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Als der damalige IOC-Präsident Lord Killanin 1976 ein Buch über die Geschichte der Olympischen Spiele herausgab, brauchte er über acht Seiten für das damalige Hauptthema der Olympischen Spiele: die Amateurfrage. Für das Doping genügten drei Seiten. Heute ist es umgekehrt. Nach der Öffnung der Olympischen Spiele auch für Berufssportler Ende der 80er-Jahre verschwand das leidige Amateurthema gänzlich. Doping und Medikationsmissbrauch dagegen sind zum Riesenproblem geworden – auch im Pferdesport, wo zusätzlich der Problemkomplex des Pferdemissbrauchs dazukommt.
Der Gebrauch von leistungsfördernden Substanzen ist kein Produkt unserer Zeit. Man glaubt, dass bereits an den Olympischen Spielen der Antike mit allen Mitteln versucht wurde, die Leistung zu steigern. Verbürgte Fälle sind aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt. Um 1930 begann man, von «Doping» zu sprechen. In den 50er-Jahren wurde es ernst: An den Olympischen Winterspielen von 1952 wurden Ampullen und Spritzen gefunden, 1955/56 bei der Tour de France und anderen Rennen wurden Fahrer des Dopings überführt. Das Internationale Olympische Komitee schuf 1961 eine erste «Medizinische Kommission», die 1967 zusätzliche Kompetenzen erhielt. Eine der drei Aufgaben dieser Kommission war die Dopingkontrolle (die anderen betrafen die medizinische Betreuung bei den Spielen und die Kontrolle von teilnehmenden Athletinnen, ob sie wirklich Frauen waren). Bei der FEI befasste sich die jährliche Generalversammlung von 1966 erstmals mit dem Dopingproblem. Es wurde beschlossen, dass Aufputsch- und Beruhigungsmittel verboten seien. Maximale Bestrafung bis zur lebenslangen Sperre. Es wurde eine Veterinärkommission gebildet, die, nach Anfangsschwierigkeiten, 1970 konkretere Aufgaben erhielt. In der Schweiz erliess die damalige Abteilung Concours des SVPS 1968 eine erste Weisung für die Bekämpfung von Doping im Concours-Sport. Beim nationalen Concours in Schaffhausen jenes Jahres wurden erstmals Dopingkontrollen durchgeführt. Es wurden Speichelproben entnommen, die im Gerichtsmedizinischen Institut Basel untersucht wurden. Zehn Jahre später wurden neue, umfassendere Richtlinien erlassen.
Doping oder kein Doping?
Bei der FEI dominierte vorerst die jährliche Diskussion um das entzündungshemmende Mittel Phenylbutazon (Butazolidin). Noch an der GV von 1968 wurde festgestellt: Phenylbutazon ist kein Doping und deshalb erlaubt. 1976 wurde Phenylbutazon für Dressurprüfungen verboten. Zwei Jahre später, 1978, entschied die FEI-Generalversammlung, Butazolidin und andere entzündungshemmenden Drogen auf die zu erstellende Liste der verbotenen Substanzen aufzunehmen. Wieder zwei Jahre später, 1980, kam dann die Regelung, die danach jahrelang galt: Butazolidin ist erlaubt bis zu einer Limite von vier Mikrogramm pro Milliliter Blutplasma, in allen Disziplinen.
Richtlinien für die Dopingkontrolle
1974 hatte die FEI beschlossen, dass Dopingkontrollen bei allen internationalen Anlässen durchgeführt werden müssen. 1977 schuf die FEI ein Subkomitee mit der Aufgabe, Richtlinien für die Dopingkontrolle zu erstellen. Im Dezember 1978 wurde diese «Standardprozedur für Medikationskontrolle» veröffentlicht. Zwischendurch kam es zum kaum bekannt gewordenen Skandal an den Olympischen Spielen von 1972 in München. Er wurde kaum bekannt, da der Terrorüberfall auf die israelitischen Athleten publizistisch alle Nebenprobleme verdrängte. An der GV 1969 hatte die FEI beschlossen, an den Olympischen Spielen von 1972 Medikationskontrollen durchzuführen. Um diese zu organisieren und zu überwachen, wurde eine Kommission gebildet mit einem französischen Veterinär-Professor als Präsidenten. Im Vorfeld der Spiele wurden entsprechende Testrichtlinien erstellt. In München wurde dann bekannt, dass es zu keinen Kontrollen kommen würde. Der vorsitzende Professor habe es entschieden und es einem befreundeten Landsmann mitgeteilt. Dieser informierte den französischen Equipen-Veterinär. Natürlich blieb dies nicht geheim, bald wussten es alle.
Die 16 Fälle 1972 bei den Modernen Fünfkämpfern, bei denen die Athleten vor dem Schiessen verbotene Beruhigungsmittel genommen hatten, trugen weiter dazu bei, dass die dumm-betrügerische Indiskretion des Professors in München kaum beachtet wurde.
Die FEI reagierte, indem sie 1972 Joe O’Dea als Nachfolger für den früh verstorbenen Jacques Jenny in die FEI-Veterinärkommission aufnahm. Der Amerikaner war seit zwanzig Jahren Teamveterinär des USET und offizieller Veterinär des CSIO New York. Er war mit den, für damalige Verhältnisse, beispielhaften Antdopingmassnahmen der AHSA, des amerikanischen Pferdesportverbandes, vertraut. Bereits in den 60er-Jahren hatte die AHSA einen als schuldig befundenen prominenten Trainer gesperrt und für mehrere Jahre von allen Turnierplätzen verbannt. 1971 wurde ein “Drugs and Medication Committee“ gebildet, mit Dr. Jordan Woodcock als Administrator. 1974 wurden 2500 Pferde getestet – acht waren positiv.
Probleme in der Vielseitigkeit
1974 ernannte die FEI Joe O’Dea zu ihrem Technischen Delegierten in Veterinärsfragen an den Olympischen Spielen von 1976 in Montreal. Seine erste Aufgabe war die Bereitstellung von Kontrolleinrichtungen, von Personal und der Wahl eines Testlaboratoriums. München 1972 sollte nicht wiederholt werden. Ein einziges Pferd wurde in Montreal positiv getestet. Ein irisches Militarypferd. Das verbotene Medikament war nach einer Transportverletzung gegeben und gemeldet worden. Aber die Disqualifikation war unvermeidlich. Die nächsten Grossanlässe, die vier Weltmeisterschaften von 1978, sahen einzig Probleme bei der WM der Vielseitigkeit in Lexington, Kentucky. Am Geländetag war es heiss, mit hoher Luftfeuchtigkeit. Viele Pferde kamen erschöpft ins Ziel. Oxygen und andere erlaubte Mittel wurden gebraucht, um die Pferde in die Ställe zu bringen. Unter ihnen war auch Might Tango von Bruce Davidson, in Führung nach dem Cross. Tags darauf wurden die beiden Weltmeister – unter der vor allem von deutscher Seite geäusserten Kritik am «durch Sauerstoff wieder lebendig gemachten» Pferd. Trotz dieser Kontroverse war Ende der 70er-Jahre das Antidopingprogramm der FEI fest verankert. In den Jahren danach gab es Verfeinerungen und Änderungen, so 1990 die Einführung des MCP (Medication Control Program) und 1993 die Nulltoleranz für Butazolidin. Aber die Doping- und Medikationsmissbrauchproblematik blieb – das bewiesen die Fälle der Olympischen Spiele von 2004 und 2008.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 04/2021)
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