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Für Agnès Varda verkörperte er das Kino schlechthin: Als sie zum 100-jährigen Jubiläum der Filmkunst im Jahr 1995 eine Spielfilm-Farce namens «Les Cent et Une Nuits de Simon Cinéma» entwarf, besetzte sie Michel Poccoli als die Hauptfigur «Monsieur Cinéma»: einen Greis mit Perücke, der sich kaum an sein Lebenswerk erinnerte.
Piccoli zeigte sich in dieser cineastischen Kuriosität gut gelaunt und von seiner komödiantischen Seite – nicht unbedingt eine Facette seines Könnens, die man ihn automatisch mit seiner Erscheinung in Verbindung brachte.
Piccoli spielte in den Jahrzehnten zuvor nicht selten kühle, abweisende, undurchsichtige und düstere Figuren – er konnte sogar ziemlich bedrohlich wirken, wenn das Drehbuch es verlangte.
Keine Angst vor unbequemen Rollen
Ab den späten 1940er-Jahren Michel trat Piccoli in Nebenrollen auf. Aber dem Kinopublikum so richtig zum Begriff wurde er in den 1960ern, als ihn mehrere Grössen des europäischen Arthouse-Kinos vor die Kamera holten: Jean-Luc Godard setzte ihn ikonisch in Szene – in «Le mépris», neben Brigitte Bardot. Danach griffen auch Luis Buñuel und Costa-Gavras auf ihn zurück.
SRF zeigt «Die Verachtung» (Le mépris)
«Die Verachtung» (Le mépris) mit Michel Piccoli ist am TV zu sehen am Freitag 22.5. um 23.45 Uhr auf SRF 1.
Mit dem Surrealisten Buñuel drehte Piccoli öfters. Generell ist seine Filmografie der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren gut gefüllt mit formal gewagten und inhaltlich fordernden Werken.
In Claude Faraldos absurdem Kultstück «Themroc» etwa brüllte er sich 1973 mit nacktem Oberkörper in einer Nonsens-Sprache die Seele aus dem Leib. Im gleichen Jahr kämpfte er in Marco Ferreris Skandalfilm «La grande bouffe» (1973) mit heftigen Blähungen.
Eine zärtliche Seite
Auch später arbeitet Michel Piccoli arbeitete auch später immer gerne mit Provokateuren zusammen. Leichte Kost und Kommerzfilme blieben Ausnahmeerscheinungen in seinem Schaffen.
Gleichzeitig fand er in den frühen 1970er-Jahren aber auch den Draht zu einem Regisseur, der eine äusserst sensible Filmsprache pflegte und Piccoli zu einigen seiner schönsten Rollen verhelfen sollte: Claude Sautet.
Sautet stellte Piccoli mehrmals an die Seite einer Schauspielerin, die ebenfalls keine Risiken scheute, und die perfekt mit Piccoli harmonieren sollte: Romy Schneider. Im bittersüssen Melodram «Les choses de la vie» (1970) singen die beiden gar ein wunderschönes, zärtliches Lied miteinander: «La chanson d’Hélène».
In Erinnerung bleiben wird Piccoli als ein Charakterdarsteller und Charakterkopf: Als einer, der seine eindrückliche, teils autoritäte Präsenz unerschrocken in den Dienst von Filmschaffenden stellte, die ihrem Publikum stets mehr bieten wollten als nur seichte Unterhaltung.