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Eugenie Benisch-Darlang: Mit Goethe durch die Schweiz
Das ist ein artiges Buch, welches anzuzeigen und zu empfehlen mir Vergnügen macht. Frau Benisch hat den guten Gedanken gehabt, Goethe über seine viermaligen Wanderungen in der Schweiz, 1775 mit den Grafen Stollberg und Haugwitz, 1779 mit Herzog Karl August von Weimar und dem Kammerherrn von Wedel, im Frühling 1788 allein bei der Heimkehr aus Italien nach Deutschland, endlich 1797, anfangs allein, dann mit dem Maler Heinrich Meyer aus Stäfa, der lange in Weimar sein Hausgenosse gewesen war, mit seinen eigenen Worten sprechen zu lassen. Die Verfasserin beschränkt sich darauf, die einzelnen Reisebeschreibungen Goethes, die in verschiedenen Formen, eigentlichen Erzählungen, Tagebüchern, Reisebriefen und anderen Korrespondenzen gedruckt vorliegen, herauszugeben, einzuleiten, unter sich zu verbinden und mit den nötigsten Anmerkungen und Erläuterungen zu versehen. Dies alles ohne gelehrten Ballast und überflüssige Zitate aus den Goetheexegeten, obwohl die Verfasserin, „ eine Sammlerin und Bibliophilin ", die bezügliche Literatur kennt, wie ihr zweiundeinhalb Seiten langes Verzeichnis heweist. Sie wird freilich nicht alle diese Schriften selbst gesehen haben; sonst hätte sie nicht einmal „ Ebei: Anleitung, die Schweiz zu bereisen, Bern 1793 " ( ein Buch, das nie existiert hat ) und dann „ J ". G. Ebel: Anleitung, auf die nützlichste und genußvollste Art in der Schweiz zu reisen, 2 Bände, Zürich 1793 " ( was stimmt ) zitiert. Bei andern Hinweisen, wie „ Scheuchzer: Itinera Alpina, Bern 1708 ", „ Bitchtold: Goethe in Zürich, kleine Schriften, Frauenfeld 1899 " und „ J ". B. Wyß: Handatlas für Reisende in das Berner Oberland, Bern 1816 ", fragt man sich, ob bloß Druckfehler ( es sind deren viele im Literaturverzeichnis ) oder flüchtiges Zitieren aus zweiter Hand vorliege. Und ich frage mich, was es eigentlich nützen soll, wenn handschriftliche Werke wie der „ Thesaurus Topographico-historicus totius Ditionis Bernensis, 1729/30, von J. B. Grunera, oder selbst dessen gedruckte „ Deliciae urbis Bernae, Zürich 1732 " zitiert werden, welche Goethe schwerlich je zu Gesicht bekommen hat und die auch für sein oder seines Jahrhunderts Naturgefühl keine Rolle spielen. Dagegen hätten die „ Wagner- Wolff sehe Sammlung von Ansichten aus dem Berner Oberland, Bern 1777 ", die Goethe durch Vermittlung von Merck gekannt hat, ja die vielleicht ihn und seinen Herzog nach Bern gelenkt hat, und die Schriften Bourrit's, aus denen Goethe einmal zitiert, ohne den Namen zu nennen, erwähnt werden dürfen. Bei einer Neuauflage ihres Buches sollte Frau Benisch ihr „ Literaturverzeichnis " gründlich revidieren und auf das wirklich Sachdienliche und von ihr faktisch Benutzte zurück-schneiden. Weniger wäre hier mehr. Einige leichte Retouchen würden auch ihrem einleitenden Texte förderlich sein. So könnte der Aufenthalt Goethes in Stadt und Kanton Bern, im Oktober 1779, und der Verkehr mit Wyttenbach an Hand meiner Schriften, welche die Verfasserin ja kennt, leicht korrekter und namentlich übersichtlicher dargestellt werden. Ein besseres Itinerar, als es Frau Benisch ( S. XII ) bringt, über Goethe's Oberlandreise, habe ich oben ( pag. 229 ) gegeben. Und warum ist die Besteigung der Dole, welche Goethe und der Herzog unter der Führung des Majors Arbland, des Schwagers von Merck, ausführten, in der Einleitung übergangen? Auch hier sollte revidiert werden. Im übrigen aber ist die Zusammenstellung, welche Frau Benisch gemacht hat, und ihr Kommentar dazu das Beste und Verständigste, was über Goethe's Schweizerreisen mir zu Gesicht gekommen ist. Wir kennen, Dank ihr, nun auch das Itinerar von 1788, von Kiva über den Splügen und durch die Via Mala nach Chur, Vaduz und Feldkirch etwas genauer. Sonst aber wird der Eindruck bekräftigt, daß für Goethe, abgesehen von seinem Seitensprung nach Chamonix 1779, alle Itinera alpina, direkt oder indirekt, auf den Gotthard und über diesen hin und her nach Italien, dem Lande seiner tiefsten Sehnsucht, führten. Dieser Route und ihren Zugängen sind auch die meisten der geschickt ausgewählten Illustrationen gewidmet, welche den intimen Reiz des Buches ausmachen. Außer der in unserm Jahrbuch ( Bd. 48, pag. 200 ) reproduzierten Handzeichnung von Goethe: „ Scheideblick nach Italien vom Gotthard, den 22. Juni 1775 ", finden wir nun eine solche von der Teufelsbrücke und eine von der Rigi, beide aus dem Jahre 1775. Alpinen Charakter zeigen und mit Goethe's Reisen in nahem oder fernerem Zusammenhang stehen die Kupferstiche von Fehr: Teufelsbrücke auf dem St. Gotthard; von Geißler: Ansicht von Prieuré und des Tales von Chamonix, 1777; von Wm. Pars( ?): Großes Eisfeld im Chamonixtal; von Tomann: Der Wasserfall Pisse Vache im Wallis, 1773; von Mechel: Leukerbad mit der Gemmi im Wallis ( dagegen gehört der Holzschnitt: Badeszene aus dem Leukerbad in eine viel frühere Zeit ); ferner die unbekannten: Großer Gletschereisberg aus dem Ursprung der Rhone an der Furka zu oberst im Wallis; Urseren auf dem St. Gotthardsweg; Perspektive Ansicht des St. Gotthard, 1792; Hospiz am St. Gotthard. Auch die Städtebilder etc. sind instruktiv und gut gewählt. Die Unterschriften sind mitunter irreführend, so bei dem Kupferstich von S. Malgo, 1781 ( mit dem Montblanc im Hintergrund ): Der Genfersee und seine Umgebung im Norden. Das Bild ( auf S. 100 ) von J. N. Schiel: „ Ansicht der Umgebung von Bern, 1777 " läßt sich nach dem Künstlerlexikon näher bestimmen auf „ die Gegend des Marzili bis zum Gurten von Albrecht Hallers Wohnhaus aus ". Da aber, nach der nämlichen Autorität, Johann Nikiaus Schiel, ein Landsmann Goethes, erst 1783 nach Bern kam, so ist zweifelhaft, ob die Aufnahme wirklich 1777 gemacht wurde. Aber als Nachtrag zur Hallerikonographie ist diese Veröffentlichung doch wichtig. Noch eine kritische Bemerkung zum Schluß. Frau Benisch hat für die Schilderung der Schweizer Reise von 1775, außer dem betreffenden Abschnitt im IV. Teil von Dichtung und Wahrheit, auch das benutzt, was Goethe 1808 unter dem Titel: Briefe aus der Schweiz, erste Abteilung, 1775, als angeblich unter Werther's Papieren gefunden und dem Dichter abschriftlich mitgeteilt, veröffentlicht hat. Der Stil und manche Einzelheiten weisen auf eine spätere Zeit hin, und wenn das Abenteuer in Genf, welches den Schluß dieser Briefe bildet, ein Erlebnis von Goethe selbst ist, wofür alles spricht, so muß es ins Jahr 1779 fallen, denn nur damals hat Goethe die Rhonestadt betreten. Ich will der Goetheforschung die Lösung dieses Rätsels überlassen. Hoffentlich bringt es dieses Goethebuch der Wiener Schriftstellerin zu einer zweiten, verbesserten und von Druckfehlern gereinigten Auflage.MedaMion.