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Kandidat
Im alten Rom, wo alljährlich im Herbst die Konsuln und die übrigen Magistraten neu gewählt wurden und alljährlich mit dem Anfang des Amtsjahrs am 1. Januar sozusagen die Regierung wechselte, gab es keine "Wahljahre": einfach, weil jedes Jahr schon wieder Wahljahr und das ganze Jahr fortwährend Wahlkampf war. Sogleich nach dem Wahltag, noch ehe die frischgewählten designierten Konsuln ihr Amt angetreten hatten, setzte bereits der Wahlkampf um die Nachfolge der Nachfolger ein. Die ambitio, das "Herumgehen", und die prensatio, das "Händeschütteln", der Wahlkandidaten nahm kein Ende; Cicero bemerkt einmal in einem Brief an Atticus, er habe mit dem "Händeschütteln" für sein Konsulat schon anderthalb Jahre im voraus begonnen, um hinter der "praepropera prensatio", dem "voreiligen Händeschütteln", eines proaktiven Konkurrenten nicht zu weit zurückzufallen.
Der Bewerber um ein hohes Staatsamt wie zumal das Konsulat kleidete sich seit alters in die toga candida oder kurz candida, in die "strahlende, glänzende Toga"; nach dieser mit Kreide auf Hochglanz gebrachten Toga, wie sie auch sonst hie und da als Festgewand getragen wurde, hiess der Wahlbewerber candidatus, der "in die toga candida Gekleidete". Das Besondere an dieser toga candida war nicht so sehr ein makelloses Weiss als vielmehr ihr strahlender Glanz. Die toga alba, die alltägliche "weisse", wenn auch gewiss nicht waschmittelweisse Toga wurde durch fein aufgetragene und ausgeglättete Kreide zur hellglänzenden Festtags- und Wahlkampftoga veredelt - eine augenfällige Tracht, die den Kandidaten nicht nur aus der Menge der übrigen Togaträger auf dem Forum heraushob, sondern ihn symbolträchtig zu einem von Kopf bis Fuss "strahlenden, glänzenden" Wahlkampf-Star erhöhte.
Schon die Antike hat das Wort von der politischen Anwartschaft eines rührigen Wahlkämpfers hie und da auf allerlei andere Anwartschaften übertragen. So ist einmal die Rede von einem vielverheissenden "Kandidaten nicht nur für das Konsulat, sondern für die Unsterblichkeit", ein andermal von einem vielversprechenden Enkel als einem "Kandidaten für die Redegewalt seines Grossvaters", und einmal begegnet da sogar eine weibliche, gewiss nie in die toga candida gekleidete candidata, eine Anwärterin auf ein Priesterinnenamt.
Mittlerweile heissen alle Wahlkandidaten und -kandidatinnen ungeachtet ihres mittelmausgrauen oder mitternachtsblauen Anzugs, ihres schwarzen, blau-gelb gepunkteten, roten oder grünen Kostüms eben "Kandidaten" und "Kandidatinnen", und da reicht das Spektrum von der Präsidentschaft der Vereinigten Staaten von Amerika bis zur Präsidentschaft des Kegelklubs von Kleinkleckersdorf. Von der politischen Ochsentour ist das Wort zunächst auf die akademische Ochsentour übergesprungen, zu den Examens-"Kandidaten", die da zwischen Durchkommen oder Durchfallen hangen und bangen; und von diesen universitären "Kandidaten" ist der strahlende Titel in jüngster Zeit noch weiter auf die televisionären "Kandidaten" übergegangen, bei deren Ambitionen es gleich in den allerersten Quizsendungen und Ratespielen um nichts Geringeres als um "Alles" oder "Nichts" ging. Von der altehrwürdigen Toga und der glanzverleihenden Kreide ist da nicht mehr viel geblieben. Was wohl die modernen Wahlkampf-"Kandidaten" mit der Kreide machen? Ob sie die wohl, wie der Wolf bei den sieben Geisslein, vor dem Wahlkampfauftritt einfach schlucken?
Klaus Bartels
Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 13.7.2020
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