Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03618.jsonl.gz/2151

Über das Herstellen von Bergreliefs
Gegen Ende des 18.Jahrhunderts basierten Franz Ludwig Pfyffer, Joachim Eugen Müller und Charles-François Exchaquet ihre Reliefs auf Grund persönlicher Gebietsbeobachtungen und -messungen. Berggipfel, Talfurchen und anderes wurden in ihrer ungefähren Lage und Meereshöhe markiert durch ins Unterlagebrett eingesetzte vertikale Stifte von entsprechender Länge ( Nägel u.a. ), wobei ihre Spitzen dem Modelleur Fixpunkte markierten. Als Seeflächen dienten meist Scherben von Glasspiegeln. Das Ufergelände wurde durch aufgesetzte Modelliermasse abgegrenzt. Exchaquets Mont-Blanc-Modell hingegen ist wohl eines der recht seltenen Beispiele einer Modellierung durch Holzschnitzerei.
Ein radikaler Umschwung trat um die Mitte des letzten Jahrhunderts ein, als neue topographische Landeskartierungen in der Schweiz und anderen Ländern die Geländeformen erstmals durch Höhenkurven ( Horizontalkurven ) bestimmter Meereshöhen und Äquidistanz lieferten. Solche Liniengefüge legten nun die Geländeformen geometrisch genauer fest. Sie dienten fortan allgemein dem Aufbau von Bergmodellen. Jeder Lehrer, jeder Schüler, jeder Bastler kennt das Vorgehen: Übertragen der Höhenkurven auf irgendwelche geeignete Folien ( Karton, Laubsäge-holz, Sperrholz u.a. ), dann Herausschneiden oder Heraussägen der einzelnen Schichtplatten. Hierauf lagegerechtes Aufeinandersetzen und Be- Figurß: Treppenstufen- oder Schichtstufenrelief festigen ( Aufleimen oder Nageln ) der Schichtplatten. So entsteht ein Schichtstufen- oder Treppen-stufenrelief. Oft erfolgen weitere Ausgestaltungen durch zeichnerisches oder gemaltes Ergänzen der Flusslinien, Strassen, Häuser, Wälder usw. Bei flachen Modellen werden oft auch Ausschnitte aus der Karte auf die entsprechenden Treppenfiä-chen geklebt. Solche abgetreppte Modelle sind vorzügliche Demonstrationshilfen im Anfänger-unterricht in Gelände- und Kartenlehre.
Ein nächster Schritt: Man füllt die einspringenden Treppenstufen aus durch Ton, Wachs, Kitt oder irgendeine andere Modelliermasse. Es kann dies bei Holzaufbau der Stufen auch mit Gips geschehen. Über die Verarbeitung des Gips-materiales siehe unten. Der durch Wasserzusatz « gelöschte » dickflüssige Gipsbrei wird in die Modelltreppenstufen hineingedrückt, so dass eine kontinuierliche, abgeschrägte Oberfläche entsteht. Dies aber muss sehr rasch geschehen; denn der Gipsbrei erstarrt in wenigen Minuten.
Auf die kontinuierliche Gipsoberfläche können nun wiederum Bachlinien, Wege, Strassen und anderes eingetragen und kleine Gebäudeklötz-chen aufgeklebt werden. Waldbedeckung entsteht bei genügend grossem Massstab durch oberflächlich dichtes Zerhacken einer dünn aufgesetzten, halbfesten Modelliermasse mittels spitzer Modellierstichel. Am dankbarsten sind solche Modelle für relativ kleine Gebiete in grossen Massstäben, etwa in solchen von i: iooo bis i: ioooo, und mit einfach, aber doch kräftig gegliedertem Relief, wie für Moränenkämme, Ge-ländeterrassen, Bachtobel usw.
Durch sorgfältige Arbeit lassen sich auf solche Weise vorzügliche Ergebnisse erzielen.
Das geschilderte Vorgehen hat aber folgende Mängel:
Die Plattendicke der verwendeten Kartons oder der Laubsägebrettchen entspricht oft nicht genügend genau der erforderlichen Schichtstu-fenhöhe. Die damit erzeugten Modellberge sind dann zu niedrig oder zu hoch, ihre Abhänge zu flach oder zu steil. Man soll daher vor Beginn der Arbeit den Massstab festlegen, die entsprechende Höhe der Schicht- oder Treppenstufen ausrechnen und die Platten entsprechend einkaufen. Beispiel: Modellmassstab i :5ooo, Abstand der Höhenkurven in der Natur = 20 Meter, somit für das Modell benötigte Plattendicke = 4 Millimeter.
Eine zweite Schwierigkeit:
Das Ausmodellieren kleingegliederter Formen, wie Felsen, Runsen, Gletscherbrüche, ist erschwert, wenn unter der dünnen Gipsbedeckung stetsfort Holzkanten den Modelleur am Arbeiten hindern.
Eine dritte Schwierigkeit besteht schliesslich darin, dass nach Austrocknung, bei Feuchtig-keitsänderung, Erschütterungen und stets mit dem Älterwerden, Gips und Holz sich anders verhalten und daher voneinander lösen.
Unsere erfolgreichsten Erbauer alpiner Bergmodelle, Imfeid, Simon, Meili, Reichlin und andere, überwanden solche Schwierigkeiten auf folgende Weise: Vom Holzstufenmodell mit den genannten zusätzlichen Plastilin- oder Gips-Anlagerun-gen, dem sog. « Roh-Modell », wird auf dem Umweg über eine gallertige Abgussmasse ein form-gleicher Gipsabguss hergestellt. Wie dies geschieht, wird unten erläutert. Dieser Abguss ist ein hohler, aber stofflich homogener Gipskörper. Seine Oberfläche erfährt nun die letzte, feinste Ausmodellierung. Dieser ausmodellierte Gipskörper bildet die « Originalform oder Urform » des Modelles. Von dieser Urform können nun weitere Gipsabgüsse hergestellt werden. Wie dies geschieht, wird ebenfalls unten erläutert.
Wie wir oben, im Bericht über Perrons Relief der Schweiz, ausführten, erstellte dieser Geoplastiker seine Treppenstufenmodelle mittels eines Panto-graphen ( Storchschnabel ) mit angeschlossener Fräse. Hierbei wurde der Fahr- oder Leitstift des Gerätes den Höhenkurven der aufgelegten Karte entlang geführt. Der Gravurstift wiederholte eine analoge Bewegung in gleicher Grosse oder in der gewünschten ( am Gerät einstellbaren ) Vergrösserung oder Verkleinerung. Dieser Stift verharrt in seiner Höhenlage, der untergelegte Gipsklotz aber wird von Stufe zu Stufe gehoben. Der Gravurstift schneidet aus dem Gipsblock die entsprechende Schichtstufe heraus, worauf dann auch die restliche, gleichsam dem Luftraum angehörende Gipsmasse dieser Stufe weggefräst wird. Dieser Vorgang beginnt an der höchstgelegenen Stufe und schreitet von Stufe zu Stufe nach abwärts.
Schon Imfeid hat sich bei seinen späteren Arbeiten ( grosses Jungfraurelief und andere ) eines ähnlichen Pantographengerätes bedient, wahrscheinlich auch Simon. Bei Perrons Gerät aber war der Gravurstift ersetzt durch einen mit Motor angetriebenen Bohrer ( Zahnarztbohrer ).
Solche Reliefierungsmaschinen beschleunigen die Herstellung der Schichtstufenmodelle. Hauptvorteil ist aber, dass diese nun homogen aus Gips bestehen. Die das Modellieren störenden Holztreppenkanten sind vermieden, und damit erübrigt sich auch das recht umständliche, oben erwähnte LJmgiessen des Holz-Gips-Modelles in ein Gipsmodell.
Später, während der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen, wurde durch Karl Wenschow in München nach gleichem oder ähnlichem Prinzip eine genauer, rascher und solider arbeitende Re-liefierungsmaschine gebaut. Ähnliche Geräte wie dasjenige von Wenschow sind heute in verschiedenen Ländern ( USA, Japan, Frankreich, Italien, Deutschland usw. ) eingesetzt, um topographische Reliefs für didaktische und militärische Zwecke herzustellen. Hierbei sucht man sie weiter zu verbessern. Zum Beispiel: Anstelle der Höhenkurvenkarte als Leitbild wird eine Metallplatte benützt, in welche zuvor auf photochemischem Wege das Kurvenbild eingeäzt wurde. Die so entstandenen Rillen dienen dem Fahrstift als Geleise, sie sichern und beschleunigen die Arbeit. Zweitens: Anstelle des dem Bohrer untergelegten massiven Gipsblockes wird ein Paket von dünnen, nur leicht aneinanderhaftenden Gipsplatten verwendet. Die Dicke der Platten entspricht der gewünschten Modell-Äquidistanz. Hat der Bohrer längs der Höhenkurve eine Platte durchschnitten, so lässt sich der überschüssige, dem Luftraum entsprechende Plattenteil Stück für Stück leicht weg-reissen. Weniger Arbeit und weniger Staub!
Nach einem solchen Abstecher in die « topographische Maschinenbautechnik » kehren wir zurück zu unserer eigenen Arbeit. Es sei nun erläutert, wie ich beim Bau meiner Modelle der Windgällen und des Bietschhorns, beide im Grossmassstab i: 2000, vorging.
Das soeben geschilderte Gerät von Perron oder ein ähnliches, z.B. dasjenige von Wenschow, standen mir nicht zur Verfügung. Die Zeit zum Bau einer entsprechenden Maschine fehlte.
In einer ersten Arbeitsetappe handelte es sich um die Herstellung der Original- oder Urform des Modelies.
Wie in der Schweiz damals üblich, musste nun vorerst der den Höhenkurven entsprechende hölzerne Schichtstufenbau errichtet werden. Hierzu aber war die Dicke ( Mächtigkeit ) der Sperrholzplatten zu kontrollieren. Dies geschah, indem man etwa zehn Platten aufeinanderschichtete, um zu sehen, ob sie zusammen dem vorgeschriebenen zehnfachen Aquidistanzbetrag genau entsprächen. Zeigte sich, was aber selten der Fall war, eine Abweichung, so konnte sie durch Auswechseln einzelner Platten behoben werden. Kleinere Fehlbeträge liessen sich auch durch Zwischenlagen aufgeleimter Papierbogen beheben. Solches Vorgehen garantierte korrekte Höhendi-mensionen aller Modellteile.
Im Gegensatz zur früher üblichen Herstel-lungsart wurde vorerst nicht die positive Form des Berges, sondern seine Negativform ( Matrizen-form ) aufgebaut. Dies vereinfacht nachher das Abgiessen der Rohform in die feiner zu bearbeitende endgültige, aus Gips bestehende Urform; denn diese letztere kann dann unmittelbar in die negative Rohform hineingegossen werden, ohne den recht umständlichen Weg über eine gallertige Negativform als Zwischenträger gehen zu müssen.
Das Vorgehen sei erläutert mit Hilfe einiger vereinfachter Figuren, dargestellt für einen Teil-block ( Abbildung 112, Figuren 1—8 ).
Figur I: Entsprechend den Höhenkurven wird das hölzerne Treppenstufenmodell, jedoch in negativer Form, aufgebaut. Der Berg erscheint nun als Vertiefung, das Tal als Berg. Die Äquidistanz im zugrunde gelegten Höhenkurvenplan i :2000 beträgt 20 Meter, die Schichthöhe der Modelltreppenstufen somit i Zentimeter. Um Sperrholz zu sparen und das Gewicht des Blockes zu vermindern, werden aus der ersten Sperrholzplatte beispielsweise die Schichten i und 6 und i r und 16 und 2 i usw. herausgeschnitten, aus der zweiten Platte die Schichten 2 und 7 und 12 und 17 und 22 usw. Damit entsteht im Innern des Holzschichtenbaues ein Hohlraum, überwölbt durch ein entsprechendes Treppengefüge wie an der Aussenseite. Diese Unterseite des Holzschichtenbaues wird durch eingesetzte Holzstücke oder Holzsäulen gestützt.
Figur 2: Die einspringenden Treppenecken der Aussenseite dieser Negativform werden mit einem Brei gelöschten Gipses ausgefüllt, bzw. die Treppen abgeschrägt. So entsteht eine noch nicht fein ausmodellierte negative Grundform des Modelles. Mit Hilfe dieser negativen Grundform soll nun eine entsprechende positive Form in Gips gegossen werden. Da aber Gips in Gips sich nicht trennen liesse, ist vorerst die Oberfläche der negativen Grundform mit einer Isolierhaut zu überziehen. Dies geschieht durch Aufpinseln von Schellack und zusätzliches Einschmieren mit aufgelöster Schmierseife. In die auf solche Weise isolierte negative Grundform wird nun ein Gipsbrei gegossen, d.h. von Hand kräftig hineingeschleudert, bis sich mit rasch eintretender Erstarrung eine feste Kruste von etwa 3-5 Zentimeter Dicke gebildet hat. Ihre Oberfläche ist die positive Gipsform des Roh-Modelles. Man kann sie nun aus der negativen Form herausheben. Dies gelingt aber nur, indem man die Holzteile der alten, negativen Form, Stück für Stück, herausbricht. Um solches Herausbrechen zu ermöglichen, ohne die neue, soeben gegossene Positivform zu verletzen, waren vor Errichtung des Holztreppenbaues die einzelnen Schichtstufenbretter an scharf vor- oder zurücktretenden Ecken durchgesägt worden. Der Holztreppenbau wird durch das Herausbrechen seiner Stücke zerstört. Daher lässt sich auf solche Weise nur ein einziger Abguss herstellen. Überdies ist das Verfahren nur durchführbar für relativ glattflächige, noch nicht feinknittcrig ausmodellierte Rohmodelle.
Figur 3: Der so hergestellte positive Gipsabguss, d.h. die Rohform des Modelles, wird aufrecht auf ein Unterlagebrett gestellt.
Figur 4: Nun erst, am positiven Gipskörper, beginnt das feine, genaueste und vielenorts scharfkantige Ausmodellieren der Oberfläche. Auf diese Arbeit, es ist die entscheidenste und schwierigste, kommen wir unten zurück.
Durch die Feinmodellierung entsteht nun das « Urmodell » eines Blockes. Seine vielenorts feinst-zackige Gipsoberfläche wird durch einen Anstrich einer sehr dünnen Schellackhaut etwas gehärtet.
Nun die zweite Etappe: vom Urmodell zum Aus-stellungsmodell:
Figur5: Man baut eine das Urmodell umhüllende, dickwandige Deckhaube aus Gips. Zwischen der Oberfläche des Urmodelles und der Innenwand dieser Haube soll ein etwa 2-4 Zentimeter breiter Hohlraum frei bleiben. Durch die Schale ( Wände ) der Haube, an tiefstgelegenen Stellen, sind da und dort dünne, röhrenartige Kanäle einzubauen, so dass nachher beim Einfüllen der Abgussmasse die verdrängte Luft entweichen kann. In den Hohlraum wird eine flüssige, aber rasch erstarrende, gallertige Abgussmasse ( Fisch-leim, Gelatine ) eingegossen. Sie schmiegt sich der feinstziselierten Oberfläche des gipsernen Urmodelles genauestens an.
Figur 6: Nach raschem Erstarren dieser Gelati-nemasse wird das Urmodell aus ihr herausgehoben und beiseite gestellt.
Figur 7: In die Gallertform wird ein Brei gelöschten Gipses gegossen. Dieser erstarrt in wenigen Minuten, erhitzt sich aber dabei.
Figur 8: Dieser erhitzte Gipskörper droht die Gelatine-Leim-Füllung zu schmelzen und damit ihre Oberflächenform zu zerstören. Der erstarrte Gipskörper ( Gipsabguss ) muss daher raschestens herausgehoben werden. Trotz etwa vorhandener kleiner Hindernisse ( überhängende Felsen ) geschieht dies, ohne dabei die Gallert-Gussform zu verletzen; denn die Gallertmasse verhält sich ähnlich wie Kautschuk, sie weicht einem kleinen lokalen Hindernis aus, nimmt aber nachher ihre ursprüngliche Form wieder an.
Ein solches Abgiessen eines Gipspositivs nach dem Gipspositiv des Urmodelles mit Hilfe einer Gelatine-Zwischenform kann kurz nacheinander mehrmals wiederholt werden. Es gelang uns auf solche Weise, vom Windgällenmodell pro Block drei, vom Bietschhornmodell pro Block vier Abgüsse herzustellen.
Der herausgehobene positive Gipskörper wird aufrecht gestellt. Er ist nun ein Exemplar des « Ausstellungsmodelles ». Auf solche Weise entstand jeder der sechs Teilblöcke des Windgällcnmodel-les und der drei Teilblöcke des Bietschhornre-liefs.
Entsprechende Teilblöcke werden nach ihrem Transport an dem ihnen zugewiesenen Ausstellungsort genau zusammengestellt, ihre Klaffen mit Gips ausgegossen, das Ganze, soweit nötig, nachmodelliert. Ihr Inneres wird durch Eingipsen von Streben und Drahtgeflechten verstärkt, das Ganze an der Basis in einen verstärkenden Rahmen eingebaut, die vertikalen Aussenflächen glatt gescheuert und schliesslich das Ganze bemalt.
Nun aber ist hier etwas nachzuholen, was bei solchem Aufbau von allem Anfang an zu beachten ist: Wie aus dem Geschilderten ersichtlich, entsteht das zuerst herzustellende hölzerne Treppenstufenmodell durch lagerichtiges Zusammenfügen sehr vieler, aus den Holzplatten herausge-sägter Einzelstücke. Wird nun ein Modell, wie es für grosse Objekte unvermeidlich ist, aus mehreren Teilblöcken aufgebaut, so ist auf ein korrektes geometrisch genaues Zusammenfügen aller Bau- teile besonders zu achten. Die erforderliche Lage-richtigkeit der zusammengefügten Teile wird während aller Bauetappen durch folgendes Vorgehen gewährleistet:
1. Der Höhenkurvenplan wird vor Beginn der Aufbauarbeiten ergänzt durch Eintragung eines Quadratnetzes. Seitenlänge der Quadrate z.B. 5 oder io Zentimeter. Der in solcher Weise ergänzte Höhenkurvenplan wird auf jedes der benützten Sperrholzbretter kopiert ( z.B. mittels eines Photokopier-Verfahrens ), ebenso auf das Ba-sisbrett des Modellblockes. Auf solche Weise lassen sich beim Aufbau alle Schichtstufenteile sehr genau in ihre richtige Lage bringen, da ja die Randlage eines jeden aufzusetzenden Stückes im darunter liegenden Brettchen als Höhenkurve vorgezeichnet ist und da überdies die Quadratgit-terlinien ein exaktes Einvisieren ermöglichen.
2. Grosse Reliefs werden, wie wir gesehen haben, vorerst aufgeteilt auf Teilstücke ( Teilblöcke ), weil sie als Gesamtes weder bearbeitet noch transportiert werden können. Erst am endgültigen Aufstellungsort werden sie zu einem geschlossenen Ganzen zusammengefügt. In der Regel wird man dabei eine Aufteilung auf einheitlich dimensionierte Grundrechtecke vornehmen. Hiervon kann aber abgewichen werden, wenn besondere Geländeformen es als wünschenswert erscheinen lassen. Man wird es vermeiden, die Schnittfläche zwischen zwei Blöcken mitten durch splitterig-komplizierte Felswände zu legen oder gar damit einen scharfen Felszahn vertikal zu spalten. Beispielsweise wurde das Windgällenmodell für das Aussägen der Sperrholzplatten und den Aufbau der Schichtstufen auf zwölf Teilblöcke, für die Herstellung der Gipsformen dann noch auf sechs Teilblöcke aufgeteilt. Dabei wurde der Längsschnitt aus den grossen Nordwänden der Windgällen-Ruchen-Kette herausgerückt und in die unter ihrem Fusse anschliessenden Schnee-, Geröll- und Grashänge gelegt. Auch die quer zum Hauptkamm verlaufenden Schnitte wurden so gelegt, dass die komplizierten Grat-und Wandteile möglichst verschont blieben. Aus- 102 Albert Heim und Carl Meili: Grosses Säntisrelief i :5000, hergestellt i8g8-igoß. Teilstück. Blick von Osten nach Westen über den Hundstein gegen den Säntis In verschiedenen Museen. Schweizerisches Alpines Museum Bern. Photo Markus Liechti, Liebefeld 103 Jakob Oberholzer: Relief des Kantons Glarus 1:50000, leicht überhöht, igh. Teilstück, Blick nach Nordwesten gegen Glärnisch und Wägitaler Berge In zahlreichen Glarner Schulhäusern und im Schweizerischen Alpinen Museum Bern. Photo Markus Liechti, Liebefeld nahmsweise können Teilblöcke auch durch grundrisslich schräg gelegte Vertikalflächen abgegrenzt werden.
Das Ausmodellieren oder Ziselieren in Gips besitzt für felsiges Gelände in grossen Massstäben, wie beispielsweise am Windgällen- und Bietschhorn-relief, gewisse Vorzüge gegenüber dem Modellieren mit Plastilin oder ähnlichem Material. Solch knetbare ModellierstofFe können für allgemeine, wenig geknitterte Geländeformen zu guten Ergebnissen führen, nicht aber für Fels. Das harte, aber nicht granitharte Gipsmaterial hingegen bricht bei geschickter Bearbeitung rauhflächig wie Stein. Damit wird für Fels die gewünschte Naturähnlichkeit erreicht. Fehlende oder abgebrochene Splitter und Zacken lassen sich durch Ansetzen von Gipsbrei und Nachmodellieren ergänzen. Hierbei empfiehlt es sich, die Ansatzfläche vorerst aufzurauhen und anzunetzen. Die Modellierwerkzeuge oder Stichel aus Metall verfertigt man sich am besten selbst. Beispiele in Abbildung no.
Ein besonderes Problem stellen für alpine Modelle im Grossmassstab i: 2000 die Geröllhalden. Mein Vorgehen beim Bau des Windgällenmodelles sei im folgenden geschildert:
Man kann Tausende von Steinbrocken der Geröllhänge im Massstab I: 2000 weder einzeln modellieren, noch wäre es richtig, ihre Areale glatt-zustreichen. Ich half mir auf folgende Weise: Zuvor pinselte ich die Basisflächen solcher Steinwüsten mit verdünntem Schellack, um sie leicht klebrig zu machen. Hierauf streute ich von oben, von meiner Bretterbrücke aus, einen feinen Hagel kleinstzertrümmerter Steinkörner über die Felsenkämme. Sie rieselten genau so, wie in der Natur, durch die Erosionsrinnen zu Tal, wurden auf den Steinhalden unter den Wänden leicht gebremst und blieben zum Teil naturähnlich liegen, die feinsten Körner höher oben, die gröbsten unten am flachen Auslauf. Hierauf erfolgten noch einige lokale Korrekturen und individuelle Lagerung auf Grund von Luftbildern. Die Gesteins-körnchen mussten nun an Ort und Stelle, wo sie lagen, befestigt werden. Dies geschah, indem ich 104 Joseph Reichlin: Aiguille Verte I :^ooo, um ig20? Blick von Süden Schweizerisches Alpines Museum Bern. Photo E. Imhof 105 Joseph Reichlin: Relief des Kleinen und Grossen Mythen i: loooo, um i20. Geologisch bemalt Geologisch-mineralogische Sammlungen der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Photo E. Imhof 106 Eduard Imhof: Grosser Rüchen, Nordwand. Bleistiftzeichnung. Nach Skizze aus dem Jahre igj8 ergänzt und neugezeichnet igSi senkrecht von oben, von meiner Bretterbrücke aus, mittels Drahtgitter und Zahnbürste Schellack zerstäubte und auf die fraglichen Modellflä-chen regnen liess. Diese Prozedur geschah am Urmodell, somit vor der Abgussherstellung der Aus-stellungsmodelle. Durch das Abgiessen über die Leim-Gelatine-Zwischenform gelangten auch solche körnigen Kleinstformen zu genauester Wiedergabe.
Das Antlitz eines Bergreliefs, eines Landschafts-modelles überhaupt, ist wesentlich mitbeeinflusst von der Bemalung. Imfeid und andere bemalten ihre frühern Bergmodelle meist mit dünn aufgetragener Ölfarbe. Diese ist solid, lichtbeständig, waschbar, doch glättet oder « entschärft » sie etwas die feinsten Oberflächenknitterungen, und sie verleiht dem Ganzen einen unerwünschten speckigen Glanz. Später gelangte daher auf Gips-oberflächen oft eine in Wasser lösliche Deckfarbe ( Gouache, Tempera, Plakatfarbe usw. ) zur Anwendung. Sie trägt oberflächlich kaum auf, dringt gleichsam imprägnierend in die Gipsoberfläche hinein, lässt selbst die feinsten Formknitte-rungen unangetastet, glänzt nicht, sondern verleiht dem Fels einen recht naturähnlichen Aspekt. Gouache- oder Temperafarben sind jedoch ab-waschbar. Streicht eine säuberungswilde Haus-abwartsfrau mit einem nassen Lappen über den Fels, so leiden darunter sowohl Farbe als auch Oberflächenform. Als Malmittel kommen heute wohl auch moderne Kunstharzfarben, Disper-sionsfarben oder die rasch und hart trocknenden, durch Wasser nicht abwaschbaren Acrylfarben in Frage.
Wie bereits betont, schwächt jede kräftige und buntscheckige Bemalung den plastischen Eindruck eines Bergmodelles. Alpweiden, Wiesen, Äcker, Felsen, Geröllhänge, in der Natur bei gutem Wetter aus grosser Entfernung betrachtet, erscheinen sehr viel heller, blauer, ausgeglichener als an Ort und Stelle betrachtet. Solche Erscheinungen sind beim Bemalen von Landschaftsmo-dellen zu berücksichtigen. je kleiner der Massstab, je grosser gleichsam die Betrachtungsdi- 107 Stereo-Photopaar ( Luftbilder ) der Höhlenstock-Nordwand 1i o Modellierwerkzeuge Photo Bundesamt für Landestopo^raphie, Wabern bei BernPhoto E. Imhof 108 Photogrammetnsch aufgenommene Höhenkurven der Windgällen-Rüchen-Kette. Massstab der Abbildung etwa i: 2ooo Bundesamt für Landestopographie, Wabern bei Bern 109 Eduard Imhqf modelliert am Windgällenrelief, igj8 I noiosiimnilunt* E. Imiiol stanz, desto heller, blauer und ausgeglichener sollen die Farben aufgetragen werden. Man mische z.B. einen Anteil bunte Farbe mit sechs- bis zehn-fachem Anteil weisser Farbe. Hauptanteile der Farben für Fels und Geröll sind ( ausser Weiss ) Ultramarinblau und etwas Ocker, je nach Lust und Laune der Geologen können da und dort die Felsbänder sinnvoll variiert werden durch minime Zusätze von Indischrot, Gelb, Sepia oder Schwarz. Hierbei werden Geröllhänge im Kalkfels äusserst hell, fast weiss gemalt. Sehr heikel ist die Wahl der Farbtöne für Weide- und Grasland. Der huldvolle Restaurator lässt solche Flächen oft in viel zu heftigem, kitschig sattem Grün prangen. Auch hier empfehlen sich Ultramarinblau mit gelbem Ocker als Grundton, nach den Taltiefen zu mit Beimischung von Kobaltblau. Waldflächen, besonders für Nadelwald, stets dunkler als die Wiesen und Äcker, am besten durch Beimischung von etwas Grünblau ( Preussischblau ) und Schwarz. Sehr hell, mit etwas Ocker und viel Weiss gemischt, sollen die Strassen angelegt werden. Selbst rote Dächer sind im Farbton stark zu dämpfen. Seen und Stromfiächen erhalten tiefes, grünliches Blau, stets dunkler als das Umgelände. Alpine Bäche, über Steilhänge zu Talegischtend, male man nie als blaue oder gar dunkelblaue Bänder. Man kratze lediglich die übrigen Flächenfarben in den Bachrinnen unregelmässig heraus. Das hierbei aufblitzende Weiss des Gipskörpers täuscht dann den Bergbach vor.
Das topographische Landschafts- und vor allem das Bergmodell dient auch dem Geologen als beliebte, instruktive Anschauungshilfe, vor allem wenn es geologisch bemalt ist. Hierbei ist es meist üblich, die Oberflächenbemalung an den vertikalen Seitenwänden der Blöcke in entsprechender Profilform fortzusetzen. Aber auch die erfahrensten Geologen sollten nicht vergessen, dass hierfür Weiss zur Aufhellung die wichtigste Farbe ist.
Oft wird man vor die Frage gestellt: « Ist dieses oder jenes Relief überhöht, und wenn ja, dann wie stark? » Die Ansicht, topographische Modelle seien zu überhöhen, ist ziemlich verbreitet. Man- 111 Eduard Imhof: Gross Windgällen von Süden. Bleistiftzeichnung ig$7 112 Schematische Darstellung der verschiedenen Etappen des Aufbaues und Abgiessens eines Reliefblockes. Die Etappen i-8 sind aufSeiten 146-14J erläutert. Entwurf: E. Imhof cher Fragesteller staunt, wenn man die Überhöhung verneint. Alpine Bergformen, vor allem solche grosser Massstäbe, sind nicht zu überhöhen. Jede Überhöhung ist eine Verfälschung und schafft irreale, unnatürliche Steilhänge. Überhöhung ist für alpine Formen aber auch aspektmäs-sig gar nicht nötig. Ein Steilhang, frontal vom gegenüberliegenden Hang her gesehen, erscheint in der Natur steiler als bei seitlicher Betrachtung. Am Bergrelief werden viele Hänge und Felswände annähernd frontal, von vorn betrachtet. Sie erscheinen daher relativ steil, sie bedürfen keiner Steigerung durch Überhöhung.
Leo Aegerter musste sein Glärnischrelief, einem Auftrag gehorchend, leider überhöhen, er hat damit eine Karikatur jenes ungeheuerlichen Felsstockes geschaffen. Die meisten in diesem Aufsatz genannten Hersteller von Bergmodellen, Imfeld, Reichlin, Meili und andere haben jede Überhöhung abgelehnt. Auch Albert Heim hat sich leidenschaftlich dagegen ausgesprochen.
Eine andere Frage ist, ob Länderreliefs, solche von weiten Erdräumen in kleinen Massstäben, zu überhöhen seien oder nicht. Im Massstab 1: 1 000000 beträgt der Höhenunterschied Cha-monix-Mont Blanc nur 4 Millimeter. Hundert Meter hohe, für das Landesrelief sehr markante Steilabbrüche von Tafelbergen wären im Massstab 1: 1 000000 nur Vio Millimeter hoch, somit in einem Modell dieses Massstabes kaum wahrnehmbar. Modelle ausgedehnter Gebiete in entsprechend kleinen Massstäben sind daher massvoll zu überhöhen, so wie es in analogen Profilzeichnungen ebenfalls üblich ist.
Wir haben in einem vorangehenden Kapitel zu ergründen versucht, warum in der Schweiz zu unserer Zeit nur noch selten topographische Gebirgsreliefs hoher Qualität hergestellt werden. Nicht überall aber will man auf Landschaftsmo-delle verzichten. In Grossstaaten hat man das topographische Modell als Landkartenersatz und Kriegshilfe entdeckt. Wilde Krieger vermögen Landkarten oft nicht zu deuten, daher fabriziert man Modelle, um ihnen das Front- und Kampf- gelände vertraut zu machen. Solche Modelle aber müssen solid, raumsparend, leicht und mühelos transportierbar sein. Wie wir sahen, baute man Maschinen, mit welchen man Schichtstufenmodelle aus Gips oder anderem geeigneten Material aus Blöcken oder Plattenschichten herausschnei-det. Zusätzlich zu solchen Modell-Fräsen baute man, ebenfalls im Ausland, starke grosse Spezial-pressen, bestehend aus je einer Modellpositiv-und einer Modellnegativplatte. Eine zähe, defor-mierbare Folie, meist mit aufgedruckter Landkarte, wird nun zwischen die Platten gelegt, und die Folie unter starkem Druck geprägt. Das Resultat ist eine plastisch verformte Karte. Solche Modellkarten oder Kartenmodelle lassen sich leicht in beliebigen Mengen herstellen. Als starre, dünnschichtige, solide Folien sind sie untergründig hohl und daher leicht. Eine gewünschte Anzahl gleicher solcher Plastikmodelle kann, weil Oberfläche und Unterfläche ineinanderpassen, aufeinandergeschichtet transportiert und zum Gebrauch von Schule oder Truppe bereit gestellt werden.
Solches mechanisiertes Herstellen von plastisch gepressten topographischen Kartenmodellen kann zu recht guten Ergebnissen führen, jedoch gelang dies bisher erst für flacheres, einfach gegliedertes Gelände in grossen Massstäben. Für schroffes Gelände, enge Felsklusen, jähe Wände, zerborstene Felskämme versagten vorläufig solche Verfahren. In den damit erzeugten Modellen schlängeln sich die Höhenkurven oft an Steilwänden hinauf und hinab, Bachrinnen sind an Hänge hinaufgequetscht, zackige Kämme zu sanften Buckeln gedrückt. Besser aber für alpines Gebiet keine Modelle als schlechte.
Zwar wäre es technisch zweifellos möglich, bessere, leistungsfähigere Reliefierungsgeräte zu bauen, solche, welche die Erdoberflächenformen verkleinert in befriedigender Ähnlichkeit nachzubilden im Stande wären, wenn ja wenn...? Wenn ausreichender Anreiz dazu vorhanden wäre, d.h. wenn andauernder Bedarf an grösseren Mengen solcher Maschinen vorläge, etwa so, wie es für Textilmaschinen der Fall ist. Und zweitens, wenn deren Erzeugnisse überall zu Tausenden benötigt würden. Mangelt es aber an ausreichendem Bedarf, so wird auch die erforderliche Maschine nicht gebaut.