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Eine Qualität welche die Menschen in Afrika gegenüber den Industriemächten haben ist die, aus fast Allem was sich bietet ohne Hilfsmittel etwas Nutzbringendes anzufertigen. Diese Qualität zeigt sich ebenfalls in der Tatsache, dass alles was noch in irgendeiner Weise repariert werden kann auch repariert wird. Teilweise unter grober Missachtung von (für unser Verständnis unumgänglicher) Systemvoraussetzungen wie z.B. Personenschutz, Umweltschutz oder Nachhaltigkeit.
Das Verständnis von Funktionalität (ganz Generell) ist in diesem Teil Afrikas ein ganz anderes als wir dies in Europa praktizieren. Funktionalität bedeutet in diesem Teil der Welt, dass ein Produkt seinen Zweck zum Bedarfszeitpunkt erfüllt. Über die Erhaltung der Funktionalität dieses Produktes für späteren Gebrauch oder über die Auswirkungen des Produktegebrauchs auf die Umwelt macht sich niemand wirklich Gedanken.
Eines der Besten Beispiele welches mir hierzu untergekommen ist betrifft leider die gesamte Bevölkerung in Kenya: Das Verkehrssystem und dessen Infrastrukturen.
Strassen werden nicht (wie z.B. in Mitteleuropa) im Mehrschichtverfahren aufgebaut, sodass diese durch Umwelteinflüsse (Regen, tektonische Aktivität, Vibrationen durch Fahrzeuge etc.) möglichst nicht beschädigt werden und damit den Waren- und Personentransport nachhaltig aufrechterhalten. Die vorhandenen Strassen sind in die Natur gepflügte Pfade welche durch das wiederholende Befahren entstanden sind und an den Stellen mit hohem Verkehrsaufkommen mit Asphalt belegt wurden. Drainage oder Tragschichten bestehen keine, sodass bei starkem Regenfall (also spätestens nach der Nächsten Regenzeit) die Strasse unterschwemmt, aufgebrochen und teils in ganzen Stücken abgeschwemmt ist. Da das Waren- und Personentransportsystem in Kenya ausschliesslich über die Strasse und die Luft funktioniert (nur eine Bahnlinie zwischen Mombasa und Nairobi) bricht in zuvor geschildertem Falle regelmässig der Warennachschub und der Personentransport zusammen, da die Strassen nicht befahrbar sind.
Eine Feststellung welche in Kenya niemanden erschüttern kann, denn dies ist allgemein bekannt. Das erstaunliche daran ist jedoch, dass sich die Menschen damit einfach abfinden und regelmässig ihre Strassen neu asphaltieren (natürlich auf dieselbe Weise wie zuvor), damit diese beim nächsten Starkregen wieder unterspült werden kann. Entgegen meiner Vermutung, diesem Verhalten liege fehlende Bildung oder Fachkenntnis zu Grunde, stellte sich heraus, dass es sich hierbei viel mehr um eine kulturelle Eigenschaft der Menschen handelt. Es liegt nicht in der Natur dieser Gesellschaft, sich vorgängig detailliert mit Einflussfaktoren, möglichen Folgen des Handelns oder langfristigen Zielen auseinander zu setzen. Die Menschen wachsen in einer Gesellschaft auf in welcher rasches Anpacken und Umsetzen (teilweise für das tägliche Überleben) von entscheidender Bedeutung ist.
Leider zeigt sich in dem geschilderten Beispiel des Strassenbaus sowie in vielerlei weiterer Verhaltenseigenschaften der Menschen (siehe auch Lektion 4: „Organisation matters“), dass vor lauter Eifer die Sinnhaftigkeit des Handelns aus dem Fokus verschwindet, und sich die Menschen damit in der Weiterentwicklung ihres Engagements oder der Produkte selbst im Wege stehen.
Dies geht leider so weit, dass wenn man Kinder im Alter von 14 Jahren zu deren Berufswunsch befragt, diese nicht in der Lage sind eine Antwort auf die Frage zu geben. Hier zeigt sich, dass diese Menschen nie gelernt haben was es bedeutet Visionen oder langfristige Ziele zu haben.
Für die Weiterentwicklung einer Gesellschaft, eines Unternehmens oder auch eines einzelnen Menschen sind visionäres Denken und Handeln jedoch unumgänglich, da wir uns ohne langfristige Ziele oder Visionen entweder gar nicht vom Fleck bewegen, oder wenn dann in eine unbestimmte Richtung.
Wie das bei vielerlei Sachverhalten der Fall ist, lässt sich aber auch diese Feststellung nicht einfach generell auf alle Menschen in Kenya anwenden.
Ein echter Visionär (wenn er selbst dies auch garantiert nicht so beschreiben würde) hat sich in meiner letzten Woche in Kenya in unserem Viertel gezeigt.
„Beebee“ (so wird er genannt, niemand kennt seinen richtigen Namen) ist ein ca. 50 jähriger Mann, welcher in den Wohngebieten von Malindi den Müll der Anwohner zusammenträgt (es gibt kein öffentliches Kehrichtentsorgungssystem in Malindi) und für sich selbst nützliche Gegenstände aus dem Müll heraussucht.
Das Trinkgeld welches er dabei von den Menschen erhält sowie der regelmässige Wiederverkauf von Dingen welche er im Müll findet sichern das Überleben von „Beebee“.
Wer „Beebee“ in den Strassen von Malindi entdeckt stellt sofort fest, dass sein ganzer Körper unkontrollierte Bewegungen macht, seine arme und Beine unkoordiniert zucken und dass ihm das Sprechen sehr schwer fällt. Die verdreckten Kleidungsstücke, die löchrigen Schuhe und der abenteuerliche Bart lassen dem neutralen Betrachten kaum eine andere Wahl als „Beebee“ als Junkie zu interpretieren, genauso wie ich das bei meinem ersten Kontakt mit diesem Mann auch getan habe. Bei genauerer Betrachtung fällt einem jedoch rasch auf, dass dieser Mann vollumfänglich bei Sinnen ist und sein Handeln zielgerichtet und mit voller Absicht erfolgt, was auf einen Junkie unter Drogeneinfluss oder unter Entzugserscheinungen kaum zutrifft.
Die Erklärung ist einfach: „Beebee“ leidet unter einer schweren Form von Parkinson. Da Menschen wie er in Kenya auf keine staatliche Hilfseinrichtung zurückgreifen können, sind diese zur Randständigkeit der Gesellschaft gezwungen, denn das unkontrollierte Verhalten seines Körpers macht es „Beebee“ unmöglich seiner ursprünglichen Tätigkeit als Chauffeur nachzugehen.
Trotzdem hält dieser Mann an seiner Vision fest: „Mein Stolz lässt es nicht zu dass ich betteln gehe, ich will meinen Lebensunterhalt selbst und ehrlich erwirtschaften.“
Es gibt Visionäre und entsprechend visionäres Gedankengut auch in diesem Teil der Welt und der Gesellschaft, es ist wohl einfach noch nicht ganz so weit ausgeprägt wie in Mitteleuropa.
Wenn die Mehrheit der Menschen, vor Allem die einflussreichen Menschen, in Kenya ein Denken und Handeln wie „Beebee“ an den Tag legen würden, wären wohl auch plötzlich die Strassen Kenyas nachhaltig befahrbar und der Waren- und Personentransport permanent gesichert. Dafür braucht es jedoch noch einige „Beebee’s“ mehr in dieser Gesellschaft.