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Was soll man tun, wenn Kinder sich selbst überschätzen, mit ihren Fähigkeiten prahlen und bei Gleichaltrigen anecken? Wie soll man reagieren, wenn dringend notwendige Zusatzübungen von leistungsschwachen Schülern mit einem „Ich kann das schon! Das ist doch babyleicht!“ abgewehrt werden? Wenn es um den Umgang mit Selbstüberschätzung und Angeberei bei Kindern und Jugendlichen geht, sind viele Eltern und Lehrpersonen ratlos.
In unseren Elternseminaren kommt dieses Thema immer wieder auf. Viele Eltern ADHS-betroffener Kinder (insbesondere hyperaktiv-impulsiver Typus und Mischtypus) sind irritiert, wenn sich ihr Kind einerseits selbst überschätzt („Ich kann das schon! Das ist doch babyleicht!“) und ein paar Momente später in das Gegenteil verfällt („Ich kann das eh nicht! Ich bin einfach zu dumm!“). Auch im sozialen Bereich wird es häufig schwierig, wenn die Kinder Geschichten zu ihren Gunsten ausschmücken, übermässig mit Erfolgen im Sport prahlen oder mit Gütern oder Erlebnissen angeben. Die Sorgen nehmen weiter zu, wenn Eltern erleben, dass ihr Kind die Geschwister abwertet („Ich kann das eh viel besser, du kleines Baby!“) und sich Freunde aufgrund der Grossspurigkeit langsam abwenden.
Die Erfahrung von Eltern und Lehrkräften deckt sich hierbei mit der aktuellen Forschung: Eine Reihe von wissenschaftlichen Studien zeigt, dass ADHS-betroffene Kinder dazu neigen, ihre Kompetenzen und Leistungen im sozialen, schulischen und Verhaltensbereich zu überschätzen (für eine Übersicht siehe: Owens, Goldfine, Evangelista, Hoza & Kaiser, 2007). Dabei glichen Forscherteams die Selbsteinschätzungen ADHS-betroffener Kinder mit objektiven Leistungstests oder mit Einschätzungen von Bezugspersonen wie Eltern und Lehrkräften ab. Interessanterweise überschätzen sich ADHS-betroffene Kinder in den Bereichen am stärksten, in denen sie die grössten Schwierigkeiten haben (Hoza et al., 2002; 2004). Erhält ein ADHS-betroffenes Kind beispielsweise die schlechtesten Noten und Rückmeldungen im Fach Mathematik, so ist es wahrscheinlich, dass es seine Leistung insbesondere im Rechnen beschönigt.
Die Ursache dieses Phänomens wird in der Forschung heiss diskutiert. Manche Fachpersonen gehen davon aus, dass die Entwicklungsverzögerungen ADHS-betroffener Kinder für den ausgeprägten Optimismus im Hinblick auf eigene Fertigkeiten verantwortlich sind. Denn Hirnbereiche wie der präfrontale Kortex, die Basalganglien und der Corpus Callosum, die bei ADHS-betroffenen Kindern ein verändertes Wachstum aufweisen, werden für die Selbst- und Fremdwahrnehmung und die Bewusstheit über die eigenen Stärken und Schwächen benötigt. Gegen diese Hypothese sprechen Untersuchungen, die zeigen, dass ADHS-betroffene Kinder durchaus in der Lage sind, schulische Fertigkeiten und soziale Kompetenzen realistisch einzuschätzen, wenn es sich um andere Kinder handelt. Lediglich bei der Selbsteinschätzung neigen sie zu Übertreibungen (z.B. Evangelista et al., 2007). Ausgehend von diesen Erkenntnissen scheint eine andere Erklärung plausibler: die Selbstschutz-Hypothese. Demnach plustern sich ADHS-betroffene Kinder auf, um ihre Schwächen und Defizite zu verstecken und so ihren Selbstwert zu schützen. Wer ausgesprochen positiv über sich selbst spricht, kann möglicherweise sich selbst und andere davon überzeugen, dass er nicht scheitern wird. Die übertriebene Selbsteinschätzung gerade in schwachen Bereichen wäre somit eine Bewältigungsstrategie.
Diener und Milich (1997) wollten dieser Vermutung auf den Grund gehen. Dazu untersuchten sie 60 ADHS-betroffene Kinder und 60 Kontrollkinder zwischen 8 und 11 Jahren. Sie teilten die Kinder per Zufall in Zweiergruppen ein mit jeweils einem ADHS-betroffenen und einem nicht-betroffenen Kind. Gemeinsam sollten die Kinder eine spielerische Aufgabe lösen. Vor der Spielsequenz fragte man die Kinder getrennt voneinander: „Was meinst du, wie gut wirst du die spielerische Aufgabe lösen? Wie gerne wird dich dein Spielpartner mögen? Wie leicht fällt es dir, dich mit Kindern in deinem Alter anzufreunden?“
Bereits hier zeigte sich, dass Kinder mit ADHS sich unrealistisch einschätzten. Im Gegensatz zu den Kontrollkindern überschätzten sie ihre Beliebtheit beim Spielpartner.
In einem zweiten Teil des Experiments bekam die Hälfte der Kinder nach der ersten Spielsequenz ein positives Feedback von den Versuchsleitern („Dein Spielpartner hat mir erzählt, dass er gerne mit dir gespielt hat und dich gerne mag.“). Anschliessend spielten die Kinder noch einmal miteinander und schätzen am Ende erneut ein, wie gerne das andere Kind sie möge und inwiefern es das gemeinsame Spiel genossen habe.
Hier zeigte sich ein spannendes Ergebnis: Positives Feedback führte bei den ADHS-betroffenen Kindern zu einer realistischeren Selbsteinschätzung. Sie „plusterten sich also weniger auf“ und konnten besser einschätzen, wie beliebt sie beim Spielpartner tatsächlich waren. Erhielten ADHS-betroffene Kinder hingegen keine Rückmeldung, so steigerten sie ihre Beliebtheitseinschätzung weiter ins Unrealistische. Bei den Vergleichskindern beobachteten die Forscher ein entgegengesetztes Muster. Diener & Milich (1997) schlussfolgerten, dass ADHS-betroffene Kinder ihren Selbstschutzmechanismus durch positives Feedback lockern können. Das Bedürfnis, den eigenen Selbstwert durch Übertreibungen zu schützen, nehme ab. Gestärkt durch positives Feedback sind sie in ihrer Selbsteinschätzung dann weniger defensiv, können sich Fehler eher eingestehen und somit realitätsgetreuer antworten. Übertreibungen zum Selbstschutz verlieren stückweise an Notwendigkeit.
Wir halten dieses Forschungsergebnis für äusserst wichtig. Denn immer wieder sind Eltern und Lehrpersonen verunsichert, wenn sie erleben, dass sich ein Kind sehr stark selbst überschätzt. Typischerweise kommen Fragen auf wie: „Sollen wir ihn / sie überhaupt noch loben? Verstärken wir damit nicht noch sein / ihr falsches Bild? Wäre es wichtig, dass er / sie einmal auf die Nase fällt und merkt, dass eben nicht alles babyleicht ist?“
Die Forschung zur Selbstschutzhypothese kann auf diese Fragen Antworten liefern. Sie zeigt, dass ADHS-betroffene Kinder gerade in den Bereichen, die ihnen schwer fallen, positive Rückmeldungen benötigen. Eltern und Lehrpersonen können durch positives Feedback dazu beitragen, dass diese Kinder sich ihren Schwächen und Defiziten stellen können ohne sich selbst durch ständige Angebereien schützen zu müssen.
Unsere Erfahrung zeigt, dass hinter den grossen Angebereien im sozialen Bereich meist ein fast unerschöpfliches Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung steht. Durch grosspurige Geschichten möchten diese Kinder Gleichaltrige beeindrucken, gleichzeitig glauben sie, dass diese dann lieber mit ihnen spielen. In der Realität bewirken sie meist das Gegenteil: Andere Kinder halten sie nicht selten für einen Angeber und fühlen sich genervt. Wir können ADHS-betroffene Kinder und Jugendliche ein Stück weit vor der Zurückweisung durch Gleichaltrige schützen, wenn wir diesen Kindern vermitteln:
- Was ein freundliches Gesprächen von Angebereien unterscheidet
- Warum Angebereien andere Menschen nicht dazu bringen, uns zu bewundern oder mit uns befreundet sein zu wollen
- Dass wir nichts verlieren, sondern vielmehr gewinnen, wenn wir andere Menschen loben und ihnen wertschätzend begegnen
Wie kann dies in der Praxis aussehen? Was können Eltern und Lehrpersonen tun? Nachfolgend haben wir einige Anregungen für Sie zusammengestellt:
Kinder in schwierigen Bereichen ermutigen
Wir haben gesehen, dass ADHS-betroffene Kinder insbesondere in Bereichen zu Selbstüberschätzungen neigen, die ihnen besonders Mühe bereiten. Hier sind sie auf die Unterstützung ihrer Eltern und Lehrkräfte angewiesen. Passen Sie einen Moment ab, in dem das Kind sich auf eine schwierige Aufgabe einlässt und drücken Sie Ihre Wertschätzung aus, z.B.:
- „Du liest / schreibst / rechnest schon viel besser als letzte Woche. Das Üben lohnt sich!“
- „Hey du bleibst ja richtig dran.“
- „So wie du dich reinhängst, wirst du immer besser!“
- „Das sah schwierig aus und du hast trotzdem weitergemacht. Wie hast du das geschafft?“
Über Angeberei ins Gespräch kommen
Wenn Sie merken, dass andere Kinder Ihr Kind aufgrund seiner grossspurigen Art ablehnen oder Sie mehr und mehr Mühe haben, diesen Zug an Ihrem Kind zu akzeptieren, lohnt es sich, die Angeberei zum Thema zu machen. Viele Kinder merken nicht, wenn sie in Eigenlob verfallen und verstehen nicht, warum dies ein Problem darstellt. Vielleicht helfen Ihnen die folgenden Schritte weiter:
1. Besprechen Sie mit Ihrem Kind, was Angeberei ist
Was ist Angeberei? Warum sagt man „Eigenlob stinkt?“ Vielleicht erstellen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind eine Mind-Map zum Thema „Angeberei“. Eine kindgerechte Erklärung wäre zum Beispiel:
„Angeberei ist, wenn man anderen Menschen sagt oder zeigt: ich bin besser, stärker, klüger oder habe mehr Spielsachen als du.“
Sie können das Konzept auch durch ein Ratespiel einführen:
„Jetzt haben wir schon ein bisschen über das Angeben gesprochen. Wollen wir ein kleines Quiz dazu machen? Kannst du Angeberei von freundlichen Gesprächen unterscheiden? Ich sage dir immer einen Satz und du entscheidest, ob das Angeberei ist oder nicht.“
Beispiele für ein Angeberei-Quiz:
1.Jemanden erzählen, wie viel Geld du auf dem Sparbuch hast.
2.Jemandem deinen Zweitnamen verraten.
3.Jemandem erzählen, dass du die beste Note in der Matheprüfung erhalten hast.
4.Jemandem sagen, dass du im Fußball viel besser bist als er.
5.Einem anderen Kind sagen, dass es gut Fussball spielt.
6.Jemandem dein Alter angeben.
7.Jemandem sagen, dass du zu Hause ein noch viel schöneres oder besseres Spielzeug hast.
8.Jemandem erzählen, dass dein Bruder stärker ist als sein Bruder.
9.Jemanden verraten, dass deine Familie viel Geld hat.
10.Jemandem deine Adresse angeben.
11.Jemandem sagen, dass du viel höher klettern kannst als er.
12.Jemandem erzählen, dass du eine größere Sandburg bauen kannst.
13.Wenn ein Kind in den Ferien den Europapark besucht hat, sagen, dass du schon drei Mal dort warst.
Im Idealfall werden hier auch individuelle Beispiele eingefügt, die Sie im Alltag mit Ihrem Kind als kritisch empfinden.
2. Diskutieren Sie gemeinsam die Folgen von Angeberei
Kinder haben häufig das Gefühl, dass sie beliebter werden, wenn sie sich selbst gut darstellen. Sie profitieren davon, wenn Ihre Eltern ihnen vermitteln:
- „Wer so etwas sagt, kann die Gefühle anderer verletzen. Es zeigt anderen: du bist schlechter als ich.“
- „Wer einen guten Eindruck hinterlassen möchte, spricht lieber gut über andere als über sich selbst.“
Manche Eltern entwickeln mit ihrem Kind auch ein „Achtung! Eigenlob stink!“-Zeichen. Sie können dazu beispielsweise sagen: „Wir haben ja gesehen, dass es gar nicht so gut ankommt, wenn man sich selber so in den Mittelpunkt spielt. Wollen wir uns gemeinsam ein Zeichen überlegen, wenn einer von uns das aus Versehen macht? (…) O.K… also wenn einer von uns mit dem Finger auf die gerümpfte Nase tippt, heisst das: Eigenlob stinkt! Jetzt wird es mir zu viel! Lass uns über etwas anderes reden.“ Auf diese Weise können Sie Ihrem Kind ohne viele Worte im Alltag vermitteln, was Angeberei bedeutet und in welchen sozialen Situationen ein solches Verhalten unangemessen ist. Sind Sie mit Ihrem Kind alleine, können Sie solche Situationen auch nachbesprechen im Sinne von:
- Warum habe ich dir das Zeichen gegeben?
- Was hättest du stattdessen sagen können?
- Wie können wir das Thema wechseln? Ich sage dann so etwas wie: „Lange Rede kurzer Sinn“… oder… „genug von mir“ und stelle dem Anderen eine Frage
Betonen Sie prosoziales Verhalten
Regen Sie Ihr Kind dazu an, anderen Kindern von Zeit zu Zeit ein Kompliment zu machen, z.B. „Guter Schuss!“ oder „Cooler Rucksack.“ Sie können diesen Punkt auch in der Familie üben, indem Sie von Zeit zu Zeit eine kleine Komplimente-Übung beim Abendessen durchführen. Dabei meldet jedes Familienmitglied seinem Tischnachbarn eine Sache zurück, die es an ihm mag oder die es am heutigen Tag gut gemacht hat. Durch die positive Reaktion des Gegenübers merken die Kinder, dass die Aufwertung anderer keine Abwertung der eigenen Person, Fähigkeiten und Erlebnisse ist. Als Eltern können Sie prosoziales Verhalten verstärken, indem Sie dazu Rückmeldungen geben, beispielsweise:
- Es freut mich, wie du deiner Schwester hilfst
- Ich fand es schön, dass du Marla zu ihrem Sieg gratuliert hast
- Beim Abendessen warst du ein guter Zuhörer und hast kluge Fragen gestellt-danke!
- Hast du gesehen wie sich Tim gefreut hat als du ihn für seinen Schuss gelobt hast?
Machen Sie Angebereien unattraktiv
Wenn wir uns bewusst machen, dass Kinder durch Angeberei Ihr Bedürfnis nach Anerkennung stillen möchten und ihren Selbstwert schützen wollen, wird klar, dass Strafen nicht viel helfen. Bedürfnisse müssen gesättigt werden, damit wir uns anderen Dingen zuwenden können. Wir können das Bedürfnis nach Anerkennung sättigen, indem wir dem Kind vermitteln, dass wir es unabhängig von seinen Leistungen lieben, ihm aber auch Wertschätzung zeigen, wenn es sich prosozial verhält oder sich auf Aufgaben einlässt, die ihm schwer fallen. Stürzt sich Ihr Kind in eine übertriebene Geschichte, können Sie unterbrechen und freundlich sagen:
- „Ich finde es schön wie kreativ du bist / was für eine lebhafte Fantasie du hast… deine Zuhörer möchten aber unbedingt wissen, wenn eine Geschichte nicht wirklich passiert ist / nicht real ist.“
- „Erzählst du mir gerade eine Geschichte oder ist das wirklich passiert? Wenn du dir die Geschichte ausgedacht hast, möchte ich das wissen…“
Damit dieser Unterbruch gelingt ist es wichtig, dass die Haltung dem Kind gegenüber freundlich interessiert anstatt verhörend ist. Auf diese Weise machen Kinder die Erfahrung: „Meine Bezugspersonen hören mir zu und interessieren sich für mich. Egal ob ein Erlebnis gross oder klein, langweilig oder spannend ist. Ich darf auch Fantasien teilen, aber dann muss ich das auch sagen.“
Aktuell: Unsere Seminare zum Thema ADHS
Für Eltern: Seminar "Erfolgreich lernen mit ADHS"
Für Lehrkräfte: Tagesweiterbildung "Schüler/innen mit AD(HS) erfolgreich unterrichten"
Für Fachpersonen aus Psychologie und Erziehung: Tagesfortbildung "Gemeinsam wachsen: Beratung von Eltern ADHS-betroffener Kinder und Jugendlicher"
Autorin dieses Artikels: Stefanie Rietzler
Stefanie Rietzler ist Psychologin, Buchautorin ("Erfolgreich lernen mit ADHS") und leitet die Akademie für Lerncoaching gemeinsam mit Fabian Grolimund.