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Die indische Menschenrechtsanwältin Shalini Gera erkaufte sich mit einer Aktie das Recht, an der Jahresversammlung von Lafarge-Holcim in Dübendorf das Wort zu ergreifen. Sie machte dort auf die Ausbeutung und Todesfälle in den indischen Fabriken des Konzerns aufmerksam.
WOZ: Shalini Gera, Sie sind aus Indien angereist, um in Zürich vor den Lafarge-Holcim-Aktionären und -Aktionärinnen zu sprechen. Wie lange liess man Sie gewähren?
Shalini Gera: Ich konnte die Redezeit auf vier Minuten strecken, was gar nicht schlecht ist: Ich ging eher von zweieinhalb Minuten aus.
Wie lief die Generalversammlung aus Ihrer Sicht?
Erst einmal machte Verwaltungsratspräsident Beat Hess klar, dass die Konzernverantwortungsinitiative eine sehr schlechte Sache sei, dass Lafarge-Holcim ein sehr verantwortungsvolles Unternehmen sei und die Initiative sie dazu zwingen wolle, Verantwortung für etwas zu übernehmen, womit sie nichts zu tun hätten.
Wie klang das für Sie als Vertreterin einer indischen Leiharbeitergewerkschaft?
Wir hatten schon immer den Eindruck, dass es sie nicht wirklich kümmert, was in anderen Ländern in Bezug auf die Menschenrechte geschieht. Nun hat es Hess geradeheraus gesagt: Sie wollen keinerlei Verantwortung dafür übernehmen.
In der Einladung zur Generalversammlung heisst es, die Firma setze alles daran, «ihren Mitarbeitenden einen sicheren, gesunden und ethischen Arbeitsplatz zu bieten».
Sicher, gesund, ethisch … Erst Anfang Mai ereignete sich in einer Lafarge-Holcim-Fabrik in Chhattisgarh in Zentralindien erneut ein Todesfall. Der Arbeiter, sein Name ist Indradev, war dabei, das Förderband zu beladen, das das Erz zur Fabrik transportiert. Für diese Arbeit waren bislang mindestens zwei Arbeiter zuständig, aufgrund einer kürzlichen Entlassungswelle tat er den Job nun alleine. Er verfing sich im Förderband und wurde drei Kilometer mitgeschleift – er verstarb irgendwo auf dem Weg. Der Unfall wurde erst bemerkt, als die Leiche bei der Fabrik ankam. Dies wäre nicht passiert, wenn ein Kollege bei ihm gewesen wäre.
Sie sagten «erneut»?
In derselben Fabrik ist bereits im Dezember 2016 ein Leiharbeiter gestorben, er ist beim Säubern eines Kamins abgestürzt. Und im Januar 2017 wurde ein Arbeiter in einer anderen Zementfabrik von Lafarge-Holcim von einer Maschine zerquetscht, die zuvor als defekt gemeldet worden war. Die Maschine wurde auch nach dem Todesfall wieder eingesetzt – zwei Tage später hatte sie erneut denselben Defekt. Die Todesrate in Indien ist sehr hoch. Sorgt sich das Management also wirklich um die Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter? Angesichts dessen, was wir in Indien erfahren, würde ich sagen: Das ist eine glatte Lüge.
Warum, denken Sie, ist das so? In der Schweiz gilt Lafarge-Holcim als guter Arbeitgeber.
Wir glauben, das hat viel damit zu tun, dass das Leben eines indischen Arbeiters nichts zählt, weil die Arbeit eines indischen Arbeiters sehr billig ist. In den indischen Fabriken sind rund achtzig Prozent der Belegschaft Leiharbeiter, für sie fühlt sich das Unternehmen nicht zuständig. In den meisten Fabriken werden nicht einmal die Minimalanforderungen der indischen Regierung erfüllt, was die Löhne und die Bezahlung von Überzeit oder die Erfüllung von Sicherheitsbestimmungen anbelangt.
Was verdient ein Leiharbeiter in einer Lafarge-Holcim-Fabrik?
Er oder sie bekommt den Mindestlohn von 300 Rupien am Tag, also etwa 4.50 Franken. Das ist rund ein Drittel von dem, was die regulär Angestellten für die gleiche Arbeit erhalten. Lafarge-Holcim sagt, das liege in der Verantwortung der Drittfirmen, bei denen die Leiharbeiter angestellt sind. Es ist eine sehr billige Art, sich aus der Verantwortung zu stehlen: Bei den Leiharbeitern handelt es sich meist um Menschen, die ihr ganzes Arbeitsleben im Unternehmen verbracht haben.
Wie sehen diese Drittfirmen aus?
Es sind keine Arbeitgeber im eigentlichen Sinn, es sind nur Mittelsmänner. Sie sind nicht in der Lage, die Verantwortung für ihre Angestellten zu übernehmen.
Ist diese Praxis legal in Indien?
Wir haben ein Gesetz, das besagt, dass Leiharbeiter nur für unregelmässig anfallende Arbeiten und nicht für die «Kernarbeit» eingesetzt werden dürfen.
Warum kann der Konzern nicht zur Rechenschaft gezogen werden?
Wir haben bereits zweimal vor Gericht recht bekommen, zuletzt 2012. Aber Lafarge-Holcim hat jeweils Rekurs eingelegt. Der Prozess läuft seit über zwanzig Jahren und dauert immer noch an, die Mühlen der indischen Justiz mahlen langsam. Ein Arbeiter kann aber nicht so lange warten, bis er zu seinem Recht kommt – es gibt Arbeiter, die unterdessen pensioniert wurden oder gestorben sind.
Vor zwei Jahren wandten Sie sich über das Staatssekretariat für Wirtschaft in Bern an die OECD und konnten einen grossen Erfolg erzielen: Lafarge-Holcim verpflichtete sich, einem Grossteil der Leiharbeiter einer indischen Fabrik die gleichen Arbeitsbedingungen wie den regulären Angestellten zu gewähren.
Bis dahin hatten wir es noch nie geschafft, dass sich überhaupt jemand mit uns, der Leiharbeitergewerkschaft, an einen Tisch setzte – obwohl in vielen Fabriken rund zwei Drittel der Arbeiter Mitglied bei uns sind. Es ist traurig, dass wir den ganzen Weg hierher kommen mussten, damit ein Vertreter von Lafarge-Holcim Indien mit uns spricht. Das lokale Management der Fabriken weigert sich nach wie vor. Lafarge-Holcim spricht immer von sozialem Dialog auf lokaler Ebene. Wie sollen wir diesen führen, wenn niemand mit uns spricht?
Aber das Abkommen hat Verbesserungen gebracht?
Für die eine Fabrik, Ambuja, konnten wir nichts erreichen. Für die andere, ACC, bekamen wir das Versprechen, dass unsere Leiharbeiter in der neuen Fabrik die gleichen Leistungen erhalten werden wie die Festangestellten. Das ist nun zwei Jahre her, und sie verdienen zwar mehr als vorher – die Hälfte statt ein Drittel des Lohnes der Festangestellten –, aber noch immer nicht gleich viel. Lafarge-Holcim Indien sagte uns auch, dass sie in der neuen Fabrik keine Leiharbeiter mehr beschäftigen würden – was sie aber weiterhin tun, sie nennen sie nun einfach «outsourced workers». Sie werden von auswärts geholt und sind nicht Mitglieder unserer Gewerkschaft. Diese Leute sind noch viel schlechter dran und der Firma völlig ausgeliefert. Wenn Lafarge-Holcim sagt, sie seien ein ethisches Unternehmen, dann ist das ihre Ethik. Sie lügen uns direkt ins Gesicht.
Was haben Sie an der Generalversammlung gesagt?
Ich habe über die jüngsten Todesfälle berichtet und gesagt, es handle sich nicht um blosse Unfälle, sondern um kriminelle Akte der Nachlässigkeit durch die Fabrikmanagements, die Profite über Menschenleben stellen. Und ich sagte, dass die Arbeitsbedingungen der Leiharbeiter sehr wohl in ihrer Verantwortung lägen.
Wie haben die Aktionärinnen und Aktionäre reagiert?
Ich hatte nicht die Gelegenheit, danach mit ihnen zu sprechen, aber wir haben vor der Veranstaltung Flugblätter verteilt. Und ich würde sagen: Die grosse Mehrheit interessierte sich nicht dafür. Die meisten nahmen das Flugblatt nicht entgegen – sie waren also nicht einmal bereit, so viel Verantwortung zu übernehmen, dass sie ein Blatt Papier lasen.
Kam Ihre Botschaft beim Unternehmensmanagement und beim Verwaltungsrat an?
Ich und Redner aus anderen Ländern sagten unsere Botschaft laut und deutlich. Ob es einen Einfluss auf die Managementstrategie haben wird, weiss ich nicht. Sie meinten uns gegenüber: «Sagt, was ihr zu sagen habt, aber wir haben bereits alles gesagt.» Bevor ich an die Reihe kam, hiess es, wir sollten uns kurz fassen, die Leute würden auf das Mittagessen warten.
Mit welchem Gefühl reisen Sie zu den Arbeitern und Arbeiterinnen zurück?
Meine indischen Genossinnen und Genossen sind sehr realistisch geworden. Wir wissen, dass sich die Dinge nicht über Nacht ändern, wir kämpfen bereits seit zwanzig Jahren. Veränderung kommt in kleinen Schritten.
Die WOZ hat über die Arbeitsbedingungen für LeiharbeiterInnen bei Lafarge-Holcim in den Ausgaben 9/18 und 19/18 berichtet und dem Konzern dabei Gelegenheit gegeben, zu den auch im Interview verhandelten Missständen Stellung zu nehmen. Der Konzern betonte, er arbeite in «voller Übereinstimmung mit den internationalen Arbeitsnormen und den Verordnungen über Menschen- und Sozialrechte».