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Der Zauber der Meije
Pierre Vittoz, Lausanne
Bilder 24 bis 27 Wir verliessen gerade den Bergkamm und wollten uns zum Gletscher abseilen, als wir eine Seilschaft einholten. Der letzte Mann der Gruppe drehte sich um und sagte zu mir:
« Eine herrliche Route, nicht wahr? » « Ach, nicht so sehr für mich, ich bin ein wenig enttäuscht », gab ich zur Antwort.
Und mit drei grossen Schritten überholte ich ihn.
Da hatte ich nun einen doppelten Fehler begangen. Erstens sollte man nie Spielverderber sein, und zweitens hätte ich wenigstens ein paar Tage warten können, um eine solche Route zu beurteilen.
Wir waren nämlich aus einem ganz bestimmten Grund hierher gereist, über Grenoble und Bourg-d'Oisans - so viele Kilometer! Die Absicht zur langen Reise bestand schon seit langem. Mein Wunschtraum verdichtete sich im Laufe der Zeit zu einem feinen Netz von Kenntnissen, von Sehnsüchten, die der Verwirklichung harrten. Erzählungen und Berichte über die Bezwingung dieses letzten Bollwerks der Alpen gab es genügend. Fünfundzwanzigmal wagten Bergsteiger das Abenteuer, bevor die Erstbesteigung Tatsache wurde, fast zwölf Jahre nach der des Matterhorns. Ich dachte an Zsigmondy, diesen hervorragenden und berühmten Bergsteiger, der in der Südflanke abstürzte. Natürlich hatten die Photos des Aussichtspunktes und des Gletschers von Etançons meine Bewunderung erregt; vor allem beeindruckte mich der unheimlich grosse Doigt de Dieu, der über einem tiefen Abgrund steil in die Höhe ragt: eine einmalige Silhouette in den Alpen.
Ich kannte die Namen, die man den bekannten Hindernissen gegeben hatte: das Couloir Duhamel, die Dalle Castelnau, den Chapeau du capucin und, nicht zu vergessen, eine ganze Menagerie: den Crapaud ( die Kröte ), den Dos d' ane ( der Eselsrük-ken),den Pasduchat ( der Katzentritt ) und das Cheval rouge ( das rote Pferd )... Als ich nach einer schwierigen Klettertour nach Chamonix zurückkehrte, erzählte ich meinen Freunden von meinem nächsten Ziel: der Meije; und in ihren Augen las ich dieselbe Abenteuerlust, wie ich sie in mir fühlte.
Vermutlich setzte ich zu hohe Erwartungen auf diese Besteigung. Wenn man mit vollen Händen in den Alpen und anderswo geerntet hat, soll man sich dann wie ein Spatz auf eine einzelne Ähre stürzen? Nicht dass ich nun etwa blasiert oder abgestumpft wäre, das überhaupt nicht. Doch Vergleiche drängen sich unwillkürlich auf, und Erinnerungen stellen sich ein.
Rébuffat spart nicht mit Adjektiven in seinem Band « Le massif des Ecrins », wenn er von der Überschreitung der Meije berichtet. Wir fanden, dieses eine Mal habe der grosse Bergführer das Mass überschritten. Die Superlative reizten uns zum Lächeln, vor allem sein Gedanke, man müsse in das Gebiet der Meije wie in ein Heiligtum eintreten. Vielleicht war deshalb in uns unbewusst eine leichte Gereiztheit zurückgeblieben, die wohl angesichts des körnigen Schnees und der rauhen Felsen noch mehr zutage trat. Wo bleibt nun da der mystische Elan?
Ein einziger Bergkamerad hatte es versucht, mich von meinem Vorhaben abzubringen: « Mach nicht die klassische Überquerung, geh in Richtung Südflanke des Grand Pic und zum Grand Z in der Nordflanke !» Doch von diesen Vorschlägen erzählte ich Philippe Staub nichts, denn für uns war der Fall klar: Wir wollten der historischen Marschroute folgen, mit dem Aufstieg über den Gebirgsvorsprung des Promontoire hinauf zum Grand Pic, dann Überquerung des Felskammes durch die Brèche Zsigmondy bis zum Doigt de Dieu.
Eine enge, kurvenreiche Strasse führt nach Bérarde. Eigentlich ist es eher ein gepflasterter Weg, wo die Automobilisten gar nicht mehr anders können, als höflich sein. Das Dorf ist klein, die Häuser stehen wie zusammengepfercht im entlegensten Teil eines trockenen Tales, das in seiner Grosse fast erdrückend auf die kleine Siedlung wirkt. Steinmauern, Schieferdächer, zwei kleine Spezereiläden. War wohl auch das Wallis zur Zeit von Whymper und Javelle so nüchtern, so schlicht? Man ist ergriffen von der Einfachheit dieser stillen kleinen Welt, die sich selbst genügt. Daneben kommen einem die modischen, berühmten Wintersportplätze wie ein buntscheckiger Zirkus vor. Man müsste im Weiler umher-schlendern auf der Suche nach vergangener und vielleicht gar verlorener Zeit.
Da stand ein Wegweiser vor uns: « Refuge du Promontoire, 5 Std. » Um die Nacht nicht zu verkürzen, steuerten wir nun mit längeren Schritten auf unser Ziel zu. Der Weg, umsäumt von Türkenbundlilien, führte bald in ein Tälchen, dessen horizontaler Talboden von riesigen steilen Fels- hängen beherrscht wird. Keine Weide, kein Baum waren zu sehen. Wir fühlten uns wie Fremdlinge. Im Kaschmir-Gebiet und in Peru fühlt man wohl diese Verlassenheit noch mehr, doch dort belebt uns ein unermesslicher, vielfältiger Horizont. Hier, zwischen Grenoble und Briançon, waren wir nicht auf diese Einsamkeit gefasst. Es war, als seien wir nicht mehr in Frankreich und ausserhalb des Alpengebietes, fern von allen Menschen. Das Tal des Vénéon ist in seiner Weltabgeschiedenheit ein eigenartiger und ungewöhnlicher Flecken Erde, umrahmt von den Silhouetten der Berge ringsum.
Bei der Biegung des Gebirgsbaches, unmittelbar vor uns, erhebt sich die Meije. Ihre Südflanke entspricht wirklich dem, was wir uns vorgestellt haben. Wir sehen eine Erhebung von fahlroten Steinplatten, deren Längsrillen in die Höhe streben, nur unterbrochen von einem kleinen, eckigen Gletscher in einer Nische. Ein Gipfel, in den sechs beinahe gleich grosse Türmchen eingekerbt sind. Grau sind sie und spitz. Das Bild einer Festung ersteht vor unsern Augen, einer Burg mit klaren, ausgewogenen Linien. Die Felsmauer ist so karg und nüchtern, dass man sich kaum bewusst wird, dass sie 800 Meter hoch und doppelt so breit ist.
Über Moränen und Schneefelder stiegen wir gegen die linke Seite der Felsmauer, in Richtung des einzigen Reliefs, nämlich des Strebepfeilers auf der Wächte, wo auch die Schutzhütte des Promontoire ihren Platz gefunden hat. Der Sonnenuntergang war wundervoll über dem Olan und der Barre des Ecrins. Über den Tälern, die im Dunst verschwammen, erhoben sich die weit auseinanderliegenden Berggipfel, jeder für sich abgegrenzt, überraschend steil und abschüssig und, so schien es, fast abweisend.
Am nächsten Morgen war der Weg zum Aufstieg kurz, nämlich genau einen Schritt zwischen dem Holzbalkon und dem ersten Grataufschwung im Granitgestein. Der Abmarsch war angenehm; denn es war Tag, und der Fels nicht kalt. Die Wegspuren waren kaum sichtbar; sorg- fältig suchten wir unsere Marschroute über Platten und durch Kamine; wir wollten der überlieferten Route folgen; so war auch die Möglichkeit gering, dass wir uns zwischen den Felswänden verirrten.
Ich bemerkte, dass wir uns behutsam vorwärtsbewegten, die Griffe erprobend und an den Blöcken rüttelnd, bevor wir sie mit unserem Gewicht belasteten. Das sollte Granit sein? Ja, vielleicht seiner körnigen Beschaffenheit nach. Doch dieser Granit hier war bröckelig und unstabil. Diesmal erweckte sein Name in uns keine Freude wie sonst. Im grossen Couloir Duhamel mussten wir wie auf Eiern gehen. Eine Zweierseilschaft, die gerade auf dem Rückweg war oder die vielleicht weiter oben biwakiert hatte, stieg in mehreren Abseilmanövern ab und befürchtete Steinschlag. Ich verstand nun, warum der Hüttenwart unsere Trägheit am frühen Morgen als Weisheit angesehen hatte! Er glaubte, wir wollten uns vor dem Steinhagel schützen, den die Seilschaften, die in der Nacht aufgebrochen waren, oft unwillkürlich auslösten.
Ich habe das Gefühl, dass mich die Meije hier, im Couloir Duhamel, enttäuscht hat. Es ging um die Qualität, die Beschaffenheit des Gesteins. Aber ich wusste doch, dass so manche klassischen Besteigungen im Laufe des letzten Jahrhunderts auch auf schlechtem Gestein stattfanden, und doch habe ich mich nie von den wackligen Gendarmen derDent Blanche oder des Täschhorns entmutigen lassen. Niemand hatte mir ja hier Urgon aus Argentinien oder Protogin vom Requin vetsprochen. Aber ich hatte mir die Besteigung dieses Aussichtspunktes ebenso grossartig wie die des Badile-Grates vorgestellt oder ebenso prächtig wie die des Salbitschijen. Doch alles schien nur Traum, auch die Photos schienen nur Trugbilder gewesen zu sein. Wir erkannten: der Fels der Meije ist halt nur ganz gewöhnlicher Fels.
Vor uns erhob sich nun die Muraille Castelnau, 150 Meter hoch, senkrecht. Für manche ein schier unüberwindliches Hindernis. Pierre Gaspard, ein Bauer aus einem benachbarten Tal, fand dank seinem Flair und seiner ausgezeichneten Beob- achtungsgabe den richtigen Einstieg, den berühmte Gipfelstürmer wie Almer und Coolidge vergebens gesucht hatten. Er entdeckte damit die Route, die zum Ziel führt. Noch heute ist der damals begangene Weg der einzig mögliche.
Dank einer Skizze und wenigen Stichwörtern liess sich die Besteigung der mit Platten unterbrochenen Felsbänder gut bewältigen. Die schlechte Gewohnheit, hier wie anderswo, Haken bei der geringsten Schwierigkeit einzuschlagen und sie dort zu belassen, ist leider auch da zu beobachten. Dies irritierte uns umso mehr, als die rote und steile Wand ihren eigenen Charakter, ihren eigenen Stil aufweist, und der Dos d' âne und der Pas de chat sind amüsant für den Berggänger.
Wir erwarteten mit Ungeduld die Überschreitung einer Felskante, denn wir waren gespannt auf den Glacier carré, den viereckigen Gletscher, der so oft photographiert wird. Plötzlich sahen wir den berühmten Gletscher vor uns. Wir waren auf dem Gipfel der Felsmauer angelangt. Die gleichförmige Eismasse, überragt von der spitzen Pyramide des Grand Pic und umrahmt von glatten Wänden, ist faszinierend. Genau vor uns begann der Gletscher, dessen Einfachheit, dessen klare geometrische Schlichtheit bestechen. Reine Linien, keine Schnörkel, eine gewisse formale Nüchternheit wie der Schatten eines Morgens.
Wir folgten nicht der Seilschaft, die sich in gefrorenen Spuren emporhisste, sondern folgten einer Diagonale im Gletscherquadrat. Das Vergnügen, auf einem glatten Hang zu steigen, leuchtete uns aus den Augen. Das war nun die Meije, wie wir sie uns vorgestellt hatten: schroff, einfach, ohne Wegspuren. Wir wären gerne den ganzen Morgen so weitermarschiert, in dem wiegenden, präzisen Schritt, den Steigeisen verleihen.
Ach, wie ist er klein, dieser Gletscher! Allzu schnell befanden wir uns wieder in der Flanke des Grand Pic, im brüchigen Gneis, wo wir sorgfältig mit Händen und Füssen abtasteten, um seine Festigkeit zu prüfen.
Nach und nach wurde der Hang steiler und drängte uns gegen seine linke Seite ab. Plötzlich wurde die Bodenfläche, auf der wir uns fortbewegten, zusehends schmaler. Sobald wir nun die Spitze der Felsplatte erreicht hatten, gelangten wir mit einem Mal aus dem Süden zum Norden des Berges. Wir liessen unsere Blicke über seine Nordwand hinuntergleiten, auf den zerschrundeten Gletscher, die kargen Weiden, auf La Grave, das Dorf mit seinen grauen Dächern und seinen bebauten Feldern und Äckern. Hier standen wir buchstäblich auf dem Dach des Berges, dessen Einzigartigkeit mir schlagartig einleuchtete: Das hier ist kein verästeltes, verzweigtes Gebirgsmassiv, auch nicht eine Pyramide mit drei oder vier Graten, sondern eine einzige gigantische Klinge mit zwei aussergewöhnlich hohen und steilen Seitenwänden.
Der Anblick dieser erstaunlichen Platte ist vom Gipfel aus faszinierend. Einsam steht sie da, im leeren Raum. Nur der leichte Schönwetterdunst und die Kraft der südlichen Sonne mildern die Starrheit, die Strenge des Berges. Unsere Blicke wanderten von rechts nach links, ohne an irgend etwas Bestimmtem festzuhalten, über Täler schweifend, über Gletscher, die wir nicht kannten, über das ferne Massiv des Mont Blanc. Hinter uns lag der lange Grat des Râteau und des Pic, der den quadratischen Gletscher überragt. Vor uns, auf der Gratkante zwischen den beiden Abgründen, sahen wir den eingezeichneten Weg in der Richtung der aufgehenden Sonne. Er führte uns auf schimmernden und glitzernden Graten, wo sich der Doigt de Dieu erhob. Ein Berg nahe der Vollkommenheit, dank seiner Einheit und seiner Architektur.
Vom Grand Pic aus stiegen wir hinunter in die BrècheZsigmondy. Einige Felsen --zweimal Abseilen, dann eine Platte, an der ein ausgefranstes Drahtseil hing. Man kann nicht behaupten, es sei ein schwieriger Abstieg gewesen, aber er war doch eindrucksvoll. Der Verfall des Gesteins verschlimmert sich zusehends, je näher man dem Grund der Scharte kommt. Sie ist übersät mit Schutt, ihre rissigen Wände scheinen wie von einer Explosion zerrissen und zerklüftet. Ein gewaltiger Abbruch fand im Jahre 1964 statt, als die Felsmauer auf einer Länge und einer Tiefe von 30 Metern einstürzte und Tausende von Tonnen Felsgestein die Südflanke verwüsteten und dort eine tiefe Scharte gruben, die heute wieder in Gefahr steht abzubrechen.
Von der bröckligen und verwitterten Bresche aus wird es unmöglich, dem überhängenden Grat zu folgen. Ein hundert Meter langes Drahtseil wies uns den Weg geradeaus in Richtung Nordflanke. Die Füsse auf dem Schnee, die Hände am Fels oder am Drahtseil, folgten wir dem Fuss eines vertikalen Gratabbruchs. Wir fühlten eine gewisse Hochstimmung und strengten uns an, zwei Eisrinnen zu übersteigen. Das flach einfallende Sonnenlicht liess Gletscher und Eiskristalle glitzern und aufleuchten- Der Berg schillerte und funkelte in seiner Pracht.
Eine senkrechte Rinne führte uns wieder zum Grat zurück. Geblendet standen wir auf diesem ausgezackten Giebel, den wir am Vorabend bewundert hatten. Wir folgten ihm schweigend, um diesen aussergewöhnlichen Spaziergang voll auszukosten. Eine rasche Folge gezähnter Spitzen, wo man im Gleichgewicht zwischen der sonnenbeschienenen, senkrechten Schneide und den fliehenden Schneefeldern marschiert. Eigentlich waren wir nur zu gut trainiert, jeder Gratzahn war im Nu bezwungen. Wir liessen uns ein Picknick auf der äussersten Spitze des Doigt de Dieu einfallen, um das Vergnügen und die Freude der Traversierung etwas zu verlängern.
Der Aufstieg endete am Gipfel eines Eishanges, wo Touristen sich in ihre Seile verwickelt hatten.
« Das ist eine herrliche Route, nicht wahr? »... « — » Abseilen — ein Bergschrund — aufgeweichtes Gletschereis. Eine Viertelstunde später lösten wir das Kletterseil und schlüpften langsam und bedächtig aus der Weste, mit dem Bewusstsein, eine gute Arbeit verrichtet zu haben.
In zwanzig Meter Entfernung lag die Schutz-88 hütte L' Aigle, mit ihren Holzwänden, so klein und fast schutzbedürftig inmitten der gewaltigen Bergriesen ringsum. Sie liegt zwischen zwei Gletschern eingebettet, auf 3500 Meter Höhe, in der Nähe der Gipfel, weitab von den Dörfern.
« Was tun wir jetzt? » « Wir könnten vor 4 Uhr in La Grave sein. » « Ich hätte noch eine Gaspatrone fürs Rechaud. » Frage und Antwort. Umgangssprache beantwortet nicht immer die Grundfrage. Freunde im täglichen Dialog verstehen sich ohne viel Wortgeplänkel. Oft genügt ein kurzes Schweigen, eine leichte Änderung im Tonfall, eine Geste oder ein Blick. Kurz - Philippe, der gewiegte Kletterer, drehte sich um. Er schaute zurück auf die Spur, die von unsern Schritten herrührte, überblickte nochmals all die Grate, die wir überquert hatten. Der Schnee glühte und flimmerte in der Mittagssonne. Die Meije zeigte sich in einem neuen Kleid, dem des Lichts und dem der Anmut.
Die Frage hatte ihre Antwort gefunden. Die Rucksäcke wurden in der alten Schutzhütte deponiert. Wir richteten uns teils auf der Holzschwelle, teils auf dem benachbarten Felsen ein. Wir sahen, wie die Sonne ihren Lauf vollzog, wie der Gletscher sein Angesicht wechselte, wie die Schatten am Grand Pic und am Doigt de Dieu länger wurden. Die Wolkenränder zeichneten sich schillernd ab, und es schien, als ob alle Silhouetten in der Abenddämmerung erstarrten. Bald erhob sich prächtig der Vollmond über dem ganzen Massiv. Da verstanden und fühlten wir, dass es einzelne privilegierte Berge gibt - auch heute noch und trotz der fortschreitenden Technisierung —, deren Anmut und Schönheit viel mehr ins Gewicht fallen als die Qualität des Gesteins und der Schwierigkeitsgrad der Besteigung.
Die Überschreitung der Meije hörte nicht am Bergschrund auf, auch nicht in der Schutzhütte. Wir erlebten sie eine ganze Woche lang beim Familien-Zelten weiter. Die Meije stand dem strengen Col du Lautaret gegenüber, sie kontrastierte mit der schrecklichen Alpe d' Huez und glich sich an die Barre des Ecrins oder an die Aiguilles d' Arves an. Wir fanden sie wieder im Buch, das ihr Isselin gewidmet hat, und im Roman von Liotier, wo die Meije personifiziert wird, indem sie den Charakter des Bergsteigers und des « celui qui va devant » enthüllt. Wir empfanden ihren Geist im Weiler, der vom Tourismus verschont geblieben ist, in einem menschenleeren und blumenbewachsenen Tal, in klaren, rauschenden Wasserfällen, die ungestüm und unge-bändigt zu Tal rauschen, so wie Gott sie erschaffen hat.
Und während die Zeit verstrich, rückte die Meije in unsern Augen wieder an den Platz, den sie wegen ihres fragwürdigen Gesteins beinahe eingebüsst hätte, an den Platz, den sie zusammen mit einigen andern Bergen dank ihrer Geschichte, ihrer Struktur und wegen des sanftgoldenen Lichts am Oisans-Massiv verdient.
Übersetzung Monique Meuli