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Im Film «Adam» versteckt sich eine schwangere Frau vor ihren Verwandten, denn die Familie soll nichts von der Schwangerschaft erfahren. Unterschlupf findet sie bei einer Witwe.
Die marokkanische Regisseurin Maryam Touzani spricht im Interview über die Probleme, mit denen Frauen ohne Ehemann in Marokko konfrontiert und warum sie auf eine Filmszene unter Tränen verzichtete.
Maryam Touzani
Regisseurin
Maryam Touzani wurde 1980 in Tanger, Marokko geboren. Sie hat in London studiert. Für ihren Kurzfilm «Aya Goes to the Beach» gewann sie mehrere Preise.
SRF: Sie erzählen in «Adam» von einem Frauentrio: Eine schwangere Ausreisserin kommt in Casablanca bei einer Witwe und deren kleiner Tochter unter. Benannt ist der Film aber nach dem ungeborenen Jungen. Und dessen Name ist sicher kein Zufall. Was hat es mit dem Titel auf sich?
Maryam Touzani: Tatsächlich hat der Name für mich eine grosse symbolische Bedeutung. Im Arabischen spricht man von «Banu Adam» und meint damit die Kinder Adams, also die ganze Menschheit.
Und darum geht es mir: Dieses Kind ist ein menschliches Wesen – obwohl es in einer Situation auf die Welt kommt, die in Marokko problematisch ist. Ich würde mir wünschen, dass es die gleichen Rechte hat wie ein Kind, das in konventionelleren Verhältnissen geboren wird – in einer Ehe.
Aber zur Frage, warum der Film nach dem Jungen benannt ist: Das Geschlecht des Kindes spielt für mich weniger eine Rolle. Es geht mir um das Menschliche in uns allen. Alle Menschen werden schliesslich von Frauen geboren: Wäre man sich dessen wirklich bewusst, könnte man viele Probleme bezüglich der Ungleichbehandlung von Frauen und Männern gleich an der Quelle lösen.
Filmkritik zu «Adam»
Aus einfachen Zutaten wie Mehl, Griess, Wasser und Zucker schaffen Abla und Samia kleine Kunstwerke. Die Witwe Abla beherbergt die ihr völlig fremde Samia aus zögerlich geleisteter Hilfsbereischaft, weil Samia mit einem unehelichen Kind im Bauch vor ihrer Familie ausgerissen ist.
Ablas achtjährige Tochter hingegen empfängt Samia mit offenem Herzen wie eine grosse Schwester. Doch der Geburtstermin rückt näher, und das belastet die zerbrechlichen Verhältnisse in diesem unkonventionellen Haushalt.
Das alles zeigt Regisseurin Maryam Touzani in unkomplizieren Einstellungen und mit einfachsten Mitteln: Ihr genügen eine enge Wohnung, ihre drei enorm ausdrucksvollen Protagonistinnen und eine Kamera, um ein kleines Kunstwerk zu schaffen.
Sie entwickeln einen interessanten Gegensatz rund um die zwei Frauen: Die eine hat ihren Ehemann verloren – er ist tot –, die andere verliert ihren Sohn – weil sie ihn nach der Geburt weggeben müssen wird. Was lag Ihnen an dieser Gegenüberstellung?
Geburt und Tod sind die schönsten und traurigsten Momente des Lebens. Ich selbst habe um Menschen getrauert, ich bin selbst Mutter. Das sind Dinge, die sich in mein Wesen eingeschrieben haben. Darum habe ich auch nach einem künstlerischen Ausdruck dafür gesucht und diese beiden Frauen entworfen.
Der Gedanke, dass wir alle sterblich sind, hat für mich zudem etwas Befreiendes. Die Witwe hat den Tod ihres Gatten nicht überwunden. Sie braucht jemanden, der ihre Sichtweise verändert und ihr wieder den Zugang zur Welt ermöglicht.
Sie sprechen von einer Öffnung, aber der Film spielt fast ausschliesslich in einer Wohnung samt angehängter Streetfood-Küche. War das vor allem ein ästhetischer Entscheid?
Ja, aber nicht nur. Meine Absicht war es, die Entwicklung dieser beiden Frauen ins Zentrum des Films zu stellen: Daher beschloss ich, sie vor der Aussenwelt zu schützen und davon gerade so viel zu zeigen, dass man versteht, in welcher Gesellschaft und in welcher Realität diese Geschichte spielt.
Der Zugang zur Aussenwelt entsteht über das grosse Tresenfenster in der Küche, wo die beiden Frauen ihre Backwaren verkaufen. Sie filmen die Arbeit mit Mehl, mit Teig auf eine aussergewöhnlich sinnliche Weise. Warum?
Es sind Gesten, die man völlig automatisch verrichtet, auf die man sich nicht mehr achtet. Daher hatte ich Lust auf Grossaufnahmen. Aber ich wollte auch, dass man die Entwicklung und die Beziehung der beiden Frauen darin ablesen kann, wie sie mit dem Teig umgehen.
Die eine der beiden Figuren macht eine persönliche Entwicklung durch, und dadurch verändert sich auch ihre handwerkliche Arbeit in der Küche: Sie wird sinnlicher.
Jedes Detail bedeutet in dieser Geschichte etwas. Der Film macht den Eindruck, Sie hätten alles Unnötige weggelassen. War das schwierig?
In einem Fall ja: Ich hatte eine wunderschöne Szene, und musste sie rausschneiden. Das hat mich zwar Tränen gekostet – aber die Szene zeigte etwas, das anderswo im Film schon drin war. Daher musste sie weg.
Das Gespräch führte Georges Wyrsch.