Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03614.jsonl.gz/1540

Wenn Worte fehlen
"Dass ich sie liebe, muss ich ihr nicht sagen", sagt Irène am Ende unserer Aufzeichnung. "Das weiss sie." Sie meint ihre 40-Jährige Tochter, für die sie ihre gemeinsame Lebensgeschichte als Audiobiografie aufzeichnen will. Diese Aussage macht mich stutzig. Am Ende unseres Gesprächs hake ich deshalb nochmals nach, ob Irène ihrer Tochter nicht doch noch eine ganz persönliche Liebesbekundung mit auf den Weg geben wolle. "Stimmt", sagt Irène und versucht ihrer Tochter zu sagen, dass sie liebt. Dabei bricht sie immer wieder in Tränen aus. Warum ihr das so schwer falle, frage ich sie. Es falle ihr leichter, diese Liebeserklärung zu schreiben als zu sagen, antwortet Irène und probiert es wieder und wieder vergeblich. «Ich kann es nicht», sagt sie irgendwann. Wir schweigen. «Hat es etwas mit dir und deiner eigenen Geschichte zu tun?», frage ich sie nach einigen Minuten. Sie schaut mich wortlos an. «Hat deine Mutter dir gesagt, dass sie dich liebt?». Und da brechen die Tränen erst recht aus Irène heraus. «Ich weiss, was es ist», sagt sie jetzt. Und erinnert sich: Als ihre eigene Mutter mit fast 100 Jahren verstorben ist, hinterliess sie ihren 5 Kindern in einer Schublade einige Fotos und eine Karte. Auf der Karte stand: «Ich habe euch zärtlich geliebt». Es war das erste Mal, dass die Mutter das den unterdessen längst erwachsenen Kindern so mitteilte. Gesagt hatte sie es ihnen nie. Nach dieser Erkenntnis platzt der Knoten. Motiviert vom Wunsch, ihrer Tochter möge es nicht gleich ergehen, schafft es Irène schliesslich problemlos, klar und deutlich zu sagen, was ihre Tochter noch zu Lebzeiten von ihr erfahren soll: Dass sie sie zärtlich liebt.