Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03583.jsonl.gz/1848

Werbesprecher oder Synchronschauspieler?
Eine der wichtigsten Fragen sollte man gleich am Anfang klären. Was genau meint jemand damit, Sprecher werden zu wollen? Vielen ist der Begriff „Synchronsprecher“ geläufig. Doch meinen viele oft sehr unterschiedliche Berufsbilder damit. Der Unterschied zwischen einem Werbesprecher und einem Synchronschauspieler mag manchem zunächst nicht ganz verständlich sein, doch gibt es große Unterschiede in der Arbeitsweise und den vorausgesetzten Fähigkeiten.
Ein Synchronschauspieler (Synchronsprecher) arbeitet, wie der Name schon sagt, im Bereich der Filmsynchronisation. In einem Synchronatelier (Synchronstudio) wird mit Hilfe der sogenannten IT-Tonspur eine lippensynchrone Sprachfassung in einer anderen Sprache als der Originalsprache eines Filmes erstellt. Der IT-Mix (International Tape) enthält dabei alle nicht-sprachlichen Elemente wie Atmo-Sounds, Geräusche, Musik etc. und ist sozusagen eine Art Universalgrundlage, um einen Film in eine andere Sprache zu übersetzen. Nun werden die Originaldialoge (möglichst) lippensynchron in einer anderen Sprache aufgenommen. So bekommt jeder Schauspieler seine eigene neue Stimme. Neben der Synchronisation der Schauspieler gibt es aber auch sogenannte Mengen- oder Massen-Aufnahmen. Dieses können Sprachelemente im Hintergrund sein, aber auch spezielle Effekte wie Durchsagen, Computerstimmen oder Gesang.
Das besondere an einer Synchronfassung ist zum einen die ganz andere Präsenz der Stimmen als in einer Originalfassung, in der in den meisten Szenen der Dialog am Film-Set direkt mit aufgenommen wurde. Häufig klingt die Sprache in einer Synchronfassung wesentlich direkter und näher. Zum anderen kann die Synchronstimme dem jeweiligen Schauspieler durch diese Neukombination einen partiell anderen Charakter verleihen. Daher ist es unter Filmliebhabern sehr umstritten, ob man Synchronfassungen schauen sollte oder lieber den Film in der Originalsprache mit Untertiteln (OmU-Fassung).
Deutschland zählt weltweit zu den „Synchronländern“. Wie beispielsweise unter anderem auch in Frankreich oder Italien wird fast für jeden Film, der in Deutschland gezeigt wird, eine lippensynchrone Sprachfassung erstellt. Durch die in den letzten Jahren gestiegene Popularität von Streaming-Diensten wie Netflix oder Amazon und deren Strategie, Filme und Serien auch selbst zu produzieren, erlebt die gesamte Synchronbranche einen regelrechten Boom. Viele Synchronstudios müssen mittlerweile in Doppelschichten arbeiten, um alle Aufträge fristgerecht fertigstellen zu können. In Deutschland ist Berlin die unangefochtene Synchronhauptstadt. Mittlerweile gibt es alleine hier über 200 Synchronstudios. Aber auch in Städten wie München, Hamburg und Köln ist die Synchronbranche stark vertreten.
Bei Sprachsynchronaufnahmen gibt es neben dem Synchronschauspieler im Synchronatelier einen Synchrontonmeister, einen Regisseur und einen Synchroncutter.
Der Synchrontonmeister ist dafür zuständig, alle klanglichen Parameter gemäß der Bildvorgabe im Blick zu behalten und umzusetzen. So muss zum Beispiel je nach Szene die klangliche Perspektive sowie die Räumlichkeit zum Bild passen.
Der Synchroncutter hat im Vorfeld einer Synchronaufnahme den Sprechertext schon „getaked“, also in einzelne kleinere Abschnitte eingeteilt, die bestimmte Sinneinheiten ergeben, aber auch gut vom Sprecher umgesetzt werden können. Ein sogenannter Take kann dabei ein einzelnes Wort oder auch ein kompletter Absatz sein. Im Synchronatelier selbst ist der Synchroncutter als Unterstützung für den Synchronschauspieler tätig. So gibt der Cutter Anweisungen zu Länge und Geschwindigkeit, zu Pausen, Zögerern, An- und Ausatmern, Arm- und Körperbewegungen.
Der Synchronregisseur letztlich beurteilt die Gesamtleistung und ist für die Dramaturgie der neuen Sprachfassung verantwortlich.
Aus dieser Arbeitsweise im Synchronatelier wird vielleicht auch verständlich, warum es in der Branche üblich ist, von einem Synchronschauspieler und nicht von einem Synchronsprecher zu reden. Bei dieser Arbeit steht natürlich (ebenso wie vor der Kamera) das schauspielerische Talent stark im Vordergrund. Häufig sind es auch durchaus bekannte Schauspieler, die beispielsweise nochmals größere Bekanntheit erlangt haben, indem sie die markante deutsche Stimme eines Hollywood-Stars wurden. Und vielen ist häufig die Stimme des Synchronschauspielers stärker vertraut als seine Arbeit vor der Kamera. Es gibt wohl niemanden der zum Beispiel die Stimmen von Manfred Lehmann (Bruce Willis), Joachim Kerzel (Anthony Hopkins), Daniela Hoffmann (Julia Roberts), Franziska Pigulla (Gillian Anderson in „Akte X“) oder Claudia Urbschat-Mingues (Angelina Jolie) nicht kennt (Am Ende des Artikels gibt es einige Hörbeispiele bekannter Synchronsprecher in unserer Agentur).
Die Arbeit eines Werbesprechers unterscheidet sich grundlegend von der Arbeit eines Synchronschauspielers im Synchronatelier. Wobei man vorab sagen muss, dass wir den Begriff „Werbesprecher“ vor allem in Abgrenzung zu dem Begriff „Synchronschauspieler“ verwenden. Der Arbeitsbereich eines Werbesprechers umfasst nicht allein die klassische TV- oder Radio-Werbung, sondern auch Sprachaufnahmen für zum Beispiel Image- und Industriefilme, Audioguides, Telefonansagen oder Fernsehbeiträge.
Auch die Arbeit im Tonstudio ist grundsätzlich anders als im Synchronatelier. Häufig arbeitet der Werbesprecher nur mit einem Tonmeister zusammen, so dass er wesentlich selbständiger entscheiden muss, wie er den zu sprechenden Text umzusetzen hat. Zwar sind häufig auch die Auftraggeber anwesend oder per Telefon zugeschaltet, dennoch muss ein Werbesprecher hier eher „anbieten“ und erkennen, in welche Richtung der Kunde denkt und sich eine Umsetzung durch den Sprecher wünscht. Oft hat ein Werbesprecher im Vorfeld auch wenig Zeit, sich auf die Sprachaufnahme vorzubereiten, da viele Texte erst in letzter Minute final vorliegen. So ist es eine der bemerkenswertesten Fähigkeiten eines guten Sprechers, dass er einen Text, den er nicht kennt, meist schon beim ersten Take fehlerfrei, zeitlich perfekt passend und wohl akzentuiert einsprechen kann, dabei selbständig sein eigener Regisseur ist und direkt danach noch verschiedene Alternativen anbietet. Dieses mag zunächst sehr pragmatisch klingen, jedoch ist es zum Beispiel eine hohe Kunst, einen Text für einen 20sekündigen TV-Spot,der zeitlich oft knapp bemessen ist, perfekt akzentuiert, „auf den Punkt“ genau, aber dennoch „wie aus einem Guss“ zu sprechen. Am Ende klingt es so, als ob es nie anders hätte sein können, auch wenn man an einer Aufnahme für einen 20sekündigen Spot zwei Stunden oder mehr gearbeitet hat.
Wie wird man Werbesprecher oder Synchronschauspieler?
Wenn man sich die Biographien verschiedener Profi-Sprecher anschaut, erkennt man schnell, dass es nicht den einen „richtigen“ Weg gibt. Viele Synchronschauspieler haben als Background natürlich eine Schauspielausbildung. Doch spielt das Sprechen vor dem Mikrofon im Rahmen eines solchen Studiums meist keine oder nur eine geringe Rolle. Und gerade in der Arbeit als Werbesprecher gibt es viele Dinge, die einem Schauspieler zunächst einmal fremd sind. Man arbeitet rein mit der Stimme, andere performative Elemente gibt es nicht, sind meist sogar hinderlich. So ist es zum Beispiel nicht ratsam, sich im Aufnahmeraum vor dem Mikrofon zu stark zu bewegen und damit unerwünschte Geräusche zu verursachen. Auch unterscheiden sich die Sprechtechnik vor dem Mikrofon sehr stark von der Arbeit auf der Bühne oder vor der Kamera. Und dass am Ende die Sprachaufnahme für einen Werbespot „wie aus einem Guss“ klingt, ist eine Sprechkunst, die man komplett neu erlernen muss.
Häufig kontaktieren uns Leute, die ab und an auf ihre Stimme angesprochen wurden und gerne wüssten, wie man Sprecher wird. Eine pauschale Antwort darauf zu geben, wäre unprofessionell, da abhängig von den individuellen Voraussetzungen der Weg dahin sehr unterschiedlich sein kann.
„Was würden sie mir raten, wenn ich sie jetzt fragen würde, wie ich einen Marathonlauf absolvieren könnte, obwohl ich bisher nur selten wenige Kilometer joggen gehe?“
Eine mögliche Antwort darauf wäre vielleicht: „Du musst Dir ein paar gute Laufschuhe kaufen und anfangen zu trainieren. Jede Woche wenige Kilometer mehr. Und irgendwann bist Du soweit, dass Du bei einem Marathonlauf auch das Ziel erreichst. Unerheblich ist zunächst die Frage, welchen Platz Du belegst. Und ob Du irgendwann auch mal gewinnen wirst, hängt von weiterem Training und vielleicht auch von der persönlichen Veranlagung ab.“
Genauso verhält es sich, wenn man professioneller Sprecher werden möchte. Man muss bereit sein, viel zu trainieren, ohne am Anfang zu wissen, welches Ergebnis am Ende stehen wird. Zu Beginn empfehlen wir häufig, Einzelstunden bei einem professionellen Sprechtrainer zu buchen, der schon zu Anfang beurteilen kann, ob es irgendwelche Hinderungsgründe (zum Beispiel logopädische Probleme) gibt. Ein weiteres Training ergibt sich dann immer aus den persönlichen Zielen und der individuellen Begabung.
Eher Abstand nehmen sollte man von allen Anbietern, die einem versprechen, dass man am Ende eines Kurses in jedem Fall professioneller Sprecher ist. So etwas pauschal im Vorfeld zu behaupten, wäre genauso unseriös, wie dem marathoninteressierten Läufer zu Beginn seines Trainings zu versprechen, dass er eines Tages den Berlin-Marathon gewinnen wird. Man sollte immer bedenken, dass man es in der Branche mit einer großen Konkurrenz zu tun hat und dass jeder Kunde eine 100 %ige Professionalität erwartet.
In jedem Fall sollte man sich im Vorfeld überlegen, ob man sich eher für den Beruf des Synchronschauspielers oder des Werbesprechers interessiert. Natürlich gibt es viele Sprecher, die in beiden Berufen arbeiten, dennoch sind die Anforderungen - wie bereits beschrieben - doch sehr unterschiedlich und man sollte gerade zu Beginn seiner Ausbildung zunächst eine Richtung verfolgen.
Hier eine kleine Auswahl von Sprechtrainern und Akademien:
Die Freisprecher (Berlin)
Webseite: die-freisprecher.com
Stimmcoach Richard Gonlag (Berlin)
Webseite: richard-gonlag.de
Stimmcoach Susanne Hauf (Berlin)
Website: mietcoach.berlin
Akademie für professionelles Sprechen (Berlin)
Webseite: mikrofonsprechen.de
Die Schule des Sprechens (Wien)
Webseite: sprechen.com
Bildungszone (Wien)
Webseite: bildungszone.at
Im Bereich des Synchronschauspiels gibt es noch die Besonderheit, dass viele größere Synchronstudios auch offene Castings anbieten. Wir empfehlen jedoch immer, zunächst ein wenig zu üben und nicht unvorbereitet zu einem solchen Casting zu gehen. Sicherlich gibt es auch Naturtalente, aber generell macht vor allem Übung den Meister!
Eines möchten wir zum Schluss klarstellen: Wir wollen Euch mit diesem Artikel nicht demotivieren sondern vielmehr ermutigen. Da wir aber nicht von einem ambitionierten Hobby sondern von einem künstlerischen Beruf sprechen, müsst ihr euch im Vorfeld absolut darüber im klaren sein, dass man sehr viel Engagement und Durchhaltevermögen mitbringen muss. Der Lohn dafür ist ein Beruf, der einem viel Freude und Abwechslung bereiten kann. Und der – auch das muss man erwähnen – im professionellen Kontext gute Verdienstmöglichkeiten bietet. Wenn euch das nicht abschreckt, dann setzt Euch die ersten 5 Kilometer zum Ziel und freut Euch auf Euren ersten Zieleinlauf nach 42,195 Kilometern!
Sie können hier diesen Blogartikel kommentieren. Bitte geben Sie dazu auch Ihre Emailadresse an. Wir schicken Ihnen nach dem Absenden einen Bestätigungslink, mit dem Sie Ihren Kommentar freischalten können.