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Der Autohersteller Ford veröffentlicht jedes Jahr einen Trend-Report, in dem er auslotet, welche Gefühle in der Werbung angesprochen werden sollen, um Erfolg zu haben bei der Kundenbindung. Für seinem Trend-Report 2020 führte er Umfragen in 14 Ländern durch und identifiziert Einsamkeit und das Bedürfnis nach Vertrauen als Top-Themen. Dieses Ergebnis könnte auch als Anregung für Politik, Gesundheitswesen und Kirche aufgegriffen werden. Wenn Einsamkeit verringert werden kann, ist dies nebenbei ein Dienst an der Gesellschaftsgesundheit, wie andere Studien belegen. Das schönste Beispiel dazu ist Roseto.
Von Stefanie Thoms
Es war Ende der Fünfzigerjahre an einem Ärztesymposium in Amerika. Ein Teilnehmer erzählte einem Kollegen eine beinahe unglaubliche Geschichte: Der Doktor war zuständig für ein kleines Dorf namens Roseto in Pennsylvania. Er bezeugte, dass es in seinem Ort kaum einen Bewohner unter 65 Jahren gäbe, der an einer Herzerkrankung leide. Da sich Herzprobleme in jener Zeit aber eben zu einer regelrechten Volkskrankheit entwickelten, war diese Beobachtung umso erstaunlicher. So wollte der Arztkollege dem eigenartigen Phänomen genauer auf die Spur kommen. Im Jahre 1961 machte er sich auf den Weg nach Roseto, analysierte das Dorf und seine Bewohner und kam zu verblüffenden Resultaten. Kaum jemand unter 55 Jahren war an einer Herzkrankheit gestorben. Bei den Älteren lagen die Erkrankungen um 50 Prozent tiefer als in allen anderen Landesteilen. Auch sonst waren diese Menschen ausserordentlich gesund, die Todesrate bei allen untersuchten Krankheiten lag in Roseto 35 Prozent tiefer als im übrigen Amerika. Wie konnte man sich so etwas erklären?
Es lag sicher nicht an ihren Essgewohnheiten. Ihre „Scarpetti“, in Schweineschmalz gebratene Paprikaschoten, trieften vor Fett: Die Rosetonier waren für opulente Schlemmermahlzeiten weitherum bekannt. Viele waren übergewichtig, liebten den Wein und rauchten. Auch am Klima konnte es nicht liegen, waren doch die Bewohner der Nachbardörfer nicht weniger krank als der amerikanische Durchschnitt. Was also war das Geheimnis? Hier half ein Blick in die Geschichte: Die Bewohner aus Roseto waren italienischer Abstammung. Um 1882 waren sie aus Apulien ausgewandert, um in den Schieferbrüchen Pennsylvanias ihr Auskommen zu finden. Das gemeinsame Los hatte die Dorfgemeinschaft zusammengeschweisst: In den Strassen Rosetos sprach man noch immer italienisch, am Abend sass man zum Grillieren zusammen. Oft lebten mehrere Generationen unter einem Dach, die Grosseltern genossen grossen Respekt und man besuchte fleissig die Messen in der Kirche. Ein junger Pfarrer setzte sich dafür ein, dass eine lebendige Gemeinde entstehen durfte. Auch kulturell entstand vieles: Es gab Läden und Restaurants und das 1’600-Seelendorf zählte über 22 Vereine. Für alle war gesorgt, die sozialen Verbindungen waren tragfähig, jeder fühlte sich zugehörig. Freud und Leid wurde miteinander geteilt.
1974 titelte „Die Zeit“ einen Artikel über Roseto mit: „Ende eines Wunders“. Das Dörfchen konnte sich dem gesellschaftlichen Wandel nicht entziehen. Viele Männer hatten im weiteren Umkreis der Siedlung besser bezahlte Arbeit gefunden. Die Einkommen stiegen – damit aber auch die sozialen Unterschiede: Nicht alle konnten sich die teuren Hobbys der Wohlhabenderen leisten, denen sie ausserhalb der Dorfgemeinschaft nachgingen. Die Zeit der Folkloreveranstaltungen mit allen war vorbei. Es wurde geschäftig in Roseto. Die gemeinsamen Mahlzeiten im Familienclan veränderten sich: Eilig wurde von den ersten etwas vom Mahl verschlungen, bevor die letzten eintrafen, schnell waren alle wieder weg. Das gesellschaftliche Leben brach immer mehr auseinander, die engen Familienbanden lösten sich. Und der Pfarrer von Roseto hatte unverhofft viel zu tun: Anstelle der sechs bis sieben Beerdigungen pro Jahr waren es nun zwanzig. Zwölf davon starben an einem Herzinfarkt – zwei davon waren unter vierzig.
Das Beispiel von Roseto zeigt, dass Einsamkeit nicht nur psychische Folgen hat. Auch Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, Leiter der Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und Bestsellerautor weist auf die gesundheitlichen Gefahren von Einsamkeit hin: „Wer einsam ist, erkrankt häufiger als andere an Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, Depressionen und Demenz“.
Gesellschaft und Staat hätten hier eine Menge Potential, um Gesundheit und Wohlbefinden von Menschen zu steigern und Kosten zu senken. Wann wird dieser Umstand in Politik und Gesundheitswesen anerkannt? Zum Schluss lasse ich die Studentin Sonja Furter zu Wort kommen mit ihrer Zukunftsvision zum Schmunzeln: „Zu viel allein ist ungesund. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat 2050 ein neues Gesetz verabschiedet, dass künftig auf jedem Mietvertrag folgender Warnhinweis aufgedruckt sein muss: ‚Allein zu leben kann ihre Gesundheit beeinträchtigen, schwächt ihr Immunsystem, verursacht Herz-Kreislauf-Krankheiten und trägt dazu bei, dass die Krankenkassen-Prämien nächstes Jahr weitere 5 Prozent steigen.ʻ Des Weiteren wird sämtliche Werbung für Einzelhaushalte auf Plakaten, an Kiosken oder öffentlichen Plätzen unter Androhung einer Busse von 250 Franken per sofort untersagt.“
Quellen:
Die Zeit online, Ende eines Wunders, 4.Mai 1973, www.zeit.de/1973/19/ende-eines-wunders (gefunden am 10.11.2017)
Baer Udo / Frick-Baer Gabriele, Wege finden aus der Einsamkeit, Beltz, Weinheim und Basel 2010, S. 29 f
Alltagsforschung, Der Roseto-Effekt, 10.April 2017, www.alltagsforschung.de/der-roseto-effekt-wie-wir-unser-leben-verlangern-konnen/ (gefunden am 10.11.2017)
Zitate aus: Irene Widmer-Huber „Zu viel allein ist ungesund“