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Es war ein heisser Julitag, als ich sie das erste Mal sah. Ich spazierte entlang des Flusses, wie dutzende andere Menschen auch an diesem Tag. Am Rand des Weges verschwand eine alte Frau in den grünen Büschen. Sie trug einen löcherigen, alten Rucksack an ihrem gebeugten Rücken und zwei volle Jutetaschen hingen von ihren schmalen Schultern herab. Sie brummelte etwas, was ich nicht verstand. Wie die anderen Spaziergänger wollte ich sie ignorieren und einfach an ihr vorbeigehen. Die Sonne brannte mir ins Gesicht und ich war müde. Doch ich blieb wie angewurzelt stehen und beobachtete sie. Ihr weisses Haar war zu einem langen Zopf zusammengebunden, der im üppigen Grün der Büsche silbern hervorblitzte. Sie betrachtete die Blätter der Büsche, roch an ihnen, streichelte sie. Vorsichtig zupfte sie Blatt für Blatt ab und verstaute sie in eine ihrer Jutetaschen. Ich war fasziniert von der Zärtlichkeit ihrer flinken Handbewegungen. Sie schien den Büschen etwas zuzuflüstern und behandelte sie so vorsichtig, als wären sie aus Glas. Mit einigen Metern Abstand stand ich also da, während andere Menschen mich irritiert musterten, als sie bemerkten, dass ich der scheinbar verwirrten alten Frau zuschaute, wie sie Blätter sammelte. Aber es war mir egal. Mein Interesse war geweckt. Eine geheimnisvolle Aura umgab sie. Aber ich wollte sie auch nicht einfach ansprechen, sondern Privatsphäre respektieren. Und, ehrlich gesagt – ein bisschen Angst hatte ich schon vor ihr.
Ich setzte mich auf eine Bank, die in der Nähe stand. Die Frau mit den langen weissen Haaren brummelte wieder etwas. Sie schien unzufrieden zu sein. Sie trat aus den Büschen und richtete ihren Blick fokussiert auf eine Johanniskrautpflanze. Sie sammelte die kleinen gelben Blüten ein. Nun erkannte ich ihr Gesicht. Sie war eine schöne Frau, mit einer zartgliedrigen Nase, einem kleinen offenen Mund und zahlreichen tiefen Falten. Ihre Haut war gebräunt und schwarze grosse Augen blitzten mich direkt an. Ich erschrak. Wusste sie, dass ich sie beobachtete? Sie wandte ihren Blick wieder zu Boden und suchte diesen nach weiteren Pflanzen ab.
Auf einmal lief sie davon. Sollte ich ihr folgen? Mein Herz klopfte wie wild. Als Teenager war ich oft zufällig ausgesuchten Menschen gefolgt. Ich war schon immer neugierig auf die Leben anderer Leute. Wollte wissen, wohin sie gingen und was sie taten und reimte mir den Rest ihrer Geschichte dann einfach zusammen. Bevor ich die sonderbare Frau endgültig aus dem Blickfeld verlor, erhob ich mich von der Bank und folgte ihr, noch immer mit pochendem Herzen. Sie lief schnellen Schrittes an den spazierenden und badenden Menschen vorbei, verliess den Flusslauf und bog in eine Strasse ein. Ich bemerkte, dass eine Fusskette an ihrem rechten Fussgelenk hing. Die Glöckchen bimmelten rhythmisch bei jedem Schritt. Sie trug keine Schuhe. Als ich sie so gebeugt stehen sah, hatte ich nicht geahnt, wie sportlich diese Frau war – die Strasse neigte sich steil nach oben und sie behielt ihr schnelles Tempo bei. Ich hingegen kam ins Schwitzen und Schnaufen. Kein einziges Mal blickte sie zurück. Hatte sie mich nicht bemerkt? Oder war es ihr egal? War ihre fehlende Reaktion vielleicht sogar eine Einladung, ihr zu folgen?
So lief ich eine Weile hinter ihr her, durch ein ruhiges Wohnquartier, welches ziemlich teuer aussah. Jugendstilhäuser reihten sich aneinander – hohe Fenster, kleine Balkone mit geschwungenen Metallgeländern und schmucken Gärten. Ich ertappte mich dabei, wie ich dachte, dass diese Frau hier unmöglich wohnen könne. Ein Vorurteil, welches sich nicht bestätigen würde. Nach etwa zehn Minuten bogen wir in eine bekieste Privatstrasse ein. Die Fassade des Hauses am Ende der Strasse war gelb, die Fensterläden grün. Es war kleiner als die anderen villenartigen Häuser im Quartier, aber nicht weniger schön und gepflegt. Ich sah von Weitem, dass sich hohe Bäume um das Haus türmten. Ich blieb stehen. «Wenn ich jetzt weitergehe, wird sie mich garantiert bemerken», dachte ich. Ich wollte bereits umkehren, als ich eine warme, tiefe Stimme vernahm:
«Jetzt hast du den ganzen Weg auf dich genommen – wieso läufst du jetzt weg?»
Es war die Frau, die zu mir sprach.
Ich war so geschockt, dass ich kein Wort herausbrachte.
«Hat es dir etwa die Stimme verschlagen, Kindchen?», kicherte sie nun.
Langsam trat ich näher an sie heran. Ihre kleine Gestalt verschwand im Schatten zwei mächtiger Tannen.
«Es tut mir leid. Ich… ich…»
Aus dem Kichern wurde nun ein lautes Lachen.
«Ich weiss schon. Du hast dich gefragt: Was ist das wohl für eine schrullige Hexe, die da in den Büschen hängt?»
Ihre Augen blitzten mich provokant und ein wenig amüsiert an.
«Nein! So war es nicht. Ich war fasziniert von Ihnen. Deswegen bin ich Ihnen gefolgt. Es war eine spontane Entscheidung.»
Die Frau hielt für einen Moment inne, schien darüber nachzudenken, was ich gerade sagte. Ich war völlig ausser Atem. Die Hitze setzte mir zu.
Auf einmal wurde sie aus ihren Gedanken gerissen.
«Du schnaufst aber schwer! Komm rein, du musst ein Glas Wasser trinken. Sonst kriegst du schlimme Kopfschmerzen. Diese Hitze ist ja wirklich übertrieben! Nicht nur für uns Menschen, sag ich dir…»
Ich zögerte, war aber sehr durstig und sehnte mich nach ein wenig Schatten.
Bevor ich mich entscheiden konnte, lief die Frau bereits zum Haus, welches zwischen den Bäumen einen etwas verwunschenen Eindruck machte. Efeu rankte an der gelben Fassade empor. Und so folgte ich ihr. An der blaugestrichenen Eingangstür aus Holz angekommen, nahm sie ihren Rucksack von den Schultern und kramte darin. Als sie ihren klimpernden Schlüsselbund fand, hielt sie ihn mir triumphierend vors Gesicht.
«Tada!», strahlte sie mich an.
Ich lächelte ebenso. Diese Frau hatte etwas an sich, was mich sehr berührte. Sie war nicht mehr die brummelnde alte Frau vom Fluss. Auf einmal schien sie um Jahrzehnte jünger zu sein. Vielleicht setzte mir auch nur die Hitze derart zu, dass ich meinen Sinnen nicht mehr trauen konnte.
Einige Minuten später sass ich auf einem knallroten Samtsofa in einem fremden Wohnzimmer. Ein Papagei krächzte in der Ecke. Er flog frei herum und bei näherer Betrachtung konnte ich keinen Käfig entdecken. Hunderte Zeichnungen, Malereien und Fotografien hingen an der etwas vergilbten Wand. Hängepflanzen hingen von alten Schränken und Kommoden herunter. Der schwere Duft von ätherischen Ölen hing in der Luft. Vor mir auf dem Beistelltisch stand eine Duftlampe. Ich kannte diesen Duft nur zu gut, denn auch meine Mutter hatte einige von diese Duftdingern in ihrer Wohnung rumstehen. Unauffällig rümpfte ich die Nase. Ich hörte die Frau in der Küche hantieren: Nervöses Gläserklirren und lautes Wasserrauschen, unterbrochen von gelegentlichem Summen einer Melodie. Wo war ich hier nur gelandet? Ich war zugleich irritiert und freudig fasziniert von der Frau.
Sie rauschte durch die Räume, schien etwas zu suchen.
«Kann ich etwas helfen?», fragte ich schüchtern.
«Nö!», rief sie zurück.
Sie erschien im Türrahmen und präsentierte mir einen goldenen, filigran verzierten Teekrug aus Messing. Das Licht der Sonne schien durch die seitliche Fensterfront und beleuchtete ihr Gesicht. Ihre Erscheinung liess mich verstummen. Vorsichtig stellte sie den Krug auf den Beistelltisch vor mir. Aus einem alten Holzschrank an der Wand entnahm sie zwei blauweiss gemusterte Keramiktassen. Sie betrachtete sie einen Moment lang, bevor sie sie ebenso auf den Tisch stellte.
«Die hab ich aus Mexiko.», stellte sie dabei fest, nicht ohne Stolz in ihrer Stimme. Ich musterte ihre Hände, während sie den Tee einschenkte. Sie waren klein, aber schmal. Die Haut ihrer Hände war nicht so faltig, wie die in ihrem Gesicht. Ihre Fingernägel strahlten in einem leuchtenden Violett. In ihrem Gesicht lag ein seliges Lächeln. Mir fielen ihre langen Wimpern auf, die ihre Augen wie Fächer umrahmten. Ich konnte noch immer nicht glauben, dass ich ihr gefolgt war. Aber Angst hatte ich keine mehr, ich fühlte mich sogar wohl in diesem liebevollen Chaos.
«Danke. Was ist das für ein Tee?», fragte ich, noch immer schüchtern.
«Oh, das ist Johanniskrauttee. Ich hatte den Eindruck, dass du etwas nervös bist.»
Sie zwinkerte mir zu.
Als sie sich mir gegenüber auf einen alten grünen Sessel setzte, wurde ihr Blick ernst.
«So, nun sag mir: Warum bist du mir gefolgt?»
Ich überlegte einige Sekunden, nahm einen Schluck des überraschend milden Tees und atmete tief durch.
«Ich kann Ihnen diese Frage nicht wirklich beantworten. Ich weiss es selbst nicht. Sie haben mich angezogen. Ich war fasziniert davon, wie liebevoll sie mit den Pflanzen umgingen. Und als sie dann plötzlich verschwunden sind, bekam ich Panik. Eine innere Stimme trieb mich an, Ihnen zu folgen.»
Nun lachte sie wieder.
«Das ist gut, auf die innere Stimme sollte man immer hören!»
Auch sie nahm einen Schluck aus der kunstvoll bemalten Tasse. Sieht nach Handarbeit aus, dachte ich.
«Die meisten Menschen beachten mich nicht. Denken wohl, ich sei verwirrt, weil ich manchmal mit mir selbst spreche. Ich bin jeweils so vertieft in die Kommunikation mit den Pflanzen, dass ich die Welt um mich herum vergesse.»
Ich wurde neugierig.
«Die Kommunikation mit den Pflanzen?»
Der Papagei in der Ecke krächzte:
«Pflanzen! Pflanzen!»
«Ruhe, Antonio! Mami hat Besuch. Du kannst nicht einfach so laut rumschreien.», wies sie das grüngefiederte Tier bestimmt, aber liebevoll zurecht. Er schien zu verstehen, verstecke seinen Kopf in einem seiner Flügel.
«Ja, weisst du, auch Pflanzen sprechen mit uns. Nicht so, wie ich gerade mit dir spreche. Nicht mit laut ausgesprochenen Worten. Aber doch mit sehr klaren Botschaften. Schade, dass die meisten Menschen vergessen haben, diese Botschaften wahrzunehmen. Früher war das anders. In alten Zeiten hat man die Weisheit der Pflanzen geschätzt, verehrt, zu Rate gezogen. So viele Krankheiten wurden mit Pflanzen behandelt. Einige Behandlungsmöglichkeiten mit Pflanzen kennt man noch heute, oder entdeckt sie wieder. Das macht mich froh. Aber die Verbindung zu der Seele der Pflanzen fehlt nach wie vor.»
Gebannt hörte ich ihr zu, verwirrt und befremdet. Sie schien meinen hilflosen Blick zu bemerken.
«Diesen Blick kenne ich. Als ich als Psychiaterin arbeitete, bekam ich ihn ständig von meinen männlichen Kollegen zugeworfen. Diese Mischung aus Mitleid und Ekel.»
Ich schämte mich.
«Nein! Ich… ich habe nur noch nie jemanden so über Pflanzen sprechen hören. Sie waren Psychiaterin? Praktizieren Sie heute noch?»
«Nein. Als ich die Universität absolvierte, war ich noch voll entschlossen, den Menschen zu helfen, ein selbstbestimmteres Leben zu führen. Zu Beginn arbeitete ich nach Schulbuch, um es so salopp ausdrücken. Ich gründete meine eigene Praxis und folgte den gelernten Konzepten der Psychotherapie. Doch nach einigen Jahren war ich ausgebrannt. Und hatte das Gefühl, den Menschen nicht wirklich zu helfen. Vielleicht fühlten sie sich für kurze Zeit besser, landeten dann aber fast alle wieder in meiner Praxis. Und mit denselben Themen, wie zuvor! Zuerst zweifelte ich stark an meiner Kompetenz. Auch meine männlichen Kollegen erklärten mir arrogant, dass ich wohl zu «sensibel» sei für die Arbeit als Psychiaterin. Man müsse schon eine gewisse Härte mitbringen. Dieser Meinung war ich nie. Ich wusste, dass die Konzepte, die wir gelernt hatten, nicht ausreichten, um einen Menschen in seiner Ganzheit zu erfassen und seine Seele zu heilen. Ich gab meine Praxis auf und reiste durch die Welt, auf der Suche nach Wissen: Ich war in Russland, Nordamerika, Grönland, Mittel- und Südamerika. Auf all diesen Reisen lernte die Sprache der Pflanzen kennen. Heiler und Heilerinnen, die in abgelegenen Dörfern lebten, auf Bergen, im tiefsten Eis, in der Weite von Wüsten und Prärien brachten mir bei, wie ich aus Pflanzen Medizin herstellte; Tees, Tinkturen, Bäder, Räucherungen. Und ich lernte auch, wie die verschiedenen Pflanzen zusammenarbeiteten. Und vor allem brachten sie mir bei, in meinem Inneren zu Hause zu sein und mein Herz für mich selbst zu öffnen. In den Gemeinschaften, die mit der Natur lebten, schien es keine pathologischen psychischen Erkrankungen wie Burn-Out, Depressionen oder Angststörungen zu geben. Sie betrachteten die Gesundheit des Menschen als ganzheitlich an. Jede körperliche Krankheit war für sie eine Ursache einer unvollständigen Seele und einer Blockade im Energiefeld des Menschen.
«Das Energiefeld? Was ist das?»
«Unser Energiefeld, oder auch Energiekörper, ist die unsichtbare Hülle, die jeden Menschen umgibt und in jenem Informationen abgespeichert sind. So wie Krankheiten. Die Heiler und Heilerinnen arbeiteten also mit den Pflanzen auf energetischer, seelischer und körperlicher Ebene. Für sie war eine Behandlung auf rein körperlicher Basis, wie wir es hier tun, nur Symptombekämpfung. Da ich die indigenen Sprachen der Gemeinschaften zuerst nicht sprechen konnte, lernte ich, ihnen zu vertrauen und mit dem Herzen wahrzunehmen, wie sie arbeiteten. Ich machte ihnen nach, was sie mir zeigten. Und für mich fühlte sich dies richtig an. Ich blühte auf, lernte auch wieder, mir selbst zu vertrauen. Ich sah, wie Menschen geheilt wurden, allein durch Gesänge, Kräutertees und Rauch, mit dem sie die Körper der Patienten räucherten. Manchmal legten sie ihnen auch die Hände auf, vertieft in Trance. Ich hatte das Gefühl, zu Hause angekommen zu sein.
Als ich nach fünf Jahren hierher zurückkam, eröffnete ich eine neue Praxis, hier in diesem Haus, und wandte die Pflanzenmedizin an. Jede Pflanze wirkt auf unseren Körper, wie auch auf unsere Seele und unser Energiefeld. Schon bald hagelte es Kritik von Seiten meiner ehemaligen Kollegen. Die Artikel, die ich für psychiatrische Fachzeitschriften schrieb, wurden in Fachkreisen zerrissen. Und meine Forschungsanträge von der Universität abgelehnt. Aber ich gab nicht auf. Noch heute ist es mir ein Anliegen, die Gesellschaft für die unglaubliche Kraft der Pflanzen zu sensibilisieren. Für den achtsamen Umgang mit der Natur. Jeder von uns hat eine Apotheke vor der Tür, nur sehen wir sie nicht! Dieses Wissen ging uns verloren. Aber ich weiss, wie heilsam Pflanzen sind. Ich habe also mein psychiatrisches Wissen mit den Ritualen der Heiler und Heilerinnen kombiniert und komplett auf die Verschreibung von Medikamenten verzichtet. Und die Ergebnisse sind grossartig! Irgendwann muss das doch jemand anerkennen.»
Sie seufzte schwer. Ihre Augen leuchteten. Als sie von ihrer Arbeit und ihren Erlebnissen sprach, erwachte dieses Feuer in ihr. Auch ich seufzte.
«Wow! Ich habe noch nie jemanden so leidenschaftlich und zugleich liebevoll von einer Sache sprechen hören.»
Sie lächelte mich gütig an.
«Ich danke dir. Übrigens, wie heisst du eigentlich?»
«Antonia», kicherte ich, an den Papagei hinter mir denkend.
«Wie mein Vogel! Mein Name, der mir meine Eltern gaben, lautet Elisabeth. Aber der Name, den mir eine Heilerin in den Bergen Oaxacas, in Mexiko, gab, ist Aymana. Das bedeutet «Die Mutter, die Herzen heilt».
«Aymana, hast du denn keine Familie?»
Auf einmal war ich nicht mehr schüchtern. Sie hatte sich mir so offen anvertraut und mein Herz fühlte sich auf einen Schlag leicht und mutig an.
«Liebe Antonia, ich habe eine Familie. Die Pflanzen sind meine Familie. Antonio ist meine Familie. Die Menschen, denen ich mein Wissen weitergebe, sind meine Familie. Ich veranstalte seit Jahrzehnten Vorträge und Kurse. Dadurch sind enge Freundschaften entstanden.»
In ihrer Stimme schwang ein Hauch Traurigkeit mit.
«Weisst du, wenn du als junge Frau mit einem solchen Wissensdurst und Ideologie ausgestattet bist, wie ich es war, dann wird alles andere unwichtig. Mein Leben war der Heilung anderer Menschen gewidmet, die in unserer westlichen Zivilisation als «krank» gelten. Ich wusste immer, dass mehr hinter den Menschen steckt als eine Diagnose. Ich konnte nicht begreifen, wie leichtfertig Diagnosen gestellt wurden und wie dann die Menschen damit allein gelassen wurden. Oder noch schlimmer – in eine Klinik gesperrt wurden. Was soll ich sagen – ich war eine Überfliegerin zu dieser Zeit. Für meine Arbeit habe ich viele Opfer gebracht. Aber ich bereue es nicht. Nun, das stimmt nicht ganz… jetzt, wo ich alt bin, fehlt mir manchmal ein Partner an meiner Seite. Für längerfristige Beziehungen hat es einfach nie gereicht. Das Alter kann sehr einsam sein.»
Ich betrachtete ein Foto von Aymana mit einer jungen, blonden Frau.
«Wer ist diese Frau mit dir auf dem Foto?»
«Ah, das ist meine Schwester. Sie nahm sich das Leben, als ich gerade in Mexiko war.»
«Das tut mir unglaublich leid. War das schwer für dich, nicht bei ihr zu sein?»
«Ja, schon. Aber ich konnte ihr nicht helfen. Das wusste ich. Vielleicht hätte ich es gekonnt, als ich von meinen Reisen zurückgekehrt bin. Aber diese Verantwortung konnte und wollte ich nie übernehmen. Meine Eltern haben mir deswegen schreckliche Vorwürfe gemacht. Wie ich meine eigene Schwester als Psychiaterin denn so im Stich lassen könne!»
«Das ist gemein!», sagte ich erzürnt.
«Ja, liebe Antonia, das mag sein. Aber auch sie haben gelitten. Ich mache ihnen meinerseits keinen Vorwurf. Die Arbeit mit den Pflanzen und Energien hat auch mir selbst sehr viel Heilung gebracht. Und Mitgefühl für meine Familie.»
Ich überlegte.
«Dann gehört dieses Haus deinen Eltern?»
«Ja, es hat ihnen gehört, bis sie verstorben sind. Als meine Schwester entschied, ihren Körper zu verlassen, sind sie beide wenige Wochen danach an einem gebrochenen Herzen gestorben. Als ich zurückkam, wartete dieses Haus darauf, von mir entrümpelt und gereinigt zu werden. Ich räucherte jeden Raum aus, jeden Tag für einen ganzen Monat.»
Wir sassen in ihrem Wohnzimmer, bis die Sonne unterging. Der sommerliche Sonnenuntergang tauchte den Raum in ein leuchtendes Orange. Auf einmal schrak ich auf.
«Oh, ich muss nach Hause. Entschuldige!»
«Du musst dich nicht entschuldigen. Ich danke dir, dass du mit mir gesprochen hast. Du bist eine besondere junge Frau.»
Ich wurde etwas verlegen. Sie schien es zu bemerken.
«Komplimente annehmen ist nicht so dein Ding, hm? Warte…»
Sie verschwand in ihrem Garten. Ich folgte ihr und späte hinaus. In der Dämmerung erkannte ich schemenhaft eine üppige Landschaft aus verschiedenen Kräutern, Blumen und Sträuchern.
«Sind das alles Heilpflanzen?»
«Ja! Aber der heisse Sommer hat ihnen ganz schön zugesetzt…»
Ich war beeindruckt.
Sie knipste einen Haufen weisse Blüten von einem etwa brusthohen Strauch ab. Die Blüten erinnerten an Kamille oder Gänseblümchen. Sie streckte mir den Strauss hin.
«Das ist kanadisches Berufkraut. Das hilft dir, dich selbst anzunehmen.»
Ich war gerührt von dieser kostbaren Gabe.
«Und was mache ich damit?»
«Du kannst ganz einfach einen Tee damit kochen. Trinke für etwa eine Woche eine Tasse täglich. Wenn es dir hilft, gebe ich dir nächstes Mal ein Fläschchen von der Tinktur mit.»
Wir umarmten uns zum Abschied.
«Und du kommst mit mir in den Wald, um Pflanzen zu sammeln, ja?»
«Ja, auf jeden Fall. Danke für die Einladung!»
Als ich aus dem Haus trat, strahlten die Sterne über mir. Der Mond war halbvoll und leuchtete mir den Weg nach Hause. Ich fühlte mich auf einmal verbunden mit mir, dem Mond, den Sternen, mit der Welt. Ich lächelte. Da hatte ich einen Schatz gefunden, völlig unverhofft. Und plötzlich fühlte ich, wie sich ein Feuer in mir entfachte, welches noch viel heller strahlen wollte. Das wusste ich, ohne dass ich es erklären konnte.