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Das Editionsprojekt um den Germanisten Heinrich Löffler hat erreicht, was Johann Jakob Spreng (1699-1768) zeitlebens verwehrt blieb – das gewaltige, in der Basler Universitätsbibliothek liegende Wörterbuch-Manuskript aus der Mitte des 18. Jahrhunderts zur Presse zu bringen. Der Basler Schwabe Verlag hat das Werk in sieben Bänden gedruckt; der letzte Schritt des Editionsprojekts steht jedoch noch bevor.
Das Spreng Glossarium: Ein besonderer Schatz
Ein «Wust an Collectanaeen» wurde es genannt, als «Schlummernder Sprachschatz» betitelt, im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung jüngst als «gut ausgeschlafen» bezeichnet. Gemeint ist das papierene Monster, das vielteilige, komplexe und prächtig erhaltene Manuskript-Konvolut (20 Folio-Bände, 30’000 lose Zettel) eines Wörterbuchs, das Johann Jakob Spreng über 25 Jahre geschaffen hatte, in der Hoffnung, ein erfolgreicher Druck seines Glossariums würde ihm in der Gelehrten Welt des 18. Jahrhunderts zu Ruhm verhelfen, würde der deutschen Schriftsprache seine eigene, persönliche Prägung verleihen und sie gegenüber der Konkurrenz der damaligen Wissenschafts- und Literatursprachen nachhaltig stärken.
In das Wörterbuch habe Spreng «mein bestes Leben, meine Finänzchen, und Alles, was nur Fleiß und Geduld heißt […] gewandt». Dies bedeutete für Spreng über zwei Jahrzehnte, mehrere hundert Bücher, Manuskripte und Texte jeglicher Art über Kauf oder Leihe anzuschaffen, sie nach seinen Zwecken zu lesen und exzerpieren, das gesammelte Wortgut zu verwalten und beurteilen und zu Wörterbuchartikeln zu synthetisieren. Als sich für den selbstverlegenden Verfasser abzeichnete, dass die nötige Anzahl an Subskribenten zur Finanzierung des Drucks möglicherweise nicht vor seinem Lebensende erreicht werden würde, sah er sich gezwungen, seine verzettelten Wörterbuchartikel, Entwürfe und Exzerpte alphabetisch zu ordnen und in eine absetzbare Form zu bringen, die wenigstens seinen Kindern ein kleines Erbe einbringen würde, damit nicht «die Meinigen übel bedacht seÿn [würden], wenn jch von dem, was ich mit den Schweisßträhnen meines Antlitzes ausgesäet, nicht auch einen Segen einärnden sollte». Zu diesem Zweck seien «alle vorrähtige Artikel […] dergestalt nach dem Alfabet eingetragen und mit solcher Reinigkeit geschrieben, daß sie auch ein Jeder, wenn gleich der liebe Gott über die Gesundheit und das Leben des Verfassers vor Vollendung des Druckes gebieten sollte, sich in die Ordnung und Schrift durchgehends ohne Anstoß finden würde».
Vom Manuskript zur Edition
Doch bekanntlich blieb das Manuskript auch nach Sprengs Tod im Frühling 1768 – obwohl man bei der Auktion seiner Privatbibliothek «wegen des Preises billig seyn» wollte – ohne ernsthafte Interessen und geriet in die Vergessenheit des Privatbesitzes seiner Nachkommen, ehe es Mitte des 19. Jahrhunderts als Schenkung an die UB kam. Also blieb es an Heinrich Löffler, seinem Team an freiwilligen Transkribierenden und einer Vielzahl Beteiligten der UB und dem Schwabe Verlag, das beinahe unüberblickbare, ungefähr 100’000 Artikel fassende Manuskript in die von Spreng intendierte Form – mehrbändig, zweispaltig und grossformatig – zu verwandeln. An der Edition des Wörterbuch-Manuskripts zeigt sich, was es braucht, um ein historisches Manuskript dieser Grösse zu edieren, wie viel Fachwissen, Freiwilligenarbeit und Stiftungsgeld nötig ist, wie viel einzelne Zettel umgedreht werden müssen, bis das edierte Werk, dieses Jahrhundertwörterbuch zwischen zwei Buchdeckeln (resp. denen von sieben Bänden) aufbewahrt ist.
Erst galt es, die scheinbar disparaten, einzelnen Bestandteile des Manuskripts zu überblicken und editorisch einzuordnen; zur Digitalisierungsvorbereitung mussten sämtliche Bände und Zettel konservatorisch trockengereinigt und archivgerecht verpackt werden; die Digitalisierung des komplexen Manuskripts erforderte die Entwicklung neuer Verfahren und die Anschaffung eines geeigneten Reprodigitalisierungs-Tisches; das ehrenamtlich geleistete Transkribieren sämtlicher Artikel in Sprengs Kurrentschrift kam einem beinahe unendlichen Rätseln über Wort und Schrift gleich, bei dem über einzelne Buchstaben und Satzzeichen debattiert und in drei Korrekturgängen kollationiert und berichtigt wurde; schliesslich hatten die Herausgeber und der Verlag die Transkripte einheitlich zu überarbeiten und einen ansprechendend Satz zu gestalten. Was als Sprengs verwegenes Einmann-Projekt im 18. Jahrhundert begonnen hatte, brauchte zum erfolgreichen Abschluss im 21. Jahrhundert eine Vielzahl begeisterter Einzelpersonen, Institutionen und Stiftungen. An dieser Stelle sei ein grosser Dank an alle am Projekt Beteiligten ausgesprochen: denjenigen aus den verschiedenen Abteilungen der UB, den Transkribierenden, dem ähnlich verwegenen Herausgeberpaar Heinrich Löffler und Suzanne de Roche, dem Schwabe Verlag, der noch an den Druck einer historischen Edition glaubt, und nicht zuletzt der Christoph Merian Stiftung, der Karl und Sophie Binding Stiftung und der Partum Lumen Sustine Stiftung für ihre unentbehrliche finanzielle Unterstützung.
Da steht er nun also im Buchregal, der siebenbändige Spreng, geziert vom tiefgehenden und selbstbewussten Blick seines Verfassers, dem der Stolz über den Druck seines Lebenswerks beinahe anzusehen ist. Um jedoch endgültig von der Germanistik und anderen Wissenschaften entdeckt und gründlich erforscht werden zu können, braucht es noch den letzten Schritt einer forschungstauglichen Datenbank. Diese wird ebenfalls vom Schwabe Verlag vorbereitet und dürfte frühestens zum Ende des Jahres zugänglich sein. Bis dahin, einen guten Start ins neue Leben, liebes Glossarium.
Weitere Informationen zum Projekt: Edition Spreng Glossarium
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