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Eine internationale Geberkonferenz hat sich in Washington auf Finanzhilfe in Milliarden-Höhe für Haiti verständigt. An der Konferenz war auch die Schweiz vertreten.
Haiti, das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, braucht nach Jahrzehnten der Zerstörung und der Verelendung dringend Hilfe auf allen Ebenen.
Die Geberkonferenz brachte Zusagen für mehr als eine Milliarde Dollar an Krediten und Beihilfen. Das Geld soll vor allem in Infrastrukturprojekte und den Wiederaufbau fliessen. Daneben sollen die politischen Institutionen gestärkt werden.
Haitis Premierminister Gérard Latortue erklärte nach der Konferenz: "Ich bin mit dem Ergebnis hoch zufrieden." Trotz der katastrophalen Lage in Haiti gebe es Hoffnung auf echten und nachhaltigen Wandel im Lande.
Dringend auf Hilfe angewiesen
Seit Jahrzehnten leidet der karibische Staat Haiti an sieben Plagen. Diktaturen, Bodenerosion, Dürren, Hurrikane, Elend, Analphabetismus und Unterentwicklung haben die Inselrepublik ausgemergelt.
Nach dem unfreiwilligen Abgang von Präsident Jean Bertrand Aristide im Februar und nach einer verheerenden Überschwemmungskatastrophe im Mai, steht Haiti vor dem Kollaps und braucht dringend Hilfe.
Eine von den USA gestützte Übergangsregierung unter Premierminister Gérard Latortue konnte in den letzten zwei Monaten die Inselrepublik politisch stabilisieren und im Vorfeld der Geberkonferenz einen Bedürfniskatalog (Interim Cooperation Framework, ICF) erarbeiten, der die wichtigsten Punkte auflistet.
Die Schweiz hilft vermehrt multilateral
Internationale Experten, unter ihnen mehrere Schweizer, haben die Behörden Haitis und internationale Hilfsorganisationen bei der Erarbeitung der langen Wunschliste mit Einschätzungen und Analysen unterstützt.
Die Schweiz engagiert sich bei der humanitären Hilfe zunehmend in einem multilateralen Umfeld. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) unterstützt vor Ort Institutionen und Netzwerke der internationalen Gemeinschaft.
Seit dem Vollbeitritt der Schweiz im September 2002 kann sie sich die Eidgenossenschaft auch in den Kernorganen der UNO vollberechtigt einbringen. Die DEZA koordiniert die Entwicklungszusammenarbeit und die humanitäre Hilfe des Bundes. Von den jährlichen Mitteln fliesst rund ein Drittel an multilaterale Institutionen und Programme.
Die Geberkonferenz in Washington stand unter der Schirmherrschaft der Weltbank und wurde von der Interamerikanischen Entwicklungsbank, der UNO und der EU-Kommission mitgetragen. Zum Abschluss der Konferenz teilte die Weltbank mit, Regierungen und internationale Geldgeber seien bereit, dem krisengeschüttelten Land 1,085 Mrd. Dollar zur Verfügung zu stellen.
Haiti hat für die nächsten zwei Jahre einen Finanzierungsbedarf von rund 1,4 Milliarden US-Dollar. Im selben Zeitraum versucht die Interimsregierung 750'000 Arbeitsplätze zu schaffen, um die Wirtschaft vom Nullpunkt zu starten.
DEZA arbeitet mit Welternährungsprogramm zusammen
Der Zusammenbruch der Regierung von Präsident Jean Bertrand Aristide hatte in Haiti im Februar zu extremen Notsituationen unter der Zivilbevölkerung geführt. Warenhäuser und Spitäler wurden geplündert und die Preise für Nahrungsmittel stiegen massiv an.
Das Schweizerische Korps für humanitäre Hilfe (SKH) hatte die Bedürfnisse der Not leidenden Bevölkerung zu Handen des Welt-Ernährungsprogramms (WFP) abgeklärt. Das WFP verteilt in Armenvierteln der Städte und in Überschwemmungs-Zonen Lebensmittel und Güter des Grundbedarfs an Hunderttausende von Menschen.
Nach Jahrzehnten der Misswirtschaft, der Landschaftszerstörung und der diktatorischer Regimes fehlt es in Haiti an allem. Die internationale Geberkonferenz in Washington hatte für ihren Spendeaufruf von Montag und Dienstag zwanzig Schwerpunkte gesetzt.
Vorrangig sollen die politischen und wirtschaftlichen Strukturen und der nationale Dialog gestärkt und den Zugang zu Trinkwasser, Schulen, Spitäler und zum elektrischen Strom verbessert werden.
Ärmstes Land der westlichen Hemisphäre
Konkret soll mit den Geldern einer halben Million unterernährter Kinder geholfen werden, 80 Prozent der Säuglinge sollen gegen Diphtherie und Tetanus geimpft werden, 1500 Schulen und wenigstens die Hälfte des urbanen Kehrichts sollen fachgerecht entsorgt werden.
Haiti ist mit einem geschätzten Pro-Kopf-Einkommen von unter 500 Franken pro Jahr und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 53 Jahren das ärmste Land der westlichen Hemisphäre.
Experten schätzen, dass Haiti ohne die massive Finanzhilfe, die Hunderttausende von Ausland-Haitianer auf die Insel schicken, den wirtschaftlichen Kollaps des Landes nicht hätte abwehren können. Die haitianische Diaspora hat in den letzten zehn Jahren rund 4 Mrd. Dollar in die Heimat geschickt.
Das IKRK als "Pièce de résistance" in Haiti
Monate bevor die internationale Gemeinschaft nun in Washington für eine Spenderkonferenz zusammenkam, hatte die Schweiz bereits rund 2 Mio. Franken an Soforthilfe gespendet. "Im Vergleich zur verhaltenen Spendefreude von grossen Ländern, schneidet die Schweiz gut ab", erklärt Guy Gauvreau, der WPF-Chef in Port-au-Prince.
Das jährliche Gesamtbudget der Schweizer Hilfe beläuft sich auf rund 10 Mio. Franken.
Das in Genf beheimatete Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) spielt in Haiti eine wichtige Rolle. Eine 40-köpfige Delegation leistet in der Hauptstadt und in der Provinz medizinische Hilfe, besucht Gefangene, bildet haitianische Ärzte und Chirurgen weiter und verteilt in extremen Notsituationen auch Nahrungsmittel.
Gute Werke wollen Weile haben in Haiti
Die DEZA unterstützt in Haiti auch private Schweizer Hilfswerke wie Helvetas, HEKS, Caritas, Terre des Hommes, Fastenopfer, Enfants du Monde und weitere kleinere Organisationen.
Toni Frisch, der Delegierte für Humanitäre Hilfe und Chef des SKH, erklärt, die Schweiz werde sich im Rahmen der DEZA in Haiti auf die Rehabilitierung von Schulen und für die Logistik von Workshops und für die Aktivitäten des Welternährungsprogramms einsetzen.
Weiter bestünden gute Chancen, dass ein von Schweizer Experten abgeklärtes Strassenbauprojekt im Überschwemmungsgebiet im Südosten von Haiti im Rahmen einer Finanzierung der Weltbank realisiert werde. "Doch alles braucht Zeit", meinte Toni Frisch.
Haiti nicht schubladisieren
Noch bevor die Geberkonferenz für Haiti in Washington begonnen hatte, war der Bedürfniskatalog (Interim Cooperation Framework, ICF) in Port-au-Prince auf Kritik gestossen. "Wir hoffen, dass Haiti von den internationalen Geldgebern nicht in eine Schublade versorgt wird, sondern dass man auf die besonderen Bedürfnisse des Landes eingehen wird", erklärte der Parteiführer Gérard Pierre Charles gegenüber swissinfo.
swissinfo, Erwin Dettling, Port-au-Prince
Fakten
80% der Bevölkerung in Haiti leben unter der absoluten Armutsgrenze von 150 US-Dollar pro Jahr.
Haiti hat ein grosses strukturelles Nahrungsmittel-Defizit.
Unterernährung ist weit verbreitet.
47% der Kinder unter fünf Jahren leiden Hunger.
95% der Bevölkerung ist schwarzafrikanischer Abstammung. 5% sind Mulatten oder Europäer.
In Kürze
Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt.
Seit Jahren herrscht politische Unruhe.
Im Februar 2004 musste Präsident Jean-Bertrand Aristide das Land auf internationalen Druck hin verlassen.
Im Mai 2004 wurde Haiti von schweren Überschwemmungen heimgesucht. Die Ernte wurde zu einem grossen Teil vernichtet. Ohne internationale Hilfe könnte ein Grossteil der Bevölkerung nicht überleben.
Die Schweizer Hilfe beläuft sich 2004 auf rund 10. Mio. Franken.