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Sammlung
„Skulptur des Monats“ November 2005
Der sogenannte „Ares Borghese“
Original
Datierung: Römische Marmorkopie einer Bronzestatue des Alkamenes (?) aus der Zeit um 420 v. Chr.
Herkunft:
Standort: Paris, Louvre
Material: Marmor
Höhe: 212 cm
Abguss
Inv.-Nr.: 63-11 (SH 650)
Herkunft: Atelier du Louvre
Material: Gips, patiniert
Werkbetrachtung
Diese römische Marmorstatue ist die besterhaltene Kopie aus einer umfangreichen Reihe von vergleichbaren Repliken, die alle auf ein ursprünglich wohl bronzenes, im Original aber nicht mehr erhaltenes Meisterwerk des 5. Jhs. v. Chr. zurückgehen. Die Statue war bis zum Anfang des 19. Jhs. Bestandteil der Sammlung der Römischen Adelsfamilie Borghese, und wurde meistens als Bild des griechischen Kriegsgottes Ares gedeutet. Ausgehend von diesen beiden Tatsachen hat sich in der Archäologie der Begriff „Ares Borghese“ eingebürgert – und dies, obwohl die Deutung als Ares in den letzten Jahrzehnten mehrmals in Frage gestellt wurde. Ausserdem ist der heutige Aufbewahrungsort der Statue nicht mehr die Villa Borghese sondern der Louvre, wo-hin sie Napoleon im Jahre 1808 überführen liess.
Dargestellt ist ein leicht überlebensgrosser jugendlicher Krieger, der bis auf den Helm völlig nackt ist. Er steht auf dem linken Bein, das rechte ist energisch nach vorne gestellt. Trotz dieser deutlichen Ausfallstellung macht der Unterkörper einen etwas starren und unbewegten Eindruck. Der rechte Arm ist nach unten geführt, der (ergänzte) linke war vermutlich angewinkelt, ist aber bei keiner der bekannten Repliken vollständig erhalten. Die einzelnen Muskelpakete sind deutlich und angespannt hervorgehoben und vermitteln einen kompakten und kräftigen Eindruck des Kriegers. Der Kopf ist leicht gesenkt und zur rechten gewendet. Das ruhig und sinnend wirkende Gesicht steht in einem auffälligen Kontrast zum angespannten kräftigen Körper. Auf dem Kopf trägt der Krieger einen attischen, mit Hunde- und Greifenfiguren geschmückten Helm. Der Baumstamm hinter dem linken Bein gehörte in der ursprünglichen bronzenen Fassung nicht dazu, sondern geht auf den römischen Kopisten zurück, der ihn als statische Stütze zum schweren und brechbaren Marmor angebracht hatte.
Abbildung 1: Abguss des „Ares Borghese“ in der Skulpturhalle.
Zur originalen Bewaffnung des Kriegers gehörten höchstwahrscheinlich eine Lanze, die in der linken Hand gehalten wurde, sowie ein Schild, den der Krieger in seiner Linken getragen haben dürfte.
Obwohl die moderne Benennung „Ares Borghese“ geläufig geworden ist, bleibt die tatsächliche Deutung der Statue umstritten. Wegen ihres überlebensgrossen, kräftigen Körperaufbaus und der durch den Helm suggerierten Bewaffnung ist sie entweder als Gott (Ares) oder als homerischer Held (Achill, Paris) interpretiert worden. Der Fussring am rechten Bein ist oft in diese Diskussion mit einbezogen worden; höchstwahrscheinlich handelt es sich hier um ein oft in der Vasenmalerei von Kriegerfiguren getragenes Schmuckstück.
Kleine Details des Standbildes lassen aber eher an Ares denken. Der Reliefschmuck des Helms zeigt unter anderen auch Darstelllungen des Hundes, der in der griechischen Ikonographie als Begleittier des Kriegsgottes galt. Die durch den gesenkten Kopf fühlbare Isolierung des Kriegers vom Betrachter lässt ausserdem an eine göttliche, von den menschlichen Wirren abgesonderte Gestalt denken. Eine schlüssige Deutung der Figur bleibt aber letztlich unmöglich.
Die im Louvre aufbewahrte Marmorreplik ist im 2. Jh. n. Chr. entstanden. Das bronzene Originalbild kann dagegen aus stilistischen Gründen in die Zeit um 420 v. Chr. datiert werden. Die grosse Anzahl römischer Kopien zeigt, dass diese Statue schon in der Antike berühmt und beliebt war, so dass ihre Zuweisung an einen angesehenen griechischen Meister berechtigt ist. Die meisten Forscher bringen sie mit dem athenischen Künstler Alkamenes in Zusammenhang. Dies, weil man dank eines Hinweises des griechischen Reiseschriftstellers Pausanias weiss, dass Alkamenes die Kultstatue für den Arestempel auf der athenischen Agora schuf (Beschreibung Griechenlands I, 8,4). Auf Alkamenes dürfte mit ziemlicher Sicherheit die Prokne-Itys-Gruppe zurückgehen, die auf der Akropolis ausgegraben wurde und die nach Pausanias von einem Alkamenes gestiftet worden ist. Wahrscheinlich hat aber Pausanias ‹Stifter› mit ‹Künstler› verwechselt; in diesem Falle hätten wir – als einzigem Beispiel – ein klassisches Meisterwerk im Original vor uns. Leider lässt sich aufgrund der Verschiedenartigkeit des Motivs und der Erhaltung die Prokne mit dem Ares Borghese stilistisch kaum vergleichen; so bleibt die Identifizierung des „Ares Borghese“ als ein Werk des Alkamenes – obwohl aus chronologischen Gründen durchaus plausibel – nicht eindeutig beweisbar.
Trotz den offenen Fragen, welche die Rekonstruktion der Statue, ihre Deutung und Zuschreibung betreffen, bleibt der „Ares Borghese“ von grosser Bedeutung für die Geschichte der Archäologie. Einerseits, weil er mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Werk des Alkamenes, eines bedeutenden Meister der Hochklassik in wiedergibt, andererseits aber auch, weil er seit dem ausgehenden 18. Jh. einen wichtigen Beitrag zur Herausbildung der klassizistischen Ästhetik geliefert hat.
Esau Dozio
Auswahl an Literatur:
- Philippe Bruneau, L’„Ares Borghese“ et l’Arès d’Alcamène ou De l’opinion et du raisonnement, in: L. Hadermann-Misguich – G. Raepsaet (Hrsg.), Rayonnement grec. Hommages à Charles Delvoye, 1982, 177ff.
- Brigitte Freyer, Zum Kultbild und zum Skulpturenschmuck des Arestempels auf der Agora in Athen, Jahrbuch des Instituts 77, 1962, 211ff.
- Jale Inan, Roman copies of some famous Greek statues from Side, Antike Plastik XII, 69ff.
- Barbara Vierneisel-Schlörb, Kopf des Ares Borghese, Katalog München II, 178ff.
© Skulpturhalle Basel 2011 (barmasse.org)