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Der Norweger Carlsen, der während der Meisterschaft 31 Jahre alt wird, trägt seit 2013 den Titel des Schachweltmeisters und ist eines der grössten Schachtalente aller Zeiten. Allein das Palmarès macht ihn zum klaren Favoriten: Der Mann aus dem Süden Norwegens wurde im Alter von 13 Jahren Grossmeister, erstmals im Januar 2010 als bislang jüngster Spieler (19 Jahre und 1 Monat) und seit 2011 ununterbrochen ist er die Nummer 1 der Welt. Den ELO-Wert, der die Spielstärke beschreibt, hat er schon bis auf 2882 Zähler hoch gedrückt (derzeit 2855), den WM-Titel verteidigte er 2014, 2016 und 2018 erfolgreich.
Nun darf der Russe Jan Nepomnjaschtschi versuchen, den Ausnahmespieler vom Thron zu stürzen. Der ebenfalls 31-Jährige erwarb sich das Recht des Herausforderers mit dem Sieg beim Kandidatenturnier 2020/2021. Die Wettanbieter sehen ihn in den 14 Partien mit klassischer Bedenkzeit als 1:4-Aussenseiter. Sollte es am 14. Dezember 7:7 stehen, entscheiden tags darauf Partien im Schnellschach über den Sieg. Das Preisgeld beträgt 2 Millionen Euro, der Weltmeister erhält davon 60 Prozent.
Gleich mehrere Trümpfe
Carlsen hält einige Trümpfe in der Hand. Er gilt als der körperlich fitteste Spieler der Weltelite. Dies kann bei Partien von über sechs Stunden Dauer durchaus den Ausschlag geben, denn es mindert die Gefahr von Fehlzügen. Der Norweger pflegt einen eher ruhigen Stil und zermürbt die Gegner im Endspiel. Er sucht nicht die spektakulären Angriffskombinationen im Mittelspiel, sondern brilliert mit nur noch wenigen Figuren. In nachteiligen Stellungen kann er das Remis geschickt halten, bei scheinbar ausgeglichenem Spielstand kitzelt er den kleinsten Vorteil heraus, führt die Partie auf schwer berechenbare Pfade, zermürbt den Gegner und verleitet ihn so zu einem Fehler, und in Führung liegend zieht er den Vorteil gnadenlos zum vollen Punkt durch.
Der Norweger strahlt Selbstvertrauen aus, weil er um seine Spielstärke Mann gegen Mann weiss. Zwar hat er wohl auch das beste technische Wissen, was Eröffnungen und Mittelspiel anbelangt, aber das allein reicht oft nicht zum Sieg in Partien mit langer Bedenkzeit. Denn der Gegner hat sich ja bestens vorbereitet. Aber sobald Neuland betreten wird, dringt das Selbstvertrauen durch. Oft schon hat er aus scheinbar klaren Remis-Positionen das Gegenüber noch überspielt. Oder die Gegner wagen sich nicht in die Offensive, weil sie den Gegenschlag fürchten.
Sollte Carlsen den Russen, den er als einstiges Mitglied seines Betreuerstabes bestens kennt, nicht in 14 Partien gebodigt haben, steigt er als haushoher Favorit in den Entscheidungstag mit Schnellschach. Bereits die letzten zwei WM-Kämpfe hat er so gewonnen. Mit wenig Bedenkzeit ist Carlsen noch stärker, weil seine Genialität so besser zum Vorschein kommt.