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Am 13. Februar stimmen wir über die Initiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot» ab, die unter anderem Versuche an und mit Tieren verbieten will. watson hat darum mit Nina Khanna gesprochen, die seit mehr als zehn Jahren Tierversuche an Mäusen durchführt, um neue Medikamente zu entwickeln. Sie erklärt uns, woher die Labormäuse kommen, wo Alternativen zu Tierversuchen in Planung sind und welche Folgen eine Annahme der Tierversuchsinitiative für den Forschungsstandort Schweiz hätte.
Frau Khanna, Sie machen Tierversuche. Sind Alternativen zu Tierversuchen überhaupt ein Thema für Sie?
Seit ich Tiermodelle verwende, frage ich mich immer wieder: «Kann ich das, was ich jetzt in der Maus mache, nicht auch alternativ lösen?»
Und doch machen sie noch Tierversuche?
Ja, denn alles, was ich zurzeit in der Maus mache, kann ich in einem alternativen Modell noch nicht machen – es fehlt einfach noch zu viel. Kein Mensch würde aktuell eine Substanz an sich ausprobieren wollen, die nicht repräsentativ untersucht werden konnte. Noch sind wir bei der Entwicklung neuer Medikamente auf Tierversuche angewiesen.
Ab welchem Zeitpunkt in der Entwicklung einer Substanz wird diese am Tier getestet?
In der Regel braucht es mehrere Jahre Forschung, bevor wir eine Substanz am Tier testen. Neue Substanzen werden dabei nicht immer durch uns entwickelt, sondern auch von anderen Forschungsgruppen, mit denen wir sehr eng zusammenarbeiten. Wir testen diese Substanz dann zuerst sorgfältig in vitro*. Und führen Tierversuche dann nur bei Substanzen durch, die dabei wirksam waren.
* Experimente, die in einer kontrollierten Umgebung ausserhalb eines lebenden Organismus durchgeführt werden, Anmerkung der Redaktion.
Wie geht es dann weiter, wenn Sie so weit sind?
Wir versuchen, eine Antwort zu finden, ob eine Substanz für den Menschen weiterentwickelt werden soll. Dazu arbeiten wir mit einem sogenannten Gewebemodell, das einen Gelenksprotheseninfekt imitiert. Der Maus wird ein kleiner Teflon-Zylinder unterhalb des Nackens unter die Haut eingesetzt. Entsprechend der wichtigen gesetzlichen Vorgaben erhält die Maus zur Implantation der Gewebekammer eine Narkose und ein Schmerzmittel. Der Zylinder weist kleine Löcher auf, damit Bakterien oder die zu prüfenden Antibiotika in den Mauskörper gelangen können.
Von wie vielen Mäusen ist hier die Rede?
In den letzten Jahren haben wir etwa 200 Mäuse pro Jahr im Tierversuch verwendet.
Wie viel Zeit nehmen Versuche an einem solchen Mausmodell in Anspruch?
Die Versuche werden von speziell ausgebildeten Personen durchgeführt. Bei uns ist das eine Biologin, die dann auch einen Monat bis sechs Wochen lang nur mit einem einzigen Versuch beschäftigt ist. Die Mäuse werden täglich angeschaut, um deren Wohlbefinden zu prüfen.
Welche relevanten Fragen lassen sich aus einem Tierversuch beantworten, die auch in Ihrem klinischen Alltag relevant sind?
Wir verwenden das Gewebemodell zur Erforschung von neuen Behandlungsmethoden bei Protheseninfekten. In der Schweiz erhält etwa einer von 1000 Einwohnern über 50 Jahren eine Knie- oder Hüftprothese – pro Jahr. Gelenkprotheseinfekte treten gar nicht so selten auf und sind nur schwer behandelbar.
Warum?
Grund für die aufwändige Behandlung ist ein Biofilm, der entsteht, wenn Bakterien sich auf einer Prothese niederlassen. Durch diesen Biofilm können sich die Bakterien vor der Immunabwehr sowie vor den verabreichten Antibiotika schützen. Meistens kommt man dann nicht um eine oder mehrere Operationen mit wochenlanger Antibiotika-Behandlung herum.
Und das Mausmodell hilft Ihnen in diesen Versuchen, die biochemischen Prozesse auf den Menschen zu übertragen?
Ja. Mithilfe dieses Modells können wir die Wirksamkeit neuer Medikamente verstehen. Man kann die Versuche am Tier hier nicht wegdiskutieren.
Bleiben wir noch etwas bei der Maus. Wie sieht der Lebensweg einer Maus aus, die in Ihrer Forschung als Modell dient?
Wir beziehen Mäuse von einer geprüften Zucht. Die dort gezüchteten Mäuse werden ausschliesslich in der Forschung verwendet. Die Zucht und die Tierhaltung werden vom Veterinäramt bewilligt und sind standardisiert.
Die Mäuse haben eine etwa zweiwöchige Eingewöhnungszeit nach ihrer Ankunft in unserem Institut.
Und nach der Eingewöhnung starten die Versuche?
Ja. Der Versuch dauert vier bis sechs Wochen. Am Ende des Versuchs werden die Mäuse getötet, damit wir die Wirksamkeit der Substanz überprüfen können. Dazu untersuchen wir die Bakterien, die am Gewebezylinder haften, denn diese entziehen sich der konventionellen Antibiotika-Therapie. Auch der Vorgang des Tötens ist standardisiert und unterliegt strengen Richtlinien, die gesetzlich vorgegeben sind.
Welche Gedanken machen Sie sich, bevor Sie an einer Maus Versuche durchführen?
Ich führe nur Versuche mit Tieren durch, wenn ich überzeugt bin, dass uns die gewonnenen Erkenntnisse zur Verbesserung der Behandlung von Infektionskrankheiten helfen – und damit Patienten besser behandelt werden können.
Gehört es zum Fachdiskurs, dass man auch darüber spricht, ob und wann Tierversuche sinnvoll sind?
In meinem Umfeld ist das definitiv ein Thema. Es gilt das 3R-Prinzip: Replace, Reduce, Refine.* Darum darf Forschung an der Maus nur dann stattfinden, wenn gleichwertige Erkenntnisse anders nicht gewonnen werden können.
*Tierversuche ersetzen, Tierzahl reduzieren, Belastung minimieren, Anmerkung der Redaktion.
Wenn Sie im Tierversuch eine Substanz gefunden haben, die im klinischen Alltag sinnvoll sein könnte, testen Sie die Substanzen auch am Menschen?
Ja, ich führe auch Phasen-I und -II-Studien durch. Dabei schauen wir, ob eine Substanz im Menschen sicher ist und gut vertragen wird. Jede Studie muss vor Beginn einem unabhängigen Ethikrat vorgelegt werden. Der Patient oder die Patientin wird aufgeklärt und ist frei in der Entscheidung, ob er an einer Studie teilnehmen möchte. Manchmal ist eine solche Studie die letzte Möglichkeit zur Behandlung einer fortgeschrittenen Erkrankung, bei der keine Therapien mehr zur Verfügung stehen.
Gibt es Patienten, die nicht bereit sind, an einer Studie mitzumachen?
Ja. Viele Patienten sehen aber, dass sich eine Therapie durch eine klinische Studie verbessern kann. Andere bleiben kritisch. Auf jeden Fall brauchen wir aber mehr «Awareness», damit die Bevölkerung weiss, was in solchen Studien passiert und wofür sie da sind.
Die Initiative will auch klinische Versuche verbieten. Würden diese Studien am Menschen auch wegfallen?
Soweit ich den Initiativtext verstehe, ja.
Kommen denn Alternativen zu Tierversuchen für Ihre Forschung überhaupt infrage?
Ja, wir arbeiten dazu mit dem Biozentrum in Basel zusammen. Dort wird im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunktes (NFS) «AntiResist» nach Lösungen gesucht. Diese könnten dann in der Forschung mit antibiotikaresistenten Keimen zum Einsatz kommen. Dabei soll die Grundlagenforschung direkt mit der klinischen Forschung verbunden werden.
Können Sie uns dazu etwas verraten?
Bei dem Projekt werden sogenannte In-vitro-Modelle entwickelt, anhand derer wir versuchen, die Umgebung der Bakterien während einer Infektion im Menschen nachzuahmen. Die Vorgänge im Menschen sind aber so kompliziert, dass es herausfordernd ist, diese Komplexität nachzubauen. Es wird wohl noch Jahre dauern, bis wir mithilfe dieser Entwicklungen auf Tierversuche weitestgehend verzichten können.
Aber Hand aufs Herz: Wird genug investiert in die Entwicklung von Alternativen?
Es ist klar in jedermanns Interesse, Alternativen zu finden, und es wird schweizweit geforscht. Wir sind auf sichere und wirksame Medikamente und Impfungen angewiesen. Leider sind wir bis jetzt nicht in jeder Situation fähig, auf die Tiermodelle zu verzichten.
Was wäre, wenn sowohl Tier- als auch Menschenversuche – so wie die Vorlage «Tier- und Menschenversuchsverbot» es verlangt – verboten würden?
Unsere heutige Medizin beruht auf dieser Forschung. Ein «Ja» würde bedeuten, dass man in der Schweiz nicht mehr forschen könnte. Dies wäre eine immense Schwächung für den Forschungsstandort Schweiz. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie Kliniker und Klinikerinnen würden auswandern. Studierende hätten keinen Grund mehr, ihre Ausbildung hier zu machen, da es keine Perspektiven gäbe. Die Patienten und Patientinnen würden leiden.
Gleichzeitig würden die Tier- und Menschenversuche aber im Ausland stattfinden. Für uns wäre das wirklich einschneidend.
Im Jahr 2018 stimmte die Schweiz für das nationale Veloweggesetz. Mit diesem ist der Bund in der Lage, Grundsätze für Velowege festzulegen. Und er kann Kantone, Gemeinden und weitere Akteure bei deren (Koordinations)-Massnahmen nach Bedarf unterstützen. Wie der hohe Ja-Stimmen-Anteil beweist, ist der Veloweg heute fester Bestandteil der Schweizer Verkehrsinfrastruktur und für die meisten eine Selbstverständlichkeit – dem war nicht immer so.