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Auf unserer 3-wöchigen Reise durch Rajasthan in Nordindien sind uns viele Kinder begegnet. In Tuk-Tuks zusammengepferchte Schulkinder in Delhi, lebhaft und lachend in ihren schönen Schuluniformen am frühen Nachmittag nach Hause fahrend. Sie haben kaum Platz, so viele sind es. Jedes hält sich an irgendeinem Gestänge fest, denn der mörderische Verkehr in den überfüllten Strassen nötigt die Tuk-Tuks zu einem Durchschlängeln, das auch abrupte Richtungsänderungen und Stops einschliesst. Allgemeine Schulpflicht gelte in Indien, erläutert unser Reiseleiter. Es gebe private und öffentliche Schulen. Die öffentlichen seien unentgeltlich. Auf Nachfrage meint er aber, Uniform und Lehrmaterial müssten bezahlt werden. Die staatlichen Schulen seien gut, die Uniformen strenger, mit Kravatten. Auch werde darauf geachtet, dass die Hände sauber, die Nägel geschnitten, die Schuhe geputzt seien.
Auf unserer Reise deutet der Begleiter unermüdlich auf jede Schule, jedes Fortbildungsinstitut hin, die an der Strasse stehen. Alle diese Gebäude für Studenten sind neu gebaut, stehen eingezäunt irgendwo auf dem Land. Auf meine Frage, wo denn die Studenten schliefen, ob es eine Art Campus gebe, meint er kurz: „Im Dorf“. Das Dorf aber, durch das wir fahren, besteht aus ein paar wenigen armseligen einstöckigen Hütten, wellblechgedeckt, ohne Wand gegen die Strasse hin. Bei mancher „Teeschenke“ steht neben den Klappstühlen eine Bettstatt aus vier Latten auf vier Beinen, die Liegefläche mit einem 4 cm breiten Leinenband geflochten. Sind so die Schlafstätten der Studenten? Oder vielleicht einfach eine einfache Strohmatte am Boden?
Unser Guide erzählt uns aber auch, dass es in manchen Dörfern gar keine Schulen gebe. Wo es sie gibt, sind sie sehr einfach, was wir an einem Beispiel sehen. Leider können wir nicht ins Gebäude. Das Dorf besteht aus sehr einfachen Bauernhäusern, die innerhalb einer Mauer, die zugleich Hausmauer ist und einen ungedeckten kleinen Hof einfasst, Platz bieten für eine zum Hof hin offene Küche mit einem kleinen offenen Feuer am Boden und einer Eisenpfanne. In einer Ecke liegen Stücke einer zerschnittenen Pflanze, unklar, ob das Nahrung für Menschen oder Tiere ist. Gegenüber liegt eine alte Frau auf einer Bettstatt. Im kleinen Hof steht eine kleine Maschine, die von Hand bedient wird vom Bauern, der ein Bündel Hirse drischt. Irgendwo dazwischen stehen zwei Büffel, das wichtigste Eigentum der beiden Leute. 5 kg Milch geben sie täglich. Daraus machen die Bauern Joghurt, Butter und eine Art Frischkäse. Was übrig bleibt, geht zu einer Sammelstelle. (Im Auto sagt mir mein Mann, dass bei uns eine Kuh bis zu 40 l Milch gebe.) Der Boden in Haus, Hof und Dorfstrasse ist überall der Erdboden, in der meist regenlosen Zeit ist daher alles unglaublich staubig. Zwischen den Häusern spielen einige Kinder, die kleineren nur mit einem Oberteil bekleidet, damit sie jederzeit ungehindert ihre Notdurft verrichten können. Grössere tragen eine Art Hose, deren Naht für den gleichen Zweck unten offen ist. Die Kinder staunen uns an, halten sich aber – anders als an anderen Orten – zurück.
Auch bei den Besuchen von Monumenten, alten Festungen, Grabmälern und Tempeln treffen wir überall auf indische Touristen aus verschiedenen Staaten Indiens. Diese sind immer als Familie unterwegs: Grossmutter, Mutter, Tanten alle prächtig und glänzend in wunderbar farbige Saris gekleidet, die schwarzen Haare straff aus dem Gesicht gekämmt, zu einem Zopf geflochten, oft von einem farblich passenden Schleier verhüllt. Grossvater und Vater sind meist in Jeans und Hemd oder in einer Art weissem Kaftan. Ihre Kopfbedeckung verrät Religion oder Kaste: Turbane für Sikhs, weisse gehäkelte Käpplis für Mohammedaner, deren Frauen Tschadors mit oder ohne Niqab tragen. In all diesen indischen Familien kümmern sich eher die Väter um die Kinder, die westlich bekleidet sind. Die Säuglinge werden von den Frauen auf den Armen getragen. Wiederholt wird mir von Frauen völlig überraschend ihr Kleinkind in den Arm gedrückt und der Fotoapparat gezückt. Mein Mann wird von Teenage-Frauen und -Männern (das Alter der Inder ist schlecht abzuschätzen), die in geschlechtlich getrennten Gruppen unterwegs sind, für gemeinsame Fotos bevorzugt. Und immer wollen sie einem nachher die Hand geben und sich bedanken.
An einem nicht stark besuchten Aussichtspunkt bildet sich plötzlich eine kleine Gruppe ortsansässiger Männer um drei offensichtlich fremde Inder, zwei Männer und eine Frau, die erregt in Hindi auf einen älteren Mann mit Bart einreden. Zwei etwa 8-jährige schmutzige Buben stehen im Kreis. Wir bitten unseren Reiseführer zuzuhören und uns zu sagen um was es geht:
Die drei Fremden kommen von einer staatlichen Organisation, die sich um Kinder kümmert, welche arbeiten müssen oder zum Betteln angehalten werden. Eben erklären sie dem Vater, dass er den Kindern keinen Dienst erweise, wenn er sie nicht zur Schule schicke. So könnten diese es nie weiter bringen als er, der vom Betteln lebt. Die fremde Frau hält den Betteljungen fest an der Hand, und nach einiger Zeit verlässt sie mit dem Jungen die Gruppe und steigt zusammen mit ihm und ihren zwei Begleitern in die wartende schwarze Limousine. Der Junge wird nun zu einer Schule gebracht, dort neu eingekleidet, bekommt zu essen und lernt. Obwohl keinerlei Abschiednehmen sichtbar war, betont unser Reiseleiter, der Vater sei damit einverstanden gewesen. Nur den zweiten Sohn habe er nicht mitgegeben, habe gesagt, er wolle sich das noch überlegen.
Indien scheint die Wichtigkeit einer schulischen Ausbildung für die Kinder erkannt zu haben. Aber noch lange nicht allen Kindern ist es möglich, in die Schule zu gehen. Die Dörfer auf dem Land sind klein und abgelegen, Verkehrsmittel Mangelware. 1,1 Mrd. Einwohner hat Indien, „das sind nur die gezählten“, bemerkt unser Reiseleiter dazu. Heute ist Indien das bevölkerungsreichste Land der Welt, hat mehr Einwohner als China, und ein Bevölkerungswachstum von fast 2%. Mangelnde Ausbildungsmöglichkeiten sind nur ein Problem von vielen.