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Das Wettbewerbsprojekt für eine grossangelegte Genossenschaftssiedlung stellt sowohl in ökologischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht als auch bezüglich ihrer städtebaulich-architektonischen Haltung ein ausgewogenes und wegweisendes Beispiel dar. Nach der anonymen Konzeptstufe wurde in der anschliessenden Projektstufe versucht, die von der Jury gelobte Vielfalt beizubehalten und gleichzeitig Aspekte der Wirtschaftlichkeit zu berücksichtigen.
Studienauftrag, 2. Phase, Oktober 2017
Typologische Neuinterpretation der Wohnkolonie am Stadtrand
Ungeachtet übergeordneter Bebauungskonzepte aus den 1920er-Jahren haben sich Genossenschaften nach 1944, als in den zentraler gelegenen Stadtkreisen keine Landreserven mehr verfügbar waren, im Norden Seebachs dort niedergelassen, wo Landwirte ihre Äcker hergaben. Geordnete Zeilen bildeten lose Gartenstadtfragmente im freien Feld. Später kamen ebenso zufällig eingefügte Mehrfamilienhaus-Überbauungen privater Bauträger hinzu, bis Ende der 70er-Jahre ein Grossteil der Wiesen und Felder überbaut und das ehemalige Strassendorf im Wohnquartier untergegangen waren. Seit der Jahrtausendwende ist ein weiterer Transformationsprozess im Gang. Der Ersatz in die Jahre gekommener Siedlungen erlaubt grossmassstäbliche Korrekturen und führt zu selbstbezogenen Grossformen oder zu Ansammlungen unzusammenhängender Einzelformen die heutige Vorstellungen von Wohnkomfort am Stadtrand bedienen.
In ihrer urbanistischen Studie über das schrumpfende Westberlin der 70er-Jahre postulieren Oswald Mathias Ungers und seine Mitdenker einen Städtebau der Mannigfaltigkeit. Ausgehend vom Fragmentarischen und Zufälligen der gegenwärtigen Stadt gelte es bestehende räumliche Situationen zu intensivieren um so urbane Inseln im Stadtgefüge zu schaffen.[1] Rund fünfzig Jahre später greifen wir die Idee der «Stadt in der Stadt» auf um im vorstädtisch-heterogenen Umfeld Seebachs einen Ort mit hoher Siedlungsqualität zu schaffen. Wir schlagen einen Typologiewechsel vor. Anstelle von etwas grösseren Zeilen im durchgehenden Abstandsgrün erlaubt die Konzentration der Bauvolumen beidseits der Birchstrasse eine präzise Zuordnung der einzelnen Siedlungsteile zueinander und zum Stadtraum und wird somit zur Eröffnung für weitere Inseln.
Die städtebaulich deutlich ablesbare Einheit ist programmatisch im Quartier verankert. Dem Erdgeschoss kommt hierbei die Funktion des Verteilen und Vernetzen zu. Über die präzise Zuordnung der Wohn- und Zusatznutzungen zum Stadtraum gelingt es, eine über die eigentliche Siedlung hinaus reichende Interaktionsdichte zu erlangen. [2]
Stadtweiler am Strassenfragment
In grossem Bogen sollte die als Entlastung für die Schaffhauserstrasse konzipierte Birchstrasse das Zentrum von Seebach umfahren. Der Stadtbaumeister Konrad Hippenmeier plante 1924 eine von Alleebäumen und Grünflächen flankierte breite Stadtstrasse die allerdings nur in Fragmenten realisiert wurde. Heute eröffnet die vor hundert Jahren erdachte Grosszügigkeit überraschende Möglichkeiten für die auf beiden Seiten der Birchstrasse liegende Genossenschaftssiedlung. Die konzentrierte Anlagerung einzelner Häuser um den siedlungsbildenden Aussenraum entspricht der hochfunktionalen Einheit aus Wohn- und Wirtschaftsgebäuden eines Weilers. Nutzung, Topografie und übergeordnetes Wegnetz bestimmen Art und Stellung der Gebäude zueinander wobei die einzelnen Teile jeweils spezifische Kriterien erfüllen. Gleichzeitig stehen sie über den Aussenraum den sie gemeinsam definieren in einem grösseren Zusammenhang. Sind es zwei Gebäude, drei, vier oder mehr, die drei- bis achtgeschossig am überraschend grossen Freiraum stehen? Die vielfältige Raumfigur entzieht sich der Eindeutigkeit. Vorne kann hinten, hinten kann vorne sein. Das Muster der durchgrünten Stadt wird mit einer der hohen Dichte entsprechenden Typologie weiterentwickelt.
Die Baukörper bilden einen freiräumlich verdichteten Kern im Zentrum der Anlage und einen quartierverbindenden, entspannten Grünraum an der äusseren Peripherie zum Quartier. Das klar ausgewiesene, dem genossenschaftlichen Leben dienende Zentrum dient als Treffpunkt. Ein durchlässiges Wegsystem verbindet die Bauten untereinander, stärkt die Integration in das Quartier und adressiert die einzelnen Zeilen über die Platzfigur an der Birchstrasse und zum Buchholzrain hin. Die dadurch entstehenden Bewegungen fördern das nachbarschaftliche Leben.
Der topografische Verlauf wird für freiräumliche Differenzierung und Einbettung von Orten genutzt. In das Terrain eingefügte oder hervortretende Raumflächen schaffen im Kern diversifizierte, abgestufte Aufenthalts- und Nutzungsmöglichkeiten und decken die vielfältigen Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner in unterschiedlichen Lebensphasen ab. Die feldartige Struktur bietet an gut besonnter Lage die Möglichkeiten für Treffpunkt, gemeinschaftliche Anlässe, Aufenthalt, Sport, Spiel und Nutzgarten. Die Programmierung lässt Aneignungsspielraum wie Veränderung zu und fördert die Identifikation und den sozialen Zusammenhalt. Die räumliche Organisation erreicht beidseits der Bauten eine Schichtung von Öffentlichkeitsstufen. Halböffentliche Platzfiguren, Grünflächenbereiche, Durchgänge und Zugänge gehen über in private Vorplätze und Gartenhöfe und bilden insgesamt eine räumliche Komposition mit vielfältigen Aneigungs- und Nutzungsszenarien.
Im Kern verbinden unterschiedliche Vegetationsstrukturen die Bauzeilen zu einer Einheit und integrieren die Birchstrasse als bewegte Passage. Hochstämmige Bäume unterschiedlicher Laubfarbe und Anordnungsdichte wechseln ab mit schirmförmigen Bäumen, Heckenstrukturen und Rankgerüsten. Sie bilden einen gefestigten Puffer zu den grosszügigen Bauvolumen, der fliessende Raum bleibt durchlässig und allseitig zugängig. In Anlehnung an ökologisch wertvolle Streuobstwiesen umfasst die umgebende Grünanlage die gesamte Bebauung und vermittelt mit grosszügigen Wiesenflächen und locker angeordneten Baumgruppen zum Quartier.
Siedlungsgemeinschaft für vielfältige Wohnbedürfnisse
Wenn auch moderne Individualisten häufig ein ortsunabhängiges, weit gespanntes Beziehungsnetz pflegen, rückt doch auch die unmittelbare Nachbarschaft wieder in den Fokus der städtischen Bewohnerschaft. Aufgrund der Lebensphase oder der Lebensumstände wird dem Zusammenleben in einem nicht-familiären losen Verbund wieder eine höhere Bedeutung beigemessen.[3] Dem Anspruch der Linth-Escher Genossenschaft Wohnraum für eine vielfältige Bewohnerschaft anzubieten wird mit einem System Rechnung getragen das innerhalb der Repetition Variationen und Ausnahmen zulässt. Etabliert wird eine Sprache, die es ermöglicht, das selbe auf verschiedene Weise auszudrücken. Kleinere und grössere Wohnungen des selben Typs, das abtrennbare Wohnzimmer, eine überhohe Küche, vereinzelte zweigeschossige Wohnungen, Laubengänge oder ein 15m langes Wohnzimmer bereichern das System.
Dem Siedlungsgedanken verpflichtet versteht sich hierbei jede Wohnung als Teil des Ganzen.[4] Private, halbprivate und öffentliche Bereiche sind klar voneinander getrennt. Die Gebäudekonfiguration ermöglicht sowohl Gemeinschaftlichkeit als auch Privatheit und generiert eine Vielfalt von Perspektiven und Orten. Das Prinzip des Weilers setzt sich bei der inneren Organisation der Siedlung fort. Strukturiert über vielfältige Erschliessungsräume befindet sich Wohnraum für unterschiedliche Lebensentwürfe und Lebensphasen Tür an Tür.
Fassadengeflecht und modulierbare Gebäudestruktur
Zwei lange Gebäude, mehrere Häuser, unterschiedliche Höhen – die bewegte Raumfigur wird vom Zusammenspiel der Fassadenschichten überlagert. Das horizontale Element der umlaufenden vor und zurückspringenden Geschossdecken klappt in seltenen Fällen zu Brüstungen auf. Wandscheiben wechseln sich in unterschiedlichen Rhythmen mit raumhohen Fenstern ab. Ein geschossübergreifendes Geflecht horizontaler und vertikaler Stäbe nimmt Geländer und Sonnenschutz auf. Zusammen bilden diese Elemente ein dreidimensionales Gewebe das auch Balkone und Laubengänge einschliesst. Die gleichbleibende Materialität gewährleistet die einheitliche Erscheinung der Siedlung, die grosse Variabilität der Kombinationsmöglichkeiten deren vielfältige Ausgestaltung.
Die Verspieltheit von Grundrissen und Fassade bewegt sich innerhalb einer einheitlichen Grundstruktur. Stützen, Platten und aussteifende Kerne verlaufen in konsequenter Regelmässigkeit über alle Siedlungsteile und von der Tiefgarage bis zum obersten Geschoss. Das Tragsystem wird auf wenige, klar angeordnete Elemente reduziert und mit Leichtbauelementen ergänzt. Die wirtschaftliche Konstruktion kann somit auch zukünftige Umnutzungen und Layoutanpassungen aufnehmen.
Die starke ortsbauliche Geste erweist sich bei näherer Betrachtung als räumlich differenzierte, vielfältig ausgestaltbare Lebenswelt. Unser Vorschlag für die Erneuerung der Genossenschaftssiedlung bildet das geforderte Raumprogramm sowie die Zuordnungen der verschiedenen Nutzungen zueinander und zum Quartier präzis ab. Innerhalb des Systems besteht jedoch Spielraum für Gewichtungen. Wir verstehen das Raumgerüst als Grundlage die reflektiert und im Dialog mit den zukünftigen Nutzern, der Genossenschaft weiter entwickelt wird.
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[1] Bideau André. Von Amerika an die Spree. Eine urbanistische Studie über Berlin. Neue Zürcher Zeitung. 5.11.2013
[2] Hofer Andreas. Inselurbanismus. Kleinmasstäbliche Netze oder postmoderne Fragmente? Werk Bauen + Wohnen 9-2016 (Die Insel ist archipelagisch im Sinne von Andreas Hofer der dem postmodernen Stadtfragment dessen Inhalt selten seinem Bild entspricht kleinmassstäbliche Netze mit hoher programmatischen Dichte entgegesetzt.)
[3] Glaser Marie Antoinette; Hilti Nicola. (2016) In Zürich wird neues erprobt: Gemeinschaftliches Wohnen auf dem Hunziker Areal. In: Mehr als Wohnen. Genossenschaftlich planen – ein Modellfall aus Zürich. Basel: Birkhäuser Verlag (Nachbarschaft ist als ein vielschichtiger, immer wieder aufs Neue hergestellter ortsübergreifender Zusammenhang unterschiedlicher Akteure zu verstehen.)
[4] Dufrense Anatole (Hg.). (1984) Atelier 5, Siedlungen. Zürich: Ammann Verlag