Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03499.jsonl.gz/433

(Brandversicherung, auch Feuer- oder Brandassekuranz), Versicherung gegen Feuersgefahr, bezweckt, gegen
bare Gegenleistung (Prämie) den Schaden zu ersetzen, welcher an dem versicherten Gegenstand durch Feuersbrunst direkt oder
indirekt (Beschädigung beim Retten, Diebstahl beim Brand etc.) ohne böswillige oder auch wohl fahrlässige Verschuldung des
Besitzers entsteht. Der auf gesetzliches Anfordern schriftlich abzufassende Versicherungsvertrag (Police)
wird auf bestimmte Zeit, meist ein Jahr oder auch gegen Ermäßigung der Prämie auf mehrere Jahre, abgeschlossen.
Die Ansprüche aus dem Versicherungsvertrag sind obligatorischer und klagbarer Natur. Rechte und Pflichten des Versicherungsnehmers
(Versicherten) sind in der Regel an Besitz oder Eigentum der versicherten Sache nicht gebunden. Bei einer
Veränderung in dem Eigentumsrecht an Gebäuden ist nach partikularem Recht im Zweifel anzunehmen, daß der laufende Versicherungsvertrag
von dem neuen Erwerber fortgesetzt wird. Der Versicherer ist zur Auszahlung der Versicherungssumme erst nach vollständiger
Klar- und Feststellung des Schadens verpflichtet, daher auch erst von diesem Zeitpunkt an Verzugszinsen gefordert werden können.
Die Art und Weise, wie der Brandschade »reguliert« wird, ist in den Policen regelmäßig des nähern bestimmt. Ebenso sind
Einrichtungen zum Schutz der Hypothekengläubiger getroffen. MancheVersicherungsanstalten wahren die Rechte der letztern nur
dann, wenn die Hypotheken bei ihnen besonders angemeldet worden und darüber Bescheinigungen (Hypothekenanmeldescheine) erteilt
worden sind, während andre diese Rechte auch ohne besondere Anmeldung berücksichtigen.
in energischer Weise verbreiteten und volkstümlich machten. Als die erste derselben gilt die bald nach 1700 in der MarkBrandenburg
[* 8] ins Leben gerufene, als erstes Städtereglement das Berliner
[* 9] von 1718. Die Societäten befaßten sich bis auf die neueste Zeit,
in welcher einige derselben auch zur Mobiliarversicherung übergegangen sind, nur mit der Gebäudeversicherung,
verteilten ohne Rücksicht auf die Verschiedenheit der Gefahr die jährlich postnumerando zu zahlenden Versicherungssummen
auf die Hausbesitzer nach Verhältnis des Taxwertes der versicherten Gebäude und erhoben die Prämien in derselben Weise wie
die Steuern, so daß sie noch jetzt als Brandsteuern bezeichneten werden pflegen.
Außerdem hatten sie mit dem Übelstand zu kämpfen, daß ihnen ein örtlich oft eng begrenztes Gebiet
zugewiesen war, so daß eine zweckentsprechende zeitliche und örtliche Verteilung eingetretener Schäden unmöglich wurde.
Wie das moderne Privatversicherungswesen überhaupt, so erhielten wir aus England, wo sich im Anfang des 18. Jahrh. die Erwerbsgesellschaften
für Feuerversicherung ausbildeten, als deren erste die 1710 gegründete Sunfire office zu nennen
ist, auch die moderne Feuerversicherung, welche, zuerst in dem HamburgerZweiggeschäft des Phönix 1786 nach Deutschlandübertragen, hier Boden
gewann und zur Gründung einheimischer großer Gesellschaften führte. 1812 wurde die Berlinische, 1819 die Leipziger Feuerversicherungsgesellschaft
auf Aktien, 1820 die Gothaer Feuerversicherungsbank für Deutschland auf Gegenseitigkeit errichtet, denen
nun in rascher Folge eine größere Anzahl derselben sich anschloß.
Diese Privatgesellschaften haben das Verdienst, die Mobiliarversicherung und einen rationellern Betrieb des Feuerversicherungswesens,
insbesondere auch die Klassifikation der Risiken, die entsprechende Tarifierung der Prämien je nach der Verschiedenheit der
Gefahr, eingeführt und damit auch zur Verbesserung des Feuerlösch- und Rettungswesens sowie zur Erhöhung
der Feuersicherheit beigetragen zu haben. Ihnen gegenüber suchen die Societäten, welche im Geschäftsbetrieb von jenen manche
Lehren
[* 10] angenommen haben, ihre Privilegien und den (wirklichen oder behaupteten) Vorrang in Bezug auf Gemeinnützigkeit
aufrechtzuerhalten, und es besteht zwischen den Societäten und Privatgesellschaften eine ununterbrochene,
öfters unerquickliche Erscheinungen hervortreibende Fehde, welche wohl erst mit dem Erlaß eines allgemeinen deutschen Versicherungsrechts
sich mildern wird. Es bestehen also in Deutschland drei Gattungen von Feuerversicherungsinstituten:
1) Die öffentlichen Anstalten;
2) die privaten Gegenseitigkeitsgesellschaften. Bei denselben tragen alle Versicherten gemeinschaftlich den Schaden, die aufzubringende
Entschädigung wird in bestimmtem Verhältnis (nach der Höhe der versicherten Summen und dem Grade der Gefährdung,
der wieder nach Bauart, Art der Benutzung, Umgebung etc. bestimmt wird) postnumerando gezahlt,
oder es wird eine bestimmte Prämie pränumerando erhoben und nach Ablauf
[* 11] der Versicherungszeit der verbliebene Überschuß
zurückgezahlt, bez., wenn größere Schäden eingetreten sind, Nachzahlung bis zu einem festgesetzten
Vielfachen der Prämie gefordert.
3) Die privaten Aktiengesellschaften. Bei denselben übernehmen Kapitalisten (Aktionäre) die Versicherung gegen Zahlung einer
von vornherein festgesetzten Prämie, deren Höhe nicht allein durch den Grad der Gefährdung und den Wert der versicherten Gegenstände,
sondern auch durch die Konkurrenz bedingt wird. Wie der Gewinn des Versicherungsgeschäfts der Gesellschaft
zufließt, so hat sie auch etwanige
Verluste zu tragen. Die in Tausendteilen (pro Mille) der Versicherungssumme ausgeworfenen
Prämiensätze richten sich im allgemeinen nach dem aufgestellten Tarif, doch können sie in Ausnahmefällen (große Sicherheit,
ungewöhnliche Gefährdung etc.) auch durch besondere Vereinbarung geregelt werden.
Ein geregelter Betrieb der Feuerversicherung ist nur dann möglich, wenn die zu deckenden Schäden zeitlich möglichst
gleich verteilt sind. Dies sucht man durch »Trennung der Risiken« zu erreichen,
d. h. dadurch, daß man eine angemessene örtliche Verteilung der zu versichernden Gegenstände
zu erzielen sucht. Zu dem Ende wird für jeden Bezirk, bewohnten Ort, bez. für jede Straße ein Maximum
festgesetzt, über welches hinaus von derselben Gesellschaft weitere Versicherungen nicht mehr übernommen werden.
Man hilft sich alsdann durch die Mit- oder Rückversicherung (s. d.). Bei ungewöhnlich großer Gefährdung, zumal wenn
der Versicherer wesentlich zur Erhaltung des zu versichernden Gegenstandes beitragen kann, läßt man denselben oft durch
die sogen. Selbstversicherung einen Teil des Schadens nach bestimmtem Verhältnis tragen. Ebenso wird, wenn
mehr Gegenstände vorhanden sind, als versichert wurden, bei einer teilweisen Beschädigung der Schade vom Versicherer nur
nach dem Verhältnis der Versicherungssumme zum Gesamtwert vergütet.
Sind 1000 t versichert, 2000 vorrätig, und gehen hiervon 500 durch Feuer zu Grunde, so werden von der
Gesellschaft nur 500×1000/2000 = 250 t entschädigt. Verbrennt das Ganze, so wird auch die ganze Versicherungssumme
vergütet. Maßgebend für das Rechtsverhältnis zwischen Versicherer und Versichertem sind zunächst die allgemeinen Versicherungsbedingungen,
welche durch die gegenseitigen Verpflichtungen geregelt werden, dann die besondern Klauseln, welche in Ausnahmefällen in
den Vertrag aufgenommen werden, um eine besonders vorsichtige Behandlung des versicherten Gegenstandes zu veranlassen, eine
Beschränkung der Ersatzpflicht zu bewirken etc.
Mitte der 80er Jahre zählte man inPreußen
[* 18] 42 öffentliche Anstalten, darunter 11 Zwangsanstalten, in ganz Deutschland 72,
darunter 27 Zwangsanstalten. Der Geschäftsumfang aller dieser öffentlichen Anstalten belief sich auf eine Versicherungssumme
von rund 30,000 Mill. Mk.
Die Societäten betreiben ihre Geschäfte nur innerhalb der Territorien, in welchen und für welche sie
gegründet wurden; doch hat sich eine Reihe derselben zu einem Feuerversicherungsverband in Mitteldeutschland zu gemeinschaftlicher
Tragung der Brandschäden unter Wahrung ihrer Selbständigkeit vereinigt, auch hat der sonst nur zur Wahrung allgemeiner
gemeinschaftlicher Geschäftsinteressen (gleichartige Behandlung des Versicherungswesens, Verhütung unlauterer Konkurrenz
etc.) bestimmte Verband
[* 19] öffentlicher Feuerversicherungsanstalten in Deutschland, welchem 15 Anstalten
angehören, eine Rückversicherungsabteilung gebildet, welcher außer dem Mitteldeutschen Verband verschiedene sonst zu letztere
nicht gehörende preußische Societäten sich angeschlossen haben. MancheSocietäten haben mit Privat-RückversicherungsgesellschaftenVerträge abgeschlossen.
Von Privat-Feuerversicherungsgesellschaften auf Gegenseitigkeit gibt es in Deutschland eine sehr große Anzahl, deren mehrere
ihr Gründungsjahr bis in die erste Hälfte des 17. Jahrh. setzen. Die
ältesten derselben sind die Tiegenhofsche Brandordnung von 1623, die Neuenkirchener Gilde von 1637 und die Seestermüher
Kathner-Brandgilde von 1641. Allein in Preußen arbeiten 238 solcher (hier und da auch wohl Brandgilden genannter) Gesellschaften,
zu denen dann noch etwa 20 nicht in Preußen konzessionierte, im DeutschenReich domizilierende kommen,
so daß etwa 260 in ganz Deutschland bestehen.
Alle deutschen Feuerversicherung-Privatgesellschaften auf Gegenseitigkeit hatten Mitte der 80er Jahre einen Versicherungsbestand
von etwa 7000 Mill. Mk. Die großartigste dieser Gesellschaften ist die bereits genannte Gothaer Feuerversicherungsbank für
Deutschland, auf welche von dieser Summe allein 1885: 3502 Mill. Mk. entfielen; die ihr nächstkommenden
sind die Württembergische Privat-Feuerversicherungsgesellschaft mit 635 Mill. Mk. (1884) und
die Brandversicherungsgesellschaft zu Schwedt
[* 22] a. D. mit 545 Mill. Mk. (1884) etc.,
während etwa 100 Vereine ihren Versicherungsbestand noch nicht auf 1 Mill. Mk. gebracht hatten.
Über den Stand der 18 Rückversicherungsgesellschaft lagen statistische Nachweise nicht vor. Von den Rückversicherungsgesellschaften
waren die bedeutendsten die Kölnische mit 1210 Mill. Mk. Versicherungssumme und 1,8 Mill. Mk.
Prämien und die Magdeburger mit 1018 Mill. Mk. Versicherungssumme und 2,5 Mill. Mk.
Prämien.
Somit belief sich Mitte der 80er Jahre die Gesamtversicherungssumme der deutschen Feuerversicherungsinstitute überhaupt
auf folgende Beiträge:
In Deutschland pflegt nur gegen den Schaden versichert zu werden, welcher an den versicherten Gegenständen
selbst durch deren Zerstörung oder Beschädigung von Feuersbrunst direkt oder indirekt infolge der Rettungs- und Löscharbeiten
angerichtet wird; ja, manche Landesgesetze verbieten sogar unter Präventivkontrolle (ortspolizeilicher Prüfung der Versicherungsanträge)
die Versicherung über bestimmte Prozente der Taxe hinaus, z. B. Baden über 80 Proz., um Brandstiftungen vorzubeugen, während
anderseits in Hamburg
[* 24] Gebäude mit 10 Proz. über den Taxwert hinaus versichert zu werden
pflegen.
In allen andern Kulturstaaten ist die Feuerversicherung ebenfalls eingeführt und hat oft eine großartige Ausdehnung
[* 26] gewonnen, von welcher
freilich nur verhältnismäßig selten die Statistik genauere Rechnung ablegt. In Österreich-Ungarn
[* 27] bestehen 28 Feuerversicherungsinstitute,
von welchen 19 auf Gegenseitigkeit und 9 auf dem Aktienprinzip beruhen. - Die in der Schweiz liegt fast
ganz in den Händen von 16 kantonalen öffentlichen Anstalten. Diese wurden in den ersten
¶