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Murks mit Methode – Geplante Obsoleszenz als Triebfeder der Wirtschaft
Wenn ältere Generationen behaupten „Früher war alles besser!“ haben sie gar nicht so unrecht – zumindest was die Haltbarkeit von Gebrauchs- und Alltagsgegenständen betrifft. Sowohl die Kleidungsstücke und Möbel als auch die Bauwerke und technischen Gerätschaften vergangener Jahrzehnte scheinen wesentlich langlebiger zu sein als die Erzeugnisse aus heutiger Produktion. Täuscht dieser Eindruck oder steckt wirklich etwas dahinter?
Abgesehen davon, dass manche der genannten Artikel einfach nur pfleglicher behandelt worden sind als ihre heute in Gebrauch befindlichen Nachfolger, gibt es in modernen Fertigungsprozessen tatsächlich einen Faktor, der frühzeitigen Verschleiss begünstigt: die „geplante Obsoleszenz“. Hinter diesem Begriff verbirgt sich die gezielt herbeigeführte Abnutzung eines Produktes oder eines seiner Bauteile. Das Wort leitet sich vom lateinischen „obsolescere“ ab, was soviel wie „alt werden“, oder „an Wert verlieren“ bedeutet. Im Gegensatz zu Schäden, die durch unsachgemässen Gebrauch, mangelnde Pflege und ähnliche Umstände entstehen, lässt sich der Verschleiss von obsoleten Produkten nicht oder nur sehr bedingt vermeiden.
Geburt einer Chimäre
Die „Historical Encyclopedia of American Business Concepts“ von John M. Dobson schreibt die Einführung der geplanten Obsoleszenz dem um 1920 tätigen „General Motors“-Präsidenten Alfred P. Sloan zu. Er entwickelte eine Strategie, der zu Folge die von seinem Konzern produzierten Autos jährlichen Veränderungen unterlagen und Kunden veranlassten, sich regelmässig neue Wagen zuzulegen.
Wesentlich verbreiteter ist die Annahme, dass der Beginn geplanter Obsoleszenz auf ein Abkommen führender Glühlampen-Hersteller zurückgeht. Sie schlossen sich 1924 im so genannten Phoebus-Kartell zusammen, welches die vorher unbegrenzte Brenndauer der Produkte auf das weltweit geltende Mass von maximal 1.000 Stunden reduzierte. Durch den nunmehr nötigen Ersatz verbrauchter Glühlampen erhöhte sich der Gewinn der Produzenten um ein Vielfaches.
Namensgebung und weitere Entwicklung
Bis 1932 blieb die Strategie, Kunden durch Verschleiss oder Weiterentwicklung zum Nachkauf von Ware anzuregen, ohne konkrete Bezeichnung. Erst das von Bernard London verfasste Werk „Ending the Depression Through Planned Obsolescence“ gab dem Wirtschaftswunder einen eigenen Namen.
Durch die bald folgende Entwicklung neuartiger Materialien und zunehmend vereinfachte Fertigungsverfahren wurden der geplanten Obsoleszenz Tür und Tor geöffnet: Da Produkte nun schneller und kostengünstiger hergestellt werden konnten, verloren sie nicht nur ihren materiellen, sondern auch ihren ideellen Wert. Die Möglichkeit, Verbrauchtes jederzeit preiswert ersetzen zu können führte dazu, dass Kunden beschädigte oder unansehlich gewordene Artikel wesentlich leichtfertiger entsorgten und nachkauften als das in früheren Zeiten üblich war.
Pfusch nach Plan
Diese Wegwerfmentalität macht sich die geplante Obsoleszenz bis heute zu Nutze. Die Kurzlebigkeit moderner Produkte ist eine zielgerichtete Massnahme zur Erhöhung von Absatz und Gewinn. Um den dafür nötigen Verschleiss gekaufter Ware auszulösen bzw. zu beschleunigen, kommen verschiedene Methoden zur Anwendung:
- Funktionseinschränkung oder -störung
Die Montage nur begrenzt haltbarer Elemente, minderwertige Werkstoffe oder bewusst anfällige Verbindungen führen dazu, dass einzelne oder alle Teile eines Artikels ihre Funktionsfähigkeit verlieren. Mitunter sind die Schäden so marginal, dass sie nur durch einen Fachmann entdeckt werden.
- unverhältnismässig hoher Reparaturaufwand / unverhältnismässig hohe Reparaturkosten / fehlender Reparaturservice
Zugleich wird der finanzielle oder organisatorische Aufwand für das Beschaffen von Ersatzteilen und die Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit so hoch angesetzt, dass eine Reparatur des Artikels unwirtschaftlich wird. In anderen Fällen sind die obsoleten Bauteile untrennbar mit dem eigentlichen Gerät verbunden, so dass eine Einzelreparatur oder ein Austausch gar nicht möglich ist.
- eingeschränkte Kompatibilität
Viele – vor allem technische – Produkte sind so konzipiert, dass sich neue Geräte nicht mit bisherigen Zubehörteilen verbinden lassen und dadurch nicht in vollem Umfang genutzt werden können bzw. sich ein Zukauf kompatibler Kabel, Aufsätze oder dergleichen notwendig macht.
- eingeschränkte Benutzung
Zahlreiche Produktverpackungen verhindern die vollständige Entnahme ihres Inhalts. Zu den bekanntesten Beispielen dieser Art zählen Kosmetika und Lebensmittel, deren Öffnungen oder Entnahmemöglichkeiten so gestaltet sind, dass immer ein ungenutzter bzw. nicht nutzbarer Rest verbleibt.
- Inakzeptanz
Dieser Aspekt zielt auf das persönliche und gesellschaftliche (Miss-) Empfinden ab. Er betrifft Artikel, deren Funktions- und Gebrauchsfähigkeit zwar noch erhalten ist, die aber optische, haptische oder populäre Störfaktoren aufweisen. Beispiele hierfür sind zerkratzte oder stumpf scheinende Oberflächen, nachlassende Griffigkeit oder technisch überholte Geräte.
Schöngeredete Katastrophe
Alle genannten Fälle geben dem Kunden Grund zum Neukauf. Damit liefert die geplante Obsoleszenz sich selbst die stärksten Argumente. Ihre Befürworter nennen mit
- Erhalt und Schaffung von Arbeitsplätzen
- Förderung der Produktvielfalt
- Erhöhung der Konkurrenzfähigkeit
ausschliesslich positive Aspekte. Diese können jedoch nicht über die negativen Folgen der bewusst herbeigeführten Alterung von Produkten hinwegtäuschen. Kritiker sehen in
- zur Neige gehenden Ressourcen
- erhöhtem Stromverbrauch
- Wasser- und Luftverschmutzung
- stetig zunehmenden Müllmengen
verheerende Folgen für Mensch und Umwelt.
Ungleicher Kampf
Da sich viele Verbraucher durch geplante Obsoleszenz förmlich betrogen fühlen, reagieren sie mit regelrechtem Boykott. Durch
- Verweigerung von Neukäufen
- selbstständig ausgeführte Reparaturen
- Toleranz marginaler Abnutzungserscheinungen
- öffentliche Nennung der betreffenden Produkte bzw. Hersteller
veranlassen sie Fachgeschäfte, den Ein- und Weiterverkauf obsoleter Ware abzulehnen. Auf diese Weise sind Produzenten gezwungen, beim Fertigungsprozess auf Alternativen auszuweichen bzw. ökologisch vertretbare Massnahmen zu ergreifen. Inwieweit dieses Aufbegehren zum Erfolg – also zur Eindämmung geplanter Obsoleszenz – führt, muss sich erst noch zeigen.
Oberstes Bild: @ hainichfoto – Fotolia.com