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Der Beginn (Augustinus gegen Julian von Aeclanum) ist ein besonders gelungenes Stück der Beschreibung einer solchen Auseinandersetzung: Sie ist zum einen für alle weiteren Kapitel von Bedeutung (man könnte eine neue, fiktive Philosophiegeschichte über die kommende Entwicklung schreiben unter der Annahme, was denn geschehen wäre, wenn Augustinus‘ rigides Konzept sich nicht durchgesetzt hätte und Julian oder Pelagius mit ihrer sehr viel humaneren Auslegung „Sieger“ geblieben wären) und zeigt zum anderen, dass oft nur Zufälligkeiten, Kleinigkeiten den Gang der Philosophiegeschichte bestimmen. Nichts hat damals darauf hingewiesen, dass die Erbsündenlehre des Augustinus kanonisch werden würde, die Zukunft hätte auch ein von einem positiven Menschenbild geprägtes Christentum bringen können, in dem die Freiheit des Einzelnen im Mittelpunkt gestanden wäre (und die pervertierte Auffassung der Sexualität durch Augustinus nicht Eingang in das christliche Menschenbild gefunden hätte).
Auch die anschließende Analyse der Begriffe Gerechtigkeit, Sünde und Freiheit ist für das weitere Verständnis der „Kontroversen“ von Bedeutung: Es wird deutlich, dass es gerade die unterschiedlichen Begriffsdefinitionen sind, die Anlass für die entsprechenden Auseinandersetzungen geben. Und selbstverständlich stehen fast überall genuin christliche Themen im Mittelpunkt (etwa der bekannte Streit zwischen Anselms Gottesdefinition, die Gaunilo in einer Art nominalistischen Vorgriff versuchte, ad absurdum zu führen), Themen, die in nicht unerheblichem Maße von Augustinus vorgegeben wurden (vor allem eben das Problem der Erbsünde oder der Gnade, die durch die Ablehnung der menschlichen Willensfreiheit bis Luther – und bei ihm in besonderem Maße – thematisiert wurde).
Immer wieder ist es der (vergebliche) Kampf des eher humanistischen Intellektuellen gegen rigorose Verfechter der Buchwahrheit, der dabei ausgetragen wird: Abälard gegen den heiligen Bernhard (ein typischer Kirchenheiliger, der all das, was heute gemeinhin „christlich“ genannt wird, mit Füßen getreten hat), Luther gegen Erasmus (die 100000 Toten des Bauernkrieges waren für den Humanisten ein Argument, für Luther hingegen, der weder von Vernunft noch Menschlichkeit etwas hält, eine schlicht hinzunehmende Tatsache: „Wenn daher Gott Leben schenkt, dann tut er das, indem er tötet. […] So verbirgt er seine Güte und Barmherzigkeit unter seinem ewigen Zorn, seine Gerechtigkeit unter der Untat. Denn das ist die höchste Stufe des Glaubens, daß man glaubt, der sei gütig, der so wenige rettet und so viele verdammt, daß man glaubt, derjenige sei gerecht, dessen Willen uns mit Notwendigkeit zu Verdammenswürdigen macht […]“.) Selbst Theologen haben solche Stellen als „nicht normal“ angesehen, was der Verehrung Luthers bis heute keinen Abbruch tut. Gegen einen solchen Furor ist der friedliebende Humanist Erasmus auf verlorenem Posten: Aus Luthers Dogmatik würden Kriege entstehen, was Luther nicht weiter anficht: Über seiner Predigt könne die Welt zugrunde gehen. Woher er nach 1500 Jahren die nunmehr einzig wahre und und unumstößliche Gewissheit seiner biblischen Interpretation ableitet, warum man gerade ihm, Luther, und nicht irgendeinem anderen Exegeten folgen solle, bleibt unbeantwortet: Der von Gott Erwählte ist keine Rechtfertigung schuldig.
Einige hochmittelaterliche Diskurse waren für mich schon deshalb von Interesse, weil mir ihre Teilnehmer oft nur dem Namen nach bekannt waren: Manegold von Lautenbach, Wolfhelm von Köln oder Lanfrank (der mit dem mir wiederum schon bekannteren Berengar von Tours die Klingen gekreuzt hat). In der Neuzeit (Flaschs letztes Kapitel behandelt die Auseinandersetzung Voltaires mit den Schriften Pascals) verlagert sich die Auseinandersetzung (auch angesichts neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse) immer stärker in Richtung einer Fundamentalkritik: Wenn auch Voltaire niemals den Zweck einer Religion für die Gesellschaft in Zweifel gezogen hat, so hält er doch prinzipiell an einem moralisch verstandenen Christentum fest; die Verteidigung seiner Dogmen (so stellt er schon damals scharfsinnig fest) aber würde der Glaubwürdigkeit des Christentums einen sehr viel größeren Schaden als Nutzen bringen.
Das Buch (von dem ich hier nur skizzenhaft berichten kann) ist eine ganz ausgezeichnete Aufarbeitung der philosophischen Problematik des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Es ist von philosophisch-historisch-philologischen Interesse, eine Fundgrube für all jene, die sich nicht mit der sterilen, chronologischen (und oft zusammenhanglosen) Darstellung vieler Philosophiegeschichten zufrieden geben wollen. Allerdings ist seine Relevanz für den Philosophen der Gegenwart (auch wenn Flasch hier mit Sicherheit anderer Meinung ist, wie ich aus seinem Buch „Warum ich kein Christ bin“ entnehme) meines Erachtens gering. Und – noch einmal auf das erwähnte Buch Bezug nehmend, das zu besprechen ich mir demnächst vornehme: Diese gesamte, penible historisch-kritische Aufarbeitung ist für den Menschen des 21. Jahrhunderts in Bezug auf den Gottesglauben völlig belanglos. Aber das ist ein Vorgriff auf einen erst zu erstellenden Text.
Kurt Flasch: Kampfplätze der Philosophie. Große Kontroversen von Augustin bis Voltaire. Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann 2008.