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Erst im reifen Alter von 60 Jahren haben Sie angefangen, Bücher zu schreiben. War die Absicht schon länger da?
Nein. Richtig ist, dass ich die Kombination von Sozialismus und sowjetischer Diktatur immer abgelehnt, dass diese Verbindung aber von ihrer Virulenz und Schädlichkeit nichts eingebüsst hatte – zumindest nicht in meiner Wahrnehmung. Nach dem Verlust meines finanziellen Vermögens hatte ich notgedrungen mehr Zeit zum Lesen und Schreiben und spürte das Verlangen, selbst einen kritischen Beitrag zu leisten; nicht zum sowjetischen Regime, sondern grundsätzlicher und anspruchsvoller. Das Manuskript zum ersten Buch «The State» entstand in relativ kurzer Zeit in den Jahren 1983 und 1984.
Wie wurde die Wandlung zum Schriftsteller aufgenommen?
Ohne weiteres. Spürbar war vor allem die eigene Motivation. Ich wollte zeigen, dass und aus welchen Gründen der Staat keine unbedenkliche Sache ist. Manche Kritiker lagen in diesem Punkt falsch: nicht um den Stalinismus ging es mir, sondern um die intrinsische Problematik moderner Staatlichkeit schlechthin; nicht um den Kommunismus, sondern um den Sozialismus ganz allgemein.
Wie lässt sich Anthony de Jasay als Autor beschreiben? Was unterscheidet ihn von anderen Ökonomen und Philosophen?
Vielleicht ist es das vergleichsweise ausgeprägte Bemühen um Klarheit und Widerspruchslosigkeit. Beides ist für mich zentral. Beides mag auch einem Verlangen nach Kompensation entspringen. Denn mein Wissen ist begrenzt. Gehen Sie im Zweifelsfall immer davon aus, dass ich ein Buch, etwa im Bereich philosophischer oder ökonomischer Fachliteratur, nicht studiert habe. In diesem Sinne würde ich mich unumwunden als unbelesen bezeichnen. So habe ich auch nicht die Möglichkeit, ein Problem synthetisch, über eine Diskussion aller Positionen, abzuarbeiten. Ich weiss nicht, welche Autorität was genau dazu geschrieben hat. Eine Folge davon ist, dass es niemandem mit redlichen Absichten jemals gelingen dürfte, mich einer bestimmten Denkschule zuzuordnen. «Jasay ist ein Vertreter der Austrian Economics, er weiss es nur nicht.» Nein! Ich gehöre keiner Schule an. Wenn ich eine Zuordnung akzeptiere, dann höchstens die, dass ich mich auf dem Feld der Ökonomie als Neoklassiker bezeichnen lasse.
Das Feilen am Text, die konzeptuelle Arbeit am Begriff ist anstrengend. Denken Sie bei dieser Mühsal an den Genuss des Lesers?
Es mag nicht immer ein Genuss sein, zumindest aber sollte der Leser einen Text von mir niemals mit dem Gefühl zur Seite legen, nur Teile verstanden zu haben. Und ja, ich nehme Sprache und Begriffe ernst. Wenn Politiker und Medien seit nunmehr 20 Monaten von einer «Krise» reden, lässt mich solcher Schwachsinn nicht kalt: ich ärgere mich.
War diese Stringenz im Umgang mit Sprache schon immer da?
Der erste Artikel, den ich seinerzeit in Oxford publizieren wollte, kam mit einem handgeschriebenen Vermerk zurück: «Wenn Sie es schaffen, diesen Text auf zehn Seiten zu kürzen, können wir ihn bringen!» Also kürzte ich den Text und hatte damit Erfolg. Das habe ich nie vergessen. Freunde haben zuweilen bemerkt, ich triebe es mit dieser Sparsamkeit an Worten zu weit; vielleicht haben sie recht.
Sprachliche Prägnanz und Eleganz zeichnen Ihre Texte gleichermassen aus – und der Verzicht auf Zahlen und Formeln.
Das ist richtig. Und mit Sicherheit habe ich einen Preis dafür bezahlt, Argumente ohne Rückgriff auf Mathematik zu entwickeln. Vor Jahren sandte ich einem prestigeträchtigen akademischen Verlag in den Vereinigten Staaten ein Manuskript zur Begutachtung. Nach einigen Wochen kam ein höflicher Brief mit dem Bescheid zurück: «We now take our Political Economy in Algebra.» Was soll’s. Zumindest kam ein Brief zurück, und insgesamt habe ich mit Verlegern gute Erfahrungen gemacht. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Übrigens hat es bis jetzt auch niemand fertiggebracht, mich von den Vorzügen der experimentellen Verhaltensökonomie zu überzeugen. Geschichte ist das einzige verlässliche Experiment, das wir haben…