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Sozialforschung
Die Entstehung von Überschuldung theoretisch zu erklären ist weitaus schwieriger, als uns medial vermittelt wird. Schulden entstehen nicht plötzlich und auch nicht wegen einem einzelnen Grund. Sie sind vielmehr das Ergebnis länger andauernder Probleme und Nöte der Betroffenen. Auch der rechtliche Rahmen spielt eine Rolle bei der Verschuldung. So verfügen Privatpersonen nicht nur über eine Vielzahl von Verschuldungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel bei Kunden- und Kreditkarten,
Konsumkrediten oder Auto-Leasingverträgen, sie können auch ihre Schuldzinsen bei der Steuererklärung als Abzüge von den Einkünften geltend machen. Mit anderen Worten, das Eingehen von Schuldverpflichtungen ist auch ein Steuersparmodell, das nicht nur Unternehmen und Selbstständigen, sondern auch Privathaushalten
zur Verfügung steht.
Wann werden Schulden zum Problem?
Wie kommen wir auf die Idee, dass die Schulden der Privathaushalte etwas Schlechtes sein sollen, wenn sie sogar steuerlich subventioniert werden? Der Schutz vor Verschuldung ist in der Schweiz, von wenigen Bestimmungen im Konsumkreditgesetz abgesehen, nicht nennenswert reglementiert. Insofern ist Verschuldung ein akzeptiertes Phänomen, für dessen Abwicklung eine gesellschaftliche Antwort in der Form des Betreibungsrechts besteht. Gibt es überhaupt problematische Formen der Verschuldung – und wenn ja, wo verläuft der Übergang zwischen unproblematischen und problematischen Schulden? Im Fachdiskurs zur Verschuldung der Privathaushalte wird versucht, diese Fragen mit zwei Argumentationslinien zu beantworten.
In erster Linie wird Überschuldung als problematisch erachtet. Dies wirkt auf den ersten Blick logisch und nachvollziehbar, ist es aber bei genauer Betrachtung nicht mehr. Denn der Begriff hält keinerlei Anhaltspunkte dafür bereit, bis zu welcher Summe die Schulden noch angemessen und ab wann sie nicht mehr angemessen sind. Die Anwendung dieser Begrifflichkeiten beinhaltet eine gewisse Beliebigkeit, welches Ausmass der Verschuldung geduldet und ab welcher Summe es missbilligt werden soll. Eine zweite Argumentationslinie zur Beschreibung von guter und nützlicher versus schlechter und schädlicher Verschuldung ist der Blick auf das, was die verschuldeten Haushalte mit dem geliehenen Geld gemacht haben. Kann der Betrachter daraus konstruieren, dass es sinnvolle Ausgaben und Investitionen waren, die sich später wirtschaftlich amortisieren, so weckt dies eine gewisse Akzeptanz der Verschuldung, auch wenn der Schuldner das Geld nicht zurückzahlen kann. Oder steht ein unwirtschaftliches, verschwenderisches, impulsives oder sogar süchtiges Konsumverhalten am Ursprung der am Ende verbleibenden quälenden Schuldverpflichtungen?
Beide Argumentationslinien sind moralisch überfrachtet und tragen den Problemen von hoch verschuldeten Personen und Haushalten nicht angemessen Rechnung. Diese bestehen für die Betroffenen sicherlich und im Wesentlichen aus einem Berg nicht mehr überschaubarer Schuld- und Ratenverpflichtungen. Dieser Berg beeinträchtigt neben der Gesundheit auch die Eigenverantwortung der Betroffenen, ihr eigenes Leben zu bewältigen, für sich Ziele zu entwickeln und diese zu realisieren. Wenn wir also danach fragen, was oder ab wann Verschuldung problematisch wird, dann müsste die Antwort lauten: ab dem Moment, wo Schulden die Mündigkeit und Eigenverantwortung beeinträchtigen.
Übergänge und Lebensereignisse als Verschuldungsursache
Veränderungen im Alltag, Krisen und plötzlich eintretende kritische Lebensereignisse sind nicht nur eine persönliche, sondern oft auch eine wirtschaftliche Herausforderung. Für die Sozialforschung relevant ist hierbei die Frage, welche Situationen und Alltagszusammenhänge dazu führen, dass Privathaushalte sich verschulden müssen oder die bereits bestehenden Schulden plötzlich zur unüberwindbaren Last werden. Nicht alle Krisen und Probleme des Alltags führen zwangsläufig zu Überschuldung. Es scheint somit auch Faktoren zu geben, die dazu beitragen, dass finanziell relevante Einschnitte im Leben auch ohne einen wachsenden Schuldenberg bewältigt werden können. Doch was macht die Menschen widerstandsfähig, finanzielle Engpässe auch ohne Verschuldung zu lösen? Die Fähigkeit, widerstandsfähig zu sein und auch in herausfordernden Situationen eigenverantwortlich Lösungen zu finden, wird als Resilienz bezeichnet. Es gibt dazu einen eigenen sozialwissenschaftlichen und psychologischen Fachdiskurs. Doch dieser lässt gerade die Aspekte Geld, Budget oder Verschuldung gerne links liegen.
Dass Privathaushalte durch Schulden ihre wirtschaftlichen Engpässe zu bewältigen versuchen, liegt in der Natur der Sache und ist, wenn man der Kreditwerbung Glauben schenkt, durch überschaubare Raten sogar bequem und angenehm. Zudem gibt es viele gute Gründe dafür, sich auch ohne Not zu verschulden: ein neues Auto, das den Weg zum Arbeitsplatz erleichtert oder für die Familie erforderlich ist, eine Wohnungseinrichtung oder eine berufliche Aus- und Weiterbildung. Es kann daher nicht nur um das Anliegen gehen, sich um keinen Preis der Welt zu verschulden. Resilienz bedeutet hier auch, sich je nach Lebenssituation richtig, also angemessen, überlegt oder «gut» zu verschulden. «Gut» im Sinne von: keine Verträge zu unterschreiben, die wegen hoher Zinsen und Kosten unangemessen und überfordernd sind.
Auf der Suche nach Ursachen für die Verschuldung privater Haushalte hilft eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien weiter. Im Rahmen einer Meta-Analyse der Daten zu den Einkommens- und Lebensbedingungen in Europa (EU SILC) wurde untersucht, inwiefern kritische Lebensereignisse wie das Eintreten von Arbeitslosigkeit, Trennung und Scheidung, ungeplante Schwangerschaften, Krankheit oder Tod eines Haushaltsmitglieds dazu führen, dass die bestehenden Schuldverpflichtungen nicht mehr bedient werden können. Die Analyse zeigt eine stark erhöhte Wahrscheinlichkeit für Überschuldung dann, wenn das Eintreten eines kritischen Lebensereignisses zugleich auch einen zeitnah eintretenden finanziellen Schock für die betroffenen Haushalte mit sich bringt. Dazu gehören Trennung und Scheidung, gescheiterte Selbstständigkeit, Flucht oder Tod eines Haushaltsangehörigen. Wenn die finanziellen Auswirkungen eines Lebensereignisses aber weniger rasch aufeinander folgen, dann haben die Betroffenen mehr Zeit, sich darauf einzustellen, und das Überschuldungsrisiko ist viel geringer. Dies gilt auch für Lebensereignisse, bei deren Eintritt Ansprüche auf Sozialleistungen bestehen.
Erkenntnisse aus der Befragung von Sozialhilfebeziehenden
Im Rahmen des gesamtschweizerischen Forschungsprojektes «In der Sozialhilfe verfangen – Hilfeprozesse bei Armut, Verschuldung und Sozialhilfe» wurden Antragstellende auf Sozialdiensten über ihre Verschuldung befragt. Demnach sind rund 61% der Haushalte in der Sozialhilfe verschuldet. Dabei sind die Haushalte in der Deutschschweiz mit 63,4% etwas häufiger verschuldet als in der französisch- (56,7%) und der italienischsprachigen Schweiz (48,2%). Zudem sind die Haushalte in der Sozialhilfe in ländlichen Regionen häufiger (68,1%) als in Städten (57,9%) von Verschuldung betroffen.
Das Ereignis, welches zur Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation führte, liegt bei Antragstellenden mit Schulden oftmals bis zu drei Jahre zurück. Dies im Gegensatz zu Personen in der Sozialhilfe ohne Schulden, deren wirtschaftliche Notlage meistens erst kurz vor dem Sozialhilfeantrag eingetreten ist. In einer schweizweiten Perspektive fällt damit auf, dass verschuldete Personen tendenziell später Sozialhilfe beanspruchen als Personen ohne Schulden. Eine spezielle Auswertung der Befragungen in Basel zeigt dagegen, dass auch Antragstellende mit Schulden hier deutlich rascher Sozialhilfe beantragen als im schweizerischen Durchschnitt. Das heisst, bezogen auf verschuldete Haushalte erreicht die Sozialhilfe Basel die Menschen in Not besser als in anderen Regionen und Landesteilen der Schweiz.
Die Befragungen zeigen aber auch, dass in der Zeit zwischen der Entstehung einer finanziellen Notlage und dem späteren Antrag auf Sozialhilfe zahlreiche Kontakte zu anderen Hilfsangeboten gesucht werden. Es kann somit nicht davon ausgegangen werden, dass sich Verschuldung negativ auf die Bereitschaft zur Annahme von nicht materiellen Hilfen auswirkt oder die Annahme von Hilfen verweigert wird. Auffällig ist jedoch, dass im Rahmen von Kontakten zu anderen Hilfs- und Beratungsangeboten ungenügend auf das Thema Schulden, Schuldenberatung und Sorgen um die wirtschaftliche Zukunft der Betroffenen eingegangen wird.
Bei der Bewältigung von Verschuldung scheint in Basel das Ausleihen von Geld innerhalb der Familie oder im Freundeskreis eine grössere Rolle zu spielen als in der restlichen Schweiz. Während gesamtschweizerisch Privatschulden erst an vierter Stelle der häufigsten Schuldenarten stehen, sind diese bei den in Basel befragten verschuldeten Personen im Sozialhilfebezug bereits an zweiter Stelle zu finden. Das heisst, Personen in finanzieller Not können in Basel vergleichsweise gut aus ihrem sozialen Umfeld finanzielle Ressourcen erschliessen. Wie gut solche Lösungen sind, ist jedoch fraglich. Umschuldungen lösen in der Regel das Problem nicht, sie verschieben es nur in die Familie oder in den Freundeskreis. Zu den allgemeinen negativen Folgen von Schulden können in diesen Fällen noch zusätzliche Spannungen im sozialen Umfeld der verschuldeten Personen hinzukommen.
Die Studie zeigt auch auf, wie die verschuldungsbetroffenen Personen, die einen Sozialhilfeantrag stellen, in dieser Zeit versuchen, ihre Haushaltssituation zu bewältigen: Es wird primär beim Einkauf von Lebensmitteln und bei Anschaffungen gespart. Zudem werden vor allem die Krankenversicherungsprämien nicht mehr bezahlt und Zahnarzttermine abgesagt oder verschoben.
Verschuldung erschwert nicht nur die Bewältigung des Alltags, sie beeinträchtigt auch den Hilfeprozess und die Ablösung von der Sozialhilfe. Die Untersuchung zeigte, wie sehr drohende Betreibungen die Ablöseperspektive verringern und die Betroffenen und Sozialdienstmitarbeitenden ratlos darüber werden lassen, wie in solchen Situationen eine Perspektive zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation erarbeitet werden kann.
Welche Unterstützung brauchen die verschuldungsbetroffenen Personen und Haushalte?
Verschuldung beeinträchtigt die Betroffenen nicht nur wirtschaftlich, sondern wirkt sich auch negativ auf die eigenverantwortliche Alltagsbewältigung aus. Bei der Bewältigung der finanziellen Schocks von unvorhergesehenen Lebensereignissen, die häufig zu Verschuldung führen, spielen neben verlässlichen finanziellen Hilfen des Sozialstaates auch nicht materielle Hilfen in Form von Beratungs- und Unterstützungsangeboten eine wichtige Rolle. Hier geht es darum, drohende Überforderungen von verschuldeten Haushalten frühzeitig zu erkennen und durch Beratung neben der Lösung der Schuldenproblematik die Eigenverantwortung der Menschen wiederherzustellen.