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Werke. Darmstädter Ausgabe. Band IV. Herausgegeben und kommentiert von Hanno Beck. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 22008.
Das Mexiko-Werk beruht, wie das Cuba-Werk, auf der grossen Südamerika-Reise Humboldts. Im Gegensatz zu den Kuba betreffenden Passagen, die vom Herausgeber der Darmstädter Ausgabe, Hanno Beck, aus der grossen Reiseschilderung Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent: fait en 1799, 1800, 1801, 1803 et 1804 herausgelöst und zu einem separaten Band gemacht wurden, war das Mexiko-Werk von Anfang an eine selbständige Publikation.
Allerdings wurde das Mexico-Werk einige Jahre vor dem Cuba-Werk geschrieben und veröffentlicht, so dass wir die eigenartige Situation vor uns haben, dass, wenn Humboldt sich auf Kuba bezieht im Mexico-Werk, er ältere Fakten herbeizieht, als im Cuba-Werk selber. Vor allem hatte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vom Mexico-Werk der Unabhängigkeitskampf der spanischen Kolonien im lateinamerikanischen Raum noch gar nicht begonnen – jener Unabhängigkeitskampf, der dann für das Cuba-Werk diese Insel als einzige nennenswerte Kolonie Spaniens übrig lassen sollte. Auch sonst kennt Humboldt viele Statistiken noch nicht, die er fürs Cuba-Werk auswerten sollte. Das, und die grössere Fläche Mexikos machen, dass er über dieses Land weniger präzise Aussagen tätigt, als dann später über Kuba.
Trotz geringerer statistischer Schärfe verfolgt Humboldts Werk ganz klar das Ziel, (auch) als eine Art Handbuch dienen zu können für die Verwaltung Mexikos – bzw., um genau zu sein, des Vize-Königreichs Neu-Spanien. Denn so hiess Mexiko zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch. Der Staat war grösser als heute. Die ganzen südlichen Bundesstaaten der USA, die wir heute kennen, von Texas bis Kalifornien inklusive, wurden damals noch zu Mexiko gezählt. Humboldt allerdings hat diesen Norden Mexikos nicht besucht; auch in seinen statistischen Ausführungen nimmt er kaum darauf Bezug. Es ist, als hätte der politisch sehr hellsichtige Alexander von Humboldt bereits geahnt, dass diese Gebiete nicht lange Teil Mexikos bleiben würden.
Auch die Sklaverei in Mexiko – zu seiner Freude geringer als in Kuba – verfolgt Humboldt genau; vor allem die Tatsache, dass Mexiko als Durchgangsland für Sklaven dient, die dann schlussendlich in den gerade gegründeten USA leben sollen, findet er bedenklich. Er macht sogar einen Abstecher in den Norden, wo er sich mit Thomas Jefferson trifft, um unter anderm das Thema der Sklaverei anzugehen, und sich selber ein Bild der Situation in Virgina zu machen.
Humboldt liefert im Mexico-Werk ganz kurz den geschichtlichen Hintergrund, Fakten zur Eroberung dieses Landes durch die Spanier. Dass man die Vergangenheit kennen müsse, um die Gegenwart verstehen und regieren zu können, war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Bei gewissen Dingen konnte Humboldt dabei ziemlich in die Details gehen. Die Geschichte der Entwässerung des Umlandes von Mexico-City wird in aller Ausführlichkeit und unter Nennung aller involvierten Ingenieure und Vize-Könige dargestellt – wohl auch, weil er darin gute Beispiele sowohl von verwaltungs- und ingenieurtechnischer Klugheit vorstellen kann, wie von Dummheit und Borniertheit der kolonialen Behörden, vor allem, wenn das Mutterland unter dem Eindruck steht, aus weiter Ferne alles bis ins kleinste Detail regeln zu können und müssen. Er stellt auch die grausame Behandlung der Indios durch die Weissen an den Pranger – für ein Werk, das dem spanischen König gewidmet ist, wohl doch eher unüblich. Ansonsten hat Mexiko-City dem deutschen Reisenden aber offenbar wenig gefallen. Die spanische Kolonial-Prachtsarchitektur, an Palladios manieristischer Renaissance orientiert, entsprach dem an der Klassik sich orientierenden Humboldt in keiner Weise.
Ein ganzes Buch (IV) ist Mexikos Ackerbau gewidmet. Das ist mehr sogar als der Raum, den Alexander von Humboldt dem Abbau von Gold und Silber widmet. Als Nationalökonom war der Deutsche noch weitestgehend Physiokrat, auch wenn er sich schon mit Adam Smith auseinandersetzte. So erfahren wir die Anbau- und/oder Ausfuhrzahlen von so unterschiedlichen landwirtschaftlichen Produkten wie Bananen, Maniok, Tabak oder Seidenraupen; und Humboldt macht es ganz klar, dass er den wirtschaftlichen Erfolg des Vize-Königreichs Neu-Spanien fast völlig in der Landwirtschaft gegründet sieht.
Mit dem Mexico-Werk ist, was die Darmstädter Ausgabe betrifft, die Ausbeute der grossen Südamerika-Reise Humboldts in die Scheunen gebracht. (Die Russland-Expedition fehlt in Hanno Becks Auswahl, und so werden wir in der Folge vor allem noch die volkstümlicheren Werke Alexander von Humboldts zu besprechen haben.)