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Kritik von Abel Zuchuat
Nach einem Kinderfilm (WONDERSTRUCK), einem Umweltthriller (DARK WATERS) und einem Dokumentarfilm (THE VELVET UNDERGROUND) verstösst Todd Haynes erneut gegen Konventionen, wie er es acht Jahre zuvor schon getan hatte. In CAROL (2015) rächte er sich am Hays-Code und brach gleichzeitig mit den narrativen Konventionen des klassischen Melodrams, indem er auf rührende und unerwartete Weise eine homosexuelle Liebesgeschichte erzählte. Mit MAY DECEMBER, der in Cannes seine Premiere feierte, wird Haynes wieder zu einem Regisseur der amerikanischen Gegenkultur. Sein formaler Ungehorsam beruht weniger auf der Wahl eines selbstreflexiven Themas – Plots, die sich mit Schauspielern befassen, sind im Kino nichts Neues – als vielmehr auf seiner äusserst eigenwilligen und durchdachten Regie. Wo der Film die Neurosen der Figuren durch die Dramatisierung ihres Spiels und der Dialoge konkret hätte aufzeigen können, zieht er es vor, den nahen Zusammenbruch mit falscher Nüchternheit zu inszenieren. In einer ruhigen und kühlen, oft sehr ästhetischen Umgebung spielen Julianne Moore und Charles Melton mit beunruhigender und geheimnisvoller Zurückhaltung ein Paar (Gracie und Joe) mit grossem Altersunterschied. Elizabeth (Natalie Portman), eine Schauspielerin auf Recherche-Besuch (sie soll Gracie in einem Spielfilm verkörpern), steht dabei vor der Aufgabe, einen Fall zu lösen. Die von Todd Haynes gewählten Leitmotive – lange, neugierige Zooms und Ermittlungsmusik aus Joseph Loseys THE GO-BETWEEN (1971) – verstärken diesen rätselhaften Effekt noch. Sobald das Eis gebrochen ist, werden die lange verborgenen Laster erkennbar; eine Manifestation einer latenten Gefahr, die ständig in der Luft schwebt.
Natalie Portman auf dem Höhepunkt ihrer Kunst.
Daraus nährt sich die gesamte Erzählung Elizabeths. Gierig versucht die Schauspielerin kleinste Details, die sie beobachtet, zu interpretieren. Bilder der Raupen, die Joe züchtet und die schliesslich zu Schmetterlingen werden, deuten metaphorisch eine Transformation an. Das gilt auch für das Spiel von Natalie Portman, die 2011 für ihre Rolle in BLACK SWAN den Oscar erhielt und nun in MAY DECEMBER eine atemberaubende Palette an Möglichkeiten zeigt. Etwa beim langen Monolog vor der Kamera, in dem die Schauspielerin mit verblüffender Leichtigkeit zwischen Ernsthaftigkeit und Tränen changiert, oder in der Schlusssequenz des Films – die beginnenden Dreharbeiten des Biopictures über Gracie -, in der sie zwanghaft die gleiche Szene wiederholt.