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Ein Buch, das Mut und Trost gibt, gerade in düsteren Zeiten.
«Den fünfjährigen Geleg erreichte Tendol nur über eine gefährliche Bergroute. Die halsbrecherische Fahrt führte über reiβende Flüsse fernab jeglicher Zivilisation. Zur Überquerung der Gewässer musste die Reisegruppe auf ein notdürftig zusammengebasteltes Floβ zurückgreifen. Ausgerechnet auf dieser Tour wurde Tendol von einer ganzen Gruppe von Beamten begleitet. Schnell wurde klar, dass sie die Einzige war, die schwimmen konnte. Die Männer bewunderten den Mut dieser seltsamen Ausländerin. Mehrere Tage waren sie unterwegs, bis sie sich mit dem bei den Behörden gemeldeten Buben unterhalten konnten. Er lebte gemeinsam mit einem älteren Mann in einem Zelt, weit weg von den nächsten Nachbarn. Der Junge wirkte verstört. Tendol erfuhr nur wenig über seine Geschichte. Die Eltern waren tot, der Mann ein entfernter Verwandter. Der Blick des Kindes sagte ihr, dass sie es sofort mitnehmen musste.»
Für die chinesischen Behörden im Tibet ist Tendol Gyalzur eine seltsame Ausländerin. Dabei ist sie eine Einheimische. Eine, die im März 1959 aus dem Tibet fliehen musste. Auf dem beschwerlichen Weg über die Pässe des Himalajas verlor sie ihre Eltern und ihren Bruder. Jahre später nahm sich der Dalai Lama des Waisenmädchens persönlich an. So kam Tendol nach Deutschland und schliesslich in die Schweiz. Hier heiratete sie den Tibeter Lobsang, bildete sich zur Pflegefachfrau aus und wurde Mutter von zwei Buben. Jahrzehnte später kehrte Tendol nach Lhasa zurück, und als sie vor dem Potala-Palast Kinder auf der Strasse leben und hungern sah, war ihr Weg klar: Sie eröffnete das erste Waisenhaus Tibets – es sollte nicht das letzte sein. Und in ein solches Haus brachte sie Kinder wie den fünfjährigen Geleg, um sie aus der Trostlosigkeit in ein hoffnungsvolles Leben zu begleiten.
Die Journalistin und Autorin Tanja Polli hat mit Tendol Gyalzur zahlreiche Gespräche geführt, hat sie aufs Dach der Welt begleitet und schildert ihre „unglaubliche Geschichte“ im Buch „Ein Leben für die Kinder Tibets“. Sie erzählt von den teils fast everesthohen Schwierigkeiten, die Tendol Gyalzur im Tibet überwinden musste, um ihre Waisenhäuser zu bauen und zu führen. Erzählt vom Unverständis, das sie dort bei Leuten auch traf. Aber nicht nur dort: Ihre beiden Söhne hatten anfangs Mühe, dass ihre Mutter im Tibet lebte und armen Kindern half. Heute unterstützen beide das Hilfsprojekt: Der ältere mit einer Bierbrauerei vor Ort, in der ehemalige Heimkinder arbeiten, der jüngere von Rapperswil aus.
Ende Oktober 2019 erschien das Buch über die „seltsame Ausländerin“. Anfang Mai ist Tendol Gyalzur an Covid-19 gestorben. In der Todesanzeige schreibt die Familie: „,Ich stehe unter einem guten Stern‘, sagte Tendol gerne. Für uns, die wir zurückgeblieben sind, bleibt der Trost, dass unsere geliebte Amala nun selber als guter Stern am dunklen Firmament über uns wacht. Wir versuchen, nicht zu weinen, dass Tendol uns verlassen hat, sondern zu lächeln, weil sie unser Leben mit ihrem grossen Herzen bereichert hat.“
Tanja Polli: Ein Leben für die Kinder Tibets. Die unglaubliche Geschichte der Tendol Gyalzur. Wörterseh Verlag, Lachen 2019, Fr. 36.90.