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Leben und Werk
Bohuslav Martinů (1890-1959)
Martinů war einer der produktivsten und vielseitigsten Komponisten und gilt als einer der eigenständigsten und schöpferischsten Talente der Avantgardisten des vergangenen Jahrhunderts; jedes seiner Werke ist von seiner ureigenen Persönlichkeit geprägt. Dabei bereicherte ihn eine Fülle von Einflüssen: nebst seiner Liebe für tschechische und mährische Volkslieder prägten ihn der Jazz, der Klassizismus, Strawinsky, das englische Madrigal, und auch der französische Impressionismus resp. Claude Debussy, seine „grösste Offenbarung“. Martinů erklärte den Charakter seiner Musik durch seine Umgebung, in der er aufwuchs: Er erlebte die Welt aus der Perspektive des hohen Kirchturm in seiner Stadt Policka, wo er geboren wurde und seine Jugendzeit verbrachte. Er war bestrebt dieses besondere räumliche Empfinden und die Natur, in der er war, in Musik umzusetzen.
Martinů in Paris
Martinůs Entschluss, sich von Roussel in Paris unterweisen zu lassen, entsprang dem Wunsch, dem tschechischen „Smetana-Kult“ zu entkommen und sich einige der Charakteristika anzueignen, die er in der französischen Kunst ausmachte: Ordnung, Klarheit, Ausgeglichenheit und kultivierten Geschmack. Doch das kosmopolitische Paris der zwanziger Jahre hatte sich weiterentwickelt: Der Impressionismus war passé, und die Szene wurde von der Gruppe Les Six beherrscht, vom Jazz und vor allem von Strawinsky , der Martinů vor Augen führte, dass sich volksmusikalische Quellen überzeugend in Kunstmusik einarbeiten liessen. Das führte zu einer Reihe farbiger folkloristischer Stücke, angefangen mit dem pantomimischen Ballet Spalicek. Wie Strawinsky liebäugelte Martinů kurz aber wirkungsvoll mit dem Jazz, zum Beispiel in dem Ballett La Revue de Cuisine und der Oper Drei Wünsche. Infolge der wirtschaftlichen Gegebenheiten der dreissiger Jahre wandte er seine Aufmerksamkeit ausserdem der Kammermusik zu. Der Neoklassizismus wurde zum beherrschenden Einfluss und das Concerto grosso des 17. Jahrhunderts diente als Vorbild für eine Reihe von Werken, darunter mehrere, die Martinů für Paul Sacher und sein Basler Kammerorchester komponierte. Trotz ihres geschäftigen, scheinbar distanzierten Charakters lauern unter der Oberfläche tiefe Gefühle. Zum Vorschein kommen sie im eindruckvollen Doppelkonzert, komponiert in der Schweiz, im Baselbiet am Vorabend des Münchner Abkommens, das den Komponisten von seiner Heimat abschnitt.
Unverkennbar
Als Schlüsselwerk der dreissiger Jahre erwies sich jedoch die „Traumoper“ Julietta. Dort verzichtete Martinů auf seinen „geometrischen“, klassizistischen Stil, um die oft irrationale Vorstellungswelt mit ihrer von Fantasien bestimmten Traumlogik zu erforschen. Für die mit der schwer fassbaren Heldin verbundene Musik ersann er, auf der Grundlage der mährischen Kadenz, eine typische Folge harmonischer Fortschreitungen, die „Julietta-Akkorde“, die als eine Art Idée fixe in späteren Stücken in bedeutsamen Augenblicken des öfteren wieder auftauchen sollten. Das Element des Phantastischen erhielt in den vierziger Jahren eine immer grössere Bedeutung, als Martinů sich in den USA um einen neuen lyrischen Ausdruck bemühte, „was in der damaligen modernen Musik recht selten war“. Die fünf zu Kriegszeiten für amerikanische Orchester komponierten Sinfonien bestechen durch ihre Spontaneität und organische Entfaltung, durch die rhythmische Frische ihrer stark synkopierten Melodien, die besondere Schönheit ihrer Harmonik und vor allem durch eine undefinierbare tschechische Aura, die an einen modernen Dvorak denken lässt.
Musik und Protest
In den fünfziger Jahren hatte Martinů den künstlerischen Mut und die technischen Mittel und Wege gefunden, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen, ohne sein beinahe intuitives Formgefühl zu verlieren. Dieses Verfahrensweise erreichte ihren Zenit in grossangelegten Partituren wie den visionären Fantaisies symphoniques (Sinfonie Nr. 6) und den strahlenden Fresken des Piero della Francesca, wo das ausgereifte neo-impressionistische Gefüge aleatorische Techniken vorwegnimmt und eine vertiefte Vorstellungswelt herauf beschwört. Parallel dazu erschien eine Reihe bodenständig volkstümlicher Werke, tief ergreifende „Grüsse an die Heimat“, die sich durch kühne Schlichtheit und besondere Reinheit des Ausdrucks auszeichnen. In diesen letzten Jahren begann der Komponist, sich mit den fundamentalen Fragen menschlicher Existenz zu beschäftigen, allerdings ohne übertriebene Gewichtigkeit oder Sentimentalität. Der Trend ist in der in Basel und Frenkendorf bei Liestal entstandenen Oper die Griechischen Passion und im Gilgamesch-Epos, den Gipfelwerken seines Spätschaffens, ja sogar in Instrumentalwerken wie den Parabeln (in diesen verewigte er kurz die Basler Fasnachtstrommeln) und Incantation (Klavierkonzert Nr. 4) wahrzunehmen. Im Zusammenhang mit dem letztgenannten Werk hat Martinů ein Credo geschaffen, welches für das Publikum im 21. Jahrhundert möglicherweise von wachsender Bedeutung sein kann:
«Der Künstler ist immer auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, seines eigenen und dessen der Menschheit, auf der Suche nach Wahrheit. Ein System der Unsicherheit ist in unseren Alltag eingedrungen. Der Druck zugunsten von Mechanisierung und Uniformität, dem es unterworfen ist, bedarf des Protestes, und der Künstler hat nur ein Mittel, diesen zum Ausdruck zu bringen, und zwar mit Musik.»
Patrick Lambert, 1997 Boosey & Hawkes, London