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Spätestens seit der Erscheinung des letzten Buches von Prof. Joachim Bauer 2015 wissen wir, dass die Selbstregulierung eine Fähigkeit ist, die vom Präfrontalen Cortex aus gesteuert und, dass die biologische Reifung eben dieses Hirn-Areals massgeblich durch die Erziehung beeinflusst wird…
Der Marshmallow-Test
In den 60-er Jahren entwickelte Walter Michel den berühmten Marshmallow-Test mit Vorschulkindern. Es ging darum zu sehen, ob die Kinder, der süssen Verführung eines Marshmallows widerstehen könnten, im Wissen, dass sie beim Nicht-Verzehren desselben, einen Weiteren zur Belohnung erhalten würden. Für die Kinder war dieser Test der pure Stress: Einige wurden richtig erfinderisch, um der Versuchung zu widerstehen, andere waren nicht in der Lage auf diese Verführung zu verzichten und auf Besseres zu warten.
Interessant sind die Ergebnisse Jahre später
Jugendliche, welche als 4-Jährige auf die weitere Belohnung warten konnten, waren erfolgreicher in der Schule, zeigten eine höhere Sozialkompetenz, waren selbstbewusster, konnten sich besser konzentrieren und waren stressresistenter.
Erwachsene, welche als Kinder eine schwach entwickelte Selbstkontrolle zeigten, weisen heute mehr psychische Störungen und Suchtprobleme auf, als andere. – Wir sehen hier, dass die Impulskontrolle weit mehr beeinflusst, als bisher angenommen. Wie aber kann man das trainieren?
Erziehung und Selbstregulierung
Die Selbststeuerung ist nicht angeboren, jedoch ist die genetische Grundlage da, diese zu entwickeln. Dabei spielt die Erziehung eine ganz wesentliche Rolle. Das Gehirn ist ein soziales Organ und die sozialen Erfahrungen, die das Kind macht, formen die Hirnstrukturen, was wiederum das Verhalten beeinflusst. Das Stirnhirn ist bei der Geburt noch völlig unreif und es bringt daher nichts, Kindern unter 2 Jahren Selbstregulierung antrainieren zu wollen, schon gar nicht durch Ermahnung oder Strafen. Kleine Kinder können sogar in diesem Alter durch Liebesentzug, Tadel oder Strafen traumatisiert werden, was wiederum die Reifung des Stirnhirns behindern kann.
Positive soziale Erfahrungen und die Verlässlichkeit der Eltern spielen genau so eine gewichtige Rolle, wie eine liebevolle und konsequente Erziehung. Eltern, welche zu oft nachgeben, wenn Ihr Kind quengelt und protestiert, tun ihren Kindern keinen Gefallen. Ein NEIN aus Liebe, hilft Kindern damit klar zu kommen, dass man nicht immer gleich alles haben kann, so wie man es gerade will. Kinder üben auf diese Art Verzicht und Aufschub, lernen ihre Impulse zu kontrollieren und Frustrationen auszuhalten. Diese Fähigkeiten sind in unserer süchtigen Gesellschaft umso wichtiger, da sie helfen die Bequemlichkeitstendenz zu überwinden und dem Drang nach unmittelbarer Befriedigung zu widerstehen (z.B. Bildschirmsucht).
Biologie und Erziehung
Wie sehr die Erziehung die Hirnstrukturen beeinflusst, sieht man in den Negativbeispielen besonders gut. Kinder, welche schwere Vernachlässigung, Traumata oder Gewalt erleben oder deren Beziehungsqualität zu den Hauptbezugspersonen nicht optimal ist, haben ein bis zu 20% kleineres Hirnvolumen als andere Kinder. Der Bereich des Hypocampus nimmt ab, was ein deutlich kleinere Gedächtnisleistung zur Folge hat. Des Weiteren nimmt auch die Selbstregulierung ab und die Kinder entwickeln nicht selten Suchtverhalten, Depressionen, Angst-, Ess-, oder Persönlichkeitsstörungen und zeigen eine erhöhte Suizidaliät.
Was heisst liebevolle und konsequente Erziehung konkret?
- Qualitätszeit mit dem Kind verbringen: Zeit für und mit dem Kind (z.B. Vorlesen, ein Spiel spielen, zusammen lachen, etc.), denn Beziehung steht vor Erziehung
- Ermutigen statt kritisieren (Stärken stärken – Schwächen schwächen)
- Freiheit in Grenzen (zu viele und zu wenige Grenzen schaden der Kindesentwicklung)
- Konsequenzen statt Strafen
- eingeschränkte Wahlmöglichkeiten: Mitentscheidung ermöglichen
- Familienrat: Kinder in die Lösungsfindung mit einbeziehen
- Mitverantwortung übergeben und den Kindern etwas zutrauen
- konstruktive Kommunikation: aktives Zuhören, Ich-Botschaften –> freundlich und bestimmt
Erziehung heisst Selbsterziehung
Liebevolle und konsequente Erziehung ist lernbar und ist die beste Prävention (Primärprävention) für eine ausgeglichene und gesunde Psyche, gute Sozialkompetenz und Lernerfolge der Kinder und Jugendlichen.
In Elterntrainings und Elternbildungs-Veranstaltungen können sich Teilnehmer/-innen untereinander austauschen (man steht nicht alleine da mit seinem Problem), lernen neue Perspektiven und Erziehungsinstrumente kennen und werden in ihrer Kompetenz als Eltern gestärkt.
Quellenangaben und Inspiration zu diesem Artikel
Aktualisierte Version: 21.05.2018