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«Wie lange muss man an der Macht sein, um einen Architekturstil zu prägen?» Das fragt sich der Erzähler in Andreas Neumeisters Roman «Könnte Köln sein» (2008) im Moment, in dem er Moskau erblickt.
Ein knappes Vierteljahrhundert ist seit der grossen postsowjetischen Umwälzung vergangen, dieser enormen gesellschaftlichen Verschiebung in den 1990er Jahren, als riesige Einheiten Infrastruktur, Unternehmen und Vermögenswerte in die Hände von Privaten übergingen, als sich Kapital eine Klasse suchte. Ein Vierteljahrhundert sind die Oligarchen an der Macht. Wie sieht ihr Moskau aus?
Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, bietet sich ein Besuch des Gorki-Parks an. Dort eröffnet am 12. Juni die neue «Garage», ein Museum mit angeschlossenem Studienzentrum. Die Institution gibt es schon, und auch das Haus, in das sie nun einzieht, ist nicht neu. Der niederländische Architekt Rem Koolhaas hat die Ruine des ehemaligen Cafés Vier Jahreszeiten aus den 1960er Jahren renoviert und ihr eine lichtdurchlässige Polycarbonat-Fassade umgehängt.
Alt und neu – vielleicht kein eigener Stil, aber doch sprechend für eine Stadt, die sich im gleichen Moment so kosmopolitisch wie patriotisch, so modernistisch wie konservativ gibt, dass sie einem den Kopf verdreht. Im Zentrum dieses Wirbels von Widersprüchen, ein Liebespaar: Dascha Schukowa und Roman Abramowitsch. Schukowa hat die «Garage» gegründet, Abramowitsch hat dafür bezahlt.
Die Sache mit dem Stuhl
Der zwar arm geborene, im Rohstoff-, Stahl- und Immobilienbusiness aber kolossal reich gewordene Abramowitsch ist im Westen als Besitzer des Chelsea FC bekannt. Seine Geschäfte wickelt er über die Firma Millhouse Capital ab. Seit zehn Jahren lebt er mit Dascha Schukowa zusammen, aus steuerlichen Gründen in London. Schukowa, 1981 als Tochter des Öl- und mutmasslichen Waffenhändlers Alexander Radkin Schukow bereits reich geboren, wuchs in Moskau und den USA auf. Sie studierte Literatur und Slawistik, später homöopathische Medizin. Heute ist sie Patronin der «Garage», Herausgeberin des Kunst- und Modemagazins gleichen Namens und Kunstsammlerin.
Von der britischen Presse wurde Schukowa anfänglich als dilettantisches «rich kid» verhöhnt, später, als Schwergewichte des globalen Kunstmarkts wie Larry Gagosian mit ihr Geschäfte machten, folgten respektvolle Artikel im «Wall Street Journal» und in der «New York Times». Bis die Sache mit dem Stuhl passierte.
Im Januar 2014 publizierte die russische Online-Illustrierte «Buro 24/7» ein Foto von Schukowa, wie sie auf einem Stuhl des norwegischen Künstlers Bjarne Melgaard sitzt. Der Stuhl besteht aus der Figur einer auf dem Rücken liegenden, halb nackten schwarzen Frau. In den USA erschien das Bild am Martin Luther King Day – und löste weltweite Empörung aus. Schukowa entschuldigte sich umgehend und sagte, sie bedaure, Melgaards Werk missverständlich aus dem Kunstkontext gelöst zu haben. Am Ende war nicht klar, ob sie aus Einfalt oder aus Zynismus gehandelt oder im Gegenteil ein treffendes Bild ihrer Wirklichkeit geschaffen hatte, das selbst dazu geeignet gewesen wäre, Kunst zu werden.
Wie die neue «Garage» im Gorki-Park. Ursprünglich öffnete das Bildungs- und Ausstellungszentrum «Garage» 2008 in der ehemaligen Busgarage Bachmetewsky seine Tore, einem Gebäude des konstruktivistischen Architekten Konstantin Melnikow (1890–1974). Die Umnutzung rettete den Bau vor dem Zerfall. Heute beherbergt das Gebäude das «Jüdische Museum und Zentrum für Toleranz», unter anderem finanziert von Wladimir Putin, Wiktor Wekselberg und Roman Abramowitsch. 2012 zog die «Garage» dann in den Gorki-Park: in einen von Säulen umgebenen, angeblich wiederverwertbaren Holzpavillon von Shigeru Ban, dem Architekten des neuen Verlagshauses von Tamedia in Zürich.
Eine Miniatur der «grünen Stadt»
Auch der Maxim-Gorki-Park wurde 1928 nach Plänen Konstantin Melnikows gestaltet, als «Zentraler Park für Kultur und Erholung». Den heutigen Namen erhielt er erst vier Jahre später. Ursprünglich war er Teil eines sehr weitgehenden städtebaulichen Projekts, der sogenannten «grünen Stadt», einer Erholungs- und Freizeitstadt für die Arbeiterschaft. Als Vision bildete die «grüne Stadt» einen Kontrast zur Industrialisierung der Sowjetunion, die durch den Fünfjahresplan von 1929 angestossen wurde. Sie sollte eine frühe Realisierung dessen werden, was die neue Gesellschaft dem neuen Menschen als zukünftiges Leben versprach. Daraus wurde nichts. Der «zentrale Park für Kultur und Erholung» blieb ein Rudiment, eine Miniatur der «grünen Stadt».
Tatsächlich schufen später viele Städte der ehemaligen Sowjetunion solche Kulturparks, von zentraler Stelle verordnet, um die Lebensumstände der Bevölkerung zu verbessern. Die emanzipatorischen Ideen der konstruktivistischen Avantgarde gingen dabei allerdings vergessen. Wie zum Hohn der längst in Ungnade gefallenen Konstruktivisten wurde der Gorki-Park 1955 mit einem monumentalen Eingangstor nach dem Vorbild der antiken griechischen Propyläen und im regressiven Stil der stalinistischen Architektur versehen.
Zu dieser Zeit war der Park zu einer auf Unterhaltung und Konsum ausgelegten Bühne der Massenkultur geworden und damit zum Teil des unterdessen installierten totalitären Herrschaftssystems. Während des Zweiten Weltkriegs hatte man hier deutsches Kriegsgerät als Trophäensammlung präsentiert, in der Nachkriegszeit wandelte sich der über hundert Hektaren grosse Park am Ufer der Moskwa zum beliebten Rummelplatz mit Achterbahnen, einem Riesenrad, Karussellen, Plastikdinosauriern, Buden und einer als Kino genutzten Buran-Raumfähre. Mit den Jahren verlotterten die Anlagen zunehmend, der Park wurde zu einer Gegend, die der amerikanische Autor Martin Cruz Smith in seinem Bestseller «Gorky Park» von 1981 zum Aufenthaltsort von Leichen machen konnte, ohne damit unglaubwürdig zu erscheinen.
Eine «Schule der Zivilgesellschaft»
Nach dem Ende der Sowjetunion fristete die verwelkte Utopie von einst ein Dasein als eine Art stadtlandschaftliche Antiquität. Das änderte sich erst, als der Chef der nationalen Fussballakademie, Sergei Kapkow, Parkdirektor wurde und das Gelände im Sommer 2011 räumen liess, um eine Anlage nach «internationalen Standards» zu schaffen. Kapkow, bis diesen März Vorsteher der Kulturabteilung Moskaus, galt als liberaler Erneuerer des Stadtbilds. Der «Minister für Moskaus Atmosphäre», wie er halb bewundernd, halb spöttisch genannte wurde, gab dem alten sowjetischen Chic der Stadt einen kosmopolitischen Anstrich.
Im entrümpelten Gorki-Park entstanden Freiflächen und Sportanlagen, dazu neue Cafés, Bioimbisse, bei denen man nicht einmal vom Rad steigen muss, um sich zu verpflegen, Plätze, um das Tanzbein zu schwingen oder Yoga zu praktizieren, dazwischen Kunst im öffentlichen Raum, Steckdosen und ein offener Internetzugang, alles zu freiem Eintritt. Aus der fordistischen Unterhaltungsfabrik ist eine neoliberale Selbstaktivierungszone geworden, ein moskauuntypischer Ort der Freundlichkeit für den neuen russischen Mittelstand. Äusserlich unterscheidet sich die Anlage vielleicht gar nicht so sehr von der Idee, mit der der Park vor einem knappen Jahrhundert entworfen worden war – als «Schule der Zivilgesellschaft», wie die aktuelle Parkdirektorin Olga Sacharowa sagt.
Rund 40 000 Menschen halten sich an einem durchschnittlichen Wochentag im Gorki-Park auf, an den Wochenenden soll es eine Viertelmillion sein. Und wer ist für den Umbau aufgekommen? Die Stadt Moskau einerseits. Andererseits: Abramowitsch. Was der Fussballfreund von Sergei Kapkow dafür als Gegenleistung erhielt, ist nicht klar. Die «Garage» ist zwar ein sichtbares Zeichen seines Engagements, aber anders als bei der nach ihrem Stifter benannten Neuen Tretjakow-Galerie gegenüber gibt ihr Name keinen Hinweis auf die sonst nicht eben auf Zurückhaltung bedachten MäzenInnen.
In der Neuen Tretjakow-Galerie ist Kasimir Malewitschs «Schwarzes Quadrat» von 1915 ausgestellt. Nach hundert Jahren ist es zwar nicht mehr schwarz, weil Oberflächenveränderungen Farbschattierungen erzeugt haben. Aber wie da einer aus nichts nichts machte und damit doch das Gegenteil von nichts schuf – dieses Bild ist ein immer noch erschütterndes Werk, eine Referenz für so vieles, was danach kam und scheinbar die Transzendenz aus der Kunst verjagte. So wie Malewitsch das Quadrat bei der ersten Präsentation in die obere Ecke des Ausstellungsraums hängte, genau an die Stelle, an der in einem russischen Haus traditionell die Ikone hing.
Das Schöne und das Geld
Was an die Stelle der einstigen Transzendenz getreten ist, deutet die eben zu Ende gegangene Ausstellung im alten Gebäude der «Garage» an. Sie hiess «Grammar of Freedom» und zeigte politische Kunst aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus Russland und Osteuropa. Die Werke stammen aus der 2000+ Arteast Collection des Museums für moderne Kunst in Ljubljana. Sie sind unter den Bedingungen repressiver Systeme entstanden.
Die von der Ausstellung formulierte «Grammatik der Freiheit» besteht aus fünf Kapiteln: der Körper als Ort und Instrument der Emanzipation, die Selbstorganisation, die Kooperation, die gezielte Missachtung von Gesetzen und Normen sowie die Freude am Widerstand. Das wäre politisches Handeln. Sagt die Kunst.
Der russische Künstler Jury Albert sagt es in einer 1990 entstandenen, in der «Garage» gezeigten Arbeit so: «Ich habe versucht, ein richtiger Künstler zu sein. Aber alles, was ich konnte, war zeitgenössische Kunst. Das ist eine schreckliche Sünde.» Doch warum ist es eine Sünde, wenn zeitgenössische Kunst die Lücke füllt, die die Moderne gerissen hat?
Dass die zeitgenössische Kunst für die säkulare Intelligenzija die Rolle der Religion übernommen hat, ist schon oft bemerkt worden. Genauso vertraut ist der Verdacht, dass die künstlerische Praxis die politische ersetzt haben könnte. Dass die Hoffnung auf Veränderung der Welt dem Vergnügen an den wechselnden Kunststilen gewichen ist. Dass die nächste Revolution wieder nur eine künstlerische, keine gesellschaftliche sein wird. Politische Kunst inszeniert Politik als das grosse Abwesende, das sichtbar Unerreichbare – das künstlerische Konzept ist an die Stelle des politischen Programms getreten. Der Kunstkurator ist zur zynischen Karikatur mutiert, dem historischen Gegenspieler des Agitators.
Ein Vierteljahrhundert Oligarchie hat in Moskau keinen neuen Architekturstil hervorgebracht, die Zeichen der Zeit sind nicht in Fassaden und Ornamenten zu lesen. Sondern in räumlichen und mentalen Konstellationen, im Städtebau und im Rang der zeitgenössischen Kunst – kurz: in der um sich greifenden Ästhetisierung des Lebens. Die «Garage» und der Gorki-Park sind Entwürfe von Dascha Schukowa und Roman Abramowitsch, die ihr Leben der Schönheit und dem Geld verschrieben haben.
Zwar ist die Ästhetisierung des Lebens nicht allein ein russisches Phänomen. Doch eine Ausstellung über politische Kunst in einem von einer Oligarchin betriebenen und von einem Oligarchen bezahlten Museum, in einem von einem Oligarchen bezahlten Haus, in einem von einem Oligarchen bezahlten Park, in der Hauptstadt eines von Oligarchen beherrschten Landes legt den Gedanken nah, das alles könnte nicht ganz ohne Absicht so sein. Eine russische Lektion für alle, die glauben, das System sei deshalb unveränderlich, weil es keine sichtbaren VerursacherInnen hat. Dabei bezahlen diese uns das schöne Leben.