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Unser Wissen über die frühgeschichtl. H., einen Stamm der Kelten, beruht auf Texten der Antike, spärlich vorhandenen Inschriften und archäolog. Daten, lauter Quellen, deren Interpretation höchste Vorsicht erfordert. Die wenigen überlieferten Texte wurden unter versch. Bedingungen und zu versch. Zeitpunkten aus dem Blickwinkel aussenstehender Beobachter verfasst. Sie stammen wohl von unmittelbaren Zeugen, sind jedoch das Ergebnis mehrerer aufeinanderfolgender Abschriften. Die sprachl. Relikte, insbesondere in Ortsnamen, sind nicht datiert und lassen sich deshalb nicht ohne die Gefahr von Anachronismen den H.n zuordnen. Was schliesslich die Auswertung archäolog. Funde betrifft, ist es zu gewagt, einen H. allein aufgrund seiner materiellen Kultur von einem Rauriker oder einem Sequaner unterscheiden zu wollen.
Die erste Erwähnung der H. findet sich beim Griechen Poseidonios (gegen 135-50 v.Chr., überliefert durch Strabon, VII, 2, 2), der diese als "goldreich, aber friedlich" bezeichnet, ohne anzugeben, wo diese Goldgräber tätig waren. Nach der herkömml. Lehrmeinung bewohnten sie das Napfgebiet.
Die wichtigste Quelle ist Caesar. Sein Werk "De bello gallico" ist ebenso sehr ein Plädoyer in eigener Sache wie ein hist. Werk, zumal der Wahrheitsgehalt einiger Behauptungen (speziell die Zahlenangaben) verschiedentlich angefochten wurde. In "De bello gallico" schreibt er, ihr Siedlungsgebiet sei auf der einen Seite vom Rhein, auf der anderen vom Jura und auf der dritten Seite vom Genfersee und von der Rhone begrenzt gewesen ("De bello gallico", I, 2). Ihre civitas gliedere sich in vier pagi, u.a. jenen der Tiguriner, die von einigen Historikern allerdings als eigenständiges Volk betrachtet werden. Auch die Beziehung der H. zu den im Westen ansässigen Sequanern ist umstritten. Da Caesar selbst nie helvet. Boden betrat, fusst seine Beschreibung der Situation im Frühling 58 v.Chr. auf Informationen von Gewährsleuten.
Unterschiedlich beurteilt wird auch die Frage, ab wann sich die H. im schweiz. Mittelland ansiedelten. Folgt man dem röm. Historiker Tacitus ("Germania" 28, 2), der seine Werke Ende des 1. Jh. n.Chr. verfasste, so bewohnten die H. im 2. Jh. v.Chr. das heute süddt. Gebiet zwischen Rhein, Main und wahrscheinlich dem Schwarzwald. Nach Ansicht der meisten Forscher war es der Kimbern- und Teutonenzug (113-101 v.Chr.), der die H. zur Auswanderung aus Süddeutschland bewog. So weiss man, dass die Tiguriner den Germanen folgten, und der Geograf Ptolemäus erwähnt im 2. Jh. n.Chr. ein von den H.n "verlassenes" Gebiet in Süddeutschland. Nach der glorreichen Schlacht bei Agen im Jahr 107 v.Chr. sollen die Tiguriner 101 v.Chr. der Vernichtung bei Vercellae entronnen sein, indem sie sich über die Alpen in das schweiz. Mittelland zurückzogen. Archäologisch lässt sich diese Theorie nicht stützen, doch sind in der Periode des 2. Jh. v.Chr. (Ende der mittleren, Beginn der späten Latènezeit) bedeutende Veränderungen im Bestattungsbrauchtum und in der Entwicklung der Oppida zu erkennen.
In einem epigraf. Dokument, einem Graffito auf einer in Norditalien gefundenen, schwarz glasierten Schale aus dem späten 4. Jh. v.Chr. oder zu Beginn des 3. Jh. v.Chr., ist von einem "H." die Rede. Es handelt sich dabei um die erste - allerdings ausserhalb des Siedlungsgebiets gefundene - historische Erwähnung dieses kelt. Volksstamms, wenn man von dem von Plinius dem Älteren berichteten Fall des Helico absieht. Dieser als Handwerker in Rom beschäftigte H. soll, nachdem er mit Öl und Wein versorgt in seine Heimat zurückgekehrt war, die Keltenwanderungen im frühen 4. Jh. v.Chr. mitausgelöst haben. Die Anekdote gehört jedoch ins Reich der Legenden.
Nachdem Orgetorix die H. überzeugt hatte, in die Saintonge auszuwandern, setzten sich im März 58 v.Chr. nach zwei- bis dreijähriger Vorbereitungszeit "263'000 H., 36'000 Tulinger, 14'000 Latobiker, 23'000 Rauriker und 32'000 Boier" ("De bello gallico", I, 29), also 368'000 Menschen, in Bewegung (diese Zahlen dürften übertrieben sein und werden von der Forschung angezweifelt). Laut Caesar verfolgten die H. eine Politik der verbrannten Erde. Um jede Hoffnung auf eine Rückkehr im Keim zu ersticken, setzten sie ihre Städte (ein rundes Dutzend Oppida), Dörfer (ungefähr 400) und Einzelhöfe in Brand ("De bello gallico", I, 5). Caesar erwähnt keines dieser Oppida namentlich, und nur bei den wenigsten wurden später neben v.a. in den Festungen vorgenommenen Sondierungen auch Grabungen durchgeführt. Das wichtigste Oppidum scheint Bern-Enge gewesen zu sein. Der weiter östlich gelegene Jensberg, der Üetliberg bei Zürich und Altenburg am Rhein (Baden-Württemberg) können sicher auch dazu gezählt werden, ebenso der Mont Vully sowie Yverdon-les-Bains. Die Dörfer (vici) und Einzelhöfe (privata aedificia) sind hingegen kaum erforscht.
Ende März 58 v.Chr. versammelten sich die Auswanderer in der Nähe von Genf, dem Oppidum an der Nordgrenze der röm. Provinz Gallia Narbonensis. Caesar eilte herbei, liess die Brücke über die Rhone abreissen und untersagte ihnen, durch die Narbonensis zu marschieren. Gezwungen, ihren Weg über den Jura durch das Gebiet der Sequaner zu nehmen, stiessen die H. an die Saône vor, wo die Tiguriner durch die röm. Legionen niedergemetzelt wurden. Der alte Divico, der in der Schlacht von Agen gekämpft hatte, wurde als Gesandter zu Caesar geschickt. Die Verhandlungen scheiterten aber, da Caesar die H. zwingen wollte, sich in einem Gebiet seiner Wahl niederzulassen. Das durch zahlreiche überraschende Wendungen geprägte Drama nahm mit der Schlacht bei Bibracte einen blutigen Ausgang. Caesar schickte die besiegten H. in ihr angestammtes Gebiet zurück, um, wie er sagte, zu verhindern, dass sich rechtsrhein. Germanen im schweiz. Mittelland niederliessen, was für Rom und seine Provinz eine Bedrohung bedeutet hätte.
Die Folgen der Niederlage von Bibracte mussten während Generationen spürbar gewesen sein. Laut Caesar kehrten nur noch 110'000 Auswanderer in ihre angestammten Gebiete zurück. Sehr wahrscheinlich schlossen die H. bei dieser Gelegenheit einen Vertrag (foedus) mit den Römern ab, den sie im Prinzip verletzten, als sie 52 v.Chr. ein Kontingent von 8'000 Mann entsandten, um Vercingetorix und das gallische Heer vor Alesia zu unterstützen.
Weshalb sich die H. zur Auswanderung entschlossen, ist nicht geklärt. Caesar macht die wiederholten Germaneneinfälle dafür verantwortlich. Möglicherweise lagen dem Entschluss aber auch unbekannte wirtschaftl. oder polit. Motive zu Grunde. Nach ihrer Rückkehr ins schweiz. Mittelland widmeten sich die H. dem Wiederaufbau. Bern und Yverdon wurden erneut in Besitz genommen. Ein kleines Oppidum wurde in Sermuz bei Yverdon errichtet. Ebenfalls besiedelt wurden der Bois de Châtel bei Avenches, der Jensberg, der untere Lindenhof in Zürich und Altenburg, wo auch eine neue Siedlung am gegenüber liegenden Rheinufer bei Rheinau entstand. Ein kleines Oppidum wurde in Windisch gebaut, ein weiteres wahrscheinlich auf dem Hügel der Cité von Lausanne.
Der Name elveti findet sich in einer auf dem Magdalensberg (Kärnten) gefundenen Inschrift aus dem Jahr 10/9 v.Chr. sowie in einer aus dem pagus Tigurinus stammenden Inschrift der Kaiserzeit, die in der Gegend von Avenches gefunden wurde. Divico, Orgetorix, Nammeius und Verucloetius, die beiden Verhandlungspartner von Caesar in Genf, Vatico, der auf zwei Münzen aus der Gegend von Avenches und des Bois de Châtel abgebildet ist, sowie Ninno in Sermuz sind die einzigen H., die aus der Anonymität heraustraten. Caesar seinerseits fand im Lager der Besiegten Täfelchen, auf denen die Namen der Auswanderer in griech. Schrift verzeichnet waren.
Warum wurde der Name der H. für Ausdrücke wie Corpus helveticum, Helvetik (Helvet. Republik), Confoederatio helvetica oder Helvetismus verwendet? Ab dem SpätMA, v.a. aber im 19. Jh., regte sich in der Schweiz das Bedürfnis, sich mit Vorfahren zu umgeben, die Gründerpersönlichkeiten, Volksführer, Symbolfiguren und wenn möglich Helden waren. Die alten Eidgenossen erkannten sich in den stolzen und mutigen H.n, die Aegidius Tschudi in der Renaissance wiederentdeckt hatte, und schufen im 17. Jh. die allegorische Figur der Helvetia. In Karl Jauslins "Schweizergeschichte in Bildern" (1885-87) findet man Divico zwischen Wilhelm Tell und Arnold Winkelried. Die H. gaben auch ein sehr beliebtes Sujet in den in der 2. Hälfte des 19. Jh. hoch geschätzten hist. Umzügen und Gedenkfeiern ab. Allerdings behielt man lieber den Sieg von Agen (Gemälde von Charles Gleyre 1858) als die Niederlage von Bibracte in Erinnerung.
Merkwürdigerweise gehört das Thema der Auswanderung von 58 v.Chr. zu den Gründungsmythen der Schweiz, obwohl die Absicht, sein Volk in die Fremde führen zu wollen, nicht gerade eine patriot. Geste darstellt. Gleichwohl wurde der Name des keltischen Volkes der H., wohl wegen Caesar und dem Drama von 58 v.Chr., als Synonym für die Schweiz verwendet - auf Kosten der Erinnerung an die Allobroger in Genf, die Rauriker in Basel, die Nantuaten, Veragrer, Seduner und Uberer im Rhonetal, die Lepontier im Tessin, die Räter in Graubünden sowie weiterer vergessener oder verschwundener Völker im Gebiet der heutigen Schweiz.
Autorin/Autor: Gilbert Kaenel / GL