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Herr Lüthi, wer hat die Messreihe vor 100 Jahren initiiert?
Martin Lüthi: Der berühmte Schweizer Geophysiker und Meteorologe Alfred de Quervain, der sich einen Namen durch seine Grönland-Durchquerungen im Jahre 1912 gemacht hat, hat auch den Anstoss zu den Messungen auf dem Claridenfirn gegeben. Man wusste vor 100 Jahren noch wenig über die Niederschläge im Hochgebirge, wo sich die Nährgebiete der Gletscher befinden. Der Claridenfirn bot sich an, weil er von Zürich aus relativ einfach zugänglich ist. Vom Klausenpass oder vom Talboden her kommt man gut zu den Messstellen, die zwischen 2700 bis 2900 Meter über Meer liegen. Im Mai 1914 stieg die erste Messtruppe hoch.
Was messen die Forscher auf dem Claridenfirn?
Sie messen im Frühling und im Herbst die Schneedecke, das heisst wieviel Schnee während des Winters gefallen ist und wieviel davon im Sommer schmilzt. Dazu graben sie einen Schacht, was bei der Messung im Frühling beschwerlich sein kann, weil man mehrere Meter tief bis zur Oberfläche der letztjährigen Schicht graben muss. Sobald man diese markierte Schicht erreicht hat, bestimmt man die Schneemächtigkeit und Dichte und somit den gefallenen Niederschlag. Im Herbst wiederholt man die Messung und kann aus der Differenz den Zuwachs berechnen. Diese Messungen zur Schneeakkumulation finden seit 100 Jahren nach der immer gleichen Methode statt. Das ist weltweit einzigartig, die zweitlängste, vergleichbare Serie ist etwa 50 Jahre alt.
Was lässt sich aus dieser langen Messreihe schliessen?
Wir stellen immer noch einen Schneezuwachs fest, aber er wird kleiner. Sehr interessant zu sehen ist, dass der Schneezuwachs im Winter über die ganzen 100 Jahre mehr oder weniger konstant geblieben ist. Es gibt zwar Schwankungen von Jahr zu Jahr, aber im Durchschnitt über zehn Jahre bleibt der Zuwachs gleich. Dagegen ist die Sommerschmelze intensiver geworden. Dies führt zur Erkenntnis: Der beobachtete Rückzug der Gletscherzungen wird durch die erhöhte Schmelze im Sommer und die Abnahme der festen Niederschläge verursacht.
Der Claridengletscher schrumpft, war das immer so in den letzten 100 Jahren?
Die Akkumulation im Nährgebiet ist seit 30 Jahren rückläufig. Das war nicht immer so: Die Kurve zeigt ein Wachstum zwischen 1914 bis 1940, dann einen Rückgang in den 1940er Jahren, dann ein erneutes Wachstum bis in die 1980er Jahre. Jetzt befinden wir uns in einem seit 30 Jahre dauernden Rückgang.
Wird der Claridenfirn bis Ende dieses Jahrhunderts ganz verschwinden?
Wir gehen davon aus. Die Gletscher in den Alpen werden aufgrund der Klimaerwärmung bis auf kleine, hochliegende Reste abschmelzen.
Sind Sie sicher? Die langjährige Messreihe zeigt ein Hin und Her der Bewegungen.
Bereits unter den heutigen Klimabedingungen werden alle Alpengletscher stark zurückgehen. Alle Klimaprognosen deuten auf einen starken und schnellen Temperaturanstieg hin. Falls diese Modelle richtig sind, werden die Gletscher bis auf sehr hoch gelegene Gebieze abschmelzen.
Lassen sich die Ergebnisse aus dem Claridenfirn verallgemeinern?
Die Strahlung und die Sommertemperaturen sind grossräumig relativ konstant, während die Niederschläge lokal sehr variabel sind. Die Variabilitäten sind über mehrere Jahre gemittelt im ganzen Alpenraum gleich. Für die allgemeine Entwicklung im Alpenraum sind die Daten vom Claridenfirn repräsentativ.
Inwieweit profitieren Sie als Glaziologe in Ihren aktuellen Arbeiten von den Messungen am Claridenfirn?
Die Messungen haben wichtige Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Klima und Massenbilanzen von Gletschern gebracht. Diese Erkenntnisse und teilweise auch die Messungen verwende ich in meinen Modellen der dynamischen Reaktion von Gletschern auf Klimaschwankungen.
Um was geht es beim Symposium?
Die Vorträge beziehen sich alle auf den Claridenfirn, es geht zum Beispiel um den Einfluss der Sonnenstrahlung und ihre Variabilität, den Einfluss des Treibhauseffekts auf die Strahlung oder die Dynamik der Eisflüsse im Innern des Gletschers.
Gehen die Messungen am Claridenfirn weiter?
Sicherlich, es ist wichtig, die Datenreihe fortzusetzen. Allerdings ist es nicht so einfach, diese Art von Messungen zu sichern. Die Messungen werden von Forschern in ihrer Freizeit gemacht. Das zusammen mit der ETH Zürich organisierte Symposium dient nicht zuletzt dazu, die grosse Bedeutung solcher Messungen aufzuzeigen.
Stefan Stöcklin, Redaktor UZH News