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Der Fluch
«Das Schiff ist mit der Flut aufgetaucht, Hauptmann. Da es keine Flagge führt, haben wir den Kapitän aufgefordert ausserhalb des Hafens vor Anker zu gehen. Als klar wurde, dass das Schiff nicht von seinem Kurs abkommen würden, habe ich es mit dem Fernrohr inspiziert. Ich konnte keine Mannschaft ausmachen, dafür habe ich einen Berg Gold auf dem Deck glitzern sehen.»
Hauptmann Di Julio horchte auf. Er hatte gewusst, dass es einen Grund geben würde, warum Santarelli ihn in dieser Herrgottsfrühe aus dem Bett gerissen hatte. Dass der Grund ein Berg Gold sein würde, darauf wäre er jedoch in seinen wildesten Träumen nicht gekommen.
«Gold?»
«Jawohl, Sir.»
«Das klingt nach einer Falle.»
«Das habe ich mir auch gedacht, Sir. Deswegen habe ich das Schiff abfangen lassen. Es liegt gesichert vor der Hafenmauer. Meine Männer beobachten es vom Wasser aus, haben aber immer noch keine Spur von der Besatzung gesehen.»
«Gebt mir das Fernrohr, ich will mir unseren Besucher selbst ansehen», befahl Di Julio. In der Dämmerung konnte er den schlanken Rumpf des Schiffs ausmachen. Es lag tief im Wasser, so als ob es viel Fracht mit sich führen würde. Das Gold glitzerte unverkennbar auf dem Deck, das sonst tadellos aufgeräumt war. Di Julio ignorierte den Haufen zuerst und suchte das Schiff sorgfältig nach Hinweisen ab, die ihm sagen konnten, zu welcher Nation es gehörte, doch er entdeckte nichts eindeutiges. Auch die Bauart gab ihm keinen Aufschluss über die Herkunft.
«Fahrt mit der Observierung fort. Ich muss den Bürgermeister informieren. Wenn es nach mir ginge, würden wir das Schiff hier und jetzt versenken, Gold hin oder her, aber ich vermute, dass Nicodemo eine andere Meinung hat.»
Di Julio sollte recht behalten. Erst noch mürrisch, begannen Nicodemos Augen zu leuchten, sobald der Hauptmann ihm vom Gold erzählte.
«Niemand lässt einfach so einen Haufen Gold auf einem Deck liegen. Vielleicht gibt es einen Mechanismus, der das Schiff in die Luft sprengt, sobald wir es betreten. Oder die Mannschaft wurde von einer Seuche dahingerafft und wir würden die Stadt infizieren, wenn wir das Gold bergen.»
Der Bürgermeister schnaubte. «Weißt du, wie es in unseren Stadtkoffern aussieht? Da herrscht gähnende Leere. Wenn ein Haufen Gold in meinem Hafen auftaucht, dann lasse ich mich sicher nicht durch ein paar paranoide Befürchtungen aufhalten. Organisier mir den Schatz, Di Julio. Mir ist egal wie, aber das Gold gehört mir!»
Auf dem Weg zurück zum Hafen zermarterte sich der Hauptmann den Kopf, wie er den Befehl ausführen konnte und trotzdem keine Leben in Gefahr bringen würde.
Er könnte das Schiff sinken. Falls Krankheiten am Gold hafteten, würde das Wasser sie vernichten. Allerdings hatte er dann das Problem, dass er das Geld vom Grund heraufholen lassen musste. Das Wasser wimmelte nur so von Haien und anderen Raubfischen, die von den Fischabfällen angelockt wurden. Nicodemo war es nämlich zu teuer, diese weiter entfernt zu entsorgen und so waren die Fabriken dazu gezwungen, alles vor ihrer Haustüre zu entsorgen. Wahrscheinlich würde Di Julio in den Slums Freiwillige finden, die für ein bisschen Geld den selbstmörderischen Tauchgang wagen würden. Doch der Hauptmann sträubte sich gegen diese Idee.
Als er beim Wachposten zurückkam, hatte Santarelli bereits einige Männer und fünf Boote organisiert. «Ich nehme an, wir sollen das Gold holen, egal was komme?», fragte er mit einem schiefen Grinsen.
Di Julio nickte grimmig und ließ seinen Blick über die Männer schweifen. Einige waren kaum dem Jungenalter entwachsen. Sie hatten noch das ganze Leben vor sich. Der Hauptmann war kein Kriegsgeneral, der gewissenlos Soldaten aufs Schlachtfeld schickte. Er fühlte sich verantwortlich für sie.
«Schick die Männer wieder zurück auf ihre Posten. Ich werde das Gold alleine bergen. Es wird eine Weile dauern, doch das ist immer noch besser als euer Leben zu riskieren.»
Di Julio erntete anerkennende und dankbare Blicke. Das musste ihm genügen. Alleine ruderte er hinüber zum Schiff und inspizierte es gründlich. Von der Mannschaft war keine Spur zu sehen. Nur das Gold war da. Das ungute Gefühl des Hauptmanns verstärkte sich. Die nächsten Stunden verbrachte er damit, jede einzelne Münze in ein Fass des stärksten Schnapses, den er gefunden hatte, zu tunken. Er hoffte so, sämtliche Keime abzutöten. Während er arbeitete horchte er in seinen Körper hinein. Fühlte er sich noch gesund? Hatte er Fieber?
Als er die eintönige Arbeit beendet hatte, war er zwar erschöpft aber immer noch in Vollbesitz seiner Kräfte. Zur Sicherheit schlief er eine Nacht auf dem Geisterschiff und als er am nächsten Morgen immer noch keine Symptome wahrnahm, befand er, dass es sicher war, zurückzukehren.
Nicodemo war entzückt über den Goldregen. Grosszügig entlöhnte er die Soldaten, die vom Schatz wussten, um sich ihr Schweigen zu erkaufen. Auch Di Julio bot der Bürgermeister eine Bestechung an, doch der Hauptmann lehnte ab. Aber er nutzte den Vorfall als Grund für seinen Rückzug in den Ruhestand. Er lebte ein bescheidenes Leben ausserhalb der Stadt, wo er sein eigenes Bier braute. Jedes Mal, wenn er in die Stadt kam, um seine Ware zu verkaufen, erfuhr er vom Tod einer Person, die mit dem Gold in Berührung gekommen war. Es war keine Krankheit, die die Männer dahinraffte, sondern ganz unspektakuläre, natürliche Tode. Nicodemo überlebte am längsten, doch schliesslich holte auch ihn der Fluch des Geisterschatzes ein. Er starb an einem verschluckten Lammknochen.
Die Jahre vergingen. Eines Tages klopfte es an Di Julios Tür. Als der ehemalige Hauptmann die Tür öffnete, stand eine vermummte Gestalt auf seiner Schwelle. In der ausgestreckten Hand leuchtete ein vertrautes Goldstück.
«Ich habe gedacht, dass du mich früher oder später finden würdest», lächelte Di Julio.
***
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eingefleischte Fantasy-Liebhaberin; Stammautorin beim Verlagshaus el Gato; ist der Meinung, dass es nie schaden kann, sich als Autorin (und Mensch) immer wieder neu zu erfinden; ach ja und Brandon Sanderson ist der Beste.