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Panelverantwortliche: Katja Bruisch
Chair: Nikolaus Katzer
Discussion Paper (PDF)
Auf den ersten Blick schien Osteuropa im erweiterten Sinn in der langen Reihe der Panels zu "Rural History" wenig präsent: ein einziges Panel, "Rural Russia", war explizit dem grössten Land der Erde gewidmet, das nach wie vor auch einer der grössten Agrarproduzenten der Welt ist. Studien zu anderen Regionen Ostmittel- und Südosteuropas dagegen liessen sich in einigen Panels finden - länderübergreifend in vergleichender, europäischer Perspektive präsentiert. Bleibt Russland also auch agrargeschichtlich der ewige "Sonderfall", und das Paradigma der russischen Rückständigkeit die Leitlinie aller Erklärungsversuche?
NIKOLAUS KATZER (Moskau), der das von KATJA BRUISCH (Moskau) organisierte Panel moderierte, ging in seinen einleitenden Worten auf die zentrale Bedeutung der Agrarfrage für Russland ein – nicht nur in ökonomischer, auch in historischer, politischer und gesellschaftlicher Perspektive wurde der Situation der Landwirtschaft und der ländlichen Regionen in Russland seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert eine mitentscheidende Bedeutung für die weitere Entwicklung des Zarenreichs und später der Sowjetunion zugestanden. In den letzten Jahren jedoch hätten neuere Forschungen das klassische Narrativ des russischen Sonderwegs in Frage gestellt. Dies wurde dann auch deutlich im ersten Beitrag von IRINA SHILNIKOVA, KATJA BRUISCH, DANIEL BROMLEY und MICHAEL KOPSIDIS, welcher von letzterem vorgestellt wurde. Unter dem Titel "Where is the backward peasant? Regional crop yields on peasant and private land in Russia 1883-1913" gingen die Autoren der Frage nach, wie es tatsächlich um die Produktivität der beiden Landkategorien im vorrevolutionären Russland bestellt war: privates Land einerseits, das dem einzelnen Bauern gehörte, sowie gemeinsames bzw. kommunal bestelltes Land, das der Bauerngemeinde gehörte und auch gut fünfzig Jahre nach der Bauernbefreiung immer noch je nach Region zwischen 65 und 95% des Agrarlandes im Russländischen Reich ausmachte. Die detaillierte Auswertung der russländischen Landwirtschaftsstatistiken durch die Autoren stellt die bisherige Annahme, dass das Privatland deutlich produktiver genutzt worden sei als das gemeinsame Land, in Frage. Zum einen zeigt sich in vorrevolutionärer Zeit bereits eine regionale Spezialisierung der Landwirtschaft: Die niedrigere Produktivität des gemeinsamen Landes galt primär für die Regionen im Süden und Westen des Russländischen Reiches, ebenso wie fürs Schwarzerdegebiet, welche sich stärker auf Getreideproduktion konzentrierten. Dagegen lag in den industriellen Regionen Russlands und im Nordwesten die Produktivität des gemeinsamen Landes oft sogar über der des privaten Landes. Die Autoren konnten zeigen, dass die bisherige Einschätzung auch darauf beruhte, dass stets nur die vier Hauptgetreidearten als Vergleichskriterien beigezogen wurden. Bei einer Auswertung der Analyse auf weitere neun Feldfrüchte sowie einem Einbezug von Alternativnutzungen zeigt sich, dass sich die bäuerlichen Gemeinschaften oft auf dem gemeinsamen Land vom Getreideanbau abwandten und es für intensivere Nutzung, profitablere Produkte oder aber die Viehzucht zu nutzen begannen. Der Trend zu stabileren Familienhöfen und mehr Viehzucht und Milchwirtschaft gerade im nördlichen europäischen Russland ist wiederum analog zu europäischen Entwicklungen zu sehen. Weder, so die Autoren, seien daher marktorientierte Privatlandwirtschaft und Gemeinschaftsland unvereinbare Gegensätze, noch die russische Agrarentwicklung vor 1914 als Sonderfall zu betrachten – die Tendenzen seien vielmehr vergleichbar zu denen anderer europäischer Regionen in der Industrialisierung.
Mit der Wahrnehmung der Agrarfrage durch die russischen Eliten und die Herausbildung einer Schicht von Agrarexperten befasste sich der nächste Beitrag von KATJA BRUISCH. Die Hungerkrisen der 1890er Jahre ebenso wie die Aufstände des Jahres 1905 hatten die Aufmerksamkeit der russischen Eliten auf die Agrarfrage gelenkt und führten in der Folge zur Bildung einer Schicht von Agrarexperten, deren erst vor allem soziales, ausserstaatliches Engagement nach 1914 von der provisorischen Regierung, später aber auch von den Bolschewiki aufgenommen und zur Grundlage staatlicher Agrarpolitik wurde: Die meisten dieser Experten, zu deren bekanntesten Namen Aleksandr Čajanov zählt, konnten von nun an, unter der ständigen Prämisse des Fortschritts, bis in die späten 1920er / frühen 1930er Jahre ihre Vorstellung einer agrarischen russischen Moderne verwirklichen. Ihre Visionen könnte man nach Bruisch auch als "scientific populism" definieren: mittels Technologie und wissenschaftlichem Fortschritt sollten sie die russische Landwirtschaft in eine erfolgreiche, jedoch letztlich anti-urbanistische landwirtschaftliche Zukunft führen, die sich vom Westen ebenso abgrenzte wie vom status quo. Doch sowohl diese alternative Konzeption einer russischen Moderne als auch ihre Protagonisten fielen letztlich, wie andere frühsowjetische Eliten und Konzepte, dem stalinistischen Terror zum Opfer, und die Politik des Hochstalinismus sollte das russische Dorf letztlich auf ganz andere Weise prägen bzw. bis zur Unkenntlichkeit verändern.
ALEXANDER NIKULIN widmete sich dann in seinem Beitrag den Entwicklungen nach der Stalinzeit: von den 1960ern, als Chruščev mit Reformen versuchte, das Kolchos-/Sowchossystem produktiver zu machen bis hin zur postsowjetischen Zeit, wo die russische Agrarwirtschaft in einer Vielfalt von Formen existiert – von gigantischen Agro-Holdings bis zu Kleinstwirtschaften. Sein Beitrag betonte die Spannungen, die zwischen den unterschiedlichen Arten der Agrarwirtschaft bestehen, die jedoch teilweise auch schon in der sowjetischen Zeit angelegt waren: Im Kolchossystem hatten Kolchosmitglieder eine Doppelfunktion: einerseits Angestellte eines Grossbetriebs, andererseits auf ihren Kleinparzellen selbständig wirtschaftend. Diese Verquickung von industrialisierter und dorfgemeinschaftlicher Landwirtschaft machte den Vorsitzenden eines Kolchos zu einer enorm wichtigen Figur, der gleichzeitig quasi CEO eines Grossbetriebes war, andererseits aber auch Dorfvorsteher oder Patron einer riesigen Bauerngemeinschaft – eine Funktion, die am ehesten mit der landlord economy vergleichbar sei, wie Nikulin argumentierte. Die Produktivität der Grossbetriebe hatte sich auch in den 1970er und 1980er trotz intensiver Förderung nicht entsprechend steigern lassen; die nach dem Ende der Sowjetunion den Kolchosmitgliedern zum Kauf angebotenen und erworbenen Privatgrundstücke hingegen waren für ein selbständiges, erfolgreiches Wirtschaften meist auch wieder zu klein. Auch in seinem Vortrag wurden die enormen regionalen Unterschiede der agrarwirtschaftlichen Entwicklung Russlands deutlich, wo rund um die Metropolregionen hochentwickelte produktive Landwirtschaftsregionen liegen, in abgelegenen und klimatisch ungünstigen Regionen jedoch viele Bauern auch mangels anderer Alternativen zu einer geradezu archaischen Form der Subsistenzwirtschaft zurückgekehrt sind. Die Zukunft des russischen Dorfes sei daher auch heute wieder eine offene Frage.
Das rege Interesse der Besucherinnen und Besucher sowie die lebhafte und ausdauernde Diskussion im Anschluss an die Vorträge verdeutlichte, wie fruchtbar diese erneuerte Beschäftigung mit der russischen Landwirtschaftsgeschichte sein kann – sowohl für das Feld der Osteuropäischen Geschichte, die die ländlichen Räume in den letzten Jahrzehnten eher stiefmütterlich behandelt hatte, als auch für einen vergleichenden Austausch innerhalb einer regionsübergreifenden, transnationalen Agrargeschichte. Insofern bleibt zu hoffen, dass die nächste Tagung diese beiden Perspektiven auf die russische Agrargeschichte beinhalten wird und weitere Forschungen zur russischen und sowjetischen Landwirtschaft, insbesondere auch zur Situation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, präsentieren kann.