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Igor Strawinskys Ballettwerk. Entstehung und Konzeption als interdisziplinäres Projekt
Lay summary
Igor Strawinsky gilt als der herausragende Ballettkomponist des 20. Jahrhunderts. Seine Beschäftigung mit dem Ballett zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk und prägt dasselbe wie bei keinem anderen Komponisten des 20. Jahrhunderts – und das, obwohl Strawinsky sich musikalisch immer wieder neuen Stilen zuwendet. Während seine drei bekanntesten Ballette L’oiseau de feu (1910), Petruschka (1911) und Le sacre du printemps (1913) sowie Les noces (1914-17/1921-23) zur frühen, russischen Periode gehören, wendet er sich mit Pulcinella (1919/20), Apollon musagète (1928), Le baiser de la fée (1928), Jeu de cartes (1936), Scènes de ballets (1944), und Orpheus (1947) auch in seiner zweiten, neoklassizistischen Schaffensperiode verstärkt dem Tanz zu. Sein letztes Werk für das Tanztheater, Agon (1953/1964), ist schließlich seinem dodekaphonen Spätwerk zuzuordnen, das wiederum auf seine Beschäftigung mit der Wiener Schule, insbesondere mit Anton Webern, zurückzuführen ist. Angesichts der zentralen Stellung des Balletts im Werk des Komponisten erstaunt, dass gerade diese Gattung bei Strawinsky nicht adäquat erforscht worden ist – und zwar weder als Instrumentalmusik noch als genuine Tanzmusik.
Das vorliegende Forschungsvorhaben will das Ballettoeuvre Strawinskys detailliert und systematisch untersuchen: Anhand der dazu überlieferten musikalischen und tänzerischen Quellen soll ein Überblick über Strawinskys Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Choreografen bzw. Kostüm-/Bühnenbildnern geschaffen werden; die Ballette Le sacre du printemps (Vaslav Nijinsky), Les noces (Bronislava Nijinska) und Orpheus (George Balanchine) werden dabei als Fallbeispiele fungieren. Aufgrund des umfangreichen und heterogenen Quellenbestands wird sich das Projekt zunächst einer Typologisierung der bedeutsamen Quellen widmen; im Zentrum der Untersuchung wird dann der interaktive Aspekt zwischen Komponist, Choreograf und gegebenenfalls Kostüm-/Bühnenbildner im Entstehungsprozess der Werke stehen.
Ausgangshypothese ist, dass Strawinsky maßgeblich am Bühnengeschehen beteiligt war, den Tanz bereits im kompositorischen Prozess mitdachte und die Werke in regem Austausch zwischen den beteiligten Künstlern entstanden. Mit der Berücksichtigung dieser Interdependenz kann ein neues Licht auf Strawinskys kompositorische und konzeptionelle Herangehensweise an jene Tanzgattung geworfen werden. Neben der Neuperspektivierung von Strawinskys Schaffensprozess wird diese Arbeit – hinsichtlich der Bedeutung des Tanzes im Gesamtwerk des Komponisten und aufgrund der Interdisziplinarität der Fragestellung – auch der Ballett- und Tanz-Forschung dienen. Dabei steht es außer Frage, dass jedes der drei ausgewählten Werke – aufgrund der zeitlichen und räumlichen Entstehungsdistanz – in einem je verschiedenen historischen Kontext gesehen werden muss und eine generalisierbare Aussage in Bezug auf Strawinskys Tanzschaffen daher nicht möglich sein kann. Dies ist auch nicht Ziel des Projekts; vielmehr sollen die besagten drei Ballette als Gegenstand für diachrone Schnitte in Strawinskys Ballettwerk betrachtet werden, um eine Aussage darüber zu treffen, in welchem Verhältnis Strawinsky zum Ballett als Gattung und Werk steht und in welcher Weise die Interdependenz zwischen Komponist, Choreograf und Bühnen-/Kostümbildner im Entstehungsprozess des Werkes analytisch fruchtbar gemacht werden kann.