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MAKING-OF Der Journalist Dimitri Zufferey kämpfte vier Jahre für ein zentrales Dokument einer Walliser Umweltaffäre. «So kam das Thema auch auf die politische Agenda», sagt er rückblickend.
Das Ringen um Informationen begann für den Westschweizer TV-Journalisten 2014. Zuvor hatte die Zeitung «Le Temps» das Quecksilber-Debakel der Chemie-Firma Lonza erstmals thematisiert. Zufferey und das Team der Sendung «Temps Présent» verlangten von den Behörden einen historischen Untersuchungsbericht aus dem Jahr 2011 heraus.
Mehrere Westschweizer Medienhäuser haben sich im Zuge der Recherche zusammengeschlossen, um das Schweigen der Behörden über den Umweltskandal im Wallis zu brechen. Neben RTS haben «Le Temps», «Le Nouvelliste» und der «Walliser Bote» die Verwaltung in die Knie gezwungen.
Dimitri Zufferey, warum verweigerte der Kanton die Offenlegung des Dokuments?
Die Walliser Regierung begründete die Ablehnung mit dem abstrusen Argument, es handle sich nicht um ein offizielles Dokument im Sinne des kantonalen Informationsgesetzes. Die darin enthaltenen Informationen seien nicht überprüft. Für die Behörden war der Bericht ein Entwurf oder ein internes Dokument.
Das Gericht sah dies schliesslich anders. Welche Argumente setzten sich durch?
Das Gericht kam zum Schluss, dass das Gesetz von der Kantonsregierung falsch angewendet worden ist. Die Richter haben sich auch auf die Aarhus-Konvention berufen. Diese hat die Schweiz 2014 ratifizierte und stellt klare Regeln für eine «Umweltdemokratie» auf: Jeder Bürger hat Zugang zu umweltbezogenen Dokumenten der Verwaltung. Ich bin sicher, dieses Instrument wird in Zukunft noch wichtiger werden.
Was stand im Untersuchungsbericht?
Im Dokument wurden die wahrscheinlichen Ursachen für die grossflächige Verschmutzung durch Quecksilber erörtert. Detailliert wurden die Produktionsabläufe in der Chemiefirma Lonza geschildert, es wurde gezeigt, welche umweltgefährdenden Stoffe gelagert waren.
Bis Sie den Bericht in den Händen hatten, vergingen Jahre. Das Dokument hatten Sie erst nach der Ausstrahlung der Sendung erhalten. Was hat Ihnen der Kampf am Ende gebracht?
Es ist ärgerlich, wenn Behörden unsere Arbeit mit schlechten Argumenten behindern. Diese hängt ja von der Aktualität ab. Nachdem wir die Unterlagen in den Händen hatten, haben wir im Verbund mit anderen Medien allerdings beschlossen, historische Berichte auch anderer Industrieanlagen im Wallis anzufordern, beispielsweise für die Deponie in Pont-Rouge oder den Ciba-Standort in Monthey. Anhand dieser Akten konnten wir belegen, dass der durch Lonza verschmutzte Grossgrundkanal bei weitem nicht der einzige belastete Ort ist. Es zeigte sich, dass die gesamte Rhône-Ebene völlig verseucht ist. Die Berichte beinhalteten zahlreiche weitere Themen, Beispiel Verstösse gegen die Arbeitssicherheit im Umgang mit Chlor.
Was bleibt von diesem langwierigen Streit?
Wir holten wichtige Fakten aus den Schubladen der Behörden. Der Entscheid des Kantonsgerichts brachte uns auf die Idee, auch im Bundesarchiv zu forschen. So habe ich erfahren, dass Lonza-Mitarbeitende «Quecksilber-Ferien» erhielten, zusätzliche Ruhetage wegen der körperlichen Belastung. Heute weiss ich, dass es für jeden Kanton historische Berichte gibt. Durch unsere Anfrage kam das Thema auch auf die politische Agenda, es gab parlamentarische Vorstösse im Walliser Grossen Rat. Noch heute ist das Thema wegen der dritten Rhône-Korrektion relevant.
Haben die Walliser Behörden nach dem Verfahren ihre Transparenz-Praxis geändert?
Auf jeden Fall. Zu Beginn sind wir ja einfach abgeblitzt. Schon im Laufe des Verfahrens zeigte die Verwaltung immer mehr Bereitschaft, Transparenz zu schaffen und das Gesetz richtig anzuwenden. Die weiteren historischen Berichte wurden uns 2018 rasch geliefert. Auch wir Medienschaffende haben gelernt. Heute wissen wir, dass wir gemeinsam Druck auf die Behörden ausüben und so zu unseren Rechten kommen können.
Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial bei den Öffentlichkeitsgesetzen?
Auf Bundes- und Kantonsebene funktionieren sie gut. Auf Gemeindeebene ist es eine deutliche Verbesserung feststellbar. Als wir nach den Löhnen von Gemeindepräsidenten in der Westschweiz fragten, beobachtete ich grosse Unterschiede. In einigen Kantonen wurden uns die Daten problemlos geliefert, in anderen – darunter vielen Walliser Gemeinden – gab es mehr Misstrauen und Ablehnung. Letztendlich kommunizierten 140 von 769 Gemeinden nichts. Das kann man als ein gutes Resultat werten.
Was ist für Medienschaffende wichtig, wenn sie mit Öffentlichkeitsgesetzen arbeiten?
Man sollte den Behörden klar machen, dass ihre Informationen wichtig für unsere Arbeit sind. Konkret sollte man sie auch über die Resultate der Recherchen informieren. Uns muss bewusst sein, dass diese Gesetze für Behörden auch Aufwand darstellen. Deshalb sollten wir dieses Werkzeug gezielt einsetzen. Spannend sind auch verwandte Recherchemittel, der Zugang zu Verfügungen von Swissmedic etwa im Rahmen der Justizöffentlichkeit oder die spannende Arbeit mit Archivgesetzen.
Interview: Julia Rippstein