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Vielfalt stärkt fachspezifische Websites
Kleine Websites verzeichnen weniger Zugriffe als grosse, aber sie können trotzdem in ihrer Nische dominieren. Denn für jede Frage, welche die Anwender stellen, liefert das Web verschiedene Websites, welche die Antworten geben.
by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 16.06.2003
Schon seit 1997 wissen wir, dass das Web bezogen auf die Popularität von Websites der Zipf-Verteilung unterliegt. Einfach ausgedrückt, grosse Websites haben unverhältnismässig mehr Zugriffe als kleinere Websites. Eine Website auf Rang 100 hat beispielsweise 10 mal so viele Zugriffe wie eine Website auf Rang 1000. (Normalerweise erhält die Site N M/N-mal zu so viele Zugriffe wie die Site M.)
Sechs Jahre später wurde das gleiche Gesetz angewandt, um zu zeigen, dass es auch für das Genre von Websites, die als Weblogs bekannt sind, gültig ist. Das ist nicht überraschend, denn wenn Sie eine Zipf-Verteilung aufteilen, erhalten Sie eine neue.
Lassen Sie uns als Beispiel eine hypothetische Situation mit Websites zu einem fachspezifischen Thema betrachten. Gehen wir dabei davon aus, dass eine solche Website einmal pro 20'000 Sites auftaucht. Dann hätten wir 2'000 Websites aus den zur Zeit 40 Millionen bestehenden. Gehen wir nun davon aus, dass diese 2'000 Websites gleichmässig unter allen 40 Millionen Websites verteilt sind, würde der Zugriff für die fünf grössten Websites wie folgt aussehen:
|Rangfolge der Websites innerhalb des gesamten Webs||Ansicht einer Seite pro Jahr||Rangfolge der Websites mit einem fachspezifischen Thema|
|Rang 20'000||10'000'000||Grösste|
|Rang 40'000||5'000'000||Zweitgrösste|
|Rang 60'000||3'333'333||Drittgrösste|
|Rang 80'000||2'500'000||Viertgrösste|
|Rang 100'000||2'000'000||Fünftgrösste|
So wie es aussieht, hat meine eigene Website 10 Millionen Zugriffe jährlich. Sie ist wahrscheinlich die bekannteste Usability-Website der Welt. Da dem Thema vermutlich ungefähr 2'000 Websites gewidmet werden, könnte diese Tabelle für Usability-Websites gelten, obwohl sie natürlich auch für andere fachspezifische Themen Gültigkeit haben könnte.
Wenn man sich überlegt, dass das gesamte Web dieses Jahr ungefähr 4 Billionen Seitenzugriffe haben könnte, könnten einem die oben aufgeführten Websites mit ihren paar wenigen Millionen Zugriffen als irrelevant erscheinen. In ihrer Nische aber dominieren sie. Eine Website, die auf Rang 100'000 steht, würde immer noch die fünftgrösste in ihrer Nische sein: gross genug also, um wichtig zu sein.
Ausserdem haben Nischen ihre eigenen Nischen. Wenn man sich auf ein spezielles Unterthema konzentriert, kann sich auch eine sehr kleine Website mit einigen hunderttausend Zugriffen jährlich hervorheben.
Spezialisierung bedeutet, dass niemand das Web beherrscht
Wegen der Debatte über zunehmend zentralisierte Massenmedien und den sich ändernden Richtlinien der FCC in den Vereinigten Staaten, ist die Frage, ob das Web sich auch zu einem zentralisierten Massenmedium verändert, ein heisses Eisen. Trotzdem, das Web ist kein Massenmedium. Es ist keine Radio- oder TV-Sendung. Das Web funktioniert auf Anfrage, auf die einzelnen, auf den Moment abgestimmten Bedürfnisse der Kunden.
In einem kürzlich erschienenen "Op-Ed"-Artikel der New York Times "More News, Less Diversity" argumentierten Matthew Hindman und Kenneth Neil Cukier, dass die FCC fälschlicherweise davon ausgehen, das Web sei ein Umfeld unterschiedlichster Informationen. Dies darum, weil die meisten Zugriffe ohnehin auf den grössten Websites anfallen.
Hindman und Cukier erwähnen, dass zweidrittel aller Hyperlinks auf die zehn bekanntesten der 13'000 Websites zum Thema "Waffenkontrolle" zeigen und die Top-Ten Sites zum Thema Todesstrafe 63% der Links erhalten. Nichtsdestotrotz, betrachtet man das Web als Gesamtheit, ist die Verschiedenartigkeit immer noch gewährleistet.
Die Frage ist nicht, ob einige aktuelle Websites grösser sind als andere. Die Frage ist, ob unabhängig vom individuellen Anwenderziel dieselben wenigen Websites immer dominieren. Wie ein genauerer Blick auf die Beispiele von Hindmann und Cukier zeigt, ist das nicht wirklich der Fall.
- Es gibt bei den beiden Themen, die sie erwähnen überhaupt keine Überlappung zwischen den Top Websites.
- Bei der Betrachtung fachspezifischer Unterthemen oder leicht veränderter Fragestellungen werden die Anwender zu anderen Websites geführt.
- Auf einer anderen Domaine sind die Hauptsites für Wirtschaftsthemen fast vollständig anders als die Hauptsites für Verbrechen.
Total hat eine Suche in 7 verschiedenen Themengebieten unter den 70 Einträgen auf der ersten Seite der Suchergebnisse 59 unterschiedliche Sites identifiziert. Davon handelte es sich nur bei 16% um Mehrfachauflistungen der gleichen Site. Nicht wirklich ein Indikator dafür, dass ein paar Quellen das Internet monopolisieren würden.
All diese Suchen wurden auf Google getätigt, der momentan grössten Suchmaschine. Es gibt jedoch auch viele andere Suchmaschinen mit grossen Marktanteilen. Auf der Suchmaschine MSN von Microsoft waren nur zwei von den zehn Google- Haupttreffern aufgeführt. Keine der neun Websites, die in den Top Ten zum Thema Todesstrafe aufgeführt wurden, waren in der Liste von Google zu finden (Amnesty International erschien zweimal auf MSN, nicht aber auf Google). Noch mehr Beweise dafür also, dass Sites in einem bestimmten Kontext gross sein können, sicher aber nicht überall.
Werbeanzeigen von Suchmaschinen fördern die Verschiedenartigkeit
MSN enthält einen gesponserten "Encarta Enzyklopädie"-Link, welchen ich nicht mit hinzu gerechnet habe. Ähnlich lassen Google und viele andere Suchmaschinen jedermann den Platz für kleine Textanzeigen kaufen, eine übrigens unglaublich effiziente Art zu werben.
Irgendeine Anwaltskanzlei kann so eine textbasierte Werbeanzeige kaufen und aktiv interessierte Leute für 5 Cents pro Nutzer zu ihrer Site bringen. Das sind erheblich geringere Kosten als Werbebroschüren zu drucken und zu verteilen.
Das heisst, dass sogar Werbeanzeigen - das kommerziellste Webelement - die Vielfältigkeit unterstützt und somit kleineren Gruppen eine grössere Stimme erlaubt als wir das in der physischen Welt vorfinden.
Klein ist schön (und profitabel) im Web
Es ist wahr, dass einige Websites für irgendeine gestellte Frage die meisten Zugriffe erhalten werden, weil die Anwender selten Interesse daran haben, über die erste Seite der aufgeführten Suchergebnisse hinaus zu gehen. Trotzdem, es gibt viele Fragen und jede Frage führt zu einer anderen Liste der Top Websites. Wenn man das Web als ein Ganzes betrachtet, gibt es zahlreiche fachspezifische Websites, die ihre Perspektive zu verschiedenen Inhalten zur Verfügung stellen. Diese Sites stehen in ihrem Fachgebiet im Rampenlicht und erhalten eine erhebliche Menge Zugriffe.
Kleinere Sites haben zwei grosse Vorteile gegenüber grossen Sites: Es gibt viel mehr von ihnen und sie sind spezialisierter und folglich zielgerichteter. Kleinere Websites sprechen die speziellen Bedürfnisse und Interessen einer festgelegten Anwendergemeinschaft direkt an und haben folglich einen höheren Wert pro Seitenansicht. Eine Site über Heidelbeerenzucht kann ein "Muss" für diejenigen Leute sein, die sie bewirtschaften. Sie hat deshalb einen unermesslichen Wert, um für Bewirtschaftungsswerkzeuge für Heidelbeeren zu werben.
Vielfältigkeit ist die Stärke des Webs. Grosse Seiten sind vielleicht grösser, aber kleinere Seiten haben mehr Treffer für fachspezifische Themen, sowohl in Bezug auf die Verbindung mit den Anwendern, als auch bezogen auf den kommerziellen Wert bei jedem Besuch.
© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.