Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03431.jsonl.gz/49

Ich möchte hier gleich zweimal ungefragt meinen Senf dazugeben - erstens als Gastarbeiter zur Freizügigkeitsentscheidung der Schweizer und zweitens als Leser zu diesem Editorial von Roger Köppel. Herr Köppel versteigert sich dort nämlich in seiner Ablehnung einer Ausweitung der Bilateralen zu völlig unhaltbaren Aussagen. So stellt er fest:
Will die Schweiz weitgehend die Kontrolle über die Zuwanderung abgeben oder nicht? Jedes drittklassige Hotel hat einen Portier, der darauf achtet, dass die richtigen Leute ins Haus kommen. Die Sache ist weniger kompliziert, als sie dargestellt wird. Ungebremste Zuwanderung verwässert die Qualität. Kein international erfolgreicher Fussballverein nimmt alle Spieler auf, die gerne für ihn spielen würden. Man akzeptiert nur die besten, die in aufwendigen Verfahren ermittelt werden.
Köppel spricht sich also für die Zuwanderungsfreiheit qualifizierter Arbeitsplätze aus. Immerhin. Einer solchen Zuwanderung steht das Freizügigkeitsabkommen ja auch nicht im Wege. Wo sieht also Köppel ein Problem? Die Überschrift seines Beitrags verrät es:
Ungebremste Zuwanderung bringt Wohlstandsverluste.
Weiter schreibt Köppel:
Als reiches Land wird sie eine unkontrollierte Zuwanderung mit Wohlstandsverlusten bezahlen, genauso wie auch Eliteuniversitäten oder Fussballspitzenklubs ihr Niveau ohne strenge Zugangskontrolle nicht halten können.
Genau das ist aber schlichtweg Unsinn. Nicht nur die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte erhöht die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft, sondern auch die Zuwanderung unqualifizierter Arbeitskräfte. Wie kommt’s? Sicher, die Zuwanderung unqualifizierter Arbeitskräfte erhöht statistisch erstmal die “Armut”, da schlicht mehr Menschen, ein grösserer Anteil eines grösseren Kuchens, nun der geringverdienenden Gruppe zuzurechnen ist. Alle bisherigen Teile des Kuchens verlieren dadurch jedoch keinen Rappen. Die Zugewanderten bieten nun ihre Arbeitskraft an, sie erhöhen so den Wettbewerb zwischen den Geringqualifizierten und senken die Preise, also die Arbeitskosten für diese. Das Beispiel USA zeigt die lebenswirkliche Wirkung: Mehr Servicekräfte, Hausangestellte, ein grösseres Angebot in der Verrichtung notwendiger manueller Arbeit.
Was ist nun die Folge dieser Entwicklung: Die höher Qualifizierten werden von eben diesen Tätigkeiten entlastet, die Volkswirtschaft spart hier Kapital, das sie andernorts einer höheren Produktivität zuführen kann, die Effizienz steigt, die Volkswirtschaft wird reicher.
Nochmal für die Langsamen und Herrn Köppel: Zuwanderung erhöht immer die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft. Völlig gleich, ob qualifizierte oder unqualifizierte Menschen zuwandern!
Nun gehöre ich vermutlich zu den EU-skeptischsten Bewohnern der schönen Schweiz und betrachte daher Abkommen mit dieser Organisation immer mit grosser Zurückhaltung. Sicher gibt es gute Argumente gegen die Ausweitung der Bilateralen - etwa das unsaubere Verfahren, welches der Bundesrat im Rahmen der Abstimmung wählte. Roger Köppel hat auch durchaus recht, wenn er schreibt:
Die Freizügigkeitsabkommen bringen weitere Einschränkungen der direkten Demokratie. Demokratieverlust heisst Souveränitätsverlust heisst Kontrollverlust.
Allerdings frage ich mich, ob “Kontrollverlust” immer schlecht ist? Wer verliert denn hier Kontrolle über was? Der Schweizer Staat verliert die Kontrolle über die Verhinderung von Zuwanderung aus der EU. Ist das ein Problem? Ich sehe keines. Woher holt Roger Köppel ausgerechnet hier seine plötzliche Begeisterung für staatliche Intervention, Kontrolle, Planung und Steuerung? Warum glaubt er, dass der Staat bei der Auswahl von Zuwanderern rationale Entscheidungen treffen kann, bei der Produktion von Brötchen oder Autos hingegen nicht? Auch die staatliche Zentralplanung in der Zuwanderung ist nichts anderes als eine Hayeksche “Anmassung von Wissen”. Und wie wir gesehen haben, führt diese auch in der Zuwanderung stets zu Wohlfahrtsverlusten!
Zur Ehrenrettung der Weltwoche sei ürbigens angemerkt, dass der später folgende Beitrag von Markus Somm zu den Bilateralen deutlich sachlicher und ausgewogener argumentiert. Dort findet sich auch diese treffende Aussage:
Ohne Frage ist die Personenfreizügigkeit eine gute Sache: Für die Arbeitgeber wächst das Angebot an Arbeitskräften, das reduziert die Löhne, erhöht die Flexibilität und verbessert die Qualität der Belegschaft, weil für jede Stelle unter viel mehr Bewerbern der fähigste ausgewählt werden kann. Manche Spezialisten findet man kaum mehr in der Schweiz. Ökonomisch macht das Sinn. Aus einer liberalen Sicht ist die Personenfreizügigkeit sowieso zu begrüssen; wobei man sich bloss fragt, warum sich die Schweiz nur auf die EU beschränkt. Warum öffnen wir unseren Arbeitsmarkt nicht auch gegenüber anderen, mitunter interessanteren Ländern wie Singapur oder Israel?
In der Tat, warum nicht?
PS: Irgendwie ist das aktuelle Editorial völlig verunglückt, denn Roger Köppel stellt in diesem abschliessend auch noch die folgende Behauptung auf:
Die beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki machten abschliessend deutlich, dass sich Weltkriege für Aggressoren nicht lohnen. Die grösste und nachhaltigste Friedensleistung des letzten Jahrhunderts verdanken wir den schlimmsten Waffen, die jemals erfunden wurden.
Wie bitte? Glaubt Köppel ernsthaft, dass die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki notwendig waren, um den Zweiten Weltkrieg zu beenden? Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. And not in a good way…