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Der Inwiler Roman Peter ist vor bald zehn Jahren ohne Plan auf Weltreise gegangen. Als er zurückkam, hatte er «Trash Hero» im Gepäck – eine der am schnellsten wachsenden Hilfsorganisationen der Welt.
Roman Peter ist einer von drei Brüdern und lebt in seinem Heimatort Inwil in einer kleinen WG. Mit ihm wohnen ein Eritreer und eine Ukrainerin mit ihrem Sohn in der Wohnung. Sein Bruder Markus Peter führt in zweiter Generation ein Sanitär- und Heizungsgeschäft im Erdgeschoss des Hauses. Der andere Bruder Fabian Peter ist Luzerner Regierungsrat.
Mit 28 Jahren entschied sich Roman Peter, seine Karriere in der IT-Branche abrupt zu unterbrechen und für ein Jahr planlos zu verreisen. An einem Strand in Thailand gab es ein Ereignis, das ihn bis heute begleitet.
Es begann alles mit einer Aufräumaktion, für die Einheimische und Touristinnen gemeinsam Müll am Strand einsammelten (zentralplus berichtete). Aus diesen sogenannten «Cleanups» entstand dann eine Bewegung: «2013 starteten wir mit wöchentlichen Cleanups», erzählt Roman Peter. «Und ein Jahr später begannen sie sich in anderen Ortschaften in Thailand und danach in anderen Ländern zu verbreiten», fügt er an.
«In den letzten zehn Jahren ist viel an die Oberfläche gekommen. Viele Menschen sagen sich, dass sie etwas dagegen machen müssen.»
Roman Peter, Geschäftsleiter von «Trash Hero»
Aus der Bewegung entstand so die Hilfsorganisation «Trash Hero». Vor allem in Südostasien hat sie verschiedene sogenannte «Chapters», also Untereinheiten.
Die Marke solle Positivität ausstrahlen, erklärt Peter. «In den meisten Ländern ist es unter der Würde vieler Menschen, Abfall zu sammeln. Noch heute haben viele Leute das Gefühl, wenn man sich an Cleanups beteiligt, hat man etwas verbrochen.»
«Trash Hero» ist in den neun Jahren, die es die Organisation inzwischen gibt, gewaltig gewachsen. «Es war sehr schwierig für das Team, das Wachstum überhaupt zu bewältigen und die Qualität aufrechtzuerhalten», erzählt Peter.
Durch die Pandemie sei das Wachstum abgeflacht, die Gesamtgrösse aber etwa gleich geblieben. «Das gab uns intern die Chance, Strukturen zu bilden, neue Stellen zu schaffen und das Ganze besser aufzugleisen». Allein im letzten Jahr leisteten alle ehrenamtlichen «Abfall-Helden» zusammen 176'890 Stunden Freiwilligenarbeit.
Abfall sei ein hochaktuelles Thema und betreffe alle irgendwie, sagt Peter. «In den letzten zehn Jahren ist viel an die Oberfläche gekommen. Viele Menschen sagen sich, dass sie etwas dagegen machen müssen». Anstatt sich aber nur auf das Aufräumen zu beschränken, hat «Trash Hero» früh damit angefangen, auch Präventionsarbeit zu leisten.
So vertreibt «Trash Hero» seit 2014 wiederauffüllbare Edelstahl-Flaschen, um dem Abfall von Pet-Flaschen entgegenzuwirken. Bisher wurden über 100'000 Exemplare davon verkauft. «Wir machen mit keinem Artikel, den wir verkaufen, Profit», sagt Roman Peter. «Trash Hero» verkaufe alles zum Einstandspreis. So könne ihnen niemand vorwerfen, dass sie ein Geschäft daraus machen würden. «Das kommt von gutem Herzen.»
Roman Peter hat sich selbst in all den Jahren keinen Lohn für seine Arbeit bezahlt. «Vor diesem Schritt hatten wir immer extremen Respekt.» Als Geschäftsleiter von «Trash Hero World» lebt er bescheiden und arbeitet zudem 50 Prozent im Geschäft seines Bruders.
«Für Konzerne ist es viel einfacher und günstiger, Organisationen wie uns für ein paar Bilder und einen Bericht Geld zu geben, als die eigene Produktionskette anzuschauen und Zero-Waste-Lösungen zu finden.»
Roman Peter, Geschäftsleiter «Trash Hero»
Würde er sich einen Schweizer Mindestlohn pro Monat auszahlen, entspräche das schon einem indonesischen Jahreslohn. «In gewissen Ländern sind sich die Leute vielleicht daran gewöhnt, dass immer irgendwo Geld verschwindet. Deshalb sind wir so extrem transparent», sagt Peter.
Sein Lohnverzicht mache die Botschaft und die Organisation viel einfacher und stärker, meint er. So könne er mit Freiwilligen in Südostasien an einen Tisch sitzen und auf Augenhöhe mit ihnen sprechen.
Doch die Organisation konnte unterdessen auch Leute anstellen. Im Frühling konnten zwei neue Stellen geschaffen werden. Damit sind mittlerweile sieben Leute in fünf Ländern für die nationale und internationale Koordination der Hilfsorganisation zuständig.
«Ohne dieses Team wäre es schlichtweg nicht möglich, alles aufrechtzuerhalten», erklärt Peter. Für Cleanups seien von Anfang an keine direkten Gelder geflossen. Die einzelnen «Chapters» organisierten lokale Materialspenden. Für Peter sind die Transparenz und das positive Bild, das man zu vermitteln versuche, die Schlüsselfaktoren des Erfolgs.
Die Hilfsorganisation erhielt allerdings von Beginn an gewichtige Unterstützung von Marketing-Spezialistinnen, Juristen und Finanzexpertinnen. Man sei generell darauf bedacht, sich mit hilfreichen Kräften zu vernetzen. Jedoch gebe es auch strenge Regeln dafür, von welcher Seite man Hilfe annehme.
«Wenn Firmen und Regierungen nichts ändern, können wir noch in 1'000 Jahren jeden Tag aufräumen.»
Roman Peter, Geschäftsleiter von «Trash Hero»
So gab und gibt es immer wieder Angebote von Konzernen, die sich mit «Trash Hero» «grünwaschen» wollen. «Für Konzerne ist es viel einfacher und günstiger, Organisationen wie uns für ein paar Bilder und einen Bericht Geld zu geben, als die eigene Produktionskette anzuschauen und Zero-Waste-Lösungen zu finden», erklärt Peter.
«Wenn dir eine Grossfirma dein ganzes Jahresbudget anbietet, ist es natürlich schon sehr verlockend und schwierig, das Angebot abzulehnen», erzählt Peter. Deswegen habe man aber mittlerweile E-Mail-Vorlagen für die Absagen.
«Ein Wechsel von Einwegplastik zu wiederverwertbarem Material hat so viel mehr Wert als eine grosse finanzielle Spende. Das wären Milliarden von Plastikflaschen, die nicht mehr produziert würden.» Das Ziel von «Trash Hero» sei, dass deren Helfer einmal ein Cleanup durchführe, an dem sie keinen Müll mehr fänden.
Der Schwerpunkt von «Trash Hero» verlagert sich immer mehr hin zur Präventions-, Beratungs- und Bildungsarbeit. Das langfristige Ziel sei eine Kreislaufwirtschaft, in der wiederverwertet und repariert werde.
Als aktuelles Paradebeispiel nennt Roman Peter die Firma «Schnarwiler AG» aus Weggis. Anstatt einfach nur Geldspenden anzunehmen, habe man zusammen ein Zero-Waste-Konzept erarbeitet. Nun verkauft die Firma ihre Naturkosmetik in wiederauffüllbaren Glasbehältern, die in über 80 Shops schweizweit angeboten und aufgefüllt werden.
Im letzten Jahr wurden so über 20'000 Einwegbehälter eingespart. Solche Geschichten sollten grössere Firmen inspirieren - oder fast dazu zwingen -, auf diesen Zug aufzusteigen, sagt Peter.
Seit ein paar Jahren führt «Trash Hero» auch sogenannte «Brand Audits» durch. Dafür wird der Müll von den Cleanups nach Marken sortiert und registriert. So wird ersichtlich, welche Unternehmen für welche Art und Menge des Abfalls verantwortlich sind.
Diese Datensammlungen können Konzerne stärker unter Druck setzen. Zudem dienten sie der Stärkung von Studien und Umweltberichten. Wie zum Beispiel jenem der Umweltversammlung der Vereinten Nationen (UNEA), für die «Trash Hero» letzten März die Akkreditierung als Beobachterin erhielt.
Bei der UNEA will sich «Trash Hero» vor allem dafür einsetzen, dass der globale Norden seinen Plastikabfall nicht mehr in den globalen Süden verschifft. «Wir wissen, dass der meiste Plastikabfall in diesen Ländern nicht rezykliert werden kann, sondern auf Mülldeponien landet oder offen verbrannt wird», erzählt Peter.
«Wir müssen schauen, dass wir diesen Plastikhahn zudrehen. Zeit zum Aufräumen bleibt danach noch lange.»
Roman Peter, Geschäftsleiter von «Trash Hero»
Generell gehe es darum, die Verschmutzung und Ressourcenverschwendung durch Plastik zu stoppen. «Wenn Firmen und Regierungen nichts ändern, können wir noch in 1'000 Jahren jeden Tag aufräumen», sagt Peter. Gehe es so weiter wie bis anhin, werde sich die Plastikproduktion in den nächsten 20 bis 30 Jahren verdreifachen.
Gerade bei den Kindern sehe man grosses Potenzial im Hinblick auf die Sensibilisierung auf Plastikmüll und Ressourcenverschwendung. «In Asien haben wir schon mit über 15'000 Kindern zusammengearbeitet», erzählt Peter.
In der Schweiz gebe es derzeit ein Pilotprojekt mit einem illustrierten Kinderbuch, das eine «Trash Hero»-Geschichte erzähle. Im Anhang gebe es interaktive Herausforderungen wie zum Beispiel ein plastikfreies Picknick zu organisieren.
«Für das Buch suchen wir Schulen. Vor allem bei den ersten bis dritten Klassen funktioniert das sehr gut», sagt Peter. Das Bildungsprojekt sei gemäss Lehrplan 21 aufgegleist. «Es ist alles fixfertig und die Materialien für die ersten paar hundert Kinder sind bereit.»
Momentan fehle es noch an Lehrpersonen, die aktiv auf sie zukämen und eine Projektwoche mit ihnen planen würden, erklärt Peter. Und auch auf Universitätsniveau sei man noch auf der Suche nach Institutionen, welche die Auswirkungen einer Kreislaufwirtschaft aktiv erforschten. «Wir müssen schauen, dass wir diesen Plastikhahn zudrehen», sagt Peter. «Zeit zum Aufräumen bleibt danach noch lange.»
Im Auftrag von «Trash Hero» sind am Mittwochabend 23 Freiwillige in Luzern unterwegs gewesen. Da sie hier den Abfall auf den Strassen untersuchen wollten, hat die Stadt Luzern extra nicht geputzt. So konnten sie Abfall einsammeln, der sonst bereits von der Stadt weggebracht worden wäre. Den Abfall haben sie anschliessend sortiert und nach Herkunft und Art untersucht. Die Datensammlung aus Luzern fliesst in den Bericht der Hilfsorganisation für die UN-Umweltorganisation ein.
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