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Interview mit Reinhard Schnidrig, Chef der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität im BAFU, über Jagd und Wildtierschutz im Wandel der Zeit.
Interview: Hansjakob Baumgartner
umwelt: Herr Schnidrig, was sagt Ihnen der Name Johann Coaz?
Reinhard Schnidrig: Der Bündner Johann Coaz war eine eindrückliche Persönlichkeit. Förster, Geologe, Alpinist. 1875 wurde er vom Bundesrat zum ersten eidgenössischen Forstinspektor und zugleich Jagdinspektor ernannt. Er war damals schon über 70-jährig, und er blieb bis ins Alter von 92 Jahren im Amt. Seine Tätigkeit fiel in die Zeit der Biodiversitätskrise des 19. Jahrhunderts.
Biodiversitätskrise? Damals war die Natur doch noch heil?
Keineswegs. Man hatte die Wälder grossflächig abgeholzt, und was davon übrig geblieben war, durch Beweidung aufgelichtet. In der Folge kam es zu verheerenden Hochwasserkatastrophen. Mit dem Wald war auch der Lebensraum der wilden Huftiere geschrumpft und degradiert.
Hinzu kam, dass die Schweiz in der Zeit der Helvetik das feudale Jagdrecht abgeschafft hatte, ohne wirksame Regeln für eine nachhaltige Volksjagd einzuführen. In der Folge wurden Hirsch, Reh, Steinbock und Wildschwein ausgerottet, von der Gämse gab es bloss noch kleine Restbestände.
Später verschwanden auch die Grossraubtiere, denen die natürliche Beute fehlte. Ihnen blieben nur noch die Nutztiere, was den Hass der Bergbevölkerung auf sie zusätzlich befeuerte.
Und was tat Johann Coaz?
Er setzte das 1876 in Kraft getretene erste eidgenössische Waldgesetz auf nationaler Ebene um. Dieses beendete den Raubbau und brachte die Wende in der Waldentwicklung. Damit verbesserte sich der Lebensraum für die Wildtiere. Fast gleichzeitig mit dem Waldgesetz trat das erste eidgenössische Jagdgesetz in Kraft.
Was brachte dieses Gesetz?
Mit ein paar einfachen Regeln wurde der Jagddruck stark reduziert: Schonzeiten wurden festgelegt, der Abschuss von Gämsgeissen, die Kitze führen, untersagt. Bei Reh und Hirsch kamen alle weiblichen Tiere unter Schutz.
Zudem wurden eidgenössische Jagdbanngebiete errichtet, in denen das Wild total geschützt war. Man wählte dazu Gebiete aus, die noch Restbestände von Gämsen beherbergten - und an denen niemand ein grosses Nutzungsinteresse hatte. Darum haben wir heute noch ein Netz von Wildtierschutzgebieten, die relativ unberührt sind und so einen hohen Naturwert aufweisen. Zur Bewachung der Banngebiete stellte der Bund Wildhüter an.
Wurde damit das Problem gelöst?
Die Erfolge stellten sich rasch ein. Die Gämsbestände erholten sich, Hirsch und Reh kehrten zurück und breiteten sich aus. Der Steinbock wurde wieder angesiedelt.
Es fehlten aber immer noch die Grossraubtiere Luchs, Bär und Wolf.
Richtig. Das Jagdgesetz unterschied zwischen nützlichen und schädlichen Arten. Nützlinge waren willkommen, Schadwild verdiente hingegen keine Schonung. Bär, Wolf, Luchs, Fischotter und Graureiher zu schützen, wäre niemandem in den Sinn gekommen. Im Gegenteil, ihre Ausrottung wurde teils sogar mit Prämien gefördert.
Dennoch wirkte sich das erste Jagdgesetz langfristig auch auf die Grossraubtiere positiv aus. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts erreichten die Huftierbestände ein historisches Rekordniveau. Teils überstiegen sie gar die Kapazität des Lebensraums - zum Beispiel im Engadin, wo in strengen Wintern Hunderte von Hirschen verhungerten. Die Beutebasis für Grossraubtiere war wieder intakt. Damit waren die ökologischen Voraussetzungen für die Wiederansiedlung des Luchses und die natürliche Rückkehr des Wolfs erfüllt.
Und die gesellschaftlichen?
Das Nützlings-Schädlings-Denken hielt sich bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Auch die Revision des Jagdgesetzes im Jahr 1962 war davon noch beeinflusst. Doch in den 1960er- und 1970er-Jahren änderte sich die Haltung des Menschen gegenüber der Tierwelt. Es war die Zeit, als die Umweltverschmutzung in Form von stinkender Luft und schäumenden Gewässern wahrnehmbar geworden war und der Naturschutzgedanke an Bedeutung gewann. Im neuen Denken löste sich die starre Einteilung der Fauna in nützliche und schädliche Arten auf, allen Tieren wurde ein Eigenwert attestiert.
Internationale Naturschutzkonventionen wurden verabschiedet, als erste 1971 die Ramsarkonvention zum Schutz der Lebensräume von Wasservögeln. Die Schweiz war daran massgeblich beteiligt. Bereits 10 Jahre zuvor war der WWF gegründet worden. In der Folge stieg auch die Akzeptanz für Grossraubtiere. 1971 wurden hierzulande die ersten Luchse ausgesetzt.
Während ein Drittel aller einheimischen Tierarten mehr oder weniger akut gefährdet ist, halten sich manche Säugetiere - Huftiere, Grossraubtiere, Biber - wacker. Woran liegt das?
Abgesehen von der intensiv genutzten Agrarlandschaft sowie dem Gewässersystem hat sich der Lebensraum für die Wildtiere, besonders im Wald, positiv entwickelt. Für Reh, Hirsch, Gämse und Steinbock ist das aufgelockerte Wald-Weide-Mosaik, das die moderne Schweiz namentlich in den Voralpen, den Alpen und im Jura bietet, ideal. Grossraubtiere profitieren vom hohen Beuteangebot. Und Arten wie dem Biber, dessen Ausrottung allein auf direkte Verfolgung zurückzuführen war, kommt der Jagdschutz zugute.
Spezialisten, die an bestimmte Lebensräume gebunden sind, sowie Arten der traditionellen Kulturlandschaft im Unterland haben hingegen Mühe.
Die Kehrseite der positiven Entwicklung bei manchen Wildtieren ist, dass sie heute vorwiegend als Problem wahrgenommen werden. Sind Sie hauptamtlich als Konfliktmanager tätig?
Hinter meiner Arbeit stehen verschiedene Aufträge: der Auftrag zum Schutz und zur Förderung von Arten, die dies brauchen; der Auftrag, die Nutzung des Wildes, insbesondere durch die Jagd, nachhaltig zu gestalten; und daneben halt auch der Auftrag, bei Wildtieren, die dem Menschen in die Quere kommen, die Schäden am Wald, in der Landwirtschaft, an Infrastrukturen oder - im Fall der Grossraubtiere - an Kleinvieh anrichten, das Problem auf pragmatische Art zu lösen.
Von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird vor allem Letzteres, zumal die Problemlösung manchmal eben auch darin besteht, dass einzelne Tiere getötet werden müssen.
Reden wir vom Teil Ihrer Tätigkeit, die weniger beachtet wird. Wo besteht vorrangig Handlungsbedarf beim Schutz der Wildtiere und ihrer Lebensräume?
Viele Tiere leiden unter der flächendeckenden Freizeitnutzung der Landschaft. Es gibt immer weniger ruhige Räume. Der Winter stellt für die Tierwelt hohe Anforderungen ans Überleben. Manche Arten schaffen das nur dank einer speziellen Strategie, die darauf abzielt, Energie zu sparen, sich möglichst wenig zu bewegen. Wenn ihnen der Ruheraum fehlt, das Schlafzimmer und die gute Stube, in die niemand reintrampelt, haben sie grosse Probleme.
Und was lässt sich dagegen tun?
Wir müssen Räume bestimmen, die allein den Tieren gehören, aus denen sich der Mensch fernhält oder die er nur auf fixen Routen begeht. In dieser Sache passiert derzeit viel. Jedes Jahr werden neue Wildruhezonen errichtet. Wegleitungen gewährleisten, dass dieses Instrument sachgerecht angewendet wird. Das heisst, dass man die Zonen am richtigen Ort ausscheidet, oder dass nicht zu viele Routen für Skitourengänger durch die grossen Wildtierschutzgebiete geführt werden.
Zudem müssen wir die Sporttreibenden für das Problem sensibilisieren. Denn sie sind sich oft gar nicht bewusst, dass sie sich im Lebensraum von Wildtieren bewegen und diese stören - man begegnet den Tieren ja meist nicht. Ich verweise hier auf die gemeinsam mit dem Schweizer Alpen-Club (SAC) lancierte Kampagne «Respektiere deine Grenzen», die mit einfachen Botschaften Regeln für naturverträglichen Schneesport bekannt macht.
Werden die Botschaften gehört?
Ja. Die Kampagne wurde verschiedentlich evaluiert. Dabei kam heraus, dass die meisten Adressaten die Regeln kennen und gewillt sind, sie zu beherzigen. Auch Umfragen bei Wildhütern bestätigen dies. Erfreulich ist zudem, dass in immer mehr Regionen die Verantwortungsträger mit im Boot sind, auch der Tourismus. Betreiber von Transportanlagen machen mit bei der Ausscheidung von Ruhezonen und sorgen gar mit Kontrollen dafür, dass diese nicht befahren werden.
Um welche Säugetier- und Vogelarten muss sich Ihre Sektion mit speziellem Effort kümmern?
Das sind einmal die Arten, die aufgrund landschaftlicher Tendenzen unter Druck geraten, wie zum Beispiel der Kiebitz und der Feldhase, die wegen der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung ihrer Lebensräume aus der offenen Landschaft des Mittellandes praktisch verschwunden sind. Oder Tiere des Gewässerraums, wie der Fischotter, der dabei ist, in die Schweiz zurückzukehren. Wir müssen dafür sorgen, dass er auch bleiben kann. Sind unsere verbauten und elektrizitätswirtschaftlich intensiv genutzten Gewässer noch fischreich genug für ihn? Was lässt sich tun, um die Fischbestände zu fördern?
Bei rund 50 Vogelarten hat sich gezeigt, dass sie spezielle Förderung brauchen. Bei ihnen reichen die bestehenden Instrumente des Naturschutzes - Gebietsschutz, ökologischer Ausgleich im Landwirtschaftsgebiet, Artenschutz durch Jagdverbote - nicht aus, um ihr Überleben bei uns zu sichern. Für sie entwickeln wir Aktionspläne mit gezielten Massnahmen. Zum Beispiel für das Auerhuhn, das ruhige, nach seinen Bedürfnissen gepflegte Wälder benötigt; für den Flussuferläufer, der auf Kiesbänke an Fliessgewässern angewiesen ist, die zur Brutzeit nicht begangen werden; oder für den Mittelspecht, der Eichenwälder zum Leben braucht.
Und schliesslich müssen wir uns um die Schweizer Verantwortungsarten kümmern.
Verantwortungsarten?
Der Begriff basiert auf dem international abgesprochenen Grundsatz, dass sich jedes Land vorrangig um die Arten und ihre Lebensräume kümmern soll, die innerhalb der Landesgrenzen ihre Verbreitungszentren haben. Bei uns sind das hauptsächlich alpine Arten, wie die Alpenbraunelle oder der Schneesperling. Einige sind bei uns keineswegs selten. Wir müssen gewährleisten, dass dies so bleibt.
Zu unseren Verantwortungsarten gehört auch der Luchs. Er lebt bei uns in zwei Populationen, einer in den Alpen und einer im Jura. Es geht ihm relativ gut, so gut, dass immer wieder Problemdiskussionen aufkommen. Allerdings besiedelt er in der Schweiz noch nicht alle geeigneten Lebensräume, und schon gar nicht in den ganzen Alpen. Doch der Luchs braucht den gesamten Alpenraum, damit ein Bestand entstehen kann, der gross genug ist für eine langfristig gesicherte Existenz. Hier müssen wir unsere Verantwortung wahrnehmen und durch Umsiedlung von Tieren die Ausbreitung über den ganzen Alpenbogen fördern.
Sie werden wohl kaum wie Johann Coaz bis ins Alter von 92 Jahren im Amt bleiben, aber ein paar Jahre bleiben Ihnen noch. Was möchten Sie in dieser Zeit bewegen?
Der Umgang mit Wildtieren ist immer noch geprägt von Konflikten zwischen verschiedenen betroffenen Kreisen: Jagd, Naturschutz, Landschaftsschutz, Wald- und Landwirtschaft, Freizeitnutzung. Ich möchte dazu beitragen, diese unnötigen und unergiebigen Konflikte aus der Welt zu schaffen. Wir brauchen eine breite Allianz für die Wildtiere. Denn letztlich haben alle dasselbe Ziel: vielfältige Lebensräume in einer schönen Landschaft mit gesicherten und - wo dies sinnvoll ist - auch nachhaltig nutzbaren Wildtierbeständen.
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Diese Ausgabe als Download (PDF, 4 MB, 17.02.2016)1/2016 Wildtiere unter uns
Letzte Änderung 17.02.2016