Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03402.jsonl.gz/1659

«Wie Libanon gezwungen werden könnte, mit Israel Frieden zu schliessen.» Unter diesem Titel schrieb Miran Khwais aus Ost-Jerusalem einen Artikel für die israelische Zeitung «Haaretz». Die junge Frau studiert Transporttechnik am Technion Institut in Haifa und schreibt zurzeit ihre Dissertation.
Reaktionen auf Ihren Artikel blieben nicht aus. Denn ein Frieden scheint vor allem wegen der mächtigen radikal-islamischen Hisbollah utopisch, die sich über ihre Feindschaft zu Israel definiert. Allerdings bröckelt das Feindbild Israel in der Region neuerdings rasant. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain haben sich auf eine Normalisierung der Beziehungen mit Israel eingelassen und Friedensabkommen verkündet.
Pandemie als Auslöser
Aus wirtschaftlichen Gründen, sagt Khwais: «Der Ausbruch der Covid-Pandemie hat dem weltweiten Ölmarkt zugesetzt und in dieser Region eine wesentliche Veränderung in Gang gebracht.» Plötzlich müssten sich ölreiche Staaten überlegen, wie sie sich rasch für eine Zukunft mit weniger Öleinnahmen aufstellen.
Sie brauchen dafür neueste Technologien – und die hat Israel. Unter dem Radar pflegen die Vereinigten Arabischen Emirate und Israel zwar schon lange wirtschaftliche Beziehungen. Doch mit den düsteren Prognosen für den Ölmarkt sei Israel plötzlich am längeren Hebel, so die Verkehrsingenieurin.
Denn die Vereinigten Arabischen Emirate brauchten Israels Technologie und wirtschaftliche Zusammenarbeit mehr, als Israel ihr Öl brauche, sagt Khwais: «Israel will weg von militärischen Konflikten zu einer technologischen und wirtschaftlichen Kooperation im Nahen Osten.»
Mit den düsteren Prognosen für den Ölmarkt ist Israel plötzlich am längeren Hebel.
«Schienen für den regionalen Frieden»
Khwais verweist auf zwei grosse regionale Infrastrukturprojekte, die Israel vorantreibt. Ein Bahnprojekt, mit dem Israel Jordanien, den Golfstaaten und selbst den besetzten Palästinensergebieten enormes Wirtschaftswachstum verspricht.
«Schienen für den regionalen Frieden» sollen das Mittelmeer mit dem Persischen Golf verbinden. Jordanien soll zum Güterumschlagshub in der Region werden. Bis zum Jahr 2030 sollen Güter im Wert von jährlich 250 Milliarden US-Dollar in und aus der Region befördert werden, lautet ein Werbespot der israelischen Regierung. Das ist wesentlich mehr als heute.
«Mit diesem Vorhaben will sich Israel wirtschaftlich und politisch in der Region vernetzen», sagt Khwais. Ebenso mit der längsten Gaspipeline der Welt, die Israel bauen will – direkt von seinen Gasfeldern via Zypern und Griechenland nach Europa.
Hafen von Haifa als Angelpunkt
Zentral bei beiden Projekten ist der Hafen in Haifa, der gegenwärtig zu einem der modernsten Häfen der Region ausgebaut wird und nur 100 Kilometer vom zerstörten Beiruter Hafen entfernt ist. Kürzlich hat Dubai erstmals ein Frachtschiff nach Haifa geschickt – und nicht nach Beirut, das vor der verheerenden Explosion 70 Prozent seiner Güter über den Hafen ins Land brachte.
Libanon gerate mit dem Verlust des Hafens und seiner miserablen Wirtschaftslage unter Druck. Dazu Khwais: «Hat Libanon überhaupt die Wahl, bei diesen Entwicklungen abseitszustehen?" fragt sie. Ranghohe libanesische Politiker schliessen Beziehungen zu Israel nicht mehr aus. Die Hisbollah kritisiert den Tabubruch, kämpft aber seit der Explosion mit einem Popularitätstief, weil ein Teil der Bevölkerung ihr die Mitschuld an der Katastrophe gibt.