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Nur die Familie fehlt
Rafa Hasan ist Kindergärtnerin, weil sie die Arbeit mit Kindern liebt. Nach ihrer Flucht aus Syrien hat sie auch hier begonnen, an einer Schule zu arbeiten und träumt davon, wieder in ihrem eigentlichen Job tätig sein zu können.
10. Juni 2022 — Dagmar Schräder
Geboren bin ich in einem kleinen Dorf in Syrien. Hier, auf dem Land, bin ich als jüngstes von acht Kindern aufgewachsen, mit vier älteren Brüdern und drei Schwestern. Meine Eltern besassen so etwas wie einen kleinen Bauernhof, hielten Kaninchen, Ziegen, Hühner, Enten und Bienen. Ich habe das Landleben sehr genossen. Im Dorf bin ich zur Primarschule gegangen. Doch weil es hier keine Sekundarschule gab, mussten wir in die nächstgrössere Stadt umziehen, sobald ich die Grundschule abgeschlossen hatte. Dort hatten meine Eltern eine Wohnung gemietet, und meine älteren Geschwister waren bereits dorthin umgezogen, um ihre Schulbildung fortzusetzen. Betreut wurden sie von meinen Tanten und anderen Verwandten, die direkt nebenan lebten. Als ich schliesslich in das Alter kam, war für uns der Moment gekommen, endgültig vom Dorf wegzuziehen. Das war ein sehr trauriger Moment für mich, vor allem, weil wir all unsere Tiere abgeben mussten.
Zum Studium nach Damaskus
In der Stadt besuchte ich die Sekundarschule sowie die weiterführenden Schuljahre der zehnten, elften und zwölften Klasse, die es bei uns gibt. Danach war für mich klar, dass ich an der Universität die Lehrerausbildung beginnen wollte. Kindergärtnerin oder Lehrerin war mein Traumberuf, weil ich die Arbeit mit Kindern sehr schätze. Es bedeutet mir sehr viel, mit ihnen zu arbeiten. Und auch für die Erziehung der eigenen Kinder, die ich später auf jeden Fall mal haben wollte, hielt ich es für eine gute Sache, eine pädagogische Ausbildung zu haben. Zum Studium musste ich erneut umziehen, diesmal nach Damaskus, in die Hauptstadt, ungefähr neun Stunden Busreise von meinem Heimatdorf entfernt. Ich bezog ein Zimmer in einer Studierendenwohnung und begann mein Studium. Rund fünf Jahre lebte ich hier und lernte in dieser Zeit auch meinen jetzigen Mann Mustafa kennen, der die gleiche Ausbildung wie ich belegte. Nach dem Abschluss kehrten wir zurück in mein Dorf, und ich begann, Kindergartenkinder und Erstklässler*innen zu unterrichten. Ausserdem gab ich Vorschulkindern privaten Unterricht, um sie auf die Schulzeit vorzubereiten und ihnen bereits etwas lesen und schreiben beizubringen.
Flucht in die Schweiz
2011 mussten mein Mann und ich Syrien verlassen. Über die Türkei und Griechenland gelangten wir in die Schweiz. Ich war damals im achten Monat schwanger mit unserem ersten Kind. Das war eine sehr schwierige Zeit. Schliesslich konnten wir ein Zimmer beim Triemli beziehen, wo wir mit unserer Tochter lebten. Wir belegten beide einen Deutschkurs und Mustafa absolvierte eine Zusatzausbildung zum Coiffeur, so dass er anfangen konnte zu arbeiten.
Ich selbst habe vor sechs Jahren begonnen, in Leimbach als Klassenassistenz zu arbeiten. Um als Kindergärtnerin oder Primarlehrerin tätig sein zu können und eine eigene Klasse unterrichten zu dürfen, müsste ich nicht nur weitere Deutschkurse vorweisen, sondern auch einen Teil des Studiums nachholen. Ich träume davon, wieder in meinem eigentlichen Beruf arbeiten zu können, vor allem jetzt, da unser drittes Kind vier Jahre alt wird und im Sommer in den Kindergarten kommt. Doch ob ich das schaffe, weiss ich noch nicht. Vorerst arbeite ich daher weiter als Klassenassistenz, momentan zwei Tage pro Woche.
Die Familie ist weit weg
Seit acht Jahren leben wir nun in Höngg. Nachdem unsere zweite Tochter geboren worden war, war das Zimmer beim Triemli einfach endgültig zu klein geworden für uns. Seither wohnen wir in einer Familienwohnung im Rütihof und das Quartier ist ein wenig zu unserer zweiten Heimat geworden. Wir fühlen uns hier sehr wohl, die Kinder haben viele Freund*innen, der nachbarschaftliche Kontakt ist sehr gut. Ich schätze es, hier spazieren zu gehen, verbringe viel Zeit draussen mit meinen Kindern, gehe Fahrrad fahren und mache Ausflüge. Ausserdem treffe ich mich gerne mit Freund*innen zum Kaffee.
Das Einzige, was uns fehlt, ist unsere Familie. Vier meiner Geschwister leben in Deutschland, so dass wir uns wenigstens alle paar Monate sehen können. Meine Mutter, zwei Schwestern und ein Bruder leben jedoch nach wie vor in Syrien und wir können sie nicht besuchen. Ihre Enkelkinder hat meine Mutter deshalb erst einmal gesehen, als wir uns vor Jahren einmal im Irak getroffen haben. Doch wir telefonieren fast täglich miteinander und pflegen einen engen Kontakt.
Portrait-Stafette
In diesen monatlichen Beiträgen werden ganz normale Menschen aus Höngg porträtiert: Man braucht nicht der Lokalprominenz anzugehören und muss auch nicht irgendwelche herausragenden Leistungen vollbracht haben, nein, denn das Spezielle steckt oft im scheinbar Unscheinbaren, in Menschen «wie du und ich».
Sollte die Stafette abreissen, sind wir froh, wenn auch Sie uns mögliche Kandidat*innen melden. Kontaktangaben bitte per Mail an <email-pii> oder Telefon 044 340 17 05.