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06.12.2019 - Judith Stamm
06.12.2019
Judith Stamm
«Mr. Hicks» als Geschenk
Gekauft habe ich das Buch «Mr. Hicks feiert Weihnachten» von Kate Roseland auch wegen seiner Ausstattung. Es kommt perfekt als Geschenkbuch daher. Englisches Stoffmuster in Rot als Cover. Die Schrift «Cochin», wunderbar leserfreundlich gesetzt, konnte ich unter den Schriftarten im Internet verifizieren.
Dass das Buch auch als Adventskalender dienen könnte, fiel mir erst auf, als ich es nach der Lektüre der letzten Seite aus der Hand legte. Natürlich, die Kapitelüberschriften! Da hiess es am Anfang: «Vier Wochen bis Weihnachten». Und das letzte Kapitel ist überschrieben mit «Weihnachten».
Auf den ersten Blick ist klar: Das ist eine britische Weihnachtserzählung. (Rowohlt-Verlag)
Fast etwas dramatisch mutete mich das Zitat von Charles Dickens an, das der Erzählung vorangesetzt ist: »Familie sind nicht nur die, deren Blut durch unsere Adern fliesst, sondern auch jene, für die wir unser Blut vergiessen würden». Hm, Stoff zum Nachdenken. Etwa drei Mal taucht die Atmosphäre, die wir aus den Charles Dickens-Romanen kennen, im Ablauf der Geschichte geheimnisvoll auf. Das feuchte, kalte, regennasse London ist ja auch Ort der Handlung.
Ein Häuschen wie aus dem Bilderbuch
Hauptperson ist der 70jährige Witwer Mortimer Hicks. Ihm gehen Ruhe, Ordnung und Sparsamkeit über alles. Er wohnt in einem schmalen Backsteinhäuschen mit Küche und Wohnzimmer im Erdgeschoss und zwei kleinen Zimmerchen darüber, das sich das Ehepaar in den achtziger Jahren hatte kaufen können. «Damals hatte die winzige Strasse im Stadtteil Spitalfields zu den schlechten Gegenden Londons gehört. Die Kriminalitätsrate war hoch, nachts wagte sich Margaret nicht allein hinaus. Aber der Kaufpreis war erschwinglich, und die Nachbarschaft im Grunde bodenständig, solide und erträglich – alles Arbeiter oder kleine Angestellte wie er. Dann überliessen die Leute ihre Immobilien Firmen und Maklern, die hier die Gebäude sanierten und die Preise in unermessliche Höhen trieben …»
Da folgt aber kein gesellschaftspolitischer Exkurs. Nur die Befindlichkeit von Mortimer Hicks angesichts dieser Entwicklung, wird präzis beschrieben. Als Lesende identifizieren wir uns mit ihm.
Das eintönige, geordnete Leben von Mortimer Hicks erweitert sich nach und nach, er weiss nicht, wie ihm geschieht. Zuerst läuft ihm eine Katze zu, die er, nach Namensevaluation, «Bob» nennt, die sich dann aber als eine «Bobbie» herausstellt.
Die alleinerziehende Mutter im Haus nebenan, Krankenschwester, die spontan Dienst im Spital übernehmen muss, bittet ihn, auf ihren Sohn Charlie acht zu geben. Von ihren Freunden und Bekannten habe einfach niemand so unvermittelt diese Aufgabe übernehmen können. Und ehe der verblüffte Mortimer antworten kann, ist sie mit einem raschen Dankeschön auch schon verschwunden. Mortimer und Charlie freunden sich an.
Greift da das Schicksal ein?
Und dann erhält er in der chemischen Reinigungsfirma von Mr. Kozlowski statt seiner Hemden zwei Damenblusen, bereits verpackt, ausgehändigt. Diese Verwechslung entdeckt er aber erst zuhause. Natürlich bringt er die Blusen zurück und das Leben nimmt seinen Lauf. Denn in der Millionenstadt London trifft Mortimer einige Zeit später genau auf die Dame, der die beiden Blusen gehören. Sie ist Aufsichtsperson in einem Museum, das Mortimer und Charlie zusammen besuchen.
Der Reiz der Geschichte besteht darin, dass sie in einfacher Art einige Menschen beschreibt, die sich mit Erfahrungen im Leben herumschlagen müssen, die wir alle kennen. Weil es eine Weihnachtsgeschichte ist, wird am Ende «alles gut». Und auf der letzten Seite heisst es von Mortimer Hicks: «Er war so glücklich wie schon lange nicht mehr. Das Leben hatte ihm eine zweite, vielleicht die allerletzte Chance geschenkt. Er würde dem Schicksal ewig dankbar sein und sie auf jeden Fall nutzen, das schwor er sich in diesem Moment.»
Die Autorin Kate Roseland (Copyright Rowohlt Verlag/Brita Sönnchsen)
Von der Autorin Kate Roseland, geboren 1966, vernehmen wir, dass sie sich während ihres Studiums in London unsterblich in die Stadt und ihre Geschichte verliebt habe. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg. London aber ist regelmässig das Ziel ihrer Sehnsuchtsreisen.
Verblüfft hat mich, dass das Buch im November 2019 veröffentlicht worden ist. Schneefrisch ist es also, das Timing ist perfekt. Ich empfehle, mal alle die belastenden «News», die täglich auf uns einstürmen, aus- und abzuschalten und sich in einer ruhigen Ecke in das Adventsgeschehen um Mortimer Hicks zu vertiefen. Und daraus etwas Hoffnung zu schöpfen, dass manchmal eben doch alles «gut» werden kann!
Kate Roseland: «Mr. Hicks feiert Weihnachten», 2019 Rowohlt-Verlag, Hamburg. ISBN 978-3-8052-0051-6