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Auguste Herbin
Aus der Sammlung Lahumière
kuratiert von Sabine Schaschl und Evelyne Bucher
Auguste Herbin (geb. 1882 in Quiévy, gest. 1960 in Paris) wird heute als ein Pionier der nicht-figurativen Abstraktion in Frankreich gefeiert, auch wenn sein Weg dorthin durchaus ein zaghafter war. Er durchlief verschiedene Phasen der modernen Malerei; sein Œuvre ist geprägt durch eine stilistische Vielfalt, die vom Impressionismus und Fauvismus über den Kubismus, Orphismus, Purismus und die Neue Sachlichkeit bis hin zur radikalen geometrischen Abstraktion reicht.
Zusammen mit Georges Vantongerloo, Theo van Doesburg, Jean Hélion, Hans Arp und František Kupka gründete August Herbin 1931 die Vereinigung Abstraction-Création, mit der er von 1932 bis 1936 die gleichnamige Zeitschrift herausgab. Das Bedürfnis nach einem selbst auferlegten Regelwerk mündete 1942/1943 in sein «alphabet plastique», ein geometrisches, buchstabenähnliches Farbform-Vokabular, das sowohl Bezüge zu Goethes Farbenlehre als auch zu Rudolf Steiners anthroposophischen Schriften aufweist. Herbins eigensinnig entwickeltes Werk brachte ihm Anerkennung auf internationaler Ebene: So waren seine Arbeiten zwischen 1955 und 1972 auf der documenta I, II und V zu sehen. 1979 war er in einer grossen Ausstellung im Guggenheim Museum in New York vertreten, 1987 in Düsseldorf in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Das Museum Haus Konstruktiv zeigt eine dezidierte Werkauswahl aus der Pariser Sammlung Lahumière.
Mit der Einzelausstellung von Auguste Herbin präsentiert das Museum Haus Konstruktiv ein Œuvre, das an diverse Kunstrichtungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anknüpft und doch stets seine Eigenwilligkeit beweist. Herbins künstlerische Karriere beginnt 1899 mit der Aufnahme an der École des Beaux-Arts in Lille, wo erste postimpressionistische Arbeiten wie «Paysage nocturne à Lille» entstehen. 1901 übersiedelt er nach Paris, besucht dort prägende Ausstellungen von Van Gogh, Gauguin und Seurat und schliesst sich zunächst dem Fauvismus an. Cézannes Retrospektive im Salon d’Automne 1907 und die Ateliernachbarschaft zu Pablo Picasso und Juan Gris bestärken ihn darin, sich intensiv mit dem Kubismus zu beschäftigen. 1913 entstehen erste kubistisch, später orphistisch und puristisch inspirierte Arbeiten. Der Schritt zur reinen, teils geometrischen Abstraktion um 1917 liest sich zunächst wie eine logische Konsequenz des Kubismus. Umso mehr erstaunt es, dass Herbin diese erste abstrakte Phase in den Jahren 1921 bis 1926 zugunsten einer figurativen Malerei aufgibt. Herbin ist nicht der Einzige, der in der Nachkriegszeit zur Gegenständlichkeit zurückkehrt, auch bei Fernand Léger oder Pablo Picasso lässt sich diese Wende beobachten.
Rückblickend sind Herbins figurative Arbeiten im Kontext der Neuen Sachlichkeit zu verorten, die sich stilistisch durch einen klaren, nüchternen Bildaufbau und eine präzise, oft altmeisterlich anmutende Maltechnik auszeichnet. Mit Stadt- und Architekturansichten wie «Paysage à la maison rouge» und «Le port» (beide von 1925) und dem Stilleben «Les concombres» von 1926 repräsentiert der französische Künstler die typischen Genres dieser Kunstströmung. Kaum ist sie kunsthistorisch benannt und verbreitet, verabschiedet er sich endgültig von der gegenständlichen Darstellungsweise und widmet sich vermehrt abstrakt organischen, oft spiralartigen Formen, um schlussendlich wieder den Weg der geometrischen Abstraktion einzuschlagen. 1931 gründet er zusammen mit Georges Vantongerloo, Theo van Doesburg, Jean Hélion, Hans Arp und František Kupka die Bewegung Abstraction-Création, die 1932 bis 1936 fünf Nummern einer gleichnamigen Zeitschrift herausgibt und deren Ziel es ist, verschiedene Strömungen nichtfigurativer Malerei zusammenzuführen.
In Auseinandersetzung mit Goethes Farbenlehre und Rudolf Steiners Anthroposophie – Herbin besucht 1939 ein Seminar am Goetheanum im schweizerischen Dornach – entwickelt Herbin 1942/1943 das «aphabet plastique», das seine letzte Schaffensphase einläutet. Dieses Alphabet beruht auf Herbins Überzeugung, dass zwischen Buchstaben, musikalischen Klängen, Farben und Formen geheime Beziehungen bestehen, Wörter und Töne mithin in Farben und Formen ausgedrückt werden können. In diesem Sinne ordnet er jedem Buchstaben eine Farbe, einen musikalischen Klang und eine oder mehrere geometrische Formen zu: So ist zum Beispiel das C seinem Regelwerk zufolge dunkelrot, hat die Form eines Kreises oder eines Quadrats und entspricht den musikalischen Tonsilben do und so. Bis zuletzt hält Herbin an diesem selbst festgelegten Kompositionssystem fest. Er malt Bilder, die Zahlen oder Monatsnamen, Wochentage und Vornamen, aber auch bedeutungsgeladene Begriffe und Wendungen wie «Vierge», «Homme et Femme», «Fœtus», «Guerre et Paix» und «Abri» visualisieren. Die Auswahl dieser Begriffe ist keineswegs willkürlich, sie entspringt einem spirituellen Weltbild, das auf Goethes und Steiners Lehren basiert. Herbin veröffentlicht seine theoretischen Überlegungen 1949 in der Schrift «L'art non-figuratif non-objectif», die für eine jüngere Generation Kunstschaffender von grosser Bedeutung sein wird.
Auch wenn Herbin Mitglied zahlreicher Künstlerbewegungen war, bleibt er bis zum Schluss ein Einzelgänger. Seine Werke demonstrieren ein eigensinniges, individuelles, in sich geschlossenes Ganzes, so dass Harald Szeemann sie auf der documenta VI (1972) unter der Rubrik «Individuelle Mythologien» ausstellte. Die Einzelschau im Museum Haus Konstruktiv – die erste in der Schweiz seit über fünfzig Jahren – erstreckt sich über zwei Stockwerke und wird mit Werken aus der Sammlung des Ehepaars Jean-Claude und Anne Lahumière bespielt. Die Kollektion zeichnet sich nicht nur durch eine hochkarätige Auswahl grossformatiger Ölgemälde aus, sondern auch durch die dazugehörigen, vorbereitenden Zeichnungen und Gouachen. Darüber hinaus verfügt die Sammlung über ein Skizzenbuch Herbins, das die Entstehung der dem «alphabet plastique» verschriebenen Werke Schritt für Schritt dokumentiert.
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