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«Diesseits der alten ehrwürdigen und ehrenfesten Stadt Basel, was lag da weiss und schimmernd im Felde? (…)» fragte Jeremias Gotthelf 1845 in «Jacobs des Handwerksgesellen Wanderungen durch die Schweiz» und meinte damit Birsfelden. Zwölf Jahre zuvor trennten sich die beiden Basel. Dies bescherte Birsfelden einen wirtschaftlichen Aufschwung sondergleichen. Architektonische Vertreter dieser Zeit finden sich noch heute.
Die erste Brücke über die Birs geht aufs Jahr 1424 zurück. Gebaut wurde sie durch die Stadt Basel hinsichtlich des Konzils einige Jahre später. Ein Grossteil des Verkehrs nach Zürich und via Gotthardroute nach Italien führte durch das heutige Birsfelden. Als sich Stadt und Land 1833 kriegerisch trennten, wurde aus Birsfelden ein Grenzort. Diesen Umstand machte man sich zu Nutzen; es entstanden Gastwirtschaften und Stallungen. Die Preise hielt man niedrig. Umgekehrt zogen sich die Seidenbandfabrikanten aus der Heimposamenterei zurück aufs Stadtgebiet. Die Angestellten mussten sich alsbald eine neue Bleibe in Stadtnähe suchen. Zwischen 1815 und 1850 wuchs die Bevölkerung um satte 220 Prozent. Das schnelle Wachstum dürfte vielleicht ein Grund sein, weshalb man in Brisfelden einen im klassischen Sinne «historischen» Kern nur schwer ausmachen kann. Er ist heute beinahe verschwunden; einzelne Bauten allerdings sind noch vorhanden.
An der Schulstrasse steht noch heute eine damals typische Architektur. Das Gebäude mit angebauter Laubengangerschliessung fungierte als Mietskaserne. Der einfache Grundriss beinhaltete jeweils drei minimale 2-Zimmer-Wohnungen pro Geschoss. Jede Wohnung verfügte zwar über eine Küche, Toiletten gab es nur am Ende der Laube. Dieses sogenannte «Kosthaus» ist das letzte erhaltene Gebäude aus dieser Zeit. Das 1864 gebaute vierstöckige Gebäude mit Mansarddach war grau verputzt mit hellgrauen Fensterläden. 1905 wurde das Gebäude im Zuge einer Aufstockung im Hof um eine Waschküche und einen Holzschopf ergänzt. 1950 wiederum wurden diese zu Garagen umgebaut.
Die durch die wirtschaftliche Situation provozierte Bevölkerungswanderung vor die Tore der Stadt Basel zog insbesondere Leute mit niedrigsten Einkommen an. Die durchschnittliche Belegung der Häuser lag in Birsfelden höher als in den meisten Städten der Schweiz. Dieser Umstand mag vielleicht aber auch damit zusammenhängen, dass sich in relativ kurzer Zeit viele Mietskasernen bildeten, während Basel mit Villenquartieren die Statistik tief hielt. Nachträglich eingebaute Küchen und Toiletten weisen aber darauf hin, dass bestehende Bauten wohl aufgeteilt wurden, um der Nachfrage nach Wohnraum gerecht zu werden. Die Heimatkunde von Birsfelden spricht von zwei Personen pro Zimmer. Gotthelf schrieb 1845 etwas provokativ, das Städtchen «sei aus ‚Dreck‘ gebaut, die Wände seien schrecklich dünn und es sei schrecklich kalt in diesen Häusern im Winter».
Neben diesen ersten einfachen Mietskasernen entstanden um die Jahrhundertwende herum Arbeiterhäuser mit weitaus repräsentativerer Erscheinung. Die ungleich feiner artikulierteren Fassaden der Reihenmehrfamilienhäuser an der Schützenstrasse sind bis heute weitestgehend erhalten geblieben. Ein durchlaufender Giebel verbindet die Gebäude. Ein Quergiebel einer Lukarne auf jedem Gebäude unterbricht die Einheit zur Strasse hin. Die fein ausgearbeitete Fassade mit Laubsäge-Ornamentik erinnert an den Heimatstil. Jedes Gebäude ist acht Meter breit und unterteilt in drei Achsen mit vergleichsweise grossen Fenstern zur Strasse hin; ein Vorgarten existiert nicht mehr. Rückwärtig geben regelmässige Rechteckfenster den Blick frei auf die schmalen und langen Parzellen. Den aufwändig gestalteten Fassaden stehen einfache Grundrisse im Inneren gegenüber. In den fünf dreigeschossigen Häusern waren ursprünglich je drei Wohnungen mit niedrigem Ausbaustandard untergebracht.
Mietskaserne Schulstrasse
Funktion: Wohnhaus
Adresse: Schulstrasse 9, 4127 Birsfelden
Baujahr: 1864
Umbau: 1905, 1950
Architektur: Maurermeister V. Lurati
Arbeiterhäuser Schützenstrasse
Funktion: Wohnhäuser
Adresse: Schützenstrasse 8-16, 4127 Birsfelden
Baujahr: 1905-1907
Architektur: Zimmermeister F. Brodmann
Text:
– Simon Heiniger / Architektur Basel
Fotos:
– © Börje Müller Fotografie
Quellen:
– Hasche, K. & Hanak, M. (2010), Bauten im Baselbiet: eine Architekturgeschichte mit 12 Spaziergängen, Schwabe AG, Basel. ISBN: 978-3-7965-2664-0
– Rüdisühli, K. (Hrsg.) (1976), Heimatkunde Birsfelden, Kantonale Drucksachen- und Materialverwaltung, Liestal. ISBN: nicht verfügbar.