Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03235.jsonl.gz/1270

1861 rief der Bundesrat die Schweizer Kantone zur aktiven Beteiligung an der Vorbereitung einer Handelsmission mit Japan auf, die Luzerner Regierung winkte jedoch ab. Alle Bemühungen des Bundesrates, die Luzerner Regierung doch noch zu überzeugen, waren vergebens. Am Ende wurde Luzern gar von Gesprächen ausgeschlossen. Warum war das so? Eine Geschichte von der Nichtbeteiligung Luzerns am Abschluss des Handelsvertrags mit Japan.
Es ist das Jahr 1861. Erst vor wenigen Jahren wurde die Öffnung des bisher abgeschotteten Japan von westlichen Mächten, allen voran den USA erzwungen. Die exportorientierten Staaten Europas versuchten daher, sich ein Stück vom Kuchen abzuschneiden und entdeckten das Land als neuen aussichtsreichen Absatzmarkt.
Auch die Schweiz bekundete Interesse am Handel mit Japan. Voraussetzung dafür war aber ein bilateraler schweizerisch-japanischer Handelsvertrag, denn seit die USA 1858 einen ähnlichen Vertrag mit Japan ausgehandelt hatten, war der Zugang zum japanischen Markt und damit der Handel im Land nur noch durch einen solchen möglich.
Den ersten gescheiterten Versuch dafür, die Lindau-Mission, unternahm die Schweiz als erster europäischer Kleinstaat ohne koloniale Ansprüche zwischen 1859 und 1861. Der zweite Anlauf folgte mit dem Start der Vorbereitungen 1861 und endete mit dem erfolgreichen Abschluss des Handelsvertrags 1864 in Tokio.
Der zweite Anlauf für einen Handelsvertrag 1861
Was hat das alles mit Luzern zu tun? Um direkt zu sein, ziemlich wenig. Dies ist keine abenteuerliche Geschichte von Luzerner Kaufleuten auf der Reise nach Japan, sondern vielmehr eine «Nicht-Geschichte». Diese beginnt, wie erwähnt, mit der Vorbereitung der Japan-Mission 1861.
Auftakt dazu war ein Zirkularschreiben des eidgenössischen Handels- und Zolldepartements in Bern an alle kantonalen Regierungen vom Mai 1861. Die Verfasser warben darin um die Unterstützung der Kantone für die kommende Japan-Mission. Zentraler Punkt ist, dass die Schweiz den Handelsvertrag mit Japan anstrebte und eine Gesandtschaft nach Tokio senden wollte.
Da die Schweiz als Bittstellerin agieren würde, waren Gastgeschenke, welche üblicherweise bei der Ankunft von fremden Gesandtschaften an die Japaner überreicht würden, zentral. Dem Bundesrat stellte sich nun die Frage, welche Dinge typisch schweizerisch waren und die Japaner beeindrucken würden.
Die Luzerner stehen dem Unterfangen kritisch gegenüber
Zum Zeitpunkt, als der Bundesrat den Handelsvertrag mit Japan anstrebte, war Luzern ein mehrheitlich agrarisch geprägter Kanton, der kaum industrialisiert war. Innovation und die Förderung der Industrialisierung waren keine Prioritäten in Luzern, vielmehr blieben die Landwirtschaft, der Kleinhandel und, damit untrennbar verbunden, das Handwerk weiterhin die dominanten Einkommenszweige. Dies im Vergleich zu anderen Kantonen wie Zürich oder Genf.
Wie lautete die Antwort der Luzerner Regierung auf das Schreiben zur Japan-Mission? Erstens deutete Luzern darin die Rückständigkeit des Kantons in puncto Industrialisierung gegenüber anderen Kantonen, wie Zürich oder Genf, an und zweitens gab es in Luzern offenbar keine Unternehmen, die das Interesse oder die Möglichkeit besassen, Handelsbeziehungen in «weit entlegenen Ländern» zu knüpfen.
Die Position war klar: An der Mission beteiligen wollte man sich nicht, die hohen Kosten sollten stattdessen von den industrialisierten Kantonen mit handfesten wirtschaftlichen Interessen übernommen werden. In diesen, wie zum Beispiel in St. Gallen, war die Reaktion auf das Schreiben aus Bern viel entgegenkommender, denn man versprach sich von dem Handelsvertrag mit Japan direkte wirtschaftliche Vorteile. Ähnlich reserviert wie Luzern waren auch die anderen Innerschweizer Kantone.
Bundesrat rührt die Werbetrommel
Um diese Kritiker zu überzeugen, wurde kurzerhand in der Schweiz eine Japan-Ausstellung organisiert. Im Juli 1861 machte die «Ausstellung japanesischer Industrie-Erzeugnisse und Curiositäten» im Stadttheater Luzern Halt. Die Luzerner Bevölkerung bekundete damals grosses Interesse an den japanischen «Seidenstoffen, Teewaren, Kleidungsstücken, Büchern und Karten». Zu einem Meinungsumschwung bei der Regierung führte sie jedoch nicht.
Obwohl der Bundesrat die Werbetrommel rührte und die skeptischen Kantone vom Nutzen eines Handelsvertrages mit Japan zu überzeugen versuchte, blieb die Luzerner Regierung stur. Nebst dem, dass in Luzern das wirtschaftliche Potenzial gering war, wäre eine Beteiligung mit hohen Kosten verbunden gewesen. Für die Kosten der Reise hätte nämlich jeder Delegierte persönlich aufkommen müssen, denn im Budget für die Japan-Mission von 100’000 Franken waren die individuellen Reisekosten nicht gedeckt.
Luzerner Waffen für Japan
Vielmehr wurde knapp die Hälfte des Betrags für Geschenke ausgegeben. Für eine Beteiligung im geringen Umfang daran konnte sich die Luzerner Regierung letztlich überwinden. Was gaben die Luzerner also den eidgenössischen Gesandten unter Führung des Ständerats Aimé Humbert mit? Von offizieller Seite schenkte die Luzerner Regierung den Japanern Waffen.
Daneben gab es auch einen kleinen Beitrag von privater Seite: Die Megger Firma Scherer stellte der Japan-Mission zwei Kisten Kirschwasser zur Verfügung. Als einziger weiterer Zentralschweizer Kanton steuerte Zug ebenfalls Kirschwasser und Dörrobst bei. Der Innerschweizer Beitrag für das Unterfangen in Japan bestand also aus Waffen, Alkohol und Nahrungsmitteln.
Im Vergleich zu anderen Kantonen blieben die Innerschweizer Geschenke anteilsmässig weit unter dem Durchschnitt. Dies hängt erneut mit dem fehlenden politischen und wirtschaftlichen Interesse für die Mission zusammen. Die Kantone, bei denen diese beiden Interessen gegeben waren, beteiligten sich im grösseren Umfang an den Geschenken für die Mission.
Luzern und die Nichtbeteiligung an der Japan-Mission
Eine aktive Beteiligung an der Gesandtschaft schlug die Luzerner Regierung also weiterhin aus und in den weiteren Vorbereitungen der Mission stand der Kanton deshalb im Abseits. Derweil überwanden die Verfechter des Handelsvertrags, unter der Führung von Missionsleiter Aimé Humbert, im Jahr 1862 die letzten politischen Hürden der Mission im Parlament.
Auf die ersten Konferenzen zur Planung der Mission wurde Luzern anfänglich trotzdem noch eingeladen, zur letzten jedoch nicht mehr. Dies lag wohl daran, dass die Luzerner Position trotz weiterer Überzeugungsversuche des Bundes weiterhin ablehnend war und sich gleichzeitig herauskristallisierte, welche Kantone stattdessen ein aktives Interesse an der Expedition nach Japan hatten. Industrieregionen wie St. Gallen übernahmen deshalb in den letzten Vorbereitungen die Zügel und wurden zu den entscheidenden Akteuren der Handelsmission.
Die Schweizer Regierungsdelegation reise im Jahr 1863 ab und am 6. Februar 1864 wurde in der niederländischen Botschaft in Tokio der Handelsvertrag zwischen der Schweiz und Japan unterzeichnet.
Luzern und Japan heute
Zwischen 1861 und 2021 hat sich vieles geändert. Das gilt auch für das Interesse Luzerns am ostasiatischen Markt. Die Region konnte laut Luzern Tourismus 2019 knapp 20’000 Logiernächte von Japanern verbuchen. 2020 sank diese Zahl um etwa 90 Prozent.
Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel von Rolf-Harald Wippich mit dem Titel «Luzern und der eidgenössische Japankontakt. Aus der Vorbereitungsphase der Humbert-Mission 1861/1862» aus dem Jahr 2019. Sein Forschungsinteresse konzentriert sich insbesondere auf Fragen der deutsch-japanischen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert.
Obwohl Japan keineswegs der grösste asiatische Markt für den Luzerner Tourismus ist, würde ich zum Abschluss die Behauptung aufstellen, dass die Luzerner Regierung einem ähnlichen Schreiben aus Bern wie vor 160 Jahren keinesfalls mehr so ablehnend und desinteressiert gegenüberstehen würde. Die Zeit, in der man in Luzern noch keine «speziellen Interessen» hinsichtlich Japans verfolgte, ist vorbei.