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Erdmann Schmocker, ehemaliger Präsident der "Swiss American Historical Society", wird gerne als das "lebende Gedächtnis" der Amerikaner mit Schweizer Wurzeln bezeichnet.
Schmocker, die "Eminenz" der Schweiz-Amerikaner, berichtet über die unbekannte Gemeinschaft, wie auch die Befürchtungen und Hoffnungen, die er für sie hat.
swissinfo: Welches waren die wichtigsten Einwanderungswellen aus der Schweiz in die USA?
Erdmann Schmocker: Die erste kam im 18. Jahrhundert an. Diese Schweizer Einwanderer waren in erster Linie Söldner; aber es hatte auch Händler darunter.
Die Motivation für diese jungen Männer war das Abenteuer.
Während dem Unabhängigkeitskrieg bestanden ganze Regimenter nur aus Schweizern, sowohl auf amerikanischer wie auch auf britischer Seite!
Doch die grössten Wellen fanden im 19. Jahrhundert statt. Zwischen 1830 und 1860 zwangen eine wirtschaftliche Krise und die politischen Veränderungen durch die Verfassung von 1848 viele Schweizer in die Emigration.
Viele Adlige, aber auch Bauern, wanderten in die Staaten Pennsylvania und Ohio aus. Ein Graf von Steiger beispielsweise verliess Bern Richtung Ohio.
Zwischen 1870 und 1890 wurde der Grossteil der eingewanderten Schweizer von den neuen Territorien westlich der Appalachen angezogen, zuerst in Indiana und Illinois, dann aber auch in Regionen, welche die amerikanische Regierung von den Indianern konfisziert hatte, in Kansas, Nebraska und den beiden Dakotas.
Um in den Besitz eines Grundstücks von rund 4 km2 zu kommen, mussten die Eingewanderten beweisen, dass sie dort während eines Jahres gelebt hatten und den von der Regierung festgelegten Preis zahlen konnten.
swissinfo: Irländer, Juden und Chinesen wurden damals in den USA diskriminiert. Waren die Schweizer auch betroffen?
E.S.: Soviel ich weiss, nicht. Es gab keine Brandmarkung der Schweizer in den Vereinigten Staaten.
Im Gegenteil: Einige Schweizer wie beispielsweise die Mennoniten waren in die USA geflohen, um der Verfolgung in der Schweiz zu entgehen.
swissinfo: Sind Amerika-Schweizer vom Aussterben bedroht?
E.S.: Ja. Die Anzahl Schweizerinnen und Schweizer in den USA war im 18. Jahrhundert winzig, doch ein Jahrhundert später waren es bereits rund 300'000 Menschen. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen weitere dazu. Häufig Techniker und Freiberufler.
Die letzte Einwanderungswelle setzte in den 1950er-Jahren ein. Danach waren Wirtschaft und Lebensqualität in der Schweiz deutlich verbessert und die Notwendigkeit zur Auswanderung erübrigte sich.
Was man beachten muss, ist die Tatsache, dass es heute noch rund eine Million Amerikanerinnen und Amerikaner mit Schweizer Wurzeln gibt, während es vor 20 Jahren noch rund zwei Millionen Menschen waren.
Die Gründe für diese Abnahme sind vielfältig. Erstens hat es seit einem halben Jahrhundert keine Einwanderungswelle mehr gegeben.
Häufig geschieht auch, dass vom amerikanischen Büro für Volkszählung Befragte mit Schweizer Wurzeln angeben, sie stammten aus Deutschland. Wegen ihrem deutschen Namen vermuten viele fälschlicherweise, dass ihre Familie aus dem nördlichen Nachbarland der Schweiz stammt.
Und dann fühlen sich unzählige der vierten Generation als Amerikaner und verschmelzen mit der Bevölkerung.
Ich prognostiziere für die nächste Volkszählung 2010, dass noch etwa 750'000 Personen Schweizer Wurzeln angeben werden. Und ich befürchte, dass die Schweizer Gemeinschaft in den USA in 20 Jahren komplett verschwunden sein wird.
swissinfo: Gibt es in den USA nicht ein erstarktes Interesse an der Schweizer Herkunft?
E.S.: Die Pflege des Schweizer Erbes in den USA ist ein Phänomen, das Anfang des 20. Jahrhunderts aufgetaucht ist.
Davor waren die Eingewanderten primär fokussiert auf das eigene Überleben.
Der Marktflecken New Glarus, der ein Musterbeispiel für ein Schweizer Dorf in den USA geworden ist, hat sich erst ab den 1940er-Jahren zu dem entwickelt, was er heute ist.
Eine Wirtschaftskrise hatte Landwirtschaft und Milchproduktion heimgesucht. Die Leute verliessen die Region auf der Suche nach Arbeit.
Die Behörden von New Glarus fragten sich dann, wie sie das Überleben des Dorfes sicherstellen könnten. Und sie kamen auf den Tourismus.
Die Universität Wisconsin und die "Swiss American Historical Society" wurden um ihren Rat gefragt und gemeinsam entwickelte man die Idee, Schweizer Chalets zu bauen und das helvetische Erbe zu pflegen, um einen neuen wirtschaftlichen Motor für die Region zu schaffen.
swissinfo: Die Schweiz führt die Aktion Swiss Roots 2007 weiter. Kann diese Initiative die Identifikation der Schweizer Gemeinschaft mit ihrem Herkunftsland stärken?
E.S.: Ich bin nicht sicher, ob die Tournee des Schweizer Busses von Swiss Roots im letzten Sommer mehr als nur einen flüchtigen Eindruck hinterlassen hat.
Die Schweizer Regierung muss dazu beitragen, hier etwas Bleibendes zu schaffen und die Marktflecken unterstützen, in denen viele Amerikanerinnen und Amerikaner mit Schweizer Wurzeln leben.
Einige dieser Ortschaften sind sehr motiviert und versuchen, sich aus eigener Kraft zu helfen. Nehmen wir Bern in Kansas, wo die Einwohnerinnen und Einwohner in 2000 Stunden Freiwilligenarbeit einen historischen Bau renoviert haben.
Es ist auch nötig, Archive der mündlich überlieferten Geschichte, die ich und andere angelegt haben, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Zeitgeschichte stützt sich auf die mündliche Überlieferung ab und verdient es, erhalten zu werden.
swissinfo-Interview: Marie-Christine Bonzom, Washington
(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub und Peter Siegenthaler)
In Kürze
Rund 1,2 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner haben Schweizer Wurzeln. Die Schweizer Einwanderungswellen waren zwischen 1830 und 1860 sowie zwischen 1870 und 1890 am grössten.
Die Bevölkerungsdichte mit Schweizer Ursprung ist am höchsten in den Staaten Kalifornien, New York, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin.
Insgesamt 5000 Städte, Dörfer und andere Orte in den USA haben einen schweizerischen Namen.
Erdmann Schmocker
Erdmann Schmocker war während fast 30 Jahren Mitglied der "Swiss American Historical Society". Von 1994 bis 2001 war er deren Präsident.
Schmocker wurde 1931 in Bern geboren. Im Alter von 20 Jahren wanderte er mit seinen Eltern (die Mutter war Schneiderin, der Vater Maler) aus wirtschaftlichen Gründen aus.
Sie liessen sich 1951 in Idaho Falls nieder, wo Freunde aus der Schweiz lebten, die zwei Jahre vorher ausgewandert waren.
Erdmann Schmocker hat in Bern und später in Chicago Architektur studiert und danach während 40 Jahren in den USA unterrichtet, vor allem am Institut für Technologie in Illinois.
Sein besonderes Interesse gilt der mündlich überlieferten Geschichte. 1966 erstellte er eine Karte mit Orten in Amerika, die schweizerischen Ursprungs sind. In diesen Orten suchte er Kontaktstellen und mündliche, schriftliche und bebilderte Archive.