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Trotz widersprüchlicher Vorstellungen vom Christsein gehen von den Klöstern im Burgund bedeutende Aufbrüche aus. Werte wie Nächstenliebe, Sorge um die Schwachen, Gebet und Frömmigkeit setzten Impulse für Europa
Bilder: Robert Weller
Das Burgund ist eine Drehscheibe.
Seine, Saône und viele Kanäle durchfliessen das Agrarland. So wurde das Burgund zum Herzogtum, das den Norden mit dem Süden Frankreichs verbindet. Der Legende nach wurde das Christentum vom Süden ins Burgund gebracht. Magdalena war die Apostelin, die das Burgund zum Christentum führte. Nach der Legende liegt sie in Vézelay begraben. In den ersten Jahrhunderten wuchs der Einfluss der Kirche. Die Bischöfe spielten in den Städten eine grosse Rolle. Die alten gallisch-römischen Glaubensüberzeugungen wurden vom Christentum abgelöst, ohne sie völlig auszulöschen. Manche Motive der Kapitelle in den Kirchen und Klöstern zeugen davon.
Die aufbruch-Leserreise unter kundiger Leitung von Michael Bangert führte die 37-köpfige Reisegruppe in diese Welt ein. Der christkatholischen Pfarrer und Christentumhistoriker sprach von der romanischen Architektur, vor allem aber auch von der Frömmigkeit, die sich in diesem Kulturraum entwickelte.
Demnach führte die Entwicklung des Christentums zu neuen Grundhaltungen. Die Taufe nahm in die familia dei, die göttliche Familie, auf. Sie schuf eine innere Verbindung unter den Getauften und ermöglichte damit eine neuartige Verbindung zwischen den Menschen. Lebten die Menschen vorher in ihren Familien, so standen sie jetzt mit allen Gläubigen in Verbindung und konnten so grössere Projekte angehen. Wassermühlen wurden gebaut, die einen wirtschaftlichen Mehrwert ermöglichten. Die Sorge um die zu kurz Gekommenen gewann an Bedeutung.
Exemplarisch steht die Legende des heiligen Martins dafür. An einem Stadttor teilt er seinen Mantel mit einem unbekleideten Bettler. Er tut es aus Nächstenliebe, nicht weil er einen Gewinn für sich selber sucht, sondern weil er den Armen in seiner Not wahrnimmt. Damals war er noch nicht getauft. Dennoch wollte das Volk ihn zum Bischof haben. Nach seinem Tod wird Martin zum Volksheiligen. Kaum eine Stadt ist heute ohne Martinskirche. Ihre Botschaft lautet:
Christsein heisst, sich für die am Rand einsetzen.
Das Hôtel-Dieu in Beaune liefert für diese Haltung ein beredtes Zeugnis. Angst hatten die Menschen, ihre Seele zu verlieren und so im jüngsten Gericht auf der Seelenwaage als zu schwer befunden zu werden. Deshalb stifteten im 15.Jahrhundert auch Nicolas Rolin, Kanzler des Herzogs von Burgund, und seine Frau Guigone de Salins ein Hospiz mit 30 Betten. Milde und Humanität sollten in diesem Werk herrschen, Schönheit die Architektur und die Geräte zum täglichen Gebrauch prägen. Die Schwestern von Valencienne pflegten die Kranken hingebungsvoll, auch die Pestkranken im 17.Jahrhundert. 12 Schwestern liessen damals das Leben. Eine grosse Apotheke wurde geführt, medizinische Forschung betrieben. 2006 wurde der Betrieb eingestellt. Vorher haben die Schwestern allerdings ein Spital gebaut. Europa entstand im Strom dieser Entwicklungen, fand darin die Grundwerte, welche die weitere Geschichte prägen sollten.
Auch die Kinder erschienen in einem neuen Licht. Sie waren nicht mehr Besitz des Vaters. Er konnte sie nicht mehr aus der Familie verstossen oder aussetzen.
Zwei Burgunder Klostergründungen prägten die Christentumsgeschichte besonders. Cluny, das 919 gegründet wurde, wollte die Rückkehr zu Benedikts Regel: grösste Gewissenhaftigkeit bei den täglichen Gottesdiensten, Vertiefung der Frömmigkeit des einzelnen Mönchs, Erinnerung an die Vergänglichkeit des Irdischen mit der Mahnung: Bedenke, dass du sterben musst. Daneben standen eine Reform der Klosterwirtschaft und die Loslösung der Klöster aus dem Herrschaftsanspruch der Bischöfe. Die grösste Kirche der Christenheit wurde in Cluny erbaut. Zeitweise lebten 400 Mönche in dem Kloster. Die Zisterzienser, die am Ende des 11.Jahrhunderts in Cîteaux entstanden, gründeten in der ganzen damals bekannten Welt 762 Klöster. Bernhard von Clairvaux war die grosse Persönlichkeit in dieser Bewegung. Er prägte den Kirchenbau. Bei Wasser und Felsen, in der Einsamkeit sollten die Klöster gegründet werden. Das Innere der Kirchen ist ohne Schmuck, der nur vom Gebet ablenkt.
Landwirtschaft und das Gebet prägten denn auch den Alltag der Mönche.
Im Gebet wurde der Glanz Gottes sichtbar. Sonntag war der Tag der Ruhe, der in der Ruhe Gottes am siebten Schöpfungstag gründete. Die geistliche Freundschaft war ein grosses Thema in der zisterziensischen Frömmigkeit. Die Arbeit wurde geadelt. Die Klöster wurden rasch reich und verloren ihre Ausstrahlung. Licht und Schatten der Kirche in ihrer Geschichte wurden auch im Burgund sichtbar.