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Die ältesten erhaltenen Archive der Schweiz sind diejenigen der Benediktiner. Auch das Stiftsarchiv von Muri enthält Dokumente, die bis ins Hochmittelalter zurückreichen. Mit der Aufhebung des Klosters 1841 wurde das Archiv in Muri jäh auseinandergerissen. Heute sind die Archivalien an mehreren Standorten untergebracht, neu aber digital erschlossen.
Bereits die Benediktinerregel aus dem 6. Jahrhundert verlangte, dass die Professurkunden – die Dokumente zu den Gelübden – in den Klöstern gesammelt werden sollen. Immer wichtiger wurde im hohen Mittelalter die Verwaltung von Rechtsangelegenheiten. Auch Adelsgeschlechter, Bistümer und Städte begannen Archive zu führen, wo sie wichtige Urkunden, Urbare und andere Dokumente verwahrten. Archive waren so vor allem bedeutende Instrumente von Herrschaft und Macht.
Aus dem Kloster Muri ist nur wenig darüber bekannt, wie das Archiv vor dem 18. Jahrhundert geführt wurde. Aus der Zeit von Abt Johann Jodok Singisen ist von 1596 noch ein Inventar erhalten, die ältesten sichtbaren Signaturen stammen aber von P. Leodegar Mayer, der das Archiv ab 1727 zu ordnen begann. Im 19. Jahrhundert wurde das Archiv mit der Aufhebung des Klosters 1841 auseinandergerissen. Was die Mönche mitnehmen konnten, packten sie ein. Die Handschriften und Akten wurden an den neuen Standorten Sarnen und Gries verwahrt. Aber ein Grossteil blieb in Muri als Besitz des Kantons Aargau zurück. Nach Inventarisierungen beschloss die Regierung zu Beginn der 1860er-Jahre auch aus konservatorischen Gründen eine Verlegung der Akten ins Staatsarchiv Aargau.
Neue Ordnung an drei Standorten
Im Staatsarchiv erfolgten zunächst allerdings keine weiteren Arbeiten zur Erschliessung des Archivs. Sogar der reformierte Ständerat und spätere Bundesrat Emil Welti rügte 1864 die trägen staatlichen Prozesse: «Im jetzigen Zustande ist das Archiv nicht viel besser, als wenn es gar nicht bestände, und das ist, ich wiederhole es, eine Unehre für den Staat. […] Wir haben zur Stunde kein Recht mehr, den Mangel an Wissenschaft in den von uns aufgehobenen Klöstern zu brandmarken, nachdem wir die Denkmäler der Geschichte, welche jene Institute uns seit mehr als sieben Jahrhunderten treu verwahrt, länger als 20 Jahre wie nutzlosen Kram haben herumliegenlassen.»
Zur gleichen Zeit beschäftigte sich P. Martin Kiem in Sarnen mit der Geschichte seines Klosters. Er verfasste unter anderem eine umfangreiche zweibändige Klostergeschichte. Dafür ordnete er die übrig gebliebenen Archivbestände des Klosters neu. Für seine Arbeiten liess er sich auch Akten aus Gries nach Sarnen schicken. Und er engagierte sich dafür, die Handschriften des 1876 aufgehobenen Klosters Hermetschwil dem Zugriff des Staats zu entziehen. Sie wurden bis 2015 im Benediktinerkollegium Sarnen aufbewahrt, bevor das Kloster sie den Benediktinerinnen nach der Digitalisierung auf e-codices zurückgab. Das Projekt konnte 2021 abgeschlossen werden.
Die Kiemsche Archivordnung wurde bald gelockert und durchbrochen von Klosterarchivaren, die ihre eigene Ordnung pflegten. Diese richtete sich zum Teil nach ihren Interessen und Forschungsarbeiten. So sammelte der Sarner Archivar P. Rupert Amschwand in den 1950er-Jahren alles, was er zu seiner Dissertation zu Abt Adalbert Regli benötigte.
In der Zwischenzeit hatte der aargauische Oberrichter Walther Merz in den 1930er-Jahren die Bestände des Alten Archivs im Staatsarchiv Aargau neu geordnet und seine Arbeit im zweibändigen Repertorium veröffentlicht. Im Rahmen von Kulturgütertauschaktionen wechselten einige Archivalien den Standort, so beispielsweise 1929/30 nach Luzern. Noch 1959/60 erhielt das Kloster Muri-Gries von Aarau Unterlagen zum monastischen Leben der Klöster Muri und Hermetschwil, zu den Beziehungen zur Nuntiatur in Luzern, zu Rom und zur schweizerischen Benediktinerkongregation. Umgekehrt überliess das Kloster dem Staatsarchiv Rechtsquellen der Freien Ämter.
Wer Geschichte schreibt, braucht erschlossene Archive
Nach 2000 erhielt die Aufarbeitung der Klosterarchive neuen Aufwind. Im Kloster gab es keine Mönche mehr, die sich umfassend mit der Geschichte des Klosters und der Erschliessung der Archive beschäftigen konnten. Doch gewann die Sarner Gemeinschaft unter dem damaligen Bibliothekar und Archivar P. Beda Szukics die Erkenntnis, dass auch das Klosterarchiv professionell erschlossen, konservatorisch gesichert und für Forschende zugänglich sein sollte. «Wir wollten weg vom Sammlungscharakter», sagt P. Beda, heute Archivar in Gries, rückblickend. Das Archiv solle so aufgearbeitet werden, dass es unabhängig von den persönlichen Interessen des Archivars funktioniere. «Auch den Prozess der laufenden Ablage wollten wir sichern.»
Unter P. Bedas Leitung begannen 2010 Erschliessungsarbeiten am Alten Archiv nach der Ordnung von P. Martin Kiem. Zur gleichen Zeit gab es in Muri Bestrebungen, die Geschichte des Klosters im Hinblick auf das 1000-Jahr-Jubiläum aufarbeiten zu lassen. Die dafür gegründete Stiftung Geschichte Kloster Muri liess die weiteren Bestände in Sarnen und in Gries von der Firma docuteam aufarbeiten. Geschäftsführer Andreas Steigmeier erinnert sich an die Arbeit in Südtirol: «Die Klostergemeinschaft liess zu, dass unsere zwei Archivarinnen in der Klausur arbeiteten, und empfing sie zum Essen im Refektorium. Abt Benno Malfèr installierte eigenhändig das WLAN für die Archivdatenbank und forderte dazu auf, am Wochenende Partner und Kolleginnen kommen zu lassen. Das Gästehaus war dann wirklich gut belegt. So viel ‹Familienanschluss› haben wir sonst nie beim Archivieren.»
Beim Staat wie beim Kloster – alle Archive sind heute zugänglich und erschlossen
2018 konnten weitere Bestände des Muri Archivs im Staatsarchiv Aargau auch dank der Stiftung Geschichte Kloster Muri erschlossen werden. Die Bestände des Klosters Muri wie auch des zugehörigen Frauenklosters Hermetschwil sind neu seit 2021 im Online-Inventar des Staatsarchivs Aargau zugänglich, die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriften aus Muri sowie die Inkunabeln sind seit 2020 auf swisscollections und im Bibliothekskatalog ABN verfügbar. «Das Staatsarchiv Aargau verdankt seine Bekanntheit dem Bestand des Klosters Muri», sagt Daniel Schwane, Leiter des Standorts Staatsarchiv Aargau. Dieser sei nicht nur umfangreich, sondern auch hinsichtlich der Inhalte bemerkenswert: «Mit dem sogenannten Testament des Bischof Wernhers von Strassburg, angeblich aus dem Jahr 1027, stammt auch das älteste Stück im Staatsarchiv aus dem Bestand Muri.» Virtuell ist das Klosterarchiv in gewisser Weise nun wieder zusammengeführt, denn nun kann man in allen Katalogen gleichzeitig recherchieren.
Doch auf Reisen sind die Archivalien bisweilen noch immer: Aargaus ältestes Archivstück – besagtes Testament von Bischof Wernher, das vorgibt, 1027 geschrieben worden zu sein, wohl aber eher um 1130 zu datieren ist – kann derzeit in der Ausstellung über die Habsburger im Mittelalter im Historischen Museum der Pfalz in Speyer besichtigt werden.
Digitale Findmittel Archivalien, Urkunden und Handschriften