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Die jüdischen Schreiber, die als ‹Masoreten› bezeichnet werden, entwickelten im ersten Jahrtausend ein ausgeklügeltes System von Markierungen, um den Text des Alten Testamentes genau kopieren zu können. Sie zeigen damit eine Liebe zum Text der Bibel, die uns inspiriert!
Mein Bruder und ich sind in Afrika aufgewachsen, wo die Menschen uns Christen ‹People of the Book› nannten, also ‹Volk des Buches› oder ‹Menschen des Buches›. Sie identifizierten uns über die Zuordnung zu einem Buch, nämlich der Bibel. Mir gefällt diese Bezeichnung, denn als Christen stehen wir in einer langen Tradition, die durch die Liebe zur Bibel und dessen Text gekennzeichnet ist. In dieser Serie von kurzen Blogs mit dem Titel ‹People of the Book› wollen wir dieser Liebe zur Bibel Ausdruck verleihen.
Der Schutzzaun der Masoreten
Ab ungefähr dem siebten Jahrhundert gab es die sogenannten Masoreten, eine Klasse von jüdischen Schreibern, welche ein System von Markierungen entwickelten, um den Text des Alten Testamentes sicher kopieren zu können. Sie mussten die Manuskripte von Hand abschreiben, weil es noch keinen Buchdruck gab.
Der masoretische Text ist eine von drei Überlieferungs-Traditionen des alttestamentlichen Textes. Die anderen beiden sind in der Septuaginta und im Samaritanische Pentateuch zu finden. Der masoretische Text dient allgemein als Grundlage für unsere deutschen Übersetzungen, wobei moderne Übersetzungen auch Varianten der anderen beiden Traditionen einfliessen lassen.
In seinem Artikel ‹Lerne die Geheimnisse des Leningrad Codex› erklärt Dr. Kim Phillips:
Der Leningrad Codex enthält nicht weniger als 60’000 masoretische Markierungen, die eine Art Schutzzaun um den Text bilden. Die damit verbundene immense Arbeit und Mühsal war angetrieben von einer leidenschaftlichen Hingabe an den biblischen Text als das wirkliche Wort Gottes. Wenn er gesprochen hat, dann ist jeder Punkt und Titel kostbar. Sogar das kleinste Detail dient als Vehikel für etwas, das Gott mitteilen möchte um Gemeinschaft mit seinem Volk und der Menschheit zu haben. (eigene Übersetzung)
Ausschnitt vom Leningrad Codex mit masoretischen Markierungen — By Shmuel ben Ya’akov, public Domain
Wir sind die ‹Menschen des Buches›
Als Christen sind wir von derselben leidenschaftlichen Liebe zum Text der Bibel angetrieben wie die Masoreten.
Ich meine damit nicht, dass der Text simplistisch und ‹ein-dimensional› ausgelegt werden soll. Die Auslegung der Bibel muss zum Beispiel die literarischen Gattungen berücksichtigen (Weisheits-Literatur, poetische Texte, Prophetie, Apokalyptik, historische Geschichte, etc) sowie Entwicklungen in der Bibel (wie z.B. die Erübrigung des Tier-Opfer-Systems im Neuen Testament durch den Opfer-Tod Jesu am Kreuz).
Ich meine damit auch nicht, dass die ursprüngliche Inspiration der Bibel ein einziges Ereignis war, in der Gott den Autoren in einer Art Trance die einzelnen Worte diktierte.
Ich meine damit ebenfalls nicht, dass wir zu einer falschen ‹Geistlichkeit des Buchstabens› zurückkehren, welche die Autoren des Neuen Testamentes ablehnen (siehe zum Beispiel Römer 7,6, 2. Korinther 3,6 oder Hebräer 12,18 – 24).
Unsere Liebe zur Bibel bedeutet nicht, dass wir zur Bibel beten, sondern wir beten den einzig wahren, dreieinigen Gott an, der sich uns durch die Bibel offenbart.
Was ich meine ist, dass wir wir sehen müssen, mit welch heiliger Sorgfalt der biblische Text überliefert wurde. Wenn wir das erkennen, dann nähern wir uns dem Text neu in Ehrfurcht, Dankbarkeit und Freude. Wir schenken ihm unser Vertrauen. Wir lassen uns wieder von einer Liebe zum biblischen Text erfassen. Das betrifft den allgemeinen Inhalt des Textes, aber auch Einzelheiten, die wir darin finden.
Wenn wir sehen, mit welch immenser Sorgfalt der biblische Text überliefert wurde, lesen wir den Text nicht nur online im Internet in aufgelösten ‹Bits und Bytes›, sondern haben ihn als Buch zur Hand. Ich frage mich, ob wir in unseren Gottesdiensten wieder anfangen sollten, die Bibel als Buch in die Hand zu nehmen, anstatt die Texte auf dem Beamer zu projizieren. Wir sollten den Besuchern der Gottesdienste längere Lesungen zumuten, und uns dabei bemühen, die Lesung interessant zu gestalten.
Wir sollten aufhören, uns für die Bibel zu schämen. In vielen theologischen Abhandlungen kommt es mir vor, als sei es den Schreibern letztlich peinlich, an die Bibel glauben zu müssen. Aber weil man sich Christ nennt, muss man wohl dummerweise auch irgendwie mit diesem Buch zurecht kommen — scheinen sie zu sagen. Schluss damit! Wir lieben dieses Buch auf leidenschaftliche Weise und deshalb ist uns kein Aufwand zu gross, uns dem Text in grossen Mengen und in kleinsten Details zuzuwenden.
Wir freuen uns, von Menschen anderer Religionen als ‚People of the Book‘ bezeichnet zu werden
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