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Die Geschichte lehrt, dass Erfolg ohne günstige Umstände kaum möglich ist. So verhält es sich auch im Fall der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte der letzten 90 Jahre. Besonders drei exogene Faktoren hatten eine günstige Wirkung: der ununterbrochene Friede, das Wachstum der grossen Nachbarn nach 1945 und die aus dem 19. Jahrhundert ererbte Branchenstruktur. Gleichzeitig zeigt die Geschichte aber auch, dass sich Erfolg nur dann einstellt, wenn man die günstigen Gelegenheiten beim Schopf zu packen weiss. Zu den hausgemachten Stärken der Schweiz zählen die hohe Qualität des Humankapitals und die auf Stabilität ausgerichtete Wirtschaftspolitik. Anders formuliert: Der grosse Erfolg der Schweizer Wirtschaft in den letzten 90 Jahren ist sowohl auf Glück wie auf Verstand zurückzuführen. Im Folgenden soll diese eigentümliche Mischung genauer analysiert werden.
In der modernen Zeit sind 90 Jahre Wirtschaftsgeschichte eine halbe Ewigkeit. Im Jahr 1920 war das durchschnittliche Einkommen etwa fünfmal geringer als in der Gegenwart und die Bevölkerungszahl nur halb so gross. Nicht weniger als zwei Drittel der Beschäftigten arbeiteten entweder in der Landwirtschaft (26%) oder im gewerblich-industriellen Sektor (44%), während die beiden Sektoren heute nur noch etwas mehr als ein Viertel ausmachen. Das Leben war härter, gefährlicher und kürzer. Als 1918/19 die «spanische Grippe» um sich griff, fielen ihr in der Schweiz nicht weniger als 25000 Menschen zum Opfer. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei rund 60 Jahren.Auch in der Wirtschaftspolitik liegen Welten zwischen 1920 und der Gegenwart. Wegen des Landesstreiks vom November 1918 waren die Beziehungen zwischen den Arbeitgebern und der Arbeiterschaft nachhaltig gestört. Die politischen Positionen der bürgerlichen und linken Parteien lagen weit auseinander. Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) votierte an ihrem Parteitag von 1920 für ein neues Programm, das die bürgerliche Demokratie verurteilte und nach der Eroberung der parlamentarischen Mehrheit eine Diktatur des Proletariats vorsah. Teile der bürgerlichen Parteien wünschten sich dagegen eine autoritäre Restauration, um die Arbeiterbewegung gefügig zu machen. Erst in den 1930er-Jahren bahnte sich eine Verständigung zwischen links und rechts an. 1943 erhielt die SPS ihren ersten Bundesratssitz.Beim Vergleich der damaligen mit der heutigen Zeit sind es jedoch nicht die Unterschiede, die eine Erklärung erfordern, obwohl sie einem als Erstes ins Auge stechen. Bei der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte fällt vielmehr die ausgeprägte Konstanz auf, denn bereits damals gehörte die Schweizer Wirtschaft zu den erfolgreichsten Volkswirtschaften der Welt. Wie lässt sich diese ausserordentliche Konstanz erklären?
Wachstum dank Frieden
Die Schweiz ist in den letzten 90 Jahren nie erobert worden. Dass dabei auch Glück eine Rolle spielte, dürfte kaum umstritten sein. Wenn zum Beispiel der deutsche Westfeldzug im Frühjahr 1940 keinen schnellen Erfolg gebracht hätte, wäre die Wehrmacht wahrscheinlich über die Schweiz nach Frankreich eingefallen, um eine zweite Front zu eröffnen. Die meisten anderen westeuropäischen Kleinstaaten, die wie die Schweiz im Konfliktfall stets auf Neutralität bedacht waren, hatten diesbezüglich weniger Glück. Den grössten Schaden erlitt Belgien, das sowohl im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg von den deutschen Truppen angegriffen wurde. Vor allem in den 1920er-Jahren litt das Land unter Kriegsschäden und finanzpolitischen Konflikten. Beides hemmte das Wachstum.Die Schweiz konnte demgegenüber nach den Weltkriegen jeweils mit einem intakten Produktionsapparat auf die Weltmärkte treten. Der durch Glück bewahrte Friede war auch eine wichtige Voraussetzung für den spektakulären Aufschwung der Vermögensverwaltung im 20. Jahrhundert. Bereits Ende der 1920er-Jahre – also noch vor der Einführung des Bankgeheimnisses 1935 – war die Schweiz das führende Zentrum Europas. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Höhe der ausländischen Vermögen weiter zu, als viele europäische Bürger einen erneuten Krieg, Inflation oder Konfiskation befürchteten. Dass die Banken einen besonders ausgeprägten Schutz der Privatsphäre bieten konnten, hat diesen Prozess zweifellos begünstigt, wenn auch nicht ausgelöst. Entscheidend war die politische und wirtschaftliche Stabilität der vom Krieg unversehrten Schweiz.
Im Schlepptau der grossen Nachbarn
Als glücklicher Umstand muss auch bezeichnet werden, dass die Schweiz als kleine, offene Volkswirtschaft von wirtschaftlich erfolgreichen Ländern umgeben ist. Das gilt vor allem für Deutschland, das nach dem Zweiten Weltkrieg eine Art Wiedergeburt erfuhr. Auch die Nachfrage aus Frankreich und Norditalien belebte die schweizerische Exportindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Bedeutung des europäischen Markts etwas relativiert; aber noch immer gehen zwei Drittel der Exporte in die benachbarten Länder. Wenn Deutschland Probleme hat, wirkt sich das unmittelbar auf den Schweizer Export aus, wie die aktuelle Wirtschaftskrise zeigt.Neben dem Export profitierten auch die Finanzdienstleistungen und der Tourismus vom steigenden Wohlstand der grossen Nachbarn. Zudem löste die Einwanderung von Ingenieuren und Wissenschaftlern das Problem, dass in diesen Fächern der einheimische Nachwuchs zu klein war. Die Basler Chemie und die Grossunternehmen der Maschinenindustrie zum Beispiel hätten sich ohne ausländische Spezialisten nie in diesem Mass entwickeln können. Nicht zuletzt hat sich auch die Geldpolitik der Deutschen Bundesbank als äusserst positiv erwiesen. Während andere europäische Zentralbanken immer wieder Inflation entfachten und grosse Kapitalbewegungen auslösten, die den realen Wechselkurs des Frankens vorübergehend in die Höhe trieben, sorgten die Währungshüter des wichtigsten Handelspartners für Stabilität. Dank der Europäischen Zentralbank hat sich die Situation weiter verbessert. Ohne Euro hätte die jüngste Finanzkrise zweifellos einen grösseren Währungskollaps in Europa ausgelöst, der die Wettbewerbsposition der Schweizer Exportindustrie empfindlich geschwächt hätte.
Flexible Branchenstruktur
Als grosses Glück muss schliesslich auch die aus der Vergangenheit ererbte Branchenstruktur taxiert werden. Die Kombination von exportorientierter Landwirtschaft, hochwertiger Industrieproduktion, Tourismus und Finanzdienstleistungen hat sich in den letzten 90 Jahren als äusserst flexibel erwiesen. Zu den günstigen Umständen muss sie deshalb gezählt werden, weil sie keineswegs einem grossen Plan entsprach, sondern sich aufgrund einer langen historischen Entwicklung ergeben hat. Die Exportorientierung der Landwirtschaft geht bis auf das Spätmittelalter zurück, als die Bauern des «Hirtenlandes» die Getreidewirtschaft zugunsten der Viehwirtschaft aufgaben und ihre Herden über die Alpenpässe nach Norditalien trieben. Durch die Spezialisierung auf die Milchwirtschaft wurde die Grundlage geschaffen für die industrielle Herstellung von Milchpulver und Schokolade. Die schweizerische Industrieproduktion hat ihre Wurzeln im 16. und 17. Jahrhundert, als die aus Frankreich vertriebenen Protestanten (Hugenotten) die Uhrenindustrie in die Westschweiz brachten und zum Aufschwung der Textilindustrie in der Deutschschweiz beitrugen. Aus der Textilindustrie gingen im 19. Jahrhundert die Maschinenindustrie sowie die Chemie- und Pharmaindustrie hervor. Der Tourismus war im Wesentlichen eine Erfindung der englischen Besucher, die im 19. Jahrhundert die Alpen als Erholungsgebiet für sich entdeckt hatten. Die Gründung von Grossbanken, Kantonalbanken und Versicherungen ergab sich automatisch aus der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.Das Glück bestand nicht nur darin, dass die Schweizer Wirtschaft gut diversifiziert war, sondern auch darin, dass der Rohstoffsektor unbedeutend war. Denn die Geschichte zeigt, dass Regionen mit einem starken Rohstoffsektor besonders grosse Mühe mit dem Strukturwandel bekunden. Auch hier ist der Blick nach Belgien aufschlussreich. Bis in die Zwischenkriegszeit sorgte das rohstoffreiche Wallonien für grossen Wohlstand. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann aber ein Abstieg, von dem sich die Region bis heute nicht erholt hat. In der Wissenschaft ist deshalb zu Recht von einem «Ressourcenfluch» die Rede. Reichtum, der auf Rohstoffen beruht, hat nur kurzfristig eine positive Wirkung. Langfristig ist er eine Hypothek.Zu den Nachteilen einer reichen Ressourcenausstattung gehört auch das Phänomen der «holländischen Krankheit». Länder, die mit Rohstoffexporten hohe Erlöse erzielen, leiden unter einem starken Aufwertungsdruck des realen Wechselkurses. Das hat zur Folge, dass die übrigen Exportsektoren an Wettbewerbsfähigkeit verlieren und schrumpfen. Zum ersten Mal entdeckt wurde dieses Problem in den 1970er-Jahren, als die Niederlande aufgrund von Erdgasexporten gleichzeitig einen Handelsbilanzüberschuss und eine Krise der traditionellen Exportsektoren erlebten. Auch Norwegen hat wegen der Erdölfunde einen relativen Niedergang der einst starken Maschinenindustrie hinnehmen müssen. Natürlich sind auch in der Schweiz einst blühende Industriezentren abgestiegen, weil man sich allzu lange auf den Erfolg einer einzelnen Branche verlassen hat – etwa in den Kantonen Glarus, St.Gallen oder Solothurn. Aber es ist ungleich schwieriger, in einem ehemaligen Bergbaugebiet neue Arbeitsplätze zu schaffen als in einer Region, die ihre Stärken in der Textil- oder Uhrenindustrie gehabt hat. Der Aufschwung der Medizinaltechnik am Jura-Südfuss ist ein typisches Beispiel dafür.
Die Grenzen des Glücks
Wie die Wirtschaftsgeschichte der Schweiz ohne diese günstigen Umstände verlaufen wäre, lässt sich nicht sagen. Die Entwicklung eines Landes ist immer einzigartig. Der Vergleich mit anderen europäischen Kleinstaaten zeigt aber, dass Glück keineswegs die ganze Erfolgsgeschichte der Schweizer Wirtschaft erklären kann. Wohl profitierte die Schweiz davon, dass sie von beiden Weltkriegen verschont blieb: In den 1920er-Jahren und Ende der 1940er-Jahren nahm der relative Wohlstand der Schweiz besonders stark zu. Aber ein messbarer Vorteil zeigte sich nur vorübergehend. Am Ende des 20. Jahrhunderts wiesen nicht die vom Zweiten Weltkrieg verschonten Länder – wie Schweden oder die Schweiz – das höchste durchschnittliche Einkommen auf, sondern Dänemark. Schweden schnitt nicht einmal besser als Belgien ab.Auch die Tatsache, dass die Schweiz von erfolgreichen Nachbarn umgeben ist, erklärt nicht alles. Ein legendäres Beispiel ist Irland. Obwohl Nachbar eines der reichsten Länder der Welt, vermochte die Grüne Insel bis in die jüngste Zeit kaum ein nennenswertes Wachstum zu erzielen. Die Nachbarschaft zu Grossbritannien schien eher ein Fluch als ein Segen zu sein. Erst dank einem radikalen wirtschaftspolitischen Kurswechsel vermochte die irische Wirtschaft von der Nähe zu Grossbritannien zu profitieren. Die blosse Anwesenheit eines erfolgreichen Nachbarn ist deshalb keineswegs ausreichend. Es kommt vielmehr darauf an, wie ein Kleinstaat seine Chancen nutzen kann.Schliesslich ist auch die Bedeutung der ererbten Branchenstruktur zu relativieren. Natürlich war es für die Schweizer Wirtschaft ein grosses Glück, dass sie keinem Ressourcenfluch unterlag. Aber damit ist nicht geklärt, warum zum Beispiel die Basler Chemie im ausgehenden 20. Jahrhundert den Strukturwandel hin zur Pharmaindustrie schaffte. Die deutschen Unternehmen hatten diesbezüglich mehr Probleme. Genauso wenig wird verständlich, warum Luxemburg trotz seiner jahrzehntelangen Abhängigkeit von der Stahlindustrie einen blühenden Finanzplatz aufbauen konnte. Es gibt Ausnahmen, die erklärungsbedürftig sind.Um die schweizerische Erfolgsgeschichte zu verstehen, muss man deshalb auch Faktoren berücksichtigen, die sich nicht auf günstige Umstände zurückführen lassen. Zwei von ihnen haben eine besonders hohe Erklärungskraft: die hohe Qualität des Humankapitals und die auf Stabilität ausgerichtete Wirtschaftspolitik.
Die «Schweizer Tugenden»
Es ist in der ökonomischen Theorie unbestritten, dass der Wohlstand eines Landes in letzter Instanz von der Qualität des Humankapitals abhängt. Je unternehmerischer und je besser ausgebildet die Arbeitskräfte sind, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Land reich ist. In der Schweiz scheinen die Bedingungen für die Akkumulation von Humankapital besonders günstig gewesen zu sein. Zum einen hat es immer eine hohe Wertschätzung für Tugenden wie Fleiss, Qualitätsarbeit und Unternehmertum gegeben, zum andern haben Politik und Wirtschaft stets besonderes Gewicht auf gute Bildungsinstitutionen gelegt, sowohl für die Eliten wie auch für Volksschüler und Lehrlinge.Woher die hohe Wertschätzung für Bildung und Ausbildung stammt, ist nicht leicht zu erklären. Klar ist aber, dass sie auf eine lange Tradition zurückblicken kann und so gut verankert ist, dass man manchmal von «Schweizer Tugenden» spricht. Die Schweizer Städte waren Zentren der Reformation, die ein neues Arbeitsethos mit sich brachte. Sie haben auch unternehmerische Energien freigesetzt, indem sie immer wieder Menschen aus den ländlichen Gebieten oder dem benachbarten Ausland angezogen haben, die sich durch besondere Leistungen auszeichnen wollten. Im 19. Jahrhundert war die Eidgenossenschaft eine Pionierin bei der Volksbildung und der technischen Bildung. 1854 wurde das Eidgenössische Polytechnikum in Zürich, 1874 das Technikum in Winterthur gegründet. Gegen Ende des Jahrhunderts verankerte der Bund das moderne Modell der Berufslehre.Die hohe Qualität des Humankapitals war eine Voraussetzung dafür, dass sich die Schweizer Unternehmen auf hochwertige Nischenprodukte spezialisieren und ihren Angestellten und Arbeitern relativ hohe Löhne ausbezahlen konnten. Gleichzeitig war sie auch eine Folge des Erfolgs. Die Unternehmer wussten, dass sie ihre Nischenstrategie nur dann fortsetzen konnten, wenn sie die Volksschule, die höhere technische Bildung und die betriebliche Ausbildung unterstützten. Auch für die Arbeitnehmerseite hat es sich immer gelohnt, in die eigene Ausbildung zu investieren, denn mit einem besseren Abschluss ergab sich fast automatisch ein höherer Lohn.
Die Kunst, grosse Fehler zu vermeiden
Ein zweiter Erfolgsfaktor, der nicht einfach auf günstige Umstände zurückgeführt werden kann, ist die schweizerische Wirtschaftspolitik. Man kann zwar nicht von einer optimalen Politik sprechen; auch in der Schweiz wurden oft falsche Entscheide gefällt. Doch im internationalen Vergleich fällt auf, dass die Fehltritte in der Regel weniger gravierend waren als im benachbarten Ausland. Vor allem gelang es, eine auf Stabilität ausgerichtete Politik zu verfolgen.Die schweizerische Geldpolitik ist ein typisches Beispiel. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat zwar nicht alles richtig gemacht. Die Deflationspolitik während der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre, die restriktive Politik Mitte der 1970er-Jahre und die Hochzinspolitik in den frühen 1990er-Jahren haben mit Sicherheit kontraproduktiv gewirkt. Über die gesamten 90 Jahre hinweg war aber die schweizerische Geldpolitik ausserordentlich erfolgreich. Während die meisten europäischen Staaten mindestens einmal eine Phase von hoher Inflation oder gar von Hyperinflation erleben mussten, blieben die Preise in der Schweiz seit 1920 immer relativ stabil.Ein anderes Beispiel ist die schweizerische Fiskal- und Finanzpolitik. Sowohl die Steuersätze wie die Verschuldung von Bund, Kantonen und Gemeinden blieben über die letzten 90 Jahre moderat. Während andere Länder nach 1945 die Konjunktur mittels Fiskal- und Finanzpolitik zu stabilisieren versuchten und dafür oft höhere Schulden in Kauf nahmen, blieben die Schweizer Behörden eher zurückhaltend. Manchmal hatte diese Zurückhaltung kurzfristig negative Wirkungen, etwa Mitte der 1970er-Jahre oder in den frühen 1990er-Jahren. Für die langfristige Stabilität der Staatsfinanzen war sie aber vorteilhaft.Ein wichtiger Stabilitätsfaktor war schliesslich die Sozialpartnerschaft, die sich in den späten 1930er-Jahren herausgebildet hatte und nach dem Zweiten Weltkrieg in den meisten Branchen zur Regel geworden war. Die Interessengegensätze zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern liessen sich damit zwar nicht aus der Welt schaffen. Aber der Wille, im Krisenfall gemeinsame Lösungen zu finden, statt den Konflikt zu eskalieren, schuf ein Klima des Vertrauens, das zweifellos wachstumsfördernd war.
Fazit
Kurz gesagt beruhte der Wohlstand der Schweiz in den letzten 90 Jahren nicht nur auf günstigen Umständen, sondern auch auf erarbeiteten Stärken. Und vieles deutet darauf hin, dass die Schweizer Wirtschaft auch in Zukunft überdurchschnittlich erfolgreich sein wird. Ein Ende der Geschichte ist noch nicht abzusehen.
Kasten 1: Einwanderung und WachstumIn den letzten 90 Jahren war die durchschnittliche Einwanderungsrate deutlich höher als die Auswanderungsrate. Die Entwicklung verlief aber keineswegs linear. Wenn wir mangels besserer Daten den Anteil der ausländischen Bevölkerung an der ständigen Wohnbevölkerung als Indikator verwenden, lassen sich vier Phasen unterscheiden. Von 1920 bis 1945 halbierte sich der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung von knapp 10% auf 5%. Dies war durch eine striktere Einwanderungspolitik und den Zweiten Weltkrieg bedingt. Während der Hochkonjunkturphase von 1945 bis zur grossen Rezession Mitte der 1970er-Jahre fand eine erste grosse Einwanderungswelle statt: Der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung stieg von 5% auf 17%. Nach einer starken kurzfristigen Reduktion auf 14%, die darauf zurückzuführen war, dass die Schweiz mehr als 150000 ausländische Saisonniers nach Hause schickte, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, begann in den 1980er-Jahren eine zweite grosse Einwanderungswelle, die bis heute andauert.Einwanderung und Wohlstand sind zwei Seiten derselben Medaille. Eine kleine, offene Volkswirtschaft wie die Schweiz erzielt nur dann ein kontinuierliches Wachstum, wenn sie ausländische Arbeitskräfte rekrutieren kann. Wie hoch die Einwanderungsrate sein soll und wie die Einwanderung gesteuert werden kann, ist primär eine politische Frage. Aus ökonomischer Sicht ist es optimal, wenn die Einwanderung nicht in erster Linie die Besetzung offener Stellen ermöglicht, sondern zur Steigerung der Produktivität beiträgt. Dies war in der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte der letzten 90 Jahre nicht immer der Fall. Vor allem in der Hochkonjunktur der Nachkriegszeit haben strukturschwache Branchen ausländische Arbeitskräfte rekrutiert, um mit einer Niedriglohnstrategie den unvermeidbaren Abstieg hinauszuzögern. In der Krise der 1970er-Jahre war deshalb der Zusammenbruch dieser Branchen besonders dramatisch. Hingegen hat die Schweiz immer hochqualifizierte Arbeitskräfte anziehen können. Ohne diese Attraktionsfähigkeit wäre die Wirtschaftsgeschichte der letzten 90 Jahre ganz anders verlaufen.
Kasten 2: Literatur− Bergier Jean-François (1983), Die Wirtschaftsgeschichte der Schweiz. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Zürich/Köln: Benziger Verlag.− Historische Statistik der Schweiz (1996), herausgegeben von Heiner RitzmannBlickenstorfer, unter der Leitung von Hansjörg Siegenthaler, Zürich: Chronos.− Maddison Angus (2001), The World Economy. A Millennial Perspective, Paris: OECD.− Schweizerische Nationalbank (Hg.) (2007), Schweizerische Nationalbank, 1907–2007, Zürich: NZZ Libro.