Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03239.jsonl.gz/424

Ein Bericht von Mark Livingston von DRS-Echo vom 7.10.06 (Transcipt Helmut Lubbers)
Nachrichtenankündigung: Vom Fast-Präsidenten zum Dokumentarfilmer. Wir reden mit Al Gore, dem prominenten Kämpfer gegen die Klimaerwärmung.
Al Gore ist zurück. Der US-Vizepräsident der Ära Clinton und der Fast-Präsident anstelle von George Bush steht dank seinem Dokumentarfilm "An Inconvenient Truth", auf Deutsch "Eine unangenehme Wahrheit" wieder im Rampenlicht. Sein Film zur globalen Klimaerwärmung lief im Frühling in den US-Kinos an und lockte das Publikum in Scharen. Ein Erfolg, der viele Amerikanerinnen und Amerikaner hoffen lässt, er möge erneut ins Rennen um das Präsidentenamt steigen. Mark Livingston hat den Film gesehen und Al Gore getroffen.
Der Mann hat eine Mission und neu den Film dazu. Seit den achtziger Jahren setzt sich Al Gore als Umweltschützer in Szene. Und seit seiner Niederlage im Rennen um die US-Präsidentschaft vor sechs Jahren zieht Al Gore gar als Vortragsreisender mit einer Art Multimediaschau, mit Bildern Graphiken und Comicfilmsequenzen [Zeichentrickfilmchen] um die Welt und warnt vor den Folgen der weltweiten Klimaerwärmung. Nun hat Al Gore seinen Vortrag mit den Mitteln Hollywoods kinotauglich gemacht - effektvoll und eindringlich.
"If you look at the ten hottest years ever measured, they've all occurred in the last fourteen years. And the hottest of all was 2005."
Al Gore erzählt von den Zusammenhängen zwischen dem Gehalt an Kohlendioxid in der Atmosphäre und dem Anstieg der Temperaturen. Er zeigt auf, dass 2005 das wärmste je gemessene Jahr in einer ganzen Reihe überdurchschnittlich warmer Jahre war und präsentiert Bilder von schrumpfenden Gletschern und von der schmelzenden Schneekappe des Kilimandscharo.
"This is Patagonia, 75 years ago. This is the same glacier today. This is Mount Kilimanjaro, 30 years ago and last year. Within a decade there will be no more snows off Kilimanjaro."
Pädagogisch geschickt und unterhaltsam referiert Al Gore über die Zusammenhänge des globalen Klimas. Computersimulationen lassen ganze Länder und Städte wie San Francisco oder Shanghai im Meerwasser versinken. Der Film malt ein äusserst düsteres Bild unserer Zukunft.
Auch wenn sich die Wissenschaft in einzelnen Punkten nicht so einig ist wie Al Gore im Film vorgibt, so stimmen seine Aussagen in der Tendenz gleichwohl. Weil die Folgen für die Menschheit derart verheerend seien und auch kommende Generationen beträfen, sei die Bekämpfung der globalen Klimaerwärmung nicht nur eine politische Aufgabe sondern vielmehr eine moralische. Das hätten inzwischen auch traditionell den Republikanern nahestehende konservative religiöse Führer und Geschäftsleute in den USA gemerkt und stellten sich gegen Präsident George Bush.
A lot of conservative religeous leaders normally allied with president Bush have broken with him on this issue. A lot of business CEOs that otherwise support the president have broken with him on this. So I think there is reason for optimism.
Optimistisch stimme ihn auch was in Kalifornien passiert sei. Der Bundesstaat hat sich kürzlich dazu verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2025 um 25 % zu verringern und bis 2050 sogar um 80%, eines der ehrgeizigsten Reduktionsziele der Welt. Mehr als 250 amerikanische Bürgermeister haben sich inzwischen verplflichtet auf kommunaler Ebene die Anforderungen des Kyoto-Protokolls zu erfüllen oder gar zu übertreffen, etwa Chicago oder San Francisco oder Portland. An dieser Entwicklung hat auch Al Gore seinen Anteil. Weil beide Parteien derart passiv seien auf dem Gebiet der Klimapolitik wolle er nun über die breite Basis die Politik verändern.
"In the US both parties are still not doing a good job. So I have tried to change the minds of enough people to change the political environment. That is my whole strategy."
Al Gore gibt sich im Gespräch überzeugt, dass er es als US-Präresident in Klimafragen besser gemacht hätte als sein einstiger republikanischer Rivale es heute tut. Schliesslich habe er 1997 das Kyoto-Protokoll zum Durchbruch verholfen. Er verschweigt dabei, dass es damals die US-Delegation war, die in letzter Minute das Protokoll verwässerte und klimapolitische Schlüpflöcher einbrachte.
Gewissermassen als Umweltpartisane, befreit von der Zwangsjacke politischer Verantwortung, kann Al Gore wohl tatsächlich einiges in Bewegung setzen.
Mark Livingston hat berichtet. Al Gore's Film "An Inconvenient Truth" kommt am 19. Oktober in die Schweizer Kinos.
ecoglobe:
Wir interessieren uns nicht nur für die Warnungen sondern noch mehr für die Lösungsvorschläge und deren realen Möglichkeiten zur Verwirklichung. Und hier, so meinen wir, liegt viel im Argen.
Ganz allgemein werden der Klimawandel und seine mutmasslichen Folgen isoliert betrachtet.
Andere Einflüsse, wie Bevökerungswachstum, schwindende Artenvielfalt, Bodenerosion, Wassermangel, das bevorstehende Maximum der Öl- und Gasförderung (Peak Oil) bei weiter steigendem Verbrauch, ein kommender Mangel an wichtigen Rohstoffen, alles das wird nicht in den Szenarien miteinbezogen.
Nur alleine die Auswirkungen von häufigen Überschwemmugungen und Bergstürzen, kombiniert mit eine Knappheit an Erdöl und Erdgas, werden die heutigen Waren- und Personentransorte stark behindern, wenn nicht sogar gänzlich stoppen. Wir werden alle Hände voll zu tun haben, die Schäden zu beheben. Und die heute angepriesenen Alternativtreibstoffe sind zwar theoretisch möglich aber mengenmässig bei weitem nicht ausreichend. Biotreibstoffe sind asserdem eine direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelanbau. Und weil auf überschwemmten Feldern wohl kein Getreide geerntet werden kann, ist ziemlich klar, was gewinnen wird, Anbau für Treibstoff oder für Brot.
Die im Kyoto-Protokoll anvisierten Ziele liegen weit hinter den klimatologischen Notwendigkeiten zurück. Wenn diese Ausstossreduktionsziele überhaupt mit den Kyoto-Methoden erreicht würden, so wäre das nur ein Prozent von dem was Klimatologen als notwendig erachten, um die heutigen Treibhausgaskonzentrationen zu stabilisieren.
Eine Verminderung der Treibhausgaskonzentration in der Luft wird viele Jahrhunderte dauern, wenn überhaupt. Der Klimawandel ist also da und wird bleiben. Wir müssen uns also etwas einfallen lassen, um gescheit mit den Folgen umzugehen und die Treibhausgasemissionen nicht noch weiter zu steigern.
Am aussichtsreichsten und schnellst wirksam ist eine Relokalisierung und Verlangsamung der Wirtschaft. Eine allgemeine Reduktion der Geschwindigkeit und eine Umstellung auf Produktion von langlebigen Waren, welche weitestgehend dort hergestellt werden, wo sie auch gebraucht werden, können den Energieverbrauch und die Treibhausgasausstösse drastisch verringern.
Die Dringlichkeit der Umweltprobleme wird unterschätzt. Es geht nicht um die entfernten "künftigen Gererationen". Es geht um uns und unsere jetzt lebenden Kinder. Wir sind betroffen. In zehn oder zwanzig Jahren ist der Energienotstand da. Hungersnöte und Rohstoffkriege drohen. Westeuropa und die USA sind weitgehend von Energie-Importen abhängig. Wenn diese nach "Peak Oil" (maximale Öförderung) zusammenbrechen, sind alle unsere Strukturen und Transporte gefährdet. Dann wären wir froh, hätten wir die Herstellung eines Bestandteiles für die Zahrnarztpraxis nicht nach Ostasien ausgelagert, zum Beispiel. Und die Chinesen wären froh, hätten sie ihre Landwirtschaft geschützt, anstelle von Staudämme für Elektrizitätserzeugung zu bauen.
Die technischen Lösungsmöglichkeiten sind weitgehend nur Hoffnungen. Kohlendioxidablagerung in alten Minen und Kavernen, Filter: energetisch fragwürdig und mengenmässig nicht realisierbar. Ablagerung in Pflanzen: illusorisch, weil die Planzen ja wieder zerfallen und der Kohlenstoff in die Luft zurückkehrt. Aufnahme durch die Ozeane: wahrscheinlich weniger als theoretisch errechnet aber zudem das Biogleichgewicht in den Ozeane störend und zur schädlichen Übersäuerung des Wassers führend.
Ganz allgemein kann man mit Technik keine ausgestorbenen Arten wiederbeleben, zerstörten Regenwäder wiederherstellen, erschöpften Rohstoffe ersetzen. Die Theoretiker uas den Zunft der Wirtschafteswissenschaften sagen zwar, dass man Natur durch Kapital ersetzen kann. Kapital jedoch ist nur eine gegenseitige Verpflichtung, eine Leistung zu erbringen. Wenn die Grundstoffe fehlen, ist das Bankkonto nutzlos.
Das Kyoto-Protokoll spricht von "Clean Development Mechanism" (Saubere Entwicklungsmechanismen), "Joint Implementation" (gemeinsame Durchführung und von Emissions Trading" (Emissionhandel). Alle drei Massnahmen wurden von Anfang an von den Umweltorganistionen als unwirksam eingestuft.
Wenn Al Gore über Massnahmen für den Klimaschutz spricht, verlässt er sich weitgehend auf landläufiges, wie Hybridmotoren, Energiesparlampen, kleinere Autos, Änderung der Besteuerung und dergleichen. Unsere wirtschaftlichen Ziele stellt er nicht in Frage. So zum Beispiel in seiner Rede im September 2006 an der Universität von New York.
Dabei Ist unser überbordender Konsum das Grundübel, der durch die Wirtschaft nach Möglichkeit noch gefördert wird. Wir haben nie genug, heisst es. Wir wollen immer mehr, obwohl jedes Kind weiss, dass die Erde rund ist uns deswegen Grenzen gesetzt sind. Der Wirtschaft, der Politik ist's egal, obwohl wir heute die Erde bereits viel zu viel belasten.
Aber es ist reiner Wahnsinn, bei alledem noch wachsen zu wollen. Wirtschaftswachstum ist der allgegenwärtige Refrain (Kehrreim) in den Nachrichten. Alle singen im Chor ein Loblied aufs17:40 08.10.2006 Wirtschaftswachstum. Aber auch wenn dessen Vorteile eintreten, so bedeutet das nicht, dass die Endlichkeit der Ressourcen damit aufgehoben würden.
Das würden wir von Al Gore erwarten, dass er die Realitäten beim Namen nennt und und eine grundsätzliche Änderung fordert. Er hat das Macht dazu, das Geld und die Unabhängichkeit. Von Greenpeace oder Friends of the Earth kann man das nicht erwarten, weil sie auf Publikumsspenden und traditionelles Wohlverhalten angewiesen sind.
Eine Rede von Al Gore vom 16.9.2006 an der University of New York (Englisch), worin er seine Ansichten über die Möglichkeiten zum Beältigung der Probleme auseinandersetzt.
Obige Zeilen schickten wir mit folgendem Brief an Herrn Livingston, Radio DRS.