Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03094.jsonl.gz/2041

Quengelnde Kinder als Ideenbringer
Schon auf den ältesten Darstellungen der Geburt Jesu befindet sich häufig ein Baum, eine Palme. Ihre Zweige waren als Siegeszeichen bei sportlichen Wettkämpfen im ganzen römischen Reich bekannt. Mit der Palme neben der Krippe deuteten die Künstler an, dass hier ein Sieger geboren wurde, einer, der später, an Ostern, den Tod besiegen würde.
Vom Lebensbaum zum Weihnachtsbaum
Ab dem 13. Jh. fanden in Europa im Dezember sogenannte «Paradiesspiele» statt. Auf diese Weise brachten wandernde Schauspielertruppen den Menschen, die nicht lesen konnten, die wichtigsten Ereignisse aus der Bibel nahe. Sie führten ihnen die Schöpfung, die Geschichte vom Sündenfall, die Vertreibung aus dem Paradies vor Augen und schlugen dann eine Brücke zum Tod und zur Auferstehung von Jesus Christus – und damit zur Grundlage für die Rückkehr ins verlorene Paradies (das ewige Leben im Himmel). Zur Illustration stellten sie einen Baum auf die Bühne, der auf der einen Seite mit roten Äpfeln behangen war und auf der anderen Seite mit den Leidenswerkzeugen Jesu, also etwa die Dornenkrone, ein Kreuz oder die Kreuznägel. Sie stellten damit eine Verbindung her zwischen dem «Baum des Lebens» im Paradies (eigentlich dem «Baum der Erkenntnis» mit der verbotenen Frucht), dem Baumstamm, an dem Jesus starb und den «Bäumen des Lebens» in der Beschreibung des Himmels in der Offenbarung.
Am «Lebensbaum» hingen rote Äpfel und die Kreuznägel Jesu.
Wie so oft fand auch in diesem Fall der Lebensbaum den Weg von der Kunst in den Alltag. 1419 schmückte erstmals ein Bäckergeselle aus Freiburg eine Tanne mit Früchten, Gebäck und Zischgold (einer Vorform des heutigen Lamettas). Weil das den Leuten gefiel, fand er bald viele Nachahmer, zuerst in den Adelshäusern, später unter den reichen Bürgern. Die aufgehängten Esswaren wurden aber nicht selber gegessen. Vielmehr stellte man am Dreikönigstag den Baum nach draus-sen. Kinder und Bettler konnten sich so an ihm bedienen. Mit der Zeit wurden die Esswaren durch farbige Dekorationen ersetzt. Schliesslich kamen Anfang des 19. Jh., als das Stearin erfunden wurde, auch noch die Kerzen dazu. Ebenfalls wurden Strohsterne aufgehängt. Sie erinnerten einerseits an den Stern, der den Weisen aus dem Osten den Weg zur Krippe von Jesus zeigte. Andererseits symbolisierten sie, dass es dem Sohn Gottes nicht zu wenig war, ganz arm auf diese Welt zu kommen.
Vom Deckenleuchter zum Adventskranz
Johann Hinrich Wichern hatte 1833 in Hamburg das «Rauhe Haus» gegründet, ein Heim für Kinder und Jugendliche aus den Elendsvierteln der Stadt. Weil er dauernd mit der Frage bestürmt wurde, wie lange es noch bis Weihnachten dauere, hängte er 1839 einen Holzreif von zwei Metern Durchmesser wie einen Kronleuchter im Versammlungsraum auf. Darauf steckte er vier grosse weisse Kerzen für die Sonntage und 19 kleinere rote Kerzen für die Werktage. Jeden Tag im Dezember wurde dann während der sogenannten Kerzenandacht eine Kerze mehr angezündet, bis schliesslich am Heiligen Abend alle miteinander brannten. Schon lange war es damals auch Brauch, in der Adventszeit die Wohnstuben mit geschmückten Tannenzweigen zu dekorieren. Irgendwann begannen die Kinder, auch den Holzreif mit dem Tannreisig zu umwickeln. Das gefiel allen so gut, dass man es fortan immer so machte. Besucher des «Rauhen Hauses» kopierten die Idee zu Hause, und die von Wichern ausgebildeten Diakone verbreiteten die Idee überall in den Kirchgemeinden, wo sie hinkamen. Da normale Wohnstuben aber nicht so gross waren, wurden die Kränze kleiner gemacht und nur die vier Sonntagskerzen daraufgesteckt. Den grossen Durchbruch schaffte der «Adventskranz» nach dem Ersten Weltkrieg, weil die Gärtnereien ihn als lukrative Einnahmequelle entdeckten.
Text: Marcel Wildi | Foto: Ulf-Kersten Neelsen – Kirchenbote SG, Dezember 2018