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28.01.2016 - Eva Caflisch
28.01.2016
Eva Caflisch
Malerei ist auch Musik
Designer in Stuttgart, nach 1933 Mitglied der Zürcher Konkreten, gehört Camille Graeser (1892-1980) zu den Wegbereitern der konstruktiv-konkreten Kunst der Nachkriegszeit.
Das Aargauer Kunsthaus legt den Fokus in seiner Präsentation auf Camille Graesers Verhältnis zur Musik. Im Zentrum stehen seine Loxodromischen Kompositionen, entstanden zwischen 1946 und 1955. Musikalische Klangmuster, Rhythmen und Harmonien finden ihren Niederschlag in Camille Graesers Werk. Im Nachlass fanden die Ausstellungsmacher nebst Skizzen und Zeichnungen auch private Notizen, die nicht nur Vorstudien von Werken sind, sondern auch direkt Bezug auf gehörte Musik nehmen.
Kolor-Sinfonik, 1947/51Musée de peinture et de sculpture, Grenoble © Camille Graeser Stiftung, Zürich / ProLitteris, Zürich
Das Regelwerk der konkreten Kunst vergleicht Graeser mit der Harmonielehre in der Musik. Damit ist seine Beschäftigung mit der nüchternen Formensprache weit weniger von der Theorie her definiert als bei Max Bill oder Richard Paul Lohse. Die konkrete Kunst definiert sich als demokratische, allen gleich gut zugängliche Kunstrichtung, bei der es um die Erforschung geometrischer Gesetzmäßigkeiten sowie der Farben geht. Sie lässt dem Betrachter die Interpretation völlig offen, da sie keine Geschichten erzählt, nichts abstrahiert. Ein konkretes Kunstwerk ist da, ohne eine Interpretation oder einen Sinngehalt vorzugeben.
Optische Musik, 1950, Von Bartha, Basel © Camille Graeser Stiftung, Zürich / ProLitteris, Zürich
Graeser sucht seine Inspiration, konkrete Kunst zu komponieren, in der Musik, bei Johann Sebastian Bachs Zyklus Kunst der Fuge, in der Zwölftontechnik von Arnold Schönberg, deren Prinzipien er auf verschiedene Weise in Malerei umsetzt, sowie der freien Tonalität von Paul Hindemith.
Ob Graeser zuhause einen Plattenspieler hatte, ist nicht bekannt, aber er besuchte oft Konzerte und hörte viel Musik. In den Loxodromischen Kompositionen verbindet er geometrische Formen wie das Quadrat und schräge, vertikale oder horizontale Balken rhythmisch miteinander, wobei er Grund-, Sekundär- und Komplementärfarben zueinander in dynamische Beziehung bringt: Rot-Grün, Gelb-Lila, Gelb-Blau auf schwarzem oder weissem Grund. Mit den Titeln unterstreicht der Maler, dessen virtuoser Umgang mit Material und Form den erfahrenen Designer und Konstrukteur zeigt, den Bezug zu Musik, zum Beispiel Optische Musik von 1950 oder Sinfonie der Farbe von 1946/50.
Prägend für den Schweizer, geboren 1892 in Carouge bei Genf, aufgewachsen in Stuttgart, war Adolf Hölzel, dessen Vorlesungen er nach einer Schreinerlehre besuchen konnte. Ihn faszinierte Hölzels Idee, analog zur symphonischen Musik eine neue, abstrakte oder auch „absolute“ Malerei zu entwickeln. Mit der Emigration nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten fand er in Zürich ein ideales Umfeld für seine Experimente, zumal er sich nun gänzlich auf die Kunst konzentrierte. Eine erste Einzelausstellung „Optische Musik“ findet 1951 in der Galerie 16 statt. 1975 erhält Graeser den Kunstpreis der Stadt Zürich, 1977 wird er zur documenta 6 in Kassel eingeladen.
Sinfonie der Farbe, 1946/50. Camille Graeser Stiftung, Zürich. © Camille Graeser Stiftung, Zürich / ProLitteris, Zürich
Die Ausstellung Camille Graeser und die Musik ist in Zusammenarbeit mit der Camille Graeser Stiftung sowie dem Kunstmuseum Stuttgart entstanden. Aus allen drei Sammlungsbeständen können Schlüsselwerke gezeigt werden, insgesamt sind es rund siebzig Gemälde, Zeichnungen und Skizzen, welche Graesers Bezug zur Musik erfahrbar machen.
Aber was wäre die Ausstellung ohne Musik? In einem Raum mit Sitzbank ertönen kurze Sequenzen von Bach, Hindemith und Schönberg als Klang-Illustration von Graesers Inspirationsquellen, während das Auge über drei Bilder der Serie Relationen schweift.
Relation mit fünfteiligem Drittel (Nonkomplementär 6:5:4), 1964 Foto: Kunstmuseum Stuttgart
© Camille Graeser Stiftung, Zürich / ProLitteris, Zürich
Ausserdem sind Führungen mit Musik geplant, also 40 Minuten kunsthistorische Erklärungen in der Ausstellung, 20 Minuten Konzert des Pianisten Tomas Dratva mit „neuen Tönen“ von Brahms über Schönberg bis Honegger.
Am 10. April, 15 Uhr gibt es ausserdem ein Konzert, bei dem die Loxodromischen Kompositionen wiederum Musik werden: Roland Dahinden hat seine Komposition für Cello Solo und 4-Kanal-Elektronik, interpretiert von Scott Roller, Cello, Loxodrom genannt, es ist ein räumlich-musikalisches Spiel mit Graesers malerischer Komposition.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, herausgegeben von der Camille-Graeser-Stiftung, Zürich, dem Kunstmuseum Stuttgart und dem Aargauer Kunstmuseum, Aarau erschienen. Wienand Verlag, Köln, 2015, 168 Seiten, 29 Franken.
Vernissage, Freitag, 29. Januar 18 Uhr
bis 10. April 2015, Aargauer Kunsthaus, Aarau