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Am 9. Januar wäre die grosse französische Schriftstellerin, Philosophin und Frauenrechtlerin hundert Jahre alt geworden. Lotta Suter und Simone Marti beschreiben, wie Beauvoirs Bücher ihr Leben beeinflusst haben - und noch immer begleiten.
Maman de Beauvoir
Simone de Beauvoirs «Das andere Geschlecht» war schon geschrieben und ins Deutsche übersetzt worden, als ich auf die Welt kam. Doch niemand in meiner Umgebung kannte und diskutierte solche Bücher. Eltern, Onkel und Tanten waren alles Bauernkinder, die entweder solide Beamte oder aber Frauen von soliden Beamten geworden waren. Solch anständige kleinbürgerliche Kernfamilien der fünfziger Jahre hatten absolut keinen Bedarf für soziologische und philosophische Erklärungsversuche der menschlichen Existenz.
Erst die nächste Generation - meine Cousinen und Cousins, mein Bruder und ich - schaffte den Aufstieg an die höheren Bildungsinstitute. Wir besuchten das LehrerInnenseminar oder die Universität, wo in den siebziger Jahren alles und jedes und auch die eigene Lebensweise weitschweifig erklärt, gründlich analysiert und neu gedeutet wurde. Unter den weiblichen Studierenden vor allem wurde das ehemals Private politisch wichtig, und eine stille Saat ging endlich auf: Wir jungen Feministinnen lasen jetzt Simone de Beauvoir, und Beauvoir ihrerseits wurde eine Aktivistin der neuen Frauenbewegung.
Vermutlich gibt es Menschen, die «Das andere Geschlecht» von A bis Z studiert haben (941 Seiten in der 2000er-Taschenbuchausgabe von Rowohlt). Doch die meisten haben wohl so wie ich die Stellen über die Reproduktion von Fischen und Fröschen, das persische Eherecht und die Anatomie der Geschlechter («Das Geschlechtsteil des Mannes ist sauber und einfach wie ein Finger … Der weibliche Geschlechtsteil ist für die Frau selbst geheimnisvoll, versteckt, qualvoll, schleimig, feucht») kursorisch überflogen. Beauvoirs Buch war für uns eine Bibel, deren Inhalt wir in den Grundzügen kannten und die neben historisch beschränkten, unverständlichen und sogar ärgerlichen Stellen markante und gut zitierbare Ideen aufwies, wie: «Man wird nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht».
Anders als andere bekannte Feministinnen, die hier nicht namentlich genannt werden sollen, war Simone de Beauvoir nicht bloss intellektuell anregend, sondern auch schön und elegant. Sie hatte Charme und ein interessantes Liebesleben. Sie war politisch radikal, befolgte aber konventionelle Anstandsregeln und verkehrte wie meine französischsprechende Grossmutter selbst mit ihrem Lebenspartner in der Höflichkeitsform. Viele von uns Achtundsechzigerinnen, die wir uns gedanklich so weit von der Welt unserer Eltern entfernt hatten, adoptierten die Beauvoir, die so eindringlich vor der «Weiblichkeitsfalle» der biologischen Mutterschaft gewarnt hatte, kurzerhand als Ersatz-Maman.
Noch als ich 1983 die Schweizer Schriftstellerin und Journalistin Laure Wyss (1913 - 2002) interviewte, hatte ich klar ihre berühmte Zeitgenossin Simone de Beauvoir im Kopf. Die Vergleiche und Bezüge der jungen WOZ-Redaktorin wirken heute etwas aufdringlich - und doch: Laure Wyss hat meinen Zugang sogleich verstanden. Auch für sie war «Das andere Geschlecht» eine wichtige Lektüre, auch sie fand die Beauvoir brillant. So brillant, sagte sie, dass sie den Vergleich ein wenig scheue.
Daraufhin sprachen wir über Laure Wyss' eigenes «Doppelleben» als Berufsfrau und alleinerziehende Mutter, ein Thema, das die Interviewerin, selbst Journalistin mit einer vierjährigen Tochter, brennend interessierte. Wir schreibenden Mütter einigten uns darauf, Simone de Beauvoir in einem Punkt - dass Kinderhaben generell eine Emanzipationsbarriere bedeute - zu widersprechen. Die französische Philosophin hatte sich früh und radikal eine sozusagen geschlechtsneutrale Biografie erkämpft. Laure Wyss ermutigte mich, noch kühner zu sein und das Leben als Frau exponiert zu wagen.
Alles vom Leben
Die Bücher standen im Büchergestell zu Hause und waren dick. Schlichter Umschlag, nur der Name der Autorin - Simone de Beauvoir - und die Titel: «Das Alter», «Sie kam und blieb», «Alles in allem». Die Titel kurz, prägnant, die Themen jedoch riesig: vom Altern, vom Gehen also. Vom Kommen und Bleiben. Von allem. Alles. Die Bücher, da war ich überzeugt, bargen Antworten auf die relevanten Fragen des Lebens, welche das auch immer gewesen sein mögen, damals in meinem Teenagerkopf.
Ich las zuerst den Roman «Sie kam und blieb». Der erste Satz: «Françoise blickte auf.» Am Ende: «Françoise war allein.» Und dazwischen gibt es «kämpfende Muster einer Zimmertapete», «ein Theater mit einem lebendigen Herz» und «schüchternes Nachtlicht». Antworten fand ich nicht. Aber da war und ist heute noch dieses Gefühl beim Lesen ihrer Bücher, dass «alles» - alles Lebensrelevante - berührt wird. Beauvoir schreibt knappe, karge, harte Sätze. Und gleichzeitig benutzt sie Ausdrücke, die Objekte zum Leben erwecken. Sie spielt mit scheinbar Unvereinbarem, sie benutzt das Gegensätzliche als sprachliches Stilmittel. Gerade so, als wolle sie alles.
Der Roman spielt in der Pariser Theaterszene. Eine Frau und ein Mann wollen eine Beziehung leben, die auf grösstmöglicher Freiheit basiert. Eine sehr junge Frau kommt neu zum Theater. Aus der Zweier- wird eine Dreierbeziehung. Und damit kompliziert. Beauvoirs eigene Beziehung - die mit Jean-Paul Sartre - beruhte auf dem Grundsatz der Freiheit. Die Beziehung, so der Pakt zwischen ihnen, sei eine notwendige, eine lebenslange. Andere Lieben, zufällige, sollten jedoch auch gelebt werden. Beauvoir lebte das Notwendige und das Zufällige. Gerade so, als wolle sie alles.
Als die Gräuel des Zweiten Weltkrieges an die Öffentlichkeit drangen, schrieb sie in ihren Memoiren: «Plötzlich ergriff die Geschichte von mir Besitz, ich zerbarst und fand mich über die ganze Welt verstreut wieder …» Sie wurde politisch aktiv. Ein Schriftsteller, so Beauvoir, sei «moralisch verpflichtet, Partei zu ergreifen und sich in den Kämpfen dieser Welt zu engagieren». 1949 erschien der Essay «Das andere Geschlecht». Die Frage: «Was ist eine Frau?» Die Antwort: «Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.» Das Werk ist eine akribische wissenschaftliche Untersuchung. Zugleich aber ist da ein Ich, das spricht, Stellung bezieht, Partei ergreift: In einem Interview über dieses Werk erklärte Beauvoir beispielsweise, dass die «Familie abgeschafft», dieses «Hausfrauen- und Mutterghetto» ersetzt werden müsse.
Die Familie - ein Ghetto! Eine solche Aussage rüttelt auch hier und heute wieder an den erstarkenden - erstarrten? - konventionellen Vorstellungen, wie eine Gesellschaft auszusehen hat, wie ein Leben zu führen ist. Beauvoir selbst konnte übrigens nicht kochen. Und sie hat lange Zeit in Hotels gelebt. Meist auf dem gleichen Stock wie Sartre. In einem eigenen Zimmer. Er konnte auch nicht kochen. «Das andere Geschlecht» ist wissenschaftlich und politisch, ist gelebtes Leben. Gerade so, als wolle sie alles.
Beauvoir mischte sich in weitere Kämpfe dieser Welt ein: Sie protestierte gegen den Vietnamkrieg, gegen den Algerienkrieg, demonstrierte 1968 mit den Studierenden und unterschrieb ein Manifest, in dem sie sich öffentlich der Abtreibung bezichtigte. In ihren Memoiren steht: Politisches Engagement, das sei nichts anderes als «die totale Identifizierung des Schriftstellers mit dem, was er schreibt». Total. Alles. Es ist das, was mich fasziniert: die Verknüpfung von Leben, Schreiben und Politik. Dieses Alles.
Sie schreibt in einem Brief an den Schriftsteller Nelson Algren, den sie liebte: «Ich möchte vom Leben alles. Ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein … Sehen Sie, es ist nicht leicht, alles, was ich möchte, zu bekommen. Und wenn es mir nicht gelingt, werde ich wahnsinnig zornig.»