Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03311.jsonl.gz/1824

Die Schweiz fördert die Biodiversität jährlich mit hunderten Millionen Franken. Trotzdem nimmt auch hier der Artenschwund immer bedrohlichere Ausmasse an. Was läuft falsch?
Die bisherigen Programme und Massnahmen konnten den Artenschwund nicht aufhalten. Wir wissen aber nicht, wie es ohne sie bestellt wäre. Zudem ist es generell schwierig zu belegen, wie sich eine Massnahme auf die Biodiversität genau auswirkt. Denn Ökosysteme sind komplex, ebenso die menschengemachten Einflüsse. Das erschwert es, den Zusammenhang zwischen einer Massnahme und ihrer Wirkung eindeutig nachzuvollziehen.
Aber irgendetwas läuft ja falsch.
Es gibt viele Gründe, warum sich erhoffte Biodiversitätsziele oft nicht einstellen. Nehmen wir die Input-basierten finanziellen Anreize – ein Klassiker in der europäischen Agrarpolitik. Eines der Beispiele sind die Zahlungen, die Landwirtinnen und Landwirte erhalten, wenn sie weniger Dünger ausbringen. Wenn die Böden von früher her aber noch voll mit Dünger beziehungsweise Nährstoffen sind, ergibt sich kurzfristig keine messbare Wirkung auf die Artenvielfalt.
Gibt es noch andere Beispiele?
Ein anderer Ansatz besteht darin, die finanziellen Beiträge von konkreten Ergebnissen abhängig zu machen. Auch das kann zu Problemen führen. Dann nämlich, wenn man einen Indikator wählt, der für sich genommen zwar gute Resultate bringt, mit dem man jedoch das eigentliche Ziel auch verfehlen kann. In Indien etwa gab es vor Langem ein Programm, mit dem man gefährliche Schlangen dezimieren wollte. Brachte man den Kopf einer toten Schlange, erhielt man eine Prämie. Diese war als Anreiz gedacht, damit die Leute die Schlangen jagen. Aber stattdessen haben sie sie gezüchtet …
Funktioniert es besser, wenn man für dasselbe Ziel verschiedene Instrumente einsetzt?
Auch da kann einiges schiefgehen, zum Beispiel, wenn man verschiedene politische Instrumente stapelt. Also neue hinzufügt, ohne zu berücksichtigen, dass es noch andere gibt, welche die Wirksamkeit der neu eingeführten Instrumente beeinträchtigen. In Schweden schuf man einen Auktionsmechanismus, mit dem man private Waldbesitzende dazu bringen wollte, artenreiche Bestände für den Biodiversitätsschutz auszuscheiden. Den Maximalbeitrag, den Waldbesitzende so erhalten konnten, hat man gedeckelt. Gleichzeitig gab es aber weiterhin ein anderes, früher eingeführtes Instrument: Der Staat kann die Besitzenden von besonders schützenswerten Waldgebieten enteignen und sie dafür entschädigen. Weil dieser Beitrag viel höher war als die maximale Summe aus einer Auktion, meldeten sich nur ganz wenige für das Auktionsprogramm an.
In der Schweiz gibt es laut einer Studie der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL 162 Subventionen, die der Artenvielfalt schaden. Diese belaufen sich auf einen Betrag von rund 40 Milliarden Franken. Wäre es nicht wirksamer und kostengünstiger, sie abzuschaffen?
Eine abrupte Abschaffung der in der Studie gelisteten Subventionen erachte ich nicht als sinnvoll. Das wird von den Studien-Autorinnen und -autoren so auch nicht gefordert. Denn oft ist nicht klar, ob sich die Abschaffung einer Subvention zwangsläufig positiv auf die Biodiversität auswirkt. Vielmehr muss man zügig und engagiert darauf hinarbeiten, die negativen Auswirkungen dieser Subventionen zu beseitigen. Wichtig ist, dass man die längerfristigen Effekte mit einbezieht, wenn man beurteilt, ob solche Lenkungsmassnahmen abzuschaffen oder umzugestalten sind.
Ein wichtiger Hebel für die Biodiversität sind der Erhalt von ökologisch wertvollen Lebensräumen. Sie untersuchen, wie sich diese regional am wirksamsten vernetzen lassen. Zu welchem Schluss gelangen Sie?
In der Schweiz ist die ökologische Infrastruktur noch in Planung. Aber aus den Erfahrungen in anderen Ländern wissen wir, dass es wesentlich zum Erfolg beitragen kann, wenn man die betroffenen Akteure mit an Bord holt. In einem gemeinsamen Lernprozess muss man die Instrumente bestimmen und daran tüfteln, wie sie am besten funktionieren. Je breiter und vielfältiger solche Stakeholder-Gruppen sind, umso besser sind die Massnahmen abgestützt.
Verhandlungsprozesse dauern lange und es besteht auch die Möglichkeit, dass man zu keiner gemeinsamen Lösung kommt. Ist das angesichts der Dringlichkeit, den Artenschwund zu stoppen, der richtige Weg?
Man wird nicht sofort die optimale Lösung finden, sofern es eine solche überhaupt gibt. Und ja, es kann lange dauern. Denn es ist wichtig zuzulassen, dass etwas misslingen kann. Mit Top-Down-Ansätzen liesse sich vielleicht schneller etwas umsetzen. Aber wenn es die Betroffenen nicht mittragen, ist der Biodiversität nicht gedient.
Im Vorfeld der UNO-Biodiversitätskonferenz werden auch Instrumente diskutiert, die den Finanzsektor betreffen, um den Schutz der Biodiversität besser und vielleicht auch schneller zu fördern. Was ist der Stand der Dinge?
Diese Diskussionen sind sehr spannend. Frankreich zum Beispiel hat im Frühjahr 2021 ein neues Gesetz verabschiedet, wonach bei Finanzinvestitionen die Biodiversitätsrisiken auszuweisen sind. Das ist ein wichtiger Fortschritt. Man schafft so ein Bewusstsein dafür, welche Auswirkungen landbasierte Investitionen – wie in Minen oder in die Landwirtschaft – auf die Biodiversität haben. Auf europäischer Ebene und in der Schweiz ist man daran, entsprechende Tools zu entwickeln. Denn neben der Reputation gibt es ein zunehmendes Verständnis innerhalb des Finanzsektors dafür, wie abhängig die Wirtschaft nicht nur vom Klima, sondern auch von der Biodiversität ist. In den letzten Jahren hat da ein Umdenken stattgefunden.
Riskiert man bei den Instrumenten zum Biodiversitätsschutz nicht, dass Länder wie die Schweiz einen bedeutenden Teil der Umsetzung in andere Weltgegenden auslagern, so wie dies schon bei den Klimazielen geschieht?
Biodiversitätsschutz ist räumlich gebunden, während der Klimaschutz zumindest theoretisch überall auf der Welt durchgeführt werden kann. Der stark lokale Charakter der Artenvielfalt ist eine Chance: Wenn man sieht und wahrnimmt, wie sich die direkte Umgebung verändert, wird der direkte Zusammenhang zum eigenen Handeln besser erkannt – hoffentlich.