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Die Töchter und das gute Geld
Es war einmal ein Mann, der hatte drei Töchter. Nachdem man ihm eine Diagnose gestellt und dieser eine Prognose hinzugefügt hatte, rief er seine Töchter zu sich, einzeln und im Abstand von vier Wochen, denn so waren die Regeln in der Vollzugsanstalt, die dem Mann für eine längere Zeit als Wohnsitz diente. Es befremdete ihn noch immer, wenn er auf den Briefen, die geöffnet in seine Zelle gebracht wurden, unter dem eigenen Namen die Adresse der Anstalt las. Einen Schuhkarton voller Briefe besass er, die meisten von seinen Töchtern.
Als die älteste Tochter hereingeführt wurde, bat der Vater sie, sich zu setzen, blieb aber selbst stehen, ebenso wie der Beamte, der das Gespräch bewachte. Die kleine Ansprache, die er nun hielt, bekam der Beamte dreimal zu hören, mit geringen Variationen. "Mein Kind", sagte der Vater, und er sagte es auch im nächsten Monat und im Monat darauf. "Mein Kind, du weisst, dass ich es nicht leicht hatte, euch drei aufzuziehen, nachdem eure Mutter gestorben war." „Nachdem eure Mutter bei deiner Geburt gestorben war“, sagte er zu der dritten Tochter, wobei sie, wie immer, wenn dies erwähnt wurde, zusammenzuckte, als hätte sie ein leichter Stromschlag durchfahren. "Du weisst ja", sagte er weiter, "dass ich sehr viel Geld in eure Erziehung und eure Schulbildung gesteckt habe, dafür gesorgt habe, dass jede von euch ein Instrument lernen und in einem anderen Land einen Sprachaufenthalt machen konnte." Zu Beginn dieses Satzes seufzte die älteste Tochter, denn sie hatte oft auf die Jüngeren achtgeben müssen. Die mittlere Tochter unterbrach ihren Vater und wies darauf hin, dass sie niemals hatte Oboe lernen wollen, wenn schon ein Instrument, dann Fagott. Die dritte hingegen fand, der Vater könnte jetzt einmal zum Punkt kommen. Daraufhin schaute der Vollzugsbeamte auf die Uhr, denn die Besuchszeit war auf eine halbe Stunde begrenzt. "Du weisst ja", sagte der Vater, unbeeindruckt von der Reaktion der jeweiligen Tochter und der wenig sensiblen Geste des Vollzugsbeamten, "dass man mich einige Zeit auf Staatskosten von euch fern hält, und ich befürchte, dass ich meinen letzten Atemzug auf der Krankenstation dieser Institution tun werde." – "Aber nein!", rief die älteste. "Bestimmt wirst du frühzeitig entlassen", sagte die mittlere, die gelesen hatte, dass die Chancen auf Haftverkürzung im Bereich Wirtschaftskriminalität überproportional gross seien. Und die jüngste fragte, was er damit andeuten wolle. Sie habe jedenfalls vor, am Ausgang der Strafanstalt auf ihn zu warten. "Wie im Film, Vater", das haben wir doch so abgemacht. Daraufhin seufzte nun der Vater schwer, dreimal und im Abstand von je vier Wochen, und sagte zu jeder seiner Töchter: "Mein liebes Kind, bevor ich das Zeitliche segne, trage ich dir auf, dass du in die Welt hinausgehst und ein Auskommen findest, damit ich in Ruhe sterben kann. Du musst mir aber versprechen, sauberes Geld zu verdienen. Erst wenn ich weiss, dass das mindestens einer meiner Töchter gelungen ist, werde ich Frieden finden. Du musst das für mich tun!", sagte er und schaute jeder seiner Töchter tief in die Augen, "weil mir selbst keine Zeit dazu bleiben wird."
Und so kam es, dass die älteste Tochter, die Jura studiert hatte, sich einerseits verlobte und andererseits ihren Dienst bei einer Rechtsberatung für Asylbewerbende antrat. Bei ihrer Hochzeit führten die beiden Schwestern sie zum Altar. Der Vater hatte keinen Hafturlaub erhalten, obwohl die Braut, die ja Jura gewählt hatte, um ihrem Vater aus dem Gefängnis zu helfen, mehr Mühe auf die Antragstellung verwendet hatte als auf die Auswahl von Hochzeitskleid und Buffet zusammen. Als sie mit dem Ring am Finger zu ihrem Vater zurückkehrte, erzählte sie ihm zuerst von ihrer Arbeit. Der Vater, der zwar gern zuvor einmal ein Bild seines neuen Schwiegersohnes gesehen hätte, zeigte dennoch sein anerkennendstes Gesicht. Und die Tochter berichtete von den Fällen, die sie bearbeitete, den Menschen, die zu ihr kamen. Wie sie bereits einer Frau zur Wiederaufnahme ihres Verfahrens verholfen hatte. "Mein liebes Kind", sagte der Vater, "das hast du gut gemacht. Dein Geld scheint wirklich sauber verdient zu sein." Da wurde die Tochter rot und holte nun doch die Hochzeitsfotos hervor. Strenggenommen verdiene sie ja eben gar kein Geld, es handle sich um eine ehrenamtliche Tätigkeit, aber das mache nichts, denn ihr Mann, sie zeigte auf einen gut aussehenden Mittvierziger im Smoking, sei reich. Er habe ein Vermögen geerbt. "Aber du hast ihn ..." – "... nicht wegen des Geldes geheiratet", vollendete die Tochter den Satz des Vaters. "Natürlich nicht", und sie nutzte die restliche Besuchszeit, um diese Aussage zu untermauern. Als der Vollzugsbeamte sie rausführte, rief ihr der Vater noch nach, dass sie herausfinden solle, wo das Geld ihres Mannes herkomme.
Es dauerte eine Weile, bis die zweitälteste Tochter zum Vater kam, sie hatte ein technisches Studium absolviert. Nun baute sie Schiffe. Der Vater war stolz, denn er liebte Schiffe. Viel lieber als Chief Financial Officer wäre er Kapitän geworden. Auch die zweitälteste Tochter brachte Fotos und sagte: "Schau nur, was für wunderbare Schiffe ich baue, wie weit und schnell sie fahren können. Sie werden elektrisch angetrieben." Der Vater staunte. "Schau nur, wie schön sie sind, wie viel sie fassen", sagte die zweitälteste Tochter. "Dieses hier hat eine Ladekapazität von über 10‘000 TEU." Und hätten nicht die Zahlen gefehlt, dann hätte sie mit ihrem Vater Quartett gespielt, mit den Fotos von ihren Schiffen. "Recycling-Material, Vater. Die Arbeitsbedingungen auf den Werften vorbildlich." Und der Vater bewunderte die Schiffe, die seine mittlere Tochter gebaut hatte und die nun in die weite Welt hinausfuhren. Schliesslich aber fragte er, wer denn die Schiffe in Auftrag gebe. Die mittlere Tochter nannte ihm einige Reedereien. Und der Vater wollte wissen, wie diese zu ihrem Geld kämen. Das sei nicht ihr Bereich, das wisse sie nicht, gab die zweitälteste Tochter zu. „Komm zurück, wenn du das weisst, mein Kind“, sagte der Vater und zog sich müde in seine Zelle zurück.
Zuletzt kam die dritte Tochter zu ihrem Vater. Sie hatte gleich nach der Ansprache des Vaters ihr Studium abgebrochen und war Schriftstellerin geworden. Der Vater war sehr beunruhigt und sagte, dass sie doch wisse, dass er nur wenig Geld habe in Sicherheit bringen können. Retten können, hatte er früher gerne gesagt. Und dass dies dann noch in drei Teile zu teilen sei. Und wie sie denn um alles in der Welt von solch einem Beruf zu leben gedenke. Die jüngste Tochter war wie immer beleidigt, wenn der Vater sich erlaubte, ihre Pläne und Ideen infrage zu stellen. Bevor sie schmollend ging, gab sie dem Vater eine Zeitschrift, in der eine Kurzgeschichte von ihr erschienen war, und zu ihrer Erleichterung fragte er nicht, was sie damit verdient hatte. Sie hatte sich so gefreut, dass sie überhaupt in Erscheinung treten durfte, dass sie beim Einsenden an Geld nicht einmal gedacht hatte.
Es dauerte nicht lange, da kamen die beiden älteren Töchter zu ihrem Vater zurück. Sie sagten ihm beide, dass sie seinen Wunsch nicht würden erfüllen können. So sehr sie es auch bedauerten. Sie gäben es auf.
Die älteste Tochter erzählte nicht, dass der Betrieb der Grosseltern ihres Mannes, der sich übrigens Privatier nannte und vollständig damit beschäftigt war, ein internationales Archiv für Familienfotos zu pflegen, dass dieser Betrieb, den es nicht mehr gab, vor vielen Jahrzehnten als kriegswichtig eingestuft worden war.
Die mittlere Tochter erzählte nicht, dass mit ihren Schiffen viel zu billig eingekaufte Kleidungsstücke importiert wurden, dass die Ladekapazität ihrer wunderbaren Schiffe dem Transport von Coltan zugute kam. Obwohl sie niemals Tanker oder Kriegsschiffe bauen würde und obwohl sie versuchen wollte, bei den Reedereien Einfluss zu nehmen, war ihr doch klar, dass sie nie würde wissen können, in welcher Mission ihre Schiffe gerade unterwegs waren.
Und so blieb die Aufgabe an der jüngsten Tochter hängen. Sie brauchte eine Weile, bis sie überhaupt Geld verdiente, der Vater hatte seine erste Prognose schon Lügen gestraft und war zu einer neuen gekommen, als sie stolz mit der Abrechnung eines Jahres bei ihm erschien. "Ich werde sogar Steuern zahlen, Vater", sagte sie, als hätte sie damit schon alles nur Mögliche erreicht. Sie hatte auch ihr vor einem halben Jahr erschienenes Buch mit hineinnehmen dürfen, nachdem es vorab von einem Beamten durchgeblättert und abgeklopft worden war. Der Vater fragte denn auch mit seinem alten Lächeln, ob sie eine Feile darin versteckt habe und wie oft es schon verkauft worden sei. 2200 Mal, sagte die Tochter stolz, aber als der Vater wissen wollte, ob das viel sei, schüttelte sie den Kopf. "Gibt es auch so etwas wie goldene Schallplatten für Bücher?", fragte er weiter. Und die Tochter schrieb ihm als Widmung hinein, dass sie hoffe, dass er bald einmal zu einer ihrer Lesungen würde kommen können. Auf die Seite, auf der „Für meinen Vater“ gedruckt stand.
Weil nicht viel Zeit blieb, um die Auflistung anzuschauen, fuhr der Vater mit dem Finger die Reihen der Tabelle entlang, über den Literaturpreis, das Stipendium, die Lesungshonorare, die Einkünfte aus dem Buchverkauf und die beiden Honorare für Auftragsarbeiten. "Das", sagte die Tochter und zeigte auf die Summe am unteren Ende, "habe ich alles mit Literatur verdient. Und Literatur ist ein sauberes Geschäft. Ist sie doch?" – "Aber das Geld, mein Kind", sagte der Vater. "Woher kommt dieses Geld?" Und insgeheim wunderte er sich über die Höhe der Summe. Wütend stand seine jüngste Tochter auf. Sie hatte mit grösserer Anerkennung gerechnet. Immer noch wartete sie auf den Moment, in dem sie den Stolz ihres Vaters spüren würde. Wie dieser Stolz sich über sie ausbreiten und in sie einsinken würde. Und eigentlich hatte sie gedacht, dass es jetzt so weit sei, nachdem sie doch die gestellte Aufgabe erfüllt hatte. Sie nahm ihre Tabelle vom Tisch, umarmte den Vater flüchtig, und anstatt Literatur zu produzieren, machte sie sich auf, den Weg ihres Geldes zurückzuverfolgen.
Das Stipendium, von dem sie ein halbes Jahr hatte leben können, stammte aus dem Vermögen einer Kaufmannsfamilie. Die jüngste Tochter fand heraus, dass die Familie, die in der ganzen Stadt als gute und grosszügige Arbeitgeberin bekannt war, ihr Geld mit Bettwäsche und Handtüchern verdient hatte. Und befand, dass man das mit gutem Gewissen als sauberes Geld bezeichnen könne. Da sie aber beim nächsten Mal gut vorbereitet vor ihren Vater treten wollte, rief sie sicherheitshalber die Stiftungsratspräsidentin an. "Wie kommt es, dass immer noch genug Geld da ist?", fragte sie, denn sie wusste, dass schon lange niemand von der Familie mehr lebte und auch die Fabrik nicht mehr existierte. "Hat die Familie einen Goldesel hinterlassen?" Die Stiftungsratspräsidentin lachte über die Frage der jüngsten Tochter. "Das nicht", sagte sie. "Aber das Vermögen steckt in Fonds. Und die schütten Geld aus. Niemals nehmen wir etwas aus dem Vermögen selbst." – "Und die Fonds", wollte die jüngste Tochter wissen. "Wie verdienen die Fonds das Geld, das sie ausschütten?" Die Stiftungsratspräsidentin wurde nun ein wenig ungeduldig, aber sie wollte sich auch keine Intransparenz nachsagen lassen. Und so nannte sie die investierten Fonds, mit der Bitte um Vertraulichkeit. Da der Stiftungsrat sich für Risikostreuung und aktives Fondsmanagement entschieden hatte, wartete eine Menge Arbeit auf die jüngste Tochter. Aber bevor sie noch ein Viertel der Wertpapiere und Firmen überprüft hatte, kam sie zum Ergebnis, dass sie künftig würde auf Stiftungsgelder verzichten müssen.
Ein wichtiger Posten in ihrer Rechnung war ein Literaturpreis gewesen. Er war ihr in einem grossen Festakt verliehen worden, mit Live-Musik und Apéro für alle. Sie hatte gewünscht, ihr Vater könnte dabei sein, um zu sehen, wie sie Kuvert, Flasche und Blumenstrauss entgegennahm und das Publikum applaudierte. Als Sponsoren traten eine Druckerei und eine Prosecco-Kellerei auf. Das hatte sie nicht recherchieren müssen. Den ganzen Abend war der Prosecco geflossen und auf dem Kuvert hatte der Name der Druckerei gestanden. Gleich nach der Verleihung hatte sie sich sowohl mit dem Sponsoring-Verantwortlichen der Kellerei als auch mit dem PR-Verantwortlichen der Druckerei fotografieren lassen. Gegen Prosecco sei ja nun wirklich nichts einzuwenden, dachte sie, aber die hatten nur den Festakt finanziert, der eigentliche Preis war vom Druckhaus gespendet worden und da wollte sie sicherheitshalber doch einmal nachfragen. Der PR-Verantwortliche erinnerte sich gut an sie und das schöne Foto, aber die Frage verstand er nicht recht. Ob das Geld sauber sei? So sauber, wie eben Geld ist, das mit Drucken verdient wird. Gern könne sie eine Liste ihrer Kunden einsehen. Nächstes Mal würde sie das früher anschauen müssen, dachte sie, nachdem sie gesehen hatte, welche Titel die Druckerei gedruckt hatte. Und wenn sie es noch gehabt hätte, hätte sie das Preisgeld zurückgegeben.
Den Anruf bei ihrem Verlag hatte die jüngste Tochter hinausgeschoben. Nicht weil sie nicht gern mit ihrem Verleger sprach. Sie sprach sehr gern mit ihrem Verleger. Bloss sprach ihr Verleger nicht gern über Geld. Ihre Frage nach dem Geld aus den Buchverkäufen quittierte er mit einem hustenden Lachen. "Das bisschen Geld, darum machen Sie sich Gedanken. Machen Sie sich lieber Gedanken, wer wirklich an Ihrem Buch verdient, wer die 40 Prozent einstreicht." Aber bevor er noch zu seiner Tirade über Buchhandelsketten und Internetverkäufe ansetzen konnte, warf die jüngste Tochter ein, dass es darum jetzt aber nicht gehe. "Es geht um das Geld, das auf meinem Konto gelandet ist.“ – "Das Geld für Ihr Buch", antwortete der Verleger, "also abgesehen von der Förderung, kommt natürlich von den Käufern. Käuferinnen vor allem. Jetzt fragen Sie mich aber nicht, wo die das Geld herhaben!" Er lachte kurz auf. Dann aber seufzte er, denn es fielen ihm seine eigenen Sorgen ein. "Die Summe", fuhr er fort, um das Gespräch rasch und für alle Seiten zufriedenstellend zu beenden, "Ihr Anteil liegt knapp unter der erhaltenen Förderung. So können Sie also sagen, Ihr Geld kommt von der öffentlichen Hand." Er verabschiedete sich freundlich.
Von der öffentlichen Hand, dachte die jüngste Tochter, das ist gut. Und dass sie ja zum Glück in einem demokratischen Staat lebe, einem Rechts- und Sozialstaat, zumindest von der Idee her. Und das Geld also von all den Leuten kam, die ordnungsgemäss ihre Steuern bezahlt hatten. Dass das nun doch für den Seelenfrieden ihres Vaters reichen musste, aber weil sie es insgeheim besser wusste, schaute sie sich die Statistik der Steuereinkünfte der letzten Jahre an. Von der Statistik fühlte sich die jüngste Tochter bald überfordert, aber dass der Finanzsektor ein Viertel der direkten Steuern aufbrachte und die beiden grössten Banken, von denen sie in den letzten Jahren dieses und jenes gelesen hatte, die Hälfte von diesem Viertel, beunruhigte sie nicht wenig. Schade, dachte sie, dass das Geld für die Kulturförderung nicht aus den Steuern der Kulturschaffenden stammt.
Von ihren Schwestern hörte die jüngste Tochter zu dieser Zeit, dass es dem Vater schlechter gehe. Und dass er nach ihr gefragt habe. Sie hatte sich aber geschworen, nicht eher zu ihm zurückzugehen, bevor sie nicht wenigstens einen Betrag präsentieren konnte, der für den Vater als sauberes Geld durchgehen würde. Bevor sie nicht ihre Aufgabe erfüllt hatte.
In Eile überprüfte sie die Honorare für die beiden Auftragstexte. Das erste stammte aus Stiftungsfondsausschüttungen, beim zweiten aber sagte ihr der Herausgeber am Telefon, die Nationalbank selbst habe das Geld für die Honorare zur Verfügung gestellt. Wie freute sich da die jüngste Tochter. Und wie schnell machte sie sich auf den Weg zu ihrem Vater, nahm die kürzeste und teuerste Strecke zur Vollzugsanstalt. Die Nationalbank war die Mutter allen Geldes. Die Nationalbank hatte das Geld eigens und extra gedruckt, um ihre Arbeit zu honorieren. Frisch gedrucktes und sauberes Geld. Der Vater würde genauer Bescheid wissen, vielleicht gäbe es noch eine Gelddruckerei zu überprüfen, aber erstmal, so schien ihr, war das Geld von der Nationalbank gute Nachricht genug.
Als sie aber unangemeldet an der Pforte der Vollzugsanstalt erschien, da sagte man ihr, der Vater liege auf der Krankenstation. Seit heute Morgen sei er nicht mehr ansprechbar, habe sich sein Zustand akut verschlechtert. Man müsse davon ausgehen, dass er den nächsten Tag nicht erlebe. Die Schwestern seien schon informiert und unterwegs. Vorgestern seien die beiden ja noch da gewesen. "Sie konnten wir leider nicht erreichen", sagte die Frau an der Pforte vorwurfsvoll. "Bei Ihnen war immer besetzt."
Als die jüngste Tochter ans Bett ihres Vaters trat – vergebens hatte sie versucht, seine Umlegung in ein richtiges Krankenhaus zu erwirken –, kamen ihr die Tränen. Sie drückte die Hand ihres Vaters, der ruhig dalag, als halte er seinen Mittagsschlaf, wären da nicht die unruhig leuchtenden Maschinen gewesen und die umgekehrten, schnell tropfenden Flaschen, mit denen er verbunden war.
Sie beugte sich über ihn und erzählte ihm von der Nationalbank, er könne beruhigt sein. Sie habe es geschafft. Kaum dass sie das aber gesagt hatte, begannen die Geräte noch wilder zu leuchten und heftig zu piepsen, zwei Krankenschwestern kamen hereingelaufen und untersuchten den Vater. Dann schüttelten sie den Kopf und riefen eine Ärztin, die den Tod des Vaters feststellte.
Als die beiden älteren Töchter kurz darauf ins Zimmer traten, fanden sie ihre Schwester aufgelöst, wild auf ihren verstorbenen Vater einredend. Dass er würde stolz sein können. Dass sie seinen Auftrag erfüllen werde. Wenn er mit der Nationalbank noch nicht zufrieden sei, dann werde sie jetzt eben bei ihren Lesungen nur noch Leute hineinlassen, die die Herkunft des Eintrittsgeldes angeben könnten, und nur, wenn diese einwandfrei sei. Und so wolle sie es auch mit ihren Texten halten. Alle Zwischenhändler werde sie ausschalten, keine Förderungen, sie werde auf Makulatur schreiben. Und alle werde sie fragen. Er könne sich auf sie verlassen. Dabei raufte sie sich die Haare.
Die älteren Schwestern mussten die jüngste Tochter herausführen, und als sie sich auch nach Tagen kein bisschen gefasst hatte, wurde sie vorübergehend in eine Klinik eingewiesen, wo sie beruhigende Medikamente erhielt. Bei den Malaufgaben, mit denen die Therapeutin sie beauftragte, skizzierte sie Diagramme und kritzelte Zahlen, einmal malte sie eine grosse, weisse Wolke und pinselte mit schwarzer Farbe hinein: Was soll das sein? Das waren die letzten Worte, die sie geschrieben hat.