Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03151.jsonl.gz/1647

Brokerhäuser aus Deutschland, Grossbritannien, Frankreich und Dänemark berichten von einem Anstieg des Kleinanleger-Handels seit dem durch die Pandemie ausgelösten Markteinbruch - eine Entwicklung vergleichbar mit dem Robinhood-Phänomen in den USA. Indes haben sich institutionelle Investoren bei einem Grossteil der Markterholung seit Mitte März zurückgehalten.
Bereits vor der Krise hat der deutsche Broker Trade Republic ein exponentielles Wachstum bei der Kontoeröffnung verzeichnet, und diese Entwicklung habe sich jetzt beschleunigt, sagte Andreas Friedrich, ein Sprecher des deutschen Brokers, der einen provisionsfreien Handel ähnlich wie das US-Pendant Robinhood anbietet. Viele der Kunden des Brokerhauses sahen in den Marktbewegungen eine gute Chance, am Aktienmarkt einzusteigen, fügte er hinzu.
Obwohl die Institutionellen zögerten, blieb das Handelsvolumen im Referenzindex Stoxx Europe 600 über dem vor dem Coronavirus-Ausbruch verzeichneten Durchschnitt. Dies deutet auf eine starke Beteiligung der Privatanleger an der Rally hin, bei der die Benchmark in weniger als drei Monaten etwa zwei Drittel der vorangegangenen Verluste wieder wettmachte.
Die Saxo Bank verzeichnete ein "wesentlich" höheres durchschnittliches tägliches Handelsvolumen, schrieb ein Sprecher in einer E-Mail. Laut monatlichen Statistiken auf der Website des dänischen Brokers lag das durchschnittliche tägliche Aktien-Handelsvolumen in den ersten fünf Monaten des Jahres bei 5,5 Milliarden Dollar, mehr als das Doppelte der 2,6 Milliarden Dollar im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Das Volumen für den Devisenhandel war ebenfalls erhöht, während es bei festverzinslichen Wertpapieren in etwa gleich war.
«Bei Aktien zugreifen»
Auch der britische Borker AJBell vermeldet "einen deutlichen Anstieg des Handels im ersten Monat des Lockdowns" mit einem Verhältnis von Käufen zu Verkäufen von im Verhältnis 70 zu 30 für April. Kunden "griffen offenbar bei Aktien zu, als der Kurs besonders niedrig war", sagte eine Sprecherin des Unternehmens. Ähnlich war es beim französischen Broker Boursorama, der ein vierfaches Ordervolumen im Vergleich zu vorher meldete. Der Anteil der Kauf-Orders lag bei 70 Prozent gegenüber einem längerfristigen Durchschnitt von 50 Prozent.
Eine Marktweisheit besagt, dass es Zeit sei zu verkaufen, wenn Kleinanleger bei der Rally einsteigen. Es kann jedoch sein, dass das hohe Engagement solcher Investoren die Rally anschiebt und Indizes wie den DAX trotz wackeliger Fundamentaldaten in die Nähe der zu Jahresbeginn verzeichneten Niveaus treibt.
Junge, oft unerfahrene #Trader investieren über den Gratis-Broker «#Robinhood» derzeit massiv in die Märkte - und verursachen dadurch mitunter Hypes um #Aktien von Pleite-Unternehmen. Statistiken geben Aufschluss über nächste Hypes. Die Kritik wird lauter.https://t.co/PPi91dt8i1 pic.twitter.com/VZE2CXSBhy
— Henning Hölder (@HoelderH) June 25, 2020
Noch Ende Mai, zwei Monate nach Beginn der Erholung, flossen aus europäischen Aktienfonds die siebte Woche in Folge Gelder ab, sagt Bank of America unter Verweis auf EPFR-Global-Daten. Die Aktienkurse stiegen jedoch weiter und schlossen Anfang Juni auf einem Drei-Monats-Hoch. Eine Reihe von Strategen sehen Hedgefonds und Leerverkaufs-Eindeckungen neben Privatanlegern als Treiber der Rally.
"Privatanleger werden seit langem mit dem Kauf von Aktien in Verbindung gebracht, die für viele institutionelle Anleger weitgehend tabu sind, entweder weil sie zu klein oder einfach zu spekulativ sind", schrieb Andrew Lapthorne, Stratege bei der Société Générale in der vergangenen Woche in einer Notiz über US-Aktien. Daten zeigten jedoch, dass sie nun offenbar sowohl qualitativ hochwertige als auch minderwertige Aktien kaufen, fügte er hinzu.
Das Timing der Robinhood-Investoren am Markt "sieht einwandfrei aus", schrieb er und stellte fest, dass die Positionen deutlich zunahmen, als die Aktienmärkte Mitte März ihren Tiefpunkt erreichten.
Frühes Interesse
Die Idee, dass die zügige Erholung seit März der Beginn einer neuen langfristigen Rally ist, hat die Angst geschürt, etwas zu verpassen, und könnte auch die jüngere Bevölkerungsgruppe anlocken. So sind bei Interactive Investor aus Manchester die Kontoeröffnungen für steuerfreie individuelle Sparkonten (ISA) im April und Mai bei Investoren zwischen 18 und 24 Jahren um 163 Prozent und bei Anlegern zwischen 25 und 34 Jahren um 238 Prozent gestiegen.
Ein weiteres Anlageinstrument, das unter europäischen Kleinanlegern immer beliebter wird, sind börsengehandelte Fonds. Prognosen zufolge dürften sie ein "sehr starkes" Wachstum bei Privatkunden erleben, erwartet Wei Li, EMEA-Leiterin für Anlagestrategie bei iShares von Blackrock. "Bildung ist der Schlüssel, damit sich Anleger mit ETFs als Kernbaustein des Portfolios vertraut machen können", sagte Li. "Wir sehen das bereits und gehen davon aus, dass es weiter zunimmt."
(Bloomberg)