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Dolores Angela Castelli Dransart ist Präsidentin des Vereins Suizid-Prävention Freiburg und Professorin an der Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg. Die FN haben mit ihr über Stressfaktoren, Strategien und Hilfsangebote gesprochen
Wie beeinflusst die Corona-Pandemie suizidales Verhalten der Menschen?
Das ist sehr komplex und mehrdimensional. Es ist die Anhäufung einer Reihe von Faktoren, die eine Person dazu bringt, Suizid in Betracht zu ziehen. Die Corona-Pandemie kann eine Rolle spielen. Es gibt Menschen, die bereits vor der Krise verletzlich und suizidgefährdet waren. Die Pandemie kann für sie ein zusätzlicher Stressfaktor sein und ihnen grosse Schwierigkeiten bereiten. Sie kann bereits existierende Risiko-Faktoren verschlimmern, wie zum Beispiel finanzielle Sorgen, häusliche Gewalt, Gefühlsturbulenzen, psychische Probleme, Einsamkeit, Isolation, soziale Ausgrenzung, Konsum von Suchtmitteln und vieles mehr. Dann gibt es noch die Menschen, die erst durch die Pandemie verletzlich geworden sind, weil sie zum Beispiel ihre Arbeit verloren haben und jetzt mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, oder weil sie Angstzustände oder Depressionen entwickelt haben. Dies ist jedoch nicht unvermeidlich. Kollektive Solidarität und Hilfestellungen, die den Personen gewährt werden, können die Auswirkungen der Pandemie eingrenzen und suizidgefährdeten Personen Alternativen bieten. Besondere Aufmerksamkeit sollte Menschen, die bereits unter psychischen Problemen leiden, älteren Menschen und Migranten zuteil werden.
Wie war die Situation für verletzliche Personen während des ersten Lockdown?
Für einige Menschen war es eine sehr schwierige Zeit mit viel Stress. Ihnen fehlten Ressourcen wie die sozialen Kontakte oder die psychosoziale Betreuung durch Fachleute. Aber es gab auch Menschen, für die der Lockdown nicht so schwierig war. Sie mussten weniger arbeiten und konnten sich auf sich selbst fokussieren.
Ist die jetzige Situation schwieriger zu ertragen als der erste Lockdown?
Das kommt drauf an, wie der erste Lockdown erlebt wurde und in welchem Zustand der mentalen Erschöpfung sich die Menschen befinden. Da gibt es diese Personen, denen es im Frühling schlecht ging und die den ersten Lockdown noch nicht verarbeitet haben. Sie brauchen wiederum mehr Zeit und mehr Hilfe, um sich anzupassen.
Dann gibt es aber diejenigen, die zwar unter dem ersten Lockdown gelitten haben, diese Erfahrung aber mithilfe von Familie, Freunden oder Fachleuten verarbeitet haben. Sie können die Lösungen und Strategien vom Frühling jetzt wieder anwenden und kennen sich selbst auch besser. Sie wissen, es gibt Möglichkeiten, um mit dieser Situation konstruktiv umzugehen. Auch die Einstellung der Menschen zu dieser Pandemie und dem zweiten Teil-Lockdown ist sehr wichtig: «Wie sehe ich die Situation selbst, und wie gehe ich damit um?»
Haben im Kanton Freiburg dieses Jahr mehr Menschen Hilfe gesucht?
Laut einigen Fachleuten schon. Es gab mehr Menschen, die Unterstützung suchten und um psychologische Hilfe angefragt haben. Einige Praxen können sogar keine Patienten mehr aufnehmen, weil sie ausgebucht sind. Umgekehrt gibt es auch Personen, die ihre Therapien abgebrochen haben oder nur noch selten Hilfe in Anspruch nehmen. Andere, die dringend Hilfe nötig hätten, suchen diese nicht. Diese Menschen haben Angst vor dem Virus. Einige Ärzte haben deshalb angefangen, Alternativen anzubieten, indem sie die Behandlung online oder telefonisch weiterführen.
Reicht das Angebot an psychiatrischer und psychologischer Hilfe im Kanton Freiburg aus?
Das Angebot ist da und ist vielfältig. Es ist auch auf Deutschfreiburger ausgerichtet. Der Kanton Freiburg hat da sein Angebot erweitert. Nebst den üblichen Unterstützungsangeboten hat der Kanton auch Hotlines zur Unterstützung der Bevölkerung eingerichtet.
Erwarten Sie einen Anstieg an Suiziden und Suizidversuchen?
Einige Fachleute erwarten einen Anstieg dieser Zahlen, weil die Corona-Krise die Risiko-Faktoren verschlimmern kann. Das hängt aber sehr stark von der finanziellen Hilfe, der psychosozialen Unterstützung, der Solidarität der Gemeinschaft und der psychosozialen Versorgung ab, zu der jede Person Zugang hat. Es ist notwendig, nicht nur die Risikofaktoren zu betrachten, sondern auch die Schutzfaktoren und die Widerstandsfähigkeit des Einzelnen und der Gesellschaft. Laut den Google-Resultaten von diesem Jahr haben viel mehr Menschen das Wort Hoffnung gesucht als das Wort Suizid. Das sagt auch etwas aus. Was jedoch zugenommen hat, ist der Gedanke an Selbstmord. Resultate der «Swiss Corona Stress Study» zeigen, dass rund 1,5 Prozent der Schweizer während des Lockdown im Frühling an Suizid gedacht haben. Vor dem Lockdown waren es rund 0,8 Prozent. Glücklicherweise handelt nicht jeder danach, nur weil er darüber nachdenkt. In der Schweiz haben wir Ressourcen und Angebote, um suizidgefährdeten Menschen zu helfen. Wir müssen alles tun, damit es erst gar nicht so weit kommt, und weiterhin oder stärker in die Suizidprävention und in die psychische Gesundheit investieren.
Wie kann man helfen, wenn man jemanden in seinem Umfeld hat, der vermutlich oder offensichtlich suizidgefährdet ist?
Es ist wichtig, sehr offen und direkt darüber zu reden. Die Gefühle der anderen Person ansprechen und fragen, wie es geht. Den Dialog suchen und die andere Person vor allem ausreden lassen. Allein das Reden ist bereits eine sehr grosse Hilfe für suizidgefährdete Menschen. Die Situation des Gegenübers muss ernst genommen werden. Was auch hilft, sind simple, aber aufmerksame Gesten: Anrufen, zusammen spazieren gehen, miteinander Zeit verbringen. Ganz wichtig ist, unbedingt professionelle Hilfe zu holen, wenn all das nicht genug hilft und die Person weiterhin davon spricht, sich das Leben zu nehmen. Die aussergewöhnliche Situation dieses Jahr ist ein Test für uns alle. Sie bringt uns an unsere Grenzen und ist für einen Teil der Bevölkerung wesentlich gefährlicher als für den anderen. Wir müssen zusammenarbeiten, uns austauschen und einander helfen. Nur gemeinsam werden wir es schaffen.
Hilfe gibt es unter www.santepsy.ch; www.npg-rsp.ch; https://www.rfsm.ch;Die Dargebotene Hand: 143; die Telefonhilfe von Pro Juventute: 147; Psychiatrische Notfälle 026 305 77 77; die Hotline Gesundheit: 084 026 17 00 und die «Alltags»-Hotline: 026 552 60 00.
Zahlen und Fakten
Suizid-Zahlen im Kanton Freiburg
35 Menschen haben sich im Kanton Freiburg dieses Jahr bereits das Leben genommen. Davon waren 27 Personen Männer, wie die Kantonspolizei Freiburg auf Anfrage schreibt. Knapp ein Drittel dieser Männer waren im Alter zwischen 51 und 60 Jahren. In den letzten fünf Jahren ist dies die Altersgruppe mit den meisten Suizidopfern – insgesamt 140 – , danach folgen die 31- bis 50-Jährigen. Männer haben eine höhere Suizidrate als Frauen. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl an Suiziden im Kanton leicht gestiegen. Genauso wie die Zahl an Suizidversuchen: Dieses Jahr waren es bisher insgesamt 53 Personen, die versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Im Jahr 2019 waren es 77 und im Jahr 2018 71 Personen (Stand: 12. November 2020).