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von Oliver Kaftan
Im Jahre 2010 fanden in der Schweiz insgesamt 22'081 Ehescheidungen statt, wovon in knapp der Hälfte der Fälle minderjährige Kinder betroffen waren. Gemäss Angaben des Bundesamts für Statistik kommt das (bald zum Regelfall werdende) gemeinsame Sorgerecht dabei zwar immer häufiger zur Anwendung, nichtsdestotrotz wird das Sorgerecht nach wie vor mehrheitlich der Mutter zugesprochen. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass sowohl Kurz- als auch Langzeitstudien (z.B. Schmitz & Schmidt-Denter, 1999) immer wieder stärkere negative Scheidungsfolgen bei Knaben als bei Mädchen feststellen.
Kein männliches Vorbild
Die mit einer Scheidung einhergehende häufige Einschränkung des Kontaktes zum Vater führt bei Knaben oft zum Fehlen eines männlichen Vorbildes, während die Mädchen bei der Mutter ihr weibliches Vorbild weiterhin erfahren können. Patricia Imbibo (1995) fand in ihrer Studie etwa, dass es dadurch jungen Männern im Vergleich zu jungen Frauen – beide bei der geschiedenen Mutter lebend – deutlich weniger gut gelang, eine eigene Identität aufzubauen (18 Prozent versus 25 Prozent), männliche Studienteilnehmer also mitunter häufiger keine festen Überzeugungen hatten und verwirrt oder überwältigt von ihrer Identitätsfindung waren.
Geschlechtsspezifische Störungen
Allerdings könnte diese Beobachtung stärkerer negativer Scheidungsfolgen bei Knaben infolge von geschlechtsspezifischen Störungen verzerrt sein: Während Knaben nämlich – u.a. aufgrund soziokultureller Gegebenheiten – nach einer Scheidung ihrer Eltern mehr externalisierende Störungen entwickeln, neigen Mädchen zu mehr internalisierenden Störungen. Externalisierende Störungen, das sind solche, die man von aussen beobachten kann. Dazu gehören zum Beispiel ein aufsässiges und aggressives Verhalten („Störung des Sozialverhaltens“) oder Unruhe und Zappeligkeit („hyperkinetische Störung“). Internalisierende Störungen dagegen sind von aussen weniger gut sichtbar, da Betroffene die Probleme gewissermassen innerlich bearbeiten. Dazu gehören unter anderem Depressionen oder Ängste. Verzerrend im Hinblick auf die negativen Scheidungsfolgen würde entsprechend der Umstand wirken, dass die Umwelt leichter externalisierende Störungen wahrnimmt, also Eltern und Lehrpersonen ein negatives und störendes Verhalten von Kindern eher auffällt, als internalisierende Störungen.
Qualität der Vater-Kind-Beziehung
Dennoch scheint insbesondere der für Jungen einschneidendere «Verlust des Vaters» psychologisch relevant zu sein und daher auch mit mehr Anpassungsstörungen und psychischen Störungen seitens der Knaben einherzugehen. Um diese Störungen zu verhindern bzw. längerfristig die Anpassung des Kindes und dessen angemessene Entwicklung zu begünstigen, ist vor dem Hintergrund der mehrheitlichen Zuweisung des Sorgerechts an die Mutter deshalb wichtig, dass Väter eine gute Beziehung zu ihren Kindern aufrechterhalten können.
Wie Studien zeigen ist dafür weniger die Häufigkeit der Besuche wichtig, sondern vielmehr das Zeigen von emotionaler Zuneigung, das Wahrnehmen der Erziehungsverantwortung sowie eine regelmässige und zuverlässige Alimentezahlung als Zeichen des Engagements gegenüber dem Kind. Für diese Einbindung der Väter braucht es allerdings in schwierigen Fällen eine Mediation oder Paartherapie, die den beiden geschiedenen Partnern hilft, die Beziehung neu zu definieren, Verletzungen zu überwinden und zum Wohl der Kinder unter neuen Vorzeichen neu zu beginnen. Denn eine Scheidung ist für das Kind nur dann «gut», wenn sie chronischen Konflikten ein Ende setzt und ihm dadurch ein günstiger Kontext für eine gesunde Entwicklung geboten wird.
Quellen:
Rumo-Jungo & P. Pichonnaz (2006). Kind und Scheidung. Zürich: Schulthess-Medien.
Schmitz, H., & Schmidt-Denter, U. (1999). Die Nachscheidungsfamilie sechs Jahre nach der elterlichen Trennung. Zeitschrift für Familienforschung, 3, 28-55.
Imbibo, P. V. (1995). Sex differences in the identity formation of college students from divorced families. Journal of Youth and Adolescence, 24, 745-761.
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