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Motivation
Bis zu dem Zeitpunkt, wo ich die erste offizielle Hüftgelenksdysplasie (HD) Auswertung meiner Hündin Diting in den Händen hielt, war mein Wissen über HD bestenfalls oberflächlich. Nachdem ich dann eine Weile später auch Panhus Ergebnisse bekam, fing ich an mich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. Beide Hunde wurden offiziell in der Schweiz ausgewertet mit identischem Ergebnis. Rechts Grad B, links Grad C.
Der Orthopäde der Tierklinik in Österreich, der die zugrunde liegenden Röntgenaufnahmen gemacht hat, hat mir mit seiner Aussage „Die Schweizer Auswertung ist strenger bewertet als die in Österreich und Deutschland“ wohl die grundlegende Motivation gegeben, mich mit dem Thema intensiv zu beschäftigen.
Dabei ging es mir absolut nicht darum etwas schön zu reden, sondern ich wollte die Thematik verstehen, denn ich will ja gesunde Hunde züchten, die nicht Gefahr laufen, in eventuell vorhersehbare Gesundheitsprobleme zu laufen.
Hüftgelenksdysplasie
Hüftgelenksdysplasie ist eine erblich bedingte Fehlentwicklung der Hüftgelenke, die zu schwerer Arthrose und damit zu chronischen Schmerzen führen kann. Die HD ist eine genetische Dispositionserkrankung, das heisst, das der Hund zum einen die Disposition zur HD erbt und zum anderen dann erkrankt, wenn er zusätzlich belastenden Umweltausflüssen ausgesetzt wird. (1)
Die „Lockerheit“ des Gelenks ist ein primärer Risikofaktor für die Entwicklung einer Hüftgelenksdysplasie. Diese Lockerheit ist das Ergebnis der Belastung eines Bandes im Gelenk, das den Kopf des Oberschenkelknochens an der Wand der Hüftpfanne befestigt. Wenn dieses Band beschädigt ist, wird der runde Oberschenkelkopf nicht fest in der Pfanne des Hüftgelenks gehalten. Da die normale Entwicklung der Hüfte eine Reaktion auf die biomechanischen Kräfte auf die Gelenkpfanne während des Wachstums des Welpen ist, kann eine anormale Position des Oberschenkelkopfes in der Gelenkpfanne zu einer Beschädigung des Randes der Hüftgelenkpfanne und zur Entwicklung einer Hüftdysplasie führen. Die richtige Entwicklung des Hüftgelenks hängt entscheidend davon ab, dass der Oberschenkelkopf richtig in der Mitte der Hüftpfanne sitzt. (2)
Heritabilität
In der Populationsgenetik wird Heritabilität (Vererblichkeit), als „Anteil der genetisch bedingten Varianz eines Merkmals and der phänotypischen Varianz dieses Merkmals in einer Population“ definiert. (1) Diese kann durch den sogenannten Heritabilitätskoeffizienten bestimmt werden. Der Wert liegt immer zwischen 0,0 und 1,0. Je niedriger der Wert, desto geringer ist der Anteil der Gene und der Anteil der Umwelteinflüsse ist höher.
Diesem Wert wird ein Mittelwert in einer Population zugrundegelegt. Auch auf die HD bezogen gibt es bei den verschiedenen Rassen unterschiedliche Mittelwerte. Für den Shar Pei beträgt der Heritabilitätskoeffizient 0,26. (3) Dieser Wert unterscheidet sich leicht, da es unterschiedlichen HD Auswertungsverfahren gibt.
Auswertungsverfahren
Es gibt mehrere unterschiedliche Auswertungsverfahren. Die Deutsche HD-Auswertung nach FCI, die Britische HD-Auswertung nach BVA/KC, die Nordamerikanische HD-Auswertung nach OFA und die Schweizer HD-Auswertung nach Flückiger. Alle Auswertungsverfahren werden von Gutmann (3) ausführlich und sehr gut verständlich beschrieben, verglichen und kritisiert, so das ich diese nicht weiter erklären muss.
Ein weiteres Verfahren ist PennHip (Pennsylvania Hip Improvement Program). Es handelt sich um ein spezielles Röntgenverfahren, bei welchem schon ab der 16. Lebenswoche eines Welpen eine statistische Aussage getroffen werden kann, ob der Hund im späteren Leben an einer HD und somit einer Hüftgelenksarthrose erkranken wird. (5)
Da die HD eine genetische Dispositionserkrankung ist, kann eine frühe Diagnostik sehr hilfreich sein, da man einem potentiell risikobelasteten Hund entsprechend günstigere Umweltbedingungen bieten kann.
Selektion
Da es in der Tierzucht ja nicht nur um ein Merkmal geht, nachdem ein Zuchttier ausgesucht wird, muss man diese abwägen. In den meisten Zuchtverbänden wird nach Mindestleistung selektiert. Für jedes Merkmal gibt es einen Grenzwert, der beim überschreiten zum Zuchtausschluss führt. (1) Populationsgenetisch ist dieses Verfahren nicht besonders sinnvoll, da es vor allem in der Umsetzung an Züchtern und Zuchtvereinen scheitert, die es, aus unterschiedlicher Motivation heraus, nicht schaffen, ein Zuchtverbot für Merkmalsträger durchzusetzen.
In der Nutztier- und Zootierzucht findet man überwiegend die Indexselektion. Hier werden alle Merkmale differenziert betrachtet, bewertet und unterschiedlich gewichtet. Ebenso wird die Heritabilität einbezogen, geringe Heritabilität wird höher gewichtet als hohe Heritabilität. Hierbei wird die genetische Vielfalt weniger reduziert.
Fazit
Beim Shar Pei kennen wir heute viele potenziell gesundheitliche Probleme (Merkmale), auf die es für einige bereits verschiedene Test und Untersuchungsmöglichkeiten gibt. Die Heritabilität dieser Merkmale unterscheidet sich ebenso, sie sollten also unterschiedlich gewertet werden. Und auch wenn die Bewertung dieser Merkmale in der Regel von Fachleuten (Labore, offizielle HD/ED Gutachter) durchgeführt wird, so werden sie dann oft von Laien versucht zu interpretieren und zu bewerten, die auf Nachfrage weder die verschiedenen Heritabilitätswerte kennen, noch, was das schlussendlich für die Zuchtauswahl bedeutet. Und ein Laie muss das auch gar nicht wissen, das wäre sicherlich zuviel verlangt. Aber ein Laie muss seinem Züchter vertrauen können, das er sich in der Thematik auskennt und im besten Fall, mithilfe von wissenschaftlichen Experten, eine Zuchtauswahl trifft, die moderne wissenschaftlichen Erkenntnisse einbezieht, die populationsgenetisch sinnvoll ist und deren Ergebnis, also die entstandenen oder entstehenden Welpen, auch in Zukunft wissenschaftlich bewertet werden.
Das ist das, was für mich verantwortungsvolle Zucht bedeutet.
Quellenverzeichnis
- Sommerfeld-Stur, I. (2016) Rassehundezucht, Müller-Rüschlikon, Stuttgart, p. 239, 50, 212ff
- Do your puppies have enough traction in the whelping box?
(Beuchat, C. 2020)
- Validierung der Auswertungsmethoden für Hüftgelenksdyspalsie beim Hund aus genetischer Sicht
(Gutmann, M. - 2003)
- Untersuchungen zur Validierung von Detailinformationen der verschiedenen HD-Auswertungsmethoden als Züchtungsinformation für die Zuchtwertschätzung zur Bekämpfung der Hüftgelenksdysplasie (HD)
(Beuing, R.)
- HD-Grenzfälle besser beurteilen
(Prof. Dr. Andrea Meyer-Lindenberg, Dr. Andreas Brühschwein, Julius Klever - 2015)