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Bild
Titel:
Ein Fenster zum Mittelmeer
Thema: Wirtschaft
Datum: --.--.1673
Standort: Spiessenrüti, Teufen
Urheber/-in:
Beschreibung:
Der Bildausschnitt gibt den Blick frei auf eine südländisch anmutende Szene am Meer. In einem Hafen liegen Segelschiffe, am Pier häufen sich mit Handelszeichen markierte Tuchballen. Daneben steht ein barock gekleideter vornehmer Herr. Dieser taucht erneut in der unmittelbar anschliessenden Szene auf. Dort schreitet er in Begleitung einer Frau über eine Steintreppe zum vornehmen Anwesen hoch.
Geschichte:
Im Appenzellerland waren bis vor kurzem keine Gebäudemalereien aus dem 17. Jahrhundert bekannt. Bei der Fassadenrenovation an einem Tätschdachhaus wurden 2008 nach Entfernung eines Leistenschirms aussergewöhnliche Grisaille-Malereien entdeckt. Das Hauptmotiv zeigt eine fantastische Hafenszene mit Segelschiffen, Handelsgütern und Villa im Renaissancestil. Die Malereien auf der Spiessenrüti mit ihren bürgerlichen Motiven können als gleichbedeutend wie die «Gaiser Wände» mit frühen bäuerlichen Darstellungen aus dem 16. Jahrhundert bezeichnet werden.
Die Malerei auf der ursprünglichen Hauptfassade nahe der einstigen Haustür ist Teil einer umfangreichen Farbfassung in Rot mit illusionistischen Quaderteilungen. Zwei miteinander verbundene Szenen aus dem Leben eines Textilkaufmanns schmücken den Zugang zum Haus. Ein illusionistisch gemalter Rahmen deutet ein Gemälde an, das seinerseits von gemalten antikisierenden Säulen eingefasst wird. Die integrierte Bildinschrift datiert das Gemälde auf das Jahr 1673. Eingang und Malereien waren ursprünglich und heute wieder durch einen Laubengang wettergeschützt.
Die Villa im rechten Bildteil ist ein doppelstöckiges Gebäude mit hohem Sockelgeschoss, das an Bautypen erinnert, wie sie Alvis Cornaro (1484–1566) in seinen Schriften zum Nutzen des Landlebens forderte, oder wie sie von Andrea Palladio (1508–1580) architektonisch prominent umgesetzt wurden.
Die lesbaren Inschriften der Fassadenmalerei mit dem integrierten Datum 1673 entsprechen den ideologischen Vorstellungen, wie sie in damaligen Traktaten, aber bereits in der Antike etwa bei Cicero oder Vergil, zu finden sind. Sie loben das Landleben, die Sorgfalt und Sparsamkeit und stellen diese der städtischen Genusssucht gegenüber. Eine im Innern des Hauses gefundene griechische Inschrift bestätigt die Begeisterung des Auftraggebers für antike Weisheiten: «Alles sehend ist Zeus’Auge und alles erkennend».
Die Spiessenrüti, ein freistehendes Tätschdachhaus mit separatem Stall, erfuhr im Laufe von sechs Jahrhunderten vielfältige Veränderungen. Um die Architektur den wechselnden Bedürfnissen der Bewohner anzupassen, wurden Strickwände teils wiederverwendet und umgeschichtet oder ganze Bauteile neu zugefügt. Dendrochronologische Untersuchungen und eine ausführliche Bauforschung belegen sieben wesentliche Bauphasen: 1452 Wohnhaus-Kernbau; 1509 Kornkammer-Einbau; 1552 Umbauten; 1614 Umsetzung des Kernbaus; 1669 Hauserweiterung und heutiges Dachgeschoss; 1673 Fassadenmalereien; um 1900 Erneuerung Fassadenverkleidungen Fenster und Innenausbauten; 2006–2012 Aussenrenovation und Innenumbau.
Über Auftraggeber und Funktion des Kernbaus liessen sich bisher keine Angaben finden. Die seit der Hauserweiterung von 1669 auf Repräsentation ausgelegte Fassadengestaltung spricht weder für eine Bauern- noch eine Weberliegenschaft, sondern eher für ein frühes Fabrikantenhaus. Ein Zedel der Gemeinde Teufen vom Jahr 1740 erwähnt als ersten Hauseigentümer Ulrich Spiess.
Im Anschluss an die Begeisterung über den Fund auf der Spiessenrüti häufen sich die Fragen. Bisher brachten weder die Verfolgung der verwendeten Handelszeichen noch Versuche zur Entschlüsselung von ikonografischen Motiven ein klärendes Licht auf das Bild – was seine faszinierende Wirkung noch steigert.
Autor: Fredi Altherr, Herisau
Literatur:
Quellen:
Archiv Fachstelle Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden.
Literatur:
Heydrich, Christian: Holzbohlenmalereien des 16. Jahrhunderts aus Gais. In: Appenzellische Jahrbücher 106/1978 (1979), S. 3–86.
Spiessenrüti. URL: www.spiessenrueti.ch (26.10.2012).
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