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Alice Rivaz: Schlaflose Nacht, 1978
Alice Rivaz
Die Nacht ist lang und dunkel. Christine kann nicht schlafen. Der schwarze Raum um sie herum bevölkert sich mit Personen und Geschichten, mit belastenden Erinnerungen aus der Jugend. Sie flirren lose, unzusammenhängend durch die Nacht, fügen sich zusammen und ergeben allmählich das Bild einer 56-jährigen unverheirateten Frau, die im fragilen Wachzustand ihre Lebensgeschichte Revue passieren lässt. Im Zimmer neben ihr schläft die 84-jährige, nahezu gelähmte Mutter. Sie ist nach dem Tod des Ehemanns vor sechs Jahren zu ihrer Tochter von Lausanne nach Genf gezogen, um sich von ihr pflegen zu lassen.
Die Mutter ist ein Spiegel, in dem Christine ihr eigenes Leben betrachtet, und gleichsam ein Schlund, der ihre Persönlichkeit verschlingt. Die schwerkranke Frau beherrscht nicht nur Christines momentanen Alltag, vielmehr hat sie ihre ganze bisherige Existenz dominiert. Christine gelingt es zwar, ein Stück weit aus dem beengenden, religiös-konservativen Milieu der Arztfamilie mit all seinen Konventionen auszubrechen, indem sie sich für Musik, Malerei und Literatur interessiert, zum Verdruss der Eltern eine universitäre Laufbahn ablehnt und nie heiratet.
Auf ihrem Werdegang trifft Christine viele kleine falsche Entscheidungen, verliebt sich in die falschen Männer, die andere Frauen heiraten oder sie Knall auf Fall verlassen. Sie verpasst Chancen und begräbt sukzessive ihre Träume, Wünsche und Hoffnungen, die sie nicht verwirklichen will und kann – auch weil sie zu grosse Rücksicht auf ihre Mutter nimmt und deren Reaktion zu antizipieren versucht, um sie nicht zu enttäuschen. Anstatt sich mit Freunden zu amüsieren, fährt sie am Wochenende nach Lausanne zu den Eltern.
Alice Rivaz beschreibt in ihrem autobiographisch inspirierten Roman «Schlaflose Nacht» zwei Nächte, in denen Christine ihre Lebensgeschichte wie mit einem scharfen Skalpell fein säuberlich seziert und offenlegt. Die Assoziationen, denen die Erzählung folgt, werden kunstvoll ineinander verwoben. Man lebt und leidet mit Christine, empört sich über die allgegenwärtige Mutter, die ihre Tochter noch auf dem Sterbebett herumkommandiert. Alice Rivaz beschreibt die Hassliebe und die Schuldgefühle, die aus ihr entstehen, eindrücklich.
Erst mit dem Tod der Mutter und dem finalen Schweigen am Totenbett entkommt Christine dem Gefängnis, befreit sich von einer Last. Die Mutter gleitet in die Hölle ab, so Christine, und für sie selbst geht die Hölle zu Ende. Christine lüftet das Zimmer, frischt die Kontakte mit ihrer Familie und Nachbarn auf, beginnt zu leben. Ein Neuanfang, der sich nicht in hohlen Worten und Wunschdenken erschöpft.
Christine macht sich daran, ihren tief verborgenen Lebenstraum zu erfüllen. Sie holt die alten Hefte aus der Truhe, in denen sie früher kleine Geschichten und Gedanken notiert hatte, stellt die Schreibmaschine auf den Tisch und beginnt, endlich ihren Roman zu schreiben.
Alice Rivaz: Schlaflose Nacht. Übersetzung: Markus Hediger. Lenos Verlag, S. 312. etwa Fr. 20.-
- Lebensdaten: 1901 (Rovray) – 1998 (Genthod)
- Originaltitel: «Jette ton pain»
- Lesetipps: «Wolken in der Hand» (1940; «Nuages dans la main»), «Der Bienenfriede» (1947; «La Paix des ruches»), «Das Wellental» (1967; «Le Creux de la vague»)
- Fussnoten: Die literarisch vielfach ausgezeichnete Alice Rivaz erwirbt ein Diplom in Klavierunterricht und arbeitet bei der internationalen Arbeitsorganisation in Genf. Sie befasst sich ihr ganzes Leben lang mit sozialen Fragen, der Stellung der Frauen in der Gesellschaft und zählt zu den ersten Feministinnen der Schweiz
#Emanzipation, Erinnerung, Suche, Fremdsein, Tod