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Oklahoma ist weitgehend unbekannt. Ein Film macht aber neugierig auf diesen US-Bundesstaat, in dem vor gut 100 Jahren die reichsten Ureinwohner der Welt lebten und die Cowboys nicht bewaffnet waren. Hier wurde auch die legendäre Route 66 erfunden.
Autor & Bilder: Detlef Berg
Wo genau liegt dieses Oklahoma? Selbst für erfahrenen Amerika-Reisende ist dieser US-Bundesstaat meist ein unbeschriebenes Blatt. Er liegt im Herzen der Vereinigten Staaten, im Mittleren Westen. Von der Form her gleicht er einer Hand, deren ausgestreckter Zeigefinger nach links zeigt. Nach Norden hin trennt ihn eine schnurgerade Grenze von Kansas, im Süden liegt Texas.
Oklahoma hat keine spektakulären Nationalparks oder Glitzermetropolen zu bieten. Im Oktober 2023 aber erfuhr der Bundesstaat viel Aufmerksamkeit – durch einen Film von Martin Scorsese. „Killers of the Flowers Moon“ – Morde unter dem Mond der Ureinwohner – heißt der Streifen, der erfolgreich in den Kinos läuft. Er befasst sich mit dem traurigen Schicksal eines indigenen Stammes, der in Oklahoma viel karges Land besaß und der in den 1920er Jahren, gemessen am Pro-Kopf-Vermögen, eines der reichsten Völker der Welt war.
Durch Ölfunde auf ihrem Stammesgebiet war das von den Siedlern „Osage“ genannte „Volk des Wassers“ über Nacht steinreich geworden. Diese kleine Gruppe nordamerikanischer Ureinwohner konnte sich damals sogar Autos und weiße Bedienstete leisten. Doch nur für kurze Zeit – der Wohlstand lockte Betrüger an, die aus Geldgier über Leichen gingen.
Leonardo di Caprio, neben Robert de Niro und Lily Gladstone einer der Hauptdarsteller, ist obendrein Mit-Produzent. Er betont, dass der Film nur in enger Abstimmung mit dem betroffenen Stamm entstehen konnte. „Wir wollten die Geschichte so authentisch wie möglich erzählen und hatten deshalb sehr viele Treffen mit Stammesältesten. Wir haben auch mit den direkten Nachfahren der Opfer gesprochen. Und sie haben uns unglaubliche Einblicke in eine Geschichte gegeben, die sie vor der Außenwelt lange unter Verschluss gehalten haben, weil sie so unglaublich traumatisch ist“.
Gedreht wurde der Film in Pawhuska, der Hauptstadt der Osage. Für die Dreharbeiten wurde dem beschaulichen Ort mit seinen zahlreichen denkmalgeschützten Häusern ein Look wie in den 1920er Jahren verpasst.
Längst herrscht wieder Normalität in der 1872 gegründeten Stadt, deren Reiz in einem spannenden Mix aus der Kultur der First Nation People und der Cowboys liegt. Das Osage Nation Visitor Center, das älteste von Ureinwohnern betriebene Museum der USA, vermittelt dazu interessante Einblicke.
Pawhuska ist auch das Eingangstor zum Joseph H. Williams Tallgrass Prairie Preserve, der größten geschützten Prärie in ganz Nordamerika. Sie fasziniert mit einem einzigartigen Ökosystem. Hier erleben Besucher den Westen noch so wie er früher einmal war – mit großartigen Ausblicken auf weite, unberührte Landschaften mit freilaufenden Amerikanischen Bisons, Weißwedelhirschen, Kojoten, Luchsen und vielen Vogelarten.
In Oklahoma sind 39 Ureinwohner-Stämme ansässig, so viele wie sonst nirgendwo in den USA. Auch der Name des Staates geht auf eine indigene Sprache zurück: Beim Stamm der Choctaw bedeutet „okla“ Mensch und „humma“ rot – Oklahoma steht also für „Das Land des roten Mannes“.
Die Chickasaw sind ein weiterer Stamm, sie leben heute in Sulphur. Dort gehört ihnen auch ein modernes Spa-Resort. „Die heißen Quellen sind längst nicht mehr die Hauptattraktion“, sagt ein junger Stammesangehöriger, der an der Rezeption die Gäste empfängt. Stolz trägt er seine traditionelle Kette mit einem dreiteiligen Gorjer-Schmuck und einen langen, sorgfältig gebundenen Zopf. „Meine Haare sind jetzt 38 Zentimeter lang, und ich stehe jeden Tage eine halbe Stunde früher auf, um sie schön zu flechten“, erzählt er.
Die meisten Besucher kommen, um im Cultural Center mehr über die wechselvolle Geschichte der Chickasaw zu erfahren. Auf dem Ausstellungsgelände werden nicht nur zahlreiche Exponate zur Stammesgeschichte gezeigt. Es gibt auch Tanzaufführungen, Sportveranstaltungen, Kochevents und Vorführungen zur Handwerkskunst. Besucher können dabei mit den Stammesangehörigen ins Gespräch kommen, und erfahren zum Beispiel, dass die Frauen bestimmen, was Sache ist, konkret in Person von Stammesmüttern.
Einen guten Eindruck von der facettenreichen Kultur der Stämme vermittelt auch das moderne First Americans Museum (FAM) in Oklahoma City. Mit seinen Kreissegmenten ist das interaktive Museum auch ein architektonisches Juwel. Wer mag, kann im Restaurant Native Cuisine probieren, Spezialitäten der verschiedenen Völker, etwa Eintopf mit geräuchertem Truthan und grünem Chili oder BBQ Bison Brisket Sandwich.
Im National Cowboy & Western Heritage Museum, ebenfalls in Oklahoma City, dreht sich dagegen alles um Cowboys. Ein langweiliger und schmutziger Job sei das gewesen, erzählt Kurator Michael R. Grauer und räumt mit falschen Klischees auf: „Cowboys hatten die Aufgabe, Rinder in die Züge zum Schlachten zu treiben und waren nicht bewaffnet. Banküberfälle und Schießereien sind reine Erfindungen der Unterhaltungsindustrie“, erzählt er. „Was Film und Fernsehen zeigen, sind Kriminelle“, betont Grauer und verweist darauf, dass hier im Museum ein realistisches Bild von den Cowboys vermittelt wird.
In Tulsa, der zweitgrößten Stadt von Oklahoma, zeigt der Golden Driller – die riesige Statue eines Ölarbeiters – das hier das Zentrum der Ölindustrie lag. Durch das „Schwarze Gold“ kam Tulsa zu Wohlstand. Zahlreiche Art deco-Bauten, prächtige Villen und mehrere Kunstsammlungen zeugen von diesem Reichtum. Erst seit 2022 bereichert ein Bob Dylan Center das kulturelle Angebot der Stadt. Der Sänger und Lyriker hatte sein Archiv an die Universität Tulsa verkauft. Mit den Exponaten wurde eine faszinierende Dauerausstellung aufgebaut. Zu den Höhepunkten gehören handgeschriebene Textmanuskripte zu einigen der populärsten Dylon-Songs, zudem bisher unveröffentlichte Aufnahmen, nie zuvor gesehene Filmaufführungen, seltene und nie zuvor ausgestellte Fotografien.
Der neue Scorsese-Film, die First-Nation-Museen, die Cowboy-Schau und das Bob-Dylan-Center beweisen, dass Oklahoma zu Unrecht ein weißer Fleck auf der touristischen Landkarte ist. Und sich als Reiseziel lohnt.
Wer den Bundesstaat besuchen will, könnte das auch gut mit einem Roastrip durch die USA auf der Route 66 verbinden, die von Chicago bis Los Angeles verläuft. In Tulsa weist die Skulptur „East meets West“ auf die Bedeutung dieser historischen Straße hin – ein großes Bronzedenkmal, bestehend aus einer Wildwest-Kutsche und einem Ford Model T. Am Steuer des Autos sitzt Cyus Avery, der die meiste Zeit seines Lebens in Oklahoma verbracht hat und als Vater der Route 66 gilt. Avery ist nicht nur die bekannteste Fernstraße der USA zu verdanken, sondern auch die Tatsache, dass sie quer durch Oklahoma verläuft.
Titelbild: Bob Dylan Center im Tulsa Art District