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Im ausgehenden 19. Jahrhundert verändert sich der Sprachgebrauch vehement. Durch den Wandel der Gesellschaft und die Entwicklung neuer Medien muss die Sprache andere Kriterien erfüllen, die für Poesie und Literatursprache noch bis weit ins 19. Jahrhundert wenig relevant gewesen waren. Ästhetische Tendenzen führen so weit, dass an einer generellen Ausdruckskraft der Sprache gezweifelt wird: Ist die Sprache mit ihren Worten und Begrifflichkeiten überhaupt noch in der Lage die Welt zu beschreiben? Persönlichkeiten wie Friedrich Nietzsche, Hugo von Hofmannsthal oder Maurice Maeterlinck untersuchen dieses Phänomen in ihren philosophischen Texten. In ähnlicher Weise, wie sich die Literatur hiervon betroffen sieht, wie Schriftsteller unterschiedliche Ansätze in Prosa, Poesie oder Dramatik umsetzen, suchen auch Komponisten nach weiterführenden Lösungen. So ist der Zweifel an der Ausdruckskraft der Sprache auch im Musiktheater, insbesondere im kulturellen europäischen Zentrum Paris spürbar. Die ästhetischen Ansichten eines Maurice Maeterlinck, u.a. Autor der literarischen Vorlage von Claude Debussys «Pelléas et Mélisande» (1902), proklamieren einen Dualismus zwischen der bewussten Sphäre der Sprache und dem seelischen Bereich des Schweigens – die Sprache wäre daher nicht in der Lage Erfahrungen und Empfindungen wiederzugeben, da sie nicht über die Sphäre des intellektuellen Bewusstseins hinausreicht. Beim inneren Ausdruck der Seele versagt sie. Ausgehend von diesen Tendenzen setzen sich viele Komponisten das utopische Ziel eine «Musik des Schweigens» zu komponieren. Die Musik soll dabei nicht eine «Sprache der Leidenschaften» ausdrücken und diese steigern, wie es die romantische Musikästhetik verfolgte. Vielmehr hat diese «Musik des Schweigens» das Ziel Sinneseindrücke zu ersetzen, die musikalische Syntax auflösen und Symbole andeuten.
Das Dissertationsprojekt soll diese Fragen untersuchen und Schnittstellen von ästhetischen Fragestellungen mit dem französischen Musiktheater des Fin de Siècle vertiefen. In welcher Form entwickeln sich diese Zusammenhänge und manifestieren sich? Wie setzt sich dieser neue Sprachgebrauch in den Libretti und vor allem in der Musik um? Wie verschiebt sich hierdurch das Verhältnis von Text und Musik?
Dezember 2016