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Fritz Schaub, Neue Luzerner Zeitung (08.09.2009)
Das Luzerner Theater hat eine vergessene Oper ausgegraben. Die Inszenierung zeigt: Dieser «Wozzeck» lohnt die Wiederentdeckung.
Die Parallelen zur Aufführung von Ruggiero Leoncavallos «La Bohème» in der vergangenen Saison fallen auf. Allerdings war Leoncavallo ein bekannter Komponist, seine «Bohème»-Version nie ganz vergessen, ganz im Unterschied zu Manfred Gurlitts «Wozzeck», den das Luzerner Theater jetzt inszenierte. Wie Leoncavallo trug auch er die Nummer 2 auf dem Rücken, weil 1926 seine Version nach Alban Bergs Vertonung des fragmentarisch hinterlassenen Bühnenstücks «Woyzeck» von Georg Büchner uraufgeführt wurde, die dann einen beispiellosen Siegeszug durch die Bühnen antrat. Der zweite «Wozzeck» hingegen geriet wie der 1890 in Berlin geborene Komponist, der später nach Japan auswanderte (wo er erst 1972 starb), komplett in Vergessenheit.
Warmer Ton
Das Werk ist es wert, einmal zur Diskussion gestellt zu werden. Gurlitt wählte aus dem Bühnenstück 18 Szenen aus, vor allem Einzelszenen, die drei bis höchstens fünf Minuten dauern. Er bleibt dabei nah an der literarischen Vorlage, reiht aber die Szenen lose aneinander. Das ergibt einen stark epischen Zug, während sich Berg in seinem Werk jederzeit als genialer Musikdramatiker erweist, der packende Szenen von geballter Kraft baut und einen dramatischen Bogen über drei Akte spannt. Während Berg mit «Wozzeck» die erste atonale Oper schrieb, bewegt sich die Musik Gurlitts weniger kühn innerhalb einer erweiterten Tonalität und begleitet das dramatische Geschehen eher im Sinne einer Bühnenmusik.
Unter der Leitung des «Conductor in residence» Mark Foster, der bereits Leoncavallos «La Bohème» betreut hatte, entfaltete das Luzerner Sinfonieorchester, vorab in den ausgedehnten Streichersätzen, einen warmen, fliessenden Ton, holte aber in den eher seltenen Passagen, in denen die Blechbläser zu vollem Einsatz kommen, auch immer wieder zu eindrucksvollen Steigerungen aus.
Ironie und Gesellschaftskritik
Regie führt, zum dritten Mal in Luzern, die bulgarische, in Deutschland ausgebildete und wohnhafte Regisseurin Vera Nemirova, die sich international als Vertreterin eines gesellschaftskritischen Regietheaters einen Namen macht (sie betreute in Luzern bereits «Rigoletto» und «Die Dreigroschenoper»). Im «Wozzeck» zeigt sich das schon daran, dass sie den Epilog der eigentlichen Handlung voranstellt und den Chor nutzt, um den Kontrast zwischen den gesellschaftlichen Schichten in ironischer Brechung zu schärfen.
Der einheitlich weiss gekleidete Chor (Kostüme: Ulrike Kunze), der bereits im Prolog das requisitenarme Einheitsbühnenbild (einzig ein Stuhl in der Mitte) von Werner Hutterli einrahmt, singt zwar das Leitmotiv der Oper «Wir armen Leut'», protzt aber mit Geld und trinkt später Cüpli.
«Arm» wird in der Sichtweise der Regisseurin sehr zweideutig verstanden. Die Vertauschung von Prolog und Epilog ist nicht unproblematisch, umso mehr als die Regisseurin den eher epischen, schlichten Charakter der Oper beibehält: Der Schluss versandet, indem das allein zurückgebliebene Kind Wozzecks und Maries einfach verschwindet, der Chor zwar auf die Bühne zurückkehrt, aber nur um als Erster den Applaus des Premierenpublikums entgegenzunehmen!
Typen und Charakterdarsteller
Bei den Singstimmen kommen sich Berg und Gurlitt oft erstaunlich nahe. Auch Gurlitt führt die Stimme bei den zynischen Typen vorab deklamatorisch. Thomas Gazheli (Hauptmann), Manuel Wiencke (Tambourmajor) und Patrick Jones in der Doppelrolle als Doktor und Jude treffen diesen Stil bis nahe an die Karikatur überaus kraftvoll. Demgegenüber verbreiten die Menschen, die von diesen Gesellschaftsvertretern provoziert und letztlich in den Tod getrieben werden, echtes Mitgefühl.
Sie alle stammen aus dem Ensemble: Marc-Olivier Oetterli in der Titelrolle steigert sich aus sensibler Verhaltenheit immer wieder in Wahnzustände und verzweifelte Kraftausbrüche. Simone Stock als Marie muss ihre Stimme in exponierten Höhen manchmal strapazieren, wirkt aber jederzeit glaubhaft in der Darstellung. Utku Kuzuluk, neu im Ensemble, als Andres, Freund von Wozzeck, und Caroline Vitale (Margaret/alte Frau) fügen sich vorteilhaft ins Geschehen ein. Gute Figur machen auch die Mitglieder der Luzerner Kantorei, sei es stimmlich in der Märchenszene oder als Kindersoldaten beim eitlen Auftritt des Tambourmajors. Am Schluss spendete das Publikum lang anhaltenden Applaus.
Im Rahmen des Lucerne Festival finden Wiederholungen am 8., 13. und 16. September statt. Nachher wird die Aufführung in den normalen Spielplan übernommen.