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Jetzt bin ich wieder das nackte Kind, das dachte, die Gestalt auf dem Gemälde sei eine Frau:
Die Linien eines weichen Körpers, ein gerader, offener Blick, ein leuchtend hellblaues Tuch, das sich an ihre Nacktheit schmiegte und ihr von der Schulter in den Schoss floss – so sass sie da, umgeben von anderen Gestalten im Schattengebüsch: Die Königin meiner Kindheit.
Ich fühlte die Liebkosung dieses Tuches auf meiner Haut, ich fühlte mich schön in meiner Nacktheit. Im Anblick dieser Gestalt wusste ich mich gemeint, ihre Augen sprachen mich aus der Mitte des Bildes an – zwei offen stehende Quellen aus der Welt dahinter.
Und wir luden uns gegenseitig in unser Zuhause ein, ich sie in mein Kinderzimmer, sie mich in ihren Wald: Wo sonst mein Bett stand, wuchs jetzt der Baum, unter dem sie sass; auf meinem Teppich lagen grosse Steine, und ich hüpfte von einem zum anderen und fühlte unter meinen Füssen weiches Moos.
An den Zeichen, die auf der weissen Buchseite daneben standen, war ich bei meinem Einstieg ins Bild lange Zeit, ohne sie zu beachten, vorbeigegangen. Ich blieb noch nicht an ihnen hängen, und sie nicht an mir. Bedeutungslos flossen sie durch mich hindurch. Aber langsam begannen sie, klarer zu werden. Ich schaute mir die schwarzen Linien genauer an, wunderte mich, ob sie etwas zu tun hätten mit meinem Bild. Und als ich eines Tages aus dem Wald zurückkam und an der Wand vorbeigehen wollte, verhakte sich plötzlich im Rand meines Blickfelds die scharfe Spitze eines Zeichens. In mein Vorbeifliessen war ein Pflock geschlagen. Ich musste stehen bleiben und schaute genauer hin: Es war ein «A». Als dieses erst einmal feststeckte in mir, folgten ihm die anderen Zeichen und reihten sich hinter das A ein, sodass ich auch sie als Buchstaben erkannte und die ganze Kette schliesslich als Wörter. So zogen sie meine Aufmerksamkeit an Land, spannten sie auf und schrieben sich darauf:
«Apollo und die Musen».
Apollo? Ich schaute zurück in den Hain, wo ich hergekommen war und soeben noch gespielt hatte. Aber er schien plötzlich zu versinken, eigenartig unter mir wegzuziehen, und mit ihm entzog sich mir der Boden, und alles versank in einem Strudel wirbelnder Farben, der sich tiefer und tiefer bohrte. Ich wollte mich abwenden, strauchelte, meine Füsse am Abgrund, hielt mich gerade noch an einem der Buchstaben fest und zog mich an der Wand hoch, klammerte mich an die Worte, während unter mir eine Welt zerfiel.
Als es vorbei war, liess ich erschrocken den Buchstaben los. Er hatte rote Striemen in meine Handflächen geschnitten, so fest hatte ich ihn umklammert. Ich stolperte weg und rannte in mein Zimmer zurück: hier der hellblaue Teppich, hier mein Bett, das Tischchen. Alles so, wie es sein sollte.
Und da sass ich, wie aus einem Traum gefallen, auf meinem Schoss ein schweres Buch. Ich hatte mich also getäuscht. Apollo und die Musen – da stand es schwarz auf weiss und bezog sich ohne Zweifel auf das Bild, das immer meins gewesen war. Jetzt hatten sich die Gestalten, die Farben, hatten sich Büsche und Steine, hatte sich der Raum des Bildes zurückgezogen in ein Viereck und sich flach auf die Bildseite gelegt. Aber sie lächelten, die Gestalten, und blickten mich aus dem Bild an. Ihnen schien es gut zu gehen in ihrem Viereck. Und ‹sie›? Meine Verwirrung war so gross, dass mir die Augen weh taten, wenn ich sie jetzt ansah. Apollo. Jede Linie ihres Körpers stand jetzt unter der Zuschreibung dieses Namens. Er übte eine Macht aus über das, was ich sah, gegen die ich hilflos war. Was ich für wirklich gehalten hatte, beanspruchte er für sich und stellte mein Sehen als Täuschung hin. Als Gartenzaun stellten sich die Buchstaben um das Bild auf und liessen mich aussen vor.
Viele Jahre stand der Bildband im Regal. Weggesteckt zwischen seine Seiten war meine Verwirrung und mein unbestimmbares Gefühl der Scham. Besser, den Graben nicht zu besuchen, der sich in mein Verstehen gerissen hatte. Ich fürchtete, er könnte sich, wenn ich das Buch aufschlug, ausbreiten unter meiner neu zurechtgelegten Welt und sie ins Wanken bringen. Mittlerweile hatte ich Halt gefunden in der Ordnung der Worte. Ich wollte das mit viel Vorsicht errichtete Gebilde nicht gefährden. Ich wollte nicht, dass die Wut hochkam. Die Wut, die mich laut und hässlich wie das beraubte Kind, das ich war, nach meiner Königin hätte schreien lassen und sie aus der Umzäunung zurückgefordert hätte. Aber wer wollte ein lautes, wer ein hässliches Kind? Also blieb ich stumm und überliess ihren Garten der Überwucherung. Das Buch blieb, wo es war, und ich zog meine Kleider an.
Ich weiss nicht, wie es kam, dass ich jetzt wieder das nackte Kind bin.
Vielleicht waren mir die Kleider zu eng geworden. Vielleicht bemerkte ich plötzlich ein Fehlen von etwas, das sich unter jedem Tag auftat; ein Etwas-nicht-mehr-Wissen, das abends durch die sauberen Zimmer im Haus meines Verstandes blies und nur ein Sehnen zurückliess. Aber dieses Sehnen wurde so gross, so unüberhörbar in seinem Still-Sein, dass ich immer weiter weggehen musste vom Tag, bis ich an seinen Rand kam. Irgendwann müssen die Kleider, locker geworden in den Nähten, von mir abgefallen sein, und ich stand wieder am Abgrund.
Umkehren? Ich konnte nicht. Ich wusste, dass das, was mir fehlte, dort in der Dunkelheit lag. Ich wusste, dass das, was ich vergessen hatte, mein Leben war. Also liess ich los.
Und ich schlitterte und rutschte und ich fiel, bis ich unten unsanft aufschlug. Ich schaute mich um, ich erkannte vage einen verwilderten Gartenzaun, von dem ich nur wusste, dass er mich fernhielt von etwas. Auf allen Vieren kroch ich über den kühlen Boden auf den Zaun zu und zog mich daran hoch, um hinüberzuschauen.
Und da stehe ich nun und rufe in die Nacht.
Da stehe ich, nackt, und ich fühle es plötzlich: ein Zittern in der Luft, ein plötzliches Erinnern wie kurz vor dem Sonnenaufgang. Es ist, als würde die Luft sich an mich schmiegen und meine Haut liebkosen, die sie so lange vermisst hat. Und sie umhüllt mich mit der begeisterten Zärtlichkeit einer Liebenden, die endlich die Geliebte wiedererkennt. Als hätte mich das Ohne-Kleider-Sein jetzt endlich wieder fühlbar gemacht für die Luft, die so lange auf mich warten musste und nicht wusste, wo ich war.
Ich bin hier, flüstere ich in die Luft.
Und ich weiss nicht, was mit dem Zaun geschah – die Wörter, aus denen er so fest gefügt war, haben sich gelöst und zu tanzen begonnen, und wir suchen im Wortgewirbel, die Luft und ich, nach den Buchstaben, die wir brauchen: eine Brücke zu bauen, uns einen Weg auszulegen durch das Dickicht dorthin, wo wir sie wieder wissen:
unsere Königin.