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gerade lese ich in einer Rezension über Karl Kraus' Briefe an Sidonie Nadherny von Borutin folgenden Satz: "Oder die antisemitischen Versuche ihres (gemeint: Sidonie) großen Verehrers RMR, Kraus bei ihr anzuschwärzen, obschon Kraus auf ihre Bitte hin Rilke hilft, sich vom Kriegsdienst freistellen zu lassen." Weiß jemand mehr darüber?
Gruß
gliwi
Berwunderte(r) Gliwi,
ich freue mich besonders, Dir womöglich von Nutzen zu sein:
Es handelt sich bei dem Vorwurf des Antisemitismus immer wieder um Rilkes Brief an Sidie Nadherny vom 21. Februar 1914 über die Fremdheit im Wesen von Karl Kraus - er warnt vor einer näheren Beziehung, ohne zu wissen, dass es diese schon gibt. In dem Band der "Briefe Rilkes anSidonie Nadherny von Borutin" steht der Brief auf den Seiten 214-218. Vielleicht findet er sich auch in einem der Auswahlbände.
Die Rilke-Chronik zitiert S.463 die einschlägige Stelle.
Herzlich grüßend, Renée
Wie groß seine Liebe zu Sidonie Nadherny war, beweist der Um-
stand, daß er, der immer betonte, daß ein Dichter keine Familie
gründen dürfe (Das Wort «Familienbande» hat einen Beigeschmack
von Wahrheit) und das Familienleben als einen Eingriff in das
Privatleben bezeichnete, sie heiraten wollte. Die Ehe kam aber
nicht zustande, da ein alter Freund Sidonies, Rainer Maria Rilke, da-
gegen wirkte. Frau Ilse Blumenthai-Weiß, die Einsicht in die Kor-
respondenz Rilkes mit Sidonie Nadherny hatte, berichtet darüber:
«Wenn einmal die... Korrespondenz zwischen Rilke und Sidonie
Nadherny der Öffentlichkeit zugänglich sein wird, wird man von
dem Doppelspiel erfahren, das Rilke mit Karl Kraus, ohne dessen
Wissen natürlich, getrieben hat. Da ist... zunächst auch Anerken-
nung, ein <herzliches, ja liebevolles> Erinnern an erste Begegnungen.
In dem Maße aber, wie Rilke die starke wachsende Zuneigung seiner
Freundin für den anderen spürt, nimmt seine <Besorgnis> zu. In ei-
nem äußerst geschickt formulierten Brief (Februar 1914) versucht
Rilke schließlich die Frau, die eine Ehe mit Karl Kraus erwägt, von
einem <sehr kontinuierlichen Umgang> mit dem <Sie nahe angehen-
den, ausgezeichneten Schriftstellen zu warnen. Das Wort <Jude> fällt
in diesem viele Seiten füllenden, vieldeutigen Brief nicht ein einziges
Mal. Aber... dieser Karl Kraus kann (das Wort ist im Original-
brief zweimal unterstrichen) ihr im Grunde genommen nur fremd
sein. Sein Leben und das ihre sind völlig verschieden. Gewiß, er,
Rilke, habe durchaus sympathische Erinnerungen an Karl Kraus. Er
ist sicher ein guter Ratgeber für die Freunde, ein Geist, der günsti-
gen Einfluß ausüben kann, wenn nicht... Und nun folgen die zise-
lierten <aber> und <trotzdem> und der Hinweis auf einen <letzten, un-
tilgbaren Unterschied>. Was Rilke bezweckte, erreichte er nur
zum Teil. Zwar erwies sich das Standesbewußtsein stärker als die
Liebe, und die Heirat unterblieb, aber das innige Verhältnis zu dem
geliebten Dichter blieb trotz allen «aber» und «trotzdem» Rilkes be-
stehen.
Gruß
gliwi
Also, da gehört allerdings wirklich sehr viel dazu, sich aus diesem Brief zu konstruieren, daß Rilke die Freundin vor Karl Kraus warnen wollte, weil dieser ein Jude war.
Ich kenne die Kraus-Biographie von Paul Schick nur insoweit, als Harald sie zitiert hat.
Aber zu
möchte ich doch bemerken, daß Rilke mit diesen (bzw ganz ähnlichen, "unaustilgbar" heißt es hier auf rilke.de) Worten nicht auf einen Unterschied hinweist, der im Wesen von Karl Kraus läge.Paul Schick hat geschrieben:Und nun folgen die ziselierten <aber> und <trotzdem> und der Hinweis auf einen <letzten, untilgbaren Unterschied>.
Sondern im Gegenteil, Rilke rät der Freundin zu Distanz und spricht von Karl Kraus als
ein(em) Geist, der auf den Ihren vom glücklichsten Einfluß sein kann, wenn ... wenn: die Distanz keinen Moment verloren geht, wenn Sie irgend einen letzten unaustilgbaren Unterschied, auch im Geistigsten noch, zwischen sich und ihm aufrechthalten:
(Unterstreichung von stilz)
Es geht hier also nicht um einen "Unterschied", der niemals aufgehoben werden könnte. Sondern um einen solchen, der aktiv aufrechterhalten werden müßte, um bestehen zu bleiben... Und Rilke begründet diesen Rat gleich im nächsten Satz nicht mit Kraus' "jüdischer Fremdheit", sondern:
denn so viel er sein mag und ist, die Anwendung, die er seinem Geiste geben mußte, hat aus diesem ein zu einem bestimmten Gebrauche einseitig geschärftes Instrument gemacht, - Sie stehen da nicht der lieben, rein bewegten Geistigkeit eines fühlenden und sich mittheilenden Menschen -, Sie stehen einer Waffe, einem Bewaffneten, einem geistigen Angreifer gegenüber, und die natürliche Gegenseitigkeit dieses Gegenüberstehens ist nur solange fruchtbar, als Sie sich irgendwie wehren; wenn sich Freundschaft daraus ergiebt, so kann es nur eine Freundschaft ganz in Waffen sein, zu dem Zwecke, daß die Ihrigen daran sich übten.
(Unterstreichung von stilz)
Nun muß ich zwar gestehen: ich habe mich bisher nicht sehr ausführlich mit Karl Kraus beschäftigt.
Aber nach allem, was ich bisher von ihm und auch über ihn gelesen habe, scheint mir diese Beschreibung Rilkes, er sei ein "Bewaffneter" und sein Geist ein sehr "geschärftes Instrument", ziemlich zutreffend zu sein.
Ich finde wirklich nicht, daß man aus einer Besorgnis um die Freundin ob solcher "Bewaffnung" (gleichgültig, wie berechtigt oder unberechtigt diese Besorgnis gewesen sein mag) irgendwelche antisemitischen Einstellungen Rilkes konstruieren sollte.
Gibt es außer diesem Brief noch irgendwelche "Indizien"?
Lieben Gruß
stilz