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[Dieter Deiss:] Dominierende Person war damals zweifellos Robert Eichenberger. Er erteilte Mathematik, Physik und Geografie. Er war ein Furcht einflössender Lehrer alter Schule. Von den Schülerinnen und Schülern, über die Eltern bis hin zu den Behördemitgliedern hatten alle grossen Respekt vor dem Herrn «Doktor». Meine Mutter, Olga Deiss-Benz (1917-2000) und Tochter des ehemaligen Gemeindeammanns Josef Benz (1887-1938) besuchte von 1929 bis 1933 ebenfalls die Bezirksschule Turgi. Bereits damals unterrichtete Robert Eichenberger an der Bezirksschule Turgi in einer Art, dass meine Mutter selbst noch als bestandene Frau diesem Mann ängstlich aus dem Weg ging.
„Der Herr Doktor“
Zwei Ereignisse mit Robert Eichenberger sind mir noch speziell in Erinnerung: Da war er einmal krank. Weshalb ausgerechnet ich den Auftrag erhielt, mich jeweils am Vorabend bei Frau Eichenberger zu erkundigen, ob am folgenden Tag der Unterricht wieder stattfinde, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls tat ich dies gewissenhaft. Die Antwort von Frau Eichenberger, dass ihr Mann am nächsten Morgen immer noch nicht unterrichten könne, quittierte ich mit «Das ist gut, danke vielmal!» Obwohl nicht so gemeint, interpretierte dies Robert Eichenberger als eine bösartige Attacke auf seine Persönlichkeit, erlitt in der ersten Mathematikstunde nach seiner Krankheit einen Wutausbruch und stauchte mich zusammen mit den Worten: «Jetzt hat doch dieser Lümmel gesagt, dass es gut sei, dass ich noch krank bin!»
Ein anderes Mal, es war kurz nachdem bekannt geworden war, dass ich die Aufnahmeprüfung in das Lehrerseminar Wettingen bestanden hatte, lenkte ich aus einem mir heute nicht mehr bekannten Grund im Geografie-unterricht seinen Zorn auf mich. Er schlug mir den Atlas um den Kopf und meinte: «Auch wenn du jetzt die Aufnahmeprüfung bestanden hast, wirst du bald wieder aus dem Seminar fliegen, wenn nicht, dann bestehst du die Abschlussprüfung nicht und sollte dir dies trotzdem gelingen, so gibt es aus dir einen schlechten Lehrer!»
Schule als Tyrannei
Solche Dinge fuhren damals einem Viertbezler schon noch ein. Allerdings hat uns aber Robert Eichenberger offenbar die Regeln der Mathematik gut eingehämmert, meinte doch einmal der spätere Mathematiklehrer im Lehrerseminar lobend zu mir: «Bei den Bezirksschülern von Turgi spürt man einfach den guten Mathematikunterricht, den sie dort geniessen durften.»
Dieter Deiss besuchte von 1951 bis 1955 die Bez Turgi. Seine Erinnerungen sind geprägt von drei Persönlichkeiten, nämlich von Dr. Robert Eichenberger (genannt „Buur“), Adolf Haller (genannt „Böbi“) und von Klara Welte (genannt „Klärli“). Diese verfügten im damaligen Gemeindehaus je über ein eigenes Klassenzimmer, Klara Welte im Parterre, direkt neben der Gemeindeverwaltung und die beiden Herren im 1. Stock. Daneben sind ihm weitere Lehrpersonen in Erinnerung geblieben: Rolf(?) Steiner (Singen), Max Schibli (Turnen), Alfred Deiss, (der Vater des Autors, Schönschreiben und Kadetten), Hans Läuchli (Kadetten) und Otto Holliger (Zeichnen).
Ebenfalls zornig sein konnte Adolf Haller, damals bereits ein recht bekannter Schriftsteller. Insgesamt aber ein sehr freundlicher Herr. In Deutsch und Französisch unterrichtete er uns. Zusammen mit einem Gewerbeschullehrer aus Baden engagierte er sich im Kampf gegen die Schundliteratur. Zur Schundliteratur gehörten damals unter anderen die in Heftform herausgegebenen Liebesromane. Uns Knaben interessierten aber vorwiegend «John Kling» und «Jim Strong», beides periodisch erscheinen-de Kriminalgeschichten, die man am Kiosk neben dem damaligen Restaurant Diana kaufen konnte.
Freilich fehlte uns das nötige Geld, um die Neuerscheinungen zu kaufen. So entstand ein reger Tauschhandel. Solche Hefte im Schulsack mitzu-führen, gehörte beinahe damals zur Grundausrüstung. Wehe aber, wenn Adolf Haller in einem unserer Schulsäcke solche Hefte erwischte. Dann gab es Arrest und die aufge-fundenen Hefte wurden eingezogen und vernichtet.
Kein Englisch, dafür Italienisch
Englischunterricht gab es an der damaligen Bez Turgi nicht. So besuchte ich bei Klara Welte die Freifächer Italienisch und Latein. «Klärli» war eine liebenswürdige Frau und vermutlich gegenüber uns Schülerinnen und Schülern zu nachgiebig.
Lateinunterricht konnte man damals ab der der 2. Klasse belegen. Wir waren lediglich zwei Knaben und ein Mädchen. Das Mädchen war eine hervorragende Schülerin, was man von uns Knaben nicht behaupten konnte. So war es kaum verwunderlich, dass wir nach einem Jahr den Bettel hinschmeissen und auf das mühselige Lernen von lateinischen Vokabeln ver-zichten wollten.
Wir hatten aber die Rechnung ohne die Lehrerin gemacht. Hätten wir nämlich aufgegeben, so wäre auch der Lateinunterricht für das verbliebene Mädchen nicht mehr möglich gewesen. Dieses wollte aber an die Kantonsschule, wo es dereinst das Latein benötigen würde. So bearbeitete uns Frau Welte und bat uns im Interesse unserer Schulkollegin weiterhin den Lateinunterricht zu belegen. Dies taten wir denn auch tatsächlich.
Eine besondere Sache war damals der Kadettenunterricht. Dieser war freilich den Knaben der Bezirksschule vorbehalten. Hatte diese Ausbildung in den historischen Städten des Kantons eine langjährige Tradition und war so etwas wie eine militärische Organi-sation, so war der Kadettenunterricht an der Bezirksschule Turgi damals noch nicht lange obligatorisch. Während meiner Schulzeit wurden denn auch erstmals Uniformen angeschafft.
Kadettenunterricht wie Sport
Diese bestanden aus einem feldgrünen Hemd mit aufgesticktem Turgi-Wappen, einer schwarzen, kurzen Hose und einem Hut. Für den Haupt-mann und die Zugführer und Korpo-rale gab es Rangabzeichen. Hans Läuchli und Alfred Deiss, also mein Vater, amteten als Kadetten-instruktoren. Mit Ausnahme eines militärischen Antretens und dem Marsch im Takt der Trommelklänge durchs Dorf, war von militärischer Ausbildung nichts zu spüren. Man widmete sich in erster Linie der sportlichen Ertüchtigung, sei dies auf dem Sportplatz in Ennetturgi oder häufig auch im Wald. Beliebt war insbesondere die Ausbildung im Orientierungslauf.
Noch etwas zu Hans Läuchli, der hauptamtlich Lehrer an der damaligen Oberschule war. Mein Vater war einige Zeit Vertreter der Lehrerschaft an den Sitzungen der Schulpflege. So erzählte er einmal beim Mittagstisch, dass er von der Schulpflege den Auftrag erhalten habe, Hans Läuchli mitzu-teilen, dass dieser inskünftig nur noch in Krawatte unterrichten dürfe, so wie es alle übrigen Lehrer ebenfalls taten.
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So weit meine Erinnerungen an eine Schule, wo es noch keine technischen Hilfsmittel, aber auch keine Arbeitsblätter gab, wo lediglich Wandtafel, Füllfeder, Schulbuch und Schreibhefte als Arbeits-instrumente dienten. Trotzdem glaube ich, haben wir nicht weniger gelernt, als dies für die heutige Schuljugend zutrifft [Dieter Deiss].