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Wer hat eigentlich den Schweizerischen Schriftsteller-Verein initiiert? Carl Albert Loosli. Und wer war sein erster Präsident? Carl Albert Loosli. Wer hat mit der satirischen Behauptung, Gotthelfs Bücher seien in Wirklichkeit vom Lützelflüher Bauern Geissbühler geschrieben worden, einen der grössten Feuilletonstürme des zwanzigsten Jahrhunderts entfacht? Carl Albert Loosli. Und wer schrieb die bis heute umfassendste Biografie von Ferdinand Hodler? Carl Albert Loosli. Wer hat mit den «Schattmattbauern» den ersten schweizerischen Kriminalroman geschrieben? Carl Albert Loosli. Und wer trat 1935 vor Gericht als Gutachter gegen die «Protokolle von Zion» und damit gegen den grassierenden Antisemitismus auf? Carl Albert Loosli.
Das wohl grösste Verdienst dieses Mannes jedoch ist es, die sozialpolitische Kehrseite der Geranien-Schweiz öffentlich hartnäckig denunziert zu haben. Loosli nannte das, was eine beängstigend umfassende Zurichtungsmaschinerie war, «Administrativjustiz». Damit meinte er zum Beispiel Gefängniseinweisungen ohne Urteil, zeitlich nicht begrenzte Versenkungen in Anstalten, Kindswegnahmen, Eheverbote, Sterilisationen und Kastrationen – das ganze eugenische Instrumentarium, das der Historiker Thomas Huonker in seiner kürzlich veröffentlichten Studie beispielhaft an der Praxis der Stadt Zürich beschrieben hat (siehe WoZ 11/2002). Im «Beobachter» schrieb Loosli bereits am 15. Juni 1938 über «Schweizerische Konzentrationslager und ‚Administrativjustiz‘», es stehe der Schweiz nicht an, sich allzu laut zu entrüsten über die «so genannten Konzentrationslager» – «so lange wenigstens nicht, als wir im eigenen Lande ähnliche Einrichtungen dulden, die viel älter sind als die Konzentrationslager des politisch aufgewühlten Auslandes. Nämlich zwei Drittel sämtlicher Insassen unserer Korrektions-, Arbeits- und Zwangserziehungsanstalten bestehen aus ‚administrativ‘ Enthaltenen, dagegen höchstens ein Drittel aus gerichtlich gesetz- und regelmässig Verurteilten.»
C. A. Loosli (1877-1959) war ein klarsichtiger, hartnäckiger und unbestechlicher Intellektueller, der überall dort die öffentliche Auseinandersetzung suchte, wo sein Gerechtigkeitsgefühl verletzt wurde durch den «Bureausaurus helveticus L.» oder die bornierte Rechtschaffenheit der braven Leute, die sich damals Demokraten nannten. Zweifellos: Loosli war unbequem. Deshalb wurde er geschnitten, verfemt, ausgegrenzt und nach dem Tod zwar nicht vollständig vergessen, aber zum Mundartdichter, der er auch war, verharmlost und auf eidgenössisches Mittelmass zurechtgestutzt. Die jetzt beginnende Ausstellung über ihn ist auch ein Versuch, der Öffentlichkeit den ganzen Loosli in Erinnerung zu rufen.
Konzipiert hat die Ausstellung Erwin Marti, der zurzeit am dritten und letzten Band seiner umfassenden Loosli-Biografie arbeitet. Er führt den «Philosophen von Bümpliz» mit einem anderen, ebenso kritischen und ebenso vergessenen Berner Kulturschaffenden zusammen: mit dem Holzstecher und Illustrator Emil Zbinden (1908-1991). Im Zentrum der Ausstellung sollen folgende thematische Schwerpunkte stehen: Heime und Anstalten; Visionär; Bümpliz; Hodler und andere; Gotthelf; England; Antirassist und Demokrat; Kriminalistik und Recht; Emmental; Einsam und doch nicht. Leihgaben von Privaten und aus öffentlichen Archiven garantieren, dass von und über Loosli Neues zu sehen und zu erfahren sein wird.
Die Ausstellung ist die erste öffentliche Veranstaltung der Carl-Albert-Loosli-Gesellschaft, die sich am 17. November 2001 konstituiert und den Zweck gegeben hat, Looslis Werk und Gedankengut «in kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht» bekannt zu machen. Erwin Marti amtiert seither auch als erster Präsident dieser Gesellschaft. Neben der Ausstellung will die Gesellschaft Symposien veranstalten, mündliche Berichte der noch lebenden Loosli-ZeitgenossInnen sammeln oder auch die Werkausgabe fördern, die der Zürcher Rotpunktverlag plant.
Auch die neuste Ausgabe der Literaturzeitschrift «orte» hat sich – im Hinblick auf die Ausstellung – C. A. Looslis angenommen. Mit einer längeren Einführung von Erwin Marti, verschiedenen weiteren Texten über Loosli und einer ganzen Reihe von Textbeispielen des Autors selber eignet sich das Heft ausgezeichnet als Einführung in die Schwerpunkte der Ausstellung.
1945 hat C. A. Loosli seinem Freund, den Philologen Jonas Fränkel, geschrieben: «Ich komme mir oft so recht als der lebenslängliche Verdingbub des schweizerischen Schrifttums vor.» Dass das zu seinen Lebzeiten so gewesen ist, hat mit der Rache der Rechtschaffenen an einem Tabubrecher zu tun; dass es nach seinem Tod so blieb, hat mit der Ignoranz auch der kritischen Nachgeborenen zu tun; aber dass Loosli der «Verdingbub des schweizerischen Schrifttums» bleiben wird, ist noch nirgends geschrieben. Zurzeit gibt es Signale für eine Loosli-Renaissance.
Die besprochene Ausstellung wurde am 3. Mai 2002 im Begegnungszentrum Bienzgut in Bern-Bümpliz eröffnet.