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LID: Wie haben sich die Herausforderungen für die mauritische Landwirtschaft in den letzten Jahren verändert?
Ramesh Rajcumar: Es hat sich sehr viel verändert. Als ich in den Siebzigerjahren die Universität verliess, war Mauritius eine Einpflanzen-Wirtschaft. Alles basierte auf Zuckerrohr, das ganze Strassennetz, die Dörfer und Städte, der Hafen, die Lageranlagen. Und die Eisenbahn, die wir noch hatten. Sogar die Forschungszentren haben sich rund um Zuckerrohranbau entwickelt - wir haben zum Beispiel eines der ältesten Forschungszentren der Zuckerindustrie hier auf Mauritius.
Zuckerrohr war immer ein wichtiger Bestandteil der mauritischen Wirtschaft. Hat man das nie in Frage gestellt?
Ich habe viele Initiativen gesehen während meiner Karriere. Denn die Menschen haben von Zeit zu Zeit darüber nachgedacht, ob man die Landwirtschaft diversifizieren müsse. Und zwar immer dann, wenn die Zuckerindustrie gefährdet schien. Doch die Diskussionen waren nur von kurzer Dauer - sobald auf den Weltmärkten mehr Zucker nachgefragt wurde, hat man das ganze wieder vergessen und sich auf die Zuckerproduktion fokussiert.
"Wenn's schlecht lief, dachte man über Diversifizierung nach. Danach vergass man alles wieder."
Mittlerweile haben sich die Bedingungen markant verändert. Angefangen hat das mit der Hotelindustrie, die mit Geldern aus der Zuckerfabrikation aufgebaut wurde. Dann folgte der Dienstleistungsbereich. Und heute ist unsere Wirtschaft kaum von der Landwirtschaft abhängig. Tatsächlich hat sich die Rolle der
Landwirtschaft stark verringert, der Anteil am Bruttoinlandprodukt ist stark zurückgegangen.
Trotzdem bleibt die Selbstversorgung ein wichtiges Thema. Warum?
Das kommt aus der Zeit des 2. Weltkrieges. Damals wurde der gesamte Reis aus Asien importiert, das gesamte Mehl aus Europa. Damals hat man viel unternommen, um Cassava, Süsskartoffeln und andere, ähnliche Produkte anzubauen, um den Reis und das Mehl zu ersetzen. Das Thema ist seither in der Politik immer präsent geblieben. Seit diesen Zeiten hat die Industrie viel in das Land investiert, Strassen gebaut, grosse Flächen Land gekauft. Da diese Firmen sich nun immer öfter zusammenschliessen, ist es für Kleinbauern zunehmend schwierig, sich am Markt zu behaupten. Mehr als vier Hektaren kann sich ein einfacher Bauer praktisch nicht leisten. Und dann ist das Erbrecht, das dazu führt, dass im Todesfall das Land auf alle Erben gleichmässig verteilt werden muss. In der Folge bleiben die Kleinbetriebe sehr klein. So wird das Ungleichgewicht zwischen den grossen Firmen und ihren Ländereien und den Kleinbauern immer grösser. Denn letztere sind praktisch dazu gezwungen, irgendwann ihr Land an die Firmen zu verkaufen, weil sie es nicht ausreichend mechanisieren können.
Wie geht es mit den kleinen Bauern weiter? Wie viele wird es in Zukunft noch geben?
Viele Kleinbetriebe sind aus der Zuckerproduktion ausgestiegen und versuchen, ihren Betrieb zu erweitern. Es gibt solche, die beginnen, Gemüse oder Früchte anzubauen. Allerdings ist dieser Markt sehr klein. Um für den Export zu produzieren, sind wir zu weit vom Festland entfernt, die Transportkosten sind zu hoch. Weil unser Binnenmarkt aber so klein ist, gerät er sehr leicht aus dem Gleichgewicht. Wenn nämlich jeder etwas anbaut und verkaufen will, passiert es schon heute sehr oft, dass die Preise stark sinken. Andere gehen in Richtung Rindviehhaltung. Aber auch dieser Bereich ist sehr kapitalintensiv.
Wie hat sich die landwirtschaftliche Beratung während ihrer Zeit verändert?
Als ich 1976 begann, konnten wir Grunddienstleistungen in der Beratung anbieten. Allerdings gab es damals sehr viele Probleme. Die Bauern waren sich nicht gewohnt, synthetische Dünger zu verwenden, sie hatten auf den Feldern kranke Pflanzen und wussten nicht, was sie nun machen sollten. Damals hatte die Beratung sehr direktiv gewirkt, wir kamen auf das Feld und sagten, was die Bauern zu machen hatten. Erst nach vielen Jahren begannen wir festzustellen, dass es Gründe gab, weshalb Landwirte etwas genau so machten, wie sie es machten. Oft hätten sie Recht gehabt, mit ihrer Art, die Felder zu bestellen. Unsere Beratungsmethodik hat dazu geführt, dass über die Jahre viel Praxiswissen verloren gegangen ist. Heute stehen wir hingegen an einem ganz anderen Punkt, es geht nämlich darum, die Probleme, die aus der grünen Revolution entstanden sind - Erosion, zurückgehende Bodenfruchtbarkeit, Bodenverschmutzung - zu lösen.
Zur Person
Ramesh Rajcumar ist Vizedirektor am Food and Agricultural Research and Extension Institute (Farei). Er hat sich in seiner mehr als 30-jährigen Karriere vor allem Bauern, der Armutsbekämpfung und der Umwelt verschrieben. Er wolle noch ein paar Jahre arbeiten, sagt der indischstämmige Rajcumar. Und sich dann zur Ruhe setzen. Vorerst aber beginne sein Arbeitstag um spätestens 7:30 und ende frühestens um 20:00.
Die Bauern müssen effizienter werden. Sie sagten, dass dies nur über die Vergrösserung der Höfe möglich ist. Aber gerade wenn man über Grossbetriebe spricht, meint man häufig industrialisierte Landwirtschaft mit Massentierhaltung und synthetischen Düngern und Pflanzenschutzmitteln. Stimmen Sie dem zu oder halten Sie diese Entwicklung für falsch?
Die Frage ist nicht, ob richtig oder falsch. Die Frage ist, wie wir überhaupt weiterkommen können. Die Konsumenten setzen die Landwirte zunehmend unter Druck und sagen, dass zu viel Pestizide, zu viel Dünger und andere Dinge verwendet werden. Die Landwirtschaft würde die Umwelt verschmutzen, sagen Umweltschützer. Und diese Themen müssen wir aufgreifen. Wir können den Landwirten Alternativen bieten, damit sie statt auf synthetische Dünger oder Pflanzenschutzmittel auf biologische Düngung und Schädlingsbekämpfung setzen. Doch dieser Wechsel braucht Zeit. Denn noch glauben viele Bauern nicht, dass biologische Schädlingsbekämpfung besser ist als die, die er schon kennt. Und solange er nicht sicher ist, dass unsere Angebote wirken, wird er sicher nicht umstellen, denn er muss seine Familie ernähren. Immerhin funktioniert es mit den biologischen Düngern schon sehr gut.
Und bei den Pestiziden?
In Mauritius ist die Schädlingsbekämpfung schwierig, der Schädlingsdruck aufgrund des tropischen Klimas sehr hoch. Wir kommen im Moment nicht darum herum, Pestizide einzusetzen. Sonst hätten wir nichts zu essen. Immerhin gibt es Alternativen, Bio-Pestizide sozusagen. Seit vier Jahren sind diese Produkte auf dem Markt und sie werden zunehmend verwendet. Trotzdem bleibt die Herausforderung, dass wir das Essen für unsere Bevölkerung produzieren müssen. Dass die Erträge bei biologischem Landbau nur kurzfristig stark zurückgehen, sich danach aber wieder erholen, stimmt mich zuversichtlich. Dass wir das traditionelle Wissen der Bauern lange ignoriert haben, das war ein Fehler, der auch in Mauritius dazu führte, dass wir Biodiversität verloren haben. Glücklicherweise gibt es Konsumenten, die diese alten Sorten nachfragen. Aber wenn wir Sorten importieren, die stärker nachgefragt werden, verschwinden unsere lokalen Produkte.
"Es ist bei einigen Lebensmitteln sinnvoller sie zu importieren, statt selbst anzubauen"
Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Food Security Fund Strategic Plan?
Der Plan wurde 2008/2009 eingeführt, als die Preise auf den Weltmärkten sich kurzfristig gerade erholt haben. Glücklicherweise hatten wir in den Jahren der sehr hohen Weltmarktpreise genügend Geld, um unsere Versorgung zu sichern. Denn die Grundversorgung ist für das soziale Klima von Mauritius sehr wichtig. Der Plan gibt lediglich Vorschläge vor, die die Nahrungsmittelproduktion und damit auch die Ernährungssicherheit von unserem Land fördern sollen.
Der Plan läuft Ende Jahr aus. Was kommt danach?
Zuerst müssen wir den Plan revidieren. Denn es kann sein, dass die Marktbedingungen sich verändern. Andererseits müssen wir auch klar festhalten, dass es bei einzelnen Lebensmitteln sinnvoller sein kann, wenn wir diese auf den Weltmärkten kaufen, statt selbst zu produzieren. Unsere Strategie ist aber eher, dass wir den Wert unserer Produkte steigern wollen. Dazu brauchen wir Bauern und junge, unternehmerische Personen, die unsere Rohstoffe veredeln und dann verkaufen. Denn in der Verarbeitung kann man Geld verdienen. Hinzu kommt, dass sich auch das Konsumentenverhalten verändert, es werden mehr und mehr verarbeitete Lebensmittel nachgefragt. Natürlich ist es auch einfacher, die veredelten Produkte zu verkaufen.
Andererseits ist davon auszugehen, dass der Klimawandel vieles auf der Insel verändern wird.
Ja, genau. Davon gehen wir auch aus. Es kann gut sein, dass wir viel Land an den Küstenregionen verlieren werden. Ein anderes Problem sind die Wetterextreme. Springfluten, Zyklone, schwere Niederschläge führen zu massiven Schäden. Andererseits kann auch extreme Trockenheit zu massiven Ernteausfällen führen. Mit dem Klimawandel werden wir früher oder später solchen Situationen gegenüberstehen. Bei Zyklonen, die auch die ganze Gemüseproduktion zerstören können, müssen sie dann die Inlandproduktion kurzfristig mit Importen substituieren.
Aber der Klimawandel als Gefahr wird im Plan gar nicht erwähnt, oder?
Es ist schwierig, dieses Thema überhaupt zu behandeln. Denn wir können die Zyklone schliesslich nicht wegschicken. Immerhin können wir uns auf die Zyklonsaison vorbereiten, indem wir unsere Bauern gut beraten. Legen sie zum Beispiel Drainagen in den Feldern an, läuft das Wasser besser ab. Oder wir fördern die kombinierte Produktion von Fischen und Gemüsen. Das ist zwar sehr kapitalintensiv, aber immerhin findet die Produktion in Räumen statt, die einen gewissen Schutz bieten.
Auch die Möglichkeit, Handel zu betreiben und auf dem Weltmarkt Produkte einkaufen zu können, ist wichtig, sagen Sie. Aber wie nehmen die Bauern den Weltmarkt wahr?
Die Bauern hatten sich mit dem Zuckerprotokoll und den von der EU garantierten Abnahmepreisen für Zucker sehr gut eingerichtet. Seit dieser Aufhebung sehen sie den Weltmarkt auch als Gefahr, als Risiko. Andererseits sind wir ein sehr kleines Land. Und es ist nicht sicher, wie lange wir überhaupt in der Landwirtschaft bleiben können. Natürlich müssen wir einen Teil unserer Nahrung selbst herstellen. Aber gemessen am BIP-Anteil verliert die Landwirtschaft laufend an Bedeutung. Und die Frage ist, ob und wie wir die Landwirtschaft auf ein Niveau zurückbringen, wie das vor 15 oder 20 Jahren war. Das ist nicht einfach.
"Wenn Personen oder Firmen mit den Gütern spekulieren, so ist das ein Problem"
Muss es so sein wie vor 15 oder 20 Jahren?
Wenn sie sich in Afrika umsehen, stellen sie fest, dass viele Länder sehr viele landwirtschaftliche Güter produzieren. Kenia zum Beispiel ist sehr produktiv. Und viel näher zu Europa, als wir das sind. Auch im mittleren Osten haben wir starke Konkurrenz; so gesehen sind wir nicht in der Komfortzone. Denn wir müssen unsere Ernährungssicherheit und -souveränität sicherstellen können. Ich denke, dazu müssen einerseits in den Handel und die Handelsbeziehungen investieren. Andererseits müssen wir versuchen, die Produktionskosten für die Bauern möglichst günstig zu gestalten. Jeder Bauer sollte am Ende etwas mit seiner Produktion verdienen können.
Gerade beim globalen Nahrungsmittelmarkt ist man sehr skeptisch, ob eine Globalisierung überhaupt sinnvoll ist. So gibt es Stimmen, die spezielle Handelsregeln fordern - beispielsweise wegen dem Tierwohl oder Umweltaspekten. Wie denken Sie darüber? Braucht der Welthandel von Reis oder Weizen spezielle Regelungen, damit er funktioniert?
Ich denke, wenn die Produzenten nicht mit den Preisen zufrieden sind, die sie für ihre Produkte lösen können, werden sie auch die Produktion entsprechend anpassen. Ich bin der Meinung, dass Bauern, die etwas produzieren auch einen guten Preis dafür erhalten sollen. Andererseits sind Händler und Mittelsmänner ein Problem. Wenn Personen oder Firmen mit den Gütern spekulieren, das ist ein Problem.
Denken Sie, dass die Systeme mit handelbaren Futures dafür verantwortlich sind, dass...
Grundsätzlich haben wir genug Nahrungsmittel, um die ganze Welt damit zu versorgen. Es ist aber immer noch eine Frage der Verteilung. Und eine Frage der Kaufkraft.
Welche Rolle spielt denn dabei die Regierung und Ihre Unterstützung für die ärmere Bevölkerung?
Wir kennen Subventionen, die vor allem bedürftigen Menschen helfen sollen. Allerdings führt das System dazu, dass die Preise für Nahrungsmittel generell reduziert werden. Und so können auch die reichen Leute davon profitieren. Wir sollten deshalb dieses System überdenken.
Und wie sieht es diesbezüglich bei den Bauern aus?
Vielleicht sind unsere Landwirte heute schon näher am Markt als früher. Und sie sind um einiges besser ausgebildet. Aber ein Problem bleibt, nämlich das Alter; die meisten Bauern sind zwischen 50 und 60 Jahre alt, aber der Nachwuchs ist knapp. Wir versuchen mit den richtigen Werkzeugen, dem richtigen Wissen und den richtigen Informationen, diese Lücke zu schliessen. Aber einfach wird es nicht.
Farei: Forschung und Beratung
Das Food and Agricultural Research and Extension Institute (Farei) wurde im September 2014 aus zwei anderen Organisationen gegründet. Das Institut für landwirtschaftliche Forschung und Beratung soll mithelfen, die Regierungsbeschlüsse umzusetzen und die Landwirtschaft zu diversifizieren und professionalisieren. Speziell legt man den Fokus auf die Sektoren ausserhalb des Zuckerrohranbaus, da dieser bereits über sehr starke Forschungszentren verfügt. Das Institut bietet neben der Beratung auch ein Preismonitoring für landwirtschaftliche Güter an und ist an das Landwirtschaftsministerium angegliedert.