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Willy Spieler zur Verabschiedung von Pia Hollenstein als Präsidentin der Freundinnen und Freunde der Neuen Wege (Jahresversammlung vom 7. Mai 2011)
Gerne halte ich diese Abschiedslaudatio auf Pia Hollenstein zu ihrem Rücktritt als Präsidentin der Freundinnen und Freunde der Neuen Wege, darf ich doch als ehemaliger Redaktor unserer Zeitschrift auf eine mehr als zehnjährige Zusammenarbeit mit Pia zurückblicken. Die abtretende Präsidentin hatte dieses Amt fast auf den Tag genau vierzehn Jahre, seit der Jahresversammlung vom 10. Mai 1997, inne. Das damalige Protokoll vermerkt lapidar: „Nach einer kurzen Diskussion über das Verhältnis der Neuen Wegen und des Religiösen Sozialismus zur Grünen Partei und zur SP wird Pia Hollenstein einstimmig gewählt.“ So kurz war diese Diskussion auch wieder nicht und vor allem war sie recht emotional.
Einer der Anwesenden, ein älterer und inzwischen verstorbener SP-Genosse, verstand die Welt nicht mehr, wenn erstmals eine grüne Politikerin den Förderverein der Zeitschrift des religiösen Sozialismus leiten sollte. Die Versammlung gab dem besorgten Votanten zu verstehen, dass weder die Zeitschrift noch die Religiös-sozialistische Vereinigung einer bestimmten Partei verpflichtet seien. Ja, es sei ein Glücksfall, dass wir diese Unabhängigkeit und Offenheit mit Pia Hollenstein als Präsidentin unter Beweis stellen dürften.
Pia selbst wollte das Präsidium unserer Vereinigung nicht unbesehen übernehmen und fragte, was wir denn überhaupt unter ‚Sozialismus’ verstünden. Ich hatte die Aufgabe, unsere Wunschkandidatin mit einigen Grundlagentexten ideologisch ‚aufzudatieren’. Der Erfolg liess nicht auf sich warten. Pia gab uns wenig später ihre Zusage und erklärte, sie sei schliesslich auch nicht eine gewöhnliche, sondern eine linke und pazifistische Grüne, denn sie komme aus der Grünen Alternative St. Gallen mit dem wunderschönen Kürzel GRAS.
Mein erster Kontakt mit Pia Hollenstein datiert freilich noch zehn weitere Jahre zurück, in die Anfänge der GSoA. Als ich die Armeeabschaffungsinitiative nicht gleich mit wehenden Fahnen unterstützte und eine ‚kontraproduktive’ Wirkung dieses Volksbegehrens bei seiner absehbaren Niederlage befürchtete, bekam ich von Pia die Kritik zu hören, ich sei zu wenig mutig und möge mich von der Begeisterung so vieler junger Menschen für diese friedenspolitisch einmalige Aktion anstecken lassen. Die Kritik war nur zu berechtigt, wie ich noch rechtzeitig vor der eigentlichen Abstimmungskampagne einsah.
Aber es gab noch wichtigere Referenzpunkte für Pia. Nicht nur war sie bereits eine bekannte Nationalrätin, die linke und pazifistische Flügelfrau der grünen Fraktion, auch als Gesundheitspolitikerin mit Berufserfahrung in Krankenpflege hatte sie einen damals aussergewöhnlichen Werdegang in der Politik vorzuweisen. Nicht weniger beeindruckt waren wir von ihrem dreijährigen Einsatz für ein Entwicklungsprojekt von INTERTEAM in Papua Neu Guinea, wo sie ein Health Centre im Busch leitete.
Die Empfehlung, Pia für das Präsidium der Freundinnen und Freunde der Neuen Wege anzufragen, kam von ihrem Vorgänger Hansjörg Braunschweig, der sie vom Nationalrat her kannte und ihr näher stand als wohl der Mehrheit seiner Fraktionskolleg/Innen. Wer hätte damals gedacht, dass Pia die lange Amtszeit ihres Vorgängers sogar noch um ein Jahr übertreffen würde? Das ist die zweitlängste Präsidialzeit in der 105-jährigen Geschichte der Neuen Wege. Dank ‚Jahrhundertbuch’ können wir feststellen, dass nur Robert Lejeune dieses Präsidium länger ausübte. Pia war auch nicht die erste Frau in diesem Amt. Sie hatte eine Vorgängerin: die Musikerin Carmen Weingartner-Studer, die gleichzeitig noch Redaktorin der Zeitschrift war.
Die langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Pia Hollenstein verschafft mir heute die Ehre dieser Abschiedslaudatio. Ja, es war eine ungetrübt gute Zeit im Einsatz für die gemeinsame Sache. Wir hatten wohl Sorgen, aber keine Konflikte. Sorgen gab es anfänglich im Bereich der Administration, die einige Energie kosteten, und auch der Übergang zum neuen Erscheinungsbild der Zeitschrift 2001 ging nicht geräuschlos über die Bühne. Pia blieb bei allen Schwierigkeiten der ruhende Pol unserer Vereinigung und leitete völlig unaufgeregt die Sitzungen des Vorstandes und der Mitgliedervereinigung, ‚lösungsorientiert’, um für einmal das politische Modewort zu gebrauchen. Die Präsidentin war geprägt von einem ‚Urvertrauen’, das sich auf uns übertrug. In einem NW-Gespräch zum 50. Geburtstag sagte Pia Hollenstein, sie habe dieses Urvertrauen von ihrer Familie mit fünf Brüdern und drei Schwestern auf dem Bauernhof im Toggenburgischen Libingen geschenkt bekommen.
Wir waren stolz auf unsere Pia und sonnten uns auch in ihrer öffentlichen Präsenz. Wir erkannten uns wieder in ihrem Wahlslogan „Ökologisch konsequent, sozial engagiert und global solidarisch“. Mit Pia Hollensteins Namen wird die Aufarbeitung von Schuld und Schulden im Verhältnis Schweiz – Südafrika verbunden bleiben. Wichtig war auch der Einsatz für Menschenrechte, der Pia bis nach Nordkorea 2006 führte. „Kleinste Schritte“ würden mehr bringen als weltmachtmässige Drohgebärden, schrieb sie dazu in den Neuen Wegen. In Pia fanden auch Asylsuchende eine hartnäckige Anwältin. Einmal hat der Chef des Bundesamts für Flüchtlinge Pia sogar noch in der Nacht angerufen, weil ihn ein Dossier beschäftigte oder – wohl richtiger gesagt – weil Pia ihm mit diesem Dossier keine Ruhe liess. Besonders aktiv war Pia natürlich in ihrem grünen ‚Kerngeschäft’, das sie nicht zuletzt in der nationalrätlichen Verkehrskommission vertreten konnte. Auf Pias Homepage finden wir auch viele Texte, mit denen sie ihre politische Arbeit begleitete. Was ich auf Wanderungen immer wieder vermisse, sagt in träfen Worten Pias Kolumne: „Kühe sollen Hörner tragen“.
Die Neuen Wege verstehen sich als ‚Basisorgan’, Um so wichtiger war die ‚Basispräsenz’ unserer Präsidentin. Während viele Linke vom Lehnstuhl aus das WEF kritisierten, war Pia stets vor Ort, inmitten der Demonstrierenden und mit kreativer Phantasie, die sie für einen gewaltlosen Widerstand einsetzte. Mir scheint, dass ganz St. Gallen Pia kennt und schätzt. Wer mit ihr einen Stadtrundgang macht, sieht lauter fröhlich grüssende Gesichter. Dass die Grundwerte des Reiches Gottes‚ Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung’ (GFS) im kirchlichen Leben von St. Gallen eine herausragende Rolle spielt, ist nicht zuletzt dem Einfluss von Pia zu verdanken. Als Lobpreis der Schöpfung will mir auch Pias Klettern in den Bergen erscheinen, das ich mangels alpinistischer Kompetenz nur über die einschlägigen Bilder auf der Homepage unserer abtretenden Präsidentin bestaunen kann.
Im Auftrag von Vorstand, Redaktion und Redaktionskommission, gewiss auch im Sinne unserer Vereinigung und aller Leserinnen und Leser der Neuen Wege darf ich Pia für ihre grosse Arbeit danken. Ich finde dazu keine schöneren Worte als Pias eigene, die sie aus anderem Anlass geschrieben hat und die ich fast wörtlich zitiere: „Wir lassen eine Präsidentin ziehen, die sich mit Talent, Kraft und Überzeugung für die Zeitschrift einsetzte. Was bleibt, ist weit mehr als Papier. Es sind Gespräche, Kontakte und Ideen, die im Lauf der Jahre geführt, geknüpft und entwickelt wurden. All das wird nicht im Archiv verstauben. Sondern Deine Arbeit lebt weiter, in unseren Köpfen und unseren Herzen. Danke, Pia!“
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