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WOZ: Ihr Film «Nachbeben» über eine desaströse Party in Bankerkreisen hatte eben an den Solothurner Filmtagen Premiere. Wann begannen Sie mit der Arbeit daran?
Stina Werenfels: 1998. In den Jahren des Börsenbooms hatte jedes Blatt nur noch Wirtschaftsfiguren auf dem Titel, der Vorrang der Wirtschaft über die Politik wurde mit Händen greifbar. Ich wollte diese Domäne verstehen lernen. Also begann ich zu lesen, sprach mit der Leiterin einer psychosozialen Anlaufstelle, extra für Banker eingerichtet. Ich konnte auch eine Zeit lang als «backoffice girl» auf einer Privatbank recherchieren.
Wie verhielten sich die Banker?
Frauen gelten von vornherein als harmlos. Ein alter Trick aus den Spionageromanen. Verstellung à la Wallraff war gar nicht nötig.
Sie konnten also hinter die Fassade schauen?
Da gab es schon vertrauliche Gespräche. Interessant war, dass kaum jemand über sich selbst erzählte, oft aber über private Probleme der andern.
Waren diese Leute so, wie Sie sie im Film zeigen? Sagen die wirklich: «Du musst immer wissen, wer der Idiot ist, sonst bist du es am Schluss selber»?
Ja. Viele Sprüche überraschten mich mit ihrem schnellen Witz. Andere drückten simple neoliberale «Marktweisheiten» aus, wie: Gib das Risiko so schnell wie möglich weiter, damit es den andern trifft, wenn was explodiert.
Wann schrieben Sie das Drehbuch?
Ich schrieb schon während meiner Zeit in der Bank. Als es fertig war, 2001, platzte die Blase. Niemand wollte mehr etwas mit dem Thema Börse zu tun haben. Es hatten ja viele Leute Geld verloren, auch solche, von denen niemand gedacht hätte, dass sie an der Börse spekulierten. Ich stand vor der Alternative, das Drehbuch zu kompostieren oder einen neuen Anlauf zu nehmen. Richard Sennetts Buch «Der flexible Mensch» brachte mich darauf, die Auswirkungen der Finanzwelt auf das Privatleben zu untersuchen. Was ist, wenn die antrainierten Dealer-Mechanismen, die es zum beruflichen Überleben braucht, auf die Familie übertragen werden, auf die Beziehung zum Kind, zur Frau, zum Freund?
Sie nahmen also einen zweiten
Anlauf?
Ich arbeitete dann mit einer Autorin zusammen. Anhand eines ersten Treatments, das den Handlungsablauf beschrieb, probte ich zuerst mit den Schauspielern und entwickelte mit ihnen die Figuren. Das wurde gefilmt, und daraus entstand das neue Drehbuch.
Das erklärt wohl die Schauspielleistung. Kritiker sprachen «von einer Intensität, wie sie im Schweizer Film leider allzu selten ist», von einem «fast Ibsenschen Sittenbild». Sind Sie zufrieden mit dem ersten Echo?
Der Film wird viel gelobt – oft folgt dann ein Aber. Einige fanden meine Aussage zu radikal, die Personen zu neureich und gruusig. Privilegierte Menschen zu zeigen, weckt bei einigen Widerstände. Bezeichnenderweise in der privilegierten Schweiz.
Auch wenn «Nachbeben» von Situationskomik und Wortwitz übersprudelt, bleibt einem das Lachen oft im Hals stecken.
Das freut mich, wenn das so rüberkommt. Andererseits kann man diesen Figuren nur mit Humor nahe kommen.
Ihr Blick ist gnadenlos liebevoll. Kann ein sympathischer Kerl, bloss weil er Karriere macht und viel Geld verdient, charakterlich so ein Frettchen werden?
Vielleicht bin ich ja die Überbringerin einer schlechten Nachricht. Das ist aber kein Grund, mit dem Weichspüler dar-über zu gehen. Wir leben in einem Land, wo ungefähr jeder Vierte beruflich mit einem Geldinstitut verbunden ist. Die grössten Player im internationalen Bankgeschäft kommen aus der Schweiz, Figuren wie Marcel Ospel oder Joe Ackermann. Ich wollte den Weg des Geldes und seiner möglichen Kollateralschäden im menschlichen Bereich verfolgen.
Mich interessiert Ihr Umgang mit Dicken. Waren Sie selbst einmal dick?
Wieso? Ich habe eher das Problem, dass ich zu dünn bin. Doch ich mag üppige Körper.
Das sieht man an Ihrer Arbeit mit der Bühnenschauspielerin Bettina Stucky, einem Hohelied auf die üppige Frau. Einerseits spielt Stucky sehr sinnlich, andererseits filmt die Kamera ihre Kurven liebevoll und erotisch.
Ein üppiger Frauenkörper ist erotisch. Dazu kommt eine ganz persönliche Liebe zu dieser Schauspielerin. Ich tue alles, um für sie eine Rolle zu schreiben. Wir sind sehr gegensätzlich, haben aber ein grosses Vertrauen zueinander entwickelt. Auf dieser Grundlage machen Schauspieler Angebote, die sehr weit gehen und ohne Scham sind. Bettina Stucky ist für mich die ideale Verkörperung von Lebenslust oder besser Lebenswut.
Stina Werenfels, geboren 1964, ist Regisseurin, verheiratet und Mutter einer zweijährigen Tochter.