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Wer ist ein Expat? Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage in Zeiten der Globalisierung. swissinfo.ch begibt sich auf semantische Spurensuche.
"I know it when I see it", sagte ein Richter des US Supreme Courts, als er hätte Pornographie definieren sollen. Etwas nicht definieren zu können, aber zu wissen, was gemeint ist, das passiert vielen auch bei Expats.
Im wörtlichen Sinne ist ein Expat (Expatriate) jemand, der ausserhalb des Vaterlands lebt, also im Ausland. So definieren es die meisten Wörterbücher. Bei der HSBC Expat Explorer Surveyexterner Link ist ein Expat jemand, der über 18 Jahre alt ist und zurzeit ausserhalb des Heimatlandes lebt.
Aber diese Definition ist zu breit. Sie träfe auch auf Studierende, Flüchtlinge und Asylbewerber zu, die in den Augen der meisten Leute keine Expats sind. Werfen wir also einen Blick auf weitere – teilweise provokative –Definitionselemente:
Expats wollen nur vorübergehend im Zielland bleiben. Diese Aussage geht auf die Zeit zurück, als Expats hoch qualifizierte Fachkräfte bei grossen multinationalen Firmen waren, die von ihrem Arbeitgeber temporär an eine ausländische Zweigstelle geschickt wurden. Die Familie des Arbeitnehmers kam meist mit. Das Problem ist, dass es diese vorübergehenden Versetzungen ins Ausland immer noch gibt, der Begriff Expat aber viel mehr Leute umfasst.
Wer von den folgenden Personen ist ein Expat? Ein amerikanischer Diplomat, der in Ghana stationiert ist. Ein ukrainischer Klempner, der in London arbeitet. Eine deutsche Businessfrau, die in Shanghai lebt. Eine äthiopische Medizinstudentin, die ein Praktikum an einem Spital in Frankreich macht. Ein syrischer Professor, der in Italien als Hausmeister arbeitet und sehnsüchtig darauf wartet, endlich nach Syrien zurückkehren zu können, sobald der Krieg zu Ende und sein Heimatland wieder sicher ist.
Wie ein Blogeintragexterner Link darlegt, würde die oben genannte Definition auf alle diese Personen zutreffen, aber die meisten Leute würden diese Personen nicht alle als Expats bezeichnen. Zudem könnten Rentnerinnen und Rentner, die ins Ausland ziehen, nicht Expats sein (ausser man versteht "vorübergehend" als "bis zum Tod").
Expats sind gebildet und haben ein hohes Einkommen. Oder sie haben bestimmte Arten von Jobs. Kann eine gut qualifizierte, gebildete Person, die eine niedere Tätigkeit ausführt (so wie der syrische Professor in Italien im obigen Beispiel) ein Expat sein?
Die HSBC Expat Explorer Survey für 2015 untersuchte Expats in 39 Ländern und fand heraus, dass ein Expat im Durschnitt 182'300 Franken im Jahr verdient. Das bedeutet nicht, dass man als Expat nicht arm sein kann, aber Geld spielt offenbar doch eine Rolle.
Expats haben eine weisse Hautfarbe. Jetzt begeben wir uns auf heikles Terrain. Manche sagen lakonisch, weisse Ausländer seien Expats und alle anderen Immigranten.
Diese Einstellung basiert auf der Annahme, Expats seien ein angelsächsisches Phänomen und ein Relikt aus der Kolonialzeit, als die englische Oberschicht im Empire (und der Schweiz!) verstreut lebte.
Das Empire mag zerfallen sein, aber die kulturellen Konnotationen zu Expats scheinen noch weitverbreitet zu sein. Ein Bloggerexterner Link drückte es folgendermassen aus: "Top-Fachkräfte aus Afrika, die in Europa arbeiten, gelten nicht als Expats. Sie sind Immigranten. Punkt."
Expats ziehen "nach unten", Immigranten "nach oben". Gemäss dieser Theorie, die einen gewissen imperialistischen Beiklang hat, hängt die Unterscheidung zwischen Expat und Immigrant davon ab, aus welchem Land man stammt und in welches man zieht. Wenn man in ein reicheres Land zieht, ist man ein Immigrant, wenn man in ein Ärmeres geht, ein Expat.
Expats haben keinen Pass des Gastlandes. Von den 775'000 Auslandschweizern haben drei Viertel die Doppelbürgerschaft. Sind sie Expats? Die meisten Menschen würden das verneinen, weil ein Pass ein Zeichen von Integration ist und…
Expats bemühen sich nicht um Integration. Sie lernen weder die Sprache noch freunden sie sich mit Einheimischen an. Auch das geht auf Kolonialzeiten zurück. Die einzige Interaktion der Briten mit der lokalen Bevölkerung war deren Anstellung als Dienstpersonal. Expats setzen in der Regel ihren Lebensstil auch im Ausland fort, und man muss reich sein, um so etwas tun zu können. Vor allem in der Schweiz.
Expats leben freiwillig im Ausland.InterNationsexterner Link, das grösste Expat-Netzwerk der Welt, definiert Expats als Personen, die freiwillig im Ausland leben. Expats zögen nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit oder wegen schlimmen Zuständen in der Heimat ins Ausland, sondern aus freien Stücken. Das unterscheide sie von Flüchtlingen oder Wirtschaftsmigranten.
Sie mögen mit der einen oder anderen dieser Aussagen nicht einverstanden sein. Der Begriff Expat hat keinerlei juristische Bedeutung. Es gibt keine "illegalen Expats" oder "Expats der zweiten Generation". Wer also ist ein Expat? Nun… I know one when I see one.
Sind Sie ein Expat? Warum? Erzählen Sie es uns in den Kommentaren!
(Adaptiert aus dem Englischen: Sibilla Bondolfi), swissinfo.ch