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Als er die Anhöhe endlich erreicht hatte, nach einem langen schmerzhaften Aufstieg, als er dann am Rand der Klippe stand, sah er jene endlose See unter sich, das Weltenmeer. Und er erkannte, dass jedes Menschenleben nichts als eine Welle ist, die auf der Wasseroberfläche dahergleitet, geziert von einer Schaumkrone, gross oder klein, angetrieben von einer Kraft, die dort unten entsteht, in jener Tiefe, jener Untiefe, von der niemand wirklich etwas weiss, wissen will, wissen kann.
Sie gleiten fröhlich, diese Wellen, bäumen sich auf, um schliesslich am Ufer des schwarzen Strands zu zerschellen, mit mächtigem Dröhnen, der sich dort unten erstreckt, so weit das Auge reicht.
Er besitzt ja nur noch eine Auge, der Totenbeschwörer, das andere hat er seiner Kunst geopfert, damals, in jenen süssen Jugendtagen, die nichts hinterliessen, als einen wehmütigen, zunehmend dumpfer werdenden Schmerz in seiner Herzgrube.
Und die Liebe, jene warme, wütende, unbezähmbare Menschenliebe hatte er aufgegeben, zugunsten eines kalten, eines schneidenden Eros, den die Toten mitbringen, wenn man sie mittels finsterer Magie, ausgeübt an den Altären des Wahnsinns, über jene Schwelle zerrt, deren Übertretung der liebe Herrgott ausdrücklich verboten hat, schriftlich sogar, in seinem schwierigen Buch, doch zum Glück gibt es noch den gefallenen Erzengel, Luzifer, der nicht dienen wollte, und seine Legionen, mit deren Hilfe sich auch verbotene Pforten öffnen lassen.
Er hatte sie alle gehabt, die verstorbenen Grandes Dames der Vergangenheit, Kleopatra, Marie Antoinette, Laura Ingalis Wilder, Marie Curie, Leah Hirsig, Ulrike Meinhof und so weiter, und so weiter…
Bleich waren sie aus dem magischen Zirkel getreten, unter seinen schier unaussprechlichen Beschwörungskaskaden, in seinem Tempel, den er im fünften Untergeschoss eines Kettenwarenhauses installiert hatte, ein klein wenig transparent, aber substantiell genug für lange Gespräche und sexuelle Intermezzi, zu denen der Totenbeschwörer sie unter Anwendung von Talismanen nötigte, deren Herstellung ihn Jahre gekostet hatte.
Gewälzt hatte er sich mit den Geisterdamen, auf seinem Lotterbett, die alte Tonleiter des Kama Sutra rauf und runter gespielt, und den Toten dabei allerlei Geheimnisse entlockt. Kalte Geisterlippen um sein Gemächt, kalte Geisterzungen im Mund, versunken war er, in kalten Schössen und Tropfsteinhöhlen, kalte Geisterstimmen in seinen Gehörgängen, bis er sich die Wärme einer lebenden Dame nicht einmal mehr vorstellen konnte, sie gar keineswegs vermisste.
Zu tief war er gefangen, in den Netzen seines Geschäfts, der Totenbeschwörerei.
Und eines Nachts hatte er die ersehnte Wegbeschreibung dann erhalten, von Alastroel, die stöhnend unter ihm lag, eiskalt, Sexteufelin aus dem Totenreich.
Sie hatte ihm den Weg zu jener Klippe über dem Weltenmeer verraten, der ihr einst von Perdurabo persönlich anvertraut worden war, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, doch die Toten brechen alle Schwüre, wenn ein Totenbeschwörer ruft, der mit allen verfluchten Wassern der Unterwelt gewaschen wurde, so wie unser Freund.
Der nun hoch über dem Weltenmeer steht, im harten Wind der Ewigkeit, auf die Wellen starrt, die da brechen, am schwarzen Strand. Nun breitet er seine Arme aus, stürzt sich mit einem markerschütternden Schrei von der Klippe. Und, siehe da, auf halbem Weg nach unten verwandeln sich seine Arme in mächtige Rabenschwingen.
So fliegt er machtvoll, dreht einige weite Kreise über den tobenden Fluten, um dann zurückzukehren, Richtung Menschenwelt. Tod und Zerstörung wird er den Warmblütern bringen, aus deren Kreis er sich vor langer Zeit schon verabschiedet hat – demnächst auch in Dein Land, Deine Stadt, Dein Dorf.