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Durch die Mitte fliesst ein Bach
Auf dem ehemaligen Ziegeleiareal in Lufingen entstand zwischen 2018 und 2023 ein neues Wohnquartier. Der im Verlaufe des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der frühen Industrialisierung und der Errichtung einer Ziegelhütte eingedolte und unterirdisch geführte Aspbach wurde freigelegt. Er bildet das Herz der Überbauung. Das sorgfältig renovierte Bauernhaus beherbergt eine Kindertagesstätte.
Ausgangslage für die Realisierung dieser Überbauung mit 191 familienfreundlichen Wohnungen war der Erwerb des über 22’000 m2 grossen Grundstückes durch die Bauherrschaft von einer Erbengemeinschaft. Grundlage für den Kauf bildeten umfangreiche Abklärungen zur Gemeinde, zur Alters- und Bevölkerungsstruktur, zu den Schulen, zur Infrastruktur im Dorf, zur Anbindung an den öffentlichen Verkehr sowie der Leerwohnungsbestand, das aktuelle Mietzinsniveau, die Umgebungsqualität und die Arbeitsplätze in einem Einzugsgebiet von 30 Minuten. Zu Beginn der Planung nahm dieBauherrschaft zuerst eine Analyse der Siedlungsstruktur des Dorfes vor. Der traditionelle Bauernhaustyp, der das Ortsbild von Lufingen prägt, wurde für die Überbauung als Vorbild genommen. Dieser Haustyp wurde zu modernen Mehrfamilienhäusern weiterentwickelt, die abwechslungsweise eine verputzte oder eine gestrichene Holzfassade erhielten. Strassenseitig wurden die Häuser aus Sichtbackstein gebaut, in Erinnerung an die ehemalige Ziegelhüte. Das Ziel war, das Dorf weiterzubauen.
Renovationskonzept des Bauernhauses Furrer
Das 1834 erbaute «Bauernhaus Furrer» bildet die Anbindung an den Dorfkern. Der traditionelle Wohnteil wurde neu konzipiert, renoviert und restauriert. Nun beherbergt er drei grosse Wohnungen. Der ehemalige Stallteil wurde unter Wahrung des Kubus und des äusseren Erscheinungsbildes neu ausgebaut. Dabei wurde die alte Tragstruktur erhalten, insbesondere der Dachstuhl. Die alte, überdimensionierte Dachlukarne wurde in Absprache mit der Denkmalpflege durch zwei kleinere und besser proportionierte Lukarnen ersetzt. Für den Lichteinfall brauchte es Dachflächenfenster. Diese wurden nur bergseitig und sehr zurückhaltend eingebaut. Das Erscheinungsbild des Fassadensockels des Stalls und der alten, grossen Scheunentore, die gegen die Strasse hin orientiert sind, wurde bewahrt.
In den unteren zwei Geschossen – dem ehemaligen Tenn, das früher als Futterlager für die Kühe diente und im darunterliegenden Viehstall – ist die Kindertagesstätte eingezogen. Die KITA ist mit einer internen Treppe sowie einer beliebten Rutschbahn vom 1.OG ins EG erschlossen. Darüber befindet sich eine überhohe, bis unter den Giebel reichende Loftwohnung. Der alte Heukran wurde renoviert und ist nun Kunst am Bau. Er zeigt die bäuerliche Vergangenheit des Gebäudes.
Variables Erscheinungsbild der Holzfassade
Vertikale, bewegliche Holzlamellen ermöglichen, die Fassade sowohl geschlossen wie auch teilweise geöffnet erscheinen zu lassen und Tageslicht ins Innere zu bringen. Auf diese Weise konnte der Wunsch der Denkmalpflege, den Stall geschlossen zeigen zu können, umgesetzt werden. Durch das Verstellen der Lamellen kann jedoch Licht, das für die heutige Nutzung benötigt wird, ins Innere gebracht werden.
Umgebung des Bauernhauses und Anbindung an den Bachraum
Der Hof des Bauernhauses ist mit Guber Pflastersteinen neu belegt worden. Der alte Brunnen, an dem früher die Pferde getränkt wurden, ist wieder funktionstüchtig. Ein neu gepflanzter Apfelbaum mit der historischen und einheimischen Apfelsorte «Gräfensteiner» bildet nun das Zentrum des Hofes. Der Erdgeschosswohnung wurde ein eigener, mit einem niedrigen Holzzaun umgebener «Bauerngarten» zugeordnet.
Schaffung von Aussenräumen für die Wohnungen
Eine Besonderheit bildet die grosse, hofseitige Laube der Wohnung im 1. Obergeschoss. Diese konnte in Absprache mit der Denkmalpflege auf der ganzen Länge des Hauses verbreitert werden. Im Gegenzug wurde der strassenseitige Balkon aus dem 20. Jahrhundert entfernt. Nun zeigt sich die Schaufassade des Hauses wieder im Originalzustand von 1834. Auch die Dachwohnung mit Galerie verfügt über einen Aussenraum: Eine hofseitige, grosse gedeckte Laube.
Gewölbekeller
Im zweiteiligen Gewölbekeller befinden sich in einem Teil eine alte Mostpresse und eine einfache Küche. Im anderen ca. 50 m2 grossen Raum mit Gewölbedecke, stehen Tische und Bänke zur Verfügung. Am Boden ermöglicht ein umlaufender Fries mit feinem Kies der vorhandenen Feuchtigkeit aus dem Untergrund auszutreten. So sind auch die Böden beider Räume mit Tonplatten belegt und nicht dicht verschlossen. Viele der im Aushub gefundenen Tonziegel wurden geborgen, gereinigt und gewaschen. Einzelne davon sind Zeugen der ehemaligen Ziegelei: Sie sind mit den Handabdrücken der damaligen Mitarbeiter versehen.
Sie zieren nun, gefasst in einem schlichten Metallrahmen, die Wand als Kunst am Bau.
Die Natursteine der Aussenwände wurden durch Entfernen der aufgebrachten, sandenden Verputzschichten freigelegt und wegen der aufsteigenden Feuchtigkeit roh belassen. Die Natursteinwände wurden sorgfältig sandgestrahlt und die Fugen anschliessend mit Stopfmörtel ergänzt. Die Decke des Gewölbekellers wurde nach den erfolgten Reparaturen durch den Gipser mit der Bürste gestrichen.
Hafnerarbeiten – Restaurierung des Kachelofens
Der alte, grosse Kachelofen im EG wurde vom Ofenbauer wieder instand gestellt. Die Befeuerung befindet sich in der Küche. Die Ofenklappe hat neu ein Fenster, das einen Blick in den Brennraum ermöglicht und der Wohn-Essküche eine besondere Atmosphäre verschafft. Die neu eingebaute Küchenfront wurde in einem braunen Farbton von kt.COLOR gespritzt. Die Abdeckung ist aus schwarzem, massivem Stahlblech, das die Materialsprache der Ofenklappen aufnimmt, und nur mit Öl gepflegt wird.
Restaurierung und Ergänzung alter Holzböden
Die oberste Schicht des Bodens – bestehend aus einer Spachtelung, darauf Novopanplatten und ein Laminat – wurde vollständig entfernt. Darunter fanden sich alte, breite Bretter aus Fichtenholz. Diese wurden von Hand geschliffen und geölt. Fehlende Bodenbretter konnten aus dem Archiv der Denkmalpflege des Kantons Thurgau übernommen und damit die historische und optische Einheit wiederhergestellt werden.
Umplatzierung von historischen Bodenplättli und farbliche Ergänzungen
Im Eingangsbereich befanden sich alte Keramikplättli, die infolge der aufgehobenen Treppe ins 1.OG die Fläche nur teilweise bedeckten. Diese wurden ausgebaut und neu im Badezimmer verlegt. Somit konnte die historische Bausubstanz innerhalb der Wohnung behalten werden. Der Boden im Eingangsbereich wurde mit Tonplatten ergänzt – der im Boden mit Zement ausgemörtelte Elektroschlitz aus einer früheren Renovation wurde mit feinem mineralischen Mörtel ausgebildet, welcher mit Purkristallat-Mineralfarbe passend zu den historischen Tonplatten farblich angepasst wurde.
Gipserarbeiten
Die Wohnungen in den Obergeschossen wurden umfassend renoviert. Ein besonderes Augenmerk galt der Trittschallisolation und den feuerpolizeilichen Anforderungen.
Im ersten und im zweiten Obergeschoss wurde eine Schallentkopplung der Decken mittels Weitspannträgern ausgeführt. Diese wurden mit Gipskartonplatten doppelt beplankt und mit Steinwolle ausisoliert. So erfüllen sie die Brandschutzanforderungen.
Der bestehende, alte Weissputz auf Decken und Wänden musste auf den noch intakten und tragenden Grundputz abgetragen und ersetzt werden. Als Unterlage für die neuen Parkettböden erstellten die Gipser einen schwimmenden Estrichboden, bestehend aus einer Schüttung aus Perlit und einer Lage Fermacellplatten, welche sauber verleimt und verschraubt wurden.
Im neu ausgebauten Stallteil (in der Kindertagesstätte) wurde eine Gipslochplattendecke montiert, um eine gute Akustik zu erzielen. Die übrigen Decken wurden mit Fermacell und Gipsplatten verkleidet und die Wände mit einem feinen, mineralischen Abrieb versehen.
Malerarbeiten
Die Wohnung im Erdgeschoss des Bauernhauses wurde nach denkmalpflegerischen Grundsätzen umfassend renoviert und restauriert. So wurde im Wohnzimmer das Deckentäfer von den zahlreichen, schlecht haftenden Altanstrichen befreit, gereinigt, feingeschliffen, mit Seife gewaschen und roh belassen. Einzelne Partien wurden farblich an das Gesamtbild angepasst. Der alte Gewehrkasten hinter dem Ofen wurde innen in einem Holzgrundton gestrichen. Von aussen verschwindet er diskret im Naturholztäfer. Dasselbe Vorgehen wurde für die bauzeitlichen Einbaukästen gewählt.
Alle metallenen Elektrorohre blieben stehen. Sie wurden auf den Grund abgelaugt und mit braungrauem Eisenglimmer, abgestimmt auf das Naturholztäfer, neu gefasst. Im gleichen Farbton wurden auch die alten Gusseisenradiatoren neu gespritzt.
Der alte «Sekretär», der im Arbeitszimmer im grossen Wandschrank integriert ist, wurde sorgfältig freigelegt. Die Kirschbaumimitation wurde restauriert. Die gestrichene Wandschrankfront wurde nach entsprechenden Vorarbeiten mit einem seidenmatten Alkydharzlack neu gestrichen – mit Pinselstrich. Die alten, bestehenden Zimmertüren erhielten ihren neuen Anstrich auf dieselbe Art und Weise.
Die Türen haben drei Füllungen: Zwei grosse Füllungen oben und eine kleine Füllung quer in der Mitte. Die eine Ausgangstüre in den Garten ist eine massive Türe. Bei dieser wurden die Füllungen imitiert, so dass die Türe bestens ins Gesamtbild passt.
Die Heizkörper in der Küche wurden in einem dunklen Grünton, passend zur Küche, gestrichen. Die Deckenbalken wurden auf den Grund abgelaugt und gereinigt. Die alte Eingangstüre wurde sorgfältig geschliffen und mit Ölimprägnierung geschützt. In der Küche und im ehemaligen Zugangskorridor wurde das Mäanderfries auf dem grünen, mit Ölfarbe gestrichenen Wandsockel sorgfältig restauriert und im fehlenden Bereich der aufgehobenen Treppe ins Obergeschoss ergänzt. Das dunkelgrün restaurierte bzw. schablonierte Muster kontrastiert sehr schön zum Wandsockel. Die alten Türen wurden wo möglich im Original belassen. Die Beschläge wurden von den Spuren vergangener Renovationen befreit, gereinigt und mit dem Pinsel neu gestrichen.
Die Anstriche in den Nasszellen erfolgten alle mit Mineralfarbe, aufgetragen mit Bürste und Pinsel, ebenso auf sämtlichen mineralisch verputzen Wandteilen in der ganzen Wohnung.
Fassade, Dachuntersicht und Jalousieläden
Die Fassade wurde mit Mineralfarbe in einem mit etwas Ocker fein gebrochenen Weisston gestrichen. Die Applikation der Anstriche erfolgte mit Bürste und Pinsel. Die resedagrünen Jalousieläden wurden im Spritzwerk mit einem langöligen Kunstharzlack, der zusätzlich mit Leinöl versehen wurde, gespritzt.
Die Dachuntersicht inklusive Ziegelleiste musste auf den Grund abgelaugt werden, um einen tragfähigen Untergrund zu schaffen. Der neue Farbaufbau erfolgte mit einem langöligen, mit Ölfarbe versetzten Alkydharzlack in Weiss- und Grautönen sowie dem im Zürcher Unterland verbreiteten Englisch – oder Ochsenblutrot.
Mit der Erstellung dieser Überbauung auf dem ehemaligen Ziegeleiareal wurde guter Wohnraum für Generationen geschaffen. Mit der Freilegung des Dorfbaches und der Restaurierung des Bauernhauses wurde ein wichtiger Beitrag zum Ortsbild und zur Lebensqualität in der Gemeinde Lufingen geleistet. Die Nachhaltigkeit in Bezug auf Ortsbildgestaltung, Energiekonzept und Materialisierung wurde bei diesem Bauobjekt konsequent umgesetzt.