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Prof. Dr. Caja Thimm, Mark Dang-Anh, Jessica Einspänner
Die These, dass das Internet die Strukturen von Öffentlichkeit verändert, ist eine der zentralen Paradigmen der Debatte um die Mediatisierung der Gesellschaft. Dabei zeichnen sich zwei Tendenzen ab, die in ihren Bewertungen kategorial differieren. Einerseits finden sich explizit medienenthusiastische Positionen, die von einer neuen Möglichkeit der politischen Partizipation im Sinn der deliberativen Demokratie (Habermas 1992) ausgehen und damit auch dem bürgerlichen Diskurs eine völlig neue Zugangsweise versprechen. Damit wird das Netz als Forum idealisierter Kommunikationskulturen verstanden, in dem zwischen Akteuren des politischen Systems und Bürgern in kommunikativen Handlungen interaktiv und argumentativ Konsens über politische Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse im Diskurs erzielt wird.
Die kritische Perspektive dagegen ist von grundlegender Skepsis gegenüber dem Internet gekennzeichnet und geht davon aus, dass durch die computervermittelte Kommunikation Verluste an Sozialität, Intimität und intellektueller Kompetenz zu verzeichnen sind. Twitter wird im Alltagsdiskurs die Fähigkeit abgesprochen, qualitativ und quantitativ – durch die Beschränkung auf 140 Zeichen – ausreichende Partizipations- und Argumentationsoptionen zur Verfügung zu stellen. Zudem wird konstatiert, dass das Internet eben nicht weitere Bevölkerungskreise für die Deliberation integrieren und mobilisieren kann (Mobilisierungsthese), sondern dass existierende Tendenzen und Strukturen, auch die der Ungleichheit intensiviert würden (Verstärkungsthese). Es wird nunmehr befürchtet, dass die politische Diskussion, die zunehmend im Netz stattfindet von der „digitalen Elite“ dominiert wird.
Kommunikation in Twitter ist hypertextuell organisiert (Storrer 2000) und wird im Wesentlichen durch vier twitterspezifische, semiotische Kommunikationsfunktionen geprägt und realisiert, wodurch sich in Twitter ein eigenes Diskursuniversum bildet:
1) Durch das @-Zeichen werden Personen adressiert. Dies stellt die Möglichkeit zur Verfügung, Interaktionen zu initiieren. Im Verlauf von durch die @-Adressierung durchgeführten Interaktionssequenzen erzeugt das wiederkehrende Element der Adressierung Kohärenz.
2) Mittels der Funktion des Retweets lassen sich Beiträge in Twitter an die eigenen Follower wiederveröffentlichen. Tweets erreichen dadurch einen hohen Diffusionsgrad.
3) Das Hashtag „#“ kann einerseits intertextuelle Diskursräume, in denen thematisch verknüpfte Tweets strukturiert werden, generieren. Andererseits wird es auch oft dazu genutzt, Bezugnahmen zum implizit (Mit-)Gemeinten schlagwortartig zu explizieren und Inhalte somit zu kontextualisieren und semantisch (um)-zu deuten. Komplexe Bedeutungszusammenhänge können daher im begrenzten Raum von 140 Zeichen ausgedrückt werden.
4) Links können in Twitter auf medial unterschiedliche Inhalte verweisen. Unter einer historischen Perspektive lässt sich konstatieren, dass die Inhalte, auf die verwiesen wird bis Mitte 2010 in neuen Browserfenstern oder -tabs geöffnet wurden. Mittlerweile werden Fotos und Videos der populärsten Plattformen (z.B. Twitpic und YouTube) in die Darstellung auf der Twitterseite eingebunden.
Im Vortrag wird argumentiert, dass Bürgern auf Twitter durch die genannten semiotischen Spezifika Partizipationsoptionen zur Verfügung stehen. Die Möglichkeiten zur diskursiven Interaktion sowie zur qualitativen Argumentation der Bürger mit den Akteuren des politischen Systems und auch untereinander werden durch die twitterspezifischen Kommunikationsfunktionen erheblich gesteigert. Aus der vermeintlichen Beschränktheit des 140-Zeichen-Mediums entfalten sich durch diese Funktionen komplexe, intersubjektive Kommunikationszusammenhänge im Diskursuniversum Twitter.
Ein Schwerpunkt des Vortrags liegt auf der Funktion der Verlinkung. Hyperlinks verweisen auf Inhalte außer- und innerhalb der Twittersphere. Nutzer benutzen sie unter anderem, um ihre Argumentation im Diskurs zu stützen bzw. zu verlagern oder zu kontextualisieren. So werden etwa Zeitungsartikel für faktische Verifikationen herangezogen. Eine neue Art der Argumentationsstrategie lässt sich in der Verlinkung auf (audio-)visuelle Inhalte (hauptsächlich Fotos und Videos) beobachten. Hierbei dienen etwa narrative Fotosequenzen der Abbildung von Informations- und Argumentationsstrukturen. Illustrationen unterstreichen satirisch-humoristische Kommentare. Videos werden zur Akzentuierung der eigenen Argumentation angeführt, andererseits aber auch informativ als Diskussionsgrundlage angegeben. Die Implementierung der audio-visuellen Inhalte in die Twitter-Oberfläche erzeugt eine transmediale Darstellungsform, die zwar in einer Plattform abrufbar ist, aber deren Elemente dennoch je spezifische Eigenschaften aufweisen. Auf der multimodalen Ebene lassen sich einerseits die Eigenheiten von Schrift, Bild und Ton separieren. Hierbei greift, ähnlich wie bei den Hashtags, das Kontextualisierungsargument: insbesondere bei Bildern, die zudem syntaktisch dicht sind (Stetter 2005), hat der situative und kommunikative Kontext und das Vorwissen des Rezipienten Einfluss auf die Bedeutungszuweisung (Sachs-Hombach 2003). Andererseits verlieren plattforminhärente Spezifika, wie etwa YouTube-Videos in schlechter Qualität oder Fotos, deren Echtheit nicht verifizierbar ist, auf Twitter nicht an Wirkungskraft und beeinflussen ebenso die Bedeutungskonstitution. Kommunikative Handlungen in Twitter sind demnach multimodal und transmedial und dadurch hochkomplex.
In einer Untersuchung der NRW-Landtagswahl wurden gut 22.000 Tweets erhoben, die von Politikern, Medienaccounts und Bürgern versendet wurden. Anhand von Beispielen aus diesem Korpus sowie von Tweets aus anderen aktuellen nationalen und internationalen Diskursen (Stuttgart 21, Nazidemos in Dresden, Ägypten, Libyen etc.) soll veranschaulicht werden, wie Bild-Text-Schnittstellen in Twitter erzeugt und diskursiv genutzt werden. Dabei soll verdeutlicht werden, dass Interaktionen und Argumentationen transmedial und multimodal vollzogen werden. Twitter lässt sich daher als Diskursuniversum charakterisieren, in dem sich durch wenige spezifische semiotische Funktionen komplexe Subjekt- und Bedeutungszusammenhänge konstituieren lassen.
Habermas, Jürgen (1992): Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Sachs-Hombach, K. (2003): Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Köln: Herbert von Halem.
Stetter, C. (2005): System und Performanz. Symboltheoretische Grundlagen von Medientheorie und Sprachwissenschaft. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.
Storrer, A. (2000): Was ist "hyper" am Hypertext? In: Kallmeyer, W. (Hg.): Sprache und neue Medien. Berlin: de Gruyter, IDS Jahrbuch 1999, S. 222–249.