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Frau Lee, betrinkt man sich in Nordkorea anders als in Südkorea?
Nicht in meiner Erinnerung. Trinkfreudigkeit ist eine der Gemeinsamkeiten. Man trifft sich in Gruppen, bestellt gemeinsam Kartoffel- oder Reisschnaps, und einer hat immer dafür zu sorgen, dass kein Glas leer ist. Im Süden trinkt man aber viel mehr, weil die Menschen wohlhabender sind. Für mein Geschäft ist das gut. Ich bringe den Südkoreanern aber so auch die Kultur der Nordkoreaner nahe.
Wenn das Trinken gleich abläuft, kann man nicht wirklich von Austausch reden, oder?
Doch, schon. Häufig wird während des Trinkens auch etwas gegessen. Und da unterscheiden sich die Geschmäcker. Südkoreanisches Essen ist schärfer als nordkoreanisches. In meinem Restaurant servieren wir zum Beispiel das typischste Gericht der einfachen Leute, wir nennen es «heisse Nudeln». Es besteht aus Zwiebeln und saisonalem Schnittgemüse, einem halben Ei und eben Nudeln in klarer Brühe. In Südkorea isst man etwas Ähnliches, aber eben nicht genau das. Die nordkoreanische Version gibt’s in diesem Land wirklich nur bei mir.
«In diesem Land», sagen Sie – Sie sehen die Koreas nicht als ein Land?
Natürlich nicht, es sind zwei Länder, die seit 65 Jahren einen Waffenstillstand haben. Ich würde mich über die Wiedervereinigung sehr freuen. Aber das geht nur, wenn im Norden Kim Jong-un die Macht verliert. Ein undemokratisches Korea will ich nicht.
Kommt es in Ihrem Lokal oft zu politischen Diskussionen?
Viele meiner Stammkunden kommen auch aus politischen Gründen. Für die nordkoreanische Küche interessieren sie sich, weil sie mehr über den Norden lernen wollen oder weil sie Geflüchtete unterstützen. Meine zehn Mitarbeiterinnen sind alle irgendwann aus dem Norden hierher geflüchtet. Und wenn die Gäste darüber sprechen wollen, sind wir meist offen.
Reden Sie gerne über Ihre Flucht?
Sie liegt jetzt 21 Jahre zurück, aber mich beschäftigt das natürlich immer noch. Ich bin mit meiner Familie geflohen, als Mitte der 1990er Jahre die Hungersnot grassierte. Ich war damals in der Behörde für Qualitätskontrolle von Lebensmitteln angestellt, wir hatten noch Zugang zu Essen. Aber wir sahen keine Zukunft mehr. Für die Flucht über China und Vietnam brauchten wir gut zwei Monate. Und dann ging es hier mit dem neuen Leben los.
Sie blieben gesellig, gründeten in Seoul dieses Restaurant. Warum?
Viele Optionen hatte ich nicht. Man muss ja etwas tun, was man kann. Und etwas, wonach es Nachfrage geben könnte. Da lag ein Restaurant für mich auf der Hand. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, mich über Wasser zu halten. Mittlerweile geht es, aber es ist immer noch ein Nischengeschäft. Die meisten Südkoreaner interessieren sich nicht für Kulinarisches aus dem Norden.
Produkte aus dem Norden können Sie aber nicht importieren, oder?
Eine Sonderlizenz bekomme ich als Fahnenflüchtige bestimmt nicht. Leider muss ich südkoreanische Produkte ausschenken. Schade, denn die nordkoreanischen haben mir damals gut geschmeckt.
«NeungRa», Seoul
Südkorea