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Zeitgenossenschaft eines Gelehrten
In den 60er Jahren wurde eine Anekdote erzählt, die die phänomenale Gelehrsamkeit des Tübinger Rhetorikprofessors herausstellt. Ein Student wurde über Sophokles geprüft. Dazu musste der Student einige Sätze auf Griechisch rezitieren. Jens unterbrach den Studenten: „An dieser Stelle steht nicht «oder», sondern «und».“ Jens wusste das aus dem Gedächtnis – einen gedruckten Text hatte er bei der Prüfung nicht dabei.
Enzyklopädisches Wissen und leidenschaftliches Interesse an der Gegenwart machten Walter Jens zu einem Gelehrten, der das politische Establishment das Fürchten lehren konnte. Denn die Aura des Wissens und seine geschliffene Rhetorik liessen Politiker von Konrad Adenauer bis zu Gerhard Schröder aussehen, als seien sie nicht authentisch, als wären sie wie der Wagner im Verhältnis zum Faust.
In den 60er- und 70er-Jahren muss das Tübingen von Walter Jens geradezu vibriert haben. Auf der Seite der Philosophie mit marxistischem Einschlag machte Ernst Bloch Furore, auf der Seite der Theologie mit katholischem Hintergrund sorgte Hans Küng für volle Hörsäle. Die Herren gaben sich die Klinken in die Hand, hielten zum Teil gemeinsame Vorlesungen – ein geistiges Kraftfeld sondergleichen.
Präsident und Aktivist
Als Romanautor war Jens Mitglied der Gruppe 47, dazu Präsident des deutschen P.E.N., Präsident der Akademie der Künste zu Berlin. Unter dem Pseudonym „Nomos“ war Jens bekannter und gefürchteter Fernsehkritiker der ZEIT. Und eben die politische Wirksamkeit: Am bekanntesten wurde 1983 seine Blockade des Pershing-Depots in Mutlangen, an der auch Heinrich Böll teilnahm und für die er sich vor Gericht verantworten musste. Während des 2. Golfkrieges von 1990 versteckte Jens desertierte US-Soldaten in seinem Haus.
Aus heutiger Sicht ist aber das Sterben von Walter Jens von grösserer Bedeutung. Denn er ist zusammen mit seiner Frau Inge, mit der er Zeit seines Lebens eng zusammengearbeitet und publiziert hat, einen Weg gegangen, den die beiden sich völlig anders vorgestellt hatten. Dieser Weg macht die ganzen Schwierigkeiten deutlich, die mit Sterbeverfügungen verbunden sind.
Das Versprechen
Im Jahr 1995 legten Walter Jens und Hans Küng ein gemeinsames „Plädoyer für Selbstverantwortung“ vor, in dem es um die Wahrung der Menschenwürde im Sterbeprozess ging. Der Theologe Hans Küng und der Humanist Walter Jens legten dar, warum es zur menschlichen Freiheit gehöre, selbst über das Ende des eigenen Lebens gebieten zu können. Die Kriterien für eine solche Entscheidung wurden ausführlich erörtert. Darüber hinaus verfassten Inge und Walter Jens entsprechende Verfügungen, in denen sie sich gegenseitig versprachen, im Falle auswegloser Krankheit das Leben des anderen nicht um jeden Preis verlängern zu lassen.
Im Jahr 2004 wurde bei Walter Jens eine Alzheimer Erkrankung festgestellt. Diese Erkrankung machte aus dem ehemaligen Geistesriesen ein reduziertes Wesen, zu dem auch seine Frau nur noch schwer Zugang fand. Eine Pflegerin und seine Frau ermöglichten es, dass er zu Hause bleiben konnte.
Mahnung und Erinnerung
In einer Taschenbuchausgabe wurde das Buch „Menschenwürdig sterben“ im Jahr 2010 erneut herausgeben. Eine zweite Auflage erschien im Jahr darauf. Das Besondere an diesen Taschenbuchausgaben besteht in „einem Text von Inge Jens“. Darin beschreibt sie, vor welches Dilemma sie das Versprechen führt, das sie ihrem Mann gegeben hat. Denn obwohl die Bedingungen für ein selbstbestimmtes Lebensende erfüllt seien, sei sie es, die die letzte Entscheidung treffen müsse. Heute, morgen oder vielleicht erst nächste Woche, wenn sich der Zustand noch weiter verschlechtert hat? Denn immer wieder gebe es Momente, so schreibt Inge Jens, in denen Walter sich freue und zeige, wie viel ihm am Leben liege.
Sein Leidensweg ist eine Art Mahnung. Zwar ist es richtig, das Ende so gut es geht zu durchdenken. Aber Walter Jens und seine Frau haben die Unauslotbarkeit erlebt. Und uns bleibt die Erinnerung an die Stimme, die Sprache, überhaupt die Wortgewalt von Walter Jens.