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Die Definition von Gefühlen im Spiegel der Wissenschaft
Gefühle und ihre Auslöser klar zu definieren ist eine Aufgabe, an der sich Generationen von Wissenschaftern und Philosophen die Zähne ausgebissen haben. Im Gegensatz zur volkstümlichen Sicht, die von der Sinnesempfindung als Auslöser des Gefühls ausgeht, betrachten moderne Feedbacktheorien den Ausdruck als unmittelbaren Auslöser der Gefühle.
Wie bereits William JAMES vor über hundert Jahren behaupten Feedbacktheoretiker, dass die Gefühlsempfindung sekundär durch Muskelinnervation, die den Gefühlsausdruck bestimmt, bewirkt werde, dass also das subjektive Empfinden eines Gefühls vor allem als Folge der mimischen Muskelveränderungen, der beschleunigten Aktivität des Herzmuskels oder der Atemmuskulatur wahrgenommen werde.
Das Wort «Ausdruck» übersetzt den lateinischen Begriff Emotion, der den energetisch-körperlichen Zusammenhang mit dem eigentlichen Gefühl herstellt. Dieses manifestiert sich als Muskelbewegung, als Ausdruckslaut oder -schrei. CHARLES DARWIN stellte fest (was vor allem für die noch zu erläuternden Primärgefühle gilt), dass «sie Gedanken und Absichten Anderer enthüllen, wahrer als es Worte thun, die gefälscht werden können». Er beobachtete, dass es möglich ist, Gefühle über bestimmte Körperhaltungen hervorzurufen.
J. LEDOUX richtete sein Hauptaugenmerk auf die kognitive Bewertung eines Stimulus im Gehirn (sowohl im Neocortex als auch im Mittelhirn). Die Emotion ist für ihn beobachtbares Ausdrucksgebaren, Verhalten auf diese Wertung, die Sinnesreizung das nachträgliche Erleben respektive das mehr oder weniger bewusste Empfinden eines Gefühls.
FREUD beschäftigte sich im Zusammenhang mit seiner Triebtheorie schon früh mit den Affekten, die er anfänglich für die einzige treibende Kraft im seelischen Leben hielt. Affekte waren für ihn gleichbedeutend mit unbefriedigten, gleichsam – im Sinne einer Stoffwechselstörung – «sauer» gewordenen Trieben.
C. G. JUNG unterscheidet in seiner Typologie
neben dem Denken drei weitere Funktionen:
1. Fühlen als rational wertendes Gefühl,
2. Empfinden als das, was mit den Sinnen wahrgenommen werden kann, und
3. Intuieren als das, was unbewusst wahrgenommen wird.
Gefühle in der Verhaltenspsychologie
In der Verhaltenspsychologie galten Gefühle bis vor kurzem weitgehend als Epiphänomene, die von aussen, respektive durch den Willen verändert werden können. Entsprechend stark wird der Anteil kognitiver, das heisst über die Hirnrinde gesteuerter Einflüsse, an der Entstehung von Gefühlen betont.
JOHN WATSON führte wohl als erster an Kleinkindern wissenschaftliche Experimente im Zusammenhang mit der Entstehung von Gefühlen durch und wies nach, dass Gefühle nicht nur angelernt, sondern später, auch wenn sie noch so verankert zu sein scheinen, wieder aufgelöst werden können.
Einerseits zeigte er, wie der kleine Albert, der anfänglich erfreut mit Ratten Kontakt aufnahm, dazu gebracht werden konnte, dass er sich nicht nur vor diesen, sondern sogar, im Sinne eines Verallgemeinerungseffektes, vor Kaninchen und Hunden, ja sogar vor Baumwolle und Menschenhaar ängstigte. Andererseits gelang es ihm, Peter, der in tödlicher Furcht vor Kaninchen lebte, über einen langsamen Nachkonditionierungsprozess soweit zu bringen, dass er ein Kaninchen im Schoss halten konnte.
Dass WATSON in seinen Erziehungsanleitungen für Eltern über das Ziel hinausschoss, haben auch seine Nachfolger eingesehen. Positive Gefühle hielt er für wenig nützlich: Kinder sollten nie umarmt oder geküsst werden, nie in Mutters Schoss sitzen dürfen; ihnen die Hand zu geben sei alles, was nötig und wünschenswert sei. «Damit Kinder mit Gruppennormen übereinstimmen, ist es wichtig, ihnen gehörig Angst einzuflössen.»
Nachdem Emotionen bei neurobiologisch interessierten Verhaltenspsychologen lange ein Schattendasein führten, hat sich das Blatt gewendet. So sieht KLAUS SCHERER eine wesentliche Aufgabe der Gefühle darin, den Aussenstimulus und die Antwort des Organismus auf diesen Reiz zu entkoppeln. Dadurch vermag sich zwischen zwei Menschen ein sinnvoller Dialog zu etablieren, der die Qualität einer Kommunikation günstig beeinflusst.
Die ehemals für unlogisch gehaltenen Gefühlsphänomene werden damit plötzlich überlebenswichtig, sogenannt zweckrational.
Moderne Philosophen und Gefühle
Für moderne Philosophen wie den sich um eine naturalistische Theorie mentaler Repräsentation bemühenden THOMAS METZINGER sind emotionale Qualitäten des Menschen ein entscheidender Ausdruck für die Interessenlage eines Systems. Infolge ihrer engen Beziehungen zum Körper vermitteln sie Informationssignale, die denjenigen rein kognitiver Verarbeitungsmodelle an Zuverlässigkeit und Stabilität überlegen sind.
Der enge Zusammenhang zwischen Gefühlen und Kommunikation lässt sich bereits an Experimenten mit Pflanzen nachweisen. DAGNY und IMRY KERNER berichten über Dutzende von Untersuchungen, in denen die verschiedensten Pflanzenarten in eindeutiger Weise auf «positive» beziehungsweise «negative» Gefühle ihrer Betreuer reagiert haben.
Eine Flut von neuen Informationen zur Gefühlsdebatte hat sich aus der Beobachtung von Säuglingen, ja sogar bereits von Föten im Mutterleib ergeben.
Zur Entstehung von Gefühlen in modernen Theorien
Im «Lehrbuch der Emotionspsychologie» schreibt LOTHAR SCHMIDT 1995:
«Wie Emotionen entstehen, ist eine faszinierende Frage.»
Faszinierend wohl vor allem deshalb, weil bis heute dazu noch keine schlüssige Antwort gefunden werden konnte. «Naheliegend ist es, sich mit den Ereignissen oder anderen externen Bedingungen zu befassen, die eine Emotion auslösen. Theoretisch ist dies aber eher unbefriedigend. Die Beziehung zwischen Ereignissen und Emotionen ist nämlich nicht so eng, wie man zunächst vermuten würde. … »
«Die andere Gruppe von Erklärungsansätzen läuft darauf hinaus, dass eine Teilkomponente (z. B. das Erleben) auf eine andere (z. B. den Ausdruck) zurückgeführt wird. Daneben liegen auch gemischte Erklärungsansätze vor. Eine Teilkomponente der Emotion (z. B. die körperliche Erregung) führt in Kombination mit einer anderen Variablen (z. B. Kognitionen) zu einer anderen Teilkomponente (z. B. dem Erleben).»
Eine einflussreiche und gleichzeitig eine der ältesten «modernen» Theorien in diesem Zusammenhang ist diejenige von JAMES und LANGE (1885). Danach sind Emotionen eine Folge von körperlichen Veränderungen. Die Wahrnehmung von äusseren Reizen im Sinne eines unmittelbaren Auslösers werde über das Gehirn mit körperlichen Reaktionen beantwortet, die dann vom Individuum wahrgenommen würden. Bislang konnte aber, auch in ergänzenden Bemühungen, diese Theorie nicht bestätigt werden.
Amygdala und Thalamus – die zentralen Verarbeitungsstellen
Eine der neueren Vorstellungen, die aber keineswegs für alle Gefühle gültig sein soll, ist diejenige von LEDOUX (1993). Nach seinem Dafürhalten liegt die zentrale Verarbeitungsstelle für Emotionen im Gehirn, und zwar im Bereich der Amygdala, die ihre Informationen einerseits aus dem Neuhirn, andererseits aus phylogenetisch viel älteren und damit primitiveren Strukturen im Thalamus bezieht.
Das Neuhirn soll Informationen aus sensorischen Aussenreizen sowie über imaginierte und gespeicherte Ereignisse liefern. Der ältere Thalamus übermittle nur sensorische, also äussere Reize, dafür um einiges schneller.
ANTONIO DAMASIO hat sich in seiner ausführlichen Studie «Descartes’ Irrtum» mit der zentralen Bedeutung des ventromedialen präfrontalen Cortex sowie mit den somatosensiblen Rindenfeldern der rechten Hemisphäre befasst. Diese Hirnareale spielen in der Vernetzung zwischen der Emotionsverarbeitung und dem Denken eine zentrale Rolle.
Die meisten Untersucher fassen einzelne Emotionen in Gruppen zusammen. Der Versuch, diese Gruppen in gesetzmässige Beziehungen zu bringen ist bisher gescheitert; entsprechend werden die einzelnen Gefühle wissenschaftlich meist unabhängig voneinander untersucht.
Abschliessend bemerkt SCHMIDT in seinem Lehrbuch der Emotionspsychologie:
«Die heutigen Erklärungsversuche können als Varianten der James-Lange-Theorie verstanden werden. … Die Entstehung einer Emotion wird als kognitiver Prozess verstanden, der die Verarbeitung von Informationen über den eigenen körperlichen Erregungszustand und den situativen Kontext einschliesst … wobei bisher die zentrale Hypothese nicht bestätigt werden kann. … »
«Insgesamt ergibt sich ein komplexes und noch sehr unvollständiges Bild der zentralen Steuerung von Emotionen. Nach dem gegenwärtigen Forschungsstand ist davon auszugehen, dass nicht einzelne Strukturen von Bedeutung sind, sondern mehrere, die netzwerkähnlich miteinander verbunden sind.»
Beobachtungen aus der Säuglingsforschung
B. BRAZELTON hat mittels Videoaufnahmen die Interaktionsmuster zwischen einem sechzig Tage alten Säugling und seiner (guten) Mutter bis ins Detail analysiert. In diesem in gegenseitiger Harmonie aufeinander abgestimmten Tanz finden sich immer wieder Erregungsmuster von unterschiedlicher Intensität:
«… sein Lächeln, seine Vokalisierungen und seine fuchtelnden Arm- und Beinbewegungen kommen und gehen in einem Zwei-Sekunden-Rhythmus. So entstehen kleine Aufmerksamkeits- und Bewegungszyklen … Nach jedem Ausbruch wird sein Gesicht ernst, seine Glieder ruhig, und sie (die Mutter) beruhigt sich ebenso wie er …»
Bezug nehmend auf die Gefühle des Säuglings schreibt MARTIN DORNES:
«Ich gehe … davon aus, dass Affekte und ihre Veränderungen schon vom kleinsten Säugling als differentielle Gefühle gespürt und wahrgenommen werden und dass die Integration sensorischer und perzeptueller Daten im Gehirn, die zum Gefühl führt, auf dieser elementaren Ebene kein kognitiver Prozess ist».
Und er fügt eine weitere entscheidende Feststellung hinzu:
«Bei der Beobachtung der Interaktion zwischen Säuglingen und Erwachsenen konnte eindeutig festgestellt werden, dass beim Säugling oder Kleinkind Körper und Psyche noch so eng verbunden sind, dass die Empfindungen und das Erleben sich direkt im Verhalten ausdrücken. (Konkordanz von Ausdruckverhalten und Gefühl).»
«Der Affektausdruck ist noch nicht sozialisiert, Gefühle können noch nicht verborgen oder verdrängt werden, und deshalb sind Gefühlsausdrücke, Körpermotorik und andere Verhaltensmanifestationen die besten und zuverlässigsten Auskunftgeber für das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein bestimmter Gefühle.»
Kreuzmodale Wahrnehmungen von Kindern
Kinder sind bereits in den ersten Lebenswochen nicht nur fähig, unterschiedliche Gefühle wahrzunehmen und entsprechende Gesichtszüge der Erwachsenen zu imitieren, sie vermögen auf differenzierte Weise inkongruentes elterliches Verhalten wahrzunehmen und reagieren mit «korrigierendem» Verhalten.
Ihre sehr früh entwickelte Fähigkeit zur kreuzmodalen Wahrnehmung befähigt sie dazu, Wahrnehmungen, die mit verschiedenen Sinnesorganen gemacht werden, miteinander in Beziehung zu setzen (z. B. Erspürtes mit Gesehenem zu verbinden). Diese frühe Fähigkeit erklärt die unheimliche Sicherheit, mit der schon kleine Kinder Unstimmigkeiten im elterlichen Verhalten herauszuspüren vermögen.
Bei entsprechend inkongruentem elterlichem Verhalten im Sinne von widersprechenden Doppelbotschaften kann bei kleinen Kindern schon sehr früh eine fatale Verunsicherung in bezug auf die Richtigkeit der eigenen Wahrnehmung entstehen.
Früher oder später führt diese Verunsicherung dazu, dass sich das Kleinkind – meist unter existentiellem Überlebensdruck, wozu auch das Bedürfnis nach elterlicher Anerkennung gehört – dahingehend entscheidet, die von ihm erwartete Wahrnehmung als «richtig» und seine eigene Wahrnehmung als «falsch» zu bewerten.
Damit ist die Welt scheinbar wieder in Ordnung, das Kind ist sozialisiert und damit angepasst.
Gefühle in der Gebärmutter
Neueste Untersuchungen der Gefühle, wie sie an Föten vorgenommen wurden, bringen zu deren Verständnis folgenreiche, aber auch komplizierende Einsichten:
ALESSANDRA PIONTELLI gelang es anhand von Ultraschalluntersuchungen nachzuweisen, dass Babys bereits in der Gebärmutter ihr Befinden äusserst differenziert auszudrücken vermögen. Eine vergleichende Beobachtung zwischen ihrem Verhalten und demjenigen ihrer Mütter zeigte eine erstaunliche Übereinstimmung.
Es muss angenommen werden, dass nicht nur das Verhalten, sondern auch die mütterlichen Gefühle vom Ungeborenen in irgendeiner Weise übernommen und mit grosser Wahrscheinlichkeit auch wahrgenommen werden.
Schon früh zeigt sich ein breit gefächertes Spektrum an Reizen, die in verschiedener Weise den Fötus beeinflussen. Diese Einflüsse zeigen sich in Bewegungsreaktionen, sie lassen aber auch Rückschlüsse auf andere Wahrnehmungsebenen wie die emotionale, die auditive und die olfaktorische zu. Dabei fällt es leichter, negative Phänomene wie Rückzug und ablehnende Gesten zu beobachten, als mit Sicherheit lustvolle Situationen zu erkennen.
Induzierte Gefühle durch die Mutter
Eine für unsere Betrachtungsweise wesentliche Frage ist diejenige nach der unmittelbar vom Fötus registrierten Wahrnehmung – unabhängig von derjenigen der Mutter – sowie nach der Möglichkeit der Übernahme von mütterlichen und damit induzierten Gefühlen. Dabei ergibt sich zumindest theoretisch die Möglichkeit, dass das Ungeborene bereits sehr früh von sogenannten Sekundärgefühlen der Mutter beeinflusst wird.
Über die Vielfalt an Beinflussungsmöglichkeiten der frühkindlichen Gefühlswelt haben DANIEL STERN und VIRGINIA DEMOS berichtet, unter anderem unter den Stichworten Tuning (engl.: einstimmen) und affektive Kompetenz berichtet.
Erinnerungen an die Geburt
Von Niklaus von Flüe, der im 15. Jahrhundert in der Zentralschweiz gelebt hat, wird überliefert, dass er sich genau an die Gesichter der Menschen erinnerte, die bei seiner Taufe kurz nach der Geburt zugegen waren.
Dies mag für einen Menschen, der bereits zu seinen Lebzeiten als Heiliger verehrt wurde, nicht erstaunen. Aber auch die Erinnerungsfähigkeit des «gewöhnlichen» Säuglings wird immer weniger in Zweifel gezogen.
Seit STANISLAV GROF über analoge Erlebnisse mit Patienten unter LSD und ARTHUR JANOV über den frühen Urschrei berichtet hat, beginnt auch die Wissenschaft, sich mit dem Phänomen «frühkindliches Gedächtnis» auseinanderzusetzen. Spätestens seit den Hypnoseexperimenten von D. CHAMBERLAIN wissen wir, dass sich jeder Mensch an seine Geburt «erinnert».
Die unharmonische, das heisst nicht liebevoll erlebte Trennung von der Mutter in den ersten Stunden und Tagen nach der Geburt kann beim Neugeborenen zu schwer traumatisierenden Erfahrungen führen.
Aus den Untersuchungen der eben zitierten italienischen Psychoanalytikerin ALESSANDRA PIONTELLI lässt sich schliessen, dass der Säugling noch vor der Geburt alles «versteht» (auch wenn dies nicht unbedingt dem gängigen Gedächtnisbegriff entspricht). Da er nicht sprechen kann, gelingt es ihm – vor allem wenn die Mutter über wenig Einfühlungsvermögen verfügt – nur schwer, sich bemerkbar zu machen.
VERNY und KELLY konnten nachweisen, dass Ungeborene während der Schwangerschaft erstaunlich viel wahrzunehmen vermögen und bereits vor der Geburt ihre Mutter (und den Vater) erkennen.
GEORGE DOWNING hat die Wirkung von Körpertherapien im Rahmen der psychoanalytischen Technik untersucht und kommt zum Schluss, dass über den Körperzugang erstaunlich rasch frühe Kindheitserinnerungen freigelegt werden. Dieses Phänomen steht in Zusammenhang damit, dass die körperlichen Abwehrmechanismen des psychischen Widerstandes beim Patienten teilweise abgebaut werden.
Angeregt durch die Körpererfahrung kommt es im Rahmen der Therapie schon früh zu Erlebnissen, in denen Patienten «haut- und körper-, ja sogar geruchs- und geräuschnah» die verschiedensten Situationen aus ihrer Kindheit wiedererleben, als «wäre es gerade jetzt». Diese Erfahrungen werden von DOWNING der Regression zugeordnet.
Gefühle und Geschlecht
Männer schauen auf andere Körperteile als Frauen
Nach einer Zusammenstellung des Magazins «Geo» unterscheiden sich Frauen und Männer in ihrer Gehirnfunktion. So betrachten Männer bei einer ersten Begegnung stereotyp zuerst vor allem die mittlere und untere Körperpartie einer Frau, während Frauen sich eher für die obere Körperregion eines Mannes interessieren.
Generell scheinen die beiden Gehirnhälften bei Männern stärker spezialisiert zu sein, sprachlich benützen Männer weitgehend nur die linke, für mathematisch-räumlich-visuelle Anforderungen die rechte Hälfte, während bei den Frauen die beiden Gehirnhälften häufiger auf intensive Weise zusammenarbeiten, zum Beispiel bei der Wahl von Wörtern.
Ein entsprechender Unterschied konnte auch in älteren Gehirnanteilen nachgewiesen werden: Im limbischen System, von dem seit Urzeiten Emotionen gesteuert werden, entdeckten Forscher, dass ein relativ neuer Bezirk – Gyrus cinguli -, der sich erst bei Primaten stärker entwickelt hat, bei Frauen wesentlich aktiver zu sein scheint, während Männer, wenn sie «an nichts denken», primitivere und damit ältere Anteile des limbischen Systems intensivieren.
Auch in der Erkennungsfähigkeit von Gefühlen zeigen sich Unterschiede: Frauen sind schneller und treffsicherer; im Gegensatz zu den Männern haben sie z. B. kein Problem, Trauer auf den Gesichtern von Frauen zu erkennen.
Begründet wird dieser Unterschied mit dem Hinweis, dass es für die Frauen, die in vorgeschichtlicher Zeit – und begrenzt auch noch heute – weitgehend vom machtbedingten Verhalten der Männer abhängig waren, lebenswichtig gewesen sei, möglichst frühzeitig und exakt den momentanen Gefühlszustand ihrer Bezugsperson erfassen zu können.
Generell sind Frauen emotionaler als Männer.
In wissenschaftlich durchgeführten Umfragen zeigte es sich, dass Frauen sowohl in bezug auf positive, als auch auf negative Gefühle verstärkt ansprechen und reagieren. Diese Unterschiede sind allerdings bei Kindern bis hin zur Pubertät noch nicht signifikant.
Eindeutig sind dagegen Unterschiede, die auf Grund von epidemiologischen Untersuchungen in bezug auf die beiden Grundreaktionen Depressivität und Angst feststellbar sind: Mädchen neigen vor der Pubertät vorwiegend zu depressivem Verhalten, während Knaben verstärkt zu Angst und vordergründig zu antisozial-aggressiven Verhaltensmustern neigen. In der Pubertät kommt es dann, allerdings nur vorübergehend, zu einem Anstieg der Depressivität bei Jungen.
In bezug auf das Begehren postuliert JEAN-DIDIER VINCENT einen grundsätzlichen und damit entscheidenden Unterschied zwischen Mann und Frau: Bei beiden ist der zentrale Wirkort das Gehirn.
Bei der Frau sind es aber vorwiegend die auf das «männliche» Hormon Testosteron ansprechenden Neuronen, während beim Mann (und bei Affen- und Rattenmännchen sowie bei Rüden, bei denen entsprechende Kastrations- und Ersatzsubstanz-Experimente durchgeführt worden sind) der Wirkort der Lust vorwiegend im neokortikalen Gedächtnis angesiedelt zu sein scheint.
Aus diesen Erkenntnissen lässt sich die grosse Bedeutung ableiten, die die Phantasie im erotischen Leben vor allem des Mannes einnimmt.
Feministische Autorinnen widersprechen diesen Ansichten.
Die Amerikanerin NANCY FRIDAY verweist auf die auffälligen Veränderungen hin zu mehr «männlichem» Verhalten, die sich im Leben der Frauen im Verlauf einer einzigen Generation – vollzogen haben und die mit grosser Wahrscheinlichkeit auch im hormonellen Bereich stattfinden. Ob sie psychologisch-verhaltensspezifisch oder eher durch Umwelteinflüsse verursacht sind, ist offen.
Diesen Veränderungen, die sich innerhalb der vergangenen ein bis zwei Generationen insbesondere unter dem Einfluss der ökonomischen Verselbständigung der Frau einstellten, stehen allerdings jahrtausendealte geschlechtsspezifische Verhaltensmuster gegenüber, denen sich die Frau nicht ohne weiteres entziehen kann.
Wann sprechen wir von Gefühlen?
Die verschiedenen Bedeutungen die den Begriffen «fühlen» beziehungsweise «Gefühl» zugeschrieben werden können, sind schwer auseinanderzuhalten. Theoretisch lassen sich bei jedem Gefühl eine empfangende und eine gebende Komponente unterscheiden:
1. Gefühl als Empfindung (empfangend)
Es handelt sich um das Gefühl im engeren Sinn, um das, was ich innen fühle respektive spüre. Dieses Wahrnehmen kann sich auf verschiedene Phänomene beziehen:
- als Wahrnehmung von Aussenreizen durch die Sinne;
- als Wahrnehmung der inneren Körperbefindlichkeit im Sinne von Propriozeption (Verspannungen, Druck, «Energie» etc.);
- als Wahrnehmung einer «psychischen Körperbefindlichkeit» (die mit der vorangehenden weitgehend identisch ist);
- als Wahrnehmung einer durch Imagination (kognitive Vorstellung/Erinnerung) provozierten «psychischen» Empfindung.
2. Gefühl als Emotion (gebend)
Hier geht es um Gefühl im Sinne des Sich-Bewegenden (E-motion, von lat. movere), d. h. des nach aussen Sich-Zeigenden, Sich-Ausdrückenden.
In einem ersten Schritt, zumindest solange wir uns nicht hinter einer Maske verbergen, drücken wir unsere Emotion der Umwelt gegenüber über die Mimik aus und teilen so unsere Befindlichkeit mit. Wir können aber auch einen Schritt weitergehen, indem wir uns aktiv aus uns «herausbewegen» und, über Gesten und Handlungen, über einen Ausruf oder einen Schrei, unsere Befindlichkeit, unsere Stimmung ausdrücken.
Neben dem adäquaten Gefühlsausdruck gibt es allerdings eine Art, Gefühle zu zeigen, die Aussenstehende als aufgesetzt erleben. Wenn jemand umgangssprachlich als «hysterisch» bezeichnet wird, so ist ein übertriebenes oder gar künstliches, nicht kongruentes Verhalten gemeint.
Diese Einschätzung kann sehr subjektiv sein, weil es möglich ist, dass der «Empfänger» selbst ein gestörtes Verhältnis zu seinen Gefühlen hat und deshalb jede emotionale Äusserung als bedrohlich empfindet. Anstatt sich zu hinterfragen, versucht er, Gefühle beim anderen zu entwerten.
3. Gefühl als Wertung
Bei der Aufteilung in empfangende und gebende Komponenten der Gefühle geht ein zentrales Teilphänomen, das für viele Wissenschafter das eigentliche Wesen von Emotionen ausmacht, verloren, weil wir diesen Anteil kaum «fühlen», vielleicht abgesehen von diffusen Kopfschmerzen oder einer gewissen Aufregung: Es geht um die Wertung.
Damit ist die eigentliche Verarbeitung angesprochen, die, unabhängig davon, ob sie sich im bewussten Bereich, also kognitiv abspielt oder ob sie vorwiegend unbewusst abläuft, einen wichtigen Anteil der Gefühlsschleifen ausmacht. Die Bewertung in «gut» und «nicht gut/böse» kann bis in die physiologischen Grundlagen hinein nachgewiesen werden: Die Valenz ist in der Gefühlsforschung ein wichtiges Kriterium; Gefühle können über den Lidschlussreflex objektiv einer der beiden Grundbewertungen zugeordnet werden.
Entsprechend lässt sich auch im neuroendokrinen System ein Mechanismus nachweisen, der nach dem Prinzip von Belohnung und Bestrafung wirksam ist. Vieles spricht dafür, dass die evolutionäre Entwicklung die Erfahrung im Umgang mit negativen Gefühlen besser honoriert als Zustände des glücklichen Zufriedenseins.
Grundgefühle
Primärgefühle sind bspw. Liebe, Hass, Wunsch, Freude, Traurigkeit, Furcht, Scham…
Im 17. Jahrhundert benannte DESCARTES sechs Grundgefühle:
Wunder, Liebe, Hass, Wunsch, Freude und Traurigkeit. Der amerikanische Behaviourist JOHN WATSON zählte in seinem Standardwerk Wut, Angst und die Liebe (im primitiven Sinne einer «Abhängigkeit») zu den Basisgefühlen, aus denen sich nach ihm alle anderen Gefühle ergeben.
In der Folge führten vielfältige Untersuchungen, insbesondere Versuche, die am emotionalen Ausdruck beteiligten Gesichtsmuskeln zu erfassen, dazu, dass verschiedene, sich in mehrfacher Hinsicht voneinander unterscheidende Affektausdrücke nachgewiesen werden können, sogenannte Primär- oder Basisaffekte, respektive Grundgefühle. Der Säuglingsforscher DORNES z. B. nennt deren neun: Freude, Interesse, Neugier, Überraschung, Ekel, Ärger, Traurigkeit, Furcht, Scham und Schuld.
Persönlich halte ich, aus Gründen die sich aus meinem Gefühlsmodell ergeben, die primäre Erregungsliebe für das positive Grundgefühl, während ich den physischen und den psychischen Primärschmerz sowie die elementaren Reaktionen darauf, die psychische Primärwut und die psychische Primärangst, zu den negativen Grundgefühlen rechne.
Neben diesen vorwiegend sensomotorisch (im Bereich der Hautsinne sowie des Bewegungsapparates) wirksamen Gefühlen zähle ich noch das im Darmbereich wirksame positive Gefühl Appetit, sowie die negativen Gefühle Hunger (beinahe schmerzhaft empfunden) und Ekel/Brechreiz zu den Grundgefühlen.