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Mit der Geografie als Wissenschaft war es in der Antike so eine Sache. Mangels auch nur halbwegs geeigneter Instrumente zu einer präzisen Erfassung von Distanzen – geschweige denn von Längen- und Breitengraden – war vieles, zu vieles, nur Schätzung und Augenmaß. So differieren die verschiedenen Quellen des Plinius immer wieder, wenn es um die Distanz zwischen zwei Orten geht. Noch mehr, wenn zum Beispiel der Umfang eines Sees angegeben werden sollte, weil da immer eine Addition mehrerer Distanzen involviert war und sich die Differenzen offenbar eher kumulierten denn auslöschten. Ganz schlimm wird es, wenn es um Distanzen geht, die quer über eine Wasseroberfläche geschätzt werden – denn um mehr als Schätzungen handelte es sich hier nun wirklich nicht mehr. So können die Quellen auf dem Land um zehn oder mehr Prozente differieren, über Wasser sind es dann auch schon gerne mal 30% und mehr. Des Plinius Entscheidung für die eine oder andere Zahl beruht dann offenbar einfach auf seinem Bauchgefühl, welcher Quelle er in vorliegendem Zusammenhang nun am meisten trauen will.
Wie also sollte Geografie in der Antike betrieben werden? Der Herausgeber dieses Bandes, Kai Brodersen, bringt in seiner Einführung das Beispiel des Cicero, der zu einem gewissen Zeitpunkt ebenfalls geplant hatte, eine wissenschaftliche Geografie zu verfassen. Er verzweifelte letztlich an seiner Aufgabe, denn:
[…] die Dinge [sind] wahrlich nicht leicht darzustellen, sind eintönig und eigentlich doch nicht recht für einen blumenreichen Stil, wie ich zunächst gedacht hatte, geeignet.
Und dennoch gab es schon in der Antike so etwas wie eine wissenschaftliche Geografie. Diese Bücher sind allerdings heute nur noch aus dem einen oder anderen Zitat bekannt. Vielleicht sollte man besser sagen, es gab zweierlei Arten von Geografie: die der Praktiker, der eigentlichen Reisenden, und die der Theoretiker, die aus dem Armstuhl heraus schrieben. So ein Theoretiker, ein Sesselpupser, war auch z.B. Cicero. Nur deshalb konnte er in einem anderen Werk De re publica (ich beziehe mich wieder auf Brodersens Einführung), nur so also konnte er dort allen Ernstes behaupten, auf der Pelopennes gäbe es mit einer Ausnahme keine Poleis, die nicht am Meer läge. Seinen Freund Atticus, der ihn darauf hinwies, dass jeder, der einmal dort gewesen war – ob als Händler, Bote, Pilger oder Soldat – anderes berichte, fauchte er an:
Dafür, dass alle Staaten auf der Peleponnes am Meer liegen, habe ich mich auf die Angaben eines […] bewährten Mannes, des Dikaiorchos, verlassen.
Dikaiarchos ist dabei einer der wenigen antiken wissenschaftlichen – also theoretischen – Geografen, von denen wir wissen. Auch sein Werk ist allerdings nicht auf uns gekommen. Wir sehen: Die Theorie hatte schon damals (und nicht nur bei Cicero!) Vorrang vor der Praxis.
Auch Plinius war natürlich, was die Geografie betrifft, ein Sesselpupser. Er suchte aus Quellen zusammen, was zusammen zu suchen war. Seine Quellen sind, neben ein paar römischen Historikern (Varro, Cornelius Nepos und die Geografen-Historiker um Alexander den Großen bzw. den römischen Kaiser Claudius; öfters genannt wird auch Cato – wobei nicht klar ist, welchen der beiden Plinius meint), seine Quellen also sind vor allem ungenannt bleibende geografische Praktiker. Es existierten nämlich durchaus geografische Werke – in Listenform. Itinerar hiessen sie, wenn sie das Landesinnere beschrieben; Periplus, wenn sie die Küste beschrieben. Sie beschränkten sich allerdings auf reine Aufzählung, welche Stadt oder welches Volk wo angetroffen werden konnte. Schon der Umstand, dass Plinius solche Quellen ausschrieb, macht klar, welche äußerliche Form die drei Bücher seiner Naturalis historia haben, die der Geografie gewidmet sind: Listen wechseln ab mit Aufzählungen. Und diese wiederum mit Listen… Plinius geht dabei immer gleich vor: Zuerst wird die Küste eines Teils beschrieben, danach das Innere. Wenn er so mit einem Landesteil fertig ist, geht er zurück an die Küste, schildert den nächsten Abschnitt in einer Aufzählung, bevor er dann wieder listenförmig ins Landesinnere zurück kehrt. Dabei ‘erledigt’ er zuerst den Mittelmeerraum (mit Schwerpunkt Italien und Griechenland natürlich), bevor er Abstecher macht nach Afrika oder Indien.
Erst ganz zum Schluss der drei Bücher wird Plinius ein wenig allgemeiner, theoretischer. Da versucht er zunächst, die Größe der besprochenen Weltteile Europa, Asien und Afrika in ein Verhältnis zueinander zu setzen. Viel mehr als den Mittelmeerraum kannte der Römer ja eigentlich nicht, was wohl erkärt, warum er zu folgendem Resultat kommt:
Es ist also deutlich, daß Europa um etwas weniger als die Hälfte Asiens größer als Asien ist, um das Doppelte aber und den sechsten Teil von Afrika größer als Afrika.
Wobei zu bemerken wäre, dass er zwar – aus den Eroberungen Alexanders des Großen natürlich – von der Existenz Indiens wusste, aber die riesige Ausdehnung des asiatischen Kontinents gegen Nordosten, grob gesagt: das heutige China und Russland, überhaupt nicht kannte. Ebenso wenig wie den Teil Afrikas jenseits der paar Meilen, die wagemutige Seeleute der Antike an der Westküste entlang gen Süden gesegelt waren. Man hielt zu seiner Zeit die Äquatorialzone für undurchdringbar. Die Sonderstellung Ägyptens in der antiken Geografie muss auch erwähnt werden – manchmal schon fast ein eigener Kontinent; manchmal wurde das Gebiet westlich des Nils zu Afrika gezählt, das östliche zu Asien bzw. Arabien (das seinerseits für die antiken Geografen auch nicht so recht einzuordnen war). Ganz zum Schluss will Plinius noch
eine Wissenschaft von griechischer Erfindung und ausgezeichnetem Scharfsinn anfügen, damit nichts fehle bei dieser Übersicht der Lage der Länder [!].
Leider nennt er den Urheber dieser Wissenschaft nicht. Wer immer es war: Seine Theorie hat unseren Autor ganz eindeutig beträchtlich überfordert. Des Plinius Darstellung ist praktisch unverständlich, weil er offenbar seinerseits seine Quelle nicht verstanden hat. Soweit sich die wirren Angaben entschlüsseln lassen, handelte es sich offenbar um einen frühen Versuch, Städte und Orte auf der Erdkugel systematisch nach Längen- und / oder Breitengraden zu klassifizieren. Diese Längen- und Breitengrade wurden ermittelt, indem man – sozusagen mit Sonnenuhr und Maßband – die Höhe der Sonne zur Mittagszeit festhielt und verglich.
Wissenschaftsgeschichtlich wären, wenn Plinius verstanden hätte, worüber er schreibt, vor allem die paar Paragraphen am Schluss seiner drei Bücher zur Geografie interessant. Allerdings gilt auch hier, was wir bereits für die Kosmologie festgestellt haben: Theoretische Naturwissenschaft, vor allem, wenn noch Mathematik involviert ist, ist des Plinius Sache nicht. Die Listen und Aufzählungen des Rests der drei Bücher andererseits sind allenfalls für einen historischen Ethnologen von Interesse.
C. Plinius Secundus d. Ä.: Naturkunde. Band II: Geographie. Herausgegeben und übersetzt von Roderich König in Zusammenarbeit mit Gerhard Winkler und Kai Brodersen. Textauswahl Kai Brodersen. (= Ausgewählte Werke, Band II). Düsseldorf: Artemis & Winkler, 2008.

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