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Die Eröffnungskonzerte sind verrauscht, die neue Orgel ist eingeweiht. Nun wurde in einem Symposium noch die Geschichte des Zürcher Konzerthauses vom Trocadéro-Bau bis zur mustergültig sanierten Tonhalle aufgerollt und im musikalischen und architektonischen Kontext exemplarisch beleuchtet.
Das musikwissenschaftliche Institut der Universität Zürich machte Nägel mit Köpfen und lud Experten aus nah und fern ein, die Geschichte und Rezeption des Konzerthauses am See in Erinnerung zu rufen, welches das Wiener Architekten-Gespann Fellner&Helmer 1895 genau so in Rekordzeit errichtete wie das Stadttheater Zürich (und heutige Opernhaus) anno 1891.
Der illustre Trocadéro-Bau von 1895
Den Beinamen „Trocadéro“ erhielt die erste Tonhalle aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit dem verschnörkelten und üppig verzierten «Palais du Trocadéro» in Paris. Vier Jahre nach der Eröffnung des Stadttheaters kamen die europaweit gut vernetzten und geschätzten Fellner&Helmer erneut zum Handkuss, denn das ursprüngliche Kornhaus, das 1867 zur Tonhalle umgebaut wurde, hatte ausgedient und dislozierte an die Zürcher Seepromenade. Kein geringerer als der Komponist Johannes Brahms wurde auserkoren, das edle Konzerthaus zu eröffnen. Dass er dann neben Beethoven und Wagner, Gluck und Haydn, Bach, Mozart und Händel in der Ahnengalerie im „Musenhimmel“ der Tonhalledecke verewigt wurde, versteht sich von selbst und reichte Zürich zur Ehre.
Die Ahnengalerie im «Musenhimmel»: Brahms, Beethoven, Wagner, Gluck, Haydn, Bach, Mozart und Händel (von links) /Fotos © Tonhalle-Gesellschaft
Der Neubau von Tonhalle und Kongresshaus zur „Landi 1939“
Leider opferte die Stadt den repräsentativen Festbau samt Pavillon auf die „Landi 1939“ hin und ersetzte ihn durch das heutige, bedeutend nüchternere Ensemble Tonhalle und Kongresshaus, verantwortet durch das Architektenteam Haefeli, Moser und Steiger. Glücklicherweise blieben die beiden Konzertsäle der Tonhalle erhalten, in dem sie in das Kongressgebäude integriert wurden. Die als zu üppig empfundenen Gipsverzierungen und Komponistenbüsten wurden teilweise entfernt und die bunte Vielfalt wurde durch Grau- und Brauntöne ersetzt. Auch die rosafarbenen Marmorsäulen wurden übertüncht.
Die später vorgenommenen Umbauten und Restaurierungen liessen die Sorgfaltspflicht leider allzu sehr vermissen. Eklatante Sünden wurden noch in den 80er-Jahren begangen. So verstellte man die Sicht auf den See und die Glarner Alpen mit einem hässlichen Panoramasaal und schreckte aus Renditegründen auch vor dem Einbau eines Casinos nicht zurück. Ja, Zürich wollte 2008 sogar den spanischen Architekten Rafael Moneo mit einem Neubau beauftragen, was an der Urne immerhin abgelehnt wurde. In Schutt und Asche wollte man während der Beton-Euphoriserung der 70er-Jahre auch das Opernhaus legen. Und nun droht leider auch dem Schauspielhaus die Abbruchbirne, was belegt, dass aus kurzsichtigen Fehleinschätzungen noch keine Lehren gezogen wurden.
2021 und die Rückbesinnung auf 1895
Umso erfreulicher, dass das Zürcher Stimmvolk 2016 mit überwiegender Mehrheit die Instandsetzung und Sanierung von Tonhalle und Kongresshaus billigte. Das Resultat lässt sich nicht nur sehen, sondern auch hören, haben die Architekten der Arbeitsgemeinschaft Boesch/Diener zusammen mit der Denkmalpflege und den Akustikern doch alles unternommen, um die originale Wiederherstellung zu optimieren und nach aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen ins Lot zu bringen. Die Echtvergoldungen, die Stuckmarmoroberflächen der Säulen, die Kronleuchter und die auf Leinwand gemalten Deckenbilder aus dem zeitlichen Umfeld von 1895 lassen den Saal heute in seinem ursprünglichen Glanz erstrahlen. Die zur Eröffnung gewählte 3. Sinfonie von Gustav Mahler offenbarte in allen Registern und Lautstärken ein Klangbild, wie man es so luzid, differenziert und raumgreifend noch nie vernommen hat. Was für eine Ohren- und Augenweide!
Neben der umfassenden Restaurierung des grossen Saals entstanden auch zeitgemässe Räume für die Musikerinnen und Musiker sowie für die Angestellten. Alt und Neu bilden also eine überaus gelungene Synthese, die Zürichs magischem Ruf, einen der besten Konzertsäle weltweit zu besitzen, neuen Auftrieb verleiht. Dass auch die Kongressstadt von der Gesamtsanierung profitiert und die Technik mit aktuellsten Erkenntnissen die Nachhaltigkeit optimiert, entspricht nur noch dem Sahnehäubchen auf der Prachtstorte. Zürich freuts.