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Räumung des AJZ, 4.9.1980 (Foto: Michel Fries, SozArch F 5111-040-024)
Zürich, 1980: Es war das Jahr der «Bewegung». Sie entzündete sich im Mai, nachdem ein 60-Millionen-Kredit für das Opernhaus gesprochen wurde. Sie war kreativ und radikal, forderte alles und dies subito. «Tragt die Alpen ab – freie Sicht aufs Mittelmeer!» Ihr Kampf konzentrierte sich auf ein Abbruchgebäude hinter dem Hauptbahnhof: das AJZ (Autonomes Jugendzentrum). Es wurde nach Krawallen eröffnet – und nach Krawallen wieder geschlossen.
Jugendliche ebenso wie ehemalige «68er» bekannten sich zur «Bewegung». Nicolas Lindt war einer von ihnen. Als Mitbegründer der Zeitung «Eisbrecher» befand er sich mittendrin im Geschehen. So entstand 1981 auch sein Buch «Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom» – persönliche Interviews mit Bewegten, die der Revolte eine Sprache verliehen.
Vier Jahrzehnte danach erscheinen diese Porträts in einer Neuausgabe, die einerseits durch Reportagen von Nicolas Lindt aus dem Jahr der «Bewegung» und andererseits durch ein Gespräch mit einem für die Erstausgabe Interviewten über die Ereignisse aus heutiger Sicht erweitert wurde.
In ihrem letzten Buch widmete sich Jolanda Spirig der Textildynastie Jacob Rohner, welche die bekannten «Rohner-Socken» hervorbrachte. Nun legt sie mit ihrem neuen Buch erneut eine Familiengeschichte vor, allerdings diejenige einer Familie des unteren Mittelstandes in den 1950er Jahren. Es ist die Geschichte von Martha Beéry-Artho, deren Mutter in Bern einen Kolonialwarenladen führt, während der Vater in der vatikanischen Botschaft – der Apostolischen Nuntiatur – als Gärtner-Chauffeur arbeitet.
Die Geschichte des heranwachsenden «Martheli» und ihrer Familie widerspiegelt den Alltag eines katholisch geprägten Schweizer Haushalts der Nachkriegsjahre. Das Buch erzählt ausserdem ein Stück Schweizer Geschichte: von konservativen Frauenbildern, der Entwicklung der AHV oder der schweizerischen Hilfe für die Ungarnflüchtlinge 1956.
Das Buch des Kulturhistorikers Wolfgang Martynkewicz erschien im vergangenen Dezember und wurde in den Literaturfeuilletons breit besprochen. Niemand ahnte damals in unseren Breitengraden etwas von der Ausbreitung des Coronavirus und den jetzigen Verhältnissen, die den Inhalt des Buches einige Monate später in einem anderen Licht erscheinen lassen.
Das Jahr 1920 erschien den Zeitgenossen chaotisch, anarchisch und haltlos. Kurt Tucholsky beschrieb es beispielsweise mit den Worten: «Diese Zeit hat etwas durchaus Gespensterhaftes.» Der Erste Weltkrieg stellte den Sinn des Lebens grundsätzlich in Frage. Zwar hielten viele an den alten Ordnungen und Vorstellungen fest, daneben aber waren eine Reihe von Intellektuellen und KünstlerInnen der Überzeugung, es sei etwas gänzlich Neues in Entstehung begriffen.
Martynkewicz hat diese Stimmen im vorliegenden Buch versammelt und erweckt damit gerade in Bezug auf die heutige Krise ein erstaunlich aktuelles Bild der Zeit.
Pfarrer Ernst Sieber mit Esel an einer Demo während der Zürcher Jugendunruhen 1980 (Foto: Gertrud Vogler; SozArch F 5107-Na-10-024-016)
Pfarrer Sieber gehörte bis zu seinem Tod vor rund zwei Jahren ebenso zur Stadt Zürich wie beispielsweise das Grossmünster. Er hat die Stadt auf unterschiedliche Art geprägt, und natürlich war er auch vor 40 Jahren während der Opernhauskrawalle dabei. Im nun erschienenen Buch erinnern sich 40 Personen auf verschiedene Weise an Ernst Sieber.
Im Editorial beleuchtet die jetzige Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch die Rolle Siebers während der 80er Unruhen und seine friedensstiftende Wirkung während der Krawalle. Unter den Autoren figurieren auch Toni Vescoli, Christoph Blocher oder Monika Stocker. Zwischen die Texte eingestreut geben Abbildungen einen Einblick in das wenig bekannte künstlerische Werk von Pfarrer Sieber: Bilder und Skulpturen, mit denen er das menschliche Dasein einzufangen versuchte.
Im März 2008 kündigte die Direktion der SBB an, die Werkstätten (Officine) von SBB-Cargo in Bellinzona aufzulösen. Die Antwort der 430 Arbeiter fiel unerwartet klar aus: Sie reagierten mit einem der längsten und härtesten Streiks in der Schweiz der letzten Jahrzehnte. Der Streik fand ein riesiges Echo und bezog die Gesellschaft der gesamten Region mit ein. Und er endete mit einem Erfolg: Die Mehrzahl der Arbeitsplätze konnte bis heute erhalten bleiben.
Eine Gruppe von Historikerinnen und Historikern hat nach dem Streik mit Arbeitern und weiteren Beteiligten über 70 Interviews geführt. Diese und weitere Dokumente bilden die Grundlage für eine breite Reflexion über den ausserordentlichen Arbeitskampf in den Officine. Ergänzt wird das Buch durch eine DVD mit dem Dokumentarfilm «Giù le mani» («Hände weg») von Danilo Catti, der den Kampf in den SBB-Werkstätten behandelt (Signatur DVD 259).
Als in den 1960er Jahren die Hippies aufkamen, erkannten manche darin eine neue Jugendbewegung. Tatsächlich lassen sich verschiedene Parallelen zur Lebensreformbewegung um 1900 ziehen: freie Sexualität und Freikörperkultur, Wohnen auf dem Land, alternative Bekleidung und Frisuren, Kritik der modernen Gesellschaft und Streben nach Gemeinschaft.
Diese Bezüge werden im vorliegenden Band von verschiedener Seite betrachtet – es wird untersucht, inwiefern sich die Phänomene gleichen oder auch unterscheiden. So beschreibt beispielsweise Gunter Mahlerwein in seinem Beitrag, dass musikalische Zusammenhänge zwischen dem Liedgut der Wandervogelbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der Deutschfolkbewegung der 1970er Jahre auszumachen sind, letztere aber Personen aus einem breiteren sozialen Spektrum umfasste als die Wandervögel, die hauptsächlich das städtische Bürgertum anzogen.
Buchvernissage und Gespräch mit Fotojournalistin Elisabeth Real
Die Fotojournalistin Elisabeth Real stellt im Schweizerischen Sozialarchiv ihre beiden Bildbände „Wer wir sind. Lesbische Frauen in der Schweiz erzählen“ und „When You Come Back, I Might Be Dead. Schwarze Lesben in Johannesburg und das Versprechen einer Verfassung“ vor und spricht über deren Entstehung.
Die beiden Bände sind im Rahmen des „Lesbian Lives Project“ erschienen, welches Elisabeth Real seit dem Jahr 2012 verfolgt. Für das Projekt hat die Fotografin über die letzten Jahre Frauen fotografiert und mit ihnen Gespräche geführt mit dem Ziel, Lesben sichtbarer zu machen und die Aufmerksamkeit auf ihre gesetzliche und soziale Diskriminierung zu lenken. In manchen Ländern werden Lesben staatlich verfolgt und landen im Gefängnis, in anderen haben sie gewisse Rechte – von Gleichstellung mit Heterosexuellen sind sie jedoch weit entfernt.
Die Geschichten der Frauen erscheinen als Buchreihe. Die ersten beiden Bände befassen sich mit den Gefahren, Herausforderungen und Diskriminierungen, mit denen Lesben heute in Südafrika und in der Schweiz konfrontiert sind.
Freitag, 17. Januar 2020, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum
> Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 249 KB)
Kassiererin in der Migros, ca. 1990 (SozArch F 5030-Fc-0279)
Die Broschüre «Damit der Laden läuft» präsentiert in geraffter Form die Ergebnisse einer Studie des Berner «Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung» (IZFG). Der Bericht gibt erstmals eine vertiefte Übersicht zu Entwicklung und Strukturwandel des Detailhandels und ermöglicht Einblicke in die Erfahrung der Angestellten.
2018 beschäftigte der Schweizer Detailhandel 307’000 Personen, wovon rund zwei Drittel Frauen waren. Viele davon arbeiten in unsicheren Teilzeitanstellungen und sind Überstunden und Lohnungleichheit unterworfen. Neben statistischen Auswertungen kommen im Bericht betroffene Angestellte zu Wort und geben Einblick in eine Arbeitswelt, welche mehr Wertschätzung verdient hat.
Link zum Forschungsbericht:
https://www.stiftung-frauenarbeit.ch/upload/Forschungsbericht_IZFG.pdf
Selbst unter Historikerinnen und Historikern ist kaum bekannt, dass während des Dritten Reichs mindestens 391 Schweizerinnen und Schweizer in Konzentrationslagern inhaftiert waren. Viele von ihnen wurden umgebracht. Unter den Opfern waren Männer, Frauen und Kinder – Juden, Sozialisten, Homosexuelle, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Widerstandskämpfer… Die Schweizer Behörden hätten viele vor dem Tod bewahren können. Warum taten sie es nicht?
75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs arbeiten die Autoren erstmals die Geschichte der Schweizer KZ-Häftlinge auf. Basierend auf Akten, Briefen, historischen Dokumenten und Gesprächen mit Angehörigen sind zudem zehn Porträts von Schweizer KZ-Häftlingen entstanden. Sie stehen stellvertretend für die vielen Schweizer Opfer nationalsozialistischer Verfolgung, die in diesem Buch erstmals in einer Liste namentlich aufgeführt werden.
Erbaut in den Jahren 1930 bis 1932, gilt die Werkbundsiedlung «Neubühl» in Zürich Wollishofen als wichtigstes Wohnensemble der Schweiz der Zwischenkriegszeit. Seit 2010 unter Denkmalschutz, ist dieses herausragende Beispiel des Neuen Bauens, das sogar von Pablo Picasso besichtigt wurde, architekturhistorisch gut erforscht, doch fehlte bislang eine Darstellung der Baugenossenschaft.
Das «Neubühl» verstand sich immer als eine ideelle Gemeinschaft, die nicht nur günstigen Wohnraum schaffen und verwalten wollte, sondern auch Wert auf aktives Zusammenleben der Menschen legte. Die Publikation zeigt, wie deren Ansprüche mit der Realität in Konflikt gerieten, welche alltäglichen Probleme sich aus dieser Spannung ergaben und wie man versuchte, diese zu lösen.
Spezielles Augenmerk richtet der Autor auf die zahlreichen politischen Flüchtlinge, die zwischen 1933 und 1945 in der Siedlung Unterschlupf fanden, darunter beispielsweise die deutsche Pädagogikprofessorin und Frauenrechtlerin Anna Siemsen.
Vom Sozialarchiv benutzte Quellen:
Ar 20: Archiv Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH (Aktenserie «Emigranten 1933-1945»)
F 5092: Nachlass Gerold Meyer
Buchpräsentation und Gespräch mit der Autorin Basrie Sakiri-Murati
Basrie Sakiri-Murati (*1971) engagierte sich als Gymnasiastin Ende der 1980er Jahre zusammen mit ihren Brüdern, Freundinnen und Freunden für eine „Republik Kosovo“. Die serbische Regierung antwortete auf die Proteste der jungen Aktivistinnen und Aktivisten mit Gewalt und verfolgte sie fortan politisch – es drohten Gefängnis und Folter. Die Autorin sah sich gezwungen unterzutauchen, und als die Situation im Sommer 1989 zu bedrohlich wurde, musste die damals Achtzehnjährige aus dem Kosovo fliehen und erhielt in der Schweiz Asyl. Dass sie dreissig Jahre später immer noch hier leben würde, war für die junge Aktivistin undenkbar.
Basrie Sakiri-Murati erzählt in ihrer auf Tagebuchnotizen basierenden Autobiografie von ihren Erlebnissen im Untergrund und auf der Flucht sowie von ihrer Ankunft und ihrem Leben in der Schweiz und den damit verbundenen Schwierigkeiten und Glücksmomenten. Sie thematisiert zudem das grosse Leid, das ihrer Familie während des Kosovokriegs widerfuhr, wohingegen sie in der Ferne nur hilflos zuschauen konnte.
Donnerstag, 14. November 2019, 18.30 Uhr
Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum
> Veranstaltungsflyer herunterladen (PDF, 311 KB)
Illustration aus den Erinnerungen an eine Kindheit in Zürich-Aussersihl in der Zwischenkriegszeit (Erwin Läser: Läsi: Erinnerungen aus meiner Bubenzeit. Wallisellen 1993)
Die Bibliothek des Schweizerischen Sozialarchivs hat einen sehr interessanten und bedeutsamen Zuwachs erhalten: die umfangreiche Sammlung popularer Selbstzeugnisse des Zürcher Historikers und Volkskulturforschers Fabian Brändle. Der Bestand umfasst Hunderte von Erinnerungsschriften sowie einschlägige Sekundärliteratur zu Selbstzeugnissen, Memorialkultur, Alltags- und Kindheitsgeschichte, die Brändle im Verlauf eines Vierteljahrhunderts zusammengetragen, für seine Forschung verwendet und nun dem Sozialarchiv übergeben hat.
Die Verfasserinnen und Verfasser der Erinnerungsschriften stammen aus unterschiedlichen Regionen der Schweiz und des angrenzenden Auslandes im 19., 20. und 21. Jahrhundert. Aufgewachsen in Stadtquartieren, Agglomerationsgemeinden oder ländlich geprägten Dörfern, in Familien unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten und Milieus, aber in mehreren Fällen auch als Verdingkinder, wurden aus ihnen Hebammen, Mägde, Krankenschwestern, Dienstmädchen oder Weberinnen, Handwerker, Fabrikarbeiter, Bergbauern, Kleinhändler, Mechaniker, Fremdenlegionäre, Fussballer, Hausierer, Volksschullehrer oder Polizisten. Einige von ihnen wanderten vorübergehend oder definitiv ins Ausland oder gar nach Übersee aus.
Manche Schriften sind in nur kleinen Auflagen im Selbstverlag erschienen und in anderen Bibliotheken nicht zu finden. Einige sind in Mundart abgefasst. Die Erinnerungsschriften sind ein schier unerschöpflicher Schatz, dessen Quellenwert über die Rekonstruktion individueller Biografien weit hinausreicht. Themen wie Kindheit und familiäre Probleme, Armut, gesellschaftlicher Auf- und Abstieg, Fremdheitserfahrungen, aber auch Arbeitsalltag oder Freizeitbeschäftigungen kehren in zahlreichen Schriften wieder und erlauben mikrohistorische Annäherungen an gesellschaftliche Zustände und Veränderungen in den letzten zwei Jahrhunderten.
> Die Gesamtliste der Titel des Bestandes kann im NEBIS-Katalog durch Eingabe des Codes E19Braen generiert werden.
Den «Nebelspalter» gibt es seit 1875, und somit ist er das älteste immer noch erscheinende Satire-Magazin weltweit! Im vom Nationalfonds unterstützten Buch der Lausanner Kunsthistorikerin Laurence Danguy werden Gründungszeit und Anfangsjahre zwischen 1875 und 1921 beschrieben, eine Zeit, in welcher illustrierte Zeitschriften und insbesondere Satiremagazine in Europa – und vor allem auch in der Schweiz – ihre grosse Blütezeit erlebten.
Vom Zürcher Jean Nötzli als «Illustriertes humoristisch-politisches Wochenblatt» gegründet, erfährt das Magazin eine erste Zeit der Kontinuität, welche erst 1922 mit dem Umzug nach Rorschach und einer redaktionellen Überarbeitung aufgebrochen wird. Der Band zeichnet die Zürcher Jahre nach und zeigt die besten Karikaturen im Grossformat.
> Der «Nebelspalter» kann ab Erscheinungsjahr 1935 in gedruckter Form im Lesesaal des Sozialarchivs eingesehen werden (bestellbar via Signatur N 1145). Die Zeitschrift liegt aber auch von der Nationalbibliothek digitalisiert (bis ins Jahr 2010) auf e-periodika vor.
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Titelblatt des allerersten Nebelspalters (Nr. 1, 1875) mit dem jungen Mann mit Hut, der mit einer riesigen Feder den „Nebel spaltet“
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Titelblatt des Nebelspalters Nr. 53, 1921
Die Dissertation der Historikerin und ehemaligen UZH-Archivarin Silvia Bolliger behandelt erstmalig das Verhalten von Angehörigen einer Schweizer Universität gegenüber ausländischen und insbesondere jüdischen Studierenden in den Jahren von 1919 bis 1939. Anhand von Daten weist Bolliger nach, dass diese Studierenden hauptsächlich aus Deutschland, Polen und den USA nach Zürich kamen. Anfänglich herrschte eine lockerere Zulassungspolitik, da man gar auf den Zuzug von akademischem Nachwuchs aus dem Ausland angewiesen war. Im Verlauf der 1930er Jahre wurde die Politik indes restriktiver – vor allem was jüdische Studierende betraf. So wurde beispielsweise ab 1933 die Konfession erfasst, die vorher kein Thema war. Zahlreiche Personen wurden nun nicht zum Studium zugelassen, und obwohl die Gründe für die Abweisungen nicht überliefert sind, lässt sich doch annehmen, dass dafür ein latenter Antisemitismus ausschlaggebend war.
Bolligers «Zürcher Fallstudie» ermöglicht eine umfassende Übersicht zum «Ausländerstudium» an einer Schweizer Universität während der Zwischenkriegszeit und leistet einen wichtigen Beitrag zur studentischen Migrationsgeschichte. Insbesondere zeigt sie, dass auch die Universität und somit die Wissenschaft in Krisenzeiten für nationale Zwecke instrumentalisiert wurde.
Bisher liegt deutschsprachige Sachliteratur, die sich mit der in Frankreich stark gewordenen Gelbwestenbewegung befasst, nur vereinzelt vor. Mit dem Band «Gilet Jaunes. Anatomie einer ungewöhnlichen sozialen Bewegung» erschien nun eine Aufsatzsammlung von Autorinnen und Autoren, die sich mit der Protestbewegung befassen.
Die Bewegung, die sich ab November 2018 formierte und mittlerweile etwas abgeflaut ist, lässt sich nicht ohne Weiteres einordnen. Die «Gelbwesten» haben kein politisches Programm, keine definierten Organisationsstrukturen und auch keine ernannten oder selbsternannten SprecherInnen. Die Bewegung wurde vor allem anfänglich als rechts beeinflusste Gruppierung wahrgenommen, zuweilen aber auch von zahlreichen linken Intellektuellen und auch grossen Teilen der Bevölkerung unterstützt. Das Buch beleuchtet verschiedene Aspekte der ebenso heterogenen wie kontroversen soziale Bewegung, deren Stossrichtung nur schwer zu fassen ist.
Standbild aus einem Werbefilm der Winterhilfe von 1943 (SozArch F 5061-Fa-011)
Am 1. November 1940 verhängte die damalige Eidgenössische Schuhkontrollstelle eine Verkaufssperre für Schuhe. Ab Herbst hatte sich die Versorgungslage verschlechtert und Schuhgeschäfte waren derart überrannt worden, dass die Ordnungskräfte eingreifen mussten. Nun wurden auch der Kauf und Verkauf von Schuhen hierzulande rationiert. Diese Ereignisse schildert der Historiker Roman Wild in seiner reich bebilderten Dissertation über die Schuhwirtschaft in der Schweiz zwischen 1918 und 1948.
Der Schuhmarkt war gesellschaftlich eingebettet; soziale Begleiterscheinungen und wirtschaftliche Entwicklungen prägten ihn immer wieder massgeblich. Auch die Schuhmode hatte grossen Einfluss auf das Kaufverhalten der Konsumentinnen und Konsumenten. Und in der Werbung wurden Schuhe immer mehr zu einem identitätsstiftenden Merkmal stilisiert – Bally zog 1935 in der Broschüre «Sandalgeschichten von Bally» gar eine Verbindung zwischen der Sandale und biblischen Gestalten wie König David oder König Salomon.
Roman Wild untersucht aber nicht nur die marktspezifischen Herausforderungen der schweizerischen Schuhindustrie. Er zeigt auch auf, wie diese den Alltag aller Bevölkerungsschichten direkt tangierten – und wie sie nicht zuletzt auch die Schuhmode prägten.
Benutzte Quellen im Sozialarchiv:
- Ar 201.64 Lederbewirtschaftung 1942–1946
- Ar 487 Winterhilfe 1936–2007
«Eine frohe Botschaft» verkündete an Weihnachten 1952 der Bund Schweizerischer Frauenvereine. Am 1. Januar 1953 trat nämlich das neue Bürgerrechtsgesetz in Kraft, mit dem der rechtliche Missstand – die sogenannte «Heiratsregel» – beseitigt wurde, dass Schweizer Frauen, die einen Ausländer heirateten, ihr Bürgerrecht verloren. Diese während Jahrzehnten gültige Regel diskriminierte betroffene Frauen, indem sie zu einem unsicheren Aufenthaltsstatus in der Schweiz, Berufsverboten oder mangelndem Zugang zu Sozialunterstützung führte.
Die Historikerin und Archivarin Silke Margherita Redolfi zeichnet in ihrer Dissertation die Geschichte dieses skandalösen Umgangs mit ausgebürgerten Schweizerinnen nach und beleuchtet dessen Ursachen. Aufschlussreich ist insbesondere der umfangreiche zweite Teil des Werks, der aus Interviews mit betroffenen Frauen besteht.
Benutzte Quellen im Sozialarchiv:
- Ar 29.90.6-8 Schweizerischer Verband für Frauenrechte, Ehe-, Familien- und Bürgerrecht, Bürgerrechtsgesetz
Firmen wie Amazon, Google, Microsoft oder Uber arbeiten mit ihnen – den sogenannten «Geisterarbeitern». Damit sind Menschen gemeint, die im Hintergrund für die künstliche Intelligenz arbeiten, die also – etwas salopp ausgedrückt – dafür sorgen, dass das Internet immer gescheiter wird. Damit Suchmaschinen beispielsweise Hasskommentare oder Bilder mit problematischen Inhalten erkennen, müssen zuvor Tausende Daten eingegeben werden – dies (vorerst noch) meist von Menschen. Je mehr Daten sie zur Verfügung haben, desto «trainierter» werden die Maschinen.
Diese «unsichtbaren» Arbeiterinnen und Arbeiter erhalten in der Regel keinen Mindestlohn und keine Versicherungen, sie leisten Überstunden und können oft jederzeit entlassen werden. «Ghost Work» beschreibt diese neuartigen unsicheren Arbeitsverhältnisse. Und es zeigt auch, warum Automatisierung nie perfekt sein wird.
Wandervögel auf dem Jöriflesspass (GR), 1909 (SozArch F 5000-Fx-186)
Das Wandern war nicht immer eine derart beliebte Freizeitbeschäftigung des Menschen wie heutzutage: Erst die Romantik gegen Ende des 18. Jahrhunderts popularisierte das Wandern, im 19. Jahrhundert wurde es Teil des bürgerlichen Lebens, gegen Ende des Jahrhunderts dann zu einer regelrechten Massenbewegung. Der vorliegende Ausstellungskatalog zeigt die Exponate der Ausstellung «Wanderland» im Germanischen Nationalmuseum, welche vom November 2018 bis im April 2019 gezeigt wurde.
Der schön gestaltete Band zeichnet die Geschichte des Wanderns nach und veranschaulicht anhand zahlreicher Objekte den Wandel des Freizeitsports: Wanderkarten wurden immer präziser, das Netz der Wanderwege komplexer, luftige Outdoor-Kleidung ersetzte den Wanderstock.
Basrie Sakiri-Murati flüchtete im Sommer 1990 aus dem Kosovo in die Schweiz. Sie war erst achtzehnjährig und musste ihre Heimat aus politischen Gründen verlassen. Bereits im Gymnasium hatte sie sich für eine «Republik Kosovo» und gegen die serbische Regierung eingesetzt, welche sie aufgrund ihrer Aktivitäten schliesslich verfolgte.
Nach der Ankunft in der Schweiz begann Sakiri-Murati, ihre Erlebnisse aufzuschreiben. Sie erzählt davon, wie in ihrer Heimat das Elternhaus durchsucht wird, wie Freunde verhaftet werden, wie sie zur Aktivistin wird und schliesslich selber in den Untergrund gehen muss. Und natürlich erzählt sie von der Flucht mit einem gefälschten Pass in die Schweiz.
Der zweite Teil des Buches widmet sie dem Leben in der Schweiz; es sind fast dreissig Jahre vergangen, Basrie Sakiri-Murati ist jetzt eine erwachsene Frau und lebt in Bern. Die kosovarische Diaspora in der Schweiz umfasst heute rund 110’000 Kosovo-AlbanerInnen – Basrie Sakiri-Murati gibt ihnen eine Stimme.
Jugendliche galten in der Schweizer Nachkriegszeit als auffällige und abweichende soziale Gruppe. Jugendverbände und die schweizerische Unesco-Kommission forderten jugendpolitische Reformen und Studien, um die Befindlichkeit der Heranwachsenden zu untersuchen – um 1968 wurden gleich deren drei in Auftrag gegeben.
Die Analyse dieser Debatten im Zeitraum von 1945 bis 1979, welche die Historikerin Rahel Bühler in ihrer nun erschienenen Dissertation vornimmt, gibt Einblick in einen Grundkonflikt: Während die gesellschaftlichen Erwartungen an Jugendliche in den 1960er Jahren zunahmen, entfernten sich diese von traditionellen Normen.
Benutzte Quellen im Sozialarchiv (Auswahl):
Archiv:
- Ar 89 Vereinigung Ferien und Freizeit (VFF)
- Ar 63 Zürcher Arbeitsgemeinschaft für Jugendprobleme (ZAGJP)
Sachdokumentation:
- Dossier 04.11 Jugendkulturen, jugendliche Subkultur
- Dossier 36.3 C Unruhen, Demonstrationen, Krawalle; Widerstand, Protest: Schweiz
- Dossier 67.4 Soziale Hilfe für Jugendliche; Jugendarbeit; Jugendpolitik
Emilie Lieberherr im Gespräch, 1978 (SozArch F 5047-Fb-315)
50 Jahre nach dem Marsch auf Bern 1969 liegt nun die Biografie über Emilie Lieberherr vor, eine der Pionierinnen der Schweizer Frauenpolitik. Die 2011 verstorbene Politikerin wuchs in einfachsten Verhältnissen im Kanton Uri auf und sprengte bereits als junge Frau die Grenzen aller Konventionen: Sie war ein Arbeiterkind, besuchte als reformiertes Mädchen ein katholisches Internat, machte die Matura, ging als erste Frau aus dem Kanton Uri an die Universität und schloss ihr Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften 1965 mit dem Doktorat ab.
Heute gilt sie als eine der wichtigsten Vorkämpferinnen einer fortschrittlichen Frauen-, Alters- und Drogenpolitik. Als erste Zürcher Stadträtin und Vorsteherin des Sozialamts erkannte sie früh, von welch grosser gesellschaftlicher Bedeutung das Thema Alter bald sein würde. Die letzten Jahre ihrer Amtszeit setzte sie sich für eine neue, liberale Schweizer Drogenpolitik ein, die weit über die Landesgrenzen hinaus prägend wirkte. Vor allem aber kämpfte die hartnäckige Sozialpolitikerin ein Leben lang für die Rechte der Frauen.
Der Bundesrat beauftragte Ende 2014 eine unabhängige Expertenkommission (UEK) mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der administrativen Versorgungen in der Schweiz vor 1981. Dazu gehörten insbesondere die Auseinandersetzung mit der Perspektive von Betroffenen und Opfern sowie die Analyse staatlicher Interventionen und behördlichen Handelns. Die UEK sollte dabei auch die Bezüge zu allen anderen fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen berücksichtigen. Die Kommission veröffentlicht ihre Forschungserkenntnisse in neun Bänden sowie einem Synthesebericht zuhanden des Bundesrates.
Der nun veröffentlichte erste Band widmet sich bewusst den Menschen, die eine administrative Versorgung erlebten. Er nähert sich ihnen auf zwei Arten: einerseits, indem der Fotograf Jos Schmid sie in formal strengen Schwarzweiss-Porträts fotografiert, andererseits, indem zwölf Autorinnen und Autoren sie aufgrund mündlicher oder schriftlicher Quellen in Kurzbiografien vorstellen. Der nächste Band wird in Kürze erscheinen, die restlichen Bände folgen bis im September 2019 und werden alle in der Bibliothek ausleihbar sein.
Das vorliegende Editionsprojekt geht zurück zu den Wurzeln des Verlags LangenMüller: Ende des 19. Jahrhunderts gründete Albert Langen den Simplicissimus, die bis heute bekannte deutsche politisch-satirische Wochenschrift. Die Zeitschrift zielte auf die wilhelminische Politik, die bürgerliche Moral, die Kirchen, die Beamten, die Juristen und das Militär.
Schon bald wurde der Simplicissimus ein Forum für die künstlerische und literarische Avantgarde seiner Zeit. Legendär sind die Zeichnungen von Thomas Theodor Heine, der sich als ständiger Mitarbeiter schnell zu einem der führenden Karikaturisten Europas entwickelte. Der nun erschienene Reprint versammelt die wichtigsten Karikaturen aus dem Erscheinungszeitraum des Simplicissimus 1896 bis 1933.
> Originalausgaben der Zeitschrift können im Lesesaal des Sozialarchivs eingesehen werden (Signatur NN 1168).