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Der europäische Verfassungsentwurf, unter der Ägide der elder statesmen Valéry Giscard d'Estaing und Giuliano Amato erarbeitet, präsentierte eine einfache Genealogie von Rechtsstaat und Demokratie: von der griechisch-römischen Antike ging er zur Französichen Revolution über. Diese simplizistische Sicht ist in Europa weit verbreitet, namentlich unter Laizisten und Säkularisten.
Einige Theologen sehen demgegenüber Menschenrechte und Demokratie schon in der Bibel präfiguriert. Tine Stein vermeidet die Einseitigkeit beider Positionen: der demokratische Verfassungsstaat hat eine komplexe Geschichte, wesentliche Voraussetzungen liegen jedoch in der Tat in Judentum und Christentum, insbesondere in den Vorstellungen von Gleichheit und Gerechtigkeit, die die biblische Anthropologie prägen.
Im Weiteren rekonstruiert Stein das Auseinandertreten von Herrschaft und Heil im Gebiet der Westkirche. Auch diese Entwicklung war schon in der Entsakralisierung politischer Herrschaft, die eine Leistung der jüdischen Bibel darstellt, angelegt. In Europa etabliert sich dann durch die Kämpfe der weltlichen mit der geistlichen Macht die Vorstellung zweier Sphären, so dass politische wie religiöse Herrschaft an der jeweils anderen eine Grenze findet.
Ob man diese Entwicklung nun als europäischen Sonderweg ansehen will oder nicht: vermutlich wäre der demokratische Verfassungsstaat ohne diese spezifischen Voraussetzungen so nicht zustande gekommen. Als Politologin plädiert Stein für eine politische Wertschätzung von Religion, deren Bedeutung nicht nur historisch zu würdigen ist. Gerade weil sie um die komplexe und voraussetzungsreiche Geschichte unserer politischen Ordnung weiss, ist Tine Stein eine spannende Gesprächspartnerin in einer Diskus-sion rund um Fragen der Bedeutung von Religion in nachsäkularer Zeit bzw. der Grundlagen von Rechtsstaat und Demokratie.