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Zuerst war er links, dann ein mutiger Kritiker linker Diktaturen; seit etlicher Zeit ist er ein glühender Verfechter der freien Marktwirtschaft: Mario Vargas Llosa wird gefeiert wie kaum ein Literaturnobelpreisträger.
Mario Vargas Llosa war einmal ein guter Schriftsteller. Er hat in der sogenannten Boomgeneration gemeinsam mit Autoren wie Carlos Fuentes, Gabriel García Márquez oder Alejo Carpentier Romane geschrieben, die auch heute noch mit ihrer formalen Konzentration auf den Inhalt überzeugen: «Die Stadt und die Hunde» (1962), «Das grüne Haus» (1966), «Gespräch in der Kathedrale» (1969), «Der Krieg am Ende der Welt» (1981).
Er hat sich politisch eingemischt. Zunächst als Anhänger Jean-Paul Sartres und der kubanischen Revolution. Dann als Skeptiker im Sinne von Albert Camus und als Kritiker der diktatorischen Tendenzen in Kuba, nachdem Fidel Castro den sowjetischen Einmarsch in Prag 1968 begrüsst und 1971 den kubanischen Lyriker Heberto Padilla zu einer beschämenden öffentlichen Selbstkritik gezwungen hatte. Zu einer Zeit, als noch nicht viele linke Intellektuelle bereit waren, auch die problematischen Seiten von Regierungen wie der kubanischen anzusprechen, gehörte dazu ein gewisser Mut.
Die Position des Wohlhabenden
Seither hat er sich von der literarischen wie von der politisch-publizistischen Bühne nicht mehr herunterbegeben – zu seinem Schaden. Alle paar Jahre erscheint unter grossem Getöse ein neuer Roman, alle paar Wochen schreibt er in einer grossen Zeitung oder spricht er auf gut besuchten öffentlichen Veranstaltungen. Zwischendurch hat er es mit der Politik versucht, als er sich 1990 um die Präsidentschaft in Peru bewarb und erst in der Stichwahl von Alberto Fujimori besiegt wurde. Diese Erfahrung, seine einzige dieser Art, scheint ihn noch bestärkt zu haben in dem, was auch vorher sein Geschäft war: das öffentliche Wort aus der machtvollen Position des wohlhabenden und erfolgreichen Privatmannes.
Dabei hat er längst aufgehört, originell zu sein. Sicher verfügt Vargas Llosa über ein Gespür für gute Stoffe und ein an den grossen AutorInnen der Moderne geschultes stilistisches Repertoire. Trotzdem klingen die neueren Romane irgendwie alle gleich – ganz egal, ob es um die mündlichen Traditionen der peruanischen Indigenen geht (wie in «Der Geschichtenerzähler»), um die Gewaltexzesse in Peru während des letzten Bürgerkriegs («Tod in den Anden»), um eine welt- und zeitumspannende, autobiografisch verankerte Liebesgeschichte («Das böse Mädchen»), um den dominikanischen Diktator Trujillo («Das Fest des Ziegenbocks») oder um die Utopien des Malers Paul Gauguin und seiner marxistischen Grossmutter Flora Tristan («Das Paradies liegt anderswo»).
Vielleicht war «Der Krieg am Ende der Welt» der letzte Roman Vargas Llosas, in dem er eine Form suchte, die dem erzählten Stoff einen Mehrwert verschaffte. Die Aufstandsbewegung in der brasilianischen Provinzstadt Canudos, die Ende des 19. Jahrhunderts mit einem gigantischen Militäraufgebot nach mehreren erfolglosen Versuchen niedergeschlagen wurde, erzählt Vargas Llosa auf mehr als 700 Seiten in einer Ausführlichkeit, die das Geschehen verlängert. Die Zeit wird gedehnt und mit ihr die Hoffnung der Aufständischen, aber auch ihr Leiden: Das ist in sich logisch und insgesamt beeindruckend.
Zauberwirken des Zufalls
Die herausragende Qualität der frühen Romane «Die Stadt und die Hunde» und «Gespräch in der Kathedrale» hingegen beruht auf der Vielstimmigkeit, die sich auf mehreren Ebenen findet: in der jeweils eigenen Sprechweise einzelner Personen (was sich im Deutschen nur andeutungsweise wiederfindet), aber auch im kunstvollen Zusammenwirken mehrerer Stimmen in einer einzigen Figur. Erfunden hat Vargas Llosa das nicht, aber er traf mit diesem Verfahren das Bedürfnis einer LeserInnengeneration in Lateinamerika, und nicht nur dort, sehr genau.
Auch wenn sich Überreste des technischen Könnens noch in Romanen wie «Das böse Mädchen» finden, können sie das bleierne Gewicht der inhaltlichen Unglaubwürdigkeit nicht aufwiegen. Die Liebesgeschichte zwischen Ricardo und Lily ist rhythmisiert durch Fluchten und Wiederannäherungen, die das Zauberwirken des Zufalls reichlich in Anspruch nehmen und ebenso zufällig an wichtigen Orten der Welt zu jeweils interessanten Zeiten spielen – im Paris der sechziger, im London der siebziger oder im Madrid der achtziger Jahre. Das gibt reichlich Gelegenheit, die jeweiligen touristischen Hauptsehenswürdigkeiten und zentrale Ereignisse der Zeitgeschichte einzubeziehen. Es dient aber auch dazu, Meinungsprosa in den Erzählfluss einzustreuen. Unvergesslich, wie kaltschnäuzig Vargas Llosa den Pariser Mai 68 auf zwei Seiten abgefertigt hat. Unvergesslich auch deswegen, weil es zum nichtliterarischen Vargas Llosa recht gut passen will.
Die unzähligen Zeitungstexte und Reden Vargas Llosas, mit denen er ganz in der Pose des klassischen Intellektuellen auf die unterschiedlichsten Dinge Bezug nimmt, weisen ihn als kämpferischen Liberalen aus. Dabei macht man es sich zu leicht, wenn man ihn, den Verfechter von Privatisierung und freier Marktwirtschaft, den Anhänger Margaret Thatchers und José María Aznars, in der rechten Ecke abstellt. Insbesondere seine Kritik an nationalistischem Gedankengut aller Art verdient Gehör, ebenso das Eintreten für den Einzelnen und seine Rechte.
Das fehlende Sensorium
Aber seinem liberalen Optimismus ist genauso viel naiver Glaube eigen wie der Staatsgläubigkeit, gegen die er zu Felde zieht. Die Privatisierungswelle, die im Zuge der IWF-Strukturanpassungsmassnahmen einst über Lateinamerika hereinbrach, hatte seiner Auffassung nach nur deswegen unangenehme Folgen, weil sie nicht richtig durchgeführt wurde. Und hätte es die Folterexzesse der US-Soldaten in Abu Ghraib und anderswo nicht gegeben, dann wäre der Einmarsch im Irak ganz wunderbar gewesen, da ja eine Diktatur gestürzt und die «Freiheit» eingeführt wurde. Um die Machtstrukturen, die einem Grossteil der Weltbevölkerung die Entfaltung in Freiheit von vornherein unmöglich machen, in die Überlegungen einzubeziehen, fehlt Vargas Llosa das Sensorium.
Neben dem literarischen und dem politischen gibt es noch einen dritten Mario Vargas Llosa, nämlich den Verfasser biografischer Essays. In «Die Welt des Juan Carlos Onetti» (2009), seinem Versuch über diesen bedeutenden uruguayischen Schriftsteller, benennt er, was er an der Sprache des Kollegen besonders schätzt: «Streckenweise wird sie parodistisch und legt einen beissenden, vernichtenden Humor an den Tag, vor allem, wenn sie die Klischees lächerlich macht, deren Lügen und Hohlheit die Sprache besudeln und erstarren lassen.» Solchen «beissenden, vernichtenden Humor» hört man von Vargas Llosa schon lange nicht mehr.