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In Elif Shafaks Roman Der Geruch des Paradieses sucht Peri, die Hauptfigur, die Einheit hinter den Gegensätzen. Wie sie als Angehörige des islamischen Glaubens Weihnachten begegnet, lesen Sie hier!
Mit viel Trubel rückten die Feiertage näher. Peri, die in Istanbul eher beschauliche Festlichkeiten am Jahresende gewohnt war, nahm die umfangreichen Vorbereitungen zunächst erstaunt, dann amüsiert zur Kenntnis – die mit funkelnden Lichterbögen geschmückten Straßen und mit Waren vollgestopften Läden, die Weihnachtschöre mit ihren im Dunkeln wie Glühwürmchen leuchtenden Laternen.
Ohne die Studenten fehlte Oxford die Seele, und die Weihnachtszeit fühlte sich allein doppelt befremdlich an, selbst für Peri, die normalerweise sehr gut ohne Gesellschaft auskam. Sie aß jeden Tag in einem chinesischen Lokal, in dem nur drei Tische standen. Das Essen war gut, aber von wechselnder Qualität. Vielleicht war der Koch manisch-depressiv, dachte sie, und seine Stimmungsschwankungen wirkten sich auf die Zubereitung aus. Manchmal war ihr nach dem Essen schlecht.
Sie jobbte wieder in der Buchhandlung. Die Besitzer erzählten von den diversen Schaufensterdekorationen, mit denen sie seit Jahren experimentierten, um in der Weihnachtszeit Kunden anzulocken, etwa mit einem Schneemann, der schmökernd in einem Schaukelstuhl saß, oder mit herabhängenden Schnüren, an denen Buchstaben befestigt waren. Diesmal wollten sie etwas völlig anderes.
»Wie wäre es mit einem Weihnachtsbaum voller verbotener Bücher?«, sagte Peri. Analog zum Baum der Erkenntnis mit den verbotenen Früchten sollte dieser mit Büchern geschmückt sein, die irgendwo auf der Welt illegal waren.
Den Besitzern gefiel der Vorschlag. Die Umsetzung überließen sie Peri, die sich mit Feuereifer an die Arbeit machte. Sie stellte in der Mitte des Schaufensters einen silbernen Baum auf und behing ihn mit Büchern – Alice im Wunderland, 1984, Catch-22, Schöne neue Welt, Lady Chatterleys Liebhaber, Lolita, Naked Lunch, Farm der Tiere. Allein die Liste der in der Türkei verbotenen Bücher war so lang, dass der Platz nicht ausreichte. Kafka, Bertolt Brecht, Stefan Zweig und Jack London gesellten sich zu Omar Chayyam, Nâzım Hikmet und Fatima Mernissi. Zum Schluss steckte sie selbst gemachte phosphoreszierende Karten mit der Aufschrift »Verboten«, »Zensiert«, »Verbrannt« zwischen die Zweige.
Während sie den Baum schmückte, dachte sie an eine Vorweihnachtszeit Jahre zuvor – sie musste damals zehn oder elf gewesen sein –, in der ihr Vater Mensur einen Baum aus Plastik gekauft hatte. Keine andere Familie in der Gegend besaß einen Weihnachtsbaum; allerdings hatten viele Geschäfte und Supermärkte welche aufgestellt. Beim Transport von der Haustür zu der ihm zugedachten Zimmerecke verlor der Baum Plastiknadeln, die wie Hänsels Spur aus Brotkrümeln auf dem Boden zurückblieben. Peri und Mensur schmückten ihn trotzdem, wie es sich gehörte, und behängten ihn mit Lametta in Silber, Gold und Blau. Als alles verteilt war, bastelten sie sogar eigene Anhänger: lackierte Walnüsse, mit Farbe besprühte Pinienzapfen, Kronkorken und Korktiere. Obwohl der Baum billig wirkte und nichts zusammenpasste, fanden sie ihn toll.
Als ihre streng gläubige Mutter Selma vom Einkaufen zurückkam, verzog sie das Gesicht.
»Wozu brauchen wir dieses Ding?«
»Ein neues Jahr beginnt«, erklärte Mensur für den unwahrscheinlichen Fall, dass ihr das entgangen war.
»Der Baum ist ein Weihnachtsbrauch.«
»Dürfen wir uns nicht die kleinste Freude gönnen?«
Mensur verdrehte die Augen. »Glaubst du, er liebt mich nicht mehr, wenn ich ein bisschen Spaß habe?«
»Warum sollte dich Allah lieben, wenn du nicht das Geringste tust, um seine Zuneigung zu gewinnen?«, entgegnete Selma.
Da Peri spürte, dass ihr Vater den kontroversen Nadelbaum gekauft hatte, weil er seiner Tochter eine Freude machen wollte, fühlte sie sich für die Spannungen zwischen ihren Eltern verantwortlich und glaubte die Sache in Ordnung bringen zu müssen. Am Abend wartete sie, bis alle schlafen gegangen waren, und blieb bis in die frühen Morgenstunden auf, um ihren Plan in die Tat umzusetzen.
Als die Nalbantoglus am nächsten Morgen das Wohnzimmer betraten, fanden sie einen sehr merkwürdig geschmückten Baum vor, an dessen Ästen Selmas geliebte Gebetsketten, ihre Porzellankatzen und seidenen Kopftücher prangten, letztere in schmale Stoff streifen gerissen. An der Spitze war eine kleine Moschee aus Messing befestigt und daneben, geschickt auf den obersten Zweigen balancierend, ein Buch – die Sammlung der Hadithe.
»Siehst du, jetzt ist er nicht mehr christlich!«, verkündete Peri strahlend.
Die Welt schien stillzustehen, während sie auf die Reaktion ihrer Mutter wartete. Selma starrte mit offenem Mund und fassungslosem Entsetzen auf den Baum und wollte offenbar gerade etwas sagen, als Mensur, der hinter seiner Frau und seiner Tochter stand, mit zuckenden Schultern zu kichern begann. Selmas Miene verdüsterte sich angesichts der Belustigung ihres Mannes, und sie verließ den Raum.
Bis heute wusste Peri nicht, was ihre Mutter damals sagen wollte und was sie wirklich von dem islamisch-christlichen Weihnachtsbaum gehalten hatte.