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London ist eines der wichtigsten Finanzzentren der Welt, in vielerlei Hinsicht das bedeutendste überhaupt – und das, obwohl Britannien längst sein Weltreich verloren hat. Woher kommt das? Und wer zieht da an welchen Strippen? Eine Spurensuche.
Argwöhnisch, vielleicht sogar angewidert schaute Philip Goff zu, wie die verkleideten Kinder an den Schaulustigen vorbeimarschierten und ihnen vergnügt zuwinkten. Die Lord Mayor’s Show, ein bunter Umzug zu Ehren des neuen Bürgermeisters der Londoner City, lockte auch im letzten November wieder Tausende von BesucherInnen in den ältesten Stadtteil Londons. Familien mit Kindern, TouristInnen und ältere Leute klatschten begeistert Beifall, als Zünfte in mittelalterlichen Kostümen, tanzende Schulkinder, Militärkapellen, Kadetten und Unternehmerverbände an ihnen vorbeizogen. Auf einer grossen Tribüne vor dem Mansion House, einem georgianischen Stadtpalast gegenüber der Bank of England, hatten sich die WürdenträgerInnen versammelt. Mittendrin stand der Lord Mayor selbst, gekleidet in eine rote Robe, und verfolgte den Umzug mit strahlendem Gesicht.
Nur der junge Philosophiedozent Philip Goff und seine rund zwanzig MitstreiterInnen waren nicht begeistert. Ausgerüstet mit einem Megafon und zwei Spruchbändern («Reclaim the City», holt euch die City zurück) hatten sie sich gegenüber vom Mansion House aufgestellt und versuchten, den Schaulustigen den Zweck ihres Auftritts zu erläutern. Doch die wollten davon nichts wissen. Kaum hatte Goff einen halben Satz ins Megafon gerufen, fuhren ihn einige ältere Herren an: «Shut up!»
Was sie nicht hören wollten, erzählt Goff später. «Für viele Leute ist die Lord Mayor’s Show ein gewöhnlicher Festumzug. Sie halten den Lord Mayor für eine rein repräsentative Figur.» In Wirklichkeit jedoch sei seine Rolle sehr viel bedeutender: «Er ist Chef der mächtigsten Finanzlobby der Welt.» Im Zentrum des britischen Staats, so Goff, gebe es eine öffentliche Institution – die City of London Corporation mit dem Lord Mayor an der Spitze –, die ihren Reichtum und ihren Status dazu verwende, die Deregulierung der Finanzindustrie voranzutreiben, und zwar nicht nur in London, sondern weltweit. «Aber die wenigsten Leute wissen das.»
Vielleicht wollen es viele auch nicht wissen. Dabei geht es hier um entscheidende Fragen des britischen Wirtschaftssystems, der Politik und der Demokratie: Woher kommt die Sonderstellung, die dieser Teil der britischen Hauptstadt einnimmt? Wie ist es möglich, dass sich mitten in London eine der bedeutendsten Steueroasen der Welt befindet? Und warum ist die britische Finanzindustrie so mächtig?
Der Sonderfall
Die City of London ist zunächst einmal ein Ort: Sie umfasst auf einer Fläche von rund einer Quadratmeile ein kleines Gebiet im Stadtkern der britischen Hauptstadt, das sich vom Ufer der Themse Richtung Norden erstreckt. Andererseits war sie schon im Mittelalter eine Verwaltungseinheit gewesen, die sich trotz der Expansion der Metropole über die einst eng gezogene Siedlungsgrenze hinaus eine rechtliche Autonomie bewahren konnte, die heute noch in der City of London Corporation als Verwaltungsbehörde ihren Ausdruck findet.
Schon früh hatte die City der englischen Monarchie erhebliche Privilegien abgewinnen können; selbst Wilhelm der Eroberer, der ab 1066 England kontrollierte, tastete die Gesetze nicht an, die sich die LondonerInnen gegeben hatten. In der City hatte nicht ein König das Sagen – hier gaben die Citizens of London den Ton an, die seit Ende des 12. Jahrhunderts ihren eigenen Bürgermeister wählen (den Lord Mayor, nicht zu verwechseln mit dem Mayor of London, dem Londoner Oberbürgermeister) und die sich wegen ihrer Handelstätigkeit und ihrer Finanzgeschäfte eine Autonomie bewahren konnten. In der City lag das kommerzielle Zentrum Englands – und bald auch des britischen Weltreichs.
Schon um 1600 verfügte London über einen der grössten Häfen der Welt, dessen Bedeutung mit der Ausdehnung des Empires noch wuchs und der London einen immensen Reichtum bescherte. Gewürze und Textilien aus Indien, Tee aus China, Zucker und Tabak aus den Sklavenplantagen der Karibik – der Erlös landete zu einem grossen Teil in der City of London. Von ihrem Hauptsitz in der Leadenhall Street aus verwaltete beispielsweise die Ostindienkompanie ihr gewaltiges Handelsimperium, das den Grundstein für das britische Weltreich legte. Ihre Blütezeit erlebte die City im 19. Jahrhundert, als das Bankenwesen so richtig in Fahrt kam und London Amsterdam als wichtigstes Finanzzentrum ablöste.
Die Londoner Geldhäuser finanzierten den Ausbau des Weltreichs, sie stellten der Regierung Geld für Kriege zur Verfügung, und sie finanzierten die Infrastruktur des Landes – ohne den Londoner Kapitalmarkt wäre der Ausbau des Eisenbahnnetzes ab den 1830er-Jahren unmöglich gewesen, schreiben die City-Historiker Richard Roberts und David Kynaston.
Das probate Mittel Steueroase
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert verschwanden allmählich die Wohnhäuser und machten Bürogebäuden, Banken und Lagerhallen Platz. Mit dem Ersten Weltkrieg fand der Boom jedoch ein plötzliches Ende. Die Handelsbanken erlitten einen Einbruch. Die kurze Erholung in den zwanziger Jahren wurde von der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg gestoppt: Die deutsche Luftwaffe zerstörte ein Drittel aller Gebäude in der Square Mile.
Danach zerfiel allmählich das Empire – und hier wird die Geschichte richtig interessant. Als eine Kolonie nach der anderen die Unabhängigkeit erlangte, war Britannien, wenige Jahrzehnte zuvor noch im Besitz eines weltumspannenden Weltreichs, nunmehr eine grössere Insel im Atlantik. Doch die City schaffte es auch dank alter Kolonialbeziehungen und der Politik der britischen Regierungen, die das Pfund als Leitwährung mit allen Mitteln verteidigten, sich erneut zu einem führenden globalen Finanzzentrum emporzuarbeiten, das der Wall Street Paroli bieten konnte.
Wie war das möglich? Schon in den fünfziger Jahren hatten Banker in der City ein Mittel gefunden, mit dem sie die staatlichen Devisenkontrollen umgehen konnten: Britische Geldhäuser nahmen Einlagen in US-Dollar an – Handel mit Fremdwährungen war damals offiziell nicht erlaubt – und boten höhere Zinsen an, als die US-amerikanischen Behörden gestatteten. In den Jahrzehnten danach wuchs dieser sogenannte Eurodollarmarkt, der kaum reguliert ist und in dem keine Mindestreserven gelten, rasant an: 1980 umfassten die Einlagen bereits 500 Milliarden US-Dollar, und 1997 wurden fast neunzig Prozent aller internationalen Kredite über ihn vergeben. Mit diesem lukrativen Offshore-Markt begann der Aufstieg der City zum modernen Finanzzentrum. Gleichzeitig pflegten die Londoner Geldhäuser enge Kontakte zu den Überresten des Weltreichs – die meisten von ihnen sind heute klassische Steueroasen: die Cayman-Inseln, die Bahamas, die Turks- und Caicos-Inseln, die Britischen Jungferninseln und viele mehr.
«Hier liegt der Ursprung der Offshore-Strategie der City», sagt John Christensen. Mit Steueroasen kennt sich der Mann aus. Fünfzehn Jahre lang arbeitete er im Finanzsektor auf der Kanalinsel Jersey, zuletzt als Wirtschaftsberater der Regierung. Allerdings hatte er nie vor, dort zu bleiben: Er ging, um ein Insider zu werden, um zu verstehen, wie eine Steueroase funktioniert. Seit seiner Rückkehr nach England Ende der neunziger Jahre kämpft er gegen das Offshore-System.
Als Mitarbeiter des Tax Justice Network befasst sich Christensen intensiv mit dem Finanzplatz London und seinen Offshore-Satelliten. «Die Bank of England [die für die Regulierung der Banken zuständig war, Anm. der Red.] vertrat damals die Ansicht, dass Steueroasen den Interessen des Landes dienen: Also lassen wir sie gewähren, solange sie nicht unsere Hauptaufgabe beeinträchtigen, nämlich das Pfund Sterling zu schützen.» Ein Grossteil des Geldes, das diese aufkommenden Schattenfinanzzentren anlockten, wurde in die Geldhäuser der City weitergeleitet. Das ist auch heute noch so: Die Square Mile ist ein Magnet für Steuerfluchtgelder aus aller Welt.
Die globale Finanzmarktlobby
In den sechziger und siebziger Jahren wurde der vom Staat protegierte Finanzsektor allmählich zu einem Problem – vor allem für das herstellende Gewerbe. John Christensen wollte damals Motorräder bauen und liess sich zum Ingenieur ausbilden. Für seine Doktorarbeit verglich er die deutsche Industrie mit der britischen, die bereits in argen Schwierigkeiten steckte. «Der grosse Unterschied bestand im Verhältnis der Banken zur Industrie», sagt er. «Der deutsche Finanzkapitalismus unterhielt damals enge Beziehungen zum Industriekapitalismus – in den Verwaltungsräten der grossen Unternehmen sassen Vertreter der Banken; die Kreditgeber verstanden die Geschäftsmodelle. Sie wussten also, was nötig ist, um in einen Produktionszyklus zu investieren.»
Diese Herangehensweise, sagt Christensen, wäre in Britannien undenkbar gewesen: «Alle britischen Industriellen, mit denen ich gesprochen habe, beklagten sich über die Banken.» Sie seien nutzlos, verstünden nichts von der Industrie und hätten auch kein Interesse daran. «Das Einzige, was sie interessiert, sind kurzfristige, spekulative Gewinne.» Die City of London sei nicht die Lösung ihrer gegenwärtigen Probleme, sondern das Problem selbst. «Die Banken orientierten sich immer nur an möglichst hohen Renditen», sagt Christensen. Und die finden sich nur selten in der Industrie. «Sie fördern nicht die Wirtschaft, sie betreiben ein Casino.»
Und dieser Casinowirtschaft verhalf Margaret Thatcher kurz nach ihrer Wahl zur Premierministerin 1979 zum Durchbruch: Die Devisenkontrollen wurden abgeschafft, der Wert des Pfunds stieg, und die Ausfuhrgüter der britischen Industrie verteuerten sich massiv. Zwischen 1981 und 1984 verlor allein die Londoner Industrie 90 000 Arbeitsplätze (landesweit vernichtete Thatchers finanzmarktorientierte Politik ein Fünftel aller industriellen Arbeitsplätze), während im Finanzsektor 45 000 neue Jobs geschaffen wurden. Und dieser wurde zunehmend dereguliert – bis hin zum «Big Bang» 1986 (vgl. weiter unten: «Der Big Bang»), der London zum internationalen Finanzplatz schlechthin machte.
Finanzdienstleistungen sind heute der wichtigste Sektor der britischen Wirtschaft – sie machen rund zehn Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus. Obwohl in der Square Mile nur etwa 9000 Menschen wohnen, tummeln sich hier an Werktagen 350 000 Banker, Versicherungsspezialistinnen, Broker und Verwaltungsangestellte. Die hohen Löhne und Boni, die in der City seit Mitte der achtziger Jahre verteilt werden, waren ein wichtiger Grund für den Boom, den die Londoner Dienstleistungsökonomie in den neunziger Jahren erlebte – aber sie sind auch entscheidend dafür verantwortlich, dass London die Metropole mit dem grössten sozialen Gefälle der westlichen Welt ist: Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung verfügen über 273-mal mehr Geld als die ärmsten zehn Prozent. Gleich hinter der östlichen Grenze der Square Mile, im Schatten der gläsernen Hochhäuser, liegt Tower Hamlets, eine der ärmsten Gemeinden Britanniens. Und trotz allen Reichtums hat der Finanzsektor sogar in den Boomjahren von 2002 bis 2008 nur halb so viele Steuern bezahlt wie die Industrie.
Beim Aufstieg der City zum Superfinanzplatz war von Bedeutung, dass die Square Mile eine eigenständige Rechtseinheit ist. «Das ist ein Staat im Staate», sagt Christensen. «Sie hat ihre eigene Regierung und kann ihre Privilegien dank ihrer aussergewöhnlichen Macht wahren. Die City of London Corporation ist gleichzeitig eine Lokalbehörde, eine Lobbygruppe und eine globale Schlachtformation.» So gehört es zu den Aufgaben des Lord Mayor, «die City als eines der führenden internationalen Finanzzentren zu fördern», wie es auf der Website der Corporation heisst. «Es gehört zum Job des Lord Mayor, auf der ganzen Welt die Interessen der City sowie die Ideologie des freien Marktes zu vertreten», erläutert Christensen und gerät in Fahrt: «Der reist rund um die Welt und sagt: Ihr müsst deregulieren, ihr müsst eure Steuern senken, ihr müsst dem Kapital alle möglichen Privilegien gewähren.» Rund neunzig Auslandsreisen absolviere der Lord Mayor im Jahr, prahlt die Corporation auf ihrer Website – und überall werde er wie ein Kabinettsminister der britischen Regierung behandelt.
Das demokratische Defizit
Moderne Finanzdienstleistungen und uralte Traditionen – nirgendwo sonst auf der Welt passt beides so gut zueinander. Seit 886 besitzt die City das Recht auf Selbstverwaltung, seit dem 12. Jahrhundert besteht das Lokalparlament, 108 mittelalterliche Zünfte sind hier eingetragen, etwa die der Kandelgiesser (Zinngiesser) oder der Eisenhändler, es gibt 25 Aldermen (Ratsherren), zwei Sheriffs und natürlich noch den Lord Mayor. Trotz dieser langen Tradition der Mitsprache ist die Struktur aber in hohem Masse undemokratisch. Denn auch die Konzerne, die in der Square Mile geschäften – und davon gibt es viele (vgl. weiter unten: «Die Bedeutung der City») –, dürfen bei den Lokalwahlen abstimmen. Und zwar gemäss der Anzahl ihrer Angestellten: Wer fünfzig Angestellte beschäftigt, hat 10 Stimmen, für 3500 Beschäftigte gibt es 79 Stimmen. In einigen Wahlbezirken bedeutet dieses Wahlsystem, dass die Stimmen der Konzerne jene der BewohnerInnen, die tatsächlich hier leben, um ein Vielfaches übertreffen. Für Philip Goff ist dies ein unhaltbarer Zustand: «Weil die lokalen Abgeordneten auf diese Weise gewählt werden, agieren sie als Lobbygruppe für die Finanzindustrie», sagt er, und: «Wer von den Banken gewählt wird, dient den Banken.»
Und so ist der Gemeinderat, der Court of Common Council, kein Forum für Debatten. «Da gibt es keine wirklichen Diskussionen und keine Opposition», sagt William Taylor, der selbst einmal Common Councillor war. Father Taylor ist ein gross gewachsener, nachdenklicher Mann, ein anglikanischer Pfarrer, der heute eine kleine Kirchgemeinde im Norden Londons leitet. Früher war er Kaplan der Guildhall University – und bis 2008 mehrere Jahre lang Abgeordneter im City-Parlament. «Natürlich gibt es Uneinigkeiten – wie immer, wenn hundert Leute zusammenkommen», beschreibt Taylor die Sessionen des Gemeinderats. «Aber sie streiten dann etwa darüber, wo man die öffentlichen Toiletten hinstellen soll.» Über die wichtigen Dinge – die Rolle des Staats etwa oder wofür man die Steuern verwenden soll – spreche man hingegen nicht. «An den monatlichen Ratssitzungen tauchen all diese Grössen aus der Geschäftswelt auf, aber sie sagen nichts wirklich Wichtiges.» Die City werde wie ein Unternehmen geführt; wer von der allgemein akzeptierten Position abweiche, stehe sofort im Abseits. Als Taylor einmal eine kritische Frage stellte, «sagte man mir, ich hätte mich der City of London Corporation gegenüber respektlos verhalten und solle bitte vorsichtiger sein.»
Dabei ist Taylor «ein Mann des Establishments», wie er selbst sagt: «Schliesslich bin ich ein Pfarrer der Church of England! Ich bin kein Bolschewik, ich nehme keine Drogen, und in theologischer Hinsicht bin ich konservativ. Aber dieses Monster, das die City geschaffen und gefördert hat, ist unrecht. Es zerstört die gesellschaftlichen Beziehungen, und deshalb müssen wir uns ihm entgegenstellen.»
Die Macht der Corporation ist enorm. Geld spiele eine untergeordnete Rolle, sagt Taylor – nach eigenen Angaben verfügt die Verwaltung über ein Vermögen in Höhe von drei Milliarden Pfund, umgerechnet 4,3 Milliarden Franken. Viel wichtiger sei das vielfältige Geflecht an Beziehungen – zur britischen Regierung, zur Krone, zu einflussreichen Leuten, internationalen Organisationen und Behörden, zu Finanzinstitutionen weltweit: «Das ist eine Dimension der Macht, die oft verkannt wird.» Kontakte pflegen, Ratschläge erteilen, Empfehlungen aussprechen, politischen Druck aufbauen: All das werde von der Corporation mit Nachdruck betrieben. Dazu gehöre auch die Macht der Gastfreundschaft mit den «richtigen Leuten», sagt Taylor.
Eine ganz andere Gastfreundschaft bekam hingegen die Occupy-Bewegung zu spüren. Ende Februar liess die Corporation per Gerichtsbeschluss und Polizeieinsatz das Occupy-Camp vor der St.-Paul’s-Kathedrale räumen, auf einem der letzten öffentlichen Plätze in der City (siehe WOZ Nr. 9/12). Denn man ist ja lieber unter sich, wie Taylor kritisiert. Bei vielen Besuchen von Staatsoberhäuptern sitze der Lord Mayor mit am Bankett – «neben dem Premierminister oder dem Erzbischof von Canterbury». Taylor hat selbst an solchen Anlässen teilgenommen, und er weiss auch, was eine «wichtige Qualifikation für das Amt des Lord Mayor» ist: «Das Fehlen jeglicher Persönlichkeit.»
Zu Besuch beim Lord Mayor
Dabei ist der neue Lord Mayor ein überaus freundlicher Mann. Als er den prunkvollen Saal im ersten Stock des Mansion House betritt, seiner Residenz im Zentrum der City, wo neben dicken Säulen und griechischen Statuen zwei Dienstmädchen und der Pressechef warten, begrüsst er den ausländischen Journalisten gut gelaunt. Er bittet in sein Büro und offeriert Tee. David Wootton spricht über die Geschichte der Lord Mayor’s Show, über die Zürcher Zünfte, über das Rudern, über Opernbesuche in Bregenz und lässt sich nicht gern unterbrechen.
Als dann doch noch Fragen möglich sind, beschreibt Wootton die Corporation als Lokalbehörde, die nur ihre Pflicht tue. Das ganze Geschwätz von Einfluss und Macht sei vollkommener Unsinn: «Wir sind eine Lokalbehörde in einem Quartier, das halt viele Finanzdienstleister aufweist.» Deshalb sei es nur logisch, dass er auch die Interessen dieser Unternehmen vertrete. Und er sagt Sätze wie: «Wir sind transparent, und wir vertreten unsere Interessen mit Integrität.» Der Pressechef neben ihm nickt. «Es wird oft gesagt, wir würden hinter der Bühne Einfluss ausüben. Das tun wir nicht.» Der Pressechef schüttelt den Kopf. Wootton spricht von Investitionen in die Infrastruktur des Landes, die die Corporation tatkräftig unterstütze. Er spricht von den Leistungen für den Finanz- und Dienstleistungssektor im gesamten Land. Und wie steht er zu der Forderung nach einer stärkeren Regulierung des Finanzsektors? «Instinktiv will jeder, der reguliert wird, weniger Regulierung. Und alle, die von den Folgen einer solchen Regulierung nicht betroffen sind, wollen mehr. Das sind menschliche Instinkte.»
Und was ist mit der Kritik an der City und dem Finanzwesen, die in den letzten Monaten dank der Occupy-Bewegung laut geworden ist? «Die schärfsten Kritiker der City befinden sich doch innerhalb der City», antwortet er. «Ich habe in den letzten Monaten keine Kritik gehört, die ich nicht schon vorher gehört hätte.» Aber er akzeptiere, dass die City diese interne Kritik nicht genug an die Öffentlichkeit getragen habe. Und die Finanzkrise? «Es hat viele Leute überrascht, dass es im Prinzip für die Banken eine Staatsgarantie gab. Natürlich haben die Banken die Risiken nicht richtig eingeschätzt.»
Und dann sind die dreissig Minuten auch schon vorbei.
Die Abhängigkeit der Politik
Wie gross die Macht der Square Mile ist, lässt sich auch daran ablesen, dass der britische Finanzsektor heute kaum anders aussieht als vor der Krise. Anfang 2012 haben Londoner Finanzinstitute mehr Boni ausbezahlt als je zuvor. «Die Finanzelite hat die Krise mit grösserer Professionalität und mehr Ressourcen bewältigt als frühere Krisen», schrieben im November die Autoren eines Arbeitspapiers des Centre for Research on Socio-Cultural Change. Der Impetus zu stärkerer Regulierung sei mittlerweile verpufft. Britannien, so die Schlussfolgerung des Berichts, sei immer noch «gefangen in einer Zeitschleife, in der die politische Elite stets für die Finanzwelt Partei ergreift». Eine besondere Rolle habe dabei die City of London Corporation gespielt.
Peter Stäuber ist WOZ-Korrespondent in London. Er hat unter anderem das neue Buch von Nicholas Shaxson übersetzt: «Schatzinseln. Wie Steueroasen die Demokratie untergraben» (Rotpunktverlag, Zürich 2011).