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Das körnige Bild erobert die Leinwand
“Don’t try this at home” von Mathias Maaß
Filme wie “Festen”, “Breaking the Waves”, “My Brother Tom” oder “Der Felsen” brachen zwischen 1995 und 2003 ein grosses Tabu; sie wandten sich ab von der Hollywoodschen Bildästhetik und deren traditionellen Formate wie 16mm oder 35mm und versuchten, mit Amateurkameras eine neue Bildsprache zu schaffen. In “Don’t try this at home” geben die drei grossen Regisseure dieser neuen Kinoästhetik Auskunft über ihr Schaffen und die gebrochenen Tabus.
Von Lukas Hunziker.
Robby Müller, Kameramann von Wim Wenders und Jim Jarmush, löste mit “Breaking the Waves” (1996) einen Skandal unter Kameraleuten aus. Die wacklige Handkamera, welche zu einem der Markenzeichen des dänischen Dogmafilms wurde, widersprach allem, was man bis anhin für gute Kameraführung gehalten hatte. Noch radikaler setzte Anthony Doo Mantle, der diesen Frühling den Kamera-Oscar für “Slumdog Millionaire” erhielt, die Handkameratechnik in “Festen” (1998) von Thomas Winterberg um. Entsprach “Breaking the Waves” abgesehen von der Kameraführung noch einigermassen der aus Hollywood gewohnten Bildästhetik, wurde “Festen” konsequent mit einer handelsüblichen Amateurkamera gedreht, ohne künstliches Licht und ebenfalls ohne Stativ. Mantle und Müller ernteten Spott und Verachtung für ihre Tabubrüche, drehten mit “My brother Tom”, “Dancer in the Dark” (Müller), “”Julien Donkey-Boy” und “28 Days later” (Mantle) jedoch vier weitere bahnbrechende Filme, die mit Amateurkameras arbeiteten.
Neue Wege der Bildsprache
Benedict Neuenfels brachte die Handkameraästhetik 2002 nach Deutschland. Wegen kurzfristiger Streichungen im Budget sahen sich die Macher von “Der Felsen” gezwungen, bei der Produktion zu sparen, was Kameramann Neuenfels dazu brachte, auf eine Amateurkamera umzusteigen. Einen eigenen Stil mit Mini-DV Kameras entwickeln wollte er allerdings ebenso wenig wie Müller und Mantle. Die Wahl der ungewöhnlichen Bildästhetik trafen die drei Kameramänner nicht aus Protest gegen herkömmliche Formate, sondern weil ihnen der “Amateurstil” zum Inhalt des Films zu passen schien. Sie schufen damit weniger eine Gegenbewegung zum Mainstreamhochglanz, sondern öffneten viel mehr neue Wege, Geschichten optisch interessant und passend umzusetzen.
“Don’t try this at home” versucht, diese Revolution anhand von Interviews mit den drei Kameraleuten zu vergegenwärtigen. Filmausschnitte und eingeblendete Texterklärungen verdeutlichen dabei, wovon gesprochen wird. Dennoch, so interessant die Dokumentation ist, richtet sie sich stark an ein Publikum, welches Interesse an Kameratechnik und Kamerageschichte hat – gerade wer die Filme, welche diskutiert werden, nicht gesehen hat, wird die Dokumentation etwas unanschaulich finden. Damit bleibt “Don’t try this at home” eine lehrreiche Dokumentation über die “Revolution der Bildgestaltung im Spielfilm”, allerdings mit dem klaren Label “Special Interest”.
Austattung
Als Bonusmaterial finden sich auf der DVD knapp 80 Minuten ungeschnittenes Originalmaterial aus den drei Interviews. Dieses ist unterteilt in die vier Themenbereiche Licht, Schärfe, Kameraführung und Demokratisierung des Filmgeschäftes. In einem 5-minütigen Interview erzählt Matthias Maaß zudem, warum er einen Film über die Bildästhetik von in Spielfilmen verwendeten Amateurkameras machen wollte.
Seit dem 6. August 2009 im Handel.
Originaltitel: Don’t try this at home (Deutschland 2006)
Regie: Matthias Maaß
Darsteller: Robby Müller, Anthony Doo Mantle, Benedict Neuenfels
Genre: Dokumentarfilm
Dauer: 66 Minuten
Bildformat: 4:3
Sprachen: Englisch und Deutsch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Spanisch
Bonusmaterial: Interview mit Regisseur Matthias Maaß, ungeschnittenes Originalmaterial aus den Interviews zu den Themen Licht, Schärfe, Kameraführung und Demokratisierung
CH-Verleih: Praesens Film AG