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Stefanie ist 33 Jahre alt und kommt aus dem deutschen Ort Krumbach. Bevor sie in der zivilen Seenotrettung aktiv wurde, hatte sie bereits viele Jahre als Hebamme für Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans frontières – MSF) in verschiedenen Kontexten gearbeitet. Im Jahr 2015, als viele Menschen in Deutschland Asyl suchten, arbeitete Stefanie zusammen mit ihrer Schwester, die ebenfalls im Gesundheitswesen tätig ist, ehrenamtlich in Aufnahmezentren.
„Ich wollte auf europäischer Ebene weiter im Bereich Migration arbeiten. Das Team von Ärzte ohne Grenzen auf der Aquarius suchte im Januar 2018 eine französischsprachige Hebamme und ich beschloss, diese Chance zu nutzen.“
Stefanie arbeitete bis Mai 2018 auf der Aquarius und erlebte die Übertragung der Koordinierung für Such- und Rettungsmassnahmen von der italienischen Rettungsleitstelle (Maritime Rescue Coordination Center (MRCC)) auf die libysche Küstenwache. „Meine Erfahrungen auf der Aquarius waren sehr bereichernd, aber auch herausfordernd. Bis Anfang 2018 wurde die Such- und Rettungszone [vor der libyschen Küste] vom italienischen MRCC koordiniert, allerdings liess dies in den folgenden Monaten immer weiter nach. Im März informierte uns das MRCC über ein in Seenot geratenes Schlauboot. Als wir dem Boot näherkamen, konnten wir durch ein Fernglas sehen, dass es sehr unstabil war. Wir versuchten den Notfall dem MRCC zu melden. Nach mehreren unbeantworteten Anrufen hiess es, die Aquarius solle in „stand by“ bleiben, da die libysche Küstenwache kommen würde. Doch diese tauchte stundenlang nicht auf. Das Boot wurde in der Zwischenzeit immer unstabiler. Als es dunkel wurde, informierten wir das MRCC, dass wir den Menschen in Not Rettungswesten geben würden. Schliesslich erreichte die libysche Küstenwache den Einsatzort. Die Behörden erlaubten uns lediglich Frauen, Kinder und kranke Menschen zu retten. Die restlichen Bootsinsassen wurden von der libyschen Küstenwache abgefangen und zurück nach Libyen gebracht. Wir hatten noch weitere Überlebende an Bord und es war es angesichts dieser Situation sehr schwierig, die Menschenmenge an Bord unter Kontrolle zu halten.“
Als die Aquarius im Sommer 2018 mit administrativen Blockaden konfrontiert wurde, entschloss sich Stefanie für sechs Monate mit MSF in der Demokratischen Republik Kongo zu arbeiten. Im Mai 2019 begann die Mobilisierung der Ocean Viking von SOS MEDITERRANEE und MSF in Polen. Stefanie gehörte damals zu den ersten Personen, die angerufen wurden, um bei der Gestaltung des medizinischen Moduls auf dem Schiff mitzuwirken. Hierbei konnte sie ihr medizinisches Wissen sowie ihre auf der Aquarius gesammelten Erfahrungen in Such- und Rettungsabläufen nutzen.
„Zu diesem Zeitpunkt waren die italienischen Häfen für NGOs geschlossen. Wir rechneten deshalb damit, dass es bei den Einsätzen der Ocean Viking lange Wartezeiten auf See geben würde, bevor Überlebende an Land gebracht werden können. Wir haben deshalb dafür gesorgt, dass wir einen Beobachtungsraum haben, falls wir Menschen nicht medizinisch evakuieren können oder falls Patienten mehrere Tage besondere Pflege brauchen. Ausserdem richteten wir einen Kühlraum für mögliche Verstorbene ein und schafften einen grossen Vorrat an Medikamenten an Bord an. Wir haben auch mehr Duschen und Waschbecken für Hygienezwecke eingebaut.“
Nach der Inbetriebnahme der Ocean Viking gehörte Stefanie im August 2019 zur Besatzung des ersten Einsatzes. Nach vier Rettungen in vier Tagen musste das Schiff 14 Tage lang mit 355 Überlebenden an Bord warten, bevor ein sicherer Hafen zugewiesen wurde [Anm. d. Red.: die längste Blockade auf See, die SOS MEDITERRANEE bisher erlebt hat].
„Es gab keine Koordination mit den Behörden. Es war heiss, uns ging das Wasser aus und wir mussten es auf dem Schiff filtern, um den Bedarf zu decken. Auf See sahen wir viele leere Boote ohne Kennzeichnung. Wir wussten nicht, was mit den Menschen passiert war.“
Nach ihren Einsätzen auf der Ocean Viking arbeitete Stefanie ein Jahr lang in einem Krankenhaus, bevor sie sich im April 2021 dem Team der Geo Barents – dem neuen Schiff von MSF – anschloss. Nach mehreren Einsätzen auf der Geo Barents beschloss Stefanie, im Februar 2022 als Leiterin des medizinischen Teams für SOS MEDITERRANEE auf die Ocean Viking zurückzukehren.
„Ich wollte immer auf die Ocean Viking zurückkehren. Als ich das Schiff zum ersten Mal betrat, fühlte es sich an, als käme ich nach Hause. Ich habe mich gefreut zu sehen, dass das medizinische Modul fast dasselbe war wie 2019, nur wenige praktische Änderungen waren vorgenommen worden. Ich bin erstaunt zu sehen, wie erfahren inzwischen jedes Teammitglied ist: Sie kennen die Abläufe, sie kennen das Schiff, sie kennen ihren Platz.“
„Der aktuelle Kontext ist allerdings ganz anders als 2019. Die COVID-19-Massnahmen sind eine Herausforderung, auch wenn das Team die bestmöglichen Vorkehrungen an Bord des Schiffes getroffen hat. Ausserdem gibt es immer noch keine Koordinierung von Rettungen seitens der Behörden. Ich hoffe, dass sich dies mit der Zeit verbessern wird.“