Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03224.jsonl.gz/1276

Es sei egoistisch und nicht gerade rational, einen Dokumentarfilm über die eigene Mutter zu machen, sagte Stéphanie Argerich an der Vorpremiere ihres ersten Kinodokumentarfilms. Vor zehn Jahren hat die 1975 in Bern geborene Dokfilmerin, spezialisiert auf Fernsehporträts von MusikerInnen, damit begonnen, ihre Mutter zu filmen – einfach so, ohne weiter gehende Absichten.
«Warum filmst du mich eigentlich», fragt Martha Argerich denn auch halb belustigt, halb entnervt an mehr als einer Stelle im Film mit dem Untertitel «Bloody Daughter», und der Gestus des Ironisch-Beiläufigen durchzieht diese so leichtfüssige Reise ins Universum der 1941 in Argentinien geborenen Martha Argerich. 2002 hat bereits der französisch-schweizerische Dokumentarfilmer George Gachot der weltberühmten Pianistin das Porträt «Martha Argerich. Evening Talks» gewidmet. Er hätte damals gerne auch Stéphanie Argerich im Film gehabt, doch sie hatte keine Lust.
Während Gachots Film Martha Argerich als «letzte legendäre Pianistin» feiert, ist «Argerich» in erster Linie ein intimes – aber auch musikalisches – Porträt einer komplizierten Patchworkfamilie. Stéphanie Argerich ist Martha Argerichs jüngste Tochter und das einzige Kind aus Argerichs Verbindung mit Stephen Kovacevich. Der 1940 in Kalifornien geborene Kovacevich ist ebenfalls einer der grossen klassischen Pianisten, gilt als einer der besten Beethoven-Interpreten und ist auch als Dirigent bekannt.
Die – erfolgreiche – Suche nach diesem Vater sowie die Entdeckung, von mütterlicher Seite nicht nur eine, sondern noch eine zweite ältere (Halb-)Schwester zu haben – das wären wohl in vergleichbaren anderen familiären filmischen Spurensuchen hochdramatische Momente. Nicht so bei Stéphanie Argerich. Spielerische Leichtigkeit, beissende Selbstironie und doch viel Zärtlichkeit sind die Kennzeichen eines der ungewöhnlichsten musikalischen Dokumentarfilme seit langem.