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GG 207
Ta ek tōn palaiōn kai pantōn sophōn kōmikōn n', Gnōmika sōzomena, hellēnisti kai rhōmaïsti kalōs kata stoicheion eis topous tinas syntetagmena.
Vetustissimorum et sapientiss. Comicorum quinquaginta, quorum opera integra non extant, Sententiae, quae supersunt: Graece & Latine collectae, & secundum literas Graecorum in certos locos dispositae. Accesserunt Uniuscuiusque Poetae vita, quanta fieri potuit diligentia conscripta: & Platonii fragmentum, de differentijs Comoediarum. Poetarum nomina proxime Praefationem sequuntur. Per Iacobum Hertelium Curiensem... Basel: (Johannes Oporin 1560).
1553 war in Paris bei Guillaume Morel eine Sammlung der Fragmente der griechischen Komiker ausser Aristophanes erschienen, derjenigen Menanders und weiterer 41 Komiker - von denen sämtlich (bis in unser Jahrhundert auch von Menander) kein einziges Stück einigermassen vollständig erhalten war, mit lateinischer Übersetzung. Hier erscheint die zweite Komikerfragmente-Sammlung, um Fragmente von acht Komikern erweitert, doch bewusst nicht über deren fünfzig hinaus, nach den jeweiligen Angaben des Herausgebers, des aus dem unterfränkischen Hof stammenden Schulmeisters und Diakons zu St. Peter in Basel Jacob Härtlein, vor allem aus Stobaeus, Athenaeus, indirekt auch aus den Adagia des Erasmus: Aristophon, Chairemon, Kratinos, Heniochos, Machon, Moschion, Philonides, Phoinikides, die meisten am Schluss der 769 Seiten (exkl. Vorspann, Variae lectiones, Errata und Index). Über ein Fünftel der Sammlung nimmt aber auch damals schon Menander ein.
Hertelius hat seine Ausgabe Bürgermeistern und Rat seiner Heimatstadt Hof gewidmet, am 2. Februar auf den Tag 1560 Jahre nach der Darstellung Jesu im Tempel, im Jahre der Welt 3979. Zu Beginn seiner Widmung weist er mit dem Zitat des bekannten Verses aus den Menander-Sentenzen, dass die Natur alles gebe, aber auch wieder an sich nehme, auf die Ordnung der Schöpferin Natur im Erschaffen, Bewahren, aber auch Zurücknehmen hin. In ewigem Kreislauf schenke sie - nach dem Platoniker Philo Judaeus - ihre Gaben den Menschen zu ihrem mühseligen Leben. Da sie sich aber am Wechsel erfreue, werde auch der zweite Teil des Senars wahr, dass sie alle Gaben wieder zu sich zurücknehme. Man lerne ja auch aus eigener Erfahrung, dass alles Gemischte auf dieser Erdenwelt von Beginn an auf seinen Untergang zustrebe und täglich einer Wiederherstellung bedürfe, denn es bestehe aus den vier Elementen, die diesem Wechsel unterworfen seien. Nach weiteren theologisch-philosophischen Erörterungen über die Vergänglichkeit auch der Himmelskörper kommt Härtlein auf den Verlust so zahlreicher wertvoller Schriftdenkmäler gelehrtester Männer in den Zeiten zu sprechen, da die Druckkunst (Chalcographiae peritia), dieses staunenswerte Geschenk des gütigen Schöpfers, noch nicht vor dem Verlust von Büchern (codicum) aus allen Disziplinen bewahrt habe. Dank ihr hätten die bonae literae aufgeatmet: die Rechte, die verbessert gelesen werden könnten, die Professoren der Medizin, die ihre Hippokrates, Galen, Dioskorides, Aeginetas, Aëtius und weitere wieder in ihrer Sprache hätten, die in allen Sprachen herausgegebenen Lehrer der Theologie, schliesslich Philosophen, Redner, Historiker in beiden Sprachen in jeder Menge. Die Grösse der Verluste an Dichtung merke, wer sich eine Zeit lang mit ihr beschäftige. Man könnte über 200 Autoren nennen, die vom Polyhistor Athenaeus (bis dahin erschienen in Venedig 1514 und Basel 1535 (GG 303), lateinisch Basel, dann Venedig und Lyon im selben Jahr 1556) und vom führenden Gnomographen Johannes Stobaeus (Venedig 1536, Zürich 1543, Basel 1549 (GG 310) jeweils nach zusätzlichen Handschriften, lateinisch Rom 1517 und Köln 1530) zitiert würden, von denen zum Teil kaum eine Zeile erhalten sei. Ganz zu schweigen, welche Menge von Clemens von Alexandria, Eusebius Pamphili, Philo Judaeus, Justinus martyr zitiert werde, von den Grammatikern, Suidas, Pollux, Harpokration, Apollonius, Hephaistion, Phavorinus und von den Lateinern Arnobius, Gellius, Macrobius. Verluste durch Verschulden der Zeit, aber auch durch Gleichgültigkeit und Unrecht der Menschen: Überheblichkeit gegenüber dem Alten, Hass auf die Literatur (in humaniores literas) - kein geringeres Verbrechen als die Verbrennung von 700'000 Buchrollen durch die Soldateska im Alexandrinischen Krieg, die Gellius beklage und Seneca erwähne. So sei nach Suidas und Zonaras in Konstantinopel unter Kaiser Zeno um 476 in einer riesigen Feuersbrunst die Bibliothek mit 120'000 Büchern zugrunde gegangen. Laut Hieronymus, Seneca, Quintilian seien 6'000 Bücher von Origenes, 3'000 vom Grammatiker Didymus untergegangen. Dann die vierzehn Dekaden des grössten römischen Historikers Livius, die siebzig mal sieben Bücher Varros. Da habe auch Gott strafend mitgewirkt. Im jetzigen Greisenalter der Welt habe Gott aus Barmherzigkeit die reine Lehre des Evangeliums eröffnet und kurz vor dem Untergang der bonae literae durch das Geschenk des Buchdrucks deren Glanz wiederhergestellt. Diese Gnade Gottes müsse man achten, damit sie nicht wieder entzogen werde. So habe er sein Talent von Gott den Freunden der Literatur, besonders der Jugend widmen wollen, mit dieser Sammlung und Erläuterungen von Resten der Alten, die wegen ihrer Weisheit, Lauterkeit und ihres Ernstes in allen Jahrhunderten geschätzt worden seien. Während nämlich Dichter der verschiedensten Gattungen dem Untergang entronnen seien, schienen die Komiker bis auf den einen Aristophanes (von dessen über vierzig Stücken allerdings auch kaum zehn bekannt seien: genau 11) verloren. Da habe er nicht warten können, ihre kostbaren Reste zu sammeln. Manche, vor allem Mishellenen, dürften das überflüssig finden, da es nur Bruchstücke seien, und das meiste bei den Gnomologen, Plutarch, Stobaeus, Athenaeus, die alle in Händen der studiosi seien, greifbar. Doch wegen ihrer Lauterkeit, fast Frömmigkeit wolle er sie den studiosi bieten, denen nach der Empfehlung des Basilius das Alte willkommener sei als das Neue. Ein aufmerksamer Leser werde merken, dass er nicht habe verbergen wollen, dass er viele berühmte Texte, die bisher ohne eigenen Autor andern Werken Glanz verliehen hätten, ihren wahren Verfassern zurückgegeben habe. So habe er den feinschmeckerischen Kitharöden Philoxenos, der sich einen Hals von drei Ellen gewünscht habe, der nirgends unter dem Namen eines Autors überliefert sei, dem berühmten alexandrinischen Komiker Machon zurückgegeben (Machon war im Pariser Druck noch nicht vertreten). Oder das anonyme überall bekannte "Das Beste sei, nicht geboren zu werden", das eindeutig von Alexis von Thurioi stamme. Schon mitten in der Arbeit habe er ein Büchlein mit getrennt aufgeführten griechischen und lateinischen Komikersentenzen ohne jeden Lebens- oder sonstigen Hinweis erhalten (hierbei kann es sich nur um die oben erwähnte Sammlung Guillaume Morels von 1553 gehandelt haben). Da habe er aus Verdruss seine Arbeit fast fahrengelassen, da sich hier anderes zu behandeln angeboten habe (wohl seine dann im folgenden Jahr erschienene Gnomikersammlung gemeint) und der Mangel an Autoren, die er zu der schwierigen Aufgabe als nötig erkannt habe, ihn von seinem Vorsatz abgebracht habe. Da hätten unter andern Gelehrten, denen schon damals sein Versuch zu gefallen geschienen habe, der berühmte und verdiente Basler Buchdrucker Johannes Oporin und der berühmte Rechtsgelehrte Johannes Sphyractes (Jeuchdenhammer, 1508-1578, früher Vorgänger Härtleins als Lehrer zu St. Peter, als Schüler Bonifacius Amerbachs dann 1537-1548 Professor der Insitutionen, 1548-1562 für Kodex) ihn ermuntert, sich nicht von seiner für alle Studien so nützlichen Arbeit abbringen zu lassen und, damit er ihren Rat befolge, ihm über hundert Autoren grosszügig zur Verfügung gestellt. So habe er in Autoren sämtlicher Gattungen (ihre Zahl könne man seinem Katalog entnehmen) die erlesensten Blüten gesammelt, mit ihren Wurzeln eingepflanzt, geordnet und im alten Glanz wiederhergestellt (er führt um die 180 Autoren, nach Gattungen und Sprachen geordnet auf, bis zu seinen Zeit- und Fachgenossen, neben zahlreichen Italienern u.a. Conrad Gesner, Conrad Lycosthenes, Johannes Brassicanus, Jacob Mycillus, Erasmus, Melanchthon, Johannes Brodaeus, Martin Borrhaus, Michael Neander). Und wenn auch um vieles mehr Bruchstücke anderer Komiker gesammelt werden könnten, aus Clemens, Athenaeus, Suidas, Pollux, dem Homerkommentar des Eustathius und andern Kommentatoren der alten Dichter und Redner und Grammatikern, so habe er es gern bei deren fünfzig belassen, erstens da jene Sätze wegen ihrer Kürze nur mit geringem Nutzen den Kindern beizubringen wären, dann da zahlreiche sich eher für Küchen oder Gelage eigneten als für die Schulen, in denen auch auf Frömmigkeit und ehrbare Sitten geachtet werde. Jedem Komiker habe er sein Leben vorangestellt, diesem die Namen der Stücke aus Athenaeus, Suidas, Clemens, Stobaeus, Pollux usw. folgen lassen, um dem Altertumsfreund einen Anhaltspunkt zur Trauer über die Verluste und zur Wertschätzung des noch Vorhandenen zu geben. Er habe in vier - anders als die Dreiteilung in neue, alte und mittlere Komödie - Gruppen eingeteilt und mit der neuen begonnen, da ihre Sprüche den Lehren der christlichen Religion näher stünden, wofür Härtlein Beispiele aus Menander, deren einhellig bestem Vertreter (princeps), zitiert, und bemerkt, dass er die griechischen Senare alle, wo möglich, bei ihm eingefügt habe, da sie nach allgemeinem Konsens aus seinen Komödien stammten. An zweiter Stelle folgten die Autoren, die die alte Komödie ehrbar gemacht hätten, wie Epicharm, Pherekydes, an dritter die berühmten Vertreter der mittleren, an vierter diejenigen, die sich keiner Epoche hätten zuweisen lassen, da sie keinem Autor zugewiesen seien. In einigen Fällen werde man die selben Sätze unter mehreren Autoren finden, was am Rand vermerkt werde; das rühre von den verschiedenen Vorlagen her, die er benützt habe. Zusammenhangloses habe er an den Schluss des jeweiligen Autors gestellt, nichts dem Leser entzogen. Was die Übersetzung betreffe, so wolle er keinen um seinen verdienten Ruhm bringen: alle Stobaeus-Übersetzungen stammten vom hochverehrten gelehrten Zürcher Arzt Conrad Gesner (dessen zweisprachige Ausgabe war 1543 in Zürich erschienen, 1549 erweitert und verbessert in Basel (GG 310), dann gerade 1559 nochmals in Zürich). Zuweilen sei er auch der Übersetzung des oben erwähnten unbekannten Autors gefolgt (Morel, der Drucker, dürfte auch, wie Herausgeber, selber der Übersetzer gewesen sein). Über die Arten der Komödien hätten genug Autoren geschrieben, besonders Aristoteles, Gyraldus (nach seinem Katalog: Lilius Gregorius Giraldus), Erasmus und Polydorus Virgilius; dennoch füge er die Fragmente des Philosophen Platonius darüber mit seiner Übersetzung bei, da es für Jugendliche leicht verständlich sei (die beiden einzigen Texte von diesem Grammatiker der Spätantike oder erst byzantinischen Zeit; es dürften zwei Abschnitte aus einer Vorrede zu Scholien zu den Komödien des Aristophanes sein: über den Unterschied zwischen Alter und Mittlerer Komödie und eine Würdigung der drei grossen Komiker Eupolis, Kratinos und Aristophanes; ein früherer Druck ist uns nicht bekannt). Im folgenden kommt Härtlein auf die alten Sitten der Kontrolllesung durch gelehrte Freunde und der Widmung an Herrscher zu sprechen. So widme er ihnen diese Sammlung, aus Gedanken, die er nun schon zehn Jahre in der Fremde mit sich herumtrage. Nach breiten theologischen und philosophischen Erörterungen über die christliche Liebe für den Vater - wozu er auf Ludovico Vives hinweist - als Nächsten und die Heimat - wozu er auf Beispiele von Opferwilligen und freiwilligem Exil hinweist, schliesslich auf Christus und sein Beispiel der Liebe, aber auch auf die Liebe der Tiere (wofür er u.a. Oppian zitiert und übersetzt) - kommt Härtlein auf die Liebe der Menschen zum wahren Vaterland, die Gott ihnen gewährt habe, zu sprechen, aus der heraus die Erzväter wie die Apostel ihr wirkliches Zuhause nicht auf Erden gehabt oder gesucht hätten. So habe er schon lange überlegt, wie er der Heimat seine Arbeit erklären könne, da er, ihr fern, der Kirche Christi im Schulamt diene und diesen Dienst nicht ihr leisten könne. Auswärtige könnten diese Liebe zur Heimat nicht wie Anwesende zeigen; sie bemühten sich, ihr Wohl zu fördern, ihr Unglück abzuwehren, einer durch heilbringende Ratschläge, ein anderer durch Geld, ein dritter durch gelehrte Schriften. In diesem Sinn widme er die vorliegende Komikersammlung ihrer wohleingerichteten Schule. Die Knaben dürften aus ihr Nutzen ziehen. Sie würden aus ihr nicht nur Griechisch und Latein lernen, die, nach dem Urteil der bedeutendsten Gelehrten, immer vereinigt sein müssten, sondern auch die besten Lehren zur Lebensgestaltung. Die Lehren dieser Autoren würden die Knaben, die sich um das Altertum und um die Ehrbarkeit bemühten, in ihr Leben umsetzen. Und umso leichter würden sie dies durch den Unterricht zuverlässiger Lehrer erreichen, wie ihres Johannes Streitberger, der aus dem Schuldienst zum Kirchenvorstand und Scholarchen aufgestiegen sei, oder seines ersten Lehrers Jacob Schlemmer. Er wisse sehr wohl, was er ihnen verdanke.
Das Basler Exemplar B c VIII 78 hat Hertelius dem Basler Juristen und Humanisten Bonifacius Amerbach, dem besten Förderer der studia liberalia, zum Dank geschenkt.
Bibliothekskatalog IDS
Signatur: Bc VIII 78