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«Lotostochter» oder «Ruwan, das Juwel»: So wurde das eine oder andere Baby aus Indien oder Sri Lanka willkommen geheissen, als es zur Adoption nach Deutschland oder in die Schweiz kam. Zehntausende westeuropäische Paare haben sich ab den 1970er-Jahren ihren grössten Wunsch erfüllt: ein Kind aus einem fernen Land.
Viele der Adoptierten stellen heute aber fest, dass ihre Herkunft immer noch im Dunkeln liegt. Sie stellen eigene Recherchen an, verlangen Akteneinsicht und suchen ihre leiblichen Eltern.
Verkaufte Babys
Mit einer Dokumentation im niederländischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen fängt eine Serie der Aufklärung an. Das investigative Programm «Zembla» deckt 2017 auf, dass Hunderte von sri-lankischen Babys in den 1980er-Jahren auf dubiosem Weg in die Niederlande gelangt sind.
Der Journalist Norbert Reintjens stösst bei seinen Recherchen in Sri Lanka, Link öffnet in einem neuen Fenster auf ein Spital, das in Kinderhandel verwickelt war. Von hier aus seien Babys an westeuropäische Paare verkauft worden, erfährt er dort von Krankenschwestern.
Der sri-lankische Gesundheitsminister Rajitha Senaratne gibt in der Sendung zu, dass es im Land «Babyfarmen» gegeben hat. Das waren Einrichtungen, in denen schwangere Frauen angehalten waren, ein Kind für den Adoptionsmarkt zu gebären.
Hinweise auf Betrug ausgeblendet
Die Missstände, die «Zembla» in mehreren Folgen offenlegt, sind so eklatant, dass der niederländische Justizminister Sander Dekker 2018 eine Expertenkommission einsetzt. Diese soll Auslandsadoptionen umfassend untersuchen.
Sie hält in ihrem Abschlussbericht im Februar 2021 fest, dass es auch in zahlreichen anderen Ländern wie Brasilien, Kolumbien, Indonesien und Bangladesch, zu Missbräuchen kam.
Schlimmer noch: Die Hinweise darauf seien von den Behörden jahrzehntelang ignoriert worden. Der Bericht fällt so kritisch aus, dass die niederländische Regierung die internationalen Adoptionen sofort stoppt.
Recht auf das Wissen der Herkunft
Zehntausende von Kindern kamen in den letzten Jahrzehnten aus Südamerika, Asien, Osteuropa und Afrika zur Adoption nach Westeuropa. Viele sind längst erwachsen, gut ausgebildet und über die sozialen Medien vernetzt.
Sie stellen fest, dass die Informationen in den Dokumenten dürftig, fehlerhaft oder widersprüchlich sind. Nicht selten fehlt die Einwilligung der leiblichen Mutter oder der Gerichtsentscheid des Herkunftslands.
Gefälschte Geburtsurkunden
In mehreren Ländern sind mittlerweile Anwältinnen und Anwälte damit beschäftigt, für Adoptierte das Recht des Kinds auf die Kenntnis seiner Abstammung einzufordern.
In den Niederlanden hat Anwältin Lisa Komp in mehreren Fällen Klage eingereicht. So auch für Dilani Butink, die 1992 als Baby aus Sri Lanka kam. Ihre Geburtsurkunde ist gefälscht – damit besteht kaum eine Chance, ihre leiblichen Eltern zu finden.
Kurze Verjährungsfrist
Lisa Komp hat gegen den niederländischen Staat und ein Vermittlungsbüro wegen illegalen Praktiken rund um Butinks Adoption eine Klage eingereicht. Zu einem Urteil kam es nicht. Der Fall sei verjährt, entschied das Gericht im letzten September.
Die Anwältin ist nun jedoch in Berufung gegangen. Ihr Argument: Bei einer Verjährungsfrist von 20 Jahren habe die Mandantin gar keine Möglichkeit, ihre Herkunft aufzuklären und ihr Recht wahrzunehmen. Der Fall ist damit noch nicht abgeschlossen – wie auch weitere ähnliche Klagen in den Niederlanden.
Erste Klagen in Frankreich
Auch in Frankreich müssen sich Gerichte mit missbräuchlichen Adoptionen befassen: Im Juni 2020 reichten neun junge Frauen und Männer, die mit über 300 anderen Babys aus Mali kamen, beim Obersten Gerichtshof in Paris eine Klage ein. Es war das erste Mal, dass im Zusammenhang mit internationalen Adoptionen in Frankreich ein Prozess angestrengt wurde.
Morgane Le Game, Journalistin bei «Le Monde», und Kaourou Magassa, Mali-Korrespondent des Fernsehsenders «Tele5monde», haben diese Fälle in Frankreich und Mali recherchiert. Das Ergebnis: Die Vermittlungsstelle hat alle Beteiligten getäuscht.
Die Legende der verlassenen Kinder
Den leiblichen Eltern in Mali habe man gesagt, ihre Kinder kämen nur vorübergehend, für Schule und Ausbildung, nach Frankreich und kehrten danach zurück. Den französischen Paaren wiederum habe man angegeben, dass es sich um verlassene Kinder handle, die zur Adoption stünden.
Die Klage wurde bereits einen Monat später, Anfang Juli 2020, vom Gericht abgewiesen. Das Argument lautete: Die genannten Tatbestände seien «verjährt» oder «nicht ausreichend belegt».
Adoptionspraxis wird beleuchtet
In der Schweiz hat die bisherige Aufarbeitung gezeigt, dass in den 1980er- und 1990er-Jahren über 900 Kinder aus Sri Lanka adoptiert wurden und es dabei auch zu Verfehlungen kam.
Justizministerin Karin Keller-Sutter hat im Dezember ihr Bedauern über die Missstände bei Schweizer Adoptionen aus Sri Lanka ausgesprochen.
Eine Expertengruppe soll nun die gegenwärtige Praxis bei internationalen Adoptionen untersuchen. Zudem hat die Bundesrätin Hilfe bei der Herkunftssuche zugesagt.
Kantonale Jugendämter und Staatsarchive sollen den Betroffenen, die um Informationen und Akteneinsicht bitten, keine Gebühren mehr für diese Dienstleistung berechnen.
«Back to the Roots»
Das Bedürfnis nach Aufklärung spürt auch der Verein Back to the Roots, Link öffnet in einem neuen Fenster, der bisher Herkunftssuchen in Sri Lanka unterstützt hat. Die Vereinsarbeit wird nun erweitert. Neu sollen auch Personen beraten werden, die als Babys aus Indien zur Adoption in die Schweiz kamen.