Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03452.jsonl.gz/1912

Das Nibelungenlied
Würde der anonyme Autor des "Nibelungenlieds" heute leben, wäre er im Filmgeschäft und hieße Quentin Tarantino. Genau dieselbe dubiose Neigung zu Schund, Sex und Gewalt, genau dasselbe Talent zur Rasanz des Szenischen, genau dieselbe Schludrigkeit im Umgang mit der Erzähllogik. Aber das Werk stammt bekanntlich aus dem Mittelalter und fatalerweise hat es den Ruf des deutschen Nationalepos angehängt bekommen. Wer hat ihm nicht alles einen tiefen Sinn unterstellt, das Gemetzel und die fließenden Blutströme mit angeblicher "Nibelungentreue" gerechtfertigt! Der Text ist nichts für schwache Nerven, aber das hat er dann doch nicht verdient. Verdient hat das "Nibelungenlied" hingegen schon sehr lang eine Neuedition, die endlich nicht mehr die drei überlieferten Fassungen miteinander vermischt und auf diese Weise ein Werk konstruiert, das so niemals existierte. Ursula Schulze und Siegfried Grosse legen eine konsequente Edition der heute meistgelesenen St. Galler Handschrift B vor, die der vermuteten Urfassung am nächsten steht. Dieser Text erscheint erstmals synoptisch mit einer eingängigen, gut lesbaren neuhochdeutschen Übersetzung und einem ausführlichen Kommentar mit vielen Zusatzinformationen zu den anderen Fassungen.