlichen Ausgang der Stadt Chur). Bei den Alluvialebenen ist auffällig, dass diejenige des Rhäzünser Bodens jene von Domat/Ems um rund 60 m überragt. Auch dieses Phänomen erklärt sich als Folge der Bergsturzereignisse. Hinter den ils Aults-Hügeln, die ursprünglich mit den Bergsturzresten nördlich des Rheins zusammenhingen, stauten sich die Gewässer einst zum Reichenauer See, der allmählich durch die Ablagerungen der beiden Rheine bis auf die Höhe der beiden Dörfer Rhäzüns und Bonaduz aufgeschüttet wurde. Mit der sukzessiven Durchsägung der ils Aults-Sperre schnitten sich die Flüsse in ihre eigenen Aufschüttungen ein, was zur Gestaltung des heutigen Landschaftsbildes führte.5
Findling / crap erratic: Ein Findling, auch erratischer Block oder Erratiker genannt, ist ein heute meist einzeln liegender Stein, der während den Eiszeiten durch Gletscher transportiert und in seine heutige Lage abgelegt wurde.6 Auf Rhäzünser Gebiet finden wir mehrere hundert grössere und kleine Steinblöcke. Diese sollen aus der Albula- und Julierpass-Gegend herstammen. Farblich sind die meisten Steine leicht grünlich, die höher liegenden sind eher bläulich. Sie kommen zwischen ca. 800 und1600 m ü. M. von Tschunceuns, Foppas bis Runcars und von Runcalatsch bis Tschaneuntas und stavel Alp sut et pleum da schers vor.7
Dieser Findling liegt im stavel Alp sut, etwa 150 m unter der Alphütte, und misst ca.15-20 m3. Er war ehemals grösser als heute. Man sprengte den Stein für die Nutzung von Baumaterial für den Bau der Alphütte/Stallungen (Sammlung chrsp.)
Das Dorf Rhäzüns liegt am Westrand der Ebene, angelehnt an den Berghang am Fusse der nördlichen Abhänge des auslaufenden Heinzenbergs. Das Gemeindeareal umfasst zwei ganz verschiedene Landschaften: Einerseits den grössten Teil der flachen, rund 60 m über dem Rheinlauf gelegenen Ebene zwischen Rhäzüns und Bonaduz (Rhäzünser Boden) mit ihrer südlichen Fortsetzung in Undrau und anderseits den grössten Teil der östlichen und nördlichen Abhänge des im Norden auslaufenden Heinzenbergs. Geologisch besteht der Heinzenberg – wie auch die Erhebungen Tarmuz Bass und Tarmuz Ault zwischen dem Dorf und Undrau – aus den penninischen Bündnerschiefern, Rhäzünser Boden und Undrau hingegen sind Schotterebenen. Als Relikt des späteiszeitlichen Kunkelser Bergsturzes werden heute auch die aus der Ebene emporragenden Hügel (in Rhäzüns sind es die Crestas und Bots) sowie die am linken Hinterrheinufer durch Flusserosion freigelegten helvetischen Gesteinspartien, die unter anderem den Untergrund des Schlosses Rhäzüns und der Kirche St. Georg bilden, aufgefasst. Die seinerzeitige Version, es handle sich bei diesen im penninischen Raum eindeutig fremden helvetischen Gesteinszonen um anstehende Reste der helvetischen Wurzelzone, ist längst aufgegeben worden. Die zum Teil deutlich starke Zertrümmerung des Gesteinsmaterials, wie auch die komplizierten Lagerungsverhältnisse der einzelnen Vorkommen festigten die neuere Auffassung, die Deutung dieser Partien als Bergsturzüberreste analog denjenigen der Emser Tomalandschaft.8
Flugaufnahme von 1958 (Sammlung chrsp.)
Die Rhäzünser Crestas und Bots: 1.Cresta Leunga 2.Cresta Biema 3.Cresta Biema pintscha 4.Cresta dil Rufer 5.Cresta dil Sibel 6.Cresta da Darnaus 7.Cresta da Tschart 8.Bot da S. Gieri 9.Cresta dil Casti 10.Tarmuz Bass 11.Bot Danisch 12.Tuma ils Aults 13.Ausbruchnische westlich des Kunkelspasses 14.Ausbruchnische östlich des Kunkelspasses, Foppaschopf 15.Ausbruchnische östlich des Kunkelspasses, Bleiswald (Bemerkung: Tarmuz Ault ist nicht auf dem Bild.)
In verkehrsgeschichtlicher Hinsicht war und ist das Gebiet immer noch von grosser Bedeutung. Dass sich in diesem Raum die Abzweigung der Lukmanierroute von der so genannten „Unteren Strasse“ (oder „Italienischen Strasse“), dem Weg zum Splügen- und San-Bernardino-Pass, vollzieht, ist schon durch die spätrömischen Itinerarien belegt. Diese Gabelung lag in alten Zeiten in Ems, wo der Lukmanierweg – beim Hügel St. Johann – den Rhein überschritt, während die Splügenroute durch den „Vogelsang“ zog, zwischen „Brühl und Plazzas“ den Hinterrhein überquerte und an der Georgskirche vorbei nach Rhäzüns weiterführte.9
Wo der Übergang über den Hinterrhein war, kann nur vermutet werden. Dr. E. Poeschel lokalisiert ihn zwischen Bregl und Plazes, während Armon Planta von einer Hyppolitbrücke (Punt Sogn Ipeulit) ausgeht, die südöstlich der Kirche von St. Georg über den Rhein geführt habe.10 Auch Dr. Dietrich Jecklin schreibt in der Legende des hl. Ritters Georg: „An welcher Stelle man noch im Jahr 1880, den am Boden liegenden langen Stein sieht, in welchem man in der Mitte der Oberfläche ein Loch bemerkt, in welches die Fahnen der Wallenden aufgepflanzt wurden. Dieser Stein heisst in unsern Tagen noch Crap Sonch a Peults“. Im Gelände beidseits des Rheins waren jedoch keine Spuren, weder eines Zugangs zur Brücke, noch von dieser selbst, zu finden.11 Nach Pl. Barandun wurde der Stein (Crap Sogn a Peults) 1886 für die Rheinkorrektion gesprengt.12 Auch eine Urkunde von 1443 deutet auf die Existenz einer Hinterrhein-Brücke hin. Es ist dort die Rede davon, dass Rhäzüns Weiderechte in der Isla-Bella auf der rechten Talseite, besass und Ambros Tomasch sowie dessen Sohn Bartholome je die Hälfte des Gutes Sessella belehnten, das jenseits des Rheines, hinter S. Gieri am Berg lag.13 Mit Sicherheit gab es in der Bronzezeit eine Brücke und zwar nicht nur für den Regional-Verkehr, sondern auch für den damaligen Transit-Verkehr von Norden nach Süden und umgekehrt.14
Zu den damaligen Strassenzügen: Aus den anfänglich Lasttier-breiten Pfaden entstanden bis zum heutigen Tag immer breitere Wege. Die ersten schmalen Strassen schmiegten sich eng dem Terrain an. Der Pferdewagen (la Bena) prägte damals weitgehend den Strassenbau. Es wurde versucht, mit geringsten Mitteln den wirtschaftlich besten Verkehrsweg zu schaffen; Bauform, Material, Strassenbautechnik und Verarbeitung entsprechen dem Technikstand jener Zeit.15
Die Hauptdurchgangsstrasse zu den Hinterrheinpässen verlief auf der linken Talseite, also dem Heinzenberg entlang. Sie umging die Talenge Tscheum da l`aura zwischen Rhäzüns und Rothenbrunnen, stieg von Rhäzüns nach Runcaglia, Pleum da Spagna, Tschunceuns und Trieg hinauf, um sich dort zu verzweigen; der untere Weg führte durch Cazis nach Thusis, der obere über den Heinzenberg nach Urmein, von da aus nach Summapunt (obere Brücke) und weiter nach Lohn im Schams. Die untere Route blieb von Thusis aus eine kurze Weile am linken Ufer des Nolla, um hernach, den Bach überschreitend, durch das Tälchen westlich des Crapteig Rongellen und die Viamala zu erreichen. Diese Schlucht wurde zwar schon im hohen, vielleicht sogar im frühen Mittelalter begangen, aber erst 1473 für Pferdekarren (la Bena) ausgebaut. In Urmein zweigte von der oberen Heinzenbergroute ein Weg nach Tschappina – und über den Glaspass nach Safien – ab: Safierbergpass – Splügen – Splügenpass – Chiavenna. Bernhardinpass – Mailand und Venedig. Sowie: Safien –Tomülpass – Vals – Olivone TI – und weiter nach Süden. Die Heinzenbergroute nach Tschappina / Glaspass war für die Ausdehnung des Klosterbesitzes von Cazis in diesem Tal von grosser Bedeutung.16 Wichtiger aber wurde später der Transitweg am Fusse des Berges, auf dem die Rhäzünser Bauern mit ihren Ochsen-, Kuh- und Pferdegespannen die Waren von Reichenau über die Bergkannte Tschunceuns nach Cazis und Thusis oder nach Urmein transportierten. Der Aufschwung im Transitverkehr in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts führte zu beachtlichem Wohlstand, der sich auch im Bau der barocken Pfarrkirche kundtut, an deren Baukosten sich übrigens auch Kaiser Leopold I. als Herr von Rhäzüns beteiligte.17
Die Südrouten von Rhäzüns aus
1.Lukmanierweg 2.Nord-Süd-Transitweg 3.Viamala-Ausweichweg bis 1473 4.Domleschg-Schynweg 5.Kantonstrasse 1823 6.Versamerweg-Abzweigung in Bonaduz (1881 entstanden)
Zum Domleschg–Schynweg: Viel befahren wurde jedoch auch ein zweiter Weg, der „im Brühl“ abzweigend am rechten Ufer des Hinterrheins blieb und den direkten Zugang zum eigentlichen Domleschg sowie zum Schynweg vermittelte. Vermutlich im späten Mittelalter erfolgte die Verlegung des Rheinüberganges von Ems nach Reichenau, wo die Vorderrheinbrücke schon bestand, und diese Trasse wählte auch die 1822 gebaute Kunststrasse (die so genannte Via Nova), die sich nun durch den Rhäzünser Stein den Weg bahnte. 1881 entstand die in Bonaduz abzweigende neue linksufrige Oberlandstrasse über Versam nach Ilanz. Die Eröffnung und Inbetriebnahme der RhB-Schmalspur von Landquart über Chur und Rhäzüns nach Thusis erfolgte 1896, nach Ilanz und Disentis/Mustér 1903.18
Bild: aus Graubünden in alten Ansichten. Schriftenreihe des Rätischen Museums Chur 45, 2002. S. 283. - 1828. Zwischen Rhäzüns u. Rothenbrunnen: Tgeum da l`aura (Wetterkopf auch Felskopf sowie Rhäzünser Stein) genannt. Kol. Aquatinta von Joh. Jakob Meier (1787-1858) u. Conrad Casp. Rordorf (1800-1847)
Bild: aus Graubünden in alten Ansichten. Schriftenreihe des Rätischen Museums Chur 45, 2002. S. 403. -1828. Verlorenes Loch in der Viamala-Schlucht von Norden her, Lithographie v. Giuseppe Bisi, 1787-1869.
Erschließung der Infrastruktur von Rhäzüns (zeitlich geordnet)
Naturgemäss benutzten schon die ersten Siedler den Rheinfluss, um Personen und Handelsware auf Flössen zu transportieren.
Schon im Zeitraum von 3000 Jahre v. Chr. bis ca. 1800 n. Chr. zogen von Süden nach Norden und auf dem umgekehrten Weg Reisende wahrscheinlich über die einzige Hinterrhein-Brücke und zwischen der Kirche St. Georg und dem Schloss durch das Dorf Rhäzüns. „Von hieraus stieg (man) – die Fels-Enge meidend – über Runcaglia zum Heinzenberg weiter nach Italien“.19
1300-1823: Während dieser Zeit bestand eine Flösserei-Gesellschaft in Rhäzüns, die Handelsware auf dem Rhein flösste.20 M.s.u. 37. Handel und Transportverkehr vom 14. Bis Ende des 19. Jahrhunderts
1818-1823: Die Kommerzialstrasse. Der zweite Strassenzug wurde vom Kanton Graubünden in der Bauperiode 1818-1823 gebaut. Er führte von Chur aus über Rhäzüns, Thusis und den San-Bernardino-Pass bis zur Tessiner Grenze, und über den Splügenberg bis zur italienischen Grenze und Chiavenna. Die Strecke hat eine Länge von 128.7 km und eine Breite von 5-6 m. Man nannte sie von Chur aus sowohl „die Untere Strasse“ als auch die „Italienische Strasse“. In Rhäzüns bezeichnete man sie als „Via Nova“ oder auch „Via principala“.21
1840: Gründung Schweizerische Bundespost: Es ist anzunehmen, dass in Rhäzüns zur gleichen Zeit ein Postschalter eröffnet wurde.
- Ab 1840 Transport mit Pferdepost.
- Ab 1857 kam die SBB Bahnpost hinzu. (Teilstrecken)
- Ab 1889 kam die RhB Bahnpost hinzu. (Teilstrecken)
- Ab 1903 kommt das Automobil (Motorfahrzeuge) hinzu. Graubünden erst ab 1925.
- 1961 wurde die letzte Pferdepost nach Avers auf die Reise geschickt.
- Am 30. April 2013 wurde die Poststelle Rhäzüns nach 165 Jahren ohne Betriebsunterbruch geschlossen.
- Seit dem 1. Mai 2013 werden die Postdienstleistungen in einer Postagentur erbracht („Post im Denner-Dorfladen“).
M.s.u. http://www.poststempel-graubuenden.ch/imbodenseiten/imbodenseiten1.html
1888: Trinkwasser. Im Jahr 1888 liess die Gemeinde 10 Dorfbrunnen mit einer geschlossenen Trinkwasser-Leitung für die Dorfbewohner sowie Viehtränken erstellen. Später wurden die Wasserleitungen gegen eine Gebühr auch in die Häuser und Ställe gezogen. M.s.u. 43. Gemeindebetriebe
1890/95: RhB-Route von Landquart nach Thusis soll Bestandteil einer Eisenbahn-Linienführung werden
1. Variante: Die Splügenbahn oder Engadiner-Express RhB-Route von Landquart nach Thusis sollte Bestandteil einer offiziellen Eisenbahn-Linienführung werden. Das Hauptaugenmerk lag auf der Route 1 auf der rechten (Tal-)Seite des Rheins durch die Rhäzünser Rheinauen, beide Routen führten jedoch von Ems über Vogelsang-Rothenbrunnen nach Thusis.
2. Variante: Mit Bahnhof „westlich vom Dorf Rhäzüns bei Prada“. Eine Intervention der Kreis-Gemeinden von Rhäzüns und Trins war bei einem Gegenvorschlag zu erwarten. Diese Linienführung sollte über Reichenau mit einer Abzweigung über die Linke Seite des Vorderrheins durch die Surselva verlaufen (4) und dem Hinterrhein entlang weiter über Campagna, Bonaduz und (2) Rhäzüns Puleras – „Prada Bahnhof“ – nach St. Paul, Undrau, Pigniu und Rothenbrunnen.
3. Variante: Der damals amtierende Standespräsident B. Vieli schlug eine 3. Linienführung vor, die Schlussendlich dann auch gemäss seinem Vorschlag umgesetzt wurde; somit wurde auch der Bahnhof östlich des Dorfes Rhäzüns (12) gleich dort erstellt, wo es bis auf den heutigen Tag steht.
4.Surselva-Bahn 5.Autobahn N13 6.Kantonsstrasse 7.LRF (Luftseilbahn) 8.Bahnhof Reichenau 9.Bahnhof Bonaduz nach Variante 2 10.Bahnhof Prada-Rhäzüns nach Variante 2 11.Bahnhof Bonaduz 12.Bahnhof Rhäzüns nach Variante 3 (bis zum heutigen Tag).
1894. B. Vieli, Standespräsident, spielte keine unwichtige Rolle bei der Linienführung. Er wollte den Bahnhof näher bei der Via Casti bauen, denn er war Mitbesitzer folgender Bauplatzflächen: ca. 500 m2 eigene Wiesen & ca.4000 m2 am Bahnhof Platz.
1896: Eröffnungs-Feier und Inbetriebnahme der RhB-Linie Chur – Rhäzüns – Thusis. Am 1. Juli 1896 fuhr der erste Zug in Rhäzüns ein.23
Bau-Mannschaft der RhB-Streckenlinie Landquart – Rhäzüns – Thusis. Bauzeit: 2.Jahre. (Sammlung chrsp.)
Davitg Rhäzüns, um 1900 vor dem verheerenden Brand vom 17.3.1903. (Sammlung chrsp.)
1903: Das Spezialreservoir für die Löschsicherheit bei Feuersbrünsten wurde mit separater Wasserleitung zu den Hydranten-Anlagen gezogen.22
1906: Das erste Telefon in Rhäzüns? (Vermutlich über die Station der Rhätischen Bahn)
1907: EWT Elektrizitätswerk Trin. Nach einer Bauzeit von zehn Monaten konnte das Elektrizitätswerk Trin anfangs März 1907 den Betrieb aufnehmen und die beteiligten Gemeinden, darunter auch Rhäzüns, mit Strom beliefern.24 M.s.u. 47. Elektrizität
1920/22: Die „Sägerei Rhäzüns P. Vieli & Cie.“ erstellt ein Geleise-Trasse mit Verbindung zur RhB-Station Rhäzüns. Gegründet und gebaut wurden der Sägerei-Holzhandel-Betrieb und eine Kornmühle um 1875. M.s.u. 46. Dorfsägerei und Kornmühle
1954/55: Abwasser-Kanalisation: Im Zusammenhang mit den Kanalisationsanschlüssen wurden auch die letzten Häuser und Ställe mit einer geschlossenen Wasserleitung versehen sowie im gleichen Arbeitsgang auch die Innerortsstrassen asphaltiert.
1957: Fernsehen (Television): Die ersten Flimmerkästen in Rhäzüns. (In der Schweiz 1952)
1958 1. August: Eröffnungsfeier und Inbetriebnahme der Luftseilbahn Rhäzüns/Razén –Feldis/Veulden. M.s.u. Luftseilbahn Rhäzüns-Feldis (LRF)
1967: Einweihung und Eröffnung des San-Bernardino-Tunnels. Fünf Jahre dauerten die Bauarbeiten des 6,5 km langen Tunnels, woraufhin dieser am 1. Dezember 1967 eingeweiht werden konnte.
1983: Am 11. November wurde für den Nord-Süd- und Süd-Nord-Transitverkehr die Nationalstrasse Isla-Bella-Tunnel-Umfahrung eröffnet. Die neue Transitstrasse führt östlich des Rhäzünser Territoriums an diesem vorbei.
An der Bedeutung des Knotenpunktes Rhäzüns hat sich bis heute nichts geändert, verglichen mit früher. Verändert haben sich einzig die verschiedenartigen Transportmittel, sei es beim Güter- oder beim (touristischen) Personen-Verkehr, in dessen Zuge grosse Menschenmassen durch das Tal rollen in einem solchen Ausmass, dass es an einem bedenklichen Punkt angelangt ist.
Rhäzüns liegt am Verbindungsweg von Chur her über Reichenau nach Thusis, von wo aus zahlreiche asphaltierte Alpenpässe nach dem Tessin, dem Engadin und Italien beginnen und wo auch die die Bahnlinie der RhB in Richtung Engadin, Bernina und Tirano (Italien) vorbeiführt. Die Verkehrslage ist daher sehr günstig.
Umfahrung der Dörfer Rhäzüns und Bonaduz: Über mehrere Jahrzehnte hinweg führte der ganze motorisierte Verkehr über die Kantonsstrasse (Via Nova) durch das Dorf, das permanent überlastet war. Am 11.11.1983 wurde für den Nord-Süd- und Süd-Nord-Transitverkehr die Nationalstraße Isla-Bella-Tunnel Umfahrung eröffnet und eingeweiht. Die Dorfbevölkerung, vor allem die Anwohner der Via Nova und die lokalen Verkehrsteilnehmer, spürte eine grosse Entlastung. Zum ersten Mal führt der Nord-Süd-Transitverkehr seit der Römerzeit nicht mehr durch das Dorf Rhäzüns. Es war ein „historischer Moment“, in doppelter Hinsicht.25 (Vergleich mit der Zeit vor der Motorisierung: „Waren das herrliche Zeiten, als der belebtere Transitweg mit Ochsen- und Pferde-Gespann durch das Dorf begangen wurde“.)
Kurzfilm "Reise nach dem Süden" vom Jahre 1958 - https://www.youtube.com/watch?v=ONZGRuVbikQ&feature=youtu.be
Ein Chronist aus früheren Zeiten schreibt unter anderem: „Als dann um 1823 die neue St. Bernhardiner- und Splügenstrasse gebaut und verbreitet wurde, reichte der Weg in Rhäzüns bis an die Hausmauern beiderseits heran.“26
Sammlung chrsp.
1999: Anschluss mit Busshaltestellen: „dr Bus vo Chur“. Rhäzüns Dorf und LRF-Talstation Rhäzüns, Wendekreis.
2001: Glasfaserkabel-Anschluss durch Cablecom für TV, Radio, Telefon und Internet.
2003: Postautohaltestellen RhB-Station Rhäzüns und LRF-Talstation Rhäzüns, via Cazis-Thusis
2003: Postautohaltestellen RhB-Station Rhäzüns und LRF-Talstation Rhäzüns, via Domleschg-Thusis.
2012: Postautohaltestelle Rhäzünser Mineralquelle. Neu hält das Postauto auch vor der Mineralquelle Rhäzüns an.27 M s. u. 45. Mineralquelle Rhäzüns
2016/17: Der Bahnhof von Rhäzüns der Rhätischen Bahn (RhB) wurde in den Jahren 2016 und 2017 für insgesamt 7 Millionen Schweizer Franken modernisiert und behindertengerecht umgebaut. Anlässlich der Einweihung des neuen Bahnhofs vom 14. August 2017 wurde eine junge Linde gepflanzt. Dadurch wurde einerseits jene Linde ersetzt, welche aus Platzgründen weichen musste. Anderseits zeigt die RhB damit auch, dass die Gestaltung der Umgebung bei ihr mitberücksichtigt wird.
Kundenfreundliche Publikumsanlage … (2016/17)
Rhäzüns ist für die RhB ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt auf dem S-Bahn-Netz. Hier kommen Bahn, Bus sowie die LRF Luftseilbahn Rhäzüns-Feldis zusammen – eine nahtlose und effiziente Verbindung zwischen Schiene und Strasse wird sichergestellt. So ist das neue Herzstück des kundenfreundlichen Bahnhofs denn auch eine optimierte und modernisierte Umsteigebeziehung zwischen Bahn und Bus. Der neue Hochperron Gleis 1 ist heute ein kombinierter Perron zwischen Bahn und Bus mit Überdachung sowie Haltekante für Postautos. Weiter wurde die Fassade des Bahnhofgebäudes aufgefrischt und der neue Bahnhof Rhäzüns entspricht den Anforderungen des Behinderten-Gleichstellungsgesetzes (BehiG).
…und modernisierte Bahnanlage
Der früher dreigleisige Bahnhof Rhäzüns wurde zu einer zweigleisigen Kreuzungsstelle mit Aussenperrons umgestaltet. Der neue Aussenperron Gleis 2 ist für die Kreuzungsmöglichkeit von zwei haltenden Reisezügen notwendig. Die Perron-Kanten haben eine Länge von 160 Metern und sind durchgehend beleuchtet.28
Photos 2017 Sammlung chrsp.