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Ein Musikvideo zum Stück «Letargos» von Federico Fariña über den Raum zwischen Trägheit und Euphorie.
Mit «Letargos» präsentiert der argentinische Musiker Federico Fariña (Spotify / Instagram) seinen ersten Song als Solokünstler. Zuvor war er bereits in unterschiedlichen Formationen unterwegs, unter anderem als Mitglied der argentinischen Progressive Rock-Band «Fraktal». Die Band hatte Auftritte an Musikfestivals im Nordwesten Argentiniens und in Buenos Aires. Fariña spielte Gitarre und Keyboard und war mitbeteiligt an der Produktion des ersten Albums «Ask the Rabbit». Mit dem Video zum Song «Chickens & Worms» gewann die Band den dritten Preis am Independent Film Festival in Buenos Aires (BAFICI).
Nun schlägt Fariña das nächste Kapitel seiner musikalischen Karriere auf: Begleitet von argentinischen Gastmusikern lancierte er ein Soloprojekt im Indie-Rock Stil. Die Wurzeln des Vorhabens, dem er seine Stimme verleiht und gleich mehrere Instrumente spielt (Gitarren, Bass und Keyboards), gehen zurück auf die Zeit der Corona-Pandemie.
In diesem Rahmen veröffentlichte Fariña bisher drei Songs: «Mancha», «Ruido» und den Erstling «Letargos», für den wir das hier vorgestellte Musikvideo umsetzen durften. Es ist ein Stück über die ambivalente Erfahrung von Leere und Stagnation, die erschöpfend sein kann, aber ebenso als Möglichkeit zur inneren Einkehr dargestellt wird. Die Inszenierung erforscht die Dualität von Äusserem und Innerem und zeigt, wie diese beiden Aspekte untrennbar miteinander verbunden sind.
(eli)
Kickoff, Ideenfindung und Mood
Aller Anfang ist schwer. Bevor wir uns den visuellen Aspekten der Umsetzung widmeten, nahmen wir uns die Zeit, den Songtext zu studieren und den Track in eine greifbare Timeline zu gliedern – angefangen beim Intro, über Gitarrensolos zum Höhepunkt des Songs bis zum abschliessenden Outro. So haben wir den strukturellen Aufbau des Liedes visuell dargestellt, um ein Gefühl für die Anforderungen und verschiedenen Stimmungen über den ganzen Verlauf des Stücks hinweg zu erhalten. Der Künstler hatte den Wunsch geäussert, einen „kaputten“ Look zu vermitteln, und im Video das Stück und die Lyrics dramaturgisch nicht 1:1 abzubilden. Basierend auf diesen Vorgaben erstellten wir ein Moodboard um die Timeline herum. Wir schufen uns damit ein visuelles Werkzeug, um eine gemeinsame Vorstellung zu entwickeln, Varianten zu diskutieren und mögliche Posen und Kameraeinstellungen zu erkunden.
Das Moodboard erwies sich letztendlich auch als ein wichtiges Instrument, um unsere Ideen dem Künstler zu vermitteln und einen konstruktiven Austausch zu ermöglichen. Als ebenso hilfreich erwies sich die Darstellung des Liedes auf der Timeline. Das vereinfachte die Kommunikation innerhalb des Teams erheblich, da alle Liedabschnitte mit ihren charakteristischen Eigenarten klar benannt wurden.
Die Phase der Vorbereitung bedeutete zahlreiche Meetings, Brainstorming-Sitzungen und Recherchearbeit, um den gewünschten Look&Feel des Videos zu festzulegen. Ein wichtiger Schritt, bevor wir in die detaillierte Arbeit der Story gehen konnten.
Auf dem Weg zur Storyline
Mit dem Moodbard, dem Songtext und der Timeline des Tracks als Grundlage – und natürlich dem Song selber, den wir immer im Ohr behielten – machten wir uns daran, eine Story für das Musikvideo zu entwickeln.
Dies erfolgte in mehreren Runden, deren Ergebnisse jeweils in einer Teilgruppe erarbeitet und anschliessend dem Team vorgestellt wurden. Zu Beginn war neben dem Musiker Federico Fariña selbst keine weitere Protagonistin vorgesehen. Die Story veränderte sich über die Zeit hinweg jedoch in mehreren Iterationen, bis sie zum Schluss eine innere Reise in die eigene Lethargie erzählt, und den Versuch, diese in Form sich intensivierender Körperbewegungen zu überwinden. Dabei spielten immer auch Gedanken zur Umsetzbarkeit eine Rolle, was uns schliesslich dazu bewog, für die Rolle des Gegenparts des lethargischen Sängers eine professionelle Tänzerin zu casten.
Aus der finalen Story entstand im Anschluss ein Storyboard mit Stills aus den Testdrehs, sowie eine Shotlist, um den Dreh vor Ort an insgesamt 8 verschiedenen Räumen rationell umsetzen zu können.
Aber wo?
Parallel zu Entwicklung der Story stand das Location Scouting an. Wir machten uns auf die Suche nach einem Drehort, in dem metaphorisch aufgeladene Bilder entstehen können, welche die Story unterstreichen. Wir recherchierten und rekognoszierten mehrere Objekte, bis die Wahl auf ein verlassenes grosses Fabrikgelände in der Nordwestschweiz fiel. Die vielfältigen Lichtsituationen und Materialtexturen, der Kontrast zwischen staubigen Fensterscheiben und brüchigen Wänden und ganz generell die verlassene Stimmung des Orts eigneten sich als äusseres Abbild für die Seelen- und Gedankenwelt des Protagonisten.
Equipment
Während der verschiedenen Drehs (Testaufnahmen während dem Rekognoszieren, zwei Testdrehs, zwei finale Drehtage) kam folgendes Equipment zum Einsatz:
- 2x Sony A7IV
- Objektive 28-70mm, Tele 135mm, Weitwinkel 14mm
- Gimbal
- Bouncer, Rotolights, LED Light Panels, Videolights
- Nebelmaschine
- Boombox
- Rollwagen als improvisierter Dolly
- mobile Stromversorgung / Power Station
Tanzmoves und Choreographie
Unsere finale Storyline sah als Gegenpart zum Sänger ein Tänzerin vor. Da die Bewegungen eine wichtige Rolle im Gesamtkonzept einnehmen, entschieden wir uns, einen Tanzprofi zu casten. Wir entschieden uns für Elisa, sie ist sehr erfahren und bringt eine Expertise im zeitgenössischen Tanz mit. In verschiedenen Abschnitten des Stücks treffen Sänger und Tänzerin in unterschiedlichen Räumen aufeinander. Für diese Szenen war es wichtig, eine Choreografie zu erarbeiten und die Bewegungen beider ProtagonistInnen zu koordinieren, um damit einen effizienten Dreh vor Ort zu ermöglichen. Aus diesem Grund arrangierten wir ein Treffen in einem Tanzstudio in Zürich. Die beiden hatten so die Gelegenheit, sich kennenzulernen, unsere Vision und Anforderungen zu besprechen und sie praktisch zu erproben.
Eine der größten Herausforderungen bestand darin, einen Bewegungsablauf zu entwickeln, in dem sich der Sänger, der nicht regelmässig tanzt, wohlfühlen konnte. Während des finalen Drehs dieser Szenen konnten wir uns auf die einstudierten Abläufe stützen, was sehr hilfreich war. Während dem Dreh war es wichtig, dem Sänger kontinuierlich Anweisungen zu geben und ihn aktiv und einfühlsam durch den Prozess zu begleiten.
Zwei Probeshootings und ein toter Darling
Ursprünglich sah unser erstes Konzept Bilder bei Nacht vor, weshalb wir in der Location nächtliche Probeaufnahme durchführten. Obwohl die entstandenen Bilder ästhetisch waren, bemerkte wir, dass wir mit ihnen nicht den gewünschten Look an Feel vermitteln konnten. Ein weiterer Nachteil war, dass die Location bei Dunkelheit nicht richtig zur Geltung kam. Also entschieden wir uns für ein zweites Probe-Shooting tagsüber. Beim Sichten des Materials wurde uns klar, dass wir nun auf dem richtigen Weg waren. Es wuchs die Erkenntnis, dass wir die Story mit einer Anpassung des Settings auf eine Tagsituation besser erzählen konnten – obschon es Überwindung erforderte, unseren ursprünglichen Darling „Nightshoot“ zu killen und uns auf etwas Neues einzulassen.
Probeshooting in der Nacht:
Probeshooting bei Tag:
Aufräumen, aufräumen und B-Roll
Um die Zeit mit den ProtagonistInnen am Drehtag optimal ausnutzen zu können, wurde am Vortag ein zusätzlicher Drehtermin eingeplant, der sich ganz der Aufnahme von B-Roll-Material widmete. An diesem Tag haben wir auch die Räumlichkeiten vorbereitet, um- und aufgeräumt und die Böden gereinigt, in denen die ProtagonistInnen am Folgetag barfuss tanzen würden. Dadurch gewährleisteten wir, dass dann unmittelbar mit den Hauptaufnahmen begonnen werden konnte – obwohl dies bedeutete, dass wir vorab ein weiteres Mal zur Location fahren mussten. Es ersparte uns kostbare Stunden am eigentlichen Drehtag und ermöglichte es uns, Abläufe und Lokalität erneut zu überprüfen. Dies vermittelte uns weitere Sicherheit, für den finalen Dreh mit den ProtagonistInnen gut vorbereitet zu sein.
Hauptdrehtag
Der finale Drehtag war den beiden ProtagonistInnen und ihren Interaktionen gewidmet. Im Vorfeld hatten wir einen Drehplan erstellt, in dem detailliert festgehalten wurde, in welchen Räumen wir zu welchen Zeitpunkten filmen würden, welche Szenen aufgenommen werden mussten und ob der Protagonist singen würde. Wir standen vor der Herausforderung, an einem einzigen Tag in einem ausgedehnten Gebäudekomplex in acht verschiedenen Räumen zu drehen. Unser Ziel war es, den Drehtag effizient zu gestalten und gleichzeitig die bestmöglichen Lichtverhältnisse in den jeweiligen Räumen zu nutzen, weshalb wir die einzelnen Shootings auch an Sonnenstand und Tageszeit ausrichten mussten.
Der Plan war ein grosse Hilfe, vor Ort mussten nur wenige Anpassungen vorgenommen werden. Wir erlebten einen reibungslosen und erfolgreichen Drehtag und glücklicherweise keine böse Überraschungen – die zeitintensive Vorausplanung zahlte sich aus.
Schnitt /Postproduction
Trotz der umfassenden Vorplanung erwies sich die Postproduktion als eine bedeutend größere Herausforderung als erwartet. Eine erhebliche Menge an Filmmaterial war anzusammeln, und es erforderte einiges an Zeit, alles zu sichten und eine Auswahl zu treffen. Es wurde deutlich, dass wir zu viele Szenen geplant hatten, was in den ersten Rohschnittversionen eher zu Verwirrung führte. Daher entschieden wir uns, die Location “Heizungsraum” vollständig zu streichen.
Obwohl wir uns beim Schnitt am Storyboard orientieren konnten, gelang es uns nicht, die Geschichte vollständig in der geplanten Weise zu erzählen. Zum Beispiel hatten wir eine Szene, die den Höhepunkt des Songs darstellen sollte, mit einem Stativ aufgenommen. Jedoch erwiesen sich die entstandenen Aufnahmen als zu statisch für die energetische Musiksequenz. Ein weiteres Beispiel war die Aufnahme im Heizungsraum, in der der Sänger der Tänzerin folgen sollte. Allerdings wirkte es eher so, als würde er sie „verfolgen“, anstatt den beabsichtigten Effekt zu erzielen, dass sie ihn zur Bewegung inspiriert.
Eine der größten Herausforderungen bestand darin, die Dualität der beiden Hauptfiguren darzustellen, ohne dass es romantisch oder aber disharmonisch wirkte. Am Ende wurde uns bewusst, wie anspruchsvoll es ist, eine konzeptionierte Geschichte filmisch umzusetzen. Das Projekt bereitete uns aber viel Freude, und es gab für alle Beteiligten einiges, das wir an Learnings mitnehmen konnten.