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Viele Krisen irgendwo auf der Welt, aber fernab von Europa, haben ihren Ursprung in der Vergangenheit Europas. Eine Aufarbeitung dieser Vergangenheit könnte helfen, zukünftige Rache-Aktionen zu vermeiden.
Es wird nur noch wenige Wochen dauern bis die Reiseindustrie uns wieder mit ihren Angeboten für die nächsten Sommerferien umwirbt. Ein Traum für viele – oder quasi das Paradies auf Erden – ist die Dominikanische Republik. Doch ebenso wie Freud und Leid nicht immer weit voneinander weg liegen, liegt auch das Paradies nicht weit weg von der Hölle auf Erden: Haiti.
Zu Beginn des Jahres forderte ein Erdbeben Hunderttausende von Todesopfern, vor zwei Wochen folgte der Hurrikan Tomas, welcher weitere Opfer forderte und noch mehr von der wieder teilweise aufgebauten oder noch bestehenden Infrastruktur zerstörte und schliesslich folgt nun noch eine Cholera-Epidemie, deren Opferzahlen wiederum in die Tausende gehen und deren Verbreitung auch durch Überschwemmungen wegen des besagten Hurrikans gefördert wird.
Man mag den Haitianern vorwerfen, sie hätten schon vor dem Erdbeben sämtliche Belange in Sachen Hygiene und sanitäre Einrichtungen vernachlässigt. Tatsache ist aber, dass es vorher keine Cholera in Haiti gab, sondern dass diese durch jemanden von den unzähligen ausländischen Kräften importiert wurde. Da kommt ein gewisses Verständnis auf, wenn Teile der haitianischen Bevölkerung den Grund dieses Übels in den vor Ort präsenten UN-Blauhelmen sieht.
Eine bewegte Geschichte
Irgendwie erinnert das Ganze auch an die Geschichte der Urbevölkerung der Hispaniola-Insel: Schon die spanischen Eroberer unter Christoph Kolumbus brachten Krankheiten auf die Insel, welche schliesslich zur fast vollständigen Ausrottung der Urbevölkerung führten.
Ohnehin erinnern alle Ereignisse seit dem Erdbeben im Januar dieses Jahres einem Schnellverfahren dessen, was die ehemaligen Kolonialmächte Europas und die USA in den letzten 300 Jahren in Haiti anrichteten: Sie kamen, sahen und – hinterliessen Leid…
Dafür stehen vor allem drei Ereignisse in der Geschichte Haitis. Da waren einerseits weisse Plantagenbesitzer, welche oftmals schwarze, aus Afrika «importierte» Sklavinnen schwängerten, wodurch die Volksgruppe der Mulatten entstand.
Diese hatten zwar nicht ganz die gleichen Rechte wie die Weissen, durften selber aber doch Grundbesitz und Sklaven halten, waren also besser gestellt als die Schwarzen. Das führte in der Folge zu Spannungen, zeitweise gar zur Abspaltung des nördlichen vom südlichen Teil Haitis, was natürlich einem Fortkommen Haitis als einheitliches Land abträglich war.
Andererseits waren die Bedingungen der Sklavenhaltung dermassen schlecht, dass ständig neue Sklaven aus Afrika «importiert» werden mussten – und die Urbevölkerung war ja quasi ausgerottet. Das führte dazu, dass über 90 Prozent der (aus Afrika entwurzelten) Bevölkerung unterdrückt wurde.
Das bot ein guter Nährboden für eine Revolte und ein schlechter Nährboden für einen nach unseren Vorstellungen gut funktionierenden Staat, sollten einmal die herrschenden Weisse vertrieben worden sein. So kam es denn auch: Kaum waren die Weissen vertrieben, fehlten sämtliche Strukturen des damaligen Exportlandes von Kaffee, Zucker und Reis. Wer wollte denn auch Handel betreiben mit einem Land, das von – aus der damaligen Sicht – «Nigern» regiert wurde?
Französische Ignoranz
Und schliesslich hatte Haiti für seine Freiheit teuer zu bezahlen – im wahrsten Sinne des Wortes: Für die Anerkennung der Unabhängigkeit Haitis im Jahre 1825 verlangte die damalige Kolonialmacht Frankreich eine Entschädigung für die Plantagenbesitzer in der Höhe von 150 Millionen Francs. Haiti soll für die Abzahlung dieser «Schuld» bis ins Jahr 1947 gebraucht haben, was das wirtschaftliche Fortkommen Haitis weiter massiv beeinträchtigte.
Der ehemaligen haitianische Präsident Jean-Bertrand Aristide liess diese Summe im Jahr 2004 einmal aufrechnen, um dann Frankreich die Rechnung zu präsentieren: Von 22 Milliarden US-Dollar war die Rede. Frankreich hat darauf nicht reagiert. Vielleicht vermutet man auch deswegen, dass Frankreich hinter Aristides Enthebung im gleichen Jahr steckt?
Schaut man sich in der Online-Welt Frankreichs um, ist man sich noch heute keinerlei Schuld oder einer besonderen Verpflichtung in Sachen Hilfe bei der Bewältigung der aktuellen Krise bewusst. In den Medien wird gerade einmal über die Aggressionen gegenüber den Blauhelmen berichtet. Jeglicher Hintergrund, weshalb diese überhaupt im Land sind, fehlt, obschon letzten Endes auch sie eine (indirekte) Folge des erwähnten «Knebelvertrags» mit Frankreich sind.
Und auf der Website der französischen Regierung zur Aussenpolitik findet man kein Körnchen zum Thema der ehemaligen Kolonie Haiti im Sinne von Reparationszahlungen. Stattdessen kann man schöne Worte darüber lesen, dass Frankreich die Präsidentschaft der G8- beziehungsweise der G20-Gruppe übernimmt und damit zum «Herzen der Entscheidungen für einen weltwirtschaftlichen Ausgleich» werde und man gemeinsam eine «nachhaltige Welt bauen» wolle…
Frankreich ist zurzeit vor allem mit seiner Gegenwart beschäftigt – und vergisst dabei, dass viele gegenwärtigen Probleme ihren Ursprung in der kolonialen Vergangenheit haben. Dass man das nicht erkennt – oder nicht erkennen will – liegt wohl auch daran, dass Frankreich seine Zeit als Kolonialmacht nie aufgearbeitet hat. Zu sehr hallt noch immer die Opferrolle des Zweiten Weltkriegs nach, zu sehr ist man deswegen andauern bemüht, das Bild einer selbstbewussten «grande nation» abzugeben.
Die Vergangenheit holt Europa ein – irgendwann…
Haiti mag zwar weit weg liegen, aber die Geschichte Haitis, an welcher auch Frankreich wesentlich beitrug, hat Folgen bis heute. Wenn es morgen wieder einmal eine Terror-Warnung in Frankreich gibt, sind es dann vielleicht nicht islamistische Terroristen, sondern haitianische Cholera-Überlebende, welche endlich Wiedergutmachung von Frankreich fordern.
Für die Fehler der Vergangenheit der irischen Regierung beziehungsweise der irischen Banken der letzten Jahre sind die EU und der IWF nicht ganz aus uneigennützigen Gründen bereit, bis zu 90 Milliarden Euro an Finanzhilfe zu leisten.
Es wäre schön, wenn die Kolonialmacht Frankreich – vielleicht auch nicht ganz aus uneigennützigen Gründen – Haiti die fraglichen 22 Milliarden US-Dollar für ihre Fehler der Vergangenheit der letzten Jahrhunderte bereitstellen würde. Damit könnten Strukturen geschaffen werden, die dem Land endlich jene Stabilität bringen, welche es für seine Entwicklung braucht und welche dem Land in der Vergangenheit verwehrt blieben.
Und vielleicht erkennen dabei auch andere europäischen Staaten, inklusive der Schweiz, sowie die USA, dass einem die Vergangenheit jederzeit einholen kann und dass darum jede Form der Ausbeutung heute sich auf das Verhalten der Nachkommen von morgen auswirken kann. Der heute noch immer in Haiti präsente Vodoo-Kult, der seinen Ursprung in Afrika hat, ging schliesslich über all die Jahre trotz bewegender Geschichte auch nie vergessen…
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Weitere Informationen zur Krise in Haiti
- Médécins sans frontières:
Einsatzgebiet Haiti