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Wie alle seine Kompositionen, schuf Händel auch das Oratorium «Jephtha» in verhältnismässig kurzer Zeit: Im Januar 1751 begonnen, vollendete er das Werk bereits Ende August desselben Jahres. Und dies, nachdem er wegen seiner nachlassenden Sehkraft und anderer äusserer Umstände eine fast viermonatige Arbeitspause hatte einlegen müssen. Unter seiner Leitung wurde «Jephtha» 1752 im Theatre Royal in Covent Garden dann erstmals aufgeführt.
Das Libretto aus der Feder von Reverend Thomas Morell basiert auf der Jephtha-Geschichte aus dem alttestamentlichen Buch Richter. Als charismatischer Heerführer zieht Jephtha in den Kampf gegen die Feinde Israels und gelobt Gott: «Wenn du die Ammoniter wirklich in meine Gewalt gibst und wenn ich wohlbehalten von den Ammonitern zurückkehre, dann soll, was immer mir (als erstes) aus der Tür meines Hauses entgegenkommt, dem Herrn gehören, und ich will es ihm als Brandopfer darbringen.» Als Jephtha siegreich nach Hause zurückkehrt, kommt ihm seine einzige Tochter entgegen, tanzend und voller Freude über den Sieg ihres Vaters. Er aber erstarrt angesichts des Leids, das er mit seinem Gelübde ahnungslos heraufbeschworen hat, zerreisst seine Kleider und gesteht seiner Tochter, was er Gott versprochen hat. Tapfer ist sie bereit, zum Heil des Volkes Israel ihr Schicksal anzunehmen und bedingt sich lediglich die Spanne von zwei Monaten aus, wo sie in die Berge gehen und mit ihren Freundinnen Abschied nehmen will. Nach zwei Monaten kehrt sie zurück zu ihrem Vater. «Und er tat ihr, wie er gelobt hatte, und sie hatte nie einen Mann erkannt.» (Ri 11, 29-40)
Thomas Morell schuf für Händels Oratorium eine Fassung dieser Geschichte mit fünf handelnden Personen: Da sind Jephtha und seine Frau, die gemeinsame Tochter Iphis und deren Verlobter und als fünfte Person Jephthas Bruder. Im dritten Akt, wo sich die Handlung nahezu unerträglich zuspitzt, greift endlich ein Engel ein, der die göttliche Botschaft überbringt, Iphis möge an Leib und Leben verschont bleiben, Gott jedoch für immer als jungfräuliche Priesterin dienen.
Höchst dramatische Elemente prägen damit das Oratorium und erzeugen eine immense psychologische Spannung, die von Händel in hochemotionale Musik umgesetzt wurde: Siegesfreude und Glück kippen unvermittelt um in riesiges Entsetzen und wir Zuhörenden leiden gleichermassen mit Tochter, Vater, Mutter und Verlobtem und sind am Ende zutiefst erleichtert über das himmlische Eingreifen, das die ernsthaft entschiedene Todesbereitschaft einer gerade noch so verspielten, jungen Frau in göttlicher Milde auffängt.