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Die Wahl sei eine Farce, sagt Boris Nemtsow, einer der führenden Köpfe der russischen Opposition. «Man muss die Karte dieses riesigen Landes lange absuchen, bis man einen Ort findet, wo nie Schnee liegt. Das ist Sotschi.» Garry Kasparow, ehemaliger Schachweltmeister und Gründer des Bündnisses «Das andere Russland» sagt: «Wenn Sie auf die Karte Russlands schauen und herausfinden wollen, welche Region sich ideal zur Privatisierung und als Wohnpark für die Oligarchie eignet, dann wird ihr Blick auf die Region Sotschi fallen.»
Prolog. 1980 war eine Schmach für die Sowjetunion und deren Staatschef Leonid Breschnew. Weil dieser seine Truppe ein Jahr zuvor in Afghanistan einmarschieren liess, boykottierten 42 Staaten die Sommerspiele von Moskau. Wladimir Putin wollte diese Schmach tilgen. Und dafür war ihm nichts zu kostspielig.
Leonid Tjagatschew, früherer Präsident des Russischen Olympischen Komitees, erzählt im Dokumentarfilm «Putins Spiele» von Alexander Gentelev: «Wladimir Putin fuhr schon immer gerne Ski. Und ich erklärte ihm, dass der alpine Skisport immer der Schlüssel zu Olympischen Winterspielen ist. Im Winter 2002 fuhren wir in die Region Sotschi zum Heli-Skiing. Da sah er es selbst: Krasnaja Poljana ist so gewaltig wie die Alpen. Als wir uns danach mit handverlesenen Ministern zusammengesetzt haben, sagte Putin in die Runde: Leonid schlägt eine wichtige Sache vor. Und ich unterstütze ihn dabei.»
Als 2007 in Guatemala die Winterspiele 2014 vergeben wurden, liess Putin eine Eisbahn bauen und vor den olympischen Entscheidungsträgern des IOC die besten Eiskunstläufer des Landes tanzen. Obwohl Putin schon zuvor alle wichtigen Leute persönlich in Moskau empfing und trotz der der bombastischen Show von Guatemala redete der damalige russische Sportminister Wjatscheslaw Fetissow am Abend vor der Wahl dem IOC-Präsidenten Jacques Rogge nochmals ins Gewissen: «Jacques, Gott bewahre. Wenn wir verlieren, heisst das: Unser Präsident ist schlecht, unser Sportminister ist schlecht, alles, was wir machen, ist schlecht.»
Am Tag darauf sprach Putin fünf Minuten vor den IOC-Mitgliedern. Und das in Englisch. «Wir garantieren, dass der olympische Komplex rechtzeitig fertig sein wird. Zwölf Milliarden Dollar stehen bereit.»
Verlierer. Pjotr Fedin übernahm 1992 die stillgelegte Pension von Poljana und begann als Pächter mit der Erschliessung des Skigebiets. Doch die Zusage für Sotschi 2014 bedeutete das Aus für den früheren Skilehrer. Die Staatsduma segnete das olympische Gesetz 310 ab, welches besagt, dass jedes Grundstück oder Gebäude, das für die Spiele gebraucht werde, ohne Vorbehalt und Einspruchsrecht enteignet und verstaatlicht werden kann. «Am Anfang war klar, dass das mir gehörte», sagt Fedin. «Aber dann kam der Gouverneur und meinte, dass das ihm gehört.» Danach wurde ihm gedroht, ihn «wirtschaftlich zu ersticken». Doch Fedin liess sich nicht entmutigen. «Am Schluss erhielt ich den Gerichtsbeschluss, dass ich schliessen muss, weil wir keine generalstabsmässige Schulung für den Kriegsfall durchgeführt haben.»
Anderen Bewohnern der Region Sotschi wurde noch übler mitgespielt. Roman Rebenko sagt in «Putins Spiele»: «Sie haben mir damals drei Millionen Rubel für zwei Hektar Land bezahlt. Als ich gesehen habe, dass mein Land nicht gebraucht wird, fragte ich, ob ich es zurückkaufen könne. Aber jetzt verlangen sie eine Million für 100 Quadratmeter.» Und jetzt wohnt Rebenko mit acht weiteren Familienmitgliedern in einer Zweizimmerwohnung ohne Warmwasser. Selbst 80 Kilometer vom olympischen Dorf entfernt werden Menschen enteignet, weil ihre Häuser einem Bus-Parkplatz Platz machen müssen.
Wir Zuschauer hingegen werden ab Freitag fasziniert vor dem Fernseher sitzen. Fasziniert, weil alles so wunderbar glänzt. Der grosse Vorteil von Sotschi 2014: Alles wurde auf dem Reissbrett entworfen. Die Stadien am Schwarzen Meer sind kreisförmig in lockerer Gehdistanz angeordnet. Eine Eisenbahn bringt die Zuschauer direkt vom Flughafen in die Bergregion Krasnaja Poljana. Parallel dazu wurde auch eine neue, 45 Kilometer lange Strasse nach Poljana gebaut. Kostenpunkt: acht Milliarden Dollar. Weshalb Oppositions-Politiker Boris Nemtsow sarkastisch festhält, dass man diese Strasse auch aus Gold oder schwarzem Kaviar hätte bauen können.
Epilog. Nemtsow sagt: «Sotschi wird ein Friedhof. Aber mit einem Friedhof kann man nur Geld verdienen, wenn hin und wieder jemand beerdigt wird. Das wird der teuerste Friedhof der Welt.» Kasparow sagt: «Vermutlich wird alles verrotten. Ich habe den Verdacht, dass man viel Geld aufwerfen muss, um die Region zu retten.» Und Sotschis Bürgermeister Anatoli Pachomow sagt: «Unsere Stadt dient den Menschen zur Erholung, nicht der Korruption. Früher sind die Russen in die Schweiz in den Skiurlaub gefahren. Aber jetzt haben wir aus dem Nichts etwas Kolossales errichtet.»
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Vancouver 2010 soll zwei Milliarden Dollar gekostet haben. Die Kosten für Sotschi 2014 werden auf 50 Milliarden geschätzt. Trotz des exorbitanten Geldstroms gibt es auch Verlierer.
Die Wahl sei eine Farce, sagt Boris Nemtsow, einer der führenden Köpfe der russischen Opposition. «Man muss die Karte dieses riesigen Landes lange absuchen, bis man einen Ort findet, wo nie Schnee liegt. Das ist Sotschi.» Garry Kasparow, ehemaliger Schachweltmeister und Gründer des Bündnisses «Das andere Russland» sagt: «Wenn Sie auf die Karte Russlands schauen und herausfinden wollen, welche Region sich ideal zur Privatisierung und als Wohnpark für die Oligarchie eignet, dann wird ihr Blick auf die Region Sotschi fallen.»