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| Gregor der Grosse († 604) - Ausgewählte Briefe

Neuntes Buch. Briefe aus den Jahren 598–599
VII. (12.) An den Bischof Johannes von Syrakus.
Inhalt
VII.
Gesammtausgabe 12.
An den Bischof Johannes von Syrakus.
Inhalt: Widerlegung der Behauptung einiger Sizilianer, Gregor habe in der von ihm festgestellten Messliturgie Gebräuche der Kirche von Konstantinopel adoptiert. Die Behauptung bezog sich auf den Gebrauch des Alleluja, des Kyrie eleison und des Pater noster, sowie auf die Kleidung der Subdiakonen.
Es hat mir jemand aus Sizilien gesagt, dass einige seiner Freunde, ich weiß nicht ob es Griechen oder Lateiner sind, sich in vorgeblichem Eifer für die heilige römisches Kirche mit meinen Anordnungen unzufrieden zeigten, indem [S. 445] sie sagten: „Wie kann er sich darauf verlegen, den Einfluss der Kirche von Konstantinopel abzuschwächen, da er sich in allem nach ihren Gewohnheiten richtet?" Als ich ihm erwiderte: „Nach welchen dortigen Gewohnheiten richten wir uns?" gab er mir zur Antwort: „Ihr habt das Alleluja Bei der Messe auch außer der Pfingstzeit1 sprechen lassen. Ihr habt verordnet, dass die Subdiakonen in gewöhnlicher Kleidung an den Altar treten, dass man das „Kyrie eleison" bete, dass man das Gebet des Herrn gleich nach dem Canon spreche." Ich erwiderte ihm hierauf, dass wir in keinem dieser Punkte uns eine andere Kirche zum Vorbild genommen hätten.
Denn dass hier das „Alleluja" gesprochen wird, soll nach der Überlieferung des hl. Hieronymus zur Zeit des Papstes Damasus, seligen Andenkens, von der Kirche zu Jerusalem herüber genommen worden sein. Ja noch mehr, wir haben in dieser Beziehung die von den Griechen eingeführte Gewohnheit abgeschafft.2
Dass ich aber die Subdiakonen ohne (eigentümliches) Gewand3 an den Altar treten ließ, war alte Gewohnheit der Kirche. Aber einem unserer Päpste, ich weiß nicht welchem, gefiel [S. 446] es zu verordnen, dass sie dies in besonderer Amtskleidung tun sollten. Haben etwa Eure Kirchen ihre Überlieferung von den Griechen empfangen? Woher kommt es, dass bei ihnen gegenwärtig die Subdiakonen mit leinener Tunika4 zum Altare kommen, als weil sie diesen Gebrauch von ihrer Mutter, der römischen Kirche, angenommen haben?
Das „Kyrie eleison" aber haben wir weder gesprochen noch sprechen wir es jetzt in gleicher Weise wir die Griechen. Denn bei den Griechen wird es von allen mit einander gesprochen, bei uns aber von den Klerikern, während das Volk antwortet, und ebenso oft wird auch „Christe eleison" gesprochen, was bei den Griechen gar nicht vorkommt. Bei den täglichen Messen wird zwar einiges ausgelassen, was sonst gebetet wird, des ungeachtet sprechen wir das "Kyrie eleison" und das „Christe eleison", um uns bei diesem Ruf der Bitte etwas länger zu verweilen.
Das Gebet des Herrn aber sprechen wir deshalb sogleich nach dem Canon, weil es Sitte der Apostel war, nur allein in Verbindung mit diesem Gebet die Opfergaben zu konsekrieren. Und mir scheint es sehr unpassend, dass wir über das Opfer zwar ein Gebet verrichten sollten, welches ein gelehrter Mann zusammen gestellt hat.5 aber das vom Erlöser selbst verfasste Gebet, das uns überliefert worden ist, über seinen Leib und sein Blut nicht sprechen sollten. Aber bei den Griechen wird auch das Gebet des Herrn vom ganzenVolke gesprochen, bei uns aber vom Priester allein.
Worin also sollen wir die Gewohnheiten der Griechen [S. 447] zur Richtschnur genommen haben, da wir doch entweder unsre eigenen alten Gewohnheiten wieder zur Geltung gebracht oder, so weit es nützlich war, neue eingeführt haben, wobei man uns aber keine Nachahmung anderer nachweisen kann? Wenn sich also für Eure Liebe Gelegenheit bietet, in die Stadt Catana zu kommen oder in die Kirche von Syrakus, so suchet mit denen, von welchen Ihr glaubt oder wisset, dass sie wegen dieser Sache eine Unzufriedenheit äußern konnten, zusammen zu kommen, belehret sie und setzet auch etwa bei andern Gelegenheiten diesen Unterricht fort. Denn wenn sie von der Kirche zu Konstantinopel reden — wer zweifelt denn, dass dieselbe dem apostolischen Stuhle untergeben sei?6Auch der allerfrömmste Kaiser und unser Bruder, der Bischof jener Stadt, gestehen dies jederzeit zu. Wenn jedoch diese oder eine andere Kirche etwas Gutes hat, so bin ich samt meinen Untergebenen, die ich von Unerlaubtem abhalte,7 bereit, sie im Guten nachzuahmen. Denn der wäre ein Tor, der seinen Vorrang darin suchen würde, dass er das Gute nicht annehmen mag, sobald es ihm in die Augen fällt.
1: Schon zu Tertullians Zeit (de orat.c. 23.; de bapt. c. 19. ) hatten die fünfzig Tage (xxxxxx - Quinquagesima) von Ostern bis zum Pfingsttag den Charakter einer fortlaufenden Freuden- und Festzeit, während welcher alle Gebete stehend verrichtet werden mussten. Noch im sechsten Jahrhundert sang man in der afrikanischen Kirche nur während dieser Quinquagesima das Alleluja (Isidor. de oss. eccl. I. 13.)
2: Vielleicht sangen die Griechen damals das "Alleluja" auch in der Fasten oder bei Totenmessen. Wenigstens bezeugt der hl. Hieronymus, dass bei Exequien zu Rom früher Alleluja gesungen wurde. (Epitaphium Fabiolae.) Vielleicht war dies der von den Griechen stammende Gebrauch, welchen der hl. Gregor aufhob.
3: Spoliati sc. veste singulari; wie bis zur Stunde im Orient, so trugen auch in Rom gemäß einer Anordnung Gregors und nach altrömischem Brauch die Subdiakonen nur das Gewand der niederen Kleriker, d. i. die Albe.
4: "Tunica linea" kann nach dem Zusammenhang der Stelle nichts anderes sein als die Albe; zum altrömischem Usus zurückgehend hatte Gregor die von einem seiner Vorgänger eingeführte Tunicella wieder abgeschafft, welche Alcuin und Rhabanus Maurus noch nicht kennen.
5: Man weiß nicht, wer den Canon in seiner heutigen Gestalt, die aber jedenfalls über den hl. Gregorius hinaufreicht, zusammengestellt hat. Ganz eigentümlich erklärt unsere Stelle Probst, "Liturgie" S. 355 f.
6: Einer der vielen deutlichen Belege für den Jurisdiktionsprimat, die sich in Gregors Briefen angehäuft finden.
7: Anspielung auf den angemaßten Titel des Patriarchen von Konstantinopel.