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Ein neuer Kalter Krieg – Star Wars lässt grüssen
Mit dem Krieg in der Ukraine ist die Zusammenarbeit zwischen Russland und dem Westen – einschliesslich der Schweiz – in der Raumfahrt praktisch tot. Könnte der neue Wettlauf nach den Sternen zwischen rivalisierenden Blöcken ein Segen für die Industrie der "freien Welt" sein?
Seitdem ihre Panzer in die Ukraine eingefahren sind und die Sanktionen gegen das Land verhängt wurden, hat sich die Weltraum-Grossmacht Russland von jeglicher Zusammenarbeit mit dem Westen abgekoppelt oder ausschliessen lassen.
Lediglich die Internationale RaumstationExterner Link (ISS) hält den Geist der Entspannung weiterhin am Leben: mit gegenwärtig drei russischen Kosmonauten, zwei Amerikanern, einer Amerikanerin und einer Italienerin an Bord. Ansonsten herrscht jedoch Kalter Krieg.
Das erste Opfer war die europäische "ExoMars"-MissionExterner Link, die ohne die Proton-Rakete und den Lander, die sie zu ihrem Ziel bringen sollten, auskommen muss. Nach dem Start des Orbiters im Jahr 2016 sollte diesmal ein Rover auf dem "roten Planeten" landen und herumfahren. Ein Rover, der unter anderem mit einer in der Schweiz entwickelten und hergestellten Hightech-Kamera ausgestattet ist und nach Spuren von Leben suchen soll.
Die Mission sollte eigentlich 2018 und dann 2020 starten, aber Verzögerungen bei der Lieferung und später Covid-19 machten dem Projekt einen Strich durch die Rechnung. Der Abschuss musste auf 2022 verschoben werden. Da die Zeitfenster für einen Abschuss Richtung Mars nur alle zwei Jahre günstig sind, wird es mit einer anderen Rakete also 2024 oder sogar 2026 werden.
Scheidung in mehreren Schritten
26. Februar: Das erste Wochenende des Kriegs. Das russische Staatsfernsehen kündigt an, dass die Sojus-Raketen als Reaktion auf die angedrohten Sanktionen nicht mehr vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana starten werden, wo sie ein Drittel aller Starts ausmachen.
"Wir setzen die Entwicklung von Ariane 6 und Vega-C fort, um die strategische Autonomie Europas bei Trägerraketen zu gewährleisten", reagiert Thierry Breton, der für die EU-Raumfahrtpolitik zuständige Kommissar, in einer PressemitteilungExterner Link.
17. März: Der ESA-Rat "bedauert zutiefst die Verluste an Menschenleben und die tragischen Folgen der Aggression gegen die Ukraine" und "schliesst sich voll und ganz den von seinen Mitgliedstaaten gegen Russland verhängten Sanktionen an", wie es in einer MitteilungExterner Link heisst.
Er verzichtet darauf, seine "ExoMars"-Sonde im September mit einer russischen Proton-Rakete zu starten. De facto verzögert sich die Mission damit um mindestens zwei Jahre.
3. April: In einem langen Twitter-Feed (auf Russisch)Externer Link kündigt Dmitri Rogosin, der damalige Chef von Roskosmos, an, dass er "in naher Zukunft" Empfehlungen für die weitere Beteiligung Russlands an der ISS abgeben werde.
Die unabhängige Website Meduza berichtet, dass dieser oft provokative Gefolgsmann von Wladimir Putin gerade von seinem Chef abgesetzt worden sei, der ihn mit höheren Aufgaben in der Ukraine betrauen könnte. An seiner Stelle sei der ehemalige Vize-Premierminister Juri Borissow ernannt worden.
13. April: Die ESA gibt bekanntExterner Link, dass sie "die Aktivitäten in Zusammenarbeit mit Russland im Rahmen der Missionen Luna-25, Luna-26 und Luna-27 aussetzt und sich dabei erneut auf die "russische Aggression gegenüber der Ukraine und die daraus resultierenden Sanktionen" beruft.
30. April: Rogosin wird vom russischen Staatsfernsehen befragt und weicht der Frage aus, wann Russland sich von der ISS zurückziehen wird. "Der Entscheid wurde getroffen, wir sind nicht verpflichtet, öffentlich darüber zu sprechen", sagte er laut mehreren Websites, darunter auch jener des Magazins GeoExterner Link.
Und er fügt hinzu, dass Roskosmos "seine Partner über das Ende ihrer Arbeit auf der ISS mit einem Jahr Vorlaufzeit informieren wird". Ohne weitere Einzelheiten zu nennen.End of insertion
Suche nach einer Ersatzrakete
"Die ESA [Europäische Weltraumorganisation] ist bestrebt, die Interessen ihrer Mitgliedstaaten, darunter die Schweiz, zu wahren, und führt derzeit eine beschleunigte Industriestudie durch, um die verfügbaren Optionen für die Durchführung der 'ExoMars'-Mission zu ermitteln", schreibt Renato Krpoun, Leiter der Abteilung Raumfahrt des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SEFRI) in Bern in einer Antwort per E-Mail. Die ESA sucht also nach einer neuen Rakete und einem neuen Landemodul.
Abgesehen von der Verzögerung der Mission bereitet die Situation dem Generaldirektor der ESA, Josef Aschbacher, keine allzu grossen Sorgen. "Wir werden eine gute Zusammenarbeit bei 'ExoMars' finden", sagte er am 15. Juni in einer Online-Pressekonferenz zusammen mit Nasa-Administrator Bill Nelson, der in die Niederlande gekommen war, um am ESA-Rat teilzunehmen.
>> Die ESA stellt ihren Rover für "ExoMars" vor (gedreht bei Ruag in Zürich, auf Englisch)
Die beiden Raumfahrtagenturen werden "ExoMars" und die Nasa-Mission "Mars Sample Return"Externer Link jedoch nicht zusammenlegen. Letztere soll Proben zur Erde zurückbringen, die der amerikanische Rover Perseverance gesammelt hat.
Wie der "ExoMars"-Rover und alle seine Vorgänger ist Perseverance mit Maxon-Elektromotoren ausgestattet. Der Schweizer Hersteller liefert auch die Motoren für die Roboterarme, welche die Proben entnehmen sollen.
Dreimal der Mond
Die Schweiz und die ESA hatten auch eine starke Beteiligung am russischen "Luna-Programm", das den Namen seines prestigeträchtigen sowjetischen Vorgängers aus den 1960er-Jahren übernahm.
Die von Europa und der Schweiz entwickelten Instrumente werden also nicht mit diesen russischen Raumschiffen auf den Mond fliegen. Aber, so Krpoun, "man darf nicht vergessen, dass die Schweiz durch ihre Mitgliedschaft in der ESA auch Teil des Mondprogramms Artemis der Nasa ist". Bern arbeitet daher mit seinen Partnern daran, Flugmöglichkeiten für schweizerische und europäische Instrumente der Weltraumwissenschaft zu suchen.
Eine wurde bereits gefunden, und zwar mit der "CLPS-Mission"Externer Link der Nasa, deren Ziel es ist, Material auf den Mond zu transportieren. Um die Kosten zu optimieren, werden die Operationen vollständig an private Betreiber vergeben, darunter "SpaceX"Externer Link von Elon Musk und "Blue Origin"Externer Link von Jeff Bezos.
Europa wird "PROSPECT" bereitstellen, ein Paket, das aus einem Bohrer und Instrumenten zur Analyse flüchtiger Substanzen besteht und an Bord von Luna-27 hätte gebracht werden sollen.
Die westlichen Länder wollen mit "Artemis" zum Mond zurückkehren, Russland mit "Luna" und China mit "Chang'e".
Claude Nicollier, der bislang einzige Schweizer Astronaut, betont die Stärke des westlichen Blocks. "Wir haben immer noch eine sehr starke Zusammenarbeit zwischen Amerika, Europa, Kanada und Japan. Das James-Webb-Weltraumteleskop ist ein wunderbares Beispiel dafür. Diese Zusammenarbeit sehe ich vielleicht sogar verstärkt, wenn Russland aussteigt."
Die Raketen des Westens
Das Artemis-Mondprogramm ist ein weiteres gutes Beispiel für diese Zusammenarbeit. Im Jahr 2024 oder 2025 wird die SLS-TrägerraketeExterner Link, die grösste jemals gebaute Rakete, die Orion-Kapsel, ihre Mondlandefähre (die von der Privatindustrie geliefert wird) und ihr Servicemodul zum Mond schicken.
Das Servicemodul ist ein grosser Zylinder, auf dem die Kapsel ruht (die gleiche Architektur wie bei den Apollo-Raketen), der die Orion mit Strom, Antrieb, Luft, Wasser und Heizung versorgt. Es wird "Made in Europe" sein – ein absolutes Novum für einen bemannten Flug der USA. So wird die riesige Trägerrakete die Logos von Nasa und ESA tragen.
>> "Warum zum Mond?" Werbefilm der Nasa für das Artemis-Programm (auf Englisch)
In diesem Modul befindet sich einer der bedeutendsten Beiträge aus der Schweiz. Das Unternehmen "Beyond Gravity" (ehemals Ruag Space) entwarf das Ausrichtungssystem für die vier mal sieben Meter grossen Solarpaneele, welche die 33 Motoren des Servicemoduls mit Strom versorgen.
Die Schweizer Raumfahrtindustrie entwickelte zusätzlich die Sekundärstruktur, das Simulationssystem für die Solarpaneele und die mechanischen Elemente der Bodenhalterung.
Nicht nur die SLS ist aber für den Mond und den Mars vorgesehen. Im nächsten Jahr wird Europa die "Ariane 6"Externer Link für Mittel- und Langstreckenflüge testen. Und am 13. Juli absolvierte die ebenfalls europäische Leichtrakete "Vega-C"Externer Link ihren erfolgreichen Erstflug.
Es gibt also genug Ersatz für die Sojus-Raketen, die nicht mehr von Kourou in Französisch-Guayana abheben. Seit ihrem ersten Flug im Jahr 2011 wurden vom europäischen Weltraumbahnhof 27 Sojus-, 52 Ariane- und 20 Vega-Starts durchgeführt.
Beim letzten Start, 14 Tage vor Beginn des Kriegs gegen die Ukraine, wurden 34 Satelliten der "OneWeb"-Konstellation in die Umlaufbahn gebracht. Seitdem hat sich dessen britischer Breitband-Internetbetreiber an "SpaceX" gewandt.
Bedrohungen für die ISS
Die ISS ist das Flaggschiff und Symbol der internationalen Zusammenarbeit im Weltraum. Sie ist eine entfernte Nachfolgerin des historischen Handschlags, den amerikanische Astronauten und sowjetische Kosmonauten 1975 während der Apollo-Sojus-Mission (in Moskau hiess sie Sojus-Apollo) mitten im Kalten Krieg austauschten.
Wie glaubwürdig sind die Drohungen von Dmitri Rogosin, dem bisherigen Chef von Roskosmos, seine Kosmonauten und die logistische Unterstützung von der ISS abzuziehen?
"Im Moment bleibt die ISS auf übliche Weise in Betrieb. Alle Unterzeichnenden des Regierungsabkommens von 1998 (darunter die Schweiz) tragen zum reibungslosen Betrieb der ISS bei, was im Interesse aller Partner liegt", so Raumfahrt-Abteilungsleiter Krpoun.
Die Sache ist nicht so klar, wie es scheint: Der aktuelle Zustand der Station ist immer noch ein wichtiges Argument für einen Rückzug aus dem Projekt. Ursprünglich sollte die Station bis 2012 laufen, doch dieses Datum wurde immer wieder hinausgeschoben.
Die Hauptverantwortung für die Wartung und den Erhalt der Station im Orbit liegt bei Russland, das seit der Aufgabe der amerikanischen Space Shuttles im Jahr 2011 mit seinen Sojus-Raumschiffen die vollständige Kontrolle über den Zugang innehatte. Dieses Primat endete mit der Ankunft anderer Raumfahrzeuge von Privatunternehmen, namentlich der "Crew Dragon" von "SpaceX".
Und was den Weiterbetrieb im Orbit angeht, so testet die Nasa derzeit ihre Fähigkeit, dies mithilfe des automatischen Raumschiffs "Cygnus" (von Northrop Grumman) zu gewährleisten, das die russischen Sojus ersetzen soll.
Dem Nasa-Administrator war an der Online-Pressekonferenz vom 15. Juni wichtig, daran zu erinnern, dass die multinationale Besatzung der ISS "sehr professionell ist. Die Beziehungen zwischen der Missionskontrolle in Houston und Moskau sind sehr professionell".
Bill Nelson fügte hinzu, dass "trotz der Tragödien, die sich in der Ukraine wegen Präsident Putin abspielen, die internationale Partnerschaft stark ist, wenn es um das Weltraumprogramm geht".
Auch Claude Nicollier weiss nicht, was diese Drohung wert ist, in der er "ein bisschen eine Form von Erpressung" sieht. Der Schweizer Astronaut würde den Rückzug der Russen natürlich bedauern, aber für ihn ist ihre Invasion der Ukraine "so unangebracht, irrational, tragisch, mit all den Folgen, die sie nicht nur für die Ukraine, sondern auch für Russland und die Welt hat", dass die Einstellung der Zusammenarbeit mit Moskau "bei weitem nicht die schlimmste Folge dieses Kriegs wäre".
Russland konzentriert sich übrigens derzeit auf den Bau einer eigenen Orbitalstation, deren erstes Modul 2025 abheben soll. Und China hat bereits seit einem Jahr seine eigene Raumstation, die gerade mit der zweiten Besatzung belegt wurde.
Alles hat seine guten Seiten
Die Trennung von Moskau ist nicht nur eine Angelegenheit der Raumstation und der Raketen. Ebenfalls am 15. Juni erinnerte ESA-Chef Josef Aschbacher daran, dass "praktisch jedes Projekt betroffen ist, da viele Komponenten und Rohstoffe von Russland geliefert werden, wie etwa die Titan-Tanks, die viele Raumschiffe benötigen".
Die Agentur schliesst jedoch bereits neue Verträge mit anderen Lieferanten in Europa und den USA ab. "Davon werden Leute profitieren, die das ersetzen können, was bisher aus Russland kam", prognostiziert Raphael Röttgen, Chef von "E2MC", einer Beratungsfirma für Investitionen in den Raumfahrtsektor.
Der in der Schweiz ansässige ehemalige deutsche Banker sieht darin einen Glücksfall, zum Beispiel für eine Regierungsbehörde wie die ESA oder für diejenigen, die Raketen wie Vega oder Ariane herstellen.
"Die andere Sache: Auch wenn das, was passiert, sehr traurig ist, werden die Militärbudgets steigen, auch in Europa. Und natürlich ist die Raumfahrt ein wichtiger Teil des militärischen Bereichs, und ein Teil dieses Geldes wird wieder in die Raumfahrt fliessen", sagt er.
"One Crew"
Röttgen nimmt diese Drohungen, dass sich Russland von der ISS zurückziehen könnte, nicht allzu ernst. "Wie immer in Kriegszeiten werden Botschaften verschickt, und man muss sehen, an wen sie gerichtet sind. Diese wurden auf Russisch über soziale Netzwerke verbreitet, die vor allem in Russland genutzt werden. Ich schätze sie eher als an das russische Publikum gerichtet ein, als dass sie wirklich bedrohlich sind."
Ist der Geist von Apollo-Sojus nicht völlig tot? "Die Idee der ISS war immer, dass wir Hand in Hand arbeiten, unabhängig von den politischen Problemen auf der Erde", erinnert sich Astronaut Nicollier. Und er gibt zu: "Während die Annexion der Krim durch Russland 2014 ohne grosse internationale Probleme verlief, wird es jetzt ein bisschen schwierig."
Zumindest scheint gemäss Fotos und Pressemitteilungen von der ISS die Mannschaft weiterhin zusammenzuhalten: "One crew" (Eine Mannschaft)Externer Link.
Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub
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