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Literatur
Oskar Maria Graf
"An jenem Mainachmittag, da der Lehrer plötzlich zur Türe hereinkam, auf mich und meine Schwester Anna zuging und uns sagte, wir dürften heimgehen, weil unser Vater sehr krank sei, empfand ich gar nichts. Auf der Straße redeten wir wenig und machten ernste Gesichter. Im Grunde waren wir froh, dass wir den langweiligen Rechenunterricht hinter uns hatten." So beginnt Oskar Maria Grafs Lebensbeichte in Romanform, "Wir sind Gefangene". Eine Stunde später ist der Vater tot.
Der Ich-Autor braucht lange, um zu begreifen, dass nichts mehr so sein wird, wie es früher einmal war. Er leidet fortan unter dem tyrannischen älteren Bruder, der die Vaterrolle ausfüllt. Befreien kann er sich erst, als er nach München ausbüxt, wo er zunächst als Bäcker arbeitet und später in den Ersten Weltkrieg ziehen muss.
Das alles erzählt Graf mit einigem Witz und noch viel mehr Tempo. Atemlos stolpert der Protagonist von einer misslichen Lage in die andere, kommt mal zu einem bisschen Geld und verprasst es sofort wieder, sucht Halt in politischem Engagement und wechselnden Liebschaften. Doch er wird nur herumgeschleudert in jenem Strudel, den der Zusammenbruch des bayerischen Königreichs und das Chaos der Revolution und der Münchner Räterepublik erzeugen. Er ahnt, dass er nur dann zur Besinnung kommen wird, wenn er seine Erlebnisse niederschreibt.
Jahre später macht Graf dies tatsächlich - und landet einen ersten literarischen Erfolg. Als Oskar Maria Graf 1967 in New York starb, wurde er noch zu den ganz großen Schriftstellern der deutschen Exilliteratur gezählt. Heute ist er ziemlich in Vergessenheit geraten.
Das passierte ihm schon einmal, allerdings zu Lebzeiten. Am 10. Mai 1933 hatten die Nationalsozialisten bei ihrer öffentlichen Bücherverbrennung "vergessen", seine Werke mit ins Feuer zu werfen. Zu seinem großen Entsetzen fand sich Graf sogar auf der "weißen Liste des neuen Deutschlands" wieder: Alle seine Werke wurden von den Machthabern des Dritten Reichs ausdrücklich zur Lektüre empfohlen!
Was macht man nur in solch einer Situation? Graf wusste Rat: Bereits zwei Tage später fand er die richtigen Worte - auf der Titelseite der Wiener Arbeiter-Zeitung. Unter der Schlagzeile "Verbrennt mich!" verlangte er, dass "meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen." Grafs Aufruf hatte Erfolg. Er wurde in vielen europäischen Zeitungen nachgedruckt. Das große Echo ließ auch die Machthaber in Deutschland nicht unbeeindruckt: In einer eigens für Graf angesetzten Bücherverbrennung im Innenhof der Münchner Universität wurden seine sämtlichen Werke nachträglich vernichtet.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lehnte der Schriftsteller eine Rückkehr in die alte Heimat ab: Graf war angewidert von der Tatsache, dass viele Menschen, die dem Nazi-Regime gedient hatten, sich auch in der bundesrepublikanischen Demokratie auf hohen Posten wiederfanden. Solche Standhaftigkeit förderte in der damaligen Bundesrepublik nicht gerade das künstlerische Renommée. Nach Grafs Tod förderte sie vielmehr sein Verschwinden aus dem kollektiven Gedächtnis der Literaturszene.
Dass dies nicht so bleiben muss, dafür sorgt jetzt die Süddeutsche Zeitung: Sie hat "Wir sind Gefangene" in ihre neue Buchreihe mit Autoren, die München zum Thema ihrer Bücher gemacht haben, aufgenommen.