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Seit den Arbeiten von Aloys Schulte und anderen Historikern gilt bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts als erwiesen, dass der Gotthardpass im Spätmittelalter die zentrale Handelsroute zwischen Norden und Süden gewesen sei. Diese Ansicht wird durch einen Aufsatz stark relativiert, den der Historiker Fritz Glauser 1979 in dem von Jean-François Bergier herausgegebenen Band Geschichte der Alpen in neuer Sicht unter einem unscheinbaren Titel publiziert: Der Gotthardtransit von 1500 bis 1660. Seine Stellung im Alpentransit (Seiten 16 bis 52).
Akribisch untersucht Fritz Glauser die Transportmengen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen alpenquerenden Transitverkehr. Sein überraschender Schluss: Der Gotthardpass habe im Mittelalter nur eine untergeordnete Rolle gespielt und im Spätmittelalter sei der Brenner viel wichtiger gewesen. So seien über diesen jährlich 4500 Tonnen, über den Gotthard dagegen nur 170 Tonnen Güter transportiert worden. Der Verkehr über die Bündner Pässe sei in der Frühneuzeit viel grösser gewesen. Von den Innerschweizer Kantonen Uri und Luzern zeichnet Glauser ein gänzlich unheroisches Bild: Sie hätten zusehen müssen, wie sich der Verkehr an ihnen vorbei entwickelt habe, weil sie keinen Einfluss auf diesen hätten nehmen können. Zudem seien sie untereinander zerstritten gewesen. Uri habe gejammert, Luzern Ordnungen erlassen, aber das Grundübel, nämlich die veraltete Transportorganisation, die zu vielen Verzögerungen geführt habe, hätten sie nicht beseitigt.
Nach Fritz Glauser also wird die wirtschaftspolitische Bedeutung des Gotthards im Mittelalter massiv überschätzt. Daraus lässt sich der Schluss ziehen - was Glauser selber nicht tut -, dass auch die staatenbildende Bedeutung des Gotthard überschätzt wird. Er kann für die Entstehung der Eidgenossenschaft nicht die Rolle gespielt haben, die ihm Aloys Schulte und andere zugedacht haben. Der nationalstaatliche Gotthard-Mythos fängt zu bröckeln an.