Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03095.jsonl.gz/431

Vor 33 Jahren erschütterte die Atomkatastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine die ganze Welt. Die gesamte nahe gelegene Stadt Prypjat musste sofort evakuiert werden, tausende Menschen verloren ihr Zuhause. Die Explosion im Reaktor 4 verursachte eine riesige radioaktive Strahlung, welche unzählige Todesopfer forderte und in diversen europäischen Ländern ebenfalls (in geringerer Stärke) messbar war.
Das Unterhaltungs-Unternehmen HBO hat die Albträume des 26. April 1986 jüngst in der Mini-Serie «Chernobyl» verfilmt. Als Filmstandort diente Litauen, denn dort steht das Kernkraftwerk Ignalina, das dem gleichen Typ wie jenes in Tschernobyl entspricht und über dieselben Reaktoren verfügt. Seit Anfang Jahr entwickelte sich Litauen, dessen Hauptstadt Vilnius rund 750 Kilometer vom Katastrophenort entfernt liegt, als «Atom-Tourismus-Ziel» schlechthin. Der Unfall hatte übrigens auch Folgen für Litauen: Weil das Land damals wie die Ukraine auch Teil der Sowjetunion war, wurden Tausende Einheimische nach Tschernobyl gesandt, um das dortige Chaos zu beseitigen. Viele von ihnen starben an den Folgen der radioaktiven Strahlung.
Heute strömen Touristengruppen in das litauische Kraftwerk und lassen sich vom Michail Nefedjew, einem 64-jährigen Ingenieur, erklären, was vor 33 Jahren beim Unfall passierte. Die Besucher erhalten Dosimeter, Kunststoffhelme, weisse Kleidung und Schuhe, bevor sie sich durch ein Labyrinth aus langen, schlecht beleuchteten Gängen, Reaktorhallen, Turbinenhangars und der Leitstelle mit dem roten Knopf, der kurz vor der Explosion gedrückt wurde, wagen. Handys, Kameras, Essen, Trinken und Rauchen sind strengstens verboten. Natürlich gibt es auch nach Tschernobyl selber «Atom-Tourismus» - aber viele Touristen fürchten sich vor den dort anhalten relativ hohen Strahlungswerten, weshalb Litauen gewissermassen eine sicherere Variante darstellt.
Nachfrage wächst stetig
Das Kraftwerk Ignalina wurde vor zehn Jahren stillgelegt, weil sonst der Beitritt in die Europäische Union im Jahr 2004 unmöglich gewesen wäre. Und trotzdem hilft es dem Land, den Tourismus anzukurbeln. Die Drehorte in der Hauptstadt Vilnius und Ignalia lockten letztes Jahr 2240 Besucher an. Dieses Jahr bis im Juni waren bereits 1630 Reisende dort und die Nachfrage wächst ständig weiter. Auf der Tour besuchen die Interessierten das KGB-Museum in der Innenstadt Vilnius, wo Verhörszenen gedreht wurden. Ausserdem wird ein Bezirk aus der Sowjetzeit begutachtet, in dem graue Eigentumswohnungen der 80er Jahre stehen und aussehen wie jene in der heutigen Geisterstadt Pripyat.
«Die Leute kommen, um diese Orte zu sehen, die wir nie gefördert haben. Es ist sehr neu und ungewöhnlich, wenn sie nicht in der Altstadt Barockkirchen fotografieren, sondern sich hier betätigen», sagt Inga Romanovskiene, Geschäftsführerin der Agentur Go Vilnius.