Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03229.jsonl.gz/2541

Auf den ersten Blick könnte man denken, dass ich mit dem heutigen Buchtipp meine Kategorie der Nerdliteratur überstrapaziere. Es geht nämlich um ein Buch, das ich meiner Tochter geschenkt habe. Sie ist 4½ und dementsprechend noch nicht in einem Alter, in dem sie Spass an schrägen Zeitreise- oder Multiversums-Abenteuern hätte. Die Helden dürfen gerne noch etwas einfacher gestrickt sein – wie die mutigen Hunde aus der (aus meiner Sicht etwas fragwürdigen) Fernsehserie «Paw Patrol».
Doch wenn man genauer hinschaut, dann ist der Nerdaspekt nicht zu übersehen. Weder bei den Fellfreunden alias Marshall, Chase, Rubble, Rocky und Zuma, noch bei dem Buch, um das es heute eigentlich gehen soll. Die Hunde in «Paw Patrol» sind offensichtliche Nerds, weil sie für alle ihre Aufgaben irgendwelche Gadgets benötigen – genauso, wie wir ausgewachsenen Nerds.
Wenn man bei Wikipedia nachliest, dann erfährt man, dass diese Serie vor allem ein Marketing-Vehikel für all die Spielzeuge, die zu ihr angeboten werden: «Produzent Spin Master hält die Fernsehrechte für Kanada und die weltweiten Rechte für Spielzeug, Nickelodeon vertreibt die Serie in den USA und weltweit und lizenziert alle Produkte, die nicht Spielzeug sind. Die Partner haben jeweils einen prozentualen Anteil an den Erlösen des anderen. Die Produktionskosten der Serie tragen die Partner zu jeweils fünfzig Prozent.»
Das Buch hat da mehr Tiefgang. Es heisst Good Night Stories for Rebel Girls (Amazon Affiliate, Orell Füssli) und stellt auf je einer Doppelseite hundert Frauen vor. Auf der einen Seite gibt es eine kurze Biografie mit einem Zitat, auf der zweiten ein illustriertes Portrait, das natürlich von einer weiblichen Künstlerin stammt. Das Zitat eines Rezensenten auf dem hinteren Umschlag bringt es den Inhalt ausgezeichnet auf den Punkt:
Diese Gutenachtgeschichten handeln nicht von Prinzessinnen, sondern von Frauen, die die Welt veränderten. Von Frauen, die nicht darauf warten, ass irgend ein Prinz kommt, sondern ihr Leben selbst in die Hand nehmen.
Die allererste Frau, die im (nach Vornamen sortierten Buch) vorgestellt wird, ist Ada Lovelace, die einen Beitrag zur Analytical Engine von Charles Babbage leistete. Sie hat sich Gedanken zur Programmierung dieser Maschine gemacht und wurde auf diese Weise zur ersten Programmiererin der Welt. Ihr Zitat: «Mein Gehirn ist mehr als sterblich. Das wird die Zukunft zeigen.»
Die Auswahl der Frauen ist überaus bunt und vielfältig: Flugpionierin Amelia Eerhart, Angela Merkel, Evita Perón, Joan Jeett, Kleopatra, Marie Curie, Sophie Scholl, Steffi Graf und Michelle Obama, um nur einige zu nennen. Wissenschaftlerinnen wie Jane Goodall oder die Piratin Jacquotte Delahaye. Oder Politikerinnen wie Maggie Thatcher.
Schon diese Beispiele machen deutlich, dass diese Frauen nicht als reine Vorbilder oder Objekte der Bewunderung dargestellt werden, sondern als Frauen, die sich durchsetzen konnten. Thatcher ist so ein Fall, die in der jüngsten Staffel von The Crown grossartig von Gillian Anderson gespielt wird: Man muss mit ihr das politische Heu nicht auf der gleichen Bühne haben. Aber Bewunderung für ihr Durchsetzungsvermögen zolle ich ihr gerne.
Fazit: Ein Buch, dass meiner Tochter sehr gerne erzähle – und das ihr bis jetzt auch gut gefällt, obwohl sie eigentlich noch ein paar Jahre zu jung ist. Und es heisst übrigens nicht, dass ich ihr die Prinzessinnen und Königinnen austreiben würde – im Gegenteil, die kommen im Buch nämlich auch vor: Elisabeth I. Lakshmi Bai oder Nanny of the Maroons. Aber es heisst, dass das Buch ein gutes Korrektiv zu den Disney-Prinzessinnen (Wie man der Eiskönigin einen neuen Schnitt verpasst) ergibt.
Übrigens: Das Buch ist auch eine Crowdfunding-Erfolgsgeschichte: Der erste Band war auf Kickstarter das Kinderbuch, das am meisten Geld sammeln konnte, nämlich über 675’000 Dollar. Das Ziel hatte 40’000 Dollar betragen. Der zweite Band (hier bei Amazon) war das am schnellsten finanzierte Verlagsprojekt aller Zeiten, hat Mashable 2017 berichtet – die Finanzierung stand innert weniger Stunden.
Beitragsbild: Nein, das Äffchen ist nicht meine Tochter. Es musste herhalten, weil die Besitzerin des Buchs nicht mit aufs Bild wollte. Ich kann aber bestätigen, dass auch das Äffchen ein ziemliches Rebel Girl ist…