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Entwicklungshilfe-NGOs die das Sustainability Measurement Framework (SMF) scheinen eine bessere Nachhaltigkeit zu erreichen als NGOs die sich an Benchmarks anderer Organisationen oder an Best Practices orientieren. Wie kann aber eine Entwicklungshilfe-NGO das SMF umsetzen und einführen? Das Framework selbst schlägt vor, dass zuerst festgelegt werden muss, was die NGO unter Nachhaltigkeit versteht und wie die Prioritäten für die nachhaltige Entwicklung der Organisation, der Projekte und der Situation der Nutzniesser gesetzt werden. Zweitens legt das Modell kontinuierliches Lernen nahe, und damit schlägt es implizit vor, einfach zu beginnen und sich laufend zu verbessern. Der Ausgangspunkt für die Implementierung sollten die wichtigsten und/oder die kritischsten Aspekte der von der NGO verwendeten Ansätze sein. Dies kann beispielsweise das Fundraising sein, weil Projekte nur umgesetzt werden können wenn ausreichende Mittel im Voraus zur Verfügung stehen. Oder wenn die breite Einbindung der Nutzniesser im Vordergrund steht kann es das Projektdesign sein. So werden wir zuerst das ‚Geschäft’ der Stiftung Green Ethiopia diskutieren, dann das Nachhaltigkeit-Verständnis der Stiftung Green Ethiopia, und schliesslich wird vorgestellt, welche erste Version des SMF die Stiftung Green Ethiopia entwickelt und eingeführt hat.
Das ‘Geschäft’ der Stiftung Green Ethiopia
Die Stiftung Green Ethiopia wurde im Jahr 2000 von Kurt Pfister gegründet, nach einer privaten Reise zum historischen Äthiopien. Während des Besuchs hatte er die Vision, dass geeignete Projekte zu Schutz und Wiederherstellung der natürlichen Ressourcen das Leben der ländlichen verbessern würde und ländliche Gesellschaften stärken würde. In einem zweiten Schritt sollen Gruppen von Bauern, Frauen und Jugend in der Vermarktung ihrer Produkte unterstützt werden und damit die Erzielung von Einkommen ermöglicht werden. Nach den notwendigen Vorbereitungen wird die Stiftung, die ohne Gewinnerzielungsabsicht oder Selbsthilfe Motiv ist, mit folgenden zwei Zielen gegründet: erstens Entwicklung nachhaltiger Umwelt, Land- und Forstwirtschaft, sowie zweitens die Unterstützung nachhaltiger Produktion, fachgerechte Lagerung und Vermarktung von heimischen Lebensmitteln. Diese Ziele werden durch Aufforstungsprojekte erreicht, also Erstellung einer Baumschule, Anziehen von Baumsetzlingen, Vorbereitung der Bergflanken mit verschiedenen Verbauungen, Auspflanzung der Setzlinge zu Beginn der Regenzeit, sowie Bewachung des Aufforstungsgebiets. Diese Aufforstungsprojekte dienen dazu, die natürlichen Voraussetzungen zu schaffen und Bauern-, Frauen- und/oder Jugendgruppen dahingehend zu stärken, dass Folgeprojekte für die Wassernutzung, Obstbaumausbreitung, Gemüseplantagen, Bienenzucht, Tiermast, oder Schulprojekte umgesetzt werden können. Solche Folgeprojekte werden von den Landwirten initiiert und lose durch Stiftung Green Ethiopia unterstützt. So sieht die Stiftung Green Ethiopia ihre Initiativen als Hilfe zur Selbsthilfe, als Demonstrationsprojekte welche die Landwirte ermutigen sollen, die Initiativen in Eigenregie weiter zu führen und weitere eigene Initiativen zu starten.
Nachhaltigkeit der Stiftung Green Ethiopia
Die Stiftung Green Ethiopia folgt der Idee von drei Nachhaltigkeitsdimensionen, die ins Gleichgewicht gebracht und gehalten werden müssen: Gesellschaft, Ökologie und Finanzen. Allerdings glaubt die Stiftung Green Ethiopia auch, dass Gleichgewichte aufgrund der rasanten Entwicklung in Entwicklungsländern regelmässig oder zumindest häufig überprüft werden müssen. Zusammenfassend glaubt die Stiftung Green Ethiopia an nachhaltige Entwicklung, sie sieht also Nachhaltigkeit als ein kontinuierlicher Prozess, um neue Gleichgewichte zu finden. Sie ist auch überzeugt, dass den betroffenen Personen bei finden und umsetzen der Gleichgewichte eine wesentliches Mitspracherecht eingeräumt werden muss, weil Nachhaltigkeit nicht von aussen aufgezwungen werden kann. Bezüglich der drei Dimensionen sieht die Stiftung Green Ethiopia die Ökologie an erster Stelle, weil die natürliche Umwelt für selbstversorgende Bauern die wichtigste Grundlage für das Bestreiten ihres Lebensunterhaltes ist. Durch die Projekte sollen Landwirte lernen, wie sie die Natur nützen und gleichzeitig schützen und entwickeln können. Die zweite nachhaltigkeitsorientierte Priorität ist die Dimension Gesellschaft, da bei den aktuellen sozialen Strukturen im ländlichen Äthiopien mit vornehmlich Subsistenzbauern eine Entwicklung nur mittels gemeinsamen Anstrengungen möglich ist, d.h. mit Einbindung vom betroffenen Gemeinden, Förderung von Minderheiten und gleichmässiger Verteilung der Macht innerhalb der Gemeinschaften.
Für die Projekte geniesst die finanzielle Dimension die niedrigste (nicht aber für die Gesamtorganisation). Diese niedrige Priorität ergibt sich aus der Tatsache, dass die Stiftung Green Ethiopia Projekte in der Regel für drei Jahre unterstützt, und so haben Begünstigte ausreichend Zeit, die erforderlichen finanziellen Aspekte zu lernen und künftige Finanzierung selbständig zu sichern. Solche Finanzierungen fussen häufig auf einer Form der Zusammenarbeit mit Kleinkrediten und Gruppen-Sparplänen. Beides verlangt weitentwickelte soziale Strukturen, welche wiederum die Hauptpriorität der Arbeit von Green Ethiopia ist.
Die erste Version des SMF bei der Stiftung Green Ethiopia
Aus der Kombination von SMF, dem ‚Geschäft’ der Stiftung Green Ethiopia und den Nachhaltigkeitsschwerpunkte der Stiftung Green Ethiopia, wurde die erste Version des SMF erarbeitet. Diese erste Version hat sich ausschliesslich auf die oben beschriebenen Aufforstungsprojekte bezogen. Die Folgeprojekte wie Fruchtbaumpflanzungen, Bewässerung von Gemüsefeldern oder Bienenzucht und Honigproduktion werden weiterhin mittels den bestehenden informellen Strukturen diskutiert und entschieden. Zweitens beschloss die Stiftung Green Ethiopia sich auf die Ebene Projektinitialisierung zu konzentrieren, teilweise auf Projektergebnisse, und auf die Aufgaben messen, kommunizieren sowie teilweise auf lernen. Diese Schwerpunkte spiegeln den Fokus der Stiftung Green Ethiopia (mit vielen privaten Spendern welche eher den allgemeinen Projektansatz der Stiftung statt ein bestimmtes Projekt unterstützen), und dass aufgrund der dreijährigen Dauer der Projekte das Lernen aus Projektumsetzung erst relativ spät möglich ist (während der ersten Jahre kann lernen nur punktuell adressiert werden). Auf der Basis dieser Überlegungen, und aufgrund der Erfahrungen entschied sich die Stiftung Green Ethiopia folgende Punkte im Rahmen des SMF einzuführen:
Projektinitialisierung - messen:
- Von Projektpartnern werden Projektvorschläge erwartet, diese werden dann überprüft und von verschiedenen Experten und des Stiftungsrates diskutiert. Nach der Überarbeitung durch die Projektpartner, falls notwendig, wird eine endgültige Vereinbarung unterzeichnet und das Projekt wird gestartet.
- Die Projekte müssen Selbst-Entwicklung fördern (d.h. Hilfe zur Selbst-Hilfe sein), und es muss eine multilaterale Anstrengung sein zwischen Stiftung Green Ethiopia, Begünstigten mit wesentlicher Eigenleistung und lokalen landwirtschaftlichen Behörden für technisches Know-how. Weitere Organisationen können in Ausnahmefällen zusätzlich eingebunden werden.
- Projektvorschläge müssen den Standards der Stiftung Green Ethiopia genügen und alle entsprechenden Fragen beantworten (welche interessierten Partnern auf Anfrage zur Verfügung gestellt werden): Beschreibung der Gegend, Beschreibung des Lebensstandards, Umweltbedingungen, soziale Bedingungen, bisherige Erfahrungen, Ziele der Aufforstung, Zahl der Nutzniesser, detaillierte Aktivitäten, eingesetzte Baumarten, Einkommen für Frauen die in den Baumschulen arbeiten, die Einkommensverteilung in den Familien, erforderlichen Verbauungen im Aufforstungsgebiet, Zeitplan, usw.
- Die finanzielle Beteiligung der Stiftung Green Ethiopia ist maximal ETB 4 pro Setzling (Ausnahmen müssen gut begründet sein).
- Die Beteiligung der Nutzniesser muss mindestens 20% der gesamten Projektaufwendungen betragen. Somit werden auch die Aktivitäten der Nutzniesser und die Beiträge jedes einzelnen Bauern geklärt.
- Das Projekt muss die Bewachung des Aufforstungsgebietes beinhalten, durch zusätzliche Vereinbarungen der Gemeinschaft (oder ähnliche regional angepasste Strukturen).
- Besondere Bedingungen, die spezifische und lokale Möglichkeiten bieten (beispielsweise bestehende Initiativen der Regierung oder bestehende Aufforstungsprojekte) bzw. Risiken bergen (beispielsweise Unternehmen welche eine Landnahme beabsichtigen).
Projektinitialisierung - kommunizieren:
- Projektpartner über Entscheidung zum Projektvorschlag informieren, inkl. drei beste Punkte und drei kritischste Punkte (d.h. Feedback von Experten und Stiftungsrat in geeigneter Form weitergeben).
- Begünstigten über die Erwartung für jeden Meilenstein des Zeitplans informieren.
- Wichtige Spender und Geldgeber über zukünftige Projekte informieren.
- Da alle Mitarbeiter und Vorstandsmitglieder Teil des Entscheidungsprozesses sind, gibt es keine weiteren internen Informationen.
Projektinitialisierung - lernen:
- Feedback einholen von Projektpartner bezüglich ihres Aufwandes zur Erstellung des Projektvorschlages.
- Feedback einholen von Nutzniessern bezüglich ihrer Erwartungen und wie diese während der Projektinitialisierung erfüllt wurden.
- Experten befragen bezüglich zusätzlicher Informationen, die für Entscheidung künftiger Projektanträgen hilfreich wären.
- Stiftungsrat befragen bezüglich zusätzlicher Entscheidungskriterien, die bei zukünftigen Projekten angesprochen und vorbereitet werden müssen.
Projektresultate - messen:
- Quartalsweise Kommentare über den Projektfortschritt und nächste Aktivitäten.
- Jährlicher Bericht über Aktivitäten in den Baumschulen: Aufwand (Personentage, Frauen und Männer, Angestellte und Tagelöhner) für verschiedene Aktivitäten wie Bodenbearbeitung, Samensammlung, Vorbereitung der Beete, Schatten, Bewässerung, usw. Inklusive Erklärungen für signifikante Abweichungen gegenüber dem Plan.
- Jährlicher Bericht über Vorbereitungen und Verbauungen der Aufforstungsflächen: Aufwand (Personentage, Frauen und Männer, bezahlten und freiwilliger Beitrag) für verschiedene Aktivitäten wie Terrassierung, Gräben, Pflanzlöcher, Pflanzenschutz, Teiche, Flussverbauungen, usw. Inklusive Erklärungen für signifikante Abweichungen gegenüber dem Plan.
- Jährlicher Finanzbericht: effektive Ausgaben gegenüber Plan, einschliesslich Erklärungen für signifikante Abweichungen gegenüber dem Plan.
- Nach drei Jahren: Bericht über die soziale, ökologische und finanzielle Änderungen des Gebietes, der Gemeinschaft, und die Begünstigten. Einschließlich Zitate über spezifische Verbesserungen.
Projektresultate - kommunizieren:
- Feedback an Projektpartnern zu Berichte: drei positive Aspekte und drei kritische Aspekte, die in der nächsten Periode/Jahr besondere Aufmerksamkeit erfordern.
- Mit Projektpartnern vereinbaren, welche Rückmeldung an die Begünstigten gegeben werden müssen (wiederum drei positive Aspekte und drei kritische Aspekte).
- Jährliche Zusammenfassung an Experten und Stiftungsrat, einschliesslich Vorschläge bezüglich Projekten und/oder Aspekten welche besondere Beachtung und Aufmerksamkeit geniessen sollten.
- Jährliche Zusammenfassung an wichtige Geldgeber und Rückmeldungen an die Geldgeber welche spezifische Projekte unterstützen und entsprechendes Reporting verlangen.
Die erste Version des SMF bestätigte für die Stiftung Green Ethiopia die erwarteten Vorteile. Es half die Diskussionen mit Projektpartner gezielt zu strukturieren, diese gezielt an einem gemeinsamen Nachhaltigkeitsverständnis auszurichten, und Folgeaktivitäten zu diskutieren welche notwendig sind um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen. Es half auch bezüglich kontinuierlichem Austausch bezüglich Sozial- und Umweltbedingungen, und innerhalb von 4 Jahren wurden in den Projektgebieten drei Masterarbeiten geschrieben mit dem Ziel, die erreichen Änderungen auch in Nachbargebieten zu multiplizieren. Neben diesen positiven Effekten zeigt die gewählte Umsetzung des SMF aber auch, dass das Framework so nicht in der Lage war, das Vertrauen zwischen Projektpartnern zu fördern. Vertrauen ist aber einer der wichtigsten Aspekte für erfolgreiche Projekte, insbesondere für Folgeprojekte wie Bewässerung für Gemüseanbau oder Schulprojekte. In der aktuellen Überarbeitung und Erweiterung des SMF werden verschiedene Ansätze von messen, kommunizieren und lernen getestet, welche Vertrauensfördernde Massnahmen unterstützen sollen und Diskussionen bezüglich Vertrauen fördern, bzw. Diskussionen bezüglich notwendiger Vertrauensvoraussetzungen für Projektausweitungen, weitere Projekte oder Folgeprojekte.
Fazit
Nach drei Jahren Verwendung des SMF ist die Stiftung Green Ethiopia überzeugt, dass eine strukturierte und kontinuierliche Nachhaltigkeitsdiskussion mit Partnern und Begünstigten eine notwendige Voraussetzung ist, um laufende und künftige Projekte auf sich verändernde Bedingungen in Entwicklungsländern neu auszurichten. Die Struktur des SMF zeigt sich als einfach genug sodass alle Beteiligten die Ziele verstehen, ihre Teilnahme einordnen können, verstehen welche Informationen sie erwarten können, und wissen welchen Beitrag von ihnen erwartet wird. Gleichzeitig ist der Rahmen auch ausreichend flexibel um spezifische Prioritäten der Nachhaltigkeit, unterschiedliche Ansätze und Vorgehensweisen, mehrere Arten von Programmen, Projekten sowie vielfache Ebene der Stakeholder-Integration zu integrieren. Aufgrund des generischen Aufbaus bietet das Framework selbst jedoch wenig Anleitung, was "gute" Nachhaltigkeit ist. Entsprechend müssen NGOs viel Zeit und Ressourcen aufwenden, um ihre spezifisches SMF zu entwickeln, also die spezifischen und relevanten Einzelaspekten für alle Matrixfelder zu definieren. Während die erforderliche Zeit und Ressourcen als Nachteil gesehen werden können, erwies sich die Erarbeitung der Aspekte für jedes Matrixfeldes für die Stiftung Green Ethiopia als wertvolle Aufgabe, die vielfache und breite Anwendungen fand, beispielsweise für Projekterweiterung, bei der Auswahl von Partnern und bei der Kommunikation mit Geldgebern. Und so wird die Stiftung Green Ethiopia weiterhin strukturierte Ansätze verwendet um mittels mehrdimensionaler Ausrichtung zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bauern, Frauen und Jugend im ländlichen Äthiopien zu erreichen.
Dr. Simon Pfister - Nach 15 Jahren Berufserfahrung in Beratung und Finanzverantwortung für internationale Beschaffung hat Pfister 2014 die Promotion an der Universität St. Gallen abgeschlossen. In seiner Dissertation untersucht er Nachhaltigkeitsmessung für Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit. Heute Unterrichtet Pfister an der Universität St. Gallen finanzielle Führung und allgemeine BWL, begleitet verschiedene Unternehmen und Organisationen und finanziellen Belangen und Nachhaltigkeit und ist Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation Stiftung Green Ethiopia welche jährlich über 5 Millionen einheimischer Bäume im ländlichen Äthiopien pflanzt zurlandwirtschaftlichen Entwicklung.