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Manchmal bereiten die Bücher des französischen Philosophen Michel Serres ein einzigartiges Vergnügen, manchmal etwas weniger, weil sie – offen gesagt – doch etwas gar abgehoben sind. In „Der Parasit“ hat er die Störung der Kommunikation und das Problem der Unordnung abgehandelt, in „Genèse“ (leider bisher nicht übersetzt) die Frage untersucht, wie aus dem Chaos Form entsteht.
Serres war Seefahrer, wie er gern betont, hat Mathematik studiert und ist Philosoph geworden. Sein Bestreben war es stets, die Natur- und Geisteswissenschaften in einer Art „Nordwest-Passage“ zu versöhnen. So hat er zum Beispiel in „Feux et signaux de brumes“ den Roman „Doktor Pascal“, den letzten Band der „Rougon-Macquart“-Reihe von Emile Zola, mit der Thermodynamik erklärt – bestechend!
In „Eclaircissements“, das unter dem Titel „Abklärungen“ jetzt in einer von Gustav Rossler besorgten deutschen Übersetzung vorliegt, gibt er im Gespräch mit Bruno Latour einen Rückblick auf seinen Werdegang und sein Denken.
Auch hier steht wieder der Versuch, Naturwissenschaften und Philosophie beziehungsweise Literaturwissenschaft zusammenzuführen, im Mittelpunkt – die berühmten „Zwei Kulturen“ von C. P. Snow. Aus diesem Grund geht er zum Beispiel mit Verachtung über Jean-Paul Sartre hinweg, dem er vorwirft, von den wissenschaftlichen Fortschritten keine Ahnung gehabt, sich nur über eine „obligatorische Ethik“ ausgebreitet und auf diese Weise die Ankunft des Neuen verhindert zu haben.
Wer heute die Wissenschaft ignoriert, begeht einen grossen Fehler. Serres weiss aber auch: Der Fortschritt wird erzielt durch die von den Wissenschaften „Ausgeschlossenen und die Opfer ihrer Institutionen“.
Mit Luzidität setzt er sich für eine Philosophie ein, die nicht auf die Fallen der Tagesaktualität hereinfällt, sich nicht an den intellektuellen Debatten beteiligt und keine „Gazetten“ liest. Das Neue kommt aus der Wüste und der Einsamkeit. Die Philosophie sucht Weisheit und hält sich vor allem an das Poetische und sinnlich Fassbare, wie Serres es in „Die fünf Sinne“ ausgeführt hat.
Das ist alles einleuchtend, auch bezaubernd, sogar bewundernswürdig. Trotzdem bleibt stellenweise ein unbefriedigender Eindruck zurück. Im Rückzug aus den Tagesgeschäften überlässt Serres die Welt ihrem trüben Schicksal. Man kann das bis zu einem gewissen Grad verstehen. Unverständlich bleibt dagegen, wie Serres diejenigen abkanzelt, die sich nicht wie er die Hände schmutzig machen und es sich in der vornehmen Isolation gut gehen lässt.
Michel Serres: Aufklärungen. Fünf Gespräche mit Bruno Latour. Merve Verlag.