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Prävalenz der Sozialen Angststörung unter Jugendlichen
Das Leiden ist unter jungen Erwachsenen weit verbreitet.

Titel
Social anxiety spectrum.
Autoren
Dell’Osso L, Rucci P, Ducci F, Ciapparelli A, Vivarelli L, Carlini M, Ramacciotti C, Cassano GB.
Quelle
Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci. 2003 Dec;253(6):286-91
Abstract
Fragestellung
Wie hoch sind die Prävalenzraten von leicht-, mittel- und schwergradigen Symptomen der Sozialen Angststörung (SAS) in einer Stichprobe von Mittelschülern? Gibt es innerhalb dieser drei Symptomschweregrade geschlechtsspezifische Unterschiede, und wie gross ist das Ausmass der jeweiligen Beeinträchtigung?
Hintergrund
Empfinden von Verlegenheit und Scham im sozialen Kontext ist sehr häufig. In der Regel ist dabei die Angst nicht so gross, dass sie uns im Alltag weitgehend beeinträchtigt. Ein gewisses Mass an Nervosität und Anspannung («Lampenfieber») kann unsere Leistungsfähigkeit gar steigern.
Bei der SAS ist die Angst so ausgeprägt, dass Betroffene die befürchteten Situationen zunehmend vermeiden und so in ihrer Handlungs- und Leistungsfähigkeit eingeschränkt werden.
Verschiedene Autoren schlagen vor, die Kriterien der SAS eher anhand des Schweregrades der Symptomatik festzulegen als anhand qualitativer Kriterien. In anderen Studien (u.a. Merikangas 2002) wurde bereits nachgewiesen, dass Frauen häufiger unter einer schwergradigen SAS leiden als Männer.
Methoden
Studiendesign
Stichtagbefragung eines Schülerkollektivs mittels Fragebogen (SHY-SR Social Anxiety Spectrum Self Report), Einteilung in 4 Symptombereiche (CA Childhood, Adolescence social anxiety features; IPS Interpersonal sensitivity; BI Behavioural inhibition, Somatic symptoms; SP Specific phobias), 164 ja/nein-Items).
Einschlusskriterien
Schüler verschiedener Gymnasien im Abschlussjahr in der Region Pisa/Italien, mindestens 18 Jahre alt, Informed Consent.
Ausschlusskriterien
Weniger als 80% der Fragen auswertbar.
Beobachtungsdauer
Stichtagerhebung.
Resultate
Prävalenzraten
Siehe Tabelle 1
Geschlechtsspezifische Unterschiede
Frauen waren häufiger High Scorer (31.6% F vs. 8.4% M) und weniger Low Scorer (59.3% F vs. 82.6% M). Bei den Medium Scorer gab es keine geschlechtsspezifischen Unterschiede (9.1% F vs. 9% M).
Ausmass der Beeinträchtigung durch SAS
Das Ausmass der Beeinträchtigung wurde durch die Items «Beeinträchtigung in der Schule» (2 Items) und «Vermeidungsverhalten» (16 Items) bestimmt. Innerhalb der drei Gruppen gab es signifikante Unterschiede.
So beantworteten 13% der High Scorer und nur 1.3% der Low Scorer die Frage «Wurden Ihre schulischen Leistungen durch Ihre Schüchternheit beeinträchtigt?» mit ja.
Die Items unter «Vermeidungsverhalten» wurden deutlich öfter von High Scorern (je Item 10-60%) und Medium Scorern (je Item 0-50%) bejaht. Low Scorer zeigten eine geringere Beeinträchtigung (0-25%). Das häufigste Vermeidungsverhalten betraf überfüllte Räume.
Diskussion durch die Autoren
Symptome der SAS sind unter jungen Erwachsenen weit verbreitet. Die Beeinträchtigung, gemessen an angstbedingten Schulschwierigkeiten sowie Vermeidungsverhalten, ist bereits bei mässiger Ausprägung der SAS beträchtlich. Frauen leiden wesentlich häufiger unter einer schwergradigen Form der SAS als Männer. Bei schwergradiger Symptomatik ist die Verteilung der einzelnen Symptome aber nicht geschlechtsspezifisch.
Zusammenfassender Kommentar
Die Bedeutung der SAS wird generell unterschätzt. Die hier diskutierte Studie weist einmal mehr auf die Tatsache hin, dass die SAS schon unter jungen Erwachsen eine weit verbreitete Störung mit erheblicher Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit und der Lebensqualität ist. Frauen sind zwar insgesamt häufiger betroffen, jedoch scheinen sich Männer mit schwerer Symptomausprägung früher in Behandlung zu begeben.
Die Prävalenz der SAS ist wahrscheinlich noch höher, wenn man bedenkt, dass die vorzeitigen Schulabgänger in der Studie nicht erfasst werden. Auch wenn in der Studie keine Angaben zu Komorbiditäten (Sucht, Depression, Zwang) gemacht werden, steht heute fest, dass die SAS häufig Suchterkrankungen und Depressionen nach sich zieht. Eine möglichst frühzeitige Diagnose und Behandlung der Störung ist daher essentiell und kann Spätfolgen vermeiden oder mildern.
Besprechung von med. pract. René Luther, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci. 2003 Dec;253(6):286-91 - L. Dell’Osso et al
06.04.2004 - dde