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In seiner über hundertjährigen Geschichte kann der SIG auf eine bewegte Zeit zurückblicken. Viele der Fragen und Probleme, die den SIG seit seiner Gründung beschäftigten, sind nach wie vor aktuell. Der SIG ist jedoch zu einer gesellschaftlichen und politischen Grösse geworden, die Gewicht hat und gehört wird.
Am 27. November 1904 trafen sich in Baden 27 Vertreter von 13 jüdischen Gemeinden aus der ganzen Schweiz zur Gründungsversammlung. Mit der Verabschiedung der Statuten und der Einsetzung einer fünfköpfigen Exekutive wurde der SIG gegründet. Der Zweck des neu gegründeten Vereins war es, «die allgemeinen Interessen des Judentums in der Schweiz zu wahren und zu vertreten.» Als wichtigste Programmpunkte wurden an der Gründungsversammlung unter anderem der Kampf gegen das in der Schweizer Verfassung verankerte Schächtverbot sowie die Koordination der Friedhofsfrage genannt.
Die ersten Jahre
Die ersten Jahre des SIG waren verhältnismässig ruhig. Anfangs der 1930er Jahre war es jedoch neben dem kometenhaften Aufstieg verschiedener antisemitischer Gruppierungen, die sich als «Fronten» bezeichneten, vor allem das Eindringen antisemitischer Parolen in Kreise des Mittelstandes sowie die Avancen einiger bürgerlicher Parteien gegenüber den neuen Gruppierungen, was die Jüdinnen und Juden in der Schweiz zutiefst verunsicherte. Der von den Fronten angestrebten «Degradierung der Juden zu Staatsbürgern zweiter Klasse» wollte der SIG nicht tatenlos zusehen und intensivierte zunächst seine Abwehr gegen den Antisemitismus, indem er Ende 1936 eine eigene Pressestelle (Jüdische Nachrichten, JUNA) ins Leben rief.
Der Gemeindebund zog sich jedoch mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Die Schoah, aber auch die asylpolitische Situation im eigenen Land erlebte der Gemeindebund in einem Zustand der Lähmung, Anspannung und Empörung zugleich. Dennoch leisteten der SIG und die Schweizer Juden viel, um den Flüchtlingen im Rahmen ihrer Mittel zu helfen. Das Versagen der offiziellen Schweiz, das Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Tragödie der europäischen Jüdinnen und Juden führten Ende 1942 innerhalb des SIG zur Einsicht, dass die bedrückenden Probleme nur durch einen vollständigen Neuanfang gelöst werden konnten.
Aufgaben nach dem Zweiten Weltkrieg
In der «Wachsamkeit gegenüber allfälligen Anfeindungen» sowie in der «Mitarbeit an allen kulturellen und sozialen Bestrebungen» bestanden die neuen und alten Aufgaben des SIG nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Wirtschaftsboom der Goldenen Fünfzigerjahre mit seiner «Laisser-faire»-Mentalität förderte die Akzeptanz des Gemeindebundes nachhaltig. Die politische Anerkennung des SIG ging mit der Etablierung des interreligiösen Dialogs zwischen Juden und Christen einher.
Während sich die Beziehungen zur nichtjüdischen Umwelt normalisierten und der SIG zu neuem Selbstvertrauen fand, empfand man im Innern eine gewisse Malaise. Die Rede war von einer der jüdischen Tradition gegenüber immer gleichgültigeren Jugend, von der beunruhigenden Zunahme von Mischehen sowie von der Überalterung der Gemeinden. Ab der Mitte der 1950er Jahre waren die Gremien des SIG bemüht, diese Probleme in den Griff zu bekommen. Als eine erste Reaktion intensivierte der SIG die Jugendarbeit und stellte sich mehreren Diskussionen zur Revision der Statuten, die 1981, 1992, 1994 sowie 2008 vollzogen wurden. Zentrale Diskussionen gestalteten sich um den Zweckparagraphen des SIG sowie um die Frage der Aufnahme so genannter «liberaler Gemeinden» in den Gemeindebund.
Der SIG in jüngster Zeit
Die wachsenden Spannungen zwischen dem World Jewish Congress (WJC) und den Schweizer Banken, die immer noch über erhebliche Gelder so genannter «erbenlosen Konten» verfügten, wurden Mitte der 1990er Jahre auch für den SIG zur Bewährungsprobe, galt es doch zwischen den Schweizer Banken, den Behörden und dem WJC eine vermittelnde Haltung einzunehmen. Die Schweiz sollte sich - auch aus der Sicht des SIG - den «Schatten der Vergangenheit» stellen. Das Land sollte jedoch fair behandelt werden. Aus diesem Grund begrüsste der Gemeindebund die Schaffung der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg (UEK). Mit einer Solidaritätsstiftung und der Publikation des Schlussberichtes der UEK im Jahr 2001 war eine erste, intellektuelle Phase dieser Aufarbeitung der Vergangenheit abgeschlossen. Inwieweit die historischen Ergebnisse ihren Weg in die Öffentlichkeit, Politik und in die Klassenzimmer finden werden, wird die Zukunft noch zeigen. Die Kontakte des SIG mit staatlichen Stellen, kirchlichen und religiösen Institutionen sowie verschiedenen kulturellen und gesellschaftlichen Interessensgemeinschaften haben sich im Laufe seiner Geschichte gefestigt, so dass der Gemeindebund bei wichtigen Fragen das politische Geschehen aktiv mit gestalten kann.
Präsidenten des SIG
- Hermann Guggenheim, Zürich 1904–1914
- Jules Dreyfus-Brodsky, Basel 1914–1936
- Saly Mayer, St. Gallen 1936–1943
- Saly Braunschweig, Zürich 1943–1946
- Georges Brunschvig, Bern 1946–1973
- Jean Nordmann, Fribourg 1973–1980
- Robert Braunschweig, Bern 1980–1988
- Michael Kohn, Baden 1988–1992
- Rolf Bloch, Bern 1992–2000
- Alfred Donath, Genf 2000–2008
- Herbert Winter, Zürich 2008–
Gespräch mit Odette Brunschvig, Ehefrau von Georges Brunschvig sel. (SIG-Präsident 1946-1973)