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Wilfried Meichtry: Eine Bleibe für Madame
Ich bin süchtig.
Ich bin süchtig und brauche meinen Stoff.
Er ist mein grösstes Glück.
Pures Adrenalin.
In Romainmôtier allerdings habe ich eine Überdosis abgekriegt.
Statt eines spannenden Briefwechsels oder eines geheimen Tagebuchs
hatte ich plötzlich einen Totenschädel im Gepäck.
Es geschah vor knapp einem Jahr. Ich hatte eben erst einen Film
über das abenteuerliche Leben von Katharina von Arx und Freddy
Drilhon gedreht und half deren Tochter nun bei der Räumung
ihres Elternhauses. Als wir uns verabschiedeten, drückte
mir Frédérique ein blaues Stoffbündel in die Hand. Ich müsse das
jetzt an mich nehmen, sah sie mich fast flehend an, sie könne es
unmöglich nach Mexiko mitnehmen. Die Gefahr sei viel zu gross,
dass sie beim Umsteigen in Trumps Amerika verhaftet werde.
Also nahm ich das Bündel, faltete das Stofftuch auseinander und
machte grosse Augen, als ein Totenschädel zum Vorschein kam.
„Das ist die Mutter von Häuptling Virembat?“, sagte Frédérique.
„Eigentlich müsste sie in Paris sein, bei Präsident Macron, im
Elysée Palast.“
Eine knappe Stunde später sass ich mit einem Totenschädel im
Rucksack im Regionalzug nach Lausanne. Ich hatte ein mulmiges
Gefühl im Bauch. Nach mehr als fünfzig Jahren in einer alten Tiroler
Truhe reiste die rund hundertjährige Häuptlingsmutter als
Schwarzfahrerin der SBB mit mir nach Burgdorf. Vielleicht war
es gar die erste Eisenbahnfahrt ihres Lebens.
Die Geschichte dieser postmortalen Reise um die halbe Welt beginnt
kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Frédériques Vater Freddy
Drilhon lebte damals längere Zeit bei den Big Nambas auf
der Südseeinsel Malicolo. Der Franzose erforschte das Leben der
Eingeborenen, lernte ihre Sprache und befreundete sich mit
dem jungen Häuptling Virembat. Es besteht kein Zweifel, schrieb
Freddy Drilhon 1951, dass die Big Nambas praktizierende Kannibalen
waren. Ob sie es noch immer sind, ist unklar. Von den Älteren
haben einige schon Menschenfleisch gegessen. Virembat
aber noch nicht. Sein Vater soll öfters solche Bankette durchgeführt
haben.
Von plötzlichem Ekel geschüttelt, blickte ich auf meinen Rucksack.
Ob Madame diese Bankette zubereitet hatte? Wie auch
immer: Als sich Freddy Drilhon 1954 für immer von Häuptling
Virembat verabschiedete, überreichte ihm dieser als Abschiedsgeschenk
den Schädel seiner Mutter. Er solle diesen dem Häuptling
seines Landes bringen, trug Virembat Freddy auf. Der gute
Geist seiner Mutter werde Frankreich helfen, wenn es in Gefahr
gerate. Ein halbes Jahr später hatte Freddy einen Termin bei
René Coty, dem Président des la République. Das Treffen wurde
dann aber kurzfristig abgesagt und nie mehr neu angesetzt.
So also kam es, dass Madame in Romainmôtier vergessen ging
und schliesslich in meinem Rucksack landete. Vielleicht, so
dachte ich, als mein Intercity-Zug den Bahnhof von Fribourg in
Richtung Bern verliess, würde es Frankreich heute viel bessergehen,
wenn Präsident Coty die Häuptlingsmutter bei sich aufgenommen
hätte.
Die darauffolgenden Wochen verbrachte Virembats Mutter in
unserem Haus in Burgdorf. Erst logierte sie in meinem
Schreibatelier, dann auf der Oberkante unseres Küchenschranks
und schliesslich war ich nahe dran, sie im Keller bei den alten
Spielsachen der Kinder abzulegen. Dagegen aber protestierte
meine innere Stimme. Die Häuptlingsmutter verdiene eine würdige
Grabstätte, polterte sie.
Erst wollte ich Madame in unserem Garten begraben. Dann
überlegte ich, sie als Kulturgut ins Schlossmuseum Burgdorf abzuschieben.
Zur Mumie aus dem alten Ägypten stiesse die
Häuptlingsmutter eines ehemaligen Kannibalenstamms. Aber
auch dabei hatte ich kein besonders gutes Gefühl. Wie wäre es,
wenn ich Bundespräsident Guy Parmelin bitten würde, meine
Häuptlingsmutter beim nächsten Staatsbesuch in Frankreich
Emanuel Macron zu übergeben? Viel zu kompliziert und kaum
erfolgsversprechend. Und wenn ich Madame statt dem Président
de la République unserem Stadtpräsidenten Stefan Berger
übergeben würde? Statt Frankreich und Paris konnte Madame
genauso gut unsere kleine Stadt Burgdorf und das Emmental beschützen!
Die Lösung fiel mir zu, als ich im Januar 2019 durch mein Heimatdorf
Leuk spazierte. Zufällig fiel mein Blick auf das Beinhaus
an der Südseite der Stephanskirche. Natürlich, sagte ich mir, das
Beinhaus war die absolut passende Grabstätte für Madame. Seit
dem frühen 16. Jahrhundert hatte man hier mit Schädeln und
Oberschenkelknochen, die aus aufgehobenen Gräbern stammten,
eine fast zwei Meter hohe und ebenso dicke Wand aufgeschichtet.
15-20'000 Totenschädel aus drei Jahrhunderten hatten
hier ihre letzte Ruhe gefunden.
Dann hatte ich aber doch wieder Bedenken. War das Beinhaus
wirklich der richtige Ort für Madame? Schliesslich war meine
Häuptlingsmutter weder getauft, noch hatte sie jemals Kirchensteuern
bezahlt.
Der Tod macht uns alle gleich, wischte ich alle meine Bedenken
vom Tisch. Etwas Zweites kam noch dazu: Mit der Aufnahme einer
heimatlosen, nach Europa verirrten Eingeborenen aus der
Südsee konnte die katholische Kirche beweisen, dass es ihr wirklich
ernst war - mit dem interkonfessionellen Dialog.
Erst wollte ich Madame heimlich ins Beinhaus schmuggeln.
Dann aber, und weil ich mein kleines Staatsbegräbnis auf legalen
Boden stellen wollte, wandte ich mich an den Pfarrer von Leuk.
Dieser hörte mir erst ungläubig zu, fragte dann neugierig nach
und willigte schliesslich ein.
Ein paar Tage später fuhr ich mit der Häuptlingsmutter durch
den Neat-Tunnel ins Wallis. Auf dem Fussweg zum Beinhaus von
Leuk begann es zu schneien. Eine ungewohnt friedliche Stille lag
über den Rebhängen, die den steil ansteigenden Weg in das alte
Städtchen säumten. Eine derartige Naturstimmung hatte Madame
bestimmt noch nicht erlebt. Ich nahm sie aus meinem
Rucksack und trug sie eine Weile vor mich her. Dann blieb ich
stehen und streichelte ihr über den Schädel. Ihre letzte Ruhestätte,
erklärte ich ihr, sei zwar weitab von ihrer Heimat, doch
es gebe überraschende Gemeinsamkeiten zwischen unseren
Völkern. Die Big Nambas und auch die Walliser hätten über viele
Jahrhunderte sehr naturverbunden und abgeschottet gelebt.
Gewiss, die kulinarischen Vorlieben seien verschieden, in Bezug
auf ihren Totenkult jedoch seien sich die Insel Malicolo und das
Wallis überraschend nah. Im Beinhaus werde sie gleich selber
sehen, dass auch die Walliser die Schädel ihrer Verstorbenen ehren.
Im Beinhaus bettete ich die Häuptlingsmutter an einer ausgewählten
Stelle zur letzten Ruhe. Keiner der 15'000 Totenschädel
begehrte auf. Die toten Leuker hiessen Madame willkommen.
Ich war erleichtert und freute mich.
Kurz darauf setzte ich mich in die alte Kirchenbank und betrachtete
die Totentanz-Darstellungen am überm.chtigen Stützpfeiler
in der Mitte des Beinhauses. Vor dem Tod sind alle Katholiken
gleich, erzählten die beiden grossen Gemälde. Ob Päpste,
Adelige, Ritter, Mönche, Bauern oder arme Schlucker – die Uhr
des Lebens läuft bei jedem einzelnen gnadenlos ab. Eigentlich
bräuchte es hier noch ein drittes Gemälde, dachte ich mir. Eines,
das all die unterschiedlichen Glaubensbekenntnisse dieser Welt
gleichberechtigt nebeneinanderstellt. Ob katholisch, protestantisch,
jüdisch, islamisch, hinduistisch, buddhistisch oder ob als
pazifische Häuptlingsmutter mit einer mir nicht näher bekannten
Naturreligion – wir sind alles nur Menschen, die versuchen,
ihrem kleinen vergänglichen Leben einen höheren Sinn abzuringen.
Als ich mich mit diesen Gedanken von Madame verabschiedete,
war ich mir sicher, den richtigen Ort ausgewählt zu haben. Ich
hatte das schöne Gefühl, das passende Ende einer Geschichte
gefunden zu haben.
Aber bereits im Intercity-Zug nach Bern machte sich von neuem
die alte Unruhe in mir breit. Das ewige Verlangen nach neuem
Stoff.
Ich bin süchtig.
Ich bin süchtig und brauche meinen Stoff.
Er ist mein grösstes Glück. Pures Adrenalin.
Neugierig spähte ich zum Fenster hinaus. Strassen, Häuser und
Menschen rasten an mir vorbei. Irgendwo da draussen, sagte ich
mir, werde ich ihn finden, meinen nächsten Stoff. Irgendwo da
draussen wartet eine Geschichte, die erzählt werden will.