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Kindertanzpädagogik und Bharata Natyam
– oder –
Das gefährliche Spiel mit dem Feuer
Die Art und Weise, wie Bharata Natyam in Tanzschulen unterrichtet wird, gibt mir immer wieder Rätsel auf. Mit dem Vorwand, der Tradition treu bleiben zu wollen, folgt man einer völlig veralteten Tanzpädagogik, die in manchen Bereichen ziemlich mangelhaft ist. Die Methoden, wie wir Kindern Tanz vermitteln, gehören auch dazu. Der Mangel ist sehr schnell erklärt: es gibt keine Methoden. Ich spreche hier nicht davon, dass man mit Kindern den Unterricht spielerischer gestalten soll, dass man die Unterrichtsdauer verkürzt, um sie nicht zu überfordern, oder dass man technische Aspekte im Tanz etwas bildhafter erklärt. Ich spreche von echten pädagogischen und didaktischen Grundlagen, von durchdachten Arbeitsweisen und Techniken, mit welchen die Freude am Tanz, die Gesundheit des kindlichen Körpers und eine solide Basis für den akademischen Tanz aufgebaut werden kann. Dieser Missstand ist gerade deshalb so gravierend, weil er das Fundament unseres künstlerischen Wirkens, nämlich unseren Nachwuchs, betrifft.
Ich habe in den letzten 18 Jahren dutzende von Kindern unterrichtet. Die meisten begannen in einem Alter zwischen 6 und 8 Jahren. Erst ab sechs Jahren sei ein Kind aufnahmefähig genug, um ein Tanztraining zu besuchen, wurde mir beigebracht. Ausserdem ist der Körper bei jüngeren Kindern noch stark im Wachstum und ein Tanztraining wäre ungesund. Manche Kinder waren talentierter als andere, aber bestimmte Schwierigkeiten traten trotzdem immer wieder auf. Die Kinder waren meist jahrelang nicht fähig, die Grundhaltung zu halten und zu verbessern. Einigen Kindern verging nach einiger Zeit die Lust am Tanz, weil das repetitive Training der Grundschritte eintönig war. Und die Grundschritte wurde so repetitiv trainiert, weil wiederum die Haltung und Muskulatur gestärkt werden sollte. Ich realisierte erst nach Jahren, dass diese Art des Unterrichts alles andere als sinnvoll ist. Tatsächlich gibt es im Bharata Natyam keine Methode des Kinderunterrichts, denn im Endeffekt lernen die Kinder dasselbe und in der gleichen Reihenfolge wie Erwachsene.
Ich begann mich vor einiger Zeit mit Tanzpädagogik im Allgemeinen und Kindertanzpädagogik im Speziellen auseinanderzusetzen und realisierte, dass es im Ballett diesbezüglich gut entwickelte Leitfäden für Tanzpädagogen gibt. Aber im Bharata Natyam scheint sich niemand Gedanken darum zu machen, obwohl auch unsere Tanzschulen hauptsächlich von jungen Leuten im Schulalter besucht werden. Besonders die Bücher von Gisela Peters-Rohse und Judith Frege haben mich in ihren Bann gezogen, denn hier wurden all meine Fragen beantwortet. Endlich konnte ich mein intuitives Gefühl, dass unserer Art des Kinderunterrichts ganz wichtige Grundlagen fehlen, mit effektivem Wissen ergänzen. Und das von zwei Tanzpädagoginnen, die sich diesem Thema während ihres ganzen künstlerischen Lebens gewidmet haben. Meine Erkenntnisse daraus, möchte ich hier teilen:
Kinder haben eine natürliche und angeborene Freude, sich zu Musik und Rhythmus zu bewegen. Lange bevor ein Kind mental und physisch bereit ist, einen akademischen Tanz wie Bharata Natyam zu lernen, kommt das einfache und lustvolle Bedürfnis, mit dem Körper verschiedene Figuren auszuprobieren. Man kann das sehr einfach schon bei ganz kleinen Kindern beobachten, die beim Hören von Musik mit dem Körper mitschunkeln und später kleine Fantasietänze durch das Wohnzimmer machen. Das waren meist die Mütter, die mit ihren Dreijährigen in unserer Tanzschule standen und meinten, dass ihr Kind eine besondere Begabung habe. Dem ist nicht unbedingt so, aber diese Mütter hatten intuitiv die richtige Absicht, nämlich, dass diese Bewegungsfreude gefördert werden sollte. Stattdessen hat man sie vertröstet, sie sollen in drei Jahren wiederkommen.
Frau Peters-Rohse macht in einem Dokumentarfilm (sehr empfehlenswert!) ein sehr gutes und einleuchtendes Beispiel. In der Schule lernen Kinder die Bedeutung von Buchstaben und werden behutsam eingeführt, was man mit Zahlen alles machen kann. Langsam gewinnen sie Sicherheit im Umgang mit diesen neuen Werkzeugen und bekommen Selbstvertrauen im Schreiben, Lesen und Rechnen. Im Tanz ist es nicht anders. Bevor man Kinder eine bestimmte Art von Tanz lehrt, muss man ihnen eine Sicherheit vermitteln, wie man den Körper als Instrument verwenden kann. Die kindliche Vorstellungskraft ist beinahe grenzenlos und offen für eine grosse Bandbreite von Bewegungsformen, die nicht verfrüht in eine restriktive Tanzform eingegrenzt werden sollte. Im Gegenteil, diese Vorstellungskraft sollte gerade am Anfang gefördert und angeregt werden.
Ein ganz wichtiger Punkt in der Kindertanzpädagogik ist der richtige Umgang mit den flexiblen Körpern. Kinderkörper unter 8 Jahren sind zart und weich. Sie müssen in einer ihrem Alter entsprechenden Weise gestärkt werden. Erst dann können sie Haltungen einnehmen und diese auch halten, erst dann ist es ungefährlich ihre Gelenke für Tanzbewegungen zu belasten. Diese Stärkung kann nicht und niemals durch den Tanz selbst geleistet werden. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass es fahrlässig ist, ein Kind ohne entsprechende muskelaufbauende und haltungsstärkende Massnahmen in ein Tanztraining zu schicken. Man darf sich hierbei kein Fitnessprogramm für Zwerge vorstellen. Man kann mit spielerischen Übungen und fantasievollen Improvisationen, die versteckt eine ganz bestimmte Funktion in der Körperschulung haben, geschickt eine Tonisierung der Muskeln und eine verbesserte Körperwahrnehmung herbeiführen.
Ich stelle mir in stillen Momenten vor, was das für Kinder sein werden, die eine solche Vorbereitung durchlaufen, bevor sie Bharata Natyam lernen. Ich stelle mir vor, wie problemlos sie ein Ardha-Mandali einnehmen und fähig sind zu halten, weil sie auf gesunde und aufmerksame Art darauf vorbereitet wurden. Ich stelle mir die strahlenden Gesichter vor, wenn sich diese Kinder über ihren raschen Lernfortschritt freuen, weil ihre Körper kräftig genug sind, um im Lernprozess schnell voran zu kommen. Und ich stell mir den wunderbaren Körperausdruck vor, den diese Kinder haben, weil sie durch eine gezielte Vorbereitung Selbstvertrauen gewonnen und einen bewussten Umgang mit ihrem Körper gelernt haben.
Egal ob wir uns mehr als Bühnentänzerinnen oder Tanzlehrerinnen sehen, Kinder sind die Zukunft unserer Kunst. Wir sollten unseren falschen Stolz ablegen und anerkennen, was andere grosse Tanzformen in diesen Bereichen erreicht haben und sie uns als Vorbild nehmen. Wir können den Anspruch, als klassische Tanzkunst angesehen und respektiert zu werden, nur aufrechterhalten, wenn wir auch bereit sind, die Defizite in unserem System zu erkennen und zu beheben. Ich für meinen Teil werde kein Kind mehr unterrichten, welches nicht eine vorbereitende Körperschulung erfahren hat. Und ich wünsche mir für die Zukunft, dass auch andere Bharata Natyam-Lehrerinnen erkennen, dass wir hier wahrhaftig und völlig unnötig mit dem Feuer spielen.
Literaturnachweise:
Frege, Judith (2013): Kreativer Kindertanz. Grundlagen, Methodik, Ziele. Mit Beispiel einer Unterrichtsstunde. Leipzig: Henschel Verlag.
Peters-Rohse, Gisela (2012): Das Kind und sein Tanz. Wilhelmshaven: Florian Noetzel Verlag.
Hier kann man das Video mit und über Gisela Peters-Rohse anschauen: https://vimeo.com/86074737