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Greichischer Originaltext mit deutscher Übersetzung. Eingeleitet, übersetzt und mit interpretierenden Essays versehen von Michael von Albrecht, John Dillon, Martin George, Michael Lurje und David S. du Toit. Erschienen als Band IV in der Reihe SAPERE (Scripta Antiquitatis Posterioris ad Ethicam REligionemque pertentia – Schriften der späteren Antike zu ethischen und religiösen Fragen). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 22008.
Bis ins 20. Jahrhundert hinein hat man dieses Werk von Jamblich als Biografie, besser: als Versuch einer Biografie, des Pythagoras interpretiert, und es entsprechend als gescheitert und schlecht abqualifiziert. (Es ist ungefähr so, wie wenn ich ein Buch, das mit einem Mord beginnt, als Krimi einstufe, und dann zum Schluss komme, es handle sich um einen schlechten Krimi, weil der Autor im Folgenden die ethisch-moralischen Implikationen der Tat diskutiert und sich nicht auf die Suche nach dem Täter macht.) Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte sich die Einsicht durch, dass Jamblich etwas ganz anderes schreiben wollte. Der deutsche Untertitel deutet es an: Wohl beginnt Jamblich mit einer Biografie des Pythagoras, bricht diese aber sozusagen ab, als der antike Philosoph auf der Höhe seines Ruhms geschildert wird. Die Biografie wird zu einer Art Hagiografie – einer Heiligenlegende. Dem folgen noch angebliche Sentenzen des Pythagoras – Sprüche darüber, wie ein frommer Mensch sein Leben zu führen habe. Quintessenz: Jamblich will das pythagoreische Leben darstellen, das Leben nach pythagoreischem Massstab, nicht das Leben des Pythagoras. (Dass die antiken Schulen schon zu Beginn des 4. Jahrhunderts u.Z. zusammen zu fliessen begannen, kann man daraus ersehen, dass viele der von Jamblich überlieferten Sentenzen auch von einem Stoiker stammen könnten – pythagoreische und stoische Ethik waren so verschieden nicht.)
Und das Wort ‚fromm‘ habe ich nicht umsonst in den Mund genommen. Jamblich (ca. 240/245 – ca. 320/325) war ein Schülersschüler Plotins. Zu seiner Zeit war der Neuplatonismus auf bestem Wege, zu einer Religion zu werden. ‚Neuplatonismus‘ schreibe ich, hätte aber gerade so gut ‚Neupythagoreismus‘ schreiben können, da die beiden Strömungen stark konvergierten. Schon der späte Platon hatte viel von der Zahlensymbolik und -mystik des alten Pythagoras übernommen. Diese Zahlenmystik und sein angeblicher Vegetarismus prädestinierten Pythagoras dazu, die Rolle eines Heiligen, eines Religionsschöpfers zu übernehmen. Jamblich bastelt fleissig an der Heiligenlegende mit, so, wenn er als Zeichen der göttlichen Erleuchtung des Pythagoras goldenen Schenkel immer wieder hervorhebt – ein goldener Schenkel an dessen Existenz er geglaubt zu haben scheint. Es ist, gerade am heutigen Ostersonntag, faszinierend zu sehen, wie bei Jamblich schon alles bereit ist, aus Pythagoras einen Sohn Gottes (nämlich Apolls) zu machen, auch wenn er selber (genau wie die biblischen Evangelisten!) ihn nirgends direkt zu einem solchen erklärt. Hätte sich der Neuplatonismus und nicht das Christentum durchgesetzt (welches diese seine Durchsetzung unter anderm aber auch der Tatsache verdankt, dass die frühen Kirchenväter viel Neuplatonisches in ihre Lehre aufgenommen haben!), so würden wir wohl heute Pythagoras, den Sohn Apolls, verehren. Im Unterschied zum Christentum allerdings ist in Jamblichs Pythagoras-Biografie das letztendliche Scheitern des Gründers zu Lebzeiten, die Zerschlagung der pythagoreischen Schulen in Unteritalien, ausgelassen. Da waren die Christen die besseren Dialektiker, die es verstanden, aus dem scheinbaren Scheitern Jesu seinen eigentlichen Sieg zu konstruieren.
Der eigentlichen Übersetzung durch Michael Albrecht sind mehrere erhellende Essays angefügt: Vom Übersetzer über Das Menschenbild in Jamblichs Darstellung der pythagoreischen Lebensform, von David S. du Toit über Heilsbringer im Vergleich: Soteriologische Aspekte im Lukasevangelium und Jamblichs Vita Pythagorica, von John Dillon Die Vita Pythagorica – ein „Evangelium“?, von Martin George Tugenden im Vergleich: Ihre soteriologische Funktion in Jamblichs Vita Pythagorica und in Athanasios‘ Vita Antonii.
Diese Aufsätze sind alle sehr erhellend, widersprechen sich teilweise und geben so auch den aktuellen Diskurs der Wissenschafter wieder und verlangen vom Leser eigenes Mit- und Nachdenken.