Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03417.jsonl.gz/2291

Anna Siemsen-Vollenweider, «Die Frau im neuen Europa» (1943/44)
Text von Felix Brun, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Nebs.
In den Kriegsjahren 1943/1944 verfasste die deutsche Sozialdemokratin Anna Siemsen-Vollenweider im Schweizer Exil einen Aufsatz zur Rolle der Frauen in der Zeit nach dem Krieg, den sie ein Jahr später unter dem Titel «Die Frau im neuen Europa» im Sammelband «Kampf um Europa» veröffentlichen konnte. Herausgeber des Sammelbandes war Hans Bauer, Präsident der Schweizer «Europa-Union», der 1934 in Basel gegründeten Organisation, welche sich für ein föderales Europa einsetzte und eine Vorreiterrolle im Diskurs zur europäischen Einigung innehatte. Bauer war überzeugt davon, dass die Schweiz ein Vorbild für ein neues Europa sein könnte und dass sich
«das eidgenössische Prinzip der Föderation als fruchtbar erweisen kann für die Zukunft der Völkergemeinschaft.»[1]
Wie die Mitglieder der «Europa-Union» hatte auch Anna Siemsen-Vollenweider bereits vor dem Zweiten Weltkrieg ein neues Europa und eine Einigung der europäischen Nationen gefordert. Immer wieder trat Siemsen auch als Pazifistin in Erscheinung, sei dies an Friedenskonferenzen oder in verschiedenen Vereinen, etwa der «Weltaktion für den Frieden». Nach dem Krieg kehrte Siemsen nach Deutschland zurück, wo sie unter anderem als Mitglied im Exekutivkomitee des «Deutschen Rates der Europäischen Bewegung» amtete.[2] Mit ihrem Aufsatz «Die Frau im neuen Europa» wollte Siemsen auf die bevorstehenden Schwierigkeiten und Verantwortlichkeiten beim Wiederaufbau der europäischen Infrastrukturen in Europa aufmerksam machen. Sie nahm hierfür besonders die Frauen in die Pflicht, forderte aber in einem ersten Punkt die Gleichberechtigung der Frauen in den europäischen Gesellschaften. Als Negativbeispiel erwähnt sie hier explizit
«die schweizerische Bundesverfassung, die mit der Proklamation der persönlichen und politischen Rechtsgleichheit für alle Schweizerbürger beginnt und dann doch ganz selbstverständlich die Frauen ausschliesst (…).»[3]
Die «Europa-Union» hingegen habe in ihren Leitsätzen die Gleichberechtigung der Frauen festgeschrieben, was Siemsen sehr begrüsst, sie aber auch dazu veranlasst, über die weitere Verantwortung der Frauen in Europa nachzudenken. Während der letzten Jahre vor dem Krieg seien nämlich die Frauen, auch in der Schweiz, immer mehr vom Erwerbsleben ausgeschlossen worden, was zu einer wachsenden
«Abkehr der Frauen, insbesondere der jungen Generation, von der Teilnahme an allgemeinen Fragen (…) und eine(r) Gleichgültigkeit gegenüber der Menschheit grosse(n) aufgaben» (S. 194/95)
geführt habe. Im Europa von 1945 brauche es aber mehr denn je starke Frauen, die sich am Wiederaufbau und an der Errichtung eines neuen Europa beteiligten, gibt sich Siemsen-Vollenweider überzeugt. Gerade die Schweizerfrauen hätten mit ihrer
«stillen und tapferen Hilfe (…) an den Flüchtlingen, den kriegsgeschädigten Kindern, den heimatlosen» (S. 202)
einen vorbildhaften und unschätzbar wichtigen Beitrag geleistet. Es gelte nun, die geknüpften Beziehungen zu nutzen. Überhaupt müsse der Wiederaufbau auf internationaler Ebene geschehen, was sicher viel Kraft brauche, denn:
«Heute besteht (…) kein europäisches Bewusstsein mehr.» (S. 202)
Dieses Bewusstsein zu stärken und zu verbreiten sei in erster Linie die Aufgabe der nichtkriegführenden Länder, so Siemsen-Vollenweider, denn sie hätten als einzige Staaten dem Nationalismus widerstanden und seien nun weiterhin fähig,
«europäisch denken und fühlen zu können (…).» (S. 202)
Natürlich nimmt hier Siemsen-Vollenweider vor allen anderen Staaten Bezug auf die Schweiz. Der föderale Gedanke der Schweizer Eidgenossenschaft ist auch für Siemsen-Vollenweider ein grundlegendes Element in einem neuen Europa. Für sie ist es daher dringend notwendig,
«die Aufgaben eines gemeinsamen föderativen Aufbaus den jetzt isoliert leidenden und kämpfenden sogleich lebhaft und praktisch ins Bewusstsein zu rufen.» (S. 203)
Dass nach dem Krieg eine Zeit folgen werde, in der man die Grundlagen eines dauerhaften Friedens in Europa erarbeiten müsse, ist für Siemsen-Vollenweider klar. In dieser Zeit müssten die Frauen aktiv ins Geschehen eingreifen und gerade auch die Schweizer Frauen müssten sich nun (1945) organisieren, um bei Kriegsende mit voller Präsenz und Konzentration ihre Anliegen durchbringen zu können. Obwohl die Schweizer Frauen nicht wahlberechtigt und daher auch nicht politisch aktiv seien, käme ihnen eine wichtige Rolle im Wiederaufbau Europas der Nachkriegszeit zu. Da sie
«nicht gebunden (sind) an parteirücksichten, nicht festgelegt auf bestehende Programme (…)» (S. 204/05)
sei die Mithilfe der Schweizer Frauen an einem friedlichen Europa sehr bedeutend. Weil die Frauen auf dem europäischen Kontinent während der Kriegsjahre immer mehr auch in die Verantwortung gezogen wurden und weil sie mindestens genauso gelitten hätten wie ihre Männer, sei die politische Gleichberechtigung nichts anderes als eine Notwendigkeit. Dieser Entwicklung könne sich schliesslich auch die Schweiz nicht verschliessen.
«Kommt das geeinte und freie Europa, so kommt mit ihm – des bin ich mir sicher – auch das volle Bürgerrecht aller Europäerinnen.» (S. 206)
Nur wenn die europäischen Gesellschaften die Frauen den Männern gleich stellten, könne man von ihnen erwarten, dass sie sich in freier Weise am Wiederaufbau betätigten, so Siemsen-Vollenweider. Dass die Schweiz die politische Gleichberechtigung der Frauen erst beinahe dreissig Jahre nach Siemsen-Vollenweiders Forderung einführte, lag sicherlich auch daran, dass die Schweiz in der europäischen Integration der Nachkriegszeit eine geradezu erstaunliche Passivität an den Tag legte. Mit dem föderalen Aufbau, der humanitären Tradition und der intakten Infrastruktur hätte die Schweiz in der Neugestaltung Europas sicherlich eine Schlüsselrolle spielen können und es bleibt bis heute unverständlich, warum die Schweiz, welche in jenen entscheidenden Jahren von allen europäischen Nationen so bewundert wurde, nicht fähig war, eine Art Führungsfunktion in der europäischen Integration zu übernehmen. Siemsen-Vollenweider endet ihren Text mit einer etwas konservativen Betrachtung über die Natur der Frau im Allgemeinen. Die Frauen seien in erster Linie
«Trägerinnen, Bewahrerinnen und Pflegerinnen des Lebens (…).» (S. 207)
In dieser Funktion müssten sich die Frauen an den Wiederaufbau Europas wagen, so Siemsen-Vollenweider. Sie seien nämlich, frei nach dem Ausspruch von Antigone, einer Tochter von Ödipus, dazu berufen, zu lieben und nicht zu hassen.Man mag an dieser Definition bemängeln, dass hier Siemsen-Vollenweider die gängigen Klischees der Frauen- und Männerbilder aufwärmt und damit der Frau eine eher schwache und passive Rolle in der Geschichte zuschreibt. Es bleibt ein ungelöster Gegensatz, dass gerade Siemsen-Vollenweider selbst mit ihrem Kampf und ihrer Begeisterung für ein friedliches Europa und auch mit ihrer Partizipation in der sozialdemokratischen Politik das Gegenteil repräsentiert von dieser klischierten Frauenrolle: Eine Frau, die sich konsequent für ein neues Europa einsetzte und damit in gewisser Weise historische Bedeutung erlangte.
[1] Bauer, Hans, Wir sind noch einmal davongekommen, Vorwort, in: Bauer, Hans und Ritzel H. G. (Herausgeber), Kampf um Europa. Von der Schweiz aus gesehen, Europa Verlag Zürich, Zürich, 1945, S. 5 – 8, hier S. 8.
[2] Siehe: Bargen, Marleen von: Europa nach dem Exil. Zu den Europavorstellungen der Sozialdemokratin Anna Siemsen, Beitrag zum Themenschwerpunkt „Europäische Geschichte – Geschlechtergeschichte”, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2009, http://www.europa.clio-online.de/2009/Article=395, Gesehen am 16.06.2015.
[3] Siemsen-Vollenweider, Anna, Die Frau im neuen Europa, in: Bauer, Hans und Ritzel H. G. (Herausgeber), Kampf um Europa. Von der Schweiz aus gesehen, Europa Verlag Zürich, Zürich, 1945, S. 189 – 207, hier S. 189. Die nachfolgenden Zitate stammen alle aus demselben Buch, es wird daher nur auf die Seitenzahl verwiesen.