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Viele Menschen halten die Bandscheiben für die anfälligsten Teile ihrer Wirbelsäule. Schliesslich muss das faserige Pufferkissen im Sandwich zweier Wirbelknochen ein Leben lang Erschütterungen abfedern. Entsprechend populär sind Bandscheibenvorfälle als eine Erklärung für Rückenschmerzen. Selten denkt man an andere, ebenso anfällige Strukturen der Wirbelsäule: die Facettengelenke.
Sie sitzen paarweise auf den Gelenkfortsätzen der Wirbelbögen (siehe Abbildung) und heissen deshalb auch Wirbelbogengelenke. Man nennt sie mitunter auch Zwischenwirbelgelenke, weil sie als feine Führungsgelenke zwischen den Wirbeln die Streckung, Beugung und Drehung der Wirbelsäule mitorganisieren.
Die Facettengelenke sind klein, zwischen 0,9 und 1,6 cm breit, aber mit allem versehen, was Gelenke auszeichnet: hochwertigem Gelenkknorpel, einem erkennbaren Gelenkspalt und einer Gelenkkapsel. Wie alle Gelenke können auch Facettengelenke eine Arthrose entwickeln und Schmerzen hervorrufen. Der Gelenkknorpel kann abgerieben werden, und es können sich Knochenauswüchse bilden. Zudem kann die Gelenkkapsel verdicken und Gelenkzysten bilden; das sind mit eingedickter Gelenkflüssigkeit gefüllte Ausstülpungen.
Je nach dem Stadium der Arthrose werden Facettengelenke anfangs instabil, um schliesslich zu versteifen. Zudem können die Knochenauswüchse und die Gelenkzysten die Spinalnerven quetschen, die vom Rückenmark in den Körper abzweigen. Die Spinalnerven ziehen zwischen den Wirbeln nahe an den Facettengelenken vorbei in die Arme und Beine.
Symptome der Spondylarthrose
Halswirbelsäule
Eine Arthrose der Facettengelenke (fachsprachlich: Spondylarthrose) kann in der Halswirbelsäule zu Nackenschmerzen führen, die mitunter in den Hinterkopf oder die Schulterregion ausstrahlen. Bei der Quetschung eines Spinalnervs kann die Schmerzausstrahlung bis in die Hand reichen.
Die Schmerzen der Arthrose selbst haben häufig einen stechenden Charakter und treten positionsabhängig und unter Belastung auf. Dagegen sind die Schmerzen einer Nervenquetschung eher heiss, brennend und begleitet von Kribbeln, Taubheitsgefühl oder Lähmungserscheinungen in der Schulterregion oder im Arm.
Brustwirbelsäule
Im Bereich der Brustwirbelsäule dominieren atemabhängige Schmerzen, stechende Schmerzen um den Brustkorb herum und bei Einbezug der kurzen Nerven, die den Rücken versorgen, brennende Schmerzen zwischen den Schulterblättern.
Lendenwirbelsäule
Typisch für eine Spondylarthrose der Lendenwirbel sind belastungsabhängige Kreuzschmerzen, die seitwärts, ins Gesäss oder die Oberschenkelrückseite ausstrahlen können. Sind wiederum die Spinalnerven gequetscht, empfinden manche Betroffene eine Schwäche und eine Schwere in den Beinen, ein Kribbeln, oder dass sich die Beine taub anfühlen.Grundsätzlich sind Arthroseschmerzen in Ruhe und optimaler entspannter Position kaum oder gar nicht spürbar. Bestehen Schmerzen rund um die Uhr, ohne dass eine entlastende Position gefunden werden kann, sind weitere ärztliche Abklärungen vorzunehmen.
Behandlung der Spondylarthrose
Am Anfang der medikamentösen Therapie steht bei akuten Schmerzen die Schmerzmedikation mit cortisonfreien Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen und Diclofenac. Alternativ können Paracetamol oder Metamizol eingenommen werden, die im Unterschied zu den NSAR aber keine Reizhemmung bewirken und darum oft weniger effektiv sind.
Bei heftigen Reizzuständen können im Einzelfall Cortisonspritzen an die Facettengelenke vorgenommen werden, unter Röntgenkontrolle. Diese Therapie ist aber selten nachhaltig. Die Wirkung verpufft schon nach wenigen Wochen.
Gleichzeitig helfen manuelle und physikalische Therapien. Viele Betroffene haben durch Bewegungsmangel schwache Rückenmuskeln und tiefsitzende Verspannungen in den Muskeln und den Faszien des Rückens, oftmals auch regelrechte Fehlhaltungen. Regelmässige körperliche Bewegung fördert die Durchblutung und unterstützt die Regeneration und die Schmerzberuhigung. Schonung hingegen ist auf lange Sicht kontraproduktiv.
Als letzte Option bleiben chirurgische Eingriffe an der Wirbelsäule, die zwei oder mehrere Wirbelkörper miteinander versteifen, eine sog. Spondylodese. Allerdings verlagert sich dann das Problem binnen weniger Jahre entlang der Wirbelsäule. Das ist ein grosser Nachteil chirurgischer Eingriffe.
Vorbeugung der Spondylarthrose
Die feinen Facettengelenke sind nicht für grosse Belastungen geschaffen. Präventiv kann alles helfen, was sie von übermässigen Zug- und Druckkräften entlastet. Wichtig ist regelmässige Bewegung. Sie stärkt die Muskeln und schmiert die Gelenke. Je nachdem gilt es, Haltungsfehler zu korrigieren oder eine Mangelernährung ausgleichen. Lesen Sie dazu unsere Tipps für eine Ernährung bei Arthrose.
Fragen an den Fachmann
Rheumaliga Schweiz: Wie häufig sehen Sie eine Spondylarthrose und wer ist am meisten davon betroffen?
Lukas Wildi: Die Spondylarthrose ist extrem häufig und altersassoziiert. Es sind also vorwiegend ältere Menschen betroffen, je nach Wirbelform und familiärer Neigung können Arthroseschmerzen aber auch schon vor dem 40. Lebensjahr auftreten. Die Spondylarthrose ist aber nicht zwingend schmerzhaft, und es lässt sich in der Regel gut damit leben.
Rheumaliga Schweiz: Zu den grössten Risikofaktoren für eine Spondylarthrose zählen gemeinhin ein hohes Alter, die Vererbung, Übergewicht und Bewegungsmangel. Wie gewichten Sie diese Faktoren?
Lukas Wildi: Das Alter ist der wesentlichste Faktor. Weiter liegt bei der Arthrose vieles in den Genen. Umso wesentlicher ist es, ideale Verhältnisse zu schaffen, das heisst, Übergewicht zu vermeiden, sich ausgewogen zu ernähren und die Regeneration durch Bewegung anzukurbeln. Ungewohnte starke Belastungen sollten vermieden werden. Ein gut trainierter Körper kann bei ergonomischer Arbeitsweise aber durchaus hohe repetitive Belastungen über viele Jahre hinweg aushalten.
Rheumaliga Schweiz: Der Verschleiss der Facettengelenke ist eng mit einer Degeneration der Bandscheiben verbunden sowie mit Knochenwucherungen, die sich nie nur auf die kleinen Facettengelenke beschränken. Eine Spondylarthrose kommt selten allein. Ist es sinnvoll, die Therapie speziell darauf zu fokussieren?
Lukas Wildi: Wir sprechen gerne von der «Segmentdegeneration», die als funktionelle Einheit sämtliche Strukturen eines Bewegungssegments umfasst, das heisst Bandscheibe, Bänder, Wirbel und Facettengelenke. Verliert die Bandscheibe an Flüssigkeit, Elastizität und Höhe, stehen die dazugehörenden Facettengelenke plötzlich nicht mehr im anatomisch idealen Winkel zueinander und haben zu viel Spiel. Das begünstigt die Abnutzung der Facettengelenke. – Umgekehrt überlasten instabile Facettengelenke die Bandscheibe und die Bänder, welche die Wirbel verbinden. Diese Bandansätze können dann kleine Risse erleiden und sekundär verknöchern. Die degenerativen Veränderungen an den verschiedenen Strukturen eines Bewegungssegmentes gehen also tatsächlich Hand in Hand. Jedoch im Alltag können wir selten sehen, welcher Anteil gerade führend ist. Von Ausnahmefällen abgesehen, ist das für die Therapie aber auch nicht wesentlich. Zentral für die Therapie wie auch die Prävention ist eine gut trainierte, stützende und führende Rückenmuskulatur, der auch Entspannungsphasen gegönnt werden.
Quellen
Fischer-Börold, C., Krumme, F.: Arthrose. Visite: Die Gesundheitsbibliothek. Hannover: Schlütersche Verlagsgesellschaft; 2007.
Liebscher-Bracht: Spondylarthrose – Verschleiss an den Wirbelgelenken. Abrufbar unter diesem Link.