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Die Tourismusindustrie profitiert, die Massai gehen fast leer aus. Ein Gespräch mit dem Massai Ole Karia.
Ein ungerechter Tourismus im Massailand führt zum Desinteresse der einheimischen Bevölkerung an Wild und Umwelt. Würden die Massai endlich einen gerechten Gewinnanteil am Tourismus erhalten, würden sie auch besser dafür sorgen, dass das Wild überleben kann. Dies sagt der Massai-Sprecher Joseph Ole Karia, Vorsitzender der Koordination für die indigenen Völker Afrikas (Ipacc) an der UNO in Genf. Der FSS hat sich mit ihm unterhalten.
FSS: Joseph Ole Karia – sind Sie Massai?
Joseph Ole Karia: Ja, ich bin Massai.
Dürfen wir nochmals fragen: Sie sind Massai – oder sind Sie Kenianer?
Ich bin Massai – und Kenianer.
Sie sind also beides?
Ich bin beides. Ich bin Stammesangehöriger der Massai, aber ich bin auch Bürger des Staates Kenia.
Gut, aber als was fühlen Sie sich jetzt eher – als Massai oder als Kenianer?
Nun, wenn ich dies gefühlsmässig beurteile, fühle ich mich sicher mehr als Massai. Ich bin sogar ein richtiger Massai – ich war Krieger und ich habe sogar einen Löwen getötet. Ich bin ein Held! (lacht). Aber ich bin auch Kenianer.
Gibt es denn da keine Identitätskonflikte in Ihrem Herzen?
Nun, ja, es gibt Konflikte zwischen den Interessen des Stammes und jenen des kenianischen Staates.
Und wo stehen Sie?
Ich stehe für meinen Stamm, meine Ethnie ein. Ich komme vom Narok-Distrikt und reiste nach Genf zur Konferenz der Arbeitsgruppe für Urvölker, weil mich diesmal besonderes das Thema «Tourismus und Indigene Völker» interessiert.
Warum gerade dieses Thema?
Weil gerade die Massai grosse Fähigkeiten haben, ihr Land und ihre Wildtiere zu hüten und zu schützen. Ich vertrete hier also die Interessen der Massai.
Und was halten die Massai vom Tourismus?
Tourismus wird international zur führenden Industrie. Als Massai sind wir auch Umweltschützer – die Massai sind die besten Umweltschützer der Welt. Sie haben die wichtigsten Nationalparks in Tansania. Zum Beispiel Serengeti, Ngorongoro, Tarangire und den Kilimanjaro-Nationalpark. In Kenia nenne ich den Amboseli, Massai-Mara, Samburu, Tsavo etc. Alle diese Parks gehören den Massai.
Das wird so aber nicht wahrgenommen.
Deshalb bin ich besonders interessiert, über Tourismus zu reden. Denn Tourismus ist eine Industrie, die korrekt gesteuert werden muss. Ein falscher Tourismus führt zum Desinteresse der Bevölkerung an der Umwelt und dem Wild, das traditionell mit den Massai zusammenlebte. Wenn die Massai einen Gewinnanteil am Tourismus erhalten, werden sie dafür sorgen, dass das Wild als ihr Erbe überlebt. Als Stammeserbe und als nationales Erbe. Einnahmen des Tourismus können wir dann auch in andere soziale Bereiche einfliessen lassen. Ich denke an die Bildung, die Gesundheit und die Entwicklung. Deshalb setze ich mich speziell für einen gerechten Tourismus ein.
«Was wir heute erhalten, ist lächerlich.»
Was sind denn die heutigen Gewinne der Massai aus dem Tourismus?
Was wir heute erhalten, ist lächerlich. Wir bekommen Peanuts. Ich habe zwar keine genauen Statistiken, aber ich weiss, wir erhalten sehr wenig aus dem nationalen Tourismus. Deshalb betone ich: Ein Grossteil des touristischen Einkommens muss den Menschen vor Ort zukommen. Geschieht dies nicht, wird die Bevölkerung dem Wild gegenüber sehr negativ eingestellt sein.
Dieses Anliegen für eine grössere Gewinnbeteiligung müsste vor allem den nationalen Regierungen gegenüber durchgesetzt werden.
Ja. Wir versuchen die lokalen Behörden zu sensibilisieren. Wir wollen ihre Unterstützung, um dann genügend Macht zu haben, wenn wir an die Landesregierung gelangen und mit ihr eine gerechtere Verteilung des touristischen Einkommens besprechen. Das wird schwierig werden. Denn zurzeit bekommen wir nichts, obwohl wir für alle sorgen. Wir fühlen uns vergessen.
Dennoch glauben Sie, die Regierung würde ein offenes Ohr haben.
Nun, ich bin optimistisch, dass sie uns zuhören werden. Und wenn wir gute Lobby-Arbeit leisten, werden sie uns ernst nehmen. Die Verteilung der Tourismuseinnahmen wird ja jetzt schon diskutiert – unter dem Begriff «Beteiligung der Gemeinden». Beim Mara-Ökosystem haben wir schon etliche Wildschutzorganisationen. Viele neue werden gegründet. Wir ermutigen auch die kenianische Wildschutzbehörde und das Ministerium für Tourismus, sich ernsthaft für die Gründung neuer lokaler Wildschutzorganisationen einzusetzen, um so der Bevölkerung mehr Mitsprache- und Nutzungsrechte zuzugestehen.
Nationalparks sind eine Erfindung der EuropäerInnen. Wir wissen, dass die Massai aus den zu Parks erklärten Gebieten hinausgeschmissen wurden, um angeblich das Wild besser schützen zu können …
Ja, das ist wahr. Umsomehr sind wir heute dafür als Betroffene einen Teil der Einnahmen aus dem Tourismus zu erhalten. Zumal wir jetzt eine schwarze Regierung haben. Diese sollte das System der Nationalparks wenigstens ein bisschen zu un unseren Gunsten verändern. Denn dieses Land gehört den Massai. Und die Massai haben keine andere Industrie als die des Tourismus.
Da hat es aber auch andere Urvölker in dem Gebiet, dass Sie Massailand nennen. Zum Beispiel das uralte Volk der Hadzabe.
Als Vorsitzender der Organisation für afrikanische Urvölker trete ich auch für die Hadzabe in Nordtansania ein. Es sind Jäger und Sammler, die an der Peripherie dieser Nationalparks leben. Auch sie sollen vom Tourismus profitieren dürfen.
Nun einmal Hand aufs Herz: Was halten Sie von den Touristen und Touristinnen?
Touristen sind keine schlechten Menschen. Aber wir haben die Touristenführer, also jene, die zwischen den Touristen und uns stehen. Dieses Guides sind in der Regel Angehöriger anderer Stämme. Sie kennen sich ncith wirklich aus und vertreten auch nicht die Interessen unserer Leute. Sie führen die Touristen häufig in die Irre.
«Touristen müssten von den Massai geführt werden»
TouristenführerInnen sollten also Massai sein?
Ich bin sicher, hätten die Touristen Führer von unseren Leuten, die sich im Busch mit den Tieren auskennen und auch unsere Sitten und Gebräuche kennen, wäre alles viel besser. Dann würden unsere Leute nicht schlecht gemacht, sondern richtig über unser Leben informiert. Betrachten wir doch einmal unser Handwerkkunst: Die wird von fremden Leuten imitiert und auf den Märkten verkauft. Das verfälscht das Bild über uns. Und diese falschen Bilder über uns werden auch von den fremden Tourguides verbreitet.
Welchen Ethnien gehören denn diese Guides an?
Namen will ich hier keine nennen. Aber ich weiss, dass diese Führer eine gute Bildung erhalten, derweil wir marginalisiert werden. Da erzählt man Dinge über die Massai, die nicht wahr sind. Das wollen wir nicht. Wir wollen also eigene Tourguides für unsere Gebiete und eine Mitbeteiligung an den Einnahmen des Tourismus.
Und wie sieht es bei den WildhüterInnen aus?
Auch diese sollten Massai sein. Wir im Narok-Distrikt, wo wir unsere eigenen Rangers haben. Die wissen zum Beispiel, wie sich die Tiere verhalten, da sie ja mit ihnen aufgewachsen sind. Ein Beispiel: Jemand, der nicht mit einem Nashorn aufgewachsen ist, wird etwas ganz anderes erzählen als jemand, der mit Rhinos aufwuchs.
Nashörner gibt es kaum mehr, aber glauben Sie, dass wie wilden Tiere langfristig überleben werden?
Ja, es sieht so aus, als hätten sie eine Zukunft. Aber es gibt das Landproblem. Wir Massai leben in Gruppen zusammen. Doch nun will man das Land teilen, jeder soll sein eigenes Stück haben. Da sehe ich ein Problem, nicht ein grosses allerdings, sind wir doch dem Wild gegenüber freundlich eingestellt. Wenn die Parks gut geführt sind und das Wild nicht gehetzt wird, dann kann das Wild auch in der Gesellschaft und der Wirtschaft Platz haben. Aber wenn die Massai nicht am Tourismus beteiligt werden und das Land verteilt wird, dann zweifle ich daran, dass die Wildtiere überleben können.
«Am Ende geht es uns um die Gerechtigkeit»
Sie sind der Chairman des Komitees der Indigenen Völker Afrikas. Was sind die Ziele von Ipacc?
Ipacc ist eine Dachorganisation, die alle Indigenen Afrikas zusammenbringen will. Wir sahen, dass an der Arbeitsgruppe der Indigenen hier in Genf kaum Afrikaner beteiligt waren. 1997 formulierten wir deshalb eine Art Vereinbarung aller indigenen Völker Afrikas, um eine afrikanische Plattform zu bilden, die der Welt und den anderen Urvölkern ihre spezifischen Probleme auseinandersetzen können. So haben wir heute eine Büro in Capetown, und wir suchen Finanzmittel, um den Koordinator, das Büro und einen Computer bezahlen zu können.
Gibt es direkte Kontakte zu den verschiedenen Völkern oder Nationen?
Ja, wir besuchen auch die Indigenen Afrikas vor Ort, um ihre Problemne und Anliegen zu erforschen. Der Koordinator war schon in verschiedenen Ländern – Tansania und Kenia beispielsweise. Jetzt geht er nach Mali zu den Tuareg, dann zu den Pygmäen in Kamerun, in den beiden Kongos, Ruanda und Burundi. Wir versuchen, für die Indigenen eine Lobby zu gründen.
Noch zur Begriffsklärung: Wer in Afrika ist ein Indigener, ein Ureinwohner?
Aus afrikanischer Sicht kann sich zunächst einmal jeder als indigen definieren. Die Frage der Indigenität ist nicht eine Frage der Staatszugehörigkeit. In Kenia oder Tansania leben ja verschiedene Völker oder Ethnien, also nicht nur Massai. Es geht uns ja auch darum, andere Probleme zu thematisieren – Menschenrechte, Landrechte, Entmündigung oder die kulturellen Traditionen beispielsweise. Am Ende geht es uns nicht mehr als um Gerechtigkeit.
NACHTRAG, März 2018: Dieses Gespräch wurde im Sommer 1998 am UNO-Sitz in Genf geführt. Die Situation hat sich seither nicht wesentlich verändert.
© Titelfoto by Gian Schachenmann: Massai-Männer der Serengeti, Tansania.
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