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Und noch heute liegt ein Teil der Spuren der Vergangenheit unter der Wasseroberﬂäche des Kaspischen Meeres. Dies war der Grund zur Veranlassung einer historisch-archäologischen Unterwasser-Expedition des Museums der Geschichte Aserbaidschans im Jahr 1968, unter der Führung von B. A. Kwatschidse. Die Aufgabe der Expedition war es, die historischen und archäologischen Stätten des aserbaidschanischen Abschnitts des Kaspischen Meeres zu untersuchen. Diese Expedition arbeitet seit 1968 und hat im Laufe der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zahlreiche und sehr wertvolle Artefakte vom Meeresboden gehoben.
Schon die erste Suche brachte ein Ergebnis: Am Kap Schulan im Nordosten der Halbinsel Abscheron fanden sich die Überreste eines versunkenen Expeditionsschiffes aus dem 19. Jh., der „Quba“. Mit diesem Schiﬀ hatte der bekannte Forscher N. A. Iwaschintsow die Kartierungsexpedition des Kaspischen Meeres unternommen und im Jahre 1877 den „Atlas des Kaspischen Meeres“ veröﬀentlicht. Bis vor kurzem diente dieser Atlas noch als grundlegender Leitfaden für die Kaspische Navigation. Vom Bord des gesunkenen Schiﬀes hob die Expedition die Waﬀen aus der Zeit um 1845 und die Schiﬀsglocke.
Während der ersten archäologischen Unterwasserforschungen wurden auch die Hauptzonen der Küstengewässer untersucht, die sich als viel versprechend für weitere Arbeiten erwiesen. Einer dieser Bereiche war die Mündung des Flusses Kura, dessen Mittel- und Unterlauf in der Antike und im Mittelalter schiﬀbar waren: Über ihn führte ein Wasserweg und an ihm entlang ein Handelsweg, so dass an der Mündung des Kura die Spuren von alten Siedlungen zu erwarten waren.
Arabischsprachige Autoren im Mittelalter erwähnten die Inseln gegenüber der Mündung, in denen „die Menschen Vieh züchten und Krapp anbauen“. Die Expedition ermöglichte es ebenfalls nahe der Mündung des Kura das riesige Gebiet Guschtasﬁ (Guschtasp) zu lokalisieren. In den alten Flussbetten und an den Ufern des Kura wurden die Siedlungen Bändowan I und Bändowan II gefunden, die vom Kaspischen Meer überﬂutet wurden. Es wurde festgestellt, dass Bändowan I die Ruinen der Stadt Guschtaspi sind, die vom 11. bis zum 13. Jh. existierte, und Bändowan II die Ruinen der Stadt Mugan (9.-12. Jh.). Hier wurden an Land sowie auch unter Wasser Spuren von Keramikproduktion und anderer Handwerke, darunter Töpferöfen und deren Teile, gefunden. Dabei wurde auch eine grosse Anzahl von einfachem und glasiertem Geschirr aus der Zeit zwischen dem 9. und 13. Jh. gesammelt. Einfache Keramik ist in allen Arten von Haushalts- und Küchengeräten vertreten, welche sich in der Sorgfalt ihrer Formgebung unterscheiden; viele Einzelteile sind mit Ornamenten verziert. Die meisten der Funde an den Standorten Bändowan I-II gehören zur inkrustierten und glasierten Keramik.
Die inkrustierte Keramik aus der Siedlung Bändowan II (9.-12. Jh.) ist verziert mit einfachen, sich wiederholenden grundsätzlichen Ornamenten: Diese Ornamente bestehen aus einer Kombination von Kreisbögen, Ovalen und Kreisen, aber auch Punktornamente wurden verwendet. Die Keramik aus der Siedlung Bändowan I (11.-13. Jh.) hat verschiedene Funktionen und besitzt eine Vielzahl von Formen und Verzierungen. Die Böden vieler Tassen und Untertassen sind mit Abbildungen von Tieren geschmückt. Sehr verbreitet ist die zentrierte Darstellung der Taube oder des Pfaus als Symbol der Unsterblichkeit und die Darstellung des „Lebensbaums“. Häuﬁg triﬀt man auch auf Illustrationen von Löwinnen und Geparden, mit nach oben gebogenen Schwänzen, stilisiert nach Art der „Blumendekoration“. Wundervoll übertragen ﬁndet sich auf einem der Bodenfragmente die Abbildung eines Hirsches mit einem verzweigten goldenen Geweih. Auf einer anderen Untertasse ist ein Damhirsch ausgestreckt in einem dynamischen Sprung zu sehen. Nur ein erfahrener Künstler mit guter Beobachtung kann das Tier in Bewegung so authentisch darstellen: Mit ein paar feinen sparsamen Einschnitten und Pinselstrichen werden lebendige Bilder von Wildtieren dargestellt.
Auf der Unterseite der inkrustierten Keramik ﬁnden sich verschiedene reliefartige Herkunftszeichen als Marken. Es gibt lokale Marken mit dem Bild eines Löwen mit der aufgehenden Sonne im Hintergrund, mit dem Bild eines Hundes, das einer Taube, einer Gazelle und eines Reiters mit einem Falken, sowie sich unterschiedlich verschlingenden Knoten. Ein Teil der Marken besitzt Ähnlichkeiten mit den Marken aus mittelalterlichen aserbaidschanischen Städten wie Beyläqan, Qäbälä, Baku, Schamachi, Schabran.
Auf einigen Bruchstücken der inkrustierten Keramik beﬁnden sich auf der Oberﬂäche Inschriften, die uns die Beispiele der orientalischen Poesie und Weisheit liefern, aber auch alle möglichen Anregungen an die Käufer und Auftraggeber: „Bereitgestellt vom Tassenmacher Yussif“, „So lange, die Arbeit und Wissenschaft mit dir sind“, „Ja, der Schöpfer der Welt behütet den Eigentümer dieses Dings, wo er sich auch aufhalten mag“ und Ähnliches sowie auch einen Abschnitt aus dem Gedicht des grossen persischen Dichters Saadi.
Die entdeckte Keramik bezeugt das hohe Niveau der Stadtkultur des mittelalterlichen Aserbaidschans. Dies wurde zusätzlich durch andere Funde in den Stadtruinen Bändowan I und Bändowan II bestätigt. In der Altsiedlung Bändowan I, auf dem Meeresboden bis zu 200 m unter der Wasseroberﬂäche und bis zu einer Tiefe von 1,8 Metern, wurden die Reste der nach dem Bauplan rechteckigen Fundamente, mit erheblichen Ansammlungen von Töpferwaren, Mühlsteinen sowie den weiteren Resten der Kulturschicht gefunden.
In der Nähe, ebenfalls unter Wasser, wurden an zwei getrennten Stätten Ansammlungen von Töpferscheiden, verbrannten Stücken von Wänden der Töpferöfen und halbfertige Waren der Keramik-Produktion gefunden. Dieses Material weist darauf hin, dass sich hier einmal ein Stadtviertel der Töpfer befand. Lehmziegelgebäude zeigten sich am Ufer als Überreste von Wohnstätten mit Feuerstellen und Brotbacköfen sowie Haushaltsgruben und Gruben von hölzernen Pfählungen mit verbrannten Pfählen. Es fanden sich zudem Spuren von Bewässerungskanälen und Abﬂussgräben, die von den Wohnungen zu den Kanälen führten. Ausser diesen Gebäuden gab es hier oﬀensichtlich auch Gebäude aus Stein und quadratischen Brandziegeln (24x24x5 cm). Oﬀen liegen hier auch die Fliesenplatten und Steinblökke. Es fand sich auch ein grosser Bestand einfacher und glasierter Keramik, Werkzeuge (Mühlsteine, Schleifsteine usw.), Schmuck aus Glas meist Armbänder, herzförmige Perlen, sowie Kupfer- und Silbermünzen aus der Zeit der Dynastien Eldägizen, Därbändi und Hulagiden. Die Funde von Silbermünzen der Hulagiden (verstreut am Ufer, anscheinend aus einem Schatz stammend), darunter die altarabische Währung Dirhams, von den mongolischen Herrschern Razan Mahmud aus den Jahren 1297-98 und Oldschejtu Khan aus den Jahren 1305- 06 (deﬁniert vom Archäologen A. Rädschäbli), zeigen die Zeit der Zerstörung der Stadt. Oﬀensichtlich war der Schatz im ersten Viertel des 14. Jh. vergraben worden, kurz vor der Zerstörung der Stadt, die bald unter dem Wasser des Kaspischen Meeres verschwand.
Die Altsiedlung Bändowan II erstreckt sich entlang der Küste 20 km nördlich der Siedlung Bändowan I, zwischen den Schlammvulkanen Bändowan und Zajetschnaja. Bereits zu Beginn des 19. Jh. lag sie unter dem Wasserspiegel des Golfs von Pirsaat. Die Altsiedlungsspuren wurden entlang der alten Flussarme des Kura entdeckt. Darunter hat man einen Töpferofen ausgegraben, der in den Hang eingeschnitten ist. Ein solches System der Töpferöfen triﬀt man auch auf der Krim oder im Tal des Uralﬂusses. Besonders interessant ist die Anhäufung von defekten Sphärenkegeln, die als Überreste des sich an diesem Ort befundenen Brandofens gelten. In dieser Umgebung der Altsiedlung kamen wieder mehrere Arten von Brennöfen in ovaler und runder Form zutage und man entdeckte zudem auch eine grosse Menge an Glasarmbändern in verschiedenen Farben, Formen und Proﬁlen, sowie Perlen und Halsketten. In den Jahren 1985-86 arbeiteten im Verband der Unterwasser-Expedition des Museums der Geschichte Aserbaidschans auch die Gruppen des Museums der Geschichte Weissrusslands und der Clubgesellschaft „Katran“ aus Moskau. Die Arbeiten führte man damals unter der Wasseroberﬂäche bei der Insel Sangi-Mugan durch und machte Ausgrabungen auf den Inseln Jakornyj, Persijanin und Los sowie auf der Sandbank Bezymjannyj. Dabei wurde eine breite Fläche des Meers entlang der Insel Sangi-Mugan und ihre 2 Meilen ins Meer reichenden Landzungen erforscht. Links und rechts der Landzungen wurden auf deren ganzen Längen viele Anker verschiedener Konstruktionen und Arten entdeckt. Über 20 dieser Anker wurden aus dem Meeresboden gehoben. Ein besonders interessanter Fund war ein Enterhaken mit Klauen, der hinter dem Pier der Insel Richtung Osten in einer Tiefe von 3,4 m entdeckt wurde.
Dieser Haken kann auch ein Relikt aus der Seeschlacht zwischen Kräften des russischen Rebellen-Anführers Stepan Rasin und der iranischen Flotte sein; diese Schlacht fand auf der Insel Sangi-Mugan im Sommer 1669 statt und endete mit dem Sieg der Russen. Erwähnungen dieser Schlacht sind in den Büchern „Caspian“ von B. Dorna und „Drei Reisen“ von J. Streysa zu ﬁnden. Die Würdigung der zahlreichen Anker in den Gewässern der Insel Sangi-Mugan gibt Grund anzunehmen, dass diese Insel in der Vergangenheit als Zuﬂucht für Seefahrer vor Stürmen diente. Ausser den Ankern fand man unter Wasser vor der Küste der Insel einfache und inkrustierte Keramik aus dem 17. Jh. Es fanden sich auch die Holzteile von Schiﬀ en und Weizenreiben aus Stein. Auf der Westseite der Insel liegen die Überreste von Bauten.
Ein weiterer interessanter Standort für Unterwasserarchäologie ist die Meeresﬂäche in der Nähe vom Kap Amburan (Kap Kohna Bilgya), nordöstlich von Abscheron. Während der erwähnten Zeit existierte hier auf dem Dorf Bilge (Bildi) ein dienlicher Ankerplatz für Boote. Die bekannte Forscherin der Geschichte Bakus, Sara Aschurbäyli, zitiert den Brief eines Mitarbeiters der englischen Firma Christopher Barrow, der in seinem Reisebericht über das Kaspische Meer im Jahre 1850 den Ankerplatz Bildi (Bilge) in der Nähe von Baku erwähnt. Hier wurden Ankersteine, Metallanker verschiedener Konstruktionen wie die Admiralty-Art, Kupfer und Keramik-Geschirr aus dem 16.-17. Jh, sowohl aus lokaler Produktion als auch importiertes, entdeckt. In einer Tiefe von sechs Metern wurden in einer Grube drei gerundete aufeinander liegende Ankersteine gefunden. Sie stellen so genannte „Bespannungs-Steine“ dar, die wie Perlen auf Pfählen oder am Ende eines Seils mit einem Quersteg aufgereiht wurden. In noch vollständigerer Form wurden Ankersteine mit zwei und drei Löchern entdeckt. Durch das untere Loch wurde ein Holzpfahl gesteckt, der die Haltekraft der Ankerkonstruktion erhöhte. Das Gewicht dieser Ankersteine liegt zwischen 20 und 80 Kilogramm. Ähnliche Ankersteine wurden ebenfalls in den Gewässern von Derbent gefunden.
Abschliessend kann an die Worte des berühmten Unterwasserforschers Diol erinnert werden: „Archäologen, lernt, unter Wasser zu tauchen, die Zukunft eures Berufes liegt dort.“
Dr. Kamil IBRAHIMOV
Historiker
Literatur
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