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Andrew Haighs Literaturverfilmung überzeugt mit leisen Zwischentönen und bietet sich an als eine Art Gegenentwurf oder vielleicht auch companion piece zu Mike Leighs «Another Year».
Kate (Charlotte Rampling) und Geoff (Tim Courtenay) sind schon seit fast 45 Jahren verheiratet – im Moment planen sie, dieses Ereignis gebührend zu feiern. Beim 40. Hochzeitstag war Geoff krank oder hatte soeben eine grosse Operation überstanden. Nun soll dies aber nachgeholt werden – da erreicht Geoff ein Brief aus der Schweiz, der ihn an seine erste Freundin Katya erinnert, die in den Bergen ums Leben gekommen ist…
Charlotte Rampling und Tim Courtenay wurden in Berlin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet – zu Recht. Die Literaturverfilmung von Andrew Haigh (nach David Constantines Vorlage) lebt natürlich nicht zuletzt von den schauspielerischen Leistungen dieser nicht mehr ganz jungen Menschen. «45 Years» ist ein Film über die Ambivalenzen des schon durch viele Jahre gereiften Ehelebens; anders als bei Haighs Landsmann Mike Leigh (in «Another Year») werden hier diese Mehrdeutigkeiten aber nicht auf das Umfeld projiziert, sondern sind ganz klar integraler und nicht zu verneinender Teil von Kate und Geoff, die kaum noch ein Liebesleben haben. Deshalb wirken die Neuigkeiten aus der Schweiz auch so destabilisierend.
Dabei ist es sicherlich kein Zufall, dass Katya und Kate nur verschiedene Formen desselben Namens (deutsch Katharina, englisch Katherine, russisch Ekaterina etc.) sind. Bei Katya handelt es sich darüber hinaus um eine Koseform; die strengere englische Kurzform Kate passt denn auch besser zu Charlotte Ramplings Figur (und natürlich auch zu Charlotte Rampling selbst). Die Koseform verweist auf eine frühere, unschuldigere Zeit, eine Zeit, in der die Liebe erst am Entstehen war, sie verweist auch auf einen dezidiert ausländischen Charakter dieser uns unbekannten Figur, deren Leiche in den Schweizer Alpen gefunden wurde – nach über 40 Jahren! Die Schreibung Katya ist dabei eine charakteristisch englische Transkription des russischen Namens; auch ist fraglich, ob damals der Name Katja in der Schweiz üblich war. Sie war aber wohl deutschsprachig, während Geoffs Deutschkenntnisse auch damals nicht die besten waren. Wie dem auch sei: Kate freut sich natürlich nicht über diese News, und ihr wird klar, wie wenig sie eigentlich über ihren Mann weiss – auch nach 45 Jahren. Kinder haben Kate und Geoff offenbar keine; ein Hund ist ganz klar Kinderersatz. Eine Freundin sagt zu Kate, dass ihr Mann spätestens beim Fest merken wird, wer wirklich da war für ihn – all diese Jahre. Aber auch ein Fest – so ist zu vermuten – kann nicht alle Ambivalenzen abschütteln. Der Film bleibt ambivalent bis zum Schluss – und das ist gut so. Sehenswert!
«45 Years». UK 2015. Regie: Andrew Haigh. Mit Charlotte Rampling. Tom Courtenay, Dolly Wells, Geraldine James u.a. Deutschschweizer Kinostart am 1. Oktober 2015.
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