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Osteopathie
Osteopathie – Ganzheitliche Heilung mit den Händen
Es war vor rund 150 Jahren, als der amerikanische Arzt Andrew Taylor Still (1828 - 1917) nach intensiver Forschung die Prinzipien der Osteopathie entwickelte und damit eine neue Form der Medizin begründete. Der Begriff leitet sich aus den altgriechischen Wörtern osteon für Knochen und pathos für Leiden her. Stills Ansatz zielte anders als in der klassischen Medizin üblich nicht auf das Bekämpfen der Erreger, sondern auf die Stärkung jenes Teils des inneren Milieus, den wir heute als Abwehrsystem kennen. Um dies zu erreichen müssen jene anatomische Läsionen beseitigt werden, die über eine Störung von Blut- und/oder Nervensystem einen direkten, aber vor allem indirekten Einfluss auf die Körperphysiologie haben.[1]
Die Osteopathie ist eine ganzheitliche Form der Medizin, in der Diagnostik und Behandlung mit den Händen erfolgen. Osteopathie geht dabei den Ursachen von Beschwerden auf den Grund und behandelt den Menschen in seiner Gesamtheit. Stills Ansatz von ca. ca. 1860–1875 ist insofern hochkomplex, als er vitalistisches Denken mit mechanistischem Handeln verbindet.
Hippokratisches Ideal
Da Andrew Taylor Still körperärztliches Handeln eingebettet in die Seelsorge kennengelernt hatte, entsprach seine Einstellung jener des hippokratischen Idealarztes als Körperarzt, Seelsorger und Philosophen in einer Person: Ein Arzt, der keine Krankheiten behandelt, sondern den Menschen ganzheitlich begleitet.[2]
Die grundlegenden konzeptionellen Annahmen in der Osteopathie entsprechen einem historisch begründeten, philosophischen Gedankengebäude. Die naturwissenschaftliche Ausrichtung war entsprechend dem Wissenschaftsverständnis seiner Zeit stark mechanistisch geprägt, wobei Andrew Taylor Still zur Entstehungszeit seines Ansatzes (um ca. 1860–1875) versuchte, damals noch unbekannte physiologische und immunologische Zusammenhänge mit seiner mechanistischen Sprache auszudrücken. Die Osteopathie im deutschsprachigen Raum (D - A - CH) orientiert sich heute bezüglich des Einsatzes entsprechender Verfahren an den Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung in den Bereichen Anatomie und Neurophysiologie.
Fünf Jahre Ausbildung
Für Osteopathinnen und Osteopathen gelten in der Schweiz seit Februar 2020 einheitliche Anforderungen. Denn damals trat das neue Gesundheitsberufegesetz (GesBG) in Kraft. Es regelt sowohl die Ausbildung als auch den Bildungsabschluss und die Berufsausübung. „Wer in der Schweiz als Osteopath oder Osteopathin in eigener fachlicher Verantwortung tätig sein möchte, benötigt eine Berufsausübungsbewilligung des Kantons, in dem die Tätigkeit ausgeübt werden soll“, liest man auf der Internetseite des Schweizer Bundesamts für Gesundheit. Die Berufsausübungsbewilligung für Osteopathie wird erteilt, wenn der Bildungsabschluss den Voraussetzungen des neuen Gesundheitsberufegesetzes entspricht.
Um in der Schweiz Osteopathie zu praktizieren, wird ein von der HES-SO ausgestellter Master of Science in Osteopathie benötigt. Dieser Master-Titel wird nach einer fünfjährigen (d. h. zehn Semester dauernden) berufsqualifizierenden Ausbildung verliehen. Der Erwerb dieses Abschlusses ist obligatorisch, um in der Schweiz Osteopathie zu praktizieren.[3]
Breites Anwendungsgebiet
Im Allgemeinen denkt man bei Osteopathie am ehesten an Rücken-, Knochen- und Gelenksbeschwerden. Doch das osteopathische Anwendungsgebiet ist wesentlich breiter. Die osteopathische Behandlung ist vielmehr für verschiedenste Beschwerden am gesamten Körper geeignet - dies sowohl bei akuten als auch bei chronischen Beschwerden.
Die wesentlichen Anwendungsbereiche sind Funktionstörungen und Beschwerden des Bewegungsapparates (Rücken- und Nackenbeschwerden, Beschwerden im Bereich des Brustkorbs, Kribbeln oder Gefühlsstörungen in Armen oder Beinen, Sportverletzungen wie Verstauchungen und Muskelverletzungen, Sehnenentzündung, Beschwerden nach Schleudertraumtas und Kopfschmerzen), Beschwerden des Verdauungsapparates (wie z. B. Reizdarm, Schluckbeschwerden, Magenbeschwerden und Verdauungsstörungen), Beschwerden des Urogenitaltraktes (schmerzhafte Regel-Blutungen, Harnwegsprobleme, Beschwerden beim Geschlechtsverkehr) und Funktionsstörungen und Beschwerden im Hals-Nasen-Ohren-Bereich (HNO) wie z. B. bei Heiserkeit und Stimmveränderungen, bei Nebenhöhlen- oder Mittelohrentzündungen, Schwindel oder auch Schmerzen im Kiefergelenk.
Faszination für den Körper
Osteopathen sollten vom menschlichen Körper und seinen Funktionen fasziniert sein. Sie brauchen deshalb ein gutes manuelles Geschick und arbeiten gerne mit unterschiedlichen Menschen zusammen. Wichtig für Osteopathen sind auch reflektiertes Handeln, gute Beobachtungsgabe, analytisches und vernetztes Denken und selbstorganisiertes Lernen.
Osteopathen arbeiten mit ihren Händen. Sie tasten nach Form und Dichte des Gewebes und spüren so die Problembereiche auf. Daraufhin behandeln sie die Stellen mit verschiedenen Techniken, zum Beispiel mit leichtem Druck. Sie regen die Selbstheilungskräfte des Patienten an und verschaffen ihnen eine sofort spürbare Erleichterung. Osteopathen sprechen mit ihren Patienten über die Wirkung der Behandlung. Und nicht zuletzt beraten sie die Patienten hinsichtlich einer gesunden Lebensweise.
[3] Federation Suisse des Osthéopates ( Schweizerischer Verband der Osteopathen): „Osteopathie – Ihre Gesundheit in guten Händen“, in: fso-svo.ch, Abruf am 22. Oktober 2020