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Die beiden Verlagsgründerinnen in spe 1962
Bettina Zürcher,
Verlagsleiterin
Erfinderin des WIDUWYTT
Claudia Corrado(-Zürcher),
Verlagsfotografin
rechte und linke Hand der Verlagsleiterin
Seit wir uns erinnern können, wurde bei uns zuhause getippt, gedruckt, zusammengetragen, geheftet, verpackt, adressiert, verschickt.
Zuerst mit einer - aus unserer Zwergensicht riesigen - Umdruckmaschine mit Wachsmatrizen, welche unsere Mutter auf einer alten klapprigen Schreibmaschine tippte. Manchmal durften wir an der Kurbel der Umdruckmaschine drehen (oder wohl mehr dabei helfen). So wurden die Programme des Kerzenkreis hergestellt, und eine Zeitlang auch die Panidealistische Umschau.
Dann wurde der Walter Zürcher Verlag gegründet. 1966 das Buch "Roni Segal tanzt". Roni war auch unsere Tanzlehrerin, wir waren stolz auf dieses Buch mit den vielen schönen Bildern. Dann die apero's (Politerarisches Aperiodikum), zu Themen wie "politlyrik "modern mundart", "science fiction", "Dada im Mittelalter", "agit-pop", für die zahlreiche (später) bekannte Autoren (und eine oder zwei Autorinnen) Beiträge geschrieben haben. Urban Gwerders "Tilt". A Rh+ von Bernhard Giger, und noch einige mehr.
Wieder hat unsere Mutter (hauptberuflich Musikpädagogin, und bis zu unserer Schulzeit unsere beste Lehrerin) getippt, wir Kinder haben uns Taschengeld verdient mit Zusammentragen, später durften wir auch heften oder Adressetiketten aufkleben. Gedruckt wurde jetzt mit einer uralten schwarzen Offset-Maschine, mit Metallplatten. Ich habe mehrere Jahre in "Vati's Zimmer" geschlafen, mit dieser Maschine zu meinen Füssen, und einer ganzen Bibliothek um mich herum.
Anfang siebziger Jahre gab es eine Zeit, als sich die Druckerein der Deutschschweiz allesamt (freiwillig oder unter Druck) weigerten, "linke" Blätter zu drucken. Unsere Eltern waren nicht links (und auch nicht rechts), aber der Meinungsfreiheit zuliebe produzierten wir nun auch verschiedene "linke" oder sonst subversive Publikationen, wie den Focus (wo Vati auch in der Redaktion war, und den wir mit einer elektrischen IBM ins Reine tippten), die Agitation, und noch andere, deren Name ich vergessen habe. Deshalb erhielt unser Vater den Übernamen "Untergrund-Springer", nach dem damals allgegenwärtigen Springer-Verlag.
Vati konnte jetzt eine professionelle Offsetmaschine benutzen. Es gab dort auch eine Zusammentragmaschine (und keinen Taschengeldzustupf mehr für uns Kinder). Die Druckmaschine zu meinen Füssen wurde ein paar Gymnasiasten aus der Prima geschenkt, Mitglieder der Revolutionären Marxistischen Liga (RML), um damit die "Bresche" zu drucken. Sie kamen sie zu dritt abholen, schafften es aber nicht, sie die Treppe runterzutragen. Das besorgte dann, ganz allein, unser Bauern-Nachbar, ehemaliger Kranzschwinger, in dessen Welt man nicht fragte, in welcher Partei man war, sondern nur "Bisch ir Partei?" (nämlich der BGB, Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei).
In den achziger Jahren begann unser Vater selber zu schreiben. Zwei Bücher von ihm - "Alternative Therapien bei Krebs" und "Puls der Dinge" - erschienen im Bauer Verlag, was ihm wohl den in Wikipedia verliehenen, aber meiner Ansicht nach unzutreffenden Titel "Esoteriker" einbrachte. Ich selber verdiente mein Geld mit Programmieren und zwischendurch ein paar Jahre mit Strassenmusik. 1987, nach einer ersten Konfrontation mit Macht- und Geldgier, Intrigen, Neid und Eifersucht, beschloss ich einen Gegenpol zu setzen und begann mit der Produktion eines eigenen Aperiodikums - "Die Sonne", gratis und franko wie diese.
Fast gleichzeitig plante Wale wieder einen eigenen Verlag - den BARA-Verlag. Ich hatte Lust, dabei mitzumachen, hatte damals gerade eine gutbezahlte Stelle gefunden und konnte die nötigen Finanzen beisteuern. Wir kauften - da man gemäss Marx seine eigenen Produktionsmittel besitzen sollte - wieder eine Offesetmaschine. 1989 erschienen "Und sie können es doch - Grüsse aus den Philippinen" (über philipinische Heiler) von Elsa Scheidegger und eine Wiederauflage von "Dada im Mittelalter" von Sergius Golowin. 1991 der erste - und leider letzte - Band, "Grundriss", einer geplanten Reihe "Physiognomische Studien" von Walter Zürcher.
Ich wollte zuviel auf einmal. Ich stellte zusätzlich zu Wale auch noch Ester Adeyemi an, um Recherchen und Interviews zu führen mit noch lebenden Exponenten von Kerzenkreis und Panidealisten. Dann ging mir das Geld aus, und der BARA-Verlag wurde aufs Eis gelegt. Ester Adeyemis mit viel fachlicher und menschlicher Kompetenz ausgeführte Arbeit floss später in Fredi Lerch's Buch "Begerts letzte Lektion" ein, auf dessen Titelbild unsere beiden Eltern abgebildet sind, und in dem Walter und sein Bruder Zeno Zürcher eine tragende Rolle spielen (die Frauen wirkten in dieser Zeit auch bei den Progressiven noch weitgehend im Hintergrund).
Es tut mir heute leid, dass ich wegen meines Überschwangs meinen Vater nicht weiterhin unterstützen konnte und er wieder eine Teilzeitarbeit aufnehmen musste. Sein Hauptwerk, ein Buch über das "Ich", an dem er über zehn Jahre geschrieben hat (und das unsere Mutter immer wieder für ihn ins Reine getippt hat), wurde zwei Tage vor seinem Tod am 28. April 2007 erst in einer Rohversion fertig. Es wartet noch immer im Keller auf die Überarbeitung.
2003 erschien noch ein Nachzügler im BARA-Verlag: "Blitzge" von Ruth Margot. Ein Bildband. Diesmal in hoher Qualität von der damaligen Druckerei Graf-Lehmann gedruckt. Und der erste Anstoss zur Entwicklung des WIDUWYTT:
Ich hatte grosse Freude an diesem Buch, ich liebe Ruth Margots Blitzge-Bilder, subtilen Kribbel- und andere Texte. Aber eigentlich fand ich es schade, sie in Form eines gebundenen Buches zu veröffentlichen. Wenn man Bilder in Bildbänden anschauen will, muss man diese zuerst einmal aus dem Regal hervorholen. Dann aufmachen. Die Seiten mit der Hand flachdrücken, und oft verdeckt man dabei einen Teil des Bildes.
Seither habe ich immer wieder neue Ideen entwickelt und verworfen, wie man mehrere Bilder und Texte zusammen präsentieren könnte. In höchstmöglicher Druckqualität. Und so, dass man sie leicht auswechseln kann, an der Wand aufgehängt oder auf dem Tisch stehend präsentieren und einfach und sicher versorgen und wieder finden und hervorholen kann.
Letztes Jahr, im Mai 2015, bin ich eines Morgens aufgewacht mit einer fast unglaublich einfachen Lösung vor Augen. Ich habe sie sofort ausprobiert, mit Vorhangstangen und Holzleisten und was ich grad im Haus hatte. Seitdem habe ich daran herumgetüftelt, und schliesslich ein Patent angemeldet. und damit ist auch der dringende Wunsch aufgetaucht, wieder zu publizieren, vor allem Kunst, aber auch vieles andere. Und diesmal auch einmal meine eigenen Bilder und Gedichte.
Der BARA-Verlag ist zur BARA EDITION Ton Bild Text geworden. Aurélien Domon von Orel Communication hat das ursprüngliche, von Ursula Jakob gestaltete BARA-Verlag Logo vielvarbig erweitert - magnifique. Und eine Druckmaschine haben wir auch wieder, wenn auch nicht in meinem Schlafzimmer (dort steht nur eine Werkbank). Und natürlich auch nicht eine Offsetmaschine, sondern einen Fineart-Printer der neusten Generation.
Als erstes kommt jetzt die Vermarktung des WIDUWYTT (alte berndeutsche Form für "Wie du willst"). Vor allem soll es mit mehr Inhalten gefüllt und mit Menschen und Organisationen und Projekten vernetzt werden. Und dann haben wir noch so viele Ideen und Pläne, viel zu viele sicher. Aber wir möchten hier nicht von Dingen reden, die noch nicht spruchreif sind.
Wichtig ist uns, dass BARA EDITION möglichst vielen Menschen einen WIDUWYTT-Rahmen bieten kann, in dem sie ihre eigenen Ideen und Träume verwirklichen und sich zahlreiche Fähigkeiten und Fertigkeiten aneignen können. Dass auch die serienmässige Produktion und der Vertrieb ein Schaffen werden, und nicht eine mühsame, entfremedete Arbeit.
Ein besonderes Anliegen ist es uns auch, Werke der (zum Teil schon verstorbenen) Weggefährten unserer Eltern (wieder) zu veröffentlichen. Diese werden heute oft als Nonkonformisten bezeichnet. Sie hielten sich nicht an die vorgegebenen Rahmen, sprengten sie und schafften damit auch Freiräume für die nachfolgenden Generationen. Das stimmt. Aber so wie ich es als Kind und Jugendliche mitbekommen habe, stand nicht das Sprengen von alten Formen im Vordergrund. Dies geschah nicht um seiner selbst willen, sondern dort, wo vorgegebene geschriebene und vor allem ungeschriebene Regeln das Schaffen von Neuem und die Lebensfreude zu stark einengten oder gar verhinderten. Die am häufigsten angewandten Aneck- und Aufmüpfmethoden waren nicht Gewalt und Polemik, sondern geistreiche und humoristische Interventionen, die oft alle Beteiligten, auch die Blossgestellten, zum Lachen und manchmal auch zum Nachdenken brachten.
Zu guter Letzt: Nonkonformismus ist nicht eine geschichtliche Periode, die so ungefähr zwischen den fünfziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts stattfand. Nonkonformismus ist eine Geisteshaltung, die wir heute nötiger haben denn je - und auch heute geht es nicht in erster Linie um das Sprengen von alten Formen und Regeln, sondern um das gemeinsame Suchen nach neuen, welche immer mehr allen Menschen auf dieser Erde ein erfülltes Leben und Schaffen ermöglichen. Was auch heute nicht gehen wird, ohne bestehende Rahmen zu sprengen, mit allen damit verbundenen Risiken.
Zu diesem Prozess soviel wie möglich beizutragen, mit den Mitteln, die uns jeweils zur Verfügung stehen und am geeignetsten scheinen, ist das Hauptanliegen der BARA EDITION.
Bettina Zürcher, April 2016