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© 1997 Markus Kappeler
Zitronenfalter - Gonepteryx rhamni
Faulbaumbläuling - Celastrina argiolus
Taubenschwänzchen - Macroglossum stellatarum
Kleines Nachtpfauenauge - Saturnia pavonia
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Der Zitronenfalter
Von den bisher bekannten rund 1,2 Millionen auf der Erde lebenden Tierarten gehören gut zwei Drittel (850 000) zur Klasse der Insekten (Insecta) und davon wiederum zählt fast ein Fünftel (160 000) zur Ordnung der Schmetterlinge (Lepidoptera). In Mitteleuropa kommen etwa 3700 Schmetterlingsarten vor: 200 Tagfalter, 1600 Nachtfalter und 1900 mottenartige Kleinschmetterlinge. Vier von ihnen, welche auch auf der Insel Guernsey im Ärmelkanal heimisch sind, sollen auf diesen Seiten vorgestellt werden: der Zitronenfalter (Gonepteryx rhamni) und der Faulbaumbläuling (Celastrina argiolus) aus der Sippe der Tagfalter sowie das Taubenschwänzchen (Macroglossum stellatarum) und das Kleine Nachtpfauenauge (Saturnia pavonia) aus der Sippe der Nachtfalter.
Der Zitronenfalter ist ein Mitglied der Familie der Weisslinge (Pieridae), welche weltweit etwa 1100 Arten umfasst. Die Männchen sind etwas grösser als die Weibchen: Sie weisen eine Flügelspannweite um 5 Zentimeter und eine Körperlänge von knapp 2 Zentimetern auf. Ausserdem sind nur sie intensiv zitronengelb gefärbt, während die Weibchen eine blass grünlichweisse Färbung haben.
Der Zitronenfalter gehört im Frühjahr stets zu den ersten Schmetterlingen, die umherfliegen. Das hat damit zu tun, dass er - im Unterschied zu den meisten anderen Schmetterlingen - als erwachsener Falter und nicht als Ei, Raupe oder Puppe. Schon Ende Februar kann man ihn an den ersten warmen Tagen beobachten, und bereits im April pflanzt er sich fort. Sorgfältig klebt das Weibchen in der Folge seine Eier an die arttypischen Raupenfutterpflanzen Faulbaum und Kreuzdorn.
Nach etwa zehn Tagen durchnagen die kleinen Raupen die Eihülle und beginnen alsbald, mit grossem Appetit von ihrer Wirtspflanze zu essen. Mehrfach häuten sie sich, streifen also ihre zu eng gewordene - weil nur begrenzt dehnbare - Chitinhaut ab. Im Juli sind sie schliesslich ausgewachsen. Sie suchen sich eine geeignete Stelle an ihrer Futterpflanze und verpuppen sich dort: Zuerst schlingen sie einen kräftigen Seidenfaden um ihren Leib und gurten sich damit fest. Dann bauen sie um sich herum eine starre Puppenhülle auf, die einem verbogenen Blatt ähnelt. Es beginnt die sogenannte Puppenruhe.
Ruhig erscheint die Puppe allerdings nur nach aussen: Unter der Hülle erfolgt jetzt nämlich im Verlauf von etwa zwei Wochen eines der erstaunlichsten Phänomene im Tierreich: die Verwandlung der Raupe zum Falter. Am Ende derselben platzt die Puppenhülle auf und heraus zwängt sich der flug- und fortpflanzungsfähige Falter. Zu diesem Zeitpunkt - gegen Ende Juli - sind praktisch alle erwachsenen Zitronenfalter des Vorjahres gestorben. Ihr Platz wird nun durch die neue Generation eingenommen.
Die Tiere sind bis weit in den Oktober hinein aktiv. Dann zwingen sie das schwindende Blütenangebot und die sinkenden Temperaturen dazu, ein Winterquartier aufzusuchen. Vielfach verkriechen sie sich in ein Efeudickicht, klammern sich dort an einen Zweig und bleiben für viele Wochen völlig starr. Da die stark entwickelten Adern auf der Unterseite ihrer Flügel wie Blattadern aussehen, sehen sie mit zusammengeklappten Flügeln aus wie Blätter und sind hierdurch vor Feinden einigermassen sicher.
Der Zitronenfalter ist für seine Jugendentwicklung auf Faulbaum und Kreuzdorn angewiesen. Er kommt deshalb hauptsächlich in offenem Buschgelände, an Waldrändern, im Bereich von Hecken und Feldgehölzen, aber auch in Parkanlagen und Gärten vor, wo diese Raupenfutterpflanzen gemeinhin wachsen. In Höhenlagen von über 2000 Metern ist er gewöhnlich nicht anzutreffen, und er fehlt auch in den nördlichsten Regionen Europas. Ansonsten ist er in der ganzen paläarktischen Region weitverbreitet, von Westeuropa und Nordafrika quer durch den Nahen und Mittleren Osten sowie weite Teile der ehemaligen Sowjetunion bis nach Ostsibirien.
Der Faulbaumbläuling
Der Faulbaumbläuling gehört der Familie der Bläulinge (Lycaenidae) an, welche weltweit rund 6500 und in Europa etwa 100 Arten umfasst. Er ist einer der weitestverbreiteten aller Schmetterlinge: Man findet ihn von Westeuropa und Nordafrika ostwärts über Zentralasien bis nach Japan und zudem in den meisten Regionen Nordamerikas, südwärts bis Neu-Mexiko. Mit einer Flügelspannweite von knapp 3 Zentimetern und einer Körperlänge um 1 Zentimeter ist er deutlich kleiner als der Zitronenfalter.
Im Unterschied zum Zitronenfalter überwintert der Faulbaumbläuling als Puppe, und zwar zumeist auf der Unterseite eines immergrünen Efeu- oder Stechpalmenblatts. Ausserdem hat er einen halbjährlichen Generationswechsel, fliegt also jedes Jahr in zwei aufeinanderfolgenden Generationen, während es beim Zitronenfalter in zwölf Monaten nur eine Generation gibt.
Die erwachsenen Falter der ersten Faulbaumbläulingsgeneration schlüpfen gewöhnlich Ende März aus den Puppen und pflanzen sich sogleich fort. Nahrungspflanzen der Raupen sind vorwiegend hochwüchsige Sträucher wie Faulbaum, Hartriegel und Stechpalme, aber auch Efeu. Die Raupen verpuppen sich im Juli, und Ende Juli erscheint bereits die zweite Faltergeneration. Auch diese pflanzt sich unverzüglich fort. Deren Nachkommen wachsen während des Herbstes heran und bilden schliesslich die überwinternden Puppen bzw. die erste Faltergeneration im nächsten Frühjahr.
Der Faulbaumblaeuling bewohnt ähnliche Lebensräume wie der Zitronenfalter: Man begegnet ihm auf Waldlichtungen, bei Feldgehölzen, an buschreichen Waldrändern, in Parkanlagen und in Gärten. In den Alpen erreicht er maximal Höhen um 1600 Meter ü.M.
Das Taubenschwänzchen
Das Taubenschwänzchen ist ein Mitglied der Familie der Schwärmer (Sphingidae), von der in Europa etwa 60 Arten vorkommen. Es weist eine Flügelspannweite um 5 Zentimeter und eine Körperlänge von knapp 3 Zentimetern auf.
Das Taubenschwänzchen zählt zu den besten Fliegern unter den Schmetterlingen. Sein starker, stromlinienförmig gebauter Körper gibt den schmalen Flügeln die nötige Kraft zu überaus schnellen Schlägen, so dass sie im Flug nur als Schimmer zu sehen sind und oft ein leichtes Brummen erzeugen. Das Taubenschwänzchen vermag ausserdem wie ein Kolibri in der Luft stillzustehen, wenn es mit seinem langen Rüssel an einer Blüte Nektar saugt.
Obschon das Taubenschwaenzchen einer Nachtfalterfamilie angehört, ist es überwiegend am Tag unterwegs. Besonders am späteren Nachmittag kann man es dabei beobachten, wie es pfeilschnell von einer Blüte zur nächsten fliegt und emsig seinen langen Saugrüssel in die Blütenkelche senkt. Es gelang einmal, ein Individuum während sieben Minuten zu verfolgen: Es hatte sich in dieser Zeit an nicht weniger als 197 verschiedenen Blüten verpflegt.
Das Taubenschwänzchen ist in der ganzen paläarktischen Region weit verbreitet und kann in vielen Lebensräumen, darunter auch Gärten und Parkanlagen, angetroffen werden. In Mitteleuropa ist es allerdings keine wirklich ansässige Art, sondern es wandert alljährlich aus dem Mittelmeerraum kommend hierher ein. Dank seines grossen Flugvermögens stösst es teils bis in den hohen Norden Europas vor und hat dann mitunter mehr als 2000 Kilometer zurückgelegt.
Die ersten «Einwanderer» treffen gewöhnlich Ende Mai in Mitteleuropa ein. Während ihres Wanderflugs legen sie Eier an Labkraut, Miere und ein paar weiteren Pflanzen ab. Rund zwei Monate nach der Eiablage, im Spätsommer und Herbst, erscheinen die Nachkommen dieser Falter. Sie bleiben in der Regel allesamt nur bis zu den ersten Frösten am Leben. Offensichtlich ist ihnen eine Überwinterung unter den bei uns herrschenden Witterungsbedingungen nicht möglich. Trotz der so aussichtslos erscheinenden Situation erfolgt jedes Jahr aufs neue eine Einwanderung dieser Meisterflieger unter den Schmetterlingen. Sie folgen einem Trieb, dessen Sinn noch immer rätselhaft ist.
Das Kleine Nachtpfauenauge
Das Kleine Nachtpfauenauge ist seines Namens zum Trotz einer der grössten Nachtfalter Europas: Die Flügelspannweite bemisst sich beim Männchen auf etwa 5, beim Weibchen sogar auf 6 bis 8 Zentimeter. Es gehört zur Familie der Augenspinner (Saturniidae) und ist in der paläarktischen Region recht weit verbreitet.
Das Kleine Nachtpfauenauge fliegt in Mitteleuropa von Ende März bis Anfang Juni. Die Weibchen sind nur nachts unterwegs, die Männchen hingegen vor allem am Tag und suchen dann zielstrebig nach den an den Pflanzen ruhenden Weibchen. Dabei sind ihnen die auffällig grossen, doppelt gefiederten Fühler sehr dienlich, denn mit diesen empfindlichen Organen können sie die Weibchen anhand von deren Sexuallockstoffen aus grosser Entfernung wahrnehmen.
Die Raupen des Kleinen Nachtpfauenauges leben von Mai bis Juni an vielen verschiedenen Pflanzen, darunter Schlehe, Brombeere, Weide, Birke und Heidekrautgewächse. Viele dieser Raupenfutterpflanzen finden sich auf offenen Heiden, in Mooren und in Ödländereien. Dort ist diese Schmetterlingsart denn auch am häufigsten zu finden. Die Raupen des Kleinen Nachtpfauenauges verpuppen sich gewöhnlich im Juli im Inneren eines birnenförmigen, festen Seidenkokons und überwintern in diesem Stadium.
«Ökologisierung» statt «Industrialisierung» der Land- und Forstwirtschaft
Den vier vorgestellten Schmetterlingsarten ergeht es leider wie den meisten ihrer Verwandten: Ihre Bestände sind - mehr oder minder ausgeprägt - in ganz Mitteleuropa rückläufig. Und wie so oft sind es die «Machenschaften» des Menschen, welche den leichten Wesen das Leben schwer machen.
In erster Linie leiden die Schmetterlinge unter der Zerstörung ihrer angestammten Lebensräume. Kräuterreiche Wiesen, natürliche Bachläufe, ungenutzte Wegborde, abwechslungsreiche Waldränder, Ödflächen, Moore, Hecken und Feldgehölze - alle diese Landschaftselemente (und Schmetterlingslebensräume) verschwinden in erschreckendem Tempo aus unserer Umwelt. Sie weichen einer Zivilisationseinöde, die sich im wesentlichen aus Wohnsiedlungen, Industrieanlagen und Verkehrswegen einerseits und maschinengerechten landwirtschaftlichen Produktionsflächen und Wirtschaftswäldern andererseits zusammensetzt.
Weniger offensichtlich, aber nicht minder umweltverändernd wirken sich die unüberblickbaren Mengen chemischer Stoffe aus, mit denen der Mensch die Umwelt befrachtet. Dazu zählen vor allem die hochgiftigen Pestizide, welche in der Intensivlandwirtschaft eingesetzt werden. Ihre verheerende Wirkung nicht nur auf die Schmetterlinge ist zur Genüge bekannt.
Viele Länder Mitteleuropas haben eine dramatische Verarmung ihrer einstmals reichen Schmetterlingsfauna erlitten. So sind zum Beispiel im deutschen Bundesland Hamburg 30 Prozent aller dort früher vorkommenden Tagfalter inzwischen ausgestorben oder verschollen, 20 Prozent sind vom Aussterben bedroht und bei weiteren 30 Prozent zeichnet sich ein deutlicher Rückgang ab. Einzig in Regionen, wo die Land- und die Forstwirtschaft bislang noch wenig «industrialisiert» worden sind, ist eine verhältnismässig geringe Schädigung der Schmetterlingsfauna festzustellen.
Beispielhaft für ein Territorium, das noch immer gesunde Schmetterlingsbestände beherbergt, ist die - der englischen Krone, jedoch nicht der britischen Regierung unterstellte - Kanalinsel Guernsey: Guernsey ist eine ruhige, ländliche Insel. Die Guernseyer pflegen bewusst einen weniger «atemberaubenden» Lebensstil als viele ihrer europäischen Nachbarn; eine fast beneidenswerte Gelassenheit prägt alle ihre Handlungen. Dies wirkt sich nicht zuletzt auch auf das Bild ihrer Insel aus: Schmale, kurvenreiche Strassen ziehen durch das sanft gewellte Inselinnere, führen über Hügel und durch Täler, vorbei an heckengesäumten Feldern und gewundenen Bächen, durch lockere Waldungen und bunte Blumenwiesen. Parklandschaften wechseln ab mit unberührter Natur. Dazwischen breitet sich von Gehölzen oder Bruchsteinmauern unterteiltes Weideland mit goldbraunen Guernsey-Kühen aus. Dann und wann gelangt man zu einem kleinen Dorf, in welchem die Zeit stillgestanden zu sein scheint. Und früher oder später landet man in einer malerischen Bucht irgendwo an Guernseys wilder Küste. Die meisten Bereiche der Insel kennzeichnet ein kleinräumiges, abwechslungsreiches Mosaik von Lebensräumen, wie es einst auch für das kontinentale Mitteleuropa typisch war - und wie es als Lebensgrundlage für eine artenreiche Schmetterlingsfauna unabdingbar ist.
Insofern könnte Guernsey - und im speziellen der sanfte Umgang der Guernseyer mit ihrer Umwelt - uns Mitteleuropäern als Vorbild dienen: Für das Wohlergehen und letztlich den Fortbestand vieler europäischer Schmetterlingsarten ist es entscheidend, dass die herkömmliche, verhältnismässig extensive und umweltschonende Land- und Forstwirtschaft auf grösseren Flächen beibehalten bzw. wiedereingeführt wird. Dies setzt in vielen Ländern vorab politische Kurskorrekturen voraus: Nicht die «Industrialisierung» der Land- und Forstwirtschaft darf mehr gefördert werden, sondern vielmehr deren «Ökologisierung». Und dies nicht allein der Schmetterlinge wegen: Schmetterlinge sind nämlich Gütezeiger erster Klasse für den Gesundheitszustand unserer Natur. Wo die hübschen Falter verschwinden, da wird das Leben letztlich auch für den Menschen ungemütlich.
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