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Noch ehe ich sprechen konnte, hatte ich mir meine eigene Sprache ausgedacht – Wörter unbestimmter Herkunft und unbestimmten Inhalts, die beim Aussprechen sofort wieder verschwanden. Wörter zu reimen, war meine liebste Beschäftigung. Stundenlang konnte ich mich damit beschäftigen. Und weil sich diese fremden und seltsamen Wörter reimten, hielten es die Erwachsenen für Gedichte in meiner eigenen Sprache. Das amüsierte sie sehr, immerhin rezitierte das eigene Kind in einer sehr seltsamen Sprache eifrig Gedichte. Heute kann ich mich an kein einziges Wort aus »meiner Sprache« mehr erinnern.
Kaum hatte ich Lesen und Schreiben gelernt, schrieb ich, wie so viele es tun, ein Gedicht. Es war natürlich meiner Mutter gewidmet. Die Schreibsucht hat mich erst Jahre später, im Teenageralter, gepackt. Unser Land wurde indes von der Kriegssucht befallen.
»Vergeude doch nicht so viel Kugelschreiber und Papier!«, ermahnte mich meine Mutter immer wieder. Und jedesmal, wenn sie mir das sagte, war ich zutiefst beleidigt. Heute kann ich sie gut verstehen. Es ist nicht leicht, Mutter zu sein, besonders im Krieg. Schon deshalb, weil man die wenigen Mittel, die man besitzt, nicht nur für Kugelschreiber und Papier zurücklegen muss, sondern für Brot und Kartoffeln. Da die Hefte zugunsten der Kartoffeln und des Brots immer weniger wurden, musste ich einen Ausweg finden. Ich fand einen und war überglücklich. Meine Großmutter hatte die Chemie- und Physikhefte meine Onkels sorgfältig aufbewahrt, als Beweis für den Fleiß ihres Sohnes. Die Jugendliche einer Übergangsperiode hatte noch genügend Platz, um zwischen die Formeln und Aufgaben im ordentlich geführten Heft eines Jugendlichen aus der sowjetischen Periode ihre Geschichten hinzukritzeln. Viele davon besitze ich bis heute. Auf den verschlissenen Heftumschlägen steht »Temur 1979« und darüber geschmiert »Ahorn im Dezember«, »Schatten« oder »Neununddreißig und dann noch der Vierzig« – allesamt Titel meiner frühen Erzählungen. Was ich schrieb, durften nur wenige, und zwar ausschließlich Mädchen, aus meiner Klasse lesen. Einige von ihnen schrieben auch selbst Geschichten. Wir waren für einander die Leser und hatten ein regelrechtes Ritual fürs Geschichtenaustauschen. Es war ein Ritual, aber auch ein Geheimnis, denn wir mussten höllisch aufpassen, dass unsere Schriften nicht von unseren Eltern, Brüdern oder anderen Jungs gelesen wurden. Darüber gab es ein stillschweigendes Abkommen zwischen uns Mädchen. Dennoch gelang es unseren pfiffigen Brüdern, die sehr gut darin waren, unsere Schriftwerke aufzuspüren, hin und wieder, eins zu lesen. Ihrem kindischen Spott und Gequatsche traten wir mit der erhabenen Miene der gequält Schaffenden entgegen. Die Jungs hatten ja sowieso keine Ahnung, was uns Mädchen auf dem Herzen lag. Ich habe damals sehr viel und beinahe über alles geschrieben: über Teenager, die ein spannendes und abwechslungsreiches Leben führen, reisen können, bunte Klamotten tragen und auf hell beleuchteten Straßen spazieren. Ich selbst musste allerdings im Zeitalter allgemeiner Elektrifizierung im Licht einer Öllampe lernen, die umgenähten Kleider meiner Mutter aus den Achtzigern tragen (damals auf dem Schwarzmarkt erworben) und abgeschieden von allem in einer Kleinstadt an der Peripherie des Landes leben. Tbilissi war damals die Stadt meiner Träume.
Ich wurde Studentin, zog in die Hauptstadt und hörte auf zu schreiben. Sehr bald wurde mir klar, dass Tbilissi gar nicht die Stadt meiner Träume war und die Diplomatie auch nicht mein Traumberuf. Nachdem ich den Bachelor gemacht hatte, übernahm ich verschiedene Niedriglohnjobs und schaffte es sogar, mich einige Male zu verlieben. Die Jahre 2002, 2003 und 2004 waren für mich besonders schwer: Ich verlor meinen Vater, der mein bester Freund war, das Gehör auf einem Ohr und meinen Job (den ich zum Überleben brauchte). Mit vierundzwanzig glaubte ich fast, es gebe für mich keine Zukunft mehr. Dennoch ergriff ich jede auch noch so kleine Chance, die sich hier und da ergab. So landete ich eines Tages vor dem deutschen Konsulat und später in Deutschland, besser gesagt, in einer Kleinstadt zwischen der Schweiz und Deutschland, als Au-pair-Mädchen in einer ungemein netten Familie. Das war meine erste Reise, mein erster Besuch in der »anderen Welt«. Und es war ein überwältigender, ein sehr tiefer Eindruck, den diese Welt auf mich machte. Später bin ich noch viel herumgekommen, aber einen solch gewaltigen Eindruck habe ich leider nie wieder gewonnen. Aus einem sehr angespannten Leben in eine äußerst ruhige und fremde Umgebung zu gelangen bedeutete für mich damals so viel wie Überleben. Ich fing wieder an zu schreiben. Nur wurden Papier und Kugelschreiber durch eine Tastatur ersetzt und meine drei bis vier Freundinnen durch zwanzig bis dreißig Literaten. Inzwischen war ich auf einer elektronischen Literaturseite gelandet, und der Wunsch zu schreiben entflammte neu in mir. Ich bin dieser Seite für ewig dankbar, denn sie schaffte mir jenen Freiraum, den ich immer gesucht hatte. Anschließend verbrachte ich ein Jahr in Budapest und erlangte dort meinen Magister in Genderforschung. In Budapest habe ich entdeckt, dass ich auch auf Englisch schreiben kann, und einen Studiengang Kreatives Schreiben besucht. Wie groß war doch meine Freude, als mir ein Lektor auf einer Weihnachtskarte schrieb: Tamta, you are a born writer. Zurück in Georgien habe ich einige Geschichten geschrieben und wieder mehrmals den Job gewechselt. Als ich im Sommer 2010 wieder einmal arbeitslos war, empfand ich das nicht als sonderliches Ärgernis. Im Gegenteil, so war es besser. So konnte ich endlich niederschreiben, was mir schon seit zwei Jahren auf den Nägeln brannte und wofür ich nie die Zeit hatte. Um zu überleben, muss man arbeiten, allerdings raubt einem die Arbeit eine Menge Zeit. Ich verschanzte mich in der unrenovierten, verlassenen Wohnung eines Bekannten, in der es weder Klimaanlage noch fließend Wasser gab. Die neunte Etage eines Hochhauses im Randbezirk von Tbilissi wurde zu »meiner eigenen Zelle«. Es war ein schrecklich heißer Sommer. Im Durchzug auf dem Boden liegend, habe ich Abzählen geschrieben.
Abzählen ist mein erstes Buch. In Georgien war es ein ziemlicher Erfolg – zahlreiche Rezensionen, ein Literaturpreis, viele Interviews und verkaufte Exemplare. Natürlich habe ich mich über den Erfolg gefreut, noch viel mehr freut es mich allerdings, dass die Leser meine Botschaft verstehen, sie annehmen und mitfühlen, sei es meine aus Abchasien geflohene Freundin oder eine unbekannte Journalistin. »Das Buch handelt von mir«, sagte sie mir, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie mied meinen Blick. Und ich mied ihren. Aus demselben Grund – auch meine Augen waren voller Tränen. Mit diesem Buch wollte ich etwas sagen, woran ich schon immer geglaubt habe. Der Krieg im Jahr 2008 hat diesen Glauben in mir noch verstärkt. Ich glaubte und glaube immer noch daran, dass Gewalt keine Nationalität kennt. Auch keine Grenzen. Dass sie überall gleich vernichtend und überall die größte menschliche Tragödie ist. Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass die Tragödie, wie sie in Abzählen geschieht, überall passieren kann: in Georgien, Kosovo oder Ruanda. Ich wollte zeigen, dass es außer dem Krieg der Politiker und des Militärs noch einen anderen Krieg gibt, den der Menschen und Kinder. Und eben dieser Krieg ist am grausamsten, auch weil darin soziale Ungerechtigkeit viel stärker zum Ausdruck kommt. Ich wollte auch sagen, dass Mädchen im Krieg immer noch Mädchen sind und dass ihre Freundschaft etwas ganz Besonderes sein kann.
Spricht man von der linguistischen Eigenart dieses Textes, von seinem Rhythmus und seiner Authentizität, muss ich an »meine Sprache« aus meiner frühsten Kindheit denken. Den Rhythmus dieser Sprache habe ich jetzt in meine Texte auf Georgisch transportiert. Scheinbar habe ich sie doch nicht ganz vergessen.
Tamta Melaschwili, Dezember 2011