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Jerome David Salinger gelang 1951 mit "Der Fänger im Roggen" eine Weltsensation. Von diesem Kultbuch, das der von Salinger erkorene Verlag ablehnte, wurden weltweit über 65 Millionen Exemplare verkauft und auch heute noch gehen jährlich eine halbe Million über den Ladentisch.
"Holden Caulfield (der Held von "Der Fänger im Roggen") war James Dean, bevor es James Dean gab, und er war cool, bevor es den Ausdruck 'cool' gab." Ein Rebell und eine Identifikationsfigur bis heute, die auch immer wieder sehr eigenwillig interpretiert wurde - der Lennon-Killer wie auch der Reagan-Attentäter beriefen sich auf Holden Caulfield.
Salinger lebte zurückgezogen, die letzten fünfundfünfzig Jahre seines Lebens verbrachte er in völliger Abgeschiedenheit - das jedenfalls liess er seine Umwelt glauben, so arbeitete er an seinem Mythos. Sicher, er wollte seine Privatsphäre schützen, doch "er reiste viel, unterhielt zahlreiche Affären und lebenslange Freundschaften, begeisterte sich für Populärkultur und verkörperte viele der Dinge, die er in seinen Werken kritisierte."
David Shields und Shane Salerno legen mit "Salinger. Ein Leben" ein spannendes Buch vor. Sie lassen dabei ganz unterschiedliche Weggefährten zu Worte kommen - es ist höchst faszinierend, wie verschieden der Mann wahrgenommen worden ist.
Den Auftakt macht die Landung der amerikanischen Truppen am Utah Beach in der Normandie, Juni - August 1944. Selten habe ich so eindrücklich geschildert gekriegt, was bei dieser Landung vorgefallen ist - von den 60 Männern, die meisten 19 und 20 Jahre alt, zu denen der 25jährige Salinger gehörte, verloren 39 ihr Leben.
Auch während des Krieges schrieb er, "... bei Angriffen kroch er unter einen Tisch, um weiterzuschreiben, weil er unbedingt etwas fertigstellen wollte oder vielleicht gerade etwas Neues angefangen hatte." Im Ritz in Paris trifft er auf sein Idol Hemingway, der sein Schreiben lobt. Im Winter 1944 hat Hemingway Salingers Regiment an der deutsch-belgischen Grenze besucht.
In dieser Zeit bombardierte Salinger die Lyrik-Kritikerin beim 'New Yorker' mit Gedichten; Tausende erfroren damals in den Schützengräben, es fehlte an Winterstiefeln, warmen Mänteln und trockenen Decken.
Jerome David Salinger wurde 1919 in den Wohlstand der New Yorker Park Avenue hineingeboren und will weg aus dieser Welt und Schriftsteller werden. Er fliegt aus zwei Schulen, schafft dann schliesslich die Militärschule und träumt davon, im 'New Yorker', der Zeitschrift, die wie keine andere für die Park Avenue steht, veröffentlicht zu werden.
Bereits im College verkündete er öffentlich, "dass er eines Tages den grossen amerikanischen Roman schreiben würde." An der Columbia University besuchte er im Frühjahr 1939 Whit Burnetts Kurzgeschichten-Kurs und äusserte sich hernach höchst lobend über den Dozenten. Während der Vorlesungen trat er hingegen kaum in Erscheinung. Hallie Abbett, eine von Burnetts Studentinnen, die er später heirate, beschrieb Salinger als "einen ernsten, charmanten jungen Mann mit einer geradezu ägyptisch anmutenden Zurückhaltung."
Er verliebt sich in Oona O'Neill (sie gehen miteinander aus, er schreibt ihr täglich seitenlange Briefe aus dem Militär), die jedoch im Alter von 18 Jahren den 54jährigen Charlie Chaplin heiratet, was Salinger sein Leben lang nicht verwindet. So bringt es David Shields auf den Punkt: "Es ist bezeichnend und aufschlussreich, dass er sein Leben lang einer Beziehung huldigte, die es anscheinend gar nicht gegeben hatte. Er wiederholte diese Beziehung mit einer Reihe von jungen Frauen."
Nach dem Krieg kehrt Salinger nach New York zurück. Einzelgängerisch, überheblich und besessen von schriftstellerischem Ehrgeiz, gehört sein Leben der Literatur. Doch da gab es auch noch sein Interesse am Zen-Buddhismus und seine Obsession: junge Mädchen.
Gemäss Shields und Salerno kann Salingers Leben in "zwei entscheidende, voneinander abgegrenzte Bereiche" unterteilt werden: "Vor dem Krieg und nach dem Krieg sowie vor der Religion und nach der Religion. Der Krieg machte ihn zu einem gebrochenen Mann und zu einem grossen Schriftsteller; die Religion bot ihm in der Nachkriegszeit Trost und zerstörte sein literarisches Talent."
Als der kanadische Autor Michael Clarkson, der Salinger als Seelenverwandten sah, ihn in seiner Abgeschiedenheit aufsucht, beschied ihm dieser: "Es ist alles Fiktion. Es gibt nichts Autobiografisches in meinen Geschichten." Die Lektüre von "Salinger. Ein Leben" vermittelt einem das genaue Gegenteil.