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Die Eisdecke von Grönland schmilzt rapide und fliesst ins Meer. Mit Hilfe von neuester Technologie untersuchen Schweizer Forscher des Swiss Camps diese Entwicklung vor Ort.Dieser Inhalt wurde am 21. August 2007 - 09:08 publiziert
Die ständige Basis ist eine von zwei auf der riesigen Insel. Sie wird vom Schweizer Konrad Steffen geleitet, obschon sie heute in amerikanischer Hand ist.
Weiss soweit das Auge reicht und beissende Kälte. In dieser biologischen Wüste, in die sich höchstens Vögel verirren, die von einem Blizzard hergeweht wurden, verbindet Konrad Steffen mit blossen Händen zwei Kabel einer automatischen Wetterstation.
Dieser metallene Drehturm von 8 m Höhe, der im Eisschild verankert wurde, misst Temperatur, Windgeschwindigkeit, Feuchtigkeit. Das technologisch hoch entwickelte Gerät kann auch UV-Strahlen und Langwellen auffangen. Insgesamt werden jede Stunde 32 meteorologische Parameter per Satellit in die Büros des Zürcher Forschers übermittelt.
"Koni", der heute als Professor und Leiter eines der wichtigsten Zentren für Umweltforschung in den Vereinigten Staaten (dem CIRES von Boulder, Colorado) tätig ist, reist jeden Frühling in den Westen Grönlands zum Swiss Camp.
Diese Basis mit drei grossen Igluzelten und einer Reihe von weiteren, kleineren Zelten ist die einzige auf dem grönländischen Eisschild, der 2500 km auf 500 km gross ist und eine Dicke bis 4 km erreicht.
Hier arbeiten "Koni" und seine Kollegen mit sorgfältig gewarteten Instrumenten, mit denen sie lokale Ereignisse erforschen und daraus weltweite Konsequenzen ableiten können.
Denn würde das gesamte Grönlandeis schmelzen, stiege der Meeresspiegel um 7 m. "Bereits heute verliert die Insel mehr Eis, als durch Niederschläge wieder gebildet wird", erklärt der Forscher.
"Dieser Verlust an Eis, ein Phänomen, das wir erst seit kurzem beobachten, geht schneller vor sich als prognostiziert und überschreitet jährlich die Gesamtheit der Gletschermasse der Alpen. Die Frage stellt sich nun, welche Konsequenzen dies haben wird."
Mit der NASA
Vom Swiss Camp aus, dessen jährliches Budget 200'000 Dollar beträgt, werden 25 Wetterstationen unterhalten, die den grössten Teil Grönlands abdecken. Die näher gelegenen können mit Schneemobilen erreicht werden, die andern mit dem Flugzeug.
Der Name des Camps erinnert an seine Geschichte. Im Jahr 1990 errichtete "Koni" zusammen mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) für drei Jahre eine Basisstation für atmosphärische Forschung, die von der schweizerischen Eidgenossenschaft finanziert wurde.
Als zwei Jahre später der Vulkan Pinatubo ausbrach, kam es zu einer Abkühlung. Der Vertrag konnte nicht mehr eingehalten werden, und man musste das Camp, das im Eis gefangen war, abbrechen.
"Koni" hatte sich in der Zwischenzeit in den USA niedergelassen und übernahm die Aufgabe erneut, diesmal aber mit seiner amerikanische Universität und der Unterstützung der NASA.
Für das Luft- und Raumfahrtunternehmen ist dies ein ideales Terrain zur Kalibrierung, der Überprüfung seiner Satelliten (namentlich des ICESat ), wozu die Schneetemperaturen und die Variationen der Schneeschichten nötig sind.
Fünf Grad mehr
Dank ihren Instrumenten erhalten "Koni" und seine Mitarbeiter einen wissenschaftlichen Datenmix: Messergebnisse vom Boden, von den Satelliten wie von den Klimamodellen erlauben ihnen einen vertieften Einblick in die Entwicklungsgeschichte des Eisschilds, und zwar in dem Moment, wo das Klima sich verändert.
"In 17 Jahren ist die Temperatur ständig gestiegen, betont der Forscher. Der grösste Anstieg erfolgt jeweils im Winter. Heute ist die Temperatur um 5 Grad höher als 1990, was die Schmelze im Frühling erleichtert."
Auf Grund des Umfangs des Eisschildes schwanken die Temperaturen im Sommer kaum, im Frühling und im Herbst steigen sie jedoch um drei Grad. Resultat: das Eis hat mehr Zeit zum Schmelzen.
Die Schmelze zwingt die Forscher regelmässig ihre Stationen tiefer in die Eiskappe zu verankern, weil ihnen sonst der Eismantel fehlt.
Ein gutes Schmiermittel
Die Analyse des Klimas ist nicht die einzige Aufgabe im Swiss Camp. Jay Zwally misst mit seinen GPS-Stationen die Abfliessgeschwindigkeit des Eises ins Meer. Jeden Tag rückt es 33 cm in Richtung Küste vor. In den letzten Jahren hat die Geschwindigkeit im Sommer um 10 bis 20% zugenommen.
"Uns interessiert vor allem die Beschleunigung der Abschmelzgeschwindigkeit, denn dadurch könnte die Bewegung zum Meer hin durch eine positive Rückkopplung noch gesteigert werden", erklärt der Amerikaner mit Schweizer Wurzeln.
Auch Radargeräte werden benutzt zur Messung des Eises in verschiedenen Tiefen und zur Identifizierung von Wasservorkommen, das durch Gletscherspalten und Gletschermühlen fliesst.
Nach einer Theorie, die sich zunehmend bestätigt, spielt dieses Wasser unter dem Eisschild die Rolle eines Schmiermittels. Es reduziert die Reibung, steigert zusätzlich die Abfliessgeschwindigkeit des Eises zur Küste hin und produziert grandiose Eisberge.
Jose Rial, Seismologe der Universität von North Carolina, hat das Abbrechen der Gletscherkanten beobachtet. Mit Hilfe von seismischen Detektoren kann er das Volumen des Eisschilds, das ins Meer gelangt, beziffern.
"Es ist noch nicht lange her, seit ich von oben den Jungs auf dem Terrain zuschauen konnte. Ich habe grossen Respekt vor ihrer Arbeit unter diesen extremen Bedingungen. Die letzte Grenze ist hier!"
swissinfo, Pierre-François Besson, Grönland
(Übertragung aus dem Französischen: Christine Fuhrer)
In Kürze
Obschon die Schweiz kein nationales Zentrum für Polarforschung unterhält, werden die arktischen und antarktischen Gebiete erforscht, vor allem durch die Universität Bern (Paläoklimatologie), die Eidgenössische Technischen Hochschule Zürich und die Universität Genf (Klimamodelle).
Um in der Zukunft mehr über die Pole und die Auswirkungen auf das Klima zu erfahren, wurde die Zeitspanne von 2007-2009 zum Internationalen Polarjahr bestimmt.
Gewisse Forscher schätzen, dass auf Grund des aktuellen Rhythmus' der Schmelze das arktische Packeis bis 2050 im Sommer vollständig verschwunden sein wird.
TECHNISCHE DATEN
Das Swiss Camp hiess früher ETH Camp und wurde von Konrad Steffen und seinen Mitarbeitern der Eidgenossischen Technischen Hochschule (ETHZ) im Frühling 1990 im Westen Grönlands errichtet.
Diese Forschungsplattform befindet sich etwa 70 km von der kleinen Küstenstadt Ilulissa (4000 Einwohner) entfernt.
Auf 1100 m Höhe auf dem Eisschild gelegen, grenzt das Camp an die Gleichgewichtslinie zwischen dem winterlichen Schneefall und der sommerlichen Schneeschmelze. Dadurch wird verhindert, dass das Camp im Winter unter dem Schnee verschwindet und im Sommer vom Schmelzwasser weggespült wird.
Die kürzlich erhaltenen Daten des Swiss Camps bestätigen den Temperaturanstieg und die Beschleunigung der Abschmelzgeschwindigkeit. Die Gleichgewichtslinie hat sich in 17 Jahren auf dem Eisschild um 2 km nach oben verschoben.
Mit Hilfe der Instrumente des Swiss Camps konnte Konrad Steffen einen Anstieg der Schmelzzonen auf Grönland von 30% aufzeigen.
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