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Ein Drink an der Bar mit einer Olympia-Seglerin
In London startet Profi-Seglerin und Nationalteam-Mitglied Nathalie Brugger (26) bereits zum zweiten Mal an Olympischen Spielen. Die Welsche segelte schon gegen Ernesto Bertarelli, mag am liebsten Sirup oder Weissbier und gerät nur bei philosophischen Fragen ins Schwitzen.
Nathalie Brugger erscheint, sommerlich gekleidet, mit ihrer Schwester Marina zum Gespräch in der Fribourger Altstadt. Von der Terrasse aus hat man einen herrlichen Blick über den unteren Teil von Fribourg. Dem zum Trotz setzen wir uns ins Innere. Obwohl französischsprachig, parliert die Olympia-Seglerin fast die ganze Zeit auf Deutsch und etwas Englisch.
Christian Nill_Frau Brugger, weshalb treffen wir uns gerade hier, mitten in Fribourg?
Nathalie Brugger_Das La Bélvédère ist ein spezieller Ort. Von hier kann man die ganze Fribourger Altstadt überblicken. Es ist sehr reposant, entspannend hier.
Sind Sie oft hier?
Wenn es schön ist und die Sonne scheint, dann treffen wir uns oft hier.
Was trinken Sie?
Ich mag Sirup. Das ist vielleicht nicht so cool… (lacht) Aber während des Tages trinke ich keinen Alkohol, wegen der Trainings. Wenn ich ausgehe, dann trinke ich Weissbier.
Das gibt Power.
Ja, ein Weissbier gibt Power. Zwei oder drei Weissbiere eher nicht mehr… (lacht)
Das heisst, Sie trinken jeweils mehr als eines?
Ich erlaube mir, einmal pro zwei Monate eine grosse Party mit meinen Freunden zu feiern. Sonst gehe ich zwar aus, aber easy.
Das heisst, wenn Sie easy ausgehen, dann gibts ein Weissbier, sonst drei?
(lacht) Für mich ist es wichtig, nicht zu spät ins Bett zu gehen. Der Körper muss sich erholen können. Ich brauche zu viele Tage zum Regenerieren, wenn ich über die Stränge schlage. Besonders in der Vorbereitungszeit auf eine Regatta oder jetzt die Olympischen Spiele muss ich professionell bleiben.
Wie geht es Ihnen heute in Bezug auf die Sommerspiele in London?
Ich fühle mich jetzt, so kurz vor dem Start richtig gut. In den letzten sechs Wochen haben mein Coach und ich einen tollen Job geleistet. Es war tough! Oft auf dem Wasser, dazu viel physisches Training.
Und nun machen Sie eine kleine Pause.
Genau. Ich brauche diesen Break, um mich zu erholen. Und mit viel positiver Energie an der Olympiade zu starten.
Da lastet viel Druck auf Ihren Schultern.
Ja. Als ich letzte Woche die Olympische Fackel sah, als sie direkt unsere Basis in Weymouth (südwestlich von London, wo die Regatten stattfinden, Red.) passierte, spürte ich erstmals etwas Druck. Das war ein sehr emotionaler Moment. Really good!
Tragen Sie die Fahne für die Schweizer Gesandtschaft? Roger Federer will ja nicht.
Actualy, ich werde an der Eröffnungszeremonie nicht teilnehmen.
Warum?
Sie liegt zeitlich zu nahe an meinem ersten Wettkampf. Aber ich trage die Schweizer Olympiakleidung ab diesem Samstag, 21. Juli, wenn wir nach London abreisen. Das wird mir helfen, mich in den olympischen Spirit zu versetzen.
Zuletzt lief es Ihnen nicht besonders gut.
Ja, es war nicht mein bester Moment in den letzten drei Jahren.
Weshalb?
Zuerst liefen die letzten beiden Meisterschaften nicht so gut. Und Anfang Juni in Weymouth (Worldcup, Brugger wurde 19., Red.) segelte ich auch nicht so gut. Das ist nicht gut für den Kopf…
Nichtsdestotrotz: Sie haben sich bereits zum zweiten Mal in Ihrer Segelkarriere für die Olympischen Spiele qualifiziert. Eine starke Leistung.
Danke. Es bedeutet mir viel. Es ist eine zweite Chance, ein super Resultat zu erzielen. In Peking schaffte ich es auf den 6. Platz und erhielt ein olympisches Diplom. Deshalb spüre ich nun auch mehr Druck als damals. Aber es ist die Fortsetzung meines Traumes: Einmal an einer Olympiade eine Medaille zu gewinnen! Ich hoffe, es klappt.
Sie starten gemeinsam mit 10 Konkurrentinnen in der Laser-Radial-Klasse. Wie gross sind Ihre Chancen?
Das Feld ist eng. Wir haben alle den gleichen Bootstyp, also das gleiche Material. Es wird sich alles im Kopf abspielen. Wenn ich am Tag des Rennens im Kopf bereit bin, dann kann ich gewinnen. Dann kann jede gewinnen.
Für Leser, die des Segelns unkundig sind: Worauf kommt es an?
In der Laser-Klasse haben wie erwähnt alle die gleichen Voraussetzungen, es zählt also die Physis und … (beginnt zu lachen)
… und der Humor?
(lacht) Nein, er macht Fotos von meinen Füssen! (Gemeint ist Fotograf Scherrer, Red.)
Sollen wir ihn stoppen?
Nein, aber zum Glück habe ich meine Beine rasiert, bevor wir uns trafen.
Danke. Sie wollten etwas übers Segeln erzählen.
Taktik ist enorm wichtig. Die richtige Strategie entscheidet. Und meine Bootsklasse Laser ist sehr physisch, es braucht einen hohen Körpereinsatz. Die Hälfte der Trainingszeit verbringe ich im Boot, die andere Hälfte im Fitnessstudio.
Kürzlich sagten Sie, dass Sie noch zwei Kilo Muskelmasse zulegen wollen. Ziel erreicht?
(lacht) Das war noch für die Weltmeisterschaft in Perth. Aber ja, ich denke, das habe ich ziemlich gut gemacht.
Wo sind denn jetzt diese zwei Kilo Muskeln?
Finden Sie, ich habe keine Muskeln?!
Doch, natürlich, ganz viele, harmonisch geschickt verteilt.
(lacht) Mein Coach und ich fanden, es sei wichtig, vor allem in der Schulterpartie und im Oberkörper Muskeln zuzulegen. In meinem Boot hänge ich bei hohem Windaufkommen ständig draussen. Ich muss alles mit dem Oberkörper stemmen. Je mehr Gewicht am Oberkörper, desto besser zum Steuern.
Auch Hebelgesetz genannt. Sie sagten, Strategie sei wichtig im Segelsport. Wie trainiert man Strategie?
Es braucht zuallererst viel Erfahrung. Man sollte früh anfangen. Ich begann mit 8 Jahren zu segeln.
Heute sind Sie 26.
Ja. Ich kumuliere die Erfahrung über die Jahre. Für die richtige Strategie ist es ausserdem wichtig, vor Ort in den Wettkampfgewässern zu segeln. Um die lokalen Verhältnisse und Windsituationen kennenzulernen.
Sie brauchen auch meteorologisches Verständnis.
Genau. Aber wir haben auch einen Meteorologen im Team. Natürlich können wir Segler die Wolken lesen und verstehen, wie der Wind funktioniert. Der Meteorologe informiert uns auch über die Grosswetterlage.
Stehen Sie mit ihm während des Wettkampfs in Kontakt?
Nein, nein. (lacht) Auf dem Boot bin ich allein.
Mögen Sie das, allein sein auf dem Boot? Oder hätten Sie manchmal lieber eine Partnerin mit dabei?
Ich segelte auch schon in Teams oder mit meiner Schwester in anderen Klassen. Wenn ich jetzt draussen bin, bin ich völlig auf mich gestellt. Wenn ich einen Fehler mache, muss ich ihn selber ausbaden. Aber wirklich allein ist man ja nicht – da sind ja immer noch die anderen Boote, mit denen man spielt.
Nett gesagt für eine Wettkampfsituation. Sind Sie eine Einzelgängerin?
Nein, ich mag es nicht, allein zu sein. Ich brauche Leute um mich, mein Team. Nur auf dem Boot bin ich gern allein.
In einem Fernseh-Interview sprachen Sie von «Liebe zum Boot» und von der «Lust, mit dem Boot zusammen zu sein». Klingt schon fast nach einer Beziehung.
Es ist wie bei einem Reiter und seinem Pferd. Man muss gut zusammen auskommen und sich spüren.
Nur dass ein Boot kein Lebewesen ist.
Es ist fast eine Art Liebesbeziehung. Man muss Spass haben, auf dem Boot zu sein. Ohne Spass funktionierts nicht.
Sprechen Sie denn auch mit Ihrem Boot? Hat es einen Namen?
(lacht) Nein, einen Namen hat es nicht. Aber klar, ich spreche mit dem Boot. Ich feuere es an. Und ich spreche natürlich auch mit mir.
Da wird also ganz schön viel gesprochen auf Ihrem Boot, obwohl Sie alleine darauf sind.
Nur mein Boot schweigt. Es wäre interessant, zu wissen, was es denkt…
Vielleicht denkt es Dinge wie «Blöde Kuh, sei doch etwas sanfter zu mir!»
(lacht) Genau!
Sie erwähnten vorhin den Druck, den Sie nun kurz vor der Olympiade spüren. Und Ihre letzten Ergebnisse waren gemäss Ihren Aussagen nicht besonders toll. Wie machen Sie es, dass Sie sich nicht auch noch selber mental unter Druck setzen?
Auch aus schlechten Resultaten kann man immer etwas Positives herausziehen und aus den Fehlern lernen. Mit einem Mental-Coach trainierte ich, mich nicht selber herunterzuziehen und schlecht zu machen, wenn es mal nicht läuft.
Wie schaffen Sie das?
Wichtig ist, dass man sofort switcht, wenn ein Fehler passiert. Man muss sich sofort etwas Positives sagen. Sonst beginnt man, sich auf den Fehler zu konzentrieren, der bereits geschehen ist. Dadurch ist man nicht mehr fokussiert auf die Regatta. Wenn man zweifelt, kann man nicht mehr segeln.
Können Sie ein konkretes Trainingsbeispiel nennen?
Man muss positive Dinge visualisieren. Man stellt sich etwas aus der laufenden Regatta vor, das besonders gut gelungen ist. So baut man sich selber wieder auf und kreiert positive Gefühle.
Und das funktioniert?
Ja. Das glaubte ich zuerst selber nicht. Aber man kann echt sehr vieles mit dem Kopf steuern.
Sie haben mit der Schwester von Ernesto Bertarelli (Inhaber von Alinghi, Gewinner des Americas Cup) auf einem Ladycat-Katamaran gesegelt. Wie war das?
Das war ein tolles Projekt. Wir waren sieben Girls, darunter Bertarellis Schwester Dona. Wir waren ein Superteam und segelten gegen Ernesto.
Wer gewann?
…
Was Nathalie Brugger darauf antwortet und wie sie mit philosophischen Fragen umgeht steht jetzt auf Bar-Storys.ch.