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Konstanz als Einkaufsziel vieler SchweizerInnen – das ist nicht neu, das gab es schon früher: vor dem 1. August 1914 und ein paar Jahre lang nach dem Krieg. Doch bis heute ist die Grenze nicht so offen, wie sie einst einmal war.
Der Sommer 1914 begann wie viele andere zuvor: Eine heitere Ferienzeit stand bevor. Das Bodenseewasser hatte eine Temperatur von 26 Grad erreicht, Hotels und Pensionen im Appenzell und im St. Gallischen priesen in süddeutschen Zeitungen ihre Unterkünfte an, Schweizer Händler warben für ihre Bergsteigerausrüstung, Konstanzer Manufakturen inserierten in Schweizer Blättern für Badehauben und Lederkoffer. Die Bevölkerung von Kreuzlingen, damals de facto ein Konstanzer Vorort, versorgte sich auf dem Konstanzer Wochenmarkt mit Waren, die grossteils von Thurgauer Bauern herbeigekarrt worden waren, darunter zwischen 9000 und 12 000 Liter Milch – pro Tag. Der Konstanzer Einzelhandel wiederum belieferte das gesamte Schweizer Umland mit Haushaltsgeräten und Textilien.
Täglich überschritten bis zu 4000 Konstanzer Lohnabhängige die Grenze, weil sie in Schweizer Betrieben arbeiteten – und begegneten dabei 1500 Schweizer Beschäftigten, die zu ihren Arbeitsplätzen in der Konstanzer Industrie eilten: in die Stoffdruckerei Herosé, zur Zeltfabrik Stromeyer, in die Maschinenfabrik Rieter oder zur Seidenweberei Schwarzenbach – allesamt in schweizerischem Besitz. Drüben, auf der anderen Seite, florierte das Kosmetikunternehmen Rausch, das ein Konstanzer Friseur gegründet hatte. Rund tausend SchweizerInnen wohnten in Konstanz mit seiner 30 000-köpfigen Bevölkerung; der Anteil an ausländischen EinwohnerInnen in Kreuzlingen betrug über fünfzig Prozent.
Und plötzlich war alles vorbei. Zuerst das Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914, dann die wechselseitigen Kriegserklärungen: Am 31. Juli begaben sich noch Hunderte von KreuzlingerInnen zur Konstanzer Kaserne (Konstanz war damals mit 3300 Soldaten eine wichtige Garnisonsstadt), um den Kriegsbeginn zu erleben – und schafften es kaum noch zurück. Denn ab 19 Uhr war die Grenze dicht. Vorbei die Zeiten, in denen SchweizerInnen den Spielplan des Konstanzer Stadttheaters studierten, vorbei das Ausflugsvergnügen, das sich Konstanzer Familien und Vereine in Thurgauer Landgasthöfen gönnten. Und vorbei auch der kleine Grenzverkehr, über den der Schriftsteller Jacob Picard – der den Frühsommer 1914 auf der Schweizer Seite des Bodensees verbrachte – später beinahe schwärmen sollte: «Gab es denn Grenzen damals? Man sprach hüben und drüben das alemannische Deutsch, und niemand hinderte einen zu gehen, wohin man wollte, ohne Pässe und Scheine.»
Der Alltag im Zentrum
All das beschreibt der hervorragende, grosszügig bebilderte Band «Die Grenze im Krieg. Der Erste Weltkrieg am Bodensee», der zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns erschienen ist; und das zeigt auch die gleichnamige, allerdings weit weniger ausführliche Ausstellung des Konstanzer Rosgartenmuseums, die noch bis zum 30. Dezember zu sehen ist (vgl. «Weiterlesen und weitersehen» im Anschluss an diesen Text). «Wir wollten», sagt Museumsdirektor und Buchherausgeber Tobias Engelsing, «keinen Schützengraben nachbauen oder den Schlachtenverlauf illustrieren.» Vielmehr sei es von Anfang an darum gegangen, «den Alltag der Menschen und die Veränderungen an der deutsch-schweizerischen Grenze zu veranschaulichen». Das ist gelungen.
Vor allem das Buch bietet weitaus mehr als nur einen Blick auf Konstanz, das damals innert Stunden vom Umland abgeschnitten war, eingezwängt zwischen Grenze, See und einer militärischen Sperrlinie, die von Radolfzell über Ludwigshafen bis nach Immenstaad am nördlichen Bodenseeufer reichte. Es beschäftigt sich mit den ökonomischen Folgen der Grenzsperrung – viele Kreuzlinger Betriebe stellten vorübergehend die Produktion ein, die St. Galler Stickereiindustrie litt unter dem Einbruch des Exports. Darüber hinaus porträtiert das Buch Kriegsgurgeln und PazifistInnen (unter ihnen der Kriegsdienstverweigerer Max Daetwyler, der in die psychiatrische Klinik Münsterlingen eingewiesen wurde), aber auch Flüchtlinge, Lazarettschwestern und KünstlerInnen. Ausserdem zeigt es, wie gross die Kriegsbegeisterung anfangs auch in der Schweiz war. So schlugen sich die Ostschweizer Tageszeitungen auf die Seite von Österreich-Ungarn und Deutschland und forderten harte Massnahmen gegen Serbien. «Dem ungezogenen Buben gehört einmal der Hintern ganz gehörig verklopft», schrieb der «Thurgauer Volksfreund» Ende Juli.
Im Mittelpunkt aber bleiben die Menschen in der Grenzregion, denen unversehens viele Wege versperrt waren – mit Ketten, Holzbarrieren und Stacheldrahtzäunen auf der einen und durch Schweizer Truppen auf der anderen Seite, die «zum Schutz der eidgenössischen Neutralität» aufmarschiert waren. Die bis dahin praktizierte Freizügigkeit im Personenverkehr endete für viele Jahre. Von da an, so Engelsing in seinem kenntnisreichen Beitrag, «prägten militärische, bürokratische und wirtschaftspolitische Hemmnisse den altgewohnten ‹Kleinen Grenzverkehr›. Für die Dauer des Krieges und noch etliche Jahre danach waren besondere Passierscheine zum Grenzübertritt nötig.» Diese Papiere – sie berechtigten zum ein- oder mehrmaligen Grenzübertritt – «mussten von Militär- und Zivilbehörden bestätigt, durch Visa ergänzt, besonders gestempelt und immer wieder neu beantragt werden».
Geschäfte mit dem Krieg
Für die Schweizer Wirtschaft verschlimmerte sich die Lage mit Italiens Kriegseintritt im Mai 1915; das Land war von kriegführenden Staaten umschlossen, der Handel stagnierte, der Industrie gingen die Aufträge aus; viele ausländische Arbeitskräfte verliessen die Schweiz, weil sie zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Die Lage entspannte sich erst, als die Berner Regierung mit den kriegführenden Mächten Handelsabkommen schloss – und der Export an Rüstungsgütern rasant anstieg. Das war auch im deutsch-schweizerischen Grenzgebiet zu beobachten – etwa bei den Eisen- und Stahlwerken Georg Fischer (Schaffhausen), die in Singen am Hohentwiel eine Giesserei unterhielten. «Der grösste Abnehmer von Stahl- und Eisengussfabrikaten war das Deutsche Reich», so Engelsing, «aber auch an Frankreich, England und an die Fiat-Werke in Turin lieferte die Georg Fischer AG Teile für U-Boote, Lokomotiven, Kriegsschiffe, Haubitzen, Maschinengewehre und Minenwerfer.» Das Geschäft flaute erst wieder ab, als die Entente ab Mitte 1916 die Schweizer Exporte unter strengere Kontrolle stellte.
Das bekam auch die Bevölkerung von Konstanz und Kreuzlingen zu spüren: Laut den Kontrollvereinbarungen über den Aussenhandel galt beispielsweise der Verkauf von Lebensmitteln an Konstanzer KundInnen als «Unterstützung einer kriegführenden Partei» durch die neutrale Schweiz. Passierscheine in die Schweiz wurden nur noch selten ausgestellt, Telefon- und Postverkehr über die Grenze hinweg funktionierten nur noch stark eingeschränkt, ebenso die Schifffahrt. Sogar die Berufsfischer mussten den See vor Einbruch der Dunkelheit verlassen. Überfuhr einer versehentlich die militärischen Sperrlinien, eröffneten Grenzwächter das Feuer.
«Säckeweise Schmuggelgut»
Gegen Ende des Kriegs – aus der Garnisonsstadt Konstanz war längst eine Lazarettstadt und ein Ort des Gefangenenaustauschs geworden – entwickelte sich die deutsch-schweizerische Landesgrenze zum Zufluchtsort für viele Deserteure. Es hatte sich herumgesprochen, dass es zwischen Konstanz und Kreuzlingen noch einige relativ ungesicherte Stellen gab, an denen man sich in die rettende Schweiz absetzen konnte. Doch die anfangs grosse Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen, schwand auch in der Schweiz, als sich dort die Versorgungslage für die Bevölkerung zunehmend verschlechterte: Man brauche keine «überflüssigen Brotesser».
Dafür blühte vor allem in der zweiten Kriegshälfte der Schmuggel. Schieberbanden machten gute Geschäfte und schafften Waren über die Grenze, die in Deutschland kaum mehr zu erhalten waren. Aufsehen erregte eine Bande, so ein Bericht des «Thurgauer Volksfreunds», «deren Mitglieder aus dem Zürcher Zuhältermilieu stammten und die von einem Keller eines Hauses an der Grenzstrasse einen Transportstollen unter der Staatsgrenze hindurch getrieben hatten, um säckeweise Schmuggelgut ins Deutsche Reich verfrachten zu können».
Alles ausverkauft
Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreichs lebte der kleine Grenzverkehr schnell wieder auf, allerdings nur in einer Richtung. Nicht nur ThurgauerInnen kamen zum Einkauf über die Grenze, aus der gesamten Schweiz strömten die Menschen in Massen nach Konstanz. Sie profitierten vom Verfall der Reichsmark, begaben sich auf Schnäppchenjagd und kauften die Konstanzer Geschäfte leer. «Es gab Tage», so der Publizist Heinrich Burkhart, auf die Jahre bis zur Inflationsphase 1923 zurückblickend, «da waren Konstanzer Geschäfte vollständig ausverkauft, so dass sie mehrere Tage schliessen mussten, bis sie ihre Lager wieder gefüllt hatten.»
Der vorübergehende Aufschwung konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Erste Weltkrieg den Alltag an der Grenze nachhaltig verändert hatte. Der Stacheldraht an den Zöllen zwischen Konstanz und Kreuzlingen blieb, und mit ihm blieben Schikanen aller Art: Arbeitsbeschränkungen, Zuzugsreglementierungen, frühe Schliesszeiten der Grenzübergänge und Visaverordnungen machten das problemlose Miteinander, das hier lange geherrscht hatte, beinahe unmöglich. Engelsings abschliessendes Resümee: «Was vom freundnachbarlichen Zusammenleben an der deutsch-schweizerischen Grenze aus den Verwerfungen des Ersten Weltkriegs und der Nachkriegszeit noch übrig geblieben war, wurde in den folgenden zwölf Jahren vollständig ausgelöscht. Deutsche und Schweizer wurden sich während der Herrschaft des braunen Terrors so fremd, dass es einer weiteren langen Nachkriegszeit bedurfte, bevor der ‹Kleine Grenzverkehr› wieder auflebte. Die Unbeschwertheit der Jahre vor 1914 hat das Zusammenleben an dieser Grenze bis heute nicht wieder erreicht.»