Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03554.jsonl.gz/1478

Das Wort Brunch ist eine Kreuzung der Wörter breakfast (Frühstück) und lunch (Mittagessen) und kam im Laufe der 1980er-Jahre in Gebrauch. Ein Brunch enthält eine «Kombination aus typischen Frühstückszutaten und warmen Mittagsspeisen, die am späten Vormittag üblicherweise als Büffet angeboten werden» (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, DWDS). Der Brunch hat mittlerweile auch im Duden Fuss gefasst und bildet einen festen Bestandteil der Esskultur deutschsprachiger Länder. Sogar die deutsche Verbform brunchen hat sich ausgebildet, die es möglich macht zu sagen: Ich brunche, du brunchst etc.[1] Der aus der Fremdsprache übernommene Begriff hat sich in Aussprache, Schreibweise und Flexion (Deklination bzw. Konjugation) der Zielsprache angepasst.
Auch das Wort Eatery ist eine Neuerung. Es hat sich seit ca. 2010 als Bezeichnung für ein Esslokal etabliert. Auch dieses Wort kombiniert Bestehendes. Das Verb eat verbindet sich mit der Nominalendung -ery, die wir etwa aus bakery (Bäckerei), butchery (Metzgerei) und factory (Fabrik) kennen. Die Endung -ery bedeutet etwa: In dieser Einrichtung geschieht, was das Verb davor besagt. Aus der Verschmelzung von eat und -ery entsteht also die neue Bezeichnung für ein pragmatisch ausgerichtetes Esslokal. Anders als ein Restaurant, das auch auf Ambience und Tradition setzt, ist die Eatery - zumindest dem Wort nach - ein Lokal, wo man hingeht, um den Hunger zu stillen. Wie andere englische Fremdwörter trägt das Wort auch die Färbung von ‘modern’ und ‘international’.
Nicht selten entstehen neue Speise-Trends, wenn bekannte Einzelspeisen miteinander gekreuzt werden. Beispiele sind die Gebäcke Cronut und Bruffin:
Ein Bruffin, kombiniert aus Brioche und Muffin, ist ein Gebäck aus Briocheteig in der Form eines Muffins, gefüllt aber z.B. mit Käse und Schinken. Er ist nicht nur Süssgebäck wie eine Brioche, sondern bietet sich als kleine Mahlzeit in handlicher Form an wie ein Bagel, lässt sie also etwa beim Autofahren am Steuer essen.
Ein Cronut aus Croissant und Donut hat die Form eines Donuts (Krapfen) mit einem ausgestochenen Loch in der Mitte, ist aber mit Crème gefüllt wie manche Croissants (‘Gipfeli’, Hörnchen), zum Beispiel mit Vanille oder Beeren.
Auch diese neuen Trendspeisen aus New York sind typische Kreuzungen oder Hybride. Sie bilden unterschiedliche Formen der Verschmelzung, sei dies in der äusseren Gestalt, dem Geschmack oder der Art des Essens. In der Linguistik sind solche Kreuzungen als Kofferwörter bekannt: Zwei Bedeutungsträger werden in ein neues Wort, einen ‘Koffer’, gepackt. Gängig ist auch der Ausdruck Kontamination, der ein In-Berührung-Bringen zweier Wörter meint.
Kreuzungen fegen Altes nicht einfach vom Tisch, sondern fusionieren Bekanntes mit Bekanntem und bringen so Neues hervor. Das Neue tritt damit nicht als reine Neuschöpfung in die Welt, sondern schleicht sich gleichsam ‚auf sanften Pfoten‘ in Bestehendes ein. Angesichts der Umweltbelastung und des Tierleids, die mit dem Fleischverzehr einhergehen, suchen heute viele Menschen Wege, die von der Norm des Fleischessens wegführen. Wir stellen einige Beispiele aus diesem Bereich vor und vertiefen das Vorgehen theoretisch danach.
Eine Kreuzung zwischen der Welt der Nutztiere und der Welt der Pflanzen liegt vor, wenn neue vegetarische oder vegane Produkte in der Gestalt von Fleischwaren auf den Markt kommen. Cornatur: Quorn Gehacktes und Plant-Based Gehacktes sind pflanzliche Speisen, die äusserlich wie Hackfleisch aussehen und dem Auge vorgaukeln, in Farbe und Form fleischlich ,Gehacktes‘ zu sein. Auf der Packung des veganen Fleisches aus der Reihe V-Love steht das Wort GEHACKTES in Grossbuchstaben direkt neben dem durch den Fleischwolf gedrehten Pflanzen-Fleisch. In beiden Produkten nimmt die Kurzform Gehacktes auf Pflanzliches Bezug. (Wäre Gehacktes ein für Fleisch geschützter Begriff, so würde sich dieser Weg verbieten. (→ Ernährungssprachkompass: geschützte Begriffe)
Die Aufschrift „Genuss ohne Fleisch“ kommt jenen Menschen entgegen, die Fleisch mögen, aber um dessen Umweltschädlichkeit wissen. Sie finden in diesen Kreuzungen Speisen, die 1) auf dem Teller den Platz des Fleisches einnehmen können, die 2) wie Fleisch aussehen und 3) diesem geschmacklich nahekommt, ohne aber Fleisch zu sein, eine Art des Hybrids, die auch Flexitarier ansprechen kann.
Das Schnellgericht Hamburger besteht aus gepresstem Hackfleisch und ist auch unter dem Kurznamen Burger bekannt. Burger in der vegetarischen Variante als sog. Veggie Burger oder vegetarischen Burger werden seit einigen Jahren aus Soja- und Weizenproteinen zum Beispiel von Nestlé hergestellt. Neben dem Namen nimmt der Veggie Burger auch die scheibenartige Form auf und bietet sich zum Braten an. Sowohl Veggie Burger als auch Pflanzen-Gehacktes erlauben also unter demselben Begriff einen niederschwelligen Wechsel vom Fleischessen zum vegetarischen Essen zu vollziehen. Man isst etwas, das wie Fleisch aussieht, wie Fleisch zubereitet ist und wie Fleisch schmeckt, aber dennoch kein Fleisch ist. Sprache, Auge und Gaumen nehmen gleichermassen an dieser Kreuzung teil.
Tierschutzorganisationen wenden seit ca. 2000 die Ausdrücke Tierwohl und Tierleid auf sog. Nutztiere an.[2] https://www.bio-suisse.ch/media/Konsumenten/Publikationen/bio_suisse_infobroschuere_tierwohl_a6_d_web.pdf (31.12.2020) Die Wörter Wohl und Leid waren bis dahin fast ausschliesslich für die Beschreibung menschlicher Gefühle bestimmt. So zeigt das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, dass wir das Wort Leid meist auf Flüchtlinge, Zivilbevölkerung, Vertriebene, Angehörige etc. beziehen. (Tiere erscheinen in dieser Rangordnung erst an 15. Stelle). Die Wörter Tierwohl und Tierleid sind Kategorienkreuzungen, weil sie uns dazu anleiten, Tiere als empfindsame Wesen wahrzunehmen. Im Grunde waren sie ursprünglich Metaphern und haben sich nun als feste Begriffe im Wortschatz der deutschen Sprache heimisch gemacht. Man kann die gesellschaftliche Wirkung dieser Wörter nicht unterschätzen. Die Konsumentenorganisation BIO-SUISSE, welche das Knospe-Label für Biofleisch vertritt, verspricht unter dem Titel Tierwohl „artgerechte Haltung und Fütterung der Tiere“. Tierwohl und Tierleid sind Wörter, die - auch in ihrer Gegensätzlichkeit- Interessen der Tiere zum Ausdruck bringen, indem sie implizit menschliches und tierisches Empfinden vergleichen. Die Wirkung der Wörter lässt sich prüfen, wenn wir sie probeweise auf Tiere beziehen, die wir gewöhnlich den ‚Feinden‘ und sog. Schädlingen zuordnen. Wie halten wir es etwa mit dem Tierwohl der Wanzen, Zecken, Kakerlaken und Bandwürmer? Auch diese Frage beruht auf einer Kategorienkreuzung.
Menschen
Nutztiere
Wohl, Leid→
Tierwohl, Tierleid
Im Tierschutz ist nicht selten von Lebensansprüchen der Nutztiere die Rede.[3] https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/lebensansprueche/38530 (31.12.2020) Man kann diese Formulierung als Kreuzung zwischen Pflanzen- und Menschenwelt verstehen, aber auch als eine zwischen der Welt der Nutztiere und jener der Menschen. So sind in der Botanik Standortansprüche der Kakteen bekannt, in der Menschenwelt sind es etwa Hygiene- oder Lohnansprüche.
Die Wendung Lebensansprüche von Nutztieren macht Tiere auch als Träger und Trägerinnen von Rechten denkbar. Während das Wort Nutztier nur menschliche Interessen einfängt, beleuchtet das Wort Lebensansprüche die Nutztiere im Lichte ihrer eigenen Bedürfnisse.
Man kann die sog. Nutztiere gedanklich aus ihrer Vergegenständlichung lösen, indem man für sie jene Werte und Wörter einklagt, welche das Tierschutzgesetz für ihre Behandlung vorsieht. Dies sind ihre Würde, ihr Wohlergehen und ihr Eigenwert (Schweizerisches Tierschutzgesetz von 2005, Art 3), Wertbegriffe, die sonst normativ auf uns Menschen bezogen werden. Indem das Tierschutzgesetz diese Kategorienkreuzung vornimmt, zeigt es einen Weg auf, wie sich das Leben vieler Tiere verbessern könnte. Doch warum geschieht so wenig, das in diese Richtung weist? Man müsste die Würde, das Wohlergehen und den Eigenwert der Tiere nur konsequent einklagen. Einklagen muss man sie, weil sie das Gesetz, welches sie vorschreibt, im nächsten Absatz gleich wieder aufhebt, indem es sie relativiert. In Artikel 4 heisst es: Wer mit Tieren umgeht, hat:
ihren Bedürfnissen in bestmöglicher Weise Rechnung zu tragen; und
soweit es der Verwendungszweck zulässt, für ihr Wohlergehen zu sorgen.
Die oben aufgeführten Beispiele zeigen, dass Kreuzungen mehr als kreative Wortschöpfungen sind. Sie zeigen auch gesellschaftliche Neuorientierungen an. Der Brunch verweist auf eine neue Gestaltung des (Sonntag)vormittags. In früheren Generationen war der Sonntagvormittag von drei ‘Programmpunkten’ geprägt: Frühstück, Kirchgang,gefolgt von einem ausgiebigen Mittagessen. Heute wird der Sonntagvormittag eher zum Ausschlafen genutzt, und man beginnt den Tag kulinarisch mit einem Brunch. Die Eatery zeugt von einem neuen, informellen Verhältnis zum Essen, das etwa auch in der Snack- und Fastfood-Kultur zum Ausdruck kommt.
Eine besondere Art der Kreuzung im Bereich des Fleischessens zeigt die Welpen-Erzählung aus dem Kapitel Tierkategorien auf. Wir rufen die auf Anhieb ‘unappetitliche’ Geschichte von Melanie Joy in Erinnerung:
Wir sind zum Abendessen beim neuen Nachbarn eingeladen. Die Stimmung ist ausgelassen. Dann wird ein köstliches Fleischgericht serviert. Nach dem Essen erkundigt sich jemand angesichts des vorzüglichen Geschmacks nach dem Rezept. Der Gastgeber antwortet geschmeichelt von den vielen Komplimenten, das Geheimnis des Gerichts liege allein bei dem guten Fleisch - dem Fleisch von Golden-Retriever-Welpen! (Joy 2010, S. 11)
Die Erzählung ist erhellend und abstossend zugleich. Sie bringt unsere eingespielte Wissensordnung und Geschmacksorientierung ins Wanken. Hier werden zwei Tierkategorien gekreuzt und damit auch der Umgang mit den Tieren. Die Erzählung behandelt Haustiere (Welpen) wie Nutztiere und zeigt damit indirekt auf, dass wir Nutztiere auch wie Haustiere behandeln könnten. In der Erzählung werden zwei Frames, d.h. zwei Deutungsrahmen, aufeinander bezogen. Die Erzählung aktiviert in unserem Denken das gesamte Welt- und Erfahrungswissen, das wir mit Nutz- und Haustieren verbinden. Auf der Seite der Nutztiere gehört zu diesem Frame auch die Vorgeschichte des Fleisches, d.h., das Wissen um die Schlachtung der Tiere bis hin zu deren Zubereitung nach einem Rezept. Die Erzählung projiziert dieses Nutztierwissen auf unserem Haustierwissen und macht damit Ähnlichkeiten zwischen den beiden erkennbar. Das Prinzip ist im Grunde metaphorisch, folgt also dem griechischen Wortsinn von Metapher = Übertragung. Nutztiervorstellungen werden in den Bereich der Haustiere getragen mit der Folge, dass die Tiere auf dem Teller als Nutztierwelpen erscheinen. Die erzählerische Kategorienkreuzung wirkt auch deshalb so stark, weil sie uns in eine fiktive, ‘ummöblierte‘ Welt eintreten lässt, in welcher Schosstiere wie Welpen auf dem Teller landen.
Nutztiere (zur Fleischproduktion)
Kreuzung
Haustiere (z.B. Welpen)
Frame:
schlachten
Leidensfähige Wesen schlachten, zubereiten, anrichten, essen etc.
Wirkungen
leidensfähige Wesen
Das Kreuzungsprinzip bietet sich als Rezept zum Aufbrechen verfestigter Ordnungen und Frames an. Es wirkt in zwei Richtungen: Es stellt Bestehendes infrage und schafft zugleich Neues. Der Brunch hebt die strikte Trennung von Frühstück und Mittagessen auf und schafft durch deren Verschmelzen im Brunch Neues. Mit dem Brunch und der Eatery etablieren sich auch neue Haltungen gegenüber dem Essen. Auch die Welpen-Erzählung ist destruktiv und konstruktiv zugleich. Sie hebt mit der Welpen-Speise die gedankliche Trennung zwischen Haus- und Nutztieren in Teilen auf und zeigt, dass wir mit den sog. Haustieren gewöhnlich viel freundlicher umgehen als mit den sog. Nutztieren und dass wir diese Ordnung auch ändern könnten.
Frames fixieren Haltungen: Die Erzählung von Melanie Joy illustriert, dass wir mit bestimmten Tierkategorien automatisch Wertungen wie essbar oder nicht essbar und Handlungen wie einschläfern oder schlachten verbinden. Dies ist so, weil wir mit jeder Kategorie zugleich einen gesamten Frame aufrufen, der unserem Denken und Handeln eine bestimmte Richtung gibt. Entscheidend ist, dass mit dem Aktivieren eines bestimmten Frames auch bestimmte Haltungen einhergehen. Dass zum Frame der Nutztiere auch Wörter wie Fütterungsanlagen, Schlachthöfe, Fleischmesser und Gartengrill gehören - um hier nur einige Nomen zu nennen - festigt und stabilisiert die verbreitete Haltung gegenüber den sogenannten Nutztieren. Diese Haltung immunisiert uns gegenüber dem Leiden der Nutztiere in einem gewissen Mass, weil sie uns glauben macht, dass die ‚Nutzung‘ dieser Tiere der normale Umgang mit ihnen sei.
An unserer Abstumpfung gegenüber den Leiden der Nutztiere ändert sich meist auch wenig, wenn wir Informationen und Fakten über deren trostloses Leben zur Kenntnis nehmen, etwa im Fernsehen Näheres über die industrielle Tierquälerei in der Massentierhaltung erfahren. Auch Argumente, warum wir weniger Fleisch essen, weniger weit fliegen oder weniger Esswaren wegwerfen sollten, führen nicht unbedingt zu einem anderen Handeln. Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat darauf hingewiesen, dass blosses Wissen sowie moralische Gebote Menschen nur beschränkt dazu führen, ihr Verhalten zu ändern. So betonen die meisten KonsumentInnen in Umfragen, dass ihnen Tierwohl wichtig sei und legen dann dennoch das billigere Rollschinkli in den Warenkorb (Klingbacher 2020, S. 44). Das Störgefühl, die sog. kognitive Dissonanz, die sich bei manchen einstellt, wenn sie sich das Leben und Sterben des Tiers hinter dem Rollschinkli auf dem Teller vorstellen, wird leicht verdrängt durch einen Widerstand, den Welzer „mentale Infrastrukturen“ nennt. Gemeint sind damit „Alltagsroutinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die ihrerseits an den materiellen und institutionellen Infrastrukturen der Aussenwelt gebildet sind» (Welzer 2011, S. 30). Wie oft greifen wir doch im Laden nach einem Produkt, das eigentlich unseren Ansprüchen nicht genügt, doch wir sind müde und in Eile und kaufen es trotzdem. Wir folgen dabei einer eingespielten Routine und vielleicht auch dem, was viele andere auch tun. Die Deutungsmuster, die Welzer anspricht, spielen bei diesem Vorgang eine beträchtliche Rolle, weil sie uns bestimmte Denk- und Handlungsweisen als normal und gängig erscheinen lassen. Frames fangen unser Denken und Fühlen in einem Netz ein, indem sie zwischen einzelnen Begriffen Denk- und Gefühlsbahnen auslegen, die, durch Gewohnheiten gefestigt, auch Sicherheit versprechen.
Welzers Konzept der mentalen Infrastrukturen entwirft das Bild eines Bauwerks. Ist eine mentale Infrastruktur durch Denk- und Handlungsroutinen einmal gefestigt, so bildet sie ein Gefüge, das nur schwer aufgebrochen werden kann. Die sprachlichen Kategorien bilden den Bindestoff, der das Gefüge zusammenhält. Das Wissen um diese Zusammenhänge kann uns aber auch einen Weg weisen, bestehende Denkgefüge aufzubrechen. Denn die Sprache erlaubt uns, mit ihren Elementen beweglich umzugehen. Im Netzbild des Frames ausgedrückt: Man kann bestimmte Verbindungsfäden kappen und andere knüpfen.
Die Welpen-Erzählung vom Anfang tut genau dies: Sie eckt an, weil sie den Fleisch-Frame auf die Welpen bezieht und damit einige Denkfäden löst und neu verknüpft. Die Frage der Gäste nach dem Rezept verrät, dass in ihrem Denken hintergründig ein festes Nutztier-Skript abläuft. Ein eingespielter Handlungsablauf wird aufgerufen und auf den leckeren Fleischschmaus bezogen. Zu diesem gehört potenziell alles, was wir über die Vorgeschichte einer Fleischspeise wissen – d.h. schlachten, zubereiten, anrichten, essen, geniessen und auch das Rezept.
Kreuzungen unterschiedlicher Art wirken auf verfestigte Frames und mentale Infrastrukturen offenbar zersetzend. Sie tun dies in einer Art, die ohne Kampfrhetorik und ohne Argumente auskommt, auf eine Art, die nicht direkt belehrt und auch weit mehr bietet als nüchterne Information. Kreuzungen schaffen neue Wirklichkeiten und lassen uns erlebend an diesen teilnehmen. Die Welpen-Erzählung entwirft eine Szene, eine fiktive Welt, die uns eine alternative Wirklichkeit erleben lässt. Im Kleineren können dies auch neue Wörter leisten. Wortkreuzungen wie Veggie Burger, pflanzenbasiertes Gehacktes, Bruffin, Eatery, Brunch, Tierwohl und Tierleid erzeugen, sobald wir sie verstehen, in unseren Köpfen eine gedankliche Wirklichkeit. Wenn es den Wörtern gelingt, sich durch ihren Gebrauch durchzusetzen, vermögen sie ‘auf leisen Sohlen’, einen gesellschaftlichen Wandel anzustossen, der alte Gewohnheiten aufhebt und neue Wirklichkeiten - und damit auch neue Normalitäten - schafft.
Joy, Melanie (2016). Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen. Karnismus - eine Einführung. 6., überarbeitete Aufl., Münster: compassion media.
Klingbacher, Barbara (2020). Ein Saueli wir zum Schinkli. NZZ, 19. Dez., S. 42-47).
Mahlke, Sandra (2014). Das Machtverhältnis zwischen Mensch und Tier im Kontext sprachlicher Distanzierungsmechanismen. Hamburg: Diplomica Verlag.
Mühleisen, Susanne (2003). Globalized Tongues. The cultural semantics of food names. In: Döring, Tobias and Markus Heide et al. 2003. Eating Culture / The Poetics and Politics of Food. Heidelberg. Universitätsverlag Winter GmbH.
Welzer, Harald (2011). Mentale Infrastrukturen Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam. Band 14 der Schriftenreihe Ökologie. Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung. https://www.boell.de/sites/default/files/Endf_Mentale_Infrastrukturen.pdf (abgerufen 18.11.2020)