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GG 183
Lykophronos Alexandra, to skoteinon poiēma. Kai polymathestaton eis auto touto Isakiou tou Tzetzou exēgēma.
Lycophronis Chalcidensis Alexandra, sive Cassandra: poema quidem obscurum etiam doctis appellatum, sed ita eruditissimis Isacii Tzetzis Grammatici Commentarijs (quae & doctissimo cuique vehementer desiderata sunt hactenus, & simul nunc primum in lucem eduntur) illustratum atque explicatum... Adiectus quoque est Ioannis Tzetzae Variarum Historiarum liber, versibus politicis ab eodem Graece conscriptus, & Pauli Lacisii Veronensis opera ad verbum Latine conversus, nec unquam antea editus. Basel: Johannes Oporin März 1546. Fol.
1513 war die Alexandra Lykophrons ein erstes Mal im Druck erschienen, im Anhang - mit Werken anderer Autoren - zur Pindarausgabe bei Aldus Manutius in Venedig. Diesen Druck besassen in Basel die Brüder Amerbach. Erst über 30 Jahre später erscheint hier die zweite, und damit erste Einzelausgabe des dunklen, sogar den Gelehrten schwerverständlichen Gedichts - wie schon der Titel vermerkt - über die unselige Seherin und Tochter des Priamos. Als zweiter - umfangreicherer - Teil ist dem Erstdruck der Alexandra mit dem Kommentar des Isaak Tzetzes († 1138) der Erstdruck des Hauptwerks seines bekannteren jüngeren Bruders Johannes Tzetzes (nach 1110 - nach 1180), sein Biblion historikon, auch Variae Historiae genannt, beigegeben. Herausgeber beider Teile nach den Handschriften ist der in Italien als Handschriften- und Buchhändler, Bibliothekar, Kopist, Vermittler und Herausgeber tätige Niederländer Arnoldus Arlenius Peraxylus (Arnout van Eynthouts, um 1510 - zwischen 1574 und 1582).
In seiner Widmung an den Kardinal von Ravenna - Dichter, Humanist und Theologe - Benedetto Accolti (d. J.: Florenz 1497-1549) von Bologna, 13. August 1542, erzählt Arlenius die berichtenswerte Entstehung der Ausgabe: Durch seinen Jugendfreund Octavius Pantagathus (Ottavio Pantagato da Brescia), den er in jungen Jahren in Frankreich kennengelernt habe, habe er vor zwei Jahren Zugang zu Accolti in Ferrara gefunden. Sie hätten über die neue Unsitte, die noch urteilslose Jugend von den alten durch die Jahrhunderte bewährten Autoren weg und zu sinnlosen Büchlein hin zu leiten, gesprochen. Diese Leute hätten sich verdienter gemacht, wenn sie Werke, die unterzugehen drohten, zu retten sich bemüht hätten. Diese Äusserungen hätten ihn zu entsprechendem Tun ermuntert und darin bestärkt. Nun habe er vor einigen Monaten hier in Bologna in der Bibliothek des Collegium Salvatoris einiges gefunden, was eine Publikation wert sei. Davon erscheine hier zunächst die Kassandra des Lykophron, zumal von den etwa zwanzig im Altertum bekannten Werken dieses Dichters nur dieses eine noch erhalten sei, das schon die Alten "dunkel" genannt hätten. Zum Glück existiere da der Kommentar des Isaak Tzetzes, der sowohl Sprachliches wie den Inhalt erkläre, zudem noch andere Autoren verstehen helfe. Wo nötig habe dieser noch seinen Bruder Johannes Tzetzes beigezogen, den so verdienstreichen Homer- und Hesiodkommentator (die Hesiodscholien sind 1537 in Basel zuerst vollständig im Druck erschienen, der Iliaskommentar erst 1812). Man gebe darum dem Druck auch dessen Variae Historiae bei. Des Wertes dieser beiden Zezes wegen - die Schreibweise Tzetzes lehne er ab, da sie von barbarisch rauher Aussprache zeuge (der Drucker hat diese traditionelle Schreibweise dennoch, ausser in der Widmung des Arlenius, beibehalten) - habe er daraufhin alle seine Zeit auf diese Ausgabe verwendet. So habe er für den Text Lykophrons die Handschrift des Marcantonio Antimaco mit grossem Nutzen beigezogen, die dieser ihm bereitwillig zur Verfügung gestellt habe, selber einer der grössten Gelehrten der Zeit. Die Historien des Johannes Tzetzes gebe er nach der Abschrift des Raphael Regius (Raffaele Regio da Bergamo, Professor in Padua ab 1482, in Venedig ab 1508, gest. 1520), der, Schüler des Markos Musuros (Rhetymno 1475 - Rom 1517), noch zu seiner Zeit auf Latein und Griechisch in Padua gelehrt habe. Dieses Werk, von dem er trotz eifriger Suche keine zweite Handschrift habe finden können, habe Nicolaus Gerbel (der bekannte Strassburger Humanist) wiederhergestellt; er danke ihm dafür. Ebensolcher Dank gebühre für seine sorgfältige Arbeit aber auch dem Drucker Johannes Oporin, zumal beide Autoren während des Druckes - ungewöhnlich - weit vom Druckort entfernt gewesen seien (das weiss er somit hier schon voraus). Den Schluss der Widmung bildet ein breites Lob des Benedetto Accolti für seine literarisch-anregende Tätigkeit und seiner Verwandten, besonders des Francesco Accolti (Francesco Aretino), der u.a. Johannes Chrysostomus mustergültig ins Lateinische übersetzt habe (ab 1470 gedruckt). Das Lob Oporins lautet: Hic enim, si quisquam alius, nobis visus est hoc efficere potuisse, cum & Graecas literas apud suos Basilienses fideliter aliquandiu docuisset, & suam industriam cum in alijs multis, tum praesertim Theophrasto, Diodoroque Siculo nuper editis, iam omnibus probavisset.
Der zweite Teil, die Variae Historiae des Johannes Tzetzes, hat ein eigenes Titelblatt erhalten, eine eigene Paginierung und eine eigene Vorrede, einen Geleitbrief des Herausgebers Nicolaus Gerbel - von Strassburg, 9. März 1546 - an seinen Freund Oporin (von 1544-1550 datiert ihre Zusammenarbeit betr. die Beschreibung Griechenlands): Iōannou tou Tzetzou Biblion historikon, to dia stichōn politikōn Alpha kaloumenon, hōn stichōn to poson myrias mia kai dyschilioi heptakosioi pentēkontaennea. Ioannis Tzetzae Variarum Historiarum liber versibus politicis ab eodem Graece conscriptus, & Pauli Lacisii Veronensis opera ad verbum Latine conversus, nuncque primum in lucem editus. Accessit quoque Nicolai Gerbelii Praefatio, in qua Operis huius praestantia, ac utriusque Tzetzis, Isaacij & Ioannis, vita, lectu quaedam dignissima reperies. Er war somit wohl auch einzeln käuflich, welche Vermutung durch das zweite Basler Exemplar des Tzetzes bestätigt wird, das alt allein gebunden ist. Gerbel weist hier darauf hin, dass es der Natur eigen sei, mit dem Nützlichen das Angenehme zu verbinden. So sollten auch die Menschen sich und den Mitmenschen beides gemeinsam bieten. Dazu gehöre nicht zuletzt die Beschäftigung mit der Geschichte, und verdienstvoll sei, besonders in der traurigen Gegenwart, diese zu ermöglichen. Wer habe Gelage in stoischer Strenge geschätzt? Das zeigten auch die Früchte der Natur, die dem Menschen von Anfang an gegebene Musik. Auch im Fürstenrat oder in andern Versammlungen höre man lieber die, die ihre Meinungen mit Witz und Stil vortrügen. Solches leiste Oporin mit seinen Erstdrucken bisher unbekannter Autoren: "qui hoc unum in votis habes, ut authores hactenus nobis incogniti publicum sortiantur. Sic tua nunc opera, tuis maximis impensis studiosorum manibus... " So erscheine bei ihm nun das Werk der Brüder Tzetzes, nützlich und angenehm, das, ja sogar deren Name bis dahin in Deutschland unbekannt sei. Darauf kommt er auf Leben und Werke des Johannes Tzetzes zu sprechen, weist auf die Venezianische Ausgabe seines Kommentars zu Hesiods Werken und Tagen und auf die Oporins zu Theogonie und Schild (wohl 1544) hin, schliesslich auf die Namensformen Zezes, Zezius, Caecus und Tzetzes, von denen er mit dem Autor selber "Tzetzes" gebrauche, auf den Lykophronkommentar seines Bruders, der diesem entwendet und von Schülern wiedergefunden worden sei, und auf die vorliegenden Historien, die der Autor zuweilen Brief, Tafeln oder Geschichte nenne, und die er der Übersichtlichkeit halber für die Leser in Chiliaden eingeteilt habe. Die Gedichte seien so eingänglich, dass sie auch unterhalten und von mässig Gebildeten verstanden werden könnten. Alles sei voll vielfältigster Gelehrsamkeit, doch das wolle er hier nicht weiter ausführen. Beispiele von Tugenden, Tadel für Laster, nichts fehle, was zum Unterricht, richtig zu leben, beitrage. Dazwischen Lebensbeschreibungen berühmter Männer. Alles abwechslungsreich und gewissenhaft. Er werde die Lektüre nicht bereuen. Gerbel datiert das Werk nach Vermutungen - recht treffend - auf 1176, 370 Jahre vor seiner Zeit, wo der vermutliche Erstbesitzer unseres Exemplars Lambinus am Rand beigefügt hat: "Et cum haec legi CCCC anni" (der bekannte Pariser Philologe Denis Lambin - 1520-1572 - ?). Oporin müsse man für den Druck danken, nachdem die Bunten Geschichten des Gergethius Cephalion, des Photion Peripateticus und Pisanders verloren seien, nur die des Clemens von Alexandrien erhalten. Die Übersetzung der Historiae dürfte 1543 in Strassburg entstanden sein: Paolo Lacise aus Verona war 1542 nach dem Übertritt zur Reformation zusammen mit Pietro Martire Vermigli aus Lucca, wo er unter Vermigli als Lehrer gewirkt hatte, nach Zürich geflüchtet; im August-Oktober weilten sie in Basel, wo Bonifacius Amerbach für ihre Unterkunft im ehemaligen Augustinerkloster aufkam; im Oktober wird Lacise von Martin Bucer als Vikar zu Alt St. Peter und Griechischlehrer am Gymnasium nach Strassburg berufen; er stirbt dort im Januar 1544.
Exemplar "Ex bibliotheca Lambini": B c I 117; das zweite Exemplar des Tzetzes: E B III 19.