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geschieht, und doch ist alles so maßvoll, ohne jede äußerliche heftige Bewegung. - Zeitlich gehören die schon besprochene «Madonna mit dem Buche», wie jene zu Brügge hinter das folgende Werk, mit dem die Reihe der Jugendwerke abschließt: dem «David». Dieser vertritt jedoch eine ganz andere Seite Michelangelos: das Ringen mit der Form, um in dem Ganzen des Körpers das Seelische, die innere Bewegung des Geistes und Gemütes zum Ausdruck zu bringen.
Der Körper des David zeigt die Ungelenkheit, die der männlichen Jugend anhaftet. Die Hände und Füße sind groß, wie sie schon Verrocchio in seinem David bildete. Es ist der Augenblick vor dem Wurf gewählt, in dem David, den Angriff des Riesen erwartend, in ruhigem, selbstbewußtem Kraftgefühl die Schleuder in Bereitschaft hält. Im Gesicht prägt sich ruhige, abwägende Entschlossenheit aus. Vom Standpunkte der Handfertigkeit aus ist der David insofern ein Kunststück, als er aus einem, zum Teil schon von einem anderen Künstler und für eine andere Arbeit behauenen Marmorblock gemeißelt wurde.
Den letzten Schritt zur Vollendung machte Michelangelo in den Bildwerken für das Juliusgrab, die etwa 1512 in Rom in Angriff genommen wurden. Nach dem ursprünglichen Plane wollte Michelangelo ein Werk schaffen, welches an Gewaltigkeit ebenso alle Bildnerei übertreffen sollte, wie die Peterskirche alle Bauten. Das Grabmal war als freistehender Bau mit mehreren Geschossen gedacht. Am unteren Teil sollten gefesselte Gestalten - die «Sklaven» - die eroberten Provinzen verkörpern, den Oberbau neben dem knienden, von zwei Engeln gehaltenen Papste sinnbildliche und biblische Gestalten und die Madonna schmücken. Im ganzen waren über 40 Standbilder, abgesehen von den Flachbildern, in Aussicht genommen. - Von all dem Geplanten wurde nur ein Bruchteil fertig, von dem auch nur das Standbild des «Moses» an dem Denkmal in seiner heutigen Gestalt Verwendung fand.
Man kann sich einen ungefähren Begriff von der Großartigkeit der Anlage machen, wenn man bedenkt, daß diese Gestalt für das Obergeschoß bestimmt war. Der Moses ist wohl die großartigste Schöpfung Michelangelos; er ist in dem Augenblick heftigster innerer Erregung dargestellt, in welchem er die Anbetung des goldenen Kalbes erblickt und aufspringen will, um seinem ungeheuren Zorn Luft zu machen, welcher die ganze Gestalt von der Stirne bis zu den Fußspitzen durchdringt. Es ist die Leidenschaftlichkeit eines «Ueber-
^[Abb.: Fig. 468. Michelangelo: Grabmal des Lorenzo Medici.
Florenz. S Lorenzo.] ¶
menschen", die loszubrechen droht. - Von den übrigen Figuren wurden nur zwei Sklaven fertig, die sich jetzt im Louvre befinden, von welchen insbesondere der Eine (der Sterbende) hinsichtlich der edlen Körperformen und des Ausdruckes seelischen und körperlichen Schmerzes wohl unübertroffen dasteht (Fig. 467).
Zwar nicht ganz vollendet, aber doch als Ganzes abgeschlossen erscheinen die Grabmäler der Medici, für welche Michelangelo auch den Raum selbst schuf, so daß hier Bau und Bildnerei einheitlich zusammenstimmen. Die Anordnung beider Denkmäler ist die gleiche; jedes enthält drei Gestalten; oben in einer Nische das Bildnis des Verstorbenen, darunter, auf einem Sarge ruhend, ein Mann und ein Weib, welche bei dem einen Grabmal mit «Tag und Nacht», bei dem anderen als «Morgenröte und Abend» bezeichnet werden.
Die Gestalten der Herzoge sind keine Ebenbildnisse, sondern dichterisch erfundene Verkörperungen der geistigen Eigenart der Dargestellten. Lorenzo ist gewissermaßen das Urbild eines «Denkers», Giuliano jenes des thatkräftigen Feldherrn. Vollendet sind nur die beiden weiblichen Figuren. Morgenröthe und Abend sind in zwangloser Haltung dargestellt und der Linienfluß ist hier von wundervoller Schönheit. Bei der Nacht ist die Stellung zwar gekünstelt und unnatürlich, aber der Ausdruck von Trauer ist so ergreifend, daß man darüber alle Mängel vergißt. Wer die «Nacht» je gesehen, wird zeitlebens den Eindruck nicht vergessen (Fig. 468 u. 469).
In der Kapelle befindet sich eine sitzende Madonna, zwar unvollendet, aber dennoch von packender Wirkung. Die Haltung und die Bewegungen mögen gesucht und gewaltsam erscheinen, dies ist aber bedingt durch den Aufbau der Gruppe, welcher durch den Zusammenklang der Linien von mustergültiger Schönheit ist. Der Gegensatz zwischen dem träumerischen Ernst Marias, welche von der Ahnung des kommenden großen Leides erfüllt
^[Abb.: Fig. 469. Michelangelo: Die Nacht.
Florenz. Mediceer-Kapelle. S. Lorenzo.] ¶