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Niemand schrieb bessere Romanzen als Rosamunde Pilcher. Die britische Autorin starb diese Woche im Alter von 94 Jahren. Rosamunde Pilchers Sohn sagte der Zeitung „The Guardian“, seine Mutter habe einen Schlaganfall erlitten. Bekannt wurde Rosamunde Pilcher mit ihren Romanzen. Vor dem Hintergrund der Landschaften Englands und Schottlands liess sie ihre Protagonisten himmlische und höllische Gefühle durchleben. Die Zeitungen verbannten Rosamunde Pilcher schon früh in die Ecke der trivialen Kitsch- und Schundliteratur. Selbst die Nachrufe auf Rosamunde Pilcher, welche in dieser Woche zu lesen waren, strotzen vor Vorurteilen und vor Oberflächlichkeiten. Auch gestandene Nachrichten-Agenturen wie die DPA veröffentlichten in diesen Tagen oft nur unhaltbare Behauptungen über Pilcher, Behauptungen, aus den Fingern gesogen, nicht überprüft, nachgeplappert.
Rosamunde Pilcher, die Unverstandene. Die Nachrichtenagentur DPA bot der Presse in diesen Tagen Texte über Rosamunde Pilcher an wie diesen: „Junge trifft Mädchen. Es gibt Schwierigkeiten. Und am Ende kriegen sie sich. Dieses Strickmuster für Bücher und Filme ist ebenso schlicht wie erfolgreich.“ (Teresa Dapp und Uli Hesse, DPA; der Artikel war auch im WB zu lesen). Welch ein Käse! Kein einziger Roman, keine einzige Erzählung von Pilcher funktioniert nach diesem Muster. Was die Journalisten der Autorin vorwerfen, das praktizieren sie selbst: Sie stellen allgemein gehaltene Behauptungen auf, die sich an keinem einzigen Werk der Autorin Pilcher verifizieren lassen. Einfach eine Autorin in eine Ecke stellen, sich als die Besserwisser aufspielen, basta. Damit erweist man einer Literatin und der Literatur selber einen schlechten Dienst.
Versuch einer Ehrenrettung. Zugegeben, Rosamunde Pilcher hat ihre Geschichten nicht aufgeschrieben mit dem Ziel, grosse Weltliteratur zu schaffen. Sie sah sich selber jedoch immer in der Tradition der angelsächsischen Unterhaltungsliteratur. Und sie schrieb für gefühlvolle und romantische Menschen. Nach ihren eigenen Worten schrieb sie mit Vorliebe „leichte Lektüre für intelligente Damen“. Sie schrieb nach der Devise, dass Frauen in ihrer Freizeit nichts Verstörendes lesen möchten. „Sie wollen aber auch keinen Müll, der ihre Intelligenz beleidigt“, sagte Pilcher. Rosamunde Pilcher vertrat ein liberal-konservatives Frauenbild. Doch machte sie sich durchaus auch feministische Positionen zu eigen: „Frauen müssen aggressiv sein, wenn sie gleichberechtigt sein wollen“, gab sich Pilcher überzeugt. Wer Rosamunde Pilcher als Autorin gerecht werden will, der sollte sie nicht nach den Filmen beurteilen, sondern nach ihren Romanen. Nicht weniger als 144 Pilcher-Romane sind vom ZDF verfilmt worden. Die Verfilmungen erwiesen sich für Rosamunde Pilcher als Segen und als Fluch zugleich. Die TV-Filme erreichen nicht das Niveau ihrer literarischen Vorlagen. Das seichte TV-Unterhaltungs-Geschäft bekam den literarischen Kompetenzen der Autorin schlecht. Ihre Romane geben mehr her, als die ZDF-Filme schliesslich daraus gemacht haben. Allerdings – dies sei zugestanden – haben die Regisseure des ZDF der Autorin zum Durchbruch verholfen. Gemäss einer Umfrage ist Pilcher in den deutschsprachigen Ländern bekannter und vertrauter als Shakespeare.
Atmosphärische Romanzen. Der Durchbruch gelang Rosamunde Pilcher erst im Alter von 60 Jahren. Mit ihrem Debüt-Roman „Die Muschelsucher“ schuf sie sich im Jahr 1987 weltweit begeisterte Leser*innen. Nicht zufällig ist dieser Roman ein Bestseller als Rowohlt-Taschenbuch. Wer „Die Muschelsucher“ im Urlaub liest – am besten auf einer Reise nach Cornwall oder an die Südwestküste Englands – der spürt beim Lesen die frische Brise, die über die malerischen Felsenklippen streicht, und der hört den Wellenschlag und das Geschrei der Möwen. Sogar die deutsche Literaturkritik lobt die vertrackte Familiensaga, die überhaupt nicht nach dem trivialen Strickmuster verläuft, wie es unbedarfte Journalisten in diesen Tagen in die Welt hinausposaunen. In dieser Woche strahlte das Fernsehen SRF den Zweiteiler „Wintersonne“ aus. Ich habe ihn für Sie, liebe Leser*innen, angeschaut.
Der Zweiteiler „Wintersonne“. Die verfilmte Romanze aus dem Jahr 2003 wurde mit einem hochkarätigen Ensemble aus deutschen und englischen Schauspielern an den Originalschauplätzen gedreht. Protagonistin ist Elfrida Phibbs, deren Mann gestorben ist. Der Tod ihres Mannes beschert Elfrida auch die Chance auf einen Neubeginn. Sie möchte wieder an ihre frühere Zeit als Schauspielerin anknüpfen. Zu diesem Zweck zieht sie nach London. Dort freundet sie sich mit dem Pianisten Oscar Blandell und seiner Familie an. Doch dann kommen Oscars Frau Gloria und dessen Tochter Francesca bei einem Autounfall ums Leben. Der Zweiteiler kommt ohne allzu einfache Handlungsmuster aus. Unerwartete Wendungen und geschickt eingebaute Zufälle verleihen der Romanze eine lebensechte und spannende Handlung.
Literarische Höhepunkte in „Wintersonne“. In der Romanze verknüpft Autorin Pilcher verschiedene Sequenzen geschickt miteinander. Dabei siedelt sie die Gefühlswelt zwischen himmlischem Glück und Todestraurigkeit an. Auf das neu gewonnene Glück mit dem romantischen Pianisten Oscar Blandell und seiner Tochter Francesca folgt die niederschmetternde Nachricht vom Autounfall, bei dem dessen Frau und Tochter ums Leben kommen. Die Musik des Pianisten ist es, die eine zarte Band knüpft, zuerst zwischen Tochter Francesca und Vater Oscar, dann auch zwischen Oscar und Elfrida. Erinnerungen an eine glückliche Zeit an der Schauspielschule zusammen mit Oscar eröffnen Elfrida neue berufliche Zukunftsperspektiven. In einer eigenen Sequenz werden wir Zeuge der jungen Liebe zwischen Carrie Marchmont und Andreas Mendel. Die junge Liebe ist auf Sand gebaut, denn Andreas ist verheiratet, was er seiner Geliebten verschweigt. In einer dramatischen Liebesnacht setzt Carrie ihre grosse Liebe vor die Tür. Die Liaison zwischen den beiden Liebenden hält bis zum Schluss eine Option auf ein gemeinsames Glück offen. Doch – entgegen der Erwartungen einer trivial orientierten Leserschaft – kommen die beiden schlussendlich nicht zusammen. In einem Showdown, in dem Pilcher die Handlungsstränge von Elfrida und Oscar und von Carrie und Andreas verknüpft, zeichnet sich ein völlig unerwarteter offener Schluss ab. Carrie verbannt Andreas aus ihrem Leben, weil dieser eine Zukunft nur in einer Dreieck-Beziehung sieht. Stattdessen taucht ein Fremder auf, Sam Howard. Obwohl wir als Leser*innen diesen „Boten aus der Fremde“ vorerst als kühlen Geschäftsmann wahrnehmen, kommen die zarten Bande, die sich zwischen Carrie und Sam knüpfen, trotzdem glaubhaft rüber. Aber entgegen aller trivialen Muster bekommen sich die Beiden schlussendlich doch nicht. „Gib mir Zeit, Schritt für Schritt“, bittet Carrie. Und auch Elfrida und Oscar verbindet lediglich ein freundschaftliches Band. Oscar, traumatisiert vom Unfalltod seiner geliebten Tochter Francesca, kann seiner toten Frau Gloria nicht verzeihen. Sie sass am Steuer des Unfallwagens. Krank vor Traurigkeit und vor Enttäuschung wäre eine erneute Heirat unmotiviert und unglaubwürdig. – Meine Schlussfolgerung: „Wintersonne“ von Rosamunde Pilcher folgt kaum trivialen Handlungsmustern. Die Romanze ist für mich keine typische Trivialliteratur. Der Roman ist psychologisch gut motiviert, die Handlungssequenzen sind stimmig gebaut.
Romanzen braucht die Welt. In Rosamunde Pilchers Romanze „Wintersonne“ spielt der grossartige Schauspieler Sir Peter Ustinov einen weisen, alten Poeten. Seinem Zögling gibt er den Rat: „Trinke so viel tu kannst, aus diesem wunderbaren Kelch, den dir das Leben reicht.“ Wie zauberhaft er das gesagt hat! Lässt sich damit nicht auch das Wesen der literarischen Romanzen von Rosamunde Pilcher umschreiben? Pilcher schrieb über eine Liebe, die nach Erfüllung trachtet. Weil die Liebe oftmals nur einseitig ist. Weil die Partner nicht bemerken, dass sie füreinander bestimmt sind. Weil es Hindernisse zu überwinden gilt. Weil das Umfeld der Beziehung feindlich gegenübersteht. Die Welt braucht solche Liebesgeschichten. Pilchers Romanzen, am Sonntagabend auf der Couch genossen, sind wie Stabilisatoren in einem Leben, das für viele von uns die Romantik einer trauten Zweisamkeit verloren hat.
Text und Foto (Symbolbild): Kurt Schnidrig.