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Zwischen Pest und Cholera
„Wo waren Sie, als John F. Kennedy ermordet wurde?” ist eine Frage, die man Ihnen sicher auch schon gestellt hat. Eine andere bezieht sich auf Nine-Eleven. Und nun sollte eigentlich eine eine dritte dazukommen, wiederum eine, die sich um ein Ereignis in den Vereinigten Staaten von Amerika dreht: „Wo waren Sie, als sich die USA aus der World-Leadership-Rolle verabschiedete?“
Nein, so wird Sie das wohl niemand fragen, aber dieser Rückzug ist eine der vielen Konsequenzen, die der Rose-Garden-Auftritt des amerikanischen Präsidenten am Donnerstag, 1. Juni 2017, mit sich gebracht hat. Und er fand nach nur viereinhalbmonatigem Wirken des derzetiigen Amtsinhabers statt. Wobei sich hier die Frage stellt: Schon oder erst?
Nun kann man durchaus geteilter Meinung darüber sein, wie die Preisgabe der US-Führerschaft gewichtet werden soll. Häme über den Verlust einer angemassten Rolle wird sich bei manch einem einstellen. Dabei sollte man allerdings berücksichtigen, dass es kein Gegner war, der den USA diese Rolle streitig gemacht hat, keine ökonomische Krise oder militärische Niederlage, auch kein Zusammenbruch des Landes. Die ehemalige amerikanische Sicherheitsberaterin und UN-Botschafterin Susan E. Rice fasst das in einem schlichten Satz so zusammen: „America voluntarily gave up that leadership — because we quit the field.“ (New York Times, 2. Juni 2017)
Sicher wird sich beim Anschauen dieser ganzen erbärmlichen Inszenierung im historischen Rahmen des Rose Garden bei vielen TV-Zuschauern der Ruf nach einer Amtsenthebung intensiviert haben. Das wiederum ergäbe ein klassisches Dilemma oder eine Neuzeit-Bebilderung dessen, was man als Wahl zwischen Pest und Cholera, zwischen Skylla und Charybdis bezeichnet.
In der amerkanischen Nachfolgeregelung geht das höchste Amt im Falle eines Ausscheidens der Nummer eins an die Nummer zwei, den Vizepräsidenten. Der wäre in diesem Fall eine frömmelnde, erzkonservative Variante seines Vorgängers, mit teilweise noch radikaleren Verhaltensmustern, zum Beispiel in Bezug auf Famlienplanung, Schwangerschaftsabbruch oder Homosexualität.
Sollte diesem Landes„vater“ (er soll seine Ehefrau nicht beim Vornamen, sondern Mother rufen) etwas zustossen, geht das Amt an den Speaker of the House: Paul Ryan, 47, ist der Mann, der durch die „Elastizität seiner Überzeugungen“ im amerikanischen Wahlkampf von sich reden machte. (Journal 21, 22.7.2016). Er vermittelt häufig den Eindruck, als hoffe er, dass ihm jemand nach seinem Auftritt erklären würde, worum es dabei eigentlich gegangen war. Er hätte wohl keinen so leichten Start, wenn sich bereits Achtklässler ein Bild von ihm gemacht haben und daher kein Bild mit ihm wollen: Dutzende von Schülern sollen sich bei einer Klassenreise nach Washington DC geweigert haben, mit ihm fotografiert zu werden (Journal 21, 29.5.2017).
Vorsicht beim Wünschen ist also angebracht. Wie meinte doch Oscar Wilde: „When the gods wish to punish us, they answer our prayers.“