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Politiker zu Tränen gerührt
«Über die letzten paar Jahre», kommentiert ironisch die in Neu Delhi erscheinende Wirtschaftszeitung «Economic Times» das ernste Thema, «wurden wiederholt Tränen wegen Zwiebeln, beziehungsweise wegen zu wenig Zwiebeln vergossen.» In der Tat, sowohl regierende wie oppositionelle Politiker sind höchst nervös, stehen doch im Dezember in fünf indischen Bundesstaaten Wahlen an. Noch gewichtiger sind die für Anfang 2014 programmierten landesweiten Wahlen.
Die Zwiebel haben, wie Kommentatoren landauf landab nicht müde werden zu betonen, schon oft Wahlen entschieden. In den 1980er Jahren zum Beispiel nutzte Indira Gandhi die exorbitanten Zwiebelpreise und besiegte die Janata-Partei. 1998 war es wiederum die Küchenzwiebel, die eine regierende Partei von der Macht drängte. Auch bei Wahlen in manchen Bundesstaaten war das Lauchgemüse matchentscheidend.
Die Lage ist ernst
In Neu Delhi ist man derzeit besonders nervös. «Die Lage ist sehr, sehr ernst, und wir versuchen, die Preise zu stabilisieren», warnte Chefministerin Sheila Dikshit. Die Wahlen im Dezember sind bei den derzeitigen Zwiebelpreisen von achtzig bis hundert Rupien pro Kilo schlicht nicht zu gewinnen. Zwiebeln sind heute in Indien teuerer als Benzin. Sollte sich die Situation nicht bald ändern, ist sogar die regierende Kongresspartei von Sonja Gandhi und Premierminister Manmohan Singh bei den fürs Frühjahr erwarteten nationalen Neuwahlen in höchster Gefahr.
Auf einem Gemüsemarkt am Rande von Delhi gibt ein junger Bauarbeiter seiner Wut beredten Ausruck: «Pro Monat kauften wir bisher fünf bis sech Kilo Zwiebeln. Zwanzig, maximal dreissig Rupien hat das pro Kilo gekostet. Aber jetzt bei Preisen um die hundert Rupien pro Kilo reicht es nur noch für etwa zwei.»
Die Tageszeitung «Hindustan Times» kommentiert die Bedeutung des Tränen-Gemüses mit der Feststellung, dass für die meisten indischen Gerichten und Curries reichlich Zwiebeln verwendet wird. Das allgegenwärtige Fladenbrot ist ohne Zwiebeln unvorstellbar. Der Kommentator bezeichnet deshalb die jetzige Zwiebelsituation im Gemüse-Jargon treffend als «ökonomisch und politisch heisse Kartoffel». Auf dem Markt am Rande von Delhi sagten viele, dass sie jetzt auf Billigeres wie Knoblauch, Ingwer und Tomaten zurückgreifen, bis die Zwiebelpreise wieder «normal» seien, das heisst etwa zwanzig bis dreissig Rupien pro Kilo.
Vor allem Arme betroffen
Die hohen Preise, insbesondere von Lebensmitteln, treffen vor allem die Armen. Nach Angaben der Weltbank lebt ein Drittel der 1,2 Milliarden Inder und Inderinnen in absoluter Armut, das heisst nach UNO-Massstab von weniger als 1,25 US$ pro Tag. Das sind umgerechnet 67 indische Rupien. Die Teuerung von Zwiebeln hat im Oktober im Jahresvergleich plus 278 Prozentpunkte erreicht. Tomaten etwa sind «nur» 122 Prozent kostspieliger als von einem Jahr, Früchte 16 Prozent, Eier, Fleisch und Fisch 17,5 Prozent. Nur die Kartoffel ist mit minus 1,2 Prozent billiger geworden.
Insgesamt sind die Gemüsepreise in Indien nach Angaben der Reserve Bank of India im Jahresvergleich um 78,4 Prozent angestiegen. Für die indische Mittelklasse ist das verkraftbar, nicht aber für die grosse Mehrheit. Bei Armen nämlich macht der Lebensmittel-Anteil am Gesamtbudget in der Regel weit über sechzig Prozent aus.
Unischtbare Hand des Marktes?
Nun gibt es Ökonomen, auch indische, die nicht ganz zu Unrecht dem Markt das Wort reden. Landwirtschaftsminister Sharad Pawar versuchte medienwirksam mit markigen Sprüchen seine politische Haut zu retten: «Die Regierung kontrolliert nicht die Zwiebeln und verkauft keine Zwiebeln. Die Preise werden vom Markt festgelegt.»
Doch wie die jetzige Preisspirale der indischen Küchenzwiebel zeigt, ist keineswegs die viel zitierte «unsichtbare Hand des Marktes» von Adam Smith im Spiel. Handelsminister Anand Sharma beispielsweise widerspricht seinem Kollegen, dem Landwirtschaftsminister und macht als Schuldige am Preisdesaster hortende Händler und auch einige Bauern aus.
Am grössten Zwiebelmarkt Lasalgaon in Nashik im südwestlichen Bundesland Maharashtra werden in aller Regel die Referenzpreise für den indischen Markt festgelegt. Händler kaufen bei Bauern den Doppelzentner für 4'000 bis 4'500 Rupien ein. Vom Gross- über den Zwischenhändler bis zum kleinen Gemüseverkäufer auf dem Markt in Delhi, Mumbai oder Kolkata steigt der Preis auf vierzig bis fünfzig Rupien pro Kilo an. Die Händler kaufen aber wenige Doppelzentner zum erhöhten Preis von 5'700 Rupien. Dieser hohe Preis wird dann für alle gekauften Zwiebeln – also auch jene zum Preis von 4'000 bis 4'500 Rupien – der Massstab, der geltende Referenzpunkt. Es gibt überdies auch Händler und selbst Bauern, die Ware zurückbehalten und so eine künstliche Knappheit erzeugen in der Hoffnung auf noch höher steigende Preise.
Künstlich erzeugte Knappheit
Die Zwiebelkrise ist also von Menschen verursacht und nicht vom Markt. Sowohl Konsumenten als auch die meisten Bauern sind die Leidtragenden. Für Politiker, die ja demnächst wiedergewählt werden möchten, ist die Lage bedrohlich, denn die meisten Wähler sind arm und leiden am meisten unter den teuren Lebensmitteln. Dabei wäre Indien mit einer Jahresernte von über 16 Millionen Tonnen Zwiebeln – hinter China die Nummer zwei – in einer komfortablen Lage, tatsächlich den Markt spielen zu lassen.
Der Bundesstaat Maharashtra ist mit 45 Prozent der Ernte so etwas wie der Mittelpunkt der Zwiebelwelt. Handelsminister Anand Sharma macht klar, dass der Markt durchaus spielen könnte. Zu Reporten in Neu Delhi sagte er: «Wir haben genügend Zwiebeln in Reserve. Die Behörden müssen entschieden gegen Hamsterer und hortende Händler vorgehen. Künstlich erzeugte Knappheit und die scharfen Preiserhöhungen sind nicht akzeptabel.»
In der Tat, Indien produziert genügend Zwiebeln für den Eigenbedarf. Um all dies noch zu verbessern, empfiehlt die «Hindustan Times», bei den Chinesen zu lernen. Denn in China werde pro Hektare 22 Tonnen der ältesten Kulturpflanze der Welt erwirtschaftet, während es in China erst 14,2 Tonnen sind.
Möge die Cepula, die Zwibolle, die Zwiebel den indischen Politikern noch mehr Tränen in die Augen treiben, den armen Indern und Inderinnen aber endlich mit echten Marktpreisen weniger Tränen bescheren.
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