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Buchtipp
Imperium der Schmerzen
Die Familie Sackler gehört zu den reichsten Familien der Vereinigten Staaten. Forbes schätzt das Vermögen der Familie auf rund 14 Milliarden Dollar und schreibt, Sacklers hätten «so legendäre Familien wie die Buschs, die Mellons und die Rockefellers hinter sich gelassen». Und wie diese berühmten Familien sind Sacklers freigebig: Ihr Name prangt an Museen, Universitäten und Krankenhäusern auf der ganzen Welt. Nur an einem Ort fehlt der Name: Die Firma, mit der die Familie reich geworden ist, heisst nicht Sackler, sondern Purdue Pharma. 1996 hatte Purdue Pharma ein Opiumderivat namens OxyContin auf den Markt gebracht, ein hochwirksames Schmerzmittel, das als revolutionär für die Behandlung chronischer Schmerzen angepriesen wurde. Es entwickelte sich zu einem der grössten Bestseller in der Pharmageschichte und generierte Einnahmen in der Höhe von rund 35 Milliarden Dollar. Bloss: Das Medikament kann zu Abhängigkeit und Missbrauch führen. Die Folge davon ist in den USA die Opioidkrise. Laut dem amerikanischen Gesundheitsministerium fordern inzwischen Überdosen von Opioiden in den USA mehr Opfer als Autounfälle und Schussverletzungen. Dieses Buch erzählt nicht nur die erschütternde Geschichte des Schmerzmittels, sondern auch der Familie dahinter, die es geschafft hat, sich jedem juristischen Zugriff zu entziehen.
Oxycodon, das unter den Markennamen Roxicodon und OxyContin vertrieben wird, ist das in Amerika am häufigsten nichtmedizinisch konsumierte Opioid. In den Vereinigten Staaten konsumieren mehr als 12 Millionen Menschen Opioide ohne medizinische Verschreibung. Viele Menschen, die mit dem Missbrauch von OxyContin anfangen, gehen zu Strassendrogen wie Heroin oder Fentanyl über. Laut den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) starben in den fünfundzwanzig Jahren nach der Markteinführung von OxyContin etwa 450’000 Amerikanerinnen und Amerikaner an einer Opioid-induzierten Überdosis. Patrick Radden Keefe schreibt in seinem Buch, dass mittlerweile mehr Amerikanerinnen und Amerikaner ihr Leben durch Opioid-Überdosen verloren hätten als in allen Kriegen seit dem Zweiten Weltkrieg zusammengenommen.
In seinem Buch schildert Patrick Radden Keefe, wie verschiedene Sammelklagen in den USA die Familie Sackler zur Verantwortung ziehen wollten. So bezeichnete die Generalstaatsanwaltschaft des Staates New York in ihrer Klage gegen Purdue Pharma und die Sacklers OxyContin als «die Wurzel allen Übels der Opioidkrise». Diese Schmerztablette habe «den Stein ins Rollen gebracht und die Verschreibungspraxis amerikanischer Ärztinnen und Ärzte bei Schmerzmitteln grundlegend verändert» – mit verheerenden Folgen. Auch die Generalstaatsanwaltschaft von Massachusetts klagte gegen die Sacklers mit der Begründung, «eine einzige Familie habe jene Entscheidungen getroffen, die massgeblich für die Opioidkrise verantwortlich waren».
Im Buch schildert Radden Keefe eine Befragung von Kathe Sackler. Statt die Verantwortung abzulehnen und sich von dem Medikament zu distanzieren, habe sie sich geweigert, auch nur die Prämisse ihrer Befragung zu akzeptieren. «Die Sacklers hätten keinerlei Grund, sich für irgendetwas zu schämen oder sich zu entschuldigen, stellte sie klar – es sei rein gar nichts an OxyContin auszusetzen.» Es sei vielmehr «ein sehr gutes Medikament, ein äusserst wirkungsvolles und sicheres Medikament». Sie war mit anderen Worten stolz auf das Medikament. In Wahrheit schulde man ihr, Kathe Sackler, die Anerkennung für die Idee von OxyContin als Schmerzmittel, das vielen schmerzgeplagten Menschen Linderung brachte.
Kathe Sackler ist heute 74 Jahre alt. Sie ist die Tochter von Mortimer Sackler, eines der drei Sackler-Patriarchen. Ursprünglich waren es drei Sackler-Brüder: Arthur, Mortimer und Raymond. Alle drei Brüder waren Ärzte. In den 1950er-Jahren hatten die drei Brüder die Firma Purdue Frederick aufgekauft. Es war damals ein kleines Familienunternehmen. In seinem Buch erzählt Radden Keefe nicht nur die Geschichte des verheerend wirksamen Schmerzmittels, sondern vor allem die Geschichte der Familie Sackler, der drei geschäftstüchtigen Ärzte, die aus dem kleinen Familienunternehmen Purdue einen Pharmariesen machten. Die Geschichte dieser drei Brüder und der Dynastie, die sie begründeten, erzählte zugleich die Geschichte von einem Jahrhundert des amerikanischen Kapitalismus. Das zu lesen ist so spannend wie erschreckend.
Patrick Radden Keefe: Imperium der Schmerzen. Wie eine Familiendynastie die weltweite Opioidkrise auslöste. Hanser, 640 Seiten, 49.50 Franken; ISBN 978-3-446-27392-4
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783446273924
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