Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03590.jsonl.gz/132

Die Schweiz war in der frühen Neuzeit eine geistige und kulturelle Drehscheibe, die besonders für weite Gebiete Mitteleuropas wichtig war. «Vor allem Basel profilierte sich dank Erasmus von Rotterdam als Humanistenzentrum», sagt der Kirchenhistoriker Jan-Andrea Bernhard. Bernhard organisiert den interdisziplinären Kongress zum Thema «Humanistischer Wissenstransfer», der ab Montag in Zürich stattfindet. Damit sich im 16. Jahrhundert Wissen entfalten und verbreiten konnte, waren vorweg zwei Faktoren nötig: ein Klima der religiösen Toleranz und eine Buchdruck-Infrastruktur. Beides fand Erasmus von Rotterdam in Basel, wo er sich gegen Ende seines Lebens niederliess. Noch heute lässt sich die damalige Verbreitung von Wissen anhand von erhaltenen Büchern nachzeichnen.
Humanistische Protestanten
Die Universität Basel, wo Erasmus Asyl fand, war im 16. Jahrhundert die wichtigste Schnittstelle des wissenschaftlichen Austausches überhaupt. «Die Achsen des humanistischen Netzwerks waren Paris–Basel–Krakau sowie London–Basel–Venedig», sagt Bernhard. Von dieser zentralen Stellung profitierte auch der Nachbar Zürich, so der Kirchenhistoriker: «Es bestand ein reger geistiger Austausch zwischen Zürich und Basel.» Davon zeugt auch der Briefwechsel Heinrich Bullingers (1504–1575) mit Hunderten von Korrespondenten von Schottland bis nach Weissrussland. Die erhaltene Sammlung von Briefen ist umfangreicher als jede andere.
Die reformierten Protestanten betrieben ihre Ausbildung erst in der Zürcher Prophezei Zwinglis und später in der Zürcher Hohe Schule, welche unter Bullingers Aufsicht stand. «Bereits im 16. Jahrhundert kamen Studenten aus dem Osten Europas nach Zürich, um hier Theologie zu studieren und die Bibel in der hebräischen und griechischen Ursprache lesen und auslegen zu lernen», sagt Professor Peter Opitz, der Leiter des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte. Das Bibelstudium war sowohl im reformierten Protestantismus wie im Humanismus zentral. Überhaupt sei der historische Zwist zwischen dem deutschen Reformator Martin Luther und dem Humanisten Erasmus für die Schweiz nie von gleicher Bedeutung gewesen, so Opitz: «Die Zürcher Reformatoren waren alle zuerst Humanisten und sie blieben es auch als Reformatoren.»
Alte Wissensachsen
Am Kongress werden alte Beziehungen, die spätestens während des Kalten Krieges eingefroren waren, wieder aufgetaut. Die Schweiz war für junge Gelehrte aus Zentraleuropa im 16. Jahrhundert ein Magnet, weil es dort an Universitäten mangelte. In weiten Teilen Ostmitteleuropas, etwa in Mähren, gab es überhaupt keine Hochschule. Zudem fehlte im Gebiet des heutigen Ungarn auch ein Druckzentrum, wie es eben Basel, Paris oder Venedig war. «Die Studenten waren gezwungen, im Westen oder im Süden zu studieren», sagt Bernhard, der über die Wissensverbreitung im «Reich der Stephanskrone» von 1500 bis 1700 habilitierte.
Der Hauptumschlagplatz für Bücher im 16. Jahrhundert war übrigens Frankfurt, wo schon damals regelmässig eine Buchmesse stattfand. Die Bücher wurden von dort zum Teil über Buchhändler verbreitet, oft aber auch durch Studenten, die ihre Lehrbücher nach Hause nahmen. Manchmal geschah dies heimlich, wenn es sich um verbotene Literatur handelte. «Schweizer Helvetica» reisten oft gegen Osten.
«In Basel wurden unzählige Bücher des Humanismus in hochwertiger Druckqualität herausgegeben; im 16. Jahrhundert haben wir Kenntnis von insgesamt über 8000 Druckerzeugnissen allein aus Basel», so Bernhard. Nun werden die Wege und die Wirkung jenes Büchertausches der frühen Neuzeit am Kongress in Zürich nachgezeichnet. «Mit dem Interesse an der Bibel wurde auch das humanistische Wissen von Zürich aus exportiert», sagt Professor Opitz. Viele bedeutende Originale aus jener Zeit befinden sich heute in Bibliotheken Ungarns oder in Rumänien, etwa Heinrich Bullingers persönliches Exemplar von «Cyprian’s Opera», das 1521 in Basel gedruckt wurde.
Vielsprachige Forschung
Die Tagung sei ein Bild der polyglotten Welt von damals, sagt der Organisator Bernhard. Dies zeige sich auch in der vielsprachigen Wissenschaft. Die Historiker, Altphilologen, Theologen und Bibliothekwissenschaftler am Kongress debattieren zwar nicht mehr in Griechisch und Latein wie damals. Doch auch Englisch ist im Forschungsgebiet des Humanismus nicht zur Lingua Franca geworden. Die Mehrheit der Referate wird auf Deutsch, Französisch und Italienisch gehalten. Bei der Übersetzung greife man auch auf den reichen Sprachschatz der Teilnehmenden zurück, sagt Bernhard, der selbst ungarisch spricht und rumänisch versteht.
Tagung «Humanistischer Wissenstransfer» Unter dem Patronat des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte an der UZH und der Zentralbibliothek Zürich findet in Zürich vom 15. bis 18. April 2013 ein internationaler Kongress statt. Thema der Referate ist der Humanistische Wissenstransfer zwischen der Schweiz und Ostmitteleuropa. Die Mehrzahl der rund 20 Referenten stammt aus verschiedenen Ländern Europas, insbesondere aus Ungarn, der Slowakei, Rumänien und Tschechien. Zu jenen Gebieten bestanden schon im 16. Jahrhundert intensive Beziehungen. Die Tagung in Zürich ist die Fortsetzung und der Abschluss von zwei Kongressen, die 2007 und 2009 in der Slowakei stattfanden. Unterstützt wird die Veranstaltung vom Schweizerischen Nationalfonds.
Kommentar schreiben
Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.