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Gartenstadt-Restposten
Der Städtebau der letzten 100 Jahre erzählt uns eine Geschichte der Auflösung. Zum einen durch die Absage an die beengten Platzverhältnisse der Kernstädte durch die offene, durchgrünte Bauweise. Zum anderen durch den allmählichen Zerfall übergeordneter Handlungsweisen. Am Anfang dieses Auflösungsprozesses stand die Idee der Gartenstadt. Als Ganzes konnte sie sich aber nie durchsetzen.
(… vorher) Die Gartenstadt war eine Reaktion auf die beengten und unhygienischen Zustände der Kernstadt während der Industrialisierung. Der Engländer Ebenezer Howard prägte Ende des 18. Jahrhunderts die Vorstellung, die Vorteile von Land und Stadt in einer neuen Siedlungsform zu vereinen und sich so der Missständen der bestehenden Stadt zu entledigen. Wie Walter Kiess in seinem Buch „Urbanismus im Industriezeitalter“ ausführt, war die offene, durchgrünte Bauweise dabei, anders als man beim Namen „Gartenstadt“ annehmen möchte, nicht der Schwerpunkt seiner Bestrebungen. Vielmehr ging es ihm um die Neugründung idealer Städte, unabhängig und fernab der alten Zentren. Diese hätten das ganze Land in sogenannten Städteclustern überziehen sollen. Kiess schreibt, dass sich Howard in seinen Angaben zur Stadtform im Banne alter, längst bekannter Idealstadtpläne bewegt habe. Daher böten seine Vorstellungen in morphologischer Hinsicht weder neuartige noch besonders praktikable Ansätze (1). Diese Art des Städtebaus im Sinne einer Idealstadt zeigt sich auch in der ersten Gartenstadt Letchworth, die Howard ins Leben rief. Entworfen von Parker und Unwin, folgt sie zwar nicht dem strengen Kreisschema Howards, dennoch zeigt sich in der Geometrie der strahlenförmigen Ausfalltrassen Anleihen an Vorstellungen aus der Renaissance. Damit ist die Gartenstadt durch ihr Strassenbild teilweise einer sehr strengen, geometrischen Ordnung unterworfen. Trotz der offenen Bauweise entsteht ein klares, geordnetes Stadtbild. Diese Eigenschaft kam bei Stadterweiterungen abhanden, da sie sich in die Struktur der bestehenden Stadt einfügten.
In der Schweiz fand die Gartenstadtidee nach der Definition von Walter Kiess damit keinen Niederschlag, da es autonome Stadtneugründungen, welche dazu notwendig sind, nicht gab. Unter dem Begriff der Gartenstadt tummeln sich aber auch andere städtebauliche Konzepte. Im weitesten Sinne haben alle etwas mit der Durchgrünung zu tun. Von der gesellschaftspolitisch geprägten Gartenstadtideologie her betrachtet ist die Durchgrünung aber höchstens ein Restposten einer viel weitgreifenderen Konzeption. In der Durchgrünung alleine lässt sich das Ziel einer besseren Gesellschaft kaum erreichen.
Aus einer morphologischen Sicht ist die Durchgrünung allerdings eine der prägenden Stadtkonzepte. In ihrem Kern, der schon in der Gartenstadt mitschwang, liegt ihr das Prinzip der Auflösung zugrunde. Dies zeigt sich in ihrer Entwicklung, angefangen Ende des 19. Jahrhunderts über mehrere Schritte bis heute. (Weiter bei…)
(1) Kiess Walter, Urbanismus im Industriezeitalter, Von der klassizistischen Stadt zur Garden City, Ernst und Sohn Verlag, Berlin, 1991, S. 428