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Was haben die Preise für Kühe mit der Aktienbörse zu tun? Was sind die Folgen, wenn Rohstoffspekulanten nur noch das Tun der anderen an der Börse, aber nicht mehr die Realität im Auge haben? Der Makroökonom David Bicchetti hat Erklärungen und Vorschläge.
WOZ: Herr Bicchetti, Sie haben 2011 an der Studie der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (Unctad) zur Preisbildung von Rohstoffen mitgearbeitet. Ihre Ergebnisse belegten, dass sich Rohstoffmärkte von den Wirtschaftsentwicklungen loslösen. Damals befanden sich die Preise für viele Rohstoffe auf einem Rekordhoch. Was ist seither geschehen?
David Bicchetti: Die Rohstoffpreise sinken seit mittlerweile eineinhalb Jahren. Das bestätigt unserer Hypothese: Kurz nachdem sich einige der grossen Finanzinstitute wie die deutsche Commerzbank und Barclays aus der Agrarspekulation zurückgezogen hatten, begannen die Preise zu sinken.
Wie beeinflusste das Spekulationsgeschäft dieser Banken die Preise?
Die Investitionen dieser Banken trugen zu den hohen Rohstoffpreisen bei. Nebst anderen massgeblichen Faktoren wie zum Beispiel der wachsenden Weltbevölkerung oder der wachsenden Mittelschicht in vielen Weltregionen.
Sie forschen ja weiterhin zum Thema Rohstoffpreise. Was sind Ihre jüngsten Resultate?
Unsere letzten Untersuchungen brachten zwei wichtige Ergebnisse. In den letzten paar Jahren hat sich eine neue Handelsform etabliert, der sogenannte Hochfrequenzhandel. Dabei tätigen Computeralgorithmen Transaktionen innert Millisekunden. Bei der Untersuchung dieser Handelsform fanden wir heraus, dass sich in den USA die Preise für Lebendvieh parallel zu den Aktienkursen bewegen. Das sind zwei Märkte, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben – sich aber offensichtlich in Zeitabständen von fünf Minuten gegenseitig beeinflussen.
Wie kann das zusammenhängen?
Für diese Beobachtung gibt es keine rationale Erklärung. Das Argument beispielsweise, dass die Chinesen mehr Fleisch essen und deshalb die Preise steigen, konnten wir widerlegen. Wir beobachten das Phänomen nämlich auch dann, wenn es Nacht ist in China und dort niemand auf dem internationalen Markt mit Fleisch handelt. Diese Beobachtung ist einzig mit Finanzspekulation zu erklären. Allein dadurch ist es möglich, dass in so kurzen Abständen Geld in den Viehmarkt hinein- und wieder herausfliesst.
Und was war die zweite Beobachtung?
Wir untersuchten die Preisveränderungen, basierend auf vorangehenden Preisveränderungen. Wir beobachteten also folgendes Verhalten: Der Preis geht hoch, woraufhin ein Anleger weiter mit einem Anstieg rechnet und darum Ware kauft. Dieser Anleger trifft seine Entscheidung nicht aufgrund von Informationen über Angebot, Nachfrage oder Ernteerwartungen. Er handelt allein aufgrund der vorangehenden Preisentwicklung.
Wir fanden heraus, dass dieses Verhalten bis zu siebzig Prozent der Preisveränderungen beispielsweise von Zucker erklärt. Indem die Leute dem Verhalten der anderen folgen, bestimmen sie also massgeblich die Rohstoffpreise. Sobald der Markt einen Preistrend realisiert, setzen die Spekulanten auf dessen Fortführung. Experten sprechen dann von Übertreibungen. Das kann über Monate oder gar Jahre so weitergehen. Und eines Tages macht es dann auf ein Mal bumm! – und das Ganze fährt gegen die Wand.
Kann dieses Verhalten der Anleger sowohl zu unter- als auch überbewerteten Rohstoffpreisen führen?
Natürlich, der Mechanismus spielt in beide Richtungen.
Müsste der erwähnte Hochfrequenzhandel verboten werden?
Ja. Ein bisschen dynamische Spekulation auf dem Rohstoffmarkt ist zwar nötig. Aber nicht dynamisch innert Sekunden oder Minuten, sondern in Zeiträumen von Tagen bis Monaten. Zeiträume, in denen der physische Rohstoffhandel tatsächlich abläuft.
Ebenfalls problematisch ist meines Erachtens der Handel mit Indizes. Mit einem Index kauft man sich einen Korb mit verschiedenen Rohstoffen, deren Preis von jeweils anderen äusseren Faktoren abhängt. Zum Beispiel wird der Weizenpreis vom Wetter beeinflusst, nicht aber der Preis für Öl. Wenn der Weizenpreis nun also wegen schlechten Wetters steigt und in einem Index auch Öl enthalten ist, dann steigt auch der Ölpreis, obwohl in Realität gar nichts mit dem Öl passiert.
Welche Rolle spielt die Schweiz im Rohstoffhandel?
Die wichtigsten Rohstoffmärkte – und folglich auch die Regulierungsaufgaben – befinden sich nicht in der Schweiz, sondern in der EU oder in den USA. Die Schweiz könnte aber eine wichtige Rolle spielen bei der Eingrenzung der oben genannten Spekulationsformen. Es schadet dem Ansehen der Schweiz, dass hier Firmen ihren Sitz haben, die im Index- und im Hochfrequenzhandel sehr aktiv sind. Spätestens bei der nächsten Nahrungsmittelkrise wird sie dadurch in einem sehr schlechten Licht stehen.
Welche Unternehmen meinen Sie?
Nebst den Banken sind dies die grossen Rohstoffunternehmen. Manche von ihnen beschränken sich auf den physischen Warenhandel. Andere hingegen betreiben gleichzeitig eigene Hedgefonds in der Rohstoffspekulation. In diesem Fall ist es fraglich, ob sich die beiden Geschäftsbereiche legitim unter einem Dach betreiben lassen. Auch wenn etwas anderes gesagt wird: Es ist extrem schwierig, diese beiden Bereiche getrennt zu halten. Solche Unternehmen besitzen daher die Möglichkeit, die Preisentwicklung für ihre eigenen Produkte durch Spekulation an den Finanzmärkten zu beeinflussen. Das ist sehr problematisch.
Was also könnte die Schweiz konkret tun?
Eine Chance für die Schweiz läge darin, eine Führungsrolle bei der Entwicklung von nachhaltigen Investitionsformen zu übernehmen: von Finanzprodukten, die wieder enger mit dem realen Geschehen verknüpft sind. Die Schweiz wäre ja nicht zum ersten Mal Pionierin im Finanzwesen. Schliesslich wurde hier in Genf die Handelsfinanzierung erfunden, die ursprünglich gar nichts mit Spekulation zu tun hatte.