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Das Virus kam mit Reisenden nach Europa und forderte viele Todesopfer. Auch wer den Infekt überlebte, wurde oft lange nicht gesund. Die Rede ist nicht von Covid-19, sondern von der sogenannten Russischen Grippe, die sich ab 1889 ausbreitete. Auch in der Schweiz.
«In Zürich und Umgebung waren wenigstens 30'000 Personen, über ein Drittel der Bevölkerung, influenzakrank; man kann sich denken, wie Schulen, Handel, Verkehr, Geselligkeit darunter litten; die Weihnachtseinnahmen betrugen kaum die Hälfte des Gewohnten», schreibt am 10. Januar 1890 die «Zürcherische Freitagszeitung». «Viele Todesfälle in der Stadt Bern durch Influenza und Lungenentzündung.»
In der gleichen Ausgabe wird berichtet, dass in New York 100'000 darniederlägen, die deutsche Kaiserin Augusta an der Influenza gestorben sei, der spanische König genau wie die britische Königin Victoria und der britische Premierminister daran erkrankt seien. «Ein demokratisches Zürcherblatt findet einen Trost für die armen Leute darin, dass die Influenza auch die reichen und vornehmen Leute hinraffe», heisst es in der «Zürcherischen Freitagszeitung» weiter. Sie zählte im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten Publikationen der Schweiz, 1914 wurde sie eingestellt.
Ein Virus namens OC43
Medizinhistoriker Robert Jütte sagt: «Ähnlich wie die jetzige Pandemie traf die Infektion zunächst Menschen, die viel reisten und viele Kontakte hatten, Geschäftsleute, Politiker, Wohlhabende. Später zeigte sich, dass die sozial schwächer Gestellten stärker betroffen waren.» Am Ende starben schätzungsweise eine Million Menschen weltweit.
Die Parallelen zu heute sind verblüffend – sie gehen über die schlichte Ausbreitung der Seuche hinaus. Indizien deuten darauf hin, dass die Russische Grippe nicht durch einen Influenza-Erreger, sondern durch ein Coronavirus namens OC43 verursacht wurde.
«Studien legen nahe, dass das Virus ungefähr 1890 auf den Menschen übergegangen ist», sagt Christian Münz, Professor für virale Immunbiologie an der Uni Zürich. Belgische Forschende haben 2005 entdeckt, dass das Genom von OC43 grosse Ähnlichkeit mit einem Coronavirus hat, das bei Rindern vorkommt. Sie errechneten anhand der Mutationen, durch die sich das Rindervirus von OC43 unterscheidet, wann das Virus vom Rind auf den Menschen übergegangen sein könnte. Ein dänisches Forschungsteam bestätigte die Kalkulation 2020.
Der zeitliche Zusammenhang ist nicht der einzige Hinweis. «Viele Leute in dicht besiedelten Regionen kamen damals in dichten Kontakt zu Rindererregern, was das Risiko für Ansteckungen zwischen den Arten steigerte», schreibt der Mikrobiologe Harald Brüssow von der Königlichen Universität Leuven in Belgien zum Ursprung der Russischen Grippe. Rinderseuchen traten im 19. Jahrhundert sehr häufig auf.
Ähnliche Symptome wie Covid-19
Was vor allem überrascht: Die Symptome der Russischen Grippe gleichen viel mehr denen, die wir von Covid-19 kennen, als jenen der Grippe. Wichtigste Quelle dafür ist der «Parsons Report» aus England, der die Seuche detailliert beschrieb. Kinder waren demnach seltener von schweren Verläufen betroffen, Männer stärker als Frauen, Tote gab es vor allem unter den Älteren.
In dem Bericht der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin über die Seuche ist etwa von häufigem Verlust von Geschmacks- und Geruchssinn die Rede. Und alle damaligen Schilderungen erwähnen die hohe Zahl von Menschen, die lange nach der akuten Infektion noch gesundheitliche Probleme hatten. «Manche Patienten bekommen wöchentlich eine Attacke, andere erleiden Rückfälle, die für viele Wochen nach der ersten Infektion anhalten», heisst es im «Parsons Report». «Sie kann die Form von grosser Beeinträchtigung mentaler und physischer Kraft annehmen.»
«Das Fehlen von Konzentration, die Depression und Angst erinnern sehr an das, was heute Long-Covid-Symptome genannt wird», konstatiert der Mikrobiologe Harald Brüssow. Ein Beweis dafür, dass die Russische Grippe durch OC43 ausgelöst wurde, ist all das natürlich nicht – und den wird wohl auch niemand erbringen können. «Coronaviren nutzen als Erbinformation RNA. Diese ist nicht stabil genug, um so lange zu überdauern», sagt Christian Münz.
Der Verlauf der Russischen Grippe sei trotzdem lehrreich. «Wir können daran gut sehen, wie eine Pandemie eines Atemwegsvirus verläuft», so Münz. «Die schnelle Ausbreitung damals legt nahe, dass das Virus auf eine Bevölkerung traf, die – wie jetzt bei Covid-19 – kaum Immunität dagegen hatte.»
«The Plague of 1892»
Wie also verlief die Pandemie damals – und vor allem: Wie endete sie? Es gab vier Wellen zwischen 1889 und 1895. «Sie waren ziemlich heftig, was die Todesraten anbetrifft», sagt Historiker Robert Jütte. «Bis zum Jahr 1900 musste sich die Welt mit dem Erreger beschäftigen – auch mit dem jetzigen Virus werden wir noch Jahre leben müssen.»
Auch Münz sieht deutliche Parallelen zur aktuellen Pandemie. «Dass der Erreger in der kalten Jahreszeit Wellen verursacht, dass sich dagegen eine Immunität aufbaut, die dann aber nachlässt und weniger schwere Infektionen zulässt, das beobachten wir ja im Moment auch.» Die damalige Pandemie unterscheidet sich andererseits grundlegend von der heutigen.
Shutdowns und Massnahmen verhinderten die Durchseuchung, die Impfung schaffte für den Grossteil der Bevölkerung eine Immunisierung ohne Erkrankung. Bei der Russischen Grippe dagegen brauchte es fünf Winter, bis die Pandemie abklang aufgrund der durch Infektion aufgebauten Immunität. Heute verursacht OC43 zumeist harmlose Erkältungskrankheiten in den Wintermonaten.
«Wenn man heute zweimal gegen Sars-CoV-2 geimpft, geboostert ist und einmal Omikron überstanden hat, dann ist man immunologisch dort, wo die Bevölkerung damals am Ende der Pandemie war», sagt Christian Münz. «Und das in zwei Jahren und mit höchstwahrscheinlich minimalen Symptomen.»
Noch sei allerdings nicht ganz sicher, ob Sars-CoV-2 so für die Einzelnen erledigt sei. «Zwar sieht es gut aus, aber es könnten neue Varianten auftauchen oder solche wie Delta zurückkehren.» Dabei hilft auch der Vergleich mit OC43 nicht, denn es gibt keine Proben aus den vergangenen 100 Jahren, anhand derer die Mutationen des Virus nachvollzogen werden könnten.
Eine weitere Unbekannte ist Long Covid. «Aus den historischen Aufzeichnungen wissen wir, dass auch Überlebende der Russischen Grippe oft mit psychischen Folgen zu kämpfen hatten», sagt Historiker Jütte. «Man sprach damals von post-influenzaler Depression.» Gemäss dem Parsons-Bericht traten solche Symptome bei 9 Prozent der Erkrankten auf.
Auch bezüglich Langzeitfolgen sieht es aktuell deutlich besser aus als damals. Die Mehrzahl der Menschen ist geimpft – und verschiedene Studien legen nahe, dass das Risiko für Long Covid dadurch stark sinkt oder sogar komplett verschwindet. Eine israelische Studie zeigte eine Abnahme der Symptome um 60 Prozent. Ihr zufolge kommen Spätfolgen wie Müdigkeit und Erschöpfung bei doppelt Geimpften so häufig vor wie bei Menschen, die gar nicht infiziert waren.