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Verzögerungen haben es in sich und zwar nicht nur, wenn wir trödeln. Vorbereitungen, Fahrwege, Entscheidungen, Informationsbeschaffung, Lernen – all das benötigt Zeit. Mit Zeit können wir schlecht umgehen. Mindestens in dieser Hinsicht ist die Behauptung, Zeit sei Geld, falsch. Forscher an der Universität von North Carolina1 haben nämlich herausgefunden, dass vielbeschäftigte Menschen dazu neigen, ihr zukünftiges Zeitbudget zu optimistisch einzuschätzen und dadurch mehr Termine einplanen, als sie seriös wahrnehmen können. Wenn es ums Geld geht, sind die meisten Menschen hingegen realistischer. Geld ist fassbarer und hat als Zahlungsmittel eine bekannte Größe. Zeitbudget und Arbeitsaufwand hingegen variieren von Tag zu Tag. Damit wird es schwieriger, aus Erfahrungen zu lernen.
Stellen Sie sich vor, Sie stünden auf dem Markusplatz in Venedig und wären vom Hunderten von Tauben umgeben, weil Sie eine Tüte mit 1000 Körner in der Hand halten. Sie würden dann die Körner alle auf’s Mal in die Taubenschar streuen. Wie und wie schnell verschwinden diese 1000 Körner in den Mägen der Tauben?
Stellen Sie sich vor, sie würden heute in der Schweiz eine Massensendung von 1000 Briefe an Adressaten aufgeben, die in ganz USA verstreut sind. Wie und wann werden sie ankommen?
Zur Abwechslung etwas Kinderleichtes:
Stellen Sie sich vor, sie bestücken einen Brennofen jede Minute mit einem Palett Brenngut. Das Palett benötigt eine Stunde, um den Ofen zu durchlaufen. Was kommt am anderen Ende des Ofens wann heraus?
Das war ja nun wirklich nicht schwer. Weil Sie’s so gut gemacht haben, bleiben wir noch ein wenig beim Ofen:
Stellen Sie sich nun vor, dass ein findiger Ingenieur einen Porzellan erfunden hätte, der es erlaubt, in der Hälfte der Zeit gebrannt zu werden. Er erhöht also plötzlich die Durchlaufgeschwindigkeit des Brennofen so, dass ein Palett nur eine halbe Stunde benötigt. Sie bespicken aber den Ofen nach wir vor mit einem Palett pro Minute. Was kommt nun am anderen Ende wann heraus?
Stellen Sie sich vor, Sie züchten Weihnachts- oder sonst welche Bäume und verkaufen sie. Sie haben aber nur ein kleines Geschäft und können pro Jahr bloss zehn grosse Bäume verkaufe, wenn Sie überhaupt so viele haben. Zum Glück haben Sie mit einem Bestand von 60 grossen Bäumen gestartet. Sie pflanzen aber trotzdem jährlich 10 junge Bäume an, die sechs Jahre benötigen, bis sie gross genug sind, um verkauft werden zu können. Wie viele grosse, verkaufswürdige Bäume haben Sie oder Ihr Nachfolger in Abhängigkeit der Zeit, also nach einem, nach zwei, nach fünf, nach zehn, nach 20 oder nach 100 Jahren?
Gewiss, diese Fragen sind etwas speziell, aber es gelingt Ihnen sicher locker, sie in bestimmten Projektsituationen wieder zu erkennen. Spätestens dann sollten Sie als erfahrener Projektmanager diese Fragen im Interesse einer reibungslosen Projektabwicklung eigentlich beantworten können. Oder übersehen Sie grosszügig den Faktor Zeit? Haben Sie in Ihrem Projektplan z.B. die Projektmeetings auch nicht mit eingerechnet?
Viel Spass beim Lösen der Aufgaben.
1 Gal Zaubermann and John G. Lynch (2005), Resource Slack and Propensity to Discount Delayed Investments of Time versus Money, Journal of Experiment Psychology: General, 134 (1), 23-37.