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5 Jahre nach Kairo. 5 Fragen, 5 Fachleute
Vreni Wenger-Christen: Reproduktive Gesundheit in der Praxis der internationalen Gesundheitsarbeit des Schweizerischen Roten Kreuzes
Von Vreni Wenger-Christen / Schweizerisches Rotes Kreuz SRK
Hat sich der in Kairo verkündete Paradigmawechsel von "Bevölkerungskontrolle" zu "Reproductive Health and Rights" auf der Ebene der internationalen Politik, der internationalen Organisationen und der einzelnen Staaten durchgesetzt?
Die Konferenz von Kairo 1994 hat ein bedeutungsvolles Zeichen gesetzt, indem es dort gelungen ist, die Frage nach Wachstum der Weltbevölkerung in einen grösseren Zusammenhang zu stellen. Ausgehend von bisher vorwiegend demographischen Zielen und der Forderung nach Geburtenkontrolle konnte ein alternativer Weg aufgezeigt werden. Danach konnte die Bevölkerungsfrage besser in die Sozialpolitik und die nachhaltige Entwicklung integrieren werden.
Für das Schweizerische Rote Kreuz ist damit ein Handlungsfeld vorgegeben, das seinen Werten "Leben retten – Gesundheit fördern – soziale Würde gewährleisten" deutlicher entspricht. Der Ansatz der reproduktiven Gesundheit (reproductive health) setzt eine verantwortungsvolle Welt-Gesundheitspolitik voraus, an der sich die Staatengemeinschaft, die Nichtregierungsorganisationen sowie auch die Völkergemeinschaften selber, und innerhalb dieser die Frauen in einer gestärkten Stellung, aktiv beteiligen müssen.
Die Stabilisierung der Weltbevölkerung kann ein erreichbares Ziel sein, wenn es gelingt, eine Reihe von Forderungen konkret umzusetzen. Dazu gehören eine gesicherte Grundversorgung, breit angelegte und von der Bevölkerung mitverantwortete Gesundheitsdienste, ein deutlich wachsender Zugang von Frauen zu Bildung und schliesslich die Förderung selbstbestimmter und angepasster Lebens- und Familienplanung in den einzelnen Gesellschaften.
Welche sind heute die kontroversen Punkte in der internationalen Diskussion um die Bevölkerungsfrage, demographische Entwicklung und "Reproductive Health and Rights"?
Die Anwendung von Empfehlungen der Kairoer Konferenz untersteht im Prinzip dem souveränen Recht der einzelnen Staaten gemäss ihrer religiösen, ethischen und kulturellen Werte. Diese unterschiedlich gelebten Werte stellen denn auch ein breites Spannungsfeld dar. Der Ansatz bewusst geförderter sozialer Entwicklung scheint deshalb am ehesten geeignet, eine gemeinsame Grundlage der Bevölkerungsstabilisierung zu schaffen.
Auf der andern Seite kommt soziale Entwicklung, soll sie resultatorientiert und nachhaltig sein, nicht ohne vermehrten Mitteleinsatz aus. In den letzten Jahren sind Leistungen der gesamten internationalen Zusammenarbeit aber rückläufig, gegenüber steigender Verarmung breiter Bevölkerungssegmente: 20-25% der Weltbevölkerung oder etwa 1300 Mio Menschen leben mit weniger als 1 US$ täglich.
Sind heute schon greifbare Ergebnisse des Kairoer Aktionsprogramms sichtbar?
Reproduktive Gesundheit ist in der Mehrzahl der Einsatzländer des SRK im Süden und Osten in die Programme der staatlichen Gesundheitsdienste aufgenommen worden, und konkrete Aktionen im Rahmen integrierter Basisgesundheitsarbeit sind erkennbar.
In Zusammenarbeit mit unseren Programmpartnern verfolgen wir angepasste Formen der Umsetzung, welche auf Partizipation der Zielgruppen ausgerichtet sind und soziale Würde, Selbstbestimmung sowie das kulturelle Umfeld berücksichtigen. Unser Schwerpunkt liegt auf Gesundheit von Mutter und Kind, und die Förderung der Frauen ist integraler Teil der Gesamtentwicklung im ländlichen Kontext. Die Ausbildung von Gesundheitshelfern und traditionellen Hebammen oder auch die Schaffung von Frauen- und Müttergruppen erweisen sich als geeignete Strategien, um Frauen in ihrer vielfältigen, sehr zentralen Aufgabe der Fürsorge in der Familie zu stützen. Bildung ist dabei grundlegendes Element für ihre Lebensplanung, für Schwangerschaften und Geburten ohne Risiken sowie die Betreuung von Kleinkindern in den ersten kritischen Lebensjahren. Aber auch der Einbezug von Frauen in Basis- oder Bauernorganisationen, in Rotkreuzgruppen und -sektionen ist ein Weg, die Stellung der Frauen zu stärken und ihre Mitverantwortung zugunsten der gesellschaftlichen Entwicklung zu fördern.
Welches ist das grösste Einzelproblem im Bereich der "Reproductive Health", und was müsste zu seiner Überwindung getan werden?
Als Herausforderung im Bereich der reproduktiven Gesundheit gilt aus unserer Erfahrung, die Lebenspartner der Frauen zu Aufmerksamkeit und aktiver Teilnahme an Familienfragen zu mobilisieren. Der Erfolg solcher Bemühungen ist abhängig vom kulturellem Kontext, von sozialen Vorurteilen oder Einschränkungen. Gerade in Gesellschaften mit schwacher Stellung und Stimme der Frauen ist die Rotkreuz-Bewegung gefordert, Frauen und Männer gleichermassen in die Gestaltung und Verantwortung für Programme in den Bereichen der sozialen Entwicklung, Gesundheit und Bildung einzubinden.
Es scheint nicht angemessen, ein sogenanntes grösstes Einzelproblem in der Frage der reproduktiven Gesundheit zu orten, weil die Gefahr von Verallgemeinerungen besteht. Hingegen ist unbestritten, dass soziale Entwicklung, wo immer sie angestrebt wird, insgesamt ein langsamer aufbauender Prozess darstellt, der von innen organisch wachsen muss und Eigentum (ownership) der betroffenen Bevölkerungsgruppen sein soll.
Was kann/muss in den nächsten fünf Jahren erreicht werden, und worin besteht Ihr Beitrag respektive der Beitrag Ihrer Organisation?
Einige der wichtigsten Forderungen, die sich in den nächsten Jahren aus unserer Sicht stellen, sind: die Festigung der Stellung der Frauen, der Zugang zu Gesundheitsdiensten und das Verständnis der Krankheitsprävention, Trinkwasserversorgung, der Ausbau von Bildungsmöglichkeiten für Jugendliche und Frauen sowie selbstbestimmte Lebens- und Familienplanung.
Es ist zentral, in den Zielgruppen das Verständnis für Umweltfragen vermehrt zu wecken und deren direkter Zusammenhang mit dem Lebensraum und den Perspektiven der betroffenen Bevölkerung aufzuzeigen. Auch sind Landflucht und Slumbildung in grossen Städten ein neueres Handlungsfeld für das SRK, das auszubauen ist durch angepasste Konzepte der primären Gesundheitsversorgung und wo nötig der Ergänzung des staatlichen Gesundheitswesens.
In der Frage der Effizienz und Finanzierbarkeit einer angemessenen Gesundheitsversorgung verfolgen wir vielversprechende Wege weiter. Sie beinhalten je nach Kontext ländliche Gesundheitsversicherungen, Systeme des "cost-sharing" in Gesundheitsposten, an Distrikt- oder Provinzkliniken sowie produktive Komponenten in laufenden Entwicklungsprogrammen.
Vreni Wenger-Christen, Mitglied des Vorstandes von Medicus Mundi Schweiz, ist Co-Leiterin des Departements Internationale Zusammenarbeit des Schweizerischen Roten Kreuzes SRK.