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«Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es», zitiert Marti die bekannte Schriftstellerin Simone de Beauvoir. Das Zitat stamme aus der Schrift «Le Deuxième Sexe» und gelte als Meilenstein der Kritik an den herrschenden Geschlechterverhältnissen. (Lesen Sie hier Teil 1 der Reportage)
Mannsein oder Frausein falle nicht einfach so vom Himmel. Wir würden ‘Gender’ in unserem alltäglichen Leben tun, klärt Marti die Studierenden auf. Sei dies durch die Art und Weise wie wir sprechen, oder anhand der Filme, die wir schauen, oder durch die Produkte, die wir kaufen. Geschlechtszugehörigkeit sei somit keine Eigenschaft, sondern resultiere aus sozialen Prozessen.
Die Toiletten-Debatte
Und sogleich landet die Vorlesung bei der Toiletten-Debatte. Die öffentlichen Toiletten seien eines von vielen Beispielen, wie Geschlecht in der Gesellschaft her- und dargestellt würde.
Bild: Screenshot Vorlesung
Zur Toiletten-Debatte sagt Marti folgendes: «Übrigens zeigt die Symbolik der Toiletten auch die herrschende Norm der Zweigeschlechtlichkeit. Es gibt Männer- und Frauentoiletten. Weitergefasste Formen von Geschlechtlichkeit existieren in diesem Beispiel und oft in der Öffentlichkeit eigentlich nicht. Wenn ich mich also nicht als Mann oder Frau fühle, dann werde ich spätestens beim Gang zur Toilette gezwungen mich mit Geschlechtlichkeit zu befassen und mich zu positionieren.»
Gesellschaftliche Erwartungshaltungen
Was wohl passieren würde, wenn man als Person die Toilettenzeichen nicht beachte, stellt Marti die rhetorische Frage in den Raum. «Männlichkeit» und «Weiblichkeit» werde auf eine gewisse Art und Weise dargestellt.
Bringe man diese Darstellungen durcheinander, erfolge eine Irritation. Denn aufgrund sozialer Prozesse entstünden in der Gesellschaft ungeschriebene Erwartungshaltungen und Regeln, die wir gegenüber Frauen und Männer hätten. Wenn wir diese Regeln missachten, dann seien wir meistens mit unangenehmen Konsequenzen konfrontiert.
Sozialwissenschaftliche “Krise”
Was geschieht nun bei einer Verletzung der Normen der Geschlechterunterscheidung? Wenn wir eben die Toilettenzeichen nicht beachten? Es erfolge die «Krise», so Marti.
Als Krise wird der Zustand bezeichnet, indem sich eine Person den Geschlechternormen widersetzt, oder eine Person dem falschen Geschlecht zuordnet/zugeordnet wird. Marti zeigt dazu zwei Bilder, die aufgrund einer nonkonformen Normen “Performance” eine sozialwissenschaftliche Krise darstellten.
Bild. Screenshot Vorlesung
Die Bilder zeigen gemäss Marti, dass Geschlecht immer hergestellt werden muss, entweder wie links entsprechend den bekannten Normen, oder wie rechts durch eine «Krise».
Worauf Marti hinaus will: «Männlichkeit» und «Weiblichkeit» seien - nachdem die Biologie überwunden ist – im Endeffekt soziale Konzepte, die von allen aktiv hergestellt würden.
Wir werden genötigt Männer oder Frauen zu sehen
Doing Gender ist also ein fein aufeinander abgestimmtes Verhältnis von richtiger Darstellung und Wahrnehmung. Es ist Arbeit. Bewusst oder unbewusst. Marti sagt selbst: «[...] den Teilnehmer ‘STERN’ Innen [wird] eine fortwährende Arbeit an der Her- und Darstellung richtiger ‘Männlichkeit’ und ‘Weiblichkeit’ abverlangt.»
Weiter würden wir oft dazu genötigt werden (nur) Männer oder Frauen zu sehen, und die «anderen» dem ein oder anderen Geschlecht zuzuordnen. Bei dieser Einordnung sei die Herstellung von Männlichkeiten und Weiblichkeiten im Allgemeinen allein durch mein Verhalten und meine Erscheinung bestimmt.
Ihr Vorlesungsteil beendet Marti mit einer Aufgabe: «Gehen sie durch den Tag und legen sie die «doing gender – Brille» auf: Wo und wie überall begegnet Ihnen Geschlecht?»
Ganz nach dem Motto: Wer sucht, der findet. Als wachsame «Gender-Spione» werden die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer aus diesem Teil der Online-Vorlesung entlassen.
Was sagen die Dozentinnen zu ihrer Vorlesung?
Wir haben nachgefragt, wie die Dozentinnen ihre Vorlesung sehen und wie sie dafür sorgen, dass sie nicht in Indoktrination abgleitet. Nach Rücksprache der zwei Dozentinnen mit dem «Fachspezialist Unternehmenskommunikation» der Pädagogischen Hochschule Bern erhielten wir folgendes Statement:
«Es gehört zum professionellen Selbstverständnis von angehenden Lehrpersonen, dass sich diese mit aktuellen, auch kontroversen, wissenschaftlichen Erkenntnissen beschäftigen und diese als Anregungen für die eigene Praxis nutzen.»
Die Vorlesung ‘Geschlechterverhältnisse in der Gesellschaft’ entspreche in jeglicher Hinsicht den Qualitätskriterien der Hochschule: Die Inhalte seien sorgfältig und attraktiv aufgearbeitet, sie basierten auf einem aktuellen Fachdiskurs, die Thematik werde aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive behandelt».
Auf die Frage, was Suter und Marti den Studierenden sagen würden, die die Ansicht vertreten, dass es biologisch gesehen nur zwei Geschlechter gibt, verweisen die Dozentinnen auf die in der Vorlesung erwähnte Forschung. Dass es andere Sichtweisen gibt, die eine biologische Zweigeschlechtlichkeit vertreten, kommt dabei nicht vor.
Vermischung mit politischer Meinung
Die Möglichkeit, dass sich hier politische Meinung und die Lehrmeinung vermischen könnten, sehen die Dozentinnen nicht. Denn «als Sozialwissenschaftlerinnen vertreten wir keine ‘Lehrmeinung’, sondern werfen gemeinsam mit den Studierenden einen Blick auf die gesellschaftlichen Wirklichkeiten und auf gesellschaftliche und wissenschaftliche Diskurse.» Die Geschlechterverhältnisse seien verknüpft mit Ungleichheits- und Machtverhältnissen, wiederholen sie sich, weshalb auch Positionen einfliesse, die mit politischen Bewegungen verknüpft würden.
«Dies legen wir offen dar», schreiben die zwei Dozentinnen. Welche anderen politischen Bewegungen als ihre eigenen ebenfalls behandelt werden, bleibt unklar.
Die Rechtfertigung ist geschickt: Eine persönliche Ansicht somit gar nicht weitergegeben werden, da sie gar keine ‘Lehrmeinung’ abgeben. Was tun Sie dann? Sie «versuchen Studierende zu befähigen, einen kritischen Blick auf aktuelle Diskurse zu werfen». Natürlich immer aus einer einzigen Sicht, jener der zwei Dozentinnen.
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