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Mit «Driving Rain» ist Paul McCartney in der musikalischen Moderne angekommen. Dabei ist nicht am famosen Vorgänger «Run Devil Run» herumzumäkeln, auf dem er den 50er-Jahre Rock’n’Roll neu eingespielt hat, viel eher knüpft Paul beim 97er-Album «Flaming Pie» an, auf welchem er sich auf sein Talent als Songwriter zurück besonnen hat. Rockte «Flaming Pie» ganz ordentlich und überzeugte mit Balladen in klassischer McCartney-Manier, macht «Driving Rain» von Anfang an klar, dass Paul zeitgenössische Rockmusik kann. Das Album beginnt mit dem Rocker «Lonely Road», einem klassischen Drivingsong mit verzerrten Gitarren. Es folgt das sphärische «From A Lover To Friend» und als drittes die Vereinigung der beiden vorhergehenden Songs mit «She’s Given Up Talking», bei dem zunächst die verzerrten Gitarren zurück sind und eine shpärische Coda mit Rückkoppelungen und Pauls melodiösem Bassspiel worüber das deutsche Rolling Stone schrieb, dass man sich darin eine Villa einrichten könne.
der Reiz des Skizzenbuchhaften
Das «Weisse Album» der Beatles wird oft als skizzenbuchhaft beschrieben. So auch bei «Driving Rain», bei dem alle Ecken und Kanten der Songs übernommen worden sind. Das Demo von «From A Lover To A Friend» hatte McCartney morgens um zwei Uhr aufgenommen. Der Song klingt während den Middle Eight und ihrer erneuten Ambient-Atmosphäre verschlafen, ohne aber müde zu sein. Eine noch eigentlichere Skizze ist das zehnminütige «Rinse The Raindrops», welches sich nach zwei Minuten in eine wilde Jamsession auflöst. Der Tages Anzeiger, schrieb dazu, dass sich das Album steigert, um in seinem Höhepunkt «Rinse The Raindrops» zu enden.
Paul McCartney kämpft sich aus der Trauer um den Verlust von Linda zurück.
Standbild aus dem Videoclip von «Your Loving Flame».
Die Aufnahmen begannen im März 2001 in den Henson Studios in Los Angeles. Der amerikanische Produzent David Kahne produzierte das Album und gab ihm seinen modernen Touch. Alte Bekannte sucht man Vergebens auf dem Album, Ralph Morrison spielte die Violine, Gabe Dixon die Keyboards. Gitarrist Rusty Anderson und Schlagzeuger Abe Lionel Jr. schafften es zu McCartneys Band zu stossen, mit der er seit 2002 auf Tour ist und weitere Alben eingespielt hat. Paul hatte die Absicht, das Album spontan, manchmal sogar skizzenbuchhaft klingen zulassen. Um diese Atmosphäre zu erreichen, spielte er seinen Musikern zuerst den Song auf einer akustischen Gitarre vor. Die Musiker lernten den Song und spielten es danach ein.
Kritiker sind McCartney gegenüber freundlich gestimmt, wenn er nach sich selbst, das heisst nach den Beatles, klingt. Wie schon auf «Flaming Pie» hat es auf «Driving Rain» nicht nur Reminiszenzen an die Fab Four, sondern auch Songs, die aus jener Epoche stammen könnten. «I Do» weckt Erinnerungen ans «Weisse Album», nur dass die erwartete akkustische Gitarre elektronisch ist. «Magic», ein Song über das erste Zusammentreffen mit Heather Mills, erinnert mit seinem wilden Schlagzeugsolo am Ende an «Strawberry Fields Forever». «Riding Into Jaipur» ist eine indische Ballade, bei der man sich fragt, ob nicht George Harrison im Studio vorbeigeschaut hat. Hat er nicht, da er zur Zeit der Produktion schwer Krebs krank war. Pauls Sohn James spielte dafür auf «Spinning On An Axis» und «Back In The Sunshine Again» die Gitarre. Auf dem Album fehlt Pink Floyd Gitarrist David Gilmour, der in der englischen TV Talkshow «Parkinson» Paul bei «Your Loving Flame» begleitet hatte.
Paul McCartney und Heather Mills, zirka 2000.
McCartney ist dann am besten, wenn er sich auf die Musik und nicht auf die Texte konzentriert. So geschehen bei all seinen hoch gelobten Alben. Auch auf «Driving Rain» sind die Texte oft noch Skizzen: «Riding into Jaipur/Riding through the night/Riding with my baby/Oh what a delight, oh what a delight it is» ist der gesamte Text von «Riding Into Jaipur». Ein Song, dem man ebenfalls Pauls Zusammenarbeit mit Youth auf dem Fireman Album «Rushes» von 1998 anhört, da er sphärischer ist.
Musikalisch schwankt das Album zwischen Songs über den Tod von Pauls Frau Linda und der Trauerzeit danach und der neuen Hoffnung, die ihm die Beziehung mit Heather Mills gibt. «Lonely Road» und «From A Lover To A Friend» sind eindeutige Songs für Linda, «She's Given Up Talking» nicht, da es im Song um ein Mädchen handelt, das in der Schule verstummte, im übertragenen Sinn lässt er sich aber auch auf Linda zurückführen. «Heather», «Your Way» oder «Your Loving Flame» sind die eindeutigen Songs für Heather Mills. Allmusic.com schrieb in seiner Besprechung, dass «Driving Rain» die Trilogie über Lindas Sterben, die mit «Flaming Pie» begonnen hat und mit «Run Devil Run» weitergeführt wurde, abschliesst.
«Freedom» und die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York
Am 11. September befand sich Paul McCartney in New York und wurde Augenzeuge der Terrorattacken. Sofort wusste er, dass er das Erlebte in einem Song verarbeiten muss. Paul liess die Produktion des Albums stoppen. Tags darauf schrieb er noch unter den Eindrücken des 11. Septembers «Freedom». Schon bald konnte man auf paulmccartney.com Rehearsals hören. Seine Weltpremiere erlebte «Freedom» beim «Concert For New York City», dass Paul McCartney für die Rettungsleute auf Ground Zero veranstaltete. Beim Konzert am 20. Oktober 2001 traten unter anderem The Who, Eric Clapton, Mick Jagger und Keith Richards, Buddy Guy, Billy Joel; David Bowie oder John Bon Jovi auf. Die Liveversion von «Freedom», bei welcher Eric Clapton sein feurigstes Gitarrensolo seit Jahren spielte, wurde vier Tage später im Studio nachbearbeitet und auf das Album «Driving Rain» gepresst und in den USA als Single veröffentlicht. Bei der CD ist «Freedom» als Hiddentrack, beim Doppelvinyl fein säuberlich als 16. Song mit den Credits aufgeführt.
Paul beim Concert For New York City im Oktober 2001. Mit Cowboyhut Jon Bon Jovi, Hinter Paul Pete Townsen von The Who und der Krauskopf hinter dem pfeifenden Polizisten ist Art Garfunkel. Hier wurde der grösste Teil von «Freedom» aufgenommen.
Verwundert nahmen gewisse Medien zur Kenntnis, dass McCartney sich politisch äussert: «Paul McCartney schreibt einen Kriegssong» titelten die «SonntagsZeitung» und die «Weltwoche». Beide Medien haben wohl etwas missverstanden. In den 60er-Jahren gehörte McCartney zu den Love and Peace predigenden Hippies. In «Freedom» schreibt er, dass er für die Freiheit, kämpfen wird, weil dies sein Gott gegebenes Recht sei. «Freedom» als Kriegsong abzutun ist falsch: In den 60er-Jahren erkämpften sich die Hippies und 68er mehr Freiheiten. Und diese Freiheiten gilt es vor religiösem Fanatismus aller Art zu verteidigen. Das ist die Botschaft von Paul McCartney und nicht, dass er fordert, dass Präsident George W. Bushs Achse des Bösen in die Steinzeit zurück gebombt werden sollte.
Einige Kommentatoren fanden, dass der Videoclip zu «Freedom» McCartney in kriegierscher Pose zeige. Auf der Promosingle die US Fahne mit einer Sicherheitsnadel und Plastikperlen abgebildet. Die Bildsprache ist eindeutig. Zudem schwenkte McCartney bei seinen Konzerten der «Driving USA» Tour im Frühjahr 2002 vor «Freedom» die amerikanische Flagge. Als er Anfang 2003 in Europa spielte, nahm er vor dem Hintergrund des Irakkrieges den Song aus dem Liveset. In Paris wurde Paul gar der Kriegshetze bezichtigt. Wie es wirklich gewesen ist und wie «Freedom» entstanden ist, erzählt McCartey in der Dokumentation «The Love We Make», die 2011 erschien.
Rezeption und Statistik
«Driving Rain» ist trotz seiner Brisanz wegen «Freedom», das wohl am unbeachtet gebliebenste Album von Paul McCartney. Jeder der es hört, findet es genial, aber kann sich nicht daran erinnern, je schon einmal davon gehört zu haben. In Fankreisen im Internet gilt es als schlicht zu lange – wobei sämtliche Alternativvorschäge bloss das Album kastrieren würden. Die Charts spiegeln diese Tatsache wieder: Nur in Dänemark, Italien (je Platz 17), Norwegen (Rang 18) und Schweden (Rang 19) gab es Top 20 Positionen. In den USA erreichte das Album bloss Rang 26, erhielt aber eine goldene Schallplatte. Gleiches spielte sich in England ab, trotz Platz 46 gab es Silber. In der Schweiz erreichte «Freedom» Rang 62.
Im Videoclip von «From A Lover To A Friend» versuchte man die nächtliche Stimmung von der Komposition einzufangen.
Die Single «From A Lover To A Friend» errreichte in England Rang 45 und in Kanada die Top Ten mit Platz 6. In den USA wurde nach 9/11 «Freedom» ausgekoppelt und erreichte Platz 24. In Österreich erreichte die Single Platz 61, ebenso in Rumänien. Der David Kahne Remix 2 von «A Lover To Friend» wurde 2007 auf die iTunes Wiederveröffentlichung als Bonus Track hinzugefügt. Sämtliche Videoclips zu den Songs: «From A Lover To A Friend», «Freedom», «Lonely Road» und «Your Loving Flame» fehlen in der Zusammenstellung «The McCartney Years» von 2007.
Mit Totalverkäufen von 650 000 Exemplaren ist «Driving Rain» ist das schlecht verkaufteste Album von Paul. Was es war, dass dieses formidable Album sich so schlecht verkaufte, ist ungewiss. Mick Jagger war 2001 ebenfalls mit einem Soloalbum am Start und verlor wegen noch schlechteren Verkäufen gar seinen Plattenvertrag. Die Terroranschläge in den USA teilten das Jahr in ein zuvor und danach ein. «Freedom» gilt als einer der wichtigsten Songs McCartneys. Möglicherweise wäre eine Veröffentlichung im Frühjahr 2002, parallel zur «Driving USA» Tour kommerziell erfolgreicher gewesen, denn die Konzerte waren alle ausverkauft.
Paul McCartney steuert mit Volldampf ins neue Jahrzehnt. Es stellt eine neue Band zusammen und wird auf Tour gehen. – Screenshot aus dem Video zu «Lonely Road».