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Mit der Revolution von 1974 und dem Sturz des Kaisers hat Äthiopien einen neuen Weg in die Zukunft angetreten. Der Weg ist steinig und mühsam, er verursacht vielen Menschen schweres Leid. Kurzfristig dürfen kaum grosse Erfolge erwartet werden. Kämpfe um Macht und politischen Einfluss bestimmen das gegenwärtige Geschehen im Land und bremsen jeglichen wirtschaftlichen Fortschritt. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung steht abseits, schweigt und leidet unter den bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen. Die Lebensbedingungen der Bauern haben sich seit der Revolution kaum verbessert.
Die neue Regierung hat ein Netz von Erschliessungsstrassen gebaut und viele Landesgegenden elektrifiziert. Auch das Gesundheitswesen und die Bildung wurden massiv verbessert.
Was die Ressourcenausstattung (Bodenschätze, Wasservorräte, Ackerland) betrifft, ist Äthiopien in einer vergleichsweise guten Lage. Es bereitet dem Land jedoch enorme Schwierigkeiten, die feudalistische Vergangenheit mit ihrer jahrhundertealten Ausbeutung und Unterdrückung der Bauern zu überwinden.
Die Gefahren, die der gegenwärtigen Militärregierung im Landesinnern drohen, haben zu einer Politik von Angst und Terror und massiven Investitionen in die militärische Rüstung geführt. Der Import von Waffen und anderen Rüstungsgütern stellt für die schwache Wirtschaft der Landes eine arge Belastung dar. Es fehlt an Geldmitteln für die Entwicklung und Wohlfahrt, für den dringlichen Ausbau des Gesundheits- und Erziehungswesens. Die Verschuldung steigt zusehends. Westliche Länder sind wegen der marxistischen Orientierung der Regierung mit Krediten und Entwicklungshilfe sehr zurückhaltend.
Nach einem rüstungskritischen Neuanfang wurde Äthiopien seit dem Grenzkrieg mit Eritrea (1998-2000) erneut gezwungen, massiv in die Armee zu investieren.
Der politische Wandel schlug beträchtliche Lücken in die Reihen der geistigen Elite Äthiopiens. Viele gebildete Leute haben das Land verlassen oder verloren während den Umsturzwirren ihr Leben. Die Analphabetenrate liegt bei 90 Prozent und nimmt nur sehr langsam ab. Das Bildungswesen orientiert sich am ‘Vorbild’ der Industrienationen und erweist sich für die ländliche Entwicklung als wenig angepasst (d.h. ohne begleitende Berufsförderung nützen dem Bauern Lesen und Rechnen kaum).
Auch das Gesundheitswesen ist nur ungenügend ausgebaut. Für einen Grossteil der Bevölkerung besteht keine ärztliche Betreuung. An anderen Dienstleistungen wie landwirtschaftliche Beratung, tiermedizinische Versorgung oder die Vergabe von ländlichen Krediten mangelt es fast gänzlich. Dieser Mangel wurde behoben, doch lässt die Qualität der Dienste zu wünschen.
Die Revolution baute die landesintern Kluft zwischen Arm und Reich weitgehend ab. Ausbeuterischer Grossgrundbesitz, der früher von den Bauern bis zu 70 % der Ernte einforderte, ist abgeschafft. Der Zugang zu sonstigen Produktionsmitteln (Saatgut, Dünger, Werkzeuge, Zugkraft) hat sich gleichzeitig jedoch nicht verbessert.
Die Regierung konzentriert sich in der Landwirtschaftsförderung auf Kollektivbetriebe und Staatsfarmen. Um die Vielzahl der Subsistenzbetriebe zu entwickeln, bleiben weder Mittel noch Energie übrig. Ferner investiert der Staat viel Zeit und Geld in die grosse Umsiedlungskampagne, die mehrere hunderttausend Bauern vom übervölkerten Norden in den Südwesten des Landes verpflanzen will. Die Erfolgsaussichten für beide Massnahmen müssen als bescheiden bezeichnet werden. Insbesondere mangelt es an genügender Rücksicht auf die individuellen Bedürfnisse der Bauern sowie die kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen diese leben. Die Landfrage: Kollektiv mit Nutzungsrechten oder privat ist noch nicht befriedigend gelöst. Die neue Regierung hat freiwillige Umsiedlungen innerhalb der Regionen gefördert. Leider wurde durch die Ethnien-Politik eine freie Wahl des Wirtschaftsraumes eingeschränkt
Ein zusätzliches Problem besteht in Äthiopien, wie auch in den meisten anderen Entwicklungsländern, im schnellen Wachstum der Städte, das jährlich rund acht Prozent beträgt. Da es in den urbanen Zentren an wirtschaftlich-produktiven Arbeitsplätzen mangelt, stellt die Versorgung der Stadtbevölkerung für den Bauern eine zusätzliche Bürde dar. Die Preispolitik für Landwirtschaftsprodukte nimmt vorwiegend Rücksicht auf die Stadtbevölkerung und vernachlässigt darob die Bedürfnisse der Produzenten. Unzufriedene Städter erscheinen den Politikern gefährlicher als unzufriedene Bauern.
Unter entwicklungsfreundlicheren Verhältnissen wären die Menschen Äthiopiens wohl zu einem schnellen Fortschritt fähig. Dank ihrer Verlässlichkeit, ihrem handwerklichen Geschick und ihrer geistigen Beweglichkeit vermöchten sie ihre Lebensverhältnisse schnell zu verbessern. Ein vermehrtes Engagement der westlichen Welt würde eine solche Entwicklung sicher fördern.