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Was mich in diesem Blogbeitrag interessiert ist jedoch, was die Verbindung zwischen dem Selfie und der Identität der auf dem Selfie abgebildeten Person ist: Was hat dein Selfie mit deiner Identität zu tun?
Beginnen möchte ich diesen Beitrag jedoch mit einer kurzen Erklärung einiger philosophischer Gedanken zum Thema Identität. Im philosophischen Diskurs spricht man bei der Identität von Personen von personaler Identität. Insbesondere geht es hierbei um die sogenannte diachrone Identität, das heisst, Identität über Zeit: Wie kann etwas die Identität über einen gewissen Zeitraum hinweg beibehalten? (Das Gegenstück dazu wäre die synchrone Identität, bei der es um die Identität zu einem spezifischen Zeitpunkt geht. Dies wird in diesem Beitrag jedoch nicht weiter thematisiert werden.)
Zurück also zur personalen Identität. Zwei relevante Kriterien für das fortdauernde Bestehen der personalen Identität sind:
(1) Physikalische Kontinuität, und
(2) Psychologische Kontinuität. [1]
Bei der physikalischen Kontinuität (Fortdauern) kann man von einem „raumzeitlichen Weg“ sprechen, der einer Person zugeordnet werden kann. Das heisst, dass eine Person während ihrer Lebenszeit („in der Zeit“) existiert, und nicht, dass sie nur für kurze Zeit existiert, dann wieder nicht existiert, dann wieder existiert etc… Analog verhält es sich mit der Lokalisation im Raum. Personen bewegen sich zwar durch den Raum, folgen dabei aber immer einem Weg, anstatt wahllos irgendwo aufzutauchen, wieder zu verschwinden, und irgendwo anders wieder aufzutauchen. Da der raumzeitliche Weg gerade nicht wahllos und chaotisch ist, kann man von einer physikalischen Kontinuität sprechen, und diese ist in normalen Situationen leicht einer Person zuzuordnen. Da sich mein raumzeitlicher Weg von dessen meines Nachbars unterscheidet sind wir verschiedene Personen. Bei der psychologischen Kontinuität wird das Fortdauern der Person über mentale Zustände (geistige Zustände; Zustände des Bewusstseins) definiert. Eine Person behält dabei ihre Identität über die Zeit hinweg, insofern ihre mentalen Zustände relevant verbunden sind. Um zwei Beispiele zu nennen: Du hast eine Erinnerung daran, was du gestern gegessen hast, oder du handelst gemäss einer Absicht, die du gerade eben hattest. (Erinnerungen und Absichten sind Beispiele für mentale Zustände.)
Irgendwie scheint das Selfie bei diesen Gedanken zur personalen Identität noch keinen Platz zu finden. Bevor ich eine weitere Theorie der personalen Identität beschreibe, möchte ich kurz auf die Definition des Selfies eingehen: Was ist ein Selfie? Die Definition des Selfies ist wahrscheinlich nicht gänzlich eindeutig. Mit dem Titel „Felfie, Delfie, Ussie: A Guide to Every Ridiculous Selfie” [2] beschreibt Lisette Mejia in 14 Bildern verschiedene Arten des Selfies. Das „Delfie“ beispielsweise ist das „dog selfie“, also das Selfie mit einem Hund. Was die meisten Beispiele gemeinsam zu haben scheinen sind folgende Eigenschaften, mit denen ich einen Vorschlag für eine Begriffsanalyse des Begriffes „Selfie“
Ein x ist genau dann ein Selfie, wenn
- Es ein Foto einer Person P ist, das
- P selbt aufnahm, die Kamera K in der eigenen Hand haltend, oder durch den Gebrauch einer Selfie Stange.
Diese Definition des Selfies inkludiert also die meisten Varianten von Selfies, die man sich vorstellen kann: mit dem Haustier, am Strand, vor einer Touristenattraktion usw. Auch will ich mit dieser Definition das Gruppen-Selfie nicht ausschliessen. Was ich jedoch mit dieser Definition ausschliessen will, sind beispielsweise das von Mejia vorgeschlagene „Shelfie“ (das Foto eines Regales), oder das „Foodie“ (das Foto einer Mahlzeit). Ob die obige Definition des Selfies ausreichend ist oder nicht [Kritik darf man gern durch die Kommentarfunktion unten anbringen] sei dahingestellt. Intuitiv haben die meisten Menschen eine Idee davon was ein Selfie ist. Bevor wir das Selfie mit Theorien der Identität verknüpfen, können wir uns fragen, was unsere Intuitionen zu dieser Frage sind. Es ist beispielsweise denkbar, dass Selfies eine Art Transparenz über die eigene Person darstellen. Wenn du mir ein Selfie aus deinem Urlaub oder von deinem letzten Besuch im Fitnesscenter schickst, eröffnest du mir Informationen über dein Selbst und über dein Leben. Oder ist es nur eine Scheintransparenz, da ein „Lebensausschnitt“ gezielt ausgewählt wird, und somit auch Falsches suggeriert wird? Passend dazu der Gebrauch von „Filtern“: Ist das Selfie also ein Medium der gefilterten Transparenz der Person (die als solche keine wirkliche Transparenz mehr darstellt) und somit kein Teil der personalen Identität? [3] In den obigen Überlegungen sind schon einige Vorannahmen mit reingerutscht. Machen wir also nochmals einen Schritt zurück. Mit der physikalischen Kontinuität als Kriterium personaler Identität lässt sich das Selfie ohne Probleme verbinden, denn das Aufnehmen des Selfies ist im raumzeitlichen Weg von Person P enthalten. (Auch in den Rahmen der psychologischen Kontinuität lässt sich das Selfie durch Erinnerungen an die Aufnahme, oder Absicht davon, einfügen.) Doch dieses Ergebnis scheint uninteressant, und nicht ausreichend als Antwort auf unsere eigentliche Frage nach der Bedeutung des Selfies für die Identität einer Person.
Aus diesem Grund werde ich nun eine weitere Theorie personaler Identität beschreiben: (3) die narrative (personale) Identität. Wie bei (1) und (2) gibt es auch bei (3) verschiedene Varianten, wie die Theorie auszugestalten ist. Eine Möglichkeit den Begriff des „Narratives“ als Kriterium personaler Identität kurz zu beschreiben ist folgende: Das Narrativ ist eine Art Geschichte, die eine Person über das eigene Leben erzählen kann, welche beschreibt, wie es innerhalb des Lebens von einem Ereignis zu einem anderen kam. [4] Auf Grund dieses Narratives ist eine Person in der Lage „narrative Erklärungen“ über gewisse Handlungen zu geben; d.h. sie im eigenen Leben in einen Kontext zu stellen. Z.B.: Timo ist Tierarzt geworden, weil er schon immer gern Tiere hatte, oder Vera fährt Velo, weil ihr die Umwelt am Herzen liegt. Die Narrativbildung ist dabei jedoch kein bewusster Prozess wie das Schreiben eines Romans, sondern eine Art Selbstinterpretation die wahrscheinlich bewusste wie auch unbewusste Teile enthält. Ich denke, dass bei dieser Selbstinterpretation auch Fehler geschehen können, und man sich somit über das eigene Narrativ irren kann. Auf dies werde ich aus Platzgründen in diesem Beitrag nicht weiter eingehen. Es sei jedoch so viel gesagt: Eine Lösung dieses Problems des Irrtums wäre durch eine Verbindung mit der physikalischen Kontinuität denkbar.
Nun also die Frage: Sind Selfies Teil des eigenen Narratives? Um diese Frage zu beantworten muss man sich fragen, was für eine „Geschichte“ Selfies erzählen (insofern sie dies überhaupt tun). Was suggeriert beispielsweise Sandros Selfie mit einem Salat? Damit darüber eine Aussage gemacht werden kann, muss man meiner Meinung nach annehmen, dass ein Selfie eine sogenannte Proposition ausdrückt, denn sonst hat man für die Interpretation keinen Anhaltspunkt. Eine Proposition kann man als abstrakte Bedeutung (oder als Inhalt einer Aussage) beschreiben. Am einfachsten lässt sich der Gedanke mit dem Beispiel zweier Sätze verschiedener Sprachen illustrieren: (S1) Ein Velo hat zwei Räder. (S2) A bicycle has two wheels. (S1) und (S2) sind unterschiedliche Sätze, drücken aber die gleiche Proposition aus: dass ein Velo zwei Räder hat. Welche Proposition drückt Sandros Selfie mit dem Salat aus? Dass Sandro zu einem spezifischen Zeitpunkt einen Salat gegessen hat? Dass Sandro ein passionierter Salatesser ist? Dass Sandro eine gesunde Ernährung wichtig ist? Wenn ein Selfie mit einer Beschreibung versehen ist, ist die Interpretation der Proposition eventuell eindeutiger. Schreibt Sandro zu seinem Selfie „#HealthyLife“, oder etwas in der Art, ist ein Kontext für das Selfie gegeben. Ob das Selfie zum Narrativ gehört hängt somit davon ab, ob das Selfie eine wahre Aussage über das Leben der betreffenden Person macht, oder nicht. Das Erstellen eines Selfies ist also – ob bewusst oder unbewusst – ein potentieller Ausdruck der eigenen Identität.
Quellen:
[1] Derek Parfit, Reasons and Persons, Oxford University Press (1984).
[2] Lisette Mejia, „Felfie, Delfie, Ussie: A Guide to Every Ridiculous Selfie,” http://www.popsugar.com/tech/Selfie-Names-35405827#photo-35405827
[3] Jörg Metelmann, „The Inner Selfie. Media Desire, Moral Sentiments and the New Markets of Transparency” (Aufsatz vorgestellt am Workshop “Transparency. Thinking Through an Opaque Concept” in St.Gallen, Schweiz, 20. Mai 2016).
[4] Jeanine Weekes Schroer und Robert Schroer, „Getting the story right: a Reductionist narrative account of personal identity,“ Philosophical Studies (2014), doi: 10.1007/s11098-014-0278-z, S. 445.