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Wer eine Reise nach Süditalien plant, sollte auch einen Besuch in einer der besterhaltenen antiken Tempelanlagen vorsehen. Vom Monument zum Mysterium: Spannend ist die Entdeckung von Grabmalereien, welche Auskunft geben über eine der sehr seltenen Jenseitsvorstellungen in der Antike.
Gerade in der touristenarmen Zeit während der Wintermonate hat die antike Stätte eine besondere Anziehungskraft. Sie ist ein Etappenziel auf der Grand Tour durch Süditalien. Und während Jahrhunderten war Paestum schlicht vergessen.
Der Poseidontempel war ursprünglich der Göttin Hera geweiht.
Die zufällige Wiederentdeckung der Ruinen des um die Jahrtausendwende verlassenen Paestum, das von den Griechen als Poseidonia gegründet worden war, inmitten der von mannshohem, wild wucherndem Schilfgras bestandenen Sumpfebene war ein Ereignis, das in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die kunstsinnigen Gemüter Europa fast noch mehr bewegte als die Wiederentdeckung Herkulaneums und Pompejis. Die antike Stätte, heute UNESCO-Weltkulturerbe, liegt etwa hundert Kilometer südlich von Neapel in der Region Kampanien.
Der Heratempel (links), genannt die Basilika, war zur Bauzeit um 540 v.Chr. einer der grössten Steintempel; der Poseidon-Tempel, rund hundert Jahre später gebaut, weist die Bauformen des Zeustempels in Olympia auf.
Ins 5. Jahrhundert v. Chr. fällt die Blütezeit von Poseidonia, gegründet von griechischen Aussiedlern. Bald schon besetzten italische Stämme, die Samniten und vor allem die Lukaner, die Stadt. Mit der Ausdehnung der Einflusssphäre Roms auf den Südteil der heutigen italienischen Halbinsel wurde Poseidonia zu einer römischen Kolonie und nahm den Namen Paestum an. Die griechischen Tempel wurden latinisiert. Vom ersten Jahrhundert v.Chr. an setzte in der Region ein wirtschaftlicher Niedergang ein. Durch die Versumpfung und später durch Sarazenenangriffe gaben die Menschen die Stadt auf. Für die Erhaltung der weitläufigen Anlage war das ein Vorteil. Wir sehen aber heute nicht mehr das griechische Poseidonia, sondern das römische Paestum.
Blick durch die Säulen des Poseidontempels
Tempel dienten nicht ausschliesslich religiösen Zwecken. Vor 600 v.Chr. waren Tempel relativ klein und bescheiden. Wachsende Spannungen zwischen den sich zur Polis, zum griechischen Stadtstaat formierenden Bevölkerungsgruppen erzeugten eine Kluft in der Teilhabe an der politischen Macht. Als Hopliten hatten viele Veteranen in der Phalanx, der griechischen Schlachtreihe, für die Polis gekämpft. Sie wollten nun auch in Friedenszeiten mitbestimmen. Der Bau eines monumentalen Steintempels brauchte die Mithilfe aller. Deshalb war der Bau eines Tempels ideal geeignet, die Kräfte zu bündeln und auch Ambitionen Einzelner zu bremsen. So ist bezeugt, dass die Basilika von Paestum den Charakter eines grossen, von vielen geschaffenen Weihegeschenks hatte.
Hochzeitsfoto eines Carabinieri-Paars vor dem Tempel der Athena
Im Sommer des Jahres 1968 entdeckten italienische Archäologen ausserhalb des Siedlungsgebiets von Paestum in der Nekropole ein altgriechisches Grab mit fünf bemalten Grabplatten, die inzwischen in der Fachwelt zu den berühmtesten Denkmälern antiker Malerei zählen.
Das Grab des Tauchers
Im entdeckten Freskenzyklus gab die Deckplatte dem Grab den Namen, Grab des Tauchers, während die vier übrigen Platten, die den Sarg bilden, auf der Innenseite mit den Szenen eines Trinkgelages bemalt sind.
Il Tuffatore – der Taucher. Die griechische Grabmalerei aus dem 5. Jahrhundert v.Chr. ist einzigartig, da sonst nur Vasenmalerei bekannt ist.
Zu sehen ist ein nackter junger Mann, der von einer Art Sprungturm herab vor einem weiten, hellen Hintergrund kopfvoran in gestreckter Haltung in eine azurblaue Fläche springt. Der Archäologe Mario Napoli glaubte wegen der weitgehenden Abstraktion der Gestalt des Tauchers in dieser Figur ein ungewöhnliches Todessymbol zu sehen, ausgedrückt durch den Sprung, der uns vom irdischen Leben ins Jenseits bringt. Darüberhinaus, wie der Künstler sich das Jenseits vorstellte, sagt die Grabplatte nichts. Doch ist sie ein Beweis für die Annahme einer Seele, die an einem anderen, nicht weiter ausgeschmücktem Ort, fortlebt.
Fresko aus dem Grab des Tauchers: Ausschnitt aus dem Symposium, einem gemeinsamen geselligen Trinkgelage
Es ist unbekannt, wer hier bestattet wurde. Es wird vermutet, dass es sich um einen Etrusker handelte, der in Paestum lebte und starb, es mag sich aber auch um einen Griechen gehandelt haben, dessen Nachfahren von den etruskischen Grabmalereien beeindruckt waren. Weil im gleichen Grab gefunden: Feiern die Männer, dargestellt bei einem geselligen Gastmahl, weil sie froh sind, noch zu leben oder stellt die Malerei ein Ritual des Abschiednehmens und der Verbundenheit mit dem Verstorbenen dar?
Beachtenswert und berührend an diesem Bilderzyklus: der Einblick in das Gedankengut der Bewohner von Paestum in der Zeit der griechischen Hochkultur, wie sie sich den Tod, das Jenseits und die Verbindung mit den Verstorbenen vorstellten.
Hier erfahren Sie mehr zum Grab des Tauchers
Fotos: © Justin Koller