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Marianne Zelger-Vogt, Neue Zürcher Zeitung (03.12.2007)
Jules Massenets «Cendrillon» im Stadttheater Bern
Das Märchen vom Aschenbrödel zählt zu den populärsten literarischen Stoffen, doch in Jules Massenets Vertonung - nach der Version von Perrault - bekommt man es selbst im französischen Sprachgebiet nur selten auf der Bühne zu sehen. Dass das Stadttheater Bern diese Conte de Fées als Weihnachtsstück gewählt hat, ist also höchst verdienstvoll. Doch mit der szenischen Umsetzung der Vorlage tut sich die Aufführung schwer. Das Problem besteht darin, dass Massenets Oper zwischen Märchen und Traum fluktuiert und dramaturgisch weit weniger stringent angelegt ist als etwa Rossinis populäre «Cenerentola». Nicht Cendrillon, sondern der Vater Pandolfe (der stimmlich zu schwergewichtige Vincent Le Texier) erscheint bei Massenet als Opfer der bösen Stiefmutter (die bombastische Monica Minarelli) und der zwei Stiefschwestern (Anne-Florence Marbot und Solenn' Lavanant-Linke), die grosse Liebesszene ist als synchroner Traum Aschenbrödels und des Prinzen angelegt, wobei die zwei füreinander unsichtbar sind, und die Schuhprobe wird zwar gross angekündigt, aber nicht ausgeführt. Johannes Eraths Inszenierung unternimmt wenig, um den Handlungsablauf zu klären - umso problematischer ist der Hinweis, dass sich die Aufführung «für Kinder ab 12 Jahren» eigne -, und auch für das Märchenhafte zeigt sie wenig Flair. Die Verdoppelung von Prinz und Cendrillon in einem Kinderpaar, dessen kleiner Ball zu einer riesigen Kugel anwächst, findet keine inhaltliche Begründung, erst recht nicht, wenn der Vater statt Cendrillon deren kleines Double tröstet. So schwankt Eraths Regie unentschieden und phantasielos zwischen Realität, Imagination und Karikierung.
Christoph Wagenknechts Bühnenbild besteht aus einer mächtigen, elegant geschwungenen Treppenspirale, die als Chiffre mancherlei Assoziationen wecken mag, praktischen Nutzen aber nur bei Cendrillons Abgang vom Ball hat. Für die Bewegungsführung erweist sie sich eher als hinderlich, insbesondere der Chor kann sich nur bald rechts, bald links von der Treppe gruppieren. Auch vom Kostümbildner Pierre Albert werden die Figuren stiefmütterlich behandelt, und wo er das dem Werk innewohnende Ironisierungspotenzial nutzt - der Vater im Schlafanzug, ein paar Männer in weissen Brautkleidern -, zeigt er wenig Geschmack. Eine glücklichere Hand hatte der neue Berner Theaterdirektor Marc Adam bei der Besetzung der zwei Hauptpartien. Hélène Le Corre ist eine darstellerisch und stimmlich gleichermassen natürliche, berührende Cendrillon, und Claude Eichenberger gibt in der Hosenrolle des Prince Charmant sowohl der Melancholie wie der Liebesemphase beredten Ausdruck.
Neben der spätromantischen Gefühlssprache dieses Märchenpaares und den sphärischen Koloraturvokalisen der Fee (brillant Marta Casas Bonet) umfasst Massenets «Cendrillon»-Musik aber noch andere Stilebenen: Pompös kommt der Hofstaat daher, die Tänze zitieren barocke Muster, die Niedertracht von Stiefmutter und Stiefschwestern steigert sich zu schrillen, grellen Klängen, und am Schluss, wenn die Akteure dem Publikum die Reverenz erweisen, wischt der Komponist mit einer schnellen Geste die ganze illusionistische Märchen- und Traumwelt hinweg. Das alles wird in der Wiedergabe des Berner Symphonie-Orchesters unter der Leitung von Daniel Klajner kaum ausdifferenziert, erfährt keine klangliche und rhythmische Verfeinerung. Eine Wiederentdeckung des Werks dürfte aus der Berner Einstudierung nicht resultieren. Doch die nächste Massenet- Rarität steht schon vor der Tür: Am 13. Januar hat am Zürcher Opernhaus «Le Cid» Premiere.