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Das Streben nach Glück kann nicht der Sinn des Lebens sein, denn das Glück hat eine verheerende Eigenschaft. Es ist allzu vergänglich.
Ivan Ergic
Wer Albert Camus’ «Der Mythos des Sisyphos» gelesen hat, kommt nur schwer darum herum, über den tieferen Sinn des Lebens nachzudenken. Der Essay beschäftigt sich wie nur wenige Werke der philosophischen Literatur mit der Absurdität des Lebens und mit seinen Widersprüchen. Bei der Lektüre spürt man, wie intensiv sich Camus mit diesen Themen auseinandersetzt, wie er hin und her schwankt zwischen der Gewissheit, die Absurdität zu überwinden, und der Verzweiflung, den Sinn nicht zu finden. Camus findet die Lösung in seinen späteren Werken, in denen er über den «Sprung» spricht – die Sinnfindung im Kampf gegen die Absurditäten des Lebens. Die Revolte wird seine Waffe gegen die Leere und die Banalitäten des Alltags.
Viele Länder haben ihr Fundament auf Glück als höchstes Gut gebaut. Erinnern wir uns nur an die vielzitierte Stelle der Verfassung der USA: «… and pursuit of happiness». Glück ist ein wichtiger und erstrebenswerter Bestandteil in der moralischen Philosophie und im Gesellschaftsvertrag der angelsächsischen Welt. In ihren Werken definieren John Locke und Jeremy Bentham das Glück als Zustand, in dem Schmerz überwunden und eine grösstmögliche Zufriedenheit erlangt ist. Glück ist im Gegensatz zu Sinn eher ein materialistischer Begriff, denn ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Konsum zu einem immer wichtigeren Bereich, um sich dem Glück zu nähern. Immer stärker entwickelt sich Glück inzwischen zu einem posthumanistischen Begriff, in dem Glück und Zufriedenheit pharmazeutisch mithilfe verschiedenster Pillen induziert werden können – die Stimmung und der Zustand des Bewusstseins werden repariert.
In konservativen Stammesgesellschaften wurde der Sinn des Lebens durch die Aufgaben und Verantwortlichkeiten innerhalb der Strukturen von Familie und Gesellschaft bestimmt. Wir sprechen dabei nicht von einem bewussten Sinn des Lebens, sondern vor allem vom Zweck des Lebens, in dem der Mensch mehr Objekt als Subjekt und Schöpfer seiner Bestimmung und Bedeutung ist. Der moderne Mensch ist jedoch «verurteilt zur Freiheit», wie die Existenzialisten – und zu ihnen gehört der eingangs erwähnte Camus – sagen würden. Er muss selbst den Sinn seines Seins herausfinden, was oft Angst und Grauen hervorruft, weil es bedeutet, sich selbst überlassen zu sein.
In Einklang mit seinen Idealen
Entfremdung ist ein erster Schritt in Richtung von sinnentleertem Leben. Entfremdung beginnt, wenn Liebe, Mitgefühl und Altruismus abhandenkommen und verloren gehen. Ein sinnvolles Leben zu leben bedeutet dagegen, ein Leben zu leben in Einklang mit seinen Idealen. Die alten Griechen nannten dies ein Leben in Achtung der Tugend. Wer aber heute danach strebt und lebt, bezahlt dafür meist einen hohen Preis: sein Glück.
In unserer heutigen Zeit finden die Menschen Glück und Zufriedenheit am schnellsten und ehesten im Konformismus. Das konforme Leben bedeutet aber nicht ein Leben nach den authentischen Bedürfnissen des Einzelnen. Heute sind die Bedürfnisse abgelöst durch Präferenzen. Uns halten nicht mehr Ideale zusammen, sondern – wie es das marktwirtschaftliche Konzept der Präferenz selbst sagt – unsere bestimmten Vorlieben im Verhalten als Marktteilnehmer. Konformismus ist heute bestimmt vom Konsumverhalten.
Die Psychiatrie entdeckte, was den psychologischen Kern des Menschen ausmacht – er ist ein Wesen, das ein Bedürfnis nach einem sinnvollen Leben hat. Der österreichische Neurologe und Psychiater Viktor Frankl war es, der die Theorien seiner Lehre auf dem Grundsatz aufgebaut hat, dass der Mensch im Kern einen Sinn benötigt. Diese Überlegung beantwortet eine – auf den ersten Blick – simple Frage: Wenn die Fülle von materiellen Dingen Glück und Zufriedenheit schafft, warum sind die Menschen in entwickelten Ländern chronisch unzufrieden? Die Zahl der psychischen Störungen und die Suizidrate sind in entwickelten Ländern nicht kleiner als in armen Ländern, oft ist sie sogar höher.
Beschwerliche Suche
Heute hören wir das Wort «Sinn» kaum noch. Es taucht im alltäglichen Umgang, aber auch in der neueren Philosophie kaum mehr auf. Die Suche nach dem Sinn bringt den Menschen oft in Not. Die Suche ist beschwerlich. Darum streben wir nach flüchtigeren, leichteren und unterhaltsameren Dingen, die meistens ohne Sinn sind und deshalb auch eine Leere hinterlassen.
Dieselbe Leere kann sich auch nach einem Erfolg im Job ausbreiten. Der Erfolg schenkt nur einen Moment lang Zufriedenheit. Sie ist nicht nachhaltig und meist ist die kurze Zufriedenheit nichts anderes als die vorübergehende Gewissheit, einen Teil seines Jobs bewältigt zu haben. Im Bemühen, die Sinn-Leere zu überbrücken, Lebensfreude zu entdecken und die mentale Gesundheit zu stärken, stürzen wir uns in den Konsum: Wir füllen die Leere, indem wir verschiedene Aktivitäten betreiben, Inhalte und Güter konsumieren. Der Mensch dagegen, der einen Sinn in seinem Leben sieht, ist anders: Er hat eine geistige Kontinuität, und der Zustand seines Geistes ist nicht so anfällig für Schwankungen und Veränderungen, die pathologisch werden können.
Esoterik machts nicht einfacher
Viele, die unter der Entfremdung des Seins leiden, suchen den Sinn in der Esoterik. Doch die Spiritualität macht die Sinnsuche nicht einfacher. In der Zeit von moralischen Krisen und geistlosem Konsum orientiert sich mancher ordentliche Bürger nach den Regeln östlicher Religionen und philosophischen Konzepten, die nur einen Bereich des Lebens darstellen. Diese Haltung führt zu einer doppelten Entfremdung. Da ist einerseits der Verlust des Lebens-Sinns und andererseits nun auch noch die Flucht vor den anderen Menschen in eine Art transzendentalen Egoismus. Diese Flucht in andere spirituelle und virtuelle Realitäten bräuchten wir nicht, wenn die Menschen authentisch miteinander leben würden. Das menschliche Wissen, die Kreativität und Liebe reproduzieren sich durch den natürlichen und physischen Kontakt und durch die Kommunikation.
Die Absurdität und Sinnlosigkeit begleiten den modernen Menschen, auch wenn er unbewusst versucht, beidem zu entkommen. Er versucht es, indem er mit allen Sinnen in die Freizeit und den Konsum flüchtet. Denn wenn er, statt zu fliehen, nachdenken würde, führte ihn die Selbstreflexion immer mehr zur Erkenntnis, wie Sinn-los der Alltag ist, denn er ist vollgestopft mit der Erfüllung banaler Verpflichtungen und Gewohnheiten. Ein Teufelskreis.
Menschen wie Wölfe
Den Sinn des Lebens zu finden bedeutet, immun zu werden gegen vergängliche, modische Erscheinungen und Werte. Diese Immunität darf aber nicht in die Selbstgefälligkeit führen, weil der Mensch erst in einem anderen Menschen aufgehen kann. Er findet erst dort die Liebe, die er auch wieder zurückgeben kann. Aber dieser Austausch bleibt unmöglich, so lange wir in einer Welt des Wettbewerbs leben, in der ein Mensch sich gegenüber anderen Menschen wie ein Wolf verhält.
Ein sinnvolles Leben zu leben bedeutet qualitativ ein anderes Leben zu führen. Heute dominiert in allen Sphären des Lebens aber die Quantität. So ist die Länge des Lebens wichtiger geworden als ein sinnvolles Leben. Der Sinn des Lebens ist, zu leben und zu lieben, das Bedürfnis nach anderen Menschen zu haben, etwas zu bewirken, Mitgefühl zu finden und zu geben, die Gesellschaft von Menschen zu suchen – als Ziel, nicht als Mittel.
Der Sinn des Lebens ist es, kreativ zu sein, die Natur und Menschen um einen herum zu bereichern – einen geistigen Raum zu schaffen im wörtlichen Sinn. Das wertet menschliche Gemeinschaften auf. Es stimmt nicht, dass erst der Tod dem Leben einen Sinn verleiht. Dies ist nur der Fall, wenn das Leben nicht Idealen und authentischen, menschlichen Werten gewidmet war. Ein Ideal überdauert den Tod und die Zeit. Ein Ideal ist unzerstörbar.
Artikelgeschichte
Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 28.12.12
Übersetzung aus dem Serbischen: Amir Mustedanagić