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Zwar rühmt sich die Universität Bern, dass mit Anna Tumarkin 1898 in Bern europaweit die erste Frau in den Lehrkörper aufgenommen wurde. Die russische Philosophin bekam denn auch als eine der wenigen berühmten Akademikerinnen in der Stadt Bern einen Weg – wenn auch bloss einen ganz kurzen.
Trostpreise für die Frauen
Vielleicht ist das ja symbolisch: Der akademische Weg der Pionierin war oft nicht kurz, aber ziemlich steinig. «Als junge Spezialistin für die Geschichte der neueren Philosophie, insbesondere der Ästhetik, hielt sie im Oktober 1898 ihre öffentliche Antrittsvorlesung über Goethe und das Wesen des Dramas», hielt Franziska Rogger, die langjährige Archivarin letztes Jahr in einem Artikel in der Unipress fest. Doch dann sei die akademische Karriere der Anna Tumarkin gebremst worden. Der Schritt zum Ordinariat blieb ihr jedoch versagt. Als sie sich 1910 als Nachfolgerin des umstrittenen Ludwig Stein, ihres Mentors und Doktorvaters, meldete, erklärte die Berufungskommission schonungslos offen, «dass gegen die Besetzung einer so exponierten Stellung mit einer Dame, die nicht durch aussergewöhnliche Leistungen eine Autorität sich erworben hat, vor welcher Kritik und Opposition verstummen, gewisse Bedenken sich erheben» (Zitat Rogger).
Ab 1910 durfte Tumarkin immerhin regulär Dissertationen und Habilitationen beurteilen. Sie erforschte vornehmlich Kant, Herder und Spinoza, aber auch Plato und Heidegger und vertiefte sich in Kunsttheorien und in Psychologie, griechische und romantische Philosophie. Nachdem sie sich in der Fachwelt einen Namen gemacht hatte, verlieh ihr die Universität Bern 1937 – wohl als eine Art Trostpreis für das nicht gewährte Ordinariat und als Dank für ihren 40-jährigen universitären Einsatz – den renommierten Theodor-Kocher-Preis.
Genau 30 Jahre später – 1967 – wurde mit Maria Bindschedler erstmals eine Frau Dekanin, aber erst Jahre danach erstmals eine Frau Vizerektorin: die Historikerin Beatrix Mesmer. Sie hatte dieses Amt von 1989 bis 1992 inne.
Zögerlich auch mit Ehrendoktorhüten
Bei den Ehrendoktorwürden sieht es nicht viel besser aus. 1943 war es, da wurde mit Dora Fanny Rittmeyer erstmals eine Frau Ehrendoktorin. Man fand für sie den Titel «Fräulein Doktor honoris causa». Bezeichnend wohl auch, dass es sich bei dieser Geehrten um eine Kunsthandwerkerin und Erforscherin der sakralen Gold- und Silberschmiedekunst handelte, also nicht um eine Gstudierte, sondern um eine Berufsfrau, die sich einer eher weiblichen Tätigkeit widmete. Geehrt wurde sie jedoch für ihre Leistungen im Rahmen der Kunstdenkmäler-Inventarisation.
1954 dann war man richtig mutig. Gleich zwei Ehrendoktorinnen wurden ernannt. Die Ehrungen gingen an die Lehrerin und Schriftstellerin Elisabeth Müller, die sich vor allem mit Kinderbüchern (Vreneli, Theresli, Die sechs Kummerbuben) und an die 1904 geborenen Dora Scheuner. Die Theologin, arbeitete damals noch als Vikarin, also Hilfspfarrerin (!) bei der Stadtberner Johannesgemeinde, war aber an der Uni Hebräischdozentin und wurde später auch Honorarprofessorin.
Frauenfreundliche Philosophen
Wie viele Ehrendoktortitel genau seit Bestehen der Uni Bern verliehen wurden, ist schwierig zu eruieren. Es mögen an die 700 sein. Davon – so errechnete kürzlich der «Bund» – ging bloss jeder Achte an eine Frau. Es sei ein Anliegen der Universität Bern, Frauen genügend zu berücksichtigen, heisst es 2019 auf Anfrage bei der Universität. Dennoch erhielt auch im letzten Jahr nur eine Frau (aber sieben Männer) einen Ehrendoktortitel. Einzig 2016 wurden mehr Frauen als Männer ausgezeichnet, unter ihnen die Chefanklägerin und Sonderermittlerin Carla Del Ponte.
Am meisten weibliche Ehrendoktorhüte hat übrigens bisher die Philosophische Fakultät verliehen, am wenigsten die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche.
Noch ein bemerkenswertes Detail: 1870 schrieb sich erstmals eine Frau an der Universität ein. Ernestine Schröer. Sie sei allerdings nie aufgetaucht, heisst es in den Annalen der Universität. Schön immerhin (und hoffentlich ein gutes Omen für die Zukunft!) dass 150 Jahre später mit Silvia Schroer eine Namensvetterin der Pionierin Vizerektorin dieser gleichen Uni ist.