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Die Hafenstadt Dar es Salaam in Tansania wächst, wie fast alle Grossstädte in Afrika, atemberaubend schnell. Zwar ist das Wachstum in der grössten Stadt des Landes nicht exakt bezifferbar, die Statistiker der UN rechnen jedoch damit, dass 2025 ca. 6,2 Millionen Menschen die Stadt bevölkern werden. Heute sind es knapp halb so viele.
Viele Städte Asiens befinden sich in einer vergleichbaren Situation. Doch während dort die Infrastruktur dem Wachstum angepasst wird, geschieht dies in Afrika kaum. So leiden die Einwohner Dar es Salaams unter zahlreichen Unpässlichkeiten: immer grösser werdenden Staus auf hoffnungslos überfüllten Strassen, ständigen Stromausfällen, einer nur bruchstückhaft vorhandenen und völlig überbelasteten Kanalisation.
Die grossen und schnell wachsenden informellen Siedlungen am Stadtrand halten sich an keine städteplanerischen Regelungen, während das historisch wertvolle Zentrum von spekulativer Bautätigkeit völlig überschwemmt wird. Die daraus resultierenden Neubauten sind mit ihren Glasfassaden und Klimaanlagen für das tropische Klima allerdings ungeeignet und jagen einem Vorbild hinterher, das seinen Ursprung in den Hochhäusern der Weltwirtschaftszentren hat. Erschreckend schnell verwandelt sich die vormals charakteristische Innenstadt in einen hastig gebauten und energiefressenden Abklatsch westlicher Metropolen.
Korruption und „nasser Beton“
Zwar existieren Gesetze und Pläne, um diesen Fehlentwicklungen entgegen zu wirken, doch die meisten Bemühungen scheitern an nationalen und internationalen Partikularinteressen, an Korruption, Innovationsfeindlichkeit und an resignativem Desinteresse. Zudem sind die meisten Bürger Tansanias vornehmlich damit beschäftigt, zu überleben. Daher waten die Wenigen, die etwas bewegen wollen, gleichsam in nassem Beton.
Unmittelbar nach der Unabhängigkeit 1961 herrschte in Tansania noch grosse Aufbruchsstimmung. Diese wurde vor allem vom ersten Präsidenten Julius Nyrere (1922-1999) geprägt, dessen Führung massgeblich dazu beitrug, dass es seit der Unabhängigkeit zu keinem Bürgerkrieg in Tansania mehr kam. 1985 trat er freiwillig von seinem Amt zurück und übergab die Landesführung seinen gewählten Nachfolgern, während er sich bis zu seinem Tod als Friedensvermittler in ganz Afrika engagierte.
Von Nyreres Geist ist heute kaum noch etwas zu spüren. Institutionen wie die National Housing Corporation (NHC), die einen grossen Teil der Immobilien Tansanias besitzt und einen positiven und vor allem regulierenden Einfluss auf die baulichen Entwicklungen Dar es Salaams haben könnte, werden ihrer Verantwortung gegenüber der tansanischen Bevölkerung nicht gerecht. „I can’t see anything ’national‘ in the NHC anymore“ gab daher Walter Bgoya, ehemaliger Direktor des Tanzania Publishing House, während seiner Moderation eines Symposiums im Oktober 2011 zu bedenken. Vergleicht man die Taten der Verantwortlichen mit ihren Versprechen, scheint aus der Zeit des Aufbruchs nur die Rhetorik übrig geblieben zu sein. Nach der ersten Begeisterung klingt sie bald so hohl und heuchlerisch, dass einem vom Zuhören schwindlig wird.
Die erste Architekturzeitschrift Ostafrikas
Hoffnung geben in dieser Situation vor allem Ansätze, die sich nicht auf etablierte Kräfte zu stützen versuchen. Eine solche Initiative macht sich seit einigen Monaten mit starker und klarer Stimme bemerkbar: Die Zeitschrift ANZA, was Suaheli ist und mit „Starten“ übersetzt wird. Das interdisziplinäre Team von Studenten und jungen Absolventen der Ardhi University in Dar es Salaam, das diese Zeitschrift betreibt, hat sich zum Ziel gesetzt, Ostafrikas Städten eine Publikation zu geben, die deren Situation aus architektonischer und städtebaulicher Sicht kritisch reflektiert und diskutiert. Und eine solche Publikation existierte bislang in ganz Ostafrika nicht!
Startschuss für ANZA war ein vierwöchiger Workshop im Spätsommer 2011, initiiert und durchgeführt vom Architekturmagazin Camenzind aus Zürich. Neben der Redaktion von Camenzind wurde der Workshop von einem internationalen Expertenteam begleitet: Journalisten, Fotografen, Grafiker, Künstler und Architekten aus Europa und Tansania stellten ihr Know-how unentgeltlich zur Verfügung. Die Teilnehmer rekrutierten sich aus Studenten und Absolventen der Fachrichtungen Architektur, Innenarchitektur, Städtebau, Ingenieurwesen und Landschaftsarchitektur der Ardhi University in Dar es Salaam.
Zielsetzung für die vier Wochen war es, durch die erste Ausgabe die Zeitschrift zum Leben zu erwecken. Es galt also zu konzipieren, den Inhalt zu erarbeiten, zu produzieren, zu drucken und schliesslich auch zu vertreiben. Trotz enormer logistischer und personeller Herausforderungen wurde das Ziel erreicht. Mitte Oktober konnten 5’000 in Tansania gedruckte Exemplare der ersten Ausgabe von ANZA in Dar es Salaam und weiteren Städten Ostafrikas sowie in Europa vertrieben werden.
Viele Gemeinsamkeiten
Bei der gemeinsamen Arbeit wurden immer wieder Unterschiede und Parallelen zwischen den beiden Situationen festgestellt. Die Intensität, mit der in Schweizer Zeitungen über Architektur und Städtebau diskutiert wird, ist in Tansania nicht zu spüren. Auch sonst sind Universitäten und Architekten in der öffentlichen Debatte kaum präsent. Doch die Redakteure von ANZA haben eine sehr ähnliche Zielsetzung wie die von Camenzind: Sie wollen ihre Rolle als Architekten in der Gesellschaft reflektieren und, vor allem anderen, definieren. Sie wollen anderen diese Rolle und ihre Anliegen einfach und klar vermitteln. Und sie wollen dazu aufrufen, die Art und Weise, wie und von wem die Stadt gemacht wird, kritisch zu reflektieren. Um dies zu erreichen sollen Inhalte auch für Laien ansprechend und lesbar gestaltet werden. Beide Zeitschriften streben danach, eine Plattform sowohl für Fachleute als auch für Nicht-Architekten zu sein.
Für das Team von Camenzind barg das Projekt daher auch Potenziale in der Schweiz. Über die Situation in Tansania konnten fachliche Erkenntnisse gewonnen werden und neue Anregungen in den Büroalltag einfliessen. Das Interesse von Nicht-Fachleuten für das Projekt ermöglichte es zudem, deren Blick für architektonische und urbanistische Anliegen generell zu öffnen. Denn vieles, was in Dar es Salaam passiert, betrifft auch die Schweiz. Genau wie in Tansania stellt sich die Frage nach einem nachhaltigen Lebensstil. Auch bei uns wird die Landschaft zersiedelt, weil Individuen und Gemeinden ihre Partikularinteressen durchsetzen. Und auch wir werden unsere Infrastruktur in Zeiten knapper werdender Ressourcen und einer alternden Bevölkerung überdenken müssen.
Kein typisches Architekturmagazin
Entsprechend der breiten Zielsetzung ist der Inhalt der ersten Ausgabe von ANZA sehr divers. Im Magazin finden sich unter Anderem ein historischer Abriss der Architektur von Dar es Salaam, ein Interview mit einem altgedienten Taxifahrer, Beiträge international ausgerichteter Experten, die über die Situation in Städten wie Addis Abeba und in Ruanda berichten sowie eine erzieherische Kolumne, in der eine Autorin die Stadtbewohner dazu auffordert, Gebäude wie neugeborene Babys zu behandeln. Die Berichte über die zwei wichtigsten noch lebenden Architekten aus der Aufbruchszeit des sehr jungen Landes haben bei den Initiatoren und Teilnehmern des Workshops einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Treffen und ausführlichen Gespräche mit diesen Koryphäen der tansanischen Architektur waren für das Selbstverständnis der jungen Architekten von unschätzbarem Wert. Denn sie gehören zu der ersten Generation, die im eigenen Land ausgebildet wird. Zudem gibt es in Tansania insgesamt nur 300 eingetragene Architekten (allein in der Stadt Zürich sind es laut dem Mitgliederverzeichnis des Schweizerischen Ingenieur und Architekten Verbandes bereits 956) und der Unterschied zwischen den Aufgaben eines Architekten und eines Ingenieurs ist weder den Betroffenen selbst noch der Bevölkerung ganz klar.
Der ersten Ausgabe von ANZA fehlen viele Eigenschaften, die Architekturmagazine normalerweise auszeichnen. Der Innenteil wurde aus Kostengründen auf billigem Zeitungspapier gedruckt. Hochglanzfotos und Projekte von Stararchitekten sucht man vergebens. Viele der Teilnehmer hatten während des Workshops zum ersten Mal Gelegenheit, unter Anleitung mit professionellen Layout-Programmen zu arbeiten, Interviews zu führen und eigene Texte zu verfassen.
Entschlossenheit zur Veränderung
Trotz dieser Unerfahrenheit war während der gesamten vier Wochen des Workshops ein schier unermüdlicher Enthusiasmus zu spüren, der bis heute nicht verflogen ist. Ein neuer Workshop, um die zweite Ausgabe zu erstellen, ist bereits ohne die Unterstützung von Camenzind in Vorbereitung und die Redaktion trifft sich trotz zahlreicher anderer Verpflichtungen regelmässig. Den Steinen, die ANZA in Form von nicht enden wollenden bürokratischen Prozessen wie etwa der Registrierung des Heftes in den Weg gelegt werden, begegnet die Redaktion mit einer bewundernswerten Gelassenheit.
Es scheint sich eine Generation in Tansania zu formieren, die sich ähnlich der Generation Nyreres und Bgoyas nicht mit einem Status Quo zufriedengibt und sich mehr und mehr Gehör verschafft. Was wäre treffender, als wenn sich ANZA zum Sprachrohr einer solchen Generation entwickeln könnte?