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Was veranlasste Frau Dotoressa Laura Armani zu dieser Aussage? Der Kantonsarzt Ignazio Cassis hatte ihr die Praxisbewilligung entzogen.
Ticinoline: „Was würden Sie Herrn Cassis sagen?“
Dr. Armani: „Dass ein Arzt mit Vernunft agieren muss und nicht mit Emotionen. Der Kantonsarzt stützte sich allein auf einen Brief, den mein Vater geschrieben hat; einen beleidigenden Brief voller Lügen, in dem mir nachgesagt wurde, ich sei geistig nicht gesund. Herr Cassis bezog sich nur auf diesen Brief, ohne sich vertieft mit meinem Fall zu befassen, ohne mich zu empfangen und direkt mit mir zu sprechen. Wenn ich ihm also heute begegnen sollte, würde ich ihm bloss sagen: “Lieber Cassis, du hast dich eklatant verschossen.“
Das war ein gewaltiger Fehlentscheid des Tessiner Kantonsarzts. Das Rekursgericht hat ihn komplett umgestossen, hat Frau Armani vorbehaltlos in allen Punkten Recht gegeben.
Persönliche Zwischenbemerkung
Da Frau Dr. Armani im Tessin nicht mehr praktizieren durfte, zog sie in die Umgebung von Zürich um. Dort behandelte sie meine Tochter. Fachlich top – ihr Vater war Physikprofessor – und menschlich ebenso, war sie die erste Ärztin, welche meine Tochter wirklich verstanden und ihr geholfen hat.
Später kehrte sie wieder ins Tessin zurück. Eine Weile lang nahmen wir den weiten Weg in Kauf. Ich staunte, wie rasch sie in ihrer neuen Praxis grossen Zulauf erhalten hatte. Da sie sich auf mehreren Gebieten spezialisiert und einen Namen gemacht hat, ist dies jedoch nicht allzu verwunderlich.
Warum wurde einer derart tüchtigen Ärztin die Fähigkeit abgesprochen? Des Rätsels Lösung: Sie wurde ohne eindeutig definiertes Geschlecht geboren; vielleicht weil ihr Vater öfter der Radioaktivität ausgesetzt war. Die Eltern zogen sie als Knabe auf, obwohl sie sich nie als richtiger Bub empfand. Ihr Vater konnte sie nicht als Frau akzeptieren und meinte, sie sei verrückt. Der Kantonsarzt und weitere Instanzen schlossen sich diesem Fehlurteil an. Ihr nach aussen neues Geschlecht stand zu Diskussion, doch spielt das eine Rolle? Das Geschlecht – welches auch immer – sollte es ihr also verunmöglichen, den Arztberuf ausüben zu können?
Nationalrat Cassis steht zur Wahl in den Bundesrat. Ein Fehlentscheid aus dem Jahr 2005 ist noch kein Grund, ihn abzulehnen. Seine Stellungnahme nach dem Gerichtsurteil überzeugt jedoch noch nicht.
- Sieht es Herr Cassis inzwischen ein, dass es ein Fehler war, Frau Armani nicht anzuhören?
- Zweifelt Herr Cassis immer noch an der geistigen Gesundheit von intersexuellen Personen?
Eine Antwort auf diese Fragen wäre interessant. Aus Fehlern kann man lernen. Wie sieht das bei Herrn Cassis aus?