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| Gregor der Grosse († 604) - Buch der Pastoralregel (Liber regulae pastoralis)

Dritter Teil: Wie der Seelsorger, der ein gutes Leben führt, seine Untergebenen lehren und ermahnen muß
Einleitung
Nachdem wir gezeigt haben, wie der Seelsorger beschaffen sein muß, wollen wir jetzt darlegen, wie er lehren muß. Wie nämlich schon lange vor uns Gregor von Nazianz seligen Andenkens gelehrt hat, eignet sich eine und dieselbe Ermahnung nicht für alle, da nicht alle die gleiche Sittenbeschaffenheit besitzen. Oft nämlich schadet dem einen das, was dem andern nützt; so sind auch oft dieselben Kräuter, welche den einen Tieren als Futter dienen, für andere tödlich; ein leises Zischen besänftigt Pferde, reizt aber junge Hunde. Eine Arznei, die diese Krankheit hindert, steigert eine andere; ein Brot, das die Großen kräftigt, bringt Kleinen den Tod. Deshalb muß sich die Ansprache eines Lehrers nach der Beschaffenheil der Zuhörer richten, damit sie einerseits den Bedürfnissen der einzelnen entgegenkommt, andererseits aber doch der Kunst nicht entbehrt, allgemein zu erbauen. Denn was sind die in Aufmerksamkeit gespannten Gemüter der Zuhörer anderes als, wenn ich so sagen darf, die gespannten Saiten einer Zither? Der Künstler schlägt sie, damit ihr Gesang nicht von dem seinigen abweicht, auf verschiedentliche Art. Und so geben die Saiten eine zusammenstimmende Melodie, weil sie zwar mit demselben Stäbchen, aber nicht mit demselben Schlag [S. 131] berührt werden. So muß auch jeder Lehrer, um seine Zuhörer alle in der einen Tugend der Liebe zu erbauen, zwar aus einer Lehre heraus sprechen, darf aber doch nicht mit der gleichen Ermahnung an jedes Herz rühren.