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Stell Dir eine Bibliothek vor.
Eine kleine Bibliothek, vielleicht eine Privatbibliothek eines passionierten Lesers.
In diesem Raum befand ich mich. Ich wusste nicht, wie das Haus aussah, in dem die Bibliothek lag, noch wusste ich, ob es andere Räume gab in diesem Haus. Ja, wenn ich es mir genau überlegte, kannte ich überhaupt nichts ausserhalb dieser Bibliothek. Noch nicht einmal das Konzept eines Hauses.
Diese Bibliothek war, im wahrsten Sinne, meine Welt.
Die Wände waren voller Büchergestelle, aus edlem, dunklem, altem Holz. Der Raum war länger als breit. Auf beiden Seiten bildeten die Büchergestelle eine Nische. Sie lagen sich genau gegenüber, so dass der Raum die Form eines Kreuzes hatte.
In der einen Nische befand sich ein Schreibtisch. Alt. Verwittert. Darauf ein Globus, ein Schreibset bestehend aus Feder und Tintenfass, eine Schreibunterlage aus dunklem Leder, Papier. Eine Schreibtischlampe erhellte die Nische nur ungenügend, erleuchtete aber den Tisch genug, um bequem daran zu schreiben.
Gegenüber ein Sessel und ein Sofa. Ebenfalls aus dunklem Leder. Der Sessel hatte eine hohe Rückenlehne und ein kleines Tischchen, so dass, wer darin las, das Buch bequem ablegen konnte. Die Neigung des Tischchens war perfekt und ermöglichte dem Leser eine entspannte Haltung.
Doch heute legte ich mich auf das Sofa, wie schon so viele Male zuvor. Es tat gut, die Beine hochzulagern. Die Länge des Sofas entsprach genau meiner Körperlänge plus Armlehnen. Dies hatte es schon mein ganzes Leben lang getan. Hiess dies, dass ich schon immer die gleiche Grösse hatte, oder dass es mit mir gewachsen war?
Ich konnte mich an Tage erinnern, als ich ein Kind war. Ich lag auf diesem Sofa und las meine Lieblingsgeschichten. Winnetou und Old Shatterhand ritten über die Prärie, auf der Jagd nach Santers, der Intschu tschuna, Winnetous Vater, getötet hatte. Ich wusste noch, wie mir die Tränen das Gesicht hinunterliefen, als zwei Bücher später Winnetou selbst einer Kugel erlag. Er hörte die Glocken der kleinen Kirche der Siedler im Tal und gestand seinem Freund Old Shatterhand, dass er an den Gott der Christen glaubte.
Doch war das nicht gestern gewesen? In dieser Bibliothek war Zeit nicht relevant. Es gab nur das Jetzt.
Erst durch das Lesen von Büchern wurde mir bewusst, was es hiess, dass Dinge nacheinander geschehen. Ursache und Wirkung wurde das in dem Buch über Physik genannt, das ich gelesen hatte. Ein schwieriges Konzept.
In dieser Bibliothek gab es nur das Jetzt, obwohl ich gelernt hatte, meine Erinnerungen, meine Gedanken als Vergangenheit zu bezeichnen, und meine Hoffnungen als Zukunft. Ich hatte Folgendes festgestellt: Meine Existenz bestand daraus, zu lesen und zu schreiben. Ich las die Bücher meiner Bibliothek, und schrieb meine Gedanken dazu nieder.
Ganz in der Nähe von Winnetou stand ein Buch über meine Erlebnisse mit ihm, über die Tränen, die ich bei seinem Tod vergoss, über die Schurken, die wir zusammen gejagt, über die Freunde, die wir getroffen hatten. Diese Bücher waren wie durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden.
Sie hatten ähnliche Nummern. Irgendwann war mir nämlich aufgefallen, dass die Bücher dieser Bibliothek nach einem ausgeklügelten System nummeriert und klassifiziert waren.
Und ich hatte begonnen, dieses System zu entschlüsseln. So entstand ein weiteres Buch. Eine Art Landkarte der Bibliothek, welche es mir ermöglichte, Bücher zu finden, die mit dem Thema eines anderen verbunden waren. Diese Nummern waren zur gleichen Zeit kompliziert und einfach, statisch und lebendig.
Wann immer ich ein Buch las, wurden diesem und anderen Bücher neue Nummern hinzugefügt, neue Verbindungen geschaffen. Und als ich begann, Bücher über Linguistik und Informationstechnologie zu lesen, begriff ich: dies war eine Ontologie, eine Grundstruktur des Wirklichen und Möglichen, eine Einteilung aller Dinge. Ein assoziativer Speicher, der lebendig ständig neue Beziehungen zwischen seinen Einträgen schuf.
Doch zurück zu meiner Erkenntnis. Sie begann mit einer Frage: wer schrieb all diese Bücher, die nicht ich geschrieben hatte? Die Bücher waren versehen mit den Namen von Autoren. Mein Problem: andere Menschen als mich gab es nicht. Ausser in den Büchern, die ich las.
In diesen Büchern hatte ich das Konzept vom Tod kennen gelernt. Jemand existierte, bis etwas geschah, und dann war er nicht mehr. So wie Winnetou, als er erschossen wurde. Vielleicht hatte es vor mir andere gegeben, die in dieser Bibliothek lebten, und ich war als letzter übrig.
Auf der anderen Seite konnte ich erneut den ersten Band der Geschichte von Winnetou hervor nehmen, und da lebte er wieder. So real, als wäre er hier. Er wurde sogar noch lebendiger, noch realer, wenn ich mein Buch über unsere Erlebnisse zur Hand nahm. Sofort ritten wir wieder, erlebten Sieg und Niederlage, gerieten in Gefangenschaft, konnten uns aber wieder daraus befreien, um wenig später die Schurken ihrer gerechten Strafe zuzuführen.
Es war so lebendig, er war so lebendig, ja ich war so lebendig, mitten drin im Geschehen. Und plötzlich ging mir ein Licht auf.
Old Shatterhand hatte die Bücher über Winnetou geschrieben. Er lebte ja hauptsächlich in Deutschland, wenn er nicht gerade auf Reisen war durch Amerika oder Kurdistan. Er lebte unter dem Namen Karl Mai – und genau dieser Name stand auf den Büchern.
Genau so, wie ich meine Erlebnisse in Büchern festhielt, hatten es die Helden und Protagonisten der Bücher getan, welche ich las. Sie hatten ihre Erkenntnisse niedergeschrieben, Erkenntnisse über Sprache und Wissen, Physik und Mathematik, Philosophie und Kunst. Und sie hatten ihre Erlebnisse beschrieben. Erlebnisse in der Wüste Arabiens oder der Prärie des Wilden Westens, bei der Entdeckung neuer Kontinente oder vom eigenen Tod am Kreuz.
Ich schaute auf und sah mich selber am Schreibtisch sitzen. Ich ging zu mir selbst hinüber und las, was ich geschrieben hatte:
„Stell Dir eine Bibliothek vor. Eine kleine Bibliothek, vielleicht eine Privatbibliothek eines passionierten Lesers. In diesem Raum befand ich mich. Ich wusste nicht, wie das Haus aussah, in dem die Bibliothek lag, noch wusste ich, ob es andere Räume gab in diesem Haus. Ja, wenn ich es mir genau überlegte, kannte ich überhaupt nichts ausserhalb dieser Bibliothek. Noch nicht einmal das Konzept eines Hauses. Diese Bibliothek war, im wahrsten Sinne, meine Welt.“
Worte haben Macht. Gedanken, gesprochen oder zu Papier gebracht, bauen unsere Welt. Unsere Worte sind die Bausteine unserer Zukunft. Ich merke mir das so: unsere Logos sind die Legos unserer Welt.
Unser Fokus bestimmt, was geschieht. Könnte es sein, dass Zeit gar nicht existiert? Dass wir den Ablauf dadurch bestimmen, dass wir unseren Fokus auf bestimmte Dinge lenken? Uns identifizieren, meditieren, und dadurch Identität erhalten?
Plötzlich werden Aussagen aus der Bibel verständlich:
Jesus wurde vor Grundlegung der Erde für uns geopfert. Oder war es vor 2000 Jahren? Oder doch in dem Moment, als ich meinen Fokus auf seine Tat lenkte und sie als persönliches Geschenk an mich annahm?
Sein Königreich ist da und kommt. Je mehr ich meinen Fokus darauf lege, desto mehr wird das Königreich für mich und die Menschen um mich herum real, manifestiert, realisiert und materialisiert sich.
Doch nun zurück zu meinen Büchern.