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Die Ausstellung «Aloïse–Der Sonnenhüpfer» in der Collection de l’Art Brut in Lausanne ist in mehrfacher Hinsicht eine Rückkehr zu den Anfängen: Zu den Anfängen des Sammelbegriffs Art Brut, den der französische Maler Jean Dubuffet in den 1940er-Jahren prägte, auch dank des Werks von Aloïse. Zu den Anfängen der Collection de l’Art Brut, deren Gründung 1976 aufgrund einer Schenkung Dubuffets erfolgte. Und nicht zuletzt zu den Anfängen der Künstlerin Aloïse Corbaz selbst, die 1886 in Lausanne geboren wurde.
Der Schwerpunkt der Schau liegt folgerichtig auf der ersten, von Jean Dubuffet vereinten Werkgruppe von Aloïse und zeichnet deren Entstehung nach. Aloïse verbrachte einen Grossteil ihres Lebens in psychiatrischen Kliniken. Als junge Frau war sie als Kindererzieherin nach Deutschland gegangen und hatte dort unter anderem am Hof Kaiser Wilhelms II. in Potsdam gearbeitet. Nachdem sie 1913 in die Schweiz zurückgekehrt war, fiel sie mit übertriebenen religiösen Gefühlen und Wahnvorstellungen auf. 1918 wurde sie in die psychiatrische Klinik Cery bei Lausanne eingeliefert, 1920 kam sie in die Anstalt La Rosière in Gimel-sur-Morges, wo sie 44 Jahre später starb.
Schon kurz nach ihrer Internierung begann Aloïse zu zeichnen, anfangs mit Bleistift und Tinte auf alten Papier- und Kartonstücken, später auch mit Farbstiften, Gouache und Fettkreiden, oft auf zusammengeheftetem Packpapier, das die Kreation von grossformatigen Werken erlaubte. Inhaltlich bestimmten adlige und heldenhafte Persönlichkeiten, Liebespaare und die Leidenschaft für Theater und Oper ihr Werk.
Schicksalhafte Begegnung
Entscheidend für Aloïses Karriere als Künstlerin war die Begegnung mit der Ärztin Jacqueline Porret-Forel im Jahr 1941. Zwischen den beiden Frauen entwickelte sich eine enge Beziehung, und Porret-Forel interessierte sich sehr für das künstlerische Schaffen von Aloïse. Die Ärztin war es auch, die 1946 Kontakt zu Jean Dubuffet aufnahm, der gerade damit angefangen hatte, Aussenseiterkunst zu sammeln und zu dokumentieren. Sie zeigte Dubuffet Werke von Aloïse, die sich in ihrem Besitz befanden. Dubuffet erkannte deren Einzigartigkeit und stellte bereits 1948 erstmals Zeichnungen von Aloïse in Paris aus. Damit wurde die Schweizerin zu einer emblematischen Figur der Art Brut. Dubuffet seinerseits beobachtete ihre künstlerische Entwicklung bis zu ihrem Tod und besuchte sie regelmässig im Heim in Gimel.
Jacqueline Porret-Forel schenkte Dubuffet rund 100 Arbeiten von Aloïse, die später den Kern des Fundus der Collection de l’Art Brut bilden sollten. Und die heute 96-jährige Ärztin widmete selbst einen grossen Teil ihres Lebens dem Werk von Aloïse. Seit 1985 hat sie an einem kritischen Verzeichnis der rund 2000 Werke der Künstlerin gearbeitet, das dieses Jahr als Online-Katalog erschienen ist.
«C’est Noël» (1943).«Entführung einer gallischen Braut» (um 1917). «Marie-Christine» (1925–1941).
Zur Person
In der psychiatrischen Klinik fand sie zur Kunst
Aloïse Corbaz wurde am 28. Juni 1886 in Lausanne geboren. Als sie 13 Jahre alt war, starb die Mutter, und eine ältere Schwester übernahm das Regime im Haus. Diese zwang die junge Aloïse, eine Liebesbeziehung aufzugeben und als Kindererzieherin nach Deutschland zu gehen. Als sie am Hof in Potsdam arbeitete, verliebte sie sich heimlich in den Kaiser, dem sie später aus der Schweiz leidenschaftliche Briefe schrieb. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz wurde sie wegen ihres auffälligen Verhaltens mit der Diagnose Schizophrenie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Den Rest ihres Lebens verbrachte sie in Anstalten, wo sie viel Zeit mit dem Zeichnen und Malen zubrachte. Am 5. April 1964 starb sie im Heim La Rosière in Gimel-sur-Morges.cs