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Dr. Markus Luethi vom medizinischen Team des TCS erklärt uns, mit welchen Problemen Menschen mit einer Seh- und/oder Hörbeeinträchtigung im Strassenverkehr konfrontiert sind.
Dr. Luethi, wann gilt das Sehvermögen als beeinträchtigt?
Personen, die auch mit Sehhilfen wie Brillen die für das Sehvermögen geltenden Standardwerte nicht erreichen, und die in der Ferne und/oder in der Nähe zwischen 1/3 (30 Prozent) und 1/20 (5 Prozent) weniger sehen als die 100 Prozent, die als Norm gelten, haben nach offizieller Definition ein «beeinträchtigtes Sehvermögen».
Bei wie viel Prozent der Bevölkerung ist das Sehvermögen eingeschränkt?
Schätzungen zufolge gibt es in der Schweiz 350 000 bis 400 000 Personen (4 Prozent der Bevölkerung), die als sehbehindert gelten. Dieser Prozentsatz steigt von Natur aus mit dem Alter, bis 40 Jahre um ca. 3 Prozent und bei über 80-Jährigen um 28,8 Prozent.
Welche Haupthindernisse gibt es im Strassenverkehr?
Personen mit beeinträchtigtem Sehvermögen haben häufig Probleme mit dem Lesen, Schreiben, der Fortbewegung oder dem Autofahren. Oft sind ihnen diese Aktivitäten gar nicht möglich. Ihr Sichtfeld ist beispielsweise eingeschränkt und sie haben oft Schwierigkeiten, Abstände richtig einzuschätzen oder Farben voneinander zu unterscheiden. Diese Probleme bedeuten Einschränkungen, beispielsweise bei der Orientierung an unbekannten Orten, sei es bei der Fortbewegung, beim Erkennen von Schildern oder selbst von Handzeichen.
Welche Hilfsmittel können sie nutzen?
Da gibt es natürlich den Weissen Langstock, den sogenannten «Blindenstock», mit dem der Boden in unmittelbarer Nähe abgetastet werden kann. So können sie Hindernisse wie beispielsweise Mülleimer, Blumenkübel oder auf dem Trottoir geparkte Autos ertasten. Auch Höhenunterschiede wie der Übergang zwischen dem Bordstein des Trottoirs und der Strasse lassen sich so erkennen. Sehende erkennen den Langstock schon von Weitem. Er signalisiert ihnen: «Achtung, hier ist jemand, der Sie nicht sehen kann!»
Aber der Stock hilft den Betroffenen nicht bei anderen Hindernissen...
Ja, der Stock hilft ihnen nicht dabei, eine schlecht geschnittene Hecke oder einen in den Weg hineinragenden Spiegel zu erkennen. Aber es gibt mittlerweile elektrische Stöcke, die Hindernisse per Laser oder Ultraschall erkennen. Dadurch können Menschen, deren Sehvermögen beeinträchtigt ist, die offene Heckklappe eines geparkten Autos oder eine Schranke erkennen.
Sind für Personen mit einem beeinträchtigten Sehvermögen Velo- und Rollerfahrer auf dem Trottoir eine ernsthafte Gefahr?
Den Medien ist zu entnehmen, dass das Bundesamt für Strassen (ASTRA) insbesondere den Bundesrat auffordert, Kinder bis 12 Jahre auf dem Trottoir Velo fahren zu lassen. Der Schweizer Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) ist strikt dagegen. Personen mit beeinträchtigtem Sehvermögen können Velofahrer nicht erkennen und werden ausserdem durch die Bewegungen von Velos gestört, denn Räder sind schnell, aber dabei leise. Zusammenstösse und Unfälle sind daher praktisch unvermeidlich.
Selbst dann, wenn die Velofahrer aufpassen?
Auf Menschen, deren Sehvermögen beeinträchtigt ist, kann man nur achten, wenn sie auch sichtbar sind, durch einen Blindenstock oder einen Blindenhund. Menschen ohne solche auffälligen Kennzeichen sind dagegen nur sehr schwer zu erkennen, vor allem, wenn man recht zügig mit dem Velo oder Roller unterwegs ist.
Wie verhält man sich gegenüber einer Person mit eingeschränktem Sehvermögen?
Wenn die Person offensichtlich Schwierigkeiten hat, kann man sie ansprechen, wobei man allerdings immer darauf achten sollte, sie nicht zu erschrecken. Beispielsweise kann man sie am Arm berühren, während man sie anspricht. Das gleiche gilt auch für Personen im Rollstuhl, die Hilfe brauchen.
Wenden wir uns nun dem Thema Schwerhörigkeit und Taubheit zu: Wie viel Prozent der Schweizer Bevölkerung leiden unter einer Beeinträchtigung des Hörvermögens?
Man geht davon aus, dass bei 19 Prozent der Bevölkerung das Hörvermögen beeinträchtigt ist. Bei 10 Prozent der Schweizer Bevölkerung (etwa 800 000 Personen) ist diese Beeinträchtigung so gross, dass sie Anspruch auf Behandlung oder ein Hörsystem (Hörgerät) haben. Allerdings nutzen nur ca. 20 Prozent der schwerhörigen Personen überhaupt Hörgeräte. Und nur die Hälfte davon trägt sie regelmässig.
Wie kommt das?
Dieses Phänomen tritt häufig bei älteren Menschen auf, die einfach vergessen, ihre Hörgeräte einzusetzen. Bei den Jüngeren unter 60 Jahren tragen ca. ¾ ihre Hörgeräte regelmässig.
Nicht richtig hören zu können, ist sehr riskant, wenn man sich im Strassenverkehr bewegt...
Wenn das Hörvermögen beeinträchtigt ist, liegt die Schwierigkeit darin, dass manche Leute nicht feststellen können, woher ein Geräusch kommt. Gerade im Strassenverkehr ist es sehr riskant, wenn man ein Geräusch zwar hören, aber dessen Ursprung nicht erkennen kann. Die über das Gehör aufgenommenen Informationen sind dann unvollständig, was es schwierig macht, sie zu klassifizieren und zu analysieren. Und man kann seine Augen nicht überall gleichzeitig haben. Für ein Kind mit Hörbeeinträchtigung ist es im Strassenverkehr daher ganz besonders gefährlich. Das gilt aber auch für Menschen mit Kopfhörern!
Können Personen mit beeinträchtigtem Hörvermögen einen Führerausweis erwerben?
Ja, um den Führerausweis beantragen zu können, ist lediglich das Bestehen eines Sehtests erforderlich, der von einem anerkannten Augenarzt oder Optiker durchgeführt wird.
Aber wenn man schlecht hört, kann es doch in bestimmten Situationen zu Problemen kommen. Man denke nur an ein hupendes Fahrzeug oder das Martinshorn eines Feuerwehr- oder Rettungsfahrzeugs...
Personen mit eingeschränktem Hörvermögen reagieren statt auf Geräusche eher auf visuelle Reize oder Gesten, wie beispielsweise das Blinklicht von Krankenwagen, Polizei- oder Feuerwehrfahrzeugen. Bei Velofahrern, die durch Klingeln auf sich aufmerksam machen möchten, wird es schon problematischer. Bei Menschen mit Hörbeeinträchtigungen ist es ähnlich wie bei Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen: Solange Velofahrer auf dem Trottoir unterwegs sein dürfen, stellen sie für beide Personengruppen eine grosse Gefahr dar. Aufgrund ihres Handicaps sind diese Menschen allerdings im Strassenverkehr meistens besonders aufmerksam und umsichtig.
Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.
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