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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
Philosophie ist die Liebe zur Weisheit. Philosophieren heisst auch, Dingen nachzugehen, die fragwürdig erscheinen, auch am Unbehagen an der Welt oder an sich selbst.
Die Tatsachen
Die Gattin ist bereits schlafen gegangen.
Mein Hund liegt auf einer Unterlage rechts vor mir und schläft.
Ich lese ein Philosophiebuch.
Auf einem runden, kleinen Beistelltisch neben meinem bequemen Sessel stehen ein Glas Rotwein und ein Teller mit einem Schinkenbrot.
Ich will das Buch auf das Tischchen legen, verschiebe dabei versehentlich den Teller und das fast leere Weinglas.
Das Glas und das Schinkenbrot fallen auf den Parkettboden.
Die Konsequenzen
Die Konsequenzen, die sich aus den Tatsachen ergeben:
Das Weinglas zerspringt in 1000 kleine Stückchen.
Die Scheibe Schinken liegt zwischen den Scherben.
Der Hund wird durch das Geräusch wach und sieht die Scheibe Schinken.
Er springt mit einem Satz darauf zu und verschlingt sie.
Konsequenzen aus den Konsequenzen
Direkte Konsequenzen aus den Konsequenzen sind:
Ich fege die Scherben und das Brot auf und befördere sie in den Abfalleimer.
Ich wische die Tropfen Wein mit einem Lappen vorsichtig auf, da noch kleinste Splitter dazwischen liegen könnten. Dann spüle ich den Lappen gründlich aus.
Das Entfernen der Splitter mit einem Staubsauger hätte die Gattin geweckt, also verschiebe ich es auf morgen früh.
Spätere Konsequenzen
Die späteren Konsequenzen aus dem Zwischenfall:
Am nächsten Morgen liegt der Hund tot auf seiner Decke.
Die Gattin läuft barfuss ins Wohnzimmer, geht zum Hund und verletzt sich durch kleinste Restsplitter am Fuss, der heftig blutet.
Sie macht mir grosse Vorwürfe und Vorhaltungen.
Weitere Konsequenzen aus den späteren Konsequenzen
Ich muss noch vor dem Frühstück die Splitter beseitigen.
Ich muss den Hundekadaver zum Abdecker bringen.
Ich erspare mir ab sofort bei dem schon älteren Hund mit gesundheitlichen Problemen den Tierarzt und damit viel Geld, auch für Steuern und Versicherungen.
Ich muss nicht mehr bei jedem Wetter mit dem Hund nach draussen.
Es gibt keine Probleme mehr mit Hundekot, vor allem bei Durchfall, auf der Strasse.
In den Tagen danach muss ich den Haushalt und die Einkäufe erledigen.
Die Wunde am Fuss heilt nach einigen Tagen ab.
4 Fragen
Immanuel Kant hat 4 Fragen zur Philosophie aufgestellt:
a) Was können wir wissen? (Erkenntnis)
b) Was sollen wir tun? (Ethik)
c) Was dürfen wir hoffen? (Religionsphilosophie)
d) Was ist der Mensch? (Anthropologie)
Ich versuche, mit diesen Fragen die Probleme zu lösen, und zwar:
Warum kam es dazu? (Ursache)
War es mein Fehler? (Schuldfrage)
Was sind die Konsequenzen? (Zielfrage)
Welche Rolle spielte der Wille dabei? (Entscheidungsfrage)
Zu a): „Bei der Erkenntnistheorie werden 6 Erkenntnisquellen unterschieden: Wahrnehmung, Erinnerung, Introspektion, Induktion, Schlussfolgern sowie die Bezeugung durch andere“ (1).
Ich gebe zu, ich war unaufmerksam. Warum? Das Buch war sehr interessant. Es heisst „Platon und Schnabeltier gehen in eine Bar…Philosophie verstehen durch Witze“.
Ich habe herzlich gelacht. – Aber war das wirklich der Grund? Hatte ich nicht auch noch einen Groll gegen den Hund, weil der Tierarzt wieder viel Geld verlangt hatte, weil ich Ärger wegen Verschmutzung der Strasse bekommen hatte, weil meine Frau von mir verlangt hatte, mit ihm nach draussen zu gehen? Hat sich das auf die Unaufmerksamkeit ausgewirkt?
Habe ich die Unachtsamkeit unbewusst herbeigesehnt? Natürlich ist das möglich, obwohl ich die Konsequenzen nicht vorhersehen konnte.
Damit würde ich aber fälschlich dem Trugschluss erliegen „post hoc propter hoc“ (= nach diesem folglich deswegen). Das Ungeschick ist zwar der Konsequenz vorausgegangen, war aber nicht die Ursache. Die Ursachen sind das Verschlingen des Schinkenbrotes und das Laufen durch die Scherben. Beides war nicht zwangsläufig. Beides erfolgte unerwartet.
Jedenfalls waren beide, am Abend der Hund und am Morgen meine Frau, zu schnell.
In dem oben genannten Buch steht ein Witz über die Relativität der Zeitwahrnehmung: „Eine Schnecke ist von 2 Schildkröten überfallen und ausgeraubt worden. Auf die Frage der Polizei, wie es dazu gekommen sei, sagte sie nur: ,Ich weiss auch nicht, es ging alles so schnell.’“
Zu b): „Vereinfacht gesagt, ist ‚eine’ Ethik ein Denksystem, welches definiert, was gut und was böse ist, also was man tun soll und was nicht bzw. wie man sich beim tagtäglichen Handeln zu entscheiden hat“ (2).
Der Utilitarismus besagt: „Gut ist, was nützlich ist…“. War es nützlich, Weinglas und Schinkenbrot zum Absturz zu bringen? In 1. Instanz natürlich nicht. Der Wein im Glas war ebenso verloren wie das Schinkenbrot. In 2. Instanz, wenn ich die Konsequenzen daraus betrachte? Teilweise, die Verletzung am Fuss jedenfalls war nicht nützlich.
Der Hedonismus besagt: „Gut ist, was Genuss bereitet…“. War es genussvoll? – siehe die Anmerkungen zum Utilitarismus!
Der Eudämonismus besagt: „Gut ist, was glücklich macht…“. Glücklich war ich natürlich nicht darüber, eher ziemlich verärgert! Aber nur in erster Instanz!
Die Prinzipienethik besagt: „Gut ist, weil definiert ist, dass ...“. Es wird zwischen eigenen und fremden Prinzipien unterschieden.
Meine eigenen Prinzipien sind: Gehe pfleglich mit den Dingen und mit dem dir Anvertrauten um, mit allem, was dir lieb und teuer ist. Allerdings trifft mich diesbezüglich eine Schuld: Zumindest hätte ich in Erwägung ziehen müssen, dass die vom Hund mit aufgenommenen Scherben in seinem Magen Unheil anrichten könnten und hätte zur Tierklinik fahren müssen, egal wie spät es war. Ich hätte meine Frau sofort vor den Splittern warnen müssen.
Fremde Prinzipien sind z. B. der kategorische Imperativ, nicht nur bei Kant: „Handele so, wie du auch selbst behandelt werden möchtest.“ Wäre mir das passiert, und ich hätte Glassplitter unbeabsichtigt geschluckt, wäre ich sofort in die Klinik gefahren.
Aber: Wie kann ich Prinzipien einhalten, wenn die Handlungen unbeabsichtigt erfolgt sind? Bewusst wollte ich den Schlamassel nicht. Auch nicht den Tod des Hunds.
Zu c): Ich habe bei meiner Frau um Entschuldigung gebeten und alles mir Mögliche getan, den Schaden wieder gutzumachen. Ich habe sie davon überzeugt, nicht wieder einen Hund anzuschaffen. Ich werde neue Weingläser kaufen. Ich werde versuchen, aufmerksamer zu sein.
Beim nächsten Malheur werde ich versuchen, den Schaden sofort zu beheben. Ich hoffe, dass mir das nicht noch einmal passiert. Ich hoffe, dass der Hund nicht allzu sehr gelitten hat. Ich hoffe, dass mir meine Frau verzeiht.
Zu d:) Die Tat geschah bewusst unwillentlich als Missgeschick ohne Vorsatz. Ich bin ein Mensch, der Fehler macht. Ich bekenne mich zu den Fehlern. Unbewusst habe ich vielleicht den Tod des Hunds in Kauf genommen. Vielleicht auch nicht.
Die ganze Sache bereitet mir Unbehagen, zunächst einmal. Und zukünftig? Von Verpflichtungen befreit. Das Gute im Bösen.
Meine Frau sieht das ganz anders. Sie trauert dem Hund nach und hatte Schmerzen. Sie ist der Meinung, ich hätte alles voraussehen können. Und zwar bevor ich auf die Idee kam, das Tischchen mit Schinkenbrot und Wein vollzustellen. Dann hätte ich wissen müssen, dass für ein Buch nicht auch noch Platz auf dem Tischchen gewesen sein konnte.
„Andromache: Findest du es nicht anstrengend, immer nur Unheil vorauszusehen?
Kassandra: Ich sehe gar nichts voraus, Andromache. Ich trage nur 2 Dummheiten Rechnung: der Dummheit der Menschen und der Dummheit der Elemente“ (3).
Es wird dauern, bis meine Frau die Entschuldigung akzeptiert! Und Wein kauft sie mir auch nicht mehr. Sie ist nicht täglich mit dem Hund in Wind und Wetter nach draussen gegangen!
Selbstverständlich ist die Wahrheit relativ. Es gibt keine absolute Wahrheit, da bin ich mir ganz sicher!
Quellen
Cathart, Thomas, und Klein, Daniel: „Platon und Schnabeltier gehen in eine Bar. Philosophie verstehen durch Witze“, Goldmann TB München, Juli 2010.
(3) Jean Giraudoux: „ Der trojanische Krieg wird nicht stattfinden“, 1. Akt, Insel Verlag, 1984.
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18.05.2006
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