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Wettbewerb, Februar 2006
sehen und sichtbar sein
« … und dass die Bibliothek fortdauern wird: erleuchtet, einsam unendlich, vollkommen unbeweglich, gewappnet mit kostbaren Bänden, überflüssig, unverweslich, geheim. Ich schrieb: unendlich. Nicht aus rhetorischer Gewohnheit ist mir dieses Adjektiv in die Feder geflossen; ich sage, es ist unlogisch zu denken, dass die Welt unendlich ist. Wer sie für begrenzt hält, postuliert, dass an weit entfernten Orten die Gänge und Treppen auf unfassliche Art aufhören – was absurd ist. Wer sie für begrenzt hält, der vergisst, dass die mögliche Zahl der Bücher Grenzen setzt. Ich bin so kühn, die folgende Lösung des alten Problems zu bedenken zu geben: Die Bibliothek ist unbegrenzt und zyklisch. Wenn ein ewiger Wanderer sie in irgendeine beliebige Richtung durchmässe, so würde er nach Jahrhunderten feststellen, dass dieselben Bände in derselben Unordnung wiederkehren (die, wiederholt, eine Ordnung wäre: die Ordnung). Meine Einsamkeit erfreut sich dieser eleganten Hoffnung.»
La biblioteca de Babel, aus Ficciones, Jorge Luis Borges, 1944
Als wäre es ein Bücherstapel mit ausgesparten Leerräumen, so schichten sich die Lesesäle der vier Bibliotheken zu einem Turmbau, einer über den anderen. Die grossen Fenster sind die Augen zur Stadt. Die Eingangshalle versteht sich als Teil des städtischen Gefüges: Strassen, Gassen, Plätze und Gebäude. Eine urbane Konsolidierung innerhalb des heterogenen Innenhofs auf dem Universitätsgelände. Die Hülle ist eine edle Ummantelung aus feinmaschigem Metallgeflecht. Je nach Lichteinfall und Augpunkt zeigt sie tagsüber feine Durchblicke, oder aber sie gibt sich zugeknöpft, reflektiert das Licht und verhüllt den Bau. Das Thema der Bibliothek als Ort der Ruhe, der zugleich sieht und sichtbar ist, bestimmt auch die Beziehung der feinen Durchsichten zu den grossen Fenstern. Sobald am Abend die Lichter im Inneren des Gebäudes angehen, werden diese zu Protagonisten: geben den Blick ins Innenleben frei und leuchten in den Abend hinaus.