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✎ Elin Stalder
«Haben Sie sich schon mal Gedanken gemacht, was eigentlich auf Ihrem Frühstückstisch steht?» Mit dieser Frage leitete Karl Johannes Rechsteiner von cooperaxion.org in das Thema ein. Früher war die erste Mahlzeit am Tag sehr getreidelastig. Erst nach der offiziellen Entdeckung Amerikas erweiterten Kolonialwaren wie Zucker, Kaffee, Kakao oder Tee den Menüplan. Der Dreieckshandel (einfach gesagt: Stoffe von Europa nach Afrika, umgetauscht in Sklavinnen und Sklaven für Amerika und die Karibik, dort für Rohstoffe wie Zucker und Baumwolle verkauft) brachte zwar neue Lebensmittel nach Europa, aber auch unermessliches Leid über viele Menschen.
Sklavengeld aus Thun
Die Führung startete beim Schloss Schadau. Thomas Müller von thunensis.com erklärte, woher der grosse Reichtum der Familie de Rougemont, welche das Schloss erbaut hat, kommt. Dieser stammt zu einem grossen Teil aus der passiven und aktiven Beteiligung am Sklavenhandel. Der Vater von Denis Abraham Alfred de Rougemont-de Pourtalès, welcher das Schadaugut 1837 kaufte, gründete 1786 die Bank «Rougemont, Hottinger & Cie». Diese beteiligte sich finanziell an Übersee-Handelsunternehmungen in verschiedenen Sklaven-Expeditionshäfen.
«Haben Sie sich schon mal Gedanken gemacht, was eigentlich auf Ihrem Frühstückstisch steht?»
Karl Johannes Rechsteiner zu Beginn der Führung
Der Grossvater seiner Frau Sophie, der Neuenburger Jacques-Louis Pourtalès, galt als einer der reichsten Schweizer der damaligen Zeit. Er besass mehrere Kaffee- und Zuckerrohrplantagen auf der Karibikinsel Grenada, in denen hunderte von Sklavinnen und Sklaven arbeiteten. Geheiratet wurde damals nur im gleichen Adelsstand und so ging das Vermögen jeweils an die nächste Generation über und wurde gleichzeitig kumuliert.
Noch nicht lange her...
Bei einem Zwischenstopp bei den Baracken an der Seestrasse machten Rechsteiner und Müller ein Fenster in die jüngere Zeit auf. 1991 erfolgte ein Brandanaschlag auf die damalige Asylunterkunft, bei dem es zum Glück keine Verletzten gab, weil Menschen, die dort lebten, zum Zeitpunkt des Anschlags mitten in der Nacht am Karten spielen waren, und so alle anderen wecken konnten. Und 1985 hat die Stadt Thun eine aus heutiger Sicht äusserst fragwürdige Aktion gestartet – sie lancierte den «Tamilen-Bazen». Mit den Messingrondellen im Wert von 2 Franken konnten tamilische Flüchtlinge Lebensmittel in Thuner Geschäften kaufen.
Weiter wurde die Führung mit Erklärungen zu den verschiedenen «Völkerschauen», welche insbesondere der Zirkus Knie noch bis vor wenigen Jahrzehnten auch in Thun präsentierte, ergänzt. Die lokale Bevölkerung blickte interessiert auf die völlig verzehrte Darstellung der Menschen, die ihre Lebensweise klischeehaft vorführen musste. In Thun fanden diese Schauen beispielsweise auf der «Velomatte» statt. Dort steht heute der Hauptbahnhof.
Schlusspunkt bildete der Einblick in die verschiedenen Kolonialwaren-Läden, in welchen die Thuner Bevölkerung unter anderem die Lebensmittel für ihren Frühstücktisch kaufen konnten.
www.cooperaxion.org