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| Rufin von Aquileia (345–411/412) - Kommentar zum apostolischen Glaubensbekenntnis (Expositio Symboli)

7.
Bei der Benennung Sohn darf man nun nicht an eine fleischliche Geburt denken, sondern man hat sich daran zu erinnern, daß es sich hier handelt um eine unkörperliche Substanz, die einfach ist ihrer Natur nach. Denn wenn, wie oben schon ausgeführt wurde, bei der Erzeugung des Wortes aus dem Geiste, der Empfindung aus der Seele, des Glanzes aus dem Lichte nichts Derartiges vorausgesetzt und an keine Zerstückelung in einer solchen Zeugung gedacht wird, welch' reinere und heiligere Gedanken muß man da von Dem hegen, der Jenes alles erschaffen hat! Doch wird mir hier vielleicht der Einwurf gemacht, diese von mir erwähnte Zeugung sei eine nicht substantielle, denn das Licht erzeugt keinen substantiellen Glanz, noch der Geist einen substantiellen Gedanken: vom Sohne Gottes aber wird uns gesagt, daß er seiner Substanz nach erzeugt sei. Hierauf ist nun vor Allem zunächst zu erwidern, daß auch anderwärts Beispiele angeführt zu werden pflegen, die nicht gerade in allen Stücken eine Ähnlichkeit des Gegenstandes bieten können, als dessen Beispiel sie passend erachtet worden: sondern sie enthalten eine Ähnlichkeit, bezüglich eines gewissen bestimmten Theiles, mit Rücksicht auf welchen sie angezogen worden zu sein scheinen. So heißt es, um ein Beispiel anzuführen, im Evangelium: "Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteige, den ein Weib einmengt in drei Maß Mehl." 1 Sollen wir da nun etwa glauben, daß das Himmelreich in allen Stücken einem Sauerteige ähnlich sei, so daß seine Substanz gleicher Weise greifbar und [S. 34] gebrechlich sei, daß sie auch versauern und verderben könne? Aus dem Grunde vielmehr scheint nur allein jenes Beispiel angeführt worden zu sein, um zu zeigen, daß aus der schlichten Predigt des Wortes Gottes die Gemüther der Menschen wie durch den Sauerteig des Glaubens zusammen sich verbinden könnten. Ähnlich verhält es sich auch, wenn gesagt wird: "Das Himmelreich ist gleich einem Netze, das in's Meer geworfen wird und jegliche Art Fische einfängt." 2 Soll man etwa auch hier annehmen, daß das Wesen des Himmelreiches in allen Theilen mit der Natur des Garnes, aus welchem man die Netze verfertigt, und mit den Knoten, durch welche die Maschen sich verknüpfen, verglichen werde? Nur deßhalb vielmehr scheint die Vergleichung gewählt worden zu sein, um zu zeigen, daß, wie das Netz aus der Tiefe des Meeres die Fische an's Ufer fördert, so aus den Abgründen dieser Welt die Seelen der Menschen durch die Predigt vom Himmelreiche gerettet werden. So viel steht nach dem Gesagten fest, daß die Beispiele nicht gerade in allen Stücken eine Ähnlichkeit mit den Gegenständen bieten, als deren Beispiele sie angeführt werden, anders könnten sie auch, wenn alle Theile dieselben wären, nicht mehr Beispiele genannt werden, sondern sie würden als die Dinge selbst erscheinen, um die es sich handelt. Des Weitern aber ist auf obigen Einwand zu erwidern, daß keine Kreatur so geeigenschaftet sein kann, wie ihr Schöpfer ist: und daß deßhalb die göttliche Substanz, wie an sich ohne Beispiel, so auch in allen ihren Eigenthümlichkeiten einzig ist. Aber auch Dieses wollen wir zuzufügen nicht unterlassen: daß jede Kreatur aus Nichts erschaffen ist. Wenn nun der nichtsubstantielle Feuerfunke aus sich eine aus Nichts entstandene Kreatur erzeugt und hierin dem eigenen Ursprunge sich gleichförmig verhält: warum soll denn jenes ewigen Lichtes Substanz, die immer war, weil sie in sich nichts Substanzloses hatte, aus sich einen [S. 36] wesenhaften Glanz nicht haben hervorbringen können? Und deßhalb wird mit Recht der Sohn einzig genannt. Denn er ist es einzig und allein, der so geboren wurde, und für Das, was einzig ist in seiner Art, läßt sich ein Vergleich nicht finden, und eine Ähnlichkeit in der Substanz kann mit seinen Geschöpfen Der nicht haben. der Alles gemacht hat. Dieser Christus Jesus also ist der einzige Sohn Gottes und zugleich unser Herr. Das Wort einzig kann sowohl auf Sohn als auf Herr bezogen werden. Denn in Wahrheit gibt es einen Sohn und einen Herrn Jesus Christus. 3 Werden ja doch die übrigen Söhne, obgleich sie diesen Namen wirklich tragen. doch nur deßhalb so genannt, weil sie es durch die Gnade der Adoption, nicht durch wahre natürliche Abstammung geworden sind. Und wenn Andere Herrn genannt werden, so führen sie diesen Namen von einer verliehenen, nicht von einer von Haus aus ihnen eigenthümlichen Machtvollkommenheit. Dieser aber ist allein und einzig der Sohn und allein und einzig der Herr, wie auch der Apostel sagt: "Und ein Herr Jesus Christus, durch den Alles." 4 Nachdem nun so das Glaubensbekenntniß in seinem ordnungsmäßigen Verlauf das unaussprechliche Geheimniß der Geburt des Sohnes aus dem Vater dargelegt, geht es über zur erbarmungsreichen freien Veranstaltung 5 der menschlichen Erlösung: und von Demselben, der vordem der einzige Sohn Gottes und unser Herr genannt wurde, heißt es nunmehr weiter: [S. 36]
1: Mt 13,38.
2: Mt 13,47.
3: Diese Stelle gehört zu denen, aus welchen die durchgreifende Benutzung der Katechese des hl. Cyrill von Jerusalem in dem Werkchen des Rufin ersichtlich ist. (xxx, s.u.). Cyr. Hier. cat. XI n. 2 (Migne'sche Ausg. S. 692) [: Beim Worte "Sohn" darfst du aber nicht an einen angenommenen Sohn denken, sondern an einen natürlichen Sohn, an einen eingeborenen Sohn, der keinen Bruder hat. Deshalb heißt er nämlich der Eingeborene, weil er als Gott und als aus dem Vater Geborener keinen Bruder hat. Den Namen "Sohn Gottes" geben nicht wir selbst ihm, sondern gerade der Vater hat ihn Christus, den Sohn, genannt. Der richtige Name ist der, welchen die Kinder von ihren Eltern erhalten. (bkv, l.c.)].
4: Eph 4,6.
5: Im Texte: ad humanae salutis dignationem dispensationemque descendit.