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Marlene Dietrich, Mahatma Gandhi, Aga Khan und Antoine de St. Exupéry – sie alle filmten mit Bolex-Filmkameras aus Yverdon. Eine winzige Werkstatt in Yverdon kümmert sich heute noch um diese legendäre Kamera.
Das kleine Wunder ist am südlichen Rand von Yverdon zu besichtigen: In einem anonymen Geschäftshaus betreiben Firmenchef Marc Ueter und sein Techniker Otello Diotallevi ihr kleines Bolex Reich – und haben heute Kontakt mit der ganzen Welt. «Wir schicken Pakete nach Australien und Neuseeland, nach Chile und Brasilien, in die USA und in den Nahen Osten und natürlich auch nach Deutschland, Polen und Frankreich», erzählt Marc Ueter bei einem Gespräch. Natürlich ist das kein Vergleich mit der grossen Zeit von Bolex – als jedes Jahr Tausende von Kameras die Werke in der Region verliessen.
In den 60er Jahren des 20.Jahrhunderts war die Firma Paillard der grösste Arbeitgeber im Kanton Waadt und beschäftigte über 6000 Angestellte im Kanton, dazu kamen rund 2000 in anderen Ländern. Die Bolex 16mm Filmkamera von Paillard hatte einen Weltmarktanteil von 30 Prozent und die Hermes-Baby Schreibmaschine – ein weiterer Bestseller aus dem traditionsreichen Waadtländer Haus – gehörte zu den meistverkauften portablen Schreibmaschinen der Welt. Erfunden hatte die robuste Allzweckkamera in den 20er Jahren des 20.Jahrhunderts ein in Genf lebender Emigrant und Autodidakt aus der Ukraine mit dem Namen Jacques Bogopolsky (1895-1962), den er bald zu Boolsky, bald zu Bolsey verkürzte. 1930 konnte er seine Firma an Paillard verkaufen. Paillard zielte mit den Bolex-Kameras vor allem auf den Markt der Amateure und produziert 16mm Kameras, später versuchte man sich auf mit dem Format 8mm. Für die Kunden in aller Welt wurde sogar ein umfangreiches Kundenmagazin in englischer Sprache produziert.
1200 Einzelteile
Die robuste Kamera aus über 1200 Einzelteilen war auch bei den Profis sehr beliebt: Sie wurde beim Fernsehen eingesetzt, für Dokumentarfilme und auch für wissenschaftliche Expeditionen benutzt. Das Aufkommen des billigen Super-8 Formates und die Vielzahl der Kameras machten der Firma aber schwer zu schaffen und führten schliesslich zum Ende des traditionsreichen Unternehmens.
Ein kleine Gemeinde von eingeschworenen Fans schätzen die Kamera noch heute. Und es sind nicht nur Nostalgiker und Sammler: «Unsere Kameras funktionieren auch unter extremsten Bedingungen – in Kälte, Hitze, Staub und Feuchtigkeit», erklärt uns Firmenchef Marc Ueter. «Nach dem ersten Golfkrieg kriegten wir sogar eine Bolex-Kamera von CNN zur Reparatur.» Auch die trendige Freerider-Szene steht auf die robuste Bolex.
Peter Ueter, der Vater von Marc Ueter, konnte nach dem endgültigen Ende von Paillard Mitte der 80er Jahre das ganze Bolex-Lager übernehmen und als eigenständige kleine Firma unter dem Namen Bolex mit fünf Mitarbeiter weiterführen. Sein Sohn Marc betreibt die Firma seit 2001 mit einem einzigen Mitarbeiter – und einem riesiges Ersatzteillager: «Wir können heute fast jede Kameras reparieren – kürzlich kriegten wir sogar eine Kamera aus dem Jahre 1944 und brachten sie wieder zum laufen.». Das Lager ist so umfangreich, dass aus den alten Beständen sogar neue Kameras zusammengesetzt werden können. Eine davon – die H16 SBM braucht nicht einmal einen Elektromotor; sie wird mit einer Springfeder betrieben. Dadurch ist sie unabhängig von Strom und Batterien. Und wenn die Feder ermüdet, kann sie einfach ersetzt werden, erklärt uns der Techniker Otello Diotallevi und zeigt uns dünne Bänder aus Stahlblech, die er bei Bedarf ins alte Federgehäuse setzt.
Neue Bolex Kameras
Für die Montage einer neuen Kamera benötigt der Techniker ungefähr zwei bis drei Tage. Und so verlassen Jahr für Jahr ungefähr 20 Bolex-Kameras das Atelier in Yverdon. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Objektive, die einst von Kern in Aarau gefertigt wurden und auch heute noch zu kaufen sind. Sie erhalten hier in Yverdon die nötige Pflege und Aufmerksamkeit. Natürlich fehlt es im Bolex-Atelier nicht an den notwendigen Spezialwerkzeugen und den Originalunterlagen: «Das reicht aber nicht aus, viel Wissen ist in unseren Köpfen», sagt der Mechaniker Otello Diotallevi.
Auch sein Leben ist ein Stück Bolex-Geschichte. Otello Diotallevi kam Ende 1971 Jahre zum ersten Mal in die Schweiz um einen Bekannten zu besuchen. In St.Croix erhielt er sofort ein Stellenangebot in der Fertigung von Bolex-Kameras. Er zögert, dem gelernten Koch behagte die Vorstellung in Zukunft am Fliessband arbeiten zu müssen, wenig. Man findet eine Lösung: der junge Mann kommt in die Qualitätssicherung. Er ist geblieben, in der Schweiz und in der Firma Bolex. Müsste er nicht bald altershalber pensioniert werden? – Nein, meint Marc Ueter scherzend. «Er bleibt». Und mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von jungen Feinmechanikern aus der Region, denen er sein Wissen weitergegeben hat.
Die Einzelteile reichen noch lange
Und wie sieht die Zukunft von Bolex aus? – «Unser Material reicht noch für eine ganze Weile», meint Marc Ueter. Und dann gibt es noch ein kleines Geheimnis der Firma Bolex: «Jedes Jahr kommen Anfragen ob Name und Logo für ein neues Produkt benutzt werden darf: Wir schauen das jeweils genau an sagt Max Ueter: «Meistens sagen wir nein.» Aber vor einigen Jahr hat uns ein Angebot überzeugt. Damals klopfte ein junger Amerikaner namens Joseph Rubinstein an die Türe. Mit Hilfe der Crowdfunding Plattform Kickstarter gelang es ihm genug Kapital zu finden und seit kurzem gibt es unter dem Namen ‹Digital Bolex› eine neuartige HD-Filmkamera zu kaufen, ganz in der Tradition von Bolex: Höchste Qualität zu einem erschwinglichen Preis. Das Modell H16 kostet 3299 US Dollar. Lieferfrist: 8-12 Wochen!
www.bolex.ch
www.digitalbolex.com
Anschrift des Verfasser: Dominik Landwehr – Weierstrasse 74 – 8605 Winterthur
www.peshawar.ch – www.sternenjaeger.ch – www.mythos-enigma.ch
Phone :+41 52 383 30 63 – Mobile +41 79 411 59 17 – Email: <email-pii>
Dieser Artikel erschien in leicht gekürzter Form in der Neuen Zürcher Zeitung vom 24.Juli 2014 Nr.169 auf Seite 48 unter dem Titel «Tradition mit Zukunft. Wie die Bolex-Filmkamera das Ende ihrer Produktionsfirma überlebt».
Foto unten: Werkfoto Bolex: PD, alle übrigen: Dominik Landwehr Winterthur, www.sternenjaeger.ch
Hier gibt es eine PDF Version des Artikerls mit Bildern