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„(…) Im Namen der Gesundheit führen Behörden auf der ganzen Welt einen Kreuzzug gegen den Tabakkonsum und opfern eine ganze Kultur, schreibt Peter Haffner in der NZZ am Sonntag vom 04. 06. 17
Als ich konfirmiert wurde, brachte mir mein Vater das Rauchen bei. Er zeigte mir, wie man eine Zigarre richtig einschneidet und mit sieben Streichhölzern in Brand steckt, keines mehr und keines weniger, so wie ihn das sein Vater gelehrt hatte, der Drogenhändler war. Einer von dreien in der Schweiz, die eine Opiumlizenz hatten und für die Basler Pharmaindustrie weltweit Kräuter, Samen und Wurzeln einkauften, die der Gesundheit förderlich sein könnten. Von ihm hatte mein Vater zu seiner Konfirmation ein silbernes Zigarettenetui bekommen mit den Initialen, die auch die meinen sind, da er Paul hiess.
Ich hatte es in Gebrauch, als die starken Luxuszigaretten aus Ägypten und der Türkei noch zu kaufen waren, die jetzt in der Europäischen Union verboten sind. Sie kamen in schmucken Kartonschächtelchen mit farbigem Prägedruck, die mir Nichtraucher immer wieder abbettelten. In den wenigen noch verbliebenen Tabakgeschäften, die exklusive Raucherwaren führen, heisst es, man bekomme sie nur noch in Amerika; dem Land, wo der Kreuzzug gegen das Rauchen begonnen hat. Bestrebungen, Zigarettenpackungen mit Fotos verkrebster Lungen, durchlöcherter Hälse oder Leichen impotenter Männer zu schmücken, wie das in Europa beliebt ist, blieben in den USA erfolglos.
Wenn ich den Regalen meiner Bibliothek entlangschlendere, bleibe ich, obwohl seit langem Nichtraucher, gern vor dem Raucherabteil stehen. Da finden sich neben allerlei Kuriosa die Standardwerke zur Kunst des Rauchens, wie etwa Alfred Henry Dunhills «The Gentle Art of Smoking», 1954 erschienen. «Man muss nicht Tabakfachmann sein, um zu erkennen, dass die weltweite Praxis des Rauchens eine vergessene Kunst und ein begrenztes Vergnügen wird», stellt der Autor einleitend fest, der es sich zur Aufgabe macht, «die Öffentlichkeit für das ganze Gebiet des Rauchens zu interessieren».
Eine Foto zeigt ihn im Nadelstreifenanzug mit Krawatte bei der «Kontrolle einiger Pfeifen». «Nur Mangel an Erfahrung und Unachtsamkeit», schreibt dieser englische Gentleman, «können schuld daran sein, wenn Männer das Rauchen voller Verzweiflung wieder aufgeben.» Seine Einführung ist von einer Eleganz, die den Inhalt nie an die Form verrät. «Die Eitelkeit», sagt er etwa, «hat ihren Einfluss auf die Form der meisten Dinge, die ein Mann wählt, doch im Falle der Pfeife ist es wichtiger, eine für den Mund bequeme als für das Auge angenehme zu wählen.»
Von der Wahl des Tabaks über das Stopfen und Anzünden bis zum Ausklopfen des Rauchgeräts geleitet Mr. Dunhill einen so bezaubernd durch das jahrhundertealte Ritual, dass man sich des Gefühls nicht erwehren kann, etwas zu verpassen, wer es nicht zelebriert. Wenn für jemanden gilt, «le style, c’est l’homme», dann für einen Mann wie ihn oder den aus Kiew stammenden Zino Davidoff, dessen 1967 erschienenes Kompendium «Le livre du connaisseur de cigare» ein literarisches Kleinod ist.
«Der reife Mann ist glücklich zu nennen, der über die Jahre hinweg dem Jüngling, der er einst gewesen, die Hand reichen kann», beginnt der Bericht dieses Kenners, der sich mit zwanzig in die «grünen Fluten» der Tabakpflanzungen Kubas verliebte und im Alter von 87 Jahren nicht minder verliebt starb. «Mein Leben», sagte er, «stand im Zeichen der Treue, die ich vor allem anderen der Zigarre hielt.» «Wie ein junger Mann an einer leidenschaftlichen Frau entdeckt, dass sie all das weiss, was ihm noch unbekannt ist», habe er den Duft und die sinnliche Wärme der Vuelta entdeckt, der Champagne des Tabaks. Ihr Produkt, die Havanna, ist für alle Sinne gemacht, die Nase, den Gaumen, die Finger und die Augen, und nichts kommt ihrem kühlen Rauch gleich, seinen Düften und Aromen, Formen und Farben. Die Erregung des Geistes, die leichte Berauschung, die aphrodisische Wirkung, die einem dieser Rauch verschafft, sind von einer anderen Welt.
Von alters her dient das Rauchen, wie Claude Lévy-Strauss zeigte, der Kommunikation mit dem Übernatürlichen. «Der Zigarrenraucher ist wie der vollkommene Liebhaber und der Dudelsackpfeifer ein Mann, der mit Ruhe und Bedacht zu Werke geht und sich seines Atems sicher ist», sagt der französische Dichter Marc Alyn. Wer nicht weiss, wie man die fachgerecht angezündete Zigarre in den Fingern hält, wie und wann man deren Banderole löst und auf welche Weise man sie schliesslich ausgehen lässt, muss mit der Verachtung rechnen, die Emma Bovary in Flauberts Roman ihrem Mann Charles entgegenbringt, dem Zigarrenraucher, der schlecht, schnell und ohne Manieren pafft: «Er stülpt die Lippen vor, spuckt jede Minute einmal aus und lehnt sich bei jedem Zug zurück.» Wenn das kein Grund ist, in eine verhängte Kutsche zu steigen, was dann?
«Die Zigarre schläfert den Schmerz ein und bevölkert die Einsamkeit mit tausend anmutigen Bildern», wusste George Sand, die grosse Zigarrenraucherin und Schriftstellerin, die der Nichtraucher Friedrich Nietzsche eine «Milchkuh mit schönem Stil» schimpfte. Wenn die Hymnen von Männern an die ekstatischen Freuden des Rauchens einen bisweilen fragen lassen, wie viel Hingabe sie noch für ihre Frauen übrig haben, sind wir heute doch nicht mehr im Kolonial-dschungel eines Rudyard Kipling, der mit seinem unübersetzbaren Satz statuierte: «A woman is only a woman, but a cigar is a smoke – eine Frau ist nur eine Frau, aber eine gute Zigarre kann man rauchen.»
Ein zeitgenössischer Schriftsteller wie der Amerikaner Richard Carleton Hacker, Verfasser von «The Ultimate Pipe Book», weiss nicht nur Bescheid über die «Anstandsregeln für die Benutzung eines Pfeifenputzers in gemischter Gesellschaft», sondern auch Rat für den, der seiner Liebsten eine Pfeife schenken will. Da eine Frau mehr auf Stil und Übereinstimmung zwischen Garderobe und Accessoires achtet, gilt es, Form und Merkmale des Gesichts in Betracht zu ziehen sowie die von ihr bevorzugten Farben – mit einer «naturbelassenen hellen Bruyèreholzpfeife zu heller Kleidung» oder einem «dänischen Modell als optisch wirkungsvoller Ergänzung von Pastellfarben» kann man kaum fehlgehen.
Wer heute Pfeife oder Zigarre raucht, hat es indes noch schwerer als der Zigarettenraucher; wer mag schon bei minus zehn Grad eine Stunde auf dem Balkon stehen, während die anderen Gäste dinieren und über einen herziehen. In einer Zeit, deren Hektik niemandem Musse zum Nachdenken lässt, übersteigt die Angst vor dem Passivrauch die Sorge um das Überleben des Planeten. Denn mit den Tugenden des Genussrauchens geht mehr verloren als ein individuelles Vergnügen, lehrt die Zigarre oder Pfeife einen doch Nachsicht und Bescheidenheit, Gelassenheit und bedächtiges Urteilen: «In allem lässt sie das rechte Mass erkennen», wie Davidoff sagte. Just was wir brauchen in dieser Ära des rasenden Stillstandes, in welcher der mächtigste Mann, ein Abstinenzler und Nichtraucher, die Welt vertwittert.
In seinem Geschäft in Genf pflegte Zino Davidoff Dienstboten, die Zigarren für ihre Herrschaft kaufen sollten, die Tür zu weisen. Ein rechtschaffener Mann, fand er, kauft sie selber. Würde verträgt keine Abkürzung, und so drückt man eine Zigarre denn auch niemals aus, sondern lässt sie am Ende von selbst erlöschen; «ein natürlicher Tod, der die Seele mit Trauer erfüllt und den Mund mit Bitterkeit». Sacha Guitry, der französische Schauspieler, Filmregisseur und Dramatiker, pflegte das letzte Stück der stahlgrauen, stellenweise bläulich schimmernden Asche mit der hohlen Hand aufzufangen, der angenehmen Empfindung von zarter Wärme wegen.
Eine meiner prägenden Kindheitserinnerungen ist die an Herrn Neidhardt, der die Treppe des Hauses, in dem wir wohnten, stets mit der Pfeife im Mund hochstieg und jedes Mal von den Frauen, denen er begegnete, ein «Ach Herr Neidhardt, Ihre Pfeife riecht einfach wunderbar!» zu hören bekam. Vielleicht ist Herr Neidhardt der Grund, weshalb ich immer wieder damit liebäugle, mit dem Rauchen erneut anzufangen. Einer Frau Feuer zu geben, Träumen nachzuhängen, wenn der Rauch sich in federleichten, zauberhaft durchsichtigen Schleiern zur Decke schraubt – was zählt im Leben, ist doch das, was nicht zählt in dem, was wir Leben nennen; diese Geschäftigkeit mit dem Gefühl, alles zu verpassen.
Als ich, noch ein Gymnasiast, Zigarren zu rauchen begann, fragte mein Vater nie, weshalb in seinen Zigarrenkistchen von barocker Pracht immer wieder welche fehlten. Erst heute erkenne ich, dass dies eines seiner wertvolleren pädagogischen Prinzipien war.)“
So gut, so lassen wir es stehen. Jeder liegt, wie er sich bettet.
Eine andere Ansicht: Der Stumpenraucher hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Pfeifenraucher. „(…) Selbstgefällig schmaucht und pafft er mit dem Lutscher vor sich hin. Sein „dickes“ Vergnügen kann er sich finanziell und zeitlich leisten, scheint er auszudrücken…. „Mir kann keiner“ oder „Mir können alle“, lässt er andere spüren, wenn er sich die dicke Cigarre mit gespreizten Fingern in den Suppenschlitz (Mund) steckt.
Aus Angst vor Überreizung greift er nach dem glimmenden Nuggi (Schnuller) und suggeriert sich eine buddhaähnliche Zufriedenheit, die ihn gegen allen Ärger abschirmen soll. Das Signal der Kopfzigarre demonstriert den Anspruch auf Selbstzufriedenheit.)“
Es wird dem Drang nachgegeben, an etwas Festem den Halt zu suchen. Es geht dabei um Ruhe, Befriedigung, Sättigung und Erfüllung – Betäubung der emotionale Leere und sich bis zur psychischen Sattheit füllen.
Nun mag sich der noble Cigarrenraucher vom gewöhnlichen Stumpenraucher abheben. Meine Freunde, die dem blauen Dunst huldigen, die Aficinados, sind da tolerant. Und sieben Streichhölzerverwenden sie auch nicht wenn es um die „Zeremonie“ geht!
Ich erinnere mich an den Käser, der weit und breit einer der besten war. Cigarren leistete er sich nicht. Dafür schätzte er einen Rio 6 (für unterwägs) oder einen Rösslistumpen. Das tägliche Glas Rotwein (oder zwei), schenkte er sich aus der Kochweinflasche ein… Wenn der Nuggel kürzer wurde, steckte er einen Zündhölzlistiel in den Stummel. So konnte er ziehen, bis er fast Brandblasen an der Lippe bekam. Er wurde trotz Alkohol und Rauch 89 jährig. Jene ohne Alkohol und Rauch, starben auch…