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Den grossen Luís Figo durfte ich mal treffen. Den portugiesischen Fussballer, der die Nummer 7 mit Eleganz trug, ehe sein Landsmann Ronaldo, der Geck, sie zu seinem Markenzeichen machte. Ronaldo hält sich bekanntlich für «den besten, zweitbesten und drittbesten Spieler der Welt» – Figo, der einst Medizin studierte, lobte statt seiner selbst andere und sprach lieber über seine drei Töchter als über sein Können. Dabei war er das Genie des letzten Zuspiels: Keiner bereitete Tore schöner vor als er.
Aber, keine Angst! Dies soll keine Fussballkolumne werden. Ich war also mit Figo verabredet, in Schaffhausen wars, und fragte nach dem Weg. «Eine gute Viertelstunde zu Fuss», beschied mir ein freundlicher Passant. Doch nach einem Spaziergang von zweieinhalb Minuten war ich am Ziel. Wochen später erkundigte ich mich in Mailand bei einer jungen Frau, wo es denn zum Dom gehe. Sie wies mir die Richtung: «Cinque, sei minuti in questa direzione.» Ich würde in fünf, sechs Minuten dort sein. Mir aber taten nach 45 Minuten Marsch die Füsse weh – und ich hatte mich nicht verlaufen.
Eigenartig: Kleinstädtern erscheint ihr Wohnort offenbar grösser, als er ist. Die Grossstädterin dagegen nimmt das riesige Mailand als Dorf wahr. Woher das rührt? Keine Ahnung. Aber versuchen Sie es selbst! Fragen Sie in Ballwil LU und New York nach dem Weg! Sie werden falsche Einschätzungen erhalten. Der «short walk, three or four blocks» wird Stunden dauern. Vielleicht, weil Metropolenmenschen ihre Stadt in Gedanken zum behaglichen Ort verkleinern, derweil Dörfler von Grösse träumen.
Figo? Plötzlich stand der Mann, den ich als besten Spieler seiner Generation verehrte, vor mir: das Kinn unrasiert, die Koteletten buschig, das rabenschwarze Haar lässig nach hinten gestrichen. Die waagrechte Stirnfurche liess ihn nachdenklich und älter erscheinen. Wir unterhielten uns auf Italienisch, Figo hatte bei Inter Mailand gespielt und sprach es fast fehlerfrei. Falls er überhaupt etwas sagte. Denn wo der andere, Ronaldo, ein Grossmaul ist, war er kleinlaut.
Darauf angesprochen, dass sein Name im Italienischen «gut aussehend» und «geil» bedeutet, schmunzelte er und befand: «David Beckham ist doch viel schöner als ich.» Es war wie mit so vielem, das einem von fern gross und wunderbar erscheint. Von nahem besehen, war der Überirdische ganz normal. Denn je näher wir jemandem kommen, desto mehr müssen wir von unseren eigenen Vorstellungen Abschied nehmen, seien es Vorurteile oder Verherrlichungen. Figo erwies sich als Scheinriese. Aber eigentlich fand ich das ganz sympathisch.
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Autor: Bänz Friedli
Fotograf: Bänz Friedli