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Von Peter J. Betts — Das Wechselspiel zwischen Theorie und Praxis bestimmt weitgehend die Kultur der Politik und die Politik der Kultur, auch «die Politik» und «die Kultur» – eine Binsenwahrheit? In Brechts «Leben des Galilei» beginnt die dritte Szene mit der Moritat: «Sechzehnhundertzehn, zehnter Januar: / Galileo Galilei sah, dass kein Himmel war.», und die Moritat vor der sechsten Szene lautet, optimistische Euphorie verkörpernd: «Das hat die Welt nicht oft gesehn, / Dass Lehrer selbst ans Lernen gehen. / Clavius, der Gottesknecht / Gab dem Galilei recht.» Erkenntnis scheint über Vorurteil gesiegt zu haben. – Es wird gut kommen? Sowohl Glaube wie Erziehung gelten als wesentliche Komponenten bei gesellschaftlicher Entwicklung, wobei auch die gesellschaftliche Entwicklung und deren jeweiliger Stand Komponenten für Entwicklung und Standortbestimmungen von Erziehung und Glaube, beziehungsweise deren Stellenwert darstellen. Eine Wechselbeziehung, aus der sich interessante Fragestellungen ergeben. Aus der Sicht Europas des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts können eine Reihe von Charakteristika zum Beispiel für die Zeit vor hundert Jahren aufgelistet werden. Gemäss der Arbeitshypothese zu seiner Master-Arbeit, hält ein Student der Pädagogik fest, der «Fünfte Weltkongress für Freies Christentum und Religiösen Fortschritt» habe zum Ziel gehabt, die Rolle der Religion neu zu bestimmen, was vor allem bei liberalen Theologen grossen Anklang gefunden habe. Pädagogik und Theologie stünden — wohl seit eh und je — in engem Kontakt zueinander. Der Begriff der sogenannten Religionspädagogik veranschauliche diesen Sachverhalt. Theologie spiele auch eine Rolle in der deutschen Reformpädagogik jener Zeit. I910, als die Tagung in Berlin stattfand, «war die Welt noch in Ordnung». Ein paar Beispiele: Die Fortschrittsgläubigkeit, bezüglich technischer und industrieller Entwicklung war uneingeschränkt. Die bestehenden Kaiser- und Königreiche, Fürstentümer, Demokratien schienen den Stand höchster Vollkommenheit erreicht zu haben, und diese Strukturen schienen auf die Ewigkeit angelegt zu sein, die Machtverhältnisse waren klar. Der soziale Frieden in den Industrie- und Landschaftsgebieten, in Handel und Gewerbe schien unumstösslich: die Unterprivilegierten kannten ja ihren Platz, und daran würde sich nichts ändern. Der Stand der Wissensvermittlung an Eliteschulen und –universitäten war hoch, das Spektrum breit, der Geist offen. Die Schulen für die Mehrheit der Bevölkerungen: quantité négligeable. Berufliche und soziale Gleichheit der Geschlechter war gemeinhin kein Thema; niemand hätte gedacht, dass – zweiundsechzig Jahre später – in der Schweiz, als einem der letzten Länder Europas, das Wahl- und Stimmrecht für mündige Frauen eingeführt würde: «mündige Frauen» – ein Paradoxon. Eine sozialistische Revolution, bestenfalls Phantasiegebilde einiger, kaum ernstzunehmender Utopisten. Menschenrechte, ein Begriff für unverbindliche, theoretische Pläsanterien in gehobener Gesellschaft. Arbeitslosen-, Alters-, Invaliden- oder Gesundheitsfürsorge für alle: unvorstellbar. Kolonien: gottgegeben, das Verantwortungsbewusstsein indigenen Bevölkerungen gegenüber inexistent. Die «Titanic» war noch nicht von Stapel gelaufen, noch schien ihr Eisberg harmloses Versatzstück einer erhabenen Landschaft. Der Mord in Sarajewo hatte noch nicht stattgefunden. Im Westen nichts Neues: noch kein Senfgas über den Gräben. «The Uproarious Twenties» und der Börsenkrach lagen fern. Der Atompilz über Hiroshima: noch nicht einmal ein Traum, geschweige denn ein Alptraum. Zusätzlich zur akribischen Analyse der Positionen und zum Herausarbeiten von Deckungsgleichheiten, Widersprüchen und klaren Unvereinbarkeiten wesentlicher Protagonisten der Tagung in Berlin drängt sich für Lesende – unabhängig davon, ob Denkansätze in der Masterarbeit suggeriert werden würden oder nicht – u. a. die Frage auf, ob bezüglich der Entwicklungen in der Gesellschaft die damals erzielten Erkenntnisse der Fachleute dazu beigetragen haben mögen, wie adäquat die durch sie jeweils Beeinflussten auf sich abzeichnende Entwicklungen und auf eingetretene Ereignissen reagiert haben. Damit wäre auch der Fragenkomplex in die Nähe gerückt, ob Glaubenswissenschaft und/oder Erziehungswissenschaft relevante Beiträge zu gesellschaftlichen Entwicklungen leisten können, oder inwiefern die Erziehung und/oder der Glaube es zu tun vermögen; und wie es um den Bezug/Wechselbezug zwischen Erziehungs-und/oder Religionswissenschaft und Erziehung und/oder Glaube steht und die Wechselbeziehung beider Tätigkeitsgruppen zur Front: des gesellschaftlichen Zustandes, der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Fragen sollen oder müssen gestellt werden, auch wenn es mit Sicherheit keine wissenschaftlich belegbaren Antworten geben wird. Die richtigen Antworten werden immer heute anders ausfallen als morgen. Morgenröte ist recht selten ein Gutwetterzeichen. Brecht, sechste Szene: Kaum ein Jahrzehnt vor Ausbruch des Dreissigjährigen Krieges entdeckt Galilei mithilfe eines ursprünglich als Spielzeug gehandelten, dann von ihm «professionell» genutzten, Teleskopes die vier Jupitermonde und bestätigt mit erdrückender Beweislast das heliozentrische Weltbild des Kopernikus. Christopher Clavius, «grösster Astronom Italiens und der Kirche» gibt seine Fehlmeinung zu und dem nonkonformistischen Forscher recht. Morgenröte. Die Schüler Galileis jubeln; einer von ihnen, «Der kleine Mönch» sagt – verstohlen –: «…Sie haben gesiegt.» und geht ab. Galilei versucht, ihn zurückzuhalten. Zweitletzter Einsatz: «Sie hat gesiegt! Nicht ich, die Vernunft hat gesiegt!» Letzter Einsatz, der Türhüter flüstert: «Seine Eminenz, der Kardinal Inquisitor.» Die Inquisition brachte den Astronomen in zwei Prozessen erst zum Schweigen und dann – unter Androhung der Folter — zum Widerruf und verurteilte ihn zu Haft oder Zwangsaufenthalt. Er starb sechs Jahre vor dem Westfälischen Frieden. Nach seinem Widerruf begannen ihn seine Schüler, laut Brecht, zu verachten; die meisten gaben ihre Forschungstätigkeit auf, sogar, hiess es, Descartes habe völlig entmutigt sein Traktat über die Natur des Lichtes «in die Lade gestopft»; Andreas Sartis Reaktion in der dreizehnten Szene: «Unglücklich das Land, das keine Helden hat» und etwas weiter unten zum heimkehrenden Galilei: «Weinschlauch! Schneckenfresser! Hast du deine geliebte Haut gerettet?» In der zweitletzten, der vierzehnten Szene besucht Andrea Sarti, den von Mönch und — äusserlich! – konformer Tochter Virginia bewachten Galielei. Skeptisch betrachtet der Mönchwächter den Besucher. Virginia sagt dem Hüter des Guten: «Er ist harmlos: Er war sein Schüler. So ist er jetzt sein Feind.» Als sie sich, scheinbar über den barschen Ton des Vaters empört, absetzt, verleitet sie mit verlockendem frischen Ziegenkäse den Mönch dazu, sie zu begleiten – Lust geht über Last. Noch immer hat Andrea eine starke Abneigung gegen seinen ehemals verehrten Lehrer, der die Wahrheit zugunsten der Sicherheit verleugnete, so seine Haut gerettet und vielen Kollegen damit sämtlichen Mut gestohlen hatte, er hat ihn lediglich besucht im Auftrag eines jetzt von ihm verehrten Wissenschaftlers. Der Dialog bleibt kühl, bis Andrea merkt, dass Galilei Abschriften seiner wesentlichen wissenschaftlichen Werke vor den Wächtern verborgen gehalten hatte, während diese die Originale mündelsicher in den Archiven des Vatikans abgelegt hatten. Andrea erinnert sich einer Maxime, die sein Lehrer noch dem Kind mitgeteilt hatte: «Angesichts von Hindernissen mag die kürzeste Linie zwischen zwei Punkten die krumme sein.» Andrea schmuggelt «die Wahrheit» unter eigener Lebensgefahr über die Grenze. Feigheit und Mut haben viele Gesichter. Das Wechselspiel zwischen Theorie und Praxis hat viele Facetten.
Foto: zVg.
ensuite, Mai 2011