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Russische Futuristen und georgische Kollegen verfolgten zu Beginn der 1910er Jahre im gemeinsamen Austausch ihre künstlerischen Forschungen in Tbilisi. Ganz im Sinne des Futurismus nahmen sich die Künstlerinnen und Künstler die Freiheit, akademische Vorgaben und Sprachen zu durchleuchten und zu hinterfragen. Diese Freiheit spiegelte sich gerade auch in der gestalterischen Umsetzung, zunächst in Russland, später auch in Tbilisi. Die so entstandenen futuristischen Bücher von 1917-1919 gehören heute zu den bedeutendsten künstlerischen Artefakten der damaligen Zeit und verweisen auf die kulturelle Blüte Tbilisis. Es handelt sich um wahre Kunstobjekte, die der Zusammenarbeit zwischen Künstlerinnen und Künstler und Poeten unterschiedlichster Herkunft Rechenschaft tragen.
Der Poet, Grafiker, Verleger und Künstler Ilya Zdanevič spielte eine wesentliche Rolle innerhalb der georgischen Avantgarde und insbesondere für die Weiterentwicklung des Futurismus. Als Gründer der Organisation von «41°» (41 Grad oder Breitengrad, wo Tbilisi, Neapel und New York liegen) war er ein umtriebiges Mitglied. Die Publikationen und Aktivitäten von «41°» sind eindrucksvolle Zeugnisse, welche Einblicke in die Kunstszene von Tbilisi geben. Zu den Protagonisten von «41°» zählen Alexander Kruchenykh, Igor Terentiev, Ilya Zdanevič und Zigmund Valishevski. Sie gaben zwischen 1917 und 1918 in einer Zweitauflage wichtige Originalpublikationen aus St. Petersburg und Moskau aus den Jahren 1912 und 1913 heraus. Dazu zählen Uchites, Khudogi, Ojirenie Roz und Malokholia v Kapote von Kruchenykh, O Sploshnim Neprilichii von Terentiev und Janko – Krul Albanski von Zdanevič. 1919 veröffentlichte «41°» unter anderem Miliork, Lakirovannoe Triko von Kruchenykh, Record Nejnosti von Terentiev, Ostrof Paskhi, Zga Jakobi von Zdanevič.
Ilya Zdanevič, Zga Jakobi, Tbilisi, 1919.
Die Publikationen erschienen jeweils in kleinen Auflagen und sind heute begehrte Sammlerobjekte.
In ihren Ausgaben glichen diese Publikationen Broschüren, was in dieser Form damals wenig verbreitet war. Diese «neuartigen Bücher» entstanden mittels Lithografie, manchmal mit handgeschriebenen Texten der Künstler oder Autorinnen. Die Erzählungen und Illustrationen waren dabei meist zweitrangig. Im Vordergrund standen die Form und der grafische Ausdruck.
Die transnationale Sprache «Zaum», die Sprache der futuristischen Dichtung, setzte sich aus Wortspielen zusammen, wobei die Wörter an sich keiner Bedeutung zugewiesen sind. So wird Improvisation zum inhaltlichen Wesen des «Zaum». Die Sprache ist Experiment und ihre Experimentierfreudigkeit ermöglichte neue Kunstformen.
Für die futuristischen Künstlerinnen, Künstler und Poeten besitzt die Handschrift einen eigenwilligen und ihr eigentümlichen Charakter, der durch den mechanischen Druckvorgang verloren geht. Um der «langweiligen Geradlinigkeit» von monoton gedruckten Zeilen zu entkommen, setzten sie verschiedenartige Schriftarten und unterschiedliche Schriftgrössen ein, die sich wiederum mit von Hand geschriebenen Textstellen abwechseln. Die so ineinander verwobenen Wörter und Illustrationen ergeben in ihrer Gesamterscheinung letztendlich ein einheitliches, künstlerisches und grafisches Bild.
Der Gründer des georgischen Futurismus, Ilya Zdanevič, gilt gleichzeitig auch als Erfinder des georgischen Dadaismus. Seine radikalen typografischen Experimente für die Publikationen von «41°» setzten den Grundstein für den Dadaismus in Tbilisi. Zdanevič, der vor allem unter seinem Pseudonym «Iliazd» aktiv war, lieferte Paradebeispiele für die «zaumnische Dichtung», so zum Beispiel mit seinem Text Esel zu mieten, welchen er der Schauspielerin Sofia Melnikova widmete.
Ilya Zdanevič, Esel zu mieten (in Russisch).
Der dargestellte Text und die hörbare Form des Gedichtes werden darin bis an ihre Grenzen abstrahiert. Aus diesem Vorgang übrig bleibt ein rein grafisches und sonores Textbild. Die abgebildeten Wörter lesen sich zeitgleich, so auch ihre grafische Darstellung: Als bilden sie einen musikalischen Akkord, sitzen zwei Wörter aus zwei verschiedenen Zeilen auf dem gedruckten Papier vertikal übereinander. Verbindet die Wörter ein gemeinsamer Vokal oder ein bestimmter Konsonant, erscheint dieser im Textbild nach den Spielregeln des «Zaum» nur noch einmal, dafür in seiner Grösse und Gewichtung hervorgehoben und betont. Dieser Vorgang vereinheitlicht die Texte zu einem Ganzen. Werden die Textzeilen nun noch simultan von zwei Personen vorgetragen, harmonieren ihre Stimmen durchgehend im Einklang miteinander. Genau das zeichnet das Absurde des Dadaismus aus: Ein verbaler, klangvoller und künstlerischer Ausdruck erzeugt einen unvergleichlichen, absurden Vortrag. Zdanevičs Stück Esel zu mieten zählt bis heute zu den radikalsten künstlerischen Wagnissen des Dadaismus.
Im Allgemeinen sind die Bücher der Futuristen aus Tbilisi vielfältig und«multinational». Im September 1919 wurde das letzte in Tbilisi produzierte Buch, eine der Schauspielerin Sofia Melnikova gewidmete Anthologie, veröffentlicht. Sie gilt bis heute als bedeutendes Sammelwerk futurischer Poesie und Kunst und enthält Beiträge aus Russland, Armenien und Georgien. Die Eigenheit der unterschiedlichen Beiträge werden beibehalten und doch fügt es sich zu einem fliessenden, flexiblen und dynamischen Ganzen.
Der Futurismus mitsamt seinen futuristischen Büchern prägte die georgische Avantgarde bis in die frühen 1930er Jahre. 1924 veröffentlichten georgische Schriftsteller, Dichter, Künstlerinnen und Künstler das futuristische Jahrbuch H2SO4 (H2SO4). Zu den mitwirkenden Autoren zählten auch Beno Gordeziani, Akaki Beliashvili, Simon Chikovani, Irakli Gamrekeli, Nikoloz Shengelaia und Shalva Alkhazishvili. Mit H2SO4 loteten die georgischen Avantgardisten abermals die formalen Grenzen der Literatur, Dichtung und Kunst aus, angetrieben von einem Bestreben nach einer neuen kreativen «Realität», in der unbefangene Experimente und spielerisches Schaffen den Weg weisen.
Installationsansicht, Georgischer Modernismus: Die Fantastische Taverne, Kunsthalle Zürich, 2018
Foto: Lucas Ziegler.