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PIETRO RAIMONDI (1786 – 1853)
Pietro Raimondi, am 20. Dezember 1786 in Rom in ärmlichen Verhältnissen geboren, kann dank der Unterstützung einer Tante an einem der damals europaweit renommierten Konservatorien Neapels, dem Conservatorio della Pièta dei Turchini bei Gicomo Tritto studieren, einem seinerzeit wohl berühmtesten Vertreter der sogenannten Neapolitanischen Schule, der auch Lehrer von Vincenzo Bellini, Saverio Mercadante, Giacomo Meyerbeer und Gaspare Spontini war. Schon bald entwickelt er ein Faible für Kontrapunkt und fugierten Stil, äusserst komplexe, aber allmählich aus der Mode geratende Kompositionstechniken.
Ab 1806 aber bleibt die verwandtschaftliche Unterstützung aus, der mittlerweile Zwanzigjährige reiste von Neapel nach Rom und später nach Genua, wo er ihm gelingt, zwei vielbeachtete, leider verschollene Opern zur Aufführung zu bringen.
Ein geistliches Werk für acht Stimmen, Doppelkanon und zwei Orchester von 1810 lässt bereits den künftigen Sakralkomponisten und Kontrapunktiker erahnen.1811 kehrt er nach Neapel zurück, wo er mit einem Unterbruch von ein paar Jahren bis 1833 als Kapellmeister im sizilianischen Acireale bleibt. In einer Doppelfunktion unterrichtet er als Dozent am Konservatorium und leitet als Musikdirektor die königlichen Theater von Neapel, San Carlo, Nuovo und del Fondo.
Neben eigenen Opern bringt er auch Werke seiner Zeitgenossen zur Aufführung, in die er – dem Zeitgeist und oft auch den Wünschen einzelner Sänger entsprechend – zusätzliche Arien aus eigener Feder einfügt. Denkwürdig sind in diesem Zusammenhang seine Eingriffe in Vincenzo Bellinis Il pirata anlässlich der neapolitanischer Erstaufführung im Jahr 1828, was ihm den Zorn des jungen hochtalentierten und äusserst empfindlichen und nachtragenden Komponisten zuzieht.
Vincenzo Bellini (1801-1835)
Vincenzo Bellini (1801-1835)
Nachhaltiger als das operistische Schaffen ist Raimondis Lehrtätigkeit mit Schwergewicht Kontrapunkt und Sakralmusik. Aufgrund seiner kontrapunktischen Meisterschaft soll ihm Rossini sogar die Mitarbeit an der grossen Schlussfuge seiner Messa di Gloria (1820) übertragen haben, was zwar nicht restlos gesichert aber in Anbetracht von Rossinis Gepflogenheit, bei notorischem Zeitdruck seine Komponistenkollegen einzuspannen, plausibel scheint.
Jedenfalls unterstreicht es Raimondis Ruf als geschätzter Kontrapunktiker seiner Zeit. Und obwohl Rossini Raimondis Bühnenwerke eher kritisch bewertet hatte, setzt er sich nach dessen Tod am 30. Oktober 1853 für eine Aufführung und den Druck von dessen Oratorium Putifar-Giuseppe-Giacobbe ein, einem epochalen dreiteiligen Werk über die Josephslegende, dessen einzelne Teile nacheinander oder simultan miteinander aufgeführt werden konnten – gedacht, wenn nicht gar als eine Art Wiedergeburt der polyphonen Meisterschaft Palestrinas, so doch als ein aussergewöhnlich artifizielles kompositorisches Experiment. Eine Realisation dieser Simultantechnik auf der Opernbühne versucht er in einer simultan aufzuführenden «Doppel»-Oper, bestehend aus einer Buffa und einer Seria, die jedoch unvollendet bleibt.