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Der Erste Weltkrieg, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, vernichtete nicht nur Millionen von Leben und gigantische materielle Werte, er erschütterte auch das Selbstverständnis des europäischen Bürgertums und zerstörte manche vermeintlichen Selbstverständlichkeiten. Die überkommene Ordnung der Dinge büsste an Legitimität ein, hatte sie doch diesen verheerenden Krieg nicht verhindern können.
Neue Wege, neue Gedanken waren gefragt. Utopien hatten Konjunktur, gerade auch im Bereich der politischen Ordnung. So sollte etwa der 1920 gegründete Völkerbund – die Vorläuferorganisation der UNO – den Frieden in Europa dauerhaft sichern. Auf der politischen Linken hoffte man nach der Machtergreifung der Bolschewiki in Russland auf die Weltrevolution.
Doch auch in eher konservativen Kreisen gediehen utopische Pläne zur Umgestaltung der europäischen Staatenwelt. Einflussreich war besonders der Vorschlag eines «Paneuropas» von Richard Coudenhove-Kalergi. Der österreichische Adlige, der nach dem Ersten Weltkrieg die tschechoslowakische und später auch die französische Staatsbürgerschaft erhielt und in Gstaad begraben ist, empfand den Weltkrieg «als Bürgerkrieg zwischen Europäern: als Katastrophe erster Ordnung». 1923 gab er die Schrift «Paneuropa» heraus, die die Vereinigung der europäischen Staaten propagierte.
Seine 1924 gegründete Paneuropa-Bewegung, die von zahlreichen prominenten europäischen Politikern – etwa dem französischen Aussenminister Aristide Briand und dem österreichischen Bundeskanzler Ignaz Seipel – unterstützt wurde, gilt als älteste noch bestehende europäische Einigungsbewegung und als Vorläufer der Europäischen Union. Sie fusste ausdrücklich auf einem christlichen Wertefundament und sollte weitere innereuropäische Konflikte zwischen Frankreich und Deutschland verhindern, ein Gegengewicht gegen die aufstrebende Wirtschaftsmacht USA bilden sowie dem Bolschewismus ein geeintes, konservatives Europa entgegenstellen.
Coudenhove-Kalergis «Pan-Europa», das er oft als «Vereinigten Staaten von Europa» bezeichnete, sollte aus 26 Nationalstaaten in Kontinentaleuropa sowie aus deren Kolonien in Afrika, Südostasien und Südamerika bestehen. Die Einigung Europas hätte dergestalt die weitere Ausbeutung der Kolonien gewährleistet. Das Vereinigte Königreich konnte nach Coudenhove-Kalergis Auffassung kein Teil dieser Paneuropa-Union werden, da das British Empire ein eigenständiges Weltreich darstelle. Auch die überwiegend in Asien gelegene Türkei sollte nicht dazugehören.
Wesentlich bizarrer als Coudenhove-Kalergis Vorstellungen mutet der Vorschlag zur Neuordnung Europas eines gewissen P. A. M. an, den er 1920 in seinem Werk «Die Unionisierung Mitteleuropas! Ein Wegweiser zum Dauerfrieden» in die Runde warf. Der Autor wurde nie eindeutig identifiziert; vermutlich handelt es sich um einen Sohn von Otto Maas, dem in Wien ansässigen Drucker des 24 Seiten umfassenden Pamphlets.
Schnell geht P. A. M. auf die 1919 in den Pariser Vororten geschlossenen Friedensverträge ein, die den Kriegszustand zwischen der Entente und den geschlagenen Mittelmächten beendeten – hauptsächlich der Versailler Vertrag mit dem Deutschen Reich und der Vertrag von Saint-Germain mit Österreich. Der Autor klagt:
In der Tat brachten die Pariser Vorortsverträge nicht den erhofften Frieden – nur 20 Jahre später sollte ein neuer Weltkrieg das gebeutelte Europa verwüsten. Ob freilich das utopische Konstrukt, das P. A. M. vorschwebte, wirklich einen weiteren Krieg in Europa verhindert hätte, ist doch sehr fraglich.
Viel mehr darf aber noch bezweifelt werden, ob diese radikale Neuordnung Mitteleuropas jemals auch nur die geringste Chance auf Verwirklichung gehabt hätte. Sie missachtete nämlich jegliche historische Gewachsenheit der europäischen politischen Entitäten und brach mit nahezu sämtlichen überkommenen Vorstellungen der politischen Gliederung eines Staatswesens. Wie der Autor selbst es ausdrückte:
Wie sich P. A. M. diese Zerreissung der Nationalstaaten und das gemeinsame Dach für die neu geschaffenen Unterregionen vorstellte, veranschaulicht die dem Pamphlet beigelegte Karte:
Der künftige Einheitsstaat umfasst Frankreich, die Benelux-Länder, Deutschland, Norditalien, die Schweiz, Österreich, Tschechien, die Slowakei, Polen, den südlichen Teil der baltischen Länder, westliche Gebiete von Belarus und der Ukraine, Ungarn, Rumänien, Moldawien sowie den nördlichen Teil Jugoslawiens. Die Iberische Halbinsel, Grossbritannien und Irland, die skandinavischen Länder, Russland, die Türkei und Griechenland gehören nicht dazu, ebenso wenig wie der grösste Teil Italiens, Albanien, Serbien und Bulgarien.
Bemerkenswert: Ein bedeutender Teil von Italien soll dem Kirchenstaat zugeschlagen werden. Die Zugänge zum Mittelmeer – also die Meerenge von Gibraltar und der Suezkanal – sollen neutrale Gebiete bilden. Dasselbe gilt für die Dardanellen und den Bosporus, die Zugänge zum Schwarzen Meer. Griechenland umfasst auch Sizilien und Kalabrien, während Sardinien zu Spanien gehören soll. Ins Auge fällt auch das sogenannte Hebräische Reich in Palästina.
Mutet diese politische Einteilung Europas schon höchst abenteuerlich an, ist dies bei der inneren Gliederung des Einheitsstaats noch weit mehr der Fall. Er soll aus 24 Kantonen bestehen, die allesamt langgestreckte, schmale Sektoren eines enormen Kreises darstellen, in dessen Zentrum der Stephansdom in Wien liegt. Ein kreisförmiges Gebiet um Wien soll nicht zu den Kantonen gehören, sondern das Territorium der «Unionshauptstadt Sankt Stephan» bilden.
Die 24 Kantone, die die Form eines Tortenstücks oder eines Pizza-Slice aufweisen, sind alle nach einer bedeutenden Stadt benannt, die innerhalb ihres Gebiets liegt und zugleich dessen Hauptstadt bildet. Der überwiegende Teil der Schweiz würde demnach zum «Kanton Genève» gehören, der auch österreichische und süddeutsche Gebiete umfassen würde und dazu bedeutende Teile Zentral- und Südwestfrankreichs.
Die seltsame keilförmige Gliederung soll einen Zweck erfüllen: Sie soll dafür sorgen, dass die traditionellen Streitigkeiten zwischen den europäischen Völkern «gelöst und für immer begraben werden». Gemäss den Vorstellungen des Autors wären in der gesamten Union nur vier «Nationen» anerkannt, nämlich Romanen, Germanen, Slawen und Magyaren (Ungarn).
In jedem der Kantone sollen Angehörige von mindestens zwei Nationen leben – im «Kanton Genève» also Germanen und Romanen. Dies verhindert nach Ansicht des Verfassers, dass sie gegeneinander Krieg führen können.
Das Amt des Präsidenten des Einheitsstaates soll unter diesen vier Nationen rotieren. Die Amtsdauer beträgt drei Jahre. Wahlberechtigt sind alle Personen über 20 Jahre – mit einer äusserst merkwürdigen Ausnahme: Verheiratete Frauen sollen kein Wahlrecht besitzen.
Um den Zusammenhalt zu fördern und die interne Kommunikation zu erleichtern, soll die Plansprache Esperanto als neue Einheitssprache eingeführt werden:
Dem Verfasser P. A. M. musste wohl klar sein, dass sein utopischer Vorschlag nicht unbedingt Stürme der Begeisterung hervorrufen werde. Am Ende seines Pamphlets räumt er ein:
Die «vier wichtigsten Nationen der Union» gaben aber bis heute kein öffentliches Urteil über das Machwerk ab – wie denn auch, gab und gibt es doch gar keine Institution, die in deren Namen sprechen könnte. So ist denn auch der Name des Autors nie öffentlich bekannt geworden.
Der mangelnde Erfolg der vorgeschlagenen Neugliederung Europas durch P. A. M. oder durch Coudenhove-Kalergi hielt andere Hobby-Geografen nicht davon ab, mit neuen Vorschlägen an die Öffentlichkeit zu treten. Ein hübsches Beispiel ist der niederländische Bier-Magnat Alfred («Freddy») Heineken, der 1992 die Aufteilung der EU in 75 Regionen vorschlug. Diese Regionen sollten dann die Vereinigten Staaten von Europa bilden.
Das Projekt, das unter dem Namen «Eurotopia» bekannt wurde, war inspiriert durch den österreichischen Nationalökonomen Leopold Kohr, der die Dezentralisierung sozialer Organisationen und Gruppen auf eine Grösse propagierte, in der Funktion noch möglich ist, aber gleichzeitig den Mitgliedern eine Überschaubarkeit erlaubt.
Heineken beauftragte den Leidener Historiker Henk Wesseling, eine Karte für die Europäische Union zu entwerfen, in der Regionen die Mitgliedsstaaten bilden würden. Diese Regionen hätten eine vergleichsweise geringe Bevölkerungszahl – meist zwischen 5 und 10 Millionen – und eine gewisse Grundlage in der historischen Tradition. Sie würden zudem grösstenteils eine homogene ethnische Zusammensetzung aufweisen.
Auch Heinekens Vorschlag wurde nie realisiert. Nur schon der Widerstand der grossen EU-Staaten wie Frankreich oder Deutschland gegen ihre Aufteilung in kleinere Entitäten hätte dem Projekt Eurotopia zuverlässig den Garaus gemacht.
Im frühen Winter des Jahres 1632 gab die Dünnern, ein kleiner Nebenfluss der Aare im Solothurner Jura, einen schrecklichen Fund frei. Man fand den Leichnam von Hans Breiter, einem aus dem Kanton Bern stammenden Soldaten. Der Leichenfund stellte den letzten traurigen Zeugen eines Ereignisses dar, welches die Alte Eidgenossenschaft an den Rand eines Bürgerkriegs geführt hatte: der Kluser Handel vom September 1632.