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Tertiärer
Sektor
Jeden
Sonntag herrscht auf dem Place Colbert Hochbetrieb: die
Zeitungen sind gekommen. Jungs mit dicken Packen unter dem Arm
rennen von Gast zu Gast im Buffet du Jardin oder promenieren vor
den Glasscheiben des Colbert auf und ab, halten Titel hin und
Schlagzeilen.
Das
Flugzeug aus Paris hat die neuesten Nachrichten mitgebracht.
Nicht dass das ein zusätzlicher Service wäre. Nein.
Die Jungs haben Kontakt zu jemandem, der Kontakt zur Putzequipe
hat, die liegengelassene Presseerzeugnisse einsammelt: die
Zeitschriften und Zeitungen gelangen schnell und effizient auf
den Markt. Die Jungs sind meist nur Unteragenten eines
Zeitungsbarons, der zehn oder zwanzig Boys mit
Presseerzeugnissen versieht. Bei geschicktem Handeln und
unwissender Kundschaft lässt sich daraus ein Leben machen,
und die Expats in Antananarivo wissen diesen Service zu schätzen.
Viele beziehen ihre Zeitungen am Sonntag im Abonnement - von den
Zeitungsjungs.
Diese
Art Jobs gehört zu den typischen Dienstleistungen des tertiären
Sektors mit seinen weitverzweigten informellen Betätigungen
wie Parkwächter und ambulanten Verkäufer aller Art.
Der
tertiäre Sektor macht um die Hälfte des BSP aus.
Strukturiert ist nur ein Teil davon. Der informelle Sektor dient
als Auffangbecken für Arbeitslose und Unterbeschäftigte, für
Nebenerwerbe und Zusatzverdienste. Doch er bietet kaum eine Möglichkeit
einer Kapitalbildung, er kennt keine Investitionstätigkeit,
keinen Arbeitsrechtsschutz, keine Versicherung: in diesem Sektor
lebt man von der Hand in den Mund, von Tag zu Tag.
Der
aufgeblasene tertiäre Sektor verdeckt die grassierende
Unterbeschäftigung einer breiten Masse, ebenso wie er die
grosse Arbeitslosigkeit übertüncht. Betroffen sind mehr Frauen
als Männer und insbesonders die Altersgruppe von 17 bis 30
Jahren. Auch die vom Lande zugewanderten Leute finden sich zum
Grossteil ohne regelmässige Arbeit.
Der
strukturierte Teil des tertiären Sektors umfasst die
Staatsverwaltung, die Banken und Versicherungen, die
Transportunternehmen und die Verteilorganisationen.
Das
Unternehmen PROCOOPS war während der Zweiten Republik quasi
die exklusive Handelskette der AREMA und des Ratsiraka-Clans.
Sechs Grossverteiler (COROI, ROSO, SICE, SOMACODIS, SINPA,
SOGEDIS), alle im Besitz des Staates, hatten im Prinzip das
Handelsmonopol, allerdings wurde dieses Privileg in den letzten
Jahren gelockert und zum Teil auch durch Konkurrenzunternehmen
allmählich durchlöchert.
Die
Banken wurden 1975 verstaatlicht. Es entstanden die BNI
(Industriebank), die Handelsbank BFV und die BTM für die rurale
Entwicklung. Sie wurden 1989 in Aktiengesellschaften
umgewandelt. Die BNI kam zum Beispiel unter die Fittiche der
französischen Crédit Lyonnais.
1989
nahm die BMOI (Banque Malgache pour l'Océan Indien) ihren
Betrieb auf, sie war durch ein neues Bankengesetz vom April 1988
im Zuge der Liberalisierung ermöglicht worden. Beteiligt
sind die Banque Nationale de Paris (48%), die deutsche Dresdner
Bank (26%), die belgische Banque Bruxelles Lambert (1%) und
privates madagassisches Kapital (25%). Zu Beginn des Jahres 1993
öffnete eine fünfte Bank ihre Pforten: die UCB (Union
Commercial Bank), die von der Mauricius Commercial Bank als zu
80% wichtigstem Träger gestützt wird und zu 10% von der südafrikanischen
Standard Bank. 10% stammt aus nationalen Quellen.
Die
im Umlauf befindliche Geldmenge wird von der Banque Centrale
kontrolliert. So waren 1992 knapp 20 Mio. 10’000er Banknoten
im Umlauf und um die 10 Mio. 5000er Noten, gegenüber 36 Mio.
100 FMG-Stücke und 32 Mio. 50 FMG-Stücke. Ab November 1992
kamen neue Stückelungen in den Umlauf: 25 und 250
FMG-Hartgeldstücke, 2500er und 25'000er Banknoten.
In
Madagaskar werden gleichzeitig zwei Währungsbezeichnungen
benutzt: einerseits der FMG (franc malagasy) und ariary, wobei fünf
ariary einen FMG ergeben. Insbesonders die Landbevölkerung
rechnet mit ariary und weit weniger mit FMG.
Eine
Reihe von Versicherungen sind aktiv, die drei wichtigsten sind
ARO, NY HAVANA und MAMA. Im Rahmen der Liberalisierung wurdne
die quasi-staatlichen vErsicherungen in den letzten Jahren
aufgeweicht.
Die
Staatsverwaltung ist an sich an Beamten unterdotiert, dies
trifft nicht nur auf die Administration zu sondern auch auf die
Sicherheitskräfte: Es gibt bloss 3625 Polizisten in ganz
Madagaskar.
Angesichts
der Landesfläche ist Madagaskar eigentlich
unteradministriert. Doch das in den 1970er Jahren eingeführte
Modell der Dezentralisierung der Verantwortungen bei
gleichzeitiger Beibehaltung der Zentralkontrolle hat in den
Folgejahren zu erheblichen Irritationen geführt, wer denn nun
verantwortlich sei für Strassen und Infrastrukturen.
Madagaskar
ist seit 1973 nach dem System der Fokonolona verwaltet. Die
dezentralisierten Kollektive (collectivités décentralisées)
haben Entscheidungsgewalt für lokale Angelegenheiten
entsprechend dem Dekret vom 27. Dezember 1976, welches die
collectivité décentralisée definierte, als ’une portion du
territoire national dans laquelle l'ensemble de ses habitants électeurs
de nationalité malgache dirige l'activité locale en vue du développement
économique, social, culturel et édilitaire’.
Es
existieren vier Niveaus der collectivités décentralisées:
Fokontany (11433), Firaisana (Firaisam-pokontany) (1253),
Fivondronana (Fivondronam-pokontany) (110) und Faritany (6).
Das
Fokontany ist als kleinste kommunale Verwaltungseinheit die
Basisstruktur und beinhaltet in der Regel ein bis drei Weiler -
oder ein Stadtquartier - und kann für sein Funktionieren
Steuern erheben.
Als
übergeordnete kommunale Verwaltungseinheit gruppiert das
Firaisana 5 bis 10 Fokontany. (Firaisana entspricht etwa dem Bürgermeisteramt.)
Die assemblée des Firaisana setzt sich aus der Gesamtheit der
comités exécutifs der Fokontany zusammen.
Das
Fivondronana gruppiert 5 bis 10 Fokontany. Die assemblée des
Fivondronana setzt sich aus den comités exécutifs der
Firaisana zusammen. Das Fivondronana spielt die Rolle der
ehemaligen sous-préfectures und entspricht etwa dem
bundesdeutschen Landkreis. Auf diesem Niveau haben die
technischen Ministerien Personal stationiert, das mit der
lokalen Administration zusammenarbeitet.
Die
Fivondronana sind ihrerseits in Faritany (Provinzen) gruppiert.
Die sechs Provinzen spiegeln noch immer ziemlich genau die
koloniale Aufteilung Madagaskars wieder. Allerdings kommt immer
wieder eine Neuaufteilung der administrativen Regionen ins Gespräch.
So fühlt sich beispielsweise Maintirano kaum zur Provinz
Mahajanga zugehörig.
Die
Staatsausgaben von 1989, 90 und 91, wovon 30% ausländische
Geschenke und 40% ausländische Kredite waren, sahen knapp
30% für den ruralen Sektor inklusive Landwirtschaft vor, rund
20% für Industrie, Minen, Energie und Wasser, etwas über 30% für
Transport und Telekommunikation, rund 12% für den sozialen
Bereich, 2% für den Handel und Tourismus und rund 4% für die
Verteidigung und die generelle Verwaltung.
Ein
grosses Problem der staatlichen Verwaltung bilden die
Phantombeamten: laut einer Zählung von 1990 waren nur 60,4%
der Staatsstellen effektiv legal und reglemententsprechend von
Beamten besetzt. 35’000 Posten wurden bezahlt und der Lohn
einkassiert, waren aber nicht besetzt. Die Salärsumme beträgt
28 Milliarden FMG pro Monat für die Beamten und Angestellten
des Staates.