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Unvergessen Sie erlebte zwei Weltkriege und die spanische Grippe: Helene Kloss legte eine beeindruckende Karriere hin. Trotz widriger Umstände wurde sie zur ersten Prosektorin der Schweiz und leitete als eine der ersten Chefärztinnen das Institut für Pathologie des Kantonsspitals in Luzern.
Es war eine Männerwelt, in die Helene Kloss 1887 geboren wurde. Die Enkelin eines politischen Flüchtlings aus Polen war eine ausgezeichnete Schülerin. Als solche durfte Helene mit sechs Jahren das Knabengymnasium Bern besuchen. Das war alles andere als selbstverständlich, waren doch erst seit kurzer Zeit Mädchen zugelassen. Nachdem Helene Kloss die Matura als Klassenbeste bestanden hatte, studierte sie Medizin an den Universitäten Bern und Zürich – als eine der noch immer raren Studentinnen.
Ihre erste Stelle nahm sie im Herbst 1912 als Volontärassistentin am Pathologischen Institut der Universität Bonn an, erlernte logisches Vorgehen und genaues Arbeiten und verfasste ihre Dissertation. Das Fach Pathologie war damals eine Leitdisziplin der modernen Medizin [1].
Das Elend des Ersten Weltkriegs
Als frischgebackene «Frau Doktor» wechselte Helene Kloss an das Pathologische Institut der Berliner Charité, damals die weltweit grösste und bekannteste pathologische Institution.
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs veränderte sich die Situation in Deutschland abrupt. Während deutsche Männer aus umliegenden Ländern kriegsbegeistert heimkehrten, reiste Kloss – und mit ihr zahlreiche andere Auslandschweizerinnen und -schweizer – noch im August 1914 in die Schweiz zurück. Erfolgreich bewarb sie sich auf eine Stelle am Pathologischen Institut der Universität Lausanne. Sie nahm nicht nur die Stelle der ersten Assistentin ein, sondern vertrat den deutschen Chefarzt Hermann Beitzke, der zum Militärdienst nach Deutschland musste. Da sie als Frau nicht einberufen werden konnte, war sie eine ideale Kriegsvertretung [1]. Inzwischen hatte Beitzke einen Ruf als Institutsdirektor nach Düsseldorf erhalten, war aber noch im Kriegseinsatz. Auf seine Bitte hin verliess Kloss Lausanne und wirkte ab Frühling 1917 in Düsseldorf als stellvertretende Direktorin. In und ausserhalb des Sektionssaals erlebte sie mitten im Krieg das Elend der deutschen Zivilbevölkerung und der Soldaten mit, und schliesslich – nach Beitzkes Rückkehr – die Spanische Grippe. Erst im Herbst 1919 kehrte sie in die Schweiz zurück, aus Heimweh, wie es in einem Empfehlungsschreiben heisst [2]. Sie begab sich vorerst nach Zürich, um sich am Bakteriologischen Institut weiterzubilden.
Weiblichkeit als Hindernis
Als im November 1919 die Leitung des im selben Jahr gegründeten Bakteriologisch-Pathologischen Instituts in Luzern unerwartet neu besetzt werden sollte, bewarb sie sich. Nur drei Bewerbungen waren eingegangen. «Es ist kaum zweifelhaft», liess der Spitaldirektor den Regierungsrat Ende November 1919 wissen, «dass Frl. Dr. Helene Kloss bezüglich fachlicher Ausbildung und Erfahrung» weit über den beiden Mitbewerbern stehe. Die Entscheidung fiel damals trotzdem schwer. «Ein gewisses Hindernis für die Wahl der Frl. Kloss ist ihre Weiblichkeit», hiess es. Man sei «nicht an weibliche Vertreterinnen gewöhnt». Doch da die Bewerberin als Prosektor nicht «mit dem grossen Publikum» verkehren müsse, positive Berichte über ihren Charakter vorlägen und sie auch bei ihrer persönlichen Vorstellung «durchaus den Eindruck eines ruhigen, bestimmten, klaren und gesetzten Charakters» gemacht habe, wurde Helene Kloss dennoch zur Wahl empfohlen [2]. Noch im Dezember 1919 trat sie als eine der frühen Schweizer Chefärztinnen ihr Amt an.
Leiterin des Pathologischen Instituts in Luzern
Die Luzerner Einrichtung war schlicht und kam den Bedürfnissen des aufstrebenden Fachs nicht nach. Auch für Helene Kloss war es keine Wunschstelle. Gerne hätte sie an einem Universitätsinstitut geforscht. Doch genauso, wie sich aus damaliger Perspektive das Luzerner Kantonsspital mit ihr als Frau zufriedengeben musste, musste sie sich als Frau mit Luzern begnügen. Sie verzichtete in der Folge auf eigene Publikationen und stürzte sich regelrecht in die Arbeit.
1922 musste sie sich aus gesundheitlichen Gründen beurlauben lassen und verbrachte einige Monate in einem Lungensanatorium. Gestärkt kam sie zurück und erhob die Arbeit im Institut «zum Pflichtenheft ihres Lebens», wie ihre ehemalige Sekretärin Hedwig Trinkler schildert [1]. Die Arbeitsleistung der Pathologin war enorm. Innerhalb der ersten 16 Jahre ihrer Tätigkeit steigerte ihr Institut die bakteriologischen Untersuchungen auf das Sechsfache, die histologischen gar auf das Zehnfache, während die Zahl der Autopsien auf das Zweieinhalbfache anstieg. Zugleich setzte sich die neue Institutsleiterin energisch für eine zeitgemässe Unterbringung der Pathologie ein. Im Frühling 1933 konnte ein modernes Gebäude bezogen werden, das über neunzig Jahre seinen Zweck erfüllen sollte.
Kaum gab es einen Abend, den Kloss nicht im Sektionssaal oder am Mikroskop verbrachte, auch samstags. Sie war überzeugt, dass «nur äusserste Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit des Pathologen» fruchtbringend sein könnten, auch wenn Zeitdruck bestehe [2]. Doch die Arbeit türmte sich, sie kam mit den Untersuchungen und Gutachten nicht mehr nach. Sie formulierte Anträge auf mehr Mitarbeitende, die jedoch von der Finanzdirektion abgelehnt wurden. Für Freizeit, Freundschaften, gar eine eigene Familie war keine Zeit. Ihre kleine Mansarde bewohnte sie als Untermieterin ohne Telefonanschluss. Mehr konnte sie sich nicht leisten. Denn Lohnansprüche stellte sie für sich selbst nicht.
Der Zweite Weltkrieg hinterlässt Spuren
Es kamen die Jahre des Zweiten Weltkriegs. Hatte Helene Kloss schon zuvor keine Vertretung gehabt, so musste sie jetzt auch noch auf ihre Assistenten verzichten, die zur Landesverteidigung einberufen wurden. Zugleich fielen zusätzliche Aufgaben an: Sektionen von internierten und verunglückten Militärpersonen, komplizierte Gutachten, neue, zeitaufwändige Untersuchungstechniken. Die Rückstände wuchsen weiter und es trafen Reklamationen ein.
Helene Kloss machte weiter, hielt durch, bis der Krieg vorbei war. 1946 brach sie zusammen, sie war am Ende ihrer Kräfte. Eine Herzkrankheit wurde diagnostiziert, sie musste ins Spital. Obschon sie ihre Arbeit liebte, bat sie um vorzeitige Entlassung in den Ruhestand. Verbittert und voller Scham zog sie sich immer mehr zurück. Sie schrieb Briefe an die ehemaligen Mitarbeitenden, wollte nicht vergessen werden. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Helene Kloss in der Psychiatrischen Klinik Münsingen, wo sie 1977 verstarb. Erst Aldo Colombi, ehemaliger Leiter der Nephrologie am Kantonsspital in Luzern, rief 2002 die erste Prosektorin wieder in Erinnerung [3].
Frauen in der Medizin
Die Porträtserie stellt in lockerer Folge historische weibliche Persönlichkeiten aus dem medizinischen Umfeld der Schweiz vor. Jede dieser Frauen beschritt eigenwillig ihren Weg. Und nicht selten weisen ihre Geschichten erstaunliche Bezüge zur Gegenwart auf.
Literatur
1 Trinkler H. Ein Nachruf spät. Editions Zürich, 2003, und mit demselben Titel in: 100 Jahre Pathologie Luzern. BOD Norderstedt 2019: 35–122.
2 Colombi A. Frau Dr. Helene Kloss – die erste Chefärztin der Schweiz. In: 100 Jahre Pathologie Luzern. BOD Luzern 2019: 13–34.
3 Colombi A. Fr. Dr. Helene Kloß. Die erste Chefärztin. In: 100 Jahre Kantonsspital Luzern. BOD Luzern 2002: 95–130.
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