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Vom Sandwich zum Tolpatsch
Arthur Baur hat mehrmals in seinen Sprachglossen der Herkunft kulinarischer Begriffe nachgespürt, so u.a. dem Wort «Meringue», deren Süssigkeit, wie er feststellt, «noch nie bestritten worden ist, deren Herkunft aber zu einigen Diskussionen Anlass gibt».
Man muss aber nicht immer im dunkeln tappen, es gibt auch Wörter, die uns keine Rätsel aufgeben. Ein solches ist das Wort Sandwich. Seine Abstammung kennen wir genau. Der Sandwich ist nach seinem Erfinder benannt, dem englischen Grafen John Montague Sand-
wich (17181792). Seinen Namen trägt auch jene polynesische Inselgruppe, die heute besser unter dem Namen Hawaii bekannt ist. Dieser Lord bekleidete zwar die höchsten Staatsämter, aber er zeichnete sich nicht durch besondere Leistungen aus, man könnte ihn so-gar einen Nichtsnutz nennen. Davon zeugt eben gerade der Sandwich. Dessen Zweckbestimmung war es, dem Grafen zu ermöglichen, sich zu verpflegen, ohne das Karten-spiel, dem er leidenschaftlich huldigte, zu unterbrechen. Zu diesem Behufe liess er sich von
seinem Diener Schinken zwischen zwei Brothälften legen und konnte so mit einer Hand essen, während er mit der anderen Hand die Karten hielt.
Für den Sandwich gibt es kein deutsches Wort, aber das heutige Schweizerdeutsch besitzt eine sehr treffende Übersetzung. Sie lautet «en Yklämmts», was übrigens ganz ähnlich gebildet ist wie das spanische «emparedado». (Pared heisst Mauer, unserem Eingeklemmten entspricht also ein Eingemauertes.) Der Du-den hat nicht recht, wenn er das Wort Sand-wich mit belegtem Brötchen definiert. Unser Lord würde protestieren, denn ein belegtes Brötchen würde ihm nicht dienen; ein solches lässt sich nicht in der Hand halten, ohne dass die Finger und die Karten etwas abbekommen.
Sandwiches werden zwar auf der ganzen Welt serviert, aber eine kulinarische Meisterleistung sind sie nicht. Solche kommen doch eher aus Frankreich, und das wiederum bringt uns auf den Chateaubriand. Er trägt seinen Namen nach Fran~ois-Rene Vicomte de Chateaubriand (17681848), dem Wiedererwecker des Christentums und führenden Kopf der Restauration. Vermutlich kennen ihn heute mehr Leute als Zierde der Speisekarte denn als Denker. Im Kochbuch lesen wir: «Un chateaubriand est une tranche epaisse de filet de bmuf grillee avec une sauce bearnaise gar-nie de pommes de terre soufflees». Diese Creation wird Chateaubriands Koch Montmireil zugeschrieben, wobei aber merkwürdigerweise sein Dienstherr selbst gar kein besonderer Gourmet gewesen sein soll. Eigentümlich ist auch, dass über den Namen des Kochs keine Einigkeit besteht, denn in einigen
Quellen wird er Chäbrillon genannt und nicht Montmireil. Das müsste einmal ein Kochhistoriker abklären.
Der französische Vicomte ist nicht der einzige, der einem saftigen Stück Fleisch seinen Namen gegeben hat. Wem ein Chateaubriand zu gross ist er wird meistens für zwei Personen zubereitet zieht vielleicht einen Tournedos Rossini vor. In ihm hat sich der Komponist des «Barbiers von Sevilla» einen Platz auf der Speisekarte gesichert.
Verlassen wir die Kochkunst und wenden wir uns einem modischen Accessoire zu, das nicht nach einer Einzelperson, sondern nach einem ganzen Volk benannt ist, der Krawatte. Ihre Herkunft ist auch unbestritten. Sie wurde den kroatischen Reisläufern abgeschaut, die ein Halstuch trugen, das vorn zusammengesteckt war. Die aus Kroaten gebildete leichte Kavallerie machte im 17. Jahrhundert im guten und im schlechten Sinn Furore. Ludwig XIII. rekrutierte ein Regiment aus kroatischen Reitern, welche man kurzerhand «cravates royaux» nannte. Ihre typische Halsbinde fand bald Nachahmer, und man übertrug den Namen von den Trägern auf die Sache: französisch cravate, italienisch noch deutlicher croatte. Im Deutschen tauchte das Wort erstmals 1694 auf. Seither machte sie zahlreiche modische Veränderungen durch, aber der Name blieb und behauptete sich auch gegen-über dem norddeutschen Schlips.
Osteuropa hat uns noch ein ganzes Zeug-haus voll militärischer Wörter geliefert. Die meisten stammen aus dem Ungarischen; so die Husaren, Panduren und Heiducken samt ihrer Ausrüstung wie Pallasch, Dolman, Pekesche, Tornister, Tschako und der Kandare des Pferdes. Manche sind kaum mehr im Gebrauch, aber jedermann kennt den Tolpatsch. Er hat eine besonders lustige Geschichte. Ursprünglich diente er als Spottnamen für die Infanteristen. Talp heisst auf ungarisch «Sohle» und talpas (sprich talpasch) bedeutet «breitfüssig». Als Tolpatz tritt das Wort 1698 erstmals im Deutschen auf, dann wurde ihm die Ähnlichkeit mit toll und Tölpel zum Verhängnis, und so kam es zur heutigen Bedeutung «ungeschickter Mensch». Wer heute Tolpatsch gescholten wird, fühlt sich vielleicht weniger beleidigt, wenn er die umständliche Geschichte des Wortes kennt.
Arthur Baur