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| Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)

Sechstes Buch
2. Kap. Des Origenes jugendlicher Eifer.
2. Wollte es jemand unternehmen, das Leben dieses Mannes in Muße zu beschreiben, dann hätte er viel zu sagen, und die Darstellung würde ein eigenes Werk erfordern. Doch wollen wir jetzt das meiste so kurz wie möglich zusammenfassen und nur einiges wenige über ihn berichten, indem wir das erzählen, was uns aus Briefen und aus Mitteilungen seiner noch jetzt lebenden Schüler bekannt geworden ist. Das Leben des Origenes scheint mir sozusagen schon von den Windeln an erwähnenswert zu sein. Als Severus im zehnten Jahre seiner Regierung stand, Latus Statthalter von Alexandrien und dem übrigen Ägypten war und Demetrius eben erst nach Julian das bischöfliche Amt über die dortigen Gemeinden übernommen hatte, erhob sich mächtig die Flamme der Verfolgung und erwarben sich Unzählige die Krone des Martyriums. Da erfaßte auch die Seele des noch jugendlichen Origenes die Begeisterung für das Martyrium, so daß er sich geradewegs in die Gefahren begeben und in den Kampf stürzen wollte. Es hätte nun nicht viel gefehlt, und er hätte sein Leben eingebüßt, wenn nicht die göttliche, himmlische Vorsehung zum Nutzen vieler durch seine Mutter seinem Vorhaben entgegengetreten wäre. Zunächst bestürmte ihn die Mutter mit Worten und bat ihn, Rücksicht auf ihre mütterliche Liebe zu nehmen. Als sie aber sah, daß er auf die Nachricht von der Gefangennahme und Einkerkerung des Vaters ganz im Verlangen nach dem Martyrium aufging und sich noch leidenschaftlicher darnach sehnte, versteckte sie alle seine Kleider und nötigte ihn so, zu Hause zu bleiben. Doch da ihn das für sein Alter ungewöhnlich große Sehnen nicht in Ruhe ließ, tat er, was er nicht lassen wollte, und schickte an den Vater einen Brief mit der dringlichen Aufforderung zum Martyrium. [S. 265] Wörtlich mahnte er ihn darin: „Hab acht, daß du nicht unsertwegen deine Gesinnung änderst!“ Dieses Verhalten des Origenes möge als erste Probe seiner jugendlichen Verständigkeit und seiner aufrichtigen religiösen Gesinnung aufgezeichnet sein. Da er schon als Knabe in den göttlichen Schriften geschult wurde, hatte er bereits einen guten Grund zur Glaubenswissenschaft gelegt. In außergewöhnlicher Weise hatte er sich dem Studium der Schrift hingegeben, da der Vater zu der gewöhnlichen Schulbildung hin gerade hierauf das Hauptaugenmerk gerichtet. Dieser hielt ihn vor allem dazu an, sich vor dem Studium der heidnischen Wissenschaften in der heiligen Weisheit zu üben. Täglich verlangte er von ihm, daß er (Stellen der Schrift) auswendig lerne und hersage. Dies war dem Knaben nicht zuwider. Er verlegte sich vielmehr mit größter Freude darauf. Ja mit dem einfachen und oberflächlichen Lesen der Heiligen Schrift war er nicht zufrieden, er suchte mehr und befaßte sich bereits damals mit dem tieferen Sinn, so daß er dem Vater zu schaffen machte mit der Frage, was der hinter der inspirierten Schrift stehende Wille auszudrücken wünsche. Dem Scheine nach wies ihn der Vater zurecht und warnte ihn davor, nach etwas zu forschen, was er in seinem Alter nicht verstehen könne und was über den Wortsinn hinausgehe; im geheimen aber war er aufs höchste erfreut und dankte von ganzem Herzen Gott, dem Urheber alles Guten, daß er ihn gewürdigt hatte, Vater eines solchen Sohnes zu sein. Wie man erzählt, trat er oft an den schlafenden Knaben heran, ihm die Brust, den Tempel des Heiligen Geistes, zu entblößen, sie ehrfurchtsvoll zu küssen und sich wegen des guten Kindes glücklich zu preisen. Dieses und Ähnliches wird aus der Jugendzeit des Origenes erzählt. Als sein Vater den Märtyrertod gestorben war, blieb er, noch nicht siebzehn Jahre alt, mit seiner Mutter und seinen sechs jün- [S. 266] geren Geschwistern als Waise zurück. Da das Vermögen des Vaters der kaiserlichen Schatzkammer zufiel, mußte er mit seinen Angehörigen an den lebensnotwendigen Dingen Mangel leiden. Allein Gott würdigte ihn seiner Fürsorge. Er fand Aufnahme und Unterhalt bei einer sehr reichen und vornehmen Frau. Diese nahm sich auch eines berühmten Mannes an, welcher zu den damals in Alexandrien lebenden Häretikern gehörte und aus Alexandrien stammte. Die genannte Frau hatte ihn als Adoptivsohn bei sich und sorgte aufs beste für ihn. Obwohl Origenes nun gezwungen war, mit diesem Manne zusammenzuleben, gab er von da ab deutliche Proben seiner Rechtgläubigkeit. Denn trotzdem bei Paulus — dies war der Name des Mannes — eine sehr große Menge nicht nur von Häretikern, sondern auch von den Unsrigen wegen seiner bekannten Gelehrsamkeit zusammenkam, ließ sich Origenes niemals dazu bewegen, gemeinsam mit ihm zu beten. Schon von Knabenjahren an beobachtete er die Vorschrift der Kirche und „verabscheute“ — dieses Wort hat er selbst einmal gebraucht — die häretischen Lehren. Da er von seinem Vater bereits in die Wissenschaften der Griechen eingeführt worden war und sich auch nach dessen Tode ganz und gar ihrem Studium hingab, verfügte er über ein gutes Maß von Kenntnissen. Damit erwarb er sich bald nach dem Tode des Vaters einen mit Rücksicht auf seine Jugend recht reichlichen Unterhalt.