Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03611.jsonl.gz/2249

(Braminen, im Sanskrit Brâhmana), einst die Priesterkaste und der oberste Stand in Indien, jetzt zwar noch
eine höchst einflußreiche Kaste
daselbst, aber weder ausschließlich Priester noch der tonangebende Teil
der Bevölkerung
[* 4] mehr. In der ältesten Zeit des indischen Volkes war der Hausvater zugleich Priester für sich und seine Familie,
und die Opferpriester der Stammesfürsten, die Purôhitas, die schon in jüngern Wedaliedern auch Brahmanen genannt
werden, bildeten noch keinen bevorzugten Stand.
Als aber die Zahl der Gebete und Zeremonien wuchs, teils infolge der Verschmelzung einzelner Stammeskulte,
teils durch die Entfaltung der phantastischen religiösen Anlage der Inder, gehörte ein eignes Studium dazu, um sie alle zu
übersehen und gegenwärtig zu haben. Diese exklusive, förmlich gelehrte Kenntnis der göttlichen Dinge hat eine eigne Priesterkaste
geschaffen, die schließlich in langwierigem Kampf mit Adel und Königtum, von dem sich z. B. im Mahâbhârata
dunkle Erinnerungen erhalten haben, die Suprematie über das ganze indische Volk errang.
Unter den muselmanischen Herrschern war für die Brahmanen als geistliche Ratgeber keine Stelle mehr an den Höfen der Andersgläubigen.
Die Beschäftigung mit den heiligen Schriften, einst ihre ausschließliche Aufgabe, vertauschen sie von nun an mit weltlichen
Geschäften; in den von eingebornen Fürsten regierten Vasallenstaaten fungieren sie als Schreiber und Lehrer,
an den Höfen als oberste Beamte. Uneigennützige Charaktere sind selten unter ihnen; auch in diesen Stellungen haben sie zu
keiner Zeit versäumt, für sich zu sorgen, und derjenige Staat ist schlecht regiert, in welchem sie, wie in Gwalior (s. d.),
die Regierung führen.
Unter der englischen Herrschaft mußte der Einfluß der Brahmanen als Priester um so mehr schwinden, als diese
keiner Religion Zuschüsse bewilligte und den Einfluß der Kaste zu brechen versuchte. Für den höhern Verwaltungsdienst eigneten
sich die Brahmanen nicht; sie erkannten aber richtig ihre Ausgabe, besuchten die englischen Schulen, lernten Englisch und
sicherten ihrer Kaste die niedern Beamten- wie die Lehrerstellen. Einige haben es in den neuen Lehrfächern schon zu solcher
Meisterschaft gebracht, daß ihnen Lehrstühle der englischen Litteratur in Indienübertragen werden konnten. Als die fähigsten
und intelligentesten Köpfe unter den Hindu werden die Brahmanen immer eine
¶
forlaufend
große Rolle in der Geschichte und Kulturentwickelung ihres Vaterlandes spielen. Sie zeigen schon durch ihre hellere Hautfarbe,
daß sie sich mehr als alle übrigen Kasten rein erhielten und sich mit Aboriginerblut wenig vermischten. Sie sind in zahlreiche
Unterabteilungen gespalten; der größte Stolz findet sich bei den aus Audh abstammenden. Erfundene Stammbäume
und ausführliche Legenden, worin sie mit Heroen und Göttern in Verbindung treten, sollen ihren Zusammenhang mit den Vorvätern
darlegen.
Priester in unserm Sinn ist in Indien der Vorbeter, und diesen Dienst teilen die Brahmanen mit Angehörigen andrer Kasten. Sie greifen
außerdem zu allen Erwerbsarten, suchen aber die reine Handarbeit nur in der Not. Überraschend groß ist die Zahl der Bettler
unter ihnen; 1864 wurden in Bombay
[* 9] 33 Proz. der dortigen Brahmanen als Bettler aufgezeichnet.
Die Namen der Hauptabteilungen dieser Kaste haben keine praktische Bedeutung mehr; auch die Zeremonien bei der Geburt, bei dem
Anlegen der heiligen Schnur, die Handstellungen etc. beim Gebet und Opfer sind nicht von allgemeinem Interesse, so peinlich genau
auch alle darauf bezüglichen Vorschriften beachtet werden.