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Eine Geschichte wie «Homeland» und «The Americans» – nur in echt
- Sonntag, 25. September 2016, 9:24 Uhr
Die Filmwochenschau berichtet am 25. September 1953: Eine Frau ist verschwunden. Mit ihren Kindern. Die Polizei ermittelt. Das gab’s bis dahin noch nie, dass die Filmwochenschau über laufende Ermittlungen berichtet. Das ist kein normaler Fall.
(«Der Fall MacLean», Schweizerische Filmwochenschau vom 25.9.1953, Schweizerisches Bundesarchiv, J2.143#1996/386#590-1#3*)
Die «Filmwochenschau» vom 25.9.1953 vermeldet: Mrs. MacLean sei am 11. September verschwunden. Die Frau des Diplomaten Donald MacLean, der zwei Jahre zuvor spurlos verschwand und nie mehr auftauchte.
14. September. Ein Amerikaner will Frau MacLean im Nachtzug nach Wien gesehen haben.
16. September. Die NZZ berichtet, der oberste Chef des britischen Informationsdienstes habe bekannt gegeben, Frau MacLean sei hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden. Der Korrespondent schreibt, es habe geklungen wie eine «Geschichte von Simenon». Seltsam sei gewesen, dass ein so ranghoher Beamter dies vermeldet.
4. Oktober 1953. Die Moskauer Zeitung «Neue Zeit» schreibt: Herr und Frau MacLean seinen in Russland weder bekannt noch anwesend.
20. August 1954. Die Mutter von Frau MacLean bekommt Post aus «einem Lande hinter dem Eisernen Vorhang», berichtet die NZZ.
23. September 1955. Britische Behörden geben erstmals zu, dass Donald MacLean beim britischen Geheimdienst war. Er habe aber keine Einsicht in Relevantes gehabt.
Er habe zum Kreis russischer Doppelagenten, zu den «Cambridge Five», gehört, die den britischen Geheimdienst unterwandert hatten, und sich nach Russland abgesetzt.
17. März 1969. Die «Schweizer Illustrierte» titelt: «Das Geheimnis der Melinda.» Die Reportage beginnt: «Hand in Hand geht ein Ehepaar mittleren Alters durch Moskaus Rote Allee.» Der Mann heisst Kim Philby. Er gilt als der Jahrhundert-Doppelagent und als Kopf der Cambridge Five.
Die Frau an seiner Hand ist Mrs. MacLean. Zwischenzeitlich geschieden, hat sie den zweiten Doppelagenten geheiratet. Sie ist mehr als nur die Frau an der Hand des einen oder anderen. Sie ist selbst Agentin. Wie wertvoll sie für den russischen Geheimdienst ist, bleibt ein Geheimnis. Später wird sie Philby verlassen und zu MacLean zurückkehren.
In den 1970er-Jahren wird ein Offizier des russischen Geheimdienstes nach seinen spektakulärsten Aktionen gefragt. Seine Antwort: «Dazu gehört sicherlich, wie ich Mrs. MacLean aus der Schweiz holte. Sie unterrichtet heute bei uns Englisch.»
Und heute?
Doppelagenten waren popkulturell immer ein gefundenes Fressen: Von «Der Spion, der aus der Kälte kam» bis zu John le Carrés «Dame König As Spion». Alle Romane um die Hauptfigur Smiley erzählen von dieser Welt des Kalten Krieges. Das Faszinosum: In dieser Welt ist nichts sicher. Der Verdacht des Verrats wird lebensbestimmend für alle Beteiligten. Die eigene Frau, der eigene Mann kann der Feind sein. Vertrauen ist in dieser Welt der grösste Fehler.
Nach diesem Muster funktionieren «Homeland» und «The Americans». Beide Serien sind die modernisierte Version des Kalten Krieges, nur noch unberechenbarer: Während früher der Westen gegen den Osten stand, ist heute nicht erkennbar, wer gegen wen steht. Die Welt der Akteure ist auf Treibsand gebaut. Es gibt nur einen Referenzpunkt: den Moment des Verrates. Den Augenblick, während dem das Gegenüber sein wahres Gesicht zeigt.
Eine Welt in Paranoia. Die ist ansteckend. Die Serienmacher schliessen die Zuschauer in diese Welt mit ein: Serienjunkees konnten sich früher darauf verlassen, dass Hauptfiguren nicht sterben. Tempi passati. Hauptfiguren sterben heute und die Fans fragen sich, wie es wohl weitergeht. Die Welt der Sehgewohnheiten ist genauso aus den Fugen wie die Welt der Akteure. Weder Figuren noch Zuschauer wissen, worauf sie sich verlassen können.
Hier schliesst sich der Kreis zu Melinda MacLean. Als sie Genf verlässt, will sie zu ihrem Mann, der das jüngste Kind noch nicht gesehen hat. Wie es danach weitergeht, bis sie an Philbys Hand wieder auftaucht, und von dort wieder verschwindet, weiss man bis heute nicht. Ihr wahres Gesicht bleibt unbekannt.
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