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Es passierte erstmals in der Deutschstunde. Plötzlich verschwammen die Buchstaben vor Jeannettes Augen. Alles vibrierte. Die 16-Jährige konnte kaum mehr das Buch, geschweige denn die Schrift erkennen. Sie versuchte trotzdem vorzulesen doch aus ihrem Mund kamen nur sinnlose Wortbruchstücke.
Zuerst meinte der Lehrer, Jeannette wolle eine langweilige Schulstunde mit einem Streich auflockern. Aber sie schien ihn kaum zu hören, als er sie zur Ordnung rief. Kaum verständlich lallte sie: «Ich kann nicht mehr sprechen. Alles schwankt vor meinen Augen.» Da bekamen es Lehrer und Schulkameraden mit der Angst zu tun. Was war los mit Jeannette?
Der Lehrer fuhr Jeannette zur Ärztin. Diese gab nach einer kurzen Untersuchung Entwarnung: Jeannette hatte keinen Schlaganfall erlitten, wie der Lehrer befürchtet hatte, sondern «nur» eine schwere Migräne. Nach einer Stunde verschwanden die Sprechstörungen. Dann aber wurde es der Schülerin übel, und sie musste sich mehrmals übergeben.
Zu Unrecht belächelte Krankheit
«Der erste Migräneanfall war schrecklich, ich hatte eine Riesenangst», sagt Jeannette heute, 15 Jahre später. Ihre Eltern nahmen es gelassener. Bereits Jeannettes Vater hatte als Jugendlicher unter schweren Migräneanfällen gelitten. Und Jeannettes Mutter kannte die Symptome noch aus den ersten Ehejahren. «Bei meinem Mann verschwanden die Anfälle, als er älter wurde. Als dann bei Jeannette die ersten Anfälle auftraten, tat sie mir leid, weil sie so leiden musste. Aber ich wusste zumindest, dass Migräne nicht gefährlich ist.»
Noch immer belächeln viele die Migräne als eingebildetes Kopfweh hysterischer Frauen. Das Vorurteil stammt aus dem letzten Jahrhundert, als mehrheitlich männliche Ärzte die Migräne gründlich verkannten.
Tatsächlich kommt der halbseitige Kopfschmerz in allen Kulturen vor und zwar seit es Menschen gibt. So litten etwa der Apostel Paulus, die Mystikerin Hildegard von Bingen oder der Philosoph Immanuel Kant unter Anfällen die Liste der prominenten Migräneopfer liesse sich beliebig verlängern.
Was die Ärzte des 19. Jahrhunderts aber richtig erkannt hatten: Zwei Drittel aller Migränepatienten sind Frauen. Die Ursache dafür sind wahrscheinlich Hormonschwankungen während des Menstruationszyklus. Bei vielen Patientinnen treten die Migräneanfälle regelmässig kurz vor der Periode auf.
Nicht so bei Jeannette: «Ich habe lange Jahre ein Migränetagebuch geführt, weil ich herausfinden wollte, ob bestimmte Nahrungsmittel, Stress oder die Periode die Anfälle auslösten. Ich fand aber nie einen Zusammenhang zwischen meinen "Tagen" und den Kopfschmerzen.»
Hormone beeinflussen die Anfälle
Dennoch hatten die Hormone auch bei Jeannette einen Einfluss auf die Migräneattacken. Als sie mit 19 Jahren die Antibabypille zu nehmen begann, wurden die Anfälle sehr viel seltener. «Vorher hatte ich etwa einmal pro Monat Migräne. Ich lag immer zwei Tage lang in einem abgedunkelten Zimmer, weil ich kein Licht ertragen konnte.»
Andere Migränepatienten haben bei ihrer Suche nach einem wirksamen Gegenmittel nicht so viel Glück. Jahrelanges Herumprobieren mit den verschiedensten Medikamenten gehört zu mancher «Migränekarriere». Meist können herkömmliche Kopfschmerzmittel zwar einen Teil der Beschwerden lindern, aber viele Betroffene leiden zusätzlich unter starker Ubelkeit und Schwindelgefühlen.
Vorbeugen ist besser
Moderne Migränemittel, die den Serotoninstoffwechsel im Gehirn beeinflussen, wirken bei Migränikern mit starken Beschwerden oft besser. «Als ich jung war, gab es diese Medikamente leider noch nicht», sagt Jeannettes Vater. «Wenn ich Migräne hatte, konnte ich die Symptome mit einer oder zwei Tabletten zwar einigermassen in Schach halten. Aber trotzdem war ich während der Anfälle nur ein halber Mensch.»
Weil die Therapie oft schwierig ist, setzen viele Migränepatienten auf die Vorbeugung. Zum Beispiel, indem sie auf bestimmte Esswaren verzichten. Denn die Inhaltsstoffe verschiedener Nahrungsmittel wie etwa Käse, Schokolade oder Alkohol können bei besonders disponierten Menschen Anfälle auslösen. Andere Patientinnen und Patienten reagieren empfindlich auf Schlafmangel, Föhn, einen Wetterumschlag oder Stresssituationen.
Wenn die Anfälle häufiger als zwei- bis dreimal pro Monat auftreten oder sehr lang dauern, können eventuell vorbeugende Medikamente Abhilfe schaffen. Eine solche Therapie ist jedoch nur mit rezeptpflichtigen Mitteln und unter Aufsicht des Arztes möglich.
Auf keinen Fall sollte man Kopfschmerzmittel schon vor Beginn eines Anfalls einnehmen. «Auf Vorrat» geschluckte Schmerzmedikamente nützen nichts, können aber gefährliche Nebenwirkungen haben. Zum Beispiel den so genannten «Entzugskopfschmerz», der sich dann bemerkbar macht, wenn man das Mittel einmal nicht wie gewohnt einnimmt.
Weniger Migräneanfälle im Alter
Die meisten Leute wollen möglichst lang jung bleiben. Manche Migränepatienten aber freuen sich aufs Älterwerden, denn bei vielen verschwinden die Beschwerden mit den Jahren. Jeannette, heute 31-jährig und Mutter eines fünfjährigen Mädchens, hat es genau so erlebt: «Als ich schwanger werden wollte und die Pille absetzte, kamen die Anfälle wieder häufiger. Aber dann, nach der Geburt, machte sich die Migräne rar.»
Seit über einem Jahr hat Jeannette keinen Anfall mehr gehabt. Sie hofft nun, dass die Migräne ganz ausbleibt. Und in zehn Jahren nicht wieder bei ihrer Tochter auftaucht.