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Anfänge des Staates.
Städtische Anlagen treten geschichtlich erst später hervor. An eine der letzten derselben, Bern (1191), knüpfen sich die Anfänge des Staates. Im Sinne des Gründers sollte Bern ein Stützpunkt zähringischer Hauspolitik und wohl auch deutsch-nationaler Politik gegen den abfall-lüsternen burgundischen Adel sein.
Die Stadt wurde selbständig nach dem Ausgang der Zähringer, wo sie, um nicht zu einer kiburgischen Landstadt herabzusinken, beim Reiche und vorübergehend beim Herzogshause Savoyen Anlehnung suchte und fand. Als Grundlage ihrer Selbständigkeit hat in erster Linie die sog. Handveste zu gelten, eine Urkunde der Reichsfreiheit, welche von der Tradition dem Kaiser Friedrich II. zugeschrieben und auf das Jahr 1218 datiert wird. Darin erhält die Stadt eigenes Gericht in Sachen der niederen Gerichtsbarkeit und eigenen Markt. Nach und nach erwirbt die Stadt auch die hohe Gerichtsbarkeit, und das Privileg des Königs Sigmund (1415) gibt ihr vollends alle Selbständigkeit in Sachen der eigenen militärischen und finanziellen Verwaltung. Nachdem sie 1339 die Probe bei Laupen siegreich bestanden, wurde sie 1351 ein Glied des Bundes der Waldstätte.
Territorial entwickelte sich der merkwürdige Stadtstaat in grossartiger Weise vom 14. bis zum 16. Jahrhundert.
Im 14. Jahrhundert beginnt Bern um sich zu greifen, indem es sich durch Erwerbung von Laupen und Aarberg die meist gefährdete Westseite strategisch sichert. Dann richtet es in kühner Verkehrspolitik seine Blicke nach dem Oberland, wo es, um den italienischen Handelsweg der Grimsel in seine Gewalt zu bekommen, das kleine Reichsland Hasle sich zum Freund und Schutzbefohlenen macht. Mit den Baronen des unteren Oberlandes führt es darauf einen heftigen Kampf, der bis zum Schlusse des Jahrhunderts u. a. auch die Beherrschung der Gemmi zur Folge hat. Inzwischen hat der Kampf gegen Kiburg mit der Erwerbung Burgdorfs und Thuns, der Schlüssel zum Emmenthal und Oberland und der Angliederung des Seelandes geendigt. Eine grosse Zahl weltlicher und geistlicher Selbständigkeiten des Mittellandes ist bereits durch Burgrecht und Schirmvogtei in Berns Machtbereich getreten und am Schlusse des Jahrhunderts übt dieses zu beiden Seiten der Aare die landgräflichen Rechte in neuer kräftigerer Form.
Im 15. Jahrhundert erobert Bern den Aargau bis an die untere Reuss, und dieser in der Ferne ausgeteilte Schlag lässt näher heran im Oberaargau und Emmenthal zahlreiche nun isolierte Herrschaften mühelos Bern anheim fallen.
Eine grosse Festigung erfährt der Staat durch den glücklichen Ausgang des Twingherrenstreites, 1471: von nun an steht die militärische und hochgerichtliche Hoheit der Stadt zu in allen niederen Gerichten, deren Inhaber die vielen adeligen Bürger der Stadt sind.
Im Burgunderkrieg erwirbt Bern Erlach am Bielersee und fasst, mit Freiburg zusammen, im Waadtland Fuss.
Der Schluss des 15. und der Beginn des 16. Jahrhunderts sehen die Aufhebung und Säkularisierung der Klöster und Stiftungen. Dieses führt besonders zur Abschliessung der Beherrschung der Alpenthäler, wo das Kloster Interlaken Träger eines besonderen politischen Gedankens gewesen war.
Die Eroberung der Waadt 1536 hat u. a. zur Folge, dass sich ein grosser Teil der Besitzungen des 1555 liquidierten Hauses der Grafen von Greyerz Bern um so leichter angliedern lässt. Saanen wird bernisch.
Bis 1798 herrscht Bern über das Land von der untern Reuss bis zum Genfersee. 1798 lösen sich die auswärtigen Vogteien los. Der Kanton Bern entsteht, neben dem nur eine kurze Spanne der Kanton Oberland selbständig bleibt. 1815 geht das Pays-d'Enhaut endgültig an Waadt über, während, wie bereits erwähnt, das Bistum Basel mit Bern vereinigt wird. Damit hat der Kanton die eingangs beschriebenen Grenzen erreicht.
Einteilung und Statistik der Bodenfläche.
Der Kanton umfasst 30 Amtsbezirke, von denen Interlaken mit 679 km2 der grösste und Biel mit 17 km2 der kleinste ist. Die landschaftliche Einteilung wird von der offiziellen Statistik (kantonales statistisches Bureau in Bern) wie folgt berücksichtigt:
1. Oberland, 7 Amtsbezirke: Oberhasle, Interlaken, Frutigen, Ober-Simmenthal, Nieder-Simmenthal, Saanen, Thun.
2. Emmenthal, 2 Amtsbezirke: Signau, Trachselwald.
3. Mittelland, 7 Amtsbezirke: Bern, Schwarzenburg, Seftigen, Konolfingen, Fraubrunnen, Burgdorf, Laupen.
4. Oberaargau, 2 Amtsbezirke: Wangen, Aarwangen.
5. Seeland, 5 Amtsbezirke: Büren, Biel, Nidau, Aarberg, Erlach.
6. Jura, 7 Amtsbezirke: Neuveville, Courtelary, Moutier, Franches-Montagnes, Delémont, Porrentruy, Laufen.
Von der gesamten Bodenfläche sind 78% produktiv und 22% unproduktiv. Das unproduktive Land setzt sich zusammen aus Felsen u. Schutthalden (1000 km2 = 14½%), Gletscher und Firn (288 km2 = 4½%) und Seen (123 km2 = 2%). ⅔ des unproduktiven Bodens entfällt auf das Oberland.
Das produktive Areal verteilt sich folgendermassen: 22% der Gesamtbodenfläche sind mit Wald bedeckt, 19% sind Weiden und Alpen, 37% sind der landwirtschaftlichen Kultur überwiesen (245000 ha).
Landwirtschaft.
Die Bevölkerung des Bernerlandes hat sich von jeher mit grossem Erfolg der landwirtschaftlichen Arbeit zugewendet. Ihr widmete der alte Berner aus dem Bauern- wie aus dem Adelsstande seine ausdauernde Körperkraft, seinen Geist bedächtiger Spekulation, seine Liebe zur Scholle, seine Sparsamkeit, seinen religiösen Sinn. Deshalb erglänzen hier noch heute, wie nirgends in der Schweiz, die grossen Bauernhäuser und die Landsitze so sauber und so stattlich.
Der allmälige Uebergang vom Getreidebau zum Wiesenbau, und allgemeiner von den extensiven Wirtschaftsformen der älteren zu den intensiven der neuen Zeit, hat sich im Kanton Bern in der Weise vollzogen, dass das ¶
Verteilung der Nutzviehhaltung im Kanton Bern
GEOGRAPHISCHES LEXIKON DER SCHWEIZ
Lf. 35 & 36. ^[Karte: 7° 26’ 20“ O; 46° 57’ 6“ N; 1:550000]
Verlag von Gebr. Attinger Neuenburg.
Stück Rindvieh auf 100 Einw.
Nombre de bovidés p. 100 hab.
░ 20-40
▒ 41-60
▒ 61-70
▓ 71-100
▐ 101-140
Stück Rindvieh auf ha.
Nombre de bovides par ha.
░ 20-30
▒ 31-40
▒ 41-60
▓ 61-80
▐ 81-100
|100 Pferde||= ▲ =||100 chevaux|
|200 Rinder||= ● =||200 bovidés|
|200 Schweine||= ❙ =||200 porcs|
|200 Ziegen||= v =||200 chèvres|
|200 Schafe||= ⥾ =||200 moutons|
|200 Bienenk.||= ^ =||200 ruches|
|1901||Pferde||Rinder||Schweine|
|Chevaux||Bovidés||Porcs|
|Jura||9781||46464||26494|
|Seeland||412||27192||19818|
|Ober Aargau||1978||23469||10813|
|Emmenthal||3406||36274||15972|
|Mittelland||12080||92550||45908|
|Oberland||3206||67913||18772|
|Kanton:||34563||293862||137777|
1:550000
V. Attinger, sc.
VERTEILUNG DER NUTZVIEHHALTUNG IM KANTON BERN ¶
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Oberland den Getreidebau fast ganz aufgab, die übrigen Landesteile ihn stark einschränkten. Der alte Weidgang konnte, als er abgeschafft wurde, nur durch Vermehrung der Wiesen um die neu aufgekommenen Futteräcker ersetzt werden. Dabei verschwand immer mehr das ehemalige Gemisch von Landbau und Weidwirtschaft. Die letztere wurde ins Gebirge verbannt. Aber gerade das erscheint charakteristisch für die Landwirtschaft des Kantons, dass die Beziehungen zwischen den beiden örtlich getrennten Wirtschaftsformen fortbestehen und mit dem grossartig zunehmenden Viehbestand nur immer grössere Bedeutung erlangen.
Das Kulturland ist wie folgt verteilt:
|ha||%||.|
|Aecker und Gärten||.||133750||= 54,6%||.|
|Davon Getreide||47940 ha = 19,5%||.||.|
|- Hackfrucht||25970 ha = 10,6%||.||.|
|- Handels- und Gemüsepflanzen||3470 ha = 1,4%||.||.|
|- Kunstfutter||55800 ha = 22,7%||.||↘|
|Wiesen und Obstgärten||.||110500||= 45,1%||67,8%|
|Reben||.||750 =||= 0,3%||.|
|Summe:||.||245000 =||= 100%||.|
Aus dieser Tabelle geht hervor, dass nicht weniger als 67,8% des gesamten Kulturlandes der intensiven Futtergewinnung übergeben sind, während der Getreidebau über bloss noch knapp 1/5 derselben Fläche verfügt.
Das meiste Viehfutter wird von den Wiesen gewonnen. Mähmaschinen sind erst seit einem halben Jahrzehnt im allgemeinen Gebrauch. Besondere Dörrvorrichtungen gibt es nicht; zur Unterbringung des Trockenfutters ist das bernische Bauernhaus durch seine Heubühne vorbereitet, welche unter einem gewaltigen Dach den ganzen Raum über der Tenne und den Stallungen einnimmt und zu welcher eine gedeckte Einfahrt führt.
Nur die Herbstweide führt das Stallvieh an die freie Luft. Das ist wenigstens für das zum Schlachten bestimmte Jungvieh ein Uebelstand, welchem sehr viele Viehbesitzer dadurch abhelfen, dass sie gemeinde- oder korporationsweise Bergweiden in höheren Lagen des Alpenrandes erwerben. In den ersten Sommertagen (Mitte Juni) fährt dann der Hirt mit dem Jungvieh zu Berg, und es ist ein spezifisch bernisches Zeichen des Sommers, wenn dann an allen Oberlandstrassen (diejenigen der Bundesstadt nicht ausgenommen) die Nächte durch das Geläute dieser wandernden Herden erklingt. Im Jura gibt es noch viele Gemeindeweiden (Pâturages communaux), auf denen der Weidgang geübt wird von Herden, welche der Winter acht Monate lang in die Ställe gebannt hat. Es besitzt namentlich das Plateau der Freiberge solche durch alle Wälder sich erstreckenden Naturwiesen: eine Parklandschaft von grossartiger Schönheit, aber geringer wirtschaftlicher Bedeutung.
Die Verteilung des Wiesen- und Futterbaues auf die einzelnen Landesteile gestaltet sich folgendermassen: Vom behauten Boden entfallen auf die Wiesen im:
|Oberland||75%|
|Emmenthal||32%|
|Mittelland||27%|
|Oberaargau||29%|
|Seeland||40%|
|Jura||59%|
Von derselben Fläche entfallen auf den Anbau von Futterkräutern (Kunstfutter, meist als sog. Futtermischung: Klee, Lucerne und Esparsette, hin und wieder Grünmais) im:
|Oberland||9%|
|Emmenthal||37%|
|Mittelland||36%|
|Oberaargau||30%|
|Seeland||19%|
|Jura||14%|
Der Gesamtertrag der Wiesen und Futteräcker des Kantons beläuft sich in guten Jahren auf 10 Millionen q. mit einem Geldwert von 75 Mill. Fr. Das Jahr 1893, wo zur seltenen Ausnahme die Regen des Frühjahrs ausblieben, ergab freilich nur 5,2 Millionen q. Dennoch erreichte der Wert dieser Missernte die Summe von 75,6 Mill. Fr., ein schlagender Beweis für die enorme Wichtigkeit einer ordentlichen Futterernte für die gesamte Volkswirtschaft des Kantons Bern.
Getreidebau.
Noch beträgt in den flacheren, trockeneren aber auch in den verkehrsentlegeneren Gegenden sein Anteil bis ¼ des bebauten Areals. Die Bezirke Pruntrut, Aarberg, Burgdorf, Laupen und Schwarzenburg stehen in dieser Hinsicht im ersten, Nidau, Laufen, Erlach, Büren, Delsberg und Trachselwald im zweiten Range. Im Oberland hat nur noch Thun ansehnliche Getreideareale aufzuweisen. Saanen hatte 1895 bloss noch 5 ha mit Getreide bestellt.
Folgende Getreidearten sind in den einzelnen Landesteilen vorherrschend (die Reihenfolge gibt das Verhältnis der Areale an):
|Oberland||Korn (d. i. Dinkel), Weizen.|
|Emmenthal||Korn, Roggen.|
|Mittelland||Korn, Hafer, Roggen, Weizen.|
|Oberaargau||Korn, Roggen, Hafer.|
|Seeland||Weizen, Roggen, Korn, Hafer.|
|Jura||Weizen, Hafer, Gerste.|
Im ganzen Kanton waren 1895 von 46000 ha Getreideland:
|ha||mit|
|13870||Korn|
|11360||Weizen|
|10890||Hafer|
|7600||Roggen|
|2360||Gerste|
bestellt. Roggen und Gerste waren früher im Gebirge stark vertreten. Sie in erster Linie sind durch den Wiesenbau verdrängt worden.
Dem Kartoffelbau sind bedeutende Areale überwiesen: im Seeland und Oberaargau fast 1/6, im Mittelland 1/9, im Emmenthal 1/11, im Jura 1/12 und im Oberland 1/14 des bebauten Bodens. In den Bezirken Aarberg und Pruntrut ist der Kartoffelbau am bedeutendsten.
Die nämlichen zwei Bezirke weisen auch den meisten Gemüsebau auf. Das gesamte Flachland, besonders aber das Seeland, beginnt seit kurzem einen lebhaften Anbau von Zuckerrüben für die Zuckerfabrik in Aarberg. Im Emmenthal ist das am meisten angebaute Gemüse das Kraut. Reps wird besonders im Amtsbezirk Pruntrut, Hanf und Flachs immer noch in ansehnlichem Masse in Konolfingen und dem obern Emmenthal, Tabak in Laupen und Cichorie im Bezirk Burgdorf gepflanzt.
Der Weinbau spielt nur in der Gegend des Bielersees eine Rolle. Dort ist er aber für vier Gemeinden die Hauptkultur (Neuveville, Ligerz, Twann und Tüscherz). Als schmaler Saum, der 100-150 m am Berge ansteigt, zieht sich das Rebgelände dem jäh abfallenden Jura am Nordufer des Sees entlang bis nach Biel und Bözingen. Der Weisswein, der hier gewonnen wird und unter den Namen Neuveville und Twanner wohlbekannt ist, ähnelt an Säuregehalt dem Neuenburger, ist jedoch leichter als dieser. Auch am Jolimont und bei Ins wächst ein guter Wein. Von der ehemals viel ausgedehnteren Weinkultur durchs ganze Land zeugen noch Reste im Bezirk Büren, im Laufenthal, bei Spiez, Merligen und Oberhofen am Thunersee.
Obstbau.
Die Obstbaumzählung von 1888 ergab folgende Resultate:
|Bäume|
|Oberland||459000|
|Emmenthal||329000|
|Mittelland||926000|
|Oberaargau||300000|
|Seeland||342000|
|Jura||422000|
|Kanton:||2778000|
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