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Weltweit fehlen Milliarden von Coronaimpfdosen. Die Hersteller behaupten, nur sie könnten mRNA-Impfstoff produzieren. Falsch, sagt Industrieapotheker Alain Alsalhani, Ko-Autor einer Studie von Ärzte ohne Grenzen.
WOZ: Alain Alsalhani, Moderna und Pfizer behaupten, die Produktion ihrer mRNA-Impfstoffe sei so komplex, dass sie niemand anderes bewerkstelligen könne – und dass eine Aussetzung der Patente nichts bringe.
Ja. Vor Ausbruch der Pandemie hatten die beiden Firmen jedoch selber noch nicht die Kapazität, Impfstoff in so grossen Mengen zu produzieren. Sie haben das ganze letzte Jahr damit verbracht, ihre Technologie und ihr Know-how zu neuen Kooperationspartnern zu transferieren. Sie haben das getan, was nun plötzlich kaum machbar sein soll. Mit Ausnahme einer Firma in China befinden sich ihre Kooperationspartner alle in reichen, westlichen Ländern.
Liegt das nicht daran, dass diese Kooperationspartner bereits Erfahrung in der Produktion von Impfstoffen haben, die anderen fehlt?
Auf manche wie etwa Lonza trifft das zu. Für andere aber wie die spanische Firma Rovi, die seit April in Zusammenarbeit mit Moderna Impfstoff produziert, gilt das nicht. Rovi hatte zuvor keine Erfahrung damit. Trotzdem konnte sie den Moderna-Impfstoff herstellen.
Und das ist kein Einzelfall?
Mit diesem Beispiel in der Hand haben wir beim Imperial College of London eine Studie über die Voraussetzungen zur Produktion von mRNA-Impfstoffen in Auftrag gegeben. Diese bestätigt, was wir vermutet hatten: dass mRNA-Impfstoffe deutlich tiefere Anforderungen an die Infrastruktur stellen als herkömmliche Impfstoffe – weil sie ohne biologische Komponenten auskommen.
Sie kommen in einer weitergehenden Studie zum Schluss, dass entgegen den Behauptungen der Pharmaindustrie 120 Firmen ausserhalb von Europa und den USA in der Lage wären, mRNA-Impfstoff herzustellen. Wie sind Sie zu dieser Zahl gelangt?
Wir haben auf Grundlage der Studie des Imperial College ein technisches Profil erarbeitet, das Firmen erfüllen müssen, um theoretisch mRNA-Impfstoff produzieren zu können. Dieses Profil haben wir dann mit Datenbanken über Firmen abgeglichen, etwa derjenigen der Europäischen Arzneimittel-Agentur. Alle Firmen auf unserer Liste erfüllen die Qualitätsstandards, die von europäischen oder US-amerikanischen Behörden als hinreichend für den Export in westliche Staaten qualifiziert werden. Wir behaupten nicht, dass alle diese 120 Firmen in die Impfstoffproduktion einsteigen würden oder könnten. Wir stellen bloss fest, dass es 120 Firmen gibt, die infrage kämen, weil sie die technischen Standards erfüllen.
Wieso sind Pfizer und Moderna nicht selber weitere Kooperationen mit diesen Firmen eingegangen? Das könnte doch genauso lukrativ sein wie die Zusammenarbeit mit europäischen Firmen.
Pfizer ist bereits Kooperationen mit Firmen im Globalen Süden eingegangen. Etwa mit Biovac in Südafrika. Aber nur für das sogenannte «fill and finish»: Die Komponenten werden in Europa produziert – und in Südafrika nur noch zu Ende verarbeitet. Ich gehe davon aus, dass Moderna und Pfizer nicht nur Angst haben, die alleinige Kontrolle über die Covid-Impfstoffe zu verlieren: Auf Basis der mRNA-Technologie werden künftig voraussichtlich viele weitere wichtige und profitable Produkte entstehen. Darum geht es.
Biontech hat kürzlich eine Vereinbarung unterzeichnet, um in Ruanda eine neue Produktionsstätte aufzubauen.
Geplant ist jedoch keine Kooperation mit einer Firma, die Firma soll unter der vollen Kontrolle von Biontech sein. Zwar wurde auch ein Wissenstransfer angekündigt, aber haben Sie diesen Vertrag mit allen Details schon einsehen können? Ich nicht – er ist geheim. Kommt hinzu: Bis die Produktion aufgenommen werden kann, werden womöglich noch viele Jahre vergehen.
Sie fordern stattdessen, dass die Patente von Moderna, Pfizer und Biontech ausgesetzt werden sollen und die Firmen einen Wissens- und Technologietransfer hin zu neuen Produktionsfirmen ausserhalb von Europa und den USA aufnehmen sollen.
Die politische Debatte fokussiert zu stark auf die Patente. Es herrscht die Vorstellung vor, dass nach deren Aussetzung die Produktion gleich weltweit hochgefahren werden könnte. Müssten Firmen mit der Entwicklung von Impfstoffen jedoch von vorne anfangen, würde das viel zu lange dauern. In Südafrika wurde deshalb ein Tech Transfer Hub eingerichtet, der einen solchen Wissens- und Technologietransfer gewährleisten könnte. Pfizer, Moderna und Biontech zeigen daran jedoch überhaupt kein Interesse, selbst wenn man ihnen Geld anbietet. Stattdessen entwickeln Forscher:innen dort jetzt ihren eigenen mRNA-Impfstoff. Sie machen jetzt also nochmals die gleiche Forschung, die bereits einmal so durchgeführt wurde. Nur weil Moderna, Pfizer und Biontech, die die mRNA-Technologie kontrollieren, sie nicht teilen wollen. Das ist doch absurd.
Alain Alsalhani ist Pharmazeut und arbeitet als Impfstoffexperte für die «Access Campaign» von Ärzte ohne Grenzen.