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Derselbe bestimmte, daß diejenigen
Stände, welche bisher das
Edikt von
Worms
[* 8] gehalten hätten, es auch
fernerhin halten, die übrigen sich aber in keine weitern Neuerungen einlassen und niemand verwehren sollten,
Messe zu halten.
Gegen diesen Reichstagsabschied legten die
oben genannten
Reichsstände feierlich
Protestation ein und appellierten 25. April an den
Kaiser, an ein allgemeines oder deutsches
Konzil und an jeden unparteiischen christlichen
Richter.
Das Wesen und die ursprüngliche Gestalt des Protestantismus stehen im engsten kulturgeschichtlichen Zusammenhange
mit einer Reihe verwandter Erscheinungen auf andern Gebieten des geistigen Lebens. Überall machte sich am Ende
des Mittelalters ein Erwachen zu geistiger Selbständigkeit geltend, das sich zunächst in dem Bestreben äußerte, sich
durch erneute Vertiefung in die ursprünglichen Quellen von der Herrschaft eines verunreinigten Herkommens und unklassischer
Autoritäten zu befreien.
Wie die Renaissance in Kunst und Litteratur auf das klassische Altertum, so ging die religiöse Reformation
auf die Urkunden des Christentums, die heiligen Schriften des Alten und NeuenTestaments zurück, um auf ihrem Grunde die kirchlichen
Lehren und Ordnungen zu erneuern. Diese Tendenz ging in der Reformation aber wiederum aus dem Streben nach persönlicher religiöser
Gewißheit und Selbständigkeit des frommen Subjekts hervor, das schon längst den Anstoß zur Bekämpfung
aller äußern kirchlichen Heilsvermittelung gegeben hatte.
Wie nachmals die neue, mit Cartesius anhebende Philosophie den ganzen Bestand unsers wirklichen oder vermeintlichen Wissens untersuchte
und mit Energie dahin strebte, im unmittelbaren Selbstbewußtsein des denkenden Ichdie erste schlechthin unumstößliche Gewißheit
zu finden, so suchte die Reformation persönliche Gewißheit des Heils in der unmittelbaren innern Erfahrung
des frommen Gemüts. Als das Princip des Protestantismus ergiebt sich infolgedessen in erster Linie die ihrer selbst
gewisse evang. Frömmigkeit, die sich in dem durch die Heilige Schrift bezeugten ursprünglichen Christentum als in ihrem Urbilde
wiedererkennt und sich so durch die geschichtliche Offenbarung in Jesu Christo objektiv begründet weiß.
Erst hieraus leitet der Protestantismus die sog. negative Seite seines Princips her,
das Recht der frommen Subjektivität nämlich, gegen alles äußere Traditions- und Autoritätswesen und jeden kirchlichen
Gewissenszwang zu protestieren, sofern dieselben vor dem religiösen Gewissen ihr Recht nicht darzuthun vermögen. Dieses
in sich einheitliche Princip (die Redeweise von einem zwiefachen Princip, dem Materialprincip der Rechtfertigung
und dem Formalprincip der Schriftautorität, kam erst im Anfang des 19. Jahrh. aus) hat sich
nicht bloß gegenüber dem Katholicismus, sondern auch innerhalb der eigenen kirchlichen Entwicklung des Protestantismus als deren vorwärts
treibender Faktor zur Geltung bringen müssen. Der ältere Protestantismus gewann zunächst nur eine
der kath. Kirche noch ähnliche kirchliche Gestalt. Er stimmte mit jener nicht bloß in der Festhaltung der in den ersten
fünf bis sechs Jahrhunderten festgestellten Lehrformeln, sondern auch in der Wertschätzung des ganzen dogmatischen Christentums
überhaupt und in dem Zurückgreifen auf eine unantastbare äußere Lehrnorm überein. Nur fügte er
dem alten System die Lehre von der Rechtfertigung¶
forlaufend
als neues Dogma ein und sah als Lehrnorm nicht mehr die Kirche, sondern die Heilige Schrift an. Diese wurde von Anfang bis
Ende unmittelbar als Gottes Wort, also alles in ihr Enthaltene als unantastbare Wahrheit betrachtet, ein Standpunkt, dessen
Inkonsequenz allerdings den kath. Gegnern mehr als einen Angriffspunkt bot. Denn
nicht nur gelangte man so zu einer neuen kirchlichen Lehrtradition, die, in den Bekenntnisschriften niedergelegt, als schlechthin
verbindliche Auflegung der Schriftlehre galt; sondern durch die Rechtfertigungslehre war auch eine weit durchgreifendere Neugestaltung
der altkirchlichen Lehrartikel geboten, als man sie damals wagte.
Allmählich hatte sich die allgemeine Bildung und Wissenschaft immer mehr von der kirchlichen Bevormundung
befreit und im sog. Aufklärungszeitalter zu Ergebnissen geführt, die mit dem ganzen dogmatischen
Christentum zugleich die bisher von allen Kirchenparteien festgehaltene Meinung von seiner übernatürlichen Entstehung
erschütterten. Der Rationalismus (s. d.) lenkte diese geistige Strömung mitten
hinein in die prot. Theologie, indem er vom sog. positiven Christentum nur die moralischen Wahrheiten stehen
ließ, die Wunder aber möglichst durch natürliche Deutung beseitigte.
Ihm gegenüber suchte der Supranaturalismus wenigstens den Wunderglauben mühsam zu retten, während er von dem altprot. Dogma
ein Stück nach dem andern preisgab. Das Werk des Rationalismus führte sodann die neuere Philosophie durch
Kant, Fichte
[* 17] und Hegel weiter. Aus ihren Arbeiten ging die moderne Weltanschauung hervor, die alles natürliche und geistige
Geschehen, statt auf einen außerordentlichen Machtwillen, auf die der Welt innewohnende vernünftige Gesetzmäßigkeit zurückführte
und folgerichtig mit dem Gottesbegriffe auch die Vorstellungen von Religion, Offenbarung u. s. w. wesentlich umgestaltete.
Der Gefahr, mit der unrettbar verlorenen Form auch den lebendigen Gehalt des christl.
Heilsbewußtseins zu verlieren, trat Schleiermacher mit seinen Untersuchungen über das Wesen der Religion und seiner Neugestaltung
der Dogmatik aus dem frommen Bewußtsein der Christen heraus, aber mit den Mitteln der modernen Wissenschaft und im Geiste der
freiesten, durch keine dogmatische Fessel gebundenen Forschung gegenüber und begründete so als der erste
eine den wissenschaftlichen und künstlerischen Tendenzen des 19. Jahrh. vollkommen ebenbürtig zur Seite tretende, ebenso
prot. als evang. Theologie.
Dennoch führte die Neubelebung der christl. Frömmigkeit zunächst zu einer Wiederholung der
ältern Vorstellungsformen, die zuerst
im neuerwachten Pietismus die philos. und die histor. Kritik, danach
in der durch die polit. Reaktion ermutigten neu-alten Orthodoxie jede Abweichung vom Buchstaben der Schrift und des altkirchlichen
Bekenntnisses proskribierte. Dagegen arbeitet die freie prot. Theologie der Gegenwart an der Aufgabe, in Schleiermachers Bahnen
eine tiefere Versöhnung des Christentums mit der modernen Kultur zu gewinnen.
Der prot. Charakter dieser Richtung erweist sich im allgemeinen in dem Streben, das reine Wesen des Christentums im Unterschied
von jeder unfreien Gebundenheit an irgend welche geschichtliche Erscheinungsform desselben immer lauterer auszumitteln, also
einerseits seinen ewigen religiösen und sittlichen Gehalt in den wechselnden Formen herauszufinden, andererseits durch fortgesetzte
sorgfältige Forschung über die geschichtlichen Ursprünge des Christentums überhaupt und der prot.
Was die äußere kirchliche Gestaltung des Protestantismus anbelangt, so findet sich von Anfang an eine große Mannigfaltigkeit
nicht nur von Kultus- und Verfassungsformen, sondern auch von Gestaltungen des dogmatischen Lehrbegriffs.
Der bedeutendste dieser Unterschiede, der bereits in der Reformationszeit hervortrat, ist der zwischen den Lutheranern (s. d.)
und Reformierten. Derselbe ruht nicht sowohl auf principieller Differenz, als vielmehr auf einer verschiedenartigen Ausprägung
des prot.
Grundprincips. Indessen hat sich trotz der kirchlichen Trennung im Laufe der Zeit eine so durchgreifende
Mischung reform. und luth. Elemente vollzogen, daß die ursprünglichen Unterschiede erst durch
die gelehrte Forschung der Gegenwart klar erkannt und in ihre feinern Beziehungen verfolgt werden konnten. Die Union (s. d.)
beider Kirchen, die sich im 19. Jahrh. zuerst in Preußen,
[* 20] danach auch in einigen kleinern Staaten vollzog, war
daher nicht bloß durch die Indifferenz der Zeit, sondern durch die kirchliche und theol.