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Das Wichtigste in Kürze
- Die verheerenden Atombomben von 1945 wurden in den USA häufig verherrlicht – in der Politik, aber auch in der Popkultur.
- Nach 1945 entstand einer ganzen Reihe bizarrer Atombomben-Songs, die den damaligen Zeitgeist erschreckend widerspiegeln.
- «Radioactive mama, hold me tight» vergleicht etwa eine Liebelei mit dem Einschlag der Bomben in Nagasaki und Hiroshima.
«Wir danken Gott, dass wir sie haben und nicht unsere Feinde», sagte der damalige US-Präsident Harry S. Truman 1945 über die Atomkraft und die Verantwortung, die sie mit sich zog: «Wir beten, dass er uns führen mag und dass wir sie in seinem Sinn einsetzen.» Am 6. und 9. August liess Truman die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abwerfen.
Gottgegebene Kraft
Atomkraft – von Gott gegeben. Nonchalant singen diese Worte 1946 auch die Buchanan Brothers in ihrem Country-Song «Atomic Power», Link öffnet in einem neuen Fenster.
Geschrieben hat diesen Song Fred Kirkby, am Morgen nach dem Abwurf von «Little Boy» auf Hiroshima. In der Version der Buchanan Brothers wird er wenige Monate später zum wortwörtlichen Bombenhit.
Dem ersten in einer ganzen Reihe bizarrer Hits, die den Zeitgeist in den USA auf erschreckende Art und Weise widerspiegeln.
Ein Anlass zur Feier
Die Musik als Sensor der Gesellschaft: Während Japan 1945 allein in Hiroshima rund 110’000 Tote begräbt, feiert die USA die Atombombe – als Werkzeug, das den Zweiten Weltkrieg beendet und Abertausenden amerikanischen Soldaten das Leben gerettet haben soll.
Friseure bieten «Atom-Haarschnitte» an, Fast-Food-Ketten den «Uran-Burger», es findet ein «Miss Atomic Bomb»-Wettbewerb statt. Auch die Werbung entdeckt die Kraft der Atombombe: Der Jazzer Slim Gaillard bewirbt im Song «Atomic Cocktail», Link öffnet in einem neuen Fenster den gleichnamigen, neuen Kräuterlikör.
Atombombe als erotisches Symbol
Ob in Werbesongs, Comics oder auf Kaugummipackungen: Der Atompilz ist in den Jahren nach den Abwürfen überall und wird zum Synonym für Erotik. So singen Sheldon Allman etwa «Radioactive mama, hold me tight», Link öffnet in einem neuen Fenster oder The Five Stars «You hit me baby like an atomic bomb», Link öffnet in einem neuen Fenster.
«Zur Popkultur gehören Ikonen. Ikonen, die man benutzen kann, um seine Überlegenheit zu demonstrieren», erklärt der Friedensforscher und Physiker Götz Neuneck. Atombomben als popkulturelles Phänomen habe dazu gedient, die vermeintlich gerechten Gründe zu zeigen, weshalb man diese Bomben abgeworfen hat. «Zudem wollte man damit beweisen, dass man diese Urgewalt im Griff hat.»
Gruselkabinett der Popmusik
Das musikalische Gruselkabinett der Popmusik findet auch über zehn Jahre nach Hiroshima und Nagasaki kein Ende. Besonders erschreckend sind die Zeilen aus Wanda Jackson Song «Fujiyama Mama», Link öffnet in einem neuen Fenster von 1957: «Ich war in Nagasaki und Hiroshima. Das, was ich ihnen angetan habe, kann ich auch dir antun.»
Manchmal lohnt es sich, einmal mehr hinzuhören. Der Song erobert die US-Charts. Und nicht nur die: Zwei Jahre nach der Veröffentlichung ist «Fujiyama Mama» auch in Japan ein beliebter Song.
Das ist kein Zufall. «Es passt in ein gewisses Muster», erklärt der Japanologe Florian Coulmas den Erfolg von «Fujiyama Mama» in Japan. «Während der Besatzungszeit zwischen 1945 und 1952 leistete Japan kaum Widerstand. Es gab sogar eine Umarmung der Sieger. Die amerikanische Kultur – in welcher Form auch immer – wurde mit offenen Ohren, Armen und Augen aufgenommen.»
Kaum Kritiker
Kritische Stimmen gibt es in den Jahren nach den Abwürfen nur sehr vereinzelt. Einer dieser wenigen Kritiker ist der Calypso-Star Sir Lancelot. Sein Song «Atomic Energy», Link öffnet in einem neuen Fenster ist ein typischer Calypso – ein fröhlich klingender Pranger. «Now it's up to the people to crusade, to see that no more bombs are made. And when they drop it, you will see, the place where this earth used to be.»
Die historische Zunft ist sich inzwischen einig, dass die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki nicht nötig waren, da Japan bereits Anfang des Jahres 1945 militärisch am Ende war.
«Nichts zu bereuen»
Trotzdem hat sich in der Wahrnehmung der amerikanischen Gesellschaft bis heute wenig geändert, sagt der Japanologe Florian Coulmas: «Dass es ein Kriegsverbrechen war, wird man in keinem Lehrbuch für die Oberstufe finden, auch heute nicht.»
Das fasse vielleicht die Aussage des Piloten, der die Bombe nach Hiroshima brachte, am besten zusammen: «Noch bis zu seinem Tod hatte er immer wieder in Interviews gesagt: ‹Wir haben nichts zu bereuen›».
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