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Heute vor 20 Jahren spielte Roger Federer in Roland Garros erstmals im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers. Die damalige Nummer 111 der Welt unterlag in der Startrunde dem aktuellen US-Open-Sieger Pat Rafter. Der Schweizer buchte die Niederlage mit erstaunlicher Gelassenheit ab.
Er fährt Traktor, gräbt Löcher und stellt Viehzäune auf. «Es ist ein einfaches Leben, aber ich liebe es», sagt der Australier Pat Rafter. Vom Glanz und Gloria früherer Tage hat sich der 46-Jährige längst verabschiedet. Damals, als er zwei Grand-SlamTurniere gewann (1997 und 1998 die US Open) und 1999 für eine Woche die Nummer 1 der Weltrangliste war. «Ich habe es genossen, im Tennis meine Träume zu verfolgen», sagt Rafter. «Aber danach wollte ich ein anderes Leben. Eines, in dem ich für meine Kinder da sein kann und sie aufwachsen sehe.»
Doch so ganz lässt ihn sein früheres Leben nicht los. Gerade dieser Tage, in denen die Tennis-Karawane in Roland Garros ihre Zelte aufschlägt, ist eine Geschichte aus seiner Vergangenheit besonders gefragt. Jene, die sich am 24. Mai 1999 abspielt – vor 20 Jahren.
Es ist der Tag, an dem Roger Federer, 17-jährig, amtierender Junioren-Weltmeister und Wimbledon-Sieger, erstmals bei einem Grand-Slam-Turnier spielt. Er ist damals die Nummer 111 der Welt und steht als einziger Nicht-Franzose nur dank einer Einladung im Hauptfeld. Sein Gegner: Pat Rafter, Australier, die Nummer 3 der Welt, aktueller US-Open-Sieger. «Es hätte schon leichtere Gegner gehabt», übt sich der Baselbieter damals in Galgenhumor, sagt aber: «Wenn schon gegen einen Grossen, dann lieber bereits in der Startrunde. Da haben sie manchmal noch Anlaufschwierigkeiten.»
Federer sollte Recht behalten. Er gewinnt den ersten Satz mit 7:5. Doch so abgebrüht wie heute ist er damals nicht. «Plötzlich begann ich, nachzudenken: Ich dachte: Oh mein Gott, was mache ich hier? Und das Nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass ich 3:6, 0:6, 2:6 verliere. Ich war im Kopf nicht bereit.»
Eine Einschätzung, die auch Pat Rafter teilt. «Roger hatte noch viel zu viel Respekt vor den Grossen und war mental unreif, das hat mir natürlich gepasst.» Pat Rafter kann etwas von sich behaupten, das sonst niemand kann: Unter jenen Spielern, die mindestens drei Mal gegen Federer gespielt haben, ist er der Einzige, dessen Bilanz blütenrein ist.
2001 trafen die beiden in Miami aufeinander. «Roger hatte in der Runde zuvor ein hartes Spiel und wieder zu viel Respekt. Ich schlug ihn locker in zwei Sätzen.» Wenige Monate später kommt es in Halle zum dritten und letzten Duell, das erst im Tiebreak des dritten Satzes entschieden wird. Dabei wehrt Rafter im zweiten Satz sogar einen Matchball ab. «Damals war bereits klar, dass sein Durchbruch kurz bevorsteht.» Und wie: Federer besiegt danach in Wimbledon Pete Sampras.
Dass er gegen Federer eine 3:0-Bilanz vorweist, findet er zwar als unglaublich, doch mit Stolz erfülle es ihn nicht. «Es lässt sich damit erklären, dass Roger noch so jung war.» Zwar zeigte er sich nach dem ersten Kräftemessen jovial, als er sagte, Federer könne «ein ganz Grosser» werden, gibt heute aber zu: Wenn ich ganz ehrlich bin, konnte ich mir nicht vorstellen, dass er einmal so gut werden könnte.»
Der Schweizer buchte die Niederlage mit erstaunlicher Gelassenheit ab: «Natürlich bin ich einerseits enttäuscht, andererseits erhalte ich auch Selbstvertrauen.» Danach gefragt, was ihm für den Sprung an die Spitze noch fehle, sagte er: «Konstanz, Training und dann muss ich einfach älter werden.» In Paris nimmt Federer sein 76. Grand-Slam-Turnier in Angriff, 20 davon hat er gewonnen.
Pat Rafter beendete seine Karriere Ende 2001. Er gehört zu jenen, die Federers Zeit viel zu früh für abgelaufen erklärten. 2009 war es, als er vor Paris sagte: «Roger ist nicht mehr der, der er einmal war.» Federer gewann danach zum einzigen Mal in Roland Garros und im gleichen Sommer in Wimbledon seinen 15. Grand-Slam-Titel.
Zehn Jahre später, Federer ist inzwischen vierfacher Vater und 37 Jahre alt, sind es bereits 20 Major-Titel. «So lange er noch Turniere gewinnen kann, wird er wohl nicht aufhören», sagt Rafter. Traut er Federer bei dessen Paris-Rückkehr nach vier Jahren Abwesenheit gar den Titel zu? «Ich sage lieber Ja: Mit meiner Aussage vor zehn Jahren habe ich mich bis auf die Unterhosen blamiert», sagt Rafter.