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Vor langer langer Zeit, als der Sonnengott und die Mondgöttin ein heiliges Liebespaar waren, da gab es ein Zauberland. Dieses Land bestand aus zwei Landschaften, die durch einen wunderbaren Fluss miteinander verbunden waren. Auf der einen Seite des Flusses breitete sich die Wüste aus. Dort war immer Tag. Dort herrschte der Sonnengott. Er schickte seine Strahlen ununterbrochen auf die Erde. Es war trocken und heiss. Der Wind liess die Sanddünen wandern und zeichnete immer neue Linien in das Bild. Kakteenpflanzen blühten, Palmen richteten stolz ihr Haupt dem ewig blauen Himmel entgegen, die Luft flirrte in der Hitze. Es gab wenig Leben in dieser Landschaft. Auf der anderen Seite des Flusses war immer Nacht. Die Mondgöttin war hier zuhause. Sie liess ihr sanftes Licht über eine Erde gleiten, die über und über mit Urwald bedeckt war. Die Luft war tropisch und feucht. Ueppige Pflanzen wuchsen und wucherten. Es surrte und summte, es seufzte und knirschte, es zischte und fauchte. Das Leben in dieser Landschaft war sehr geheimnisvoll.
Mitten im Urwald gab es eine kreisrunde Lichtung. Hier stand ein wunderschöner Feigenbaum, der das ganze Jahr über reife Früchte trug. Jeden Tag kamen die Tiere des Urwalds, lagerten auf dem moosigen Boden, ruhten sich aus und kosteten von den süssen Früchten. Sie wussten, dass dieser Baum etwas ganz Besonderes war. Seine Früchte waren immer reif, weil er mit seinen Wurzeln tief in die Erde reichte. Und dort unten gab es einen See, dessen Wasser war so dunkelblau wie der Nachthimmel. Die Tiere des Urwalds erzählten sich, dass auf diesem See eine rote Rose blühte, die von einer zarten Elfe bewohnt wurde.
Eines Nachts, als sich die Tiere des Urwalds gerade wieder beim Feigenbaum einfanden, entdeckten sie in einer kleinen Höhle im Stamm des Baumes ein Ei. Es war leicht bräunlich und etwa so gross wie eine Feigenfrucht. Die Schale war eingehüllt in einen seltsamen Lichtkreis. Die Tiere des Urwalds wurden ganz aufgeregt bei seinem Anblick und fragten sich, wie dieses zerbrechliche Ei wohl in den Stamm des Feigenbaumes gekommen sei. Alle verspürten sie das Bedürfnis, dieses Zauberei zu beschützen. Abwechslungsweise sollten immer zwei Tiere Wache halten. Und so geschah es. Jede Nacht lagerten zwei Tiere unter dem Feigenbaum auf der kreisrunden Lichtung mitten im Urwald und wachten über das geheimnisvolle Ei.
Siebzig Nächte lang geschah nichts. Das Ei lag ruhig in seiner Höhle im Stamm des Feigenbaumes. Da kam die Reihe an die zwei mächtigsten Tiere des Urwalds. Wie alle anderen setzten sie sich unter den Feigenbaum und beobachteten das geheimnisvolle Ei. Es dauerte nicht lange, da wurden sie eifersüchtig aufeinander. Misstrauisch achtete jeder von ihnen auf den anderen, dass dieser ja nicht den besseren Platz einnehmen konnte, um dem Ei noch näher zu sein. So vergassen sie mit der Zeit ihre eigentliche Aufgabe. Sie waren so sehr mit sich selber beschäftigt, dass sie das Ei nicht mehr beachteten.
Und so bemerkten sie nicht, dass der Feigenbaum leicht zu zittern begann und das Ei sanft hin und her schaukelte. Das Zittern wurde stärker, es wuchs zu einem Schütteln heran. Als die beiden mächtigsten Tiere des Urwalds endlich aufsahen, war das Ei verschwunden. Stattdessen führte eine Lichtspur von der kleinen Höhle, in der das Ei gelegen hatte, dem Stamm des Feigenbaumes entlang auf den moosigen Boden und schlängelte sich in den Urwald hinein. Die beiden mächtigsten Tiere des Urwalds sahen sich verdutzt an und sprangen auf. Sie murrten und grollten über ihre Unachtsamkeit, waren aber auch neugierig, wohin die Lichtspur unterwegs war. Also trotteten sie ihr hinterher. Sie gelangten an den Rand des Urwalds zum wunderbaren Fluss. Die Lichtspur funkelte auf dem Wasser und verlor sich auf der anderen Seite langsam im Horizont der Wüstenlandschaft. Die beiden mächtigsten Tiere des Urwalds waren nun ganz erschrocken. Denn noch nie hatte ein Tier des Urwalds den wunderbaren Fluss überquert. Die Landschaft auf der anderen Seite war seit Urzeiten verbotenes Land und sehr gefährlich. Also blieb ihnen nichts anderes übrig, als in den Urwald zurückzukehren. Und schon bald begannen sie sich zu zanken und zu streiten. Jeder beschuldigte den anderen, dass er nicht genug aufgepasst hätte und das wunderbare Ei nun für immer verloren sei.
Die Kunde über das verschwundene Ei verbreitete sich rasend schnell unter den Urwaldbewohnern. Alle Tiere kamen verstört zum Feigenbaum gelaufen. Die einen heulten, die anderen weinten, wieder andere standen ganz still und starrten in die leere Höhle. Die Lichtspur hatte aufgehört zu leuchten. Selbst die Mondgöttin hatte sich zurückgezogen, und die Sterne waren erloschen. Die beiden mächtigsten Tiere des Urwalds berichteten beschämt, was passiert war. Und als sie ihren Zuhörern erzählten, dass die Lichtspur den wunderbaren Fluss überquert und ins verbotene Land weitergezogen war, da fürchteten sich alle Tiere des Urwalds. Sie beschlossen, Stillschweigen zu bewahren und den Feigenbaum auf der kreisrunden Lichtung fortan zu meiden. Und so geschah es. Der zauberhafte Platz blieb sich selbst überlassen.
Einzig ein junges mutiges Tier kehrte jeden Monat zur selben Zeit zur kreisrunden Lichtung zurück. Es setzte sich unter den Feigenbaum und blickte still zum sternenübersäten Himmel empor. Die Mondgöttin bestrahlte den moosigen Boden mit ihrem weichen Licht. Die Früchte des Baumes waren reif und süss. Das junge mutige Tier ass davon und dankte der Mondgöttin für ihre Gaben. Bevor es sich jeweils vom Feigenbaum verabschiedete, legte es eine besonders schöne Feigenfrucht in die kleine Höhle des Stammes. Genau dorthin, wo das verzauberte Ei gelegen hatte. Und jedes Mal, wenn das junge mutige Tier die Frucht niederlegte, glühte für einen kurzen Moment die Lichtspur auf, wie wenn sie ihm ein Dankeschön zuflüstern wollte. Und jedes Mal, wenn das junge mutige Tier nach einem Monat wieder zum Feigenbaum zurückkehrte, lag anstelle der Feigenfrucht ein weisses Rosenblatt in der kleinen Höhle des Stammes. Dann kam ein sanfter Wind auf und blies das weisse Rosenblatt in die Luft. Es wirbelte herum und schwebte leicht wie eine Feder auf den moosigen Boden. So kam es, dass im Verlaufe der Zeit die kreisrunde Lichtung im Urwald, dort wo der wunderbare Feigenbaum stand, übersät wurde von weissen Rosenblättern. Sie verblühten nie und behielten über all die Jahre ihre Frische und Reinheit.
Die Lichtspur auf der anderen Seite des Flusses führte in Windungen durch die Wüste und endete in einer grossen, warmen und hellen Steinhöhle. Dort wohnte ein alter Mann mit weissem Bart. Seit er sich erinnern konnte, lebte er im Einklang mit der ihn umgebenden Wüstenlandschaft. Er fühlte sich wohl in seiner Steinhöhle. Nur manchmal, wenn der Sonnengott seine Strahlen direkt über der Höhle ausbreitete, dann fühlte sich der alte Mann mit dem weissen Bart sehr müde und erschöpft. Dann legte er sich hin, um sich auszuruhen. In solchen Stunden litt er unter der Einsamkeit und wünschte sich ein lebendiges Wesen herbei, das ihm Gesellschaft in seiner Steinhöhle leisten würde.
Eines Tages, als der alte Mann mit dem weissen Bart sich gerade wieder zu einem Nickerchen hinlegen wollte, hörte er ein Zischen vor der Höhle. Er ging hinaus und blickte in die funkelnden Augen einer schillernden Schlange. Sie richtete sich vor ihm auf und schaute ihn bittend an. Der alte Mann mit dem weissen Bart las in den Augen der Schlange, dass sie Hunger und Durst hatte und sich nach einem warmen Platz sehnte, wo sie sich zur Ruhe legen konnte. Er ging zurück in die Höhle und machte der Schlange ein Zeichen, dass sie ihm folgen solle. In der Höhle legte er ihr Essen und Trinken hin und bereitete in einer Ecke eine warme Mulde vor, wo sie sich hineinrollen konnte. Die Schlange schien sich bei ihm wohlzufühlen. Einzig, als er sie berühren wollte, zuckte sie zurück und zischte ihn drohend an. Als sich die Schlange in der Mulde eingebettet hatte und eingeschlafen war, setzte sich der alte Mann mit dem weissen Bart auf die Steinbank in der Höhle und betrachtete seinen Gast. Die Schlange war wunderschön. Er bewunderte ihren geschmeidigen Körper und ihre Haut, die in allen Farben leuchtete. Wie sehr wünschte er sich, dieses Tier zu streicheln. Doch ihr Zischen machte ihn vorsichtig. Er hoffte, dass sie bei ihm bleiben und mit der Zeit ihre Furcht ablegen würde.
So kam es, dass die Schlange und der alte Mann mit dem weissen Bart fortan in der Steinhöhle zusammenlebten. Er schenkte ihr ein warmes Zuhause, und sie befreite ihn von seiner Einsamkeit. Er nannte sie Alina. Es störte ihn nicht, dass sie nicht seine Sprache sprach, denn er verstand sie auch ohne Worte. Manchmal, wenn sie gemeinsam vor der Steinhöhle in der Sonne sassen und dem Wind lauschten, dann liess sie es zu, dass er mit den Fingerspitzen sanft über ihre Haut strich. In solchen Momenten vergass Alina ihre Angst vor diesem alten Mann mit dem weissen Bart. Dann genoss sie es, ihm nahe zu sein. Und der alte Mann mit dem weissen Bart gewöhnte sich an ihre Art der Zuneigung.
Die Jahre vergingen. Alina wurde älter und noch schöner. Wenn sie nun in ihrer gemütlichen Mulde lag und vor sich hinträumte, spürte sie ab und zu in ganz besonders stillen Momenten ein Ziehen in ihrem Körper. Sie wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Doch eines Tages, als sie erwachte, stellte sie mit Schrecken fest, dass ein Teil ihrer Haut neben ihr lag. Das machte ihr Angst und sie schämte sich. Andererseits fühlte sich ihre neue Haut weicher an als die alte und ihr Körper war leichter als vorher. Dieses Geschehen wiederholte sich in grösseren Abständen siebenmal. Auch der alte Mann mit dem weissen Bart beobachtete die Veränderungen, die mit Alina passierten. Er liebte seine Schlange sehr und was er sah, das beunruhigte ihn. Je mehr Haut die Schlange verlor, desto verletzlicher wurde ihr Körper. Und der alte Mann mit dem weissen Bart verlor langsam die Hoffnung, dass sich Alina doch noch einmal umarmen liess.
Es kam der Tag, an dem das Ziehen in Alinas Körper ganz stark wurde. Es war, wie wenn eine Kraft sie rufen würde. Sie konnte nicht schlafen, und als sie sich vor die Höhle schlängelte, sah sie eine Lichtspur im Sand. Ein Zucken fuhr durch den Körper der Schlange. Sie konnte nicht anders, als der Leuchtspur zu folgen. Mühelos glitt sie durch die Wüstenlandschaft. Die Lichtspur zeigte ihr den Weg. Der Sonnengott strahlte hell vom Himmel, die Luft war heiss und trocken, doch Alina wurde nicht durstig und hungrig und müde. Die Lichtspur faszinierte sie so sehr, dass sie alles um sich herum vergass. Auch den alten Mann mit dem weissen Bart.
Nach einiger Zeit wandelte sich das helle Blau des Himmels in ein dunkles Blau. Alina hörte Wasser rauschen. Sie schlängelte sich weiter und gelangte an einen wunderbaren Fluss. Die Lichtspur führte geradeaus über das Wasser. Der wunderbare Fluss hatte einen niedrigen Wasserstand und floss nur langsam dahin. So liess Alina ihren Körper ins Wasser fallen und glitt elegant zur anderen Seite. Als sie ans Ufer kam und sich umschaute, entdeckte sie eine ihr völlig unbekannte Landschaft. Hier hatte es keinen Sand, dafür moosigen Boden, der sich wunderbar weich und lieblich anfühlte. Sie schmiegte sich in die Erde und roch die Feuchtigkeit der Pflanzen. Das musste der Urwald sein, den sie in ihren Träumen ab und zu gesehen hatte. Alina spürte, wie ihr Körper sich entspannte. Das Ziehen war nicht mehr da. Der Sonnengott war verschwunden. Stattdessen sah die Schlange in das schöne Gesicht der Mondgöttin.
Neugierig schlängelte sich Alina weiter, immer der Lichtspur hinterher, die nun in den Urwald hineinführte. Die Schlange gelangte zu einer kreisrunden Lichtung, auf der ein wunderschöner Feigenbaum stand. Der moosige Boden leuchtete weiss. Als Alina näher kam, sah sie, dass blühende weisse Rosenblätter rund um den Feigenbaum verstreut lagen. Es war ein prächtiges Bild. Alina schmiegte sich an den Stamm des Baumes und ruhte sich aus.
Plötzlich kam ein starker Wind auf, der Himmel wurde tiefschwarz, und ein weisser Nebel breitete sich zwischen den Bäumen aus. Alina zitterte am ganzen Körper, doch nicht weil sie Angst hatte, sondern weil sie so aufgeregt war. Sie bemerkte, dass die Nebelschwaden sich um ihren Körper wanden, dass sie ihre schillernde Haut berührten und streichelten. Mit weit aufgerissenen funkelnden Augen verfolgte die Schlange das Schauspiel rund um sich herum. Die weissen Rosenblätter wirbelten und tanzten in der Luft und die Aeste des Feigenbaumes wiegten sich im Wind. Plötzlich wurde es ganz still. Alina sah vor sich zwei Schatten, die sich im Nebel bewegten. Die Schatten tanzten miteinander. Es war wunderschön, ihnen zuzusehen. Für einen kurzen Moment lichteten sich die Nebel und gaben den Blick frei auf das tanzende Schattenpaar. Es waren eine Frau und ein Mann, gekleidet und verbunden in einem wallenden weissen Seidentuch.
Alina wünschte sich, dass der Tanz der beiden nie zu Ende gehen würde. Gebannt schaute sie in die Mitte der kreisrunden Lichtung. Ganz langsam verschwanden die Gestalten wieder im Nebel, und nach einiger Zeit hatte sich der Zauber aufgelöst und die Landschaft zeigte sich so, wie wenn nie etwas anderes geschehen wäre. Der moosige Boden war wieder übersät mit den weissen Rosenblättern, der Wind hatte sich gelegt, und der Himmel hatte von schwarz zu dunkelblau gewechselt. Die Sterne funkelten. Die Lichtspur war wieder sichtbar. Alina wusste, dass es Zeit war, nach Hause zurückzukehren. Bevor sie aufbrach, kostete sie eine der süssen Feigenfrüchte. Sie entdeckte im Stamm des Feigenbaumes eine kleine Höhle. Darin lag ein blühendes Rosenblatt. Es war rot wie Blut.
Die Lichtspur brachte Alina zurück zum Fluss. Schnell und leicht glitt sie durch das Wasser auf die andere Seite. Bevor sich die Schlange im Sand davonschlängelte, blickte sie noch einmal zurück. Am anderen Ufer des Flusses stand ein junges mutiges Tier, das sie mit wasserblauen klaren Augen anschaute. Alina fror in der Hitze der Wüste. Sie hörte, dass das junge mutige Tier ihr etwas zurief. Doch sie verstand seine Sprache nicht. Traurig wandte sie sich ab und machte sich auf den Heimweg. Müde und erschöpft kehrte die Schlange in die Steinhöhle zurück und kuschelte sich in ihre warme Mulde. Sie war froh, dass der alte Mann mit dem weissen Bart ihr Verschwinden gar nicht bemerkt hatte.
Wieder vergingen Tage, Wochen, Monate, Jahre. Der alte Mann mit dem weissen Bart und Alina, die Schlange, lebten weiterhin zusammen in der Steinhöhle im Land des Sonnengottes. Nach dem aufregenden Ausflug genoss Alina die Geborgenheit der Höhle und die ruhige Nähe des alten Mannes mit dem weissen Bart. Doch in ihren Träumen kehrte sie immer wieder zurück zu diesem geheimnisvollen tanzenden Paar auf der kreisrunden Lichtung im Urwald, zum Feigenbaum mit den reifen und süssen Früchten und dem moosigen Boden mit den weissen Rosenblättern. Immer wieder sah sie das eine blühende blutrote Rosenblatt, das in der kleinen Höhle im Stamm des Feigenbaumes lag. Und sie erinnerte sich an das junge mutige Tier mit dem klaren Blick, das am Ufer des Flusses gestanden hatte.
Je mehr Zeit verging, desto unglücklicher fühlte sich die Schlange. Sie wusste, dass der alte Mann mit dem weissen Bart sie liebte und ihr sein ganzes Leben schenkte. Doch Alina sehnte sich nach dem Urwald zurück, nach seinen Geheimnissen, nach seiner Feuchtigkeit, nach dem Licht der Mondgöttin und nach dem Zauber des Nebels und der Rosenblätter. Doch sie sah die Lichtspur nicht mehr und wusste, dass sie ohne deren Führung den Weg zur anderen Seite des Flusses nicht finden würde. Immer wieder suchte Alina in der Weite der Wüstenlandschaft nach der verheissungsvollen Spur, doch sie zeigte sich nicht mehr.
Eines Tages, als die Schlange aus ihrer Mulde kroch, spürte sie, dass etwas in der Steinhöhle anders war als sonst. Es war ungewöhnlich still. Sie schlängelte sich zum Bett des alten Mannes mit dem weissen Bart. Er atmete nicht mehr. Dicke Tränen flossen Alina über die Wange. Sie legte sich auf seine Brust, rollte sich auf seinem Körper zusammen und schenkte ihm zum Abschied die Umarmung, die er sich während ihres Zusammenlebens immer gewünscht hatte. Alina sah, dass sich auf seinem Gesicht ein friedliches Licht ausbreitete. Das Licht bildete eine Spur. Und die Schlange wusste, dass es Zeit war zu gehen und der Lichtspur, die sie so lange gesucht hatte, zu folgen. Sie schlängelte sich vom Körper des toten Mannes herunter und verliess die Steinhöhle. Als sie sich nochmals umdrehte, sah sie, dass der Wind die Höhle mit Sand zugedeckt hatte und ein feiner Lichtkreis in der Wüste zurückblieb.
Die Lichtspur führte Alina zum wunderbaren Fluss. Das Wasser brauste und tobte. Der Wasserstand war so hoch, dass es für die Schlange zu gefährlich war, vom Ufer ins Wasser zu gleiten. Auf der anderen Seite des wunderbaren Flusses stand das junge mutige Tier und schaute sie mit seinen wasserblauen klaren Augen an. Ohne ein Wort zu rufen, sprang es ins Wasser und schwamm zu ihr hinüber. Alina rollte sich dem jungen mutigen Tier um den Hals und liess sich von ihm durch die Fluten tragen. Das junge mutige Tier war stark genug, um allen Strudeln zu widerstehen. Sicher stieg es auf der anderen Seite an Land und trug Alina weiter, in den Urwald hinein, der Lichtspur hinterher, zur kreisrunden Lichtung, wo der Feigenbaum stand. Dort hatten sich unterdessen die Tiere des Urwalds versammelt. Nach all den Jahren fürchteten sie sich nicht mehr vor den Geheimnissen des Feigenbaumes. Sie hatten die Geschichte mit dem Ei schon lange vergessen. Auch die beiden mächtigsten Tiere des Urwalds waren unter ihnen. Doch sie waren nicht mehr mächtig. Sie hatten damals ihre Macht abgeben müssen, als sie im Streit das Ei verloren.
Alina, die Schlange, und das junge mutige Tier legten sich auf den moosigen Boden und liessen sich vom warmen Licht der Mondgöttin trocknen. Eng aneinandergeschmiegt ruhten sie sich von ihrer anstrengenden Reise aus. Die Tiere des Urwalds umringten und beschützten sie. Langsam fielen das mutige junge Tier und die Schlange in einen tiefen Schlaf. Jedes Tier ging nun einzeln zu den beiden hin, pflückte ein weisses Rosenblatt von der Erde auf und legte es auf die Körper der Schlafenden. Der moosige Boden wurde wieder grün. Ein leichter Windhauch strich zart über die Landschaft. In der kleinen Höhle im Stamm des Feigenbaums lag immer noch das blutrote Rosenblatt. Es war nicht mehr alleine, denn es hatte Besuch bekommen.
Die Elfe aus dem tiefblauen See im Wurzelreich des Feigenbaumes sass auf dem blutroten Rosenblatt und schrieb mit ihrem Zauberstab eine Botschaft auf die samtenen Fasern. Dann ertönte ein klingendes Lachen, und die Elfe verschwand. Das blühende rote Rosenblatt mit der Zauberbotschaft bewegte sich und wurde vom Wind auf die Lichtung getragen. Dort schwebte es einige Zeit über den Körpern der Schlange und des mutigen jungen Tieres. Dann senkte es sich und legte sich mitten in die weisse Blütenpracht auf ihren schlafenden Körpern.
In diesem Moment brach ein heftiges Gewitter los. Donner und Blitz tobten über den Urwald. Die Tiere des Urwalds flüchteten ins Unterholz und versteckten sich vor den Urkräften der Natur. Der Himmel wurde tiefschwarz, die Mondgöttin verschwand hinter dicken Wolken, die Sterne erloschen, Nebelschwaden überzogen die Landschaft. Alina, die Schlange, und das junge mutige Tier sahen und hörten nichts davon. Sie schliefen ruhig unter ihrem Mantel aus Rosenblättern.
Als sich die Nebelschwaden auflösten, war das Zauberland verschwunden. Der Sonnengott und die Mondgöttin, die Wüste und der Urwald, der Fluss, die Steinhöhle und der Feigenbaum, die Tiere des Urwalds und der alte Mann mit dem weissen Bart, alle waren sie nicht mehr da. Und mit ihnen waren auch die Schlange und das junge mutige Tier verschwunden. Der Zauber hatte sie in sich aufgenommen und für immer verschlungen.
Lange später, doch vor nicht allzulanger Zeit, da lebte eine weise Frau in einem Land, wo am Tag die Sonne scheint und in der Nacht der Mond vom Himmel blickt. Die weise Frau hiess Alina und trug immer ein weisses Seidenkleid. Eingenäht in dieses wunderschöne Gewand war ein kleines Täschchen. Darin befanden sich wunderliche, zauberhafte Dinge. Eine immer reife Feigenfrucht, ein Stück schillernde Schlangenhaut, ein paar Sandkörner, sieben weisse Barthaare, die Kralle eines jungen mutigen Tieres und ein blühendes blutrotes Rosenblatt.
Und jedes Jahr, dann wenn die Sonne zuoberst am Himmel stand, ritt Alina, die Schlangenfrau, in ihrem weissen Seidenkleid auf ihrem schwarzen Pferd durch die Vollmondnacht. Die Lichtspur, die sie hinterlässt, ist noch heute in der Erinnerung zu sehen.