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Kontakte mit jenen Existenzebenen, die unter dem Sammelbegriff "Jenseits" verstanden werden, hat es zu allen Zeiten und bei allen Völkern gegeben. Die damit verbundenen Praktiken und Phänomene fanden wissenschaftliche Beachtung, nachdem es 1847 in Hydesville (USA) im Verlauf eines in der Geschichte der Parapsychologie an sich nicht besonders bemerkenswerten Spukfalles gelang, sich mit dem jenseitigen Urheber durch Klopftöne zu verständigen. Das wurde zur Geburtsstunde des modernen Spiritismus, der sich rasch ausbreitete. Einesteils zum Gesellschaftsspiel ausartend - hier sind die Wurzeln für den schlechten Ruf eines falsch verstandenen bzw. von Gegnern einseitig definierten Spiritismus zu finden - wurden andererseits die intellektuellen und physikalischen Phänomene des Spiritismus Gegenstand ernstzunehmender natur- und geisteswissenschaftlicher Forschungen. Die moderne Parapsychologie, anfangs noch "Psychische Forschung" (in Anlehnung ans englische Psychical Research) genannt, verdankt ihre Entstehung dem Spiritismus und es waren Männer wie Sir WILLIAM CROOKES (Entdecker des Thallium, Nobelpreis für Physik), ALFRED RUSSEL WALLACE (erster Mitarbeiter DARWINs und Wegbereiter der Abstammungslehre), CHARLES RICHET (Nobelpreis für Physiologie), die sich dem Spott der platten Öffentlichkeit aussetzten, um in jahrelanger Forschungsarbeit ihre besten Kräfte und Beobachtungsgaben den "psychischen Phänomenen" zu widmen.
In Deutschland leisteten Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts [ 19. Jhdt ] Philosophen wie HELLENBACH, DU PREL und der russische Staatsrat ALEXANDER AKSAKOW, Begründer der hervorragenden Zeitschrift Psychische Studien, Beachtliches und stellten den Spiritismus auf ein hohes Niveau. Besonders AKSAKOW beeinflusste mit seinen Begriffsprägungen, die stets an englischen Ausdrücken orientiert waren, die grenzwissenschaftliche Terminologie in Deutschland, Psychische Studien beispielsweise ist eine allzu wörtliche Übersetzung von psychic studies (Fussnote 1). Dass sich der Begriff Spiritualismus im deutschsprachigen Raum durchgesetzt und das ursprüngliche Wort Spiritismus verdrängt hat, geht auf AKSAKOW zurück; bis zum Erscheinen seines parapsychologischen Standardwerkes Animismus und Spiritismus war Spiritismus die Bezeichnung für die durch den Franzosen ALLAN KARDEC bekanntgewordene Richtung der Geistlehre (Romanischer Spiritismus) christlicher Prägung, in der das Konzept der Reinkarnation seinen festen Platz hatte. Im angelsächsischen Sprachraum hingegen war es vor allem ANDREW JACKSON DAVIS, der durch seine populären Bücher stark zur Verbreitung der neuen Weltanschauung beitrug; nur fehlt bei ihm der Reinkarnationsgedanke.
In Animismus und Spiritismus verwendet AKSAKOW nun Spiritismus zur Kennzeichnung einer Hypothese, worunter alle Phänomene gemeint sind, die auf das Einwirken Jenseitiger hindeuten; im Gegensatz zum "Animismus", in welchem es um jene paranormalen Vorkommnisse geht, die eindeutig von Lebenden ausgehen (Telepathie, Psychokinese, etc.). Den philosophischen Aspekt oder die weltanschaulichen Schlussfolgerungen aus den Tatsachen des praktischen Jenseitsverkehrs, den schon u. a. KARDEC und DU PREL mit unserem heutigen Reizwort Spiritismus verbanden, taufte AKSAKOW um in Spiritualismus, wiederum beeinflusst vom Angelsächsischen (DAVIS), wo es in den USA und in England schon immer spiritualism hiess. Dass der Begriff Spiritualismus im Deutschen allerdings schon für die Philosophie belegt war (Fussnote 2), schien AKSAKOW nicht weiter zu stören, bzw. wollte er möglicherweise eine begriffliche Erweiterung in Gang bringen. Jedenfalls gab Alexander AKSAKOW eine Buchreihe heraus, die Bibliothek des Spiritualismus für Deutschland, in der die Standardwerke vor allem englischsprachiger Spiritualisten ins Deutsche übersetzt wurden.
In Brasilien ist der Romanische Spiritismus nach KARDEC übrigens nach wie vor weitverbreitet und seine zahlreichen Anhänger pflegen sich stolz Spiritisten zu nennen und setzen Spiritismus mit rein gebliebenem Christentum gleich - eine Auffassung, der man nach der Lektüre der bewährtesten Jenseitskundgebungen (s. die anfangs erwähnten Standardwerke) leicht zuneigen kann. In Deutschland würde heute ein solches Bekenntnis, "ich bin Spiritist" - leider - wohl kein vernünftiger Mensch mehr wagen. Wir jedenfalls können uns wohl alle darauf einigen, dass man bei uns mit Spiritismus die Phänomene des Jenseitsverkehrs meint, mit Vulgär-Spiritismus Praktiken zur Verbindung mit dem Jenseits ohne die geringste Ahnung von den zu beachtenden Gesetzmässigkeiten eines Verkehrs mit anderen Existenzebenen (s. neugierige Heranwachsende und Tante Frieda mit ihren Freundinnen) und mit Spiritualismus die sich aus alledem ergebenden weltanschaulichen Konsequenzen des Geisterverkehrs. Doch: welches begriffliche Etikett die hehre Geistlehre nun trägt, ist letzten Endes doch einerlei; was alleine zählt, sind die Erkenntnisse, die wir aus den Worten jener ziehen, die über solche begrifflichen Probleme längst erhaben sind.
WB-Redaktion
Letzte Änderung am 11. Februar 2005