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Ein Autor schwitzt. 38 Grad zeigt das Thermometer in der sommerlichen Kleinstadt, als er die Geschichte von ein paar Schülern und ein paar Lehrern erzählt, die im Winter spielt, kurz vor Weihnachten. Die Racker aus dem Gymnasium und Internat, das von dem alten und lebenserfahrenen Dr. Johannes Böck (Paul Dahlke), den die Schüler alle Justus nennen, und seinem etwas skurrilen Kollegen Professor Kreuzkamm (Bruno Hübner) geführt wird, freuen sich auf die Feiertage, jedenfalls einige, die dann zu ihren Eltern nach Hause fahren dürfen. Nur Martin Thaler (Peter Tost) freut sich gar nicht; denn seine Eltern (Willy Reichert und Ruth Hausmeister) haben kein Geld, um ihm die Fahrkarte zu kaufen.
Bevor es allerdings die weihnachtliche Feststimmung oder auch Missstimmung ausbricht, haben Martin und seine Freunde Johnny (Peter Kraus), Matz (Bert Brandt), Kreuzkamm junior (Michael von Welser) und der schmächtige Uli (Knut Mahlke) noch einige Schwierigkeiten zu meistern. Zum einen liegen sie im ständigen Clinch mit den Realschülern vor Ort, die ihnen eines Tages die Diktathefte klauen und Kreuzkamm junior als „Geisel“ nehmen. Ein Plan zur Befreiung muss her. Zudem hat es Uli satt, als Feigling bei den anderen zu gelten, und plant eine allzu gefährliche Mutprobe, zu der er alle Schüler einlädt.
Zum Glück haben die Freunde einen erwachsenen Freund, den alle nur den Nichtraucher nennen, weil er in einem alten Eisenbahnwagon (für Nichtraucher) in der Nähe der Schule lebt. Dr. Uthoff heisst er und war früher einmal Arzt. Bei ihm finden sie das Theaterstück „Das fliegende Klassenzimmer“ und beschliessen, es zu Weihnachten vor Lehrern, Eltern und Schülern aufzuführen.
Zunächst allerdings müssen sie sich, weil sie sich unerlaubt aus der Schule entfernt haben und der „schöne“ und arrogante Theodor (Peter Vogel), ein älterer Schüler, der für die jüngeren verantwortlich ist und sie erwischt hat, vor Justus rechtfertigen. Der empfängt sie mit Kaffee und Kuchen und erzählt ihnen die Geschichte einer Freundschaft aus seiner Jugend. Bald kommen die Jungen dahinter, dass es sich bei Justus Freund um ihren Nichtraucher handeln muss – und sie bringen beide, die sich aus den Augen verloren haben, wieder zusammen ...
Hoffmanns Film ist – wie sollte es anders sein – ein typischer Vertreter seiner Zeit, der frühen 50er Jahre, fernab der jüngeren Vergangenheit, fernab aber auch von der Rührseligkeit und Realitätsferne so mancher Heimatfilme und Romanzen dieser Zeit. Kästner erzählt seine Geschichte selbst, eine Geschichte über die Bedeutung von Freundschaft, Zuneigung, Nächstenliebe und vor allem Verständnis zwischen den Generationen. Manche Kritiker Kästners argumentierten, dass seine Aussagen immer richtig seien und deshalb heutzutage anachronistisch, ja lebensfremd oder gar nichtssagend seien.
Doch was zeigt Hoffmann in seinem Film? Er zeigt einen schon älteren Paul Dahlke in der Rolle des Justus, der nicht vergessen hat, dass auch er einmal jung war, der sehr auf Ordnung, Pünktlichkeit usw. bedacht ist, aus diesen Tugenden jedoch keine absoluten Werte zimmert. Jeden Abend, wenn die Schüler schon zu Bett sind, ruft er über das Haustelefon den Pedell an und erkundigt sich, ob die Türen alle abgeschlossen und die Lichter ausgeknipst seien. Justus ist jedoch kein Ordnungsfanatiker. Mit der Geschichte, die er Martin und den anderen erzählt, rechtfertigt er selbst deren Handlungsweise. Die Strafe, die er anordnet, hat mehr symbolischen Charakter. Denn sie haben aus Freundschaft und mit gutem Willen heimlich und unerlaubt das Gymnasium verlassen.
Hoffmann zeigt im wesentlichen Erwachsene, die Verständnis für die Jugendlichen und Kinder haben. Das mag realitätsfremd sein. Es ist eben eine Botschaft, und diese Botschaft manifestiert sich auch, als sich Justus und sein alter Freund Uthoff wieder treffen, einen süffigen Abend miteinander verbringen und dann mehr oder weniger angetrunken und lachend durch die dunkle, verschneite Kleinstadt ziehen – eine Szene, die mich an einen anderen Film (auch mit Dahlke) erinnert: „Drei Männer im Schnee“ [2].
Erich Ponto, einer der besten Komiker jener Zeit (man erinnere sich an „Die Feuerzangenbowle“ [3], und Bruno Hübner als Sanitätsrat sorgen für die notwendige Portion Humor. Selbst die eingearbeitete Liebesgeschichte zwischen dem Nichtraucher und der für den Sanitätsrat arbeitenden Schwester Beate (Heliane Bei) ist für die 50er Jahre jenseits des ansonsten oft verbreiteten Kitschs erstaunlich zurückhaltend, ja liebevoll inszeniert.
Die kleinstädtische Atmosphäre der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg verknüpft sich in den Figuren der Schüler noch nicht mit den damals schon sichtbaren Zeichen des Endes der 50er Jahre, einer beginnenden Jugendrevolte, die sich zunächst über Rock’n’Roll, Vespa u.a. Bahn bricht. „Das fliegende Klassenzimmer“ von 1954 verbleibt noch in einer fast idyllischen, wenn auch nicht unrealistischen Zwischenzeit des Aufatmens nach dem Krieg und der Hoffnung auf ein Leben, in dem Verständigung, Freundschaft und Nächstenliebe die entscheidende Rolle spielen sollen.
Kästner, dessen Bücher von den Nazis ebenfalls verbrannt worden waren, wusste, von was er spricht und erzählt. Und in dieser Hinsicht verknüpfen sich tatsächlich die Motivation Kästners, der immer auf der Seite „seiner“ Kinder stand, in allen drei filmischen Adaptionen des Romans über die Jahrzehnte hinweg. Und es ist sicherlich nicht ausgeschlossen, dass in, sagen wir zwanzig Jahren, „Das fliegende Klassenzimmer“ einen weiteren Film nach sich zieht.
Fussnoten:
[1] Verhoeven inszenierte u.a. „MitGift“ (1976), „Die weisse Rose“ (1982) über die Geschwister Scholl und „Mutters Courage2 (1995)
[2] „Drei Männer im Schnee“ (1955, Regie: Kurt Hoffmann) basierte ebenfalls auf einem Roman Kästners. Dahlke spielte dort den Geheimrat Schlüter.
[3] „Die Feuerzangenbowle“ (1944, Regie: Helmut Weiss) basiert auf dem gleichnamigen Roman von Heinrich Spoerl. Ponto spielt dort den kauzigen Prof. Crey, genannt Schnauz.
Deutschland
1954-
88 min.
Regie: Kurt Hoffmann
Drehbuch: Erich Kästner
Darsteller: Paul Dahlke, Heliane Bei, Paul Klinger
Produktion: Günther Stapenhorst für Carlton Film
Musik: Hans-Martin Majewski
Kamera: Friedl Behn-Grund
Schnitt: Fritz Stapenhorst