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Während meines letzten Aufenthalts in Kerala wurde der Priester Dr. Abraham Kackanatt zum Bischof geweiht. Wie üblich bestand die Feier aus einem Gottesdienst, der mehrere Stunden dauerte, und einer anschliessenden Agape, an der Hunderte von Gläubigen verköstigt wurden. Später hatte ich Gelegenheit, Mar Julios zu besuchen und von ihm zu erfahren, welche Schwerpunkte er in seinem neuen Amt setzt.
Eine «Thronbesteigung»
Die Autofahrt von Kottayam nordwärts nach Muvattupuzha auf der Achse durch den südindischen Staat Kerala dauert am ruhigen Samstagmorgen «nur» 80 Minuten für die 55 Kilometer. «Dreiflussstadt» – wie die Verdeutschung des Ortsnamens lauten könnte – ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und Handelsplatz. Ein riesiges Zeltdach schützt heute das ausgedehnte Spielfeld vor dem Bau der Vimalagiri-Schule, da auch im Februar eine Temperatur über 30 Grad normal ist. Die Konsekration des neuen Bischofs, eine grossangelegte Feier mit vielen Hymnen, Bittgesängen, der Vorstellung des Erwählten, seinem Glaubensbekenntnis, den Weihegebeten und der Handauflegung sowie der feierlichen Inthronisation nimmt über drei Stunden in Anspruch. Die Zeremonien sind eindrücklich für Auge und Ohr – etwa das geöffnete Evangelienbuch über dem Haupt des Weihekandidaten, die mit Spannung erwartete Verkündung seines neuen Namens und das dreimalige Hochheben des Inthronisierten mit seinem ersten bischöflichen Segen – , und wenn auch nicht alles für jeden Teilnehmer ohne weiteres verständlich ist, so ist doch jedem klar, dass es sich um ein bedeutungsvolles Geschehen handelt. Das geht schon daraus hervor, dass sämtliche Bischöfe der Syro-Malankarischen Kirche zusammengekommen sind, um mit dem Katholikos zusammen die Weihe vorzunehmen.
Die Synode dieser mit Rom unierten Kirche hat den Priester Dr. Abraham Kackanatt zum Bischof der Diözese Muvattupuzha gewählt. (Wie die Syro-Malabarische und die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche hat diese Kirche eine weitgehende Selbständigkeit, und ihr Oberhaupt, der Katholikos oder Gross-Erzbischof, ist von Amt und Stellung her einem Patriarchen vergleichbar).
Meister und Diener
Vor Jahren sagte mir ein indischer Priester, es gebe Bischöfe, die sich wie Könige benähmen. Die liturgischen Gewänder und die übliche Anrede «Mar» («Herr, Gebieter» – auch für Heilige verwendet) könnten tatsächlich diese Ansicht hervorrufen. Aber von Mar Julios erhielt ich einen andern Eindruck, als ich ihn einen Monat nach der Weihe besuchte. Schon der bescheidene Haushalt im ehemaligen Pfarrhaus von Vimalagiri und seine Alltagskleidung, die orange Mönchskutte und die mit zwölf Kreuzen bestickte Haube, erinnert daran, dass der Meister zum Diener aller geworden ist (vgl. die Fusswaschung, Jo 13,14f.).
Von seiner Ausbildung und den bisherigen Tätigkeiten her ist der Bischof gewiss ein Meister: 1944 geboren, wurde Abraham Kackanatt 1970 Priester. Seine ausgedehnten Studien brachten ihm ein Magister-Diplom in Soziologie, ein Lizentitiat und Doktorat in Bibeltheologie sowie ein Diplom in Bibelwissenschaft und Orientalistik ein. Außer der Muttersprache Malayalam kennt er so viele Sprachen, dass ich für unser Interview zwischen Englisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch und Französisch wählen konnte – auch Tamil, Hindi, Sanskrit, Latein, Griechisch, Syrisch und Hebräisch wären in Frage gekommen!
Im Zusammenhang mit der Bischofsweihe war aus der Presse zu erfahren, welche Posten P. Kackanatt in der Erzdiözese Tiruvalla verschiedene Posten innehatte; unter anderem war er Leiter der Sozialstelle, Mitglied der Schulverwaltung, Professor am Cana Forschungsinstitut für Ehe und Familie (dem einzigen seiner Art in Indien), Verwalter der Pushpagiri-Gruppe medizinischer Institutionen und Sekretär der Pushpagiri Medical Society. (So ist auch seine Teilnahme am internationalen Klinik-Kongress von Bochum 2007 nicht verwunderlich.) Mit diesen Tätigkeiten ist der Priester zum Diener seines Volkes geworden, und das wird er auch in seinem neuen Amt als Bischof bleiben.
Empowerment – Förderung
Mar Julios berichtete über die Bischofsynode, die unmittelbar nach seiner Weihe in Delhi stattgefunden hatte. Deren Hauptthema Förderung der Frauen in Kirche und Gesellschaft passt vorzüglich ins Programm des Bischofs. Mit «Förderung» übersetze ich das englische «empowerment», das man auch mit «Stärkung, Ermutigung, Festigung, Entfaltung, Fortschritt» u. a. wiedergeben könnte. Kerala hat von allen indischen Bundesstaaten das am besten ausgebaute Schulsystem und damit die höchste Alphabetisierungsrate. Das hängt jedenfalls nicht mit der kommunistischen Regierung zusammen (deren pompöses, sowjet-nostalgisches Meeting ich in Kottayam erlebte), sondern mit dem Christentum – etwa ein Viertel der Bevölkerung gehört entweder zu den Thomas-Christen oder zu den «Kolonial-Christen». Es gibt allerdings nationalistische Hindus, die in den christlichen Gesundheits- und Schuleinrichtungen eine Bedrohung des traditionellen Kastenwesens und der Männerherrschaft sehen.
Es sei noch viel Entwicklungsarbeit zu tun, sagt der Bischof und macht einige statistische Angaben. Das Bistum Muvattupuzha ist das jüngste der Syro-Malankarischen Kirche: 2003 gegründet, umfasst es die zentralen Bezirke Keralas mit der alten Stadt Kochi und Kodungallor, wo der Apostel Thomas im Jahr 52 landete, und zählt heute 65 Pfarreien mit 35 aktiven Priestern für rund 15000 Gläubige. Die beschlossene Wiedereinführung des Diakonats (seit langem ein Desiderat und bei den Orthodoxen eine Selbstverständlichkeit) sei schwierig, weil die Kirche sie nicht bezahlen könne. Da ich dieses Argument kenne, empfehle ich einmal mehr, die gut ausgebildeten «viri probati», d. h. Männer (und warum nicht auch Frauen?!), die sich in Ehe und Zivilberuf sowie in ehrenamtlicher Arbeit für die Kirche bewähren, zu Diakonen zu weihen.
Die Orden der «Bethany Sisters», der «Daughters of Mary», der «Holy Spirit Sisters» und «Kongregation für die Armen» leisten wertvolle Arbeit in Katechese, Familienförderung, Grund- und Fortbildungsschulen. Die Kirche unterhält zwei grosse Privatschulen (für die sie Schülergeld und Lehrergehälter aufwendet), ferner fünf staatlich unterstützte Schulen. Wichtig sind Berufsschulen, die der Industrialisierung zugute kommen, und das «Kleine Seminar», das Internat, in dem sich Jünglinge nach dem 10. Schuljahr während vier Jahren liturgische und theologische Grundkenntnisse aneignen, bevor sie im interdiözesanen «Grossen Seminar» (in Thiruvanthapuram) das eigentliche Philosophie- und Theologiestudium antreten.
Obwohl die indische Kirche des syrischen Ritus aus dem palästinischen Urchristentum stammt, erlebe ich sie immer wieder als jugendlich-lebendige Glaubensgemeinschaft, die kennenzulernen und zu unterstützen sich ohne Zweifel lohnt. Mar Julios ist dankbar für Messstipendien, die er den Priestern zuwenden kann…
Dr. Jean-Paul Deschler, Protodiakon