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«Du musst genau wissen, wie die Darstellerinnen sich fühlen und wie sie sprechen, um so zu singen, wie sie singen würden – wenn sie singen könnten», soll Marni Nixon einmal gesagt haben.
Nixons Goldkehle war lange Zeit eines der bestgehüteten Geheimnisse Hollywoods. Das «Time»-Magazin bezeichnete Nixon 1964 als Hollywoods «ghostess with the mostest»: als Geist mit dem gewissen Etwas.
Schwer zu sagen, in wie vielen Filmen Nixons Sopranstimme zu hören ist. Denn die meisten Einlagen der Sängerin wurden weder im Abspann noch auf den Soundtrack-Alben genannt.
Broadway und Hollywood
Sicher ist: Mehrere Dutzend Male lieh Nixon bekannten Leinwand-Diven der 1950er- und 1960er-Jahren ihre Stimme. Manchmal für ganze Parts, manchmal auch nur für eine Zeile, eine Note.
Nicht nur als Gesangsdouble war sie ein Profi: Neben ihrer heimlichen Leinwandkarriere stand Nixon auch als Broadway- und Opernsängerin auf der Bühne.
Hollywoods Geist mit der Goldkehle starb am 25. Juli 2016 mit 86 Jahren an Brustkrebs, wie die «New York Times», Link öffnet in einem neuen Fenster meldete.
Wir haben aus diesem Anlass noch einmal die bekanntesten Leinwand-Auftritte der Sängerin zusammengetragen.
1. Für Natalie Wood in «West Side Story» (1961)
«I feel pretty ...» – Nixons wohl ohrwurmtauglichster Stimmeinsatz war der für Natalie Wood in «West Side Story». Wood war allerdings alles andere als erfreut über das Stimmdouble. Sie sang beim Dreh alle Szenen selbst, ihre eher schrille Stimme wurde im Nachhinein jedoch Ton für Ton nachsynchronisiert – eine teils mühselige Angelegenheit. «West Side Story» erhielt 1961 den Oscar als bester Film. Der Name Nixons und der anderen Sängerdoubles tauchten im Abspann aber nicht auf.
2. Für Marilyn Monroe in «Gentlemen Prefer Blondes» (1953)
Nixon verewigte sich auch in einem der berühmtesten Filmlieder der Welt: In Marilyn Monroes «Diamonds Are a Girl's Best Friend» übernahm sie die schwierigen, hohen Töne – etwa im zweiten Teil des Textes «But square-cut or pear-shape / These rocks don’t lose their shape». Den Rest der Nummer sang Monroe selbst: mit gekonnt laszivem, tiefem Timbre.
3. Für Deborah Kerr in «The King and I» (1956)
«Wenn irgendwer jemals erfährt, dass du Deborah Kerr synchronisiert hast, sorgen wir dafür, dass du in dieser Stadt keinen Job mehr kriegst», drohte das Filmstudio Twentieth Century Fox Nixon 1956. Vor dem Dreh von «The King and I» musste Nixon daher vertraglich versprechen, über ihre Gesangseinlagen zu schweigen. Doch Hauptdarstellerin Deborah Kerr war froh über die musikalische Unterstützung. Damit ihre Stimmen perfekt verschmelzten, wollte Kerr ihr Gesangsdouble bei den Proben ständig um sich haben.
Ein Erfolg: Kerr wurde als Lehrerin Anna für den Oscar nominiert – und gab später als erste Schauspielerin zu, dass Nixon einen Teil ihrer Rolle gesungen hatte: Hollywoods Geheimnis war gelüftet.
Ein Jahr später borgte Nixon Kerr ihre Stimme ein zweites Mal als Nachtclub-Sängerin in «An Affair to Remember» (1957)., Link öffnet in einem neuen Fenster
4. Grossmutter Fa in «Mulan» (1998)
Ein kleiner, aber feiner Auftritt: 1998 sang Nixon einen kurzen Part im Disneyfilm «Mulan». Sie übernahm einige gesungenen Zeilen der Grossmutter Fa im Lied «Honor to us All». «Beads of Jade for Beauty / You must proudly show it», säuselt die Alte (gesprochen von June Foray) im englischen Original, während ihre Enkelin Mulan heiratstauglich gemacht wird.
5. Für Audrey Hepburn in «My Fair Lady» (1964)
Audrey Hepburn arbeitete hart, um Eliza Doolittle in «My Fair Lady» zu singen: Sie liess sich unter anderem von ihrer damaligen Freundin Marni Nixon unterrichten. Bei «Moon River» in «Breakfast at Tiffanys» oder im Film «Funny Face» hatte Hepburns Stimme gut funktioniert. Aber an der schwierigen Musical-Musik von Frederick Loewe scheiterte die Schauspielerin (die Originalaufnahmen kann man hier hören, Link öffnet in einem neuen Fenster). Nixon sprang zur Nachvertonung, Link öffnet in einem neuen Fenster ein. «My Fair Lady» gewann den Oscar als bester Film, Hepburn wurde jedoch nicht einmal nominiert: Wohl weil die Presse Wind von der Synchron-Singstimme bekommen hatte. Nixon spielte Eliza Doolittle übrigens im selben Jahr, 1964, am New Yorker Broadway.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 25. Juli 2016, 16:30 Uhr