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«Shame shame shame» von der Gruppe «Shirley & Company»: Haben Sie ihn noch im Ohr, den Disco-Sound der siebziger Jahre? mit den Tanzfiguren, die doch viel eher groteske Verrenkungen waren? Grotesk, genau. Denn das Wort, das wir heute für Unnatürliches, für Verzerrtes und Absurdes brauchen, kommt tatsächlich aus der Welt der Kunst und des Tanzens.
Nur ist dieser Tanz eine ganze Weile her. Getanzt – oder besser: gemalt – wurde er in der domus aurea in Rom, jenem geradezu grössenwahnsinnigen Palast Neros auf dem Palatin, den dieser nach dem Brand der Stadt im Jahr 64 nach Christus hatte bauen lassen. Über diesen Palast schrieb der Schriftsteller Sueton: «In der Eingangshalle des Hauses fand eine 120 Fuss hohe Kolossalstatue mit dem Porträt Neros Platz. Die ganze Anlage war so gross, dass sie drei Säulengänge von einer Meile Länge und einen künstlichen See umfasste, der fast ein Meer war, umgeben von Häusern, so gross wie Städte. Dazu kamen Villen mit Feldern, Weinbergen und Weiden, Wälder voller wilder und zahmer Tiere aller Arten. Einige Teile des Hauses waren vollständig vergoldet und mit Edelsteinen und Muscheln geschmückt. In den Speisesälen gab es bewegliche Decken aus Elfenbein, durch die Blumen herabgeworfen und Parfüm versprengt werden konnte.»
Eine solche Anlage grotesk zu nennen, wäre wohl kaum übertrieben. Aber: Das Wort kommt von den ungewöhnlichen Wandmalereien des Palasts. Vom römischen Maler Fabullus ist überliefert, dass er nie im Arbeitskittel, sondern stets in der Toga gearbeitet habe. Dieser Fabullus hatte Neros Palastwände mit Ornamenten aus Tier- und Menschenleibern in den seltsamsten Verrenkungen bemalt. Als die Ruinen im Jahr 1480 gefunden wurden, hielt man diese Fresken für Höhlen- oder Grottenmalerei, pittura grottesca.
Groteske Tänze sind also keine Erfindung der Siebziger, sondern der Renaissance und der alten Römer.