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Restitutionsdebatte
Restitutionsdebatte
In der Restitutionsdebatte, in deren Mittelpunkt die Frage steht, wie mit den Ethnographica, Kunstwerken und Naturalia umgegangen werden soll, die während der Kolonialzeit nach Europa gebracht wurden, geht es auch um eine Neubewertung europäischer Geschichte» schreibt Rebekka Habermas.
Diese Diskussion wird in Europa nicht zum ersten Mal geführt. Bereits in den 1960er Jahren wurde im Zusammenhang mit Forderungen nach Rückgabe von Artefakten von verschiedenen Ursprungsgesellschaften die Frage der Restitution wenig erfolgreich diskutiert. Erst im neuen Jahrtausend und intensiv in den vergangenen Jahren findet eine Diskussion über den Umgang mit den kolonialen Objekten statt.
Der Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter verfasst vom senegalesischen Schriftsteller und Wirtschaftswissenschaftler Felwine Sarr sowie der französischen Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy stellt einen Meilenstein im Zusammenhang mit der Restitutionsdebatte dar. Thema ist der Kontext und die Modalitäten der Restitution von afrikanischem Kulturerbe aus den öffentlichen Museen und Sammlungen in Frankreich. Im Zusammenhang mit diesem Bericht deklarierte der französische Präsident Macron, dass Frankreich geraubte Kunst zurückgeben wolle.
In ihrem Bericht schreiben Bénédicte Savoy und Felwin Sarr, dass 90 Prozent der afrikanischen Kulturgüter sich in europäischen Sammlungen, die direkt auf die Kolonialzeit zurückgehen, befinden. Dies gilt auch für Schweizer Museen.
Literatur
Rebekka Habermas. Restitutionsdebatten, koloniale Aphasie und die Frage, was Europa ausmacht. bpb 2019.
Koloniale Raubkunst: «Bei der Rückgabe gibt es kein Limit». David Eugster, 2.2.23 swissinfo, Link
Wie umgehen mit Skeletten – Ahnen in Museen
Begriffe
Bei der Wahl der Begriffe soll zum Ausdruck kommen, dass es sich um Menschen und nicht um Objekte handelt. Dieser Wandel in der Wahrnehmung ist zentral um einen respektvollen Umgang mit diesen bis heute andauernden grausamen Folgen des Kolonialismus zu finden.
Vorfahren und Menschen
Auf der Webseite des Grassimuseums wird auf die Problematik des Begriffs «Überreste» hingewiesen und für die Verwendung von Begriffen wie «Vorfahren» oder «Menschen» plädiert. «Heute wird die Verwendung des objektivierenden Begriffs menschliche Überreste kritisch betrachtet und durch humanisierende Bezeichnungen wie Vorfahren oder Menschen ersetzt. Dieser Begriffswechsel ist Teil eines Prozesses, den wir Rehumanisierung nennen. Wenn wir unsere Sprachmuster zu diesen sensiblen Themen ändern, ändern wir auch unsere Perspektive. Diese Familienmitglieder, Gemeindevorsteher:innen und Nachbar:innen wurden mit dem Eintritt in die Sammlungen als Objekte wissenschaftlicher Studien betrachtet»
Repatriierung
Zum Begriff Repatriierung steht auf der Webseite des Grassi-Museum: «Repatriierung bezeichnet das Zurückholen und Zurückbringen von Kriegs- oder Zivilgefangenen in ihr Herkunftsland. Im musealen Kontext wird darunter die Rückgab von Vorfahren* an ihre Herkunftsgesellschaften verstanden. Diese wurden im Kontext des kolonialen Sammelns zu Forschungszwecken an die Museen gebracht.
Umgang mit Vorfahren in deutschen Museen
Wurde 2013 in dem Leitfaden des Deutschen Museumsbunds zum Umgang mit menschlichen Überresten die Forschung an den Skeletten noch verteidigt, ist davon 2021 nichts mehr zu lesen. Allerdings gibt es nach wie vor Stimmen gegen eine Restitution. Ein Argument ist, dass sich nach über 100 Jahren niemand mehr für die Überreste dieser toten Menschen interessieren würde. Immer mehr Museen setzen sich jedoch für die Restitution ein. Der Umstand, dass Tote nie haben begraben werden können und oft von den Mördern entführt und zu pseudowissenschaftliche Untersuchungen missbraucht worden sind, ist für betroffene Familien und Gemeinschaften bis heute traumatisierend. Die toten Menschen bleiben ohne Grab und ohne Gedenken. Bereits zu ihren Lebzeiten wurden sie einem entwürdigenden und entmenschlichenden Vorgehen ausgesetzt. Dies bleibt nach ihrem Tod bis heute bestehen. Von Seiten des Grassimuseums wird betont, dass nach der Dehumanisierung durch die Kolonialisatoren es zentral ist eine Rehumanisierung anzustreben. Wesentlich ist es auch, mit den Herkunftsgesellschaften in Kontakt zu treten. Sie sollen bestimmen, wie eine Restitution ablaufen soll.
We want them back. Wissenschaftliches Gutachten zum Bestand menschlicher Überreste / Human Remains aus kolonialen Kontexten in Berlin (decolonize Berlin)
Das wissenschaftliche Gutachten We Want them Back ist eine Bestandsaufnahme menschlicher Gebeine aus kolonialen Kontexten im Besitz des Landes Berlin. Es soll Informationen über Bestände der Berliner Kultureinrichtungen offenlegen und Familienangehörigen und Herkunftsgemeinschaften die gezielte Suche nach ihren Vorfahren ermöglichen. Decolonize Berlin e.V. 2022 Link
Bericht: «Umgang mit menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten» 2023
Am 29.12.23 wurde der Bericht «Umfrage zu menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten in Museums- und Universitätssammlungen in Deutschland» veröffentlicht.
Falko Mohrs, Vorsitzender der Kulturministerkonferenz 2023, sagte: «Der Umgang mit menschlichen Überresten aus kolonialem Kontext in Deutschland war in der Vergangenheit häufig fragwürdig. Jetzt haben wir die Chance, es besser zu machen. Wo immer es geht, sollen Transparenz geschaffen und mit aller gebotenen Sensibilität Rückgaben ermöglicht werden.»
«Überreste» von 17’000 Menschen aus «kolonialen Kontexten» befinden sich in Museen und Sammlungen. Allerdings dürfte die Zahl noch höher sein, da nur die «31 mutmasslich grössten Sammlungen » befragt worden sind. Erschreckend ist, wie in den Museen bis anhin mit dieser sensiblen Thematik umgegangen worden ist. So schreibt beispielsweise Jörg Häntzschel in der Süddeutschen: «Die größte Schwäche der Studie ist, dass sie sich auf die Auskünfte der Museen stützt, die oft selbst kaum wissen, was in ihren Kellern liegt. 32 Prozent gaben an, ihre menschlichen Überreste seien nicht inventarisiert; für 38 Prozent von diesen konnten die Museen nur Annäherungswerte nennen. Und bei 7500 der 17 000 Überreste wissen die Museen nicht einmal, von welchem Kontinent sie stammen.»
Menschliche Überreste in deutschen Museen: Albtraumhaftes Erbe, Jörg Häntzschel, sd-online, 1.1.2024.
Dokfilm 2024: „Das leere Grab“ – Tansania
Der Film von Agnes Lisa Wegner und Cece Mlay wurde auf der Berlinale 2024 gezeigt. «Für den Film hat das deutsch-tansanische Regie-Duo Cece Mlay und Agnes Lisa Wegner zwei Familien aus Tansania auf der Suche nach den sterblichen Überresten ihrer Vorfahren begleitet. Auch heute noch lagern kistenweise Gebeine aus Afrika in den Kellern der ethnologischen Museen Europas. Im Lauf der Recherche hat das Projekt viel an politischer Aufmerksamkeit gewonnen. Sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte das Grab von Nduna Songea Mbano und entschuldigte sich für die deutschen Gewalttaten. Dennoch fühlen sich die tansanischen Familien von der Politik nicht gehört.» SWR2 20.2.24