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Neue Recherchen von Public Eye und der internationalen Kampagne «Clean Clothes» zeigen, dass viele Beschäftigte in Zulieferfabriken von H&M weit unter der Armutsgrenze leben – und das, obwohl ihnen der Modekonzern für 2018 existenzsichernde Löhne versprochen hatte. In keinem der untersuchten Betriebe verdienen die befragten Angestellten auch nur annähernd genug, um Essen, Kleidung, Wohnung, Medikamente und Bildung für die Familie zu bezahlen.
So bekommen die ArbeiterInnen in Kambodscha weniger als die Hälfte des Lohnes, der als existenzsichernd gilt. In Indien und der Türkei ist es rund ein Drittel. Katastrophal sieht es in Bulgarien aus: Da hat eine Arbeiterin nach einer vollen Arbeitswoche nicht einmal ein Zehntel von dem eingenommen, was sie zum Überleben bräuchte.
Für die aktuelle Studie wurden ArbeiterInnen befragt, die in Bulgarien, der Türkei, Indien und Kambodscha für H&M Kleider herstellen. Alle Angestellten arbeiten in Vorzeige-Betrieben, die der Konzern selber als «strategisch und bevorzugte Lieferanten» mit Gold- oder Platinum-Status bezeichnet.
44 Überstunden pro WocheFür die Angestellten muss das wie ein Hohn klingen. Damit es für das Nötigste reicht, müssen sie übermässig viele Überstunden leisten, wie eine Mitarbeiterin einer H&M «Gold»-Zulieferfabrik in Indien erzählt: «Die Löhne sind so niedrig, dass wir Überstunden machen müssen, um zumindest unsere Grundbedürfnisse zu decken.» In drei der sechs untersuchten Fabriken überschreiten die Überstunden häufig das gesetzlich zulässige Höchstmass. Sonntagsarbeit ist in allen untersuchten Betrieben der Normalfall. «Wir betreten die Fabrik um 8 Uhr früh, aber wir wissen nie, wann wir gehen dürfen. Manchmal wird es 4 Uhr morgens», berichtet eine bulgarische Näherin der Fabrik «Koush Moda» – ebenfalls ein strategischer «Gold»-Zulieferer von H&M.
Trotz vielen Überstunden erhalten mehrere Befragte in Indien nicht den gesetzlichen Mindestlohn – der sowieso kaum zum Leben reicht. In der bulgarischen Textilfabrik «Koush Moda» leisteten die ArbeiterInnen zur Zeit der Recherche durchschnittlich 44 Überstunden pro Woche. Manchmal arbeiteten sie sogar 24 Stunden am Stück. Ohne diese Überstunden würden sie im Monat nur knapp 100 Euro Lohn erhalten – rund die Hälfte des gesetzlichen Mindestlohns. Doch auch bei einem Arbeitspensum von 84 Stunden pro Woche schaut nicht mehr als ein Hungerlohn heraus: im Durchschnitt 259 Euro – ein Monatsgehalt unterhalb der Armutsgrenze in Bulgarien.
H&Ms Versprechen, bis 2018 in allen Gold- und Platin-Fabriken «faire Existenzlöhne» für 850‘000 Beschäftigte zu ermöglichen, sah unter anderem vor, Gewerkschaften in den Fabriken zu stärken, sodass diese selbst für bessere Löhne eintreten könnten. Allerdings – auch das zeigen die aktuellen Befragungen vor Ort –, wird in manchen Fabriken Gewerkschaftsarbeit noch immer abgeblockt. In der Türkei, Bulgarien und Kambodscha hatten die ArbeiterInnen Angst, Fragen zu ihrer Arbeit zu beantworten, weil sie Entlassungen oder andere Repressalien fürchteten.
Nicht die TextilarbeiterInnen, die Gewerkschaften und die Regierungen der Produktionsländer müssen dafür sorgen, dass in den Kleiderfabriken faire, existenzsichernde Löhne bezahlt werden. Hier ist H&M als Auftraggeber in der Pflicht. Clean Clothes Campaign fordert zusammen mit Public Eye von H&M, «statt der ewig gleichen Marketing-Versprechen endlich eine reale Steigerungen der Hungerlöhne in seinen Lieferketten.» Dazu brauche der Konzern einen verbindlichen Massnahmenplan mit zeitlich festgelegten Zielen, bis wann die Löhne um wieviel erhöht sein müssen.