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Die Katze auf dem heissen Blechdach
Tennessee Williams, geboren 1911, wuchs in den Südstaaten Amerikas in ziemlich schwierigen Familienverhältnissen auf. Sein Vater arbeitete als Schuhverkäufer, war selten bei seiner Familie und vergnügte sich mit so ziemlich jeder Frau, die ihm über den Weg lief. Die Mutter, Kind eines vormals reichen und einflussreichen Clans, kämpfte mit dem Verlust ihres gesellschaftlichen Ansehens. Nach dem Abbruch seines Studiums und einem Job als Arbeiter in einer Schuhfabrik gelang Tennessee Williams 1944 mit „Die Glasmenagerie“ der Durchbruch. Bis dahin war es ein langer und beschwerlicher Aufstieg. Zurückweisungen seiner Arbeit plagten ihn ebenso wie die psychische Krankheit der Schwester, zu der er eine sehr enge Beziehung pflegte.
Im Zentrum seiner deutlich autobiographisch inspirierten Arbeit steht vor allem die Aufarbeitung der vielfältigen emotionalen Spannungen innerhalb der Familie. Die starre Ordnung der bürgerlichen Welt des Südens steht für Williams im Widerspruch zu den Hoffnungen, Bedürfnissen und Sehnsüchten des Einzelnen. Mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds bestens vertraut, geht er in seinen Stücken dem Eigentlichen, Wahren und Unausgesprochenen dieser Konflikte nach und versucht den hinter den Fassaden liegenden Motivationen auf die Spur zu kommen. Den Höhepunkt seiner Karriere markieren die beiden Stücke „Endstation Sehnsucht“ und „Die Katze auf dem heissen Blechdach“. Für beide wurde er mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet (1948, 1955). Insbesondere die Verfilmungen seiner Dramen mit Schauspielern wie Elizabeth Taylor, Paul Newman und Marlon Brando trugen dazu bei, dass Williams’ Werk nicht nur am Broadway, sondern auch international bekannt wurde. Nach seinen künstlerischen Erfolgen in den 40er- und 50er-Jahren folgte eine lange Phase der Krankheit sowie des Alkohol- und Drogenkonsums. Mit der Veröffentlichung seiner Memoiren im Jahr 1975, einer unerschrockenen und detailreichen Nabelschau weiter Teile seines Sexuallebens, unternahm er den letzten Versuch eines Comebacks. Doch an die Qualität seiner Hauptwerke konnte er nicht mehr anschliessen. Williams wurde 1983 tot in seinem New Yorker Hotelzimmer aufgefunden. Er war an einem Plastikverschluss eines Nasensprays erstickt. Über die genauen Umstände seines Todes gibt es bis heute Zweifel.
Deutsch von Jörn van Dyck
Regie Stefan Pucher / Bühne Barbara Ehnes / Kostüme Aino Laberenz / Musik Christopher Uhe / Musik Evelinn Trouble / Video Sebastian Pircher
Mit Jan Bluthardt, Jean-Pierre Cornu, Jonas Gygax, Julia Jentsch, Nicolas Rosat, Markus Scheumann, Friederike Wagner
|Margaret||Julia Jentsch|
|Brick||Markus Scheumann|
|Big Mama||Friederike Wagner|
|Big Daddy||Jean-Pierre Cornu|
|Reverend Tooker||Jonas Gygax|
|Gooper||Jan Bluthardt|
|Doktor Baugh||Nicolas Rosat|
|Kinder||Chiara Albert, Jasleen Bal, Ella Kaufmann, Marie Rosat, Lena Schulthess|
|Dienstboten||Joel Singh, Roland Regner|
|Live-Musikerin||Evelinn Trouble|
|Regie||Stefan Pucher|
|Bühne||Barbara Ehnes|
|Kostüme||Aino Laberenz|
|Musik||Christopher Uhe|
|Musik||Evelinn Trouble|
|Licht||Gerhard Patzelt|
|Video||Sebastian Pircher|
|Dramaturgie||Alexander Keil|
|Regieassistenz||Sophia Bodamer|
|Bühnenbildassistenz||Barbara Pfyffer/Sabine Born|
|Kostümassistenz||Reto Keiser|
|Regiehospitanz||Clara Isabelle Dobbertin|
|Bühnenbildhospitanz||Franziska Altmann|
|Kostümhospitanz||Elena Stadelmann|
|Souffleuse||Susi Saussenthaler|
|Inspizienz||Aleksandar Sascha Dinevski|
Pfauen
Premiere am 22. Februar 2013
Niemand will Big Daddy, das schwerreiche und unheilbar krebskranke Familienoberhaupt, über seinen bevorstehenden Tod informieren und doch spekulieren fast alle darauf, ihn schon bald zu beerben. Anlässlich seines Geburtstages entlarvt sich die Familiengemeinschaft als eine Ansammlung von einsamen und verlogenen Menschen.
Tennessee Williams’ moderner Klassiker – 1958 legendär verfilmt mit Elizabeth Taylor und Paul Newman – wurde inszeniert von Stefan Pucher, in dessen Regie am Schauspielhaus zuletzt „Tod eines Handlungsreisenden“ und „Endspiel“ zu sehen waren.
Big Daddy Pollitt feiert seinen 65. Geburtstag und das Haus der wohlhabenden Südstaaten-Farmer-Familie platzt aus allen Nähten. Diesmal sind wirklich alle gekommen. Big Pollitts Streber-Sohn Gooper mit seiner zum sechsten Mal schwangeren Frau Mae und ihren fünf Kindern genauso wie die kratzbürstige Maggie und ihr alkoholabhängiger Ex-Football-Star Brick, ebenfalls Sohn von Big Daddy. Für Big Daddy ist dieser Tag gleich in doppelter Weise Anlass zur Freude, denn heute kamen endlich die lang ersehnten Untersuchungsergebnisse aus der Ochsner-Klinik, die ihm attestieren, dass er kerngesund ist. Doch alle verschweigen ihm, dass er Krebs hat und seine Dickdarmkrämpfe bereits die Symptome eines bald zu erwartenden Todes sind.
Grosse Familienfeiern befördern immer auch Wahrheiten ans Tageslicht, denen man in der restlichen Zeit des Jahres wunderbar aus dem Weg gehen kann: Big Daddy nutzt die Gelegenheit, um die letzten 40 Jahre Ehe mit Big Mama haarklein abzurechnen, Maggie und ihr Mann Brick ringen hilflos um ihre bislang kinderlose Beziehung, die spätestens seit dem Tod von Bricks bestem Freund Skipper unaufhaltsam in die Brüche geht und das Vorzeigepaar Mae und Gooper sind ziemlich offensichtlich dabei, sich mittels ihrer reizenden Kleinen den 28.000 Morgen mächtigen Landsitz Big Daddys unter den Nagel zu reissen. Aber das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen und deswegen hagelt es gegenseitige Schuldzuweisungen, Unaufrichtigkeiten und persönliche Verletzungen …
„Cat on a Hot Tin Roof“ wurde 1955 in New York von Elia Kazan uraufgeführt und gehört bis heute zu den berühmtesten Werken Tennessee Williams’ (1911 – 1983), der für das Stück mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Der gleichnamige Film mit Elizabeth Taylor und Paul Newman von 1958 war einer der grössten Kassenschlager seiner Zeit. „Der Vogel, den ich im Netz dieses Stückes fangen möchte“, sagte Williams selbst, „ist nicht die Lösung eines psychologischen Problems eines Einzelnen. Ich möchte den Wahrheitsgehalt von Erlebnissen innerhalb einer Gruppe von Menschen darstellen, jenes flackernde, umwölkte, schwer zu fassende – aber fieberhaft mit Spannung geladene – Zusammenspiel lebendiger Wesen in der Gewitterwolke einer gemeinsamen Krise.“
„Wenn der Regisseur Stefan Pucher am Schauspielhaus Zürich „Die Katze auf dem heissen Blechdach“ von Tennessee Williams inszeniert, wird daraus eines langen Geburtstages Reise in die Liebesnacht.
Pucher, der das Zürcher Publikum vorletzte Saison mit Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ im Cinemascope-Format bezirzte, verquirlt auch jetzt Theater, Kino und Videoclip zu einem Flow aus Mixed Media, in dem immer dann, wenn die Sprache versagt, alle hochkochenden oder explodierenden Emotionen in buntes Licht, bewegte Bilder und Live-Musik (E-Gitarre: Evelinn Trouble) diffundieren. Überhaupt hat die Inszenierung trotz wiederholten Phasen monologischer Dialoge – jemand redet wortreich an sein Gegenüber heran – einen wunderbar zügigen Drive, der betriebsames Entertainment und psychologischen Tiefgang im Wechsel verfliessen lässt.“ NZZ
„Wer geglaubt hatte, Stefan Pucher sei vor allem mit Shakespeare und den alten Griechen vertraut, sah sich an diesem Abend eines Besseren belehrt. Stefan Pucher versteht sich auch blendend auf die psychologischen Tiefenbohrungen der amerikanischen Nachkriegsdramatik. Das hat er schon vor zwei Jahren mit Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ im Züricher Schiffbau bewiesen, und das zeigt er jetzt wieder mit seiner Inszenierung von Tennessee Williams’ 1955 uraufgeführtem Stück „Die Katze auf dem heissen Blechdach“ am Pfauen.“ Die Welt
„Das Schauspielhaus Zürich bringt mit „Die Katze auf dem heissen Blechdach“ von Tennessee Williams einen amerikanischen Klassiker: das Psychogramm eines misslungenen Zusammenlebens – eindringlich und herausfordernd.“ seniorweb.ch
„Die Gefühlswelten der Familienmitglieder modern unter einem Haufen von Lügen. Diese Leute haben Leichen im Keller – und im Zimmer: Tote Tiere erzählen von toter Wildheit, toter Echtheit. Ein Tigerfell und ein Bärenfell dienen als Bettvorleger, ausgestopfte Bären stehen im Fond; die Hausbar ist ein hölzernes Lama; ihre Hocker sind mit Fell bezogen wie der Synthesizer, den Musikerin und Sängerin Evelinn Trouble so wunderbar einzusetzen weiss.
Da die unterworfene Natur, dort Jean-Pierre Cornus todkranker, waidwunder Big Daddy, der über die Jahre die Südstaatenplantage zum Blühen gebracht hat, Markus Scheumanns grossartig gleichgültiger, saufender Sohn Brick.“ Tages-Anzeiger
„Im Schauspiel Zürich bringt Regisseur Stefan Pucher grosses Kino auf die Theaterbühne.“ Südkurier
„Die grossartige Bühnengestaltung von Barbara Ehnes holt den Stoff aus den Südstaaten in den Fünfzigerjahren ins Hier und Heute. Und die Videoeinspielungen von Sebastian Pircher erinnern an das Leben am Mississippi und widerspiegeln gleichzeitig die Vielschichtigkeit des Zwischenmenschlichen. Beide schaffen den kreativen Spielraum für das Drama. Von der Differenziertheit des gestischen und sprachlichen Ausdruckes überzeugte vor allen Markus Scheumann als Brick, mal als frustrierter, abweisender Partner Maggies, mal als Punchingpartner von Big Daddy. Julia Jentsch in der Titelrolle bringt von Anfang an mit ihrem Spiel das Trauerspiel in Gang, fauchend, lechzend, kratzend wie eine Katze, die auf ihre vier Beine fallen möchte. Friederike Wagner gefällt als Big Mama mit ihrer Doppelbödigkeit zwischen dem Verdrängen des Sterbens ihres Mannes und dem Glauben an Brick. Jean-Pierre Cornu als Big Daddy breitet seine individuelle Hölle glaubwürdig und erschütternd über die Menschenwelt aus. Tabea Bettin als Mea und Jan Bluthardt als Gooper geben das angepasste Paar in ihrer Angepasstheit treffend wieder. Zusammen mit den Kindern und der Livemusik rundet sich der Abend zu einem gelungenen Ganzen.“ seniorweb.ch
„Schon Puchers Lesart von „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller vor zweieinhalb Jahren in der Schiffbauhalle hatte Kino-Theater im Breitwandformat geboten.
Jetzt also Williams, auf der Pfauenbühne am Heimplatz. Und wiederum erweist sich, dass der als „Popregisseur“ gehandelte Pucher die Medienwirklichkeit fruchtbringend zu nutzen weiss. Auf eine heutige Art freilich, ganz anders als weiland Richard Brooks. Mal melodramatisch, mal ironisch unterfüttert, werden die Lebenslügen der Menschen, die sich zum 65. Geburtstag des dem baldigen Krebstod geweihten „Big Daddy“ versammeln, vorgeführt.
Das fantasiereich collagierte und in seinen Teilen höchst bewegliche stilisierte Bühnenbild von Barbara Ehnes – eine protzig-geschmacklose Villa samt Jagdtrophäen – und die bunten und typengerecht geschneiderten Kostüme von Aino Laberenz sorgen für die passende Atmosphäre. Sebastian Pirchers Videosequenzen weiten Privates ins Öffentliche oder kontrapunktieren das Live-Spiel der Darsteller.“ Südkurier
„Denn natürlich ist Tennessee Williams’ Stück nicht nur eine Familienaufstellung; seine Grundmelodie heisst auch: Spiel mir das Lied vom Tod. Big Daddy wird an Darmkrebs sterben und lügt sich in die Tasche, und sein Sohn Brick ist seit Jahren scheintot, alkoholabhängig, depressiv und liebeskrank. Stefan Pucher packt das konsequent in ein 50er-Jahre-Ambiente, vom Fernseher und blöden rosa Plissée-Kleidern bis zu den Posen des todessüchtigen James Dean, die der – zunächst als reiner Körperpräsentator agierende – Brick des Markus Scheumann erstaunlich gut drauf hat. Und diese Gelangweiltheit, diese Gleichgültigkeit muss man erstmal hinkriegen …
Man sollte sich von der im Hinterkopf immer spukenden Verfilmung des Stoffs (mit Paul Newman und Elizabeth Taylor) völlig freimachen, will man dieser Aufführung einigermassen gerecht werden. Denn die grossartige Julia Jentsch als Bricks Frau Maggie macht natürlich nicht das vitale Taylor-Vollweib, sondern ist ganz hingeräkelte Laszivität, wirklich eine Katze.“ Deutschlandfunk
„Wie ein Mixed-Media-Entertainer lässt Pucher die Neurosen seiner Protagonisten blühen; effektreich, aber ohne dass dabei die Psychostudie an eine schiere Revue verraten würde. Und wenn Big Daddy Brick eine Mitschuld am Tod des Freundes vorhält, dessen Homosexualität wohl besser gleichgesinnt erwidert anstatt abgewiesen worden wäre, und danach Brick dem Vater die Illusionen über den Gesundheitszustand raubt, wird der psychoanalytische Furor des Autors packend erlebbar. Als Maggie von ihrer Schwangerschaft vorgelogen hat und schon Big Daddys Schmerzensschreie hörbar werden, öffnet sich das Ende sogar poetisch auf eine Liebesnacht von Brick und Maggie. Das Ende als Neuanfang?“ Südkurier
„Aus Markus Scheumanns Körper fliessen die Verse sogar schon, wenn er noch gar nichts sagt. Und macht er dann doch mal den Mund auf, ist jede Silbe ein Donnerschlag, selbst wenn er ein genuscheltes Wort gleich wieder verschlucken muss. Jede seiner Nicht-Bewegungen lässt die Bühne vibrieren.“ Der Sonntag
„Julia Jentsch (die unvergessene Sophie Scholl aus dem Film) bringt mit wenig Pathos starke Gefühle auf die Bühne. Wie sie sich auf dem Bett räkelt und den saufenden Gatten Brick lobt, tadelt, umgarnt und dabei zwischen kluger Analyse und bettelnder Begierde pendelt, das ist grossartig. Auch die Bühne von Barbara Ehnes entzückt: in der Mitte ein Riss, über den man stolpert. Ausgestopfte Bären erinnern an animalische Lebenskraft – in dieser Familie nur noch in Maggie lebendig.“ SonntagsZeitung
„Markus Scheumanns Brick ist die zornige Kaputtheit in Person. Das Zürcher Ensemblemitglied war schon ein umwerfender Narr in Sebastian Nüblings Shakespeare-Inszenierung „Wie es euch gefällt“, und im Mai ist er als Teil einer Zürcher Inszenierung ans Theatertreffen in Berlin eingeladen. Gut so.“ NZZ am Sonntag
„Stefan Puchers Inszenierung der „Katze auf dem heissen Blechdach“ ist glänzend gespielt. Jean-Pierre Cornu ist als Big Daddy eine Wucht, Markus Scheumann als Brick mit seiner abweisenden Boshaftigkeit nicht minder. Julia Jentsch spielt Margaret zwischen lasziver Berechnung und lebenwollender Auflehnung. Die aufgesetzte Fassade wie den Zusammenbruch zeigt Friederike Wagner als Big Mama mit überhellen Farben. Jan Bluthardt (Gooper) und Tabea Bettin (Mae) geben eine perfekte Normalität vor, die plötzlich ins Exzentrische kippt und ihre Verlogenheit verrät.“ Zentralschweiz am Sonntag
„Fast schmerzhaft aufgedreht zu Beginn, steuert Julia Jentsch Maggies offensive Verführungsstrategie bald mit traumwandlerischer Intuition. Ihre hartnäckige Hingebung, die nach Bedarf entweder aggressiv Krallen einsetzt oder aber sich katzenhaft geschmeidig dem Moment anpasst, verteidigt mutig den Glauben ans Unmögliche. Das macht Julia Jentschs Maggie gross. Und diese Grösse dringt zuletzt durch zu Scheumanns Brick. Vielleicht ist sein Lächeln am Schluss ein Anfang.“ NZZ