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Der Pflegebedarf nimmt zu
Nach den statistischen Daten des Bundes und der sozialmedizinischen Institutionen, Schätzungen aus dem Obsan-Bericht 2011 (von Professoren um François Höpflinger) sowie etwa einer Waadtländer Studie waren 2010 bereits zwischen 122'000 und 124'000 Menschen über 65 Jahre auf stetige Pflege angewiesen. Das Entwicklungsszenario rechnet bis 2030 mit etwas über 180'000! Das würde einen Anstieg von knapp 50% in bloss zwei Jahrzehnten bedeuten. Die grösste Zunahme ginge demnach aufs Konto der über 80-jährigen Männer.
Die Pflegequote betrug im Jahr 2008 zwischen 1,4% bei den 65- bis 69-Jährigen über 6,3% bei den 75- bis 79-Jährigen bis hin zu knapp 34% bei den über 85-Jährigen.
Heimbewohner
Es mag überraschen, aber nach einem Höhepunkt ums Jahr 1990 nimmt die Zahl der Heimbewohner in der Schweiz leicht ab, die Unterschiede zwischen den Kantonen erweisen sich allerdings als sehr gross. 1990 lebten bei der vom Bundesamt für Statistik ältesten erhobenen Gruppe der über 84-Jährigen 32,5% in (betreuten) Kollektivhaushalten, bei den Frauen sogar 36,5%. Dieser Anteil nahm in den folgenden Jahren bis nach der Jahrtausendwende um rund ein Prozent ab.
Gerade in der Ost- und teilweise Zentralschweiz ist das Heimangebot überdurchschnittlich, weshalb dort speziell Frauen früher in rundum betreute Wohnformen eintreten und länger dort leben. Im Durchschnitt am längsten leben Männer mit 1,4 Jahren in Appenzell Ausserrhoden im Heim, die Frauen mit 3,9 Jahren ungleich länger im Kanton Zug.
Die Details zum Verhältnis von Alters- und Pflegeheimbewohnerinnen zu Bezügerinnen von Spitexleistungen für jeden Kanton verrät diese Übersicht des Bundesamtes für Statistik.
Von der Spitex betreut
Insgesamt betreute die Spitex im Jahr 2012 rund 257'000 Personen, wobei auch Einsätze für etliche jüngere und vergleichsweise nur kurzzeitig Pflegebedürftige im sozialbetreuerischen und hauswirtschaftlichen Bereich mitgezählt werden. Von den 17,5 Millionen total verrechneten Stunden im selben Jahr entfielen 65% auf die Pflege. Etwas über 80% der verrechneten Stunden entfielen auf Klient(inn)en im Seniorenalter, rund 55% auf solche über 80 Jahre.
Von den Pflegeleistungen bezahlten die Versicherer 71% der Kosten, 24% übernahmen die Klient(inn)en und 5% die Kantone und Gemeinden.
Von Angehörigen gepflegt
Knapp über 250'000 Angehörige betreuen pflegebedürftige Rentnerinnen und Rentner in erster Linie in deren Zuhause. Natürlich werden für einige dieser Pflegefälle zusätzlich Leistungen der Spitex bezogen, was für wichtige Unterstützung und punktuell für Entlastung sorgt, jedoch die Hauptrolle der Angehörigen nicht in Frage stellt.
1. Interessant ist nun, wer in der Familie wen pflegt. Frauen sind weiterhin viel häufiger in bedeutendem Rahmen in der Pflege für nahe Angehörige tätig, die Männer holen diesbezüglich jedoch langsam auf. Bereits rund ein Drittel der in der Pflege aktiven SeniorInnen ist männlich, der Anteil steigt weiter leicht an. Dies bei einem etwas höheren Durchschnittsalter als bei den betreuenden Frauen (70 gegenüber 64,4 Jahre).
2. Wen pflegen die Senioren? Zentral ist, dass ein Löwenanteil der Betreuungsarbeit im innersten Kern der Familie geleistet wird. 88% der betreuenden Frauen kümmern sich um Ehegatten (mit 51% über die Hälfte) oder einen 'eigenen' Elternteil. Bei den Männern erreicht dieser Anteil gar 95%, hauptsächlich deshalb, weil es bei nicht weniger als 61% um die Gattin geht.
3. Wie lange dauert das Betreuungsverhältnis? Im Durchschnitt engagieren sich nahe Angehörige gleich sechs Jahre für eine(n) Pflegebedürftige(n), bevor diese in ein Heim, eine andere betreute Wohnform wechselt oder stirbt.
4. Wie geht es den Pflegenden dabei? Im Vergleich mit einer gleichaltrigen Gruppe, die sich nicht in der Pflege engagiert, geht es betreuenden Angehörigen gesundheitlich klar schlechter: Am deutlichsten ist der Unterschied bei der Generation der Töchter und Söhne. Bezeichnen 85% der 50- bis 60-jährigen Männer ihren Gesundheitszustand als gut bis sehr gut, so tun dies nur 72% derjenigen, die einen Elternteil (oder eine Partnerin) pflegen. Bei den Frauen ist die Differenz mit 73% gegenüber 81% etwas kleiner.
Das privat engagierte Pflegepersonal
Ein in den letzten Jahren aufgekommener Trend betrifft die sogenannten Care-Migrantinnen. Nach Schätzungen der Caritas sollen sich derzeit ca. 30'000 vor allem aus Rumänien eingewanderte Betreuerinnen in der Schweiz aufhalten und als Pflegerinnen arbeiten – in der Regel schwarz. Sie ermöglichen in der Regel ohne Arbeitsvertrag und zu Dumpinglöhnen SeniorInnen, die keine Verwandte für die Betreuung finden, länger zu Hause zu bleiben und im Vergleich zu sonst anfallenden Heim- und Pflegekosten meist auch markant Geld zu sparen. Neben dem nicht legalisierten Aufenthaltsstatus und aus Pflegeperspektive zumeist fehlender Ausbildung sowie Kontrolle sieht die Caritas zudem ein Problem für deren Herkunftsland. Deshalb startete die Hilfsorganisation vor Kurzem das Projekt «In guten Händen – von Caritas zuhause betreut» mit registrierten rumänischen Pflegerinnen, die nach den (erlaubten) drei Monaten Arbeitseinsatz hierzulande wieder mindestens drei Monate bei einem anerkannten Caritas-Spitexdienst in Rumänien tätig sind, bevor sie allenfalls wieder einreisen.
Autor: Reto Meisser