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Meine erste Fahrt durch's Gotthardtunnel
Infos zur Geschichte
Joseph Wipfli
Der Erstfelder Joseph Wipfli (1844 - 1910) dürfte das früheste publizierte Zeugnis einer Bahnfahrt durch das Jahrhundertbauwerk Gotthard-Tunnel verfasst haben.
Erst wenige Wochen vor der Reise des Pfarrers, Lehrers und Schriftstellers waren am 1. Januar 1882 die fahrplanmässigen Fahrten durch den grossen Tunnel mit einigen Personen und Güterwagen als "Posttransporte" aufgenommen worden.
In Joseph Wipfli's Worten schwingt die grosse Furcht mit, vor dem bedrohlich wirkenden 15 Kilometer langen, dunklen Tunnel .
Doch seine Begeisterung für die Eisenbahn, welche alle räumlichen Beschränkungen überwindet, triumphiert.
Dieser Text Wipfli's wurde am 27. Mai 1882 im Urner Wochenblatt Nr. 4/1882 publiziert
Eingesandt
Schon dutzendmal habe ich, zu jeder Jahreszeit und bei allen Witterungsverhältnissen, die Reise über den Gotthard gemacht. In jüngster Zeit stand ich abermals am Fusse des weltberühmten Berges, im Begriffe, die erste kühne Fahrt durch's grosse Tunnel zu machen.
Vor wenigen Tagen war dasselbe für den regelmässigen Verkehr eröffnet worden und ich betrachtete es als einen höchst denkwürdigen Zufall, unter den ersten Hunderten zu sein, die es passirten.
Es war ein herrlicher Wintertag. Der dicke Nebel, der das ganze untere Reussthal umhüllt hatte, war in Wasen zurückgeblieben und frei und sonnig entfaltete sich bei Göschenen die ruhigöde Winterlandschaft.
Die Uhr hatte soeben eins geschlagen. Unter verschiedenartigen Gefühlen spazierte ich unter dem Vordache des Stations- und Restaurationsgebäudes hin und her.
Es ist wahr, ich hatte Appetit, wie ein Landschreiber vor einem Regierungs-Festessen; aber ich wagte es dennoch nicht, in die einladende Restauration einzutreten; denn kurz vorher war mir unglücklicherweise die Mittheilung gemacht worden, der betreffende Wirth bezahle der Bahngesellschaft Fr. 3300 jährlichen Miethzins. Wie viele «theure», Liter, dachte ich bei mir selbst, müssen wohl hier ausgeschenkt und wie viele «kostspielige» Diners müssen veranstaltet werden, bis vorerst dieser Miethzins herausgeschlagen ist!
Jetzt gab die Glocke das Signal zum Einsteigen. O wie getröstet war ich, als ich sah, dass nebst dem Bahnpersonal auch noch 15 andere Reisende einstiegen! Denn wenn die «blähende Strecke» im Tunnel heute mein Grab werden soll - dies waren meine Trostgedanken -, so habe ich doch wenigstens einige Genossen auf diesem sehr kurzen Wege zum Himmel.
Der Zug mit 7 Waggons setzte sich langsam in Bewegung, rasselte über die eiserne Reussbrücke. - Nun lebt wohl, ihr Sterblichen! - da gähnt vor uns das riesige, unheimliche, finstere Felsenthor, wohl ähnlich demjenigen, welches einst der Dichter Dante am Eingang der Hölle sah. Nur sind hier jene schrecklichen Worte nicht eingravirt: «Lasciate ogni speranza voi, che entrate!» (Lasst alle Hoffnung fahren, ihr, die ihr hier eingehet!) Ich konnte nicht mehr zurück; schon war ich, wie Jonas im Bauche des Wallfisches, hier im Bauche des Berges.
Allerdings beleuchtete eine Laterne dürftig den Waggon; aber draussen war es finstere Nacht.
Mein einziger Reisegefährte im Waggon II. Klasse war ein Weinreisender. Er hatte in Göschenen auf Kosten seines Hauses wohl besser dinirt, als ich, und setzte sich deshalb zu einem Mittagsschläfchen auf's weiche Polster nieder. Ich aber stellte mich, kummervoll wie ein Aktionär der Gotthardbahn, spähend an's Fenster.
Das Rauschen der Räder tönte immer dumpfer. Sie selbst, die Locomotive, wurde immer furchtsamer und geängstigter; denn alle 5 Min. schrie sie mit einem schrillen Pfiff stöhnend um Hilfe.
Von der Wölbung konnte ich nur dann einige Umrisse entdecken, wenn die Laterne irgend eines Bahnwärters ihr röthliches Licht ausgoss.
Wir mochten etwa in der Hälfte des Tunnels angelangt sein; ich öffnete ein Fenster, streckte die Hand heraus, um die Temperatur fühlbar wahrzunehmen. Während bei der Einfahrt die Kälte 8 Grad Reaumure (10° Celsius) betragen mochte, herrschte in der Mitte des Tunnels eine Wärme von wenigstens 20° Reaumure (25° Celsius). Welche Hitze mag sich in dieser höllentiefen Berghöhle vor dem Durchschlag entwickelt haben!
Der ganzen Linie entlang standen auf der rechten Seite in kleinern Zwischenräumen einzelne Mineurs, die, wie er mir schien, das felsige Terrain für ein zweites Bahngeleise ausebneten oder den Raum für die Bahnwärterhäuschen aussprengten.
Wer viel von Kobolden und Bergzwergen gelesen hat und diese in Wirklichkeit sehen will, der gehe nach Göschenen und stelle sich in einer schwarzen Mitternachtsstunde vor den Eingang des Tunnels. Hier treten sie ihm entgegen, diese unheimlichen, schweigsamen Gestalten mit denn geschwärzten Wachsgesicht, mit den struppigen Haaren, mit der brennenden Öllampe in der Linken und mit denn Hammer in der Rechten.
Von den Zwergen erzählt die Sage, dass sie die Schätze der Berge bewachen.
Jene modernen Bergzwerge (Mineure) aber haben nicht die Schätze der Berge, wohl aber die Schätze ganzer Länder, insbesondere Italien, das «Paradies von Europa», uns erschlossen. Norden und Süden sind durch keine Scheidewand mehr getrennt - der heisse Süden gibt ungehindert dem starren Norden von seinem Überfluss.
Siehe! Nun setzest Du Dich an Dänemarks sandigen Küsten in einen gepolsterten Waggon, um nach einem schönen Traume an Neapels paradiesischen Gefilden aufzuwachen.
Doch ach! Wie viele Opfer an Zeit, Geld und Menschenkraft hat diese Strasse, auf der ich so mühe- und sorglos dahinfahre, gekostet? Wanderer! so möchte ich ausrufen, entblösse dein Haupt, denn der Boden, auf dem du hier stehest, ist heiliges Land! Ja, Alle wissen es, jeder Meter dieser granitenen Fläche ist mit Menschenblut befeuchtet geworden. Hunderte von wackern Arbeitern haben, ähnlich wie Winkelried, hier ihr Leben geopfert, um uns eine Gasse zu bahnen. Und wie Mancher wird auch in der Zukunft in diesen Felsklammern erbleichen oder wenigstens ein armseliges Dasein fristen müssen?
Dreissig Minuten waren verflossen. Die Temperatur war abgekühlt, die Lampen brannten in hellerem Lichte. Wir konnten von Airolo nicht mehr Ferne sein.
Plötzlich gewahrte ich Morgendämmerung, dann reineres Licht, endlich umfloss mich heller Mittag.
Es wand sich jetzt der in Schweiss gebadete Zug unter Freudengeschrei aus dem Felsenmund des Turnnels. Und sie (die Locomotive) athmete lang und athmete tief, und begrüsste das himmlische Licht.
Mit Frohlocken es Einer dem Andern rief: «Sie lebt! sie ist da! es behielt sie nicht! Aus dem Grab, aus der schaurigen Gotthardhöhle hat die Brave gerettet die feurige Seele.»
Airolo! rief der Kondukteur. Es war dies nicht nöthig: ich wusste es schon. Ich packte meine Wolldecken zusammen und trat hinaus in den meterhohen Schnee. Ach Himmel! welche Veränderung! Vor wenigen Augenblicken 20 Grad Wärme - jetzt 10 Grad Kälte. In Göschenen fast schneefreier Boden - hier die frostigste Winterlandschaft. Mit stiller Wehmuth schaute ich hin zur Locomotive und sprach: «O du liebe Feuerseele, würdest Du mich doch noch weiter führen bis zu den Gestaden des lieblichen See's oder gar bis an die Pforten des wundervollen Marmordomes in Mailand!»
Doch die Locomotive pfiff mich buchstäblich aus und kehrte zurück.
Ich aber nahm meinen Platz in einem offenen, entsetzlich schlechten eidgenössischen Postschlitten und setzte meine Reise fort.