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Grauenhaft heimelig
In das neue, 1977 fertiggestellte Quartier integriert waren auch ein historisches Wohnhaus und die namensgebende Dorflinde, die 1723 gepflanzt worden und dem Artilleriebeschuss von Napoleons Truppen widerstanden haben soll. Anstelle eines Tabula-rasa-Konzepts suchte die Architektur ganz offensichtlich den Anschluss an die bestehende Umgebung. Dies zeigten auch die Staf-felung der Bauvolumen und die Wahl der Fensterformate. Die lila gestrichenen Rahmen ergänzten den prägenden orangen Fassadenanstrich. Lila war auch die Beschichtung der Metallteile im Sockelbereich, der massiven Geländerrohre und der Gestänge der Kugelleuchten, die auf gewaltigen Zylindern, die an Litfasssäulen erinnerten, den Aussenraum beleuchteten. Das Dorflinden-Konzept hat sich als nachhaltig erwiesen, die Überbauung präsentiert sich heute beinahe unverändert. Die Rohre und die Leuchten sind allerdings im Rahmen einer Sanierung vor einigen Jahren verschwunden, die Farbe Lila wurde durchgängig durch eine Silberfarbe (mit einem leichten Stich ins Lila) ersetzt.
Betonterror
Wenn ich versuche, Oerlikon im Rückblick zu sehen, so ergibt sich ein Bild in Grau, das nicht abstossend ist, sondern so etwas wie eine nostalgische Wehmut auslöst. Das kräftige Orange der Dorflinde mit dem Begleitkonzert in Lila war eine Ausnahme, es bekräftigt in der Erinnerung den Eindruck eines Filters, der sämtliche Farben erbleichen liess. War nicht auch das Wetter 1978 insgesamt trüber, düsterer als heute? Fast will es so scheinen.
Jedenfalls wurde damals in der «Vorstadt» (diesen Namen trug die Oerliker Lokalzeitung) noch zünftig Russ produziert. Industriebetriebe wie Bührle, MFO, BBC und die Akkumulatorenfabrik auf der anderen Seite des Bahnhofs, aber auch der Kugellagerhersteller SRO am Weg von Oerlikon ins Stadtzentrum nahmen grosse Areale ein, die für die Öffentlichkeit nicht zugänglich waren. Hermes-Precisa stellte an der Wallisellenstrasse noch Schreib- und Rechenmaschinen her, Contraves tüftelte in Seebach an Waffensystemen herum. Diese Anlagen wirkten wie Felsen in der Brandung, kaum jemand konnte sich vorstellen, das sie entseelt oder entfernt würden. Und sie trugen zur Filterwirkung bei. 1978 war vielleicht auch das Jahr, in dem in der Schweiz die Abneigung gegen Sichtbeton einen Höhepunkt erreichte. Dieses Material diente quasi als Synonym für die Vergewaltigung der Natur und die Entmenschlichung von Siedlungszonen.
Im Zeichen des Sichtbetons stand auch der Nordast, ein realisierter Teil des berüchtigten Expressstrassen-Ypsilons. In den späten 1970er-Jahren verursachte er zwischen Zürich und Oerlikon eine tiefe Narbe, die dichte Verkehrsströme in Wohnquartiere trieb und nach der Fertigstellung im Untergrund für neuartige räumliche Erlebnisse sorgte. Wer heute als Spaziergänger dem dreigeschossigen Nordast-Knotenpunkt beim Irchelpark einen Besuch abstattet, findet eine eingewachsene Land-Art-Skulptur in Beton vor, deren nie gewürdigte Eleganz und gestalterische Stringenz verblüfft.
Grauzone
Damals sah man das anders: düsterer, apokalyptischer. Deutlich erkennbar wird dies im Film «Grauzone» von Fredi M. Murer, der 1978 entstand und 1979 in die Kinos kam. Der in Schwarz-Weiss gedrehte melancholische Streifen über ein konformistisches junges Ehepaar in Zürich verbreitet Endzeitstimmung. Ein unbekanntes Virus lähmt zunehmend die Bevölkerung, die es sich in komfortablen, aber seelenlosen Settings bequem gemacht hat. Neben den eben fertiggestellten Hardau-Hochhäusern im Stadtkreis 4 und der Überbauung Grünau in Zürich-Altstetten hat auch Oerlikon seinen Auftritt. Der männliche Hauptdarsteller arbeitet in der dortigen Industrie als Abhörspezialist und trägt seinen Teil zur zerstörerischen Natur des kapitalistischen Systems bei. Die Endsequenz besteht aus der Sprengung mehrerer Liegenschaften beim Bahnhof Oerlikon. Die Filmcrew bannte dies auf Zelluloid vom benachbarten Hochhaus des Hotels International aus wie von einem Sitz der Götter.
Diskret und innovativ
Wo gesprengt wird, wächst aus dem Schutt etwas Neues. Dieses klassische Phönix-Motiv ist Oerlikon nicht erst seit dem Bau der Dorflinde bekannt.
Die Überbauung Bauhof bildete in den 1960er-Jahren den Anfang einer Reihe von Ersatzneubauten, die Areale zu neuen Einheiten zusammenführten: Ein Wohn- und ein Bürohochhaus thronen auf einem ausgedehnten, in den Hang geschobenen Laden-Supermarkt-Sockel, in dem es ursprünglich sogar eine Rue intérieure mit Anschluss ans öffentliche Wegnetz gab.
Beim Bahnhof Oerlikon entstand neben dem Hotelhochhaus am Marktplatz, das die Vorstadtbevölkerung stets mit Gleichmut akzeptierte, die neue Überbauung Neumarkt. Wie der Bauhof kombiniert sie Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Büros, bietet allerdings eine weit höhere Dichte. Geschickt als Ergänzung des Hotelturms konzipiert, ergänzt sie die Skyline, die Oerlikon hier östlich des Gleisfelds den Bahnreisenden darbietet und die nun – 40 Jahre später – ergänzt wird.
Z Örlike gits alles.Gewerbeverein Zürich 11
«Z Örlike gits alles»: Mit diesem Slogan lockte die Vorstadt in den späteren 1970er-Jahren Konsumentinnen und Konsumenten aus verschiedenen Stadtteilen an. Die Kampagne, die sich über Plakatwände und Plastiktragtaschen erstreckte, hatte auch in meiner Familie Erfolg. Man zog den Einkauf dort jenem im Shoppingcenter Glatt oder in Spreitenbach vor. Bieder-mondän, rau-aalglatt – Oerlikon bot das alles mit einem gewissen urbanen Flair. Das war einzigartig. Die Thurgauerstrasse stellte bis zur Fertigstellung des Nordastes die einzige Verbindung zwischen Zürich und seinem Flughafen her, der Anlauf zum Tor zur grossen weiten Welt begann beim Hallenstadion und den Messebauten der Züspa. Die Nähe zum globalen Umfeld war in Oerlikon bereits spürbar, beispielsweise beim Bürogebäude «airgate» der «Industrie-Architekten» Farner + Winzer, das 1979 seine Pforten öffnete.
Die verspiegelten, braun getönten Scheiben kündigten die Anonymität und die Kurzlebigkeit in globalen Netzwerken an – und den Siegeszug einer repräsentativen Architektur, die als neutrale Commodity daherkommt. Dass man in diesem Gebäude nicht nur arbeiten, sondern auch Squash spielen konnte, beeindruckte manche Zeitgenossen damals sehr.