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Emblem
Ist heute eine Zeit für Embleme? Fragten wir den Literaturwissenschaftler Emmanuel Paul Kerkergrad. Er ist der Autor des kürzlich veröffentlichten Buches: Der Weg des Symbols in das Symbol (Taschen 2014). Hier eine stark verkürzte Version unseres Interviews.
Pro Lyrica: Herr Kerkergrad, in Ihrem Buch schreiben Sie von der Notwendigkeit des Symbols. Ich zitiere: «Wäre das Symbol nicht, müsste man den Menschen erfinden.» Was meinen Sie genau damit?
Kerkergard: Nun, im Wesentlichen geht es ja in der Literatur darum, Sinn zu transportieren. Noch bis ins ausgehende Mittelalter, also bis zur ersten Blütezeit des vor allem italienisch geprägten Kapitalismus, zu dem es interessant wäre, literarische Linien der italienischen Rennaissancelyrik, insbesondere der pastoralen bzw. erotischen Form, zu ziehen, was bisher meines Erachtens noch niemand zu unternehmen gewagt hat, noch bis in diese Scheidezeit konnten sich die Menschen auf einen gemeinsamen Bilderschatz berufen. Dieser Bilderschatz wurde ikonoklastisch gestürmt, als die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Geografie, der Kosmographie etc. in die bildungsfernen Schichten des Nordens eindrangen und sich gleich den Pocken, die die amerikanischen Ureinwohner um die Hälfte dezimierten, in die Geister einfrassen. Plötzlich schien es nötig, diesen Bilderschatz, den ich in meinem nächsten Buch linguistisch lesen werde, zu heben und zu bewahren. Daher die ersten Emblembücher in der Mitte des 16. Jahrhunderts.
Pro Lyrica: Wie aber ist nun die Parallelsetzung mit der Gegenwart zu verstehen?
Kerkergard: Wie die Menschen dann insbesondere im 17. Jahrhundert, dem grossen Barockzeitalter in der Literatur, das ja auch sozusagen für den Anfang deutscher Poetik steht, wenn wir an Opitz denken, befinden wir uns in einer Epoche haltlosen Umbruches, geprägt von der Umschichtung der Werte und Normen. Das sehen Sie z.B. daran, dass die Bildsprache, wenn man mir die interdisziplinäre Zumutung gestatten möge, eines Chaplin-Films von der heutigen Jugend nicht mehr ohne nähere Ausführung verstanden wird. Gleichzeitig ist durch die allgegenwärtige Militarisierung einerseits, ich sage nur ‹Ego-Shooter›, sowie durch den parallel verlaufenden ‹Krieg gegen den Terrorismus› ein Klima der kulturellen Entfremdung zwischen Religionen und Denksystemen entstanden, das nur noch verstärkt werden kann durch die allüberall präsente Verfügbarkeit der Massenware. Eine solche Zeit könnte (oder vielleicht müsste) geradezu Zuflucht zu der Emblematik suchen, Halt in festen, in Nachschlagewerkform dargebotenen Sinnbildern, was die Embleme letzten Endes ja schlicht und ergreifend sind, wenn auch häufig die Tierembleme der naturwissenschaftlichen Überprüfung nicht mehr Stand halten können, in solchen sicheren Werten wie Emblemen also, finden.
Pro Lyrica: Wäre das nicht sogar eine Idee für eine so genannte ‹App›?
Kerkergard: Sie werden jetzt lachen, aber meine Mitarbeiter am Institut für paranormale Literaturentgleisung und ich arbeiten zurzeit an einem Konkurrenzprodukt zur Online-Enzyklopädie ‹Wikipedia›, der ‹Emblemia›, die neue und alte Embleme jederzeit und stichwortgeordnet, denn vergessen Sie nicht: es gibt die eigentliche Ebene (das Bild vom Kamel, das für das Kamel steht) — Kerkergard lacht — ist ja eigentlich schon uneigentlich, ein Bild für ein Tier, item, und es gibt die uneigentliche Ebene (das ausdauernde Wesen des Kamels in der Wüste z.B.)…
Herr Kerkergard stellt uns freundlicherweise auch ein von seinem Mitarbeiter Fridolin Olivero verfasstes Emblem zur Verfügung:
Inscriptio:
wo ist all die zeit hin?
[Bild eines Handys]
Subscriptio:
Die Tasten drücke noch so oft
Das Selfie schicke noch so weit
Sei jederzeit für’n Anruf bereit
Und packste Zeit doch nie am Schopf. OF