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Das Archiv für moderne Musik ist eine private Initiative von Christian Schorno. Meine Musiksammlung ist im Lauf der Zeit so umfangreich geworden, dass deren Verwaltung einen systematischen Ansatz nötig machte. Auf dem Markt verfügbare Software, um private Musiksammlungen zu verwalten, zum Beispiel iTunes oder Collectorz, bringt unannehmbare Beschränkungen mit sich. Deshalb musste ich die Verwaltung meiner Musiksammlung auf der Basis von Standard-Webtechnologie selbst konzipieren, einrichten und programmieren. Es entstand das Archiv für moderne Musik.
Die Datenbank des Archivs für moderne Musik
2001 wurde die Sammmlung zunächst in einer Access-Datenbank erfasst – von Anfang an mit dem Ziel, diese Daten später ins Internet zu stellen, wo ich seit dem Jahr 2000 regelmässig Rezensionen veröffentlichte. Die Idee war, die Daten verfügbar zu haben und Abfragen bedürfnisgerecht programmieren und bequem ausführen zu können. Die Technologie dazu, ein Webserver mit MySQL-Datenbank, angesprochen mit PHP, stand zur Verfügung und ist einfach handhabbar.
Die erste Implementation in der lokalen Access-Datenbank weckte das Bedürfnis nach einem genauen und konsistenten Datensatz: Releasedaten wo möglich auf den Monat (oder besser noch auf den Tag) genau zu erfassen, Katalognummern so zu verzeichnen, dass die Sortierreihenfolge stimmt, Compilations mit V. A. (Labelbezeichnung) in der Datenbank zu führen, damit Abfragen darauf möglich sind und vieles mehr.
Das wichtigste Anliegen, das mit der Online-Datenbank ins Spiel kam, war, dass jedes Item der Datenbank (also ein Song oder ein Release) immer auch als Bestandteil von fünf Diskografie-Typen angeschaut werden kann: als Bestandteil der Diskografie des Interpreten / Acts, der Produzentendiskografie, der Monats- oder Jahresdiskografie, der Labeldiskografie und passender Genrediskografien. Das heisst, dass diese fünf Dimensionen in der Datenbank vollständig und konsistent erfasst werden müssen.
Es dauerte bis im Dezember 2006, bis die Datenbank dann endlich online ging. Vorher, im Spätsommer 2006, migrierte ich alle statischen Seiten über Musik auf meine neue Domain, auf Musikzimmer.ch. Als dann die ersten Seiten programmiert waren, entstand der Wunsch, die Musik auf einem Intranet-Webserver verfügbar zu machen. Den Server gibt es seit dem Herbst 2007. Die Digitalisierung der Musiksammlung dauert noch mindestens bis Ende 2011.
Die Timeline zeigt schliesslich noch mein Zusammentreffen mit open broadcast, dem ersten «user-generierten Radio» der Schweiz. Es besteht die Absicht, das Archiv für moderne Musik den Programmmacher/-innen von open broadcast zur Verfügung zu stellen. (Die hier verwendeten Screenshots von Folien entstammen einer Präsentation, die ich im Rahmen vom Open Broadcast Exchange im Juni 2010 in Basel gehalten habe.)
Was ein Archiv ausmacht
Ein Archiv besteht aus einer Sammlung von Objekten (die Archivalien) und einem Verzeichnis oder Katalog dazu. Früher waren diese Kataloge Listen oder Zettelkästen. Heute legt man hierfür Datenbanken an. Datenbanken haben verschiedene Vorteile, die das Suchen, Sortieren und Anzeigen von Archivalien erleichtern oder flexibilisieren.
Musikarchive enthalten typischerweise Musik in verschiedenen Medienformaten: CDs, LPs, Singles, EPs, Cassetten, Tonbänder oder neuerdings Soundfiles. Eine wichtige Aufgabe des Katalogs oder Verzeichnisses besteht darin, zu dokumentieren, in welchem Format eine bestimmte Musik vorliegt und wo sie physisch aufgefunden werden kann.
Die Abbildung zeigt im linken Foto einen Teil der Sammlung des Archivs für moderne Musik sowie im rechten Foto zwei klassische Verzeichnisarten von Archivalien: eine Liste und einen Zettelkasten.
Die Digitalisierung eines Musikarchivs
Es ist aus mindestens drei Gründen dankbar, ein Musikarchiv zu digitalisieren. Diese Gründe will ich kurz darlegen.
1) Musik ist dank heutiger Web- und Hypertext-Technologie etwas, das im Internet bzw. auf einem Bildschirm repräsentiert und abgespielt werden kann. Zum Vergleich: Eine Sammlung von Oldtimer Autos müssen in einem Museum ausgestellt werden. Auf Bildschirmen können lediglich fotografische Abbilder dargestellt werden.
2) Traditionelle Archive hatten ihren Katalog und ihre Sammlung an je einem eigenen Ort. Wer eine Archivalie suchte, musste zuerst zum Katalog laufen, dort den Standort der Archivalie nachschlagen/recherchieren und danach zur Archivalie gehen, um diese anzusehen oder anzuhören. In einem digitalen Archiv können alle diese Teilhandlungen in der selben Datenbankapplikation abgewickelt werden. Medientechnisch kann man sagen, zwischen Katalog und Sammlung gibt es im Fall digitaler Musikarchive keinen Medienbruch mehr.
3) Die Indizes traditioneller Archive waren ein- oder zweidimensional. Man hatte zum Beispiel einen Zettelkasten, in dem die Titel von LPs verzeichnet waren und einen zweiten, in dem die Acts (Künstler oder Interpreten) alphabetisch sortiert waren. In digitalen Datenbanken kann man nach allen Feldern (zum Beispiel: Act, Titel, Label, Erscheinungsdatum usw.) suchen, die Suchresultate alphabetisch ausgeben und sie auch gleich anhören.
Diese Vorteile machen, dass sich das Digitalisieren der Musiksammlung lohnt und dass man Freude hat, im digitalen Archiv zu stöbern.
Nachteile digitaler Archive und einige Abhilfen gegen sie
Also kann man die CDs nach dem Digitalisieren getrost verkaufen? Hm …, da bin ich mir nicht so sicher. Ein digitales Musikarchiv hat gegenüber einem klassichen Archiv, in dem die CDs auf Regalen stehen, doch einen entscheidenden Nachteil. Ich glaube, dass Benutzer/-innen digitaler Musikarchive in der Regel nach dem suchen und das finden, was sie bereits kennen. Digitale Datenbanken sind perfekte Werkzeuge, um Informationslücken zu füllen. Wie hiess diese EP der Band Pavement mit dem Gockelkopf drauf? Wann erschien Sgt. Pepper von den Beatles? War es das erste Konzeptalbum oder gab es solche vor ihm? Es sind in der Regel solche Informationsfragen, die an Datenbanken gestellt und die von ihnen zuverlässig beantwortet werden. Datenbanken sind Informationstechnologie, nicht Wissenstechnologie. Sie helfen uns zum Beispiel nur beschränkt dabei, neue Musik zu finden, die wir noch nicht kennen.
Webbasierte Musikdatenbanken haben Zusatzfunktionen eingebaut, die Benutzer/-innen animieren, mehr mit ihnen zu machen als bloss Informationslücken zu füllen: Discogs ist auch ein Marktplatz für Musik, auf Rate Your Music können Benutzer/-innen Rezensionen schreiben, Listen zusammenstellen, Ratings abgeben. Durch solche Zusatzfunktionen werden Benutzer/-innen an die Datenbankapplikation gebunden und eingeladen, systematischer als ohne sie damit zu arbeiten.
Musikzimmer.ch hat keine vergleichbare Zusatzfunktion. Das ist auf den ersten Blick ein Nachteil. Musikzimmer.ch ist aber auch keine Musikdatenbank, sondern ein Archiv. Der Nutzen eines Archivs besteht darin, die verzeichnete Musik zum Anhören zur Verfügung zu haben – aus rechtlichen Gründen natürlich nicht frei im Internet angeboten.
Und inwiefern ist Musikzimmer.ch mehr als ein Informationsplattform über Musik? Ich versuche, sehr verschiedene Informationstypen miteinander zu vernetzen, indem ich neben der Datenbank auch diesen Blog führe, Web 2.0 Technologien einsetze (vor allem den Google Reader mit täglichen Empfehlungen und Twitter) und indem die Datenbank neben Musikformaten auch Bücher und Artikel zur modernen Musik enthält, was wunderbare Möglichkeiten zur Vernetzung von Daten bzw. Information schafft. Ein Musikgeschichtsbuch hat im Anhang einige Referenzalben aufgelistet. Diese werden in der Datenbank erfasst, eine Bestenliste erstellt und vom Buch wird ein Link auf diese Bestenliste gemacht. Auf diese Weise erhalten die Benutzer/-innen von Musikzimmer.ch wertvolle Informationen zur modernen Musik.
Einen wesentlichen Zusatznutzen gegenüber vielen Musikdatenbanken versuche ich damit zu schaffen, dass ich Links zu relevanten Online-Quellen einarbeite und pflege. Zu einem Release findet man Verweise auf Musikdatenbanken, Lyrics-Seiten und Rezensionen. Damit ist der Musikzimmer-Katalog nicht nur eine kleine aber feine Musikdatenbank, sondern ein Hypertext zur modernen Musik.
Es gibt ein noch schwerwiegenderes Problem digitaler Musikarchive als das der informationstechnologischen Beschränkung: Man interagiert über einen Bildschirm mit dem gesamten Archiv und dieser Bildschirm ist in der Regel von beschränkter Grösse. Zum Vergleich: Meine CD-Regale bilden eine zweidimensionale Fläche auf der ich meine Musik geordnet habe. Von links nach rechts verläuft eine imaginäre Zeitachse. Das heisst, Musik, die links eingeordnet ist erschien früher als Musik die rechts steht. Und die Dimension von unten nach oben repräsentiert die stilistische Vielfalt einer Zeit. Dieses System ist grandios zum Schmökern und Herumstöbern. In herkömmlichen digitalen Archiven gibt es nichts Vergleichbares.
Das Problem wird drastisch, wenn die Anzeigen (die Screens) besonders klein sind, wie in vielen gängigen Heim- oder Mobilgeräten (siehe Abbildung). Auf solchen kleinen Bildschirmen lässt sich ein Musikarchiv einfach nicht abbilden, du kannst nicht in ihm herumgehen, du kannst die Archivalien nicht anfassen. Dabei geht es mir nicht um den Verlust der Sinnlichkeit alter Medien, der oft beklagt wird, sondern um die fehlende Repräsentation der Musiksammlung als ganzer auf zu kleinen Bildschirmen. Ich glaube, dass die Screens unseren Blick in einem sehr konkreten Sinn einschränken oder verengen.
Die bisher einzige Abhilfe, die mir gegen diese Verengung in den Sinn kommt, sind grafischer Natur. Was Datenbanken und Archive brauchen, sind grafische Repräsentationen musikalischer Zusammenhänge, zum Beispiel Genremaps (Landkarten oder kognitive Karten, die die historsiche Entwicklung der Musik abzubilden versuchen). Einige prototypische kognitive Karten habe ich gezeichnet: eine Sparten-Übersicht, eine Genremap zu Americana, eine nicht interaktive Genremap zu Rock und Alternativerock, eine Kapitelübersicht zum Buch: Modulations von Shapiro (Ed.) und eine zu On The Wild Side von Martin Büsser (leider auch nicht interaktiv). Leider ist es sehr aufwändig, solche kognitive Karten zu erstellen und an ihnen Änderungen vorzunehmen, besonders wenn sie interaktiv sein sollen.
Was kommt rein und was bleibt draussen?
Wer ein Archiv führt, trennt das, was rein kommt von dem, was draussen bleibt. Ich werde oft gefragt, was meine Auswahlkriterien sind. Wenn ich versuche, solche Kriterien zu nennen, kann man immer gleich schaurig akademische Diskussionen über deren Validität führen. Aber damit will ich mich nicht aufhalten. Nenne ich keine Kriterien, scheint alles, was ich tue, völllig willkürlich.
Nun, die beste Antwort, die ich auf die Frage nach meinen Auswahlkriterien geben kann, ist folgende: Ich bin sowohl darum bemüht, Neuerscheinungen als auch die einflussreichste Musik der vergangenen Jahrzehnte im Archiv zu haben. Ich schaue mir fast täglich die RSS-Feeds von Online-Musikmagazinen durch, um nichts zu verpassen. Ich lese Bücher zur modernen Musik, Online-Artikel und Bestenlisten, um das was in ihnen verhandelt wird, verzeichnet zu haben. Bei der Auswahl sind dann weder klare Kriterien noch blosse Willkür am Werk, sondern vielmehr mein Interesse an der modernen Musik, das von einer grossen Hörerfahrung gespeist ist. Mir geht es so: Je mehr Musik ich kenne, desto grösser wird mein Interesse an Neuem. So ist, was rein kommt und was drausssen bleibt, zwar von meiner Person abhängig und sicherlich mit blinden Flecken geschlagen. Diese werden aber durch die Berücksichtigung möglichst vieler Quellen hoffentlich kleiner und kleiner.