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Köln, 1991: Richard Warlo, Insektenforscher und trauernder Witwer in mittlerem Alter, findet in einer Kiste in seinem Keller per Zufall eine Schachtel mit Fotografien aus den 1940er-Jahren. Darauf ist sein vor zehn Jahren verstorbener Ziehvater in einer SS-Uniform zu sehen. Es ist jener aus Polen stammende Pawel Król, der ihn grosszog, nachdem ihn seine überforderten, leiblichen Eltern in einem Kinderheim abgegeben hatten.
Der Fund erschüttert Richard Warlo abgrundtief: «Alles in ihm sträubte sich dagegen, das Offensichtliche anzuerkennen. Pawel Król ein Nazi?» Von einer unheilvollen Unruhe getrieben beschliesst Richard Warlo, nach Polen zu reisen, nach der in der Nähe von Krakau gelegenen Stadt Sosnowiec.
Die verlassene Familie
Dort lebte sein Ziehvater bis in die Jahre des Zweiten Weltkriegs, verliess dann jedoch überstürzt seine Ehefrau und seine zwei kleinen Kinder Marcin und Lucyna und floh nach Deutschland. Was war der Grund für die damalige Flucht? Richard Warlo hat es nie erfahren. Hängt sie mit Pawel Króls SS-Vergangenheit zusammen?
Richard Warlo hofft, in Sosnowiec von der Familie des Ziehvaters Genaueres zu erfahren. Doch dies ist ein hoffnungsloses Unterfangen: Pawel Króls Sohn Marcin und die Tochter Lucyna – beide sind um die fünfzig – geben dem Deutschen zu verstehen, dass sie den Grund von dessen Flucht nicht kennen würden. Und die SS-Uniform? Keine Ahnung.
Fehlanzeige auch bei Pawel Króls Ehefrau Oliwia: Sie liegt – schwer krebskrank – im Sterben. Zwar kennt sie als Einzige das Geheimnis von Króls Verschwinden. Sie hütet es jedoch wie ihren Augapfel. Warum nur?
Gehütete Geheimnisse
Peter Henning, der Autor des Aufsehen erregenden Romans «Die Ängstlichen» von 2009, erweist sich in diesem neusten Roman einmal mehr als meisterhafter Erzähler. Selbst in seitenlangen inneren Monologen vermag er Spannung zu erzeugen, indem er etwa einzelne Episoden immer wieder auf dem Höhepunkt abbricht und auf diese Weise zum Weiterlesen animiert.
Hinzu kommt, dass Henning virtuos die Perspektive wechselt und mit einer eleganten und realistischen Sprache die Seelen der einzelnen Figuren feinsinnig ausleuchtet und dadurch Empathie erzeugt.
Das Trauma des verlorenen Vaters
Den Figuren gemeinsam ist, dass sie – alle auf ihre Weise – unter Pawel Król leiden: Oliwia, weil sie weiss, dass sie von ihm nie geliebt wurde. Die beiden Kinder Marcin und Lucyna, weil ihnen das Trauma des verlorenen Vaters das Leben verpfuscht hat. Richard Warlo, weil das Bild seines geliebten Ziehvaters in beunruhigender Schieflage ist. Wer ist Pawel Król wirklich?
Nur für die Leserinnen und Leser lüftet Peter Henning in einem Epilog netterweise das Geheimnis. Dies soll hier nicht geschehen. Nur so viel: Die Lösung des Rätsels um Pawel Król liegt in der deutsch-polnischen Vergangenheit. Das legt nahe, den Roman auch als Metapher für das in der Geschichte schwer belastete Verhältnis der beiden Länder zu lesen.
Gelüftete Geheimnisse – nur für die Leser
Für Richard Warlo indessen bleiben die Fotografien ein Geheimnis. «Die Toten liessen uns mit den Bildern zurück, die wir uns von ihnen gemacht hatten», heisst es am Ende dieses ergreifenden Romans. «Niemand war imstande, einen anderen bis ins Letzte zu durchschauen. Er blieb einem bis zu einem gewissen Grad fremd. Das zu akzeptieren, darin lag die grosse Herausforderung.»
Und was ist die Konsequenz daraus? Dass Warlo versucht, die bleiern schwere Vergangenheit endlich auf sich beruhen zu lassen und sich dafür dem Moment hinzugeben – der befreienden, kathartischen Süsse des Augenblicks.
Buchhinweis
Peter Henning: «Die Chronik des verpassten Glücks», Luchterhand, 2015.