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Autonome diabetische Neuropathie – wenn die inneren Organe nicht richtig funktionieren
Die autonome diabetische Neuropathie führt zu Funktionsstörungen innerer Organe, zum Beispiel des Herzens, des Magendarmtrakts oder der Harnwege und Geschlechtsorgane. Bei guter Blutzuckereinstellung kommt es seltener zu einer autonomen Neuropathie. Zur genauen Diagnose ist meistens eine fachärztliche Untersuchung nötig. Mit einem speziellen Fragenkatalog kann jede Diabetikerin und jeder Diabetiker selbst abschätzen, ob eine autonome Neuropathie vorliegen könnte.
Diabetische Neuropathien
Der Begriff «Diabetische Neuropathie» umschreibt diabetesbedingte Schädigungen der Nerven, die das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) mit dem restlichen Körper verbinden. Die Folgen, die solche Neuropathien haben, sind abhängig davon, welches Organ oder welches Organsystem von der Nervenschädigung betroffen ist. Eine Übersicht dazu ist in der Tabelle (Seite 11) aufgelistet.
Die Ursachen, die zu diabetischen Nervenschädigungen führen, sind vielfältig. Meistens kommen mehrere Faktoren zusammen. So sind neben Durchblutungsstörungen der Nervenbahnen mechanische Faktoren (z. B. Druck auf den Nerv) und diabetesbedingte Stoffwechselstörungen die wichtigsten auslösenden Faktoren. Daneben spielen aber auch erhöhter Blutdruck, erhöhte Blutfette (Cholesterin), Nikotin- oder Alkoholkonsum eine wesentliche Rolle.
Im Folgenden wird in diesem Artikel ausschliesslich auf die sogenannte «autonome Neuropathie» eingegangen. Die diabetischen Nervenschädigungen im Bereich der Füsse und der Unterschenkel wurden bereits in «d-journal» Nr. 212, 2011, dargestellt.
Autonome Neuropathie
Sind Nerven, die die inneren Organe (Herz, Blutgefässe, Magendarmtrakt, Harnblase, Drüsen usw.) mit dem Zentralnervensystem verbinden, von einer Neuropathie betroffen, spricht man von «autonomer Neuropathie». Die Bezeichnung «autonom» bezieht sich auf die Steuerung dieser Organe, die nicht willentlich beeinflusst werden kann, sondern eben autonom ist. Dabei sind nicht unbedingt alle Organe gleichzeitig oder gleich stark betroffen. In den meisten Fällen lässt sich bei Vorliegen einer autonomen Neuropathie auch eine sogenannte periphere sensomotorische Neuropathie nachweisen (siehe Tabelle). Das Vollbild mit Befall aller Organe ist extrem selten. Die Häufigkeit der autonomen Neuropathie unter den von Diabetes betroffenen Menschen ist nicht genau bekannt. Schätzungen gehen von 10 bis 50 Prozent aus.
Autonome Neuropathie des Herz-Kreislauf-Systems
Das Herz und die Blutgefässe bilden zusammen das Herz-Kreislauf-System, welches die Blutzirkulation und den Blutdruck aufrechterhält. Schädigungen der Nerven, die in diesem System involviert sind, führen zu Blutdruckinstabilitäten, wie z. B. Blutdruckabfall beim Aufstehen nach längerem Sitzen oder Liegen, was zu Schwindelanfällen oder kurzzeitigem Bewusstseinsverlusten führen kann.
Wenn Nerven betroffen sind, welche die Herztätigkeit kontrollieren, ist meistens als erstes Zeichen eine dauernd erhöhte Herzaktion zu beobachten, die sich im Gegensatz zu herzgesunden Personen nicht der aktuellen körperlichen Belastung anpasst (steter beschleunigter Puls, auch in Ruhe). Bei fortgeschrittener Neuropathie können Nervenschädigungen dazu führen, dass Durchblutungsstörungen des Herzens, die sich üblicherweise als Herzschmerz (sog. «Angina pectoris») äussern, nicht wahrgenommen werden. Fachlich korrekt spricht man hier von der sogenannten «stummen Ischämie» des Herzens. Auch Störungen der elektrischen Erregungsausbreitung in der Herzmuskulatur und Herzschwäche können Folgen einer autonomen Neuropathie des Herzens sein.
Autonome Neuropathie des Verdauungssystems
Ist das Verdauungssystem betroffen, wird Verstopfung als häufigstes Problem genannt. Im Magen kann die autonome Neuropathie eine verzögerte Magenentleerung zur Folge haben, was als «Gastroparese» bezeichnet wird. Diese kann sich in schweren Fällen mit anhaltender Übelkeit, Blähungsgefühl und Appetitverlust äussern.
Ist neuropathiebedingt die Nahrungsaufnahme, also auch die Kohlenhydrataufnahme, aus dem Magendarmtrakt gestört, können schwankende Blutzuckerwerte oder Hypoglykämien, die typischerweise nach dem Essen auftreten, beobachtet werden.
Sind die Nervenbahnen zur Speiseröhre betroffen, treten Schluckprobleme auf, während Nervenschädigungen im Bereich des Darmes die bereits erwähnte Verstopfung, oft auch alternierend mit Durchfall (vor allem nachts), bewirken.
Autonome Neuropathie des Harnblasentrakts
Hauptsymptom ist die unvollständige Blasenentleerung beim Wasserlösen. Die daraus resultierende ständig verbleibende Restharnmenge in der Harnblase begünstigt Urin-Infekte.
Harninkontinenz tritt dann auf, wenn bei voller Harnblase der Entleerungsdrang nicht verspürt wird, und die Blase sich wegen Überfüllung unkontrolliert von selbst entleert.
Autonome Neuropathie der Geschlechtsorgane
Häufigste Beschwerden beim Mann sind Erektions- oder Ejakulationsstörungen. Bei der Frau sind eine trockene Scheide oder Orgasmusschwierigkeiten typische Folgen der autonomen Neuropathie.
Autonome Neuropathie der Schweissdrüsen
Sowohl ungenügende Schweissabsonderung (typisch sind trockene und spröde Füsse) als auch vor allem nächtlich diffuses Schwitzen sind typische Beschwerden dieser Neuropathieform.
Autonome Neuropathie und Augen
Hier ist vor allem die Anpassung an helle oder dunkle Umgebung betroffen, was z. B. zu Sehschwierigkeiten nachts (beim Autofahren) führen kann.
Autonome Neuropathie und Hypoglykämien
Üblicherweise führen tiefe Blutzuckerwerte (Hypoglykämien) zu Symptomen wie Schwitzen, Herzklopfen und allgemeinem Unwohlsein, sodass die betroffenen Diabetikerinnen und Diabetiker rechtzeitig Kohlenhydrate einnehmen können, bevor ein gefährlich tiefer Blutzuckerwert entsteht. Bei Patienten mit einer autonomen Neuropathie können diese Alarmsymptome abgeschwächt sein oder fehlen, was als Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung bezeichnet wird.
Wie wird eine autonome Neuropathie diagnostiziert?
Je nach vorherrschender Symptomatik sind zur genauen und sicheren Diagnose meistens Untersuchungen durch entsprechende Spezialärzte erforderlich. Diese messen z. B. die Variabilität des Herzschlages unter unterschiedlicher körperlicher Belastung, die Blutdruckreaktion beim Aufstehen aus liegender oder sitzender Position, die Magenentleerung und die Schweissekretion oder führen Druckmessungen in der Harnblase oder genauere Abklärungen sexueller Störungen durch. Dabei ist es auch sehr wichtig, andere Krankheitsursachen auszuschliessen.
Wie wird eine autonome Neuropathie behandelt?
Ein erster Schritt ist eine Normalisierung der Blutzuckerwerte, um weitere Nervenschädigungen zu verhindern. Dabei ist zu beachten, dass sich die Symptome bei verbesserter Blutzuckereinstellung manchmal zunächst noch etwas verschlechtern, sich aber längerfristig verbessern können. Bei Magenbeschwerden sind Anpassungen der Nahrungszufuhr (z. B. mehrere kleine Mahlzeiten anstelle weniger grosser) und/oder Medikamente zur beschleunigten Magenentleerung erforderlich.
Schwindel und Kreislaufprobleme können durch Tragen von Kompressionsstrümpfen, körperliches Training, langsames, vorsichtiges Aufstehen und kreislaufstützende Medikamente therapeutisch angegangen werden.
Harnwegsinfekte, die Beschwerden verursachen, müssen antibiotisch behandelt werden. Als Präventionsmassnahme ist auch auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten. Menschen mit Harninkontinenz sollten regelmässig, unabhängig vom Harndrang, etwa alle drei Stunden, die Blase entleeren.
Beim Mann werden Erektionsstörungen nach Ausschluss anderer organischer Ursachen häufig mit Medikamenten (siehe «d-journal» Nr. 210/11) oder technischen Hilfsmitteln wie der Vakuumpumpe angegangen. Bei der Frau kann eine trockene Scheide mit einem Feuchtigkeitsgel behandelt werden.
Bei Störungen der Schweisssekretion mit trockener und rissiger Haut müssen entsprechende Hautpflegemittel angewendet werden (vgl. «Pflege des diabetischen Fusses», «d-journal» Nr. 206/10)
Früherkennung der autonomen Neuropathie
Es gibt keine einfachen Tests zum Nachweis einer autonomen Neuropathie. Aus dem bereits Gesagten ergibt sich, dass aufgrund der Symptomvielfalt und der recht komplizierten, zum Teil auch belastenden Abklärungsverfahren nicht grundsätzlich jeder Diabetiker oder jede Diabetikerin à fond auf eine autonome Neuropathie abgeklärt werden muss. Wichtig ist, dass bei Vorliegen einer senso-motorischen Neuropathie oder bei typischen Befunden oder Beschwerden an das Vorliegen einer autonomen Neuropathie gedacht wird. Der diesem Artikel beigefügte Fragebogen kann hilfreich sein, Menschen, die an einer autonomen Neuropathie leiden, bereits im Frühstadium zu erkennen: Je mehr Fragen mit «Ja» beantwortet werden, umso wahrscheinlicher ist das Vorhandensein einer autonomen Neuropathie, und es bedarf dann allenfalls der weiteren Abklärung durch einen entsprechenden Facharzt.
Dr. med. Alexander Spillmann