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Weder politische noch wirtschaftliche oder gesellschaftliche Umwälzungen konnten dem beliebten Volkskalender etwas anhaben. Selbst im digitalen Zeitalter halten ihm noch immer ein paar tausend Leserinnen und Leser die Treue. Der noch junge Buchdruck erschloss sich im 16. und 17. Jahrhundert mit Volkskalendern eine solide Einnahmequelle. Almanache mit astronomischen Angaben und astrologischen Voraussagen und Ratschlägen ergänzten fortan die Bibliothek des kleinen Mannes, bestehend aus Bibel und Gesangbuch.
In die weite Welt
Verbreitet wurden die Kalender durch Hausierer, oft Kriegsinvalide, die sich so ihren Lebensunterhalt verdienten. Daraus entstand die Figur des «Hinkenden Boten», der in zahlreichen Kalenderreihen auftauchte. Der populäre Lesestoff erreichte mit den Hausierern alle Landesgegenden und sozialen Schichten, wie dem historischen Lexikon der Schweiz zu entnehmen ist.
Neben den üblichen Angaben zum Kalender enthielt ein Almanach auch für die Region berechnete astronomische Hinweise und astrologische Ratschläge für die bäuerlich Arbeit. «Praktik» wurden diese Prophezeiungen genannt. Daraus leitet sich das noch heute gebräuchliche Wort «Brattig» ab. Die «Brattig» enthielt ausser den Prophezeiungen meist auch unterhaltsame Beiträge und Berichte über spektakuläre Ereignisse wie Schlachten, Verbrechen oder Todesfälle sowie Illustrationen.
Fürs stille Örtchen
Die ersten gedruckten Almanache in der Schweiz stammen aus Genf (1497) und Zürich (1508). Wann der «Hinkende Bot» von Bern erstmals erschien, lässt sich nicht mehr genau eruieren, wie der Literaturwissenschaftler Norbert D. Wernicke in seiner Schrift «Die Brattig - 300 Jahre Hinkende Bot von Bern» schreibt. Erst eine Ausgabe von 1718 hat die Zeit überdauert.
Dass alte Kalender häufig gar nicht oder nur in Bruchstücken erhalten sind, hat unter anderem mit ihrer vielseitigen Verwendbarkeit zu tun. War das Jahr um, landete das Papier nicht selten als Anzündhilfe im Ofen oder auf dem stillen Örtchen.
Zeuge grosser Umwälzungen
Bis 1815 ging der «Hinkende Bot» von Bern durch verschiedene Hände und kam dann zum Stämpfli Verlag, der ihn noch heute herausgibt. In den mindestens dreihundert Jahren seines Bestehens war der «Hinkende Bot» von Bern Zeuge grosser Umwälzungen, von der patriarchalischen Staatsführung zur heutigen Demokratie oder von der Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft.
Aufklärer nutzten im 18. Jahrhundert Kalender um ihre Ideen zu verbreiten und versuchten, dem Volk alten Aberglauben auszutreiben. Im 19. Jahrhundert gingen der Gründung der modernen Schweiz bewegte Zeiten vorweg. Dem «Bot» erwuchs starke Konkurrenz. Für diese griff niemand anderes als der Emmentaler Dichterpfarrer Jeremias Gotthelf zur Feder.
Gemächlich unterwegs
Ende des 19. Jahrhunderts hielten kommerzielle Anzeigen Einzug, zunächst verschämt im hinteren Teil des Hefts. Erst 1936 wagte sich eine Waschpulverannonce einige Seiten nach vorne. Auch Farbbilder fanden schliesslich Eingang in das Periodikum.
Insgesamt aber setzten sich Neuerungen nur langsam durch. Das Titelblatt des «Hinkenden Bot auf das Jahr 2018» ist seit 1821 unverändert: Im Vordergrund die drei schwörenden Eidgenossen, daneben der Bote mit Holzbein und im Hintergrund die Stadt Bern - noch ohne Bundeshaus und vollendetem Münsterturm. Feste Bestandteile des Hefts sind auch heute noch Kalender, Bauernregeln, Marktverzeichnis, Jahreschronik oder die Pyramide des grossen Einmaleins.
Hinkende Botinnen
Die Verfasser der Texte des «Hinkenden Bot» traten kaum je namentlich in Erscheinung. Vielmehr verbargen sie sich hinter der Figur des Boten oder verwendeten Pseudonyme. Als Redaktor bekannt ist unter anderem der Volksdichter Gottlieb Jakob Kuhn (1775-1849). Auch Frauen verliehen dem Boten ihre Stimme, so etwa die Berner Verlegersgattin, Unternehmerin und Vorkämpferin für das Krippenwesen, Emma Stämpfli-Studer.
Ganz so ausserordentlich sind Redaktorinnen von Kalendern nicht, wie Wernecke in seinem Buch schreibt. Oft hätten Witwen verstorbener Drucker deren Geschäft und damit auch die Kalender übernommen. Volkskalender haben heute nach wie vor eine kleine Liebhabergemeinde.
Neben dem «Hinkenden Bot» gibt es in der Schweiz unter anderem auch den «Appenzeller Kalender», den «Bündner Kalender», den «Alpenhorn Kalender» oder in der Westschweiz den «Messager boiteux». Im Gewölbekeller der Universitätsbibliothek Bern ist dem Hinkenden Bot eine kleine Ausstellung gewidmet.
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