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Prosodie
(Prosodik, griech.), die
Lehre
[* 2] von der Geltung der
Silben nach der Zeitdauer (vgl.
Rhythmus). Die
Länge
und
Kürze der
Silben wird entweder durch ihren innern
Gehalt oder durch die starke und leichte
Betonung
[* 3] derselben bestimmt.
Jenes ist die
Quantität oder das
Zeitmaß, dieses der
Accent oder das Tonmaß der
Silben. Der erste Bestimmungsgrund ist der
antiken
Poesie eigen, der letztere ist die vornehmste Richtschnur der neuern
Prosodie In der antiken
Poesie erscheinen die
Silben beim
Gebrauch entweder kurz (˘), wenn zu deren
Aussprache nur ein Zeitteil (mora), oder lang (¯),
wenn zu deren
Aussprache zwei Zeitteile erforderlich sind, die sich entweder aus der natürlichen
Länge einer
Silbe ergeben,
oder durch zwei oder mehrere
Konsonanten hervorgerufen werden, welche einer von
Natur kurzen
Silbe folgen
und die
Stimme nötigen, zu ihrer
Aussprache bei derselben ebenso lange wie bei der von
Natur langen
Silbe zu verweilen (z. B.
aurum, mēns).
Jene nennt man von Natur lange, diese durch ihre Stellung oder Position lange Silben. In der griechischen Sprache [* 4] ist der Accent häufig das Erkennungszeichen, ob solche Silben von Natur lang oder kurz sind; in der lateinischen dagegen, wo Accente nicht gebräuchlich waren, muß die Beobachtung des dichterischen Gebrauchs die wahre Geltung lehren. Die neuern Sprachen sind, wie erwähnt, durchgängig accentuierend. Für die deutsche Sprache hatte man lange Zeit keine Bestimmungen, weil die Silben des Verses nicht gemessen, sondern gezählt wurden und seine Hauptmerkmale früher in der Allitteration und Assonanz, später im Reim bestanden, die für den Mangel größern Rhythmenreichtums entschädigten.
Erst als
Opitz,
Ramler und
Klopstock die
Nachbildung antiker Rhythmen in der deutschen
Sprache versuchten, verlangte auch die
eine nähere
Erörterung und
Bestimmung. Die Grundlagen unsrer modernen
Metrik und
Prosodie, auf denen Spätere
weiterbauten, legte M.
Opitz mit seiner »Prosodia Germanica oder
Buch von der
Teutschen Poeterey« (1624), worin er die
Nachahmung
der griechisch-römischen Versmaße empfahl und zeigte, daß man hierbei dem
Wesen der deutschen
Sprache gemäß für die
antike
Länge eine betonte und für die antike
Kürze eine unbetonte
Silbe zu setzen habe, sowie J. H.
Voß in der
»Zeitmessung
der deutschen
Sprache« (Königsb. 1802), indem er die Bestimmung der
Quantität nicht von dem innern
Werte der
Silben allein,
sondern auch von äußern
Gründen abhängen ließ.
Als Fundamentalbestimmungen der deutschen
Prosodie sind folgende anzuführen: Die
Silben der deutschen
Wörter
sind entweder lang, oder kurz, oder mittelzeitig (schwankend);
der Ton liegt, wie schon Lachmann bemerkte, in der Regel auf der ersten Silbe.
Lang sind alle einsilbigen Haupt- und Stammsilben, Substantive und Adjektive, alle einsilbigen Zeitwörter, Zahlwörter etc.; ferner alle Stammsilben auch in Zusammensetzungen, selbst wenn sie den Accent verloren haben. Kurz dagegen ist der bestimmte Artikel, es, er, du, sie, zu (vor dem Infinitiv), so (vor dem Nachsatz), die Präpositionen in, an, zu, die Vorsilben, die ein e haben, die Veränderungssilben in der Deklination und Konjugation, die ein tonloses e haben, die Ableitungssilben, die ein e haben.
Mittelzeitig sind kurze Silben, welche durch ihre Stellung im Vers lang werden können, z. B. ein, und, ich, du, er, sie, bis, nach etc., die Vorsilben mit, voll, un, die Endungen ung, nis, lich, lig, icht, ei, lei etc. Nur lange Silben (und schwankende, wenn sie in ihrem Charakter als lange gebraucht werden) können den Reim bilden (Reim, Seim); die kurzen (Flexions-) Silben der Reime (Seim-es, Reim-es) sind nicht reimbildend, sondern nur mitbildend, d. h. sie allein können nicht reimen.
Vgl. Metrik und die dort angeführte Litteratur.