Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03393.jsonl.gz/2578

Die Position einer Volkswirtschaft im Konjunkturzyklus zu bestimmen, ist wirtschaftspolitisch von grosser Bedeutung. Häufig wird diese Lagebestimmung über die Produktionslücke vorgenommen. Damit wird die Differenz zwischen der Gesamtproduktion und dem Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft bezeichnet. Das Produktionspotenzial ist ein Mass für die gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten und bezieht Wachstumsfaktoren, wie etwa die Bevölkerungsentwicklung einschliesslich der Arbeitskräftemigration, weitgehend ein. Kurzfristig fluktuiert die gesamtwirtschaftliche Produktion um das Produktionspotenzial, weil Schocks die Wirtschaft zu zyklischen Reaktionen antreiben. Anhand der Produktionslücke kann man beispielsweise den Inflationsdruck (Phillips-Kurven-Zusammenhang) oder Signale für den Arbeitsmarkt (Okuns-Law) erkennen.
Allerdings ist das Produktionspotenzial nicht direkt beobachtbar. Daher sind verschiedene Schätzansätze entwickelt worden, um das Potenzial und daraus abgeleitet die Produktionslücke zu schätzen. Alle diese Schätzmethoden haben ihre spezifischen Vor- und Nachteile. Die meisten von ihnen verwenden statistische Glättungsmethoden, die den Konjunkturzyklus sozusagen aus den Daten herausglätten, um eine Schätzung des Produktionspotenzials zu erhalten. Ein kritischer Punkt ist oft die fehlende Stabilität der Schätzungen am aktuellen Rand, wodurch grosse Revisionen in daraus abgeleiteten Schätzungen für die Produktionslücke entstehen. Dies zeigte sich beispielsweise während der Finanzkrise (siehe Abbildung 1): In der ersten Schätzung für das 2. Quartal 2008 war die Produktionslücke noch so gut wie geschlossen. Spätere Schätzungen ergaben dann jedoch eine positive Lücke von etwa 3 Prozent. Somit bewegen sich diese Revisionen in einem ähnlichen Rahmen wie die Entwicklung der Produktionslücke selbst.
Abb. 1: Vierteljährliche Schätzung der Produktionslücke während der Finanzkrise
Anmerkung: Mithilfe des Hodrick-Prescott-Filters wurden ab dem zweiten Quartal 2007 vierteljährlich Produktionslücken geschätzt. Diese Analyse wurde in Echtzeit durchgeführt. Auch Revisionen im BIP tragen zur Instabilität bei. Die Endpunktinstabilität ist jedoch der bei Weitem dominierende Faktor.
Um solche Revisionen zu verhindern, kommen Konjunkturumfragen zum Einsatz. Sie zielen direkt auf die Konjunktur ab, ihre Resultate stehen relativ schnell zur Verfügung und unterliegen keinen derartigen Anpassungen. Damit bieten sie sich gerade für eine Abschätzung der Situation am aktuellen Rand an. Da die Konjunkturumfragen internationalen Standards folgen, sind zudem Ländervergleiche möglich.
Konjunkturumfragen bei Unternehmen beinhalten oftmals Fragen zur Kapazitätsauslastung. Dabei zielen sie in der Regel auf die Auslastung der vorhandenen Produktionskapazitäten des jeweiligen Unternehmens. Die Konzepte «Produktionslücke» und «Kapazitätsauslastung» hängen eng zusammen. In einer Aufschwungphase ist die Wachstumsrate der gesamtwirtschaftlichen Produktion höher als das sogenannte Potenzialwachstum der Wirtschaft. In dieser Phase steigt auch die Kapazitätsauslastung. Dagegen liegt die Wachstumsrate in einer Abschwungphase unter der Potenzialrate, und die Kapazitätsauslastung sinkt. Damit lässt sich mit den Ergebnissen der Umfragen bereits die Produktionslücke einschätzen, ohne dass erst ein Produktionspotenzial ökonometrisch geschätzt werden muss.
Einschätzung der Firmen
Zur Messung der Kapazitätsauslastung können die KOF-Konjunkturumfragen für die Schweiz, die je nach Wirtschaftsbereich vier oder zwölf Mal pro Jahr bei mehr als 8000 Unternehmen durchgeführt werden, dienen. Die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes, des Baugewerbes und verschiedener Dienstleistungsbereiche werden dabei nach dem Auslastungsgrad ihrer vorhandenen Kapazitäten gefragt. Die Unternehmen antworten mit einer Prozentangabe. Oft handelt es sich jedoch um eine Einschätzung der Firmen, ohne dass eine exakte Kalkulation hinter der Zahl liegt. Dennoch erlauben die resultierenden Zeitreihen eine Einschätzung zur Stärke der konjunkturellen Schwankung und damit der Produktionslücke. So war der Einbruch in der Industrie in der Finanzkrise beispielsweise stark ausgeprägt und konnte zumindest teilweise durch eine verhältnismässig stabile Entwicklung im Bau gelindert werden.
Um die Vergleichbarkeit mit umliegenden EU-Staaten zu gewährleisten, berechnet die KOF Konjunkturforschungsstelle die Produktionslücke gemäss der Methode der EU-Kommission[1], welche ebenfalls auf Konjunkturumfragen zurückgreift. Dabei wird mithilfe einer Produktionsfunktion das Produktionspotenzial in drei Komponenten zerlegt: das potenzielle Arbeitsvolumen, den nicht finanziellen Kapitalstock und den Trend der Totalen Faktorproduktivität (TFP). Die TFP stellt den Teil des Bruttoinlandprodukts (BIP) dar, der nicht durch den mengenmässigen Einsatz der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital erklärt werden kann, und bildet dabei sowohl die Nutzungseffizienz als auch die Auslastung der Produktionsfaktoren ab. Die Konjunkturumfragen werden benutzt, um den TFP-Trend zu bestimmen. Dafür wird aus den Umfragen der sogenannte Capacity-Utilization-Business-Sentiment-Indikator (CUBS-Indikator) gewonnen, welcher die Auslastung in verschiedenen Branchen abbildet.
Aufschlüsselung nach Branchen
Gemäss EU-Methode fliessen Auslastungsindikatoren zur Industrie, den Dienstleistungen und dem Bau in die Berechnung des CUBS-Indikators ein. Für die Industrie wird auf die quantitative Frage zur Kapazitätsauslastung zurückgegriffen. Um die Auslastung der Dienstleistungsbranchen sowie des Bausektors zu quantifizieren, werden die branchenspezifischen Economic Sentiment Indicators (ESI) herangezogen. In diesen Sektoren werden nicht direkt Ergebnisse zur Kapazitätsauslastung verwendet, weil im Baubereich diese Frage innerhalb der EU nicht obligatorisch und damit nicht für alle Länder verfügbar ist. Im Dienstleistungsbereich wiederum haben die Zeitreihen eine recht kurze Historie. Dort setzt sich der ESI aus der Einschätzung über die Geschäftslage und der vergangenen und erwarteten Nachfrageentwicklung zusammen. Im Bausektor spiegelt er die momentane Entwicklung der Auftragsbücher und die Beschäftigungserwartungen über die nächsten drei Monate. Beide ESI-Indikatoren geben jeweils den mittleren Saldo zwischen positiven und negativen Antworten der befragten Unternehmen wieder.
In konjunkturellen Schwächephasen liegen die aus den Umfragen resultierenden drei Auslastungsindikatoren meist deutlich unter null, das heisst unter dem langfristigen Mittel (siehe Abbildung 2). In Hochkonjunkturphasen hingegen liegen sie meistens deutlich darüber. Allerdings zeigt sich auch, dass die unterschiedlichen Wirtschaftszweige nicht immer gleich betroffen sind. Hatte das Baugewerbe Mitte der Neunzigerjahre stärker unter dem Platzen der Immobilienblase zu leiden, beklagte der Dienstleistungssektor im Zuge des Frankenschocks im Januar 2015 eine merklich gesunkene Auslastung.
Abb. 2: Produktionslücke und Auslastungsindikatoren (1995–2019)
Abschliessend lässt sich sagen: Konjunkturumfragen ermöglichen eine zeitnahe, stabile und international vergleichbare Einschätzung eines Konjunkturzyklus. Damit helfen sie, die Unsicherheiten bei der Bestimmung der Produktionslücke zu reduzieren.
- Vgl. Havik et al. (2014). The Production Function Methodology for Calculating Potential Growth Rates and Output Gaps (No. 535), Europäische Kommission.