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Das Donaudelta – unterwegs in Europas grösstem Feuchtgebiet
Die Donau bildet mit über 2500 Kilometern Europas zweitlängsten Strom. Von seinen Ursprüngen im süddeutschen Raum bis zum Mündungsgebiet am Schwarzen Meer verändert der Fluss immer wieder seinen Charakter. Das Donaudelta gehört dabei zweifelsohne zu den faszinierendsten Abschnitten des Wasserlaufs.
Wer das Donaudelta besucht, ist vor allem auf Naturerlebnisse aus. Die weitgefächerte Fluss- und Wasserlandschaft in der dünnbesiedelten Deltaregion bietet einen einzigartigen Lebensraum für eine Vielzahl an Pflanzen und Tieren. Das Delta geniesst seit einigen Jahren als Biosphärenreservat und UNESCO-Welterbe besonderen Schutz.
Europas grösstes Feuchtgebiet
In Europa übertrifft nur das Wolgadelta flächenmässig das Mündungsgebiet der Donau. Die Deltaregion umfasst rund 5800 Quadratkilometer und ist damit fast so gross wie der Kanton Bern. Etwa vier Fünftel gehören heute zu Rumänien, der Rest zur Ukraine. Das Gebiet ist Teil der historischen Landschaft Dobrudscha, die bis zum Zweiten Weltkrieg durch ein buntes Völkergemisch aus Rumänen, Bulgaren, Türken, Griechen, Deutschen und einigen anderen Nationalitäten geprägt war. Die Bewohner des Donaudeltas sind heute überwiegend Rumänen, daneben gibt es auch einige Russen und Ukrainer. Insgesamt leben nur rund 14’000 Menschen im Delta, davon ein Drittel in der alten Hafenstadt Sulina am Schwarzen Meer.
Wasser und Land gehen im Mündungsgebiet eine einzigartige Verbindung ein. Oft sind die Übergänge zwischen beiden fliessend, die Gegend stellt mit ihrem ausserordentlichen Wasserreichtum Europas grösstes Feuchtgebiet dar. Es handelt sich um eine fast völlig flache Landschaft, Erhebungen sucht man vergebens, die Flächenneigung ist minimal. Das „Gerüst“ des Deltas bilden die drei grösseren Mündungsarme des Stroms – der nördliche Chiliarm, der Sulinaarm in der Mitte und der südliche Sfântu-Gheorghe-Arm. Der Chiliarm ist dabei der wasserreichste und so etwas wie die Fortsetzung des Hauptstroms. Er markiert gleichzeitig die Grenze zwischen Rumänien und der Ukraine. An seinem Ende zerfasert er in mehrere Seitenarme, die alle ins Schwarze Meer fliessen. Zwischen den drei Hauptarmen breitet sich ein fein verästeltes Geflecht von Wasseradern, Seen, Lagunen und Sümpfen aus. Von Menschenhand geschaffene Kanäle gehören ebenfalls dazu. Sumpfgebiete machen insgesamt fast 90 % der Deltafläche aus.
Tulcea – das Tor zum Donaudelta
Dort, wo die Mündungsarme sich dreiteilen, liegt die rumänische Stadt Tulcea. Sie ist mit fast 100’000 Einwohnern das urbane Zentrum der Region vor dem eigentlichen Deltagebiet und gilt als das Tor zum Donaudelta. In Tulcea stehen Tradition und Moderne nebeneinander. Zahlreiche Kirchen gehören ebenso zum Stadtbild wie Hochhäuser und Plattenbauten aus der Ceaușescu-Zeit.
Die Stadt lebt mit und von der Donau. Obwohl weit im Binnenland gelegen, besitzt sie einen bedeutenden Hafen und mehrere Werften. In den vergangenen Jahren hat sich Tulcea zu einem Tourismus-Zentrum mit besonderer Ausrichtung auf das Donaudelta entwickelt. Von hier aus starten im Sommer zahlreiche Fahrgastschiffe und Ausflugsboote in die Deltalandschaft. Der Hafen ist ausserdem beliebte Station und Ankerplatz bei Donau-Flusskreuzfahrten.
Im Umfeld von Tulcea gibt es zwei bedeutende Klosteranlagen, die einen Abstecher lohnen. Die Klöster Celic-Dere und Saon in den Hügeln westlich der Stadt besitzen gemeinsame Wurzeln. Beide wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet und gelten bis heute als bedeutende spirituelle Zentren der rumänischen Orthodoxie. Saon ist dabei ein Ableger von Celic-Dere. Dessen Gründer waren wahrscheinlich russische und rumänische Mönche, die vorher auf dem heiligen Berg Athos gelebt hatten. Beide Klosterkirchen zeigen dem Besucher strahlend-weisse Fassaden mit pittoresken Türmen inmitten von Grünanlagen. Im Inneren sind sie mit reichen Fresken im byzantinischen Stil ausgestattet.
Unter dem Zeichen des Pelikans
Naturliebhaber werden die Klöster vielleicht links liegen lassen und direkt das Donaudelta aufsuchen. Es ist Heimat zahlloser Pflanzen und Tiere – einer Vielfalt, die ihresgleichen in Europa sucht. Rund 1700 Pflanzen- und mehr als 4000 Tierarten sind hier zu finden. Insgesamt sind im Deltagebiet 30 unterschiedliche Ökosysteme entstanden. Schilfrohr und Binsengewächse machen dabei einen Grossteil der Vegetation aus. Das Schilfgebiet des Deltas bedeckt etwa 1800 Quadratkilometer. Es handelt sich um die grösste geschlossene Schilffläche der Erde. Bis zu sechs Meter reckt sich das Schilfrohr an einigen Stellen in die Höhe. Manchmal lösen sich bei Hochwasser einzelne Schilfgeflechte aus den Rohrwäldern und treiben dann als schwimmende Inseln auf den Wasserflächen. Im Rumänischen gibt es sogar einen eigenen Namen dafür. „Plaur“ werden die dahintreibenden Gebilde genannt, die durchaus beachtliche Ausmasse erreichen können.
Vögel finden in der Wasserlandschaft einen idealen Lebensraum und üppige Nahrungsgründe. Diverse Reiher, Kormorane, Gänse, Schwäne und Kraniche gehören zu den grösseren Vertretern der Vogelgattung im Delta. Ausserdem lebt hier Europas bedeutendste Pelikan-Population – insgesamt mehrere Tausend Tiere. Der Pelikan ist auch das Wahrzeichen des rumänischen Biosphärenreservats.
In den Gewässern tummeln sich mehr als 100 Fischarten, darunter auch exotische Importe wie die Chinesische Schläfergrundel, vor allem aber Karpfen, Schleien, Störe, Hechte, Zander und Welse. Die meisten Arten sind Süsswasserfische, dank der Meeresnähe gibt es aber auch einige Salzwasserarten. Etliche Frösche, Schlangen und Schildkröten bereichern die Fauna. Und natürlich fühlen sich auch Insekten, allen voran Mückenarten, in der sumpfigen Gegend wohl.
Öko-Tourismus gefragt
Das Klima des Donaudeltas ist eher trocken, der Wasserreichtum stammt mehr vom Strom denn aus Niederschlägen. Der feuchteste Monat ist der Juni, es treten aber auch ausgesprochene Dürrejahre auf. In solchen Zeiten kann der Wasserstand beträchtlich sinken. Wenn es regnet, dann nicht selten heftig. Das Klima ist kontinental geprägt mit maritimen Einflüssen. Die Sommer können sehr heiss werden, in Tulcea erreicht das Thermometer zum Beispiel an mehr als 100 Tagen im Jahr über 30 Grad. Dafür kann es im Winter auch deutlich unter null sinken. Der Durchschnittswert im kältesten Monat Januar liegt bei minus ein bis zwei Grad. Die besten Reisezeiten sind das Frühjahr und der frühe Sommer.
Der Besucherstrom hält sich bisher in Grenzen. Dazu trägt die bisher nur ansatzweise vorhandene touristische Infrastruktur bei. Die Zahl der Delta-Reisenden liegt bei unter 100’000 im Jahr. Sie verteilen sich etwa hälftig auf Rumänen und ausländische Touristen. Während die Rumänen dabei oft auch länger bleiben, liegt der Schwerpunkt bei Besuchern aus dem Ausland vor allem auf dem Tages-Tourismus. Das Donaudelta hat als Reise- und Besichtigungsziel noch unausgeschöpfte Potenziale. Unter dem Aspekt des Naturschutzes gewinnen dabei ökologisch und nachhaltig orientierte Tourismus-Konzepte an Bedeutung. Die Bewahrung der Natur und die touristische Erschliessung stellen dabei eine Gratwanderung dar.
Bedrohte Vielfalt
Der Schutz des Gebietes tut not, denn die Wirtschaft hat ihre eigenen Interessen, die im sich entwickelnden Rumänien nicht zu unterschätzen sind. Einige Teile des Deltas werden seit Langem intensiv landwirtschaftlich genutzt. Neben dem Getreide- und Gemüseanbau wird auch Fischerei und Viehzucht betrieben. Das Schilf ist ein begehrter nachwachsender Rohstoff. Und die Arme der Donau stellen bedeutende Schifffahrtswege dar. Es gibt viele Herausforderungen für den Schutz der einmaligen Deltalandschaft.
Oberstes Bild: © Claudiu Paizan – shutterstock.com