Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03149.jsonl.gz/2769

Dr. Pop, was ist Indie?
Kein Begriff fällt auf 78s so oft wie Indie. So oft, dass der Begriff für Teile der Leserschaft seine Bedeutung offenbar vollends verloren hat. Dr. Pop sagt, was Indie ist.
„Der Begriff Indie-Rock bezeichnete ursprünglich Rockmusik im weitesten Sinne des Wortes, die ausschließlich von Independent-Labels vertrieben wurde. Mittlerweile ist der Indie-Rock (auch oft schlicht Indie genannt) ein vielfältiges Subgenre des Alternative Rock. Namensgebend für den Indie-Rock ist die Unabhängigkeit (engl. independence) von den großen Plattenfirmen (Major Labels).“ (Wikipedia)
Die vagen Umschreibungen „Rockmusik im weitesten Sinne“ und „vielfältiges Subgenre“ deuten es an: Indie ist ein schwammiger Begriff, genauso wie „Alternative Rock“, eine Schublade, in die heute immer weniger Bands gesteckt werden. Doch Indie hat überlebt und ist populärer als je zuvor. Letzthin haben meine Ohren im H&M mit Erstaunen die Fleet Foxes wahrgenommen, und die sind doch Indie, oder? Genaugenommen machen sie ja eigentlich Folk, doch sie sind auf Sub Pop, neben Matador das Indie-Label schlechthin.
Das Problematische am Begriff Indie ist evident: Er will zugleich ein Genre als auch eine Ideologie definieren. Es geht gleichzeitig um eine alternative Spielart der Gitarrenmusik als auch um eine Vertriebsmodell, das sich gegen den sogenannten Corporate Rock richtet. Allerdings wurde die Independent-Kultur spätestens mit Grunge vom Massengeschmack in Beschlag genommen. Mit dem Erfolg von Nirvana ist Indie im Mainstream angekommen, wie damals Punk mit den Sex Pistols. Indieacts wurden plötzlich von Major-Labels gesignt.
Die stilistische Bedeutung von Indie hat sich über die Jahre ebenso verwässert. Anfangs liess sich das Genre ziemlich eindeutig auf amerikanische Bands reduzieren, die ihre Wurzeln im (Post-)Punk hatten, wie beispielsweise Sonic Youth oder Sebadoh, die 1991 die ironische Hymne „Gimme Indie Rock“ schrieben. Pavement, Dinosaur Jr., Pixies und Konsorten definierten Indie-Rock in den späten 80ern und frühen 90ern als unprätentiöse Rockmusik, die ihre Genialität hinter Lärm, Dissonanz und Dilettantismus versteckte. Rock war damals nur Indie, wenn er sperrig war und mit einer gewissen Schlampigkeit vorgetragen wurde.
Heute klingt Indie-Rock dagegen so poliert, dass Death Cab For Cutie nicht weiter auffallen, wenn sie in O.C. California gefeatured werden. Jack White singt an der Seite von Alica Keys den Bond-Song und MGMT treten bei Conan O’Brian auf. Waren die Indie-Musiker und -Fans der ersten Stunde noch nerdige Slacker, sind sie heute stubenreine Hipster. Aus Aussenseitern sind Trendsetter geworden, die Flanellhemden, Vintage Shirts und Ray Ban-Brillen tragen, und die Kunsthochschule besuchen.
So ist Indie über die Jahre fast schon zu einem Schimpfwort geworden. Man wirft eine uninspirierte Band, die Converse trägt, ebenso in den Indie-Topf wie eine Band, die ebenfalls Cons trägt, aber Musik mit Herz macht. Trotzdem darf man meiner Meinung nach an dem Begriff Indie festhalten, sofern man damit das richtige meint: Unabhängige, authentische Rockmusik, die weiss, wer Stephen Malkmus ist.
> Leserfragen an Dr. Pop, den Briefkastenonkel von 78s, an: dr.pop(ät)78s.ch
23 Reaktionen
78s wird seit Juni 2015 nicht mehr redaktionell betreut. Die Kommentarfunktion ist deswegen deaktiviert.