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Der Schwarzmönch
Von Ernst Feuz.
Das auffällige Felsenpostament, das im Süden die ganze Talschaft Lauterbrunnen beherrscht, trägt seinen Namen seit alten Zeiten, als das Berner Oberland noch katholischen Glaubens war und das Lauterbrunnental dem Augustinerkloster Interlaken gehörte. Das Kloster wurde um das Jahr 1130 vom Freiherrn Seliger aus Oberhofen gegründet. Mitte des 13. Jahrhunderts entstand in unmittelbarer Nähe des Männerklosters noch ein Frauenkloster. Der Name Schwarzmönch, wie übrigens auch die Namen Eiger, Mönch und Jungfrau, stammen zweifellos aus dieser Epoche.
Der Name dieses Zahnes ging dann allmählich auf das ganze Massiv über und wird immer mit dem Rotbretthorn ( T. A. Punkt 2718 ) verwechselt. Im Topographischen Atlas steht der Name Schwarzmönch fälschlich bei Punkt 2654, und das Rotbretthorn ist nicht angegeben.
Mein ehemaliger Lehrer Hans Michel, der Verfasser des Buches « Rund um den Schwarzmönch », äusserte sich in einem Briefe über die Entstehung des Namens Schwarzmönch folgendermassen:
« Den auffälligen Felszahn, der vom gesamten Talgrund und von beiden Hängen aus sichtbar ist, werden wohl zuerst die Bewohner von Mürren und Gimmelwald benamst haben. Wenn Nebelschwaden durch die Scharte zwischen dem Felskopf und dem Hauptmassiv ziehen, die Westseite ( also gegen Mürren zu ) frei ist, hat das seltsame Felsgebilde die leibähnliche Form eines Mönchs-kopfes mit Kapuze. Der Blick ist nach dem Talhintergrund, nach Süden gerichtet. Was lag nun für das phantasiebegabte Bergvolk näher, als diesen dunklen Zacken als Schwarzmönch zu bezeichnen. » Nach diesem kleinen Exkurs 1 ) wollen wir zum Bericht über die Ersteigung übergehen. Schon in meinen Bubenjahren brannte die Sehnsucht nach einer Besteigung dieses kühnen, unnahbaren Zackens in meiner Brust; gar wohl erinnere ich mich, wie damals mein Schulkamerad Walter von Allmen und ich unsern Sekundarschullehrer Hans Michel beneideten, als er es wagte, Versuche zur Bezwingung des Berges anzustellen. Der Erfolg war ihm und seinen Freunden nicht beschieden, weil damals die moderne Felstechnik noch unbekannt war. Auch wir mussten diese Technik zuerst erlernen. Zur Vorbereitung und um uns für die schwierige Kletterei zu üben, benutzten wir zwei den heimtückischen Spielhahnenstein oberhalb Murren. An diesem aus dem Gebüsch kühn emporragenden trotzigen Felszahn lassen sich unzählige schwierige Klettereien ausführen, und durch unverdrossene Übungen erreichten wir schliesslich die nötige Gewandtheit im Klettern, so dass wir es wagen durften, einen Angriff auf den Schwarzmönch zu unternehmen.
Dreissig Jahre, nachdem der noch lebende Bergführer Heinrich Brunner von Trachsellauenen mit Ernst Gerster an einem Seil, das sie vom obersten sichern Standort über den Felskopf schleuderten, emporgeklettert waren, machten wir uns an einem Augusttage 1932 von Mürren aus auf den Weg über Gimmelwald, Trachsellauenen und Stufensteinalp dem Mönch entgegen. Der Zugang ist sehr schwierig zu finden, doch begleitete uns in gütiger Weise Bergführer und Wildhüter Peter von Allmen aus Lauterbrunnen ( Peetschli ) bis oberhalb des Zahnes, und da wohl kein anderer mit dem Wirrwarr der Gräben, Felsstufen, Grate und Zacken besser vertraut ist als der unermüdliche Peetschli, so war es uns mit Leichtigkeit möglich, nach sechsstündigem Marsch in die Satteltiefe zu gelangen. Den Anmarsch verkürzte uns Peetschli mit froher Unterhaltung; er erzählte von seltsamen Dingen des Steinwildes und der die Felsen umkreisenden Adler. Hie und da flitzte ein Rudel flinker Gemsen in muntern Sprüngen über den nächsten Grat.
Wir stiegen vom Sattel über zwei hohe Felsstufen hinan. Die Kletterei kann als mittelschwer bezeichnet werden, immerhin ist der Blick in die gähnende Tiefe schreckenerregend, und alle Stufen sind aussergewöhnlich exponiert. Vom Kragen des Schwarzmönch, der den Kopf vom Bergmassiv trennt, gelangten wir durch ein steiles Couloir über einige verführerische Grasbüschel hinauf zum letzten Grasband, etwa 10 m unter dem Gipfel. Hier fanden wir hölzerne Stangen, diese zeugen vom Besteigungsversuche des Peter von Allmen, Hans Schmocker und Hans Michel im Sommer 1917. Eine stark überhängende, kahle Wand, deren Bezwingung unmöglich ist, bildet den Abschluss unterhalb des Gipfelplateaus. Das waagrechte Grasband läuft südwestlich in abschüssige Kalkplatten über und verschwindet schliesslich in der senkrechten Fluh.
Am Ausläufer des schmalen Bandes, da wo die letzte sichere Standmöglichkeit sich bietet, schlug ich einen Mauerhaken mit Karabiner in eine Felsenritze, um dem Seil gute Sicherung zu verleihen. Ich zog das Seil doppelt hindurch und sicherte es weiter ostwärts noch einmal hinter einem Felsblock, wo Walter geduldig über dem jähen Abgrund das Ungewisse abwarten musste. Mit Kletterschuhen war es möglich, auf der abwärtsgerichteten kahlen Platte Stand und Sicherheit zu fühlen. Von der Platte zieht sich nach oben ein 5 Meter hohes Couloir, besser gesagt, der Überhang ist an dieser Stelle in Reichweite durch eine abschüssige, spiegelglatte Platte unterbrochen. Der erste Anblick der Aufstiegslinie erregte starke Zweifel am Gelingen, denn 1300 m tief und fast senkrecht unter mir sah ich zwischen meinen Füssen hinab im Lauterbrunnentale Menschen, die sich wie kleine Nadel-köpfe auf dem dünnen Strassenband bewegten. Es gruselte uns beiden, doch keiner wagte es auszusprechen, und ohne Zaudern bereiteten wir uns zum Angriffe vor. Ich befestigte mittelst einer Schnur einen Hammer am Gelenk der rechten Hand, versah die Brusttaschen meines Pfadfinderhemdes mit Mauerhaken verschiedener Grössen und mit Eisenstiften sowie Karabiner-ringen. Zudem befestigte ich das Reserveseil leicht erreichbar an meinen Gurten, und so ging es los. Erst hämmerte ich einen Mauerhaken mit Ring möglichst hoch in eine Felsenritze, zog das Ende des Reserveseiles hindurch und bereitete zwei Seilschlingen ähnlich einer Strickleiter. Es gelang mir, den Schwung über den Felsvorsprung zu wagen. Doch jetzt kam eine schwere Enttäuschung: am Felsvorsprung waren weder Griffe noch Steh-möglichkeiten vorhanden. Die Seilschlinge über meinem Fusse schmerzte, und ich sah mich gezwungen, unter grösster Mühe an sichere Stelle zurückzuklettern.
Die Mittagssonne brannte heiss auf die hellen Kalkfelsen. Nach einer Ruhepause bezwang ich den schauderhaften Tiefblick noch einmal, und mit hartem Willen ging ich an meine Arbeit. Wiederum verflossen zehn Minuten, bis ich den Punkt erreichte, wo ich halb erschöpft den ersten Angriff aufgegeben hatte. Ich stand in der Seilschlinge des ersten Mauerhakens. Vergeblich suchte ich nach einer kleinen Felsenritze höher oben, um einen weiteren Haken sicher einzuhämmern. Die Ritze war nicht zu finden und auch kein Griff. Die einzige weitere Möglichkeit war, dem ersten Ringhaken und der Seilschlinge das volle Zutrauen zu schenken. Nach kurzer Überlegung hämmerte ich geduldig einen Griff, etwa einen Zentimeter tief in den Felsen, wo ich mit zwei Fingern guten Halt fand und damit gleichzeitig den rechten Fuss leicht entlasten konnte. Der nächste Schritt führte von der Seilschlinge auf den Mauerhaken, und nun schwebte ich, frei stehend, auf der scharfen Kante des Mauerhakens, den Oberkörper mit zwei Fingern der linken Hand im Gleichgewicht haltend, hoch über dem Lauterbrunnental.
Meinem Kameraden wurde ordentlich bange, denn schon waren 30 Minuten verflossen, und mein rechter Fuss begann vor Müdigkeit zu zittern. Mit viel Mühe wechselte ich Schritt und Griff, und durch sorgfältige Mithilfe der Zähne gelang es mir, den unentbehrlichen Hammer vom rechten Handgelenk an das linke zu versetzen. In der Höhe meines Knies befand sich ein 10 Zentimeter breiter, abwärtsgerichteter Vorsprung als einzige sehr heikle Stehmöglichkeit vor dem letzten, grässlichen Überhang. Ich wagte den unsicheren Schritt vom sicheren Stand aus, in der zuversichtlichen Hoffnung, einen guten Griff auf der oberen Kante am Überhang zu finden. Allein, jetzt erlebte ich bange Minuten, denn nur durch Aufdrücken der flachen Hand auf die abschüssigen Gipfelplatten und dank der Saugkraft der Handballen war es möglich, den Oberkörper vor dem Absturz ins Leere zu halten und das Ausgleiten des Fusses zu verhindern. Es bedurfte einer besondern Anstrengung, um das Angstgefühl zu überwinden, und nur mit stärkster Willenskraft konnte ich fast zehn Minuten am Überhang kleben.
Ich sah den lockenden Gipfel und versuchte, einen Mauerhaken mit einer Hand in eine Ritze einzuhämmern. Es gelang mir aber nicht, und immer wieder hörte ich das schaurige Klirren jenes Eisenhakens, der beim ersten Hammerschlag nicht festgreifen wollte, vom harten Gestein in die Luft sprang und in die jähe Tiefe fiel. Ding — ding — drang der Widerhall in meine Ohren; dann hörte ich nur noch meine hastigen Atemzüge und das laute Rauschen der nahen Wasser und der entsetzlich tief unten fliessenden Lütschine. Meine Erschöpfung war gross und die Kraft am Erlahmen. Ich verständigte den geduldigen Walter am andern Ende des Seiles, sich vorzusehen und meinen möglichen Absturz aufzuhalten. Meine Füsse und der rechte Arm fingen an zu zittern, und ich dachte schon an den Fall ins Seil. Aber blitzschnell drückte ich einen Eisenstift einige Millimeter tief in eine winzige Felsenritze, schuf mir damit eine Armstütze und half mir endgültig über den Überhang zur Gipfelplatte.
Nun bereitete sich Walter zum Aufstieg vor, am Rücken einen Sack voll Eisen, Proviant und Gipfelflagge. Er kam an meinem gut gesicherten Seile hoch und machte sich oben gleich an die Arbeit, ein Loch zu bohren für die Schweizerfahne, das weisse Kreuz im roten Feld.
Erschöpft und mit zitternden Gliedern legte ich mich hin. Mir war trübe vor den Augen. Nach einer Erklärung suchend, wie das scheinbar Unmögliche möglich geworden, sah ich zu, wie duftige Wolken über den Gipfel der Ebenefluh zogen. Edelweiss leuchteten wie Sternlein im Glanze der Mittagssonne.Von Mürren unten klang leise und stimmungsvoll das Glöcklein der englischen Kirche zu uns herauf. Doch der grauenhafte Tiefblick ins Lauterbrunnental hinterliess den stärksten, nie erlöschenden Eindruck.
Der Gipfelplatz ist gross und neigt sich stark nach Süden. Wir hielten eine zweistündige Rast. Von der früheren Besteigung fanden wir einige Überreste, so den Eisenstift, an dem sich die zwei tapferen Pioniere am 26. Juli 1902 abgeseilt hatten.
Wir machten uns den Abstieg bequem, indem wir von einer Felsstufe zur andern abseilten.