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Frau Höfert, herzlichen Glückwunsch zur Förderungsprofessur an der Universität Zürich. Sie werden über Hermaphroditen, Eunuchen, Priester im Mittelalter im arabischen und europäischen Raum forschen. Können Sie umschreiben welcher Fragestellung Sie dabei nachgehen?
Es geht um Geschlechtergeschichte als Teil von Politik- und Wissensgeschichte sowie methodisch um die Verschränkung von nahöstlicher und europäischer Geschichte. In der Regel werden beide als zwei verschiedene historische Räume begriffen. Man denkt in Kategorien von «typisch europäisch» oder «typisch islamisch» – nicht zuletzt, weil beide von zwei getrennten Disziplinen erforscht werden. Dadurch können historische Gemeinsamkeiten, die es neben allen Unterschieden auch gab, nicht ans Licht kommen.
Konkret?
Ein Teil des Forschungsprojektes wird sich mit der Rolle von Kirchenfürsten und Hofeunuchen befassen, die zunächst einmal in zwei getrennten Teilprojekten erforscht werden sollen, weil beide Gruppen tatsächlich sehr unterschiedlich waren: Kirchenfürsten waren Priester und Adlige, Hofeunuchen meistens Sklaven und Teil des Militärs, die in beträchtlicher Zahl viele Herrschaftsaufgaben an nahöstlichen Höfen übernahmen.
Bei beiden Gruppen handelte es sich jedoch um zölibatäre Männer, die einen integralen Anteil an der Herrschaft hatten: Wir werden daher sehen, inwiefern sich hier strukturelle Gemeinsamkeiten in vormodernen Herrschaftsordnungen ergeben.
Eine vergleichbare Thematik bearbeite ich in meiner Habilitation: Ich betrachte das oströmisch-byzantinische und lateinische Kaisertum sowie das arabische Kalifat als Weiterentwicklungen aus der Spätantike. Konstantin der Grosse wurde als Abbild und Stellvertreter Christi angesehen. Er stand für die Losung: ein Weltreich, ein Gott, ein Glaube, ein Kaiser.
Ähnlich – und doch verschieden – läuft die Entwicklung im Kalifat. Auch hier galt das Motto: ein Weltreich, ein Gott, ein Glaube, ein Kalif. Damit hat der Islam das spätantike christliche Muster übernommen, auf seine Weise weiter entwickelt und übrigens eine ähnlich komplexe Trennung und Verschmelzung von weltlichen und religiösen Angelegenheiten vorgenommen, wie es für das lateinische Mittelalter der Fall ist.
In einer Ihrer Monographien schreiben Sie vom europäischen Wissen über das Osmanische Reich zwischen 1450–1600. In Europa wurde damals die «Türkengefahr» heraufbeschworen. Kann man daraus Rückschlüsse auf die heutige Zeit ziehen?
Die Stadt Konstantinopel war im 15. Jahrhundert der klägliche Rest des einst so mächtigen Oströmischen oder Byzantinischen Reiches. Als sie 1453 von den Osmanen erobert wurde, beschworen vor allem der Papst und die habsburgischen Kaiser mit Hilfe des neu erfundenen Buchdrucks eine «Türkengefahr», die angeblich die gesamte Christenheit bedrohte. Dabei wurde der Europabegriff ideologisch mit der Christenheit verknüpft.
Realpolitisch handelten christliche und muslimische Dynastien jedoch weiterhin nach ihren eigenen Einzelinteressen – und die europäische Expansion in die Neue Welt unter dem Zeichen des Kreuzes war bestimmt nicht weniger beeindruckend als die osmanische. Die Türkei bekommt allerdings noch heute die Nachwirkungen der «Türkengefahr», zu spüren, wenn ihr Beitritt zur Europäischen Union aus vermeintlich historischen Gründen kategorisch ausgeschlossen wird.
Zur aktuellen Situation in den arabischen Ländern: Waren Sie – quasi aus der historischen Betrachtung heraus – von den Demokratisierungsbestrebungen überrascht?
Ich habe zwei Jahre in Kairo gelebt und hatte – und habe auch heute noch – Kontakt zur oppositionellen Bewegung. Niemand hat mit einer solchen Demokratiebewegung gerechnet. Für mich bestätigt die neue Entwicklung jedoch, dass Muslime genauso wie Christen Demokratie leben können. Nicht der Islam, sondern das alte politische System mit seinen wirtschaftlichen Strukturen ist dort jetzt das grösste Hindernis für die Demokratie.