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Unsere Gesprächspartner haben uns in vielen Punkten überzeugt, aber nicht in allen. Gleich wie sie denken wir, dass die speziesistische These, laut der die Interessen von Tieren unter sonst gleichen Bedingungen moralisch stets weniger zählen als die Interessen von Menschen, falsch ist. Gleich wie sie denken wir, dass ihre Falschheit durch das anti-speziesistische Argument aufgezeigt wird. Gleich wie sie denken wir auch, dass gewisse (die meisten) Tiere Empfindungsfähigkeit besitzen und dass ihnen aufgrund ihrer Empfindungsfähigkeit ein moralischer Status zukommt; wir akzeptieren also die ersten beiden Prämissen des Arguments. Gleich wie sie denken wir schliesslich, dass der Grundsatz der gleichen Berücksichtigung aller moralischen Patienten nur zurückgewiesen werden kann mit Bezug auf ein Einschränkungskriterium, das unseren Intuitionen entspricht.
Anders als unsere Gesprächspartner denken wir aber, dass es ein solches Kriterium gibt und dass dieses vorgebracht werden kann, um die dritte Prämisse des anti-speziesistischen Argumentes zurückzuweisen. Von da aus ist es unseres Erachtens möglich, einen Mittelweg zu entwickeln zwischen der uneingeschränkten Annahme des anti-speziesistischen Arguments (den harten Anti-Speziesisten) und der uneingeschränkten Annahme der These des Speziesismus (den Speziesisten). Im Folgenden versuchen wir für die Idee zu argumentieren, dass ein solches Kriterium existiert – zugunsten eines gemässigten Anti-Speziesismus.
Intuition und Erklärung^
Die hauptsächliche Meinungsverschiedenheit zu unseren Gesprächspartnern betrifft die Bedingungen, unter welchen der Grundsatz der gleichen Berücksichtigung eingeschränkt werden kann. Rufen wir uns in Erinnerung, dass sich die Frage nach diesen Bedingungen in allen Situationen stellt, in welchen den gleichwertigen Interessen von Menschen und Tieren nicht gleichzeitig Rechnung getragen werden kann, denjenigen der einen dieser beiden Gruppen aber schon. Unseren Gesprächspartnern zufolge ist es für eine solche Einschränkung des Grundsatzes der gleichen Berücksichtigung und eine de facto Bevorzugung der Interessen von Menschen ausreichend, dass ein anderer Grundsatz den Zuspruch unserer Intuitionen gewinnt. (vgl. „Die Position unserer Gesprächspartner zur dritten Prämisse“ weiter oben)
Mit diesem Punkt sind wir nicht einverstanden. Wir denken, dass es eine Erklärung der betreffenden Intuition braucht, laut der die Interessen der Menschen den Vorrang hätten. Ohne Erklärung besteht das Risiko, dass die zu betrachtende Situation inkohärent behandelt wird – beispielsweise wenn durch einen persönlicher Faktor der ihre Intuitionen heranziehenden Person ein verzerrtes Bild vermittelt wird – oder dass die zu betrachtende Situation unangemessen behandelt wird – beispielsweise wenn die Intuition der Person nicht genügend aufgeklärt ist. Intuitionen sind nicht genügend solide, als dass sie die Einschränkung eines dermassen wichtigen Grundsatzes rechtfertigen könnten.
Wir denken, dass eine angemessene Erklärung dieser Intuitionen die folgende Form annehmen kann: Die Menschen sind Teil eines Netzes von normativen Beziehungen, dessen Integrität bedroht wäre, wenn wir nicht systematisch im Fall eines Konflikts zwischen gleichwertigen Interessen die Anwendung dieses Grundsatzes einschränken würden. Die normativen Beziehungen zwischen den Menschen begründen eine Respektklausel, welche die Notwendigkeit einer Von-Fall-zu-Fall-Prüfung – wenn gleichwertige menschliche und nicht-menschliche Interessen in Konflikt stehen – aufhebt: Bei gleichwertigen Interessen haben die Interessen der Menschen immer den Vorrang vor den Interessen der Tiere. Kommen wir zur Begründung dieser Erklärung zurück auf unsere Intuitionen bezüglich „marginalen“ Menschen (Kindern und Menschen mit Behinderung).
Marginale Fälle und Respekt>^
Aus welchem Grund haben wir die Tendenz – bei gleichwertigen Interessen – Kinder und Menschen mit Behinderung gegenüber Tieren zu bevorzugen? Eine intuitive und unseres Erachtens korrekte Antwort ist, dass diese Individuen eine spezielle Sorgfalt und Achtung verdienen – Sorgfalt und Achtung, welche die nicht marginalen Individuen nicht zu verdienen scheinen. Wir behandeln also die marginalen Individuen, wie wenn ihre Marginalität ihnen einen besonderen Verdienst verleihen würde: jenen, ein Objekt spezieller Sorgfalt und Achtung zu sein.
Natürlich ist aus der Tatsache, dass wir uns den marginalen Individuen gegenüber so verhalten, nicht zu schliessen, dass dies auch gerechtfertigt ist; und selbst wenn es gerechtfertigt wäre, die marginalen Menschen den Tieren gegenüber zu bevorzugen, hiesse dies noch nicht, dass auch der Vorzug von Interessen von nicht marginalen Menschen gegenüber Interessen von Tieren gerechtfertigt ist. Tatsache scheint aber zu sein, dass unserem Verhalten die Voraussetzung zugrunde liegt, dass das Gewicht der Interessen der moralischen Patienten nicht ausschliesslich zählt: Die Identität der Besitzer dieser Interessen ist auch ein Faktor. Diese Beobachtung wirft demnach zwei Fragen auf: (i) Welche Einstellung (attitude) steht unserem Verhalten zugrunde? (ii) Wenn unsere Einstellung erklärbar und rechtfertigbar ist, auf welche Erklärung und auf welche Gründe muss man sich beziehen?
Indem wir die marginalen Menschen bei gleichwertigen Interessen Tieren gegenüber bevorzugen, nehmen wir nicht bloss eine besondere Attitüde den marginalen Menschen gegenüber an: Wir manifestieren den Wunsch, dass die Anderen die gleiche Attitüde annehmen. Dies schimmert durch, wenn wir einen Tadel zum Ausdruck bringen, zum Beispiel jemandem gegenüber, der ein Kind schlecht behandelt oder sich über eine Person mit Behinderung lustig gemacht hat. Wir sagen dieser Person: „Du solltest dich schämen, dieses Kind schlecht zu behandeln!“ oder „Du bist dir des Schicksals dieser behinderten Person nicht bewusst: Es ist tragisch!“ Mit diesem Ausruf wollen wir nicht nur den Glauben unseres Gegenübers verändern: Wir wollen auch seine Attitüde den betroffenen Individuen gegenüber verändern. Dabei wollen wir seine Aufmerksamkeit darauf lenken, dass er Kinder nicht schlecht behandeln und sich über Menschen mit Behinderung nicht lustig machen soll.
Beim Ausdrücken eines Tadels wollen wir dem getadelten Individuum also mitteilen, dass wir es für an eine bestimmte Norm gebunden halten. Im vorliegenden Fall handelt es sich um die Norm des Respekts 1. Wenn wir im vorliegenden Fall dem getadelten Individuum sein Verhalten und seine Einstellung vorwerfen, tun wir dies mit Bezug auf den Respekt, der Kindern und Menschen mit Behinderung geschuldet wird. Respekt bestimmt aber nicht nur die Beziehungen zwischen marginalen und nicht marginalen Menschen; er bestimmt die zwischenmenschlichen Beziehungen ganz allgemein. (Die marginalen Menschen verdienen bloss eine besondere Art von Respekt, welche im Falle der Beziehungen zwischen nicht marginalen Menschen nicht vonnöten ist). Wir halten zwei Bedingungen für notwendig, damit zwischenmenschliche Beziehungen respektvoll sind: Erstens muss ein respektvoller Akteur anerkennen, dass die Interessen der Anderen für diese ebenso wichtig sind, wie seine eigenen Interessen für ihn (Altruismus-Hypothese). Zweitens muss er immer bereit sein, Anderen gegenüber in der Annahme zu handeln, dass diese fähig sind anzuerkennen, dass die Interessen des Akteurs ebenso wichtig für ihn selbst sind (Symmetrie-Hypothese).
Wir denken, dass dieser Begriff des Respekts das Verhalten erklärt, welches wir Kindern und Menschen mit einer Behinderung gegenüber fordern 2. Noch allgemeiner denken wir, dass diese Bedingungen nötig sind für die Anwendung des Grundsatzes der gleichen Berücksichtigung. Wenn diese beiden Hypothesen Kinder und Menschen mit Behinderung nicht miteinbeziehen würden, wäre es schlicht unmöglich, diesen Grundsatz anzuwenden: Die von diesem Grundsatz aufgeworfene Frage („Sind die jeweiligen Interessen der durch eine Handlung betroffenen Individuen gleich?“) wäre nicht formulierbar, wenn wir diese beiden Hypothesen nicht auf die betroffenen Individuen anwenden könnten.
Respekt, Integration und Integrität^
Die vom Grundsatz der gleichen Berücksichtigung gestellte Frage wäre also nicht formulierbar, wenn Symmetrie- und Altruismus-Hypothese nicht auf die betroffenen Individuen angewendet werden könnten. Wir denken nun aber, dass man zwei Arten unterscheiden muss, auf welche diese Hypothesen angewendet werden. Wenn wir diese Hypothesen auf von unserer Handlung betroffene Menschen anwenden, gehen wir davon aus, dass unsere Interaktionen mit diesen Individuen einen bestimmten Wert haben und dass die Interessen dieser Individuen einen bestimmten Wert haben. Der letzte Teil ist abwesend, wenn wir diese Hypothesen auf Tiere anwenden; in diesem zweiten Falle begnügen wir uns damit, den Tieren gestützt auf die beiden Hypothesen gewisse Interessen zuzuschreiben, und uns in der Folge zu bemühen, mit Bezug auf diese Interessen das Leiden ihrer Besitzer zu minimieren. Wir müssen also den Wert berücksichtigen, der gewissen von unseren Interaktionen mit Menschen (und nur mit Menschen) eigen ist.
Wenn dies zutrifft, heisst dies, dass wir beim Ausdrücken eines Tadels zum Ziel haben, die Attitüde der betreffenden Person zu verändern, damit sie die Norm erkennt, die sie zu (mehr) Respekt anhält. Der Tadel besteht darin, der getadelten Person in Erinnerung zu rufen, dass sie den die zwischenmenschlichen Beziehungen regelnden Normen untersteht (oder: dass sie von ihnen betroffen ist). Die Tatsache, dass sie von diesen Normen betroffen ist, hängt nicht von ihrer Entscheidung oder ihren Interessen ab: Nicht betroffen zu sein ist keine Option für sie.
Eine weitere Überlegung schliesst sich dem an: Es ist nicht nur keine Option, sich diesen Normen zu entziehen. Diese Normen erfordern auch, dass die Individuen sie den anderen kommunizieren (wenn sie die Möglichkeit dazu haben). Wenn jemand Respekt verinnerlicht hat, das heisst, wenn er den Wert verstanden hat, der die Norm „andere respektieren“ begründet, und sich nicht damit begnügt, sich servil der Norm zu unterwerfen, hat er die Verpflichtung sie weiterzukommunizieren. Er muss seinerseits in Gegenwart von respektlosem Verhalten Tadel zum Ausdruck bringen, und, er muss seinerseits die Aufmerksamkeit der Urheber jenes Verhaltens auf die Tatsache lenken, dass auch sie der Norm des Respekts unterstehen, und dass die eine einzige Weise zu handeln – gegeben dass sie dieser Norm unterstehen – darin besteht, ihrerseits den Respekt zu verinnerlichen. Jemand der dies nicht tut, wenn er die Möglichkeit dazu hat, könnte nicht vernünftigerweise behaupten, er habe den Wert verinnerlicht, der den Respekt begründet.
Die Verpflichtung, jene Werte auch zu kommunizieren, auf denen moralischen Normen beruhen, zeigt Folgendes auf: Zwischenmenschliche Beziehungen sind wie ein Netz, und alle Individuen tragen mit ihren Interaktionen zur Integrität dieses Netzes bei. Das Netz besteht aus den Interaktionen zwischen den Individuen, sowie aus den normativen Beziehungen, welche diese Interaktionen regeln. Wir sind nicht nur verantwortlich für unsere Handlungen. Wir müssen auch die Handlungen derjenigen berücksichtigen, auf die unsere Handlungen einen Einfluss haben können. Und wir müssen dies nicht nur für ihr Wohl oder das der ihnen Nahestehenden tun, sondern auch für das Wohl einer bestimmten Gemeinschaft: Wir müssen diejenigen Werte und Normen weitergeben, welche wir für am erstrebenswertesten für die betreffende Gemeinschaft halten.
Wir denken, dass obenstehende Überlegungen eine Bevorzugung des Menschen bei gleichwertigen Interessen rechtfertigen. Der Grundsatz der gleichen Berücksichtigung impliziert, dass wir Altruismus- und Symmetrie-Hypothesen auf die von unseren Handlungen betroffenen Individuen anwenden können. Wenn wir sie auf Tiere anwenden, zählt einzig die Minimisierung des Leidens, das mit der Frustration ihrer Interessen verbunden wäre. Wenn wir sie auf Menschen anwenden, zählen ausserdem die moralischen Werte, die Interaktionen unter Menschen innewohnen: Werte, die inhärent sind in den Interaktionen mit Menschen, sowie mit der Gemeinschaft derjenigen, die im Namen dieser Werte zu handeln imstande sind.
Man wird uns möglicherweise entgegenhalten, dass die gleiche Überlegung erlaube, diskriminierendes Verhalten zu rechtfertigen. Wir denken aber, dass dieser Einspruch nicht wirklich stichhaltig ist. Grund dafür ist, dass die Art der von uns suggerierten Bevorzugung nicht die gleiche ist wie diejenige, welche diskriminierende Verhaltensweisen wie Rassismus, Sexismus oder Chauvinismus nahe legen. In Gegensatz zu diesen Formen der Bevorzugung beruht die Pro-Menschen-Bevorzugung auf der Notwendigkeit, die Normen, welche die Beziehungen zwischen menschlichen moralischen Patienten regeln, zu verinnerlichen. Da diese Verinnerlichung von den moralischen Akteuren verlangt, sie bei Gelegenheit zu propagieren, und da dieses Propagieren inkompatibel mit der Abwesenheit von Bevorzugung ist, denken wir, dass die suggerierte Bevorzugung nicht mehr als den Namen mit den erwähnten (diskriminierenden) Bevorzugungen gemeinsam hat. Nur diese Bevorzugung erlaubt es, der Integrität der Werte und der Normen, welche die zwischenmenschlichen Beziehungen regeln, Rechnung zu tragen.
Notes:
- Wir verwenden den Begriff „Respekt“ um eine Norm oder einen diese Norm determinierenden Wert zu bezeichnen. Nichts Wichtiges beruht unseres Erachtens auf dieser terminologischen Auswahl, sofern man im Auge behält, dass die Konzepte „Norm“ und „Wert“ verschieden sind. ↩
- Die LeserInnen werden sich dessen selbst vergewissern können. ↩