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Blaues Blut – braunes Hemd
Elisa Nowak. Auf Basis von Entschädigungsgesetzen aus der Zeit nach der Auflösung der DDR verlangt das Haus Hohenzollern die Rückgabe von Gütern, die nach dem Krieg enteignet worden sind. Dabei hat das Haupt der ehemaligen deutschen Kaiserdynastie wohl die eigene Familiengeschichte vergessen.
Die Monarchie ging in Deutschland vor 100 Jahren unter und der letzte Kaiser, Wilhelm II., flüchtete nach seiner erzwungenen Abdankung in die Niederlande. Nach der niedergeschlagenen Novemberrevolution 1918/19 fand in der Weimarer Republik eine zaghafte Enteignung der Fürst*innen statt, wovon ein Grossteil an den Freistaat Preussen ging. Die sogenannten Verhandlungen über die Enteignungen mussten allerdings nach einem Veto der rechtsnationalen Volksparteien und der SPD über den direkten Weg mit den Fürst*innen gehen, im speziellen Fall mit dem Hohenzollern, das Haus des abgedankten Kaisers. Massgeblich kamen durch diese Verhandlungen Ländereien, Schlösser und andere Bauten in die Hände des Staates, derweil teure Sammlungen, Theater und Museen in eigens gegründete Stiftungen übergingen.
Imperialistischer Genozid
Verstrickungen mit dem deutschen Faschismus der Nationalsozialist*innen wurden besonders durch vier Gutachten deutlich, die jüngst vom deutschen TV-Satiriker Jan Böhmermann veröffentlicht wurden. Doch bereits vor der Machtergreifung des Faschismus waren die Hohenzollern in Menschheitsverbrechen involviert. Der erste Völkermord des 20.Jahrhunderts wurde ebenfalls von ihnen orchestriert. In der damaligen Kolonie, das heutige Namibia, wurde 1904 bis 1908 auf Geheiss des Kaisers der Aufstand der Herero und Nama brutal niedergeschlagen. Etwa 90000 Herero und Nama wurden ermordet. Der Streit um Entschädigungen in diesem Fall wird von der heutigen Bundesregierung kategorisch abgelehnt. Umso drastischer wirkt das Auftreten des Ur-Urenkels des damaligen Kaisers, Georg Friedrich Prinz von Preussen.
Glückwünsche an Hitler
Er beruft sich auf «Entschädigungsgesetz von 1994», welches für Rechte der Personen eintritt, die in der DDR enteignet wurden. Eine Einschränkung findet sich in der Verlautbarung, dass eine Entschädigung nicht erfolgt, wenn die enteignete Partei dem deutschen Faschismus «erheblichen Vorschub» leistete. Dies unterstreichen die von Böhmermann veröffentlichten Gutachten. Der Prinz von Preussen fordert neben einer Rückgabe von Gebäuden, seltenen Sammlungen und Antiquitäten besonders ein lebenslanges und staatlich gefördertes Hausieren im Schloss Cecilienhof bei Potsdam. Pikant ist das Schloss deshalb, weil sich dort die Vorfahren des Prinzen von Preussen mit wichtigen faschistischen Politikern trafen. Nicht nur stolzierte der damalige Kronprinz Wilhelm in einer SA-Uniform, der ehemalige Kaiser Wilhelm II. adressierte 1940 selbst ein Schreiben an Adolf Hitler, nach dem er Frankreich überfallen hatte. Darin beglückwünschte er Hitler sowie «die gesamte Wehrmacht zu dem von Gott geschenkten gewaltigen Sieg.»
Mit Klagen zum Schweigen gebracht
Grundsätzlich können Nachfahren nichts für Einstellungen und Taten ihrer Eltern und Grosseltern. Der Prinz von Preussen unterminiert seine Forderungen jedoch trotz der Erkenntnis der Verstrickung seiner Monarchie mit den deutschen Faschist*innen und tut alles daran, den medialen Duktus in seinem Sinne zu lenken. Das geht so weit, dass die Anwaltskanzlei von Preussens unliebsame Berichte abmahnt. Dabei machen die Erben der Monarchie auch nicht vor linken Organisationen halt. Die marxistische Gruppe «der Funke» beispielsweise bekam im August 2019 ein Schreiben, wonach eine Unterlassungsverpflichtungserklärung mitsamt zu unterzeichnender Gegendarstellung beinhaltet war. «Unser Artikel wurde offenbar binnen weniger Stunden auch in Kreisen um Georg Friedrich Prinz von Preussen registriert», so die Redaktion der Gruppe. Hans-Gerd Öfinger, der Autor des Artikels, geht davon aus, dass nicht nur seine Organisation abgemahnt wurde. «Auch andere Personen, Medien, Historiker*innen und Organisationen, die sich kritisch zu den Forderungen der Hohenzollern äusserten, könnten solch Schreiben bekommen haben», so Öfinger.
Ins «rechte» Licht rücken
Hintergrund der Auseinandersetzung war eine Petition der Partei «Die Linke», die sich vehement gegen die Forderungen der Hohenzollern stellt. Die entsprechende Petition der Partei wurde mittlerweile von knapp 4300 Menschen unterzeichnet. Darin zeige man sich «entsetzt darüber, dass es Versuche gibt, diese historische Tatsache klein- oder schönzureden». Die Petition selbst basiert auf einer Volksinitiative des Landesverbandes Brandenburg. Darin wird erwähnt, dass der «Reichtum der Hohenzollern» nicht von ihnen, sondern der arbeitenden Bevölkerung erwirtschaftet wurde. Ähnlich handelt es sich um Immobilien, die aus Steuermitteln finanziert wurde. Hiernach bestehe kein Anspruch der Hohenzollern auf irgendeiner Rückerstattung. Ziel von Preussens ist es, nicht nur den Diskurs unter Kontrolle zu halten, sondern eine Revision der Geschichte voranzutreiben. Die Rolle seiner Vorfahren soll in ein rechtes Licht gerückt werden, um die Verbrechen und Verstrickungen zum deutschen Faschismus umzudeuten.
Die deutsche Bundesregierung spielt dabei in allem eine unrühmliche Rolle. Anstatt die Forderungen konsequent zurückzuweisen, kommt man ihnen entgegen. Noch im Sommer vor Veröffentlichung der Gutachten und der Abmahnwelle wurden «geheime Verhandlungen» geführt. Schon vor fünf Jahren hatten solche Verhandlungen stattgefunden.
Bürgerliches Dilemma
Man findet sich in Berlin hiernach in einem Dilemma, das bis heute nicht gelöst wurde. Doch alleine die Tatsache der langen Verhandlungen lassen auf einen Charakter schliessen, der den Forderungen durchaus eine gewisse Relevanz zukommen mag. Wenn es gegen das Kapital geht, spielt man in Berlin lieber nicht mit dem Feuer. Die Veröffentlichung der Gutachten zwingt sie jedoch ebenfalls zu einem Wechsel. So soll bis Anfang des nächsten Jahres eruiert werden, in wie weit die Hohenzollern im Faschismus verstrickt waren. Bis dahin kann der Prinz weiter wüten und sein reaktionäres Geschichtsbild verbreiten.