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Hans Näf Leben und Wirken
Lebensgeschichte
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Zum Schreibprozess
Die ersten 7 Jahre
in der "Heimat" in
Wolhusen
In der Klosterschule
Engelberg
1. bis 8. Klasse
Kriens Alpenstrasse
ab Ostern 1931
1948 - 52 Studium
an der Universität
Basel und die
grosse Liebe
1946/47 zwei
Semester in Paris
Militär
1945/46
Familienleben
1945/46 Studium
an der Universität
Zürich
Die Zeit nach 1959
Schulpsychologe in
Basel 1959 - 73
Meine eigene
Familie in Meggen
Meine Zeit als
Sekundarlehrer
Bergsteigen und
Skifahren
Erlebte
Schulgeschichte
Meine eigene Familie in Meggen
Im ersten Jahr in Meggen war Mimi meine Lehrmeisterin in naturwissenschaftlichen Angelegenheiten und half mir beim Schule geben. Daneben machte sie den Haushalt und holte das Lesen der vielen Bücher, zu dem sie während des Studiums nicht gekommen war, nach. Das Bedürfnis, sich auch medizinisch weiterzubilden, veranlasste sie nach 2 Monaten, im Spital in Solothurn eine Stelle als Assistentin anzunehmen. Da ihre Schwangerschaft komplikationslos verlief und ich das dringende Bedürfnis verspürte, besser englisch zu lernen, reiste ich anfangs Sommerferien nach London. Wohnen konnte ich dort bei Franco, der in der Bank of England ein Praktikum absolvierte.
Auf dem Weg nach England brachte ich Mimi mit dem Töff nach Solothurn. In einer Kurve fuhr ich zu schnell, kam über den Strassenrand hinaus auf eine Wiese und am Schluss landeten wir relativ sanft an einem Baum. Das erste Motorradunglück, dass wir miteinander erlebt hatten, war vor einem Jahr am Feldberg passiert. Auf einer ungeteerten Strasse waren wir in einer Kurve ausgerutscht und Mimi hatte sich die Hände aufgeschürft. Jetzt kamen wir mit dem Schrecken davon, aber die Motorradfahrerei schien uns, vor allem auch weil Mimi schwanger war, etwas leichtsinnig, was mein Vater schon lange fand. Trotzdem fuhr ich auf dem Motorrad weiter, nach England, und nach sechs Wochen auch wieder zurück.
Ich hatte nur noch Geld für das Benzin bei mir, war schon auf dem Schiff fast verhungert. In Belgien schlug ich mein Zelt an einem Waldrand auf, weil ich aus Geldmangel nicht auf einen Campingplatz gehen konnte. Wie ich am Abend noch vor dem Zelt sass, kam aus dem Wald ein Araber, stellte sich vor mich hin und fragte: „Que fais tu là?“. Ich antwortete ihm, dass ich am kampieren sei. Darauf drehte er sich um, liess ein kurzes „ah, bon“ hören und verschwand im Wald. Mich beschlich ein ungutes Gefühl, denn diese Leute hatten einen schlechten Ruf. Trotzdem wechselte ich den Platz nicht und schlüpfte in den Schlafsack. Mitten in der Nacht erwachte ich ab einem metallischen Klingeln. Ich dachte sofort an einen Überfall und packte ein Stück der Zeltstange, um mich zu verteidigen. Dabei zitterte ich vor Angst und konnte nicht mehr einschlafen. Es wurde aber wieder ruhig, bis ein nächstes metallisches Klingeln zu hören war. Jetzt musste ich handeln und kam zum Schluss, dass ich das Zelt auf der Hinterseite verlassen müsse, um nicht beim Eingang niedergeschlagen zu werden. Nach langem Lauschen schoss ich explosionsartig hinten aus dem Zelt heraus, aber es war niemand da. Ich suchte noch die Gegend ab, fand aber niemand. Am Morgen entdeckte ich dann, dass das Klingeln von einem Pferd kam, dem eine Kette am Hals hing, die den Draht des Zauns berührt hatte. Da fiel mir ein Stein vom Herzen und ich schimpfte mich einen tapferen Angsthasen. Frohen Herzens fuhr ich den ganzen Tag, ohne Essen, nur Wasser trinkend, dem gelobten Land entgegen. Immer aber mit der Befürchtung, das Benzin könnte nicht reichen. Aber es reichte bis zu Trudi, der Cousine in Basel, bei der ich Kost und Logis erhielt und zum Weiterfahren eine Zwanzigernote.
Nach den Sommerferien war die Familie wieder beieinander, Mimi mit einem rundlichen Bäuchlein, wir beide froh und glücklich, auch wenn die Asistenzzeit in Solothurn noch nicht zu Ende war, sodass wir uns in den nächsten Wochen immer wieder trennen mussten und uns nicht einmal jedes Wochenende sehen konnten. Neugierig und bewegt lauschten wir auf die Herztöne und erlebten das Strampeln des Kindes. Allen dreien ging es gut. Wir angehenden Eltern waren natürlich gespannt, ob wir ein Mädchen oder einen Buben bekommen würden. Mimi wünschte, Mutter von fünf Buben zu werden und ich hoffte auf ein Mädchen.
Ich nahm den Unterricht wieder auf und hatte mehr als genug Arbeit mit Vorbereiten von Physik, Geometrie, Pflanzenkunde, die ich für jede Lektion vorher selber lernen musste. In den andern Fächern war ich ausgebildet, die brauchten zur Vorbereitung viel weniger Zeit. Schwierig war oft die Organisation der einzelnen Lektionen, denn ich hatte ja ständig 2 Klassen im gleichen Zimmer und konnte mich nur einer widmen, während die andere still arbeiten musste. Das war oft zu viel für die Schüler und auch für mich, der ich immer einen Blick auf beide Klassen haben musste. Es gab Störungen und Unterbrüche im Ablauf des Unterrichtes, obwohl die meisten der 50 Schüler und Schülerinnen meist gut mitzuarbeiten versuchten. Mit Zuckerbrot und Peitsche, Lob und Strafe, Ermahnungen, Drohungen und auch Wutanfällen, Bitten und Danken schlug ich mich durch. Ich verlor den Mut und auch den Humor nicht, da mich Eltern, Kollegen/Innen und Behörden, Bekannte und Freunde unterstützten und vor allem. weil ich mit Mimi sehr glücklich war.
Thomas 26.12.1953
Kurz nach Weihnachten weckte sie mich eines Nachts und flüsterte, das Wasser sei gebrochen, wir müssten sofort ins Spital. Das war drei Wochen vor dem Termin. Um Geld zu sparen, entschied die Frau Doktor, dass sie gut im Damensitz auf dem Motorrad in die Klinik ins Kantonsspital in Luzern gebracht werden könne. So fuhren wir denn in der Dunkelheit los und dann dauerte die Geburt zwei Tage und Nächte. Ich konnte dabei sein, was damals nicht üblich war, und durfte Mimi die Hand halten. So ein blutiges und schmerzvolles Ereignis habe ich keines mehr erlebte. Mimi litt enorm, musste am Schluss genäht werden. Nach der Geburt war nicht nur Mimi, sondern auch ich total erschöpft. Dem kleinen Thomas aber ging es sehr gut, er kam völlig gesund und ohne Schäden zur Welt.
Im Haus, in dem wir wohnten, war der Mann einer Nachbarin bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Irgendwie kam es, dass sie uns offerierte, bei der Betreuung des Kleinen zu helfen. So kam es, dass Thomas, bis er etwa drei Jahre alt war, immer wieder von ihr betreut wurde, wenn Mimi als Vertreterin von Ärzten arbeitete. Ich konnte ihn, wenn ich von der Schule heim kam, täglich besuchen, und mich an ihm und mit ihm freuen. Trotz Frühgeburt war er ein ganz gesundes und lebhaftes Kind, das schon mit einem Jahr die Treppe hoch steigen und runter rutschen und erste Worte sagen konnte. Obwohl wir ihn liebten und er uns viel Freude machte, haben wir in unabsichtlich gequält, indem wir ihn viel zu früh auf Reinlichkeit und allein schlafen dressierten. Wenn er dann nachts weinte, litten wir mit, meinten aber, das sei gute Erziehung, das Kind dürfe nicht verwöhnt werden und schreien stärke die Lunge.
Als Thomas zwei oder drei Jahre alt war, hatten wir oft Besuch eines alten Freundes von Mimi, den sie noch aus ihrer Zeit in Peking kannte. Wir mochten ihn und er mochte uns. Er war begeistert von Thomas und sagte er immer wieder: „Thomas, du Phänomen, du bist ein totales Phänomen.“ Thomas sagte mit der Zeit: „Tota, menlemen“, was so viel hiess wie „Thomas Phänomen“. Mit fünf Jahren, kam das Menlemen in den Kindergarten. Es war eher klein und fein gebaut, aber sehr gelenkig und vif, deswegen waren weder der 20-minütige Weg, noch die Kamerädlein im Kindergarten ein Problem.
Martin
Als Mimi 1954 wieder schwanger war, suchten wir eine grössere Wohnung und fanden bei der ehemaligen Hausmeisterin der Heimat in Wolhusen eine bezahlbare 5-Zimmerwohung . Vom Chalet Fernblick aus genossen wir dann 4 Jahre lang eine absolut fantastische Aussicht. 100 Meter unter uns lag der Vierwaldstättersee in seiner ganzen Breite von Luzern bis Selisberg. Der See wurde von einem Bergpanorama umrahmt, das über den Brünig bis zum Wetterhorn im Berner Oberland reichte und links von der Rigi und rechts vom Pilatus begrenzt war. An Stelle der bisherigen Tagesmutter, die Meggen verliess, mussten wir eine neue engagieren. Diese kam auf ein Inserat hin von Deutschland und wir hatten riesiges Glück, denn Barbara war ebenso liebevoll und tüchtig wie ihre Vorgängerin.
Martin kam im St. Anna in Luzern zur Welt. Auch seine Geburt dauerte sehr lang und war anstrengend und schmerzhaft. Ich habe sie nicht ganz miterlebt, da ich erschöpft schlafen gehen musste. “Bei Getsemane schliefen die Jünger auch“, sagte mir eine Pfarrerin, als ich es ihr erzählte. Nach ein paar Wochen bemerkten wir, dass mit Martins Augen etwas nicht ganz stimmte, machten uns aber keine Sorgen. Auch die Ärzte beruhigten uns und ich reiste anfangs September für 6 Monate als “Blauhelm“ zur Überwachung des Waffenstillstandes nach Korea. Vor Weihnachten schrieb mir Mimi, Martin habe ein angeborenes Glaukom. Der Arzt unserer Delegation sagte mir dann, dass Martin wahrscheinlich erblinden werde, denn über 90% dieser Kinder würden blind. Mimi hatte dies zur selben Zeit auch erfahren. Das war natürlich eine traurige Nachricht, die uns sehr belastete. Während ich in Korea war, schrieben Mimi und ich uns fast täglich und stützten uns damit gegenseitig. Auch die liebevolle und verständige Euli (Fräulein Barbara) wurde für Mimi eine stützende Freundin.
Martin war ruhiger als Thomas, er trug den Kopf oft gesenkt, da er nicht ins Licht, das ihn blendete, schauen konnte. Er weinte auch häufig und war lange Zeit ein eher unglückliches Kind. Seine Entwicklung ging auch langsamer voran als jene von Thomas. Alle paar Monate mussten wir ihn ins Kinderspital nach Zürich bringen. Die Ärzte vermuteten dort, dass Martin auch geistig nicht normal sei, er habe einen Wasserkopf. Das war ein zweiter Schock für uns. Blind und geistig behindert. Wir verstanden nicht warum, denn in der ganzen Familie, mütterlicher- und väterlicherseits, gab es keine kranken Kinder. Es entstand daher der Verdacht einer Schädigung durch Röntgenstrahlen bei der ärztlichen Tätigkeit von Mimi. Als ich ein Kind war benutzte man den Röntgenapparat sogar um zu sehen, ob die Schuhe richtig an die Füsse passten. Die Gefährlichkeit der Röntgenstrahlen war offenbar noch nicht erkannt.
Die Untersuchungen im Spital stressten Martin sehr und mit der Zeit bekam er jedes mal Fieber, sobald er merkte, dass der nächste Termin bevorstand. Mit der Zeit musste er Fieber senkende und beruhigende Mittel einnehmen, damit man ihn ins Spital bringen konnte. Im Spital kam die schreckliche Szene, dass der kleine Martin von Mimi, an die er sich klammerte, weggerissen wurde. Obwohl sie Ärztin war, durfte sie, wegen der Infektionsgefahr, nicht mit dem Kleinen in den Untersuchungsraum. Martins Schreien verstummte erst, wenn er betäubt eingeschlafen war. Je nach Befund konnten wir ihn wieder mit heim nehmen oder er musste tage- oder wochenlang im Spital bleiben. Das waren für alle sehr schwierige Zeiten! Es war eine Erlösung, als Martin mit etwa zwei Jahren lebendiger wurde und derart schnell sprechen lernte, dass niemand mehr von geistiger Behinderung redete.
Da Mimi sich sehr intensiv Martin zuwenden musste und Thomas, der 2 Jahre das Zentrum der Familie gewesen war, von ihr oft weniger beachtet werden konnte, kümmerten Euli und ich uns ganz bewusst um Thomas. In unserer individualpsychologischen Fortbildung hatten wir nämlich vernommen, dass für das älteste Kind einer Familie die Gefahr der Enttrohnung bestehe, wenn ein Geschwisterchen besondere Aufmerksamkeit benötige . Es müsse dann auf die gewohnte Aufmerksamkeit verzichten und werde auf die Konkurrenz eifersüchtig, was oft zu Schwierigkeiten führe. Dem versuchten wir vorzubeugen und wendeten uns absichtlich oft Thomas zu, besonders aber dann, wenn Mimi mit Martin beschäftigt war. Wir hatten aber auch gelernt, dass bei Kleinkindern mit Gebrechen eine grosse Gefahr bestehe, dass sie verwöhnt werden. Man helfe ihnen zu viel, sodass sie unselbständig und hilfloser bleiben. Da wir die Probleme unserer Erziehung im Kurs laufend besprechen konnten, fiel es uns leicht, Thomas nicht zu frustrieren und Martin nicht zu verwöhnen. So wurden die Brüder sehr tolerante und meist friedliche Spielkameraden. Ich als Vater gab obendrein jahrelang immer wieder die Regel durch: “Brüder streiten nicht, Brüder helfen sich.“
Werner 11.3.1959
Werner kam, kurz bevor wir nach Basel umzogen, 1959 im St. Anna Spital in Luzern zur Welt. Er erlebte den Umzug in einer Tragtasche und wurde zusammen mit den Brüdern im grössten Zimmer der Wohnung beim St. Albanturm untergebracht. Wie schon Martin genoss er im Vergleich zu Thomas eine viel mildere Erziehung. Unsere pädagogischen Ansichten hatten sich seit 1953 radikal verändert. Wir respektierten die Bedürfnisse des Kleinen viel mehr, hatten keine Angst ihn zu verwöhnen, wenn wir seinen Wünschen nachgaben, statt ihn zum Verzichten und zu Gehorsam zu zwingen.
Werner entwickelte sich langsamer als seine beiden Brüder und wir liessen ihm Zeit. Mit anderthalb Jahren sprach er noch kein Wort. Dies beunruhigte mich und ich dachte, er sei retardiert. Jedoch entwickelte auch er sich völlig normal. So habe ich erlebt, wie das Entwicklungstempo von Kindern verschieden ist und man sie eigentlich nicht miteinander vergleichen sollte.
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