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Während Jahrhunderten standen sog. Matronen, erfahrene ältere Frauen, die mit Zustimmung der religiösen Autorität von der Gemeinschaft der Frauen ausgewählt wurden, den Gebärenden im Moment der Niederkunft bei (Geburt).
Ab dem Ende des MA und vermehrt noch ab dem 16. Jh. stellten die Städte Frauen als H. an. Sie wurden vereidigt und erhielten eine Pension; 1538 zählte z.B. Lausanne deren sechs auf eine Bevölkerung von 4'000 bis 5'000 Einwohnern. Da sie ein öffentl. Amt bekleideten, trugen die bern. H. eine Berufstracht. Um die Ausbildung dieser Frauen kümmerten sich die Behörden seltener. Ein offizieller, von Ärzten erteilter Unterricht fand erstmals 1554 in Zürich statt, wo Jakob Ruf einen amtlich genehmigten Führer für Geburtshelferinnen herausgab, der 1697 durch Johannes von Muralt überarbeitet wurde. Aber nur die H. der Stadt erwarben ein paar anatom. Kenntnisse, im übrigen Kantonsgebiet hatten sie keinerlei professionelle Anleitung.
In der 2. Hälfte des 18. Jh. übernahmen einige Regierungen das Ausbildungskonzept, das in Frankreich seit 1759 durch Madame du Coudray verbreitet wurde: Die Behörden organisierten Kurse, die mit öffentl. Geldern finanziert wurden. 1771 eröffnete die Stadt Basel die erste Schule für H., doch trotz des Ansehens des zuständigen Arztes Johann Rudolf Hess bestand sie nur zwei Jahre lang. In Bern wurde 1781 ein Lehrgang ins Leben gerufen, der für Geburtshelferinnen aller Deutschschweizer Kantone bestimmt war. Aber die meisten dieser Kurse, mit Ausnahme desjenigen von Jean-André Venel in Yverdon (1778-91), hatten eine kurze Lebensdauer.
Zu Beginn des 19. Jh. organisierten die meisten Kantone theoret. Kurse; die prakt. Übung erfolgte am Modell und fand nicht am Bett der Frauen statt. Während die traditionellen Matronen verheiratete Frauen waren, die selbst Kinder geboren hatten, waren die Kurse nun auf junge, des Schreibens und Lesens kundige und noch ledige Frauen ausgerichtet. Die dreimonatige Ausbildungsdauer stieg 1893 auf neun oder zwölf Monate an. Anfang des 20. Jh. entstanden insgesamt sechs spezielle Hebammenschulen. 2003 bestand in Bern, St. Gallen und Chur eine dreijährige, in Genf eine vierjährige sowie, im Anschluss an die Krankenpflegeschule, in Lausanne und Zürich eine eineinhalbjährige Ausbildung. Der Unterricht enthält heute ebenso viel Praxis wie Theorie und nimmt die medizin. Fortschritte laufend auf. Es gibt aber auch H., die zur Schulmedizin auf Distanz gehen und alternative Ansätze verfolgen, die sie in sog. Geburtshäusern anbieten (Geburt im Wasser, ganzheitl. Ansatz der Geburt).
Die Matrone spielte im gesellschaftl. Leben eine bedeutende Rolle. Sie war von der Kirche beauftragt, an Neugeborenen in Lebensgefahr die Nottaufe vorzunehmen (was in ref. Gebieten nach der Reformation verboten wurde). Bei der Taufe wirkte sie oft als Patin. Im Ancien Régime versprach sie unter Eid, sowohl den Reichen wie den Armen zu dienen und heiml. Schwangerschaften und Geburten sowie Kindsaussetzungen anzuzeigen. Im Verlaufe der Geburt eines unehel. Kindes musste sie sich bemühen, den Namen des Vaters herauszufinden, und ihn nachher der Justiz weiterleiten; in den ref. Gebieten war dies eine Aufgabe der Mitglieder des Konsistoriums. Sowohl die Matronen als auch die ausgebildeten H. genossen in der Gesellschaft hohes Ansehen. Ihr Status änderte sich aber nach dem 2. Weltkrieg beträchtlich: Mit zunehmender Medizinalisierung und Hospitalisierung der Geburt verloren die H. nach und nach ihre Unabhängigkeit und wurden zu einer Hilfskraft der verantwortl. Ärzte. Einige H. haben eine Vereinigung von Selbstständigen mit eigener Praxis gegründet. 2010 zählte man in der Schweiz 3'000 H., von denen 2'200 im Spital angestellt und 800 freiberuflich tätig waren. Der Schweiz. Hebammenverein (1998 in Schweiz. Hebammenverband umbenannt) existiert seit 1894 und zählte 2010 2'500 Mitglieder.
Literatur
– K. Meyer, Zur Gesch. des Hebammenwesens im Kt. Bern, 1985
– E. Thorens-Gaud, Cueillir le fruit, Liz. Genf, 1986
– M. Degginger, Zur Gesch. der H. im alten St. Gallen, 1988
– J. Ferrari-Clément, Marguerite, sage-femme vaudoise, ou la naissance autrefois, 1988
– C. Balmer-Engel et al., 100 ans de l'Association suisse des sages-femmes, 1994
– M.-F. Vouilloz Burnier, L'accouchement entre tradition et modernité, 1995
– M. Vuille Accouchement et douleur, 1998
– M. Tanner, Début d'une profession, 2001
– A. Favre, Ich, Adeline, Hebamme aus dem Val d'Anniviers, 102002 (franz. 1981)
– M.-F. Vouilloz Burnier, V. Barras Vom Hospiz zum Gesundheitsnetz: Gesundheitswesen und Spitalsysteme im Wallis, 19./20. Jh., 2006 (franz. 2004)
Autorin/Autor: Marie-France Vouilloz Burnier / AHB