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Ver-rückt: wortwörtlich gesehen die Bezeichnung dafür, dass etwas nicht am richtigen Platz ist, sondern eben ver-rückt. Wird jedoch verwendet, um einen krankhaften oder wirren Zustand zu beschreiben.
Die meisten kennen das Problem: Die Handlungen anderer Menschen tendieren dazu, uns zu verunsichern, wenn sie nicht dem entsprechen, was wir gewöhnt sind. Automatisch stellt sich entweder die eine oder die andere Frage: Mache ich etwas falsch oder macht mein Gegenüber etwas falsch? Ist einer von beiden ver-rückt?
Praktisch ohne Zögern wollen wir einen Fehler finden, wenn etwas nicht unserer Norm entspricht. Doch in dieser Formulierung steckt schon die Lösung: Es ist unsere, also die subjektive, persönliche, Norm, die nicht mit derjenigen eines anderen übereinstimmt. Doch ist das wirklich so tragisch, dass wir uns schlussendlich fragen, ob nicht einer von beiden verrückt ist?
Dazu ein Beispiel: Zwei Schüler erhalten nach einer Deutschklausur die selbe Note: Viereinhalb. Der eine freut sich, der andere ist enttäuscht. Dafür haben sie beide ihre individuellen Gründe, können jedoch die Reaktion des jeweils anderen nicht ganz nachvollziehen. Ist einer von beiden deswegen verrückt? Nein, bestimmt nicht. Die Schüler unterscheiden sich bloss in ihrer Auffassung des Werts dieser Note. Je nach Aufwand, der für die Klausur im Vorfeld betrieben worden ist, sind die Erwartungen höher oder tiefer.
Betrachten wir dieses Beispiel nun aus der Sicht des sogenannten gemässigten Konstruktivismus. Dies ist eine Auffassung, die besagt, dass wir als Menschen nicht vollständig einer Wirklichkeit ausgesetzt sind, da wir sie zum Teil selbst kreieren. So gibt es nach Paul Watzlawick zwei verschiedene Arten von Wirklichkeit: Die Wirklichkeit erster Ordnung und die Wirklichkeit zweiter Ordnung. Doch wie genau soll man sich das vorstellen?
Kommen wir zurück auf das Beispiel mit der Viereinhalb in der Deutschklausur. Die Wirklichkeit erster Ordnung beschreibt Dinge, die objektiv feststellbar oder verifizierbar sind. Also die gegebenen Dinge, die eigentlich für jeden der Wirklichkeit entsprechen müssten. In meinem Notenbeispiel wäre die Wirklichkeit erster Ordnung also die Note. Eine Zahl, die für beide Schüler die Gleiche ist: 4,5. Mit der Wirklichkeit zweiter Ordnung schreiben wir dieser Zahl aber einen Wert zu. Wir geben ihr eine subjektive Bedeutung, wie zum Beispiel: „4,5, so gut war ich schon lange nicht mehr!“ oder „Nur 4,5? Ich habe doch so viel gelernt?!“
Mit dieser Auffassung gibt es auf einmal keinen Grund mehr, jemanden sofort als verrückt abzustempeln. Zwar stimmt es nach wie vor, dass nicht alle dieselbe Auffassung, also Wirklichkeit zweiter Ordnung, der Dinge haben, und somit von der eigenen abrücken, doch dies sollte keinen negativen Beigeschmack haben. Andere Ansichten können nicht gleichgestellt mit besseren oder schlechteren Ansichten werden. Sie sind bloss anders, was vom Elternhaus, der Kultur oder der Perspektive abhängen kann.
Vielleicht erinnerst du dich beim nächsten Mal, wenn die Aktionen oder Wertzuschreibungen anderer dich verwirren, an diese zwei Wirklichkeiten. Dadurch ergibt sich weniger eine Verurteilung und viel mehr ein Interesse nach der Perspektive eines Gegenübers.
Der Gedanke mag idealistisch sein, doch mir persönlich gefällt die Vorstellung, dass wir anhand eines solchen Modells womöglich anfangen, mehr Empathie anstelle von Vorurteilen zu haben.