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1. Das Projekt in Kürze
Auf 1510 oder 1511 hat der Zürcher Büchersammler Peter Honegger in den 70-erjahren die Blätter eines Eulenspiegeldruckes datiert, die er im Einband eines lateinischen Buches aus seinem Besitz entdeckt hatte. Es handelt sich um die älteste der in die Hunderte gehenden Fassungen eines Buches, das von der Druckerei des Johannes Grüninger in Strassburg aus seinen bis heute ungebrochenen Siegeszug durch den hoch- und niederdeutschen Sprachraum, aber schon im 16. Jahrhundert auch ins Niederländische, Englische, Französische, Lateinische, Polnische und Dänische und später in den Übersetzungen des Romans von Charles de Coster (1867) und des Kinderbuches von Erich Kästner (1938) in unzählige Sprachen angetreten hat. Liest man die bis zu hundert mehr oder weniger lustigen Geschichten („Historien“), in denen es um Eulenspiegels sprachliche Missverständnisse und – die meisten Kinderbücher lassen das freilich weg – um die Kotproduktion zur falschen Zeit und am falschen Ort der Schalkfigur mit ihrer erstaunlichen Analpotenz geht, so erscheint die 500-jährige Erfolgsgeschichte als nicht nur dokumentationswürdig, sondern mindestens ebenso erklärungsbedürftig.
Diese Erfolgsgeschichte ist, zumindest für den dominierenden nicht hochliterarischen Teil, bis heute nicht dokumentiert worden. Das soll mit der Publikation der interessantesten Historien der interessantesten Fassungen im Internet nachgeholt werden. Der Erklärungsansatz des Projektes ist ein doppelter: Zum einen wird davon ausgegangen, dass die Gründe für den Erfolg ebenso dem Wandel unterworfen sind, wie die Fassungen selbst. Zum andern haben die beiden genannten Merkmale der Figur und damit auch des Buches, das ihre Biografie bietet, mit Kommunikation zu tun: Als Hörer versteht Eulenspiegel seine Kommunikationspartner falsch; als „Sprecher“ produziert er höchst unpassende Zeichen. Dieses „falsch“ und dieses „unpassend“ mit ihren jeweiligen Gegenpolen „richtig“ und „passend“ sollen anhand der Vielstimmigkeit der Fassungen historisch rekonstruiert werden.
In der Rekonstruktion von Kommunikation treffen die verschiedenen Verwendungsweisen von „Performanz“ und „performativ“ aufeinander: „Performance“ sowohl als körperbetonte künstlerische Vorführung (Eulenspiegel als „Sprecher“) wie auch als Sammelbegriff all dessen, was ausserhalb des Sprachsystems und damit der strukturalistischen Linguistik liegt; das Performative als das, was man mit Worten tun oder vielleicht viel eher verfehlen kann. Was diese Konzepte für die (Er-)Klärung der Sprengkraft des Eulenspiegelbuches leisten, soll als Test dafür dienen, was sie überhaupt als textanalytische und kulturwissenschaftliche Theorie und Methode leisten und in welchem Verhältnis sie zu einander stehen.
Die komplette Projektvorstellung finden Sie HIER.
HUTSEBAUT, J., PAPENDORF, C., SCHWARZ, A., WIERMANN, R. (Hg.),unFASSbar! Niet te vatten! Eulenspiegel 500 Jahre aktuell / Uilenspiegel 500 jaar actueel. Bernburg, Damme, Schöppenstedt 2010.