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Als ich klein war, wusste ich nicht, was es heisst, ein Mädchen zu sein. Doch kaum ging ich zur Schule, trichterten mir meine Eltern ein, was ich darf und was nicht. Dass ich in die Primarschule gehen durfte, habe ich primär der Stadt zu verdanken, sonst hätte ich weder schreiben noch lesen gelernt – wie 80 % der Mädchen meines Dorfes. Der Besuch der Primarschule war im Kosovo zwar obligatorisch, jedoch war es nicht sicher, dass die Väter den Töchtern den Schulbesuch erlaubten.
Es gab Väter, die lieber eine Busse bezahlten, als der Tochter den Schulunterricht zu erlauben. Und von zehn bis fünfzehn Mädchen einer Klasse aus der Grundschule durften höchstens drei eine höhere Schule besuchen. Die anderen mussten im Haushalt und auf dem Feld mithelfen. Die meisten wurden ziemlich bald nach Ende der Schulzeit verheiratet.
Wenn sich eine junge Frau verliebte, musste sie von zuhause fliehen oder wurde sofort zwangsverheiratet.
Dass ich später das Gymnasium besuchen konnte, habe ich meiner Beharrlichkeit und der Unterstützung meiner Brüder und meiner Mutter zu verdanken. Höhere Bildung für Frauen war kein garantiertes Recht. Genauso wenig wie das Erbrecht oder die Wahlfreiheit bei der Heirat. Selten gab es eine Heirat aus Liebe. Und wenn sich eine junge Frau verliebte, musste sie von zuhause fliehen oder wurde sofort zwangsverheiratet. Sonst stiess die Familie sie aus. Jahrelang durfte sie keinen Kontakt zu ihnen haben. Die junge Frau galt in solchen Fällen in der Gesellschaft als amoralische Hure.
Die mangelhafte Bildung der Frauen hatte Folgen: Im Dorf gab es kaum eine Lehrerin, geschweige denn eine Ärztin. Auch in den Läden, sah man nie eine Frau als Verkäuferin, immer nur Männer. Der Bazar fand nur unter Männern statt. Frauen, die sich auf der Strasse bewegten, waren immer in Begleitung ihrer Väter, Brüder oder anderer Männer…
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Als ich in die Schweiz kam, fiel mir auf, wie die jungen Leute freizügig angezogen waren, Hand in Hand auf den Strassen gingen und sich sogar in der Öffentlichkeit küssten. Das kam mir seltsam vor. Solche Szenen hatte ich bisher nur in Filmen gesehen. Zwei völlig verschiedenen Kulturen und Mentalitäten prallten aufeinander.
Ich merkte ziemlich bald, dass in der Schweiz fast überall ungefähr gleich viele Frauen wie Männer anzutreffen waren. Am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit, beim Sport, in den Beizen… Und die Frauen trafen selbständig Entscheidungen, ja einige lebten sogar alleine. Eine völlig neue Gesellschaft!
Wie lang wäre wohl der Vaterschaftsurlaub, wenn Männer die Kinder zur Welt brächten?
Aber dann gab es auch Erstaunliches: Ich erfuhr, dass in diesem ur-demokratischen Staat einige Frauen noch kein Stimmrecht hatten. In den Führungspositionen und verschiedenen privaten Institutionen hatten mehrheitlich die Männer das Sagen. Und die Frauen hatten nur einen kurzen zwölfwöchigen Mutterschaftsurlaub! Ein wenig mehr Zeit für Mutter und Kind wäre mehr als gerecht, fand ich. Kind und Beruf zu vereinbaren ist eine Herausforderung, vor allem für Alleinerziehende. Da spreche ich aus Erfahrung. Ich frage mich: Wie lang wäre wohl der Vaterschaftsurlaub, wenn Männer die Kinder zur Welt brächten?
Der Kampf der Frauen für ihre Rechte ist also immer noch mehr als nötig. Doch: manchmal schüttle ich auch den Kopf über Forderungen von Feministinnen. Wenn z.B. Genferinnen fordern, dass Frauen 20 Prozent weniger für Eintritte ins Theater, Museen oder Sportzentren bezahlen sollen, dann frage ich mich, ob wir nicht besser für Gleichberechtigung statt für einseitige Privilegien kämpfen sollten. Privilegien zielen in eine falsche Richtung. Es gibt ja – zum Glück! – Frauen, die gut und sogar sehr gut verdienen: Richterinnen, Konzernchefinnen, Fachärztinnen oder Anwältinnen. Und es gibt Männer, die mit ihrem Lohn als Bäcker, Verkäufer oder Coiffeur eine Familie ernähren müssen.
Wo bliebe da die Gerechtigkeit?