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Ungefähr 25 Kilometer nordwestlich von Zürich liegt die unscheinbare und auch sonst nicht sonderlich sehenswerte Ortschaft Endingen. Endingen ähnelt vielen Orten dieser Region: Es gibt hier nicht viel zu sehen und die meisten Menschen fahren hier einfach nur hindurch, der alte Landgasthof mit ehemals gut schweizerischer Küche wurde durch Aufhängen zweier billiger Lampions und einer Leuchtreklame zu einem China-Take-Away, Ein „Volg“-Einkaufsladen und ein paar wenige weitere Detailhändler, eine Busstation, eine Tankstelle, ein paar wunderschöne alte Bauernhäuser und hier und da der eine oder andere sehr reizvoll gestaltete Vorgarten – damit hat es sich im Wesentlichen. Dennoch ist diese Ortschaft in vielerlei Hinsicht besonders, weitaus interessanter, als praktisch alle umliegenden Dörfer. Und das hat mit der Vergangenheit von Endingen (und dem Nachbarort Lengnau) zu tun, genauer: Mit der jüdischen Geschichte der Schweiz. Heute leben etwas mehr als 20.000 Juden in diesem Land und somit bilden sie die zehntgrösste jüdische Gemeinde Europas, machen aber gerade einmal 0,4 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Die meisten von ihnen leben in den Grossstädten Zürich, Basel und Genf und ganze 80 Prozent von ihnen sind Staatsbürger der Schweiz. Aber das war nicht immer so, denn von 1678 bis 1866 war es in der Schweiz lebenden Juden nicht erlaubt in anderen Orten zu leben, als in Endingen und dem bereits erwähnten Lengnau, in der französischen Schweiz unter anderem in La Chaux-de-Fonds und Carouge. Nochmal: An anderen Orten durften in der Schweiz Juden nicht leben, also kein Haus erwerben, bauen oder sich in einem einmieten – und das ist letztenendes nichts anderes als eine Ghettoisierung! Im 19. Jahrhundert lebten in Endingen an die 900 Juden, die für ihren Verbleib in jenem Ort regelmässig Abgaben und obendrauf auch noch Schutzzahlungen leisten mussten. Andere Bewohner von Endingen mussten das nicht. Erst 1866 erhielten die Juden vom Bund die Erlaubnis, als inzwischen gleichgestellte Bürger des Landes sich niederzulassen, wo sie wollten und erst ab jenem Zeitpunkt entstanden die grossen Gemeinden von Zürich, Basel und Genf. Dennoch wurden sie immer noch anders behandelt, zum Teil noch viele weitere Jahre schikaniert und drangsaliert. Obwohl die Juden Endingens formal gesehen Bürger von (Neu-) Endingen waren, durften sie bis 1983 nicht an Versammlungen der Ortsbürger-Gemeinde teil nehmen. Über die Juden wurde bis in jenes Jahr hinein ein eigenes Bürger-Register geführt. Solche Benachteiligungen dürften unter anderem auch dazu geführt haben, warum nur noch zwei jüdische Familien hier leben. Dennoch scheint sich seit 1983 der Umgang nach und nach stark verändert zu haben, zumindest implementieren das Aussagen der Leiterin des örtlichen Altenheimes und einiger Einwohner. Inzwischen brächte man den jüdischen Mitbürgern nicht nur mehr Respekt entgegen, sondern verdanke ihnen auch mehr Toleranz im alltäglichen Umgang von Mensch zu Mensch in Endingen… Ich dachte mir bei der Lektüre jener Aussagen meinen Teil.
Die markanteste Eigenheit Endingens besteht in dem Umstand, dass es hier keine katholische und auch keine reformierte Kirche gibt, Anhänger jener Glaubensrichtungen besuchen Gottesdienste in anderen umliegenden Gemeinden. Aber im Dorfkern steht eine recht grosse Synagoge, die nur zu besonderen Feiertagen und Festanlässen, sowie kulturellen Veranstaltungen und Trauungen geöffnet wird (daher konnte ich bedauerlicher Weise auch keinen Blick hinein werfen). Aber auch diese Synagoge weist eine Besonderheit auf, die man an kaum einer anderen findet: Sie hat zwei kleinere Glocken über dem Haupteingang, die die fehlenden Stunden-Glocken einer christlichen Kirche kompensieren sollten. Das Bauwerk ist in streng klassizistischem Stil gehalten, die halbrunde Apsis weist in Richtung Jerusalem. Es sind Stilelemente der maurischen Architektur in den Fassen und Fenstern zu erkennen, womit auf die regionale Herkunft der Juden hingewiesen werden sollte. Erbaut wurde sie 1850 bis 1852 – also noch bevor den Juden in der Schweiz seitens des Bundes mehr Freiheiten gewährt wurden. Heute steht sie als Kulturgut von nationaler Bedeutung unter Denkmalschutz. Wie so oft in der Geschichte vom Synagogenbau in Europa finanzierte die jüdische Gemeinde die Errichtung ohne jegliche Unterstützung aus eigener Tasche, was mitnichten eine leichte Angelegenheit gewesen sein durfte, denn Juden durften hier weder Grund, noch Haus besitzen und auch kein Handwerk ausüben. Wie an so vielen anderen Orten Europas auch durften die Juden von Endingen lediglich Geld ausleihen, sowie Vieh- und Kleinwarenhandel betreiben. Um es also mal klar und deutlich auszudrücken: Auch die Schweiz und so manch ein Schweizer ist reichlich unzimperlich mit jener Volksgemeinschaft umgesprungen. Bis 1866! Endingen hat aber noch eine andere „jüdisch-christliche“ Besonderheit zu bieten, die man aber ein klein wenig suchen muss: Die so genannten „Doppeltür-Häuser“. Es war Christen verboten, mit Juden unter einem (Haus-) Dach zu leben, aber die Endinger Bürger umgingen jenes Verbot, indem sie Häuser mit zwei direkt nebeneinander liegenden Eingängen errichteten, eine architektonische Besonderheit, die sich auch nur hier in dieser Region anfindet. Aus jener Besonderheit entstand 2018 ein Verein mit Namen „Doppeltür“, der nach dem Erwerb eines solchen Hauses darin ein Begegnungs- und Besucherzentrum unterbrachte (bedauerlicher Weise ebenso bei meinem Besuch geschlossen). Heute verbindet der „jüdische Kulturweg“ die einzelnen Bauten und Sehenswürdigkeiten, die die Eigenart Endingens und Lengnaus ausmachen.
Weiter ausserhalb von Endingen liegt der jüdische Friedhof, auf welchem die Juden Endingens und Lengnaus ihre Toten beerdigten. Das Hinweisschild am Rand der Strasse weist aber nur auf einen Friedhof hin. Ob darin eine gewisse Absicht liegt, entzieht sich meiner Kenntnis, wundern aber würde es mich nicht. Dieser Friedhof ist der älteste jüdische Friedhof der Schweiz. 1750 gestatten zuständige Behörden den Juden Endingens und Lengnaus für den Kaufpreis von 340 Gulden ein kleines Stück Gelände zu erwerben. Mir ist noch nicht gelungen, jenen Gulden-Betrag in einen vergleichbaren Franken- oder Euro-Betrag heutiger Zeit umzurechnen (das Münzwesen ist ein unglaublich kompliziertes und komplexes Ding!), aber ich denke, dass jene 340 Gulden sicherlich zu jener Zeit kein kleiner Betrag gewesen sein dürften. Auch in solchen Dingen war die Schweiz und so manch ein Schweizer gegenüber den Juden alles andere als zimperlich. Bis zu jenem Zeitpunkt mussten die Juden ihre Toten auf der kleinen Insel „Judenäule“ im Rhein bei Koblenz beerdigen, formal gesehen also im Niemandsland. Wahrscheinlich war auch diese Vorschrift absichtlich so fest gelegt worden, um den Juden auch nach ihrem Ableben ihren Platz in der Schweizer Gesellschaft zu verdeutlichen, denn offensichtlich scherte sich bis 1750 kaum jemand darum, dass jene Insel oft vom Hochwasser des Rheins überschwemmt und einige Gräber somit unrettbar vernichtet wurden. Erst 1954 wurden die letzten Gräber der Insel zu diesem Friedhof umgebettet. Der Friedhof wurde mehrfach erweitert und noch heute finden hier Beisetzungen statt, die ältesten Gräber stammen aus dem Jahr 1798. Aber in einem Punkt weist dieser Friedhof eine Besonderheit auf, die nicht so recht erklärt werden kann: Normaler Weise bestatten die Juden ihre Toten so, dass deren Füsse nach Osten und der Kopf nach Westen weisen, vom Moment des Aufstellens an wird die Grabplatte nicht mehr gereinigt oder gepfegt, sie wird sich und der umgebenden Natur überlassen, was den für meine Begriffswelt den unglaublich schönen Charakter der jüdischen Friedhöfe ausmacht, je älter umso schöner. Nicht so hier auf dem Friedhof in Endingen: Hier weisen die Füsse der Toten nach Süden und der Kopf nach Norden. Jüdische Gräber werden nie aufgehoben oder aufgelöst, sie bleiben gemäss des jüdischen Glaubens bis zum Tage der Auferstehung als Ruhestätte bestehen. In Grossstädten wie zum Beispiel Berlin führte dieser Glauben dazu, dass so manch ein jüdischer Friedhof aufgrund schieren Platzmangels mehrere übereinander liegende Schichten aufweist, oder besser: Aufwies, denn die Nationalsozialisten waren auch hier sehr „gründlich“, so dass mit Ausnahme des grossen jüdischen Friedhofes praktisch kein einziger der zahllosen kleineren Friedhöfe mitten in der Stadt jene grauenhafte Zeit überstanden hat. Viele Grabesplatten von Endingen sind so alt, dass man nicht einmal einen einzigen Buchstaben erkennen kann, so stark ist das Gestein im Laufe der Zeit verwittert, andere sind von uralten Moos- und Efeupflanzen überwuchert oder in Bäume eingewachsen. Leider wurde auch dieser so schöne Friedhof mehrfach geschändet, insbesondere zu der Zeit, als in der Schweiz jene unsägliche „Holocaust-Debatte“ geführt wurde. Man kann jenen Friedhof besuchen, allerdings muss man sich dafür einen Schlüssel im Altenheim von Endingen abholen.
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