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Berliner Zeitung, 2021-07-23
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Geissler, Cornelia = Geißler, Cornelia
Die Schriftstellerin Jagoda Marinic ist Gastgeberin eines Podcasts mit dem Titel "Freiheit deluxe". [… Marinic:] Wenn zum Beispiel eine Aktivistengruppe auf Twitter verlangt, dass man bestimmte Eigenbezeichnungen zu verwenden hat, dann stoße auch ich an Grenzen. […] Jede Figurenrede wird zum Bekenntnis. Mir geht es zum Beispiel bei meinem jetzigen literarischen Schreiben so: Ich mag nicht gendern. [… Geißler:] Waren Sie damals auch gegen die Rechtschreibreform? [Marinic:] Ach ja, der Vergleich wird gern gebracht. Das war eine Kleinigkeit, es ging ums ß und ein paar Kommas.
In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass die Duden-Redaktion die Definition männlicher Begriffe neu festgeschrieben hat. […] Darf der Duden das einfach? Sabine Krome, Geschäftsführerin des Rats für deutsche Rechtschreibung, klärt auf. [… Krome:] Man sieht daran, dass das „Duden-Monopol“ – also „verbindlich in Zweifelsfällen zu sein“ – nachwirkt, und zwar über den orthografischen Bereich hinaus. Die im Rahmen der Gender-Thematik häufig vorgenommene Bewertung des generischen Maskulinums ist eigentlich keine Rechtschreibfrage, sondern eine grammatische und sprachpolitische. Hier vermischen sich unterschiedliche Ebenen. In den deutschsprachigen Ländern ist nur die Orthografie amtlich und damit für einige Bereiche – Schulen und Behörden – rechtlich verbindlich, die Grammatik etwa folgt ebenfalls verschiedenen Regeln und Konventionen, sie ist aber nicht amtlich festgelegt. Für den Rat für deutsche Rechtschreibung wird die Frage erst dann zum Problem, wenn orthografische Regeln durchbrochen werden […]. Das aktuelle Papier zur geschlechtergerechten Schreibung ist gerade fertig geworden. Es muss jetzt noch von Mitgliedern des Gesamtrats, der am 26. März erneut tagt, gebilligt werden. […] Es handelt sich dabei um Empfehlungen des Rats, nicht aber um orthografische Änderungen des Regelwerks. Diese müssen jeweils erst von den staatlichen Stellen aller im Rat vertretenen Länder beschlossen werden.
Die Argumente finden sich gebündelt im Aufruf: „Die sogenannte gendergerechte Sprache beruht erstens auf einem Generalirrtum […]. Und viertens ist sie auch kein Beitrag zur Besserstellung der Frau in der Gesellschaft.“ […] Kein Wunder: Einer der Initiatoren ist der große Journalistenlehrer Wolf Schneider. Allerdings hat die Rechtschreibreform gezeigt, dass Aufrufe Sprache nicht regulieren können.
Da werden Änderungen erwartet. Die Kritiker deuten dies bereits als Reform der Reform. Die Verfasser des Regelwerks erklären solche Nachbesserungen für normal, weil die Übergangsfrist zur Einführung der Regeln noch bis 2005 läuft. […] Es kann einem nur logisch erscheinen, dass sie sich in dieser Frist noch nicht durchgesetzt hat. Die Mehrzahl der Deutschen kauft auch nach allen Nachrichten über BSE und Antibiotika weiterhin Fleisch aus der Massentierhaltung. […] Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung sollte vereinfachen, das war das Anliegen ihrer Schöpfer. Zunächst hat sie tatsächlich verwirrt. In ein paar Jahren sieht das vielleicht ganz anders aus.
„Die deutschen Rechtschreibregeln werden erneut reformiert“ titelte gestern die Tageszeitung „Die Welt“ und druckte einen Artikel des prominenten Reformgegners Theodor Ickler mit der Unterzeile: „Die Rechtschreibkommission kehrt stillschweigend zur alten Orthografie zurück.“ Diese Berichte, von den Nachrichtenagenturen zitiert, durch Hörfunk und Fernsehen verbreitet, sorgten dafür, dass die Mitarbeiter der Mannheimer „Duden“-Redaktion gestern den ganzen Tag die Telefone nicht verlassen konnten. Hintergrund der Aufregung ist die Vorbereitung der neuen Auflage des „Dudens“, die am 25. August erscheinen soll.
Jirgl verwendet ein spezielles Zeichensystem für Konjunktionen, folgt eigenen Regeln bei Interpunktion und Orthografie. Tatsächlich aber ist das nur eine scheinbare Hürde. Nach wenigen schon findet man sich in dem System zurecht, erkennt die Unterschiede zwischen "u" und "&", "oder" und "od", versteht, warum Ausrufezeichen vor Wörtern kleben[,] und entziffert ohne Mühe manche den Lauten folgende Schreibung. Man gewöhnt sich daran wie an die Zeitung nach der Rechtschreibreform. Die Lautmalerei ist oft von einleuchtender Logik, so, wenn von der "Fiesiognomie" Berlins die Rede ist und "Rotstift-Mülljöh" die Senatspolitik charakterisiert.
In zwei Radiosendern ist derzeit der Schauspieler Manfred Krug zu hören, der mit witzigen Spots die Berliner dazu einlädt, sich in die Listen einzutragen. Er ist allerdings der einzige von 150 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, der auf die Bitte des Berliner Vereins für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege e.V., sich mit Spenden oder Argumenten dem Protest anzuschließen, reagiert hat. […] Gestern stellte der Berliner Hochschularbeitskreis "Kulturelle Selbstbestimmung" seinen Aufruf, sich dem Volksbegehren anzuschließen, vor. Unterzeichnet wurde er von 110 Berliner Professoren. Das klingt beachtlich, und mag auch die erhoffte Vorbildwirkung haben. Doch hatte der Arbeitskreis den Text an 2200 Professoren verschickt.
Jetzt endlich legt die Darmstädter Akademie ihren "Vorschlag zur Neuregelung der Orthographie" vor. […] Die Einwände gegen die Reform sind tatsächlich nicht gravierend, aber durchaus bedenkenswert. Das sieht ganz nach einer möglichen Versöhnung aus.
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