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25. Juli 2012 / Kommentare (4)
Die Lage Spaniens ist derart katastrophal, dass nur wenige überhaupt die Ausmasse verstehen. Um erfassen zu können, warum sie so verhängnisvoll ist, müssen die wichtigsten wirtschaftlichen Daten angeschaut werden.
Spaniens Wirtschaft (circa 1 Billion Euro) ist die viertgrösste Europas und die zwölftgrösste weltweit; Spanien hat eine offizielle Staatsschuldenquote von 68 Prozent und ein Haushaltsdefizit zwischen 5,3 und 5,8 Prozent; die Arbeitslosigkeit unter Spaniens Jugendlichen liegt bei über 50 Prozent – auf einer Stufe mit Griechenland.
Auf den ersten Blick sehen Schuldenlast und Defizite gar nicht so schlimm aus. Man muss sich also die Frage stellen: “Warum ist die Arbeitslosigkeit so hoch und aus welchem Grunde übersprangen Spaniens Anleihen mit einer 10-jährigen Laufzeit die gefürchteten 7 Prozent?” Auf diesem Niveau haben Griechenland und Portugal angefangen, Rettungsgelder zu fordern.
Der spanische Wirtschaftsboom nach dem Jahre 2000 basierte auf einer Immobilienblase. Er wurde dadurch ausgelöst und verstärkt, dass Spanien seine Zinsen herabsetzte, um der EU beitreten zu können. Es handelte sich also nicht um organisches Wirtschaftswachstum. Dazu kommt, dass es sich in Spanien nicht um irgendeine herkömmliche Immobilienblase handelte, sondern um eine gigantische, vergleichbar mit jener in den USA.
Während der Boom-Jahre in den Vereinigten Staaten hörte man öfters von Leuten, die ihren Job aufgaben, um im Immobiliensektor tätig zu werden. In Spanien war der Boom so gigantisch, dass Schüler sogar die Schule verliessen, um in diesem Markt zu arbeiten. Das erklärt unter anderem die unglaublich hohe Arbeitslosigkeit unter Spaniens Jugendlichen.
Doch sie waren nicht die einzigen, die in den Immobiliensektor drängten. Zwischen 2000 und 2008 wuchs die Bevölkerung Spaniens von 40 Millionen auf 45 Millionen (plus 12 Prozent), da Immigranten in das Land strömten, um an diesem Boom teilzuhaben. Die spanische Wirtschaft lieferte von 1999 bis 2007 mehr als ein Drittel des gesamten Beschäftigungszuwachses in der EU.
Spanien macht mit seiner Bevölkerung von nur 46 Millionen also mehr als ein Drittel des Beschäftigungswachstums einer Region mit 490 Millionen Menschen aus. Das alleine stellte bereits die Weichen für eine schlimme Immobilien-/Bankenkrise. Wichtige Bankendaten für Spanien sind katastrophal: Spaniens Banken liehen sich von der EZB im März 220 Milliarden Euro, fast 50 Prozent mehr als im Februar 2012. Und: Spanische Banken machen 29 Prozent der gesamten Ausleihungen der EZB aus.
So schlecht diese Zahlen auch sind, man hat vielerorts noch nicht erkannt, wie schlecht es um das spanische Bankensystem wirklich bestellt ist. Der Grund liegt in der Struktur. Die Bankindustrie ist zweigeteilt: Die grossen Häuser und die kleineren, territorialeren Sparkassen (“Cajas”).
Das System geht zurück auf das 19. Jahrhundert. Damals gehörten die Cajas zu den Dörfern oder ländlichen Finanzplätzen. Deshalb ist Spanien geradezu von ihnen übersät. Es gibt eine Sparkassenfiliale pro 1’900 Einwohner. Im Vergleich dazu kommen in der Schweiz 2’500 Einwohner auf eine Bankfiliale, in den USA sind es 3’130 und in Grossbritannien 6’200.
Bis vor kurzem war das Sparkassensystem nahezu unkontrolliert. Bis 2011 gab es kaum Bestimmungen für diese Banken, bei denen 50 Prozent aller spanischen Einlagen liegen. Sie mussten weder ihr Loan-To-Value (Verhältnis von Darlehenssumme zu Sicherungswert) offenlegen noch die Qualität der Kreditsicherheiten, die sie für ihre Darlehen akzeptierten.
Die Cajas gewährten Immobilienkredite ohne Ende. Zudem tat sich eine schnell wachsende Gruppe von Kreditnehmern auf: junge Spanier, die die niedrigen Zinsen nutzten, um Immobilien zu kaufen. (Vor dem Immobilienboom lebten Jugendliche traditionell bis zur Hochzeit bei ihren Eltern). Die Sparkassen waren ein nicht reguliertes Bankensystem, das jedem Geld lieh, der in Spanien Immobilien bauen oder kaufen wollte.
Die Lage wurde noch schlimmer, als die Immobilienblase im Jahre 2007 ihren Höhepunkt erreicht hatte. Während die grösseren Banken wie Santander und BBVA die Zeichen der Zeit erkannt hatten und begannen, die Hypothekargeschäfte zu reduzieren, gingen die Cajas im Immobilienmarkt aufs Ganze. Sie schmissen mit Darlehen regelrecht um sich.
Im Jahr 1998 lag das Verhältnis von Hypothekarschulden zum BIP nur bei etwa 23 Prozent. Bis zum Jahr 2009 hat es sich mehr als verdreifacht und lag bei fast 70 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg das Verhältnis von Hypothekarschulden zum BIP in den USA von 50 auf 90 Prozent. Das lässt die Immobilienblase Spaniens im Vergleich zur amerikanischen verhältnismässig klein erscheinen.
Nach 2007 gewährten die Cajas derart viele Kredite, dass sie im Jahr 2009 56 Prozent aller spanischen Hypotheken besassen. Mit anderen Worten: Mehr als die Hälfte der spanischen Immobilienblase wurde durch ein nicht reguliertes Bankensystem finanziert. Es lieh jedem Geld, der einen Puls hatte und in der Lage war, einen Vertrag zu unterschreiben. 20 Prozent der Aktivposten dieser Banken bestanden aus Forderungen auf Zinszahlungen aus Hypotheken.
Nur um das in Relation zu setzen: Eine Schweizer Grossbank würde plötzlich erklären, dass 20 Prozent ihrer Assets aus Zahlungen bestehen, die Schuldner leisten, um Hypothekenschulden zu bedienen. Das ist das wirkliche Problem des spanischen Bankensystems. Es ist durchtränkt von zweit- und drittklassigen Krediten, die gewährt wurden.
Die schlimme Lage der Cajas wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die spanische Regierung im Februar 2011 ein Gesetz einführte, das forderte, dass alle spanischen Banken Eigenkapital besitzen müssen, das 8 Prozent der “risikogewichteten Aktiva” entspricht. Banken, die diese Forderungen nicht erfüllen konnten, mussten entweder mit grösseren Banken fusionieren oder wurden teilverstaatlicht. Die Frist für die Erfüllung lief bis September 2011. Zwischen Februar 2011 und September 2011 ging die Zahl der Sparkassen von 45 auf 17 zurück.
Mehr als 60 Prozent konnten die Kriterien nicht erfüllen. Infolgedessen fusionierten 28 mit faulen Bilanzen mit anderen (vermutlich ebenfalls gefährdeten) Banken, oder ihre Bilanzen gingen durch Teilverstaatlichung in die staatliche Bilanz ein.
Aus diesen Gründen sind Experten überzeugt, dass die EU in ihrer momentanen Form vor entscheidenden Veränderungen steht. Ob nun Spanien zusammenbricht oder Deutschland schliesslich aus dem Euro aussteigen wird – man ist nahe an einem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt.
Nicht unglücklich darüber sind die Amerikaner. Die Lage in Europa lenkt ab von ihren eigenen Problemen. Die aktuelle Verschuldung der USA beträgt 114,5 Billionen Dollar (als Zahl: 114’500’000’000’000). Das hindert die amerikanisch beherrschten Ratingagenturen nicht daran, sich auf die Europäer einzuschiessen.
Der Artikel erschien in der Bündner Gipfelzeitung.