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In den 1950er-Jahren gelangen die modernen Psychopharmaka in die psychiatrischen Kliniken, die Pharmaindustrie erfährt einen regelrechten Entwicklungsboom. Zu den ersten antipsychotischen Mitteln gesellen sich bald Antidepressiva und Tranquilizer, das Sortiment wird laufend erweitert. Ein Medikament kann allerdings nur auf den Markt kommen, wenn seine Wirkung getestet, beurteilt und stabilisiert wird. An diesem Prozess sind neben chemischen Substanzen viele weitere Akteure beteiligt.
«Testfall Münsterlingen» untersucht, wie Industrie und Klinik, Patienten, Ärzte, Pflegepersonal und Behörden bei klinischen Prüfungen zusammenspielten. Im Zentrum steht die Psychiatrische Klinik Münsterlingen, wo der Psychiater Roland Kuhn (1912–2005) in Zusammenarbeit mit diversen Pharmafirmen zahlreiche Stoffe prüfte. Eine breite Quellenbasis ermöglicht es erstmals, die konkreten Forschungspraktiken und das weite Netz beteiligter Akteure herauszuarbeiten. Die Stoffprüfungen werden historisiert und in die sich ebenfalls wandelnden Rahmenbedingungen eingeordnet. Welche Personen und Institutionen waren beteiligt, wer wusste was? Wie wurden Stoffe geprüft, welche Patientinnen und Patienten waren betroffen? Nach welchen Mustern wurden die Prüfsubstanzen verabreicht? Wann galten welche Werte, Richtlinien und Normen? Welche Rolle spielten sie in der Praxis? Ausgehend von diesen Fragen rekonstruiert Testfall Münsterlingen die Geschichte klinischer Versuche von 1940 bis 1980 und verortet die Thurgauer ‹Versuchsstation› in der zeitgenössischen Prüfungslandschaft.