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Ein perfektes Leben ist der erste Roman einer Tetralogie, deren Held ein Polizist namens Mario Conde ist. Ich habe diesen Roman zwischen 1990 und 1991 geschrieben. Das war eine der schwierigsten und konfusesten Zeiten in Kuba. Die Mauer war gefallen, die UdSSR war am Auseinanderbrechen, die kubanische Wirtschaft war in die Krise geraten. Krisen, nichts als Krisen. Und zwei Jahre zuvor war etwas geschehen, das unseren Blick auf die kubanische Wirklichkeit verändert hatte: Eine Gruppe hoher Militärs und Funktionäre des Innenministeriums war verurteilt worden, vier von ihnen wurden wegen Drogenschmuggels erschossen. All dies führte dazu, dass wir uns selbst und unser Bild vom Prozess der Revolution in Kuba überdenken mussten.
Eine der sichtbarsten Folgen ereignete sich in der Literatur oder, allgemeiner, in der kubanischen Kultur. Während vieler Jahre hatte sie sich sehr stark die offizielle Sichtweise zu eigen gemacht. Das Kulturschaffen hatte die Politik des Landes zu reflektieren. Wir Schriftsteller und Künstler wollten zwar die Wirklichkeit aus anderen Perspektiven betrachten, aber das war sehr schwierig, weil alle kulturellen Spielräume vom Staat kontrolliert waren.
Der neue Blick
Durch die Krise, die Anfang der Neunzigerjahre begann, wurde das kubanische Kulturschaffen fast vollständig paralysiert. Für unsere Freunde vom Film war das ein Drama, weil sie nicht mehr drehen konnten, aber für die bildenden Künste und die Literatur begann eine neue Periode. Denn zum ersten Mal gab es Distanz zwischen den Künstlern und dem Staat. Weil der Staat die Künstler nicht mehr im gleichen Maße fördern konnte, blieben Stücke unaufgeführt und Bücher unveröffentlicht. Diese Distanz verwandelte sich in einen Raum der Freiheit. Ganz spontan gingen wir denselben Weg. Bald erschien uns dieser neue Blick auf die kubanische Wirklichkeit als Notwendigkeit. Die simple Tatsache, dass wir nun die Realität auf realistische Weise darstellten, brachte Werke hervor, die früher als konterrevolutionär angesehen worden wären. Die Welt der kubanischen Literatur begann sich zu drehen.
Zuvor war es den kubanischen Autoren praktisch verboten, außerhalb ihres Landes zu veröffentlichen. Natürlich wurden unsere Bücher im Ostblock publiziert. Aber niemandem kam es in den Sinn, sein Manuskript in einen Umschlag zu stecken und es an einen Verlag in Spanien zu schicken, ohne dafür eine offizielle Genehmigung zu haben. Unter anderem, weil wir für den Staat arbeiteten; damals war der Staat der einzige Arbeitgeber in Kuba. Probleme hätten schwere Folgen haben können, erst recht, wenn dahinter ideologische Gründe standen.
Der Tritt in den Ameisenhaufen
Als die kubanischen Verlage die Publikation einstellten, war das wie ein Tritt in einen Ameisenhaufen: Alle Ameisen kommen heraus und krabbeln in alle Richtungen davon. Die kubanischen Autoren fingen an, ihre Werke an Wettbewerbe in der ganzen Welt zu schicken, und sie gewannen auch Wettbewerbe. Von nun an suchten und fanden die kubanischen Autoren Verlage außerhalb Kubas. Die Entwicklung war unumkehrbar. Einige Jahre früher wäre die offizielle Reaktion noch heftig gewesen, jetzt war nur noch Resignation möglich.
Aber die Dinge sind komplizierter: Einige von uns suchten ausländische Verlage, andere Kulturschaffende aber gingen ganz ins Ausland. Es entstand ein bedeutendes Exil. Zum ersten Mal begann das Bild einer einheitlichen kubanischen Kultur, das wir hatten, sich aufzulösen. Es gab zwar das historische Vorbild der Exilkubaner, die in den ersten Jahren der Revolution gingen, aber zum ersten Mal war es nun eine massive Bewegung.
In den Werken, die nun geschrieben wurden, begannen wir, ein ernüchtertes Bild der kubanischen Realität zu zeichnen. Ich glaube, dass meine vier Romane aus den Neunzigerjahren eine Folge dieses neuen Blicks sind. Wer Ein perfektes Leben liest, findet auf den drei ersten Seiten etwas, das früher in der kubanischen Kriminalliteratur niemals möglich gewesen wäre. Die Hauptperson erwacht nach einem fürchterlichen Besäufnis, und alles, was sie kümmert, ist die Frage, ob sie es bis zur Toilette schafft, um zu pissen. Und in der Folge erleben wir, dass die Bösen in diesem Roman hohe kubanische Funktionäre sind, einer davon sogar im Rang eines Vizeministers.
Weil es 1991 war und ich nicht wusste, wie die Dinge sich entwickeln würden, habe ich beschlossen, macchiavellistisch zu sein. Ich habe den Roman bei einem Wettbewerb des Innenministeriums eingereicht, und noch nie ist mir in meinem Leben etwas so gut gelungen. Die Mitglieder der Jury, die Schriftsteller waren, sehr offizielle zwar, aber dennoch Schriftsteller, sagten, dass es der beste Roman im Wettbewerb war. Aber die Organisatoren entschieden, ihn nicht zu veröffentlichen.
Niemand fragte mich mehr
Doch die Zeiten hatten sich bereits verändert, es geschah etwas sehr Bezeichnendes: Niemand fragte mich mehr, weshalb ich diesen Roman geschrieben hatte. Also habe ich ihn nach Mexiko geschickt. Das war gewissermaßen meine Art zu sagen: Ich habe dieses Buch geschrieben, ich weiß, dass ihr es nicht veröffentlichen werdet, aber da ihr mich auch nicht gemaßregelt habt, werde ich damit tun, was ich will. Und alles ging gut, das Buch wurde in Mexiko veröffentlicht, in einem grässlichen Verlag, so fürchterlich, dass auf dem Buchdeckel statt meines Namens Leonardo Pandura (»pan dura« bedeutet »hartes Brot«) stand. Aber mir erlaubte das, meine Saga fortzuführen.
Ich möchte gern in Kuba bleiben
Und weil ich gern in Kuba bleiben möchte, bis man mich hinausjagt, falls das geschehen sollte, habe ich bei den folgenden Romanen die Schraube angezogen und dabei darauf geachtet, die Schraubenmutter nicht zu überdrehen. Denn ich möchte in Kuba schreiben und meine Bücher von dort aus verbreiten. Ohne, dass meine Literatur explizit politisch wird. Denn im Allgemeinen werden Künstler, wenn sie anfangen, Politik zu machen, von der Politik missbraucht. Und ich habe versucht zu verhindern, dass mir etwas Derartiges zustößt.
Für mich kommt ein Exil nicht infrage. Die Identität und die Realität Kubas sind für mich eine Obsession: Ich will unbedingt hier bleiben, denn anderswo könnte ich nicht leben. Es herrscht hier eine ganz besondere Atmosphäre, wie sich die Menschen verhalten, wie sie leben, wie sie einander begegnen. Das ist ein anderer Lebensrhythmus, der mir als Schriftsteller entgegenkommt.
Ich will Erinnerung bewahren
Als ich Mario Conde erfand, wurde sein Interesse für die Erinnerung bald zu einer seiner wichtigsten Eigenschaften. Aus mehreren Gründen. In Kuba erleben wir seit vierzig Jahren historische Augenblicke. Wann immer sich eine Gruppe zusammenfindet, ist es ein historisches Treffen, wenn ein Gebäude errichtet wird, ist es immer ein historischer Bau; und die Erinnerung verwässert bei so vielen historischen Ereignissen, wie sich zur Zeit zutragen. Und das ist mein Anliegen seit ich Journalist bin: die Erinnerung dieses Landes bewahren. Vor allem die Erinnerungen am Rand, manchmal sogar außerhalb der Geschichte. Diesen Charakterzug habe ich der Figur von Mario Conde eingepflanzt.
In Ein perfektes Leben oder Labyrinth der Masken ist das sehr gut sichtbar. Seit Homosexuelle oder Gläubige in Kuba kein politisches Problem mehr sind, scheint es, als ob sie nie eines gehabt hätten, ihre Geschichte geht vergessen. Ich versuche, diese Erinnerung aus einem menschlichen Blickwinkel zu bewahren. Was eine Person fühlte, die als öffentliche Person verschwand. Man hat sie nicht ins Gefängnis gesteckt, man hat sie nicht gefoltert, man hat sie nicht geschlagen, aber man verurteilte sie zu einem Tod als Bürger. Diese Art von Geschichte versuche ich in meinen Geschichten zu bewahren und zu retten.
Jetzt habe ich aber genug gesprochen, ich möchte lieber, dass Sie mir Fragen stellen. In Kuba ist der Monolog ja sehr verbreitet, aber ich bevorzuge den Dialog.