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«… aber Pflanzen leiden auch»
Vegetarier werden oft mit dem Vorwurf konfrontiert, dass auch Pflanzen leiden können und es deshalb keine Rolle spielt, ob man ein Kalb oder einen Salat isst. Auch wenn dieser Vorwurf bereits auf den ersten Blick völlig absurd ist und in der Regel von den Leuten vorgebracht wird, die bei ihrer eigenen Nahrungsmittelauswahl kaum ethische Massstäbe anlegen, begegnet man ihm auch heute noch oft.
Wenn man davon ausgeht, dass jeder Mensch sich ernähren muss, um zu überleben, stellt sich für ethisch denkende Menschen die Frage, welche Ernährungsweise am wenigsten Leid verursacht.
Aus solchen Überlegungen heraus ergaben sich einige Ansätze, bei denen die Ethik in der Ernährung unterschiedlich stark gewichtet wurde:
- kein Konsum von konventionell produziertem Fleisch
- kein Konsum von Tieren (= Vegetarier)
- kein Konsum von Tieren und deren Vorstufen (Eier)
- kein Konsum tierischer Nahrungsmittel (= Veganer)
- kein Konsum von Nahrungsmitteln, für deren Gewinnung Tiere oder Pflanzen getötet oder geschädigt werden müssen (= Naturaner)
Der Vorwurf, dass auch Pflanzen leiden können, zielt darauf ab, aus dieser (unbewiesenen) Tatsache abzuleiten, dass jede Ernährungsweise, die ethische Erwägungen mit einbezieht, sinnlos sei.
Durch das Gleichsetzen von Töten einer Pflanze und dem Töten eines Säugetieres versucht man, die Grundlagen des ethischen Beweggrundes der vegetarischen Ernährung zu negieren.
Interessanterweise wird das Argument jedoch nie dazu benutzt, um jegliches Töten von Mitlebewesen zu kritisieren. Denn dies würde zur naturanen Lebensweise führen, die weder Pflanzen noch Tiere zur Ernährung tötet. Die Nahrung besteht dabei aus Früchten (Beeren, Nüsse, Getreide, Fruchtgemüse etc.).
Perfekt oder gar nicht
Ein weiterer Trugschluss des Vorwurfes ist auch, dass man durch die vegetarische Lebensweise nicht jegliches Leid verhindert und es deshalb keine Rolle spielt, wenn man noch mehr Leid erzeugt. Dies widerspricht jeglicher Ethik. Selbst wenn man das Ziel, jegliches Leid zu vermeiden, nie erreichen kann, ist es dennoch erstrebenswert, wenigstens das Leid zu verringern, das man selbst verursacht und vermeiden kann.
Da der Begriff der «Würde der Kreatur», der in der Schweizer Bundesverfassung verankert ist, auch Pflanzen umfasst, hat sich die Eidgenössische Kommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) dieses Themas angenommen.
Am 14. April 2008 wurde in Bern der Bericht «Die Würde der Kreatur bei Pflanzen» von der EKAH vorgestellt.
Zu welchem Ergebnis kam diese Kommission? Dürfen wir nun auch keine Pflanzen mehr essen?
Kann man Pflanzen eine Würde anerkennen und dennoch einen Unterschied zwischen Tieren und Pflanzen aufrechterhalten?
Die Ethikkommission hat Folgendes dazu veröffentlicht:
«Bei Tieren sind wir im Besitz klarer Indizien, dass sie empfindungsfähig sind. Bei Wirbeltieren, Zehnfusskrebsen (Dekapoden) und Kopffüssern (Cephalopoden) herrscht sogar eine gesellschaftlich breit abgestützte Übereinkunft, wonach sie der Empfindungen fähig sind. Dies hat sich im Tierschutzgesetz niedergeschlagen. Diese Tiere werden vor Schmerz, Leiden, Angst und Stress geschützt und Eingriffe, die dem Tier solcherart Schlechtes zufügen, werden für rechtfertigungspflichtig erklärt. Bei Pflanzen hingegen fehlen uns vergleichbar klare Indizien, die auf irgendeine Form des inneren Erlebens hinweisen. Für uns (und gemäss unserer Überzeugung für die im Tierschutzgesetz geschützten Tiere) ist das innere Erleben mit einer Art von Bewusstsein verknüpft. Bei Pflanzen verfügen wir über keine Indizien, dass sie über ein solches Bewusstsein verfügen.
Es kann aber sein, dass Pflanzen trotzdem die notwendigen Voraussetzungen für eine Art von Empfindungsfähigkeit erfüllen. Pflanzen haben zwar kein zentralisiertes Nervensystem. Es stellt sich jedoch die Frage, ob Empfindungsfähigkeit notwendig von einem zentralen Nervensystem abhängt und ob Störungen bewusst wahrgenommen werden müssen. Da wir keinen Zugang zu Pflanzen haben, um dies herauszufinden, wissen wir es nicht.»
Und als Schlussfolgerung der Ethikkommission kann man in ihrem Bericht nachlesen:
«Im Umgang mit einzelnen Pflanzen vertritt die Mehrheit die Position, dass es weniger starke Gründe braucht, um deren Nutzung zu rechtfertigen, als es bräuchte, um dieselbe Nutzung von (Wirbel-)Tieren (Tieren i.S. des Tierschutzgesetzes) zu rechtfertigen.
[…]
Ebenfalls für die Mehrheit verschliessen sich Pflanzen – ob als Kollektiv, als Art oder als Individuum – aus moralischen Gründen dem absoluten Eigentumsbegriff. Niemand darf gemäss dieser Auffassung nach völlig freiem Belieben mit Pflanzen umgehen.»
Für die Kommission steht ausser Frage, dass die Tiere eines höheren Schutzes bedürfen als die Pflanzen. Was aber nicht heisst, dass man Pflanzen völlig willkürlich und sinnlos Schaden zufügen darf.
Zum Schluss ein Zitat des konsequenten Tierschützers und Vegetariers Magnus Schwantje, der schon vor über 50 Jahren wusste:
«Es ist also ein ganz unberechtigter Vorwurf, dass der Vegetarier nicht konsequent seine sittlichen Grundsätze befolge, wenn er nicht auch die Pflanzenvernichtung vermeide, also nicht verhungere, um kein fremdes Leben zu zerstören.
Dagegen handeln die Menschen, die das Verzehren von Tierleichen deshalb für berechtigt erklären, weil auch die Pflanze ein beseeltes und empfindendes Wesen sei, inkonsequent, wenn sie nicht auch das Menschenfleischessen für berechtigt erklären.»
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