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von Sandro Danilo Spadini
Richmond bei London, 1923: Die depressive Virginia Woolf (Nicole Kidman) beginnt mit den Arbeiten zu ihrem neuen Roman. Los Angeles, 1952: Die apathische Laura Brown (Julianne Moore) ist auf der Flucht vor ihrem scheinbar perfekten Familienglück. New York, 2001: Die umtriebige Clarissa Vaughan (Meryl Streep) ist mit den Vorbereitung zu einer Party für ihren an AIDS erkrankten Ex-Freund beschäftigt. Ein Tag im Leben von drei Frauen. Stunden, in denen ihr Leben einen neuen Lauf nehmen wird. Stunden, in denen sie Zeugnis über ihr Leben ablegen werden. Stunden, in denen sie sich für das Leben oder den Tod entscheiden werden. Drei Epochen, drei Orte, drei Schicksale, verbunden durch eines der grössten Werke der englischen Literatur: Virginia Woolfs «Mrs. Dalloway».
Hohe Schauspielkunst
Es war bestimmt alles andere als ein einfaches Unterfangen, Michael Cunninghams komplexen, nicht linear erzählten Bestseller «The Hours» – 1999 mit dem Puliter-Preis ausgezeichnet – für die Leinwand zu adaptieren. Obschon sich das meiste im Inneren der Figuren abspielt, verzichtete Drehbuchautor David Hare sowohl auf Rückblenden als auch auf einen Erzähler aus dem Off. Dass dieses Konzept einigermassen aufgeht, verdanken Hare und Regisseur Stephen Daldry («Billy Elliot») auch dem überragenden Talent ihrer Darsteller. Es ist schon lange her, dass ein Film ein derartiges Feuerwerk an hoher Schauspielkunst gezündet hat wie «The Hours». Daldry gelang es nicht nur, mit Meryl Streep, Julianne Moore und Nicole Kidman drei der interessantesten Darstellerinnen der Gegenwart zu verpflichten, sondern zudem noch ein halbes Dutzend weiterer Hochkaräter (u.a. Ed Harris, Claire Danes und Toni Collette) an Bord zu holen. Nicole Kidman, welche die Rolle ihres Lebens spielt, wurde bereits völlig zu Recht mit dem Golden Globe ausgezeichnet. Hat die Australierin bereits in ihren letzten Filmen Schritt um Schritt Richtung Charakterfach gemacht, so ist «The Hours» nun ihr Meisterstück. Mit Nominierungen für Kidman in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin sowie Moore und Harris in den Nebendarsteller-Kategorien würdigte auch die Oscar-Jury die grossartige Leistung des Ensembles von «The Hours». Einzig Meryl Streep wurde skandalöserweise von der Academy übergangen. Gleichwohl könnte die Grande Dame des amerikanischen Kinos am 23. März im Kodak Theatre in Hollywood ihren dritten Goldjungen entgegennehmen: Für ihre Nebenrolle in Spike Jonzes «Adaptation» heimste Streep bereits ihre dreizehnte Nominierung ein!
Mangel an Leichtigkeit
Auch in den Kategorien Bester Film und Beste Regie zählt der insgesamt für 9 Oscars nominierte Film zu den Topfavoriten. Restlos zu überzeugen vermag «The Hours» indes nicht. Bisweilen entsteht der Eindruck, als ob sich Daldry in seinem erst zweiten Spielfilm etwas übernommen hätte. Die drei verschiedenen Geschichten ergeben zwar – auch formal – durchaus ein harmonisches Ganzes, doch die ganze Konstruktion wirkt mitunter etwas starr, wenig filigran. In einzelnen Szenen verliert Daldry überdies die Balance und gleitet etwas allzu stark ins Melodramatische ab. Insgesamt mangelt es dem Film etwas an Subtilität, Leichtigkeit und ebendiesem Schuss Brillanz, welcher ihn zum grossen Kinoereignis dieser Saison machen würde. Allerdings muss auch gesagt werden, dass die Academy schon wesentlich schlechtere Filme mit dem Oscar geadelt hat. Insofern wäre «The Hours» gar nicht mal so eine schlechte Wahl – nicht zuletzt als Würdigung des Darstellerensembles.