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Als ich morgens kurz nach Sonnenaufgang auf der Terrasse unseres Hotels in Darjeeling am Fuss des Himalayas stehe und sehe, wie die Wolken über die grünen Hügel im Tal wandern, empfinde ich ein tiefes Glücksgefühl. Die Schönheit der Natur ist atemberaubend.
Das einstige Königreich Sikkim im Norden Indiens ist umgeben von einer imposanten Bergkulisse: Im Westen bildet das Kanchenjunga-Massiv die Grenze zu Nepal, im Norden ragt das tibetische Hochplateau hervor und im Osten bildet die Chola-Gebirgskette die Grenze zu Buthan. Der Anblick der weissen Riesen lässt mich an diesem Morgen länger innehalten als sonst.
Sommerresidenz der britischen Kolonialherren
Während der Kolonialzeit interessierten sich die Briten für das Königreich Sikkim. Der militärische Arm des britischen Empire, die East India Company, pachtete die Gegend 1835, um im kühlen Klima ein Sanatorium zu bauen. Die Briten eroberten in der Folgezeit die Hügel von Darjeeling und fingen an Tee aus China anzubauen. Darjeeling wurde zu einem viktorianischen Städtchen und zur Sommerresidenz der britischen Kolonialregierung. Diese residierte in Kolkata, der ehemaligen Hauptstadt. Den Sommer verbrachten die Kolonialherren im höher gelegenen Darjeeling und entkamen so der brütenden Hitze im Gangesdelta. Während ein paar Monaten füllte sich das Städtchen mit Händlern, Beamten, Soldaten, Lehrern, Ärzten, Handwerkern und Teepflückern.
Heute verblasse die Erinnerung an die Briten langsam, die Kolonialgebäude, die sie hinterlassen haben, zerfallen. Doch im Hotel «Windamere» ist die Erinnerung an die 100-jährige britische Herrschaft noch lebendig, wie sonst kaum irgendwo.
Die Vergangenheit wohnt im «Windamere»
Das «Windamere» entstand 1889 auf dem höchsten Hügel des Städtchens als Pension für Saisongäste. «Viele britische Ladies verbrachten die Sommer alleine im Teeanbaugebiet und viele der Teebauern waren ledig», erzählt Elizabeth Clarke, die das «Windamere» heute führt, und zieht bedeutungsvoll die Augenbrauen hoch. Im Hotel gibt es auch heute noch keine Fernseher oder Computer. Die Gäste sitzen am Abend an der Bar oder in der Bibliothek vor dem Kamin und erzählen sich Geschichten – so wie früher, sagt Clarke.
Vom Winde verweht
Die Wände des «Windamere» sind mit Schwarz-Weiss-Fotografien bedeckt. Bei einem Rundgang lässt die Hausherrin die Vergangenheit aufleben: Schauspielerin Vivian Leigh verbrachte in einem Nebengebäude, wo einst eine katholische Mädchenschule untergebracht war, ihre Kindheit, bevor sie 1939 in «Vom Winde verweht» Scarlett O'Hara spielte. In der Hotelbar traf die New Yorker Society-Lady Hope Cooke 1959 den letzten Kronprinzen von Sikkim und heiratete ihn vier Jahre später. Peter Ustinov war zu Gast und auch Queen Elizabeth II. Und der Sänger Sting soll am Klavier gesessen haben. Somit sind wir in unserem Gespräch schon fast wieder in der Gegenwart angelangt. Ein Hier und Jetzt, in dem ich im Wohnzimmer des «Windamere», beim klassischen High Tea und Elizabeths Clarkes ansteckendem Lachen, noch etwas verweilen möchte.
Schon bald wieder werden wir eintauchen in einen Strom von Farben, Gerüchen und Sprachen, in das faszinierende Gemisch der gut 100‘000 Einwohner von Darjeeling, die ihre Wurzeln in Sikkim, Tibet, Bhutan und Nepal haben. Schon bald sind wir verabredet mit Pryanka, einer jungen Frau mit dem Herzen einer Löwin, die Menschenhändlern entkommen ist.
Und so verabschieden wir uns von Elisabeth Clarke und der Vergangenheit, um das zu tun, was wir am besten können: Geschichten aus der Gegenwart erzählen.