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Als 1911 Amundsen zu seiner Expedition in Richtung geographischen Südpol aufbrach, wusste er, dass er ein Rennen gestartet hatte. Sein Gegner war damals Sir Robert Falcon Scott, der erst spät von Amundsens Absicht erfuhr. Die Geschichte endet mit dem Sieg von Amundsen, der den südlichsten Punkt der Erder am 14. Dezember 1911 erreichte, und Scott’s Niederlage und Tod. 111 Jahre nach diesem Rennen sind nun zwei Eisbrecher ebenfalls in ein inoffizielles Rennen zum südlichsten Punkt, den Schiffe erreichen können, verwickelt.
Auf der einen Seite steht der US-Eisbrecher «Polar Star», der am 17. Februar 2022 in der Bay of Whales bei Vermessungen der Bucht die Position 78° 44.022’ erreicht haben soll. Dies meldeten verschiedene Schiffsbezogene Webseiten am 1. März 2022. Die Verantwortlichen an Bord der „Polar Star“ melden ebenfalls, dass sie die Position an das Guinnessbuch der Rekorde zur Verifizierung und Eintrag gesendet haben.
Auf der anderen Seite steht der neugebaute französische Passagiereisbrecher «Le Commandant Charcot» der Firma Ponant. Dieser soll am 27. Februar 2022 die Position 78° 44.300’ erreicht haben. Bilder dazu wurden vor kurzem auf Social-Media-Kanälen geteilt, die das Schiff nahe am Rosseisschelf zeigen. PolarJournal fragte direkt bei den Bildinhabern an, da auf den offiziellen Seiten von Ponant nichts davon gemeldet worden war. Eine Antwort steht diesbezüglich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels noch aus. Daher ist auch noch nicht klar, ob das Erreichen des französischen Eisbrechers ebenfalls an das Guinessbuch geschickt worden ist.
Ausserdem beträgt die Differenz zwischen den beiden Schiffen nach deren Angaben nur gerade 0.008 Minuten. Da es sich also nur um einen kleinen Distanzunterschied handelt, müssen zahlreiche Faktoren zu exakten Lageberechnung miteinkalkuliert werden, sozusagen ein Fotofinish.
Auch der französische Eisbrecher «Le Commandant Charcot» nutzt die zurzeit niedrige Packeisausdehnung und fuhr in die Bay of Whales hinein. Das Schiff, das zum ersten Mal in der Antarktis unterwegs ist, befindet sich auf einer Expeditionsreise mit Gästen, die unter anderem auch das Rossmeer zum Ziel hatte. Unterwegs vermeldeten Kapitän Patrick Marchesseau und seine Crew schon einmal, den südlichsten Punkt eines französischen Schiffes erreicht zu haben. Ausserdem konnte der Eisbrecher dem britischen Forschungseisbrecher «Sir David Attenborough» bei einer logistischen Fahrt assistieren und half, Material zur Forschungsgruppe am Thwaites Gletscher zu transportieren, wie die British Antarctic Survey vermeldete. Sollte die Leistung des Schiffes und seiner Crew tatsächlich von Guinness bestätigt werden, würde der Eisbrecher nicht nur zum am südlichsten gefahrenen französischen Schiff oder Passagierschiff, sondern zum Weltrekordhalter für den südlichsten Punkt eines Schiffes. Gegenwärtig wird dieser Titel vom Luxus-Expeditionsschiff «The World» gehalten, welches 2017 auf 78° 43.997’ gefahren war.
Beide Schiffe konnten in dieser Saison davon profitieren, dass im Rossmeer dieses Jahr das Packeis eine besonders niedrige Ausdehnung aufweist. Tatsächlich wurde seit Beginn der Aufzeichnungen noch nie derart wenig Eis in dem Gebiet verzeichnet, wie verschiedene Institutionen gemeldet hatten. Dadurch wurden Areale nahe des Rosseisschelfs für wissenschaftliche Untersuchungen des Meeresbodens frei. Die USA hatten dazu die «Polar Star» losgeschickt, um das bisher unbekannte Gebiet zu vermessen. Gemäss offizieller Angaben gelang es rund 740 Kilometer des Meeresbodens zu kartographieren, ein wichtiger Aspekt für zukünftige Fahrten entlang des Eisschelfs, das immerhin rund 525’000 Quadratkilometer gross ist und damit beinahe die Grösse Frankreichs aufweist. Seit Jahren schon erforscht man hier auch die Auswirkungen der globalen Erwärmung. Dies ist auch die Kehrseite der Leistung: das Erreichen dieser Position ist nur gelungen durch den massiven Schwund sowohl des Packeises wie auch dem Abbrechen von riesigen Tafeleisbergen am Eisschelf.
Die Bay of Whales ist eine beliebte Stelle entlang des Rosseisschelfs, um tiefer ins Rossmeer und damit näher an das antarktische Festland zu gelangen. Die Bucht wurde 1908 zum ersten Mal von Sir Ernest Shackleton genauer beschrieben und so benannt, da er zahlreiche Wale hier entdeckt hatte. Bereits knapp drei Jahre später erkannte Roald Amundsen die strategische Wichtigkeit der Bucht auf seinem Weg zum geographischen Südpol. Er ankerte mit seinem Schiff «Fram» in der Bucht, um von hier aus seine Expedition zu starten und damit den Startschuss für ein Rennen zu geben, das am Ende einen strahlenden Sieger einerseits und eine schockierte Nation andererseits hinterliess. Das jetzige «Rennen» wird glücklicherweise nicht so entschieden, sondern von einigen Experten in einem Büro. Und egal, wer am Ende im Guinnessbuch als Rekordhalter aufgeführt wird, für die beteiligten Parteien, die derart nahe am Rande Antarktikas waren, bleibt der Moment unvergessen.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal