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Das Edo-Tokyo-Museum in Tokio gibt u.a. mit vielen Dioramen einen guten Einblick in das Alltagsleben im früheren Edo und dem heutigen Tokio. Ich habe mich allerdings beim Besuch gefragt, welche Facetten des Vergnügungs-Bezirks Yoshiwara in der Ausstellung nicht erwähnt werden. Dieter Kuhn schreibt:
«In den Vergnügungsvierteln, an den Rändern der ehrenwerten Gesellschaft also, fanden sich Bordelle und Theater oft nahe beieinander. Die »fließende Welt« ( ukiyo ) der Schauspieler und Kurtisanen wurde in Holzschnitten gefeiert. Im frühen 17. Jahrhundert baten Unternehmer in den drei Metropolen den Shōgun, Bezirke für Bordelle auszuweisen, damit das Gewerbe unter Kontrolle gehalten werden könne. In Edo entstand so der von Gräben und Mauern umgebene Bezirk Yoshiwara, dessen Haupttor bewacht wurde. Die Kurtisanen waren nach Rängen eingeteilt. Zu den frühesten Kunden zählten Daimyō und Samurai, dann vor allem auch reiche Kaufleute. Damit begann die Kommerzialisierung des Standes der professionellen Unterhalterinnen, bekannt als Geishas.»1
Das im Museum wenig Dargestellte wird in einer immer noch online abrufbaren Ausstellung des Honolulu Museums of Art beschrieben und gezeigt. In den Texten zur Aussteilung werden Geschichte und Leben im Bezirk geschildert, begleitet von sehr expliziten Shunga, erotischen bzw. pornographischen Holzblockdrucken (ukiyo-e). Der Bezirk Yoshiwara wurde 1617 geschaffen,
«as part of their attempt to deal with the imbalanced demographics of Edo City and to placate the disproportionately high percentage of sexually frustrated male residents, the shogunate ordered the construction of a walled, licensed brothel district on a 11.8-acre lot along the outskirts of the city (near modern-day Nihonbashi district, Tokyo).»2
Grund der nicht ausbalancierten Demographie war die «alternierende Residenzpflicht» Damit im Feudalsystem das Shogunat die Kontrolle über die lokalen Herrscher in den Regionen, die Daimyō, behielt wurde 1635 das System der alternierenden Residenzpflicht eingeführt, das bis 1862 in Kraft blieb. Jeder Daimyō musste die Hälfte des Jahres in seiner Domäne, die andere Hälfte in Edo verbringen. Während der Daimyō zwischen den Wohnsitzen wechselte mussten seine Frau und sein Erbe quasi als Geiseln in Edo leben. Der Unterhalt zweier teurer Residenzen schwächte die Daimyō wirtschaftlich, doch das System brachte auch Handel, Poststationen und städtische Kultur ins Hinterland.3
Weil die Daimyōs ihren Wohnsitz natürlich nicht allein, sondern mit Samurai und vielen anderen männlichen Bediensteten jeweils nach Edo verlegten, wohnten in der Stadt viel mehr Männer als Frauen, was dann zur Einrichtung des Yoshiwara-Bezirks führte, um den Kultur-, Unterhaltungs- und sexuellen Bedürfnissen der vielen Männer entgegen zu kommen.
Bei dieser Recherche über den Yoshiwara-Bezirk stosse ich auf «wakashū», «the third gender». Das Honolulu Museum of Art erklärt:
In pre-modern and early modern Japan, physiological males were considered men (yarō) at the age of nineteen, but between the ages of eleven and nineteen, they were labeled wakashū, and contemporary scholars have recently begun to describe wakashū as a distinct, third gender. In Japanese prints and paintings, the delicate appearance of wakashū often make them difficult to distinguish from women.4
Bis anfangs 18. Jahrhundert spielten Wakashū prominente gesellschaftliche Rollen.
While the idea of a third gender may sound like an obscure oddity of early modern Japanese culture, wakashū were in fact extremely popular and played active roles in Japanese society, particularly in samurai communities, Buddhist temples, and Kabuki theater.»5
Ihr Ursprung wird in den «Chigo» gesehen, jugendlichen buddhistischen Tempeldienern, von denen einige den Priestern homosexuelle Dienste zu leisten hatten6. In der Japan Review wird Chigo no sōshi erwähnt, eine mittelalterlichen Handrolle, «which illustrates male-male sexual relationships between chigo (…) (adolescent males who studied and worked as apprentices in Buddhist temples) and older priests.)»7
Im 14./15. Jahrhundert war eine tragisch endende Liebesgeschichte zwischen einem Mönch und einem Chigo beliebt, sie ist auch in einer Bildrolle, die sich im Besitz des Metropolitan Museums New York befindet, dargestellt.8
Homosexualität wurde in Japan zwar nicht toleriert, die Liebe zu Wakashu (bzw. Chigo) aber scheint in einigen buddhistischen Klöstern, bei Samurai, im Umfeld der Kabuki-Theater und in zünftisch organisierten Handwerk zwischen Lehrmeistern und Lehrlingen gängig gewesen zu sein.
Zu ihren Rollen im Kabuki-Theater kamen Wakashū, weil es ab 1629 Frauen verboten war, auf Kabuki-Bühnen aufzutreten, ihr Spiel wurde von den Behörden als zu aufreizend angesehen. Wakashū, die jetzt einsprangen, wurden aber von den Zuschauern als erotisch noch attraktiver angesehen, so dass 1651 zunächst auch ihre Auftritte verboten wurden.9
Viele Liebhaber versuchten zwar das Erwachsenenwerden ihrer Geliebten herauszuzögern, nach der Zeremonie des Erwachsenenwerdens war aber jede körperliche Liebe ausgeschlossen, was zum Vergleich der Wakashu mit der Kirschblüte führte. So schön und so vergänglich.
1 Kuhn, Dieter. 2014. Neue Fischer Weltgeschichte. Band 13: Ostasien bis 1800. Frankfurt/M.: Fischer. E-Book Pos. 8345
2http://shunga.honolulumuseum.org/2012/index.php?status=complete&page=52&language=english (3.8.2016)
3 Kuhn 2014, Pos. 8119
4 http://shunga.honolulumuseum.org/2012/index.php?status=complete&page=37&language=english (3.8.2016)
5 http://shunga.honolulumuseum.org/2012/index.php?status=complete&page=38&language=english (3.8.2016)
6 http://www.hoodedutilitarian.com/2010/08/1000-years-of-pretty-boys/
7 Japan Review 26 (2013), 71 PDF (3.8.2016)
8 http://www.metmuseum.org/toah/works-of-art/2002.459.1/ (3.8.2016)
9 http://shunga.honolulumuseum.org/2012/index.php?status=complete&page=46&language=english (3.8.2016)