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Kapitel 3
Der verhinderte Forscher
“Die folgenden Jahre von 1925 bis 1929 sahen den jungen Mr. Hubbard im Alter von 14 bis 18 Jahren als aufblühenden und enthusiastischen Weltenbummler und Abenteurer. Sein Vater war in den fernen Osten versetzt worden und mit der finanziellen Unterstützung seines Großvaters verbrachte L. Ron Hubbard diese Jahre mit Reisen durch Asien...”
“Mit dem Tod seines Großvaters kehrte die Familie Hubbard in die Vereinigten Staaten zurück und Ron schrieb sich im Herbst 1930 an der George Washington Universität ein. Dort wurde L. Ron Hubbard Mitherausgeber der Universitätszeitung “The Hatchet” und war Mitglied vieler Universitätsclubs und Gesellschaften ... Hier war es auch, daß er sich in einen der ersten Kurse für Nuklearphysik einschrieb, die jemals an einer amerikanischen Universität gehalten wurden.”
“Als Student von kaum 20 Jahren verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit Schreiben und innerhalb von ein paar Jahren hatte er sich als Essayist in der literarischen Welt einen Namen gemacht.... Während dieser vielbeschäftigen Collegejahre fand er aber auch noch Zeit, als Direktor der karibischen Filmexpedition von 1931 vorzustehen. Die Unterwasserfilme, die auf dieser Reise gedreht wurden, stellten dem Hydrographischen Institut und der Universität von Michigan unschätzbare Daten für deren weitere Forschungen zur Verfügung.”
“1932 kam dann das wahre Merkmal eines außerordentlichen Forschers zutage. Dieses Jahr markierte einen ambitionierten Höhepunkt im Leben des 21jährigen. Als Leiter der Westindischen Mineralien Untersuchungsexpedition stellte er die erste komplette mineralogische Untersuchung Puerto Ricos zusammen. Dies war eine Pionierleistung ersten Grades, die zum Wohle anderer einen vorhersagbaren und genauen Wissensbestand zu Tage förderte ...” (Mission Into Time, veröffentlicht von der Scientologykirche, 1973)
* * * * *
Die USS Henderson kam am 25.7.1928 bei starken Winden in Guam an und lag noch weitere fünf Tage auf der windgeschützten Seite der Insel, um auf eine Gelegenheit zu warten in den Hafen einzulaufen. Das Wetter schien Ron nichts auszumachen. “Diese Reise war die beste, die ich je unternommen habe”, schrieb er in seinem Tagebuch, “und die beste, die ich je zu unternehmen hoffe. Die Marine gab mir einen Hofstaat, es gab neun junge Strohwitwen an Bord, wir tanzten jede zweite Nacht und die Filme waren gut.”
Ron vermied in seinem Tagebuch jegliche Bemerkung darüber, wie seine Eltern auf seine Rückkehr nach Guam reagierten. Nach mehr als einem Jahr der Trennung waren Harry und May zweifellos froh, ihren 17jährigen Sohn wiederzusehen, doch können sie nicht allzu glücklich über seine impulsive Entscheidung gewesen sein, die High School zu verlassen. Da es keine Möglichkeit gab – selbst wenn er einverstanden gewesen wäre, ihn rechtzeitig zum Beginn des nächsten Schuljahres zurück in die Staaten zu schicken, wurde entschieden, daß er in Guam bleiben und von seiner Mutter unterrichtet werden sollte, um sich so auf die Aufnahmeprüfung an der Marineakademie vorzubereiten.
Trotz ihrer begrenzten Unterrichtserfahrung schien sich May der Aufgabe, ihren launenhaften Sohn auf ein entsprechend hohes Ausbildungsniveau zu bringen, furchtlos zu stellen, um ihn dann durch die harte und anspruchsvolle Aufnahmeprüfung bekommen zu können. Und mit Dienern, die auf leisen Sohlen durchs Haus schlichen und sich ungefragt jeder Hausarbeit annahmen, hatte sie auch entsprechend viel Zeit, um sich den Studien ihres Sohnes widmen zu können.
Ron seinerseits hätte es mit dieser Entwicklung auch nicht besser treffen können, da so das autoritäre Regime des alten A. J. Roberts and der Helena High School durch die tropischen Verlockungen Guams und die sanften Unterrichtsmethoden seiner Mutter ersetzt worden waren.
Im Oktober hatten die Hubbards die Möglichkeit, eine Erholungsreise nach China auf der USS Gold Star mitzumachen, dem Schiff, das May und Ron im Sommer 1927 nach Guam gebracht hatte. Keiner von ihnen hatte sich auf dem Schiff wohlgefühlt, doch die Aussicht auf eine 10tägige Besichtigungsreise unter anderem auch nach Peking hatte alle Vorbehalte entkräftet, die sie noch von ihrer anderen Fahrt hatten. Hub stellte seinem Sohn die Bedingung, daß er nur dann mitfahren könne, wenn er seine Schularbeiten auch auf dem Schiff fortsetzen würde. Ron stimmte ohne zu zögern zu.
Am 6. Oktober meldeten sich 30 Familien an Bord der USS Gold Star für den Transport an die chinesischen Häfen und wieder zurück. Wie die anderen Offiziere, die dieser Exkursion beiwohnten, verpflichtete sich Lieutenant Hubbard für einen temporären Dienst an Bord des Schiffs – er wurde zum Assistenten des Versorgungsoffiziers. Wie schon zuvor, führte Ron ein “Bordbuch”, indem er ein Kontoführungsbuch benutzte, etwas, das ihm sein Vater immer zur Verfügung stellen konnte. “Es ist ein wonniges Gefühl”, kritzelte er in einem frühen Eintrag, “wieder das Pumpen der Maschinen unter mir zu spüren und das Schäumen der dunkelblauen See außerhalb des Hafens zu hören.” Am Ende dieser Seite findet sich dieses elegische, von Weltschmerz getränkte Postscript: “Ein weiteres Schiff bestiegen. Wird es immer so sein?”
Nach einem Stop in Manila, von dem er berichtet, daß er wie “Guam mal 30 und ein paar Garnierungen” war, nahm das Schiff Kurs nach Norden auf das chinesische Festland zu. Ron mußte sich widerwillig auf einen Schreibtisch in Kabine 9 beschränken und behauptete, daß er mit seinem Stoff gut weiterkommen würde.
Die Gold Star füllte ihre Kohlenvorräte in Tsingtao auf, einem geschäftigen Hafen auf der Halbinsel Shantung, die erst vor kurzem wieder China zugefallen war, nachdem sie einige Jahre erst von den Deutschen, dann von den Japanern besetzt gewesen war. Ron nahm die Mühe auf sich, Tsingtao's Geschichte zu erforschen und schloß, daß die Chinesen mit ihrer allumfassenden Korruption unwürdige Erben ihres eigenen Territoriums waren. Sie hatten es nicht geschafft, von den Bemühungen Deutschlands und Japans zu profitieren und ihr Land von diesen Auswüchsen sauber zu halten. “Ein Chinese kann keine Standards halten”, schrieb er, ”er zieht immer alles nach unten.” Am 30. Oktober notierte er dankbar: ”Wir haben Tsingtao, wie ich hoffe, für immer verlassen.”
Am folgenden Tag ankerte die Gold Star vor T'ang-ku, von wo die Passagiere einen Zug nach Peking nahmen.[1] Wie alle amerikanischen Touristen weltweit wollte man von allen Sehenswürdigkeiten zumindest einen Blick erhaschen, was Ron als “Gafferstationen” beschrieb. Er war definitiv nicht von Pekings historischem und religiösem architektonischen Erbe beeindruckt.
Den Tempel des Himmels, vermutlich die höchste Leistung der traditionellen chinesischen Architektur, betrachtete er als “sehr bunt und mehr oder weniger roh gefertigt”. Der Sommerpalast war für ihn “handwerklich sehr billig gemacht” und der Winterpalast “hatte meiner Meinung nach nicht viel von einem Palast”.
Der Lama-Tempel, der nur ein paar Tage nach ihrem Besuch von der neugeformten nationalen Regierung geschlossen worden war, war “elendiglich kalt und sehr schäbig ... Die Leute, die dort beten, haben Stimmen wie Ochsenfrösche und sie schlagen Trommeln und spielen Metallhörner um ihren Gesang (!?) zu begleiten.”
Was die kaiserlichen Paläste in der Verbotenen Stadt anging, so sah einer davon “sehr kitschig” aus und die meisten anderen “waren nicht der Rede wert.” Nur die große Mauer Chinas schien seine Phantasie zu beflügeln – hauptsächlich deswegen, weil es “das einzige Werk von Menschenhand ist, das vom Mars gesehen werden kann.” Wenn China sie zu einer Achterbahn umbauen würde, so fügte er hinzu, ”könnte es pro Jahr Millionen von Dollars machen.”
Auch die Chinesen selbst fanden keine Gnade vor den Augen des von sich selbst eingenommenen jungen Amerikaners. Er fand sie seicht, einfältig, unehrlich, faul und brutal. “Es ist lächerlich zu glauben, daß die Gelben Rassen die Welt überrennen werden”, notierte er. “.... [Die Chinesen] haben weder die Voraussicht noch die Ausdauer, irgendwie auch nur irgendein weißes Land zu überrennen außer durch Einheiraten. Ein amerikanischer Marinesoldat kann eine ganze Meute von Gelben ohne große Anstrengungen aufhalten.”
Sogar das Klima konnte ihn nicht entzücken. Der Winter dauerte von Oktober bis Mai, bemerkte er, die Kälte war durchdringend und es war so trocken, daß der Staub knöcheltief in den Straßen stand und das “Peking-Halsweh” verursachte, ein furchtbares Leiden, das den ganzen Winter andauerte. “Ich glaube, daß das aufregendste, das man in ganz Nordchina sehen kann, die Anzahl an Kamelen ist”, schrieb er. “Es ist eine sehr armseligen Rasse, aber sie können der Kälte widerstehen und Lasten tragen; das ist alles, was der Chinese von ihnen verlangt. Man kann in Peking täglich viele Karawanen sehen. Sie haben einen sehr imposanten Watschelgang. Sie tragen ihre Köpfe hoch; ihre gemeinen Münder wackeln und ihre Buckel rutschen von einer Seite auf die andere. Mein ganzes Leben habe ich Kamele mit Arabern assoziiert und es mutet mich eigenartig an, diese Tiere von Chinesen betreut zu sehen.”
Die Gold Star hielt auch in Shanghai und Hongkong, bevor sie wieder Kurs auf Guam nahm, doch Ron hatte genug von weiteren Beschreibungen. Er führte nur noch einen Schlag gegen die glücklosen Chinesen: “Sie riechen nach all den Bädern, die sie nicht genommen haben. Das Problem mit China ist, daß es hier zu viele Schlitzaugen gibt.”
Am Ende der Reise schienen Rons Bemühungen um seinen Schulstoff auch ins Straucheln zu geraten, denn er begann sein Tagebuch mit jeweils einen Abschnitt langen Zusammenfassungen von Kurzgeschichten zu füllen, die er für Magazine wie True Confession oder Adventure entweder geschrieben hatte oder zu schreiben beabsichtigte.
Aus seinen Einträgen geht klar hervor, daß er ungeachtet der Marine-Akademie bereits an eine Karriere als Schriftsteller dachte. Tatsächlich erweckte er den Eindruck, daß er sich schon Jahre mit der Schreibmaschine herumschlug, indem er eine Zusammenfassung unter dem Titel “Armeen zu vermieten” mit dem nonchalanten Addendum versah, daß die Geschichte “die üblichen Handlungskomplikationen” enthalten würde.
Es war vorherzusehen, daß der Orient sein bevorzugter Handlungsort und sein Held ohne Ausnahme ein weißer Abenteurer war wie zum Beispiel in “Geheimdienst”: “Abenteuer. Alles an einem Tag. Ein Bursche zufällig in Hankow. Rettet die Stadt. Tritt der britischen SS bei um Befehle auszuführen wie Giovanni in Mukden wiegelt die Kommunisten auf. Entscheiden sie selbst, was zu tun ist. C 13.”
Keine seiner Bemühungen, man muß das klar sagen, waren von überzeugender Originalität: “Liebesgeschichte. Geht nach Frankreich. Trifft Modepüppchen in Marseille. Sie nimmt ihn mit zu ihrer Schlafzimmer-mit-Bad Absteige, wo er lebt, bis ehrenhafte Bürger protestieren. Er hält sie sich vom Leib und nimmt das nächste Schiff nach Amerika, da er inzwischen eine lang erwartete Erbschaft erhalten hat.”
Auf Seite 119 des Kontobuches rang sich Ron dazu durch, eine komplette, wenn auch unbetitelte Geschichte zu schreiben, die so begann: “Eine faule Sonne sandte einen verstohlenen Blick über den Horizont und warf glitzernde Strahlen von Licht über die Wellenbrecher. Die Laggune (im Original auch mit zwei g; d. Übers.) lag blau und kühl da. Tropische Vögel flügelten zu ihren Tagesgeschäften und ausgestreckt auf dem weißen Korallensand lagen zwei Figuren. Zwei zerlumpte Figuren, einige Fuß voneinander entfernt ... “
Rons Verständnis von englischer Grammatik war so unsicher wie seine Schreibweise. Im Lauf der Erzählung sickert durch, daß diese beiden Figuren, ein Junge und ein Mädchen, die einzigen Überlebenden eines Schiffbruchs waren. Das Mädchen rüttelt den Jungen auf die übliche Art wach (“Bob! Bob! Sprich zu mir!”), worauf Bob folgendermaßen spricht: “Ihnen (!!) sind weg, alle weg, sie sind tot und das Schiff liegt am Grund.”
Allein auf einer tropischen Insel nimmt die Natur ihren Lauf und sie schwören sich unsterbliche, doch völlig platonische Liebe. Doch nachdem sie gerettet werden und in die USA zurückkehren, gehen beide ihren Weg. Die Geschichte – unterbrochen auf Seite 123 durch einige hingekritzelte verhasste Algebra-Gleichungen – endet mit einem sehr leidenschaftlichen Wiedersehen in der Lobby eines Hotels in San Francisco, bei dem das Paar über seine frühere Dummheit lacht.
Obwohl Rons Erzählstil immer noch unreif war, demonstrierte er doch ein offensichtliches Talent im Schreiben von Kurzgeschichten; er konnte die Erzählungen geschickt strukturieren und kompensierte seinen Mangel an literarischen Fähigkeiten mit schierer Produktivität.
Die Gold Star kehrte am 18. Dezember nach Guam zurück und in den folgenden Wochen und Monaten brachte Ron Dutzende von Geschichten und Essays zu Papier, indem er ein Kontenbuch nach dem anderen füllte. Seine Mutter photographierte ihn als aufstrebenden jungen Schriftsteller, wie er an einem Tisch im Bungalow sitzt, seine Finger auf den Tasten einer großen hochkantigen Schreibmaschine, obwohl er ja eigentlich lieber mit der Hand schrieb – mit einer großen, unordentlichen Schrift, oft Wörter oder ganze Sätze, manchmal sogar ganze Seiten im Lauf seiner Arbeit ausstreichend.
Wie alle Schriftsteller hatte auch er Tage, an denen einfach nichts ging:
“Die Sonne war heiß, der Tag ruhig, und die grellgrünen Palmen säumten in einer Linie den Strand dieser tropischen Insel ...”
“Die Sonne war heiß, der Tag ruhig, und der Sanitätsangehörige James Thorpe überblickte sein kleines Reich ...”
“Die Sonne war heiß, der Tag ruhig ...”
“Die Sonne war heiß und abgesehen vom monotonen Dröhnen der See auf dem harten Riff war der Tag ruhig....”
Im Alter von 18 Jahren war Ron ein blaßgesichtiger, schmächtiger junger Bursche mit einem Schopf von rotem Haar und gefleckter Gesichtsfarbe, doch er schrieb, wie wenn er ein weitgereister Weltmann wäre, ein unbekümmerter, starker, durchsetzungsfähiger Abenteurer mit dem Drang nach Leben. Es war ein Image, das er aufgrund seiner mageren Erfahrungen auf seinen kurzen Reisen in den Osten kreieren konnte; der überhitzte Motor seiner Phantasie wurde durch diese Erlebnisse mit einem Schimmer von Wahrhaftigkeit gespeist.
Auf seine Art fühlte er sich fähig, über die “unzuverlässige, lügnerische, grausame, wechselhafte und zynische Dame namens Glück” zu philosophieren, als ob er mehr als einmal aufgrund ihrer Kapriziosen zu leiden gehabt hätte: “Diese beste aller Humoristinnen, dieser schlimmste Dämon hat Männer aus ihrem Platz an der Sonne in den Schlamm der Vergessenheit verstoßen; hat aus Bettlern Könige gemacht; hat mit einem Flüstern Tausende nach oben gebracht oder zerschmettert; hat gelacht über diejenigen, die glaubten, ihr Schicksal im Griff zu haben; hat genug Männer umgebracht, um die Straße zur Hölle in ihrer ganzen Länge mit ihnen zu pflastern.”
Nur wenn er mit dem anderen Geschlecht zu tun hat, verlor der heranwachsende Mann von Welt seine Selbstsicherheit. Die Geschichte, die so mühselig mit “Die Sonne war heiß ...” begonnen hatte, handelte von einem Krankenpfleger in der Marine, der sich in seine eingeborene Assistentin verliebte. “Sie nahm den Stuhl mit einem verschmitzten Blick auf den jungen Mann und faltete ihre schlanken braunen Hände im Schoß. Der Soldat bemerkte plötzlich, daß sie schön war. Er schwamm einen Moment lang in der Tiefe ihrer klaren braunen Augen und setzte sich dann schnell ins Gras. Diese Entdeckung erschreckte ihn irgendwie und er sagte sich eifrig, daß sie eine Eingeborene wäre, eine Eingeborene, Eingeborene.”
Als sie sich dann unvermeidlicherweise in den Armen lagen (“Verschwommen sah er Marie auf der Veranda und einen Moment später lag sie in seinen Armen ...”), schien Ron unsicher zu sein, wie er die Geschichte weiterführen sollte. Er strich die nächsten vier Zeilen so heftig durch, daß sie unleserlich wurden; die Story führte er nicht weiter.
Da seine Aufmerksamkeit so sehr durch die ausschweifenden Exkursionen seiner Phantasie abgelenkt wurde, war es dann keine Überraschung, daß Ron die Aufnahmeprüfung für die Marineakademie in Annapolis nicht bestand. Er fiel in Mathematik durch, die er so sehr verabscheute.[2] Sein Vater war zwar enttäuscht, doch immer noch überzeugt, daß Ron die Prüfung bestehen könnte. Lieutenant Hubbards Dienst in Guam neigte sich seinem Ende zu; er wußte, daß sein nächster Posten in Washington DC als Auszahlungsoffizier im Marinekrankenhaus sein würde. Er entdeckte, daß die Swavely Vorbereitungsschule in Manassas, Virginia, die innerhalb der Region von Washington DC lag, spezielle Kurse für Annapolis-Kandidaten anbot. Nach einem längeren hin und her von Telegrammen zwischen Guam und Manassas konnte er Ron für das Schuljahr 1929/30 dort unterbringen.
Die Hubbards kehrten Ende August 1929 in die USA zurück und fuhren unverzüglich nach Helena, Montana, weiter; dort gab es ein freudiges Wiedersehen mit der Familie. (Ihre Rückkehr wurde nicht durch den Tod von Rons “wohlhabendem Großvater” nötig, wie es in den “offiziellen” Biographien angedeutet wird, denn Lafayette Waterbury war zu der Zeit noch quicklebendig. Er starb im Alter von 87 Jahren am 18. August 1931.) Vor allem May, die das tropische Klima in Guam bisweilen sehr erschöpfend gefunden hatte, war sehr froh, wieder zu Hause zu sein, wo sie ihre Lungen mit der frischen Bergluft Montanas füllen konnte. Sie entschied sich, noch etwas länger dort zu bleiben, als die Zeit für Hub gekommen war, zusammen mit Ron nach Washington aufzubrechen.
Am 30. September fing Ron in der grünen Umgebung Manassas wieder mit der Schule an. In Helena schrieb May ihrem Sohn einen liebevollen, doch sanft ermahnenden Brief auf der störrischen Familienschreibmaschine:
Liebster Ronald,
Ich denke sehr viel an das alles, Dein erster Tag in der Schule. Ich hoffe, daß es Dir gefällt und Du jede Lektion gewissenhaft studierst. Vergiss nicht, daß Du für diese Informationen bezahlst, also zögere nicht, Deine Lehrer wieder und wieder zu fragen, wenn etwas unklar ist. Ich möchte, daß Du Dich nur auf diese eine Sache konzentriest: Durch die Schule zu kommen und am Ende die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Schreib nichts abgesehen von den Schularbeiten. Lies nichts außer Deinem Stoff. Wenn Du mit Deinem Stoff durch bist, dann geh um Deiner Gesundheit willen an die frische Luft. Wenn Du Dich an diese Regeln hältst, dann kann Dir nichts passieren. Ich fühle mich hier in dieser Bergluft um Welten besser. Es ist eine wunderbare Abwechslung zu den Tropen. Es ist zu schade, daß Dad nicht auch noch länger bleiben konnte und schon so bald wieder zu seinem Dienst mußte. Er tat es für Dich; und wenn Du das Gefühl hast, nachzulassen, dann denk bitte daran, daß Dad seinen hart verdienten Urlaub deswegen nicht genommen hat, um Dich dorthin zu bringen, wo Du jetzt bist. Es gibt nur einen Weg, Dich dafür bei Dad zu bedanken und das ist, es zu schaffen. Dein Erfolg ist unser größtes Ziel im Leben....
May schrieb ihrem Sohn weiter über das Wetter, einen zweitägigen Ausflug zum Fischen und die Forelle, die sie dort gefangen hatte, und daß Toilie böse wäre, weil er ihr keinen Brief geschrieben habe. Er sollte sie außerdem wissen lassen, ob er seine Wanderstiefel brauchte. “Ich spitze die Ohren, um alles über Deine Schule zu hören ...”, beendete sie den Brief. “Mit Liebe und den besten Wünschen. Mutter.”
Lieutenant Hubbards Herzenswunsch, daß sein Sohn ihm mittels der Akademie in die US Marine folgen würde, wurde bald zerschmettert. Während des ersten Semesters in Swavely ging Ron wegen einer angeblichen Augenüberanstrengung zum Arzt und wurde für weitere Tests an das Marinekrankenhaus überwiesen. Dort attestierte man ihm eine so starke Kurzsichtigkeit, daß er aufgrund der medizinischen Mindestanforderungen keine Chance haben würde in Annapolis aufgenommen zu werden. Inzwischen war May aus Helena eingetroffen und man bezog ein kleines Haus in Oakcrest, Virginia, das Hub für sie gemietet hatte. Dort saßen sie viele Abende und grämten sich über Ron: Hubs düstere Vorstellungen über die Zukunft seines Sohnes wurden noch zusätzlich geschürt durch den Wall Street Crash, der das ganze Land in eine Katastrophe zu stürzen schien.
Ron selbst zeigte nur wenig Bedauern, daß eine Karriere in der Marine nicht mehr in Frage kam. In Swavely wurde er zum Mitherausgeber der monatlichen Schulzeitung, des Swavely Sentinel; zudem war er sehr beschäftigt, die Rolle des Anatol in Episode zu proben, einer einaktigen Komödie, die die Spielzeit der Swavely Schauspieler am 13. Dezember eröffnen sollte. In Wahrheit war es viel eher nach seinem Geschmack, Herausgeber einer Zeitung und Schauspieler zu sein als in die Marine einzutreten, obwohl er das gegenüber seinem Vater niemals zugegeben hätte.
Während Ron zufrieden im Schulleben mitmischte, war sein Vater in ständigem Kontakt mit dem Leiter der Aufnahmestelle an der George Washington Universität, um eine Möglichkeit zu finden seinen Sohn dort als Studenten unterzubringen. Falls Ron genügend Beglaubigungen von anerkannten Schulen wie der Woodward Schule für Jungen oder das YMCA “Büffelcollege” in Washington DC beibringen konnte, so beschied man Lieutenant Hubbard, müßte er die Aufnhmeprüfung für die Universität nicht ablegen.
Dementsprechend wurde Ron im Februar 1930 in Woodward eingeschrieben. Anfang Mai nahm er sich frei, um sich bei den Reservestreitkräften der US Marine anwerben zu lassen. Er gab sich zwei Jahre älter aus, als er war und bezeichnete sich aus unbekannten Gründen als “Photograph”. Ihm schien diese unnötige und alberne Verlogenheit selbst auf offiziellen Dokumenten nichts auszumachen. Seine breite Unterschrift prangt am Ende des Dienstberichtes und bestätigt damit beide Fehler. Seine physische Beschreibung wird mit Größe: 5'10½", Gewicht: 165lb (= 178 cm, 74 kg), graue Augen, rotes Haar, Gesichtsfarbe: rotbackig angegeben. Bereits sechs Wochen später wird er ohne Angaben von Gründen zum Ersten Sergeanten befördert, ein Sprung in der Rangordnung, der selbst für Rons eigene Standards der Selbsteinschätzung erstaunlich war.[3]
Rons Unbekümmertheit um die tatsächliche Wahrheit läßt sich exemplarisch an seinem Festhalten an der Behauptung ersehen, er sei einmal der jüngste Adler-Scout gewesen. Sogar als er die Schulausscheidung im landesweiten Redewettbewerb mit einer Rede über “Die Verfassung; Garantie für die Freiheit des Individuums” gewann, erwähnte die Schulzeitung, daß “er einst der jüngste Adler-Scout in Amerika gewesen war”, obwohl das mit der Rede in gar keinem unmittelbaren Zusammenhang stand.[4]
Zur übergroßen Freude seiner Eltern schloß Ron die Schule im Juni ab. In einem Brief an eine andere Universität (Lieutenant Hubbard war klar entschlossen, seinem Sohn verschiedene Optionen offen zu halten) schrieb sein Vater stolz: “Ronald arbeitete Tag und Nacht daran, sich für die Prüfungen entsprechend vorzubereiten und legte alle mit Erfolg ab. Meiner eigenen Meinung nach hat er sich mit wesentlich mehr Stoff beschäftigt als es für reguläre High School Kurse üblich ist. Wenn man dazu noch all die Handicaps in Betracht zieht, die er überwunden hat, so ist er bestens für Universität und College geeignet.”[5]
Am 24. September 1930 wurde Ron als Student an die Ingenieurschule der George Washington Universität zugelassen. Seine Fachgebiet – von seinem Vater vorgeschlagen – sollte Zivilingenieur werden. Er wurde für den Cherry Tree photographiert, das Jahrbuch der Universität. Er steht hier in der hinteren Reihe der Studenten der Amerikanischen Gesellschaft für Zivilingenieure in einem schicken Anzug und gepunkteter Krawatte und starrt mit zurückgekämmtem Haar feierlich in die Kamera. Er ist an seinen seltsam aufgeworfenen Lippen sofort zu erkennen, die ihm oft einen unvorteilhaft wirkenden mürrischen Ausdruck verleihen.
Der George Washington Universitätscampus im Herzen von Washington DC war zu Beginn der 30er Jahre trotz Prohibition und der schwersten Depression in der Geschichte Amerikas ein Ort pulsierenden Lebens. Obwohl die Zeitungen voll waren von Geschichten über Kinder, die im Müll nach Essen suchten und Bildern von hageren Gesichtern, die in langen Schlangen auf Brot warteten, schienen Zivilinenieure eine leuchtende Zukunft zu haben. Man sprach bereits über das goldene Zeitalter der Technokratie, der absoluten Dominanz der Technik, und dem “Großen Ingenieur” - Herbert Hoover – der nur ein paar Blocks vom Campus entfernt im Weißen Haus wohnte. In New York stand das Empire State Building, das bis dahin größte Gebäude der Welt, vor seiner Fertigstellung – ein Beweis für die Visionen, die Brillianz und die goldigen Aussichten der amerikanischen Zivilingenieure.
Unglücklicherweise war das eine Zukunftsperspektive, die Ron Bauchweh verursachte, denn sein Herz gehörte nicht dem Ingenieurswesen und er hatte auch keine Zeit für so würdige Leute wie Zivilingenieure. Während Dozenten sich über Strukturtheorien und Druckanalysen ausließen, kreiste Rons Phantasie um die Welt der Abenteur Comic-Strips, die gerade anfingen, der amerikanischen Massenkultur ihren Stempel aufzudrücken. Seine lustvollen Phantasien waren immer noch bevölkert von Spionen und Kommissaren, Piraten und Kriegsherren, englischen Glücksrittern mit untadeligem Ruf und einer Hochnäsigkeit gegenüber Chinesen mit ihrer nahezu unglaublichen Verschlagenheit.
Der Ratschlag seiner Mutter - “schreib nichts außer Deinen Schularbeiten” - war schnell wieder vergessen, denn er füllte Seite um Seite seiner Notizbücher mit hochtrabenden Geschichten, normalerweise im Orient angesiedelt und immer in offensichtlicher Hast geschrieben, als ob er die Auflösung der Geschichte selbst nie erwarten konnte. Seine literarischen Interessen zogen ihn naturgemäß zu den Mitarbeitern des Hatchet, der wöchentlichen Zeitung der Universität; doch während Ron sich selbst als gut genug qualifiziert für den Posten des Herausgebers sah, bot man ihm nur den Job eines Reporters an. Auf dieser minderwertigen Position hielt er es allerdings nur ein paar Monate bis zum Frühjahr 1931 aus.
Jedoch war er für den neu entstandenen Sport des Segelfliegens und die Idee fliegen zu lernen entflammt. Er konnte seinen Einfluß bei der Zeitung nutzen, um Interesse an der Gründung eines Universitäts-Segelflugclubs zu erwecken. Am 1. April 1931 berichtete der Hatchet, daß demnächst ein Gründungstreffen des George Washington Universitäts-Segelclubs abgehalten werden würde. Der Club hatte sich eines Berliner Anschleppers versichert und es gab Pläne, selbst einen Motorgleiter zu kaufen, um die Studenten für Motorflüge auszubilden. Interessierte sollten sich, so schloß der Bericht, bei L. Ron Hubbard im Büro des Hatchet melden.
Daraufhin stellte Ron sicher, daß die Aktivitäten des Segelflugclubs auch entsprechened publiziert wurden. Am 15. April wurde berichtet, daß “einige George Washington Leute, die in der Kunst des Fliegens und Segelns versiert waren” zu einem erstes Treffen am nächsten Tag zusammenkommen würden. 22. April: “Der Seglerclub beginnt sein Training am Kongress-Flughafen”. 13. Mai: “Mitglieder des Seglerclubs testen Theorien in der Luft”.
Ron liebte das Segeln und verbrachte einen Gutteil seiner Zeit am Kongress-Flughafen in Rocksville, Maryland, in der Hoffnung einen Extraflug im Alten Ford zu ergattern, der die Segler in die Luft brachte. Er zögerte nie, Stunden zu versäumen, wenn es hieß “ nach oben zu gehen”, und er verließ sich auf seine Studienkollegen, daß sie ihm die Inhalte der versäumten Stunden erzählten - nicht gerade die beste Art, sich seine Qualifikationen als Zivilingenieur zu holen.
Obwohl Ron zum Vorsitzenden des Seglerclubs gewählt worden war, war er laut Berichten des Hatchet in Gefahr, von seinem Vize, einem Ray A. Heimburger, in den Schatten gestellt zu werden. Die Geschichte vom 13. Mai berichtet zum Beispiel davon, daß Heimburger das erste Mitglied des Clubs war, der sein Schlepptau in der Luft in einer Höhe von 40 Fuß ausklinken konnte, während Ron sich immer noch “daran übte, Kurven in der Luft zu fliegen”. Einsteins Theorien waren nur ein “Pappeldeckel”, so wird Ron zitiert, “verglichen mit der Kunst, ein unmotorisiertes Flugzeug zu navigieren”. Ein paar Wochen später gewann Heimburger den zweiten Platz in einem Ziellandewettbewerb auf der Curtis Wright Luft Show in Baltimore; ein weiterer G. Washington Student landete auf dem dritten Platz. Ron konnte sich keine Erwähnung erringen.
Falls es zwischen dem Vorsitzenden und seinem Vize Eifersüchteleien gegeben haben sollte, so waren diese am 13. Juli vergessen, denn an diesem Tag legten beide ihre Prüfung am Kongress-Flughafen ab. Ron errang eine (durchschnittliche) Punktezahl von 85 beim Prüfer und bekam den Titel “Kommerzieller Segelflugpilot” mit der Lizenz Nr. 385 zuerkannt.[6] Zu diesem Zeitpunkt hatte er 116 Flüge vollendet – eine Zahl, die die Menge an Zeit verdeutlicht, die er diesem Sport in den zwei Monaten seit Beginn des Trainings gewidmet hatte.
Wenig überraschend waren die schulischen Leistungen Rons nicht von solchen Höhenflügen gekennzeichnet, und so hatte er am Ende des zweiten Semesters nur enttäuschende Noten. Er bekam ein A für Sport, B für Englisch, C für mechanisches Ingenieurwesen, D für Chemie, und zweimal F für Deutsch und Mathematik. Sein Durchschnitt lag bei D, worüber seine Eltern alles andere als erfreut waren. Sie waren davon überzeugt, daß er mehr zu leisten imstande war. Nach einer strengen Verwarnung seines Vaters, der von ihm eine wesentliche Leistungsverbesserung im zweiten Jahrgang erwartete, verließ Ron Washington für die Sommerferien Richtung Port Huron, Michigan. Dort half er einem Freund, Philip Browning, in dessen Segelflugschule. In dieser Zeit lehrte ihn Browning, ein kleines Kunstflugzeug zu fliegen; doch hatte Ron nie einen Schein für motorisierte Flugzeuge.[7]
Ron war immer noch in Port Huron, als ihn die Nachricht erreichte, daß sein geliebter Großvater gestorben war. Die ganze Familie sammelte sich in Helena zur Beerdigung – alle sechs Waterbury Mädchen (Hope war 1928 im Kindbett gestorben) kamen mit ihren Ehemännern und Kindern; Ray kam mit seiner Frau aus Kanada. Lafe wurde auf dem Forestvale Friedhof beerdigt, ein ruhiger Fleck auf halbem Weg zwischen der Stadt und den Bergen. Unmittelbar nach der Beerdigung kehrte Ron nach Washington zurück, um sich bei den 20. Marine-Reservestreitkräften für das jährliche zwei Wochen dauernde Training zu melden. Er wurde in den Disziplinen militärische Effizienz, Gehorsam und Nüchternheit als “exzellent” eingestuft.[8]
Am Sonntagmorgen, den 13. September 1931, waren die guten Leute von Gratis, Ohio, einem kleiner Farmerdorf im Bezirk Preble, nicht wenig überrascht, einen kleinen Doppeldecker vom Himmel herabsteigen und auf einem Feld östlich der Stadt landen zu sehen. Die Piloten waren laut einem bewundernden Bericht in der Preble County News Philip Browning und “L. Ron Flash Hubbard, waghalsiger Teufelspilot und Segelkünstler.”
Die Zeitung berichtete weiter, daß die zwei Flieger wegen Benzinknappheit zu einer Notlandung gezwungen waren. George Swisher, auf dessen Farm sie landeten, muß anscheinend ein eher phlegmatischer Typ gewesen sein, denn seine ersten Worte waren angeblich: “Kann ich irgendwas für Euch Burschen tun?” Nachdem der “waghalsige Teufelspilot und Segelkünstler” das Problem erklärt hatte, erbot sich ein freundlicher Ortsansässiger namens Raymond Boomershine, im Ort Benzin zu holen.
“Inzwischen”, wie Ron sich erinnern würde, “kamen eine Menge Leute. Sie wollten wissen, ob wir irgendwelche Hilfe brauchten. Wir erklärten ihnen, daß man das Flugzeug drehen müßte, und obwohl sie alle in ihrem Sonntagsstaat waren, packten sie das Heck und drehen die Maschine um. Dann kam Raymond Boomershine mit dem Benzin und half uns den Tank zu füllen. Wir versuchten ihn dafür zu bezahlen, doch er sagte “Nein” und mein Kamerad meinte: “Wir wissen gar nicht, wie wir ihnen danken können.” Darauf Raymond: “Nun, wenn sie es so ausdrücken, ich wollte schon immer mal in einem von diesen Dingern mitfliegen. Wie wärs mit einem kurzen Hüpfer?” Und dann gings los. Alle mitsamt ihren Kindern bekamen ihren Flug.”[9]
Laut den Preble County News hatten an diesem Sonntag schlußendlich 36 “mutige Seelen” ihren Vergnügungsflug; am Ende war es für die Piloten jedoch zu dunkel um weiterzufliegen. Sie blieben die Nacht über bei Mr. und Mrs. Luther Kiracofe und “röhrten am nächsten Tag nach St. Louis und damit weiteren Abenteuern entgegen.”
Am gleichen Tag, als Ron nach St. Louis weiterröhrte, wurde er an der George Washington Universität wegen seiner schlechten Noten unter “schulische Probezeit” gestellt. Als er schließlich nach Washington zurückkehrte, schien er von dieser Maßnahme unbeeindruckt, denn er widmete dem Seglerclub weiterhin einen Gutteil seiner Energie in der Hoffnung, genügend Spenden zu sammeln, um ein Schleppflugzeug kaufen zu können.
Ein paar Jahre später zeichnete Ron in seiner üblich flotten Prosa dann ein anschauliches Bild, wie er die Lust am Zivilinenieurswesen verloren hatte: “Ich habe einige armselige Zeugnisse, die beweisen, daß ich das Zivilingenieurswesen studiert habe. Zivilingenieur schien damals ein ansehnlicher Beruf zu sein. Ich traf diese Burschen in ihren Stetsons von Crabtown bis Timbuktu und sie schienen ein sehr abwechslungsreiches Leben zu führen, wenn ich mir ihr Kommen und Gehen so von der Ferne ansah. Zu spät jedoch wurde ich von der geologischen Gesellschaft nach Maine geschickt, um die verlorene Grenze zu Kanada zu finden. Total verstochen von sieben verschiedenen Arten von Insekten, über und über bedeckt vom Morast der Sümpfe, als Nahrungsmittel nur Kekse und Teerfersen, sah ich sofort, daß ein Zivilingenieur viel zu lang an viel zu wenigen Orten bleiben mußte, und so vergaß ich schnellstens meine Kalkulationen und den Rechenstab ...”[10]
Am Ende des nächsten Semesters zeigten Rons Noten keine Verbesserung und er blieb weiter nur auf Probezeit. Nichtsdestotrotz wurde er zum Mitglied von Phi Theta XI gewählt, der Berufsingenieurs-Bruderschaft; er wurde in dieser Eigenschaft mit formeller Abendkleidung, schwarzer Krawatte und gestärktem Kragen für das Jahrbuch photographiert – als ob er wild entschlossen wäre, wie seine Mitbrüder eine Karriere als Zivilinenieur zu verfolgen. Am Abend des 8. Januar 1932 konnte man Ron unter den 800 Nachtschwärmern beim ersten Ingenieursball antreffen, der im westlichen Ballsaal des Shoreham Hotels in Washington abgehalten wurde. Zum Tanz spielten Red Anderson und sein Orchester - “Mood Indigo, Goodnight Sweetheart, Minnie the Moocher oder When the Moon comes over the Mountain” waren damals sehr populäre Titel – und als Kabarettnummer traten die “Troubadours” unter der Leitung eines Trimble Sawtelle auf. Der Hatchet listet Ron als eines der Mitglieder des Organisationsteams auf und bezeichnet den Ball als “entschiedenen” Erfolg.
Ein wichtigeres Ereignis für Ron in diesem Monat war jedoch die Veröffentlichung seines ersten Artikels in einem Magazin. “Tailwind Willies”, im Sportpilot, beschreibt seine Abenteur beim Überlandflug im mittleren Westen mit seinem Freund Philip “Flip” Browning. “ Wir hatten drei Wochen freie Zeit, bevor wir wieder zur College Büffelei zurückkehren mußten”, schrieb er. “Unsere Reichtümer waren ein Arrow Sport Doppeldecker, zwei Zahnbürsten und vier Füße, in denen es uns juckte.... Wir verstauten unser “Gepäck” sorgfältig, warfen den Feuerlöscher raus, um noch ein halbes PS mehr rauszuschinden, klebten ein Loch im oberen Flügel zu und hoben ab, um dann über vier oder fünf Staaten mit dem Wind als einzigem Kompass dahinzugleiten...”
Die erzwungene Landung in Gratis war offensichtlich nicht der Rede wert, vielleicht deswegen, weil kein Mangel an spektakulären, um nicht zu sagen unglaublichen Ereignissen bestand. In Newport, Indiana, zum Beispiel stoppten sie um zu tanken, blieben jedoch in einem Schlammfeld stecken. “Ich kletterte raus, um Flip alleine einen Start versuchen zu lassen. Nachdem er sich durch das halbe Feld durchgepflügt hatte, konnte er die schlammige Sparrow in ihr Element hochziehen. Er gewann einiges an Höhe, flog in einer Kurve zu mir zurück und rief mir zu, daß es in der Nähe ein anderes Feld gäbe. Nachdem ich einen Sheriff ruhiggestellt hatte, der mich für das Betreten fremden Grundstücks einsperren wollte, indem ich ihn in eine Schlammpfütze hineinstieß, sprang ich auf das Trittbrett eines Autos der Purdue's Boys auf und düste rüber zu Flips neuem Landeplatz – wenn man ihn denn so nennen konnte. Dieses zweite Feld war nur wenig besser als das erste. Wir brauchten drei Versuche um die Sparrow wieder in die Luft zu bekommen, nur um dann festzustellen, daß ein neun Fuß hohes Telefonkabel auf der Höhe unseres Propellers gespannt war. Flip drückte die Nase nach unten und die Kabel waren gerade mal einen Fuß über meinem Kopf...”
Jegliche Hoffnung, daß er sich wieder in seine Studien hineinknieen würde, verschwand Anfang 1932, als der Hatchet Rons Absicht ankündigte, eine monatliche Literaturzeitung zu veröffentlichen. Nichts hätte ihm besser passen können, denn so hatte er eine gute Ausrede, seine ermüdenden Ingenieursbücher auch weiter zu vernachlässigen, während er weitere Kurzgeschichten schrieb und hunderte bereits geschriebene durchsiebte, um für die Veröffentlichung geeignetes Material herauszufiltern.
Es war völlig außer Frage, ja undenkbar, soweit es Ron betraf, daß die Literary Review in ihrer ersten Ausgabe ohne einen Beitrag von L. Ron Hubbard erscheinen würde. Das erste Heft erschien am 9. Februar 1932 und enthielt eine “Tah” betitelte Kurzgeschichte über einen 12jährigen Kindersoldaten in China, der auf einem Truppenmarsch einen blutigen Tod auf der Spitze eines Bayonetts fand. Es war ein eindeutig erfolgreiches Debut, denn die dritte Ausgabe enthielt “Grounded”, eine weitere blutrünstige Hubbard-Geschichte, diesmal eine Beschreibung eines Marine-Einsatzes am Yangtse Fluß, in dem es von Geköpften nur so wimmelte und der Kommandierende Offizier der HMS Spitfire ein übles Ende fand.
Im Mai gewann Ron den Dramenwettbewerb der Literary Review mit einem Einakter namens The God Smiles. Angesiedelt in einem Cafe in Tsingtao im kommunistischen China schwankt die Handlung unsicher zwischen Tschechow und einer Farce und dreht sich um einen weißrussischen Offizier und seine Geliebte, die sich hinter einem Vorhang verstecken, um nicht von einem tyrannischen Kriegsherrn verhaftet zu werden.
Ron freute sich darüber, daß seine Arbeit anerkannt wurde, doch war er jetzt in ein neues und aufwendiges Projekt eingetaucht, das zeitweilig all seine anderen Interessen überlagern würde – sogar das Fliegen. Er schmiedete Pläne für eine “Expedition” in die Karibik.
Andere weniger großspurige Studenten wären vermutlich geneigt gewesen, das Unternehmen als “Sommerkreuzfahrt” zu beschreiben, doch Ron war da anders. Nein, es mußte schon eine ausgewachsene Expedition sein und er mußte natürlich der Leiter sein. Er hatte sich schon für einen entsprechend grandiosen Titel entschieden – die karibische Filmexpedition. Das zweifelhafte wissenschaftliche Ziel war, die “Festungen und Anlagen der spanischen Piratenflotten” zu erforschen und zu filmen und “alles zu sammeln, was man als Ausstellungsstücke in Museen gebrauchen konnte”.[11]
Der Hintergrund dieser “Expedition” war, daß Ron und sein Freund Ray Heimburger einen großen, alten Viermast-Schoner, die Doris Hamlin, entdeckt hatten, der in Baltimore vor Anker lag und zum Chartern im Sommer zur Verfügung stand. Zweihundert Fuß lang und 1061 Tonnen schwer war sie niemals mit Maschinen ausgerüstet worden und daher nicht gerade mit Buchungen überlaufen. Ron hatte ein langes Gespräch mit dem Skipper, Kapitän Fred Garfield, und schätzte, daß wenn er ungefähr 50 weitere Studenten für diese Idee gewinnen könnte, sie die Doris Hamlin für die ganzen Sommerferien chartern konnten. Zudem war er überzeugt, daß sich bei einer Arbeitslosenrate von 13 Millionen in der Staaten niemand viel Hoffnung auf einen Ferienjob machen konnte. Er brauchte nicht lange, um genügend Freiwillige für sein Vorhaben zu finden – eine Folge seines Enthusiasmus, seiner organisatorischen Fähigkeiten und seines Verkaufstalents.
Der erste Bericht der anstehenden Expedition im Hatchet vom 22. Mai 1932 war keine kleine Notiz, sondern trug alle Merkmale von L. Ron Hubbards blühendem literarischen Stil. “Entgegen der weitverbreiteten Meinung”, begann der Bericht, ”sind die Tage der Windjammern noch nicht vorüber und diese Art der Romantik weigert sich zu sterben – zumindest für 50 junge Abenteurer, die auf dem Schoner Doris Hamlin am 20. Juni von Baltimore aus Segel setzen, um die Piratenschlupflöcher der Spanier zu erforschen....”
“Gemäß L. Ron Hubbard waren die Festungen und Anlagen der spanischen Piratenflotten seit Jahrhunderten sträflich vernachlässigt und vergessen worden. Es hat niemals einen konzertierten Versuch gegeben, den Dschungel zu durchdringen und die Burgen von Teach, Morgan, Bonnet, Bluebeard, Kidd, Sharp ect. zu finden... Dort unten, wo die Sonne Hitzewellen von den Palmen hochschlägt, wird dieses Team von Abenteurern die Szenen wiederaufleben lassen, die einst vor nur ein paar hundert Jahren die Herzen der Welt mit Horror erfüllten – mit dem Unterschied, daß es diesmal zum Wohle der Menschheit, zur Unterhaltung und für das flackernde Band aus Zelluloid geschieht. In ihrer Freizeit, soweit es welche geben sollte, werden sie die Höhen von Rauch ausstoßenden Vulkanen messen, in den dichten Dschungeln jagen und fliegende Fische in ihrem Flug schießen ....”
Abgesehen vom Erforschen und “Wiederauflebenlassen” von Piraten Szenen (ein durchaus fragwürdiger Beitrag zur Wissenschaft) planten die “Abenteurer” auch wertvolle botanische Spezien zu sammeln, Artikel für Reisemagazine zu schreiben und eine Anzahl von Kurzfilmen zu drehen. “Nach sorgfältiger Recherche in der Bücherei des Schiffs, die viele Standardwerke zu Piraten enthalten wird, werden Drehszenen vor Ort in Übereinstimmung mit den Legenden der jeweiligen Inseln geschrieben werden.”
Der Zeitplan der Reise war ähnlich angefüllt – während der 100tägigen Kreuzfahrt war es geplant, 16 Häfen der Inseln Martinique, Dominica, Guadeloupe, Nevis, Montserrat, St Croix, Vieques, Puerto Rico, Haiti, Jamaica, Gonave, Tortue und auf den Bahamas anzulaufen. Erfahrenere Expeditionsleiter hätten an dieser Stelle innegehalten, um über die Durchführbarkeit eines Plans nachzudenken, 5000 Meilen auf einem alten Viermaster in 100 Tagen ohne zusätzlichen Antrieb zu segeln, doch Ron konnte all die anmaßende Zuversicht seiner 21 Jahre ins Gewicht werfen; er hätte einen auch nur etwas weniger ambitionierten Plan gar nicht in Erwägung gezogen.
Die Expedition schien auf beeindruckende Weise unterstützt zu werden: Es gab Berichte, daß die Universität von Michigan technische Unterstützung zur Verfügung stellte, das Carnegie Institut und das Metropolitan Museum waren irgendwie involviert, ein Wasserflugzeug wurde an Bord genommen um Luftbilder zu machen, Fox Movietone und Pathé News wetteiferten um die Filmrechte und die New York Times hatte sich vertraglich Photorechte gesichert. Die Mitglieder der Expedition, so wurde kolportiert, würden sich die Gewinne von diesen verschiedenen lukrativen Geschäften teilen.
Es schien so, als ob der junge Ron Hubbard einen tollen Coup gelandet hatte und im Geiste dieses überschäumenden Optimismus setzte die Doris Hamlin am 23. Juni nur ein paar Tage hinter dem Zeitplan Segel. Als der Schoner seinen Ankerplatz verließ, die vier großen Segel ausbreitete und sich in die Chesapeake Bay hineinlegte, glaubte jedermann an Bord, daß er an der Schwelle zu einem großen Abenteur stehen würde. Ron, der auf der Brücke stand, das Haar vom Wind durcheinander gewirbelt, grinste so breit wie der Rest der Truppe, auch wenn 10 der Abenteurer im letzten Moment Zweifel bekommen und ihre Teilnahme zurückgezogen hatten – und damit die Expedition in eine (wie Ron es später ominös beschreiben würde) “delikate finanzielle Situation” bringen würden.
In Washington hörte man bis zum 5. August nichts mehr von der Expedition; dann berichtete der Hatchet, daß der Schoner “in voller Montur” am 6. Juli auf Bermuda angekommen war. Die Geschichte zitiert einen Brief, vermutlich von Ron, der einige der Startschwierigkeiten der Expedition beschreibt: “Wir hatten verd.... Probleme aus der Chesapeake Bay rauszukommen, denn der Wind blies uns wie der Teufel selbst entgegen. Danach hatten wir zwei Tage Flaute. Dann kam eine steife Brise auf und wir kamen gut unter Wind. Doch am nächsten Tag wurde daraus ein Sturm; wir wurden herumgeworfen und hin und her geschleudert, daß fast jeder seekrank wurde. Danach hatten wir etwas Ruhe und die letzten drei Tage schnitt unser Bugspieß mit acht bis neuen Knoten durch die See.”
Nicht erklärt wurde, warum die Doris Hamlin zwei Wochen nach dem Auslaufen aus Baltimore in Bermuda war, 600 Meilen draußen im Atlantik und damit fast genauso weit weg von Martinique, dem geplanten ersten Anlaufhafen, wie von Baltimore. Diese Frage konnte erst Anfang September beantwortet werden, als die Doris Hamlin drei Wochen vor ihrer geplanten Rückkehr wieder in die Chesapeake Bay hineinsegelte. In Baltimore erklärte Kapitän Garfield, ein Mann von wenigen Worten, aber mit 30jähriger Segelerfahrung die Reise säuerlich zum “schlimmsten Trip, den ich je gemacht habe.”
Selbst Ron, der gute Miene zum bösen Spiel machte, konnte kaum verhehlen, daß die karibische Filmexpedition zum Desaster geworden war. Gleich von Beginn an lief alles schief: Nachdem sie die Ostküste der Vereinigten Staaten verlassen hatten, hatten Stürme den Schoner weitab vom Kurs getrieben. Kapitän Garfield hatte Ron erklärt, daß sie Bermuda anlaufen müßten, um die Frischwassertanks wieder zu befüllen, die ein Leck abbekommen hatten. Ron wußte, daß kaum genug Geld in der Kasse war, um die Ausgaben zu bezahlen; also befahl er dem Kapitän, vor der Insel zu ankern, um so die Hafengebühren zu vermeiden. Garfield weigerte sich. Es folgte ein hitziger Streit, doch der erfahrene Seemann war nicht gewillt, sich von einem 21jährigen Anweisungen geben zu lassen und segelte das Schiff in den Hafen von Bermuda.
Bei diesem ersten Landgang erklärten elf Mitglieder der Expedition prompt, daß sie jetzt genug Abenteuer erlebt hätten und beabsichtigten, nach Hause zurückzukehren. Sie waren angewidert, wie Ron erklärte, von der “turbulenten See.” Es sickerte durch, daß der Schiffskoch ebenfalls seekrank war, also feuerte ihn Ron und heuerte zwei Leute von Bermuda an. Als er dann den Koch bezahlt und die Gebühren für Frischwasser, den Hafen und die Schiffsführung beglichen hatte, war die karibische Filmexpedition beinahe am Ende ihrer Zahlungsfähigkeit, noch bevor sie die Karibik überhaupt erreicht hatte.
Zwei Tage, nachdem sie Bermuda mit Kurs auf Martinique verlassen hatten, entdeckte Ron, daß das ganze Frischwasser, das sie nachgefüllt hatten, wieder ausgelaufen war, und seine Beziehung zum Kapitän wurde noch feindseliger. Die Doris Hamlin brauchte 17 Tage um Martinique zu erreichen; sie traf dort einen Monat nach ihrem Auslaufen aus Baltimore ein.
Sobald der Anker in die blaue See der Bay bei Fort de France gelassen wurde, einem Platz, der einst für sein Gelbfieber berüchtigt war, verließen einige weitere “junge Abenteurer” das Schiff, um die Heimreise auf eigene Faust anzutreten. Sie waren offensichtlich nicht an weiteren Abenteuern mit Ron interessiert. Nachdem sie angelegt hatten, entschied sich Ron, die Auseinandersetzung mit einem zunehmend in Eigenregie handelnden Kapitän Garfield auszutragen. Als Folge des Frischwasserdebakels kündigte er an, er würde dem Kapitän kein weiteres Geld mehr zur Verfügung stellen. Der Kapitän ging dunkle Verwünschungen murmelnd von Bord.
Diese Neuigkeiten kamen der 16 Mann starken Crew, die Ron vorher liebevoll als “alte Seebären” bezeichnet hatte, umgehend zu Ohren. Mit der Drohung eines Lohnausfalls konfrontiert, wurden sie sehr schnell ungehalten und forderten von Ron den gesamten Lohn im Voraus. Der Leiter dieser so schnell zerbröselnden Expedition versuchte sie zu beruhigen und versprach, wegen mehr Geld nach Hause zu kabeln.
Inzwischen hatte auch Kapitän Garfield seine eigenen Kabel nach Hause gesandt – und zwar an die Eigentümer der Doris Hamlin, die er davor warnte, daß die Chartergebühren in Gefahr seien. Die Antwort kam sofort und unzweideutig. Garfield solle das Schiff auf direktem Wege zurück nach Baltimore segeln. Ron bat um Zeitaufschub, schwor, daß es keine finanziellen Probleme gab, drohte mit Gerichtsklagen, appellierte an den guten Menschen im Kapitän – umsonst. In seiner Verzweiflung ging er an Land, um sich beim US Konsul in Fort de France Rat zu holen, bekam jedoch nur zur Antwort, daß man da nichts machen könne.
Die Doris Hamlin lichtete Anker und nahm Kurs nach Hause, ohne daß auch nur ein einziger Piratenschlupfwinkel erforscht worden wäre. Die “jungen Abenteurer” konnten nichts anderes tun als wehmutsvoll von der Reling des Schoners aus den am Horizont vorbeiziehenden Inseln nachzuschauen, die sie zu besuchen gehofft hatten. “Als wir Martinique verließen, hatte sich alles geändert”, gestand Ron. “Die Moral war am Nullpunkt.”
Kapitän Garfield war gezwungen, in Ponce auf Puerto Rice vor Anker zu gehen, um weitere Lebensmittelvorräte und Wasser an Bord zu nehmen. Ron ging nochmals an Land, um einen letzten Versuch zu unternehmen, die Expedition doch noch zu retten. Bei der Hafenverwaltung in Ponce sagte man ihm, er könne zwar gegen die Besitzer der Doris Hamlin Klage einreichen, doch könne es Monate dauern, bis die Eingabe entschieden sei. Traurig akzeptierte er seine Niederlage und die verbliebenen “jungen Abenteurer” wurden gegen ihren Willen nach Baltimore zurückgebracht.
Nach seiner Rückkehr nach Washington schrieb Ron für die Washington Daily News einen Bericht über die Schwierigkeiten der Expedition, in dem er es fertigbrachte, Kapitän Garfield im schlechtest möglichen Licht darzustellen. Um Vermutungen zu zerstreuen, die ganze Reise sei ein Flop gewesen, schloß er in seinem typisch rhapsodischen Stil: “Abgesehen von diesen Schwierigkeiten hatten wir einen wunderbaren Sommer. Die meisten von uns sind braun gebrannt und gesund – und wir kennen etwas, das nur wenige Menschen in diesen hektischen Zeiten kennen: Den Schauder der Begeisterung, wenn man mit einem hölzernen Schiff mit nichts als weißen Flügeln, die uns über den Horizont treiben, durch die blaue See sticht.”
Als Ron und Ray Heimburger dann dazu kamen, einen Bericht für den Hatchet zu schreiben, der am 17. September 1932 veröffentlicht wurde, hatte sich die karibische Filmexpedition auf wunderbare Weise in eine Art Thriumph verwandelt. Die langsame Segelgeschwindigkeit, unvorhergesehene Ausgaben und der Mangel an Erfahrung wurden für die Verkürzung des Zeitplans verantwortlich gemacht. “Doch obwohl die Expedition ein finanzieller Verlust war, kompensierten die Abenteuer und die ausgeführten wissenschaftlichen Vorhaben mit Leichtigkeit die finanziellen Verluste.”
Unter den angeblich ausgeführten wissenschaftlichen Vorhaben war die Sammlung einer großen Anzahl von Spezies aus Flora und Fauna für die Universität von Michigan, einige davon “sehr selten”, die Übergabe eines Unterwasserfilms an das Institut für Hydrographie, und “viele Forschungsarbeiten über die Natur auf den verschiedenen besuchten Inseln.” Sogar die New York Times hatte angeblich einige Photos gekauft, die auf dieser Expedition geschossen worden waren.
Das Leben auf der Doris Hamlin wurde in den rosigsten Farben geschildert, und es gab sogar Hinweise auf romantische Abenteuer an Land: “Was die Unterhaltung an Bord betraf, so spielte man Schach, Bridge – es gab Volleyball-Turniere ect. Wenn die Abenteurer nicht gerade Haie fingen, mit der Harpune unter Wasser jagten oder sehenswerte Plätze besichtigten, wurden sie in den verschiedenen Häfen von dunkeläugigen Señoritas aufs beste unterhalten.”
Alles in allem, so schloß der Bericht, war die Expedition nichts weniger als ein “herrliches Abenteuer.”
Eigenartigerweise findet sich keine Spur von den vielen Beiträgen zur Wissenschaft, die Ron für die karibische Filmexpedition in Anspruch nimmt. Das Hydrographische Institut hat keinen Nachweis, daß es die Unterwasserfilme der Expedition bekommen hat[12], die Universität von Michigan kann keine der Spezies finden, die von den “jungen Abenteurern” zurückgebracht wurden[13], und in den Archiven der New York Times finden sich keine Photographien der Expedition; es gibt keine Beweise dafür, daß jemals beabsichtigt war, solche Photos zu kaufen; es existiert noch nicht einmal irgendein Hinweis darauf, daß die Zeitung überhaupt etwas von der Expedition wußte.[14]
Die gleichen Mysterien ranken sich um die mineralogische Untersuchung der Westindischen Inseln, diese “Pionierforschung in großer Tradition”, während der Ron angeblich die erste komplette mineralogische Untersuchung von Puerto Rico durchgeführt hat. Diese wäre für einen 21jährigen Zivilingenieurstudenten wahrlich eine beeindruckende Leistung gewesen; doch weiß die Geologische Übersicht der USA nichts darüber[15], noch die puertoricanische Abteilung für Bodenschätze[16], noch Dr. Howard Meyerhoff, Gastprofessor für Geologie an der Universität von Puerto Rico, 1931/32.[17]
Als Ron aus der Karibik zurückgekehrt war, entdeckte er, daß seine Noten für das zweite Jahr an der George Washington Universität katastrophal waren: B für Englisch, aber D für Mathematik und magnetische Physik, und sogar F für molekulare und atomare Physik. Vermutlich war er nicht überrascht, und da seine Erwartungen, doch noch einen Abschluß zu machen, dahinschwanden, machte es für ihn keinen Sinn, noch ein drittes Jahr mit einem Studium zu verschwenden, das ihn nicht interessierte. Als er den Moment für günstig erachtete, eröffnete er seinen Eltern, daß er vom Zivilingenieurswesen genug hatte und nicht beabsichtigte, an die Universität zurückzukehren.
May und Harry Hubbard waren gekränkt. Aus ihrer Sicht der Dinge verschwendete ihr Sohn eine gute Gelegenheit, einen vernünftigen Beruf zu erlernen und darin Karriere zu machen; für sie war es einfach Vergeudung. Doch Ron weigerte sich standhaft, auf ihre Bitten zu hören, daß er doch seine Verantwortung übernehmen solle, indem er zur Universität zurückkehren, studieren und seinen Abschluß machen solle.
Lieutenant Hubbard mußte letztendlich akzeptieren, daß Ron nicht umzustimmen war; er sah sich nach etwas um, das seinen Sohn auf vernünftige Weise beschäftigt hielt, bis dieser den Kopf hatte, sich für eine angemessene Berufslaufbahn zu entscheiden. Er war dazu entschlossen, Ron nicht länger zu erlauben, daß dieser seine Zeit mit dem Herumkritzeln von weiteren Geschichten verplemperte. Im Marinekrankenhaus, wo er immer noch als Auszahlungsoffizier arbeitete, hörte er, daß das Rote Kreuz Freiwillige zum Einsatz in Puerto Rico suchte. Am 13. Oktober schrieb er mit der Bitte um eine Überfahrt nach Puerto Rico für seinen Sohn an die entsprechende Marineabteilung. Er unterstrich sein Ansuchen mit folgender Aussage: “Ich möchte meinen Sohn deswegen im Dienst des amerikanischen Roten Kreuzes nach Puerto Rico schicken, um die Organisation bei der Bekämpfung der dortigen Notstände zu unterstützen.” Zwei Tage später wurde sein Ansuchen bewilligt.
Am 23. Oktober meldete sich Ron an Bord des US Marinetransporters USS Kittery in Norfolk, Virginia, für die Überfahrt nach Puerto Rico. Unter den weiteren Passagieren waren eine Anzahl von Krankenschwestern und die Frau des Direktors des amerikanischen Roten Kreuzes. Während Ron noch auf See war, wurden die Leser der Novemberausgabe des Sportpiloten von einem weiteren L. Ron Hubbard Artikel unterhalten, diesmal mit seinen Eskapaden als Segelflieger. Er beschrieb “den schlimmsten Albtraum, den ich je erlebt habe” - nämlich wie bei seinem Segelflugzeug ein Flügel bei 400 Fuß Höhe zusammengeklappt war, wie er darum gekämpft hatte, das Trudeln zu vermeiden, und wie, als er dann am Boden aufschlug, “sich so viele Drähte um meinen Hals geschlungen hatten, daß ich wochenlang unfähig war, einen Kragen zu tragen.” Ein paar Wochen später fügte er bescheiden hinzu, daß er einen inoffiziellen Weltrekord aufgestellt hatte, indem er ein Segelflugzeug mit einer Geschwindigkeit von 80 Meilen in der Stunde 12 Minuten lang bei einer durchschnittlichen Höhe gehalten hatte.
Die USS Kittery legte am 4. November in Port au Prince auf Puerto Rico an. Das Logbuch berichtet, daß L. R. Hubbard zusammen mit den anderen Passagieren das Schiff verließ, doch hatte er da schon andere Pläne als Freiwilligenarbeit für das Rote Kreuz. Irgendwo zwischen Norfolk, Virginia, und Port au Prince scheint Ron sich dazu entschieden zu haben, das Rote Kreuz zu verlassen und sich auf der Suche nach Gold in die umliegenden Hügel aufzumachen. Er war überzeugt, daß das Gold der spanischen Eroberer irgendwo auf der Insel zurückgelassen worden war.
Später würde er behaupten, daß er mindestens sechs Monate auf Puerto Rico mit Goldsuche verbrachte. “Der Gedanke, daß die Konquistadoren einiges Gold zurückgelassen haben könnten, hatte sich bei mir eingenistetet, und ich war entschlossen, es zu finden ... Nach mindestens einem halben Jahr intensiver Suche, nachdem ich mir meine Handflächen mit der Handhabung von Bodenproben aufgerieben hatte, nach der Prüfung von ein paar hundert Sack Erzen kam ich zurück; es war ein Fehlschlag.”[18]
Es ist gut möglich, daß sein reales Motiv nicht so sehr eine echte Erwartung von Goldfunden als vielmehr die Flucht aus der öden Umklammerung des Roten Kreuzes war. So schreibt er in einem Artikel nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten: “Nach Gold im Kielwasser der Konquistadoren zu suchen und daher auf den Jagdgründen der Piraten auf den Inseln umherzustreifen, die immer noch den Geruch von Kolumbus tragen - das ist romantisch. Ich bedaure den Schweiß nicht, der in schlammige Flüsse getropft ist, noch die Fetzen von Khaki, die inzwischen vermutlich schon lang von den Dornbüschen weggeblasen wurden.”
Wie lange er wirklich durch schlammige Flüsse gestapft ist, das ist nicht dokumentiert. Sicher scheint, daß er während seines kurzen Aufenthalts auf der Insel einmal von einer aufstrebenden Gesellschaft namens Westindische Minerale als Außendienstmitarbeiter angestellt war. Es existiert eine Photogaphie von ihm, wie er irgendwie trostlos in einem Tropenhelm dasteht, die Hände in den Hosentaschen, und drei oder vier Arbeiter beobachtet, die in einem hügeligen Gebiet graben.
Falls er jedoch da gerade die erste mineralogische Untersuchung von Puerto Rico überwachte, war dies eine Tätigkeit, die sich niemals in irgendwelchen Archiven materialisierte. In der Tat scheint sich die “Untersuchung der Mineralvorkommen Westindiens” von einer Reise abzuleiten, die Ron auf Drängen seines wütenden und enttäuschten Vaters unternommen hatte und eher als Strafe denn als Expedition anzusehen war.
[1] Logbuch der USS Gold Star
[2] L. R. Hubbard – Wehrdienstbericht, US Marine Streitkräfte
[3] Ebenda
[4] Unidentifizierter Zeitungsausschnitt
[5] Brief von H. R. Hubbard an die South Eastern Universität
[6] Beglaubigte Fliegerakten; Bundesstaatliche Flugbehörde, 12. Mai 1986
[7] Ebenda
[8] L. R. Hubbard Personalakte; US Marinestreitkräfte
[9] Preble County News, Neudruck des Originalartikels, 21. Juli 1983
[10] Adventure, 1. Oktober 1935
[11] Hatchet, 24. Mai 1932
[12] Brief des Ozeanographischen Instituts, Marineabteilung, 22. Juni 1970
[13] Brief an den Autor von der Universität von Michigan, 23. April 1986
[14] Brief an den Autor vom Leiter des Archivs der New York Times, 14. April 1986
[15] Bericht von Clifford Kaye, Geologische Übersicht der USA, 22. Juni 1970
[16] Brief von der Abteilung für Bodenschätze, San Juan, 10. Oktober, 1979
[17] Brief von Dr. Meyerhoff, 11. Februar 1980
[18] Adventure, 1. Oktober 1935