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Sie heisst Dambisa Moyo und hat mit ihrem Buch “Dead Aid” eine heisse Diskussion über die Effektivität von Entwicklungshilfe für Afrika ins Rollen gebracht.
Entwicklungshilfe schadet
Die vierzigjährige ehemalige Mitarbeiterin der Weltbank (eine internationale Organisation mit der Hauptaufgabe, weniger entwickelte Länder finanziell, mit technischen Hilfsmitteln und in Beraterfunktion im Kampf gegen Armut zu unterstützen) kritisiert auf über 200 Seiten die bisherige Entwicklungshilfe für Afrika.
Ihren Aussagen zufolge hat die milliardenschwere Hilfe nicht viel zum Wohlstand Afrikas beigetragen, sondern – paradoxerweise – der Entwicklung Afrikas eher geschadet: Das Wirtschaftswachstum sei gehindert und die Korruption gefördert worden. Effektiv ginge es der Bevölkerung nicht besser und es gäbe bessere Wege, um effektive Entwicklungshilfe zu leisten.
Diese interessanten Aussagen veranlassten mich, das Buch “Dead Aid” sowie auch die Reaktionen dieser “ineffektiven” Hilfsorganisationen zu studieren und hier gemäss meiner Auffassung kurz zusammenzufassen.
Zunächst stellt sich für mich die Frage nach der Motivation. Warum kritisiert Frau Moyo die Hilfebemühungen von Europa und der USA am eigenen Herkunftsland?
Sie besitzt auf jeden Fall den wissenschaftlichen Hintergrund und die berufliche Erfahrung sowie Position, um die Umstände umfangreich beleuchten zu können. Auch erhielt sie die Anfrage, ein Buch über Entwicklungshilfe zu verfassen.
Andererseits stehen da die unzähligen Hilfswerke und NGOs, die gegen die provozierenden Aussagen von “Dead Aid” ankämpfen. Natürlich sehen diese einen Grossteil ihrer Arbeit und somit auch ihre Existenzberechtigung in Frage gestellt.
Schadet Entwicklungshilfe wirklich?
Betrachten wir einige Kernaussagen des Buches und lassen die soweit bekannten Fakten dazu sprechen.
Laut Frau Moyo sind über eine Billion (also über 1’000 Milliarden) US-Dollar zur Entwicklungshilfe nach Afrika geflossen, ohne etwas bewirkt zu haben. Sie belegt diese riesige Zahl nirgends im Buch, doch von einer immensen Summe muss wohl ausgegangen werden.
Die grössten Anteile seien in der Bürokratie “versumpft” und von habgierigen Diktatoren wie Mobutu und Mugabe veruntreut worden. Das Wirtschaftswachstum sei nicht gefördert worden, da man das Land von bedingungsloser Hilfe abhängig gemacht habe, ohne einen Anreiz zu Eigeninnovation oder einem Belohnungssystem für Eigeninitiative.
Grundsätzlich muss hierzu gesagt werden, dass ohne den Versuch, Hilfe zu leisten, auch niemals Hilfe ankommen wird. Ist hier nun der Versuch kläglich gescheitert? Ich sage nein!
Um einige Zahlen zur konkreten Hilfe zu nennen, möchte ich auf Berichte des UNAIDS (ein Projekt der Vereinten Nationen im Kampf gegen AIDS) hinweisen. In einem Bericht von 2008 wird gezeigt, dass 2007 etwa 2,1 Millionen Menschen lebensrettende HIV/AIDS-Medikamente erhalten haben; im Jahr 2002 waren es noch 50-˜000 Empfänger. In Ruanda und Senegal erhalten mehr als die Hälfte, in Botswana und Namibia sogar mehr als 75 Prozent der Bedürftigen solche Medikamente. Keine Medikamente zu erhalten, wäre ein sicheres Todesurteil, welches längerfristig wiederum die Gesellschaft und die Wirtschaft treffen würde.
Auch konnten die Malariafälle gesenkt werden und seit 1999 durften zusätzlich 34 Millionen afrikanische Kinder die Grundschule besuchen.
Obwohl es noch viel zu tun gibt, kann sehr wohl von dem Wort “Hilfe” gesprochen werden – Hilfe, die zu grossen Teilen durch Hilfsorganisationen und damit auch durch Spenderinnen und Spender ermöglich wurde.
Das Thema Wirtschaftswachstum ist nur bedingt als Messgrösse für Entwicklungshilfe anzuschauen.
Die afrikanischen Staaten können grob gesehen in drei ökonomische Gruppen eingeteilt werden: Erdölexportierende Länder, Länder mit Wachstumspotential und Länder mit geringem Wachstum.
Erdölexportierende Länder haben meistens ein stärkeres Wachstum als andere, wobei in dieser Gruppe der vorsichtige und nachhaltige Umgang mit dem Rohstoff einen weiteren Vorsprung ausmachen kann.
Desweiteren spielen für das Wachstumspotential die Lage (Binnenstaaten sind vergleichbar ärmer als solche mit Meeranschluss), die Produktivität der Industrie (welche im Vergleich mit Indien und China sehr gering ist) und schlussendlich natürlich die Wirtschaftspolitik eine gewichtige Rolle.
Der Zusammenhang zwischen Entwicklungshilfe beziehungsweise Entwicklungspolitik und dem Wirtschaftswachstum ist schwierig darzustellen und zu verstehen. Stichworte sind hier unter anderem der Schuldenerlass, intelligente Wirtschaftspolitik und Abschaffung von Handelsembargos.
Dambisa Moyos Kritik kann soweit nachvollzogen werden, als dass sich das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Afrika zwischen 1950 und 2003 trotz aller Hilfe halbiert hat.
Aktuell ist die grösste Bedrohung des afrikanischen Wirtschaftswachstums sicherlich nicht die Entwicklungshilfe, sondern die allgemeine Wirtschaftskrise, welche Afrika mit doppelter Härte treffen wird. Kaum ein afrikanisches Land wird sich im Vergleich mit Europa ein sinnvolles Konjunkturprogramm zusammenstellen können.
Diese Krisensituation konnte während der Erstellung von “Dead Aid” nicht vorausgeahnt und somit folglich auch nicht berücksichtigt werden.
Hosentaschen-Transaktion
Den Vorwurf der allgemeinen Korruption kann Afrika schwer von sich weisen, doch ist dies kein Phänomen der afrikanischen Staaten oder der Entwicklungshilfe, sondern überall, wo Armut herrscht, ein Problem.
Laut Frau Moyo sind Entwicklungsgelder ungebundene finanzielle Unterstützungen, welche korrupte Regierungen – ohne Rechenschaft zu Verwendungszwecken abzulegen – zur eigenen Stärkung verwenden.
Grundsätzlich muss man die Zielgruppe der Entwicklungsgelder unterscheiden. Soll die Hilfe direkt zum Volk fliessen oder erhält die Regierung Geld für die Erhöhung ihrer Haushalte?
Als effektives Kontrollorgan zur direkten Unterstützung des Volkes haben sich lokale Verbände erwiesen. In Uganda wurde das Volk durch die Regierung über Radio und Zeitung über bevorstehende Transfers von Mitteln zur Unterstützung der Schulen informiert. Lokale Elternverbände kümmerten sich dann um die Kontrolle des Materialflusses. Erreichten dort 1996 lediglich 13 Prozent der Mittel die Zielinstitution, so waren es 2002 bereits 80 Prozent.
Der Weg der Entwicklungsgelder muss transparent und auf Regierungsebene auch an die Bedingung geknüpft sein, die Investition möglichst nachvollziehbar und koordiniert einzusetzen.
Um dies zu verwirklichen wurde vor kurzem das von über hundert Ländern unterzeichnete Programm “Accra Agenda for Action” ins Leben gerufen, womit die Effektivität der verwendeten Gelder überprüfen werden soll.
Stoppt die Hilfe!
Als konkrete Alternative zur “unglücklichen” Entwicklungshilfe fordert Frau Moyo in ihrem Erstlingswerk einen absehbaren Stopp dieser Hilfe. Die afrikanischen Staaten sollen einen Anruf mit der Ankündigung der Einstellung der Unterstützung in genau fünf Jahren erhalten.
Somit sollen die Staaten zu mehr Verantwortung und Eigeninitiative gezwungen werden und vermehrt finanziell unabhängig (unter anderem durch Steuereinnahmen und Verschuldung) agieren.
Natürlich gäbe es Ausnahmesituationen wie bei Hungersnöten und Naturkatastrophen, aber um die Wirtschaftslage müsste Afrika sich selber kümmern.
Gute Idee? Als konkrete Folge davon müssten fest geplante Investitionen in den Bereichen Gesundheitswesen, Infrastruktur und Bildung zurückgestellt werden, um die eigenen Haushaltsfinanzen abzusichern. Danach müsste auf unabsehbare Zeit hinaus gespart werden, um diese Investitionen wieder in finanzielle Reichweite ziehen zu können.
Eine finanzielle Unabhängigkeit könnte demzufolge mit Unterstützung der Entwicklungshilfe schneller erreicht werden als ohne, besonders auch in Anbetracht der momentan vorherrschenden Weltwirtschaftskrise.
Kein “Aha-Effekt”
Effektive Entwicklungshilfe ist oftmals nicht in Zahlen und Statistiken greifbar darzustellen. Schlussendlich darf vor lauter Ziffern auch das letzte Glied der Hilfskette, der hilfsbedürftige Mensch, nicht vergessen werden!
Für die Daseinsberechtigung von Entwicklungshilfen sowie deren Kritikern muss man sich aber mit nachvollziehbaren Zahlen auseinandersetzen. Genau diese Nachvollziehbarkeit fehlt – neben anderen bereits erwähnten Punkten – oftmals im Buch “Dead Aid”, was die Lektüre nichtsdestotrotz interessant zum Lesen aber weniger interessant als Praxismodell macht.
"Dead Aid" von Dambisa Moyo, erschienen 2009 im Pinguin-Verlag. Bisher nur in englischer Sprache erhältlich.
Als Lesealternative: "Die unterste Milliarde: Warum die ärmsten Länder scheitern und was man dagegen tun kann" von Paul Collier, erschienen im Beck-Verlag. In Deutsch erhältlich.