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In Zürich-Aussersihl erkundet eine Überbauung neue Wege im Umgang mit dem Stadtblock. Die öffentlich anmutende Privatstrasse im Hof weckt Erinnerungen an den Berliner Reformstädtebau um 1900.
An einer Zürcher Quartierstrasse, wenige Schritte vom belebten Hardplatz in Aussersihl gelegen, findet sich seit jüngst eine irritierende Situation: Mitten in den schlichten, langgezogenen Blockrandbebauungen aus den 1920er Jahren öffnet sich auf einmal ein Schlitz in himbeerroter Farbe – eine Hofeinfahrt? Eine öffentliche Gasse? öffentlicher oder privater Raum, oder beides zugleich?
«Stadtreparatur» – die Wiederherstellung der historischen Blockrandstadt –, das war der Schlachtruf der IBA Berlin 1987 und auch des nachfolgenden Planwerks Innenstadt von Hans Stimmann für die wiedervereinigte deutsche Hauptstadt. Dieser Grundsatz prägte das städtebauliche Denken der folgenden Jahrzehnte und stand auch der «Quartiererhaltungszone I» in der Zürcher Bau- und Zonenordnung Pate. Sie hat das Ziel, die historische Blockrandbebauung in der Stadt zu stärken und deren Lücken zu schliessen. So auch im Sihlfeld, dem äusseren, erst im 20. Jahrhundert fertig gebauten Teils von Aussersihl.
Die schematische Schliessung vorhandener Lücken im Gewebe, das Vervollständigen des Blockrandes, ist oft eine adäquate Lösung bei der Transformation von Fehlerstellen. Doch gerade die Zürcher Teilzone I a) erlaubt dabei ausserordentlich weitgehende Freiheiten. Insbesondere dürfen Hofgebäude bei minimalen Abständen die gleiche Höhe wie die Randgebäude erreichen, das heisst, die Bauordnung verzichtet auf eine Hierarchie zwischen vorne und hinten ebenso wie auf die Freihaltung des Hofs. Neuere Beispiele wie das Winterhalter-Areal in Wiedikon (Moser Wegenstein Architekten) zeigen die Problematik einer buchstabentreuen Umsetzung dieser Vorgabe: Der Hof ist hinter der siebengeschossigen Randbebauung mit hohen Punkthäusern aufgefüllt, die sich fast frontal gegenüberstehen, gegenseitig Licht und Luft rauben und keinen direkten Bezug zur Strasse haben.
Eine ganz andere Lösung wählten Züst Gübeli Gambetti im Surber-Areal – mit geradezu atemberaubend gegensätzlichem Effekt, trotz vergleichbarer Dichte. Statt den Block zu schliessen, öffnen sie ihn dezidiert und führen eine – dem Langsamverkehr vorbehaltene – Strasse in die Tiefe des Hofs. Dieser Hofgasse entlang setzen sie die Randbebauung mit repräsentativen Schaufassaden und einem hohen Ladengeschoss fort, sodass im Hof eine öffentliche, urbane Situation entsteht: eine lebhaft anmutende Gasse, die ihre Fortsetzung in einer breiten Hofdurchfahrt findet und so auch Anschluss an die stark befahrene Hohlstrasse gewinnt. Die Bäckerei mit Café am Eingang zur neuen Überbauung löst bereits das Versprechen von Urbanität ein, und die schmal geschnittenen Gewerberäume im keramischen Gewand ziehen sich bis in die Tiefe des Gassenraumes. Alle sind vermietet und beleben den öffentlichen Raum. Vier runde Pflanzbecken bieten Sitzgelegenheiten und erinnern daran, dass man sich hier auf privatem Grund bewegt; quer über die Gasse hinweg spannen im Zickzack Seile, die grosse Glasleuchten tragen.
Der Raum dieser Gasse ist enger als er scheint, die Hauswände stehen sich mit nur elf Metern Abstand gegenüber, die eine mit Erkern, die andere mit halb eingezogenen Balkonen: Schwer zu sagen, wie frei sich Balkonnutzer bei dieser Nähe fühlen. Aus der Strassenperspektive gesehen, entsteht durch diese Reibung einfach das, was man städtische Dichte nennt und als spannend empfindet. Zudem besitzt jede der Wohnungen auch eine ruhigere Seite: Zwei Wohnhöfe im traditionellen Sinn flankieren diese Gasse, und diese drei unterschiedlich gearteten gemeinschaftlichen Aussenräume stehen wie kommunizierende Gefässe im Austausch. Es entsteht ein atmender Raum, der an keiner Stelle von der Stadtluft abgeschnitten ist.
Dass sich die Hofzeile an ihrem östlichen Ende ausweitet, bewirkt auf raffinierte Weise eine natürliche Führung der Blick- und Wegbeziehungen; die leichte Trichterform des öffentlichen Raums erzeugt einen Sog in die Tiefe. An keiner Stelle entsteht der Eindruck übertriebener Dichte, nirgends ergeben sich schwer vermietbare, düstere Wohnungen – das Prinzip der Gleichwertigkeit aller Wohnungen ist konsequent durchgeführt. Frontale Gegenüberstellungen gibt es nur entlang der Hofgasse, und auch dort gewähren Erker Ausblick – über Quartierstrassen hinweg bis zum repräsentativen Giebel der 200 Meter entfernten Sihlfeld-Schule.
Die Hofgasse als städtebauliche Lösung lag für Züst Gübeli Gambetti nicht von Anfang an auf der Hand. Davon zeugt eine ganze Serie von Modellstudien, die das Büro auch auf seiner Website zeigt. Zahlreiche Möglichkeiten wurden studiert, darunter auch Varianten mit geschlossenem Blockrand und Hofhäusern. Am liebsten hätte der verantwortliche Partner Roman Züst die Gasse freilich auch zur Hohlstrasse hin geöffnet, statt dort den Hofraum zu schliessen. Daran hinderte die Architekten die starke Lärmimmission der Ausfallstrasse, sodass nur ein breiter, überbauter Durchgang übrigblieb. Züst nennt als Grund für das Öffnen des Hofs das Prinzip der «Adressbildung» und übersetzt so die städtebauliche Idee in eine immobilienwirtschaftliche: Jede Wohnung – und jedes Gewerbelokal – soll von der Strasse aus direkt zu erreichen sein. Die damit angestrebte Gleichwertigkeit drückt sich durchaus auch in Mietfranken aus.
Das Surber-Areal selbst übrigens war hundert Jahre lang der Sitz des gleichnamigen Metallbauunternehmens, eines Familienbetriebs in vierter Generation, der seinen Sitz nun in die Agglomeration verlegt hat. Die damalige Schlosserei hatte sich Anfang des 20. Jahrhunderts an der gerade neu erstellten Hohlstrasse angesiedelt, einer breiten Verkehrsachse, die den Güterbahnhof, den städtischen Schlachthof und die SBB-Werkstätten mit der Stadt verband. Entlang der neuen Strasse liessen sich zunächst lediglich einige Gewerbebetriebe nieder; Wohnhäuser entstanden bis zum Weltkrieg nur vereinzelt an den Blockecken.
Die Verstädterung des Quartiers setzte am Ende der 1920er Jahre ein, nun aber nicht mehr im Zeichen privater Kleinspekulation, sondern unter der Führung von Stadt und Baugenossenschaften mit der Ambition, gegenüber der Vorkriegszeit grundlegend bessere Wohn- und Lebensverhältnisse zu schaffen. Die genossenschaftlichen Kolonien der 1920er Jahre wurden als Blockrandbebauungen rund um weite Innenhöfe angelegt, die mit eigentlichen Parks ausgestattet und deren Ecken in den meisten Fällen geöffnet sind. Auch die Familie Surber überbaute in den 1920er Jahren die benachbarten Grundstücke mit einer Hofrandbebauung, die an den Gewerbebetrieb anschloss (sie wurde gleichzeitig mit den Neubauten durch Oliv Brunner Volk Architekten renoviert). Ihr Gewerbeareal lag nun als eine Art Fremdkörper quer zur Randbebauung zwischen der Hohl- und der parallelen Ernastrasse. Diese Ausgangslage blieb während fast 100 Jahren bestehen.
Blickt man heute aus der Hofgasse des Surber-Areals über die Ernastrasse, fällt der Blick auf ein verwandtes Vis-à-vis: Der Hof der Dreiecksiedlung Sihlfeld der Baugenossenschaft ABZ öffnet sich auf ähnliche Weise zur Strasse hin. Nur ist dieser nicht als Strasse, sondern seit 2012 von den Landschaftsarchitektinnen Antón & Ghiggi als informell gestalteter Wohnhof mit einheimischem Gesträuch und einer Hühnerfamilie gestaltet.
Auch im benachbarten Gewerbehof der Stiftung PWG führt die Laderampe an Läden und Kreativateliers entlang in die Tiefe des Blocks. An der Hohlstrasse schliesslich grüsst eine zur Strasse hin offene Cour d’honneur aus dem frühen 20. Jahrhundert herüber, die das Prinzip der Hoföffnung bereits anklingen lässt. Der städtebauliche Eingriff im Surber-Areal fügt sich also in eine durchaus quartiertypische Ahnenreihe, die er eigenständig interpretiert und weiterentwickelt.
Die auffallendsten Elemente der neuen Surber-Häuser haben wir bis hierher nicht erwähnt: das ausgeprägte, am Historismus orientierte Relief der Fassaden und ihre Farbigkeit, sprich: das knallige Himbeerrot in der Hofgasse. Die Kombination von beidem wirkt etwas redselig. Betonelemente bilden Leibungen, Gesimse, Erker und Balkone. Sie haben ihre Berechtigung, auch wenn das nähere bauliche Umfeld nicht vom Historismus geprägt ist, sondern von sachlichen Putzfassaden der 1920er Jahre. Was trotzdem stört, ist die dichte Anordnung, die den Fassadenflächen kaum Raum zum Atmen lässt, und vor allem ihr allzu ausgeprägtes Relief, das die unruhige Wirkung verstärkt. Im Kontext ihrer Nachbarhäuser entlang der Strassen wirken die Häuser zudem – auch durch das Überschreiten der typischen Traufhöhe – als wären sie im Volumen ein wenig zu gross geraten, genauso wie ihre Detaillierung – so als müssten sie nur um wenige Prozente herunterskaliert werden, damit sie ganz ins Umfeld passen. Naturgemäss bringt die Überhöhe auch Vorzüge: Wohnungen mit 2,60 Metern lichter Höhe und die erwähnten, hohen Gewerberäume.
Das alles sind freilich Einwände unter Pfarrerstöchtern. Die städtebauliche Lösung, die hier gefunden wurde, fügt sich nicht nur perfekt in den Quartierkontext mit seinen porösen, grossen Hofrandsiedlungen; sie ist vielmehr ein Modell, das bei genügender Tiefe des Baufeldes auch andernorts Nachahmung verdient.
Festzuhalten bleibt: Was hier an Relief, Erkern und Balkonen fast im Übermass den engen Raum belebt und bedrängt, ist gerade das, was an anderen Orten der Stadt fehlt: Im neu errichteten Stadtteil Greencity Manegg sind die Räume um ein Mehrfaches weiter als hier und wirken seltsam neutral und unbelebt. Hier gewähren Erker und Balkone Einsicht und aktivieren den Raum, dort versteckt sich das Leben der Bewohner hinter grossflächigen, steifen Rasterfassaden. Wenn die beiden Stadträume auch nur per Zufall in der gleichen Heftnummer erscheinen: Es ist eine lehrreiche Erfahrung, sie in kurzem Zeitabstand vergleichend zu erleben.
Auf historische Referenzen zum Surber-Areal angesprochen, nennt Roman Züst Riehmers Hofgarten in Berlin-Kreuzberg (1891 – 92) mit seinen Gartenanlagen ein «Reformblock» avant la lettre.
Tatsächlich weckt die städtebauliche Lösung im Surber-Areal Erinnerungen an den Berliner Reform-Städtebau in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Im Fokus der aufkommenden Diskussion stand damals die Kritik an der «Mietskasernenstadt» Berlin. Die schnell gewachsene Metropole des deutschen Reichs war nicht nur von chronischer Wohnungsnot geplagt. Zu einem Problem wurden auch die hohe Dichte und besonders die enorme Ausdehnung der Baublocks in den Berliner Bebauungsplänen von James Hobrecht. Sie führte im spekulationsgetriebenen Wohnungsbau zu ganzen Kaskaden von engen und düsteren Hinterhöfen und Hofhäusern. Verschattete und schlecht belüftete Ecksituationen in grosser Zahl verschärften das «Mietskasernenelend» in meist überbelegten Wohnungen. Viele Kinder kannten nur die engen Hinterhöfe als Spielplatz, in die sich selten ein Sonnenstrahl verirrte.
Es waren philanthropische Bauherren (wie der von V.M. Lampugnani im Beitrag in diesem Heft zitierte Valentin Weisbach) und mittelständische Baugenossenschaften wie der Beamten-Wohnungsverein zu Berlin, die sich ab 1900 als Pioniere der Reform des Berliner Baublocks widmeten.
Bedeutende Architekten der frühen Moderne wie Alfred Messel, Albert Gessner, Paul Mebes oder Erich Köhn zeigten in ihren Projekten neue Wege auf, wie das Innere der Baublöcke Anschluss an die Stadt finden und von Licht, Luft und Grün profitieren konnte. Sie begannen, das Blockschema gewissermassen zu kneten, die Blockränder aufzureissen und das Blockinnere mit Privatstrassen zu erschliessen, die sie oft als verkehrsfreie Gartenpromenaden anlegten.
Mit der Öffnung des Blockrands dringt nun aber der öffentliche Charakter der Strasse in die Tiefe des Blocks. Rückwärtige Häuser bekommen so nicht nur Anteil an Licht und Luft, sie rücken auch an den öffentlichen Raum heran. Gekrümmte Hofpromenaden, wie der Fritschweg in der von Paul Mebes 1907 für den Beamten-Wohnungsverein in Steglitz errichteten Anlage, ermöglichen den Wohnungen diagonale Ausblicke und bieten doch Schutz vor dem Strassenlärm. Entlang der Gartenpromenaden entsteht so ein halböffentlicher Raum, der zugleich als Freiraum der Siedlung wie auch als frei zugänglicher Teil des Quartiers wahrnehmbar ist. Je nach der Dichte und Geschossigkeit und der Nutzung der Erdgeschosse überwiegt darin der private oder der öffentliche Charakter.
Im Gegensatz zum Wohnungsbau der klassischen Moderne zeigen die Reformblöcke vor dem Ersten Weltkrieg noch nicht den antiurbanen Einfluss der Gartenstadt. Es geht hier noch nicht um scharfe Funktionstrennung oder den Bau klassischer Siedlungen im Grünen, und auch nicht um die Auflösung des dichten Stadtgefüges – vielmehr geht es um dessen Variation.