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Seit 1982 waren mir Porträts das journalistische Mittel, um mich Kulturschaffenden, insbesondere SchriftstellerInnen, im Speziellen schreibenden Männern in meiner Generation anzunähern, an deren literarischem Anspruch ich mich rieb, weil mir die Produktion von Belletristik damals als Selbstdispensation von gesellschaftlich notwendiger, realistischer Publizistik erschien. Auch nach den Zeiten missionarischen Eifers blieb mir die Porträtierung Kulturschaffender wichtig, weil es nie schaden kann zu versuchen, hinter den Werken die Werkenden zu verstehen.
Ausserhalb des Kultur-Bereichs habe ich die Form des Porträts konsequent zu pflegen begonnen, als mir «Work», die Zeitung der Gewerkschaft Unia, die Möglichkeit gab, regelmässig Berufsporträts zu verfassen. Zwischen 2003 und 2014 sind deren rund 170 entstanden, die zusammen mit einigen Gelegenheitsarbeiten an dieser Stelle mit der Zeit mein Panorama der Arbeitswelt bilden sollen.
Ein Nachteil der Arbeit für «Work» war das enge formale Korsett, in dem diese Texte zu formulieren waren (jeweils 6000 Zeichen mit Leerschlägen inklusive dem stets analog zu formulierenden Kasten zur Biografie der porträtierten Person). Gleichzeitig wurde mir während der Arbeit an diesen Berufsporträts zunehmend bewusst, wie wahr Heinrichs Heines Wort ist, dass unter jedem Grabstein eine Weltgeschichte ruht – und dass das auch heisst, dass in jedem lebenden Menschen eine Weltgeschichte heranwächst.
Dieser Gedanke war ein wichtiger Ausgangspunkt für das Projekt, pars pro toto mehrere grosse Sozialreportagen zu verfassen und so einige dieser Weltgeschichten im willkürlich gesetzten Rahmen von 100000 Zeichen zu skizzieren. Entstanden sind die vier Porträts, die 2012 unter dem Titel «Alles bestens, Herr Grütter» erschienen sind – übrigens mit der Gattungsbezeichnung «Reportagen» im Untertitel, wozu mir an dieser Stelle ein Bonmot von Wolf Biermann einfällt: Manchmal bin ich nicht mehr meiner Meinung.
Schliesslich habe ich versucht, eine Weltgeschichte ohne Platzbeschränkung zu erfragen und zu schreiben. Ich begann gleichzeitig an zwei Projekten zu arbeiten: Das eine betraf einen Gewerkschafter von zeitgeschichtlicher Bedeutung. Der zurückhaltende Mann machte mit, weil und solange seine Gewerkschaft meine Arbeit unterstützte. Als die Gewerkschaft das Interesse an meiner Arbeit verlor, zog auch er sich zurück. Mehrere Wochen Gespräche, Transkriptionsarbeiten und zeitgeschichtliche Recherchen brachten nichts Zählbares.
Das zweite Projekt gelang: In Auseinandersetzung mit der Künstlerin Lilly Keller entstand ein biografischer Text, der nicht nur das Leben einer äusserst lebendigen, kreativen und widerständigen Frau nachzeichnet, sondern als erwünschten Nebeneffekt in verschiedenen Passagen das nonkonformistische Bern aus der Perspektive einer Feministin avant la lettre spiegelt (was mein Projekt NONkONFORM weitgehend versäumt hat). Das Buch «Lilly Keller Künstlerin» (2015) ist im Verkauf. Im Einvernehmen mit dem Verlag werde ich es allenfalls zu einem späteren Zeitpunkt an dieser Stelle zugänglich machen.
• Wassernot im grössten Freiluftgefängnis. – Informationsabend zur Situation in Gaza.
• Lindita Salihus Geschichte von Flucht und Ankunft (Teil 1 + Teil 2)
Zur 7. Berner Aktionswoche gegen Rassismus: