Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03262.jsonl.gz/2319

Die Vermutung bestand schon lange, dass eine Virusinfektion Auslöser für Multiple Sklerose (MS) sein könnte. Man weiss auch, dass Kinder und Jugendliche, die durch eine Epstein-Barr-Virus-Infektion am Pfeifferschen Drüsenfieber erkranken, ein etwa zweifach erhöhtes Risiko haben, später eine MS zu entwickeln. Ein Forschungsteam um Alberto Ascherio in Harvard hat nun den Beweis dafür geliefert. Als einziges nicht-amerikanisches Team war das Departement Klinische Forschung der Universität und des Universitätsspitals Basel um Jens Kuhle an der Studie beteiligt.
Um einen Zusammenhang zwischen dem Epstein-Barr-Virus und Multipler Sklerose zu prüfen, griff das Forschungsteam auf eine grosse Biobank des US-Militärs zurück. 20 Jahre lang analysierten die Wissenschafter Blutproben von zehn Millionen jungen US-Soldaten. Bei 955 war während der Dienstzeit eine Multiple Sklerose diagnostiziert worden. Anhand dieser Gruppe konnte man eindeutig verfolgen, dass dem Beginn der MS-Erkrankung eine Infektion mit EBV vorausgegangen war. Das stützt die Annahme einer besonderen Rolle des EBV bei der Entstehung von MS und deckt sich mit früheren Daten der Basler Arbeitsgruppe, die bei ersten Symptomen einer MS erhöhte Immunreaktionen gegen EBV gezeigt haben.
Die meisten Erwachsenen sind mit EBV infiziert, und die Mehrheit entwickelt keine MS. Dazu Prof. Jens Kuhle: «Aus früheren Studien wissen wir , dass es rund 200 Risikogene für MS gibt. Es spielen aber immer auch Umweltfaktoren eine Rolle, etwa Vitamin-D-Mangel oder eben eine Virusinfektion.» Laut Kuhle bedeutet das EB-Virus so oder so nichts Gutes für uns Menschen. Es kann auch andere schädliche Langzeitfolgen wie bestimmte Krebs- und Autoimmunerkrankungen haben. «Eine Impfung wäre wünschenswert.» Hoffnung für eine Impfung gibt die mRNA-Technologie (auf der die Covid-Impfung beruht). Das US-Unternehmen Moderna startete eine Phase-1-Studie mit einem solchen Impfstoff. Er soll vor einer Infektion schützen oder zumindest den Ausbruch des Pfeifferschen Drüsenfiebers verhindern.
«Die Studie stellt einen bedeutenden Meilenstein zu möglichen Ursachen der Multiplen Sklerose (MS)dar. Schon lange hat man vermutet, dass eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) ein wichtiger Trigger in der Entstehung von MS sein kann. So war bereits bekannt, dass nahezu alle MS-Patienten eine Infektion mit dem EBV durchgemacht haben. Die Tatsache, dass 95 Prozent der Bevölkerung mit EBV infiziert ist, zeigt auch, dass noch weitere Faktoren an der Entstehung von MS beteiligt sein müssen. Für MS-Patienten bedeutet es dennoch Hoffnung, dass die Ergebnisse der Studie und das Wissen um die Bedeutung der EBV-Infektion neue Ansätze in der Therapie der MS fördern. Eine andere Hoffnung, unter anderem für zukünftige Generationen, besteht darin, dass man durch Verhindern einer EBV-Infektion das Risiko für MS senken, im besten Fall komplett unterbinden kann. Hier könnten Impfungen eine wichtige Rolle spielen. Es bleibt aber offen, ob eine EBV-Impfung den Durchbruch bringt. Die Daten dieser Studie zeigen, dass es wert ist, jegliche Anstrengung zu unternehmen, um eine Impfung zu entwickeln und den Kampf gegen MS noch vor ihrem Ausbruch aufzunehmen.»
Epstein-Barr-Virus
Das Epstein-Barr-Virus gehört zur Familie der Herpesviren. Rund 95 Prozent der Menschen infizieren sich irgendwann mit dem Virus. Ist man einmal mit ihm infiziert, bleibt es normalerweise ein Leben lang im Körper. Während die Infektion im jungen Kindesalter häufig symptomlos bleibt, können erstinfizierte Jugendliche und junge Erwachsene das Pfeiffersche Drüsenfieber entwickeln. In der Regel heilt diese Erkrankung folgenlos aus, bei einigen Patienten kommt es aber zu lebensbedrohlichen Komplikationen oder sehr langwierigen Verläufen.
Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, die das Immunsystem oft massiv angreift. MS ist die häufigste Ursache für Behinderungen bei jungen Erwachsenen. Die Krankheit verläuft in Schüben und ist individuell verschieden. Weltweit sind rund 2,8 Millionen Menschen betroffen.