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An einem Juniabend vor fünf Jahren eröffnete Giuseppe Cipriani einen Ableger seiner Restaurantkette auf Ibiza. An einem der grossen Tische im Erdgeschoss sassen Harvey Weinstein, ein New Yorker Filmproduzent, mit seiner Frau Georgina Chapman, einer Londonerin, die eine Modemarke mit besitzt. Oder Flavio Briatore, der viele Jahre Formel-1-Teams führte; seine Frau Elisabetta Gregoraci, eine italienische Fernsehberühmtheit, war ebenfalls dabei. Und natürlich Fawaz Gruosi, mit einer jungen Frau oder mehreren Begleiterinnen, das war schwierig zu entscheiden.
Cipriani, sagt man, ist der Restaurateur sowie Hotelier der Berühmtheiten und Fawaz Gruosi der Juwelier und Uhrmacher ebendieser Leute. Fawaz, wie ihn die Bewohner des beau monde nennen, ist der Gründer der Schmuck- und Uhrenmarke de Grisogono, deren Hauptsitz sich in Plan-les-Ouates, einem Vorort von Genf, befindet, im zweiten Stock eines Geschäftshauses, über einer Migros-Filiale. Der 64-Jährige kam in Syrien zur Welt (oder in Florenz, je nach Quelle), der Vater war Libanese, die Mutter Italienerin; als junger Mann arbeitete er für Harry Winston, einen New Yorker Diamantenhändler, in London, danach war er bei Bulgari zuständig für die Betreuung der wichtigsten Kunden des Römer Juweliers. Vor etwas mehr als zwanzig Jahren eröffnete er in Genf zusammen mit Partnern eine Boutique, um von ihm entworfenen Schmuck, zur Mehrheit mit schwarzen Diamanten, die damals noch kaum verwendet wurden, zu verkaufen.
So viel – respektive wenig – kann man in Zeitungen beziehungsweise im World Wide Web lesen. Zudem hat man vielleicht schon Bilder von ihm gesehen: Es handelt sich dabei meist um Schnappschüsse von roten Teppichen, über die er geht. Er trägt einen Smoking oder Abendanzug, die dunkle Haut auf seinem kahlen Kopf glänzt, die schweren Lider über seinen Augen hängen. Mit anderen Worten: Der ältere Mann mit Bauch sieht aus wie der Geschäftsführer eines Nachtlokals. Weiter gibt es auf den Bildern Models oder Schauspielerinnen in kleinen, glänzenden Kleidern, die grossen, glänzenden Schmuck seiner Marke tragen und auf ihn hinunterblicken.
Vor wenigen Wochen war er Gastgeber eines Abendessens im «Hôtel du Cap-Eden- Roc» bei Antibes, wo er seit einiger Zeit jährlich 600 Leute empfängt, von denen 350 Freunde seien, wie er sagt, während im nahen Cannes die Internationalen Filmfestspiele stattfanden; dieses Jahr nahmen an der De-Grisogono-Dinnerparty etwa Hailey Baldwin, Naomi Campbell, Leonardo DiCaprio oder Lindsay Lohan teil. Doch was biografische Angaben und Bilder nicht verbreiten können, ist Fawaz’ Ausstrahlung. Eine Ausstrahlung, die dafür sorgt, dass man ihn mag, ob man will oder nicht. Und dass man sein Freund sein, mit ihm Champagner trinken und Sommerabende am Mittelmeer verbringen möchte. Man seine Geschichten über Berühmtheiten hören und Abenteuer mit ihm und, idealerweise, seinen Freunden erleben möchte.
«Man hofft, bis man stirbt»
Fawaz ist auch der Mann von Caroline Gruosi- Scheufele, die sich seit einiger Zeit wieder Caroline Scheufele nennt – das Paar lebt in Scheidung, seit mehr als sechs Jahren. Er hat aus seiner ersten Ehe zwei erwachsene Töchter; die Beziehung von Caroline und ihm blieb kinderlos. Der «Juwelenkönig» (Blick) und die heutige künstlerische Direktorin sowie Mitbesitzerin von Chopard, einer Genfer Uhrenmanufaktur und Schmuckherstellerin, heirateten 1995. Damals war de Grisogono, Fawaz’ Marke, jung und konnte wahrscheinlich Kapital gebrauchen (das private Unternehmen gab und gibt nur wenige Zahlen heraus). Im Jahr 2000 begann er mit der Herstellung teurer Uhren, zwei Jahre später beteiligte sich die Familie Scheufele – Carolines Familie kommt aus Pforzheim in Baden-Württemberg, seit dem Kauf von Chopard in den 1960er Jahren leben die Mitglieder auch im Kanton Waadt, von den Redaktoren der Bilanz wird das Vermögen der Scheufeles auf 1,5 bis 2 Milliarden Franken geschätzt – an seinem Unternehmen (Quelle: Le Figaro). 2007 kaufte Fawaz der Familie ihre Anteile wieder ab. Und 2012, ein Jahr oder so nachdem sich Fawaz und Caroline getrennt hatten, fand er eine neue Mehrheitsaktionärin: Isabel dos Santos. Die älteste Tochter des Präsidenten von Angola soll rund 100 Millionen Franken für 75 Prozent der Marke bezahlt haben. Fawaz hält noch 15 Prozent des Unternehmens, das 2015 etwa 90 Millionen Jahresumsatz erzielt haben soll.
Handelte es sich bei Fawaz und Caroline am Anfang um eine Lovestory? Gut möglich, doch wer weiss das schon ausser den beiden? Er sagte mir vor vier Jahren, als ich ihn fragte, ob er noch Hoffnung habe, dass sie zusammenblieben: «Man hofft, bis man stirbt.» Er sagte allerdings auch, die Schuhe an den Füssen eines Mannes sollten älter sein als die Frau an seinem Arm, was in diesem Fall auf gegen sechzigjährige Schuhe herauskäme. Und er ist seit ungefähr drei Jahren verlobt mit Sophie Anastasia Taylor, einer Britin, deren Haupttätigkeit sei, ihn zu begleiten, so Fawaz. (Eine Sprecherin von Chopard sagte, Caroline Scheufele äussere sich nicht zu Fawaz Gruosi.)
Zweite Frage: Ist er jetzt ein Angestellter der Familie des Präsidenten von Angola? «Ich arbeite eigentlich nicht für die Familie do Santos, sie haben in de Grisogono investiert, wir haben jetzt sechs Aktionäre.» – «Und ist José Eduardo dos Santos ein Diktator?» – «Ich denke nicht, ich habe ihn nie getroffen. Diktatoren sind aus der Mode, nicht? Ich brauchte einen Partner, mir ging es um das Überleben der Firma, um die Familien der 200 Leute, die für uns arbeiten, und um unsere Zulieferer. Ich sah darin nichts Schlechtes, doch wenn man das Schlechte sehen will, findet man immer etwas», sagte er weiter.
Was das Geschäftliche angeht, war die Beteiligung von Isabel dos Santos, Angolas grösster privater Investorin, und ihrem Ehemann Sindika Dokolo, einem kongolesischen Geschäftsmann und Kunstsammler, an de Grisogono wohl ein guter move. Die erste Familie Angolas hat sich dadurch eine Verkaufsorganisation geholt, die ihre Rohdiamanten – diese gehören zu den grössten und wertvollsten der Welt – an die richtigen Leute bringen kann, an Fawaz’ Freunde nämlich. Und die den richtigen Ruf hat, das ist nicht ironisch gemeint, um beste Preise zu erzielen: Als «globale Kraft sowie Verkaufsgenie» werden de Grisogono respektive Fawaz etwa auf Telegraph.co.uk beschrieben.
Ist Fawaz ein guter Unternehmer oder ein schlechter? Ein guter, weil er seine Firma, mit zurzeit etwas mehr als 100 Mitarbeitern, seit 23 Jahren über Wasser hält. Und wunderschöne sowie die vielleicht auffälligsten Schmuckstücke beziehungsweise ausgefallensten Uhren der Welt herstellt. Ein schlechter, da er sein Geschäft wenigstens zweimal an den Rand des Abgrunds geführt hat. Und wohl bloss darum nicht abgestürzt ist, weil er jemanden gefunden hat, der Geld, viel Geld eingeschossen hat. Fawaz, darf man vermuten, got high on his own supply (berauschte sich an seiner eigenen Ware), das heisst, er verliebte sich in die Art, wie seine Kundschaft lebt – und wollte ihr Leben. Was einerseits lustig ist, weil es wiederum Superreiche gibt, die sein möchten wie er – cool, selbstsicher, weltmännisch –, und andererseits traurig, weil er am Schluss, wenn die Party vorbei ist, die Lichter angehen und die Rechnung bezahlt werden muss, eben kein Superreicher ist, sondern nur ihr Juwelen- und Uhren-guy.
Wer bezahlt die Träume?
Doch das ist wahrscheinlich eine Betrachtung, die nur machen kann, wer Fawaz aus sicherer Entfernung, aus Zeitungen und Zeitschriften beispielsweise, beobachtet oder kennt. Sobald man näher an ihn herankommt, baut man Vorbehalte ab, zerstreut Zweifel. Dann möchte man ihm die nächste Kreation abkaufen, falls man könnte. Damit er weiter seine Träume verwirklichen kann, die plötzlich auch die eigenen sind, obwohl man die längste Zeit nicht wusste, dass man solche hat. Oder man möchte gleich sein Unternehmen kaufen, weil man vielleicht meint, man werde dann ein Leben und Freunde haben wie er.
Wer das dazu nötige Geld nicht hat, kann sich ohne Gefahr von Fawaz einladen lassen. An die nächste De-Grisogono-Dinnerparty in Antibes. Oder seinen Geburtstag, den er am 8. August, wie immer, im «Billionaire Club» seines Freundes Briatore auf Sardinien feiern wird; heuer wird er 65. Doch wenn man die Träume, das Leben und die Geschäfte des Fawaz Gruosi, dieses vielleicht schlechten Unternehmers, bestimmt feinen Kerls und hervorragenden Verkäufers, dieses gefährlichen Mannes also, bezahlen kann, sollte man besser zu Hause bleiben. Oder wenigstens Abstand nehmen. Vor allem als Frau.