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Oberrhein (?), Mitte 16. Jahrhundert
Haselnussschale, Lindenholz, bemalt
H 1,7 cm, L. 3,8 cm, Dm. der Nuss 1,4 cm
Inv. 1904.477.
Vier Teile einer Haselnussschale entfalten sich zur Bühne für den Leidensweg Christi: In die dunkelblau und grün bemalten Schalenviertel, die am Rand mit weissen Punkten verziert sind, wurden Figuren aus dünnem Lindenholz oben und unten eingeklebt. Sie zeigen die wichtigsten Stationen der Passion Christi: Gefangennahme Christi (linker Soldat fehlt), Verspottung, Kreuztragung und Kreuzigung, aus der das Kruzifix sowie der rechte Soldat ausgebrochen sind; lediglich das untere Stück des Kreuzesstammes ist noch sichtbar. Die einzelnen Teile der Nussschale sind an den Aussenseiten mit einem Papierstreifen verbunden, so dass man sie zusammenlegen kann. Bis auf einen etwa 3 mm breiten Spalt bilden sie eine ganze Nuss.
Als «ein Paßion in einer haselnus» bezeichnete Basilius Amerbach das winzige Objekt, das zu den wenigen erhaltenen Kuriositäten seines Kabinetts gehört. Es scheint ihm besonders am Herzen gelegen zu haben, denn er brachte es in einer der beiden geräumigen verschliessbaren Schubladen des grossen, in der Mitte seines Sammlungsraumes stehenden Nussbaumtischs unter, die wiederum kleine Schubladenkästen und Laden mit besonders geschätzten Kostbarkeiten enthielten (s. S. 50,Abb. 9). Der reformierte Amerbach bewahrte das Miniaturkunstwerk sicherlich als Kuriosum in seiner Sammlung. Über seine Herkunft ist nichts bekannt, doch erinnert seine Gestaltung an südamerikanische Handarbeiten.
Derartige kleinteilige Devotionalien und Klosterarbeiten haben sich nur selten aus dem 16. Jahrhundert erhalten. Nüsse waren als Amulette hochgeschätzt. So gehörten Haselnüsse zu jenen Früchten, denen man magische und medizinische Fähigkeiten zusprach (Hansmann/Kriss-Rettenbeck 1966, S. 67).
Im Hinblick auf die Darstellung von Passionsszenen in der Nussschale ist die Bedeutung der Steinfrucht als Christussymbol aufschlussreich: Den Erläuterungen des Augustinus von Hippo (354–430) zufolge steht die harte Schale für das Holz des Kreuzes, das Christus das ewige Leben ermöglichte, und der Kern für die Göttliche Natur Christi.
Thematisch erinnert das Objekt an Betnüsse, die vom ausgehenden 15. Jahrhundert bis zur Reformation ihre Blütezeit hatten. Es handelt sich um kleine, aufklappbare, meist kugelförmige, aus Buchsbaum, Lindenholz oder Elfenbein geschnitzte Kapseln, die im Innern winzige, detailreich geschnitzte Reliefs mit Szenen aus der Passion Christi oder Heiligenleben zeigen. Häufig dienten sie als Rosenkranzanhänger oder -perlen zu Andachtszwecken. Im 16. Jahrhundert entwickelten sich die Betnüsse zu begehrten Kabinettstücken. Doch sind diese mikroskopisch feinen Schnitzereien um ein Vielfaches virtuoser gearbeitet als die vorliegende Haselnuss. Dasselbe gilt auch für die mit minutiösen Schnitzereien verzierten Muskatnüsse, Pfirsichkerne, Kirschkerne oder gar Pfefferkörner, die in höfischen Kunstkammern als eindrucksvolle Wunderwerke menschlicher Schaffenskraft gesammelt wurden. Ein prominentes Beispiel ist der mit 185 geschnitzten Köpfen verzierte Kirschkern aus dem Grünen Gewölbe in Dresden, den der Kaiserliche Rat Christoph von Loß 1589 dem Kurfürsten Christian I. von Sachsen schenkte (Syndram 2010, Inventar von 1619, fol. 432r, Abb. 80).
Die Haselnuss aus dem Amerbach-Kabinett kann als «Kleinigkeitsschnitzerei» bezeichnet werden, da bei diesem Kuriosum die Kleinheit der Darstellung und nicht der künstlerische Anspruch der technischen Ausführung im Vordergrund steht (Hartmann 1998, S 67).