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aus: Informationsblatt Nr. 1, Februar 1968
Wer den Versammlungsraum der Christlichen Wissenschaft betritt und einem Gottesdienst beiwohnt, dem fällt sofort zweierlei auf: Im kirchenähnlichen Versammlungsraum stehen nicht nur eine, sondern zwei Kanzeln. Von diesen Kanzeln wird kein einziges Wort einer selbst ausgearbeiteten Predigt vorgetragen. Die Christliche Wissenschaft kennt nur Lesegottesdienste. Die Wahl der Themen und der zugrunde liegenden oder dazu passenden Stellen aus der Heiligen Schrift steht ledoch nicht den Lesern zu. The Christian Science Publishing Society, die offizielle Stelle für Veröffentlichungen der Christlichen Wissenschaft in Boston/USA, hat im "Vierteljahrsheft der Christlichen Wissenschaft" (79. Jahrgang 1968) die Lektionen für die Versammlungen in allen Ländern bereits festgelegt. So liest dann die Lektorin (oder der Lektor) auf der einen Kanzel zwei, drei kurze Worte aus der Bibel und die Leserin auf der andern Kanzel die im "Vierteljahrsheft" ebenfalls erwähnten Abschnitte aus "Wissenschaft und Gesundheit", dem Buch der Gründerin Mrs. Mary Baker Eddy (1821-1910).
Der Gottesdienst umfasst im einzelnen folgende Teile: Zum Eingang singt die Gemeinde, begleitet von der Orgel, aus dem "Liederbuch der Christlichen Wissenschaft". Nach der Verlesung eines Bibelabschnittes und einer Stille betet die Gemeinde das Unser Vater. Die Anwesenden sprechen Zeile um Zeile gemeinsam. Zu jeder Zeile aber fügt die Leserin (oder der Leser) die "geistige Bedeutung" hinzu: (Alle:) "Unser Vater, der Du bist im Himmel - (Leserin:) Unser Vater-Mutter-Gott, allharmonisch. Geheiligt werde Dein Name - Einzig Anbetungswürdiger. Dein Reich komme - Dein Reich ist gekommen; Du bist immergegenwärtig. Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden - Befähige uns zu wissen, dass Gott - wie im Himmel, also auch Erden - allmächtig, allerhaben ist. Unser täglich Brot gib uns heute - Gib uns Gnade für heute; speise die darbende Liebe. Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern - Und Liebe spiegelt sich in Liebe wider. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Uebel - Und Gott führt uns nicht in Versuchung, sondern erlöst uns von Sünde, Krankheit und Tod. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit - Denn Gott ist unendlich, alle Kraft, alles Leben, alle Wahrheit, alle Liebe, über allem und Alles." (Vgl. Wissenschaft und Gesundheit S.16-17.)
Nach einigen Mitteilungen, die weitgehend den Angaben vorn im "Vierteljahrsheft" entsprechen, nimmt die oben beschriebene "Lektionspredigt" ihren Anfang. Sie dauert gegen 30 Minuten. Während des anschliessenden Orgelspiels wird die Kollekte eingesammelt. Nach einem gemeinsam gesungenen Lied hören die Gottesdienstbesucher abschliessend die Verlesung der Christlich wissenschaftlichen Erklärung des Seins.
Als Aussenstehender fragt man sich, was dieser Gottesdienst den Gliedern der Christlichen Wissenschaft wohl bietet? Wer an Gottesdienste mit lebendiger Predigt gewohnt ist, die das Bibelwort ernst nimmt, aber seinen Gehalt immer auch für die Lage des heutigen Menschen bedenkt, der kann sich des Eindrucks einer bestimmten Starrheit nicht erwehren. Das "Vierteljahrsheft der Christlichen Wissenschaft" meint dazu allerdings: "Die kanonischen Schriften bilden in Verbindung mit dem Worte unseres Lehrbuchs eine von der Wahrheit ungetrennte Predigt, die durch keine menschlichen Hypothesen verfälscht oder beschränkt wird und göttlich autorisiert ist. Unser Lehrbuch bestätigt und erklärt die Bibelstellen in ihrer geistigen Bedeutung und Ihrer Anwendbarkeit auf alle Zeiten - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". So unproblematisch sind jedoch die "Lektionspredigten" der Christlichen Wissenschaft nicht. Ist die Verlesung "heiliger" Texte bereits Gewähr für das Wirken des Heiligen Geistes? Wird da nicht die Gefahr, dass nur Buchstabe geboten wird, übergross?
Der Besucher fragt sich während der "Lektionspredigt" noch ein zweites: Können die Zuhörer den reichen Gehalt der verlesenen Bibelworte im raschen Weiterhören überhaupt erfassen? Oder kommt es zur grossen Hauptsache einfach immer wieder darauf an, mittels der beigefügten Abschnitte aus "Wissenschaft und Gesundheit" "die geistige Bedeutung" zu erfassen? Dann wäre der regelmässige Zuhörer nicht überfordert. Er vernähme dann doch immer wieder die gleichen Grundzüge des Denkens der Christlichen Wissenschaft. Der Gottesdienstbesucher würde dabei nicht so sehr zur Busse, zur freudigen Annahme der Vergebung und unter Gottes Herrschaft gerufen, sondern er würde dann neu in den Ansichten der Christlichen Wissenschaft über Gott und Sein gestärkt.
Die beiden Möglichkeiten liegen weit auseinander! Sie müssen einander allerdings nicht unbedingt im Sinne eines absoluten Entweder-Oder entgegenstehen. Deutliche Anhaltspunkte im Gottesdienst der Christlichen Wissenschaft lassen jedoch erkennen, dass die immer tiefere Befestigung in den Grundanschauungen im Vordergrund steht. So wird, wie wir oben wörtlich angeführt haben, das Gebet des Herrn durch die Zeile um Zeile dazu gesprochene "geistige Bedeutung" den Grundanschauungen der Christlichen Wissenschaft eingepasst. Am Schluss des Gottesdienstes wird, sozusagen wie ein Bekenntnis, die "Christlich wissenschaftliche Erklärung des Seins" verlesen und stehend mitangehört. Danach ist Gott Gemüt, "und Gott ist unendlich; folglich ist alles Gemüt" (Wissenschaft und Gesundheit S. 492). Gott als Gemüt, Geist kann kein Gegenteil haben; Materie, Krankheit und Uebel bestehen also im Grunde genommen nicht.
Die besondere Art und das Ziel des Gottesdienstes der Christlichen Wissenschaft kommen schliesslich auch im "Liederbuch der Christlichen Wissenschaft" zum Ausdruck. Es enthält 429 Lieder mit deutschem und englischem Text. Nur ganz vereinzelte dieser Lieder entstammen dem Liederschatz unserer Kirchen. Die Texte sind umgewandelt worden. Zum Beispiel: "Ein feste Burg ist unser Gott, Ihm wollen wir vertrauen. Er hilft uns frei aus aller Not, wenn auf Sein Wort wir bauen. Ob auch der böse Feind, mit Schmerz und Leiden droht, Gott ist der starke Fels. Wir fürchten keine Not; SeIn Reich ist hier und ewig."
Oswald Eggenberger, 1968
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