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«Du kommst hier nicht rein.» Fabian Kieliger (30) hört den typischen Türstehersatz immer mal wieder, wenn er mit seinen Freunden ausgehen will. Er ist kein Aufmüpfiger. Er kleidet sich nicht seltsam. Er kommt nicht in grossen Männergruppen ohne Frauenbegleitung.
Er sitzt im Rollstuhl und kommt darum tatsächlich in viele Clubs nicht hinein. Weil die Eingangstür zu schmal ist. Oder weil sich der Club im Untergeschoss befindet, mit Treppe, ohne Lift. Einmal hiess es, man lasse ihn nicht rein, weil er in einem Brandfall nicht alleine rauskommen würde. Er kann das teilweise sogar nachvollziehen.
«Aber es ist hart, wenn man dir ins Gesicht sagt, dass du wegen des Rollstuhls nicht zur Party gehen kannst», sagt er. Fabian hat gelernt, für Hindernisse Lösungen zu finden. «Ich bin nicht behindert. Ich habe höchstens eine Einschränkung.» Aber einfach so einschränken lässt sich der junge Mann mit Glatze und dunkler Brille nicht.
Die neue Realität
Seit fast vier Jahren gehört der Rollstuhl zu Fabians Leben. Nach einer Lehre als Bäcker-Konditor hängt er eine weitere als Koch an und arbeitet schliesslich in der Wintersaison 2014/15 in Zermatt VS. An einem freien Sonntag, dem 12. April, feiert er in einer Hütte am Berg das Saisonende, als sein Chef ihn anruft. Er müsse nun doch arbeiten kommen.
Fabian macht sich auf den Weg ins Tal, besucht unterwegs noch einen Kollegen. Nun unter Zeitdruck, leiht er dessen Fahrrad aus. Er fährt los, ziemlich schnell, und verpasst die Linkskurve ins Tal. Er kommt von der Strasse ab, gerät auf einen steilen Wanderweg und versucht zu bremsen. Doch das Fahrrad hat Rücktritt.
Das reicht nicht aus, um seine Geschwindigkeit zu drosseln. «Danach erinnere ich mich erst wieder ans Aufwachen im Berner Inselspital. Wie ich verunfallt bin, musste man mir erzählen.» Sechs Meter tief stürzt er in ein Bachbett, ein Mann findet ihn mit kollabierter Lunge, sechs gebrochenen Rippen, drei kaputten Zähnen, einem Schädel-Hirn-Trauma und einer Querschnittlähmung ab dem achten Rückenwirbel. Seit dem Unfall ist Fabian Paraplegiker.
Integriert, nicht separiert
Es können in den ersten Monaten wieder gewisse Funktionen und Wahrnehmungen zurückkehren, ermutigen ihn die Ärzte. Nichts kommt zurück. Fabian schaut nach vorn: «Ich wollte meine Energie nutzen, um mich im Rollstuhl fortzubewegen, nicht um schlechte Gedanken zu haben und mich zu fragen, ‹Was wäre, wenn?›.» Wie sein Leben verläuft, will Fabian heute selbst bestimmen, und zwar ohne Kompromisse.
Auch nicht beim Ausgehen. Ein aktives Sozialleben gehörte vor dem Unfall zu ihm, und auch jetzt geht er gern weg. Aber nicht auf Partys speziell für Menschen mit Handicap, die es in grösseren Clubs gibt. «Mir sagt das nichts. Ich will integriert sein, nicht separiert.»
Du kommst hier nicht rein.
Die Leute fragen mich, warum ich im Rollstuhl sitze. Ich halte das aus, aber das geht nicht allen Rollstuhlfahrern so.
Wenn er ausgeht, dann so wie alle anderen, nur, dass er fährt, nicht geht. An einem nebligen Freitagabend im November ist er mit seiner Freundin Esther (25) unterwegs. Auch der beste Freund Pascal (29), mit seiner Freundin Jasmin (27) sind dabei. Die vier haben zusammen gegessen und wollen jetzt in die Tellenbar in Altdorf. Hier kennt man sich, und man kennt Fabian. Die beiden Türsteher lassen ihn vorbeifahren, auch wenn die ersten Hürden nicht lange auf sich warten lassen: Die erhöhte Eingangstür passiert er noch mühelos.
Doch der Club liegt im Obergeschoss, eine schmale Treppe mit Schnörkeltapete führt hoch. Auch wenn er sich eigentlich lieber selbst hilft, hat sich Fabian daran gewöhnt, von seinen Freunden hochgetragen zu werden. «Morgens um drei, wenn wir nach einigen Gläsern nach Hause wollen, bin ich froh, dass die nüchternen Türsteher helfen», erzählt er mit einem schallenden Lachen.
Schieben, nicht heben!
Der kleinere der beiden Türsteher will übereilt mit anpacken. Aber so schnell geht es nicht: Fabian nimmt seinen Rucksack vom Rollstuhl und überreicht ihn Jasmin. Er dreht sich mit dem Rücken zur Treppe, Esther packt hinten die Rollstuhlgriffe. Vorne steht Pascal, daneben der kleinere Türsteher. «Jetzt nur schieben, nicht heben», weist Fabian den Türsteher an. Die beiden anderen wissen, was zu tun ist.
«Eins, zwei, drei!» ruft Fabian vor jeder Stufe. Während Esther zieht, schieben die anderen von unten, die Räder des Rollstuhls erledigen den Rest. Nach wenigen Stufen ist Pause. Leicht ist der muskulöse Fabian mitsamt Rollstuhl nicht. «Eins, zwei, drei!», geht es weiter.
Kaum sind sie oben, ruft Pascal: «So und jetzt steh auf und tanz!» Die Beziehung zwischen den beiden Freunden hält das aus. Der sitzende Fabian ist inzwischen normal. Esther kennt ihn nicht anders: Die beiden wurden erst nach dem Unfall ein Paar.
Aufstehen kann er nicht – tanzen schon: «Ich brauche dafür halt mehr Platz, aber die Menschen gehen meist auf die Seite, damit ich ihnen nicht über die Füsse fahre.» Auf seiner Wade steht in schwarzer Tinte «Seit 12. April 2015 ausser Betrieb», als Rollstuhlfahrer tue Galgenhumor ganz gut, sagt er.
Nach dem Unfall merkt er schnell, dass ihm der Rollstuhl Möglichkeiten wegnehmen will. Aber er lässt das nicht einfach so zu: Als Koch kann er nicht mehr arbeiten, also will man ihn umschulen aufs KV. Er liebäugelt aber mit der Hotelfachschule, weil er sein bisheriges Wissen nutzen will. Seine Physiotherapeutin erzählt ihm von ihrem Partner, der ebenfalls im Rollstuhl die Hotelfachschule absolviert hat. Fabian argumentiert sich so einen Studienplatz an der Schule in Thun.
Doch seine Französischkenntnisse sind nicht ausreichend. Also wohnt er für drei Monate auf einem Campingplatz in Sion, besucht eine Sprachschule. Allein, nur neun Monate nach dem Unfall. Drei Jahre später hält er das Hotelfachdiplom in den Händen und verreist für drei Monate nach Haiti. Dort baut er aktuell für das Hilfswerk «HaitiRehab Schweiz» eine Bäckerei auf, in der Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen arbeiten werden.
Der Rollstuhl fällt auf
Die Tellenbar ist eine, wie man sie in vielen Schweizer Gemeinden findet. Die Farben der Discolichter sind bunt, die Musik ist es, und auch das Publikum. Nach dem letzten Treppenabsatz beginnt die Tanzfläche, rundherum sind Sitzgruppen verteilt. Die meisten davon erhöht und über zwei Stufen zugänglich.
Du kommst hier nicht rein.
Hinten hätte es ebenerdige Sessel, aber Fabian fährt daran vorbei. Er ist nicht so der Lounge-Typ, hält sich lieber an der Bar auf. Heute hat es Platz, doch wenn viele Leute da sind, wird es eng für ihn. «Wenn ich was getrunken habe, stört es mich nicht mehr so, wenn ich mal jemandem ins Bein fahre. Nur sanft natürlich», sagt er und lacht sein lautes Lachen. Auch bestellen kann er selbst, obwohl der Tresen dafür eigentlich viel zu hoch ist. Diesmal übernehmen es seine Freunde und setzen sich danach auf die Barhocker.
Das macht die Kommunikation nicht einfacher: «Die Fussgänger reden viel zu weit oben, als dass ich etwas verstehen könnte.» Trotzdem ist Fabian ins Gespräch involviert, er ist nicht einer, der vom Rand aus zuschaut. Im Ausgang lernt er viele Menschen kennen, weil er so auffällt.
Je später der Abend, desto direkter die Fragen: «Zum Beispiel, warum ich im Rollstuhl bin und seit wann. Ich halte das aus, aber das ist nicht bei allen Rollstuhlfahrern so.» Er sieht es positiv, eben, der Galgenhumor: Seit er im Rollstuhl sitze, brauche er viel weniger Geld, weil alle ihm ein Getränk spendieren wollen.
Kein WC, ist ein Hindernis
Zwischen Dire Straits und Shaggy erzählt Fabian von seinen ersten Erfolgen im Sport. Er fährt im Rollstuhl Rennen. «Es macht mich zufriedener, wenn ich am Abend im Bett liege und weiss, ich bin ausgepowert.» Jetzt sei der Sport fast noch wichtiger als vor dem Unfall. Und er merkt an, dass er inzwischen sogar beweglicher sei. Das will er gleich beweisen und ruft seinen Freunden: Neben der Tanzfläche der Tellenbar ist ein Bier-Pong-Tisch aufgestellt.
Hier kann Fabian nicht nur mitmachen, sondern abräumen: Fast jeder Wurf des Pingpongballs landet in einem Becher des Gegnerteams. Doch je mehr Bier getrunken wird, desto eher macht sich die Blase bemerkbar. Jedenfalls bei den Fussgängern. «Mein Unfall war für meinen Körper unterhalb der Lähmung wie ein Computerabsturz. Ich musste ganz neu lernen, wie meine Verdauung und Blase funktionieren», sagt Fabian.
Weil er nicht spürt, wann er auf die Toilette muss, muss er genau beobachten, wann er wie viel trinkt. Meist erledigt er den WC-Besuch zu Hause, aber in einer langen Nacht ist das nicht möglich. Auch in der Tellenbar ist es irgendwann so weit, aber deren WC kann er nicht befahren. Die Tür ist zu schmal, und es fehlt Platz, damit er seinen Rollstuhl wenden könnte.
Du kommst hier nicht rein.
Clubs sind selten rollstuhlgängig
Treppen, Stufen, hohe Tresen und enge Toiletten. Sie gehören zum Bild des typischen Nachtclubs. Das zeigt auch eine Umfrage des Migros-Magazins unter 83 der grösseren Deutschschweizer Clubs. Kein einziger erfüllt alle Voraussetzungen, um von der Schweizerischen Fachstelle für behindertengerechtes Bauen als «gut rollstuhlgängig» eingestuft zu werden.
Meist liegt das daran, dass nur ein Rollstuhl-WC existiert und nicht wie verlangt ein separates für beide Geschlechter. Oder dass keine Behindertenparkplätze zur Verfügung stehen. Oft ist der Zugang zum Lokal für Rollstuhlfahrer nicht ohne fremde Hilfe nutzbar. Auch dies ein Grund für die schlechtere Einstufung. Nur knapp 30 Prozent der Clubs sind minimal rollstuhlgängig.
Immerhin, zahlreiche Clubs weisen zwar Hindernisse auf, zeigen sich aber – laut eigenen Angaben – offen und hilfsbereit gegenüber Menschen im Rollstuhl. Ein Problem ist trotzdem das fehlende Verständnis: Viele Clubs geben an, keine Hindernisse für Rollstuhlfahrer zu haben – doch ein fehlendes Rollstuhl-WC ist eben auch ein Hindernis.
Für Fabian heisst es darum in der Tellenbar: Abfahrt! Seine Freunde sind noch in ein Gespräch vertieft, aber plötzlich muss es schnell gehen. Wartet er zu lange, entleert sich die Blase von selbst. Also macht sich die Gruppe erneut an die Treppe, Stufe für Stufe schieben sie Fabian hinunter. Sofort verschwindet er im Gebüsch. «Dort mache ich es wie ein normaler Mann, benütze einfach einen Katheter.» Negative Erfahrungen hat er dabei noch nicht gemacht: Was wollten sie ihm auch sagen. Es habe ja kein WC, das er benützen könnte.
Danach will Fabian noch nicht nach Hause. Die Freunde machen sich zu Fuss, und rollend, auf in eine nächste Bar. Fabian hält die Hand seiner Freundin und manövriert mit der anderen, bis sie zur Altstadtgrenze kommen. Dort ist der Boden gepflastert.
Du kommst hier nicht rein.
Fabian benötigt beide Hände, um vorwärtszukommen – obwohl die Steine leicht abgeschliffen sind. «Diese Strasse wurde erst neu gemacht. Zuerst wären noch viel mühsamere Steine vorgesehen gewesen», erzählt er. Nur weil eine Behindertenorganisation intervenierte, wurde schliesslich eine geschliffene Variante verpflastert.
Die Barrieren in der Schweiz
Es ist eine typische Situation: In der Schweiz ist die Bereitschaft, Menschen mit Beeinträchtigung zu integrieren, vorhanden. Über 600 000 Meschen in der Schweiz sind körperlich eingeschränkt, so die neuesten Zahlen des Bundesamts für Statistik von 2012. Doch ohne den aktiven Fingerzeig von Behindertenorganisationen fehlt oft das Bewusstsein dafür.
So kommt es auch vor, dass Entwürfe für Neubauten nochmals komplett neu gezeichnet werden müssen, weil zum Beispiel die Gänge für Rollstühle zu schmal sind. «So hart es tönt, die Barrierefreiheit ist eben nur eines von sehr vielen gesellschaftlichen Bedürfnissen», sagt die Bauinspektorin der Stadt Winterthur, Eveline Zurbrügg.
Auch der Heimatschutz etwa habe Bedürfnisse, die eine Stadt respektieren müsse. Man macht darum eine Abstufung: Der Zugang zu Einkaufsmöglichkeiten ist wichtiger, als jener zu Nachtclubs. Die baulichen Vorgaben an die Barrierefreiheit sind kantonal geregelt. Bauen Restaurants, Clubs und Bars um, müssen die anfallenden Kosten für die Barrierefreiheit in der Regel nur maximal 20 Prozent der Gesamtumbaukosten betragen.
Eigentlich gibt es fast immer eine Lösung für ein Hindernis. Aber die braucht meistens Zeit.
Zwar trat 2004 das Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft, aber dass der öffentliche Raum bis 2023 komplett barrierefrei zugänglich wird, wie es das Gesetz verlangt, sei unrealistisch, sagt Fabienne Locher, Marketingleiterin bei «Ginto». Die von Engagement Migros unterstützte App hat es sich zum Ziel gemacht, möglichst viele öffentliche Räume auf ihre Barrierefreiheit zu überprüfen, aktuell führt die App etwa 4000 Einträge.
«Wir gehen nach dem Wikipedia-Prinzip vor: Jeder kann ein Lokal testen und erfassen.» Dabei stelle sich oft heraus, dass zum Beispiel ein als rollstuhlgängig gekennzeichnetes WC gar keines ist oder dass Rollstuhlfahrer eine zu hohe Türschwelle nicht alleine bewältigen können.
Ein Rollstuhl braucht Geduld
Die Clique steht und sitzt inzwischen vor ihrem nächsten Ziel: der Kra-Bar in der Altdorfer Altstadt. Dort hat Fabian tatsächlich Mühe mit einer erhöhten Türschwelle.
Du kommst hier nicht rein.
Es dauert etwas länger, bis er schliesslich in die Bar hineinfahren kann. «Das ist fast immer so. Es gibt oft Lösungen für die Hindernisse, aber die brauchen halt Zeit.» In der Bar sieht es aus wie bei Grossmutter im Wohnzimmer, Tanzfläche und Discolichter sucht man hier vergeblich. Die Gäste sitzen dicht gedrängt an einem langen Tisch, an dessen Ende Fabian mit seinen Freunden.
Auffallen tut er hier nur, weil er oben am Tisch sitzt und wegen seines lauten Lachens. Der Rollstuhl ist unsichtbar. Man kommt zum Schwatzen hierhin, nicht zum Tanzen, sagt Fabian. Das sagt ihm inzwischen mehr zu. Nicht etwa, weil es mit dem Rollstuhl einfacher ist, das spielt für ihn keine Rolle. Sondern einfach, weil es mit dreissig Jahren normal ist, nicht mehr die ganze Nacht durchtanzen zu wollen.