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Auch von dieser Autorin kannte ich vor der Lektüre nicht einmal den Namen. Dabei war Letitia Elizabeth Landon (1802-1838) offenbar zu ihrer Zeit eine in England recht beachtete Lyrikerin. Hier allerdings ist sie als Erzählerin unterwegs. Und macht ihre Sache so übel nicht.
The Bride of Lindorf erschien 1836 zum ersten Mal. Schauplatz ist für einmal nicht das revolutionäre Paris, sondern der “Wilde Osten”: Wien zu einer undefinierten Zeit, wahrscheinlich bereits das zeitgenössische Wien, die Stadt der Ära Metternich.
Die Story ist im Grunde genommen rasch erzählt: Die junge Pauline von Lindorf ist in ihren Cousin Ernest verliebt. Der allerdings erwidert diese Liebe keineswegs. Er vergräbt sich in seinem Studierzimmer hinter seinen Büchern. Nur das Bild der Beatrice Cenci, das auf den jungen Mann eine nachgerade morbide Faszination ausübt, unterbricht die Reihe der Bücher. Dann kommt der Tag, als Ernest einen geheimen Gang findet, der ihn zu einem versteckten Garten führt. Dort trifft er auf eine junge Frau, die genau so aussieht wie die Frau auf dem Bild der Cenci. Sie gibt an, von ihrem Vater, Ernests Onkel, hierher verbannt worden zu sein aus irgendwelchen nichtigen Gründen. Es kommt, wie es kommen muss: Ernest verliebt sich in die Frau und es folgt eine heimliche Heirat. Noch von der Zeremonie weg wird Ernest ans Totenbett seines Onkels gerufen, kommt aber zu spät. Er findet einen Brief dieses Onkels. Da wir in einer Kurzgeschichte sind, und nicht in einem Roman, liest Ernest den Brief sofort. Er erfährt zu seinem Entsetzen die wahre Geschichte seiner nunmehrigen Gattin. Älteste Tochter des Onkels, sieht sie ihrer Mutter (die auf dem Porträt der Cenci in Wahrheit abgebildet ist) zum Verwechseln ähnlich. Schon früh zeigten sich bei ihr aber Wahnvorstellungen, die den Onkel dazu führten, das junge Mädchen von der Welt abzuschliessen. Sie war nämlich so eifersüchtig auf ihre nachgeborene Schwester (Pauline), dass sie verschiedene Male versuchte, diese zu ermorden. Ernest muss nun mit der Wahnsinnigen zusammenleben. Vorerst geht alles einigermassen gut, bis eines Tages der Wahnsinn wieder durchbricht, und Minna – so heisst die ältere Schwester – Pauline tatsächlich ermordet. Über Jahre bleiben Minna und Ernest noch verheiratet. Der Wahn der Frau wird immer schlimmer, bis sie dann eines Tages dahinstirbt. Ernest geht ins Kloster.
In nuce handelt es sich bei The Bride of Lindorf um den typischen Plot der Mystery- und Schauerromane des 19. Jahrhunderts, wie wir ihn in Reinkultur kennen von Ann Radcliffe oder von Wilkie Collins’ The Woman in White: Familiengeheimnisse, vom Wahnsinn zerrissene Frauen, Mord und Totschlag. Landon entgeht den diesem Plot inhärenten Fallen der Langeweile und / oder der unfreiwilligen Komik zum grössten Teil. Die Kürze der Geschichte macht das. Und das ist auch gut so.
Es handelt sich bei The Bride of Lindorf zugegebenermassen nicht um ein ganz grosses Stück Literatur. Andererseits habe ich – vor allem von englischen Autoren des 19. Jahrhunderts – schon bedeutend Schlechteres gelesen. Landon führt zügig durch die Geschehnisse, bis zum Schlusspunkt des Klostergangs. Der Höhepunkt, der Schwestermord, ist mit Gespür am richtigen Ort eingesetzt, und vermag den Leser selbst dann zu überraschen, wenn er ihn von Anfang an geahnt hat. Mag sein, dass die Geschichte gegen Ende etwas vor sich hin plätschert, aber vor allem der Anfang, die Schilderung eines grossen Balls in Wien, die Schilderung auch von dessen Gastgeberin, ist sehr gelungen. Hier spürt man die Lyrikerin bis hinein in die sorgfältige Wahl der Worte und des Satzrhythmus.