Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03201.jsonl.gz/2450

Alain Mabanckou wanderte als junger Mann in Frankreich ein. Das Leben afrikanischer Immigranten in Frankreich thematisierte er in mehreren Büchern In seinem ersten Roman «Bleu, Blanc, Rouge» (1998) schildert er die Verstrickungen eines jungen Einwanderers, der ganz auf sich selbst gestellt ist und sich in der neuen Welt zurechtfinden muss. Dabei erfahren wir auch vom traurigen Scheitern zahlreicher Immigranten in Paris.
In «Black Bazar» (2009) und in «Tais-toi et meurs» (2012) stellt Mabanckou erneut Einwanderer aus Afrika in den Mittelpunkt des Roman-Geschehens. Dieses Mal sind die Helden dreister, die Handlung burlesker als im ersten Werk. In alle drei Romane fliesst natürlich auch ein wenig von der Welt ein, die die Romanhelden verlassen haben – also vom Kongo, der ehemals französischen Kolonie, auch Kongo-Brazzaville genannt.
Wie es im Kongo war
Daneben hat Mabanckou auch Romane geschrieben, die in seiner früheren Heimat Kongo spielen und in denen das Leben und die Verhältnisse dort Hauptthema sind. Dabei spielt seine Erinnerung eine zunehmend wichtige Rolle.
In «Les petits-fils nègres de Vercingétorix (2002) bilden die Staatsstreiche und der Bürgerkrieg nach dem Ende der Kolonialherrschaft in Kongo-Brazzaville den Romanhintergrund. Der Schriftsteller nimmt sie durch den Blick einer jungen Frau wahr.
In «Zerbrochenes Glas» (2005) tauchen wir mit dem Autor ein in die Niederungen eines Armenviertels der Hafenstadt Pointe-Noire am Atlantischen Ozean, wo Mabanckou aufwuchs. Im Zentrum stehen die Lebensgeschichten von randständigen Figuren, Säufern und gescheiterten Existenzen.
Erinnerungsarbeit
Richtet der Autor zuerst seine Erinnerungsarbeit hauptsächlich auf die äusseren Umstände und Gegebenheiten seines früheren Lebensraumes im Kongo, wendet er die Erinnerung nun mehr und mehr seiner persönlichen Geschichte zu. So entstehen im Jahr 2009 zwei Bücher, in denen seine Kindheit im Zentrum steht, das Jugendbuch «Ma Soeur Étoile» und «Morgen werde ich zwanzig», die beide 2010 veröffentlicht wurden.
In «Ma Soeur Étoile» lernen wir einen jungen, naiven Knaben kennen, der im Kongo der 1970er-Jahre des Nachts mit seiner Schwester spricht. Diese ist bei der Geburt gestorben und ein Stern geworden. Dem Knaben begegnen wir im Roman «Morgen werde ich zwanzig» wieder. Es ist Alain Mabanckou selber, der uns seine Kindheit erzählt. Mit den Augen und Ohren, mit den Empfindungen und (Un-)Kenntnissen des Jungen, in den sich der Schriftsteller zurückversetzt hat.
«Morgen werde ich zwanzig»
«Für das Buch »Morgen werde ich zwanzig« habe ich Erinnerungen verarbeitet», sagt Mabanckou. «Ich habe das Glück, ein sehr starkes Erinnerungsvermögen zu besitzen für Dinge, die anderen vielleicht unnütz sind. Es ist ein Buch der Erinnerungen, und diese Erinnerungen muss man organisieren, damit sie kohärent sind und eine Geschichte ergeben, die funktioniert.»
Das Resultat ist eine naiv anmutende, jedoch kunstvoll unverblümte Schilderung voller Komik und Witz des Familien- und Quartieralltags im ehemals französischen Kongo der 1970er-Jahre. Gleichzeitig verleiht der Blick auf die Geschichte und das internationale Zeitgeschehen aus der Perspektive Kongo-Brazzavilles dem Roman gesellschaftliche und historische Dimensionen.
Im Reisebericht «Lumières de Pointe-Noire» (2013) übrigens betrachtet und schildert Alain Mabanckou nun seine ehemalige kongolesische Heimat mit den Augen des bald 50jährigen Erwachsenen, der Schriftsteller geworden ist. Er ist nach 23 Jahren zum ersten Mal wieder dorthin zurückgekehrt.
Buchhinweis
Alain Mabanckou: «Morgen werde ich zwanzig» (aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller), Liebeskind, 2015.