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wir eltern: Herr Professor Cierpka, Sie sprechen in Ihren Publikationen von intuitivem Elternwissen. Was heisst das genau?
Professor Cierpka: Alle Eltern auf der Welt verfügen über Kompetenzen, mit denen sie die Signale ihres Babys verstehen können. Man sagt auch, Eltern können ihre Kinder «lesen». Gemeint ist eine universale Fähigkeit, auf das Baby einzugehen. Zum Beispiel die sogenannte Ammensprache, dieses Hüttüttü, das Erwachsene automatisch in einer höheren Frequenz an einen Säugling richten: Das passt zum noch relativ unreifen Gehör des Kindes, das Laute um 1000 Hertz am besten aufnimmt.
Diese Ammensprache sprechen Eltern, ohne sich etwas dabei zu überlegen?
Genau. Die Eltern stellen sich intuitiv darauf ein, dass sie die Pforte beim Kind, also ihr Wahrnehmungsorgan, wirklich gut durchschreiten können.
Was für Aussenstehende immer ein bisschen albern klingt.
Aber es hat biologisch einen Sinn. Es gibt auch universelle Verhaltensweisen, um Kinder zu beruhigen. Wenn Sie ein Baby schreien hören, spüren Sie vermutlich den Impuls, dieses Kind auf den Arm zu nehmen, es zu wiegen und zu beruhigen.
Haben das auch Männer?
Natürlich. Universelle elterliche Kompetenzen haben sowohl Mütter als auch Väter. Wenn Babys sich die Äuglein reiben, Fäustchen ballen und die Beine anziehen, können Eltern das als Müdigkeit «lesen». Oder wenn das Kind anfängt zu saugen, sobald man seine Lippen berührt, wissen wir: Es hat Hunger.
Das heisst, jeder kann irgendwo auf der Welt ein Baby verstehen.
Richtig. Das können sogar Kinder ab ungefähr 10 Jahren.
Sie haben ein Kurskonzept entwickelt, das Eltern hilft, ihr Kind besser zu lesen. Wozu braucht es Kurse, wenn doch alle über intuitives Elternwissen verfügen?
Die meisten Eltern, das muss man betonen, können ihr Kind verstehen. Aber bei einigen wird die Wahrnehmung des Signals verstellt, zum Beispiel aufgrund eigener Erfahrungen aus ihrer Kindheit. Ein Hungersignal kann als gierig oder das Ballen der Fäustchen als Aggression fehlinterpretiert werden. Wenn Wahrnehmungsmuster die Interpretation der Babysignale überlagern, wird es schwierig, passend auf sie zu reagieren.
Wie weiss man, was intuitives Elternwissen und was Fehl interpretation ist?
Man kann die Wahrnehmung schulen. In unseren Kursen «Das Baby verstehen» zeigen wir unter anderem Videoausschnitte, bei denen sich die Eltern die verschiedenen Signale anschauen können, sodass sie sie bei ihrem eigenen Kind besser entschlüsseln. Sie lernen das zur Seite zu räumen, was ihnen den Blick verstellt. Zudem helfen die Babys ihren Eltern dabei, indem sie beharrlich ihre Signale aussenden, bis sie verstanden werden. In den ersten drei Monaten müssen ja alle Eltern herausfinden, woran es liegt, dass ihr Kind schreit. Sie müssen lernen zu unterscheiden, ob es Hunger hat, müde ist oder die Windeln voll hat. Man weiss nur, wenn das Baby schreit, ist es in Not und man muss etwas tun, um es zu beruhigen.
Die Intuition kann man also nicht nach der Geburt einfach anknipsen?
Das passiert in der Interaktion. Das Kind sendet Botschaften aus, die Eltern antworten. Und wenn sie eine prompte und richtige Antwort geben, fühlt sich das Kind in seinen Bedürfnissen angenommen. Das sichert die Bindung. Dieser Mechanismus ist sehr wichtig, denn durch die unverzögerte, passende Reaktion seiner Eltern erfährt das Kind Sicherheit in der Beziehung.
Ich könnte mir vorstellen, dass Eltern sich durch diese Aussage gestresst fühlen. Wenn ich falsch antworte, fühlt sich mein Kind nicht sicher, wird traumatisiert und kriegt später womöglich ein ADS.
Deswegen heisst die letzte Lektion unseres Kurses «Auf die eigenen Kompetenzen vertrauen», denn die heutigen Eltern sind in der Tat verunsichert. Dafür gibt es viele Ursachen; die Grosseltern sind nicht mehr so verfügbar, im Berufsalltag wird mehr gefordert, die Frauen sind unter Stress und Leistungsdruck. Zudem gibt es unzählige Ratgeber, die die Eltern durcheinanderbringen. Man muss Eltern ermutigen, selber herauszufinden, was zu ihrem Kind passt und dazu haben sie die Kompetenzen.
Manche Eltern scheinen sich vor dem übermächtigen, willens starken Säugling geradezu zu fürchten.
Ich leite eine Säuglings-Eltern-Sprechstunde, zu der meistens Mütter kommen, die ein exzessiv schreiendes Kind haben. Manche wollen es am liebsten wieder los werden. Sie spüren ihr Aggressionspotenzial und kommen zum Glück lieber in die Sprechstunden, um sich beraten zu lassen. Da habe ich oft den Eindruck, dass sich die Mütter wirklich von ihrem Kind terrorisiert fühlen. Damit projizieren sie aber einen Willen in das Baby, den es noch gar nicht haben kann.
Eltern können ihr Baby auch nicht verwöhnen, indem sie immer auf sein Schreien eingehen?
Bis zum dritten Lebensmonat kann man ein Kind nicht verwöhnen. Säuglinge haben ja noch gar kein entwickeltes Ich, mit dem sie ihren Eltern etwas «antun» wollen. Sie haben weder einen Wutaffekt noch einen Willen, nur eine hohe Erregung. Und diese erfordert von den Bezugspersonen Einfühlungsvermögen. Ist aber die Erregung beim Kind sehr hoch, kann sich bei Eltern Frustration einstellen, das Gefühl «ich schaffe das nicht mehr, bin dem Kind ohnmächtig ausgeliefert». Solche Projektionen verhindern den intuitiven Wunsch, das Kind zu beruhigen.
Ist in der Kommunikation zwischen Eltern und Kind schon etwas schief gelaufen, wenn ein Säugling exzessiv schreit?
Meistens sind das besonders sensible, leicht irritierbare Kinder, die oft auf einem hohen Erregungsniveau bleiben und von den Eltern in besonderem Masse eine angemessene Beruhigung einfordern. Die meisten Eltern kriegen das hin.
Wie denn?
Sie finden nach und nach Möglichkeiten, ihr Kind zumindest zeitweise zu beruhigen, tragen es in einem Tuch oder tun genau dies nicht, weil sie gemerkt haben, dass ihr Kind das nicht mag. Problematisch ist, wenn die Eltern ihrem schreienden Säugling immer mehr, immer schneller wechselnde Reize anbieten. Weil er sowieso auf einem hohen Erregungsniveau ist, tut ihm das nicht gut. Man muss eher das Gegenteil tun, alles langsamer machen, das Kind bei gedämpftem Licht zum Schlafen bringen, während der Schreiphasen im Kinderwagen mit ihm spazieren gehen, was üblicherweise beruhigend wirkt.
Welches sind die klassischen und häufigsten «Missverständnisse» zwischen Eltern und Baby?
Das Schreien ist im Allgemeinen zunächst schwierig zu verstehen. Was hat mein Kind? Es ist doch gestillt, hat eine frische Windel, lange geschlafen und schreit trotzdem. Dieser Stress der Mutter führt bisweilen zu «Missverständnissen». Wenn Mütter zur Depression neigen, kann es passieren, dass die Blickabwendung des Babys als «es liebt mich nicht» interpretiert wird. Aber Kinder können den Blick anfangs nur kurz halten, mit Abneigung hat das nichts zu tun.
Missverständnisse hören ja nicht auf, wenn das Kind sprechen kann, die gibt’s ja auch zwischen Erwachsenen. Muss man nicht damit leben, dass man sein Kind nicht immer verstehen kann? Es ist eine Illusion, zu glauben, man könne sein Baby immer verstehen. Man kann sich trotz Intuition nur annähern, sich eine Vorstellung davon machen, was im Kind vor sich geht. Immer kann es zu Fehlinterpretationen kommen, die sind aber reparabel. Eigentlich ist die Reparatur dessen, was leicht daneben ging, genauso wichtig. Das Baby hält die Eltern an, so lange zu probieren, bis die Antwort stimmt. Entscheidend ist, dass das Kind doch immer wieder eine Antwort kriegt. Das bedeutet Zuverlässigkeit. Winnicott, einer der berühmtesten Kinderanalytiker, hat gesagt, man müsse nur eine «good-enough-mother» sein. Gut, aber nicht perfekt.
Zur Person
Manfred Cierpka ist Experte für Eltern-Baby-Kommunikation. www.cierpka.de