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ENGE
SCHREIBT
GESCHICHTE
1218
Seinen Namen
verdankt das Quartier einer ehemaligen Flurbezeichnung. Die Lage des Quartiers zwischen dem unteren Seebecken und der Sihl ist mit einem Engpass vergleichbar. Welche «Enge» dabei Namensgeber war, bleibt allerdings unklar: Es könnte sich um den Engpass zwischen dem Moränenzug handeln, der die Sihl vom See trennt, oder auch um die schmale Senke zwischen den Hügelzügen beidseits der Waffenplatzstrasse. Die erste Erwähnung unter Engi Superior stammt von 1218, danach entwickelte sich der Namen über Enngi und Engi zur heutigen Form Enge. 1304 erwirbt Rüdiger Manesse von Freiherr Walter von Eschenbach für 15 Mark als Lehen Vogteirechte an die Enge.
1423
Ein Dorf vor der Stadt
1423 erwirbt Zürich die Enge, die zusammen mit Leimbach eine eigene Gemeinde bildete und bis zum Einfall der Franzosen 1798 zur Obervogtei Wollishofen gehört. Viele Jahrhunderte lang war die Enge vor allem ein bäuerlich geprägtes Dorf vor den Toren der Stadt.
1777
Ein erster Landsitz
Johannes Werdmüller baut das Muraltengut, dessen Name vom früheren Besitzer und Bürgermeister Hans Conrad von Muralt stammt. Der barocke Ehrenhof kontrastiert mit der frühklassizistischen Fassade zum See hin. Hundert Jahre später schneidet allerdings die Eisenbahn den Park vom Seeanstoss ab. 1944 von der Stadt erworben, wird das Muraltengut heute für offizielle Empfänge benützt.
1820
Zurück aus Amerika
Der Stadtbürger Heinrich Escher kehrt nach 30 Jahren in Amerika wohlhabend in seine Heimatstadt zurück, errichtet 1820 auf dem Bauerngut "Wissenenbüel" ein hochklassizistisches Landhaus und gibt ihm den Namen Belvoir. Der Park von 4 ha entstand dadurch, dass der Moränenhügel terrassenförmig abgetragen wurde, um das sumpfige Seeufer aufzufüllen. Danach wurden schöne Bäume aus der ganzen Welt angepflanzt. Das Gut wurde 1901 von der Stadt gekauft, beherbergt heute die Hotelfachschule Belvoir und ist ein beliebtes Restaurant.
1850
Die Mauern fallen
Nach Abbruch der wuchtigen Stadtmauern, an welche der heutige Schanzengraben erinnert, kann das städtische Siedlungsgebiet endlich expandieren. Auf den Bleichermatten bauten sich viele wohlhabende Zürcher prächtige Villen. Die Enge wird zum fashionablen Wohnquartier.
1858
Zurück zur Antike
Leonhard Zeugheer erbaute 1855 bis 1858 im Auftrag von Otto Wesendonk auf der Krete des Moränenhügels die spätklassizistische Nachbildung einer römischen Villa. In der Villa Wesendonk verkehrten unter anderem Richard Wagner und Conrad Ferdinand Meyer. Das Gebäude ging an die Familie Rieter und später an die Stadt, die dort 1952 das Museum Rietberg für aussereuropäische Kunst einrichtete. Das Museum wurde 1984/1985 ein erstes Mal erweitert.
1866
Zeichen der Industrialisierung
Die Firma Gebrüder Leuthold & Co. lässt eine Wirkwarenfabrik im typischen Sichtbackstein-Stil erstellen, welche von der fortschreitenden Industrialisierung der ganzen Agglomeration Zürich zeugt. Teile des Gebäudekomplexes sind im Geviert Waffenplatz-/Beder-/Rieterstrasse bis heute erhalten geblieben.
1875
Die erste Lokomotive fährt ein
Die linksufrige Seebahn wird in Seenähe geplant, so dass der erste Bahnhof 1875 nicht am heutigen Standort, sondern rund 100 Meter näher zum See gebaut wird. Das Trassee verläuft durch einen Tunnel (heutige Tunnelstrasse) nach Wiedikon. Angesichts von nur rund 20 Zügen pro Tag nimmt man die zahlreichen Niveauübergänge mit den entsprechenden Wartezeiten in Kauf.
1887
Die Stadt öffnet sich zum See
Unter Stadtingenieur Arnold Bürkli entstehen in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts mittels beträchtlicher Seeaufschüttungen der Bürkliplatz und die Quaianlagen mit Quaibrücke und Arboretum, dem heutigen Bürklipark. Zürich erhält zum grössten Teil auf dem Gebiet der noch selbstständigen Gemeinde Enge eine spektakuläre öffentliche Promenade und öffnet sich damit erstmals wirklich dem See.
1893
Soziales Elend zwingt zur Eingemeindung
wurden elf Aussengemeinden mit der Stadt Zürich vereinigt, darunter die Gemeinden Enge und Wollishofen. Diese wurden zum zweiten Stadtkreis, der bis heute in seiner räumlichen Abgrenzung praktisch unverändert geblieben ist.Der Anstoss zur Stadtvereinigung mit den Aussengemeinden kam von der damaligen Gemeinde Aussersihl. Diese hatte mit schwierigen Verhältnissen zu kämpfen: Soziale Probleme und immer grössere Infrastrukturausgaben (Wohnungs- und Schulhausbau) führten dazu, dass der Aussersihler Gemeinderat 1885 im Kantonsrat eine Petition zur Vereinigung mit der Stadt Zürich und deren Aussengemeinden einreichte. Davon betroffen war auch die Gemeinde Wollishofen, die dieses Begehren radikal ablehnte und die Gemeinde Enge, die teilweise gegen das Anliegen opponierte. In den folgenden Jahren wurde das Geschäft im Kantonsrat behandelt, der das Zuteilungsgesetz am 11. Mai 1891 schliesslich annahm. Auch beim Volk fand die Vorlage Zustimmung. In zehn der zwölf vom Zuteilungsgesetz betroffenen Gemeinden wurde das Gesetz angenommen. Lediglich die Gemeinden Wollishofen und Enge lehnten es ab. Wollishofen reichte beim Bundesgericht Rekurs ein, doch dieser wurde abgelehnt. Die Vereinigung mit der Stadt erfolgte am 1. Januar 1893.
1895
Ein Wahrzeichen entsteht
Professor Friedrich Bluntschli, ein Freund Gottfried Kellers, entwirft auf der Bürgliterrasse die reformierte Kirche, die am 24./25. Juni 1894 feierlich eingeweiht wird. Aufgrund der hervorragenden Lage, der repräsentativen Gestaltung und eines 60 Meter hohen Turms mit fünf Glocken wird die Kirche rasch zum Wahrzeichen des Quartiers.
1895
Musikgenuss pur
Am 19. Oktober 1895 wird an Zürichs schönster Lage am Alpenquai die Neue Tonhalle eingeweiht. Johannes Brahms dirigiert höchst persönlich sein "Triumphlied". Das Gebäude wurde im Stil des Pariser Trocadéro-Palastes von den Wiener Architekten Fellner und Helmer erstellt. Der Bau muss 1939 grösstenteils dem Kongresshaus weichen.
1897
Eine Schule macht Eindruck
Seit dem 17. Jahrhundert gibt es in der Enge eine Schule. Nach der Eingemeindung will die Stadt Zürich in den bisherigen Aussengemeinden klar Flagge zeigen und möglichst rasch städtisches Ambiente verströmen. Die neuen Bürger sollen die Veränderung auch optisch spüren. Deshalb wirken zahlreiche der in dieser Zeit entstandenen Schulhäuser wie das 1897 erbaute Lavater-Schulhaus in der Enge so repräsentativ und eigentlich wenig "kindgerecht".
1922
Neue Freizeitbedürfnisse
Einige Jahre nach dem ersten Weltkrieg wird 1922 das Strandbad Mythenquai erstellt, das einem grossen Bedürfnis der Bevölkerung entsprach und aufgrund eines grosszügigen Layouts, der Südostlage und der bequemen Erreichbarkeit zum beliebten Sommerplausch wurde. Schon nach wenigen Wochen muss die Trennwand zwischen den getrennten Geschlechterbereichen entfernt werden.
1924
Ein neues Zentrum
Als Quartiermittelpunkt und Verkehrsknoten etabliert sich die Kreuzung Beder-/Seestrasse. 1924 entsteht unterhalb der Kirche das geräumige und repräsentative protestantische Kirchgemeindehaus, das mit einer grosszügigen Grünfläche ausgetattet ist. Drei Jahre später wird der neue Bahnhof eröffnet. Das Trassee wird vom See weg verlagert und weitgehend unterirdisch angelegt, womit die zahlreichen Niveauübergänge verschwinden und sich Erschliessung und Lebensqualität der Enge schlagartik wesentlich verbessern.
1929
Der See gefriert
1929 wird die Enge Ziel von Besuchern aus der ganzen Schweiz. Das seltene Naturschauspiel einer Seegfrörni zieht aufgrund der in den vergangenen Jahrzehnten gesteigerten Mobilität (Auto und Bahn) sehr viel Publikum an. Das Naturereignis wiederholt sich 1963.
1934
Abschied von den drei Königen
1934 erfolgt die zweite Eingemeindungswelle und fortan bildet das Quartier Enge zusammen mit Wollishofen und Leimbach den Stadtkreis 2. Das Quartier erhält auch als neues Wappen einen siebenmal geteilten Schild in Rot und Weiss - ursprünglich Wappen der Stadtfamilie Gschwend, die einst einen Obervogt in Wollishofen und Enge stellte. Das frühere Wappen stellte die drei Weisen aus dem Morgenland dar, überhöht von einem goldenen Stern. Daher erklärt sich auch der Name der Quartierzunft und der katholischen Kirchgemeinde (Dreikönigen).
1939
Dank Landi zum Kongresshaus
Für den Bau des Kongresshauses (1937/39) verantwortlich sind die Architekten Max Ernst Haefeli, Werner Moser und Rudolf Steiger. Auf die Eröffnung der Landesausstellung hin wollten die Verantwortlichen den Bau fertig haben, was wegen der knappen Zeit und des beschränkten und heiklen Baugeländes auf aufgeschüttetem Seegebiet keine leichte Aufgabe war. Grund für den Wunsch zur Eröffnung auf die Landi hin war neben dem Repräsentationsbedürfnis auch die Arbeitsbeschaffung für die vielen Arbeitslosen. Das Kongresshaus ist heute auch Zunftlokal der Quartierzunft zu den drei Königen.
1939
Ein Zentrum für die Zürcher Juden
An der Lavaterstrasse entsteht das Gemeindezentrum der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, zu welcher sich die Mehrheit der Zürcher Juden bekennt. Im heutigen Gebäudekomplex befindet neben dem Gemeindesaal und der Gemeindeverwaltung auch das einzige koschere Restaurant Zürichs. Viele Zürcher Juden wohnen in der Enge oder im benachbarten Quartier Wiedikon.
1951
Eine Kirche ohne Glocken
Erst 1951 wird den Katholiken der Bau einer eigenen Kirche ermöglicht, allerdings ohne Kirchturm und ohne eigene Glocken, und so entsteht die Dreikönigskirche an der Schulhausstrasse. Sie steht nicht nur der örtlichen Gemeinde, sondern auch fremdsprachigen Katholiken für Gottesdienste zur Verfügung.
1959
Moderner Bildungstempel
1953 gewinnt Jacques Schader den Wettbewerb zum Bau eines Gymnasiums und einer Handelsschule auf dem Areal von Park und Villa Freudenberg. Die 1959 in Betrieb genommenen kantonalen Schulen mit gleichsam schwebenden Baukörpern sind herausragende Zeugen der modernen Architektur. Um den heutigen Anforderungen zu genügen, wurden die Bauten unter strikter Wahrung von Substanz und äusserer Erscheinung 1993 - 2000 saniert.
1964
Die moderne Enge entsteht
Eine zweite Welle von öffentlichen Bauten erfasst die Enge in der ersten Hälfte der sechziger Jahre des 20. Jahrhundert. In dieser Zeit entstehen die Neubauten des städischen Schulamtes (am Parkring), das Kreisgebäude 2 und das Postgebäude an der Bederstrasse sowie das Hochhaus zur Palme, das von der damaligen Kreditanstalt (heute Credit Suisse) erstellt wurde. Aus dieser Zeit stammt auch das "Providurium" Parkdeck Escherwiese, das erst im Hinblick auf den Bau eines Hotels auf dem Areal ab 2001 abgerissen wurde.
1968
Das Auto braucht mehr Platz
Der nach der Trasseeverlegung 1927 stillgelegte Eisenbahntunnel unter dem Parkring erhält 1968 eine neue Bestimmung und wird für den Motorfahrzeugverkehr ausgebaut, was die Verbindungen zwischen Wiedikon und Enge wesentlich verbessert. Diese Kapazitätserweiterung ist auch bedingt durch die sechs Jahre später erfolgende Eröffnung der Sihlhochstrasse, über welche die Autobahn A3 den Verkehr aus dem Raum linkes Zürichseeufer und Sihltal nach Wiedikon in die Stadt führt.
1976
Mineralwasser aus der Enge
Auf dem Areal der Brauerei Hürlimann stösst man bei einer Tiefenbohrung auf eine Quelle, die sich als ausserordentlich mineralhaltig erweist. Die intiativen Brauerei lancieren flugs das erste Zürcher Mineralwasser namens Aqui. Der Bevölkerung wird überdies mit dem Aqui-Brunnen an der Brandschenkestrasse das Wasser in Kleinmengen kostenlos zur Verfügung gestellt. Der Brunnen ist auch nach der Einstellung des Brauereibetriebes in Betrieb.
2000
Es fliesst kein Bier mehr!
Die im 19. Jahrhundert gegründete Brauerei Hürlimann, die einige Jahre zuvor vom Konkurrenten Feldschlösschen übernommen worden war, stellt die Bierproduktion ein und wird zu einer reinen Immobiliengesellschaft. Auf dem Areal entstehen ab 2003 zahlreiche Wohnungen und Arbeitsplätze für Dienstleistungsbetriebe und Gewerbe.
2016
Ein Museum für einen Ball
Die Enge ist ein Quartier, das historisches und modernes Bauen vereint. Im Haus zur Enge am Tessinerplatz entsteht das seit langem geplante Fifa-Fussballmuseum. Das Projekt des Weltfussballverbandes – als Erweiterung des Hauptsitzes am Zürichberg vorgesehen – wird zur neuen Wallfahrtsstätte für Fussballfans.