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Band 3 der bei Meiner erschienenen und unter Aufsicht von Ruedi Imbach herausgegeben kleinen Werkausgabe Dantes, 2007. De vulgari eloquentia war auf mehrere Bände angelegt, aber Dante ist nur bis zum zweiten Kapitel des zweiten Bandes vorgedrungen; die Werkausgabe von Imbach enthält nur Band I.
Wenn es um die Sprache geht, entwickelt Dante Alighieri auch eigene Gedanken. Natürlich kennt und verwendet er die sprachphilosophischen Überlegungen der Scholastik, vor allem Thomas von Aquins und Augustins. Im Gegensatz zu andern scholastischen Denkern aber kommt er in den präliminarischen Überlegungen zum Schluss, dass nicht nur die Tiere nicht reden können, sondern auch die Engel. Wie immer diese auch kommunizieren: Sprache verwenden sie nicht. Sie erkennen einander direkt und wissen deshalb immer, was der andere Engel „sagen“ möchte. Selbst den gefallenen Engeln ist zumindest das Wissen voneinander geblieben. Denn darum geht es gemäss Dante bei der Sprache: Wenn wir sprechen, wollen wir den andern den Begriff unseres Geistes erklären. (De vulgari eloquentia II) Das geht letztlich auf Plato zurück, wird aber Dante wohl durch Vermittlung Thomas von Aquins bekannt gewesen sein.
Aber das sind, wie gesagt, nur Präliminarien, dem eigentlichen Sinn und Zweck der kleinen Abhandlung vorausgehende und ihre Gedanken unterstützende Überlegungen. Es geht Dante um das, was die Übersetzer der Werkausgabe ‚Volkssprache‚ genannt haben. Warum er die Volkssprache sucht und untersucht, sehen wir weiter unten.
Als Eingang in die Materie untersucht Dante die Sprachen, die in Europa gesprochen werden. Zunächst unterscheidet er drei verschiedene Sprachstämme, die wir heute in etwa als den slawischen, den germanischen und den lateinischen bezeichnen würden. Von denen konzentriert er sich dann auf den, den wir heute den lateinischen nennen würden. Darin findet er wiederum drei Untergruppierungen, die er nach der Art und Weise voneinander unterscheidet, wie in der Volkssprache ‚ja‘ gesagt wird. Er macht also bereits den Unterschied der Langue d’Oc von der Langue d’Oïl und fügt diesen beiden Gruppen noch als dritte die der Si-Sprachen an, der Sprachen also, in denen ‚Ja‘ ‚Si‘ heisst, also grob gesagt das Italienische. Nach ein paar Überlegungen zu der Langue d’Oc und zu der Langue d’Oïl optiert Dante fürs Italienische als am besten geeignete Volkssprache.
Doch auch im Italienischen gibt es weitere Dialekte, ja, Dante erkennt sogar, dass u.U. die Sprache, die in der Vorstadt gesprochen wird, eine andere ist, als die, die im Stadtzentrum herrscht. Im Folgenden unterscheidet Dante zwar dann nur ganz grob nach Dialektgruppen dies- und jenseits des Appenin. Zum Schluss allerdings verwirft er sie alle, selbst die Sprache seiner Heimatstadt. Er verwirft sie zum Teil aus sprachlich-phonetischen Gründen, zum Teil aber auch aus Gründen der Moral ihrer Sprecher. Was Dante sucht, ist eine gereinigte, überregionale Volkssprache (gramatica). Das Latein als alle verbindende Sprache der Gelehrten wird von ihm nicht einmal dann namentlich erwähnt, als es sachlich gemeint sein muss – dann nämlich, wenn er die Verwandtschaft der europäischen Sprachen differenziert. Latein ist keine Volkssprache (mehr).
Wenn also Dante in seiner Commedia oder anderorts Italienisch schreibt, so steht dahinter eine sprachphilosophische Überlegung, die in der Art, wie sie Dante macht, neu ist: Nur eine gereinigte und überregional akzeptierte Volkssprache kann den Zweck der Kommunikation erfüllen, jedenfalls der Kommunikation, die Dante anstrebt, der gereinigten Kommunikation in der und durch die Literatur. Die Gelehrten mögen auf Latein kommunizieren, der Poet kann nur in einer Volkssprache zu seinem Publikum reden, weil er nur dann die Begriffe seines Geistes voll und ganz erklären kann.