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Linksbüchneriade 22
In «Die Unvergleichlichen», seinem Anfang des Jahrs in der Zürcher edition 8 erschienenen monumentalen «Parallelroman» malt Daniel Suter auf der Grundlage realer Personen mit breiten Pinselstrichen zwei Frauenleben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, um die viele andere Leben kreisen.* Die «Unvergleichlichen» sind Jenny und Paula, aus unterschiedlichen sozialen Kreisen, Basler Daig beziehungsweise deutsch-zürcherischer unterer Mittelstand, deren Leben wir von der Jahrhundertwende bis zum Anfang des Zweiten Weltkriegs verfolgen, bis zu einem Zeitpunkt, an dem ihre Kinder Kate und Jan sich, wie das Leben eigentümlicher als die Literatur spielt, kennen lernen und eine Liebesbeziehung eingehen.
Der sind ein paar abschliessende Seiten gewidmet. Jan, bei einer Filmgesellschaft als Drehbuchschreiber angestellt, hat sich für schnelle Improvisationen und gelegentliche Cabarettexte einen gelinden Ruf erworben, ist aber weit darüber hinaus ungeduldig, und da er sich wegen seiner Jugendlichkeit von den Vorgesetzten zurückgehalten fühlt, bricht es plötzlich, auf Seite 721, aus ihm heraus. «Aber was hiess da zu jung? In seinem Alter hatte Büchner schon alles hinter sich, seine Dramen, den ‹Lenz›, eine missglückte Revolution und die Professur in Zürich. Sogar ein Jahr Friedhof hatte er absolviert. Es war deprimierend, schon ein Jahr älter als Büchner zu sein, ohne etwas vorweisen zu können.»
Der Vergleich zielt hoch, und verpflichtet entsprechend, wie Jan weiss. «Wehren müsste man sich. Wie Georg Büchner. Gegen alle Formen der Unterdrückung. Auch gegen die Unterdrückung durch die Schwachen, die immer jammern und gegen die Wichtigtuer wie Rüedi mit seinem grossen Auto.»
Nun ist die Nennung von Georg Büchner während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz durchaus ein kulturpolitisches, ja politisches Signal, da doch beispielsweise Friedrich Dürrenmatt, damals etwa gleich alt wie der real-fiktive Jan, später geschrieben hat, wie ihm der Maler Walter Jonas in der geistig eingeigelten Schweiz gänzlich unbekannte Autoren wie Franz Kafka näher gebracht hat. Auch mag man Jan zugute halten, dass er gegen die Unterdrückung auf der richtigen Seite des Klassenkampfs stehen würde – ein Wort, das seiner Mutter in den 1920er-Jahren während ihrer Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei noch einfacher im Mund gelegen hatte als ihm und das Wort es uns heute tut (obwohl es heute nicht weniger nötig wäre). Doch legt er diesen Widerstand sehr individualistisch aus, ja, er dreht ihn merkwürdig um, wenn er vor allem gegen die Unterdrückung durch die «Schwachen» und Jammernden ankämpfen will, womit gleichsam ein nietzscheanisches Motiv des grossen Einzelnen gegen die Masse sichtbar wird. Aber da wollen wir Jan hinwiederum seine Jugend zugute halten, obwohl er, wie er selbst einräumt, schon ein Jahr älter ist als es Georg Büchner bei dessen Tod gewesen war.
* Siehe die Besprechung in der WOZ Nr. 44/15 (http://www.woz.ch/1544/geschichte-und-literatur/vergangenheit-als-alltag-oder-als-exotikum