Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03546.jsonl.gz/759

Das Coronavirus breitet sich aus, in der Schweiz steigen die Fallzahlen steil an. Mehrere Schweizer Kantone haben bereits den Notstand erklärt. Appelle an die Bevölkerung, möglichst zuhause zu bleiben, scheinen indes nicht volle Wirkung zu entfalten. Dabei ist gerade dies enorm wichtig – wie uns das Beispiel Chinas zeigt, wo das Virus zuerst auftrat.
China war also zuerst mit dem neuen Erreger konfrontiert. Der Ausbruch fand in Wuhan in der Provinz Hubei statt. Dort kam es zu einem extremen Anstieg der Infektionen – nicht aber in den anderen chinesischen Provinzen. Warum?
Die Antwort gibt eine – noch nicht durch Fachleute überprüfte – Studie der Universität Harvard, die Wuhan mit Guangzhou vergleicht. Beide chinesischen Städte reagierten mit massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens auf das Auftreten des Coronavirus. Der Unterschied liegt jedoch im Zeitpunkt, zu dem sie dies taten. Die Studie zeigt, welch enormen Einfluss rechtzeitig ergriffene Massnahmen auf die Verbreitung des Virus hatten.
In Wuhan trat das neuartige Virus im Dezember erstmals in Erscheinung (der erste Fall konnte später auf den 17. November zurückverfolgt werden). Die Behörden konnten oder wollten allerdings erst nach mehreren Wochen erkennen, womit sie es zu tun hatten. Es dauerte bis zum 23. Januar, bis sie weitgehende Massnahmen ergriffen; zuerst wurde Wuhan abgeriegelt, dann nahezu die gesamte Provinz Hubei unter Quarantäne gestellt. Zu diesem Zeitpunkt belief sich die Zahl der täglich neu festgestellten Fälle in der 11-Millionen-Stadt auf rund 400.
In Guangzhou dagegen verhängten die Behörden die Restriktionen bereits eine knappe Woche nach dem ersten positiven Test in der Stadt – der erste Fall in Guangzhou trat am 19. Januar auf.
Die unterschiedliche Verbreitung des Virus in den beiden Städten zeigt sich in den Fallzahlen: Zwischen dem 10. Januar und dem 29. Februar lagen in Wuhan im Durchschnitt jeden Tag 637 Corona-Patienten auf einer Intensivstation und 3454 in allgemeiner Spitalpflege. Während des Höhepunkts der Epidemie lagen jeden Tag im Schnitt 19'425 Corona-Patienten im Krankenhaus, von denen 9689 schwer erkrankt waren und 2087 auf der Intensivstation lagen.
In Guangzhou indes benötigten zwischen dem 24. Januar und dem 29. Februar im Schnitt 9 Patienten pro Tag intensive Pflege, 20 weitere Patienten lagen in der allgemeinen Abteilung. Als der Ausbruch seinen Höhepunkt erreichte, waren es täglich 38 Schwererkrankte und 15 Patienten auf der Intensivstation.
Die «Washington Post» hat eine Reihe von Animationen erstellt, die die Ausbreitung eines Virus unter verschiedenen Umständen bildhaft darstellen. Sie zeigen eindrücklich, welchen Effekt es hat, wenn die Mehrzahl der Leute während einer Pandemie zuhause bleibt.
>>> Zum Artikel
Die Fallsterblichkeit lag in Wuhan bei etwa 4,5 Prozent aller Corona-Patienten. In Guangzhou waren es lediglich ca. 0,8 Prozent. Der Grund für diese massive Diskrepanz liegt gemäss der Studie darin, dass die Spitäler in Wuhan extrem überlastet waren, was dazu führte, dass Patienten nicht zum richtigen Zeitpunkt die Pflege erhielten, die sie benötigten. Zudem waren auch bei vielen Patienten, die an sich gepflegt werden konnten, die nötigen Mittel – beispielsweise Beatmungsgeräte – nicht vorhanden.
Das überlastete Gesundheitswesen in Wuhan dürfte laut der Studie nicht nur für die höhere Zahl der Toten verantwortlich sein, sondern vermutlich auch für einen Anstieg der Ansteckungen. Da zahlreiche Leute für ihre erkrankten Angehörigen kein Spitalbett fanden, fuhren sie mit ihnen auf der Suche nach einem Krankenhaus, das noch Platz hatte, in der Stadt herum – und verbreiteten so das Virus weiter.
Die Hauptgefahr, die vom Virus und von der von ihm verursachten Krankheit ausgeht, ist nach den Erfahrungen in China die Überlastung des Gesundheitswesens. Aus diesem Grund ist es so wichtig, die Anzahl der Ansteckungen so niedrig wie möglich zu halten – und damit auch die Anzahl der Patienten, die Spitalpflege benötigen.
Zum Vergleich: Der erste bestätigte Fall in der Schweiz trat am 25. Februar auf. Hätten die Schweizer Behörden wie jene in Guangzhou eine knappe Woche danach kompromisslose Restriktionen verhängt, hätte sich das Virus in der Schweiz höchstwahrscheinlich nicht so schnell verbreiten können.
Selbstredend bestimmen noch weitere Faktoren den Verlauf der Pandemie in einem Land; dazu zählen harte Fakten wie etwa die Anzahl der verfügbaren Spitalbetten, aber auch «weiche Faktoren» – etwa, ob man sich öfter berührt, wie schnell man üblicherweise zum Arzt geht und dergleichen. Dessen ungeachtet zeigt die Studie sehr deutlich, dass es bei der Eindämmung der Pandemie enorm wichtig ist, die Kontakthäufigkeit in der Bevölkerung und damit die Zahl der Ansteckungen zu vermindern.
Ein Beispiel, das dies illustriert, ist der Verlauf der Spanischen Grippe, die 1918 rund um den Globus Millionen von Toten forderte. Damals war die rechtzeitige Schliessung von Schulen einer der bestimmenden Faktoren, die den Verlauf der Pandemie an einem Ort beeinflussten.
Epidemiologen sind sich dieser Zusammenhänge bewusst. Es ist daher kein Wunder, dass dieser Experte uns beinahe flehentlich dazu aufruft, zuhause zu bleiben:
(dhr)
Die EU-Kommission hat die EU-Staaten angewiesen, Lieferungen von Schutzmaterial in die Schweiz nicht mehr zu blockieren. Doch in der Krise zählt das Machtwort aus Brüssel wenig.
Wirtschaftsminister Guy Parmelin konnte Ende letzter Woche einen Erfolg vermelden: Nach seiner mehrmaligen Intervention beim EU-Handelskommissar Phil Hogan hat die EU-Kommission eine Regelung abgeändert, die den Export von Schutzmaterial wie Masken oder Handschuhen in Drittländer beschränkt. Lieferungen in die Schweiz sollten von Deutschland oder Frankreich nicht mehr am Zoll blockiert werden können, wie das zum Beispiel bei einem Lastwagen mit 240'000 Schutzmasken der Fall war.
Nun zeigt sich: …