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Bericht zum 44. Basler Renaissancekolloquium
am 24. Mai 2019
Kirstin Bentley, Julian Zimmermann, Nicolai Kölmel
«Travel, Maps and Ethnography»
Surekha Davies (Utrecht/Providence)
«Caribbean Peoples, Visual Culture, and German Cartography in the Renaissance»
In ihrem Vortrag setzte sich Surekha Davies mit Kartographie und visueller Kultur in der Renaissance auseinander. Dabei untersuchte sie vor allem die Darstellungen von weit entfernt lebenden Menschen auf Weltkarten europäischer Provenienz vornehmlich des 16. Jahrhunderts. Diese werden für einen Vergleich der Bevölkerungen unterschiedlicher Regionen genutzt, wobei Davies ihren Fokus vor allem auf die Repräsentation von Südamerika und die Figur des Brasilianischen/Karibischen Kannibalen legte.
Davies stellte fest, dass bereits die frühsten Darstellungen von Südamerika kannibalistische Praktiken zeigen (Menschen in Kochtöpfen oder auf dem Bratspiess sowie etwa aufgehängte Körperglieder in Bäumen oder an Hütten), während diese in frühen Reiseberichten kaum oder gar nicht erwähnt werden. Diese schildern, bis auf ganz wenige Ausnahmen, vor allem die Friedfertigkeit und Furchtsamkeit der ansässigen Bevölkerung. Anthropophagische Praktiken schlagen sich erst beinahe ein halbes Jahrhundert später in den geschriebenen Berichten nieder.
Die Visualisierung von Kannibalismus auf Weltkarten führte im Vergleich zur Reiseliteratur zu einer rascheren und verbreiteteren Zirkulation solcher monströsen Motive. Die räumliche Darstellung markierte zudem visuell Zonen der Entmenschlichung, in denen die Grenze zwischen Mensch-sein und Monster-sein aufgeweicht und verhandelt wurde. Dies führte Surekha Davies zu ihrem abschliessenden Argument, dass solche Darstellungen den kulturellen Bodensatz bildeten, um die Versklavung ganzer Bevölkerungen zu rechtfertigen. Individuen, die als Kannibalen identifiziert wurden, durften versklavt werden, da sie als monströs und nicht als menschlich angesehen wurden. Da Brasilien als Ort von Menschenfressern lokalisiert war, konnte die ansässige Bevölkerung daher problemlos versklavt werden.
Axelle Chassagnette (Lyon)
«August I. und die Karten. Die Kartierung Kursachsens im 16. Jahrhundert»
In ihrem Beitrag widmete sich Axelle Chassagnette (Lyon) dem Phänomen deutschsprachiger Kartographie. Ihr Hauptaugenmerk lag dabei auf der reichhaltigen kartographischen Praxis unter dem Kurfürsten August I. im Kursachsen des 16. Jahrhunderts. Zum einen entstanden unter der Ägide von August I. zahlreiche, das Gebiet Kursachsens behandelnde Karten, die durch unterschiedliche Kartographierungsmethoden, aber auch – gefördert durch den Kurfürsten – durch eine vergleichsweise unüblich hohe Anzahl an Karten bestechen. Zum anderen war August selber, auch genannt „der Kartograph“, bei der Erstellung von Karten aktiv. Seine Regierungszeit bietet sich folglich für einen Überblick über die Entwicklung der Kartographie im 16. Jahrhundert geradezu an.
Die insbesondere in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts typische Praxis der Kartierung von Herrschaftsgebieten wird in der Forschung, so A. Chassagnette, als Zeichen der Modernisierung und der gestiegenen Raumwahrnehmung gedeutet. Mag gerade ersteres auf die sogenannte Öder-Zimmermann-Karte unter Augusts Nachfolger Christian I. zutreffen, welche durch eine hohe Systematisierung auf eine Verwendung zu verwaltungsspezifischen Zwecken hindeutet, so galt dies laut Chassagnette nicht für die zahlreichen Karten, die unter August I. entstanden. Welchem Zweck diese dienten, erörterte Chassagnette in der Folge und behandelte dazu zunächst zwei Karten, die nicht durch August, aber in seinem Auftrag erstellt wurden und das Gebiet Kursachsens behandelten. Besondere Aufmerksamkeit wurde dabei der „düringischen und meißnischen Landtafel“ des Hiob von Magdeburg aus dem Jahre 1566 zuteil. Bei dieser Karte zeichnete Hiob keine Grenzverläufe oder ähnliches ein, was ein Indiz dafür sei, dass sie kein politisches Territorium betrafen. Es wäre aber falsch, die Karte deswegen als unpolitisch zu bezeichnen, denn die Widmung an den Kurfürsten und die Wappen auf dem Rahmen sprechen doch eine klare politische Sprache.
Eine ganz andere Art von Karte stellte Chassagnette dann am Beispiel „des zellischen Waldes“ von Homel vor, der von einem erhöhten Punkt aus in zyklischer Darstellungsweise Gebiete darstellte, die noch in ‚Augen-Reichweite‘ lagen. Diese komplett andere Darstellungsweise ist, so Chassagnette, im Vergleich zu der Karte von Hiob von Magdeburg ein Indiz für die noch nicht vorhandene Standardisierung der Kartographie und die stattdessen vorherrschenden individuellen Darstellungsweisen. Ähnliches zeigt sich auch bei den von August I. selber angefertigten Karten, die sowohl das Gebiet Kursachsens beinhalteten als auch spezifische Reiseitinerare des Fürstens, die nur 15 cm breit aber bis zu 15 m lang sein konnten und vom Fürsten während der Reise mit vorab erstellten Vignetten zu Reisepunkten wie Dörfern, Wäldern oder Brücken beklebt werden konnten.
All diese verschiedenen Karten zeigen, so Axelle Chassagnette, dass wir es in der Regierungszeit von August I. mit einer an der Schwelle zur Renaissance stehenden Kartographie zu tun haben, die noch in individuellen Darstellungsweisen verhaftet war, in der Folge aber zunehmend standardisiert, systematisiert und für Verwaltungszwecke eingesetzt werden sollte. Doch auch diese noch unsystematischen Karten hatten eine praktische Bedeutung, welche deren Entstehung bedingte: In einer Zeit noch nicht fest territorialisierter Herrschaft und der Notwendigkeit weiter Reisen des Herrschers könne man die Karten auch als Visualisierung des Herrschaftsgebiets und somit als Teil der Entwicklung hin zur Territorialisierung verstehen.
Annette Kranen (Bern)
«Antiquities in Layers. French Travellers’ Approaches to Historic Buildings in the Ottoman Territories (Late 17th Century)»
Im abschliessenden Vortrag ging Anette Kranen (Bern) der Wahrnehmung historischer Gegenwarten in Texten und Bildern um 1700 nach. Im Mittelpunkt standen dabei Reisebeschreibungen nordeuropäischer Autoren über das Osmanische Reich, und die Frage, welche Eindrücke die lange und wechselhafte Geschichte der bereisten Orte bei diesen hinterliess. Anhand von zahlreichen Darstellungen, die Reisende von antiken und spätantiken Gebäuden anfertigten, konnte die Kunsthistorikerin überzeugend deutlich machen, wie die Umnutzungen und baulichen Veränderungen wahrgenommen wurden.
So konnte sie zeigen, dass manche der Autoren sich zwar für die Gleichzeitigkeit der einander palimpsestartig überlagernden Zeitebenen interessierten, viele aber versuchten, durch alle Veränderungen hindurch einen Idealzustand in den Blick zu bekommen. Dieser wurde dann je nach Motivation der Autoren mal in der Antike, mal in einer christlichen Nutzung ausgemacht. Wie Kranen im zweiten Teil ihres Vortrags darlegte, wurden besonders im letzten Fall die baulichen Veränderungen meist im Lichte eines implizit religiös-herrschaftlichen Konflikts betrachtet. Die muslimisch-osmanische Herrschaft in der Levante wurde so auch 250 Jahre nach der osmanischen Einnahme Konstantinopels weiterhin als Usurpation genuin christlicher Territorien aufgefasst.
Mit der Anwendung objektbiographischer Ansätze auf Architekturen und ihre Darstellungen konnte Anette Kranen so nicht nur einen spannenden Einblick in die Zeit- und Geschichtsvorstellungen des ausgehenden 17. Jahrhundert geben, sondern zugleich zeigen, in welchem Ausmass diese mit Religions- und Herrschaftsfragen verknüpft waren.