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|UB Basel|
|Archiv Aktuell-Meldungen - 14.10.2005

Vortragsreihe und Ausstellung: Gerettete Leben
vom 28. Oktober bis 16. Dezember 2005
im Kollegienhaus der Universität Basel
Das Historische Semiar, das Jüdische Institut der Universität Basel und die Universitätsbibliothek Basel, in Zusammenarbeit mit der Archiv für Zeitgeschichte/ETH Zürich, werden im Wintersemester 2005/2006 eine Vortragsreihe mit zwei Ausstellungen zum Thema Gerettete Leben veranstalten.
Ausstellungen
Die Ausstellung Visa retten Leben : Carl Lutz und die Rettung von 62'000 Budapester Juden dokumentiert die Schweizer Rolle in der Rettungsgeschichte der Juden in Budapest im letzten Kriegsjahr 1944/45. Vizekonsul Carl Lutz (1895-1975), der seit 1942 die Abteilung für Fremde Interessen der Schweizer Gesandtschaft leitete, händigte nach dem Einmarsch der Nazis in Ungarn, am 19. März 1944, den bedrohten Juden Schutzbriefe aus, die er aufgrund der sogenannten Palästina-Einwanderungszertifikate ausstellen konnte. Die Anzahl der von den Nazis bewilligten Schutzbriefe wurde mit einem einfachem Trick vemehrt: Statt eines Namens wurden in die Schweizer Kollektivpässe die Namen ganzer Familien und Sippen mit Fotos eingetragen. Die Schutzaktion wurde vom IKRK, anderen neutralen Gesandtschaften und dem päpstlichen Nuntius unterstützt. Die Diplomaten nahmen an den hartnäckigen Verhandlungen mit der ungarischen Regierung und dem "Reichsverweser" Horthy, dem deutschen Gesandten Veesenmayer, mit Eichmann und seinen SS-Schergen teil. Das gesamte Personal der Schweizer Gesandtschaft wurde in die Rettungsaktionen eingebunden. Carl Lutz wurde auch von seiner Ehefrau Gertrud tatkräftig unterstützt. Sie alle kämpften um jedes einzelne Menschenleben, stellten Dokumente aus und sorgten für das leibliche Wohl der Geretteten, die nicht ausreisen konnten. Diese wurden in 76 Schweizer Schutzhäusern untergebracht.
Nach dem Kriegsende wurde der Leiter der Schweizer Gesandtschaft in Budapest, Harald Feller, von den Sowjets verhaftet und erst nach einem Jahr entlassen – im Unterschied zu dem Schweden Raoul Wallenberg, der sich seit Juli 1944 in Budapest bei den Rettungsaktionen der jüdischen Bevölkerung engagierte (32 Schweden-Häuser) und in sowjetischer Haft verstarb. Die Schweizer Behörden leiteten administrative Untersuchungen gegen Harald Feller und Carl Lutz ein, weil sie bei der Rettung von Menschenleben ihre Kompetenzen überschritten hatten. Gertrud und Carl Lutz wie auch Harald Feller wurden im Ausland mehrmals augezeichnet, u.a. mit der "Medaille der Gerechten" von der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.
Die Fotoausstellung wandert seit 1998 durch die USA, Kanada, Australien und Europa. Sie wird von der Pro Helvetia unterstützt.
Die Ausstellung Gertrud Lutz-Fankhauser : Diplomatin und Humanistin wird zum ersten Mal gezeigt. UNICEF-Vizepräsidentin Gertrud Lutz-Fankhauser (1911-1995) wurde als Tochter eines Käsers in Emmental geboren. Nach dem Abschluss der Handelsschule in Bern wanderte sie in die USA aus, wo sie beim Schweizer Konsulat in St. Louis im Mittleren Westen zu arbeiten begann. Dort lernte sie ihren künftigen Mann, Carl Lutz, kennen. Statt in die Flitterwochen reiste das Ehepaar 1935 nach Palästina, wo Carl Lutz eine Anstellung als Konsularbeamter zugeteilt bekam, während seine Frau als unbezahlte Bürokraft mitarbeitete. Dort erlebten sie die dramatischen Unruhen zwischen den Palästinensern und jüdischen Einwanderern aus dem Dritten Reich. Nach dem Ausbruch des Krieges wirkte Gertrud Lutz an der Frauen-, Kinder- und Altersfürsorge der deutschsprachigen Bevölkerung mit, u.a. in britischen Gefängnissen und Internierungslagern. Im Oktober 1941 konnte sie Palästina verlassen. Nach kurzer Erholung in Bern begleitete sie ihren Mann nach Budapest, wo er ab 1.1.1942 als Leiter der Abteilung für fremde Interessen bei der schweizerischen Gesandtschaft zehn Staaten, die sich im Kriegszustand mit Ungarn befanden, vertrat. Seit dem ersten Tag der deutschen Okkupation von Ungarn (19.3.1944) wurden die Juden von SS-Einheiten und den einheimischen Faschisten, den Pfeilkreuzlern, systematisch dezimiert. Während der monatelangen Belagerung von Budapest sorgte Gertrud Lutz für das Überleben von mehr als fünfzig Leuten, die im Keller der Schweizer Gesandtschaft Zuflucht fanden.
Nach Kriegsende wurde die Ehe von Gertrud und Carl Lutz geschieden. Gertrud Lutz-Fankhauser fing an, für die Hilfsorganisation "Schweizer Spende" zu arbeiten. Im Januar 1946 fuhr sie mit einer Ärztemission nach Bosnien. Im Nachkriegswinter 1946/1947 leitete sie eine Mission der "Schweizer Spende" in Finnland, anschliessend in Polen (1947-1948). Dort übernahm sie die Vertretung des neu entstandenen internationalen Kinderhilfswerks UNICEF (1949-1950). Als "Chef de mission" betreute sie in Brasilien fast vierzehn Jahre lang Speisungsprogramme für hungernde Kinder, gründete Mütterheime sowie Fachschulen für Kinderpflegerinnen. 1965 wurde Gertrud Lutz in die Türkei versetzt, wo sie zwei Jahre lang v.a. in Ostanatolien für Hilfe im Gesundheits- und Schulwesen sorgte. Die letzten Jahre vor ihrer Pensionierung (1966-1971) bekleidete sie die Funktion der Vizepräsidentin der UNICEF in Paris.
Als sie in den "Unruhestand" trat, wurde sie 1972 in Zollikofen bei Bern, wohin sie ins Familienhaus ihrer Eltern zurückkehrte, zur ersten Gemeindepolitikerin gewählt. Sie vertrat weiterhin die UNICEF auf Kongressen rund um den Globus, entwickelte eine breit gestreute Vortragstätigkeit und wurde zum Medienstar, insbesonders als sie 1978 von Yad Vashem in Jerusalem als eine "Gerechte unter den Nationen" ausgezeichnet wurde. Gertrud Lutz-Fankhauser sorgte unermüdlich für die Anerkennung ihres ehemaligen Mannes Carl Lutz und seiner Mitstreiter aus den Budapester Jahren – Harald Feller, des Delegierten des IKRK Friedrich Born und des verschollenen Schweden Raoul Wallenberg. Sie blieb aktiv bis zu ihrem lezten Atemzug. Gertrud Lutz-Fankhauser starb am 29.6.1995, während einer Zugfahrt unterwegs zu einer Veranstaltung.
Vortragsreihe
Gerettete Leben : diplomatische und undiplomatische Hilfe für verfolgte Juden in Ungarn und in der Schweiz thematisiert die jüdische Flüchtlingsproblematik. Neben Historikerinnen und Historikern nehmen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen daran teil.
Für weitere Auskunft stehe ich gern zur Verfügung:
Dr. Helena Kanyar Becker
Fachreferentin UB
Universitätsbibliothek Basel
Schönbeinstrasse 18-20
4056 Basel
Tel. 061 267 31 25
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14.10.2005 / ka/cb