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Ein Bergdorf an der Autobahn
Splügen hat eine lange Verkehrsgeschichte. Aktuell plant das Bundesamt für Strassen die Instandsetzung der Nationalstrasse, die durch das Dorf führt – nicht ohne Gegenwind aus der Bevölkerung.
Splügen GR ist ein eng gebautes Dorf am Eingang des Rheinwalds und am Fuss des Splügenpasses. Seit 1989 zählt es zum Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS). Kaum ein Ort in Graubünden ist in ähnlicher Weise vom Warentransport und vom Reiseverkehr geprägt. Schon die Römer nutzten den Weg über den Splügenpass regelmässig: Auf der «Tabula Peutingeriana», die auf eine römische Strassenkarte des 4. Jahrhunderts zurückgeht, wird die Verbindung zwischen Mediolanum (Mailand) und Brigantia (Bregenz) erstmals erwähnt.
Die eigentliche Besiedelung Splügens wird auf das 13. Jahrhundert datiert, als die Walser aus dem Oberwallis ins Tal einwanderten. Aus dieser Zeit gibt es auch Belege für einen durchgehenden Warenverkehr über die beiden Rheinwälder Pässe, den Splügen und den San Bernardino. Seide, Baumwolle, Seife und Früchte wurden von Süden nach Norden transportiert; Leinwand, bedruckte Baumwolltücher, Sensen und Wachs in die umgekehrte Richtung. Nach dem Ausbau im Jahr 1473 konnte der Saumweg durch die Viamala durchgehend mit Lasttieren begangen werden.
Von 1818 bis 1823 wurde über den Splügenberg eine moderne Kunststrasse gebaut. Die wichtigste Neuerung war, dass sie im obersten steilen Abhang nicht mehr wie bisher über den lawinengefährdeten Altberg führte, sondern auf der linken Talflanke einen Höhenunterschied von fast 300 m in 14 Kehren überwand und im obersten Teil durch eine Galerie vor Lawinen geschützt wurde. Der Warentransport erreichte 1856 mit 27 100 t einen Höchststand. Doch die Eröffnung der Gotthardbahn 1882 wirkte sich in Splügen katastrophal auf den Warentransport aus: Gerade noch 1000 t waren es im Jahr 1883.1
Mit dem Wegfall des alpenquerenden Transportgewerbes im ausgehenden 19. Jahrhundert verstärkte sich die Abwanderung aus dem strukturschwachen Berggebiet. Damals gab es übrigens zahlreiche Projekte, die eine Überquerung des Splügenpasses unabhängig von der Strasse ins Auge fassten: Das kühnste von allen war zweifellos jenes von Pietro Caminada, der den Splügen auf einem transalpinen Wasserweg überqueren wollte.2
Das Dorf Splügen versenken
Zwischen 1930 und 1940 drohte das Dorf gänzlich unterzugehen. Für ein Kraftwerk sollte ein Stausee im Rheinwald entstehen. Verschiedene Pläne wurden weitgehend ohne Information der Talbevölkerung ausgearbeitet, und in den Programmen der Planer hiess es lapidar: «Die Strassenverlegung und die Neuansiedlung der Bevölkerung sind verhältnismässig wenig einschneidend und leicht zu verwirklichen.» Die Einwohner des Tals gründeten unter dem Namen Pro Rheinwald ein Widerstandskomitee und errangen nach langem Kampf einen Sieg über die Kraftwerkbefürworter.3
Aufschwung dank Nationalstrasse
Ein neues Kapitel in der Geschichte des Passdorfs Splügen begann 1967 mit der Eröffnung der A13 und des San-Bernardino-Strassentunnels. Auch aus diesem neuen Verkehrsweg zog Splügen Nutzen und entwickelte sich zu einem beliebten Ferienort, vor allem für Wintersport.
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Neben dem etwas abseits gelegenen Wohn- und Ferienhausquartier «Steinen» entlang der Splügenpassstrasse bildete vor allem die ehemalige Schwemmebene westlich des historischen Kerns einen Entwicklungsschwerpunkt: Entlang der Kantonsstrasse entstanden neben Einfamilienhäusern eine neue Schulanlage (1969) und eine Apartmenthaussiedlung (1972/1973). Dank einer umsichtigen Ortsplanung, die auch mit dem 1995 an Splügen verliehenen Wakkerpreis des Schweizerischen Heimatschutzes gewürdigt wurde, blieb der historische Kern weitgehend unverbaut und hat trotz der touristischen Umnutzung zahlreicher Bauten seine über Jahrhunderte durch das Transportgewerbe und die Landwirtschaft geprägte baukulturelle Substanz bis heute bewahrt.4
Splügen als Hauptort stärken
Auf den 1. Januar 2019 fusionierte Splügen mit Hinterrhein und Nufenen zur Gemeinde Rheinwald. Dies und die Revision des Bundesgesetzes über die Raumplanung (RPG) haben die Verwaltung dazu veranlasst, über die künftige Ausrichtung ihrer Siedlungsentwicklung nachzudenken. Der Hauptort Splügen spielt in diesem Leitbild5 eine wichtige Rolle. Das Dorf soll als Wohnstandort mit besonderen räumlichen Qualitäten im historischen Ortskern weiterentwickelt werden. Die gute Anbindung an das übergeordnete Strassennetz wird als Chance für die Weiterentwicklung als Gewerbe- und Tourismusstandort genutzt.
Im Bereich der heutigen Talstation der Bergbahnen sowie den angrenzenden Flächen lässt sich das Tourismus- und Beherbergungsangebot ausbauen. Weiter gibt es an der Zufahrtsstrasse grosse Nutzungsreserven, sich dicht bebauen liessen. So weit die Theorie. Grundsätzlich ist es aber so, dass die Gemeinde durch die neue Raumplanungsgesetzgebung eine Gemeinde mit zu hohen Bauzonenreserven ist. Im Zuge der nächsten Gesamtrevision der Nutzungsplanung muss Rheinwald die Bauzonen in Splügen reduzieren.
Die Geschichte wiederholt sich
Aufgrund des aktuellen Zustands der Nationalstrasse sind auf dem rund 3 km langen Abschnitt in Dorfnähe Instandsetzungsarbeiten sowie Anpassungen an die heutigen Normen erforderlich. Das Bundesamt für Strassen (Astra) liess deshalb ein Ausführungsprojekt erarbeiten, das 2019 öffentlich auflag. Es beinhaltet die Sanierung bzw. den Neubau von 16 Kunstbauten sowie eine Anpassung des Trassees und der Entwässerung. Die lichte Breite wird auf mindestens 12.80 m verbreitert. Die geplanten Massnahmen stiessen bei einigen Einwohnern von Splügen auf Widerspruch. In der Folge wurde das Aktionskomitee Rheinwald (AKR) gegründet, das sich vordergründig für eine Tieferlegung der A13 im Dorfbereich einsetzt; damit soll der steigenden Entwertung der Grundstücke entlang der A13 entgegengewirkt, die natürliche Entwicklung des Dorfs gefördert, Lärm- und Feinstaubemissionen6 auf ein akzeptables Niveau begrenzt werden, damit die Wohnqualität wieder komfortabler werden kann.
Die Rheinwaldner Gemeindeversammlung hat ebenfalls klar signalisiert: Eine Untertagelegung soll vom Gemeindevorstand weiterverfolgt werden. Das Astra treibt derweil die Planung der A13-Erneuerung weiter voran. TEC21 hat sich mit Vertretern des Astra, dem kantonalen Tiefbauamt und dem Aktionskomitee Rheinwald getroffen, um die verschiedenen Standpunkte kennenzulernen. Es hat sich gezeigt: Man begegnet sich mit Respekt. Sowohl die Bevölkerung als auch die Infrastrukturbetreiber haben legitime Ansprüche und ihre Argumente. Allein auf der Zeitachse bewegen sich die Parteien in unterschiedlichen Sphären.
Splügen in Kürze
Höhenlage: 1475 m ü. M.
Gemeindefläche: 43.01 km2
Einwohnerzahl: 377 (2018)
Bevölkerungsdichte: 8.8 Personen/km2
Auszeichnung: Wakkerpreis 1995
Anmerkungen
1 Kurt Wanner: «Splügen – Die Geschichte eines Passdorfs», in Heimatschutz = Patrimoine, Band 68/1973.
2 Kurt Wanner: «Via d’aqua transalpina» in TEC21 14–15/2010 «Verkehrsvisionen».
3 Die Standpunkte des Komitees «Pro Rheinwald» und des Konsortiums Kraftwerke Hinterrhein zum Stausee Splügen sind in Band 122 der Schweizerischen Bauzeitung vom 23. Oktober 1943, S. 206f. nachzulesen.
6 «Gemäss Ausführungsprojekt Splügen West – Rüti wird der Alarmwert im Ist-Zustand (2018) bei keiner Liegenschaft überschritten. Lediglich bei einer Liegenschaft wird der Immissionsgrenzwert überschritten. Gemäss Berechnungen werden ohne weitere Lärmschutzmassnahmen im Jahr 2040 fünf Liegenschaften von einer IGW-Überschreitung betroffen sein, davon eine, welche den Alarmwert überschreitet.» Aus: Saskia Stocker, Fachhochschule Graubünden, Institut für Bauen im alpinen Raum, Studiengang BSc Bauingenieurwesen: Bachelor-Thesis 2021, «Gesamtverkehrskonzept Splügen».