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Die Sprache des Körpers verstehen lernen
Wenn es einem „das Herz abschnürt" und vor Aufregung „der Atem stockt", dann stellt die Sprache die Diagnose „psychosomatisch". Aber was steckt dahinter? Dieses Dossier erklärt die wichtigsten Zusammenhänge und will zu einem tieferen Verständnis anregen.
«Ich habe immer gedacht, wenn man sich nur zusammennimmt, dann kann man erreichen, was man will. Aber dann hat mein Körper nicht mehr mitgemacht.» So und ähnlich beginnen viele «psychosomatische Geschichten». Leib und Seele sind untrennbar miteinander verwoben. Gefühle werden erst spürbar, wenn sie sich auch in körperlichen Empfindungen ausdrücken. Daraus hat sich auch unsere «Sprache des Körpers» entwickelt:
Es liegt uns etwas auf dem Magen, eine Not bricht uns das Herz, man spürt Schmetterlinge im Bauch, man könnte weinen vor Glück oder man bekommt kalte Füsse vor Angst. Über dreissig körpersprachliche Bilder gibt es im Deutschen für menschliche Gefühle.
Bedrohliche Veränderungen
Oft sind es Veränderungen, die psychosomatische Störungen auslösen: Am Arbeitsplatz werden Computer eingeführt, die 18jährige Tochter hat einen Freund und will ausziehen oder der Ehemann entwickelt ein neues Hobby und nimmt sich mehr Freiheit. Das Symptom (z. B. Migräne) kann vielleicht aussagen: «Mir würde es gutgehen, wenn es diese Veränderung nicht gäbe!»
Psychosomatik in anderen Kulturen
Menschen in anderen Kulturen beschreiben Ängste und Depressionen oft in Metaphern von körperlichen Störungen: «Es tut überall weh; ich fühle mich schwach, obwohl ich nicht arbeite; es ist, als ob eine Schlange in mein Herz beissen würde; wie ein grosser Stein auf der Brust; als ob der Kopf zerspringen würde».
Die indische Schriftstellerin Chitra Banerjee Divakaruni beschreibt in ihren Romanen anschaulich die Körpersprache der Seele:
«Tausend Fragen quälen mich, bis ich das Gefühl habe, als würden in meinem ganzen Körper Nadeln stecken.»
«Und plötzlich schneidet die Tatsache, dass wir einander verlassen, wie ein Peitschenschlag in mein Fleisch.»
«Ich denke verzweifelt nach. Mein Kopf füllt sich mit einem Brüllen, wie ein entfernt tosendes Feuer. Das Innere meines Mundes ist mit Staub überzogen. Staub ziert den Saum meiner Lungen. Er saugt meine Stimme auf ...»
Trennung von Leib und Seele
Wenn der Mensch sich aber nur auf den Körper konzentriert (und die moderne Medizin ihn darin noch kräftig unterstützt), dann kommt es zu einer Spaltung zwischen Körper und Seele und oft zu neuen Problemen.
Psychosomatische Krankheiten können in jedem Körperteil auftreten und bilden darum ein eigenartiges, nur schwer fassbares Schattenland. Sie entziehen sich allen Versuchen der Hi-Tech-Medizin, sie zu lokalisieren und auf Bildern oder Kurven einzufangen. Das macht sie umso rätselhafter.
Der Leib wirkt umgekehrt auch auf die Seele
Doch es ist gefährlich, alle unerklärlichen Störungen als «nur psychosomatisch» abzutun. Mitunter sind sie einfach noch unzureichend erforscht. Das war beispielsweise bei den sieben klassischen Psychosomatosen der 50er Jahre der Fall: rheumatoide Arthritis, Colitis ulcerosa, Bronchialasthma, Neurodermitis, Bluthochdruck, Magengeschwüre und Hyperthyreose. Oft ist es eine derartige Krankheit, die ihrerseits psychische Auswirkungen hat, und nicht umgekehrt.
Andererseits sind wir mit unerklärlichen Symptomen konfrontiert, die die Lebensfreude trüben, Beziehungen belasten und die Arbeitsfähigkeit vermindern können.
Hilfe ist möglich
Wie kann man den betroffenen Menschen helfen? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Dieses Dossier will Grundlagen vermitteln und zum Gespräch anregen. Wenn wir dann uns selbst und betroffene Menschen besser verstehen und fachgerecht und einfühlsam begleiten können, ist schon sehr viel gewonnen.
* aus „Die Prinzessin im Schlangenpalast", Diana-Verlag.