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Ich schreibe in der Bibliothek eines Herrenhauses in einem Dorf, dessen Namen ich lieber nicht nenne, nahe der Stadt Kunmadaras, im Komitat Szolnok.
Diese Worte, welche die Spitze meiner Schreibfeder hinter sich herzieht, sind Worte aus meiner Heimatsprache. Schwermütiges Ungarisch, nennt meine Lektorin sie. Sie mag Recht haben. Diese Worte ruhen leicht auf meinem Blatt Papier, diese Schwere aber, die auf mir lastet, ist vielleicht das Gewicht all der Worte, die ich noch nicht geschrieben habe. Und die Schwere, die auf mir lastet, ist das, was mich anfänglich zu schreiben drängte.
Oder die Schwere, die auf mir lastet, könnte das Gewicht all der Tage sein, die ich noch nicht gelebt habe. Meine Schwere wird mich in Kürze drängen, von diesem Tisch aufzustehen und zu den Fenstern zu gehen; doch wird mich die gleiche Schwere danach drängen, mich wieder an diesen Tisch zu setzen. Wenn ich dann zu schreiben beginne:Ich ging gerade jetzt zu den Fenstern und schaute über meine Ländereien … wird mein Leser erfahren, wie wenig ich in meinem Umkreis sehe, während diese Schwere auf mir lastet. Von all den weiten Landschaften rings um mein Herrenhaus kann ich mir nie mehr in den Sinn rufen als das nächstgelegene Feld und die lange Reihe von Pappeln auf dessen anderer Seite.
Ist das wirklich alles? Manchmal gewahre ich weitere Felder hinter dem ersten Feld und Grasland hinter allem – unbestimmtes Grasland unter grauen, tief herabhängenden Wolken. Und ich könnte einen Satz oder zwei aus meinen Schultagen wiederholen:Komitat Szolnok, auf dem Großen Alföld …
Ich habe im Augenblick vergessen, was ich einst in meinem Schulbuch las. Doch ich erinnere mich an den Schwengelbrunnen auf dem ersten Feld hinter den Pappeln.
Wenn du, mein Leser, mit mir zu den Fenstern treten könntest, würdest du sie sogleich bemerken – die lange Stange, die zum Himmel weist. Du würdest die Brunnenstange bemerken, aber warum sollte ich es tun? In jedem Blickfeld, von jedem Fenster in diesem Herrenhaus weist eine lange Stange zum Himmel, und in jedem Blickfeld, von jedem Herrenhaus im Komitat Szolnok. Aber dennoch, möglicherweise sehen weder du noch ich jene bestimmte Brunnenstange auf der anderen Seite der Pappeln; einer meiner Aufseher hatte im letzten Jahr den Befehl erhalten, den Brunnen zu verstopfen und die Stange herunterzureißen – oder es kann auch ein anderes Jahr gewesen sein.
Jetzt drängt mich etwas anderes als Schwere, diesen Tisch zu verlassen und zu den Fenstern zu gehen. Ich muss zu den Fenstern gehen, um zu erfahren, ob ich mich, gerade jetzt, des Anblicks eines gewissen Brunnens erinnerte oder ob ich träumte.
Aber vielleicht könnte ich, ohne diesen Tisch zu verlassen, sagen, dass ich bloß von dem Anblick meines Brunnens träumte. Falls du dich erinnerst, Leser, hatte ich meinen Tisch nicht verlassen, als ich diese Nachforschung begann. Ich hatte bloß von mir selbst geträumt, wie ich meinen Tisch verließ und dann zu meinem Tisch zurückkehrte und mich dann zu erinnern versuchte, was ich durch meine Fenster gesehen haben mochte. Ich träumte von mir hier an diesem Tisch, und dann fragte ich mich, ob der Mann, von dem ich träumte – ob dieser Mann sich an den Anblick eines gewissen Brunnens erinnerte oder ob er träumte.
Mir gefällt nicht, was ich soeben geschrieben habe. Ich glaube, dass es meiner Lektorin auch nicht gefallen wird, wenn sie es liest. Ich hatte nicht vorgehabt, einen solchen Satz zu bilden, als ich zu schreiben begann. Und doch hat mich mein kunstvoller Satz für einen Augenblick die Schwere vergessen lassen, die auf mir lastet. Ich werde mit meinem Schreiben fortfahren, ich werde an diesem Tisch bleiben. Ich werde dir, Leser, vielleicht eine Zeitlang nicht sagen können, ob eine lange Stange auf dem Feld hinter den Pappeln zum Himmel weist oder nicht. Ich werde vielleicht sogar von mir selbst träumen, wie ich zu den Fenstern trete und dann zu diesem Tisch zurückkehre und dann darüber schreibe, solche Dinge getan zu haben. Aber wenn ich Weiteres über den Schwengelbrunnen schreibe, werde ich dir zuliebe versuchen, Leser, zwischen dem zu unterscheiden, was ich sehe, und dem, an was ich mich erinnere und was ich von mir selbst träume, zu sehen oder zu erinnern.
Meine Lektorin lebt im Land Amerika, im Staat South Dakota, in Tripp County, in der Ortschaft Ideal. (Nicht viele Atlanten weisen diese Ortschaft auf, doch kann der Leser das WortIdeal deutlich gedruckt ein wenig östlich von Dog Ear Creek auf Seite 166 desHammond World Atlas sehen, veröffentlicht 1978 bei Hammond Incorporated fürTime.)
Meine Lektorin lebt in Amerika, wurde aber dort geboren, wo der Fluss Sio, der aus dem Balaton-See rieselt, einen unerwarteten Partner in der aus dem Norden kommenden Sarviz findet. Sie vereinigen ihre Kräfte jedoch nicht unverzüglich, sondern schlendern Seite an Seite durchs ganze Land, zwei oder drei Kilometer voneinander entfernt, und werfen einander kokette Blicke zu, wie träumerische Verliebte. Die beiden Flüsse teilen ein Bett, das so breit, fruchtbar und weit ist, dass man es als Familiendoppelbett bezeichnen könnte. Auf jedem Ufer sind die sanften Hänge und friedlichen Hügel mit Farben geschmückt, die an den Wänden eines heiteren und friedlichen Zuhauses nicht fehl am Platze wären. Dies ist ihr Teil der Welt. (Die meisten der vorigen Sätze habe ich beiPeople of the Puszta von Gyula Illyés abgeschrieben, übersetzt von G. F. Cushing und 1971 bei Chatto& Windus veröffentlicht. Die deutsche Fassung erschien unter dem TitelDie Puszta, übersetzt von Tibor Podmaniczky.People of the Puszta ist kein Roman. Alle in dem Buch erwähnten Menschen haben einmal gelebt. Ein paar von ihnen leben vielleicht immer noch.)
Meine Lektorin lebt in Ideal, in Tripp County, in South Dakota, doch sie wurde im Komitat Tolna, in Transdanubien, geboren, und ich hege den Gedanken, dass sie sich manchmal ein wenig an das Gebiet erinnert, in dem sie ihre ersten Lebensjahre verbrachte.
Meine Lektorin ist auch meine Übersetzerin. Sie beherrscht fließend meine Sprache und die amerikanische Sprache. Sie nennt sich Anne Kristaly Gunnarsen. Sie ist verheiratet mit Gunnar T. Gunnarsen, der hochgewachsen und blond und Wissenschaftler ist. Er und seine Frau sind beide im Calvin O. Dahlberg Institute of Prairie Studies beschäftigt. (Calvin Otto Dahlberg wurde 1871 in Artesian, South Dakota, geboren und starb 1939 in Fond du Lac, Wisconsin. Er wurde mit Bier und Papier reich.)
Ich bin Gunnar T. Gunnarsen, dem Prärie-Wissenschaftler, nie begegnet. Ich bin sogar seiner Frau, meiner Lektorin und Übersetzerin, nie begegnet. Doch ich weiß, sie schreibt an einem Schreibtisch in einem Raum mit Büchern ringsum an den Wänden und einem großen Fenster, das eine Prärie überblickt.
Die Prärie meiner Lektorin ist keine echte Prärie. Sie ist in Wirklichkeit ein weites Ödland, das dem Institute of Prairie Studies gehört. Die Wissenschaftler des Instituts haben das Ödland mit den Samen jeder Pflanze besät, die einst dort gedieh, wo jetzt die Stadt Ideal steht. In jedem Sommer, wenn die Pflanzen zu ihrer vollen Größe herangewachsen sind, treten Gunnar T. Gunnarsen und seine Kollegen sacht zwischen die Pflanzen, um sie zu zählen. So unwahrscheinlich es auch scheint: die PrärieWissenschaftler knien den ganzen Tag nieder, um auf einem bestimmten Hügelhang und in einer bestimmten Senke und neben einem bestimmten Teich in dem Tal des Dog Ear, auf der Great Plain von Amerika, zu zählen und zu messen. Und danach berechnen die Wissenschaftler, wie viele Samen sie noch aussäen müssen, bis das Ödland aussehen und sich anfühlen wird wie eine jungfräuliche Prärie.
Inzwischen leben Gunnar T. Gunnarsen und seine Frau und ihre dreizehnjährige Tochter in einem großen Haus in den Versuchsfeldern des Calvin O. Dahlberg Institute. Und manchmal schreibt mir meine Lektorin, sie sei gerade zu den Fenstern getreten und wollte, sie könne für mich den Anblick eines Ödlands beschreiben, das zu der Prärie heranwachse, die es immer hätte gewesen sein sollen: den Anblick ihrer Traum-Prärie, wie sie es nennt, die aus dem Erdreich in ihrem Umkreis erwächst. Meine Lektorin schreibt, sie habe den Eindruck, eher in Richtung der Vergangenheit zu blicken als in eine unbestimmte Zukunft. Die Vergangenheit ist nicht...