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01.04.2015
Diabetes
Süsses Blut mit bitteren Folgen
Weltweit haben derzeit etwa 366 Millionen Menschen einen chronisch erhöhten
Blutzuckerspiegel. Sie sind an Diabetes erkrankt. Was aber hat die Glukose damit zu tun,
und warum nimmt vor allem die Zahl der Typ-2-Diabetiker in letzter Zeit so rasant zu?
Irene Strauss, Apothekerin
Unsere Nahrung besteht bekanntlich
hauptsächlich aus Kohlehydraten, Fetten
und Eiweissen. Essen wir z. B. ein Stück Brot,
so werden die darin enthaltenen langen
Kohlehydratketten über unseren Verdauungstrakt
in kleine Traubenzuckerteilchen
aufgespalten. Diese können ins Blut aufgenommen
und im Körper verteilt werden.
Der Blutzucker steigt unmittelbar nach der
Nahrungsaufnahme an.
Was macht der Zucker im Blut?
Das Blut dient dem Traubenzucker, der
auch als Glukose bezeichnet wird, vorwiegend
als Transportsystem. Als elementarer
Energielieferant unseres Körpers soll die
Glukose weiter zu jenen Zellen gespült
werden, die Power brauchen. In den Zellen
kann sie dann als «Brennmaterial Nummer
eins» in verwertbare Energieeinheiten um-
Süsses Blut
mit bitteren Folgen
gewandelt werden. Wird diese Energie z. B.
in den Muskelzellen frei, so können wir uns
dadurch körperlich betätigen. Unser Hirn
wiederum nutzt sie fürs Denken. Essen wir
wenig, werden z. B. aus der Leber Zuckerreserven
(Glykogen) mobilisiert oder Eiweiss
zu Glukose umgebaut.
Wer heizt den Zellen dabei ein?
Muskel-, Fett- und Leberzellen nehmen
den Zucker nur durch Insulin in ihr Zellinneres
auf. Insulin ist ein Hormon, das von
den Betazellen der Bauchspeicheldrüse
produziert wird. Ausgeschüttet wird es,
wenn
1. der Blutzuckerspiegel steigt,
2. Hormone, wie die sogenannten Inkretine,
der Bauchspeicheldrüse melden,
dass sie im Darm kohlehydratreiche
Nahrung gesichtet haben.
Wie der Vorgang der Zuckeraufnahme in
unseren Zellen abläuft, ist schematisch
in Abbildung 1 dargestellt. Insulin könnte
man sich dabei bildlich als Chef eines
Taxiunternehmens
vorstellen, der von der
Taxizentrale aus den Insulinrezeptoren
ein «Brennstofftaxi» (Glukosetransporter)
anfordert. Mithilfe des Taxis, das sich
ausschliesslich vom Insulin ordern lässt,
kommt die Glukose letztendlich in die
Zelle. Der Glukosespiegel im Blut sinkt.
Ab wann spricht man von
Diabetes?
Liegt der Langzeitzuckerwert (HbA1c) bei
≥6.5 % bzw. der Nüchternblutzucker bei
≥7 mmol/l, so gilt dies als Diabetes.
Beim Typ 1 zerstört der Körper aus nicht immer
geklärter Ursache im Zuge einer Autoimmunreaktion
die insulinproduzierenden
Betazellen. Es kann kein Insulin mehr gebildet
werden. Diese Form entwickelt sich
meist schon im Kindesalter und betrifft
etwa zehn Prozent der Diabetiker.
Weit häufiger tritt mit ca. 90 Prozent der
Typ 2 auf. Hier wird zwar Insulin grundsätzlich
noch produziert, das Problem ist aber,
dass es nicht mehr richtig wirkt. Man spricht
von Insulinresistenz. Der Taxifunkspruch
für die «Brennstofftaxis» zeigt also keine
Wirkung. Der Zucker bleibt ausserhalb der
Zellen im Blut. Ausserdem entwickelt sich
eine Insulinsekretionsstörung. Vor allem
jene Insulinmengen, die gleich zu Beginn
des Blutzuckeranstiegs einen Grossteil der
Glukose versorgen sollen, bleiben aus.
Wer bekommt Typ-2-Diabetes?
Grundsätzlich kann jeder an Diabetes Typ 2
erkranken: Junge aber seltener als Alte,
Schlanke nicht so oft wie Korpulente. Vererbung
spielt jedenfalls eine wichtige Rolle.
Haben Forscher auch schon einige entscheidende
«Zuckergene» entschlüsselt,
so kennt man dennoch längst nicht alle.
Vorsicht ist jedenfalls geboten, wenn Typ-2-Diabetes bei nahen Verwandten aus der
Familie, also Vater, Mutter oder Geschwistern,
diagnostiziert wurde.
Warum aber gibt es immer mehr
Typ-2-Diabetiker?
Zum einen hat es mit der längeren Lebenserwartung
zu tun. Der Gendefekt wird
meist erst im höheren Alter ausschlaggebend.
Mehr ältere Menschen bedeutet so
auch mehr Diabetiker. Es hat aber noch
zwei andere Gründe, und die gilt es zu vermeiden:
1. Zu wenig Bewegung und falsche
Ernährung
2. Übergewicht
Was aber haben überzählige Pfunde und
gemütliches Sofasurfen mit dem Blutzuckerspiegel
zu tun? Fettzellen, und hier
vorwiegend das Bauchfett, produzieren
wie ein eigenständiges Organ eine Unzahl
schädigender Substanzen. Diese wiederum
vermindern die Insulinwirkung oder lösen
Entzündungsreaktionen aus, die möglicherweise
unsere Gefässe und Organe wie
auch die Bauchspeicheldrüse angreifen
können. Bei Bewegungsmangel wird weniger
Zucker verbraucht, weil ja Muskel- und
Körperzellen nicht so viel Energie benötigen.
Tut zu viel Zucker weh?
Erhöhte Zuckerwerte spürt man nicht. So
wird ein Diabetes durchschnittlich erst
sieben Jahre nach Erkrankungsbeginn diagnostiziert.
Eine Zeit, in der bereits erste
Schäden entstanden sein könnten. Regelmässige,
vorsorgliche Blutzuckerkontrollen
werden deshalb empfohlen bei
– Diabetes in der Familie
– Alter über 45 Jahre
– Übergewicht mit einem BMI
über 25 kg/m2
– Vorliegen einer Zuckerstoffwechselstörung
in der Vergangenheit
(z. B. Schwangerschaftsdiabetes)
Was kann passieren?
Der erhöhte Blutzuckerspiegel kann Nerven
und grosse wie auch kleine Gefässe unseres
Körpers schädigen, was letztendlich
zu Nervenschmerzen, Herzinfarkt, Schlaganfall,
Durchblutungsstörungen der Beine
bis hin zur Amputation, schlecht heilenden
Wunden, Blindheit oder Nierenversagen
führen kann.
Weil an vielen dieser Schäden auch erhöhte
Cholesterin- und Blutdruckwerte mitbeteiligt
sein können, ist es sehr wichtig,
auch diese Erkrankungen einzubeziehen,
entsprechend zu behandeln und nicht zu
rauchen.
Behandlungsmöglichkeiten
Hoher Blutzucker lässt sich heute gut einstellen.
Es gibt eine Vielzahl von verschieden
wirkenden Medikamenten, die je nach
Diabetesdauer, Alter des Patienten, Übergewicht
oder zusätzlichen Erkrankungeneingesetzt werden. Insulininjektionen ermöglichen
eine gezielte Behandlung von
bereits schweren Zuckerentgleisungen.
Diabetes lässt sich aber vor allem auch
durch eigenes Zutun wie mehr Bewegung,
Ernährungsumstellung und Gewichtsreduktion
positiv beeinflussen.
Regelmässige Blutzuckerselbstkontrollen
können dabei sehr motivierend sein und
geben zudem Auskunft über die aktuelle
Glukosesituation.
Süsses Blut als Chance
Welche Veränderungen des Lebensstils
bei Diabetes Typ 2 für jeden einzelnen
am besten wirken, sollte mit geschulten
Fachleuten im Zuge einer Diabetesberatung
geklärt werden. Nur mit sinnvollen
Zielsetzungen kann man ein erfolgreiches
Blutzuckermanagement betreiben und ein
Stück Lebensqualität zurückgewinnen. Die
Diagnose Diabetes sollte jedenfalls nicht
als Hiobsbotschaft aufgenommen werden,
sondern als Chance, sich bewusst für ein
gesundes Leben zu entscheiden. Schliesslich
hängen die süssen Seiten des Lebens
auch ein wenig von unserem Blutzucker
ab!
Quelle: astreaApotheke, Ausgabe April 2015
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