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© Marcel Burkhardt
Die heimliche Lebensweise des Ziegenmelkers ist zwar faszinierend, aber sie schadet ihm auch: Weil wir sie noch zu wenig verstehen, bleiben die bisherigen Fördermassnahmen ohne Wirkung. Die Vogelwarte verfolgt verschiedene Ansätze zum besseren Schutz der geheimnisvollen Art.
Dieser rätselhafte Bewohner warmer, offener Wald- und Heideflächen hat schon manchen Naturforscher in seinen Bann gezogen. Aristoteles und Plinius nannten ihn «Ziegensauger» (daher stammt die italienische Bezeichnung «Succiacapre », aber auch der deutsche Name), wohl weil sich der Vogel gerne bodennah auf von Ziegen beweidetem Wiesland aufhielt, was zur Legendenbildung verschiedenster Art beitrug. Angesichts der Häufigkeit des Ziegenmelkers im Mittelmeerraum vergisst man oft, dass sein Brutgebiet in Nordeuropa über den Polarkreis hinausreicht. In diesen Gebieten mit massiven Wetterwechseln kann er aber nur überleben, weil er in Kälte- und Schlechtwetterperioden in eine Kältestarre fällt und damit seinen Energieumsatz stark reduziert.
Die Schweiz beherbergt weniger als ein Prozent des europäischen Ziegenmelkerbestands. Die Art war bei uns zwar immer selten, kam früher aber in den warmen Gebieten regelmässig vor. Als Folge des Zusammenwirkens verschiedener Faktoren brach der Bestand dann aber bis in die 2000er-Jahre stark ein. Seither hat er sich teilweise halten können; die nördlichen Vorkommen sind aber alle verschwunden. Heute finden wir den Ziegenmelker nur noch im Wallis, im Tessin und ab und zu in einzelnen Bündner Tälern, dies bis gegen 1800 m Höhe. Der Ziegenmelker besiedelt lichte Wälder an warmen Standorten mit vegetationsfreien Stellen, wo er seine Eier direkt auf den Boden legen kann. Früher entstanden diese Brutplätze als Folge von Waldbränden, Lawinenniedergängen oder Hangrutschungen. So sangen nach der Feuerkatastrophe von Leuk im Jahr 2003 in den Folgejahren jeweils 5–9 Ziegenmelker auf der 310 ha grossen Waldbrandfläche. Solche Naturereignisse kommen aber kaum noch vor, und die Landschaftsdynamik, von der der Ziegenmelker profitierte, unterbleibt zunehmend. Parallel dazu werden auch die Waldweide und das intensive Brennholzsammeln, die früher noch zur Entstehung stark aufgelichteter Waldflächen beigetragen hatten, mehr und mehr aufgegeben. Dadurch entwickeln sich ehemalige Brutplätze zu dichteren Waldbeständen und verlieren an Attraktivität für den Ziegenmelker. Komplettiert wird dies düstere Bild durch die Erweiterung von Bauzonen und Rebbergen, auch dies zu Lasten von für die Art geeigneten Lebensraumflächen.
Seit den Neunzigerjahren läuft im Wallis ein Schutzprojekt der Vogelwarte, mehrerer kantonaler Behörden und des Forstdienstes. Es hat zum Ziel, den Bestandsrückgang des Ziegenmelkers in Grenzen zu halten. In den ersten Jahren konzentrierte man sich auf Eingriffe in ehemaligen Ziegenmelkergebieten und am Rand von noch besetzten Waldflächen, um dort die für die Art günstige, halboffene Waldstruktur zu erhalten. Man war damals der Meinung, dass Ziegenmelker im Bereich der Nistplätze auch jagen würden. Ein Ergebnis dieser Arbeiten war der Befund, dass mit der zunehmend dichteren Waldvegetation auf den verlassenen Flächen das Angebot an Nachtfaltern und an den zum Brüten geeigneten vegetationsfreien Bodenstellen abnahm. Neuere Studien aus England und Belgien haben mittlerweile ein anderes Verhalten der Ziegenmelker belegt, denn dort jagten die Vögel abseits der Nistplätze über offenem, bis zu einigen Kilometern entferntem Wiesland. Diese Ergebnisse aus Heidelandschaften und jungen Föhrenpflanzungen müssen für die schweizerischen Ziegenmelkerbestände natürlich nicht zutreffen, denn die bei uns genutzten Lebensräume sind ja steile, zum Teil viel höher gelegene Trockenhänge und weisen damit einen ganz anderen Charakter auf.
Die Vogelwarte hat deshalb beschlossen, die Ziegenmelker der Walliser Population intensiv zu überwachen, um die Einflussfaktoren für den Bestandsniedergang dieses Insektenfressers besser zu verstehen. Noch vor kurzer Zeit wäre es aus technischen Gründen fast unmöglich gewesen, nachtaktive Vögel wie den Ziegenmelker genauer zu verfolgen: Die heimliche und zum Teil sehr mobile Lebensweise verhinderte einen Einsatz von Nachtsichtgeräten, und das geringe Gewicht von 70–100 g erlaubte keine radiotelemetrische Überwachung. Erst die neu entwickelten, weniger als 3 g schweren GPS-Logger erlauben es, räumlich und zeitlich präzise Informationen zu den Aufenthaltsorten von Vögeln relativ kleiner Arten zu sammeln.
Mit Hilfe dieser modernen Technologie und intensiver Feldarbeit haben wir etwa 70 % aller Männchen des Walliser Brutbestands mit Loggern ausgerüstet. So konnten wir jeden Vogel alle drei Minuten auf wenige Meter genau lokalisieren. Dank der hohen zeitlichen Auflösung ist es uns damit erstmals gelungen, die Flugwege jedes Individuums genau aufzuzeichnen und deren Brut- und Jagdbiotope zu beschreiben. Das in England und Belgien beobachtete Jagdverhalten haben wir an den Walliser Vögeln bestätigen können. Von den Brutplätzen aus fliegen die Ziegenmelker normalerweise etwa 1,3 km weit bis zu ihren Jagdrevieren. Dies sind extensiv bewirtschaftete Wiesen oder begrünte Weinberge im Randbereich der jeweils genutzten Brutlebensräume. Am Anfang und am Ende der Nacht sind die Vögel besonders aktiv. Von einem erhöhten Ansitz im Wipfel einer Baumgruppe oder von einem toten Ast aus machen sie in Fliegenschnäppermanier kurze Jagdflüge auf vorbeischwirrende Insekten. Sobald sich ein Beutetier auf wenige Meter nähert, stürzen sie sich darauf und kehren zum Ausgangspunkt zurück, um auf das nächste Opfer zu warten. Seltener versuchen sie, im Dauerflug fliegende Insekten zu erwischen. Ihre Lieblingsbeute sind Nachtfalter, aber sie nehmen auch gern Käfer, Zwei- und Hautflügler. Es scheint so, als ob gewisse Walliser Ziegenmelker es kaum erwarten können, im Bereich der Wiesen oberhalb der alpinen Waldgrenze Insekten zu jagen. Einige von ihnen haben wir jedenfalls schon zu Beginn der Saison bei kurzen Ausflügen in Wiesen auf mehr als 2000 m Höhe ertappt. Zwar blieben sie so früh im Jahr nicht lange dort, sie kehrten später aber zur Insektenjagd zurück. Dabei überwanden sie problemlos Höhenunterschiede von mehr als 1000 m. Einzelne Loggervögel erreichten sogar Höhen von mehr als 3000 m, vermutlich ein Höhenrekord für diese Art!
Unsere Studie lässt vermuten, dass alle an Insekten und besonders an Nachtfaltern reichen und durch Hecken aufgewerteten Wiesen zwischen der Ebene und der subalpinen Stufe für die Ernährung des Ziegenmelkers von grosser Bedeutung sind. Gerade diese extensiv genutzten Wiesen sind heutzutage jedoch in Gefahr, durch die Aufgabe oder die Intensivierung der Landwirtschaft zu verschwinden. Bis jetzt haben sich die Schutzmassnahmen für den Ziegenmelker auf die Waldlebensräume konzentriert. In Zukunft sollte der Fokus auf den wertvollen Wiesen und naturnah bewirtschafteten Rebbergen in den Randbereichen der aktuellen Brutvorkommen liegen. Natürlich sollte dabei die Förderung des Brutlebensraums nicht vernachlässigt werden, denn wegen der fehlenden natürlichen Dynamik im Wald sind die geeigneten Neststandorte nur über die Auflichtung der Waldstruktur durch forstliche Eingriffe oder durch Beweidung zu erhalten. Andererseits kann eine Wiederbesiedlung ehemals besetzter Gebiete wohl nur gelingen, wenn in deren Umgebung wieder genug Flächen mit reichem Insektenangebot entstehen.
Jean-Nicolas Pradervand, Alain Jacot, Ruben Evens