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A
la recherche du son perdu
Der
hübsche Vergleich vom wachgeküssten Dornröschen, wie ihn ein
Musikjournalist mit Bezug auf die Salonmusik einst formulierte, liegt
zweifellos nahe. Die Rolle des wachküssenden Prinzen, der sich zuvor
mutig durch die Dornen, sprich: Schlacken, allzu Banales und
Minderwertiges vorkämpfen musste, könnte man dabei getrost der
Georges-Boulanger-Gesellschaft zuweisen, die sich 1993 zur Pflege und
Verbreitung dieser Musikgattung eigens konstituiert hat.
Name und Gründungsdatum erinnern an den rumänischen
Geigenvirtuosen und Salonmusiker - Georges Boulanger.
Unter ihrer Ägide findet alljährlich im stilvollen Kursaal des
Interlakener Kasinos ein Salonmusikfestival statt, wo auch die vorliegende
Aufnahme entstanden ist.
Doch
zurück zur Herkunft der inzwischen so hellwachen Schönen: Ihre
Geburtsstunde, w e bei ewig jungen alten Damen zu erwarten, lässt sich
nicht exakt bestimmen, zumal der Begriff irreführend ist.
Mit dem philosophisch-literarisch ausgerichteten Salon des 1 8.
Jahrhunderts besteht kein Zusammenhang.
Dagegen fand s ch zwischen den Poufs und Kübelpalmen der Salons im
19. Jahrhundert etwa einer George Sand oder einer Marie d'Agoult -
unabdingbar ein Flügel, wo Tastentitanen vom Range eines Liszt, eines
Chopins die Besucher mit Mazurken, Walzern Polonaisen, Rhapsodien und
Opernparaphrasen enthusiasmierten, Zu den musikalischen Soiréen und Bällen
der Strauss-Dynastie und ihrer Nachfolger lassen sich ebenfalls Bezüge
ausmachen.
Ein entscheidender Betrag zur Entstehung der Gattung ist indessen
im aussermusikalischen, im gesellschaftspolitischen Bereich zu suchen.
Das letzte Viertel des
19.Jahrhunderts ist geprägt von einer Verstädterung und parallel dazu
der Entwicklung entsprechender soziokultureller Treffpunkte: Kaffeehäuser,
Variétés, Tanzpaläste, Hotelhallen, Musikpavillons in Kurparks, später
auch die Erstklassdecks der Luxussteamer (Titanic!) wurden zu Stätten
mondäner, urbaner Lustbarkeit. Mit dem Übergang zur industriellen Ära, die auch andere
Lebensbereiche - man denke an Architektur, Mode, Möbelkunst empfindlich
veränderte, spaltete sich auch die Musik in die Bereiche der sogenannten
E- und U-Musik.
Es entstand ein Repertoire an Piècen
und Schmonzetten, deren Titel die Vielfalt der Inspirationsquellen erahnen
lässt.
Da ist etwa Thekla Badarzewskas «Gebet einer Jungfrau», Franz
Abts «Waldandacht», Richard Eilenbergs «Heinzelmännchens Wachtparade»
oder die «Petersburger Schlittenfahrt».
Dazu kommen Opernbearbeitungen, Modetänze, Charakterstücke und
musikalische Genremalereien. Typisch für den Unterhaltungswert und das
Schielen nach der erfolgversprechenden Aktualität - technischen Errungenschaften
zum Beispiel - sind Titel wie «Telegraphische Depeschen», «Schnellpost»,
«Schwungräder», «Motoren-Polka», «Leitartikel», «Morgenblätter»
und viele mehr.
Immer beliebt war auch Exotisches: Südländisches, Russisches,
und, sozusagen als Dauerbrenner, Ungarisches: Pusztaklänge und
Czardasrhythmen, oder, was man dafür hielt.
Und es entstanden Salonorchester und
Kurhauskapellen in wechselnder Besetzung.
Zum Klavier gesellten sich der typische Stehgeiger oder Primas, ein
zweites Violino obligato, Bratsche, Cello, Bass, verschiedene Bläser,
bisweilen auch Harmonium oder später auch Akkordeon und Schlagwerk.
Auch das klassische Streichquartett darf als Ausgangspunkt und Gerüst
der mitteleuropäischen Salonensembles, nach Bedarf im obigen Sinn
erweitert, betrachtet werden.
In dieser Tradition stehen etwa die geistvollen
Strauss-Arrangements von Webern, Berg und Schönberg.
In den zwanziger Jahren machte sodann der Jazz-Sound mit stärkerem
Blech, Rhythmusgruppe und Saxophon Furore, um ein gutes Jahrzehnt später
- obwohl sie mit der Musik der Schwarzen klanglich sehr wenig zu tun hatte
- als entartete «Negermusik» verurteilt zu werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bricht
die über Jahrzehnte gewachsene Tradition ziemlich abrupt ab - zweifellos
im Zusammenhang mit den neuen Verbreitungskanälen der Musik wie Rundfunk
und Langspielplatte.Verloren geht damit ein gepflegtes, leichtfüssiges,
aber keineswegs leichtfertiges Idiom, das die Fundamente der klassische
Harmonie- und Formenlehre mit einem Überbau von brillantervirtuosität,
sentimentaler Emphase und eingängiger Melodik raffiniert zu kombinieren
wusste.
Nachzuschaffen ist diese Sprache
nicht mehr.
Sie aber, wiederum an der Schwelle eines Jahrhunderts, in adäquater
Qualität zu pflegen und weiterzugeben, muss uns ein Anliegen sein.
Zum Glück haben nicht nur Publikum, sondern mittlerweile auch die
Musiker selbst gemerkt: Salonmusik ist durchaus salonfähig!
Bruno Rauch