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Süssstoff Erythrit könnte mit kardiovaskulären Ereignissen zusammenhängen
Zum Zeitpunkt eines kardiovaskulären Ereignisses hatten Patienten in einer neuen Studie erhöhte Spiegel des Zuckeraustauschstoffs Erythrit im Plasma. Damit mehren sich die Hinweise darauf, dass neben Zucker auch Süssstoffe durchaus Risiken bergen könnten. Experten fordern indes mehr und bessere Studien, die deren Unbedenklichkeit sicherstellen.
Aktuell konsumiert jeder Schweizer im Durchschnitt am Tag rund 100 Gramm Zucker – und damit doppelt so viel, wie die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt.
Einen grossen Anteil der täglichen Zuckerration machen bei den meisten Menschen Nahrungsgüter wie Erfrischungsgetränke, Süsswaren und Milchprodukte aus. In der Schweiz haben sich daher einige grosse Hersteller freiwillig verpflichtet, den Zuckergehalt ihrer Lebensmittel bis Ende 2024 um zehn Prozent zu senken. Und dies, ohne den Zucker durch Süssstoffe wie Erythrit, Aspartam oder Saccharin zu ersetzen.
Erythrit: Unter anderem in Diabetikerschokolade
Keine schlechte Idee, auch in Hinblick auf eine neue Studie (1). Diese wurde in den USA durchgeführt, wo bereits in vielen Süssgetränken der Zucker durch künstliche Süsstoffe ausgetauscht wurde, und die als energiereduzierte («Diet») oder kalorienfreie («Zero») Getränke verkauft werden. Einer der am meisten verwendeten Zuckeraustauschstoffen ist Erythrit (auch Erythritol oder E 0968 genannt).
Es hat aufgrund von Ergebnissen aus Tierexperimenten auch hierzulande den Ruf, besonders verträglich für Menschen mit Diabetes oder Adipositas zu sein. Aber auch Märkte, die Gesundheitsbewusste ansprechen wollen, wie die «Keto»-Branche vermarkten Erythrit als taugliche, «biologische» oder «natürliche» Zuckeralternative.
Erythrit wird in geringen Mengen vom Körper selbst produziert, und liegt, in niedriger Konzentration, auch in Früchten oder fermentierten Lebensmitteln vor. Nachdem der menschliche Verdauungstrakt Erythrit nur zu einem sehr geringen Anteil verstoffwechseln kann, es aber das Süssungspotenzial von 50 bis 80 Prozent des Zuckers hat, gilt Erythrit als kalorienfreie Zuckeralternative.
Erythrit wird in der Schweiz als Lebensmittelzusatzstoff geführt, und darf daher in Lebensmitteln «gemäss guter Herstellungspraxis» verwendet werden. Diese liegt vor, wenn etwa ein Erythrit-gesüsstes Getränk nicht süsser schmeckt als die gezuckerte Alternative.
Erythrit im Plasma von Patienten mit schweren kardiovaskulären Ereignissen erhöht
Die neue Studie stellt nun eine mögliche Verbindung zwischen Erythrit und dem kardiovaskulären Risiko, sowie einer gesteigerten Blutgerinnung dar.
Die Studienautoren untersuchten die Blutproben einer Kohorte von 1.157 Personen mit erhöhtem Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. Bei jenen Probanden, bei denen über den Beobachtungszeitraum von drei Jahren eine schwerwiegende kardiovaskuläre Komplikation (Tod, Myokardinfarkt bzw. Schlaganfall) auftrat, stiessen sie im Plasma auf eine erhöhte Konzentration von Zuckeralkoholen (Polyolen), darunter insbesondere Erythrit.
Diese Annahmen bestätigten die Forscher in zwei weiteren Validierungskohorten aus den USA und aus Deutschland mit 2.149 und 833 kardiovaskulären Risikopatienten, darunter Personen mit Typ-2-Diabetes oder Adipositas. Laboruntersuchungen zeigten darüber hinaus, dass eine Zugabe von Erythrit zu Blut oder einer Suspension aus Blutplättchen die Thrombozytenaggregation beschleunigte.
Im Anschluss führten die Forscher eine prospektive Interventionsstudie mit acht gesunden Probanden durch, die ein mit 30 Gramm gesüsstes Getränk zu sich nahmen. Das entspricht einer Dose handelsüblichem künstlich gesüsstem Getränk oder einem halben Liter «Diät»-Eiscreme. Nach Verzehr dieser Lebensmittel stellten die Forscher über zwei Tage hinweg im Blut der Probanden erhöhte Erythrit-Spiegel fest. Diese lagen weit über der Schwelle, bei der in vitro signifikante Hinweise auf eine veränderte Thrombozytenaggregation beobachtet wurden.
Langfristige Unbedenklichkeit von Erythrit und anderen Süssstoffen ist nicht bestätigt
Erythrit und andere Zuckeraustauschstoffe werden vorerkrankten Personen oft als gesündere Zuckeralternative empfohlen. Langzeitstudien, die deren Unschädlichkeit im Menschen bestätigen, stehen aber bislang aus, kritisieren Experten. In jüngster Vergangenheit gerieten auch die Süssstoffe Aspartam, Sucralose und Saccharin in die Schlagzeilen – Studien hatten Indizien dafür gefunden, dass sie möglicherweise den Zuckerstoffwechsel beeinträchtigen und das kardiovaskuläre Risiko erhöhen könnten. Wird es als Option angesehen, Zucker in Lebensmittel durch Zuckeralternativen zu ersetzen, spielt aber die Sicherheit und Unbedenklichkeit der Zuckeraustauschstoffe eine wesentliche Rolle.
Die Leiterin der Metabolen Forschungsgruppe, St. Clara Forschung in Basel, PD Dr. Anne Christin Meyer-Gerspach schätzt die vorliegenden Daten daher prinzipiell als wichtig und potenziell klinisch relevant für diese Fragestellung ein. Dennoch sind für sie viele Punkte noch unklar, und sie fordert wie andere Experten Langzeitdaten aus prospektiven, kontrollierten Studien. Nur diese könnten beantworten, ob Erythrit im Langzeitgebrauch tatsächlich unschädlich ist.
Erythrit-Studie mit vielen Limitationen
An der vorliegenden Studie kritisiert Dr. Meyer-Gerspach, dass die Forscher nicht zwischen der körpereigenen Produktion von Erythrit und dem Konsum von Erythrit unterschieden. «Bei hohen Blutzuckerspiegeln ist es bereits belegt, dass der Körper Erythrit selbst herstellt, um den Zucker rascher abzubauen», weiss die Expertin. Das könnte bei den in der Studie untersuchten Risikopersonen, bei denen möglicherweise Übergewicht oder Diabetes vorlagen, der Fall gewesen sein. Einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Erythrit und einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen sieht sie zudem in der Arbeit nicht.
Dr. Meyer-Gerspach erinnert ausserdem, dass es nicht möglich ist, die Studienergebnisse auf die Normalbevölkerung zu übertragen. «Es handelte sich bei der Population um eine mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko».
Ihre Kollegin PD Dr. Bettina Wölnerhanssen betont, dass eine Zuckerreduktion aus medizinischer Sicht dringend notwenig ist. «Idealerweise wird aber der Konsum an süss schmeckenden Substanzen reduziert und der Zuckerersatz durch Zuckeralternativen limitiert. Getränke mit Zuckeralternativen sollten nicht als Ersatz für zuckerhaltige Getränke empfohlen werden.» Die Hauptquelle der Flüssigkeitsaufnahme solle laut der Expertin weiterhin Wasser sein.
Referenz
- Witkowski M et al. (2023): The artificial sweetener erythritol and cardiovascular event risk. Nature Medicine. DOI: 10.1038/s41591-023-02223-9.
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