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Als V. werden die im Vatikan abgehaltenen Zusammenkünfte der Bischöfe und Würdenträger der kath. Kirche bezeichnet. Das 1. Vatikanum, das 20. der sog. ökumenischen Konzilien, fand von 1869-70 statt, das 2. Vatikanum 1962-65.
Während des Pontifikats von Papst Pius IX. tauchte wiederholt der Gedanke auf, ein Konzil einzuberufen, das schützende Dämme gegen glaubensgefährdende Ideologien errichten sollte. 1869 traf sich der Weltepiskopat in Rom zur Diskussion von 20 Vorlagen, die von fünf vorbereitenden Kommissionen, denen kein Schweizer Theologe angehört hatte, erarbeitet worden waren.
Philipp Anton von Segesser, kath. Vordenker aus Luzern, verstand das 1. Vatikanum als Anstoss zur Kirchenreform im Hinblick auf die Überwindung der konfessionellen Spaltung. Er warnte vor neuen Dogmen, die weitere Hindernisse aufbauen könnten. Das kath. Kirchenvolk stand dem Konzil relativ gleichgültig gegenüber. Doch in der öffentl. Meinung gewann bald die Auffassung Oberhand, das Konzil sei nur einberufen worden, um die Unfehlbarkeit des Papstes zu proklamieren und dessen Prärogativen zu festigen. Der Bundesrat wehrte alle Versuche vonseiten staatskirchlich gesinnter kath. Radikaler ab, Vorbeugemassnahmen gegenüber den konziliaren Beschlüssen durchzusetzen.
In der Konzilsaula zeichnete sich eine Spaltung der Bischöfe ab: Eine den Ausbau des päpstl. Primats favorisierende Mehrheit stand einer Minderheit gegenüber, die eine Öffnung zur Welt befürwortete. Unter den Schweizer Bischöfen gehörten Joseph Franz Xaver de Preux von Sitten und besonders Gaspard Mermillod, apostol. Vikar von Genf, zur Mehrheit, auch der gemässigte Eugène Lachat von Basel. Carl Johann Greith von St. Gallen hielt sich als angesehener Sprecher der oppositionellen Minderheit zurück. Die Verkündigung der vatikan. Beschlüsse 1870, namentlich die Unfehlbarkeit des Papstes und dessen Jurisdiktionsprimat, rief in der Schweiz vorerst keine besondere theologisch profilierte Gegenbewegung hervor, obwohl einzelne Vertreter des Klerus in St. Gallen und Basel gegenüber den neuen röm. Dogmen opponierten. Im aufflammenden Kulturkampf und in der Entstehung der Christkatholischen Kirche können jedoch gravierende Spätfolgen des 1. Vatikanums gesehen werden.
Autorin/Autor: Victor Conzemius
Die 1959 erfolgte Ankündigung des 2. Vatikanums durch Papst Johannes XXIII. fand in der Schweiz eine positive, in kath. Kreisen teilweise euphor. Aufnahme. Die Schweizer Bischöfe und Äbte jedoch traten -- z.T. wegen ihres hohen Alters -- weder vor noch während des Konzils besonders in Erscheinung. Hingegen haben Schweizer Theologen an der Ausarbeitung wichtiger Dokumente mitgewirkt, so Johannes Feiner, Anton Hänggi, Benno Gut, Fernand Boillat, Charles Journet und Hans Küng, ebenso die als Beobachter eingeladenen Vertreter anderer Konfessionen wie z.B. der ref. Lukas Vischer. In vier Sitzungsperioden verabschiedete das Konzil von 1962-65 zahlreiche Beschlüsse. Die liturg. Reformen (z.B. die Zulassung der Muttersprache), das Ökumenismus-Dekret, das neu gefasste kirchl. Selbstverständnis gegenüber der modernen Welt sowie die Erklärung zur Religionsfreiheit berührten das kirchl. Leben unmittelbar. Die Öffnung, die das Konzil brachte, förderte die gesellschaftl.-kulturelle Integration der Katholiken in der Schweiz, führte zu einer Neupositionierung der kath. Kirche (Synode 72) und intensivierte die Zusammenarbeit der Konfessionen (Ökumene). Ein gewisser Pragmatismus hatte bereits ab Ende der 1930er Jahre die Stossrichtung des Konzils vorweggenommen.
Wie beim 1. Vatikanum traten Polarisierungen erst nach dem Konzil zutage, was sich auch in den neu entstandenen Bewegungen Una Voce, Pro Ecclesia et Pontifice und derjenigen Marcel Lefebvres äusserte (Integralismus). Die vom Konzil unterschätzte Glaubens- und Kirchenkrise am Ende des 20. Jh. im Kontext der Säkularisierung gab zusätzlich Anlass zu nachkonziliaren Spannungen.
Autorin/Autor: Victor Conzemius
Autorin/Autor: Victor Conzemius