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Die Gazelle, eine Zierde
Nicht umsonst bedeutet das hebräische Wort für Gazelle, (hebr: sevi), auch Herrlichkeit und Zierde. Mit ihrer grazilen Gestalt erscheinen die Gazellen dem menschlichen Auge wohl als die elegantesten Säugetiere überhaupt. Die Gazelle wird vor allem im Hohelied genannt. Dieses wird dem König Salomo zugeschrieben, wohl deshalb, weil er im Text selbst mehrmals genannt wird (Hl 1,5; 3,7.9.11; 8,11). Dreimal bezeichnet die Braut dort den Bräutigam als Gazelle (Hl 2.9; 2.17; 8.14). Zweimal vergleicht der Bräutigam die Brüste der Braut mit zwei Kitzen einer Gazelle (4.5; 7.4). Im Judentum wurde die im Hohelied beschriebene erotische Annäherung zwischen Mann und Frau als Beschreibung der Liebe zwischen Gott und Mensch gedeutet, im Christentum ist sie ein Bild zwischen Christus und seiner Brautgemeinde. Seit der Aufklärung wurde das Hohelied wieder zunehmend als Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau gedeutet. Wohl deshalb wird heute kaum mehr ein Text aus dem Hohelied einer Predigt zugrunde gelegt.
Wie dem auch sei, die Gazelle ist wohl das beste Sinnbild aus dem Tierreich für die Beschreibung einer erotischen Beziehung. Wegen ihres guten Fleisches stand die Gazelle auch auf dem Speisezettel Salomos (1.Kö 5,3). Als extremes Fluchttier wird die Gazelle in Jesaja 13,14 zum Vergleich herangezogen. Sehr bekannt ist schliesslich die Begebenheit in der Apostelgeschichte 9,36: In Joppe (Jaffa) heilte Petrus Tabita. Sie «tat viele gute Werke und gab reichlich Almosen.» Tabita heisst «Gazelle» und dürfte wohl auf die Schönheit abzielen. Heute ist der hiervon abgeleitete Name Tabea ein im deutschsprachigen Raum beliebter Mädchenname. Die in Palästina auch heute noch vorkommende Art ist die Dorkasgazelle (Gazella dorcas). Das zierliche Tier wiegt kaum mehr als 20 kg und ist bis zu 60 km/h schnell. Beide Geschlechter tragen leierartige Hörner. Martin Luther hat Gazelle übrigens oft mit «Reh» übersetzt.
Jürg Meier