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Weil die ältere Schwester für einen gleichnamigen Fussballer schwärmte, wurde der kleine Nachzügler Konrad genannt. Die Mutter nannte ihn Spatz. Die Geschwister riefen ihn Köneli, die Grossmutter Konrädeli. Später wurde er zum Könu. Könu vom anderen Eingang, Könu mit dem blauen Trotti, Könu der Schüchterne, Könu der Schüler, Könu, nicht gerade der Schnellste, Könu der Träumer. Bei den Pfadfindern wurde aus dem Könu ein Argon, benannt nach einem trägen Edelgas. Später wurde aus dem Könu ein Schatz. Nach der Schule nannte man ihn Stift. Immer häufiger hörte er auswärts nur noch den Nachnamen. Zuhause blieb er der Schatz.
Später nannte ihn jemand Götti und bald darauf das erste Mal Papa. Er trauerte dem Konrad nicht nach, denn dieser Name war ihm immer fremd geblieben. Etwas seltsam klang es in seinen Ohren, als er dann eines Tages Chef gerufen wurde. In Briefen nannte man ihn Mieter, Steuerzahler, Stimmberechtigter, Mitinitiant. Er gewöhnt sich an all diese Namen, aber keiner schien so recht zu ihm zu gehören. Und dann wurde er auf einmal Patient genannt. Und obendrein in Verbindung mit etwas Bösartigem. Diese Bezeichnung erschütterte ihn.
Wer war er denn? Ein unsicher gewordenes Ich, in dessen Körper etwas wuchs, dass ihm nach dem eigenen Leben trachtete? Am Handgelenk trug er ein weisses Plastikband, versehen mit seinem Namen: Konrad, Nachname, Geburtsdatum. Eine Ärztin erklärte ihm den Namen des unerwünschten neuen Körperteils. Es hiess zwar böse, war aber eher eine anarchistische Anhäufung von Körperzellen, welche den vorgesehenen Plan nicht kapierten. Neu benannt, wirkten sie schon weniger hinterlistig, und die Chancen, sie auszubremsen, stiegen irgendwie.
Er wollte doch unbedingt noch AHV-Bezüger genannt werden und lange noch Schatz und Papa, vielleicht sogar Opa, bevor ihm dann, irgendwann in ferner Zukunft, ein Engel einen weissen Stein überreichen würde, auf dem sein wahrer Name geschrieben steht – einen Namen, den niemand kennt, nur er allein.
(nach Offenbarung 2,17 und Ludmila Ulitzkaja)