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Einige Thesen zum Problem «Architektur der sozialistischen Gesellschaft»
Autor: Konrad Farner – erschienen in archithese 7.1973 Sozialistische Architektur?, S. 8–11.
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Es gibt keine sozialistische Architektur, wie es auch keine kapitalistische Architektur gibt oder eine feudalistische.
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Es gibt eine Architektur, die mehr oder weniger Ausdruck ist einer feudalistischen oder kapitalistischen, einer sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaft.
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Die jeweiligen, nach ihrer zentral inhärenten gesellschaftlichen Zielsetzung begrifflich gefassten Epochen (z.B. Zeitalter des FeudaIismus oder des Kapitalismus, Zeitalter des Sozialismus oder des Kommunismus) kennen als Ganzes keine einheitliche Literatur, Musik, Kunst oder Architektur; sie sind und werden geformt durch ihren geschichtsbedingten und ethnologisch gegebenen Charakter.
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Alle diese Künste werden nur allmählich neu geformt, zehren generationenlang einerseits noch vom Vorhergehenden, kennen anderseits jedoch Avantgardisten, die ideologisch gleich von Anfang an (von der politisch-sozialen Revolution an) das Neue konzipieren, was jedoch abstrakt, im gesellschaftlich luftleeren Raum geschieht.
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Bis sich eine neue Kunstform entwickelt, die adäquat ist dem neuen gesellschaftlichen Inhalt, kann es generationenlang dauern (christliche Kunst: zuerst lange Zeit formal antikischheidnische Formen in Malerei, Plastik und Architektur).
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Die Kunst des sozialistischen Zeitalters kann heute noch gar nicht existieren, oder eben nur in ideologisch-abstrakten Idealformen als Vorwegnahme (Tatlins Entwurf eines Denkmals der Kommunistischen Internationale), da der Sozialismus noch in keinem Land durchgängig errichtet ist. Man befindet sich, um Lenins Begriff zu verwenden, immer noch im Zeitalter der sog. «Transformationsperiode». Noch weniger kann gesprochen werden von einem konkreten Kommunismus, da wir uns erst, wie gesagt, in der Transformationsperiode zum Sozialismus als Vorstufe des Kommunismus befinden. (Sozialismus: Eliminierung des Privateigentums an den wichtigsten Produktionsmitteln, Entlöhnung nach Leistung; Kommunismus dasselbe, aber jeder nach seinen Bedürfnissen).
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Die Transformationsperiode zeichnet sich aus durch das gleichzeitige Existieren verschiedener Formen: noch «bürgerliche», dazu schon vorweggenommen «sozialistische»; in der Hauptsache aber durch Formen, die der neuen herrschenden Klasse entsprechen, also dem noch herrschenden Geschmack adäquat sind. Mit a. W.: die neue herrschende Klasse besitzt noch weitgehend die Aesthetik der vorherigen Klasse, weil sie bewusstseinsmässig noch gar nicht neu sehen und formen kann. Im Gegenteil, sie bewegt sich, was z.B. die neue Klasse der Arbeiterschaft anbetrifft, noch im kleinbürgerlichen Geschmack des vorherigen Zeitalters. Die Umbildung der ästhetischen Anschauungen ist ein langwieriger Prozess, der Generationen beansprucht (Architektur der stalinschen Zeit, Metro in Moskau).
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Dass der Entwurf Corbusiers eines Sowjetpalastes in der UdSSR abgelehnt worden ist, ist ebensowenig Zufall, wie dass der angenommene aber nicht ausgeführte Entwurf im Prinzip ähnlich war dem gleichzeitigen («bürgerlichen») Völkerbundspalast in Genf.
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Dass später, nach dem Sieg im 2. Weltkrieg und der Konsolidierung der Macht, nach der umfassenden Indoktrinierung der neuen Ideologie ein neuer, «moderner» Sowjetpalast gebaut wurde, der mit allen Schikanen der spätbürgerlichen Technologie formal solchermassen gestaltet war, dass man von Kompromiss zwischen spätbürgerlicher Form und sozialistischem Inhalt sprechen kann, ist ebenfalls kein Zufall.
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Was nun die Architektur der (konkret noch nicht existierenden) sozialistischen Epoche von derjenigen der bürgerlichen unterscheiden wird, das ist vor allem die grössere Transparenz, da der individualistisch in sich abgeschlossene Raum des Bourgeois durchbrochen sein wird. Dazu kommt das Zurückdrängen des «privaten Hauses» zugunsten gesamtgesellschaftlicher Perspektiven, sei es der Häuserbau oder der Städtebau.
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Was weiter die Architektur der sozialistischen, noch mehr der kommunistischen Epoche auszeichnen wird, kann mit den Worten Majakowskijs aus seinem Theaterstück «Buffo-Mysterium» zusammengefasst werden: «Die aufgeschlagenen Kolosse durchsichtiger Fabriken und Wohnungen türmen sich zum Himmel auf; umkränzt von Regenbogen stehen Züge, Strassenbahnen und Automobile ... » Mit andern Worten: sowohl die Technik wie die Kunst werden geformt vom möglichst umfassend freigesetzten Menschen in freigesetzter Gesellschaft, die den homo faber und den homo sapiens vereinigt mit dem homo ludens. Die Transparenz wird formal wie inhaltlich selbstverständlich sein.
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Es ist sinnlos, schon heute von einer «sozialistischen Architektur» zu sprechen, dies entspräche blass einer abstrakten, nicht konkreten Dialektik. Es ist ebenso sinnlos, diesbezügliche Entwürfe zu konzipieren, sie kämen städtebaulichen Utopien der sog. «Utopischen Sozialisten» der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gleich (Saint-Simon, Fourier, Proudhon). Die sogenannte «Sozialistische Architektur» ergibt sich aus der Praxis einer durchgehend sozialistischen Gesellschaft. Die Gegenwart kennt erst den Beginn dieser Praxis (UdSSR, China, Kuba, Chile, Algerien); eine grundsätzlich «sozialistische Architektur» hat sich noch nirgends herausgeschält.
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Abschliessend seien Worte Jlja Ehrenburgs zitiert, die er inbezug auf Majakowskij und Tatlin festgehalten: « ... Die ungestüme Fortentwicklung der Technik verlangt vom Künstler ein noch tiefschürfenderes Eindringen in die Innenwelt des Menschen. Die ,linken' Anhänger der lndustrieaesthetik hatten das bald begriffen. Majakowskij erklärte nach seinem Aufenthalt in Amerika, man müsste die Technik zügeln. Natürlich wollte er nicht den technischen Fortschritt abschaffen ... das Moskau des Jahres 1925 hatte ihn bitter nötig. Majakowskij hatte ganz einfach eingesehen, dass die Technik den Menschen beissen wird, falls man ihr keinen humanistischen Maulkorb anlegt. Meyerhold vergass die Biomechanik, wandte sich Gogol und Ostrowskij zu, wollte den ,Hamlet' inszenieren. Tatlin wurde Tafelmaler ... »