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Schilddrüse
Aufbau und Funktion der Schilddrüse
Die Schilddrüse ist ein kleines, schmetterlingsförmiges Organ, das unterhalb des Kehlkopfes oberhalb der Luftröhre liegt zwischen den Halsschlagadern. Die Schilddrüse liegt im vorderen, unteren Halsabschnitt mit unmittelbarer Nähe zur Luftröhre, Speiseröhre und den grossen Halsgefässen. Auf der Rückseite der Schilddrüse verlaufen die Nerven, welche die Stimmbänder des Kehlkopfes versorgen und damit an der Sprachbildung beteiligt sind. An den Ober-und Unterpolen finden sich die vier gerstenkorngrossen Nebenschilddrüsen-Körperchen. Die Nebenschilddrüsen bilden das „Parathormon“, das den Knochenstoffwechsel mit reguliert.
Die Schilddrüse selber besteht aus vielen Zellen, die sich zusammenlagern zu kleinen Bläschen, den so genannten Follikeln. Dort werden für den Körper die sehr wichtigen Schilddrüsenhormone produziert, gespeichert und reguliert in das Blut abgegeben. Das Schilddrüsenhormon hat eine wichtige Funktion bei der Regulation von Stoffwechselaktivitäten des Körpers. Bei einer Schilddrüsen-Überfunktion wird zu viel, bei einer Unterfunktion zu wenig Schilddrüsenhormon produziert. Die Hormonproduktion wird gesteuert von der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) zur optimalen Freisetzung der gespeicherten Hormone nach Bedarf.
Im Labor werden zur Beurteilung der Schilddrüsenfunktion folgende Werte gemessen:
- TSH = Thyroidea Stimulierendes Hormon (von der Hirnanhangsdrüse produziert)
- fT4 = freies Tetrajodthyronin mit 4 Jodatomen (von der Schilddrüse produziertes Speicherhormon, ca. 80% wird als T4 produziert, wird durch Abspaltung eines Jodatoms aktiviert zu T3 im Körper)
- fT3 = freies Trijodthyronin mit 3 Jodatomen (von der Schilddrüse produziertes, schon aktiviertes Schilddrüsenhormon, ca. 20% der Produktion)
- Auto-Antikörper zur Beurteilung einer möglichen Autoimmunerkrankung der Schilddrüse
Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse
Bei einer Autoimmunerkrankung produziert der Körper Antikörper gegen ein eigenes Organ. Die Abwehrfunktion des Immunsystems, das normalerweise körperfremde Stoffe bekämpft, greift nun ein körpereigenes Organ an. Die Ursache ist bisher noch nicht bekannt, es werden verschiedene Theorien diskutiert.
Durch den Antikörper, der sich gegen die Schilddrüse richtet, kommt es zur Entzündung im Organ. Es gibt 2 bekannte Auto-Antikörper gegen die Schilddrüsen, welche als 2 verschiedene Krankheitsbildern nach ihren Erstbeschreibern benannt und charakterisiert werden:
- Hashimoto Erkrankung (Thyreoiditis) Der Auto-Antikörper-Titer TPO (Thyreoidaler Peroxidase Antikörper) findet sich im Blut. Bei Krankheitsbeginn kommt es oft zu einer leichten Überfunktion, die meisten Betroffenen merken davon aber nichts. Im Verlauf der Erkrankung kommt es zu einer zunehmenden Zerstörung der gesunden Schilddrüsenzellen und die Hormonproduktion der Schilddrüse nimmt ab. Im Verlauf kommt es dann gehäuft zur Unterfunktion mit diversen Beschwerden.
- Basedow-Erkrankung Hierbei kommt es zur Bildung von aktivierenden Schilddrüsen-Antikörpern, dem TSH-Rezeptorantikörpern (TRAK). Diese stimulieren die Schilddrüse dazu immer mehr Hormon zu produzieren und auszuschütten. Diese Auto-Antikörper können auch zu einer Entzündung der Augenmuskeln führen, was zu einem Hervortreten der Augäpfel führen kann.
Struma (Kropf)
Die Schilddrüse ist von aussen normalerweise nicht zu erkennen. Ist sie jedoch vergrößert, so treten einzelne Schilddrüsenknoten oder die Schilddrüse insgesamt als "Kropf" hervor. Schätzungsweise 15-20% aller Menschen in der Schweiz haben einen krankhaften Befund an der Schilddrüse. In der Regel handelt es sich um eine gutartige Schilddrüsenvergrößerung (Kropf). Ursache ist in den meisten Fällen eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse (Hashimoto oder Basedow, je nach Hormonkonstellation) oder ein Jodmangel. Eine Vergößerung der Schilddrüse kann zu folgenden Beschwerden führen:
- Schluckstörungen
- Kloßgefühl im Hals
- Kosmetische Beschwerden (Asymmetrie des Halses)
- Luftnot
- Schluckstörungen
- Hustenreiz
- Veränderung der Stimmlage
Ein erhöhtes Risiko für eine Struma besteht bei folgenden Faktoren:
- Weibliches Geschlecht
- Alter über 40 Jahre
- Schwangerschaft oder Menopause
- Verwandte mit Schilddrüsenerkrankungen
- Bestrahlungsbehandlung im Halsbereich in der Kindheit
- Tiefe Jodzufuhr in der Ernährung
Je nach Befunden können dann weitere Abklärungen mit einer Szintigrafie zur Darstellung der Aktivität des Schilddrüsengewebes mit radioaktiv markiertem Jod, eine Computertomografie des Halses oder eine Feinnadelpunktion zur Gewinnung einer Gewebeprobe zusätzlich durchgeführt werden.
Was ist ein „heisser“ Knoten?
In der Szintigrafie stellen sich Knoten mit verstärkter Jodaufnahme „heiss“ dar (rot-gelbe Farbe im Bild). Diese stark jodaufnehmenden Knoten können unkontrolliert Hormone bilden und ausschütten. Es kann zu einer Schilddrüsenüberfunktion kommen. Heisse Knoten sind stoffwechselaktiv und fast immer gutartig. Bei Beschwerden kann mit der Radiojod-Ablation die Überfunktion gestoppt werden, alternativ können Medikamente die Überproduktion des Hormons blockieren.
Was ist ein „kalter“ Knoten?
Bei der Szintigrafie stellen sich diese Knoten als nicht aktiv dar, d.h. sie nehmen wenig Jod auf (grün-blaue Farbe im Bild). Sie produzieren keine Schilddrüsenhormone mehr. Dies kann Ausdruck einer Gewebenarbe, einer Zyste (flüssigkeitsgefüllter Knoten) oder eines entzündlichen Prozesse sein. Die meisten kalten Knoten sind gutartig, bei 5% aller kalten Knoten kann sich aber ein bösartiger Tumor dahinter verbergen. Eine medikamentöse Therapie oder eine Radiojodbehandlung sind nicht möglich. Je nach Befund ist eine Operation zu diskutieren.
Schilddrüsen-Unterfunktion (Hypothyreose)
Bei einer Unterfunktion der Schilddrüse mit zu wenig produzierten Hormonen kann es zu folgenden Beschwerden kommen:
- Erhöhte Tagesmüdigkeit, erhöhtes Schlafbedürfnis
- Ungewollte Gewichtszunahme
- Allgemeine Abgeschlagenheit mit Konzentrationsstörungen
- Haarausfall, trockene Haut
- Neigung zu Wassereinlagerungen im Gewebe (vor allem Oberlider, Finger, Knöchelregion)
- Verstopfungstendenz, Verlangsamung der Verdauung
- Verlangsamung der Herzfrequenz, Verminderung der Leistungsfähigkeit bei körperlicher Belastung
- Störungen des Menstruationszyklus bei Frauen
- Depression
- Erhöhte Kälteempfindlichkeit
Medikamente zur Behandlung der Unterfunktion
Das körpereigene Hormon wird in Form von Thyroxin (T4) als Hormonersatz in Tablettenform gegeben. Die Tablette enthält also das natürlich vorkommende Hormon, was normalerweise von der Schilddrüse gebildet wird. Die Stoffwechsellage normalisiert sich dadurch. Nebenwirkungen sind keine zu erwarten, da nur das fehlende Hormon ersetzt wird. Allerdings muss die Dosis stimmen, weshalb eine Kontrolle der Schilddrüsenwerte beim Arzt notwendig ist. Der Hormonersatz ist täglich morgens 30 Minuten vor dem Frühstück einzunehmen. Meist ist der Hormonersatz lebenslang weiterzuführen.
Schilddrüsen-Überfunktion (Hyperthyreose)
Die Überfunktion der Schilddrüse können zu folgenden Beschwerden führen:
- Herzrasen, ev. Herzrhythmusstörungen, Vorhofflimmern bei langfristiger Überfunktion
- Vermehrtes Schwitzen
- Ungewollter Gewichtsverlust
- Haarausfall
- Nervosität, innere Unruhe, Zittrigkeit
- Schlafstörung
- Augenbeschwerden (beim Morbus Basedow)
- Durchfall
Bei einer Überproduktion von Schilddrüsenhormonen werden sogenannte Thyreostatika eingesetzt, welche die Produktion in den Zellen hemmen bzw. verlangsamen. Dadurch normalisiert sich die Hormonproduktion und die Beschwerden der Überfunktion bessern sich. Bei der Basedowschen Erkrankung erfolgt die Einnahme dieser Medikamente meist über 1-2 Jahre. Danach wird ein Absetzversuch gestartet bei möglicher Normalisierung der Autoimmunerkrankung nach ausreichende langer Behandlungsdauer. Nach dem Absetzen kann es allerdings zu Rückfällen kommen mit erneut notwendiger Behandlung. Die Thyreostatika können Nebenwirkungen hervorrufen, weshalb regelmässige Kontrollen der Leberfunktion und des Blutbildes notwendig sind. Sollte die Behandlung unverträglich sein, die Überfunktion mit Medikamenten nicht kontrollierbar sein oder immer wieder ein Rückfall auftreten, kann es notwendig werden, dass die Schilddrüse letztlich entfernt oder inaktiviert werden muss.
Schilddrüsenkrebs
Es gibt verschiedene Arten von Schilddrüsenkrebs: der grösste Anteil der Krebserkrankungen sind papilläre Schilddrüsentumore. Diese wachsen relativ langsam und habe bei rechtzeitiger Behandlung eine exzellente Langzeitprognose. Follikuläre, medulläre und anaplastische Schilddrüsenkrebsarten kommen seltener vor.
Untersuchungen
Wenn bei Ihnen eine Schilddrüsenerkrankung vermutet wird, sollten folgende Untersuchungen erfolgen:
- Bestimmung der Schilddrüsenhormone im Blut
- Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse
- Szintigraphie (bei Knoten zur Unterscheidung zwischen "heißen" und "kalten" Knoten)
- Feinnadelpunktion (bei Verdacht auf Bösartigkeit zur Entnahme einer kleinen Gewebeprobe)
- CT Hals (zur Ergänzung der Ausmessung der Größe der Schilddrüse bei sehr großer Struma)
Radiojodtherapie
Bei der Radiojodtherapie wird radioaktiv markiertes Jod gegeben, das im Körper nur in der Schilddrüse aufgenommen und gespeichert wird. Durch das radioaktive Jod wird die Schilddrüse in ihrer Funktion eingeschränkt. Die geringe Strahlung der J 131 zerstört nur das Gewebe im Bereich von 2-3 Millimetern und es beschränkt sich die Wirkung auf Jod-aufnehmende Schilddrüsenzellen. Die Behandlung erfolgt stationär in speziellen Abteilungen der Nuklearmedizin und dauert meist 3-5 Tage. Die Unterfunktion der Schilddrüse setzt meist nach 5-6 Wochen ein. Danach muss bei den meisten Patienten lebenslang das Schilddrüsenhormon ersetzt werden in Tablettenform.
Operation der Schilddrüse
Ob eine Schilddrüsenerkrankung operiert werden muss, wird jeweils individuell entschieden. Vor der Durchführung einer geplanten Operation sollte grundsätzlich eine möglichst normale Schilddrüsenfunktion eingestellt werden (durch die Gabe von Medikamenten).
Die Operationsziele und die entsprechenden Operationsverfahren unterscheiden sich bei den unterschiedlichen Schilddrüsenerkrankungen.
Knotenstruma
Entfernung der Schilddrüse mit allen Knoten, entweder halbseitige oder totale Entfernung der Schilddrüse.
Morbus Basedow
Verringerung des Schilddrüsengewebes auf weniger als 2 g mit Entfernung der gesamten Schilddrüse.
Bösartige Erkrankung der Schilddrüse
Vollständige Entfernung der gesamten Schilddrüse und der umgebenden Lymphknoten.
Während der Operation wird insbesondere auf die vorsichtige Darstellung und Schonung des Stimmbandnerven (Nervus laryngeus recurrens) geachtet, damit es nach der Operation nicht zu Stimmfunktionseinschränkungen (Heiserkeit) kommt. Am wichtigsten hierbei ist die komplette Darstellung und Schonung des Nerven durch einen erfahrenen Chirurgen unter dem sogenannten Neuromonitoring. Die Rate an bleibenden Schäden eines Stimmbandnerven sollte bei erfahrene Chirurgen unter 1 % liegen.
Des weiteren sollten der Chirurg auf die Erhaltung und Schonung der Nebenschilddrüsen (Epithelkörperchen) achten, damit es nach der Operation nicht zu Kalziumstoffwechselstörungen mit Kribbeln insbesondere im Mundbereich und an den Händen kommt. Ein seltener und meist vorübergehender Kalziummangel kann durch Gabe von Calcium und Vitamin D gut behandelt werden.
Dauer der stationären Behandlung: 2 – 4 Tage.
Nachsorge: Der menschliche Organismus kann ohne eine ausreichende Menge an Schilddrüsenhormon nicht leben. Bei vielen Schilddrüsenoperationen wird soviel Gewebe entfernt werden, dass das Schilddrüsenhormon nach der Operation lebenslang ersetzt werden muss in Tablettenform.
Nach Operation der Schilddrüse bei gutartiger Erkrankung:
- Einnahme von Schilddrüsenhormon in ausreichender Menge mit sofortigem Start nach der Operation
- Kontrolle der Schilddrüsenhormone (Blutentnahme) 6 Wochen nach der Operation mit ev. Dosisanpassung
- Im weiteren Verlauf 1x / Jahr Blutentnahme bei stabiler Einstellung