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Kann uns alte Technologie helfen, neue Technologie sinnvoll zu nutzen?
Der vorliegende Beitrag über die Lehren der Telegrafie stammt von Micah Schweizer, einem Mitglied unserer Community. Micah arbeitet in der Region Zürich im Bereich Kommunikation. In den USA war er zuvor Radiojournalist für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk. Sie können ihm hier auf Twitter folgen: @MicahSchweizer.
Meinen Höhepunkt als Nerd hatte ich wohl mit 14 Jahren. Das war in den frühen Neunzigern, vor dem Chhrrrrr...tschiiiink der Einwahlmodems. Unser „On demand“ sah so aus, dass wir beim Radiosender anriefen, um uns ein Lied zu wünschen und unser „Download“ bestand darin, Sendungen mit dem Recorder aufzunehmen. Zu der Zeit fing ich an, mich für Morsezeichen zu interessieren: eine Kommunikationsform, die schon damals ein Auslaufmodell war. Dreißig Jahre später steht auf meinem Schreibtisch immer noch eine Morsetaste. Nicht etwa als Erinnerung an die Euphorie meiner Jugend, sondern vielmehr als mein Bezugspunkt in der übertechnisierten Welt von heute.
Morsetasten gehörten zum alten System der Telegrafie. Auf der einen Seite tippte eine Person auf die Taste, schickte damit elektrische Impulse über eine Leitung, und am anderen Ende druckte ein Gerät Punkte und Striche auf ein Papierband, die von der empfangenden Person entschlüsselt werden mussten. Samuel Morse entwickelte zu diesem Zweck einen Code aus Punkten und Strichen und wurde so zum Namensgeber des Morsealphabets. Es dauerte nicht lange, bis die Telegrafisten erkannten, dass das Klacken des Geräts auch mit dem Ohr entschlüsselt werden konnte, und schließlich entwickelte sich das Klick-Klack des Telegrafen dann zum Piep-Piiiep der drahtlosen Funktelegrafie.
Was haben diese Kuriositäten aus dem 19. Jahrhundert mit der Technologie des 21. Jahrhunderts zu tun? Vor fast 200 Jahren war der Telegraf der erste Schritt auf dem Weg in unser von Smartphones dominiertes Zeitalter. Zum ersten Mal bewegte sich die Kommunikation per Elektronen in Lichtgeschwindigkeit über den Horizont und die Sichtlinie hinaus. Das muss damals wie ein Wunder gewirkt haben. (Samuel Morses erste Nachricht? WAS GOTT GEWIRKT HAT.) Für uns sind derartige Wunder heute eine Selbstverständlichkeit.
Ich weiß nicht mehr, wann letztens im Fernsehen bei einem Geschwindigkeitstest spätnachts alte gegen neue Technologie antrat: Ein erfahrener Veteran auf den Tasten seines Telegrafen gegen die Daumen eines simsenden Teenagers. Aber darum geht es gar nicht. Es kommt nicht auf das Medium an, sondern auf die Mitteilung. Und eine Mitteilung ist auch kein Selbstzweck: sie muss für jemanden bestimmt sein. Früher warfen die Telegrafisten das Papierband weg, wenn am anderen Ende keine Person war, die die eingehende Mitteilung hörte. Sie existierte praktisch nicht.
Deshalb habe ich eine Morsetaste auf meinem Schreibtisch. Bei den vielen Kommunikationsmitteln, die uns zur Verfügung stehen, bringt diese einfache Taste die Sache auf den Punkt: Eine Person sendet eine Nachricht, eine andere Person empfängt sie. Und jedes Mal, wenn das geschieht, ist ein Wunder möglich.