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N°18
Die beiden waren auffällig modisch gekleidet, stiegen an der Wildbachstrasse ganz vorne in den 4er. Der Vater hatte den Arm um die Schultern seines Sohnes gelegt, streichelte ihm zärtlich mit der Hand über den Kopf. Der etwa 12jährige Sohn mit Down-Syndrom lehnte seinen Kopf an die Brust des Vaters. Beide schwiegen. Die Leute rundherum schienen ob dieser liebevollen Szene irgendwie irritiert zu sein, liessen von ihren Smartphones ab, mit denen sie sich zuvor noch intensiv beschäftigt hatten, konnten nicht wegsehen. Die Blicke waren nicht unfreundlich oder abweisend, es war wohl eher so, als ob die Leute sich mit Fragen beschäftigten, für die sie keine Antwort parat hatten. Das war merkwürdig, es sah aus, als ob ein Film bei einem ganz bestimmten Punkt einer Szene stehen bleibt und das Bild eingefroren würde. Der Vater war solche Blicke offensichtlich gewohnt, kümmerte sich nicht darum, drückte seinen Sohn sanft noch etwas mehr zu sich. An der nächsten Station stiegen zwei Rentner hinzu. Das Bild schien immer noch eingefroren zu sein, es wurde nur durch die beiden zusätzlichen Personen ergänzt. Der Junge hob leicht den Kopf, musterte die beiden Neuankömmlinge. Während einer wegschaute, hielt der andere den Blickkontakt. Der Junge begann zu lächeln, hob den Kopf, sagte artig guten Tag, er heisse Lukas. Der Mann konnte sich dieser Begegnung nicht entziehen, fasste sich ein Herz, stellte sich als Hanspeter vor. Ob er auch Fussball spiele, wollte Lukas von Hanspeter wissen. Hanspeter lachte, bejahte, früher sei er mal ein guter Goalie gewesen, heute pflege er die Sportanlage für die Junioren und schaue nur noch zu. Allein dieser kleine, zwangslose Schwatz zwischen den beiden wirkte auf die Leute rundherum wie ein Stimmungsaufheller, die Welt war wieder in Ordnung. Während die Leute sich erneut mit ihren Smartphones beschäftigten, unterhielten sich Lukas und Hanspeter schon fast wie alte Bekannte, Lukas erzählte davon, dass ihm sein Vater neue Fussballschuhe gekauft habe und er ein Leibchen des FCZ geschenkt bekommen habe. Hanspeter fragte Lukas schliesslich, ob er vielleicht einmal mit seinem Vater zu ihm auf den Platz kommen möchte, vielleicht an einem Mittwochnachmittag, da spielen die Junioren, er spreche mit dem Trainer, dann dürfe er bestimmt mitmachen. Lukas und auch sein Vater freuten sich riesig und sagten dankend zu. Beim Aussteigen dachte ich mir, dass unserer Gesellschaft ein paar Hanspeter mehr ganz gut täten.
21. Juni 2015