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Autor: Marc Kipfer
«Ida war alleinstehend, eine ältere Jungfer mit Bartansatz, ein überzähliges Mädchen wie so viele überzählige Mädchen, die niemand haben wollte und die für ein Taschengeld den Leuten die Wäsche machten, in der Schokoladefabrik arbeiteten oder sich als billige Magd, wie eben Ida, bei einem reichen Bauern verdingten.» So beschreibt der Bieler Autor Alex Gfeller die Hauptperson seiner Erzählung «Tante Ida und ihr Ford Fordor», die in den Fünfzigerjahren spielt.
Gfeller schildert das unbarmherzige Leben einer alten Frau, aus armer Familie, die seit Jahrzehnten bei einem Bauern in einem Kaff unweit von Bern angestellt ist. Ausserdem ist Ida, «das Idi», wie sie genannt wird, die Marktfahrerin des Dorfs. Dreimal in der Woche fährt sie nach Bern, um an ihrem Stand neben dem Bundeshaus das Gemüse der Dorfbauern zu verkaufen. Und jedesmal, wenn Ida ihr Dorf verlässt, gibt das in der Käserei viel Gesprächsstoff ab. Denn Ida hat sich ein Auto angeschafft, eine schwere amerikanische Kiste, einen Ford Fordor.
Zum ersten Mal frei
Nie im Leben hätte Ida damit gerechnet, dass ihr ausgerechnet dieses Auto noch zu einem Mann verhelfen würde. Doch genau dies bahnt sich an, als Fritz in ihr Leben tritt. Der rüstige Witwer und Rentner stammt aus dem Nachbardorf. Er hat deshalb schon viel von Ida und ihrem Ford gehört, und wendet sich nun an sie, weil er selber das Autofahren erlernen möchte. Zu diesem Zweck hat er sich bereits selber einen Wagen gekauft, einen Opel Olympia. Er bezirzt Ida beim Kaffeetrinken im Café Fédéral und hat Erfolg: Auf ihren nächsten Marktfahrten erklärt Ida ihrem Fahrschüler geduldig all die Hebel, Knöpfe und Pedale, bis Fritz zur Prüfung angemeldet wird. Als diese ansteht, tut Ida etwas, das sie noch nie gewagt hat: Sie nimmt einen halben Tag frei, um Fritz zu begleiten. Dieser besteht mit Bravour, doch die Magd Ida wird am gleichen Tag entlassen und vor die Türe gestellt.
Im zweiten Teil des 88 Seiten dünnen Büchleins erzählt Alex Gfeller auf eindrückliche und erschütternde Weise, wie Fritz sich nach diesem schicksalhaften Tag bei Ida revanchiert. Er lässt sie bei sich einziehen und muss sie darum zwangsläufig heiraten. Seine Kinder und Enkel, die sich schon über den plötzlichen Autokauf gehörig gewundert hatten, verstehen die Welt nach Idas Ankunft endgültig nicht mehr.
Ob diese beiden alten Menschen mehr verbindet als ihre Auto-Abenteuer, lässt der Autor bis zum Schluss der Erzählung unausgesprochen. Unweigerlich ist das Ende ein tragisches, an dem Ida wiederum mit leeren Händen dasteht.
Alex Gfeller: «Tante Ida und ihr Ford Fordor», BoD Verlag, Norderstedt, 2010.