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Eile mit Weile. Ein Schweizer Spiel mit indischen Wurzeln. Die Welschen kennen den Schweizer Spieleklassiker als Hâte-toi lentement, die Tessiner als Chi va piano va sano. Üblicherweise spielen vier Spieler gegeneinander, obwohl es auch Sechser Spiele gibt. Bei dem sogenannten Würfel-Laufspiel geht es darum, seine vier Figuren möglichst schnell über einen Rundkurs zu bringen. Würfeln, Figuren ziehen und den Gegner «schlagen» – Letzteres bedeutet, dessen Figuren an den Anfang des Rennens zurückzubefördern: Das sind die Handgriffe, welche die Emotionen am Brett hochgehen lassen. Schadenfroher Triumph kann schon nach dem nächsten Würfeln Frustration weichen. Das Glück spielt eine wichtige Rolle, doch Eile mit Weile kennt auch taktische Elemente: Der Spieler kann wählen, mit welcher seiner Figuren er zieht, und hin und wieder kann er entscheiden, ob er einen Gegner blockieren oder sich auf ein sicheres Feld retten will.
Der klassische Lauf führt über Felder, die einem Kreuz entlang angeordnet sind. Eile mit Weile geht auf das Pachisi, das Nationalspiel des Subkontinents, zurück. Aber kein Mensch denkt heute daran, dass das Spiel vor 150 Jahren importiert wurde. Pachisi wurde hier total akkulturiert. Das indische Spiel, das im 6. Jahrhundert entstanden sein soll, verfügt allerdings über deutlich mehr strategische und taktische Finessen. Aus dem 16. Jahrhundert wird berichtet, dass Grossmogul Akbar es im Freien auf einem riesigen Brett aus Marmor gespielt habe. Anstelle von Steinen habe er 16 hübsche Sklavinnen aus seinem Harem als Figuren beigezogen.
Reisende Briten brachten das Spiel Mitte des 19. Jahrhunderts nach Europa und in die USA. In den 1860er Jahren wurde es in England in leicht abgeänderter Form zum ersten Mal kommerziell vermarktet, und zwar als Game of India oder Pacheesi. Schnell bildeten sich die unterschiedlichsten Versionen heraus. In der Schweiz und in Deutschland entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts das Eile mit Weile, in England das Lud» und in Frankreich das Jeu de petits chevaux, das so heisst, weil es die Franzosen mit Schach-Springern spielten. Den Grund für die Variantenvielfalt liegt vermutlich beim Markenrecht: Wollten einzelne Hersteller das Spiel unter eigenem Namen verkaufen, mussten sie die Vorlagen genügend abändern. Die Pachisi-Versionen waren bald beliebter als das simple europäische Gänsespiel, ein reines Glücksspiel. Die taktischen Einflussmöglichkeiten und die Schadenfreude, die es bietet, mögen Gründe dafür sein, dass das Kreuzspiel dem Gänsespiel den Rang ablief.
Unmittelbares Vorbild von Eile mit Weile scheint ein Spiel zu sein, das die amerikanische Firma Selchow erstmals 1874 als Parcheesi, The Game of India urheberrechtlich schützen liess. Das US-Parcheesi kommt der indischen Urform mit ihren sicheren Feldern und Blockaden näher als alle europäischen Abkömmlinge. Eine Besonderheit des deutschschweizerischen Eile mit Weile ist, dass dem Kreuz ein Thema unterlegt wurde, nämlich der Weg eines Reisenden zum Gasthof. In der Kreuzmitte ist meist eine Herberge abgebildet, vor welcher der Wirt wartet.
Während die Schweizer weiterhin Richtung Gaststätte oder Dorfplatz ziehen, verbreitete sich in Deutschland im 20. Jahrhundert eine radikal vereinfachte Version: Mensch ärgere dich nicht. Sie verzichtet auf fast alle taktischen Finessen des indischen Originals. Hier wird einfach gewürfelt und an den Start zurückkomplementiert. Der Münchner Josef Friedrich Schmidt schuf es auf der Basis von Eile mit Weile und Ludo. Zum Durchbruch kam es, nachdem der Deutsche 1914 3000 seiner Bretter an Frontlazarette verschenkt hatte; die Soldaten mochten nach dem Krieg nicht mehr darauf verzichten.
Die eingängige Formel «Eile mit Weile» wird dem römischen Staatsbeamten Sueton zugeschrieben. Sie heisst etwa so viel wie «auch wenn du es eilig hast, eile nicht, Hektik bringt nichts».