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Pir Baba erzählt von seiner ersten offiziellen Schulwoche in der Schweiz. Hier lernt man nicht nur Deutsch, sondern auch Zähneputzen.
Am Anfang dachte ich, die ganze Schweiz ist schön. Aufgrund meiner ersten Erfahrungen ging ich davon aus, dass die meisten Leute in der Schweiz sehr freundlich sind.
Dann kam ich in eine Deutsch-Schule. Ich dachte, okay, das ist jetzt eine offizielle Schule, ich muss mich gut anziehen. Wenn man in meiner Heimat zur Schule geht, trägt man eine Uniform oder jedenfalls schöne Kleider. Damit zeigt man seinen Respekt. Deshalb zog ich für meinen ersten Schultag einen Mantel und einen Anzug an. Als ich ankam, haben mich die anderen Schüler mit dem Lehrer verwechselt.
Die kurdischen und afghanischen Leute sind alle aufgestanden, als ich das Zimmer betrat.
Ich fragte sie auf Persisch: «Was ist los?» Sie fragten zurück: «Bist du nicht der Lehrer?» Ich antwortete: «Nein, ich bin auch ein Schüler.» «Es ist komisch», sagten sie, «du siehst eigentlich hübscher aus als unser Lehrer.» Dabei habe ich nicht einmal eine Krawatte getragen. Hätte ich eine Krawatte getragen, hätten sie gewiss gedacht, ich sei der Direktor der Schule. Ich setzte mich. Dann kam der Lehrer, und ich habe mich kurz vorgestellt, ich sagte, wie ich heisse und dass ich aus Afghanistan komme. Fertig. Dann sass ich da und sagte erst einmal nichts mehr.
In der folgenden Diskussion ging es um Touristinnen und Touristen. Ein ganz junger Schüler aus Eritrea, der noch nicht sehr gut Deutsch konnte, sagte: «Also, wir alle hier sind auch Touristen.» Darauf sagte der Lehrer: «Nein, das ist falsch, ihr seid doch keine Touristen. Touristen kommen in die Schweiz, um Geld auszugeben und Sachen zu kaufen. Dann gehen sie wieder in ihre Heimat zurück. Ihr seid Flüchtlinge. Die Flüchtlinge kommen in die Schweiz und dann brauchen sie Essen, sie brauchen Platz, sie arbeiten nicht und bekommen einen Ort zum Schlafen, sie bekommen gratis Schule, sie bekommen alles gratis und sie gehen nicht zurück in ihre Heimat.»
Wie er das sagte, klang für mich so, als wären die Touristen gute Menschen und die Flüchtlinge nicht. Es kam mir richtig rassistisch vor. Deshalb meldete ich mich und sagte: «Sehen Sie, früher einmal gab es nur in Afrika Menschen. Sie verbreiteten sich über den ganzen Kontinent und wanderten weiter nach Asien und verbreiteten sich da. Dann wanderten sie nach Europa und nahmen auch diesen Raum in Besitz. Danach Amerika. Australien. – Wir müssen daran denken, wie die Welt besiedelt worden ist. Jetzt schauen uns hier alle an, als kämen wir vom Mond oder aus einer anderen Welt. Aber wir sind auch von dieser Welt.»
Am Mittwoch kam ich in die Schule, und die anderen sagten mir, dass eine Zahnärztin einen Kurs gebe. Ich dachte, ah, sie untersuchen unsere Zähne, vielleicht prüfen sie, ob sie gesund sind oder so. Damit war ich sehr einverstanden und setzte mich glücklich in die Klasse. Aber dann kam eine Frau und sagte: «Heute lernen wir Zähneputzen!»
Also wirklich. Mir platzte einfach der Kragen. Ich wurde richtig laut und sagte: «Es tut mir leid, aber das geht gar nicht. Das ist so respektlos. Ich habe in den vergangenen Tagen einiges geschluckt, jetzt ist es genug. Wie könnt ihr zu uns kommen und sagen, wir sollen lernen, wie man die Zähne putzt? Wir sind erwachsene Menschen. Ich weiss schon lange, dass in einem Red Bull viele Stücke Zucker drin sind, es steht ja sogar auf der Büchse. Ich hatte als Kind keine Zahnbürste, aber ich habe meine Zähne immer mit Salz und mit den Fingern geputzt. Es ist mir wichtig, dass ich meine Zähne pflege.» Sie sagte bloss: «Das ist das System dieser Schule. Ich mache das, weil ich dafür bezahlt werde.»
Da stand ich auf und verliess die Klasse. Es war mir egal, was sie sagen, aber in so einem Kurs konnte ich wirklich nicht bleiben. Ich war hier zum Schreiben und Lesen lernen und nicht, um zu lernen, wie man Kondome benützt, nicht, wie man die Zähne putzt oder wie man Kleider anzieht, das will ich hier nicht lernen. Sie sollen mir Deutsch beibringen, nicht mehr. Wenn man mir sagt: Akkusativ, dann kann ich nichts dagegen haben. Das muss ich einfach lernen. Aber wenn jemand zu mir kommt und sagt, lerne Zähneputzen, dann kommt es mir vor, als wolle diese Person für mich denken.
Dann begann die nächste Stunde und der Lehrer sagte, die Flüchtlinge müssen lernen, wie man mit Messer und Gabel isst. Ich konnte wieder nicht schweigen und sagte: «Das sagen Sie zu mir?» Er sagte: «Was haben Sie nun schon wieder? Sind Sie schon wieder sauer?» Ich sagte: «Also wirklich. Sie machen einfach alles in respektloser Art und Weise.»
«Also gut», sagte er, «dann sagen Sie jetzt, was Sie stört, und die anderen hören zu.» Ich antwortete: «Wissen Sie, woher die Gabel und das Messer kommen?» Er sagte: «Aus Europa». Ich sagte: «Nein! Eine arabische Prinzessin hat Gabel und Messer nach Europa gebracht.» Er sagte: «Nein, Gabel und Messer stammen von hier.» Ich sagte: «Sie haben hier Internet, Sie können googeln, wer zuerst mit Messer und Gabel gegessen hat.» Er hat das gemacht und dann musste er zugeben, dass ich Recht habe.
Ich sagte: «Wissen Sie, ich war im Museum und ich habe gesehen, dass Sie hier früher einen Tisch hatten, einen runden Tisch. In diesem Tisch war ein Loch, also, wie eine Schale, und jeder hatte am Tisch so ein Loch vor sich, da kam das Essen hinein und Sie haben es mit Löffel und Brot gegessen. Ich habe das gesehen. Sie können das nicht vor mir verstecken.»
Der Lehrer war nun wirklich sauer, aber ich redete einfach weiter und sagte zu ihm: «Sie haben die Kultur von anderen übernommen und jetzt wollen Sie diese Kultur jenen lehren, von denen Sie sie genommen haben. – Ist das nicht respektlos?»
Am Ende der Stunde sagte der Lehrer zu mir, er müsse mit mir sprechen. Ich dachte, jetzt fliege ich von der Schule. Doch dieser Lehrer sagte zu mir: «Wissen Sie, ich finde, Sie haben Recht.»
Ich fragte: «Warum denken Sie so?» Er sagte: «Ich unterrichte nun seit einem Jahr hier an der Schule und ich habe immer dieselben Dinge gesagt. Nie hat jemand darauf reagiert.» Ich sagte: «Das liegt daran, dass die Leute noch nicht genug Deutsch reden können und nicht wissen, wie man die Wörter benutzen kann. Deshalb können sie Ihnen nicht sagen, wie das alles auf sie wirkt. Kommen Sie mit mir einen Kaffee trinken und wir können bis morgen streiten über alles, was Sie wollen.» Er sagte: «Ich habe nachgedacht, Sie haben Recht und es tut mir leid, wenn ich respektlos war.»
Was er sagte, hat mir so gut getan. Ich meine, jeder Mensch verdient es, dass man mit ihm spricht und darüber redet, was eigentlich passiert ist. Mit diesem Lehrer habe ich Frieden geschlossen.
Aufgezeichnet von Katharina Morello
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