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Anlagepolitik Juli 2022
Rückblick
Die Finanzmärkte werden dieses Jahr von verschiedenen Entwicklungen dominiert, man könnte auch sagen durchgeschüttelt, die in dieser Form vor kurzem unvorstellbar waren. Zum einen tobt der von Russland entfachte Krieg in der Ukraine mit unvermittelter Heftigkeit, zum anderen haben die Zentralbanken alle «Hände» voll zu tun, um die deutlich stärker als erwartete Inflation zu bändigen. Dann regt sich immer wieder die Covid-Pandemie, wie um zu zeigen, dass das Virus doch noch auf den Winter hin unangenehme Weiterungen zeitigen könnte. Zu guter Letzt sind die Zentralbanken mit ihrem drastischen Kurswechsel auf schmalem Grat unterwegs, um einerseits die Zinsen zu erhöhen und andererseits den erwarteten Wirtschaftsabschwung unter Kontrolle zu halten.
Nachdem die globalen Aktienmärkte im ersten Quartal bereits deutliche Kursabschläge verdauen mussten, verschärfte sich der Verkaufsdruck im zweiten Quartal. Die ungünstige Gemengelage verursachte einen regelrechten Kursrutsch im Laufe des Quartals, insbesondere im Juni fanden die Kurse vorübergehend keinen Boden. Je nach Markt sind die bisherigen Kursverluste deshalb von teilweise historischer Dimension. Seit Jahrzehnten hatten die grösseren Märkte keine vergleichbaren Baissen gesehen.
Der Weltaktienindex MSCI verlor im ersten Halbjahr -21.2% (im Q/2 -15.7%), der amerikanische S&P500 -20.6% (-15.6%), der Technologie-Index Nasdaq Composite kassierte einen besonders herben Rückschritt mit -29.5% (-20.4%). Die europäischen Börsen fielen in ähnlicher Weise zurück, der deutsche DAX büsste -19.5% (-10%) ein, der breit gefasste Eurostoxx 600 -16.5% (-13%). Die Schweizer Börse wurde in fast ähnlich tiefe Regionen gedrückt mit -15.9% (SPI) (-10.4%). Dagegen zeigte sich in Asien ein differenziertes Bild, mit bedeutend weniger starken Einbussen, der chinesische Markt erholte sich im Quartal (Shanghai SZSE) auf -7.0% (nach -10% in Q/1), Hongkong hielt das Niveau mit -6.6% (nach -6.8% in Q/1), dagegen verschlechterte sich Japan auf -9.9% (nach -3.9% in Q/1).
Die Analyse der Marktentwicklung der Sektoren ergibt eine sehr klare Ausgangslage. Trotz der kürzlichen Preiseinbussen führt als einzige Branche diejenige der Öl- und Gasproduzenten die Rangliste mit grossem Abstand im positiven Bereich an. Alle anderen Branchen sind meist tiefrot, am meisten Verluste haben die Technologietitel (mit bis zu -29%) sowie die Titel des zyklischen Konsums (-28%) angehäuft. Die Versorger haben relativ kleine Verluste (bei -4%) eingefahren, dagegen die Kommunikationsbranche rund -22%. Alle anderen Branchen bewegen sich dazwischen.
Die Entwicklung der Inflationszahlen hat mancherorts zu Schrecksekunden geführt. Jahrelang wurde die Inflation als zu vernachlässigende Grösse geführt, überraschte dann aber mit dem starken Anstieg, meist durch gestiegene Rohstoffpreise ausgelöst. Die nachfolgenden Zinserhöhungen durch die Zentralbanken wurden meist als zu gering eingestuft. Die 10-jährige US-Staatsanleihe stieg auf das Renditeniveau von 2.9% (Jahresende 1,5%), die deutschen und schweizerischen Regierungsobligationen blieben zunächst bei den soeben erst erreichten positiven Verfallrenditen, um sie im zweiten Quartal nochmals deutlich auszudehnen, auf 1.2% bzw. 1.0%.
Zinsbedingt stellten sich wieder deutliche Währungsbewegungen ein, mit dem Resultat, dass der US-Dollar zum Euro und zum Schweizer Franken erstarkte. Jedoch gewann auch der Franken zum Euro und erreichte wieder die Parität. Die Goldpreisentwicklung entsprach diesmal nicht der erhöhten geopolitischen Unsicherheit und Inflationserwartung, sondern der Preis gab leicht nach bei -1%. Der Ölpreis sprang deutlich und beendete das Quartal bei um über +35%, nachdem er zwischendurch bereits höher gestanden war.
Standortbestimmung
Für den Anleger, genauso wie für viele Marktteilnehmer, sind die bis jetzt eingetretenen Verluste nach den Jahren der doch guten Börsenverläufe sehr ungewohnt. Die Erkenntnisse scheinen zuzunehmen, dass man sich an neue Zeiten gewöhnen müsse. Die globalen Kapitalmärkte könnten sehr wohl am Beginn einer neuen Phase stehen. Während die vergangenen 40 Jahre von der Globalisierung mit recht guten Erträgen geprägt waren, ist jetzt von einer Art Strukturbruch ausgehen, die viel weniger positive Rahmenbedingungen zulasse. Es dürfte eher eine verstärkte De-Globalisierung und Fragmentierung der Produkt- und Rohwarenmärkte entstehen. Damit einhergehende Ineffizienzen sind inflationsfördernd, was wiederum die Zentralbanken verstärkt zu Zinsmaβnahmen einladen wird, zusätzlich zu den bereits umgesetzten Erhöhungen. Der Markt neigt zu Übertreibungen, so dass weitere schlechte Nachrichten bald zur Genüge bzw. zum Überdruss eingepreist sein werden. In diesem Umfeld neigen wir auch dazu, an dividendenstarken Titeln festzuhalten und in Bewertungskorrekturen bestehende Positionen aufzustocken. In der aktuellen Lage braucht es Mut zu einer klaren Haltung, jedoch hat sich auch in der jüngsten Vergangenheit gezeigt, dass eine gewisse Zurückhaltung gegenüber allzu risikoorientierten Anlageklassen (Bitcoin, High Yield etc.) angebracht war.
Ausblick
Für die weitere Entwicklung der Finanzmärkte beurteilen wir die verschiedenen Chancen und Risiken in folgender Weise:
Chancen:
- Es ist bereits eine starke Bekämpfung der Inflation durch die Zentralbanken eingepreist. Damit bieten sich Einstiegschancen bei Firmen mit tieferer Bewertung.
- Die hohe Bewertung der Aktien hat sich mittlerweile weiter verbessert. Gute Firmen bleiben attraktiv.
- Eine unerwartete Entspannung der politischen und wirtschaftlichen Risiken ist nicht auszuschliessen.
Risiken:
- Eine Verschlimmerung der geopolitischen Lage ist wohl eine tatsächliche Gefahr für das bisher wohlgeordnete Wirtschaftsleben des Westens. Weitere Beschränkungen der Energieversorgung kämen zu einer ungünstigen Zeit.
- Schwächere Gewinnentwicklungen der Unternehmen führen zu noch stärkeren Bewertungsanpassungen an den Aktienmärkten.
- Die seitens der US-Notenbank formulierte, vordringlichste Aufgabe der Inflationsbekämpfung lässt weitere Zinserhöhungen als sehr realistisch erscheinen, die jedoch Rezessionsgefahren auslösen. Auch die Schweizer Nationalbank hat sich zu einem klaren Schritt entschlossen. Übertreibungen sind nicht auszuschliessen
Anlagepolitische Konklusionen:
- Wir empfehlen, an aktuellen Engagements grundsätzlich festzuhalten. Zukäufe sind bei dividendenstarken Titeln zu erwägen. Von Aktienübergewichtungen sehen wir ab.
- Qualitätsaktien von Unternehmen mit hoher Preissetzungskraft und gesunden Bilanzen sowie eine vernünftige Diversifikation bilden die Basis unserer Portfolios. Dividendenstarke Titel sind bevorzugt.
- Festverzinsliche Anlagen bleiben angesichts der unverändert tiefen nominellen Renditen und des steigenden Zinstrends weiter deutlich untergewichtet. Liquidität behält ihre herausragende Stellung.
- Goldanlagen haben ihre «Absicherungsfunktion» grundsätzlich unter Beweis gestellt, der Vergleich mit leicht höheren kurzfristigen Zinsen lockt. Der Ölpreis bleibt volatil, dies ändert nichts an der Tatsache, dass ein substantieller Nachfrageüberhang besteht. Der Energie- und Rohstoffmarkt ist aus dem Gleichgewicht geraten. Wir empfehlen dabei, an den Engagements der grossen Unternehmen festzuhalten.