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Aktualisiert: 25. Feb.
In den vergangenen Jahren haben Forscher einiges über das Funktionieren des Gehirns im Zusammenhang mit der Mehrsprachigkeit erfahren. Das Gehirn unterscheidet zum Beispiel sofort, ob eine gehörte Sprache der Fremdsprache oder der Muttersprache zuzuordnen ist. Auch hat man zum Beispiel herausgefunden, dass bei den meisten rechtshändigen Menschen die linke Hirnhälfte für das Sprachenlernen zuständig ist.
Dennoch steckt die Forschung auf dem Gebiet der Neurolinguistik noch in den Kinderschuhen. Es kann deshalb noch nicht beantwortet werden, ob die Sprachorganisation und die Sprachprozesse bei zwei- oder mehrsprachigen Menschen anders funktionieren als bei einsprachigen Menschen. Es bestehen aber gemäss heutigem Wissensstand keine Hinweise, dass sich Zwei- oder Mehrsprachigkeit negativ auf das Funktionieren des Gehirns auswirken würde.
Was aber bereits erforscht wurde, ist dass Kinder nachweislich unterschiedliche biologische Voraussetzungen für den Spracherwerb haben. Sie unterscheiden sich dabei in erster Linie in ihrer Geschwindigkeit, mit der sie eine zweite Sprache lernen. "Die Geschwindigkeit der Aneignung von Sprache hat nur zum Teil mit den geistigen Anlagen des Kindes zu tun. Es besteht nur ein kleiner Zusammenhang zwischen dem Tempo des Erlernens einer oder zweier Sprachen und dem Leistungserfolg in der Schule. So sind schnelle "Lerner" von Sprachen in der Kindheit nicht unbedingt erfolgreicher im Erwachsenenleben (Cathomas und Carigiet, S. 18)." Die erfolgreiche Entwicklung von zwei- oder mehreren Sprachen ist grundsätzlich abhängig von der Begabung, der Fähigkeit und der Persönlichkeit des Kindes, aber auch von der stimulierenden Umgebung (Eltern, Verwandte, Freunde, Schule, etc.).
Ebenfalls weiss man, dass eine neue Sprache nicht auf Kosten, sondern mithilfe der Muttersprache erlernt wird. Die Dreisatzrechnung hat man sich schliesslich auch nicht auf Kosten der Addition angeeignet. Erstens ist das Gehirn kein Spracheimer, sondern sucht sich vielmehr aktiv aus, zu welchem Zeitpunkt welches Wissen zu behalten und aufzurufen ist. Zweitens verfügt das menschliche Gehirn über praktisch unbestimmte Kapazität. Die verschiedenen Sprachen stehen sich also nicht im Weg, sondern ergänzen sich vielmehr. Heute geht man davon aus, dass die Muttersprache sogar stark beim Erlernen einer neuen Sprache profitiert und dass sich die einzelnen Sprachen positiv beeinflussen.
Um dies zu erklären, kann auf das "Eisberg-Bild" des irisch-kanadischen Sprachforschers Jim Cummins zurückgegriffen werden. "Wie bei einem Eisberg mit zwei sichtbaren Spitzen gibt es auch bei der Zweisprachigkeit eine sichtbare Sprachoberfläche, die der gezeigten Sprachleistung in der jeweiligen Sprache entspricht. Unter diesem sichtbaren Teil - gewissermassen unter der Wasseroberfläche - gibt es aber einen bedeutend grösseren Teil von "unsichtbaren" Sprachleistungen. Die erste sichtbare bzw. hörbare Sprachleistung, der wir in der Zweitsprache meistens begegnen, ist die Aussprache. Sie beeinflusst unseren Eindruck von der Leistung unseres Gegenübers am meisten, obwohl sie nur einen sehr kleinen Teil der gesamten Sprachleistung darstellt. Das Gehirn greift nun beim Erlernen einer Zweit- oder Drittsprache in diesem "unsichtbaren Bereich" auf das aufgebaute Wissen in der Erstsprache, auf die "gemeinsame Hirnleistung" zurück (Cathomas und Carigiet, S. 22)." So muss zum Beispielsweise beim Erlernen des Wortes "Zug" nur noch die Form des englischen Wortes "train" gelernt werden, nicht aber die Semantik (Bedeutung). Beim Erwerb muss dann nur noch auf das in der Erstsprache gespeicherte Bild von "Zug" zurückgegriffen werden.
Quelle: Cathomas, Rico und Carigiet, Werner. Top-Chance Mehrsprachigkeit. Zwei- und mehrsprachige Erziehung in Familie und Schule (2008, 1. Aufl.), S. 12-27.