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Der 200. Jahrestag der Uraufführung von Schillers "Wilhelm Tell" erinnert in der Schweiz an die Briefmarken mit Angehörigen der Familie Tell, die von 1907 bis 1933 verwendet wurden.
Tell Vater und Sohn läuteten nach Jahrzehnten mit Helvetias die postalische Emanzipation des Mannes ein.
Der 200. Jahrestag der Uraufführung von Schillers "Wilhelm Tell" war der Schweizer Post, im Unterschied zur deutschen, keine Sondermarke wert. Aber die hiesigen Briefmarkensammler haben die Neuausgaben "ihrer" Post ohnehin seit einigen Jahren als des Sammelns nicht mehr wert abgeschrieben. Das importierte Schweizer Nationalepos wird auch die Nichtbeachtung durch die Klebebildchenfabrikanten von Bern überleben.
Früher allerdings spielte der Tell sehr wohl eine Rolle in der schweizerischen Philatelie. Mit ihm, beziehungsweise zunächst mit seinem Sohn Walter, wurde das Zeitalter der postalischen Emanzipation des Mannes eingeläutet.
Vom "Strubeli" zur Sitzenden Helvetia
Nach einer kurzen Einlaufzeit ab 1849, da die Marken das Schweizer Wappen zeigten, bildeten diese ab 1854 alle eine Helvetia ab: Zunächst, mit arg zerzaustem Haar, das "Strubeli". Dann, 1862 bis 1881, folgte die sauber zurechtgemachte "Sitzende Helvetia".
Besonders beliebt bei den Sammlern war und ist jedoch die 1882 bis 1907 in den verschiedensten Varianten herausgegebene "Stehende Helvetia". Dazwischen gab es eine weitere Dame für das Weltpostvereins-Jubiläum (1900) und auch wieder eine Wappenmarke (1905-07). Aber keinen Mann!
1907: Die Stunde des Mannes!
Diesem, politisch heute wohl korrekten, Übelstand wurde erst 1907, nach mehr als 50 Jahren, das Ende angebahnt, als Tellensohn Walter hinter einer übergrossen Armbrust auf den Marken für 2, 3 und 5 Rappen erschien.
Die Helvetias dominierten die schweizerischen Dauermarken – das sind Marken, die nicht zu einem bestimmten Anlass herausgegeben werden – allerdings auch noch weiter im Brustporträt (zwei Varianten, 1907-14) und sitzend mit Schwert (1908-34), also während insgesamt 80 Jahren.
Das von Albert Welti (München) geschaffene Walterlein war, vor allem wegen der übergrossen Armbrust, Gegenstand heftiger Kritik. Schon damals deckten sich der Kunstsinn der Post und jener des Publikums nicht. Die erste, mit zwei Randornamenten versehene Ausführung verschwand schon nach zwei Jahren zugunsten einer Darstellung, die den Tellensohn auf einem kleinen Podest frei in den Raum stellte.
Von dieser Zeichnung gab es zwischen 1909 und 1911 nicht weniger als drei Varianten, von denen die dritte in den verschiedensten Farben und Werten während Jahrzehnten, bis 1933, verwendet werden sollte.
Wilhelm Tell als Wachablöser
War der Weg für einen währschaften Mann auf Schweizer Briefmarken so nun vorbereitet, konnte Wilhelm Tell im Juli 1914 endlich das Brustporträt der Helvetia ablösen. Diesmal setzte man beim Bild auf Bewährtes, das allerdings graphisch sehr geglückt. Der abgebildete Tell ist ein Ausschnitt des 1895 entstandenen Altdorfer Tellendenkmals von Richard Kissling und erschien zunächst auf den Wertstufen 10, 12 und 15 Rappen.
Ganz ohne Variante ging es auch hier nicht. Die sogenannte Type I der roten 10-Rappen-Marke – sie kam aber erst zwei Monate nach der Type II zur Verwendung – zeigt die Querbalken des H und des E der Landesbezeichnung Helvetia in der Mitte statt auf Dreiviertelhöhe wie bei allen andern Tellenmarken. Diese Marke ist recht gut gesucht.
Gemäss dem Zumsteinkatalog von 2004 hat sie gestempelt einen Wert von 55 Franken, auf Brief gar von 400 Franken. Der "normale" rote Tell hingegen kommt gestempelt gerade mal auf seinen damaligen Nominalwert: 10 Rappen. Der teuerste Tell ist jener von 1920 mit dem Aufdruck 20 auf einer schwarzvioletten (statt violetten) 15er Grundmarke. 15000 Franken legt man für ein Exemplar auf den Tisch.
Noch mehr Varianten
Im genannten Katalog werden bis 1933 insgesamt 28 Tellenmarken mit Frankaturwerten von zehn bis dreissig Rappen aufgelistet, dazu kommen nochmals 27 mit Aufdrucken für den Gebrauch eines Amtes ("Industrielle Kriegswirtschaft") und von internationalen Organisationen (Völkerbund und Internationales Arbeitsamt).
Und nicht weniger als 65 Tellen, die für Markenheftchen produziert wurden, sind als Kehrdrucke (zwei Marken sind Kopf zu Fuss aneinandergedruckt), als zusammenhängende Paare mit einem Leerfeld dazwischen (das teuerste mit 17500 Franken) oder als Paare mit andern Marken zusammen katalogisiert. Und wem auch das noch nicht genug ist, der sammelt seine Tellen anhand des Spezialkatalogs von Zumstein, wo hunderte von Varianten und Fehldrucken fein säuberlich beschrieben werden.
Und doch, besonders beliebt waren die Marken mit dem Wilhelm Tell bei den meisten Sammlern eigentlich nie. Mit Frankaturwerten von 10 bis 30 Rappen waren sie einfach zu "gewöhnlich". Die Helvetias mit Nominalen bis 3 Franken waren da, neudeutsch ausgedrückt, um einiges mehr sexy. Und zudem: Die meisten Briefmarkensammler sind schliesslich Männer.
swissinfo, Max Frenkel
Fakten
Der Verfasser, Max Frenkel, war für die Philatelierubrik der "Neuen Zürcher Zeitung" zuständig, die er zu einer Kultstatus geniessenden Fundgrube für politische Glossen ausbaute. Mit ihm wurde 2003 auch diese Rubrik pensioniert. Heute ist er Kolumnist bei der "NZZ am Sonntag".Infobox Ende