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Über eine reale Figur einen abendfüllenden Film zu machen, der nicht nur dokumentarisch daherkommt, sondern mittels nachgestellter Szenen eine neue Plastizität erreichen möchte: Das darf durchaus als Experiment bezeichnet werden.
Gerade im Fall des umstrittenen österreichischen Expressionisten Oskar Kokoschka (1886 - 1980), der schon im adoleszenten Alter als «Oberwilder» bezeichnet wurde und in kein Schema passt.
Oskar Kokoschka (1886 – 1980)
Maler
Oskar Kokoschka lebte in Österreich, Deutschland und zuletzt der Schweiz. Er galt schon als Kunststudent als «Oberwilder», weil er sich gegen den Jugendstil und damit den grossen Meister Gustav Klimt wandte.
Gleichzeitig war er aber auch ein gefühlvoller Betrachter seiner Umgebung. Seinen Studenten gab er einen Leitsatz weiter, nach der er selbst seit seiner Kindheit lebte: «Zum Sehen gehört das Schauen.»
Kokoschka erlebte beide Weltkriege. Im Ersten wurde er mehrfach verletzt, im Zweiten erklärten die Nazis seine Bilder zur «entarteten Kunst».
Er war zwei Mal verheiratet und führte – nachdem er im Krieg alles verloren hatte – eine Kunstschule in Salzburg. Seine letzten Jahre verbrachte er in Villeneuve am Genfersee.
Der Westschweizer Filmemacher Michel Rodde hat es sich nicht leicht gemacht und wagt einen neuen Zugang. Einerseits protokolliert er geschickt viele wichtige Etappen in Kokoschkas Leben und verwebt sie eindrücklich mit authentischem Bildmaterial.
Andererseits schafft er eine neue Dimension, indem er einen erzählerischen Kniff anwendet: Rodde stellt der in der Ich-Form erzählenden Hauptperson Kokoschka eine beobachtende und kommentierende Aussensicht gegenüber.
Wandlungsfreudige Gegenfigur
Gespielt und interpretiert durch die wandlungsfreudige Schauspielerin Aurélia Lüscher schafft er so eine Antipode, die sich am Menschen Kokoschka reiben und abarbeiten kann.
Einmal begleitet sie ihn in den ersten Weltkrieg, als er schwer verwundet wird. Ein anderes Mal wird sie zur umsichtigen und toleranten Haushälterin «Reserl».
Ein drittes Mal zeigt sie sich als Aktmodell in Kokoschkas «Schule des Sehens».
Dass Rodde der Versuchung widerstand, seine Protagonistin auch als Liebespartnerin des Künstlers einzusetzen, ist ihm hoch anzurechnen.
So entkommt er der Gefahr, auch selbst in den Strudel der emotionalen Verwirrung zu geraten, in dem Kokoschka bei Frauen bisweilen steckte.
Gerade die aufreibende und gescheiterte Beziehung zu Alma Mahler kann so als pittoreske Schmonzette eines vielseitigen Lebens abgehakt werden.
Für den interessierten Betrachter von Kokoschkas Schaffen liefert der Film die Hintergründe und das Rüstzeug, um besser begreifen zu können, was der Künstler unter der «Bewusstwerdung des Sehens» verstand.