Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03614.jsonl.gz/180

Bruno Rauch, Die Südostschweiz (02.06.2008)
Luigi Cherubinis Oper «Medea» folgt einem der schrecklichsten Mythen des Abendlands. Die Produktion, die am Samstag in Bern Premiere gefeiert hat, verlegt das grausige Geschehen in ein grossbürgerliches Milieu.
Die Bühne des Berner Stadttheaters zeigt ein zeitloses Interieur, dessen meergrüne, floreal durchwirkte Damasttapete das zuvor auf den Gazevorhang projizierte Wellenspiel wieder aufnimmt: Übers Meer hat der Argonaut Jason seine Geliebte, die zauberkundige Medea aus dem fernen Kolchis, in diese umfriedete, dumpfe Welt gebracht (Bühnenbild: Markus Meyer). Jetzt aber will er sie, die Fremde, aus Griechenland verbannen und die Tochter des Korintherkönigs Kreon, Glauce, heiraten. Medea nimmt blutige Rache, lässt der neuen Braut einen tödlichen Schleier überbringen und tötet die gemeinsamen Kinder.
Nachkomponiertes gesprochen
Cherubinis Vertonung des antiken Stoffs aus dem Jahr 1797 ist nur eine in der langen Genealogie. Seine originale französische Version «Médée» von 1797 mit gesprochenen Dialogen wurde - wie Bizets «Carmen» - später mit nachkomponierten Rezitativen gespielt.
Die Berner Produktion stützt sich auf eine italienische Version, deren Rezitative Toscanini 1909 in Auftrag gab, verwandelt sie aber wieder in gesprochene Dialoge zurück. Hier liegt eine Schwäche der Aufführung. Einerseits klingen die Dialoge fremd und aufgesetzt. Zum andern ist auch in den gesungenen Partien die Diktion fast ausnahmslos derart verwaschen, dass stellenweise kaum zu erraten ist, in welcher Sprache überhaupt gesungen wird.
Recht überzeugend dagegen gelingt der musikalische Zugriff, auch wenn man sich mitunter etwas mehr Attacke gewünscht hätte. Srboljub Dinic lässt das Berner Symphonie-Orchester etwas pauschal musizieren. Kanten und Rauheiten der Partitur, die das Werk als Schwellenwerk zur Romantik auszeichnen, glättet er zugunsten einer eher klassischen Lesart und belässt den Sängern genügend Raum zur Entfaltung.
Kurzfristig eingesprungen
Eine beachtliche Leistung erbrachte Elzbieta Szmytka als Medea. Sie stieg drei Tage vor der Premiere für die an einer Kehlkopfentzündung leidende Leandra Overmann in die Produktion ein. Ihre zu Beginn etwas unfreie Stimme gewinnt zunehmend an Format: gut geführt und höhensicher, aber etwas wenig nuanciert. Der Wechsel zwischen lyrischer Weichheit, Schmerz und Furor dürfte durchaus stärker gezeichnet sein.
Ein anrührender Auftritt gelingt der Chinesin Qin Du als Medeas Vertraute Neris. Sie meistert ihre desperate Arie mit obligatem Fagott mit sensibler Klangkultur. Zuverlässig singen und agieren auch Hélène Le Corre als Glauce und Carlos Esquivel als ihr Vater Kreon. Thomas Ruuds kerniger Tenor dagegen tendiert mitunter zum Stentorhaften, was nicht schlecht zu seiner Rolle des Jason passt.
Überzeichnung statt Stringenz
Für die Berner Inszenierung zeichnete Jakob Peters-Messer, für die Kostüme Sven Bindseil verantwortlich. Die Kleiderfarben bewegen sich im changierenden Spektrum Grün-Weiss, wirken aber geschmäcklerisch; die Trikots des Chors, der übrigens fabelhaft singt, dürften aus einer Pyjamakollektion stammen.
Die Regie Peters-Messers verwechselt Stringenz mit Überdeutlichkeit: Medeas Vamp-artiger Auftritt mit rotgelockter Perücke, die ihr Jason vom Kopf reisst; die pseudo-archaischen Rituale der Hochzeitsfeier; die szenische Vorwegnahme des Kindermords; und schliesslich die Verbannung Medeas, umgeben von ihren Koffern, Schachteln und einem Haufen Krimskrams - an Einfällen fehlt es nicht. Und dennoch ging die Premiere der Inszenierung am Samstagabend in Bern leider nur bedingt unter die Haut.