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VORWORT
Der Gedanke, das Studium von Boden und Volk der Schweiz durch Ausgabe eines geographischen Lexikons zu erleichtern, ist nicht neu. Verschiedene Schriftsteller haben zu verschiedenen Zeiten die geographische Darstellung unseres Landes zu geben unternommen; Allen aber boten sich ernstliche Hindernisse, die hauptsächlich im völligen Fehlen eines Teiles des Quellenmateriales und auch in der Schwierigkeit bestanden, sich das Vorhandene zu verschaffen. Eine für ihre Zeit wirklich beachtenswerte und sehr vollständige Arbeit dieser Art ist die von Markus Lutz verfasste Vollständige Beschreibung des Schweizerlandes, die bei Sauerländer in Aarau 1822 zum erstenmal erschien, 1827-28 in stärkerem Umfang neu herausgegeben und, von A. von Sprecher neu bearbeitet, 1856 zum letztenmal aufgelegt worden ist.
Neben diesem einzigen wirklichen geographischen Lexikon der Schweiz, das allerdings heute vollkommen veraltet ist, kann als für die schweizerische Landeskunde wertvolles Unternehmen noch das Historisch-geographisch-statistische Gemälde der Schweiz genannt werden, das während der Jahre 1834-69 bei Huber und Compagnie in St. Gallen und Bern in einer Reihe von Bänden erschien, aber leider nicht abgeschlossen worden ist. 1864 gab Hermann Alexander v. Berlepsch seine Schweizerkunde (2. Auflage 1875) und 1871-75 Max Wirth seine weitbekannte Allgemeine Beschreibung und Statistik der Schweiz heraus. Beider Werke Schwerpunkt liegt aber mehr auf statistisch-volkswirtschaftlichem als auf physisch-geographischem Gebiet. Daneben bestehen noch eine Reihe von Ortslexika, deren verbreitetstes, das Neue vollständige Ortslexikon der Schweiz von Henry Weber, 1886 in 2. Auflage (von Otto Henne am Rhyn neu bearbeitet) in St. Gallen erschienen ist.
Mehr oder weniger genaue Beschreibungen des Bodens der schweizerischen Eidgenossenschaft waren schon in früheren Zeiten geboten worden. Deren zeitlich erste, die zugleich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert erscheint, ist die 1754-1773 von Joh. Casp. Ziegler in Zürich verlegte Neue und Vollständige Topographie der Eydgnossschaft von David Herrliberger, die sich durch reichen und ausserordentlich sorgfältig ausgeführten Bilderschmuck besonders auszeichnet.
Von allen den genannten Arbeiten bot diejenige von Markus Lutz die eingehendste Beschreibung der geographischen Verhältnisse unseres Landes. Wir dachten zunächst daran, dieses Werk dem heutigen Stande des Wissens entsprechend umzuarbeiten und neu herauszugeben. Gleich beim Beginn aber zeigte es sich mit aller wünschenswerten Deutlichkeit, dass dies ein undurchführbares Unternehmen sein würde, da das ganze Buch von der ersten bis zur letzten Zeile in Nomenklatur und Text vollständig neu hätte angelegt werden müssen. Es lässt sich das leicht begreifen, wenn man sich vergegenwärtigt, wie sehr sich im Verlauf der letztvergangenen fünfzig Jahre in der Schweiz die Verhältnisse umgestaltet haben: zu den Veränderungen auf politischem und sozialem, auf industriellem und kommerziellem Gebiete gesellte sich die beträchtliche Entwicklung ¶
des Verkehrswesens in Strassen, Posten und Eisenbahnen. Unter hundert ohne Wahl aus der Masse herausgegriffenen Ortsnamen konnte noch Lutz etwa deren zehn als für seine Zwecke geeignet zur nähern Beschreibung verwerten, während heute in einem geographischen Lexikon alle diese hundert Namen ohne Ausnahme ihren Platz finden müssen. Auch auf dem Gebiete der physischen Geographie hat sich seit der letzten Ausgabe des Werkes von Lutz ein vollkommener Umschwung in der Kenntnis unseres Landes vollzogen.
Alle Gebiete der Naturwissenschaften, worunter nicht zum Wenigsten das der Geologie, sind seit einem halben Jahrhundert gewaltig gefördert worden, die grossen kartographischen Arbeiten in der Schweiz sind seither zu einem vorläufigen Abschluss gekommen, und die Entwicklung des Alpinismus hat zu einem intensiven Studium der Hochgebirgsgegenden unseres Landes Anlass gegeben. So kannte z. B. unser Vorgänger die grosse Mehrzahl der heute Allen von vornherein geläufigen Gipfel noch nicht einmal den Namen nach. Sein Werk ermangelte - kurz gesagt - der streng wissenschaftlichen Grundlage, die heute von einem geographischen Lexikon vor allem aus gefordert werden muss.
Alle diese Erwägungen ergaben mit Notwendigkeit die Aufgabe, unser Unternehmen auf breitester Grundlage und mit möglichst umfassendem, enzyklopädischem Charakter völlig neu aufzubauen. Dieses Unterfangen zeigte sich bald als ein derart weitschichtiges, dass wir vor seiner Ausführung vielleicht zurückgeschreckt hätten, wenn uns nicht die Geographische Gesellschaft zu Neuenburg beim ersten Wort von unserem Plan aus freien Stücken ihre Unterstützung hätte angedeihen lassen. Durch den Beschluss, ihren Namen und Einfluss mit unserem Werke zu verknüpfen, hat uns die Geographische Gesellschaft zu Neuenburg einen wertvollen Dienst geleistet, der uns veranlasste, auf der begonnenen Bahn mit frischem Mut voranzuschreiten.
Unser Lexikon erhebt somit den Anspruch, von allen einzelnen Teilen des Schweizerlandes eine scharfe und bis ins Kleinste genaue, dabei aber auch den praktischen Zwecken dienende und jedermann zugängliche Beschreibung zu geben. Dabei müssen sowohl die physischen Verhältnisse des Landes (Gebirge, Thäler, stehende und fliessende Gewässer etc.) wie die sozialen und politischen Einrichtungen seiner Bewohner (Weiler, Dörfer, Städte, Gemeinden, Bezirke, Kantone, Industrie, Handel, Bevölkerung etc.) gleichmässig ihre Berücksichtigung finden.
Denn die Geographie ist eine zugleich analytische und synthetische Wissenschaft, die die allerverschiedensten Gesichtspunkte ihren Zwecken dienstbar macht. Topographie, Orographie, Geologie, Klima, Flora, Fauna, Bodenkultur, Siedelungsverhältnisse, soziale Einrichtungen, Industrie, Handel, selbst die geschichtliche Entwicklung des Staates - Alles hat der Geograph zu berücksichtigen und unter dem einheitlichen Gesichtspunkt der gegenseitigen Wechselwirkung zwischen dem Boden und seinen Bewohnern zu einem Gesamtbilde zu verarbeiten. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, bei der Redaktion unseres Textes diesem weiten Programm möglichst gerecht zu werden, immerhin aber so, dass wir unbedeutende oder wenig interessierende Kleinigkeiten wegzulassen uns für befugt erachteten.
Unsere Arbeit wäre aber unvollständig geblieben, wenn wir ihr nicht ein Element beizufügen getrachtet hätten, das zur heutigen Zeit, da die Gewohnheit graphischer Darstellungen allgemein üblich geworden, ganz unerlässlich geworden ist. Da der wissenschaftliche Wert dieser Art von Darstellungen von vornherein feststand, haben wir uns über die Frage der illustrativen Ausstattung des Lexikons dahin geeinigt, dass wir ihm in kartographischer Hinsicht Pläne und Karten im Text und farbige Karten ausser Text und in Hinsicht auf landschaftliche Illustration Ansichten aller in irgend welcher Beziehung wichtiger oder bemerkenswerter Orte beizugeben uns entschlossen.
Es ist selbstverständlich, dass die Ausführung eines derart umfassenden Programmes tatsächlich unmöglich gewesen wäre ohne die kräftige Mitwirkung von hierzu ganz besonders befähigten ständigen Mitarbeitern, von denen die einen die Sammlung und ¶