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(spr. törn-), eine dem
Berliner Blau
[* 5] (s. d.) sehr ähnliche
Farbe, die beim Vermischen von Lösungen von
Eisenvitriol mit rotem
Blutlaugensalz als schöner feuriger dunkelblauer Niederschlag ausfällt. Turnbullblau hat
die Zusammensetzung Fe3[Fe(CN6)]2 = Fe5(CN)12 und ist als das
Eisenoxydulsalz der Ferricyanwasserstoffsäure
(s.
Ferridcyan) aufzufassen.
die Gesamtheit der zu zweckbewußter, geregelter, harmonischer Ausbildung des Körpers dienenden
Leibesübungen.
Die
Turnkunst ist demnach wesentlich verschieden von dem Sportswesen, welchem die einseitige Ausbildung einzelner Bewegungsarten
bis zu der höchstenSteigerung bezweckt, und von der Athletik, bei der dergleichen Bestrebungen berufs-
und handwerksmäßige
Arbeit sind.
Bei Einführung des in das Ganze der Erziehung lehnte man sich unter Benutzung der Überlieferungen aus den Fecht- und Voltigiersälen
der Ritterakademien und
Universitäten an das von den alten Griechen hierüber Bekannte an, und daher
nannte man auch anfangs diesen neuen Unterrichtszweig Gymnastik.Fr. L. Jahn gebrauchte zuerst dafür das Wort Turnen, indem er
glaubte, daß es ein urdeutsches Wort sei, das von dem altdeutschen turnan (drehen) herkomme; es ist jedoch im
Altdeutschen
nicht nachzuweisen (dies kennt nur turnei
[Turnier] und turnieren) und wahrscheinlich erst im Neuhochdeutschen
aus franz. tourner entlehnt.
Wenn auch alle Kulturvölker des
Altertums die
Leibesübungen als förderlich für die
Führung der Waffen
[* 6] schätzten, so wurden
sie doch nur bei den alten Griechen als Volkserziehungsmittel gepflegt. (S. Gymnastik.)
Bei den alten
Deutschen waren mancherlei
Leibesübungen im Gebrauch. Im Mittelalter war die Erziehung der
Ritterjugend eine vorwiegend turnerische. Ritterbuben und
Knappen hatten eine schwere und harte Schule durchzumachen, um den
Grad von Gewandtheit, Kraft
[* 7] und Ausdauer sich zu verschaffen, der für die in Ritt, Kampf und
Turnier gipfelnde ritterliche
Waffenkunst unentbehrlich war. Darauf aber trat eine
Periode der Vernachlässigung ein; erst das Wiederaufblühen
der klassischen
Studien führte zu besserer Erkenntnis. Unter den
Humanisten wiesen wiederholt
Männer von Bedeutung auf die
Wichtigkeit der von den Griechen eifrig gepflegten Gymnastik hin.
Luther und
Zwingli lobten und empfahlen die
Leibesübungen.
Der ital.
Arzt Hieron. Mercurialis (gest. 1606) gab in seinem
Kaiser Maximilian II. gewidmeten Werke «De
arte gymnastica» (Vened. 1569 u. ö.; Amsterd.
1672) eine ausführliche
Darstellung der antiken Gymnastik und wies auf die nützliche Wirkung der einzelnen Übungen hin.
Comenius, der franz.
Philosoph Montaigne, der engl.
Arzt Locke, J. J.
Rousseau in seiner Erziehungsschrift «Émile ou l'éducation»
(1762) traten für die Wichtigkeit der
Leibesübungen bei dem Werke der Erziehung ein.
Schon 1758 hatte
Basedow in der von ihm verfaßten «Praktischen
Philosophie für alle
Stände» bei der Besprechung der Erziehung und des Unterrichts
die
Leibesübungen nicht vergessen. Er fügte daher dieselben auch, als zum Ganzen der Erziehung gehörig, in den Unterrichtsplan
seines 1774 in
Dessau
[* 8] eröffneten Philanthropin ein.
Die nach diesem Vorbild bald anderwärts begründeten Erziehungsanstalten thaten ein
Gleiches. Unter diesen wurde besonders
die von Salzmann 1784 in Schnepfenthal bei Gotha
[* 9] geschaffene für die Turngeschichte dadurch von Bedeutung, daß von 1786 an
GutsMuths (s. d.) als Turnlehrer an ihr wirkte. Dessen praktische, vor allen
Dingen aber seine schriftstellerische Thätigkeit gab weithin Anregung zur
Aufnahme des in den Schulen.
Seine «Gymnastik für die
Jugend» (Schnepfenthal 1793; 2. Aufl. 1804) wurde in mehrere
Sprachen übersetzt, und die ähnliche
oder gleiche Ziele verfolgenden Bestrebungen von Nachtegall in
Dänemark,
[* 10] Ling in
Schweden,
[* 11] Clias in der
Schweiz,
[* 12] Amoros in
Frankreich sind auf GutsMuths zurückzuführen. Nicht ohne Bedeutung verblieb das von seinem Zeitgenossen
Vieth in
Dessau herausgegebene Werk «Versuch einer
Encyklopädie der
Leibesübungen» (2
Tle., Berl. 1794-95; 2. Aufl., 3
Tle.,
Lpz. 1818) und
Pestalozzis Schrift
«Über Körperbildung. Als Einleitung auf den Versuch einer Elementargymnastik»
(Aarau
[* 13] 1807).
War man bisher meist bemüht gewesen, den
Leibesübungen besonders in geschlossenen Erziehungsanstalten
das Feld zu ebnen, so gingFr. L. Jahns Bestreben dahin, das Turnen zur allgemeinen Volksangelegenheit zu machen. In seinem Werke
«Deutsches Volkstum» (Lüb. 1810; neu hg. in Reclams «Universalbibliothek»)
hatte er den
Plan zu einer volkstümlichen Erziehung entworfen. Geleitet von dem
Gedanken, die Volkskraft
zu stärken und den Volksgeist zur
BefreiungDeutschlands
[* 14] vom Franzosenjoch zu heben, eröffnete er im
Frühjahr 1811 in der
Hasenheide bei
Berlin
[* 15] den ersten öffentlichen Turnplatz.
Das Vorgehen fand großen Anklang, und in andern Orten wurden nach diesem
Muster gleiche Anstalten errichtet. Die
Befreiungskriege
entvölkerten die Turnstätten, indem die
Turner zu den Waffen griffen.
Neuen Aufschwung nahm die Turnsache
nach den Feldzügen, zumal die preuß. Regierung derselben besondere
Aufmerksamkeit widmete. Von wesentlicher Bedeutung für
die Verbreitung und einheitlichere Gestaltung des Turnen wurde das von Jahn und E. Eiselen veröffentlichte, in seiner
Art vorzügliche und epochemachende Werk «Die deutscheTurnkunst, zur Einrichtung der Turnplätze dargestellt»
(Berl. 1816). Eigentümlich war dem Jahnschen Turnen die
Einteilung der drei- bis vierstündigen Turnzeit in
Turnschule, Turnkür
und
Turnspiel. Neben der streng systematischen
Leibesübung legte Jahn großen Wert auf das
Turnspiel, bei dem sich die
Turner
in größern
Massen nach einfachen Gesetzen zu freier Thatäußerung vereinigten. Das Gerätturnen herrschte
jedoch vor, und hier traten Reck und
Barren als neu auf.
Die sich bald nach den
Befreiungskriegen fühlbar machende Reaktion richtete ihr Augenmerk auch auf die
Turnkunst, weil Jahn
und seine
Anhänger die Gewährleistung der vor den Kämpfen gegebenen Versprechungen auf freiheitliche Gestaltung
Deutschlands¶
forlaufend
forderten. Daher versuchte man die Turnsache durch allerlei Verdächtigungen in Mißkredit zu bringen, wozu Jahns derbes
Wesen, seine rücksichtslose Sprache
[* 17] in seinen Vorträgen über Volkstum im Winter 1817 und die sich in einigen äußerlichen
Absonderlichkeiten ergebenden Turner willkommene Angriffspunkte boten. Die sog. «Turnfehde»
in Breslau
[* 18] bewog die Regierung zur vorläufigen Schließung der Turnplätze in Breslau und Liegnitz.
[* 19] Als
darauf die Kunde von der erfolgten Ermordung Kotzebues durch Sand, der Burschenschafter und Turner war, nach Berlin
kam, glaubte man an eine staatsgefährliche Verschwörung. Friedrich Wilhelm III. unterschrieb nun nicht den ihm schon vorliegenden
Organisationsplan zur Einrichtung von Turnanstalten in Preußen;
[* 20] Jahn und andere Patrioten wurden verhaftet
und sämtliche öffentliche preuß. Turnanstalten geschlossen.
Nur wenige Turnanstalten blieben von der Turnsperre unberührt. Doch gründeten sich trotz der Ungunst der Zeitumstände bald
wieder neue. In Stuttgart
[* 21] geschah dies 1822 durch den spätern Oberstudienrat von Klumpp, der sich auch durch die Schriften:
«Das Turnen. Ein deutsch-nationales Entwicklungsmoment» (Stuttg.
1842),
«Die Erziehung des VolKs zur Wehrhaftigkeit» (1866) verdient machte. König
Ludwig I. von Bayern
[* 22] berief bald nach seinem Regierungsantritt Maßmann (s. d.) nach München
[* 23] znr Übernahme des Turnunterrichts
beim Kadettenkorps und bei den königl. Kindern, und 1828 wurde eine öffentliche Turnanstalt in München errichtet.
Zu gleicher Zeit geschah dies vom Oberbürgermister und LandratFrank in Magdeburg;
[* 24] unterstützt wurde derselbe von C. F.Koch,
der mit seiner schätzenswerten Schrift «Die Gymnastik aus dem Gesichtspunkt der Diätetik und Psychologie» (Magdeb. 1830)
besondere Dienste
[* 25] leistete.
Eiselen hatte es dahin gebracht, daß er schon 1825 in Berlin wieder einen Fecht- und Voltigiersaal eröffnen
durfte. Vielen Anklang fand Werner in Dresden
[* 26] mit seinem von 1831 an erteilten, auf Äußerlichkeiten großen Wert legenden
Turnunterricht. Von nachhaltigerer Bedeutung wurde Heubners turnerische Thätigkeit in Plauen
[* 27] i. V.,
indem die von ihm 1833 gegründete Anstalt für viele Orte Anregung zu gleichem Vorgeben gab. Großen
Vorschub leistete weiter dem Turnen der durch Lorinsers Schrift «Zum Schutze
der Gesundheit in den Schulen» (Berl. 1838) hervorgerufene Schulstreit, der mit einem Siege der Turnsache endigte. Zu allgemeinem
Aufschwung gelangte dieselbe aber, als König Friedrich Wilhelm IV. am durch Kabinettsorder das Turnen «als
notwendigen und unentbehrlichen Bestandteil der gesamten männlichen Erziehung» bezeichnete.
Maßmann wurde für die Oberleitung des Turnwesens in Preußen nach Berlin berufen. An vielen Orten beeilte man sich, das an den
Schulen einzuführen, auch traten nunmehr häufiger Erwachsene zu gemeinsamem Turnen zusammen und bildeten Turnvereine. 1816 stellten
sich denselben vier Zeitschriften als Vereinsorgane zur Verfügung, von denen «Der Turner», von Steglich
in Dresden redigiert, das bedeutendste war und das sich auch am längsten, bis 1852, erhielt.
Die Jahnsche Turnschule hatte zwar ihrer Zeit genug gethan; allein man fühlte das Bedürfnis, der Turnsache andere Stütz-
und Zielpunkte zu geben. Mancherlei Lücken und Schwächen traten zu Tage; das vorwiegende an künstlichen
Vorrichtungen wollte namentlich nicht
für die jüngern Altersstufen als geeignet erscheinen, und die Anhäufung großer
Schülermassen auf den Turnplätzen wurde für die turnerische und harmonische Entwicklung des Einzelnen als wenig ausgiebig
erachtet. Es war daher ein Fehler, daß Maßmann 1844 das Turnwerk in Preußen genau so wieder aufnahm,
wie es 1819 liegen geblieben war, und sich gegenüber den Neuerungen und Verbesserungen von Ad.
Spieß ablehnend verhielt. Da die preuß. Regierung MaßmannsRichtung wenig fruchtbringend fand, begünstigte sie die schwedische
Gymnastik (s. Heilgymnastik), auf die man in Deutschland
[* 28] namentlich durch H. E. Richters Schrift «Die schwed.,
nationale und mediz. Gymnastik» (Dresd. 1845) aufmerksam geworden war.
Der vom preuß. Kriegsminister zum Studium dieser Gymnastik nach Schweden entsendete Rothstein wurde ein so fanatischer Vertreter
derselben, daß er als Leiter der 1851 begründeten Centralturnanstalt zu Berlin alle Mittel in Bewegung setzte, um das deutsche
Turnen ganz zu verdrängen. Als er sich jedoch anschickte, die Hauptgeräte Reck und Barren zu verwerfen, traten
die Hauptvertreter des deutschen aus den Kreisen der Ärzte und Turnlehrer gegen ihn auf. Als auch in höchster Instanz die
wissenschaftliche Deputation für das preuß. Medizinalwesen sich in einem umfänglichen Gutachten
im Sinne der Vertreter des deutschen Turnen ausgesprochen hatte, endigte dieser zur Aufklärung der verschiedenen
Anschauungen und auch den Reformen der deutschen Turnkunst förderliche Turnstreit.
Mittlerweile hatte Ad. Spieß durch seine glückliche Erfindungsgabe und sein bedeutendes Lehrgeschick die Turnkunst stofflich
bereichert und methodisch vervollkommnet, und zwar in Berücksichtigung der Eigenartigkeit beider Geschlechter. Er trat
mit ganz neuen Forderungen für das Turnen der Schulen auf: Turnhaus und Turnplatz sollten in unmittelbarer Nähe der Schulen
vorhanden sein, damit die Turnstunden in die übrigen Schulstunden eingereiht werden könnten;
jede Schulklasse sei auch
als Turnklasse zu behandeln, deren turnerische Unterweisung nicht durch Vorturner, sondern unmittelbar durch den Lehrer
zu erfolgen habe;
das Princip der Gemeinthätigkeit sei nicht bloß bei den Frei- und Ordnungsübungen, sondern womöglich
auch bei den Gerätübungen anzuwenden, wozu die Geräteausstattung des Turnraums passen müsse;
die Turnstunden seien auf
die Tage zu verlegen, in denen sich Schul- und Arbeitsstunden häuften.
Die Spießschen Grundsätze haben sich allmählich
allgemeine Anerkennung verschafft.
Für die weitere Entwicklung des Schulturnens war die Gründung von Turnlehrerbildungsanstalten von großem Einfluß. In Dresden
geschah dies von der sächs. Regierung 1850 unter Berufung von Kloß als Direktor. Seit 1881 ist dort dessen Nachfolger W.
Bier erfolgreich thätig. Preußen gründete 1851 die Centralturnanstalt in Berlin für Militär- und Civilturnlehrer
zugleich. Bis 1863 stand derselben H. Rothstein vor, der ausschließlich das schwed. System begünstigte. Nach seiner Entfernung
zog allgemach das deutsche Turnen ein. Bei der 1877 erfolgten Trennung in eine besondere Militärturnanstalt, in welcher ein Turnen, wie
es den Vorschriften über Militärturnen entspricht, getrieben wird, und in eine besondere Civilturnlehreranstalt
wurde Schulrat Dr. Euler (s. d.) zum Dirigenten der
letztern ernannt. Für Württemberg
[* 29]
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