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07.09.2016 - Eva Caflisch
07.09.2016
Eva Caflisch
„Der blaue Reiter“ – Synonym für Revolution in der Malerei
Die Fondation Beyeler zeigt den Aufbruch von Franz Marc und Wassily Kandinsky zu einer neuen Farben- und Formensprache
Es wurde ein geschichtsträchtiges Datum, jener 1. Januar 1911, an dem sich Franz Marc und Wassily Kandinsky zum ersten Mal begegneten. Es war auf einer Einladung der russischen Malerin Marianne von Werefkin. Marc und Kandinsky verstehen sich sofort, bleiben den ganzen Tag zusammen und hören sich abends ein Konzert von Arnold Schönberg an. Eine intensive Freundschaft entsteht, sie schreiben sich häufig, sie tauschen Bilder, während des Sommers leben beide in Oberbayern, Kandinsky mit Gabriele Münter in Murnau seit 1908, Franz Marc mit seiner Frau Maria im 18 km entfernten Sindelsdorf ab 2011.
Franz Marc: Die grossen blauen Pferde, 1911. Sammlung Walker Art Center Minneapolis
Ihr Dialog über das, was Kunst sei, mündet in den Almanach „Der blaue Reiter“. Theoretische Texte, Dokumente, Abbildungen, auch Partituren von Komponisten werden zusammengetragen, um die kunsttheoretischen Ansichten zu dokumentieren: Alles ist gleichwertig in der Kunst, die Kinderzeichnung wie die fernöstliche Maske, das Gemälde wie die Dichtung oder die Musik.
Die Herausgeber veranstalten eine Ausstellung mit dem Titel Der blaue Reiter. Sie löst in München einen Skandal aus, wird als Wanderausstellung in halb Europa gezeigt. Neben Kandindsky und Marc sind Gabriele Münter, August Macke, Alexander von Jawlensky, Marianne von Werefkin, Arnold Schönberg, später auch Delauney mit ihren Werken dabei, aber eine Künstlervereinigung ist Der Blaue Reiter nicht, sondern eine Avantgarde-Gruppe Gleichgesinnter mit unterschiedlichenAusdrucksmöglichkeiten.
Mitglieder des Blauen Reiter in München 1911: von links: Maria und Franz Marc, Bernhard Koehler, Heinrich Campendonk Thomas von Hartmann, sitzend) Wassily Kandinsky. Foto: Gabriele Münter © ProLitteris, Zürich
Kandinsky und Marc waren davon überzeugt, dass nicht formale Faktoren massgeblich seien, sondern der Inhalt. Da sich Form und Stil unablässig ändern, sei für das Kunstschaffen die „innere Notwendigkeit“ entscheidend. Es ging dem Blauen Reiter darum, Farbe und Form von der Darstellung des Sichtbaren zu befreien. Münter erlebte diesen Prozess als Aufbruch aus der impressionistischen Naturwiedergabe zum Extrakt. Ihr Lehrmeister war dabei nicht der Lebenspartner Kandinsky, sondern Alexej von Jawlensky mit den Landschaften aus expressionistischen Farbflächen.
Dem Blauen Reiter setzte der erste Weltkrieg ein brutales Ende: Franz Marc und August Macke wurden sofort eingezogen, beide sind umgekommen, Kandinsky und Jawlensky wurden ausgewiesen und gingen zurück nach Russland. Kandinsky äußerte sich Jahre später zur Titelsuche: „Den Namen Der Blaue Reiter erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf. Beide liebten wir Blau, Marc – Pferde, ich – Reiter. So kam der Name von selbst.“
Wassily Kandinsky: Komposition VII, 1913. © Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau
Erstmals seit dreissig Jahren gibt es mit der Ausstellung bei Beyeler einen umfassenden Überblick über die kurze, intensive und nachhaltige Kunstrichtung. 70 Gemälde, zum Teil seit vielen Jahrzehnten nicht mehr ausgestellte Bilder, insgesamt 90 Objekte präsentiert Kurator Ulf Küster. Die Schau um zwei enge Freunde ermöglicht einen neuen, unverstellten Blick auf das Werk von Franz Marc. Seine Tierbilder, einige fast zutode reproduziert, bekommen Frische und Aussagekraft, während Kandindskys Weg von der expressionistischen Landschaft zur Abstraktion sichtbar wird. Diese Bilder sind Kompositionen, denn der Maler war überzeugt, dass Kunst synästhetisch ist, dass Bilder Töne und Rhythmen haben, Musik Farbe und Form. Selbst wir sprechen ja ohne zu überlegen von Farbtönen oder Klangfarben.
Franz Marc: Reh im Walde, 1911, Privatbesitz
Wer vor der legendären Komposition VII von 1913, einer Leihgabe der Tretjakov-Galerie, steht (fünf Stunden seinen durchaus nicht zuviel, sagt Ulf Küster), kann erleben, wie der Künstler mit frei gesetzten Farben und Formen Klang und Rhythmus malte. Das Bild Die grossen blauen Pferde von 1911 wird als der Höhepunkt innerhalb der Marc-Bilder bezeichnet. Uns beeindruckte die seltsame und fesselnde Komposition Reh im Walde I von 1912 oder Der Wasserfall, der seit 1949 nie mehr gezeigt werden konnte, gleichfalls.
Zum ersten Mal werden die Geschenke gezeigt, die Marc und Kandinsky tauschten: Improvisation 12 von 1910, auch Der Reiter genannt, ist eines der Dokumente über die Auflösung der Gegenständlichkeit in eine dynamische Fläche leuchtender Farben und Linien. Der Traum, den Franz Marc 1912 für Kandinsky malte, zeigt blaue Pferde und einen sitzenden weiblichen Akt in einer harmonischbunten ländlichen Welt.
Wassily Kandinsky: Murnau, Kohlgruberstrasse, 1908, Merzbacher Kunststiftung
Der Rückzug der befreundeten Künstlergruppe in die oberbayrische Seenlandschaft war mehr als Sommerfrische: Alle suchten sie nach der unverfälschten Natur im Gegensatz zu Fortschritt und Technik, die vor dem ersten Weltkrieg das städtische Leben prägten. In dem intensiven Licht der Gegend – Sommerwiesen und -felder mit Blick auf den Firn der Alpenkette erfanden sie die neue Art, ungemischte Farben als Flächen nebeneinander zu malen. Das Sonnenlicht auf Kandinskys Bild Murnau, Kohlgruberstrasse von 1908 macht aus einem Feldweg einen Regenbogen, die roten Puppen aus Getreidegarben auf dem abgeernteten Feld rhythmisieren Münters Landschaft mit Hütte im Abendrot, 1908.
Gabriele Münter: Landschaft mit Hütte im Abendrot, 1908 Museum Gunzenhauser, Chemnitz. Foto PUNCTUM/Bertram Kober © ProLitteris, Zürich
Aber da sind auch düstere, politische Bildaussagen: beispielsweise das zähnefletschende Rudel, welche in Marcs Die Wölfe (Balkankrieg) auf eine schlafende Viehherde losgeht, oder Kandinskys Improvisation. Sintflut. Beide Bilder wurden 1913 gemalt – es war der Vorabend zum 1. Weltkrieg.
August Macke: Walterchens Spielsachen, 1912. © Städel Museum – U. Edelmann – ARTHOTEK
Ein Kabinett in der Ausstellung ist dem Buch Der Blaue Reiter gewidmet. Wer die Musse hat, erfährt, welches revolutionäre Ideengerüst hinter dem Buch stand, das weder Manifest noch ideologische Bibel war, sondern eben ein (zwar einmaliger) Almanach zur Kunst. Detail: die leuchtenden Farben von Marc, Kandinsky und den übrigen Künstlerfreunden finden sich gleichsam eins zu eins auf dem Hinterglasbild Jungfrau den heiligen Geist endpfangen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Wer mag, kann auf einem Bildschirm oder daheim virtuell durch den Almanach blättern.
Real blättern kann man im Begleitkatalog (62.50 Franken), der den Aufbruch der künstlerischen Avantgarde in München um Kandinsky und Marc in verschiedenen wissenschaftlichen Aufsätzen vertieft und zeigt, wie in wenigen Jahren vor dem ersten Weltkrieg die grundlegende Neubewertung der Künste ein bis heute nachwirkendes Kapitel der Moderne ermöglichte.
bis 22. Januar 2017
Informationen zur Ausstellung finden Sie hier