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Im Anschluss an die Schriften Jean-Jacques Rousseaus und Johann Gottfried Herders wurden vom Sturm und Drang über die Empfindsamkeit bis zur Frühromantik ästhetische Konzepte wirksam, die sich an der Idee der ‹Natürlichkeit›, dem ‹natürlichen Sprechen› und der Vorstellung einer unmittelbaren und körperlichen Ausdruckskraft orientierten. Diese Charakteristika, die auch den Mythos der Instrumentalmusik deutscher Prägung als national nicht markierter Universalmusik bestimmten, wurden im selben Zeitraum sowohl den Frauen, den Kindern als auch den ‹wilden Völkern› zugeschrieben. Zeitgleich entstanden mediale Konzepte, die dieses ‹Wilde/Weibliche› der Kontrolle unterwarfen: die Repräsentation von Musik durch die Schrift, die Idee des musikalischen Originalgenies sowie der Gedanke des musikalischen Fortschritts. Zu Beginn der Moderne um den Wechsel zum 20. Jahrhundert wurden diese um 1800 virulenten Diskurse erneut wirksam: in der Projektion ‹unvermittelter Ausdruckskraft› auf die kolonialisierten Kulturen im Primitivismus ebenso wie in historiographischen Entwürfen, die versuchten musikgeschichtliche Entwicklungen als völkerpsychologische Notwendigkeiten zu deuten, sowie in dem sich in dieser Zeit etablierenden Wissenssystem der jungen akademischen Disziplin der Musikwissenschaft. Das Projekt will diese Diskurse im Blick auf die darin virulenten Kategorien Gender, Ethnizität und Klasse untersuchen und auf die verwandten Diskurse ‹um 1800› rückbeziehen.
Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext
Methodisch integriert das Projekt historiographische, musiktheoretische, und -ästhetische sowie ethnographische und körperhistorische Quellen. Es zielt darauf, die in den Gender Studies in den letzten Jahren unternommenen Forschungen zur Verschränkung der Kategorien Gender, Ethnizität und Klasse im Hinblick auf die gesellschaftlichen Repräsentations- und Wissenssysteme in historischer Perspektive für die Musikwissenschaft fruchtbar zu machen.