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Geschichte
Das geschorene Haarkleid der Schafe ist vermutlich seit der Bronzezeit als textiles Material bekannt. Bei den Ägyptern wurde die Wollmanufaktur bereits in großem Umfang betrieben. Bis ins 19. Jahrhundert war Wolle ein kostbares Material und das Tragen von Wollkleidung ein Privileg wohlhabender Bürger. Erst seit Schafwolle aus Australien und Neuseeland nach Europa importiert wird und in ausreichender Menge zur Verfügung steht, ist das wärmende Material auch für den Rest der Bevölkerung erschwinglich.
Vom Handwerk zur Industrie
Der Beginn der Fertigkeit, Wolle zu einem Faden zu zwirbeln, liegt vermutlich mehr als 5000 Jahre zurück. Bis ins 19. Jahrhundert wurde zum Spinnen die Handspindel verwendet, dann hielt das Spinnrad – erfunden um das Jahr 1000 in China – Einzug in die Bauernhäuser und bürgerlichen Wohnstuben. Beim Spinnen wird durch Verziehen und Zusammendrehen einzelner kurzer Fasern oder Faserbündel ein gleichmässiger Faden hergestellt, der dann zu einem Knäuel oder zu einem Strang gewickelt wird. Das Prinzip des Spinnens wird heute noch bei modernen Spinnereimaschinen angewendet. Aus der Rohwolle wird ausserdem Filz hergestellt: Dazu werden die Fasern gewalkt und unter Einwirkung von feuchter Wärme, Druck und Seife dicht verschlungen. Wolle gilt als einer der besten und gesündesten Rohstoff, den es für Textilien gibt: Je nach Qualität und Stärke werden die Garne für Oberbekleidung, Strümpfe, Sportstoffe bis hin zu rustikalen Strickwaren und Teppichen verwendet. Aus Filz werden unter anderem Hüte und Hausschuhe hergestellt.
Schaffell – das begehrte Rohmaterial
Das Schaffell besteht aus den äusseren, steifen und groben Haaren ( Schutz gegen Witterung), sowie aus den inneren, weichen und feinen Haaren (Körperwärmeregulation). Die eigentliche Schafwolle wird aus den inneren Haaren gewonnen. Charakteristisch für das flauschige Material ist die schuppige Aussenschicht des Haares und seine Kräuselung, die je nach Rasse sehr unterschiedlich ist. Je gleichmässiger die Faserstruktur, umso besser ist die Qualität der Wolle.
Ein nachwachsender Rohstoff
Während des Wollwachstums produzieren Talgdrüsen das körpereigene Fett Lanolin, das jedes Wollhaar umhüllt und die Haare aneinander bindet, so dass keine Feuchtigkeit auf die Haut gelangt. Lanolin wird auch als Kosmetikprodukt und in der Heilkunde verwendet. In der Schweiz werden die Schafe in der Regel einmal im Jahr, von April bis Mitte Juni, geschoren. Das geschorene Fell der Schafe nennt man auch Vlies. Die beste Wolle wächst auf dem Rücken und an den Seiten. Im Durchschnitt liefert jedes Schaf je nach Rasse und Alter heute 3,5 Kilogramm Wolle. Durch die Züchtungen der letzten Jahrhunderte hat sich die Menge ungefähr verdreifacht.
Nach der Schur wird die Wolle nach Farbe und Qualität sortiert und gewaschen. Dadurch verliert die frisch geschorene Wolle, auch Schweisswolle genannt, mindestens die Hälfte an Gewicht. In dem von Fett und Verschmutzungen gereinigten Vlies sind alle Fasern noch wild verteilt. Bevor das Material weiter verwendet werden kann, muss es aufgelockert und gekämmt werden – man nennt diesen Vorgang Karden oder Kardätschen. Falls die Wolle nicht ihren natürlichen Farbton behalten soll, ist dies auch der Zeitpunkt, um sie zu färben. Dann erst beginnt die eigentliche Verarbeitung der Fasern, sie werden zu Garn gesponnen.
Die Wollqualität von Schafen
Die heutigen Schafrassen mit ihrem hohen Ertrag an Wolle sind das Ergebnis jahrhundertelanger Züchtung. Durch Kreuzungen gelang es, die Wolle zu verfeinern, zu verdichten und zu verlängern und den jahreszeitlichen Fellwechsel, den dünnen Sommer- und den dichten Winterpelz, grösstenteils zu unterbrechen. Die Wollqualität reicht heute von feinster Struktur für die Verarbeitung zu Kammgarnen – zum Beispiel Gabardine – und Streichgarnen, etwa Tweed und Loden, bis hin zu gröberem Material für die Herstellung von Teppichen und Wandbehängen. Nach Haarkleid und Wollqualität können Merino-, Crossbred-, Langwoll-, Kurzwoll- und Grobwollschafe unterschieden werden.
Heidschnucken
Heidschnucken besitzen sehr grobe Wolle. Zu den Grobwoll- und Pelzschafen gehört auch das Karakul-Schaf. Die in der Lüneburger Heide heimische Heidschnucke gilt als die genügsamste, aber auch leistungsschwächste Schafrasse Deutschlands: Während sich alle anderen Vliese von Hand verarbeiten lassen, ist ihre grobe Wolle wegen der fehlenden Kräuselung nicht zum Handspinnen geeignet. Aus ihrer Wolle werden rustikale Teppiche hergestellt.
Karakulschaf
Das Karakul-Schaf ist für die Pelzgewinnung von grosser Bedeutung. Die Lämmer werden bereits im Alter von drei bis acht Tagen geschlachtet. Ihr Fell hat die dichten, glänzend schwarzen, gekräuselten Locken, aus dem Persianerpelze angefertigt werden. Karakul-Schafe werden heute vor allem in Afghanistan, Südrussland und Südafrika gezüchtet.
Merinoschaf
Merinowollschafe besitzen die feinsten Wollhaare: Die Merinowollen sind kürzere, 40 bis 120 Millimeter lange, stark gekräuselte, weiche und relativ glanzarme Wollsorten von hervorragender Gleichmässigkeit und Elastizität. Zu den Lieferanten der Merinowolle zählen unter anderem Feinwoll-Merinos, Merinofleischschafe und Merinolandschafe. Merinowollen werden in der Oberbekleidung für Sportstoffe, Strickwaren, Strümpfe und Socken sowie als Handstrickgarn verwendet.
Das Merinoschaf wurde im 14. Jahrhundert in Spanien aus der Kreuzung einer kleinen asiatischen Rasse mit einem afrikanischen Küstenschaf gezüchtet. Das spanische Königshaus ahndete damals die Ausfuhr der Merinos mit der Todesstrafe, und so wurde die “spanische Wolle” viele Jahrhunderte lang zur besten Handelsware der Welt. Im 18. Jahrhundert schliesslich wurden die ersten Merinos nach Deutschland ausgeführt, wo Züchter sie wiederum mit heimischen Rassen kreuzten. Als europäische Siedler die ersten Merinoschafe nach Australien brachten, konnte sich dieser Kontinent gemeinsam mit Neuseeland zum weltweit grössten Wollproduzenten entwickeln. Der Weltmarktanteil von Merinowolle liegt bei rund 40 Prozent. Die hochwertige Schurwolle wird heute hauptsächlich vom australischen Merinoschaf gewonnen.
Merino ist nicht gleich Merino –
Die Merinoschafe sind zwar durch eine vermehrte Wollfettbildung vor Witterungseinflüssen geschützt, trotzdem sind sie witterungsabhängiger und empfindlicher als andere Rassen. Mittlerweile existieren weltweit zahlreiche Kreuzungen der Merinos mit anderen Rassen, die sich im Feinheitsgrad der Wolle und in ihren Ansprüchen an klimatische Bedingungen unterscheiden. Die australischen Merinoschafe sind weiss, ihre Wolle ist daher besonders für das Färben mit Pastellfarben geeignet. In Deutschland gibt es das in Niedersachsen heimische Merinofleischschaf sowie das Merinolandschaf, das vorwiegend in Süddeutschland gehalten und wegen seiner hervorragenden Marschfähigkeit in der Wanderschäferei eingesetzt wird. Die Wolle der Merinolandschafe ist weiss bis beige, es gibt aber auch naturbraune und braun melierte.
Crossbred-Schaf
Die Crossbredwolle ist eine mittellange, noch relativ feine, aber robuste Wolle. Sie stammt vom Crossbred-Schaf, einer Kreuzung zwischen dem feinwolligen Merinoschaf und dem langhaarigen Lincolnschaf. Schafe mit mittelfeinem Haarkleid dienen weniger zur Gewinnung von Wolle, sondern werden vor allem wegen ihrer guten Fleischeigenschaften gehalten.
Langwollschafe
Langwollschafe zeichnen sich durch einen Jahreswollwuchs von 180 bis 400 Millimeter, grosse Fruchtbarkeit und hohe Milchleistung aus. Zu ihnen zählen unter anderem das englische Leicester-Schaf sowie das Lincoln-Schaf. Die aus den Langwollschafen gewonnenen Wollen, so genannte Cheviot- oder Glanzwollen, sind nur wenig geschuppt und gekräuselt, dafür sehr glanzreich. Sie dienen zur Herstellung von Möbelstoffen, gröberen Strickwaren, Teppichen und rustikalen Handstrickgarnen.
Kurzwollschafe
Die Wolllängen der Kurzwollschafe liegen unter 60 Millimeter. Kurzwollig sind unter anderem die Suffolk-, Southdown- und Shetland-Schafe.