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von Oliver Delacrétaz, Lausanne
«Ich fühle eine gewisse Schwierigkeit zu existieren.»
Fontenelle (1657–1757), auf dem Sterbebett
Als Ethan Fontannaz, Schüler am geschichtsträchtigen Lausanner Gymnasium La Cité, aus dem Hauptgebäude tritt, ertönen aus seinem Natel Mozartklänge im Technostil. Ein Facebook-«Freund» (bei Tagesbeginn hatte er deren 547) teilt ihm und gleichzeitig 1413 weiteren mit, dass im Sauvabelin-Park oberhalb Lausannes eine Riesenfete stattfinden werde. Warum nicht …?
Ethan hat soeben seine letzte Geographiestunde vor der Matura hinter sich. In diesem Jahr haben sie sich mit Populationsgenetik, Plattentektonik und Grossstadtagglomerationen befasst. Seine «Aktivitäten» im Fach Geographie bestanden darin, Informationen zu «Fair-Trade-Kaffee, Schokolade und Bananen» aus Wikipedia zu kopieren und in eine Datei einzufügen. Währenddessen gab seine Lehrerin ihrer Doktorarbeit in Sozialgeographie zum Thema «Tourismus – letztes Stadium des Imperialismus» den letzten Schliff.
Gemäss Schulgesetz hat der Geographieunterricht zum Ziel, beim Lernenden durch ein ethnisch dezentrales Heranführen an eine vielschichtige und bedrohte Welt Sozialkompetenz zu entwickeln. So arbeiteten sie im Unterricht mit Karten, auf denen der Süden oben platziert war, um die Überlegenheit Europas zu brechen, die auf den traditionellen Karten unbemerkt als wissenschaftliche Realität präsentiert wird.
In derselben Manier hat die nationale Geographiekommission GeoHarmoS die «lokalen» Kenntnisse «problematisiert», indem sie von vornherein auf allgemeine Begriffe abhob. So in die Sphäre der Allgemeingültigkeit gerückt, definiert Ethan fehlerfrei geographische Begriffe wie «Delta», «Findling», «Prallhang» oder «Moräne»; er weiss, was unter einer Schutzzone im Sinne des Raumplanungsgesetzes zu verstehen ist. Aber er ist weder ins Tal von Sciernes-Picats oder in die Arnonschlucht gegangen noch hat er die «Tine de Conflans» oder den «Stein von Camboz» gesehen. Im Sinne der Autoren der Methode wird sein Wissen darüber so umso objektiver sein. Es ist wahr, dass auch der «traditionelle» Geographieunterricht sich nicht für diese geografischen Sehenswürdigkeiten des Waadtlandes interessiert hatte, wurde die Geographie doch aus nationaler Perspektive mit Hauptakzenten auf dem Finsteraarhorn, dem Berner Seeland und der Luzerner Kappeler Brücke behandelt.
Was die persönlichen Geographiekenntnisse Ethans betrifft, so verfügt er über einige Orientierungspunkte in Lausanne: der Seepark in Vidy, den Discoclub «Le Mad» im Quartier Flon und den Sauvabelin-Park, wo er gerade hin will. Der Rest interessiert ihn kaum: Der Lausanner Osten ist eine grosse bewaldete Fläche, üppig und unzugänglich; der Westen, ein feindlicher italo-afro-balkanischer Wilder Westen; der Norden oberhalb des Chalet-à-Gobet ein undefiniertes Niemandsland, das in der Presse als Hinterland bezeichnet wird und das er sich ähnlich dem «Totenmoor» vorstellt.
Ethan kommt am Schloss Saint Maire vorbei. Dieses Gebäude sagt ihm gar nichts. Er ist der Meinung, Saint Maire sei ein gutmütiger Bürgermeister. Denn es geht ihm mit der Geschichte wie mit der Geographie: ein Jahr Quellenstudium zur Anwendung der Chemie im Mittelalter, ein Jahr über die Entmythisierung der Pfahlbauern und ein Arbeitsjournal über das Erstellen seiner Maturaarbeit. Die allgemeine Geschichte empfindet er etwas diffus als eine von der Barbarei der Höhlenbewohner zur Menschenrechtsdeklaration aufsteigende Gerade.
Die Geschichte der Schweiz? Während einer Unterrichtseinheit in Staatskunde hat man ihnen eine leicht verdauliche Zusammenfassung des Bergier-Berichts präsentiert. Was die Geschichte des Waadtlandes betrifft, weiss er noch weniger, sofern dies überhaupt möglich ist. Er geht an der Statue von Jean Daniel Abraham Davel vorbei, ohne zu wissen, dass es der «Major» ist. Pierre de Savoie? La baronnie de Vaud? Die Berner Invasion? Jules Muret? Capo d‘Istria? Noch nie davon gehört …
Ehrlich gesagt, fühlt er sich weder als Schweizer noch als Waadtländer. Die lokalen Bräuche kennt er nicht. Er zieht ihnen die extravertierten Verhaltensweisen der Südamerikaner vor. Wenn die Schweizer Fussballmannschaft ein Match gewinnt, versucht er dies auf brasilianisch zu feiern: (diskretes) Geschrei, (zurückhaltendes) Hupkonzert, ungeschickte Tanzbewegungen zu Samba-Rhythmen.
Was die kulinarischen Spezialitäten, die kantonalen Chortreffen, den Dialekt, die waadtländischen Anekdoten betrifft, lässt ihn das alles kalt, es ist ihm eher unangenehm. Ihm scheint Ramuz’ Romanwelt viel weniger glaubwürdig als diejenige, die er aus Videospielen kennt. Er geht am «Major» vorbei und lässt ihn hinter sich weiter zu den gleichgültigen Menschen sprechen.
Sein Vater, der seine Familie früh im Stich gelassen hatte, erzählte ihm nie aus seiner Familiengeschichte, dieser Gesamtheit von Erinnerungen, die jedes Kind mit einer mehr oder weniger mythischen und oft beschönigten Vergangenheit verbindet. Seine aus Venezuela stammende Mutter hat sich in die Gemeinschaft ihrer exilierten Landsleute zurückgezogen. Ethan ist nie den mehr oder weniger willkürlichen Beurteilungen seiner Onkel und Tanten ausgesetzt gewesen, die eine Grundlage der Persönlichkeit darstellen. Von ihm hat nie jemand gesagt: «Das ist ein echter Fontannaz, er lügt genau so gut wie Cousin Ernest!» oder er habe «genau das Kinn und die Ohren seiner Urgrossmutter Pearl».
Er weiss nicht, dass diese Pearl, geborene Bossy, die aus einer reichen Familie von Mühlebesitzern stammt, dank einer Mitgift von 30 000 Franken das Familiengut vor dem Konkurs gerettet hat. Er weiss nicht, dass sein Grossonkel (der berühmte Ernest, der auch nicht mehr gelogen hat als andere Leute, aber auf eine etwas kreativere Art) das landwirtschaftliche Gut ohne viel Begeisterung übernommen hat – der Boden war ihm zu weit unten – bevor er es an Makler verkauft hat und in die Karibik verreist ist. Genauso wenig weiss er von der Existenz seines Cousins zweiten Grades, eines Berufsoffiziers, von seiner Grosstante, viermal verheiratet und Wirtin in Zermatt, und von seinem Onkel, Zeichner in Boston. Diese ganze, an Facetten reiche Familie existiert in seiner mentalen Landschaft nicht. Er weiss nicht, wo sein Vater seiner Mutter begegnet ist. Genau genommen weiss er nicht einmal, wo er geboren wurde. Er leidet nicht darunter, da er nie gelernt hat, etwas wissen zu wollen.
Man hat ihm nie gesagt, dass die Fontannaz aus Bex stammen. Spielt ja auch keine Rolle, da die Herkunft keinerlei erbschaftliche und administrative Bedeutung mehr hat. Genauso geht es mit dem Familiennamen, in der oberflächlichen und immer wechselnden Gruppe seiner Bekanntschaften genügt ein meist abgekürzter Vorname vollständig.
An der Bushaltestelle La Barre hört er die Kathedrale zwölf schlagen. Diese «schweren ehernen Klänge» lösen in ihm nichts aus. Er ist nicht gläubig, er hat ja auch keinen religiösen Unterricht gehabt, er ist nicht Agnostiker oder Atheist, sondern von der Religion einfach nicht berührt. Um ehrlich zu sein, sieht er auch keinerlei Problem darin. Die Kirchgemeinde, der er angehört, hat mit zwei andern fusioniert. Der Pfarrer wohnt nicht mehr in dieser Gemeinde, aber er macht dort Besuche, wenn die Gläubigen ihn dazu einladen. Aber Ethan denkt nicht daran, das zu tun.
Er steigt aus dem Bus aus, kommt zum See, sein Handy klingelt: Die «Organisatoren» der Fete treffen sich jetzt plötzlich am See unten für ein Botellón. Dieses Vorgehen wäre der Generation seiner Grosseltern wahrscheinlich als unverschämt vorgekommen. Ihm ist es egal, er macht es nicht anders. Wahrscheinlich wird er hingehen. Aber vielleicht auch nicht.
Er setzt sich auf eine Bank. Wie jeder von uns befindet er sich am Kreuzungspunkt der Linien von Raum und Zeit. Aber seine Linien verlieren sich, kaum sind sie gezogen: Sein Raum ist das Hier. Seine Zeit ist das Jetzt. Er steckt seine Ohrhörer in die Ohren, er wählt auf seinem MP3-Player nach dem Zufallsprinzip Musik, entspannt seine Muskeln, Ohren und Augen. Er schwebt an der Grenze der Existenz in einer Fruchtblase fader Ewigkeit … •
Quelle: La Nation Nr. 1919 vom 15.7.2011
(Übersetzung Zeit-Fragen)
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