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Der amerikanische Schriftsteller und Literaturprofessor Tom Ricks ist einer derjenigen Autoren, von denen man nicht recht weiss, ob man sie als talentiert oder erfolgreich bezeichnen soll. Einen viel beachteten Roman hat er veröffentlicht. Seitdem aber ist es still um ihn geworden; und vielleicht auch in ihm. Irgendwie jedenfalls, das wird gleich in der Eingangssequenz von Pawel Pawlikowskis Film deutlich, ist sein Leben aus den Fugen geraten. Er wirkt gehetzt, als er, kaum in Paris eingetroffen, in die Wohnung seiner Exfrau platzt, um seiner kleinen Tochter einen Besuch abzustatten. Die Frau ruft kurzerhand die Polizei. Offenbar liegt ein Gerichtsbeschluss vor, wonach Ricks sich der Familie nicht nähern darf. Auf dem Weg nach draussen begegnet Ricks seiner Tochter. Das Mädchen freut sich, wirkt aber auch unsicher, fast ängstlich. Ob es denn stimme, dass er im Gefängnis gesessen habe, fragt die Kleine ihren Vater. Ricks streitet das ab, sagt, er sei nur ein wenig krank gewesen. Als die Polizei eintrifft, schnappt er sein Gepäck und rennt davon.
Was wirklich zwischen Ricks und seiner Frau vorgefallen ist, warum er seine Tochter nicht sehen darf, wird nie restlos aufgeklärt. Man kann es sich anhand einiger Indizien zusammenreimen. Es bleiben aber stets Vermutungen. Nach diesem Prinzip funktioniert im Grunde der gesamte Film. Stets gibt er neue Rätsel auf, liefert er Hinweise auf mögliche Lösungen, die endgültige, objektive Erklärung aber bleibt aus, bis zum Schluss und – das ist das Untypische und für viele Unbefriedigende – auch darüber hinaus.
Eines dieser Rätsel liefert der Job als Nachtwächter, den Ricks vom Besitzer der Absteige angeboten bekommt, bei der er landet, nachdem er im Zug eingeschlafen ist und bestohlen wurde. Nacht für Nacht klingeln seltsame Gestalten an der Tür des heruntergekommenen Kellergebäudes, in dem Ricks vor einem Überwachungsmonitor sitzt. Sie nennen einen Code, Ricks öffnet die Tür, und dann verschwinden sie in irgendeinem Nebenraum. Kurz darauf flackert das Licht der Schreibtischlampe, als hätte jemand einen elektrischen Stuhl in Betrieb genommen. Sonst hört und sieht man nichts mehr von den namenlosen Besuchern. Nur eine Blutspur entdeckt Ricks eines Nachts auf dem Gang.
Das andere grosse Rätsel verkörpert eine Frau, der Ricks bei einer Künstlerparty begegnet. Margit ist einige Jahre älter als Ricks, schön und geheimnisvoll. Es braucht nicht viele Worte, bis beide begreifen, dass sie verwandte Seelen sind. Zwischen ihnen entspinnt sich eine leidenschaftliche Affäre, abgeschottet von der Aussenwelt in Margits Wohnung. Je länger das dauert, umso mehr ahnt Ricks, dass hinter Margits verführerischem Charme verhängnisvolle Abgründe lauern.
Der entscheidende dramaturgische Wendepunkt sei hier nicht verraten, nur soviel: auch danach hat das Rätselraten kein Ende. Für Spannung ist bis zum Schluss gesorgt. Allerdings ist das keine Spannung, die sich aus der Geschwindigkeit, der rasanten Unübersichtlichkeit des Erzählens ergibt, wie das bei Thrillern üblich ist, sondern vielmehr eine Spannung, die sich als vage Ungewissheit artikuliert, ein irritierendes, surreales Wabern an der Bruchstelle zweier Wahrnehmungswelten: derjenigen des Zuschauers, der sich nur allzu gerne einen Überblick verschaffen würde, und derjenigen Ricks’, in die auch der Zuschauer immer wieder hineingezwängt wird. Bis zum bitteren Ende.
The Woman in the Fifth ist ebensowenig ein Mysterythriller wie Pawlikowskis letzte Regiearbeit, My Sommer of Love (2004), ein Psychothriller war. Genau wie jene Geschichte einer lesbischen Amour fou, verzichtet nämlich auch diese tragische Liebe bewusst auf den Thrill, das Tempo, den Nervenkitzel. Pawlikowski präsentiert kein flott und letztlich reibungslos montiertes Schock- und Effektkino. Stattdessen entfaltet er in lyrischen Bildern, ruhigen bis zähen Einstellungen und Szenen eine mystisch versponnene Parallelwelt, die in ihren besten, quälendsten, von klassischer Musik und gespenstischer Atmosphäre getragenen Momenten an Stanley Kubrick oder Roman Polanski erinnert.
Am Ende aber fehlt etwas. Ob es nur ein paar hilfreiche zusätzliche Spuren sind, ob es die poetische Kraft ist oder doch die alles erklärende Wahrheit, bleibt das letzte Rätsel des Films. Man hätte ihn wohl auf ganz verschiedene Weisen besser, konsequenter und runder erzählen können. Und man hätte ihn auch besser spielen können. Ethan Hawke wandelt in der Rolle des verstörten, vielleicht traumatisierten, vielleicht psychotischen Antihelden zwar nicht gerade auf den Spuren von Anthony Perkins, aber es gelingt ihm doch, den fragilen Charakter seiner Figur glaubhaft darzustellen. Kristin Scott Thomas dagegen fehlt es als geheimnisvoller Fremden völlig an der schwarzromantischen Aura, die das Drehbuch ihr offenbar zugedacht hat, ohne aber die passenden Szenen dafür bereitzustellen. Ihre Figur gerät enttäuschend blass und steril.
«Forest Life» lautet der Titel von Ricks’ Romandebüt. Es scheint, als sei Pawlikowskis Held unentrinnbar in diesem Wald der unkalkulierbaren Triebe gefangen. Ein Produkt seiner eigenen (literarischen) Phantasie. Das könnte ein faszinierendes Szenario sein und durchaus stimmig. Dafür aber fehlt es dem “Wald” bei Pawlikowski an Leben und sinnlichem Zusammenhang. Es ist zwar richtig, dass Träume in sich nicht logisch oder kohärent sein müssen. Es ist aber auch wahr, dass sie den Träumenden meistens trotzdem so erscheinen. Diesen Eindruck zu erwecken, gelingt Pawlikowskis albtraumhaft angelegtem Mystery-Psycho-Drama unterm Strich zu selten.