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Emil Pfenninger, ein Original, genannt «Luschteri» (1891-1974)
Auch in der Gemeinde Bäretswil sah man um die Mitte des 20. Jahrhunderts noch eine ganze Reihe menschlicher Originale. Eines der bekanntesten war Emil Pfenninger ab der Lusteren (Oberer Rellsten), genannt «de Luschteri». Sein besonderes Wesen und seine Originalität verdankte er wahrscheinlich den besonderen Umständen seiner Familie in der Matt. Schon sein Grossvater Hans-Jakob Pfenninger hatte hier 1882 das schöne Doppelhaus ob der Strasse samt der freistehenden Scheune daneben gekauft, weil sein Flarzhaus im nahen Wirzwil durch eine Feuersbrunst in Schutt und Asche gelegt war. Die Pfenninger in der Matt sind ein Zweig am Baum der Pfenninger vom Tisenwaltsberg. Über die Dunkelwies gelangt ihre Linie im 19. Jahrhundert nach Wirzwil und von dort in die Matt.
Während über 100 Jahren bleibt die Matt eine Domäne der Familie Pfenninger. Der prägnante Vater Hans Jakob Pfenninger (1858-1940) in der Matt war nicht nur ein verständiger Bauer und Kirchenpfleger, sondern auch ein geschickter Rechner und Kaufmann, auch wenn er nie eine kaufmännische Lehre absolviert hatte. Ums Jahr 1890 ehelichte der clevere Bauer Albertine Keller ab dem Lee bei Kleinbäretswil. Diese Frau brachte ihm ein hübsches Vermögen ins Haus, war jedoch mit Geisteskräften eher schwach begabt. Mit dem zugeflossenen Geld vergrösserte Hans Jakob Pfenninger in der Folge seinen Hof auf beinah zehn Hektaren Wiesland und zwölf Hektaren Wald.
Albertine Pfenninger schenkte fünf Söhnen und drei Töchtern das Leben: Albert wurde Sekundarlehrer in Hinwil, Adolf Prokurist der ZKB in Rüti, die kluge Lina lernte Schneiderin und hat zuletzt den geschwisterlichen Betrieb geführt. Fünf weitere Geschwister, darunter Emil, Heinrich und Jakob, vermochten gleich ihrer Mutter dem Gang der Primarschule nur schwer bis gar nicht zu folgen. Nichtdestotrotz besorgte Vater Pfenninger für jeden dieser Söhne einen landwirtschaftlichen Gewerb: Für Emil den kleinen Hof auf 900 m Höhe im Oberrellsten (Lusteren), für Heinrich ein Bauerngut im Nübruch-Hinwil; Jakob schliesslich übernahm mit seinen Schwestern 1940 die Matt.
Wenn Emil in der Schule auch nicht der hellste war, so hatte er doch eine ganze Reihe besonderer Qualitäten. Hatte er die Kühe und die beiden Zugstiere auf seiner Lusteren besorgt, so stieg er den steilen Weg hinab in die Matt und half auf dem elterlichen Betrieb in Wald und Feld. Die Besorgung von zwölf Hektaren Holz im steilen Gelände mit den damaligen Mitteln verlangte durchs ganze Jahr viel körperliche Arbeit. Mit seinem grossen eisenbeschlagenen Leiterwagen karrte er fuderweise Brennholz bis hinunter ins Aathal. Auch in Wetzikon, in Bubikon und im halben Oberland kannte man den lustigen Holzkrämer, der meist zu einem derben Spass aufgelegt war. Gerade die Tatsache, dass man Emil nicht in jeder Hinsicht völlig ernstnehmen konnte, bewirkte den sympathischen Zauber um ihn her.
Als im Himmel die musischen Begabungen verteilt wurden, stand der Luschteri indes ziemlich weit vorne. Oft sah man Emil auf den Kilbenen elegant sein Tanzbein schwingen. Hier hat er denn auch seine Hulda, geb. Hürlimann, gefunden. Im Geiste ebenbürtig, wurde sie seine treue Ehefrau. Die beiden haben wohl kaum eine Wetziker Chilbi verpasst. Beizeiten besorgten sie an diesen hohen Tagen ihr Vieh. Emil füllte die Krippe mit Gras bis obenauf. Dann zog er mit seiner Hulda Arm in Arm und mit einer Bergblume unter der Hutschnur jauchzend zu Tal, jeden freudig und herzlich begrüssend, der ihnen begegnete.
In den 1920er Jahren heiratet Emil Pfenninger Hulda Hürlimann. Die Ehe bleibt kinderlos. Das wunderliche Paar wird in der ganzen Gemeinde mit viel Sympathie bedacht. Als Hulda im strengen Winter 1970/71 stirbt, zieren Eisblumen die Fenster der Lusteren-Stube. Die Leiche muss mit dem Rettungsschlitten des Skiclubs in die Matt hinuntergefahren werden. Seine letzten drei Jahre verbringt Emil bei seiner jüngsten Schwester Lina in der Matt, wo er noch aufmerksam das Tagesgeschehen verfolgt.
Als Alkoholiker kann man Emil überhaupt nicht bezeichnen. Mag sein, dass er dann und wann am Abend mit einem leichten Schwips seiner Lusteren zustrebte, mehr gönnte er sich nicht. Wer indes im Sommer als Wanderer den Weg von Wirzwil zum Berghof unter die Füsse nahm, hatte womöglich das Vergnügen, auf der Lusteren beim Bergheuet in der Hitze des Tages dem Miggel direkt im Adamskostüm zu begegnen. In der Naturwelt dort oben zwischen den sattgrünen Tannen, den Bergblumen und dem Luschteri herrschte ungebrochene Harmonie. Wanderer mit Glück wurden von Emil sogar eigens mit einem Liedvortrag empfangen. Denn Musik, Gemüt und derber Humor waren dem liebenswerten Original als Himmelsgabe reichlich beschieden.
Luschteri – so nannte er sich bisweilen auch selbst – war zeitlebens ein begeisterter Soldat. Bis ins Alter zählten für ihn die Kompanie-Tagungen zu den Höhepunkten des Jahres. Eines Abends, wohl um die Mitte des Jahrhunderts, stiegen zwei verkleidete «Wehrmänner» zu Emil hinauf. Allen Ernstes übermittelten sie ihm die bittere Nachricht, der Dritte Weltkrieg sei ausgebrochen, und der Bundesrat habe die Mobilmachung beschlossen. Emil und Hulda nahmen die schwere Mitteilung dankend und mit Fassung entgegen. Noch in derselben Nacht packte Lusteri seinen Tornister. Am andern Morgen in der Früh herzte er seine Hulda und schritt ins Tal zur Verteidigung des Vaterlandes. Kein Mensch, weder in der Matt noch vor der Käserei in Bettswil, vermochte den Wehrbereiten von der Erfüllung seiner ernsten Pflicht abzuhalten. Erst ein paar wackeren Männern gelang es kurz vor der Bahnstation, den Luschteri vom Jux der ganzen Übung zu überzeugen.
In feierlichen Stunden, etwa an Hochzeiten, fröhlichen Tischrunden oder selbst an Leidmählern, ergriff Emil das Wort und verströmte mit seinen improvisierten Reden so viel emotionalen und auch bizarren Gehalt, dass bei den Zuhörern kaum ein Auge trocken blieb. Auch beim 80. Geburtstag seiner Hulda, als sich die rustikale Lusteren-Stube mit Gästen der Umgebung füllte, hob er zu einer unvergesslichen Tischrunde an. Mit Messer und Gabel bestückten Händen gestikulierend, wünschte er der Jubilarin, sich selbst und allen Anwesenden nur die allerbeste Gesundheit, langes Leben und eine selige Zukunft unter einem offenen Himmel. Das wirre Durcheinander in Sprache und Inhalt störte niemand. Denn alle wussten: Diese Rede ist auf ihre Weise echt, da war nichts gekünstelt. Was Emil sagt, gilt eins zu eins. Ja, der Luschteri meinte genau und offen, was er sagte. Deshalb wirkten seine Auftritte auf ihre Weise so authentisch und erheiternd. Er wünschte niemandem etwas Böses. Er war auf seine Art ein Genie und eine Bereicherung für das gesellige Leben. Eines jener Originale, die wir heute in der freien Natur nicht mehr antreffen, weil unsere politische Korrektheit meint, das Problem auf postmoderne Weise mit teurem Geld lösen zu müssen.
Text und Bilder:
Armin Sierszyn, Bettswil, 10. Nov. 2022