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Eltern und Lehrerpersonen kommen heutzutage immer mehr mit dem Thema AD(H)S in Berührung. Angetrieben durch Berichte aus den Medien werden in der Gesellschaft immer mehr Stimmen laut, die davon sprechen, dass es eine regelrechte „AD(H)S-Epidemie“ gäbe und dass die Aufmerksamkeitsdefizitstörung "eine Modediagnose für unerzogene Kinder" sei. Ich führe nachfolgend aus, warum dies nicht der Fall ist.
Werfen wir dazu einen Blick in die Forschung. Gibt es immer mehr Kinder, auf die die Diagnosekriterien der ADHS zutreffen? Die Schätzungen, wieviele Kinder von ADHS betroffen sind, sind je nach Studie sehr unterschiedlich. Dies hat hauptsächlich mit Unterschieden in der Methodik der Studien zu tun (z.B. Polanczyk und Kollegen, 2014). Kombiniert man die Forschungsergebnisse der letzten 30 Jahre, lässt sich kein Hinweis darauf finden, dass die Anzahl der Kinder zunimmt, die in einer standardisierten Abklärung die Kriterien für eine ADHS erfüllen (ebd.).
Aber: AD(H)S ist immer mehr in das Bewusstsein von Erziehern, Lehrern und Eltern gerückt. Getreu dem Goethe-Zitat „Man sieht nur, was man weiß“ sind Menschen, die in hohem Umfang etwas mit Kindern zu tun haben, für AD(H)S sensibilisiert. Wenn ein Mädchen also im Unterricht oft unaufmerksam ist, oder ein Junge im Kindergarten überaktiv erscheint und sehr impulsiv reagiert, dann läuten bei einigen Lehrern oder Kindergärtnern bereits die „Alarmglocken“. Doch nicht jedes Kind, welches oberflächlich AD(H)S-typische Merkmale zeigt, hat auch wirklich eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung (mit oder ohne Hyperaktivität). Denn es gibt eine Reihe von anderen Faktoren, die vom Erscheinungsbild her einer AD(H)S stark ähneln können. Um zu entscheiden, ob ein Kind unter AD(H)S leidet,, sollte unbedingt ein Fachmann zurate gezogen werden. Die vermeintliche Zunahme an AD(H)S betroffenen Kindern ist häufig auch eine Folge einer nicht ausreichenden Diagnostik. Es gibt Kinder, die über Jahre hinweg eine unpassende Unterstützung erhalten, da der Hausarzt leichtfertig eine Diagnose vergeben hatte ohne vorher eine umfassende Testdiagnostik einzuleiten.
Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einer Vorlesung über theoretische Physik, wobei Sie von diesem Gebiet keinen blassen Schimmer haben. Wie lange würde es wohl dauern, bis Sie mit Ihren Gedanken abschweifen, aus dem Fenster sehen oder im Kopf die Einkaufsliste durchgehen? Ich selbst würde mir einen Zeitrahmen von 5 bis 10 Minuten einräumen. Der Professor würde vielleicht denken „Jetzt sieh dir nur mal diese unkonzentrierte Person dort drüben an. Passt nicht auf, schaut aus dem Fenster und ist überhaupt nicht bei der Sache. Wenn ich die jetzt etwas frage...“ Eine AD(H)S hätten Sie oder ich deswegen noch lange nicht. Unaufmerksamkeit und Konzentrationsschwierigkeiten können unter anderem völlig normale Reaktionen auf eine Überforderung sein. Beispiele wie diese gibt es zuhauf. Es gibt Verhaltensweisen, die zu Unrecht eine AD(H)S vermuten lassen.
Vielleicht ist Ihr Kind auch einfach altersgemäß aktiv?
Vermehrte Aktivität und Impulsivität können auch Teil einer völlig normalen Entwicklung sein. Drei und Vierjährige haben für gewöhnlich einen sehr großen Bewegungsdrang, die Übergänge zu einem „zu groß“ sind fließend.
Vielleicht ist auch die Konzentrationsspanne altersgemäß?
Viele Eltern überschätzen die Konzentrationsfähigkeit von Kindern. Die durchschnittliche Konzentrationsspanne beträgt nach Keller (2005) bei:

5 bis 7 Jährigen

7 bis 10 Jährigen

10 bis 12 Jährigen

12 bis 15 Jährigen

15 Minuten

20 Minuten

25 Minuten

30 Minuten
Manche Eltern glauben, dass sich ein Primarschulkind während 45 Minuten konzentrieren können sollte, da eine Schulstunde so lange dauert. Diese ist jedoch rhythmisiert und wird mehrfach durch kleine Pausen und Aufgabenwechsel unterbrochen. Auf diese Weise wird die völlig normale Konzentrationsspanne von 20 Minuten bei einem 9 jährigen Kind fälschlicherweise als problematisch angesehen.
Auch Sätze beim gemeinsamen Lernen wie „komm, nur noch 10 Minuten“ bei einem Primarschulkind zeigen, dass viele Eltern die Konzentrationsfähigkeit von Kindern überschätzen.
Vielleicht gehört Ihr Kind zu den jüngsten in seiner Klasse?
Mit zunehmendem Alter wächst die Selbststeuerungsfähigkeit von Kindern: die Konzentrationsfähigkeit nimmt zu, während die Impulsivität und der Bewegungsdrang abnehmen.
Bei der Diagnosestellung wird überprüft, ob die ADHS-Symptome in einer Ausprägung vorliegen, die mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbaren ist. Bei dieser Einschätzung haben die meisten Eltern, Lehrpersonen oder Fachpersonen jedoch meist die Klassenkameraden als Vergleichsgruppe vor Augen („Verhält sich das Kind bereits wie ein Drittklässler? Kann es sich über eine ähnliche Zeitspanne hinweg konzentrieren wie die anderen Kinder in seiner Klasse?“). Es ist nicht verwunderlich, dass es aktuellen Studien zufolge auch vom Einschulungsalter abhängt, ob ein Kind eine ADHS-Diagnose erhält (z.B. Wuppermann und Kollegen, 2015; Elder, 2010; Evans, Morrill & Parente, 2010; Morrow und Kollegen, 2012). So erhalten Kinder, die zu den jüngsten in ihrer Klasse gehören, häufiger eine ADHS-Diagnose als Kinder, die zu den ältesten gehören. Die Reife scheint demnach eine zentrale Rolle zu spielen.
Schulische Über- oder Unterforderung?
Überaktivität, Konzentrationsprobleme und Impulsivität können auch bei normalbegabten Kindern auftreten, wenn sie sich in der Schule über- oder unterfordert fühlen. Kinder können abwesend wirken oder überaktiv sein, weil sie gelangweilt sind oder dem Unterricht einfach nicht folgen können. Auch deshalb ist es wichtig, eine umfassende AD(H)S Abklärung vornehmen zu lassen, die derartige Faktoren überprüft.
Lernbehinderung oder Intelligenzminderung?
Wenn Kinder Aufmerksamkeitsprobleme und Ablenkbarkeit zeigen, Entwicklungsrückstände aufweisen und zusätzlich andauernde Leistungsschwierigkeiten in der Schule auftauchen, sollte die Intelligenz des Kindes überprüft werden. Hier geht es ebenfalls darum, Über- oder Unterforderung auszuschliessen.
Erziehungsstil?
Die Erziehung kann unaufmerksames Verhalten, Impulsivität und Überaktivität nicht auslösen, aber die Intensität beeinflussen. Zu viele Regeln und zu strenge Strafen können dabei genauso abträglich sein wie eine antiautoritäre Erziehung, die Kindern keinen Halt gibt.
Medikamente?
Es gibt Medikamente, die Verhaltensauffälligkeiten begünstigen können. Dazu zählen beispielsweise manche Hustensäfte, bei deren Absetzen die Auffälligkeiten jedoch wieder verschwinden sollten. Auch Medikamente, die nicht abgesetzt werden können (beispielsweise Medikation bei Epilepsie), können Unruhe und Konzentrationsschwäche begünstigen.
Ängste?
Die meisten Kinder mit Ängsten, insbesondere mit Prüfungs- oder Leistungsängsten, haben Schwierigkeiten, sich beim Lernen zu konzentrieren. Sie sind ständig mit der Angst vor dem Versagen konfrontiert und wollen dieser Situation nicht selten durch Widerstand entkommen. Die Abklärung von Ängsten als Grund für die Verhaltensauffälligkeiten ist meist Teil der emotionalen Diagnostik.
Emotionale Belastungen?
Manche Kinder reagieren sensibler auf Umstellungen und Anforderungen von außen als andere. So kann es eine verzwickte familiäre Lage, eine Trennung der Eltern, der Auszug eines Geschwisters oder eine Erkrankung eines Familienmitgliedes für ein Kind schwierig machen, sich zu konzentrieren und bei der Sache zu bleiben.
Ich möchte an dieser Stelle verdeutlichen, dass es viele Ursachen geben kann, die zu demselben Bild der Verhaltensauffälligkeiten führen können. Gerade deshalb ist es so wichtig, eine umfassende Abklärung vorzunehmen, damit dem Kind die Hilfe und Unterstützung zukommt, die es für seine spezifischen Schwierigkeiten braucht.
Eine professionelle Fachperson kann durch das diagnostische Testrepertoire, aber auch durch die Erfahrung mit anderen Kindern im Idealfall nicht relevante Ursachen ausschließen und zu einer umfassenden Einschätzung kommen. Wie eine derartige Abklärung aussieht, können Sie hier nachlesen.
Tipp: Elternratgeber "Erfolgreich lernen mit ADHS"
Anhand vieler praktischer Beispiele erfahren Sie, wie Sie Träumerchen und Wirbelwinder im Alltag sinnvoll unterstützen können:
Die Eltern sind Schuld, ADHS gibt es nicht & Co.- Im Interview nehmen wir Stellung zu den häufigsten Vorurteilen rund um ADHS
Autorin dieses Artikels: Stefanie Rietzler
Stefanie Rietzler ist Psychologin und leitet die Akademie für Lerncoaching gemeinsam mit ihrem Kollegen Fabian Grolimund.
Als Expertin für das Thema ADHS hält sie regelmässig Seminare für Eltern und Vorträge an Schulen. Der Elternratgeber "Erfolgreich lernen mit ADHS" (Rietzler & Grolimund) ist 2016 im Hogrefe Verlag erschienen.