Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03326.jsonl.gz/106

Mitglieder der 7000 US-Bürger zählenden amerikanischen Gemeinschaft in Genf haben eine spannende Nacht zur Wahl des US-Präsidenten erlebt.Dieser Inhalt wurde am 03. November 2004 - 08:35 publiziert
swissinfo-Korrespondentin Anna Nelson verfolgte mit Demokraten und Republikanern den Wahlverlauf.
Rund 600 Menschen kamen zur Party, an der Live-Musik gespielt und getanzt wurde. Es wurde aber auch heiss und engagiert debattiert.
"Ich finde, die Atmosphäre war sehr emotional", sagte Janet Voute, die Chefin des Genfer American International Club (AIC), welcher den Anlass durchführte.
"Wenn sich das Ausland an den US-Wahlen beteiligen könnte, wäre das Ergebnis klar, aber es ist eine amerikanische Wahl, bei der viel Spannung herrscht", fügte sie hinzu.
Ihre Ansicht wurde auch vom Genfer Bürgermeister Pierre Muller geteilt. Er nehme am Fest teil als ein "Vertreter der Schweiz und Freund von Amerika", sagte er.
"Für die Schweiz aber auch für uns Genfer hat die Wahl eine grosse Bedeutung", sagte Muller gegenüber swissinfo.
"Genf ist eine internationale Stadt, die von der geopolitischen Situation beeinflusst wird. (...) Was sich in den Vereinigten Staaten abspielt ist für uns von grösster Wichtigkeit."
Unterstützung
Während der ganzen Nacht verfolgten die Gäste, die meist rot, weiss und blau gekleidet waren, im Ramada Hotel die Reden von Verfechtern beider Seiten, jene des republikanischen Amtsinhabers, Präsident George W. Bush und seines demokratischen Herausforderers, John F. Kerry.
"Amerika hat eine einmalige Chance", sagte die Chefin der Ausland-Demokraten in der Schweiz, Caitlin Buchman, einer jubelnden Menge, bevor in den USA die Wahllokale geschlossen wurden.
"Wir müssen das Amerika zurückgewinnen, das wir lieben und das Amerika, das von der Welt früher bewundert wurde", fügte sie hinzu.
Aber nicht jedermann im Raum teilte ihren Enthusiasmus für die Kerry-Kampagne. So auch Edward Flaherty von den Ausland-Republikanern. Er sagte, der Kampf gegen den Terrorismus sei der Hauptgrund, weshalb er George Bush gerne wiedergewählt sähe.
"Nichts von dem, was wir hier heute Nacht sagen, wird den Ausgang der Wahl beeinflussen", sagte Flaherty in seiner Rede.
"Aber es ist wichtig, zu erklären, warum wir denken, dass George Bush gewinnen sollte. Es ist wegen der Ereignisse am 11. September 2001. Viele Amerikaner, auch Republikaner sind nicht glücklich über das Bild, das die USA der Welt vermitteln. Aber trotzdem, wir brauchen die Sicherheit und wir hoffen, dass wir Erfolg haben werden", sagte er.
Pro-Kerry
Der AIC führte am Abend eine Befragung durch. Der grösste Teil der Teilnehmer war für Kerry. Gemäss einer inoffiziellen Umfrage, an welcher Amerikaner, Schweizer und Mitglieder der internationalen Gemeinschaft teilnahmen, zeigte, dass 81,5% der 368 befragten Menschen hofften, dass Kerry gewählt würde.
Nur 9,8% der Anwesenden unterstützten Bush und 19 hofften, dass der unabhängige Kandidat Ralph Nader das Rennen machen würde.
Voute sagte gegenüber swissinfo, sie vermute, dass viele Republikaner an dieser Veranstaltung den Kopf eingezogen hätten", wegen der Anti-Bush Gefühle in diesem Raum.
"Sie sahen den Ausgang dieser Umfrage voraus. Ich glaube, sie halten sich hier bedeckter als sie es in einer rein-amerikanischen Umgebung tun würden", sagte sie.
Vertreter der relativ einsam dastehenden Ausland-Republikaner sagten, sie hätten beobachtet, dass einige Leute Pro-Bush Material verlangt und dieses dann vor dem Demokratischen Stand auf der anderen Seite des Raumes zerrissen hätten.
"Ich habe das aber nicht gesehen", sagte Buchman gegenüber swissinfo. "Sollte es wahr sein, wäre das schrecklich und nicht so, wie die Demokraten wirklich sind."
Heilende Wunden
Trotz der Berichte über einzelne Feindseligkeiten war die Atmosphäre in der Nacht allgemein freundschaftlich und festlich.
Um 3 Uhr morgens hatte sich die Masse auf ungefähr 150 ausharrende Beobachter gelichtet, welche die Wahl auf den Bildschirmen der US-Nachrichten-Sender verfolgten.
"Es war eine fantastische Nacht, und Anlässe wie dieser zeigen, dass sich die Amerikaner trotz unterschiedlicher Sichtweisen vertragen können," sagte Buchman.
"Aber es braucht mehr als eine Party um die Wunden in Amerika zu heilen. Wir müssen uns gegenüber streng sein und bereit, eine wirkliche Debatte zu führen sowie offen, über unsere Differenzen zu sprechen", sagte sie.
swissinfo, Anna Nelson in Genf
(Übertragen aus dem Englischen: Etienne Strebel)
Fakten
Rund 15'000 registrierte amerikanische Bürgerinnen und Bürger leben in der Schweiz.
Etwa 7000 Amerikaner leben in der Genfersee-Region, 3000 leben in und um Zürich.
Das Hauptquartier der Ausland-Amerikaner ist in Genf, wo auch der Schweizer American International Club (AIC) beheimatet ist.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards