Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03162.jsonl.gz/3057

Die Wirtschaftsgeschichte hat sich in den letzten Jahren vom Etikett «Industrialisierung», mit dem sie früher versehen war, gelöst. Unter «Industrialisierung» war nämlich vor allem die Erste und teilweise die Zweite Technische Revolution verstanden worden und die Wirtschaftsgeschichte hatte dementsprechend etwa mit der Innovation der Eisenbahn um 1900 geendet, während die Lernenden in ihrem Alltagsleben mit den Ergebnissen der wirtschaftlichen Entwicklung des 20. Jahrhunderts konfrontiert sind. Und dieser Entwicklung mit der Ausdehnung des Tertiären Sektors wird das Etikett «Industrialisierung» nicht mehr gerecht.
Die Vermittlung der Schweizer Wirtschaftsgeschichte orientiert sich deshalb am Modell der «Technischen Revolutionen», einem Begriff, der nicht nur den zweiten, sondern auch den ersten und dritten Wirtschaftssektor einbezieht und zudem deutlich macht, dass sich die Revolutionen im Bereich der Technik abspielten, während Gesellschaft, Politik und Kultur allmählich darauf reagierten. Die Schweizer Wirtschaftsgeschichte kann deshalb gegliedert werden in
1798
Protoindustrialisierung: Verlagssystem, Textil, Uhren
1815
1848
1. Technische Revolution: Textil, Maschinen
1870
1874
2. Technische Revolution: Chemie, Elektrizität, Erdöl
1914/18
1939/78
1970
3. Technische Revolution: EDV, IT, Atomkraft, alternative Energie
Die Phase der Protoindustrialisierung im 18. Jahrhundert legte (wie fast überall in den zukünftigen Industriestaaten) das Fundament für die kommenden Entwicklung. In der Schweiz bestand sie in der Ausdehnung des zweiten Wirtschaftssektors über die Städte hinaus auf das Land, wo die meist städtischen Unternehmer (Verleger) Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter fürs Baumwoll- und Seiden-Spinnen, dann Weben und die Uhrenherstellung rekrutierten. Die zusätzlichen Beschäftigungsmöglichkeiten sowie die Intensivierung der Landwirtschaft nach der allmählichen Ablösung der Dreizelgenwirtschaft ermöglichten vermehrte Haushaltgründungen und führten zu einem starken Bevölkerungszuwachs.
Die Entwicklung von Textilmaschinen zur Nutzung von Fremdenergie in Grossbritannien führte zu einer rationelleren, arbeitskraftsparenden Produktionsweise in der Textilindustrie. Die napoleonische Kontinentalsperre (1806–1813) und die im Gefolge der politischen Umwälzungen in der Schweiz (1798–1815) zunehmende Liberalisierung der Wirtschaft setzte die Heimarbeit unter Druck. Unternehmer bauten Fabriken auf, wobei sie im Gegensatz zu Grossbritannien weniger die Dampf- als vielmehr die Flusswasserkraft nutzten. So entstanden dezentrale Fabriken auf dem Land. Dorthin mussten nun ehemalige Heimarbeiterfamilien arbeiten gehen.
Durch die wissenschaftlichen und technischen Innovationen erweiterte sich ab etwa 1870 das Spektrum der Industrien: Elektrizität (Starkstrom) und später Erdöl ermöglichten flexibler einsetzbare Energiequellen mit höherer Energiedichte; die Erkenntnisse der Naturwissenschaften konnten in Innovationen in Medizin, Ernährung, der Mobilität und der Kommunikation umgesetzt werden. Die Entwicklung der Schweiz zum einheitlichen Wirtschaftsraum nach den Bundesverfassungen von 1848 und 1874 erleichterte nicht nur die Mobilität im Landesinnern, sondern auch den Güteraustausch mit dem Ausland. Da die naturwissenschaftlich und technisch basierten Unternehmen hohe Anfangsinvestitionen benötigten, entstanden Aktiengesellschaften und das Geschäftsbankenwesen. Neue Berufe ermöglichten den Aufstieg aus der Arbeiterschaft in die Angestelltenschicht. Die wachsende Kaufkraft führte nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Konsumgesellschaft und zu einer Übernutzung der planetaren Grenzen seit den 1950er-Jahren.
Die seit etwa 1970 wirksam werdenden Innovationen im Bereich der digitalen Datenverarbeitung und der Kommunikation basierten auf den fast unerschöpflichen Energievorräten dank der zusätzlichen Nutzung der Atomkraft. Der Modernisierungsschub führte zu einer weiteren Expansion des Dienstleistungssektors, ohne dass die industrielle und landwirtschaftliche Produktion zurückging. Die Globalisierung und die damit gesteigerte Wirkung des Prinzips der komparativen Kostenvorteile führten zu einer weltweiten Wohlstandsvermehrung – allerdings auf Kosten der planetaren Grenzen.