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Reflux bedeutet, dass Verdauungssäfte aus dem Magen nach oben gelangen.
Eine seit langem bekannte Folge ist Sodbrennen. Dabei handelt es sich um Schmerzen in der Speiseröhre, die "normale Form" von Reflux. Medizinisch spricht man von "GERD", was kurz für das englische "gastroesophageal reflux disease" ist. Sodbrennen ist einfach zu erkennen, da die Symptome zeitlich in deutlichem Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme stehen.
In den letzten Jahrzehnten gab es nur wenige Forscher, welche die Meinung vertraten, dass Reflux auch weiter nach oben gelangen kann. Anstatt, dass die Symptome sich auf die Speiseröhre beschränken, könnten sie dann auch in Hals, Mund und Atemwegen auftreten. Sehr bekannt für ihre frühe Forschung wurde die US-amerikanische Ärztin Dr. Jamie Koufman. Sie prägte auch den Begriff „Stiller Reflux“. Er soll signalisieren, dass der Reflux nicht offensichtlich ist, also „still“ auftritt.
Anfangs wurden sie und andere Forscher von ihren Kollegen verspottet. Mit der Zeit bewiesen aber immer mehr Studien, dass sie Recht hatten: Reflux kann bis in den Hals gelangen.
Genauer gesagt entdeckten sie, dass circa 18 Prozent der US-Amerikaner Stillen Reflux haben. Für die Schweiz gibt es keine vergleichbaren Zahlen. Man weiss aber, dass Stiller Reflux ein globales Problem ist.
Jetzt kann man sich fragen: Wie können so viele Menschen eine Krankheit haben und keiner merkt es?
Der Grund: Stiller Reflux hat Symptome, die anderen Krankheiten ähnlich sind. Typischerweise wird Stiller Reflux mit einer Allergie verwechselt. Diese verursacht, wie Stiller Reflux, Entzündungen in den Atemwegen.
Stiller Reflux ist auch schwer zu erkennen, weil er in den meisten Fällen gasförmig ist. Es handelt sich um winzige Tröpfchen, die langsam aus dem Magen mit Gasen nach oben gelangen. Ausser bei extremen Fällen kann der Arzt diesen Reflux nicht optisch sehen. Spezialisierte Tests wurden erst in den letzten Jahren entwickelt. Vorher wusste man nicht, dass es da etwas zu testen gibt.
Bei viele Patienten wurde lange Zeit eine falsche Diagnose gestellt und behandelt - mit entsprechend geringen Heilungserfolgen.
Die 6 wichtigsten Symptome von Stillem Reflux
Was sind nun aber die konkreten Symptome bei Stillem Reflux?
Grundsätzlich kann jede Krankheit, die durch Entzündungen der Atemwege verursacht werden kann, durch Reflux entstehen.
Häufige Symptome sind:
1. Heiserkeit und geringe Belastbarkeit der Stimme
Der Kehlkopf liegt der Speiseröhre sehr nahe. Daher ist es leicht verständlich, dass Stiller Reflux oft auf die Stimme schlägt.
In schweren Fällen merkt man intensive Stimmprobleme und Schmerzen beim Sprechen. Bei leichten Fällen kann die Stimme schneller müde oder heiser werden. Berufssprecher und Sänger werden daher früher auf Stiller Reflux Symptome aufmerksam, als andere Berufsgruppen.
2. Halsschmerzen
Der Hals ist die Verlängerung der Speiseröhre. Bei Stillen Reflux, ist daher auch oft der Hals beteiligt. Das drückt sich durch ein Brennen oder durch ein geschwollenes Gefühl aus. Im Gegensatz zum Kehlkopf, ist er aber zum Glück weniger empfindlich.
Eine Unterform der Halsschmerzen ist das Globus Syndrom. Das fühlt sich an, als hätte man einen Kloss im Hals. Früher hat man dieses Symptom in die psychosomatische Ecke geschoben. Vermutlich handelt es sich aber in Wirklichkeit in den meisten Fällen um Stillen Reflux.
In der Folge der Halsentzündung kann es auch zu Schluckbeschwerden kommen.
3. Chronischer Husten
Früher hat man chronischen Husten oft auf Ursachen wie Rauchen, Allergien oder Belastung mit Staub bei der Arbeit zurückgeführt.
Mittlerweile weiss man: viele Fälle von chronischem Husten gehen auf Stillen Reflux zurück.
Eine milde Form des Hustenreizes ist chronischer Räusperzwang.
4. Asthma und Atemprobleme
Da Stiller Reflux gasförmig ist, ziehen wir ihn mit jedem Atemzug in unsere Lungen. Dort richtet er Schaden an.
Einige Forscher vermuten, dass Reflux DER Grund ist, warum Asthma in den vergangenen Jahren massiv auf dem Vormarsch ist.
Stiller Reflux verstärkt die Symptome von bereits vorhandenem Asthma drastisch. So als würde man Benzin auf ein brennendes Streichholz kippen.
5. Ohrentzündungen
Die Ohren sind mit den Atemwegen verbunden: Durch die sogenannte Eustachi-Röhre, auch als Ohrtrompete bekannt.
Durch diese Verbindung gelangen Gase aus dem Magen, über den Hals, ins Ohr.
Daher reagieren manche Menschen mit Symptomen in den Ohren auf Stillen Reflux.
6. Hohe Infektanfälligkeit
Chronische Entzündungen der Schleimhäute stellen eine Belastung für diese dar. Das verringert auch ihre Fähigkeit, Infekte abzuwehren.
Eine scheinbare Immunschwäche kann daher auf einen Stillem Reflux zurückgehen.
Der Stiller Reflux Mechanismus: das Magenenzym Pepsin + Säure
Beim Reflux herrscht immer noch die vereinfachte Vorstellung, dass er Säureschäden verursacht.
In den letzten Jahren hat die Forschung aber gezeigt, dass es bei Stillem Reflux nicht korrekt ist.
Vielmehr werden die Schäden durch das Magenenzym Pepsin verursacht. Pepsine dienen im Magen dazu, Proteine zu verdauen. Gelangen sie aber in Hals und Atemwege, können sie dort das Gleiche tun: Proteine verdauen.
Unglücklicherweise sind Proteine aber ein elementarer Bestandteil unserer Zellen. Stiller Reflux bedeutet somit: Wir refluxen Pepsine und verdauen uns selbst.
Exkurs: pH Skala – wie sauer ist es?
Wie sauer es ist, wird auf der pH Skala angegeben. Die Skala geht von pH 0 (extrem sauer) bis pH 14 (extrem alkalisch). Viele Lebensmittel sind sauer. Die meisten Reinigungsmittel sind alkalisch. Reines Wasser hat einen neutralen Wert, der bei pH 7 liegt.
In der Vergangenheit dachte man, Pepsine wären nur unter den sehr sauren Bedingungen im Magen aktiv.
Tests haben gezeigt: Zwar sind Pepsine am aktivsten, wenn die Umgebung sehr sauer ist. Sie verdauen dann am schnellsten Proteine. Aber auch bei einer schwach sauren Umgebung sind sie immer noch leicht aktiv. Bei pH 6 hat Pepsin immer noch 10 Prozent der Aktivität wie im Magen. Das reicht immer noch für eine Menge Schaden an den sensiblen Schleimhäuten in Hals, Kehlkopf und Lunge.
Hinzukommt: Sobald der Säuregehalt steigt, werden auch die Pepsine wieder gefährlicher. Viele Lebensmittel und Getränke aus dem Alltag sind sehr sauer.
Nicht immer nimmt man den Säuregehalt bewusst wahr. Erfrischungsgetränke wie Cola (pH ~2,8) sind deutlich saurer als Orangensaft (pH ~ 3,8). Zucker überdeckt sauren Geschmack sehr stark. Natürlicher Fruchtjogurt schmeckt beispielsweise leicht sauer. Mischt man ihn mit Zucker und Schokolade, so ändert sich nichts an der Säure - man schmeckt sie aber nicht mehr heraus.
Reflux kommt aus dem Magen. Somit wird die Krankheit stark dadurch beeinflusst, was, aber auch wann wir essen.
Zentral sind bei der Behandlung zwei Punkte: Zum einen soll der Reflux selbst unterbunden werden. Zum anderen sollen die Pepsine, die durch Reflux nach oben gelangen, möglichst wenig aktiv sein - also möglichst wenig Schaden anrichten. Das erreicht man durch eine säurearme Ernährung.
Fettes Essen braucht lange, um verdaut zu werden. Gleichzeitig bewirkt Fett eine Entspannung des Speiseröhrenventils. Reflux gelangt so leichter nach oben. Daher ist eine fettarme Ernährung, bei der Behandlung von Stillem Reflux, zentral.
Zum anderen muss angepasst werden, in welchem Rythmus man isst: umso grösser einzelne Mahlzeiten sind, desto eher presst der hohe Druck im Magen die Speiseröhrenventile auf. So gelangt Reflux nach oben. Daher sollten die grossen Mahlzeiten auf mehrere Kleine verteilt werden. Anstatt, dass man sein ganzes Mittagessen isst, kann man die eine Hälfte sofort und den Rest drei Stunden später essen.
Wichtig ist auch, 3 Stunden vor dem Schlafen gehen nichts mehr zu essen. Im Liegen kann der volle Magen besonders einfach die Speiseröhrenventile aufdrücken und so Refluxschaden hervorrufen. Im Liegen sind die Selbstreinigungsmechanismen der Schleimhäute eingeschränkt. Reflux hat so mehr Zeit um Schaden anzurichten.
Durch säurearme Ernährung wird die Fähigkeit der Pepsine, Proteine zu verdauen, verringert. Daher sollte alles unter pH 5 aus der Ernährung verbannt werden. Zumindest bis die gröbsten Symptome verschwunden sind. Danach ist eine vorsichtige Steigerung auf leicht saure Lebensmittel möglich. Praktisch alle Früchte sind saurer als pH 5. Melonen sind eine Ausnahme und können daher gegessen werden. Ausserdem sind alle Arten von Erfrischungsgetränken Tabu.
Im Internet gibt es widersprüchliche Angaben zum Säuregehalt von Lebensmitteln. Der Grund ist, dass beim Verarbeiten von Lebensmitteln im Körper Säuren oder Basen (alkalisch) entstehen. Viele Angaben im Internet beziehen sich auf diese Werte, um im Körper für einen ausgeglichenen Säurehaushalt zu sorgen.
Bei Stillem Reflux jedoch ist es relevant, welchen pH Wert die Lebensmittel zu dem Zeitpunkt haben, zu dem sie den Hals passieren. Zu diesem Zeitpunkt können Säuren die Pepsine reaktivieren und zum Zerstören von Schleimhautzellen anregen.
PPI (Säureblocker) - laut Studien bei Stillem Reflux nicht effektiv
Bei Sodbrennen / GERD ist Protonen-Pumpen-Hemmer (PPI) ein Medikament, das sehr gerne eingesetzt wird. Es ist sehr effektiv beim Reduzieren der Symptome.
Da auch Stiller Reflux eine Form von Reflux ist, liegt die Idee nahe auch hier PPI zu verschreiben. Das machen daher auch viele Ärzte, die sich mit dem Stillen Reflux noch nicht näher beschäftigt haben.
Das ist aber eine falsche Schlussfolgerung: das Hauptproblem beim Stillem Reflux sind Pepsine. Das ist der Grund, warum viele Studien gezeigt haben, dass PPI bei Stillem Reflux nicht besser als Placebo wirken.
Stiller Reflux wird oft ineffektiv behandelt
Stiller Reflux ist eine sehr komplexe Krankheit. Gleichzeitig haben sich effektive Behandlungsstrategien und Testverfahren erst in den letzten Jahren hervorgetan. Das ist der Grund, warum viele Mediziner noch nicht auf dem neuesten Stand sind.
Wichtig ist daher, selbst über möglichst viele Informationen zu verfügen, wenn man an Stillem Reflux leidet – oder glaubt, ihn zu haben.
Wollen Sie mehr zum Thema erfahren? Auf Refluxgate.de gibt es mehr Informationen und Hilfe zu Stillem Reflux.
Autor: Gerrit Sonnabend
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