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Besonders der Doping-Fall rund um die junge russische Eiskunstläuferin Kamila Valieva wird von diesen Spielen lange in Erinnerung bleiben und die Sportwelt noch einige Zeit beschäftigen. Doch auch sonst gab es in Peking diverse Skandale und Aufreger, welche die Gemüter erhitzten.
Bereits vor dem Start der Spiele war eine der am meisten geäusserten Befürchtungen: Was passiert mit Athletinnen und Athleten, die bei der Einreise nach China oder im Lauf der Spiele positiv auf das Coronavirus getestet werden? Teilweise wurde eine wochenlange «Beinahe-Haft» befürchtet und es gab diverse Berichte von schwierigen Bedingungen.
Die belgische Skeleton-Athletin Kim Meylemans wurde bei ihrer Ankunft in China positiv getestet. Im Anschluss fielen drei weitere PCR-Tests negativ aus, dennoch durfte sie vorerst nicht ins olympische Dorf. Stattdessen wurde Meylemans in eine weitere Isolationsunterkunft überführt. Erst nachdem sie sich in einem Instagram-Video unter Tränen an die Öffentlichkeit gewandt hatte, erhielt sie Unterstützung vom Belgischen Olympischen Komitee und durfte wenig später ins olympische Dorf einreisen.
Auch die russische Biathletin Valeriia Vasnetsova befand sich nach positiven Coronatests in Isolation – und berichtete von ihrem persönlichen Horror. Die 24-Jährige postete auf Instagram ein Bild von dem, was sie in der Isolation täglich zu essen bekam.
Dazu schrieb die Russin: «Ich bekomme das jetzt seit fünf Tagen zum Frühstück, Mittag- und Abendessen. Ich habe viel Gewicht verloren und meine Knochen ragen heraus. Ich bekomme nichts anderes zu essen, ich weiss nichts über meine Corona-Tests. Ich schlafe den ganzen Tag nur, weil ich nicht einmal mehr die Kraft habe, aus dem Bett aufzustehen. Ich esse nur drei Handvoll Nudeln am Tag, weil es einfach unmöglich ist, den Rest der Mahlzeiten zu essen.» Viel Unterstützung erhielt Vasnetsova aus dem eigenen Lager nicht: Der ehemalige Präsident des russischen Biathlon-Verbands Alexander Tichonow sagte: «Für solche Beschwerden würde ich Vasnetsova die Zunge abschneiden.»
Auch andere Athletinnen und Athleten ausserhalb beschwerten sich über Qualität und Menge der Mahlzeiten. Das Internationale Olympische Komitee versprach nur, dass sich die Umstände bald bessern sollen.
Kuriose Szenen beim olympischen Eishockey-Turnier der Frauen: Beim Spiel zwischen Kanada und Russland liefen die Spielerinnen beider Teams mit Masken auf, nachdem das Spiel schon rund eine Stunde später als geplant begonnen hatte. Der Grund: «Russlands Corona-Tests vom Morgen waren noch nicht da», erklärte die kanadische Stürmerin Natalie Spooner. «In den letzten Tagen hatten sie einige positive Tests und wir wollten einfach sichergehen.»
Und tatsächlich wurde wenig später eine weitere Spielerin, die gegen Kanada im Einsatz stand, positiv auf das Coronavirus getestet. Das hatte zur Folge, dass auch Finnland einen Tag später mit Masken gegen das Team des Russischen Olympischen Komitees antrat.
Vom Regen in die Traufe? Die Langläufer schlugen sich bei den Spielen in Peking mit extrem niedrigen Temperaturen in der Loipe herum. Da ist das letzte, was man noch brauchen könnte, ein durchnässtes Zuhause. Katri Lylynperä und andere Sportler trafen aber genau das an. Die finnische Langläuferin postete auf Instagram Videos, auf denen zu sehen war, wie ihre Behausung überflutet wurde. Das Wasser lief in Strömen aus der Decke und den Lampen – sodass eine ganze Gruppe von Helfern das finnische Haus vom Wasser befreien und trocknen musste.
Obwohl die Austragungsstätten der Spiele bereits im Voraus bekannt waren, sorgten die TV-Bilder der Big-Air-Schanze vor den Kühltürmen eines stillgelegten Stahlwerks für ungläubiges Staunen. Es war von «Spielen der Apokalypse und der Dystopie» die Rede.
Es passte ins Bild, das auch die anderen Austragungsstätte boten: Schnee war selbst im Skigebiet von Yanqing Mangelware. Lange waren die Olympia-Pisten weisse Streifen in einer braunen «Wüste». Erst am zweiten Sonntag, genau zur Hälfte der Spiele, fiel erstmals natürlicher Schnee.
Plötzlich standen die Skispringerinnen, die sonst nur wenig mediale Beachtung finden, in den Schlagzeilen. Denn im Mixed-Wettbewerb wurden fünf Springerinnen – unter anderem von Deutschland, Japan und Österreich – wegen nicht regelkonformen Anzügen disqualifiziert. Diese Nationen mussten ihre Medaillen-Hoffnungen von einem Moment auf den anderen begraben.
Daraufhin entbrannte eine öffentliche Schlammschlacht zwischen den betroffenen Verbänden und den verantwortlichen Richtern. Der deutsche Bundestrainer Andreas Bauer sprach von einem Skandal und sagte: «Die Athletinnen sind vor einem Millionenpublikum regelrecht vorgeführt worden.»
Wettkampf-Richterin Agnieszka Baczkowska wies die Kritik zurück und sagte: «Was soll ich machen, wenn jemand mit einem Anzug springt, der zehn Zentimeter zu gross ist? Das sah man mit blossen Augen.»
Im Shorttrack profitiert China zweimal von Disqualifikationen und holt jeweils Gold. Die Entscheidungen der Jury sorgen für heftige Diskussionen. In der Mixed-Teamstaffel im Shorttrack verpasste Olympia-Gastgeber China den Finallauf. Beim Herren-Rennen über 1000 Meter überquerte ein Läufer aus Ungarn im Final als erster Athlet die Ziellinie. Die Goldmedaillen in beiden Rennen gingen an: China.
Im ersten Fall erreichte China noch den Final, weil mit Russland und den USA zwei der drei Halbfinal-Konkurrenten wegen angeblicher Fouls im Rennen nachträglich disqualifiziert wurden. Besonders über die Disqualifikation der USA wurde reichlich diskutiert. Die Amerikaner sollen China entscheidend beim Abklatschen vom einen zum anderen Läufer blockiert haben. Dass China dann aber gar nicht zum Abklatschen kam und das Staffelrennen damit gar nicht beendet haben kann, wurde nicht geahndet.
Kwak Yoon-gy aus der Shorttrack-Hochburg Südkorea äusserte seine Bedenken an der Jury-Entscheidung, die per Videobeweis fiel: «Wäre es ein anderes Land als China in dieser Situation gewesen, hätte ich mich gefragt, ob die Mannschaft trotzdem das Finale hätte erreichen dürfen.»
Auch der zweite Fall erweckte nicht den Eindruck, dass für alle das gleiche Strafmass zur Anwendung käme. Als der Chinese Ziwei Ren und der Ungar Liu Shaolin Sandor im wahrsten Sinne um Gold kämpften, sich kurz vor dem Ziel gegenseitig zogen, zerrten und blockten, wurde lediglich der Ungar, der sich als Erster über die Ziellinie warf, bestraft.
Der Olympia-Skandal, der sich am längsten hinzog, war jener um das russische Eiskunstlauf-Wunderkind Kamila Valieva. Nach dem Mannschaftswettkampf war bekannt geworden, dass bei der 15-Jährigen in einer Doping-Probe vom Dezember das leistungsfördernde Herzmedikament Trimetazidin gefunden wurde. Deshalb wurde die Medaillen-Zeremonie im Mannschaftswettkampf zuerst verschoben, dann ganz abgesagt.
Die junge Russin wurde sofort gesperrt, doch einen Tag später entschied der Sportgerichtshof CAS, dass Valieva doch zum Einzelwettkampf antreten dürfe, weil sie als minderjährige Athletin besonderen Schutz geniesse. Die lokalen Organisatoren und der internationale Eiskunstlaufverband (ISU) entschieden ihrerseits aber: Läuft Valieva aufs Podest, gibt es wieder keine Medaillenzeremonie.
So weit kam es aber gar nicht. Die Topfavoritin hatte nach dem Kurzprogramm zwar noch geführt. Doch der Druck mit den tagelangen, hitzig geführten Diskussionen rund um ihre Person wurde zu gross. Valieva lief eine fehlerhafte Kür und fiel auf den vierten Rang zurück. Gold erbte Landsfrau Anna Shcherbakova, Silber ging mit Alexandra Trusova ebenfalls an eine Russin, doch so richtig glücklich wollte nach dem Wettkampf kaum jemand sein.
Während Olympiasiegerin Shcherbakova in ihrem Moment des Triumphs komplett allein gelassen wurde, drangsalierte die russische Trainerin Eteri Tutberidze die am Boden zerstörte Valieva mit Fragen wie «warum hast du aufgegeben?». Gleichzeitig schrie Trusova ihren Frust aus dem Leib und drohte mit dem sofortigen Rücktritt. Der Doping-Befund überschattete die Wettkämpfe im Eiskunstlauf bis zur letzten Einzel-Entscheidung.
Der Jubel im Schweizer Ski-Cross-Team veränderte sich nach dem Frauen-Final plötzlich in Unglauben und Frust. Fanny Smith, die wenige Augenblicke zuvor die Bronzemedaille holte, wurde auf Rang 4 zurückversetzt. Zum Verhängnis wurde ihr ein angebliches Vergehen gegen die Deutsche Daniela Maier.
Somit erbte Maier Bronze – ein Entscheid, der sogleich für erhitzte Gemüter sorgte. SRF-Kommentator Dani Kern bezeichnete dies als «Skandal» und auch Expertin Sanna Lüdi, selber eine Skicrosserin, konnte den Entscheid nicht verstehen. «Das ist einfach nur ein Witz, man kann es nicht anders sagen», so die 36-Jährige, «eine solche Situation geht so schnell. Sie hat einfach das einzige gemacht, was in dieser Situation möglich war.»
Auch Smith selbst konnte den Entscheid nach dem Rennen nicht fassen. «Das ist ein Witz», sagte die Romande zu einer Zuständigen der FIS, welche erwiderte, man habe sich die Situation mehrmals angeschaut, ehe man entschieden habe. Smith versuchte daraufhin zu erklären, der Zwischenfall sei nicht absichtlich gewesen. «Der Ski ist verkantet. Kann den niemand in der Jury Ski fahren?», fragte sie. Doch auch sämtliche Diskussionen halfen Smith nicht weiter.
Selbst Maier, die von Smith die Bronzemedaille erbte, konnte zu Beginn kaum fassen, was passiert war. Gleich nach dem Jury-Entscheid stand sie Smith zur Seite und beteuerte immer wieder, die Disqualifikation sei unfair.
Die französische Zeitung «L'Équipe» nutzte die Zeit in China für ein Interview mit der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai. Die 36-Jährige hatte am 2. November über die chinesische Plattform Weibo erklärt, der ehemalige Vize-Regierungschef Zhang Gaoli habe sie zum Sex gezwungen. Danach verschwand sie zunächst von der Bildfläche.
«Ich habe nie behauptet, dass mich jemand in irgendeiner Weise sexuell belästigt hat», sagte Peng im Interview mit «L'Équipe». Auf die Frage, warum der Beitrag verschwunden sei, antwortete sie: «Ich habe ihn gelöscht.» Auf die Frage, warum sie ihn gelöscht habe, meinte Peng: «Warum? Weil ich es wollte.» Sie sprach auch von einem «grossen Missverständnis» nach ihrem Beitrag und sagte, dass sie nie verschwunden gewesen sei. Es sei ihr aber unmöglich gewesen, auf so viele Nachrichten zu antworten.
Zweifel blieben in der westlichen Welt dennoch, denn wie «L'Équipe» schrieb, lief das Interview unter seltsamen Umständen ab. Das Gespräch wurde in Anwesenheit des Stabschefs des Chinesischen Olympischen Komitees, Wang Kan, geführt. Pengs Antworten wurden von ihm übersetzt. Sämtliche Fragen mussten die Journalisten vorab einreichen. Und nicht alle geplanten Fragen durften gestellt werden.
Mit scharfen Zurechtweisungen reagierte eine Sprecherin von Chinas Olympia-Organisatoren auf kritische Fragen internationaler Medienvertreter. Berichte über Lager für die muslimische Minderheit der Uiguren in der Provinz Xinjiang seien nichts als «Lügen», sagte Yan Jiarong während einer Pressekonferenz in Peking.
Mehrfach ergriff die sonst bei den täglichen Runden mit Journalisten oft stille Sprecherin nach Fragen an Mark Adams, Sprecher des Internationalen Olympischen Komitees, ungefragt das Wort, um Chinas politische Position darzustellen.
Auch Yan Jiarong betonte zwar mehrfach, man solle die Politik nicht mit Sport vermischen. Bei Fragen nach der Teilnahme von Taiwan an der Eröffnungsfeier aber griff sie ebenfalls mit einer politischen Stellungnahme im Sinne von Chinas Führung ein: «Ich möchte betonen, dass es nur ein China in der Welt gibt. Taiwan nimmt hier als Teil von China teil und ist ein untrennbarer Bestandteil von China.»
Nach Silber im Slopestyle galt die Snowboarderin Julia Marino auch in der olympischen Big-Air-Konkurrenz als aussichtsreiche Medaillenkandidatin. Doch der Wettkampf fand ohne die 24-jährige Amerikanerin statt.
Grund war Marinos Board. Das IOC habe ihr verboten, damit zu fahren. Denn das Internationale Olympische Komitee hält die Luxusmarke «Prada» nicht für eine Sportartikelmarke. Dass der Schriftzug auf dem Brett zu lesen war, war für das IOC nichts anderes als Schleichwerbung.
Marino wunderte sich über den Bescheid der Funktionäre – denn im Slopestyle-Wettbewerb war ihr Sportgerät nicht beanstandet worden. «Am Abend vor dem Big-Air-Wettbewerb sagte mir das IOC, dass mein Board nicht mehr zulässig ist. Sie sagten mir, dass sie mich disqualifizieren würden, wenn ich das Logo nicht verdecke», erklärte die Sportlerin. Weil das nicht möglich war, musste Marino vorzeitig abreisen.
Roger Federer sitzt an jenem Donnerstag, 15. September 2022, im Zürcher Nobelhotel Baur au Lac nahe des Bürkliplatzes, als er kurz nach 15.00 Uhr bekannt gibt, dass er nicht mehr auf den Tennisplatz zurückkehrt. In seiner Mitteilung spricht der Baselbieter er von einem «bittersüssen Moment»