Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03280.jsonl.gz/1016

Albert Anker
Kleinkinderschule auf der Kirchenfeldbrücke, 1900
An diesem Spätwerk arbeitete Anker über mehrere Jahre hinweg. In einem seiner Carnets notierte er: «Samedi après midi 27 Oct 1900 repris le tableau de la Crêche en promenade lâché en 1892 donc après 8 ans!» und im Dezember heisst es dann: «Signé le tableau de la Crèche en promenade le mardi 18 Déc. à 2 1/2 h.» Das im Jahr 1900 vollendete Gemälde der Kleinkinderschule ist das letzte abgeschlossene Vielfigurenbild Ankers und in gewissem Sinne sein Vermächtnis. Unter der Obhut einer Diakonisse, die einen Kinderwagen führt, spaziert eine muntere Kinderschar in lockerer Ordnung über die neu erbaute Kirchenfeldbrücke. Vor dem alten Gusseisengeländer der Brücke kreuzen sich zwei gegensätzliche Welten. Dominiert werden sie von der Figur der Diakonisse mit dem Korbwagen sowie von der von rechts entgegenkommenden eleganten Dame in Trauerkleidung, deren ernste Erscheinung in scharfem Gegensatz zur Fröhlichkeit der Kinder steht. Dame und Laterne rechts, Diakonisse, Stiftsgebäude und Münsterchor links stehen kompositionell in einem fein ausgewogenen Gleichgewicht zueinander.
Zwei vorwitzige Knaben entwischen offensichtlich der fürsorglichen Aufsicht, der eine steigt am Geländer empor, um auf die Aarelandschaft zu sehen, der andere blickt durch die Stäbe auf den im Hintergrund sich erhebenden schmalen Hügelzug. Über der Szene wölbt sich – selten bei Anker – ein zartblauer, duftiger Himmel, der seine Kenntnis der französischen Landschaftsmalerei seiner Zeit verrät. Die Begegnung der unbeschwerten Kinderschar mit der trauernden Dame, zu der es auch Einzelstudien von Anker gibt, kann als Hinweis auf den allgegenwärtigen, mitten im pulsierenden Leben auftauchenden Tod gedeutet werden.