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Der grosse, offenbare Tag
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[71] ALS IN DEN verworrenen Oktober- und Novemberwochen des Jahres 1944 allnächtlich Boote mit Schiffbrüchigen des großen Krieges im Osten den Bottnischen Meerbusen von Finnland aus gen Westen überquerten, deren Insassen, in der Mehrzahl Esten, Ingermanländer und einstige Bewohner von Ostkarelien, nach Schweden übersetzten, um ihrer im Waffenstillstandsvertrag ausbedungenen Rückkehr zu den alten Unterdrückern zu entgehen, erhielten wir, die selber nach unserer Landung wenige Tage zuvor dem Quarantänelager in einer kleinen, uns spielzeughaft-freundlich anmutenden Stadt des nördlichen Hälsingland zugeführt worden waren, an einem regnerischen Novemberabend den Zuzug einer großen Schar von Männern, Frauen und Kindern jeden Alters, die erst in den frühen Vormittagsstunden eben dieses Tages nach einer schweren Überfahrt in sehr gebrechlichen, alten Booten an der nahen Küste mehr gestrandet als gelandet waren.
Der Polizeidiener des Dorfes, in dessen Nähe die Schar die Küste erreicht hatte, und der von den in aller Eile an den Ort der Landung gerufenen Vertretern höherer Behörden beauftragt worden war, die Ankömmlinge in dieses Lager einzuweisen, wollte es überhaupt als ein Wunder ansehen, daß die Boote, mit denen sie gekommen waren, so viele Menschen über die breiteste Stelle des Bottnischen Meerbusens hatten tragen können, und als - im Hauptberuf - erfahrener Fischer meinte er, daß die Ankömmlinge ungeachtet aller Wunder, die sich wie überall auch zwischen dem finnischen und dem schwedischen Ufer zutragen könnten, bei ihrer Fahrt und bei der Landung bewiesen hätten, sie verstünden recht wohl mit Booten umzugehen und hätten großes Geschick gezeigt, woran die ruhigen und sachkundigen Weisungen ihres Ältesten, "eines Priesters oder einer Art Priester", bedeutenden Anteil gehabt hätten.
Im übrigen aber wollte der biedere Mann beim Anblick der Schar, die auf drei Lastwagen herbeigeschafft worden war und eben die Leitern herniederstieg, nicht aufhören, halb mitleidig, halb entsetzt den Kopf zu schütteln. Er schien es auch nicht weiter Leid zu sein, daß Abgesandte der Stadtbehörden, die sich zugleich mit der Ankunft der Lastwagen eingefunden hatten, ihn [72] bei seinem Auftrag ablösten. Nachdem er dem Polizeiamtmann der Stadt noch mit dienstlicher Beflissenheit ein Bündel von Papieren und Ausweisbüchlein, die man den Flüchtlingen nach ihrer Landung zusammen mit etlichen Handfeuerwaffen abgenommen hatte, ausgehändigt und die Hand grüßend an seine sonntäglich neue Mütze gelegt hatte, wischte er sich mit einem dicken, baumwollenen Taschentuch die Stirn, legte die Mütze, die hier neben der Uniform städtischer Polizisten auch schwerlich verfangen hätte, auf den Führersitz eines der Lastwagen, mit denen er in sein Dorf zurückkehren sollte, und betrachtete fortan mehr als sachkundiger Zuschauer, wie sich das Schicksal der bis eben noch ihm selbst Anbefohlenen weiter entwickelte.
Die Dunkelheit, die mit der unsagbaren Traurigkeit eines Aschenregens hereinbrach und in der sich die Wagen und die Menschenschar vor dem Skelett des in den hohen Zaun um das Lager eingelassenen Gattertores drängten, wurde mit einem Schlage erhellt, als die elektrischen Lampen, die armselig nackt an hohen, behelfsmäßig eingepflanzten Pfosten hingen, aufflammten. Und war in ihrem zerstreuten Licht auch manches Einzelne und Besondere an den Menschen und an den unförmigen, aufgeweichten Bündeln zu erkennen, die sie einander von den Wagen herabreichten, so sah man in dem gleichen Licht erst recht deutlich, wie dicht der Regen hernieder strahlte und daß die Wartenden neben und zwischen den Wagen mit den gedämpft spinnenden Motoren in den bläulichen Auspuffgasen wie in einem leichten Nebel standen.