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Bucharahirsch (oder: Baktrischer Hirsch)
Cervus elaphus bactrianus
© 2009 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Der Bucharahirsch (Cervus elaphus bactrianus) ist eine in Zentralasien heimische Unterart des sehr weit verbreiteten, auch bei uns heimischen Rothirschs (Cervus elaphus). Als Art ist der Rothirsch keineswegs gefährdet, denn in verschiedenen Bereichen seines Verbreitungsgebiets kommt er in gesunden Beständen vor. Einzelne regionale Bestände stehen jedoch stark unter Druck. Dies gilt auch für den Bucharahirsch, von dem nur noch etwa tausend Individuen überleben.
Von Zwölfendern und Spiessern
Die Familie der Hirsche (Cervidae), welche innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) gehört, umfasst weltweit rund 45 Arten, darunter in Europa das Reh (Capreolus capreolus), das Ren (Rangifer tarandus), den Elch (Alces alces) und den Rothirsch. Die ältesten Fossilfunde von hirschartigen Paarhufern, die wir kennen, sind etwa 25 Millionen Jahre alt und stammen aus Zentralasien. Von dort breiteten sich die frühen Hirsche alsbald westwärts nach Europa und Nordafrika und ostwärts nach Ost- und Südostasien sowie über die Beringia-Landbrücke nach Nordamerika und später auch Südamerika aus. Heute kommen Mitglieder der Hirschfamilie rund um den Erdball herum in einem sehr breiten Spektrum von Lebensräumen vor, von den äquatorialen Regenwäldern bis hin zur hochnordischen Tundra. Einzig Antarktika, Afrika südlich der Sahara und Australien haben die Hirsche aus eigener Kraft nie zu besiedeln vermocht.
Markantes Kennzeichen der männlichen Hirsche ist das Geweih, das beim Wettstreit um das Vorrecht zur Paarung mit den Weibchen eine wichtige Rolle spielt. Dieses wächst aus knöchernen, zapfenartigen Fortsätzen des Stirnbeins und besteht im Gegensatz zu den Hörnern der Hornträger (Familie Bovidae) vollständig aus Knochensubstanz. Im Unterschied zu den Hörnern der Hornträger wird das Geweih ferner jedes Jahr nach der Paarungszeit abgeworfen und anschliessend neu gebildet. Die Form des Geweihs hängt von der Art und auch vom Alter des Männchens ab.
Nur bei einer Hirschart, dem in China heimischen Wasserreh (Hydropotes inermis), fehlt ein Geweih vollständig. Dafür tragen bei einer anderen Art, dem in den Tundren Eurasiens und Amerikas lebenden Ren, beide Geschlechter ein Geweih. Der männliche Rothirsch zeichnet sich durch ein besonders grosses und weit verzweigtes Geweih aus. Bei vollerwachsenen Männchen weist es gewöhnlich zwölf Spitzen auf. Man spricht dann von einem «Zwölfender». Junge männliche Rothirsche, deren Geweih noch unverzweigt ist, heissen in der Jägersprache «Spiesser».
Drei Rothirschsippen
Lange Zeit wurden die Rothirschbestände in Europa, Nordafrika, Asien und Nordamerika einer einzigen Art zugerechnet. Später wurden vielfach die in Nordamerika heimischen Rothirsche als eigenständige Art namens Wapiti (Cervus canadensis) den altweltlichen Rothirschen gegenübergestellt. Eine neuere molekularbiologische Studie, bei welcher das Erbgut von 51 verschiedenen Rothirsch- und Wapitibeständen untersucht worden ist, zeigt nun auf, dass es tatsächlich zwei deutlich verschiedene Rothirsch-Verwandtschaftsgruppen gibt, welche als zwei separate Arten einzustufen sind. Die eine Gruppe kommt in Europa, Nordafrika und Kleinasien vor und kann als Westlicher Rothirsch (Cervus elaphus) bezeichnet werden. Die andere Gruppe kommt in Ostasien und Nordamerika vor und kann Wapiti oder Östlicher Rothirsch (Cervus canadensis) genannt werden.
Einen Sonderfall bilden die zentralasiatischen Rothirsch-Unterarten Bucharahirsch (bactrianus), Jarkandhirsch (yarkandensis) und mutmasslich auch Kaschmirhirsch (hanglu). Sie stehen zwar verwandtschaftlich dem Westlichen Rothirsch näher als dem Östlichen. Da sie aber eine besonders ursprüngliche Rothirsch-Seitengruppe darstellen, wäre ihre Separation in einer dritten Art gerechtfertigt. Vorderhand werden sie aber noch dem Westlichen Rothirsch angegliedert.
Der Bucharahirsch, der auch Baktrischer Hirsch genannt wird, ist hinsichtlich seiner Grösse und seiner Gestalt unserem westeuropäischen Rothirsch recht ähnlich. Die Schulterhöhe liegt bei ungefähr 120 Zentimetern und die Kopfrumpflänge um 200 Zentimeter. Die Weibchen sind im Durchschnitt rund ein Viertel kleiner als die Männchen und mit einem Gewicht von 120 bis 170 Kilogramm - gegenüber 160 bis 220 Kilogramm bei den Männchen - auch entsprechend leichter.
Der Name des Bucharahirschs nimmt Bezug auf das einst berühmte, an der Seidenstrasse gelegene Emirat Buchara mit gleichnamiger Hauptstadt, das seit 1924 eine Provinz Usbekistans ist. Der wissenschaftliche Name bactrianus und der davon abgeleitete deutsche Zweitname Baktrischer Hirsch bezieht sich seinerseits auf Baktrien - ein altes, zeitweilig mächtiges Reich mit der Hauptstadt Baktra, das sich nordwestlich des Hindukuschs im Einzugsgebiet des Flusses Oxus, des heutigen Amu-Darja, ausdehnte und heute grossenteils im Norden Afghanistans liegen würde. Beide Bezeichnungen sind treffend, denn der Bucharahirsch kam ursprünglich im gesamten Bereich der beiden grossen zentralasiatischen Flüsse Amu-Darja und Syr-Darja vor, deren Einzugsgebiet sich über Tadschikistan, das nördliche Afghanistan sowie den Süden Usbekistans, Turkmenistans und Kasachstans erstreckt und die beide in den Aralsee münden.
Ein Tugai-Bewohner
Rothirsche wie Wapitis sind mehrheitlich in Waldlandschaften heimisch. Dies gilt auch für den Bucharahirsch. Weite Bereiche seiner zentralasiatischen Heimat sind allerdings nicht von Wäldern bedeckt, sondern von Trockensteppen und Halbwüsten geprägt, weil die jährlichen Niederschläge unter 200 mm liegen und die Temperaturen im Sommer oft auf über 45° Celsius ansteigen. Gehölzvegetation kann hier nur in unmittelbarer Nachbarschaft von Gewässern gedeihen. Tatsächlich ist das Vorkommen des Bucharahirschs zur Hauptsache auf die schmalen Vegetationsstreifen, die so genannten Tugai-Flächen, beschränkt, welche die Wüstenflüsse beidseits säumen und selten breiter als ein Kilometer, ja oft sogar nur 100 bis 200 Meter breit sind.
Die Tugai-Flächen stellen komplexe ökologische Systeme dar. Sie umfassen ein breites Spektrum von Lebensräumen - von offenen Sandbänken über Schilfrohrgürtel, Staudendickichte, Hochgrasfluren und Gebüsche bis hin zu Galeriewäldern - und sind zudem aufgrund des im Jahresverlauf zumeist stark schwankenden Wasserpegels massiven jahreszeitlichen Veränderungen unterworfen. Aufgrund ihres floristischen Reichtums bieten die Tugai-Flächen einer überraschend vielfältigen Fauna eine Lebensgrundlage.
Wie alle Rothirsche stellt sich der Bucharahirsch anlässlich seiner Streifzüge eine sehr abwechslungsreiche Kost zusammen, welche sich stark nach dem saisonalen und lokalen Nahrungsangebot richtet. Feldstudien haben gezeigt, dass er im Jahresverlauf Gräser, Kräuter, Blätter, Rinden, Knospen, Zweige und weitere Teile von über 120 Pflanzenarten zu sich nimmt. Im Sommerhalbjahr ist er fast ausschliesslich nachts aktiv und ruht während der heissen Tagesstunden in Gewässernähe im Schatten von Bäumen oder Sträuchern. Er trinkt jeweils abends, geht dann während der Nacht auf Nahrungssuche und kehrt noch vor Tagesanbruch wieder in die Nähe des Gewässers zurück. Zwar ist er auch im kühleren Winterhalbjahr mehrheitlich nachts aktiv, kann dann aber durchaus auch tagsüber ein paar Stunden auf die Nahrungssuche gehen. Die Grösse seines Streifgebiets beträgt im Allgemeinen 150 bis 200 Hektaren.
Sie röhren Tag und Nacht
Ausserhalb der Paarungszeit lebt der Bucharahirsch zumeist in kleinen, getrenntgeschlechtlichen Trupps. Die grössten Trupps bilden sich im Winter, doch selbst dann sind meistens nur 3 bis 7, seltener 15 bis 20 Individuen beisammen. Die Männchen- wie die Weibchen-Jungen-Trupps spalten sich während der Paarungszeit im Herbst vorübergehend auf. Dann nämlich besetzt jedes kräftige Männchen ein Brunftrevier und ist eifrig damit beschäftigt, durch lautstarkes «Röhren» und stolzes Zurschaustellen seines Kopfschmucks eine möglichst grosse Zahl von Weibchen um sich zu versammeln und gleichzeitig alle Nebenbuhler fernzuhalten. Während mehreren Wochen kommen diese «Platzhirsche» kaum dazu, Nahrung zu sich zu nehmen, weshalb sie nach der Paarungszeit ziemlich abgemagert und ermattet sind.
Die Paarungszeit dauert von Ende August bis Anfang Oktober und erreicht ihren Höhepunkt Mitte September. Die Platzhirsche röhren dann den ganzen Tag und die ganze Nacht. Gewöhnlich vermag ein erwachsenes Männchen zwei bis drei Weibchen für sich zu gewinnen, manchmal, wenn es besonders erfolgreich ist, vier bis fünf. In einem Ausnahmefall wurde in Tadschikistan ein Harem mit acht Weibchen beobachtet.
Im Mai, nach einer Tragzeit von 8,5 Monaten, bringen die weiblichen Bucharahirsche in der Regel ein einzelnes Junges zur Welt, und zwar an einem abgeschiedenen, flussnahen Ort. Das Junge ist bei der Geburt gefleckt und wiegt 8 bis 12 Kilogramm. Die ersten Lebenstage versteckt es sich im Dickicht, während die Mutter auf Nahrungssuche geht, und wartet geduldig auf ihre Rückkehr. Nach etwa zehn Tagen folgt es zwar seiner Mutter auf deren Streifzügen nach, doch ermüdet es jeweils rasch, weshalb immer wieder Ruhepausen nötig sind. Im Alter von etwa einem Monat ist das Junge bereits gut zu Fuss und beginnt alsbald, einzelne Gräser, Kräuter und Blätter zu naschen. Noch bis im Winter wird es aber von seiner Mutter regelmässig gesäugt.
Seit 2006 wieder über 1000 Individuen
Die streifenförmigen, flussbegleitenden Tugai-Flächen bilden die weitaus fruchtbarsten Gebiete in den dürren Steppen- und Halbwüstenregionen Zentralasiens. Sie wurden darum schon früh vom Menschen land-, vieh- und auch forstwirtschaftlich genutzt und umgestaltet. Die Urbarmachung der Tugai-Flächen entlang des Amu-Darja und auch des Syr-Darja sowie die Abzweigung des Flusswassers zwecks Bewässerung landwirtschaftlicher Kulturen (Stichwort: Baumwollplantagen in Usbekistan) haben zu einer grösseren ökologischen Krise in der Region geführt. Am augenfälligsten ist diese am bald vollständigen Austrocknen des Aralsees zu erkennen. Schätzungen zufolge sind die einigermassen naturnahen Tugai-Flächen entlang des Amu-Darja in historischer Zeit um über neunzig Prozent geschrumpft. Entsprechend massiv ist der Rückgang der örtlichen Flora und Fauna, darunter des Bucharahirschs - der überdies vom Menschen massiv bejagt wird.
Mitte der 1960er-Jahre kamen Bucharahirsche nur noch in ein paar wenigen Schutzgebieten vor, so im Aral-Paigambar-Reservat in Usbekistan, wo 70 Individuen überlebten, und im Tigrovaja-Balka-Reservat in Tadschikistan, welches etwa 250 Individuen beherbergte. Der Gesamtbestand wurde auf höchstens 400 Individuen geschätzt. Erfreulicherweise leiteten die sowjetischen Naturschutzbehörden damals gezielte Massnahmen zur Erhaltung des Bucharahirschs ein, darunter Erhaltungszuchten und Wiedereinbürgerungen, so dass sich die Bestände etwas erholen konnten. 1977 gab es auf dem Gebiet der Sowjetunion wieder mehr als 900 Individuen. Nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion und den anschliessenden politischen Wirren in Zentralasien schrumpften die Bestände erneut, grossenteils durch Wilderei zufolge mangelhaften Vollzugs der Naturschutz- und Jagdgesetze. 1995 wurde der Restbestand auf nur noch 350 bis 400 weit verstreut lebende Individuen geschätzt.
Seit 1998 werden zum Glück wieder koordinierte, unter anderem vom Weltnaturfonds (WWF) unterstützte Projekte zum Schutz des Bucharahirschs durchgeführt. Und wiederum zeitigen sie erfreulich gute Erfolge. Anlässlich einer Erhebung im Jahr 2003 wurden die Bestände des Bucharahirschs auf insgesamt 800 bis 900 Individuen geschätzt. 2006 scheint die Marke von 1000 Individuen überschritten worden zu sein.
Der Bucharahirsch gilt heute in allen Ländern, in denen er vorkommt, als in seinem Fortbestand bedroht und steht demzufolge unter gesetzlichem Jagdschutz. Die Wilddieberei bildet aber leider meistenorts ein grosses Problem. Grob lässt sich sagen, dass es den Hirschen gut geht, so lange sie sich in einem Schutzgebiet aufhalten. Sobald sie dieses aber verlassen, werden sie mit grosser Wahrscheinlichkeit zu einem Festessen.
Aus diesem Grund müssen neben der Aufrechterhaltung einer effizienten Schutzgebietsüberwachung mobile Anti-Wilderer-Einheiten ausgebildet und ausgerüstet werden, welche im Umfeld der Reservate aktiv sind. Und es braucht gute Informationskampagnen, welche der ansässigen Bevölkerung den erheblichen Wert des Bucharahirschs aufzeigen. Es spricht nämlich prinzipiell nichts dagegen, dass die stattlichen Paarhufer für den Verzehr bejagt werden können. Allerdings muss dies - wie bei unserem Rothirsch - auf geordneter, nachhaltiger Basis geschehen.
Legenden
Der Bucharahirsch oder Baktrische Hirsch (Cervus elaphus bactrianus) ist eine in Zentralasien heimische Unterart des sehr weit verbreiteten, auch in Westeuropa heimischen Rothirschs (Cervus elaphus). Erwachsene Individuen erreichen eine Schulterhöhe um 120 Zentimeter und wiegen zwischen 160 und 220 Kilogramm (Männchen; links) bzw. 120 und 170 Kilogramm (Weibchen; rechts). Wie bei den meisten der etwa 45 Mitglieder der Hirschfamilie (Cervidae) tragen nur die Männchen ein Geweih.
Im Unterschied zu den Hörnern der Rinder, Schafe, Ziegen, Gazellen und weiteren Mitgliedern der Familie der Hornträger (Bovidae) wird das Geweih der Hirsche jedes Jahr nach der Paarungszeit abgeworfen und anschliessend neu gebildet. Während der Wachstumsphase, die beim Bucharahirsch vier Monate dauert, wird es durch eine Haut, «Bast» genannt, mit Blut versorgt. Sobald das Geweih seine volle Grösse erreicht hat, wird die Haut abgestreift. Das Bild zeigt ein Bucharahirschpaar im Kölner Zoo.
Der Bucharahirsch stellt sich auf seinen Streifzügen eine sehr abwechslungsreiche vegetarische Kost zusammen, die sich stark nach dem saisonalen und lokalen Nahrungsangebot richtet. Feldstudien haben gezeigt, dass er im Jahresverlauf Gräser, Kräuter, Blätter, Rinden, Knospen, Zweige und weitere Teile von über 120 Pflanzenarten zu sich nimmt.
Die Bucharahirschkälber kommen nach einer Tragzeit von 8,5 Monaten mehrheitlich im Mai als Einzelkinder zur Welt. Sie sind bei der Geburt bambiartig gefleckt und wiegen 8 bis 12 Kilogramm. Die Entwöhnung erfolgt im Alter von 6 bis 8 Monaten. Die Lebenserwartung liegt unter natürlichen Bedingungen bei etwa 12 bis 15 Jahren. Das Bild wurde im Zarafshan-Naturreservat in Usbekistan aufgenommen.
Die Fellfarbe variiert beim Bucharahirsch von rötlichbraun im Sommer bis gräulich im Winter. Schwanz und Spiegel sind stets weisslich. Das Geweih weist im Allgemeinen höchstens fünf Enden an jeder Stange auf.
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