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5.5 Vers 7/41
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Übersetzung
Les oz des piedz & des mains enserrés, Die Knochen der Füße und der Hände [sind] gefangen. Par bruit maison long temps inhabitee: Wegen [des] Lärms [ist das] Haus [während] langer Zeit unbewohnt. Seront par songes concauant deterrés, [Sie] werden durch tiefschürfende Träume ausgegraben. Maison salubre & sans bruyt habitee. [Das] Haus [wird dann] gesund und ohne Lärm bewohnt [sein].
Kommentar
Das Geschehen in diesem Vers ähnelt sehr stark dem Inhalt eines Briefes, den der römische Autor Plinius d. J. (ca. 61-114 n.Chr.) einem Bekannten geschrieben hat. Es handelt sich dabei um das Schreiben Nummer 27 aus dem siebten Buch der "Epistulae".
Plinius fragt darin Sura, seinen Bekannten, ob dieser wie er an die reale Existenz von Gespenstern glaube. Im Folgenden führt Plinius drei Fallbeispiele paranormaler Phänomene auf. Die ersten beiden Vorfälle kennt der Autor nur aus zweiter Hand, währenddem er das letzte Vorkommnis in seinem eigenen Umfeld erlebt haben will.
Die erste Geschichte sei Curtius Rufus, einem Statthalter in Afrika, passiert. Diesem habe einst eine weibliche Erscheinung namens "Afrika" seinen politischen Aufstieg aber auch seinen Tod in dieser Weltgegend prophezeit (was beides eintraf).
Der zweite geschilderte Fall könnte nun das Vorbild für Nostradamus’ Vers gewesen sein. Plinius erzählt von einem verlassenen Spukhaus in Athen, in dem das Gespenst eines alten, abgemagerten und schmutzigen Mannes umging, der Fußfesseln trug und der mit den Ketten rasselte, die er an seinen Händen hatte. Eines Tages mietete der Philosoph Athenodor das Anwesen, wohl wissend, dass darin nicht alles mit rechten Dingen zuging. Als es Abend wurde, begab sich der Philosoph allein in den vorderen Teil des Hauses, nachdem er seine Leute in andere Gemächer geschickt hatte. Athenodor selbst beschäftigte sich konzentriert mit seiner Schreibarbeit, damit er nicht von nächtlichen Trugbildern abgelenkt werden konnte. Nach einer gewissen Zeit begann der Spuk. Klirrende Ketten waren zu hören. Das Getöse näherte sich Athenodors Studierstube immer mehr, doch der Philosoph zwang sich, nicht hinzuhören. Als der Lärm schließlich schon am Eingang des Zimmers zu hören war, blickte er auf und sah dort das Gespenst des alten Mannes stehen, das ihn mit dem Finger zu sich winkte. Doch Athenodor gab der Erscheinung mit einer Handbewegung zu verstehen, dass sie noch einen Augenblick warten solle und widmete sich wieder Schreibtafel und Griffel. Da näherte sich das Gespenst aber dem Philosophen und rasselte mit seinen Ketten direkt über dem Kopf des Denkers. Als dieser aufblickte, sah er, wie die Erscheinung ihn erneut mit dem Finger zu sich winkte; und dieses Mal nahm er die Lampe und folgte ihr. Die Spukgestalt führte Athenodor in den Hof des Hauses, wo sie sich an einer bestimmten Stelle plötzlich verflüchtigte. Der Philosoph markierte die Stelle mit ausgerissenem Gras und Blättern und kehrte ins Haus zurück. Am nächsten Tag ging er zu den Behörden und bat, man möge an der markierten Stelle nachgraben lassen. Und als man dies getan hatte, fand man dort ein mit Ketten gefesseltes Skelett liegen. Die Gebeine wurden aufgesammelt und auf Staatskosten ordentlich beigesetzt. Und danach wurde das Haus nie mehr von Totengeistern heimgesucht.
Vers 7/41 scheint beinahe eine Zusammenfassung dieser Erzählung zu sein. Neu ist bei Nostradamus nur, dass die Knochen durch "tiefschürfende Träume" gefunden werden, wohingegen sich der wache Athenodor mit einem Geist konfrontiert sah. Das Element des (übernatürlichen) Traumes in der Nacht taucht aber in der letzten Geschichte des Plinius auf, die sich wie schon gesagt in dessen unmittelbarer Umgebung zugetragen hatte.
Plinius berichtet Folgendes: Der kleine Bruder eines ehemaligen Sklaven habe geträumt, dass sich jemand an sein Bett setzen und ihm die Haare schneiden würde. Und am nächsten Morgen sei der Junge tatsächlich geschoren vorgefunden worden, seine abgeschnittenen Haare um ihn herumliegend. Kurze Zeit später sei einem anderen jungen Sklaven etwas Ähnliches passiert. Dieser erzählte, dass in der Nacht zwei weißgekleidete Gestalten durch das Fenster in den Schlafraum der Pagen gekommen seien, ihn geschoren und den Raum dann wieder durch das Fenster verlassen hätten.
Plinius ergänzt nun, dass man nach der Ermordung Kaiser Domitians (81-96 n.Chr.) unter dessen Papieren u.a. eine eingereichte Klageschrift gegen ihn gefunden habe, was, so Plinius, mit Sicherheit auch eine offizielle Anklage für ihn nach sich gezogen hätte. Plinius erwähnt weiter, dass es für Angeklagte zu dieser Zeit Sitte gewesen sei, ihre Haare wild wachsen zu lassen und vermutet nun, dass diese Vorkommnisse in seiner Umgebung ein Vorzeichen dafür gewesen sein könnten, dass die drohende Gefahr für ihn (als den Herren der Sklaven) abgewendet werden würde.
Die Hauptperson der zweiten Geschichte, die hier im Mittelpunkt des Interesses stehen dürfte, heißt "Athenodor". Dieser Name lässt sich nun etwa als "Geschenk der Athene" übersetzen. Gemäß dem antiken Mythos hat diese Göttin den Bewohnern Athens den Ölbaum geschenkt, was sie zur Patronin der Stadt werden ließ. Dann wäre Athenodor ein Hinweis auf den Ölbaum, der in den Zusätzen erwähnt wird (+S/19, 49).
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