Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03203.jsonl.gz/9

Interaktive Karte Vollansicht [ Friends only ]

Der Schock
Wir schreiben den 12. März 1938. Adolf Hitlers Wehrmacht marschiert in Österreich ein und schon zwei Tage später hält der nunmehr "Führer und Reichskanzler des Grossdeutschen Reichs" seinen
triumphalen Einzug in Wien. Der Ruf "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" erscholl unmissverständlich von dem einst friedlichen Nachbarn Österreich über den Rhein herüber. Die Art und Weise dieses
"Anschlusses" löste vor allem im Rheintal einen psychologischen Schock aus.
Spätestens jetzt hatten die Soldaten der neu geschaffenen Grenzbrigade 8 die sogenannte "Grenzzone" bewusst wahrgenommen. Im St.Galler Rheintal und besonders rund um das Bruggerhorn lag für den
grössten Teil der männlichen Bevölkerung der tägliche Arbeitsplatz nicht weit vom soldatischen Einsatzraum für den bedrohlich gewordenen Ernstfall. Die Bevölkerung war zutiefst verunsichert und
es mussten Zeichen gesetzt werden.
Das Bruggerhorn wird befestigt
Spätestens seit der Rheinkorrektur Anfang des 20. Jahrhunderts war das Bruggerhorn zum Einfallstor im Osten der Schweiz geworden. Eine Eisenbahnbrücke und drei Strassenbrücken führten vom
benachbarten Lustenau in diesem Abschnitt über den Rhein an die Schweizer Grenze. Zwei weitere Brücken bei Fussach lagen auf österreichischem Gebiet, so dass sie nicht durch die Schweizer Armee
gesprengt werden konnten. Somit war die Wehrmacht mit einem Fuss schon über dem schützenden Rhein.
Eine erste Massnahme war die Sicherung sämtlicher Rheinbrücken durch "Brückenwachen" in Form von sogenannten Leichtständen. Diese Bunker vom Typ Schindler - auch Zuckerstock genannt - waren mit 2
Lmg ausgerüstet und hatten im Ernstfall die Sprengung der Brücken sicher zu stellen. Diese - wenn auch schwachen Werke - bewirkten bei der Bevökerung ein Aufatmen und man empfand sie als ein
ermutigendes Zeichen der Selbstbehauptung. Daneben wurden sämtliche Brücken durch Tank-Barrikaden und Sprengobjekte gesichert.
Das wichtigste Signal wurde aber mit dem Bau des Artilleriewerks Heldsberg gesetzt. In relativ kurzer Zeit wurde von 1939 bis 1941
ein Artillerie-Kasemattenwerk mit vier 7.5 cm Bunkerkanonen errichtet. Aufgeteilt in je eine Batterie Nord und Süd war das Werk so angelegt, dass sämtliche Rheinbrücken von Bregenz bis
Kriessern unter Beschuss genommen werden konnten. Damit sollte sichergestellt werden, dass der Wehrmacht der Rheinübergang - auch in der "Ostmark" - verwehrt war. Sekundär konnten die
Bunkerkanonen auch zur direkten Panzerabwehr eingesetzt werden. Dazu verfügten sie über Zielfernrohre. Zur Aussenverteidigung und Sicherung des Vorfelds am Bruggerhorn wurden noch drei MG- und
zwei Pak-Werke errichtet.
Wirkungskarte des AW A5850 Heldsberg (1:100'000) [ Friends only ]
Panoramaansicht Artilleriewerk A5850 Heldsberg - Bttr Süd
In einer zweiten Bauetappe wurden von Rheineck über Berneck bis Altstätten durch die Truppe zahlreiche MG-, Lmg- und IK Stände aus Beton errichtet.
Plan A5831
Plan A5832
Plan A5841
Plan A5843 [ alle Friends only ]
Wie stark die Befestigungen am Bruggerhorn eingestuft wurden, zeigt ein Auszug aus den Angriffstudien der Wehrmacht. In der Studie des OKW ist zu lesen:
Ein Angriff über den Rhein nur aus ostwärtiger Richtung zwischen Bodensee und Sargans ist wegen des gebirgigen Geländes und den starken Befestigungen bei Rheineck
und Sargans nicht zu empfehlen.
Noch deutlicher drückt es eine Studie der Heeresgruppe C aus:
Ein an sich erwünschter Angriff über Rheineck (kürzester Weg in die Feindflanke) verspricht bei den sehr starken Befestigungen keinen Erfolg!
Damit haben die Anlagen der Grenzbrigade 8 vom Bodensee über Rheineck bis hinauf zum Stoss ihren Auftrag erfüllt, ohne dass ein Schuss fiel. Der Krieg ging zu Ende und im Tagebuch des Grenzregiments
58 wurde am Schluss vermerkt:
Aber die Friedensfreude ist nicht überbordend, sondern gedämpft; denn der Krieg war fürchterlich, und das Elend überm Bodensee ist zu tragisch, als dass man an
der Grenze laut jubeln und jauchzen könnte.

Kartenausschnitt St.Margrethen, Au, Berneck (1:25'000) [ Friends only ]

Sicherung des Bruggerhorns im Kalten Krieg
Während sich die Truppen der Grenzbrigade 8 in den 50er Jahren wegen der veralteten Ausrüstung - im Vergleich zur Feldarmee - als das "Armenhaus der Armee" empfanden , erfolgte mit der Armee 61 eine
erhebliche Aufwertung. Die Grenzbrigaden wurden zu einem operativen Sperrverband, der mit Geländeverstärkungen, vorbereiteten Zerstörungen, mit Stützpunkten und Sperren einen angreifenden Gegner ab
Landesgrenze aufzuhalten hatten. Dies führte dazu, dass im gesamten Brigaderaum und auch rund um das Bruggerhorn die Baumaschinen auffuhren. Überall wurden Waffenstellungen, Betonunterstände,
Atom-Schutz-Unterstände (ASU), Sprengobjekte und Panzerbarrikaden erstellt. Bis Mitte der 70er Jahre war so die ganze Grenzbrigade 8 "unter Boden". Auch die Waffen in den Werken wurden inzwischen
modernisiert und MG 51 sowie 9 cm Pak eingebaut.
Ein grosses Problem im Kalten Krieg dürften die beiden nördlichen Rheinbrücken auf Vorarlberger Gebiet gewesen sein. So wie die See-Brücken in der Stadt Konstanz, waren auch diese Brücken eine
Archillesferse bei den Schweizer Verteidigungsplänen. Wäre die Rote Armee in Besitz dieser Brücken gekommen, so hätte sie mit ihren Panzern praktisch ungehindert bei St. Margrethen über den Alten
Rhein setzen können. Dieser kann nämlich mühelos mit einem Brückenlegepanzer überquert werden und die Panzerverbände wären schon auf der Autobahn gewesen. Daher ist anzunehmen, dass - so wie die
Kollegen von der Grenzbrigade 7 Vorsorge trafen, im Notfall auf Deutsches Gebiet vorzurücken und die Brücken zu sprengen - auch die Grenzbrigade 8 Pläne hatte, auf dem Rheindamm vorzurücken und
diese zwei wichtigen Rheinbrücken notfalls in die Luft zu jagen.
Mitte der 70er Jahre wurde der Heldsberg als Artilleriewerk ausser Dienst gestellt. Die Munition für die 7.5 cm Geschütze musste wegen Materialermüdung zurückgezogen werden und es wurde keine neue
mehr produziert. Als Ersatz wurden daher im Hinterland des Bruggerhorns mehrere moderne 12 cm Festungsminenwerfer errichtet. Wie das AW Heldsberg, so waren auch die 12 cm Festungsminenwerfer in
der Lage, die Brücken am Rhein diesseits und jenseits der Grenze mit Feuer zu belegen.
Flugaufnahmen vom Bruggerhorn und Heldsberg [ Friends only ]
Auswirkungen des Autobahnbaus auf das Bruggerhorn Mitte der 60er Jahre
Das Bruggerhorn Heute

[ Flugaufnahmen 50er Jahre aus dem Vorarlberg Atlas ]

Am Bruggerhorn änderte sich mit der Zeit die taktische Situation. Ab Mitte der 60er Jahre wurde die Autobahn A13 erstellt. Dies führte dazu, dass die alten Rheinbrücken abgerissen wurden und bei Au
ein neuer leistungsfähger Übergang gebaut wurde. Die Leichtstände A5860 und A5861 verloren so ihre Bedeutung. Im Jahr 1966 wurde dann noch direkt an der Autobahn ein neuer MG Bunker erstellt. Dieser
deckte an Stelle des inzwischen abgerissenen A5861 die neue Rheinbrücke und erhielt vom alten Leichtstand seine A-Nummer. Der neue A5861 ist somit der jüngste MG-Bunker am Rhein. Seine Tarnung als
"Pumpstation" hat dazu geführt, dass er selbst 15 Jahre nach seiner Entklassifizierung immer noch dafür gehalten wird.

Beim Bau der Autobahn Mitte der 60er Jahre mussten zahlreiche Bunker der Autobahn weichen. So sind 7 Lmg Bunker vor dem Bau abgerissen worden, und nochmals 2 Anfang der 90er Jahre. Alte Luftaufnahmen
aus der Zeit des Baus zeigen, dass die beiden Bunker A5839 und A5840 - welche heute direkt an der Autobahn stehen und einen Tarnaufbau haben - damals noch ungetarnt waren. Offenbar wurde die Tarnung
erst nachträglich (ab 1967) erstellt um die Bunker vor den Augen der neugierigen ausländischen Autofahrer zu verbergen.
Das Land Vorarlberg gibt uns mit seinem Vorarlberg Atlas die Möglichkeit das Rheintal heute noch so zu sehen, wie es in
den 50er Jahren aus der Luft ausgesehen hat. Dazu wählt im Feld "Karte wählen" die Rubrik "Luftbilder 50er Jahre" und navigiert euch zur Grenze am Rhein. Das geübte Auge wird schnell die Bunker
finden. Im Raum Bruggerhorn und Au sind so z.B. noch die abgebrochenen Bunker A5842 und A5861 zu sehen.
Und wie sieht es heute in St. Margrethen und am Bruggerhorn aus? Die Zeiten sind ruhig und friedlich geworden, so auch am Bruggerhorn. Heute ist es ein Naherholungsgebiet mit Badeanstalt,
Campingplatz, Tennisplatz und vielem mehr. Einige der über 40 Bunker in und um St. Margrethen sind abgerissen und verschwunden. Andere aber stehen zugewachsen am Rheindamm, in Gärten, im Ort
selber und an der Autobahn, wo täglich tausende Autos vorbei fahren, ohne von der Anwesenheit der vergessenen Igel zu ahnen.
Einige der Anlagen befinden sich inzwischen in Privatbesitzt und andere werden durch den Verein Festungsmuseum Heldsberg liebevoll wieder restauriert und ausgerüstet. Ein ganz besonderes Kleinod
ist der Bunker A5847 Ottersbach. In 6 jähriger und mühevoller Arbeit ist der Bunker in einer Detailtreue wieder hergerichtet worden, die auch uns beeindruckt hat.
Fotos der Anlagen am Bruggerhorn im Fotoblog
Vier der Bunker haben eine ganz besondere Lage mit sehr viel "Verkehr":
Der erste direkt in der Lärmschutzmauer an der A1 (A5833), der zweite (A5840) gut getarnt als Schuppen direkt 2 Meter neben der Autobahn A13 beim Ölrückhaltebecken Bruggerhorn, der dritte (A5857
Monstein) direkt neben und über dem gleichnamigen "Freudenhaus" an der Hauptstrasse am Ortseingang Au und der letzte (A5861) getarnt als Pumpstation direkt an der Autobahn A13.
Panoramaansicht Situation Autobahn A1 bei St. Margrethen

Kapitel Hauptseite
Artilleriewerk A5850
Heldsberg
Bunker und Sprengobjekt
Rheinbrücken
St.Margrethen
Abschnitt Ost
Sprengobjekte und
F-Anlagen
St.Margrethen
Abschnitt West
St.Margrethen A5847
Ottersbach Innen
Anlagen Au
Abschnitt Ost
Anlagen Au
Abschnitt West
Bunker Berneck