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Im pädagogischen Bereich wird im oft verwendeten Ausdruck „fördern und fordern“ eine Grundhaltung dargelegt, mit der wir nicht einverstanden sind. Während der Begriff „fördern“ den Blick vom Kind aus ermöglicht und eine wichtige Grundhaltung zum Ausdruck bringt, scheint uns der Begriff „fordern“ widersprüchlich und unangebracht. Wir möchten an dieser Stelle von Herausforderung sprechen und sie klar von den Forderungen abgrenzen.
Eine Forderung verlangt vom Lernenden eine Auseinandersetzung mit einem gewissen Stoff. Die Motivation verschiebt sich hier in eine ungewollte Richtung, nämlich von der Motivation, eine Sache zu verstehen, hin zur Motivation, Probleme mit der Lehrkraft zu vermeiden. Sie verschiebt sich von einer intrinsischen in eine extrinsische Motivation. Der Lernende erledigt die Aufgabe nicht in einer authentischen Begegnung, auf die er sich einlässt, sondern bezieht seine Motivation daraus, die möglichen Konsequenzen zu vermeiden, die eine Verweigerung der Aufgabe zur Folge hätte. Dadurch wird eine, für das Lernen unabdingbare, persönliche Beziehung zum Stoff erschwert. Nur wer bereits weiss, dass er die Aufgabe so erledigen kann, dass die Lehrperson zufrieden sein wird oder genügend Selbstvertrauen aufbringt es zu versuchen, wird sich auf den Lernstoff wirklich einlassen. Wer dieses Selbstvertrauen nicht aufbringt, wird die Aufgabe möglichst schnell hinter sich bringen ohne sich berühren zu lassen. Er wird Mechanismen suchen, um die eigene Unfähigkeit zu vertuschen, indem er zum Beispiel Algorithmen auswendig lernt, ohne sie wirklich zu verstehen.
Auch auf der Ebene der Gesellschaft hat dies Auswirkungen. Wer die Intention der Lehrperson am besten erraten und am schnellsten umsetzen kann, wird auch die besten Rückmeldungen und Noten haben. Kinder, die in ähnlichen Verhältnissen leben und mit ähnlichen Werten aufwachsen wie die Lehrperson, wird dies leichter fallen. Der Soziologe Bourdieu spricht in diesem Fall von einer konservierenden Schule. Da Lehrpersonen meistens aus einer gehobenen Mittelschicht stammen, werden auf diese Art die gesellschaftlichen Verhältnisse zementiert.
Eine Herausforderung ist dagegen ganz anders geartet. Sie kann sowohl vom Stoff oder von der Lehrperson ausgehen und hat einen Aufforderungscharakter. Ruf und Gallin beschreiben solche Herausforderungen als Kernideen, die den Witz der Sache aufzeigen. Diese Kernideen werden jedoch nicht als Handlungsanweisungen präsentiert, sondern erzählend ausgebreitet. Wie die einzelnen Schülerin oder der einzelnen Schüler nun darauf reagiert, ist ihm und seinen persönlichen Möglichkeiten überlassen. Die Aufgabe der Lehrperson ist es dann, das produktive Potential der Arbeiten freizulegen und die Schülerinnen und Schüler zu einer weiteren Auseinandersetzung anzuregen.
Aus den nun dargelegten Gründen würden wir den gebräuchlichen Begriff „fördern und fordern“, ersetzen durch „fördern und herausfordern“. Es ist nicht falsch, Erwartungen an den Lernenden heranzutragen und ihn zu einer vertieften Auseinandersetzung herauszufordern. Dies sollte jedoch in einer Art geschehen in der die Schülerinnen und Schüler als Lernende nicht entmündigt werden. Sie hat Angebotscharakter und vertraut auf den der Sache innewohnenden Reiz. Eine Herausforderung kann der Schüler annehmen oder links liegen lassen und sich für ihn wichtigeren Dingen zuwenden.