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Wizards of the Coast (WotC), Macher des weltweit erfolgreichen Tabletop-Rollenspiels "Dungeons & Dragons", sieht sich aktuell mit einem veritablen Shitstorm aus den Reihen seiner eigenen Community konfrontiert. Grund dafür ist, dass WotC die seit über 20 Jahren gültige "Open Gaming License" (OGL) aktualisieren und zu einer alles anderen als offenen Lizenz umdeuten wollte.
Um die aktuelle Situation verstehen zu können, machen wir einen kleinen Ausflug in die Vergangenheit.
Erfolgsmodell OGL
Mit dem Erscheinen der dritten Edition von "Dungeons & Dragons" im Jahr 2000 wurden die Grundregeln des Rollenspiels via "Open Gaming License" für alle frei verfügbar gemacht. Diese Grundregeln wurden als "System Reference Document" zusammengefasst, kurz SRD. Es war primär ein Regeldokument, auf das Nötigste zusammengestrichen. Aber: So konnten alle Privatpersonen und auch Firmen Zusatzregeln oder Kampagnenwelten veröffentlichen, die kompatibel mit dem bekanntesten System überhaupt waren. WotC verlangte dabei keine Lizenzgebühren. Die OGL war ohne Ablaufdatum versehen und konnte, so war der ursprüngliche Plan, auch nicht zurückgezogen werden.
Warum WotC - mittlerweile im Besitz von Hasbro - dies tat? Die damaligen Verantwortlichen waren überzeugt, dass sie primär mit den drei Grundregelwerken (dem Spieler-, dem Spielleiter- und dem Monsterhandbuch) Gewinn erzielen würden, da man sie zum Spielen zwingend benötigt - ganz egal welche Erweiterungs- oder Ergänzungsprodukte andere Hersteller via OGL herausgeben würden. Zudem konnten kleinere Hersteller Produkte zu Nischenthemen herstellen und in einer Auflage vertreiben, die für die grosse Firma WotC nicht rentabel gewesen wäre. Alles in allem eine Win-win-Situation für alle. WotC konnte sich über zahlreiche Produkte für sein Rollenspielsystem freuen, die den Spielern über lange Zeit neue Inhalte liefern würden, während die anderen Hersteller ihre Produkte kompatibel zum erfolgreichsten Rollenspielsystem überhaupt halten konnten.
Na ja, vielleicht war die OGL doch nur eine mässig gute Idee?
Mit dem Erscheinen der vierten Edition von "Dungeons & Dragons" versuchte WotC zum ersten Mal, die OGL auszuhebeln. Man wollte sie restriktiver gestalten und veröffentlichte die Grundregeln der neuen Edition nicht mehr via OGL, sondern via GSL - der "Game System License". Wer also Produkte veröffentlichen wollte, die kompatibel zur neuen Edition waren, musste dieser nicht offenen Lizenz zustimmen. Blöd nur, dass diese Lizenz eine sogenannte Giftpille enthielt: Die GSL verbot es den Lizenznehmern, jemals wieder Produkte unter der OGL zu veröffentlichen.
Die neueste Edition konnte mit der Popularität der Vorgängerversion nicht mithalten. Zu viele Regeln seien geändert worden, das sei nicht mehr "Dungeons & Dragons" - die Community war gespalten. Viele Hersteller, die mit dem Veröffentlichen unter der GSL noch zugewartet hatten, sahen sich bestätigt und blieben bei der OGL. Auch wenn die dritte Edition von WotC nicht mehr offiziell unterstützt wurde, spielten viele Spieler diese Version weiterhin. Was hätte WotC auch tun sollen? Im Gegensatz zu EA oder Ubisoft, die die Server ihrer alten Spiele einfach abschalten können, konnte man dagegen nichts tun.
Okay, wir haben einen Fehler gemacht
Nach nur vier Jahren kündigte WotC eine neue Edition an. Zwei weitere Jahre später wurde die fünfte Edition offiziell veröffentlicht - erneut unter der OGL und mit frei verfügbaren Grundregeln. Man merkte schon, dass die Teppich-Etage dies wohl nur widerwillig getan hatte, denn mehrere Neuerungen (wie beispielsweise einige Zaubersprüche, die in der dritten Edition nicht existierten) fanden den Weg nicht in das SRD dieser Edition.
Aber trotz allem: Die Edition wurde von der Community sehr gut aufgenommen - und dank der OGL konnten viele kreative Menschen rund um die Welt neue Klassen, ganze Kampagnenwelten oder unzählige magische Gegenstände und Monster erschaffen. Der Platzhirsch war zurück, und für "Dungeons & Dragons" ging es seit der Veröffentlichung 2012 nur noch bergauf.
Nun steht die sechste Edition an, genannt "One D&D". Und hier beginnt das aktuelle Drama, das mitunter die Existenz vieler kreativen Menschen bedroht.
"Dungeon & Dragons" ist "untermonetarisiert"
Letzten Monat wurde bekannt, dass WotC und Hasbro "Dungeons & Dragons" für "untermonetarisiert" halten. Dieser Satz fiel an einem Investoren-Meeting. So sei "D&D" die bekannteste Marke unter den Rollenspielen, und damit müsse sich doch mehr Geld verdienen lassen. (Dank Erwähnungen in Serien wie "Stranger Things" oder Twitch-Shows wie "Critical Role" war "D&D" in der Tat ausserhalb der Community so bekannt wie noch nie.) Es soll ein Weg gefunden werden, wie man alle Spieler dazu bringen könne, regelmässig im Sinne eines Abonnements Geld zu zahlen. Dies also zusätzlich zum Kauf der Regelwerke.
Wir nehmen euch daher die OGL weg
Ein Teil des Masterplans kam vor weniger als einer Woche in Form einer geleakten geplanten Aktualisierung der OGL daher. WotC plant offenbar, die bestehende OGL 1.0a durch die OGL 1.1 zu ersetzen. Was wegen des kleinen Versionssprungs nur wie eine kleine Anpassung klingt, gleicht aber eher einem Erdbeben. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen.
Gemäss Leak fordert WotC in der OGL 1.1 - die nunmehr alles andere als "offen" ist - von allen Lizenznehmern, dass sie sich ab einem Jahresumsatz ihrer kompatiblen Produkte von $ 50'000 registrieren und die Zahlen offenlegen und ab einem Jahresumsatz von $ 750'000 auf jeden Dollar, der den Betrag übersteigt, 25 % Lizenzgebühren abliefern. Während die Rechte an den Werken beim Hersteller verbleiben, erhält WotC gemäss der geleakten Version der neuen OGL ein zeitlich unbeschränktes, unwiderrufbares Recht, das Werk in seinem Sinne zu verwenden und ggf. ohne Abgabe von Gebühren selber veröffentlichen zu können.
Das ist aber nur der erste grosse Aufreger. Der zweite folgt sogleich. Denn das Praktische an der OGL 1.0a - also der Vorgängerversion - war, dass die Lizenz unbeschränkt gültig war. Das heisst, als Hersteller eines kompatiblen Produkts konnte man sicher sein, dass man das Produkt auch noch in zwei oder drei Jahren verkaufen konnte und nicht Stimmungsschwankungen von WotC ausgeliefert war.
Findige Anwälte von WotC und Hasbro versuchen nun aber, diese Lizenz - obwohl zeitlich unbeschränkt gültig - zu widerrufen. Dies, weil unbeschränkte Lizenzen ("perpetual") eben nicht unwiderrufbar ("irrevocable") sind. Ein zweiter, ebenso fragwürdiger Kniff ist ein Loophole in der OGL 1.0a, das besagt, dass man als Lizenznehmer jede autorisierte Version der OGL wählen dürfe, um sein Produkt darunter zu veröffentlichen. WotC schreibt in der OGL 1.1, dass die Version 1.0(a) nicht mehr autorisiert sei - und so zukünftig nicht mehr verwendet werden dürfe.
Seit dem Leak haben sich diverse Anwälte aus der Rollenspiel-Community zu Wort gemeldet. Einige befürchten, dass WotC damit durchkommen könnte. Andere sagen, dass dies nicht möglich sei, da WotC früher selber in den FAQs ausgeführt habe, dass die Lizenz unwiderrufbar sei und man schwammige Formulierungen in Vereinbarungen ohnehin immer zum Nachteil des Erstellers interpretiere. Letzten Endes erhalten wir aber erst dann Klarheit, sobald sich jemand traut, gegen das Anwaltsbudget von Hasbro in den Ring und vor Gericht zu steigen.
Funkstille macht es nicht besser
Seit Gizmodo letzte Woche das erste Mal darüber berichtet hatte, ist ein grosser Teil der Community in Aufruhr. Die Verunsicherung und der Frust zahlreicher Hersteller von kompatiblen Werken fanden den Weg als Tweet ins Twitter-Universum. Es wurde mit #OpenDND der Aufruf geschaffen, dass WotC die OGL 1.0a weiterhin unterstützen solle. Spieler drohten mit der Kündigung des DnDBeyond-Abonnements (dabei handelt es sich um einen Onlinedienst von WotC, mit dem man sich Zugriff auf Regelwerke in elektronischer Form kaufen und eigene Charaktere digital verwalten kann) und dem "Abwandern" zu anderen Rollenspielsystemen. Zuletzt gaben auch grössere und namhafte Verleger wie etwa KoboldPress bekannt, ab sofort auf kompatible Produkte zu verzichten, die neue OGL nicht zu unterschreiben und ihr eigenes Regelwerk zu verfassen.
Die Indizien verdichteten sich mit jeder Stunde mehr, dass das geleakte Dokument in der Tat keine Fälschung ist. WotC aber hüllte sich seither in Schweigen. Bis gestern Abend, als der Twitter-Account von DnDBeyond folgenden Tweet absetzte:
We know you have questions about the OGL and we will be sharing more soon. Thank you for your patience.
Die Kommentare explodierten erwartungsgemäss regelrecht. Die Wut fand nun einen Ort, an dem sie sich endlich gezielt - und überraschend zivilisiert - entladen konnte.
Für WotC sind die nächsten Tage wichtig. Wie kann die Firma mit dem immensen Vertrauensverlust umgehen? Wird man daran festhalten, die OGL 1.0a widerrufen zu wollen? Überarbeitet man die OGL 1.1 noch? Ist der Twitter-Sturm nur einer im Wasserglas? Hat man sich verspekuliert, und die Marke "Dungeons & Dragons" ist in der Tat nur so gross, wie die Community, die sie unterstützt?