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Amt bis 1415, gemeine Herrschaft bis 1798, Distrikt des helvet. Kt. gleichen Namens bis 1803, Bez. des Kt. Aargau seit 1803. Das lenzburg., später kyburg. und ab 1264 habsburg. Amt B. lag im westl. Teil des urspr. Zürichgaus und umfasste wechselnde Teile des Gebiets zwischen Rhein, Aare und Reuss. Im 14. Jh. war das Amt B. auf das Dreieck zwischen Limmat und Reuss konzentriert und wurde später weiter aufgeteilt. Als Teil der habsburg. Landvogtei Aargau wurde es durch einen Landvogt verwaltet, der in der Stadt B. seinen Sitz hatte.
Der Begriff Grafschaft B. wurde erst nach Eroberung des Aargaus durch die Eidgenossen 1415 gebräuchl. für das zusammen hängende Gebiet, in dem Habsburg die Blutgerichtsbarkeit innegehabt hatte. Es bestand aus den früheren habsburg. Ämtern B. und Siggenthal, den bischöfl.-konstanz. Vogteien Klingnau, Zurzach und Kaiserstuhl sowie dem links der Aare liegenden Kirchspiel Leuggern. Als gemeine Herrschaft wurde die Grafschaft B. von den sieben an der Eroberung beteiligten Orten, ab 1443 von allen acht Orten gemeinsam verwaltet. Sie war gegliedert in acht innere (Rohrdorf, Birmenstorf, Gebenstorf, Dietikon, Wettingen, Siggenthal, Ehrendingen, Leuggern) und drei äussere Ämter (Klingnau, Zurzach, Kaiserstuhl), zu denen auch die rechtsrhein. Kirchspiele Kadelburg, Lienheim und Hohentengen gehörten. Die Eidgenossen übernahmen die uneinheitl. habsburg. Rechtsstruktur; nur in einem Fünftel des Gebiets stand dem Landesherrn auch das niedere Gericht zu. Die chaot. Rechtsverhältnisse führten im Innern wie an den Grenzen zu zahlreichen Konflikten um die Hoheitsrechte. Unter über 30 Gerichtsherren waren am bedeutendsten: das Kloster Wettingen mit geschlossenem Besitz in den Ämtern Wettingen und Dietikon, die Johanniterkommende Leuggern im Amt Leuggern, das Kloster St. Blasien speziell im unteren Aaretal und im Surbtal (von der Propstei Klingnau aus verwaltet) sowie der Fürstbf. von Konstanz. Dieser besass in den äusseren Ämtern weitere landesherrl. Kompetenzen, welche die Eidgenossen nach und nach für sich beanspruchten. Umgekehrt wurde in den Dörfern zwischen Zürich und Dietikon unter der Gerichtsherrschaft zürcherischer Fam. die Landeshoheit des Landvogts allmähl. ausgehöhlt. Die Städte Baden, Bremgarten und Mellingen (letztere nur verwaltungstechn. der Grafschaft unterstellt) verfügten selbst über das hohe Gericht und über weitgehende Selbstverwaltung und unterstanden direkt den acht Orten, die im Turnus von zwei Jahren abwechselnd den Landvogt stellten. Nach der kath. Niederlage von 1712 teilten sich Zürich (7/16), Bern (7/16) und Glarus (2/16) in die Herrschaft.
Der Landvogt nahm in Baden Sitz in der Niederen Feste, später Landvogteischloss genannt (ausgebaut 1486-90). Er richtete in den eigenen Gerichtsherrschaften alle Vergehen, in den übrigen alles, was die Rechte der lokalen Gerichtsherren überstieg. Er bestimmte über die Wahl der Amtsuntervögte und durch direkte Ernennung von Richtern das 24-köpfige, für Malefizsachen zuständige Landgericht und war in Zivilsachen Appellationsinstanz. Bei Tagsatzungen in Baden besiegelte er deren Missiven und fällte bei Stimmengleichheit den Stichentscheid. Als Beamte standen ihm Landschreiber und Untervogt der Grafschaft, vom regierenden Ort gestellt, mit beratender Stimme in Rechtssachen zur Seite. Die Amtsuntervögte entstammten der lokalen Oberschicht. Wo auch das niedere Gericht der Landvogtei zufiel, leiteten sie die Gerichtsverhandlungen. Im übrigen richteten sie obrigkeitl. Befehle aus und zogen Bussen ein. Aufgrund der rechtl. Struktur und der Kürze der Amtsdauer war die Landvogteiverwaltung alles andere als straff. Der Landvogt wurde nur aktiv, wenn es Konflikte zu regeln gab. Jede Territorialisierung und Intensivierung der Herrschaft unterblieb. Die Autonomie der Grund- und Gerichtsherren sowie der Dorfgem. ging entsprechend weit.
Die wichtigsten Einnahmen der Landvogtei bestanden aus dem Leibfall (1666 umgewandelt in einen jährl. Zins), dem Abzug von allen die Grafschaft B. verlassenden Mobilien, den Abgaben der Juden und aus Zollgeldern. Der in B., Klingnau, Koblenz, Würenlingen und Zurzach erhobene Zoll (Geleit) brachte wenig ein und wurde ab dem 17. Jh. an den Meistbietenden verpachtet. Die Grafschaft B. war die einzige gemeineidg. Vogtei, in der über das 17. Jh. hinaus Juden geduldet wurden. Ihre Niederlassung wurde 1774 auf Endingen und Lengnau beschränkt. Die ländl. Oberschicht als wirtschaftl. Konkurrenten versuchte mehrfach, gelegentl. auch tätlich, deren Wegweisung zu erwirken. Finanzielle Interessen der Obrigkeit verhinderten dies. Die direkt dem Landvogt unterstehenden Juden mussten sich seit 1696 alle 16 Jahre einen Schutz- und Schirmbrief erkaufen. Ihre Handelstätigkeit trug zudem zu höheren Zolleinnahmen bei. Anlässl. der Jahresrechnungstagsatzungen im Juni legte der Landvogt Rechenschaft ab. Die Landvogteirechnung schloss des Öftern mit Defizit ab; auch für den Landvogt selbst resultierte nur bescheidener Reichtum.
Bis ins 18. Jh. betrieb die überwiegende Mehrzahl der Bewohner im genossenschaftl. Rahmen der Dorfgem. Landwirtschaft nach dem Dreizelgensystem, meist Getreidebau, im Limmat-, Aare- und Surbtal auch Rebbau. Die Kleinstädte B., Mellingen, Bremgarten, Klingnau, Kaiserstuhl und der Messeort Zurzach, in denen Handwerk und Handel vorherrschten und Wochen- und Jahrmärkte stattfanden, vernetzten das ländl.-gewerbl. Wirtschaftssystem. Sie fungierten zudem als Kapitalgeber für die seit dem 15. Jh. in steigendem Mass verschuldete Landschaft. Das Handwerk war auch auf dem Land generell erlaubt, seit 1666 sogar ausdrückl. sanktioniert. Die uneinheitl. Rechtsstruktur hatte ihr Pendant in zersplitterten zehnt- und grundherrschaftl. Verhältnissen. Das Erbrecht (Realteilung) führte zur Zerstückelung der bebauten Flächen. Die Landvogtei versuchte im 18. Jh. mit Generalbereinigungen, Ordnung in die kleinteilige Flur- und Zinsstruktur zu bringen. Davon abgesehen, betrieb die ständig wechselnde Landvogteiverwaltung keinerlei langfristige Wirtschaftspolitik. Mangels obrigkeitl. Unterstützung blieben im 18. Jh. landwirtschaftl. Reformen noch weitgehend aus. Ende des 18. Jh. gab es in der Grafschaft B. keine einzige Manufaktur oder Fabrik, und höchstens an der Grenze zu Zürich wurde etwas Heimindustrie betrieben. Der Strassenbau wurde erst nach 1750 intensiviert, als Zürich und Bern jeweils sieben Jahre lang den Landvogt stellten.
Kirchl. gehörte die Grafschaft B., mit Ausnahme des Amtes Leuggern (Bistum Basel), zu Konstanz. Nach 1531 wurden die teilweise vom alten Glauben abgefallenen Pfarreien weitgehend rekatholisiert. Begünstigt durch den Wechsel von ref. und kath. Landvögten, verblieben in mehreren Gem. ref. Minderheiten, in Tegerfelden und Zurzach sogar Mehrheiten. Ref. blieben die unter Zürcher Einfluss stehenden östl. Limmattalgem. Wie alle Reformierten der Grafschaft unterstanden sie dem Ehegericht der Stadt Zürich, ausser jenen von Birmenstorf und Gebenstorf (bern. Chorgericht). Die Juden des Surbtales (Gottesdienst nach schwäb.-jüd. Ritus) bildeten mit Tiengen einen Rabbinatsbez. Sie errichteten im 18. Jh. zwei grosse, repräsentative Synagogen.
Gleichzeitig mit der Befreiung von der Untertanenpflicht am 19.3.1798 durch die Erklärung der provisor. Regierungen von Zürich und Bern erfolgte die Integration der Grafschaft (zusammen mit den Freien Ämtern und dem Kelleramt) in den neu geschaffenen helvet. Kt. gleichen Namens und die verwaltungstechn. Aufteilung des Territoriums in die Distrikte Zurzach und B. Das Gebiet des Distriktes B. deckt sich mit jenem des heutigen aarg. Bez. B. (1990 27 Gem.) nur teilweise. Bei der Gründung des Kt. Aargaus (1803) kamen die während der Helvetik abgespaltenen Würenlingen, Bellikon, Künten, Remetschwil, Stetten, Mellingen, Wohlenschwil und Mägenwil wieder hinzu, dafür mussten Hüttikon, Oetwil an der Limmat, Dietikon und Schlieren an den Kt. Zürich abgetreten werden. Nach markantem Wachstum, v.a. nach dem 2. Weltkrieg, entwickelte sich B. zum mit Abstand grössten und am dichtesten besiedelten aarg. Bez. (1990 110'000 Einw., 715 Einw./km2).
Literatur
– H. Kreis, Die Grafschaft B. im 18. Jh., 1909
– O. Mittler, «Die Grafschaft B.», in Aargauer Heimat, 1944, 41-70
– B. Meier, D. Sauerländer, Das Surbtal im SpätMA, 1995
Autorin/Autor: Andreas Steigmeier