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Die meisten Ewigkeiten brauchen Zeit
"Anna Karenina" (1877) von Leo Tolstoi
Ich lese gerne Klassiker. Genauso wie ich gerne Gemälde alter Meister*innen bestaune und grosse Opernwerke höre. Diese Ewigkeit, die man einem klassischen Werk zuschreibt, die möchte ich erfahren. Ich möchte spüren, hinter welchen Sätzen und in welchen Charakteren sie sich verbirgt und verstehen, weshalb diese Geschichte auch 150 Jahre später noch gelesen wird. Das Buch will ich zuklappen können und verstehen, wieso man das Werk auch noch in tausend Jahren bestaunen wird.
Oder aber mir folgende Frage stellen: Wer hat eigentlich entschieden, was zum Klassiker wird? Waren das bloss ein paar gewöhnliche Leute, die mit dieser Einteilung auch sich selbst, als Leser*innen, in Kategorien teilen konnten? Menschen, die Klassiker lesen, erhalten schliesslich den glänzenden Sticker mit einer machtvollen Aufschrift: “Gebildet”. Ob wir darum heute noch Faust, Lolita und Anna Karenina lesen?
So einen Sticker hätte ich auch gerne. Am besten auf dem Rücken, so dass mir alle nachsagen können, ich sei gebildet - denn ich habe ja Faust, Lolita und eben Anna Karenina gelesen. Ob die knapp 1000 Seiten auf Deutsch, in meinem Fall 608 Seiten auf Russisch, für einen Aufkleber genügen?
Mehr als ein Jahr habe ich Anna und ihre Gefährten auf ihren Lebenswegen in Moskau, St. Petersburg und Co. begleitet. Die meisten Ewigkeiten brauchen Zeit. Ich habe miterlebt, wie die Charaktere sich verlieben, sich trennen, trauern, sterben und leben, während sich bei mir vor dem Fenster die Jahreszeiten abwechselten.
In diesem Post bleibt kaum Platz um der Handlung oder auch den Charakteren nur annährend zu erklären. Wer darum nicht auf Anhieb die Verbindungen zwischen den Figuren versteht, sei entschuldigt. Einen Versuch wert ist es mir trotzdem.
Entgegen dem, was der Titel suggeriert, steht Anna nicht im Mittelpunkt, sie verbindet lediglich die Charaktere miteinander. Die Geschichte beginnt damit, dass Dolly von der Affäre ihres Mannes Stepan, Annas Bruder erfährt. Stepan holt daraufhin Anna nach Moskau, um Dolly zu besänftigen. Stepans Freund Lewin liebt Dollys Schwester Kitty, Kitty wird jedoch von Wronskij umworben. Mit Annas Ankunft in Moskau verliebt sich Wronskij jedoch in die verheiratete Anna und lässt Kitty für eine Affäre mit Anna fallen. Das alles spielt hauptsächlich in Russland im 19. Jahrhundert, in der Zeit als der Adel langsam verarmte und an Bedeutung verlor und als zum ersten Mal über Mädchenschulen diskutiert wurde.