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- Der Schweizer Rennfahrer Hans Ruesch war in den 1930er-Jahren der Glamour-Boy auf den Rennstrecken Europas. Er gewann 27 Rennen, darunter den Grossen Preis von England.
- 1937 veröffentlichte Ruesch den Roman «Gladiatoren». Ein Rennfahrer-Roman, der einschlägt. Später übersetzte er ihn ins Englische. Schliesslich wurde er von Hollywood verfilmt.
- Sein Eskimo-Roman «Top of the World» aus dem Jahr 1950 wurde in den USA «Bestseller des Jahres». Und Ruesch damit zum damals weltweit erfolgreichsten Schweizer Schriftsteller.
- Später kämpfte Ruesch gegen die Pharmaindustrie, die jährlich Millionen von Versuchstieren quält und tötet – für Resultate, die wenig bis keine Aussagekraft haben. Sein Schwarzbuch «Nackte Herrscherin. Entkleidung der medizinischen Wissenschaft» wurd zur Bibel der Vivisektionsgegner.
Zuletzt konnte auf den Namen Ruesch stossen, wer sich die Credits zu Jean-Jacques Annauds «Black Gold» genauer unter die Lupe nahm. Als Verfasser der Vorlage von 1957 figuriert dort ein Mann, dessen Biografie, das ergeben Recherchen, selbst Stoff für einen Film hergäbe. Ein Leben voller Brüche und Neuanfänge, so wie man sich das heute, im Zeitalter geplanter und inszenierter Karrieren, kaum mehr vorstellen kann.
Gladiator der Strasse
Als Hans Ruesch 1913 in Neapel in die Villa eines Schweizer Ehepaars geboren wird, ruft man ihn noch Giovanni. Sein Vater ist ein Textilhändler mit Affinität zur Archäologie. Es folgt eine behütete Kindheit in Italien. Als er in Zürich eine Zeitlang Jus studiert, wird aus dem Giovanni ein Hans. Er wechselt das Studium; es folgen erste journalistische Gehversuche.
19 ist Ruesch, als er jenen MG ersteht, mit dem er am Klausenpass sein erstes Bergrennen fährt. Röhrende Motoren sind fortan seine Passion. Ruesch wechselt von der Uni zum Rennzirkus, rast übers Eis auf dem Titisee und übers Kopfsteinpflaster von Grand-Saconnex bei Genf. Bald vertritt der Glamour-Boy die Schweiz auf den Rennstrecken Europas, wo er sich auf Alfa, zeitweise als Mitglied der Scuderia Ferrari, mit Grössen wie Caracciola und Rosemeyer misst. 27 Rennen gewinnt Ruesch in den 1930er-Jahren, darunter den Grossen Preis von England.
Vom Rennfahrer zum Autor
Ruesch pfeilt nach ganz oben: Karriere in einem abenteuerlichen Gewerbe, das zwar bereits die Umrisse des zukünftigen Formel-1-Zirkusses erahnen lässt, aber noch so unberechenbar ist, dass ein unfallfreies Rennen als Ausnahme gefeiert werden kann. Dann ein Bild, das man sich erst einmal vorstellen muss: Ruesch fährt zum Boxenstopp, schnappt sich die Schreibmaschine und hämmert im Wagen sitzend Ideen zu einem Roman in die Tasten.
«Gladiatoren» heisst das auf Deutsch verfasste Drama, welches 1937 in der Schweiz erscheint. Ein Rennfahrer-Roman. Realitätsnah und durchaus mehrschichtig. Es ist zwar die Zeit von Hitlerjunge Quex und anderen Übermenschen, doch Ruesch vermeidet die Heldenvita. Stattdessen: Einer der ganz nach oben will und sich dabei zu Tode siegt.
Comeback endet tragisch
«Gladiatoren» schlägt ein und Ruesch beschliesst den Rennzirkus zu verlassen. 1939 nimmt er Wohnsitz in Paris, von wo er, kurz bevor die Nazis einmarschieren, über Madrid und Lissabon nach New York weiterzieht. Er lernt Englisch und schafft es in kürzester Zeit sich mit Reportagen in US-Magazinen einen Namen zu machen. Der Krieg ist zu Ende, Ruesch zurück in Neapel, dann in Rom.
Das Comeback als Rennfahrer endet tragisch: Ruesch rast in eine Zuschauergruppe. Ein Carabiniere kommt ums Leben. Jetzt will er nur noch Schriftsteller sein. Zum «Bestseller des Jahres» wird in den USA sein 1950 erschienener Eskimo-Roman «Top of the World» und Ruesch damit zum damals weltweit erfolgreichsten Schweizer Schriftsteller.
Auf dem Weg nach Hollywood
Obwohl fortan Zivilisationskritik, das Lob von Langsamkeit, Tradition und Naturverbundenheit sein Werk bestimmen, macht Ruesch noch einmal einen Boxenstopp. Er übersetzt «Gladiatoren» ins Englische. «The Racers» wird ein Erfolg, 1955 von Arno Schmidt ins Deutsche zurückübersetzt und von Hollywood zu Cinemascope-Futter verarbeitet.
Co-Drehbuchautor Hans Ruesch kreuzt dabei die Lebensbahn von Kirk Douglas, der die Dreharbeiten zum Streifen hauptsächlich in den Bars von Monaco und vor einer Rückprojektionsleinwand verbringt, dabei nicht viel mehr tut als sich nach den Anweisungen von Regisseur Henry Hathaway entsprechend rechts oder links hinzubeugen.
Zivilisationskritik im Bestsellerformat
Um 1957 beackert Ruesch – jetzt wieder in der Schweiz – die Wüste Arabiens. «The Great Thirst» heisst das Garn und schildert, wie westlicher Ölhunger die Araber gegeneinander aufbringt und den schönen archaischen Traditionen ein Ende bereitet.
Jean Jacques Annaud ist dann 52 Jahre später auf den Stoff gestossen. Dem Autor attestiert der Franzose dabei nichts weniger als «visionäre Weitsicht». 50 Jahre zurück, 1959, ist es aber der Eskimo-Bestseller «Top oft the World» (den übrigens Thomas Mann als «packendes Werk» lobt), welcher Rueschs Namen erneut auf die Leinwand bringt.
Nicholas Ray inszeniert die mit «The Savage Innocents» betitelte Verfilmung, bei der Ruesch als Co-Autor zugegen ist. Ray jagt Anthony Quinn und einige Japanerinnen als Inuit verkleidet über die Kunsteisschollen der Pinewood-Studios in England. Getoppt werden diese Faschingseskimos allenfalls von den in der Arktis aufgenommenen spektakulären Aussenaufnahmen. Dies vor allem deshalb, weil zur Demonstration des «Circle of Life» Eisbären und Robben die das Pech haben die Wege der Filmcrew zu kreuzen tatsächlich abgeschlachtet und anschliessend von Quinn roh verspachtelt werden.
Anschreiben gegen den Skandal
Möglicherweise haben dem Autor die Bilder von verendenden Eisbären den Rest gegeben. Tatsache ist, dass Ruesch nach 1960 zwar noch einige Romane in Kleinverlagen publiziert, mit Fiktion aber nie wieder einen Bestseller landet.
Zunächst ediert er für einen italienischen Verlag eine Medizinalreihe. Dafür vertieft sich Ruesch in Studien und stösst dort auf jenen Skandal, der ihn nun für den Rest seines Lebens umtreiben wird: Die Pharmaindustrie quält und tötet jährlich Millionen von Versuchstieren, für Resultate, die wenig bis keine Aussagekraft haben. Er gelangt zur Überzeugung: Vivisektion ist «Betrug» mit dem Ziel, Geld zu machen, und wirkt «auf diejenigen, die sie ausüben oder Handlangerdienste leisten, entmenschlichend».
Ein einsames Rennen
Seinen Kampf gegen diese Handlanger führt er zäh und leidenschaftlich. Sein Schwarzbuch «Nackte Herrscherin. Entkleidung der medizinischen Wissenschaft», 1978 auf Deutsch erschienen, wird zur Bibel der Vivisektionsgegner. Immer wieder landet er vor Gericht. Ruesch, der einen Freipass für jeden Promi-, Experten- und Nostalgietalk gehabt hätte, fährt nun ein einsames Rennen. 40 Jahre lang.
Von Schampus, Hollywood, all den Fotos mit dem goldenen Jüngling auf dem Siegerpodest will Ruesch nichts mehr wissen. In einem vor seinem Tod 2007 selbst verfassten Abriss tut er die Fahrerei ab als «jugendliche Leidenschaft»; sein abenteuerliches Leben, die Zeit auf den Pisten der Welt ist ihm da gerade noch ein paar lustlose Zeilen wert.
Sendung: «Black Gold», 2. April 2016, 20 Uhr, SRF zwei
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