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Um einen geschichtsträchtigen hölzernen Boden zu finden, ist es am naheliegendsten, sich zunächst historischen Böden zuzuwenden. Auf diesen Oberflächen haben sich im Laufe ihres Daseins teils fundamentale Ereignisse zugetragen. Manch ein Parkett wurde verlegt, um hohe Gäste zu empfangen und den Füssen den geeigneten wertschätzenden Untergrund zu bieten. Auch formen manche dieser Schmuckböden die Oberfläche, um einen Schatz aufzubewahren, deren Wert sie mit ihrer eigenen Schönheit einrahmen oder unterstreichen.
Einen solchen Boden finde ich in der „Seelenapotheke“ von St. Gallen. Der barocke Holzfussboden bildet das Fundament eines sehr wertvollen Schatzes: 2100 Handschriften, welche teilweise noch vor 1100 geschrieben wurden, sowie 1650 Inkunabeln (Druckwerke bis 1500) und Frühdrucke (gedruckt zwischen 1501 und 1520), insgesamt etwa 170 000 Bücher und andere Medien. Dieser Schatz wurde 2017 zum Weltdokumentenerbe erklärt und die Stiftsbibliothek St. Gallen, welchen ihn beherbergt, in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen.
Im Verhältnis zum alter der Bücher und der Gründung des Klosters um 612 durch den irischen Mönch St. Gallus ist der Schmuckboden in der Stiftsbibliothek St.Gallen ein Jungspund: Er ist „erst“ 250 Jahre alt.
Alles begann damit, dass Gallus, ein Wandermönch und Missionar, in einem Wald Nahe des Bodensees auf einen hungrigen Bären traf. Gallus befahl dem Bären für sein Essen zu arbeiten und Holz für das Feuer zu sammeln. Der Bär trug aber solche Mengen an Holz zusammen, dass Gallus damit eine Hütte bauen konnte und die Grundpfähle des Klosters schuf. Als Dank für das Holz erhielt der Bär ein Brot und wurde nie wieder gesehen.
Leider besteht der Parkettboden in der Stiftsbibliothek nicht mehr aus dem gesammelten Holz des Bären, denn es dauerte noch 1146 Jahre, bis er gelegt wird. Die Bibliothek wurde allerdings schon 107 Jahre später nach dem Ereignis mit dem Bären gegründet, als die Holzhütte zu einer benediktinischen Reichsabtei heranwuchs und ihre religiöse, wissenschaftliche und wirtschaftliche Hochblüte erlebte. Durch die Schule, ihre Bibliothek und die Schreibwerkstätten war das Kloster zu dieser Zeit der kulturelle Hotspot!
Natürlich hat das Kloster im Laufe seiner Geschichte einiges durchmachen müssen und ich empfehle jedem, der mehr darüber erfahren möchte, einen Besuch des Stiftsbezirks St. Gallen. Trotz allem schafften die Mönche es, die grössten Teile ihres Schatzes bis heute zu erhalten. Manche unruhige Zeit erlebten die Bücher in Fluchtkisten auf der Insel Reichenau im Bodensee. Wie das Kloster zu dieser Zeit aussah, lässt ich nur vermuten. So konnte aber auch ein sehr interessantes Schriftstück die unruhigen Zeiten überleben: Ein Bauplan für ein Kloster! Der aus fünf Pergamentblättern bestehende Plan ist allerdings mehr als ein Konzept zu verstehen als ein exakter Grundriss und beinhaltet alles, was es für den Bau eines Klosters braucht. Dieses Dokument ist der einzige Bauplan, der aus dem frühen Mittelalter erhalten ist. Auch eine Bibliothek ist dort verzeichnet, welche aber wahrscheinlich mit einem einfacheren Dielenboden ausgestattet war.
Der Bibliothekssaal um des es hier aber gehen soll, wurde zwischen 1758 und 1767 unter den Äbten Cölestin II. Gugger von Staudach und Beda Angehrn erbaut und ist noch fast genauso erhalten. Um so viel wie möglich über diesen interessanten Boden zu erfahren, mache ich eine Führung. Ich treffe mich mit anderen Interessierten im Gang vor der Bibliothek, in dem wir mit riesigen Filzpantoffeln ausgestattet werden, um das empfindliche Parkett nicht zu beschädigen. Dann bewegen wir uns schlurfend in die Richtung des Eingangs, ein dunkles mystisches Portal, über dem ein Zierrahmen prangt mit der griechische Inschrift ΨYXHΣ IATPEION, was frei übersetzt «Heilstätte der Seele» oder «Seelen-Apotheke» heisst. Diese Heilstätte dürfen wir nun betreten. Was der geschichtsträchtige wunderschöne Parkettboden zu einer Gruppe in Filzpantoffeln sagt, kann man hier hören:
Der Boden wurde in der klostereigenen Werkstatt aus Tannenholz aus dem Bodenseeraum hergestellt. Er hat wunderschöne florale Nussbaumintasien und auf seiner Längsachse prangen vier grosse Sterne. Stellt man sich auf einen solchen Stern und sieht nach oben, steht man genau unter einem der vier grössten Deckengemälde, welche die vier ersten ökumenischen Konzilien darstellen.
Auf halber Höhe befindet sich rund um den Saal herum eine Galerie. In der Länge wechseln sich Bücherschränke und Fensternischen wellenförmig ab. Die Bücherschränke sind thematisch und nach Buchgrösse sortiert. Putten auf jeder Säule geben das Themengebiet an: So schauen die Kindergestalten durch ein Fernrohr oder spielen eine Flöte. Sehr interessant finde ich das Register, welches sich an jedem Bücherregal befindet. Tatsächlich lässt sich wie bei einem Geheimfach die hälfte der Säule öffnen, hinter der sich das Register versteckt.
Trotz der Vorsicht, mit der sich die Besucher der Bibliothek auf dem Untergrund bewegen, hat der Parkettboden im Laufe der Jahre sehr gelitten. Daher wurde er 2020 aufwendig saniert. Da ein solcher Untergrund natürlich nicht einfach abgeschliffen werden darf, wir der Schmutz mit speziellen Mitteln abgetragen. Tatsächlich konnten die Restauratoren den Schmuckboden von bis zu einem Joghurtbecher Schmutz pro Quadratmeter befreien, sodass er nun wieder im alten Glanz erstrahlt.
Der Schmuckboden ist der Höhepunkt meines Besuches im Stiftstsbezirk. Allerdings finde ich noch einige weitere interessante Oberflächen im Bezirk, denen ich hier einen Platz geben möchte.
Quellen:
Pia Matthes