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1932 wurde der kleine Sohn des amerikanischen Nationalhelden und Flugpioniers Charles Lindbergh ermordet. Verurteilt wurde ein deutscher Einwanderer. Bis heute hegen manche Zweifel an seiner Schuld und fordern DNA-Beweise. Die makabre Theorie einer Richterin entfacht die Debatte neu.
Am 1. März 1932 verschwand der kleine Charles Lindbergh junior aus seinem Kinderzimmer in East Amwell im Gliedstaat New Jersey. Das Kind des amerikanischen Nationalhelden und Flugpioniers Charles Lindbergh war 20 Monate alt. Die Ermittler fanden am Tatort eine hölzerne Leiter, ein Stemmeisen und eine Notiz mit einer Lösegeldforderung. 50 000 Dollar wurden gezahlt, heute entspräche das über einer Million Dollar. 19 000 Polizisten suchten wochenlang nach dem Kind. Zehn Wochen später entdeckten sie den kleinen Charles tot in einem Waldstück in der Nähe des Hauses.
Die Entführung des Lindbergh-Babys hielt die Welt in Atem.
Bis heute versuchen Experten und Amateure herauszufinden, ob mit Bruno Richard Hauptmann der wirkliche Täter gefunden und exekutiert wurde.
Die Ermittler kamen im September 1934 auf die Spur Hauptmanns, eines eingewanderten Deutschen. Er bezahlte an einer Tankstelle mit einem Schein, der aus der Lösegeldsumme stammte. Die Ermittler hatten die Scheine vor der Übergabe nummeriert. In seiner Garage wurden weitere 13 760 Dollar in Goldzertifikaten des Geldes gefunden.
Hauptmann wurde wegen Mordes angeklagt. Bis zum Schluss beteuerte er seine Unschuld. Fingerabdrücke von ihm am Tatort gab es keine. Er sagte, er habe das Geld für einen Mann aufbewahren sollen, der noch vor Prozessbeginn in Europa gestorben sei. Namen nannte Hauptmann keine. Vieles sprach dafür, dass er der Täter war: «Seine Handschrift stimmte mit der auf den Lösegeldscheinen überein. Sein Auto ähnelte dem, das in der Nähe des Lindbergh-Hauses gesichtet wurde. Seine Werkzeuge stimmten mit den Werkzeugspuren auf der Leiter am Tatort überein», heisst es noch heute auf der Website des FBI zur Lindbergh-Entführung.
Doch schon damals gab es Zweifel daran, dass Hauptmann der Täter war, zumindest der alleinige. Doch die Ermittler und Richter standen unter Druck, einen Täter zu präsentieren. Im April 1936 wurde Hauptmann auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.
Hat der Vater Experimente am kleinen Sohn durchgeführt?
Das Interesse an dem Kriminalfall ist bis heute nicht erloschen. In Diskussionsforen im Internet sind die neusten Einträge jeweils ein paar Stunden alt. Seit 1981 sind rund 225 000 Dokumente der Ermittlungen, Gerichtsprotokolle und Fotografien öffentlich zugänglich. Laut der «New York Times» erhält der zuständige Archivar pro Woche vier Anfragen.
Dutzende Bücher, Filme, Dokumentationen sind erschienen. Eines der Bücher ist «The Lindbergh Kidnapping Suspect No. 1: The Man Who Got Away» von Lise Pearlman. Diese hat nun ihre Theorie, wonach Charles Lindbergh Senior in den Mord involviert ist, ausgeweitet. Die pensionierte Richterin aus Kalifornien stellte die makabre Theorie im vergangenen Jahr an einer Konferenz der Amerikanischen Akademie für Forensische Studien vor und sorgte damit für Schlagzeilen.
Pearlman vermutet, dass der Vater Charles Lindbergh zusammen mit seinem Freund Alexis Carrel vom Rockefeller Institute for Medical Research in New York City Experimente an dem Kind durchgeführt hatte. Lindbergh und Carrell waren Anhänger der Eugenik, also der Theorie vermeintlich guter Erbanlagen. Das Kleinkind hatte laut Pearlman einen ungewöhnlich grossen Kopf und habe Medikamente gegen Rachitis, eine durch Vitamin-D- oder Kalziummangel ausgelöste Knochenkrankheit, nehmen müssen. Charles junior sei den Männern daher entbehrlich erschienen. Die Juristin spricht von einer «grauenhaften Wahrscheinlichkeit», dass sie dem kleinen Charles Organe entnahmen, in der Hoffnung, damit Durchbrüche in der Transplantationsmedizin zu erzielen.
Pearlman hat mit dem Pathologen Peter Speth aus New Jersey zusammengearbeitet, der noch einmal die Autopsieberichte durchging. Dort heisst es, dass alle Organe des Kindes bis auf Herz und Leber fehlten. Zur damaligen Zeit gingen die Ermittler davon aus, dass wilde Tiere den Körper so zugerichtet hätten. Zudem sind laut dem Pathologen Speth Laborchemikalien im Körper des Kindes gefunden worden. Für Speth sind dies eindeutige Hinweise, dass Bruno Hauptmann nicht der Täter sein könne. Dessen Hinrichtung sei somit ein schrecklicher Justizirrtum.
Dem «San Francisco Chronicle» sagte Pearlman, je intensiver sie sich mit Lindbergh Senior beschäftigt habe, desto mehr Verdacht habe sie geschöpft hinsichtlich seiner Beteiligung. Weil Lindbergh, der 1927 als erster Mensch allein den Atlantik im Flugzeug überquert hatte, zu dieser Zeit so populär gewesen sei, sei er für die Ermittler gar nicht als Verdächtiger infrage gekommen, obwohl er zur Tatzeit daheim gewesen sei.
Andere Autoren, wie David M. Friedman, die sich mit dem Lindbergh-Fall und den eugenischen Visionen von Lindbergh und Carrel beschäftigt haben, halten die Theorie für absurd. Friedman sagte der «New York Times», dass es sich bei den beiden um komplizierte, unvollkommene Männer gehandelt habe. Doch die Idee, dass sie gemeinsam einen Kindermord begangen haben sollen, sei für ihn «bösartiger Müll».
Juristen und NGO drängen auf DNA-Abgleiche
Unterstützung erhalten Pearlman und Speth von Leuten, die den Fall neu aufgerollt sehen möchten. Dabei sollen vor allem DNA-Abgleiche helfen, die zur damaligen Zeit noch nicht möglich waren. Barry Scheck, der Gründer der NGO «Innocence Project», die sich um die Aufklärung von Justizirrtümern mittels DNA und anderer technischer Fortschritte bemüht, unterstützt Pearlman. Dabei geht es ihm nicht so sehr darum, einen Schuldigen zu finden. Sein Interesse beruht auf der Möglichkeit, dass ein Unschuldiger exekutiert worden sein könnte.
Dafür müssten beispielsweise die DNA-Spuren an wichtigen Gegenständen wie den Lösegeldforderungen oder der Leiter abgeglichen werden mit DNA von Hauptmanns Nachkommen. Eine Urgrossnichte von Hauptmann und deren Tante haben kürzlich DNA-Proben abgegeben. Sie hatten gehofft, dass ein Gericht in New Jersey den Fall neu aufrollt. Doch die zuständige Generalstaatsanwaltschaft in New Jersey hat die Forderung abgeschmettert. Dies aus Sorge, die historischen Gegenstände könnten beschädigt werden. Deren Integrität überwiege das Interesse an der Durchführung eines DNA-Abgleichs.