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"Er, sie, es" - Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.1.03
[ Dokumentation von http://www.postgender.de/postgender/fazhum.htm, mit Anmerkungen von ebendort. ]
[Ernst Bilke]
Er, sie, es
(Anm.: ein Mensch wird nie ein Es sein; im Titel ist ein Diskredit enthalten und Sprachwissenschaftler sind gefordert, ethymologische Recherche der Pronomina es/ie/r (es, sie, er) zu betreiben)
Intersexuelle werden nach der Geburt zu Jungen oder Mädchen operiert - viele leiden darunter
von Katrin Hummel
FRANKFURT, im Januar. Wenn Ernst Bilke über seine Kindheit spricht, dann benutzt er am liebsten Wörter wie "Einsamkeit" und "Ohnmacht". Wenn der Vierundvierzigjährige über seine Schulzeit spricht, redet er von Ausgrenzung. Und über sein Erwachsenenleben sagt er: "Der Gedanke an Selbstmord ist präsent wie der Gedanke an einen Notausgang." Dabei weiß er, daß er noch Glück im Unglück hatte. Daß alles viel schlimmer hätte kommen können. Deswegen hat er sich entschlossen, seine Geschichte zu erzählen: "Ich hoffe, daß ich den einen oder anderen noch retten kann, daß sich Leute bei mir melden, wenn sie merken, daß sie nicht allein mit ihrem Schicksal sind." (Anm. Kontakt: ebilke[a]web.de)
Ernst Bilkes Geschichte beginnt im Juni 1958. Was genau die Ärzte seinen Eltern nach der Geburt gesagt haben, weiß er nicht, denn seine Eltern haben nie mit ihm darüber gesprochen und sind inzwischen gestorben. Aber daß es etwas in der Art gewesen sein muß wie: "Eigentlich ist es ein Mädchen, aber wir machen besser einen Jungen daraus", steht für ihn fest. Ernst Bilke war, wie eines von 2000 Kindern in Deutschland, mit einem nicht eindeutig bestimmbaren Geschlecht geboren - als Intersexueller oder, wie der Volksmund sagt, Zwitter. "Mein Penis war verbogen, weil sich in ihm eine Spalte befand", beschreibt er den medizinischen Befund, eine sogenannte Hypospadie. Damit ist weder zielgerichtetes Urinieren noch, in späteren Jahren, Geschlechtsverkehr möglich, und die Ärzte empfahlen den Eltern: operieren. In Deutschland allerdings war man damals nicht in der Lage, in einem solchen Fall einen funktionsfähigen Penis aufzubauen.
Deswegen sollte Ernst zum Mädchen gemacht werden. Nur weil sein Vater, der Oberregierungsrat, sich unbedingt einen Jungen wünschte, erkundigte sich die Familie. Sie fand einen Chirurgen in Basel, der Ernst zwischen seinem dritten und zwölften Lebensjahr in insgesamt sechs Operationen zum "voll funktionsfähigen" Mann aufbaute. Eine Entscheidung, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. War sie richtig? "Ich entscheide mich nicht für ein Geschlecht. Ich bin eine dritte Kategorie, nur mein soziales Geschlecht ist männlich", sagt er. Und dann, viel später: "Als Frau wäre ich wahrscheinlich glücklicher geworden. Meine Psyche hat sich unabhängig von meinem Körper entwickelt."
Einige andere Intersexuelle haben sich in den vergangenen Jahren mit ähnlichen Aussagen an die Öffentlichkeit gewagt und damit Aufsehen erregt. Einer der ersten in Deutschland war Michel Reiter, Vorsitzender der Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie (AGGPG; Anm. von hier: Vorsitz und Verein existieren nicht). Während die meisten Betroffenen die gängige Praxis nicht in Frage stellen, als Zwitter geborene Kinder operativ einem der beiden Geschlechter eindeutig zuzuordnen, fordert Reiter, damit Schluß zu machen: "Gehen Sie nicht davon aus, die einmal getroffene Geschlechtszuordnung, gleich welche, würde für immer Bestand haben. Gehen Sie ferner nicht davon aus, Genitalien, die optisch maskulinisiert oder feminisiert werden, sähen dann auch entsprechend aus, wären nerval intakt oder entsprächen dem Wunsch des Kindes."
Auf Zustimmung stößt diese Ansicht prinzipiell bei der Münchener Kinderendokrinologin Ursula Kuhnle-Krahl. Sie hält es für falsch, intersexuelle Kinder vor Beginn der Pubertät zu operieren: "Man sollte bei der Geburt lediglich eine juristische und soziale Geschlechterzuordnung vornehmen, denn wir wissen bis heute nicht, wie man die Geschlechtsidentität bei Kindern feststellt." Hinzu komme, daß es aus medizinischer Sicht nur in ganz wenigen Fällen notwendig sei zu operieren - die meisten Intersexuellen hätten keinerlei Beschwerden.
Aus Michel wird Birgit
Doch steht Kuhnle-Krahl mit dieser Ansicht ziemlich alleine da. Fast alle in der Sache bewanderten Kinderärzte, Chirurgen und Endokrinologen sprechen sich dafür aus, intersexuelle Kleinkinder noch vor ihrem zweiten Geburtstag zu operieren. "Die Gesellschaft ist noch nicht so weit, daß man ein Kind als ‚es' belassen sollte", sagt etwa Hans Peter Schwarz, Leiter der Endokrinologie der Universitätskinderklinik in München. "Das würde nur bedeuten, daß man das Problem auf das Kind abschiebt; daß man das Kind alleinläßt. Spätestens im Kindergarten wäre es doch eine Ausnahmeerscheinung." Und Wolfgang Sippell, Leiter der Universitätskinderklinik in Kiel, sagt: "Beileibe nicht alle Fälle von Intersexualität sind operationsbedürftig. Aber wenn zu erwarten ist, daß später eine normale vita sexualis nicht möglich sein wird, ist es Aufgabe der Ärzte, zu korrigieren, und zwar möglichst früh." Meist sei die Zuordnung zu einem der beiden Geschlechter auch richtig: Die Untersuchung von Zellkern und Chromosomen, die Beurteilung der äußeren Genitalien, die Feststellung, ob Eierstöcke oder Hoden vorhanden sind, die Vorhersage der hormonellen Entwicklung - all das helfe bei der Entscheidung. Und die Fälle, in denen die Ärzte sich trotz allem getäuscht haben?
Michel Reiter wurde vor 36 Jahren als Junge geboren, sah aber nur bedingt wie ein Junge aus. Weil sein Chromosomensatz eindeutig weiblich war, wurde er noch vor seinem ersten Geburtstag operativ zu "Birgit" gemacht. Nach mehr als 200 gynäkologischen Untersuchungen und unendlichem Leid entschloß er sich im Alter von 30 Jahren, seinen ursprünglichen Vornamen wieder anzunehmen: Michel.
Ernst Bilke wurde zum Jungen gemacht, verglich sich aber eher mit Mädchen und fühlte sich stets anders, ohne zu wissen, warum. In der Grundschule spielte er lieber mit Mädchen als mit Jungen und wurde deswegen von seinen Mitschülern verprügelt. In der weiterführenden Schule verbot er sich den Umgang mit Mädchen und wurde zum Einzelgänger. Im Modelleisenbahnclub interessierte er sich nicht für Technik und Weichen, sondern für Landschaften und Häuser, und am allerliebsten bereitete er bei Treffen der meist schon erwachsenen Modelleisenbahner Salate zu, so daß ihn seine Mutter schließlich wieder abmeldete: "Wenn du da nur Salate machst, ist das verlorene Zeit."
Nach ihrem Tod hinterließ sie ihm einen dicken Ordner mit Gesprächsprotokollen, Arztrechnungen, seiner ganzen Geschichte. Doch zu Lebzeiten hatte sie jeden Versuch abgewiesen zu ergründen, warum er, der Schlanke, Schwache, Hagere, "anders als andere Jungen" war. "Darüber darfst du nicht einmal nachdenken, sonst wirst du verrückt!" Einmal, als er zwölf Jahre alt war, sagte sie, vor seiner Modelleisenbahn stehend: "Ernst, wenn ein Zug über deine Weiche fährt und die ist nicht richtig gestellt, dann entgleist der. Dann muß der Zug wieder zurück auf die Weiche gesetzt werden und weiterfahren, und zwar in eine der beiden Richtungen."
Doch daß er "entgleist" war, und zwar schon im Mutterleib, sagte ihm niemand. So beobachtete er fasziniert, wie ihm mit dreizehn plötzlich Brüste wuchsen. Die Mutter ging mit ihm deshalb zum Arzt, doch der, notierte sie, "will keine Brüste erkennen". Also empfahl die Mutter Ernst, weniger Schokolade zu essen. Ernst hatte wieder einmal das Gefühl, allein zu sein, belogen zu werden. Und doch gefielen ihm seine Brüste, weil durch sie die Mischung aus Mann und Frau in ihm sichtbar wurde. Jedoch verschwanden sie nach einiger Zeit wieder. "Leider, weil meine Testosteronwerte irgendwann doch noch stiegen."
Wie reagiert man als Jugendlicher, wenn man fühlt, daß man anders ist? Wenn man auf dem Operationstisch liegt, obwohl man sich körperlich unversehrt fühlt? "Geblieben ist das Gefühl, das ich vor den Operationen hatte, weil nie jemand kam, um mich da rauszuholen. Die Ohnmacht, die Einsamkeit, die Todesangst und das Gefühl der Folter, die Erinnerung an den Schmerz danach, die Narben, Krusten."
Nach Meinung des Endokrinologen Hans Peter Schwarz rechtfertigen es auch solche Schicksale nicht, einen Eingriff zu unterlassen. Aber: "Wenn Eltern nicht wollten, daß ihr Kind operiert wird, würde ich mich dem beugen." Das müßte er auch, denn immer noch haben die Eltern diese Entscheidung zu treffen, solange das Kind minderjährig ist. Genau das aber sei das Problem, meint der Berliner Psychologe und Therapeut Knut Werner-Rosen, der sich auf die Betreuung intersexueller Kinder und deren Eltern spezialisiert hat. "Man muß annehmen, daß Eltern nach der Geburt eines Kindes mit Intersexualität nicht in der Lage sind, zum Wohl des Kindes zu entscheiden, weil sie traumatisiert sind." Viele sprächen von einer existenziellen Krise. Zu ihm seien schon Eltern gekommen, die gesagt hätten: "Ich hätte lieber ein Kind mit Aids als ein intersexuelles Kind. Dann wüßte ich wenigstens, woran ich wäre." In ihrer Hilflosigkeit redeten viele Eltern entweder gar nicht mit ihren Kindern, oder aber sie übernähmen die Position der Ärzte unkritisch. Es sei deshalb unbedingt notwendig, zunächst einmal die Eltern psychologisch zu betreuen, am besten schon am Bett des Neugeborenen. "Und dann erst, wenn Eltern und Kinder seelisch stabil sind, sollten sie überlegen, was sie tun wollen."
Niemals nackt
Die Schmitts haben sich als eine der wenigen Familien in Deutschland den Vorschlägen der Ärzte widersetzt. Ihr fünfjähriger Sohn sollte zum Mädchen gemacht werden, weil er eine Gebärmutter hat und zwei verkümmerte Eileiter, dazu noch einen verkümmerten rechten Hoden, einen leeren linken Hodensack und einen winzigen Penis, der nach innen gebogen ist. "Gemischte Gonadendysgenesie" heißt der Befund, einer von vielen verschiedenen Befunden, die unter dem Begriff Intersexualität zusammengefaßt werden. Die Eltern entschieden sich gegen eine Operation - nach langem Ringen. "Das Kind sah genauso aus wie sein älterer Bruder und gar nicht so wie seine ältere Schwester", sagt Petra Schmitt, "das konnten wir doch nicht ignorieren." Nun soll der Junge irgendwann selbst entscheiden, ob er sich operieren läßt. Und bis dahin schweigen. Er geht nicht in den Kindergarten und zeigt sich niemals nackt, auch nicht im Sommer, beim Baden. "Die anderen Eltern würden ihren Kindern doch den Umgang mit ihm verbieten", glaubt seine Mutter.
Menschen wie Michel Reiter und Knut Werner-Rosen kämpfen dafür, daß sich das möglichst bald ändert. Sie wollen dafür sorgen, daß intersexuelle Kinder ein gesundes Selbstbewußtsein entwickeln. Dann könnten sie dem Befremden der Umwelt gelassen begegenen und in aller Ruhe abwarten, bis sie selbst spüren, welchem Geschlecht sie sich eher zugehörig fühlen. Oder aber alles so belassen, wie es ist. Bis zum Zeitpunkt einer Operation, so fordert Michel Reiter, müßte im Personalausweis als Geschlecht der Eintrag "hermaphroditisch" erlaubt sein.
Mit dieser Forderung steht Reiter nicht allein. In vielen Ländern haben sich Gruppen von Intersexuellen zusammengefunden, die fordern, die Frage nach dem Geschlecht schlichtweg nicht mehr zu stellen. Vor dem Landgericht München läuft zur Zeit ein Verfahren, in dem zum ersten Mal auf der Welt Richter darüber entscheiden sollen, ob die Spezies Mensch nur aus Männern und Frauen besteht oder ob nicht vielmehr ein drittes Geschlecht eingeführt werden muß. Sollte diese Frage von den Richtern bejaht werden, sieht sich Antragsteller Michel Reiter seinem Fernziel, die Frage nach dem Geschlecht eines Menschen irgendwann ersatzlos zu streichen, ein Stück nähergekommen.
Keine Lust mehr
"Der Hermaphrodit ist ein positives Wesen, weil er beidgeschlechtlich ist", begründet er seine Forderung. Und Ernst Bilke meint "Gott hat schließlich Mann und Frau nach seinem Bilde geschaffen und müsse daher beides sein." Noch 1830 hätten Zwitter in Deutschland bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag selbst bestimmen können, als welches soziale Geschlecht sie leben wollten. So sei es im Preußischen Allgemeinen Landrecht verankert gewesen. Pathologisiert und zu Patienten gemacht wurden die Betroffenen erst in jüngerer Zeit.
Haben Reiter und Bilke recht? Weil Intersexualität in der westlichen Welt niemals über die Pubertät hinaus zugelassen wird, gibt es keine erwachsenen unoperierten Zwitter, die man fragen könnte, wie sie sich fühlen. (Eine Falschaussage, Anm.) Immerhin geht jedoch aus der 1952 angefertigten Doktorarbeit des amerikanischen Sexualwissenschaftlers John Money hervor, daß unbehandelte Intersexuelle damals keine existentiellen Probleme hatten, sondern im Gegenteil starke Persönlichkeiten ausbildeten. Ungeachtet dessen empfahl Money, Intersexuelle zu operieren, und zwar nicht in Richtung ihres eventuell vorhandenen authentischen Geschlechts, sondern so, wie es sich aus chirurgischer Sicht anbiete. Seine Begründung: Kinder seien bis zu ihrem zweiten Lebensjahr "unbeschriebene Blätter", denen man ihr Geschlecht im Zuge der Sozialisation beliebig zuweisen könne. Eine Einschätzung, die sich fünfzig Jahre später nicht mehr halten läßt.
Knut Werner-Rosen weiß, was in vielen Intersexuellen vor sich geht: Sie leiden unter Bindungs- und Beziehungsstörungen, Angstzuständen, Vereinsamung und Depressionen. Fast alle seien unglücklich. Er führt das darauf zurück, daß die Eltern der Betroffenen ihre seelische Erschütterung nicht verarbeiten konnten. Michel Reiter kennt noch weitere Spätfolgen: "Viele operierte Hermaphroditen versuchen, ihr Geschlecht zu ändern, oder sind nicht in der Lage, genitale Lust zu empfinden." Er führt dies auf die Brutalität der zahlreichen Operationen in der Kindheit zurück.
Auch Ernst Bilke hat gelitten, aber nicht in erster Linie wegen der Operationen, sondern weil er so lange nicht wußte, was mit ihm los war. Als er achtzehn war, bescheinigte ihm ein Psychiater eine "Adoleszenzkrise", es folgen Depressionen, Panikstörungen, Migräne und ein Selbstmordversuch, Heirat, Scheidung und ein schwerer Unfall. Zehn Jahre lang war er in psychotherapeutischer Behandlung. Mit 27 Jahren bestätigte ihm zum ersten Mal ein Gutachter, daß er nicht schizophren oder psychotisch sei, sondern daß die "somatische Unentschiedenheit seiner Natur" auch eine psychische Dimension besitze, daß es also in gewissem Sinne "normal" sei, daß er sich beiden Geschlechtern zugehörig fühle. Von da an ging es aufwärts.
Heute absolviert der Fahrlehrer eine Umschulung zum Online-Redakteur für Fachzeitschriften. Er fühlt sich gut, hat den Mut gefunden, sich ein Kind zu wünschen und seine zweite Frau glaubt, daß er zwar ein "anderer, aber nicht schlechterer Vater" werden wird. Bilke meint: "Ich habe als Kind gelernt, dem, was ich fühle, zu mißtrauen. Das hat mir mehr geschadet als alles andere." Aber inzwischen sieht er auch das Gute. Heute versteht er sich als "Vorbote einer Zeit, in der Männer, Frauen und Hermaphroditen so gleichberechtigt miteinander leben können, daß es nicht mehr darauf ankommt, in die 'richtige' Richtung zu operieren."
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Published on Tuesday 29 June 2010 by seelenlos