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Mittelamerikanische Wollbeutelratte
Caluromys derbianus
© 2007 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Ist von «Beuteltieren» die Rede, denken wohl die meisten von uns zuerst an Australien und an Kängurus. Dies ist aber eine zu enge Sicht der Dinge. Denn zum einen sind die Beutelsäuger - so der zoologisch korrekte Begriff - eine sehr formenreiche Tiersippe. Hinsichtlich der Körpergrösse reicht das Spektrum von der Nördlichen Flachkopfbeutelmaus (Planigale ingrami), welche nur 4,5 Gramm wiegt, bis zum Roten Riesenkänguru (Macropus rufus), welches bis 85 Kilogramm auf die Waage bringt. Und auch ökologisch gesehen ist das Spektrum überaus breit: Es reicht von nachtaktiven Regenwaldbewohnern bis hin zu tagaktiven Wüstenbewohnern bzw. von pflanzenessenden Kletterbeutlern bis hin zu bodenlebenden Raubbeutlern, ja umfasst mit dem Schwimmbeutler (Chironectes minimus) sogar eine an das Wasserleben angepasste Form.
Zum anderen kommen die Beutelsäuger nicht allein im australischen Raum vor. Die Mehrzahl von ihnen, rund 200 Arten, lebt zwar in Australien, auf Neuguinea, auf den Molukken und auf den Salomonen. Die restlichen ungefähr 70 Arten, also immerhin gut 25 Prozent, sind jedoch im amerikanischen Raum zu Hause. Die Mittelamerikanische Wollbeutelratte (Caluromys derbianus)
, von der auf diesen Seiten berichtet werden soll, ist eine dieser neuweltlichen Beutelsäugerarten.
Nordamerikanische Wurzeln
Die ältesten Beutelsäugerfossilien, die wir kennen, sind rund 75 Millionen Jahre alt. Sie stammen aus der Oberkreidezeit Nordamerikas und sind die Überreste von Wesen, welche den heutigen amerikanischen Beutelratten (Familie Didelphidae) schon sehr ähnlich waren. Die ältesten Beutelsäugerfossilien, welche bei Ausgrabungen in Australien zum Vorschein kamen, sind hingegen «nur» 23 Millionen Jahre alt. Dies legt die Vermutung nahe, dass sich die Beutelsäuger ursprünglich in der Neuen Welt herausgebildet hatten und sich hernach, irgendwann in grauer Vorzeit, von dort via Antarktika nach Australien ausbreiteten. Dies ist darum denkbar, weil die drei Erdteile bis vor rund 45 Millionen Jahren miteinander verbunden waren.
In Australien vermochten sich die Beutelsäuger während vieler Jahrmillionen ungehindert zu entwickeln, denn der abgeschiedene Kontinent wurde von den «moderneren» Plazentasäugern, welche fast überall sonst auf der Welt im Wettstreit um ökologische Nischen die Oberhand gewannen, nie erreicht. In Australien konnte sich darum eine sehr formenreiche Beutelsäugerfauna entfalten, welche zeitweilig, als das australische Klima feuchter war, selbst nashorngrosse Geschöpfe wie das Diprotodon optatum
umfasste.
Auch in Südamerika entwickelten sich einst stattliche Beutelsäuger, darunter Beutegreifer wie der jaguarartige Säbelzahnbeutler Thylacosmilus atrox
. Diese starben aber vor ungefähr 3,5 Millionen Jahren aus, nachdem sich eine Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika gebildet hatte und von Norden her einwandernde Plazentasäuger die meisten Beutelsäuger aus ihren ökologischen Nischen verdrängten.
3 Wollbeutelratten
Die Klasse der Säugetiere (Mammalia) wird aufgrund der Weise, wie sich die Embryonalentwicklung abspielt, in drei - sehr verschieden grosse - Unterklassen gegliedert: die Eierlegenden Säuger (Prototheria) mit 3 Arten, die Beutelsäuger (Metatheria) mit ungefähr 270 Arten und die Plazentasäuger (Eutheria) mit über 4300 Arten.
Bis vor kurzem wurden sämtliche Mitglieder der Unterklasse der Beutelsäuger in einer einzigen Ordnung (Marsupialia) zusammengefasst. Heute werden sie - hauptsächlich aufgrund vergleichender molekularbiologischer Untersuchungen des Erbguts (DNS-Analysen) - von den Fachleuten in mehrere Ordnungen unterteilt. Allerdings haben sich die Experten noch nicht auf eine allgemein gültige neue Beutelsäugersystematik einigen können, weshalb wir hier auf nähere Angaben verzichten wollen.
Unbestritten ist, dass sämtliche Beutelsäuger, welche in der Neuen Welt heimisch sind, einer einzigen Familie angehören, nämlich der Familie der Beutelratten (Didelphidae). Die insgesamt rund 70 Arten, welche in 15 Gattungen gegliedert werden, sind vom südlichen Kanada südwärts bis zum südlichen Argentinien verbreitet. Hinsichtlich der Körpergrösse reicht das Spektrum von der ungefähr zehn Gramm schweren Kuns-Spitzmausbeutelratte (Monodelphis kunsi)
bis hin zum Nord- oder Virginia-Opossum (Didelphis virginiana)
, welches bis 5,5 Kilogramm wiegen kann und die einzige Beutelsäugerart ist, welche heute in Nordamerika vorkommt.
Die Mittelamerikanische Wollbeutelratte ist eine von drei Arten in der Gattung Caluromys
. Bei den beiden anderen handelt es sich um die Westliche, Rote oder Braunohr-Wollbeutelratte (Caluromys lanatus)
und die Östliche, Gelbe oder Nacktschwanz-Wollbeutelratte (Caluromys philander).
Die Mittelamerikanische Wollbeutelratte ist vom Bundesstaat Veracruz im südlichen Mexiko über Belize, Guatemala, Honduras, Nicaragua, Costa Rica, Panama und das westliche Kolumbien bis zum nördlichen Ecuador heimisch. Die Östliche Wollbeutelratte ist in Venezuela, Guyana, Surinam, Französisch-Guayana und Nordbrasilien sowie auf den Karibikinseln Margarita, Trinidad und Tobago anzutreffen. Die Westliche Wollbeutelratte ist vom nördlichen Kolumbien bis zum südlichen Paraguay und nördlichen Argentinien verbreitet.
Die Wollbeutelratten haben - wie ihr Name andeutet - ein wolliges «Teddybärenfell». Kennzeichnend ist ferner ihr mehr als körperlanger Schwanz, der in der hinteren Hälfte unbehaart ist und als kräftiges Greiforgan beim Klettern eingesetzt wird. Bei Bedarf können sich die Tiere allein am Schwanz von einem Ast herunterhängen lassen. Der Kopf weist grosse, häutige Ohren, dunkle Knopfaugen und einen deutlichen Stirnstreif auf. Die nackten Pfoten verfügen je über fünf Finger bzw. Zehen, welche mit Ausnahme des abspreizbaren grossen Zehs mit spitzen Krallen bewehrt sind, welche ebenfalls beim Klettern sehr dienlich sind. Der «Beutel» besteht aus einem Paar niedriger Längsfalten, welche das Zitzenfeld am Unterbauch des Weibchens beiderseits einfassen. Ihrem Namen zum Trotz verfügen die Wollbeutelratten also - wie übrigens viele andere Beutelsäuger - nicht über einen wirklichen Brutbeutel, in welchen der Nachwuchs aufgenommen werden kann.
In Regenwäldern heimisch
Die Mittelamerikanische Wollbeutelratte ist die grösste der drei Caluromys
-Arten. Ihre Kopfrumpflänge bemisst sich auf 18 bis 29 Zentimeter, die Schwanzlänge auf 27 bis 49 Zentimeter, und das Gewicht liegt zwischen 200 und 400 Gramm. Die Fellfarbe unterliegt innerhalb des weiten Verbreitungsgebiets erheblicher Variation, ist aber im Allgemeinen oberseits gelblich, rötlich oder bräunlich, unterseits und auf der Stirn weisslich.
Über die Lebensweise der Mittelamerikanischen Wollbeutelratte ist erst wenig bekannt, denn es wurden bisher keine Feldstudien durchgeführt - wohl weil die Art klein, nachtaktiv und baumlebend ist und somit ein überaus schwieriges Studienobjekt darstellt. Im Folgenden sollen die spärlichen Informationen, die wir haben, zusammengefasst werden.
Regenwälder bis zu einer Höhe von ungefähr 2500 Metern ü.M. bilden den Lebensraum der Mittelamerikanischen Wollbeutelratte. Hier bewegt sich die gewandte Kletterin die meiste Zeit im oberen Bereich des Kronendachs umher. Selten steigt sie in die mittleren Baumetagen und so gut wie nie auf den Boden hinunter. Wie die meisten neuweltlichen Beutelsäuger ist sie vornehmlich nachts unterwegs. Ihre Kost ist vielfältig: Zur Hauptsache setzt sie sich aus Früchten aller Art zusammen, beinhaltet aber auch Blüten und Nektar sowie Insekten und andere Kleintiere.
Hinsichtlich der Gesellschaftsstruktur der Mittelamerikanischen Wollbeutelratte dürfen wir annehmen, dass sie wie alle anderen neuweltlichen Beutelsäuger einzelgängerisch lebt. Zwar können sich mitunter zwei oder mehr Individuen in der Krone eines früchtetragenden Baums aufhalten, doch kommt es dabei kaum zu direkten Kontakten, weil die Tiere einander geflissentlich aus dem Weg gehen. Sollte dennoch einmal ein Individuum einem anderen zu nahe kommen, so versuchen beide, ihr Gegenüber mit Maulaufreissen und Zischen einzuschüchtern - und gehen dann in der Regel einfach beide wieder ihres Wegs.
Von der besser untersuchten Östlichen Wollbeutelratte wissen wir, dass die einzelnen Tiere Gebiete von durchschnittlich etwa drei Hektaren bewohnen, welche an den Rändern mit den Wohngebieten der Nachbarn überlappen können. Ob der zentrale Wohngebietsbereich zur alleinigen Nutzung, also als Territorium beansprucht wird, ist allerdings auch von dieser Art nicht bekannt.
Monatelang angedockt
Auch über das Fortpflanzungsgeschehen bei der Mittelamerikanischen Wollbeutelratte ist kaum etwas bekannt. Wir können aber davon ausgehen, dass es sich ähnlich abspielt wie bei den anderen, besser untersuchten neuweltlichen Beutelsäugern, denn diese verhalten sich alle sehr ähnlich. Hier ein kurzer Überblick:
Im Allgemeinen wird die Fortpflanzung zeitlich so gehandhabt, dass die Jungtiere den mütterlichen Beutel verlassen können, wenn das Nahrungsangebot reichlich ist und somit der Start ins Leben leicht fällt. In Mittelamerika erfolgen die Paarungen darum zur Hauptsache während der regionalen Trockenzeit zwischen Februar und Mai. Eine über die Paarung hinausgehende Paarbeziehung zwischen Männchen und Weibchen existiert nicht.
Nach einer kurzen Tragzeit von etwa 25 Tagen kommen die winzigen, embryoartigen Jungtiere zur Welt. Je Wurf sind es bei der Mittelamerikanischen Wollbeutelratte gewöhnlich drei oder vier, selten bis sechs. Nach dem Verlassen der Geburtsöffnung «kämpfen» sie sich durch das mütterliche Bauchfell, bis sie das Zitzenfeld erreichen. Haben sie dies geschafft - was längst nicht immer der Fall ist - saugen sie sich an einer Zitze fest, worauf diese anschwillt und den Mundraum ausfüllt. So verbleiben die Jungen während der nächsten ungefähr drei Monate an ihre Mutter «angedockt» und werden von ihr überallhin mitgetragen.
Im Alter von drei Monaten lösen sich die Jungtiere aus ihrer Verankerung, denn nun sind sie zu gross und zu schwer, um von der Mutter weiterhin umhergetragen zu werden. Allerdings sind sie noch zuwenig weit entwickelt, um ihr nachklettern zu können. Das Weibchen lässt seinen Nachwuchs darum in einem sicheren Versteck zurück, während es auf die Nahrungssuche geht. Bei der Östlichen Wollbeutelratte dienen Höhlungen in Stämmen oder dicken Ästen als Unterschlupf, was auch bei der Mittelamerikanischen Wollbeutelratte der Fall sein dürfte. Während rund eines Monats bleiben die Jungen in ihrem Nest und werden dort weiterhin von der Mutter mit Milch versorgt. Danach begleiten sie sie auf ihren Streifzügen durch das Kronendach und nehmen eigenständig Nahrung zu sich. Wenig später löst sich die Kleinfamilie auf.
Insgesamt beträgt die Zeit von der Geburt bis zur Selbstständigkeit bei den Wollbeutelratten somit ungefähr vier Monate, weshalb die Weibchen dort, wo die Saisonalität gering und das Nahrungsangebot ganzjährig gut ist, zwei bis sogar drei Würfe im Jahr aufzuziehen vermögen. Geschlechtsreif werden die jungen Wollbeutelratten im Alter von acht bis zehn Monaten. In Menschenobhut können die Tiere über sechs Jahre alt werden. In der freien Wildbahn mit all ihren Unwägbarkeiten liegt die Lebenserwartung aber wohl bei nur zwei bis drei Jahren.
Schwindende Bestände
Früher wurden Wollbeutelratten in grosser Zahl erlegt, um ihr Fell zu gewinnen. Heute ist dies nicht mehr üblich, weil der wollige Pelz nicht mehr gefragt ist. Trotzdem gibt es Hinweise auf ein Schwinden der Bestände der Mittelamerikanischen Wollbeutelratte. Dies ist vor allem auf die Zerstörung ihres Lebensraums, der Regenwälder, zurückzuführen. Die Art wird deshalb von der Weltnaturschutzunion (IUCN) in der Kategorie «Verletzlich» auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten geführt. (Die beiden anderen, in Südamerika heimischen Wollbeutelrattenarten gelten als «Fast gefährdet».)
Auch in Belize, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, schwinden die Wälder. Zwar verfügt die ehemalige britische Kolonie («Britisch-Honduras»), welche mit einer Festlandfläche von 22 145 Quadratkilometern etwa halb so gross ist wie die Schweiz (41 285 km2), im Binnenland noch über ausgedehnte Regenwälder. Diese werden jedoch mehr und mehr zurückgedrängt, weil die Wirtschaft boomt, die Bevölkerung entsprechend schnell wächst, und somit die Nachfrage nach Siedlungs- und Plantagenflächen sowie Brenn- und Bauholz gross ist.
Da unsere Kenntnisse über die Bestandssituation und die Lebensraumansprüche der Mittelamerikanischen Wollbeutelratte spärlich sind, sollten dringend entsprechende Erhebungen durchgeführt werden. Erst dann lassen sich geeignete Massnahmen zum Schutz dieses einzigartigen Beutelsäugers treffen. Davon würden zweifellos viele weitere Wildtierarten Mittelamerikas profitieren, darunter die anderen sieben in Belize heimischen Beutelsäuger, von denen wir stellvertretend die Blassbauch-Zwergbeutelratte (Marmosa robinsoni)
und die Graue Vieraugenbeutelratte (Philander opossum)
nennen wollen.
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