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Giessen: Psychosozial-Verlag; 2020 und 2021.
Band 17: 370 Seiten.
Preis: 79,90 Euro.
ISBN-13: 978-3-8379-2417-6.
Band 18: 579 Seiten.
Preis: 89,90 Euro.
ISBN-13: 978-3-8379-2418-3.
Band 19: 497 Seiten.
Preis: 79,90 Euro.
ISBN-13: 978-3-8379-2419-0.
Wiederum ist die Gesamtausgabe der Werke Sigmund Freuds vorangeschritten. Ich berichte von den neuesten drei Bänden und wende mich – anders als in meiner letzten Rezension – nicht den formalen Aspekten zu, zu denen es nichts Neues zu sagen gibt, sondern den Inhalten und greife einige Lesefrüchte aus annähernd 1500 Seiten heraus.
Der Band 17 umspannt die Jahre 1921 bis 1923. Am Anfang steht gleich ein sehr gewichtiger Text, «Massenpsychologie und Ich-Analyse». Wir benutzen den Begriff Massenpsychologie kaum noch; gleichwohl kann der 100 Jahre alte Text uns heute noch helfen, die Gegenwart, zum Beispiel die schockierenden Ereignisse des 6. Januar 2021 vor dem Capitol, zu verstehen. Freud beschreibt die psychologische Masse als eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ich-Ideals gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich miteinander identifiziert haben (S. 60). Solange die Massenbildung anhält oder soweit sie reicht, benehmen sich die Individuen, als wären sie gleichförmig. Sie unterwerfen sich dem Führer, der ihnen beispielsweise den Sturm aufs Capitol befiehlt, und sehen in ihm die Verkörperung des Ideals. «Der Führer muss nur die typischen Eigenschaften dieser Individuen in besonders scharfer und reiner Ausprägung besitzen und den Eindruck grösserer Kraft und libidinöser Freiheit machen.» (S. 72). Sie fühlen sich eins mit den anderen, die neben ihnen das Capitol erobern, sie fühlen sich eins mit dem Übervater, der als die Verwirklichung aller archaischen, aggressiven und rücksichtslosen Träume erscheint – und der sich gleichwohl so gibt, als sei er einer von ihnen. Wer über den Mechanismus und die emotionale Kraft von Identifikationen grundsätzlich etwas lernen will, ist mit der vertieften Lektüre des Textes zur Massenpsychologie gut beraten.
Der zweite kanonische Text dieses Band stammt aus dem Jahre 1923, «Das Ich und das Es», in dem eine neue Topik, eine neue Theorie des Seelischen beschrieben wird, die von den drei Instanzen Ich, Es und Über-Ich ausgeht. Hier wird das Ich-Ideal vom Über-Ich differenziert und die Gewissensbildung erläutert, es wird aber auch das Verhältnis von Lebens- und Todestrieben dargestellt. Es überrascht, dass die Arbeit nur etwas mehr als 40 Seiten beansprucht. Sie liest sich wie eine Summe der Freudschen Denkentwicklung.
Die vielen kleinen Texte, die in einer Gesamtausgabe nicht fehlen dürfen, erlauben einen lebendigen Einblick in das berufliche und persönliche Leben Freuds und zeigen, mit wem er in einem internationalen fachlichen Austausch stand. Freud nimmt kein Blatt vor den Mund; wenn er zum Beispiel eine Einleitung zu der Monografie von Varendonck zur «Psychology of Day-Dreams» schreibt. Sie ist keine Höflichkeitsadresse, sondern eine ernsthafte kritische Stellungnahme. Einzelne Bemerkungen lassen aufhorchen, etwa wenn Freud meint, nicht das Verhältnis zum Bewusstsein sei entscheidend für Tagträume, vielmehr sei ein Kennzeichen der Denkaktivität der Tagträume ein «freely wandering or phantastic thinking» (S. 94). – Zusammenfassungen des eigenen Denkens sind informativ, etwa der Artikel zum Stichwort «Psychoanalyse» im Handwörterbuch der Sexualwissenschaft. Das Verhältnis zur Psychiatrie etwa wird darin nicht als Gegensatz beschrieben, «wie man nach dem nahezu einmütigen Verhalten der Psychiater glauben sollte» (S. 219). Sie könne vielmehr der allzu deskriptiv und somatisch orientierten Psychiatrie den «unerlässlichen Unterbau» liefern und so eine «wissenschaftliche Psychiatrie» (S. 220) erschaffen.
Bei der Lektüre des 18. Bandes (1924 bis 1927) bleibe ich erst einmal bei dem Verhältnis von Psychoanalyse und Psychiatrie, das die Leser:innen des SANP besonders interessieren wird. Freud differenziert in zwei Arbeiten des Jahres 1924 «Neurose und Psychose» beziehungsweise den «Realitätsverlust bei Neurose und Psychose». Bemerkenswert ist nicht nur, dass Freud sich mehr und mehr mit dem psychotischen Erleben befasst, sondern auch, dass er in gewisser Weise die produktive Seite der Psychose würdigt. In der Neurose würde «ein Stück der Realität fluchtartig vermieden, bei der Psychose aber umgebaut.» Und wenige Zeilen später: «Die Neurose verleugnet die Realität nicht, sie will nur nichts von ihr wissen; die Psychose verleugnet sie und sucht sie zu ersetzen. Normal oder ‹gesund› heissen wir ein Verhalten, welches bestimmte Züge beider Reaktionen vereinigt, die Realität so wenig verleugnet wie die Neurose, sich aber dann wie die Psychose um ihre Abänderung bemüht.» (S. 51). Ein Jahr später, in seiner sogenannten «Selbstdarstellung», die vor allem den eigenen Denkweg und die Wege der psychoanalytischen Bewegung darstellt, modifiziert und differenziert Freud seine früheren pessimistischen Ansichten zur psychoanalytischen Behandlung der psychotischen Störungen. Er betont hier, dass sich «doch mancherlei Zugänge» ergäben: «Die Übertragung ist oft nicht so völlig abwesend, dass man nicht ein Stück weit mit ihr kommen könnte» (S. 149); in der Psychose käme «so vieles für jedermann sichtbar an die Oberfläche […], was man bei der Neurose in mühsamer Arbeit aus der Tiefe herausholt.» (S. 150). Ausserdem habe vor allem das Narzissmuskonzept es erlaubt, «bald an dieser, bald an jener Stelle einen Blick über die Mauer zu tun». Daher konstatiert er – optimistisch – eine «pénétration pacifique» der Psychiatrie mit analytischen Gesichtspunkten.
Freud schreibt an Karl Abraham, kurz vor dessen Tod, wie uns die Herausgeber in einem ihrer kleinen Vorbemerkungen zu jedem Text mitteilen, er habe einige kleine Aufsätze geschrieben, die «nicht recht ernst gemeint» seien (S. 195). Für mich sind die jeweils nur wenige Seiten umfassenden Arbeiten «Notiz über den Wunderblock», «Die Verneinung» (1925) und «Fetischismus» (1927) höchst gehaltvolle Miniaturen. Ich gehe nur auf die Arbeit zur Verneinung näher ein. Freud schreibt der Verneinung eine konstitutive Funktion zu. Sie entscheidet darüber, ob unsere Eindrücke zu uns gehören sollen oder ob sie als Teil der äusseren Realität zu betrachten sind. Das kleine Kind kann verneinen, dass eine Vorstellung ihren Ursprung in seiner subjektiven Erfahrungswelt hat, es schreibt sie nicht sich selbst zu, sondern sieht sie als einen Aspekt der Aussenwelt an. Freud schliesst an dieser Stelle einen anderen Gedanken an: das Realitätsurteil wird mit dem Werturteil verbunden. Was gut ist, verbleibt – nach dem Lustprinzip – im Ich, was schlecht ist, wird der Aussenwelt zugesprochen. Aus der Dichotomie von innen und aussen wird die Dichotomie von innen/gut – aussen/schlecht. Die Verneinung hat einen entwicklungsfördernden, Ordnung schaffenden Effekt, sie ist an der Differenzierung von innen und aussen beteiligt. Damit wird die Konstitution von Innen- und Aussenwelt auf engstem Raum theoretisch herzuleiten versucht – eine faszinierende Gedankenleistung.
Der Band umfasst einige weitere grosse Arbeiten, etwa «Hemmung, Symptom und Angst» (1926), in dem eine Angsttheorie differenziert entfaltet wird, und «Die Zukunft einer Illusion» (1927), Freuds kritische Analyse der Religion. Die allerkürzeste Einlassung, die mir umso grössere Rätsel aufgibt, ist Freuds Erwiderung auf eine Anfrage des liberal-demokratischen Prager Tagblatt, wie er (und andere) Mussolini sähen. Freud schreibt: «Fällt mir nicht ein, mich über Mussolini zu äussern». Wie schon bei den Rezensionen der früheren Bände beklagt, wären ein paar zusätzliche und erläuternde Worte der Herausgeber hilfreich gewesen. Denn natürlich interessiert der «Hintergedanke» Freuds: Will er politisch nicht Stellung beziehen? Ist Mussolini für ihn eines Kommentars unwürdig? Sollte der Einzeiler als subtile Entwertung gelesen werden?
Was sagt uns der Band 19 (1928–1933) zusätzlich über Freuds politische Haltungen? Er enthält kleine politische oder gesellschaftliche Stellungnahmen Freuds. 1930 unterzeichnet Freud das «Manifest gegen die Wehrpflicht und die militärische Ausbildung der Jugend», neben A. Einstein, Th. Mann oder B. Russell. Darin heisst es bündig: «Militärische Ausbildung ist Schulung von Körper und Geist in der Kunst des Tötens. Militärische Ausbildung ist Erziehung zum Kriege. Sie ist die Verewigung des Kriegsgeistes.» (S. 175). 1932 unterschreibt Freud einen «Aufruf zum Weltkongress gegen den Krieg», in dem in leider treffsicherer Voraussicht gewarnt wird, dass «schon wieder Kräfte am Werke [sind], die den Ausweg aus der Wirtschaftskrise in einem neuen Krieg sehen wollen» (S. 257). 1930 unterzeichnet Freud einen Aufruf «Für das Arbeitende Palästina», der zu einer Tagung in Berlin einlädt. Darin heisst es: «Die sozialpolitischen Verhältnisse im Orient gefährden die brüderliche Begegnung des jüdischen und arabischen Volkes auf dem historischen Weg zu gemeinsamer Arbeit, internationaler Solidarität und nationaler Freiheit.» (S. 171). Auch diese Befürchtung wird sich als allzu berechtigt herausstellen. 1931 macht Freud einen Vorschlag zur Aktion «Winterhilfe», in der es um die Bedürftigen und Arbeitslosen Wiens geht. Er verpflichte sich «zum Beispiel von dem Erwerb jeden Tages, also täglich, […] den Betrag von S. 20 für die Zwecke der ‹Winterhilfe› abzugeben.» (S. 227). Am bekanntesten ist der Briefwechsel mit Albert Einstein über die Frage «Warum Krieg?» (1932) geblieben. Freud setzt sich für die Einsetzung einer Zentralgewalt zur Kriegsverhütung ein und bemerkt: «Nun ist der Völkerbund als eine solche Instanz gedacht, aber die andere Bedingung ist nicht erfüllt; der Völkerbund hat keine eigene Macht und kann sie nur bekommen, wenn die Mitglieder der neuen Einigung, die einzelnen Staaten, sie ihm abtreten. Dazu scheint aber derzeit wenig Aussicht vorhanden.» (S. 447). Die Aussichten haben sich innerhalb von knapp 90 Jahren nicht wirklich verbessert! Freud setzt in der Bekämpfung des Krieges, den er dem Destruktionstrieb zuschreibt, auf den Eros: «Ich glaube, der Hauptgrund, weshalb wir uns gegen den Krieg empören, ist, dass wir nicht anders können. Wir sind Pazifisten, weil wir es aus organischen Gründen sein müssen.» (S. 453).
Auch in seinen theoretischen Texten wendet sich Freud verstärkt der Kultur und der Gesellschaft zu. Er befasst sich mit Dostojewski in der Arbeit «Dostojewski und die Vatertötung» (1928); seine historischen Voraussetzungen sind von den heute forschenden Biograf:innen Dostojewskis zum Teil widerlegt worden, aber der Text bleibt Bezugspunkt auch für die Literaturhistoriker:innen. 1932 macht Freud sich Gedanken zur «Gewinnung des Feuers» und befasst sich mit den antiken Mythen, vor allem – dem Thema entsprechend – mit Prometheus. Mit Goethe setzt sich Freud anlässlich der Verleihung des Goethe-Preises auseinander («Meine Lebensarbeit» und «Ansprache im Frankfurter Goethehaus», 1930).
Einen grossen Raum nimmt im Band die «Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse» (1933) ein. Zeitgeschichtlich bemerkenswert ist ein Detail, nämlich dass anders als 1916/1917 die Anrede des Auditoriums nun lautet «Meine Damen und Herren».
Unerwähnt geblieben sind bislang die Hinweise auf die persönliche und biografische Entwicklung Freuds, die den einleitenden Herausgeber-Kommentaren zu entnehmen sind. Freud muss sich ab Februar 1923 zunehmend mit dem Mundhöhlenkrebs auseinandersetzen, der in den Folgejahren mehr als 30 operative Eingriffe notwendig machen wird. Ausserdem reihen sich persönliche Verluste aneinander, in der Familie ebenso wie im Kollegenkreis. Die Nachrufe offenbaren viel über Freuds Verhältnis zu den intellektuellen Wegbegleitern und Partnern. Die Gedanken an Josef Breuer (Band 18, 1925) fallen überraschend nüchtern aus, ganz im Kontrast zu der Reaktion auf den Tod von Karl Abraham am Ende des gleichen Jahres, der ihm explizit die Sprache verschlägt, so dass er sich zu einer damals im deutschsprachigen Kulturgut noch sehr präsenten Horazode flüchtet: «integer vitae scelerisque purus» (im Leben unbescholten und rein von Schuld). Die Leser:innen der Gesamtausgabe können nicht nur Freuds Werk neu auf sich wirken lassen, sondern es auch im Kontext seiner Geschichte verstehen. Sie ist in den vorliegenden Bänden auch die Wissenschafts- und Politikgeschichte der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts.
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