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Herr Fröhlicher: Sie sind Romanist und haben zusammen mit Kollegen aus Deutschland und Österreich ein Plädoyer für die Mehrsprachigkeit in der Wissenschaft* verfasst, gegen die Monokultur des Englischen. Was für Folgen hat diese Vorherrschaft in Ihrer Disziplin?
Peter Fröhlicher: Das Englische breitet sich auch in meiner Disziplin, der Romanistik, als Wissenschaftssprache aus. So schreiben angelsächsische Kolleginnen und Kollegen englisch. Wenn man dann auch als nicht anglophoner Romanist über Sachverhalte, die mit dem Englischen überhaupt nichts zu tun haben, englisch schreiben soll, führt dies zu einer Benachteiligung derer, die sich an dieses Modell adaptieren müssen. Entweder beherrscht man neben den romanischen Sprachen das Englische so gut, dass man dies selber hinkriegt, oder man muss den Text übersetzen lassen.
Frau Linke, selbst Germanisten publizieren heute mehrheitlich in Englisch. Halten Sie das für ein Problem?
Angelika Linke: Es ist bei uns ähnlich wie in der Romanistik. Für die Germanistik ist die Internationalisierung nicht ans Englische gebunden, weil auch japanische Germanisten die deutsche Sprache beherrschen. Anders ist es bei linguistischen Themen, die sowohl für einen Italianisten als auch für mich als germanistische Linguistin interessant sind. In solchen Kontexten ist es sinnvoll, in Englisch zu publizieren. Dabei ergibt sich eine Erschwernis: Wenn ich zum Beispiel meine Gesprächsanalysen, die auf deutschem Textmaterial basieren, englisch sprechenden Leuten vermitteln will, muss ich das Originalmaterial übersetzen. Das bedeutet Arbeit und Zeitverlust.
Herr Gilardi, Sie sind Politikwissenschaftler, Ihre Muttersprache ist Italienisch. Was sagen Sie zur Vorherrschaft des Englischen?
Fabrizio Gilardi: Wir haben in unserer Disziplin kein Problem mit dieser Entwicklung. In der «Schweizerischen Zeitschrift für Politikwissenschaft» erscheinen unterdessen über 80 Prozent der Artikel auf Englisch, obwohl man auch in deutscher oder französischer Sprache publizieren könnte – interessanterweise fehlt Italienisch. Ich finde die Dominanz des Englischen gut, gerade in der Schweiz. Wenn wir von Benachteiligung sprechen, dann würde ich sagen: Die englische Sprache bedeutet hierzulande gleich lange Spiesse für alle. Als Tessiner kann ich meine Forschung nicht in meiner Muttersprache publizieren. Gäbe es nicht das vorherrschende Englisch, dann müsste ich auf Deutsch publizieren und wäre benachteiligt, weil die Deutschschweizer in ihrer Muttersprache publizieren könnten.
Sie haben nun verschiedene Vor- und Nachteile der Wissenschaftssprache Englisch genannt. In ihrem Plädoyer zur Mehrsprachigkeit kritisieren Sie die Dominanz des Englischen aber grundsätzlich. Warum?
Fröhlicher: Wir haben gar nichts gegen das Englische, es ist eine wundervolle Sprache. Auch gegen Englisch als globale Kommunikationssprache ist nichts einzuwenden. Aber aus unserer Sicht ist es gerade in den Geisteswissenschaften so, dass Sprachen in der Forschung wesentliche Innovationstreiber sind. Mit der Marginalisierung europäischer Sprachen wie Deutsch, Französisch oder Italienisch geht Wissen verloren.
Linke: Das gilt für alle Disziplinen, nicht nur für die Geisteswissenschaften. Sprachen fördern Erkenntnisse, sie sind Medien des Denkens.
Wie beeinflussen Sprachen wissenschaftliches Denken?
Fröhlicher: Ein Beispiel: Es gibt in der Sprachwissenschaft die wichtige Unterscheidung zwischen langue, parole und langage. Sie stammt vom berühmten Genfer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure. Auf Deutsch gibt es für diese drei Begriffe eigentlich nur das Wort Sprache.
Linke: Ich kann das nur unterstützen. Schon unsere Diskussion über das Verhältnis von Wissenschaft und Sprache ist, ganz vereinfacht gesagt, sehr stark durch die lexikalischen Mittel einer Sprache geprägt. Im Deutschen sind die Begriffe Wissen und Wissenschaft sehr eng verwandt, im Englischen funktioniert das nicht, Wissen ist «knowledge», Wissenschaft ist «sciences» oder «humanities». Im Deutschen subsumieren die Komposita Geistes- und Naturwissenschaften beides unter Wissenschaft. Im Englischen sind «sciences» und «humanities» schon begrifflich derart getrennt, dass man auf die Idee kommen könnte, sie hätten weniger miteinander zu tun. Sprachen legen bestimmte Denkwege nahe. Humboldt sagte, sie begeisterten zu einer bestimmten Denkweise. Sprachliche Diversität ist fruchtbar.
Werden mit der Vorherrschaft des Englischen andere Denk- und Sichtweisen verdrängt?
Fröhlicher: Blicken wir zurück: Die ersten Versuche, in einer Volkssprache zu schreiben, stammen von Galileo Galilei. Er schrieb 1632 erstmals einen wissenschaftlichen Text auf Italienisch statt auf Lateinisch. Diese Vulgarisierung war innovativ und hat zu vielen Entdeckungen angeregt. Mit Blaise Pascal wurde die Philosophie volkssprachlich, danach kamen die deutschen Philosophen. Der Aufschwung der Wissenschaften im 17. und 18. Jahrhundert hat viel mit der Abkehr von der Einheitssprache Latein zu tun.
Kehren wir mit der Vorherrschaft des Englischen sprachlich gesehen ins Mittelalter zurück?
Fröhlicher: Mit dem Englischen kommt tatsächlich wieder eine Einheitssprache, und damit geht in vielen Bereichen eine Globalisierung einher. Mit der sprachlichen Dominanz stellt sich auch die Frage der Macht auf der institutionellen Ebene.
Sie sprechen von Kulturimperialismus?
Fröhlicher: Ja, insofern als sich das angelsächsische System fast überall auf der Welt in Forschung, Lehre (Bachelor/ Master), Publikationsformen oder Rankings durchsetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann das Englische, die bisherigen europäischen Wissenschaftssprachen allmählich zu ersetzen. Zuvor waren je nach Disziplinen Französisch, Deutsch, Englisch oder Italienisch massgebende Wissenschaftssprachen.
Gilardi: Diese Sicht ist mir zu pauschal. Es gibt gerade in England sehr viele Forschende aus anderen europäischen Ländern. Die Globalisierung ist keine Einbahnstrasse.
Fröhlicher: Eine Untersuchung der British Academy aus dem Jahr 2009 hält fest, dass den britischen Forschenden Fremdsprachenkenntnisse weitgehend fehlen und sie dadurch ins Hintertreffen geraten. Sie empfiehlt dringend die Einführung von Sprachkursen in Französisch, Deutsch oder Spanisch für englische Forschende bis und mit Postdoktorat.
Gilardi: Das ist gut, Fremdsprachenkenntnisse sind wichtig.
Fröhlicher: Die Empfehlungen der Britischen Akademie intendieren – wie unser Plädoyer – eine Mehrsprachigkeit in der Wissenschaft, da sonst der Zugang zu vielen Forschungsfeldern wie etwa den historischen Quellen verloren ginge. Selbst bei den Naturwissenschaftlern gibt es kritische Stimmen in Bezug auf den Monolinguismus, etwa bei französischen Mathematikern oder bei italienischen Medizinern und Biologen, die sich wie die Immunologin Maria Luisa Villa, Autorin des Buchs «L’inglese non basta», dagegen wehrten, dass am Mailänder Politecnico die Master-Kurse auf Englisch abgehalten werden sollten.
Gilardi: Ich verstehe dieses Anliegen als Tessiner sehr gut. Ich lebe die Mehrsprachigkeit tagtäglich in der Familie und an der Universität mit Italienisch, Deutsch und Englisch. Aber man muss sehen, dass die Sprache, in der man forscht und spricht, nicht mit der Publikationssprache gleichzusetzen ist.
Linke: Diese Unterscheidung zwischen Forschungs-, Gesprächs- und Publikationskultur ist wichtig. Gesprochene und geschriebene Sprache sind zwei Welten. Das geht in der Diskussion über Wissenschaftssprache häufig unter.
Berücksichtigen Sie beide Welten, Herr Gilardi? Erforschen Sie urschweizerische politische Phänomene in lokalen Sprachen, obwohl Sie in Englisch publizieren?
Gilardi: Natürlich. Man muss auch die Vorteile sehen. Wer seine Forschung in internationalen Publikationen veröffentlicht und in internationale Debatten einbringt, bleibt nicht in seinen eigenen Kreisen gefangen. Die Diversität und die Qualität der Forschung können auch leiden, wenn man diese Debatten im grösseren Rahmen meidet. Ich denke, dass die Forschung zur Schweiz dank der Internationalisierung besser geworden ist – nicht schlechter oder eintöniger.
Fröhlicher: Das kann ich nicht beurteilen. Aber es könnte ja auch sein, dass spezifische schweizerische Diskussionen wegen der angestrebten internationalen Sichtbarkeit als weniger relevant betrachtet werden, obwohl sie innenpolitisch wichtig wären. So würde man lokale Fragen internationalen Diskussionen opfern.
Gilardi. Das ist denkbar, aber ich kenne viele Gegenbeispiele. Ich habe kürzlich eine Arbeit zur Frauenvertretung in Zürcher Gemeinden in einer der besten internationalen Fachzeitschriften auf Englisch publiziert. Oder es gibt an der UZH eine Gruppe, die über Einbürgerungen in der Schweiz forscht und in führenden Zeitschriften auf Englisch publiziert. Es ist möglich, schweizerische Themen mit der Publikationssprache Englisch zu verbinden. Aus meiner Sicht beeinträchtigt die Sprache die Themenwahl nicht.
Was sollte getan werden, damit das Englische unsere Sprachenvielfalt nicht verdrängt?
Linke: Ich halte dieses mehrgleisige Verfahren, das Fabrizio Gilardi soeben beschrieben hat, für sehr sinnvoll. Eine völlige Umstellung der Wissenswelten auf Englisch bedeutet sprachliche Monokultur und damit auch eine Reduktion unserer Denkwelten.
Entspricht das Ihren Vorschlägen zur Mehrsprachigkeit?
Fröhlicher: Ja, es geht uns um die Pflege der Mehrsprachigkeit in Forschung und Lehre. Auch aus Sicht eines funktionierenden Staatswesens ist es wichtig, dass die Wissenschaft sich sprachlich nicht von der Gesellschaft abkoppelt. Zudem sollten Publikationen, die in einer anderen als der englischen Sprache verfasst sind, in internationalen Rankings besser berücksichtigt werden, denn die Dominanz des Englischen hat auch dazu geführt, dass man Monografien kaum mehr wahrnimmt.
Gilardi: Jetzt sind wir aber weit entfernt vom Thema Dominanz des Englischen.
Fröhlicher: Ich glaube, dass dies durchaus mit der Vorherrschaft des Englischen in den Institutionen und natürlich mit den von den Naturwissenschaften übernommenen Evaluationskriterien zu tun hat. In den Geisteswissenschaften sind Bücher Ausdruck einer spezifischen Forschungstradition. Die Messideologie der Naturwissenschaften sollte nicht über die Geisteswissenschaften gestülpt werden. Hier vollzieht sich ein struktureller Wandel, den ich für problematisch halte.
Gilardi: Der hat aber nichts mit dem Englischen zu tun.
Fröhlicher: Nicht nur, aber er ist eine Auswirkung der Tendenz zu Publikationen in Journals im Zeichen einer monolingualen Wissenschaftskultur.
Linke: Ich teile Fabrizio Gilardis Meinung, dass diese Entwicklung nicht direkt mit dem Englischen zu tun hat. Es sind mehrere Entwicklungen, die mitspielen.
Hat die UZH mit der grossen philosophischen Fakultät eine besondere Verantwortung zur Förderung der Mehrsprachigkeit?
Linke: Ja, ich denke schon. In der philosophischen Fakultät mit ihren philologischen und weiteren sprachorientierten Disziplinen ist das fachliche Wissen vorhanden, die Potenziale von Mehrsprachigkeit innerhalb und ausserhalb der Wissenschaft differenziert zu diskutieren. Auch in der Öffentlichkeit sollte die Diskussion vermehrt geführt werden. Es ist wichtig, auf die historische Perspektive hinzuweisen: Wissen geht verloren, wenn Forschung nicht mehr mehrsprachig erfolgt. Viele ältere Arbeiten liegen in anderen Sprachen vor, nicht nur in den Geisteswissenschaften.
Fröhlicher: Ich sehe uns auch in einer speziellen Verantwortung. Mehrsprachigkeit prägt die Schweiz, und es wäre falsch, sie in der Wissenschaft nicht zu pflegen. Ich finde es zum Beispiel problematisch, wenn an Kongressen in der Schweiz statt in den Landessprachen nur in Englisch gesprochen wird.
Gilardi: Das ist bei uns wie in vielen anderen Sozialwissenschaften üblich. Obwohl es keine Sprachvorschriften gibt, werden die Vorträge zunehmend auf Englisch gehalten. Mehrsprachigkeit bedeutet in der Schweiz meistens Französisch und Deutsch, Italienisch wird ausgeklammert. Deswegen komme ich auf meinen Punkt zurück: Englisch würde gleich lange Spiesse bedeuten, dann müssen sich auch die Deutschschweizer und Romands anstrengen.
Fröhlicher: Übersehen wird in diesem Zusammenhang das Problem der aktiven Sprachkompetenz. Das führt dann dazu, dass die Teilnehmenden nicht sagen, was sie wollen, sondern was sie können. Wissenschaft ist eine anspruchsvolle Tätigkeit, und entsprechend sollte die Wissenschaftssprache eine sehr genaue Sprache sein. Dieses Problem zeigt sich auch etwa in englischen Vorlesungsskripten. Englisch ist nicht Englisch – es gibt die anspruchsvolle Wissenschaftssprache Englisch, und es gibt das Globish.
Müsste die UZH mehr Englischkurse anbieten?
Gilardi: Englisch wird von den Studierenden bereits stark nachgefragt.
Linke: Ich denke, wir sind in einer Übergangssituation, die ihre Vor- und Nachteile hat. Dass die wissenschaftliche Welt sukzessive auf Englisch als Hauptsprache umstellt, ist eine sprachhistorische Tatsache. Daran lässt sich überhaupt nichts ändern. Aber ich plädiere für eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit Sprachen. In meiner Tätigkeit als Gastprofessorin in Schweden erlebe ich ein unverkrampfteres Sprachverhalten; man wechselt leichter zwischen Schwedisch und Englisch. Internationalisierung kann ja auch bedeuten, dass man andere Sprachen lernt, statt alles auf Englisch zu vereinheitlichen. Warum sollten ausländische Studierende nicht hier bei uns Deutsch lernen und die Sprache dann wieder an ihre Heimuniversitäten tragen?
Fröhlicher: Das würde ich befürworten, ebenso ein ausgebautes Angebot an Deutschkursen für ausländische Studierende. Ich denke, die Universität könnte zur kulturellen Integration und Förderung der sprachlichen Diversität noch etwas mehr tun. Es geht um die Frage, wie Wissenschaft in Zukunft betrieben werden soll, welche Chancen und Risiken mit der Dominanz des Englischen verbunden sind.
Die Gesprächspartner:
Angelika Linke, Professorin für Deutsche Sprachwissenschaft,
Peter Fröhlicher, em. Professor für französische Literaturwissenschaft
Fabrizio Gilardi, Professor für Policy-Analyse
* Jürgen Mittelstrass, Jürgen Trabant, Peter Fröhlicher: «Wissenschaftssprache – Ein Plädoyer für Mehrsprachigkeit in der Wissenschaft», Metzler 2016
Dieses Gespräch ist im UZH Journal Nr. 4, 2017 erschienen.
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