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Hans B. aus Tafers hat in der Nacht des 19. Februar 1799 ein Pferd gestohlen und gesteht seine Tat. Das Kantonsgericht Freiburg verurteilt ihn zu einer Stunde Pranger sowie zu fünf Jahren Zuchthaus. Auch Hans H. aus Rechthalten wird bestraft. Er hat gleich drei Diebstähle gestanden: den einer Geldsumme, einer Kuh und eines Ochsen. Der Angeschuldigte muss für zwei Stunden an den Pranger und lebenslang in einem Zuchthaus Zwangsarbeit verrichten. Jean S. aus Dietisberg ist mitschuldig am Tod von Hans S. im Wirtshaus in Wünnewil. Freiburger Richter verurteilen den Angeschuldigten zu einer Haftstrafe, verpflichten ihn zu einer Abfindung an Witwe und Kinder des Ermordeten und verbieten ihm, die Gemeinde während zwei Jahren zu verlassen und in dieser Zeit ein Wirtshaus zu betreten. Die drei Beispiele zeigen: Diebstahl wird härter bestraft als Mord. Was auf den ersten Blick nach einem eigenartigen Urteil klingt, ist um 1800 gesetzlich so festgeschrieben.
Soziale Ausgrenzung
In allen drei Fällen beruft sich das Freiburger Kantonsgericht nämlich auf die Karolina, das Gesetzbuch Kaiser Karls V. aus dem Jahr 1532. Insbesondere der Pferdediebstahl stellt darin eines der schlimmsten Vergehen dar und muss mit dem Tode bestraft werden. Im Fall B. diskutiert das Gericht daher über eine allfällige Todesstrafe. Sein Geständnis und die Abstammung aus einer angesehenen Familie werden als mildernde Umstände für den Pferdedieb geltend gemacht.
Dennoch: Diese Strafe darf aus heutiger Sicht keineswegs als Gnadenakt missverstanden werden. Eine solche Strafe setzt den Verurteilten im Gegenteil dem öffentlichen Gespött aus und soll ihm seine Ehre nehmen. Ziel ist die soziale Ausgrenzung des Verurteilten. Im 18. Jahrhundert rückt das Motiv der Wiedergutmachung und Resozialisierung durch Disziplin und Arbeit stärker in den Vordergrund. Die mildernden Umstände bei B. sprechen für seine Besserung und Wiederaufnahme in die Gesellschaft. Deshalb wird er auch zu Zwangsarbeit in einem Zuchthaus verurteilt. Anders steht es um den Angeklagten H.: Wiederholter Diebstahl und mehrere Zuchthausaufenthalte haben dessen Unverbesserlichkeit bewiesen. Das Urteil ist daher klar: lebenslängliche Zwangsarbeit in Ketten. Jean S. wird wegen den Interessen der Witwe im Vergleich dazu sehr mild bestraft. Sie profitiert eindeutig mehr von einer finanziellen Entschädigung als vom Tod des Angeklagten. Geldstrafen dienen neben der Kompensation des Schadens auch zur Reintegration des Täters. Somit erhält S. die Chance, wieder in die Gemeinde aufgenommen zu werden.
Zweckdienliche Strafen
Die Urteile erscheinen nur auf den ersten Blick von der Willkür des Richters abhängig. Dahinter stehen in der Helvetik die Ideen der sozialen Ausgrenzung einerseits und der Resozialisierung andererseits. Pranger und lebenslange Freiheitsstrafe schliessen Diebe wie H. aus der Gesellschaft aus, während Zuchthaus und Geldstrafen darauf zielen, einen Mörder wie S. zu erziehen und zu reintegrieren. Beide Arten von Strafen existieren nebeneinander und werden oft zusammen im selben Fall angewendet. Sie sind Ausdruck einer Mischform aus alter und moderner Strafjustiz.
Caroline Anthenien und Stefanie Göttelstudieren Geschichte an der Universität Freiburg.
Sommerserie
Straffälle zwischen Ancien Régime und Moderne
Basierend auf rund zweihundert Jahre alten Gerichtsakten haben Geschichtsstudierende der Universität Freiburg unter der Leitung von Andreas Behr und Nadja Sutter lokale Strafprozesse rekonstruiert und aufgearbeitet. Daraus sind acht Artikel entstanden, welche die Freiburger Strafpraxis zwischen 1798 und 1803 beleuchten. Die untersuchte Zeitspanne ist deshalb von besonderem Interesse, weil das Ancien Régime 1798 gestürzt wurde und ein demokratischer Einheitsstaat nach französischem Vorbild errichtet werden sollte, die sogenannte Helvetische Republik. Viele der angestrebten Neuerungen konnten nicht sofort eingeführt werden, und so existierten alte und neue Strukturen eine Zeit lang nebeneinander. Dies galt auch für die Justiz, wie in den behandelten Fällen sichtbar wird.abe/nas