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Selbst einem Profi kann eine Rezension mal aus dem Ruder laufen. Ein Beispiel ist der vorliegende Text: Eigentlich wollte und sollte Jacobi nur für eine Zeitschrift des Verlegers Perthes eine Rezension schreiben zum gerade erschienenen Band VI seiner Gesammelten Werke, die Mathias Claudius veranstaltete. Doch Jacobi kam vom Hundertsten ins Tausendste und schrieb schließlich einen längeren Aufsatz zum Thema Von den göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung, der dann auch als separates Büchlein veröffentlicht wurde. Für diese Publikation fügte Jacobi der ehemaligen Rezension einen auch schon anderswo erschienenen Text mit dem Titel Ueber eine Weissagung Lichtenbergs als Einleitung hinzu. Diese beiden Texte, zusammen erschienen 1811, eine Vorrede zu Band III der Werke von 1816, ein Vorbericht zur zweiten Ausgabe (ebenfalls 1816 – Jacobis Werkausgabe scheint sich gut verkauft zu haben) und als Abschluss noch ein Entwurf zu dieser Vorrede von 1814/1815 bilden nun Band 3 der kritischen Werkausgabe, die Ende 20., Anfang 21. Jahrhundert bei Meiner und Fromman-Holzboog erschienen ist.
Die Ausgangspunkte von Jacobis Aufsatz sind also Lichtenberg und Mathias Claudius – das Ziel einmal mehr der transzendentale Idealismus bzw. dessen (vermeintlicher oder echter) Atheismus. Einmal mehr stellt Jacobi diesem Atheismus oder Nihilismus eine (seine!) unmittelbare Erfahrung Gottes gegenüber. Sein Vorgehen kann dabei nirgends besser illustriert werden, als gleich mit dem Anfang von Ueber eine Weissagung Lichtenbergs. Er zitiert aus den nachgelassenen Schriften Lichtenbergs folgenden Satz:
Unsere Welt wird noch so fein werden, daß es eben so lächerlich seyn wird, einen Gott zu glauben, als heutzutage Gespenster.
Jacobi vollendet Lichtenbergs Weissagung, indem er von einer Zukunft fabelt (sein eigener Ausdruck), in der die Menschheit noch verfeinerter sein wird, und nur noch Gespenster glauben. Er schließt mit der seiner Meinung nach apokalyptischen Vision:
Wir selbst werden sein wie Gott. Wir werden wissen: Seyn und Wesen überall, ist und kann nur sein – Gespenst. […] Denn jetzt hat die Vernunft ihr Werk an sich vollendet; die Menschheit ist am Ziele; Einerley Krone schmücket jedes Mitverklärten Haupt.
Dieser seiner Horrorvision setzt er einen naiven Glauben an die Existenz Gottes entgegen, wie er ihn bei seinem Kronzeugen Mathias Claudius findet, wie ihn seine Eidgehilfen Hamann, Herder und Lavater seiner Meinung nach vertreten. Er greift zurück auf die Stoa (Epiktet und Cicero) und Mark Aurel, wie es so mancher Theologe vor ihm getan hat, nach ihm tun wird. Er findet diese seine Ansicht sogar bei Kant – nämlich in dessen Kritik der Urteilskraft, wo der Königsberger Philosoph auch einen gefühlten, bzw. zu erfühlenden Gott propagiert habe.
Jacobi kann offenbar nur im Streit, also im Dialog, philosophieren. Entweder er formuliert seine Texte bereits als Dialog oder er verfasst sie, wie im vorliegenden Fall, als eine Art offenen Brief an einen Freund oder Gegner. Hier ist Asmus der Angesprochene. Oft – hier allerdings nicht – baut er auch gleich die Reaktionen seiner Gegner ein.
Leider merkt man es dem Text an, dass es eine aus dem Ruder gelaufene Rezension ist. Jacobi mäandert gewaltig und seine Schlüsse sind alles andere als zwingend – weil sie sich letztendlich immer auf das Gefühl berufen. Jacobis Meinung nach macht sie diese Berufung unbezwingbar und ihn zum Sieger in diesem Streit. Was aber, wenn wer anders fühlt? Jacobi vertritt offenbar die Ansicht, dass ein unverstelltes Gemüt, der gesunde Menschenverstand sozusagen, nicht anders kann, als ein Gefühl für ein höheres Wesen zu entwickeln. (Was ihm dann auch Beweis genug ist für eine Existenz Gottes und für die Korrektheit seines Schlusses.) Alles andere sind gewissermaßen geistig-philosophische Perversionen.
Auch diese Schrift hat seinerzeit bei den Vertretern des deutschen Idealismus, bei den Fichteanern vor allem, für Furore gesorgt. Heute verstehen wir diesen Sturm im Wasserglas nicht mehr.
Friedrich Heinrich Jacobi: Schriften zum Streit um die göttlichen Dinge und ihre Offenbarung. Herausgegeben von Walter Jaeschke. (= ders.: Werke. Gesamtausgabe . Herausgegeben von Klaus Hammacher und Walter Jaeschke, Band 3). Hamburg: Meiner / Stuttgart-Bad Cannstadt: frommann-holzboog, 2000

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