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Lunge und Hormone haben eine Vielzahl wechselseitiger Beziehungen: beginnend bei der fetalen Lungenreifung über intrinsische Effekte bei Genmutationen bis hin zu endokrinen Komorbiditäten bei Lungenerkrankungen bzw. pulmonalen Effekten bei endokrinen und metabolischen Krankheiten.1
Glukokortikoide spielen eine wichtige Rolle in der embryonalen Surfactant-Reifung durch direkte Stimulation der Pneumozyten Typ II zur Bildung der Surfactant-assoziierten Proteine SP-B und SP-C, unterstützt durch Schilddrüsenhormone und Insulin. Entsprechend führt ein Gestationsdiabetes zu einem signifikant erhöhten Risiko eines neonatalen Atemnot-Syndroms und möglicherweise auch zu vermehrt Asthma im Kindesalter. Umgekehrt gibt es Hinweise, dass die CFTR Genmutation bei Zystischer Fibrose die Insulinsekretion der pankreatischen Beta-Inselzellen stört und eine bisher unterschätzte Rolle bei der Entstehung des CF-assoziierten Diabetes spielt. Es gibt eine Reihe von Orphan Diseases, die Lunge und endokrine Organe betreffen, und die sich hinter der ungewöhnlichen klinischen Präsentation eines gängigen Krankheitsbildes verbergen können : wenn beispielsweise männliche Infertilität mit chronischem (Nichtraucher) Husten kombiniert ist (Primäre Ziliendyskinesie/Kartagener-Syndrom), oder eine genetisch negative Zystische Fibrose mit Hypotonie (Pseudohypoaldosteronismus Typ 1).
Das Management der COPD, die Prognose und die Lebensqualität werden durch endokrine Komorbiditäten negativ beeinflusst: häufig sind Glukokortikoid-(mit)bedingter Muskelabbau (via Stimulation der Proteasomen) und Osteoporose, die bei über 40 % der Patienten mit chronischen Lungenkrankheiten und systemischer Steroidtherapie zu Frakturen führt.2,3 Diabetes mellitus ist gehäuft bei der COPD und steigert durch die gemeinsame systemische inflammatorische Reaktion die Mortalität signifikant. Zur Verbesserung der Prognose ist daher eine intensive Suche und Therapie des Diabetes indiziert, wie am Beispiel des CF-assoziierten Diabetes eindrücklich nachgewiesen.
Endokrine Erkrankungen können sich auf verschiedene Arten in der Lunge manifestieren : a) funktionell, z.B. durch Hyperventilation (Kussmaul Atmung) zur Kompensation einer diabetischen Ketoazidose oder Hypoventilation bei ausgeprägter Hypothyreose; b) morphologisch, wie beispielsweise im Rahmen von Speicherkrankheiten (wie M. Pompe) oder bei der Akromegalie; c) durch Obstruktion der Atemwege, wie bei grosser Struma oder Laryngospasmus bei Hypokalzämie; oder d) indirekt durch vermehrte Infektneigung (z.B. Pilzinfekte bei schlecht kontrolliertem Diabetes oder Cushing-Syndrom) und Pleuraergüsse, wie beispielsweise beim Meigs-Syndrom.
Eine Hyperventilation als respiratorische Kompensation einer metabolischen Azidose kann durch verschiedene endokrine Krankheitszustände verursacht sein : bei der diabetischen Ketoazidose wird durch die Kussmaul-Atmung das pCO2 massiv gesenkt. Seltenere Ursachen sind die alkoholische Ketoazidose (ebenfalls mit erweiterter Anionenlücke) oder die Intoxikation mit Ethylenglykol (zusätzlich mit erweiterter osmotischer Lücke). Eine Phäochromozytom-Krise kann sich als Panikattacke mit Hyperventilation äussern, und eine Hyperthyreose typischerweise durch eine Anstrengungsdyspnoe. Eine Basedow-Hyperthyreose kann zu einer pulmonal-arteriellen Hypertonie führen und in rund einem Drittel der Patienten zu einem Anstieg der Immunglobuline E, weshalb bei der Anwendung von Betablockern die gehäufte Assoziation mit Asthma bronchiale berücksichtigt werden muss. Studien haben zudem ein gehäuftes Auftreten von Granulomatose mit Polyangiitis (früher M. Wegener) bei der thyreostatischen Therapie mit Propylthiouracil beschrieben.
Die Hypothyreose führt zur alveolären Hypoventilation mit Anstieg des pCO2 und kann ein Schlaf-Apnoe-Syndrom und durch den Shift der Sauerstoff-Dissoziationskurve nach links die Gewebsoxygenierung verschlechtern, in der extremen Form des Myxödems mit respiratorischer Globalinsuffizienz, Hypotonie, Dyselektrolytämie und Hypoglykämie.
Eine ganze Reihe von Endokrinopathien bewirkt eine Myopathie, die auch die Atemmuskulatur betrifft. Dazu gehören Hypo- und Hyperthyreose (die thyreotoxische Paralyse als Extremform), die Hypophosphatämie, aber auch Speicherkrankheiten wie der M. Pompe. Eine mechanische Obstruktion kann durch eine grosse Struma (im Extremfall mit Tracheomalazie) entstehen, oder durch die Akromegalie-bedingte Makroglossie, Verdickung der Stimmlippen und der Mukosa der Oberen Luftwege, was bei Infekten oder bei der Anästhesie-Einleitung akut exazerbieren kann. Insgesamt weisen Patienten mit Akromegalie eine signifikante Obstruktion der kleinen Luftwege auf, was ein über 11fach erhöhtes Risiko für OSAS begründet, und zusammen mit der Kardiomyopathie der Hauptgrund für die rund 30 % erhöhte Mortalität dieser Patienten darstellt.4 Kyphosen, bedingt durch osteoporotische Wirbelkörperfrakturen oder Osteomalazie, beeinträchtigen die Lungenfunktion und reduzieren FVC und FEV1 um rund 10 % pro Wirbelkörperfraktur. Die Prävalenz von mindestens einer osteoporotischen WK-Fraktur bei hospitalisierten COPD-Patienten liegt über 25 %, wird aber in mehr als ¾ der Fälle verpasst bzw. nicht rapportiert. Die Bewusstseinsbildung bezüglich COPD/Osteoporose ist umso wichtiger, da eine Kyphoplastie zu einer signifikanten Verbesserung der Lungenfunktion führen kann.
Pleuraergüsse, die nicht infektiös, neoplastisch oder durch Herzinsuffizienz erklärt sind, können durchaus auf eine zugrundeliegende endokrine Erkrankung hinweisen : Pleuraergüsse können bei Hypertriglyzeridämie- oder Hyperkalzämie-induzierter Pankreatitis auftreten (linksseitig) ; als Meigs-Syndrom bei Tumoren des Ovars oder nach Ruptur von Silikon-Implantaten ; kombiniert mit Lungenödem beim Myxödem oder schwerer Malnutrition. Die erhöhte Infektanfälligkeit bei schlecht kontrolliertem Diabetes mellitus oder Hyperkortisolismus (endogenes Cushing-Syndrom wie langdauerende Steroidtherapie) ist multifaktoriell bedingt und prädisponiert zu ungewöhnlichen Infekten wie maligne Otitis externa oder rhinozerebrale Mucormykose.