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August Hitz, Hausierer und Dorforiginal, Goldach
Ein Reisender von ganz besonderer Prägung war August Hitz. Er fristete als Hausierer ein karges Leben im Haushalt seiner rabiaten Schwester im alten, nun abgebrochenen Haus ob der Papeterie Schmid. Früh am Morgen schulterte er seine schwere Kiste, und erst spät am Abend durfte er heimkommen. Übrigens, die Hausierkiste von Hitz war eine ganz besondere Rarität. Die schwere, massive Holzkiste war als Kasten mit Türe und zahlreichen Schubladen ausgestattet. In den Fächern waren Schuhbändel, Knöpfe, Schuhwichse, Seifen und viele andere Artikel verstaut. Zwei Stricke bildeten die Tragvorrichtung. Kurz, diese Kiste war das reinste Marterinstrument für den kleinen, krummbeinigen Hitz. Das hinderte ihn aber nicht im geringsten, im Tag bis zu 30 km zu marschieren, treppauf und -ab. Er redete vor sich hin, wenn er von Haus zu Haus zog und wurde gar rabiat, wenn er gehäuft den bekannten Spruch: «i bruuche nüt» vernahm.
In der Morgenfrühe allerdings war der Hitz nicht geschätzt bei den Hausfrauen. Deshalb versteckte er sich oft hinter einem benachbarten Haus und wartete auf seiner Kiste sitzend eine Stunde und länger, bis er mit seinem Tagewerk beginnen konnte. Zum Mittagessen war er oft bei den guten Schwestern oben im Chlösterli St.Scholastika, wo er eine warme Suppe und ein Stück Brot erhielt.
Die schwere Kiste hatte ihre Tücken. Hitz wusste, dass man beim Bücken rasch das Gleichgewicht verlor. So war es ihm einst ergangen an der Rorschacher Hafenmauer. Er sah dort den stolzen Schwänen zu, bückte sich, um Brot aufzunehmen und es den Tieren zuzuwerfen. Die Kiste rutschte in diesem Moment nach oben und — Kopf über Arsch — landete August Hitz im Bodensee, wo er und seine Kiste triefend nass gerettet werden mussten. Seither bückte sich Hitz nicht mehr mit der Kiste. Er liess sich gelegentlich gar bedienen, etwa von einer Dame, die ihm begegnete, und die er wie folgt anschnauzte: «Do, bindet mer d‘Schueh, er gsiend jo, dass de Schuehbändel offe isch.» So kniete denn die Frau vor dem Hausierer Hitz und band ihm den Schuh. Dieser aber trottete weiter, ohne Dank und freundliches Wort, nur irgend etwas vor sich herbrummend. Auf der Nase trug er ein mehrfach geflicktes Drahtgestell und in der Hand den knorrigen Stock. Ein dünner, zerknitterter Kittel, uralte Hosen mit einem «Dienstmannenhosenfüdli», ein verfilztes Hemd ohne Kragen, so bleibt mir Hitz in Erinnerung.
Am Sonntag war er aufgeräumt. Regelmässig besuchte er den Hauptgottesdienst, ging nachher auf den Friedhof, und wenn er auf dem Heimweg dann bei der Kaplanei um die Ecke bog, fragten wir Buben ihn gewöhnlich nach dem Wetter. Immer hatte er eine Antwort bereit. Doch vom Wetter wich er schnell ab und schwärmte bald vom Militär. Er genoss es regelrecht, unbelastet von der schweren Hausiererkiste mit uns zu plaudern. Den Sonntagnachmittag verbrachte er recht gerne am Rorschacher Hafen. Die ankommenden und wegfahrenden Dampfschiffe hatten es ihm angetan. — Jetzt liegen der militärfreundliche August Hitz und der ebenso militärfreundliche Eduard Zimmerli an der Westmauer des Friedhofs Seite an Seite einträchtig nebeneinander.
Verfasst und zusammengestellt: Hans Huber-Anderes
Buchtitel: Originale und Originelles aus Goldach
Herausgegeben von der Politischen Gemeinde und der Ortsgemeinde Goldach
Widmung an August Hitz
Land auf, Land ab kein Weg und Steg es hat,
Den August Hitz'es Fuss noch nie betrat.
Mit seiner schweren Kiste auf dem Rücken,
Oft ihn die derben Schuhe drücken.
So hausiert er schon an 25 lange Jahre,
Und verkauft so ehrbar seine feile Ware.
Er kennt die Kunden all im weiten Kreise,
Bedient sie noch heut nach seiner Weise.
Und freudig danket er für milde Gaben,
Die helfen ihm die Last leichter zu tragen.
Er hat auch schon Bitteres erfahren,
Mit seinen 72 Lebensjahren.
Die Schwester ist so hart und streng mit ihm.
Ihm graut vor dem nach Hause zieh'n.
Nie hört man ihn das schwere Mühsal klagen,
Er will sein Schicksal mit Geduld ertragen.
Genügsamkeit und freudige Zuversicht,
Ist seines Loses stille Seligkeit,
Bis Gott ihn aufnimmt in sein Himmelreich,
Und ihn erhöht, und macht den Engeln gleich.
Verfasser: Ed. Zimmerli
Gedicht aus «Originale und Originelles aus Goldach» am Ende des Buches