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Im europäischen Luftraum ist heute in jedem Land ein anderes Flugsicherungsunternehmen tätig mit seinen jeweiligen Besonderheiten und Eigenheiten. Das Projekt Einheitlicher Europäischer Luftraum (Single European Sky, SES) der Europäischen Kommission will die Fragmentierung des Luftraums vermindern und das europäische Flugsicherungssystem harmonisieren mit dem Ziel, die Effizienz dieses Systems zu erhöhen. Die Internationalisierung der Luftfahrt ist somit auch im Bereich der Flugsicherung in vollem Gange. Skyguide und die Schweiz sind in einer guten Position, um mit den künftigen Entwicklungen auf dem Markt bestehen zu können.
Eine Voraussetzung für die Defragmentierung des europäischen Luftraums ist, dass der Flugbetrieb von den Flugsicherungen in grösseren, zusammenhängenden Lufträumen (Functional Airspace Blocks, FAB) abgewickelt werden kann. Deshalb müssen Lufträume nicht wie bisher aufgrund politischer Vorgaben, sondern nach den Bedürfnissen der Benutzer organisiert werden. Auch die strikte Trennung von zivilen und militärischen Lufträumen muss überwunden werden. Ein Diktat zur Bildung von Luftraumblöcken existiert nicht. Die Europäische Kommission hat entschieden, den Staaten selbst die Initiative zur Bildung von Zusammenschlüssen zu überlassen.
Kriterien der Europäischen Kommission für Flugsicherung
Um das Ziel eines einheitlichen europäischen Luftraums zu erreichen, hat die Europäische Kommission verschiedene Rahmenbedingungen gesetzt: – Die Flugsicherung wird durch eine Sicherheitsbeurteilung unterstützt; – sie ermöglicht die optimale Nutzung des Luftraums unter Berücksichtigung der Verkehrsflüsse; – sie erbringt einen allgemeinen Zusatznutzen, inklusive optimale Nutzung von Technik und Personal, auf der Basis einer Kosten-Nutzen-Analyse; – sie stellt einen flüssigen und flexiblen Transfer der Flugsicherungsverantwortung zwischen den einzelnen Service-Einheiten der Flugsicherungen sicher; – sie stellt die Kompatibilität der Konfigurationen zwischen oberem und unterem Luftraum sicher; – sie erfüllt die Anforderungen von regionalen Abkommen innerhalb von Icao; – sie respektiert regionale Abkommen, die am Tag der Einführung dieser Regulation in Kraft sind, speziell die von dritten involvierten europäischen Staaten. FAB werden erst nach einer Konsultation aller interessierten Parteien – inklusive anderer Mitgliedsstaaten und der Europäischen Kommission – errichtet. Das Einverständnis zwischen den betroffenen Mitgliedsstaaten ist zwingend für das Errichten und Betreiben eines FAB. Im Falle von Meinungsverschiedenheiten können die Parteien das Single Sky Comittee um Rat anfragen.
Zertifizierung von Flugsicherungsunternehmen
Eine wesentliche Neuerung ist die Einführung eines Bewilligungssystems für Flugsicherungen in Form einer Zertifizierung. Jede Flugsicherung, die im künftigen Single European Sky tätig sein möchte, muss über ein entsprechendes Zertifikat verfügen, das von der Aufsichtsbehörde ihres Landes vergeben wird. Die europäischen Instanzen haben Ende Dezember 2005 die Anforderungen an die Flugsicherungsunternehmen vereinheitlicht. Zugleich erstellte Skyguide zusammen mit dem Bazl einen Handlungsplan, der zur Zertifizierung führen sollte. Die Anforderungen an die Flugsicherungen umfassen verschiedene Kriterien wie z.B. Sicherheit, finanzielle Solidität, Organisation, mittelfristige Planung und Versicherungsschutz. Die Erfüllung dieser Kriterien ist Voraussetzung für eine Zertifizierung der Flugsicherungsunternehmen. Skyguide hat im Dezember 2006 vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) dieses Zertifikat erhalten. Dem vorausgegangen ist ein aufwendiger, mehrmonatiger Prozess, in dem – entsprechend den Anforderungen für das künftige Europa – vieles neu eingeführt und angepasst werden musste. Dieses Jahr werden die Arbeiten im Rahmen des SES fortgesetzt; zwölf Audits sind bereits geplant. Mit der Zertifizierung bestätigt das Bazl, dass die Grundlagen und Prozesse der Skyguide den europäischen Ansprüchen gerecht werden. In den kommenden Monaten geht es darum, diese Veränderungen zu schulen und aktiv zu fördern.
Internationale Zusammenarbeit wird immer wichtiger
Für die kommenden zehn Jahre wird zudem ein Verkehrswachstum in Europa von zwischen 3% und 5% jährlich prognostiziert. Die aktuellen Zahlen liegen denn auch in diesem Trend. Skyguide hat im vergangenen Jahr 1162078 Flüge nach Instrumentenflugregeln (IFR) kontrolliert. Das sind 2,6% mehr als im Vorjahr und entspricht wiederum einem Rekordhoch. Der Durchschnitt lag 2006 bei rund 3200 Flügen pro Tag. Den grössten Anteil an dieser neuerlichen Steigerung haben wiederum die Überflüge, die 2006 um 3,7% auf 729990 zugenommen haben. Gegenwärtig beträgt das Verkehrswachstum im Luftraum der Skyguide 2,9%, europaweit liegt es bei 4,1%. Mit den bestehenden Luftraumstrukturen wird das Verkehrsaufkommen in Zukunft kaum effizient zu bewältigen sein. Deshalb gewinnt die internationale Zusammenarbeit im Bereich der Flugsicherung für die Schweiz immer mehr an Bedeutung. Zusammenarbeit und Partnerschaften zwischen Flugsicherungen sind auch in den Bereichen Technik und Entwicklung von grosser Bedeutung. Nebst einer Harmonisierung der Luftraumstrukturen in Europa sollen auch die technischen Systeme harmonisiert werden. So hat Skyguide 2004 mit der italienischen und der französischen Flugsicherung einen Vertrag zur gemeinsamen Definition, Entwicklung und Anschaffung eines Flugdatenverarbeitungssystems unterzeichnet. Diese Systeme sind ein zentrales Element der Luftraumbewirtschaftung. Mit einer umfassenden Integration der Radardaten sollen den Flugverkehrsleitern zuverlässige, zeitige und vollständige Daten geliefert werden. Die Beschaffung und Einführung der neuen Radarsysteme «Mode-S» wurde in einem Gemeinschaftsprojekt mit der deutschen und holländischen Flugsicherung durchgeführt. Mit der österreichischen Flugsicherung wurde eine strategische Zusammenarbeit im Bereich der Flugvorbereitung eingegangen und gemeinsam die Einführung und der grenzüberschreitende Betrieb eines neuen elektronischen Selfbriefings für Pilotinnen und Piloten eingeführt. Solche Partnerschaften bringen nicht nur einen wertvollen Austausch und Gewinn an Know-how mit sich, sondern auch finanzielle und operationelle Synergien für alle Beteiligten.
Modellcharakter des Luftraums Schweiz
Die Schweiz hat bezüglich grenzüberschreitender Zusammenarbeit, wie sie der Single European Sky vorsieht, eine Art Modellcharakter. Denn der Luftraum, den die Skyguide bewirtschaftet (siehe Grafik 1), reicht über die Landesgrenzen hinaus nach Frankreich, Italien, Österreich und Deutschland. Umgekehrt wird ein Teil des Schweizer Luftraumes von der italienischen Flugsicherung kontrolliert. Der Flughafen EuroAirport Basel-Mulhouse wird von der französischen Flugsicherung betreut. So betrachtet ist der Luftraum der Skyguide bereits eine Art SES im Kleinen. Zudem ist die vom Bundesrat beschlossene Zusammenführung der militärischen und zivilen Flugsicherung nirgendwo in Europa so konsequent und weit geführt worden wie in der Schweiz. Beide Flugsicherungsaufgaben werden heute unter dem Dach der Skyguide erbracht. Die spezielle Lage der Schweiz im internationalen Luftstrassennetz macht den Schweizer Luftraum zu einem der dichtesten und komplexesten Europas. Die zahlreichen Interkontinentalflughäfen um die Schweiz herum verursachen einen aufwendigen Kreuzungsverkehr von Steig-, Sink- und Transitflügen in einem äusserst engen Luftraum. Der Schweizer Luftraum enthält nicht nur zwei der verkehrsreichsten Kreuzungspunkte in Europa, sondern auch grosse Sektoren, die zu bestimmten Zeiten der Militärfliegerei vorbehalten sind. Überdies liegen alle schweizerischen Landesflughäfen in Grenznähe beziehungsweise im Falle des EuroAirport sogar im Ausland. Mit Luftraumblöcken, die sich nicht mehr an politischen Grenzen, sondern an den Bedürfnissen der Luftfahrt orientieren, wird solchen Umständen wesentlich besser Rechnung getragen. Die Sicherheit kann erhöht und die Effizienz der Verkehrsabwicklung gesteigert werden. Gerade Letzteres dürfte im Zusammenhang mit Themen wie Fluglärm und der aktuellen Diskussion um die Klimaproblematik in Zukunft noch wichtiger werden. Der Single European Sky wurde von Skyguide seit seiner Frühphase tatkräftig unterstützt. Die Schweiz hat ein grosses Interesse an der Bildung eines Luftraumblocks mit einem oder mehreren Nachbarstaaten. Deshalb arbeitet sie eng mit den wichtigsten europäischen Gremien zusammen und gestaltet die neue Organisation der europäischen Flugsicherung mit vollem Engagement mit. Das SES-Programm nimmt denn auch eine zentrale Stellung in der Unternehmensstrategie von Skyguide ein. Der unter ihrer Verantwortung stehende Luftraum (mit 45% des Verkehrs im delegierten ausländischen Luftraum, gemessen an den kontrollierten Kilometern) entspricht bereits weit gehend – wenn auch im kleinen Massstab – dem Geist des einheitlichen europäischen Luftraums.
Internationalisierung der Monopolaufgabe Flugsicherung
Mit der Einführung des Bewilligungssystems bzw. des Zertifizierungsverfahrens können die Staaten als «Eigentümer» des Luftraums die Flugsicherungsdienste an ein Unternehmen ihrer Wahl vergeben. Dieses muss aber zwingend über das Single-European-Sky-Zertifikat verfügen. Damit ist Skyguide bis zu einem gewissen Grad auch im Wettbewerb mit anderen Flugsicherungen. Anders jedoch als beispielsweise im Telekommunikationsmarkt, wo sich der Kunde den Dienstleister aussuchen kann, kann innerhalb des Luftraumblockes nur ein Anbieter tätig sein, der von dem betreffenden Staat oder den Staaten designiert wird. Die Aufgabe der Flugsicherung bleibt damit weit gehend eine Monopolaufgabe. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung und der bereits bestehenden Zusammenarbeit mit den Nachbarländern hat die Skyguide früh Kontakte ins Ausland geknüpft – vorab mit Frankreich, um Möglichkeiten für Partnerschaften und damit einhergehenden Synergien zu erörtern. Im Juli 2006 haben Skyguide und die französische Flugsicherung DSNA (Direction des Services de la Navigation Aérienne) eine gemeinsame Machbarkeitsstudie für einen französisch-schweizerischen Luftraumblock abgeschlossen. Dieser würde von den beiden Unternehmen gemeinsam bewirtschaftet werden. Gemäss der Studie würde die Errichtung eines solchen FAB Kapazitäts- und Effizienzsteigerungen und mögliche Einsparungen für die zivilen und militärischen Nutzer erlauben. Die Studie wurde den Direktoren der französischen und schweizerischen Zivilluftfahrtbehörden und hochrangigen Vertretern der Luftwaffe der beiden Länder vorgestellt, was den entsprechenden institutionelle Prozess in Gang setzte. Der Bundesrat hat dann im September 2006 den Beschluss gefasst, dass die Schweiz mit Frankreich über einen gemeinsam betriebenen Luftraumblock verhandeln will.
Bildung eines Luftraumblocks in Mitteleuropa
Im Herbst 2006 ist die Entwicklung wesentliche Schritte weiter gegangen, hin zu einem Meilenstein für die schweizerische und europäische Flugsicherung. Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande und die Schweiz haben eine Machbarkeitsstudie für einen gemeinsamen Luftraumblock im Herzen Europas beschlossen (siehe Kasten 1 Der Luftraum im Herzen Europas hat eine der höchsten Verkehrsdichten der Welt. Der Luftraum des FAB Europe Central, der Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande und die Schweiz umfasst (insgesamt 1713442 km2), zeichnet sich durch ein stark miteinander verwobenes Geflecht ziviler und militärischer Flugstrecken aus. Die meisten europäischen Grossflughäfen befinden sich in diesem Gebiet; zivile und militärische Flughäfen liegen dicht beieinander. Dies führt sowohl im An- und Abflugbereich als auch auf der Strecke zu einem dichten Verkehrsfluss, der zudem zwischen militärischen Übungsgebieten hindurch geleitet werden muss. Die sieben Flugsicherungsanbieter der sechs Staaten haben eine gemeinsame Vision: Durch die Entwicklung eines FAB, der den komplexen Luftraum dieser Staaten umfasst, sollen gemeinsame leistungsorientierte Lösungen unabhängig von nationalen Grenzen erzielt werden.Das oberste Ziel ist ein funktionaler Luftraumblock, der auf der Grundlage intensiver und enger Kooperation der beteiligten Flugsicherungsanbieter sowie einer verstärkten zivil-militärischen Zusammenarbeit gemeinsam entwickelt und betrieben wird. Zum Nutzen des gesamten europäischen Flugsicherungssystems muss der FAB auch die Schnittstellen zu benachbarten Staaten berücksichtigen.). Die sechs Staaten vereinbarten mit einer Absichtserklärung, ihre Arbeiten gemeinsam unter dem Namen FAB Europe Central weiterzuführen (siehe Grafik 2). Mit diesen sechs Ländern deckt der FAB Europe Central geografisch die gesamte «Core Area» Europas ab und stellt ein strategisch wichtiges Projekt dar, an dem sich die Schweiz nun direkt beteiligt. Der FAB Europe Central verspricht, ein Eckpfeiler des Single European Sky zu werden. Auch wenn die Machbarkeitsstudie die Vorteile erst noch bestätigen muss, so ist seine Wirkung bedeutend. Folgende Ziele sollen erreicht werden: – Bewältigung des prognostizierten Verkehrsanstiegs; – optimale Luftraumnutzung unter Berücksichtigung der Verkehrsströme; – optimale Nutzung technischer und menschlicher Ressourcen; – nahtlose Kompatibilität zwischen unterem und oberem Luftraum; – kosteneffiziente Dienstleistungen; – Verbesserung der zivil-militärischen Zusammenarbeit. Die Studie wurde von den Flugsicherungen Belgocontrol (Belgien), DFS (Deutschland), DSNA (Frankreich), Eurocontrol Maastricht UAC (Europäische Organisation für die Sicherheit der Luftfahrt), LAA (Luxemburg), LVNL (Niederlande) und Skyguide (Schweiz) initiiert. Die Resultate der Studie sollen Ende 2008 vorliegen. Die Erfahrungen und Erkenntnisse der bereits fertiggestellten französisch-schweizerischen Studie fliessen in die Arbeiten des FAB Europe Central ein.
Grafik 1 «Von Skyguide verwalteter Luftraum»
Grafik 2 «Luftraum des FAB Europe Central (inkl. Luftverkehrsstrassen)»
Kasten 1: Sieben Flugsicherungsanbieter aus sechs Staaten mit einer FAB-Vision Der Luftraum im Herzen Europas hat eine der höchsten Verkehrsdichten der Welt. Der Luftraum des FAB Europe Central, der Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande und die Schweiz umfasst (insgesamt 1713442 km2), zeichnet sich durch ein stark miteinander verwobenes Geflecht ziviler und militärischer Flugstrecken aus. Die meisten europäischen Grossflughäfen befinden sich in diesem Gebiet; zivile und militärische Flughäfen liegen dicht beieinander. Dies führt sowohl im An- und Abflugbereich als auch auf der Strecke zu einem dichten Verkehrsfluss, der zudem zwischen militärischen Übungsgebieten hindurch geleitet werden muss. Die sieben Flugsicherungsanbieter der sechs Staaten haben eine gemeinsame Vision: Durch die Entwicklung eines FAB, der den komplexen Luftraum dieser Staaten umfasst, sollen gemeinsame leistungsorientierte Lösungen unabhängig von nationalen Grenzen erzielt werden. Das oberste Ziel ist ein funktionaler Luftraumblock, der auf der Grundlage intensiver und enger Kooperation der beteiligten Flugsicherungsanbieter sowie einer verstärkten zivil-militärischen Zusammenarbeit gemeinsam entwickelt und betrieben wird. Zum Nutzen des gesamten europäischen Flugsicherungssystems muss der FAB auch die Schnittstellen zu benachbarten Staaten berücksichtigen.