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Che Guevaras bisher unveröffentlichte Briefe zeigen den Revolutionär und Arzt in unterschiedlichen Phasen seines Lebens – die Autobiografie, die er nie geschrieben hat. Seine Tochter Aleida, die das Vorwort verfasste, betont, dass diese Briefe seine ehrliche und spontane Seite sichtbar machen. Gerade im Zeitalter der Social Media seien handschriftliche Briefe ein "verloren gegangenes Kunstwerk".
Dass Guevara auch Vater einer Tochter und eines Sohnes, den er zum Kampf gegen den Imperialismus ermutigte, um später Ferien auf dem Mond machen zu können, zeigt Alida ebenso wie ihre zärtliche Widmung am Ende ihres Vorwortes: "(...)als ich sah, wie viele Fotografien er von mir in seinem Büro hatte. Ich wusste, obwohl er mich nicht mehr mit auf den Mond nehmen wird, trug er mich doch immer in seinem Herzen". Eine Chronik wird dankenswerterweise seinen Briefen vorangestellt, denn das Leben des Revolutionärs war von Anfang an bewegt. Davon zeugen seine Tagebücher, die unter dem Namen "Motorcycle Diaries" mit Gael García Bernal verfilmt wurden. Aber auch sein Bolivianisches Tagebuch und einige mehr, die ebenfalls bei Kiepenheuer & Witsch - inzwischen auch als E-Books - erschienen sind. Laut den Herausgeberinnen der vorliegenden gesammelten Briefe 1947-1967 zeichnet sich Guevara durch einen außerordentlichen Intellekt ebenso aus, wie durch einen brillanten und durchaus selbstironischen Stil. "Seine Tagebücher und Briefe sind meisterhafte Erzählungen, die sich durch brutale Ehrlichkeit auszeichnen, durch auffällig mangelnde Ichbezogenheit, durch einen messerscharfen Geist, einen eisernen Willen und die Fähigkeit, die Liebe und Zuneigung auszudrücken, die er für seine engsten Freunde und Angehörigen empfand." In einem Brief an seine Mutter schreibt er über sein Glück, Vater geworden zu sein und seine Aleida in Händen zu schaukeln. "Meine kommunistische Seele strotzt vor Glück, denn sie sieht genauso aus wie Mao Tse Tung". So viel Humor und Selbstironie überraschen von einem Menschen, der gerne als "brutaler Guerillero und skrupelloser Politiker" dargestellt wird und zeigt, dass es an Ernesto Che Guevara wohl noch mehr zu bewundern gab als seine kämpferische Konsequenz.
Erstmals bereiste er "seinen" Kontinent vor dem Abschluss seines Medizinstudiums im Dezember 1951 auf einer Norton "El Poderoso II". Ein Brief an die argentinische Firma AMERIMEX dokumentiert die Zuverlässigkeit der Micron-Motoren, denn Che reiste mehr als 4000 Kilometer durch 12 argentinische Provinzen, wie er schreibt. Einmal landete er versehentlich sogar in Brasilien, ein anderes Mal bittet er um die Versendung des Yanal-Sprays (gegen Asthma), da dieser nicht überall erhältlich ist. Auch an seinen Vater schrieb er Briefe, etwa von seiner zweiten Reise durch Lateinamerika, im Zug, gemeinsam mit Calica, die ihn nach Bolivien, Peru, Ecuador und Guatemala führt. Die Salven aus den sog. Piripipi - so nannten Paraguayer und Bolivianer womöglich wegen des Klangs ihre Maschinengewehre - schildert er seinem "lieben alten Herrn". In einem Brief an Tante Beatriz schreibt er: "In Guatemala will ich das lernen, was mir zum echten Revolutionär noch fehlt." Auch für seine Mutter findet er zärtliche Worte: "Wenn ich heute an dich denke, werde ich ganz melancholisch, wie beim Tango, dieses melancholische Bedürfnis, sich zu sehnen, nach einer Zeit, in der ich mir über Arbeit keine Gedanken machen musste (...). Vielleicht ist das auch nur das erste Anzeichen des Alterns (...) oder die simple Tatsache, dass ich mein süßes und ruhiges Zuhause vermisse, dieses Wiegenlied unserer Familiendiskussionen, das mich so sanft durch meine Kindheit und Jugend geschaukelt hat." Er wünscht sich ein Wiedersehen mit ihr in Paris und verspricht, das Wiedersehen ausgiebig zu feiern. Interessant, dass er in diesem Brief, vom 17.6.1955 auch von (seiner) Entelechie spricht.