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Das Zeitalter der Automatisierung hat längst begonnen. Der Futurist Gerd Leonhard erklärt, warum künftig Busse ohne Fahrer unterwegs sind, Computer Spiegeleier braten können und weshalb kreatives Denken und emotionale Intelligenz wichtig sind.
Gerd Leonhard, Sie arbeiten als Strategie- und Zukunftsberater und sind Futurist, ist das nicht alles das Gleiche?
Im Endeffekt schon, die Zukunftsberatung ist eine Therapie. Müssen Politiker oder Geschäftsführer wichtige Entscheidungen treffen, sehen sie manchmal bei komplexen Themen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Mit den Banken diskutiere ich seit zehn Jahren. Erst jetzt verstehen sie, dass in der Zukunft auch das Geld digital sein wird. Wir zahlen heute mit dem iPhone noch über die Bank. Früher oder später wird «Apple Pay» bankenunabhängiges Bezahlen ermöglichen. Die Existenzfrage realisieren die Banken, ähnlich der Musikindustrie, erst jetzt.
Wie kamen Sie dazu, sich beruflich mit der Zukunft zu beschäftigen?
In den englischsprachigen Ländern ist Futurismus als akademische Wissenschaft weitverbreitet. Diese Future-Studies dauern mehrere Jahre. Das habe ich nicht gemacht. Ich stiess eher zufällig dazu, war früher Musiker und Musikproduzent in den USA. Später gründete ich mehrere Internet-Start-ups mit dem Ziel, Musik zu verbreiten und zu verkaufen – eines war ein Vorläufer von Spotify, einem Musik-Aboservice. Ich sagte schon früh voraus, dass Musik bald wie Wasser überall und zu einem tiefen Preis via Internet erhältlich sein wird. Wenn ich meinen Kindern heute zu Weihnachten eine CD schenkte, würden sie glauben, ich bräuchte einen Therapeuten.
Was geschah mit diesen Firmen?
Eine war www.licensemusic.com, eine Online-Bibliothek für Film- und Fernsehmusik. 2001, als die Internetblase platzte, gingen wir pleite, wie viele andere auch. Ich war damals in San Francisco und hatte 110 Angestellte, das war keine gute Erfahrung. Ich stellte fest, dass meine Geschäftsideen nicht falsch waren, sondern bloss zehn Jahre zu früh kamen. Daher fing ich an, diese Ideen zu vermitteln, statt sie umzusetzen. 2002 zog ich in die Schweiz und schrieb das Buch «The Future Of Music». Es erschien zwei Jahre später und wurde als Bestseller in mehrere Sprachen übersetzt. Aus der Musikbranche kamen daraufhin viele Anfragen von grossen Plattenfirmen wie Universal oder Sony, ob ich bei ihrer Zukunftsplanung helfen könnte.
Entwickelte sich Ihre Beraterfunktion dadurch allmählich von der digitalen Musik hin zur Zukunftswelt?
Ja, über die Musik kam ich zu Film-, Fernseh- und Videoaufträgen, dann kamen Marketing, Werbung, Banking und Reisen dazu. 2008 zeichnete sich ab, dass aus der Beratung ein Business werden könnte. Drei Jahre später gründete ich meine Firma TheFuturesAgency.
Was gehört zu Ihrer Beratertätigkeit?
Beraten ist nicht das richtige Wort. Das machen Consultingfirmen mit konkreten Lösungen. Wir bieten eher eine Art «Therapie» an. Wir dürfen auch Dinge sagen, die sonst keiner auszusprechen wagt.
Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
Nehmen wir einen Zeitungsverlag, der eine Bezahlschranke bei seiner Onlineplattform einführt. Ist die Entscheidung zur sogenannten «Paywall» in der Führungsebene gefallen, wird niemand intern mehr dagegen opponieren, um sich keine Feinde in der Chefredaktion zu schaffen. Ich dagegen bin frei in meinen Äusserungen, komme von aussen und kann diese Strategieentscheidung neutral betrachten und bewerten.
Sie sind auch als Keynote-Speaker tätig, was beinhaltet das?
An firmeninternen Events, die für mich auch eine Art von Coachings sind, rede ich über diese Zukunftstrends. Das macht einen Grossteil meiner Arbeit aus.
Wer sind Ihre Kunden?
Meistens Unternehmen, die für sich selbst oder Partner in ihrer Branche die Zukunft konkret entdecken wollen. Kürzlich lud mich zum Beispiel Ebay Enterprise ein. Das Thema des Anlasses war die Zukunft von Software und Werbung. Ich skizzierte die Entwicklung in den nächsten fünf bis sieben Jahren. Die Leute wollen neben den harten Trends auch Unterhaltung. Dieser Anforderung versuche ich in meinen Referaten gerecht zu werden.
Gerd Leonard, 53, ist Futurist, arbeitet als Zukunftsberater sowie an sechzig bis siebzig Veranstaltungen pro Jahr als Keynote-Speaker. Seit 2011 ist er Inhaber der Firma TheFuturesAgency mit 25 Mitarbeitenden. Der gebürtige Deutsche war Theologiestudent, bevor er sich in die USA aufmachte, wo er als Jazzmusiker, Musikproduzent und Internet-Unternehmer tätig war. Seit 2002 lebt Leonhard in der Schweiz und ist Schweizer Bürger. Der Vater zweier erwachsener Söhne ist auch als Buchautor bekannt. Als Sohn eines Försters liebt Gerd Leonhard die Natur und hält gelegentlich das Offline-Sein für Luxus.
Die Arbeitswelt verändert sich durch die Digitalisierung. Welche neuen Berufe sehen Sie auf uns zukommen?
Die Gleichsetzung der Begriffe «Arbeiten» und «Geldverdienen» wird früher oder später verschwinden. Weil wir in einer Gesellschaft, die automatisiert und digitalisiert ist, viele Arbeiten nicht mehr erledigen müssen. Eine Menge Arbeit, die nicht unbedingt kreativ oder menschlich ist, wird durch Roboter oder Maschinen mit intelligenter Software gemacht. Diese schleichende Automatisierung sehen Sie schon vielerorts beim Check-in, das macht jetzt das Handy. Ich stelle den Koffer in eine Kiste, diese rutscht dann weg. Dort sind schon mal Hunderte von Jobs verschwunden. Früher oder später wird der Busfahrer automatisiert, später vielleicht der Pilot.
Der Pilot wird durch eine Maschine ersetzt?
Technisch ist das bereits möglich, aber sozial gesehen schwierig durchzusetzen. Die Passagiere wollen einen Menschen im Cockpit. Dabei ist der Pilot nur ein Feigenblatt, denn das Flugzeug startet und landet von allein. Der Computer funktioniert erwiesenermassen akkurater und sicherer als ein Mensch. Trotzdem glaube ich, dass der Beruf Pilot als Flight Supervisor bleiben wird.
Der Buschauffeur hingegen nicht?
Der Beruf des Busfahrers wird hinfällig, denn Busse können in für sie entworfenen und reservierten Fahrspuren fahren. In Las Vegas werden erste Versuche gemacht. Dort haben die Strassen vier, fünf Spuren in gerader Richtung, das ist relativ einfach. In Rom wäre eine solche Strassenführung eine Herausforderung.
Welche Berufe halten Sie noch für möglich?
Neue Technologien werden Millionen von Berufen schaffen. Ein Beispiel ist das Genetic Engineering, das sich mit der Verhinderung von Krankheiten beschäftigt. Der Weg geht vom Bekämpfen einer Krankheit zu ihrer Verhinderung. Das wirft natürlich grosse ethische Fragen auf und ist ein Riesenthema für die Pharmaindustrie.
Abgesehen von dieser Branche, als was könnten wir in Zukunft arbeiten?
Der Offline-Therapeut wird dafür sorgen, dass der Mensch den Ausgleich zur digitalen Welt findet. Viele Leute arbeiten immer mehr, der Arbeitsplatz ist quasi die ganze Welt. Um nicht in der Datenwelt zu versinken, werden Menschen Hilfe brauchen. Der Offline-Therapeut berät sie als eine Art «Ernährungsberater» beim Konsum von digitalen Inhalten.
Der Überforderung entgegenwirken ist sicher sinnvoll, wird es noch andere Berater für die digitale Welt geben?
Der Data Scientist wird Privatpersonen und Firmen unterstützen, die ihr Datenprofil im Netz verwaltet haben wollen. Er wird sozusagen der Public-Relations-Berater der Zukunft und regelt die Fragen im Umgang mit Daten – nicht nur Geschäftsdaten, sondern auch solche von Privaten –, um Sicherheit zu gewährleisten, Profile zu gestalten oder Privatsphären zu schützen. So entstehen Millionen von neuen Jobs.
Wie soll das passieren?
Die meisten Grossstädte werden Chief Digital Officers beschäftigen, welche die digitale Datenwelt nutzen, um effizient und bürgernah zu arbeiten. In New York City ist dies bereits Realität. Dort beurteilt eine 25-jährige Frau die Datenmengen und das Internet in der Stadt und bringt Vorschläge zur besseren Datenverarbeitung und Sicherheit. Ich glaube, dass jeder Politiker künftig einen oder zwei Datenberater haben wird, um dieses Kernthema bewältigen zu können. Wir werden im Parlament Fachleute dafür haben, die als Special Advisors in der Politik arbeiten, aber keine Politiker sind. Die Politik hinkt in dieser Hinsicht zehn Jahre hinter der Entwicklung her. Diese grosse Diskrepanz ist ein Problem.
Was raten Sie Leuten, denen ihr Beruf quasi wegbricht?
Sie sollen versuchen, sich einen eigenen Beruf zu schaffen, das heisst, selbständig zu werden. Dies setzt Flexibilität und Kreativität voraus. Jobs, bei denen «menschliche» Fähigkeiten gefragt sind, wird es immer geben, denn Maschinen können sie nicht ersetzen. Die Zukunft bringt mehr Teilzeitarbeit, und viele Berufe werden nur ein kurzes Zeitfenster haben.
Ein kurzes Zeitfenster bedeutet konkret?
Was heute als ein sicherer Job erscheint, kann in ein paar Monaten ganz anders aussehen. Der Buchhalter ist das beste Beispiel. Buchhaltung wird schon bald auf einem anderen Level überleben, weil eine Maschine das Einordnen und Abrechnen zu neunzig Prozent übernimmt. Buchhalter werden sich zum Beispiel auf kreative Steuerberatung konzentrieren können, also Dinge, wofür ein Computer nicht erfahren genug ist.
Wenn sich die Berufe so einschneidend verändern, wird es dann auch den Arbeitsort betreffen?
Vom papierlosen Büro wird seit 20 Jahren geredet, nun ist die Technik dafür da. Ich kann auf meinem iPad ein Dokument einscannen, das mehrere Personen weltweit zusammen lesen und bearbeiten. Die Arbeit ausserhalb des Büros ist durch Tele-Working, etwa via Skype, möglich. In fünf Jahren gehen wir nur noch für Meetings ins Büro. Die Grösse der Büros schrumpft. Durch die effizientere Technik werden aber auch weniger Arbeitnehmer gebraucht.
Überspitzt gesagt, sitzt dann eine Hälfte der Werktätigen zuhause in ihren zu Büros umgestalteten Wohnungen, die andere Hälfte auf der Strasse?
In gewissen Wirtschaftszweigen ja. Nehmen Sie beispielsweise die chinesischen Unternehmen, die iPhones herstellen. Heute sind 340 Leute an der Herstellung eines Gerätes beteiligt. In fünf Jahren werden es fünf Leute sein. Vor 20 Jahren kostete ein schweissender Roboter zwei Millionen Dollar. Heute liegt der Preis eines lernfähigen und auf Menschen reagierenden Roboters bei 20 000 Dollar. In fünf Jahren werden deshalb viereinhalb Millionen Chinesen arbeitslos sein.
Was soll aus den Arbeitslosen in der automatisierten Zukunft werden?
Der Umbruch wird eine Weile dauern. In dieser Zeit entstehen neue Jobs. Der Güselmann holt nicht mehr selbst den Abfall vor den Häusern ab, sondern überwacht in der Zentrale den Roboter, der das Güselauto fährt und den Müll auflädt. Aus dem Taxifahrer wird trotzdem kein Programmierer. In fünfzehn Jahren werden wir eine strukturelle Arbeitslosigkeit haben. Damit Arbeitnehmer fit sind für die Zukunft, müssen sich die Ausbildungen an den Schulen radikal ändern. Die Business-Schulen etwa brachten die Leute zum grossen Teil dahin, dass sie wie Roboter funktionieren und Pläne erfüllen. Jetzt brauchen wir das Gegenteil, mehr Design-Denken, mehr kreatives Denken und Verhandlungsfähigkeit.
Was sollen unsere Kinder lernen?
Ich rate ihnen, das zu machen, was nur Menschen machen können. Alles, was kreativ ist, ob Design, Programmieren, Therapie oder Kochen. Ein Computer kann zwar ein Spiegelei kochen, aber keine Spaghetti alla carbonara. Artikel über Aktien können Sie sich heute schon vom Computer schreiben lassen. Ein Artikel über die finanzielle Lage der Schweiz dauert vierzehn Sekunden. Das sind natürlich nur Fakten, die zusammengebracht werden, der Text ist nicht per se journalistisch, sondern eine Art Recherche. Ob die Schweiz in der Zukunft zur EU gehören sollte, wird natürlich kein Computer beantworten können. Alles, was zwischen den Zeilen steht, kann er nicht übernehmen.
Sie beschäftigen sich schon länger mit dieser Arbeitsthematik, wie ist denn die Quote Ihrer Voraussagen?
Meine Voraussagen sind offensichtlich, weil sie sich auf fünf bis zehn Jahre beziehen.
Das heisst konkret?
Was ich beobachte, ist ansatzweise bereits hier. Zu sagen, was in zwanzig Jahren passieren wird, ist extrem schwierig. Ich sehe fünf, sechs grosse Fragen, die miteinander verbunden sind. Eine davon ist die Frage nach den Energiequellen der Zukunft. Die Antwort lässt sich unmöglich vorhersagen.
Wo liegt demnach Ihre Quote?
Ich würde mal sagen bei 95 Prozent. Das Thema Arbeit ist für mich allerdings erst seit ein paar Jahren aktuell. Vorher hat sich keiner dafür interessiert, die Maschinen waren auch nicht so weit entwickelt.
Wie sehen Sie selber Ihre Zukunft als Futurist?
Die Veränderungen in der Zukunft haben auch Auswirkungen auf meine Tätigkeit. Künftig kann ich genauso wie andere Personen alle faktenbasierten Informationen über digitale Assistenten erhalten. Ich muss also selber ein höheres Informationsniveau erreichen und die einzelnen Informationen miteinander verknüpfen. Je mehr soziale, emotionale Intelligenz ich besitze, desto besser ist das für meinen Job.