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Vor 150 Jahren wurde im Kanton Zürich das letzte Todesurteil vollstreckt. Vor 15 000 Zuschauern wurde in Aussersihl Heinrich Götti mit der Guillotine hingerichtet. Der 37-Jährige ging als grösster Kindermörder in die Schweizer Kriminalgeschichte ein.Von Peter Holenstein
Heinrich Götti wurde im Jahr 1828 als zweites von drei Kindern eines Maurers in Hedingen geboren. 1841, nach dem Tod seines Vaters, übersiedelte er zu seinem älteren Bruder nach Adliswil und begann als Dreizehnjähriger in der Baumwollspinnerei von Heinrich Kunz zu arbeiten. Kunz, ein Zürcher Kantonsrat und Oberstleutnant, war damals der grösste Spinnereiunternehmer in Europa. Er betrieb Spinnereien in Linthal, Rorbas und Kempthal, beschäftigte über 2000 Arbeitskräfte und hatte 150 000 Spindeln in Betrieb. Gegenüber seinen Arbeitskräften galt er als rücksichtslos und war sozialpolitisch kaum engagiert.
Im Alter von neunzehn Jahren verliebte sich Götti in eine gleichaltrige Arbeitskollegin namens Katharina Stähli. Als die junge Frau schwanger wurde, heirateten die beiden und bezogen in der Wohnung der Eltern der Braut eine kleine Kammer, die sie mit den zwei Geschwistern von Katharina teilen mussten. Im Dezember 1849 wurde ihr Kind, ein Mädchen, geboren, doch bereits fünf Wochen später starb es an Diarrhö, einer damals häufigen Kinderkrankheit.
Das zweite Kind von Heinrich und Katharina Götti erblickte am 17. August 1851 das Licht der Welt. Sein Geburtstag war auch sein Todestag. Als Todesursache vermutete der herbeigerufene Arzt eine Verschleimung der Atemwege.
Göttis Ehe stand unter keinem glücklichen Stern. Schon in den ersten Jahren nach der Heirat ging seine Ehefrau ein Verhältnis mit einem anderen Mann ein, was dazu führte, dass sich die Eheleute im Jahr 1853 trennten. Auf Zureden des Dorfpfarrers hin gaben sie den Entschluss, sich scheiden zu lassen, jedoch auf und zogen nach einigen Wochen wieder zusammen.
1857 gab Götti seine Arbeit in der Baumwollspinnerei auf und machte sich als Weinsteinhändler selbständig. In seiner neuen Tätigkeit war er zunächst so erfolgreich, dass er bereits ein Jahr später mit Hilfe eines Bankdarlehens von 500 Franken ein Haus an der Albisstrasse 38 a in Adliswil kaufen konnte. Die Eheleute bezogen die Wohnung im ersten Stock des Hauses und vermieteten ein Zimmer an eine Fabrikarbeiterin namens Anna Ringger. Die Wohnung im zweiten Stock vermietete Götti dem Ehepaar Kaspar Frei.
In den Jahren 1854 bis 1865 gebar Katharina Götti weitere fünf Kinder. Wie bereits die ersten beiden Kinder von Heinrich und Katharina Götti kamen auch diese gesund und kräftig zur Welt, doch alle starben innerhalb von 24 Stunden nach ihrer Geburt: am 1. September 1854 das dritte Kind, am 10. Februar 1858 das vierte, am 29. April 1859 das fünfte, am 6. Juli 1860 das sechste und am 14. Februar 1865 das siebte. In den jeweiligen Totenscheinen vermerkten die Ärzte Krankheiten wie Diarrhö, Bronchitis, «Convulsionen» (Muskelkrämpfe als Folge von Fehlfunktionen des zentralen Nervensystems) oder «Vollschleimigkeit».
Dass den Eheleuten Götti alle ihre neugeborenen Kinder wegstarben, blieb im damals rund 1500 Einwohner zählenden Dorf Adliswil nicht unbemerkt. Bereits in früheren Jahren hatten Gerüchte von einem gewaltsamen Tod der Kinder die Runde gemacht. Dazu trug auch der Umstand bei, dass Heinrich Götti, der die meiste Zeit beim Kartenspiel in den Dorfwirtschaften sass, gegenüber dem Wegsterben seiner Kinder eine Gleichgültigkeit an den Tag legte, die, so vermerkte der Gemeindeammann in einem Leumundsbericht, «einen höchst widrigen Eindruck» machte.
Auch am Morgen des 14. Februar 1865, kurz nach dem Tod seines letzten Kindes, einem Mädchen, suchte Götti ein Wirtshaus auf. Als er an einem Tisch den Sigrist erblickte, rief er diesem zu: «Es ist mir wieder eins gestorben, Ihr könnt es dann holen!», und bestellte einen halben Liter Most. Der Pfarrhelfer war ob dieser Gefühllosigkeit derart erschüttert, dass er den Gemeindeammann über den Vorfall informierte. Dieser wiederum sah sich veranlasst, noch gleichentags dem Statthalteramt Horgen Anzeige wegen Göttis Verhalten zu machen.
Bereits einen Tag später ordnete das Statthalteramt die Obduktion der Kindsleiche durch den Gerichtsarzt Doktor Lüning an. In seinem Befund vom 21. Februar hielt der Arzt unter anderem fest: «Das Kind wies keine Spuren von Verletzungen auf. Die Schleimhaut der Unterlippe zeigte eine auffallende, dunkelblaue Färbung, die auch Zunge, Mund- und Rachenhöhle überzog. Die Haut war lederartig geschrumpft. Magen und Speiseröhre zeigten eine braunrote Färbung und waren wie auch der Dünndarm mit einer scharfen Substanz verätzt. Diese Perforationen sind als die unmittelbare Todesursache zu betrachten und wurden wahrscheinlich durch das Verschlucken von Schwefel- oder Salpetersäure herbeigeführt. Zwecks chemischen Analysen wurden der Leiche die inneren Organe entnommen.»
Unter dem dringenden Tatverdacht, sein Kind getötet zu haben, wurde Heinrich Götti am 18. Februar verhaftet und eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet, deren Ziel es war, die Ereignisse rund um die Geburt und den Tod des Mädchens minuziös zu rekonstruieren. Götti, der ins Zuchthaus Oetenbach nach Zürich überführt wurde, bestritt vehement, mit dem Tod seines Kindes etwas zu tun zu haben.
Die untersuchungsrichterlichen Abklärungen ergaben für den Beschuldigten kein vorteilhaftes Bild: Die Wohnung der Göttis war schlicht. Sie bestand aus einer Stube, einer Schlafkammer, einer kleinen Küche und einem Plumpsklo, das auch von den Untermietern benutzt wurde. Die Geburt des siebten Kindes der Katharina Götti erfolgte am Montag, dem 13. Februar 1865, um 10.30 Uhr, in der Stube. Neben Heinrich Götti waren während der Geburt Frau Schoch, die Hebamme, sowie eine Nachbarin namens Welti anwesend. Sowohl die Hebamme wie Frau Welti befanden sich bereits seit 7 Uhr früh in der Stube. Unmittelbar nach der Geburt des Kindes wurde Katharina Götti von den beiden Frauen in die Schlafkammer geführt und ins Bett gelegt. Das Neugeborene lag für diese kurze Zeit unbeaufsichtigt in der Stube auf dem Tisch, da der Ehemann in der Küche mit dem Zubereiten von warmem Wasser beschäftigt war.
Nachdem die Hebamme das Kind gebadet und angekleidet hatte, wurde es zunächst auf ein Kissen beim Ofen gelegt, dann gegen 11 Uhr der Mutter in die Schlafkammer gebracht. Diese nahm es freudig in die Arme, küsste es und sagte: «Du liebes Kind, wenn dich nur der Herrgott gesund erhaltet.» Danach bettete Frau Welti das Neugeborene wieder auf das Kissen beim warmen Ofen. Die Türe zwischen Stube und Kammer blieb von diesem Moment an geschlossen. Während sich die Hebamme ausschliesslich um die Wöchnerin kümmerte, pendelten Frau Welti und Heinrich Götti wiederholt zwischen Stube und Küche, die ebenfalls durch eine Tür getrennt waren.
Gegen 11.15 Uhr rief die Hebamme Frau Welti zu sich in die Schlafkammer, weil ihr der Zustand der Wöchnerin Sorgen bereitete und ihrer Meinung nach den Beizug eines Arztes erforderte. Während die beiden Frauen rund zehn Minuten lang berieten, zu welchem Arzt der Vater geschickt werden sollte, hielt sich Götti alleine beim Kind auf. Schliesslich beschlossen sie, den Vater zu Doktor Schmid zu schicken. Um halb zwölf Uhr machte sich Götti auf den Weg zum Arzt.
Kaum war Götti ausser Haus, stellte Frau Welti seltsame Veränderungen beim Kind fest und rief die Hebamme aus der Kammer herbei. Die Lippen des Mädchens waren geschwollen und kreideweiss geworden; kleine Bläschen bildeten sich, und um die Nase entstanden gelbbraune Flecken. Das Kind begann schrecklich zu schreien, hob vor Schmerzen den Kopf und zappelte mit den Beinen. Aufgeschreckt durch das Schreien, fragte Katharina Götti: «Ist wieder etwas mit dem Kind?» Um die Wöchnerin zu schonen, erwiderte die Hebamme: «Es röchelt halt, so wie die anderen.»
Doktor Schmid traf zusammen mit Götti kurz vor 12 Uhr in der Wohnung ein. Obwohl er nur zur Wöchnerin und nicht zu ihrem Kind bestellt worden war, schaute er sich das Neugeborene an, fand jedoch keine Erklärung für dessen Verhalten und meinte ratlos: «So etwas habe ich noch nie gesehen!» Darauf erwiderte Götti lakonisch: «Da ist nichts zu machen; es geht ihm wie den anderen.»
Am Nachmittag und Abend wurde Katharina Götti von einigen Frauen besucht, die vernommen hatten, dass das Neugeborene bereits wieder krank sei. Götti behauptete gegenüber diesen Frauen, alle seine Kinder hätten ein organisches Leiden gehabt, ihre Luftröhre sei so eng gewesen, dass kein Stecknadelknopf hindurchgekommen wäre. Die Ärzte hätten gemeint, die Kinder seien zu fett und seine Frau bringe eben kein Kind davon. Einer besorgten Besucherin, die dem Kind etwas Öl gegen die Schmerzen einflössen wollte, untersagte Götti, dies zu tun, und einem Nachbarn, der sich am Abend nach dem Befinden des Kindes erkundigte, erklärte Götti, er habe Doktor Schmid ersucht, etwas für das Kind zu unternehmen, doch dieser habe das Ansinnen abgelehnt.
Wahr war allerdings genau das Gegenteil: Tatsächlich war Doktor Schmid gegen Abend noch einmal vorbeigekommen. Als er sah, dass die Leiden des Kindes zugenommen hatten, war er es, der Götti darum bat, «etwas mit dem Kinde zu versuchen», doch Götti wollte davon nichts wissen und sagte dem Arzt: «Es nützt doch nichts, die anderen haben es auch so gehabt.»
Zum Verhängnis wurde Götti, dass am 25. Februar bei einer Durchsuchung seiner Wohnung ein Fläschchen unter dem Rohr des Plumpsklos gefunden wurde, das genau jene Flüssigkeit enthielt, mit dem nach gerichtsärztlichem Gutachten das Kind vergiftet worden war: Salpetersäure.
Obwohl sich Götti während der Verhöre im Gefängnis in zahlreiche Widersprüche verwickelte und er mehrfach der Lügerei überführt werden konnte, beteuerte er weiterhin seine Unschuld. Da ihn der Staatsanwalt Heinrich Honegger des Mordes anklagte, musste deshalb ein Geschworenengericht den Fall beurteilen.
Am Prozess, der vom 24. bis 29. April in Zürich stattfand, standen Göttis Karten schlecht, die Indizien waren zu erdrückend. «Ich halte die Vergiftung des Kindes durch eine ätzende Substanz, die zweifelsfrei Salpetersäure war, für bewiesen», erklärte Medizinprofessor Arnold Leonard Cloëtta, der an der Universität Zürich den Lehrstuhl für gerichtliche Medizin und Pathologie innehatte und vom Staatsanwalt als Experte bestellt worden war. «Der Obduktionsbefund», so Cloëtta «war so, wie man ihn nur bei Vergiftungen mit dieser Säure antrifft; der pergamentartige Zustand der Haut des Kindes ist ausschliesslich Salpeter- oder Schwefelsäure-Vergifteten eigen, und auch die übrigen Sektionsbefunde der entnommenen Organe finden sich nur bei solchen Vergiftungen.»
«Der objektive Tatbestand einer Vergiftung ist durch die verschiedenen Expertisen und Zeugenaussagen über alle Zweifel erwiesen. Kein anderer Mensch als Götti kann der Täter sein», schloss Staatsanwalt Honegger sein Plädoyer. «Es gibt für ihn nur die Todesstrafe!» Dieser Überzeugung schlossen sich die Geschworenen an. Als am Samstag, dem 29. April 1865, Punkt 21 Uhr, der Richter das Todesurteil verkündete, brach Heinrich Götti in Tränen aus.
In Todesangst und von den Qualen des Gewissens gefoltert, legte Götti am Sonntagmorgen gegenüber Karl Gottlieb Wegmann, dem Direktor der Strafanstalt Oetenbach, ein umfassendes Geständnis ab. «Ich bereue, Ihren Rat zu gestehen nicht befolgt zu haben, wenn man sich schuldig fühlt», erklärte er und bekannte, alle seine sechs letzten Kinder vergiftet zu haben. «Beim ersten Mal hatte ich den Entschluss gefasst, als das Kind noch im Mutterleib war. Ich dachte, dass ich im Leben einfach nicht vorwärtskomme, wenn ich auch noch für Kinder sorgen müsste. Wenn man einmal in so etwas verfallen ist, fährt man eben fort, bis man ins Unglück kommt. Dem letzten Kind habe ich die Säure unmittelbar vor meinem Gang zu Doktor Schmid eingeschüttet. Von meinen Taten hat meine Frau nichts gewusst, und an die Todesstrafe habe ich nie gedacht.»
Göttis Verteidiger A. Goll unterbreitete der Petitionskommission des Grossen Rates von Zürich ein Begnadigungsgesuch. Diese beantragte mit sechs zu drei Stimmen die Begnadigung, doch der Grosse Rat, der am Morgen des 9. Mai 1865 abschliessend über das Gesuch zu befinden hatte, folgte der Empfehlung nicht. Von den 189 anwesenden Ratsmitgliedern legten 87 eine weisse Kugel, die für die Begnadigung stand, in die Abstimmungsurne und 100 eine schwarze, die den Tod bedeutete. Unmittelbar nach der Abstimmung wurde Götti darüber in Kenntnis gesetzt, dass er am nächsten Morgen mit der Guillotine hingerichtet werde.
Am Nachmittag des 9. Mai wurde auf der Markstallerwiese in Zürich Aussersihl durch Sträflinge des Zuchthauses Oetenbach das Schafott errichtet und in der Nacht die Guillotine aufgebaut. Ab 2 Uhr früh wurde die Richtstätte von sechzig Polizeisoldaten bewacht und der zum Schafott führende Zugang abgesperrt. Anderthalb Stunden später traf im Zuchthaus ein Coiffeur ein, um Götti die Haare am Nacken abzuschneiden. Begleitet von zwei Geistlichen, zehn Polizeisoldaten und Polizeihauptmann Nötzli, wurde der Delinquent gegen halb fünf Uhr in einer Pferdekutsche zum Richtplatz gefahren. In einer zweiten, vorausfahrenden Kutsche hatten der Staatsanwalt sowie der Arzt der Strafanstalt Platz genommen. Zur gleichen Zeit machte sich ein Pferdegespann mit einem Sarg auf den Weg. Auf dem Richtplatz hatten sich inzwischen rund 15 000 Schaulustige eingefunden, darunter unzählige Eltern mit Kindern, die sich das blutige Spektakel am frühen Morgen des 10. Mai 1865 nicht entgehen lassen wollten.
Auf der Fahrt zu seiner Hinrichtung verlor Heinrich Götti gänzlich die Fassung. Er schluchzte und jammerte auf dem ganzen Weg lautstark. Am Schafott angekommen, fiel er in Ohnmacht und musste von den beiden Gehilfen des Scharfrichters die Treppe hinauf zur Guillotine geschleppt werden. Die letzte Hinrichtung im Kanton Zürich wurde an einem Leblosen vollzogen.
Quellen: Staatsarchiv Zürich (Polizei- und Gerichtsakten Heinrich Götti; Standrede Pfarrer Weber, 1865; NZZ, 1865) Zentralbibliothek Zürich (Regierungsratsprotokolle 1865)