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Turbulente Geschichte(n)
Im Gegensatz zur Landwirtschaft, welche den verfassungsrechtlichen Auftrag hat, die Landschaft als ein öffentliches Gut zu pflegen, ist die Hotellerie schon lange keine geschützte Branche mehr. Sie ist überdurchschnittlich hohen Marktrisiken ausgesetzt, und die Anzahl der Betriebe schrumpft. Es stellt sich deshalb die Frage, ob der beschleunigte Strukturwandel der Hotellerie als standortgebundener Leitindustrie von strukturschwachen Landesteilen, die aufgrund von komparativen Wettbewerbsvorteilen auf den Tourismus spezialisiert sind, begleitet werden soll oder nicht.
Gründerzeit
Zur Zeit der Gründung des Bundesstaates schrieb der deutsche Reiseführer «Baedeker» zu Recht: «Die Schweiz hat unbestreitbar die besten Hotels der Welt». Dieses Lob hatten sich die Schweizer Hotelpioniere verdient. Sie erfanden den modernen Tourismus. Sie erschlossen die attraktivsten Sehenswürdigkeiten des Landes. Sie bauten einen grossen Teil der modernen touristischen Strukturen auf. Sie machten die Hotellerie zu einer führenden Exportindustrie der Schweiz und trugen zur Finanzierung des Aufbaus der modernen Schweiz bei.
Die Hotelpioniere waren unabhängige Innovatoren, welche sich auf ihr berufliches Wissen und ihre Erfahrung stützten. Sie waren von der Improvisation getriebene Unternehmer, häufig Autodidakten, aber erfahrene Experten in ihrem beruflichen Bereich, die Grossprojekte aus selbst verdientem Geld und ohne jegliche staatliche Hilfe finanzierten – wie etwa Bernhard Simon, ein Architekt und späterer Erbauer und Betreiber des Quellenhofs in Bad Ragaz, oder Adolf Guyer-Zeller, ein Grossindustrieller im verwandten, da tourismusabhängigen Bereich der Bergbahnen.
Die Pioniere folgten den Ansprüchen reicher ausländischer Gäste und bauten Grand- und Palasthotels, aber für den Mittelstand auch kleinere Hotels, Pensionen und Kurhäuser in abgelegenen Lagen. Sie verschmolzen in den Luxushäusern, die früher als die Haushalte der Schweizer Städte elektrifiziert wurden, historische Architektur mit modernster Technik (Gaulis, Creux, 1975). Sie inszenierten die naturräumlichen Ressourcen zu Traum- und Erlebniswelten lange vor Walt Disney.
Sie nutzten das einmalige Präferenzkapital, das seit dem 18. Jahrhundert von Philosophen, Dichtern und Malern als unbeabsichtigte Werber für die Schweizer Hotellerie aufgebaut wurde (Bener, Schmid, 1983). Der Genfer Rousseau plädierte etwa in den adligen Kreisen der damaligen Zeit für eine Rückkehr zu einem authentischen, naturnahen Leben. Er lobte die Tatsache, dass man in der republikanischen Schweiz in den Gasthöfen gegen die Autoritäten wettern konnte. Ein Besuch unseres Landes war für das Ansehen der damaligen Zeitgenossen Pflicht (Keller, 1982).
Belle Epoque
In der langen Blütezeit der Weltwirtschaft, die von 1880 bis 1914 dauerte und zu Recht als «Belle Epoque» in die Geschichte einging, fand ein ungebremster Aufschwung der Hotellerie generell und der kapitalintensiven Luxushotellerie im Besonderen statt. Damals bestand in der westlichen Welt ein verhältnismässig langer Friede. Der freie Handel mit Gütern brachte Wohlstand. Die Grenzen waren leicht passierbar.
Der unternehmerischen Initiative waren in den damaligen «Nachtwächter-Staaten» kaum Grenzen gesetzt. In der Belle Epoque entstand die verschwenderische, grossbürgerliche Klasse der «feinen Leute», wie sie vom amerikanischen Ökonomen Thornton Veblen beschrieben wurde. Dieser verachtete sie, weil sie in der frühkapitalistischen Zeit wenig zimperlich zu Vermögen gekommen waren. Sie hielten sich nicht nur monatelang in den Schweizer Hotels auf. Je prestigeträchtiger und teuer der Preis von Dienstleistungen war, desto mehr wurde konsumiert – ein Kontrapunkt zur klassischen Konsumtheorie, aber im Luxussegment noch heute praktiziert.
Es gelang den Schweizer Hoteliers, die damalige Oberschicht anzuziehen, weil sie als Unternehmer kein Risiko scheuten und inmitten idyllischer, alpiner Landschaften riesige Hotelkomplexe bauten, welche den modernsten Luxus boten. Dabei nützte es ihnen, dass sie oftmals untereinander verwandt waren und einander bei der Finanzierung von Investitionen halfen, Fachwissen austauschten und dieses von Generation zu Generation tradierten. Sie gründeten auch die erste Hotelfachschule der Welt, eine einzigartige Innovation im Bereich der damals noch in ihren Anfängen stehenden Berufsbildung.
Die grosse Krise
Der unerwartete Ausbruch des 1. Weltkriegs im Jahre 1914 führte zu einem unvorstellbaren Einbruch. Die Klasse der feinen Leute gab es nicht mehr. Die Weltwirtschaftskrise von 1929, die darauf folgende staatliche Zwangsbewirtschaftung des Devisenverkehrs und der 2. Weltkrieg verlängerten die Agonie der Schweizer Hotellerie.
Im Spitzenjahr 1910 übernachteten noch 22 Millionen ausländische Gäste in St. Moritz, im folgenden Jahr waren es nur noch ganz wenige. Die Schweiz, von den oft arroganten englischen Kunden als ein Land von Bettlern und Alpenrosenverkäufern betrachtet, war damals noch arm. Nur wenige Schweizer konnten sich Ferien in Hotels leisten und die ausbleibenden ausländischen Gäste ersetzen.
Die Hotels mussten die Preise senken. Sie konnten keinen kostendeckenden Betrieb mehr aufrechterhalten und ihre Kapitalkosten nicht mehr bezahlen. Sogar die Vorräte einzelner Hotels mussten mit staatlichen Betriebskrediten finanziert werden. Es zeigte sich erstmals, dass der grenzüberschreitende Tourismus nur florieren kann, wenn in den Herkunftsmärkten Wohlstand und Frieden herrscht und die Grenzen für Reisende offen sind.
Notrecht
Die katastrophale wirtschaftliche Lage der Hotellerie, die nicht nur die Luxushäuser, sondern auch bescheidenste Hotels in den Bergtälern in Not brachte, zwang die Behörden der betroffenen Kantone und später den Bund zu Eingriffen in den Hotelmarkt. Es wurden notrechtlich verfügte Sondermassnahmen getroffen, wie die Stundung von Kapitalkosten, die Gewährung von Darlehen für Reparaturen und Unterhalt, die Mithilfe bei finanzwirtschaftlichen Sanierungen, aber auch Betriebskredite, um die Vorräte einzelner Hotels zu finanzieren.
Zur Umsetzung und Koordination der staatlichen Hilfsmassnahmen wurde 1921 die gemischtwirtschaftliche Schweizerische Hotel-Treuhand-Gesellschaft (SHGT) gegründet. Die Zeitgenossen schätzten die Arbeit dieser Institution: Der aus dem Kanton Aargau stammende und deshalb interessenpolitisch neutrale Bundesrat und langjähriger Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements Edmund Schulthess lobte die SHGT anlässlich ihrer vorübergehenden Auflösung im Jahre 1931 überschwänglich: Er sagte, dass «bei keiner Hilfsaktion des Bundes so rationell und sparsam gewirtschaftet wurde und mit verhältnismässig so bescheidenen Mitteln grosse Erfolge erzielt habe.»
Die direkt der Hotelförderung anzurechnenden Notmassnahmen beliefen sich ohne die ab 1917 gewährten Subventionen für die Förderung des Reiseverkehrs, also der touristischen Landeswerbung, lediglich auf 47 Millionen Franken oder zu heutigen Preisen 293 Millionen Franken. Sie lagen also beträchtlich unter den Kosten der ebenfalls aus standortpolitischen Gründen notwendig gewordenen Rettung unserer nationalen Fluggesellschaft, welche dank rund zwei Milliarden des Bundes sowie mit Beiträgen der Kantone und grosszügiger privater Hilfe unter neuer Bezeichnung erhalten werden konnte.
Fragwürdige Eingriffe
Im Rahmen der Aufhebung des kriegsrechtlichen Vollmachten-Regimes erlaubten die Eidg. Räte dem Bundesrat bei Kriegsende, weitere «unumgängliche und notwendige Massnahmen zur Wahrung der wirtschaftlichen Interessen des Landes» zu ergreifen.
Aufgrund dieser Kompetenz führten die Landesbehörden 1924 eine Bedürfnisklausel für neue Hotels und die Erweiterung bestehender Hotels ein. Zuerst die kantonalen und dann die Bundesbehörden schützten damit die bestehenden Betriebe vor der Konkurrenzierung durch neue Betriebe. Sie wollten eine Verstärkung des damals bestehenden Angebotsüberhangs verhindern.
Die Kantone vollzogen die Bewilligungspflicht mehr oder weniger konsequent. Im Wallis entstanden im Zeitraum von 1922 bis 1935 rund 3000 und im Tessin rund 1000 neue Betten, in der Innerschweiz und dem Berner Oberland wurde das Hotelneubauverbot strikte befolgt (Gölden, 1939).
In den 1930er-Jahren wurde eine zusätzliche strukturerhaltende Massnahme von grosser Tragweite beschlossen. Die privatwirtschaftlich organisierte Schweizerische Hotel-Treuhand AG erhielt ein gesetzliches Pfandrecht vorgängig zur ersten Hypothek, welches die Verluste auf die Banken überwälzte.
Mit dem Entschuldungsgesetz für die Hotellerie und Stickerei-Industrie wurden zwei Jahrzehnte später zudem Entschuldungen durch Abschreibung der Kapitalkosten auf der Höhe des Ertragswertes der Hotelliegenschaften ermöglicht, meist ebenfalls zulasten der Banken. Das war im Nachhinein zu viel des Guten.
Das Hotelbauverbot, das gesetzliche Pfandrecht der SHTG und das Entschuldungsgesetz stiessen bereits bei Zeitgenossen auf Unverständnis. So schrieb ein in Davos ansässiger Rechtsanwalt und Führer der Bündner Arbeiterbewegung in der «Roten Revue» kurz zusammengefasst folgendes (Silberroth, M., 1948):
«Die reiche Kundschaft ist im Schwinden begriffen. Reisekassenproletariat und proletarisierte Mittelschicht mögen als Hotel-Klientel der Zukunft den Hoteliers zwar kalte Schauer über den Rücken laufen lassen, aber auch die Hotellerie muss der sozialen Umschichtung in einer neuen Welt Rechnung tragen, soll die Zeit nicht über sie hinweggehen und zwangsläufig zur totalen Verstaatlichung dieses Industriezweiges führen, wo doch der entschuldete Hotelier schon nicht mehr Herr im Hause ist.»
Nachkriegszeit
Für die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg erwarteten die Experten weitere Einbrüche der Schweizerischen Hotelnachfrage. Statt einer touristischen Nachfragedepression fand aber ab den 1960er-Jahren ein Wirtschaftsboom statt, der bis zur Aufgabe der festen Wechselkurse und der ersten Erdölkrise anfangs der 1970er-Jahre dauerte. Von diesem starken Wachstum profitierte auch der Tourismus, der aufgrund der Wohlstands- und Währungsgewinne, der individuellen Motorisierung und des Aufkommens des Wintersports zu einem industriegesellschaftlichen Massenphänomen wurde.
Von 1950 bis 1974 nahm deshalb auch die Anzahl der Hotelbetriebe von 6700 auf 8204 zu, während sich die Anzahl der Hotelübernachtungen von 17 auf 34 Millionen verdoppelte. Nach der Rekordhöhe von 1974, begann die Anzahl der Betriebe zu schrumpfen. Dieser Trend setzt sich bis heute fort.
Die Anzahl der Übernachtungen konnte gehalten werden, weil die im Markt verbliebenen Betriebe die Zahl der angebotenen Betten steigern konnten. Seit den 1960er-Jahren nahmen aber auch die Übernachtungen in der Parahotellerie, der populären Konkurrenz der Hotels, stark zu. Diese erzielte 1975 erstmals mehr Übernachtungen als die Hotellerie. Seither schwächelt auch die Parahotellerie, die heute eine schlechte Auslastung hat.
Der staatliche Konkurrenzschutz wurde deshalb schrittweise abgebaut. Das Schweizer Volk lehnte 1952 mit 60 Prozent der Stimmen die von den tourismusabhängigen Landesteilen geforderte Verlängerung der Hotelbedürfnisklausel ab. Im Jahre 1961 erfolgte die Aufhebung der rechtlichen Schutzvorkehren, der Entschuldungsaktionen und des gesetzlichen Pfandrechts der Schweizerischen Hotel Treuhand AG.
Nachhaltige Folgen
Die Folgen der über drei Jahrzehnte langen, vorwiegend mit rechtlichen Massnahmen von Bund und Kantonen geförderten Strukturerhaltungspolitik waren für die Schweizer Hotellerie schwerwiegend. Sie schwächten das Unternehmertum und stärkten das Beharrungsvermögen in der traditionellen Hotelbranche, die aufgrund der zunehmenden Reife des Produkts eigentlich hätte innovieren müssen. Und sie führten zu einer teilweisen Überalterung und «Verlotterung» der Betriebe und vor allem zu einer Beeinträchtigung eines funktionierenden privaten Kreditmarktes.
Mehr als die Hälfte der heutigen Hotels wurden in der Schweiz bereits vor dem 1. Weltkrieg gebaut. Alte Häuser können oft nicht effizient bewirtschaftet werden und entsprechen nicht den modernen Gästebedürfnissen. Erneuerungen sind teurer als Neubauten. Die Grand- und Palace-Hotellerie konnte bis heute meist nur dank der Hilfe von Stiftungen und Mäzenen renoviert werden.
Der Konkurrenzschutz trug immerhin dazu bei, dass in unserem Land in Städten, an den Alpenrandseen und im Berggebiet ein einmaliges Angebot an gut erhaltener und auf den neuesten Stand gebrachter historischer Hotels besteht. Diese oft unter Denkmalschutz stehenden Häuser wären ohne die staatlichen Rettungsmassnahmen wohl kaum noch alle auf dem Markt.
Als Randnotiz der Geschichte sei vermerkt, dass die tonangebenden Schweizer Architekten nach dem 1. Weltkrieg gegen den Historismus der Belle Epoque waren. Sie waren aus Landschaftsschutzgründen gegen die «unsere schönsten Gegenden entstellenden Hotelkästen». Diese wurden deshalb in der Nachkriegszeit mit Mitteln des Denkmalschutzes oft zu einfachen Berghotels zurückgebaut, wie das 1875 eröffnete Grand Hotel Rigi Kulm (Flückiger, 2003).
Marktöffnung
Man kann sich fragen, wieso in einer Zeit langanhaltenden touristischen Aufschwungs die Hotelförderung mit dem für heutige Verhältnisse äusserst schlanken Bundesgesetz über die Förderung des Hotelkredites vom 1. Juli 1966 weitergeführt, gestärkt und finanziell besser dotiert wurde. Der Grund lag darin, dass die Behörden das strukturelle Risiko der Hotelindustrie in den Saisongebieten als im Vergleich zur übrigen Wirtschaft nach wie vor als sehr hoch einschätzten und deshalb mit Hinweis auf die neuen Wirtschaftsartikel in der Bundesverfassung von 1947 nicht auf die Hotelförderung verzichten wollten (Huber, 1976). Zudem galt es, die gute Konjunktur zum Abbau der Altlasten zu nutzen.
Trotz der verbesserten Ertragslage, der Zunahme der Erneuerungsinvestitionen und der schuldenvermindernden verstärkten Abschreibungsbemühungen schrieb der Bundesrat in seiner Botschaft zum neuen Hotelkreditgesetz, dass «ohne Anpassung an die modernen Erfordernisse, wie beispielsweise mehr Zimmer mit Bad, vermöchte die schweizerische Hotellerie gegen die ausländische Konkurrenz nicht zu bestehen.» (BBl 1965 III 592) Die laufende Anpassung des Komforts an die wohlstandsbedingt immer raffinierter werdende moderne Wohnkultur der potentiellen Kunden ist auch noch heute ein kostspieliger Sachzwang in einem Land, das von traditionellen Hotelbauten geprägt ist.
Einer der wesentlichen Gründe für die Schaffung der Schweizerischen Gesellschaft für Hotelkredit war nicht nur der Wille der Behörden, mit der Hotelförderung den Erneuerungsprozess zu beschleunigen. Vielmehr stand die Wiedereinführung eines starken privaten Hotelkreditmarktes im Vordergrund, der insbesondere unter dem notrechtlich eingeführten Vorgangspfandrecht der Schweizerischen Hotel-Treuhand AG stark gelitten hatte (Archiv Amstutz, 2017).
Die Banken erlitten aufgrund dieser Regelung Verluste von mehr als 200 Millionen Franken, was zu einer faktischen Kreditsperre führte. Die neue SGH zielte darauf ab, der Hotellerie die erforderlichen Marktkredite zu verschaffen, «indem den Banken die nötige Sicherheit durch Verbürgung geboten wurde» (BBl III 598). Die Bürgschaften wurden verstärkt mit einer Bundesgarantie, mit welcher der Bund der Gesellschaft bis zu einer Summe von 100 Millionen Franken 75 Prozent der Bürgschaftsverluste zurückvergütete.
Damit wurde für die Banken ein Anreiz geschaffen, um die erforderlichen Darlehen zu gewähren, da ihr Risiko nicht höher als bei der Gewährung von ersten Hypotheken war. Die erwarteten geringen Verluste auf Bürgschaften belasteten den Bund nicht. Damit die Erneuerung von Hotelbauten auch in solchen Fällen vorgenommen werden konnte, wurde der Gesellschaft zudem erlaubt, Direktdarlehen zu gewähren, sofern die Verbürgung nicht genügen sollte.
Damit nahm der Bund endgültig Abschied von seiner Strukturerhaltungspolitik, obwohl er gleichzeitig eine öffentlich-rechtliche Genossenschaft für die Hotelförderung schuf. Mit diesem scheinbaren Paradox gelang es ihm nämlich, eine Organisation zu gründen, die Beratung und Finanzierung von Hotels so marktnah wie möglich zusammenbrachte.
Die Instrumente der Genossenschaft sorgten für eine Nachgangfinanzierung, welche die privatwirtschaftliche Kreditvergabe verstärkte, aber nicht diskriminierte. Dazu übernahm die SGH die Schweizer Hotel-Treuhandgesellschaft und deren während Jahrzehnten aufgebautes Sachwissen im Bereich der Hotelbewertung. Ebenso wurde die private Schweizerische Bürgschaftsgenossenschaft für die Saisonhotellerie, die 1956 gegründet worden war und Darlehen verbürgte, in die neue Organisation integriert.
Die SGH erhielt zwar eine halbstaatliche Rechtsform, blieb aber eine Genossenschaft und kann deshalb bis heute neue Mitglieder aufnehmen. Die neue SGH war sehr erfolgreich. Sie gewährte von 1967 bis 1999 Bürgschaften und Darlehen von 805 Millionen Franken und löste damit Investitionen von insgesamt 4,9 Milliarden Franken aus.
Anpassung an die Banken
Seit der Krise des Schweizer Kreditmarktes in den 1990er-Jahren verschärften die Banken ihre Ausleihungsbedingungen und führten eine neue Kreditpolitik ein. Sie finanzierten Betriebe nur noch etwas mehr als zur Hälfte, weshalb die Grundfinanzierung von Hotelinvestitionen oft scheiterte, da damals die Eigenkapitalausstattung der Hotelindustrie durchschnittlich unter 15 Prozent lag, was in der Saisonhotellerie zu einer Finanzierungslücke von 20 bis 30 Prozent führte.
Das Geschäftsvolumen der SGH sank schlagartig auf rund 10 Prozent der erfolgreichen Jahre. Mit der gleichzeitigen Zurückstufung der Bonität der Hotellerie lösten die Banken eine Sanierungswelle aus, was der SGH hohe Verluste brachte. Zudem wollten die Banken die Honorierung der Bürgschaften, weil sie sich von den wenig profitablen Engagements trennen wollten.
Diese neue Ausgangslage zwang den Bund zu einer Neuorientierung der SGH, die eine Totalrevision der gesetzlichen Grundlagen erforderte. Dabei war die Erkenntnis massgebend, dass eine marktnahe Hotelförderung nur zielführend ist, wenn sie die Spielregeln des Marktes nicht ausser Kraft setzt. In einer Marktwirtschaft fliessen die finanziellen Mittel dorthin, wo die Geldgeber die besten Resultate erzielen. Nur so kann eine Volkswirtschaft florieren und ein Land seinen Wohlstand halten. Deshalb müssen auch vom Bund geförderte Hotels auf dem Markt bestehen können.
Vom Substanzwert zum Risiko
Aufgrund dieser Überzeugungen übernahm die SGH die bei der Basisfinanzierung von Hoteldarlehen der Banken üblichen Bewertungsgrundsätze und änderte die Praxis ihrer Kreditvergabe.
Die Genossenschaft förderte wie die Banken nur noch gut auf dem Markt positionierte Betriebe mit verheissungsvollen Ertragsaussichten, die aber über zu wenig Eigenkapital verfügen, um innovative und deshalb produktive Geschäftsmodelle erfolgreich durchzusetzen. Weder die Besten noch die Schlechtesten sollen finanziert werden. Ertragsschwache, aber gut kapitalisierte Betriebe sollen beraten werden. Auf die Gewährung von Bürgschaften wurde verzichtet und das Treuhandgeschäft aus Gründen der «Governance» aufgegeben.
In den letzten Jahren wurde dieses Fördermodell der neuen Geschäftspolitik angepasst. So sieht die SGH heute Hotelbetriebe als besonders förderungswürdig an, die etwa der Steigerung der Produktivität und der Kosteneffizienz oder der Förderung von Kooperationen auf Destinationsebene dienen.
Im Bericht zur revidierten Verordnung über die Förderung der Beherbergungswirtschaft vom 18. Februar 2015 stellte der Bundesrat fest, dass die SGH 28% der Hotelinvestitionen im alpinen Raum mitfinanzierte. Weiter sagt er, dass die Kosten der Abwicklung dieser Finanzierungen von der SGH selbst getragen wurden. Er vermerkte positiv, dass die Gesellschaft gleichzeitig die Risiken des Darlehensbestandes verringerte. Eine wahrhaft stattliche und beeindruckende Leistungsbilanz der Gesellschaft!
An dieser Stelle darf auch die strategische Rolle gewürdigt werden, welche das Eidg. Volkswirtschaftsdepartement im Rahmen seiner Aufsicht seit der Gründung der SGH leistet. Es ist dem Vorsteher und seinem Departement auch in neuester Zeit gelungen, die Tätigkeit der Gesellschaft den sich laufend verändernden Herausforderungen der Hotelförderung anzupassen und diese auch für übergeordnete Ziele zu nutzen.
So konnten die Eidg. Räte überzeugt werden, mit einer Aufstockung des Bundesdarlehens der SGH die wachstumsdämpfenden Wirkungen der Zweitwohnungsinitiative für das Baugewerbe zu dämpfen. Die neue Verordnung vom 18. Februar 2015 ermöglichte, Bundesdarlehen bis zu sechs Millionen Franken für Leuchtturmprojekte zu gewähren. Solche Projekte werden auf dem reifen Hotelmarkt aufgrund der Konzentration der Nachfrage auf die besten Hotelstandorte immer wichtiger.
Ordnungs- und Standortpolitik
Der schrittweise Übergang von einer notrechtlichen zu einer marktwirtschaftlichen Hotelförderung ist gelungen und abgeschlossen. Es brauchte viel Zeit, da es schwierig ist, staatliche Normen abzubauen. Es kann aber mit Nachdruck festgestellt werden, dass die moderne SGH den in der schweizerischen Wirtschaftspolitik akzeptierten ordnungspolitischen Regeln entspricht. Die SGH sorgt für eine optimale Allokation der finanziellen Ressourcen, welche sonst nicht ausgeschöpft werden könnten. Selbst gut geführte und ertragsstarke Saisonhotels sind weitaus höheren Risiken als andere Unternehmen ausgesetzt. Sie können nicht das ganze Jahr und auf Halde produzieren.
Die Beherbergungswirtschaft ist zudem standortgebunden und vor Ort beschäftigungs- und einkommenswirksam. Die meisten Hotels werden in Landesteilen betrieben, die kaum wirtschaftliche Alternativen haben. In diesen strukturschwachen Gebieten sorgt die Hotelförderung, dass nicht nur Disparitäten abgebaut, sondern die bestehenden Ressourcen so gut wie möglich genutzt werden können. Die Förderung von Hotelstandorten in Saisongebieten ist wahrscheinlich nicht weniger wirksam als der Finanzausgleich.
Ausblick
Die Schweizer Volkswirtschaft war in der Lage, dank Produktivitätsgewinnen und trotz starkem Franken und hohen Produktionskosten weiter zu wachsen, um damit den Wohlstand des Landes zu steigern. Das ist nicht der Fall bei der Schweizer Saisonhotellerie, die sich seit der Aufgabe der fixen Wechselkurse in einem Abwärtstrend befindet. Sie ist einer zunehmenden Zahl von exogenen Krisen ausgesetzt und muss sich an schwierige wirtschaftliche Rahmenbedingungen anpassen, die in hochentwickelten Volkswirtschaften für arbeitsintensive Branchen bestehen, da sie weit weniger stark rationalisieren können als die industriellen und progressiven Dienstleistungsunternehmen.
Deshalb muss auch die Saisonhotellerie versuchen, die angebotsseitige Produktivitätslücke zu einem grossen Teil über den Preis zu schliessen, indem sie einmalige Dienstleistungen und Erlebnisse anbietet, wie vor hundert Jahren die Hotelpioniere, was allerdings auf dem liberalisierten und international gewordenen Tourismusmarkt immer schwieriger wird.
Die heutige SGH ist gut aufgestellt, um auch in diesem schwierigen Umfeld einen Mehrwert für die schweizerische Beherbergungswirtschaft zu leisten. Sie hat den Beweis angetreten, dass sie den Strukturwandel fördert und nicht bremst. Sie hindert den Marktaustritt ertragsschwacher und verschuldeter Betriebe nicht. Sie diskriminiert auch ihre Mitbewerber auf dem Beratungs- und Finanzierungsmarkt nicht, da sie verpflichtet ist, ihre Dienstleistungen kostendeckend anzubieten.
Diese von der SGH verlangte Eigenwirtschaftlichkeit ist allerdings bei anhaltend tiefem Zinsniveau eine grosse finanzielle Herausforderung – umso mehr, als andere öffentlich-rechtliche Plattformen der Wissens- und Kompetenzvermittlung vom Bund unterstützt werden.
Die SGH weiss, dass sie auch in einer digitalisierten Welt keine Grossbank ist, die mit standardisierten Modellen und Verfahren arbeiten kann. Sie ist sich bewusst, dass sie kleingewerbliche Betriebe und keine Kettenhotels zu fördern hat, die im finanzwirtschaftlichen Bereich ebenso Rat brauchen wie ihre meist lokalen Treuhänder. Sie muss den potentiellen Kunden auch Anreize bieten können, welche die Bundesdarlehen attraktiv und konkurrenzfähig machen.
Eine zunehmende digitalisierte Welt löst auch neue Investitionsbedürfnisse für die Beherbergungswirtschaft aus. Es geht nicht mehr nur um Darlehen für bauliche und infrastrukturelle Investitionen. Der digitale Transformationsprozess verlangt einerseits vermehrte Unterstützung von prozess- und digitalgestützten Geschäftsmodellen, von Automation oder von integrierten Kooperationen. Andererseits beschleunigt und erhöht er den Bedarf an Strukturanpassungen. Diese neuen Herausforderungen sollten stets auch zu sinnvollen Anpassungen in der Förderaufgabe der SGH führen.
Es ist zu hoffen, dass der Bund die SGH auch in Zukunft unterstützen wird, damit sie ihre nach wie vor unverzichtbare Aufgabe als Expertin für die Hotelfinanzierung und Beschafferin von fehlendem Risikokapital für marktfähige Beherbergungsbetriebe möglichst wirksam ausüben kann.
Quellen:
– Amstutz (2017), Archiv-Dokumente a. Präsident Schweizer Hotelier-Verein und a. Vizepräsident SGH
– Bener, Ch., Schmid, D. (1983), Die Erfindung vom Paradies, Verlagsgesellschaft Beobachter AG, Buchverlag, Glattbrugg
– Berichte und Botschaften des Bundesrates, Bundesgesetzgebung und Bundesverordnungsrecht 1922 bis 2016, BBl, AS, SR
– Eidg. Amt für Verkehr, Bauliche Sanierung von Hotels in Kurorten, Schlussbericht von Dr. h.c. A. Meili, Präsident Schweizerische Verkehrszentrale, Bern 1945
– Flückiger, R. (2003) , Hotelpaläste zwischen Traum und Wirklichkeit, Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte, 240 S., Baden
– Gölden, H. (1939), Strukturwandel des schweizerischen Fremdenverkehrs 1890-1935, Dr. H. Girsberger Verlag, Zürich
– Gaulis,L., Creux, R. (1976), Schweizer Pioniere der Hotellerie, Edition de Fontainemore, Schweizerische Verkehrszentrale, Zürich
– Huber, H. (1976), «Rückblick auf die »neuen» W. der BV», in Schweiz. Wirtschaftspolitik zwischen Gestern und Morgen, hg. von E. Tuchtfeld, 1976, 57-72
– Hunziker, Krapf (1942), Allgemeine Fremdenverkehrslehre, Polygraphischer Verlag, Zürich 1942
– Keller, P. (1982), Touristische Entwicklung der Schweiz, einige Lehren aus retrospektiver Sicht, in: NFP Regionalprobleme, Verlag Rüegger, Diessenhofen, S. 231-257
– Silberroth, M. (1948), 25 Jahre Schweizerische Hotel-Treuhandgesellschaft oder Die Sozialisierung der Verluste, in: Rote Revue, 27. Jahrgang, Heft 12