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Felice, der Bergler von Leontica, vor kurzem 90 Jahre alt geworden, steigt auch im Spätherbst jeden Tag am frühen Morgen von seinem Dorf zu einer Wassergumpe hinauf, um ein kaltes Bad zu nehmen. Der Ich-Erzähler, ein junger Mann aus der Stadt, der seit kurzem Felices Nachbar ist, geht mit. Er, der eine Auszeit im Bergdorf nimmt, hat den Alten gefragt, ob er ihn während einiger Tage begleiten dürfe. Felice sagt zu. Und so verbringen die beiden so unterschiedlichen Männer ihre Zeit zusammen. Sie absolvieren das Morgenritual, essen zusammen, trinken nicht wie die meisten anderen Dorfbewohner Wein oder Bier im Dorfrestaurant, sondern Tee und Wasser. Felice und sein Begleiter fahren gemächlich mit dem alten Suzuki, der regelmässig angeschoben werden muss, im Tal herum. Sie treffen Menschen, die Felice kennt, machen Besorgungen, essen manchmal in einer der Beizen in der Umgebung. Der Rhythmus der Tage ist konstant: Das frühe Frühstück, dann der morgendliche Aufstieg zum Wassertümpel, der von Tag zu Tag kälter wird und über Nacht eine Eisschicht bildet, die aufgeschlagen werden muss, um eintauchen zu können. Die Begegnungen mit der bunten Dorfgesellschaft auf dem Dorfplatz, im Laden, in den Gärten, an den Strassen variieren ständig. Felice birgt täglich neue Schätze fürs Abendessen: «Er geht in den Keller, ich höre ihn herumkramen, kommt mit Zwiebeln, Kartoffeln und Knoblauch wieder. Er wäscht die Kartoffeln, schält die Zwiebeln und den Knoblauch. Schneidet alles klein und bringt es zum Kochen. Dann geht er hinaus und kommt nach einer Minute mit einem Bündel Löwenzahnblättern in der Hand wieder herein, das er in den Topf wirft. Er schneidet Brot auf und legt es zum Rösten auf die Sarina. Mit vollem Bauch und vor Müdigkeit zufallenden Augen spüle ich die Teller. Felice belädt die Sarina und lässt die Klappe offen, setzt sich und sieht lange ins Feuer, der rote Widerschein flackert über sein Gesicht, das nur auf der Stirn und um die Augen herum ein wenig runzelig ist. Dann füllt er den Lochdeckeltopf mit heisser Glut und geht damit ins Schlafzimmer hinauf, kommt kurz darauf die Treppe wieder hinunter und putzt sich die Zähne. Ich sage ihm Gute Nacht und gehe nach Hause.»
Die Schilderungen des Alltags von Felice und seinem Begleiter, die Beobachtungen zum Leben im Dorf, die Bemerkungen des Alten zu den Veränderungen im Tal und auf der Welt, zogen mich von Anfang bis zum Ende in den Bann. Zum Glück ist da keine verklärende Romantik, sondern eine nüchterne Unaufgeregtheit der Hauptakteure, die ab und zu durch überraschende und zugleich witzig banale Ereignisse im Dorf belebt wird.
Was mich manchmal etwas irritierte war Sprachliches, zum Beispiel die unpräzise oder gar falsche Begriffswahl für Tierarten oder Tierlaute oder Ausdrücke, die ich eher von einem Vorstadt-Slang in Verbindung bringe. Nun ja, ich selber kenne mich nicht gut aus im modernen Alltagsdeutsch, der Autor ist eher ein urbaner Mensch und die Übersetzerin wohl wenig vertraut mit der Welt des Alpentals.
Sieben Tage erlebt der Erzähler mit Felice, das gibt 7 Kapitel, dann folgt das Kapitel mit dem Ende. Eine wunderbare Lektüre für die Abende einer ganzen Woche war das für mich und wird es vielleicht und hoffentlich noch für viele andere werden.
Fabio Andina, Tage mit Felice, Rotpuntverlag Zürich, 2020, Fr. 28.-