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Die schellenbehangenen, maskierten Chlausen lassen nichts ahnen vom gutmütigen Samichlaus, den man übrigens einst in Haubu gar nicht kannte. Sechs Knaben im Alter von 14 und 15 Jahren rasseln am Tag des Lenzburger Chlausmarktes (2. Donnerstag im Dezember) im Laufschritt von Haus zu Haus. Sie machen sich bei hereinbrechender Dunkelheit auf ihre strapaziöse Route. Die Besuchten erhalten Nüsse und Früchte, wenn sie denn die Chlausen mittels Rossstäuber (Pferdeschweif) und wildem Schellen zu einer Gabe erweichen können. Die vermeintlich unartigen Kinder der Besuchten erhalten als Ermahnung eine Rute.
Am Tag des Lenzburger Chlausmarktes feiert man im Bezirk Lenzburg den Samichlaus, den die Chlauschlöpfer ab Martini lautstark ankündigen. Die Hallwiler Chlaus-Gesellschaft setzt sich aus sechs 14- und 15-jährigen Knaben zusammen. Jeder im Dorf wohnhafte Knabe hat Anspruch darauf, zwei Mal mitzuwirken, sofern er die Kunst des Chlauschlöpfens beherrscht. Der älteste Knabe ist der Anführer der Chlaus-Horde. Er stellt die Gruppe zusammen und organisiert ein geheimes Treffen, bei dem die Verteilung der Rollen und die weiteren Aufgaben vereinbart werden. Der Anführer wird in seiner Tätigkeit von zwei Mitgliedern der Brauchtumskommission überwacht. Die festgelegten Larven und Kostüme werden im Voraus in Empfang genommen.
Zur Chlaus-Gesellschaft gehören der weissgekleidete Herr mit einer Krone auf dem Haupt, die ebenfalls in Weiss auftretende Jumpfere, der Joggeli in Knechtentracht, der Wächter in Polizeiuniform, der schwarze Möörech sowie der Root in flammend rotem Gewand. Der Herr steht stellvertretend für die weltliche Herrschaft; die Jumpfere symbolisiert Reinheit, Jugend und Keuschheit. Den beiden Weissen kommt die Funktion des Schenkens zu. Der Wächter sorgte früher nicht nur beim Chlausjage, sondern als Hüter des Gesetzes im Dorf für Ruhe und Ordnung. Hingegen stellt der Joggeli einen Fuhrmann aus dem Bauernstand dar. Der Möörech steht in seiner schwarzen Tracht für Elend, Alter und Laster. Vor allem mit dem dämonisch erscheinenden Root, dem Anführer der Gruppe, versteht er es, den unartigen Kindern die Hölle heiss zu machen. Diese beiden kommen nicht zum Schenken, sondern zum Schrecken.
Jeder Chlaus trägt eine sein Wesen charakterisierende Larve, ist mit einem weissen, braunen oder schwarzen Rossstäuber (Pferdeschweif) ausgerüstet und trägt um die Brust gehängt vier bis fünf Schlittengerölle oder Fuhrmannsgeschelle: An Lederriemen sind Schellen und Glocken in allen Grössen befestigt, so dass jeder Chlaus seine individuelle Klangfarbe erhält. Die Geschellgrösse wird durch die Rangfolge in der Gruppe festgelegt: Jumpfere und Herr tragen ein feines, Joggeli und Wächter ein mittelgrosses, Möörech und Root das schwerste Geschell. Der Möörech waltet als Kassier. Der Wächter ist mit Säbel, Horn und einem Tornister voll mit selbstgemachten Ruten, die Jumpfere zudem mit einem Sack voll Gaben ausgestattet.
Bei Einbruch der Dunkelheit beginnen die Chlausen, jedes Jahr in umgekehrter Route, ihren rasselnden Lauf durch das Dorf. Sie werden von erwachsenen Chlauschlöpfern begleitet. Der Wächter kündigt die Ankunft der Chlausen mit einem Hornsignal an. Mit Spannung werden sie in den Häusern erwartet. Viele Kinder fürchten sich vor der Horde, die schellend und klopfend vor der Türe auf sich aufmerksam macht, bis ihr endlich geöffnet wird. Unter der Türschwelle hüpfen die Chlausen, einen Höllenlärm veranstaltend, unermüdlich auf und ab und traktieren die Leute mit den Rossstäubern – solange, bis sich die Opfer erweichen und einen «schönen Batzen» springen lassen. Dann nämlich erhalten die Spender vom Herr eine Handvoll Äpfel, Mandarinen, Nüsse, dürre Feigen oder kleine Lebkuchen. Die unartigen und älteren Kinder bekommen eine Rute und werden damit zu besserem Betragen im nächsten Jahr angehalten.
An zwei Rastorten erhalten die erschöpften Knaben eine kleine Stärkung, denn die Jagd quer durchs Dorf dauert oft bis um 11 Uhr nachts. Zum letzten Mal in diesem Jahr erschallen an diesem Abend die Chlausgeisseln. Wenn die Chlausen ihren rund fünfstündigen Rundgang beendigt haben, treffen sie sich im Heim des Anführers zu einem Nachtessen. Ein fixer Betrag der gemachten Beute wandert in die Brauchtumskasse, den Rest verteilen sie unter sich.
Chlausjage: Mögliche Ursprünge
Die Hallwiler Chlausen haben mit dem Samichlaus, wie er am selben Tag in Lenzburg auftritt, scheinbar nur den Namen gemeinsam. Früher trat im Gefolge der Chlausen die Sträggele auf, eine weitverbreitete Masken- und Sagengestalt, die mit dem Wilden Heer in Verbindung gebracht wird. Man kennt das wilde Heer im Volksglauben als Türst, Wilde Jagd, oder im Aargau als Guenisheer. Es geht auf die germanische Mythologie zurück, in welcher der oberste Gott Wotan, begleitet von den toten Seelen und Pferden, durch die Lüfte braust. Auch eine hiesige Sage berichtet vom wilden Jäger, der von der Wandfluh her seinen Lauf durchs Tal nimmt und über die Schlattwaldecke nach Sarmenstorf zieht. Die Jünglinge schlüpften wohl einst selbst in die Rolle dieser Totendämonen. Für ihren Besuch wurden sie mit einer Gabe belohnt. Die Maskierten übernahmen segnende wie auch strafende Funktion, und besonders die unartigen Kinder fürchten sich vor ihnen. Die braven Kinder werden hingegen von den Weissen beschenkt.
Chronologie
1828 Älteste Erwähnung des Chlausjagens im Bezirk Lenzburg (oberamtliches Verbot).
1947 Der Chlaus-Brauch ist «ausgeartet». Anstelle des Möörech ist ein roter Samichlaus mit Bart getreten. Aus dem knechtartigen Fuhrmann ist ein grüner Joggeli geworden.
1949 Die Chlausen erhalten im Rahmen der Brauchtumserneuerung fixe Larven aus Papiermaché vom Künstler Hans Schmid, Wettingen.
1968 Die Vereinigung zur Erhaltung alter Volksbräuche kauft den Bauern, die bisher als unentgeltliche Leihgeber gewirkt haben, die Geschelle für die Chlausen ab.
1982 Ein Drittel aller Türen bleiben für die Chlausen geschlossen.
1984 Neue Larven für die Chlausen werden angeschafft, die bis heute (mit Unterbrüchen) getragen werden. Der bis anhin schwarze Möörech mit Kraushaar-Perücke und dicken Lippen bekommt eine Toten-Larve, der grüne Joggeli wird wieder zum Knecht.
1990 Da immer mehr Türen verschlossen bleiben, unterlassen die Chlausen fortan Hausbesuche.
Quelle: hallwil.ch