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Russlands erstes AKW-Schiff soll abgelegene Küstengebiete in der Arktis mit Energie versorgen
Im aufgeheizten Klima wittert die Atomlobby Morgenluft
Die Atomwirtschaft plant – einmal mehr – ihre Renaissance. Dazu sollen kleine mobile Reaktoren die grossen AKW ergänzen.
Hunderte neue Atomkraftwerke (AKW) will die Atomwirtschaft im nächsten Jahrzehnt vor allem im globalen Süden aufstellen. Bis 2035 sollen es sogar tausend oder noch mehr sein. Das denkt die US-Firma NuScale, die mit Finanzierung der US-Regierung an «kleinen modularen Reaktoren» als neue Verkaufsschlager bastelt. Russische wie chinesische Atomfirmen planen fleissig mit. Sie bauen sogar «kleine» AKW auf Booten, die an isolierten Inseln in den südlichen Ozeanen und in der Arktis verankert werden sollen.
Mit dem Klimawandel sieht die Atomwirtschaft wieder einmal Morgenröte. Zusätzlichen Auftrieb gibt ihr der jüngste Bericht des Weltklimarates (IPCC). Dieser erachtet die nukleare Energie als nötig, um die «Grundlast» für die Elektrizitätsversorgung zu gewährleisten, wenn bis zum Jahr 2050 so gut wie alle Kohle-Kraftwerke abgeschaltet werden müssen. Der baldige Ausstieg aus der Kohle ist nötig, um die Treibhausgase so weit zu senken, dass sich die Klimaerwärmung auf weniger als zwei Grad begrenzen lässt, wie es das Klimaabkommen von Paris aus dem Jahr 2015 verlangt.
Propaganda der Atom-Lobby
In ein paar Nebensätzen macht sich der Weltklimarat zu eigen, was die Vorsitzende der Welt-Nuklear-Vereinigung (WNA), Agneta Rising, mit folgenden Worten bejubelt: «Der IPCC-Bericht betont die erprobte Qualität der nuklearen Energie als eine hoch wirksame Methode zur Verminderung der Treibhausgase ebenso wie für die sichere, verlässliche und anpassungsfähige Versorgung mit Elektrizität.»
Das ist pure Propaganda. Denn jedes einzelne der zitierten Attribute stimmt so nicht. Seit Jahren beschäftigt sich die niederländische Forschergruppe um Storm/Smith mit der «Wirksamkeit» der Atomenergie und kommt zu miserablen Ergebnissen:
- Die Energie-Ausbeute in Form von Strom beträgt allenfalls ein Sechstel der theoretisch enthaltenen Primär-Energiemenge. Damit ist der Wirkungsgrad der Atomenergie schlechter als jener von Kohlekraftwerken.
- Wirtschaftlichkeit: Die wirtschaftliche Verfügbarkeit aus dem derzeitigen Uranbergbau hat ihren Grenzwert schon überschritten. Die – zwar enormen – Vorkommen bis hin zu Uran aus Meerwasser lassen sich nur zu astronomisch hohen Kosten ausbeuten.
- Treibhausgas-Intensität: Wird der Gesamtzyklus berücksichtigt, also inklusive Bergbau, Anreicherung und Wiederaufbereitung von Brennstäben, Abfall-Aufbewahrung und Atommüll-Entsorgung, tendiert die Energie- und Klimabilanz kaum zu besseren Werten als die der Erdgasverbrennung.
Das hielt die WNA-Nachrichten freilich nicht davon ab, einen Schwall an Erfolgsmeldungen über Pläne für neue AKW zu verbreiten; dies insbesondere im Vorfeld zur UNO-Klimakonferenz im Dezember 2018 in Katowice/Polen, wo in einigen der nationalen Delegationen auch Atom-Lobbyisten vertreten waren.
Hochfliegende AKW-Pläne von Nahost bis Südamerika
Die Zielmarke ist, 25 Prozent des Strombedarfs im Jahr 2050 weltweit mit Atomkraft zu produzieren. Damit stiege der Anteil des Atomstroms gegenüber heute (11%) auf mehr als das Doppelte. Und weil der Strombedarf laut Prognosen weltweit weiter wachsen soll, würde die Menge an Atomstrom noch viel stärker wachsen als ihr Anteil am globalen Strommix. Die Pläne sind in der Tat enorm: Allein in der von Krisen und Erdbeben gefährdeten Nahost-Region wollen Ägypten und die Golfstaaten mindestens 23 grosse AKW zu je 1000 Megawatt (MW) und mehr aufstellen, die Türkei vier. Weitere Länder mit AKW-Ambitionen im globalen Süden sind:
- in Asien: Armenien, Kasachstan, Pakistan, Indien, Bangladesh, Malaysia, Thailand, Laos, Vietnam, Indonesien und Taiwan;
- in Afrika: Marokko, Algerien, Kenia und Nigeria;
- in Südamerika: Argentinien, Brasilien und Chile.
Weltweit im Aufbau sind derzeit 50 grosse Reaktoren (bis oder über 1000 MW), davon 16 in China, sieben in Indien, fünf in Russland und vier in Südkorea. Diese Staaten, mit Ausnahme von Indien, sind auch die Baumeister für Projekte in weiteren Ländern des globalen Südens, wo französische und nordamerikanische Atomfirmen bisher nur wenig Fuss fassen konnten. In den USA hingegen sind gerade mal zwei, in Europa vier AKW im Bau – hier darbt die Branche.
Mini-Reaktoren vom Fliessband
Doch das soll sich ändern, nämlich mit den Wunderwerken der «Small Modular Reactors» (SMR). Dabei handelt es sich um kleine Module von 20 bis 300 Megawatt Leistung, die fertig in Fabriken hergestellt würden und einzeln sogar «mobil» wären. Zudem sollen sich diese kleinen Reaktoren miteinander verknüpfen und so zu grossen AKW zusammenbauen lassen. Der internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) liegen 51 technische Entwürfe dazu vor; die meisten stammen von Unternehmen der USA und Kanada, die derzeit im SMR-Arbeitskreis der IAEA geprüft werden. Die Atom-Agentur NEA, welche die Atomwirtschaft in den westlichen Industriestaaten (OECD) vereint, veranschlagte schon vor zwei Jahren, dass im Zeitraum 2020 bis 2035 «105 bis 425 SMR-Einheiten produziert werden könnten».
Ideen dazu gibt es schon länger. Die «kleinen Module» sollten sicherer und effizienter werden als die grossen Reaktoren mit 1000 und mehr Megawatt Leistung, die jeweils nur einzeln und erst nach langer Bauzeit zustande kommen. Die SMR-Module liessen sich mit Standard-Teilen zentral fertigen und danach an die Standorte transportieren, wo sie Strom produzieren sollen. Sie können von dort jeweils auch wieder abgeholt werden, etwa zum Auffüllen des atomaren Brennstoffs oder zum Entsorgen am Ende ihres Gebrauchs.
«Ein Schlüssel für die Zukunft» der Atomindustrie
Den Anstoss zur Entwicklung der Kleinreaktoren gab die Obama-Regierung mit kräftigen US-Finanzhilfen ab 2010. Die SMR seien «game changer», befand alsbald die Atom-Lobby, also ein «Schlüssel zur Zukunft» der Nuklearindustrie, befand auch die Nachfolge-Regierung unter Trump. Die EU-Vertretung der Europäischen Atomgemeinschaft Euratom in einer Arbeitsgruppe der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEA hielt im September 2017 die Mini-Reaktoren für «eine vielversprechende Perspektive».
Grund: Die bestehenden AKW in den Industriestaaten, aufgebaut unter US-Führung, sind überaltert und nähern sich dem Ende ihrer geplanten Betriebszeit. Ihr Durchschnitts-Alter beträgt in den USA 38 Jahre, in der EU 33 Jahre. Ersatz oder Neubauten von grossen AKW stossen seit Tschernobyl und Fukushima auf immer heftigeren Widerstand der Bevölkerung. Da kommen die «kleinen» modularen AKW gerade recht. Denn ein GAU (Grösster anzunehmender Unfall) wie in Tschernobyl oder Fukushima ist bei diesen Mini-Reaktoren angeblich ausgeschlossen, weil sie anders konstruiert, mit «neuartigem» Brennstoff betrieben und einfach wieder abtransportiert werden könnten. Und vor allem würden sie nur «wenig» Treibhausgase verursachen.
Wirtschaftlich unsinnige Atomkraft
Bei der Entwicklung der kleinen Reaktoren haben die russischen und chinesischen Atomunternehmen die Nase ebenfalls vorn. So haben sie bereits zwei auf Pontons schwimmende Klein-AKW in Betrieb bzw. im Bau. Und sie kommen, glaubt man den Erfolgsmeldungen der WNA-News, auch vor Ort bei interessierten Ländern im globalen Süden gut an. So will selbst das bettelarme Malawi sich auf «nukleare Zusammenarbeit» mit indischen Atombauern einlassen, das kaum reichere Sambia mit den russischen.
Doch der grosse Stolperstein ist und bleibt die Wirtschaftlichkeit. Atomstrom ist inzwischen bei weitem teurer als Elektrizität aus erneuerbaren Quellen. Grosse Reaktoren können sich allenfalls die (noch) reichen Golfstaaten leisten. Strom von den neuartigen Mini-AKW ist selbst nach optimistischen Berechnungen pro Kilowattstunde bis dreimal teurer als Strom aus Solar- und Windkraft. Trotz des Prinzip-Beschlusses der Afrikanischen Union, AKW «in Betracht zu ziehen», um den allseits herrschenden Mangel an Elektrizität in Afrika zu beheben, gilt auch der Schlusssatz im jüngsten «Weltnuklear-Bericht» des kritischen Experten Mycle Schneider: Viele Entwicklungsländer zeigen zwar Interesse, aber nur wenige wären bereit, eigenes Geld in ein AKW zu investieren.
Südstaaten unter Druck
Deshalb wird nun der politische Druck auf die Südstaaten kräftig verstärkt, die wirtschaftlich unsinnige Atomkraft zu akzeptieren. Unter der falschen Flagge von «Klimazielen» müht sich die Atomwirtschaft eifrig, auch auf UNO-Ebene genau dies zu erreichen. Beim Klimagipfel in Katowice durfte der Atomverein WNA am 6. Dezember dazu einen eigenen «Event» abhalten. Und mit seiner Botschaft an die Welt zum Neujahr machte sich Microsoft-Milliardär Bill Gates zur Rettung vor dem Klimawandel mittels Atomkraft auf, denn «innovative» neue Kernkraftwerke wären dazu «ideal, anpassungsfähig, verlässlich und sicher»: Copy-Paste à la Microsoft. Der «innovative» Neusprech wiederholt teils wörtlich Reklamesprüche aus der Frühzeit der Atomwirtschaft. Denn schon in den 50er- und 60er-Jahren wurden enthusiastisch «kleine» AKW beworben. Deren zu Demonstrationszwecken konstruierte Exemplare gerieten allemal zum Flop.
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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Keine. Der Journalist Heimo Claasen arbeitet seit 1974 in Brüssel. Er schrieb u.a. für die «WoZ» und realisierte diverse Radio- und Fernsehproduktionen für den Deutschlandfunk und den Westdeutschen Rundfunk.
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3 Meinungen
Aggregate, zu verzichten. Was den Endenergieverbrauch des Schweizers betrifft, wird überdies gerne ignoriert, dass dieser zu einem sehr grossen Anteil durch den Import von Fertig- u. Halbfertigprodukten u.a. mitgeneriert ist. Dem BFS bewusst, aber nicht berechnet. In unserem kleinräumigen dicht besiedelten Ländle kommt noch der lokale Widerstand gegen die fortschreitende bedauerliche Landschaftszerstörung hinzu.
Somit müssten eigentlich alle diese Sachverhalte - neben den Zwängen unserer Wachstums- u. Konsumgesellschaft - gesamthaft betrachtet und angegangen werden.
1) Energieausbeute «1/6»: Wirkungsgrad z.B. EPR ~37% netto, so etwa 2x mehr:
https://de.wikipedia.org/wiki/EPR_(Kernkraftwerk)#Datentabellen
2) Uraniumvorräte «überschritten»: Da sollte der Marktpreis extrem hoch liegen, jedermann kann selbst googeln, dass dies gar nicht stimmt!
3) Treibhaus-Intensität: Da gibt es hunderte von Studien, und das IPCC gibt eine Spanne zw. einige g bis 40 g CO2 (Äquivalent) / kWh an, etwa wie Windkraft, ggü 400 für Erdgas (Abb. 4.19), also 10x besser oder mehr:
https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2018/02/ar4-wg3-chapter4-1.pdf
Frage an Herrn Clausen: Warum haben sich die Herren Storm van Leeuwen & Smith seit Jahren nicht mehr gewagt, Ihre «Studien» in einer renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift zu publizieren?
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