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Die ligurische Hafenstadt Genua ist europäische Kulturhauptstadt 2004: Ein guter Anlass, um die wichtigen Verbindungen zwischen Genua und der Schweiz unter die Lupe zu nehmen.
Vom Mittelalter bis ins 20.Jahrhundert war Genua eine der wichtigsten Destinationen der Schweizer Emigranten.
Nach dem "reichen Venedig" war "das stolze Genua" bereits im Mittelalter Ziel vieler Auswanderer aus der Eidgenossenschaft. Während im Zeitalter der Moderne die Lagunenstadt Venedig einen stetigen Bedeutungsverlust erlitt, entwickelte sich Genua umgekehrt zu einem wichtigen Wirtschaftszentrum. Deshalb wuchs die lokale Schweizer Kolonie dort stetig an.
Die Schweizer Emigration nach Italien war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts militärisch geprägt. Die Italiener sahen Schweizer vorab in Uniform, vor allem als Söldner der Bourbonen in Neapel oder als Gardisten beim Papst im Vatikan.
Das Schweizerische Generalkonsulat in Genua, 1799 eröffnet, ist eines der ältesten der helvetischen Diplomatiegeschichte. Das erste Konsulat war ein Jahr zuvor in Bordeaux eröffnet worden. Die Gründung hing mit der Präsenz der vielen Schweizer Soldaten zusammen, die sich in Genua nach Neapel einschifften.
Ein weiteres Ereignis zeigt die wirtschaftliche Bedeutung der Schweizer in Genua: 1919 wurde die Schweizer Handelskammer für Italien in Genua gegründet.
Erst 1931 wurde die Handelskammer vom ligurischen Hauptort in die lombardische Metropole Mailand verlegt. Dort hat sie bis heute ihren Sitz.
Der Hafen im Zeitalter der Streiks
Ab den 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts verlor der Hafen von Genua zunehmend an Bedeutung. Dies hatte Folgen für die Handelsbeziehungen mit der Schweiz. Die Schweiz nutzte für den Warentransport zusehends die Häfen Nordeuropas.
"Der Hafen war in staatlicher Hand. Und er hatte damals die bekannten Probleme. Streiks blockierten lange Zeit die Aktivitäten", erinnert sich der Schweizer Generalkonsul in Genua, Arnoldo Lardi.
Inzwischen wurde der Hafen privatisiert und die Löschanlagen modernisiert. Deshalb sind auch Schweizer Firmen vermehrt nach Genua zurückgekehrt.
In den 90-er Jahren wurde im Hafen sogar ein spezieller Schalter für die Handelsbeziehungen mit der Schweiz gegründet, das so genannte "Swiss Desk". Auch eine direkte Zugsverbindungen für den Warentransport (Superba Express) wurde eingerichtet. Zwei Mal wöchentlich wird seit 1998 die Strecke Basel-Zürich-Genua befahren.
Zum grossen Bedauern der in Genua wohnhaften Schweizer wurde jedoch 1985 die Schweizer Schule geschlossen. Der Rückgang des Anteils an Schweizer Schülern (es müssen mindestens 30% aller Schüler sein) führte dazu, dass der Bund seine Subventionen einstellte.
Pioniere in der Industrie
1799, als das Konsulat eröffnete, gab es nur sehr wenige Schweizer Geschäftsleute in Italien. Einer dieser Pioniere war Johann Jakob Egg, der zusammen mit Dutzenden von Familien aus der Schweiz nach Neapel zog, um dort ein Textilunternehmen aufzubauen.
Vor allem in der Textilindustrie, aber auch in der Hotellerie sowie im Bankenwesen hatten die Auslandschweizer in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts eine starke Position.
Ende des 19.Jahrhunderts waren gut 60 Hotels in Italien in Schweizer Besitz. In Florenz übernahm beispielsweise die Familie Kraft das Grand Hotel.
Bankiers und Ingenieure
In den Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien spielen auch Bankiers eine wichtige Rolle. Die ältesten Schweizer Banken in Italien waren die Banca de la Rue in Genf (1758) und die Banca Meuricoffre in Neapel (1760), die ein Jahrhundert lang die wichtigste Privatbank Italiens blieb.
Ein Nachkomme der Familie de la Rue, Emile de la Rue, war ein enger Freund und Berater von Camillo Benso Graf von Cavour, einer der Protagonisten im Kampf für ein vereintes Königreich Italien.
Schweizer Ingenieure waren auch am Aufbau des italienischen Eisenbahnnetzes beteiligt. Giuseppe Bonzanigo arbeitete beispielsweise am Bau der Linie Genua-Ventimiglia mit.
Die Vollendung der grossen Alpen-Eisenbahntunnels am Gotthard (1882) und am Simplon (1906) liessen schliesslich die Schweiz und Italien näher zusammen rücken.
Konditoren und Intellektuelle
Unter den Schweizer Emigranten in Italien gab es auch viele Konditoren. Aus Graubünden stammten beispielsweise die Gründer der besten Konditorei von Genua, Klainguti. Sie wurde 1828 gegründet, ging aber nach dem ersten Weltkrieg in italienischen Besitz über.
Der Schweizer Einfluss in Italien ging über Handel und Industrie hinaus und machte sich sogar im Kulturbereich spürbar.
Man denke etwa an die Stiftung und das historische Archiv Vieusseux in Florenz, das bis heute einen wichtigen Ort für den kulturellen Austausch in Europa darstellt. Oder an den Erfolg von Ulrico Hoepli (aus St.Gallen), der 1870 in Mailand einen Verlag gründete, der zu einem der wichtigsten in Italien wurde.
swissinfo, Raffaele Rossello, Genua
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)
Fakten
Rund 6000 Schweizer sind beim General-Konsulat in Genua als Bewohner gemeldet. Wesentlich mehr Schweizer haben eine Zweit-Residenz oder die doppelte Staatsbürgerschaft.
In Italien leben rund 42'000 Schweizer oder Bürger mit Schweizer Vorfahren.
In Kürze
Die ligurische Hafenstadt Genua hat für die Schweizer Emigration eine wichtige Rolle gespielt.
Das Buch "Genova Crocevia tra Svizzera e Italia" (Genua, Kreuzung zwischen der Schweiz und Italien" beleuchtet die Aspekte der Schweizer Präsenz in Genua. Es wurde aus Anlass des 200.Geburtstages des Schweizer Konsulats in Genua publiziert.
Genua ist europäische Kulturhaupstadt 2004. Kein anderes Gastland beteiligt sich stärker an diesem Ereignis als die Schweiz. Rund 15 kulturelle Events werden von der Schweiz organisiert.