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Schon bald nach dem Tode Buddhas kam es unter den Anhängern zu Auseinandersetzungen über seine Lehre, wobei die Mönche der verschiedenen Richtungen lange Zeit unter demselben Dach wohnten (bis ins dritte Jahrhundert n.Chr., an der Klosteruniversität Nalanda bis zu ihrer Zerstörung durch islamische Eroberer im Jahre 1199). Der historische Buddha wurde von gewissen Kräften überhöht und mit göttlichen Attributen versehen. In die strenge Selbsterlösungs-Lehre schlichen sich Gott-ähnliche Figuren ein, die den Menschen auf dem beschwerlichen Weg ins Nibbana helfen sollen. Die Vorstellung, dass es keine permanente „Seele“ gibt, wurde wieder durch die alte, brahmanistische Idee der wiederholten Reinkarnation derselben Person ersetzt. Aus dem Nibbana wurde ein „Nichts“ (also eine Denkvorstellung) mit permanentem Charakter, ein ewiger Ort der „Leere“; durch die Hintertür schlich sich also wieder so etwas wie ein „Himmel“ oder ein „Paradies“ ein, wenn auch nur in der Negation. Die ursprünglichen Absichten Buddhas wurden im Verlauf der Entwicklung nicht nur uminterpretiert, sondern mitunter ins Gegenteil verkehrt.
Die folgende Übersicht konzentriert sich auf die Hauptlinien der Entwicklung und dient lediglich dem Zweck, den Buddhismus Thailands in einen religions- und geistesgeschichtlichen Kontext zu stellen.
1. Der Hinayana-Buddhismus: Die „alte Lehre““ (Theravada) ist die ursprünglichste Form, der Urbuddhismus, der dem historischen Buddha am nächsten steht. Sie wurde auf dem ersten Konzil kurze Zeit nach dem Tod von Buddha zusammengefasst und im damals nur mündlich überlieferten Kanon in der Pali-Sprache festgehalten. Nach dieser Lehre muss jeder und jede den Weg ins Nibbana selber zurücklegen. Diese Form des Buddhismus, eine konsequente Selbsterlösungs-Lehre, wird deshalb auch das „kleine Fahrzeug“ (Hinayana) ins Nibbana genannt, weil nur wenige Menschen darauf Platz haben. Neben dem Theravada-Buddhismus existierten innerhalb des Hinayana auch weitere Schulen. Der Theravada-Buddhismus hat sich von Sri Lanka aus in die Länder Südostasiens verbreitet (Thailand, Laos, Kambodscha, Myanmar). Er wird deshalb auch der „südliche Buddhismus“ genannt.
2. Der Mahayana-Buddhismus: 100 bis 200 Jahre nach dem Tode Buddhas kam es zu einer ersten grösseren Spaltung. In deren Gefolge entwickelte sich allmählich eine neue Form des Buddhismus, deren Sprache das Sanskrit werden sollte. Einige Mönche wollten die Erlösung vielen Menschen zugänglich machen. Der Buddhismus sollte „volkstümlicher“ werden. Auch die Laien sollten das Schiff der Erlösung besteigen können. Wir sprechen deshalb vom „grossen Fahrzeug“ (Sanskrit: Mahayana). Erstmals treten im Buddhismus Erlöser-Gestalten auf: erleuchtete Menschen, sogenannte Bodhisattvas (Pali: Bodhisatta), die aus Mitleid (Nächstenliebe) auf den Übergang ins Nirwana verzichten und den Menschen bei ihrem Weg zur Erlösung behilflich, ja sogar in der Lage sind, deren „Schuldenkonto“ auszugleichen und deren Leiden auf sich zu nehmen. Das Leiden und die reale Welt sind nicht mehr, wie beim historischen Buddha, wirklich und gleichzeitig vergänglich, sondern blosser Schein oder Einbildung. Wer die Scheinwelt hinter sich lässt, gerät in die Leerheit des Nirwana. Im Verlauf der Entwicklung des Mahayana trat dann eine Schulrichtung auf, die in dieser Leerheit einen „leuchtenden Geist“ sieht, der schliesslich zum Absoluten wird und mit der Leerheit (dem Nirwana) beziehungsweise dem absoluten „Buddha“ gleichgesetzt wird. Die Anzahl der ursprünglichen Buddha-Lehrreden vervielfacht sich um Sutras, die dem historischen Buddha oder einem Bodhisattva zugeschrieben werden. Der Mahayana-Buddhismus entfaltete seine Lehre in zahlreichen Schulen, die sich teilweise mehr der philosophischen Spekulation als der religiösen Praxis widmeten, und nahm in mehreren asiatischen Ländern recht unterschiedliche Gestalten an.
3. Der chinesische Buddhismus ist eine dieser Weiterentwicklungen des Mahayana-Buddhismus. Wahrscheinlich kam China schon vor der Zeitenwende mit dem Buddhismus in Berührung. Ein Weg führte von Nordindien über das Gebiet des heutigen Afghanistan und Pakistan und über die alten Handelsstrassen nördlich des Himalajas. Auch auf der „maritimen Seidenstrasse“, also über die Strasse von Malakka und die Seehäfen von Sumatra, Borneo, Java, Funan am Mekongdelta und Vietnam, waren buddhistische Mönche unterwegs. Der Buddhismus passte sich den religiösen und ethischen Vorstellungen von Ort und Zeit an und saugte die vorhandenen Anschauungen über Ahnenkult, Geister, Dämonen und Naturgötter Chinas auf. Trotz zeitweiliger Unterdrückung (letztmals während der Kulturrevolution ab 1966) faltete sich der Buddhismus in zahlreiche Schulen und Richtungen auf. Im Wesentlichen bildeten sich zwei Hauptlinien heraus, nämlich
– der Amithaba-Buddhismus: Amithaba ist der „Buddha des unermesslichen Lichtes“; wer an ihn glaubt und ihm dient, gelangt nach dem Tod ins „Reine Land“, eine Art vollkommenes Paradies voller Lotusblüten und Juwelen; dort wird er die Lehre (Dharma) hören, verstehen und verinnerlichen, so dass er in die Lage versetzt wird, ins Nirwana einzugehen; auch Glaubens-Buddhismus oder Buddhismus des „Reinen Landes“ genannt;
– der Meditations-Buddhismus: Der Weg zur Erleuchtung und ins Nirwana führt über die Meditation; diese Linie war geprägt vor allem durch den Ch’an-Buddhismus; er nahm Züge des Daoismus auf, der ebenfalls meditative Techniken kennt; hohe Verehrung geniesst der Weisheits-Bodhisattva Manjusri; wer vor seiner Statue meditiert und seine Lehre befolgt, wird zur Buddha-Familie gehören.
Diese Formen des Buddhismus finden sich in China, Korea, Vietnam und natürlich überall dort, wohin Chinesen im Verlauf ihrer Geschichte ausgewandert sind, also beispielsweise in Singapur. In Thailand schlossen sich die Chinesen weitgehend dem thailändischen Theravada-Buddhismus an, brachten aber eigene Traditionen (wie die volkstümliche Verehrung einer Marien-ähnlichen Frauenfigur namens Mäh Kuan Im, eine weibliche Form des Bodhisattva Avalokiteshvara) ein.
4. Der japanische Buddhismus beruht auch auf dem Mahayana, das über China und Korea im sechsten Jahrhundert nach Japan kam. Er entfaltete sich im Verlauf seiner Geschichte ebenfalls in sehr verschiedene Richtungen und verbindet sich teilweise mit der einheimischen Shinto-Religion:
– Stark verbreitet ist der Amida-Buddhismus, die japanische Version des chinesischen Glaubens- oder Amithaba-Buddhismus. Wer die Formel „Verehrung dem Buddha Amida“ mit aufrichtigem, gläubigem und sehnsüchtigem Herzen ausspricht, wird im „Reinen Land“ wiedergeboren werden.
– Im Westen bekannt ist vor allem der Zen-Buddhismus, eine Art Meditations-Buddhismus, der aus dem chinesischen Ch’an-Buddhismus hervorgegangen ist und der die japanische Kultur stärker als andere buddhistische Richtungen prägen sollte. Der Zen-Buddhismus erhebt den Anspruch, zur Essenz der ursprünglichen Lehre Buddhas zurückzukehren, und er lehnt magische Auswüchse und exzessive Formen der Buddha- und Bodhisattva-Verehrung ab. Nicht nur Meditation, sondern auch körperliche Arbeit ist ein Weg zur Erleuchtung.
5. Aus der Verbindung zwischen dem Mahayana-Buddhismus und magischen Bräuchen entwickelte sich seit dem zweiten Jahrhundert in Indien ein okkulter, synkretistischer Buddhismus (Tantrajana oder „Fahrzeug der Tantratexte“). Diese Form des Buddhismus, insbesondere die Anlehnung an magische Praktiken und ein ausgeprägtes Ritualwesen, wird auch Vajrayana (Diamantfahrzeug) oder esoterischer Buddhismus genannt. Hinter den zahlreichen Buddhas verbirgt sich ein Ur-Buddha, der mit dem Absoluten gleichgesetzt wird. Das Ziel des Buddhisten ist die Verbindung des Individuums mit dem Absoluten, die Synthese in der Dualität, die Einheit von Existenz und Leere.
6. Der Buddhismus in seiner Mahayana- als auch in der Tantrajana-Ausprägung gelangte ab dem sechsten Jahrhundert in mehreren Wellen nach Tibet und verband sich dort mit der einheimischen Magie, dem Ritualismus und der Götter-, Geister- und Dämonenwelt sowie dem Schamanentum. Im tibetischen Buddhismus können tausenderlei von Mantra-Sprüchen zur Erleuchtung führen. Sie müssen nicht unbedingt persönlich ausgesprochen werden, sondern können als aufgeschriebener Text einer Gebetsmühle anvertraut werden; wenn sie sich im Wind dreht, entfaltet sich die magische Wirkung des Textes. Als Meditationshilfen dienen Bilder (Thankas). Im elften Jahrhundert hatte sich der Buddhismus in Tibet gefestigt, und er entwickelte sich zu einer eigenständigen synkretistischen Richtung mit unterschiedlichen historischen Entfaltungen.
7. Der westliche Buddhismus: Der Buddhismus beeinflusste und begeisterte schon im 19. Jahrhundert die geistige Welt Europas. Einer der ersten, der sich den Ideen aus dem Osten öffnete, war der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860). Eine ganze Reihe von alten buddhistischen Texten wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch vorwiegend englische und deutsche Übersetzungen der westlichen Welt erschlossen, und zwar nicht durch buddhistische Missionare, sondern durch westliche Menschen, die in Asien mit dem Buddhismus in Berührung gekommen waren, oder durch Wissenschaftler. Um 1900 herum traten die ersten Europäer in den Mönchsorden ein. In England entstanden die ersten westlichen buddhistischen Gemeinden und klösterlichen Niederlassungen. Immer mehr ausserasiatische Menschen interessierten sich gegen Ende des Jahrhunderts für den Buddhismus, wobei alle Entwicklungsrichtungen ihre Ableger in Europa und namentlich in der Schweiz haben, besonders der Zen-Buddhismus, der tibetische Buddhismus mit seinem Klösterlichen Institut in Rikon und der Theravada-Buddhismus Thailands mit einem Zentrum in Kandersteg und dem Kloster in Gretzenbach. Alle diese buddhistischen Einrichtungen und Gruppen stehen vor der grossen Herausforderung, dass sie einerseits ihre je eigenen Traditionen bewahren und weiter entwickeln möchten, dass sie sich andererseits aber in einer säkularen Welt als Buddhisten mit einer gemeinsamen Basis und gleichen Interessen behaupten und durchsetzen müssen. Buddhistische Dachorganisationen kümmern sich deshalb um Fragen wie Steuerbefreiung und Präsenz der „buddhistischen Stimme“ in der Öffentlichkeit oder nehmen zu gesellschaftspolitischen und ethischen Fragen wie andere religiöse Gemeinschaften Stellung.