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Glückwunsch zum Nobelpreis!
1920 wurde Carl Spitteler als erstem und bis heute einzigem gebürtigen Schweizer der Nobelpreis für Literatur verliehen. Bei vielen Zeitgenossen vermag diese Information Erstaunen auszulösen, denn erinnert man sich zwar zumeist, Carl Spitteler bereits einmal auf einem Strassenschild angetroffen zu haben, doch gerät man, nach dem Titel eines seiner Werke gefragt, rasch ins Grübeln. Zur Verteidigung derer, die sich diese Wissenslücke teilen - darunter übrigens auch durchaus bibliophile Individuen -, ist allerdings vorzubringen, dass Spittelers Werk bei Weitem nie die Breiten-, Tiefen oder eben: Langzeitwirkung eines Keller, Meyer, Dürrenmatt oder Frisch erreicht hat und sich dieses schon seit geraumer Zeit keiner breiteren Lektüre mehr erfreut. Als Ausdruck dieses kollektiven Vergessens sind denn auch seine in den 1950er-Jahren von der Eidgenossenschaft herausgebrachten Gesammelten Werke vergriffen und nur noch antiquarisch zu erhalten.
Bereits Zeit seines Lebens war Carl Spitteler ein, an der Größe und am Anspruch seines Schaffens gemessen, relativ erfolgloser Schriftsteller, dessen Erstling, das in rhythmischer Prosa verfasste Epos hohen Stils Prometheus und Epimetheus, praktisch gar nicht rezipiert wurde. Spitteler, der sich selbst als Dichter sah und sich sowohl den traditionellen als auch den modernen Strömungen rigoros verwahrte, bliebt angesichts seiner prekären Vermögensumstände denn auch kein anderer Ausweg als sich der literarischen Wirklichkeit anzupassen: Er wurde Lehrer, arbeitete als Feuilletonist, unter anderem bei der Neuen Zürcher Zeitung, und wendete sich zwischenzeitlich auch dem Prosarealismus zu. Sein Trachten blieb jedoch stets auf die Poesie gerichtet und er empfand es als „Beleidigung seines innersten Wesens", dass die Öffentlichkeit den Feuilletonisten Spitteler früher (an-)erkannte als den Dichter.
Die Heirat mit der Holländerin Marie Op den Hooff, die einer begüterten Familie entstammte, sorgte schließlich für weitgehende materielle Unabhängigkeit und dafür, dass die literarischen (durchaus erfolgreichen!) Anpassungsversuche vom nächsten mythologisch-epischen Großprojekt, dem Olympischen Frühling verdrängt wurden. Es war dieses Monumentalwerk, das Spitteler 1905 nach 13-jähriger Schaffenszeit veröffentlichte, welches ihm im Jahre 1920 den für 1919 ausgesetzten Nobelpreis einbrachte.
Doch wie die Prometheus-Dichtung war der Olympische Frühling das Werk eines Außenseiters, über dem sich die Geister schieden, und der Publikumserfolg, der dazu noch umstritten war, dauerte bloß wenige Jahre. Daran änderte auch die Verleihung des prestigeträchtigen Preises nichts, die Spitteler zwar auf den Höhepunkt des Dichterdaseins beförderte, jedoch keine intensivere Rezeption seines dichterischen Werks zur Folge hatte. Es ist wohl keine abwegige Annahme, dass der Preis vielmehr eine politische Auszeichnung für die Person Spitteler, der sich 1914 in ihrer berühmten Rede über den Schweizer Standpunkt als Verfechter der Schweizer Neutralität hervorgetan hatte und in der Folge zum geistigen Vater des Neutralitätsgedankens stilisiert wurde, als eine Anerkennung seines dichterischen Schaffens war.
Nicht nur weil er der einzige Schweizer Literaturnobelpreisträger ist, sondern auch in Anbetracht seines durchaus lesenswerten (und entgegen den gängigen Vorurteilen: lesbaren) Werkes, das sich darüber hinaus durch eine bemerkenswerte Aktualität auszeichnet, ist es Carl Spitteler zu wünschen, dass sein Schaffen in Zukunft wieder mehr Resonanz findet und dieser so zu dem Andenken gelangt, das ihm gebührt.
Das Brief-Dokument entstammt dem Archiv Carl Spitteler, dessen Inventar in absehbarer Zeit digital zugänglich werden soll.
Jeannine Hauser