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Jeder Spieler, Amateur wie Profi, braucht ein Eröffnungsrepertoire. Repertoires kennen wir aus der Musik, und wie dort muss es eingeübt und aufgefrischt werden. In der Musik genügt es nicht, zu wissen, wie Tango geht, man muss Tango spielen können und eben ein Repertoire an vielleicht 20 oder 50 Stücken haben. Die wahre Kunst beherrsche ich erst, wenn ich Tango variieren und improvisieren kann.
Analog dazu reicht es im Schach nicht, zu wissen, dass im klassischen Spanisch der Springer von b1 über d2 und f1 nach g3 wandert, ich sollte schon ein paar konkrete Spanischpartien rezitieren können. Noch besser wäre es allerdings, wenn ich Spanisch spielen, was heisst, es variieren und improvisieren kann.
Nun haben wir Durchschnitts-Schachspieler nicht das immense Gedächtnis eines Kasparow, der von sich behauptete, 20’000 Partien auswendig zu können. Als zwanzigjähriger konnte ich etwa 200 Partien auswendig, jetzt sind es vielleicht noch ein Dutzend. Meine eigenen Partien kann ich ungefähr nach einer Woche kaum mehr rezitieren. Immerhin kann ich noch Partien rezitieren, die ich hier kommentiert habe, oder welche ich gelegentlich Kollegen zeige.
Ein Beispiel, ich zitiere aus dem Gedächtnis:
Michael Adams – Ivan Sokolov, gespielt in Holland (Hoogovens?) ca. 1991.
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 0-0 8.c3 d5 9.exd5 Sxd5 10.Sxe5 Sxe5 11.Txe5 c6 12.d4 Ld6 13.Te1 Dh4 14.g3 Dh3 15.Te4 Dd7. Mit der Idee f5-f4. Der korrekte Zug ist 15…g5, wie in Kramnik – Leko, Brissago 2002. 16.Sd2 f5 17.Te1 f4. 18.Dh5 würde nun die schwarze Idee widerlegen. Ab dem nächsten Zug hängt der Ld6, aber Schwarz findet immer neue Wege, diese Drohung zu übertrumpfen. 18.Se4 Dh3 19.De2 Lg4 20.Df1 Dh5 21.Ld1. Der entscheidende Fehler. Richtig war 21.Lxf4. 21…Lxd1 22.Txd1 fxg3 23.hxg3 Txf2. Schwarz gewinnt. Adams nahm den Turm mit 24.Kxf2 Tf8+ 25.Kg2 Txf1 26.Txf1 De2+ 27.Sf2 Lxg3. Nach neun Zügen zieht der Läufer endlich, um den entscheidenden Schlag auszuteilen. Schwarz gewann.
Diese Partie gehört unauslöschbar zu meinem Repertoire, genauso wie „pour Elise“ zu dem eines Pianisten gehört. Ich demonstriere sie gelegentlich, um meine Idee des Übertrumpfens zu erläutern. Nun hat die Partie aber einen Haken, die Fehler im 15., 18. und 21. Zug. Eröffnungstheoretisch ist sie daher höchstens als Anekdote brauchbar. Trotzdem wird sie meine intuitiven Fähigkeiten im Marshall-Gambit erweitern, denn ich lerne mit solchen Partien, Marshall zu spielen.
Ich bin daran, ein neuartiges Repertoire aufzubauen, nämlich eines mit typischen Abwicklungen, Initiativen und Kombinationen. Ich habe schon viele Ideen in 1.e4 e5-Eröffnungen gesammelt, aber bisher war ich immer zu faul, diese zu dokumentieren. Ich warte noch auf meinen nächsten Energieschub…