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Dolores
Dolores war bereit. Zu lange war sie artig abgestumpft gewesen gegenüber all jenen, die ihren Freiheitsdrang gefesselt und geknebelt hatten, bis ihr Rücken steif und die Glieder gefühllos geworden waren. Einzig das nächtliche Zähneknirschen hatte Dolores bisher ermöglicht, alles Verhasste im Dunkeln unbemerkt zu zermalmen.
Sie wusste nicht genau, wie sie in das Boot gekommen war – müsste sie nicht arbeiten inmitten des Heers von Kollegen, die grosse wichtige Zahlen aufrechnen, abrechnen, rückrechnen und vorrechnen? Sie kniff ihre lichtempfindlichen Augen zusammen und salziges Wasser rann über ihre blassen Wangen. Die Nachmittagssonne schien auf ihren Rücken und eine grosse freie Wärme durchflutete ihren feingliedrigen Körper. Sie war froh, dass sie sich im Boot treiben lassen konnte und sich ihr damit die immerwährend beängstigende Frage nach dem Wohin vorläufig nicht stellte. Das flammend rote Béret (ein weiteres geschmackloses Geschenk ihrer Mutter) drückte ihr feines Haar zusammen und sie spürte einen heissen, stechenden Juckreiz. Dolores schleuderte die Mütze ins Wasser. Erleichtert sah sie, wie sie vom Fluss unaufhaltsam fortgetrieben wurde und schliesslich in einem Strudel verschwand.
Schon lange hatte das Boot die Brücke unterquert, war an kleinen Dörfern und Städten fast lautlos vorbeigeglitten. Von da und dort schienen ihr Leute in zerschlissenen schwarzen Gewändern zuzuwinken und etwas zu rufen, aber das Gurgeln und Rauschen des Flusses übertönte alles, sodass Dolores nur ihre stummen Mundbewegungen sehen konnte. Die Nachmittagshitze hatte ihre Füsse in den eleganten Schuhen aufquellen lassen, die hautfarbenen Nylonstrümpfe, in die der raue Holzsitz des Bootes insgesamt vier Fallmaschen gezupft hatte, klebten an ihren bleichen Beinen. Sie blickte ans Ufer rechts. Niemand. Links. Niemand.
Dolores liess die nackten Füsse im glitzernden Wasser baumeln, die Kleider hatte sie in den Bug geworfen. Sie schloss die Augen und plötzlich glaubte Dolores, das Wasser erzählen zu hören. Es war die Rede von feinfühligen, empfindsamen Fischen, die jede kleinste Wellenbewegung wahrnehmen und unweigerlich verenden, wenn sie in dickhäutige Hände geraten, es wurde gesprochen von bepanzerten unempfindlichen Krokodilen, deren erbsengrosses Hirn sich nur mit dem Fressen und der Fortpflanzung beschäftigen kann und die alles verschlingen, was sie kriegen können. Das Wasser kühlte ihre sonnenheisse Haut, als Dolores inmitten des riesigen Fischschwarmes immer weiter in die blaugrüne Tiefe hinabschwamm.
Der Fischhaken hatte eine lange hässliche Narbe hinterlassen, die nur schlecht heilte. Sie sagten, er hätte ihr das Leben gerettet. Sie alle fragten und fragten und fragten und Dolores antwortete doch wie ein Fisch.
Manchmal, wenn die Nachmittagssonne die stickige Luft im Büro zum Flimmern brachte, glaubte Dolores, viele kleine Krokodilszähne um sie herum blitzen zu sehen.