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Der Uniabgänger François (Robin Harsch) zieht mit seiner Freundin Christine (Elodie Weber) ins Vallée de Joux, einem abgelegenen Tal im Kanton Waadt. Christine arbeitet dort als Lehrerin. François findet überraschenderweise beim Regionalblatt L’Echo de Vallée de Joux eine Anstellung als Journalist und Filmkritiker. Gleichmütig schickt er sich in die plötzliche Berufung, Woche für Woche den aktuellen Film, der im Tal gezeigt wird, zu rezensieren. Da François aber keine Ahnung von Kino hat, weiss er nicht recht, was er schreiben soll und zu allem Ungemach steht er auch noch im Schatten seines Vorgängers, der in der Gegend – und besonders bei der resoluten Kinobetreiberin Frau Suchet (Brigitte Jordan) – für seine Filmbesprechungen geschätzt wurde. Wie der unbeholfene Filmkritiker schliesslich zufälligerweise eine Ausgabe der cinephilen Fachzeitschrift Travelling entdeckt, scheint sich ihm ein Ausweg aus der verzwickten Lage zu eröffnen. Ohne zu zögern beginnt François, die Analysen der fachkundigen Rezensenten Wort für Wort abzuschreiben. Die ungewohnt negativen Kritiken wecken Entrüstung bei Frau Suchet, die sich sogleich bei der Regionalzeitung über die schlechte Berichterstattung beschwert und sich weigert, dem neuen Filmkritiker zukünftig Filme vorzuführen. Dies beirrt François kaum, denn er fährt sowieso lieber nach Lausanne, um sich die neuen Filme an Pressevorführungen anzuschauen. Dort lernt er Rosa (Natacha Koutchoumov) kennen, eine Filmkritikerin, die für die grosse Tageszeitung L’Epoque arbeitet. – Zwischen den beiden entwickelt sich eine merkwürdige Affäre.
Lionel Baier (Garçon stupide, CH 2004; Comme des voleurs, CH 2006) bezeichnet Un autre homme als sein bisher persönlichstes Werk, da es für ihn zentrale Themen wie Hochstapelei und Erotik behandle. Der Film musste mit einem geringen Budget realisiert werden, weil das Drehbuch vom Bundesamt für Kultur nicht als förderungswürdig erachtet wurde. Dass Un autre homme 2008 im Internationalen Wettbewerb von Locarno lief, zeigt einmal mehr, dass es in der Schweizer Filmszene durchaus innovative Positionen gibt, die mit internationalen Arthouse-Produktionen mithalten können. Solche eher gewagten Filmprojekte fallen aber oft durch das engmaschige Netz der aktuellen Filmförderung.
Obwohl Un autre homme in Locarno von Kritik und Publikum wohlwollend aufgenommen wurde, ging der Film bei der Preisvergabe leer aus. Dies überrascht kaum, denn der Film hinterlässt einen unausgewogenen Gesamteindruck. Baier baut seine Geschichte auf dem Gegensatz zwischen Stadt und Land auf. Den beiden Welten widmet er sich – ohne Ironie – auf oberflächliche Weise: Da das abgelegene Vallée de Joux mit seinen charmant-hinterwäldlerischen Bewohnern, dort die überkandidelte Lausanner Medienszene. Die Spannungen zwischen den Figuren hingegen sind überzeugend in Szene gesetzt. Lionel Baier, der auch als Kameramann wirkte, wollte seinen Protagonisten mit «erotischer Gewalt» filmen. Die Affäre des jungen Pseudofilmkritikers mit der arrivierten, aber abgebrühten Filmredaktorin entfaltet so auch eine überraschend intensive Dynamik.