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Chinas grösster Fluss, der Jangtse, ist zwar stark verschmutzt. Aber dennoch weniger, als befürchtet. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung von Schweizer Wissenschaftern.
Sie konnten als erste ausländische Forscher ein detailliertes Verschmutzungsbild des Flusses erarbeiten. Demnach ist die Giftbelastung vergleichbar mit derjenigen des Rheins vor 30 Jahren.
Trotz einer Wasserqualität, die besser als erwartet ausfiel, sei eine Sanierung des Flusses unumgänglich, sagen die Experten des eidgenössischen Wasserforschungs-Instituts (Eawag) und des Hydrobiologischen Instituts Wuhan.
Wenn die chinesische Regierung ihre Anstrengungen beim Gewässerschutz sofort verstärkt, kann das Ökosystem des Jangtse gerettet werden, so die Eawag-Forscher aus Dübendorf.
Die Wasserexperten haben am Freitag bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) in Bern die definitiven Ergebnisse der "Yangtze Freshwater Dolphin Expedition" vorgestellt.
Sie hatten 2006 während einer erfolglosen internationalen Suchexpedition nach dem vom Aussterben bedrohten Süsswasserdelfin Baiji das Wasser untersucht. Zwischen dem Drei-Schluchten-Damm und Schanghai entnahmen sie auf einer Länge von 1'750 Kilometern Hunderte von Wasser- und Sedimentproben.
Verdünnungseffekt
Die Verschmutzung des Jangtse sei zwar enorm, hielten die Forscher fest. Die Schadstoff-Konzentration sei jedoch wegen der riesigen Wassermengen ähnlich wie in anderen Flüssen, da sich ein Verdünnungseffekt einstelle.
Eine der grössten Verschmutzungsquellen ist die Landwirtschaft, die grosse Mengen von Mineraldüngern einsetzt. Dadurch habe sich der Stickstoffgehalt des Jangtse in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt.
Die Schwermetall-Konzentration ist aber nach wie vor zwei bis acht Mal niedriger als die Werte, die vor dreissig Jahren im Rhein gemessen wurden, als der Fluss auf dem Höhepunkt der Verschmutzung war.
Dies bedeute aber nicht, dass Entwarnung gegeben werden könne. Denn im Gegensatz zu den meisten Flüssen Europas nehme die Verschmutzung des Jangtse weiter zu.
Die Schwermetall-Konzentration sei nur wegen der enormen Wassermassen des Jangtse relativ niedrig: Im Delta im Ostchinesischen Meer sind die Schadstoff-Konzentrationen dagegen alarmierend hoch.
Täglich Tonnen von Arsen in Reis und Fisch
1500 Tonnen Stickstoff und bis zu 4,6 Tonnen Arsen würden jeden Tag vom Wasser zur Küste geschwemmt. Die Schwermetalle gelangen zudem ins Trinkwasser von mehreren hundert Millionen Menschen, sowie auf Reis- und Maisfelder, zu deren Bewässerung Flusswasser gebraucht wird.
Der Jangtse versorgt 70% der chinesischen Reisanbaugebiete mit Wasser. Gleichzeitig wird er als Entsorgungsstelle für 25 Mrd. Tonnen Abfälle pro Jahr missbraucht.
Die Schadstoffe befinden sich zudem in zwei Drittel des Fisches, der in China konsumiert wird.
Keinen direkten Zusammenhang konnten die Forscher zwischen dem vermuteten Aussterben des Süsswasserdelfins Baiji sowie dem Rückgang der Population der Schweinswale und der Wasserqualität im Jangtse feststellen.
Flussdelphin: Nicht nur Gift, auch Lebensraum
Dem als Gottheit verehrten Baiji sind gemäss Analyse mehrere Faktoren zum Verhängnis geworden: Die Verschmutzung ist nur ein Grund, weshalb der Lebensraum der Flussdelfine immer mehr eingeschränkt wurde.
Auch Industrie, Landwirtschaft, Schifffahrt, Lärmbelastung und Fischereimethoden führten zum Aussterben des weissen Delfins.
Die Forscher appellieren an die chinesische Regierung, ihre Anstrengungen im Bereich des Gewässerschutzes zu verstärken.
Eine Sanierung, wie sie in jüngerer Vergangenheit bei den europäischen Flüssen eingeleitet wurde, sei unumgänglich, damit Arten wie der Schweinswal oder der Chinesische Stör gerettet werden könnten.
swissinfo und Agenturen
Drittgrösster Fluss der Welt
Der Jangtse ist der längste Fluss Asiens. Er entspringt in Tibet, auf 5405 Metern Höhe über Meer.
Dann durchquert er ganz China und mündet, nach 6380 Kilometern, bei Schanghai in das Ostchinesische Meer.
Der drittgrösste Fluss der Welt weist an seinem Ober- und Mittellauf viele Schluchten auf. Dort entsteht auch der umstrittene Drei-Schluchten-Damm.
Für den Betrieb eines gigantischen Kraftwerks soll der Jangtse so gestaut werden, dass ein 600 Kilometer langer und 180 Meter tiefer See entsteht. Millionen von Menschen müssen dafür umgesiedelt werden.
An seiner Mündung führt der Strom rund 32'000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. In seinem riesigen Einzugsgebiet leben über 350 Millionen Menschen - beinahe ein Sechzehntel der Weltbevölkerung.