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«Wir wollen frei sein, wie unsere Väter waren … Kampf dem Bierkartell!» Der Aufruf zum Widerstand erschien am 22. Februar 1985 in verschiedenen Tageszeitungen – publiziert vom Grossverteiler Denner. Das Inserat zielte auf die Bierbranche: Ihre Kartellpreise zu akzeptieren, so Denner, heisst, «den Preisvogt» zu grüssen.
Tatsächlich war der Bierwettbewerb stark eingeschränkt. 1935 hatten sich die Brauereien darauf geeinigt, den kostspieligen Konkurrenzkampf auszusetzen – und sich seither grösstenteils daran gehalten. Mit der Unterzeichnung der Konvention versprachen die Mitglieder des Schweizer Brauereiverbandes, sich gegenseitig keine Kundschaft mehr abzuwerben. Sie normierten das Bier und finanzierten die Werbung fortan kollektiv.
In Zusammenarbeit mit dem Wirteverband gelang ihnen sogar die «Preisbindung zweiter Hand». Die Brauereien vereinheitlichten damit nicht nur ihre eigenen Verkaufspreise, sondern auch jene, zu welchen das Bier an die Kundschaft verkauft wurde.
Diese Struktur kam ab den 1970er-Jahren jedoch stark in Wanken. Neben den Attacken von Denner und einer sich anbahnenden Kartellrechtsreform litt die Branche unter internen Rissen. Uneinigkeiten zwischen den auf Konzerngrösse gewachsenen Sibra und Feldschlösschen hatte immer mehr Verstösse gegen die Kartellabmachungen zur Folge. Dennoch überlebte das Kartell bis 1991.
Die Bierindustrie war damit kein Einzelfall. Ein Gros der produzierenden Firmen in der Schweiz beteiligte sich an Absprachen. Daraus machte niemand ein Geheimnis: In einer Untersuchung von 1957 bezeichnete die eidgenössische Preisbildungskommission die Schweizer Wirtschaft als «weitgehend durchorganisiert». Rund zwei Drittel der untersuchten Wirtschaftsverbände pflegten Kartellvereinbarungen.
Dem Ideal der freien Marktwirtschaft zum Trotz wurden die Kartelle landläufig toleriert. Der der Migros nahestehende LdU lancierte 1954 eine Initiative «gegen Missbrauch wirtschaftlicher Macht». 1958 wurde diese mit 74 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. In der Botschaft zu einem ersten, zahnlosen Kartellgesetz pries der Bundesrat 1961 die Möglichkeit, «auf privatem Wege Auswüchse der Konkurrenz zu beseitigen oder zu mildern».
Mit der Auflösung des Kartells fiel ein letzter Schutzwall der strauchelnden Binnenindustrie. Nachdem die Nachfrage Mitte der 70er-Jahre massiv eingebrochen war und in der Folge mehr als 250'000 ausländische Arbeitskräfte das Land verlassen mussten, begann für die Brauereien ein nachhaltiger Abwärtstrend. Der 1971 erreichte Spitzenausstoss von fast 5 Millionen Hektoliter Bier sollte nie mehr erreicht werden. 50 Jahre später stellten die Brauereien noch knapp 3,4 Millionen Hektoliter her.
Wie im Kleinen, so im Grossen: Von 1970 bis 2005 sank der Beschäftigungsanteil in der Schweizer Binnenindustrie von 33 auf 15 Prozent, ihr Beitrag zur Wertschöpfung von 27 auf 13 Prozent. Unter dem Druck des starken Frankens, globalisierter Produktionsmöglichkeiten und des schleppenden Wachstums wandelte sich die Schweiz von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft.
Konfrontiert mit der Misere, ergaben sich für die Brauereien verschiedene Auswege. Die meisten wählten jenen des geringsten Widerstands: den Verkauf. 1994 ging die Kontrolle von Calanda-Haldengut an den holländischen Heineken-Konzern. Im Jahr 2000 verkaufte der in der Zwischenzeit fusionierte Riese Feldschlösschen-Hürlimann seinen komplette Getränkepalette an die dänische Carlsberg-Gruppe. Und als Heineken 2008 die Getränkesparte von Eichhof kaufte, verschwand auch noch der letzte Schweizer Biertitel von der Börse.
Die Getränkeriesen begaben sich damit in gute Gesellschaft. Die Schweiz mutierte seit den 1990er-Jahren zu einem regelrechten Paradies für multinationale Unternehmen. Über 16'000 Firmen hatten 2019 ihren Hauptsitz in der Alpenrepublik, weitere 14'000 betrieben Ableger. Gemessen an den von heimischen Firmen im Ausland getätigten Direktinvestitionen war seit 1995 kein Land stärker mit der Welt verflochten als die Schweiz.
Während die Multis die Schweizer Marken übernahmen, sahen die ehemaligen Brauereibesitzer ihre Zukunft woanders. Über die Jahre hatten sie sich ein umfangreiches Portfolio an Liegenschaften zusammengekauft. Die ursprünglich am Stadtrand für Produktion und Vertrieb erbauten Areale boten im 21. Jahrhundert eine neue lukrative Einnahmequelle. Da die Dienstleistungsgesellschaft immer mehr Jobs, Wohnungen und Freizeitangebote in den Zentren konzentrierte, befanden sich die ehemaligen Brauereien nun in den Herzen der Städte. In neuem Gewand widmeten sich viele der vormals stolzen Bierbrauereien nun der Immobilienbewirtschaftung.
Unter dem sprechenden Namen REG Real Estate Group fusionierte Hürlimann-Feldschlösschen 2004 mit der PSP Swiss Property AG und wurde damit zur grössten Immobilienfirma der Schweiz. Auf dem ehemaligen Hürlimann-Areal inmitten der Stadt Zürich thront seit 2011 ein edles Spa. Nebenan sind die Büros von Google, eines weiteren Multis, einquartiert. Das Areal der Winterthurer Haldengut-Brauerei schmückt sich heute mit modernen Eigentumswohnungen, auf dem Dach des alten Hauptgebäudes befindet sich eine hippe Pop-up-Bar. Sponsor: Heineken.
Doch nicht alle Schweizer Biere kamen unter ausländische Fittiche. Eine Gruppe von Regionalbrauereien – darunter das von der Familie Locher produzierte Appenzeller Bier, oder das St.Galler Schützengarten – blieben im Grosshandel vertreten. Als Unternehmen, welche nie den Börsengang wagten, konnten sie sich konsequent gegen Übernahmeangebote wehren.
Daneben formte sich eine dritte Sparte von Produzierenden: die Mikrobrauereien. Seit dem Ende des Kartells ist ihre Anzahl regelrecht explodiert. Aus den 31 Schweizer Brauereien wurden in Zehnjahresabständen zuerst 92, dann 345 und nun, im Jahr 2021, 1278. Ausgefeilte Craft Beers begannen, mit austauschbar wirkendem Lager zu konkurrenzieren. Die Logik einer industriellen Standardproduktion war einem Bedürfnis nach Einzigartigkeit gewichen, das Massenprodukt einer Konzern- und Globalisierungsskepsis.
Doch der systemkritische Impuls der Mikrobrauerszene blieb hinter seinen Zielen zurück. Der Biermarkt blieb von Konzernen dominiert. Heineken und Carlsberg teilen sich bis heute rund 70 Prozent des Ausstosses, die Regionalbrauereien weitere 25. Um den Rest streiten sich die anderen: Über 1000 Biermacherinnen und Biermacher ringen um 1 Prozent Marktanteil.
Eine Marktforschungsstudie von 1977 fand heraus, dass Bierkonsumenten den Durchschnittsschweizer recht gut abbilden. Ausser bei Geschlecht und Erwerbssituation seien sie praktisch deckungsgleich. Etwas Ähnliches gilt für die Bierproduzierenden: An ihrer Geschichte lassen sich die Konturen der gesamten Schweizer Volkswirtschaft ablesen.
In Schweizer Spitälern gibt es eine Legende: Sie handelt von einer Intensivmedizinerin, die trotz ständigem Kontakt mit Covid-Patienten während mehr als zwei Jahren Pandemie nie infiziert wurde. Trotz wöchentlicher Tests soll sie immer negativ geblieben sein, selbst als ihr Partner mit Fieber zu Hause im Bett lag und Pflege bedurfte. Das Virus hat offenbar gegen das Immunsystem der Frau einfach keine Chance.