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Um sieben Uhr morgens trank Fredrik Schaller * jeweils einen Energydrink und einen Kaffee. Zucker und Koffein, hoch dosiert, um sich durch den Morgen zu bringen. Jede Nacht hoffte Schaller, dass er bis zum Schrillen des Weckers schlafen würde. Aber meistens war er um zwei Uhr wach. Manchmal blieb der Banker im Bett liegen, in der verzweifelten Hoffnung, doch wieder einzunicken. Manchmal tigerte er in der Wohnung umher oder versuchte, ein Buch zu lesen. «Doch dafür war ich meist zu erschöpft», sagt der 42-Jährige.
Fredrik Schaller spürte die Folgen seiner jahrelangen Schlafstörungen vor allem mental. Er konnte sich kaum konzentrieren, die Welt nahm er wie durch einen milchigen Schleier wahr. Als er sich durch einen Online-Test klickte, spuckte dieser das Resultat «mittelschwere Depression» aus.
Er war gereizt und vergesslich, traute sich nicht mehr, Auto zu fahren. Aber auch sein Körper veränderte sich. Der Basler nahm zu und war häufiger krank. Den ganzen Winter litt er an einem hartnäckigen Husten, der derart im Hals kratzte, dass er in der Nacht manchmal würgend erwachte. Und war Fredrik Schaller einmal wach, war an Einschlafen nicht mehr zu denken.
Schlafmangel fördert Depressionen
«Depressionen und Konzentrationsschwierigkeiten sind bekannte Symptome, wenn man Schlafstörungen hat», sagt Raphaël Heinzer, Schlafforscher und -mediziner am Lausanner Unispital CHUV. Menschen, die schlecht schlafen, leiden zunächst vor allem psychisch: «Das Hirn braucht Schlaf, um sich zu erholen.» Wer eine Woche lang weniger als sechs Stunden schläft, ist laut Experten in einem ähnlichen Zustand wie eine Person, die im Blut ein Promille Alkohol hat.
Menschen, die wenig geschlafen haben, sind nicht nur unkonzentrierter, sondern auch risikofreudiger. Eine US-Studie begleitete Teenager aus Kalifornien vier Jahre lang. Dabei mussten sie angeben, wie viel sie unter der Woche und am Wochenende geschlafen hatten, sowie ob sie beim Sex ein Kondom benutzt hatten. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Jugendlichen ungeschützten Sex hatten, war doppelt so hoch, wenn sie die Woche vorher nicht genügend Schlaf getankt hatten. Zudem zeigen andere Studien, dass Menschen mit Schlafmangel unethischer handeln – sie haben weniger Respekt und Moral, sind egoistischer, sarkastischer, zynischer.
Mehr Herzinfarkte bei zu wenig Schlaf – aber auch bei zu viel Schlaf
Wer weniger als sechs Stunden pro Nacht schläft, belastet nicht nur das Hirn, sondern auch den Körper. Etwa mit einem eineinhalbfachen bis doppelten Risiko eines Schlaganfalls oder mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, an Infekten wie einer Erkältung zu erkranken. In den letzten Dekaden haben Forscher vermehrt angefangen, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Krankheiten und der Schlafqualität zu untersuchen. «Eher spät», sagt Heinzer. «Die Schlafmedizin ist eine noch junge Disziplin.»
Eine riesige Studie, dieses Jahr publiziert, hat etwa die Gesundheitsdaten von 461'000 Britinnen und Briten im Alter zwischen 40 und 69 analysiert. Sieben Jahre dauerte die Untersuchung; das Resultat: Jene, die zu wenig schliefen, hatten eine um 20 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt zu erleiden.
Noch schädlicher war hingegen eine Schlafdauer von über neun Stunden : Bei diesen Personen war die Gefahr, einen Herzinfarkt zu bekommen, um 34 Prozent höher. «Warum genau das so ist, wissen wir noch nicht», sagt Heinzer. Optimal seien sieben bis acht Stunden Schlaf.
Verursacht Schlafmangel auch Krebs?
Auch das Risiko, an Diabetes zu erkranken, kann nach ersten Erkenntnissen mit chronischem Schlafmangel steigen. «Ein übermüdeter Körper schüttet mehr vom Stresshormon Kortisol aus», erklärt Schlafforscher Raphaël Heinzer. Die Folge: Im Blut bleibt mehr Glukose zurück, was die Entstehung von Diabetes fördern kann. «Zudem essen müde Menschen mehr», ergänzt Heinzer. Und sie haben Lust auf Zucker und Kohlenhydrate, greifen eher zum Muffin als zum Apfel.
Erste Links gibt es auch zwischen Schlafstörungen und Krebs, wie Studien zeigten. Frauen, die jahrelang im Schichtbetrieb arbeiteten – etwa Pflegefachfrauen oder Flight-Attendants –, erkrankten häufiger an Brustkrebs. «Wach sein, wenn das Hirn schlafen will, und umgekehrt, das ist für den Körper problematisch», sagt Heinzer. «Verschiedene Gene werden zu verschiedenen Zeiten während des Tages und der Nacht aktiviert.» Durchbreche man den normalen Schlafrhythmus, werde dieses Gleichgewicht gestört, was Krebs möglicherweise fördern könne.
Schlaf als Medikament nutzen
An der Universität Bern wird derzeit intensiv daran geforscht, welchen Zusammenhang es zwischen Schlaf und neurodegenerativen Prozessen gibt – also Alzheimer und Parkinson. «Die bisherigen Daten deuten darauf hin, dass man durch die Behandlung von Schlafstörungen solchen Krankheiten vorbeugen oder ihren Verlauf positiv beeinflussen könnte», sagt Claudio Bassetti, Professor und Chefarzt der Berner Universitätsklinik für Neurologie.
Bereits vor zehn Jahren entdeckten Forscher, dass Nagetiere mit Schlafmanko mehr toxische Eiweisse im Gehirn ablagern – ähnlich, wie dies bei Patienten mit Alzheimer beobachtet wird. Diese Eiweisse werden im Schlaf vermehrt vom Gehirn abtransportiert.
Bassetti erforscht auch, ob Schlaf wie ein Medikament zur Heilung benutzt werden kann. «Damit betreten wir weltweit Neuland», sagt er. Mit seinem Team hat er in einem Experiment bei Nagetieren nach einem Schlaganfall deren Tiefschlaf verstärkt mit einer Kombination von genetischen und optischen Methoden. Tiere, die so behandelt wurden, erholten sich schneller vom Schlaganfall als jene, die normal schliefen.
Schlaf als Behandlungsmethode wird noch zu wenig eingesetzt
«Solche Erkenntnisse sind vielversprechend», sagt Bassetti, der selber versucht, trotz grosser Arbeitslast acht Stunden pro Nacht zu schlafen. «In verschiedenen Bereichen merken Forscher immer mehr, dass der Schlaf Pathologien moduliert oder verstärkt.» Im klinischen Alltag sei dieses Bewusstsein noch zu wenig vorhanden, bemängelt er – unter anderem, weil die Erkenntnisse derart neu sind, dass sie noch nicht in den Lehrbüchern der Ärzte stehen.
«Ich kann mir gut vorstellen, dass Schlafmangel gefährlicher ist, als ich dachte», sagt Fredrik Schaller. «Mein Körper fühlte sich unglaublich fragil an», sagt er. Mittlerweile hat er sein Schlafproblem mit einer intensiven Verhaltenstherapie in den Griff bekommen. Bis er sich jedoch ganz erholt fühlte, dauerte es rund ein Jahr. Morgens gibt es nun ein Müesli mit Joghurt. «Zucker- und koffeinfrei», sagt er mit einem Lächeln.