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Die wichtigsten Räume eines Ryokan, eines traditionellen japanischen Gasthauses, sind so entworfen, dass sie mit einer Reihe von standardisierten Tatami (Reisstrohmatten) passgenau ausgelegt werden können. Das ist ein wenig als würde man erst ein paar Spannteppiche von einer ganz bestimmten Grösse kaufen, um dann ein Haus zu entwerfen, dass zu den Massen dieser Teppiche passt. Allerdings sind die Masse eines Spannteppichs in der Regel beliebig – derweilen die Masse einer Tatami alles andere als zufällig sind.
Mit einer (je nach Region etwas unterschiedlichen) Standardlänge von 170-191 cm und einer Breite von 85-95 cm entspricht die Tatami in ungefähr der Fläche, die ein menschlicher Körper zum Schlafen braucht – ohne sich bedrängt zu fühlen. Das Grundelement der japanischen Architektur ist also gewissermassen die menschliche Komfortzone, der minimale Individualraum. Das erinnert an die in Europa seit der Renaissance diskutierte Vorstellung einer Architektur, die sich am Mass des Menschen orientiert.
Die grosse Bedeutung dieses Tatami-Minimalraums in der japanischen Kultur könnte man in einem gewissen Widerspruch sehen zu der im Westen verbreiteten Auffassung, dass in der japanischen Gesellschaft die Bedürfnisse des Kollektivs ganz klar über den Interessen des Individuums stehen. Umgekehrt könnte man auch von einer Normierung des Minimalraums sprechen – und diese als Zeichen dafür ansehen, wie schwierig es alles Individuelle in dieser Kultur hat. Wie auch immer. So wie so kann die Sicherung des Individualraums wohl als eine Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Organisation eines Kollektivs gelten. Das gilt für Japan sicher genauso wie für unser westlichen Gesellschaften – nur kennen wir irgendeinen Ausdruck für diesen vom Körper benötigten Minimalraum, der es mit der Symbolkraft der Tatami aufnehmen kann?
First Publication: 23-4-2013
Modifications: 28-6-2013