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Herausgegeben [und kommentiert] von Günter Jung und Michael Rüppel. Göttingen: Wallstein, 2015.
Der Briefwechsel mit Zeitgenossen ist Teil eines grösseren Projekts, das die Werke und Briefe Knigges in toto herauszugeben beabsichtigt, und umfasst die ‚privaten‘ Briefe Knigges, mit Ausnahme der Familienbriefe. Dass dennoch einer an seine Tochter Philippine darin figuriert, hängt mit der überaus schlechten Überlieferungslage der Briefe von und an Knigge zusammen. Die meisten davon sind nämlich verschollen oder gar endgültig verloren. (Daran trägt nicht zuletzt Philippine selber Schuld, die die ihr vom Vater vermachten Briefe verschlampt hat.) Einiges befindet sich vielleicht in Geheimarchiven von Autographensammlern. Einiges ruht wohl auch unentdeckt, unidentifiziert in den Archiven verschiedenster Bibliotheken. Das war auch der Fall bei Knigges Brief an Philippine vom 29./30.11.1789, der erst auftauchte, als der Briefwechsel Knigges mit seiner Tochter 2013 (ebenfalls bei Wallstein) bereits veröffentlicht war, und deshalb hier aufgenommen wurde.
Ebenfalls einem separaten Band vorbehalten sind die Briefe von und an Nicolai (wieder mit einer Ausnahme, aus denselben Gründen), sowie jene, die Knigge in Zusammenhang mit den verschiedenen Geheimgesellschaften wechselte, denen er angehörte. Aber auch davon figurieren etwelche auch in diesem Band – was hier allerdings damit zusammenhängt, dass bei Knigge Privates und Logentätigkeit nicht immer getrennt werden können.
Knigge ist heute wohl am besten bekannt für sein Buch Vom Umgang mit Menschen. Es hat sich hoffentlich mittlerweile herumgesprochen, dass dieses Buch kein Benimm-Ratgeber ist, wie sie heute unter Knigges Namen zirkulieren. Allenfalls könnte man es einen Karriere-Ratgeber nennen, im Grunde genommen aber untersucht Knigge darin die conditio humana des zoon politikon Homo Sapiens. Knigge hat im Laufe seines Lebens die Ratschläge, die er selber gibt, nicht immer befolgt. In einem aber war er vorbildlich: Er war – wie man heute sagen würde – ausgezeichnet vernetzt. Selbst in den Rudimenten, die wir von seinem Briefwechsel heute noch besitzen, lässt sich das feststellen.
Allein beim Durchblättern des Inhaltsverzeichnisses sieht man, wie weit verzweigt Knigges Bekanntenkreis war: Als Theatermann erhält Knigge nicht nur Briefe von diversen Schauspielern. Auch Schiller schreibt ihm 1784 aus Mannheim und lädt ihn zu einer Aufführung von Kabale und Liebe ein. Von oder an Goethe finden wir keine Briefe, aber er stand in brieflichem Kontakt mit Goethes Mutter, die er regelmässig in Frankfurt besuchte, undauch mit Goethes Jugendfreund Merck. In Wielands Kreise reichte Knigge über seine Briefpartnerin Sophie von La Roche. Mit den Vertretern der sog. ‚Berliner Aufklärung‘ stand er, wie oben schon angedeutet, sogar in sehr engem Kontakt – er war regelmässiger Beiträger zu Friedrich Nicolais Allgemeiner Deutscher Bibliothek. Auch der geistige Führer des Göttinger Hainbunds, Klopstock, gehörte zu seinen Briefpartnern, und mit dem damaligen intellektuellen Zentrum Göttingen war er gar über mehrere Persönlichkeiten in Verbindung: Lichtenbergs Verleger Johann Christian Dieterich gab die eine oder andere Satire Knigges dem Physiker zum Lesen und rapportierte, dass sich Lichtenberg ausgezeichnet amüsiert hätte; die beiden Professoren Bürger und Kästner waren gar direkte Briefpartner Knigges. Den Reformpädagogen Campe bekämpfte er zuerst; als aber die politische Stimmung in Deutschland zusehends repressiv und anti-aufklärerisch wurde, schlossen sich die beiden Aufklärer dann doch zusammen. Gegenläufig war die Bewegung bei Lavater, den er zuerst noch für die Illuminaten zu gewinnen suchte, von dem er sich aber distanzierte, als dieser zusehends im mystisch-esoterischen Müsli versank. Selbst mit der Romantik steht Knigge, zumindest indirekt, in Verbindung: Der nach dem frühen Tod seines Vaters für Adolphs Erziehung zuständige Hannoveraner Pastor Johann Adolf Schlegel war der Vater der beiden Romantiker August Wilhelm und Friedrich. Die Briefe hingegen, die Knigge von Alois Blumauer, dem bekanntesten österreichischen Schriftsteller der Aufklärung, erhielt, waren Fälschungen der damaligen Wiener Polizeihofstelle, die Knigge aushorchen wollte. Tatsächlich hätte Knigge wohl – gutgläubig, wie er war – den Österreichern viele Namen seiner maurerisch gesinnten Freunde verraten, wenn ihn nicht sein Tod davon abgehalten hätte.
Alles in allem bietet dieser Band nicht nur einen erhellenden Einblick in Knigges Privatleben. Wir erfahren auch indirekt sehr viel über die Art und Weise, wie im ausgehenden 18. Jahrhundert aufgeklärte Intellektuelle miteinander kommunizierten, und welches Netz an Verbindungen da bestand. Die Edition enthält neben Anmerkungen zu den Briefen auch einen separaten Teil mit Biografischen Hinweisen, also mit Kurzbiografien der jeweiligen Briefpartner. Ein Personenregister ergänzt die vorzüglich gestaltete Ausgabe.