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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Dreissigste Homilie.
III.
Weil sie aber auch so noch in Verwirrung geriethen, so thut er auch jetzt, was er früher gethan. Gleichwie er sie oben durch Erwähnung des Nutzens ermuntert und darauf vollends zum Schweigen gebracht hat mit den Worten: „Aber Dieß alles wirkt ein und der nämliche Geist, welcher den Einzelnen zutheilt, so wie er will,“ — so beweist er auch hier aus Gründen, daß es so nützlich sei, [S. 520] und führt dann Alles auf Gottes Rathschluß zurück mit den Worten:
18. Nun aber hat Gott die Glieder gesetzt jedes einzelne von ihnen am Leibe, so wie er gewollt hat.
Wie er vom Geiste gesagt: „So wie er will,“ so auch hier: „So wie er gewollt hat.“ Forsche also nicht vorwitzig nach dem Grunde, warum so und warum nicht so! Denn wenn wir auch tausend Gründe anführen könnten, daß es so recht ist, so können wir es dadurch am besten beweisen, wenn wir sagen: Wie es der weiseste Schöpfer gewollt, also ist es geschehen; denn was dieser will, Das ist eben zweckdienlich. Wenn wir nun bezüglich des Körpers nicht vorwitzig grübeln sollen, so gilt Dieß um so mehr bezüglich der Kirche. Und siehe da seine Weisheit! Er nennt nämlich nicht den Unterschied (der Glieder) ihrer Natur nach, auch nicht ihrer Wirksamkeit nach, sondern nach der Stelle, die sie einnehmen; er sagt: „Nun hat Gott die Glieder gesetzt jedes einzelne von ihnen am Leibe, so wie er gewollt hat. Mit Recht sagt er: „Jedes einzelne,“ wodurch er zeigt, daß alle ihren Nutzen haben. Denn du kannst wohl nicht sagen, Gott habe diesem seine Stelle angewiesen, jenem aber nicht; Jedes hat nach seinem Willen die ihm angemessene Stelle. Dem Fuße ist es zuträglich, daß er diesen Platz einnimmt, nicht dem Haupte allein; und würde er diesen verändern und mit einem andern, selbst scheinbar bessern, vertauschen, so würde er Alles verlieren und verderben; denn er würde seine Stelle einbüßen und die andere doch nicht erreichen. „Wären die aber alle ein einziges Glied, wo (wäre) der Leib?“
20. Nun aber sind zwar viele Glieder, jedoch ein Leib.
Abwechselnd sucht er sie bald durch Gottes Anordnung, bald durch Vernunftgründe zu überzeugen. Denn wer bloß [S. 521] widerlegt, bringt den Zuhörer gegen sich auf; wer ihn gewöhnt, überall nach dem Grunde zu fragen, der lahmt seinen Glauben. Darum thut Paulus bald das Eine, bald das Andere; er bewegt sie zum Glauben ohne Widerspruch, und nachdem er sie zum Schweigen gebracht, führt er auch wieder Gründe an. Betrachte mir ferner, wie muthig er kämpft und wie vollständig er siegt! Eben aus Dem, worin sie eine Verschiedenheit der Ehre zu finden vermeinten, beweist er ihnen, daß sie gleicher Ehre gewürdiget seien. Wie, werde ich gleich sagen. „Wären die aber alle,“ spricht er, „ein einziges Glied, wo (wäre) der Leib?“ Das will sagen: Herrschte in euch nicht eine solche Verschiedenheit, so würdet ihr keinen Körper ausmachen; und würdet ihr keinen Körper ausmachen, so wäret ihr nicht eins; und wäret ihr nicht eins, so wäret ihr an Ehre nicht gleich. Nun aber seid ihr eben darum ein Körper, weil ihr nicht alle dieselbe Geistesgabe besitzet. Und da ihr einen Körper ausmachet, so seid ihr eins, und in Bezug auf den Körper ist zwischen euch kein Unterschied. So verursacht gerade diese Verschiedenheit die Gleichheit der Ehre. „Nun aber sind zwar viele Glieder, jedoch ein Leib.“
Dieses wollen nun auch wir bedenken und alle Mißgunst verbannen. Lasset uns weder Jene beneiden, die höhere Gaben empfingen, noch Jene verachten, denen geringere mitgetheilt wurden; denn so hat Gott es gewollt; darum dürfen wir nicht widerstreben. Bist du aber damit nicht zufrieden, so bedenke, daß ein Anderer auch deine Verrichtung nicht zu übernehmen vermag. Wenn auch deine Gabe geringer ist, so übertriffst du ihn doch hierin; ist Jener größer, so stebt er doch hierin dir nach, und so ist nun Gleichheit vorhanden. Auch am Körper scheint manches Glied von geringer Bedeutung zu sein; fehlt es aber, so erwächst oft selbst für die größern Glieder ein erheblicher Nachtheil. Denn was ist am Körper unansehnlicher als die Haare? Nimmst du aber diese unbedeutenden Dinge von den Augenbrauen und Augenlidern weg, so benimmst [S. 522] du dem Gesichte seine ganze Anmuth, und das Auge erscheint dann nicht mehr so schön. Zwar ist der Schaden nicht groß, allein alle Schönheit ist weg, ja nicht Das allein, sondern auch die Augen leiden dadurch nicht wenig, denn jedes von unsern Gliedern hat seine besondere und gemeinschaftliche Verrichtung; so ist auch die Schönheit an uns zugleich eine besondere und allgemeine. Zwar scheinen diese Dinge verschieden zu sein; allein sie sind genau mit einander verbunden, und wenn das eine verdirbt, so geht auch das andere verloren. Denke dir glänzende Augen, reizende Wangen, rothe Lippen, eine regelrechte Nase, hohe Augenbrauen; wenn du aber auch nur eines dieser Glieder ein wenig verunstaltest, so ist die Schönheit aller dahin, und Alles, was früher schön war, wird nun traurig und häßlich erscheinen. Zerstöre nur die äusserste Nasenspitze, und es wird Alles in hohem Grade häßlich werden, obgleich ein einziges Glied verstümmelt wurde. Dasselbe kannst du an der Hand sehen, wenn du auch nur einen Nagel von einem Finger abreissest.