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Lukas Vischer, Basel, um 1820
Tuschfederzeichnung, laviert
H. 18,2 cm, B. 23,2 cm
Inv. 1990.458.
Die Zeichnung des Basler Malerdilettanten Lukas Vischer (1780–1840) eröffnet den Blick auf eine Abschiedsszene in einer spärlich eingerichteten Stube. In der Mitte steht eine Frau, die in ein Taschentuch weint und mit der Rechten einem Mann mit Wanderstock zuwinkt, der nach einem Dreispitz greift. Zu seinen Füssen liegt ein Gepäckbündel; zwei Kinder und ein Hund tun ihre Trauer kund. Für den nahen Abschied gibt es weitere Hinweise: einerseits die zwei Gemälde an der rechten Wand, von denen dasjenige mit der Überschrift «Urians Reisen» die Erdteile zeigt und das andere eben diesen Urian porträtiert; andererseits der als Bildunterschrift dienende Vierzeiler: «Wenn jemand eine Reise thut, / So kann er was verzählen.
/ Drum nahm ich meinen Stock u. Hut, / Und thät das Reisen wählen.» Alle diese Elemente verweisen auf das Gedicht «Urians Reise um die Welt» des deutschen Dichters Matthias Claudius (1740–1815). Urian symbolisiert hier eine Person, die sich auf Wanderung begibt. Seit dem 17. Jahrhundert wurden als «Herr Urian» aber auch ungebetene Gäste oder ungewollt angetroffene Menschen bezeichnet. Der Name war Synonym für Schimpfwörter wie Bösewicht, Lump, Gauner, Verführer und Teufel.
Lukas Vischer, Sohn des Basler Handelsmannes Peter Vischer-Sarasin (Kat. 82 und 119) und seiner Frau Anna Elisabeth, zeichnete dieses Bild, kurz bevor er sich selbst – wie mitunter zu lesen ist – «wegen persönlicher Schwierigkeiten» ausser Landes begab. Es liegt daher nahe, den dargestellten Mann als Lukas Vischer selbst zu identifi zieren und die Anspielungen auf Urian mit seiner eigenen Biographie zu verknüpfen. Aus Tagebüchern und Briefen Vischers sind viele Details seiner Reise bekannt. Der Mann mit der künstlerischen Ader brach demnach im Jahr 1822 über Strassburg, Paris und Le Havre nach New York auf, um für die väterliche Firma Vischer & Co. (ehem. Sarasinsche Bandfabrik) neue Absatzmärkte zu erschliessen. Er nutze den Aufenthalt, um Land und Leute kennenzulernen, und besuchte weite Teile im Nord- und Südosten des Landes. Von einem Abstecher durch das Gebiet der Creek-Indianer zeugen bis heute eine Reihe ethnologisch wertvoller Zeichnungen. 1828 siedelte Vischer nach Mexiko über, wo er bis zu seiner Heimreise 1837 blieb.
Aus dieser Zeit sind Skizzen der Einheimischen in ihrer landestypischen Kleidung vorhanden, hier entdeckte Vischer aber auch seine Sammelleidenschaft für Wachsfi guren, Altar- und Kleidungsstücke, Waffen, Teppiche und Skulpturen aus präkolumbischer Zeit. Diese hochinteressante und bis dahin einzigartige ethnografi sche Sammlung gelangte 1844 von Vischers Erben als Stiftung in den Besitz der Stadt Basel; heute befi ndet sie sich im Museum der Kulturen.