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Unverhofft ist das Sozialarchiv zu einem spannenden Filmbestand gekommen: Rund 60 Propagandafilme aus dem Kalten Krieg sind nun online zugänglich. Sie stammen aus der Sowjetunion und der DDR und kamen auf nicht mehr vollständig rekonstruierbaren Wegen in die Schweiz, wo sie zuletzt beim Sammler Roland Gretler landeten.
Eine handschriftliche Notiz – «Filmbestand Wälli Moser» – war lange Zeit die einzige Information über mehrere Dutzend Filmrollen, die im Keller des «Panoptikums zur Sozialgeschichte» von Roland Gretler im Zürcher Schulhaus Kanzlei lagerten. Anlässlich der Übernahme des Panoptikums nach dem Tod Gretlers stellte sich heraus, dass er selber die Filme gar nie geschaut oder anderweitig verwendet hatte. Ebenso fehlten weitere schriftliche Hinweise, die über Herkunft, Inhalt oder Verwendung der Filme hätten Auskunft geben können. Es blieb also nur der Weg über den Visionierungstisch, ein Gerät aus der mittlerweile verblichenen Zeit des analogen Films, welches das Abspielen von 16mm-Filmen ermöglicht.
Im Sommer und Herbst 2021 schauten sich die beiden Projektmitarbeiter Basil Biedermann und David Schlittler die Filme integral an und protokollierten in einer Tabelle formale, konservatorische und inhaltliche Aspekte. Diese Informationen liefern die Basis für die archivische Bewertung, also für den Entscheid, was mit dem Material geschehen soll. In der Regel wird historisch wertvolles Material digitalisiert, damit Zugänglichkeit und Erhaltung gewährleistet sind. Nur wenn der physische und chemische Zustand dies nicht erlaubt und auch eine Restaurierung nicht möglich ist, wird Filmmaterial entsorgt – in diesem Fall war das glücklicherweise nicht nötig.
Das erste Fazit nach der Visionierung: Wälli Mosers Sammlung besteht fast ausschliesslich aus Propaganda- und Imagefilmen aus der Sowjetunion und der DDR. Weil viele Filme über einen deutschen (oder französischen) Kommentar verfügen, liegt die Vermutung nahe, dass sie auch für ein deutschsprachiges Publikum produziert wurden. Recherchen ergaben schliesslich, dass Walter Moser Mitglied der Basler PdA war. Ausserdem engagierte er sich in den sogenannten Freundschaftsgesellschaften wie der Gesellschaft Schweiz-UdSSR. Er war im Besitz eines 16mm-Projektors und hat vermutlich an Veranstaltungen dieser Freundschaftsgesellschaften oder der PdA als Filmoperateur fungiert. Er sammelte und lagerte die Kopien bei sich zu Hause und später in einer Garage, bis die fehlende Nachfrage nach solchen Filmen und das Aussterben der analogen Formate die Rollen obsolet machte. Roland Gretler holte sie dann 2003 von Basel nach Zürich, wo sie im Schulhauskeller verstaubten.
Walter Moser und seine Vorgänger als Filmoperateure dürften einiges zu tun gehabt haben. Ein Blick in die Akten der Gesellschaft Schweiz-Sowjetunion (SozArch Ar 23) zeigt, dass Filme zumindest in den 1950er Jahren eine tragende Rolle in der Organisation spielten. Die Gesellschaft war 1944 zum Zweck der Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Staaten gegründet worden. Gegenseitige Besuche und ein kultureller Austausch sollten das Misstrauen ausräumen, das im Westen gegenüber dem riesigen kommunistischen Land vorherrschte. In grösseren Städten der Schweiz entstanden lokale Ableger der Gesellschaft Schweiz-Sowjetunion. Für die Ortsgruppe Basel ist belegt, dass es monatlich mindestens eine Filmvorführung gab. Gezeigt wurden (oft im Unionssaal des Volkshauses) Spielfilme, Literaturverfilmungen, Dokumentarfilme über technische Meisterleistungen oder Landschaftsporträts (SozArch Ar 23.10.6).
Unser Visionierungstisch für analoges Filmmaterial (Foto: Basil Biedermann)
Veranstaltungsprogramm der Gesellschaft Schweiz-Sowjetunion (SozArch Ar 23.10.6)
Veranstaltungsprogramm der Gesellschaft Schweiz-Sowjetunion (SozArch Ar 23.10.6)
Doch zurück zur Bestandesbearbeitung im Sozialarchiv: Nach der Visionierung sollte eine gründliche Recherche in verschiedenen Datenbanken Klarheit darüber bringen, ob die Filme allenfalls schon anderswo in einer Gedächtnisinstitution aufbewahrt werden und vielleicht sogar schon digital zugänglich sind. Weil die Digitalisierung ziemlich kostspielig ist, lohnt sich dieser Schritt unbedingt. Hierfür durchsuchten die beiden Projektmitarbeiter die Datenbanken internationaler Filmportale und nationaler Kinematheken. Das Resultat war einigermassen erstaunlich: Obwohl es sich bei fast allen Filmen um industriell gefertigte Massenware handelt, haben die wenigsten im Internet irgendwelche Spuren hinterlassen. Natürlich heisst das noch lange nicht, dass nicht irgendwo auf der Welt noch weitere Kopien vorhanden sind. Im Zweifelsfall aber bedeutet für uns der fehlende Online-Nachweis das Gut zur Digitalisierung.
Eine Ausnahme stellen die Produktionen der DEFA dar, der ehemaligen staatlichen Filmproduktion der DDR. Eine Kontaktaufnahme mit der DEFA-Stiftung, die 1999 zur Rettung des Filmschaffens der DDR gegründet wurde und sich seither vorbildlich um den Nachlass kümmert, ergab nämlich, dass die Sammlung Moser tatsächlich DEFA-Filme enthielt, die im Stiftungsarchiv noch nicht vorhanden waren. Im Sinne der Vollständigkeit des DEFA-Archivs wurden deshalb 28 Rollen ins Deutsche Bundesarchiv transferiert, wo die Stiftung die Originale aufbewahrt. Die verbleibenden 60 Filme im Umfang von 90 Filmrollen wurden von Frühling bis Herbst 2022 vom Lichtspiel in Bern digitalisiert.
In den letzten Monaten entstanden nun anhand der digitalen Dateien die ausführlichen Beschreibungen. Sie bestehen aus einem Abstract und einer detaillierten Inhaltsbeschreibung, die an Timecodes gebunden ist. Vor allem Letzteres ist enorm zeitaufwändig, bringt allerdings für die Recherche immense Vorteile: Dank der Volltextsuche findet man in kurzer Zeit den gewünschten Filmausschnitt, ohne den ganzen Film anschauen zu müssen.
Der Grossteil der Filme stammt aus den 1950er bis 1970er Jahren. In Moskau, Leningrad, Minsk und Kiew betrieb die sowjetische Filmindustrie grosse Produktionsstätten für Dokumentar- und Spielfilme. Deren Output war einerseits für den heimischen Markt gedacht, gelangte aber vielfältig synchronisiert auch in den Westen und wurde dort über die sowjetischen Botschaften in die Programme der Freundschaftsgesellschaften eingespeist. Inhaltlich sind die Filme darauf getrimmt, ein möglichst positives Bild der Sowjetunion zu vermitteln. Die Leistungen auf wirtschaftlichem, technischem, sportlichem und sozialem Gebiet werden in professionell gemachten, meist kurzen Filmen hervorgehoben. Der Film «Für den Menschen» von 1966 schildert zum Beispiel die Errungenschaften des sowjetischen Gesundheitswesens anhand des Schicksals eines Schlossers in Kiew: Bei einer Vorsorgeuntersuchung in seinem Maschinenbauwerk klagt er über Schmerzen im Oberbauch. Zur Abklärung wird er in die Klinik «Oktoberrevolution» eingewiesen, «eine von 266 medizinischen Einrichtungen in Kiew». Bei den umfassenden Untersuchungen werden ein eindrücklicher Maschinenpark, moderne Labore und eine umfassende Krankenpflege ins rechte Licht gerückt. Danach steht die Diagnose fest: Der Schlosser leidet an einer Gallenblasenentzündung und wird vom leitenden Professor persönlich operiert, «einem einfachen und freundlichen Mann». Nach der Operation unterhält sich das Ärztekonsilium über die weiteren Behandlungsschritte und entlässt den Schlosser wieder an seinen Arbeitsplatz. Der Kommentar weist darauf hin, dass die ganze Behandlung kostenlos war und der Schlosser wie alle anderen kranken Arbeiter:innen während des gesamten Spitalaufenthalts 90% seines Lohns erhielt.
Andere Filme sind Propaganda in Reinkultur. Im Oktober 1973 gelang es der Sowjetunion, in Moskau einen «Weltkongress der Friedenskräfte» auszurichten. Vertreter:innen von über 1’000 Organisationen weltweit folgten der Einladung. Die rund halbstündige filmische Dokumentation beginnt mit einer pathetischen Ansprache an den Planeten Erde, der vielerorts (Naher Osten, Kambodscha, Südafrika…) in kriegerische Ereignisse verstrickt sei. Das propagandistische Machwerk gipfelt in der Rede Leonid Breschnews – ihm wurde während des Kongresses der «Internationale Leninpreis für die Festigung des Völkerfriedens» verliehen. Geschickt inszeniert der Film die diverse, internationale Beteiligung am Kongress. Vertreterinnen kenianischer Frauengruppen kommen ebenso zu Wort wie der damalige UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim. Einen emotionalen Höhepunkt bietet der Auftritt der Witwe des kurz vor Kongressbeginn gestürzten und verstorbenen chilenischen Präsidenten Salvador Allende. Sie berichtet über das Schicksal Chiles nach dem faschistischen Umsturz.
Propaganda für das sowjetische Gesundheitswesen (Filmstill/SozArch F 9093-023)
Die Sowjetunion als selbsternannte Garantin des Weltfriedens (Filmstill/SozArch F 9093-048)
Der gesamte Filmbestand (SozArch F 9093) ist ab sofort online verfügbar.
Sodafabrik Zurzach: Abwassereinleitung in den Rhein, 1975 (Foto: Günter Sokolowski/SozArch F Fd-0007-016)
Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Schweiz radikal umgebaut: Der Verbrauch fossiler Brennstoffe schiesst in die Höhe, Autobahnen werden erstellt, die kommerzielle Nutzung der Atomkraft hält Einzug. Badeverbote in Seen und Flüssen, vergiftete Obstplantagen und die Zubetonierung der Landschaft sind die Folgen. Gegen diese Entwicklung wehren sich Natur- und Umweltschutzorganisationen. Die entsprechenden Auseinandersetzungen werden auch im Film und in der Fernsehberichterstattung geführt.
Die Vernissage der Publikation findet in passender Umgebung in der Kläranlage Werdhölzli statt. Dort zeigen und kommentieren die Autoren Filmausschnitte und es gibt eine kleine Führung mit einem Überraschungsgast. Für Speis und Trank ist gesorgt. Wir freuen uns, an einem hoffentlich lauschigen Frühsommerabend mit Ihnen auf die Publikation anzustossen!
Mittwoch, 7. Juni 2023, 18 Uhr Grillstelle Werdhölzli, Bändlistrasse 148, 8064 Zürich Die Veranstaltung findet draussen statt (gedeckter Pavillon). Anreise mit dem Tram: Linie 17 Richtung Werdhölzli bis Endstation, dann zu Fuss.
Fotos und Filme aus dem Bestand des Kaufmännischen Verbands der Schweiz
Der Kaufmännische Verband ist der grösste und traditionsreichste Angestelltenverband der Schweiz. Er wurde bereits 1873 gegründet und vereinte zu seinen besten Zeiten in den 1970er Jahren über 80’000 Mitglieder. Das umfangreiche Archiv gelangte 2021 ins Sozialarchiv. Nun sind neben dem Schriftgut auch die Fotos und Filme fertig bearbeitet.
Der Bildbestand umfasst fast 2’000 Einheiten. Besonders eindrücklich sind die über 400 Glasdias. Es handelt sich dabei um eine bis weit ins 20. Jahrhundert verbreitete, qualitativ meist hochwertige Reproduktionsform von Fotos. Im Fall des Kaufmännischen Verbands geben sie Einblicke in den Arbeitsalltag von Büroangestellten aus Industrie und Handel. Gut erkennbar sind auf vielen Dias neben den Büroeinrichtungen auch die zeitgenössischen Büromaschinen. Allgegenwärtig etwa sind Schreibmaschinen und Telefone. In den grösseren Städten stellte der Verband seinen Mitgliedern Lesesäle und Bibliotheken zur Verfügung, ein Ausdruck des hohen Stellenwerts der beruflichen Weiterbildung.
Zahlenmässig noch besser vertreten sind Aufnahmen sogenannter Scheinfirmenmessen. An diesen Anlässen massen sich Teams fiktiver Firmen mit ihren kaufmännischen Fertigkeiten und warben um Kundschaft. Die Anlässe fanden jährlich an verschiedenen Orten statt und dienten offensichtlich neben dem fachlichen Wettstreit auch der Geselligkeit unter den überwiegend jugendlichen Teilnehmenden.
Überraschend ist das (im Vergleich zu anderen Verbänden) reiche Filmschaffen. Dank der Digitalisierung kamen Aufnahmen ans Licht, die wohl seit Jahrzehnten vergessen waren. 1930 liess der Verband die Generalversammlung am Verbandssitz in Zürich filmen – ein an sich unspektakuläres Motiv. Neben beiläufig aufgenommenen Strassenszenen sind aber die damaligen Verbandsspitzen festgehalten und Szenen vor dem Kino Scala, wo «Der blaue Engel» gezeigt wurde. Aus dem gleichen Jahr gibt es einen 35mm-Film vom «Jungkaufleutetag» im Sommer in Solothurn. An diesem Anlass massen sich die KV-Lehrlinge in sportlichen Disziplinen.
In den 1950er Jahren entstanden gleich zwei Imagefilme, die sich im Wesentlichen an Berufseinsteiger wandten. Im Stummfilm «Hans will Kaufmann werden» von 1952 begleiten wir Hans auf seinem Weg von der Berufswahl bis zum Lehrabschluss. Motiviert wird er dabei von den Zwischentiteln im Film (siehe auch Titel dieses Beitrags). 1953 folgte die professionelle Produktion «Vom kleinen Ich zum grösseren Wir» der Condor Film AG. Das «Volksrecht» stellte in der Filmrezension mit einiger Genugtuung fest: «Aus dem ‘Stehkragenproletarier’, der geruhsam mit dem Gänsekiel seine dicken Bücher vollschrieb und peinliche Distanz gegenüber dem Arbeiter bewahrte, ist längst ein Arbeitnehmer geworden, der vor ganz ähnlichen Problemen steht wie die Betriebsarbeiter.» 1966 folgte schliesslich mit «Die kaufmännischen Berufe» der Versuch einer Imagekorrektur des Berufsbildes. Der Film präsentiert die Tätigkeitsfelder von Kaufleuten in all ihren Facetten, vom Buchhalter über die Lochkartenspezialistin, von der fremdsprachengewandten Diplom-Korrespondentin bis zum Börsianer am Ring.
Wussten Sie, dass die Stones schon 1964 in einem Werbespot für Kellogg’s Rice Krispies auftraten? Oder dass die Band auf ihrer Tournee 1990 auch in der Tschechoslowakei Halt machte und dabei von Staatspräsident Vaclav Havel auf der Prager Burg empfangen wurde? Die Sammlung von Felix Aeppli trägt diese und tausende weiterer Perlen aus dem immensen Wirken der Band zusammen. Weltweit wohl einzigartig ist diese einstmals private Sammlung nun öffentlich im Sozialarchiv zugänglich.
Die Stones sind ein Pop-Phänomen erster Güte. Die Band feierte dieses Jahr ihr 60-jähriges Bestehen. Der Historiker Felix Aeppli beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Band und gehört zu den renommiertesten Rolling-Stones-Forschern. Dabei ist eine monumentale Sammlung entstanden, die er im Jahr 2016 dem Sozialarchiv vermacht hat.
Die Sammlung besteht aus physischen Tonträgern und digitalen Dateien. Die Nutzung findet im Lesesaal statt, alle im Haus befindlichen Schallplatten können bestellt werden. Die Digitalisate können an allen öffentlichen PC-Stationen konsultiert werden. Eine Ausleihe von Material ist ebenso ausgeschlossen wie der Download von Files.
Der Schlüssel zur Nutzung ist das Werkverzeichnis, das von Felix Aeppli in akribischer Arbeit aufgebaut wurde; es wird regelmässig aktualisiert und ist unter http://aeppli.ch/tug.htm verfügbar. Es lohnt sich unbedingt, vorab die Rubrik FAQ zu konsultieren, die den Aufbau des Katalogs erklärt.
Das Hauptordnungskriterium sind die Werke der Rolling Stones. Jedem dieser Werke hat Aeppli eine Entry-Nummer hinzugefügt. Die 1966 erschiene LP «Aftermath» beispielweise hat die Entry-Nummer 0.109. Diese Nummer ist sowohl der Schlüssel für das Bestellen der LP in den Lesesaal als auch für das Aufrufen der digitalen Files an den Lesesaal-PCs. Im Verzeichnis sind die Entry-Nummern mit Farbcodes zusätzlich gegliedert: Gelb steht für «Studio Sessions», Lila für «Live & Media Shows» und Grün für «Releases».
Einer von über 3’000 Tonträgern
Screenshot «The Ultimate Guide»: An den PC-Stationen im Lesesaal steht das ganze Audio- und Video-Universum von und zu den Stones bereit
Aeppli hat im Lauf seiner Sammeltätigkeit über 3’000 physische Träger (LPs, Singles, DVDs) zusammengetragen. Was auf diesen physischen Trägern ist, ist auch digital vorhanden. Zusätzlich gibt es über 6’000 Video-Dateien, die den gesamten Zeitraum ab 1962 abdecken. Diese Liveauftritte, Interviews, Newsbeiträge und Hintergrundberichte sind eine einzigartige Quelle für die Erforschung des Phänomens «Rolling Stones». Sie zeigen nicht nur, wie sich die Band im Verlauf der Zeit präsentiert, sondern auch, wie radikal sich die mediale Wahrnehmung von Popmusik im Allgemeinen in den letzten sechs Jahrzehnten intensiviert und verändert hat.
Pio Pellizzari, Musikwissenschaftler und bis zu seiner Pensionierung 2019 Direktor der Fonoteca Nazionale in Lugano, diskutiert diese und andere Fragen mit Felix Aeppli. Pellizzari hat sich im Rahmen seiner beruflichen Laufbahn immer wieder mit Sammler:innen und ihren Sammlungen auseinandergesetzt. Das Gespräch fand am 3. November 2022 im Bilderzimmer des Sozialarchivs statt.
PP: Wie hat das mit dem Sammeln begonnen?
FA: Ich habe schon in der Primarschule Verschiedenes gesammelt, Bazooka-Fussballbildchen, Zündholz-«Briefli», später dann auch Bierdeckel und Zuckerpapierchen. Mit dieser Sammlung kam ich sogar ins Guinnessbuch der Rekorde. Als Arbeitsmaterial für meine Politik- und Geschichtskurse sammle ich seit vierzig Jahren auch Schweizer Filme auf VHS und DVDs, mittlerweile ist daraus eine Riesensammlung geworden. Die Cinémathèque Suisse hat vermutlich zwar noch mehr Schweizer Filme als ich. Im Unterschied zur Cinémathèque finde ich allerdings meine!
PP: Nun sammelst Du schon seit Jahrzehnten Rolling Stones…
FA: … und es vergehen keine drei Wochen, in denen ich mich nicht frage: Wann wäre der letzte Moment gewesen, um aufzuhören?
PP: Solange sie noch auftreten?
FA: Als ich 1985 in einem amerikanischen Verlag das erste Buch über die Stones publizierte, dachte ich: So, jetzt ist fertig! Und dann fragten mich Leser:innen: Wie kann man so ein schönes Buch machen und diese Aufnahme oder jenen Auftritt nicht erwähnen? Dabei schreibe ich im Vorwort, dass ich nur aufliste, was ich selber auch gehört habe. So kam ich zu weiteren Aufnahmen. Praktisch gleichzeitig kam das neue Medium CD auf. Und mit der Videotechnik gab es die Möglichkeit, Videos selber aufzunehmen. Schliesslich kam die DVD – man dachte, das sei das ultimative Ding, man sah auf den Nahaufnahmen sogar, dass Jaggers Fingernägel nicht geputzt waren. So blieb ich bei der Sache, nicht zuletzt wegen technischer Neuerungen.
PP: Eine Frage müssen sich Sammler:innen immer wieder anhören: Wieso überhaupt etwas sammeln?
FA: Es gibt zwei Gründe. Der eine: In der Ökonomie spricht man von abnehmendem Grenznutzen. Wer Süssigkeiten mag, findet die erste Praline toll, die zweite auch noch, mit der Menge sinkt aber der Grenznutzen gegen Null. Bei einer Sammlung ist es genau umgekehrt. Das letzte Stück, das man bekommt, vergoldet das Ganze nochmals, vor allem, wenn man etwas lange gesucht hat. Der zweite Grund ist bei mir persönlich. Meine Eltern waren geschieden, mein Vater starb früh. Möglicherweise habe ich mich deswegen mehr an Dinge gehängt als an Menschen. Ich bin natürlich auch ein Perfektionist. Ich bin nicht jemand, der einfach Dinge zusammenrafft und eine möglichst grosse Menge anhäuft. Für mich war die Auswahl zentral und das Bewusstsein, was ich nicht sammeln will. Ohne diese Konzentration ufert es aus.
PP: Abgrenzung ist also das eine. Was gehört sonst noch zu einer aussagekräftigen Sammlung?
FA: Als Cineast haben mich schon früh Filme und die TV-Berichterstattung über die Stones fasziniert. Frisur und Kleidung einer TV-Moderatorin aus den frühen 1970er Jahren können mehr über die Zeit aussagen als ein dickes Buch. Was alles in der Berichterstattung über ein einziges Phänomen drinstecken kann! Interessant sind beispielsweise Konstanten wie das Rätseln darüber, wie lange die Band wohl noch Bestand haben werde – das ist seit den 1970er Jahren ein Thema! Oder die Diskussionen übers Geld. Ebenfalls seit einem halben Jahrhundert wird medial kritisiert, die Eintrittspreise seien zu hoch und die Stones verdienten zu viel. Dann gibt es auch Dinge, die je nach Land völlig unterschiedlich beurteilt werden. In den USA etwa werden Ticketpreise nicht kritisiert, sondern viel eher der unternehmerische Erfolg des Unternehmens «Rolling Stones» bewundert. Und natürlich gibt es in den TV-Berichten auch viel Witziges und Schräges zu entdecken. Es gibt ein Interview eines französischen Senders, bei dem der Journalist die Fragen auf Englisch stellt und Jagger mit seinem Schulfranzösisch antwortet – mit dem Resultat, dass man überhaupt nichts versteht.
PP: Wieso hast Du eigentlich genau die Rolling Stones ausgewählt? In den 1960ern hätten ja noch viele andere Bands zur Auswahl gestanden.
FA: Also im Wesentlichen gab es nur zwei Bands von Relevanz: Die Beatles und die Stones – und letztere waren halt einfach viel roher, frecher und ungehobelter und das hat mir anfangs Pubertät deutlich besser gefallen. Es war auch ein wenig wie beim Fussball: Man muss sich halt entscheiden für FCZ oder GC.
PP: Was hast Du selber für Erinnerungen an diese frühe Zeit der Stones?
FA: Rückblickend kann man die musikalische Explosion als einen der frühen Indikatoren für die gesellschaftliche Aufbruchstimmung der 1960er Jahre erkennen. Die jungen Leute, die die Platten einspielten, waren zwar noch im Zweiten Weltkrieg geboren, zählten aber zur Nachkriegsgeneration, die die Nase voll davon hatte, dass die Alten nur immer vom Krieg sprachen oder Kleidervorschriften machten. Ich kann mich an meine Grossmutter erinnern, die verwarf die Hände und sagte, «das ist nur Krach», wenn sie Popmusik hörte. Wenn man schaut, wie die Stones 1964 in Montreux gekleidet waren: Charlie Watts mit Krawatte, Keith Richards mit hohem Kragenhemd, total modisch und anständig. Oder die Diskussion über die Haarlänge: Aus heutiger Sicht hatten die Stones 1964 keine langen Haare. Aber damals gab es darüber eine endlose Diskussion, absolut bescheuert. Die Stones machten mir aber auch Eindruck mit ihrer Leidenschaft: 1964 gaben sie 384 Konzerte! Bevor sie die zweite LP herausgaben, hatten sie bereits über 600 Konzert in den Knochen. In den 1970er Jahren wurde es dann jetsettig, in den 1980er Jahren zerbrach die Band fast. Dann kamen die Stadionkonzerte, das gefiel mir persönlich nie. Aber auch dort: Sie setzten Massstäbe, z.B. mit den Videoübertragungen, damit man auch in den hinteren Reihen etwas sieht. Jagger ist ein Perfektionist. Er studierte vier Semester Nationalökonomie an der LSE. Er wäre wohl auch als Ökonom oder Politiker an die Spitze gekommen – wenn auch vermutlich bei den Tories – wobei: Heute wäre man froh, die Tories hätten einen wie Jagger an der Spitze.
PP: Bist Du als Stones-Sammler schon seit Anfang der Bandgeschichte dabei?
FA: Ja, es gab allerdings ein Problem: das Geld. Eine LP kostete damals 22.50 Franken, eine Single 4.75. Heute müsste man das annähernd mit dem Faktor 4 multiplizieren. Das war absolut jenseits von meinem Budget. Es gab aber an der Mittelschule eine Art Tauschhandel, wo man sich gegenseitig aushalf. Mit dem Geld, das ich als Ausläufer beim Konsumverein verdiente, kaufte ich mir einen Occasionsplattenspieler, das war ca. 1964. Mit dem Konfirmationsgeld kaufte ich mir ein Tonbandgerät, ab dann konnte ich auch ausgeliehene Platten aufnehmen.
PP: Wie bist Du in dieser Zeit an Informationen gekommen?
FA: Ich kaufte jeweils freitags in Zürich den New Musical Express. Ich informierte mich, was neu erschienen und gut war, und habe den anderen Klassenkamerad:innen Tipps gegeben, was sich lohnen könnte. Man hörte auch auf dem Hitachi-Kofferradio sonntags bis um Mitternacht die Hitparade von Radio Luxemburg. Ich hatte mir früh ein Wissen über die Materie angeeignet, was schliesslich in meine Stones-Bücher und die Sammlung mündete.
PP: Neben der beginnenden Sammeltätigkeit – gingst Du auch auf Konzerte der Stones?
FA: Nicht sehr häufig, insgesamt wohl etwa ein Dutzend Mal. In den 2000er Jahren ging ich häufiger, aber die Stücke kenne ich mittlerweile. Sie spielen in ihren Sets meistens 19 Songs. Davon sind 13 oder 14 die immer selben Klassiker. Digital habe ich 987 verschiedene Versionen von «Jumpin’ Jack Flash» – das reicht für den Normalfall.
PP: Beim Sammeln ist es auch wichtig, Grenzen zu setzen. Deine Sammlung besteht hauptsächlich aus Aufnahmen, man hätte aber den Fokus auch anders setzen können, auf Programmhefte, Fotos etc. Wie hast Du Dich eingeschränkt?
FA: Mich haben die Erstausgaben der Platten in den USA oder England interessiert oder Raritäten wie eine Single, die nur in Italien rauskam. Fotos und Objekte – von Juke-Boxes bis zu WC-Schüsseln – hingegen nicht. Auch die Bootlegs in den 1970er Jahren waren zeitweise spannend.
PP: Wieso hast Du nie aufgehört?
FA: Jagger und Richards werden nächstes Jahr achtzig. Seit sieben Jahren arbeiten sie an einem neuen Album. Jetzt kann ich nicht aufhören, nach 61 Jahren, wo das Ende absehbar ist. Ich hätte mir gewünscht, dass sie zurückkehren zu kleineren Konzerten und nicht immer grössere Bühnen bespielen – ich würde auch den Gemeinschaftsraum bei uns organisieren für ein Blueskonzert (lacht).
PP: Du bist in der Sammlerszene international bekannt. Bist Du im Austausch mit anderen Stones-Sammler:innen?
FA: Wir sind etwa vier oder fünf freundschaftlich miteinander verbundene Leute, die dasselbe machen. Jeder hält sich für den Besten – drum funktioniert’s (lacht). Ich habe auch Dinge, die ich niemandem weitergegeben habe. Eine Probepressung einer Schülerband zum Beispiel, in der Mick Taylor als Jugendlicher spielte. Die gewannen den 1. Preis in einem Wettbewerb, sie durften dann eine Platte machen mit vier Stücken. Diese Aufnahmen habe ich digitalisiert und 30 Sekunden davon weitergegeben, als Beweis, dass sie existiert. Die ganzen Stücke sind jetzt aber im Sozialarchiv. Von der Sieger-LP wurden nur 5 bis 10 Exemplare gepresst. Die anderen existieren vermutlich nicht mehr.
PP: Du hast die Sammlung ins Sozialarchiv gebracht. Warum wolltest Du sie einer Institution übergeben?
FA: Mir war es ein wichtiges Anliegen, dass die Sammlung zusammenbleibt. Mit den zwanzig rarsten Platten hätte ich in etwa die 100’000 Franken, die ich reingesteckt habe, wieder rein bekommen. Aber das wollte ich nicht. Meine Kinder wollten die Sammlung nicht. Der ZHdK habe ich es auch angeboten, wo sie sich hinsichtlich der Musik und Grafik hervorragend in die Sammlung eingefügt hätte. Dort bekam ich eine Absage, sie verwiesen mich an das Jazzarchiv in Uster… Aufs Sozialarchiv bin ich durch persönliche Beziehungen und durch dessen Engagement für die Erhaltung von popkulturellen Dingen gekommen. Die Reaktion war: Im Prinzip ja, aber! Man musste die Leitung zuerst überzeugen, warum genau die Rolling Stones ins Sozialarchiv passen.
PP: Und wie hast Du argumentiert?
FA: Meiner Meinung haben die Stones hinsichtlich der sozialen Bewegungen in den 1960er Jahren mehr getan als der Gewerkschaftsbund, von dem ein umfassendes Archiv im Sozialarchiv lagert.
PP: So gesehen stimmt das natürlich auch mit der Aufgabe des Sozialarchivs überein: Umfassend zu dokumentieren, was die Schweiz damals bewegte. Auch das Archiv der ersten fünf Gurtenfestivals befindet sich ja im Sozialarchiv.
FA: Ich wollte auch nichts dafür. Allerdings gab es dann noch jede Menge Arbeit. Ein Estrich voller Material mit einem Werkkatalog ins Magazin des Sozialarchivs zu verlagern, ist noch lange kein Archiv. Jeder der 3’000 Tonträger musste etikettiert werden. Jede Nummer musste überprüft werden. Daran haben wir wochenlang gearbeitet. Ein Aufwand, den ich unterschätzt hatte.
PP: Das Bewusstsein ist wichtig, dass der Aufwand, einen Bestand ins Archiv zu überführen, gross ist. Dein Werkkatalog war sicher eine grosse Hilfe.
FA: 35’000 Audio-Tracks müssen digital vorhanden sein und so verzeichnet werden, dass man sie findet. Es war auch für mich eine Herausforderung, das auf Vordermann zu bringen.
PP: Würdest Du heute etwas anders machen?
FA: Sicher nicht mehr Rolling Stones sammeln! Alles in allem war es ein 30-40%-Job! Ich habe in den 1980er Jahren mit der Verzeichnung begonnen und bin dabei strikt den Aufnahmedaten der einzelnen Werke gefolgt. Aber ehrlich gesagt bin ich stolz darauf, dass auch nach vierzig Jahren das System der Katalogisierung immer noch funktioniert. Interviews und Bootlegs würde ich vielleicht weglassen, da gibt es viele Wiederholungen.
PP: Welche Erwartungen hast Du ans Sozialarchiv?
FA: Ich gehe nicht davon aus, dass die Leute Schlange stehen, um «Honky Tonk Women» zu hören. Meine Erwartung ist, dass die Verzeichnisse auch übers Web und so weltweit zugänglich sind. Und natürlich, dass die Sammlung erhalten bleibt!
Vor fünf Jahren übernahm das Sozialarchiv das Archiv von «Sonos». Nun sind auch die umfangreichen audiovisuellen Bestände online zugänglich, insbesondere die Filme; hinzu kommen mehrere hundert neu erschlossene Fotos.
Sonos hat eine lange und bewegte Verbandsgeschichte. 1911 gründete der gehörlose Dichter und Journalist Eugen Sutermeister (1862-1931) den «Schweizerischen Taubstummenverein» und lancierte damit erste Bestrebungen, gehörlose Menschen schulisch und beruflich zu fördern, um ihnen ein selbständiges Leben zu ermöglichen. Aus dem Verein wurde später ein Verband, der nach mehrfachen Namensänderungen seit 2018 die Bezeichnung «Sonos – Schweizerischer Hörbehindertenverband» trägt (Näheres zum Archivbestand siehe SozialarchivInfo 2/2017).
Das Sonos-Archiv enthält fünf Filme, wobei noch nicht geklärt ist, ob tatsächlich alle Filme auf Initiative des Verbandes entstanden sind. Hinweise darauf fehlen sowohl auf den Verpackungsmaterialien als auch bei den Filmcredits. Ebenso existiert kein eigentliches Kontextmaterial beim Schriftgut wie etwa Drehbücher oder Unterlagen über die Entstehung oder Verbreitung der Filme.
Der älteste der überlieferten Filme entstand 1939 offenbar für die Landesausstellung und trägt den Titel «Taubstumme Kinder in der Anstalt und Berufslehre». In vier Kapiteln dokumentiert der Stummfilm wesentliche Aspekte einer zeitgenössischen gehörlosen Existenz. Zuerst durchlaufen die Zöglinge einer «Taubstummen-Anstalt» ihre Grundausbildung. Sie eignen sich die Lautsprache an und bereiten sich im Handfertigkeitsunterricht auf eine spätere Berufslehre vor. Der zweite Teil widmet sich dem Alltag im Heim, wo der Tag ab frühmorgens von steter Tätigkeit geprägt ist. Ein weiteres Kapitel widmet sich den Freizeit- und Sportaktivitäten von Gehörlosen. Den Abschluss bildet die Berufswahl und damit die «Erziehung zum tüchtigen Arbeiter».
20 Jahre später dreht die renommierte Produktionsfirma Condor-Film AG den Imagefilm «Unsichtbare Schranken» (1959). Deutlich spürbar werden die Emanzipationsbestrebungen der Nachkriegszeit: Fast durchgängig wählt der Filmkommentar jetzt die Selbstbezeichnung «gehörlos» anstelle des allmählich aus der Mode kommenden «taubstumm». Für Kinder im Vorschulalter steht ein Gehörlosen-Kindergarten zur Verfügung; um die Anliegen von Erwachsenen kümmert sich die speziell ausgebildete Fürsorgerin.
1973 entsteht der Film «Auch unsere Stimme soll gehört werden». Im Zentrum steht die Rolle der Sprache. Zum ersten Mal werden in einem Film gehörlose Menschen gezeigt, die sich mit der Gebärdensprache verständigen. An den Schulen war damals der lautsprachliche Unterricht immer noch die Norm, im zwischenmenschlichen Austausch zwischen Gehörlosen setzte sich jedoch die Gebärdensprache immer mehr durch.
Der Film «Ich bin gehörlos – verstehen Sie mich?» (1990) schliesslich setzt pionierhaft vieles von dem in die Tat um, was heute (fast) selbstverständlich ist. «Taubstumm» wird explizit als zu meidendes Wort gebrandmarkt und die Gebärdensprache wird als eigenständige Sprache etabliert, die auch von Hörenden gelernt werden kann und soll. Der Film ist untertitelt und erfüllt damit eine alte Forderung von Hörbehinderten. Ebenfalls vorgestellt werden Gehörlosen-Dolmetscher, damals noch ein Novum.
Erlernen der Lautsprache, hier der Frikativ F (Filmstill / SozArch F 9077-002)
Technische und medizinische Innovationen zur früheren Erkennung von Gehörschädigungen und für bessere Therapieformen, 1970er Jahre (Filmstill / SozArch F 9077-005)
Erst die (deskriptive) Untertitelung macht Filme und Fernsehbeiträge für Gehörlose zugänglich (Filmstill / SozArch F 9077-001)
Der Archivbestand von Sonos im Sozialarchiv:
Ar 621 Sonos, Schweizerischer Hörbehindertenverband (Schriftgut)
F 5153 Sonos – Schweizerischer Verband für Gehörlosen- und Hörgeschädigten-Organisationen (Bildarchiv) Siehe auch SozialarchivInfo 5/2019; der Bildbestand erfuhr nun nochmals eine wesentliche Erweiterung um Fotos aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
F 9070 Sonos – Schweizerischer Verband für Gehörlosen- und Hörgeschädigten-Organisationen (Filmarchiv)
Sonos hat im Rahmen des Projekts «Schweizerisches Gehörlosenarchiv» in Zusammenarbeit mit der ETH auch die zwei wichtigsten Gehörlosen-Zeitschriften digitalisiert: Rund 30’000 Seiten von «Sonos» (inkl. seiner Vorgänger-Titel) und «Visuell plus» sind nun auf E-Periodica zugänglich.
In Thielle liegt in idyllischer Lage direkt am Neuenburgersee das Naturistengelände der Stiftung «die neue zeit». Umgeben von dichtem Buschwerk und Sichtschutzmatten wird hier seit bald 100 Jahren nackt gebadet. Nun ist eine erste Lieferung von Archivmaterialien der Stiftung ins Sozialarchiv gelangt. Sie erlaubt interessante Einblicke in die Geschichte dieser Reformbewegung, die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert hat.
Lebensreformbewegung
Naturismus, Nacktkultur, Freikörperkultur: Es sind verschiedene Begriffe, die alle etwas Ähnliches bezeichnen und den gleichen Ausgangspunkt haben. Industrialisierung, Verstädterung, beengte und ungesunde Wohnverhältnisse weckten ein zunehmendes Missbehagen. Ende des 19. Jahrhunderts entstand aus der Kritik an den als negativ empfundenen Begleiterscheinungen der Moderne die Lebensreformbewegung, die auf unterschiedlichen Ebenen die Rückbesinnung auf ein ursprünglicheres, natürlicheres Leben suchte. Ein zentraler Begriff war der Naturismus, der eine Hinwendung zu naturheilkundlichen Behandlungsformen, zum Vegetarismus und zur Nacktheit forderte. Die Lebensreform umfasste aber auch eine Verbesserung der Wohnformen oder den Verzicht auf Genussgifte wie Alkohol oder Tabak.
Um 1900 entstanden erste Naturheilinstitutionen und Luft-Licht-Bäder, in denen gemeinsames (und gemischtgeschlechtliches) Nackt- und Sonnenbaden praktiziert wurde. Erste Naturisten-Zeitschriften erschienen in Deutschland, später in skandinavischen und mitteleuropäischen Ländern. Und im Tessin wurde der Monte Verità bei Ascona zu einem internationalen Anziehungspunkt für Aussteiger:innen und Reformwillige.
Für die Freikörperkultur (FKK) in der Schweiz und für die Geschichte des Geländes in Thielle sind drei Personen von herausragender Bedeutung. Werner Zimmermann (1893-1982) war ursprünglich Lehrer, reiste aber schon in jungen Jahren um die halbe Welt und war fasziniert von den Reformbewegungen. 1922 erschien sein Buch «Lichtwärts: Ein Buch erlösender Erziehung», in dem er seine Reiseerlebnisse in den USA und eine Art Programm für eine neue Lebensweise im Einklang mit der Natur und dem Universum darlegte. «Lichtwärts» war enorm erfolgreich, erfuhr mehrere Neuauflagen und wurde zum programmatisch-literarischen Wegbegleiter der Reformbewegung. In den frühen 1920er Jahren lernte Zimmermann den Bieler Eduard Fankhauser (1904-1998) kennen und machte ihn zum Geschäftsführer seiner Verlagsbuchhandlung. Fankhauser gründete 1927 den Schweizerischen Lichtbund (1983 umbenannt in «Organisation der Naturisten in der Schweiz» ONS). Zusammen mit seiner Frau Elsie Fankhauser-Waldkirch (?-1993) kaufte er das Gelände in Thielle.
1928 lancierte Fankhauser die Zeitschrift «die neue zeit», die bis heute erscheint. Er kämpfte an verschiedenen Orten der Schweiz für die Einrichtung von Naturistengeländen – wenn’s sein musste bis vor Bundesgericht. Das Gelände in Thielle am Neuenburgersee wurde unter dem Namen «die neue zeit» 1937 für das Publikum geöffnet und gehört zu den traditionsreichsten FKK-Einrichtungen in der Schweiz. Auch Fankhauser war publizistisch tätig, am bekanntesten ist seine Schrift «Kampf und Sieg der FKK» von 1984, eine Aufarbeitung der jahrzehntelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen um das Recht auf Nacktheit.
Die Stiftung «die neue zeit» wurde 1961 vom Ehepaar Fankhauser zusammen mit Werner Zimmermann gegründet. Im zentralen Artikel der Stiftungsurkunde heisst es: «Die Stiftung bezweckt die Schaffung und Erhaltung geeigneter Voraussetzungen für eine gesunde Freizeitgestaltung im Sinne der Lebensreform. […] Nikotin, Alkohol und Fleisch aller Art sind strikte zu meiden. Im Rahmen der jeweils geltenden Landesgesetze wird nackt oder möglichst wenig bekleidet in Wasser, Luft und Sonne gebadet, gespielt, Gymnastik und Sport betrieben.» Die Stiftungsgründung sicherte der FKK in der Schweiz den Fortbestand des Geländes in Thielle.
2020 beschloss der Stiftungsrat, sukzessive Archivalien von Thielle ins Sozialarchiv zu transferieren. Diese ergänzen nun unsere umfangreichen Bibliotheks-, Dokumentations- und Archivbestände zum Thema Lebensreform.
Die Mitgliederkartei
Herzstück des Archivbestandes ist die Mitgliederkartei des Geländes in Thielle. Es handelt sich eigentlich um einen Fragebogen, mit dem man sich beim Schweizerischen Lichtbund um eine Mitgliedschaft bewerben musste. Nebst der Angabe der Personalien und der bevorzugten Lektüre war die Einstellung gegenüber den (zumindest auf dem Gelände strikt verpönten) Genussgiften Alkohol und Nikotin offenzulegen und zu deklarieren, ob man Vegetarier:in war. Der umfangreiche Fragenkatalog veränderte sich während Jahrzehnten kaum. Die Historikerin Eva Locher («Natürlich, nackt, gesund», 2021) analysierte für ihre Untersuchung zur Lebensreform in der Schweiz nach 1945 die Aufnahmekriterien und kam nach einer Auswertung der Fragebögen zum Schluss, dass laut Selbstdeklaration 76% der Mitglieder nicht rauchten, 45% abstinent waren, aber nur 16% vegetarisch lebten. Diese Bekenntnisse wurden allerdings nur so weit überprüft, als sie das Verhalten auf dem Gelände betrafen. Die Mitgliederkarteikarten sind vorläufig vorhanden für die Jahre 1932-1972 (SozArch Ar 705).
Zusammen mit seiner Frau Elsie gehört Werner Fankhauser (im Bild) zu den bekanntesten Gesichtern der Schweizer FKK-Bewegung. (Foto: unbekannt/Stiftung die neue zeit)
Vorderseite der Mitgliederkarte von Paul Bouvier, welcher 1933 dem Lichtbund beitrat (SozArch Ar 705.10.1)
Hinterseite der Mitgliederkarte von Paul Bouvier (SozArch Ar 705.10.1)
FKK-Zeitschriften
Zu jeder sozialen Bewegung gehört eine Zeitschrift – das ist auch bei den Naturisten um Zimmermann und Fankhauser nicht anders. «die neue zeit – illustrierte für neuzeitliche lebensgestaltung» erscheint seit 1929 (SozArch N 484). Die Hefte enthalten zu etwa gleichen Teilen Text- und Bildbeiträge, wobei die Freizügigkeit letzterer zu einer Auflage beitrug, die weit höher war als der eigentliche Mitgliederbestand der Organisation. Ende der 1950er Jahre zählte der ONS rund 5’500 Mitglieder, die Auflage der Zeitschrift betrug aber 23’000 Exemplare. Jede Nummer wartete auf der Titelseite und im Innern mit zahlreichen Fotografien nackter Körper auf. Dabei gelang es auf eigentümliche Weise, eine Art eigenes Genre zu begründen, das sich ebenso von einer künstlerischen wie von einer pornografischen Darstellung der Nacktheit abgrenzte. Die hauptsächlich weiblichen Models fanden sich auf den Naturistengeländen und wurden von Gleichgesinnten fotografiert. Christine Fankhauser etwa, die zweite Frau von Edi, fotografierte oft für «die neue zeit». Im Zentrum stand die Feier des nackten Naturistenkörpers, der sich dank Genussgiftverzicht, Gymnastik und Kraftübungen meist schlank und rank präsentierte.
Dass diese Bilder auch zweifelhaften Zuspruch fanden und als Erotika konsumiert wurden, wollte oder konnte man nicht vermeiden. Im Kontext der FKK jedenfalls haftete dem nackten Körper nichts Zweideutiges oder sexuell Erregendes an. Nacktheit galt als Urzustand des Menschseins, als Rückeroberung der ursprünglichen Unbefangenheit. Allfälligen Vorwürfen begegnete man mit der Kontextualisierung der Bilder mit programmatischen Texten verschiedener Autoren. Immer wieder äusserten sich auch Zimmermann und Fankhauser in «die neue zeit» zur Nacktheit.
Ergänzt wird «die neue zeit» durch eine umfangreiche Sammlung europäischer, nordamerikanischer und australischer Naturisten-Zeitschriften, die in Thielle seit den 1920er Jahren gesammelt wurden und nun im Sozialarchiv greifbar sind (swisscovery: Suchbegriff «e19thielle»).
Titelblatt von «The Austrialian Sunbather» (März 1952) mit der zeittypischen Retusche des Schambereichs (SozArch D 6362)
Titelblatt von «Sunshine & Health» (USA, Februar 1951) mit einem der in dieser Zeit ganz seltenen Männer auf dem Cover (SozArch D 6356)
Werner Zimmermann hält ein Referat auf dem Gelände von Thielle, ca. 1965 (Foto: Edi Fankhauser/Stiftung die neue zeit)
Tonaufnahmen von Werner Zimmermann
Werner Zimmermanns Publikationsliste ist beeindruckend. Allein im Sozialarchiv sind über 30 Titel greifbar. Er äusserte sich neben lebensreformerischen Themen auch zur «Befreiung der Frau» und zur Atomkraft, er beantwortete die Frage «Was ist Sozialismus?» und schrieb immer wieder über die Ethik der Ehe. Aus diesem Fundus, kombiniert mit seinen Erfahrungen als Weltenreisender und Lehrer, gestaltete er zwischen 1965 und 1980 Vortragsreihen auf dem Gelände in Thielle. Viele der von ihm gehaltenen Referate wurden aufgenommen, 13 Tonbandkassetten konnten schliesslich digitalisiert werden. Werner Zimmermann geht jeweils von einem Grundthema aus und spricht dann – wie Fotos belegen – frei und ohne schriftliche Unterlagen teilweise bis zu fast zwei Stunden lang zu seinem Publikum, im Hintergrund ist der Badebetrieb hörbar (SozArch F 1055).
Glasdias
Bestandteil der Archivablieferung waren auch rund 30 Glasdias aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (SozArch F 5178). Ihre ursprüngliche Herkunft konnte nicht mehr eruiert werden. Die professionelle Machart, die Motive und die perfekte Inszenierung von nackten Körpern in der Natur lassen aber vermuten, dass es sich um Agenturbilder handelt. Ähnlich wie bei den Naturisten-Zeitschriften entwickelte sich im Bild- und Fotobereich ein internationaler Austausch und damit eine professionelle Produktion. Die Fotografie eroberte sich aus naheliegenden Gründen schnell eine zentrale Rolle in der FKK. Die Bewegung selber setzte massenhaft Bilder von nackten Körpern zu Propagandazwecken in Umlauf. Für die Anhänger:innen des Naturismus waren Nacktfotografien der Beweis, dass ihre Lebensweise zu einem befreiten, selbstbewussten, attraktiven Ich führte. Allen anderen diente die spezielle FKK-Ästhetik der voyeuristischen Befriedigung. Die Theoretiker:innen des Naturismus bemühten sich eifrig, die Nacktheit innerhalb der Bewegung umzudeuten. Wer sich aller Kleider entledigt, befreit sich auch von aller Lust. Die Nacktheit hatte nicht mehr zwangsläufig mit sexuellen Aktivitäten zu tun, sondern stand vielmehr im Dienst eines ästhetischen Programms und wissenschaftlicher Ansprüche.
Werbedia für «Sport-Crème Mouson», um 1930. Wer nackt (sonnen-)badet, muss seine Haut vor Austrocknung schützen. (Foto: unbekannt/SozArch F 5178-Gb-003)
«Chum las la bambele.» Bewegungs- oder Tanzstudie an einem Flussufer, um 1920 (Foto: unbekannt/SozArch F 5178-Gb-029)
Der Zürcher Historiker Dr. Felix Aeppli gehört zu den weltweit renommiertesten Rolling-Stones-Forschern. Nach zwei Buchpublikationen (Ann Arbor 1985 und London 1994) und der Veröffentlichung einer CD-ROM (2003) publiziert er seine Recherchen seit 2011 frei einsehbar im Internet. 2019 vermachte er seine Rolling-Stones-Sammlung dem Sozialarchiv Zürich.
Rechtzeitig auf das 60-Jahr-Jubiläum der Band und den 100. Geburtstag des VSA ist das umfangreiche Material (Singles, LPs, Bootlegs, CDs, DVDs und Bücher) nun katalogisiert und allgemein zugänglich. Zudem sind im Lesesaal über 30‘000 Audiofiles und 6‘000 Videofilme abrufbar.
Anlässlich des Archivtags vom 11. Juni berichtet Felix Aeppli im Gespräch mit dem Archivar Stefan Länzlinger von seiner langjährigen Forschungstätigkeit und stellt Highlights aus der Sammlung vor.
Samstag, 11. Juni 2022, 10.00, 12.00 und 14.00 Uhr Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum
Der Theologe Albert Böhler (1908-1990) war ein wichtiger Exponent der religiös-sozialen Bewegung in der Schweiz. Nun ist seine von ihm selbst mündlich erzählte Lebensgeschichte etwas überraschend im Nachlass von Hansheiri Zürrer (SozArch Ar 187) aufgetaucht. Böhler war Seelsorger und langjähriger Redaktor der Zeitschrift «Neue Wege» und unterrichte an der Volksschule. Die Aufnahmen entstanden zwischen 1983 und 1985 in mehreren Sitzungen und dauern insgesamt über 12 Stunden. > https://www.bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_1033
O-Ton 2: Fritz Schwarz
Fritz Schwarz (1887-1958) war der führende Kopf der schweizerischen Freiwirtschaftsbewegung. Er engagierte sich ausserdem als Vorkämpfer für ein modernes Bodenrecht und für das Frauenstimmrecht. Aus seinem Nachlass (SozArch Ar 162) konnten zwei Tonaufnahmen aus den 1950er Jahren digitalisiert werden. Schwarz spricht unter anderem über seine Reiseerlebnisse in Bagdad und hält eine Rede anlässlich seines 70. Geburtstags. Zwei akustische Zeugnisse mit Seltenheitswert! > https://www.bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_1046
Albert Böhler (2.v.r.) und Leonhard Ragaz (links) an einem Ausflug anlässlich eines Ferienkurses der Religiös-Sozialen Vereinigung, April 1937 (Foto: unbekannt, SozArch F 5160-Fb-083)
Fritz Schwarz (Foto: unbekannt, SozArch F 5051-Fx-011)
«King Kurt» in der Roten Fabrik am 23.2.1984 (Foto: Gertrud Vogler, SozArch F 5107-Na-30-086-016)
Ärzte- und Pflegermission des Schweizerischen Roten Kreuzes an der Ostfront: Dnjepropetrowsk im Winter 1943 (Foto: Alfred Brauchli)
Gertrud Vogler: Rote Fabrik
Aus dem Nachlass von Gertrud Vogler (1936-2018) konnte ein weiteres Themengebiet erschlossen werden: ihre Fotos aus der Roten Fabrik der 1980er und 1990er Jahre. Zahlreich vertreten sind vor allem Aufnahmen von Konzerten, Theateraufführungen und Politveranstaltungen. > https://www.bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_5107 (im Suchfeld «Rote Fabrik» eingeben)
schwulenarchiv schweiz: Fotobestände
Dank der langjährigen Zusammenarbeit mit dem Verein schwulenarchiv schweiz konnten kürzlich verschiedene kleinere Fotobestände übernommen und erschlossen werden. Herausragend ist ein Fotoalbum von Alfred Brauchli, das im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront während der höchst umstrittenen Ärzte- und Pflegermission des Schweizerischen Roten Kreuzes entstanden ist. > https://www.bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_5159
Vor zwölf Jahren sicherte das Sozialarchiv in einem Schreiben an die Geschäftsleitung des Videoladens seine Unterstützung für dessen Archivierungsvorhaben zu. In der Regel werden solche Übernahmen in ein paar Monaten abgewickelt. Beim Videoladen dauerte es ein bisschen länger. Jetzt konnten wir das Projekt erfolgreich abschliessen: Dank Memoriav (Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz) und der Ausdauer aller Beteiligten verfügt das Sozialarchiv nun über einen für Forschung und Öffentlichkeit gleichermassen interessanten Bestand. Über 200 Stunden Videomaterial aus den späten 1970er bis in die 1990er Jahre stehen online zur Verfügung.
Der Videoladen Zürich entstand im Winter 1976/77. Die erste Produktion «Studenten und Arbeiterklasse» ist leider verschollen, der Titel aber macht klar, wo sich die Genossenschaft ideologisch positionierte. Der Videoladen Zürich war Teil einer weltweiten Bewegung aus einem urbanen, akademischen, politisch links zu verortenden Milieu, welche die Videokamera für sich entdeckte, um damit für ihre Anliegen Gegenöffentlichkeit zu schaffen.
Während der unruhigen Zeit der Jugendbewegung anfangs der 1980er Jahre war die Crew fast ununterbrochen unterwegs. Der Videoladen rutschte in die Rolle des unermüdlichen Chronisten der Ereignisse. Kaum eine Vollversammlung oder Demonstration auf Zürichs Strassen fand ohne Begleitung des Videoladens statt. Aus dieser Phase stammen die aufschlussreichsten und ergiebigsten Quellen. Das Rohmaterial dürfte für die Forschung und für die Aufarbeitung dieser Zeit wertvolle Dienste leisten.
1981 gelang dem Videoladen mit «Züri brännt», einer Art Zwischenbilanz der Jugendbewegung, ein Coup. Das Video war in aller Munde, sogar die NZZ musste darauf reagieren, das Video wurde selbst im Ausland nachgefragt. Nach dem Abbruch des Autonomen Jugendzentrums 1982 verlagerten sich die Aktivitäten der Genossenschaft zuerst auf die Häuserbesetzerbewegung und die Dokumentation des aufblühenden Musik- und Konzertbetriebs in der Stadt Zürich. Dann folgten erste Spielfilmversuche und Musikclips. Namhafte Filmschaffende wie Samir, Martin Witz, Christoph Schaub oder Werner Schweizer starteten ihre Karrieren im Videoladen.
Die Videotechnik ist im Vergleich zum Film günstig in der Anschaffung und relativ einfach in der Handhabung. Die Aufnahmen müssen nicht entwickelt und können zeitnah aufgeführt werden. Ins Gewicht fällt allerdings ein entscheidender Nachteil: Das Videoband altert schnell und kann nur vor dem Zerfall bewahrt werden, wenn man die Videos digitalisiert. Dank Memoriav kam 2009 ein Inventarisierungsprojekt zustande. 2013 startete das Berner Atelier für Videokonservierung die aufwändige Reinigung und Vorbereitung der Bänder für die Digitalisierung. Rahel Holenstein und René Baumann vom Videoladen haben die Bänder digitalisiert und erschlossen: Sie sind nun mit ausführlichen Metadaten versehen. Dass der Aktivist Mischa Brutschin kurz zuvor für sein Mammutprojekt «Allein machen sie dich ein» über die Zürcher Besetzerszene mit demselben Material gearbeitet hatte, befruchtete den Arbeitsprozess zusätzlich.
Der Bestand umfasst rund 180 Videobänder. Überwiegend handelt es sich dabei um ungeschnittenes Rohmaterial, das aus dem Videoladen selber stammt. Besonders gut dokumentiert sind die frühen 1980er Jahre. Ergänzt werden diese Eigenproduktionen durch eine Handvoll Fremdproduktionen, die wegen des hohen Informationswerts im Bestand belassen wurden.
Es ist sehr erfreulich, dass sich die Geschichtswissenschaften bereits für die Videos interessieren. So hat das Online-Lernangebot ad fontes der Uni Zürich den Videoladen-Bestand in sein Angebot integriert.
«Vollversammlung 04.06.1980»: legendäre Vollversammlung der Jugendbewegung in Anwesenheit der Stadträtin Emilie Lieberherr und des Stadtpräsidenten Sigmund Widmer (auf 3 Bändern: SozArch F 9049-003, -014, -021)
«AJZ-Eröffnung»: Am 28.6.1980 wird das Autonome Jugendzentrum eröffnet. Verschiedene Aussagen auf diesem Band wirken rückblickend erschreckend prophetisch (SozArch F 9049-047)
«No Futter»: Dokumentation zu den besetzten Liegenschaften am Stauffacher (inkl. Spitzköpfe!), 1984 (SozArch F 9049-083)
«Videoladen-Portrait für russisches TV»: hervorragende Dokumentation von 1991 (SozArch F 9049-178)
Anlässlich des Projektabschlusses habe ich mich mit vier am Projekt Beteiligten sowie mit Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Uni Zürich, schriftlich unterhalten:
René Baumann, Mitbegründer und Co-Geschäftsleiter Videoladen
1. René, du warst sehr oft hinter der Kamera, wenn der Videoladen unterwegs war. Wo hast du das gelernt?
Ich habe schon als Jugendlicher immer eine Fotokamera mit mir herumgetragen und bei allen möglichen Gelegenheiten fotografiert. Auch habe ich mir ein eigenes kleines Fotolabor eingerichtet, wo ich meine Filme selber entwickelt und die Fotos vergrössert habe. Ich brachte also schon eine gewisse Affinität zur Kameraarbeit mit, als ich später mit anderen die Genossenschaft Videoladen gründete.
Aber das Arbeiten mit der Videoladen-Kamera in den 80er Jahren war eigentlich ein klassisches Learning by Doing. Ich habe an den Demos gedreht, oft gleich nachher das Material in Ruhe angeschaut und mir überlegt, was ich das nächste Mal anders oder besser machen könnte. Dabei habe ich vor allem aus Fehlern gelernt. Zudem haben wir uns unter den Videoladen-Mitgliedern immer ausgetauscht und unsere Arbeitsweisen und filmischen Standpunkte diskutiert, oft stundenlang.
Später, nach dem Film «Züri brännt», habe ich quasi einen Schritt zurück gemacht und zwei Jahre als Kameraassistent gearbeitet. Ich wollte vor allem von der technischen Seite her das Handwerk nochmals von Grund auf neu lernen. Ich habe vor allem auf Sets gearbeitet, wo wir mit analogem Filmmaterial gedreht haben und nicht auf Video. Dieses Wissen und diese Erfahrung hatten mir vorher noch gefehlt. Diese Zeit hat mir für die Zukunft auf meinem späteren Weg als Kameramann sehr viel gebracht.
2. Wenn man das Material in chronologischer Reihenfolge anschaut, bekommt man den Eindruck, dass der Videoladen nach dem Highlife als konstanter Begleiter der Zürcher Jugendbewegung in eine Sinnkrise stürzte. Stimmt das?
Das ist eine gute Beobachtung von dir, das stimmt absolut. Für viele von uns stellte sich nach «Züri brännt» die Frage, wie weiter. Plötzlich konnten wir nicht nur mehr das dokumentieren, was auf der Strasse, an Demos oder im AJZ gerade passierte. Wir mussten selber eigene Ideen entwickeln oder neue Themen finden. Das führte zu einer längeren Suche und unzähligen harten Diskussionen unter uns Videoladen-Mitgliedern. Es war damals eine schwierige Zeit. Wir mussten uns neu oder anders erfinden und vor allem musste das jeder zuerst mal für sich selber definieren, bevor wir wieder als Kollektiv funktionieren konnten.
Auch stellte sich für einige von uns die existenzielle Frage: Wollen wir in Zukunft von dieser Arbeit finanziell leben können? In den Anfangszeiten des Videoladens waren die meisten Videoladen-Mitglieder noch Studenten. Wir hatten entweder Stipendien oder gingen auf der Sihlpost arbeiten, um so unser Studium zu finanzieren.
Ich entschied mich dafür, vom Film leben zu können. Ich habe damals mein Studium abgebrochen und wählte den Weg als Kameramann, um mir so meine Existenz zu finanzieren. Das gab mir schliesslich die finanzielle Unabhängigkeit für zukünftige eigene Projekte.
3. Du machst heute noch Filme. Ist überhaupt irgendetwas gleich geblieben wie im ersten Videoladen-Jahrzehnt, aus dem die meisten Aufnahmen des Bestandes stammen?
Was gleich geblieben ist, ist mein politischer Anspruch. Im Videoladen produzieren wir immer noch Filme, die sich mit sozialen und kulturellen Themen auseinandersetzen und die neue, ungewohnte Einblicke in Zusammenhänge und Strukturen unserer Gesellschaft ermöglichen sollen. Was auch geblieben ist, ist die Zusammenarbeit mit einigen damaligen Freunden. Jeder hat sich auf einem anderen Gebiet weiterentwickelt und wir arbeiten noch heute bei Filmprojekten zusammen.
Der Videoladen hat sich in den 45 Jahren seines Bestehens sehr verändert. Viele Videoladen-Mitglieder arbeiten heute anderswo im Filmbereich. Andere sind neu dazugekommen (oft von der Zürcher Filmschule) und irgendwann wieder weitergezogen. In den Anfangszeiten des Videoladens haben wir alles inhouse produziert, heute arbeiten wir viel mehr projektbezogen mit Freelancern.
Vor allem im technischen Bereich hat sich in dieser Zeit unglaublich viel und in immer schnellerem Tempo verändert, z.B. die Transformation von analog zu digital oder die Entwicklung der Montagearbeit (vom Steenbeck-Schneidetisch mit Klebepresse zum Schnitt zu Hause auf dem Laptop). Zu jedem neuen – noch besseren – Bandformat benötigte man die entsprechende neue Kamera. Die grossen unhandlichen ¾-Zoll-U-Matic-Kassetten von damals schrumpften über mindestens fünf Formatstufen bis zum Speicherchip in der Grösse eines Fingernagels heute.
Was aber immer gleich bleibt, ist die Idee, die Leidenschaft für ein Filmprojekt zu haben. Aber der Weg bis zum Endprodukt ist ein völlig anderer geworden.
Rahel Holenstein, Co-Geschäftsleiterin Videoladen
1. Rahel, du hast mehr als 200 Stunden Video-Rohmaterial visioniert und den ganzen Bestand nach formalen und inhaltlichen Kriterien erschlossen. Was ist das für eine Erfahrung?
Da wir im Prozess des Digitalisierens wirklich alle Bänder von Anfang bis Ende mitschauen mussten bzw. durften, um allfällige technische Probleme sofort zu erkennen, und die Metadaten dazu erfassten, tauchte ich jeweils richtig ein in die Atmosphäre, die Konflikte, die Fragestellungen und die auch witzigen und schrägen Momente, die in diesem Material vorhanden sind. Es war eine ganz besondere Zeitreise, die immer wieder bis heute nicht abgeschlossene Fragestellungen aufwarf. Die Arbeit an diesem Archiv hat meine Überzeugung bestätigt, dass Archive nicht nur Vergangenheit konservieren, sondern auch immer wieder lebendige und interessante Perspektiven für unsere Zukunft bereitstellen. Wenn man denn offen und neugierig genug ist, sich die diversen und spannenden Stimmen aus der Vergangenheit anzuhören bzw. anzuschauen.
2. Welches sind die Highlights? Gibt’s auch Totalausfälle?
Man würde es kaum glauben – aber die endlosen Vollversammlungen und andere Sitzungen waren für mich tatsächlich ein Highlight. Erst durch die Länge, das Chaos, die Unstrukturiertheit dieser Aufzeichnungen habe ich verstanden, dass diese Bewegung etwas Genialisches in sich trug. Da waren zum Beispiel 1’000 Leute in einem Raum, also dem Volkshaus, die versucht haben, sich gemeinsam auf etwas zu einigen: Wann findet die nächste Demo statt? Welche Aktionen sind geplant? Wie soll man mit Polizei und Behörden umgehen? Eine grosse Leistung, finde ich. Man kann niemandem aufzwingen, diese Langatmigkeit zu erdulden. Dennoch würde ich sagen, dass es sich lohnt, sich auf diese Dokumente einzulassen, sich die Zeit zu nehmen, um sehr Essentielles von dieser Bewegung zu begreifen.
Aber auch in den Aufnahmen vor und nach «Züri brännt» gibt es Bänder, die ebenfalls diese lebendige Herangehensweise an gesellschaftliche und soziale Fragen aufzeigen. Viele dieser Dokumente würde ich als «Oral history» bezeichnen. Eine, wie ich finde, so wichtige Art der Geschichtsschreibung.
Als Totalausfall würde ich jetzt wohl nichts bezeichnen wollen. Ich denke, das müssen die Forscherinnen und Generationen nach uns entscheiden.
3. Du gehörst zur Generation, die bei den allermeisten der festgehaltenen Ereignisse «nicht dabei war». Besonders gut dokumentiert sind ja die Jahre 1980 und 1981. Wie würdest du diese Zeit anhand des Gesehenen charakterisieren?
Ich war knapp zu jung, um selber aktiv dabei zu sein. Allerdings habe ich kurioserweise alle wichtigen «Auftritte» der Bewegung tatsächlich am Fernsehen gesehen: «Herr und Frau Müller», Antigone in der Telearena u.v.m. Das hatte auch damit zu tun, dass meine Eltern, insbesondere mein Vater, die Kreativität und das Engagement der «Bewegung» sehr genau beobachteten und wahrnahmen. Beim Nachtessen hat er uns jeweils erzählt, welch witzige neue Sprayereien er auf seinem Arbeitsweg entdeckt hatte. Auch in meiner Schule gab es «die Älteren», die tatsächlich in der Band TNT mitspielten und als Punks die Szene aufmischten.
Als ich viel später – während meiner Ausbildung in der Videofachklasse an der HSLU wieder mit dem Videoladen in Kontakt kam – in Form von Dozentinnen (!) – war es für mich klar, dass ich da arbeiten möchte.
Bonusfrage: Wieso hat das Projekt so lange gedauert?
Zwar sind die audiovisuellen Medien nun digitalisiert und online zugänglich – das Projekt ist aber dennoch nicht abgeschlossen. Es gibt ein sehr interessantes Papier- und Foto-Konvolut, das noch auf seine Aufarbeitung wartet. Um diese Dokumente dem audiovisuellen Konvolut als wichtige Ergänzung hinzufügen zu können, werden wir wiederum auf finanzielle Unterstützung angewiesen sein.
Da wir im Videoladen als kleines Team arbeiten und nebst der Archiv-Arbeit auch noch andere Projekte hatten, konnten wir nicht einfach durchgehend fünf Tage pro Woche am Archiv arbeiten.
Dazu kamen viele technische Herausforderungen, die mehr Zeit in Anspruch nahmen als ursprünglich vorausgesehen: Der Aufbau der Digitalisierungs-Station, das Reinigen der Originalbänder, das Anpassen der Technik oder die immer wieder auftretenden Probleme in Bezug auf die problematische Qualität der Original-Bänder. Wir mussten unsere Arbeitsweise stetig den Herausforderungen des Materials anpassen. Unter dem Strich möchte ich sagen: Gut Ding will Weile haben! Und das Sozialarchiv ist um einen wertvollen Bestand reicher geworden.
Agathe Jarczyk, Konservatorin-Restauratorin FH, Atelier für Videokonservierung
1. Agathe, du hast die Videobänder für die Nachwelt haltbar gemacht. Welche Schritte braucht es dazu?
Wir haben die Kassetten aufbereitet, d.h. sie dokumentiert und gereinigt, aber die dauerhafte Erhaltung der Inhalte war erst mit der Digitalisierung möglich.
Die meisten Kassetten des Videoladens zeigten das sogenannte „Sticky-Tape-Syndrome“, das heisst, wir konnten sie gar nicht oder nur für einige Sekunden abspielen, bevor sie mit einem lauten Quietschen im Abspielgerät steckenblieben. Gerade in den 1970er und 1980er Jahren waren die Zusammensetzungen der Magnetbandbeschichtungen teilweise unbeständig oder gar etwas experimentell. Das hat zu einer schlechten Alterung geführt und die Magnetbänder zeigen heute Ausblühungen von Gleitmitteln oder eine erhöhte Klebrigkeit der (Rückseiten-)Beschichtung. Häufig sind solche Magnetbänder nach einer Reinigung und Trocknung wieder abspielbar, wenn auch nicht in allen Fällen.
Dass die Inhalte nun weiter zugänglich bleiben und die digitalen Dateien bei Bedarf in Zukunft vielleicht auch mal umformatiert werden, liegt nun in der Zuständigkeit des Sozialarchivs. Wichtig ist, dass wir die Verbindung zwischen dem originalen, physischen Material, nämlich den Bändern und Kassetten mit all ihren Beschriftungen, Kommentaren und Arbeitsspuren, und den nun digital vorliegenden Inhalten in Form von Dateien nicht verlieren. So bleibt nicht nur der Inhalt, sondern auch sein Kontext für die Nachwelt erhalten.
2. Man weiss, dass in den Räumlichkeiten des Videoladens nie ein Rauchverbot herrschte. Hast du das den Bändern angemerkt?
Einige der Kassetten aus dem Videoladen haben im Laufe der Jahre ihre Schutzhüllen verloren und wurden in der Folge ohne Hüllen aufbewahrt. Die gelbliche Verfärbung dieser Kassetten hatte ich zunächst auf eine Vergilbung durch Sonnenlicht oder Ähnliches zurückgeführt. Erst bei näherer Betrachtung und insbesondere bei der Reinigung der Kassetten kamen wir dem Rätsel der gelben Patina auf die Spur: Vor der Digitalisierung wurden alle U-matic-Kassetten in einem speziellen Gerät gereinigt. Bei diesem Vorgang werden Staub und Schmutz sowie mögliche Ausblühungen aus der Magnetschicht mit Hilfe eines Reinigungsvlieses entfernt. Als wir die vermeintlich vergilbten Kassetten reinigten, blieb ein hartnäckiger gelber Belag auf dem Vlies zurück. Beim Öffnen der Reinigungsmaschine konnten wir das Rätsel „lüften“ und haben herzlich gelacht: Es roch eindeutig nach Aschenbecher. Die Patina war ein Nikotinschleier!
3. Du kümmerst dich sonst vor allem um Videokunst. Hast du während der Konservierung und Digitalisierung überhaupt die Musse, dich um die Inhalte zu kümmern?
Ja! Häufig passiert dies aber erst auf den zweiten oder dritten Blick. Während des Prozesses der Konservierung fokussieren wir uns auf den Zustand der Kassetten und Bänder, auf die optimalen Einstellungen aller Geräte und den besten Digitalisierungsweg. Dabei betrachten wir Bild und Ton oftmals durch verschiedene Messinstrumente und sehen in erster Linie Graphen und Kurven. Ist die Digitalisierung abgeschlossen, gibt es eine abschliessende Qualitätskontrolle. Teil dieser Kontrolle ist auch eine Sichtung des Digitalisats von Anfang bis Ende auf einem Kontrollmonitor. Dann werden die vorher überwachten Kurven von Video- und Audiosignalen wieder zum grossen Ganzen und es gibt einen besonderen Moment der Nähe, wenn wir zum Abschluss jedes Band in voller Länge sehen und hören.
Felix Rauh, Vizedirektor Memoriav
1. Felix, du hast während Jahren das Dossier Videoladen betreut. Auch an dich die Frage: Wieso dauern solche Projekte so lang?
Erhaltungsprojekte mit Partnern, die nicht primär mit der Erhaltung von Kulturgut beauftragt sind, riskieren, länger zu dauern. Bei diesem Projekt spielten die Finanzen und das exklusive Wissen von René Baumann und Rahel Holenstein über diesen Bestand eine Rolle. Memoriav darf höchstens 50% der Projektkosten finanzieren, der Rest muss mit Eigenleistungen oder Drittmitteln gedeckt werden. Das Videoladen-Team kompensierte die fehlenden Geldmittel mit aufwändigen Vorbereitungsarbeiten, die aufgrund von anderen Projekten immer wieder unterbrochen werden mussten.
2. Memoriav unterstützt jährlich mehrere Videoprojekte mit finanziellen Beiträgen. Was ist das Spezielle am Videoladen-Bestand?
Die meisten Videoprojekte konzentrieren sich auf die Erhaltung von fertigen Produkten (Fernsehsendungen, Kunstvideos, Auftragsproduktionen). Hier handelt es sich um eine einmalige Sammlung von Aufnahmen, die als Rohmaterial für Videoproduktionen wie «Züri brännt» dienten oder den Bewegten unmittelbar nach der Produktion zur Dokumentation ihrer Aktionen zur Verfügung standen.
3. Gibt es in der Schweiz vergleichbare Projekte?
Ausser dem Projekt «Stadt in Bewegung», das bereits in den 1990er Jahren eine grosse Sammlung an Bewegungsvideos ins Sozialarchiv spülte, ist mir nichts Vergleichbares bekannt. Zwar gab es gleichzeitig auch in der Romandie Bemühungen, Videos der Jugendbewegung zu finden und zu sichern. Guy Milliard, Leiter des Projekts «Vidéos de Suisse romande 1970-1985», konstatierte im Memoriav-Bulletin Nr. 5 (1999) allerdings, dass keines der Videos von «Lôzanne bouge» überlebt hat. Ich weiss leider zurzeit nicht, ob die anderen Schweizer Videokollektive, die in den 1980er Jahren z.B. in Basel oder Bern aktiv waren, ihre Bänder von damals sicherten. Dieses Interview gibt mir den Anstoss, mich zu erkundigen.
Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit, Uni Zürich
1. Monika, die Geschichte der Medien gehört zu deinen Forschungsschwerpunkten. Welche Rolle spielt Video im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts?
Alexander Kluge und Oskar Negt hatten zu Beginn der 1970er Jahre in ihrem Buch «Öffentlichkeit und Erfahrung» mit Gegenöffentlichkeit einen neuen Begriff etabliert. Mit dem Medium Video stand seit den 1970er Jahren ein neues Medium zur Verfügung, welches das Ideal Kluges und Negts verkörperte und den Neuen sozialen Bewegungen ein audiovisuelles Medium in die Hand gab, mit dem dezentral, schnell und mobil alternative Sichtweisen auf die Welt produziert und distribuiert werden konnten. Das Bewegungsvideo öffnete das Tor zu einer neuen Medienwelt, in der nicht mehr bloss zentrale Medienanstalten über die sozialen Bewegungen berichten, sondern – wie wir fünfzig Jahre später sehen können – Handyvideos quasi live aus den Manifestationen auf der Strasse auf den Social-Media-Kanälen senden.
2. Welche Chancen siehst du für den Videoladen-Bestand in der Lehre? Können Studierende im Jahr 2021 überhaupt etwas damit anfangen?
Die Filme des Videoladens sind dank der Digitalisierung wahrscheinlich populärer und mit Bestimmtheit einfacher zugänglich als in den 1980er Jahren, als sie produziert wurden. Auch deshalb ist die Mediengeschichte so wichtig geworden, weil sie die technischen, ökonomischen, politischen und rechtlichen Umgebungen von verschiedenen Formaten wieder in Erinnerung ruft. Dass ein Medium der Gegenwart fremd geworden ist, ist in diesem Sinne ganz normal, entspricht dem Lauf der Geschichte und ermöglicht neue Sichtweisen auf altes Material. Als wir uns im Sommer 2021 im BA Seminar zur Einführung in die Mediengeschichte durch das neu zugängliche Material des Videoladens wühlten, ist den Studierenden unter anderem die Geschlechterordnung an den Vollversammlungen der Bewegung aufgefallen, wo männliche Redner lautstark und episch lang das Mikrofon okkupierten und das Wort ergriffen.
3. Beim vorliegenden Material handelt es sich um historisches Quellenmaterial. Welchen Gewinn kann es bringen, wenn man sich wissenschaftlich mit bewegten Bildern auseinandersetzt?
Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch hat den Quellencharakter von bewegten Bildern (und zwar diesseits von Gattungsunterscheidungen wie Spiel- oder Dokumentarfilm) in einem Essayband zu den visuellen Konstruktionen des Judentums besonders akzentuiert auf den Punkt gebracht: «Die Einstellung ist die Einstellung.» Die Kamera ist nie neutral, sondern wird eingestellt. Ihre Linse wird präpariert, der Standpunkt bestimmt, Schwenks und Fahrten ermöglichen ihre Bewegung. In diesem Sinn ist das Bewegungsvideo ein hypermobiles, bewegliches Medium, welches sich mitten in der Bewegung selbst befand und die Sicht der Bewegung paradigmatisch zum Ausdruck brachte. Audiovisuelle Quellen vermögen Einstellungen und Blickweisen einer Zeit genauso zu transportieren wie ihr Sound. Das vermag keine schriftliche Quelle.
Ein herzliches Dankeschön an Rahel Holenstein und René Baumann vom Videoladen für die Geduld und Ausdauer, an Agathe Jarczyk für die sorgfältige Videokonservierung, an Felix Rauh als Kooperationspartner von Memoriav sowie an Monika Dommann für ihre Würdigung des Videomaterials aus mediengeschichtlicher Sicht.