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Sia, das australische Pop-Multitalent hinter Hits wie «Chandelier» und «Cheap Thrills», wagt den Sprung ins Kino und legt mit dem knallbunten Drama «Music» ein ambitioniertes Regiedebüt vor. Sie hätte es besser bleiben lassen.
Zugegeben, das Ganze hätte unter einem besseren Stern stehen können. Die Dreharbeiten zu «Music» wurden bereits 2017 abgeschlossen; das ursprünglich für 2019 angesetzte Startdatum fiel Verzögerungen im Schneideprozess zum Opfer, jeder weitere Verschiebetermin der COVID-19-Pandemie. Und als Sia im vergangenen November der Welt endlich einen Teaser für ihr langjähriges Herzensprojekt präsentierte, sorgte dieser für eher suboptimale Schlagzeilen: «Sia goes to war with the autism community», titelte etwa die Film-News-Website «Deadline».
Was war passiert? Sia und ihr Co-Autor, der für seine Kinderbücher bekannte Dallas Clayton, hatten sich entschlossen, in «Music» von einem nichtsprachlich-autistischen Teenager zu erzählen; besetzt wurde die Rolle mit Sias regelmässiger Videoclip-Hauptdarstellerin Maddie Ziegler, die sich nicht auf dem Autismus-Spektrum befindet. Von autistischen Menschen und Organisationen auf dieses Casting angesprochen, reagierte Sia wütend und hielt sich auch mit persönlichen Beleidigungen, unter anderem gegen autistische Schauspieler*innen, nicht zurück. «Fuckity fuck, why don’t you watch my film before you judge it?», schrieb sie auf ihrem inzwischen gelöschten Twitter-Profil.
«Obwohl Sia sich damit einer durchaus angebrachten Grundsatzdiskussion über die Darstellung von Neurodiversität im Film verweigert, ist es nur fair, ihrer Aufforderung Folge zu leisten. Wer ‹Music› als schlechtes Kunstwerk taxieren will, soll ihn sich erst einmal ansehen.»
Obwohl Sia sich damit einer durchaus angebrachten Grundsatzdiskussion über die Darstellung von Neurodiversität im Film verweigert, ist es nur fair, ihrer Aufforderung Folge zu leisten. Wer «Music» als schlechtes Kunstwerk taxieren will, soll ihn sich erst einmal ansehen. (Auf der Bewertungsplattform Letterboxd, wo das Durchschnitts-Rating des Films derzeit sogar jenes von «Cats» unterbietet, brüsten sich viele Reviewer*innen damit, den Streifen nicht geschaut zu haben.)
Leider braucht «Music» nicht einmal eine halbe Minute, um klarzustellen, warum die Kritik an Zieglers Casting gerechtfertigt war. Ziegler spielt die autistische Titelfigur, die 14-jährige Music, mit unangenehmem Nachdruck: Sie beisst sich inbrünstig auf die Lippe, verdreht hingebungsvoll die Augen, schlägt sich mit den Händen immer wieder gegen den eigenen Körper – es ist eine Autismus-Maskerade aus dem Bilderbuch, die bisweilen an die Bemühungen von Pausenplatzrüpeln erinnert, «behindert» zu spielen. Das ist offensichtlich nicht die Absicht von Sia, Clayton und Ziegler, doch die Kombination einer «autistisch» spielenden neurotypischen Schauspielerin mit einem Drehbuch, das Music als Figur auf ihre auffälligen Verhaltensmuster reduziert, verdammt diesen Versuch der Repräsentation zum Scheitern.
«Die Kombination einer ‹autistisch› spielenden neurotypischen Schauspielerin mit einem Drehbuch, das Music als Figur auf ihre auffälligen Verhaltensmuster reduziert, verdammt diesen Versuch der Repräsentation zum Scheitern.»
Music mag dem Film zwar seinen Titel geben, doch Einblicke in ihr emotionales Innenleben gewährt der Film nicht – abgesehen von den austauschbaren, narrativ irrelevanten Musikvideosequenzen, die zeigen sollen, was sich in ihrem Kopf abspielt. Erzählerisch ist sie, nach dem Tod ihrer Grossmutter (Mary Kay Place) und einziger Erziehungsberechtigter, hauptsächlich eine von vielen abstrakten Herausforderungen, die ihre mehr als doppelt so alte Halbschwester, die Drogendealerin und genesende Alkoholikerin Zu (Kate Hudson), zu meistern hat. Nachdem zu Beginn etabliert wird, wie sich Musics Umfeld, darunter die Nachbarn George (Héctor Elizondo) und Ebo («Hamilton»-Star Leslie Odom Jr.), um ihr Wohlbefinden kümmert, rückt sie in der Folge immer mehr in den Hintergrund, bis sie sich schliesslich nur noch als Problem bemerkbar macht: Sie bringt Zu mit einer Panikattacke in der Öffentlichkeit in Verlegenheit; sie isst alten Kaugummi von einer Parkbank; sie nässt sich ein. Damit wird Music zum «Magical Autist», zu einer tiefenlosen Figuren-Chiffre, die ausschliesslich dazu da ist, Zu dabei zu helfen, ein besserer Mensch zu werden.
Doch das ist nur der prominenteste Handlungsstrang in einem Film, der mit diversen ebenso halbgaren wie überladenen Nebenplots aufwartet und dank der Videoclips im Zehn-Minuten-Takt kaum einen harmonischen Erzählrhythmus aufbauen kann. In zwei kurzen, unbefriedigend aufgelösten Szenen wird etabliert, dass Ebo, seines Zeichens ghanaischer Immigrant und Boxlehrer mit komplizierter Familiengeschichte, an einer tödlichen Krankheit leidet. Anderswo versucht einer seiner Schüler, der schüchterne Felix (Beto Calvillo), gegen die erdrückenden Erwartungen seines Vaters (Luoyong Wong) zu rebellieren. Das Ziel war wohl, die geradezu mystisch entrückte Music als ruhendes Zentrum eines märchenhaft-urbanen Ensemblestücks zu inszenieren; doch Sia und Clayton stellen sich in ihren Charakterisierungen derart ungeschickt an, dass das Ganze eher einer peinlichen Klischee-Parade gleichkommt.
«Konzeptionell, thematisch und erzählerisch inkohärent bis beleidigend, dazu visuell knallig bunt, aber ohne sichtbare Vision – viel schlechter hätte Sia mit ihrem Regiedebüt wohl nicht abschneiden können.»
Konzeptionell, thematisch und erzählerisch inkohärent bis beleidigend, dazu visuell knallig bunt, aber ohne sichtbare Vision – viel schlechter hätte Sia mit ihrem Regiedebüt wohl nicht abschneiden können. Vielleicht hätten die Musicaleinlagen, in denen sich Ziegler hier die Seele aus dem Leib tanzt, auch einfach ein Visual-Album bleiben können, ganz ohne zusammengeschusterten Plot und verqueren Autismus-Mummenschanz. Es hätte sowohl dem Publikum als auch Sia selbst viel Ärger erspart.
Über «Music» wird auch in Folge 20 des Maximum Cinema Filmpodcasts diskutiert.
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Filmfakten: «Music» / Regie: Sia / Mit: Kate Hudson, Maddie Ziegler, Leslie Odom Jr., Mary Kay Place, Héctor Elizondo, Ben Schwartz, Brandon Soo Hoo, Beto Calvillo
Bild- und Trailerquelle: (c) 2020 Alamode Film / Ascot Elite Schweiz
Einfach nur nein. «Music» ist ein von vorne bis hinten fehlgeleitetes Projekt, das neben seiner taktlosen Darstellung von Autismus obendrein auch stümperhaft erzählt und einfallslos inszeniert ist.