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Es ist nun das zweite Mal innerhalb von 8 Tagen, dass nach der Kolumbianerin Shakira eine Latino-Sängerin, die mit Hip-Hop-Musik beachtliche kommerzielle Erfolge erzielt hat, in der Schweiz ein Konzert gibt und das Nelly Furtado-Konzert in der für solch' einen Anlass viel zu kleinen Eishalle in Winterthur war seit Wochen ausverkauft. Für mich stellte sich ohnehin die Frage, wie diese eher verspielte, etwas eigensinnige folkloristische portugiesische Sängerin, die mit dieser Musik immerhin einige Top-10-Erfolge zu erzielen vermochte und deren zweites Album auch passend "Folklore" hiess, eine Sängerin, die ihre Lieder noch selber schreibt, den neuen Stil ihres neuen Albums, der in den USA ("Promiscious" und "Say it again"), in England ("Maneater") sowie in Deutschland und in der Schweiz ("All good things") alle vier bisher veröffentlichten Singles auf Platz 1 brachte, in einem Konzert integrieren wird, ob sie sich ausschliesslich auf die Lieder ihres neuen Albums konzentrieren würde oder womöglich verhiphoppte Versionen ihrer alten Lieder darbieten würde.
Nach 1 1/4 Stunden und zwei Vorgruppen schliesslich kam sie auf die Bühne, in einer Art schwarzen Harlekin-Kleid, mit dem sie bei den Musikstars vermutlich unabhängig ihrer musikalischen Darbietung ihre Abwahl riskiert hätte und das ihre Hüften und Oberschenkel unnatürlich stark und unvorteilhaft betont hat. Da wurde gar nicht lange gefackelt und sie fing mit ihrer aktuellen Nr.1-Single aus den USA, "Say it right", an. Ein bisschen quäkt sie wie Daniel Küblböck, aber das gehört ja zu ihrem Image und die Fans und auch ich wollen das ja so hören. Das Lied war ja ganz nett performt, als zweites folgte gleich ein weiterer Hit, dieses Mal vom ersten Album, "Turn off the light", das das Publikum schon weit mehr vom Hocker riss und so richtig Stimmung in die Halle brachte. Schön, dass sich Frau Furtado beim Publikum nach jedem Lied auf deutsch bedankte, einmal liess sie sich sogar zu einem "Hopp Schwiiz" hinreissen; ansonsten führte sie durch die Show auf erstaunlich gut ausgesprochenem Englisch; einmal hat sie sich sogar auf portugiesisch bedankt. Obwohl sie dabei etwas unbeholfen wirkte, konnte sie einen Charme vermitteln, auf den man bei Shakira vor Wochenfrist vergeblich gewartet hatte, dafür hat Shakira weit professioneller performt als Nelly Furtado, die mit dem dritten Lied "Powerless" vom Folklore-Album nochmals einen draufzusetzen vermochte. Welch' Startfurioso - drei Lieder, drei Hits! Andere Künstler könnten sich daran ein Beispiel nehmen. Als nächstes Lied kam nun ein nicht als Single ausgekoppeltes Lied "Do it" vom neuen Album, gefolgt von "Showtime" mit einer guten Performance und einem offenbar in Insiderkreisen bekannten, von Gnarls Barkley gecoverten Lied "Crazy", welches sehr gut beim Publikum ankam; immer wieder hielt Nelly Furtado das Mikrophon ins Publikum, das dann begeistert "Crazy" mitsang. Das Lied hat mich irgendwie an das Britney Spears'-Lied "Crazy" in der Albumversion (sicher nicht Singleversion) erinnert. Das Publikum wurde gleich zum nächsten Highlight geführt - eines der beiden Lieder vom neuen Album, das im alten Stil gehalten ist: "In God's hands" - wunderschön performiert, kam auch super an. Nelly Furtado war nicht so professionell wie Shakira ins Konzert gestartet, obgleich sie hochkarätige Songs vorgetragen hat, hatte längst aber das Publikum in ihrer etwas hausbackenen und auch zurückhaltenden Art im Griff; das neue Kleid war unvorteilhaft wie das alte, doch statt in Schwarz nun in grellem dunkelrosa. Ihre Show bestand eigentlich darin, dass sie manchmal mit ihren Füssen hin- und herwippte oder vorne auf der Bühne von rechts nach links und wieder zurücklief; dazu hatte sie zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer; die beiden Tänzerinnen waren fast magersüchtig und zeigten viel Bein, die beiden Tänzer konnten wirklich was, das hat Spass gemacht, denen zuzuschauen, auch wenn es eigentlich wenig Bezug zwischen der Show und der Musik gab und man fast den Eindruck haben musste, dass so zwei Tänzer und Tänzerinnen nach US-Vorbild in die Show integriert werden müssen, notfalls halt "irgendwie". Nun ging es weiter mit einer Vokalversion von "Try", einem persönlichen Nr.1-Lied von mir; wirklich schön vorgetragen und in der letzten Strophe dann noch mit voller instrumenteller Unterstützung, auch das ist sehr schön gelungen. Es folgte das Lied "Hey Man" vom ersten Album und dann hat sich Nelly Furtado ausdrücklich und persönlich dafür bedankt, dass das nächste Lied sich in der Schweiz so gut verkauft hat: "All good things", seit 10 Wochen auf Platz 1 der Schweizer Hitparade und auch ein persönlicher Nr.1-Hit von mir. Auch dieses Lied vom neuen Album hat sie ja wie "In God's hands" im alten Stil gehalten. Hier konnte Nelly Furtado nichts falsch machen - es ist ein Heimvorteil, wenn man das Lied, das im Land des Auftrittes aktuell auf Platz 1 der Hitparade liegt, aufführt; natürlich war das Publikum völlig aus dem Häuschen, ich auch. Nochmals zog sich Nelly Furtado um und kam mit einer enganliegenden weissen Hose wieder, wirklich sehr sexy und voll im Image der neuen Nelly Furtado; mit dem von Timbaland geschriebenen Lied "Give it to me" zog sie eine professionelle Show ab, voll überzeugend, obgleich mir das Lied selber nicht sonderlich gefiel, mit einem Hüftschwing, mit dem Nelly Furtado auch eine Shakira nicht zu fürchten braucht. Es folgte eine Hip Hop-Version vom grossen Hit ihres ersten Albums "I'm like a bird"; gewöhnungsbedürftig, aber warum eigentlich nicht? Sie hat solche Experimente nicht öfters gemacht, und einmal passte so was wirklich sehr gut in die Show. Mit "Glow" führte sie erneut ein Lied vom neuen Album auf, ehe nun zahlreiche Fussbälle zum Einsatz kamen. Irgendwie komisch, Nelly Furtado im neuen Stil mit sexy enganliegender weisser Hose - eigentlich schön, dass sie im Gegensatz zu manchen heruntergehungerten Künstlerinnen noch etwas - und auch keineswegs zuviel - Fleisch auf den Oberschenkeln haben darf, mit diesem teils englischen teils portugiesischen Lied "Forca" von der letzten Fussball-Europameisterschaft; die Bühnenshow war ein fröhliches Herumgekicke und eigentlich nicht weiter erwähnenswert, aber das Lied kam trotzdem auch ohne Hip-Hop sehr gut an; schön für mich, dass ein dritter persönlicher Nr.1-Hit von mir live aufgeführt wurde. Sympatisch, wie Nelly Furtado am Ende des Liedes einen Fussball ins Publikum warf, aber gar nicht mit Kraft, sondern gleich in die erste oder zweite Reihe. Doch dann wurde es wieder voll professionell und sie führte ihren US-Mega-Hit "Promiscious" auf, obgleich mir dieses Lied nicht gefällt darf ich einräumen, dass ihr dazu wieder eine grossartige und hoch-professionelle Show gelungen ist. Nun war das Konzert auch schon fertig, es folgten dann noch zwei Zugaben; die erste, teilweise auf portugiesisch gesungen, war eigentlich nur als chaotisch zu bezeichnen und zum letzten Lied wurden dann die Boxen so laut aufgedreht, dass man wohl einen tieffliegenden Jumbo-Jet nicht mehr gehört hätte; leider konnte man aber ihren englischen Nr.1-Hit "Maneater" auch nicht hören. Dazu eine schwer einzuordnende Show auf der Bühne, immer wieder war noch das Wort "Maneater" zu hören, aber wirklich schade - in normaler Lautstärke wäre diese letzte Zugabe, dieser grosse kommerzielle Erfolg von ihr, weit besser herübergekommen; vermutlich glaubte sie oder ihr Konzertmanager, dem Publikum mit Lautstärke und tiefen Bässen zum Schluss beeindrucken zu müssen.
Als Fazit bleibt festzustellen, dass Shakira weit professioneller agiert als Nelly Furtado, die ihr folkloristisches Latino-Image während langer Zeit im Konzert weder durch die Kleiderwahl noch durch die Bühnenshow je zweier Tänzerinnen und Tänzer abzulegen vermochte, ehe sie im Schlussdrittel sowohl kleidungsmässig als auch bühnenmässig gewaltig aufdrehte und eine US-professionelle Show hinzulegen vermochte. Vermutlich war diese Gratwanderung bewusst gewählt, um ihren alten und ihren neuen Stil in ein Konzert integrieren zu können. Der eher unbeholfene Konzertteil hatte einen grossen Charme und eine persönliche Ausstrahlung, die mir ebenso wie die professionelle Performance im letzten Konzertdrittel sehr zugesagt hat; ihre Liedwahl war wirklich ausgezeichnet; anders als bei anderen Künstlern wählte sie nur kommerziell erfolgreiche alte Lieder kombiniert mit aktuellen Liedern; sie liess dabei das Publikum auch nicht auf erfolgreiche Lieder warten, sondern startete gleich mit drei Hits zu Beginn, so dass einem nie langweilig wurde; auch führte sie nie drei unbekannte Lieder in Folge auf. Sie ist der erste Künstler, den ich erlebt habe, der das macht und das verdient allergrösste Anerkennung, sehr sympatisch, wie sie sich in der Spache des Gastgeberlandes nach jedem Lied artig bedankt hat. Sie hat zwei Stilrichtungen miteinander kombiniert, sie hat professionelle Defizite durch ihre persönliche Note weitaus aufzuwiegen vermocht. Der - zweifelsohne gelungene - professionelle Teil war etwas zu US-kopiert. Es war insgesamt ein sehr gutes Konzert, das mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.
ralf43