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Nach der Entführung und Ermordung des fünfjährigen Mädchens Ylenia vor einem Jahr wurde viel darüber diskutiert, wie dieses tragische Ereignis hätte verhindert werden können. Zur Diskussion stand ein Alarmsystem mit Bild des vermissten Kindes via Mobiltelefon.
Der Fall Ylenia vor einem Jahr hat in der Schweizer Bevölkerung für viel Bestürzung gesorgt. Das fünfjährige Mädchen aus dem Kanton Appenzell wurde am 31. Juli 2007 entführt und Mitte September tot aufgefunden.
Sein Entführer, ein 67-jähriger Auslandschweizer, beging Suizid. Laut Polizeiangaben soll der Täter seine Tat im Voraus geplant und das Mädchen vergiftet haben.
Charlotte Lenhard, Ylenias Mutter, sagte gegenüber der Schweizer Illustrierten, ihre Tochter sei ständig in ihren Gedanken.
"Wenn ich draussen Kinder spielen sehe, mit denen Ylenia früher zusammen war, ist es fast nicht zum Aushalten", sagte sie.
Der Schock über Ylenias Tod hatte auch ihre Auswirkungen auf die Politik: Vergangenen Dezember stimmte das Schweizer Parlament für die Einführung eines Alarmsystems.
Mit diesem Alarmsystem könnte aufgrund einer polizeilichen Verfügung über Mobiltelefonie-Anbieter eine Multimediamitteilung (MMS) mit dem Bild des vermissten Kindes, dessen Signalement sowie eine Rufnummer versandt werden.
Ein ähnliches System mit Textmeldungen über Mobiltelefone gibt es bereits in Kanada, den USA und Frankreich.
Umsetzung
Das landesweite MMS-System soll von den Kantonen koordiniert werden, die in der Schweiz für solche Fragen zuständig sind.
Zur Zeit wird der Vorschlag von einer Arbeitsgruppe innerhalb der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJP) geprüft.
Wie Stefan Leutert, wissenschaftlicher Mitarbeiter der KKJP gegenüber swissinfo erklärte, müssen viele Aspekte des Systems - das erste dieser Art in der Schweiz - noch diskutiert werden.
"So muss die Frage geklärt werden, wer den landesweiten MMS-Alarm auslösen würde. Wird der Alarm aktiviert, muss sicher sein, dass das Kind wirklich entführt wurde und nicht einfach mit anderen Kindern am Spielen ist, statt direkt von der Schule heimzukommen", sagte Leutert.
"Es gibt also nicht nur technische Fragen, die geprüft werden müssen, sondern auch der praktische Ablauf", erklärte er. Häufiger Fehlalarm würde der Wirksamkeit des Systems schaden.
Der Schlussbericht soll im nächsten Jahr vorliegen. Wird er von der Konferenz gutgeheissen, könnte das System 2010 in Kraft treten. Eine Text-Botschaft mit einem Link im Internet, die alle Informationen über das betroffene Kind enthält, wird ebenfalls in Betracht gezogen.
Zusätzliche Hilfsmittel
Das geplante Alarmsystem, für das sich die Leute registrieren müssten, ist laut Leutert ein Zusatz zu bereits bestehenden Massnahmen. Bislang setzte die Polizei die Medien ein, um Informationen über einen Entführungsfall zu verbreiten.
Ein Foto ist zudem noch keine Garantie, dass ein Kind wieder gefunden wird. "Ylenia wurde nach ihrem Verschwinden von niemandem mehr gesehen", so Leutert.
Der Appell für ein Alarmsystem ist nicht neu: Die Fredi Stiftung, eine private Organisation, die bei der Suche nach vermissten Kindern hilft, setzt sich seit langem dafür ein, dass mehr getan wird.
Im Juli reichte die Stiftung eine Petition mit 32'000 Unterschriften ein, welche die sofortige Schaffung eines Alarmsystems verlangt. Die Unterschriftensammlung begann vor dem Fall Ylenia.
"Wir möchten dieses Entführungs-Alarm-System so schnell als möglich umsetzen. Vor allem aber brauchen wir eine wirkungsvolle Zusammenarbeit zwischen den kantonalen Polizeibehörden und der Polizei", sagte Diane Burgy, Leiterin der Stiftung im Gespräch mit swissinfo.
"Die Leute sind bereit, zu helfen. Ylenias Leiche wurde letztendlich von einer Zivilperson gefunden", erklärte Burgy.
"Wir finden es zudem bedauerlich, dass das Internet nicht genutzt wird, um das Verschwinden eines Kindes zu publizieren".
Entscheidende Stunden
Laut Burgy sind die ersten Stunden nach dem Verschwinden des Kindes entscheidend. Umliegende Gebiete und Länder müssten ebenfalls umgehend alarmiert werden.
So sollen die Behörden sechs Tage gewartet haben, bis sie die Nachbarkantone über den Fall Ylenia informierten. Zehn Tage gar, bis Österreich in Kenntnis gesetzt wurde.
Ylenias Mutter sagte gegenüber der Schweizer Illustrierten, sie sei enttäuscht darüber, dass nicht umgehend ein Alarm ausgelöst worden sei.
"Es heisst immer, die meisten Kinder, die verschwinden, würden ausreissen", sagte die Leiterin der Fredi Stifung. "Es stimmt auch, dass wir bisher in der Schweiz relativ wenige Kriminalfälle dieser Art hatten. Aber rechtfertigt dies, untätig zu bleiben? Wir müssen uns für die Zukunft wappnen."
swissinfo, Isobel Leybold-Johnson
(Übertragung aus dem Englischen: Gaby Ochsenbein)
Der Fall Ylenia
Ylenia aus dem Kanton Appenzell in der Ostschweiz wurde am 31. Juli 2007 zuletzt bei einem Schwimmbad an ihrem Wohnort gesehen.
Am selben Abend fand die Polizei ihren Rucksack und Velohelm sowie das Trotinett an einem Wegrand nahe eines Waldes.
Am 1. August fand die Polizei in diesem Wald die Leiche eines 67-jährigen Auslandschweizers, der sich erschossen hatte. Einen Tag zuvor hatte er dort in er Nähe einen 46-jährigen Mann angeschossen und verletzt.
Ylenias Leiche wurde am 15. September gefunden. Sie war vergiftet worden. Laut den Behörden gab es keine Anzeichen für sexuellen Missbrauch. Das heisst aber nicht, dass die Absicht der Entführung keinen sexuellen Grund hatte.
Die Akte Ylenia wurde Ende Juli 2008 offiziell eingestellt.
Die Ylenia Stiftung wurde von Charlotte Lenhard in Erinnerung an ihre Tochter errichtet. Spendengelder kommen bedürftigen Kindern zugute.
Alarmsystem
Der "Amber Alert" ist eine freiwillige Zusammenarbeit zwischen Justizbehörden und den Massenmedien.
Bei Kindsentführungen wird die Öffentlichkeit via Rundmeldungen auf den Fall aufmerksam gemacht. Amber ist der Vorname eines 1996 in den USA entführten und ermordeten Mädchens, aber auch für "America's Missing: Broadcasting Emergency Response".
England, Wales und Kanada kennen ähnliche Alarmysteme.
In Frankreich werden auf Tafeln an Autobahnen innert 30 Minuten nach der Bestätigung einer Entführung elektronisch Informationen über das vermisste Kind aufgeschaltet.
Ein europaweites Alarmsytem war anfangs Jahr von den zuständigen Ministern abgelehnt worden. Es war von Kate und Gerry McCann vorgeschlagen worden, den Eltern des vermissten Mädchens Madeleine.