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EQUALS
Die selbstberichteten psychischen Belastungen sind nach wie vor auf einem bisher unerreicht hohen Niveau
Beitrag aus der EQUALS-Forschung
Von Nils Jenkel & Martin Schröder
Wie aus dem Newsletter-Beitrag vom Herbst 2021 und dem dazugehörigen EQUALS-Factsheet zu entnehmen war, sind die selbstberichteten psychischen Belastungen unter den neu eingetretenen Jugendlichen seit ca. der zweiten Corona-Welle deutlich angestiegen. In dieser Zeit überstiegen sie sogar erstmals die Belastungswerte aus den Fremdurteilen durch die sozialpädagogischen Bezugspersonen. Dieser Beitrag untersucht, wie sich diese Situation weiterentwickelt hat.
Einleitung
Da zu befürchten war, dass die Jugendlichen, welche seit der Corona-Pandemie in den Institutionen aufgenommen wurden, psychisch noch stärker belastet sein könnten als diejenigen aus der Zeit davor, haben wir die Entwicklungen in den EQUALS-Daten aufmerksam verfolgt und regelmässig ausgewertet.
Die ersten Ergebnisse, welche die Eintritte bis zum 15. März 2021 berücksichtigten, zeigten, dass die selbstberichteten psychischen Belastungen seit Herbst 2020 tatsächlich signifikant zugenommen hatten. Die Durchschnittswerte aus den Fremdbeurteilungen durch die sozialpädagogischen Bezugspersonen hatten sich jedoch nicht parallel dazu entwickelt. Es zeigte sich sogar ein Bild, das in bisherigen Studien zu den psychischen Belastungen unter platzierten Jugendlichen noch nie beobachtet wurde: Erstmals befanden sich die durchschnittlichen Werte aus den Selbstbeurteilungen über den Werten aus den Befragungen der Betreuenden und die durchschnittliche Abweichung zwischen den Perspektiven hatte drastisch zugenommen.
Waren wir also vor einem Jahr an einem Punkt, an welchem Fachpersonen zu unterschätzen begannen, wie schlecht es den Jugendlichen tatsächlich ging? War dieser Effekt allein auf die damalige Situation zurückzuführen? Wie ging es weiter? Haben sich die Selbst- und Fremdwahrnehmungen wieder angenähert?
Aufgrund dieser Fragen erschien es uns äusserst wichtig, die Entwicklungen im Auge zu behalten. Dieser Beitrag berichtet, wie sich der Trend seit dem 15. März 2021 bis in die aktuelle Zeit hin weiterentwickelt hat.
Methode
Wie in den vorgängigen Analysen wurden zur Beschreibung der psychischen Belastungen die Werte aus den zwei international etablierten Breitbandverfahren zum Screening von psychischen Symptomen bei Kindern und Jugendlichen betrachtet, die bei vielen EQUALS-Institutionen zur Anwendung kommen: Die Child Behaviour Checklist (CBCL; Fremdurteil) und der Youth Self Report (YSR; Selbsturteil). Die Fragebögen messen mit ihren Hauptskalen die gesamthafte psychische Belastung (Gesamtwert) und können zudem zwischen internalisierenden Belastungen (z. B. depressive Symptome) und externalisierenden Auffälligkeiten (z. B. aggressives Verhalten) differenzieren.
In die Auswertungen wurden die Daten aus zehn stationären Angeboten aus der Schweiz und drei aus Deutschland einbezogen, welche die Neueintritte mit den beschriebenen Instrumenten zwischen dem 15. März 2018 und dem 14. September 2022 routinemässig befragt haben. Weiter wurden nur Daten von Jugendlichen berücksichtigt, bei welchen jeweils sowohl ein Fremd- als auch ein Selbsturteil vorlag.
Dies führte zu einer Stichprobe von 551 Jugendlichen im Alter von 12.0 bis 17.9 Jahren (M=15.4, SD=1.3). Da viele Institutionen für junge Frauen EQUALS mit der notwendigen Frequenz nutzen, war ein grosser Anteil weiblichen Geschlechts (78.0 %).
Für die Analyse der Entwicklungen der psychischen Belastung über die Zeit wurden die durchschnittlichen Belastungswerte zwischen neun Gruppen nach dem Zeitraum des Eintritts, welcher jeweils ein halbes Jahr umspannte, mit allgemeinen linearen Modellen verglichen. In den Modellen wurden das Geschlechterverhältnis sowie das Alter zum Zeitpunkt der Beurteilung statistisch kontrolliert.
Ergebnisse
Insgesamt zeigte sich, dass die vor einem Jahr beobachtete Änderung sich als bestehenden Trend fortgeführt hat und die Schere zwischen Selbst- und Fremdurteil bei den internalisierenden Belastungen und im Gesamtwert sogar eher noch weiter auseinander gegangen ist (siehe Abbildungen).
Abbildungen: Zeitreihenanalysen der fremd- und selbstberichteten psychischen Belastungen nach Zeitraum des Eintritts.
Die Ergebnisse lassen sich weiter folgendermassen zusammenfassen:
- In den Selbstbeurteilungen erfolgte seit etwa Herbst 2020 ein Anstieg in den durchschnittlichen Belastungswerten und dies ist seither nicht mehr abgeklungen. er Effekt des Zeitraums des Eintritts auf die Höhe der psychischen Belastung beim Gesamtwert und bei den externalisierenden Auffälligkeiten war dabei statistisch klar – und bei den internalisierenden Belastungen marginal – signifikant.
- Gemäss der Fremdbeurteilungen durch die sozialpädagogischen Bezugspersonen blieb die psychische Belastung unter den eingetretenen Jugendlichen bis heute auf dem gleich hohen Niveau. Es gab keine Hinweise auf eine Ab- oder Zunahme der wahrgenommenen Belastungen.
- Im Vergleich der Selbst- und Fremdbeurteilungen befanden sich die durchschnittlichen Werte aus den Befragungen der Jugendlichen seit deren Anstieg über den Werten aus den Befragungen der Bezugspersonen. Dieser Effekt ist in allen Hauptskalen statistisch signifikant.
Diskussion
Grundsätzlich erscheint uns nachvollziehbar, weshalb die in der jüngeren Zeit eingetretenen Jugendlichen über stärkere Belastungen berichten als diejenigen aus den Zeiten vor Corona. Die Corona-Pandemie hat uns zwar letztens immer wieder Pausen gegönnt und zeitweise waren kaum noch Einschränkungen spürbar. Es sind mitunter mit dem Ukraine-Krieg und der damit zusammenhängenden drohenden Mangellage aber weitere potenzielle psychosoziale Stressoren ins Spiel gekommen. Auch die Klimakrise, die gerade bei vielen jungen Menschen sehr präsent ist, könnte belastend wirken. Da diese alle Gesellschaftsteile betreffenden Themen bei sehr vielen Menschen Ängste, Sorgen und Belastungen auslösen, vermuten wir, dass auch in anderen Stichproben ähnliche Entwicklungen zu beobachten sind. Bei platzierten Jugendlichen dürfte der Effekt jedoch besonders deutlich ausfallen, weil diese sehr häufig aus den vulnerabelsten Herkunftssystemen kommen, welche durch Krisen wiederum oft auch stärker betroffen sind.
Soweit scheinen die Ergebnisse in Bezug auf die Selbstbeurteilungen unseres Erachtens also recht alarmierend, aber stimmig.
Dass die sozialpädagogischen Bezugspersonen aber in ihren Einschätzungen keine gleichartige Zunahme an psychischen Belastungen bei den Jugendlichen wahrgenommen haben, wirft Fragen auf: Woran könnte dies liegen?
Bis anhin bieten sich uns vier sich teilweise ergänzende Hypothesen zur Diskussion an:
- Die psychischen Belastungen der Jugendlichen, auch in der Allgemeinbevölkerung, sind angestiegen, aber Erwachsene nehmen dies nicht ausreichend wahr, weil diese zu wenig nachvollziehen und verstehen können, wie schwierig die heutige Zeit für Jugendliche – vor allem für besonders vulnerable Jugendliche – tatsächlich ist.
- Die psychischen Belastungen der Jugendlichen sind angestiegen, aber dies wird nicht wahrgenommen, weil die Fachpersonen und Institutionen ein Stück selbst im Krisenmodus sind und sich stark mit eigenen Problemen (z. B. Personalmangel und -Fluktuation) beschäftigen müssen. Solche strukturellen, personellen sowie persönlichen Überlastungen könnten also zu Einschränkungen in der Sensibilisierung, Empathie und Fähigkeit zum Perspektivenwechsel geführt haben.
- Die psychischen Belastungen der Jugendlichen sind angestiegen, die Jugendlichen bringen diese gegenüber den Fachpersonen aber nicht im vollen Ausmass zum Ausdruck, um diese nicht zu belasten und ihren aktuellen sicheren Ort in der Institution in diesen unsicheren Zeiten nicht zu gefährden.
- Entgegen der Annahme zu Beginn der Diskussion, sind die Belastungen der Jugendlichen doch nicht angestiegen, sondern die Jugendlichen sind seit Corona lediglich offener geworden, um über psychische Belastungen zu berichten.
Wir vermuten, dass die Effekte aufgrund einer Kumulation von genannten und ev. noch unbedachten Erklärungen auftreten, wobei wir jedoch die Option, dass die psychischen Belastungen überhaupt nicht zugenommen haben und der beobachtete Anstieg allein aufgrund einer neuen Offenheit der Jugendlichen besteht, um über die Belastungen zu berichten, eher ausschliessen. Der Aspekt, dass man im Zuge der aktuellen Krisen offener über persönliche Belastungen spricht, ist sicher nicht ganz von der Hand zu weisen, er dürfte aber wohl kaum allein für die Ergebnisse verantwortlich sein.
Letztendlich bleibt in der Betrachtung der Daten so oder so ein eher ungutes Gefühl. Denn sie legt unseres Erachtens nahe, dass wir – ev. auch aufgrund des eher überlasteten Hilfesystems – aktuell Gefahr laufen könnten, die Jugendlichen und ihre Situation momentan nicht ausreichend zu verstehen und damit allenfalls auch nicht adäquat zu versorgen.
Der Beitrag soll somit alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, ermutigen, bei sich genauer hinzuschauen, den Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass man sich für sie interessiert und zu versuchen, durch einen Abgleich von verschiedenen Perspektiven Erkenntnisse zu gewinnen. Vielleicht finden Sie dadurch auch weitere Hypothesen zu unseren Beobachtungen und Interpretationen. Wenn Sie mögen, berichten Sie uns darüber, wir würden uns freuen:
Alle Ergebnisse finden Sie auf der Website in Form einer visualisierten Zusammenfassung. Sie können dort auch die Möglichkeit nutzen, den Blog zu abonnieren. Damit bleiben Sie rund um EQUALS informiert.