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Joseph Paul Jernigan, ein vorbestrafter Krimineller, der im Lauf eines Einbruchs einen zufällig anwesenden Zeugen umbringt, wird kurz nach der Tat verhaftet und zum Tode verurteilt. Blue End verfolgt Jernigans Schicksal von seiner Jugend bis ins Jahr 1991, als eine letale Injektion seiner Existenz in einem texanischen Gefängnis ein Ende setzt. Kasics, der die Verwandten, das Gerichts- und das Gefängnispersonal besucht, gelingt es dank seiner einfühlsamen Interviewtechnik, Jernigans persönliche Geschichte aus der Anonymität der Fallstudie zu lösen und dessen privaten Lebenslauf im Spiegel der Zeugenaussagen nachzuempfinden. Gleich in der ersten Szene des Films, als sich ein Arzt über die technischen Schwierigkeiten bei der Zertrennung von Sehnen, Muskelfasern und der Hirnmasse eines tiefgefrorenen Körpers auslässt, zeichnet sich jedoch ab, dass sich die Thematik von Blue End nicht auf die Chronik eines angekündigten Todes beschränken wird. Im Unwissen, dass die tödliche Spritze auch all seine Organe vergiften würde, hat Jernigan seinen Körper der Wissenschaft vermacht. Die Geste, die sein Umfeld als einen altruistischen Versuch interpretierte, sein Verbrechen zu sühnen, ermöglicht es einer Universität, das Visible Human Project zu realisieren: Jernigans Körper, in Scheiben geschnitten, wird abgelichtet und via Internet in bester Jahrmarktmanier als «transparenter Mensch» ausgestellt.
Es liegt nicht nur am Reportagestil, in dem der Film gehalten ist, dass Blue End trotz seines Potenzials kurz nach der Exposition verflacht; sein Scheitern ist in erster Linie der Anlage des Films zuzuschreiben, das zwei Themen vereint, die nur in einem anekdotischen Zusammenhang stehen. Selbst wenn die Erzählung von Jernigans Leben sozialpolitisch brisant ist: Der Stoff ist in erster Linie filmgerecht, und nicht nur, weil der Schnitt hier konkret die Möglichkeit erlangt, die menschliche Identität, die der chirurgische Cut erst zerstört hat, zu rekonstruieren. Im Ausleuchten der spezifischen Beziehung zwischen Körper und Seele bewegt sich der Film auch in einer Tabuzone, die, von Vesalius’ Anatomiestudien bis zu den Filmen von David Cronenberg, der bildlichen Darstellung stets zu stimulierenden Impulsen verhalf. So übersteigt die Thematik die Frage der Schuld und Sühne des einzelnen Falls und bedingt eine Distanz, tür die sich die individuelle Sympathiekundgebung als hinderlich erweist. Im Bestreben, Jernigan zumindest postum mit Respekt zu begegnen, siedelt der Autor von Closed Country (1999) die Schnittstelle zwischen Ästhetik und Ethik diesseits der filmisch innovativen Grenze an und überlässt es der amerikanischen Öffentlichkeit, die metaphysische Dimension des Visible Human Project auszuloten. So fragt sich das Guinness-TV, ob der «Serial Killer» nun über ein ewiges Leben verfüge, während der Staatsanwalt, der in seinem Plädoyer die alttcstamentarische Überzeugung äussert, Jernigan würde am Tag seines Todes durch die Höllenpforte schreiten, als Gegner der Todesstrafe auftritt: In seinen Augen besteht die ultimative Strafe nicht in der Exekution, sondern in der lebenslänglichen Haft.