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Biographische Angaben
Jürg Federspiel wurde am 28. Juni 1931 in Kempthal, Kanton Zürich, geboren. Sein Heimatort ist Domat/Ems in Graubünden. Er
verbrachte seine Jugend in Davos, spätere Aufenthalte führten ihn nach Berlin, Paris, Basel und - wiederholt und für längere
Zeit - nach New York. Bis zu seinem Tod im Januar 2007 lebte Jürg Federspiel in Basel.
Der Autor arbeitete schon früh als Journalist und Kritiker für verschiedene Blätter, schrieb Hörspiele und Rundfunk-Features.
Ein journalistisches Element findet sich denn auch in allen seinen Prosatexten. Seine bevorzugten schriftstellerischen Formen
sind Reportagen und Erzählungen.
Literarisch trat Jürg Federspiel erstmals 1961 mit dem Erzählband "Orangen und Tode" in Erscheinung, der sofort Beachtung
fand. Am meisten rezipiert dürfte wohl seine "Ballade von der Typhoid Mary" (1982) sein, in welcher überall da, wo die hübsche
Mary ihre Anstellung als Köchin antritt, rätselhafte Todesfälle auftreten. Mary ist - ohne es zu wissen - Trägerin des Typhus-Virus.
Tod und Sterben durchziehen als heiter-beklemmende Motive das Werk Federspiels. So kommen die Fabeln des Bandes "Die Liebe
ist eine Himmelsmacht" (1985) vordergründig leicht daher, doch gleichzeitig ist etwas an ihnen alles andere als harmlos. Federspiel
selbst forderte anlässlich der Uraufführung seines Theaterstückes "Brüderlichkeit" (1977), das Leben vom Tod her zu betrachten.
Jemand, der diese Endstation vor Augen habe, untersuche umso erkenntnishungriger das lebendige Gewimmel davor. Dies kann beispielsweise
in New York mit seinem Wahn und Müll (1983) der Fall sein - wie der Titel eines weiteren Erzählbandes lautet. Es kommt auch
in den tagebuchartigen Aufzeichnungen "Museum des Hasses" (1969) zum Ausdruck, die ein Kaleidoskop bunter und faszinierender,
aber auch chaotischer und grausamer Lebenswirklichkeit sind.
Federspiel recherchiert genau, nimmt Augenschein vor Ort - wie in Hué und Saigon im Juni 1972 - und berichtet dann die Wahrheit
vom Ende her. Der Autor setzt seine stilistischen Mittel sehr bewusst ein. Er verfügt über die Begabung, dichteste Realität
zu vermitteln und Situationen in wenigen Sätzen zu umreissen. So gelingt es Federspiel, ein ganzes Leben, einen Charakter
oder einen grellen Ausschnitt von Welt in einem sprechenden Augenblick brennpunktartig zusammenzufassen. Der Rang seiner Erzählungen
gründet auf der Wahrnehmung und der Sinneskraft, mit der die Welt eingefangen ist. 1989 erschien sein Roman "Geographie der
Lust", in dem Federspiel mit Witz, Sarkasmus und Fabulierlust, die Geschichte von Primo Antonio Robusti erzählt, der sich
in die schöne Laura Granati verliebt, deren makellose Gesässrundungen es ihm besonders angetan haben. Um diese zu vervollkommnen,
lässt er ein Kunstwerk auf Lauras Haut tätowieren: eine Weltkarte.
In der deutschschweizerischen Literatur war Jürg Federspiel ein Einzelgänger, der stärker als andere von amerikanischen Formen
und Kriterien geprägt ist. Zeugnis davon legt seine Essay-Sammlung "Melancolia Americana" (1994) ab, in der er mit seinen
Porträts 12 amerikanischen AutorInnen ein Denkmal setzt.
Jürg Federspiel war u. a. Träger des Preises der Schweizerischen Schillerstiftung (1961), des Conrad-Ferdinand-Meyer-Preises
(1969), des Literaturpreises der Stadt Zürich (1986) und des Literaturpreises der Stadt Basel (1988) sowie einer Ehrengabe
der Stadt Zürich.
Jürg Federspiel starb 2007 in Basel.
Umfang und Inhalt der Dokumente
Werk: Typoskripte von Erzählungen und Romanen, dazu Skizzen, Entwürfe und Fragmente; Theaterstücke, Hörspiele und ein TV-Film;
Gedichte in Deutsch und Englisch; Audiovisuelle Materialien zum Werk; Werkbearbeitungen. Korrespondenz: Briefe des Autors
an Tony Zwicker; Briefe an den Autor, u.a. von Peter Bichsel, Max Frisch, Niklaus Meienberg, Jean-Rodolphe von Salis, Hansjörg
Schneider, Esther Vilar; Briefe Dritter. Lebensdokumente wie Fotos, Ausweispapiere, Verträge; Urkunde des Literaturpreises
der Stadt Zürich; Dokumente und Materialien zu einer Vietnam-Reise 1972 für eine Reportage. Sammlungen: Publikationen, Artikel,
Kritiken und Reportagen für verschiedene Blätter; Rezensionen zu Werken, Lesungen oder zu besonderen Anlässen im Leben des
Autors; diverse Realia zum Werk (Abonnements, Plakate, Programmhefte, Noten etc.); Materialien zu Leben und Werk (Reden, Laudatio,
Essays) sowie vom Autor gesammelte Zeitungsausschnitte.
Administrative Informationen
Zugang
Konsultation nur im Lesesaal SLA. Einschränkungen vor allem aus urheber- und persönlichkeitsrechtlichen Gründen.
Erwerbung
Ankauf von Jürg Federspiel, 2001. Nachlieferung vom 26.2.2006 sowie nach seinem Tod.
Hinweise zur Erschliessung
Dieses Online-Inventar wurde aus HelveticArchives generiert. Es unterscheidet sich in seinem Erscheinungsbild von "normalen"
Online-Inventaren hauptsächlich durch die beiden folgenden Merkmale: das Datum wird mit Punkt (statt Trennstrich) angezeigt,
es gibt - strukturell bedingt - mehr „Darin“-Auflistungen im Bemerkungsfeld. In ihrem Inhalt sind die beiden Inventarformen
jedoch identisch.