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Adolf
Muschg
Dass der vielleicht bekannteste Autor der gegenwärtigen Schweizer Literaturszene, Adolf Muschg, 1934 in Zollikon geboren wurde, möchte man kaum glauben, so jung, so beweglich, so eingreifend erscheint, was er schreibt und wie er sich engagiert. Seit seinem Aufsehen erregenden Debütroman Im Sommer des Hasen (1965), dem diese Beweglichkeit als stilistische Souveranität von der Kritik hoch angerechnet wurde, ist Adolf Muschg stets mehr gewesen als der bewunderte Schriftsteller, der feinfühlig und nuanciert, aber auch satirisch und kritisch darzustellen vermag, gleichgültig, ob es sich um die mannigfachen Varianten des Zeitgeists (u.a. Albissers Grund, 1974; Kellers Abend, 1975) handelt, um anspruchsvollste Kunstwerkreflexionen (Das Licht und der Schlüssel, 1984), um die Schilderung des Mittelalters im Widerschein der Moderne (Der Rote Ritter. Eine Geschichte von Parzivâl, 1993) oder immer wieder um den intensiven Blick auf die Krankheits- und Entfremdungssymptome unserer Gegenwart, der vor allem die zahlreichen Erzählungsbände des Autors bestimmt (u.a. Liebesgeschichten, 1973; Leib und Leben, 1982). Daneben gibt es den umsichtigen Kulturorganisator Muschg im weiten Feld zwischen der Gründung der “Gruppe Olten” und der Präsidentschaft der Akademie der Künste in Berlin, dann den engagierten Parteigänger der Schweizerischen und der Europäischen Demokratie (Die Schweiz am Ende – Am Ende die Schweiz. Erinnerungen an mein Land vor 1991, 1990; Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt. Fünf Reden eines Schweizers an seine und keine Nation, 1997; Was ist europäisch? Reden für einen gastlichen Erdteil, 2005) und nicht zuletzt den bedeutenden Germanisten zwischen Göttingen und Genf, Japan und den USA, der schliesslich fast dreissig Jahre die Professur für deutsche Sprache und Literatur an der ETH Zürich innehatte. Seine sehr persönliche, nicht nur unter den Fachwissenschaftlern Aufsehen erregende Sicht auf Gottfried Keller (Gottfried Keller, 1977) und sein immer wieder als Korrektiv zum eurozentrischen Blick eingesetzter Japan-Bezug (Die Insel, die Kolumbus nicht gefunden hat. Sieben Gesichter Japans, 1995; Nur ausziehen wollte sie sich nicht. Ein erster Satz und seine Fortsetzung, 1995), bezeugen nachdrücklich die grosse Spannweite dieses Schweizer Schriftstellers und kritischen Intellektuellen, dessen vielseitiges Werk und vielfältiges Wirken seit Mitte der sechziger Jahre mit zahlreichen Preisen (darunter 1994 der Georg-Büchner-Preis) gewürdigt wurde.
Text: Prof. Dr. Bodo Würffel