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Wie es wohl ist, ein Zwerg zu sein, noch dazu ein arbeitsamer, der den ganzen Sommer lang mit einer viel zu grossen Sense von seinem Grundstück unter dem Berg, nahe der Telekabine, die verstaubte Hauptstrasse hin zum Grundstück am Ende der abschüssigen Bahnhofstrasse geht, immer vom Hundegebell angekündigt, am Bahnhof dann tatsächlich angebellt wird und ein Stückweit verfolgt von dem verkrüppelten weissen Hund die Grundstücke am Flussbett erreicht, feuerrot im Gesicht und das karierte Hemd durchgeschwitzt, aber nie nach Schweiss riechend, sondern proper nach den Treibgasen eines Deosprays? Wie es wohl ist, als ein solcher Zwerg weitaus weniger Aufsehen zu erregen als die eigene Frau, die, zwei Köpfe grösser, als klein und zierlich gilt und den meisten Frauen aus dem Ort von weitem ähnlich sieht, aber nur von weitem, denn von nahe sieht man es gleich? Sie sieht doch tatsächlich genauso aus wie die Sklavin Isaura aus der gleichnamigen Telenovela, einem Strassenfeger der Neunzigerjahre.
Wenn sie in den Karpaten an unserer Datscha vorbeikommt, ganz in Weiss, mit der kleinen Jause für ihren Mann im Tuch oder mit dem nach der Arbeit liegen gelassenen Wetzstein oder einfach nur, weil sie uns oder Luminita, die Anwältin, besuchen kommt, laufen alle Nachbarn zum Gartentor und grüssen, so beiläufig wie nur möglich, und sie bleibt stehen, um auf allerlei Fragen zu antworten, Fragen etwa nach dem Grasbestand in diesem Jahr, den Rheumabeschwerden ihres Mannes, die aber schon vor Jahren auskuriert wurden; und man erzählt ihr wiederum auch vieles von sich, umso mehr, als sie wenig daran interessiert zu sein scheint, umso hartnäckiger also, weil man ihr Interesse wecken will. Und dann treffe ich die Frau des Zwergs, unsere «Isaura», bei uns oder bei Luminita und versuche, mir jede ihrer Gesten zu merken, wie ich mir auch Absätze merke aus den ausgelesenen Büchern, oder wie sie den Teelöffel rührt, nicht aus dem Handgelenk, sondern aus dem Ellenbogen, als würde sie mit dem Suppenlöffel hantieren, dafür aber spreizt sie den kleinen Finger von der Teetasse ab, und ich versuche, die Hieroglyphen zu entziffern, die der zartrosa lackierte Nagel ihres Gesellschaftsfingers auf die Berglandschaft vor uns zeichnet; «bei euch fühle ich mich am besten», sagt sie immer wieder, «hier kann ich sein, wie ich wirklich bin.»
Ich, die noch ganz junge Frau, kenne auch die Geschichte von ihrer Heirat mit dem reichen Zwerg, vor dem sie am Anfang Abscheu empfindet und den sie mit der Zeit liebgewinnt, also die Lieblingsgeschichte meiner Grosstante, obwohl ich bei fortgeschrittenen Konfessionsgesprächen immer aufstehe und im kleinen Haus umhergehe, die Radioprogramme prüfe oder in der Küche Himbeeren wasche, die ich draussen unter den Tannen esse, nachdem ich den rechten Zeigefinger in jeden Himbeerhut gesteckt und gegen das Licht beobachtet habe, im Hintergrund die heisere Stimme von «Isaura», genauso heiser wie die der edlen Sklavin in meiner geliebten Telenovela.
«Haben wir noch Halva in Waffeln?», ruft mir Grosstante zu, «es würde jetzt wunderbar zum Tee passen.»
«Ich liebe dieses Halva, ach, schon seit meiner Kindheit liebe ich es», sagt «Isaura».
Aber ich schaue nicht einmal vom Buch auf, als ich «nein» sage, «leider habe ich alles gegessen.»
«Und würdest du nicht einen kleinen Spaziergang machen wollen und neues kaufen?», fragt Grosstante.
«Das ist nicht nötig», sagt «Isaura».
«Aber klar gehe ich!»
Und ich verschiebe den Moment, da ich von meiner Gartendecke aufstehe, immer weiter hinaus.
Üblicherweise stehe ich erst dann auf, wenn die Isaura-Episode im Fernsehen kommt, jeden Tag um halb vier Uhr nachmittags. Grossmutter und Grosstante allerdings sitzen schon um vier Uhr im Wohnzimmer und haben Brötchen geschmiert und Tee gemacht und Zuckerwürfel und Honig bereitgestellt, aber ich komme erst nach der Anfangsmusik, die ich im angespannten Zustand unter den Tannen vernehme; erst wenn die letzten Töne verklungen sind, komme ich rein und setze mich auf einen Stuhl und stelle dann fest, dass ich weitere Sitzkissen brauche.
Ich nehme fast schon an, dass draussen alles stillgelegt ist. Nicht einmal die Hunde bellen, denn sie haben keinen Grund. Nur die Züge fahren vorbei – ich frage mich dann, ob sie ganz leer sind oder nicht.
Man hätte gern jemandem von Isaura erzählt, von ihrem Leid, ihrer Courage, vom hinterlistigen Leoncio Almeida, der es nicht wahrhaben will, dass seine Eltern der schönen Sklavin die Freiheit schenken wollen, und dies auch vereitelt, und von der Sklavin Rosa, die Leoncio Avancen macht und Isaura verpetzt, und dann von dem Plantagenbesitzer Tobias Paes Vidal, der sich in Isaura verliebt und vom eifersüchtigen Leoncio umgebracht wird, und schliesslich von dem wohlhabenden Alvaro, der dem Abolitionismus anhängt und sich ebenfalls in Isaura verliebt ... aber wem soll man schon von all dem erzählen können? Alle kennen die Geschichte.
«Ich mache mir jetzt grosse Sorgen», sagt Nelu, wenn er mit Maria zu uns kommt, damit sie ihre Zigaretten bei uns auf der Bank rauchen. «Was dieses Mädchen alles erleben muss ... und es hört nicht auf.» Einmal hat Nelu fast geweint auf unserer Bank.
Am besten mag ich es, wenn es dunkel wird und wir nach einem Besuch immer noch auf der Bank sitzen und nachdenken – und uns alle die gleichen Sorgen machen. Ich lege mich dann hin, den Kopf im Schoss Grossmutters, die Beine im Schoss meiner Grosstante, oder umgekehrt, und die eine zupft mir an meinen Haaren herum, die andere an meinen Füssen, irgendwann im selben Rhythmus. Der Sternenhimmel kommt so nah über uns und den Garten, dass ich die Hand heben will, um ihn zu begradigen.
Am nächsten Tag geht Isauras Geschichte weiter. Und da passiert es: Wir verpassen eine Episode. Es ist ein sehr heisser Nachmittag, die steile Bahnhofstrasse im gleissenden Licht. Ich gehe in meinen Plastikschlappen hinaus, die sich mit jedem Schritt auf dem heissen Beton abtragen, und nehme noch den Sonnenschirm vom Gartentisch; der ist riesig, einer königlichen Karawane würdig, und ich vermag nur, ihn schräg über meine Schulter zu legen, seinen breiten Schatten im Rücken. Wohin ich gehe, werde ich im Nachhinein nicht sagen können, sehr wahrscheinlich gehe ich auch nirgendwohin, nur so herum. Nach der Bahnschranke biege ich rechts hoch, komme so am Haus der Eisenbahner vorbei, das zwischen den beiden Strassen, der steil aufsteigenden und der weiterhin aufsteigenden, in einer schattigen Senke liegt; und diese in sich drehende Kühle muss einen Sog entwickelt haben, denn mich zieht der Schirm vom Damm hinunter, ich fliege zwei, drei Meter, über das Gemüsebeet der Eisenbahner hinweg, an dessen äusserem Ende, bei den Karotten, pralle ich auf.
Ich gebe keinen Laut von mir, werde dennoch schnell aufgefunden und zuerst einmal mit grossem Geleit ins Krankenhaus gebracht, wo aber dann nur Grossmutter und Grosstante bei mir bleiben, denn die anderen eilen zurück zur neuen Episode von Isaura, die wir gemeinsam mit der also mehr als nur meinetwegen betrübten Ärztin verpassen. Ob ich lange rekonvaleszent war oder kurz, habe ich vergessen, denn ein darauffolgendes Erlebnis ist einschneidend – das Nachschauen dessen, was mit Isaura geschah; und dazu sind wir genauso aufgeregt wie die Nachbarn, die sich uns am Abend und am nächsten Morgen als Erzähler anerbieten, ja sie drängen sich uns regelrecht auf. Und nach mehrfachem Nacherzählen derselben Episode, mit unzähligem Nachfragen unsererseits – aus Ungeduld, Unverständnis, später aber auch nur aus Höflichkeit, dass der Erzähler ausholen konnte, oder, wie bei Maria und Nelu, ausführen konnten, wo sie gewesen waren, als gerade dies und das geschah, mit dem Fuss auf welchem Kissen von Mama˘, dem Finger im wievielten Auge ihres Strickwerks, vor welchem dampfenden Tee auch immer – wird aus der Ahnung Gewissheit: Wir haben etwas verpasst. Wie gross ist dann die Freude, als uns kurz vor Anbruch der neuen Isaura-Episode unsere «Isaura», die Frau des Zwergs, besucht! Sie hat aus irgendeinem Grund geweint, hält abwechselnd das weisse Taschentuch in der Hand und stopft es in den rechten Ärmel, zieht es alsbald wieder heraus, um damit die Nase zu wischen, und knüllt es dann zusammen. Diskret, wie sie uns gegenüber aus irgendeiner Wertschätzung sein will, kommt sie nicht direkt auf den Anlass ihrer Traurigkeit zu sprechen, sondern erzählt uns noch die Isaura-Episode vom Vortag, die sie, so scheint uns, von allen Nachbarn am besten wiedergibt. «Wollen Sie nun mit uns Isaura schauen?», fragt Grosstante. Grossmutter legt die mit Halva belegten Waffeln auf den Tisch, und ich giesse uns Hirsetrunk ein. «Isaura» bleibt. Ich werde dieses Gefühl niemals vergessen, «Isaura» neben mir zu spüren, ihre Hände mit dem zerknüllten Taschentuch auf den Tisch gestützt, während vor uns Isauras Leben abgespult wird, die Wendepunkte und Peinlichkeiten, die die Komparsen betreten mitverfolgen, während wir uns am Tisch nicht zu rühren wagen und angestrengt nach vorn schauen; wieder ein Treffen mit Leoncio Almeida, der sie nicht aus der Umarmung entlassen will, «ich werde dich nie verkaufen, Isaura, gib endlich auf.» Ich müsste nun wieder aufstehen und im Haus umhergehen, Radioprogramme prüfen, damit ich nicht sehen könnte, wie er ihr von hinten den Hals abküsst und sie mit geschlossenen Augen und vor Abscheu verzerrtem Mund den Kopf im Nacken lässt; oder ist es ein Lächeln? Ich spüre «Isauras» Blick im Nacken, während ich ihr gleichzeitig ins halb abgewendete Gesicht starren muss, höre, wie sie leise in eine Halva-Waffel beisst, während sie sich anlehnt an Almeidas Schulter, mit zusammengepressten Lippen.
Die folgenden Tage achte ich peinlich darauf, dass ich ihr aus dem Weg gehe. Sie scheint aber überall zu sein, läuft mehrmals die Bahnhofstrasse hinauf und hinunter, geht in den Höfen herum und redet viel, und ihre kratzige Stimme scheint die banalsten Aussagen neuartig zu betonen, denn ihre Zuhörer geben sich verblüfft und lachen und reden bald so angeregt, als hätten sie Eingebungen, die unverzüglich in Worte gefasst werden müssten. Und dann passiert es: Jene Zeitschrift liegt am Kiosk aus, die sonst hinter den Rätselzeitschriften auf ihre Käufer wartet, die Playboy. Jetzt ist sie im Fenster, und bald darauf in den Auslagen so mancher Boutique in der Hauptstrasse, denn auf ihrer Titelseite hebt eine bestimmte Schönheit die mit breiten, goldenen Armreifen behängten Arme, «a gloriosa nudez», die Haare im Wind und mit nur einer nassen Schlange bekleidet – keine andere als unsere Sklavin Isaura. Noch nie habe sich eine Zeitschrift so gut verkauft wie diese Ausgabe, sagt der Kioskbesitzer zu Nelu, und der sagt es gleich uns und natürlich auch allen anderen, denn was sei schon dabei, wenn man über eine schöne Frau rede, sei sie auch nackt, man lebe doch nicht in Arabien. Im Inneren der Zeitschrift – die sogar in den Bestand der örtlichen Bibliothek wanderte, wo ich sie mir dann anschaute – kriecht die Schlange die Frau hinauf und herunter, streckt sich oder wirft sich in Wellen, legt dabei verschiedene Stellen Isauras frei. Auf jedem Bild hat Isaura die Anmut einer Statue, einer Gottheit mitten in einer angerissenen Bewegung, mit dem starren Blick jener, die ebendiese angerissene Bewegung immer wieder selbst, bis in die Harmlosigkeit, wiederholen würden. Als die schöne Frau des Zwergs wieder in unserer Strasse vorbeikommt, ist sie nicht mehr allein, sie geht erhobenen Hauptes am Arm ihres Mannes. Und der trägt schräg über die Schulter seine viel zu grosse Sense.