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Titel
Medizinischer
Kongreß,
internationaler. Die zweite
Pariser
Weltausstellung von 1867 bot die Gelegenheit, daß eine größere
Anzahl fremder
Ärzte sich zusammenfand, die in einer Vereinigung, welche an die
Stelle der regelmäßigen
Jahresversammlungen der französischen
Ärzte trat, unter dem Vorsitz von Bouillaud tagte. Ein italienischer
Arzt, Pantaleoni,
regte dabei den
Gedanken an, dieser Vereinigung von
Gelehrten aller
Nationen einen periodischen
Charakter zu geben, und man beschloß,
die nächste Versammlung 1869 in
Rom
[* 3] abzuhalten, ging aber, weil die vatikanische
Regierung einen
Kongreß
von
Ärzten nicht dulden wollte, nach
Florenz.
[* 4]
Hier wurden im Gegensatz zu Paris [* 5] mit dem Kongreß allerlei Festlichkeiten verbunden, die dann vorbildlich für alle weitern derartigen Versammlungen geworden sind. 1871 fand kein Kongreß statt, 1873 tagte derselbe gelegentlich der Weltausstellung in Wien [* 6] unter dem Vorsitz von Rokitansky und wurde grundlegend für gewisse hygienische Fragen, namentlich für Choleraprophylaxe und Impfzwang. Auf dem fünften Kongreß in Brüssel [* 7] wurden Sektionen für die verschiedenen Zweige der Wissenschaft eingerichtet. 1877 tagte der Kongreß in Genf, [* 8] 1879 in Amsterdam, [* 9] wo Lister über sein Verfahren der antiseptischen Wundbehandlung sprach.
Der glänzendste aller Kongresse war der zu London [* 10] 1881. Während Florenz nur 377 Ärzte gesehen hatte, tagten hier weit über 3000 in 16 Sektionen. Virchow verteidigte die Vivisektion, und Pasteur sprach über Schutzimpfungen gegen Milzbrand. Der nächste Kongreß tagte 1884 in Kopenhagen. [* 11] Ein Antrag Virchows, das nächste Mal nach Berlin [* 12] zu gehen, wurde unter dem Einfluß der Franzosen abgelehnt, man folgte 1887 dem Rufe der amerikanischen Arzte nach Washington, [* 13] wo aber Kompetenzstreitigkeiten der Amerikaner die Veranlassung gaben, daß viele der bekanntesten Gelehrten der Vereinigten Staaten [* 14] dem Kongreß fern blieben.
Der zehnte Kongreß tagte vom 4. bis in Berlin und wurde von Virchow eröffnet. Nach dem Bericht des Generalsekretärs und nach Begrüßungen seitens des deutschen Kaisers, der Reichsregierung, der preußischen Regierung und der Stadt Berlin sprach Lister - London über antiseptische Chirurgie. Er trat lebhaft für die Phagocytentheorie Metschnikows ein und suchte aus dieser die Thatsache zu erklären, daß seidene Fäden, die keinerlei antiseptische Behandlung erfahren haben, ohne Schaden in Wunden liegen bleiben können.
Die Leukocyten dringen mit großer Schnelligkeit in die Zwischenräume aller Fremdkörper ein und zerstören die Mikroben, die sich dort eingenistet haben. Indes hält Lister es für weiser, die Seidenfäden vor dem Gebrauch zu sterilisieren. Er sprach dann über die der Sublimatlösung, welche er andern antiseptischen Mitteln vorzieht, zu gebende Konzentration und betonte, daß man bei empfindlichern Geweben, wie Synovialhäuten, verdünntere Lösungen anwenden müsse.
Bekanntlich suchte Lister die in der Luft schwebenden Mikroben durch Zerstäuben einer antiseptischen Flüssigkeit über der Wunde unschädlich zu machen. Es stellte sich aber heraus, daß die Anwendung des Sprays auf falschen Voraussetzungen beruht, und seit 3 Jahren hat Lister dieselbe aufgegeben. Er ersetzte den Spray durch antiseptisches Waschen und Spülen und dadurch, daß er die Operationsstelle mit ausgebreiteten, in antiseptische Lösungen getauchten Handtüchern umgab, und er glaubt, daß es an der Zeit sei, zu versuchen, ob nicht das antiseptische Spülen der Wunde zu entbehren sei, unter der Voraussetzung natürlich, daß mit peinlichster Sorgfalt darauf geachtet wird, alle septischen Bestandteile aus andern Quellen als der Luft von der Wunde fern zu halten. Gelingt der Versuch, so würde ein alter Traum in Erfüllung gehen, den er einst geträumt. Ausgehend von der Analogie subkutaner Verletzungen, hatte er einst gehofft, daß die Wunde unter dem antiseptischen Verband [* 15] sofort vollständig geschlossen werden konnte und die Wundränder sich ohne weiteres vereinigen würden.
Koch -
Berlin sprach über bakteriologische Forschung. Es gilt als vollständig erwiesen, daß die
Bakterien
ebenso wie die höhern pflanzlichen Organismen feste, mitunter allerdings schwierig abzugrenzende
Arten bilden. Die ältesten
medizinischen Schriftsteller beschreiben
Aussatz und
Lungenschwindsucht in ihren unverkennbaren
Eigenschaften, und man kann
daher annehmen, daß die pathogenen
Bakterien eher die
Neigung haben, ihre
Eigenschaften innerhalb langer Zeiträume festzuhalten,
als sie, wie mit Rücksicht auf den wandelbaren
Charakter mancher epidemischer
Krankheiten meist angenommen
wird, schnell zu ändern.
Bei der Eigenart der Bakterien hat man aber zur Unterscheidung der Spezies möglichst viele Eigenschaften, auch wenn sie augenblicklich noch so unwesentlich erscheinen, und zwar morphologische wie biologische, sorgfältig zu sammeln und sich nicht auf ein einzelnes Kennzeichen zu verlassen, welches sich vielleicht als wandelbar erweist. Typhusbacillen in Mesenterialdrüsen, in Milz und Leber einer Typhusleiche lassen keine Zweifel aufkommen, sollen aber Bacillen im Boden, Wasser, Luftstaub mit Sicherheit als Typhusbacillen angesprochen werden, so vermag selbst der geübte Bakteriolog keine absolute Sicherheit ¶
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zu geben, weil es an unverkennbaren konstanten Merkmalen fehlt. Ähnlich verhält es sich mit Diphtheritisbakterien, während Tuberkelbacillen und Cholerabakterien unverkennbare Merkmale darbieten. Und doch gelangte Koch zu dem Ergebnis, daß die Bacillen der Hühnertuberkulose eine besondere, wenn auch den echten Tuberkelbacillen sehr nahe stehende Art repräsentieren. Die Frage, ob diese Bacillen auch für den Menschen pathogen sind, wird sich nur durch lange Beobachtungen unter Anwendung des Kulturverfahrens entscheiden lassen.
Der Gedanke, daß Mikroorganismen die Ursache der Infektionskrankheiten sein müßten, ist schon sehr frühzeitig ausgesprochen, aber doch erst in neuester Zeit bewiesen worden und zwar 1) durch den Nachweis, daß der Parasit stets bei der betreffenden Krankheit anzutreffen ist und zwar unter Verhältnissen, welche den pathologischen Veränderungen und dem klinischen Verlauf der Krankheit entsprechen, 2) durch den Nachweis, daß der Mikroorganismus bei keiner andern Krankheit als zufälliger Parasit vorkommt, und 3) durch die Möglichkeit, die betreffende Krankheit mittels Reinkulturen des Pilzes zu erzeugen.
Die Erfahrungen, die man in dieser Weise sammelte, gaben nun auch die Sicherheit, daß gewisse Bakterien, bei welchen der dritte Nachweis versagt, doch als pathogen betrachtet werden können, wenn sie bei einer bestimmten Krankheit stets und ausschließlich vorkommen und sich durchaus wie die bereits sicher als pathogen erkannten Bakterien verhalten. Man hat ferner richtige Vorstellungen darüber gewonnen, ob die pathogenen Bakterien als ausschließliche oder nur gelegentliche Parasiten leben und wie sie sich in Wasser, Boden, Luft verhalten.
Dies gibt Anhaltepunkte für die Prophylaxe, zumal auch für einige pathogene Bakterien ermittelt werden konnte, wie sie in den Körper eindringen. Durch genauere Erforschung des Verhaltens der pathogenen Bakterien im Körper werden manche pathologische Vorgänge verständlicher, so namentlich das häufige Vorkommen von Kombination mehrerer Infektionskrankheiten, von denen dann die eine als die primäre, die andre als die sekundäre zu betrachten ist. Letztere gibt der eigentlichen Krankheit einen abweichenden, besonders schweren Charakter oder schließt sich als Nachkrankheit an dieselbe an. Der Redner gedachte ferner der Stoffwechselprodukte der pathogenen Bakterien, welche auf die Symptome der Infektionskrankheit von Einfluß sind, vielleicht sogar die wichtigsten derselben bedingen.
Die Erforschung der biologischen Verhältnisse der Bakterien hat viele Thatsachen geliefert, welche sich prophylaktisch verwerten lassen. Es war bekannt, daß direktes Sonnenlicht Bakterien ziemlich schnell tötet, es hat sich aber gezeigt, daß auch zerstreutes Tageslicht, wenngleich langsamer, Tuberkelbacillen tötete. Dicht am Fenster aufgestellte Kulturen starben in 5-7 Tagen ab. Alle Bakterien können nur im feuchten Zustand, niemals in der Luft sich vermehren, sie können nie von feuchten Flächen aus eignem Antrieb in die Luft übergehen, und nur diejenigen Bakterien können durch Luftströmungen verschleppt werden, welche im getrockneten Zustand längere Zeit lebensfähig bleiben.
Neueste Färbungsmethoden geben weitern Aufschluß über den Bau der Bakterien, indem sie gestatten, einen Kern, die äußere Plasmahülle und die Geißeln besser zu unterscheiden. Ist es bisher nicht gelungen, die Erreger einer großen Anzahl der ausgesprochensten Infektionskrankheiten zu ermitteln, so beruht dies vielleicht darauf, daß es sich hier gar nicht um Bakterien, sondern vielleicht um Protozoen handelt, wie ja derartige Gebilde bei Malaria nachgewiesen worden sind. An praktischen Erfolgen der Bakteriologie ist die gewonnene Sicherheit der Desinfektion [* 17] und die Kontrolle der Wasserfiltration zu nennen, ferner die Erkenntnis der Beschaffenheit des Grundwassers, der Kanalgase, der Nachweis pathogener Bakterien im Boden, im Staube, in Nahrungsmitteln, die Sicherheit der Diagnose in vereinzelten Fällen von Cholera und bei beginnender Tuberkulose.
Direkt wirkende therapeutische Mittel hat die Bakteriologie bisher nur für Schutzimpfungen gegen einzelne Krankheiten geliefert. Für Infektionskrankheiten mit kurzer Inkubation und schnellem Verlauf dürfte auch wenig zu erwarten sein, wohl aber darf man für chronische Krankheiten noch viel von der Bakteriologie erwarten. Seit der Entdeckung der Tuberkelbacillen hat Koch nach Mitteln gegen die Tuberkulose gesucht, und zwar in der Art, daß er zunächst auf die Bacillen in Kulturen einzuwirken versuchte und dann zu Tierexperimenten überging.
Sehr viele Substanzen halten das Wachstum, die Vermehrung der Bakterien in Kulturen auf, Cyangoldverbindungen schon in einer Verdünnung von 1:2,000,000, aber bei tuberkulösen Tieren blieben alle diese Substanzen wirkungslos. Erst bei weitern Experimenten gelang es, Substanzen zu finden, welche auch im Tierkörper das Wachstum der Bakterien aufhalten. Bei tuberkulösen Meerschweinchen konnte der Prozeß zum Stillstand gebracht werden, und mit der Substanz geimpfte Meerschweinchen reagierten nicht mehr auf eine Impfung [* 18] mit Tuberkelbacillen. Der Redner bezeichnete seine Untersuchungen als noch nicht abgeschlossen, wollte aber schon jetzt eine Anregung zu weitern Forschungen in dieser Richtung geben (vgl. Tuberkulose).
In der zweiten Sitzung, am 6. Aug., sprach Bouchard - Paris über den Mechanismus der Infektion und der Immunität. Die Verteidigungsmittel des Körpers gegen die Angriffe der Bakterien sind die Phagocyten. Solange das vasomotorische Zentrum intakt ist, erweitern sich die Gefäße, die Phagocyten wandern aus und vernichten die auf der Oberfläche der Schleimhäute und der serösen Häute befindlichen Mikroben. Überwiegen die Bakterien, so wird das vasomotorische Zentrum durch das Eindringen der Bakterien in die Blutbahn gelähmt, und hierauf beruht der Zusammenhang zwischen Erkältung und Ansteckung, indem die Kälte die Gefäße zusammenzieht und das Austreten der Phagocyten hindert.
Ein zweites Verteidigungsmittel ist der antibakterielle Zustand der Säfte, welcher erst eintritt, wenn die Bakterien ins Blut eingedrungen sind. Sie selbst erzeugen dann eigentümliche Substanzen, und das Blut und die Gewebssäfte wirken nun antibakteriell, halten die Vermehrung der Bakterien auf oder töten sie. Ist ein pathogenes Bakterium dank einer nervösen Störung ins Blut gelangt, dann trifft es entweder auf baktericide Säfte und geht zu Grunde, oder es findet günstige Bedingungen und vermehrt sich.
Solange sich die Thätigkeit der Bakterien auf eine bestimmte Stelle beschränkt, ist von den Phagocyten Hilfe zu erwarten. Sind aber erst die giftigen Stoffwechselprodukte der Bakterien in hinreichender Menge ins Blut gelangt, dann sind die Phagocyten machtlos, und der Organismus ist auf das Eintreten des baktericiden Zustandes angewiesen. Tritt dieser ein, so hebt er auch die Lähmung des vasomotorischen Zentrums auf, der Phagocytismus greift wieder ein, und es erfolgt Heilung. Dabei bleibt aber der baktericide Zustand der Säfte bestehen, der Organismus ¶
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ist immun. Experimente beweisen, daß diese Immunität keineswegs auf besonderer Lebenstüchtigkeit (Energie) der Leukocyten beruht, welche sie im ersten Kampfe gegen den Krankheitsträger erworben haben, ebenso wenig auf einer Gewöhnung an das bakterielle Gift, vielmehr wird die Immunität herbeigeführt durch bestimmte Materien, welche die Bakterien selbst produzieren und welche die Säfte des Körpers auf eine mehr oder weniger dauerhafte Weise modifizieren.
Diese Theorie der erworbenen Immunität ist nicht anwendbar auf die Theorie der natürlichen Immunität, denn sonderbarerweise fehlt der baktericide Zustand bei den Tierarten, welche eine natürliche Immunität besitzen, und umgekehrt besitzen Tiere, deren Säfte sich als baktericid erweisen, doch Empfänglichkeit für das Gift. Bei einem Tiere von natürlicher Immunität ruft dasselbe ganz ebenso wie bei dem vaccinierten den Phagocytismus hervor; aber dies ist nicht der Fall, weil es sich abschwächt wie im Körper des vaccinierten Tieres, sondern weil das Nervensystem eines solchen von Natur aus immunen Tieres weniger reizbar ist als das eines nicht immunen Tieres gegenüber demjenigen bakteriellen Sekret, welches das Austreten der Phagocyten verhindert. Aber auch bei einem solchen Tiere kann man die Infektion hervorrufen, wenn man nur eine genügend große Dosis der bakteriellen Produkte einspritzt, ein Beweis, daß die natürliche Immunität nicht etwas Spezifisches [* 20] darstellt, sondern von dem gewöhnlichen Verhalten nur graduell verschieden ist.
Den zweiten Vortrag hielt Key (Stockholm) [* 21] über die Pubertätsentwickelung und das Verhältnis derselben zu den Krankheitserscheinungen der Schuljugend. Nach den Untersuchungen in Dänemark [* 22] und Schweden [* 23] beobachtet man bei Knaben ziemlich starke Zunahme nach Länge und Gewicht im 7. und 8. Lebensjahr, eine schwächere vom 9.-14. und eine bedeutend schnellere bis zum vollendeten 17. Jahre. Sie ist am stärksten im 15., am schwächsten im 10. Jahre. Die Zunahme bezieht sich zunächst auf die Länge, das Gewicht nimmt später zu, am stärksten im 16. Jahre.
Die Gewichtszunahme dauert fort bis zum 19. Jahre, wo dann die körperliche Entwickelung des Jünglings abgeschlossen erscheint. Bei den Mädchen sinkt das Wachstum nach dem 8. Jahre nicht so stark wie bei den Knaben, und schon im 12. Jahre ist wieder eine starke Steigerung des Längenwachstums vorhanden. Die Gewichtszunahme folgt der Längenzunahme, überholt sie aber schon im 14. Jahre. Im 17. und 18. Jahre ist die Längenzunahme nur noch schwach, die Gewichtssteigerung aber sinkt erst im 20. Jahre auf Null.
Bis zum 11. Jahre ist der Knabe im Gesamtwachstum dem Mädchen überlegen, von da ab bis zum 16. wird er von diesem überholt, dann wiederum übertrifft sein Wachstum das des Mädchens. Bei ärmern Kindern sind Länge und Gewicht geringer als bei Kindern der Wohlhabenden. Das starke Wachstum tritt auch bei erstern später ein als bei letztern, vollzieht sich aber um so schneller, so daß das Ende der Entwickelung gleichzeitig erreicht wird. Nur wenn die hindernden Verhältnisse zu stark sind und zu lange andauern, bleibt das arme Kind überhaupt zurück.
Malling-Hansen fand, daß von November, bez. Dezember bis März-April nur schwaches Längen- und noch schwächeres Gewichtswachstum stattfindet. Von März-April bis Juli-August folgt starkes Längenwachstum, während das Gewicht zurückgeht, oft um ebensoviel, wie es in der vorhergehenden Periode zugenommen hatte. Endlich folgt von August bis November bei nur noch geringer Längenzunahme starke Zunahme des Gewichts. Die tägliche Gewichtszunahme ist oft dreimal so groß als während der Wintermonate. Es wiederholt sich also jährlich die für die Pubertätsentwickelung gefundene Regel. Es wird eingehender Untersuchungen bedürfen, um zu entscheiden, ob diese thatsächlichen Verhältnisse unmittelbar physiologisch begründet oder ob sie nur die Frucht äußerer Verhältnisse sind.
Einen Beitrag zur Beantwortung der Frage liefert die Untersuchung der Schulkinder. Von 15,000 Knaben der Mittelschulen Schwedens war mehr als ein Drittel krank oder mit chronischen Leiden [* 24] behaftet. An habituellem Kopfweh litten 13,5, an Bleichsucht 13 Proz. In den ersten und in den letzten Schuljahren liegt die Sache am schlimmsten. In den Vorbereitungsschulen sind von den Knaben der untersten Klasse 17, der zweiten Klasse 37, der obersten (4.) Klasse 40 Proz. krank. Da die Anforderungen der Schule regelmäßig steigen, die mittlern Klassen der Mittelschulen aber weniger ungünstig gestellt sind, so kann der Fehler nicht wohl in der Organisation der Schule liegen. Es ist eben das Wachstumsverhältnis, welches sich hier geltend macht.
In der Zeit des verzögerten Wachstums ist die Krankheitsziffer am größten, in der Zeit stärkster Zunahme des Wachstums
ist sie am kleinsten, und unmittelbar nach Schluß der Pubertätsentwickelung, wenn die jährliche Längen-
und Gewichtszunahme sich schnell vermindert, steigt die Krankheitsziffer wieder. Für die Jünglinge ist das 17. Jahr das
gesündeste, widerstandsfähigste, vom 18. an verschlechtert sich der Gesundheitszustand wieder. Unter 3000 Schulmädchen
zeigte sich die Kränklichkeit erschreckend groß, 61 Proz. derselben sind krank oder mit ernstern
chronischen Leiden behaftet. 36 Proz. leiden an Bleichsucht, ebenso viele an habituellem Kopfweh, mindestens 10 Proz.
an Rückgratsverkrümmungen. Im 13. Lebensjahr steigt die Krankheitsziffer auf 65 Proz., dann
sinkt sie etwas, um später auf 68 Proz. zu steigen. In Dänemark sieht es besser aus, doch beträgt auch hier die Krankheitsziffer 49 Proz.
Die weitere Klärung dieser Verhältnisse erwartet Redner durch gleichartige
internationale Untersuchungen.
Er bespricht dann noch die Anforderungen der Schule und kommt zu dem Resultat, daß namentlich die Periode der schwächsten
Entwickelung der größten Schonung bedarf.
In der dritten Sitzung, am 9. Aug., sprach Wood (Philadelphia) [* 25] über Anästhesie. Von allen anästhetischen Mitteln erscheint das Lachgas am ungefährlichsten. 750,000 Narkosen gaben in den Vereinigten Staaten nur 3 oder 4 Todesfälle. Gefährlicher ist die Äther- und namentlich die Chloroformnarkose. Es ist unrichtig, daß die Gefahren der Chloroformbetäubung nur bei Behinderung der Atmung auftreten und mithin zu vermeiden seien. Bei großen Dosen (z. B. bei Einspritzung [* 26] ins Blut) tritt der Tod stets durch direkte Einwirkung auf das Herz ein, ebenso wenn schnell und mit konzentrierten Dämpfen chloroformiert wird.
Oft sistieren Atmung und Herzthätigkeit zu gleicher Zeit, zuweilen wurde beobachtet, daß die Atmung noch eine Zeitlang fortdauerte, während der Puls nicht mehr zu fühlen war; in der Regel stockt aber die Atmung zuerst. Für die Thatsache, daß in verschiedenen Ländern die klinischen Erfahrungen und die Resultate der Tierversuche mit Chloroform so sehr verschieden sind, daß namentlich in den Tropen die lähmende Wirkung auf das Herz nicht beobachtet wird, sind zwei Erklärungen möglich: entweder besitzen Menschen und Versuchstiere in ¶