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Nun ist es da! Es ist ein schönes Buch geworden. Nützlich sind vor allem die Falttafeln. Was die Texte angeht, so bin ich des öfteren anderer Meinung. Das war zu erwarten und ist auch gut so, denn eine Diskussion belebt die Szene. Wer hie und da in meinen Blog geschaut hat weiss, dass ich der Meinung bin, dass die Wandeinteilung des Dekorationssystem untrennbar zur Architektur gehört und dass das Bildprogramm wohl in grossen Zügen gleichzeitig in Auftrag gegeben wurde wie der Bau. Schön sagt das Jürg Goll in einem ersten Überblick auf Seite 47: “Die Wandbilder sind in die Klosterkirche hineinkomponiert. Als Teil eines Gesamtkunstwerkes setzen sie die Vorstellung des Raumes und die Kenntnis des architektonischen Zusammenhangs voraus.” In der Zeittabelle auf S.43 aber steht:
775: Baubeginn des Klosters (Fälldatum des ältesten erfassten Bauholzes).
1. Hälfte des 9. Jh.: Freskenzyklus in der Klosterkirche.
Das entspricht etwa meiner Meinung vor vielen Jahren, als ich noch nicht wusste, was ich jetzt weiss und die Ausmalung der Klosterkirche im 1.Viertel des 9.Jh. ansetzte. Ich präzisiere: Die Dendrochronologie bezieht sich auf das Holz im Dachgiebel der Kirche; diese war somit bald nach 775 fertig gebaut und wurde aussen und innen verputzt; dass die erste Putzschicht bei Beginn der Freskierung schon etwas verschmutzt war, lässt den Schluss zu, dass die Maler ihr Werk etwa 10 Jahre später in Angriff nahmen. Aber Matthias Exner glaubt in seinem Essai über “Das Bildprogramm der Klosterkirche im historischen Kontext”, dass die Bilderfolge in Müstair erst in den beiden Jahrzehnten nach 830 geschaffen worden ist (S. 109 mit A.178 und 179). Pikanterweise meint auch er, “dass primär die Überlegungenzur Szenenauswahl des Davidszyklus dazu eine Basis bieten”. Nun wird es tatsächlich spannend …
Sollte die von Karl dem Grossen gestiftete Klosterkirche also während mehr als 50 oder 70 Jahren “nackt” geblieben sein? Ich habe Gründe, das zu bezweifeln! Ich werde darum in den nächsten Wochen hier nochmals darlegen, warum ich die Fresken in die Jahre zwischen 785 und 795 datieren möchte. Der Davidszyklus des obersten Registers an den drei glatten Wänden des Saales liefert auch mir dazu die Hauptargumente. Sie sind einerseits in der Ikonographie begründet, andererseits aber auch im Stil. Exner hält sich bei seiner Spätdatierung an die Darlegungen von Caecilia Davis Weyer im 1. Band von Carlo Bertellis Il millennio ambrosiano (1987) mit dem Titel: Müstair, Milano e l’ Italia carolingia, p.202 -237. Ich hingegen kann mich mit den dort herangezogenen Stilvergleichen kaum anfreunden. Doch davon soll später die Rede sein.