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Beobachter: Herr Streffer, Sie haben beim Festlegen der international gültigen Grenzwerte für Radioaktivität mitgearbeitet. Warum wissen Sie, dass sie nicht zu hoch oder zu tief sind?
Christian Streffer: Weil sie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Sie werden jährlich von einem Uno-Ausschuss zusammengetragen. Auf dieser Basis gibt die Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP) Empfehlungen für Grenzwerte ab, die weltweit zur Anwendung gelangen.
Beobachter: In Tschernobyl sind 56 Personen an direkter Strahlenbelastung gestorben. Hinzu kommen weitere Todesfälle und Erkrankungen, die zwischen 4000 (WHO) und mehreren hunderttausend (Umweltorganisationen) geschätzt werden. Wieso diese Unterschiede?
Streffer: Je mehr Zeit bis zur Erkrankung vergeht, desto schwieriger ist ein Zusammenhang mit der Bestrahlung nachzuweisen. Bis heute ist es nicht möglich, einen strahlenbedingten Krebs von einem anderen Krebs zu unterscheiden. Wissenschaftlich gesichert ist die Erhöhung von Schilddrüsenkrebs bei Kindern in Tschernobyl. Auch bei den sogenannten Liquidatoren, die direkt beim strahlenden Reaktor mit Aufräumarbeiten beschäftigt waren, sind vermehrte Krebserkrankungen nachweisbar. Diese sind aber auch Alkohol und Tabak besonders zugeneigt. Insgesamt sind wohl einige tausend Menschen an den Folgen von Tschernobyl gestorben.
Beobachter: Das klingt aber doch eher nach Spekulation.
Streffer: Nein. Wenn man bestrahlte Menschen mit Kontrollgruppen von Nichtbestrahlten vergleicht, kann man sogenannte Assoziationen zwischen Bestrahlung und Erkrankung feststellen. Ein Beispiel: Immer mehr Menschen überleben Krebserkrankungen dank besseren Therapien. Einige erkranken aber Jahrzehnte später wieder an Krebs. Wenn man jetzt Patienten, deren erster Krebs bestrahlt wurde, mit Patienten ohne Bestrahlung vergleicht, erhält man Hinweise auf die Langzeitwirkung der Strahlung. Je grösser die Gruppen, desto aussagekräftiger ist das.
Beobachter: Und was sind die Ergebnisse?
Streffer: Ab 100 bis 200 Millisievert besteht ein signifikant erhöhtes Krebsrisiko. Für die Grenzwerte haben wir zusätzlich Sicherheitsmargen angesetzt. Die Empfehlungen der ICRP liegen bei 1 Millisievert pro Jahr für die normale Bevölkerung und bei 20 für beruflich strahlenexponierte Personen.
Beobachter: Wieso sollen Profis mehr vertragen? Das sind ja auch nur Menschen.
Streffer: Sie können mit Dosimetern ständig messen, wie stark sie exponiert sind. Zudem ist der Grenzwert für die Normalbevölkerung tiefer, weil er auch für Kleinkinder gelten muss, die strahlenempfindlicher sind.
Beobachter: Den Arbeitern in Fukushima wird eine Maximaldosis von 250 Millisievert pro Jahr zugemutet. Das liegt deutlich über dem Grenzwert.
Streffer: Wie gesagt, hier muss deutlich erhöht mit Krebserkrankungen gerechnet werden. Noch bedenklicher ist, dass Arbeiter von radioaktivem Wasser belastet worden sind, das ihnen in die Schuhe lief. Solche Arbeiten müssen standardmässig mit Anzügen durchgeführt werden, die das verhindern. Die gibt es auch in Japan.
Beobachter: In Europa ist eine sehr gering erhöhte Strahlung gemessen worden. Sind wir in Gefahr?
Streffer: Nein, für uns besteht sicher kein Gesundheitsrisiko.
Beobachter: Was sind die ersten Lehren aus Fukushima?
Streffer: Wenn lange keine Unfälle passieren, nimmt man es mit Kontrollen offenbar zu locker. Offenbar sind Wartungsarbeiten nicht korrekt durchgeführt worden. Dabei gelten die Japaner als besonders diszipliniert. Das ist nicht überall so, wo Kernkraftwerke stehen. Rein sicherheitstechnisch ist es zudem gefährlich, Abklingbecken und Zwischenlager relativ ungeschützt in unmittelbarer Nähe von Reaktoren zu bauen. Das ist ein weltweites Problem. Hier müssen auch Umweltschützer umdenken, die sich bisher wegen der Transportrisiken gegen die Trennung ausgesprochen haben.