Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03546.jsonl.gz/499

Diesen Freitag abend beginnt das Pessach-Fest (Passah). Das Fest erinnert an den Auszug des jüdischen Volkes aus der ägyptischen Versklavung.
Am ersten Abend – ausserhalb von Israel an den ersten beiden Abenden – wird den Kindern vom Auszug aus Ägypten erzählt. Im Laufe der Zeit wurde für diesen Abend eine Text-Sammlung zusammengestellt, die als Basis für die Erzählung dienen soll. Die Sammlung heisst „Haggada“. Und der Ablauf des Abends hat eine festgelegt Reihenfolge erhalten: es wurde bestimmt, wann was gesagt oder gesungen, und wann was getrunken oder gegessen wird. Die Reihenfolge trägt den Namen „Seder“ (Ordnung).
Im Laufe des Seders finden sich 4 Fragen, 4 Becher und 4 Söhne (Kinder).
Die Kinder stellen 4 Fragen über den „Seder“. 4 Fragen, die mit den berühmten Worten „ma nischtana?“ beginnen: „Was ist denn anders, besonders, am heutigen Abend?“
Während des Seder-Abends werden 4 Becher Wein oder Traubensaft getrunken.
Und in der Haggada ist von 4 Söhnen, von 4 verschiedenen Kindern die Rede, welche auf unterschiedliche Art auf Pessach reagieren.
Das ist kein Zufall, sondern volle Absicht. Mit der Zahl „vier“ will hier etwas ausgedrückt werden, das intergraler und essentieller Teil der Bedeutung des Auszuges aus Ägypten ist.
Der Maharal, der so genannte „Hohe Rabbi Löw“ von Prag (ca. 1525-1609), ein äusserst origineller, vielseitiger und einflussreicher Denker und Exeget, hat – neben sehr vielen anderen Werken – einen umfassenden Kommentar zur Haggada verfasst. Er geht dort der Bedeutung der Zahl „vier“ nach. Viele der Erklärungen des Maharal basieren auf Überlieferungen der Kabbala, der jüdischen Mystik. In der Kabbala sind Zahlen von grösster Bedeutung. Auch seine Interpretation der Vier hier ist direkt von der jüdischen Mystik beeinflusst.
Maharal erkärt, dass die Zahl „eins“ bedeutet, dass etwas keine Ausbreitung hat. Eins ist lediglich ein Punkt. „Zwei“ hingegen bedeutet zwei Punkte. Da findet sich eine Ausbreitung, und zwar die Verbindung von einem Punkt zum anderen. Diese Ausbreitung ist aber beschränkt, sie bewegt sich nur in einer Dimension. Sie besteht lediglich aus einer Linie, aus der direkten Verbindung der beiden Punkte miteinander. Erst die „Vier“ bringt die volle Ausbreitung mit sich. Wenn vier Punkte da sind und miteinander verbunden werden, ergibt sich eine Bewegung in alle Richtungen, eine „Ausbreitung in die Länge und in die Breite“, wie Maharal es ausdrückt. (Kommentar zur Haggada, Kap. 12)
Dies nun ist der Grund, warum am Seder 4 Becher getrunken werden, 4 Fragen gestellt werden und von 4 Kindern die Rede ist. Die „Vier“ soll uns zu verstehen geben, dass der Auszug aus Ägypten mehr ist als nur der Auszug selbst. Er ist auch mehr als nur der Beginn der Wanderung des jüdischen Volkes von Ägypten nach Israel, von einem geographischen Punkt zum anderen. Der Auszug aus Ägypten bedeutet für das jüdische Volk, dass es sich nun ausbreiten kann, dass es sich voll entfalten kann. Passach bedeutet, dass das jüdische Volk nun frei ist, sich in jeder Richtung zu bewegen, sein Potential und Talent auf allen Gebieten voll zu entwickeln, zu fördern und zu entfalten.
Die 4 Becher drücken aus, dass wir nun ganz frei sind. Die 4 Kinder zeigen, dass jeder Mensch auf seine Art mit der Freiheit umgeht. Und die 4 Fragen lassen uns verstehen, dass wir uns sehr genau und differenziert mit der Frage auseinandersetzen, was Freiheit ist, wie und wozu wir sie verwenden wollen.
An Pessach feiern wir den Auszug aus Ägypten, der uns die Möglichkeit gibt, uns individuell und als Volk voll zu entfalten.