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Die Ernährungssituation in vielen Ländern des globalen Südens ist katastrophal. Vor allem am Horn von Afrika sorgen drei hintereinander ausgefallene Regenzeiten, mehrere Heuschreckenplagen in den letzten drei Jahren und nun der Krieg in der Ukraine, der die Einfuhr von Getreide verunmöglicht, für eine sehr schwierige Situation. In Ost- und Westafrika sind über 30 Millionen Menschen von einer schweren Nahrungsmittelkrise bedroht. Caritas lanciert Nothilfeaktionen.
Die Zahl der Menschen, die weltweit als hungergefährdet einzustufen sind, ist in den vergangenen Monaten stetig gestiegen. In einem jüngst veröffentlichten Bericht warnen die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und das UN-Welternährungsprogramm (WFP), dass ohne Soforthilfe 49 Millionen Menschen in 46 Ländern von Hunger bedroht sind.
«Schon vor Ausbruch des Krieges in der Ukraine war die Situation mit rund 276 Millionen Menschen, die von einer ‹akuten Ernährungskrise› bedroht waren, schlimm», sagt Gian Carlo Cirri, stellvertretender Leiter des WFP-Büros in Genf, Ende Mai in einem Interview mit der Zeitung Le Temps. Das sind bereits über 100 Millionen mehr als noch in den Jahren davor. Schätzungen zufolge werden es bald sogar 323 Millionen sein. In einer solchen Situation haben die betroffenen Menschen nicht mehr genügend Nahrung, um überhaupt ihren Alltag bewältigen zu können, geschweige denn, um für sich selbst genügend Lebensmittel zu produzieren.
In den Projektländern der Caritas steigen die Preise
Der beispiellose Anstieg der Lebensmittelpreise aufgrund der anhaltenden Konflikte, der politischen Instabilität, der Covid-19-Pandemie und des Krieges in der Ukraine wird zu einem drastischen Anstieg der Zahl unterernährter Menschen führen. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Folgen aufgrund der steigenden Rohstoff- und Energiepreise, Transportverzögerungen und unterbrochene Lieferketten sowie die steigenden Preise für Düngemittel, bei deren Produktion Russland eine Schlüsselrolle spielt.
Caritas Schweiz ist in rund 20 Ländern in Subsahara-Afrika, Asien, Lateinamerika, der Karibik, Osteuropa und im Nahen Osten tätig. Eine Umfrage der Caritas in diesen Ländern zu den Folgen des Kriegs in der Ukraine hat ergeben, dass in mehr als der Hälfte der Länder die Treibstoffpreise um 10–20 Prozent stiegen, in anderen sogar um bis zu 50 Prozent. Dies betrifft gerade auch Länder, in denen die lokalen Marktsysteme sehr anfällig sind für Schwankungen der Treibstoffpreise, die wiederum die Grundnahrungsmittelpreise stark unter Druck bringen.
Die humanitäre Lage verschlechtert sich
In den meisten Ländern sind die Weizenpreise zwischen 20 und 100 Prozent gestiegen. Auch die Grundnahrungsmittel sind von enormen Preissteigerungen betroffen, insbesondere Getreide, Speiseöl, Zucker und Mehl. Der stärkste Anstieg wurde in Äthiopien, Brasilien, Kambodscha, Mali, Tadschikistan und Uganda beobachtet.
Das Beispiel Mali zeigt auf, warum die steigenden Lebensmittelpreise umgehend zu Existenznöten führen. In Mali lebt die Hälfte der Bevölkerung von weniger als 1.90 US-Dollar pro Tag, und die Lebensmittelausgaben der armutsbetroffenen Bevölkerung machen 80 Prozent des verfügbaren Einkommens aus. Die Lebensmittelpreise kannten in letzter Zeit nur eine Richtung: nach oben. So kosten zum Beispiel Mais, Sorgho und Hirse heute doppelt so viel wie noch vor einem Jahr. Und nach der Ernte steigen die Preise erfahrungsgemäss noch bis im September weiter an. Die Folge davon ist, dass die Menschen bei gleichem verfügbarem Einkommen nur halb so viel konsumieren können.
Ost- und Westafrika besonders stark betroffen
In Äthiopien, Burkina Faso und dem Südsudan wurde bezüglich Nahrungsmittelsicherheit die höchste Warnstufe ausgerufen. Vergangenes Jahr blieb die Regenzeit am Horn von Afrika zum dritten Mal in Folge aus, und auch das laufende Jahr bringt keine Erleichterung. Kein Regen heisst auch keine Ernte und kein Futter für die Tiere. Die noch spärlich bewachsenen Felder und Weiden fielen Heuschreckenschwärmen zum Opfer, und die Vorräte sind mittlerweile erschöpft. Man spricht von der schlimmsten Dürre seit 1981. Schätzungen zufolge werden in diesem Jahr in Ost- und Westafrika mehr als 30 Millionen Menschen an Hunger leiden, einer Million Frauen, Männern und Kindern droht der Hungertod. Im Süden und Südwesten Äthiopiens sind bereits über eine Million Nutztiere verendet.
Nothilfeaktionen
Caritas Schweiz hat in ihren Projektländern verschiedene Nothilfeaktionen lanciert. Im trockenen Süden und Südwesten Äthiopiens, wo die Nutztierhaltung eine der wenigen Möglichkeiten ist, um ein Einkommen zu erzielen, konzentrieren sich die Massnahmen vor allem auf die Viehbestände, die den Menschen Fleisch und Milch liefern. So verteilt man etwa zusätzliches Futter für das Nutzvieh, und geschwächte oder kranke Tiere werden gepflegt und geimpft. Die Menschen erhalten zudem finanzielle Unterstützung zur Deckung der dringendsten Bedürfnisse sowie dürreresistentes Saatgut zum Anbau von Mais, Sorghum und Zwiebeln. Darüber hinaus werden Kleinbauern in modernen und klimaangepassten Anbaumethoden geschult und sie lernen alles, was zu einer optimalen Tierfütterung gehört.
Caritas Schweiz ist auch in Zentral- und Südmali tätig. Die Nothilfeaktion rund um den Wegnia-See im Süden des Landes wird die Ernährungsunsicherheit infolge des schlechten Erntejahres 2021 und der steigenden Lebensmittelpreise lindern. Über einen direkt in den Dörfern eingerichteten Sozialfonds kann sichergestellt werden, dass auch tatsächlich die Familien Hilfe erhalten, die diese am dringendsten benötigen.
Infolge sich abwechselnder ausgedehnter Trockenperioden und Starkregenereignisse kommt es auch zu Bodenerosionen. Im Rahmen eines «Cash-for-Work»-Programms, in dem die Menschen vor Ort mitwirken und ebenfalls etwas verdienen können, versucht man, der Erosion entgegenzuwirken.
Im Landkreis Bandiagara in Zentralmali werden Hirse sowie Schalottensamen verteilt, mit dem Ziel, die Selbstversorgungswirtschaft wieder in Gang zu bringen. Weiter helfen wir in Burkina Faso gemeinsam mit unserer lokalen Partnerorganisation bei der Verteilung von Nahrungsmitteln an die am stärksten gefährdeten Menschen. In einem Appell forderte das Caritas-Netzwerk in Afrika die internationale Gemeinschaft auf, mehr Hilfe zu leisten. Der Tschad hat aufgrund fehlender Getreidelieferungen aus der Ukraine dieser Tage bereits den «Ernährungsnotstand» ausgerufen.
Geschrieben von Fabrice Boulé
Titelbild: Die schlimmste Dürre seit über 40 Jahren ist die Folge der Klimaerhitzung, welche die Ärmsten am meisten trifft. © Eduardo Soteras/Gettyimages