Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03288.jsonl.gz/522

"I’m not the Yoko [Ono] of the band.", eröffnete Julie Delpy Anfang dieses Jahr der französischen Ausgabe von Variety. Julie Delpy ließ die internationale Presse kurz aufhorchen: Es würde keinen vierten Teil der bisherigen "Before"-Trilogie geben. Aber nicht weil sie nicht wolle, sondern weil es keine Idee dazu gäbe. Nach "Before Sunrise" (1995), "Before Sunset" (2004) und "Before Midnight" (2013) wird es also dieses Mal länger als neun Jahre dauern, bis sich der Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) und die Französin Celine (Julie Delpy) wiedersehen. Oder doch nicht?
Alles begann im Sommer `94 in Wien in einem Zug der ÖBB. Jesse, der nach dem Ende seiner Beziehung ziellos durch Europa gondelt, um die Zeit zu seinem Rückflug nach Amerika rumzubringen, quatscht Julie an, die sich im Zug neben ihn setzt, weil das Ehepaar neben ihr sich die ganze Zeit streitet. Der ganze Waggon muss notgedrungen dem Ehestreit zuhören und Linklater gibt damit natürlich auch das Motiv und Thema für seinen Film vor. Das Rhema ist die Vergänglichkeit von Liebe und die Frage, ob dies denn unbedingt so sein muss, dass sich Mann und Frau nach ein paar Jahren zusammenleben so anöden, dass sie sich sogar zu hassen beginnen. Auch für die beiden Twens, die sich noch am Anfang ihrer Liebesbeziehung(en) befinden, ist dies schon ein Thema, in dieser einen Nacht, die sie miteinander verbringen, handeln sie praktisch alle Ausprägungen menschlicher Beziehungen ab. Sie schlendern durch das nächtliche Wien und spielen miteinander Zukunft, denn natürlich werden sie sich nie mehr wiedersehen. "Tonigth's the only night": Davon sind sie fest überzeugt. Am Donaukanal begegnet ihnen der Poet, der ein Gedicht über einen Milkshake verehrt, in der Arena spielen sie Flipper, am Spittlberg gehen sie spazieren, am Franziskanerplatz liest ihnen eine Wahrsagerin aus den Handflächen. Auch das Roxy und das inzwischen ausrangierte Josef Strauss Schiff kommen zu Ehren. Für Wien-Liebhaber ein Genuss vor allem auch deswegen, weil die Gespräche der beiden oft naiv aber nie redundant sind und genau das verkörpern, was das Jungsein so schön macht: Verliebtsein. "Being with you made me feel I was someone else", meint Jesse. Das könnte aus "Perfect Day" von Lou Reed geklaut sein. Urlaub vom ich.
Am Anfang von Sunset steht das Versprechen von Sunrise: wir werden uns in genau einem halben Jahr nach dem 16. Juni wieder in Wien treffen. Same time, same station. Aber dann werden es doch neun Jahre, bis die beiden sich wiedersehen. Jesse Wallace ist inzwischen ein erfolgreicher Schriftsteller geworden, der sein neues Buch "This time" im Pariser Shakespeare's&Company der Presse vorstellt. "Happiness is in doin', not in gettin' what you want", sagt er zur Presse. Auch Céline ist gekommen und sie haben einen Nachmittag lang Zeit für einen Spaziergang durch die Pariser Altstadt. Im Café Pure kann Jesse sein Französisch unter Beweis stellen. Danach streifen sie durch einige der schönsten Orte der französischen Hauptstadt und setzen ihr Gespräch genau dort fort, wo sie es vor neun Jahren abbrechen mussten. Aber die letzten neun Jahre haben sie beide zu anderen Menschen gemacht. Céline ist erfolgreich bei einer NGO und sozial engagiert. Sie ist in einer Beziehung ohne Kinder. Jesse in einer Beziehung mit einem Sohn. Aber beide sind unglücklich und bereuen es, die Chance, die sich ihnen vor neun Jahren geboten hatte, nicht genutzt zu haben. Aber vielleicht ist diese vermeintliche Chance auch nur eine weitere Chimäre, die durch die Illusion aufrechterhalten wird, dass es nur deswegen nicht klappte, weil sie es nicht probierten. Aber wer sagt ihnen denn, dass sie nicht genauso geendet wären, wie das Ehepaar aus dem Zug im ersten Teil? Die Vergänglichkeit der Liebe lässt sich durch nichts absichern oder vermeiden. Sie ist ein flüchtiges Kind. Jesse und Céline versichern und überzeugen sich gegenseitig, dass es gemeinsam besser gewesen wäre. Before Sunset endet mit einem eleganten Cliffhanger, der erst neun Jahre später fortgesetzt wird.
"Memories are fine, if you don't have to deal with the past", meint Céline an einer Stelle und Jesse muss über die Widersprüchlichkeit des Satzes lachen. Gleichzeitig sind diese Erinnerungen aber auch alles, was einem am Ende eines hoffentlich langen Lebens bleibt. Aber es reicht nicht aus, "Being part of someone's else's memory", sondern alle Liebe will Ewigkeit. Doch genau das ist das Unmögliche. Vielleicht ist es schöner in der Illusion zu leben, als so wie das alte Ehepaar zu werden? Der dritte Teil der Before-Trilogie (2013) gibt eine (vorläufige) Antwort. Zumal es dieses Mal nach neun Jahren (2021) keine Fortsetzung geben wird. Sagt Julie Delpy.