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Sie hat die Bombardierung überlebt. Die pensionierte Logopädin Rima harrte eine Woche lang in ihrer Heimat Bila Zerkwa aus. Schliesslich floh sie mit zwei Müttern. Im westukrainischen Mukatschewo fühlt sie sich sicher. Sorgen macht sie sich vor allem um die Zukunft der Flüchtlingskinder.
CSI-Geschäftsführer John Eibner und die Nahost-Projektleiterin treffen Rima beim Mittagessen in einem Schulinternat, in dem gegenwärtig Binnenvertriebene untergebracht sind. Die rüstige Rentnerin stammt aus Bila Zerkwa, rund 90 Kilometer von Kiew entfernt. Sie hat für die Gäste die ukrainische Spezialität Wareniki (Teigtaschen mit Kartoffeln) zubereitet. Beim Essen offenbart sie ihnen eine der schlimmsten Momente ihres Lebens.
Der krachende Lärm der Bomben hatte Rima am 24. Februar zwischen vier und fünf Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen. In der Dunkelheit sah sie das Lichtgewitter der einschlagenden Granaten und hörte die heulenden Sirenen und das Klirren von zerbrechenden Fensterscheiben. Sie zuckte zusammen: «Meine Nachbarin rief mich an und schrie, dass der Krieg angefangen habe. Wir hatten viel darüber gesprochen, dass bei uns ein Krieg ausbrechen könnte. Nun war er plötzlich da.»
Am nächsten Tag ging der Bombenhagel von neuem los. Ein Geschoss zerstörte das Gebäude neben Rimas Wohnung. «Drinnen waren noch Menschen, die unter den Trümmern begraben wurden. Zum Glück wurden sie gerettet.»
Rima und ihre Nachbarn eilten anfangs immer in den nächstgelegenen Schutzraum, sobald sie die Sirenen hörten. Doch nach ein paar Tagen rannten sie jeweils erst in den Keller, nachdem die ersten Bomben gefallen waren.
Rasch nahm die Bombardierung zu. Rima blieb deshalb zwei Tage lang im Bunker, ohne das Tageslicht zu erblicken. Sie teilte den Schutzraum unter anderem mit einer sechsköpfigen Familie, die aus der Umgebung stammte. Rima erinnert sich: «Das älteste Kind war 14, das Jüngste zweijährig. Mir fiel auf, dass die Kinder die ganze Zeit still sassen, ohne etwas zu tun. Ich habe versucht, ein paar Spiele mit ihnen zu machen. Ansonsten sassen sie einfach ruhig da und lasen ihre Bücher.»
Nach diesen zwei Tagen wurde die Lage für Rima zu brenzlig. Sie beschloss, Bila Zerkwa zu verlassen, und mit ihr viele Frauen und Kinder. Zusammen mit zwei Müttern fuhr Rima in die Westukraine nach Lwiw. «Normalerweise benötigt man für diese Autofahrt acht Stunden. Doch wir waren über 14 Stunden unterwegs, ohne etwas zu essen oder zu trinken.» Die Kinder, die mit im Auto sassen, blieben während der ganzen Fahrt still. «In kürzester Zeit waren diese Kinder zu Erwachsenen geworden. Sie wurden ihrer kindlichen Unschuld beraubt. Ich mache mir Sorgen um sie.»
Reto Baliarda