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Vielen fällt es schwer, die eigenen Fähigkeiten anderen gegenüber in einem realistischen Licht darzustellen. Sie äussern sich sehr selbstkritisch – etwa mit Sätzen wie: «Mein selbstgebackener Cake ist nichts Besonderes», obwohl sie sich beim Zubereiten viel Mühe gegeben haben. Sie wollen keinesfalls als Angeberin oder als Prahler wirken.
Menschen, die von sich sehr überzeugt auftreten, werden leicht für selbstverliebt gehalten. Selbstliebe ist ein verpönter Begriff – er wird mit Eitelkeit, Egozentrik, Überheblichkeit oder gar Narzissmus gleichgesetzt. Dies ist allerdings eine reichlich verzerrte Perspektive. Tatsächliche Narzissten empfinden weder für sich noch für andere echte Herzenswärme. Sie spielen anderen Menschen Zuneigung vor, um sie leichter für ihre Zwecke einspannen zu können.
Echte Wertschätzung für die eigene Person bedeutet dagegen tiefes Wohlwollen für sich selbst, vergleichbar etwa mit der Liebe von Eltern zu ihrem Kind. In manchen Situationen mögen sie über das Kind verärgert, genervt oder enttäuscht sein. Dies ändert nichts an der Tatsache, dass sie für ihr Kind nur das Beste wollen. Selbstliebende Menschen haben nichts anderes im Sinn, als im Alltag für angenehme Lebensumstände für sich selbst zu sorgen; ohne dies auf Kosten anderer zu tun.
Wie erwähnt, fällt es vielen Menschen schwer, sich selbst volle Akzeptanz entgegenzubringen. Grund für eine unfreundliche Haltung sich selbst gegenüber sind entsprechende Erfahrungen vor allem in der Kindheit, als man von Eltern, Lehrpersonen, Geschwistern oder Schulkameraden oft kritisiert oder gehänselt wurde. Diese Personen haben früh verinnerlicht, dass sie in ihrer Art nicht genügen. Einige von ihnen wurden als Kinder von den Eltern immer wieder mit einem älteren oder jüngeren Geschwister verglichen, dabei zogen sie oft den Kürzeren. Sie fühlten sich gegenüber ihren Geschwistern benachteiligt und zweitrangig. Sie glauben, dass sie sich Akzeptanz immer wieder verdienen müssen.
Im Extremfall kann dieses ständige unbewusste Streben nach Bestätigung zu einem Erschöpfungszustand führen. Einige weitere Menschen tun sich mit der Sympathie für sich selbst schwer, weil sie sich an Spitzensportler*innen, Topmodels, Singstars oder sehr erfolgreichen Berufsleuten messen. Dabei überfordern sie sich selbst, weil sie sich zu viel abverlangen. Es ist nicht ganz einfach, sehr hohe Ansprüche auf ein ausgewogenes Mass zu bringen.
Wer viel von sich fordert, sollte sich selbst auch immer wieder Gutes tun; dies können eine Massage, ein besonders feines Essen, ein Einkaufsbummel, ein Städtetrip sein. Am besten reserviert man sich in der Agenda wöchentlich einen Tag für sich – Genuss gleicht zu hohe Ansprüche aus. Eine Redensart drückt es so aus:
Menschen, die ihren Blickwinkel permanent auf das Unperfekte, Mangelhafte und Störende bei sich und bei anderen richten, wirken wenig umgänglich. Und wer mit sich selbst immer wieder hart ins Gericht geht, leidet bei Liebeskummer, Beziehungsproblemen, Schicksalsschlägen und Krankheiten intensiver. Wichtig: Wenn das Leben mal wieder besonders hart mit einem umgeht, sollte man besonders fürsorglich, geduldig und wohlwollend mit sich selbst sein – genauso, wie man einer guten Freundin oder einem guten Freund in einer schwierigen Lebenslage beistehen würde. Selbstvorwürfe sind in dieser Situation kontraproduktiv.
So lassen sich beispielsweise in ihrem Blut mehr Abwehrzellen gegen Krankheitserreger nachweisen. Zudem fühlen sie sich weniger als Opfer des Schicksals: Sie richten ihr Augenmerk auf die Möglichkeiten zur Verbesserung ihrer Situation.
Wer immer wieder an den zu hohen Forderungen an sich selbst leidet, sollte seinen inneren Tyrannen einen Brief schreiben und sie zu mehr Nachsicht und Toleranz auffordern. Laut Psychologie stehen die Chancen gut, dass sie auf diese Weise tatsächlich etwas gnädiger werden – und sogar ab und zu ein Lob aussprechen.
Dazu geniesst man angenehme Erfahrungen sehr bewusst; beispielsweise einen Waldspaziergang, einen Blumengarten, fröhliche Kinder, wohltuende Musik, ein überraschendes Geschenk, eine Walking-Runde oder die Behaglichkeit in den eigenen Wohnräumen an einem Regentag. Diese Erfahrungen verändern laut Fachleuten der Neuropsychologie mit der Zeit die Strukturen zwischen den Hirnzellen. Diese Veränderungen sind wichtige Schritte, um Liebenswürdigkeit für sich selbst zu kultivieren.
Doch es braucht Ausdauer, um überkritische Denkmuster positiv zu verändern. Oft hallt die Stimme einer strengen Mutter, eines launischen Vorgesetzen oder einer ewig nörgelnden Schwester im eigenen Inneren lange nach. Um die negative Wirkung dieser Figuren abzuschwächen, sollte man eine gute Freundin oder einen wohlwollenden Angehörigen fragen, was sie an einem besonders schätzen. Man wird überrascht sein, welche positiven Eigenschaften sie aufzählen werden.
Dazu eine eindrückliche Geschichte: Als eine Klasse in einer höheren Schule in den USA während einer Lektion sehr unruhig war, forderte die Lehrerin die Jugendlichen auf, drei positive Eigenschaften über jede Mitschülerin und jeden Mitschüler zu notieren. Einige Jahre später kam einer dieser Schüler als junger Erwachsener im Irakkrieg ums Leben. Bei der Beerdigung erzählte die Mutter seiner ehemaligen Lehrerin, dass man bei seinem Leichnam diesen Zettel mit den positiven Bemerkungen über ihn gefunden habe. Sie bedeuteten ihm offensichtlich noch nach Jahren viel.
Es gibt verschiedene weitere Möglichkeiten, um mehr positive Gefühle sich selbst gegenüber zu entwickeln. Eine besonders wirkungsvolle ist die Einsicht, dass man als Mitmensch einen wichtigen Beitrag an das Wohl Anderer leistet: sei es als Mutter, als Patenonkel, als hilfsbereiter Nachbar, als Vorstandsmitglied im Verein, als pflegende Tochter, als Spenderin für ein Hilfswerk oder auch als Steuerzahlerin, die mit ihren Abgaben zur Schulbildung der jungen Generation beiträgt.
In den spirituellen Schulen des Ostens praktizieren die Menschen regelmässiges Lächeln nach innen, so wird Freundlichkeit gegenüber sich selbst kultiviert.
Tatsächlich hat der eigene Körper viel Wertschätzung verdient: Tag und Nacht versorgt das Herz den Organismus mit Nährstoffen, die Sinnesorgane lassen einem an den Schönheiten und der Vielfalt der Welt teilhaben.
Zu einer gesunden Selbstfürsorge gehört auch immer wieder die Frage: «Was brauche ich jetzt gerade?» Viele Menschen sind mit ihren Gedanken häufig in der Zukunft oder in der Vergangenheit unterwegs. Sie sorgen sich um ihre Kinder, um pflegebedürftige Angehörige oder um überlastete Arbeitskolleginnen. Dabei kann es leicht passieren, dass ihre eigenen Bedürfnisse zu kurz kommen.