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Mit Voices of a Distant Star hat sich Makoto Shinkai 2002 als junger Regisseur einen Namen gemacht. Mit dem halbstündigen Anime, den er mit einem Darlehen von Mangazoo ganz alleine produziert hat, etablierte Shinkai seinen erzähl- und visuellen Stil, den er in den darauf folgenden Langfilmen weiter entwickelte (The Place Promised in Our Early Days 2004 und 5 Centimeters Per Second 2007).
Sein neuster Film, Children Who Chase Stars oder Children Who Chase Lost Voices from Deep Below, wie der unglückliche offizielle Titel lautet, markiert eine Weiterentwicklung der Formel von Shinkais früheren Werken. Nach eigener Aussage hat Shinkai dabei zum ersten Mal richtig als Regisseur gearbeitet und verstanden, was Regisseur sein wirklich bedeutet.
Zuerst fallen bei Shinkai vor allem die detaillierten übersättigten Hintergründe auf, die vor allem durch aufwendige Lichteffekte sehr realistisch wirken. Kontrastiert werden die Hintergründe durch ein einfaches Design der Charaktere, das zu Beginn vielleicht einer Notwendigkeit folgte (Shinkai animierte alles selber), für seinen Stil aber prägend wurde. Inhaltlich befassen sich seine Werke mehr mit Stimmungen und Gefühlen und haben nur einen dünnen oder mysteriösen Plot. Voices of a Distant Star handelt zum Beispiel von einem jungen Liebespaar, das durch eine unüberwindbare und immer grössere Distanz getrennt ist. Der Film fokussiert ganz auf die melancholische Hilflosigkeit seiner Protagonisten und das Sci-Fi Setting gibt nur den Rahmen, ohne gross relevant zu sein. Mehr oder weniger unüberwindbare Distanzen zu Geliebten sind auch zentrale Themen in seinen ersten Langfilmen, sei es das Koma einer Person in The Place Promised in Our Early Days oder ein Wintersturm in 5 Centimeters Per Second.
Bei Children Who Chase Stars ist die grösste Entwicklung im Vergleich zu seinen früheren Werken eine eigentliche Handlung als zentrales Element des Filmes. Die Distanz ist immer noch das grundlegende Thema, diesmal in der Form von Verstorbenen. Dabei hat sich der Fokus aber auf die Handlung verschoben und die Welt um die Protagonisten tritt viel schärfer in den Vordergrund als bei seinen früheren Filmen, wo sie in der Regel nur angedeutet wurde und schemenhaft blieb.
Zum ersten Mal verwendet Shinkai ein Fantasy-Setting, verknüpft dieses aber wie zuvor seine Sci-Fi Settings mit viel alltäglicher Profanität. Die Fantasy-Welt ist klar von Ghibli inspiriert, der Vorwurf, Shinkai habe einen Ghibli-Abklatsch gemacht, greift aber zu kurz. Children Who Chase Stars ist mehr in klassischer Fantasy und Shinkais eigenem Stil verwurzelt, als dass er sich auf die Ghibli-Referenzen reduzieren lassen würde. Vielmehr fällt mit der Fantasy-Ästhetik die Nähe, welche Shinkai immer schon zu Ghibli gehabt hat, viel deutlicher auf.
Für mich liegt das Problem bei Children Who Chase Stars auch an einem anderen Ort, und zwar am gleichen wie schon bei Shinkais früheren Langfilmen: Die schwerfällige Dramaturgie und skizzenhafte Handlung haben bei Voices of a Distant Star wegen seiner starken Reduktion und Abstraktion funktioniert. Indem Shinkai aber versucht, diese einfache Formel zu erweitern, kommen seine Schwächen beim Erzählen und Charakterisieren deutlich zum Vorschein. Shinkai versucht grosse Themen zu behandeln, seine Stärke liegt jedoch in den Stimmungsbildern und Momenten, die mehr andeuten als konkret zeigen. Das steht im Wiederspruch zu seinen Bemühungen, den Filmen eine klassischere Handlung zu geben. Womit ich aber nicht sagen will, dass Shinkai sich nicht darauf konzentrieren sollte. Zwar sehe ich dort seine grosse Schwäche, hoffe aber, dass er diese meistern und mit seinen bestehenden Talenten verbinden kann. Seine drei Langfilme zeigen klar eine Entwicklung und ich bin gespannt, was Shinkai uns weiter bieten wird.
Die Handlung und Charaktere in Children Who Chase Stars sind dünn, aufgebläht durch Esoterik und einfach vorhersehbar. Geblieben sind eindrückliche Hintergründe, eine schöne und einfallsreiche Welt und einige stimmige Szenen. Der Film ist Unterhaltsam und empfehlenswert, es fehlt ihm aber die Prägnanz von Voices of a Distant Star.
P.S: Der Vergleich mit Ghibli finde ich eher interessant, um die Unterschiede auszuloten und damit etwas mehr über die beiden Stile zu lernen. Hier ein paar Eindrücke:
- Die Animation in den Ghibli-Filmen gibt seinen Figuren etwas sehr plastisches, was sicher mit der Qualität der Animation zusammen hängt, aber auch mit dem schlichten Charakter-Design und erstklassigen Layouts. Shinkais Charaktere wirken dabei flach und damit mehr wie reguläre Charaktere in Animes.
- Die Hintergründe von Shinkai und Ghibli haben einen vergleichbaren Grad an Realismus und einen ähnlichen Stil. Shinkai versteht sich aber besser auf den Einsatz von Licht, verschiedenste Spiegelungen und vor allem die Emulation von Kamera-Effekten wie Lens-Flares oder Überbelichtung. Dazu verwendet er eine deutlich kräftigere Farbpalette in seinen Hintergründen.
- Während Ghibli-Filme fantastische und religiöse Themen behandeln, werden diese nie verabsolutiert. Auch wenn Götter erscheinen, handelt es sich nicht um allmächtige, und grundlegende Themen wie Jenseits und Wiedergeburt werden nicht angeschnitten. In Children Who Chase Stars geht es aber gerade um das Jenseits und die damit verbundene Religion wird so zur absoluten und wahren Religion stilisiert. Die Ghibli-Filme bieten immer nur einen beschränkten Einblick in eine Welt, wobei klar ist, dass die Welt mehr umfasst als was gezeigt wird. Children Who Chase Stars dagegen zeigt Orte und Objekte, die eine einzigartige und absolute Rolle in der Welt einnehmen und damit diktieren, dass die Welt in ihrem Bezug überall gleich ist.