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Wie charakterisieren Sie das Jahr 2014 mit Blick auf den Freiburger Arbeitsmarkt?
Wenn man unsere zwei Haupttätigkeiten betrachtet, die Überwachung des Arbeitsmarktes und die Arbeitslosigkeit, so herrschte eine relative Stabilität. Die Arbeitslosigkeit hat sich fast nicht entwickelt. Die Zahl der als stellensuchend gemeldeten Personen war Mitte Jahr bis auf ein paar Dutzend Personen die gleiche wie 2013. Demgegenüber hatten wir zwischen 2012 und 2013 für jeden Monat eine Differenz von 800 bis 1000 Personen. Bei der Kontrolle des Arbeitsmarktes haben wir auch keine besondere Entwicklung festgestellt. Aber bei den ausländischen Arbeitern, die aufgrund der Personenfreizügigkeit in die Schweiz kommen, herrscht zahlenmässig eine Steigerung.
Entspricht diese Stabilität der Entwicklung auf nationaler Ebene?
Bei der Arbeitslosigkeit herrscht auf nationaler Ebene Stabilität. Natürlich hat jeder Kanton seine Besonderheiten. In Freiburg haben wir das Glück, eine recht diversifizierte Wirtschaft zu haben. So schlagen sich Schwierigkeiten gesamthaft etwas weniger nieder.
Gab es im Verlauf des Jahres Entwicklungen in einzelnen Wirtschaftssektoren?
Es ist eine Tatsache, dass Freiburg als innovativer Kanton anerkannt wird. Aber es gibt gewisse Bereiche, die ans Ende eines Lebenszyklus kommen. Das war 2014 weniger spürbar, aber 2013 hatten wir ein typisches Beispiel mit Boxal, wo das Produkt der Firma das Ablaufdatum erreicht hat.
Ist auch die grafische Industrie an das Ende eines solchen Lebenszyklus gelangt?
In einigen Berufen ist es schwierig oder fast nicht möglich, Leute wieder zu platzieren, wenn sie arbeitslos werden. Ein Fotograf oder ein Typograf ist schwieriger, wieder im Arbeitsmarkt zu platzieren, als beispielsweise einen Elektromonteur. Arbeitslose Elektromonteure gibt es fast nicht. Tatsächlich erlebt die Druckbranche Konzentrationsprozesse. Im Fall der Zeitungsdruckerei St. Paul ist die Konzentration ausserhalb des Kantons erfolgt. Schumacher ist das Gegenbeispiel. Das Unternehmen wurde eines der grössten, weil es in der Vergangenheit andere Firmen übernommen hat, was es erlaubt hat, den Standort Schmitten zu halten. Das schliesst dann aber Umstrukturierungen nicht aus.
Freiburg wächst jährlich um 6000 Einwohner. Wie macht es der Kanton, dass er immer wieder neue Arbeitsplätze anbieten kann?
Die Strategie, sich auf bestimmte Cluster wie die Lebensmittelindustrie zu konzentrieren, das Schaffen von Mehrwert und Innovation, das führt zu neuen Einwohnern wie zu neuen Stellen. Wenn man an Liebherr, UCB Farchim oder Nespresso denkt: drei grosse Arbeitgeber in den verschiedenen Bereichen Mechanik, Pharma und Lebensmittel. Freiburg ist offenbar interessant geworden. Bezüglich der Bevölkerung ist die Entwicklung aber nicht in allen Regionen des Kantons gleich. Die Wirtschaftsregionen sind nicht mit den Kantonsgebieten deckungsgleich. Freiburg wird immer mehr beeinflusst durch den Kanton Waadt. Und Bern macht sich in Deutschfreiburg und dem Broyebezirk bemerkbar. Unsere Leute des RAV Murten betreuen immer mehr Personen, die zuletzt einen Berner Arbeitgeber hatten. Wir haben da auch Leute eingestellt, die den Arbeitsmarkt Bern gut kennen.
Nimmt man die Neuzuzüger auf dem Arbeitsmarkt wahr?
Unter den Neuzuzügern am zahlreichsten sind die Portugiesen. Sie kamen vor allem durch den dynamischen Bausektor nach Freiburg, und sie sind vernetzt. Sie kommen, und sie haben eine Arbeit. Wir haben aber in einigen dieser ausländischen Gemeinschaften beobachtet, dass oft neue Arbeitskräfte aus dem Ausland engagiert werden zulasten von denen, die schon länger in der Schweiz sind.
Sind die Personen, die heute Arbeit suchen, dieselben, die vor ein paar Jahren Arbeit suchten?
Es hat sich insofern etwas verändert, als wir heute eine bestimmte Zahl an Arbeitsuchenden haben–wenige zwar, weil wir fast Vollbeschäftigung haben–die mehr Schwierigkeiten haben. Gerade weil wir mehr schwer vermittelbaren Personen helfen müssen, verstärken wir unsere Zusammenarbeit mit anderen Dienststellen, die sich um Personen in Schwierigkeiten kümmern, bis hin zum letzten sozialen Netz, der Sozialhilfe. Rund die Hälfte der gemeldeten Fälle sind nach einem halben Jahr nicht mehr arbeitslos. Jeden Monat melden sich etwa 900 Personen neu als arbeitslos, und gleich viele melden sich wieder ab.
Weiss man, warum gewisse Personen mehr Mühe haben, wieder eine Stelle zu finden?
Je besser man ausgebildet hat, umso grösser sind die Chancen, Arbeit zu finden. Dann können gesundheitliche Probleme dazukommen, die alles erschweren. Aber nochmals: Der Anteil problematischer Fälle ist heute prozentual höher, weil es sonst fast keine Arbeitslosigkeit gibt. Null kann man nie haben.
Im See- und Sensebezirk ist die Arbeitslosenquote kantonsweit immer am tiefsten. Warum?
Das Staatssekretariat für Wirtschaft, Seco, hat Mühe, zuzugeben, dass Mentalitäten, Gewohnheiten und die Beziehung zum Staat mitspielen. Diese Beziehung zum Staat ist ganz klar verschieden zwischen der lateinischen und der Deutschschweiz. Bevor ein Sensler zum RAV geht, klopft er eher beim Nachbarn an, oder sein Nachbar geht auf ihn zu und bietet ihm Arbeit an. Der Französischsprachige hat eher die Tendenz, von seinem Recht auf Arbeitslosenversicherung Gebrauch zu machen. Das drückt sich in den Arbeitslosenzahlen aus.
Für einige traditionsreiche Freiburger Unternehmen war 2014 kein gutes Jahr: Polytype, Pavatex, Schumacher. Sie wählten verschiedene Wege, die Krisen zu lösen.
Es gibt nicht verschiedene Wege aus der Krise, aber verschiedene Krisen. Es wird nie ein Jahr geben, wo keine Firma in Schwierigkeiten gerät. Sicher: Wir müssen jeweils auf eine Situation reagieren, aber uns geht es vor allem darum, nahe bei diesen Unternehmen zu sein, um unsere Rolle als Unterhändler, Vermittler und Problemlöser zu spielen. Man hat bei Pavatex gesehen, wie die Intervention von Staatsrat Beat Vonlanthen es erlaubt hat, die Krise zu managen und das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Angestellten zu entspannen. Bei Polytype war es für uns ganz anders: Es gab ein anderes Umfeld. Wir haben da fast nur die entlassenen Personen beraten. Bei Ilford im Vorjahr waren wir zwar aktiv in der Unterstützung der Arbeiter, aber komplett machtlos gegenüber einer wirtschaftlichen Logik. Wenn es eine Krise gibt, dann muss man alle in ein Boot holen. In solchen Situationen sind fast alle Ämter der Volkswirtschaftsdirektion beteiligt. Man muss sich jedes Mal bewusst sein, dass es Arbeitgeber und Angestellte gibt. Es ist nicht an uns zu sagen, der Arbeitgeber ist böse, der Arbeitnehmer ist lieb, oder umgekehrt. Wir müssen da sein für den Arbeitsmarkt, und dazu gehören Firmen, aber auch Angestellte.
Bei Pavatex gab es einen Streik. Haben Sie den Eindruck, die Gewerkschaften treten härter auf als früher?
Wir sind täglich mit Vertretern beider Seiten in Kontakt. Im Alltag treten Gewerkschaften und Firmenleitungen moderat auf. Wir sind in Freiburg, und da kann man noch normal miteinander reden. Da spüre ich keine Verhärtung. Aber in dem Moment, wo eine Krise auftritt, da muss der Staat die Gemüter beruhigen. In einer Krise treten die Extrempositionen zutage, da treten auf beiden Seiten die alten Reflexe hervor. Das passierte kürzlich bei Pavatex. Da ist der Staat der einzige Partner, der sagen kann: Stopp, wir suchen eine Lösung!
Ebenfalls in der Schwebe ist die Situation bei Richemont, dem grössten Freiburger Exporteur, wo derzeit Kurzarbeit herrscht. Die Zahl der Betroffenen beunruhigt.
Wer eine Entlassung ankündigt oder um Kurzarbeit anfragt, geht immer vom Extremfall aus. Bei Polytype waren schliesslich weniger Personen betroffen als angekündigt. Das ist fast immer so. Als St. Paul die Einstellung des Zeitungsdrucks bekannt gab, sprach man von 50 Entlassenen. Heute ist man bei weniger als fünf Personen, die Ende Jahr als arbeitslos gemeldet werden. Noch letzte Woche fand eine 62-jährige Person von St. Paul eine neue Stelle. Bei Kurzarbeit ist es dasselbe. Die Firma in Schwierigkeiten deponiert bei uns ihr Dossier. Sie erklärt uns die Situation. Wir müssen überzeugt sein, dass das Loch temporär ist und dass es dann wieder aufwärtsgeht. Nur dann geben wir die Erlaubnis für Kurzarbeit. Aber wenn die Firma die Kurzarbeit beendet, übergibt sie uns die Abrechnung, was sie effektiv gemacht hat. Meistens ist es weniger Kurzarbeit, als zu Beginn angekündigt.
Wenn Sie bei Richemont Kurzarbeit genehmigt haben, waren Sie überzeugt, dass es eine temporäre Baisse ist?
Ja. Absolut. Dazu gibt es einen gesamtschweizerischen gesetzlichen Rahmen. Wenn ein Kanton eine falsche Einschätzung macht, dann interveniert das Seco. Es ist nicht ein Kanton nachsichtiger als ein anderer. Nach diesen Regeln wird auch Richemont behandelt. Sie sind zu uns gekommen, haben das Dossier vorgelegt; das war nach unserer Einschätzung akzeptabel, deshalb haben wir die Kurzarbeit genehmigt. Wenn die Firmen kommen, müssen sie komplette Dossiers vorlegen, die zum Teil sehr vertrauliche Informationen enthalten. Tun sie das nicht, lehnen wir ein Gesuch ab. Da braucht es eine Vertrauensbasis.
Schauen wir aufs kommende Jahr: Was macht Ihnen Sorgen, was Hoffnung?
Ich spüre keine Krise kommen. Wir sind immer noch in einer relativen Stabilität. Was mir am meisten Sorgen bereitet, sind die Krisen der einzelnen Firmen. Kein grosser Anstieg der Arbeitslosigkeit, sondern kleine Spitzen. Aber darauf sind wir wirklich gut vorbereitet. Innerhalb unseres Amtes und der Volkswirtschaftsdirektion funktionieren wir so, dass wir schnell auf Krisen reagieren können.
«Null Arbeitslosigkeit kann man nie haben.»
Charles de Reyff
Vorsteher Amt für den Arbeitsmarkt
«In einer Krise treten auf beiden Seiten die alten Reflexe hervor.»
Charles de Reyff
Vorsteher Amt für den Arbeitsmarkt
Schumacher: Das Personal hilft dem Arbeitgeber
D er schwache Euro, die ausländische Konkurrenz, der Abgang eines Grosskunden: die Buchbinderei Schumacher in Schmitten macht schwere Zeiten durch. Dennoch scheint die Zukunft vorerst gesichert. Als Teil eines Aktionsplans verzichtet ein Grossteil der Angestellten auf den 13. Monatslohn. Dieser soll ausbezahlt werden, wenn es der Firma wieder besser geht. Weiter will Schumacher den Verkaufssektor stärken und auslagern, was nicht zum Kerngeschäft des Unternehmens gehört. uh
Pavatex: Schliessung der Produktion in Freiburg
D er Holzfaserplattenhersteller Pavatex schliesst sein Werk in Freiburg auf Ende 2014. 45 von 80 Arbeitsplätzen gehen dabei verloren. Die Produktion findet künftig in Cham und in Frankreich statt, nur das operative Zentrum bleibt in Freiburg. Die Firmenleitung wollte keinen Sozialplan für ihre Mitarbeiter ausarbeiten, und die Gewerkschaft Unia war von den Verhandlungen ausgeschlossen. Erst nach einem mehrtägigen Streik fanden sich die beiden Seiten. Die Entschädigungen ans Personal sollen verbessert werden. uh
Sparmassnahmen: Jetzt sind die Schulen betroffen
D er Kanton hat im Februar sein zweites Paket an Struktur- und Sparmassnahmen vorgestellt. Dieses Mal stand das Bildungswesen im Mittelpunkt. Mit 14 kurzfristigen Massnahmen wie etwa grösseren Klassen will der Staatsrat mehr als 40 neue Lehrerstellen und vier Millionen Franken einsparen. Betroffen sind vor allem die Primar- und Gymnasialstufen. Im April gingen rund 2000 Demonstranten dagegen auf die Strasse. Die Freiburger Lehrer reichten anschliessend eine Petition mit über 7000 Unterschriften ein. uh
Gewerkschaften: Zwist zwischen Fede und VPOD
D ie Personalverbände des Staatspersonals (Fede) und des öffentlichen Dienstes (VPOD) liegen sich in den Haaren. Nachdem sie vor anderthalb Jahren keine gemeinsame Linie gegen die Sparmassnahmen des Kantons fanden, enthob erst der VPOD Schweiz den Freiburger Fede-Präsidenten Bernard Fragnière seiner Funktion als Zentralsekretär. Dann die Retourkutsche: Die Fede Freiburg will mit einer Statutenänderung den Einfluss des VPOD schwächen. Eine Lösung ist nicht in Sicht. uh
Steuern: Der Kanton rollt Firmen den roten Teppich aus
B is fast zum Jahresende hat der Kanton mit der Ankündigung gewartet: Im Zuge der Unternehmenssteuerreform senkt Freiburg die Gewinnsteuern für Unternehmen auf 13,72 Prozent. Dies sind sechs Prozentpunkte weniger als bisher. Es ist einer der tiefsten Sätze schweizweit. Vorerst bringt dies weniger Einnahmen an Steuern und aus dem Finanzausgleich. Dafür erhofft sich die Freiburger Regierung mehr Gelder durch den Zuzug neuer Firmen. Die Umsetzung erfolgt frühestens 2019, wenn die Vorgaben des Bundes klar sind. uh