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Charlotte Chable will nicht aufgeben
Charlotte Chable kehrt nach 22 Monaten Absenz in den Weltcup zurück. Das durch Verletzungen mehrfach zurückgeworfene Talent kämpft um den Wiederanschluss und mit den Gedanken an die Vergangenheit.
Charlotte Chable sitzt im Hotel des Schweizer Teams in Beaver Creek. Die Waadtländerin gibt geduldig Auskunft. Sie hat Fragen über den Skisport hinaus zu beantworten, denn in jenen Tagen im Februar 2015 während den Weltmeisterschaften in Colorado ist sie der Öffentlichkeit kaum bekannt. Sie erzählt aus der Zeit, als sie neben dem Skifahren auch das Eiskunstlaufen wettkampfmässig betrieben hat. Sie spricht von ihrer Familie, von ihrem Vater und ihrer Mutter, die beide Skilehrer sind. Sie verweist darauf, mit Villars-sur-Ollon den gleichen Heimatort wie Jean-Daniel Dätwyler zu haben, der Olympia-Dritte 1968 in der Abfahrt.
Damals war Charlotte Chable für die Weltmeisterschaften selektioniert worden, ohne die Kriterien erfüllt zu haben. Sie hatte vom Jugend-Bonus profitiert. Für die Verantwortlichen von Swiss-Ski war das Aufgebot eine Investition in eine Fahrerin mit immensem Potenzial und grosser Zukunft. Die Talentierte rechtfertigte die Nomination mit Platz 15 im Slalom.
Charlotte Chable sitzt wieder im Hotel des Schweizer Teams. Nicht in Beaver Creek, sondern in Levi. Die Romande unternimmt am Samstag im finnischen 700-Seelen-Dorf, 170 Kilometer nördlich des Polarkreises, einen neuen Anlauf, um sich im Kreis der besten Slalom-Fahrerinnen zu etablieren.
Das Gespräch dreht sich primär um Verletzungen. Charlotte Chable kann einiges erzählen. Im Januar vergangenen Jahres hatte sie einen dritten Kreuzbandriss erlitten. Beim ersten Mal war das rechte Knie betroffen, danach das linke - und beim dritten Mal wieder das rechte. Dazwischen hatte sie ein Fussbruch ebenfalls zu einer längeren Pause gezwungen. In den vorletzten Winter war sie zudem wegen einer Kompressionsfraktur am linken Sprungbein mit Verzögerung gestartet.
Nach dem letzten Kreuzbandriss hatte Charlotte Chable Mühe, das Geschehene zu akzeptieren. Da waren nicht nur die körperlichen Schmerzen, die im Vergleich zur Zeit nach den ersten zwei Kreuzbandrissen stärker waren. Da blieben auch mentale Wunden. Das Verarbeiten des jüngsten Zwischenfalls wurde zur Kopfsache. "Es war schwierig", sagt die Westschweizerin. "Ich hatte Angst, mich wieder zu verletzen. Ich konnte nie befreit Skifahren." An den Wiedereinstieg in den Weltcup war im vergangenen Winter nicht zu denken. Charlotte Chable bestritt vornehmlich FIS- und ein paar Europacup-Rennen.
Der Pechvogel stellte sich Fragen - und fand zum Teil Antworten. Die vielen Ausfälle und die fehlende Konstanz beschäftigten und belasteten. "Ich wollte zuviel, war immer am Limit und teilweise darüber. Ich setzte mir zu hohe Ziele." Charlotte Chable versucht, das zu ändern. "Ich bin auf dem richtigen Weg. Doch es braucht Zeit."
Trotz aller Mühen und Probleme war der Rücktritt nie ein konkretes Thema. "Daran habe ich höchstens ganz kurz gedacht, dann aber schnell gemerkt, dass ich weiter Skifahrerin sein und mich mit den Besten messen will. Die Motivation war immer da", sagt die 24-Jährige weiter. Vielmehr habe im Raum gestanden, ob ihr Körper die grosse Belastung noch verkrafte. "Da waren vor allem Fragen in Bezug auf meine Gesundheit."
Seit den Schweizer Meisterschaften Anfang April in Meiringen stellt Charlotte Chable im psychischen Bereich Bewegung in die richtige Richtung fest. Die im Sommer begonnene Zusammenarbeit mit einem Mentalcoach zeigt langsam Wirkung. "Es gibt mittlerweile viele gute Tage, zwischendurch aber immer wieder solche, an denen nichts geht." Ausgelöst werden die Schwankungen durch die äusseren Bedingungen. "Bei Nebel etwa oder auf einer unruhigen Piste bin ich völlig blockiert. Da sinkt mein Selbstvertrauen auf null."
Gross genug war das Selbstvertrauen, um im Sommer zwischenzeitlich den eigenen Weg zu gehen. Im Gegensatz zu ihren Teamkolleginnen, die sich auf den heimischen Gletschern vorbereiteten, reiste Charlotte Chable nach Neuseeland und Australien. Den Abstecher im August ans andere Ende der Welt musste sie selber finanzieren - und fand dafür Leute in ihrem Umfeld, die für die Unkosten aufkamen. Sinn und Zweck war die Verbesserung der FIS-Punkte. Und so fuhr sie vorwiegend Rennen, 9 in 19 Tagen, und trainierte entsprechend wenig. Die Konzentration auf Wettkämpfe lohnte sich. Charlotte Chable drückte ihren Wert in der FIS-Punkte-Wertung in erhofftem Umfang.
Die Reise nach Neuseeland und Australien hat nicht nur wegen den guten Ergebnissen gut getan. "Es war eine Superzeit", schwärmt Charlotte Chable. "Jetzt kann der Winter kommen." Es ist ein Winter der doppelten Hoffnung.