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CSG. 51.104.201. Direktionsprotokolle der Bank Leu
Information Independent Commission of Experts Switzerland-Second World War (ICE) (UEK)
Info UEK/CIE/ICE ( deutsch français italiano english): ________________________
[Kommentar: Die folgenden Auszüge betreffen die Beziehungen der Bank Leu zu einer Filiale des Alsberg-Konzerns in Dresden - alle kopiert]
*23.5.1933 : Direktor Diggelmann: Der Umsatz des Textilhauses Alsberg sei aufgrund der "antijüdischen Bewegung" um 30-40% zurückgegangen. "Von nationalsozialistischer Seite" sei nun folgender Vorschlag gemacht worden. Gründung einer Betriebs-GmbH mit einem Kapital von 500'000RM. Die alte Gesellschaft bringt waren im Wert von 2.2 Millionen RM ein, wogegen die neue Gesellschaft Schulden von total 1.7 Millionen Franken übernimmt. Das Kapital der neuen Gesellschaft werde zu 51% von zwei neuen "arischen Gesellschaften" übernommen, die alten Gesellschafter würden 49% behalten. Der Kaufpreis der neuen Gesellschaft soll auf 5 Jahre gestundet werden, maximal jedoch mit 4% verzinst werden. Die neue Gesellschaft pachtet die Geschäftsgrundstücke von der alten Firma zu einem nach dem Umsatz und den Unkosten & Steuern abgestuften Pachtpreis. Die Finanzgläubiger der alten Gesellschaft behalten die alten Sicherheiten (d.h. im Falle der Bank Leu, die Hypothek), müssten aber ihre Forderungen für 5 Jahre stunden. Zudem soll ihr Vorschuss nur soweit möglich, höchstens aber mit 4%, verzinst werden.
Für die Bank Leu sei der Vorschlag unannehmbar, und zwar vor allem aufgrund des letzten Punktes. Die Bank wird sich zunächst mit den anderen Schweizer Konsorten abstimmen und dann zu einem Beschluss kommen.
*24.5.1933 : Diggelmann berichtet: Die Bank Leu ist zusammen mit anderen Schweizer Banken und Finanzgesellschaften unter der Leitung des Bankhauses M.M. Warburg & Co. an einem Konsortialvorschuss von total 1.6 Millionen US$ beteiligt. Die Schweizeranteile setzen sich folgendermassen zusammen: Schweizerische Bankverein SBV 100'000.- US$ Thesaurus 50'000.- US$ Bank Leu 300'000.- US$ Total 450'000.- US$ In Schweizerfranken betrug das totale Engagement der Schweizer Banken rund 2.3 Millionen Franken. Der restliche Betrag von 1.15 Millionen US$ setzte sich aus amerikanischen, englischen und holländischen Geldgebern zusammen. Der Alsberg-Konzern habe diesen Vorschuss zur Erstellung eines neuen Geschäftshauses gebraucht, auf welchem zu Gunsten des Konsortiums eine 1. Hypothek aufgenommen wurde. Der Konzern habe sich überbaut und sei nicht mehr in der Lage, die vertraglichen Zinsen von 81/4 %p.a. zu begleichen. Die Gläubiger hätten einer Ermässigung von 4% zugestimmt. "Seither hat nun aber die Boykottierung der jüdischen Geschäfte in Deutschland sich bei dieser Firma katastrophal ausgewirkt und den Umsatz auf ca. 1/3 des Normalen heruntergedrückt; das Geschäft ist von der Notwendigkeit des Schliessens und der Entlassung des ganzen Personals (ca. 1000 Personen) bedroht." Direktor Ruppert [Bank Leu] habe sich daraufhin, auf dringendes Ersuchen von Warburg, nach Berlin begeben. An der Sitzung mit dem Vertreter von Warburg habe man ihm mitgeteilt, "dass unter dem Druck der nationalsozialistischen Parteileitung folgendes Projekt durchgeführt werden soll". [Änderung gemäss Plan vom 23.5.1933] Die Bank möchte grundsätzlich auf die "Gründung der Betriebsgesellschaft" eintreten, aber zu besseren Konditionen. Gegenvorschläge sollen gemacht werden.
*23.5.1933: Diggelmann: Die Schuldner (Alsberg) hätte der Bank Leu einen neuen Vorschlag unterbreitet. Möbius, ein "angesehener Textilfachmann" sei bereit, ihnen 400'000.-RM vorzuschiessen, sofern die Banken ebenfalls einen Kredit von 400'000.-RM gewähren. Die Bank Leu möchte aber nur zu einem reduzierten Betrag sich beteiligen, in Anbetracht dessen, dass dadurch kein Ausfall der Zinszahlungen eintreten würde, wäre das von Vorteil. Diggelmann, berichtet noch einmal von einem "Boykott gegen die nicht arischen Unternehmen", gleichzeitig beantragt er den Vorschlag zu prüfen und Informationen über Möbius einzuholen. Falls der Kredit von 400'000RM gewährt würde, wäre Leu mit 100'000.-RM beteiligt.
* 28.7.1933: Diggelmann berichtet: Ein Dr. Hirschfeld von der "Deutsche Warentreuhand A.G." habe sich mit der englischen Gläubigergruppe verständigt, die sich für die Reorganisation eingesetzt habe. Das Warenlager der Alsberg müsse mit 1 Million RM übernommen werden, deshalb habe Möbius kein Interesse mehr. Dagegen habe ein neuer Interessent 200'000RM angeboten, wenn die Banken sich mit 600'000 RM beteiligen würden. "Der Referent [Direktor Diggelmann] weist neuerdings daraufhin, dass wir uns in einer Zwangslage befinden, da uns die Übernahme des Kaufhauses droht, wenn wir nicht neue Mittel zur Verfügung stellen. Er beantragt daher die Angelegenheit auf einer etwas veränderten Basis weiterzu verfolgen". Zustimmung.
*15.8.1933: Bei dem deutschen Interessenten handelt es sich um einen Rudolf Ackermann, "der allerdings nur Vorgeschobener einer Fabrikantengruppe" sei, die nach aussen hin nicht in Erscheinung treten wolle. Die Gruppe würde sich mit RM 200'000 an der neuen Gesellschaft beteiligen. Die englische Gruppe sei damit einverstanden, sofern sich die anderen Konsorten auch einverstanden sind. Die amerikanische Gruppe habe es dagegen abgelehnt, sich an der Finanzierung zu beteiligen. Die Bank Leu möchte zunächst das Einverständnis der amerikanischen Gruppe erreichen, um erst dann eine Entscheidung zu treffen (vgl. 16.8.1933. ZFA 51.104.201)
*6.9.1933 : Die Bank ist - nach gemeinsamen Gesprächen zwischen dem Schweizerischen Bankverein und Dr. Fritz Miller [deutscher Rechtskonsulent für die Bank Leu] - zum Schluss gekommen, sich am neuen Arrangement zu beteiligen. Die amerikanische Gruppe, die gegen das Arrangement eingestellt war, hat sich bereit erklärt, zurückzutreten. Die neue Betriebsgemeinschaft soll den Namen "Modehaus Möbius GmbH" erhalten. Die Zusammensetzung des Vorstandes setzt sich aus Möbius selbst, seinem Schwiegersohn Höltsch, Ackermann "dem nationalsozialistischen Textilfachmann" und Lifmann, dem Modefachmann der alten Firma zusammen. Bank Leu ist genau über den Gehalt des Vorstandes unterrichtet und an der neuen Gesellschaft beteiligt. Die "Vertreter der nationalsozialistischen Partei" hätten sich verpflichtet "sich für die sofortige Aufhebung einzusetzen".
*6.10.1933 :Die Devisengenehmigungen sei eingetroffen. Dr. Fritz Miller legt Zeitungsausschnitte vor, "mit welchem Aufwand die nationalsozialistische Partei versucht, das gleichgeschaltete Modehaus Möbius ihren Anhängern" zu empfehlen. Spiegelberg [Vertreter der Bank Warburg & Co.] ist der Ansicht, "dass zufolge des Bestrebens nicht-arischer Kreise, sich möglichst flüssig zu halten, in nächster Zeit sehr viele Grundstücke auf den Markt geworfen würden und dadurch ein starker Druck auf den Liegenschaftspreis ausgeübt werde". Spiegelberg empfiehlt deshalb "nicht die Investierung in Hypotheken, sondern eher den Aufkauf von deutschen ersten Aktien".
*22.5.1934 : Nachdem die Beteiligung der Firma Gebrüder Arnhold [Lieferant der Gebrüder Alsberg] beseitigt worden sei, hofft die Möbius AG nunmehr auf die Bewilligung der Bedarfsbedeckungsscheine.