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Wie viele Todesfälle und welche wirtschaftlichen Einbussen bewirkte die Corona-Epidemie in ausgewählten Staaten in Europa, in Nordamerika und Ozeanien? Diese Frage beantwortet eine soeben veröffentlichte Vergleichsstudie des französischen Ökonomie-Instituts «Molinari». Diese Studie bestätigt die Resultate, die Infosperber unter dem Titel «Corona-Bilanz» schon am 8. April veröffentlichte.
Hier nochmals die Resultate aus dem Infosperber-Artikel zusammengefasst und bezogen auf die Schweiz: Punkto Todesfälle «im Zusammenhang mit Corona» respektive punkto Übersterblichkeit bewegt sich die Schweiz im europäischen Mittelfeld, während ihre wirtschaftlichen Einbussen geringer waren als in den meisten andern westlichen Industriestaaten. Im Unterschied zur Molinari-Studie stützte sich der Infosperber-Artikel bei den Todesfällen auf die Übersterblichkeit, die aber weitgehend mit den Corona-Todesfallzahlen übereinstimmt, und auf den Zeitraum nur bis Ende 2020.
Nachfolgend nun die grafisch dargestellten Resultate aus der «Molinari»-Studie:
Lesehilfe: Die vertikale Skala der Grafik zeigt die Zahl der «an oder mit Corona» gestorbenen Personen pro Million Einwohner im Zeitraum von März 2020 bis Ende März 2021. Je weiter oben ein Land steht, desto höher ist die Zahl seiner Toten pro Einwohner. Hier befinden sich Belgien und die USA weit oben, die Schweiz und Schweden im Mittelfeld, Deutschland sowie Australien, Neuseeland und Südkorea weit unten.
Die horizontale Skala zeigt die wirtschaftlichen Einbussen (BIP-Minus) im Kalenderjahr 2020. Je weiter links ein Land in der Grafik erscheint, desto grösser sind seine Einbussen. In der Schweiz und Schweden, aber auch in Australien und Neuseeland waren die Einbussen gering, in Grossbritannien, Italien und Frankreich am höchsten.
In der Kombination Sterbezahl/Wirtschaft schnitten die Staaten im roten Feld links oben am negativsten, im Feld rechts unten am positivsten ab. Die Grafik stammt aus der Studie des französischen Instituts Economic Molinari.
Korrelation zwischen Resultaten und Strategie
Die Molinari- Studie unter dem (übersetzten) Titel «Die Covid-Null-Strategie schützt Bevölkerung und Wirtschaft effektiver» verknüpft nun die oben dargestellten Resultate der einzelnen Länder mit deren Strategie zur Bewältigung der Corona-Pandemie. Dabei unterscheiden Autorin Cecile Philippe und Autor Nicolas Marques zwischen einer Ausmerzungs- («Covid Null») und einer Beschränkungs-Strategie; bei der Beschränkungs-Strategie geht es darum, die Ausbreitung soweit einzudämmen, dass einerseits das Gesundheitssystem nicht überlastet wird, andererseits die Einschränkungen für Bevölkerung und Wirtschaft möglichst klein bleiben.
Die Ausmerzungs-Strategie verfolgten laut Molinari-Studie die Ozeanien-Staaten Australien und Neuseeland sowie Südkorea, Taiwan und China, das heisst: Diese Staaten führten sofort während relativ kurzer Zeit sehr harte Einschränkungen ein (bis hin zum vollständigen Ausgehverbot) mit dem Ziel, die Covid-Fälle auf Null zu senken. Die anderen aufgeführten europäischen und nordamerikanischen Staaten hingegen verfolgten und verfolgen bis heute eine mehr (etwa Deutschland) oder weniger (etwa Schweden, die Schweiz oder die USA) ausgeprägte Beschränkungs-Strategie, das heisst: Wenn die Corona-Fallzahlen stiegen, erliessen die Regierungen härtere Einschränkungen, wenn die Fall- oder Hospitalisierungs-Zahlen sanken, lockerten sie die Einschränkungen wieder. Das führte zu einem Stop-and-Go. Aktuelles Beispiel: Der Bundesrat hat heute Mittwoch die Massnahmen in der Schweiz wieder etwas gelockert (Terrassen und Fitnesszentren geöffnet), obwohl die epidemiologische Lage sich hier in den letzten Wochen verschlechterte, während Deutschland tags zuvor ihre Einschränkungen verschärfte.
Führt man die Resultate allein auf diese unterschiedlichen Strategien zurück, wie das die Molinari-Studie tut, ist die Erfolgsbilanz eindeutig: Die Staaten mit Ausmerz-Strategie erlitten nicht nur viel weniger Todesfälle pro Millionen Einwohner, sondern auch geringere wirtschaftliche Einbussen. Die Staaten hingegen, die einen Mittelweg zwischen Todesfall- und Wirtschaftsrisiken suchten, schnitten sowohl punkto Todesraten als auch bei den wirtschaftlichen Einbussen deutlich schlechter ab.
Politische Strategie ist eine von mehreren Ursachen
Diese Folgerung ist plausibel, teilweise richtig, aber unvollständig. Denn es gibt neben der politischen Strategie, welche die einzelnen Staaten wie erwähnt unterschiedlich strikte anwendeten, weitere wesentliche Unterschiede zwischen Staaten und Staatengruppen. Beispiele:
- Inselstaaten Die erfolgreichen Länder Australien, Neuseeland und Taiwan sind Inselstaaten. Ihnen fiel es leichter, sich gegenüber anderen Ländern abzuschotten und damit die Epidemie einzudämmen als jenen Staaten, die mitten in einem Kontinent liegen und an viele andere Länder angrenzen. Dass Australien die Abschottung besonders gut beherrscht, zeigt übrigens – auf weniger rühmliche Weise – auch ihre Flüchtlingspolitik.
- Regierungsform Staaten mit autoritären Regimes wie China können strenge Einschränkungen leichter erlassen, schneller und besser durchsetzen – und damit eine Epidemie stärker eindämmen – als demokratisch regierte Staaten wie Deutschland oder die Schweiz.
- Siedlungsdichte Bei der Ausbreitung einer Epidemie spielen auch Topografie und Siedlungsstrukturen eine wesentliche Rolle. In dünn besiedelten Staaten wie etwa Schweden oder Kanada können sich Seuchen in der Regel weniger schnell ausbreiten als in dicht besiedelten Ländern oder Städten. Diese Einschränkungen relativieren die eindeutigen Folgerungen der Molinari-Studie – und damit auch andere Vergleiche zwischen einzelnen Ländern. Die grundsätzliche Aussage, die auch bei vielen andern Themen gilt, bleibt aber gültig: Eine klare, konsequente Politik und Strategie ist in der Regel stets besser als eine zögerliche Politik und ein Zickzack-Kurs.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine.