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Die Schauspielerin Yangzom Brauen ist Tibet-Schweizerin: Die Mutter Tibeterin, der Vater Berner. Sie wagte den Schritt nach Hollywood, wo sie heute nebst Berlin und Zürich lebt. Yangzom Brauen hat eben einen Bestseller über die Geschichte ihrer tibetischen Familie veröffentlicht. Ausserdem drehte sie mit Al Pacino und Charlize Theron.
Storyline: Wir sitzen hier in einem Starbucks in der Schweiz. In welcher Bar würden Sie sich mit mir in Los Angeles treffen?
Yangzom Brauen: Eine Bar in L.A., die mir gut gefällt: die Bar Marmont, direkt neben dem bekannten Hotel Chateau Marmont. Die Bar ist draussen, aber überdacht, im Jugendstil gehalten, man chillt auf roten Sofas, es gibt viele Pflanzen. Es ist sehr warm und nicht ultramodern, eher verschnörkelt.
Was trinken Sie?
Yangzom Brauen: Ich mag Rotwein, z.B. Merlot aus Kalifornien. Ich bin kein Drink-Typ. Aber wenn, dann etwas mit Vodka, Vodka-Orange oder Vodka-Cranburry. Harte Drinks mag ich nicht.
Vertragen Sie nicht viel Alkohol?
Yangzom Brauen: Normal, wie alle.
Ich weiss nicht, wie viel alle trinken.
Yangzom Brauen: So zwei Gläser.
Und danach liegen Sie flach?
Yangzom Brauen: Ja genau. (lacht) Ich kann dann einfach nicht mehr sprechen…
Doof für eine Schauspielerin. Gab es negative Gastroerlebnisse in L.A.?
Yangzom Brauen: In Amerika lebt das Servicepersonal ja von den Tips (Trinkgeld; die Red.). Man muss ca. 15 bis 20% pro Essen bezahlen. Dementsprechend freundlich und zuvorkommend sind die Kellner normalerweise.
Einmal wurden wir jedoch von einer total unfreundlichen Kellnerin bewirtet. Sie vergass uns, wir mussten ständig nach unseren Sachen fragen und zuletzt war auch noch ein Bier zu viel auf der Rechnung! Sie brachte dann noch einmal eine neue, aber ich fand: Schlechter Service, schlechter Tip. Ich gab ihr dann nur 5% Trinkgeld anstatt knapp 20%. Dann kam sie zu mir und fragte frech, ob das der Tip sei. Ich sagte Ja. Darauf meinte sie, man müsse mindestens 15% geben. Ich erwiderte, der Service sei nicht gut gewesen, daher würde ich nicht mehr bezahlen.
Wie hat sie reagiert?
Yangzom Brauen: Sie konnte nichts mehr sagen. Ich weiss natürlich, dass sie davon lebt. Aber wenn jemand einen schlechten Service macht, unhöflich ist, falsch abrechnet, dann muss ich das nicht bezahlen.
Muss man Sie fürchten, wenn Sie wütend werden?
Yangzom Brauen: Nein, ich werde nicht laut. Ich werde einfach bestimmt. Und wenn mir dann jemand blöd kommt, dann kann ich auch blöd zurückgeben.
Aber sonst erleben Sie den Service in Amerika eher als freundlich?
Yangzom Brauen: Ja, das kann man sagen. Ich brauche zwar niemanden, der dauernd fragt, ob ich noch einen Wunsch habe. Aber aufmerksames Personal, das finde ich gut. Kellner, die sehen, ob man schon fertig gegessen hat, ob man allenfalls etwas bestellen möchte und die einfach ein Gespür haben für Menschen.
Haben Sie selber schon gekellnert – als Schauspielerin in Hollywood?
Yangzom Brauen: Ja, früher arbeitete ich in L.A. eine Zeit lang im Service. Und da freute ich mich natürlich immer, wenn ich einen guten Tip erhielt. Am schlimmsten waren immer die europäischen Touristen.
Was haben Sie genau gemacht im Service?
Yangzom Brauen: Ich arbeitete im reichen Beverly Hills in einem argentinischen Restaurant.
Das war toll, aber auch anstrengend. Eigentlich würde man ja erwarten, dass die Vermögenden, die dort leben, auch anständige Tips geben. Aber das ist überhaupt nicht so, das sind die geizigsten…
Ein Klischee, das sich bestätigt.
Yangzom Brauen: Ja, absolut! Als ich in Los Angeles ankam, war für mich klar, dass ich es mache wie die andern Schauspieler. Ich musste ja etwas verdienen. Ich arbeitete dann während drei Monaten im Service.
Nicht besonders lange.
Yangzom Brauen: (lacht) Bei mir ist das immer so: Reguläre Jobs kann ich ein paar Monate machen, dann höre ich wieder auf…
Haben Sie in der Schweiz während Ihrer Schauspielausbildung auch im Service gearbeitet?
Yangzom Brauen: Nach der Schauspielschule, ja. Im Marzili-Brückli in Bern, das liegt ja ganz in der Nähe der Schauspielschule. Nach der Ausbildung musste ich unbedingt einmal den Kopf frei bekommen, daher begann ich dort im Service. Aber nach drei Monaten hats mir wieder gereicht.
Wann gefällts Ihnen als Besucherin in einem Restaurant?
Yangzom Brauen: Wenn es eine angenehme Atmosphäre hat. Ich mag es nicht, wenn es zu kühl eingerichtet und das Licht zu grell ist. Oder wenn der Raum hallt und es sehr laut ist. Die Lichtstimmung ist mir sehr wichtig. Und es soll gemütlich und romantisch sein.
Sind Sie romantisch?
Yangzom Brauen: Ich glaube schon, ja. Früher wollte ich das nie sein, ich hielt das immer für kitschig. Aber heute finde ich, dass das Leben romantisch sein darf!
Sie sind Halb-Tibeterin: Welches sind die tibetischen Spezialitäten?
Yangzom Brauen: Es gibt Momos, das sind gefüllte Teigtaschen; die werden in Dampf gekocht oder in Öl gebraten.
Also eine Art Ravioli?
Yangzom Brauen: Genau. Der Teig besteht aber nur aus Mehl und Wasser. Gefüllt werden die Momos mit Hackfleisch, Zwiebeln und Lauch, gegessen wird es mit Chilisauce. Das ist sehr fein!
Man isst also Fleisch in Tibet, trotz Buddhismus. Welche Tiere?
Yangzom Brauen: In Tibet natürlich vor allem Yak-Fleisch, denn die leben dort oben. Aber hier ist es alles mögliche, Rind, Schwein etc.
Natürlich sollte man als Buddhist kein Fleisch essen, aber in Tibet braucht man schlicht einen Eiweiss-Lieferanten zum Überleben.
Was man aber zu vermeiden versucht ist, dass man viele kleine Tiere, also viele Seelen „töten“ muss. Eine Kuh kann ein ganzes Dorf ernähren, somit muss man nur eine Seele „töten“. Es wird dann aber restlos alles davon verwertet.
Sie haben kürzlich die Geschichte Ihrer Familie als Buch veröffentlicht. Dort schildern Sie die Flucht Ihrer Grossmutter und Mutter aus Tibet, die sie nur dank Tsampa überlebten. Was ist Tsampa genau?
Yangzom Brauen: Tsampa* ist unser Hauptnahrungsmittel, eine Art tibetisches Müesli. Das besteht aus gerösteter Gerste, die gemahlen wird. Das kann man direkt roh essen oder mit etwas Wasser anrühren. Es ist sehr nahrhaft und hat meiner Mutter und meiner Grossmutter auf der Flucht aus Tibet tatsächlich das Leben gerettet.
Ihr eben erschienenes Buch heisst „Eisenvogel“ **. Sie erzählen die Geschichte von drei Tibeterinnen aus drei Generationen: Ihre Grossmutter, Ihre Mutter und Sie selbst. Inzwischen ist Ihr Buch bereits auf Rang 8 der Sachbücher-Beststellerliste der Zeitschrift Spiegel und in der aktuellen Weltwoche-Beststellerliste sind Sie auf Platz 5 eingestiegen. Unglaublich, oder?
Yangzom Brauen: (lacht) Ja, das finde ich auch. Das hätte ich nie gedacht! Eine Woche nach erscheinen war „Eisenvogel“ bereits auf Platz 8. Ich dachte nur, wie bitte?
Können Sie sich den Erfolg mit Ihrem Buch irgendwie erklären?
Yangzom Brauen: Ich glaube, viele Leser hat die Konstellation von drei Generationen einer Familie interessiert. Das Buch umfasst eine Zeitspanne von 80 Jahren, da steckt fast die Geschichte eines Jahrhunderts drin. Das spricht viele Menschen an. Es ist aber nicht einfach ein Frauenbuch, weil es von drei Frauen handelt. Man erfährt viel über die Geschichte Tibets und darüber, wie das alte Tibet war.
Sie engagieren sich schon lange für die Sache Tibets. 2001 wurden Sie in Moskau verhaftet, als Sie dagegen protestierten, die Olympischen Sommerspiele 2008 an China zu vergeben. Sie haben es mit einem sehr mächtigen Gegner zu tun. Ist das nicht frustrierend?
Yangzom Brauen: Dieses Engagement ist ein Teil unseres Lebens. Wir geben einfach nie auf. Es geht für mich nicht darum, ob wir es jemals schaffen werden. Wir müssen einfach weitermachen, damit Tibet nicht vergessen wird. Und es gibt Fortschritte: Tibet ist heute viel bekannter in der Welt. Dank dem Dalai Lama und der ganzen Öffentlichkeitsarbeit. Und wir erhalten sehr viel westliche Unterstützung von Leuten, die unsere Überzeugung teilen.
Zuletzt waren Sie 1986 in Tibet. Können Sie heute noch dorthin reisen?
Yangzom Brauen: Es ist sehr schwer für Tibeter nach Tibet zu gelangen. Wenn ich ein Visum erhielte, wüssten die chinesischen Offiziellen auch gleich, wer ich bin. Ich glaube nicht, dass mir etwas passieren würde, solange ich nicht politisch aktiv bin. Ich müsste natürlich meinen Pass abgeben und alleine kann man nicht herumreisen. Das Problem: Ich müsste auch angeben, wo ich wohnen würde und wer meine Verwandten sind. Das wäre gefährlich für sie.
Sie sind eine Kämpfernatur und haben es sogar geschafft, in Hollywood Fuss zu fassen. Gratuliere!
Yangzom Brauen: Danke… Ich begann dort bei Null. Zu beginn mochte ich L.A. nicht besonders. Es ist völlig anders als europäische Städte. Mittlerweile ist es meine zweite Heimat geworden, ich habe viele Freunde dort, viele aus Europa. Wir bilden eine Community und helfen uns gegenseitig. Bis man nämlich alles organisiert hat, was es braucht, um in L.A. leben und arbeiten zu können, dauerts eine Weile. Und es braucht Bares, weil man als Ausländer für alles Vorabzahlungen leisten muss.
Vielen Schweizer Schauspielern fehlt der Mut, nach Hollywood zu gehen.
Yangzom Brauen: Oft sagen mir Kollegen von hier, sie würden es gerne in L.A. probieren, doch sie würden es ja eh nicht schaffen. Dabei gehts gar nicht darum, ob mans schafft oder nicht. Hollywood ist eine Lebensschule! Man lernt extrem viel. Wenn man sich dort durchbeisst, dann klappt es überall. Ich denke oft, dass wir hier in der Schweiz verwöhnt sind.
Können Sie von Ihrem Beruf gut leben?
Yangzom Brauen: Ja, inzwischen schon. Ich lebe aber auch günstig und wohne nicht in einer teuren In-Gegend wie Santa Monica oder Beverly Hills.
Als Schauspieler erhält man für jeden Werbespot oder jeden Film, bei dem man beteiligt war, zusätzlich Geld pro Ausstrahlung. Umso mehr man macht, desto mehr kann man verdienen. Das ist natürlich prozentual abhängig von der Gage.
Sie drehten Filme mit den Oscargewinnern Al Pacino und Charlize Theron – und zwar keine übersehbaren Statistenrollen! Wie haben Sie das angestellt?
Yangzom Brauen: Viel Arbeit. (lacht) Es gab harte Zeiten. Für mich war klar, dass ich es einfach probieren wollte in L.A. Zurück kann man immer. Bevor ich nach L.A. ging, zog ich nach Berlin. Dort hatte ich es als exotisch aussehende Schauspielerin sehr schwer. Das war frustrierend! Aber ich behielt den Glauben an mich. Und dann drehten sie Aeon Flux (Science-Fiction-Film mit Charlize Theron; die Red.) in Berlin und ich bekam nach diversen Castings tatsächlich einen tollen Part!
Das öffnete Ihnen die Türen in Hollywood. Dort arbeiteten Sie mit keinem geringeren als Al Pacino für seinen Film „SaloMaybe?“. Wie ist das, eine Legende zu treffen?
Yangzom Brauen: Al Pacino hat für „SaloMaybe?“ das Buch geschrieben, den Film produziert und auch noch gleich selber Regie geführt. Vermutlich ist der Film deswegen auch immer noch nicht fertig. (lacht) Ich werde oft auf diesen Film angesprochen, aber ich weiss gar nicht, was der aktuelle Stand ist. Das war vor zwei Jahren! Aber Sie fragten mich nach Al Pacino. Nun, er ist sehr schüchtern.
Al Pacino ist schüchtern?
Yangzom Brauen: Ja, echt. Das war er zumindest beim Casting. Er war sehr zurückhaltend, wenn er mit uns Schauspielern arbeitete. Das glaubt man gar nicht… Aber er ist sehr warmherzig und behandelt auf dem Set alle gleich, ganz egal ob Kamera-, Lichtleute, Schauspieler etc. Er ist sehr offen und auch für Witze aufgelegt. Ich gehöre nicht zu denen, die sich auch noch um jemand Berühmtes scharen, wenn der schon umringt ist von einer Traube von Fans.
Aber Sie hatten schon auch einmal direkt mit ihm zu tun?
Yangzom Brauen: Ja klar. Und einmal, als wir uns die Hand schüttelten, fragte ich ihn: „Mr Pacino, can I take a picture with you?“ (lacht)
Und wie reagierte er?
Yangzom Brauen: Er sagte lächelnd Ja, und dann nahm ich selbst einen Schnappschuss von ihm und mir auf! Und plötzlich kamen alle und sagten, sie wollten auch noch ein Bild machen… Er liess es dann über sich ergehen. Aber ich hatte den Mut, ihn zu fragen! Denn für mich war er immer „Al Pacino“, nicht einfach ein normaler Kollege.
Wie hat er Sie geführt als Regisseur?
Yangzom Brauen: Ich hatte nur Szenen zusammen mit anderen Frauen, keine Einzelszenen. Al liess uns oft improvisieren. Und er reagierte auf die Ideen, die von den Schauspielern kamen, und verwendete sie. Sein Kameramann muss sehr flexibel sein, weil Al Pacino auf dem Set dauernd Ideen hat, die er auch noch spontan umsetzen möchte.
Al Pacino spielt im Film ja selber auch mit, oder?
Yangzom Brauen: Ja, er spielt sich selber sowie den König Herodes.
Der Kinderschlächter.
Yangzom Brauen: Ja. Und ich spielte eine Dienerin von Salome.
Sehen Sie oft Stars in L.A.?
Yangzom Brauen: Ja klar, die leben dort, man begegnet ihnen. Ich sah z.B. Angelina Jolie und Brad Pitt an einer Vernissage, zu der ich auch eingeladen war. Und plötzlich stand Bruce Willis neben mir. Das gab dann einen klassischen Double-Take (wenn man zweimal gucken muss; die Red.) bis ich realisierte, dass es der echte Bruce Willis ist…
Sie haben inzwischen in drei Science-Fiction-Filmen mitgespielt: in Aeon Flux, in Pandorum (mit Dennis Quaid), beides Hollywoodfilme, sowie in Cargo****, dem ersten Schweizer Science Fiction, der kürzlich Premiere feierte. Ist diese Häufung Zufall?
Yangzom Brauen: Ja, obwohl ich Science-Fiction-Filme wirklich liebe. Aber ich denke, es hängt mit meinem exotischen Aussehen zusammen: Science-Fiction-Filme spielen ja oft in Endzeiten, in denen die letzten Überlebenden einer Apokalypse zusammenkommen. Und deswegen passe ich gut in solche Filme.
Was machen Sie zurzeit im Bereich Film?
Yangzom Brauen: Ich drehe gerade in der Schweiz die Kinokomödie „Länger leben“ von und mit Lorenz Kaiser. Matthias Gnädinger spielt auch mit, super! Und ich habe eine gute Rolle.
Zuletzt noch ein weiteres Projekt von Ihnen: Sie haben die erste Schweizer Web-Soap produziert, die zurzeit auf Blick-Online zu sehen ist: „Hallo Hollywood“ *****. Worum gehts da?
Yangzom Brauen: Das sind jeweils 3minütige Beiträge, die auf blick.ch zu sehen sind. Die Protagonisten versuchen ebenfalls in Hollywood Fuss zu fassen. Diese Web-Soap zeigt, wie hart das ist und wie wenig das mit der bekannten Hollywood-Glamour-Welt zu tun hat. Ich trete als eine Art Coach auf und helfe den Hollywood-Einwanderern.
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* Tsampa ist erhältlich im Online-Shop von Yangzom Brauens Mutter Sonam: www.tsampa.ch
** „Eisenvogel – Drei Frauen aus Tibet“ von Yangzom Brauen; jetzt im Buchhandel erhältlich.
*** Yangzom Brauen liest in der Schweiz:
13.10.09, 19:30, Thalia Bücher im LOEB, Spitalgasse 47, Bern
24.10.09, 19 Uhr, Orell Füssli, Füsslistr. 4, Zürich.
**** Cargo: der erste Schweizer Science Fiction, läuft zurzeit im Kino
***** Hallo Hollywood: erste Schweizer Web-Soap produziert von Yangzom Brauen. Zu sehen auf http://www.blick.ch/unterhaltung/hallo-hollywood.[nbsp]
Ein Drink an der Bar mit… powered by Storyline