Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03399.jsonl.gz/1594

ALS CLOWN ZUM WELTSTAR (1918 bis 1933)

«We want Grock, we want Grock!»
Ende 1917 treten Grock und Max erneut im Londoner «Coliseum» auf, das unter
Künstlern auch als «Friedhof der Komiker» gilt: Das hochnäsige Publikum
reagiert oft kalt und gelangweilt. «Grock war der erste, der diese Snobs so
richtig zum Lachen brachte», erzählt Max später. Grock, mittlerweile ein
grosser Varieté-Star, ist bis Ende 1919 ausgebucht, auch für ein längeres
Engagement im vom Krieg gezeichneten Paris. Dort feiern Grock und Max in den
«Folies Bergères» Triumphe. Die Französisch-Kenntnisse von Max sind äusserst
bescheiden, Grock dagegen ist unwahrscheinlich sprachbegabt und spricht
fliessend französisch, englisch, italienisch, deutsch, spanisch und
ungarisch.
Trauer, Depression und neue alte Liebe.
Grocks Frau Loulou, seit Jahren an Tuberkulose leidend, stirbt am 4.
September 1918. Ihr Tod reisst ihn in ein tiefes Loch. Oft steht er völlig
lust- und teilnahmslos auf der Bühne, aber schliesslich ist es doch seine
Arbeit, die ihm langsam aus Trauer und Niedergeschlagenheit hilft.
Zum Alleinsein ist Adrien Wettach nicht geboren. Er erinnert sich an Inès
Della Casa, in die er sich 1907 in Südamerika verliebt hatte. Laut seiner
Schwester Jeanne lebt sie nun von ihrem Mann getrennt und mit ihrer kleinen
Tochter Bianca allein. Grock entschliesst sich, sie zu besuchen, und bald
darauf leben die beiden zusammen. Bis die immer noch junge Italienerin
geschieden ist und Adrien heiraten kann, wird es allerdings April 1923
werden.
Abenteuerliche Reise nach New York.
Am 3. Dezember 1919 startet Grock mit Inès und Max zu einer grossen Tournee
durch die USA. Im stürmischen Atlantik kollidiert ihr Dampfschiff «Carminia»
mit der «Maryland» und muss schwer havariert an Land. Bei der Weiterfahrt
mit der Bahn durch das verschneite Kanada kommt es zu einem Zugunglück, das
Tote und Verletzte fordert. Endlich im eisigen New York angekommen, ist ein
Teil von Grocks Requisiten beschädigt. Auch bei seinen Auftritten ist der
Wurm drin, das Publikum reagiert ziemlich unterkühlt. Ausserdem herrscht in
USA Prohibition, und Grock kommt nur selten zu seinem geliebten Rotwein. Er
verdient in USA zwar ein Vermögen, leidet aber an Herzbeschwerden und
Gürtelrose und ist froh, Ende 1920 das Schiff nach Europa zu besteigen.
Wegzug aus Grossbritannien.
In Europa kommt der Erfolg zurück, aber hinter der Bühne brodelt es: Anfang
1924 zahlt das Londoner «Coliseum» den Marx Brothers mehr Gage als Grock,
obwohl das Theater bei ihm, im Gegensatz zu den Komikern aus Amerika, immer
ausverkauft ist. Gleichzeitig verkracht er sich wegen einer Lohnerhöhung
auch mit seinem Partner, worauf Max seinen Vertrag kündigt. Beides führt
Grock später als Gründe für seine überstürzte Abreise aus England am 21.
April 1924 an. Einen wichtigen verschweigt er jedoch: Der englische Fiskus
fordert von Grock eine saftige Nachsteuer. So verlässt er die Insel, zieht
in eine Villa an der italienischen Riviera und wird nie mehr nach England
zurückkehren.
Erste Filmversuche in Frankreich.
Henri Lartigue, Grocks neuer Impresario, hat für den Clown eine Tournee in
den besten Theatern Frankreichs und Deutschlands organisiert. Sie startet im
Sommer 1924 im Pariser «L¹Empire»; Grock tritt wieder mit seinem ehemaligen
Partner Geo Lolé auf, der seit 1917 mit ihm verschwägert ist und wie durch
ein Wunder den Krieg überlebt hat.
1925 dreht Grock nebenher in Frankreich unter der Regie von Jean Kemm
«Grock, sein erster Film». Dieser Stummfilm erzählt von einem Gaukler aus
der Provinz, der mit Hund und dressiertem Affen in der Grossstadt Paris
landet und dort zu Ruhm und Reichtum kommt. Im Herbst 1926 kommt der
Streifen mit mässigem Erfolg in die Kinos und gerät schon bald in
Vergessenheit.
Das neue Prunkschloss von Oneglia.
Um den Ausbau einer Ziegelei vor seiner Tür in Oneglia zu verhindern, kauft
Grock 1928 ein grosses Stück Land und verwandelt es in einen Park. So
entstehen neben einem Gemüse- und Blumengarten ein Teich mit einer Insel,
gedeckte Säulengänge und Terrassen, dazu Brunnen, Ateliers und ein
Fotolabor. Am Schluss wirkt die kleine Villa daneben fast lächerlich, sodass
Grock eine neue, imposante Residenz errichten lässt: Einen schlossähnlichen
Prunkbau in orientalisch angehauchtem Neobarock mit grossen farbigen
Glasfenstern und viel weissem Marmor, überall dekoriert mit Grocks
stilisierter Maske. Die Kosten sind ins Unermessliche gestiegen, als im
Frühling 1930 die Familie Grocks neues Traumhaus einziehen kann.
Der grosse Clown und die junge Bianca.
1930 lässt sich Grock überreden, mit einer eigenen Produktion ins
Tonfilm-Business einzusteigen. Die Story ist fast autobiografisch: Ein
älterer, erfolgreicher Clown verlässt die Bühne, um mit seiner jungen Frau
Bianca das Leben zu geniessen. Dazu ersteigert er von einem verarmten Grafen
ein luxuriöses Anwesen am Meer. Die junge Frau, die sich dort nur langweilt,
beginnt ein Verhältnis mit dem Grafen, der betrogene Clown kommt dahinter,
jagt seine Frau fort und kehrt auf die Bühne zurück.
Wie im Film besitzt Grock eine Villa am Meer, plant den Abschied von der
Bühne und verliebt sich in eine zwanzigjährige Frau: Sie heisst ebenfalls
Bianca und ist pikanterweise seine Stieftochter. Als die Liebschaft
auffliegt, geht Bianca nach Paris.
Ein Tonfilm ohne Happy End.
Im Herbst 1930 beginnen die kostspieligen Dreharbeiten in fünf
Sprachversionen, am 24. Februar 1931 ist Premiere in Berlin. Im Juli darauf
muss Grock feststellen, dass die beiden Besitzer der Filmverleihgesellschaft
mit allen Einnahmen abgehauen sind und er sein Geld nie mehr sehen wird.
Aber es kommt noch schlimmer: Die englische Version des Films darf in
Grossbritanien solange nicht gezeigt werden, bis Grock die Nachsteuern
bezahlt hat. Sein ganzes Vermögen ist weg, ihm bleiben nur Schulden! Er ist
gezwungen, wieder viel Geld zu verdienen. Die Kasse hat seine Frau
übernommen und verwaltet sie so streng, dass Grock beim Dienstpersonal bald
im Ruf eines grossen Geizkragens steht.
Max van Embden, immer im Schatten Grocks.
Grock spielt ab 1927 wieder mit Max van Embden, seinem Partner aus England.
Ihre Bühnennummer wird verfilmt und bei Odeon auf Schallplatte aufgenommen.
Doch einmal mehr fühlt sich van Embden von Grock unterschätzt und zu
schlecht bezahlt. Nie kommt er aus dem Schatten des berühmten Clowns, der
die Pointen platziert und den Applaus vor allem auf sich bezieht. Der Streit
um eine höhere Gage eskaliert, Max wird entlassen, verlangt diesmal eine
hohe Abgangsentschädigung und verklagt Grock vor Gericht. Dieser später
lakonisch: «Ich war gezwungen, mich von Max zu trennen und nahm wieder
meinen Schwager Lolé zum Partner.»
Ernst Hohner baut für Grock ein Klavier-Akkordeon.
Der Akkordeon-Fabrikant Ernst Hohner, mit dem Grock seit 1927 befreundet
ist, fordert ihn immer wieder auf, doch mit einem Akkordeon aufzutreten.
Grock hat aber keine rechte Lust, nochmals etwas Neues anzufangen: «Ja, wenn
dein Akkordeon eine Klaviertastatur hätte!» Das lässt sich Hohner nicht
zweimal sagen und beauftragt seine Werkstatt mit der Entwicklung eines
Spezialinstrumentes mit Klaviertastatur. Der Clown übt fleissig und spielt
das Piano-Akkordeon schon bald auf der Bühne, eine unbezahlbare Werbung für
Hohner und das neuartige Instrument. Grock beginnt sofort für Akkordeon zu
komponieren. Das bringt zusätzlich einiges ein, denn Hohner verkauft auch
die Noten gut.
© Raymond Naef, Switzerland