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Was herauskommt, wenn ein Wissenschaftsphilosoph und eine Esoterikerin eine Woche lang mit einem dichtenden Schamanen aus der Mongolei diskutieren.
Ein Gespräch zwischen zwei Buchdeckel zu legen, ist ein riskantes Unterfangen: Sein ursprünglicher Reiz, die akustische Spontaneität, die direkte Begegnung, ist weg. Im Allgemeinen bleiben Gespräche, die aufgeschrieben werden, vage ausgewogen, und man fragt sich, wozu das gut sein soll. Insbesondere wenn es um «letzte Fragen» und grundlegende Lebensweisheiten geht. Die laufen Gefahr, wenn sie geballt vorgeführt werden, einer banalisierenden Litanei zu dienen.
Spagat zwischen Kulturen
Galsan Tschinag stammt aus dem mongolischen Altai-Gebirge, er ist ungefähr 67, wuchs in der Steppen- und Jurtenwelt der ums Überleben kämpfenden Tuwa-NomadInnen auf und ist heute ein Erfolgsautor im deutschen Sprachbereich. Der Mongole hat in den sechziger Jahren in Leipzig Germanistik studiert und dabei die deutsche Sprache so perfekt gelernt, dass er fortan Romane und Gedichtbände in Goethes Idiom zu schreiben vermochte. Einen Namen hat er sich jedoch vor allem auch als Schamane gemacht, der aus uralten mongolischen Quellen und Melodien schöpft. Seine westlich-östliche Karriere verdankt er dem 1976 erfolgten Rausschmiss «wegen politischer Unzuverlässigkeit» aus der Universität von Ulan Bator (Mongolei), wo er Deutsch lehrte.
Er ist stolz, den Spagat zwischen seiner archaischen Heimat und dem modernen Westen zu meistern. Diese Erfahrung erläutert er in einem Gesprächsmarathon mit dem deutschen Wissenschafts- und Technikphilosophen Klaus Kornwachs und der deutschen Esoterikerin Maria Kaluza, die das Gespräch moderiert. Das massive Eigenlob, das der zutiefst optimistische Tausendsassa ausbreitet, mag auf die Länge ermüden.
«Auch deine Hände können heilen»
Es geht um Fragen des Lebenssinns, der Spiritualität, der Intuition, der Visionen um Erlösung und Aussöhnung unter diametral entgegengesetzten Anschauungen und der Antennen für die «Verbindung zur anderen Wirklichkeit». Tschinag betont, einerseits werde man als Schamane geboren, anderseits müsse aber auch ein solcher sich ständig weiterbilden – und gleichzeitig nach Osten und Westen schauen.
«Meine Hände sind zwar gut», verrät er, «sogar wunderbar, denn die können heilen – aber die deinigen genauso. Nur, erinnere dich bitte daran, versuche, sie gleich einzusetzen – denn dein Patient ist nebenan, das ist die Ehefrau, das ist der Ehemann. Da ist die alte Tante, die ewig unter Verspannungen leidet. Fange sofort an, in diesem Augenblick. Und mache damit diesen Tag, diese Stunde, diesen Augenblick zum Geburtstag, zur Geburtsstunde, zum Geburtsaugenblick eines Heilers. Und du darfst dabei wissen: Heiler sind Wohltäter!»
Nur für Eingeweihte?
Kornwachs bringt das Verhängnis des Westens auf den Punkt: «Die westliche Philosophie unterscheidet zwischen Verstand und Vernunft. Am besten kann man das mit dem Satz von Max Born sagen: ‹Die Atombombe, das ist ein Triumph des menschlichen Verstandes, aber eine Niederlage seiner Vernunft.›» Dazu der Kommentar von Galsan Tschinag: «Sehr gut.»
Zu einer wirklichen Auseinandersetzung mit dem Wissenschaftsvertreter kommt es nicht, zu gross sind der gegenseitige Respekt und das Harmoniebedürfnis. Ob das Buch Nichteingeweihte zu überzeugen vermag, bleibt nach der Lektüre die grosse Frage. Auf alle Fälle sind die zum Teil märchenhaften Erzählungen des mongolischen Wunderkinds origineller und spannender als dieses aufgeschriebene Gespräch, das in Wirklichkeit eine Woche gedauert hat. Tschinags Geschichten reichen oft in seine Kindheit zurück und sind in Titeln wie «Auf der grossen blauen Strasse» und «Tau und Gras» (alle Unionsverlag) zu finden.