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«Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.» Da kommt allerhand auf jene zu, die das – möglicherweise jetzt am Cern in Genf entdeckte – Higgs-Boson «Gottesteilchen» nennen. Denn es könnte durchaus sein, dass sie mit dieser Bezeichnung gegen das Verbot «unnützen» Gebrauchs verstossen, wie es oben nach Luthers «Kleinem Katechismus» zitiert wird. In üblicher Übersetzung und Zählung lautet das zweite der alttestamentarischen Zehn Gebote, man solle den Namen nicht «missbrauchen». Luther übersetzte ebenfalls so, interpretierte aber im Katechismus, nur schon der «unnütze Gebrauch» sei ein strafbarer Missbrauch.
Und wozu soll denn «Gottesteilchen» nützen, wenn nicht dazu, Aufmerksamkeit für etwas ganz Besonderes zu erwecken, sich also mit Gottes Federn zu schmücken oder sich in seinem Glanze zu sonnen? Der Schöpfer des Begriffs «God particle», der Physiker Leon Lederman, erklärte in seinem Buch mit diesem Haupttitel, er habe das Teilchen so genannt, «weil es so zentral für den heutigen Stand der Physik ist, so entscheidend für unser endgültiges Verständnis des Aufbaus der Materie, und doch so schwer fassbar».
Oder gar «Gott-Teilchen»?
Es scheint also nicht um ein «Gottesteilchen» zu gehen – ein Stücklein Gott oder ein von ihm gesandtes (das sind ja gegebenenfalls alle Teilchen) –, sondern um ein eigentliches «Gott-Teilchen»; eines, das selber Gott spielt. Darauf deutet auch die deutsche Übersetzung des Buchtitels, mit dem Ledermann Gott ins Spiel brachte: «Das schöpferische Teilchen» – ein sinnvoller Name, denn erst es verleiht ja nach aktueller Theorie den andern Teilchen Masse. Der Physiker fügte seiner Erklärung des englischen Namens freilich bei, der Verlag habe auf «God particle» bestanden; er und sein Ko-Autor Dick Teresi hätten gern «goddamn» gesagt, da das Teilchen so hinterlistig sei und solchen Aufwand verursache.
Der Teilchentheoretiker Peter Higgs, nach dem dieses Boson benannt ist, lehnt die Bezeichnung «Gottesteilchen» ab, um keine religiösen Gefühle zu verletzen. Nicht nur Leute, die Gott und die Zehn Gebote ernst nehmen, werden sich daran stossen, wenn das Objekt der Physikerbegierde Gottesteilchen genannt wird: Auch für Atheisten muss das ein Ärgernis sein, ausser wenn sie die Bezeichnung so verstehen, dass es zur Welterklärung keinen Gott brauche, sondern nur gute Teilchenkenntnis. Aber vermutlich wäre es ihnen auch in diesem Fall lieber, der «unnütze» Gottesbegriff würde nicht von der Theologie auf die Physik vererbt.
Bitte nicht (an)beissen!
Fromme Juden nehmen das Missbrauchsverbot so streng beim Wort, dass sie vorsorglich einen grossen Bogen um den Namen «Gott» machen und stattdessen eine Vielzahl von Umschreibungen verwenden, von denen «G*tt» noch die kühnste Annäherung ist. Man braucht diese Skrupel nicht zu teilen, um – aus Respekt für Religiöse und Atheisten zugleich – das Wort nur dann zu verwenden, wenn man wirklich eine Gottheit meint. Also nicht «leichtfertig», wie es schon im Bauernkatechismus des Kaspar Olevianus (ca. 1580) hiess.
Man kann nicht vorsichtig genug sein: Wer mit Google «Namen Gottes nicht im Mund führen» sucht, findet zwar allerhand Biblisches, aber auch eine hübsche englische Übersetzung des Suchbegriffs: «the name of god do not bite». Und die Suche nach Websites, die dazu etwas zu sagen haben, führt unter anderem zu einem Schlangenkult. Was wiederum an den Sündenfall im Paradies erinnert, aus dem bekanntlich die Lehre zu ziehen ist: nicht einmal anbeissen! Die Forschung am Cern ist auch ohne göttliche Etikette spannend genug.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel»; Verfasser der Kolumne «Sprachlupe», alle 14 Tage in der Zeitung «Der Bund».