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Die Eishockey-WM 2020 in Zürich und Lausanne findet nicht statt. Wie stehen die Chancen, dass sie 2021 «nachgeholt» wird? Was bedeutet die Absage für unseren Eishockey-Verband? Was passiert mit den bereits verkauften 300'000 Tickets?
Die Absage bedeutet erst einmal, dass es 2020 keinen Weltmeister gibt. Der Kongress des Internationalen Eishockey-Verbandes (IIHF) wird entscheiden, ob die verschiedenen WM-Turniere 2020 (insgesamt 20) alle im Paket um ein Jahr verschoben und im nächsten Jahr am gleichen Ort durchgeführt werden. Für die WM 2021 (Riga und Minsk) und 2022 (Finnland) sind die Verträge bereits gemacht. Die WM-Turniere 2023 (Russland), 2024 (Tschechien) und 2025 (Schweden und Dänemark) sind erst vergeben, vertraglich aber noch nicht fixiert.
IIHF-Präsident René Fasel sagt:
Der Kongress, der darüber entscheidet, hätte im Mai in der Schweiz stattfinden sollen und ist ebenfalls verschoben. Er soll so früh wie möglich – Juni? Juli? – in der Schweiz nachgeholt werden. Die Chancen für eine WM 2021 in Zürich und Lausanne dürften bei etwa 80 Prozent liegen.
300'000 Tickets im Wert von 24 Millionen Franken sind für die Spiele in Zürich und Lausanne bereits verkauft worden.
René Fasel sagt: «Wer ein Ticket gekauft hat, bekommt das Geld abzüglich einer Bearbeitungsgebühr zurück. Wenn die WM 2021 in Zürich und Lausanne stattfinden kann, dann prüfen wir die Möglichkeit, dass die Tickets ihre Gültigkeit behalten. Der Spielplan wäre dann der gleiche wie 2020.»
Die bereits entstandenen Kosten sind durch die Versicherung gedeckt. Die Frage ist, ob die Versicherung auch für den entgangenen Gewinn aufkommt. Bei jeder WM überträgt der internationale Verband einer Firma vor Ort die Austragung, die nur für die WM-Organisation gegründet wird und an der sich in der Regel der WM-Vermarkter Infront und der nationale Verband beteiligen. So ist es auch in diesem Fall. Unser Verband (Swiss Ice Hockey) rechnet mit einem Gewinn von rund zwei Millionen.
René Fasel sagt:
Verbandspräsident Michael Rindlisbacher sagt: «Bei der genannten Summe handelt es sich nicht um einen Gewinn, sondern um eine Rechtesumme. Ob diese Rechtesumme nach der Absage trotzdem fällig wird, respektive über die Versicherung gedeckt ist, ist zurzeit in Abklärung. Daher können wir diesbezüglich noch keine weiteren Angaben machen.»
Michael Rindlisbacher sagt: «Wenn aus der der abgesagten WM kein Geld fliesst, ist dies kurzfristig für den Verband kein Risiko, da die vereinbarte Rechtesumme nicht budgetiert worden ist. Der Betrag wäre aber für die Zukunft des Nachwuchshockeys oder gewisse Förderprojekte unseres Eishockeys von grosser Wichtigkeit.»
Die Mission WM 2020 ist nun für Patrick Fischer zu Ende. Das erste WM-Aufgebot, das er bereits zusammengestellt hatte, geht zu den Akten und wird wohl für alle Zeiten dort verbleiben.
Beim Verbandspersonal inklusive Nationaltrainer Patrick Fischer dürfte nun Kurzarbeit eingeführt werden.
Michael Rindlisbacher sagt dazu: «Seit dem Meisterschaftsabbruch beziehen viele unserer Mitarbeiter ihre restlichen Ferien des laufenden Geschäftsjahres, das am 31. Mai endet. Die Geschäftsleitung wird Anfang der kommenden Woche über die Einführung von Kurzarbeit per Anfang April diskutieren und entscheiden. Nach dem Bundesratsentscheid in Bezug auf Kurzarbeit bei Zeitverträgen werden wir nun die entsprechenden Optionen prüfen und darüber beschliessen.»
Die Option Zeitverträge gilt vor allem für Trainer wie Patrick Fischer und Tommy Albelin. Kurzarbeit bedeutet, dass die Angestellten – wenn sie zu 100 Prozent eingeführt wird – auf 20 Prozent des Gehaltes verzichten müssen. Kurzarbeit gilt aber nur für ein Jahressalär bis maximal 148'000 Franken. Was darüber ist, muss der Arbeitgeber weiterhin bezahlen.
Einige Verbandsangestellte wie Patrick Fischer, sein Assistent Tommy Albelin (mit Zeitverträgen) oder Geschäftsführer Patrick Bloch, Liga-Direktor Denis Vaucher, Ausbildungschef Markus Graf oder Schiedsrichter-Chef Andreas Fischer verdienen mehr oder ganz erheblich mehr als diese Maximalsumme und werden weiterhin die Lohnbuchhaltung belasten. Es sei denn, es gibt freiwillige Verzichte.
Da will Präsident Michael Rindlisbacher mit dem guten Beispiel vorangehen und auf einen Teil seines Präsidentenhonorars von 90'000 Franken plus 30'000 Franken Pauschalspesen (die Zahlungen sind an keine Leistungsvorgaben geknüpft) verzichten: «Für mich als Präsident ist es selbstverständlich, dass wenn Mitarbeitende von Swiss Ice Hockey wegen der aktuellen Situation Einkommensverluste hinnehmen müssten, ich mich solidarisch zeige und bereit erklärte, auf einen Teil meines Honorars zu verzichten. Diese Solidarität gegenüber den Mitarbeitenden von Swiss Ice Hockey erwarte ich von allen, die in der Lage sind, auf einen Teil ihres Einkommens zu verzichten.»
Vorgesehen ist gemäss Michael Rindlisbacher auch ein Einstellungsstopp:
Ein hochheikles Traktandum mit viel Brisanz. Der neue U18-Nationaltrainer Marcel Jenni (er verlässt Zugs Junioren-Abteilung) und der neue U20-Nationaltrainer Marco Bayer sind zwar auserkoren, aber noch nicht angestellt. Es gibt Stimmen, die sagen, in der aktuellen Situation sei es nicht zu verantworten, diese beiden neuen Juniorennationaltrainer bereits jetzt anzustellen und zu bezahlen.
In Langnau ist man zwar froh, dass Marco Bayer eine neue Herausforderung gefunden hat. Sein Vertrag wäre sonst bei der nächstmöglichen Gelegenheit per Ende Jahr aufgelöst worden. Nun ist man um diese heikle Entscheidung herumgekommen.
Aber die gut informierten Langnauer wissen, dass der Verband bei der Anstellung von Verbands-Geschäftsführer Patrick Bloch im März 2019 an den HC Thurgau (Bloch war dort Geschäftsführer) eine Ablösesumme bezahlt hat. Also werden sie Marco Bayer kaum ohne Abgangsentschädigung vor Ablauf seines Vertrages Ende Jahr ziehen lassen. Sie zittern im «doppelten Sinne» um ihren Sportchef: Einerseits möge er so schnell wie möglich gehen, andererseits ist er als so wichtig zu erachten, dass man für ihn wohl – wie für Patrick Bloch – mit Fug und Recht eine Ablösesumme in der Höhe von mehreren Zehntausend Franken erwarten darf.
Krisenzeiten führen auch dazu, dass Strukturen in Frage gestellt werden. Ist es überhaupt nötig, einen Nationaltrainer für die U18- und einen für die U20-Nationalmannschaft zu beschäftigen? Genügt nicht ein hauptberuflicher Nationaltrainer für die beiden Junioren-Nationalteams, der bei der U20-WM von Patrick Fischer und Tommy Albelin entlastet wird? Genügen für die Termine unter der Saison für die Junioren-Nationalteams nicht Trainer, die bloss im Mandat beschäftigt werden?
Diese Fragen tauchen auch deshalb auf, weil bei einer Absage der WM zwar die Kosten durch die Versicherung gedeckt sind. Aber der zu erwartende Gewinn von mindestens zwei Millionen wird nicht in die Verbandskassen fliessen.
Es zeichnet sich ab, dass nach überstandener Krise die in den letzten fetten Jahren ins Kraut geschossene Verbands-Administration wieder auf eine gesunde, funktionelle Basis zurückgestutzt wird.