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Im Gespräch mit Florian Baumgartner
Wie kamst du auf die Idee, einen Roman zu schreiben?
Die Inspiration einen Roman zu schreiben, entsprang meiner Arbeit als Abteilungsleiter Soziales. In dieser Tätigkeit begegnete ich vielen Menschen in Not. Lange hegte ich den Wunsch, diese bewegenden Lebensgeschichten mit anderen Menschen zu teilen, auch weil Sozialhilfeempfangende immer noch stigmatisiert werden.
Wie gestaltete sich der Schreibprozess bis hin zur Veröffentlichung?
Der Roman entstand während intensiven Schreibwochen in Grindelwald, die auch einen Verarbeitungsprozess meines Berufsalltages auslösten. Das erste Manuskript las mein Ehemann und zwei, drei Freunde, die mir ermutigende Rückmeldungen gaben. Die Lektorin riet mir, einige Anpassungen am Plot und am Text vorzunehmen. Infolge Schwierigkeiten bei der Verlagssuche entschied ich mich, 250 Bücher im Eigenverlag drucken zu lassen. Nachdem die Buchgestalterin und die Korrektorin das Manuskript bis zur Druckreife bearbeitet hatten, fand die Buchvernissage statt und bildete einen würdigen Abschluss des fast fünfjährigen Prozesses.
Wie hast du die Charakterentwicklung im Buch gestaltet und die verschiedenen Figuren miteinander verbunden?
Die Figuren im Buch basieren auf verschiedenen Personen, die ich in meinem Berufsalltag kennenlernen durfte. Die Romangeschichte ist eine Mischung aus autobiografischen Elementen, ergänzt mit fiktiven Geschichten. Die meisten Ereignisse im Roman haben einen realen Hintergrund, während die Romanfiguren, wie zum Beispiel Christian Schaller oder Vitória Gonçales, eine Verdichtung von mehreren realen Personen sind. Die Romangeschichte ist fiktiv, aber deren Ursprung ist somit trotzdem wahr.
Wie hat deine berufliche Tätigkeit in der öffentlichen Verwaltung deine Perspektive auf ein erfülltes Arbeitsleben beeinflusst, und inwiefern siehst du Parallelen zu den Themen, die in deinem Roman «Ein gutes Leben» vorkommen?
Meine vielseitige berufliche Tätigkeit als Sozialarbeiter gab mir Einblicke in die Zusammenarbeit von Menschen im Bereich der Sozialhilfe. Hauptthema der Romangeschichte ist das konfliktreiche Zusammenwirken aller Beteiligten. Alle streben nach einem guten Leben: Die Behördenmitglieder wollen für die Steuerzahlenden und die Gesellschaft das Beste, die Mitarbeitenden setzen sich für die Klient/innen sowie für ihrer eigenen Wertvorstellungen ein und die Klient/innen streben den baldigen Ausstieg aus der Sozialhilfe an, um wieder in das gute Leben zurückkehren zu können.
Dein Roman behandelt ethische Fragen und moralische Dilemmata. Wie gehst du mit solchen Situationen um und gibt es bestimmte Prinzipien, an denen du dich orientierst?
Das Prinzip "Fördern und Fordern" stand im Vordergrund meiner beruflichen Tätigkeit. Ein zu nachsichtiger Umgang hilft der Klientel nicht, da das Leben nicht immer sanft ist. Eine autoritäre Herangehensweise funktioniert ebenso wenig, denn die Kooperation der Sozialhilfebeziehenden darf nicht verloren gehen. Ich vermied es, Menschen auf ihre Sozialhilfeabhängigkeit zu reduzieren, sondern ich sah in jedem Klienten eine Person in existentieller Not. Meine Herangehensweise war stets lösungs- und ressourcenorientiert und auch interdisziplinäre Zusammenarbeit war entscheidend. Mit Sozialhilfeempfangenden muss intensiv gearbeitet werden und sie dürfen von den Sozialdiensten nicht nur «administrativ» verwaltet werden. Eine wissenschaftliche Studie zum Sozialamt Winterthur zeigte auf, dass grössere personelle Ressourcen zu weniger Sozialhilfeausgaben führen. Auch im Roman kann Vitória Gonçales von der Sozialhilfe abgelöst werden, nachdem sie individuelle Hilfe erfuhr.
Welche Tipps würdest du einer neuen Leitungsperson der Abteilung Soziales bezüglich der Zusammenarbeit mit der Sozialbehörde geben?
Es ist die Aufgabe eines Sozialamtsleiters, die Behörde transparent zu informieren, falls nötig, den Behördenmitglieder sozialarbeiterisches und gesetzliches Fachwissen zu vermitteln und in gewissen Fällen auch einzelne Behördenbeschlüsse zu hinterfragen. Ein transparenter Diskurs kann zu überraschenden und weiterführenden Lösungsansätzen führen. Im Weiteren kommt es immer wieder vor, dass Behörden aus finanzpolitischen und politischen Gründen den Handlungsspielraum nicht vollumfänglich ausnutzen können. Eigentlich schade, denn längerfristig könnten dadurch Steuergelder eingespart werden.
Und bezüglich Mitarbeitenden?
Das eigentliche Arbeitswerkzeug der Sozialarbeitenden ist, neben den gesetzlichen Vorgaben, die eigene Persönlichkeit. Der Lebenskontext der Mitarbeitenden ist für den oft konfliktreichen Arbeitsalltag förderlich oder auch hinderlich. Als vorgesetzte Person ist es wichtig, die aktuelle Lebens- und Berufssituation der Mitarbeitenden ganzheitlich zu würdigen und wenn nötig, Unterstützung anzubieten.
Du hast lange als Springer für die Federas Beratung gearbeitet. Wie hast du diese Zeit erlebt und was hast du mitgenommen?
Die Gemeinden erwarten zurecht, dass Springer/innen flexible Fachleute mit grossen Kompetenzen in fachlicher, arbeitstechnischer und persönlicher Hinsicht sind. Für mich war es faszinierend, immer wieder eine neue Arbeitssituation kennenzulernen. Neben der eigentlichen Alltagsarbeit wurde ich oft um Feedbacks zu den Arbeitsweisen oder zur Abteilungssituation gebeten. Durch die vielfältige Tätigkeit als Springer lernte ich, neben den Klient/innen, engagierte Berufsleute kennen, woraus auch Freundschaften entstanden. Das Springersein war für mich rückblickend eine herausfordernde, aber eine sehr befriedigende Berufszeit.