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Schon seit Stunden stand er auf dem Dach. Immer wieder blickte er in die Tiefe, immer wieder war er kurz davor, einen Schritt nach vorne zu machen. Ein einziger Schritt und alles wäre zu Ende. Er holte ein letztes Mal tief Luft, schloss die Augen und trat einen Schritt vorwärts.
“Halt!”, rief eine Stimme.
Er drehte sich um. Ein Junge stand dort, kaum zwei Jahre jünger als er selbst.
“Ich habe dich gesehen”, sagte der Junge. “Von dort unten.”
Beschämt blickte er zu Boden.
“Wieso?”, fragte der Junge.
Statt zu antworten, fing er an zu weinen. Der Junge sagte nichts, sondern ging auf ihn zu und umarmte ihn. Jetzt standen sie beide am Rand des Dachs, einen Schritt vom Abgrund entfernt. Anfangs versteifte er sich. Er versuchte, sich aus der Umarmung zu lösen. Aber nach einer Weile entspannte er sich und klammerte sich an dem Jungen fest, wie ein Ertrinkender an einem Stück Schwemmholz.
Ohne den Jungen loszulassen, flüsterte er: “Alles ist weg.”
Der Junge strich ihm beruhigend über den Rücken.
“Alles ist weg”, wiederholte er.
“Alles ist weg?”, fragte der Junge.
Er nickte. “Du hättest mich lassen sollen.”
Der Junge antwortete nicht. Er löste sich aus der Umarmung. “Nein, wirklich. Du hättest mich lassen sollen.” Erneut starrte er vom Rand des Dachs in die Tiefe. Aber er rührte sich nicht. Nach einer Weile drehte er sich um und schaute dem Jungen zum ersten Mal ins Gesicht.
“Wenn du nicht gewesen wärst, wäre ich gesprungen!”, brüllte er. “Ich hatte endlich den Mut zu springen, aber jetzt… jetzt kann ich es nicht mehr.”
“Vielleicht ist das etwas Gutes”, antwortete der Junge, nahm ihn bei der Hand und gemeinsam gingen sie einen Schritt vom Abgrund weg.
Er liess die Hand des Jungen los, starrte ihn lange an, bis er schliesslich fragte: “Findest du, dass das etwas Gutes ist?”
“Ja.”
Er schwieg und schaute vom Jungen und dem Dachrand hin und her.
“Sollen wir hier weggehen?”, fragte der Junge. “Es wird langsam kalt.”
Ohne zu antworten, nahm er die Hand des Jungen und liess sich von ihm zur Treppe ziehen. Hand in Hand liefen sie die Treppe runter. Anfangs umklammerte er die Hand des Jungens, doch mit jeder Stufe, die sie hinter sich brachten, drückte er die Hand ein bisschen weniger fest. Als sie im fünften Stock angelangt waren, liess er seine Hand los und rannte die restlichen Treppenstufen hinunter. Der Junge folgte ihm. Auf diese Weise erreichten sie zunächst den vierten, den dritten, den zweiten und schliesslich den untersten Stock. Er riss die Tür auf und trat hinaus. Dann drehte er sich um und öffnete den Mund. Doch es kamen keine Worte heraus. Der Junge schaute ihn an und winkte. Er drehte sich um und lief davon. Immer schneller lief er die Strasse entlang. Er war schon fast verschwunden, als er sich umdrehte und rief: “Ich finde auch, dass das etwas Gutes ist.”
Der Junge lächelte.