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Wissenschaftler fordern ethische Richtlinien für den Einsatz von Gehirn-Computer-Schnittstellen. Datenschutz, Haftung und Sicherheit müssen bedacht werden.
Wissenschaftler aus den Bereichen Neurophysiologie, Neurotechnologie und Neuroethik haben ethische Richtlinien für den Einsatz von Gehirn-Computer-Schnittstellen formuliert. In einem im Fachmagazin 'Science' publizierten Artikel "Help, Hope and Hype" fordern sie einen verantwortungsbewussten Umgang mit Gehirn-Computer-Schnittstellen. Am Beitrag waren unter anderem Forschende des Genfer Wyss Centers für Bio- und Neuroengineering sowie Wissenschaftler der Universitäten Tübingen und Ottawa beteiligt.
Konkret geht es um Technologien, die die Hirnaktivität von Menschen in Steuersignale von Computern, Robotern oder Prothesen übersetzen. Diese Technologien seien bereits sehr weit entwickelt, schreibt die Universität Tübingen. Aber teilweise sei noch völlig ungeklärt, wie Datenschutz, Haftung und Sicherheit bei diesen Systemen gewährleistet werden sollen.
"Obwohl wir noch nicht ganz verstehen, wie das Gehirn funktioniert, bewegen wir uns näher an die Möglichkeit, bestimmte Gehirnsignale zuverlässig zu dekodieren. Wir sollten aber nicht zu selbstzufrieden sein, wenn es um die Bedeutung dieser Technologien für die Gesellschaft geht. Wir müssen sorgfältig darüber nachdenken, was es heisst, Seite an Seite mit halb-intelligenten, hirngesteuerten Maschinen zu leben. Wir brauchen Mechanismen, um eine sichere und ethische Nutzung zu gewährleisten", so John Donoghue, Direktor des Wyss Centers in einer Mitteilung. Man wolle die Risiken nicht überbewerten, aber gleichzeitig soll auch keine falsche Hoffnung geschaffen werden, für diejenigen Personen, die von Gehirn-Maschine-Schnittstellen (BMI) profitieren könnten.
Frage der Haftung
Was, wenn die Steuerung nicht so funktioniert, wie sie sollte? Gilt etwa eine Person mit einer hirngesteuerten Armprothese als fahrlässig, wenn sie ein Baby in den Arm nimmt? Es sei wichtig, für diese Fälle, Fragen der Verantwortlichkeit und Haftung zu klären.
Eine der Forderungen der Wissenschaftler ist eine eine Veto-Funktion, die unbeabsichtigte Befehle unterbricht. Es sei eine Art Notstopp, den die Nutzer anwenden können, um etwaige Schwächen der BMIs auszugleichen. Wenn etwa die Prothese eine Bewegung beginnt, die der Träger nicht beabsichtigt, würde dieser Kill-Switch einen sofortigen Stopp bewirken.
Angst vor "Brainjacking"
Der 'Science'-Artikel "Help, Hope and Hype" behandelt auch Sicherheits- und Datenschutzfragen. So sollen Daten ausschliesslich vorübergehend gespeichert werden. Ähnlich wie in einer Black-Box eines Flugzeuges sollen die Daten aber zur Verfügung stehen, um haftungsrechtliche Fragen eindeutig zu klären.
Wenn BMIs im Einsatz sind, senden sie neurologische Daten an einen Computer. Eine der Sorgen der Wissenschaftler ist, dass diese Daten gestohlen und missbraucht werden können. Deshalb fordern sie, dass die Daten nur verschlüsselt gespeichert werden. Bei implantierbaren Systemen oder Gehirn-Computer-Schnittstellen, die das Gehirngewebe auch direkt stimulieren können, sei besondere Vorsicht geboten: Im Extremfall sei ein sogenanntes "Brainjacking" nicht auszuschliessen, also die Manipulation des Systems zur gezielten Beeinflussung von Hirnfunktionen oder Verhalten, schreibt die Universität Tübingen weiter.
"Die technologischen Fortschritte im Bereich der Gehirn-Computer-Schnittstellen entwickeln sich derzeit so rasant, dass es höchste Zeit ist, rechtliche und ethische Rahmenbedingungen zu definieren und durchzusetzen", fordert Jens Clausen, Neuroethiker an der Pädagogischen Hochschule Freiburg und Mitglied des Internationalen Zentrums für Ethik in den Wissenschaften an der Universität Tübingen. Eine Frage der Ethik sei auch der Umgang mit Hoffnungen, die bei Patienten und ihren Angehörigen geweckt werden. Aufsehenerregende Demonstrationen hirngesteuerter Systeme führten oft zu überzogenen Erwartungen. (kjo)