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Es ist eine schlichte und zwingende Utopie: Wir sollten nur noch vier, fünf Stunden täglich für Geld arbeiten – dann wäre der Kapitalismus bald ein anderer.
Menschen lassen Menschen für sich arbeiten und werden dadurch reich. Es ist keine Sklaverei mehr – die sogenannten Arbeit-NehmerInnen gehören den sogenannten Arbeit-GeberInnen nicht mehr ganz, sondern nur noch zu einem Drittel ihrer Lebenszeit, die sich dann Arbeitszeit nennt.
Wie viel unserer Lebenszeit wollen wir denn als Arbeitszeit feilbieten?
Die Schriftstellerin Esther Vilar forderte in den siebziger Jahren die «Fünf-Stunden-Gesellschaft». 1990 doppelte sie mit der Streitschrift «Die 25-Stunden-Woche» nach. Darin schreibt sie, getreue MarxistInnen seien dermassen fasziniert von der Umverteilung der materiellen Güter gewesen, «dass wir beim Ruf nach mehr Gerechtigkeit die Umverteilung des wichtigsten immateriellen Gutes – der Ware Zeit – vollkommen übersahen. Und dies, obwohl doch Zeit – Freizeit – im Gegensatz zu Geld heute fast gleichmässig über die Gesamtbevölkerung verteilt werden könnte, ohne dass jemandem Schaden daraus entstünde.»
Die längste Arbeitszeit Europas
Aus der Umverteilung von Zeit ist bislang nichts geworden. Die Schweiz hat heute die längsten Arbeitszeiten Europas – in der Land- und Forstwirtschaft arbeitet man 46 Stunden pro Woche, in vielen anderen Branchen sind es noch 42 Stunden und mehr.
Im 19. Jahrhundert wurde in den Fabriken täglich vierzehn bis fünfzehn Stunden gearbeitet. Als die Glarner Landsgemeinde 1846 einem Gesetz zustimmte, das die tägliche Höchstarbeitszeit auf dreizehn Stunden beschränkte, war das revolutionär und europaweit ein Novum. 1877 trat das erste eidgenössische Fabrikgesetz in Kraft, das von Montag bis Freitag elf Arbeitsstunden vorsah und am Samstag noch zehn – insgesamt also 65 Wochenstunden.
Als Folge des Ersten Weltkriegs verarmten viele FabrikarbeiterInnen. Sie begannen, sich zu wehren und Forderungen zu stellen. 1918 kam es zum Generalstreik, mit dem die Gewerkschaften unter anderem die 48-Stunden-Woche verlangten. Zwei Jahre später wurde diese im Fabrikgesetz verankert. Damals galt noch die 6-Tage-Woche. Der freie Samstag wurde erst während des Zweiten Weltkriegs als Energiesparmassnahme eingeführt. Manche Branchen behielten ihn nach dem Krieg bei, wirklich durchsetzen konnte sich die 5-Tage-Woche aber erst in den sechziger Jahren.
Seither hat sich nicht mehr so viel bewegt, obwohl es immer wieder angeregte Debatten und verschiedene Vorstösse gab. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) lancierte kurz vor der Jahrtausendwende die Initiative «für kürzere Arbeitszeiten». Der SGB zielte damit auf die Einführung der 36-Stunden-Woche ab, erwähnte in der Initiative konkret aber nur die Jahresarbeitszeit von insgesamt 1872 Stunden. Das führte innerhalb der Linken zu heftigen Kontroversen. «Die Gewerkschafter bieten den Arbeitgebern etwas an, was diese selber wollen: nämlich die Jahresarbeitszeit, weil sie damit ihre Betriebe rationeller und kostengünstiger führen können», kritisierte damals Ursi Urech vom Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD). Die Arbeitskräfte würden nur dort und nur dann eingesetzt, wo es gerade Arbeit gebe: «Wenn die Jahresarbeitszeit weiter zunimmt, wird sich das aufs Familienleben und die sozialen Kontakte auswirken, werden wir nie wissen, wann wir arbeiten müssen und wann wir frei haben werden», warnte Urech. «Und wenn wir frei haben, werden Bekannte, die wir treffen möchten, dann gerade arbeiten müssen und umgekehrt.»
Die Initiative wurde deutlich abgelehnt. Damit ist die Idee der Arbeitszeitverkürzung nicht diskreditiert. Man muss es nur anders angehen. Aber angehen muss man es.
Produktivität in Zeit verwandeln
In den letzten hundert Jahren wurden die Menschen immer produktiver. Dank technologischen Fortschritts produzieren wir pro geleisteter Arbeitsstunde immer mehr. Maschinen nehmen uns zunehmend die Arbeit ab. Die klassische Fabrikarbeit gibt es hierzulande schon lange nicht mehr, irgendwann wird auch ein grosser Teil der anspruchsvolleren Arbeit von Computern erledigt.
Die herkömmliche Lohnarbeit wird knapp werden. Gleichzeitig produzieren wir Unmengen von Gütern, die niemand wirklich braucht. Es wäre gescheiter, von der steigenden Produktivität zu profitieren, indem wir weniger arbeiten, statt mehr zu konsumieren.
Die herrschende Ökonomie fordert jedoch das Gegenteil: Wenn das Wachstum stottert, wollen die UnternehmerInnen, dass ihre Angestellten noch länger arbeiten – und alle sollen mehr konsumieren, um die Wirtschaft in Schwung zu halten. Ein Irrsinn, der an den Abgrund führt.
Der französische Philosoph André Gorz hat das schon vor Jahrzehnten erkannt. Gorz warnte, der Kapitalismus sei eine unökologische, inhumane Wachstumsmaschinerie, der man nur mit radikaler Arbeitszeitreduktion begegnen könne, sonst drohe eine Zweidrittelsgesellschaft, in der ein Drittel der erwerbsfähigen Bevölkerung aus dem Produktionsprozess hinausfalle und ökonomisch wie sozial an den Rand der Gesellschaft gedrängt werde. Seiner Meinung nach bräuchte es ein Recht auf Erwerbsarbeit – diese sollte aber auf zwanzig bis dreissig Stunden in der Woche beschränkt sein. Die gewonnene freie Zeit käme der Gesellschaft zugute.
Diese Vision hat zuletzt etwa auch die deutsche Soziologin und Philosophin Frigga Haug («Die Vier-in-einem-Perspektive») weiterentwickelt. Die gewonnene Zeit käme der Gesellschaft zugute, man könnte sich der Kultur widmen, Kinder betreuen, Alte und Kranke pflegen, Politik betreiben, gärtnern – also Arbeit jenseits der Lohnarbeit leisten. Oder wie es Gorz ausdrückt: «Die der Musik, der Liebe, der Erziehung, dem Gedankenaustausch, der Pflege eines Kranken gewidmete Zeit ist die Lebenszeit selbst, und diese hat keinen Preis, um den sie (ver)käuflich wäre.»
Diese Utopie ist so schlicht und einfach, wie sie radikal und zwingend ist.