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Max E. Ammann ist ein engagierter Schaffer im Hintergrund, hat Meilensteine im Pferdesport gelegt und diesen somit geprägt. Er kennt die internationale Pferdesportszene wie kaum ein anderer, sein Archiv ist voll von fotografischen und dokumentarischen Schätzen aus vergangenen Zeiten.
Sein jüngstes Werk ist das Jubiläumsbuch des Schweizerischen Verbands für Pferdesport «120 Jahre Pferdesport Schweiz». Im «Bulletin»-Interview erfahren Sie mehr über diesen faszinierenden Menschen.
«Bulletin»: Was ist Ihre früheste Erinnerung an Pferde und den Pferdesport?
Max E. Ammann: Es gab immer Pferde in meinem Leben. Mein Vater führte eine Obsthandlung und eine Fuhrhalterei im thurgauischen Ermatingen. Das Geschäft wurde 1902 von meinen Grosseltern gegründet. Damals waren die Hauptabnehmer unserer Produkte im deutschen Konstanz, und die Ware wurde mit einem von einem Hund gezogenen Wagen 15 Kilometer weit bis über die Grenze gefahren. Im Jahr 1908 kauften meine Grosseltern ihr erstes Pferd, da der Hundewagen nicht mehr ausreichte. Das Geschäft lief gut, und 1911 erfolgte erstmals eine Obstlieferung nach Zürich mit der SBB. Als mein Vater die Firma um 1940 übernahm, wurden die Äpfel und Beeren mit insgesamt fünf Pferden bei den umliegenden Bauern mit dem Pferdewagen abgeholt. Sobald ich gross genug war, half ich nachmittags nach der Schule beim Abholen der Waren mit und fuhr mit dem Zweispänner von Bauer zu Bauer. Zurück im heimischen Geschäft, wogen und verteilten wir das Obst, um es dann abends mit dem Zug nach Zürich und St. Gallen zu verfrachten. Die Pferde waren Warmblüter, Franzosen und Hannoveraner, mit denen wir sonntags auch mal einen Ausritt oder eine Ausfahrt unternahmen.
Meinen ersten Concours besuchte ich 1945 in Amriswil - das Osterspringen, an dem auch Fahrsport gezeigt wurde - und dann 1947 in St. Gallen und Frauenfeld. Diese Concours animierten meinen Vater, mit seinen Kutschpferden an Fahrkonkurrenzen teilzunehmen, sodass ich in den Jahren 1946 bis 1954 als Mitfahrer auf dem Zwei- und dem Vierspänner meines Vaters an Turnieren im Thurgau teilnahm.
Ich war selbst kein aktiver Turnierfahrer oder -reiter. Damals interessierte ich mich mehr für Fussball und Leichtathletik.
War für Sie sofort klar, dass Sie sich beruflich mit dem Pferdesport beschäftigen wollten?
Nein, mein beruflicher Werdegang schien eigentlich in eine andere Richtung zu weisen. Mit 16 Jahren absolvierte ich eine kaufmännische Lehre in einer Speditionsfirma und arbeitete anschliessend bis 1963 in Speditionsfirmen und Reedereien in Basel, La Chaux-de-Fonds, Zürich, Hamburg und St. Gallen.
Schon damals entdeckte ich aber mein Flair für das Schreiben und die Geschichte. Wir hatten damals den «Schweizer Kavallerist», den Vorgänger des heutigen «Kavallo», zu Hause. Darin entdeckte ich eine Anzeige, in der zwei vom «Schweizer Kavallerist» herausgegebene Büchlein über die Olympischen Spiele von 1936 und von 1948 angepriesen wurden. Ich bestellte diese und entdeckte so meine Begeisterung für die historische Aufarbeitung von Pferdesportereignissen.
Wann kam dann die Wende in Richtung Pferdesport und Journalismus?
Es gab damals keine Journalistenschulen. Wer in diesem Metier Fuss fassen wollte, musste in die Redaktionen gehen und Aufträge ergattern, um sich schliesslich zu etablieren. Das tat ich, daneben arbeitete ich aber weiterhin in der Speditionsbranche.
Das Jahr 1959 veränderte mein Leben dann ganz unerwartet. Damals besuchte ich die Rekrutenschule in Fribourg, wo ich mir eine schwere Erkrankung zuzog, die schliesslich zu einer Lähmung führte.
Dennoch zog ich Anfang der 1960er-Jahre für einen Job in der Speditionsbranche nach New York. Bald verdiente ich dort aber mehr Geld mit meiner journalistischen Tätigkeit als in der Spedition. Bis 1973 war ich Auslandskorrespondent in New York und arbeitete für Schweizer, deutsche und österreichische Tages- und Wochenzeitungen, vorwiegend in den Ressorts Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport. Von 1969 bis 1973 war ich zudem Chefredaktor der Amerikanischen Schweizer Zeitung.
Ab 1964 schrieb ich dann reitsportliche Beiträge für Fachzeitschriften wie den «Schweizer Kavallerist», die französische «Information Hippique», die deutsche «Reiter Revue», den niederländischen «Hoefslag», den US-amerikanischen «Chronicle of the Horse» und den kanadischen «Corinthian» - und natürlich für die von Cornaz und Bridel herausgegebene «L’Année Hippique». Als Journalist war ich immer eher der Analytiker - damit bildete ich offenbar einen willkommenen Kontrast zu den etablierten Pferdesportjournalisten. Ich erstellte jährliche Weltranglisten in den Disziplinen Springen, Dressur, Military und Fahren und später auch jährliche Ranglisten der Zuchtländer. Diese Jahreslisten wurden in den bereits erwähnten Fachzeitschriften publiziert, ab Ende der 1980er-Jahre auch in «L’Année Hippique».
Als ich im März 1973 mit der Familie in die Schweiz zurückkam, wurde ich zum Chefredaktor des «Luzerner Tagblatt» gewählt und amtete als Präsident des Zentralschweizerischen Journalistenverbandes. Diese Stellung gab mir gewisse Freiheiten, die ich nutzte, um die grossen Concours der Welt zu besuchen. So entdeckte ich, dass es neben den Freiluft-CSIO auch ganz tolle Hallenturniere gab.
Die 1970er Jahre waren für den europäischen Pferdesport eine unheimlich kreative Zeit. Insbesondere die WM der Springreiter in La Baule (FRA) 1970, die Olympischen Spiele von München (GER) 1972 und die WM der Springreiter in Hickstead (GBR) 1974 verhalfen dem Pferdesport zu einer nie dagewesenen Publizität. Damals hatte beispielsweise in Deutschland jede grössere Zeitung ihren eigenen Pferdesportexperten in der Redaktion! In dieser Zeit übernahm ich von Klaus Erb die Berichterstattung über den Pferdesport bei der Schweizer Presseagentur Dukas.
Pressekonferenz der EM der Springreiter 1985 in Dinard (FRA) unter der Leitung von Max E. Ammann, ganz rechts im Bild (v.l.n.r.): Fabio Cazzaniga, Walter Gabathuler, Heidi Robbiani, Philippe Guerdat, Willi Melliger | © SVPS/Roland von Siebenthal
Wie kam es, dass Sie dann immer mehr auch ausführende Rollen im Pferdesport übernahmen?
Ab 1973 besuchte ich wann immer möglich Spring-, Dressur-, Military-, Fahr- und Voltigeturniere in ganz Europa. Ich war Initiant, Mitbegründer und erster Präsident der Internationalen Vereinigung der Pferdesport-Journalisten (IAEJ). So gewann ich tiefe Einsichten und profunde Kenntnisse im Pferdesport, nicht zuletzt als Mitbegründer und erster Generalsekretär des internationalen Springreiterclubs (IJRC).
So war ich dann auch Initiant der Gründung des Weltcups der Springreiter, dessen Direktor ich bis 2003 war. Das entsprechende Reglement habe ich initiiert und verfasst.
Aus dieser Erfahrung heraus war ich 1983 dann auch mitbeteiligt an der Gründung des Weltcups der Dressurreiter.
1999 amtete ich als Präsident einer FEI-Kommission, die sich Gedanken zur Zukunft des Fahrsports machte und einen Vorschlag für den Weltcup der Viererzugfahrer ausarbeitete. Zwischen 2001 und 2005 war ich der Direktor des Weltcups der Viererzugfahrer und verfasste dessen Reglement.
Mit 65 Jahren gab ich dann meinen Rücktritt als Weltcup-Direktor Springen - nach einem Vierteljahrhundert! Zwei Jahre später zog ich mich auch aus dem Weltcup der Vierzugfahrer zurück.
Ihrer journalistischen Ader sind Sie aber trotzdem immer treu geblieben?
Ich war während dieser Zeit in die Organisation zahlreicher internationaler Concours, Weltcups und Championate im In- und Ausland involviert, organisierte 1991 die Voltige-Europameisterschaft in Bern und den CDI Bern sowie 1992 erneut den CDI Bern, war an acht Olympischen Spielen akkreditiert und leitete Medienstellen und Pressekonferenzen renommierter Turniere. So war der Journalismus immer ein wichtiger Teil meiner Tätigkeiten. Beispielsweise schrieb ich 1984 das erste Pressehandbuch über den Weltcup der Springreiter, das anschliessend jedes Jahr publiziert wurde. Es folgten jährliche Pressehandbücher auch über den Weltcup der Dressurreiter und den Weltcup der Viererzugfahrer.
Ausserdem schrieb ich zahlreiche Bücher über das Pferd und den Pferdesport, insbesondere auch historische Aufarbeitungen verschiedener Aspekte des Pferdesports (siehe Kasten).
Noch heute schreibe ich sehr gerne, beispielsweise die regelmässige Kolumne «Standpunkt» in der Schweizer PferdeWoche.
Was war für Sie besonders spannend bei der Arbeit am Jubiläumsbuch des SVPS?
Das Buch war eine besondere Herausforderung für mich. Anfänglich hatten wir uns vorgestellt, mit mehreren Pferdesportjournalisten zusammenzuspannen, mit Georges Zehnder (ehem. «PferdeWoche»), mit Thomas Frei (ehem. «Kavallo») und mit Alban Poudret («Cavalier Romand»). Sie konnten schliesslich zwar aus verschiedenen Gründen nicht voll in das Projekt einsteigen, waren aber unverzichtbare Helfer im Hintergrund. Auch andere Fachleute lieferten wertvolle Beiträge und wichtige Informationen. Im internationalen Pferdesport kenne ich mich sehr gut aus, aber für Themen wie die Verbandsgeschichte, die Kavallerie oder auch den nationalen Sport musste ich mir schon einiges an Wissen aneignen und mich einarbeiten - so ein Projekt beschäftigt einen 24 Stunden am Tag.
Wir waren ein sehr gutes Projektteam, bei dem jeder in seinem Kompetenzbereich seine Aufgaben kannte und effizient erledigte. So arbeite ich gerne!
Was sind Ihre nächsten Projekte?
Ich habe zwei verrückte Ideen, die ich in nächster Zeit realisieren möchte - beide nicht im Bereich des Pferdesports.
Meine zweite Leidenschaft gilt der Kunst. Es gibt bereits zahlreiche Bücher über Kunst und über Künstler, was aber fehlt, ist ein Buch über die Menschen im Umfeld der Kunst: Sammler, Kuratoren, Galeristen usw. Über sie möchte ich ein Buch schreiben!
Den Anstoss zu einem weiteren Projekt gab mir der schwedische Springrichter Anders Ekberg vor einigen Jahren am Rande des internationalen Springturniers von Helsinki. Er sagte zu mir: «Jetzt fehlt nur noch deine eigene Biografie!» Ich winkte zunächst ab - wer will schon über mich und mein Leben lesen. Dann habe ich darüber geschlafen und schliesslich handschriftlich auf 450 Seiten alles zu Papier gebracht. Es soll kein kommerzielles Werk werden, sondern ein Erinnerungsstück für meine Familie und Freunde in kleiner Auflage.
Ausserdem sollte ich meine Archive aufräumen - mir wird also sicher nicht langweilig in nächster Zeit!
Das Gespräch führte
Cornelia Heimgartner