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VERENABAD FANTOCHE 2016
Am 11. September 2016 endete in Baden die 14. Ausgabe des internationalen Animationsfilmfestivals Fantoche. Mit dem Schwerpunktthema „La condition humaine“ leistete sich Fantoche auch etwas, was Badenerinnen und Badenern seit 150 Jahren verwehrt bleibt: ein „Bagno popolare“, ein Thermalbecken auf dem ehemaligen Bäderplatz. In Baden darf gebadet werden. Naheliegend aber gar nicht so selbstverständlich.
Auf dem heutigen Kurplatz betrieb die Stadt Baden nämlich bis 1840 die beiden offenen ca 1.80m tief im Platz eingelassenen Thermalbecken, das Frei- und St. Verenabad. Eingerichtet waren sie vermutlich in ursprünglich römischen Bassins, davon geht die Aargauer Kantonsarcheologie jedenfalls aus. Als öffentliche Gemeinschaftsbäder waren das Verena- und Freibad der einfachen Bevölkerung und Laufkundschaft vorbehalten, denen der Zugang zu den feinen Bäderhotels und Badehöfen verwehrt blieb. Während für das einfache Volk und die Armen zumeist körperliche Leiden Anlass zu einer Badenfahrt waren, schwelgte die Oberschicht aus aller Welt stets in den privaten Bäderhöfen der frivolen Heiterkeit. Eine Modernisierungswelle Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte Badens Bäderviertel noch einmal zum international beachteten Kurort, liess aber die öffentlichen Bäder unter freiem Himmel endgültig verschwinden. Nur Otto Glaus‘ 1964 eröffnetes und 2012 verlottert wieder geschlossenes Thermalhallenbad vermochte dem Wunsch nach einem öffentlichen Thermalbad noch einmal zu entsprechen. Nun, da die angekündigte Eröffnung des umstrittenen Botta-Bades einmal mehr in die Zukunft rückt, darf 2016 auf den vor 600 Jahren, 1416, von Poggio Bracciolini geschilderten Bäderbetrieb in Baden geschielt werden. Bemerkenswert: Der Humanist und bekennende Republikaner im Dienst der römischen Kurie beschreibt im siebenseitigen Brief an seine Florentiner Freunde wie „vor aller Augen auf beiden Seiten des Platzes, die Badebecken der Menge und des gewöhnlichen Volkes (liegen), in die Frauen und Männer, junge Burschen und unverheiratete Mädchen und der ganze Bodensatz der Herumtreiber hinabsteigen“. In den von der Natur gespendeten Reichtum. Bracciolini macht es Spass, dem herrlichen Schauspiel zuzusehen und er erkennt darin nichts, was an eine soziale Privilegierung gebunden wäre. Ja, in Baden darf gebadet werden!
Ein vergängliches, sorgsam aus Schalungsträgern kraftschlüssig und nach historischen Proportionen gestecktes Thermalwasserbecken von 40m2 war es, das während der Fantoche-Fesivalwoche vom 7.- 11. September mit frischem Thermalquellwasser beschickt und frei zugänglich war. Das Bagno Popolare fragte also nach jener zentralen „condition humaine“ mit welcher der Mensch zu dem werden kann, was er ist: seiner Tätigkeit des Handelns. Eine Einführung und Lesung zum 600 jährigen Schreiben Bracciolinis, Konzerte sowie nächtliche Animationsfilm-Schauen am Thermalbassinrand bildeten rückblickend nur den unterhaltenden Rahmen der eigentlichen Überraschung: Das von Festivalgästen und Einheimischen erst zaghaft, dann ausgelassen genossene Bad auf dem Platz entwickelte sich quasi zur alltäglichen Praxis: Ob nachmittags, nachts oder am Sonntagmorgen und schon mal mit dem Verweis darauf, Thermalwässer gehörten ja schliesslich allen, stiegen Junge neben Seniorinnen und Animationsfilmern unter aller Augen auf dem historischen Platz zum gemütlichen Bade. Einfache Eintauchen. Selbstverständliche Praxis in fast jedem mit Thermalwasser gesegneten Ort der Erde und Handlung welche im Sinne räumlicher Bedeutungsproduktion kaum zu überbieten ist. Und die eigentlich nur minimalste Voraussetzungen benötigt: Boden, Wände und heisses Wasser. In Baden kann gebadet werden.
VERENABAD KULTOUR 2015
Seit Urzeiten sprudeln Thermalwässer und werden von der Limmat verschluckt. Wie sich Menschen vom wärmenden Wasser verwöhnen lassen hat unterschiedliche Kulturen hervorgebracht: Bäderbauten und Rituale. Der Kurplatz erhält für einen Tag ein öffentliches Bad wie es bis ins 19.Jh. selbstverständlich war. Nun jedoch mit Projektionen, Lesungen und Tönen. Die Installation erlaubt es Besuchenden, im temporären Bad einzutauchen, welches von überschüssigem Thermalwasser gespiesen wird. Mit Projektionen, Lesungen und Musik interpretieren noch zu bestimmende Kunstschaffende die Badekulte und mit dem Baden verbundene Kulturpraktiken. Die wichtigste: Das Baden ist öffentlich und findet für Besucher_innen auf dem Kurplatz, am Standort des historischen Verenebades statt. In den letzten 2 Jahren haben im Verborgenen immer wieder solche Bäder statt gefunden und das Bedürfnis nach gemeinschaftlichem Baden aufgezeigt.