Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03230.jsonl.gz/819

Rätoromanisch, von den Einheimischen in der Regel Romanisch genannt, ist eine Untergruppe der romanischen Sprachen. Seit 1938 ist es offiziell die vierte Landessprache der Schweiz.
Die Sprache entstand im Jahr 15 v. Chr. als die Römer das Gebiet zwischen den Rätischen Alpen und der Donau (Rätien) erobern konnten. Das Volkslatein der Römer vermischte sich mit den Sprachen der Bewohner des Alpenraums. Es ist nicht vollständig geklärt, all welche Völker zu diesem Zeitpunkt dort lebten. Wahrscheinlich gehörten aber indoeuropäische Kelten und nicht-indoeuropäische Räter zu den wichtigsten Gruppen, was unter anderem auch die grossen sprachlichen Unterschiede, die es innerhalb des Rätoromanischen gibt, erklären würde. Unter der römischen Herrschaft bis ca. 476 genoss das Gebiet mehrheitlich politische Selbstbestimmung und auch die Christianisierung mit der Eingliederung der Region in das Römische Reich waren für das Rätoromanische förderlich.
Die Wende kam um 800 als aufgrund vom Karl dem Grossen die Selbständigkeit endete. Von da an war ein deutschsprachiger Graf zuständig und durch weitere Umstrukturierungen wurde Rätien dem ostfränkischen Reich Ludwig des Deutschen zugeteilt und das Bistum Chur ging von der Kirchenprovinz Mailand zu der von Mainz über. Dies hatte zur Folge, dass in Chur fast ausschliesslich deutschsprachige Bischöfe zuständig waren. So war die Oberschicht in Chur weitgehend germanisiert und diese Tatsache führte zumindest teilweise dazu, dass sich im Mittelalter kein kulturelles rätoromanisches Zentrum bilden konnte, obwohl in der Stadt Chur bis zu dessen Brand im Jahr 1464 Rätoromanisch die allgemeine Umgangssprache war.
Im 15. Jahrhundert sprach man im grössten Teil Graubündens Rätoromanisch. Zu dieser Zeit wurde aber das Lateinische durch das Deutsche als Amts- und Verwaltungssprache ersetzt. In den ersten zwei Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts wird erstmals ein Strafgesetz und ein Vertrag auf Rätoromanisch geschrieben. Aufgrund der Reformation und der Katholischen Reform im 16. und 17. Jahrhundert wurde zuerst im Engadin und später in der Sutselva sowie Surselva rätoromanische Literatur erschaffen. Es wurde von Anfang an in Oberengadinisch (Puter), Unterengadinisch (Vallader), Sutselvisch (Sutsilvan) und Surselvisch (Sursilvan) geschrieben, was einerseits mit den konfessionellen Gegensätzen zusammenhängt und andererseits mit dem Fehlen eines rätoromanischen Zentrums, was auch die wenigen rätoromanischen Schriften des Mittelalters erklärt. Obwohl seit dem Jahr 1794 offiziell die Dreisprachigkeit im Gebiet gilt, verlor das Rätoromanische als Schriftsprache rapide an Ansehen. Im mündlichen Gebrauch führte das Tourismus und die Industrialisierung bis heute zu dessen Rückgang. Um dem entgegenzuwirken, begannen Intellektuelle und Schriftsteller die Bevölkerung für die Gefährdung Ihrer Sprache zu sensibilisieren. In den 1830er-Jahren erschienen die ersten rätoromanischen Schulbücher und Ende des 19. Jahrhunderts sowie Anfang des 20. Jahrhunderts wurden verschiedene Sprach- und Kulturvereine gegründet: 1885 die Societad Retorumantscha (Annalas, Dicziunari Rumantsch Grischun) und 1919 die Lia Rumantscha (Dachverband aller rätoromanischen Sprachvereine).
Die derzeitige Situation: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sprach die Mehrheit der Bündner Rätoromanisch. In der Volkszählung von 1860 zeigte sich erstmals eine Überzahl der Deutschsprachigen. Im Jahr 2000 gaben noch ca. 35’000 Personen Rätoromanisch als bestbeherrschte Sprache und ca. 61’000 als häufigste verwendete Sprache an. In den Volkszählungen 2010–2014 gaben ca. 41’000 Rätoromanisch als Hauptsprache an.
http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D24594.php
Historisches Lexikon der Schweiz, 2012, abgerufen am 06.03.19
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/grundlagen/volkszaehlung.assetdetail.1020816.html
Bundesamt für Statistik, 2016, abgerufen am 06.03.19
Rumantsch Grischun
Rumantsch Grischun (RG) ist die gemeinsame Schriftsprache der Rätoromanen.
Entstehung: Der Wunsch nach einer Einheitssprache wurde laut als die Sprache nicht nur regional Verwendung fand. Über 200 Jahre wurde versucht eine einheitliche Schriftsprache zu erschaffen. Die Realisierung einer Standardsprache gelang schliesslich als die Lia Rumantscha das Problem in die Hand nahm. Alarmiert durch den drastischen Rückgang des Rätoromanischen, entschied sie ein Sprachkonzept zu erstellen – eine Standardsprache zu erschaffen gehörte dazu. Sie beauftragte dazu im Jahr 1982 den Romanistikprofessor Heinrich Schmid der Universität Zürich. Es entstand das Rumantsch Grischun. Es basiert auf drei (es existieren fünf) bündnerromanischen Schriftidiomen: Sursilvan, Vallader und Surmiran. Es wurde nach dem Mehrheitsprinzip erschaffen. Dies gilt einerseits für die Formen- und Lautlehre und andererseits für die Satzbildung und den Wortschatz. In den Fällen, wo es keine Mehrheit gab, wurde auch auf den zwei kleinsten Schriftidiomen sowie Regional- und Lokalvarianten zurückgegriffen.
https://web.archive.org/web/20071210205621/http://www.liarumantscha.ch/Rumantsch_grischun.397.0.html?&L=1
Lia Rumantscha, 2006, abgerufen am 06.03.19