Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03551.jsonl.gz/1296

Pedro Lenz, wie finden Sie die Themen für Ihre Kolumnen?
Man muss nur genau hinschauen. Oft kommen auch Leute mit Anekdoten zu mir und sagen: Das ist ein typischer Pedro-Lenz-Stoff, mach eine Kolumne daraus. Aber diese Ideen funktionieren meistens nicht.
Um wie viel Prozent müssten Sie Ihr Arbeitspensum reduzieren, damit Sie massiv glücklicher wären?
Nüüt! Arbeiten und Leben ist für mich das Gleiche. Darum bin ich ja auch Schriftsteller geworden. Früher, als Maurer, hoffte ich immer auf den Feierabend.
Was wären Sie für eine Frucht?
Eine Passionsfrucht. Welche Frucht trägt schon die Leidenschaft im Namen! Sogar mein Sohn Nicanor isst sie gerne. Er macht dann immer so ein lustiges Schnörrli.
Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie Ihren Teller nicht leer essen?
Wenn ich als Kind nicht aufessen wollte, hiess es: Denk an die armen Kinder in Afrika. Das ist mir bis heute geblieben.
Als Sie Kind waren: Was haben Ihre Eltern da immer gesagt?
Wenn ich krumm da hockte, sagte mein Vater: «Mach einen geraden Rücken.» Ich musste sogar ins Buggeli-Turnen! Meine Mutter fragte mich ständig: «Trägst du auch ein Unterleibchen?»
Wie hätte Ihr Vorname als Mädchen gelautet?
Ich vermute Maria Mercedes. Meine jüngere Schwester heisst so.
Was hatten Sie als Kind für einen Spitznamen?
Mein Vater sagte mir Bingi, weil ich der jüngere der Buben war. In der Schule war ich der Bingu.
Erinnern Sie sich an Ihren ersten Schulschatz?
Ehrlich gesagt, hatte ich nicht so Schriis als Giel. Die Mädchen sahen mich als guten Kollegen. Einmal bekam ich einen Anruf von einer, in die ich schampar verliebt war. Ich dachte: Bingo! Sie sagte dann: Du kennst doch den Typen so und so – meinst du, ich hätte Chancen bei dem? Schlimm!
Ich hatte nicht so Schriis als Giel. Die Mädchen sahen mich als guten Kollegen
Als Sie 16 Jahre alt waren: Wie sah da Ihr Zimmer aus?
Ich hatte ein Poster von Che Guevara aufgehängt. Er war mein Held, weil er eine ganze Insel befreit hatte. Und ich war sicher: Er hätte gar die ganze Welt befreit – hätte man ihn nur machen lassen.
Haben Sie ein Tattoo?
Eine Jugendsünde. Mit 18 liess ich mir den Kopf von Marilyn Monroe aufs Schulterblatt stechen. Ich wollte ein Sujet, das seine Gültigkeit behält. Heute ist sie ziemlich verschwommen.
Welches Buch hat Ihr Leben massiv beeinflusst?
John Steinbecks «Tortilla Flat». Der Autor sei ein echter Literatur-Crack, hiess es. Als ich das Buch zum ersten Mal las, dachte ich, das kann nicht sein, ich verstehe ja jedes Wort. Da realisierte ich: Hohe Literatur muss nicht zwingend anstrengend sein.
Welche Musik hat Ihr Leben geprägt?
Die Lieder von Tinu Heiniger zum Beispiel. Ich erinnere mich an ein paar Zeilen aus «Ire Beiz»: (singt) «Weisch mängisch hauten ig das hie fasch nümme us, de wetti dr Püntu häregheie, u de blibi när glich, wüu ig bi ja nid allei, es het non es paar, wo no nid ufgäh hei.» Dieses Lied hat mich politisiert! Für mich war klar: Wir sind eine Minderheit, die für eine bessere Welt kämpfen muss.
Haben Sie einen Organspendeausweis?
Nein, aber ich werde meine Augen-Hornhaut spenden. Ich bin Botschafter der Stiftung Keradonum, die Menschen vor dem Erblinden bewahrt, indem sie ihnen eine neue Hornhaut schenkt.
Können Sie sich vorstellen, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen?
Ich finde diese Exit-Geschichte gefährlich, weil sie einen sozialen Druck erzeugt. Es kann nicht sein, dass Pflegebedürftige plötzlich denken, sie hätten kein Recht auf Leben mehr.
Welche Musik soll an Ihrer Beerdigung gespielt werden?
«Angel Flying Too Close to the Ground» von Willie Nelson – Engel, die zu nahe am Boden fliegen. Wunderschön.
‚Willst du in fünfzig Jahren auf dem Totenbett sagen, ich wäre gerne Schriftsteller geworden?‘ Meine Antwort war klar: Nein
Die bisher beste Idee Ihres Lebens?
Ein Kind zu zeugen. Und der Entscheid, vom Schreiben zu leben. Davor machte ich vieles, aber nichts richtig. Das war frustrierend und brachte erst noch nicht viel Geld. In einem Moment der totalen Verzweiflung fragte ich mich: «Willst du in fünfzig Jahren auf dem Totenbett sagen, ich wäre gerne Schriftsteller geworden?» Meine Antwort war klar: Nein.
Falls Ihr Leben verfilmt wird: Welcher Schauspieler soll die Hauptrolle spielen?
Musiker Nick Cave.
Welche Idee, welchen Wunsch haben Sie endgültig begraben?
Als Rocksänger auf der Bühne zu stehen – wie Mick Jagger. Das wärs gewesen!