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Freizeit
Karl May: 100 Jahre tot und doch lebendig
Karl May ist der meistgelesene Autor deutscher Muttersprache Goethe und Schiller hin oder her. Am 30.März jährt sich sein Todestag zum 100. Mal.
Reportage
An Karl May scheiden sich die Geister oder eben doch nicht? Zwar witzelt, wer in literarischen Belangen etwas auf sich hält, gern über dessen Abenteuer-Romane, tut sie als Kinderkram ab. Doch im Geheimen versteckt sich hinter so manch literaturprofessoraler Fassade ein wahrer Karl-May-Fan. Das ist weder ehrrührig noch unprofessionell, denn der 1842 geborene Schriftsteller ist ein Phänomen. Seine Bücher wurden bis heute in 40 Sprachen übersetzt und 200 Millionen Mal verkauft.
Die Ablehnung seines Werks beruht denn auch weder auf sachlichen literarischen Kriterien noch auf dem Umstand, dass May sich ab und zu einer aus heutiger Sicht politisch unkorrekten Ausdrucksweise befleissigte. Nein, die Ächtung Mitte des letzten Jahrhunderts hatte ihren Grund allein in der Tatsache, dass der gebürtige Sachse siebeneinhalb Jahre im Gefängnis hatte verbringen müssen. Getrieben vom Drang, seiner ärmlichen Herkunft zu entkommen, hatte er sich des Diebstahls, des Betrugs und der Hochstapelei schuldig gemacht. In seinem Werk ist von diesem moralisch irregeleiteten Tun allerdings nichts zu finden. Im Gegenteil: Der verhinderte Lehrer lebte seinen erzieherischen Drang in der Schriftstellerei voll aus, schrieb Zeit seines Lebens dem Guten und Edlen das Wort und mutierte in seinem Spätwerk gar zum Pazifisten.
Karl May veröffentlichte viele seiner Geschichten erst in Zeitungen und Zeitschriften. Den Durchbruch schaffte er erst mit der ab 1892 erscheinenden Buchreihe mit den gesammelten Reiseerzählungen.
Seine Beschreibungen ferner Welten fussen auf zwei Hauptpfeilern: dem Studium von Reiseliteratur während seiner Gefängnisaufenthalte und einer schier unerschöpflichen Fantasie; diese schien ihn phasenweise derart zu vereinnahmen, dass er selber nicht mehr zwischen Sein und Schein zu unterscheiden vermochte. Erst 1899 unternahm er eine Reise in den Orient und 1908 nach Amerika. Beide desillusionierten ihn und er schrieb darüber hinfort symbolistisch. Wenn er damit auch nicht mehr ankam, seinem Andenken hats kaum geschadet. Karl May lebt!
Interview
Coopzeitung:Was bringt erwachsene Menschen dazu, sich mit Indianerbüchern zu beschäftigen? Das ist doch was für Kinder, allenfalls für Jugendliche, böse gesagt: Kinderkram.
Elmar Elbs: In der Tat kamen die meisten Karl-May-Fans im Alter von neun bis zwölf Jahren erstmals mit Karl Mays Büchern in Berührung und wurden gewissermassen angefixt. Seine Bücher deswegen aber despektierlich als Kinderkram zu bezeichnen wäre falsch. Karl May hat explizit immer festgehalten, er sei kein Jugendschriftsteller. Er hat aber sieben seiner Romane für die Jugend geschrieben: Der Schatz im Silbersee, Der Sohn des Bärenjägers, Der Geist des Llano estakado, Der Ölprinz, Das Vermächtnis des Inka, Der blaurote Methusalem und Die Sklavenkarawane.
Und was fasziniert die ältere Generation an solchen Büchern?
Typischerweise erinnert man sich im Alter gerne zurück, erinnert sich an die Identifikation mit den Helden, an schöne Begegnungen und Spannungen, die man als junger Mensch hatte. Und wir betreiben sicher im Gegensatz zu jugendlichen Lesern Forschung und lesen Sekundärliteratur oder sammeln.
Das Durchschnittsalter der Karl-May-Freunde Schweiz, die Sie leiten, beträgt 66 Jahre. Wo bleibt da die Jugend?
Nachwuchs zu finden ist schwierig. Die Jungen von heute haben andere Möglichkeiten, sich mit Heldentum zu befassen, denken Sie an das Fernsehen. Da werden einem die fernen Länder bildlich aufbereitet in die Stube geliefert.
Karl May war ein Betrüger und sass mehrmals im Gefängnis. Tut dies Ihrer Verehrung für ihn keinen Abbruch?
Eher im Gegenteil. Karl May sass wegen Lappalien insgesamt siebeneinhalb Jahre im Gefängnis, wegen Köpenickiaden. Für mich ist es bewundernswert, wie er durch das Schreiben eine Resozialisierung durchmachte, die in der Literaturgeschichte fast einmalig ist. Und auch sonst hat er sich ja sehr positiv entwickelt und stieg vom armen Weber-Sohn zum Star auf, zum Bestseller-autor. Das war er zu Lebzeiten und ist es heute noch.
Verfolgte May mit seiner Schreiberei eine Mission?
Auf jeden Fall. Er wollte in einer Zeit, in der der Normalbürger auf einem sehr niedrigen Bildungsniveau war, Werte vermitteln: ethische Werte, religiöse Werte. Sein Werk schrieb er unter dem Einfluss des Dualismus von Gut und Böse. Er sagte auch immer klar, dass er sich vom Schund einzelner Zeitgenossen abheben wolle. Deshalb durchbrach er auch das Prinzip, dass der Reiche oder gesellschaftlich höher Gestellte grundsätzlich der Bessere ist.
Schreiben war für Karl May also mehr als Broterwerb.
Ja, ganz bestimmt; obwohl er das Geld natürlich auch bitter nötig hatte er lebte ja bis zu seinem Aufstieg zum Bestsellerautor 1892 fast an der Armutsgrenze.
Seinem Schreibstil merkt man zweifellos an, dass er aus dem vorletzten Jahrhundert stammt.
Karl May pflegte bewusst eine einfache Sprache mit vielen Dialogen; das sprach die Leute an. Ich denke, Joanne K. Rowling verwendete in Harry Potter einen ähnlichen Stil, nur beschreibt sie nicht die reale, sondern eine fiktive Welt. May ist auch oft belehrend, da schlägt seine Lehrerausbildung voll durch. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass er bei der heutigen Jugend nicht mehr so gut ankommt: Die will keine Belehrungen über Amerika, den Orient oder China, denn diese Länder kennt sie ja aus der Tagesschau. Insofern ist Karl May ein Stück weit überholt.
Haben Mays Werke heute noch irgendeine Aktualität oder verleiten sie den Leser einfach zum Träumen?
Klar, seine Gegner sagten, Karl May habe mit seinen Schiessereien 22000 Morde auf dem Gewissen. Doch die klare menschliche, ethische und moralische Grundhaltung und Handlungsweise seiner Helden kann uns auch heute noch, besonders den Jugendlichen, den Weg weisen. Und so kommt das Träumerische natürlich auch zum Ausdruck: Indem wir durch Karl Mays Helden deren ethische Werte ausleben dürfen, die zwar tief in uns verankert, aber im Alltag oft nicht mehr gefragt sind.
Wie kamen Sie zu Karl May?
Als ich elf Jahre alt war, hatten mein Vater und meine Taufpatin das Gefühl, es sei höchste Zeit, dass ich nach den Märchen endlich Karl May lesen sollte weil sie selber auch Karl-May-Liebhaber waren.
Ihr erstes May-Buch?
Der blaurote Methusalem. Und dann ging es weiter und ich holte mir aus der Bibliothek Buch um Buch. Wobei das nicht ganz einfach war: In früher Zeit gab es viele Anfeindungen gegen Karl May und der betagte Schuldirektor und Bibliotheksleiter wollte mich vor diesem Schund bewahren, wie er sagte. Da half ich selber in der Bibliothek mit und besorgte mir die Bücher auf diese Weise. Der Schatz im Silbersee, Winnetou, Durch die Wüste, Durchs wilde Kurdistan, bis zu Der Schut eines nach dem andern.
Haben Sie Bücher mehrmals gelesen?
Durch die Wüste habe ich sicher fünf, sechs Mal gelesen. In allen Lebensphasen. Dabei kann man sich immer auf andere Merkmale konzentrieren: geschichtliche, kulturelle, linguistische Hintergründe.
Wie viele Karl-May-Bücher haben Sie gelesen?
Alle natürlich mittlerweile gibt es 92 Bände und viele Sonderbände , zum Teil mehrfach. Und dann Dutzende Werke der Sekundärliteratur.
Welches ist Ihr Lieblingsbuch?
Winnetou I, das ist wirklich der Renner. Diesen Band schrieb Karl May ja in einem Zug im Unterschied zu den Folgebänden II und III, die er aus einzelnen Erzählungen zusammenstiefelte.
Lesen Sie auch aktuelle Literatur?
Klar, das ist mir ganz wichtig. Ein grosses Hobby ist religiöse Literatur, zum Beispiel von Hans Küng. Ich lese aber auch Martin Suter, Donna Leon, Franz Hohler doch ich bin sehr wählerisch. Ich liebe auch die grossen Klassiker: Stifter, Keller, Dürrenmatt mit Frisch kann ich dagegen immer weniger anfangen.
Gibt es aktuelle Western- oder Abenteuerbuch-Autoren, die das Herz eines Karl-May-Freundes hoch schlagen lassen?
Nein, gibt es nicht. Western kriegt man fast nur noch als dünne Heftchen am Kiosk als Lesefutter für eine Bahnfahrt. Und die Abenteuer-Bücher wurden durch die Fantasy-Literatur abgelöst da schmökere ich manchmal rein, aber richtig warm werde ich dabei nicht. Da muss ich oft den Kopf schütteln, und ich frage mich: Soll diese Blutrünstigkeit Abenteuer sein?
Buchtipps
Elmar Elbs' Karl-May-Lesetipps
Weihnacht
Der Schatz im Silbersee
Winnetou reloaded
Durch die Wüste
Karl May: Durch die Wüste
Karl May Die ganze Wahrheit (Old Shatterhand erzählt)
Dieneuste und lustigste May-Biografie stammt aus dem Comic-Verlag Carlsen. Sie besticht durch eine perfekte Biografie mit den Mitteln der heutigen Bildwelt à la Minutenlesestoff. Der Autor und Illustrator Christian Moser erzählt als Old Shatterhand das Leben von Karl May, seinem fantasievollen Schöpfer. Er illustriert jede Episode aus dem Leben des Dichters in bunten Farben. Ein absolutes Lesevergnügen.
Christian Moser: Karl May - Die ganze Wahrheit
Winnetous Blutsbruder
Die Biografie eines örtlich-nächsten Kenners von Karl May. Er beschreibt, unterstützt von vielen Illustrationen, die Heimat und das Lebendes Dichters und seiner selbst.Er schildert auch, wie Karl May, der Amerikas Indianer in Schutz nahm, von 1950 bis 1985 in der DDR totgeschwiegen wurde.
Christian Heermann: Winnetous Blutsbruder
Ein Schuss, ein Schrei Das Meiste von Karl May
Roger Willemsen gelingt es trefflich, 23 der besten und bekanntesten Karl-May-Bücher in lustigen, poetischen und komischenReimenwiederzugeben.
Roger Willemsen: Ein Schuss, ein Schrei Das Meiste von Karl May
Karl May zum Vergnügen
Zum zweiten Mal hat es Karl May in das Verlagsprogramm des Leipziger Reclam Verlags geschafft. Erstmals war dies 1984 mit der Jugenderzählung"Der Geist des Llano estakado" der Fall gewesen, nun gibts mit Karl May zum Vergnügen zum Preis von rund sechs Franken auch etwas für Erwachsene.
Hartmut Vollmer: Karl May zum Vergnügen
Erkämpftes Glück
Die Liebesgeschichten aus Mays Werk erfreuen mich persönlich immer wieder. Deshalb nehme ich dieses Buch immer wieder zur Hand. Die von Uwe Nessler und Heinz Mees ausgewählten Geschichten stammen nicht nur aus den Kolportagewerk-Bänden 51 bis 65diese sind am herrlichsten, dazu auch die alten Illustrationen! sondern aus dem gesamten Werk. Ein Höhepunkt: das Liebesgeflüster von Nscho-tschi, deren Geschichte so traurig endet, zu Winnetou über Old Shatterhand.
Karl May: Erkämpftes Glück
Vinnetv
Der dritte Band von Winnetou hier als Lektüre für angehende Mediziner und Theologen, die das Lateinische einfach lernen oder stärken wollen.Es gibt dieses Buch bereits in der 2. Auflage. Eine Fortsetzung gibt es nicht, weil dies sei an dieser Stelle verraten Winnetou in dieser Erzählung stirbt.
Carolvs May / Hans Linnartz : Vinnetv
Karl-May-Stars
Hier kann man alles über die Filme und deren Stars lesen und bekommt nebst den Biografien auch über 100 herrliche Schwarz-Weiss- und Farbilder vorgesetzt. Ein richtiges Fanbuch.
Michael Petzel: Karl-May-Stars
Ich war Winnetous Schwester
Bilder und Geschichten einer Karriere nennt Nscho-tschi-Darstellerin Marie Versini ihre Autobiografie, die sie zusammen mit Ihrem Gatten Pierre Viallet geschrieben hat. Dieses Buch ist mir das liebenswerteste Buch, weil ich seit über 12 Jahren mit Mariebefreundet bin und ihre Webseite www.marie-versini.de konzeptionell gestaltete. Das Buch birgt nebst einer Fülle von schönen Bildernaus dem Karl-May-Filmbereich auch viele Fotos aus ihrer grossen Schauspiel- und Filmkarriere.
Marie Versini:Ich war Winnetous Schwester
Karl May und seine Zeit
Dieses opulente Buch wiegt über 2 Kilogramm und enthält auf592 Seiten alles Wissenswerte über den Abenteuerautor in seiner Zeit. 1500teils noch nie veröffentlichte Bilder, davon 557 farbig, illustrieren das Werk. Es ist das Buch für die neugierigsten May-Kenner.
Gerhard Klussmeier / Heiner Plaul: Karl May und seine Zeit
Zur Person: Elmar Elbs
Geburtsdatum: 10.September 1940
Zivilstand: verheiratet, 3 erwachsene Kinder, 2 Enkelinnen.
Beruf: Buch- und Offsetdrucker.
Karl May:
Elmar Elbs, Leiter der Karl-May-Freunde Schweiz (gegründet 1992), besitzt rund 500 Bücher von und über Karl May, zum Beispiel Der Schatz im Silbersee in 60 verschiedenen Ausgaben und Sprachen (u. a. vietnamesisch, chinesisch, russisch und in den Plansprachen Esperanto und Volapük).
Ausstellungen:
Mitwirkung an der Ausstellung zu Leben und Werk des Schriftstellers mit dem Titel Karl May Fantast, Träume, Fiktion, Illusion, die vom 6.Juni bis 12.August im Gutenberg-Museum in Fribourg stattfindet. Gleichzeitig zeigt die Ausstellung, wie die epochale Druck-industrialisierung das Werk des Autors beeinflusste.