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Wer Furchtbares erlebt hat, leidet unter bestimmten vorhersehbaren psychischen Störungen. Die Traumaforschung hat gezeigt, dass diese Folgen bei allen Traumatisierten ähnlich sind – vom Vergewaltigungsopfer bis hin zum Kriegsveteran. Diese Forschungen haben dazu geführt, dass 1980 die Diagnose „posttraumatisches Syndrom“ in das offizielle Handbuch seelischer Erkrankungen aufgenommen wurde.
Durch traumatische Erfahrungen wird ein Mensch in extremer Weise Hilflosigkeit und Angst ausgesetzt; seine normalen Anpassungsstrategien werden überfordert, sein System zum Umgang mit Stress bricht zusammen.
Drei Symptom-Kategorien gehören typischerweise zur posttraumatischen Belastungsstörung:
- Übererregung: ständiger Alarmzustand, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen etc.
- Intrusion: ungewollt sich aufdrängende Erinnerungen und Gedanken an das traumatische Ereignis, Flashbacks, Träume etc.
- Konstriktion: Verdrängung, Vermeidungsverhalten, psychische Erstarrung bis hin zu völliger Passivität etc.
Hinzu kommt im Allgemeinen ein Gefühl der Entfremdung, der Nichtzugehörigkeit zur Gesellschaft. Die bisherigen Wertvorstellungen wurden zerstört. Scham-, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle sind bezeichnend. Häufig gehören auch heftige Wutanfälle dazu.
Von Dialektik eines Traumas spricht man, weil diese extremen Gefühle sich ständig abwechseln, der betroffene Mensch fällt „von einem Extrem ins andere“.
Hat ein Mensch viele traumatisierende Erlebnisse über einen längeren Zeitraum erlebt (Beispiel Kindesmissbrauch oder Gefangenschaft, lang andauernde schwere häusliche Gewalt), stehen Vermeidungs- und Rückzugsstrategien bis hin zur völligen Isolation im Vordergrund. Initiative ergreifen oder etwas planen sind nahezu unmöglich. Während langer Zeit waren nur die nächsten fünf Minuten planbar und Initiative bedeutete Gefahr. Chronische Hilflosigkeit und Passivität sind die Folge. Langanhaltende Depressionen sind das häufigste Symptom bei chronisch Traumatisierten.
Intrusive und konstriktive Symptome beeinflussen das Verhalten eines traumatisierten Menschen. Vielleicht wirkt er plötzlich verwirrt oder überfordert? Vielleicht erzählt er schreckliche Dinge mit einem Lächeln oder emotional völlig unberührt? Vielleicht habe ich als Aussenstehende plötzlich das Gefühl, der traumatisierte Mensch drifte ab, sei plötzlich in einer anderen Welt? Vielleicht erzählt er beim zweiten Gespräch nicht dasselbe wie beim ersten und beim dritten noch etwas Zusätzliches? Vielleicht reagiert er auf etwas was ich tue oder sage sehr ungewöhnlich? Vielleicht wird er plötzlich wütend auf mich ohne dass ich genau weiss, was vorgefallen ist? Vielleicht hält er wiederholt Termine nicht ein? Vielleicht hält er sich nicht an Abmachungen obwohl er sehr motiviert schien?
Alle diese Verhaltensweisen erscheinen in einem anderen Licht, wenn man die emotionale Erstarrung und Verdrängung einerseits, sowie die Flashbacks und das plötzliche Überrollen vom Trauma andererseits im Kopf behält.
Besonders wichtig ist die Erkenntnis, dass ein Trauma eine lineare Erzählweise verhindert und es geradezu in der Natur der Sache liegt, dass die Erinnerungen bruchstückhaft und teilweise verzerrt vorhanden sind. Das ist Folge der zu erwartenden konstriktiven Symptom. Plötzliche Flashbacks (intrusive Symptome) führen zu neu auftauchenden oder sich verändernden Erinnerungen. Einem Opfer wird immer noch viel zu schnell seine Glaubwürdigkeit aufgrund seines Aussageverhaltens abgesprochen, weil insbesondere in Strafverfolgerkreisen zu wenig Wissen über Trauma und seine Folgen vorhanden ist.
Esther Imholz, Opferberaterin SZ und UR, gestützt auf „Die Narben der Gewalt“ von Judith Herman