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Biodiversität unter Druck
In Gewässern lebende Arten sind überdurchschnittlich stark gefährdet. Gewässer sind seit jeher von zentraler Bedeutung für die Wirtschafts- und Siedlungsentwicklung. Bereits im frühen Mittelalter mussten Bäche und Flüsse eine Vielzahl von Funktionen erfüllen: Wasser wurde verwendet um Mühlen, Sägewerke oder Schmiedehämmer anzutreiben.
Mit der Industrialisierung und dem Bevölkerungswachstum beschleunigte sich der Ausbau der Fliessgewässer: Zur Erschliessung von Land im Gewässerraum, zum Schutz vor Hochwasser und zur Schiffbarmachung waren bis Ende des 19. Jahrhunderts alle grossen Fliessgewässer in der Schweiz kanalisiert und reguliert. Die in den Tälern oftmals reich verzweigten Flüsse wurden in eine einzige Abflussrinne gezwängt. Die Rhone verlor zwischen Brig und Genfersee dadurch 45 Prozent, die Thur oberhalb von Altikon 47 Prozent ihrer ursprünglichen Länge. Die Auen – wohl die artenreichsten Lebensräume der Schweiz – verloren seit 1850 mehr als 90 Prozent ihrer ehemaligen Fläche von geschätzt 88 000 Hektar. Rund 17 Prozent der Fliessgewässer im Mittelland verlaufen heute eingedolt in Betonröhren unter der Erde. Diese vorwiegend kleinen Bäche und Quellen sind als Lebensraum verloren.
Neben Begradigungen und Eindolungen fällt die Nutzung der Wasserkraft ins Gewicht. 1300 Wasserkraftwerke nutzen rund 90 Prozent der geeigneten Gewässer der Schweiz zur Stromproduktion. Wasserkraftwerke haben einen immensen Einfluss auf die Ökosysteme:
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Die Längsvernetzung ist unterbrochen. Ohne geeignete Massnahmen lagert das Geschiebe im Staubereich ab und fehlt unterhalb der Staumauer.
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Mindestens vier Prozent (2700 km) der Schweizer Fliessgewässer sind Restwasserstrecken, die kein oder nur sehr wenig Wasser führen. Sie sind dadurch in ihrer Funktion als Lebensraum eingeschränkt.
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Der Kraftwerksbetrieb führt zu rasch ansteigenden, künstlichen Hochwassern (Schwall) wenn die Turbinen laufen. Die rasche Zunahme der Fliessgeschwindigkeit trägt aquatische Wirbellose mit der Strömung weg. Das Abstellen der Kraftwerksturbinen führt oft zu einem drastischen Rückgang des Abflusses (Sunk) und lässt die Tiere in den seichten Zonen des Gewässerrandes stranden. Sie vertrocknen oder sind leichte Beute für Fressfeinde wie die Bach- und die Gebirgsstelze. Wie stark die Nutzung der Wasserkraft Fliessgewässer verändern kann, zeigt sich eindrücklich am Rhein zwischen Bodensee und Basel: Mit elf Kraftwerken gleicht der Rhein eher einer Abfolge von Stauseen mit langen Stauwurzeln als einem frei fliessenden Fluss mit entsprechenden Verlusten charakteristischer Flussarten.
Ein weiterer gewässerbaulicher Aspekt mit einschneidenden Auswirkungen auf die Wirbellosen sind die rund 100 000 Querbauwerke, die zum Schutz vor Überschwemmungen und Muren Geschiebe zurückhalten und die Ufer und Gewässersohlen stabilisieren. Der Geschieberückhalt setzt einen Kolmatierungsprozess in Gange, der die Lückenräume des Gewässergrunds mit Sand und Feinsedimenten auffüllt. Dadurch verlieren zahlreiche Wirbellose ihren wichtigsten Lebensraum.
Emil Birnstiel & Remo Wüthrich
Gewässerökologen mit Spezialisierung auf aquatische Wirbellose. Arbeiten an der Schnittstelle zwischen Schutz und Nutzung der Gewässer. Mit ihrer gutwasser GmbH setzen sie sich seit 2018 für den Erhalt und die Förderung von Gewässerlebensräumen ein.