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Es ist nicht ganz einfach, auf einen Blick zu beschreiben, wo Europa an der Schwelle des 20. Jahrhunderts, das mit dem 1. Januar 1901 beginnt und am 31. 12. 2000 endet, wirklich steht. Trotzdem möchte ich versuchen, in der kurzen Zeit, die ich für dieses Vorhaben einsetzen kann, eine Übersicht in Bezug auf die vorausgegangene Geschichte zu geben. Was zunächst auffällt, ist ein grenzenloser Optimismus bei den Menschen. Alles scheint möglich und vieles wird möglich. Technische Errungenschaften wie Grammofon, Telefon und die elektrischen Glühlampen erobern die Wohnstuben der grösser werdenden Städte. Vorerst sind sie noch etwas Exotisches, aber nach und nach für immer mehr Leute erschwinglich. Auf den Strassen nehmen Tempo und Chaos zu und auch im Arbeitsleben und in der wachsenden Freizeit wird das Tempo zu einem belastenden Faktor. Immer schneller, grösser, mehr… wird zur Devise eines neuen Jahrhunderts. Für die, die bei dieser Entwicklung auf der Strecke bleiben, bleibt noch ein Traum: Amerika. Die Vereinigten Staaten sind ein Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“. Viele gehen in diesem Traum unter, aber viele schaffen es, sich einen gesicherten Wohlstand zu erarbeiten, ihr „Glück“ zu machen. „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ – ein Schlagwort mit realem Hintergrund.
Betrachten wir die Chroniken der Jahre 1899 - 1903, so stechen folgende Ereignisse ins Auge: In Südafrika beginnt 1899 der Zweite Burenkrieg zwischen Grossbritannien und dem niederländischem Oranje-Freistaat in Südafrika. Es geht vor allem um Bodenschätze und endet mit einem Sieg Grossbritanniens. Im gleichen Jahr beginnt ein Krieg zwischen den USA und den Philippinen. Die Philippinen verteidigen ihre Unabhängigkeit gegen die imperialistischen Gelüste der Amerikaner. 1900 bricht in China der „Boxeraufstand“ aus, in dem sich die Chinesen gegen acht Kolonialmächte wehren, unter ihnen auch Deutschland und Österreich. Viele kleinere Interventionen gegen andere Länder in Asien und Afrika sind auszumachen. Der Imperialismus ist also noch im vollen Gange. 1901 stirbt mit Queen Victoria die damals mächtigste Frau der Welt. Mit ihr geht eine Epoche zu Ende (Viktorianisches Zeitalter), 64 Jahre wirtschaftlicher Aufschwung und imperiale Stärke. 1902 erlangt Kuba die Unabhängigkeit von den USA.
1899 beginnen die Opel-Werke die Herstellung ihrer Automobile (Patentmotorwagen; vorher produzierten sie Nähmaschinen und Fahrräder). 1900 findet in Paris die 5. Weltausstellung statt, die 47 Millionen Besucher in die Seine-Metropole lockt. Im Zusammenhang mit dieser Expo wird in Paris die erste Metro-Linie eröffnet. Im gleichen Jahr fliegt der erste Zeppelin über den Bodensee -, ein imposanter Anblick! 1901 erhält Conrad Röntgen den ersten Physik-Nobelpreis für die Entdeckung der nach ihm benannten Strahlen, die die Medizin revolutionieren. Andere wichtige Entdeckungen in der Medizin fallen in dieses Jahr. 1902 erhält Berlin eine U-Bahn. In Paris stellt ein Auto mit 101,5 km/h einen Geschwindigkeitsrekord auf. 1903 schliesslich gelingt den Gebrüdern Wright der erste kontrollierte Motorflug. Der längste Flug an diesem historischen 17. Dezember dauert 59 Sekunden und bringt das Flugzeug 260 m weit. Aus heutiger Sicht nicht gerade viel, damals aber ein entscheidender Durchbruch in der Fliegerei! Marie Curie erhält als erste Frau den Nobelpreis für Physik für ihre Entdeckung der Radioaktivität.
Wenn man die Wende zum 20. Jahrhundert charakterisieren will, fallen folgende weitere Punkte ins Gewicht: Der Kampf um Bürgerrechte seit der Aufklärung hat die Menschen selbstbewusster gemacht. Frauen kämpfen – mit ersten kleinen Erfolgen – um ihre Rechte (Suffragetten). Jugendliche beginnen sich in den Ballungszentren der Städte zusammenzutun und gegen die neuen Werte der Erwachsenen (Besitz und Kapital) aufzubegehren. Generell herrscht Aufbruchsstimmung. Die technischen Neuerungen wecken Begeisterung und immer mehr Leute können an diesem technischen Fortschritt teilhaben. Die Wohnungssituation verbessert sich und lässt erstmals so etwas wie ein „Familienleben“ zu. Es herrscht noch viel von der Biedermeierstimmung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diejenigen, denen es einigermassen gut geht, kümmern sich wenig um Politik, sondern geniessen zuerst einmal die Annehmlichkeiten ihrer Zeit. Es ist in vielen Belangen eine Scheinwelt, denn die sozialen Probleme der Industriellen Revolution sind noch keineswegs gelöst und die Spannungen zwischen denen, die etwas haben und denen, die nichts haben, sind nach wie vor vorhanden.
Etwas befremdlich ist gerade in deutschen Landen der Militarismus, sei es, dass ein rechter Junge am liebsten „Soldat“ spielt, sei es, dass erwachsene Leute wie Fasane geschmückt durch die Strassen marschieren, und martialische Töne spucken, allen voran der Kaiser. Wen wundert es, dass man auch heute noch die Pickelhaube spontan mit einem militaristischen Preussen assoziiert. Preussen rüstet zu Lande und zur See massiv auf und verliert dabei mehr und mehr Freunde und potenzielle Partner. England wendet sich von Preussen ab und auch Russland. Obwohl verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Herrscherhäusern bestehen wird die Lage immer angespannter. Ein grosser, nationenübergreifender Konflikt zeichnet sich ab.
Aufgaben und Recherchen
Wie ist die Grundstimmung der Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts und was sind die Gründe?
Wann endet das 19. Jahrhundert?
Nenne einige Neuerungen, die die Leute zu Beginn des 20. Jahrhunderts begeistern!
Wo werden die Neuerungen des Jahrhunderts am deutlichsten sichtbar?
Nenne drei Ereignisse die zu Beginn des 20. Jahrhunderts „die Welt bewegen“!
Was bedeutete Königin Viktoria den Briten?
Nenne drei herausragende Ereignisse, die die Zeit des Jahrhundertwechsels prägten!
Wie steht es mit der bürgerlichen Emanzipation zur Zeit der Jahrhundertwende?
Was versteht man unter „es herrschte noch viel der Biedermeierstimmung der 2, Hälfte des 19. Jahrhunderts“?
Was verbindet man bis heute mit dem Begriff „Preussen“?
Was bewirkt der preussische Militarismus auf internationaler Ebene?