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Auf der Suche nach dem «Ursprung des Kunstwerkes» (1936) setzt sich Martin Heidegger mit Vincent van Goghs Gemälde «Schuhe» auseinander und fragt sich, ob Kunst «eine Nachahmung und Abschilderung des Wirklichen» sei. Seine Antwort: Tatsächlich verlange «die Wiedergabe des Vorhandenen […] die Übereinstimmung mit dem Seienden»: «[Sie] gilt seit langem als das Wesen der Wahrheit.» Allerdings schilderten Kunstwerke nicht das Wirkliche im Einzelfall ab, sondern «das allgemeine Wesen der Dinge».
Van Goghs «Schuhe» beschreibt er so: «Aus der dunklen Öffnung des ausgetretenen Inwendigen des Schuhzeuges starrt die Mühsal der Arbeitsschritte. In der derbgediegenen Schwere des Schuhzeuges ist aufgestaut die Zähigkeit des langsamen Ganges durch die weithin gestreckten und immer gleichen Furchen des Ackers, über dem ein rauher Wind steht. Auf dem Leder liegt das Feuchte und Satte des Bodens.» Und so weiter.
Sprachliche Mimesis ergibt bei einem Gemälde, soviel hat Heidegger zweifellos demonstriert, ein Ergebnis, das beim Lesen innere Bilder erzeugt. Bloss ist das «Abschildern» von Gemälden weder in Belletristik noch Journalismus das Kerngeschäft sprachlichen Abbildens.
Schwieriger wird es, wenn ich statt des statischen visuellen Eindrucks einer Abbildung die Momentaufnahme einer Situation zu versprachlichen versuche: Was sehe ich auf einem belebten Platz der Stadt mittags um zwölf? Hier wird der visuelle Eindruck zum Schnitt durch ein zeitliches Kontinuum, zur Fixierung eines Moments unter unendlich vielen Momenten. Dadurch erhält jeder angesprochene Aspekt des visuellen Eindrucks eine Vorher-Nachher-Dimension, der die Linearität des Textes nur durch Einebnung des Ungleichzeitigen und durch die Nacheinander-Montage des Gleichzeitigen gerecht zu werden vermag.
Die mimetische Beschreibung von Prozessen ist nicht nur ein zentrales Problem, sondern auch eine zentrale Funktion der sprachlichen Mimesis im Grenzgebiet zwischen Belletristik und Journalismus. Beide Formen der Spracharbeit haben es mit der Darstellung von sozialen Prozessen zu tun, deren Prozesshaftigkeit nicht zu visualisieren ist mit der Methode von Nachahmung und Abschilderung in Heideggers Sinn.
Ist Mimesis – auf Texte angewendet, die soziale Prozesse, also zeitliche Verläufe darstellen wollen – mehr als eine der Kunstbetrachtung entlehnte Form metaphorischer Rede?
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Klar: Sowohl Belletristik also auch Journalismus haben ihre Methoden, die nicht visualisierbare Zeitachse von sozialen Prozessen zu beschreiben. Sie wenden dafür Zeitwörter und Kausalitätsketten an, die den Sprachfluss narrativ plausibilisieren. Dabei gibt es tendenziell objektivierende und tendenziell subjektivierende Elemente der narrativen Plausibilisierung:
• Die objektivierende narrative Plausibilisierung ist die Darstellung der Chronologie eines Prozesses, egal ob schematisch nach der Und-dann-und-dann-und-dann-Methode oder versetzt mit erzähltechnisch interessanteren Vor- und Rückblenden. Der objektive Teil der mimetischen Abbildung von sozialen Prozessen besteht in der Vermittlung seiner Chronologie. Am einfachsten anzuwenden ist die Methode bei der Vermittlung von reiner Ursache und Wirkung. (Im Sinn von: Weil die Erde gebebt hat, stürzt das Haus ein.)
• Die subjektivierende narrative Plausibilisierung erfolgt über die Psychologisierung der Handelnden. Überall, wo die Chronologie als objektive narrative Strukturierung nicht vollständig erzwungen ist, erfolgt die Motivierung des Geschehens in der Zeit über interessengesteuerte Entscheidungen der Akteurinnen und Akteure im jeweiligen Prozess. In diesen Entscheidungsräumen steckt das Plausibilisierungspotential narrativer Mimesis. Solche Plausibilisierungen können einleuchtend und glaubwürdig sein, aber sie bleiben spekulativ. Noch wenn es im Bereich des Journalismus manchmal möglich ist, mit einem konkreten Akteur über einen konkreten Entscheid zu sprechen, wird man zu nichts Objektiverem als dessen interessengesteuerter Plausibilisierung des Entscheids vordringen, in der Unbewusstes, Schutzbehauptungen und taktische Lügen mitbedacht werden müssen.
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Nur in einem lexikalisch knappen Nachrichtenjournalismus ist als objektivierendes Narrativ die reine Chronologie zur mimetischen Schilderung eines konkreten Prozesses praktikabel. Im Normalfall vermischen sich auch im Journalismus objektive und subjektive narrative Strukturierungen zu einem wirren Geflecht. Trotzdem bildet der Umgang mit der subjektiven narrativen Strukturierung von Texten unter diesem Aspekt die entscheidende Differenz zwischen Belletristik und Journalismus.
• Für die Belletristik ist die Gestaltung der Plausibilisierung von Entscheidungen ein Feld der freien Erfindung. Die Ausgestaltung der Motivationslagen von Figuren kann menschliches Handeln spektakulär tragisch, gut, böse, mutig oder feige etc. erscheinen lassen. Sie ist das eigentliche Kerngeschäft fiktionalen Gestaltens und spiegelt das ideologische Wollen der AutorInnen.
• Für den Journalismus bildet die Gestaltung der Plausibilisierung von Entscheidungen ein wichtiges Feld der Recherche. Es ist wichtig, Antworten zu finden auf die Frage, warum sich etwas, das auf menschliche Handlungen zurückzuführen ist, so und nicht anders entwickelt oder ereignet hat. Die Behauptung frei erfundener Motivationslagen wäre im Journalismus persönlichkeitsrechtlich heikel.
Im Bereich der Belletristik ist die subjektive narrative Strukturierung des Textes ein zentrales Feld künstlerischer Freiheit. Im Bereich des Journalismus ist diese Strukturierung zurückgebunden an ausserästhetische – berufsethische und juristische – Standards.
[1] Martin Heidegger: Der Ursprung des Kunstwerkes, Stuttgart (Reclam) 1960, 33f.
[2] Martin Heidegger, a.a.O., 29 f.
(bis 23.12.2012; 10.+18.01.; 17.07.2018)