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1. Teil
Wir kennen das Chorgericht als eine typische Einrichtung der alten Berner Zeit (bis 1798). Die Manuale (Protokolle) des Gerichts sind eine einzigartige Quelle. Sie geben Einblick in die Lebensverhältnisse und die zwischenmenschlichen Beziehungen von damals. Teils zeichnen sie ganze Geschichten auf, so auch im Fall, den wir hier nochmals aufrollen.
Hauptperson in unserem Gerichtsfall ist die Ehefrau Anna Merz aus Gontenschwil. Anna stammte aus Menziken und war seit 1774 mit dem Gontenschwiler Hans Jakob Peter, genannt Heirech, verheiratet. Zunächst lebte das Paar am Heimatort des Mannes und liess dort 1775 auch ein Kind taufen, das Töchterchen Anna Maria. Doch wirtschafteten die beiden schlecht und standen schliesslich ohne Vermögen da. Sie waren deshalb gezwungen, für ihren Lebensunterhalt auswärts als Dienstboten zu arbeiten. Dazu trennten sie sich. Der Mann fand eine Anstellung im baslerischen Frenkendorf, die Frau zuerst in Aarau, später in Basel. Für die Kosten des Kindes, das wohl fremdplatziert wurde, kam der Vater auf.
Was dann geschah oder geschehen sein soll, erläuterte die Frau im Oktober vor dem Gontenschwiler Chorgericht. Der Fuhrmann habe sie im Gasthaus «beschlafen». Er habe sie schon unterwegs in der Kutsche «anzüpfen wollen». Da sie ihm aber «kein Gehör geben wollen», habe er es im Wirtshaus nachgeholt. Sie sei morgens früh um 3 Uhr von ihrem Zimmer die Treppe hinuntergestiegen, gezwungenermassen an seiner Kammer vorbei. Da habe er sie ins Zimmer gerissen und dort «auf seinem Bett bis um 6 Uhr beschlafen». «Und ob sie sich seinem unkeuschen Begehren anfangs heftig wiedersezet hätte», habe er doch «endlich die Oberhand gewonnen und sie geschwängeret». Sie könne «mit gutem Gewißen bezeügen und darauf leben und sterben, daß sie mit keinem andern fleischliche Gemeinschaft gepflogen».
Eine Woche später erschien Anna erneut vor dem Chorgericht, gleichzeitig nun mit dem beschuldigten Fuhrmann. Sie wiederholte ihre Darstellung und erklärte, sie könne «niemand anders als Vatter ihrer tragenden Leibesfrucht anklagen» als Meister Hunziker. Dieser antwortete, die Anklage «befrembde ihn im höchsten Grad». Kürzlich habe ihn die Frau zusammen mit ihrem Vater oder Schwager in Aarau auf dem Feld, wo er am Pflügen war, aufgesucht, «um ihm von der obwaltenden Schwangerschaft Nachricht zu geben» und gleichzeitig zu erfahren, «was er gesinnet seye». Sie habe von Geld gesprochen, und er glaube, wenn er ihr welches gegeben hätte, würde sie ihn in Ruhe gelassen haben. Da er sich jedoch keiner Schuld bewusst gewesen sei, habe er «ihren Forderungen kein Gehör geben können».
Hunziker stellte die Ereignisse am betreffenden Tag ganz anders dar. Ja, er habe die Frau damals in Basel in seine «Chaise» genommen. Er habe Mitleid mit ihr gehabt, da sie ihn «wegen ihren durch die lezte Reise übel zugerichteten Füßen» darum gebeten habe. Und ja, in Liestal hätten sie im gleichen Wirtshaus übernachtet. Doch dort habe sie ihn «als eine unverschämte Dirne in ihr Garn zu locken gesucht». Während er in der Morgenfrühe gewohnheitsmässig seinen Knechten (den erwähnten Mitarbeitern) für die Reisevorbereitungen zu Hilfe geeilt sei, habe sich die Frau «in den Kleideren auf das Bett in seiner Kammer geworfen». Dort habe er sie bei seiner Rückkehr angetroffen. Er habe sie dann zwar nicht verdientermassen aus dem Zimmer gejagt noch «von der Chaise ausgeschloßen». Wieder aus Mitleid habe er sie «noch vollends mit sich nach Arau geführet, ja ihra sogar wegen vorschüzender Armuth nichts für die Reise gefordert. Dem aber ohnerachtet hätte er, so viel er sich entsinnen könne, nicht die geringste fleischliche Gemeinschaft mit ihra gehabt».