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Laure Dupont
Laure Dupont
Abnormal Normal
Bis anhin umrahmte langes Haar das feine Gesicht von Laure Dupont und schmiegte sich in weichen Wellen auf ihre Schultern. Aber heute liegt ihr Nacken frei und ein paar kurze Strähnchen umspielen ihre Wangen. Sie begrüsst uns lächelnd. In Saxon macht der Wind für einmal Pause. Das beschauliche Dorf mit den verwinkelten Gassen ist der Heimatort von Laure Dupon. Hier ist sie aufgewachsen, hierhin kehrt sie immer wieder zurück. Im Elternhaus erholt sie sich, tankt auf, bevor es wieder auf Reisen geht. Ihr Beruf bringt das Nomadenleben mit sich. Laure Dupont tanzt. Sie tanzt wie normale Menschen laufen, atmen, sprechen. Für sie ist tanzen das Natürlichste auf der Welt.
Sie erinnert sich, dass sie bereits im Alter von sechs oder sieben Jahren im Wohnzimmer Tanzimprovisationen kreiert hat. Sie fühlte sich unbeobachtet in der Welt der Musik und der Bewegung und konnte sich in diesen Momenten völlig verlieren. Einmal bemerkte sie, dass ihre Eltern auf der Treppe standen und ihr zusahen. Blitzartig wurde ihr klar, dass der Tanz eine Möglichkeit war, andere miterleben zu lassen, was sie f¨ühlte. Es kann gut sein, dass ihre Tanzkarriere in diesem Moment startete.
Ausser ihrer Grossmutter Bertha teilte niemand in ihrer Familie das Bedürfnis, auf der Bühne zu stehen. Trotzdem hatte sie die Unterstützung und das Vertrauen ihrer Eltern, als sie diesen beruflichen Weg einschlug. Laure Dupont besuchte die Tanzklassen des Konservatoriums in Sitten. 10 bis 20 Stunden pro Woche wurde sie von Dorothéé Franc unterrichtet, der sie grossen Respekt zollt. «Dorothée ist eine bemerkenswerte Frau. Sehr inspirierend. Dank ihr konnte ich meine Ausbildung bis zum 19. Altersjahr im Wallis fortsetzen. Die meisten Tänzerinnen müssen bereits mit 14 oder 15 Jahren von Zuhause wegziehen. Ich hatte riesiges Glück.» Alles scheint ihr im Leben aufzugehen. Mit einer rätselhaften Leichtigkeit scheinen sich ihr alle Türen zu öffnen. Schritt für Schritt folgt sie ihrem Weg.
Im Jahr 2002 konnte sie an verschiedenen Auditions teilnehmen. Die junge Tänzerin träumte von Brüssel oder Anger. Schlussendlich schaffte sie es an das Ecole-Atelier Rudra-Béjart in Lausanne. Sie, die eigentlich reisen, sich bewegen, die Welt entdecken wollte, bleibt in der Schweiz. Sehr schnell ergaben sich aber neue berufliche Möglichkeiten. 2004 lernte sie die Choreografin und Regisseurin Cisco Aznar kennen, mit der sie mittlerweile seit zehn Jahren zusammenarbeitet. 23-jährig wurde sie ihre Assistentin. Das Nomadentum hielt Einzug in ihr Leben. Die Welt lehrte sie Verständnis für andere Kulturen und ihre eigenen Wurzeln. «Ich lernte die Berge zu verstehen, indem ich anderswo lebte. »
Ihr künstlerischer Weg führte sie nach La Réunion. Die Insel wurde ihr schon bald zur zweiten Heimat. Die Herzlichkeit, mit der man ihr hier begegnete, beeindruckte sie. Sie lernte Eric Languet, Tänzer und Choreograf, und dessen Arbeit kennen. Er beschäftigte sich mit der Beziehung zum Fremden, dem Normalen und Abnormalen. Das Thema Behinderung war für die junge Frau etwas völlig normales, denn ihr Vater war Direktor einer bekannten Einrichtung für Menschen mit besonderen Bedürfnissen im Wallis. Sie begann sich mit integrativen Tanzprojekten zu beschäftigen, in denen Menschen mit Handicap im Zentrum standen. «In diesen Ateliers leistet jeder sein Maximum. Egal ob er eine Behinderung hat oder nicht. Die Resultate sind unglaublich. Die Interaktionen zwischen den Personen sind sehr intensiv. Die Gesten werden nicht vorgegeben. Für uns Choreografen sind sie eine enorme Quelle der Inspiration.»
Ein Jahr und zehn Katzen nach ihrer Ankunft auf La Réunion wagt sie den Schritt und realisierte ihre erste eigene Bühnenproduktion mit dem Titel LABA. Sie arbeitete auf der Grundlage eines Videos, das sie zusammen mit Jean-Baptiste Alazard realisierte. Sieben Tage die Woche fast 24 Stunden am Tag arbeitetete sie. Unter dem Namen «Cie Bertha », der eine Hommage an ihre Grossmutter darstellt, entwickeln sich ihre Kreationen. Anders als sie, hatte ihre Grossmutter nicht die Möglichkeit ihre Träume wahr werden zu lassen. Die Epoche in der Bertha lebte, liess das nicht zu.
Für die Tänzerin scheint nun die Zeit gekommen zu sein, sesshafter zu werden. Mit 34 Jahren stellt sie einige Dinge in Frage. Ein schmerzhafter und lehrreicher Prozess zugleich. Sie blickte auf eine Karriere zurück mit vielen Anerkennungen. (Förderpreis des Staates Wallis, 2008, TheaterPro, 2015). Sie hat sich nun entschieden, sich in Rom niederzulassen. Doch so ganz kann sie das Reisen nicht lassen. Zwischen zwei Kreationen in Italien, Libanon, La Réunion oder anderswo kommt sie immer wieder zurück ins Wallis. In der Ruine des Turms von Saxon betrachtet sie die Berge, die ihr beim Aufwachsen zugeschaut haben und sagt zu sich: «Ich habe viel gearbeitet um anderswo anzukommen und trotzdem habe ich das Glück hier zu sein.»
Erschienen: April 2017
Text: Sophie Michaud
Fotos: © Nadia Tarra