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Siedlungen im Furkagebiet
Rainer Humbel, Baar ABGRENZUNG
Unter den Siedlungen des Furkagebiets will ich diejenigen Ortschaften verstehen, die vollständig oder mindestens teilweise von der Furka als Passstrasse beherrscht werden. Grenzdörfer sind demnach jene, die beidseits der Passhöhe an einer Hauptstrassenverzweigung liegen, also im Osten Hospental an der Verzweigung der Gotthardstrasse und im Westen Gletsch, von wo die Grimselstrasse abbiegt. Die eigentlichen Furkadörfer Realp, Zumdorf ( heute zwar ausgestorben ) und Tiefenbach liegen dazwischen. Es fällt auf, dass vier der fünf zu besprechenden Siedlungen im Urserental liegen.
GESCHICHTE Das älteste Zeugnis menschlichen Lebens im Furkagebiet bildet eine etwa 3000jährige Pfeilspitze, die oberhalb Hospental gefunden wurde. Damit ist belegt, dass dieses Tal schon lange vor Christi Geburt zumindest zeitweilig bewohnt war, und durch Münzfunde wissen wir auch, dass das Urserental in römischer Zeit durchaus bekannt und begangen war. Es gilt als sicher, dass die Römer nicht nur den Oberalp- und Gotthardpass, sondern auch den Furkapass kannten und benützten. Allerdings scheinen der Bäzberg und die Schöllenenschlucht für sie ein unbezwingbares Hindernis gewesen zu sein.
In die spätere Römerzeit fällt wohl die Errichtung eines Hospizes in Hospental, dessen Name sich unzweifelhaft vom lateinischen « hospitium » ableitet. Das muss als Gründung der heutigen Siedlung angesehen werden, die aber erst im Jahr 1285 unter ihrem jetzigen Namen urkundlich erwähnt wurde.
In der nachrömischen Zeit findet die eigentliche Besiedlung des Furkagebiets statt. Die ersten Einwanderer waren Rätoromanen aus dem Vorderrheintal, vielleicht auch noch Tessiner aus der Leventina; ihnen folgten die Walser, die rasch die Germanisierung des Tales bewirkten. Immer noch war aber Urseren praktisch ausschliesslich ost-west-orientiert, was sich auch politisch manifestierte: Seit dem 9.Jahrhundert hatte nämlich das Kloster Disentis die Oberhoheit. Zum nördlichen Nachbar Uri bestanden damals nur lose Verbindungen, dagegen aber rege Handelsbeziehungen über den Gotthard mit dem Tessin und den lombardischen Märkten.
Diese Situation änderte sich natürlich grundlegend mit der Gangbarmachung der Schöllenenschlucht zu Beginn des 13.Jahrhunderts. Mit der wachsenden Annäherung gegen Norden, d.h. an Uri, ging die Entfremdung gegen Osten ( Disentis ) einher. So kam die Talschaft als Reichslehen zu den Grafen von Rapperswil, später in die Hände der Habsburger und 1317 an die gebürtige Urschner Familie von Moose. Um 1410 wurde ein « ewiges Landrecht » mit Uri abgeschlossen, wodurch sich die Ursener praktisch unter die Oberhoheit der Urner stellen. Dadurch konnten sie aber innenpolitisch einen Grossteil ihrer Souveränität bewahren.
Im Zeitalter des Barock ereigneten sich zwei der schwersten Katastrophen in der Geschichte Urserens: Am 25.September 1669 brannte ganz Hospental bis auf ein einziges Haus während eines Föhnsturms nieder. Im Jahr 1733 wurde fast ganz Realp von Lawinen verschüttet. Zwei Jahre später übernachtete Goethe mit dem Herzog von Sachsen-Weimar anlässlich ihrer Reise vom Wallis nach Uri im wiederaufgebauten Dorf.
Zu Beginn der Franzosenzeit musste die ganze Region eine Reihe von Invasionen erdulden: Franzosen, Österreicher, nochmals Franzosen und zu guter Letzt noch die Russen unter General Suworow. Zurück blieb ein ausgeplündertes und völlig verwüstetes Land. In der Helvetik bildete Urseren zusammen mit Göschenen und Wassen den einen Distrikt des « Canton Waldstätten ». Ab 1803 wurde ein « Canton d' Uri » geschaffen, allerdings in die zwei Bezirke Uri und Urseren geteilt. In diese Zeit fiel auch der erneute Ausbau der Gotthardstrasse. 1848 wurde Realp zum zweitenmal grösstenteils zerstört, diesmal durch eine Feuersbrunst. In der ersten Urner Kantonsverfassung von 1850 bildete die Talschaft Urseren eine einzige Gemeinde, deren Gebiet mit dem der heutigen Korporation Urseren identisch war, die sich aus jener Zeit auch noch eine gewisse politische Bedeutung bewahren konnte.
1864-66 erbauten Uri und Wallis zusammen mit Bundeshilfe die neue Furkastrasse. In der zweiten und noch heutigen Kantonsverfassung von 1888 wird Urseren in drei Gemeinden eingeteilt: Andermatt, Hospental und Realp.
Der Bau der Gotthardbahn 1882 wirkte sich wirtschaftlich verheerend auf die Talschaft aus, doch schaffte hier die Furka-Oberalp-Bahn einen kleinen Ausgleich. Ihre Linie Brig—Gletsch konnte im Sommer 1914 eröffnet werden. In unserem Jahrhundert vermochten Militär und Tourismus mehr und mehr die fehlenden Einnahmen aus dem Gotthard-Verkehr zu ersetzen. Aber erneut droht den Ursener Gemeinden ein wirtschaftlicher Rückschlag: die Eröffnung des Auto-bahn-Basistunnels von Göschenen nach Airolo.
BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG 1850 1900 1950 i960 I97O Hospental 424 290 282 289 285 Realp 203 208 186 268 205 Die durch die Gotthardbahn ausgelöste Wirtschaftskrise traf Hospental, das am stärksten auf den Passverkehr ausgerichtet war, am härtesten. Die Bevölkerung nahm sprunghaft ab und hat sich bis heute nicht mehr erhöht.
Die Einwohnerzahl des etwas abgelegenen Realp stagnierte in den letzten 120 Jahren. Das Maximum von 1960 ist auf kurzfristig ansässige Bauarbeiter zurückzuführen.
HOSPENTAL, I 460 METER Ü. M.
Hospental wird heute als älteste Ursener Siedlung angesehen, was wohl nicht zuletzt auf seine günstige Lage inmitten des Pässekreuzes zurückzuführen ist. In seiner Anlage ist es ein typisch langgezogenes Strassendorf, das durch die tief eingeschnittene Gotthardreuss zweigeteilt ist. Der östliche Dorfteil ist nicht völlig lawinensicher und musste deshalb durch Aufforstungen und Stütz-verbauungen geschützt werden. Das eigentliche Dorfbild wird hauptsächlich von Wohnhäusern und den etwa zehn Hotel- und Gastwirtschaftsbetrieben beherrscht, die vom Durchgangsverkehr über den Gotthard und die Furka sowie von der Nähe des Wintersportortes und Armeewaffen-platzes Andermatt profitieren. Unter ihnen befinden sich auch das Gasthaus St. Gotthard aus dem Jahr 1703 und das älteste Wohnhaus des Dorfes, ein Steinhaus am Dorfplatz, von 1591. Das Dorf wird, überragt und dominiert vom alten Wohnturm, dessen Ursprung unklar ist. Jedenfalls diente er zeitweilig als kantonale Zollstätte und später als Unterkunft für Reisende. Nach einigen Autoren soll es sich bei diesem Wahrzeichen Hospentals um den letzten Überrest der Stammburg der Edlen von Ospental handeln, die ihre grösste geschichtliche Bedeutung Ende des 13.Jahrhunderts hatten und deren Nachkommen heute noch in Arth leben sollen. Die letzten Ringmauern dieses Turms sind 1710 zum Bau des Glockenturms der mit kostbaren Stukkaturen versehenen, 1705—11 erbauten Pfarrkirche verwendet worden. Acht Jahre später wurde an der Vereinigung der Gotthard- und der Furkastrasse eine zweite Kirche mit einigen Nebengebäuden errichtet: die Kaplanei St.Karl. Beide Kirchen sind Werke des Baumeisters Bartholomäus Schmid.
REALP, I538 METER Ü.M.
Im Gegensatz zu Hospental ist Realp mehr als Haufen-, denn als Strassendorf zu bezeichnen. Das liegt hauptsächlich an der stark lawinengefährdeten Lage des Dorfes. Nur ein relativ kleines Gebiet kann für Bauten verwendet werden^ und auch dies nur wegen der umfangreichen Stützver-bauungen und Dämme. Der gesamte nördliche Dorfteil ist nach der Brandkatastrophe von 1848 modern und planmässig wiederaufgebaut worden, nur südlich der Kirche sind noch einige wenige alte Wohnhäuser erhalten geblieben. Da für den Wiederaufbau nur bescheidene Mittel zur Verfügung standen, waren jeweils mehrere Familien gezwungen, zusammen ein Mehrfamilienhaus zu erstellen. So wird die Furkastrasse im Norden von Realp von einer Reihe « Mietskasernen » gesäumt, hinter der zwei Zeilen von Stallscheunen folgen. Auf der südlichen Strassenseite ist die Verteilung der Bauten weniger regelmässig, doch sind auch hier neben den Wohnhäusern einige Stallscheunen vorhanden. Daraus ist ohne weiteres ersichtlich, dass das Dorfbild von Realp zu einem beachtlichen Teil auch von Wirtschaftsbauten geprägt wird, liegt doch hier das Verhältnis Wohngebäude: Wirtschaftsgebäude etwa bei 1:1, im Gegensatz dazu in Hospental bei q.: i. Ausserhalb des geschlossenen Dorfes, im lawinengefährdeten Gebiet im Norden, finden wir zudem noch einige Schweineställe, die möglichst in den Hang hinein gebaut sind, damit sie Lawinen ohne Schaden überstehen können. Im Südosten, an der Furka-Oberalp-Bahnlinie, hat sich in jüngster Zeit eine Gebäudegruppe gebildet, die vorwiegend aus Garagen und Maschinenschuppen besteht. Noch relativ jung ist die Realper Pfarrkirche, die 1881 erbaute Heiligkreuzkirche.
NICHT GANZJÄHRIG BEWOHNTE SIEDLUNGEN, I4g6 Meter ü.M.
Etwa in der Mitte zwischen Hospental und Realp gelegen, war Zumdorf lange Zeit das kleinste Dörfchen im Kanton Uri. 1799 zählte man hier noch neun Haushaltungen mit insgesamt 48 Personen. 1881 wurde Zumdorf nach der Auswanderung fast aller Einwohner Hospental angegliedert. Der Bevölkerungsschwund dürfte verschiedene Gründe gehabt haben: 1. immerwährende Lawinenbedrohung ( noch 1850 erlitt Zumdorf schwerste Schäden ) und 2. Bau der Gotthardbahn. Heute besteht das Dörfchen aus vier Stallscheunen, einem Ferienhaus, einem leerstehenden, baufälligen Mehrfamilienhaus und der 1971 restaurierten St. Niklauskapelle, die 1727 geweiht wurde. Sie birgt ein originelles Altärchen von 1728, ein Werk des Bildhauers Jodok Ritz, und hat einen weit älteren Türsturz, der die Jahrzahl 1591 trägt.
Tiefenbach, 2106 Meter ü. M.
Das nur im Sommer bewohnte Tiefenbach besteht aus einem Kapellchen, einem Hotel, einem Wohnhaus und einigen Wirtschaftsgebäuden. Es liegt auf halber Strecke zwischen Realp und der Furkapasshöhe. Wirtschaftlich lebt dieses Dörf- chen einerseits von den Furka-Touristen, anderseits von der Alpwirtschaft.
Gletsch, 1761 Meter ü. M.
Die Hauptbedeutung von Gletsch ist die eines alpinen Sommer-Touristenortes. Da über zwei Drittel dieses obersten Stücks des Rhonetals zwischen Gletsch und der Furkapasshöhe unproduktiv sind - sie bestehen grösstenteils aus Moränenschutt und Gletscherbachablagerungen -, wird die Gegend um Gletsch nicht landwirtschaftlich genutzt.
1838 wurde hier das erste Gebäude, eine Herberge in der Nähe der Rhodan- oder Roddan-Thermalquelle errichtet. Natürlich musste sie längst einem grossen Gasthaus weichen. Heute hat Gletsch auch als Verkehrsknotenpunkt eine beachtliche Bedeutung, treffen doch hier die Grimsel- und Furka-Postautolinien und die Fur-ka-Oberalp-Bahn zusammen.
Literatur 1. Geographisches Lexikon der Schweiz Verlag Gebrüder Attinger, Neuenburg um 1900 2. Furkastrasse, Andermatl-Gletsch Schweizerische Alpenposten, PTT Bern 1951 3. Alex Christen: Urseren Schweizer Heimatbücher, Verlag Paul Haupt, Bern i960 4. Hans Ulrich Kägi: Die traditionelle Kulturlandschaft im Urserental, Beitrag zur alpinen Kulturgeographie Dissertation Phil. Fak. II, Universität Zürich 1973 ( mit ausführlichem weiterführendem Literaturverzeichnis )