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| Gregor v. Nyssa (†394) - Das Gebet des Herrn

Vierte Rede: "Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden; unser tägliches Brot gib uns heute!"a) "Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden."
I
Einen Arzt hörte ich einmal auf Grund seiner medizinischen Kenntnisse über die natürlichen Voraussetzungen der Gesundheit sprechen. Vielleicht leisten seine [S. 124] Ausführungen einen nützlichen Beitrag zur Gesunderhaltung der Seele. Nach ihm läßt sich nämlich jede Krankheit auf eine Verrückung des richtigen Verhältnisses zurückführen, in welchem die verschiedenen Bestandteile unseres Körpers zueinander stehen sollen; und umgekehrt besteht die Heilung der Krankheit in der Zurückversetzung der zu Unrecht verschobenen Teile in die ihnen zukommende naturgemäße Ordnung. Daraus folgerte er, man solle zuerst untersuchen, welches von den Elementen1, die in uns in Unordnung gerieten, am meisten den Einfluß des gerade entgegengesetzten Grundstoffes schwächt, der zur Gesundung mitzuwirken berufen ist. Wenn daher z. B. die Hitze überhand nimmt, so müsse man allen davon betroffenen Teilen zu Hilfe kommen und ihnen, bevor sie austrocknen, Feuchtigkeit zuführen, damit nicht etwa durch Vernichtung des Stoffes die Wärme völlig verzehrt werde und in sich selbst erlösche. Desgleichen solle man auch, wenn eine der anderen körperlichen Kräfte, die nach dem Prinzip des Gegensatzes in Betracht kommen, ihre Grenze überschreitet, dem übermächtig gewordenen Teile entgegentreten und dem geschwächten die Hilfe der ärztlichen Kunst angedeihen lassen. Wenn dies geschieht und nichts mehr das Gleichgewicht der Elemente stört, ist die Gesundheit wieder hergestellt, weil die Unordnung aufgehoben ist. Doch wozu diese lange Einleitung zu meiner Rede? Ich hoffe aber, daß die vorgetragene ärztliche Theorie ganz gut zu unserem Zwecke paßt und von unserem heutigen Thema nicht abseits liege. Zur Erwägung soll zunächst die Bitte kommen: „Dein Wille geschehe!“ Alsbald werden wir sehen, warum wir an die arzneiwissenschaftlichen Grundsätze erinnert haben.
1: nach der L.L. ὅ, τι . . . ποιεῖ [ho, ti...poiei] (statt ὅτι . . . ποιεῖν [hoti...poiein]).