Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03126.jsonl.gz/483

Mensch oder Maschine?
Ein Herbstabend in Straubenzell, dunkel und neblig. In der Jugendbaracke der reformierten Kirche haben sich rund zehn Personen zum Lesekreis eingefunden, mehrheitlich Frauen. In der Mitte ist ein grosser Tisch voller Bücher. Man kennt sich, man duzt sich. Die Atmosphäre ist herzlich.
Dreiecksbeziehung mit Maschine
Heute steht ein Science-Fiction-Roman auf dem Programm: «Maschinen wie ich» von Ian McEwan. Elisabeth Berger leitet den Lesekreis seit zehn Jahren. Bevor die Diskussion losgeht, fasst sie das Buch zusammen: Charlie, der Erzähler, kauft einen täuschend echten Robotermenschen namens «Adam». Und zwar just in dem Moment, in dem er sich in seine Nachbarin Miranda verliebt. Es entwickelt sich eine komplizierte Dreiecksbeziehung zwischen Menschen und Maschine.
Roboter mit Gefühlen
«Kann eine Maschine Gefühle entwickeln?», fragt Berger in die Runde, «und wenn ja, was macht dann den Menschen noch aus?» Sie erläutert dies an einem Beispiel: Miranda besucht ihren kranken Vater: «Sie kündigt sich, ihren Verlobten und einen Roboter an. Doch beim Besuch gibt der Verlobte so platte Antworten, dass der Vater ihn für den Roboter hält.»
Was den Menschen ausmacht
Das wirft die Frage nach dem Wesen von Adam auf. «Hat eine Maschine überhaupt ein Wesen?», fragt eine Teilnehmerin. Jemand bejaht. Adam wirke recht glaubwürdig. «Er lernt schnell, entwickelt Emotionen und reagiert immer adäquat.» Andere sind skeptischer. «Er folgt ja nur dem Algorithmus, mit dem er programmiert wurde», gibt eine Teilnehmerin zu bedenken. Aus dem vorgespurten Algorithmus auszuscheren, das sei typisch Mensch.
Gottgleich werden
Der Roman habe einen religiösen Bezug, findet ein Teilnehmer. Es gehe darum, den Menschen zu optimieren, indem man ihn neu schaffe. Also gottgleich zu werden. Um dieses Thema geht es auch im Buch, das am nächsten Abend im Januar besprochen wird: «Elefant» von Martin Suter. «Über zwei Dinge habe ich beim Lesen viel erfahren», stellt Berger es vor, «über die künstliche Befruchtung von Elefanten und über das Leben von Obdachlosen.»
Text | Foto: Stefan Degen – Kirchenbote SG, Dezember 2019