Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03337.jsonl.gz/804

| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

78. Vortrag
1.
Wir haben, Brüder, die Worte des Herrn vernommen, der zu seinen Jüngern sagte: "Euer Herz betrübe sich nicht und fürchte sich nicht. Ihr habt gehört, daß ich euch gesagt habe: Ich gehe hin und komme wieder zu euch; wenn ihr mich liebtet, so würdet ihr euch wohl freuen, daß ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich". Deshalb also konnte ihr Herz sich betrüben und in Furcht geraten, weil er von ihnen wegging, obwohl er zu ihnen wieder kommen wollte, damit nicht etwa inzwischen, in der Abwesenheit des Hirten, der Wolf die Herde anfalle. Allein der als Mensch von ihnen schied, verließ sie nicht als Gott, und derselbe Christus ist Mensch und Gott. Also ging er, sofern er Mensch war, und blieb, sofern er Gott war; er ging, sofern er an einem Orte war, und blieb, sofern er überall war. Warum also sollte ihr Herz sich betrüben und in Furcht geraten, da er so ihren Augen sich entzog, daß er sich ihrem Herzen nicht entzog? Obwohl übrigens Gott, der von keinem Orte umschlossen wird, auch von den Herzen derjenigen sich entfernt, die ihn verlassen in den Sitten, nicht mit den Füßen, und zu denen kommt, die sich zu ihm wenden nicht mit dem Angesichte, sondern im Glauben, und sich ihm nähern mit dem Geiste, nicht mit dem Fleische. Damit sie aber erkennen möchten, er habe, sofern er Mensch war, gesagt: "Ich gehe hin und komme wieder zu euch", fügte er hinzu und sprach: "Wenn ihr mich liebtet, würdet ihr euch wohl freuen, daß ich zum Vater gehe, denn der Vater ist größer als ich". Sofern also der Sohn den Vater nicht gleich ist, war er im Begriffe, zum Vater zu gehen, von dem er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten; sofern er aber als der Eingeborene dem Erzeuger gleich ist, entfernt er sich niemals vom Vater, sondern ist mit ihm überall ganz durch die gleiche Gottheit, welche kein Ort einschließt. Denn "da er in der Gestalt Gottes war", wie der Apostel sagt, "hielt er es für keinen Raub, Gott gleich zu sein". Denn wie könnte ein Raub sein die Natur, die nicht angemaßt, sondern angeboren war? "Er aber hat sich selbst erniedrigt, indem er die Knechtsgestalt annahm"1 , also nicht so, daß er jene verlor, sondern so, daß er diese annahm. In der Weise erniedrigte er sich, daß er hier geringer erschien, als er beim Vater verblieb. Die Knechtsgestalt nämlich kam hinzu, nicht aber kam die Gottgestalt hinweg; jene wurde hinzugenommen, diese nicht hinweg¬genommen. Wenn jener sagt er: "Der Vater ist größer als ich"; wegen dieser: "Ich und der Vater sind eins"2 .
1: Phil 2,6 f.
2: Joh 10,30