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Brunos Tramnotizen – N°95
Die junge Frau telefonierte schon am Tiefenbrunnen, wo sie eingestiegen war, ihr Begleiter gab sich demonstrativ gelangweilt, schien sich zu nerven. Inzwischen hielt der 4er drei Stationen weiter an der Höschgasse, die Frau beendete ihr Gespräch. Der Mann, Thomas hiess er, holte tief Luft und kritisierte, sie habe jetzt exakt 38 Mal «genau» gesagt, ja, sie sage das Wort immer und immer wieder, bevor sie zu sprechen beginne, während dem sie etwas sage und auch nochmals, wenn sie einen Satz beende, das sei doch... Carolina, so hiess die Frau, lachte. Genau. Das sei doch nur eine harmlose Angewohnheit, eine Redensart, die alle gebrauchen würden, so wie er, der jahrelang bei jeder Gelegenheit alles ‚krass’ oder gar «voll krass» und «mega» fand. Nun sage sie halt «genau». Sie meine aber nicht genau, wenn sie «genau» sage, nörgelte Thomas weiter, sie brauche das Wort aus einer Art Verlegenheit, so wie «äh» oder «ähm» sagen, wenn sie gerade nicht weiter wüssten. «Genau» klinge natürlich besser, auch wenn sie gar nicht meine, dass es genau wäre, was sie sage. Genau, sagte Carolina und grinste dabei, er solle es einmal gut sein lassen. Er solle doch, wenn er schon so gescheit sei, solche Redewendungen einfach überhören. Sie nerve sich manchmal auch über sein langgezogenes «okaaaaaay», wenn sie ihm etwas erkläre. Das sage er nämlich immer dann, wenn er etwas gar nicht okay fände. Stimmt, gab Jonas zu, lachte und meinte, es sei eigentlich schon eigenartig, wie sich so Redewendungen in unserer Sprache festsetzen und bis zum geht-nicht-mehr verwendet würden. Belustigend sei gar, wenn eine Redaktion, wie die des Oxford English Dictionary, also die selbsternannten Hüter der englischen Sprache, Begriffe wie «lol» (laughing out loud) und «omg» (oh my god) in den offiziellen Wortschatz aufnehmen. Für die Internetfreaks müsse das doch wie eine Adelung gewesen sein, ihr Soziolekt aus dem Netz sei gesellschaftsfähig geworden, sozusagen «irl» (in real life) angekommen. Das sei Schnee von gestern, meinte Carolina. «lol» würde laut Facebook in der Netzkultur praktisch nur noch von der alten ü30-Generation verwendet, die tonangebenden Teenager würden dafür schon längst wieder das schnöde «haha» verwenden. «lol» würden Junge vor allem dann einsetzen, wenn es gar nichts zu Lachen gäbe. Als emphatische Antwort etwa: «Mir geht es heute gar nicht gut! – lol.» Thomas nickte nachdenklich, fragte sich dann, ob im Zeitalter der Emojis eine Sprache überhaupt noch überlebe – oder ob die Jugend von morgen wieder kreativer würde. Carolina witzelte, klar doch, sie könne sich schon vorstellen, dass die Teenies von morgen Sprüche bringen würden wie: Die Party gestern sei total glutenfrei gewesen, da hätten sich ein paar Veganer gefunden und eine Selbsthilfegruppe gegründet.
11. Dezember 2016