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Jagd auf den weissen Wal
“Moby Dick” von Herman Melville (Hörspiel)
Den Namen des berühmtesten Wals der Literaturgeschichte kennen wir alle, gelesen haben Herman Melvilles Klassiker nur die wenigsten von uns. Erstaunlich ist dies allerdings nicht, denn der viele hundert Seiten lange Roman gehört zu den sperrigsten Werken der Weltliteratur. Wer sich diese Erfahrung sparen, die Geschichte des weissen Wals aber dennoch kennen möchte, ist mit vorliegendem Hörspiel gut bedient.
Von Lukas Hunziker.
In den 1840er Jahren blühte im immer noch jungen Amerika die Trivialliteratur auf. Abenteuerromane, in welchen tollkühne Helden zu Land oder zu See gegen fantastische Bestien kämpften, waren überall erhältlich. Neben Kraken boten sich besonders Wale für furchterregende Begegnungen auf offener See an, und auch der weisse Wal war ein bekanntes Motiv aus solchen Dreigroschenromanen. In Erinnerung geblieben ist der weisse Wal jedoch nicht aus einem Abenteuerroman, sondern aus einem Monstrum von einem Buch, welches der damals erst 32-jährige Herman Melville 1951 publizierte. Dieses erzählt zwar ebenfalls von einem ereignisreichen Seeabenteuer, doch dessen zahlreiche biblischen Anspielungen und verschiedenen Deutungsebenen vermögen Leserinnen und Leser bis heute zu faszinieren.
Fast ebenso bekannt und oft zitiert wie der Name des Wals ist der erste Satz des Romans: “Call me Ishmael”. Ishmael, benannt nach dem ältesten Sohn Abrahams im alten Testament, ist ein junger Mann, über dessen Herkunft und Vergangenheit der Roman praktisch keine Auskunft gibt. Wichtig ist, dass Ishmael einer gewissen Melancholie und Lebensunlust verfallen ist, weshalb er sich entschliesst, sein Leben für eine Weile hinter sich zu lassen und zur See zu fahren. Zusammen mit dem polynesischen Walfänger Queequeg, mit welchem er sich zu Beginn seiner Reise anfreundet, heuert er auf einem Walfischkutter, der “Pequod”, an. Diese soll während drei Jahren die Weltmeere durchkreuzen auf der Suche nach Walen, deren Fett für Kerzen und Lampen weiterverkauft werden kann.
Ein Kapitän auf der Suche nach Rache
Die Mannschaft der “Pequod” besteht aus zahlreichen kauzigen Charakteren, zusammengewürfelt aus verschiedensten Orten der Welt. Die mysteriöseste Gestalt an Bord jedoch ist Kapitän Ahab, der im Kampf mit dem sagenumwobenen weissen Wal, Moby Dick, ein Bein verloren hat. Obwohl er mit der “Pequod” für seine Investoren Wale fangen soll, erklärt er der Mannschaft bald ganz offen, dass sein wahres Ziel die Jagd nach Moby Dick sei, welchen Ahab tot sehen will, koste es, was es wolle. Um die Crew für sich zu gewinnen, nagelt er ein riesiges Goldstück an den Mast, welches demjenigen gehören soll, der den weissen Wal als erstes vom Mastkorb aus ausruft.
Bis zur Begegnung und finalen Seeschlacht mit Moby Dick vergehen jedoch eine lange Zeit und entsprechend viele Seiten. Der Roman erzählt im Detail von allen Ereignissen an Bord der “Pequod” und schildert die Kunst des Walfangs so ausführlich, dass man nach der Lektüre praktisch zum Walfänger ausgebildet ist. Das vorliegende Hörbuch pickt sich geschickt nur die wichtigsten Szenen heraus und konzentriert sich vor allem auf Kapitän Ahab, der je länger je mehr zur Hauptfigur wird. Das Interessante an Ahab ist, dass man sich nie ganz sicher sein kann, ob er wahnsinnig ist, ein Vermessener, der sich gegen Mächte auflehnt, die jenseits seiner Kontrolle liegen, oder ob er eine tragische Figur ist, die ganz einfach keine Ruhe findet, solange er nicht weiss, ob Moby Dick nur ein Tier oder ein Dämon ist. In der Literaturwissenschaft wird Ahab nicht selten mit John Miltons Satan verglichen, der in “Paradise Lost” ebenfalls Held und Bösewicht zugleich ist.
Die Faszination des weissen Wals andererseits ist, dass man ihn genauso wenig einordnen kann wie Ahab. Ist Moby Dick Leviathan, das Seeungeheuer aus der Bibel? Oder ist er das erhabenste Wesen, welches Gott schuf, und Ahabs Jagd auf ihn daher eine Versündigung an Gott selbst? “Moby Dick” ist voller Rätsel, auf welche der Autor keine Antwort gibt – und wohl gerade deshalb einer der grössten Romane der Weltliteratur. Gerade weil der Roman aber von seiner Komplexität lebt, scheint es fast unmöglich, ihn zu kürzen, ohne dass dabei etwas verloren geht.
Zweischneidige Nähe zum Original
Die Kürzung ist im Hörspiel, welches 1985 vom Sender “Freies Berlin” erstmals ausgestrahlt wurde, wie schon gesagt, gut gelungen. Die Hörfassung eignet sich perfekt, wenn man “Moby Dick” kennen möchte, ohne sich dem Roman zu stellen. Ein wirklich packendes Hörspiel ist jedoch nicht daraus geworden. Der Roman findet heute vor allem wegen der grösstenteils fehlenden dramatischen Struktur kaum noch Leser und beim Hörspiel ist es nicht anders: die Handlung ist weder spannend noch gibt es eine Figur, welche uns wirklich ans Herz wächst, abgesehen vielleicht von Queequeg. Dazu kommt, dass die Musik kaum variiert und mit der Zeit zur lästigen Wiederholung der immer gleichen Tonfolge wird.
Misslungen ist “Moby Dick” als Hörspiel keineswegs. Die Geschichte bleibt Melvilles Geschichte und versucht deren Komplexität gerecht zu werden, indem sie sehr nahe am Orignal bleibt. Ein Hörgenuss ist es leider dennoch nur bedingt, und ob das Hörspiel wirklich “für die ganze Familie” geeignet ist, wie das Cover behauptet, darf angezweifelt werden. Kinder, die eine Geschichte von einem weissen Wal hören möchten, werden kaum länger als eine halbe Stunde stillsitzen.
Titel: Moby Dick
Autor: Herman Melville
Übersetzerin: Alice und Hans Seiffert
Sprecherinnen und Sprecher: Wolfgang Condrus, Helmut Krauss, Herbert Stass, Joachim Kerzel, Helmut Gauß, Wilhelm Borchert, Oliver Rohrbeck
Verlag: Der Audio Verlag
Laufzeit: 2 CDs, ca. 130 Minuten
Richtpreis: CHF 24.50