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Motschellen
Moccelle
En bref
Motschellen sind kleine runde Hefebrötchen mit Kerben, die aus Weizenmehl und Milch bestehen. Speziell ist nicht unbedingt das Produkt an sich, sondern seine kulturelle Bedeutung: Denn jeweils am Mittwoch vor Karfreitag werden diese Brötchen gesegnet.
Zu finden sind die Motschellen ausschliesslich in Appenzell Innerrhoden.
Die Motschelle ist mit dem Mutschli verwandt, so das Idiotikon, das Schweizer Wörterbuch. Es beschreibt einen „Motsch“ als Brotlaibchen, ein „Mutschli“ als kleines, rundliches Brötchen, zum Teil aus gewöhnlichem, zum Teil aus weissen Mehl, die „Mutschelle“ als Semmel oder Eierbrötchen für Kinder am Neujahrstag. Ein kritischer Beobachter meldet 1606: „Die (katholischen) Priester lockend die Kinder mit Geschänk, Mutschällen, Dirggelen, Bimenzelten und derglychen.“
Description
Ein rundes, faustgrosses Milchbrötchen mit Kerben.
Ingrédients
Weizenmehl, Milch, Pflanzenfett, Hefe, Salz, Malz; teilweise Ei. Jeder Bäcker hat sein eigenes Rezept.
Histoire
Seit wann nun in Appenzell Innerrhoden die Motschellen in der Kirche gesegnet werden, kann nicht eindeutig bestimmt werden. Zur Appenzeller Pfarrkirche St. Mauritius existiert zwar ein sehr kostbares Dokument aus dem 19. Jahrhunderts mit allen kirchlichen Feiertagen und Ritualen, doch das Segnen der Motschelle fehlt. Gab es die Segnung demzufolge noch nicht? Dies bezweifeln diverse Autoren, sie glauben viel eher, dass die Segnung der Motschellen so alltäglich war, dass sie der Pfarrer nicht aufschrieb. Das erste schriftliche Zeugnis über den speziellen Gottesdienst liefert erst Andreas Anton Breitenmoser, Appenzeller Pfarrer zwischen 1908 und 1933, im „Appenzeller Volksfreund“. In einem weiteren Artikel aus dem Jahr 1947 steht, dass die Motschellen vor und nach der 6 Uhr Frühmesse des Hohen Donnerstags, also am Gründonnerstag, gesegnet wurden. Kurz vor dem 2. Weltkrieg dokumentierten die Autoren im Atlas der schweizerischen Volkskunde das Vorkommen eines Mutschällebrotes in Appenzell und Brüllisau. Zu finden ist dort auch eine knappe Beschreibung der Form: "9 Zipfel, durch 4 Schnitte entstanden."
Seit der Einführung der neuen Liturgie, das heisst seit dem Dokument vom 4. Dezember 1963 des Zweiten Vatikanischen Konzils, werden die Motschellen am Vortag des Gründonnerstags gesegnet und in den Bäckereien verkauft. Solche Brotspenden an Feiertagen sind an sich nichts Ungewöhnliches. Es gab und gibt sie vielerorts. Auch in Appenzell wurde bereits im Jahr 1585, so ein Eintrag im Kirchenrechnungsbuch, an Christi Himmelfahrt für zehn Kreuzer Brot verteilt, dies unter der sehr ähnlich lautenden Bezeichnung Mutschellen; möglicherweise also ein Vorläufer der heutigen Motschellen. Später gab man am gleichen Anlass Nüsse und Dörrbirnen.
Die Motschelle wird nur an einem einzigen Tag des Kalenderjahres hergestellt. Das Spezielle sind vor allem die Kerben auf der Oberseite. Ein Autor führt die Kerben auf das Brot der urchristlichen Zeit zurück, als man noch gewöhnliches Brot im Gottesdienst brach. Bildliche Darstellungen von gekerbtem Brot sind aus der frühmittelalterlichen Buchmalerei bekannt. Die Kerbung der Motschelle wird durch zwei Längs- und zwei Querschnitte, die präzise im rechten Winkel aufeinander stehen, gebildet. Wird der Teig gebacken, so formt sich durch die Schnitte in der Mitte ein „freies“ Quadrat, mit acht Quadraten darum herum. In einer weiteren Interpretation der Motschelle werden diese Quadrate als diejenigen Würfel verstanden, mit denen die römischen Soldaten nach der Kreuzigung Christi um dessen Kleider spielten.
Die Motschellen sollen aber auch auf die Einführung des Altarsakramentes (die eucharistischen Gaben Brot und Wein) durch Christus am Abend vor seinem Tode hinweisen.
In den Landbäckereien segnet der Priester die Motschellen zuweilen auch in der Bäckerei selbst. Gleich nach dem Gottesdienst ist die Gemeinde aufgefordert, beim Pfarrer, der beim Altar steht, eine Motschelle zu holen.
Die Bäcker wiederum bringen ihre „Körbe“, die während des Gottesdienstes beim Altar standen, vor die Kirche und verkaufen dort die Motschellen an die Kundschaft. Die meisten nehmen gleich mehrere. Mit den restlichen Motschellen fährt der Bäcker zurück ins Ladengeschäft, wo weitere Kunden und Kundinnen auf ihn warten.
Production
Der Bäcker gibt Weizenmehl, Frischmilch, Pflanzenfett, Hefe, Salz und Malz in die Knetmaschine. Nach einem intensiven Knetprozess entsteht ein zopfähnlicher Teig, der für den Gärprozess in eine Mulde kommt. Nach 20 Minuten wird der Teig aufgezogen. Dabei wird die Luft herausgedrückt, um den Kleber anzuregen und die Gärung erneut in Gang zu setzen. Wiederum nach 20 Minuten werden Brüche von 3000 Gramm abgewogen und abgedrückt. Danach teilt der Produzent den Teig in die kleineren Einheiten à 100 Gramm, wirkt diese schön rund, setzt sie auf Bleche ab und stellt sie auf "Göre", auf den Regalwagen. Nach 15 Minuten bestreicht er die Teiglinge mit Ei und stellt sie in den Kühlraum, wo sie fest werden. Alsdann bestreichen sie der Bäcker und seine Mitarbeitenden ein zweites Mal mit Ei. Mit einem Messer schneiden sie vier Schnitte (je zwei Längs- und Querschnitte) im rechten Winkel auf der Oberseite des Teiglings, sodass eine Würfelform entsteht. Anschliessend werden sie bei 250 Grad Celsius in den Ofen geschoben und ca. 30 Minuten gebacken. Bevor sie in den Verkauf gelangen, lässt der Bäcker sie abkühlen und danach segnen. Der befragte Bäcker hat das Rezept von seinem Vater übernommen.
Consommation
Die Motschelle wird mit Butter und Konfitüre, Honig oder Latwerge sowie Käse und Fleisch gegessen. Sie schmeckt frisch am besten. Sie hat eine dünne Kruste und ist innen weich und elastisch.
Importance économique
Die Motschellen werden an einem einzigen Tag im Jahr gemacht. Der befragte Bäcker verkauft nur gesegnete Motschellen. Sollte ein Kunde oder eine Kundin gar früh in den Laden kommen, also vor 7.30 Uhr und eine Motschelle verlangen, dann weist der Bäcker oder die Person im Verkauf darauf hin, dass die Motschelle noch nicht gesegnet ist.
In den vergangenen zehn Jahren ist die Anzahl der verkauften Motschellen konstant geblieben. Eine Motschelle kostet 1.80 Franken (2007) und wiegt trocken etwa 80 Gramm.
... et enfin
Ende der 1990er Jahre überraschte der neue Pfarrer der Appenzeller Pfarrkirche St. Mauritius am Mittwoch vor Karfreitag seine Gemeinde. In der vordersten Reihe sassen alle Bäcker mit Körben voller Motschellen, um diese Segnen zu lassen. Der alte Pfarrer hatte dies jeweils zu Beginn der Messe durchgeführt und schaltete dann eine kleine Pause ein, damit die Bäcker in die Backstube zurückkehren konnten. Der neue Pfarrer aber setzte die Messe einfach fort, das Brot im Backofen jedoch konnte nicht warten. Inzwischen haben sich die Bäcker an das neue Ritual gewöhnt und keinem brennt während der Eucharistiefeier am Mittwoch in der Karwoche das Brot an.
Sources
- Atlas der schweizerischen Volkskunde, Weiss, Richard und Paul Geiger, Basel, 1950.
- Innerrhoder Geschichtsfreund, Historischer Verein, Appenzell, 2002 / Jahr 43.
- St. Galler Tagblatt, Ausgabe für Stadt und Region St. Gallen, Tagblatt Medien, St. Gallen, 17.4.2007.
- St. Galler Tagblatt, Ausgabe für Stadt und Region, Tagblatt Medien, St. Gallen, 2005.
- Appenzeller Volksfreund, Druckerei Appenzeller Volksfreund, Appenzell, 2007.
- Innerrhoder Geschichtsfreund, Historischer Verein Appenzell, Appenzell, 2006.
- Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache,, Staub, Friedrich, Zürich, 1901.
- Innerrhoder Geschichtsfreund, Historischer Verein Appenzell, Appenzell, 1978.
- Hostien - Führung durch die Hostienbäckerei St. Johannes, 16.4.2007.
- Währen, Max, Gesammelte Aufsätze zur Brot- und Gebäckkunde und -geschichte. 1940-1999, Deutsches Brotmuseum Ulm (Dr. Hermann Eiselen), Ulm, 2000.
- Appenzeller Magazin 01/2001, Herisau, 2001.
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