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Basler Klimareihe
Hans-Rudolf Moser
Die Klimareihe von Basel beginnt 1755 und gehört damit zu den längsten Klimareihen Mitteleuropas. Sie zeigt einen stetigen Anstieg der Temperaturen ab 1900. Die Jahresmitteltemperatur liegt im Schnitt heute um 1,5 Grad Celsius höher als noch vor hundert Jahren. Dieser Anstieg ist auf den menschlichen Einfluss zurückzuführen, die globale Klimaänderung zum einen und den Stadteinfluss zum anderen. Die Erwärmung ist dabei während der Wintermonate grösser als in den übrigen Jahreszeiten. Im Winter fällt heute auch mehr Niederschlag als vor hundert Jahren, ohne dass aber die Schneemenge abgenommen hätte.
Privatpersonen als Schlüsselfiguren
Die Klimamessreihe von Basel verdanken wir Professor Johann Jakob d'Anonne, Jurist an der Universität Basel, der aus privatem Interesse mit täglichen Messungen des Luftdrucks und der Temperatur startete. Ergänzend notierte er auch die Zahl der Tage mit Regen, ohne allerdings Messungen der Menge vorzunehmen. Nach einem Unterbruch führte Peter Merian, Mitglied des Kleinen Rates (also der Basler Regierung) diese Messreihe ab 1826 weiter. Von 1864 an wurden die Beobachtungen Teil des schweizerischen Klimamessnetzes, und sie wurden kontinuierlich erweitert durch zusätzliche Komponenten wie Niederschlagsmenge und Sonnenscheindauer. Peter Merian beobachtete ursprünglich an seinem Wohnort, im Domhof auf dem Münsterhügel. Später wurde die Station ans Bernoullianum verlegt und befindet sich seit 1929 auf dem Bruderholz bei St. Margarethen, wo sie heute vom Lufthygieneamt beider Basel betrieben wird. Die Initiative zu diesen Messreihen ging demnach ursprünglich von Privatpersonen aus und wurde später von staatlichen Stellen übernommen. Dank diesen Personen mit Interesse am Wetter kann Basel auf eine der längsten mitteleuropäischen Klimamessreihen zurückblicken. In diese Reihe, verfasst von interessierten Privatpersonen, gehört sicher auch die Chronik der Magdalena Sieglin. Mit dem Zeitabschnitt von 1845 bis 1875 deckt sie mit ihren Beobachtungen gerade den Zeitraum vor und während der «Institutionalisierung» der Klimamessungen ab.
Nichts ist beim Wetter beständiger als der Wandel. Dies erleben wir tagtäglich am eigenen Leib. Deshalb sind wir alle Experten in Bezug auf das Wetter, und es ist ein unerschöpfliches Lhema bei Gesprächen. Kurzfristige änderungen des Wetters überdecken die langfristige änderung des Klimas. Unter Klima versteht man den «mittleren Zustand». Auch dieser mittlere Zustand, das Klima, ist nicht immer gleich, sondern unterliegt in längeren Zeiträumen beachtlichen änderungen mit schwer wiegenden Folgen. Erwähnt seien nur die Eiszeiten, welche grosse Feile unseres Landes unter einem Eismantel begraben haben. Klimaänderungen vollziehen sich vergleichsweise unspektakulär über einen langen Zeitraum und finden deshalb wenig Beachtung. Erst seit ein paar Jahren ist nun der globale Klimawandel in der öffentlichkeit ein Lhema geworden. Wie hat sich nun das Klima im Raum Basel in den letzten zweihundert Jahren verändert?
Deutliche Zunahme der Temperatur
Das Wichtigste vorweg: Die Klimareihe Basel belegt eine deutliche Zunahme der Temperatur (Abbildung Seite 104). Darin sind zum einen die Mitteltemperaturen für jedes Jahr dargestellt sowie der gleitende Mittelwert über dreissig Jahre. Mit dem gleitenden Mittelwert lassen sich langfristige Klimaänderungen hervorheben. Die Jahresmitteltemperaturen unterliegen sehr grossen Schwankungen von Jahr zu Jahr. Die niedrigsten Temperaturen treten aber alle noch im 19. Jahrhundert auf. Die tiefste Temperatur, welche je in Basel gemessen worden ist, wurde im Februar 1830 beobachtet und betrug minus 27 Grad Celsius. Umgekehrt die hohen Temperaturen. Jahresmittelwerte von mehr als 10 Grad Celsius treten bis 1900 nur sporadisch auf. Hingegen überschreiten nach 1950 die Mehrzahl der Jahresmittelwerte diese 10 Grad Celsius. Die höchste Jahresmitteltemperatur wurde 1994 mit 11,67 Grad Celsius gemessen; der absolute Maximalwert am 31. Juli 1983 mit 39,2 Grad Celsius. Schon der Vergleich bei der Schwankungsbreite betreffend die Extremtemperaturwerte weist auf eine Erwärmung im 20. Jahrhundert hin. Diese belegt die Kurve der dreissigjährigen Mittelwerte anschaulich. Von 1750 bis 1900 gab es in Basel nur geringe Schwankungen zwischen 8,5 und 9 Grad Celsius. Nach 1900 beginnt dann die Temperatur deutlich und kontinu ierlich zu steigen und hat 1999 nun im langjährigen Mittel 10 Grad Celsius erreicht.
Die Temperatur hat in allen Jahreszeiten zugenommen (Abbildung Seite 105). Mit beinahe 2 Grad Celsius ist aber die Zunahme im Winter am ausgeprägtesten, im Sommer mit 0,9 Grad Celsius am geringsten. Im letzten Jahrhundert wurden also vor allem die Winter milder. Dies wird unterstrichen durch die Tatsache, dass in Basel die Zahl der Eistage (Maximaltemperatur bleibt unter dem Frostpunkt) in den letzten hundert Jahren von über 20 pro Winter auf 12 abgenommen hat. Dagegen zeigt die Zahl der Hitzetage (Maximaltemperatur über 30 Grad Celsius) einen anderen Verlauf. Sie nimmt von Beginn bis Mitte des 20. Jahrhunderts von 10 auf über 20 zu, sinkt bis 1980 auf 8 und ist seither wieder auf 16 angestiegen.
Es gibt einen doppelten Anlass für diese Temperaturzunahme im Basel des 20. Jahrhunderts. Zum einen findet darin die weltweit zu beobachtende Klimaerwärmung ihren Ausdruck. Zum anderen ist sie aber auch auf den Stadteffekt zurückzuführen. Im Vergleich zum Freiland ist es in der Stadt wärmer. Gründe dafür sind neben der Abgabe von Wärme an die Atmosphäre durch Motoren und Heizungen das thermische Verhalten der Baumaterialien sowie das Fehlen von Verdunstungswasser. Mitte des 19. Jahrhunderts war die Stadt Basel nur klein und zählte rund 30000 Einwohner, 1998 waren es dann 170000. Mit diesem Bevölkerungswachstum nahm auch das überbaute Gebiet zu. Heute ist auch das Bruderholz, wo sich die meteorologische Station des Lufthygieneamtes befindet, überbaut, und damit ist sicher auch eine gewisse Erwärmung infolge des Stadtklima-Effektes in Rechnung zu stellen. Der Mensch wirkt also nicht nur global auf das Klima ein, sondern verändert es auch lokal. Die Erwärmung um 1,5 Grad Celsius innerhalb von hundert Jahren mag gering erscheinen. Im Rahmen der natürlichen Schwankungen ist diese Steigerung aber beachtenswert. Die Erwärmung entspricht quasi einer Verschiebung von Basel um zweihundert Kilometer an den Siidrand der Alpen.
Verschiebungen bei den Niederschlagsmengen
Bei der Niederschlagsmenge ist keine mit der Temperatur vergleichbare änderung zu beobachten. Die Zahl der Ta ge mit Niederschlag liegt im langjährigen Mittel pro Jahr zwischen 150 und 180 - ohne dass eine systematische Veränderung zu beobachten wäre. Im Jahresmittel fallen dabei rund 820 Millimeter Niederschlag (Abbildung Seite 106). Unterschiede zeigen sich erst, wenn man die Jahreszeiten als Vergleichsbasis nimmt. Im Vergleich zur Situation vor hundert Jahren fällt heute im Winter rund 40 Prozent mehr Niederschlag. Im Sommer und Herbst ist die Niederschlagsmenge im Jahrhundertvergleich jetzt um 5 bis 15 Prozent geringer.
Die Zunahme der Niederschlagsmenge im Winter passt durchaus zur Zunahme der Temperaturen im Winter. In warmen Wintern fliesst häufig mit Tiefdruckgebieten Atlantikluft aus Südwesten nach Mitteleuropa. Diese weist viel Luftfeuchtigkeit auf: Regen kommt auf. Deshalb die Zunahme der Niederschlagsmenge im Winter. Trotz den wärmeren Wintern hat dank der vermehrten Niederschlagstätigkeit die Schneemenge nicht abgenommen (Abbildung Seite 107). Es gibt grosse Unterschiede in der Schneehöhe von Jahr zu Jahr. Die grössten Schneehöhen sind 1942 und 1987 gemessen worden. Eine Schneemenge von drei Metern wie im Jahr 1999 kommt etwa alle zehn Jahre vor. Die oft vertretene Meinung, dass die Winter früher schneereicher gewesen sind, lässt sich also nicht bestätigen. Sie waren allenfalls kälter.
Die Chronik der Magdalena Sieglin deckt, wie bereits erwähnt, einen interessanten Zeitraum zu Beginn der instrumenteilen Messungen Mitte des 19. Jahrhunderts ab: bevor sich nämlich die Industrialisierung und das Siedlungswachstum des 20. Jahrhunderts auswirken konnten. Es fällt auf, wie oft die Chronistin von Krankheiten und Schädlingsbefall der landwirtschaftlichen Pflanzen spricht. Dies wird durchaus verständlich, wenn man die meteorologischen Messreihen heranzieht. Das 19. Jahrhundert lässt sich durch eine Zäsur um 1855 in eine kalt-trockene und in eine wärmere, sehr feuchte Periode gliedern (Christian Pfister). Die warm-feuchte Witterung nach der Mitte des 19. Jahrhunderts war geeignet zur Förderung von Schädlingen und Pflanzenkrankheiten.
Literatur
Christian Pfister: Wetternachsage - 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen (1496-1995), Bern 1999, S. 304. Lufthygieneamt beider Basel: Luftqualitätsbulletin (monatlich). Meteorologische Station des Lufthygieneamtes beider Basel: Klimareihe Basel, 1755- heute.