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In den Evangelien des Neuen Testaments wird von mehreren Personen berichtet, deren Blindheit von Jesus geheilt wird. Sowohl die Synoptiker wie der Evangelist Johannes berichten variationenreich über das Wunder, dass blinde Menschen, sogar Blindgeborene, auf einmal wieder sehend wurden. Auch die Kunstgeschichte kennt Darstellungen dieser Wunderereignisse, etwa verschiedene Varianten von El Greco und seinem Umfeld, die heute in Dresden, in Parma und in New York zu besichtigen sind. Welche genaue Bibelstelle dabei vom genialen Maler festgehalten wurde, bleibt unter den Experten umstritten.
Die Rezepturen, die Jesus bei der Heilung anwendete, werden von heutigen Augenärzten freilich weder praktiziert noch empfohlen. Diese gehen von Hand aufs Auge legen und Berühren der Augen mit den Fingern bis zum Bestreichen der Augen mit einer Paste aus Speichel und Erde. Doch nach dem Auswaschen der Augen am Teich Schiloach konnte selbst der Blindgeborene des Johannesevangeliums (Joh 9,1-7) wieder sehen.
Die russische Variante
Die Wiedergewinnung des Augenlichts hat auch in der europäischen Folklore, in Sagen und Märchen, aber ebenso in der hohen Literatur eine interessante Bedeutung. «Sehend werden» in realem und in symbolischem Sinn ist ein bewegendes Thema mit vielen Ausprägungen. Bis zu José Samaragos Roman «Die Stadt der Blinden» aus dem Jahr 1995. So schrieb der dänische Schriftsteller Henrik Hertz (1798–1870) bereits 1845 ein «lyrisches Drama» mit dem Titel «König Renés Tochter», das auf provenzalischen Folkloretraditionen zu Blindenheilungen basierte. Das Werk wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts rasch in mehrere europäische Sprachen übersetzt.
Es ist die in mittelalterliche Zeiten verlegte Geschichte eines Königs, der eine blinde Tochter hat, seiner Hofentourage aber streng verbietet, sie über ihr Los aufzuklären. Iolanta (eigentlich Jolanthe) soll nie erfahren, dass sie anders ist als die Menschen ihrer Umgebung. Durch die Künste eines islamischen Arztes und Weisen, vor allem aber durch die Liebe und Zuneigung eines Ritters, der die schöne Königstochter trotz und sogar wegen ihrer Andersheit durch die Sehbehinderung liebt, wird Iolanta wieder sehend und kann nun die Schönheit der Erde und die des über ihr gespannten nächtlichen Sternenhimmels dank des durch die Liebe eines Ritters neu gewonnen Augenlichts bestaunen.
Der russische Komponist Peter Tschaikowsky sah das Theaterstück von Hertz zum ersten Mal 1883 in einer russischen Übersetzung, begeisterte sich für das Thema und plante sogleich eine Vertonung. Es sollte aber bis 1891 dauern, zwei Jahre vor seinem Tod, bis aus den Plänen Realität wurde. Da erhielt er vom kaiserlichen Theater in Sankt Petersburg einen Doppelauftrag: eine einaktige Oper zu schreiben, dazu ein neues Ballett. So kam es, dass Tschaikowskys letzte Oper, «Iolanta», und sein weit bekannteres Ballett «Der Nussknacker» im selben Zeitraum entstanden und auch gemeinsam im Dezember 1892 ihre Premiere in Sankt Petersburg erlebten.
Auch die Oper liebt Wundergeschichten
Tschaikowskys Bruder Modest schrieb für ihn das Libretto, wobei dieser sich grosse Freiheiten nahm im Umgang mit dem Original. Er dichtete, zumal für den Einstieg in die Geschichte der blinden Königstochter, von ihm erfundene neue Szenen hinzu. Den beiden Brüdern ging es nicht um Treue zur literarischen Vorlage. Es lag ihnen ein Gedanke und Anliegen am meisten am Herzen: nämlich szenisch und musikalisch zu betonen, dass die echten Wunder im Leben durch die Verwandlungen und Heilungen der Menschen durch Liebe geschehen. Sie ist es, die allein die Gesetze der Natur und deren Beschränkungen und Defizite aufzuheben vermag.
Die Liebe vermag es dazu, Vereinbarungen und Verträge unter Menschen zu korrigieren. Iolanta war nämlich dem burgundischen Herzog Robert als Braut versprochen worden, doch dieser hatte sich inzwischen in eine andere Frau verschaut und wünschte, die Verlobung mit seiner blinden Kindsbraut aufzulösen. Da kam Ritter Vaudemont, befreundet mit dem Herzog, gerade passend als Liebhaber, Entdecker und Erwecker der schönen Iolanta.
Ideengeschichtlich ist das Drama von Hertz eine hellsichtige psychologische Studie über einen Vater, der seine Tochter im Zustand kindlich naiver Unschuld behalten will und diese nicht erwachsen werden lässt. Es ist der weise maurische Arzt Ibn-Hakia, der König René schliesslich doch noch auf den Weg der Vernunft bringt und dessen Eiwilligung für die neue, erlösende und wunderwirkende Liebesbeziehung zwischen Vaudemont und Iolanta erreicht.
Tschaikowskys letzte Oper enthält Szenen, die zum Ergreifendsten gehören, das der Komponist für die Bühne verfasst hat. Es ist darum erstaunlich, dass das Werk bis in die jüngste Zeit so etwas wie ein Geheimtip russischer Opernhäuser geblieben ist, von europäischen Bühnen sträflich vernachlässigt. Dabei war es bereits Gustav Mahler, der sich stark gemacht hat für eine deutsche Erstaufführung von «Iolanta» in seiner Dirigentenzeit an der Hamburger Oper. (1893, gut zwei Wochen nach der Premiere in Sankt Petersburg!) Tschaikowsky selbst war – trotz Mäkeleien aus dem Umfeld seiner Komponistenkollegen über mangelnde Inspiration und falsche Instrumentierung – von der Qualität seiner «Iolanta» vollkommen überzeugt, wie aus zahlreichen seiner Briefe ersichtlich wird.
Eine Schlüsselszene
Die Begegnung zwischen Iolanta und Vaudemont ist die Szene, in welcher der Ritter und seine Angebetete zum Bewusstsein ihrer Blindheit und zugleich ihrer gegenseitigen Liebe kommen. Vaudemont bemerkt, dass Iolanta zwischen einer weissen und einer roten Rose nicht unterscheiden kann. Sie versteht seinen Schrecken darüber nicht und will von ihm hören, ob sie ihn durch etwas verletzt habe. Ob sie wirklich nicht wisse, wozu ein Mensch Augen habe, fragt er sie. Sie antwortet: Augen seien da, um zu weinen. Durch die Tränen vergehe der Kummer leichter und schneller, so wie die Natur nach einem Sommergewitter duftiger und munterer werde.
Vaudemont erklärt ihr nun «mit Worten», was Licht ist und Glanz und was Gottes strahlende Schöpfung. Sie antwortet fragend: «Kann man im Himmel das Rollen des Donners sehen? Oder die Triller der Nachtigall? Oder den Duft der Blüte? Deine Stimme, Deine Worte?» Um Gott dankbar für das Leben zu preisen, brauche sie kein Augenlicht. Doch damit sie so werde wie er, wolle sie gern das Licht der Sonne kennenlernen.
Wir kennen bereits den Schluss. Das Wunder vollzieht sich nicht auf offener Bühne. Doch Iolanta wird sehend, Tschaikowsky schliesst die Oper mit einem grossen Dankgesang, in welchem Chor und alle Solisten einstimmen und in dem Gott gepriesen wird als heller Schein und als das Licht der Wahrheit. Die Wundergeschichte findet, ganz im Sinne der biblischen Heilungen von Blinden, von einer magischen zu einer religiösen Deutung aller Wunder, die auf Erden geschehen.
Wir hören hier einen Ausschnitt aus dem Duett zwischen Iolanta und Valdemont, aufgezeichnet aus Anlass eines Galakonzerts aus dem Jahr 2007 in Paris mit Anna Netrebko und Rolando Villazón. Unter der Leitung von Emmanuel Villaum spielte das Orchestre National de Belgique.
Eine Empfehlung für jene, welche die Oper in einer sehr gelungenen Gesamtaufzeichnung erleben wollen, ist die DVD-Einspielung von Tschaikowskys «Iolanta» aus dem Teatro real in Madrid in der Inszenierung von Peter Sellars unter der musikalischen Leitung von Teodor Currentzis aus dem Jahr 2012. (Erschienen bei EuroArts)