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Ein schweizerisches Kulturgut im Wandel der Zeit oder wie aus einem fuchsgrossen Bauernhund ein Riese mit gesundheitlichen Einschränkungen wurde. Der Bernhardiner soll an dieser Stelle nicht schlechter dastehen als andere Rassehunde. Doch anhand dieser Rasse wird modellartig dokumentiert, wie Menschen Hunde nach ihrem Bedürfnis gestalten. Barry, unser Nationalhund, hat einiges durchgemacht!
Text: Nadja Maurer
Barry, Bäri, Alpenhund, grosser St. Bernhardshund, Lawinendoggen, Klosterhunde, Hunde vom St. Berhardsberg… Die Engländer nannten sie Alpine Mastiff, Alpine Spaniel, St. Bernhards Mastiff oder Bernardine Dog. Bis 1860 wurden sie im Kanton Bern Barryhüng genannt. Die heutige Bezeichnung St. Bernhardshund taucht erstmals 1823 auf. Harald Othmar Lenz führt in seinen Rassenbezeichnungen von 1831 «Die Hunde vom St. Bernhardsberge» als Bastarde auf.
Der «echte» Barry
Zweifelsohne war der Hospizhund ein sehr uneinheitlicher Hund. Seine Aufgabe war es, die Chorherren zu unterstützen. Im Haus wurde er als Wach- und Schutzhund gehalten. Im Aussendienst war er ein hervorragender Nasenhund, der die Reisenden aufzuspüren vermochte. Hatte er Verschüttete gefunden, bellte er und fing an zu graben. Sein ausserordentlicher Orientierungssinn brachten die Marroniers (Bergführer) und verirrten Reisende sicher in die Obhut der Augustiner Chorherren zurück. Das waren die wichtigen Qualitäten des Hospizhunds.
Im Exterieur musste er einzig ein gutes, dichtes Stockhaar haben. Langhaarhunde gingen ebenfalls aus der Zucht hervor, diese wurden aber in die umliegenden Täler und ins Berner Mittelland weitergegeben. Später waren die Engländer grosse Liebhaber des langhaarigen Mastiffs aus den Bergen. Ein gutes Stockhaar, reichlich Unterwolle und nützliches Deckhaar waren unentbehrlich für den Dienst im Schnee, während langes Haar im Schnee verklebt und die Hunde in ihrer Arbeit eingeschränkt hätte.
Doggen?
Die genaue Herkunft ist nicht gesichert. Es gibt eine beliebte Theorie, die besagt, die Tibetische Dogge sei via Assyrien, Griechenland und Rom in die Alpen gelangt. Oder …ganz offensichtlich sei der Hund spanischen Ursprungs. Der Schweizer Zoologe Heinrich Rodolf Schinz sagt 1809, der Alpenhund sei ein Bastard vom englischen Hund und dem spanischen Wachtelhund. Andere sprechen von der nordischen Mutterhündin, einer dänischen Dogge, die sich mit dem wallisischen Schäferhund fortgepflanzt habe. In einem Gedicht über das Hospiz erscheint die Aussage: «Nicht Wachtelhund, nicht Dogge ganz, halb Spaniens, halb Englandsrasse,
Ist‘s eine eigne edle Klasse.» Es gibt aber auch Stimmen, die behaupten, der Hund sei ganz einfach durch Lokalschläge entstanden. Zusammenfassend kann man sagen, sie waren sich damals alles andere als einig. Doch Barry vollbrachte viele heroische Taten, die plötzlich eine Ahnentafel verlangten. Schliesslich mussten die unglaublichen Rettungen, über die in Briefen und Dokumenten von Betroffenen berichtet wurden, erklärt werden.
Barrys Verwandlung
1800 wurde Barry geboren – 1814 starb er in Bern. Originalbilder von ihm gibt es nicht. Zeichnungen haben sich möglicherweise dem ausgestopften Barry im Naturmuseum angepasst. Das erste Präparat zeigte einen kurzbeinigen Hund mit rot-weisser Platten-Scheckung. Den Kopf hielt er demütig in die Tiefe, was bestimmt sehr viel Sympathie hervorrief. Damals hatte diese erste Präparation kein Fässchen um den Hals. Wann dieses Markenzeichen eingebracht wurde, ist nicht gesichert. Als Barrys erste Ausstopfung zu zerfallen drohte wurde er 1923 kurzerhand aufgestylt. Er bekam längere Beine und einen «neuen» Kopf. Der Originalschädel ist wolfsähnlich, die Augen sind näher zusammen, der Fang ist lang und hat keine abgesetzte Schnauze. In der Nachzucht gab es immer wieder rundköpfige, grosse, langhaarige Exemplare, die zum freundlichen, sympathischen, fast menschlich anmutenden Gesicht mutierten. Also musste Barry nicht nur modische Accessoires tragen, sondern diesem Bedürfnis nach einem freundlichen Aussehen auch angepasst werden. Sein Aussehen und seine Taten wurden durch Modeströmungen, Markt und freundliche Verherrlichung modelliert.
Barry früher und heute
Die Zucht ausserhalb des Hospizes wurde von Heinrich Schumacher (1831 bis 1903) geprägt. Schumacher versuchte intensiv, den Bernhardiner in gebrauchsfähigen, kleinen, langköpfigen Hunden zu erhalten. Schinz schreibt 1837: «Der letzte Abkömmling der ächten Stammraçe rettete 40 Menschen das Leben und ist im Museum zu Bern aufgestellt.» Schumachers Ideal für Körperbau und Fellbeschaffenheit war Barry. Diesen leichten Gebrauchstyp wollte er erhalten. Er hatte Erfolg und wurde 1867 in Paris dafür belohnt. Er beglaubigte Stammbäume seiner Wiedergeburt von Barryhunden. Währenddessen kehrte in anderen Zuchten eine ganz andere Modeströmung ein: grosse Schläge mit rundem, schwerem Kopf und abgesetzter Schnauze. Schumacher liess sich nicht von seinem Weg abbringen und äusserte 1884 an der ersten Hauptversammlung der Schweizerischen Kynologischen Gesellschaft: «… die Meinung der modernen Züchter und deren Richtung, welche mich überflügelten, aber nicht des Besseren überzeugte, ging dahin, auf enorme Grösse und starke, ungeheure Köpfe, kurz, rund und dick zu züchten, wodurch sie zu Masthunden wurden und dadurch leider an Intelligenz und Lebhaftigkeit einbüssten. Es sind wahre Schau- und Ausstellungsexemplare geworden, aber wo sind nun die wahren St. Bernhardshunde; ich lasse mich nicht bekehren.»
Die Zuchtrichtung führte weg vom leichten Barry zu grossen Doggenähnlichen schweren Tieren mit grossen Köpfen. Als der schwere Bernhardiner immer mehr gefragt war, gab Schuhmacher seine Zucht auf. Th. Künzli, Arzt und Züchter, kommentierte 1899 die Zucht folgendermassen: «Ein Krebsübel ist die Rücksichtslosigkeit, mit der die Züchter die Ausserachtlassung einer richtigen Hinterhand behandeln und glauben nur Köpfe züchten zu müssen…, so zeigen die meisten Rüden, oft von ganz hervorragendem Typus und mit mächtigen Köpfen, mehr oder weniger miserable Hinterhand und wackeligen, unbeholfenem Gang.» Die Hunde auf dem Hospiz und Schumachers Hunde brachten allerdings auch immer wieder einzelne, sehr grosse Hunde hervor, die nicht einheitlich waren. Die Engländer waren ausschlaggebend, um die grossen Mastiff-ähnlichen Hunde zu fördern. Die Schweizer Züchter erkannten deren Vorliebe und bald war die Nachfrage in England ein gutes Geschäft.
Mehrmals wurden die echten St. Bernhardhunde als ausgestorben betrachtet. Das Hospiz hatte tatsächlich ab und zu keine Hunde mehr und holte aus den Tälern wieder Hunde zurück. Erst 1887 kam mit der internationalen Anerkennung des schweizerischen Standards etwas Ordnung in die Zucht. Danach kam man weg vom leichten Gebrauchstyp. Nach 1925 wurde nur noch der schwere Doggentyp gezüchtet. Der aktuelle Rassestandard lässt aber, wie bei anderen Rassen auch, grossen Interpretationsspielraum. Das heisst, eine objektive Beurteilung nach Exterieur bleibt abhängig vom subjektiven Empfinden eines Richters. Denn wer kann wirklich objektiv beurteilen, was gross ist, was wie rund ist? Wie wackelig darf ein Gang sein? Wie lange Lefzen sind gesund? Wie gesund ist ein erlaubtes leichtes hängendes Augenlid? Was ist mässig tief? Wie gut ist es, sich anzupassen an einen kaum mehr lauffreudigen Riesen?
Nach über sechzig Jahren Erfahrung in der «Ausmerzzucht» (z. B. Hüftgelenkdysplasie) sollte man die realen Erfolge mit den realen Misserfolgen vergleichen und vielleicht doch wagen aus Exterieur-Zuchten wieder die wahren Hundehelden zu züchten – gesund, agil, mit mässiger Grösse und einem echten «riesigen» Hundeherz!
Quelle 1) BARRY vom Grossen St. Bernhard, Marc Nussbaumer, Naturhistorisches Museum der Burgergemeinde Bern, 2000 Simowa Verlag Bern. ISBN 3-908152-02-X