Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03522.jsonl.gz/457

Ich stelle mir vor, du wärst jetzt ein Adler. Deine Federn sehen aus wie Seide, wenn du deine Schwingen ausbreitest, so wie du es schon damals getan hast. Unter dei-nen Flügeln sass ich, und unter mir war ein Traktor. Den ganzen Nachmittag fuhren wir über das Feld, Furchen hinterlassend, du, singend, wir, Bahnen ziehend.
Weisst du, ich war mir in diesem Moment des Glücks voll bewusst und ich erkannte so langsam die Parallelen: une ufe und oben abe und de Buur blutt. Wenn wir in den freien Stunden den Teppich ausbreiteten, den Zeigefinger bespuckten, um den Schiefer zu putzen, und du dann auch noch dein Füüfblatt ankündigen konntest, so wusste ich, dass wir für die nächste Stunde sicher sein würden. Später dann das üb-liche Programm, Nachtessen, Fernseher, ich weckte dich und du sagtest, dass es Zeit sei. Ich holte die Decke aus dem eiskalten Zimmer, legte mich hinein und du trugst mich hoch. So gerne würde ich dir sagen, wie stark deine Flügel waren und wie lieb deine Augen, wenn sie nur einen Zentimeter von den meinen entfernt waren. Heimlich in der Hoffnung, du würdest die Katze in meinem Bett nicht bemerken, stell-te ich mich schlafend, nur um gleich wieder aufzustehen und dir hinterher zu schlei-chen. Die Zähne im Glas waren mir so unheimlich und doch übten sie diese unglaub-liche Anziehungskraft auf mich aus, Nacht für Nacht tappte ich über den knarrenden Boden, um einen Blick davon zu erhaschen, wie das Wunder vonstattenging.
Ich stelle mir vor, du würdest dich erinnern.
Ich stelle mir vor, du wärst der Mond und ich wäre für einmal ich. Du machst genau dasselbe, was du schon immer getan hast. Bahnen ziehend umkreist du mich und irgendwie bist du da und irgendwie kenne ich dich noch immer nicht. Deine Lippen waren spröde und ausgetrocknet, als die weissen Frauen dich ins Bett legten und versuchten, dich zum Trinken zu bewegen. Ich staunte, mit welcher Leichtigkeit dei-ne Tochter, welche ich Mama rufe, dir einen Kuss aufdrückte. So viel war noch zu sagen, dass der Wald jetzt stillsteht und schweiget und dass da etwas aus den Wie-sen steiget und ob du das vielleicht ein letztes Mal noch singen kannst?
Die Furchen und Krater waren ein Teil deines Gesichts geworden, das ich nicht mehr zu berühren wagte. Obwohl du sie nicht angerührt hattest, ekelte ich mich vor der Schokolade, die ein Geschenk an dich gewesen war. Deine Hände griffen ins Leere, als wolltest du noch etwas berühren, und ich glaube dir, dass dies auch wirklich da war.
Später sah ich den Mond im freien Fall. Wie von einer Riesenhand geschleudert, drehte er sich unzählige Male um die eigene Achse, schien kurz aufzuleuchten, at-mete tief und stürzte immer mehr in Richtung Schwarz.
Ich stelle mir vor, du sässest auf meiner Schulter. So leicht bist du nun, so klein, dass ich aufpassen muss, dass du nicht hinunterfällst. Wo willst du hin?
Ich tat einfach so, als wüsste ich ganz genau, wohin meine Füsse dich tragen sollten, und nahm die schwere Treppe in Angriff. Im Raum angelangt, setzte ich dich vorsich-tig auf das Bett neben der Tür. Dass die Matratze mit Pferdehaar gefüllt sei, hast du mir unzählige Male erklärt und wie jedes Mal liess ich dich reden, froh darüber, dass du etwas erzähltest. Unser Blick schweifte zu diesem Bild an der Wand, von dem wir nicht wussten, wer es gemalt hatte, eine Cousine oder eine Freundin, der Name, mit dem es signiert war, sagte dir jedes Mal weniger. Dann der Schrank, in dem es diese Schublade mit den Briefen gab, von denen wir so taten, als gäbe es sie nicht. Die Hermes Baby war dein Stolz und so liess ich dich so lange über die Buchstaben hüp-fen, bis du auf der Leertaste eingeschlafen warst.
Ich wusste, dass die Zeit gekommen war, dich wieder hochzuheben und tiefer in den Raum zu gehen. Auf meiner Handfläche kribbelte es, als du dich hinsetztest, und für einen kurzen Moment drohtest du zu fallen. Du klammertest dich an meinem Dau-men und Ringfinger fest und wir öffneten die Vorhänge. Auf dem Tisch die alte Ber-nina, den Faden eingespannt, das Füsschen gehoben. Ich fand eines deiner Hem-den, den Saum abgesteckt, alle Stecknadelspitzen zeigten in dieselbe Richtung. In diesem Augenblick spürte ich, dass deine Gedanken den meinen endlich ähnlicher wurden. Wir dachten, dass alles daraufhin deutete, dass unsere Geliebte gleich zu-rückkehren könnte und den Faden wieder aufnehmen würde.
Noemi Schai