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Leuenberger schickte seinen Mitarbeiter Nützi in die Buchhandlung Stauffacher. «Geh zur Lyrik-Abteilung, und frag nach dem Band ‹Wildern› von Raphael Urweider. Ist der Band nicht vorrätig, gehst du zur Buchhandlung Haupt in der Länggassstrasse, und falls es dort auch nicht an Lager ist, fragst du bei Sinwel an der Lorrainestrasse, dann gehst du zur Münstergass-Buchhandlung. Solltest du es auch da nicht finden, bestellst du ein Exemplar. In diesem Buch lassen sich wohl einige Antworten auf unsere Fragen finden.»
Nützi notierte Buchtitel und Autor, dann verliess er die Polizeikaserne. Was es mit diesem Buch auf sich habe und wieso er gesagt habe, das Buch liefere Antworten auf unsere Fragen, fragte Lotte Hug, eine neue Mitarbeiterin und Platznachbarin von Leuenberger. «Nichts, das war nur ein Vorwand, ich lese diesen Typen einfach gerne!», sagte Leuenberger. «Aber warum haben Sie denn Kollege Nützi in all die Buchhandlungen geschickt, wenn das Buch nichts mit dem Fall zu tun hat?», fragte die Neue. «Weil ich ihn hier im Büro nicht mehr ertrage!»
Leuenberger ordnete seine Notizen, er rauchte, er telefonierte, er tigerte durch den Korridor, er trank Kaffee und Wasser, überprüfte Daten im Computer und kratzte sich am Hinterkopf. So ging das ungefähr eine Stunde lang, dann erhob sich der Fahnder von seinem Schreibtisch, und Minuten später fuhr er mit einem unauffälligen Zivilfahrzeug der Polizei aus der Stadt hinaus.
Im zweiten Autopsiebericht, jenem zu Salernos Tod, hatte Leuenberger gelesen, dass Salerno nicht in der Aare ums Leben gekommen war, sondern schon tot gewesen sein musste, als man ihn im sauber gebügelten Anzug in die Aare geworfen hatte. Todesursache war offenbar eine von drei Stichverletzungen im Brustbereich, die ihm mit einem relativ kleinen Messer zugefügt worden waren. Mit Messerstechern hatte man in Bern wenig Erfahrung. Aber Leuenberger hatte sofort an seinen Freund Bernard Mc Carthy denken müssen, einen Arzt aus Schottland, mit dem er vor Jahren jeweils mittwochs und freitags Veteranenfussball gespielt hatte.
Bernard, der fussballerisch ein Holzfuss, aber charakterlich ein Riese war, hatte seine medizinische Ausbildung in der Royal Infirmary of Glasgow absolviert. Die Royal Infirmary of Glasgow galt als weltweit führendes Spital in der Behandlung von Messerstichverletzungen. Als Bernard dies einmal beim Bier nach dem Fussballtraining erwähnt hatte, war am Tisch die Frage aufgetaucht, weshalb jenes Spital ausgerechnet in Messerstichverletzungen weltweit führend war. «Wegen der Fallzahlen», hatte Bernard geantwortet, «nirgendwo auf der Welt werden täglich so viele Messerstichopfer eingeliefert wie in der Royal Infirmary of Glasgow. So wie der Orthopäde in einem Skigebiet allein wegen der Fallzahlen eine Menge über Knochenbrüche weiss, so geht es einem Notfallchirurgen in Glasgow mit den Messerstichen. Deshalb kommen Mediziner aus der ganzen Welt zu uns, um bei der Behandlung von Messerstichverletzungen dazuzulernen.»
Daran hatte Leuenberger denken müssen, als er den Bericht mit den Skizzen von den Messerstichverletzungen Salernos gelesen hatte. Und weil er wusste, dass Bernard inzwischen im Kantonsspital in Olten tätig war, bewegte er nun seinen trägen Personenwagen durch den stockenden Verkehr der A1.
Was bisher geschah
SI-Fortsetzungskrimi
Zwei plötzliche Todesfälle geben dem Berner Fahnder Leuenberger mitten im Corona-Notstand Rätsel auf. Dafflon hatte seine Schulden mit illegalen Comedy-Shows begleichen wollen, und Mafioso Salerno hatte irgendetwas mit Eddy, dem umtriebigen Nationalrat, am Laufen. Eddy macht auf total unbeteiligt, trifft aber heimlich den dubiosen Sizilianer Leonardi. Und welche Rolle spielt eigentlich Isa von Greyerz, die nun als Einzige von den illegalen Einnahmen profitiert?
Bernard erwartete den Fahnder in der Cafeteria des Kantonsspitals. Sie grüssten sich mit der gebotenen Zurückhaltung. «Lass uns auf die Terrasse sitzen, da sind wir ungestört», hatte der Schotte vorgeschlagen und hernach den Bericht, den Leuenberger ihm gezeigt hatte, sorgfältig studiert. «Was willst du wissen, my son?» Diese Eigenart Bernards, jeden, der ein paar Jahre jünger war als er selbst, als Sohn zu bezeichnen, hatte Leuenberger fast vergessen gehabt.
«Zunächst möchte ich wissen, ob es viel Kraft braucht, solche Messerstiche anzubringen.»
«Nein, wenn das Messer gut rutscht, wie wir in Glasgow sagen, dann braucht es nicht besonders viel Kraft. Ausserdem scheint es sich um eine sehr dünne Klinge zu handeln, dünn und gut geschliffen.» – «Gerade das nimmt mich wunder. Was denkst du über die Tatwaffe?», fragte Leuenberger den Arzt.
«Die Klinge ist nicht sehr lang, sie ist nicht breit, aber sie scheint sehr gut zu schneiden. Vielleicht war es ein Speckmesser aus Südtirol. Die im Bericht angegebenen Masse der Klinge lassen darauf schliessen. Lorenzi in Bozen ist ein bekannter Hersteller solcher Messer.» – «Was würde das kriminalistisch gesehen bedeuten?», fragte Leuenberger. Und der schottische Arzt, der von sich behauptete, alles über Stiche bei Messerverletzungen von Menschen zu wissen, referierte kurz und knapp: «Wenn es ein Messer von Lorenzi in Bozen war, gehört es wohl nicht einem Berufskriminellen, sondern eher jemandem, der gerne auf Wanderungen ein Stück geräucherten Speck schneidet. Wäre es ein Profi gewesen, hätte er wohl ein Stellmesser oder eines dieser hässlichen Survivalmesser verwendet. Haushalts- oder einklappbare Wandermesser werden meistens bei spontanen, von Leidenschaft getriebenen Verbrechen verwendet. Killer und Schlägertypen mögen eher grössere und breitere Klingen. Aber diese Speckmesser sind fast gefährlicher, weil ihre schmalen, scharfen Klingen besser zwischen den Rippen durchgleiten.»
Der Polizist und der Arzt tranken Mineralwasser, beide starrten auf die Tischplatte, als Bernard sich zu sorgen begann: «Habe ich dich enttäuscht? Hast du dir mehr erhofft von einem Messerstichspezialisten?» – «Nein, sagte Leuenberger, im Gegenteil, Bernard, ganz im Gegenteil! Deine Ausführungen waren besser als erhofft. Ich glaube jetzt zu wissen, wer diesen Salerno erstochen und in der Aare entsorgt hat.» – «Na, dann ist es ja gut!», sagte Bernard, «wir sollten uns wieder einmal auf ein Pint verabreden. Entschuldige, wenn ich vielleicht etwas unhöflich bin, aber als Arzt kann ich dir nicht verschweigen, dass du nicht besonders gesund aussiehst. Wann hast du letztmals deinen Blutdruck untersuchen lassen?»
Leuenberger antwortete nicht. Sorgfältig packte er den Obduktionsbericht ein, den er Bernard gezeigt hatte. Dann erhob er sich langsam und sagte beinahe verschwörerisch: «Nächste Woche schliesse ich den Fall ab. Alles andere hat später Zeit.»
«Take care, my son, take care!»
So gehts weiter
Wer hat den Mafioso erstochen und in der Aare entsorgt? Und wie schliesst der Berner Fahnder Leuenberger den Fall ab?