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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Im Leben kommt es vor, dass man misslichen Situationen entkommen will oder muss. Werde ich auf der Strasse von einem dubiosen Kerl mit Alkoholfahne angerempelt, gehe ich wortlos und zügig ausschreitend weiter. Anders verhalte ich mich Strassenmusikanten gegenüber; „busker” werden sie in England genannt. Viele spielen ihre Instrumente mehr oder minder geschickt, teils mit Gesang begleitet, vor Bahnhöfen und Einkaufszentren. Wer in den Verbindungskorridoren der Metro auftreten will, muss eine Bewilligung einlösen und eine musikalische „Aufnahmeprüfung” bestehen ... Wie oft habe ich doch in der Basler Freien Strasse innegehalten, wie Studenten von der nahen Musikakademie am Samstag den Passanten aufspielen. Sie kriegen meinen Obolus.
Ein sehr alter Mann, das ist mir in Erinnerung geblieben, sass jeweils an sonnigen Tagen auf einer Mauerumfassung vor dem „Centre Court” (Einkaufszentrum) in Wimbledon. Er entlockte einer Kinderflöte schrille Töne, immer in der gleichen Tonfolge. Er bettelte nicht. Und schöpfte er Atem, strahlte sein Gesicht voller Freude. Das war wohl seine letzte Lebensfreude gewesen, an der ich heimlich als Beobachter teilnahm. Niemand sonst nahm ihn wahr.
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An einem späten Abend sassen Lily und ich vor dem Café de Flore in Paris, als sich ein junges Paar an den Nebentisch setzte und Lily ansprach. Sie liess sich, höflich wie sie ist, ins Gespräch ein. Endlich erschien der Keller. Wir bestellten für uns je einen Coupe Pêche Melba. „Soyez gentil et offrez nous quelque chose à boire”, wandte sich der junge Mann an mich und bestellte, ohne unser Einverständnis abzuwarten, blitzrasch 2 Glas Champagner. Der Kellner stellte den Champagner auf ihrem Tisch ab. „À votre santé”, hob der Tischnachbar seinen Champagnerkelch. Seine aufgetakelte Begleiterin schmunzelte schmierig. Kaum hatten sie den Champagner getrunken, winkte er dem Kellner und bestellte: „Encore 2 verres, grâce à nos amis!”
Ich bat Lily auf Englisch, beim Seitenausgang auf mich zu warten. Nach einem Weilchen erkundigte sich unser Nebenan: „Wo ist ihre Frau?” Ich antwortete: „Sie musste auf die Toilette ...” 5 Minuten später erhob ich mich und bezahlte nur unsere Zeche. Der Kellner grinste und nickte, als ich ihn bat, den Champagner am Nebentisch zu kassieren, und kommentierte: „Diesmal haben sie den Falschen erwischt!” Fluchtartig verliessen wir das Lokal und erreichten unser Hotel auf Umwegen. Besonders in Grossstädten ist Vorsicht geboten.
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Unliebsamen Bittstellern entkommt man mit Ausflüchten ungleich leichter, besonders, wenn sie versuchen, Aufgaben und Verpflichtungen auf uns abzuschaufeln. Die Aussage „Leider bin ich selbst unter starkem Zeitdruck” wirkt, solange der Befehlsgeber nicht der eigene Chef ist.
Einer betagten Frau anderseits besorgen wir hin und wieder gern ihre Einkäufe. Aber daraus eine Gewohnheit zu machen, geht uns doch zu weit. Solche Dienste werden leicht als selbstverständlich hingenommen. Zu Kulidiensten sind weder Lily noch ich geschaffen.
Bücher leihe ich selten aus, sonst kommt es zu Lücken in meiner sorgfältig gehegten Hausbibliothek. Anders halten wir es mit Buchgeschenken: Wir schenken damit (hoffentlich) Lesefreude.
Etliche Male wurde ich um einen Überbrückungskredit gebeten. Als Familienvater muss ich solche Bitten ausschlagen. Wir haushalten sorgfältig und sind sparsam, ohne zu knausern. Notfälle vorbehalten, sind wir kein Kreditinstitut. „Wir sind selber knapp bei Kasse”, gilt weniger als eine Ausflucht, zumal wir uns selbst nur das leisten, was wir berappen können. Meine weichherzige Frau ist zuständig für Geldspenden an die Wohlfahrt und an Bedürftige.
Alle unsere Autos haben wir aus 2. Hand angeschafft und sind damit gut gefahren. Unser 10-jähriger „Golf” hat erst 35 000 Meilen auf dem Tacho und wird heute nur im lokalen Umfeld benutzt. Jedem das seine. In meinem Fall hatten und haben Antiquitäten und Bücher den Vorrang vor Autos. Ich bin immer erleichtert, wenn ich das Auto verlassen und mich umschauen kann, statt meine Aufmerksamkeit monoton auf verkehrsreiche Strassen/Autobahnen zu bannen.
Dieses „Aussteigen” zähle ich zu meinen bevorzugten Fluchtwegen.
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