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Die Stadt Bern hatte im langen 19. Jahrhundert ein dynamisches Chorwesen: Zwischen 1810 und 1911 wurden mehr als 80 Chöre gegründet, wie die Stadt Bern schreibt.
Gemischte Chöre, Frauenchöre und insbesondere Männerchöre prägten das bernische Musikleben. Einer dieser Chöre war die Berner Liedertafel, dessen Vereinsarchiv im Stadtarchiv Bern aufbewahrt wird.Von Doktor Caiti Hauck, Universität BernDie 1845 gegründete Berner Liedertafel wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts zu dem grössten und wichtigsten Männerchor der Stadt.
Ihre Mitgliederzahl war beeindruckend: Drei Monate nach der Gründung hatte sie bereits mehr als hundert Mitglieder. 1913 zählte die Liedertafel 973 Mitglieder, von denen 703 Passiv- und 233 Aktivmitglieder waren. In den 1860er-Jahren etablierte sich die Liedertafel als einer der führenden Chöre in der Schweiz und genoss grosses Ansehen im ganzen Land. 2020 hätte der Chor sein 175. Jubiläum gefeiert, er wurde aber 2018 wegen Überalterung und Nachwuchsmangel aufgelöst.Als Männergesangsverein waren patriotische Chorlieder unverzichtbarer Bestandteil des musikalischen Repertoires der Berner Liedertafel.
Dennoch widmete sich der Chor eher dem Kunstgesang: Er führte anspruchsvolle Werke von Komponisten wie Schubert, Mendelssohn und Brahms auf. In Zusammenarbeit mit dem Cäcilienverein der Stadt Bern wirkte die Liedertafel auch in Konzerten mit grossen Werken für gemischten Chor und Orchester mit, z. B.
in den ersten Aufführungen in Bern der Johannes-Passion (im Jahr 1887) und der Matthäus-Passion (1890) von J. S.
Bach.Neben Konzerten organisierte die Liedertafel verschiedene gesellige Veranstaltungen. Die traditionellste war die jährlich abgehaltene Cäcilienfeier, die ein Abendessen, Reden und Toasts, sowie ernsthafte und humorvolle musikalische Darbietungen umfasste. Nicht selten waren zu diesen Feiern politische Persönlichkeiten als Ehrengäste eingeladen.
An der ersten Cäcilienfeier, die im November 1845 - also vier Monate nach der Vereinsgründung - stattfand, nahm der Regierungsrat Johann Schneider teil. Er "brachte den ersten Toast, dem neu erwachten musikalischen Leben in Bern geltend, aus" (Strelin, G., Lüscher, A., & Garraux, A.
Denkschrift zur Feier des 50jährigen Bestandes der Berner Liedertafel. Bern: Buchdruckerei Michel & Büchler, 1895, S.
12).Im Laufe der Jahre haben sich zahlreiche Politiker dem Verein als Passivmitglieder angeschlossen. Bereits 1863 waren ein Gemeinderat, ein Ständerat, zwei Bundesräte und fünf Regierungsräte Passivmitglieder der Berner Liedertafel.
Prominente Politiker, die sich grosse Verdienste um den Verein erworben hatten, wurden zum Ehrenmitglied ernannt. Die Nationalräte Johann Schneider und Jakob Imobersteg waren die ersten Politiker, denen 1848 nach der von der Liedertafel in Bern veranstalteten Eidgenössischen Sängerfest die Ehrenmitgliedschaft zuerkannt wurde.
Bis 1913 wurden noch zwölf weitere Politiker, darunter drei Bundesräte, zu Ehrenmitgliedern ernannt.Zu Ehren der Mitglieder der eidgenössischen Räte und des Bundesrates hielt die Berner Liedertafel ab 1900 regelmässig eine besondere Veranstaltung ab: der "Bundesabend". Im Programm dieser Abendunterhaltung standen Chorlieder, Soli, Duette, Instrumentalstücke sowie heitere Nummern.
Die Unterhaltung war aber nicht das einzige Ziel. Die Bundesabende strebten auch danach, "das patriotische Moment [zu] pflegen, das alle Eidgenossen und in erhöhtem Masse die Räte über alle trennenden Faktoren hinweg verbinden solle und verbindet im Streben, die Tüchtigkeit unseres kleinen Volkes zu fördern" (SAB_1017 Berner Liedertafel, Jahresbericht, 1901, S.
10).Bei einer solchen Nähe zu politischen Persönlichkeiten sei es nicht überraschend, dass 1902 der Präsident der Berner Liedertafel zur Feier der Einweihung des neuen Bundeshauses in Bern eingeladen wurde. Als Teil der Festlichkeiten fand ein offizielles Bankett mit musikalischen Vorträgen statt, bei denen der Uebeschichor - eine Art Kammerchor der Liedertafel - mit der Aufführung von fünf meist patriotischen Chorliedern mitwirkte.Die Berner Liedertafel war ohne Zweifel eine treibende Kraft im bernischen Musikleben des langen 19. Jahrhunderts.
Aus den Quellen geht ausserdem hervor, dass ihre Tätigkeit nicht nur in der Musik, sondern auch in der Gesellschaft und sogar in der Politik eine wichtige Rolle spielte.Dr. Caiti Hauck sei Marie-Skłodowska-Curie-Fellow am Institut für Musikwissenschaft der Universität Bern, wo sie das EU-Horizont-2020 Projekt CLEFNI – The choral life in the cities of Bern and Fribourg in the long nineteenth century durchführt..
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