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Romanisch
Als die Römer 15 v. Chr. Rätien unterwarfen, hat wahrscheinlich niemand gedacht, dass sich hier in den nächsten paar Jahrhunderten aus dem Volkslatein und den vorrömischen rätischen Sprachen eine neue Sprache entwickeln würde, die einmal den Namen Rätoromanisch erhalten sollte. Und als dann um 500 n. Chr. Rätoromanisch sage und schreibe von der oberen Donau bis zur Adria gesprochen wurde und damit seine grösste Ausdehnung erreicht hatte, dachte wohl wieder niemand, dass es 1‘500 Jahre später zur gefährdeten Minderheitensprache geschrumpft sein würde. Der Zerfall des römischen Reiches und die von Norden Richtung Süden einsetzende Germanisierung haben das Rätoromanische immer weiter zurückgedrängt und auf ein paar isolierte Sprachinseln in Graubünden, im Friaul und in den Dolomiten reduziert. Und mit dem Gebiet hat sich auch die Wichtigkeit dieser Sprache verringert. Im beruflichen und wirtschaftlichen Umfeld stehen Deutsch und immer mehr auch Englisch im Vordergrund, und manch einer, der neu ins romanische Sprachgebiet zieht, fragt sich, ob es sich überhaupt noch lohnt, diese Sprache zu lernen.
Wir in Samedan finden - Ja! Denn wir glauben, dass unser Romanisch, das Puter, zu uns gehört wie der Schnee zum Winter und die goldenen Lärchen im Herbst zu unserer Landschaft. Und so tönt es im Oberengadiner Idiom: Che vita infama / ster cò scu taunts müls, / adüna in chamma / spettand a gnir chüls. Mit seinem handfesten Humor beschreibt Artur Caflisch mit diesen Versen das trostlose Leben der Stühle, die, immer auf den Beinen, stets nur Hinterteile erwarten können. Wir wollen am Romanischen aber nicht nur festhalten, weil es so schön klingt oder weil es ein uraltes kulturelles Erbe ist. Oder weil man damit anderen neolateinischen Sprachen wie Italienisch, Spanisch, Französisch etc. ein gutes Stück näher ist. Und auch nicht nur deshalb, weil man damit lateinische Fremdwörter besser versteht. Es gibt auch noch andere Gründe:
- Haben Sie zum Beispiel gewusst, dass Englisch einen ganz respektablen Anteil an französischen und lateinischen Wörtern enthält, die übers Romanische in no time zu erschliessen sind? Oder dass Romanisch eine besondere Lebenshaltung ausdrückt? Ein romanischer Satz ist nämlich nicht einfach ein übersetzter Satz aus einer anderen Sprache. Wer Romanisch lernt, dem wächst die Seele in eine neue Heimat hinein. Falls Ihnen das zu schwärmerisch ist, bitte, es gibt noch einen ganz handfesten Grund, Romanisch zu lernen, beziehungsweise an ihm festzuhalten.
- Zweisprachige Menschen sind geistig flexibler! Sie lernen weitere Sprachen schneller, können besser rechnen und sind kreativer! Das behaupten nicht etwa wir Samedner, sondern internationale Studien zur Zweisprachigkeit. Seit dies bekannt ist, versucht man überall auf der Welt – zum Teil unter grossem Aufwand – die Kinder zweisprachig zu erziehen und schielt dabei mit neidischen Blicken zu uns Rätoromanen herüber. Denn von einer Bilinguität, wie wir sie den Kindern vermitteln, können die meisten ja nur träumen. Und weil wir wissen, dass diese natürliche romanisch-deutsche Zweisprachigkeit durch nichts Vergleichbares zu ersetzen ist, hüten und pflegen wir sie. Wir wollen den Rückgang des Romanischen aufhalten und haben deshalb 2004 einen Sprachartikel in unsere Gemeindeverfassung aufgenommen, der Romanisch und Deutsch ausdrücklich als gleichberechtigte Amts- und Schulsprachen bezeichnet, wir haben die Stelle eines Beauftragten für die Zweisprachigkeit geschaffen und wollen die Präsenz des Romanischen im öffentlichen Leben wieder steigern.
Die Gemeindeschule ist seit 1996 vom Kindergarten bis zur letzten Klasse zweisprachig, denn wir wollen den Kindern diesen Vorteil mit auf den Lebensweg geben, auch wenn es – dies sei hier nicht verschwiegen – in Anbetracht der starken Germanisierung des Dorfes immer schwieriger wird. Helfen Sie uns dabei, indem Sie Ihre Kinder unterstützen und selber so viel Romanisch lernen, dass Sie es wenigstens verstehen! Die Fundaziun de Planta organisiert im Sommer Intensiv-Sprachkurse, die Lia Rumauntscha während des Jahres Abendkurse. Und wenn Sie’s schon können, gebrauchen Sie es in der Familie, im Verein, bei der Arbeit! Sie werden staunen, wie viele Leute eigentlich Romanisch könnten oder sich gern darin üben möchten. Tragen auch Sie Ihren Teil dazu bei, dass Samedan einen Traum verwirklichen kann: Romanisch- und Deutschsprachige reden im Dorf in ihrer Sprache und verstehen sich gegenseitig problemlos. Nicht nur die Schule ist zweisprachig, sondern das ganze Dorf! Ob die anderen dann wohl noch neidischer zu uns herüberschielen würden?
Wenn Sie Fragen zur Zweisprachigkeit haben, wenden Sie sich an den Beauftragten Andrea Urech, T 081 852 10 61, E-Mail: <email-pii>.