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Debatten um die Zunahme von echter und scheinbarer Gewalt in Fussballstadien, Polemiken um Dopingfälle im Spitzen- und Breitensport, Diskussionen um korrupte Funktionäre und um Spielmanipulationen durch die Wettmafia zeigen, dass der Sport im Verlaufe der Moderne zu einem Markt- und Massenphänomen geworden ist, das medial und monetär eine unheimlich grosse Aufmerksamkeit erlangt hat. So wurde der Sport in den letzten Jahrzehnten durch seine Kommerzialisierung zu einem der grössten Absatzmärkte weltweit, in dem Geld gewaschen werden konnte. Der Sport und seine Massenveranstaltungen dienten der Politik zudem als Bühne der Inszenierung und der Durchsetzung von Partikularinteressen.
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Sports erlebt jedoch nur ephemere Phasen der Aufmerksamkeit – beispielsweise in der Schweiz vor und während der Fussballeuropameisterschaft 2008 – und verschwindet dann wieder aus dem Fokus eines bereiteren Publikums. Die fortschreitende Spezialisierung von akademischen Sporthistoriker/-innen lässt zudem den Blick auf die longue durée häufig vermissen.
Die geplante Nummer der traverse möchte dieser einengenden Sichtweise eine verknüpfende Auslegeordnung entgegenhalten und gesamtgesellschaftliche Fragen am Beispiel der Geschichte des Sportes erörtern. Beabsichtigt ist deshalb ein Band, der das Thema Sport als Breiten- und Massenphänomen, als marktorientierte Unterhaltungsform und als Erscheinung, die sich im Wechselspiel von Politik und Masse befindet, betrachtet. Im Zentrum steht nicht die jeweils spezifische Sportart, sondern die sie umgebenden gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Erscheinungsformen. Die Frage der Masse stellt sich somit einerseits auf der Seite des Breiten- und Amateursports: In diesem Bereich erlebt der Sport eine Hinwendung zum Lifestyle, aber auch die Dopingproblematik wirkt in alle Gesellschaftsschichten hinein. Andererseits stellt sie sich auf der Seite der Sportkonsument/-innen: Das Phänomen der Zuschauermassen bringt neue technische, sicherheitspolitische und logistische Herausforderungen mit sich. Beides sind nicht Erscheinungen des 21. Jahrhunderts. In den 1920er-Jahren gab es Radrennen und Fussballspiele mit über 100'000 Zuschauern. Wo erscheinen hier Brüche, Verwerfungen, Verschiebungen ökonomischer, gesellschaftlicher und politischer Art?
Die Frage des Marktes ergibt sich aus der Professionalisierung, der wachsenden Begeisterung, und der Konsumbereitschaft für den Sport. Der monetäre Aspekt liegt zudem darin begründet, dass der Sport von grossen Vertriebs- und Marktorganisatoren und deren Multiplikatoren begleitet ist, während die lokale Bevölkerung meist das ökonomische Nachsehen hat oder die Altlasten, Defizite und strukturellen Belastungen zu bezahlen hat. In gewissen Sportarten werden Menschen wie Ware von Verein zu Verein weitergehandelt, es fliessen dabei verdeckte Summen an Berater, Vermittler und Sportler/-innen.
Eng damit zusammenhängend stellt sich die Frage der politischen und institutionellen Macht: Wer im Sport das Sagen hat, verfügt nicht nur über ökonomische, sondern häufig auch über politische oder mediale Macht. Gleichzeitig versucht die Politik, die Rahmenbedingungen an die Gegebenheiten der Zeit anzupassen, durch verschärfte Repression im Bereich von Fangewalt beispielsweise. Korruption, mafiöse Absprachen, Menschenhandel und Missbrauch sind keine Ausnahmen. Gleichzeitig entstehen Gegenbewegungen, die für ehrlichen Sport, weniger Kommerz, mehr Transparenz und mehr Rechte für Sportler/-innen und Zuschauer/-innen kämpfen.
Die Zeitschrift traverse erwünscht sich Beiträge, welche die verbindende Perspektive von Gesellschafts-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte am Beispiel des Sportes in der Triade Masse, Markt und Macht durchspielen. Erwünscht sind einerseits Beiträge, die den langfristigen Wandel der Phänomene untersuchen, aber auch solche, die anhand von Einzelbeispielen historisch spezifische Situationen tiefgründig analysieren und in gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge rücken. Es sind Beiträge aus allen Epochen willkommen, die durch eine Analyse sporthistorischer Entwicklungen und Ereignisse auch in methodischer Hinsicht neue Sichtweisen ermöglichen.
Erwartet werden ein Abstract von einer Seite, ein kurzes CV sowie eine Auflistung der bisherigen allfälligen sachverwandten Publikationen bis zum 25. August 2014 an: <email-pii>, <email-pii>, <email-pii> oder <email-pii>