Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03519.jsonl.gz/807

Geharnischte Reaktionen
Als im Herbst 1931 die 25jährige Greti Caprez-Roffler (1906-1994) ihr Amt als Pfarrerin in Furna im Prättigau antrat? Der Pfarrer im Nachbardorf schäumte: „Für ein solches Vorbild, eine solche Missgestalt einer Familie im Pfarrhaus, würden gesund denkende Gemeinden sich bedanken.“ Der Kirchenrat des Kantons Graubünden sanktionierte die Gemeinde und konfiszierte kurzerhand ihr Vermögen.
Die junge Pfarrerin findet Anklang in der Gemeinde
Die junge Pfarrerin liess sich nicht beirren und arbeitete zwei Jahre lang ohne Lohn - und sie kam an bei den Leuten: Vorab die einfachen Bauersfrauen vertrauten sich ihr an: Als berufstätige Frau mit Kind war sie ihnen ähnlich und verstand ihre Ängste und Sorgen. Greti Caprez-Roffler war eine von Gott „Berufene“, gegen alle Anfeindungen fühlte sie sich von Gott getragen. So sehr war sie durchdrungen von ihrer Aufgabe, dass auch ihr Ehemann Gian Caprez-Roffler schliesslich Theologie studierte. Hinfort gingen sie als Pfarrehepaar durchs Leben.
Befreiung aus der Rolle als Pfarrehefrau
Nicht immer gelang es Greti Caprez-Roffler, ihren Beruf auszuüben: So musste sie sich in Kilchberg im Kanton Zürich während fast zwanzig Jahren damit begnügen, die Gattin des Pfarrers zu sein. Mit 57 Jahren wurde sie 1963 im Grossmünster in Zürich als eine von 12 Theologinnen endlich ordiniert, und überglücklich konnte sie ihre letzten Berufsjahre von 1966-1970 zusammen mit ihrem Mann die Gemeinden im Rheinwald als Pfarrerin betreuen.
Die Geschichte von Greti Caprez-Roffler wird erzählt
Christina Caprez, Enkelin der ersten Pfarrerin, Historikerin und Soziologin, hat die Geschichte ihrer Grossmutter als Hörinstallation in sechs Akten konzipiert: In sorgfältig gestalteten kleinen Guggkästen sind Gegenstände ausgestellt, die für den entsprechenden Lebensabschnitt ihrer Grossmutter stehen. Über Kopfhörer wird die Geschichte dazu packend dargestellt.
Die Ausstellung
Seit einem Jahr wandert die Ausstellung von Chur über Kilchberg und Zürich bis sie am 8.2.2020 nach Pontresina gelangte. Dieser Ort war kein Zufall, stammte doch Gian Caprez-Roffler, der Ehemann der Pfarrerin, aus Pontresina. 1966 hielt die Pfarrerin ausserdem hier ihre Antrittspredigt, als sie in Graubünden offizielles Mitglied der Synode wurde. Noch bis zum 6. März ist die Ausstellung in der Kirche San Niculò täglich von 8 Uhr bis 17 Uhr zu sehen. Zum Abschluss liest dort Christina Caprez um 20.30 Uhr aus der Biografie über ihre Grossmutter. Weitere Informationen finden sich auf der Webseite: www.dieillegalepfarrerin.ch
Ester Mottini