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Mit «Dividuum» beschreibt der Philosoph und Kunsttheoretiker Gerald Raunig nicht nur eine wesentliche Funktionsweise des gegenwärtigen Kapitalismus, sondern auch potenzielle Fluchtlinien aus diesem.
Ist das Individuum tot? Wenn ja, wer war noch da, um es zu töten?
Einer, der jedenfalls kräftig die Messer wetzt, ist der an der Zürcher Hochschule der Künste tätige Philosoph und Kunsttheoretiker Gerald Raunig. In «Dividuum», seinem siebten Buch, verlässt er die Kategorie des Individuellen, indem er die begriffs- und philosophiegeschichtliche Linie des «Dividuellen» skizziert. Zugleich verknüpft er mit ihm einen spezifischen Begriff des Kapitalismus: den maschinischen Kapitalismus, in dem das Dividuelle in besonderer Weise vergegenständlicht wird.
Maschinische Indienstnahme
Die prägende Erfindung des Begriffs «Dividuum» ereignet sich laut Raunig bei Gilbert von Poitiers (um 1070–1154). Dieser unterscheidet erstmals zwischen Singularität, Individuum und Person. Damit wird eine nicht individuelle Singularität denkbar, die nicht als abgeschlossene Ganzheit, nicht als Unähnlichkeit zu verstehen ist. Eine dividuelle, also nicht individuelle Singularität, formuliert Raunig weiter, sei eine unter anderen, die sich durch Komponenten der Ähnlichkeit mit ähnlichen Einzeldingen verketten kann. In dieser Verkettung kann aus einer «Mit-Förmigkeit» eine «Form-Mannigfaltigkeit» entstehen. Dividualität als Geteiltheit/Teilbarkeit verweist aber nie auf ein Ganzes – Dividualität heisst immer auch «Gestreutheit».
Ein anderes prägendes Moment findet sich bei Friedrich Nietzsche, der in «Menschliches Allzumenschliches» (1878) die christliche Moral als eine Urheberin der Vereinheitlichung mannigfaltiger moralischer Empfindungen entlarvt. Während die Moral ein unteilbares Individuum produziert, wird dieses zugleich zur ständigen Selbstzerteilung angehalten. Diese Opferung des vorausgesetzten Individuums von Teilen von sich selbst geschieht nicht zwingend aus Selbstlosigkeit, sie kann durchaus egoistisch motiviert sein.
Das Spiel von Vereinheitlichung und Teilung bringt zwei Modi der Unterwerfung zutage: die mühsame Unterwerfung und die freiwillige Konstituierung des Selbst zum normalen Moralsubjekt. Mit Michel Foucaults Begriff der Pastoralmacht argumentiert Raunig, dass zur Unterwerfung unter den «moralischen Staatsapparat» die «maschinische Indienstnahme als selbstregierende Bedienung sozialer wie technischer Maschinen» trete.
Individuierung nach Affekten
Bei Raunigs Beschreibung des maschinischen Kapitalismus geht es nicht um eine grundsätzliche Formveränderung des Kapitalismus, sondern um die grössere Bedeutung des Maschinischen – um die (Daten-)Flüsse und Ströme, die die «Einzeldinge» durchqueren. Im Zentrum steht also nicht das alte Bild der Unterwerfung unter die Maschine, sondern die «maschinische Selbstführung», ein Sichfügen von Teilen zu einem Gefüge. Besonders offenbar ist diese doppelte Bewegung im allgegenwärtigen Facebook wie auch in der Funktionsweise von Suchmaschinen – sie zeigt sich in der freiwilligen Produktion von Daten im Begehren der (Mit-)Teilung des Selbst, um im Geständnis an der virtuellen Sozialität teilzuhaben. Dass private Daten wertförmig werden, wird von allen AkteurInnen mitgetragen; die Grenze zwischen ProduzentIn und RezipientIn wird obsolet. Fast zwingend wirkt in diesem Zusammenhang Raunigs Verweis auf Gilles Deleuze und Felix Guattari, die in «Tausend Plateaus» (1980) eine Individuierung nicht nach Personen, sondern nach Affekten beschreiben.
Die kommerzielle Aneignung von Datenströmen bis hin zu den Big-Data-Wissenskomplexen hängt mit der Auslagerung von Produktionsabläufen zusammen – die KonsumentInnen werden als willige unbezahlte ArbeiterInnen aktiviert. Der so geschaffene Mehrwert wertet bezahlte Arbeit weiter ab.
Dies geschieht nicht nur im Sinne von digitaler Vernetzung und Onlinearbeit. Raunig spricht vom Arbeiten auf, in und entlang einer Linie. Nicht mehr das Produkt, sondern die Beziehungen zwischen Produktion und Konsum stehen im Fokus. Ständige Neukalkulation und der Einsatz von Algorithmen ermöglichen die Spekulation entlang der Linie. Im Zentrum steht nicht mehr der Wert der Ware, sondern die Spekulation mit der Linie selbst. «Metrik ersetzt die Messung, der Algorithmus setzt auf ein nunmehr relatives, abgeleitetes, derivatives, metrisches Mass, das Effizienz bewertet, nur um mit ihr zu spekulieren», schreibt Raunig.
Damit nimmt Raunig Bezug auf das Derivat, den Prototyp eines spekulativen Finanzinstruments: Sein Wert wird vom Wert anderer Waren abgeleitet, es befindet sich in einem ständigen, «hyperkomplexen» Prozess von Bündelung und Teilung, gesteuert durch technische und soziale Maschinen. Im Verhältnis von Zusammensetzung und Demontage, von Offenheit und Unabsehbarkeit eines Produkts sieht Raunig exakt die Logik der Dividualität – als das «Durchlaufen von Teilen» auf Ebenen, die grösser, kleiner, mehr oder weniger als das Individuelle sein können. Selbst mit Affekten kann spekuliert werden.
Fluchtlinien
Doch wie gegen ein kapitalistisches System vorgehen, in dem und von dem wir letztlich alle leben? Oder, wie es in «Dividuum» formuliert ist: «Wie wird die Mitte im maschinischen Kapitalismus aufs Neue ungefügig?»
Gerade in der Derivatform, im Wechselspiel von Teilung, Bündelung und Unvorhersagbarkeit, könnte sich laut Raunig ein Prozess offenbaren, der eine neue Art der dividuellen und schliesslich molekularen Organisation, eine «molekulare Revolution», möglich macht: eine Revolution ohne Subjekt, aber mit Singularitäten, deren «Primat die Mannigfaltigkeit» ist; eine Revolution gegen Vereinheitlichung, Zählung und Rasterung und damit gegen die maschinische Indienstnahme und ihre Inwertsetzung.
In «Dividuum» hat sich Raunig, unausgesprochen, neben einer originellen Analyse gegenwärtiger kapitalistischer Mechanismen auch an eine eigene Übersetzung der deleuzianisch/guattarianischen Begriffe der «Fluchtlinie» und des «gegenwärtigen Werdens» ins Jetzt gewagt. Dabei gelingt ihm der Balanceakt, diese als Strategien zugänglich zu machen, ohne sie ihres Potenzials zu berauben. Er führt nicht einfach fort, sondern erweitert und öffnet. Wenn auch manche der «Linien», die er zieht, schwer nachvollziehbar sind, hat Raunig doch durch seine Recherche- und Interpretationsarbeit eine starke Begrifflichkeit, eine starke Denkkategorie geschaffen. Es gelingt ihm zu beschreiben, was eigentlich nicht zu benennen ist. Auch wenn die «Ritornelle 1–9» – kurze quasiliterarische, monologische Zwischenkapitel – dem Thema entsprechend noch wilder, noch ekstatischer ausfallen könnten, so bestärken sie zumeist doch die politisch-ästhetische Intensität seiner theoretischen Arbeit. Das Dividuelle jedenfalls lässt einen, einmal gedacht und in Komponenten gefühlt, nicht mehr los.
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