Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03439.jsonl.gz/351

Manchmal braucht es einen Bergband, um an jene zu erinnern, die alle längst vergessen haben. Bei Lorenz Saladin ist das so. Denn wer hätte noch eine Ahnung von dem, was den Extrembergsteiger und Fotografen aus dem Solothurner Jura umtrieb, wenn nicht vor einiger Zeit Annemarie Schwarzenbachs Biografie über den «Wanderer zwischen den Welten» wieder aufgelegt und vor kurzem der ausgezeichnete Bildband im AS-Verlag erschienen wäre?
Saladin war «ein rastloser Charakter mit grossem Fernweh», wie Emil Zopfi ihn beschreibt. Der Arbeiter wechselte immer wieder die Stellen, zog oft in die Berge, lernte schnell das Fotografieren und hatte eine politische Überzeugung: Er war Kommunist. Er bestieg mit Freunden aus dem Arbeitermilieu – die als klassenbewusste Werktätige zumeist den Naturfreunden angehörten – viele Alpengipfel, reiste durch Lateinamerika und die USA und beteiligte sich 1933 an einer Expedition in den Kaukasus.
Es folgten weitere Reisen in die Sowjetunion, wo Saladin 1935 bei Bergtouren im Pamir die damalige Elite des sowjetischen Alpinismus kennenlernte. Mit den Brüdern Ewgeni und Witali Abalakow sowie Michail Dadiomow bestieg er ein Jahr später den Khan Tengri, den nördlichsten Siebentausender der Welt, einen schwierigen und verteufelt kalten Berg im Tien-Schan-Gebirge. Ein Wetterumschwung brachte die Seilschaft in grosse Bedrängnis, fast alle zogen sich beim Abstieg Erfrierungen zu; auf dem Rückweg starb Saladin an Erschöpfung und an einer Blutvergiftung.
Der Bildband «Lorenz Saladin» versammelt nicht nur eine Vielzahl meist grossformatiger und brillanter Schwarz-Weiss-Fotos, die Saladins Können an der Kamera und am Berg dokumentieren. Die Texte von Emil Zopfi und Robert Steiner beschreiben auch meisterhaft seine innere Unruhe, seine politische Haltung, seine Unternehmungen. Gut gelungen sind auch die kurzen Porträts der sowjetischen Spitzenalpinisten. Fast alle dieser Ausnahmebergsteiger verschwanden später in Stalins Lagern, wurden ermordet, starben im Krieg gegen die Naziwehrmacht oder verrieten (wie Witali Abalakow) unter der Folter gute Freunde, die danach von Stalins Schergen hingerichtet wurden. Damals galten alle als verdächtig, die – was bei BergsteigerInnen ja öfter der Fall ist – nonkonformistisch eingestellt waren.
Emil Zopfi und Robert Steiner: Lorenz Saladin. Tod am Khan Tengri. AS-Verlag. Zürich 2009. 176 Seiten, 156 Bilder. 78 Franken