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Wie bitte? Ein Oratorium von Giovanni Simone Mayr (ursprünglich Johann Simon Mayr)? Nie gehört! In der Tat ist der zu Lebzeiten in Italien, ja ganz Europa, äusserst bekannte und beliebte Komponist kurz nach seinem Tod im Jahre 1845 vollkommen in Vergessenheit geraten. Dies, obwohl Gioacchino Rossini über ihn sagte, wenn ein Komponist seiner Zeit wissen wolle, wie man gute Opern schreibt, dann soll er einfach die Werke Mayrs studieren. Geboren 1763 im Dörfchen Mendorf nahe Ingolstadt (Bayern), musste er wegen seiner Mitgliedschaft im freimaurernahen Orden der Illuminaten mit seinem Brotherrn und Förderer Thomas de Bassus nach Poschiavo fliehen, von wo Letzterer stammte. Bald jedoch zog Mayr weiter nach Bergamo und dann nach Venedig, wo er seine musikalische Ausbildung vervollständigte. An die 60 Opern waren dabei ein wesentlicher Teil seiner kompositorischen Tätigkeit. Daneben aber führte seine langjährige Tätigkeit als Kapellmeister an der Basilika Santa Maria Maggiore in Bergamo (ab 1802) auch zu einem umfangreichen kirchlichen Werk mit Messen und einzelnen Mess-Sätzen, Requien, Motetten, Antiphonen und 12 Oratorien.
Der Berner Orpheus Chor hat Mayr bereits vor einigen Jahren für sich entdeckt und seine Messa a quattro in c-moll (genannt Messe für Einsiedeln) sowohl in Bern als auch in Berlin erfolgreich aufgeführt. Von dieser Aufführung wurde sogar eine CD-Aufnahme erstellt, die im Handel erhältlich ist. Anlässlich einer Chorreise zur Musikbibliothek des Klosters Einsiedeln, wo das Autograph dieser Messe liegt, spürten zwei Chormitglieder eine kleine, höchst unauffällige, handgeschriebene Partitur mit dem Titel "Samuele Oratorio sagro di Simone Maÿr" auf. Wie sich bald herausstellte, ist dieses 1821 in Bergamo uraufgeführte Werk in der Schweiz bisher vermutlich noch nie öffentlich zur Aufführung gekommen. Verständlicherweise bildete diese Tatsache für den Orpheus Chor, der sich ja gerne mit selten aufgeführter Musik befasst, einen besonderen Anreiz und dank der soeben fertiggestellten, erstmaligen und brandneuen Druckausgabe des Ricordi Verlages, können wir nun im Spätherbst 2019 das Werk in Bern als Schweizerische Erstaufführung präsentieren.
Mayr hat den "Samuele" als Auftragswerk geschrieben; Anlass dazu gab der Einzug eines neuen Bischofs, Pietro Mola, in Bergamo. Die untenstehende Abbildung zeigt einen Ausschnitt des Titelblattes des Original-Librettos, das von einem Schüler Mayrs, Bartolomeo Merelli, dem späteren Intendanten an der Scala Milano, wohl unter Einflussnahme des Komponisten, verfasst wurde. Dabei wird von einer "Azione Sacra", also einer Heiligen Handlung, gesprochen, was nichts Anderes als ein Synonym für Oratorium ist. Oratorien haben, wie Opern, eine Handlung, die allerdings mehrheitlich biblische oder kirchliche Inhalte umfasst, allermeistens aber nicht szenisch sondern konzertant aufgeführt werden. Mayr kann dabei seine Vorliebe für das Musiktheater nicht verleugnen. So besteht die Komposition aus äusserst mitreissender Musik, die auch weniger klassikverliebten Zuhörern mit Sicherheit nur gefallen kann!
Die Handlung beruht auf der biblischen Darstellung des Propheten Samuel in seinen Jugendjahren und gliedert sich in zwei Teile: Der erste Abschnitt, in der Oper würde man wohl von einem "Akt" sprechen, zeigt die Angehörigen des jugendlichen Samuel auf einer Pilgerreise nach Schilo, wo dieser im Tempel fernab der Familie erzogen wird. Der zweite Teil spielt im Tempel selbst, wo der Prophet nachts von Gott heimgesucht wird und den Auftrag erhält, als Nachfolger seines Erziehers, Eli, die Leitung des Tempels zu übernehmen und die Vorraussetzungen für die Vereinigung der israelitischen Stämme zu einem einzigen Königreich einzuleiten (Saul und David). In dieser Berufung liegt auch der Zusammenhang mit der Einsetzung eines neuen Bischofs von Bergamo.
Der Besuch der Konzerte des Orpheus Chors am Samstag, 9. November 2019, 19.30 Uhr, oder am Sonntag, 10. November 2019, 17.00 Uhr in der Französischen Kirche, Bern, lohnt sich auf alle Fälle, alleine wegen der Schweizerischen Erstaufführung dieses Werks. Bei den Solisten (Rebekka Maeder, Sopran, Lisa Läng, Sopran, Hans-Jürg Rickenbacher, Tenor und Henryk Böhm, Bass) handelt es sich sowohl um bewährte Künstler als auch um blutjunge, frische Kräfte. Als Sprecherin (für die Aufführung wurden zum besseren Verständnis der Handlung eigens deutsche Zwischentexte verfasst) konnte Michaela Wendt gewonnen werden. Unter der bewährten Leitung von Rudolf Rychard wird der Chor vom Orchester Klangforum begleitet.