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Der Thwaites-Gletscher und seine Zunge in der Westantarktis sind aufgrund der Grösse und der massiven Geschwindigkeit, mit der sich die Eismassen zurückziehen, in den Fokus der Wissenschaft geraten. Eine grossangelegte britisch-amerikanische Expedition hat nach den Gründen für das Tempo der Eisschmelze gesucht und auch wahrscheinlich entdeckt: Tiefe Gräben im Meeresboden unter der Gletscherzunge lassen warmes Tiefenwasser weit unter dem Gletscher hineinfliessen.
«Es war fantastisch, die Kanäle und Hohlraumsysteme, die unter dem Eisschelf bisher verborgen waren, zu kartographieren.»
Dr. Tom Jordan, British Antarctic Survey
Bereits im Februar hatten Forscher der ITGC (International Thwaites Glacier Collaboration) berichtet, dass warmes Wasser den Gletscher von drei Seiten her abschmelzen liess. Doch die nun veröffentlichten Resultate zeigen, wie weit unter dem Gletscher das warme Wasser vordringen kann. Und das Ergebnis liess auch die Experten staunen. Bis zu 800 Meter tiefe Gräben dringen teilweise über 60 Kilometer weit unter dem Eisriesen bis zur Auflagelinie hinein und lassen das Eis durch die etwas wärmeren Wassermassen abschmelzen. «Es war fantastisch, die Kanäle und Hohlraumsysteme, die unter dem Eisschelf bisher verborgen waren, zu kartographieren», erklärt Dr. Tom Jordan von der British Antarctic Survey. «Sie (Die Gräben) waren tiefer als erwartet – teilweise bis zu 800 Meter tief. Sie bilden eine kritische Verbindung zwischen dem Ozean und dem Gletscher.» Dr. Jordan leitete die Messungen, die aus der Luft mithilfe einer Twin Otter-Maschine der BAS durchgeführt worden war.
Neben den Luftaufnahmen und -messungen konnte auch ein anderes Team an Bord des US-amerikanische Eisbrecher Nathaniel B. Palmer bis zur Kante des Gletschers vordringen und den davorliegenden Meeresboden genau kartographieren. Dadurch entdeckten die Forscher, dass der Boden viel tiefer lag, als bisher angenommen und von den tiefen Gräben durchzogen ist, die bis zur Auflagelinie des Gletschers, wo das Eis den Meeresboden berührt, führen. «Zum ersten Mal haben wir einen klaren Blick auf die Wege, entlang derer das warme Wasser die Unterseite des Gletschers erreichen kann, ihn abschmelzen lässt und so zum Anstieg des Meeresspiegels beiträgt», erklärt Dr. Kelly Hogan von der BAS, die als Teil des Forschungs-Teams an Bord des Schiffes war. Beide Teams haben ihre Resultate in der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift The Cryosphere veröffentlicht.
Die neuesten Erkenntnisse des ITGC-Teams liefern nun eine Teilantwort auf die Frage, warum der Thwaites-Gletscher in den vergangenen 30 Jahren derart rasch an Masse verloren hat. Forscher haben berechnet, dass der Anteil des Thwaites-Gletschers und seiner Zuflüsse am Masseverlust des Westantarktischen Eisschildes rund 50 – 55 Prozent betragen hat. Während zwischen 1979 und 1989 der Massenverlust rund 4.6 Gigatonnen Eis pro Jahr betrug, hatte sich die Menge zwischen 2009 – 2017 auf 34.9 Gigatonnen mehr als verachtfacht. Die Forschungsteams des ITGC, die auch aus Schweden, Deutschland und Südkorea stammen, möchten neben den Gründen für diese Tempozunahme auch die Auswirkungen auf den Meeresspiegel und wie schnell und wie stark sich das Tempo der Verluste in der Zukunft verändern wird. Das Projekt, das 2018 ins Leben gerufen wurde, soll noch bis 2023 weiterlaufen.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal
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