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Ach Gott, ich solle mich kurz fassen, hat es geheissen, drei Minuten Redezeit für so ein grosses Thema. Wie hat der Faust das eigentlich gemacht, als ihm sein Gretchen die berühmte Frage stellte? Genügten ihm drei Minuten für eine Antwort? Oder schaffte er es sogar in einem Satz? Gut, bei Faust, da ging’s nur um Religion, jetzt auch noch um Marx, diesen 200 Jahre alten Mann mit seinem grossen, weissen Bart, ach Gott, und das alles in drei Minuten, Christentum und Marxismus. Mir kommen die italienischen Arbeiterinnen und Arbeiter in den Sinn, die in ihre katholischen Hausaltare auch ein Figürchen von Karl Marx hineingestellt haben. Hansueli Jost hat in einer Vorlesung davon erzählt, Hansueli Jost, der linke Professor und begeisterte Militärpilot. Gut, er hat dann immerhin einmal einen Kampfjet in den Bodensee versenkt, sein persönlicher Beitrag zur Armeeabschaffung, wie er selber sagte in seiner Vorlesung, Jahrzehnte ist das jetzt her, es ging um italienische Geschichte im 19. Jahrhundert, und ja, der Marx, der hat sicher gut zu den katholischen Heiligen gepasst mit seinem alttestamentarischen Bart und auch mit seiner Botschaft.
Ja, diese Arbeiterinnen und Arbeiter, die hatten begriffen, worum es bei Marx ging und beim Christentum gehen sollte, um ein Evangelium, das nicht aufs Jenseits vertröstet, sondern auch ein Evangelium ist für die Zeit vor dem Tod, ein Evangelium fürs Leben. Ach Gott, was ist von diesen Evangelien übrig geblieben, dem biblischen, dem von Marx, und wie viel bleibt noch von meinen drei Minuten Redezeit? Mir kommen dieser Vogel in den Sinn, den ich vor zwei Tagen im Gras liegen sah und die Katze, die ihn mit ihren Krallen traktierte, die ihre Zähne in ihn hineinschlug, bis er noch einmal, schon mit geknicktem Flügel, zu einem kurzen Flug ansetzte. Kurz darauf trug die Katze den Vogel im Maul, eine Taube war es, keine Friedenstaube, eine normale Taube, eine normale Katze, die Natur eben, wie sie ist in ihrer Brutalität, so wie sie ein anderer Prophet des 19. Jahrhunderts beschrieben hat, der auch einen Bart hatte wie Marx, einen schon fast gottähnlich langen Bart.Ja, Charles Darwin hat im Alter ausgesehen, wie man sich damals den Herrgott vorgestellt hat, und auch er hat, wie Marx, eine Alternative zur christlichen Heilsgeschichte entworfen, allerdings keine so optimistische wie Marx, und fand trotzdem wie Marx seine Anhänger, Anhänger, die ihn falsch verstanden hatten, so wie Marx falsch verstanden wurde von denen, die ihm anhingen. Die unfassbaren Verbrechen des 20. Jahrhunderts, sie wurden von Menschen begangen, die sich auf Marx beriefen oder aus Darwinlektüren zu ihren düsteren Weltbildern kamen. Ach Gott, drei Minuten Redezeit, und ich rede von Darwin, wo doch schon Marx zu viel ist, zwei Bärte statt nur einen habe ich mir aufgehalst. Aber die werde ich jetzt wieder los, ja, jetzt mal weg mit diesen Bärten, mit diesen alten, mit diesen Propheten-, mit diesen Gottesbärten. Und was bleibt, wenn der Bart ab ist, woran kann man sich noch halten? Ach Gott, an wenig, nur an diesem bisschen Hoffnung auf eine Welt, in der nicht das Recht des Stärkeren gilt, an der Hoffnung auf ein Zeitalter ohne Ausbeutung. Ach Gott, meine drei Minuten Redezeit sind um, und ich weiss, auch wenn ich dreissig Minuten Zeit hätte oder drei Tage oder drei Menschenleben lang, um über Gretchens Frage und Marx nachzudenken, ich hätte am Schluss dennoch nicht mehr in der Hand als dieses bisschen Hoffnung, bartlos, nackt. Ach Gott.
Lesetipp → Gerhard Meister: Eine Lichtsekunde über meinem Kopf. Luzern 2016.