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Es war immer mein Ziel, meine tiefsten Empfindungen so genau wie möglich in meiner Malerei wiederzugeben», sagte Edward Hopper (1882 -1967) einst. Wie er diese Empfindungen im Lauf von mehr als 60 Jahren offenlegte, zeigen die 160 Zeichnungen, Grafiken, Aquarelle und Gemälde in der Fondation de L’Hermitage in Lausanne auf beeindruckende Weise.
Chronologisch und thematisch geordnet, werden Hoppers Selbstbildnisse, Buchillustrationen, seine Reisen nach Paris, seine grafischen Arbeiten und die Entwicklung seiner Malerei für den Betrachter zu einer eigentlichen Entdeckungsreise. Hoppers Äusserliches und sein solider Lebenswandel lassen kaum vermuten, was hinter dieser konservativ-bürgerlichen Fassade vorging. Auch Hoppers Biografie ist eher unspektakulär: Geboren in der Kleinstadt Nyack, 40 Kilometer nördlich von New York, absolvierte er von 1900 bis 1906 zunächst eine klassische Ausbildung an der New York School of Art, um danach zweimal durch Europa zu reisen. 1913 mietet er in New York ein Atelier, wo er den Rest seines Lebens arbeitete und sein Brot als Buchillustrator verdiente. Erst 1923 begann seine Karriere als Maler.
Paris als Offenbarung
Anders als z. B. Paul Klee, der dafür nach Marokko reisen musste, fand Edward Hopper in Paris zur Farbe und zum Licht. Dort fertigte er viele Aquarelle von Passanten an und entdeckte u. a. das Werk von Degas. Paris brachte ihm die grosse Offenbarung, und obwohl er nie mehr dorthin zurückkehrte, hegte er sein Leben lang eine grosse Liebe zu Frankreich und seiner Hauptstadt. Seine Bilder «Le Bistro» (1909) und «Soir Bleu» (1914), eine Szene in einem Pariser Strassencafé, wurden beide erst nach der Rückkehr in die Staaten gemalt. Beide Bilder sind von einer avantgardistischen Leichtigkeit und Leere, die den Amerikanischen Realismus bereits erahnen lassen.
Rund zehn Jahre dauerte es, bis Hopper sich von der klassischen Malerei gelöst hatte. Aber im Gegensatz zu seinen amerikanischen Malerkollegen führte sein Weg nicht in die Abstraktion, sondern zu einer eigenen, sehr individuellen Malweise. Der Erfolg und die Anerkennung kamen erst Ende der 20er-Jahre. Im einzigen Selbstporträt des Malers als erwachsener Mann mit Hut (1925 -1930) ist auf seinem Gesicht so etwas wie Erstaunen zu lesen, als zweifle er immer noch an diesem Erfolg. 1930 wurde jedoch erstmals ein Gemälde von Hopper, «House by the Railroad» (1925), vom berühmten Sammler Stephen C. Clark dem Museum of Modern Art geschenkt und in die permanente Sammlung des Hauses aufgenommen. Im gleichen Jahr kaufte das Whitney Museum für 3000 Dollar Hoppers «Early Sunday Morning» (1930). Hoppers Ölbilder sind die Frucht minutiöser Vorarbeiten. Während seine Zeichnungen noch die Realität wiedergeben, drücken Hoppers darauf basierende Gemälde seine «innere Wahrnehmung» aus. Die menschenleeren Industrielandschaften wie «Blackwell’s Island» (1928) oder «Apartment Houses, East River» (1930) und seine weiten Landschaften mit ihren Bauernhäusern und Scheunen sind grandiose Beispiele dieses «Weglassens». Da werden ganze Häuserzeilen umgruppiert, Bahnhöfe von Menschen und Gegenständen «entrümpelt» und alles Gerät, das sich um amerikanische Scheunen und Bauernhöfe herum ansammelt, vom Maler entfernt.
Vor allem sind es jedoch die Skizzen zu seinen Grossstadtszenen und den Interieurs mit ihren melancholischen und einsamen Menschen, die Hoppers Verfremdung der Realitäten am trefflichsten illustrieren. Das Gesicht seines Modells Jo Hopper wird in «Girlie Show (Strip-tease)» (1941) zur vergrämten Visage einer Stripperin. Ein anderes Mal wird es neutralisiert, wie im Bild einer einsamen Frau, die in «Morning Sun» (1952) auf einem Bett vor dem Fenster sitzend das Licht mit ihrem Körper einfängt. Es ist eines der vielen Verdienste dieser intimen Ausstellung, dass die Zeichnungssequenzen, in Verbindung zu den Gemälden gesetzt, die Qualität von Hoppers Kunst erst recht sichtbar machen.
Hopper und der Film
Ganze Generationen von Filmemachern wie Alfred Hitchcock, Wim Wenders oder Jim Jarmusch liessen sich von Hoppers Werk beeinflussen. Während in Hoppers Bildern die Beziehungslosigkeit eine Tatsache ist, sind die Filmstills jedoch nur Momentaufnahmen. Sie führen die einsamen Protagonisten unweigerlich wieder in belebtere Räume.
Zuletzt haben die Gebrüder Coen in ihrem Film «A Serious Man» (2009) Hoppers Sehweise neues Leben eingehaucht. Die Filmsequenzen, die Farben, aber auch die Einsamkeit der Protagonisten vergegenwärtigen die 60er-Jahre. Auch Hopper interessierte sich in den 60er-Jahren für den Film, und sein letztes Bild, «Two Comedians» (1966), ist wie eine Vorahnung: Auf einer grossen, leeren Bühne, dem Publikum zugewandt, verabschieden sich zwei ältere Clowns. Ihre weissen Gesichter sind erkennbar als Edward Hopper und seine Frau Jo.