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Weltweit sind Wissenschaftler seit Jahrzehnten auf der Suche nach verlässlichen Zeichen, die ein kommendes Erdbeben ankündigen. Trotz anekdotischer Erfolgsgeschichten hat sich bisher keiner der häufig diskutieren „Erdbebenpropheten“ als ausreichend verlässlich erwiesen. Lernen Sie sie hier kennen:
Eine besonders aufwändige Untersuchung von möglichen Erdbebenpropheten wird in den USA, auf einem 25 km langen Stück des San Andreas Grabens durchgeführt. Das Parkfield Experiment läuft seit 1985. Mit verschiedenen Messinstrumenten wird untersucht, was vor, während und nach einem Beben in der Nähe einer Verwerfung geschieht. Der San Andreas Graben gilt als geeignetes Untersuchungsgebiet, weil sich sehr häufig kleinere Beben ereignen und im Schnitt alle 22 Jahre ein Beben mit einer Magnitude von 6 oder mehr auftritt. Die ununterbrochene, jahrelange Überwachung hat einen umfassenden Datensatz generiert, der von Wissenschaftler weltweit ausgewertet wird und viel über die Prozesse von Erdbeben Preis gibt. Ein zuverlässiger Vorhersagemechanismus liess sich bisher aber nicht finden.
Immer wieder als Vorbote für Erdbeben im Gespräch ist abnormales Verhalten von Tieren. Bisher gelang es weltweit keiner Forschungsgruppe durch systematische Tierbeobachtungen Erdbeben zuverlässig vorherzusagen.
Aus Japan sind Berichte von ungewöhnlichem Verhalten von Welsen im Vorfeld des Edo Erdbebens 1855 dokumentiert. Daraufhin wurden einige wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt. Für eine Studie wurden die Bewegungen von Welsen über einen Zeitraum von 16 Jahren beobachtet. Die Forschenden stellten in 27 von 87 Fällen (30 %) bei Erdbeben mit Magnituden von 3 oder grösser fest, dass sich die Welse ungewöhnlich verhalten hatten. In einem Fall konnte zudem eine erhöhte Aktivität der Welse acht bis vier Tage vor einem Magnitude 5.9 Beben beobachtet werden. Wie genau die „Erfolgsrate“ von 30 Prozent zustande kam und ob solche Warnungen tatsächlich erfolgreich wären, wurde nicht veröffentlicht.
Quelle: Ikeya, 2004
Vor dem Haicheng Erdbeben in China im Jahr 1975 wurden Schlangen beobachtet, die trotz Winterkälte ihre Höhlen verliessen und an der Erdoberfläche erstarrten. Aufgrund von weiteren Beobachtungen und zahlreichen Vorbeben wurde die Stadt im Vorfeld des Bebens erfolgreich evakuiert. Aufgrund der Kulturrevolution drangen nur wenige gesicherte Informationen zu diesen Beobachtungen an die Öffentlichkeit. Und trotz des Erfolges im Jahr 1975 konnte für das Beben in Tangshan im darauffolgenden Jahr keine Warnung ausgesprochen werden.
Quellen: Bhargava, Katiyar, Sharma, & Pradhan, 2009; Kanamori, 2001
Bei Ratten und verschiedenen anderen Tieren wurde unmittelbar vor den schadenbringenden Erschütterungen ein abnormales Verhalten festgestellt. Solche ungewöhnlichen Verhaltensweisen lassen sich physikalisch erklären: Jedes Erdbeben breitet sich mit P- und S-Wellen aus. Die P-Wellen (Primärwellen) reisen dabei schneller als die S-Wellen (Sekundärwellen), welche bei grösseren Beben die deutlich spürbaren oder schadenbringenden Erschütterungen auslösen. Tiere, welche die früher eintreffenden P-Wellen bereits verspüren, reagieren unter Umständen, bevor kurz darauf die S-Wellen eintreffen.
Quelle: Bhargava et al., 2009
Eine Forschergruppe stattete nach dem heftigen Erdbeben in den Abruzzen 2016 verschiedene Tiere eines Bauernhofes in der Nähe des Epizentrums mit Sensoren aus. Ersten Ergebnissen zufolge hätten die Tiere ein paar Stunden vor dem nächsten grossen Beben „deutlich“ reagiert. Bisher wurden diese Beobachtungen noch in keiner wissenschaftlichen Publikation veröffentlicht.
Quellen: Tages-Anzeiger, 20. Mai 2017 / New York Times, 17. Juni 2017
Eine kalifornische Studie untersuchte, ob Hunde vor einem Beben eher weglaufen. Dazu glichen sie über drei Jahre hinweg tausende von Vermisstmeldungen von Hunden, die in einer Lokalzeitung publiziert wurden, mit den 224 in diesem Zeitraum aufgezeichneten Beben ab. Die Autoren fanden keinen Zusammenhang zwischen dem Weglaufen von Hunden und dem Auftreten von Erdbeben.
Quelle: Schaal, 1988
Ein japanischer Professor veröffentlichte im Jahr 1923 eine Untersuchung, in der er den Zusammenhang zwischen dem Krähen des nachbarlichen Fasans und spürbaren Erschütterungen beschreibt. In sieben Fällen krähte der Fasan deutlich bevor der Boden spürbar erschüttert wurde und in vier Fällen vor Beben, die nur mit feinfühligen Messgeräten wahrnehmbar waren. In fünf Fällen krähte der Fasan gleichzeitig mit den ersten spürbaren Erschütterungen und ebenfalls in fünf zu spät oder gar nicht. In den elf Fällen, in denen der Fasan frühzeitig krähte, verspürte er wahrscheinlich die ersten Wellen eines Bebens (sog. P-Wellen / Primärwellen). Sie reisen etwas schneller als die S-Wellen (Sekundärwellen), mit denen die Erschütterungen einhergehen.
Quelle: Tributsch, 1978
In seltenen Fällen kündigen Vorbeben ein grösseres Beben an. Dass es sich dabei um Vorbeben handelt, weiss man aber erst nach dem Hauptbeben mit Sicherheit. Die Mehrzahl der grossen Beben kündet sich nicht durch Vorbeben an, wie man aus der Auswertung zahlreicher seismologischer Datensätze weiss.
Veränderte elektromagnetische Signale sind einer der meist debattierten Vorboten für grössere Erdbeben. Obwohl Änderungen des elektrischen oder des magnetischen Feldes der Erde in einigen Fällen erfolgreich mit Erdbeben in Verbindung gebracht werden konnte, erwies sich die Methode in unterschiedlicher Anwendungsform über mehrere Standorte und für verschiedene Beben als unzuverlässig.
Es gibt einige, teils umstrittene Berichte über ungewöhnliche Lichteffekte, die Erdbeben ankündeten. Diese Erdbebenlichter wurden jeweils im Vorfeld von Erdbeben beobachtet und als Warnhinweis interpretiert. Beobachten von Erdbebenlichtern sich jedoch selten und in ihrer Ausprägung sehr unterschiedlich (kleinere oder grössere Lichter, kurz oder lange Zeit vor einem Beben, nahe oder weiter vom Epizentrum entfernt).
Vor allem in Neuseeland wurde rege diskutiert, ob sogenannte „Supermonde“ mit Erdbeben in Verbindung gebracht werden können. Der Entwickler dieser Theorie ging davon aus, dass die stärkeren gravitativen Kräfte bei solchen Supermonden (wenn der Mond der Erde am nächsten ist) Erdbeben verursachen. Eine wissenschaftliche Untersuchung kam zum Schluss, dass sich nur ein geringer Teil der Veränderungen in der Seismizität mit solchen Supermonden oder den Mondphasen in Zusammenhang bringen lassen.
Verschiedene Untersuchungen und Beobachtungen weisen auf einen Anstieg der Radonkonzentration im Vorfeld eines Bebens hin. Als verlässlicher Vorbote gilt der Anstieg jedoch nicht: Nur in etwa zehn Prozent der Fälle lässt sich ein Anstieg der Radonkonzentration überhaupt mit seismischer Aktivität in Verbindung bringen. Zudem unterscheiden sich die Distanz von der Radonmessung zum Epizentrum (bis 1‘000 km entfernt), die betroffenen Zeiträume (Stunden bis Monate) und die gemessenen Magnituden stark, wobei sich bisher kein verlässlicher Zusammenhang zwischen den einzelnen Kennwerten finden liess.
Die Theorie der seismischen Lücke besagt, dass grosse Erdbeben an einem Ort immer in bestimmten Zeitabständen auftreten. Jene der seismischen Ruhe, das die übliche seismische Aktivität in einem Gebiet kurz vor einem grösseren Beben abnimmt. Beide Konzepte gehen von vergleichsweise einfachen Prozessen im Untergrund aus, bei denen sich unterschiedliche Verwerfungen beispielsweise nicht beeinflussen und jedes Beben die auf einem Bruchsystem herrschende Spannung vollständig abbaut. Beide Annahmen treffen auf die meisten aktiven Verwerfungszonen nicht zu und es gibt keine Messdaten, welche eine der beiden Theorien unterstützen.