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An der Podiumsdiskussion nach einer HAUS-Aufführung wurde die Frage gestellt, ob HAUS denn noch Musik sei. Es gibt ja Leute, die finden, Musik habe eine Melodie und eine Harmonie und alles andere sei keine Musik. Aber es war eine Person mit viel Erfahrung im Hören zeitgenössischer Musik, die die Frage gestellt hatte. Und die Frage ist gut - und für mich wichtig. Denn ich will ja etwas Neues mit meinen Kompositionen, verfolge ganz besonders mit der Leichtbauten-Reihe eine Vision, Musik neu zu hören. Und ja, ich nenne sie immer noch Musik, spreche manchmal von "Architekturmusik" (so wie eine der drei Kompositionen von HAUS heisst), um auf den Raumaspekt aufmerksam zu machen. Und nun ist mir noch ein anderer Name durch den Kopf gegangen (s. unten). Bezeichnungen führen ein Eigenleben und deshalb will ich der Frage mit nachgehen, ob den HAUS noch Musik sei oder - wenn es keine Musik mehr sein sollte - wie denn meine "Musik" zu nennen sei.
Die HAUS-Komposition ist niedergeschrieben, es gibt eine Partitur. HAUS kann dereinst auch ohne mich aufgeführt werden, das Material ist nach der Premierenserie vollständig und wird veröffentlicht. Insofern ist HAUS in einem herkömmlichen Sinn Musik in europäischer Tradition, die einmal komponiert wurde und später interpretiert werden soll. Wie sieht es mit den drei Teilkompositionen aus? ARCHITEKTURMUSIK ist klassisch notiert, es gibt Positionsangaben in der Partitur und Angaben zum Licht und Video. Das gab es schon bei Boulez. Das Besondere von ARCHITEKTURMUSIK sind die Spiegelungen und, dass Tonband (per Kopfhörer) und live-Spiel nicht auseinandergehalten werden können. Der Hörer ist verunsichert. Es gab Gäste, die ständig die Kopfhörer weghielten, um ihr Hören zu überprüfen. Die Wahrnehmung war also nicht einfach fokussiert auf herkömmliches "Musik-Hören", sondern durch die Frage geleitet: "Was höre ich, was ist real?". HAUSMUSIK ist ebenfalls als Partitur notiert. Es steht zwar immer wieder, dass die Interpreten in einer gewissen Zeitspanne mit einem gewissen Matetrial (oft Geräusche) improvisieren sollen; aber auch das ist ja keineswegs neu. Die Freiheiten der Musiker sind in HAUSMUSIK ohnehin begrenzt. Jedoch - und das ist eher das Besondere - spielen die Interpreten in benachbarten Räumen und das Publikum sieht sie meistens nicht. Ihre Geräusche stammen von Alltagsgeräten, die nach den Räumen geordnet sind - und so hat das Publikum die Illusion, z.B. links vorne eine Küche, rechts hinten ein Badezimmer usw. zu hören. Und damit geraten die Architektur des Gebäudes (Geometrien) und die Akutstik der Räume in den Vordergrund der Wahrnehmung. LIT MARVEIL ist als Regieplan notiert: Was folgt nach was und was muss der/die Sänger:in wann machen. Zum Teil wird dann auf Noten verwiesen, gewisse Stellen sind also ausnotiert. Mit Schläuchen und Schalen wird die Akustik verändert, der "gedrehte Gast" verliert schnell seine Orientierung. Und es heisst in der "Partitur", dass die Sänger:innen sich anpassen, in der 1:1-Performance auf den Gast eingehen und so das Zeitgefüge mit gewissen Freiheiten gestalten sollen.
Die HAUS-Komposition ist also voller (räumlicher) Hörattraktionen und -täuschungen. Ist es vielleicht dieser Umstand, der die "Musik-Frage" aufgeworfen hat - wurde dies als eine Ablenkung von "reiner Musik" empfunden? Wenn Musik aus vier Parametern besteht: Tonhöhen, Dauern, Dynamik und Klangfarbe, ist in der HAUS-Komposition Raum nicht nur als fünfter Parameter beigefügt. Die andern musikalischen Parameter werden spezifisch aus der Raum-Perspektive betrachtet. Ja, das ist ein anderes Hören! Wie verhalten sich Töne in unterschiedlicher Distanz zum Hörer zueinander, wie verhalten sich Töne in besonderen akustischen Situationen, welche Töne können räumlich miteinander verschmelzen, welche Klänge sind "lokalisierbar" und welche nicht? Und so weiter. Die HAUS-Komposition ist inspiriert durch Klang-räumliche und Architektur-räumliche Fragen und somit unbedingt an eine live-Situation gebunden.
Von HAUS kann man somit keine Audio-Aufnahme machen und diese sonstwo abspielen. Wenn nun "Musik" - und damit komme ich auf die anfängliche Frage zurück - als vom Raum abstrahiertes Klanggefüge in der Zeit definiert würde, so dass man sie aufnehmen und dann von ihr irgendwo sonst eine Aufnahme abspielen kann, dann ist HAUS tatsächlich keine Musik. Denn wie gesagt: HAUS muss sich in einer Architektur mit Gängen, Winkeln und nahen wie fernen Zimmern entfalten. HAUS soll Architektur zum Klingen bringen, ein Gebäude musikalisch ausloten. (Als Randbemerkung: Wenn man keine Tonaufnahme machen von diesem Werk, wie könnte man HAUS sonst dokumentieren?)
Übrigens ist HAUS zwar an eine live-Aufführung gebunden, aber dennoch nicht "sitespecific": Es wurde nicht für einen ausgewählten Raum komponiert. Vielmehr ist es für drei Raumtypen komponiert: ARCHITKETURMUSIK für einen Aufführungsraum, HAUSMUSIK für einen Durchgangsraum, LIT MARVEIL für ein eher kleines Zimmer. Die kompositorischen Fragen sind durch diese drei Raumtypen inspiriert. Falls HAUS dereinst ohne mein Beisein aufgeführt wird, ist es den Interpretation überlassen, passende "Aufführungsräume", "Durchgangsräume" und "kleine Räume" zu finden und das Werk dann an diese Räume gescheit anzupassen. Und in der Premierenserie werden dazu viele Hinweise gegeben. Einmal wird HAUS in einem Quartier, einmal in drei Dörfern, einmal in einem Theater und einmal in einer Art Künstlerhaus aufgeführt. Wie sich die Komposition in diesen Umgebungen verhält, wird festgehalten.
Wenn HAUS keine "Musik" wäre, was könnte stattdessen ein guter Begriff sein? HAUS schafft ungewohnte Hörsituationen. Darin ist Musik-im-herkömmlichen-Sinn nur ein Teil. Warum also nicht statt "Musik" den Begriff "Hörsituation" verwenden? In eine Hörsituation muss sich der Besucher begeben. Man kann sie nicht aufnehnen. Mit "Hörsituation" ist das Hören in seiner Ganzheit gemeint: herkömmliches musikalisches Hören (Motive, Rhythmen, Harmonien - wovon man eine Tonaufnahme machen kann) UND akustisches Hören (Räume, Geometrien, Distanzen). Und noch mehr: Eine "Situation" ist nie rein akustiser Art. Auch das Licht spielt eine Rolle. Licht macht Architektur (oder eine Landschaft) visuell, Musik macht Architektur (oder eine Landschaft) auditiv wahrnehmbar. Auch wenn ich von "Hörsituation" spreche, der Besucher nimmt die Situation als ganze wahr; für ihn ist sie audio-visueller Art. (Mehr noch, die Atmosphäre-vor-Ort wird mit allen Sinnen wahrgenommen, aber dazu ausführlich an anderer Stelle.) Hören wird zwar Teil einer umfassenderen Wahrnehmung. Es steht aber im Mittelpunkt! (Deshalb wird das Hinschauen in allen drei Kompositionen ganz bewusst zeitweise verunmöglicht oder der Sehsinn zumindest verunsichert; er ist so schrecklich dominant.) Es geht in der HAUS-Komposition wie in der ganzen Leichtbauten-Reihe ums Hören. Noch eingrenzender: Es geht um auditive Zeitgestaltung, wie in einem klassischen Musikwerk. Aber eben auch um musikalische Raumgestaltung. Räumliches Hören. Es wird ein "Hör-Erleben-vor-Ort" komponiert.
Wenn HAUS keine "Musik" sein sollte, sind vielleicht ein paar Abgrenzungen wichtig: Es ist entschieden keine Klangkunst (auch wenn Klangkunst auch Hörsituationen schafft), denn ein Zeitverlauf wurde festgelegt, das Publikum kann nicht kommen und gehen, wann es will.
Und es ist auch kein Musiktheater. Es gibt keine Requisiten, die nicht Instrumente oder Notenständer (oder Pultlampen) sind oder sonst der Klangerzeugung dienen. Es gibt in HAUS keine Handlung seitens der Interpreten, die nicht dazu dient Musik zu erzeugen. Die Interpreten sind als Personen (oder Charaktere) völlig unwichtig. Die Interpreten erzeugen Töne-in-der Zeit, wie das Musiker so tun. Sie spielen aber auch in räumlichen Konstellationen und bevölkern die Architekturen, in denen sie spielen. Sie sind nicht unsichtbar und werden somit als Menschen wahrgenommen. War die "Musik"-Frage vielleicht eine "Musiker"-Frage? Die Rolle der Musiker in HAUS ist (wie in der ganzen Leichtbauten-Reihe) komplex und "neu" zu definieren - aber dazu ein anderes Mal.