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In einer Zeit, in der die Nachhaltigkeit unserer Ernährung zunehmend in den Fokus rückt, kommt man nicht um die Frage herum, ob und wie der Verzehr von Hühnerfleisch mit sozialen und ökologischen Grundsätzen vereinbar ist. Warum ein gänzlicher Verzicht nicht die Lösung sein muss, diskutiert Simon Jacoby im Gespräch mit der Kochbuchautorin Anna Pearson.
In Ihrem neuen Projekt «Huhn + Hahn» sagen Sie, dass wir aus ökologischen Gründen Huhn essen sollen. Das ergibt für mich auf den ersten Blick keinen Sinn.
Anna Pearson: Es gibt viele ökologische Gründe, kein oder möglichst wenig Huhn oder Fleisch im Allgemeinen zu essen. Dennoch ist es möglich, Hühnerfleisch auf ethisch, sozial und ökologisch vertretbare Weise zu essen.
Wie?
Indem das Huhn wieder so gehalten, aufgezogen und verzehrt wird, wie es vor der Industrialisierung üblich war. Das heisst, die weiblichen Tiere legen Eier und die männlichen, die keine Eier legen, werden aufgezogen und geschlachtet, bevor sie geschlechtsreif sind und sich gegenseitig angreifen.
Sie sprechen vom sogenannten Zweinutzungshuhn.
Genau. Das Zweinutzungshuhn ist eine Rasse, bei der die beiden Geschlechter unterschiedlich genutzt und verwertet werden. Das Weibchen legt Eier und das Männchen wird gegessen. In der heutigen industriellen Hühnerzucht gibt es im Wesentlichen zwei getrennte Hühnerlinien: eine, die auf maximale Legeleistung gezüchtet wird, und eine, die schnell viel Fleisch ansetzt und zum Verzehr bestimmt ist.
Was spricht gegen diese Form der Haltung und Aufzucht?
Ökonomisch gesehen nichts, denn es ist die effizienteste Lösung, viel Fleisch und viele Eier zu produzieren. Bezieht man soziale, ökologische und ethische Aspekte mit ein, werden die Schattenseiten deutlich. Denn die männlichen Tiere jener Rasse, die zum Eierlegen gezüchtet werden, sind für die Industrie nutzlos, weil sie keine Eier legen und gleichzeitig nicht viel Fleisch ansetzen. Deshalb werden die männlichen Küken gleich nach der Geburt geschreddert. Beim Zweinutzungshuhn müssten diese Küken nicht sterben, sondern würden aufgezogen und später zum Verzehr geschlachtet.
Statt die männlichen Küken direkt nach der Geburt zu schreddern, sollen sie aufgezogen und erst dann geschlachtet werden. Getötet werden sie aber so oder so.
Das stimmt. Wenn man aber die frisch geschlüpften Küken direkt schreddert, ist das auch eine Vernichtung von Nahrungsmitteln für uns Menschen und eine Verschwendung von Ressourcen. Denn bis ein Huhn ein Ei legt, muss es aufgezogen und gefüttert werden. Das kostet Energie und Ressourcen. Tötet man die Hälfte der Küken gleich nach der Geburt, gehen Ressourcen verloren. Ein weiterer Punkt, der gegen die industrielle Hühnerhaltung spricht, ist die Fütterung. Das Hauptfutter der Industriehühner ist Soja.
Und warum ist das problematisch?
Aus zwei Gründen: Erstens machen wir das Huhn zu einem direkten Nahrungskonkurrenten. Denn Soja gehört als pflanzliches Lebensmittel auch zu den Grundnahrungsmitteln des Menschen. Das Soja, das wir an unsere Hühner verfüttern, fehlt – bildlich gesprochen – auf den Tellern des globalen Südens. Global gesehen ist das unsozial und unethisch.
Was ist der zweite Grund?
Der grossflächige Anbau von Soja geht einher mit der weltweiten Rodung von Urwäldern. Gäbe es weniger industrielle Hühnerfarmen, würde auch weniger Soja angebaut. Denn der grösste Teil des weltweiten Sojaanbaus dient als Futtermittel für Nutztiere. Das Zweinutzungshuhn hingegen wird mit dem gefüttert, was ohnehin übrig bleibt. Essensreste der Menschen, Nebenprodukte aus der Landwirtschaft oder Regenwürmer und Insekten – so wie früher die Hühner auf dem Bauernhof. Das Problem ist nicht die Hühnerhaltung an sich, sondern der industrielle Ansatz, möglichst viel Fleisch möglichst billig zu produzieren.
Fassen wir zusammen: Männchen und Weibchen werden aufgezogen, die Weibchen legen Eier, die Männchen werden geschlachtet und zu Hähnchen verarbeitet. Gefüttert wird, was in der Landwirtschaft übrig bleibt oder was die Menschen nicht mehr essen. Der Ansatz klingt plausibel, aber wie realistisch ist er?
Heute wird kaum noch so produziert. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts war das Zweinutzungshuhn Standard. Aus Effizienzgründen wurde auf das Hochleistungshuhn umgestellt. Und heute ist es der neue Standard. Seit einigen Jahren findet aber wieder ein Umdenken statt, nicht nur aus den erwähnten ökologischen Gründen, sondern auch aus Gründen des Tierwohls. In der Schweiz konzentriert sich diese Diskussion zurzeit auf das Kükentöten. So wurde im Biobereich beschlossen, dass ab 2026 keine männlichen Küken mehr getötet werden dürfen. Das bedeutet, dass auch diese in Zukunft aufgezogen werden müssen. Es wäre also ein idealer Zeitpunkt, jetzt verstärkt auf das Zweinutzungshuhn umzustellen.
Nehmen wir an, die komplette Agrarindustrie würde sich von der Massenproduktion verabschieden und aufs Zweinutzungshuhn umsteigen. Dann gäbe es nicht mehr jeden Tag ein Spiegelei zum Frühstück und ein Chicken-Sandwich zum Mittagessen, oder?
Gut, sprechen Sie diesen Punkt an. Wenn man den Ansatz verfolgt, dass keine zusätzlichen Ressourcen für die Hühner zur Verfügung stehen, ist das Futter automatisch durch die Menge der Nebenprodukte begrenzt, die übrig bleiben. Jeden Tag ein Ei zum Frühstück gäbe es dann nicht mehr, nein. Und Fleisch gäbe es auch weniger, weil nur noch das der Männchen zur Verfügung stünde.
Können Sie konkreter werden? Wie viel Eier und wie viel Fleisch dürfte man noch essen?
Laut einer Broschüre von Greenpeace, die auf Berechnungen der ZHAW basiert, ergäbe sich ein Eierkonsum pro Person und Jahr von etwa 60 Stück.
Wie viele Eier essen wir heute?
Im Jahr etwa 200 Eier.
Da bliebe also noch knapp ein Viertel von unserem jetzigen Eierkonsum. Wie sieht es beim Fleisch aus?
Beim Fleisch müssten wir nochmal mehr verzichten. Pro Jahr könnte man noch etwa ein Drittel Huhn essen, also eine Mahlzeit.
Faktisch käme das einer veganen Ernährung gleich. In der aktuellen politischen Grosswetterlage ist es völlig utopisch, einen solchen Verzicht vorzuschreiben.
Das stimmt, im Vergleich zu dem, was wir heute verbrauchen, ist das utopisch. Aber man kann sich diese Rechnung als Inspiration vorstellen. Ich denke, es ist wichtig, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie der Konsum von Eiern und Fleisch mit der Konkurrenz von Nahrungsmitteln und einem enormen Ressourcenverbrauch einhergeht.
Sich vegan oder vegetarisch zu ernähren ist für viele Menschen nicht mehr so abwegig wie noch vor einigen Jahren. Zumindest in Teilen der Bevölkerung findet ein Umdenken statt. Doch wie erreichen wir ein flächendeckendes Umdenken?
Genau das versuche ich als Kochbuchautorin, indem ich Kochkurse gebe und damit hoffentlich möglichst viele Menschen sensibilisiere und aufkläre. Damit erreiche ich einen gewissen Personenkreis, aber natürlich nicht diejenigen, die sich jeden Mittag ein Schnitzelbrötchen kaufen. Wichtig wäre auch, dass in den Schulen ein bewusster Fleischkonsum vermittelt wird. Und natürlich muss die Politik viel stärker in die Pflicht genommen werden.
Wie?
Die Landwirtschaft wird heute schon stark von der Politik gelenkt. Man müsste mehr nachhaltige Produktion fördern oder Verbote einführen. Wenn man bedenkt, dass wir bis 2050 zwei Milliarden Menschen mehr auf der Erde haben werden, die alle etwas zu essen brauchen, müsste man meiner Meinung nach die Verfütterung von Getreide an Tiere strikt verbieten. In der Schweiz werden auf 60 Prozent der Ackerfläche Futtermittel angebaut, und das reicht nicht einmal, um alle unsere Nutztiere zu ernähren. Zusätzlich importieren wir noch einmal die gleiche Menge aus dem Ausland. Weltweit werden rund 80 Prozent der Sojaernte und ein Drittel des weltweit produzierten Getreides verfüttert. Diese Zahlen muss man sich einmal vor Augen führen.
Sie sagen es selbst, momentan sind wir als Gesellschaft noch weit entfernt von einer sozial-ökologischen Fleischproduktion. Was lässt sich dennoch im Kleinen verändern?
Indem man seinen Konsum hinterfragt und versucht, auf industrielles Hühnerfleisch zu verzichten. Ich persönlich gehe kaum noch zum Grossverteiler, sondern versuche, möglichst viel in Bio- oder Demeter-Läden oder direkt ab Hof zu kaufen. Da weiss ich, wo die Produkte herkommen und wie sie produziert wurden. Auf meiner Homepage habe ich auch eine Liste von Höfen zusammengestellt, die heute schon Zweinutzungshühner halten.
Wenn wir von Hofladen, Bio und Demeter sprechen, geht es auch um den Preis. Nachhaltig produzierte Lebensmittel sind in der Regel deutlich teurer, als wenn ich bei Migros oder Coop einkaufe. Das können sich nicht alle leisten.
Unter dem Strich sind Produkte aus nachhaltiger Produktion teurer – das ist richtig. Aber es gibt auch qualitativ hochwertige und ökologisch erzeugte Lebensmittel zu relativ günstigen Preisen, zum Beispiel saisonale Produkte oder wenn man direkt beim Produzenten kauft. Zudem gibt es Angebote wie Lebensmittelkooperativen oder solidarische Landwirtschaft, wo man sich als Kund:in mit Arbeitseinsätzen aktiv einbringen und dafür Lebensmittel zu Einkaufskonditionen beziehen kann. Das Problem liegt aber auch hier in falschen Anreizen seitens der Politik.
Das System müsste sich ändern, statt dass die Kosten auf die Konsument:innen abgewälzt werden.
Ja. Der Grund, warum gute Lebensmittel teurer sind, liegt in der Verteilung der Subventionen. Was ich bei meinem Demeter-Bauern für das Gemüse bezahle, deckt gerade die Kosten, die er und sein Team haben, um die Lebensmittel nachhaltig zu produzieren. Alle Industrieprodukte sind eigentlich nur deshalb so billig, weil die Folgekosten nicht im Preis enthalten sind. Trotzdem appelliere ich an die Eigenverantwortung. Ich denke, wer es sich leisten kann – und das ist für viele auch eine Frage der Prioritätensetzung – hat die Verantwortung, einen entsprechenden Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten.
Redaktionelle Mitarbeit: Noëmi Laux