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Bücherräumereien (XXXII)
Natürlich muss so etwas im Grossformat geschehen. Diese Weltgeschichte tritt beinahe wie ein Atlas auf, mit breiten Doppelseiten. Schon im Namen setzt sie sich von ähnlichen Unterfangen ab: Synchronoptische Weltgeschichte nennt sie sich, wurde herausgegeben vom deutschen Kartografenpaar Arno und Anneliese Peters und erschien erstmals 1952 im Frankfurter Universum-Verlag. Der eigenwillige Titel formulierte drei Ansprüche: Geschichte sollte nicht als Abfolge von Zahlen, sondern optisch ansprechend dargestellt werden; verschiedene Kontinental- und Regionalgeschichten wurden synchron nebeneinander dargeboten; und es ging um Weltgeschichte, die jeden Eurozentrismus vermeiden wollte.
Das sieht dann wie folgt aus: Eine Doppelseite umfasst ein Jahrhundert, vertikal ist jedes Jahr notiert. Horizontal, übereinander liegend ist die Geschichte in sechs thematische Stränge in unterschiedlichen Farben aufgegliedert, von der zart grünen Wirtschaft samt technische Erfindungen über das hellblaue «Geistesleben» und die violette Religion bis zur rosaroten Politik; in der Mitte werden zudem herausragende Persönlichkeiten mit einem kurzen Lebenslauf charakterisiert. Ereignisse, die sich genau datieren lassen, sind im entsprechenden Jahr vermerkt, länger dauernde Entwicklungen ziehen sich über die Seite hin. Ein umfangreicher Index erschliesst Personen ebenso wie Länder und Ereignisse.
Das Unterfangen war durchaus erfolgreich und wurde bald in zehntausenden von Exemplaren vertrieben; die im bücherraum f vorliegende Ausgabe entstammt dem 60. bis 70. Tausend und trägt die Nummer 069137.
Der Synchronoptischen Weltgeschichte war wiederum der Kulturfahrplan vorangegangen. Auch er wurde nicht von einem ausgebildeten Historiker verfasst, sondern vom Physiker Werner Stein (1913–1993), der sich später als SPD-Kulturpolitiker profilierte. Der Kulturfahrplan, mit dem Untertitel Die wichtigsten Daten der Weltgeschichte von Anbeginn bis heute, wurde in Deutschland 1946 als eine «der ersten geistigen Orientierungshilfen nach dem Kriege» propagiert. Er ist traditioneller angelegt. Die Chronologie verläuft durchs Buch von vorn nach hinten. Auf jeder Doppelseite sind vertikal voneinander getrennt verschiedene gesellschaftliche Bereiche dokumentiert, die etwea denjenigen bei Peters entsprechen. Die synchronoptische Darstellung der Peters ist unmittelbar anschaulicher, hält die gleichzeitige Ungleichzeitigkeit der Weltgeschichte zusammen, sie stösst sich aber am beschränkten Platz – wenn sie ein Jahrhundert auf mehrere Doppelseiten verteilen würde, um mehr Informationen unterzubringen, verlöre sie gerade an optischer Anschaulichkeit. Steins Kulturfahrplan kann dagegen die Eintragungen in der Zeitachse beliebig erweitern – und wenn er seinerseits an die Grenze eines noch handhabbaren Buchs stösst, kann er sich in mehrere Bände vergrössern.
Tatsachen und Haltungen
Werner Stein hatte sich der «Objektivität» verpflichtet, und das orientierte sich an vorherrschenden Werten: nach der Niederlage Deutschlands und des Faschismus durchaus liberal, aber systemkonform. Auch die Peters beriefen sich auf Objektivität: «Keine Deutung oder Wertung wird erstrebt. Die Tatsachen sprechen für sich.» Vielleicht auch nicht, denn zuerst müssen die Tatsachen ausgewählt und dann doch zum Sprechen gebracht werden. Und das taten Anneliese und Arno Peters durchaus anders als Werner Stein.
Dabei wird ihr Anspruch, Weltgeschichte zu zeigen, mehrheitlich eingelöst. Die grossen Zivilisationen in China, Indien, Japan, Arabien werden – beinahe – gleichberechtigt wie die europäischen behandelt. Wählen wir willkürlich die Jahre 1828/29: Da stehen politische Entwicklungen in Uruguay, Indien, Griechenland und der Türkei synchron nebeneinander. Oder dann: Das neunte Jahrhundert kann in dieser Weltgeschichte als arabisches Jahrhundert gelten, nicht nur bezüglich technischer Erfindungen und politischer Geschehnisse, sondern auch durch die zahlreichen Gelehrten, die ins Zentrum gerückt werden.
Auch Werner Stein war nicht um Entwicklungen in China oder Indien oder Arabien herumgekommen. Das beschränkte sich aber auf traditionelle Herrschaftsgeschichte. Bei Peters heisst es dagegen etwa zum Jahr 871: «Neger-Sklaven gründen unter Ibn Mohammed den kommunistischen Staat Basra mitten im Araberreich.» Damit wird der im Westen als einzigartig tradierten Sklavenrevolte von Spartakus gezielt eine aus einem anderen Kulturkreis hinzugefügt und in der Zielrichtung verschärft. Tatsächlich werden neben der «Politik» nicht nur «Kriege», sondern auch «Revolutionen (Aufstände / Bürgerkriege)» vermerkt, mit denen eine jahrtausendealte Tradition des Widerstands rekonstruiert wird. Ja, jenseits seines Bekenntnisses zu den für sich selbst sprechenden Tatsachen machte Peters aus seiner linken Haltung keinen Hehl. Im Vorwort tönt es nach der Rhetorik des damaligen Weltfriedensrats, wenn die Weltgeschichte dabei helfen soll, «das Ideal einer in Freiheit und Sicherheit geeinten Welt zu verwirklichen». Darauf antwortete der Spiegel 1952 in einem Artikel im Kalten-Krieg-Gestus, Arno Peters habe als Sozialist «seine Geschichtsdarstellung anti-dynastisch, anti-kapitalistisch und anti-klerikal ausfallen lassen». Das ist doch eine schöne Reihung, an der für die Auswahl der «Tatsachen» nicht viel auszusetzen ist. Auch jenseits der politischen Ebene finden sich immer wieder quer stehende, aparte Hinweise. Etwa zu 1542: «Basler Drucker Oporinus wegen Herausgabe des Korans bestraft». Oder zu 1574: «Ungarn verbietet als erstes Land Kinderarbeit in Bergwerken». Und die Charakterisierungen der hervorstechenden Persönlichkeiten sind ziemlich gut. Am halbwegs unverfänglichen Beispiel von Thomas Mann gezeigt:
«Deutscher Dichter. Als Sohn einer alten Lübecker Bürgerfamilie gab er in seinem Jugendwerk ‹Die Buddenbrooks› ein eindringliches Bild vom Aufstieg und Verfall des deutschen Bürgertums. Im Gegensatz zu den unmittelbar gesellschaftskritischen, anklägerischen Romanen seines Bruders Heinrich Mann zeichnen sich seine Werke ganz besonders durch die Schilderung der seelischen Hintergründe menschlicher und gesellschaftlicher Vorgänge aus. Verliess 1933 seine Heimat und führte einen konsequenten Kampf gegen die Unmenschlichkeit des deutschen Faschismus. In seinem Alterswerk ‹Dr. Faustus› sucht er das deutsche Wesen von der menschlichen Seite her zu deuten.»
Da wehen einen zugestandenermassen ein paar altertümliche Vokabeln an, aber als einfache, lexikalische Zusammenfassung ist es nicht unrichtig und durchaus brauchbar.
Natürlich, der Anspruch auf eine Weltgeschichte stösst auf Grenzen. Das, was später Indonesien wurde, taucht erstmals 1512 aus dem Dunkel der Geschichte auf, als die «Molukken-Inseln» von den Portugiesen «entdeckt» werden. Afrika südlich der Sahara bleibt ein weisser Fleck, das Königreich Benin oder das Ashanti-Reich fehlen völlig; die «Goldküste» taucht wiederum nur auf, wenn sie 1471 von den Portugiesen «entdeckt» wird und 1871 «an England» geht, während zu Nigeria oder seinen historischen Teilgebieten jeder Eintrag fehlt.
Bei den Einzelpersonen ist die Auswahl zu Beginn recht pluralistisch; siehe das arabische Jahrhundert. Ab dem 18. bis ins 20. Jahrhundert tauchen dann aber fast nur noch EuropäerInnen auf, oder genauer, fast nur noch Europäer – halbwegs gerechtfertigt durch die Tatsache, dass die «Moderne», der Kolonialismus und die neue Globalisierung vom Norden ausgingen. Fragwürdig wird das Konzept der angeblich für sich selbst sprechenden Tatsachen allerdings zur Gegenwart hin, wenn Stalin als «anerkannter Führer der Sache des Weltkommunismus» über jeden Zweifel erhaben ist, aber auch, wenn Hitler vor allem als «entschiedenster Gegner des Kommunismus» charakterisiert wird, der durch den Zweiten Weltkrieg «die Zerstörung von fast ganz Europa herbeigeführt» habe, der Holocaust dagegen nicht erwähnt wird.
Koloniale Tradition
Diese globalen Weltfahrpläne und Weltgeschichten standen ihrerseits in einer weit zurückreichenden Tradition. Beispiele einer ‹modernen› Universalgeschichte hatten sich Mitte des 18. Jahrhunderts in dem sich zur führenden Grossmacht entwickelnden England herausgebildet; in Deutschland wurde sie wenig später durchaus für den Kampf gegen den herrschenden Adel in Anspruch genommen. Friedrich Schiller stellte in seiner Antrittsvorlesung 1789 die Frage Was heisst und zu welchem Zwecke studiert man Universalgeschichte, worunter er «alle Nationen und Zeiten» und «alle Menschengeschlechter» zusammenbringen wollte. Er baute das in ein teleologisches Konzept bürgerlichen Fortschritts ein, doch es war auch ein Antrieb gegen die «Kleinfürsterei» Deutschlands, das sich in den Kreis der Weltzivilisationen einreihen sollte, ähnlich wie es Goethe mit seinem Konzept der Weltliteratur verfolgte. Im gleichen Geist versuchte der Geschichtsschreiber der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Johannes von Müller, ab 1778 in mehreren Ansätzen eine Universalgeschichte, die 1810 posthum als Vier und zwanzig Bücher Allgemeiner Geschichten besonders der Europäischen Menschheit erschien.
Im 19. Jahrhundert konnten sich die Kolonialmächte selbstgewiss auf ihre führende Rolle bei der Aufteilung der Welt beziehen, die immer auch als Zivilisierung verkauft wurde, was die Weltgeschichte ihres eigenständigen und kritischen Charakters beraubte, ja überflüssig machte. Leopold von Rankes Weltgeschichte (1880–1890) oder Carl Burckhardts posthum erschienene Weltgeschichtliche Betrachtungen (1905) stellten eher geschichtsphilosophische Zusammenfassungen bisheriger spezieller Forschungen dar. Erst Oswald Spenglers berühmt-berüchtigter Untergang des Abendlandes (1918/1922) gerierte sich mit der Weite seiner Belege wieder als wahre Weltgeschichte; doch wurde die konkrete Analyse zumeist deduktiv durch das starre Schema des Auf- und Abstiegs von Zivilisationen überlagert. Unter diesem Schema litt auch noch Arnold Toynbees Gang der Weltgeschichte (1934–1954), obwohl differenzierter und gemässigter angelegt. Will Durants Kulturgeschichte der Menschheit, im englischen Original 1935 bis 1975 erschienen, ist dagegen eine bemerkenswerte Kraftanstrengung mit durchaus kritischem Anspruch, wie ein eminenter Kenner einwirft; schade nur, dass Durants Frau Chaya / Ariel Dunant, die von Anfang an massgeblich mitgearbeitet hatte, offiziell erst spät als Mitverfasserin anerkannt worden ist.
Werner Stein sowie Arno und Anneliese Peters konkurrierten implizit durchaus mit solchen Monumentaldarstellungen, unterliefen sie aber zugleich, indem sie auf die Verknappung und eine, wenn auch synchron erweiterte, strikte Chronologie setzten. Beide waren sie mit einem neuen Geschichtsoptimismus gestartet: Stein im Licht einer notwendigen Erneuerung Deutschlands nach dem Faschismus, die Peters im Vertrauen auf «eine in Frieden und allgemeinem Wohlstand brüderlich vereinte Welt».
1968 erschütterte auch diese Ansätze, in vielfältiger Hinsicht. Eingefordert wurden jetzt nicht nur neue materialistische Ansätze, sondern es wurde auch gegen die Vorherrschaft von Daten und Chronologien auf Strukturgeschichte gesetzt. Dagegen wiederum konzipierte der Bremer Historiker Imanuel Geiss (1931–2012) seine Geschichte griffbereit, die 1979 in sechs Bänden erschien. Einerseits wollte Geiss explizit dem von ihm als modisch beklagten Verzicht auf Daten und Fakten entgegentreten, andererseits griff er die berechtigen Forderungen nach einer Strukturgeschichte auf. «Weltgeschichte» hiess das Projekt im Untertitel, und Geiss beanspruchte, sechs Dimensionen der ‹Weltgeschichte› dazustellen: die chronologische (Daten), biographische (Personen), geographische (Schauplätze), sachsystematische (Begriffe), nationale (Staaten) und universale (Epochen). Geschichte griffbereit wird wohl die letzte synthetisierende Darstellung der Weltgeschichte durch einen Einzelnen bleiben.
Eine gerechte Weltkarte
Bekannter als die Synchronoptische Weltgeschichte der Peters ist allerdings ein späteres Werk von Arno Peters, nämlich der Peters-Atlas. Er streckte die Südkontinente in die Länge, um die Verzerrungen zum Nordpol hin, die die traditionellen Mercator-Karten aufwiesen, zu korrigieren. Peters entwarf ihn in den siebziger Jahren. Mit seiner Peters-Projektion erhob er den Anspruch, die Ländermassen, die Kontinente und Länder, flächengetreu abzubilden. Zugleich wurde damit das visuelle Übergewicht der nördlichen Länder, Nordamerika und Europa, zurückgedrängt. Ja, es ging um nichts weniger als um Gerechtigkeit für die Länder des globalen Südens. Der Versuch bekam viel Zustimmung, wurde 1980 im Nord-Süd-Bericht der Uno verwendet, die Unesco übernahm den Peters-Atlas und vertrieb ihn millionenfach.
Doch der Ansatz stiess auch auf geradezu wütenden Widerspruch. So warf die deutsche Kartografie-Gesellschaft in einer eigens veröffentlichten Broschüre Arno Peters Scharlatanerie und ideologische Verbohrtheit vor. Letzterer Vorwurf steckte allerdings voller ungewollter Ironie. Peters glaube wohl, so hielt man ihm vor, wenn man Karten verändere, verbessere man auch die Welt – anders als die deutsche Kartografie-Gesellschaft, die sich selbstverständlich jahrelang als Vorkämpferin für die Entkolonialisierung profiliert hatte …
Allerdings war die Peters-Projektion nicht gar so bahnbrechend, wie Peters selbst behauptete, sondern baute auf Vorarbeiten etwa von James Gall (1808–1895) auf, und sie konzentrierte sich auf dieses eine Kriterium und diesen einen Zweck der Flächentreue. Das hat durchaus Augen öffnenden Charakter. Plötzlich wird Europa als Anhängsel von Afrika sichtbar, nicht umgekehrt, und die mächtigen USA sind im Vergleich mit Lateinamerika geschrumpft. Die jetzt Gall-Peters-Projektion genannte Darstellungsform ist mittlerweile anerkannt, allerdings nur als eine unter mehreren, da sie bei anderen Kriterien, etwa den Flächenumrissen, ihrerseits Verzerrungen vornimmt.
The Plebs Atlas
Im bücherraum f liegt ein weiteres Beispiel eins Atlanten vor, der versucht, die Welt auf eine andere Art als die vorherrschende in den Griff zu bekommen, und zwar aus England. Der Name allein ist schon beinahe den Preis von einem Shilling wert: The Plebs Atlas nennt sich dieses Werk ebenso schnörkellos wie trotzig. Es ist eigentlich mehr eine Broschüre und enthält 58 Karten auf starkem gelbem Kartonpapier. Herausgegeben 1926 in London «für Werkstudenten» von «The Plebs League», eine linke Bildungsorganisation aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Die Darstellungen, sagt der Bearbeiter der Karten, sind auf das Wesentliche reduziert. Keine unnötigen Städtenamen, Flüsse und andere Kinkerlitzchen: Jede Karte soll sich auf eine einzige, wesentliche Aussage konzentrieren.
Mit dem Wesentlichen sind die Machtbeziehungen zwischen Staaten und Nationen gemeint. Es geht um Einflussgebiete und Abhängigkeiten im imperialistischen Zeitalter.
Jenes Imperialismus, der die Welt beherrscht, oder doch nicht die ganze Welt, denn es gibt ja noch die Sowjetunion. Das ist nicht orthodox kommunistisch gemeint, die Sowjetunion als das Vaterland der Werktätigen oder als Mutterland der Friedensvölker, sondern etwas nüchterner, als Gegengewicht zu den kapitalistischen Blöcken. Noch stehen, 1926, die europäischen Mächte im Vordergrund, Grossbritannien, Frankreich, auch das faschistische Italien, das eine neue aggressive Kolonialpolitik betrieb. Die USA sind nicht ganz die globale hegemoniale Macht wie heute; dafür wird China ein bemerkenswertes Gewicht eingeräumt – sowohl die innerchinesischen Herrschaftsgebiete der verschiedenen Warlords wie die Rivalität mit Japan und die strategische Konfrontation mit Grossbritannien via Singapur und Australien werden in einzelnen Kartenveranschaulicht.
Der Ansatz der Darstellungen ist vorerst klassisch materialistisch: Die Wirtschaft und noch spezifischer die Schwerindustrie bilden die Basis der Gesellschaft und damit des Ringens um die Welt. Wenn der Streit um die Ölfelder im Nahen Osten veranschaulicht wird, so wirkt das wie von gestern, oder heute. Eine regionale Karte zu Grossbritannien zeigt, wie die ehemalige Dominanz der dicht besiedelten Gebiete in Südengland durch sechs Industriegebiete im Mittel- und Nordengland abgelöst worden ist, ein Verhältnis, das sich seither längst wieder verkehrt hat, und man könnte über diese Karte fast – aber nur fast – die Resultate der Brexit-Abstimmung von 2016 legen, in der die de-industrialisierten Regionen im Norden ihren Protest ver-rückt ausdrückten.
Aber lassen sich Machtbeziehungen und Kräfteverhältnisse in so einfachen Grafiken ausdrücken? Ist nicht die Realität in die Funktionale gerutscht, wie Bertolt Brecht ein paar Jahre nach dem Erscheinen des Plebs Atlas in seinen Anmerkungen zum Dreigroschenprozess 1931 apropos Theater und Fotografie bemerkte? Diese Kartografie für den Plebs scheint sich dem entziehen zu wollen. Machtinteressen und -ambitionen werden durch mehr oder weniger dicke Pfeile gezeigt, Kreise und Ellipsen fassen Einflusssphären zusammen, und die subalternen Länder und Gebiete werden durch gleiche Schraffuren dem jeweiligen Zentrum unterstellt.
Tatsächlich ist es nicht ganz so einfach.
In einer Karte zu Europa werden beispielsweise Jugoslawien, die Tschechoslowakei, Rumänien und Polen der französischen Einflusssphäre zugeschlagen und Norwegen, Finnland sowie die baltischen Republiken der britischen. Da gehen offensichtlich neben wirtschaftlichen implizit auch historische und kulturelle Faktoren in die Zuordnung ein.
Im Rückblick von heute auf die Karten von 1926 wird Eingelöstes und Uneingelöstes sichtbar. So wird aus den dominierenden privatwirtschaftlichen Grossunternehmen der Schwerindustrie in Belgien, Nordostfrankreich, Luxemburg und Westdeutschland das real-fiktive Gebilde eines «europäischen Stahltrust» zusammengesetzt, und der bildet das ab, was nach dem Zweiten Weltkrieg als staatliche Montanunion den Grundstein zur Europäischen Gemeinschaft legte. Gegen solche kapitalistische Realität schenkt uns der Atlas zum Schluss «A Workers United States of Europe», freilich mit einem Fragezeichen versehen. Diese ArbeiterInnen-EU basiert auf westeuropäischer Kohle und Eisen und osteuropäischen Weizen, Holz und Oel. Historisch gesehen hat sich das zweifach blutig blamiert: als verbrecherische Wirtschaftsstrategie der Nazis und als bitteres Versagen der internationalen ArbeiterInnenbewegung. Was die Erinnerung an die Hoffnung auf eine transnationale Solidargemeinschaft nicht überflüssig macht.
Die Wonnen der Digitalisierung
Die Synchronoptische Weltgeschichte hatte versprochen, die BezügerInnen würden «kostenlos über den Fortgang der mit diesem Werke eingeleiteten Bestrebungen unterrichtet». Das hiess vorerst kaum veränderte Neuauflagen. Mit der Digitalisierung entstand allerdings für alle Lexika und Atlanten eine grundsätzlich neue Situation. Die Synchronoptische Weltgeschichte wurde im Jahr 2000 zum letzten Mal nachgedruckt und erreichte damit eine Gesamtauflage von 250000 Exemplaren, mit Lizenzen in 43 Ländern. In einer mehrjährigen Kooperation zwischen Büro-W (Wiesbaden) und dem Kompetenzzentrum für elektronische Erschliessungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier wurde sie danach digitalisiert und wird seit 2010 als Der digitale Peters online angeboten, wobei in einer Rechnung, die das Digitale wieder aufs Handfeste zurückzuführen versucht, vorgerechnet wird, er sei mittlerweile auf 37 Laufmeter ausgebaut, also gegenüber den 31 Doppelseiten der ursprünglichen Ausgabe mehr als verdoppelt worden. Der Kulturfahrplan seinerseits wurde mehrfach erweitert und nach dem Tod von Werner Stein als Der neue Kulturfahrplan bis 2004 weiter verlegt; er schrammte insgesamt die Millionenauflage, wurde dann aber eingestellt.
Auch die Kartografie ist mittlerweile durch die Infografik zum Teil radikal umgekrempelt worden und hat zugleich einen neuen Schub erhalten. Das zeigt etwa der 2010 ursprünglich in England erschienene Atlas der wirklichen Welt. Darin werden 382 Datensätze – zum Beispiel Bevölkerung oder Stromerzeugung oder Frauen als Führungskräfte oder Militärpersonal oder Religionen – für die Kontinente und wichtigsten Länder entsprechend ihrem prozentualen Anteil an der Weltmenge in Flächen umgesetzt und diese in die ungefähren Umrisse der entsprechenden Länder gelegt. Kurz gesagt: Je mehr ein Land hat, erzeugt, verbraucht, desto mehr Fläche nimmt es ein. Einige Karten sind eindrücklich, wenn auch ein wenig erwartbar, etwa bei der Verteilung von Armut und Reichtum oder wenn bei der Stromerzeugung die nördlichen Länder die Kontinente Lateinamerika und Afrika verkümmern lassen, während umgekehrt beim Waldverlust Lateinamerika und Afrika Europa geradezu zum Verschwinden bringen. Dass sich beim Verzehr von Fast Food die USA ungeheuerlich aufblähen, während Afrika zusammenschrumpft, hängt wohl damit zusammen, dass Fast Food vor allem auf Burger reduziert und Streetfood nicht berücksichtigt wird. Auch anderes muss mit Vorsicht genossen werden, ja ist geradezu irreführend. So erscheint Europa bezüglich der Zahl der Langzeitarbeitslosen riesig, und Afrika wie auch Lateinamerika sind praktisch nicht vorhanden: Doch Langzeitarbeitslose können nur dann in Statistiken auftauchen, wenn überhaupt ein einigermassen funktionierender Sozialstaat besteht.
Zuweilen aber gibt es überraschende Aha-Effekte. Wenn heute angesichts des Bevölkerungswachstums in China und Indien mehr oder weniger unbewusst eine neue ‹gelb-braune Gefahr› beschworen wird, so zeigt eine Karte über die «Weltbevölkerung im Jahre 1», dass damals diese beiden Reiche noch weitaus mehr Platz auf der Weltkarte einnahmen, da Nord- und Südamerika bloss aus zwei dünnen Strichen bestanden.
Die Synchronoptische Weltgeschichte und der Plebs Atlas befinden sich im bücherraum f in der Abteilung R, Referenzwerke.