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Die geheimen Träume der Sportreporter
Das Leben einer Seegurke besteht normalerweise darin, sich friedlich auf dem Meeresboden hin und her zu wiegen. Es sei denn, sie ist besonders ehrgeizig. Ich weiss nicht, wie viel Ehrgeiz jener Sportreporter mitbringt, der vor zwei Wochen Lara Gut interviewte und von ihr wissen wollte, ob sie es manchmal bereue, dass sie keine dünneren Beine habe. Immerhin hatte sie ja gerade ein Weltcup-Rennen gewonnen, und das werden ja wohl die Fragen sein, die Frauen sich in einem solchen Moment des Triumphs stellen. Dachte sich wohl der Reporter. Mit Sicherheit kann ich nur sagen, dass der betreffende Journalist wieder zugeschlagen hat, angetrieben von seinem offenbar brennenden Interesse an den Körperformen weiblicher Sportlerinnen und ihren Schminkgewohnheiten. Vielleicht gilt das bei einer Seegurke sogar als Ehrgeiz.
Der Blog über Lara Gut gab viel zu reden. Die Gilde der Sportjournalisten heulte wegen meines Pauschalurteils über ihr Fachgebiet auf, der betreffende Sportreporter beschwerte sich gar in einem langen Brief bei meinem Chef und versuchte zu belegen, dass ich ihn falsch verstanden und falsch zitiert hätte. Ausserdem beklagte er sich, ich hätte ihm eine sexistische Grundhaltung unterstellt. Ich beantwortete seine Mail dahingehend, dass man selbstverständlich mal eine solche Frage stellen kann, das kategorisch auszuschliessen wäre falsch. Aber ein Interview mit einem solchen Titel würde einer Weltcup-Siegerin nicht gerecht.
Inzwischen musste ich erkennen, dass ich mich geirrt habe. Das war kein einmaliger Ausrutscher, sondern hat System. Vergangene Woche wurde derselbe Sportreporter bei der Ski-WM in Beaver Creek erneut auf eine Skifahrerin losgelassen, diesmal war Nadja Jnglin-Kamer die Glückliche. «Neben Lindsey Vonn siehst du aus wie ein Trottel» lautet der Titel. Zuerst fragt der Journalist, wie wichtig es der Sportlerin ist, auf dem Siegerpodest eine gute Figur zu machen. «Bist du eitel?» ist die zweite Frage. Dann: «Schminkst du dich am Morgen vor dem Rennen?» Und schliesslich fragt er nach ihrem Mann, ob der eigentlich nicht da sei.
Der Reporter bringt mit seinen Fragen eine Haltung zum Ausdruck, die in vielen Sportredaktionen zu beobachten ist. Frauensport interessiert die Schreibenden wenig, weshalb sie glauben, es interessiere auch sonst keinen. Weil sie trotzdem darüber berichten müssen, handeln sie ihn ihren eigenen Interessen gemäss ab. Das heisst, sie konzentrieren sich auf Körpermasse, Bekleidungsvorlieben, Schmink- und Diätgewohnheiten der Frauen. Noch lieber berichten sie über Frauen im Sportteil nur dann, wenn diese Models und die Freundinnen von Sportlern sind. Vielleicht liegt auch ein Missverständnis vor und manche Sportreporter hegen den heimlichen Traum, bei einem Frauenmagazin zu arbeiten, wo solche Fragen angemessen wären. Dort engagiert man vielleicht sogar Seegurken.
Bild oben: «Neben Lindsey Vonn siehst du aus wie ein Trottel»: Die US-Skifahrerin Vonn am 19. Januar in Cortina. Foto: Andrea Solero (AP, Keystone)