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Die Radiästhesie, die Ruten- und Pendelkunde, übte einen beträchtlichen Einfluss auf das heutige Gedankengut über feinstoffliche Felder aus (Kiesewetter 1891-95, 1895; Klinckowstroem & Maltzahn 1931; Barrett & Besterman 1968; Bird 1981; Bischof 1987-88; Knoblauch 1991). Je nachdem, wie die Radiästhesie definiert wird, wird sie von verschiedenen Autoren entweder als eine sehr alte Tradition bezeichnet (wenn vorwissenschaftliche magische und divinatorische Praktiken berücksichtigt werden), oder ihre Entstehung wird erst im 15. Jahrhundert (Verwendung der Wünschelrute im Bergbau und zur Wassersuche) oder gar im frühen 20. Jahrhundert (Entstehung der eigentlichen Radiästhesie) angesetzt. Bei einer nicht zu engen Definition müssen mehrere unterschiedliche Praktiken und Vorstellungen als Ursprung der Radiästhesie betrachtet werden. Generell lässt sich sagen, dass die Radiästhesie aus der Magie und aus den alten Divinationsmethoden hervorgegegangen ist, d. h. aus einer Reihe verschiedener Orakelund Wahrsagemethoden, deren Ursprung sich im Nebel der Vorgeschichte verliert. Dabei spielen vor allem die Rhabdomantie (Anwendung magischer Zauberstäbe) eine Rolle sowie jene Divinationsmethoden, die auf der Deutung „magischer“, d. h. nicht durch eine physikalische Ursache vermittelter Bewegungen beruht (Kiesewetter 1895). Zu den Vorstellungen, die dabei eine zentrale Rolle spielen, gehören die antike Sympathie- Lehre, wonach alle Dinge durch ein Beziehungsnetz von Sympathien und Af- finitäten miteinander verbunden sind und aufeinander einwirken können. Als Folge davon wurde es als möglich angesehen, aus den einen Dingen Informationen über räumlich entfernte, aber mit ihnen durch Sympathie verbundene andere Dinge zu erhalten. Im Zusammenhang mit der Vorstellung, dass die Verbindungen in diesem Beziehungsnetz durch ein universelles feinstoffliches Fluidum hergestellt werden, steht das radiästhetische Konzept, dass auch von jedem Objekt und jedem Lebewesen eine Kraft oder ein solches Fluidum ausgehe, das seine „Signatur“ trage bzw. die Informationen enthalte, an denen man es (auch auf Distanz) erkennen und identifizieren könne. Damit verbunden ist die radiästhetische Vorstellung, dass Substanzen nicht nur an ihrem feinstofflichen Feld erkannt werden können, sondern sich auch durch spezifische Wechselwirkungen mit dem universellen Fluidum und damit durch bestimmte feinstoffliche Wirkungen auf den Menschen und andere Lebewesen auszeichnen. Diese Vorstellungen bildeten die Grundlage von Orakelmethoden und Praktiken der Alchemie zur Identifikation von Substanzen und ihren Eigenschaften, lange bevor die Wissenschaft die heute bekannten chemischen Elemente und ihre Analyse entdeckte.
Frühe Divinationsmethoden
Über eine der antiken Divinationsmethoden, die am Ursprung der Radiästhesie stehen, berichtet der römische Schriftsteller Ammianus Marcellinus (330~395). Er beschreibt einen im 1. Jahrhundert gefertigten prunkvollen Dreifuß, der mit Schlangen und anderen Symboltieren der Wahrsagekunst geschmückt gewesen sei. An dem Dreifuß sei ein Ring an einem Faden aufgehängt gewesen, um den herum in einem Kreis die Buchstaben des lateinischen Alphabets angebracht waren. Wenn die Ratsuchenden sich in rituell festgelegter Weise auf ihre Anliegen und den Ring konzentrierten, habe der Ring von einem Buchstaben zu einem anderen zu schwingen begonnen und habe so Antworten auf die Fragen buchstabiert. Frühe Beobachtungen über magische Bewegungsphänomene sind auch in den „Chymischen Schriften“ des Basilius Valentinus, eines Erfurter Mönchs und bedeutenden Alchemisten des 15. Jahrhunderts, in der „Eröffneten und bloßgestellten Natur“ von Andreas de Solea, eines um 1430 in Goslar lebenden Bergmeisters, und bei dem berühmten Mineralogen Georg Agricola (1494-1555) zu finden, den ersten Autoren, die die Wünschelrute in ihren Werken erwähnen. Agricola schreibt in seinem epochemachenden Werk über die Bergbaukunst, „De Re Metallica“, die Rutengänger seien der Ansicht, die Ursache der Bewegung der Rute sei die vis venarum (Kraft, Vermögen der Erzadern); diese sei so stark, dass sich die Zweige der Bäume, die bei den Adern wachsen, zu diesen hin biegen würden. Wenn die Rute nicht ausschlage, so trage eine eigenartige Eigenschaft der rutengehenden Person die Schuld, die die Kraft aufhebe. Agricola schwankt aber in seiner Meinung über die rutenbewegende Kraft und macht an anderer Stelle, wie viele seiner Zeitgenossen, durchaus auch den Teufel und satanische Magie dafür verantwortlich. Ähnliche Aussagen finden sich auch bei Kircher und Schott (s. u.). Die zunächst nur im deutschen Bergbau übliche Verwendung der Wünschelrute zum Aufspüren von Erzlagern und Wasserführungen breitete sich im 15. und 16. Jahrhundert mit wandernden deutschen Bergleuten in ganz Europa aus und führte auch dazu, dass Gelehrte sich vermehrt mit der Frage nach der Ursache der Rutenbewegungen beschäftigten. Paracelsus erklärte in der „Philosophia Sagax“ (1571) die Bewegung der Wünschelrute als Wirkung der magnetischen Kraft oder des „Spiritus“, der vom „siderischen Menschen“ ausgehe; ebenso van Helmont in seinem Werk „Von der magnetischen Wundheilung“, wo er schreibt, dass der Mensch durch die magische Geisteskraft des „inneren Menschen“, der das wahre Bild Gottes sei, dasselbe verrichten könne, was Gott durch seinen Wink und sein Wort bewirke. Diese Kraft und Energie, welche die Basis der „natürlichen Magie“ sei, könne allein durch den Willen und die Imagination auf die Außenwelt wirken und sei auch auf Distanz wirksam.
Beginn wissenschaftlicher Forschung
Im 17. Jahrhundert begann man die Bewegungsphänomene von Rute und Pendel im Sinn einer feinstofflichen Kraft zu studieren. Zu den entsprechenden Divinationsverfahren gehört z. B. die so genannte „Skyphomantie“ oder Becher-Wahrsagung, die vom Mittelalter bis in die Rokokozeit hinein allgemein verbreitet war. Man hielt einen an einem Faden befestigten Ring oder einen Türkis mit Daumen und Zeigefinger über einen mit Wasser gefüllten Becher und formulierte eine Frage; wenn der Ring am Becherrand anschlug oder unbewegt blieb, bedeutete das eine Bejahung oder eine Verneinung der Frage. Mit diesem Verfahren beschäftigten sich die ersten experimentellen Untersuchungen des Wünschelrutenphänomens durch den Jesuitengelehrten Athanasius Kircher (1601-1680), die als Beginn der wissenschaftlichen Radiästhesieforschung anzusprechen sind. In seiner „Ars Magnetica“ (Köln 1643) berichtet Kircher, er habe dieses Experiment mit seinen Schülern durchgeführt, doch genauso wie mehrere andere Gelehrte in Rom keinen Erfolg damit gehabt. Kircher erklärte dennoch die Bewegung von Pendel und Wünschelrute als Wirkung einer im Menschen gewöhnlich inaktiven, latenten psychischen Kraft, die in seltenen Ausnahmezuständen tätig werde. Sein nicht weniger berühmter Schüler und Ordenskollege Caspar Schott (1608- 1666), hatte zwar selbst ebenfalls keinen Erfolg mit der Rute, berichtete aber in seiner „Magia Naturalis Universalis“ (Würzburg 1657) von erfolgreichen Versuchen anderer. Er schrieb die Bewegung des Pendels der Kraft der Imagination zu und glaubte beobachtet zu haben, eine gestörte Imagination hemme die Bewegung der Rute. Allerdings besitze nicht jeder diese Kraft (heute würde man von „Medialität“ sprechen). Schott, Verfasser von einst vielbeachteten Werken über „natürliche Magie“, deutete diese Kraft im Rahmen jener okkulten Wissenschaft, aus der in der Renaissance nach dem Urteil der Wissenschaftsgeschichte die moderne Wissenschaft hervorgegangen ist. Das zitierte Werk, gleichzeitig Handbuch der Physik und Abhandlung über verschiedene Arten der Magie, ist ein typisches Werk jener Übergangszeit, in der die alte Magie und die neue Naturwissenschaft noch nahtlos und ohne Abgrenzungsversuche ineinander übergingen. Schott schreibt darin: „Natürliche Magie nenne ich eine gewisse verborgene Kenntnis der Naturgeheimnisse, wodurch man, wenn man die Natur, die Eigenschaften, verborgene Kräfte, Sympathien und Antipathien der einzelnen Dinge erkannt hat, große Wirkungen hervorrufen kann, die jenen, die mit den Ursachen nicht vertraut sind, seltsam oder gar wunderbar erscheinen.“
In Konflikt mit Obrigkeit und Kirche
Im späten 17. Jahrhundert fanden in Frankreich eine Reihe von Ereignissen statt, die für die Geschichte der Radiästhesie von Bedeutung sind. Aufschlussreich für die Haltung der Zeit gegenüber der Radiästhesie ist die Geschichte von Martine de Bertereau (geb. ca. 1590), der frühesten historisch bekannten Rutengängerin (Bird 1981). Zusammen mit ihrem Gatten, dem Baron von Beausoleil und Auffenbach, war sie als Bergbauberaterin in ganz Europa tätig; er war vor der Heirat Generalbeauftragter von zwei deutschen Kaisern für die Bergwerke in Ungarn gewesen und 1600 auf Empfehlung von Pierre de Beringhen, dem Generalinspekteur der französischen Bergwerke, nach Frankreich zurückgekehrt. Beide waren erfahrene Wassersucher und Erzprospektoren, die mit großem Erfolg in Frankreich, anderen europäischen Ländern und in Südamerika gearbeitet hatten. Die Beausoleils benützten für ihre Arbeit eine Reihe verschiedener Wünschelruten aus Holz und Metall in Verbindung mit anderen Geräten wie Kompass, Astrolabium, einer Ziffernscheibe und einem Metallrechen. Sie übten ihre Tätigkeit im Kontext der okkulten Künste und des esoterischen Wissens von Astrologie, Alchemie usw. aus, in denen sie wohl bewandert waren, wie ihre Abhandlung „Darstellung der wahren Philosophie, die Ursubstanz der Minerale betreffend“ (1626) zeigt. In der Zeit von 1602 bis 1640 hatten die beiden in Frankreich über 150 Erzminen und Minerallagerstätten entdeckt; bei einer Nachprüfung, die 100 Jahre später durch den Mineralogen Nicholas Gobert vorgenommen wurde, wurden die Angaben der Beausoleils als korrekt befunden. Als das Ehepaar aber trotz des offiziellen Auftrags des königlichen Oberaufsehers für das Bergwesen, des Marquis d’Effiat, weder ihre hohen Auslagen erstattet, noch ein Honorar bezahlt oder die versprochenen Förderrechte erhielten, verfasste die Baronin eine Note an d’Effiat; die Folge war, dass dessen Nachfolger ihnen einen weiteren Auftrag erteilte, aber das Geld weiterhin ausblieb. Die zweite Beschwerde, die Martine de Bertereau darauf 1640 verfasste, richtete sie an den Herzog von Richelieu, den ersten Minister von König Ludwig XIII. und eigentlichen Machthaber des Landes, in Form eines Berichts über ihre Leistungen für das Königreich. Darin versicherte sie, dass der König bei einer Ausbeutung der entdeckten Minen zum reichsten Monarchen der Welt werden und seine Untertanen zu den glücklichsten unter den Völkern zählen würden. Was aber Richelieu weniger gefiel, war die offenherzige Beschreibung der zur Auffindung der Erzlager angewandten Methoden. Er ließ die Baronin, ihren Mann und ihre Tochter 1641 kurzerhand wegen Hexerei verhaften und ins Gefängnis werfen, wo der Baron und seine Frau später auch starben. 1692 erregte der Bauer und Rutengänger Jacques Aymar großes Aufsehen, als er in einem berühmten Mordfall die Mörder eines Weinhändlers mit der Wünschelrute entdeckte, indem er sich von der Rute vom Ort des Verbrechens zum Schuldigen führen ließ. Dieser Fall wurde Anlass zur Abfassung des Werks „La physique occulte ou traité de la baguette divinatoire“, das Peter von Lothringen, der Abbé von Vallemont, 1696 publizierte und in dem er das Ausschlagen der Rute in cartesischer Manier auf hakenförmige Atome zurückführte, die sowohl aus der Erde wie auch aus der Rute ausströmten, sich dann ineinander verhakten und so die Rute zum Schlagen brachten. Vallemont hielt das Wünschelrutenphänomen für sehr bedeutsam: „Seit Menschen philosophiert haben, hat es kein merkwürdigeres oder wichtigeres Thema gegeben, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.“ Er brachte das Rutengehen auch erstmals (jedenfalls in der Literatur) mit medizinischen Praktiken in Verbindung, was sich in der Benennung seines Werks als „Abhandlung über das Wissen und die magnetischen Ursachen der sympathischen Heilungen“ äußerte, und brachte es damit mit der magnetisch- fluidischen Tradition von Paracelsus und Helmont in Verbindung. Vallemonts Werk, von Knoblauch als „das erste Beispiel einer noch in der Tradition der ‚Magia Naturalis‘ stehenden ‚Paraphysik‘ bezeichnet, wurde von kirchlicher Seite stark angefochten, als nouvelle rhabdomancie verurteilt und auf den kirchlichen Index der verbotenen Schriften gesetzt. Auch der Philosoph und Physiker Nicolas de Malebranche (1638-1715), der der alten Teufelstheorie der Radiästhesie anhing, trat Vallemont entgegen.
Wirkung von Gedankenkräften
Vallemonts Werk begründete eine zwar okkultistische, trotzdem aber wissenschaftliche Tradition, die sowohl in Opposition zur Kirche wie auch zur rationalen Philosophie der Aufklärung und zu der sich etablierenden Naturwissenschaft stand. In Frankreich und bald auch in Deutschland trafen seine Theorien auf offene Ohren (Knoblauch 1991). Der Hallesche Privatgelehrte, Philosoph und Prediger Johann Gottfried Zeidler (1655-1711) wurde durch Vallemonts Schrift auf die Wünschelrute aufmerksam. Zeidler war ein medial veranlagter Mann, der aber zugleich viele erfindungsreiche, sorgfältige und systematische Experimente durchführte. Seine Resultate und die daraus abgeleiteten theoretischen Schlussfolgerungen veröffentlichte Zeidler im Jahr 1700 in dem Buch „Pantomysterium oder das Neue vom Jahre in der Wünschelrute“ (Halle 1700), das für die Geschichte der Radiästhesie von hoher Bedeutung ist. Zeidler hatte zunächst nichts von der Wünschelrute gehalten, da er nur den mit ihr verbundenen Aberglauben kannte, und wurde erst durch Vallemonts „Physique Occulte“ angeregt, sich mit ihr näher zu befassen. Er ließ sich bei einem berühmten Rutengänger seiner Zeit in die Rutenkunst einführen und führte in der Folge alle denkbaren Experimente mit ihr durch. Er versuchte es mit selbstgeschnittenen Holzruten, und nachdem er erst nach Geld und verborgenen Nägeln gesucht hatte, stellte er fest, dass die Rute nicht nur auf Metall, sondern auch auf alle möglichen Gegenstände und Phänomene wie Feuer, Wasser, Pflanzen und Fußspuren reagierte. Er hieß seinen Sohn sich in der Stadt verstecken und spürte ihn mit Erfolg („so gut wie Aymar“) auf. Bemerkenswert ist seine Feststellung, dass die Rute willkürlich bei allem Möglichen ausschlug, sobald er seine Gedanken nicht auf einen bestimmten Gegenstand richtete, während sie bei einer bestimmten Intention nur das anzeigte, was man „suchte und zu wissen begehrte“. Wenn die Gedanken unbeständig hin und her wanderten, war auch die Bewegung der Rute „schlüpfrig und flatternd“; „je gewisser und steiffer ich meine Gedanken auf die Sache richtete, je besser schlug die Rute“. Auch hing der Erfolg des Rutengehens mit der „Beschaffenheit des Leibes und Gemütes“ zusammen. Die Feststellung, dass die Intention, die innere Ausrichtung auf das Gesuchte, entscheidend war, veranlasste Zeidler zu Experimenten, in denen er verborgene Gegenständen aufspürte und schließlich das Geburts- und Todesjahr von unbekannten Personen, die Uhrzeit, den Zeitpunkt der Rückkehr seiner Frau und den rechten Weg an unbekannten Orten mit Hilfe der Rute herauszufinden suchte. Er fand, dass es auch möglich war, aus einer Reihe von Gegenständen denjenigen zu finden, welchen eine Person zuvor in der Hand gehabt hatte. Durch ein Experiment mit einer Person, bei der die Rute niemals ausschlug, stellte Zeidler fest, dass er seine radiästhetische Fähigkeit auf andere Personen übertragen sowie geistig das Ausschlagen der Rute bei anderen verhindern konnte. Um seine Vermutung zu prüfen, dass die Gedanken des Rutengängers das Ausschlagen der Rute bewirken, zog er dicke Handschuhe an oder verband die Hände mit dicken Tüchern, um die Wirkung der anima sensitiva des Rutenholzes auf die Hand auszuschließen, der er zunächst die Rutenbewegung zugeschrieben hatte; doch die Rute schlug trotzdem aus. Das gleiche geschah, als er die Hand noch weiter von der Rute isolierte, indem er die Rute in lederne Ballen steckte und diese mit Holzstäben oder Degen ergriff; auch hier schlug die Rute trotzdem aus, wenn auch etwas schwächer. In der theoretischen Erklärung des Rutenphänomens wandte sich Zeidler gegen Vallemonts Theorie der hakenförmigen Atome und schrieb die Rutenbewegung einer geistigen Kraft zu. Seine Theorie war ganz anderer Art und basierte auf den von seinem Freund Christian Thomasius (1655-1728) in dem Werk „Versuch über das Wesen des Geistes“ aufgestellten Prinzipien. Thomasius, Jurist und Philosoph an der Universität in Halle, der auch das Vorwort zu „Pantomysterium“ schrieb, war der erste Professor, der an einer deutschen Universität Vorlesungen in deutscher Sprache hielt. Zeidlers Theorie war, dass das Ausschlagen der Rute durch die Wirkung eines „bewegenden Geistes“ erfolgt. Er unterschied zwischen einem denkenden und einem bewegenden Geist, wobei letzterer eine Art psychische oder geistige Kraft darstellte und dem älteren Spiritus entspricht. Dieser sei im Rahmen des „Weltgeistes“ zu verstehen, dessen Wesen dem der menschlichen Psyche gleich sei. Die Psyche könne aus diesem Grund auch Dinge wahrnehmen, die außerhalb des Körpers existierten oder geschahen, sie sei in ihrer Wirkung nicht durch die Grenzen des Körpers eingeschränkt. Durch eine solche Fernwirkung (actio in distans) seien auch die „mumialen Heilungen“, die Übertragung von Krankheiten (da bezieht er sich offensichtlich auf Fludd oder Maxwell), Hellsehen, Präkognition und Telepathie zu erklären: „Also ahnet einen etwas von einem entfernten Menschen und daher kommen alle Gedanken, dass ich z. B. kann an Rom oder Jerusalem gedenken, indem meine Seele oder mein Geist wie ein Blitz aller Orten ausspaziert und die Bildung eines entfernten Dinges, und weil der Geist unsterblich ist, auch des Vergangenen und Künftigen zu mir bringt.“ Wenn man nichts denke, so ziehe man seinen Geist ein; wenn man jedoch denke, so „lasse“ man den Geist „aus“ (d. h. das geistige Fluidum reiche über die Körpergrenzen hinaus), und dann könne er auf die Außenwelt einwirken und eine Bewegung verursachen. Wenn man seine Gedanken von der Rute abziehe, so ziehe man gleichzeitig den bewegenden Geist von der Rute ab, und wenn man an etwas Bestimmtes denke und zugleich an die Rute und diese dann auf diesen Gegenstand zeige, dann scheine der denkende Geist mit dem bewegenden Geist der Rute eine Einheit zu bilden und dadurch die Bewegung hervorzurufen.
Unterirdische Elektrometrie
1693 machte auch Johann Philipp Büntigen in seinem Werk „Sylva Subterranea“ (Magdeburg 1693) ein magnetisches Fluidum für die Rutenreaktion verantwortlich. Nach seiner Auffassung bestand „die causa naturalis der Sympathie zwischen der Wündtschelruthe und den Metallen einzig und allein in den effluviis“, die er sich ähnlich denjenigen vorstellte, die man den Magneten zuschrieb. Solche Effluvien gingen nach seiner Meinung sowohl vom Erz wie auch von der Rute aus. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts breitete sich die Radiästhesie stark aus und erweiterte auch ihre Ziele und Anwendungsbereiche. Von besonderer Bedeutung ist, dass sie in dieser Zeit mit der Elektrizitätslehre und mit Anton Mesmers „animalischem Magnetismus“ in Verbindung gebracht wurde. Dabei spielte der französische Arzt, Chemiker, Physiker und Mesmerist Pierre Thouvenel (1747-1815) aus Lothringen eine maßgebliche Rolle. Thouvenels Neugier war durch Berichte über einen Bauern und Rutengänger aus der Dauphiné namens Barthelémy Bleton geweckt worden, dem ein außergewöhnliches Gespür für unterirdisches Wasser nachgesagt wurde und der angeblich vor kurzem eine Quelle gefunden hatte, die stark genug war, um eine Mühle anzutreiben. Thouvenel sah in Bleton eine ausgezeichnete Versuchsperson für seine Forschungen über den animalischen Magnetismus, der zu dieser Zeit in den Jahren vor der französischen Revolution als kommende wissenschaftliche Theorie galt. Thouvenel fand, dass Bleton zwar mit großer Treffsicherheit Wasser lokalisieren konnte, seine Fähigkeit jedoch versagte, wenn er vom Erdboden isoliert war. Dies veranlasste den Forscher, eine elektrische Ursache für die Kraft anzunehmen, welche die Rute bewegte. Er glaubte, der Rutengänger reagiere empfindlich auf Elektrizität in der Erde, die sich an diesen Stellen angesammelt habe. 1782 präsentierte er Bleton einer Kommission von Wissenschaftlern und Gelehrten in Paris, zu der Benjamin Franklin, der Chemiker Claude Graf von Berthollet, der materialistische Philosoph Paul Baron d’Holbach und der Agrikulturchemiker Antoine Parmentier, der auch Generalinspekteur des Medizinalwesens war, gehörten. Auch der Arzt Joseph Guillotin, dessen tödliche Erfindung bald viele Köpfe, seinen eigenen eingeschlossen, vom Rumpf trennen sollte, war Mitglied der Kommission. Die Kommission unterwarf Bleton einer Reihe von Tests, von denen viele vor zahlreichem Publikum stattfanden; doch trotz positiver Resultate konnte er sie offenbar nicht überzeugen. Thouvenel experimentierte auch mit einem zweiten Rutengänger, dem „Minerographen“ (Mineralsucher) Pennet, von dessen Begabung zum Aufspüren unterirdischer Wasseradern und von Steinkohle-, Salz- und Erzlagern er sich durch zahlreiche Versuche überzeugte. Pennet identifi- zierte Steinkohlelager durch einen bitteren Geschmack im Mund. Mit Bleton und Pennet sowie einem weiteren Rutengänger, Parangue, reiste Thouvenel durch Frankreich, um ihre Fähigkeiten zu demonstrieren und so seine Theorie öffentlich zu belegen. Seine Erkenntnisse publizierte er in einer Reihe von Büchern, wie z. B. dem Titel „Mémoire Physique et Médicinal montrant les Rapports évidents entre les Phénomènes de la Baguette Divinatoire, du Magnétisme et de l’Electricité“ (Didot, Paris 1781). In diesem Buch ersetzte Thouvenel als erster die „sympathische Anziehung“ und die „hakenförmigen Korpuskeln“ früherer Theoretiker durch „Ausströmungen“ elektrischer Natur als Ursache für das Ausschlagen der Wünschelrute. Deshalb nannte er das Rutengehen „unterirdische Elektrometrie“. Thouvenel glaubte, die elektrische Bewegungskraft aus der Erde werde durch die Luft auf den Rutengänger übertragen, genauso wie die damals vieldiskutierte Wirkung der elektrischen Fische durch das Wasser erfolge. Als Mesmerist war er überzeugt, dass der Magnetismus und die Elektrizität Ausdrucksformen der Grundkraft „animalischer Magnetismus“ waren, der damit letztlich die Grundlage des Rutenphänomens bildete.
Kritik der aufgeklärten Wissenschaft
Thouvenels Veröffentlichungen lösten im vorrevolutionären Paris eine Welle populärer Publikationen aus; in Frankreich und in anderen europäischen Ländern wurde die Radiästhesie in wissenschaftlichen Zeitschriften wie dem englischen „Philosophical Magazine“, den italienischen „Annali di Chimica“ und „Opusculi Scelti“ sowie den deutschen „Annalen der Physik“ und dem „Magazin für das Neueste aus der Physik und Naturgeschichte“ kontrovers diskutiert. Zwei Positionen wurden in diesen Auseinandersetzungen sichtbar: die starke „aufklärerische“ Position, die solche Untersuchungen für nutzlos oder fehlerhaft hielt, und diejenige der Befürworter wie Thouvenel, die sich neue Erkenntnisse und Impulse für die Wissenschaft davon versprachen. Thouvenel selbst verstand als erster das Wünschelrutenphänomen als einen neuen Zweig der Wissenschaft, in dem es aber noch einen großen Forschungsbedarf gebe. Obwohl Thouvenel – noch keine vierzig Jahre alt – bereits zum Generalinspekteur der französischen Mineralquellen und der Militärkrankenhäuser ernannt worden war und nahezu jeden Ehrentitel erhalten hatte, den ein französischer Arzt seiner Zeit erhalten konnte, konnte er sich gegen die heftigen Angriffe der wissenschaftlichen Autoritäten jedoch nicht durchsetzen. Als auch noch die Revolution ausbrach, der mehrere seiner engsten Freunde zum Opfer fielen, ging er gemeinsam mit Bleton und Pennet nach Italien ins Exil, wo er in der Folge versuchte, namhafte italienische Wissenschaftler zu einer Nachprüfung seiner Beobachtungen zu veranlassen. Als ersten kontaktierte er den ehemaligen Augustinermönch Alberto Fortis (1741-1803), Reiseschriftsteller, Gelehrter, Naturforscher und sehr produktiver Autor, der das Klosterleben aufgegeben hatte, um sich ganz der Naturwissenschaft widmen zu können. Aufgrund seiner Forschungen wurde er zum ständigen Sekretär des wissenschaftlichen „Nationalinstituts von Italien“ ernannt, das Napoleon Bonaparte gegründet hatte. Fortis, der zunächst skeptisch war, ließ sich überzeugen, als Pennet sorgfältig verstecktes Geld ohne Schwierigkeiten lokalisieren konnte. Zusammen mit Thouvenel und Pennet unternahm er eine ausgedehnte Reise durch Süditalien, auf der er so oft Gelegenheit hatte, die Wünschelrutenfähigkeit von Pennet mitzuerleben, dass er zu drei wichtigen Erkenntnissen über die Bedingungen einer erfolgreichen Mutung kam. Als erstes wies er darauf hin, dass bei einem zu kleinen, isolierten Erzvorkommen die Lokalisierung aufgrund des zu kleinen Volumens scheitern könne. Dieses Risiko sei dann besonders groß, wenn ein zweiter Faktor ins Spiel komme, nämlich eine plötzliche Änderung der atmosphärischen Bedingungen, die nach Fortis‘ Beobachtung die Rutenfühligkeit deutlich beeinflusse. Die dritte Bedingung betraf das „moralische Klima“, in dem der Rutengänger arbeitete: Fortis war der Ansicht, die innere Ausgeglichenheit aller Beteiligten entscheide in der Regel über Erfolg oder Misserfolg eines Rutenversuchs; eine lockere Atmosphäre statt eines steifen, feierlichen Rahmens könne erheblich zum Erfolg beitragen.
Reaktionsmuster des Pendels
Als Fortis mit Pennet die Apenninen bereiste, lernten sie von einem örtlichen Ru- tengänger eine Methode kennen, die für die weitere Entwicklung der Radiästhesie bedeutungsvoll werden sollte. Unter einer Decke wurden ohne Wissen des Radiästheten eine Handvoll Silbermünzen versteckt. Als der Radiästhet sein Pendel, das aus einem Seidenfaden bestand, an dem ein Pyrit-Würfel hing, über die dicke Decke hielt, begann es an einer bestimmten Stelle auf einer schmalen elliptischen Bahn zu schwingen. Zog er es von der Stelle weg, hörte auch die Bewegung auf. Als man die Decke dann wegnahm, lag das Geld an der Stelle, über der das Pendel sich bewegt hatte. Fortis beschäftigte die Frage, warum das Pendel sich auf diese Weise bewegt hatte, und er begann selbst zu experimentieren. Er stellte überrascht fest, dass sein eigenes Pyrit-Pendel nicht nur auf Silber, sondern auch auf eine Reihe andere Metalle reagierte, und dass jedes Metall sein eigenes spezifisches Schwingungsmuster hervorrief. Diese Versuche überzeugten Fortis, dass mit Hilfe des Pendels jede Substanz durch ein ganz bestimmtes Schwingungsmuster identifiziert werden könne. 1792 traf Thouvenel zusammen mit Pennet in Mailand den berühmten Gelehrten Carlo Amoretti (1741-1816), ebenfalls Augustinermönch, Konservator der Biblioteca Ambrosiana, Mineraloge und Herausgeber einer führenden naturwissenschaftlichen Fachzeitschrift. Amoretti, der ein wichtiges Verbindungsglied zwischen der Wünschelrutenforschung des 18. und der des 19. Jahrhunderts darstellt, war Sohn eines Rutengängers und übte diese Kunst auch selbst aus; er unternahm in über zwanzig Jahren ausgedehnte Versuche zum Rutengehen und zur Auffindung von Erzvorkommen, die er „Metalloskopie“ nannte. Er veröffentlichte die Ergebnisse in dem Buch „Della Raddomanzia ossia elettrometria animale – Ricerche fisiche e storiche“ (Mailand 1808), das im folgenden Jahr unter dem Titel „Physikalische und historische Untersuchungen über die Rhabdomantie oder Animalische Elektrometrie“ auch auf deutsch erschien. Eine Zusammenfassung seiner Erkenntnisse erschien 1818 im vierten Band der Zeitschrift „Archiv für tierischen Magnetismus“ unter dem Titel „Elemente der animalischen Elektrometrie“. Wie diese Titel zeigen, übernahm Amoretti Thouvenels Begriff der „Elektrometrie“ für die Radiästhesie. Er führte auch eine Unterscheidung von Substanzen nach ihrer Fähigkeit ein, dem menschlichen Körper elektrisches Fluidum zuzuführen oder zu entziehen. Die Substanzen, die dem Körper elektrisches Fluidum zuführten, nannte Amoretti „elektromotorische oder positive Substanzen“; die fluidum-entziehenden Stoffe nannte er „negative Substanzen“. Außerdem gab es „indifferente Substanzen“, die nicht elektromotorisch aktiv waren. Amoretti wandte die „Elektrometrie“ auch auf Krankheiten an und wurde damit zum ersten Vertreter der radiästhetischen Lehre der „Geopathie“. Er wies darauf hin, dass Kranke, bei denen Ärzte weder einen körperlichen noch einen seelischen Grund finden können, manchmal durch einen Ortswechsel genesen, und vermutete, dass ein für die Wirkung „unterirdischer Elektromotoren“ empfindlicher Mensch durch diese „beunruhigt“ werden und dass diese Reizung zu Krankheit führen könnte.
Dieser Artikel ist der erste Teil der ungekürzten Langversion des Kapitels „Radiästhesie“ aus Marco Bischofs Buch „Tachyonen, Orgonenergie, Skalarwellen. Feinstoffliche Felder zwischen Mythos und Wissenschaft“, AT-Verlag, Aarau 2002.
Literatur:
Barrett, William; Besterman, Theodore: The Divining Rod – An Experimental and Psychological Investigation. University Books, New Hyde Park, N. Y. 1968.
Bird, Christopher: Die weissagende Hand oder das Mysterium der Wünschelrute. Heinz Moos-Verlag, München 1981.
Bird, Christopher: Applications of dowsing: An ancient biopsychophysical art. In: John White/Stanley Krippner (Hrsg.): Future Science – Life Energies and the Physics of Paranormal Phenomena. Anchor Press – Doubleday, Garden City, N. Y. 1977, S. 346-365.
Bischof, Marco: Elektronische Magie. Esotera Nr. 12/1987, S. 77-81, und Nr. 1/1988, S. 68-73.
Kiesewetter, Carl: Geschichte des Neueren Occultismus. Leipzig 1891-95. Nachdruck Ansata Verlag, Schwarzenburg 1977a.
Kiesewetter, Carl: Die Geheimwissenschaften. Leipzig 1895. Nachdruck: Ansata-Verlag, Schwarzenburg 1977b.
Klinckowstroem, Carl von; Maltzahn, Rudolf von: Handbuch der Wünschelrute – Geschichte, Wissenschaft, Anwendung. R. Oldenbourg Verlag, München 1931.
Knoblauch, Hubert: Die Welt der Wünschelrutengänger und Pendler – Erkundungen einer verborgenen Wirklichkeit. Campus Verlag, Frankfurt a. M – New York 1991.