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Die Sammlung von Kunstwerken hauptsächlich des 19. Jahrhunderts aus deutschsprachigen Ländern, die Oskar Reinhart seit 1927 in Winterthur aufgebaut hat, ist 1951 in einem nach seinen Vorstellungen eingerichteten Museum als Stiftung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Oskar Reinhart hat während der gesamten Dauer des Zweiten Weltkriegs bewusst auf jede Erwerbung von Kunstwerken im Ausland verzichtet, doch hat er in den Jahren zwischen der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 und Kriegsausbruch 1939 verschiedene Werke nicht zuletzt in Deutschland gekauft. Das auferlegt der Stiftung Oskar Reinhart eine erhöhte Achtsamkeit im Umgang mit Werken aus diesen Erwerbsjahren.
Die Stiftung Oskar Reinhart hat schon in den 1970er Jahren die Provenienzen aller Gemälde und Skulpturen der Sammlung untersucht und die Resultate in drei Bestandskatalogen zwischen 1977 und 1984 publiziert: Franz Zelger, Stiftung Oskar Reinhart. Sammlungskatalog Bd. 1, Schweizer Maler des 18. und 19. Jahrhunderts, Zürich 1977; Peter Vignau-Wilberg: Stiftung Oskar Reinhart. Sammlungskatalog Bd. 2, Deutsche und österreichische Maler des 19. Jahrhunderts, Zürich 1979. Franz Zelger und Matthias Wohlgemuth: Stiftung Oskar Reinhart. Sammlungskatalog Bd. 3, Schweizer Maler und Bildhauer seit Ferdinand Hodler, Zürich 1984.
Die damaligen Recherchen wurden anhand der Ankaufsbücher und Erwerbungsakten im Nachlass von Oskar Reinhart durchgeführt. Dabei stellte man fest, dass Reinhart fast die Hälfte der untersuchten Kunstwerke durch seinen Freund und Händler des Vertrauens, Dr. Fritz Nathan (1895–1972), erworben hat. Darunter befand sich auch Caspar David Friedrichs Gemälde «Kreidefelsen auf Rügen», eines der Hauptwerke der Sammlung, das Reinhart bereits 1930, also vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, aus der Sammlung von Julius Freund (1869–1941) für RM 50'000.- übernommen hat.
Eine repräsentative Auswahl der Sammlung war 1993–1995 Gegenstand einer internationalen Ausstellungs-Tournee unter dem Titel „Von Caspar David Friedrich bis Ferdinand Hodler. Meisterwerke aus dem Museum Stiftung Oskar Reinhart Winterthur“: Berlin Alte Nationalgalerie (14.5.–12.9.1993), Los Angeles, Los Angeles County Museum of Art (30.9.1993–2.1.1994), New York, The Metropolitan Museum of Art (10.2.–24.4.1994), London, The National Gallery (15.6.–4.9.1994), Genf, Musée d’art et d’histoire (30.9.1994–12.2.1995).
Nicht umsonst gilt Oskar Reinhart im Umgang mit den Provenienzen seiner Käufe als exemplarisch unter den Schweizer Sammlern der Zeit, da er nachweislich ab 1933 Geschäfte unklarer Art unter allen Umständen vermied und da er überdies nach Kriegsausbruch 1939 bis zum Kriegsende 1945 vollständig aufhörte, Werke im Ausland zu erwerben.
Reinhart bezahlte stets korrekte Marktpreise, und er hätte nie das verfolgungsbedingte Schicksal eines Vorbesitzers wissentlich und willentlich zu seinem Vorteil ausgenutzt. Die Provenienz eines Kunstwerks galt Reinhart als wichtiges Qualitätsmerkmal in seiner der Öffentlichkeit bestimmten Sammlung, und eine Minderung des eigenen Nachruhms durch moralisch zweifelhaft erworbene Werke hätte seinen Absichten widersprochen.
Die Provenienzen der rund 6'000 Zeichnungen und Druckgraphiken im Bestand der Stiftung Oskar Reinhart, Winterthur, konnten bislang aufgrund ihrer grossen Anzahl noch nicht systematisch untersucht werden. 2011 hat das schweizerische Bundesamt für Kultur, das für die Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» und für das dort aufbewahrte Archiv zuständig ist, eine Stelle geschaffen, um das reiche Konvolut zu ordnen und in einer Datenbank zu erschliessen.
Gestützt darauf wurde im Sommer 2012 eine erneute Prüfung der Bestände der Stiftung Oskar Reinhart eingeleitet, die besonders auf Erwerbungen aus der Zeit des Nationalsozialismus achtet. Inzwischen konnte zum Beispiel der Nachweis erbracht werden, dass Oskar Reinhart Adolph Menzels Zeichnung «Krigar am Klavier» ebenfalls 1934 durch Vermittlung Fritz Nathans von dem Berliner Maler Max Liebermann (1847–1935) im Rahmen eines regulären Kunstverkaufs erworben hat.
Ziel der Provenienzforschung der Stiftung Oskar Reinhart ist es, ein besseres Verständnis der eigenen Sammlungsgeschichte und der historischen Umstände, unter denen die Sammlung entstanden ist, zu schaffen. Dabei gilt es, einen differenzierenden Blick auf die Umstände der einzelnen Erwerbungen zu werfen. Die Stiftung Oskar Reinhart führt diese Arbeiten mit der gebotenen Sorgfalt im Rahmen ihrer Möglichkeiten fort.