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Suchtprobleme im Alter nehmen demografiebedingt zu. An erster Stelle figuriert Alkohol, eine bedeutende Rolle spielt aber oft auch ein unangepasster Medikamentenkonsum. Wie geht der Kanton Basel-Stadt mit dieser Thematik um? Wir haben uns mit Eveline Bohnenblust, Leiterin der Abteilung Sucht unterhalten.
„Nicht selten beginnt ein problematischer Alkoholkonsum erst im höheren Alter“
Beim Thema „Sucht im Alter“ scheint die Alkoholsucht quantitativ gesehen klar im Vordergrund des Problems zu stehen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Eveline Bohnenblust: Aus der Praxis teilen wir die Ansicht, dass Alkohol das Suchtmittel Nummer 1 im höheren Alter darstellt. Repräsentative Stichproben der Schweizer Bevölkerung zeigen, dass jenseits des 60. Lebensjahrs neben Alkohol auch Tabak und Medikamente eine Rolle spielen. Unter den Medikamenten sind es insbesondere die Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmittel. Die Einnahme steht oftmals in Zusammenhang mit Schlafstörungen und Unruhe sowie Nervosität.
Wie lässt sich „alkoholsüchtig“ mengenmässig definieren?
Als risikoarmer Alkoholkonsum gelten für Männer zwei Standardgetränke pro Tag und für Frauen ein Standardgetränk pro Tag. Zudem werden konsumfreie Tage empfohlen, weil sie dem Entstehen einer Gewohnheit entgegenwirken. Für die Schweiz gilt 1 Standardgetränk = 10 g reiner Alkohol, dies entspricht in etwa:
- 3 dl Bier (5 Vol.%)
- 1 dl Wein (12,5 Vol.%)
- 2 cl Schnaps (55 Vol.%)
- 4 cl Likör (30 Vol.%)
Von einem risikoreichen Konsum kann ab über 60 g pro Tag bei Männern respektive ab 40 g pro Tag bei Frauen gesprochen werden.
Eveline Bohnenblust
Wie hoch schätzen Sie die Zahl an älteren Personen in der Schweiz ungefähr ein, die ein ernsthaftes Alkoholproblem haben dürften?
Die Ergebnisse aus der nationalen Erhebung Suchtmonitoring Schweiz 2012 zeigen, dass bei 7.6 Prozent der Altersgruppe 65 bis 74 von einem chronisch risikoreichen Konsum gesprochen werden muss. Das sind 5.6 Prozentpunkte mehr als bei den Jungen (15 bis 19-jährige). Das Rauschtrinken dagegen geht mit dem Alter deutlich zurück und ist in jüngeren Altergruppen (20-24J.) am höchsten. Wichtig ist aber auch zu sagen, dass die überwiegende Mehrheit keine Suchtmittel konsumiert bzw. sich Alkohol oder Tabak als Genussmittel gelegentlich gönnt, ohne dabei „süchtig“ zu sein.
Die Behörden wollen über die Risiken aufklären. Aber Hand aufs Herz: Wir wissen doch alle schon längst, dass zuviel Alkohol oder Rauchen nicht gesund sind. Was soll Aufklärung z.B. mit Prospekten noch nützen, insbesondere in einem höheren Alter?
Grundsätzlich ist „Wissen“ über Substanzen und deren Risiken von grosser Bedeutung. Erst durch Information kann ein selbstverantwortlicher Umgang mit Suchtmitteln erlernt werden. Wichtig ist auch auf die Zusammenhänge aufmerksam zu machen. Nicht selten beginnt ein problematischer Alkoholkonsum erst im höheren Alter, was oftmals mit den veränderten Bedingungen wie der Beendigung des Berufslebens, Langeweile oder nachlassender Leistungsfähigkeit etc. zusammenhängt.
Welche Ansatzpunkte verfolgen Sie?
Ein Ansatzpunkt besteht darin, genau diese Bedingungen im Rahmen einer Beratung anzuschauen und zu verändern. Beispielsweise eine Tagestruktur gegen Langeweile, die Einbettung von alleinstehenden Personen in soziale Netzwerke, um der Isolation entgegenzuwirken. Der Erhalt der Gesundheit und eine Verbesserung der Lebensqualität sind in jedem Alter lohnenswert. Im höheren Alter können insbesondere Stürze oder Unfälle aufgrund von Alkohol- oder Medikamentenkonsum verhindert werden.
Wie erreichen Sie überhaupt Süchtige? Schämen sich diese nicht sogar, Hilfe zu beanspruchen?
Schamgefühle kommen sicherlich häufig vor – übrigens nicht nur bei suchtmittelabhängigen Personen, sondern auch bei anderen psychischen oder sozialen Problemen und sind sehr menschlich. Der Weg, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, kann länger dauern. Personen, die in die Suchtberatung kommen, melden sich grösstenteils selber oder erscheinen auf Anraten von Angehörigen. Die Erfahrung zeigt: der erste Schritt ist der wichtigste. Wer sich in Beratungsgesprächen akzeptiert und verstanden fühlt, hat weniger Scham und kann besser an einer Veränderung arbeiten.
Angenommen ein Süchtiger überwindet diese Schamgrenze: Wie soll er vorgehen, wenn er seine Sucht wirksam bekämpfen will? An welche Institutionen in Basel kann er sich wenden?
Eine erste Anlaufstelle ist der Hausarzt/die Hausärztin, denen man sich anvertrauen kann, die Unterstützung anbieten und die im Bedarfsfall an eine Fachstelle weiter vermitteln können. Daneben gibt es Kanton Basel-Stadt verschiedene Angebote in der Suchthilfe, die betroffene Personen auf ihrem Weg aus der Sucht unterstützen. Das Hilfsangebot reicht von Informationen zur Sucht und Suchtentstehung über ambulante Beratung und Behandlung bis hin zur Substitutionsbehandlung oder stationären Therapie und richtet sich sowohl an Personen mit einem Suchtproblem wie auch an deren Angehörige und Dritte (z.B. Arbeitgeber).
Welche Hilfe wird von diesen Institutionen geboten?
Fachpersonen von Beratungs- und Behandlungsstellen bieten Rat bei allen Fragen rund um die Suchtproblematik. Sie helfen Betroffenen, eine Therapie zu beginnen, einen Entzug zu organisieren und begleiten sie in der Zeit während und nach der Behandlung. Dabei bieten sie auch Unterstützung bei der Lösung von sozialen und finanziellen Problemen an. Es wird immer die gesamte Lebenssituation gemeinsam besprochen. Dazu gehört auch das Ansprechen der Themen, wo Veränderungen gewünscht oder notwendig sind. Eine solche Veränderung kann z.B. das Ziel beinhalten, soziale Kontakte herzustellen bzw. zu pflegen; und bezweckt, die Sucht fördernden oder aufrechterhaltenden Bedingungen zu verändern.
Wie findet man die Adressen?
Wer sich selbstständig informieren möchte, kann dies auf der Webseite www.sucht.bs.ch tun. Auf dieser findet man alle Informationen rund um das Thema Sucht und eine Adressdatenbank.
In welchem Ausmass ziehen Sie die Angehörigen in die Problematik mit hinein?
Für Angehörige können Sorgen um die Gesundheit der suchtbetroffenen Person, aber auch das Zusammenleben mit ihr oft sehr belastend sein. Suchtberatungsstellen bieten auch für Angehörige und das soziale Umfeld Unterstützung an. Daneben gibt es auch Gruppenangebote für Angehörige, wo sie sich mit Menschen in einer ähnlichen Lage austauschen und gegenseitig entlasten können. Das können Selbsthilfegruppen sein oder von einer Fachperson geleitete Gruppen. In den Beratungs- und Behandlungsstellen sollten die Familiensituation und das Verhältnis immer erfragt und bei Bedarf oder auf Wunsch aktiv miteinbezogen werden.
Die Einnahme von Medikamenten ist für viele Menschen ein tägliches „Muss“, um den Alltag ertragen zu können. Würden Sie solche Menschen eigentlich auch als süchtig bezeichnen?
Es gibt Medikamente mit Abhängigkeitspotential. Weit verbreitet sind z.B. Schlaf- und Beruhigungsmittel. Auch hier gibt es im Kanton verschiedene Einrichtungen, die Hilfe anbieten: Dies sind u.a. die Abteilung Sucht der Gesundheitsdienste Basel Stadt, die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Eine entscheidende Rolle kommt den Ärztinnen und Ärzten zu, die die Medikamente verschreiben und die Zeit während der Einnahme begleiten. Hier kann mit dem Arzt zusammen das Thema aufgenommen werden.
Die Kombination von Alkohol und Medikamenten dürfte im Alter ein überdurchschnittlich grosses Problem darstellen. Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?
Zur Behandlung von Beschwerden wie Bluthochdruck, Herzbeschwerden oder Schmerzen werden im Alter häufig mehr Medikamente eingenommen. Öfters müssen verschiedene Medikamente gleichzeitig eingenommen werden. Viele Medikamente zeigen untereinander Wechselwirkungen und verändern in Kombination mit Alkohol ihre Wirkung. In der Beratung ist es daher wichtig zu überprüfen, ob die Klientinnen und Klienten ihre Medikamente gemäss ärztlicher Verordnung einnehmen und genügend darüber informiert sind, ob Alkohol getrunken werden darf und wenn ja, wieviel.
Und wenn das nicht der Fall ist?
Bei Vorliegen einer Diskrepanz zwischen ärztlich empfohlenem und tatsächlichem Alkoholkonsum wird in der Suchtberatung mit Informationen und motivierender Beratung zu einer Verhaltensänderung angeregt. Wenn weitere Betreuungspersonen wie zum Beispiel Spitex-Dienste involviert sind, ist die Zusammenarbeit wichtig. Besonders bei Personen mit gesundheitlichen Problemen ist eine enge Zusammenarbeit unter den Betreuungspersonen wichtig.
Letzte Frage: Gehört zur Definition von „Sucht im Alter“ eigentlich auch die Spiel- und Kaufsucht? Wenn ja: Wie sehen hier die Hilfeleistungen der Instanzen aus?
In den letzten Jahren konnte gezeigt werden, dass auch exzessiv ausgeübte belohnende Verhaltensweisen ein Suchtpotential besitzen, wozu auch die Spiel- und Kaufsucht gehören. Was diese „Verhaltenssüchte“ anbelangt, so hat bisher einzig die Glücksspielsucht international anerkannte Diagnosekriterien. Kaufsucht, aber auch z.B. Internetsucht sind breit diskutierte und aus der Praxis bekannte „Süchte“, die jedoch weiterer Forschung bedürfen. Verhaltenssüchte kennen keine Alterslimiten. Inwieweit sie aber in der älteren Bevölkerung eine Rolle spielen, wird sich erst noch zeigen.