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Arnold Schwarzenegger macht es Doris Leuthard vor
Kalifornien will bis 2030 die Hälfte des Stroms mit Erneuerbaren produzieren – und das fast ohne Wasserkraft.
Kalifornien schöpft heute bereits 27 Prozent des Stroms aus erneuerbarer Energie. Das Ziel sind 50 Prozent, obwohl im Gegensatz zur Schweiz fast keine Wasserkraft vorhanden ist. Der grösste US-Bundesstaat erprobt jetzt grosse Batteriespeicher.
Kaliforniens Energiestrategie ist ein Vermächtnis von Arnold Schwarzenegger. Er war mehrfacher Bodybuildingweltmeister und agierte als wortkarger Terminator auf der Leinwand. Den bis anhin nachhaltigsten Einsatz absolvierte er jedoch in der Umweltpolitik. Als republikanischer Gouverneur läutete Arnold Schwarzenegger in Kalifornien 2005 mit dem Treibhausgasgesetz, dem «Executive Orders S-3-05», die Energiewende ein, mit dem Ziel, 33 Prozent der Elektrizität bis 2020 aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen.
Seit 2011 ausser Amt könnte er sich erneut der Filmerei oder Fitness widmen, zumal 2015 der demokratische Gouverneur Jerry Brown ein Nachfolgegesetz durchbrachte, das als strategisches Ziel vorgibt, bis 2030 die Hälfte des Stroms aus erneuerbaren Quellen zu produzieren.
Stand des Anteils der Erneuerbaren (grün), Ziel für 2020 (gelb) und Ziel für 2030 (grau). Quelle: Zielkontrolle der California Energy Commission.
Schwarzenegger wehrt sich gegen Donald Trump
Auf Kaliforniens politischem Webkanal «attn:» griff Schwarzenegger im letzten November Donald Trump scharf an, weil dieser die US-Umweltschutzbehörde EPA schleifen wollte, was er unterdessen auch tatsächlich eingeleitet hat. Angeblich schwächen Umweltvorschriften die US-Wirtschaft. «Das ist absoluter Blödsinn», wetterte Schwarzenegger und untermalte seine Aussage mit brachialen Faustschlägen sowie Bullshit-Kommentaren aus seinen Filmen. «Wir haben in Kalifornien», so die Webbotschaft des Ex-Gouverneurs, «klar aufgezeigt, dass man gleichzeitig die Umwelt schützen und die Wirtschaft voranbringen kann.» (Original-Appell hier)
Seine Aussage hört sich heute an, wie eine Brandrede in Richtung der Gegner der Energiestrategie 2050, über die am 21. Mai in der Schweiz abgestimmt wird.
Bereits ein Jahr zuvor hatte ihm die New York Times unter dem Titel «California leads a quiet revolution» in einer Reportage den Rücken gestärkt. Eine «Revolution» fand zwar nicht statt, aber revolutionär waren die rigorosen Vorschriften und Förderprogramme, die ihr Ziel nicht verfehlten. Heute schöpft Kalifornien bereits 27 Prozent der Elektrizität aus erneuerbaren Quellen.
Aufteilung des erneuerbaren Stroms
Was heisst hier aber erneuerbar? Ungleich der Schweiz, wo letztes Jahr 96 Prozent des erneuerbaren Stroms aus der Wasserkraft stammten, verfügt Kalifornien kaum über Wasserkraft. Ihr Anteil an den Erneuerbaren beträgt dort nur 4 Prozent. Den grössten Teil der Erneuerbaren machen die Windproduktion mit 39 Prozent aus, die direkte Sonnenenergie mit 26 Prozent, die Geothermie mit 19 Prozent und die Biomasse mit 12 Prozent.
Anteile an der 2016-Produktion von erneuerbarer Energie in Kalifornien. Quelle: «California Energy Commission». Grösseres Format hier.
Jährlich 65 bis 135 Millionen Dollars Subventionen
Um die Wende bis 2030 mit 50 Prozent Anteil erneuerbarer Energie zu schaffen, wurden seit 2002 über ein Dutzend Programme und Gesetze geschaffen, die von den Energielieferanten einen progressiven Anteil an verteilter erneuerbarer Energie verlangen und dessen Verwirklichung mit namhaften Beiträgen fördern, namentlich von 2001 bis 2007 jährlich 135 Millionen Dollar, 2008 bis 2011 jährlich 65,5 Millionen Dollar sowie von 2013 – 2020 jährlich 130 Millionen.
Während in Deutschland der subventionierte Ausbau von Ökostrom von 2005 bis 2015 mit einem Preisanstieg von über 50 Prozent für Haushalte erkauft werden musste, stieg in dieser Zeit der Durchschnittspreis in Kalifornien um rund 25 Prozent. Trotzdem sind die Stromrechnungen in Kalifornien durchschnittlich 20 Dollar tiefer als im Durchschnitt der USA, weil die Kalifornier dank grosser Investitionen in Sparprogramme etwa 40 Prozent weniger Elektrizität konsumieren. [Siehe «Milliarden für das Sparen von Strom statt für AKWs», Infosperber vom 26. April 2011]
Energiekonzern will – wie in der Schweiz – Betreiber von dezentralen Fotovoltaik-Anlagen zur Kasse bitten
Der kalifornische Energiekonzern, die «Pacific Gas and Electric Company», wehrt sich nicht gegen den gesetzlich verordneten Anstieg an erneuerbarer Energie, aber er fordert mit anderen Stromkonzernen höhere Preise von Häuserbesitzern, die nun in grösserer Zahl Strom aus eigener Fotovoltaikanlage beziehen, demzufolge kleine Stromrechnungen erhalten, im Bedarfsfall jedoch grosszügig Strom aus dem öffentlichen Netz ziehen. Höhere Strompreise für Kleinbezüger ist den Herstellern und Lieferanten von Fotovoltaikanlagen jedoch ein Dorn im Auge, denn sie befürchten, dass damit ihre potenziellen Kunden von Investitionen abgeschreckt würden.
Um die Balance zwischen den Abgaben zur Förderung erneuerbarer Energie und den wirtschaftlichen Interessen wird stets gerungen. Als Gouverneur Brown 2015 das Ziel von 50 Prozent erneuerbarer Energie für die Stromerzeugung gesetzlich festlegen liess, wurde ihm die ebenfalls vorgesehene 50-prozentige Reduktion des Benzin- und Dieselkonsums in den nächsten 15 Jahren aus dem Gesetz gekippt. Die Ölgesellschaften hatten sich erfolgreich dagegen gewehrt.
Politiker betonen immer wieder, dass Kalifornien die erneuerbare Energie im Einklang mit dem wirtschaftlichen Wachstum vorwärtsbringe. Die New York Times zitiert im Sinne von Schwarzeneggers plakativer Botschaft den damaligen kalifornischen Senator Kevin de León: «Wir verzeichnen kontinuierliches Wirtschaftswachstum, haben 2014 498‘000 neue Jobs geschaffen, mehr als jeder andere Staat im Land, und trotzdem die CO2-Emissionen im grossen Masse reduziert.»
Batterien anstelle veralteter Gaswerke
Die Probleme des zunehmenden Anteils an erneuerbarer Energie liegen anderswo. Wenn nachts oder bei Windstille kein Strom aus den Zellen oder über die Windgeneratoren fliesst, dann muss Strom hauptsächlich über Gasturbinen gewonnen werden. Kohlekraftwerke produzieren noch rund 6 Prozent des produzierten Stroms. Die Kapazität während dieser Umstellung ist gegenwärtig noch vorhanden. Wie aber David Olsen, Leiter des unabhängigen staatlichen Stromnetzwerks der NYT anvertraute, müsste eine Lösung gesucht werden, sobald der Anteil der erneuerbaren Energie auf 40 Prozent oder mehr steigt.
Die rigorose grüne Politik Schwarzeneggers erzwingt deshalb den nächsten technischen Fortschritt der grünen Wirtschaft: die Entwicklung von grossen Speichern, im Falle von Kalifornien von Batteriespeichern. Wie die New York Times unlängst in einer weiteren Reportage zu Kaliforniens Energiestrategie berichtete, war es zunächst der deregulierte Strommarkt, der wegen unsteten Gaslieferungen des Industriekonzerns Enron zu Stromunterbrüchen führte und so den damaligen Gouverneur Schwarzenegger mit seiner Umweltpolitik auf den Plan rief. In der Folge wurde in Wind- und Sonnenenergie investiert. Die Erneuerung der Gaskraftwerke hingegen wurden vernachlässigt, worauf im Oktober 2015 ein Gasleck zur grössten Umweltkatastrophe Kaliforniens führte. Tonnenweise ausströmendes Methan und Chemikalien machten die Evakuation von 8300 Haushalten nötig.
Das Desaster brachte die Wende. Um Stromlücken zu überbrücken, investierten die Elektrokonzerne nun in Batterien als Stromspeicher. «Eine gewagte und risikoreiche Lösung», urteilte die New York Times Mitte Januar. Zurzeit werden drei Batterie-Speicherwerke installiert. Das grösste im Industriepark von Escondido umfasst laut NYT 19‘000 Batterie-Module, je so gross wie eine Küchenschublade. Die Module werden in zwei Dutzend grossen Anhängern zu Racks montiert. Die hier gespeicherte Energie soll während vier Stunden 20‘000 Häuser mit Strom beliefern können. Den Auftrag, um die Lithium-Ionenbatterien von Samsung, LG Chem und Panasonic zu Racks zusammenzuschliessen, hat der in Arlington domizilierte AES-Energiekonzern erhalten, der laut NYT Schulden von Milliarden Dollars buckeln muss. AES forscht und entwickelt seit 2006 die Batteriespeichertechnik und hofft, damit den Turnaround zu schaffen. Eine weitere, kleinere Speicherkapazität baut AES in einem Vorort von San Diego auf, und Tesla, der Konzern von Elon Musk, schliesslich erstellte einen Batteriespeicher in der Nähe von Chino.
Optimismus und Zukunftsglaube
Risikoreich nannte die New York Times die Investition in die Batteriespeichertechnik mit dem Hinweis auf eine Pionierinstallation in Hawaii mit 12‘000 Bleibatterien, die 2012 in Flammen aufging. Vorbehalte im Hinblick auf die Batteriezukunft äusserte gegenüber der NYT auch Susan Kennedy, die an Schwarzeneggers Seite dessen Umweltpolitik orchestrierte: «Im Falle eines Fehlschlags würden keine weiteren Anlagen mehr gebaut.»
Wohl typisch amerikanisch in dieser jahrzehntelangen, von Schwarzenegger initiierten Umweltpolitik ist jedoch der unerschütterliche Glaube an die Technik und an die Zukunft der erneuerbaren Energien. Der Glaube (oder die Hoffnung) versetzt bekanntlich Berge.
Der Batteriespeichertechnik in Kalifornien wollen jetzt mit AES und Tesla zwei Firmen zum Durchbruch verhelfen, die hoch verschuldet sind. Tesla buckelt ein Defizit von über 6,8 Milliarden Dollars. Dennoch beträgt sein Marktwert an der Börse über 51 Milliarden Dollars und damit mehr als GM mit 50,89 Milliarden.
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Keine
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