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Buch: James D. Bratt. Dutch Calvinism in Modern America: A History of a Conservative Subculture. Eerdmans: Grand Rapids 1984. 368 Seiten. 24,50 Euro.
James D. Bratt (*1949) ist Historiker und langjähriger Professor am Calvin College. Er gehört selbst zur Subkultur, deren Geschichte er in diesem Buch nachzeichnet und für das er den Doktorgrad der Yale University erhielt. Bratt ist zudem Übersetzer einer repräsentativen Textauswahl von Abraham Kuyper (Abraham Kuyper: A Centennial Reader. Eerdman: Grand Rapids 2002) und einer ausführlichen Biographie über den berühmten Journalisten, Politiker und Theologen (Abraham Kuyper: Modern Calvinist, Christian Democrat. Eerdman: Grand Rapids 2013).
Weshalb interessierte mich ein solches Buch? Es war nicht nur das Interesse an historischen und kirchengeschichtlichen Fragen, das mich für die Lektüre motivierte. Ich wollte mehr über eine Gruppe von Auswanderern und deren Nachfahren erfahren, die so viele denkende und schreibende Köpfe hervorbrachten. Ich stellte zwei Fragen an das Buch: Woher kam ihre Produktivität? Was kann ich ausserdem aus den 100 Jahren ihrer Geschichte lernen? Da ich mich selber als Nutzniesser ihres geistigen Erbes sehe, wollte ich ohne Scheuklappen auch auf dunkle Flecken und warnende Beispiele blicken.
Eine erste grosse Orientierungshilfe stellte eine kleine Abbildung dar (S. 47). In einer Matrix hat Bratt vier Mentalitäten der niederländisch-amerikanischen Gemeinschaft abgebildet und beschrieben (S. 43-54). Die Sezessionisten standen den Neo-Calvinisten bzw. Kuyperianern gegenüber. In beiden Strängen gab es ein optimistisches, nach aussen orientiertes sowie ein defensiv-introvertiertes Lager. Die jeweiligen Führer erhielten ihre Prägung oft durch einen ähnlichen Hintergrund (z. B. Auswanderer erster/zweiter Generation) und durch die gemeinsame Ausbildungsstätte. Eine solche Analyse ist deshalb hilfreich, weil sie ein Verständnis für die Ausprägung verschiedener Frömmigkeitsstile und Schwerpunktthemen schafft.
Eine zweite Unterstützung erhielt ich durch ein im lesenswerten Fussnotenapparat angewandtes Modell. Bratt greift auf das Modell des Anthropologen Anthony F. C. Wallace zurück, mit dem er fünf Phasen der Neo-Calvinistischen Bewegung beschreibt (S. 232-233): 1. Erfahrung von erhöhtem Stress bei vielen Einzelnen (1860er-Jahre, Abraham Kuypers Bekehrung und erste grosse Reden); 2. Kulturelle Desorientierung (1870er-Jahre; durch den „Katalysator“ des Schulstreits scharten sich viele Einzelne um den Führer Kuyper); 3. Revitalisierung (1880er-Jahre: Gründung von eigenen Institutionen, insbesondere einer Universität und einer Kirche); 4. Adaption (1890-er Jahre; Verfestigung der eigenen Ideologie und der Wahrnehmung der Aussenwelt); 5. Routine (nach Kuypers Tod 1920; die Kultur wird als modus vivendi innerhalb einer grösseren Gesellschaft akzeptiert). Bratt sieht den Neo-Calvinismus insgesamt als Mischung zwischen „erwecklichen“ und „utopischen“ Elementen, also der Wiederherstellung eines verlorenen und der Bildung eines zukünftigen Goldenen Zeitalters.
Jeder Bewegung sind eine Anzahl Begriffe mit einer spezifischen Bedeutung eigen. Bratt ersetzt so den zum Cliché verkommenen Ausdruck „Weltanschauung“ durch „Ideologie“. Diesen definierte er nicht nur politisch-moralisch, sondern als ein „Set von Annahmen, Ideen und Werten“ für den philosophischen, kulturellen, religiösen und sozialen Bereich (S. 238). Ebenso verkam der Begriff „Souveränität Gottes“ oft zu einem Slogan, einer „magischen Wand“, an der alle irre geleiteten Ideen der Gegner abprallen konnten (S. 26). Den Begriff der „Allgemeinen Gnade“ diente einem ihrer Begründer, Herman Bavinck (1854-1921), als Basis für die Vermittlung. Mit Hilfe dieses Konzepts konnte er einen gemeinsamen Bereich mit Menschen verschiedener Glaubensrichtungen abstecken und viel Wertvolles in nicht-christlichen Kulturen und zeitgenössischen Denkkonzepten entdecken (S. 31). Während sich die einen an diesem Konzept ausrichteten und einen Kultur-orientierten Weg einschlugen, definierten sich andere vor allem über die „Antithese“ zwischen der Kirche und der Welt (zur Begriffsbildung durch Kuyper siehe S. 18-20).
Bratt zeigt eindrücklich auf, wie innig eine Bewegung mit ihrer Zeit verbunden war. Besonders lehrreich fand ich die Phase der Differenzierung durch interne Streitigkeiten (1917-1928). Auslöser dafür war der Erste Weltkrieg, welcher dem Optimismus der Vorkriegszeit einen herben Dämpfer versetzte. Die Lehren der „völligen Verdorbenheit“ (total depravity) und des göttlichen Gerichts (divine punishment) für nationale Sünden wurden in den Vordergrund gestellt (S. 85). Natürlich wurde auch die Legitimität eines Kriegs debattiert: Ist der Krieg ein Instrument von Gottes Vorsehung und deshalb nötig? Dazu kam die grosse Frage der allmählichen Anpassung an die US-amerikanische Kultur auf. Während die einen dafür plädierten, die niederländischen mit den besten amerikanischen Ideen zu kombinieren und einen vitalen Amerikanischen Calvinismus zu entwickeln (S. 91), stellten sich andere gegen die Integration, angefangen bei der englischen Sprache. Die Zwischenkriegsphase führte zum Aufschwung des Prämillenialismus (S. 95ff), was angesichts der theologischen Prägung erstaunlich ist. Zudem stellte sich die Frage, inwiefern ein gesellschaftlicher Separatismus lebbar ist. Während in der Ausbildung eigene Institutionen geschaffen werden konnten, war eine Integration in politischen und wirtschaftlichen Fragen nicht zu umgehen (S. 101). In den 1920er-Jahren erschütterten intensive Debatten die ganze Gemeinschaft. Während es im „Fall Janssen“ um die Ablehnung der „höheren Kritik“ an der Bibel ging (S. 105ff), betraf der „Fall Hoeksema“ das Konzept der „Allgemeinen Gnade“ (common grace). Begleitet von unschönen Manövern verschiedener Interessensgruppen wurde um die Frage der Anpassung an den Kultur vs. Weltflucht gerungen. In der Snyode von Kalazamoo (1924) entstand ein wegweisendes Statement.
Es würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, das Buch zusammen zu fassen. Ich zeichnete mit dem Stift alle Stellen an, in denen Argumente verschiedener Standpunkte gegeben wurden. Es geht insbesondere um die Grundfrage der Beziehung zwischen Christentum und Kultur. Ich komme zurück zu meinen beiden Eingangsfragen. Woher kam die Produktivität dieser Subkultur? Bratt zeigt auf, wie eine religiös sehr aktive Gruppe auf mehreren Ebenen intensiv um Antworten rang. Es ging um das Hochhalten ihres theologischen Erbes und die grossen Fragen der Zeit, mit der sie sich auseinander setzen mussten. Dazu kamen Fragen der Integration und Assimiliation, insbesondere die Konfrontation mit dem US-amerikanischen Nationalismus und dem Konsumismus. Die räumliche Nähe und eigene Institutionen (Kirche, Schulen, Colleges) bildeten den Nährboden für die Entwicklung der eigenen Subkultur. Welche Lektionen habe ich mir zu Herzen zu nehmen? Ich sehe drei: Die Beantwortung der Fragen nach der Autorität der Bibel und nach der Beziehung zur Kultur stellen Weichen. Eine aktive und bewusste Auseinandersetzung bleibt ständige Aufgabe. Zweitens lauert permanent die Gefahr sich in unschöne Streitigkeiten zu verwickeln. Es geht nie nur um die inhaltlichen Fragen, sondern auch immer um die Art und Weise, wie Auseinandersetzungen geführt werden. Drittens verstärkt sich das Bewusstsein, dass wir Kinder unserer Zeit sind und bleiben, dies in doppelter Hinsicht. Nicht nur werden wir von der Gegenwartskultur in Beschlag genommen. Auch unsere (geistliche) Biographie prägt uns. Eine unangenehme, aber notwendige Aussensicht vermitteln uns „Aussteiger“, Bratt hat vier Autoren portraitiert (S. 159-183). Trotz ihrer vermeintlichen Loslösung blieben sie zeitlebens der Bewegung verbunden, und sei es durch ihre konsequente Ablehnung bzw. Ausblendung.