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EIN KANADIER IM GARTEN und andere Geschichten
4. TEIL
DRUM PRÜFE, WER SICH BINDET...
"Ich habe am Freitag abend eine gute Freundin von mir zum Abendessen eingeladen. Wenn du nicht schon andere Pläne hast, bist du auch eingeladen."
Ich stopfte mir noch ein weiteres Stück Käse in den Mund, schloss den Kühlschrank und drehte mich um. Harty sass am Esstisch und sah mich fragend an.
"Wer kommt denn?" fragte ich zurück.
"Sophie. Du kennst sie noch nicht - sie ist wirklich nett."
'Oh Gott, ein Frauenabend...' fuhr es mir durch den Kopf. Harty musste den Gedanken von meinem Gesicht abgelesen haben, denn sie sagte sofort mit einem zuckersüssen Lächeln: "Und sie sieht absolut phantastisch aus."
Na, das war wohl etwas anderes... "Was kochst du denn?" Ich wollte ja nicht die Katze im Sack kaufen.
"Riz Cazimir ohne Fleisch."
Hörte ich da einen leicht ironischen Unterton in Hartys Antwort? Ich traute mich nicht mehr nachzufragen, was Riz Cazimir sei. Ich überlegte kurz, ob ich am Freitag schon etwas vor hatte - hatte ich natürlich nicht, was denn auch? -, und sagte: "Also grundsätzlich würde mir das schon passen, aber ich möchte zuerst noch Joey fragen, ob er nicht Zeit für mich hätte. Wir könnten vielleicht bei ihm zu Hause ein wenig gamen, oder ein paar Bier trinken, Zigarren rauchen... aber wenn er keine Zeit haben sollte, werde ich zu deinem Essen kommen."
Hartys Begeisterung für meine teilweise Zusage schien sich in Grenzen zu halten. Ich hatte mit etwas mehr Freude gerechnet - schliesslich bestanden ja noch Chancen, dass ich wirklich den Abend mit ihr und dieser Freundin verbringen würde! -, doch sie fragte eher kühl: "Wenn ich das richtig verstanden habe, versuchst du zuerst, ob du nicht was besseres abmachen kannst, und wenn nicht, dann gibst du dich auch mit uns zufrieden?"
Naja, selbst ich musste zugeben, dass es nicht gerade sehr schmeichelnd klang, wenn man es so auslegte. Ich versuchte zu retten, was noch zu retten war: "Aber das musst du doch verstehen, Joey ist seit Jahren ein guter Freund von mir, und natürlich verbringe ich viel lieber Zeit mit ihm, wenn ich kann..."
"Dann sind wir also sozusagen zweite Wahl?" Eisige Ironie biss aus Hartys Stimme.
"Naja, gerade so hätte ich es nicht ausgedrückt, aber sieh's doch einfach von der Seite: Sollte ich Joey nicht überzeugen können, etwas mit mir zu unternehmen, werde ich den Abend gerne mit der zweiten Wahl verbringen." Ich sandte ihr mein charmantestes Lächeln zu. Sollte sie doch froh sein, dass ich wenigstens ein bisschen zugesagt hatte!
Harty schüttelte ungläubig den Kopf und sagte vorerst nichts mehr. Ein paar Minuten später riss sie mich wieder aus meinen Gedanken (ich war mittlerweile bei der Entscheidung, ob ich lieber ein Bier oder ein Glas Rotwein zum Käse nehmen soll, angelangt - und diese erfordert für gewöhnlich meine äusserste Konzentration): "Weisst du, ich hoffe wirklich, dass du einen wunderschönen Abend mit Joey verbringen wirst. Ich weiss zwar noch nicht so recht, ob du tatsächlich absichtlich so respektlos reagiert hast, oder ob du einfach rücksichtslos bist und nicht denkst. Auf jeden Fall finde ich dich und deine Antwort ziemlich witzig", - an dieser Stelle lachte sie sogar - "aber da ich selbstverständlich keinesfalls zulassen kann, dass Sophie oder ich als zweite Wahl klassifiziert und derart unhöflich behandelt werden, bist du am Freitag abend natürlich nicht mehr eingeladen."
Ich sagte nichts mehr, nahm meinen Käse und meinen Rotwein und ging ins Zimmer, wo ich wenigstens Ruhe hatte. Sie wollte mich also nicht dabei haben? Nun denn - mein Buddy Joey würde sicher Zeit für mich finden und mit grösster Freude mit mir abmachen!
DAS SCHWEIZER ABC
Joey schien nicht gerade begeistert zu sein über die ganze Geschichte. Er meinte nur "ich muss länger arbeiten" - und als ich ihn darauf hinwies, dass er doch nur eine Frühschicht zu absolvieren habe, antwortete er: "Ja, aber entweder wird diese geändert in eine Spätschicht, oder ich bin nach der Frühschicht so müde, dass ich niemanden mehr sehen will, und ich muss sowieso länger arbeiten. Und wenn ich nicht länger arbeiten muss, dann muss ich noch an ein Meeting. Einkaufen. Ich muss einkaufen. Ich werde sofort nach der Frühschicht nach Hause gehen und schlafen, spielen und meine Ruhe haben. Ich will niemanden sehen dann. Länger arbeiten..." Wirr vor sich hin murmelnd, lief er zum nächsten Mitarbeiter und liess mich stehen.
Pah - es liess mich kalt. Dann würde ich eben etwas anderes machen... ein Natel kaufen, zum Beispiel. Es ärgerte mich schon lange, dass mich Jane nicht immer erreichen konnte, wenn sie es wollte. Jane ist keineswegs blöd, aber mit der Zeitumrechnung hat sie immer furchtbare Mühe. Sie kann sich irgendwie nicht merken, ob wir nun sechs Stunden voraus oder hintendrein sind... die ersten paar Male hatte sie nachts um ein Uhr angerufen. Das bewegte Harty dazu, mit dem Funktelefon an mein Bett zu kommen, mich zu wecken, mir den Hörer an das Ohr zu legen und freundlich "Jane ist dran" zu flöten. Auf die Länge war das keine Lösung - es war mir irgendwie unangenehm, dass Jane merken könnte, dass Harty in mein Schlafzimmer hineinkam... abgesehen davon schlafe ich auch noch ziemlich gerne durch. Also bat ich Jane, doch bitte morgens um sechs anzurufen - um die Zeit stehe ich nämlich auf -, was sie auch mehr oder weniger tat - aber eben, mehr weniger als mehr (erwähnte ich schon, dass sie ein bisschen Mühe mit der Zeitrechnung hat?), und so kam es ein paar Mal vor, dass Harty um fünf Uhr morgens in mein Schlafzimmer torkelte und gerade noch mit Mühe unfallfrei den Hörer vorbeibringen konnte, oder dass sie mir um acht Uhr ein Mail ins Geschäft sandte, ich solle doch bitte Jane zurückrufen. Irgendwann hatte Harty dann genug und richtete mir einen eigenen Telefonanschluss in meinem Zimmer ein. Von da an vereinbarte ich feste Anrufzeiten mit Jane, die sie aber regelmässig verpasste. Wenn wir beispielsweise abgemacht hatten, dass sie mich morgens um fünf Uhr dreissig anrufen würde, stand ich extra früher auf, duschte und ging punkt fünf Uhr achtundzwanzig neben dem Telefon in Bereitschaft. Die Minuten vergingen, und eine Stunde später machte ich mich leicht frustriert auf den Weg ins Geschäft. Jane rief dann mit Sicherheit am Nachmittag um siebzehn Uhr dreissig an...
Ich hatte beschlossen, dass das Natel die perfekte Lösung sein würde, und machte mich an besagtem Freitag abend auf den Weg zum nächsten Elektronikgeschäft. Ich wusste auch schon ganz genau, welches Natel ich gerne haben wollte - ein Funkitel35m sollte es sein, erhältlich für einen Franken bei gleichzeitigem Abonnementsabschluss.
Ich marschierte also in den Laden, ging zum Verkäufer und tat meinen Wunsch kund. Er blickte direkt durch mich hindurch und fragte: "Sind Sie Schweizer?"
Aufgrund früherer Erfahrungen war ich auf diese Frage vorbereitet. Stolz sagte ich: "Nein, aber ich habe eine Aufenthaltsbewilligung!"
"Welche?"
Was spielte das für eine Rolle? Ich zuckte meine Schultern und antwortete: "Keine Ahnung."
"Ausweis." Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr wie ein Kunde in einem Laden, sondern wie ein ertappter Sünder vor dem Grenzschutz. Verstört brachte ich meine Papiere zu Tage. Der Pseudo-Grenzwärter warf einen kritischen Blick auf meine Ausweise und gab sie mir mit einem Kopfschütteln zurück: "L."
Oh Schreck - welch vernichtendes Urteil. Ich war ein L! Doch was war ein L überhaupt?? Wofür stand dieser schicksalsträchtige Buchstabe? Lieblingseinwanderer? Langzeitbewohner? Liebling aller Frauen?
Er klärte mich auf. "Sie haben eine L-Bewilligung, also eine Stagiaire-Bewilligung. Damit können Sie den Abschluss eines Abonnements bei den meisten Telefongesellschaften gleich vergessen. Es gibt nur eine, die das zulässt, und auch da nur, wenn Sie bereit sind, fünfhundert Franken Depot im voraus abzugeben."
Das war ein rechter Schlag! Verärgert erkundigte ich mich: "Welche Bewilligung müsste ich denn haben?"
Der Verkäufer holte tief Luft. "Also, in der Schweiz gibt es die verschiedensten Bewilligungen. Alle werden mit einem Buchstaben gekennzeichnet. Es gibt zum Beispiel A, B, und C-Bewilligungen..."
"Alles klar!" unterbrach ich ihn - schliesslich war ich ja nicht auf den Kopf gefallen! "A ist sicher das Beste, das müsste ich also haben!"
Er schüttelte den Kopf. "Nein, 'A' steht für 'Saisonnier'. Da müssen Sie nach neun Monaten wieder raus, und Sie müssen jedes Jahr erneut eine Bewilligung erhalten."
"Aber dann ist ja B noch schlechter...?"
Langsam verlor der Verkäufer die Geduld. "Hören Sie mir einfach zu! B ist das nächstbessere. Damit haben Sie zwar eine beschränkte Bewilligung, aber Sie müssen nicht in regelmässigen Abständen wieder raus. Und eine C-Bewilligung bedeutet, dass Sie bleiben können, solange Sie wollen. S steht für Studien, dann gibt es noch eines für Touristen, ...."
Mir wurde etwas schwindlig. Ich hatte immer gedacht, das Alphabet beginne mit "A, B, C, D..."? Ich bedankte mich und stürzte davon, bevor mich der Verkäufer noch mehr verwirren konnte. Beim Hinausgehen hörte ich ihn noch rufen: "Machen Sie es so wie ich - heiraten Sie eine Schweizerin! Dann erhalten Sie das Funkitel35m für nur einen Franken, und als eingeheirateter Schweizer profitieren Sie sogar noch von unserem Integrations-Special: den Zubehör für das Auto gibt's gratis dazu..." Die letzten Wortfetzen ereilten mich, als ich bereits die kühle Abendluft in meinem Gesicht spürte. Ich atmete tief durch und begann, nüchtern und objektiv meine Situation zu analysieren. Dies waren die Tatsachen:
Beim Gedanken an Hunger kam mir Hartys Abendessen in den Sinn. Ich beschloss, nach Hause zu gehen - sie würde sicher nicht so stur sein und mir nichts geben, wenn ich einmal da war?
- Jane sollte mich immer erreichen können, wenn sie mich anrief, also brauchte ich ein Natel.
- Um ein Natel-Abonnement abschliessen zu können, durfte man kein L sein.
- Heiraten kam nicht in Frage.
- Ich war hungrig und frustriert.
Sie war. Ich kam zu Hause an, wurde höflich von Sophie und Harty begrüsst und fortan ignoriert. Es war, als ob ich einfach Luft wäre. Ich setzte mich auf den Barhocker und erzählte den beiden Damen mein Leid, doch Harty grinste nur und sagte nichts, und Sophie gab mir den Ratschlag, mich an meinen Arbeitgeber zu wenden. Ich wurde zunehmends sauer - letztendlich, wer war für diese ganze Misere verantwortlich? Natürlich Harty! Sie hatte mir meine Arbeitsbewilligung beschafft! Sie war es, die dabei gepfuscht hatte! Weshalb hatte sie nicht gleich von Anfang an eine C-Bewilligung organisert?? Es konnte doch nicht so schwer sein, ein L von einem C zu unterscheiden. Oder zumindest eine B-Bewilligung! Aber nein, auch hier hatte sie wieder einmal auf der ganzen Linie versagt.
Mit unverhohlener Missbilligung rügte ich sie: "Du warst dir dessen vielleicht nicht so bewusst, aber weisst du eigentlich, dass du mir die falsche Bewilligung verschafft hast?"
Harty sah mich völlig entgeistert an. "Wie bitte?"
Ich zeigte mich von meiner grossmütigsten Seite: "Ich meine, es ist nicht so schlimm, Joey wird das sicher für dich in Ordnung bringen und mir in Kürze die richtige Bewilligung verschaffen, aber jetzt muss ich deinetwegen nochmals ganze zwei Monate auf mein Natel warten..."
Sie sagte nichts mehr. Statt dessen warf sie mir diesen Blick zu - sie schaute mich nur an, ein Lächeln auf den Lippen, ihre Augen direkt auf meine Augen gerichtet, und obwohl sie nichts sagte oder tat, hätte ich mich am liebsten hinter den Kühlschrank verkrochen. Beleidigt nahm ich eine Schüssel Cornflakes und rettete mich in mein Zimmer, wo ich umgehend Jane anrief.
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