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Wandmalerei aus dem Haus „Zum langen Keller“ in Zürich
Anonym, erstes Viertel 14. Jahrhundert
Freskomalerei auf Kalkverputz, abgenommen und partienweise auf Holzrahmen gespannt, 16 Teile, Masse insgesamt H. 3 m, B. 14,9 m
Schweizerisches Nationalmuseum: Inv. LM 19713.1-16.
Am 23. Dezember 1932 stiessen Maler im Zuge von Rennovationsarbeiten im grossen Saal des Hauses „Zum langen Keller“ in Zürich auf eine Wandmalerei, die die gesamte 15 Meter lange und 3 Meter hohe Westwand bedeckte. Durch Restauratoren der Firma Christian Schmidt und Söhne konnten mehrere Malschichten aus dem 14. bis 17. Jahrhundert freigelegt werden.1 Nur die älteste dieser Schichten, eine profane Freskomalerei aus dem 14. Jahrhundert, wurde 1933 mit der Strappo-Technik abgelöst (Abb.1-2). Bei diesem Bildprogramm handelt es sich um die längste erhaltene Zürcher Wandmalerei aus dem 14. Jahrhundert, die wie Escher bereits 1933 betonte: „[…] sowohl inhaltlich wie formal die Aufmerksamkeit der kunstwissenschaftlichen Forschung beanspruchen darf“.2
Nach dem Ablösen wurde das Wandbild auf Leinwände übertragen und partienweise auf Holzrahmen gespannt. Die 16 Fragmente wurden vom Schweizerischen Nationalmuseum erworben und bereits im Mai 1933 in der Dauerausstellung des Museums präsentiert.3 Heute werden die Fragmente im Sammlungszentrum des Schweizerischen Nationalmuseums aufbewahrt.
Die Wandbilder wurden in Freskotechnik auf feuchtem Kalkverputz ausgeführt, wobei an einigen Stellen auch al secco in den trockenen Verputz gemalt worden ist. Die teilweise nur noch schlecht erhaltene Malerei wurde durch die Restauratoren 1933 stark retuschiert und ergänzt. Die von der Wand abgezogene Kalkverputzschicht ist stellenweise sehr dünn, weshalb sich darin Risse ausgebildet haben und sie sich teilweise vom Trägermaterial löst.
Die Malerei wird horizontal durch drei Linienpaare in vier übereinanderliegende Zonen gegliedert. Davon ausgeschlossen ist ein Bildfeld am linken Rand der Malerei, welches sich über die drei obersten Zonen erstreckt und eine eingerollte Stengelpflanze zeigt, durch deren Spirale ein Böckchen springt (Abb.3).
Ein ca. einen Meter hoher Bilderfries bildet die Hauptzone der Malerei. Durch turmartige Architekturen wird er in vier Bildfelder unterteilt. Im ersten Bildfeld ist links ein Wurstsieder dargestellt. Ohne vertikale Trennung schliesst rechts eine Darstellung der Monate an, die sich aus 12 gerahmten, in zwei übereinanderliegenden Reihen gruppierten Medaillons zusammensetzt, welche die nach den Jahreszeiten wechselnden menschlichen Arbeiten zeigen (Abb.4).
Bei den folgenden Bildfeldern handelt es sich um eine dreiteilige Komposition, welche für die Deutung als Einheit betrachtet werden muss. Die Mitte bildet eine ca. 4,5 m lange Szene, die im Vergleich zum Rest der Wandmalerei eher schlecht erhalten ist (Abb.5). Sie zeigt in regelmässigen Abständen angeordnet acht männliche Figuren, von denen sich sieben aufgrund der Inschriften und Wappen als geistliche und weltliche Kurfürsten identifizieren lassen. Bei der Figur ohne zugehörige Inschrift muss es sich aufgrund der Attribute, dem Reichsapfel und der Lilienkrone, um den Kaiser handeln. Flankiert wird die Darstellung durch mächtige turmartige Wehrbauten und die rechts und links angebrachten Ritterszenen.
In der Ritterszene links ist ein Mann zu erkennen, der in Begleitung eines Kindes einer bewaffneten Ritterschar ein Trinkgefäss anbietet (Abb.6). Der aus der Gruppe hervortretende Ritter streckt dem Mann in abwehrender Geste die Hand mit erhobenem Zeigefinger entgegen und wendet den Kopf von ihm ab.
Die Ritterszene rechts, welche nach 2,20 m in der rechten Raumecke endet, zeigt wiederum eine bewaffnete Rittergruppe und ihnen gegenüber eine männliche Person, diesmal seinen kleineren Begleiter an der Hand führend (Abb.7). Mit der freien Hand weist er auf den Torturm.
Die ca. 1,40 m hohe Sockeldraperie in Form eines gemalten Pelzbehanges bedeckte einst den gesamten unteren Bereich der Malerei zwischen dem Boden und dem Bilderfries. Bei der Abnahme der Malerei blieb nur ein Fragment davon erhalten (Abb. 8).
Oberhalb des Bilderfrieses befindet sich ein Wappenfries mit 36 beschrifteten Wappenschilden von Freiherrengeschlechtern und Königshäusern (je ca. 25 x 25 cm, Abb. 4-7). Im obersten Bereich der Wand wurden die Felder zwischen den Deckenbalken mit Fabeltieren und Steinornamenten ausgemalt (Abb. 9).
Die Aufteilung von Wandmalereien in Deckenfries, Wappenfries, Bilderfries und Sockeldraperie war vor allem in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts ein weit verbreitetes Schema, das auch in Zürich mehrfach belegt ist.4 Heraldische Darstellungen waren in Zürich im 14. Jahrhundert ausserordentlich beliebt. Auch die Sockeldraperie und die Bilder zwischen den Balken sind Motive, die in den meisten Wandmalereien des 14. Jahrhunderts zu finden sind. Grosse Unterschiede bestehen dagegen bezüglich der Inhalte der Bilderfriese der Zürcher Wandmalereien. Der Bilderfries im Haus „Zum langen Keller“ wird durch einen Vorsprung in der Wand in zwei Zonen unterteilt: links die Zone mit der Eichenranke, dem Wurstsieder und den zwölf Medaillons und rechts die Zone mit den beiden Ritterszenen und der Kaiser- und Kurfürstendarstellung.
Bei den 12 Medaillons handelt es sich um sogenannte Monatsbilder. Seit frühchristlicher Zeit sind solche bildlichen Darstellungen der Monate in der kirchlichen Kunst vertreten. Ab dem 14. Jahrhundert wird das Motiv der Monatsdarstellungen vom sakralen in den privaten Bereich übernommen.
Die dreiteilige Komposition im rechten Abschnitt der Wand ist deutlich schwieriger einzuordnen. Die im Zentrum stehende Kaiser- und Kurfürstendarstellung wird als Repräsentation des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gedeutet.5 Eine solche Darstellung würde sehr gut in ein Zürcher Haus des späten 13. bzw. frühen 14. Jahrhunderts passen, da Zürich als zentral gelegene Reichsstadt damals besonderes Gewicht besass und seit Ende des 13. Jahrhunderts sehr gute Beziehungen zum Hause Habsburg pflegte, das damals das Reichsoberhaupt stellte. Der Mann mit seinen Begleitern versucht von beiden Seiten in den befestigten und durch die Rittergruppe geschützten Mittelteil und somit gleichzeitig unter den Schutz des Reiches zu gelangen. K. Escher und K. Frei sehen in der karitativen Tätigkeit der Familie Bilgeri, die vielleicht zurzeit der Ausmalung bereits Besitzer des Hauses Zum langen Keller war, einen möglichen Grund für die Wahl der karitativen Ritterszenen.6
Aufgrund der Tracht, der Darstellungsweise der Monatsbilder und der Auswahl der Adelsgeschlechter im Wappenfries wird das Wandbild ins erste Viertel des 14. Jahrhunderts datiert. K. Escher konnte zudem Bezüge zu den Nachtragsmeistern der Manessischen Liederhandschrift7 herausarbeiten, welche den Maler der Wandgemälde zum langen Keller in den Umkreis der südlichen Bodenseegegend einordnen würde8
Literatur
Escher 1933: K. Escher, Das Wandgemälde aus dem Haus zum Langen Keller in Zürich. Ein Beitrag zur Geschichte der oberrheinischen Malerei, in: Anzeiger für schweizerische Altertumskunde 35 (1933), 178-187.
Jullien 2005: Mirjam Jullien, Christian Schmidt, Dekorationsmaler und Restaurator. Ein Beitrag zur Schweizerischen Restaurationsgeschichte. Diplomarbeit Bern 2005.
Schneider 1989: Jürg E. Schneider, Zürichs Rindermarkt und Neumarkt. Entstehung und Entwicklung eines Quartiers, Zürich 1989.
Wild/Böhmer 1995/1996: Dölf Wild/Roland Böhmer, Die spätmittelalterlichen Wandmalereien im Haus „Zum Brunnenhof“ in Zürich und ihre jüdischen Auftraggeber, in: Zürcher Denkmalpflege, Stadt Zürich, Bericht 1995/1996, 15-33.
Wüthrich 1980: Lucas Wüthrich, Wandgemälde, Von Müstair bis Hodler, Katalog der Sammlung des Schweizerischen Landesmuseums, Zürich 1980.