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Bernard Schmid über Rechtsextreme in Frankreichs Medien
«Nein, der Front National spricht nicht die ‹Sprache der Wahrheit›. Nein, der ‹gesunde Menschenverstand› ist nicht die Wahrheit. (…) Nein, die Einwanderung ist keine Vorbereitung auf einen geplanten grossen Bevölkerungsaustausch …» – Mit diesen Worten schaltete sich der Kulturpolitiker Olivier Py, Leiter des renommierten Theaterfestivals von Avignon, am 5. November in einem Gastbeitrag für «Le Monde» in die Debatte ein.
Die «Sprache der Wahrheit», dieser Ausdruck bezieht sich auf eine Behauptung, die die prominente Fernsehmoderatorin Maïtena Biraben des französischen Privatsenders Canal+ Ende September aufgestellt hatte. Biraben erklärte, der Front National sei immerhin «die stärkste Partei in Frankreich», was schlicht falsch ist, und er spreche in einer «Sprache der Wahrheit» zu den Franzosen, die ihm dafür Anerkennung zeigten. Einige Tage zuvor hatte Biraben den Radaurassisten und rechtsextremen Bürgermeister der südfranzösischen Stadt Béziers, Robert Ménard, in ihre Sendung eingeladen. Ihr und ihrem Sender, der im Sommer vom Milliardär und Geschäftsmann Vincent Bolloré übernommen worden ist, ging es dabei wohl vor allem um Einschaltquoten. Und auch darum, vom einst eher linksintellektuellen Image des Senders wegzukommen.
Doch die Frage beschäftigt die Medienschaffenden: Wie viel rechter Diskurs – im Originalton – tut der Berichterstattung gut und entspricht dem Informationsauftrag? Wo beginnt die Beihilfe zur Propaganda? Auch in den Printmedien wird darüber gestritten. Am 10. Oktober hatte die Sonntagszeitung «JDD» mit der dicken Hauptschlagzeile aufgemacht: «Jeder dritte Franzose bereit, für Marine Le Pen zu stimmen». Die Story beruhte auf einer Umfrage, deren Ergebnisse – im Blattinneren mit mehr Details vorgestellt – allerdings differenzierter ausfielen, als es die Überschrift ahnen liess. 31 Prozent der befragten Französinnen und Franzosen könnten es sich laut Umfrage «vorstellen», unter gewissen Umständen für die FN-Chefin zu votieren. Nicht alle von ihnen haben das aber vor, und 70 Prozent beantworten die Frage, ob die FN-Chefin «Lösungen für das Land anzubieten» habe, schlicht mit Nein.
Kritik an diesem Titel kam von zwei Seiten. Wie das konservative Wochenmagazin «Le Point» am 13. Oktober berichtete, griff der Eigentümer von «JDD» an jenem Sonntag wutentbrannt zum Telefonhörer und erteilte der Zeitungsdirektion einen Rüffel: Die Seite eins über Marine Le Pen sei «zu empathisch» gewesen. Dieser Eigentümer ist der Medienmogul und Rüstungsunternehmer Arnaud Lagardère, also keinesfalls ein Linker. Doch seine politischen Sympathien gelten bekanntlich Nicolas Sarkozy, dem amtierenden Parteichef der französischen Konservativen und politischen Konkurrenten Marine Le Pens.
Am 16. Oktober verabschiedete dann auch eine Vollversammlung von JournalistInnen des «JDD» eine Protestresolution wegen des Vorfalls. Darin wird einerseits «das Eingreifen des Aktionärs» – Arnaud Lagardère – «in die redaktionelle Arbeit» kritisiert. Danach folgt aber eine scharfe Kritik an der von Lagardère zusammengestauchten Redaktionsleitung. Diese arbeite stets «ohne Vision und Strategie», unter ständigem Druck der aktuellen Ereignisse, «ohne inhaltliche Vorbereitung» auf Themen und gebe sich ihrer Faszination für Umfrageergebnisse hin.
Die «Sprache der Wahrheit», so liesse sich auch sagen, ist ein anderes Wort für Opportunismus.
Bernard Schmid schreibt für die WOZ aus Paris.