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«Er hatte die Statur eines Holzfällers, dazu einen dicken Walrossschnurrbart. Er trank viel und sprach wenig. Er kam aus dem Land der Riesen.» So hat Bob Dylan ihn beschrieben, seinen Lehrmeister, den Folksänger Dave van Ronk, der vor gut 10 Jahren gestorben ist. Mit «Inside Llewyn Davis» haben jetzt die Coen Brüder van Ronk einen Film gewidmet.
Als Vorlage für ihr Skript diente den Oscar dekorierten Filmemacher Joel und Ethan Coen Dave van Ronks Autobiographie. Daraus haben die Coens einige eindrückliche Stellen destilliert und diese Episoden zu einer turbulenten Story verdichtet. Im Film zieht Llewyn Davis mit einer Katze auf dem Arm und dem Gitarrenkasten in der Hand durch die Folkszene des Greenwich Village in New York.
Unbeschwertes Leben
Gedreht wurde der Film im Frühjahr 2012 an Originalschauplätzen, etwa der MacDougal Street, die einst die Lebensader der Folkbewegung war. Hier reihte sich Folkclub an Folkclub, die «Kettle of Fish» oder «The Gaslight» hiessen und in denen Dave van Ronk regelmässig auftrat. Ihre historischen Fassaden wurden für die Dreharbeiten rekonstruiert.
In Downtown Manhattan leben bis heute ein paar Folkveteranen, die van Ronk persönlich kannten. Peter Stampfel von den Holy Modal Rounders wohnt in einer ehemaligen Fabriketage in SoHo. «Ich kam 1959 nach New York. Mein Zimmerkollege war ein Freund von Dave van Ronk. Er nahm mich mit, um ihn kennenzulernen. Dave war der erste Weisse, der Blues auf eine unglaubliche Art singen konnte. Sein Gitarrenspiel war ebenso exquisit: die Nuancen, die Gefühle – er war ein Riesensänger!»
Bohemiens und Bürgerrechtler
Die Folkszene in Greenwich Village war eine eng geknüpfte Gemeinschaft von Gleichgesinnten: Bohemiens, die unbeschwert und planlos in den Tag hineinlebten. Jeder kannte jeden. «Damals musizierten wir in Cafés, nur so zum Spass. Man sass einfach herum und spielte», erinnert sich Stampfel.
Viele der jungen Folkfans engagierten sich in der Bürgerrechtsbewegung, nahmen an Protesten und Demonstrationen teil. Der spätere Bluesforscher Sam Charters befand sich mittendrin: «Wir waren bettelarm und wohnten irgendwie in den Wohnungen voneinander. Natürlich waren wir sehr politisch. Als ich mit Dave van Ronk in einer gemeinsamen Wohnung lebte, fanden bei uns die Zusammenkünfte seiner Zelle der sozialistischen Arbeiterpartei statt. Wie sich später herausstellte, waren von den 12 Mitgliedern 5 FBI-Informanten.»
Folk wird zum Geschäft
Mit der Zeit sprachen sich van Ronks Talente herum. Plattenfirmen klopften an. Eine erste Langspielplatte wurde aufgenommen. Die Bezahlung war dürftig. «Um seine Tantiemen einzutreiben, ging er einmal zum Folkways-Label in den schäbigsten Kleidern mit Löchern in den Schuhen», erzählt Literaturprofessorin Ann Charters, Ehefrau von Sam Charters, die damals als Fotografin in der Folkszene unterwegs war. «Er drohte Moses Asch, dem Chef des Labels: Wenn er sein Geld nicht bekäme, würde er unten vor der Türe herumlungern, damit jeder sehen könne, in welch erbärmlichem Zustand sich Folkways-Künstler befänden.»
Mit dem Erfolg von Bob Dylan schlug die Stimmung um. Jetzt kam Geld ins Spiel, Folk wurde zum Geschäft. Talentscouts durchkämmten nun die Folkclubs auf der Suche nach dem nächsten Star. Dave van Ronk liess sich von dem Hype nicht anstecken. Er trat weiterhin in kleinen Kellerbars auf, gab Gitarrenunterricht und verliess nur ungern das «Village», um irgendwo ausserhalb New Yorks ein paar Konzerte zu geben. Eine seiner raren Auslandstourneen brachte ihn im Januar 1993 nach Europa. Auf dieser Tournee gab er auch ein Konzert in Bremen, das mitgeschnitten wurde und später als CD unter dem Titel «On Air» erschien.
Im Alter von 65 Jahren ist Dave van Ronk im Jahr 2002 an Krebs gestorben. «Er war jemand, zu dem man aufschaute. Jedermann bewunderte ihn», erklärt Peter Stampfel. Trotzdem wäre der Folksänger wohl der letzte gewesen, der geglaubt hätte, dass sein Leben eines Tages zum Stoff eines Spielfilms werden würde – und er zum Filmstar. Die Coen Brothers haben ihm mit «Inside Llewyn Davis» ein Denkmal gesetzt.