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Larry Christiansen, ein früherer Mannschaftskollege von mir, hat mir immer wieder eingebläut: „check every forcing move, no matter how stupid it looks!“ Etwas präziser formuliert, und auf Deutsch, heisst das: „Schau dir jeden möglicherweise zwingenden Zug an, egal wie blöd er aussieht!“ Nicht jede Drohung ist zwingend, daher das ergänzende ‚möglicherweise‘. Sobald ich eine Kombinationsaufgabe vor mir habe, befolge ich Larrys Regel, weil mir jemand sagt, „schau hin! Es ist etwas drin!“ Praktischerweise sollte ich Drohungen ihrer Härte nach prüfen. Anfangend mit Schachs und Mattdrohungen, über Angriffe auf Dame oder Figuren, bis hin zum Bauerngewinn.
Betrachten wir die Stellung nach
1.e4 c5 2.Sc3 d6 3.f4 g6 4.Sf3 Lg7 5.Lc4 Sc6 6.d3 e6 7.O-O Sge7 8.De1 h6 9.Lb3 a6 10.e5 Sf5 11.Kh1 Sfd4 12.Se4 Sxf3 13.Txf3 dxe5 14.fxe5 Sxe5 15.Tf1 g5 16.Le3 b6.
Weiss hat zwei potenziell zwingende Züge. Erstens das Schach auf a4 und zweitens 17.d4. Schachs sind keine eigentlichen Drohungen, sondern von vorneherein potenziell zwingend, man muss sie ja respektieren, wegen der Schachregeln. Drohungen anderseits müssen nicht respektiert werden, man darf sie ignorieren, oder womöglich sogar übertrumpfen.
17.La4+ , und 17…b5 geht wegen 18.Lxc5 bxa4 19.Sd6+ nicht. Daher 17…Ld7 18.Sd6+ Kf8. Jetzt hängt der Läufer auf a4, nach 19.Lxd7 Dxd7 oder 19.Lb3 De7 müsste der Springer sein ideales Plätzchen wieder verlassen. Gibt es einen zwingenden Zug? Es gibt. 19.d4 erzwingt 19…Lxa4, weil 19…cxd4 20.Lxd4 Lxa4 21.Lxe5 Le8 oder 21…Lxe5 22.Txf7+ Kg8 23.Dxe5 verliert. 20.dxe5 Le8 21.Td1 Dc7 22.Dg3 ist die plausible Folge. Weiss hat klaren Vorteil.
Larrys Regel sagt aber, dass man alle potenziell zwingenden Züge betrachten sollte, nicht nur einen. Unser Job ist noch nicht getan. Daher 17.d4, das sieht nun wirklich stupide aus. 17…cxd4, und was nun? Schau hin, es ist etwas drin! Leider sagt einem das während der Partie keiner, sonst würde man vielleicht 18.Lxd4 ansehen. 18…Dxd4 und hier ist die härteste Drohung 19.Td1. Die Dame hat noch ein einziges Feld. 19…Dxb2, dann 20.Sd6+.
Bis hierhin sollte man rechnen können, und zusätzlich sehen, dass der König wegen Damenverlust nicht auf die d-Linie kann. Vielleicht auch noch, dass nach 20…Ke7 21.Db4 Feierabend ist. Also 20…Kf8, aber geht da nicht 21.Sxf7? Es geht, aber das liegt bei 17.d4 bestimmt hinter unserem Rechenhorizont. Trotzdem, wir brauchen das nicht vorauszusehen, weil wir intuitiv wissen, dass da auf jeden Fall etwas drin ist. Somit 21.Sxf7 Sxf7 22.Td8+ Ke7.
Haben wir einmal diese Stellung vor Augen, fällt 23.Txc8 nicht schwer. Schwarz darf nicht zulassen, dass e6 mit Schach fällt, also muss er auf e5 etwas dazwischen stellen. 23…Se5 24.Tc7+ist leichte Kost, ebenso 23…De5 24.Db4+ Kd7 25.Txa8 Txa8 26.Txf7+. 23…Le5 24.Tc7+ Lxc7 25.Txf7+ hingegen wäre bereits eine Kombinationsaufgabe der mittelschweren Sorte. Aber da wir es bis hierhin geschafft haben, werden wir das mit Larrys Hilfe auch noch finden.
Es versteht sich von selbst, dass nur sehr starke Spieler einen Zug wie 17.d4 finden. Die Ausgangsstellung entsteht aus einer Eventualvariante der Partie Anand-Gelfand, Wijk aan Zee 1996. Vishy hat nichts von alledem gesehen, denn er hat anstelle von 16.Le3 16.Dg3 gezogen, also bereits das zwingende 16.Le3 ausgelassen. Wie sollen dann gewöhnliche Patzer so etwas finden? Nun, die guten Züge sind alle da, du brauchst sie nur zu machen. Larrys Regel könnte dabei helfen, sie zu finden, wenn sie zur alltäglichen Routine würde.