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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

13. Buch
10. Das Leben der Sterblichen ist mehr ein Sterben als ein Leben.
Vom ersten Augenblick an, da man sich im sterblichen Leibe befindet, geht nämlich im Menschen stetig etwas vor, was zum Tode führt. Die Wandelbarkeit arbeitet die ganze Zeit des irdischen Lebens daran [wenn man denn dieses überhaupt Leben nennen soll], daß man zu Tode kommt. Ihm ist jeder nach einem Jahre näher, als er vor einem Jahre war, näher morgen als heute und heute als gestern, näher kurz nachher als jetzt und jetzt als kurz vorher. Jede Spanne Lebenszeit verkürzt die Lebensdauer, und der Rest wird kleiner und kleiner mit jedem Tag, und die ganze Lebenszeit ist so weiter nichts als ein Todeslauf, bei dem niemand auch nur ein wenig innehalten oder etwas langsamer gehen darf; vielmehr werden alle in gleichem Schritt gedrängt und alle zu gleicher Eile angetrieben. Denn der mit kürzerem Leben hat den Tag nicht rascher verlebt als der mit längerem; gleichmäßig vielmehr und gleich lang eilten beiden die Augenblicke dahin, nur daß das Ziel, dem beide mit gleicher Schnelligkeit zueilten, für den einen näher lag als für den andern. Einen längeren Marsch zurücklegen heißt aber nicht langsamer marschieren. Wer also bis zu seinem Tode einen längeren Zeitraum durchmißt, geht nicht langsamer, sondern legt nur einen weiteren Weg zurück. Wenn man nun zu sterben, d. h. im Tode befindlich zu sein beginnt von dem Augenblick an, da in einem der Tod einsetzt, d. i. die Abnahme des Lebens [denn wenn das Leben durch fortwährende Abnahme sein Ende erreicht hat, befindet man sich nicht mehr im Tode, sondern schon nach dem Tode], so befindet man sich fürwahr im Tode vom ersten Augenblick an, da man sich im Leibe befindet. Dies und nichts anderes geht vor sich Tag für Tag, Stunde für Stunde und jeden einzelnen Augenblick, so lang, bis der Tod, der da vor sich ging, aufgezehrt ist und dadurch zum Abschluß kommt und die Zeit, die während der Lebensabnahme eine Zeit im Tode war, nunmehr in die Zeit nach dem Tode übergeht. Nie also ist der Mensch am Leben, sobald er sich in diesem mehr sterbenden als lebenden Leibe befindet, er müßte nur zugleich am Leben und im Tode sein können. Oder ist er vielmehr zugleich am Leben und im Tode? am Leben, worin er lebt, bis es gänzlich abgenommen hat, und im Tode, weil er bereits stirbt, indem das Leben abnimmt? Denn wenn er nicht am Leben ist, was ist dann das, was abnimmt bis zum völligen Verbrauch? Und wenn er nicht im Tode ist, was ist dann jene Abnahme an Leben? Man sagt doch nicht umsonst „nach dem Tode“ von dem Zustand nach völligem Dahinschwinden des Lebens; also war der Zustand des Hinschwindens ein Sterben. Denn wenn sich der Mensch nach dem Hinschwinden nicht im Tode, sondern nach dem Tode befindet, so muß er sich doch wohl im Tode befinden, während das Leben dahinschwindet.