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Von Mathias Binswanger
Dividiert man das Bruttoinlandprodukt eines Landes durch die Zahl der Beschäftigten (oder auch die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden) dann erhält man die sogenannte Arbeitsproduktivität. Diese erfreut sich in der wirtschaftspolitischen Diskussion einer grossen Beliebtheit und der Grundtenor lautet: je höher die Arbeitsproduktivität, umso besser. In der Schweiz ist diese Arbeitsproduktivität allerdings im Vergleich zu andern Industrieländern relativ bescheiden, obwohl wir doch als so fleissig gelten. Woran liegt das?
Spitzfindige Ökonomen haben die Schuldigen an der Arbeitsproduktivitätsmisere längst ausgemacht. Es sind die binnenwirtschaftlich orientierten Branchen, die dank Abschottung bisher von der internationalen Konkurrenz verschont geblieben sind und sich deshalb nie wirklich anstrengen mussten. In international orientierten Branchen wie den Banken oder der Pharmaindustrie werden über 300000 CHF an Wertschöpfung pro Mitarbeiter pro Jahr erzielt. Bei den binnenorientierten und teilweise auch noch hochsubventionierten Branchen wie Landwirtschaft oder Gesundheitswesen sind es dagegen nur um die 50000 CHF pro Mitarbeiter pro Jahr. Solche Zahlen drücken die gesamtwirtschaftlich ausgewiesene Arbeitsproduktivität.
Müssen wir den unproduktiven Binnensektor also gesundschrumpfen? Keinesfalls. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität zum Mass aller Dinge machen zu wollen, wie das immer wieder getan wird, ist volkswirtschaftlicher Unsinn. Schauen wir uns doch einmal an, in welchen Branchen die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer tatsächlich arbeiten. Die grössten Arbeitgeber mit jeweils über 250'000 Erwerbstätigen sind das Gesundheits- und Sozialwesen, der Detailhandel, das Baugewerbe und der Tourismus. Und diese vier Branchen haben eine grosse Gemeinsamkeit. Sie weisen alle eine geringe Arbeitsproduktivität auf, die unter 100'000 CHF pro Erwerbstätigen pro Jahr liegt.
Die geringe Produktivität in diesen Branchen ist nichts anderes als die Folge der hohen Beschäftigung in diesen Branchen. Die Arbeitsproduktivität ist ein Quotient, und ein Quotient hat per Definition die Eigenschaft, dass er sowohl durch eine Veränderung des Zählers (hier die Wertschöpfung) als auch durch eine Verminderung des Nenners (hier die Zahl der Beschäftigten) verändert werden kann. Die Arbeitsproduktivität lässt sich also steigern, indem entweder die Beschäftigten mehr produzieren, oder indem man die Beschäftigung reduziert und Stellen abbaut. Und in der Realität läuft oftmals beides parallel. So haben etwa die Banken ihre Produktivität von 1996 bis 2006 jährlich um rund 4 Prozent gesteigert aber gleichzeitig die Beschäftigung reduziert. Nur dank einem Mix von hochproduktiven, exportorientierten Branchen und relativ wenig produktiven binnenorientierten Branchen schaffen wir es, das Ziel eines hohen allgemeinen Wohlstandes mit dem Ziel einer hohen Beschäftigung in Einklang zu bringen.