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Schmuggelte Leonardo da Vinci auf seinem berühmten Abendmahl-Gemälde eine Frau unter Jesus‘ Jünger? Eine Kopie in der Kirche von Pianezzo befeuert diese Spekulation. Denn dort sind sogar zwei weibliche Apostel zu sehen.
Wer sich für das 600-Einwohner-Dorf Pianezzo interessiert, muss sich mit wenigen Informationen begnügen. Wikipedia weiss nicht viel mehr, als dass Pianezzo schon in der Eisenzeit bewohnt war, der Ortsname 1382 erstmals erwähnt wurde und das Dorf seit April 2017 politisch zur Gemeinde Bellinzona gehört. Unter der Rubrik Sehenswürdigkeiten wird an erster Stelle die Pfarrkirche Santi Giacomo e Filippo aufgeführt. Und genau diese Kirche sollten Sie einmal aufsuchen! Denn sie wartet mit einer verblüffenden Kopie des berühmten Abendmahl-Gemäldes von Leonardo da Vinci auf.
Informationen und Literatur zum Cenacolo von Pianezzo gibt es keine. Die Regel, welche die Ausnahme bestätigt, ist ein Artikel, den die Archäologin Elsbeth Wiederkehr im Sommer 2007 verfasste, nachdem sie zufällig die Pfarrkirche besucht hatte. „Auffällig ist die ausgesprochene Weiblichkeit der Figur neben Christus“, schreibt Wiederkehr. Das Abendmahl-Fresko bietet aber noch eine weitere Überraschung: „Auch die dritte Person rechts von Jesus stellt offenbar nicht einen Mann, sondern eine Frau dar. Alle anderen Figuren sind mit Bärten abgebildet, was sie eindeutig als Männer charakterisiert. Dazu kommt, dass die Frauen den Betrachter nicht mit grossen Augen anstarren, sondern züchtig den Blick niederschlagen.“
Der Erschaffer des 6 mal 2,90 Meter grossen Gemäldes ist nicht bekannt. Virgilio Gilardoni schrieb es in seinem 1955 erschienenen „Inventar der Kunst- und Architekturgüter im Kanton Tessin“ einem gewissen Gorla aus Bellinzona zu – aber mit einem Fragezeichen versehen. Seitdem hat sich kein Kunsthistoriker mehr mit dem Thema befasst. Unbestritten ist, dass das Fresko von Pianezzo nach dem Vorbild von Leonardos Abendmahl im Mailänder Kloster Santa Maria delle Grazie gestaltet wurde. Zwar verfügte der Künstler nicht über dieselben Fähigkeiten wie das Renaissance-Genie, was sich in der einfacheren Mimik der Dargestellten deutlich zeigt. Dennoch hat er die Gestik sowie die Anordnung in Dreiergruppen weitgehend übernommen.
Mit dem Original vertraut
Schlussfolgerung: Entweder kannte er das Original in Mailand. Oder, was wahrscheinlicher ist: Er kannte die Kopie, die sich in der Kirche von Ponte Capriasca bei Lugano befindet. Dieses Gemälde ist „die beste der Kopien von Leonardos Abendmahl“, wie Ernst Schmid bereits 1959 im „Tessiner Kunstführer“ jubelte: „So oft man Ponte Capriasca aufsucht, fragt man sich, wie kommt nur so etwas Herrliches in den weltabgewandten Winkel?“ Da die Kopie in allen wesentlichen Bereichen mit Leonardos Geniestreich übereinstimme, habe der Künstler mit dem Original vertraut sein müssen: „Wir möchten annehmen, er habe mit dem Meister zusammengearbeitet und sei so durch diesen selbst in das erhabene Werk eingeführt worden.“
Das Abendmahl von Ponte Capriasca wurde erstmals 1567 erwähnt; über den Schöpfer erfährt man allerdings nichts. Führt man sich vor Augen, dass mit Ketzern damals kurzer Prozess gemacht wurde, ist es nachvollziehbar, dass sich die Künstler nicht exponieren wollten. Wenn also auf den Abendmahl-Kopien in Pianezzo und Ponte Capriasca eine Frau dargestellt ist, so lässt dies nur den Schluss zu, dass auch da Vincis Original in Mailand eine Frau zeigt. Und dass dies damals in Künstlerkreisen ein offenes Geheimnis war.
Maria Magdalena als Jüngerin?
Dan Brown identifizierte die Unbekannte in seinem Bestseller „The Da Vinci Code“ („Sakrileg“) als Maria Magdalena und ging in seiner Interpretation noch einen Schritt weiter. Die rechte Seite des Heilands bilde mit der linken Seite von Maria Magdalena das Zeichen V, ein uraltes Symbol für den weiblichen Schoss. Das mit der Spitze nach unten zeigende Dreieck sei sowohl das Symbol für den Mutterschoss als auch für das göttlich Weibliche . Die komplementären Farben der Kleidung von Jesus und Maria Magdalena ergänzten sich wie das Weibliche und Männliche. Die Körperhaltung der beiden entspreche ebenfalls der V-Form. Brown sieht darin einen verschlüsselten Hinweis darauf, dass Leonardo an den Wächtern der Inquisition vorbei die Botschaft schmuggeln wollte, Jesus Christus sei nicht nur ein sterblicher Mensch, sondern auch mit Maria Magdalena verheiratet gewesen und habe mit ihr eine Tochter gezeugt.
Tatsächlich wurde Leonardo genau auf die Finger geschaut, als er zwischen 1494 und 1498 im Refektorium der Dominikanerkirche Santa Maria delle Grazie das 422 mal 904 Zentimeter grosse Gemälde anfertigte. Auf die Gestaltung des Werkes vermochte der Prior des Klosters, der sich mehrmals beim Herzog von Mailand über die angeblich lasche Arbeitsmoral des Künstlers beschwerte, allerdings keinen Einfluss zu nehmen – zum Glück. So konnte Leonardo Petrus und Maria Magdalena direkt gegenüberstellen. Die beiden Figuren bilden einen Kontrast, der schärfer nicht sein könnte: Hier der grimmig blickende, aufbrausende Petrus, dort die vergeistigte, sanftmütige Maria, die mit sich im Reinen ist.
Eine versteckte Botschaft?
Spinnt man diesen Faden weiter, dann stellt sich unweigerlich die Frage: Ist das Abendmahl eine versteckte Kritik an Petrus, dem Begründer des Papsttums? Nahm Leonardo da Vinci in seinem Gemälde die Kritik vorweg, die der grosse Reformator Martin Luther wenige Jahre später in seinen Thesen öffentlich machte? Und: Sind die eindrücklichen Tessiner Abendmahl-Kopien in Ponte Capriasca und Pianezzo deshalb noch deutlicher in ihrer Darstellung der weiblichen Personen, weil der Geist der Reformation zum Zeitpunkt ihrer Entstehung im Alpenraum bereits weit verbreitet war?
Klar ist: Maria Magdalena als Geliebte Christi würde die katholische Kirche und deren Lehre heute noch in eine existenzielle Führungskrise stürzen. Wäre sie eine wortführende Jüngerin Christi gewesen, müssten in ihrer Nachfolge Frauen einen gewichtigeren Platz in der Kirche einnehmen – auch als Priesterinnen. Die Frau, die sich mit Petrus, dem ersten Papst, so leidenschaftlich streitet, wäre dann die Gegenpäpstin. Ist es das, was uns Leonardo da Vinci respektive der namenlose Künstler von Pianezzo mitteilen wollten?
Text: Omar Gisler Bilder: Helmut Wachter
Das Erlebnis
Fiktion auf Papier oder Bildschirm
Dan Browns Bestseller „Sakrileg“ und die Verfilmung mit Tom Hanks und Audrey Tautou unter dem Titel „The Da Vinci Code – Sakrileg“ finden Sie im Online-Handel.
Sich ein eigenes Bild machen
Ebenso leicht gelangen Sie in Pianezzo zur Pfarrkirche. Ab Giubiasco fährt man mit dem Postauto in das Dorf, das am Eingang des Morobbia-Tals liegt.
Essen und philosophieren
Wenn Sie in Giubiasco ein Abendmahl einnehmen wollen, dann bieten sich dafür das Grotto Sbardella (www.grottosbardella.ch) oder das Grotto Torcett (Via Monte Tabor 11, keine eigene Webseite) an. In diesen kulinarischen Institutionen lässt sich bei einem Glas Merlot und einer Tessiner Platte trefflich über Gott und die Welt philosophieren.
Mit dem Treno Gottardo nach Giubiasco
Haben Sie Lust, mehr über die Orte und Geschichten entlang der Treno Gottardo Linie zu erfahren? Im Reiseführer der SOB und Transhelvetica lesen Sie mehr über jeden Halteort und jeden Streckenabschnitt zwischen Arth-Goldau und Locarno.