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| Armenische Väter - Wider die Irrlehren (De Deo)

Erstes Buch: Widerlegung der Irrlehre der Heiden.
7.
[S. 37] Woher kommt das Böse, das geschieht? Fragen auch wir danach. Ist das Böse Substanz oder Eigenschaft an Substanzen? Man antwortet, es liegt nahe, zu glauben, daß es Eigenschaft an Substanzen ist.
Und die Materie, welche sie eigenschaftslos und gestaltlos nennen, weshalb soll sie, die eigenschaftslose und gestaltlose, an anderen Eigenschaften hervorbringen können, wenn nicht das Böse vom Zufälligen stammte, und nicht von ihr? Denn der Mord ist keine Substanz und auch der Ehebruch ist keine Substanz, und so weiterhin die andern Übel, eines nach dem andern. Sondern wie vom Schreiben der Schreiber 1 seinen Namen hat, und von der Kunst der Künstler 2 und von der Krankenheilung der Arzt, und das nicht, weil sie als solche Substanzen sind, sondern sie von den Sachen den Namen erhalten, so empfängt auch das Böse seine Benennung vom Zufälligen 3.
Wenn dann auch ein anderer als Anstifter und Anzeiger zum Bösen gilt, der es den Menschen in den Sinn einflößt, so erhält auch dieser vom Werk, das er ausübt, den Namen der Bosheit. Man muß freilich das bedenken, daß keiner das ist, was er schafft. Wenn z. B. der Töpfer Geschirre macht, so wird er nicht selbst zum Gefäß, sondern er ist nur der Hersteller der Gefäße. So bekommt er auch die Bezeichnung seines Handwerkes. In derselben Weise empfängt der Übeltäter von der Vollbringung des bösen Werkes den Namen seiner Bosheit, mag es nun ein Ehebrecher sein oder ein Mörder. Es werden also die Menschen mit Recht als Täter des Bösen bezeichnet, denn sie sind die Ursache, daß es geschieht oder nicht geschieht. Und die Übel dürfen wir nicht als etwas Substanzielles bezeichnen, sondern als Eigenschaften der Substanzen und als bös.
Wenn sie nun mit gleicher Hartnäckigkeit darauf bestehen bleiben, daß die Materie wirklich eigenschaftslos und gestaltlos war, und Gott sie in den Zustand der Form, [S. 38] Gestalt und Beeigenschaftung übergeführt habe, so halten sie also Gott für den Urheber des Bösen. Es wäre besser gewesen, daß sie ungeformt und eigenschaftslos geblieben wären, als mit Eigenschaften und Gestalt versehen zu werden und anderen zur Ursache des Bösen zu sein. Indes, wie wäre es möglich, daß etwas werden könnte, was da ist, wenn es gestaltlos wäre? Schon wenn man etwas gestaltlos nennt, weist man auf Gestaltung hin. Wenn aber hinwiederum (die Materie) Substanz und gestaltet gewesen wäre, so wäre es überflüssig, Gott als (ihren) Schöpfer zu bezeichnen.
Jedoch sie behaupten, deshalb, daß er aus Eigenschaftslosigkeit und Ordnungslosigkeit sie zur Ordnung und Gestaltung führte, wird er mit Recht Schöpfer genannt.
Das ist dem ähnlich, wenn jemand aus Steinen ein Gebäude aufführt. Da kommt ihm nur die Herstellung der Zubereitung und des Gefüges zu, nicht aber die der natürlichen Wesenheit. Zu was nun hätte Gott das Formlose erschaffen, zum Guten oder zum Bösen? Wenn sie sagen zum Guten, so muß man fragen, woher das Böse kommt, das geschieht. Es müßten also 4 die Eigenschaften nicht so geblieben sein, wie sie waren, sondern weil sie zum Guten gewendet waren, hätten sie auch als gut erscheinen müssen. Haben sie sich aber zum Schlechten gewendet, werden sie dann noch sagen können, daß Gott die Ursache des Übels sei, da er ja die Eigenschaften zum Guten wandte?
Doch sie behaupten, daß er das Reine auswählte auf die eine Seite und daraus die Geschöpfe gemacht habe, aber das wirre Gemenge beiseite ließ.
Darauf müssen wir bemerken: Da er auch die Macht hatte, dies zu reinigen und das Böse hinwegzuschaffen, so müßte man, wenn er es nicht hinwegschaffen wollte, ihn die Ursache des Bösen heißen. Denn dann hatte er aus der Hälfte davon gute Geschöpfe geschaffen, die andere Hälfte aber vernachlässigte er so, daß sie den guten Geschöpfen zum Untergang wurde. Und wenn jemand die [S. 39] Sache wahrheitsgemäß überlegt, so findet er, daß die Materie in viel schlimmere Gefahr gekommen ist, als früher bei ihrer anfänglichen Strukturlosigkeit; denn vor der Ausscheidung und vor dem Gefühl der Gefahr des Bösen war sie in Sicherheit und Sorglosigkeit; nun aber beim Gefühl des Bösen befindet sie sich in Gefahr und Zweifel. Wenn es dir gefällt, so nimm den Menschen zum Beispiel. Bevor er gebildet war und zum Leben kam, war er des Bösen unteilhaft. Wenn er aber das Maß des menschlichen Alters erreicht hat, dann stürzt er sich in das Böse mit eigener Macht 5. So ergibt sich auch bezüglich der Güte, welche sie der Materie als (ursprüngliche) Gabe Gottes beilegen, daß sie der Verschlechterung anheimfiel.
Wenn ferner Gott das Böse in dieser Art zuließ, weil er es nicht hinwegschaffen konnte, so übertragen sie damit eine Schwäche auf Gott, mag er nun von Natur schwach sein, oder mag er furchtsam einem unterlegen sein, der stärker war als er. Ist er erschreckt vor einem andern unterlegen, der größer war als er, dann muß das Böse von ihnen als Gebieter seines Willens betrachtet werden. Warum wurden dann gemäß ihren Worten die Übel nicht Götter, die über Gott obsiegen konnten.
1: Kalemkiar: von der Grammatik der Grammatiker
2: Von der Rhetorik der Rhetoriker ebd.
3: Anklang an Aitillâhâ, s. Therossian Bazmawep a. a. O. S. 566.
4: Fehlt bei E.
5: Verf. scheint hier von Röm. 7, 9 f. geleitet gewesen zu sein. Es ist von persönlicher Sünde die Rede, die Frage der Erbsünde spielt nicht herein. Übrigens beruht die Erbsünde auf der persönlich freien Sünde der Stammeltern, so daß Eznik durch sie von der Herleitung des Bösen aus der Freiheit sich nicht braucht abhalten zu lassen.