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Wenn ein Komponist eine Auferstehungssinfonie schreibt oder ein Gedicht mit dem Titel Das himmlische Leben vertont, dann – so sollte man meinen – müsste es sich bei ihm wohl um einen überzeugten Christen handeln. Aber als Gustav Mahler in der ersten Hälfte der 1890er Jahre die erwähnten Werke schuf, war er noch längst nicht getauft, sondern gehörte der jüdischen Glaubensgemeinschaft an. Waren diese Kompositionen also Vorboten auf dem Weg zur Konversion, zu seinem Übertritt in die katholische Kirche, den er am 23. Februar 1897 vollzog, unmittelbar vor seiner Berufung zum Wiener Hofoperndirektor?
Wenig weiss man über Mahlers religiöse Sozialisation in den Jugendjahren. Er wuchs im böhmischen Iglau auf, wo sein Vater Bernhard sogar dem Vorstand der neugegründeten Israelitischen Kultusgemeinde angehörte. Er habe als Kleinkind die synagogalen Gesänge nicht leiden mögen und heftig gegen sie protestiert, hat Mahler einmal selbst behauptet; wie immer diese Anekdote zu deuten ist, belegt sie jedenfalls, dass die Familie am Gottesdienst teilgenommen haben muss und der junge Gustav vertraut war mit den Zeremonien und Riten. Fest steht auch, dass er in der Schule den jüdischen Religionsunterricht besuchte, als Dreizehnjähriger seine Bar Mizwa feierte und somit zum vollgültigen Gemeindemitglied aufstieg.
Doch spätestens während seines Studiums in Wien begann sich Mahler vom Glauben seiner Vorväter abzuwenden. In der Donaumetropole gehörte er ab 1879 zum Kreis des bekennenden Nietzsche-Jüngers Siegfried Lipiner und begegnete künftigen Sozialisten wie Engelbert Pernerstorfer und Victor Adler, deren freigeistiges Denken ihn ansprach. Mahlers spirituelle Identität war von diesem Zeitpunkt an kaum mehr jüdisch geprägt, die soziale dafür umso mehr. Denn in den folgenden Jahren, mit seiner wachsenden Anerkennung als Dirigent, sah er sich immer heftigeren antisemitischen Ressentiments ausgesetzt – eine erste regelrechte Hetzkampagne musste er schon 1885 erdulden, in seiner Zeit als Zweiter Kapellmeister in Kassel. Die Erkenntnis, dass seine jüdische Abkunft zu einem Karrierehemmnis geraten würde, konnte nicht ausbleiben: «Mein Judentum verwehrt mir, wie die Sachen jetzt in der Welt stehen, den Eintritt in jedes Hoftheater», schrieb Mahler um die Jahreswende 1894/95 an seinen Jugendfreund Fritz Löhr. «Nicht Wien, nicht Berlin, nicht Dresden, nicht München steht mir offen. Überall bläst jetzt derselbe Wind.»
Freilich waren die Probleme mit der Taufe kaum aus der Welt geschafft. Nicht nur für die Halacha, die jüdische Gesetzestradition, bleibt ein Jude immer Jude, selbst wenn er zu einer anderen Glaubensgemeinschaft wechselt; paradoxerweise teilen auch die Antisemiten genau diese Einschätzung – und Mahler wurde ihr Opfer, weit über den Tod hinaus. Als «jüdischer Komponist» wurde er rezipiert, geschmäht und schliesslich verboten: Daran konnte auch die Auferstehungssinfonie nichts ändern. Und so blieb ihm die bittere Erkenntnis: «Ich bin dreifach heimatlos: als Böhme unter Österreichern, als Österreicher unter den Deutschen und als Jude in der ganzen Welt. Überall ist man Eindringling, nirgends ‹erwünscht›.»
Susanne Stähr
Gleich vier Sinfonien Gustav Mahlers stehen in diesem Sommer bei LUCERNE FESTIVAL auf dem Programm: Mariss Jansons und das Königliche Concertgebouworchester interpretieren am 1. September die Erste Sinfonie, Andris Nelsons und «sein» City of Birmingham Symphony Orchestra am 3. September die Zweite, die Auferstehungssinfonie. Mahlers letzte vollendete Sinfonie, seine Neunte, erklingt am 9. September mit Lorin Maazel und den Münchner Philharmonikern. Und Riccardo Chailly stellt bei seinem Auftritt mit dem Leipziger Gewandhausorchester am 11. September Mahlers düstere Sechste der glaubensgewissen Reformationssinfonie von Felix Mendelssohn gegenüber.