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Immer wieder ist man versucht, durch Boykotte persönlich etwas bewirken zu wollen. Bringt das etwas? Wie sinnvoll sind Boykotte ganz allgemein?
Beginnen wir ganz am Anfang, nämlich mit der Definition dessen, was man unter einem Boykott heute zu verstehen hat. Wikipedia meint dazu:
Ein Boykott ist ein organisiertes wirtschaftliches, soziales oder politisches Zwangs- oder Druckmittel, durch das eine Person, ein Unternehmen oder ein Staat vom regelmäßigen Geschäftsverkehr ausgeschlossen wird. Heute steht der Boykott allgemein für eine Verrufserklärung oder Ächtung durch Ausdruck einer kollektiven Verweigerungshaltung.
Selbständiger Boykott unmöglich?
Diese Definition geht davon aus, dass ein Boykott
- immer organisiert ist,
- immer kollektiv stattfindet und
- immer einem Ausschluss vom regelmässigen Geschäftsverkehr entspricht.
Das schliesst somit aus, dass jemand von sich aus etwas boykottiert. Das ist natürlich falsch. Die Schäfchen brauchen nicht immer einen Hirten der ihnen sagt, wo es lang geht.
Aus innerer Überzeugung oder aus eigener Erkenntnis heraus kann jemand genauso gut etwas boykottieren. Tun das mehrere gleichzeitig und unabhängig voneinander, entsteht dadurch auch der kollektive Effekt und mit dem kollektiven Effekt der notwendig Druck, welcher etwas bewirken kann oder soll.
Die angeprochene Regelmässigkeit ist wohl der falsche Ausdruck, denn nur etwas Wiederkehrendes kann auch mit einer Regelmässigkeit auftreten oder verweigert werden. Vielmehr ist damit eher eine kategorische Verweigerung gegenüber einer Sache gemeint, welche – wenn sie zum ersten Mal auftritt – noch keine Regelmässigkeit beinhaltet.
Darum wagt man sich in der Augenreiberei nachfolgend etwas schulmeisterlich an eine andere Definition:
Ein Boykott ist eine dauerhafte oder zeitlich befristete, willentliche Verweigerung von Personen, Unternehmen, Produkten, Handlungen oder Staaten aus moralischen, ideologischen oder politischen Gründen durch einzelne Personen, welche als Kollektiv, organisiert oder auch nicht, einen Druck auf die verweigerte Sache erzeugen können.
Damit ist es jedem möglich, eine Sache für sich aus bestimmten Gründen zu boykottieren, ohne dass es dafür explizit einen Aufruf braucht. Relevant ist der Aspekt der willentlichen Verweigerung. Sie wollen zwar beispielsweise Frühkartoffeln aus Israel kaufen, doch als «Öko-Freak» untersagt es Ihre Ideologie beziehungsweise Ihre Überzeugung.
Ein Boykott setzt somit einen Willen voraus, etwas Bestimmtes zu tun oder zu lassen. Wer etwas Bestimmtes unbewusst tut oder sein lässt, lässt sich einfach nur von (s)einem Bedürfnis oder vom Fehlen eines solchen steuern. Das hat nichts mit Boykott zu tun.
Das heisst: Ein Boykott ist immer eine bewusste, aktive Handlung (auch eine Verweigerung ist eine Handlung).
Unterschiedlicher Wirkungsgrad
Wie wirkungsvoll sind nun Boykotte?
Organisierte Boykotte, also beispielsweise dem Folgen eines Boykottaufrufs, scheinen auf den ersten Moment wirkungsvoller zu sein als unorganisierte.
Das mag auch richtig sein wenn es darum geht, kurzfristig einen Effekt zu erzielen. Wenn ein Hersteller ein Produkt auf den Markt bringt, welches unter fragwürdigen Bedingungen produziert wurde, kann der sofortige, massive Umsatzeinbruch aufgrund eines Boykottaufrufs tatsächlich zu einem Umdenken und einem Rückzug des fraglichen Produkts durch den Hersteller führen.
In diesem Beispiel ist es für die breite Masse auch relativ einfach, auf ein Produkt zu verzichten, denn «der Markt» hatte noch keine Gelegenheit, sich ans fragliche Produkt zu gewöhnen. Ein Verzicht darauf fällt leicht, das eigene Wohl ist kaum davon betroffen.
Anders sieht es aus, wenn eine Sache schon lange vorliegt. Die Boykottierenden – oder die Zaungäste, welche den Boykottierenden zuschauen – vergessen nämlich manchmal schnell.
Darum erreicht man mit einem Boykottaufruf für eine schon lange gegebene Sache zwar kurzfristig einen Effekt. Doch die Verweigerung dieser Sache lässt häufig schon nach kurzer Zeit nach oder ist nach kurzer Zeit bereits wieder vergessen. Oder erinnern Sie sich noch, welcher Sportler aus wessen Gründen welche Olympiade boykottierte?
Wirkungsvoller ist bei bestehenden Dingen deshalb dann ein Boykott, wenn man diesem nicht bloss Folge leistet, «um ein Zeichen zu setzen» – was eher einer Einmal-Aktion entspricht – sondern wenn man aus Überzeugung heraus (willentlich) sein Verhalten dauerhaft verändert.
Ganz nach dem Motto «steter Tropfen höhlt den Stein» erfordert dies durch irgendeine Person oder eine Organisation ein permanentes auf-einen-Umstand-aufmerksam-machen, womit in diesem Fall dann auch von «organisiert» gesprochen werden kann (oder muss).
Dieser Umstand muss nicht zwingend direkt mit der boykottierenden Sache zu tun haben. Das Wissen über einen Umstand kann reichen, um selber Schlussfolgerungen zu ziehen, also um selber zu einer bestimmten Erkenntnis und zu einer bestimmten Überzeugung zu gelangen – und daraufhin sein Verhalten zu ändern.
Irrglauben
Dieses Wissen zu erlangen ist nicht immer einfach und ein falsches Wissen (oder eben ein Irrglaube) kann – wenn man eine Sache boykottieren will – die Falschen treffen.
So gibt es beispielsweise Aufrufe, Produkte, deren so genannter EAN-Strichcode mit «729» beginnt, zu boykottieren. Dieser Code ist heute Israel zugeordnet. Es gibt aber auch Stimmen die sagen, dass es lediglich ein israelisches Unternehmen war, welches den Code vergeben hatte.
Nach welchen Regeln dies jedoch geschah, bleibt den meisten vorenthalten. So gibt es beispielsweise keinen EAN-Strichcode für Produkte aus den besetzten palästinensischen Gebieten oder von Produkten aus (illegalen) Siedlungen.
Wir brauchen jedoch nicht so weit zu schauen, um die Problematik solcher Herkunftsbezeichnungen zu erkennen. Kürzlich hatten wir es hier über die so genannte «Swissness-Vorlage», welche im Parlament noch nicht behandelt wurde.
Diese sieht beispielsweise vor, dass bei Nahrungsmitteln mindestens 80 Prozent des Gewichts der Zutaten aus der Schweiz stammen müssen, um von «Made in Switzerland» sprechen zu dürfen. Bei industriellen Produkten müssen mindestens 60 Prozent der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen.
Da die Lohnkosten hierzulande bekannterweise relativ hoch sind, wäre es demnach gut möglich, dass bei industriellen Produkten rein von der Arbeitsleistung her (Arbeitsstunden) weitaus mehr im Ausland wie zum Beispiel im Billiglohn-Land China anfällt. Das endgültige Produkte dürfte dann aber trotzdem einen Schweizer EAN-Code beginnend mit «76…» tragen…
Wer nun Schweizer Produkte pauschal oder auch nur einzelne Schweizer Produkte boykottieren will, riskiert also, auch andere zu treffen und diese unter Umständen weitaus stärker als dies hierzulande mit unseren Sozialwerken und einer bereit abgestützten Wirtschaft der Fall ist.
Sinnlose Boykotte
Zurzeit gibt es aus den USA heraus auch einen angeblich kaum organisierten Boykott-Aufruf betreffend BP. Doch auch hier wäre ein gewisses Wissen sinnvoll, denn: Wieviele der Boykottierenden wissen wohl, dass zu BP auch die Castrol- und Aral-Tankstellen gehören?
Ohnehin zeigt sich in diesem Fall auch, dass Boykotte nicht unbedingt sinnvoll sein müssen. Alle der Boykottierenden sind zwar gegen die unglaubliche Umweltverschmutzung im Golf von Mexiko – aber keiner fährt deswegen weniger mit seinem Auto… Indem sie einfach nur auf andere Tankstellen ausweichen, unterstützen sie weiterhin die Ölförderung aus den Weltmeeren – eben durch andere Firmen.
Schliesslich aber entziehen sie BP damit Einnahmen, mit denen die Schäden – sofern überhaupt möglich – behoben werden können. Dass es die Verbraucher und nicht die Allgemeinheit sein sollten, welche durch ihre uneingeschränkte Nachfrage auch dafür aufzukommen haben, kann auch nicht so falsch sein, oder?
Sinnvoller wäre es wohl gewesen, BP vor dem Unglück wegen mangelnder Sicherheitsmassnahmen zu boykottieren – hätte man davon gewusst. Heute, wo der Schaden bereits angerichtet ist, ist es auf jeden Fall zu spät – und BP dürfte seine Lektion auch ohne Boykott gelernt haben…
Schwieriges Unterfangen
Heute eine Sache wirkungs- und sinnvoll zu boykottieren ist vor allem deshalb nicht einfach, weil «diese Sachen» schon längst nicht mehr nur aus einer Hand stammen müssen. Bevor man zur Aktion schreitet, sollte man sich deshalb vorgängig genau informieren, um schliesslich nicht die Falschen zu treffen und damit mehr zu schaden statt zu helfen.
Viele Informationen werden uns zu einer Sache zwar mitgeliefert, doch sie sind teilweise – bewusst oder unbewusst – verfänglich oder missverständlich formuliert. Zwar dürfte es keine falschen Angaben geben. Die bestehenden Angaben sind aber immer vollständig und genaustens zu lesen.
«Hergestellt aus Schweizer Fleisch» heisst beispielsweise nur, dass die Kuh in einem Schweizer Stall gestanden hatte. Dass sie hingegen im Ausland zu einem Fleischprodukt verarbeitet wurde, dürfte irgendwo – wenn auch kleingedruckt – zu finden sein.
Ob diese Kuh allerdings nicht doch ausländisches Heu zu fressen bekam und unter welchen Bedingungen sie transportiert und geschlachtet wurde, findet sich aber nirgends…
Auch wenn Sie eventuell Vegetarier/-in sind: Verstehen Sie den vorgängigen Absatz nur als Beispiel. Es kann auf jede andere Sache übertragen werden. Und damit sind nicht nur Produkte gemeint.
Hilfreich bei der Informationsbeschaffung zwecks möglichem Boykott können auch Interessenvertreter sein. Ist man sich bewusst, wessen Interessen diese warum vertreten, können sie einem häufig nützliche Informationen fernab der sonst üblichen PR-Mechanismen liefern. Natürlich wären hierzu immer (auch) die Vertreter der Gegen-Interessen zu befragen, obschon diese häufig zu Übertreibungen neigen.
Am besten ist es natürlich immer noch, wenn man sich selber über eine Sache vergewissern beziehungsweise sich ein Bild machen kann. Je näher der Ursprungsort dieser Sache, desto grösser die Chance, darüber mehr zu wissen oder in Erfahrung bringen zu können. Das schliesst einen möglichen Besuch einer Sache direkt am Herkunftsort mit ein.
Viel Spass beim möglichen Boykottieren! Und im Zweifelsfall, insbesondere dann, wenn es an Transparenz fehlt oder der Bauch dem Kopf widerspricht: Einfach Hände weg…