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Ein grosses Problem der Entwicklungszusammenarbeit!
Am 2. Juli 2013 erschien in der NZZ eine Artikel über widersprüchliche Ziele der Entwicklungszusammenarbeit. Dort vertrat der Autor, Herr Hans-Gert Braun, die Ansicht, die in den Projekten eingesetzten einheimischen Kräfte müssten auf ihrer jeweiligen Stufe die Entscheidungsträger sein und es sollte ihnen erlaubt sein, Fehler zu machen. Die ihnen zugeteilten ausländischen Fachleute sollten ihnen nur beratend beistehen, sich aber nicht in das Fällen und Umsetzen der Entscheide einmischen. Herr Braun benützte das Bild des Fehrlehrers, der neben dem Fahrschüler sitzt, und nicht selber fährt, sondern den Schüler fahren lässt. Hier widerspreche ich auf Grund meiner umfassenden Erfahrung mit Projekten der multi- und bilateralen Entwicklungshilfe dieser Sicht.
In der Vergangenheit und besonders in der Entwicklungshilfe anderer Länder und ganz ausgeprägt in der multilateralen Entwicklungszusammenarbeit aus Gründen der Political Correctness, wurde schon immer das von Herrn Braun am Beispiel des Fahrlehrers und -schülers erläuterte Verfahren angewendet. Auf fast allen Stufen waren die lokalen Kräfte die formellen Träger der Autorität, die jedem von ihnen zugeteilten ausländischen Berater, sogenannte Counterparts, spielten die Rolle der in Braun’s Artikel auf dem Beifahrersitz sitzenden “Fahrlehrer”.
So konnte z.B. in einem Weltbankprojekt Material im Wert des gesamten Entwicklungskredites von 10 Millionen US$ , damals sehr viel Geld, zur Neuausrüstung einer Branche der nationalen Wirtschaft in einem afrikanischen Land, auf verschiedenen Wegen innerhalb von 2 Jahren vollständig verloren gehen. Darauf in Washington angesprochen, meinte der bei der Die Weltbank ist eine Sonderorganisation der UNO mit Sitz in... für das Land zuständige Beamte, er wisse es, aber da der Kredit der Regierung des Landes gewährt worden sei, sei dieses voll für dessen Verwendung zuständig und die Bank als Geldgeber könne sich – ganz im Sinne von Herrn Braun – nicht einmischen.
Zahlreiche Projekte sind gerade wegen dieser Konstruktion gescheitert, da sie der menschlichen Natur widerspricht. Die einheimischen Entscheidungsträger wissen und fühlen, dass sie an sich für die Aufgabe nicht gerüstet sind – sonst bräuchte das Land in dem Bereich ja keine Entwicklungszusammenarbeit – müssen aber zur Gesichtswahrung den Schein von Kompetenz und Autorität aufrechterhalten. Die ausländische Fachleute bringen die Fähigkeit mit, um die Aufgaben auf ihrer jeweiligen Stufe zu lösen, haben aber nicht die Kompetenz, die Entscheide zu fällen, sondern müssen versuchen, dies über den lokalen Entscheidungsträger zu erreichen. Das führt oft zu ungeheuren Spannungen und eigentlichen Hassbeziehungen und in der Folge dazu, dass sich entweder der ausländische Fachmann, die Fachfrau innerlich höchst frustriert zurückzieht und quasi sehr gut bezahlte “Dauerferien” im Folgende Merkmale charakterisieren ein Entwicklungsland:... nimmt, oder umgekehrt, der ausländische Experte die Arbeit übernimmt und die Entscheide auf seiner Stufe fällt, wie in Braun’s Artikel geschildert, und sich dafür der einheimische Stelleninhaber in seiner Würde verletzt, innerlich zurückzieht. Selbstverständlich gab es Ausnahmen, wo diese Zusammenarbeit in einer freundschaftlichen Atmosphäre gut funktionierte, aber es waren eben Ausnahmen unter zahlreichen schliesslich gescheiterten Projekten.
Dazu kommt eine andere, noch viel wichtigere, heute politisch völlig “unkorrekte” Erwägung. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind nicht die fachliche Kompetenz, das Wissen und die handwerklichen Fähigkeiten der Mitarbeiter aller Stufen in erster Linie für das Gelingen eines Projektes, das Funktionieren einer modernen, effizienten Wirtschaft, einschliesslich Landwirtschaft, entscheidend, sondern deren Mentalität und Arbeitshaltung. Ohne Pünktlichkeit, Genauigkeit, Zuverlässigkeit, Leistungsbereitschaft, eine gewisse Ehrlichkeit, eine minimale Loyalität, und andere Charaktereigenschaften kann kein modernes Projekt und keine moderne Als Volkswirtschaft bezeichnet man einen [[Wirtschaftsraum]]... funktionieren. An der letzten DEZA-Jahreskonferenz hat eine pakistanische Leiterin eines Entwicklungshilfeprojektes in ihrem Land mit bewundernswürdiger Festigkeit, auch auf alle provokativen Fragen, die sie in eine andere Richtung stossen wollten, immer wieder festgehalten, das Ziel der Entwicklungshilfe müsse es sein, den “Mind set”, also die Mentalität der Menschen zu ändern.
Deshalb müssen in Projekten der Entwicklungszusammenarbeit die ausländischen Entwicklungsmitarbeiter bzw. Fachleute in ihren jeweiligen Bereichen, bis zu ihrer Ablösung durch einheimische Kräfte, voll verantwortlich sein. Die für deren Ablösung vorgesehen einheimischen Kräfte müssen primär von der in einer traditionellen Gesellschaft erforderliche Mentalität auf die charakterlichen Anforderungen an Mitarbeiter in einer modernen Als Volkswirtschaft bezeichnet man einen [[Wirtschaftsraum]]... “umerzogen” werden, aber selbstverständlich gleichzeitig auch die fachliche Kompetenz in dem Bereich erwerben, die sie später in ihrem Beruf brauchen. Vielleicht können sie noch eine Zeit lang als Stellvertreter der ausländischen Fachleute eingesetzt werden und so eine gewisse Erfahrung sammeln, dass ist aber nicht zwingend nötig.
Herr Braun hat im Prinzip natürlich recht: Schliesslich sollen die einheimischen Mitarbeiter das Projekt erfolgreich weiterführen und die Entscheidungsträger sein. Deshalb soll ihnen, sobald sie für eine Aufgabe bereit sind, die Verantwortung sofort voll und ganz übertragen werden und der ausländische, bisherige Entscheidungsträger soll nach hause geschickt werden. Es darf keinesfalls das Fahrlehrer-Fahrschüler-Verhältnis geben. Die Fehler, die der eine oder andere dann noch machen werden, halten sich dann in ihrer Schwere und Häufigkeit im selben Rahmen, wie die unserer eigenen, gut ausgebildeten Mitarbeiter in unseren Betrieben hier in der Schweiz.
Es gab natürlich und gibt heute noch öfters als früher, auch in den Empfängerländern fähige Leute, denen im Projekt dann eine, ihrer Persönlichkeit und Kompetenz entsprechende Aufgaben übertragen werden kann. Auch ihnen sollen keine fremden Berater beigegeben werden, sondern sie sollen sofort die volle Verantwortung in ihrem Bereich übernehmen.
Die Anwendung des hier geschilderten Vorgehens bedeutet in der Regel, dass z.B. in Afrika die Hierarchie im Projekt anfänglich “weiss” ist und dann über einige Jahre von unten nach oben “schwarz” wird. Wenn das Projekt gelungen ist, merkt man nach dem schwarz werden der Hierarchie keinen Unterschied. Allerdings ist das Projekt dann viel verletzlicher gegenüber Eingriffen der meistens noch in der traditionellen Mentalität verhafteten einheimischen Politiker.
Gotthard Frick, Bottmingen