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Etty Hillesum: Leuchtendes Zeugnis aus dunklen Zeiten
«Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein.» Mit diesem Eintrag vom 13. Oktober 1942 endeten die Aufzeichnungen von Etty (Esther) Hillesum, erklärt Pierre Bühler an der Veranstaltung im Zwinglihaus. Bühler, emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Universität Zürich, hat sich für die neue Gesamtausgabe der Tagebücher und Briefe während acht Jahren mit Hillesums Leben und Werk beschäftigt. Etty Hillesum bewege sich noch immer im Schatten von Anne Frank, sagt Bühler.
Sprachvirtuosin
Etty Hillesum leidet unter den Nazis, liebt aber die Sprache der deutschen Besatzer. Ihr Werk besteht aus Tagebüchern und Briefen, die sie im Zeitraum zwischen März 1941 und Oktober 1942 schrieb. In ihnen kommt eine enorme Sprachkraft, Poesie und Tiefe der Gedanken zum Ausdruck, welche die Lesenden gefangen nimmt und berührt. Sie hält Zwiesprache mit Gott, oft in überraschenden Gedankengängen. Sie lernt, in sich hineinzuhorchen. In ihr sei ein sehr tiefer Brunnen, und da befinde sich Gott, schreibt sie. Man müsse aber tief im Brunnen graben und die Steine wegräumen, um Gott dort zu finden. Etty Hillesum schildert parallel dazu die existenzielle Bedrohung der Jüdinnen und Juden in den besetzten Niederlanden, berichtet aus dem Durchgangslager Westerbork und von den Deportationen der Todgeweihten nach Auschwitz. Unterzutauchen lehnte sie – trotz Angeboten aus dem Freundeskreis – nachdrücklich ab. Sie wollte das Schicksal ihres Volkes teilen.
Freigeistige Frau
Etty Hillesum studierte in Amsterdam Rechtswissenschaften und Slawistik – die Mutter war Russin – und war im antifaschistischen Studentenmilieu aktiv. Das zweite Studium konnte sie nicht abschliessen, weil Juden nicht mehr an der Universität zugelassen waren. Am 3. Februar 1941 begegnete sie Julius Spier, einem Schüler von C. G. Jung. Er motiviert Hillesum, aus therapeutischen Motiven Tagebuch zu schreiben. Im Laufe der Zeit erhält das Tagebuch indes eine ganz andere Bedeutung. Aus der Psychotherapie entsteht ein Arbeitsverhältnis mit Spier, dann eine Freundschaft und später eine Liebesbeziehung.
Laut Pierre Bühler machen fünf Grundperspektiven die Texte von Etty Hillesum so lesenswert: Sie beobachtet, will Chronistin und auch Schriftstellerin sein. Sie liest unentwegt, vor allem Rilke, Jung, Freud, Dostojewski, Augustinus und die Bibel. Sie ist auf der Suche nach sich selbst und macht eine psychologische Entwicklung. Sie will ethisch handeln und kämpft gegen den Hass. Und sie sucht nach Gott.
Tagebücher
Etty Hillesum will als Chronistin den feinen, schlanken Füllfederhalter wie einen Hammer schwingen. In Momenten, in denen sie Babys schutzlos in Güterwaggons liegen sieht, könne man sich Melancholie für ein ganzes Leben aneignen, schreibt sie. Doch jeder Grausamkeit müsse ein weiteres Stück Liebe entgegengesetzt werden.
Ihre Tagebücher übergab Hillesum vor der Deportation ihrer Freundin Maria Tuinzing mit der Bitte, sie an den Schriftsteller Klaas Smelik weiterzugeben, falls sie nicht zurückkäme. Sie wünschte sich, dass die Tagebücher veröffentlicht werden. Als offizielles Todesdatum legte das Rote Kreuz den 30. November 1943 fest. Wie Etty Hillesum umgekommen ist, ist nicht überliefert.
Rund 70 Personen nahmen an der Veranstaltung teil. Weitere Mitwirkende waren Regula Tanner (Moderation), Noemi Gradwohl (Lesungen), Beatrice Harmon (Violine) und Daniela Baumann (Piano).
Buchempfehlung
Etty Hillesum. Ich will die Chronistin dieser Zeit werden. Sämtliche Tagebücher und Briefe 1941–1943. München 2023.