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Goodbye South, Goodbye - Nanguo zaijian, nanguo
Wie soll einer die Gegenwart filmen? Mit seinem zwölften Spielfilm «Haonan haonu» (Gute Männer, gute Frauen) hatte Hou Hsiao-Hsien nach «Stadt der Trauer» und «Der Puppenspieler» seine historische Trilogie abgeschlossen, die der 1947 in Meixan auf dem chinesischen Festland geborene Filmemacher über China gestaltet hat. Schon damals war er in der Gegenwart angelangt, aus der heraus er dann seinen Film «Goodbye South, Goodbye» gestaltete. Im Sinn von Direktheit, die für den Meister nicht nur des taiwanesischen Kinos eine treibende Kraft darstellt. Hou fordert uns als Zuschauende zum aktiven Mit-Sehen heraus, seit seinen allerersten Arbeiten anfangs der 80er Jahre. Geschichten, sagt der Chinese, würden ihn langweilen. Momente sind das, was ihn interessiert. Vergleichbar mit einem Maler setzt er auf in sich ruhende Bilder, die den Zustand der Bewegung erst im Betrachten erlangen. Nicht umsonst ist die lange Einstellung eines von Hous Stilelementen, war die statische Kamera bislang seine bevorzugte Aufnahmeweise.
Kao ist 37-jährig. Er sitzt im Zug nach Ping Chi, wo er an einem zehntägigen Spiel teilnehmen will. Der Vater stammt aus Schanghai - die Figuren in Hous Filmen widerspiegeln immer wieder die historisch bedingte Durchmischung der Bevölkerung auf der Insel, die Tatsache, dass die Wurzeln der Familien oft anderswo sind. Kao mischt sich überall ein, ohne wirklich teilzunehmen. Die Familie seiner Freundin Ying stammt aus Seschuan und sie lebt mit ihrer kleinen Tochter und der verwitweten Mutter zusammen. Flat Head ist Südtaiwanese - der Süden steht für ein wärmeres Klima -, und seine Freundin Pletzel arbeitet im Nachtclub; sie ist ein Relikt der X-Generation. Hsi schliesslich stammt aus Zentraltaiwan und war mit dem toten Bruder von Kao befreundet. Aus dem Leben dieser Gruppe junger oder jung gebliebener Menschen skizziert Hou Hsiao-Hsien Szenen, die er fragmentarisch zu einem Ganzen zusammenfügt. Da gibt es weniger eine Handlung als eine Bewegung, und die Bewegung ist die der ständigen Flucht. Hou setzt auf einen beobachtenden Realismus, arbeitet in langen Einstellungen, die selbst die Abwesenheit von Aktion dokumentieren. Denn viel passiert in seinem Film nicht. Aber just diesen Stillstand in der Bewegung hat er in Zelluloid gebrannt. Die Figuren sind zwar unterwegs, aber sie kommen nicht an. Die Härte, ja Brutalität im geldgetriebenen Alltag der späten neunziger Jahre sind zumeist indirekt sichtbar, die Menschen sind Getriebene, die oft genug nicht Herr der Lage sein können. «Goodbye South, Goodbye» ist ein konsequent befremdlich gestalteter Film aus einer Zeit und einer Welt, in der man mit dem Handy Verbindung zum anderen aufnimmt und sich eine der Figuren alles sagend fragt: «Wie kann ich über die Zukunft reden?»
Walter Ruggle
Credits
|Originaltitel||Goodbye South, Goodbye - Nanguo zaijian, nanguo|
|Deutscher Titel||Goodbye South, Goodbye|
|Französischer Titel||Goodbye South, Goodbye|
|Andere Titel||Goodbye South, Goodbye|
|RegisseurIn||Hsiao-hsien Hou|
|Land||Taiwan|
|Verfügbare Formate||35mm|
|SchauspielerInnen||

|Drehbuch||Chu Tien-wen|
|Montage||Liao Ching-song|
|Musik||Lim Giong|
|Kamera||Lee Ping-bin, Chen Hwai-en|
|Ton||Du Du-che|
|Ausstattung||Hwarng Wern-ying|
|Kostüme||Kuo kuo, Chiu Yun-ru|
|Produktion||3H Films, Taipeh|
|Länge||113 Min.|
|Sprache||mandarin|
Pressestimmen
Bilder, Farben und Töne entgegen. Das unwegsame Chaos meistert er mit der Ruhe seines Stils, leise
melancholisch und mit liebevoller Ironie. Hou Hsiao-hsien hält nichts von blosser Illustration
und konformem Plot: Sein Film ist vom ersten bis zum letzten Bild eine Vision, von
vibrierender Intensität und verstörender Schönheit.
"Goodbye South, Goodbye handelt von Menschen, die dauernd zu neuen Ufern aufbrechen, nirgends
ankommen und sich schier schon aus Verzweiflung lieben, handelt vom Abtriften nicht nur einer
Generation, sondern der Moderne schlechthin. Auch dies macht Goodbye South, Goodbye einzigartig, auf
Jahre hinaus. Heiter und gelassen, aber mit scharfem Blick betrachtet Hou Hsiao-hsien die Verwüstungen
unserer der Geschwindigkeit und Technologie verschriebenen modernen Welt. Goodbye South,
Goodbye klagt nicht und verdammt niemanden. Doch angesichts dieser verrückten Welt fragt der Film
beunruhigt nach einer Alternative. Und sammelt unentwegt die kleinen Köstlichkeiten des Alltags."
Les Inrockuptibles
"Ein Diamant aus Taiwan: Fast ununterbrochen an ihrem Handy hängend, drehen sich diese grotesken
Helden, diese liebenswerten Tunichtgute im Kreis. In ihrer Welt ereignet sich nichts, da alles in
Reichweite ist. Sie können noch so cool durch die buntbelichterte Stadt fahren, noch so ausgelassen
durch die Landschaft brausen, was bleibt, ist eine tiefe Melancholie. Lange noch werden uns ihre
Spuren in Erinnerung bleiben."
Beaux Arts
"Wir verlieren unsere Wurzeln; das kann ich nicht verhindern, aber ich kritisiere es."
Hou Hsiao-hsien
"Hou Hsiao-hsien repräsentiert die Spitze des modernen Kinos. Entsprechend stellt er universelle
Fragen: Wie sollen wir diese Erde bewohnen, wie zusammenleben? Bei diesem Cineasten, der eine
Aufnahme definiert als «eine lebendige Person, die geboren wird, wächst, reifer wird, altert und
erlöscht», erstaunt es nicht, in jedem seiner Filme die ganze Menschheit zu finden."
Le Monde
"Kühnheit und Grösse dieses Films ist es, den effekthaschenden Seichtigkeiten den Rücken zu
kehren. Betroffen verlässt man das Kino, eine neue Welt vor Augen."
Technikart
"Meinen «Helden» fällt es schwer, in Taiwan zu leben, gleichzeitig hängen sie jedoch unbewusst an
diesem Land. Sie hegen eine Hassliebe zu ihrer Heimat, wie ich übrigens auch."
Hou Hsiao-hsien
"Das Wesentliche liegt nicht in der Handlung, sondern in der sprühenden Schönheit der Bilder, in
der Poesie der toten Stunden, in herrlichen Impressionen voller Intensität. Ein äusserst
seltenes Talent: das eines Genies."
Le Parisien
"Als grosser Bewunderer der Schönheit,die der Bewegung innewohnt, lässt Hou Hsiao-hsien sie
immer wieder in seinen Film einfliessen und gibt ihm dadurch die Anmut eines natürlichen Balletts.
Es ist einem ums Weinen zumute, aus Melancholie und Freude, und genau dieses bittersüsse
Lebensgefühl ist charakteristisch für Hous grossartige Filmwelt."
Libération
"Hou Hsiao-hsien lässt seine Antihelden am Ende
mit ihrem Wagen festsitzen, von der Ironie des
Schicksals in die Enge getrieben. (...) Er ist
einer der wenigen, der mit jedem Film den Eindruck
erweckt, das Kino neu erfunden zu haben. Sein
neuer Film ist ein Juwel. Abstrakt in seiner
einzigartigen Darstellung der urbanen Nacht. Aber
man kann Goodbye South, Goodbye auch einfacher
empfehlen: es genügt, sich von ihm buchstäblich
forttragen zu lassen."
Télérama
"Die kleinen Gauner meines Films sind zu einer
Flucht nach vorn verdammt. Wenn sie anhalten oder
sich umdrehen, bedeutet es das Ende..."
Hou Hsiao-hsien