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Geschichten aus Gletsch
Queen Victoria und andere Gäste
Ins Gästebuch des Grandhotel Glacier du Rhône haben sich (mit schwungvoller Schrift) manche Angehörige der englischen Upperclass und Vertreterinnen sowie Vertreter des europäischen Hochadels eingetragen. Manche Angehörige der englischen Upperclass und später der eine oder andere Angehörige des europäischen Hochadels haben sich mit geschwungener Schrift im Gästebuch eingetragen. Das Erfolgsrezept des Hotels war ein qualitativ hochklassiges Angebot vor spektakulärer Gletscherkulisse.
Gletsch war traditionell ein Etappenhalt und auch im Grandhotel blieben schätzungsweise 95% der Gäste nur ein bis zwei Nächte. 1868 besuchte Queen Victoria Gletsch und liess sich am Fusse der Gletscherzunge den Tee servieren. Die Queen reiste in Begleitung von drei ihrer neun Kinder. Ein Diener und ein Leibarzt waren ebenso dabei wie zwei örtliche Dienstmädchen und ein Schweizer Reiseführer. Sie war zwar bescheiden schwarz gekleidet und inkognito als «Countess of Kent» unterwegs, aber ihre Entourage war kaum übersehbar. Ihr Gepäck war vermutlich umfangreich, wenn man bedenkt, dass ihr eigenes Bett mittransportiert wurde. Übernachtet hat sie auf der Furka im gleichnamigen Hotel, das sie für drei Tage ganz für sich in Beschlag nahm.
Sie hatte die Reise im Andenken an ihren verstorbenen Gatten unternommen und war wie er begeistert von der Schweiz. Die Reise befreite sie von ihrer Schwermut. Die Berichte der mächtigen Monarchin veranlassten vermutlich viele Mitglieder ihrer weitläufigen Verwandtschaft und der gesamten europäischen Nobilität zur Nachahmung. Somit war sie eine Art frühe Influencerin, was den Tourismus in der Schweiz betrifft.
Gletsch profitierte von solchen Berichten. Zentral für den Erfolg waren aber natürlich die höchste Qualität und der gepflegte Stil, die tagtäglich jeden Sommer über all die Jahrzehnte bis 1984 das Grandhotel Glacier du Rhône ausmachten.
Gletsch bot aber stets auch einfachen Reisenden Verpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeiten. Seit den 1950er Jahren wurden Vergnügungsreisen einer breiteren Bevölkerungsschicht immer häufiger und damit veränderten sich auch die Ansprüche der Gäste in Gletsch.
1966 wurden in der Schweiz auf Bundesebene zwei Wochen Ferien als Pflicht ins Gesetz aufgenommen. Gleichzeitig reisten die Menschen immer schneller. Wurde früher der Etappenhalt einer beschwerlichen Reise mit einer Übernachtung verbunden, blieb davon nur noch ein schnelles Mittagessen, ein Glace Eis oder ein Getränk.
Das Angebot wurde angepasst. Es gab neben dem Restaurant des Grandhotels eine einfachere Gastronomie wie zum Beispiel in den 1960er-Jahren einen Schnellimbiss und eine Terrasse mit Getränkeservice, auf der man hoffen konnte, jeden Moment James Bond in seinem Aston Martin vorbeibrausen zu sehen.