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9.8.2000 aus Singapur
Liebe Zurückgebliebenen,
ich hoffe, dass ihr euch über diese Anrede
nicht zu sehr stört, da sie eigentlich nicht die immer wieder erwähnte Arroganz mancher Traveller beschreiben soll, sondern einfach eine geographisch bedingte Begrüßung darstellen soll. Wie ihr dem Titel
ersehen konnten, befinde ich mich momentan in Singapur. Das ist eine 3 Mio. Stadt, nur gerade 100km nördlich des Äquators. Ich habe mir vorgenommen, auf eines der vielen Hochhäuser zu steigen, dann kann
ich ihn von dort aus vielleicht erkennen.
Zur Stadt: sie hat den Ruf sehr sauber und reich zu sein. In Wirklichkeit sieht sie ein bisschen aus wie jede Drittweltstadt, einfach ein bisschen moderner.
Statt des eigentlich fast obligatorischen Altstädtchen reihen sich hier Hochhäuser aneinander. Singapur ist definitiv keine schöne Stadt, aber es gibt eine Menge Naherholungsparks und der Strand ist von
überall sehr nah. Doch bei einer Insel erstaunt das kaum.
Ich bin am Donnerstag hier angekommen und hatte zuerst ein bisschen Ärger mit meinem Gepäck, welches die guten Leute von der Lufthansa
irgendwo verloren hatten. Da es inzwischen wieder aufgetaucht ist, spielt dies keine große Rolle. Im Gegenteil brachte es sogar gewisse Vorteile: ich musste in der tropischen Hitze meinen Rucksack nicht
ins Hotel schleppen, sondern er wurde geliefert. Am Abend des selben Tages habe ich mich mit einer netten Singapurerin (Evelyn) getroffen. Mit ihr hatte ich zuvor eine Brieffreundschaft gepflegt. Es
stellte sich heraus, dass sie eine ziemlich „Rebellin“ ist. Sie konsumiert zum Beispiel Kaugummi, was hier einigermaßen verboten ist. (Kaugummi zählt zwar nicht zu denjenigen Drogen, deren Missbrauch mit
Todesstrafe geahndet wird, aber immerhin zu jenen, für welche man 1000.—Buße zahlen muss.) Oder sie läuft bei rot über die Ampel (etwa 2000.--), sie wirft die Zigarettenpäckchen auf den Boden (1000.--),
raucht im Lift (1000), spült in öffentlichen Toiletten vielleicht auch nicht runter (250.--) oder trinkt in der U-bahn (500.--). Ob sie dies tut, weil sie einfach nur sehr reich ist, werde ich in den
nächsten Tagen versuchen herauszufinden. Eine Detektivarbeit, die mir sehr viel Spaß bereitet, da sie (wenn auch wie oben erwähnt kleinkriminel) sehr nett und witzig ist.
Ich denke, dass ich nun noch
ein bisschen länger als das Wochenende hier bleiben werde, damit ich alles von der Stadt, die man eigentlich auch als ein erweitertes Zollfreigelände des Flughafens beschreiben könnte (das einzige, was
man hier tun kann, ist es, in überdimensionierten Einkaufszentren Edelmarken zu günstigen Preisen kaufen. Doch das werde ich eher in Bangkok tun, wo ich das gleiche als Fälschung noch viel billiger
bekomme), um dann irgendwann nach Malaysia weiterzureisen.
Vielen Dank für die vielen Mails bisher. Ihr braucht euch aber keine Sorgen um mich zu machen, und amüsieren tu ich mich hier ganz bestimmt.
liebe Grüße, Oliver
22.8.2000 aus Melacca
Hallo Ihr!
ich bin hier in Malaysia, wo die Internetcafes noch günstiger sind als in Singapur. Die Stadt heißt Melacca (unten links,
knapp südlich von Kuala Lumpur). Es ist sehr schön hier. Ich bin in einem islamischen Hotel gelandet, das von einer netten Familie geführt wird. Ich muss aber immer die Schuhe ausziehen, wenn ich
reingehe. Immerhin ist es recht preiswert, nur 15 Ringit... Nun müsst ihr selber rausfinden, wie unglaublich wenig das ist.
Die Fahrt hierher war ziemlich schräg. Als ich über die Grenze kam, kamen
schon ganz viele "Freunde" die mir helfen wollten, ein richtiges Busticket hierher zu kaufen. Einer hat mir dann ein Ticket nach Kuala Lumpur angedreht, obwohl ich ihm klar gesagt habe, was ich
wollte. Wenn ich den Fahrer nicht noch einmal gefragt hätte, wäre ich jetzt in KL. Na ja, wäre auch nicht so schlimm gewesen, aber ich wollte das halt nicht. Immerhin habe ich ihn zusammengeschissen und
die 22 Ringit zurückgefordert. Daraufhin hat er mir eine 10er, eine 5er und 3 2er Noten gegeben. Da musste ich lachen, habe nichts mehr gesagt und mir das richtige Ticket bei einer vernünftigen
Busgesellschaft gekauft
Das Wetter ist momentan wundervoll. Zwar unerträglich heiß, weit über 30 Grad, aber strahlend blau (hat da denn nicht jemand was von Regenzeit gesagt? Es hat erst zwei Mal
geregnet, dann aber... hui, da konnte ich meine wasserdichte Regenjacke endlich richtig ausprobieren. Hat funktioniert, aber dafür war meine Hose ganz durchtränkt.
Also, dann wünsch ich euch noch einen schönen Tag...
Man sieht sich...
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29.8.2000 aus Kuantan
Liebe Freunde,
ich dachte, dass nun mal langsam wieder die Zeit gekommen sei, um mich aus der östlichen Welt zu melden. Ich befinde mich
momentan an einem Ort, von dem ich nicht so genau weiß, wie er heißt, aber er ist an Malaysias Ostküste (so was ähnliche wie Kuatang) und etwa auf der gleichen Höhe wie Kuala Lumpur, welches ich gestern
blitzartig verlassen habe, nachdem sich am Morgen die Indizien gehäuft haben, dass das Bett in einem nicht geheimdienstlichen Sinne verwanzt ist. Na ja, ist nicht so schlimm, juckt nur ein bisschen, aber
ist halt eklig.
Gestern verbrachte ich den Tag (der interessanterweise der erste Frauentag Malaysias ist) im KLCC. Das ist ein gigantisches Einkaufszentrum gerade unter den weltberühmten
Zwillingstürmen (die Malaien haben diese Türme gebaut und fanden dann, dass sie das höchste Gebäute der Welt seien. Doch die Amis wollten sich ihren Searlstower nicht nehmen lassen und erklärten die
Antenne auf dem Dach für ungültig. Dieser Streit kam schließlich vor den Concil of High Buildings (so was gibts tatsächlich!), die dann die höchsten Gebäude in vier Kategorien teilten. Das Resultat davon
ist, dass die Twintowers nur in einer Kategorie am höchsten sind - beindruckend trotzdem) Jedenfalls versammelten sich Tausende verschleierte Frauen auf dem Platz und forderten die
Gleichberechtigung. Ich habe dann mit einer gesprochen und ich hatte schlussendlich nicht den Eindruck, dass die Frauen hier (für ein islamisches Land) stark unterdrückt werden. Auch die Schleierpflicht
wird lasch gehandhabt (wenngleich man an der konservativen Ostküste mehr verschleierte Frauen sieht). Sonst zeigt sich die Verschleierungspflicht an den Grenzen, im McDonalds (die haben einen blauen
Schleier mit einen M drauf) und so weiter.
Die Tage zuvor verbrachte ich im Melacca. Das ist seit Hunderten von Jahren ein Handelspunkt, der zuerst von den Chinesen, dann den Portugiesen, den
Holländern und schließlich den Engländern okkupiert wurde. Also historisch sehr interessant. Ich war dort in einem tollen Hotel, wo man als Gast in die Familie integriert wurde. Sie zeigten jeden Abend
Filme und man konnte sich in der Küche einfach bedienen... Auch war ich beim Coiffeur, wo ich neben einem guten Haarschnitt noch eine tolle Kopfhautmassage verpasst bekommen habe...
Ich wurde immer
wieder gefragt, wie die Leute seien. Das ist nicht so einfach zu sagen, da das von Ort zu Ort recht unterschiedlich ist. Generell würde ich sagen, dass die Leute in Singapore und KL halt Großstädter sind
und sich um nichts groß kümmern. Im kleineren Melacca haben mir die Schulkinder Hallo zugerufen und die Gelegenheit genutzt um ihr Englisch ein bisschen zu verbessern (oder bei mir halt zu
verschlechtern...) allgemein habe ich recht viele tolle Begegnungen gehabt. Nur der erste Malaie im Bushof war schräg: ich habe ihm gesagt, ich wolle ein Ticket nach Mersing, da gab er mir einfach eins
ins teure KL. Und wenn ich den Busfahrer nicht nochmals gefragt hätte, wäre ich an falsche Ort gefahren... (doch das habe ich schon erzählt)
Meine Pläne für die nächsten Tage sind noch nicht so klar.
Etwa 50km nördlich von hier soll es tolle Strände geben. Ich glaube, ich muss mal dem Trubel hier für ein paar Tage entfliehen...
Gruß, Oliver
1.9.2000 aus Cherating
Hallo Ihr,
hm, ihr werdet nun wohl denken, was ist mit dem los, dass er schon wieder heimmailt - eigentlich ist nichts besonderes
los, und das genau lässt mir Zeit und Muße Euch ein Mailchen zu schreiben.
Gestern, am 31. August war in Malaysia Nationaltag. Damit die Leute das auch genügend feiern können, hat die Regierung die
ganze Woche zu Ferien erklärt. Das hat zur Folge, dass unheimlich viele Malaien diese Zeit nützen, um sich ein bisschen ihr eigenes Land anzusehen. Deshalb sind auch die Busse über längere Zeit
ausgebucht. Für mich hatte das die Konsequenz, dass ich, nachdem ich am Dienstag in Cherating (etwa 50km nördlich von Kuatan, woher ich das letzte Mail schrieb) angekommen bin, feststellen musste, dass
bis zum folgenden Montag alle Busse voll sind. Deshalb bin ich in einem kleinen Dorf, das früher hauptsächlich von Fischern bewohnt wurde und heute ein paar kleine Hotels (und etwa 10km von hier auch
einen Club Med - aber von den Leuten hört und sieht man zum Glück nichts) für Billigreisende birgt, gestrandet. Der Ort ist sehr lieblich, da der nahe feinsandige Strand sehr flach ist (deshalb ist das
Wasser auch nicht wirklich eine Erfrischung) und zum baden einlädt. Ich habe ein paar wunderschöne Fotos von hier geschossen - einen halben Film verknippst... allerdings hat er den Nachteil, dass hin und
wieder ein paar Quallen durch die Gegend schwirren. Gestern hat ein Amerikaner (er wohnt nur etwa 2 Hütten von mir entfernt) einen "Streifzug" gemacht. Aber außer drei Stunden Brennen ist dem
guten Mann nichts passiert und heute sah ich ihn schon wieder im Wasser. Ich bin seither auch jeden Tag mindestens eine Stunde schwimmen gewesen, das ist wirklich wunderbar, aber nachdem ich heute drei
ausgetrocknete Quallen am Strand liegen gesehen habe, hat sich in mir eine gewisse Neorose gebildet und ich weiß nicht, ob ich morgen nochmals reingehe, denn diese Dinger sieht man wirklich fast nicht...
Der Ort wo ich wohne ist auch erwähnenswert. Ich habe hier eine kleine Hütte, in der außer dem Bett nur ein Moskitonetz (dabei schwirren eher Kokosnuss pflückende Affen durch die Luft als
irgendwelche Insekten) und ein Lichtschalter. Die ersten beiden Nächte habe ich mein Bett mit einem Australier geteilt, den ich eben erst im Bus hierher kennengelernt habe. Er ist ein ziemlicher Freak -
sieht auch ein bisschen so aus (er liebt Seafood und alles was gefährlich ist). Immerhin war ich mit ihm in ein paar guten Restaurants... Wenn es so klappt, wie wir wollen, werden wir und in zwei Wochen
in Krabi in Thailand treffen und dort ein bisschen klettern. Man sagt, es seien dort die weltbesten besteigbaren Felsen. Ich habe mir vorgenommen, das ganze mal aus der Nähe anzuschauen, um dann zu
entscheiden, ob ich nicht doch besser Angst haben sollte...
Nachdem ich heute genug vom süßen Nichtstun und mit den Leuten hier über Religion (hui, ein heißes Thema!), Politik und Geschichte zu
diskutieren hatte, versuchte ich doch noch ein Busticket zu finden. Und nachdem ich dem Typen erzählt habe, dass mein Flug am Montag ohne mich losgehen würde, wenn ich nicht fahren konnte, bequemte er
sich der Konkurrenz anzurufen, um mir dort ein Billet zu reservieren. Das heißt, dass ich morgen Abend den Nachtbus zurück nach Singapur nehmen werde. Ich möchte nämlich jene Evelyn (die ich im ersten
Mail "lobend" erwähnt habe) unbedingt noch einmal sehen; zumal ich letztes Mal sehr spontan abgehauen bin, ohne mich richtig zu verabschieden und wir noch ein paar Sachen zusammen unternehmen
wollten.
So wie das ganze nun jedoch aussieht, fällt mein ganzer Timetable, den ich eigentlich eh nicht hatte, in sich zusammen. Bin nun mal gespannt, was die nächsten Wochen so bringen. Der Typ, der
das Hotel hier führt, ist ein interessanter Kuala Lumpurer, der in jungen Jahren mehrere Rucksackreisen durch Europa gemacht hat. Er heißt Remy (das ist eine Abkürzung für einen Namen, den sich keiner -
außer vielleicht ihm selber und seiner Mutter - merken kann) und ist ein unverbesserlicher Weltverbesserer. Er hat mich so halb zu sich nach KL eingeladen... muss nun nochmals fragen, wäre doch schön,
wenn ich mit ihm meine stundenlangen Diskussionen in einem KL'schen Restaurant weiterführen könnte.
Nun denke ich, ist es mal wieder genug für heute, weil es sonst wieder keiner liest ;-) und ich will
ja eigentlich keinen Vollspamen, aber ich habe nun, nach einem feinen hausgemachten malayschen Essen (ich habe es sogar landesueblich mit den Fingern gegessen) ein bisschen Zeit, da die anderen auf der
Terrasse irgend einen langweiligen Film schauen...
also dann, schöne Grüße an Euch alle, Oliver