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Das leidenschaftliche Spiel mit den Wörtern|
Die Geschichte des Kreuzworträtsels

Seit der Antike haben die Menschen Spass daran, knifflige Spiele mit Wörtern zu treiben. So experimentierten die alten Griechen mit Buchstabenquadraten, die senkrecht und waagrecht gelesen die gleichen Wörter enthielten. Später versteckten Schiller und Goethe in ihren Werken literarische Knobeleien. |
Am 14. September 1890 erschien in der italienischen Zeitschrift "Secolo Illustrato della Domenica" ein kleines, quadratisches Rätsel des Journalisten Giuseppe Airoldi, das schon stark an ein Kreuzworträtsel erinnert. Rätsel dieser Art findet man immer wieder und man nannte sie "doppeltes magisches Quadrat" - doppelt, weil die Fragen senkrecht und waagrecht verschieden sind. ("Magische Quadrate" enthalten Wörter, die sowohl waagrecht wie senkrecht verlaufen.)
Das erste Kreuzworträtsel erschien am 21. Dezember 1913 in der Zeitung "New York World". Ein Journalist namens Arthur Wynne wurde eines Tages von seinem Chef beauftragt, sich einen netten Zeitvertreib für die Leser der Weihnachtsbeilage auszudenken. Zwei Tage brütete er vor sich hin und kreierte schliesslich aus 31 Such- begriffen ein rautenförmiges Wortspiel, das er "Word-Cross Puzzle" nannte.
Wenn Sie dieses erste Kreuzworträtsel lösen möchten und Ihnen die englische Sprache keine Schwierigkeiten bereitet, laden Sie hier das PDF herunter und drucken Sie es aus. Ich habe das Rätsel für Sie restauriert und gut lesbar gemacht.
Das neue Rätsel war auf Anhieb ein Erfolg und immer mehr Zeitungen taten es der "New York World" gleich und druckten ebenfalls ein Kreuzworträtsel. Im Februar 1922 erschien das erste Waagrecht-Senkrecht-Spiel erstmals in Europa und zwar im britischen "Pearson's Magazin". 1925 folgte das erste Rätsel in Frankreich und am 12. Mai 1929 in Russland.
Doch so richtig populär wurde das Rätsel 1924, als zwei junge Verleger einen Verlag namens Simon und Schuster gründeten und eine Sammlung von 50 Cross Word Puzzles in einem Buch herausbrachten. Das Buch geriet zu einem wahren Bestseller und nach einem Jahr waren eine Million Exemplare verkauft. Die Buchserie erscheint noch heute regelmässig und machte den Verlag gross und berühmt.
Nun erregte das neue Rätsel weltweit Aufmerksamkeit. Im Jahr 1925 erreichte es schliesslich die Schweiz. Die "Frauen- und Moden-Zeitung für die Schweiz" schrieb begeistert: "Es ist schwer, sich einen Begriff zu machen, in welchem Umfang das Kreuzworträtsel zurzeit das öffentliche Leben Amerikas und Englands beherrscht. Man scheint dort augenblicklich nichts Wichtigeres zu kennen, als Kreuzworträtsel zu lösen oder zusammenzustellen. Sich damit zu beschäftigen, ist förmlich zur Manie ausgeartet.
In der Eisenbahn, in der Untergrund, in der Elektrischen, im Wartezimmer, im Theater, im Café, wo man auch hinkommt, überall beherrscht das Kreuzworträtsel das Bild. Keine Zeitung, keine Zeitschrift mehr ohne Kreuzworträtsel - sie fände kaum noch Leser. Speisekarten mit Kreuzwort-rätseln, Schultafeln mit Kreuzworträtseln, ja sogar Kleiderstoffe mit Kreuzworträtseln - Kreuzwort- rätsel überall! Die Auflagen der Wörterbücher sind ins Ungeahnte gestiegen - man braucht sie, um Kreuzworträtsel zu machen und zu lösen.
Das grösste Buchgeschäft des Jahres aber ist das "Cross Word Puzzle Book" - das "Kreuzworträtsel- buch", ebenso instruktiv wie umfangreich. Sein Verleger ist jetzt ein reicher Mann.
Eine Modenarrheit - gewiss! Eine Mode, die die Saison überdauern wird, weil sie totgehetzt wird. Aber man übersehe nicht das Gute! Eine Sache, die so begeisterten allgemeinen Anklang findet, die sich so rasend schnell die ganze Welt zu erobern vermag, m u s s ihr Gutes haben. In der Tat bietet die Beschäftigung mit dieser neuen Art Rätsel einen unerhöhrten Reiz. Sie nimmt Herz und Seele gefangen, hat man sich erst einmal die Mühe gemacht, sich darein zu vertiefen. Die Technik beherrscht man schnell, die Routine kommt mit der Zeit."
Nur die ehrwürdige "Times" ärgerte sich über den neuen Leserspass und schrieb über die "Crosswordmania" in den USA: "Fünf Millionen Stunden gehen dem amerikanischen Volk täglich verloren (…) für eine sinnlose, läppische Sache."
Aber alles Wettern nützte nichts. Am 28. Februar 1925 erschien in "Zeitbilder", einer Beilage das "Tages-Anzeigers" das erste Rätsel in der Schweiz. Wenn Sie es lösen möchten, laden Sie es sich hier herunter.
Ob das Rätsel vom Februar 1925 wirklich das erste der Schweiz war, kann ich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Sollten Sie ältere Rätsel finden, würde ich mich über eine Nachricht freuen.
Kurz darauf, Ende März 1925, erschien ein Rätsel in der National-Zeitung und im April 1925 in den Basler Nachrichten. Die ‹seriöse› Neue Zürcher Zeitung folgte erst am 24. Juni 1973.
Am 5. März 1925 erschien das zweite Rätsel in der "Schweizer Illustrierten Zeitung". Der Rätselmacher, dessen Name ich noch nicht eruieren konnte, scheint das Rätsel ganz persönlich interpretiert zu haben, denn es ist optisch nicht mit anderen im Ausland zu vergleichen. Er verwendete keine Nummern pro Wort, sondern setzte in jedes Feld des Rasters eine fortlaufende Zahl.
Versuchen Sie doch, das Rätsel zu lösen. Wir müssen Sie aber warnen: Es wird nicht leicht, denn was die Menschen jener Zeit wahrscheinlich alle wussten, ist heute eine Rätselfrage mit der Schwierigkeitsstufe schwer. Deshalb haben wir dem Rätsel ein paar hilfreiche Tipps beigelegt. Laden Sie das PDF hier herunter und drucken Sie es aus.
In Windeseile eroberte das Rätsel Land für Land und 1930 musste selbst die "Times" nachgeben und druckte zuerst verschämt im Innenteil, dann im Grossformat auf der Rückseite ein regelmässiges Rätsel ab.
Noch eine kleine interessante Anekdote am Rand: Während des zweiten Weltkriegs wurden Kreuzworträtsel in etlichen Ländern verboten, weil man befürchtete, Spione könnten sie zur Übermittlung geheimer Informationen benutzen. Es existieren auch wirklich Rätsel aus Italien, die die Codenamen zweier wichtiger militärischer Operationen verrieten.
Hätte Arthur Wynne seine Idee patentieren lassen, er wäre womöglich steinreich geworden. Denn allein in deutschsprachigen Ländern schätzt man 42 Millionen Rätsler, die sich gelegentlich in die Kästchen vertiefen. Dazu kommen zwölf Millionen Dauerspieler. Sie sind der harte Kern und lösen Kreuzwort- oder Schwedenrätsel (Dort steht der Fragetext im Rätselgitter und nicht darunter.) nur mit dem Kugelschreiber. Lösungswörter mit Bleistift einzutragen, gilt unter Profis als feige.
Heute ist kein anderer Denksport so weit verbreitet wie das Spiel mit den Wörtern, quer durch alle Gesellschaftsschichten. In der Handtasche von Queen Elizabeth fand ein Adelsexperte neben Minzbonbons und Parfümfläschchen ein Kreuzworträtsel, mit dem die Königin sich lästige Wartezeiten verkürzte.
Gesund ist die Königdisziplin unter den Ratespielen in jedem Fall. Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock haben nachgewiesen, dass Kreuzworträtsellöser länger leben, weil sie geistig beweglich bleiben.
Trotzdem können eingefleischte Rätselfreaks auch leicht schrullig werden. So kann ein fehlerhaftes Rätsel in einer Zeitung mehr Protest auslösen als eine Falschmeldung. Als vor zwei Jahren die "Zeit" ein falsches Gitter zu den Fragen ihres Rätselautors Eckstein (Der übrigens auch für die Rätselfactory mitkreiert.) druckte, waren die Mitarbeiter eine ganze Woche lang beschäftigt, Anrufer und verärgerte Lesebriefschreiber zu beruhigen.
In jedem Falle aber machen sie Spass.
René Lehner, Rätselmacher und -historiker

Rätsel Factory Lehner
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