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Die Aare verbindet
Luca Hänni ist einer der Hauptacts am Brugger Stadtfest. Er möchte das... Weiterlesen
von
Beni Herzog
07. August 2019
10:15
Beim Überqueren des Stauwehrs des Kraftwerks Wildegg-Brugg zwischen Villnachern und Schinznach-Bad vernimmt man vielstimmiges Vogelgekreisch, das nach einer Seeschwalbenkolonie klingt. Auf dem Flachdach eines Mittelpfeilers sind einige der weiss-schwarzen Vögel mit auffällig roten Schnäbeln auszumachen. Beim genaueren Hinsehen entpuppen sich die Seeschwalben jedoch als Kunststoff-Attrappen und das Kreischen kommt aus einem Lautsprecher. Hat sich hier jemand einen Jux erlaubt, indem er den vorbeigehenden Wanderern Natur vortäuscht, die gar nicht vorhanden ist? Nein – die Installation gehört zu einem Wiederansiedlungsprojekt für Flussseeschwalben und soll nicht vorbeigehende Passanten täuschen, sondern vorbeiziehende Vögel neugierig machen und anlocken.
Blicken wir zurück: Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war die Flussseeschwalbe bei uns die häufigste und am weitesten verbreitete Art unter den Möwen und Seeschwalben. Sie brüteten in Kolonien auf Kies- und Sandbänken an den damals noch frei fliessenden grossen Mittellandflüssen. Die Verbauung der Flüsse für den Hochwasserschutz, die Wasserkraftnutzung und die Kiesgewinnung führten zum fast vollständigen Verlust dieser natürlichen Brutplätze. Die letzte Kolonie im Aargau befand sich bis 1949 an der Aare zwischen Wildegg und Holderbank und wurde beim Bau des Kraftwerks aufgegeben. In der Folge hielten sich in der Schweiz nur knapp 20 Brutpaare auf künstlich aufgeschütteten Inseln beim Fanel am Neuenburgersee. Später wurden durch lokale Vogel- und Naturschutzorganisationen vielerorts Brutinseln, Plattformen und schwimmende Brutflösse (siehe Bilder unten) eingerichtet, beispielsweise auf dem Klingnauer Stausee, dem Greifensee und dem Pfäffikersee. Mit diesen Massnahmen konnte der Schweizer Brutbestand in den letzten Jahren bei etwa 700 Paaren stabilisiert werden. Da die Plattform auf dem Klingnauer Stausee wieder verlassen wurde, gilt die Art im Aargau jedoch immer noch als ausgestorben.
Wie kommen die Seeschwalben aufs Flachdach?
Im Jahr 2013 versuchten Mitarbeiter des Ökobüros Orniplan AG, Flussseeschwalben auf dem Flachdach eines Bootshauses in Horgen am Zürichsee anzusiedeln. Dachbruten dieser Vogelart waren bis dahin aus England, Holland und Finnland bekannt. Die Vorliebe der Seeschwalben, sich gerne in der Nähe von Artgenossen niederzulassen, machte sich Orniplan durch «soziale Anreize» wie Vogelattrappen und künstliche Koloniegeräusche zunutze. Der Trick funktionierte: In der Brutsaison 2015 stellten sich die ersten zwei Brutpaare ein, im Jahr 2017 waren es bereits 33. Der Bruterfolg war gut, denn Flachdächer bieten Schutz vor Landraubtieren, beispielsweise dem Fuchs. Die brütenden Vögel lassen sich offenbar durch die vielen Passanten nicht stören, liegt doch das Bootshaus in Horgen direkt neben einem stark frequentierten Bahnhof.
Nun wurde Orniplan vom Kanton Aargau beauftragt, einen Versuch für die Wiederansiedlung von Flussseeschwalben an verschiedenen Orten zu starten. Dabei geht man nach dem gleichen Muster vor wie in Horgen. Dutzende von Flachdächern im Kanton wurden begutachtet und Faktoren wie Distanz zum Gewässer und Gewässereignung, Substrat, Störungsanfälligkeit oder Konfliktpotenzial mit Anwohnern oder Gebäudenutzern beurteilt. Zwar schien keiner der Standorte bedingungslos geeignet, es gibt aber genügend Dächer, wo eine Ansiedlung denkbar ist. An drei ausgewählten Standorten wurden die Versuche bereits in diesem Jahr gestartet: Auf dem Besuchsgebäude des Wasserkraftwerks Rheinfelden, dem Beobachtungshide am Flachsee in Unterlunkhofen und beim Kraftwerk Wildegg-Brugg.
So könnten die eleganten Flieger einst wieder brüten an der Aare – fast am Ort des letzten natürlichen Brutplatzes. In der diesjährigen Brutsaison hat sich allerdings noch kein Erfolg eingestellt.
Flussseeschwalben (Sterna hirundo)…
…ziehen im Herbst nach Afrika und kehren ab Anfang April aus ihren Überwinterungsgebieten zurück, sie sind somit Langstreckenzieher. Als Koloniebrüter suchen sie zusammen mit anderen Paaren einen Brutplatz in der Nähe nahrungsreicher Gewässer. Flussseeschwalben haben ein eindrückliches Balzritual, bei dem das Männchen seinem Weibchen immer wieder Fische als Brautgeschenk übergibt. Damit stärkt er nicht nur das Weibchen für das kommende Brutgeschäft, sondern demonstriert ihm auch, dass er ein guter Nahrungsbeschaffer für den Nachwuchs ist. Die nachfolgende Bild-Collage zeigt die Übergabe eines Brautgeschenks an das Weibchen, ein zweiter Vogel kommt als Störenfried hinzu und wird vom Männchen vertrieben.
Die Weibchen legen danach zwei bis drei Eier in eine flache, mit etwas Pflanzenmaterial ausgepolsterte Mulde. Ein mit Kies abgedecktes Flachdach mit spärlichem Vegetationsbewuchs entspricht genauso ihren Ansprüchen wie die gewässernahen Pionierflächen der ursprünglichen Bruthabitate.
Die Flussseeschwalbe erreicht eine Körpergrösse zwischen 27 und 31 Zentimeter, ist somit etwa so gross wie eine Taube. Die Flügelspannweite beträgt 72 bis 82 Zentimeter. Sie hat einen gegabelten Schwanz und einen roten Schnabel mit schwarzer Spitze. Ihr Gefieder ist weiss bis hellgrau, der Kopfscheitel tiefschwarz und die Beine rot. Jungvögel haben schuppenartige Flecken auf der Körperoberseite. Der Scheitel ist eher bräunlich als schwarz. Die dunkle Kopfkappe ist weniger deutlich abgegrenzt als bei ausgewachsenen Vögeln.
Die ruffreudigen Vögel sind von schlanker, eleganter Gestalt. Im langsamen, geschmeidigen Flug über Flachwasserzonen suchen sie nach kleinen Fischen und erbeuten diese nach kurzem Rütteln im Sturzflug, so genanntes Stosstauchen (siehe Bilder unten). Neben der Hauptnahrung Fisch stehen Weichtiere und Insekten auf dem Speiseplan.
Flussseeschwalben haben ein riesiges Verbreitungsgebiet. Dieses reicht vom Nordwesten Europas bis an die Beringsee in Ostsibirien. In Nordamerika kommt die Flussseeschwalbe von Kanada bis in die Karibik vor. Isolierte Brutpopulationen finden sich ausserdem im Norden und im Süden Afrikas, in Australien und im Süden Südamerikas. In Europa gibt es noch rund eine halbe Million Brutpaare. Die europäischen Brutvögel überwintern vorwiegend an der Westküste Afrikas. In der Schweiz gilt die Art mit rund 700 Brutpaaren als «potenziell gefährdet».
Wildtiere kommen näher zum Menschen
Die beschriebene Flachdachbrut ist eines von vielen Beispielen, die zeigen, dass Vögel und andere Wildtiere sehr gut in Siedlungsgebieten, an Gebäuden und generell in vom Menschen gestalteter Umgebung leben und ihren Nachwuchs hochbringen können. Nicht immer ist der Einfluss des Menschen so unmittelbar wie im vorliegenden Fall. Viele Wildtiere haben sich schon seit hunderten von Jahren im Siedlungsbereich des Menschen niedergelassen, weil sie hier gute Brut- und Nahrungsbedingungen vorfanden. Dies gilt insbesondere für die Rauch- und Mehlschwalben, die übrigens mit den Seeschwalben nicht verwandt sind.
Auch die Amsel ist heute aus dem Siedlungsgebiet nicht wegzudenken, war jedoch vor dem 19. Jahrhundert ein reiner Waldbewohner. Und wer denkt, dass der in Dörfern und Städten weit verbreitete Hausrotschwanz früher ein Felsenbrüter war? Noch heute kann man ihm in alpinen, felsigen Gegenden häufig in seinem ursprünglichen Habitat begegnen.
Die Ausweitung der überbauten Gebiete hat vielen Wildtieren gar keine Wahl gelassen – entweder man arrangierte sich mit dem Menschen und dem Leben im Siedlungsraum oder man stirbt aus. Doch das ist nicht immer der Fall. Viele Tierarten, die im Wald, Kulturland oder Gebirge noch Platz zum Brüten finden würden, suchen die Nähe der menschlichen Siedlungen – manchmal aus sehr spezifischen Gründen wie bessere Nahrungsverfügbarkeit, besserer Schutz vor Prädatoren oder sicherere Brutplätze. Von «Stadtfüchsen» und den damit verbundenen Problemen habe ich hier schon berichtet. Der Fuchs ist ein Nahrungsopportunist, der sich gut von den Resten und Abfällen des Menschen ernähren kann. Er musste aber auch lernen, mit neuen Gefahren im menschlichen Siedlungsraum zu leben, etwa dem Strassenverkehr, aber auch Störungsquellen wie Lärm und Kunstlicht. Dies gilt auch für den Igel, der jedoch nicht ganz freiwillig Siedlungsgärten als Ersatz-Lebensraum gewählt hat. Im Kulturland findet er heute zu wenig Nahrung in Form von Käfern und anderen Insekten.
Gebäude als Ersatz für Felswände
Bei den Vögeln sind es vielfach Felsenbrüter, welche «menschengemachte Felswände», sprich Hochhäuser, Kirchtürme, Brücken oder hohe Industriebauten als Ersatz für ihre früheren Brutplätze in den Felsen ausgewählt haben. Frühere Felsenbrüter wie der Turmfalke oder Mauer- und Alpensegler brüten heute an Gebäuden, nehmen aber auch gerne dort angebrachte künstliche Nistmöglichkeiten in Beschlag. Ein Beispiel hierfür ist auch der Wanderfalke, der früher ausschliesslich in felsenreichen Gegenden brütete und sein Nest in unzugänglichen Felsnischen anlegte. Seit den 90er-Jahren brütet regelmässig ein Wanderfalken-Paar am Kühlturm des Kernkraftwerks Leibstadt (siehe Bild unten).
Traurige Bekanntheit hat auch ein Wanderfalken-Weibchen erlangt, das am 9. Mai 2011 an seinem Brutplatz am Hochkamin der KVA Zürich vor laufender Webcam qualvoll verendete. Es hatte eine von Taubenzüchtern absichtlich (zum Zweck der Wanderfalken-Abwehr) vergiftete Taube gefressen. Die Täterschaft konnte ermittelt und bestraft werden (Bericht und Video). Selbst der Uhu, ebenfalls ein Bewohner von Felslandschaften, hat den Schritt in die menschliche Umgebung gewagt. Zuerst, indem er menschengemachte Steinbrüche und Kiesabbauwände besetzte. In neuerer Zeit nahm er auch Brutplätze an hohen Kirchtürmen, in Stadtmauern und an Industriebauten ein.
Bruten auf Flachdächern…
…sind eine neuere Entwicklung. Sie unterscheiden sich von den bekannten Gebäudebrütern insofern, dass Flachdächer als Brutplatz für Vogelarten geeignet sind, die sonst Bodenbrüter sind. Das Flachdach ist somit ein erhöhter und flächenmässig eingeschränkter Boden-Brutplatz. Ist das Flachdach mit Kies oder Kieselsteinen bedeckt und weist eine gewisse Vegetationsdecke auf, dann unterscheidet es sich meist wenig von den ursprünglichen Brutplätzen. Ausser den hier beschriebenen Flussseeschwalben sind zwei Vogelarten erwähnenswert, die auf Flachdächern brüten: der Kiebitz und die Mittelmeermöwe. Weil die Nahrungsgrundlage auf Dächern für die Kiebitzküken, die ihre Nahrung von Beginn weg selbst beschaffen müssen, meist ungenügend ist, erweisen sich Flachdächer für diese Art oft als «Nahrungsfalle». Diese Gefahr besteht bei der Flussseeschwalbe und Mittelmeermöwe nicht. Die Eltern tragen das Futter für die Jungvögel von weit her heran. So müssen die Küken keinen Hunger leiden und profitieren vom besseren Prädationsschutz. Insbesondere Mittelmeermöwen brüten heute an vielen Orten erfolgreich auf Flachdächern.