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Viele Denkfabriken nehmen bereitwillig Spenden der Tabakkonzerne entgegen und vertreten tabakfreundliche Positionen. Dadurch gelangen die Interessen der Konzerne wieder in die politischen Debatten.
Think Tanks – in der Schweiz auch als Denkfabriken bekannt – geniessen in der Regel einen guten Ruf. Ihre Berichte, Einschätzungen und Empfehlungen gelten als unvoreingenommen und profund. Was Schweizer Denkfabriken wie Avenir Suisse oder das Gottlieb Duttweiler Institut publizieren, wird breit rezipiert und fliesst in die politischen Debatten mit ein.
Wie Recherchen der englischen Zeitung The Guardian zeigen, sind Denkfabriken aber mitunter weniger seriös, als man annehmen darf. Die Zeitung hat die Zuwendungen an 475 Organisationen ausgewertet, die dem «Atlas Network» angehören, einer internationalen Dachorganisation von Think Tanks aus aller Welt. Eine stattliche Zahl von ihnen nimmt bereitwillig Spendengelder der Tabakindustrie entgegen und vertritt tabakfreundliche Positionen.
Renommierte Empfänger
106 – mehr als ein Fünftel – der untersuchten Denkfabriken vertreten Positionen, die der Tabakindustrie in die Hände spielen, etwa indem sie strengere Regulierungen von Tabakprodukten ablehnen. Mindestens 53 aller Think Tanks haben Geldspenden der Tabakindustrie angenommen, darunter Zahlungen von Philip Morris International (PMI), British American Tobacco (BAT) und/oder Japan Tobacco International (JPI). Geldflüsse an Schweizer Denkfabriken, die Mitglied des Atlas Networks sind, wurden keine gefunden. Auf der Empfängerliste befinden sich jedoch Think Tanks wie das Adam Smith Institute aus Grossbritannien und das Cato Institute aus den USA, die zu den einflussreichsten der Branche gehören.
Etliche Denkfabriken waren in Aktivitäten involviert, die als direkte Lobbyarbeit für die Tabakindustrie gelten können:
- Als die US-amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA 2018 über die Einführung des Tabakprodukts zum Erhitzen Iqos zu entscheiden hatte, sprachen sich über ein Dutzend Think Tanks für das Produkt von Philipp Morris aus. Ein Think Tank, der in den Jahren zuvor mindestens vier Zuwendungen von Philip Morris erhielt, bescheinigte dem Produkt eine «eindrückliche Erfolgsgeschichte».
- 30 Think Tanks unterzeichneten 2016 einen Brief an die Weltgesundheitsorganisation WHO, der sich gegen die Einführung von Einheitsverpackungen (Plain Packaging) aussprach. Plain Packaging ist ein wirksames Mittel, um den Tabakkonsum einzudämmen.
- In Ghana setzte sich das Imani Centre for Policy and Education, einer der einflussreichsten Think Tanks in Afrika, in den letzten Jahren entschieden gegen Einheitsverpackungen, Zigarettensteuern und gegen ein Rauchverbot in Innenräumen zur Wehr. In einer Publikation aus dem Jahr 2013 wird sogar die Verbindung zwischen Rauchen und Lungenkrebs angezweifelt. Afrika steht aufgrund der prosperierenden Wirtschaft und dem grossen Anteil junger Menschen besonders im Fokus der Tabakkonzerne.
- Als die Regierung in Malaysia 2017 Zigaretten um 23% verteuern wollte, warnte das Institute for Democracy and Economic: Höhere Preise würde den Schmuggel massiv verstärken, ohne die Zahl der Raucherinnen und Raucher zu senken. Die US-amerikanische Denkfabrik argumentierte mit zwei Studien – eine davon ist bis heute nicht öffentlich zugänglich, die andere stammt von Philip Morris. Gemäss Experten sind die verwendeten Zahlen massiv übertrieben. Die Steuererhöhung kam nicht zustande.
Diese Beispiele zeigen deutlich: Die Zuwendungen an die Think Tanks geschehen mit dem Ziel, politische Prozesse und Meinungen zu beeinflussen. In den einflussreichen und vermeintlich unabhängigen Denkfabriken finden die Tabakkonzerne ein Sprachrohr für ihre Anliegen, die, direkt aus der Industrie kommend, kaum Adressaten fänden.
Die Verstrickungen aufzudecken, ist nicht einfach. Think Tanks in den USA und in vielen anderen Ländern sind nicht verpflichtet, Zuwendungen offenzulegen. Das ist bedenklich, denn der Fall Malaysia zeigt: Die Tabakindustrie ist mit ihrem Gespann in der Lage, Bestrebungen der öffentlichen Gesundheit rasch und nachhaltig zu sabotieren.
Quellen:
The Guardian: «Revealed: the free-market groups helping the tobacco industry»: http://www.theguardian.com/business/ng-interactive/2019/jan/23/free-market-thinktanks-tobacco-industry
The Guardian: «How tobacco industry donations cloud debates over cigarette controls»: http://www.theguardian.com/world/2019/jan/23/tobacco-industry-free-market-thinktanks-cigarette-controls