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Vereine und Eisenbahnen - gestern, heute und morgen
Wolfgang A. Baumgartner, Präsident SEAK
Öffentliche Eisenbahnen gibt es seit 1825. Ein Modell der "Rocket" soll bereits 1829 Johann Wolfgang von Goethe "für seine Enkel" überreicht worden sein. Auch eine betriebsfähige Modellbahn soll schon damals am spanischen Königshof aufgebaut worden sein.
Mit der Verbreitung der Eisenbahn wuchs auch das Interesse an der Eisenbahn. Neben – aktenkundigen – Gegnern der Eisenbahn gab es auch Freunde der Eisenbahn, wahrscheinlich seit es Eisenbahnen gibt. Bald breiteten sich Eisenbahn-Modelle über die – oft adlige – Oberschicht auch ins Bürgertum aus. Im Jahr 1862 gibt es einen Katalog mit dampfbetriebenen Lokomotiven und bereits 1882 wurden elektrisch Modelleisenbahnen betrieben. Wiederum in England wurden die ersten Vereine, Klubs oder Gesellschaften zu Grosstraktion und Modellbau kurz nach Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet. Im deutschsprachigen Raum setzte dies verbreitet in den dreissiger Jahren ein.
Wie anderorts in dieser Broschüre aufgeführt, war beim SEAK die Förderung am Interesse des Eisenbahnwesens der statutarische Hauptgrund zur Gründung. Daneben waren auch die Kameradschaft und die Möglichkeit überhaupt Materialien beschaffen zu können nicht unwichtig. Exkursionen können leichter mit einem grossen Mitgliederbestand organisiert werden. Zeitschriften und Bücher konnte sich nicht jedes Mitglied leisten, einige Vereine schon eher. Auch eine einigermassen, grosszügig dimensionierte Modellanlage konnten nur die wenigsten zu Hause aufbauen. Viele Gründe also um in einen Verein einzutreten und dort – seinen persönlichen Interessen entsprechend – mitzumachen. Kurz Vereine waren das wesentliche Element um Tätigkeiten zu organisieren, die besser gemeinsam angegangen werden. Dies gilt nicht nur für unser Hobby, sondern für viele andere Freizeitaktivitäten.
Nach dem Anfangselan der Gründerzeit halfen die Jahre der Hochkonjunktur für eine starke Entwicklung. Der SEAK erreichte 1981 seinen höchsten Mitgliederstand. Seither ist leider – nicht nur beim SEAK – eine abnehmende Tendenz festzustellen und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Wo liegen die Gründe für dieses Schrumpfen?
Da ist einmal die demografische Entwicklung in Form der Überalterung unserer Gesellschaft, aber auch im SEAK. Die älteren Leute werden immer zahlreicher und Nachwuchs wird seltener. Die schweizerische Bevölkerung wächst nur noch durch Wandergewinn. Es ist zu vermuten, dass sowohl die Teile des Geburtenüberschusses als auch der Einwanderung immer weniger eine Beziehung zur Eisenbahn haben. Immer weniger der wenigen Kinder beschäftigen sich mit einer Eisenbahn, die Modelle sind allerdings auch kaum mehr zu bezahlen. Dafür gibt es für Kinder und Jugendliche ein riesiges Angebot für Freizeitaktivitäten aller Art. Die Überalterung der Bevölkerung spiegelt sich auch im SEAK, wo die Veteranen die grösste Mitgliederkategorie stellen.
Weiter ist in unserer Gesellschaft eine Entwicklung zur Individualisierung festzustellen. Die eigenen Interessen werden wichtiger, die gemeinsamen treten in den Hintergrund. Darunter leiden generell die meisten Vereine. Die gemeinsame Bibliothek ist nur noch wenig gefragt, man kann sich vermehrt Bücher – und deren Unterbringung – selber leisten, zudem gibt es das auch auf unserem Gebiet sehr informative Internet. Wo es im riesigen kommerziellen Freizeitmarkt etwas zu verdienen gibt, sind professionelle Organisatoren, aber auch vermehrt Bahnen rasch zur Stelle und bieten beispielsweise Reisen an, also eine frühere SEAK-Stärke. Bahnen bieten auch Lokführerausbildung an, der SEAK musste sich mit einem Simulator zu begnügen!
Vereine, die etwas Besonderes bieten können, haben noch etwas bessere Chancen. Dazu gehören die Vereine, die eine Modelleisenbahnanlage bauen und betrieben, aber auch Vereine, die als Eisenbahnverkehrsunternehmen Eisenbahnbetrieb im Massstab 1:1 produzieren oder sogar eine eigene Infrastruktur betreiben, wie z. B. der DVZO, der heute mehr Mitglieder als der SEAK hat und auch einige Erfolge bei der Jugendförderung vorzeigen kann. Eine lokale Verankerung scheint auch noch der Attraktivität zu helfen.
Dazu ist die Bedeutung der Eisenbahn zurückgegangen, in der Schweiz zwar weniger stark als in anderen Ländern. Anzeichen für eine Trendumkehr gibt es zwar, aber von einer Gegenbewegung sind wir noch entfernt. Der öV hat einige Imageprobleme, heute zählt für das modern denkende Individuum die unbeschränkte Freiheit mit dem individuellen Verkehrsmittel, der öV ist bestenfalls – wenn er nicht zuviel kostet – für die anderen da. Der Opinion-Leader protzt mit einem schicken Schlitten, sicher nicht mit einem GA 1. Klasse... Mit dem Rückgang der Bedeutung geht auch das Ansehen zurück; eine Erscheinung, die auch durch die verbreitete Technik-Skepsis gefördert wird und die Eisenbahn als hochtechnisches System besonders trifft.
Auch die Eisenbahn hat dazu beigetragen, dass die Attraktivität für uns Eisenbahnfreunde zurückgegangen ist. Die Eisenbahnwelt ist – betriebswirtschaftlich nachvollziehbar bedingt – eintöniger geworden, es gibt weniger Gesellschaften, weniger Fahrzeugtypen und weniger produzierende Industrie. Der Eisenbahner verschwindet immer mehr und die durchrationalisierte Produktion lässt immer weniger Raum für Extrafahrten oder sonstigen Besonderheiten.
Also viele Gründe, die das Schrumpfen erklären können. Das heisst nun allerdings nicht, dass es gar keinen Bedarf für eine Betätigung in unserem Hobby mehr gibt. Die Zahl der Interessenten geht zwar zurück, während das Angebot an anderen Freizeitangeboten steigt. Es gibt aber immer noch Eisenbahnfreunde und von Zeit zu Zeit kann sogar wieder ein jüngeres Mitglied begrüsst werden. Es gibt immer mehr Nischen, die mit etwa gleichviel Interessenten gefüllt werden müssen. D. h. die meisten Nischen dürften kleiner werden, wohl auch unsere. Da die Eisenbahn ein System mit – massenbedingt – einigem Beharrungsvermögen ist, gehe ich davon aus, dass davon auch etwas bei den Eisenbahnfreunden zu finden ist. Demzufolge nehme ich an, dass ein Nachfolger von mir in 25 Jahren einige Überlegungen zum Zentenarium des SEAK zu Papier – das es hoffentlich dann zumal auch noch gibt – bringen wird.