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Nur scheinbar nicht sichtbar – das Weibliche und die Frauen im Deutschen
Ein Plädoyer für das Deutsche als geschlechtergerechte Sprache
Von André Meinunger
Nachdem zu Sommeranfang die Universität Leipzig beschlossen hatte, das generische Femininum in ihren Statuten einzusetzen, hat dieser Vorgang eine nicht geringe Flut an Reaktionen ausgelöst – positive wie negative. In den meisten Medien waren die Kommentare vorgeblich neutral bis eher positiv, in den meisten Blogs, Leserkommentaren und auf ähnlichen nicht- oder halboffiziellen Meinungsseiten waren die Bewertungen eher negativ. Anlass, das Ganze als einen Fortschritt und damit als etwas Positives darzustellen, ist die mittlerweile fast als Tatsache hingenommene Behauptung, das Deutsche sei eine Männersprache. Es diene damit der Unterdrückung der Frau.
Der Hauptvorwurf ist das sogenannte generische Maskulinum. Der männliche Begriff decke die Frauen mit ab, mache sie aber unsichtbar, dränge sie in die Bedeutungslosigkeit. Natürlich hat diese Position Gegner: Traditionalisten, Antifeministen, Sprachbewahrer, Konservative. Wollen diese sich der feministischen Position entgegenstellen, kommt es meist zu einer Argumentation mit der folgenden Logik: grammatisches Geschlecht und biologisches Geschlecht, in kürzeren und gelehrteren Wörtern Genus und Sexus, seien zwei verschieden Sachen: DER Topf und DER Löffel seien nicht männlich, genauso wie DIE Kanne und DIE Gabel nicht weiblich sind. Dieses Argument trägt nicht ganz bis zum Ziel. Es ist schon so, dass im Deutschen alle Substantive ein grammatisches Geschlecht haben. In vielen Fällen gibt es nicht den geringsten Bezug zum Konzept des biologischen Geschlechts.
Das hört aber sofort auf, wenn belebte Wesen im Spiel sind. Schön sieht man das bei Tieren und ihren Bezeichnungen. Die meisten Deutschsprecher denken, dass, wenn von einer Katze oder einer Schlange die Rede ist, es sich jeweils um einen weiblichen Vertreter der Spezies – ein Weibchen, handelt; anders beim Hund oder beim Wolf. Franzosen nehmen an, dass eine Katze oder eine Schlange im Zweifelsfall männlich sind, weil es da „le chat“ und „le serpent“ heißt, das entsprechende Substantiv verbindet sich also mit dem männlichen Artikel. Deswegen gab es im DDR-Fernsehen das platonische, aber doch irgendwie verliebte Pärchen HERR Fuchs und FRAU Elster, nicht umgekehrt. Im Westen hatten die Kinder DIE Biene Maja und DEN Grashüpfer Flip (die böse Spinne war eine Frau, in Russland wäre sie sicher „ein Mann“ gewesen: pauk m.). Darüberhinaus gibt es Forschungsergebnisse, die vermuten lassen, dass auch in der nicht-belebten Welt Korrelationen zwischen Genus und Sexus bestehen.
Ein inzwischen berühmtes Experiment will herausgefunden haben, dass Spanischsprecher mit Brücken wuchtigere, festere, größere Exemplare assoziieren als Deutschsprecher. Andererseits denken Spanier und Südamerikaner bei Schlüsseln an filigranere, feinere, zierlichere Schließgeräte als Deutsche, Österreicher und (Deutsch)-Schweizer. Das, so wird gezeigt oder zu zeigen versucht, liegt daran, dass Brücken im Deutschen feminin sind, im Spanischen maskulin: el puente. Umgekehrt ist bei uns der Schlüssel männlich, im Spanischen weiblich: la llave. Kritik am Experiment und den gezogenen Schlüssen blieb nicht aus. Dennoch kann etwas dran sein. Schon länger ist Folgendes über das Deutsche bekannt: Bestimmte Substantive sind immer weiblich oder männlich, nicht weil ihre Bedeutung, sondern weil ihre Wortform es einfach so vorgibt: Nomen auf -keit oder -ung sind immer feminin: Übung, Leistung, Krankheit, Feierlichkeit. Nomen auf -chen sind immer sächlich, selbst wenn sie etwas ganz Weibliches bezeichnen: Mädchen, Weibchen, Ännchen. Die Endung entscheidet. In manchen Fällen aber gibt es abweichende Zugehörigkeiten. So gibt es Substantive, die auf -mut, -nis oder -sal enden. Die Beobachtung hier ist, dass sogenannte „extrovertierte Affektbegiffe“ eher männlich (oder sächlich) sind, dementsprechend „introvertierte“ weiblich. Extrovertierter Affekt gemahnt an aggressiv = männlich, introvertiert an schüchtern, zurückhaltend = weiblich. Und in der Tat heißt es DIE Sanftmut, Demut, Wehmut, aber: DER Hochmut, Missmut; DIE Besorgnis, Bitternis, aber: DAS Wagnis, Gelöbnis; DIE Drangsal, Mühsal, aber: DAS Labsal, Scheusal. Angesichts dieser Befunde scheint die Argumentationsschiene „Genus und Sexus sind oder seien ganz verschiedene, also nicht in Zusammenhang zu bringende Konzepte“ zur Ehrenrettung des Deutschen also nicht bis zum Schluss überzeugend.
Wir brauchen keine immer neuen Gleichmachungsanstrengungen
Hier nun ein anderer (sprach)- konservativer Weg zum Großthema Sichtbarmachung oder In-den-Schatten-Stellung-und-somit-Unsichtbarmachung der weiblichen Wesen. In gewisser Hinsicht verfährt das Chinesische extrem geschlechtergerecht. In der dritten Person gibt es nicht wie bei uns er, sie (und es), sondern nur „ta“. „Ta hen piaoliang“ kann heißen „Er ist gutaussehend“ oder „Sie ist hübsch; „ta shi laoshi“ kann heißen „Er ist Lehrer“ oder „Sie ist Lehrerin“. Manche waren geneigt, das als gerecht zu sehen. Zwar waren und sind Frauen durch diese Gegebenheit nicht sonderlich sichtbar, aber immerhin gibt es keinen Unterschied: Alle sind gleich. Aber nur solange man oberflächlich blickt. Es dauert nicht lang und man erkennt Anzeichen, dass „ta“ im Prinzip zuerst „er“ heißt, und erst dann sekundär, abgeleitet, „sie“. Somit wäre Chinesisch noch ungerechter als Deutsch, weil es die Unterdrückung nicht nur bei Substantiven ausübt, sondern auch bei Pronomen.
Unter einer solchen Perspektive müssen romanische Sprachen, wie das Französische zum Beispiel besonders positiv und gerecht beurteilt werden. Diese Sprachen machen Frauen (und mit diesen biologisch weiblichen Wesen auch noch die nicht-beseelten, grammatisch femininen Ausdrücke) besonders sichtbar. Wenn ein Mann singt, heißt es „il chante“, wenn ein Junge schläft heißt es „il dort“; er heißt „il“; wenn eine Gruppe von Männern singt, dann sagen Französischsprecher „ils chantent“, wenn die Buben schlafen, heißt es „ils dorment“. Wenn eine Frau singt oder ein Mächen schläft, heißt es respektive: „elle chante“, „elle dort“. Wenn nun Frauen mehrheitlich singen, heißt es: „elles chantent“; bei den schlafenden Mädchen „elles dorment“. Es existiert also eine extra Form: Frauen sind insofern besonders sichtbar. Sie haben ihren eigenen Plural. Eigentlich eine gute Sache. Aber auch hier zeichnet sich sofort eine Ungerechtigkeit ab. Bei einer gemischten Gruppe muss die maskuline Form genommen werden. Das geht so weit, dass selbst dann das männliche Pronomen genommen werden muss, wenn unter zehn Personen neun Frauen sind und nur ein Mann. Auch wenn man nicht weiß, aus welchen Geschlechtsgenossen eine Gruppe besteht – potentiell also alle weiblich sein könnten, gilt die männlich Form nicht als politisch-feministisch, aber aus sprachlicher Sicht als korrekt. So – und das Deutsche?
Das Deutsche ist so gerecht oder so frauenfreundlich, wie es mehr eigentlich gar nicht geht. Die Pluralform ist die weibliche! Wir sagen so sebstverständlich „sie“, dass es gar nicht auffällt. Rein synchron, also auf den gegenwärtigen Sprachzustand bezogen, und formal, also auf die äußerlich sichtbare Erscheinung bezogen, ist das Pluralpronomen identisch mit der weiblichen Singularform. Also: Selbst wenn eine reine Männergruppe schießt oder alle Mann (!) oder Männer schwitzen, heißt es: „sie schießen“ oder „sie schwitzen“. Man erkennt den Plural, also die Tatsache, dass hier eine Vielzahl an Akteuren oder Betroffenen vorhanden ist, an der Verbindung. Das Pronomen, das im Deutschen nicht weggelassen werden kann, ist der Form nach weiblich. In der Sprachwissenschaft nennt man das, was hier vorliegt, einen Synkretismus. Es besteht ja keine Notwendigkeit, dass bei grammatischen Formen wie den Pronomen Singular und Plural gleich oder ähnlich sind. Im Englischen haben wir „he“ und „she“ (nebst „it“) – im Plural „they“. Man könnte argumentieren, dass das deutsche „sie“ ganz zufällig für weibliche Einzahl und generische (?) Mehrzahl steht.
Unter Linguisten wäre das allerdings ein unwissenschaftliches Herangehen. In der Regel hängen Singular- und Pluralformen in ihrer äußeren Erscheinung voneinander ab. Und wenn eine Form mehrere Funktionen abdeckt, ist es eine wissenschaftliche Herausforderung, die verantwortliche Grundbedeutung ausfindig zu machen. Da in den meisten Zugängen nun der Singular und damit das einfache Vorkommen einer Sache grundlegender ist als der Plural und mit ihm die Vielzähligkeit, muss die Singularform als primär gelten. Und das bedeutet, wir haben im Deutschen sehr wohl schon lange und vollkommen unentdeckt ein generisches Femininum. Dieses macht sich im Plural deutlich – und ist dabei aber scheinbar so undeutlich, dass es entweder niemand bemerkt hat oder wissentlich verschwiegen. Das allerdings glaube ich nicht.
Die deutsche Sprache ist also sehr gerecht. Im Singular scheint es eine Art generisches Maskulinum zu geben, im Plural ein feminines. Der Plural heißt SIE. Und auch im Substantivbereich: Der Artikel für die Mehrzahl ist formgleich mit dem femininen Artikel: DIE. Besonders deutlich wird das bei substantivierten Adjektiven und Partizipien. Der Lehrende ist also formal männlich, kann sich aber durchaus qua generisches Maskulinum auf Frauen beziehen. Darüber regen sich viele feministisch orientierte Menschen auf. „DIE LehrendeN“ sind oder wären zumindest nach der hier gefahrenen Logik formal weiblich, beziehen sich aber problemlos auch auf männliche Vertreter. Darüber regt sich niemand auf. Man könnte Maskulisten vorschlagen, sich darüber zu echauffieren und mit Vorschlägen zu kommen, diese „Ungerechtigkeit“ durch eine neue Form zu beseitigen, die dann nur wieder Komplikationen und Frust erzeugen würde.
Es wäre an der Zeit, gelassener zu werden. Viel einfacher, als sich gegen historisch gewachsene und allgemein akzeptierte Sprechweisen zu stellen, ist es, sich bestimmte Sachen zurechtzulegen und sie dann zu akzeptieren. Kaum etwas ist beeindruckender als der (bis jetzt ziemlich) gelungene Versuch der Homosexuellen, die Euphemismus-Tretmühle zu stoppen oder zu unterlaufen. Schwul, früher Schimpfwort ist heute ein neutraler Begriff. Der vorliegende Beitrag ist allerdings kein Plädoyer, sich irgendetwas ein- oder gar schönzureden, sich etwas vorzumachen, sondern dafür, die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, dass im Plural eine weibliche Vorherrschaft existiert – im Singular eine männliche. Es ist ausgeglichen.
Die Wortform DER ist ähnlich häufig in Texten zu finden wie DIE, beide teilen sich Platz 1 und 2 der häufigsten deutschen Wörter überhaupt. So kann man es bei Wikipedia nachlesen. Auch die Universität Leipzig veröffentlicht eine Wortschatzfrequenzliste (http://wortschatz.uni-leipzig.de/html/wliste.html). In dieser Aufstellung wird nach Groß- und Kleinschreibung differenziert. So hält man sinnvollerweise zum Beispiel „Arm“ und „arm“ oder „Reich“ und „reich“ auseinander. Für Wörter wie „der“, „die“, „das“ – genauso wie für „ob“, „dass“, „singt“, „rauchst“, „gerne“ … macht das weder Sinn noch einen Unterschied. Aber egal, nach dieser Leipziger Frequenzliste ist „der“ kleingeschrieben, wie bei Wikipedia auf Platz 1, die auf Platz 2. Großgeschrieben – ein Unterschied, den Wikipedia nicht macht – liegt „Die“ 17 (!) Plätze vor „Der“. Ähnlich ist es bei „er“ und „sie“, ohne Unterscheidung von Groß- und Kleinschreibung liegt „er“ ganz knapp vor „sie“, nimmt man diese Unterscheidung weg, liegt „sie“ merklich vor „er“. Eine solche oberflächliche Betrachtung lässt freilich erst einmal außer Acht, dass „der“ ja auch feminin sein kann, nämlich als Genitiv und Dativ Singular und Genitiv Plural. Aber aktuelle Messungen haben auch ergeben, dass das Wort „Frau“ unter den bedeutungstragenden Wörtern Platz 13 belegt und damit vor „Mann“ auf Platz 14 rangiert.
Aus der Leipziger Liste, die keinen Unterschied zwischen bedeutungstragend und nicht-bedeutungstragend macht, wird ersichtlich, dass das Wort „Frau“ deutlich häufiger ist als „Mann“: Zwischen beiden liegen zehn andere Wörter.
Das Bild ist also ziemlich harmonisch, ja sogar frauenfreundlich, wenn Präsenz und Sichtbarkeit ein Zeichen von Respekt oder Freundlichkeit sind.
Verkürzen, also das Weglassen von Endungen, ist einer der häufigsten Prozesse beim Sprachwandel. Das hat ganze grammatische Systeme zum Einsturz gebracht.
Feministisch Orientierte, darunter auch manche Linguisten, wenden ein, dass Kürze und Bündigkeit kein Argument seien, weibliche Formen auszusparen. Gerechtigkeit fordere ihren Tribut. Es steht ja außer Frage, dass die dezidiert weiblichen Formen länger sind als die entsprechneden männlichen: BäckerINNEN, VerkäuferINNEN. Das könnte ein Kampf gegen Windmühlenflügel sein. Verkürzen, also das Weglassen von Endungen, ist einer der häufigsten Prozesse beim Sprachwandel. Das hat ganze grammatische Systeme zum Einsturz gebracht. Der gegenläufige Fall ist quasi unmöglich. Die meisten Gender-Techniken sind einfach unpraktisch, vom älteren Verdoppeln und Extra-Ansprechen: „Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer“, „Liebe Genossinnen und Genossen“ bis zum moderneren Binnen-I oder Schrägstrich-Formulierungen. Dass diese Praktiken unhandlich sind, hat ja besonders deutlich und wirksam eben auch der Leipziger Beschluss gezeigt. In Interviews wurde deutlich, dass der im Ausschuss federführende Physiker eine zähe Diskussion und umständliche Formulierungen (wie Professoren/Professorinnen) vermeiden wollte und deshalb praktischerweise die weibliche Form vorgeschlagen hat. Die ist tatsächlich kürzer als alle vorher genannten Kandidaten. Aber der Sprachwandel, wie wir ihn kennen, macht vor seinen eigenen „Zwischenergebnissen“ nicht halt. Wo sich etwas als zu lang und unpraktisch erweist, wird abgerüstet. Dass „Professorin“ Streichpotential hat, liegt auf der Hand.
Viele Vorschläge der feministischen Front sind anscheinend oder sogar offenbar ungeeignet. Das zeigt, dass inzwischen sogar unverdächtige, weil immerhin studentisch-intellektuell angehauchte Blätter wie zum Beispiel die Heidelberger Studierenden – inzwischen wieder Studentenzeitung „ruprecht“ erst neulich vom Gendern Abstand genommen hat, vor allem aus Bequemlichkeitsgründen. Der hier propagierte Vorschlag ist also eine Art Zeigeversuch, dass in das bestehende altgediente System eine Gerechtigkeit hineingelesen werden kann, die vielleicht sogar systematisch angelegt ist. Weibliche Formen sind allenthalben und genauso oft wie männliche vertreten. In bestimmten Konstellationen und unter einer gewissen Perspektive schließen weibliche Formen männliche mit ein. Wir brauchen keine immer neuen Gleichmachungsanstrengungen, die inzwischen schon zu Ungerechtigkeitsaktionen geworden sind, sondern einen frischen unverstellten Blick auf unsere schöne Sprache.
Dr. André Meinunger forscht am Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft in Berlin.
Quelle: VDS-Sprachnachrichten 3/2013 DEUTSCH IM WANDEL
Eine kürzere Fassung dieses Beitrags erschien am 7.7.2013 unter dem Titel „Wie sexistisch ist die deutsche Sprache?“ in der Welt am Sonntag.