Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03123.jsonl.gz/536

Zwischen Ried- und Rütihof
Trudi Hintermann war lange Zeit Lehrerin in Höngg. Seit ihrer Jugend lebt sie im Quartier.
26. August 2020 — Anne-Christine Schindler
Als ich 15 Jahre alt war, zog ich mit meiner Familie aus Bern nach Zürich. Ich musste mich ziemlich umgewöhnen, als ich hierherkam. In Bern hatte ich eine Mädchenschule besucht, hier kam ich in eine gemischte Klasse, ins Lachenzelg. Natürlich «bernerte» ich, aber als ich deswegen in der Sek ausgelacht wurde, wechselte ich auf «Züridüütsch». Im Lachenzelg ging ich bei Herrn Graber zur Schule. Weil Bern und Zürich nicht dieselben Lehrpläne hatten, war ich in den Sprachen zwar weiter als meine Mitschüler*innen, hatte aber fast keine Geometrie gehabt. Herr Graber hat mir dann zwei, drei Mal die Woche morgens um sieben eine Stunde Nachhilfe gegeben, bevor die Schule losging. Er war ein richtig toller Lehrer, nie war ihm etwas zu viel. Nach einem halben Jahr im Lachenzelg riet er mir, Lehrerin zu werden. Eigentlich hatte ich Handarbeitslehrerin werden wollen, aber ich folgte seinem Rat und schrieb die Aufnahmeprüfung fürs Seminar. Ich bestand sie auch, aber weil ich überzählig war, besuchte ich ein Jahr lang die Diplomschule und wechselte dann an die «Töchti» – die Hohe Promenade – die damals noch Affenkasten genannt wurde.
Nach vier Jahren an der «Töchti» besuchte ich das Oberseminar. Wegen des Lehrermangels wurden Oberseminarist*innen sofort im Schuldienst eingesetzt. Ich unterrichtete drei Monate in Winterthur. So wurde ich ein bisschen ins kalte Wasser geworfen, aber es war schön und ich habe viel gelernt. Nur wenn ich im Sportunterricht beim Fussball Schiedsrichterin sein musste, war es manchmal ein bisschen schwierig. Ich hatte wenig Ahnung vom Spiel und war am Schluss immer froh, wenn es unentschieden ausging. Aber zum Glück hatte mich mein Vater als Jugendliche oft auf den Hönggerberg an Fussballspiele mitgenommen.
Später unterrichtete ich in Dübendorf. Eines Tages lernte ich auf dem Heimweg im Bus nach Höngg Thomas kennen. Wie ich unterrichtete auch er in Dübendorf und wohnte in Höngg. Dieses Jahr sind es 60 Jahre her, dass wir uns kennengelernt haben, und seit 57 Jahren sind wir verheiratet. Nach unserer Hochzeit unterrichteten wir beide im Schulhaus Riedhof – bis ich schwanger wurde. Wir bekamen eine Tochter und zwei Söhne und ich hörte auf, als Lehrerin zu arbeiten. Ausser wenn Thomas im Militär war, dann half ich immer aus.
Unsere Tochter und unser älterer Sohn kamen noch an der Giblenstrasse zur Welt, wo wir nach der Hochzeit hingezogen waren. Aber 1968 fanden wir durch einen glücklichen Zufall das Haus, in dem wir bis heute wohnen. Es ist in den 1920er-Jahren gebaut worden und als wir es kauften, war es noch im Urzustand. Aber wir begannen bald, es zu renovieren. Als die Kinder älter wurden, haben sie mitgeholfen. Über die Jahre haben wir alle vier Stockwerke ausgebaut.
Früher sind wir viel in unser Ferienhaus ins Tessin gefahren. Dort haben wir Freunde aus Deutschland kennengelernt, die wir immer gerne besucht haben. Mit ihnen sind wir dann in Norddeutschland herumgereist. Und jeden zweiten Sommer waren wir wandern, im Sertig bei Davos. Aber nicht im Hochgebirge – das habe ich nur als Mädchen manchmal gemacht, mit meinem Vater. Ich erinnere mich, wie ich auf diesen Bergtouren in den Ställen stets ein Glas Milch bekam.
Irgendwann haben wir dann Venedig entdeckt. Es ist so etwas wie ein Hobby geworden, so oft waren wir dort. Es hat uns einfach interessiert und wir haben alles selbst erkundet, die Kunstausstellungen, das Meer… Ich hatte im Lehrerseminar Italienisch gelernt, was mir natürlich zugutekam. Im Moment lese ich gerade Harry Potter auf Italienisch. Meine Enkelin Sophie hat es mir empfohlen. Wenn man keine Harry Potter-Bücher lese, sei man kein normaler Mensch, findet sie. Es ist schön, wie einen Enkelkinder immer wieder auf neue Ideen bringen.
1989 fing ich wieder zu unterrichten an. Eine befreundete Lehrerin im Riedhof wollte ein halbes Jahr Urlaub nehmen und ich bin für sie eingesprungen. War das ein schwerer Abschied nach diesem halben Jahr! Da wusste ich, dass ich wieder als Lehrerin arbeiten wollte, aber Vollzeit. Thomas und unser jüngster Sohn, der damals noch zu Hause wohnte, sagten mir zu, dass sie im Haushalt fleissig mithelfen würden. Das ist für uns Teamarbeit. 1990 trat ich meine Stelle an, damals im Pavillon an der Gehringstrasse. Als wir vier Jahre später ins Rütihof umzogen, fragte mich der Schulpräsident, ob ich den Hausvorstand übernehmen wolle. Ich sagte zu. Damals war das noch anders als heute. Bis im Jahr 2000 bin ich im Rütihof geblieben. Im letzten Klassenzug habe ich noch den neuesten Leselehrgang ausprobiert. Das war etwas kühn, weil es eine ganz neue Methode war. Aber eigentlich ist gar nicht so wichtig, welche Methode man anwendet, man muss einfach davon überzeugt sein. Ich habe sehr gerne unterrichtet, ich kann auch gar nicht sagen, welches der Fächer mein liebstes war. Aber 1998 kam unsere erste Enkelin zur Welt. Ich hatte sie jeden Mittwoch bei mir, aber ich wollte gerne mehr Zeit für sie haben. Als Thomas zwei Jahre später pensioniert wurde, hörte ich deswegen auch gleich auf. Meine erste Klasse übergab ich einer Kollegin, mit der ich bis heute befreundet bin. Mit ihr und mit ihrer Tochter, die als Kind bei mir zur Schule gegangen ist. Heute ist sie selbst Lehrerin hier in Höngg.
Höngg hat seinen Dorfcharakter behalten, obwohl sich viel verändert hat. Ich mache mir einen Spass daraus, auf der Strasse oft «Grüezi» zu sagen, auch wenn ich die Person nicht kenne. Ich fühle mich wohl hier. Und: Alle drei Kinder und ihre Familien wohnen im Kanton Zürich, nicht weit von uns. Das ist richtig schön.
In diesen monatlichen Beiträgen werden ganz normale Menschen aus Höngg porträtiert: Man braucht nicht der Lokalprominenz anzugehören und muss auch nicht irgendwelche herausragenden Leistungen vollbracht haben, nein, denn das Spezielle steckt oft im scheinbar Unscheinbaren, in Menschen «wie du und ich». So funktioniert’s: Die zuletzt porträtierte Person macht drei Vorschläge, an wen der Stab der Porträt-Stafette weitergereicht werden soll. Die Redaktion fragt die Personen der Reihe nach an und hofft auf deren Bereitschaft. Sollte die Stafette abreissen, sind wir froh, wenn auch Sie uns mögliche Kandidat*innen melden. Kontaktangaben bitte per Mail an <email-pii> oder Telefon 044 340 17 05.