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Zwei der der vielen Punkte, die mich an dem Schweizer Ethos so beeindrucken, sind das wie bei einem Schachspieler auf lange Sicht ausgerichtete Denken sowie die Art, auf unaufdringliche Weise Spitzenleistungen zu vollbringen. Daher kann ich mir vorstellen, dass sowohl das, was US-Präsident Obama erreicht hat, als auch die Art und Weise, wie er es erreicht hat, gerade in der Schweiz auf Resonanz stossen dürften.
Nimmt Barack Obama Chancen und Herausforderungen an, hat er dabei das langfristige Ziel vor Augen. Gleichzeitig trifft er seine Entscheidungen mit Bedacht und berücksichtigt immer, was sowohl für das amerikanische Volk als auch für die Welt insgesamt das Richtige ist, ohne auf Umfragewerte oder Beliebtheitsumfragen zu achten. Bedachtsamkeit war es, die mir bei unserem ersten Kennenlernen im Frühjahr 2005 auf einer Veranstaltung in Washington D. C. auffiel.
«Wie fühlen Sie sich?», fragte mich der junge Senator von Illinois und legte mir die Hand auf die Schulter, nachdem er meinen Sechster-Monat-Babybauch bemerkt hatte. In dieser ersten Unterhaltung konzentrierte sich der frisch vereidigte Senator Barack Obama auf das Thema Work-Life-Balance, was mich beeindruckte.
Gleich darauf bekam ich einen Eindruck von seinem Führungsstil, als er die ganze Gruppe ansprach und erzählte, wie er Sachen erledigt. Er beschrieb, wie er zuerst ein breites Spektrum an Ansichten auswertet, dann die Gesichtspunkte zusammenträgt, um eine Vision sowie eine Strategie zu definieren, und sich dann mit den übrigen Akteuren daran macht, den Plan hochfokussiert in die Tat umzusetzen.
In unserer Unterhaltung fielen mir nicht nur seine klugen Bemerkungen und die tiefe Ruhe, die er ausstrahlte, auf, sondern ich bemerkte zudem, dass er Führungsqualitäten besass, die unser Land damals brauchte – und immer noch braucht. Damals war mir noch nicht bewusst, wie wichtig seine Fähigkeiten angesichts der unglücklichen Entwicklungen waren, die den USA beim Amtsantritt zu schaffen machten. Allein im Januar 2009 hatten in den USA 800 000 Menschen ihren Arbeitsplatz verloren. 16 Prozent der Amerikaner hatten keine Krankenversicherung, 52 Prozent des amerikanischen Energiebedarfs mussten über ausländisches Erdöl gedeckt werden. Zur gleichen Zeit kämpften wir in Afghanistan und mussten uns mit der Frage auseinandersetzen, ob der Iran eventuell Atomwaffen produzierte.
In seiner damaligen Antrittsrede führte Barack Obama neben anderen Themen diese Punkte als Teil seiner Präsidentschaftsagenda an. Wenn ich an diese Ansprache zurückdenke, fühle ich mich beflügelt, weil er so viele Punkte seiner Agenda umgesetzt hat – vor allem, wenn man so gewichtige Worte bedenkt wie: «Wir werden eine Hand reichen, wenn ihr gewillt seid, eure Faust zu lösen.» Mit diesen Worten drückte Barack Obama seinen Willen aus, Konflikte und Konfrontationen zu überwinden und stattdessen auf Kooperation und Zusammenarbeit zu bauen. Im Folgenden nenne ich einige Höhepunkte aus der Zeit der Obama-Regierung, auch wenn so eine Liste in keiner Weise die Leistungen der letzten sieben Jahre vollständig wiedergibt:
· Ein starker Einstieg: In seinen ersten beiden Wochen im Amt verbot Präsident Obama Folter als Verhörmethode, er unterzeichnete das Gesetz, das Frauen gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit garantiert, und er initiierte die Schliessung von Guantanamo. (Obwohl Guantanamo immer noch nicht geschlossen ist, hat der Präsident diesbezüglich Fortschritte gemacht und drängt nach wie vor auf weitere Schritte.)
· Krise der Autoindustrie: Im Februar 2009 schnürte er trotz grosser Bedenken vieler Menschen, die gegen diese Entscheidung waren, ein Rettungspaket – wohlwissend, dass Fehlentscheidungen der Unternehmen über den sogenannten Ripple Effect schwere Konsequenzen für die gesamte Region nach sich ziehen könnten. Bis 2011 haben die Autofirmen die Kredite, die von der Regierung Obama verlängert wurden, zurückgezahlt. Darüber hinaus steht die Industrie samt ihrer Zulieferer heute besser als je zuvor da, weil das Rettungspaket auch neue Umweltstandards und Innovationen anregte. Im Mai 2015 bei der Einweihung einer ABB-Robotertechnik-Fa brikanlage in Michigan wurde mir schlagartig klar, dass wir dort nicht wären, hätte Präsident Obama nicht 2009 diese Entscheidung getroffen.
· Arbeitsplätze: Dank der angestrengten Bemühungen der Regierung Obama hält das Arbeitswachstum in den USA im privaten Sektor seit nunmehr 69 Monaten mit über 13,7 Millionen neuen Arbeitsplätzen an. Es handelt sich um die längste Wachstumsperiode seit Beginn der Aufzeichnungen. Verglichen mit 2009, hat sich die Arbeitslosenquote auf die Hälfte reduziert.
· Gesundheitsversorgung: Seit der Affordable Care Act (auch als ObamaCare bekannt) in Kraft getreten ist, haben 17 Millionen Amerikaner – das sind mehr als doppelt so viele Menschen, wie die Schweizer Einwohner hat – eine Krankenversicherung, und zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika liegt der prozentuale Anteil der Menschen ohne Versicherung bei unter 10 Prozent. Gleichzeitig sinken die Kosten für die Gesundheitsversorgung, weil der Präsident den Fokus von einer reaktiven «Krankenversorgung» auf eine proaktive Gesundheitsfürsorge geändert hat.
· Ausbildung und Kompetenz: Der Präsident hat den Fokus auf die Kompetenzentwicklung verstärkt, wobei die Ausbildung den Schwerpunkt bildet, wie die 275 Millionen Dollar Fördergelder für Ausbildung allein in den letzten zwei Jahren deutlich machen.
· Energie und Umwelt: Die USA nahmen auf der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 eine führende Rolle dabei ein, Länder auf der ganzen Welt dazu zu verpflichten, bei der Rettung und Heilung unseres Planeten ihren Beitrag zu leisten. Weil er weiss, dass Veränderungen zu Hause beginnen müssen, hat Präsident Obama eine kreative Von-allem-etwas-Energiestrategie umgesetzt mit dem Ergebnis, dass die USA kurz davor stehen, von fremden Energiequellen unabhängig zu werden. Ausserdem wurde die Nutzung erneuerbarer Energien drastisch ausgebaut. Sogar das Weisse Haus hat Solarzellen installiert.
· Iran: Unter Führung der USA wurde ein Atomabkommen mit dem Iran getroffen, das die Gefahr iranischer Atomwaffen beseitigt.
· Kuba: Nach 50 Jahren haben die USA wieder diplomatische Beziehungen zu Kuba aufgenommen.
· Handel: Mit der Transpazifischen Partnerschaft (TPP) haben die USA das weitreichendste Handelsabkommen der Geschichte unterzeichnet. Es schützt Arbeiter und die Umwelt und sichert andere fortschrittliche Prioritäten, beispielsweise ein freies und offenes In ternet, Korruptionsbekämpfung und Transparenz.
· Die Liebe hat gesiegt: Die Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Ehe ist inzwischen in 50 Bundesstaaten gesetzlich verankert.
· Ebola: Mit den USA in der Führungsposition hat ein Bündnis verschiedener Staaten eine drohende weltweite Pandemie gestoppt.
Die vielen handfesten Errungenschaften von Präsident Obama sind eindeutig, und es gibt daneben das Nichtgreifbare. Als er 2009 sein Amt antrat, konzentrierte Obama sich darauf, dem Rest der Welt zu vermitteln, dass die USA Partner bei der Lösung der Probleme dieser Welt sind und nicht einfach alles im Alleingang machen wollen, wie einige glaubten.
In richtungweisenden Reden am Anfang seiner Amtszeit sprach Barack Obama vor vielen Menschen, etwa vor den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der National Academy of Sciences, er sprach zu den Delegierten der Vereinten Nationen und zu den Studenten an der Universität in Kairo. Und immer wieder unterstrich er, wie wichtig eine globale Zusammenarbeit sei. Und nach dem Prinzip hat er auch gehandelt – er hat Bündnisse angeführt, um den Extremismus zu bekämpfen, den Klimawandel aufzuhalten, Krankheiten auszurotten. Persönlich finde ich: vielleicht seine grösste Leistung.
In den Jahren 2008 und 2012 führte Barack Obama einen Wahlkampf der Hoffnung. Seine Wahl und seine Wiederwahl zeigten, dass Hoffnung über Angst siegen kann.
Aber Hoffnung ist keine Strategie – ihr muss harte und beständige Arbeit folgen. Präsident Obama hat in seinen sieben Amtsjahren eine Regierung geführt, die diese Hoffnungen auf eine bessere Nation und eine bessere Welt erfolgreich realisiert hat.
Da wir uns inzwischen dem letzten Jahr dieser Regierung nähern, werden wir alle noch härter als zuvor arbeiten. Als persönliche Vertretung von Präsident Obama freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit den Schweizern und den Liechtensteinern. Es ist mir wichtig, dass wir unsere Partnerschaften vertiefen, dass wir dem gewalttätigen Extremismus entgegentreten, dass wir unsere wirtschaftlichen Verbindungen fördern und das Verständnis und die Wertschätzung unserer jeweiligen Kulturen und Werte weiter verbessern.
* Suzan LeVine (46) ist seit 2014 US-Botschafterin in Bern. Sie unterstützte Obamas Wahlkampf. LeVine ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Der US-Präsident steht vor seinem letzten Amtsjahr. Seine Botschafterin in Bern, Suzan LeVine*, blickt auf seine Tätigkeit im Weissen Haus zurück, erinnert sich an ihre erste Begegnung mit ihm – und zieht Parallelen zur Schweiz.
Zwei der der vielen Punkte, die mich an dem Schweizer Ethos so beeindrucken, sind das wie bei einem Schachspieler auf lange Sicht ausgerichtete Denken sowie die Art, auf unaufdringliche Weise Spitzenleistungen zu vollbringen. Daher kann ich mir vorstellen, dass sowohl das, was US-Präsident Obama erreicht hat, als auch die Art und Weise, wie er es erreicht hat, gerade in der Schweiz auf Resonanz stossen dürften.