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Selbst Tiere wie der Weissdolch-Bläuling oder das Braunkehlchen, die früher typische Begleiter von Äckern und Wiesen waren, sind vom Artenverlust betroffen. Blütenreiche und mit Leben erfüllte Wiesen sind heutzutage kaum noch anzutreffen. Sogar eine Pflanze wie der Bärenwurz, der früher als ein Ackerwildkraut für eine bunte Vielfalt auf den Äckern sorgte, gehört heute zu den bedrohten Arten.
Diese und weitere bedenkliche Resultate lieferte eine erstmals durchgeführte Untersuchung der Biodiversität auf Schweizer Landwirtschaftsflächen. Das Biodiversitätsmonitoring-Programm «ALL-EMA» von Agroscope erfasste die Arten- und Lebensraumvielfalt in der Schweizer Agrarlandschaft für den Zeitraum zwischen 2015 und 2019. Diese Studie soll laut Medienmitteilung des Bundes als Grundlage dienen, um den Zustand von Lebensräumen zu verstehen, von denen auch die Landwirtschaft stark abhängt.
Mehr Artenvielfalt in den Bergen als im Tal
Die Resultate belegen, dass entgegen allen Erwartungen in tiefer liegenden Tal- und Hügelzonen die Arten- und Lebensraumvielfalt deutlich niedriger ist als in höheren Bergzonen. In tieferen Lagen müssten eigentlich mehr Arten vorkommen als im Gebirge, wo die Bedingungen für viele Lebewesen zu unwirtlich sind. Zahlreiche Studien zeigen, dass die intensive landwirtschaftliche Nutzung des Tieflands die Ursache für diese Schieflage ist. Etwa seit Mitte des 20. Jahrhunderts nahmen mit der Intensivierung der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung die grossen Biodiversitätsverluste in der Agrarlandschaft ihren Anfang. Sie sind besonders in den tieferen Zonen bereits weit fortgeschritten.
Schweizer Böden stark überdüngt
Die Forschungsgruppe von Agroscope führt diesen Zustand u.a. auf einen zu hohen Nährstoffeintrag in die Böden zurück. Eine Überdüngung des Bodens hat fatale Folgen für die Biodiversität. Die flächendeckenden Stickstoffeinträge beispielsweise bewirken eine weiträumige Vereinheitlichung von Standortbedingungen. Sehr häufige Pflanzenarten verdrängen in der Folge jene vielen anderen Pflanzen, die an stickstoffarme Bedingungen angepasst sind. Dies zeigt sich offensichtlich, wenn man nährstoffarme, aber bunte Magerwiesen mit nährstoffreichen, aber artenarmen Fettwiesen vergleicht. Stark gedüngte Fettwiesen werden dominiert von wenigen Arten wie Löwenzahn, Klee und Hahnenfuss. Die geringe Zahl der Blumen- und Krautarten erlaubt es nur wenigen Insekten- und anderen Tierarten, sich auf einer Fettwiese anzusiedeln.
Pestizideinsatz in der Schweiz
Jährlich werden in der Schweiz rund 2’000 Tonnen Pflanzenschutzmittel (PSM) — darunter Insektizide, Herbizide und Fungizide — verkauft. Expertenschätzungen gehen davon aus, dass von dieser Gesamtmenge rund 85-90% in der Landwirtschaft und 10-15% im Siedlungsraum eingesetzt werden. Auch in der Forstwirtschaft finden PSM’s Verwendung: Bis zu 20% der verkauften Menge von Cypermethrin, das Gewässerorganismen stark gefährdet, werden dort ausgebracht.
Zu den PSM kommen im Siedlungsraum und in der Landwirtschaft mehrere hundert Tonnen Biozide hinzu. (Eine genaue Mengenschätzung ist schwierig, da damit bisher keine zentrale Erfassungsstelle beauftragt ist.) Biozide werden ebenfalls zur Bekämpfung von schädlichen Organismen eingesetzt, jedoch im Gegensatz zu PSM nicht zur Direktbehandlung lebender Pflanzen. Beispiele für Biozide sind Desinfektionsmittel, Rattengift, Holzschutzmittel und Abwehrmittel.
Pestizide auch in Bio-Böden
Ein weiterer grosser Einflussfaktor auf die Biodiversität ist der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Direkte Folgen von Herbiziden oder Insektiziden sind tödliche Auswirkungen auf ‚Schädlinge‘ — aber auch Kollateralschäden an anderen Tieren und Pflanzen. Der beträchtliche Rückgang einzelner Arten wirkt sich über die Nahrungskette indirekt auf andere Lebewesen aus und nimmt ihnen die Lebensgrundlage.
In einer bereits 2010 veröffentlichten, europaweiten Studie wird der massive Einfluss von Pflanzenschutzmitteln deutlich: Von dreizehn untersuchten Faktoren der landwirtschaftlichen Intensivierung hatte der Einsatz von Insektiziden und Fungiziden die schädlichsten Auswirkungen auf die Biodiversität. Viele Pflanzenschutzmittel werden zudem weit über die Luft oder Wasserläufe verfrachtet und in der Folge auch entfernt vom Einsatzort in der Luft, im Boden, in Gewässern oder gar in Organismen nachgewiesen — sogar in Bio-Böden. Dazu kommen die langlebigen Abbauprodukte verschiedener Pestizide, die teilweise in ebenso hohen Konzentrationen wie ihre Ausgangsstoffe in der Umwelt auftreten können und in einigen Fällen sogar toxischer sind.
Die Artenvielfalt — nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa — kann also nur erhalten werden, wenn die Verwendung von Spritzmitteln in grossen Teilen der Landwirtschaft auf ein Minimum beschränkt wird. Das hätte schon längst angegangen werden können: Die Erkenntnisse dazu sind ja nicht völlig neu.
Quellen und weitere Informationen:
Agroscope Medienmitteilung (19.04.2021)
Meier, E. et al. (2021): Zustandsbericht ALL-EMA 2015-2019
Geiger et al. (2010): Persistent negative effects of pesticides on biodiversity and biological control potential on European farmland
SCNAT (2021): Pestizide: Auswirkungen auf Umwelt, Biodiversität und Ökosystemleistungen
Boxall A.B., et al. (2004): When synthetic chemicals degrade in the environment: What are the absolute fate, effects, and potential risks to humans and the ecosystem?
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