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Herr Prof. Erlacher, was passiert im Gehirn, wenn wir klarträumen?
Das ist eine schwierige Frage, da zum Klarträumen noch sehr wenig Forschung existiert. Es gibt unterschiedliche Meinungen, in welchen Schlafphasen wir träumen. Besonders häufig treten Träume jedoch in der Rapid-Eye-Movement-Phase (REM-Phase) auf. Das Gehirn ist aktiv, aber seine Impulse werden nicht an den Körper weitergeleitet, weshalb wir uns – bis auf die Augen – nicht bewegen. Während der REM-Phase wird der Teil vom Gehirn ebenfalls heruntergefahren, der fürs Planen und Reflektieren zuständig ist. Beim Klarträumen scheinen diese Hirnregionen aktiver zu werden, ohne jedoch an die Aktivität im Wachzustand heranzukommen.
Sie untersuchen unteranderem die Auswirkungen von Klarträumen auf die Trainingsqualität von Sportlern. Was sind Ihre Befunde?
Wir haben eine Umfrage unter 840 Sportlerinnen und Sportler durchgeführt. Dabei hat sich gezeigt, dass Klarträumen weit verbreitet ist. 57 Prozent der Athleten berichteten, dass sie wenigstens einmal in ihrem Leben einen Klartraum hatten. 24 Prozent stuften sich als regelmässige Klarträumer ein – von diesen nutzten 9 Prozent den Zustand, um ihre sportlichen Fähigkeiten zu verbessern.
Wir wollten genauer wissen, wie sich Bewegungsabläufe im Schlaf trainieren lassen und haben Klarträumenden verschiedene Übungen vorgegeben, die sie im Traum absolvieren mussten. Beispielsweise eine Münze in einen Becher werfen, mit den Fingern eine bestimmte Abfolge tippen oder mit Pfeilen auf eine Dartscheibe schiessen. Das Ergebnis: motorische Fertigkeiten lassen sich tatsächlich im Schlaf lernen.
Können diese Erkenntnisse auch in anderen Bereichen genutzt werden?
Wir meinen, dass überall dort, wo motorische Fertigkeiten gefragt sind – beispielsweise in der Musik oder Chirurgie – Klarträume das Üben im Wachzustand ergänzen können. Es ist jedoch noch mehr Forschungsarbeit nötig, um diese These zu bestätigen.
Wie versetzen Sie die Studienteilnehmer in einen Klartraum?
Um bei Schlaflaborstudien einen Klartraum auszulösen, wenden wir eine Kombination aus den Techniken «wake-up-back-to-bed» und MILD (Mnemonic Induced Lucid Dream) an. MILD ist eine Methode, die auf dem Training des prospektiven, das heisst des zukunftgerichteten Gedächtnisses beruht. Dieses Gedächtnis kennen wir vom Einkaufen: Im Supermarkt erinnern wir uns, dass wir mit der Absicht hierhergekommen sind, Bananen zu kaufen. Nachdem die Teilnehmenden circa vier Stunden geschlafen haben, werden sie geweckt und gebeten, Hinweise auf den eben erlebten Traum zu notieren. Nach circa einer Stunde darf weitergeschlafen werden, in der Hoffnung, dass sie diese Hinweise im nächsten Traum erkennen – und sich so bewusst werden, dass sie träumen, eben einen Klartraum erleben.
Wie stellen Sie sicher, dass die Teilnehmer tatsächlich klarträumen?
Klarträumende sind in der Lage, zu kommunizieren, dass sie bewusst träumen. In der REM-Phase ist der Körper gelähmt, ausgenommen ist die Augenmuskulatur. Wenn der Träumende eine vorher vereinbarte Augenbewegung ausführt, signalisiert er uns, dass er klarträumt.
Allerdings können wir nicht direkt mit den Teilnehmern kommunizieren. Es ist jedoch möglich, dem Träumenden ein akustisches Signal zu senden beispielsweise via Morsecode. Wenn die Teilnehmer im Traum ein Piepsen hören, führen sie eine Bewegungsabfolge durch, die wir im Wachzustand mit ihnen besprochen haben.
Haben Klarträume negative Auswirkungen auf die Schlafqualität?
Im Schlaflabor ja, da wir die Teilnehmer wecken und sie nach ihren Träumen befragen. Im eigenen Bett, wenn man ungestört ist, ändert sich das Schlafprofil sehr wahrscheinlich nicht.
Können sich Klarträume zu Albträumen wandeln?
Sogenannte «lucid nightmares», also klare Albträume, in denen man sich bewusst ist, dass man träumt, den Traum aber nicht kontrollieren kann, sind glücklicherweise selten. Klarträumende können versuchen, Albträume zu entschärfen, indem sie das Geschehen in eine neue, positive Richtung lenken.
Kann man durch Klarträumen Stress oder emotionale Belastungen lindern?
Empirische Studien, die die Langzeitauswirkungen von luziden Träumen auf die mentale Gesundheit untersuchen, sind rar. Wir haben 2020 eine reine Beobachtungsstudie veröffentlicht, bei der wir Klarträumende zu ihrer mentalen Gesundheit befragt haben. Dabei haben die Ergebnisse eine Korrelation zwischen psychischer Gesundheit und luziden Träumen gezeigt. Ob sich die Klarträume kausal positiv auf ihre Psyche auswirkt, ist jedoch unklar. Es könnte auch sein, dass Personen mit einer stabileren Psyche bessere Klarträumer sind. Bevor Klarträume etwa zur Therapie von Depressionen genutzt werden können, müssten noch mehr Studien durchgeführt werden.
Besteht beim Klarträumen nicht die Gefahr, in eine Parallelwelt abzudriften?
Die Gefahr einer Realitätsflucht ist bestimmt nicht grösser als beim Internet oder Virtual-Reality-Geräten. Um luzide Träume zu haben, muss man viel Zeit investieren und üben, üben, üben. Das Internet kann man hingegen einfach einschalten, die VR-Brille einfach aufsetzen.
Welche ist die beste Methode, klarträumen zu lernen?
Das ist ganz unterschiedlich; was im Schlaflabor klappt, muss Zuhause noch lange nicht funktionieren und umgekehrt. Ich rate, es an einem Wochenende auszuprobieren, an dem man am nächsten Morgen ausschlafen kann. Wenn man normalerweise gegen Mitternacht schlafen geht, stellt man den Wecker auf vier oder fünf Uhr morgens. Dann sollte man versuchen, während einer Stunde wachzubleiben und sich an den erlebten Traum zu erinnern. Hat man beispielsweise von fliegenden Hunden geträumt, koppelt man diesen Traumhinweis an die Absicht, die fliegenden Hunde im nächsten Traum als Zeichen zu verstehen, dass man gerade träumt.
Können Sie selbst klar träumen?
Momentan erlebe ich etwa ein bis zwei Klarträume pro Jahr. In meiner Promotionszeit hatte ich jede Nacht einen luziden Traum. Klarträumen ist nicht wie Fahrradfahren, also eine Tätigkeit, die man nicht mehr verlernt, sondern eher wie Bizepstraining. Man muss viel Zeit investieren, damit der Muskel wächst. Mit der Zeit verliert sich auch der anfängliche Reiz des Klarträumens. Mit unserer Forschung hoffe ich aber, den Klartraumknopf zu finden.