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Die Tugendethik ist eine spannende Ethik, weil sie sich mit Charaktereigenschaften auseinandersetzt.
Sie fragt nicht nur, wie wir uns gegenüber anderen verhalten sollen, sondern auch, wie wir uns persönlich verbessern und entwickeln können.
Das Studium der Tugendethik hilft dir, tugendethische Begründungen oder Argumente zu erkennen, zu analysieren und zu kritisieren.
Indem du über die Stärken und Schwächen der Tugendethik nachdenkst, lernst du, bessere Entscheidungen zu treffen und kannst andere beraten, wie sie sich entscheiden sollen.
In diesem Kurs erwirbst du folgende Kompetenzen:
Tugendethik ist ein Sammelbegriff für ethische Theorien, die Charaktereigenschaften beurteilen.
Das Wort "Tugend" ist abgeleitet von taugen oder Tauglichkeit.
Daher kommt auch der Name "Tugendethik".
Die Grundfrage der Tugendethik lautet: "Was für eine Person soll ich sein?"
Eine gute Person ist eine, die gute Charaktereigenschaften besitzt.
Gute, lobenswerte oder ausgezeichnete Charaktereigenschaften werden Tugenden genannt.
Schlechte, tadelnswerte oder mangelhafte Charaktereigenschaften werden Laster genannt.
Alle tugendethische Theorien beurteilen Charaktereigenschaften.
Untereinander unterscheiden sich tugendethische Theorien nur in der Art und Weise, wie sie Charaktereigenschaften bewerten.
Tugendethische Theorien kann man daran erkennen, dass sie immer darüber nachdenken, wie eine Person sein soll oder welche Eigenschaften eine gute Person haben muss.
Zum Beispiel:
"Eine gute Person ist eine, die mutig, selbstsicher und fit ist."
"Eine schlechte Person ist eine, die faul, unzuverlässig und arrogant ist."
Überlege dir, ob die folgende Theorie tugendethisch ist!
"Eine Handlung ist gut, wenn sie Armut vermindert und eine Handlung ist schlecht, wenn sie Armut verursacht.
Zum Beispiel:
Es ist falsch, von armen Menschen Geld zu stehlen.
Hingegen ist es richtig, von reichen Menschen zu stehlen und das Geld den Armen zu geben."
Warum ist diese Theorie nicht tugendethisch?
"Eine Handlung ist gut, wenn sie Armut vermindert und eine Handlung ist schlecht, wenn sie Armut verursacht.
Zum Beispiel:
Es ist falsch, von armen Menschen Geld zu stehlen.
Hingegen ist es richtig, von reichen Menschen zu stehlen und das Geld den Armen zu geben."
Überlege dir, ob die folgende Theorie tugendethisch ist!
"Gute Charaktereigenschaften sind Freundlichkeit und Ehrlichkeit.
Zum Beispiel:
Eine gute Person macht keine falschen Komplimente, weil sie ehrlich ist.
Eine schlechte Person hingegen macht viele falsche Komplimente, weil sie sich einschleimen will."
Warum ist diese Theorie tugendethisch?
"Gute Charaktereigenschaften sind Freundlichkeit und Ehrlichkeit.
Zum Beispiel:
Eine gute Person macht keine falschen Komplimente, weil sie ehrlich ist.
Eine schlechte Person hingegen macht viele falsche Komplimente, weil sie sich einschleimen will."
Als Hauptvertreter der Tugendethik gilt der Philosoph Aristoteles.
Seine Ethik wird manchmal die "aristotelische Ethik" oder "Aristotelismus" genannt.
Für Aristoteles ist die tugendhafte Person fähig, eine Situation richtig einzuschätzen und der Situation angemessen zu handeln.
Die tugendhafte Person ist eine, die sich gute Charaktereigenschaften angewöhnt hat und ihnen entsprechend handelt.
Zum Beispiel:
Eine tugendhafte Person hilft anderen in Not, weil sie hilfsbereit ist und nicht, weil sie mit einer Belohnung rechnet.
Die aristotelische Ethik hat drei Grundmerkmale:
1. Als eine tugendethische Theorie beurteilt die aristotelische Ethik Charaktereigenschaften.
2. Die aristotelische Ethik bestimmt die Tugend als das Mittlere zwischen zwei Extremen.
3. Für die aristotelische Ethik sind Tugenden notwendig für ein gutes und glückliches Leben.
Für Aristoteles ist jedes menschliche Handeln auf ein Gut oder auf ein Ziel gerichtet.
Manche Güter wollen wir um ihrer selbst willen, andere nur als Mittel zum Zweck, nämlich um andere Güter zu erhalten.
Nach Aristoles gibt es nun ein höchstes Gut oder ein letztendliches Ziel. Dieses höchste Gut nennt Aristoteles Eudaimonia.
Eudaimonia steht für das gute Leben, das gelungene Leben oder die Glückseligkeit.
Nach Aristoteles streben wir letzendlich alle danach, Eudaimonia zu erreichen.
Nach Aristoteles erreichen wir Eudaimonia, indem wir auf eine bestimmte Art und Weise leben oder eine bestimmte Lebensform annehmen.
Diese Lebensform ist für Aristoteles das tugendhafte Leben.
Das tugendhafte Leben besteht darin, so zu leben und so zu handeln, wie eine tugendhafte Person leben und handeln würde.
In anderen Worten:
Laut Aristoteles können wir nur glücklich werden, wenn wir uns die richtigen Charaktereigenschaften angewöhnen, nämlich die Tugenden.
Aristoteles unterscheidet zwischen zwei Kategorien von Tugenden, verstandesmässige und ethische Tugenden:
|verstandesmässig||ethisch|
|Weisheit||Grosszügigkeit|
|Klugheit||Besonnenheit|
|Auffassungsgabe||Tapferkeit|
Diese Tugenden sind für Aristoteles besonders wichtig, aber es sind nicht die einzigen.
Aristoteles bestimmt die Tugend als das Mittlere zwischen zwei Extremen.
Die folgende Tabelle zeigt in der Mitte die Tugend und links und rechts die zwei Extremen.
|Laster||Tugend||Laster|
|Furcht||Tapferkeit||Draufgängertum|
|Knauserei||Grosszügigkeit||Verschwendungssucht|
|Stumpfsinnigkeit||Besonnenheit||Zügellosigkeit|
Die handelnde Person soll jeweils versuchen, die goldene Mitte zu treffen.
Eine tugendhafte Person ist tapfer.
Tapferkeit ist das Mittlere zwischen zwei Extremen, nämlich Furcht und Draufgängertum.
Im Falle eines Krieges muss eine Person überlegen, wie sie handeln soll.
Eine tugendhafte Person handelt genauso, dass sie nicht zu feige und nicht zu draufgängerisch, sondern genau richtig handelt, nämlich tapfer.
Vor dem Krieg zu fliehen wäre feige, man würde an Tapferkeit mangeln.
Sich waghalsig und todesmutig in den Kampf zu stürzen wäre draufgängerisch, man hätte zu viel Tapferkeit.
Die tugendhafte Person handelt genau im richtigen Mass: Sie nimmt am Krieg teil, ohne zu feige oder zu draufgängerisch zu sein.
Eine tugendhafte Person ist grosszügig.
Grosszügigkeit ist das Mittlere zwischen zwei Extremen, nämlich Knauserei und Verschwendungssucht.
Im Falle eines Notfalls muss eine Person überlegen, wie sie handeln soll.
Eine tugendhafte Person handelt genauso, dass sie nicht zu knauserig und nicht zu verschwenderisch, sondern genau richtig handelt, nämlich grosszügig.
Nichts oder wenig zu spenden, wäre knauserig, man würde an Grosszügigkeit mangeln
Zu viel zu spenden wäre verschwenderisch, man hätte zu viel Grosszügigkeit.
Die tugendhafte Person handelt genau im richtigen Mass: Sie spendet genug, aber nicht zu viel, um nicht selbst in Armut zu fallen.
Eine tugendhafte Person ist besonnen.
Besonnenheit ist das Mittlere zwischen zwei Extremen, nämlich Stumpfsinnigkeit und Zügellosigkeit.
Eine Person muss sich überlegen, wie viele Süssigkeiten sie essen darf und wie viele nicht.
Eine tugendhafte Person handelt genauso, dass sie nicht zu stumpfsinnig und nicht zu zügellos, sondern genau richtig handelt, nämlich besonnen.
Keine oder nur wenige Süssigkeiten zu essen wäre stumpfsinnig, man untertreibt es.
Zu viele Süssigkeiten zu essen wäre zügellos, man übertreibt es.
Die tugendhafte Person isst genau im richtigen Mass: Sie isst genug, um nicht stumpfsinnig zu sein, aber nicht zu viel, um nicht fett zu werden.
Überlege dir, was jeweils die goldene Mitte zwischen den zwei genannten Extremen sein könnte!
|Extrem||Mitte||Extrem|
|Faulheit, Trägheit||?||Hektische Betriebsamkeit, Workaholic|
Nach Aristoteles gibt es ein letztendliches Ziel oder ein höchstes Gut.
Wie nennt Aristoteles dieses höchste Gut oder letztendliches Ziel?
Wie können wir nach Aristoteles Eudaimonia erreichen?
Nach Aristoteles erwerben wir verstandesmässige Tugenden durch Belehrung und Unterricht, die ethischen Tugenden hingegen durch Übung und Gewöhnung.
Ethische Tugenden erwerben wir nicht dadurch, indem wir von ihnen hören oder über sie nachdenken.
Ethische Tugenden erwerben wir, indem wir tugendhaften Personen nachahmen.
Wenn wir regelmässig und oft die Handlungen von tugendhaften Personen kopieren, dann fangen wir mit der Zeit an, die Tugenden zu übernehmen, bis wir irgendwann selber tugendhaft sind.
Das Erwerben von ethischen Tugenden kann man mit dem Erwerben von Fähigkeiten vergleichen:
Um zu lernen, wie man ein Fahrrad repariert, müssen wir zuerst jemandem zuschauen, der weiss, wie man Fahrräder repariert.
Doch alleine vom Zuschauen lernen wir nicht, Fahrräder zu reparieren, wir müssen es auch selber probieren.
Je mehr und je öfter wir Fahrräder reparieren, desto mehr Erfahrungen sammeln wir und desto besser können wir Fahrräder reparieren.
Irgendwann sind wir so geübt darin, Fahrräder zu reparieren, dass wir keine Hilfe mehr von anderen benötigen.
Ethische Tugenden erwerben wir ähnlich wie die Fähigkeit, Fahrräder zu reparieren:
Um tapfer zu werden, müssen wir zuerst jemandem zuschauen, der die Tugend der Tapferkeit besitzt.
Zum Beispiel: Eine tapfere Person ist eine, die bei einem Verbrechen nicht tatenlos zusieht, sondern sofort zu Hilfe eilt.
Doch alleine vom Zuschauen werden wir nicht tapfer, wir müssen es auch selber probieren.
Je mehr und je öfter wir Dinge tun, die eine tapfere Person tut, desto mehr Erfahrungen sammeln wir und desto besser können wir tapfer sein.
Irgendwann sind wir so geübt darin, tapfer zu sein, dass wir es einfach sind, ohne mehr darüber nachdenken zu müssen.
Auf den vorigen Seiten hast du die drei Grundmerkmale der aristotelischen Ethik kennen gelernt.
Die Tugendethik war die Standardtheorie der Antike und hat die Geschichte der Ethik massgeblich beeinflusst.
Im Folgenden werden drei Stärken der aristotelischen Ethik hervorgehoben.
Manchmal vollbringen Menschen gute Taten, nicht weil sie gut sind, sondern weil sie heimlich auf eine Belohnung hoffen oder weil sie berühmt werden möchten.
Da die aristotelische Ethik Charaktereigenschaften und nicht Handlungen beurteilt, kann sie auch Menschen kritisieren, die an sich gute Taten vollbringen, aber schlechte oder fragwürdige Absichten haben.
Eine Person, die gute Taten aus Ruhmgier oder Egoismus vollbringt, ist nicht tugendhaft, sondern lasterhaft.
Die aristotelische Ethik ist somit eine ethische Theorie, die die Absichten oder die Motivation einer handelnden Person berücksichtigt.
Aristoteles hat verstanden, dass man im Leben immer mit schwierigen Fragen und Problemen konfrontiert wird, die keine einfachen Antworten oder Lösungen haben.
Deshalb betont Aristoteles die Erfahrung, die es braucht, um eine Situation richtig einzuschätzen und der Situation angemessen zu handeln.
Aristoteles reduziert das richtige Handeln nicht auf das Anwenden eines Prinzips oder auf das blosse Befolgen von Regeln.
Stattdessen fordert er, Erfahrungen zu sammeln, um so auch in schwierigen Situationen das Richtige zu tun.
Die aristotelische Ethik ist somit eine ethische Theorie, die der Komplexität des Lebens gerecht wird.
Für Aristoteles ist ein glückliches und ein tugendhaftes Leben ein und dasselbe.
Aristoteles präsentiert nicht nur eine Anleitung zum richtigen Handeln, sondern auch eine Anleitung zum glücklichen Leben:
Aristoteles betont, wie wichtig eine funktionierende Gesellschaft für ein gutes Leben ist. Denn nur in einer solchen kann man seine Potenziale verwirklichen oder seine Talente entfalten und so wahrhaftig glücklich werden.
Auch betont er, wie wichtig Freunde und materielle Güter für ein glückliches Leben sind.
Da eine tugendhafte Person sich um seine Freunde kümmert, angemessen mit materiellen Gütern umgeht und zur gesellschaftlichen Harmonie beiträgt, wird die tugendhafte Person automatisch auch glücklich.
Welche Stärke der aristotelische Ethik kommt hier zum Ausdruck?
"Es ist sicher gut, wenn Grosskonzerne sich entscheiden, viel Geld für einen wohltätigen Zweck zu spenden.
Aber leider tun sie das nicht, weil sie grosszügig sind, sondern nur, weil sie ihr Image aufbessern wollen.
Eine brauchbare Ethik muss daher diese diese scheinheilige Fassade durchschauen und kritisieren können."
Welche Stärke der aristotelische Ethik kommt hier zum Ausdruck?
"Wenn uns jemand sagt, dass wir dieses tun und jenes unterlassen sollen, dann muss uns diese Person erklären, warum wir dieses tun und jenes unterlassen sollten.
Warum, zum Beispiel, sollte ich Geld spenden, wenn ich das Geld viel lieber behalten möchte?
Oder warum sollte ich in den Krieg ziehen, wenn ich Angst davor habe, mein Leben zu verlieren?
Nur eine Ethik, die diese Fragen plausibel beantworten kann, ist in meinen Augen eine gute Ethik."
Die aristotelische Ethik ist nicht ohne Kritik geblieben.
Im Folgenden werden drei Einwände gegenüber der aristotelischen Ethik erläutert:
Eine Kritik lautet, dass die aristotelische Ethik zu vage ist.
Die aristotelische Ethik bietet kein Verfahren an, das uns hilft, in konkreten Situationen Entscheidungen zu treffen.
Stattdessen rät uns die aristotelische Ethik das zu tun, was eine tugendhafte Person tun würde.
Solange wir aber nicht wissen, wie eine tugendhafte Person sich in einer konkreten Situation verhalten würde, bringt uns dieser Ratschlag nicht weiter.
Für Kritiker und Kritikerinnen muss eine Ethik in der Lage sein, ein Verfahren anzubieten, das uns hilft, Entscheidungen zu treffen.
Eine weitere Kritik lautet, dass die aristotelische Ethik zu relativ ist.
Aristoteles sagt, dass wir tugendhaften Personen nachahmen sollen.
Doch wer sind diese tugendhaften Person? Wo finden wir sie?
Aristoteles meint, dass wir immer in unserem Umfeld tugendhafte Personen erkennen können.
Wenn man sich aber die verschiedenen Kulturen der Welt ansieht, dann merkt man, dass es unterschiedliche Ideale oder Vorbilder gibt.
Hängt das Bild einer tugendhaften Person relativ von der Kultur ab, in der man lebt?
Für Kritiker und Kritikerinnen darf eine Ethik nicht von der Kultur abhängen.
Für Aristoteles ist ein glückliches und ein tugendhaftes Leben ein und dasselbe.
Doch ist ein tugendhaftes Leben und ein glückliches Leben wirklich das gleiche?
Führt ein tugendhaftes Leben wirklich immer zu einem glücklichen Leben?
Kritiker und Kritikerinnen argumentieren, dass ein tugendhaftes Leben nicht immer zu einem glücklichen Leben führt.
Zum Beispiel:
Ist ein krimineller Mafia-Boss, der in Reichtum und Luxus lebt, wirklich weniger glücklich, als eine tugendhafte Person, die grosszügig spendet und deshalb bescheidener leben muss?
Welche Kritik an der aristotelischen Ethik wird hier geäussert?
"Heutzutage ist jeder gegen Sklaverei. Das war aber nicht immer so. Früher war Sklaverei ein alltägliches Phänomen und viele haben die Sklaverei verteidigt.
Sogar Aristoteles hat die Sklaverei verteidigt. Wenn Aristoteles in einer anderen Kultur aufgewachsen wäre, und zwar in einer, in der Sklaverei verboten ist, dann hätte er die Sklaverei nicht verteidigt."
Gegen welche Kritik wird die aristotelische Ethik hier verteidigt?
"Ethische Fragen sind leicht gestellt, aber schwierig zu beantworten. Wer glaubt, man könnte ethische Fragen mit einem Regelsystem oder mit einem Verfahren beantworten, verkennt die Komplexität des Lebens.
Eine brauchbare Ethik muss daher eine sein, die die Komplexität des Lebens berücksichtigt. Die tugendhafte Person weiss das und verzichtet auf einfach anwendbare Verfahren oder Regelsysteme."
Auf der nächsten Seite siehst du oben eine Beschreibung und darunter drei Kästchen.
Versuche herauszufinden, welches der drei Kästchen zur obenstehenden Beschreibung passt!
Klicke dann auf das Kästchen, von dem du denkst, dass es zur obenstehenden Beschreibung passt!
Franz läuft bei jeder Gefahr sofort weg.
Überlege dir, wie eine tugendhafte Person hier handeln würde!
Du siehst, wie dein Freund die Tasche einer Frau klaut und daraus alle Wertsachen entnimmt.
Du weisst, dass dein Freund arbeitslos ist und finanzielle Schwierigkeiten hat.
Was würde eine tugendhafte Person in deiner Situation tun?
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