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Russland ist in der «mental map» vieler WesteuropäerInnen ein blinder Fleck oder höchstens ein diffuses Bild. Beim Stichwort Russland denkt man an «Sowjetunion, Ostblock, Kommunismus, Diktatur», davor vielleicht noch an «Zarenreich, Vielvölkerstaat». Erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges ist Russland in der jüngsten Vergangenheit wieder besonders negativ konnotiert: «Krieg, Aggression, Propaganda». Gerne geht vergessen, dass die russischsprachige Welt seit Peter dem Grossen im 18. Jahrhundert den Anspruch erhebt, eine europäische Kulturnation mit Westorientierung zu sein. Die kulturellen und wissenschaftlichen Verflechtungen mit dem westlichen Europa sind auch in den vermeintlich dunkelsten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nie gänzlich abgerissen. Drei Episoden sollen im Folgenden Zeugnis über wissenschaftliche Beziehungen der ETH Zürich mit der russischsprachigen Welt ablegen.
Der Agronom
Über Alexander Tscherniak aus Moskau, geboren am 23. Mai 1899, ist nicht viel bekannt. 1936 reichte er seine Doktorarbeit mit dem Titel «Über die Verdauung der Zellwandbestandteile des Futters durch das Haushuhn» am Institut für Haustierernährung ein. Die Arbeit stiess auf beinahe universelles Wohlwollen. Im Koreferat liest man:
«Der Bearbeiter verstand es, trotz der bereits erwähnten und weiterer Schwierigkeiten, unter denen insbesondere auch noch sprachliche und solche, die in einem abweichend gerichteten Studiengang begründet liegen, zu nennen sind, seine Aufgabe im grossen und ganzen mit vorbildlicher Energie und mit Geschick zu einem guten Ende zu führen.» (EZ-2.4/00919)
Alexander Tscherniak vermochte eine Vielzahl an Hürden zu bewältigen, bevor er an der ETH doktorieren konnte. Drei Jahre zuvor reichte er bereits sein Promotionsgesuch ein, wurde aber auf Geheiss des Schulrats angehalten, zuerst ein Diplom als Ingenieur-Agronom zu erwerben. Georg Wiegner, damaliger Professor für Agrikulturchemie und Tscherniaks Doktorvater, liess umfassende Erkundigungen zu seinem Kandidaten einholen. Das Rektorat wollte keinen Präzedenzfall schaffen, in dem ein Kandidat zu milde beurteilt würde. In einem Brief an den Rektor vom 19. November 1933 berichtete er von seinen Befunden.
Alexander Tscherniak wurde 1910 in die erste Klasse des staatlichen Gymnasiums in Smolensk aufgenommen, ging dort 8 Jahre in diese Schule, wovon die beiden letzten in die Zeit nach der Revolution fielen. Nach einer Maturitätsprüfung erfolgte der Eintritt in die landwirtschaftliche Schule, welche er zehn Semester lang besuchte. Tscherniak verfasste zusätzlich zwei Diplomarbeiten und konnte eine grosse Anzahl von bestandenen Schlussprüfungen vorweisen.
Wiegner ist beeindruckt vom Leistungsausweis des sowjetrussischen Aspiranten. Tscherniak kam nämlich in der frühen Sowjetunion noch in den Genuss eines längeren, generalistischen Studiums. Heute studiere man nur noch fünf Semester und grenze sich mehr ein, so Wiegner. Möglicherweise ist die Verkürzung des Studiums eine Massnahme der Parteiführung zur raschen Ausbildung spezialisierter Fachkräfte im Rahmen der Fünfjahrespläne ab Ende der 1920er-Jahre gewesen. Aufgrund der fehlenden Tiefe musste Tscherniak dann auch eine Ergänzungsprüfung ablegen, die Lücken füllen sollte.
Der Geologe
Den bekannten Schweizer Geologen Arnold Heim führten zahlreiche Expeditionen an alle bekannten und unbekannten Ecken der Welt. Im Sommer 1937 nahm er am 17. Internationalen Geologenkongress in Moskau teil. Im Anschluss unternahm er eine Schiffsreise nach Archangelsk, weiter nach Nowaja Semlja («Neues Land»), einer russischen Doppelinsel im Nordpolarmeer. Sein Rückweg führte ihn über Murmansk in Karelien zurück nach Leningrad, von wo er den Zug zurück nach Westeuropa nahm.
Die ausländischen Kongressgäste wurden in Moskau in luxuriösem Ambiente empfangen und fürstlich bewirtet. Aus seinem Reisetagebuch berichtet Arnold Heim:
«Abd. offiz. Empfang im Saal des Musik-Konservatorium, wo wundervolle Erze und die neuesten geol. Karten des Sovietreichs ausgestellt sind, bes. grell von Scheinwerfern beleuchtet riesengross die geol. Karte v. Russland, auf purpurnem Grund, links die Statue Lenins, rechts Stalin. Die Deutschen & Italiener haben deren Regierungen die Teilnahme am Kongress verboten, sonst sind 50 Nationen vertreten!» (Hs 494:265)
Auch beim Festbankett wurde nicht gespart:
«Verrückt luxuriöses Diner gegeben von der Sovietregierung. Jeder hat 5 Flaschen Weine & 5 Gläser vor sich, auch Mineralwasser überall. Desserts Süssigkeiten (Choc.) Dazu noch Branntwein & Champagner Überall wird man mit Kaviar überschwemmt.» (Hs 494:265)
Die Zurschaustellung von materiellem Luxus und wissenschaftlicher Errungenschaften scheint umso skurriler, wenn man bedenkt, dass der Auftakt dieses Geologen-Kongresses im Juli 1937 mit dem Beginn der stalinistischen Säuberungswellen von 1936-1938 zusammenfällt, einem beispiellos paranoiden organisierten Morden auf Stalins Geheiss, dem unzählige hochrangige Parteifunktionäre aber auch einfache Bürgerinnen und Bürger zum Opfer fielen. Einzig die beiden faschistischen bzw. nationalsozialistischen Staaten Italien und Deutschland verweigerten ihren Experten eine Teilnahme am Kongress in Moskau.
Ausserhalb der Metropole Moskau verlief Heims Reise auffällig unideologisch. Auf der beschwerlichen Schiffsreise im windgepeitschten und nieselregnerischen Nordpolarmeer fotografierte er nach Möglichkeit Gletscher und Tundra-Moose, wenn er nicht gerade an den Folgen der Seekrankheit litt.
Der Mathematiker
Der sowjetische Mathematiker Pawel Sergejewitsch Alexandrow veröffentlichte 1935 zusammen dem deutsch-schweizerischen Mathematiker Heinz Hopf ein Lehrbuch der Topologie, einem Teilgebiet der Mathematik, das sich mit der Lage und Ordnung geometrischer Gebilde im Raum befasst. Die beiden blieben durch eine lebenslange (Brief-)freundschaft eng miteinander verbunden. Umfangreiche Korrespondenzbestände aus dem Hochschularchiv bezeugen einen regelmässigen Austausch der beiden Mathematiker zwischen 1926 und 1970.
Wer sich nicht für die (sicherlich) faszinierenden Tiefen höherer Mathematik begeistern kann, kommt bei der Lektüre der Briefwechsel trotzdem auf seine Kosten. Der Fachaustausch wird in den Briefen nämlich bei beiden klar vom persönlichen Teil getrennt. Brennend interessiert waren Alexandrow und Hopf jeweils nicht nur an den neusten Erkenntnissen des anderen, sondern auch an dessen Lebenswandel und Anekdoten aus dem alltäglichen Leben. Neben Erkundigungen zur Familie und den zunehmenden Altersgebrechen stehen besonders Reisen im Vordergrund, wie hier in einem Brief vom Dezember 1928:
«Und nun mache ich einerseits Reisepläne für den nächsten Sommer innerhalb der USSR; ich weiss noch garnicht, wohin ich reisen werde: ob Kaukasus, Hochgebirge Mittelasiens (Issyk-Kuhl – ein salziger See von etwa 100 Km Ausdehnung auf der Höhe von 1800 M), oder endlich die Küste des Stillen Ozeans (übrigens ist die D-Zug-Verbindung Moskau-Wladiwostok überraschen gut und billig – 10 Tage direkte Fahrt weicher Schlafwagen mit allem Komfort etwa 300 Mark)» (Hs 621:40)
Während Alexandroff oft bei Hopf zu Gast war oder an der Nordseeküste und in Frankreich für Badeferien weilte, reiste auch Hopf im Rahmen von Tagungen und Kongressen in die Sowjetunion. Im Sommer 1935 zum Beispiel bereiste er die Ukraine: Sewastopol, mit der Bahn nach Charkiw, später über Kiew nach Lwiw im Westen der Sowjetrepublik.
Trotz aller Kontakte auf der wissenschaftlichen Ebene wurden die fehlenden diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und der Sowjetunion in den 1930er-Jahren Alexandroff zum Verhängnis. Er benötigte unbedingt eine neue Schreibmaschine. Es sollte ein amerikanisches Modell sein, jedoch mit russischen Typen sowie den richtigen für das Tippen von mathematischen Formeln notwendigen Zeichen:
«Vorgestern bin ich am Hauptzollamt gewesen. Dort hat man mir folgendes gesagt. Da die USSR keine Handelsbeziehungen mit der Schweiz hat, ist die Einfuhr einer Schweizerwahre verboten. […] Jedoch kann natürlich eine Schreibmaschine aus jedem Lande, mit dem wir Handelsbeziehungen haben, importiert werden, insbesondere also aus Frankreich, Deutschland, Polen. […] warum kann die Remington-Vertretung in der Schweiz nicht die Maschine an die Remington-Vertretung in Paris schicken, und diese beauftragen, sie mir von dort aus zu schicken?» (Hs. 621:82)
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Oben genannte sind nur drei Beispiele für Kontakte zwischen der Sowjetunion und der Schweiz. Transnationaler Wissensaustausch und Erkenntnisdrang kannten auch in den konfliktreichen Perioden der europäischen Geschichte keine Grenzen. Wo solche bestanden, behalf man sich mit persönlichen Kontakten und Ausnahmeregelungen. Die Implikationen der Weltpolitik wurden zwar kommentiert, doch was bei Tscherniak, Heim und Alexandroff zählte, waren wissenschaftliche Erkenntnisse und der Austausch zwischen Freunden und Fachkollegen. Solche universellen Werte machen keinen Unterschied zwischen Ost und West.