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Uta Karrer
Ambigues Polen . Diskurse zu polnischer „Naiver Kunst“
Inwieweit hat sich die Systemgrenze, die Europa bis 1989 teilte, nicht nur politisch, sondern auch kulturell ausgewirkt? Dieser Frage widmet sich das Dissertationsprojekt anhand der Diskursanalyse eines bislang wenig beachteten Aspekts der Repräsentation und Konstruktion des östlichen Europas: Publikationen und Ausstellungen so genannter polnischer „Naiver Kunst“. Sowohl in der Volksrepublik Polen als auch in der Bundesrepublik Deutschland erfreute sich polnische „Naive Kunst“, die mit Überschneidungen auch als „sztuka ludowa“ („Kunst des Volkes“) bezeichnet wurde, zwischen den 1960er bis in die 1980er Jahre starker Popularität.In einem ersten Schritt stellt das Dissertationsprojekt die politische Förderung und Funktionalisierung der „sztuka ludowa“ in der Volksrepublik Polen dar. Anhand postkolonialer Ansätze (Bhabha 1994) werden daraus entstehende Widersprüchlichkeiten und Konsequenzen aufgezeigt. Ein zweiter Schritt legt dar, welche Selbst- und Fremdkonstruktionen sich in Sammlungen und Präsentationen polnischer „Naiver Kunst“ in der Bundesrepublik Deutschland manifestierten. Die Analyse zeigt auf, dass Polen in einem Grenzbereich Europas verortet und ambigue, zugleich als kulturell und zivilisatorisch entfernt, dargestellt wurde. Die Konstruktion von Polen als im Unterschied zum westlichen Europa nicht industrialisiertem, naturnahen Ort, in dem ländliche Leben als authentisch aufgefasste Kreativität in Form von Polnischer „naiver Kunst“ hervorbrachte, wurde verbunden mit der Zuschreibung wirtschaftlicher und kultureller Rückständigkeit. Des Weiteren argumentiert das Dissertationsprojekt, dass die in Publikationen und Ausstellungen zentral thematisierte Schuldfrage bezüglich des Zweiten Weltkrieges kombiniert und ersetzt wird durch die Inanspruchnahme einer helfenden und kulturtragenden Rolle als Zivilisationsträger.
Supervisor: Walter Leimgruber
Co-Supervisor: Johannes Moser (LMU München)
Bio:
Uta Karrer ist Doktorandin in der Kulturanthropologie/Europäischen Ethnologie an der Universität Basel und der LMU München. An der Universität Bonn, der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) sowie der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań hat sie Ethnologie und Kulturanthropologie studiert.
Während ihres wissenschaftlichen Volontariats am Völkerkundemuseum Herrnhut, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, war sie an dem Projekt „Sammlungen neu sichten“ des Deutschen Museumsbundes beteiligt. Zuvor arbeitete sie in der Vermittlung und Museumspädagogik im Museum im Alten Schloß Schleißheim, Bayerisches Nationalmuseum sowie am Forschungsinstitut des Deutschen Museums, München. Seit 2015 ist sie in der wissenschaftlichen Erschließung im Fotoarchiv der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde in Basel tätig.