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Riesenotter
Pteronura brasiliensis
© 2005 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Innerhalb der Familie der Marderartigen (Mustelidae) gehört der Riesenotter (Pteronura brasiliensis) zur Unterfamilie der Otter oder «Wassermarder» (Lutrinae). Über die exakte Zahl der Mitglieder dieser Sippe und deren korrekte Benennung sind sich die Wissenschaftler nicht einig. Im Allgemeinen werden aber dreizehn Otterarten unterschieden. Vertreter der Ottersippe findet man fast überall auf der Welt entlang von Fliessgewässern, Seeufern und Meeresküsten. Einzig Australien, Neuseeland, Madagaskar und die Antarktis haben sie im Laufe ihrer Stammesgeschichte nicht zu erobern vermocht.
Der Riesenotter ist in den tropischen Bereichen Südamerikas zu Hause. Sein bevorzugter Lebensraum sind langsam fliessende Gewässer in Regenwaldgebieten mit gesunden Fischbeständen, dicht bewachsenen Ufern und geringen menschlichen Störungen. Wie alle seine Verwandten ist er ein «amphibisches» Raubtier: Er ist ein vollendeter Schwimmer und Taucher und verbringt einen Grossteil seiner Zeit im nassen Element. Wie wohl und sicher er sich im Wasser fühlt, zeigt die Tatsache, dass er sofort dorthin flüchtet, wenn er an Land eine Gefahr wahrnimmt.
Von allen Otterarten ist der Riesenotter - wie sein Name andeutet - mit einer Gesamtlänge von bis zu 1,8 Metern der grösste. Er ist jedoch nicht der «gewichtigste»: Ausgewachsene Individuen wiegen maximal 36 Kilogramm und werden damit an Gewicht von den an der nordamerikanischen Pazifikküste heimischen Seeottern (Enhydra lutris)
, welche vergleichsweise kurz und bullig gebaut sind, klar übertroffen. In seinem Aussehen ähnelt der «Lobo del rio»
(«Flusswolf»), wie der Riesenotter mancherorts in Südamerika genannt wird, unserem eurasischen Fischotter (Lutra lutra)
, hat jedoch individuell unterschiedliche beigefarbene Kehlflecke, einen vollständig behaarten Nasenspiegel und einen abgeflachten Schwanz.
Leider gehört der Riesenotter zu den am stärksten in ihrem Fortbestand gefährdeten Otterarten der Welt. Auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) steht er in der Kategorie «vom Aussterben bedroht». Er ist deshalb in Anhang I der Konvention über den internationalen Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten (CITES) aufgeführt. Dies bedeutet, dass die heute 166 Unterzeichnerstaaten dieses Artenschutzübereinkommens auf jeglichen kommerziellen Handel sowohl mit lebenden Riesenottern als auch mit Riesenotterfellen oder aus solchen gefertigten Waren verzichten.
Sie jagen im Zickzack
Die Riesenotter leben in eng zusammenhaltenden Familiengruppen von gewöhnlich drei bis sieben, mitunter auch acht oder neun Tieren, welche gemeinsam jagen und ruhen, sich mit verschiedenerlei Lauten untereinander verständigen und häufig gegenseitig Körperpflege betreiben. Die Gruppen bestehen jeweils aus einem erwachsenen, fest «verheirateten» Paar und dessen Nachkommen aus den letzten ein bis drei Würfen. Immer wieder wird auch von Gruppen berichtet, welche bis zu sechzehn Individuen umfassen. Was es mit diesen Grossgruppen auf sich hat, ist nicht bekannt. Vielleicht handelt es sich um kurzfristige Zusammenschlüsse zweier benachbarter, miteinander verwandter Familiengruppen.
Auf ihren Jagdausflügen bewegen sich die Familiengruppen zumeist im Zickzack ein Fliessgewässer hinauf oder hinunter. Zuerst stöbern sie im seichten Wasser des einen Ufers nach Beutetieren, indem sie zwischen den im Wasser wachsenden Pflanzen und den vom Ufer ins Wasser ragenden Baumwurzeln und anderen Pflanzenteilen umherschwimmen, um etwaige darin sich aufhaltende Tiere aufzuscheuchen. Dann wechseln sie zum gegenüberliegenden Ufer, um dort dasselbe zu tun, wobei sie auch unterwegs, im tiefen Wasser, nach Beutetieren tauchen. So geht es über weite Flussabschnitte hinweg immer hin und her.
Fische bilden bei weitem die wichtigsten Beutetiere der Riesenotter. Zwar ist die Liste der nachweislich von Riesenottern erbeuteten Fischarten lang und schliesst selbst Sägesalmler (Serrasalmus spp.)
mit ein, welche unter ihrem portugiesischen Namen «Piranhas»
berühmt-berüchtigt sind. Es werden aber - aus Gründen, die wir nicht kennen - ein paar wenige Arten deutlich bevorzugt. So machen in Peru der Boquichico oder Bocachico (Prochilodus caudifasciatus)
aus der Familie der Nachtsalmler (Prochilodidae) und der Bujurki (Satanoperca jurupari)
aus der Familie der Buntbarsche (Cichlidae) den Grossteil, nämlich rund 75 Prozent, der Riesenotterkost aus.
Säugetiere, Wasservögel, Krebstiere, Frösche und Schlangen sind zwar im Uferbereich der südamerikanischen Regenwaldflüsse ebenfalls häufig, werden aber selten von den Riesenottern bejagt. Der Appetit der «Flusswölfe» ist übrigens beachtlich: Mehr als vier Kilogramm Fisch verzehren die erwachsenen Individuen täglich. Offensichtlich benötigt ihre überaus aktive Lebensweise viel Energie.
Auf die Nahrungssuche gehen die Riesenotter hauptsächlich vormittags. Die restliche Zeit des Tages verbringen sie damit, den Fliessgewässern innerhalb ihres Wohngebiets entlang zu wandern und dann und wann im Uferbereich zu ruhen. Dabei benutzen sie immer wieder dieselben Ruheplätze, die sie von Bewuchs frei halten und wo sie demzufolge ihr Fell rasch und gut von der Sonne trocknen lassen können. Lichtungen mit einer Fläche von bis zu fünfzig Quadratmetern längs eines unberührten südamerikanischen Regenwaldflusses deuten unmissverständlich auf die Anwesenheit von Riesenottern hin. An diesen Stellen befinden sich auch die einfachen, aus Tunnel und Kessel bestehenden Baue, in deren Schutz die grossen Marder die Nacht verbringen und ihre Jungen zur Welt kommen.
Drei Kilometer Fluss je Familie
Riesenotter sind territoriale Raubtiere, welche die Nutzung ihres Wohngebiets für sich allein beanspruchen und sämtliche Artgenossen daraus vertreiben. Der Grad der Territorialität scheint Feldstudien zufolge jedoch nicht überall gleich zu sein. In einem Studiengebiet in Suriname erwies sich die Territorialität der dort heimischen Riesenotter als sehr ausgeprägt. Jede Familiengruppe hielt argwöhnisch einen etwa drei Kilometer langen Flussabschnitt besetzt, indem sie täglich Patrouillen durchführte und häufig mit Kotmarken und aggressivem Rufen ihre Besitzansprüche geltend machte. Wenig ausgeprägt war hingegen die Territorialität der Riesenotter in einem Studiengebiet in Guyana. Nur ein enger «Heimbereich», der etwa einem Viertel des gesamten Streifgebiets entsprach, wurde dort als Territorium beansprucht. Duftmarken wurden vergleichsweise selten abgesetzt, und aggressives Rufen kam überhaupt nicht vor.
Die Unterschiede bezüglich der Territorialität dürften in direktem Zusammenhang stehen mit der unterschiedlichen Populationsdichte der Riesenotter in den beiden Studiengebieten. In Suriname war die Bestandsdichte mit ungefähr einem Otter je 0,5 Kilometer Flussabschnitt rund zehnmal grösser als in Guyana, wo die Dichte auf etwa einen Otter je 5,6 Kilometer Flussabschnitt geschätzt wurde. Die Konkurrenz zwischen den Riesenottern um die natürlichen Lebensgrundlagen ist folglich in Suriname bedeutend grösser als in Guyana, was den grossen Aufwand erklärt, den die Tiere zur Erhaltung ihres «Grundbesitzes» leisten.
Die Riesenotterweibchen kommen regelmässig etwa alle drei Monate in Hitze. Paarungen finden das ganze Jahr über statt, und demzufolge treten auch Geburten zu allen Jahreszeiten auf. Eine gewisse Häufung der Geburten ist allerdings während der Trockenzeit zu beobachten, wenn die Fischbestände auf verhältnismässig engem Raum zusammengedrängt sind und die Nahrungsbeschaffung für die Riesenotter daher einfacher ist als in der Regenzeit. Die Tragzeit dauert ungefähr siebzig Tage, und es kommen je Wurf gewöhnlich zwei, seltener ein, drei oder vier Junge zur Welt.
Etwa zwei Jahre lang - das heisst bis zum Erreichen der Geschlechtsreife - bleiben die jungen Riesenotter mit ihren Eltern zusammen. Anschliessend wandern sie oftmals viele Monate lang nomadisch umher, bis es ihnen schliesslich gelingt, mit einem während der Wanderschaft kennen gelernten Geschlechtspartner ein eigenes Territorium zu errichten und eine eigene Familie zu gründen.
Die relativ langsame Jugendentwicklung, die beschränkte Jungenzahl je Wurf und die Tatsache, dass die erwachsenen Paare sich nicht jedes Jahr fortpflanzen, haben zur Folge, dass die Nachzuchtrate der Riesenotter verhältnismässig gering ausfällt. Dies ist für grosse Raubtiere, welche innerhalb ihres Lebensraums an der Spitze der Nahrungspyramide stehen, zwar nicht ungewöhnlich und beugt der Überbevölkerung vor. Es macht die Riesenotter aber sehr verletzlich auf von der Natur nicht «einberechnete» Ausfälle. Insbesondere ist ein rascher Schwund der Bestände zu verzeichnen, wo der Mensch mit seinen weit reichenden Schusswaffen in Erscheinung tritt.
Verhängnisvolles Fell
Das Verbreitungsgebiet des Riesenotters erstreckte sich ursprünglich über beinahe die gesamte nördliche Hälfte Südamerikas - von Kolumbien, Venezuela, Guyana, Suriname und Französisch Guyana über Ecuador, Peru, Brasilien und Bolivien bis nach Paraguay, Uruguay und Nordargentinien. Im Verlauf der letzten hundert Jahre sind die Bestände des grossen Wassermarders jedoch massiv zurückgegangen, und die nordsüdliche Ausdehnung seines Verbreitungsgebiets ist um etwa zwei Drittel nach Norden hin geschrumpft. Die Bestandsgrössen sind zwar nicht genau bekannt; in Kolumbien, Venezuela, Brasilien, Bolivien und Paraguay gilt die Art aber heute als sehr selten, und in Ecuador, Uruguay und Argentinien scheint sie sogar ganz ausgestorben zu sein. Einzig in Guyana, Suriname und Französisch Guyana finden sich noch grössere Bestände des Riesenotters. In Peru, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, kommt der Riesenotter noch verhältnismässig weit verbreitet, jedoch in ausgedünnten Beständen im tief liegenden, zum Amazonasbecken gehörenden Osten des Lands vor.
Zum Verhängnis ist dem Riesenotter sein wertvolles Fell geworden. Bis zur Mitte der 1970er-Jahre wurde es auf den Pelzmärkten der westlichen Welt etwa zum gleichen Preis gehandelt wie das Fell des Jaguars (Panthera onca)
. Entsprechend gross war der Anreiz, Jagd auf die Riesenotter zu machen - umso mehr, als die Tiere zufolge ihrer Grösse, ihrer Tagaktivität, ihrer Neugier Booten gegenüber und ihrem Leben in lautstarken Familiengruppen verhältnismässig einfach zu erlegen sind.
Die übermässige Bejagung des Riesenotters führte in den 1940er-, 1950er- und 1960er-Jahren zu einem rasanten Niedergang der Art. Seinerzeit wurden alljährlich Zehntausende der begehrten Riesenotterfelle von den südamerikanischen Staaten in die USA, nach Westeuropa (hauptsächlich Deutschland) und nach Japan exportiert.
In den frühen 1970er-Jahren erliessen endlich die ersten südamerikanischen Länder Gesetze zum Schutz des Riesenotters (Jagd- und Handelsverbote). Andere Länder folgten ihrem Beispiel, und alsbald stand der Riesenotter in seinem gesamten Verbreitungsgebiet unter gesetzlichem Schutz. 1975 wurde er überdies als eine der ersten Tierarten in Anhang I der CITES-Konvention aufgenommen.
In der Folge ging der Handel mit Riesenotterfellen rasch zurück. Da der Vollzug der Naturschutzgesetze in manchen südamerikanischen Staaten weiterhin mangelhaft ist und die Überwachung der Einhaltung der Jagdbestimmungen im Bereich der Regenwaldflüsse ohnehin grosse Schwierigkeiten bereitet, werden Riesenotter zwar noch immer in einem gewissen Ausmass bejagt und ihre Felle gehandelt. Im Vergleich zu früher ist die Gefährdung der Art durch die Bejagung heute aber gering.
Eine sichere Heimat im Manu-Nationalpark
Weit schwerer wiegende Gefahren sind den Riesenottern in der jüngeren Vergangenheit durch das Vordringen des Menschen in immer entlegenere Regenwaldgebiete zwecks Nutzung der Edelhölzer und der Bodenschätze sowie Gewinnung von Siedlungs-, Pflanz- und Weideland erwachsen. Zum einen werden auf breiter Front und in erschreckendem Tempo die Urwälder gerodet, und damit wird der Lebensraum der Riesenotter ein für allemal zerstört. Zum anderen ist zu befürchten, dass Infektionskrankheiten wie Staupe und Parvovirose, deren Erreger von frei laufenden Haushunden in ihrem Kot und Speichel freigesetzt werden, zu einer ernstlichen Gefahr für die Riesenotterbestände werden können.
Erfreulicherweise stehen einzelne Bereiche des Riesenotter-Lebensraums in Form von Naturschutzgebieten unter Schutz und sind so vor dem Zugriff durch den Menschen einigermassen sicher. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang der Manu-Nationalpark im peruanischen Teil des Amazonasbeckens. Der Park weist eine Fläche von 18 500 Quadratkilometern auf, was fast der halben Grösse der Schweiz entspricht. Er beherbergt mehr als 800 Vogelarten und über 200 Säugetierarten, so auch den Riesenotter.
Durch das Schutzgebiet schlängelt sich auf einer Strecke von dreihundert Kilometern der Manu-Fluss um Hügel aller Grösse herum. Aufgrund des kurvenreichen Flusslaufs haben sich viele Seen («Altwässer») gebildet, deren Zahl, Form und Grösse in jeder Regenzeit wieder ändert. Diese Seen sind eine ideale Heimat für über hundert Fischarten sowie einen grösseren Riesenotterbestand. Es handelt sich zudem um eine besonders sichere Heimat, denn der Manu-Nationalpark wurde aufgrund seines enormen Artenreichtums und seiner Unberührtheit 1987 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt, was seinen Schutzstatus erheblich verbessert.
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