Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03533.jsonl.gz/330

Northumberland – England mit schottischen Anklängen
Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten
Im äussersten Nordosten Englands liegt die Grafschaft Northumberland – eine der weniger bekannten Gegenden im Vereinigten Königreich. Es ist ein stilles abgelegenes Land, das sich an der Küste der Nordsee eher flach zeigt und erst im Landesinneren auch gebirgigere Regionen aufweist. Hier ist man noch traditionsverbunden und pflegt seine eigene Identität.
Northumberland hat seinen Namen von der Flussmündung Humber, die sich ein gutes Stück weiter im Süden in die Nordsee öffnet. „Das Land nördlich des Humber“ ist die profane Bezeichnung der Grafschaft, deren historische Grenzen früher über ein gösseres Gebiet bis zum Humber erstreckten.
Grenzland zwischen England und Schottland
Heute umfasst Northumberland eine Fläche von rund 5.000 Quadratkilometern und ist damit fast so gross wie der Kanton Wallis. Mit etwas mehr als 300.000 Einwohnern ist die Region für englische Verhältnisse äusserst dünn besiedelt. Industrie spielt hier nur eine untergeordnete Rolle. Der früher bedeutende Kohleabbau findet inzwischen nur noch vereinzelt statt. Nach wie vor wichtig ist die Landwirtschaft und der Tourismus stellt eine Branche mit Zukunft dar. Jedes Jahr zählt Northumberland rund eine Million Feriengäste, die die schöne Landschaft und die alten Burgen, Landsitze, Klöster und Kirchen der Grafschaft zu schätzen wissen. Es handelt sich fast ausschliesslich um Briten, ausländische Reisende verirren sich nur selten hierhin. Dies mag am geringen Bekanntheitsgrad liegen.
Northumberland liegt unmittelbar an der englischen Grenze zu Schottland. Die schottische Hauptstadt Edinburgh ist von hier aus wesentlich schneller zu erreichen als das weit entfernte London. Was heute – trotz verstärkter schottischer Autonomiebestrebungen – nicht weiter erwähnenswert scheint, verhielt sich in früheren Zeiten ganz anders. Northumberland war in vergangenen Jahrhunderten als Grenzland ein häufiger Schauplatz von Kämpfen zwischen den beiden Nachbarvölkern. Nicht umsonst gibt es hier so viele Burgen und Burgruinen. Bereits die Römer sicherten das Gebiet durch Errichtung des sogenannten Hadrianswalls. Er trennte die unterworfenen Einwohner der römischen Provinz Britannien von den aufrührerischen Pikten im Norden, sozusagen den Ur-Schotten. Der Hadrianswall bildete damit auch eine Kulturgrenze zwischen römischer Zivilisation und keltischer Tradition.
In selbstbewusster Distanz zu London
Obwohl Northumberland seit jeher zu England gehört, gibt es viele Verbindungen zum angrenzenden Schottland. Einige Bräuche der Region ähneln denen in den schottischen Lowlands. Es existieren ausserdem ein paar sprachliche Besonderheiten, die wiederum eine Entsprechung jenseits der Grenze finden. Und die „Northumbrian Smallpipes“ sind eine regionale Version des Dudelsacks. Zur Recht lässt sich daher feststellen, dass England nirgendwo so schottisch ist wie in Northumberland. Auch sonst zeichnete sich die Geschichte der Region durch einige Eigenwilligkeiten und eine nicht nur räumliche Distanz zu London aus. Der Katholizismus hielt sich hier länger und beharrlicher als in anderen Teilen Englands. Die Dukes of Northumberland als Landesherren standen überdies in permanenter Opposition zu den englischen Tudor-Königen und mehr als einmal kam es zu offener Rebellion.
Der Stammsitz der Herzöge, Alnwick Castle, ist heute gleichzeitig eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Grafschaft. Der wuchtige und ausladende Bau, der sein gegenwärtiges Erscheinungsbild einer Umgestaltung im 19. Jahrhunderts verdankt und von einem bezaubernden Park umgeben ist, wirkt ein wenig wie eine Symbiose aus Schloss und Festung. Alnwick Castle ist nach Schloss Windsor der zweitgrösste Schlossbau Englands. Er hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Karriere als Filmkulisse hingelegt. Mehrere Harry-Potter- und Robin-Hood-Verfilmungen nutzten die „typische“ Atmosphäre des Bauwerks.
Heilige Insel – Lindisfarne Island
Wesentlich älter und ehrwürdiger ist die Abteiruine auf Lindisfarne Island. Die Ursprünge des Klosters auf der Gezeiteninsel reichen bis ins 7. Jahrhundert zurück, als irisch-schottische Mönche hier eine Niederlassung gründeten.
Kloster Lindisfarne gilt als Ausgangspunkt der Christianisierung Englands und wird daher auch als „Holy Island“ – Heilige Insel – bezeichnet. 793 wurde das Kloster von Wikingern überfallen und zerstört. Später erfolgte zwar ein Wiederaufbau, aber nach der Auflösung des Klosters im 16. Jahrhundert verfielen die Gebäude. Lindisfarne Castle auf der Insel liegt exponiert auf einem Felsen und wurde als Verteidigungsbau gegen die Schotten errichtet.
Ein weiterer markanter Burgbau an der Küste ist Bamburgh Castle. Der gewaltige Komplex hat eine bewegte Geschichte. Ursprünglich befand sich hier ein Königssitz der Herrscher des altenglischen Königsreichs Bernicia. Er wurde ebenfalls von Wikingern zerstört. Die Normannen errichteten an der Stelle eine Burg, die unter späteren englischen Königen als Bollwerk gegen die nördlichen Nachbarn erweitert wurde. In dieser Form präsentiert sich Bamburgh Castle noch heute.
Grosse Städte sucht man der Küste übrigens – ebenso wie im Binnenland – vergeblich. Die wenigen bedeutenderen Orte Northumberlands kommen über Kleinstadtformat nicht hinaus. An der Küste sind kleine Fischerdörfer typisch, aus deren Häfen auch heute noch Boote zum Fischfang in der Nordsee auslaufen.
Northumbria Nationalpark und Hadrianswall
Im Binnenland stellt der Northumbria Nationalpark die grösste natürliche Attraktion dar. Er liegt im Nordwesten von Northumberland und umfasst die höchsten Erhebungen der Grafschaft, die Cheviot Hills. Der Nationalpark erstreckt sich auf einer Fläche von gut 1000 Quadratkilometern im schottisch-englischen Grenzgebiet. Er bietet Besuchern eine vielfältige Landschaft. Dazu gehören zum Beispiel ausgedehnte Moore und Sümpfe ebenso wie Wiesen und Heideflächen. Der unmittelbar benachbarte Kielder Wald ist ein für englische Verhältnisse ungewöhnlich ausgedehnter, von Menschenhand geschaffener Nadelwald, der das Kielder Water – einen Stausee – umgibt. Im südlichen Teil des Nationalparks verläuft der Hadrianswall, dessen Verlauf dank Restaurierung gut nachzuvollziehen ist.
Der markanteste Gipfel des Nationalparks ist der Cheviot mit einer Höhe von 814 Metern, keine wirkliche bergsteigerische Herausforderung. Durchaus anspruchsvoll ist dagegen der Pennine Way, ein bekannter englischer Fernwanderweg, der auf seiner über 400 Kilometer langen Route auch den Northumbria Nationalpark durchquert. Wer auf dem Pennine Weg wandert, sollte gut planen, denn gerade in Northumberland führt er durch kaum besiedelte Gegenden mit wenigen Gelegenheiten zum Einkehren und Übernachten.
England einmal anders
Urlaub in Northumberland kommt ohne spektakuläre Events und übliche Urlaubsvergnügungen in touristischen Hotspots aus. Und er ist sicher auch ein starker Kontrast zu einer Städtereise nach London. Wer England einmal aus einer ganz anderen Perspektive kennenlernen und dabei schöne Landschaften in einem traditionsreichen Umfeld erleben will, ist in der nordöstlichsten Grafschaft des Landes richtig.
Artikelbild: Schloss Bamburgh © Michael Conrad – shutterstock.com