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Tasten nach der Seele eines taubblinden Mädchens
- Donnerstag, 25. Dezember 2014, 5:55 Uhr
Im französischen Film «Marie Heurtin» schafft es eine junge Ordensschwester im 19. Jahrhundert, mit einer taubblinden Jugendlichen zu kommunizieren, ohne Worte oder Gesten benutzen zu können. Der Film ist aufrichtig rührend und positiv, aber nicht naiv.
Eigentlich wäre sie ein Fall für die Anstalt: Die 14-jährige Marie Heurtin (Ariana Rivoire) ist blind und taub. Ihre Kontaktmöglichkeiten mit der Aussenwelt sind minim, jegliche Form von Erziehung oder Schulung scheint unmöglich. Nur die junge Nonne Marguerite (Isabelle Carré) ist davon überzeugt, dass in dem zerzausten, wilden Wesen eine leuchtende Seele schlummert. Sie ermöglicht dem Mädchen die Aufnahme ins Heim, in dem die Nonnen taube Frauen betreuen.
Leuchtende Seele, ungezähmter Charakter
Mit unendlich viel Geduld baut Marguerite eine Beziehung zu Marie auf und schärft den Tastsinn des Mädchens mit gezielten Berührungen und verschiedenen Schulungsobjekten. Eine rudimentäre Zeichensprache kommt zustande, und es zeichnen sich Fortschritte ab. Die Erziehung hat auch eine psychologische Komponente: Marguerite entwickelt mütterliche Gefühle, und Marie, die nun über ungeahnte Ausdrucksmöglichkeiten verfügt, hat nicht nur eine Seele, sondern auch einen ungezähmten Charakter.
Falls jemand den Eindruck hat, diese Geschichte bereits aus einem viel älteren Film zu kennen: Das US-Drama «The Miracle Worker» (1962) von Arthur Penn, das auch als Theaterstück populär ist, erzählte ebenfalls von der Erziehung eines taubblinden Mädchens im 19. Jahrhundert. Wie «Marie Heurtin» beruht der Film auf einer wahren Begebenheit. Der eine Fall trug sich in den Vereinigten Staaten zu, der andere in Frankreich – mit erstaunlichen Parallelen. Die Gemeinsamkeiten könnten jedoch auch daher rühren, dass der amerikanische Film den französischen beeinflusst hat.
Gemeinsamer Weg
Doch Originalität ist hier ohnehin nicht der springende Punkt: Der auf anspruchsvolle Unterhaltungsfilme spezialisierte Regisseur Jean-Pierre Améris («Les émotifs anonymes») schildert die immer engere Beziehung der zwei Frauen auf unsentimentale, glaubwürdige Weise – samt empfindlichen Rückschlägen. Geschickt vermeidet er es, seine Figuren in eine hilfsbedürftige und eine helfende Person zu unterteilen: Es ist ein gemeinsamer Weg, der gegangen wird, und er erfordert von allen Beteiligten viel Kraft.
Améris gelingt ein beträchtlicher Spannungsbogen, ohne dass er die Dramatik mit böswilligen Nebenfiguren künstlich erhöht. Die Personen, die Marie das Leben schwer machen, tun das nicht aus Bösartigkeit: Maries Vater ist zwar verzweifelt, aber er verstösst seine Tochter nicht. Die Oberin des Heims versucht zwar, Schwester Marguerite ihr Vorhaben auszureden. Doch das tut sie nicht etwa, weil die Aufnahme eines blinden Kindes gegen die Hausregeln verstösst, sondern weil sie fürchtet, die labile Ordensfrau – Marguerite leidet an Schwächeanfällen – könnte ihrer Aufgabe gesundheitlich nicht gewachsen sein.
Herzlich und positiv, aber nicht naiv
Dass man bei «Marie Heurtin» früher oder später feuchte Augen bekommt, liegt nicht daran, dass es Améris mit rührseligen Momenten übertreiben würde, sondern eben daran, dass trotz widrigen Umständen und harten Schicksalsschlägen die Herzensgüte der Personen das Geschehen bestimmt. «Marie Heurtin» spielt unter moralisch integren Menschen und vermittelt auf diese Weise eine herzliche und positive Botschaft, die im Film keineswegs naiv daherkommt: Wir alle können uns miteinander verständigen, wenn wir es nur wollen.
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