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Werte der Pädagogik im Zeitalter der Aufklärung
Die von Aufklärern wie Comenius, Locke, Kant und Rousseau geprägten Ideale und Werte gehören zum geistigen Fundament der rasanten Entwicklung des Bildungswesens im 18. Jahrhundert. Diese umfassen die Befreiung der menschlichen Vernunft, das in den Mittelpunkt tretende Interesse am Menschen und seiner Natur, den Optimismus in Bezug auf den geistigen und gesellschaftlichen Fortschritt vor allem in den Naturwissenschaften, die Pädagogik der Aufklärung mit der Heranbildung der autonomen Vernunft beim jungen Menschen und die Erziehung und Bildung zum selbstverantwortlichen und sittlichen Individuum und die Freiheit des Individuums. Es sind diejenigen Vorstellungen und «Konzepte», von denen sich das postmoderne Denken abheben will.
Einfluss und Auswirkungen des Postmodernismus auf die Pädagogik
Die Debatte in der Erziehungswissenschaft hat ergeben, dass der Postmodernismus zentrale philosophisch-anthropologische Voraussetzungen pädagogischer Theorie angreift, ja sogar verabschiedet. Deshalb sind die Vertreter der Erziehungswissenschaft zum Schluss gekommen, dass eine Einführung postmoderner Theoreme in die Pädagogik für diese eine bestandeskritische Bedrohung darstellen. Die Pädagogik würde sich damit selbst auflösen.
Mit den Humanwissenschaften wurde auch die Pädagogik abgelehnt. In den 1970er Jahren unternahmen Katharina Rutschky und Alice Miller den Versuch einer sogenannten «psychoanalytischen Deutung» der Pädagogik der Aufklärung, die sie nunmehr als «Schwarze Pädagogik» diffamierten. Freud selber war jedoch kein Gegner der Pädagogik: «Mein persönlicher Anteil an dieser Anwendung der Psychoanalyse ist sehr geringfügig gewesen. (…) Darum verkenne ich aber nicht den hohen sozialen Wert, den die Arbeit meiner pädagogischen Freunde beanspruchen darf.» (Freuds Vorwort in: August Aichhorn: Verwahrloste Jugend).
Alle postmodernden Ansätze setzen an der Frage des Menschenbildes an und verneinen eine menschliche Natur.
Pädagogische Theorie und Menschenbild
Eine zentrale Voraussetzung pädagogischer Theorie und Praxis stellt das jeweils zugrundeliegende Menschenbild dar. Das neue Menschenbild entfaltet sich in Lockes Gedanken über Erziehung, in der Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit durch die Volksschule bei Condorcet, in den Konsequenzen der aufklärerischen philosophisch-anthropologischen Grundannahmen für die Pädagogik und bei Pestalozzi in der Erziehung zur Mitmenschlichkeit, der Hervorhebung der Gefühlsbildung und der Mutter-Kind-Beziehung, der gefühlsmässig verankerten Sittlichkeit sowie in der Bedeutung des Lehrers und Erziehers. Diese Denkannahmen der Aufklärung stehen im Zentrum der Kritik der Theoretiker der Postmoderne, während die meisten Geistes- und Sozialwissenschaftler sich weiterhin in der Moderne verwurzelt sehen und sich positiv auf die Gedanken der Aufklärung beziehen.
Alle postmodernen Ansätze setzen an der Frage des Menschenbildes an und verneinen eine menschliche Natur. Den Menschen im Sinne universeller Konstanten des menschlichen Wesens gebe es nicht. Dem einzelnen Menschen wird eine einheitliche Identität abgesprochen und diese soll aufgelöst werden. Postmoderne Menschen würden in sich selbst von verschiedenen Identitäten durchkreuzt. Eine interne Pluralisierung der Subjekte müsse der externen Pluralisierung der Lebenswelten entsprechen. Mit einer solchen Pluralität umgehen zu können, sei normativ geboten. Hier fordert die Postmoderne explizit Normen, während sie sonst behauptet, dass Vielheit und Heterogenität von Lebensformen „objektiv“ bestimmt und Normen nicht zu legitimieren seien, weil diese nur mittels Herrschaft und Gewalt durchgesetzt werden können.
Die postmoderne Seite behauptet, der Mensch sei kein sich selbst bewusstes und frei entscheidendes Individuum, wie es die Aufklärung fälschlicherweise angenommen habe, sondern er sei ein durch seine kulturellen, sprachlichen und biographischen Strukturen und von inneren Kräften oder Trieben determiniertes Wesen, das keiner Anleitung und Erziehung bedürfe.
Die verschiedenen postmodernen Theorien und Konzepte für eine postmoderne Pädagogik weisen kein einheitliches Menschenbild auf. Die poststrukturalistisch ausgerichteten Theorien zeichnen das Bild des de-zentrierten Subjekts oder der pluralen Identitäten im selben Menschen. Die postmoderne Seite behauptet, der Mensch sei kein sich selbst bewusstes und frei entscheidendes Individuum, wie es die Aufklärung fälschlicherweise angenommen habe, sondern er sei ein durch seine kulturellen, sprachlichen und biographischen Strukturen und von inneren Kräften oder Trieben determiniertes Wesen, das keiner Anleitung und Erziehung bedürfe. Im Widerspruch dazu behauptet die radikal konstruktivistische Sichtweise, das Individuum könne sich frei konstituieren und erfinden. Der Mensch wisse von Geburt an selber, was gut für ihn sei. Er müsse seine auftretenden Bedürfnisse sofort befriedigen können. Für die pädagogische Theorie bedeutet die Uneinheitlichkeit und Widersprüchlichkeit der postmodernen Auffassungen über den Menschen, dass daraus keine einheitliche pädagogische Theorie gewonnen werden kann.
Lehrer-Schüler-Beziehung, Lehrerrolle und pädagogische Ethik
Die Postmoderne zerstört die wichtige Dimension der Lehrer-Schüler-Beziehung mit der Änderung der Lehrerrolle, durch die der Lehrer als Unterrichtender und Erziehender abgeschafft wird. Im postmodernen Verständnis sind Lehrer und Schüler Teilnehmer an einem Prozess, es gebe zwischen ihnen keinen qualitativen Unterschied mehr. Deshalb werden auch die Begriffe „Lehrer“ und „Schüler“ abgeschafft und durch „Lerner“, „Lernende“ und „Lernhelfer“ ersetzt. Beide Seiten seien „Lernende“. Nach Lyotard sollte in der zukünftigen Informationsgesellschaft der Computer den Lehrer weitgehend ersetzen können: Lernende würden sich ihre Informationen aus Datenbanken zusammensuchen. Damit klammert Lyotard den Beziehungsaspekt aus der Schule aus.
Das Wissen, das er weitergebe, bestehe lediglich aus persönlichen Interpretationen und Konstruktionen, denen die Schüler ihre eigenen Interpretationen entgegenhalten könnten.
Der Lehrer habe keine Vorbildfunktion mehr, er sei nur noch „Lernhelfer“. Das Wissen, das er weitergebe, bestehe lediglich aus persönlichen Interpretationen und Konstruktionen, denen die Schüler ihre eigenen Interpretationen entgegenhalten könnten. Der Lehrer wird zu einer mit den Lehrmitteln und den Mitschülern gleichwertigen „Informationsstelle“ abgewertet. Er sei Animator, Begleiter oder Diener der Schüler, indem er ihnen helfe, ihre momentanen Bedürfnisse zu befriedigen.
Er dürfe den Schülern keine Werte vorleben und vermitteln oder diese gar als allgemeingültig darstellen. Dagegen sei es die Aufgabe des Lehrers die durch falsche Erziehung verinnerlichten Werte mittels geeigneter Psychotechniken (Psychodrama, Gestaltpädagogik usw.) aufzulösen und «neue» Werte im Klassenzimmer zu entwickeln. Neben den vom Lehrer geführten gruppendynamischen Experimenten im Klassenverband beschäftigen sich die Schüler „individualisiert“. Von der neuen Lehrergeneration wird eine «Neu-Orientierung» in diese Richtung erwartet.
Die Frage der Erziehung, der Erziehungsziele und der sittlich-moralischen Bildung
Im postmodernen Denken wird die Tradition der Aufklärung und die zentrale Bedeutung der Erziehung in ihr verabschiedet. Die Vorstellung, dass Kinder erzogen werden müssten, sei nur eine «Erzählung» unserer Kultur. Erziehung sei ein historisches und kulturelles Konstrukt, wird behauptet. Da die Vernunft als Wesensmerkmal des Menschen negiert wird, kann auch die personale Autonomie des vernünftigen Subjekts kein Erziehungsziel mehr sein.
Die Erziehung müsse abgeschafft werden, fordert die Antipädagogik. Es gebe keinen Massstab und keine Werte für ein gelingendes Leben, bloss «Selbstorganisationsprozesse». Im Zentrum der antipädagogischen Argumentation steht ein Werterelativismus: Dem Kind dürften keine bestimmten Normen vorgegeben werden. Es gebe keine universellen Wahrheiten und Werte. Man könne im Klassenzimmer zusammen «neue» Werte erfinden und damit «neue Verhaltensweisen» schaffen. Die dazu propagierten psychotechnischen „Spiele“ gehören allerdings in den Bereich der sonst verpönten Erziehung, sie sind sogar eigentliche Umerziehungsmittel. Durch sie soll erklärtermassen die postmoderne Sichtweise ins Fühlen und Denken der betroffenen Kinder und Jugendlichen eingepflanzt werden.
Unterricht und Wissensvermittlung
Indem mit der postmodernen Auffassung die Wissenschaft zu einer Meinung unter anderen relativiert wird, erhält das Wissen einen relativistischen Charakter. Erstens habe das Wissen keinen Bezug zu einer objektiven Realität, bilde keine Wirklichkeit ab, und zweitens sei es in sich selbst flüchtig und lokal. Das jeweilige Wissen sei immer ein subjektives Konstrukt, eine «Erfindung». Die postmoderne «Lernkultur» ist von Ungewissheit geprägt. Das Relative, das Subjektive und das Unfassbare bilden deren Grundmerkmale. «Erfahren» statt kognitives Lernen heisst die Devise.
Während bisher die Sprache und das Wort im Mittelpunkt standen, wird nun das Wort abgewertet und das Bild hervorgehoben.
Methodik und Didaktik
Das «Erfahrungslernen» bedeute methodisch, Begehren und Bedürfnisse zu kultivieren. Es gehe darum, ständig neue «Erfahrungen zu konstruieren» und vom Buchlernen wegzukommen. Während bisher die Sprache und das Wort im Mittelpunkt standen, wird nun das Wort abgewertet und das Bild hervorgehoben. Eine „pikto-ideo-phonographische“ Schrift solle die sprachliche Verfasstheit des Denkens und die „Vorherrschaft“ der Vernunft relativieren. Die postmodernen Lernkulturen sollen als kulturrevolutionäre Instrumente bei der Umwandlung der modernen Kultur in eine postmoderne eine Vorreiterfunktion haben.
Beispiele postmoderner Einflussnahme
Die Postmoderne knüpft an Nietzsches Überlegungen zum Aufkommen des Nihilismus an und radikalisiert sie in vielerlei Hinsicht. Der Nihilismus als der Prozess der Auflösung von fundamentalen und allgemeingültigen Werten prägt mittlerweile unsere Kultur und Gesellschaft. Eine auf der Auflösung von Werten beruhende Haltung hat unweigerlich skrupellose Machtpolitik zur Folge.
Die heutigen Probleme in der Schule wie Wertezerfall, Auflösungserscheinungen, Geschichtsabbau, Kompetenz- statt Wissensorientierung, Jugendgewalt, Political Correctness, Disziplinarprobleme, Verwahrlosung, Drogenkonsum usw. können auch auf die Auswirkungen des postmodernen Denkens zurückgeführt werden. Postmoderne Tendenzen sind nicht nur in Lehrpläne, Lehrmittel und Schulunterricht, sondern auch in die Lehreraus- und -weiterbildung eingeflossen, wie der folgende Erfahrungsbericht zeigt:
«Wir sozialdemokratischen Lehrer lösen uns zunehmend von den Utopien der endsechziger und siebziger Jahre: Vom sozialistischen Gedanken, durch die Schule die Gesellschaft zu ändern, und vom sozialdemokratischen Gedanken, Literatur und Sprachunterricht müsse unmittelbar Lebenshilfe sein, ohne dass wir deswegen zu Jüngern der Philosophie der Postmoderne wurden: Ihre resignative Grundhaltung würde uns arbeitsunfähig machen. Im Übrigen würden wir nie ohne Weiterbildung dem postmodernen «Spiel» mit goldenen Bällen frönen und einen Jargon uns aneignen können, der aus Phrasen der Literaturwissenschaft, Theologie, Philosophie, der Soziologie und der Psychologie und hier vor allem der Psychoanalyse schöpft. Die Postmoderne ist mehr als Nostalgie, vielleicht nur die aktuelle Form von Dekadenz. Was sie genau ist, weiss niemand, das kennzeichnet sie: »Die Postmoderne war die einzige Epoche, über die nie jemand richtig Bescheid wusste«, hiess es zu Recht in einer Ausgabe der taz im Januar 1987.»
Postmodernes Denken und Jugendunruhen
Die Philosophin Jeanne Hersch verortete in ihrem Buch «Antithesen zu den «Thesen zu den Jugendunruhen 1980. Der Feind heisst Nihilismus» die Ursachen der Jugendunruhen in der Verbreitung des Nihilismus bzw. des postmodernen Denkens in der Gesellschaft: «Schuldig sind vor allem jene, die ihre Erziehung und ihre Kultur gemacht haben, jene, die ihnen ein unerträgliches Bild ihrer Gesellschaft, ihres Landes, ihrer Zukunft und sogar von sich selbst zeichnen. Schuldig sind jene, die die Erwachsenenwelt zerstört haben, die die Jugend umgibt. Schuldig sind wir, die “Erwachsenen” von gestern und von heute.»
Ausblick
Wissenschaftliche Studien können den Verlust oder die Veränderung immaterieller Werte im kollektiven Gedächtnis und insbesondere bei denjenigen Intellektuellen, die mit der Postmoderne in Kontakt gekommen sind, nicht messen. Der Verlust immaterieller Werte macht sich jedoch in vielen gesellschaftlichen Bereichen bemerkbar und deren negative Auswirkungen werden beklagt.
Postmodernes Denken knüpft an die pessimistischen Traditionen in der Philosophie an. Vielleicht ist tatsächlich der Zerfall der Werte in unserer Gesellschaft schon so weit vorangeschritten, dass ihre Ethik nur noch aus Worthülsen besteht. Andererseits ist stets das Gegenteil denkbar. Wenn die Inhalte austauschbar und nebensächlich werden, können Beziehungen und Formen an Bedeutung gewinnen.
Quellen:
Renata Rapp Wagner: «Postmodernes Denken und Pädagogik.» Dissertation Universität Zürich, Haupt Verlag Bern 1997, ISBN 3-258-05712-5
https://de.wikipedia.org/wiki/Anything_goes Feyerabend: „Mach, was du willst!“)
https://www.pedocs.de/volltexte/2018/14423/pdf/ZfPaed_1987_1_Oelkers_Die_Wiederkehr_der_Postmoderne.pdf Oelkers: Die Wiederkehr der Postmoderne
https://www.cuncti.net/geschlechterdebatte/593-nihilismus-postmoderne-und-skrupellose-machtpolitik Nihilismus Postmoderne und skrupellose Machtpolitik