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Tantum ergo in Es-dur, D 962 und Intende voci, D 963
In seinen Erinnerungen an den Bruder berichtet Ferdinand Schubert, Franz habe frühzeitig bei Michael Holzer, dem Chorleiter der Lichtentaler Pfarrkirche, Unterricht „im Violin- und Klavierspiel so wie im Gesang“ erhalten. Mit elf Jahren „ward er 1ster Sopranist in der Lichtentaler Kirche. Schon zu dieser Zeit trug er alles mit dem angemessensten Ausdrucke vor.“ Demnach hat Schuberts musikalische Ausbildung in der Pfarrkirche seiner Heimatgemeinde begonnen, wo er auch das zeitgenössische kirchenmusikalische Repertoire kennen lernte. Seiner Heimatgemeinde blieb er auch verbunden, als er als Schüler in das Wiener Stadtkonvikt wechselte, wo er von Antonio Salieri unterrichtet wurde. Als er 1813 das Stadtkonvikt verliess, „frequentierte er wieder jeden Sonn- und Feiertag den Lichtentaler Kirchenchor, was ihm wohl Veranlassung zur Komposition einer grossen Messe gab, die in Lichtental kein kleines Aufsehen machte.“ Das Werk, das Ferdinand hier erwähnt, war Schuberts erste von insgesamt sechs lateinischen Messen, ein Auftragswerk, das vor grossem Publikum und mit Erfolg aufgeführt worden ist.
Die drei Werke, die im heutigen Konzert erklingen, stehen in engem Zusammenhang. Sie entstanden alle in Schuberts letztem Lebensjahr (1828) und obwohl über einen konkreten Kompositionsauftrag nichts bekannt ist, darf man vermuten, dass Schubert an ein grösseres Projekt dachte, wobei die Messe in Es und das Tantum ergo für denselben Gottesdienst bestimmt waren. Dafür spricht, dass es in der gleichen Tonart wie die Messe steht und dieselbe grosse Besetzung verlangt.
Das Tantum ergo für Solisten und Chor ist strophisch angelegt und innerhalb der Strophen nochmals zweigeteilt. Es ist knapp und kompakt angelegt (33 Takte) und vermittelt eine in sich gekehrte, feierlich intime Stimmung. Die abwechslungsweise von den vier Solisten und dem Chor vorgetragenen Strophen fliessen ruhig dahin, da der einmal angeschlagene Rhythmus im weiteren Verlauf nur geringfügig variiert wird.
Intende voci, eine Tenor-Arie mit Chor wurde im Anschluss an das Tantum ergo niedergeschrieben. Es ist deshalb durchaus denkbar, dass es im gleichen Gottesdienst erklingen sollte wie die Messe und das Tantum ergo. Die als Offertorium gedachte Komposition, d.h. ein Begleitgesang zur Darreichung der Opfergaben, gehört zur Messe am Freitag nach dem dritten Fastensonntag. Die Arie weist eine zweiteilige Form auf, die sich in Solo- und Chorabschnitte ungleicher Länge gliedert. Die mehrfachen Wiederholungen kombiniert mit subtil eingesetzten Bläser und ins Nichts entschwindende Klänge erzeugen einen persönlichen, romantisch geprägten Kirchenstil, der es Schubert erlaubt, die Glaubenshaltung seiner letzten Jahre in Musik umzusetzen.
Messe in Es-dur, D 950
Auch wenn keine Belege für einen Auftrag vorhanden sind, wünschte sich Schubert die Uraufführung seiner letzten Messe offenbar durch den damals erst in der Aufbauphase befindlichen Verein zur Pflege der Kirchenmusik. Die Messe sollte in der Dreifaltigkeitskirche in der Alservortadt bei Wien erklingen, an der seit 1827 sein Jugendfreund Michael Leitermayer als Chorregent tätig war. Erhaltene Skizzen weisen auf eine Konzeption des Werks im Frühjahr 1828, die eigentliche Ausarbeitung geschah im Juni 1828. Die Uraufführung hat Schubert allerdings nicht mehr erlebt, denn sie fand erst am 4. Oktober 1829 statt zur Feier des einjährigen Bestehens des erwähnten Vereins und unter der Leitung von Schuberts Bruder Ferdinand, der der Kirchengemeinde im Alsergund eng verbunden war.
Die Es-dur-Messe ist wie die in As-dur, seine fünfte Messe, eine Missa solemnis. Dies gilt sowohl für die aussergewöhnlichen Dimensionen der einzelnen Messesätze als auch für den Charakter des Werks, der sinfonisch geprägt ist namentlich im Hinblick auf den Einsatz des Orchesters und besonders der Bläser. Es wird zudem eine technische Perfektion verlangt, die kaum ein Kirchenorchester zu leisten imstande war und auch an den Chor werden, was Intonation und rhythmische Präzision betreffen, höchste Anforderungen gestellt. Es ging Schubert wohl nicht in erster Linie um die Vertonung des liturgischen Textes, sondern um die Darstellung seines persönlichen Bekenntnisses, für dessen Umsetzung in Musik er eigene Wege wählte.
Im ganzen Werk steht der Chor im Vordergrund. Dies zeigt sich bereits im dreiteiligen Kyrie, indem Schubert auf den üblichen Wechsel zwischen Chor und Solisten verzichtet. Nach der Eröffnung des Satzes durch verhaltene Akkorde der Holzbläser setzt der Chor ruhig deklamierend ein. Die Streicher treten erst mit dem Einsatz des Chors hinzu und gewinnen im Verlauf des Satzes an Bedeutung. Dieser kulminiert bei den Worten Christe eleison, die durch kräftige Rufe des Chors bestimmt werden, bevor die Ruhe des Anfangs wieder erreicht wird.Das Gloria ist vierteilig, wobei sich die ersten drei Teile zu einem einheitlichen Satz zusammenschliessen, auf den dann die ausgedehnte Cum Sancto Spiritu-Fuge folgt. Im grossräumig dreiteilig angelegten Credo übernehmen geheimnisvolle Paukenwirbel und chromatischen Akkordfolgen formbildende Funktionen. Der Mittelteil, das Incarnatus est, ist besonders herausgehoben, denn nun treten erstmals die Solisten auf. Über sanften Begleitfiguren der Streicher entfaltet sich eine liebliche Idylle in Form eines Kanons. Dieser Idylle setzt der Chor sein dramatisch zugespitztes Crucifixus etiam pro nobis entgegen, worauf sowohl Kanon wie Crucifixus wiederholt werden und in die Schlussfuge Et vitam venturi überleiten. Das kurze klangvolle Sanctus mündet in ein lebhaftes Osanna, das die Form einer ungewöhnlich knappen Fuge aufweist. Das Benedictus, ein kantables Andante, ist traditionsgemäss den Solisten anvertraut, auf die der Chor imitierend antwortet. Während Sanctus und Benedictus in mancher Hinsicht an frühere Messen anknüpfen, trägt das Agnus Dei unkonventionelle Züge. Klagende Melodiefragmente und ungewöhnliche Harmoniefolgen prägen seinen Charakter. Breiten Raum nimmt das abschliessende Dona nobis pacem ein. Der zu Beginn versöhnliche Ton wird durch die Wiederaufnahme des Agnus Dei jedoch eingetrübt und wandelt sich zur Klage. Die abschliessende Wiederholung des Dona nobis pacem lassen den Satz in stiller Resignation verklingen.
Angesichts der für diese Zeit klanglichen Besonderheiten kann es nicht erstaunen, dass das Werk nicht nur auf Bewunderung stiess: „Sie ist seine letzte und grösste, und, wie viele Kenner behaupten, auch seine schönste“ Messe, schrieb der Rezensent der Wiener allgemeinen Theaterzeitung nach der ersten Aufführung. Diese positive Beurteilung eines Verehrers entsprach wohl nicht ganz der breiten Meinung, denn es wurde ebenso festgestellt, dass „der vorherrschende düstere Styl... eher zu einem Requiem passe; alle Sätze sind bis zur Ermüdung ausgesponnen.“ Eine Ansicht, die Schumann nicht teilte, da er „der höchst merkwürdigen Messe“ nur positive Bedeutung abgewinnen konnte.
Christine Gehrig