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von Simone Okoye
40 Jahre im Einsatz für TIXI Zürich
Seit 40 Jahren ermöglicht der Verein mit rund 400 freiwilligen Fahrer:innen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben von mobilitätsbeeinträchtigten Menschen im Kanton Zürich. Christian Tarnutzer erlebte die Anfänge mit den ersten rollstuhlgängigen Fahrzeugen hautnah mit.
Du bist fast 40 Jahre als freiwilliger Fahrer für TIXI unterwegs. Was sind die Hauptgründe, warum Du dich seit vier Jahrzehnten engagierst?
Die meisten Menschen sind nicht eingeschränkt in ihrer Mobilität. Einige Menschen haben dieses Glück nicht. Darum finde ich es nur recht, einen kleinen Beitrag zu leisten, diesen Menschen etwas Normalität zu ermöglichen. Es gehört zur Gesellschaft, sich auch für diejenigen einzusetzen, die nicht das gleiche Privileg haben. Der Aufwand, den ich betreiben muss, um den Leuten ein normales Leben zu ermöglichen, ist gering.
Wie bist Du auf TIXI aufmerksam geworden?
Der erste Gratisanzeiger in Zürich war der «Zürileu». Roger Schawinsky hatte diese Zeitung gegründet und später darin einen Aufruf gestartet, dass TIXI freiwillige Fahrer suchte. Schawinsky hat TIXI immer unterstützt. Einmal holte ich seine Mutter von der Kronenhalle ab. Wir hatten auch prominente Fahrgäste.
Wie oft bist Du am Anfang für TIXI unterwegs gewesen, im Vergleich zu jetzt?
Am Anfang sind wir nur am Abend und am Wochenende gefahren. Ich fuhr ein- bis zweimal pro Monat. Seit ich nicht mehr arbeite, fahre ich drei- bis viermal pro Monat. Ich fahre eher unter der Woche, bin aber auch schon am Wochenende oder am Abend eingesprungen. Der Vorteil von TIXI ist, dass der Einsatz abgeschlossen ist, wenn man das Auto abgegeben hat.
Erzähle mir doch von Deiner ersten Schicht im Jahr 1985. Wie wurdest Du eingeführt?
Ein Fahrer hat mich angerufen und gesagt, dass ich heute zum ersten Mal fahre. Sie hatten zu dieser Zeit nur einen Fiat Ducato. Der Fahrer hat mir alles gezeigt. Ich sass neben ihm und auf der Höhe Hardau hat er gesagt, ich solle das Steuer übernehmen. Er zeigte mir noch kurz die wichtigsten Griffe im Auto. Der erste Passagier war eine Frau im Rollstuhl. Zur Befestigung des Rollstuhls hatte es nur einen Zerrgurt, der über das Kreuz am Rollstuhl mit Haken am Boden verbunden wurde. Er meinte dann nur: “Denk daran, dass beim Bucheggplatz zuerst eine Rechts-, dann eine Links- und wieder eine Rechtskurve kommt.“
Wie war damals die Disposition organisiert?
Die Zentrale war im Kreis 5 in der Gasometerstrasse. Dort war auch das Auto parkiert. Die erste Disponentin Eva Schulthess war selbst im Rollstuhl und arbeitete in den Büros des Taxifons. Es gab keine eigene Linie für TIXI und die Taxifahrer ärgerten sich, wenn wir Fahrer die Leitung blockierten. Es gab einen Ausdruck und dann orientierte man sich mit einem Stadtplan. In Notfällen konnte man anrufen. Am Schluss der Schicht gab man das Bargeld zurück und brachte Eva Schulthess nach Hause. Wir fuhren bis Mitternacht. Das TIXI war ursprünglich gedacht für Freizeitfahrten. Es gab noch zwei weitere Mitarbeiterinnen, ebenfalls mit einer Einschränkung.
Welche Fahrzeuge standen Euch zur Verfügung?
Am Anfang hatten wir den Fiat Ducato, in den man vier Rollstühle hineinstellen konnte. Es war ein Lieferwagen. Nach dem Ducato wurde auf Ford Transit umgestellt. Das waren blaue und weisse Fahrzeuge. Nach fünf Jahren besass TIXI fünf solche Fahrzeuge. Danach gab es einen Wechsel von der Gasometerstrasse in die VBZ-Garage in der Hardau. Zu diesem Zeitpunkt wurde ein VW-Bus angeschafft, weil der Ford Transit nicht mehr als Automat erhältlich war. Als das Fahrtennetz von der Stadt Zürich auf das ganze ZVV-Gebiet ausgeweitet wurde, musste man aus Kostengründen auf kleinere Fahrzeuge umstellen. Es folgte der Renault Express und dann die VW-Caddys und VW-Caddys Maxi.
Wie hat sich der Fahrdienst für Dich als Fahrer verändert?
Vor vielen Jahren musste ich einen Fahrgast an der Rigistrasse abholen, fand aber die Hausnummer nicht. Als ich in der Dispo anrief, hiess es, es sei die Rigistrasse in Rüschlikon. Das kann heute nicht mehr passieren mit den GPS-Geräten. Früher war man mehr auf sich selbst gestellt, heute bekommt man alles pfannenfertig geliefert. Wenn ich am Abend in einer Gemeinde eine Adresse suchen musste, war das schwieriger. Ich musste mich zuerst orientieren, was mehr Flexibilität verlangte. Dafür war es früher weniger zeitgebunden. Man holte den nächsten Fahrgast ab, wenn der vorherige Fahrgast an seinem Ziel angekommen war. Was aber in all den Jahren gleich blieb ist, dass es immer sehr angenehm war mit den Fahrgästen.
Wie hat sich der Fahrdienst generell verändert?
Es sind Welten zwischen der Fahrgastsicherheit von früher und heute. Auch in Bezug auf die Fahrzeugausstattung, die heute sehr professionell ist. Der Verkehr hat zugenommen. Aber wenn ich einen Fahrgast im Auto habe, ist es mir egal, wie lange die Kolonne vor mir ist. Mit dem TIXI wird mir trotz hektischem Verkehr noch recht oft der Vortritt gelassen.
Gibt es ein Erlebnis, dass Dir in all den Jahren am meisten in Erinnerung geblieben ist?
Nach den Schichten bei TIXI habe ich oft erkannt, wie klein eigentlich unsere Alltagssorgen sind im Vergleich zu den Sorgen der Fahrgäste. Ich bin beeindruckt, wie viele von diesen Menschen ihr Schicksal mit Würde tragen. Ein berührendes Erlebnis war die Begegnung mit einem Familienvater, der MS hatte. Seine Krankheit war bereits so fortgeschritten, dass seine Kinder ihn als Vater fast nicht mehr richtig annehmen konnten. Das fand ich sehr traurig. Es gibt Fahrgäste, die kennt man mit den Jahren und freut sich immer, wenn man sie wiedertrifft. Schön war auch, dass meine Kinder ein paarmal mitfahren durften. Die Dankbarkeit ist unabhängig vom Einkommen. Ein gut betuchter Mann vom Zürichberg hat sich bei mir wärmstens bedankt.
Wie ist der Umgang mit den Fahrgästen?
Wenn die Fahrgäste gut kommunizieren können, ist es einfacher. Bei Fahrgästen mit Mehrfacheinschränkungen ist es schwieriger, eine Kommunikation aufzubauen. Einmal durfte ich eine Frau zum Opernhaus fahren und habe sie danach gefragt, wie ihr das Ballett gefallen habe. Die Frau hat sich sehr über mein Interesse gefreut und war dann jedes Mal sehr kontaktfreudig und offen. Das ist schön.
Hast Du in Deinem Umfeld andere davon überzeugen können, TIXI zu fahren?
Nein, in dem Bereich bin ich ein schlechtes Beispiel. Meine Mutter findet mein Engagement sehr gut und spendet regelmässig. Ich habe einen Kleber auf meinem Auto und mache für TIXI etwas Werbung.
Was bedeutet Dir die Tätigkeit als freiwilliger Fahrer?
Ich gebe gerne etwas, weil auch meistens etwas zurückkommt. Es gibt ein gutes Gefühl. Die Leute sind dankbar. Es ist ein kleiner Beitrag für eine etwas bessere Welt. Wenn ich das Schicksal der Leute sehe und wie sie damit umgehen, ist das für mich beeindruckend. Durch den Kontakt mit den Fahrgästen konnte ich viele Erfahrungen sammeln und Berührungsängste abbauen. Zwischendurch ist es auch lustig, neue Autos zu fahren.
Was wünschst Du TIXI zum 40-Jahre-Jubiläum?
Eigentlich sollte es TIXI gar nicht mehr geben, weil alle Leute den ÖV nutzen können sollten. Aber da das nicht der Fall ist, ist es gut, wenn es TIXI auch die nächsten 40 Jahre noch gibt.