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Von Nachtschwärmerei und Ruhestörung
Seinen spätklassizistischen Innenausbau erhielt das Pfarrhaus von Eglisau um 1845. Er ist geprägt von Wand- und Deckentäfern, Stuckdecken, massiven Türen, Wandschränken und Kachelöfen. Damals war die Grundsubstanz des Gebäudes bereits über 400 Jahre alt. Die ältesten Deckenbalken über dem Kellergeschoss datieren von 1458. Das Fachwerk der beiden Obergeschosse stammt aus dem frühen 17. Jahrhundert. Die hohe Stützmauer zum Rhein hin entspricht derjenigen der Kirche, auch sie ist von kleinen Fenstern durchbrochen.
Gemäss der Beschreibung und Schutzbegründung im Inventar der Denkmalschutzobjekte verfügen Kirche und Pfarrhaus «über einen hohen Situationswert, sie prägen das Städtchen am Rhein».
Soweit das Faktische, Menschliches wird sich in diesem Gemäuer auch allerhand abgespielt haben. Ein Pfarrer, Johann Jakob Hug, weibelte kurz nach seinem Amtsantritt 1714 für den Neubau der Kirche, die Anzahl der Seelen in der Gemeinde sei derart gewachsen, dass Platznot herrsche. Die heutige Barockkirche wurde – kaum zu glauben – nach einer Bauzeit von nur zehn Monaten eingeweiht. Der junge Kupferschmied Lauffer musste beim Bau sein Leben lassen, er stürzte beim Anbringen der Drachenköpfe am Turmknauf zu Tode. Seine Witwe erhielt ein Schmerzensgeld von 17 Gulden. Pfarrer Hug verewigte sich in einem «Denkzedel» als «inventor et director», Schöpfer und Leiter des Kirchenbaus.
Im Jahr 1862 zeigte sich Pfarrer Ziegler besorgt über den «ausschweifenden, ehrlosen» Lebenswandel der 18-jährigen Elisa Wirth: sie sei «wegen Nachtschwärmerei» aus dem Dienst im Pfarrhaus zu Bülach gejagt worden und habe, wieder zu Hause in Eglisau, eine Nacht mit dem Lehrling des Wagners verbracht. Als ein weiterer Liebhaber dem Pfarrer Briefe hinterbrachte, in denen sie behauptete, schwanger zu sein, wurde sie herbeizitiert. Trotz heftigem Zuspruch durch den Pfarrer führte sie ihre wechselhafte Lebensart fort, gebar ein uneheliches Töchterchen und heiratete später zweimal.
Ein Vorgänger Zieglers, Pfarrer Hafner, erhob einmal Klage über eine Nachtruhestörung. An seiner Wohnung sei spät nachts «heftig gepoltert» worden, ein «Gebrüll des schändlichsten Inhalts» habe ihn und seine Familie aus dem Schlaf gerissen. Die Übeltäter mussten antraben und lieferten ein Geständnis: man habe nach einem Hochzeitsfest dem Pfarrer ein Ständchen darbringen wollen. Die Burschen hatten wohl ein bisschen zu viel vom Ehrenwein getrunken, der allen ledigen Männern spendiert worden sei. Einer gab auch zu, das Spottliedchen vom Pfarrer in «Lederhosen und zwilchenem Kittel mit Karrensalb dran» gesungen zu haben. Das sei aber nicht als Beleidigung gemeint gewesen. Trotzdem: drei der Jünglinge wurden mit Bussen bestraft. Der Brautvater und Spender des Ehrenweins, Borstenhändler Schurter, kam ungeschoren davon.
Lebendige Szenen erzählen auch die barocken Grisailles-Malereien an den Decken im Erdgeschoss. Sie wurden erst 2008 bei einer Renovation wiederentdeckt.
Von Nachtschwärmerei und Ruhestörung