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Soziale Ungleichheiten
Soziale Ungleichheiten gibt es in allen bekannten Gesellschaften, aber in sehr unterschiedlichen Formen und Ausmassen. Sogar die «gleichsten» Gesellschaften (Jagen und Sammeln) unterscheiden mindestens nach Alter und Geschlecht, und zwar in Form von Differenzen (Identität, Tätigkeiten, Räume, kulturelle Bezüge) und von Ungleichheiten (soziale Anerkennung, Autonomie, Macht).
Unter sozialen Ungleichheiten versteht man die hierarchische Organisation der Gesellschaft und damit den ungleichen Zugang der Personen zu wichtigen sozialen Gütern. Was ein wichtiges soziales Gut ist, variiert zwischen Gesellschaftstypen und zwischen Untereinheiten innerhalb einer Gesellschaft. Die Wichtigkeit eines solchen Gutes beruht auf den vorherrschenden Werten sowie auf der Organisation der Gesellschaft. Die Gegenwartsgesellschaften sind marktwirtschaftlich organisierte Teile der globalisierten kapitalistischen Wirtschaft. Von daher rührt die besondere Bedeutung von Gütern wie Einkommen, Vermögen, beruflicher Stellung und Bildung. Das System der Ungleichheiten in einer Gesellschaft bildet deren soziale Schichtung; Armut entspricht einer besonders benachteiligten Stellung in dieser Schichtung.
Sozialer Auf- oder Abstieg, aber auch die Stabilisierung einer Stellung resultieren aus Vorgängen sozialer Mobilität. Diese beruhen namentlich auf Selektionsprozessen. Das Bildungssystem, das den Fortschritt der Studierenden organisiert, und die Unternehmungen mit ihren Anstellungs-, Beförderungs- und Entlassungspraktiken sind in den Gegenwartsgesellschaften die folgenreichsten Selektionsakteure. Hinzu kommen Prozesse der Ungleichheitsreproduktion zwischen Generationen (Weitergabe der sozialen Stellung – gleich ob hoch, mittel oder tief) und der Diskriminierung.
Von Diskriminierung spricht man, wenn Selektionsprozesse sich auf Merkmale stützen, welche die Betroffenen nicht ohne weiteres verändern können und die sie in eine benachteiligte soziale Kategorie klassieren: ethnische Zugehörigkeit («Rasse»), Nationalität, regionale Herkunft, Geschlecht, soziale Herkunft. Diskriminierung ist nicht nur eine Frage persönlicher Geringschätzung oder Verachtung (Rassismus, Sexismus, Ageism, Xenophobie usw.), sondern auch institutioneller Verfahren. Die Formen der Diskriminierung sind so unterschiedlich wie die Kategorisierungen, die dazu dienen. Sie können deshalb auch nicht durch dieselben Aktionsformen bekämpft werden (etwa im Rahmen von Diversity- oder Inklusionsstrategien). Gemeinsam haben sie nur, dass sie im System der sozialen Schichtung die Privilegien der Gewinnenden und die Schlechterstellung der Verlierenden konsolidieren. Die Schweizerische Bundesverfassung verbietet in ihrem Artikel 8.2 jede Diskriminierung: «Niemand darf diskriminiert werden, namentlich nicht wegen der Herkunft, der Rasse, des Geschlechts, des Alters, der Sprache, der sozialen Stellung, der Lebensform, der religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung oder wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung.»
Die Stellung einer Person im Ungleichheitssystem hat eine Reihe konkreter Auswirkungen, von ihren materiellen Lebensbedingungen über ihre soziale Integration oder ihr kognitives Funktionieren bis zu ihrer Gesundheit und Lebenserwartung. Ungleichheiten tendieren dazu, sich im Lebensverlauf zu kumulieren: die Privilegierten erhöhen ihre Privilegien, die Schlechtergestellten steigen weiter ab.
Die Mechanismen, welche Ungleichheiten aufrechterhalten, verringern oder im Gegenteil verstärken, sind eines der wichtigsten politischer Streitobjekte. Auch ihre Wahrnehmung ist ein wichtiges Ziel von Einflussversuchen. Für viele Menschen erscheint die Gesellschaft in ihrer Komplexität als schwer überschaubar und kaum beeinflussbar. Dass Ungleichheiten sozial konstruiert und nicht naturgegeben sind, wird auf unterschiedliche Weisen verdeckt, nur schon durch die Alltagserfahrung, wenn man Situationen erlebt, die als unerschütterlich, ausserhalb des eigenen Einflussvermögens erscheinen. Ausserdem wird das Bewusstsein der sozialen Erzeugung der Ungleichheiten durch kulturelle Wahrnehmungs- und Deutungsmuster sowie Ideologien geschwächt, etwa wenn sie Ungleichheiten dethematisieren («Wir sitzen alle im selben Boot»). Sichtweisen, welche vor allem persönliche Verantwortlichkeit betonen («Jeder ist seines Glückes Schmied»), erklären die soziale Welt vorab durch individuelle Werte, Absichten und Anstrengungen und verneinen das Vorhandensein anderer als individueller Phänomene. Andere stellen die Ungleichheiten gar als «natürlich» dar (z. B. indem sie sie auf Geschlechtsunterschiede oder persönliches Talent zurückführen). Vorstellungen, die Ungleichheiten naturalisieren oder essentialisieren (d. h. sie aus biologischen, alters-, geschlechts- oder «rasse»-gebundenen Faktoren herleiten), verschleiern ihren sozial konstruierten Charakter. Selbst die Verknüpfung von Ungleichheiten mit «kulturellen Unterschieden» (etwa zwischen Einheimischen und Eingewanderten) kann zu ihrer Essentialisierung beitragen, wenn sie sie als unveränderbar darstellt.
Obwohl die soziale Schichtung in den Gegenwartsgesellschaften ein kohärentes Ganzes bildet, ist sie vielgestaltig: sie setzt sich aus mehreren Dimensionen zusammen, die miteinander korreliert, aber deutlich voneinander unterschieden sind (Bildung, berufliche Stellung, Einkommen, Vermögen, Berufsprestige usw.). Wenn diese Korrelation nicht sehr stark ist, können die einzelnen Menschen hinsichtlich dieser Dimensionen unterschiedliche Positionsprofile besetzen. Dementsprechend sind ihre Erfahrungen ebenfalls unterschiedlich, was Analysen anhand einer einfachen hierarchischen Dimension oder klar abgegrenzter Klassen gegenstandslos macht. Selbst wenn diese Unterschiedlichkeit die grundlegende gesellschaftliche Hierarchisierung nicht in Frage stellt, organisiert sie die konkreten Lebenssituationen so, dass individualisierende Interpretationen plausibler erscheinen als kollektive. Sie macht es so schwieriger, dass Menschen sich in ihren Mitmenschen wiedererkennen und auf diesem Weg das Bewusstsein gemeinsamer Problemlagen entwickeln.
Aus diesen Gründen provozieren Ungleichheiten nicht automatisch Proteste oder Umverteilungskonflikte, was sie konsolidiert; sie fördern aber zugleich andere Ausdrucksformen von Malaise (z. B. Krankheiten oder deviantes Verhalten). Soziale, vor allem wirtschaftliche Ungleichheiten vertragen sich schlecht mit egalitären Wertvorstellungen; deshalb können sie die politische Demokratie untergraben, wenn sie längerfristig sozial nicht als legitim erscheinen.
Sozialstaatliche Massnahmen zielen in wichtigen Teilen auf die Ungleichheiten ab, sei es, um sie zu verringern (etwa durch redistributive Massnahmen wie progressive Steuersätze), sei es, um sie abzufedern, indem sie ihren Privationscharakter schwächen (z. B. Mindestlöhne). Insgesamt sind die Umverteilungseffekte des schweizerischen Sozialstaates beschränkt, weil seine Massnahmen nicht universalistisch sind (Ausnahme: AHV), sondern grossenteils subsidiär und an Bedürfnisnachweise gebunden (means tested). Deshalb bremst und «administriert» er eher den sozialen Abstieg von Personen, die sozialen Risiken ausgesetzt sind (Alter, Einelternschaft, Arbeitslosigkeit, Invalidität usw.), als dass er die Ungleichheiten reduziert.
Mittelfristig entwickeln sich die Ungleichheiten, vor allem jene der Einkommen und Vermögen, in Richtung Polarisierung (Stagnation bei den Armen, Erhöhung bei den Reichen). Nach einer Phase der Verringerung stagnieren die Geschlechterungleichheiten, vor allem hinsichtlich der beruflichen Stellung (und damit auch des Einkommens, der Vermögensbildung und der Alterssicherung). Im Vergleich mit anderen postindustriellen Ländern haben die Ungleichheiten in der Schweiz ein mittleres Ausmass (stärker als in Schweden, schwächer als in den USA).
Literaturhinweise
Levy, R. (2009). Die schweizerische Sozialstruktur. Zürich: Rüegger.
Levy, R., Joye, D., Guye, O. & Kaufmann, V. (1997). Tous égaux? de la stratification aux représentations. Zurich: Seismo.
Nollert, M. & Budowski, M. (Hrsg.) (2010). Soziale Ungleichheiten. Zürich: Seismo.