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Somms Memo
Fast eine Million Leute arbeiten in der Schweiz für den Staat. Das zeigt ein Gruselfilm von Avenir Suisse.
Beamten auf dem Weg ins Büro, wo sie andere Beamten im Büro treffen.
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Die Fakten: 950 000 Leute arbeiten in der Schweiz für den Staat – direkt oder indirekt. Das ist fast ein Viertel aller Beschäftigten. Und es werden immer mehr. Warum das wichtig ist: Nichts gegen den Staat. Doch ab einer gewissen Grösse zerstört er mehr, als er schafft. Diese Grösse hat er in unserem Land nun überschritten. Als der britische Historiker Cyril Northcote Parkinson in den 1950er Jahren seine bald berühmt-berüchtigten Parkinsonschen Gesetze formulierte, meinte er es zunächst als Witz:
- Als Satire veröffentlichte er 1955 in der Zeitschrift Economist einen Text, wo er aufzeigte, dass die Bürokratie unablässig wuchs
- Und zwar unabhängig davon, ob auch deren Aufgaben zugenommen hatten
Parkinson schrieb – und drückte sich aus, als handelte es sich um neues Newtonsches Gesetz:
- «Work expands so as to fill the time available for its completion.»
- «Arbeit dehnt sich in genau dem Mass aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.»
Nachdem er den Artikel veröffentlicht hatte, stellte Parkinson allerdings fest, dass die Leute nicht mehr lachten – sondern ihn ernst genommen hatten. Zahlreich waren die Reaktionen, und viele stimmten ihm zu, was Parkinson dazu bewog, der Sache nun mit wissenschaftlicher Methode auf den Grund zu gehen. Vielleicht war es ja gar kein Witz, was er gut gelaunt geschrieben hatte, sondern traurige Wahrheit. In der Tat. Anhand der Personalentwicklung bei der britischen Marine nach dem Ersten Weltkrieg bewies er jetzt, was er vorher nur vermutet hatte:
- 1914 befanden sich 62 Kriegsschiffe im Bau, und die Royal Navy besass noch viele mehr
- 1928 waren es nur noch 20, ebenso war die Flotte insgesamt deutlich geschrumpft
Das führte jedoch nicht dazu, dass jetzt weniger Chefs für die Admiralität tätig gewesen wären, im Gegenteil:
- 1914 gab es 2000 hohe Offiziere
- 1928 waren es 3569
Irgendwann, so spottete ein Beobachter hinterher, werde die Royal Navy über mehr Admiräle verfügen als Kriegsschiffe. Ich habe nicht nachgezählt, aber vielleicht hat sich in Grossbritannien dieser Zustand inzwischen eingestellt. Auf ein Schiff kommen drei Admiräle. Wenn in England etwas so sicher schien wie das Amen in der Kirche, dann die Tatsache, dass die Marine wuchs – und Parkinson leitete daraus gar eine mathematische Formel ab,
- wonach die Beschäftigten in der Bürokratie jedes Jahr um 5,2 bis 6,6 Prozent zulegen
Um das ständige Wuchern der Bürokratie zu begründen, stellte Parkinson weitere Thesen auf, die bis heute, so ahnen wir, einen Kern der Wahrheit besitzen:
- Angestellte stellen mit Vorliebe mehr Untergebene ein als Rivalen. Wenn infolgedessen die Zahl des Personals anwächst, umso besser, das steigert die Macht der Chefs
- Angestellte beschäftigen sich gegenseitig, weswegen sie den Umfang der Arbeit beliebig ausdehnen können
Aus dem Witz war definitiv eine Theorie geworden – und unter dem Titel: «Parkinson's Law, or The Pursuit of Progress» veröffentlichte der Historiker 1957 seine Erkenntnisse. Das Buch stieg sofort zum Bestseller auf. Er hatte einen Nerv getroffen. Kein Wunder. Denn die Zukunft gab ihm recht – jedes Jahr und in allen Ländern, selbst in der Schweiz, einem Land, das sich doch immer so viel eingebildet auf seinen «schlanken Staat». Schlank oder doch eher vollschlank? Wenn wir nämlich die jüngste Studie des liberalen Think Tanks Avenir Suisse ansehen, die in diesen Tagen erschienen ist, dann muss man von Parkinson 2.0 sprechen:
- Seit den 1950er Jahren ist auch in der Schweiz der Staat ohne Unterbruch angeschwollen, was sich an der Fiskal- und Staatsquote ablesen lässt
- Beide Werte haben sich seither fast verdoppelt. Fiskalquote: 27 Prozent Staatsquote: 32,6 Prozent (vor Corona)
Die Fiskalquote misst den Anteil der Steuern (oder anderer Zwangsabgaben) an der gesamten Wertschöpfung eines Landes, dem Bruttoinlandprodukt BIP; wogegen die Staatsquote Auskunft gibt über die Höhe der Staatsausgaben im Verhältnis zum BIP. Im internationalen Vergleich wirkt insbesondere eine Fiskalquote von 27 Prozent noch mässig (auch wenn sie dauernd angestiegen ist). Wenn wir allerdings die ebenfalls obligatorischen Krankenkassenprämien und die Abgaben an die Pensionskassen mitberücksichtigen, was nötig wäre, wenn wir sie mit anderen Ländern vergleichen wollen, wo diese Leistungen über Steuern bezahlt werden, dann schnellt auch die schweizerische Fiskalquote in die Höhe.
- Gemäss Avenir Suisse kommt sie tatsächlich auf 40 Prozent zu stehen
- ein Wert, der keineswegs tiefer ist als etwa in Deutschland oder Österreich
Kurz, die schweizerischen Politiker und Chefbeamten haben sich wirklich alle Mühe gegeben, die Parkinsonschen Gesetze zu verifizieren. Wenn sich das an einem Phänomen in geradezu Gruselfilmmässiger Qualität erkennen lässt, dann an der Zahl der Beschäftigten, die in der Schweiz mit dem Staat verbunden sind. Dabei geht Avenir Suisse von drei verschiedenen Gruppen aus:
- Dem Staat «im engeren Sinne», also den Staatsangestellten in Bund, Kantonen und Gemeinden, die für die Verwaltung, aber etwa auch in den Bildungsinstitutionen tätig sind
- Der «staatlichen Beschäftigung im weiteren Sinne», wozu Leute zählen, die in Unternehmen angestellt sind, die sich im mehrheitlichen Staatsbesitz befinden, wie etwa Swisscom, SBB oder Post
- Schliesslich sprechen die Forscher des Think Tanks von «staatsnaher Beschäftigung»: also Arbeitnehmern, die etwa für Energieversorger arbeiten, die zwar privatrechtlich organisiert sind, faktisch aber unter staatlicher Kontrolle stehen oder grösstenteils staatlich finanziert sind. Da die Bauern rund 47 Prozent ihrer Einkünfte über Subventionen vom Staat beziehen, tauchen auch sie in dieser Berechnung auf
Alles in allem, und das ist der erschreckende Befund, arbeiten inzwischen rund 950 000 Menschen für den Staat – direkt oder indirekt (gemessen in Vollzeitäquivalenten). Das sind 23 Prozent aller Beschäftigten. Wenn es so weiter geht, muss man die Schweizerische Eidgenossenschaft vielleicht neu benennen:
- SSE: Schweizerische Sozialistische Eidgenossenschaft
Jedenfalls hätte Parkinson sich bestätigt gesehen, wäre ihm die Studie von Avenir Suisse posthum zugestellt worden, wo immer er sich jetzt aufhält. Er starb 1993 in Canterbury, Kent, nachdem er vorher jahrelang auf der Isle of Man gelebt hatte, – um Steuern zu sparen. Wer, wenn nicht Parkinson, wusste wie? Er blieb ein geistreicher, oft skurriler Mann, wenn auch der Witz sich oft genug als Tarnung erwies, mit der Parkinson seinen abrundtiefen Pessimismus verbarg. «Perfekte Planung», so schrieb er einmal, «ist immer ein Zeichen des Zerfalls. In einer Epoche der aufregenden Entdeckungen und des Fortschritts hat niemand Zeit, den perfekten Hauptsitz zu planen.» Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen Tag Markus Somm PS. Leider ist mir gestern ein peinlicher Fehler unterlaufen. Statt die Zahlen für den Energieverbrauch der Welt habe ich jene von Indien berücksichtigt. Richtig lauten die Anteile der einzelnen Rohstoffe und Energieerzeuger am weltweiten, primären Energieverbrauch (2020): Öl: 31,3 % Kohle: 27,2 % Erdgas: 24,7 % [Fossile Brennstoffe insgesamt: 83,2 %] Wasserkraft: 6,8 % Nuklearenergie: 4,3 % Wind: 3 % Solar: 1,7 % Bio-Treibstoffe: 0,7 % Übrige: 0,5 % Ich entschuldige mich für das Versehen.