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Gott und die Welt
Malerfürst und Fürstenmaler
Tizian – um 1488 bis 1490 geboren – wurde fast 90 Jahre alt. Er war Schüler bei grossen Meistern, hat eine ganze Stilepoche geprägt, und noch im hohen Alter den Barock vorbereitet.
Tizian, Veronese, Tintoretto – diese drei Namen bilden das berühmte Trio der venezianischen Kunst des 16. Jahrhunderts. Der wohl bekannteste Künstler dieser Dreiergruppe ist zweifellos Tizian, dem es als erstem italienischem Künstler gelang, echte internationale Reputation zu erlangen. Im Laufe seiner Karriere wurde Tizian der bevorzugte Maler der päpstlichen Familie. Und zwei spanische Kaiser – Karl V. und dessen Sohn Phillip II. – schätzten ihn über alles.
Nach dem Tod Giorgiones malte Tizian eine Weile lang in dessen Stil weiter. Aber auch dem Stil seines Lehrers Bellini, der 1516 verstarb, blieb Tizian zu Beginn seiner Karriere verhaftet. Dies mag auch damit zusammenhängen, dass er von der Stadt Venedig mehrere Aufträge erhielt, dessen unvollendete Gemälde fertigzustellen, beispielsweise jene im Grossen Ratssaal des Dogenpalastes.
Gleichzeitig nutzte Tizian den Tod seines Lehrers aber auch, um seine Vorrangstellung in der Lagunenstadt und weit darüber hinaus zu etablieren. So schloss er einen Vertrag mit der Stadt Venedig, die ihn dazu verpflichtete, zeitlebens alle Dogen zu einem Festpreis von 8 Kronen zu porträtieren. Im Gegenzug erhielt Tizian auf Lebzeit ein festes Gehalt von 20 Kronen im Jahr und wurde von einigen Steuern befreit.
Noch im Todesjahr Bellinis reiste Tizian zudem erstmals nach Ferrara, um Beziehungen zum Herzog Alfonso d’Este aufzubauen, für den er in dieser Zeit einen grossen mythologischen Zyklus, bestehend aus den Gemälden «Venusfest», «Bacchanal» und «Ariadne auf Naxos», anfertigte. Da diese mythologischen Szenen im Venedig des 16. Jahrhunderts kaum auf Nachfrage stiessen, konnte Tizian sich hier neuen Möglichkeiten der Bilddarstellung widmen. So entstanden bis heute bedeutende Gemälde, die sich durch ihre dynamische Bewegungsdarstellung und leuchtende Farben auszeichnen.
Auch den Herzog von Mantua, Federico II. Gonzaga, überzeugte er von seinem Können, sodass dieser in späteren Jahren einer seiner bedeutendsten Auftraggeber wurde. Gleichzeitig entwickelte Tizian in dieser Zeit seinen eigenen malerischen Stil, den er 1518 mit einem der bekanntesten Altarbilder seiner Karriere der Öffentlichkeit präsentierte: die «Himmelfahrt Mariä» in der Kirche «Santa Maria Gloriosa dei Frari» in Venedig.
Die sogenannte «Assunta», die sich durch ihre schwungvolle, asymmetrische Bildkomposition auszeichnet, ist eines der bedeutendsten Werke der venezianischen Renaissance. In dem monumentalen Altarbild wird Tizians Bestreben, sowohl Michelangelo als auch Raffael zu übertrumpfen und mit den traditionellen Darstellungen zu brechen, deutlich. Dies spiegelt sich auch in einem weiteren Hauptwerk der religiösen Malerei wider, der sich ebenfalls in der Frari-Kirche befindenden Pesaro-Madonna.
Beide Werke, so ist sich die Kunstgeschichtsschreibung heute einig, wirkten mit ihrer monumentalen und schwungvollen Darstellung richtungsweisend für die Entstehung des Barocks.
In den 1530er-Jahren gelang es Tizian durch glücklichen Zufall oder strategisches Geschick, die Bekanntschaft mit Kaiser Karl V. von Spanien zu machen. Nachdem er beide Porträts des Herrschers stark schönte, wurde er 1533 zum kaiserlichen Hofmaler und Ritter ernannt.
Auch Papst Paul III. bemühte sich mehrfach, Tizian nach Rom zu holen. Der Künstler folgte diesem Ruf jedoch erst Jahre später, als er sich darum bemühte, ein päpstliches Lehen für seinen Sohn Pompino, und damit einen gesicherten Lebensunterhalt, zu erhalten. Obwohl Tizian zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde, eine Ehrung, die ihn mit Michelangelo gleichsetzte, blieb ihm das erhoffte Lehen für seinen Sohn verwehrt.
Dies, und die zunehmende Konkurrenz zum jungen Maler Jacopo Tintoretto in der Lagunenstadt, scheint zu einer Abwendung von der Kunstszene Venedigs und einer vermehrten Hinwendung zum kaiserlichen Hof geführt zu haben. So schuf Tizian für Philip II. eine Reihe mythologischer Gemälde, die er «Poesie» nannte. Damit machte er deutlich, dass sich seine Gemälde zwar – wie damals üblich – auf literarische Quellen bezogen, er sich jedoch als Künstler die Freiheit herausnahm, diese wie ein Dichter selbst zu interpretieren und in malerischer Form neu zu dichten.
In diesem Selbstverständnis entstanden Motive wie die «Danae», «Venus und Adonis», «Diana und Actaeon» oder der «Raub der Europa», die sich allesamt durch eine besondere Dramatisierung und Erotisierung der Ereignisse auszeichnen.
Gleichzeitig vollzog sich ab 1560 ein tiefgreifender Stilwechsel im Werk Tizians, welcher sowohl auf persönliche Schicksalsschläge des Malers als auch auf die lange Lebens- und Schaffenszeit des Künstlers zurückzuführen ist. Seine Gemälde wurden dunkler, schwermütiger, mit einem viel gröberen Pinselstrich.
Als exemplarisches Beispiel gilt die düstere Darstellung der «Schindung des Marsyas», die durch die triste braune Farbgebung und den dicken Farbauftrag noch erschreckender scheint. Auch eines der letzten Gemälde Tizians, die für seine Begräbniskapelle in der «Frari-Kirche» bestimmte «Pietà», zeichnet sich durch seine düstere Farbgebung, den dargestellten emotionalen Aufruhr der im Bild gezeigten Personen und den groben Pinselstrich aus.
Als Tizian am 27. August 1576 in Venedig an der Pest starb, war dieses Werk jedoch nicht fertiggestellt. Dies übernahm der Maler Palma il Giovane, sodass Tizian – als einziges kirchlich beigesetztes Opfer der Epidemie – in der für ihn vorgesehenen Kapelle in der «Frari-Kirche» beigesetzt werden konnte.
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Madonna mit Kind
Das Thema der Madonna mit Kind, welches als Andachtsbild diente und die innige Liebe der Mutter für ihren Sohn schildert, war ein populäres Motiv venezianischer Maler. So verwundert es nicht, dass auch Tizian eine mit rosafarbenem Kleid und blauem Mantel bekleidete Muttergottes schuf, die ihren Sohn zärtlich in den Armen hält. Ihr liebevoller Blick gilt dem unbekleideten Christuskind, das diesen jedoch nicht erwidert. Vielmehr scheint es mit verschlafenen Augen nach unten, in Richtung eines Betrachters, zu blicken. Zudem ereignet sich die Szene in einem ungewöhnlichen Raum: Während im rechten Bildhintergrund die Darstellung von einer in kräftigen Blau- und Grüntönen gehaltenen Landschaft geprägt wird, deutet der linke Bildhintergrund eine in satten Grün-tönen gestaltete Wand oder Mauer an. Es ist diese asymmetrische Anordnung der Figuren im Raum, die das Gemälde zu einem der interessantesten Werke aus Tizians früher Schaffensperiode macht. Denn während die Gestaltung seiner Madonna noch auf traditionelle Darstellungen seines Lehrers Bellini verweist, ist es die Landschaft und deren kräftige Farbgebung, die Tizians eigene Genialität im Bereich der Pinselführung und Farbgebung vor Augen führt.
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Noli me tangere
Im Johannesevangelium (20,11–18) erscheint Christus am Ostermorgen der Maria Magdalena. Als sie den Mann, den sie zuerst für einen Gärtner hält, erkennt, versucht sie ihn zu berühren. Doch Christus sagt: «Rühre mich nicht an (noli me tangere), denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater.»
Im Vordergrund hat Tizian diesen Moment veranschaulicht: Während Christus mit der Harke als vermeintlicher Gärtner auf einer Blumenwiese steht, kniet Magdalena auf dem kargen Boden und blickt zu ihm auf. Mit der linken Hand auf ihr Salbgefäss abgestützt, versucht sie mit ihrer Rechten den Auferstandenen zu berühren. Christus vereitelt dies jedoch nicht durch die im Johannesevangelium geschilderte brüske Zurückweisung, sondern durch seine Körpersprache. Sein Oberkörper neigt sich fast schon einfühlsam zu ihr, während er mit den Hüften zurückweicht und seinen Mantel wie einen Vorhang vor seinen Leib zieht. Auch die in den Boden gestemmte Harke markiert eine Grenze.
Die Landschaft im Hintergrund wird von der aufgehenden Sonne des Ostermorgens erhellt. Dort weidet friedlich eine Gruppe Schafe. Während die Landschaft im linken Bildhintergrund perspektivisch in die Tiefe verblaut, wird die rechte Bildseite durch eine Anhöhe mit einer kleinen Siedlung ergänzt.
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Das Pfingstwunder
Bei diesem Altarbild, das sich heute in der Kirche «Santa Maria della Salute» in Venedig befindet, handelt es sich um die zweite Version des Sujets. Seine erste Version, die er für die Kirche der vor Venedig gelegenen Insel «Santo Spirito» gemalt hatte, führte aufgrund der ungewöhnlichen Darstellungsweise zu einem Disput mit den Mönchen. Sogar Vasari berichtete in seinen berühmten Künstlerviten davon.
Für den Auftrag der «Santa Maria della Salute» kehrte Tizian zu einer konventionelleren Darstellungsweise zurück. Im Bildraum zentral auf einen Punkt ausgerichtet, fällt der Blick des Betrachters zuerst auf die Taube des Heiligen Geistes, deren Strahlen die Szene unter ihr erhellen. Danach wandert der Blick zur in Rosa und Hellblau gekleideten Madonna, deren Blick andächtig in Richtung des Heiligen Geistes fällt. Die Madonna wird flankiert von einigen Heiligen, darunter der übergross dargestellte Petrus in einer blaugrauen Tunika und einem dunkelgoldgelben Mantel rechts sowie der venezianische Schutzpatron Markus mit seiner hellrosa Tunika im linken Bildrand. Gerahmt wird die Szene von zwei plastisch ausgestalteten Säulen und einem geräumigen Gewölbe, welches einen Kirchenraum andeutet.
Text: Ann Kathrin Kubitz
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Ann Kathrin Kubitz hat vor Kurzem ihr Master-Studium der Kunstgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt beendet. Als studentische Mitarbeiterin am «Städel Museum Frankfurt am Main» hat sie die Konzeption der Ausstellungen «Tizian und die Renaissance in Venedig» und «Maniera. Pontormo, Bronzino und das Florenz der Medici» begleitet. Derzeit ist sie an der Universität der Künste in Berlin tätig.
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Das «Städel Museum» in Frankfurt hat eine ebenso ansprechende wie informative Website zur Tizian-Ausstellung von 2019 gestaltet.
www.tizian.staedelmuseum.de