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Solimões für das Mittelstück ganz in Wegfall kommen würde. Der Amazonas entsteht also aus der Vereinigung von Ucayali und
Marañon. Dieser letztere entspringt in dem nördlichen Teil der peruanischen Kordillere auf dem Tafelland von Pasco aus dem
See Llauricocha in 3653 m Höhe (10° 30' südl. Breite,
[* 9] 76° 30' westl. L. v. Gr.)
und fließt (anfangs unter dem NamenTunguragua) im obern Lauf (etwa 670 km) durch das die beiden Abteilungen der Kordilleren
trennende enge und tief eingeschnittene Thal
[* 10] gegen NNW., bis er bei Cumba seine Richtung ändert und nun im kurzen Mittellauf
(450 km) erst nach NO., später nach O. sich wendet und in zahlreichen Stromschnellen (Pongos, von denen
der letzte, der Pongo de Manseriche, der bedeutendste ist) die Bergzüge der östlichen Kordillere durchbricht.
Von da beginnt der untere Lauf durch die Hyläa Brasiliens. Seine Hauptrichtung ist hier im wesentlichen gegen O., obschon
mit vielen Krümmungen. Dem Unterlauf des Marañon gehören die riesenhaften Nebenströme an, welche er
aus den Kordilleren und dem brasilischen Gebirgsland empfängt. Gleich nach dem Eintritt in das Tiefland nimmt er von N. den
Pastassa, von S. den Huallaga auf. Nachdem er sich bei Nauta mit dem zweiten Quellarm, dem Ucayali (s. d.), zum Amazonenstrom vereinigt
und dieser bei Tabatinga das brasilische Gebiet betreten hat, fließen ihm links der Napo, Putumayo (Iça),
Yapura und Rio Negro, rechts der Jurua, Purus, Madeira,
[* 11] Tapajoz und Xingu zu. Die meisten dieser Nebenströme teilen sich in der
Nähe ihrer Mündung in vielfach verästelte Arme und bilden ein deltaartiges Gewirr von Inseln. Im ganzen
nimmt der Amazonenstrom, die Ostabhänge der Kordilleren von 3° nördl. Br. bis 20° südl. Br. entwässernd, mehr als 200 Nebenflüsse
auf, darunter 100 schiffbare, 17 ersten Ranges, 6, welche den Rhein an Stromentwickelung und Wasserfülle übertreffen.
Die Anschwellungen des Stroms haben ihresgleichen nirgends auf der Erde, sie betragen im Maximum gegen 17 m
über dem mittlern Stande. Die Schwellen beginnen im Januar und erreichen im Juni den höchsten Punkt; sie fallen also mit der
Regenzeit der südlichen Zuflüsse des Stroms zusammen, während die nördlichen Zuflüsse dann wasserarm sind und durch die
Anschwellung des Hauptstroms aufgestaut, ja zu rückwärts gerichtetem Lauf gezwungen werden. Während
dieser Zeit des Hochwassers ist das Land meilenweit überflutet.
Die Tierwelt flieht in das Innere, und das schlammige Wasser, das um die Baumkronen spielt, läßt auf den Wipfeln eine Blumenwelt
entstehen; 6-8 Wochen nach dem höchsten Wasserstand treten die schlammbedeckten Waldflächen wieder hervor, und die Fluten
kehren, gewaltige Massen von Treibholz mit sich führend, in ihr Bett zurück, zugleich aber neue Kanäle
hier und dort sich auswühlend, alte Inseln zerstörend, neue an andern Stellen aufbauend und solcher Inseln sind im ganzen
Unterlauf unzählige vorhanden; sie liegen teils im Flußbett selbst, teils sind sie durch Seitenkanäle, namentlich der
Zuflüsse, von dem Uferland losgetrennt.
Die größte Insel letzterer Art liegt an der Mündung des Madeira, es ist die fast 15,000 qkm große Ilha dos Tumbinambaranas.
Die erstaunliche Wassermenge des gewaltigen Stroms erklärt auch die für sein Thal eigentümliche Bildung der Uferseen, einer
Reihe von größern und kleinern Becken, die sich längs der Ufer hinziehen und gewöhnlich durch Arme mit
dem Fluß in Verbindung stehen; sie dienen auch hauptsächlich dazu, bei den Schwellen einen Teil des überflüssigen Wassers
aufzunehmen.
Die Ufer des Flusses sind niedrig, nur hier und da sind sie von Hügelketten begrenzt, die oft durch die abspülende Strömung
steile Wände erhalten haben. In die sich trichterförmig verengernde Mündungsbai des Amazonenstroms
dringt die Flut während der Zeit des Neu- und Vollmondes mit furchtbarer, verheerender Mächtigkeit in Gestalt einer reißenden
Welle, der Pororoca, ein. Wo sie auf Untiefen stößt, erhebt sie sich 4-5 m hoch; an sehr tiefen Stellen senkt sie
sich dagegen und verschwindet fast gänzlich, um an andern Stellen wieder aufzutauchen.
Das Getöse der unglaublich schnell herankommenden Flutwelle hört man 3-6 Seemeilen weit. Hinter sich läßt die Pororoca
die Gewässer in demselben Zustand der vollkommenen Ruhe zurück, in welchem sie sich vorher befanden. Das ganze ungeheure
Becken des Unterlaufs (an Umfang fast Europa
[* 15] gleich) ist vorherrschend eine steinlose Waldebene. Der vonSchlingpflanzen und Klettergewächsen durchzogene Wald, eigentlicher Urwald, die Hyläa Brasiliens, erstreckt sich von N. nach
S. auf verschiedenen Strecken 500-3000 km, von O. nach W. 4500 km weit, so daß keine andre Waldregion der Erde die des Ama-
[* 2]
^[Abb.: Mündung (Ästuarium)
[* 16] des Amazonenstroms.]
¶
mehr
zonenstroms an Ausdehnung
[* 18] übertrifft. Mit der Üppigkeit und Fülle der tropischen Vegetation der Uferlandschaften harmoniert
diejenige der die Flußkanäle, Sümpfe und Seen bedeckenden Wasserpflanzen
[* 19] wie nicht minder der unvergleichliche Reichtum des
Stroms an Wassertieren. Delphine und andre Waltiere, Alligatoren, Flußschildkröten, namentlich aber Fische,
[* 20] von denen Agassiz
über 2000 Arten im A. fand, also fast doppelt soviel, als man im ganzen Atlantischen Ozean kennt, beleben
den Riesenstrom und bilden den Gegenstand einer ausgedehnten Jagd und eines außerordentlich ergiebigen Fanges. Bewohnt sind
die Ufer bis jetzt noch sparsam, größtenteils von zivilisierten Indianern und Mischlingen derselben; doch sind in neuester
Zeit, seitdem Dampfer den Strom befahren, verschiedene neue Ortschaften entstanden. Allerdings bieten namentlich
die klimatischen Verhältnisse der Kolonisation dieser Gebiete große Schwierigkeiten.
Die Schiffahrt auf dem Amazonenstrom ist, da östliche Luftströmungen durch die ganze Länge des Thals aufwärts vorherrschen, selbst
für Segelschiffe nicht beschwerlich; für Dampfboote ist kein andrer Strom der Erde so wohlgeeignet wie
der der bis zu den Kordilleren hinauf eine genügende, durch kein Hindernis gehemmte Fahrtiefe besitzt, und auch in seinen
Nebenflüssen auf weite Strecken hinauf für große Schiffe
[* 21] befahrbar ist. Von Bedeutung für den Aufschwung derselben war
der Vertrag zwischen Brasilien und Peru vom durch welchen sich beide Staaten zur Unterstützung
einer Dampfschiffahrtsgesellschaft auf dem Amazonenstrom verbindlich machten, mehr aber noch, daß von brasilischer
Seite die Schifffahrt auf dem Strom bis zur peruanischen Grenze für die Handelsflaggen aller Nationen freigegeben wurde.
Bolivia, Peru und Kolumbien haben bereits begonnen, ihre Verkehrslinien mit dem Amazonenstromsystem in Verbindung
zu setzen. Landstraßen und Eisenbahnen sind in Angriff genommen und zum Teil schon ausgeführt, um die Stromschnellen und Katarakte
der Zuflüsse zu umgehen, den meist schiffbaren Oberlauf derselben mit dem Unterlauf zu verbinden und so Handelswege bis
ins Herz jener Weststaaten hinein zu eröffnen. Infolgedessen hat sich der Verkehr bereits bedeutend gehoben
und geht ohne Zweifel einem großartigen Aufschwung entgegen, da die Waldungen des Gebiets nicht nur eine wunderbare Fülle
kostbarer Produkte enthalten und der jungfräuliche BodenKaffee, Kakao, Zucker
[* 22] und Baumwolle
[* 23] in größter Menge erzeugt, sondern
auch das Andengebiet mit seinen Reichtümern an Mineralien
[* 24] und Herden zum größten Teil im Bereich des
Amazonenstroms liegt.
Gegenwärtig bilden noch Waldprodukte, besonders Brasilnüsse, Kautschuk, Sassaparille und Schildkrötenöl (Manteca), neben
Erträgnissen des Fischfanges und der Jagd die wichtigsten Exportartikel. Hauptausfuhrhafen für das ganze Flußgebiet ist
die brasilische Stadt Pará an der Mündung des RioPará (Tokantins), die in regelmäßiger Dampfschiffsverbindung
mit Liverpool
[* 25] und Havre,
[* 26] New York und Rio de Janeiro steht. Die Länge der von brasilischen Dampfern befahrenen Wasserwege betrug 1873 bereits 9900 km,
und mehr als 50 Dampfschiffe, zum Teil von 1100 Ton. Last (im Besitz mehrerer Gesellschaften), vermitteln gegenwärtig den Verkehr
der verschiedenen Ortschaften des Innern mit dem HafenPará, woselbst sich die Ein- und Ausfuhrwerte von 1850 bis 1880 von 62 Mill.
auf 65 Mill. Mk. vermehrt haben. Als wichtigste Verkehrsader des unermeßlich reichen
zentralen Südamerika, zugleich als
Verbindungsweg des Westens und Ostens des Kontinents ist nach alledem die Bedeutung des Amazonenstroms eine außerordentliche.
Der von Orellana so benannt, weil er ihn von den Indianern am Parástrom Amassona (»Bootzerstörer«) nennen
hörte und daraus auf das Vorhandensein von Amazonen in dieser Gegend schloß, wurde 1499 von Vincent Pinzon an seiner Mündung, 1535 von
den Spaniern an seiner Quelle
[* 27] entdeckt, aber erst 1544 von Orellana zum erstenmal ganz befahren. Im J. 1740 befanden
sich an den Ufern des Stroms 40 Missionen mit 12,800 Bewohnern; bald nachher wurden die Jesuiten nach 130jähriger Arbeit aus
Südamerika vertrieben, und die Früchte ihrer Bemühungen gingen gänzlich verloren.
[* 2] Rio das Amazonas, mit Einrechnung seines Nebenflusses Ucayali der drittlängste Strom der Erde, in seinem
Oberlaufe bis Tabatinga auch Tunguragua und Marañon, dann bis zum Rio Negro Solimões genannt. (S. die
Karten: Brasilien und Columbia
[* 29] u. s. w.) Er entspringt in Peru unter 10° 30' südl. Br., etwa 230 km im NO. von Lima,
[* 30] aus dem
See von Lauricocha, auf dem zwischen der West- und Ostcordillere ausgebreiteten, 4300 m hohen Plateau am Nordabfall des Cerro de Pasco.
Sein Oberlauf, gegen NNW. gerichtet, geht anfangs vielfach gewunden durch ein 220 km langes, schmales
und tief eingeschnittenes Felsthal, in dem er eine ununterbrochene Reihe von Stromschnellen und Fällen bildet. Dann erweitert
sich das Thal bis zu 30 km und senkt sich zu 1000 - 600 m Höhe. Erst bei Jaen de Bracamoras wird der Strom,
bereits 700 km lang, für 2 m tief gehende Fahrzeuge schiffbar. Er beschreibt nun einen 250 km langen Bogen
[* 31] gegen NO. und O.
und durchbricht die Ostcordillere in 13 Stromschnellen oder Pongos (Thoren), deren letzte und bedeutendste, der Pongo von Manseriche
bei SanBorja, den durch zahlreiche Gebirgswasser schon bis zu 500 m Breite angewachsenen Strom plötzlich
zwischen senkrechten Felswänden 10 km weit auf 50 m zusammendrängt.
Unterhalb dieses Durchbruchs, bei Rentema, fließt der Strom in 378 m Höhe und erreicht eine Breite von fast 1600 m. Er tritt
hier, nach 950 km Lauf innerhalb der Anden, in die ungeheure, steinlose Waldebene des tropischen Südamerikas
ein, in der er ohne weitere Hindernisse der Schiffahrt, erst bis Tabatinga (200 m hoch) noch auf peruanischem, dann bis zur
Mündung auf brasil. Gebiete noch 3650 km zurückzulegen hat, um die auf seinem über 5000 km
langen Laufe bis ins
Ungeheure angeschwellte Wassermasse dem Atlantischen Ocean zuzuführen. In der Enge von Obidos wird der gewaltige Strom auf
1,5 km eingeengt (bei einer Tiefe von 70 m), während er bei Tabatinga über 2,5 und bei Villanova 3 km breit war. Von Santarem
abwärts erweitert er sich bis 15 km und wendet sich von Porto de Moz ab, von vielen Inseln geteilt, gegen
NO., mehrfach bis zu 80 km breit. - Die Mündung besteht aus drei Hauptarmen, die die Inseln Caviana und Mixiana umschließen,
und hat vom Kap Raso do Norte bis zum Reiherkap (Cabo de Magoari) auf der InselMarajo eine Breite von über 250 km.
Vor den Hauptmündungen, Canal do Norte und Canal do Sul genannt, gehen mehrere Arme, deren größter Tajipuru heißt, nach S.,
vereinigen sich dann ostwärts gewendet mit dem Tocantins zu dem breiten Ästuar des Rio Para, dessen Gewässer dann ebenfalls
nordöstlich ins Meer fließen.
Der Rio Para darf aber nicht als Mündungsarm des Amazonenstrom, sondern des Tocantins-Araguaya aufgefaßt werden;
dies beweisen die Verschiedenheit in der Farbe des Wassers, der Form der Ufer und ihrer Vegetation, sowie der Umstand, daß
man zwar im Hauptstrome die Ebbe und Flut des Meers bis Obidos hinauf spürt, aber nur durch eine Beschleunigung
oder Hemmung der Strömung, während in den Rio Para das Meerwasser eindringt und ihn schwach brackisch macht. Die Süßwassermassen
des Hauptstroms drängen das Meerwasser zur Ebbezeit über 200 km weit von der Küste zurück und geben sogar der an der brasil.
Küste nordwestlich fließenden Strömung auf eine weite Strecke eine andere Richtung.
Die zwischen beiden Hauptmündungen liegende InselMarajo hat eine Fläche von 19270 qkm (fast ebenso groß wie die Provinz Westpreußen).
[* 34] Eine Deltabildung ist an der Mündung des Amazonenstrom nicht vorhanden, obgleich er gewaltige Massen von seinen Ufern und seinem Grunde
fortspült; denn diese werden durch eine Meeresströmung nach der Küste Guayanas fortgeschafft. Der Amazonenstrom hat
sogar einzelne kleinere Inseln in der Mündung allmählich fortgerissen. Die vielen Sandbänke ändern ihre Lage sehr schnell.
An der Mündung beträgt die vom Amazonenstrom bewegte Wassermasse 35000 cbm in der Sekunde. - Der Amazonenstrom nimmt
über 200 Nebenflüsse, darunter 100 schiffbare, und zwar 17 Ströme ersten Ranges von 1500 - 3500 km
Länge auf, die sein Stromgebiet auf 5600000 qkm (mehr als die Hälfte des Inhalts von ganz Europa) und mit dem großen Tocantins-Araguaya
(s. d.) auf 6500000 qkm erweitern, so daß es das größte der Erde ist.
Vom 2.° nördl. Br. bis zum 20.° südl. Br. sendet der Ostabhang der Anden seine Gewässer in den Amazonenstrom. Unter
den Nebenflüssen sind sechs, die den Rhein an Länge und Wassermasse übertreffen, und doch sind selbst die beiden größten
von ihnen, der Rio Negro und der Madeira, nicht im stande, bei ihrer Einmündung einen merklichen Eindruck
auf die Strömung des in der Mitte zu machen. IhreGewässer, die durch den Unterschied der Farbe noch eine Strecke lang kenntlich
bleiben, werden in ziemlich schmaler Linie am Ufer entlang gewälzt, bis sie in der Gesamtmasse verschwinden.
Die meisten dieser Nebenflüsse bilden bei ihrer Einmündung Deltalandschaften und außerdem gehen mehrfach
oberhalb derselben vom Hauptstrome Arme aus, die in die Nebenflüsse ausmünden, so daß ein unentwirrbares Gewebe
[* 35] von Flußarmen
und Inseln entsteht; man kann in Booten von Santarem bis Obidos hinauffahren, ohne
ein einziges Mal den Hauptstrom zu berühren.
Durch Abzweigung eines Seitenarms des Madeira, der sich erst nach 350 km wieder mit dem Amazonenstrom vereinigt,
wird die größte von dessen Inseln gebildet, die 14300 qkm große Ilha dos Tumpinambaranas, auf der sich die letzten Reste
des einst mächtigen Volks der Tumpinambas erhalten haben. Die bedeutendsten Nebenflüsse sind von rechts: der Huallaga, Ucayali,
Javari, Jutahi, Jurua, Coary, Purus, Madeira, Tapajoz oder Rio Preto, Xingu und Tocantins;
links der Santiago,
Moroña, Pastaza, Tigre, Napo, Putumayo oder Iça, Caqueta oder Yapura, der Rio Negro mit dem Casiquiare und Rio Branco, der Jamunda,
Trombetas, Paru und Jary. - Das Gebiet des Amazonenstrom muß zur Kreidezeit eine weite Bucht gewesen sein, die von
ältern Gesteinen umlagert wurde.
Wahrscheinlich war schon in der ältern Tertiärzeit nahe den Anden eine Deltabildung des
Amazonenstrom an der Mündung in die genannte Bucht vorhanden; wenigstens sind bei Pebas nahe der Mündung des Ambiyacu blaue Thone mit
brackischer Fauna gefunden worden, wie, sie an den Mündungen der Ströme vorkommt. Seitdem ist die ganze
Bucht allmählich mit dem Anschwemmungsmaterial des und seiner Nebenflüsse ausgefüllt worden und wir sehen nun in dem
Tiefland des Amazonenstrom eine der größten Alluvialbildungen der Erde. - Die Einfahrt in den Amazonenstrom ist wegen der den Mündungen vorgelagerten
Sandbänke äußerst gefährlich; dazu tritt die Naturerscheinung der berüchtigten Pororoca, einer mit
wallartiger Front stromaufwärts laufenden, nach vorn überstürzenden, an den flachen Ufern und den Sandbänken strandenden
Flutwelle, die durch plötzliche Verringerung der Wassertiefe im Flußbette oder durch starke seitliche Verengung und scharfe
Biegung des Bettes entsteht.
Als Tropenstrom ist der Amazonenstrom das Gegenteil vom Nil, indem er nicht durch verschiedene Zonen, sondern fast
in seiner ganzen Länge dem Äquator zur Seite hinfließt, und daher seine alles Ähnliche überbietende Anschwellung durch
Regen in der ganzen Ausdehnung fast gleichzeitig erhält. Der und sämtliche südl. Nebenflüsse haben ihre Regenzeit
im Januar bis März, und dadurch steigt der Strom 10 - 15 m, verwandelt das Land meilenweit in eine Wasserwüste
und gießt sein Gewässer oft durch Seitenkanäle in die Betten der Nebenflüsse aus, um dasselbe weiter unten wieder zu erhalten.
Auf ähnliche Weise teilen sich die Nebenflüsse ihr Wasser mit, und so entstehen auf der fast wagerechten
Tiefebene viele periodische Bifurkationen. Das Steigen des Wassers dauert ungefähr 120 Tage. Während dieser Zeit ist das Wasser
des von N. kommenden Rio Negro auf mehrern hundert Kilometern stehend oder gar rückläufig. Sechs bis acht Wochen nach dem
höchsten Wasserstande treten die mit Schlamm überzogenen Waldflächen wieder hervor und die geflohenen
Tiere kehren zurück.
Erst wenn die Hochflut des Stroms sinkt, beginnt das Wasser am Hauptstrome wie in den Nebenflüssen sein großartiges Vernichtungswerk
gegen die Ufer. Die aufgeweichten Lehmwände, von dichtem Urwald belastet, senken sich. Ganze Waldpartien schweben über dem
Wasser und stürzen bei irgend einer Erschütterung mit Getöse in das Wasserchaos. Ungeheure Massen von
Treibholz werden in den Nebenflüssen herabgeführt; doch gelangt nicht alles bis zum Meere. Vieles strandet an den Sandbänken
und den zahlreichen Inseln; anderes häuft
¶
mehr
sich all dem Uferrande zu mächtigen Holzbollwerken zusammen; zahllose Stämme sinken nieder und bilden bei der trüben Beschaffenheit
des Wassers eine große Gefahr für die Schiffahrt. Der die Stromufer begleitende Urwald bietet in Vegetation und Tierwelt die
ganze Mannigfaltigkeit der Tropenländer. Durch den Hauptstrom, den Rio Negro und Madeira zerfällt das
ganze Gebiet in vier Abteilungen, die in Flora (s. Brasilien) und Fauna verschieden sind. Sehr reich ist die Fauna an Insekten,
[* 37] namentlich an Schmetterlingen und Ameisen.
Dagegen sind die Säugetiere, außer den Affen,
[* 38] nur wenig zahlreich vertreten. Der Amazonenstrom selbst ist überaus reich an Wasserpflanzen
und Wassertieren. Es finden sich in ihm neben Lamantinen, Delphinen, Kaimans zahlreiche Schildkröten,
[* 39] deren Fleisch und Eier
[* 40] für die Anwohner sehr wichtig sind. Aus den Eiern wird Öl bereitet, und Bates berechnet, daß jährlich
etwa 40 Mill. Eier, die von 400000 Schildkröten gelegt werden, vernichtet würden. Ein anderes Reptil des Amazonenstrom ist
die Anaconda genannte Riesenschlange (Eunectes murinus Wagl.).
An Fischen ist der der reichste Strom der Welt, und die Zahl der Arten, die ihn bewohnen, wird auf 2000 geschätzt. Der größte
hier vorkommende Fisch ist der Arapaima
[* 41] oder Piaruru (ArapaimagigasCuv.), der bis 5 m lang wird und ein Gewicht bis
zu 250 kg erreicht. Sein wenig wohlschmeckendes Fleisch bildet gesalzen, geräuchert oder gedörrt einen wichtigen Handelsartikel.
Bemerkenswert ist, daß außer Delphinen auch noch andere typische Meertiere, aber in eigenen Arten im A. vorkommen, z. B.
Rochen.
Der Schiffahrt bietet der Amazonenstrom ein Netz von Wasserstraßen, wie kein anderer Strom der Erde. Von der Mündung
bis an die Abhänge der Anden bildet er eine ununterbrochene Straße, und bei Tabatinga beträgt seine Tiefe schon 13 m, so daß
ihn die größten Schiffe befahren können. Hierzu kommt, daß er auch nahe den Ufern schon eine große Tiefe besitzt. Die
mächtige Strömung ist auch für Segelschiffe verhältnismäßig leicht zu überwinden, da den größten
Teil des Jahres hindurch der Passat stromaufwärts weht.
Ein großer Teil seiner Nebenflüsse ist ebenfalls auf mehrere hundert Kilometer schiffbar. Doch sind sie auf der Südseite
meist dort durch starke Stromschnellen unterbrochen, wo sie aus dem brasil. Hochlande in das Tiefland des
Amazonenstrom eintreten. Aber oberhalb dieser Stellen finden sich vielfach noch große schiffbare Strecken. Namentlich bietet der Mamoré
in Bolivia, ein Quellstrom des Madeira, eine gute Wasserstraße, und man verbindet jetzt den schiffbaren Teil des Madeira mit
dem Mamoré durch eine Eisenbahn, wodurch ein bequemer Handelsweg vom Atlantischen Ocean bis ins HerzBolivias eröffnet wird. Die Gesamtlänge der von brasil. Dampfern befahrenen Wasserläufe
im Gebiete des Amazonenstrom betrug 1873 schon 9900 km.
Der Amazonenstrom wurde an seiner Mündung 1500 von Vicente Yañez Pinzon, an seiner Quelle 1535 von den Spaniern entdeckt. Befahren ward
der Strom zuerst, und zwar vom Napo abwärts, durch Pizarros Gefährten Francisco de Orellana (1540 -
41), der auch die Fabel von einem Lande derAmazonen und dem Goldlande oder Eldorado aufbrachte. Unter denen, die sich in der
Folgezeit um die Erforschung des Stromlaufs verdient machten, sind besonders Pedro Teixeira (1637 - 39), der Jesuitenpater
Samuel Fritz («der Apostel des Amazonenstrom»),
Condamine (1743 - 44), später Spix und Martius (1820),
Maw (1829),
Pöppig (1831 - 32), der Prinz Adalbert vonPreußen (1842), der GrafCastelnau (1846) zu nennen. Von besonderer Wichtigkeit wurde
jedoch die im Auftrage der nordamerik. Union unternommene Expedition von Herndon und Gibbon (1850 - 52),
die Forschungsreisen Agassiz' im Auftrage der brasil. Regierung (1865), ferner Chaudleß' (1862 - 69) und Ortons (1867 - 76).
Der Kulturbau der Spanier und Portugiesen an den Ufern des und seinen Nebenflüssen stürzte zum großen Teil schon bei Vertreibung
der Jesuiten und dann später, als sich Brasilien von Portugal
[* 42] losriß, zusammen.
Doch erhob sich aus diesen jesuitisch-portug. Ruinen bereits wieder, wenn auch nur langsam,
eine freiere Entwicklung. Die brasil. Regierung unterhält acht Dampfer, die monatlich zwischen Para und Manaos, Para und Obidos,
Manaos und Tabatinga fahren. In Tabatinga schließt sich ein peruan. Dampfer an, der den A.und Huallaga aufwärts
bis Yurimagua, dem Hafen von Moyobamba fährt, wo sich ein allerdings höchst schwieriger Landweg nach Moyobamba und weiter
über Cajamarquilla nach Trujillo an der Südsee anschließt.
Außerdem giebt es noch mehrere Gesellschaften, die den und einzelne Nebenflüsse befahren. Seit 1867 ist endlich die Schiffahrt
auf dem Amazonenstrom für alle Flaggen
[* 43] freigegeben (Küstenfahrt ausgenommen), doch sind vorläufig fremde Schiffe
noch nicht im stande, mit den reichlich vom Staate unterstützten brasil. Dampfern in Wettbewerb zu treten. (S. Para.) Sonach
vermittelt der Amazonenstrom mit seinen Wasserstraßen bis in die Cordilleren hinauf die Verbindung des Atlantischen Oceans mit der Südsee.
Wenn auch die Besiedelung der Uferländer des Amazonenstrom wegen klimatischer und anderer Schwierigkeiten
nur langsam vor sich gehen kann, so bietet doch hier jetzt schon und unter allen Umständen die Natur eine Menge von für
die Menschheit wichtigen Produkten.
Litteratur. Acuña, Nuevo descrubimiento del Gran
[* 44] Rio de las Amazonas (Madr. 1641; französisch, 2 Bde.,
Par. 1682);