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Erstmals seit Marco Pantani im Jahr 1998 hat mit Vincenzo Nibali wieder ein Italiener die Tour de France, das wichtigste Radrennen der Welt, für sich entschieden. Nibali tat dies auf eine äusserst souveräne Art - abgeklärt auf dem Rad, gelassen und bescheiden daneben.
Dass Nibali trotz des grössten Erfolgs seiner Karriere alles andere als abgehoben ist, zeigt ein kleines Detail: An 18 Tagen trug der 29-jährige Sizilianer das Maillot Jaune, für jeden Tag als Leader erhielt er ein neues. Von all den gelben Trikots trug er in den Rennen nur deren zwei, nämlich das erste, das er mit seinem Etappensieg in Sheffield gewann, und jenes von der 5. Etappe, als er auf den Kopfsteinpflastern rund um Arenberg den Grundstein zu seinem Tour-Sieg legte. Nibali tat dies nicht aus Aberglauben, sondern «aus Respekt» gegenüber dem gelben Trikot.
Anekdoten wie diese zeigen, wie Nibali tickt. Der Vater einer kleinen Tochter gilt als Musterprofi, respektvoll im Umgang und bescheiden trotz seines Status als neuer Star des Radsports. Nibali ist in Messina in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Mit 15 Jahren zog er in die Toskana, um seinen Traum, Radprofi zu werden, zu verwirklichen. 14 Jahre später ist Nibali - mittlerweile in Lugano lebend - als Gewinner der Tour de France am Höhepunkt seines Wirkens angekommen - vier Jahre nach seinem Sieg an der Vuelta und ein Jahr nach seinem Triumph am Giro.
Nibali dominierte die 101. Ausgabe der Frankreich-Rundfahrt praktisch nach Belieben. Nach der 2. Etappe übernahm er das Gelbe Trikot und trug dieses mit Ausnahme eines Tages bis auf die Champs-Elysées nach Paris. So ausgeglichen er nach den Etappen wirkte, so ehrgeizig und zielorientiert trat er in den drei vergangenen Wochen im Peloton auf.
«Ich wusste, dass ich das Rennen neu erfinden muss, wenn ich gewinnen will», sagte Nibali. Und er setzte seinen Plan in die Tat um. Er entschied die Tour nicht wie die meisten seiner Vorgänger in einem Zeitfahren oder im Gebirge, sondern am fünften Tag auf den Kopfsteinpflastern rund um Arenberg. Seine zu Beginn grössten Widersacher verloren in dieser Etappe entweder viel Zeit (Alberto Contador) oder durch einen Sturz die Tour (Christopher Froome). Und als auch Contador verletzt aufgeben musste, war der Weg für den ersten italienischen Triumph seit 16 Jahren frei.
Nibali war von den Anwärtern auf den Gesamtsieg auf jedem Terrain der stärkste Fahrer: Auf Kopfsteinpflaster, bergauf, bergab und im Kampf gegen die Tour. Er gewann in allen drei Gebirgen (Vogesen, Alpen, Pyrenäen) eine Etappe. Immer, wenn es möglich war, nahm er seinen verbliebenen Konkurrenten, die bald einmal resignierten, ein paar Sekunden ab. Im Rückblick scheint es kaum möglich, dass Froome und Contador diesem Nibali hätten folgen können.
Vier Etappensiege, ohne dabei ein Zeitfahren zu gewinnen, schaffte seit den Siebzigerjahren und dem legendären Eddy Merckx kein Fahrer mehr. Mit dem «Kannibalen» wurde Nibali in den vergangenen Tagen vor allem in seiner Heimat immer wieder verglichen. «CaNIBALIssimo» titelte etwa die Sportzeitung «Tuttosport» nach seinem vierten Etappensieg, von einem «Ritt zum Ruhm» schwärmte die «Gazzetta dello Sport».
Auch wenn die Vergleiche vielleicht übertrieben sind, Fakt ist: Der siebte italienische Tour-Sieger tritt in einen exklusiven Kreis von neu nur sechs Radrennfahrern ein, die in ihrer Karriere mindestens einmal die Tour, die Vuelta und den Giro gewonnen haben. Zu diesem Sextett gehören neben Nibali dessen Landsmann Felice Gimondi, Merckx, Bernard Hinault, Jacques Anquetil (beide Fr) und Contador.
Spätestens seit Lance Armstrong als grösster Lügner des Radsports aufgeflogen ist, steht jeder Gewinner der Tour de France automatisch auch unter Doping-Verdacht. Die Zweifel waren zwar weniger gross als bei Froome im Vorjahr, aber auch bei Nibali kam das Thema auf. Dies lag aber in erster Linie an seinem Umfeld im umstrittenen Team Astana, dessen Teamchef der überführte Alexander Winokurow ist.
Nibali hat sich in seiner Vergangenheit nie etwas zu Schulden lassen kommen, was er am Samstag noch einmal unterstrich: «Die Fragen kommen, weil wir dafür bezahlen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Ich war immer ein Verfechter des Anti-Doping-Kampfs.» Er habe auch nichts gegen mögliche spätere Untersuchungen seiner eingefrorenen Blutproben.
Seinen Sieg habe er vielleicht auch den schärferen Kontrollen und der Einführung des Blutpasses zu verdanken. Bei seinem Tour-Debüt 2008 habe er dem inzwischen lebenslang gesperrten Landsmann Riccardo Ricco jedenfalls nicht folgen können.