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Eine Reise in die Vergangenheit: Während der Belle Epoque, den Jahrzehnten vor und nach 1900, blühte der Tourismus in der Region um Montreux.
Als ich einer Freundin erzählte, dass ich am Genfer See die Sehenswürdigkeiten aus der Belle Epoque besichtigen würde, fragte sie, ob ich zum Diner ein Abendkleid mit Spitzen und Rüschen tragen würde. Auch in den schwindelerregend teuren Hotels wie dem Le Palace in Montreux erwartet heutzutage wohl niemand eine Garderobe aus der Belle Epoque. Bezeugen kann ich das jedoch nicht, denn wir haben das Hotel am Tag besichtigt, dann allerdings neben dem imposanten Speise- und Ballsaal auch die Suite, wo Vladimir Nabokov mit seiner Entourage wohnte und, wie es heisst, seine Lolita schrieb. Er starb 1977 in diesem Hotel. – Und Sissi? Das Le Palace wurde erst 1904 eröffnet, Sissi war jedoch schon 1898 in Genf nach einem Attentat gestorben.
Ein Deckenfenster im grossen Komplex des Palace-Hotels
Wer schon einmal in Montreux über die blumengeschmückte Promenade geschlendert ist, weiss, dass die prominenten Gäste des Montreux Jazz Festivals ebenso wie Vertreter der klassischen Musik als Statuen am Ufer stehen. Einer von ihnen ist Freddie Mercury, der im Palace Hotel eine Suite bezog, sobald er sich in Montreux aufhielt. Er übernachtete dort nicht, sondern empfing seine Gäste – wir durften in die Räume hineinschauen.
Intensiven Tourismus – aber keinen Massentourismus, wie wir ihn kennen, – gab es seit mehr als 150 Jahren. Es kamen zahlreiche Reisende aus vielen Ländern ans vom Klima begünstigte Ufer des Genfer Sees. Begonnen hatte es mit den reiselustigen Engländern Anfang des 19. Jahrhunderts: Lord Byron, berühmt und von Skandalen umwittert, liess sich vom nahen Château Chillon inspirieren. 1816, dem «Jahr ohne Sommer», hielten sich junge Freunde von Byron am Genfersee auf. Darunter die noch nicht einmal 20jährige Mary Shelley, die das Monster Frankenstein in jenen Regenwochen erfand.
Vladimir Nabokov im Park vor dem Palace-Hotel
Die Liste der Berühmtheiten, die sich längere Zeit in und um Montreux aufhielten, beeindruckt. Nur einige seien hier genannt: Peter Tschaikowski, Leo Tolstoi; Igor Strawinsky, der hier Le Sacre du Printemps vollendete. Jean-Jacques Rousseau war schon früher von Genf her angereist, der Däne Hans Christian Andersen kam, später Sarah Bernhardt; Ernest Hemingway schätzte die Region, nicht zu vergessen der Begründer und langjährige Leiter des Jazz Festivals Claude Nobs, der in Montreux vielerorts zu finden ist. Wussten Sie, dass Emil Steinberger fünfzehn Jahre in Montreux lebte? – ‹Paparazzi› waren seit eh und je unterwegs und versuchten, Kaiserin Sissi auf eine Fotoplatte zu bannen.
Sissi-Statue im Park von Territet
Nicht alle Reisenden wohnten in Luxushotels. Es gab schon im 19. Jahrhundert kleinere Hotels, in denen die vermögenden, aber nicht superreichen Freunde des südländischen Flairs abstiegen. Viele reisten damals nicht allein, sondern mit Familie oder zumindest in Begleitung.
Hotel Masson Vextaux-Chillon
1829 als typisches Winzerhaus mit Weinkeller und einem Keltergebäude erbaut, gilt das Hotel Masson als eine der ältesten Pensionen in Montreux und ist damit Zeuge der Geschichte des Tourismus am Genfersee. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird es nur noch als Hotel geführt. Die jetzigen Besitzer legen Wert auf Nachhaltigkeit und achtsamen Umgang mit der Vergangenheit.
Im Frühstücksraum des Hotel Masson
Vor und nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erlebte die Gegend einen regelrechten Bauboom. 120 Hotels zählte man 1912 in Montreux. Damals entstanden nebst dem Palace noch eine ganze Reihe repräsentativer Hotels. Besonders aktiv, aber auch riskant handelte der Unternehmer Ami Chessex, der in Territet östlich von Montreux, ein ganzes Resort, das Grand Hôtel des Alpes, errichtete. Zwei Hotels, die er innert kürzester Zeit errichten liess, wurden durch ein Zwischengebäude miteinander verbunden, eine grosse Tennisanlage am See, eine Minigolfanlage und ein richtiges Fitnesszentrum, das zwar nicht so hiess, aber allerlei Geräte zum Krafttraining anbot. Ami Chessex war einer der wichtigsten ‹Motoren› des Tourismus in der Region, obwohl man ihm nachsagte, dass er seine finanziellen Mittel bis aufs äusserste ausreizte.
Hotel Righi Vaudois – Diese Lüster mit Lampen in Blütenform sind typisch für die Belle Epoque.
Konkurrenzdenken gab es durchaus: Man nahm Mass am Engadiner St. Moritz, wollte auch den Innerschweizer Attraktionen, der Rigi z.B., den Rang ablaufen, indem man an prominenter Stelle oberhalb von Territet das Righi Vaudois errichtete – der Blick über den See ist dort wirklich sehr schön.
Was heute vergessen ist: Um die Jahrhundertwende bis einige Jahre nach dem Ende des 1. Weltkriegs galt Montreux als Kurort für Tuberkulose, auch Kliniken zur Suchtentwöhnung gab es damals. Direkt neben dem Bahnhof füllte man bis ca. 1950 ein Mineralwasser ab: L’Eau Alcaline de Vernex. Es wurde für Trinkkuren verwendet.
Wie hier in Veraye stehen alte Gebäude unter strengem Denkmalschutz. (alle Fotos: mp)
Hier stets von Montreux zu sprechen, ist eigentlich ein historischer Fauxpas. Genau genommen war Montreux nur eine Pfarrei und besitzt erst seit 1961 einen Gemeindepräsidenten. Die vielen kleinen Gemeinden von Clarens bis Territet schlossen sich nach und nach zu Montreux zusammen. Die letzten beiden, Veytaux dessus und Veytaux dessous, weigerten sich bis vor kurzem beizutreten. Die historische Orientierung gegen Sion hin (Veytaux) oder nach Lausanne (Montreux) lassen sich die früheren Weinbauern nur ungern nehmen, aus wirtschaftlichen Gründen werden sie den anderen folgen müssen. Wir als Touristen sehen auf einem Spaziergang oberhalb des Sees, was einst lebendige Dorfzentren mit engen Gässchen gewesen waren.