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Açai-Beeren, Quinoa, Chia-Samen, Kurkuma, Ginseng. Sie alle fallen unter die Bezeichnung «Superfood», mit der man seit einiger Zeit viele Produkte bewirbt, die besonders gesund sein sollen. Es sind Früchte, Gemüse, Nüsse und Kräuter mit einer überdurchschnittlich hohen Konzentration an Vitaminen, Mineral und Ballaststoffen, Aminosäuren und sekundären Pflanzenwirkstoffen. Sie wirken angeblich gegen Müdigkeit, Abgeschlagenheit oder Krankheiten wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Probleme.
Wenn ich diesen Begriff höre, taucht in mir eine jahrtausendealte Geschichte auf. Gott ernährte sein Volk mitten in der Wüste, wo es keine Gemüse oder Früchte gab, mit dem Manna. Dieses «Brot vom Himmel» assen sie 40 Jahre lang und überlebten.
Haben auch unsere Superfoods ein solch eindrückliches Zeugnis? Wohl kaum, denn schauen wir genauer hin, werden immer wieder neue scheinbare Wunder-Nahrungsmittel angepriesen. Aber alles der Reihe nach ...
Die Entdeckungsfahrten der Portugiesen und Spanier über die Weltmeere förderten den Anstieg einer bekannten, tödlichen Erkrankung – den Skorbut. Man begriff schnell, dass es mit der Art der Ernährung zu tun hatte, fand aber erst im 18. Jahrhundert ein probates Mittel dagegen. James Lind konnte durch eine Studie nachweisen, dass der Konsum von Zitronen diese Seuche verhindern konnte. Das Trinken von Zitronensaft war sehr wirksam, aber niemand wusste den wahren Grund, bis man 1932 das Vitamin C entdeckte.
Ein anderes Beispiel liefert der Reis, der in vielen asiatischen Ländern das Grundnahrungsmittel ist. In den 1870er-Jahren begann man ihn im grossen Stil zu schälen, um ihn für den Export länger haltbar zu machen. Erst viel später (1911) erkannte man die Ursache von «BeriBeri» oder Schafskrankheit als Mangel an Vitamin B1 (Thiamin). Geschälter Reis lieferte kein Vitamin B1 mehr, denn im Spelz war dieses wertvolle «Nerven-Vitamin» enthalten. So kann heute der ungeschälte Reis mit Recht als «Superfood» bezeichnet werden.
Im 18. und 19. Jahrhundert gab es in Europa verheerende Hungersnöte, ausgelöst durch Kälte, Vulkanausbrüche, Ernteausfälle und kriegerische Handlungen. Stabilere Nationalstaaten und eine aufkeimende Wirtschaft verbesserten diese Situation. Die in den 1960er-Jahren beginnende «Grüne Revolution» stabilisierte die Welternährung. Ertragreichere Sorten, grössere Anbauflächen und der Welthandel werden in diesem Begriff zusammengepackt. Sehr wichtig finde ich auch den Anfang einer «Nahrungsmittelindustrie» Ende des 19. Jahrhunderts (z. B. Knorr 1880).
Über Segen und Fluch dieser Entwicklung kann man sich streiten, denn schon bald hörte man von chronischen Krankheiten, die auf eine falsche Ernährung zurückzuführen waren. Vor allem in Nordamerika traten solche Gesundheitsprobleme epidemisch auf. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht oder Krebs verzeichneten einen rapiden Anstieg.
Es erstaunt deshalb nicht, dass man aus der «Ecke der Naturheilmittel» besonders wertvolle Nahrungsmittel aussucht, um diesen Trend umzukehren. Heute sehen wir, dass viele solcher Lebensmittel zu überteuerten Preisen als vermeintliche Konzentrate vertrieben werden und das mit Erfolg für das Geschäft und bestimmt auch für den Konsumenten. Diesem Trend kommt die intensive Forschung im Nahrungsmittelbereich sehr zu Hilfe, denn unzählige Studien liefern laufend neue Erkenntnisse.
EINHEIMISCH VS. EXOTISCH
Viele der heimischen Früchte, Gemüse, Kerne und Kräuter kategorisieren wir nicht automatisch als Lebensmittel mit Superkräften. Mit Broccoli und Petersilie wird bekanntlich nicht geworben. Den exotischen Varianten stehen sie aber in nichts nach: So können Leinsamen in Sachen Protein, Ballaststoffe und Omega-3-Fettsäuren locker mit den Chia-Samen mithalten. Schweizer Heidelbeeren sind dank ihres hohen Gehalts an den Vitaminen C und E, Eisen und Antioxidantien mit den weit gereisten Aroniabeeren vergleichbar. Auch Quinoa weist kaum Vorteile gegenüber Hirse oder Buchweizen auf. Und der vitaminreiche Sanddorn ersetzt problemlos den Granatapfel.
Dies als kleiner Vorgeschmack - Im Folgeteil dieses Artikels werden wir versuchen, etwas Ordnung und Übersicht in dieses boomende Angebot zu bringen. Denn es soll tatsächlich Wert darauf gelegt werden, dass unsere Nahrungsmittel auch unsere Heilmittel sind, wie das schon seit uralten Zeiten gefordert wird.