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Mit den ersten bildtauglichen Browsern von Netscape und Microsoft begann 1994 auch die künstlerische Arbeit auf dem World Wide Web. Zuvor hatten Künstlergruppen schon mit Server-Lösungen Erfahrungen gemacht, welche nur eingeschriebenen Mitgliedern Datenzugang und direkten Austausch erlaubten.
Plattformen wie Adaweb und The Thing förderten und bündelten die Kunstaktivitäten auf dem Web. Persönliche Kontakte an Symposien unterstützten die Künstlervernetzung auch im realen Raum. Die meisten Projekte dieser Frühzeit sind noch zugänglich. Und sie laden heute mit einer Geschwindigkeit und Systemstabilität, von der man damals nur träumen konnte. Die "Kunst der kleinen Datenmengen", erzwungen durch langsame Modems und wenig ausgereifte Software, führte zu einer einfachen Seitengestaltung, aus der sich schnell stilistische Konventionen entwickelten.
Im Zentrum des Interesses stand der kommunikative und interaktive Charakter des Mediums. Was Brecht und Benjamin in den frühen 30er Jahren für den Rundfunk forderten, den Einbezug der Rezipienten in die Gestaltung der Sendeinhalte, schien im WWW endlich auch technisch realisierbar zu sein.
Die Stadtmetapher
De digitale Stad in Amsterdam und die Internationale Stadt in Berlin stellten ab 1994 virtuellen Stadtbewohnern eine Plattform zur freien Meinungsäusserung und Kommunikation zur Verfügung, die nicht durch politische Kräfte manipuliert oder gesteuert wurde. Hinter diesen Projekten standen auch Künstler. Fünf von sieben Gründern der Internationalen Stadt zum Beispiel kamen aus der Medienkunst, und sie verstanden ihr Projekt explizit als soziales Kunst-Werk.
Die Idee einer virtuellen Stadt ist denn auch vor dem Hintergrund des kulturellen Zeitgeists der frühen neunziger Jahre zu sehen. An vielen Orten gründeten Künstler im Sinn einer "Institutional Critique" selbstorganisierte und -verwaltete Kunsträume als Alternative zu den Einrichtungen des traditionellen Kunstbetriebs.
Dass sich im WWW als Rahmen für Kunstprojekte ein Kommunikationsraum für die gesellschaftliche Auseinandersetzung öffnen liess, passte zur Idee dieses erweiterten Kunstbegriffs. "Der Mensch steht als aktiv Beteiligter und nicht als Verbraucher im Zentrum", hieß es Anfang 1995 in einer Art Gründungsmanifest aus Berlin. "Neue zwischenmenschliche Beziehungen werden durch die Internationale Stadt initiiert und wirken auf den Alltag der realen Stadt. Im Unterschied zu anderen Medien werden neue Informationen durch sozialen Austausch entstehen."
Auf die Frage, wie weit die Digitale Stad ihre Ziele erreicht hat, bekommt man heute in Amsterdam eher skeptische Antworten. Und die Internationale Stadt in Berlin schloss ihre virtuellen Tore bereits im Dezember 1997. Grund war nicht zuletzt ein Gefühl der Ernüchterung. Zwar macht das Web eine demokratische Transparenz technisch möglich, aber die mentale Voraussetzung bei den Benutzern fehlt noch. Um die auszubilden, braucht es einen längeren Prozess. rest
De digitale Stad: http://www.dds.nl
Archiv der Internationalen Stadt: http://www.isf.de
jodi.org
Im Gegensatz zu den politisch motivierten Projekten entwickeln seit August 1995 Joan Heemskerk and Dirk Paesmans eine Site mit eher postmodernem Ansatz. Die techno-anarchischen Spielereien von jodi.org wurden bei der Online-Community schnell zum Mythos. Sie zeigen die selbstreferentielle Bildästhetik des Computers an der Schwelle zum Systemabsturz. Das bleibt allerdings nur Bildgeste.
Trotzdem wurde jodi.org 1999 vom bisherigen Host der Service gekündigt: "Wie sie wissen, enthält eine ihrer WWW-Seiten bösartiges Javascript, das den Browser abstürzen läßt..."
Auch auf dem Netz kann Kunst also gutartig und böswillig sein, sozial und aggressiv. Und auch hier ist ihre Realität noch die des Bildes, des Als-ob. Aber der Wunsch, sich mit der Geste in die Realität einzumischen, auf die man zeigt, gehört zu den Eigenarten der frühen Netzkunst. rest
jodi.org: http://www.jodi.org
Die "bösartige" Seite: http://oss.jodi.org