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Zürich, Bahnhofstrasse 19. Hier eröffnen Tristan Tzara und Hugo Ball im März 1917 die Galerie Dada, in der Absicht, so Ball, «eine kleine Gesellschaft von Menschen zu bilden, die sich gegenseitig stützen und kultivieren». Einer dieser Menschen ist ein 21jähriger Chemiestudent, der sich Clauser nennt. Balls Lebensgefährtin Emmy Hennings hat den jungen Mann zwei Monate zuvor bei einer Dada-Ausstellung kennengelernt. Sie sass an der Kasse und spendierte dem mittellosen Besucher die Eintrittskarte.
Am 28. April 1917 tritt Clauser bei einer Soirée der Galerie Dada auf. Laut Programmheft rezitiert er zwei eigene Gedichte: «Vater» und «Dinge». Ein literarischer Novize ist er allerdings nicht. Bereits als Schüler hat er für das Feuilleton einer Tageszeitung geschrieben, später sogar kurzfristig eine eigene Zeitschrift herausgegeben. Doch in Zürich findet er endlich Anschluss an eine bunte literarische Szene. Das Chemiestudium scheint er nicht sehr ernsthaft zu betreiben; statt dessen taucht er ein in das Leben der Boheme. Mit fatalen Folgen; denn er wird schwer morphiumsüchtig.
Friedrich Glauser, so Clausers richtiger Name, wurde 1896 als Sohn eines Schweizer Handelsschulprofessors in Wien geboren und gehört zu den tragischen Schriftstellerexistenzen des 20. Jahrhunderts. 1918 auf Druck des Vaters entmündigt, verbrachte er acht Jahre seines kurzen Lebens in psychiatrischen Einrichtungen. Doch vom Morphium, kurz MO genannt, kam er nicht los. «MO» ist auch der Titel des biographischen Romans, den der Autor Frank Göhre nun vorgelegt hat.
Göhre, selbst ein vielgelobter Krimiautor, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Werk und Leben Glausers. Mitte der achtziger Jahre verfasste er Einführungen für die bei Arche erscheinenden Neueditionen der berühmten Kriminalromane um den bärbeissigen Wachtmeister Studer, später gab er im selben Verlag die biographische Collage «Zeitgenosse Glauser» heraus. Und nun der «Lebensroman des Friedrich Glauser». Göhre lässt ihn am 29. April 1917 beginnen. Die Soirée in der Galerie Dada geht dem Ende zu. Auf der Bühne wird noch gesungen, während Glauser im Hinterzimmer sitzt und zur Spritze greift. «Er lockerte die Schlinge, liess das Stück Kordel achtlos zu Boden fallen. Hitze schoss durch die Venen, sein Herzschlag beschleunigte sich.» Später liegt er bewusstlos am Limmatquai, wo ihn seine Freunde finden. Es lässt sich unschwer erkennen, dass sich hinter diesen Figuren – bei Göhre heissen sie «Lilly» und «der Grossmeister» – Emmy Hennings und Hugo Ball verbergen. Doch es sind eben nicht in erster Linie die biographischen Fakten, die den Autor interessieren, sondern die «weissen Räume» dazwischen: «Ich zeichne das Bild eines in sich Verstrickten, eines Umtriebigen, spüre den Möglichkeiten und Wirklichkeiten eines gelebten Lebens nach, sehe in Glauser meinen Zeitgenossen.»
Diese Form der Anverwandlung ist nicht unproblematisch, führt sie doch zu einer Unmittelbarkeit des Erzählens, die dem Leser manchmal die Orientierung erschwert. Mehr als wettgemacht wird dieses Manko allerdings durch einen Gewinn an Atmosphäre. Als Romanfigur ist uns Glauser in seinen existentiellen Nöten näher, als er es als Gegenstand einer herkömmlichen Biographie sein könnte.
Der Schriftsteller Wilhelm Genazino hat einmal von der Gefahr des Kafka-Syndroms für künstlerische Kreativität gesprochen: man könne nicht offensiv die Welt erobern mit seinen «eigenen Wahrnehmungen, mit seinen eigenen Kombinationen und Erfindungen, wenn man sich ständig dem Zwang der Legitimation» aussetze. Für Friedrich Glauser war die Legitimation seines Schreibens immer auch die Rebellion gegen die Autorität des übermächtigen Vaters. Befreien konnte er sich davon nicht, ebensowenig wie von seiner Morphiumabhängigkeit. Eine freie Autorschaft bleibt unter solchen Bedingungen Illusion. Das anschaulich und erfahrbar gemacht zu haben, ist das Verdienst dieses lesenswerten Buches.
vorgestellt von Joachim Feldmann, Recklinghausen
Frank Göhre: «MO. Der Lebensroman des Friedrich Glauser». Bielefeld: Pendragon, 2008.