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Wolfram Frank, Regisseur des Churer Theaterensembles In Situ, das sich mittlerweile Theater Acéphale nennt, schöpft seine Produktivität aus einem tief sitzenden kulturkritischen Furor. Als Autor spielt er brillant auf mehreren Klaviaturen. So etwa in «Beverin Ménilmontant Seewis» (2008) oder «Das Unfassbare» (2009), in denen er essayistische und erzählerische Sequenzen komponiert.
Im Konkursbuch-Verlag ist nun «Die vierte Erinnerung» erschienen, eine Art Werkbuch mit Notizen und Essays rund um die letzten Jahre von In Situ. Kernstück darin ist Franks szenischer Text «Kein Zug. nirgendwo.», zu dem der Autor dem Ensemble einige Tage vor dessen Uraufführung im August 2010 in einem Brief mitteilte: «Ich meinte also mit diesem Titel, dass wir zum Leben im Provisorium verurteilt, wenn nicht verdammt sind; es wird nie einen Zug geben, der uns zu einem Sinn-Ort bringen könnte.»
Die Lesefassung offenbart die aussergewöhnliche Abgründigkeit und Imaginationskraft, die dieses Stück auszeichnet. Den damit verbundenen radikalen künstlerischen Anspruch formuliert der streitbare Autor im «Manifest In Situ Chur», in dem er auch zu einer Generalkritik am zeitgenössischen Theater ausholt.
Frank, der mittlerweile in Havanna an einem Buch über die kubanische Hauptstadt arbeitet und eine schweizerisch-kubanische Theaterproduktion vorbereitet, versammelt in «Die vierte Erinnerung» weitere Texte zu In-Situ-Inszenierungen zwischen 2007 und 2013, so etwa zu «Der Schacht von Babel» (2009) oder «Ödipus auf Kolonos» (2010), wie auch Überlegungen zur Geschichte der Körperpolitik im christlich geprägten Abendland. Mit dieser setzte sich Frank in der interdisziplinären Installation «Hoc est enim corpus meum» (2011) sowie in der mangels Unterstützung nicht realisierten Schweizer Erstaufführung von Pier Paolo Pasolinis «Orgie» auseinander. Abgeschlossen wird der Band mit kulturpolitischen Aufsätzen – unter anderem zur Bündner Geschichtspolitik.