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Reformierte Stadtkirche

Die ursprünglich dem heiligen Benedikt von Nursia geweihte Bieler Stadtkirche wird erstmals 1228 im Lausanner Kartular (Verzeichnis) erwähnt. Die Stadt Biel war bis 1798 in weltlichen Belangen dem Bischof von Basel unterstellt, kirchlich gehörte sie bis zur Reformationvon 1528 zur Diözese des Bistums Lausanne. Die zwei Vorgängerkirchen aus romanischer und gotischer Zeit sind durch Mauern und Werkstücke belegt. Eine genaue Baugeschichte dieser
zwei Vorgängerbauten ist wegen der Bodenbeschaffenheit (Tuffsteinhügel)
und dem Einbau der Heizung anfangs des 20. Jahrhunderts nicht mehr möglich.
Unter dem Chor ist heute noch die ehemalige Sakristei in kryptaähnlicher
Lage zu sehen.
84 Jahre nach dem verheerenden Stadtbrand von 1367 entsteht 1451 bis
1470 die spätgotische Kirche unter Werkmeister Wenzlin bis zu seinem
Tod 1465.
Nach der Grundsteinlegung wird der Altbau allmählich in Etappen
ummantelt, neue Teile aufgemauert, alte Teile abgebrochen. Die Messe
konnte wahrscheinlich (mit Einschränkungen) gelesen werden.
Die Kirche besteht aus dem Hauptschiff, den zwei Seitenschiffen,
dem Chormit den hohen Spitzbogenfenstern (der bis 1781 durch einen
Lettner vom Hauptschiff getrennt war, mit den heute noch ersichtlichen
Rundbogentüren zur Lettnerbühne) und den vier Seitenkapellen.
Länge Hauptschiff mit Chor 36 m, 7,5 m breit und 14 m hoch.
Der Turm: Während der Bauzeit der jetzigen Kirche mussten bereits am bestehenden Turm der Vorgängerkirche Reparaturen ausgeführt werden.
1480 wird der Turm erhöht, weil man die Glocken wegen des neuen Kirchendachs in der Stadt nicht mehr hörte.
Kurz vor Abschluss dieser Arbeiten hat sich der Turm gespalten und ist mitsamt den Glocken und einem Arbeiter in den Ring hinuntergefallen. Gemäss dem Chronisten Rechberger sind “die gloggen warlich all gantz blibendt in aller Mass, als ob sie nie herabgefallen”.
Auch der “Zimmerknecht ward also lebent haruss gezogen, dz im kein glid gebrochen ward, allein dz linck achselbein war im uss der statt grücktt”.
Der Wiederaufbau des Turmes unter Meister Henmann Ulfinger war bis 1490 mit der Wächterstube und Notdach abgeschlossen. Zwischen 1549-51 unter Hans Dyck wurde der Turmhelm mit den 4 Ecktürmchen erstellt. Im Glockenstuhl des Turmes hängen heute fünf Glocken; drei von 1882, eine von 1947 und die letzte von 1955.
Im Kircheninnern:
Erwähnenswert sind die Wandmalereien:
Beim Eingang des Nordportals (Hauptportal): Der heilige Benedikt
In der Nische im nördlichen Seitenschiff: Im Fresko “Schweisstuch der heiligen Veronika” ist eine Station von Christi Leidensweg.
(Zug nach Golgatha)
An der nördlichen Hochschiffswand: Jüngstes Gericht, mit Christus auf dem Regenbogen zu seinen Füssen Maria und Johannes als Fürbitter.
An der Stirnwand Ost des südlichen Seitenschiffes: Das Martyrium des heiligen Sebastian.
An der Ostwand der südöstlichen Seitenkapelle: Bischof Wolfgang, daneben Christophorus mit Jesusknabe.
Im Chor befinden sich der Weihwasserausguss und der Priesterdreisitz
(Bild 5) und der Taufstein von 1492 (Bild 6)
Die Glasmalereien im Mittelfenster des Chors, 1457 von der Stadt Biel gestiftet, zeigen auf den beiden linken Vertikalstreifen die Leidensgeschichte
Christi und in den beiden rechten Vertikalstreifen Szenen aus dem Leben des Hl. Benedikt. (Bild 7)
Die grosse Orgel steht auf der steinernen Westempore. Diese Barockorgel von Jacques Besançon, am 20. September 1783 zum ersten Mal gespielt, musste 1826 repariert werden. Nach dem Erdbeben vom 25.Juli 1855 konnte die Orgel erst 1875 wieder instand gestellt werden. Erneuert wurde die Orgel im Jahre 1902.
Eine Totalsanierung drängte sich 1943 auf.
Eine weitere Erneuerung steht bevor. (Bild 8)
Die neue Schiffshochwandorgel wurde am 24./25. Dezember 1994 feierlich eingeweiht.
Diese “Schwalbennest”-Orgel hängt an der Nordwand unserer Kirche und wurde durch die Metzler Orgelbau AG Dietikon gebaut.
An dieser Stelle ersetzt sie die “Schwalbennest-Orgel” entstanden unter Hans Tugi im Jahre 1517, heruntergerissen in den Reformationswirren von 1527.
Aus dem Prospekt ist zu entnehmen:
Die Orgel verfügt über 2 Manuale, Pedal, 9 Register.
“Dieses wunderbare, bereits weit über die Landesgrenzen hinaus
berühmte Instrument wurde speziell für die Oberrheinische Orgelmusik
des frühen 16. Jahrhunderts konzipiert und eignet sich dank seiner
mitteltönigen Stimmung und der exquisiten Intonation sämtlicher Register
vorzüglich zum Erklingenlassen des reichen Orgelmusikschatzes der
Spätgotik, der Renaissance und des Frühbarocks.”
Am Ostersonntag 1995 konnte die Kirchgemeinde Biel die bemalten
Flügeltüren zur neuen Orgel einweihen. Anstelle von Heiligenbildern hat
der Künstler Egbert Moehsnang ein leuchtendes Weltenrund geschaffen.
Kleine und grosse Renovationen der Benedikt-Kirche nach der Reformation:
1552 Alle Grabplatten wurden aus der Kirche entfernt, neue Bestuhlung,
neue Kanzel mit Kanzelhimmel. 1569 Ausmalung des Kircheninnern mit
schwarzen Arabesken.
1571 Die Kirche wurde neu eingedeckt. 1671 Vertragsabschluss mit dem
Maler Hans Jakob Wyler: Neubemalung der Gewölbe. 1781/1783
Der Lettner im spätgotischen Chor wurde entfernt, eine hölzerne
Orgelempore errichtet.
Johannes Rytz lieferte eine neue Kanzel. 1863 Im Dezember erfolgte der
Einbau der ersten Kirchenheizung. 1864/1866 Die Strebenpfeiler wurden
verstärkt 1882/1884 Neugotisierung des Innern durch Hans Rychner.
Bau des heutigen Sandsteinlettners anstelle der spätgotischen
Orgelempore.
Einbau der neugotischen Kanzel. Zumauerung der Rose an der
Westfront, Bau eines kapellenartigen Vorbaus beim Haupteingang
Ring, nach Plänen von Architekt Friedrich Ludwig von Rütte. 1893 23.04.
Die neu erstellte Taufkapelle im Kirchturm wurde eingeweiht. 1909/1913
Bei dieser Renovation unter der Leitung des Architekten E. J. Propper
wurden wichtige Funde gemacht:
– Im Chor an der Südwand der dreiteilige Priestersitz, daneben ein
Weihwasserausguss.
– Der spitzbogige Abschluss der Türumrahmung zum Turm wurde freigelegt.
– An den Seitenwänden beim Triumphbogen wurden die beiden Türen zum
Lettner ersichtlich.
– Die Orgelnische und die Türe für den Organisten zur ehemaligen
Schwalbennestorgel werden freigelegt.
– Im Chor fanden die Restauratoren Schallgefässe.
Die Fundamente wurden konsolidiert. Die neugotischen Elemente, u.a.
auch der kapellenartige Vorbau beim Haupteingang Ring werden entfernt.
Die Rose an der Westfront wurde wieder freigelegt.
Die Wandmalereien hat R. Münger renoviert.
1943/1944 Der Sandsteinlettner wurde leicht modifiziert, die konsolenartige
Sandsteinplatte des Rückpositives mit den Figuren wurde angebracht.
1967/1971
1. Bauetappe:
Konsolidierungsarbeiten der Fundamentmauern der südlichen Seiten-
schiffkapellen, von Turm und Schiffspfeilern, rund 150 Tonnen Zementbrei
und 70 Tonnen Silikat wurden bis in 6 m Tiefe injiziert. Renovation des
Turmes, Aussenrenovation des Chores samt Strebenpfeilern.
2. Bauetappe 1968:
Konsolidierung Schiffoberbau, Hochmauern des Mittelschiffes gestützt und
mit Zugankern mit dem Turm verbunden. Renovation der Fassaden und Dächer.
Beginn der Renovation der Chorscheiben.
Zwischenetappe 1969:
Archäologische Untersuchungen: Nebst einigen Mauerstücken und
mehreren Gebeinen ergaben sich keine wesentlich neuen Erkenntnisse.
Konzeption der Innenrenovation abgeklärt.
3. Bauetappe 1970 bis Ende Mai 1971:
Einbau neuer Kellerräume. Neuer heller Bodenbelag mit Bodenheizung.
Gewölbe und Wandflächen: Abschlagen und ergänzen des Verputzes,
Anstricharbeiten, Ablösen der Dekorationsmalerei aus der Zeit der letzten
Renovation, Freilegung des Dekors von 1569 (Arabesken, Blumenmotive),
Restauration sämtlicher Fresken.
Einbau der neuen Beleuchtung und elektroakustische Installationen
(Lautsprecher und Schwerhörigenanlage.) Einbau eines Archivraumes
im Turm 1. Stock.
Revision der Türen und Windfänge. Mobiliar: Die alten, unbequemen Bänke
wurden entfernt und durch bewegliche, gepolsterte Stühle ersetzt. In der
Kirche wurden aufgestellt:
1 Abendmahltisch, 1 mobile Kanzel, Gesangbücher- und Zeitschriften-
ständer.
Würdigung im Schweiz. Kunstführer, herausgegeben von der Gesellschaft
für Schweizerische Kunstgeschichte,
Bern 1981 (ISBN 3-85’782-291-0) im Buchhandel und in der Stadtkirche
Biel erhältlich, würdigt die Verfasserin, Frau Dr. Ingrid Ehrensperger-Katz:
“Die Bieler Stadtkirche ist ein vorzügliches Beispiel für die Einpassung eines
Monumentalbaus in das urbane Gefüge einer mittelalterlichen Kleinstadt. Sie
gehört zu den bedeutendsten spätgotischen Sakralbauten der Schweiz; im
Kanton selbst wird sie nur vom Berner Münster übertroffen.
Der Hauptmeister Wenzlin, dessen künstlerische Herkunft bisher noch
nicht genauer abgeklärt ist, entwickelt aus der Tradition der Bettelordens-
architektur unter oberrheinischem Einfluss eine eigenständige Formen-
sprache; der zweite Meister steht deutlich unter dem Einfluss der Berner
Bauhütte.
Die Bieler Glasgemälde bilden wohl neben denjenigen im Berner Münster
den umfangreichsten erhaltenen Schweizer Scheibenzyklus des 15. Jahr-
hunderts; die ausführliche Darstellung der Legende des Stadt- und Kirchen-
patrons Benedikt ist von besonderem ikonographischem Interesse.”
Dieser Würdigung füge ich noch an:
Unsere Bieler Altstadt verfügt über eine sehr schöne und im Innern helle
Stadtkirche.
Mein Dank gilt den Herren Dr. Moser aus Erlach und Dr. Schweizer von
der Kant. Denkmalpflege, dass ich Fotos aus dem Schweiz. Kunstführer
veröffentlichen darf.
Heinz Strobel
Archivar Altstadtleist Biel
Literatur:
– 500 Jahre Bieler Stadtkirche
von Eduard Lanz und Hans Berchtold
Verlag Heimatkundekommission, 1963
– Chorfenster der Stadtkirche Biel
Katalog zur Ausstellung vom 15.08. – 12.09.1971
Druck: Buchdruckerei Gassmann Biel
– Reformierte Stadtkirche Biel
von Dr. Ingrid Ehrensperger-Katz
Schweiz. Kunstführer
Gesellschaft für Schweiz. Kunstgeschichte Bern, 1981.
ISBN 3-85’782-291-0, Serie 30, Nr. 291
– Biel Stadtgeschichtliches Lexikon
von Werner und Marcus Bourquin
Seiten 415 – 418
Herausgeber: Büro Cortesi Biel, 1999
Druck: Buchdruckerei Gassmann Biel
ISBN 3-906140-40-7
– Biel Bienne
Altstadt und neue Quartiere ohne die eingemeindeten
Dörfer Bözingen, Madretsch, Mett und Vingelz
von Dr. Ingrid Ehrensperger-Katz und Dr. Margrit Wick-Werder
Schweiz. Kunstführer
Gesellschaft für Schweiz. Kunstgeschichte, Bern 2002
ISBN 3-85782-705-x, Serie 71, Nr. 705/706
LEGENDE:
Bild 1: Die Stadtkirche Biel Ansicht von Norden um 1884Mit der kapellen-
förmigen Vorhalle, nach Vorschlag von Rudolf Rahn und durch
Architekt Friedrich Ludwig von Rütte ausgeführt, bei der Renovation
von 1909 / 1913 abgebrochen.
Bild 3: In der südöstlichen Seitenkapelle befindet sich die Kopfkonsole mit
dem Porträt des Meisters Wenzlin aus Böhmen, mit der Jahrzahl 1453.
Bild 4: Gewölbeplan aufgenommen 1909 von Architekt E. J. Propper
Bild 7: Bild oben links:
Benedikt und Amme Cyrilla – Wunder am Getreidegefäss
Bild oben rechts: Benedikts zweiter Wüstengangmit Baum des Lebens
Bild unten links: Benedikts Schulweg
Bild unten rechts: Benedikt mit Amme Cyrilla – Erster Wüstengang
Bild 12 + 13: Stadtkirche Biel, Schiffshochwandorgel (“Schwalbennest”)
nach Hans Tugi, 1517, mit geschlossenen und offenen Flügeltüren.
Orgel und Empore: Metzler AG Dietikon, 1994;
Konzept: Daniel Glaus
Schleierbretter und Egbert Moehsnang, Schüpfen
Flügeltüren:
Gestaltung: Cul de Lampe
Photos: J. Mülhauser, Fribourg; (Diese Fotos können in
der Stadtkirche Biel gekauft werden).
Besten Dank Herrn Glaus, Organist der Stadtkirche Biel, dem Fotografen
J. Mülhauser und der Kirchgemeinde Biel, dass ich die Bilder veröffentlichen darf.
Bild 19 + 20: Stadtkirche Biel
Die neue Hauptorgel, Eingeweihung 06.11.2011
3 Manuale, Pedal, 44 Register und 2 Transmissionen. Metzler Orgelbau AG
Die Forschungsorgel, winddynamische Orgel
1 Manual (4.Manual), 5 Register
Metzler Orgelbau AG