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Die heute noch kursierenden Bilder einer von Männern dominierten Frühgeschichte sind weitgehend spekulativ. Sie verraten mehr über das Selbstbild bürgerlicher Schichten seit dem 19. Jahrhundert als über die historische Wirklichkeit. Das beginnt damit, dass die Steinzeit wohl viel weniger gewalttätig war als vielfach angenommen: Vermeintliche Kriegswaffen dienten zur Jagd und zur Fleischverarbeitung.
Die 1955 geborene Archäologin Marylène Patou-Mathis spürt in ihrem Buch «Weibliche Unsichtbarkeit. Wie alles begann» jenen Quellen nach, die belegen, dass alles ganz anders war oder zumindest gewesen sein könnte. Dafür zieht sie die neusten Erkenntnisse ihres Fachs zurate. Seit den achtziger Jahren haben feministische Archäologinnen in Nordamerika nämlich den lange Zeit vorherrschenden männlichen Blick auf die Frühgeschichte unter der Überschrift Geschlechter- oder Genderarchäologie infrage zu stellen begonnen. Damals kam es noch vor, dass Archäologen ihren Kolleginnen empfahlen, sich im Labor zu betätigen, statt an den Ausgrabungen teilzunehmen.
Die Geschlechterarchäologie zeigt zum einen, wie vergangene Gesellschaften mit den patriarchalen Denkschablonen lange Zeit nur unzureichend beschrieben wurden. Zum anderen kritisiert sie den biologischen Determinismus, der in Darstellungen geschlechtsspezifischer Rollen in der Frühgeschichtsforschung lange vorherrschend war. DNA-Analysen haben beispielsweise gezeigt, dass viele vermeintlich männliche Skelette in Wirklichkeit weibliche waren. Patou-Mathis berichtet etwa von Wikingerhäuptlingen, die sich im Nachhinein als Frauen entpuppten. Oder von prähistorischen Kunstobjekten, die zunächst männlichen Herstellern zugeordnet worden waren, tatsächlich aber aus der Hand von Frauen stammten. Dass diese ebenso bestattet wurden wie die Männer, weist auf einen vergleichbaren sozialen Status hin.
Was die Geschlechterbeziehungen betrifft, zeigt sich die Frühgeschichte also vergleichbar vielfältig wie unsere Gegenwart.