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Netstaler Staublawine forderte im Jahr 1817 ein Todesopfer
Von Hans Speck
Die bisherige Annahme, es sei in Netstal, dem Dorfe am Fusse des Wiggis, noch nie jemand den Lawinen zum Opfer gefallen, stimmt nicht! Tatsächlich wurde am 7. März 1817 ein kleines Mädchen, namens Katharina Leuzinger, von einer riesigen Staublawine in seinem Hause erdrückt.
Bei meinen Recherchen bin ich im Landesarchiv auf den nachstehenden Text gestossen:
Im Genealogienwerk des Kantons Glarus von J.J. Kubli-Müller im Landesarchiv steht im Band Netstal I im Eintrag Leuzinger Nr. 170, dass die am 30. Mai 1816 geborene Katharina Leuzinger am 7. März 1817 wegen der Lawine umgekommen sei. Katharina war eines von sieben Kindern aus der am 11. Mai 1802 geschlossenen Ehe von Caspar Leuzinger von Netstal, «auf dem Bach» [als Ortsbezeichnung], mit Anna Leuzinger von Netstal. Die nicht einmal einjährige Katharina wurde «von der furchtbaren, Feld & Dorf verwüstenden Schneelawine am 7. März am Fenster in der Stube erstickt[?] & das hölzerne massive Stühlchen, auf dem das Kind sass, zerschmettert».
Von der gleichen riesigen Staublawine, wohl eine der grössten, die jemals über Netstal niederging, steht in den Geschichtsanalen der Gemeinde Netstal folgendes:
Am 7. März 1817 verwüstete eine Lawine das Dorf Netstal in weitem Umkreise und erdrückte die kleine Katharina Leuzinger, die am Fenster sass. Ein Augenzeuge von damals schreibt später in seinen Erinnerungen darüber: « Wir Kinder gingen morgens um 8 Uhr zur Schule. Der Schnee lag fusshoch, es schien, als wäre Regenwetter im Anzug. Alle hatten Furcht vor Lawinen. Kaum waren wir eine halbe Stunde in unserem Schullokal, im oberen Stock des sogenannten Stübli-Hauses, als mit einmal mit donnerartigem Gekrache stockfinstere Nacht eintrat. Wir meinten, der jüngste Tag wäre gekommen. Wir weinten und jammerten fürchterlich. Als es wieder heiter geworden, sahen wir, dass unser Schulhaus seines Daches beraubt und das Treppenhaus weggeschleudert wo worden war, so dass wir Kinder vermittelst Leitern hinuntergebracht werden mussten. Und welch ein Anblick bot uns das Dorf dar. Die meisten Häuser teilweise zerstört und Hunderte von Bäumen entwurzelt, weit vom ursprünglichen Standort fortgetragen. Der Schaden wurde damals amtlich auf 150'000 Franken heutiger Währung geschätzt. An der evangelischen Kirche und an der katholischen Kirche waren sämtliche Scheiben eingedrückt und die Dächer beschädigt. Der alte Schutzwald an der Altiger Runs lag am Boden. Einzelne Häuser im Dorf wurden völlig umgedreht, Ställe vom Platze gestossen, kleine Nebengebäude umgerissen und beladene Fuhrwerke auf der Molliger Strasse umgeworfen. Im Frühling 1827 und am 8. März 1844 verursachten Lawinen abermals grosse Schäden in den Wäldern und an den kirchlichen Gebäuden.
Seltsame Launen hatte die Lawine vom 7. März 1865. Am Vorabend sass eine fröhliche Gesellschaft, alles lauter «Fridlene», in der Wirtschaft zum «Horn» im Höschetli zusammen und feierte ihren Schutzheiligen bis in die frühen Morgenstunden. Sie sangen eben das Lied «Freund, ich bin zufrieden, geh es wie es will. Unter meinem Dache leb ich froh und still», als ihnen eine Staublawine das Dach über dem Kopfe wegriss und auf die Landstrasse schleuderte (s. dazu auch den Beitrag D’ Fridlislaui, ) Die gleiche Lawine zerstörte das Wohnhaus von Metzgermeister Johannes Kubli und warf dem schlummernden Pfarrherrn Georg Heussi einen Kreuzstock des gegenüberliegenden Nachbarhauses auf sein Bett.
In der Frühe des 24. Februar 1908 fegte eine grössere Staublawine über das Dorf: Der evangelische Dorfpfarrer Hohl, Vater des in deutschen Literaturkreisen sehr bekannten Schriftstellers Ludwig Hohl, schrieb darüber: «Ein drohendes Krachen ging durch die Häuser. Wie durch ein Erdbeben erschienen sie geschüttelt und gehoben. Ein Sausen und Brausen erfüllte die Luft, so unheimlich und furchtbar in der dunklen Nacht, wie wenn die schrecklichen Gewitterstürme von allen Seiten auf einmal losbrächen. Dazu blitzartige Lichterscheinungen, die an ein Gewitter gemahnten».
Die vorgängigen Zeilen sind Beweis genug, dass die Lawinen im Einzugsgebiet des Wiggis unberechenbare Gefahren in sich birgen. Deshalb ist das von der Gemeinde Glarus in alle Haushaltungen versandte Merkblatt «Lawinengefahr Netstal» unbedingt ernst zu nehmen und diesen Informationen und Schutzmassnahmen unbedingt Folge zu leisten.
Quellenangabe:
Paul und Hans Thürer – Geschichte der Gemeinde Netstal/ Ausgabe 1963
Landesarchiv des Kantons Glarus/ Auszug aus dem Genealogienwerk /Eintrag Leuzinger 170