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österreichische Statthalter beauftragt sei, die dortigen Stände zu berufen. Bismarck erklärte 4. Juni diesen Schritt Österreichs für einen offenen Bruch der Gasteiner Konvention und eine Herausforderung Preußens, [* 2] und als Gablenz die holsteinischen Stände wirklich 5. Juni nach Itzehoe berief, rückte Manteuffel 7. Juni mit seiner Division in Holstein ein und besetzte es, während die österreichische Brigade Kalik, der Übermacht weichend, gefolgt vom Herzog von Augustenburg, das Land verließ. Am 27. Mai hatte Bismarck den deutschen Regierungen noch einmal in offener, männlicher Sprache [* 3] seine Bundesreformvorschläge entwickelt und empfohlen und hervorgehoben, daß Preußen [* 4] den andern Staaten keine größern Opfer zumute, als es selbst zu bringen bereit sei. Am 9. Juni erklärte Preußen in der Bundesversammlung, daß es die schleswig-holsteinische Frage als eine nationale ansehe und sie als eine solche, d. h. in Verbindung mit der Bundesreform, zu lösen bereit sei; es erwarte nur den Augenblick, wo es diese Frage mit einer Bundesgewalt verhandeln könne, in welcher die Mitwirkung der nationalen Vertretung ihm die Bürgschaft gewähre, daß die von Preußen gebrachten Opfer dem gesamten Vaterland und nicht der dynastischen Begehrlichkeit zu gute kämen.
Österreich [* 5] dagegen klagte 11. Juni am Bund wegen gewaltthätiger Selbsthilfe Preußens in Holstein und stellte den Antrag auf Mobilmachung der gesamten Bundesarmee mit Ausnahme ihrer preußischen Bestandteile, d. h. auf Kriegserklärung gegen Preußen. Da Österreich selbst und seine Verbündeten den Augenblick zum Losschlagen für gekommen erachteten, so ward trotz des Protestes Preußens schon 14. Juni über diesen Antrag abgestimmt und derselbe mit neun gegen sechs Stimmen (außer Preußen Oldenburg, [* 6] Mecklenburg, [* 7] die thüringischen Staaten, die Freien Städte außer Frankfurt [* 8] und Luxemburg) [* 9] zum Beschluß erhoben.
Als die Abstimmung beendet und das Resultat verkündet war, erklärte der preußische Gesandte v. Savigny, daß seine Regierung den bisherigen Bundesvertrag damit für gebrochen und erloschen ansehe, daß sie aber an der über den vorübergehenden Formen erhabenen Einheit der deutschen Nation festhalte, und daß sie einen neuen Bund mit den deutschen Regierungen zu schließen bereit sei auf Grund einer neuen Verfassung, deren Grundzüge Savigny auf den Tisch des gewesenen Bundestags niederlegte, und deren erster Artikel lautete: »Das Bundesgebiet besteht aus den seitherigen Staaten mit Ausnahme der kaiserlich österreichischen und königlich niederländischen Landesteile«. So bewährte sich Preußen als der eigentlich deutsche Staat, indem es die Gründung eines lebensfähigern, kräftigern Bundesstaats als Ziel des Kampfes hinstellte, während seine Gegner ohne politische Ideen nur den alten Zustand erhalten und durch Zerstückelung Preußens ihren Neid u. ihre Selbstsucht befriedigen wollten.
Der Krieg (s. Preußisch-deutscher Krieg) nahm einen Verlauf, wie ihn niemand vermutet hatte. Während die Bundestruppen sich erst sammelten, okkupierte Preußen Sachsen [* 10] und Kurhessen ohne Schwertstreich, Hannover [* 11] nach dem blutigen Gefecht von Langensalza [* 12] (27. Juni). Ganz Norddeutschland war in Preußens Gewalt, die meisten kleinen Staaten riefen ihre Gesandten vom Rumpfbundestag ab und schlossen sich ihm an. Der siebentägige Feldzug in Böhmen [* 13] und die Schlacht von Königgrätz [* 14] brachten den Sieg über Österreich zu glänzender Entscheidung; der Mainfeldzug zersprengte die beiden Bundesarmeekorps, welche unter dem Symbol der schwarz-rot-goldenen Trikolore in den Kampf gezogen waren; der Bundestag mußte nach Augsburg [* 15] flüchten, wo er sich 24. Aug. auflöste. Die Intervention Napoleons III. rettete Sachsen und nötigte Preußen, sich auf einen norddeutschen Bund zu beschränken; doch gestatteten die Nikolsburger Friedenspräliminarien (26. Juli) und der Prager Friede (23. Aug.), daß der Verein der süddeutschen Staaten mit dem Norddeutschen Bund eine nationale Vereinigung eingehe. Österreichs deutsches Gebiet blieb unverletzt, die Kriegskosten (20 Mill. Thlr.) waren nicht erheblich.
Dagegen schied es nun aus Deutschland [* 16] aus; es gab für immer seine dominierende Stellung hier auf, und der Dualismus der deutschen Großmächte endete mit dem völligen Sieg Preußens, das durch die Einverleibung Schleswig-Holsteins (für dessen nördlichen Teil Art. 5 eine Volksabstimmung zu gunsten Dänemarks vorbehielt), Hannovers, Kurhessens, Nassaus und Frankfurts sein deutsches Gebiet bedeutend vergrößerte. Von Österreich im Stiche gelassen, wendeten sich die süddeutschen Staaten, mit Ausnahme von Baden, [* 17] an Frankreich um Hilfe, das gleichzeitig in drohender Form eine Kompensation am Rhein auf preußische, bayrische und hessische Kosten verlangte.
Bismarck wies dies Verlangen auf die Gefahr eines neuen Kriegs hin zurück. Zugleich aber entschloß er sich, durch milde Friedensbedingungen die süddeutschen Staaten für eine engere Verbindung mit Preußen zu gewinnen und so die Versöhnung und die Einigung ganz Deutschlands [* 18] ohne Österreich anzubahnen. Württemberg [* 19] und Baden erlitten also keine, Bayern [* 20] nur unerhebliche Gebietsverluste und mußten bloß Kriegskontributionen zahlen, schlossen aber im August mit Preußen geheime Schutz- und Trutzbündnisse, in welchen sie sich ihr Gebiet gegenseitig garantierten und zur Verteidigung desselben im Fall eines Kriegs ihre volle Kriegsmacht zur Verfügung zu stellen und den Oberbefehl über dieselbe dem König von Preußen zu übertragen sich verpflichteten. Damit war die nationale Verbindung, die der Prager Friede vorsah, hergestellt, auch wenn kein Südbund zu stande kam.
Daß der deutsche Entscheidungskampf so rasch und mit einem so durchschlagenden Erfolg beendet wurde, war ein unschätzbares Glück für Deutschland und ein großes Verdienst der preußischen Staats- und Heeresleitung. Hierdurch wurde eine tiefer eindringende Verbitterung zwischen den kämpfenden Parteien vermieden, Frankreichs Einmischung abgewehrt, jeder Versuch, die neue Gestaltung Deutschlands unter Preußens Hegemonie rückgängig zu machen, zur Erfolglosigkeit verurteilt und die Eingewöhnung der Gemüter in die neuen Verhältnisse erleichtert.
Ein Sieg Österreichs und der Mittelstaaten würde die Frage der deutschen Einheit nicht gelöst, nur noch mehr verwirrt und Deutschland wieder zum Spielball europäischer Ränke gemacht haben, wie es nach dem Dreißigjährigen Krieg der Fall war. Die Siege Preußens zeigten, daß es an sittlicher und intellektueller Kraft [* 21] dem österreichischen Völkerkonglomerat weit überlegen sei, daß aber auch die Mittelstaaten nicht wirkliche Staatspotenzen waren, die auf eignen Füßen standen, daß namentlich sowohl die Bundeskriegsverfassung als die einzelnen Kontingente, auch die größern, praktisch unbrauchbar und die beträchtlichen seit Jahrzehnten dafür gebrachten Geldopfer vergebliche waren. Daß Deutschland nur durch eine nach preußischem Muster durchgeführte Wehrverfassung unter preußischer Führung seine Sicherheit und Integrität mit Erfolg verteidigen könne, davon hatten die Kämpfe am Main auch die heftigsten Gegner Preußens überzeugt. ¶
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Der Norddeutsche Bund.
Nachdem König Wilhelm durch das Verlangen der Indemnität für die bisherige budgetlose Verwaltung mit dem preußischen Abgeordnetenhaus und mit dem Land Frieden geschlossen hatte und die Einverleibung der annektierten Gebiete, durch welche der preußische Staat auf 350,000 qkm mit 24 Mill. Einw. vermehrt wurde, gesetzlich geordnet war, schritt die preußische Regierung dazu, den Norddeutschen Bund zu organisieren. Die Großherzogtümer Oldenburg, Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz und Sachsen-Weimar, die Herzogtümer Braunschweig, [* 23] Anhalt, [* 24] Sachsen-Koburg-Gotha und Sachsen-Altenburg, die Fürstentümer Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen, Reuß [* 25] j. L., Waldeck, [* 26] Lippe [* 27] und Schaumburg-Lippe, die Freien Städte Hamburg, [* 28] Lübeck [* 29] und Bremen [* 30] hatten schon während des Kriegs mit Preußen ein enges Bündnis geschlossen und sich 18. Aug. für die am 14. Juni von Preußen vorgelegte neue Bundesverfassung erklärt. Hessen [* 31] hatte sich in seinem Friedensschluß 3. Sept. verpflichtet, mit der vom preußischen Gebiet umschlossenen Provinz Oberhessen dem neuen Bund beizutreten. Nun wurden auch Sachsen-Meiningen und Reuß ä. L. dazu genötigt. Endlich kam nach Entlassung Beusts der Friede mit Sachsen zu stande; Sachsen zahlte 10 Mill. Thlr. Kriegskosten und trat ebenfalls dem Bund bei, dessen Grundzüge es ausdrücklich annahm.
Die Bevollmächtigten dieser Staaten wurden zum nach Berlin [* 32] geladen und ihnen hier der Entwurf einer Verfassung für den Norddeutschen Bund vorgelegt. Die Beratungen dauerten bis zum und führten zu allseitiger Verständigung, da die preußische Regierung die besondern Wünsche und Vorschläge ihrer Verbündeten bereitwilligst berücksichtigte, diese dagegen in den Hauptpunkten keine Schwierigkeiten machten. Am 12. Febr. fanden die allgemeinen Wahlen für den konstituierenden Reichstag des Norddeutschen Bundes statt, und 24. Febr. ward derselbe in Berlin vom König von Preußen eröffnet, dem die verbündeten Staaten für diesen Fall im voraus die verfassungsmäßigen Präsidialrechte übertragen hatten.
In der Thronrede hieß es: »Einst mächtig, groß und geehrt, weil einig und von starken Händen geleitet, sank das Deutsche Reich [* 33] nicht ohne Mitschuld von Haupt und Gliedern in Zerrissenheit und Ohnmacht. Niemals aber hat die Sehnsucht des deutschen Volkes nach seinen verlornen Gütern aufgehört, und die Geschichte unsrer Zeit ist erfüllt von den Bestrebungen, Deutschland und dem deutschen Volk die Größe seiner Vergangenheit wiederzuerringen. Wenn diese Bestrebungen bisher nicht zum Ziel geführt, wenn sie die Zerrissenheit, anstatt sie zu heilen, nur gesteigert haben, weil man sich durch Hoffnungen oder Erinnerungen über den Wert der Gegenwart, durch Ideale über die Bedeutung der Thatsachen täuschen ließ, so erkennen wir daraus die Notwendigkeit, die Einigkeit des deutschen Volkes an der Hand [* 34] der Thatsachen zu suchen und nicht wieder das Erreichbare dem Wünschenswerten zu opfern.« Hieran knüpfte sich die Mahnung an die Vertreter des Volkes, den günstigen Moment zur Errichtung des Gebäudes nicht zu versäumen und den vollendetern Ausbau desselben getrost dem fernern vereinten Wirken der deutschen Fürsten und Volksstämme zu überlassen. Am 4. März legte Bismarck dem Reichstag den Verfassungsentwurf vor und empfahl seine Annahme 11. März in längerer Rede.
Die Beratung, welche der zum Präsidenten des Reichstags gewählte Simson leitete, ging rasch von statten. Die Nationalliberalen bemühten sich überall, nur das Wesentliche ins Auge [* 35] zu fassen und die preußische Regierung in ihrem Werk zu unterstützen; schärfere Opposition machte bloß die Fortschrittspartei, ohne jedoch bei ihrer Minderzahl etwas zu erreichen. Während der Reichstag die Kompetenz des Bundes in mehreren Punkten erweiterte und seine eignen Rechte genauer präzisierte, behaupteten die Regierungen ihren Standpunkt in Bezug auf die Militärfrage, in welcher sie die Normierung der Präsenzstärke mit 1 Proz. der Bevölkerung [* 36] und die entsprechenden Kosten bis erlangten, und die Diätenfrage, wonach die Reichstagsabgeordneten keine Entschädigung erhalten sollten. Am 16. April ward die Verfassung mit 230 gegen 53 Stimmen angenommen und 17. April der Reichstag geschlossen.
Die Bundesverfassung, welche in Kraft trat, beruhte auf dem Grundgedanken der Union von 1849: das Präsidium des Bundes wurde der Krone Preußen erblich übertragen und besaß das Recht, Krieg zu erklären, Frieden, Bündnisse und Verträge zu schließen, den Bund nach außen zu vertreten, das Haupt der Exekutive, den Bundeskanzler, zu ernennen und Bundesrat und Reichstag zu berufen. Der erstere war aus den Bevollmächtigten der verbündeten Staaten zusammengesetzt und zählte 43 Stimmen (davon Preußen 17); er hatte das Recht der Vorberatung und Genehmigung aller Gesetze.
Der Reichstag ging aus allgemeinen, direkten Wahlen hervor (ein Abgeordneter auf 100,000 Seelen) und hatte die Rechte und Stellung der Volksvertretung eines konstitutionellen Staatswesens. Die Bundesgesetzgebung erstreckte sich auf das ganze Verkehrs-, Handels-, Münz- und Zollwesen sowie wichtige Rechtsgebiete, ließ dagegen die innere Verwaltung der Einzelstaaten möglichst unberührt; doch gingen die Bundesgesetze stets den Landesgesetzen vor. Unbeschränkte Freizügigkeit gestaltete das Einzelindigenat zu einem Bundesindigenat um, Kriegsmarine und Heeresverfassung waren einheitlich, der König von Preußen Bundesfeldherr. Trotz mancher Mängel und Unebenheiten war die neue Verfassung lebens- und verbesserungsfähig. Die Kraft der Nation war in Einer Hand vereinigt und die Zersplitterung durch das Übergewicht Preußens verhindert, ohne daß den Einzelstaaten die Geltendmachung ihres Einflusses und ihrer Interessen verkümmert war.
Schon während der Beratungen des konstituierenden Reichstags ward der neue Bund von einer äußern Gefahr bedroht. Durch den Bundesreformentwurf war die Verbindung Deutschlands mit dem Großherzogtum Luxemburg gelöst worden, doch hatte Preußen seine Garnison in der dortigen Festung [* 37] gelassen. Napoleon III. hatte sich nun dies Fürstentum zu der Kompensation ausersehen, mit welcher er den Neid (oder wie es hieß, »die berechtigte Empfindlichkeit«) der Franzosen über Preußens Machtentwickelung beschwichtigen wollte. Er schloß daher mit dem König Wilhelm III. der Niederlande [* 38] über Luxemburg einen Kaufvertrag ab. Er rechnete auf Preußens Nachgiebigkeit, ja er bot für die Zustimmung zu weitern Annexionen auf Belgiens Kosten auch die Anerkennung der Hegemonie über Süddeutschland an. Die preußische Regierung verweigerte jedoch ihre Zustimmung und beantwortete die französischen Kriegsdrohungen mit der Publikation der geheimen Allianzverträge mit den süddeutschen Staaten (19. März). Auch im Reichstag kam die Sache aus Anlaß einer Interpellation Bennigsens zur Sprache. ¶