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Tugend und Misserfolg
Man weiss es längst: ein moralisch einwandfreies Libretto macht noch nicht den Erfolg einer Oper oder eines Oratoriums aus. In den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts war der damals beliebteste Komponist Englands, Georg Friedrich Händel, dazu übergegangen, seinem Londoner Publikum jeweils in der Fastenzeit ein Oratorium anzubieten, das meist auf biblisch-religiösen Themen basierte. In der Regel waren es Gestalten aus dem Alten Testament, Figuren wie Belsazar, Salomon oder Susanna, deren Schicksale und Heldentaten – meist in minimal inszenierter konzertanter Form – auf der Bühne gefeiert wurden.
Für die Fastenzeit des Jahres 1750 wählte Händel ein Libretto von Thomas Morell, welches das Leben der Märtyrerin Theodora aus dem Antiochien des frühen Christentums zum Thema hatte. Diese Frau, die keine heidnischen Götter anbeten wollte, um ihrem christlichen Gott die Treue halten zu können, und die dafür Prostitution, Gefängnis, Folter und Tod auf sich nahm, war aber dem eher mondän gesinnten Londoner Publikum eine zu krass idealisierte „Tugendboldin“. Händel erkannte dies rasch und soll den Abend so kommentiert haben: „Die Juden werden diesmal nicht ins Theater kommen, weil es sich um eine christliche Geschichte handelt. Und die Frauen werden nicht kommen, weil sie nichts Tugendhaftes sehen und hören wollen!“
Im Dornröschenschlaf
Zwar hat Händel in den nachfolgenden Jahren das Werk noch dadurch zu retten versucht, dass er teilweise stark gekürzte Fassungen für den Druck freigab. Händel selbst war – gerade weil er ganz nach barocker Praxis auch Stücke verschiedener musikalischer Zeitgenossen in dieses Oratorium kunstvoll eingearbeitet hatte und sich damit auf Beliebtheitskurs wähnte – von der Qualität des Werkes voll überzeugt, ja er glaubte sogar, gerade in einzelnen Ensembles und Chören seiner „Theodora“ das Beste geliefert zu haben, was je aus seiner Feder an Noten floss.
Dies sahen seine Verehrer ziemlich anders. Das Werk versank immer tiefer in Vergessenheit, und bald wussten nur noch Händelspezialisten von der Existenz dieses Werkes. Es dauerte über 200 Jahre, bis Experten der Barockmusik das Werk wieder nach 1950 ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurückholten und die in diesem Werk verborgenen Schätze wieder ans Licht und an die Ohren der Welt brachten.
Grosse Verdienste um die Neuentdeckung von Händels „Theodora“ hatte neben den Musikwissenschaftlern, welche die ursprüngliche Fassung von 1750 wieder rekonstruieren konnten, vor allem der Dirigent William Christie, der das Werk 1996 in einer faszinierenden Regie von Peter Sellars in Glyndebourne auf die Bühne brachte. CD-Einspielungen und DVD-Aufzeichnungen folgten. Im Jahr 2009 kam das Werk während der Salzburger Festspiele auf die Bühne und wurde dort zurecht als Musikereignis gefeiert. Heute mokiert sich kaum jemand mehr ernsthaft über die idealisierte Märtyrerverehrung des wortschwülstigen Librettos. Wir erleben hier ein barockes Gefühlsdrama der lebendigsten Art, ausgedrückt in Szenen und Arien, die alle Regungen freilegen, denen leidende, jubelnde und gläubige Menschen ausgesetzt sein können.
Eine Arie der Irene
Um diese Vielschichtigkeit musikalischer Ausdruckstiefe freizulegen, wählte ich hier keine der starken Arien der Theodora selbst – woran es in diesem Werk gewiss keinen Mangel gibt – sondern eine ihrer Freundin Irene, gleichsam die Anführerin der vom neuen Glauben beseelten Frauen im Frühchristentum der heidnischen Stadt Antiochia. Händel hat sie für eine Mezzo-Stimme gesetzt, weshalb darin neben dem Verstrahlen von Innigkeit und Glaubensstärke von der Sängerin vor allem lyrische Wärme erwartet werden darf.
Wir sind in der 4. Szene des 1. Aktes. Ein Bote tritt auf und verkündet der vereinigten Schar von Christen, Valens, der Vertreter des römischen Kaisers, habe befohlen, alle Menschen zu töten, die nicht bereit seien, den römischen Göttern zu opfern. Darum rät er zur Flucht: „Flieht, Brüder und Schwestern, flieht! Denn erhitzter Zorn, Terror und Tod kommen auf uns zu!“
Nun ergreift Irene das Wort und singt in ihrem einleitenden Rezitativ: „Warum sollten wir fliehen? Vor wem sollten wir fliehen?“ Sie erinnert ihre verängstigte Christengemeinde daran, dass Gott derselbe sei, heute, immerdar, hier und anderswo. Seinen Getreuen gezieme es, den Herrn überall zu erwarten und dankend ihr Vertrauen in ihn zu setzen.
Der rosenfarbige Morgen
Die nun folgende Arie ist im Grunde ein Gebet in einherschreitendem Rhythmus. Sie beginnt mit den Worten: „As with rosy steps the morn advancing ... – Wie mit rosigen Schritten der Morgen sich nähert und die Schatten der Nacht vertreibt, so erheben wir, erprobt in rechtschaffenen Mühen, zu dir unsere Hoffnung auf endloses Licht. Denn du bist der Retter, das Licht des Tages, der Weg und das Leben.“ – Soweit der Arientext.
Es ist eine Da Capo Arie, wie meist bei Händel in seinen Opern und Oratorien. Das heisst: Der erste Teil wird zwar nach dem Mittelteil wiederholt, doch die Kunst der Interpreten besteht darin, uns die Musik in der Wiederholung noch einmal anders, als wir sie bereits gehört haben, empfinden zu lassen und in Klang zu verwandeln. Das gelingt der hier ausgesuchten Sängerin in ganz unnachahmlicher Weise.
Es ist Lorraine Hunt, die hier in der erwähnten Aufführung von Glyndebourne singt. Die kalifornische Sängerin – mit vollem Namen Lorraine Hunt Lieberson - starb im Jahr 2006 erst 52-jährig an einer Krebserkrankung. Bis zum Ausbruch der Krankheit war sie eine vielgefragte Sängerin barocker und romantischer Musik. Im Jahr 2000 heiratete sie den Komponisten Peter Lieberson, von dem sie unter anderem auch dessen Rilke-Vertonungen sang. Ihre Stimme ist uns in einigen kostbaren Aufnahmen von Bach, Händel, aber auch von Berlioz, Schumann und Mahler erhalten geblieben.
Ich kenne niemanden, der dieses Gebet der Irene aus Händels „Theodora“ mit so verwandelnder Kraft und Inbrunst gesungen hat, wie Lorraine Hunt es in dieser Aufnahme tut. Es dürfte aber auch keine zweite Arie Händels geben, in welcher die rosigen Schritte des anrückenden Morgens sich schöner in das Licht des Tages und des zuversichtlichen Glaubens entfalten, als es in seiner wunderbar befreienden Musik der Arie „As with rosy steps...“ der Fall ist.
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