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30.07.2019 - Maja Petzold
30.07.2019
Maja Petzold
Wenn das Leben sich zurückzieht
Buchstäblich in die Pampa führt uns der kleine Roman „In Auflösung“ des argentinischen Autors Hernán Ronsino. Wie der Titel vermuten lässt, ist das Leben dort von Fragilität geprägt.
Am Rande von Chivilcoy, einer Stadt in der argentinischen Pampa, wo der Autor selbst geboren wurde, sind die Szenen dieses Buches angesiedelt, zu einer Zeit, da das Land unter Militärdiktatur und wirtschaftlichem Niedergang zu leiden hatte und sich die traditionellen Bande der ländlichen Gemeinschaften in Auflösung befanden. Das reale Setting und die Vorstellung, die wir mit dem umgangssprachlichen „in der Pampa leben“ verbinden, fallen hier zusammen.
Das Gerüst der Erzählung bildet ein Grillabend – eine argentinische asada -, zu dem Bicho Souza von Adelardo Kieffer, dem Ich-Erzähler, eingeladen wird. Dieser möchte seinen Geburtstag nicht allein feiern, und „es ist Zeit, die Trauer hinter sich zu lassen“, erklärt er seinem Freund. Den Anlass zu Kieffers Trauer erfahren wir erst spät – gleichsam um auszudrücken, wie schwer es ist, von der Ursache der eigenen Verzweiflung zu sprechen. Bicho jedenfalls weiss Bescheid und spricht den Schmerz nicht an, vielleicht weil er selbst mit Kummer und Verlust zu kämpfen hatte. Seit dem Tod seiner Frau wollte er als Jazzmusiker nicht mehr auftreten, unterrichtet nur noch Mathematik. Sein Sohn ist nach Buenos Aires abgewandert, wie so viele, denn in der Pampa haben junge Leute keine Zukunft mehr.
Hernán Ronsino wurde 1975 in Chivilcoy geboren, neun Monate nachdem die Armee durch einen Staatsstreich die Macht an sich gerissen hatte. Damit begann ein dunkles Kapitel in Argentiniens Geschichte, geprägt durch Verfolgung und Ermordung vieler demokratisch gesinnter Menschen. Jahrzehntelang noch demonstrierten Frauen, deren Männer oder Söhne verschwunden waren, auf der Plaza Mayor in Buenos Aires. Hernán Ronsino zog nach seiner Schulzeit nach Buenos Aires, um Soziologie zu studieren. Heute unterrichtet er an der Universität von Buenos Aires und an der Faculdad Latinoamericana de Ciencias Sociales (FLASCO). Im ersten Halbjahr 2018 weilte er auf Einladung des Literaturhauses als Writer in Residence in Zürich.
Hernán Ronsino (Fotografie: Ayse Yavas)
Kurze Szenen reihen sich wie in einem Drehbuch aneinander. Wir blicken immer wieder in neue, andere Szenen des ländlichen Lebens. Wohin der Blick auch fällt, viele vegetieren nur noch vor sich hin, beschäftigen sich mit Handlungen, die eigentlich sinnlos sind. Auch Adelardo Kieffer hat nicht mehr die Kraft, viel daran zu ändern. Er ist Chefredakteur der einzigen noch existierenden Zeitung La Verdad. Eines Tages denkt er bei der Heimfahrt auf dem Fahrrad über seine Situation nach: “ . . . wie langweilig es ist, eine Zeitung zu leiten, an einem Ort, wo nie etwas passiert.“ Die Zeitung, sinniert er weiter, sei doch nur noch ein Haufen schlecht geschriebener Texte, die den Tratsch aus Politik und Gesellschaft wiederkäuen. Mit Wahrheit – dem Titel der Zeitung – hat das nicht mehr viel zu tun.
Bruchstückhaft werden Erinnerungen wach, Phasen aus dem Leben von Adelardo Kieffer und Bicho Souza. Im ersten Teil tauchen Szenen aus der Kindheit des Erzählers auf, als die Männer zur Jagd gingen. Damals herrschten Rituale, die der Junge wohl eher erahnte und die er immer noch als seelische Last mit sich trägt. Skizzenhaft zeichnet Ronsino seine Charaktere, die verschiedene Aspekte der argentinischen Gesellschaft aufscheinen lassen, Linksgerichtete oder Kommunisten, arme Schlucker oder Landbesitzer, auch einer, von dem man vermutet, er sei ein ehemaliger Nazi.
Gerüche und Geräusche werden wichtig, vieles spielt sich in der Dunkelheit ab – symbolisch für die Düsternis jener Zeit. In diesen Nächten sind herrenlose Hunde unterwegs, teils kennt man sie, teils sind sie eine unausgesprochene Bedrohung. Rote Ameisen erobern sich Land und Wohnungen. Kieffers Blick fällt von Zeit zu Zeit auf die Ameisen, die sich mit der Verwertung einer Kakerlake beschäftigen, mit „der Karkasse der Kakerlake“, wie es im Buch heisst – ein Bild, das bleibt. Der bevorstehende Regen wird sie wegschwemmen, er wird erwartet, denn die Regenzeit naht, aber auch befürchtet, da Überschwemmungen drohen.
Die Welt in der Pampa hat keinen Bestand mehr, sie löst sich allmählich auf, aus vielfältigen Gründen. Trotz der düsteren Atmosphäre zieht der Text die Lesende in seinen Bann, der Autor beherrscht die Kunst des Weglassens und bedient sich einer feinen genauen Sprache.
Hernán Ronsino hat aus diesem Stoff einen dreiteiligen Zyklus geschaffen. Der vorliegende Roman erschien als letzter Teil, obwohl er inhaltlich und chronologisch den Anfang bildet. Die beiden anderen Bände „Letzter Zug nach Buenos Aires“ (Glaxo) und „Lumbre“ (Deutsch: Feuer, Licht, Glanz) sind ebenfalls auf Deutsch beim Bilgerverlag erschienen.
Hernán Ronsino: in Auflösung. Aus dem Spanischen übersetzt von Luis Ruby. 127 Seiten. Bilgerverlag Zürich 2018.
ISBN 978-3-03762-072-4
Dieses Buch ist in der Reihe „Der Andere Literaturclub“ erschienen, einem Projekt von artlink, Büro für Kulturkooperation, das mit litprom verbunden ist. Ziel von artlink ist es, Kunstformen, Künstler und Künstlerinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa bekannt zu machen sowie die Arbeit der in die Schweiz eingewanderten Kulturschaffenden zu unterstützen. Dies als Ausdruck einer der Welt gegenüber offenen Schweiz, die in der interkulturellen Zusammenarbeit eine Chance wahrnimmt, eurozentristische Haltungen zu relativieren, den Respekt vor anderen Formen, Traditionen und Wertesystemen zu fördern und die Welt auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.
Titelbild: „El Recreo“ (Haus der Freizeit) in Chivilcoy © Rocio Vara / commons.wikimedia.org