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Lepra: Wann sich eine Diagnostik lohnt
Ärzte in westlichen Industrieländern haben in der Regel wenig Erfahrung mit Lepra-Patienten. Dennoch sollte man diese Krankheit nicht ignorieren.
Ein junger Mann aus Samoa, der seit vier Jahren in den USA lebte, suchte die dermatologische Klinik auf. Vor drei Monaten hatte er erstmals Hautveränderungen zwischen seinen zahlreichen Tattoos bemerkt, berichten Aidan Filley und seine Kollegen vom Texas A&M University System Health Science Center College of Medicine in Bryan.
Die ringförmigen Läsionen begannen über dem rechten Knöchel und breiteten sich dann auf andere Körperstellen aus. Der Patient hatte Taubheitsgefühle in den betroffenen Bereichen und konnte seine Finger nicht vollständig strecken. Er nahm keine Medikamente ein. Was war passiert?
Temperaturempfinden über Läsionen herabgesetzt
Bei der Untersuchung fielen den Ärzten multiple anuläre, gerötete Läsionen im Gesicht, am Thorax, Rücken und an den Extremitäten auf. Die Nerven N. auricularis magnus und N. ulnaris waren verdickt tastbar, und der Patient hatte eine Krallenhand und eine Fussheberschwäche. Über den Läsionen war das Temperaturempfinden herabgesetzt.
Die Routinelaboruntersuchung ergab keine auffälligen Befunde. Daher wurden Biopsien aus zwei Plaques histologisch untersucht. Dabei wurden granulomatöse periadnexielle und perivaskuläre Dermatitis mit diffusen granulomatösen Infiltraten festgestellt. Um ihren Verdacht zu bestätigen, schickten die Ärzte die Gewebeproben an das US-amerikanische Lepra-Referenzzentrum. Dort wurde mittels qPCR Mycobacterium leprae nachgewiesen.
Nach der Diagnose verschrieben die Dermatologen zunächst 60 mg/d Prednison für fünf Tage und danach 5 mg/d plus Methotrexat (20 mg pro Woche) aufgrund der leprösen Reaktion. Diese Medikamente sollten die überschiessende Immunantwort auf den Erreger abschwächen, die beim Patienten zu den zunehmenden Parästhesien und Erythemen im Bereich der Plaques führte. Die eigentliche Lepra-Therapie begann sechs Tage später mit Rifampicin 600 mg, Moxifloxacin 400 mg und Minocyclin 100 mg, die der Mann über ein Jahr jeweils monatlich zusätzlich zu den Immunmodulatoren erhielt.
Lepra als Kolibri-Erkrankung
Aufgrund seiner neuropathischen Schmerzen erhielt der Patient auch Amitriptylin. Zwei Monate nach Beginn der Therapie hatten sich Hautbild und Neuropathie deutlich verbessert. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung befand sich der Patient im neunten Therapiemonat und zeigte keine Anzeichen eines Rückfalls. Inzwischen hatte er auch eine Sehnentransplantation und Beschäftigungstherapie für seine Hand erhalten.
Diese Fallstudie zeigt erneut, dass man in unklaren Fällen auch an «Kolibri-Erkrankungen» denken sollte, so die Forscher. Im vorliegenden Fall wiesen das typische Hautbild, das Taubheitsgefühl über den Plaques und die Verdickung der Nerven in die richtige Richtung. Hinzu kamen die Herkunft des Patienten aus Samoa, wo Lepra weit verbreitet ist, sowie die Tattoos als mögliche Eintrittspforte.
Steckbrief Lepra
|Einteilung||• nach WHO in multibazillär oder paucibazillär – je nach Anzahl der|
Läsionen
• nach Ridley-Jopling in tuberkuloid, Borderline-Lepra und lepromatös (jeweils mit Mischformen)
|Übertragung||Tröpfcheninfektion durch Atemwegssekrete (am häufigsten), offene Wunden (mangelnde Hygiene), und engen Kontakt mit einem Kranken oder|
Reservoirwirt (z.B. Neunbinden-Gürteltier in den USA)
|Risikofaktoren||Immunschwäche (medikamentös oder krankheitsbedingt), genetische Veranlagung|
|Diagnostik||Hautbiopsie und gegebenenfalls PCR|
|Differenzialdiagnosen (Auswahl)||Granuloma anulare, Arzneimittelreaktion, Psoriasis, andere mykobakterielle oder Pilz-Infektionen|
|Behandlung||• nach WHO: Dapson, Rifampicin, Clofazimin über 6 (paucibazillär) bzw. 12 Monate (multibazillär)|
• alternativ: Rifampicin, Moxifloxacin, Minocyclin einmal pro Monat über 12–24 Monate