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In meiner Erinnerung ist diese Stadt nur in Bildern bitterster Armut gespeichert. Wir haben kaum Fotos von Bombay, das obige ist eines von drei mit Menschen, die damals dort auf der Strasse lebten.
Von Luxushotels ahnte ich nichts, aber die Bahnhofhalle lernte ich sehr gut kennen.
Wir waren nicht mit dem Dyane, sondern mit dem indischen öffentlichen Verkehr unterwegs. Meine Eltern sagten mir, das sei wegen der gefährlichen Strassen, aber in den Briefen, die meine Mutter nach Hause schickte, begründet sie es auch mit den steigenden Benzinpreisen.
Wir erreichten Bombay nach einer 24-stündigen Fahrt auf einer rostigen Fähre (ab Goa), die wie jedes andere Fahrzeug in Indien überladen war. Ich erinnere mich an einen schönen Ausblick auf die Küste und die Gewissheit, dass ich sie auch schwimmend erreichen würde, sollte der Kahn sinken.
Bombay war der armseligste Fleck Welt, den ich bis dahin gesehen hatte. Die Leute jeden Alters hungerten, bettelten, hatten Lepra, wurden mit Fusstritten weggescheucht und harrten dem Nirvana.
Wir wollten auf den Zug nach Agra. Während mein Vater zu Billetten und Abfahrtszeiten zu kommen versuchte, warteten meine Mutter und ich in der Bahnhofshalle. Diese sah genau gleich aus wie auf den blutigen Bildern von heute, nur die Schilder waren noch gemalt und nicht beleuchtet. Die Menschen sassen dicht gedrängt auf dem Boden, es fehlten Toiletten und Luft. Aber wer nicht dort wartete, bekam keinen Platz im Zug. Denn entscheidend war nicht nur das Ticket, sondern auch die Fähigkeit, sich an vorderster Front einen Platz – und damit meine ich nicht einen Sitzplatz – zu erkämpfen. Es war für junge Männer aus der Stadt eine der raren Verdienstmöglichkeiten, Passagieren den Weg frei zu boxen oder sie von aussen durch das Zugfenster zu schieben, weshalb sich weit mehr Leute in der Halle aufhielten, als abreisen wollten.
Meine Mutter breitete ein frisches rot-weisses Handtuch für mich aus und ich war noch zu jung, um mich zu fragen, wo sie die sauberen Tüechli immer hernahm. Nach Stunden steiss mein Vater zu uns und sagte, der Zug nach Agra sei weg oder voll – jedenfalls unerreichbar. Der nächste fahre Tage später.
Ich weiss nicht mehr, wo wir dann übernachtet haben und wie lange ich schlussendlich in dieser gehassten Stadt bleiben musste. Aber Bombay hat mich gut auf die folgende unbeschreibliche Zugfahrt nach Agra und eine Heimreise durch Kriege und Krisen vorbereitet.
(Ich habe mir als Kind verboten, schlecht über Indien zu denken, denn ich fürchtete, zur Strafe für meine Überheblichkeit dort wiedergeboren zu werden. Ganz überwunden ist diese Angst noch nicht.)