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Mit der Blattfärbung im Herbst geschieht etwas Entscheidendes: Zwischen den Blattstielen und den Zweigen bildet sich ein Trenngewebe; es unterbricht die Wasserversorgung des Blattes und dient zugleich als Sollbruchstelle. Der Wind löst das Blatt vom Baum und lässt es sachte zu Boden fallen. Der Baum lässt los – etwas, was uns Menschen oft schwerfällt. Wir halten gerne am Gewohnten fest, an einem Gegenstand oder an einer Beziehung, auch wenn sie sich längst ausgelebt hat.
Laub oder feuilles mortes
Unter dem Baum sammeln sich die braun gewordenen Blätter zu Laub, was ursprünglich “Abgeschnittenes”, “Abgerissenes” bedeutet. Die Franzosen bringen den Tod ins Spiel, wenn sie von Laub sprechen: Laub heisst “feuilles mortes”. Beim “Stillleben” verhält es sich ähnlich: Es heisst “la nature morte”. Auch wir sehen im Stillleben Zeichen der Vergänglichkeit: Blütenblätter, die auf einem Tisch liegen, vielleicht einen Totenkopf oder eine Sanduhr. Und doch erwähnen wir den Tod nicht, sondern sprechen vom stillen, ruhigen Leben.
Lebensgefahr oder Todesgefahr?
Einen weiteren ähnlichen Unterschied finden wir in der “Lebensgefahr”, die für die französisch Sprechenden “danger de mort” heisst. Diese wenigen Beispiele zeigen, dass jede Sprache ihren Bezug zur Wirklichkeit anders ausdrückt. Darüber nachzudenken, lohnt sich. Hoffentlich kommt das ob all der Kompetenzen in den Lehrplänen der Schulen nicht allzu kurz. Denn jede Sprache ist weit mehr als ein Werkzeug, das nur dazu dient, kompetent ein Bier zu bestellen oder ein Zimmer zu reservieren.