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Updated: Dec 16, 2020
Die Adventszeit ist auch die Zeit der Engel. Zumindest heute. Man findet sie im Dezember in jedem Kaufhaus, in der Abteilung für Dekorationsmaterial, auf Servietten, und wäre es nicht das Jahr 2020 und die zweite Welle der Coronapandemie, wir würden sie an jedem Weihnachtsmarkt antreffen. Kinder mit kleinen Flügeln, elegante Jünglinge mit Schwingen, die einem Adler Konkurrenz machen würden, geschlechtslose Wesen in weiten Gewändern mit Fittichen in allen möglichen Farben. Dann gibt es natürlich noch die Erzengel: Michael, Gabriel, Raffael… der Kenner zählt auch noch den Uriel auf.
Darüber hinaus gibt es spätestens seit Pseudo-Dionysios Areopagita, ein Theologe des frühen 6. Jahrhunderts, eine Klassifikation der Engel, die neun Chöre der Engel unterteilt in drei Hierarchien. Die wichtigsten drei Chöre der höchsten Hierarchie sind die Cherubim, gefolgt von den Seraphim und den Thronen. Es folgen in der zweiten Hierarchie die Herrschaften, die Mächte und die Gewalten. In der untersten Hierarchie finden sich die Fürsten, die Erzengel und die Engel. Wir sehen, wenn die Menschen es mit den ihnen wichtigsten Engel zu tun haben, mit den Erzengeln, dann ist es gerade mal die zweitunterste Stufe der Karriereleiter der Engel. Ein schönes Beispiel aus der Kunst ist die Wandmalerei von Thomas von Villa in der Pfarrkirche St. Andreas in Thörl (Kärnten) von ca. 1470. Darauf erkennt man alle neun Chöre der Engel mit Beischrift. In diesen ganzen Aufzählungen geht ein Engel aber gerne vergessen: Lucifer. Der schönste der Engel, Beelzebub, Satan oder einfach der Teufel wird in der Bibel kaum beschrieben. Seine Geschichte leitet sich nur indirekt aus der Bibel ab, in Jesaja 14,12-15 (12 Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! Wie wurdest du zu Boden geschlagen, du Bezwinger der Völker! 13 Du aber gedachtest in deinem Herzen: »Ich will in den Himmel steigen und meinen Thron über die Sterne Gottes erhöhen, ich will mich setzen auf den Berg der Versammlung im fernsten Norden. 14 Ich will auffahren über die hohen Wolken und gleich sein dem Allerhöchsten.« 15 Doch hinunter ins Totenreich fährst du, in die tiefste Grube!) und im Lukasevangelium 10,18 (18 Da sagte er zu ihnen: Ich sah den Satan wie einen Blitz aus dem Himmel fallen.) Mehr gibt es nicht. Und trotzdem ist der Teufel im heutigen Christentum eine Selbstverständlichkeit. Eine menschenähnliche Gestalt mit Flügeln, Hörnern, einem hässlichen Gesicht, Schwanz und gespaltenen Hufen. An der Vorstellung vom Teufel hatte die Kunst den wesentlich grösseren Anteil, als es die Schrift hatte. Doch auch hier wird es kaum überraschen, dass es Jahrhunderte gedauert hat, bis uns das Bild des Teufels in der uns gewohnten Form vor Augen steht.
Die womöglich früheste Darstellung des Lucifers stammt aus dem 6. Jh. und findet sich in Ravenna in der Kirche Sant’ Apollinare Nuovo. Im Langhaus ist über mehrere Szenen das Leben Christi dargestellt, ganz oben, direkt unter der Decke, findet sich eine Darstellung des Jüngsten Gerichtes, die Schafe werden von den Böcken geschieden. Von uns aus gesehen links sind die Schafe, die Guten, begleitet von einem rot leuchtenden Engel. Auf der rechten Seite sind die Böcke, die Schlechten, welche nicht in den Himmel eingehen werden. Wer steht hinter ihnen? Ein Engel in dunklem Blau. Ist es Lucifer? Wir werden es nicht klären können und die Kunsthistoriker können sich darüber trefflich streiten. Hier aber finden wir zum ersten Mal eine Figur, die wir als schlechten Engel oder Engel der Nacht bezeichnen können. Erst im Laufe der Jahrhunderte wird aus diesem schönen Engel durch Übernahme heidnischer Götterbilder die abstossende Teufelsfratze, die wir heute kennen. Auch wenn Lucifer, Satan oder der Teufel in der Bibel kaum eine zentrale Rolle spielt, so wird er theologisch entscheidend, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, wie das Böse in die eigentlich gut geschaffene Welt kam. Es ist die Entscheidung des einzelnen, nicht gut zu sein. Lucifer war hochmütig und wollte Gott ebenbürtig sein, Adam und Eva … das alte Lied. Wir kennen es zur Genüge.
Enrico Scrovegni und das Reinwaschen eines Bankiers
Am 6. Februar 1300 kaufte Enrico Scrovegni, ein reicher Bankier, Kaufmann und Adliger aus Padua, ein verfallenes römisches Amphitheater (Arena) in den Außenbezirken von Padua, um einen heute zerstörten Familienpalast und eine Kapelle im Gedenken an seinen Vater, den Bankier Rinaldo, bauen zu lassen. 1302 begann der Bau der Kapelle, am 25. März 1305 wurde die Kapelle geweiht.
Enrico Scrovegni hat das Geld, welches er für den Bau von Palast und Kapelle verwendet hat, von seinem Vater geerbt. Dieser hat das familiäre Vermögen durch Wucher, im spezifischen durch Zinswucher, aufgebaut. Der Begriff meinte nicht nur den Geldverleih zu überhöhten Zinsen, so wie wir ihn heute gebrauchen. Negativ behaftet war der Geldverleih gegen Zins an sich. Das kanonische Recht der katholischen Kirche verbot es und erachtete es als besondere Form des Raubes, da es nur rechtschaffene Arbeit, nicht aber die Arbeit des unfruchtbaren Geldes, welches sich dabei scheinbar von selbst vermehrt, akzeptieren konnte. Das galt als eine widernatürliche Vermehrung und wurde aus diesem Grund immer auch mit der Sodomie verglichen. Man erkennt das Problem, der Weg in die Hölle scheint schon gepflastert. Enrico Scrovegni steht also vor dem Problem, dass er mit dem elterlichen Vermögen nicht nur Geld, Ländereien und ein florierendes Bankhaus geerbt hat, sondern auch die damit verbundene sündige Hypothek. «Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt» (Markus 10,25). Geld und ewiges Leben: Muss das einander wirklich ausschließen? Ist nicht beides möglich? Es ist möglich, zum Beispiel durch das Fegefeuer. Im hohen Mittelalter wird dieser Ort… nun ja…tatsächlich einfach erfunden: der Hölle ähnlich – mit dem wichtigen Unterschied, dass der Aufenthalt dort, im Fegefeuer, zeitlich begrenzt ist.
Wie lange ein Sünder dortbleiben muss, hängt von ihm selbst ab, davon, ob er seine Sünde bereut, ob er auf Erden Gutes tat mit seinem Geld. Es hängt aber auch von seinen Angehörigen ab. Je mehr sie für den Verstorbenen beten und Almosen an die Armen geben, desto eher kann der Unglückliche erlöst werden.
Die Stiftung der Capella Scrovegni in Padua wird aus diesem Grund als ein Versuch der Wiedergutmachung oder, etwas negativer ausgedrückt, als Bestechungsversuch verstanden. Die Westwand der Kapelle zeigt ein überbordendes Jüngstes Gericht. Direkt über der Tür, durch die man die Kirche betritt und verlässt, kniend im violetten Büssermantel, übergibt Enrico Scrovergni ein Kirchenmodell an drei himmlische Gestalten. Mittig Maria, links Johannes der Evangelist, rechts eine weitere Frau, die in der Forschung kontrovers diskutiert wird. Wahrscheinlich scheint an dieser Stelle Maria Magdalena, die Büsserin schlechthin. Gestützt wird das Kirchenmodell, so nimmt die Forschung an, vom Bischof von Vicenza, der die Stiftung genehmigt hat. Was auffällt, ist, dass Scrovegni nicht mittig über der Tür dargestellt ist, sondern von uns aus gesehen nach links verschoben gezeigt wird. Er ist also schon auf der Seite der Gerechten dargestellt, welche am Jüngsten Tag in den Himmel aufgenommen werden. Über ihm sieht man die Gruppe der Märtyrer, erkennbar an den Märtyrerpalmen in ihren Händen, gefolgt von den Propheten und heiligen Kirchenmännern darüber. Mittig im Bild und unter dem Fenster befindet sich der richtende Jesus in einer Feuermandorla, umgeben von den Aposteln. Darüber links und rechts die heiligen Jungfrauen und Kriegerheilige. Ganz oben im Bild ist das Ende aller Zeiten angezeigt, wenn der Himmel wortwörtlich eingerollt wird. Von Jesus ausgehend fliesst ein feuriger Strom in die untere rechte Bildecke. Dort befindet sich die Hölle. Hier jetzt tritt uns dieses Ungeheuer entgegen, das wir alle kennen. Mächtig und dick sitzt der Teufel in der Mitte der Hölle auf einem Drachen, umgeben von armen Sündern. Einen um den nächsten stopft er sich in den Schlund, um ihn im nächsten Moment unverdaut wieder auszuscheiden. Und man ahnt schon, dass dann das ganze Prozedere wieder von neuem beginnt. Wie in Ravenna ist der Teufel blau, er ist die Nacht, die Dunkelheit, das Gegenteil des rot leuchtenden Christus, der oben in der Mandorla über die Menschen richtet. Beim Blick in die Hölle ist die gehäufte Darstellung von Geldbeuteln auffällig. Sie scheinen geradezu überall herumzuliegen und an jedem Gürtel zu hängen. Wenn in anderen Höllendarstellungen zwar auch das Thema des Geldes eine Rolle spielt, so ist diese mehrfache Darstellung in der Arenakapelle sicher erwähnenswert und aus dem Grund der Stiftung abzuleiten. Die Darstellungen der Hölle, so oft sie in den Kirchen seit dem Mittelalter und bis weit in den Barock vorkommen, sind immer auch ein Ort, an dem spezifisch Kritik an der Zeit und der Gesellschaft geübt werden kann. Hier bei Enrico sehen wir eine Selbstkritik, aus der die Furcht der Zeit vor ewigen Höllenqualen spricht. Besser jetzt, als wenn es später schon zu spät ist! Das Fegefeuer wird sich nicht vermeiden lassen, aber wenigstens nicht die ewigen Höllenqualen an der Seite des Teufels.
Fabian Felder