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Es war nach dem letzten Rennen der Saison. Ende März 2019. Ich kam nach Hause, versorgte die Ski und war nicht sicher, ob ich sie je wieder anziehen würde. Danach schlief ich über zwei Wochen fast durchgehend. Wenn ich nicht schlief, lag ich einfach da. Manchmal stand ich kurz auf. Dann ging ich wieder schlafen. Ich war ausgebrannt. Man kann das auch Burnout nennen. Ich trieb meinen Körper über eine Grenze. Bis ich keine Energie mehr hatte.
Ich dachte, ich müsse noch besser werden.
Aber ich muss früher beginnen. Im Sommer 2018, nach zwei Weltcup-Siegen aus der vergangenen Saison, war mein Hunger gross. Ich träumte von einer WM-Medaille. Und ich dachte, ich müsse dafür noch besser werden. Mein Kopf sagte: Achtung, fertig, los! Irgendwann tauchte ich auf und dachte: Verdammt! Ich mache so viel Zeugs! Zum Teil erinnere ich mich gar nicht mehr.
Ich mache ab und zu eine Runde. Staffelalp, Chörbschhorn, und bei der Parsenn runter. Einmal bin ich da rauf. Ich sah früh: Es hat Schnee. Aber ich rannte weiter. Dann stapfte ich durch Schnee bis zur Hüfte. Normalerweise hätte ich beim ersten Berg umdrehen müssen.
Irgendwann sollte eine Brücke kommen. Aber die war nicht da. Nur noch der Stahlträger. Ich sass auf den Eisenbalken und robbte hinüber. Es war halsbrecherisch. Jedenfalls schaffte ich es auf die andere Seite und da sass in der Nähe ein Murmeltier und beobachtete mich. Ich weiss noch, wie ich dem Murmeltier sagte: Ich weiss, es ist nicht ganz normal, was ich da mache. Dann lief ich weiter.
Es war eine dumpfe Müdigkeit.
Ich hatte das Gefühl, ich müsste eine unglaublich lange To-do-Liste abhaken, bevor ich mein Ziel erreichen kann. Ich merkte, ich bin müde. Aber nicht normal müde. Es war eine dumpfe Müdigkeit, die sich überall ausbreitete. Wie eine Mattscheibe.
Das Gefühl an den Rennen war schrecklich. Du sagst dir: Geh! Greif jetzt an! Dann ging nichts. Es kam einfach nichts mehr. Ich fühlte mich nur schlecht. Körperlich. Ich sagte mir auch: Es kommt nicht mehr. Du hast es verbockt. Es ist emotionslos. Weil du in diesen Momenten keine Energie hast. Emotionen kosten Energie. Du darfst nicht zugeben, dass du einen Fehler gemacht hast. Weil du genau weisst, in dem Moment, wo du loslässt, ist es gelaufen.
An der WM ging dann wie erwartet nichts. Dabei hätte ich nicht mal in Topform sein müssen. Sondern einfach da sein. Dann kam das Saisonende, der Fall ins Bodenlose. Nach der Rückkehr aus den Ferien pausierte ich. Danach dachte ich, vielleicht mache ich doch weiter. Das Auf und Ab dauerte recht lange.
Wettkämpfe sind schonungslos
Ich ging im Sommer an einen Wettkampf. Wettkämpfe sind immer gut. Sie sind schonungslos. Du weisst genau, was funktioniert und was nicht. Ich merkte, es macht mir noch Spass. Vieles war aber auch mühsam. Trotzdem: ich habe mich irgendwann selber wiedergefunden. Das Spielerische, die Freude von früher. Ich musste lernen, die Dinge lockerer zu sehen. Zu relativieren. Leistung ist ein Resultat. Aber es gibt viele Wege dahin. Diese Erkenntnis ist wichtig.
Jetzt merke ich, dass ich weniger müde bin. Weil ich mich nicht stresse. Du muss nicht ein bestimmtes Programm abspulen, um zum Ziel zu kommen.
Glück ist ein Grundgefühl, das ich habe.
War ich jemals unglücklich? Ich hätte mich nie als unglücklich bezeichnet. Ich bin unerschütterlich. Ich wäre auch glücklich, wenn ich nicht Weltspitze wäre. Glück ist ein Grundgefühl, dass ich habe. Das hat auch mit Liebe zu tun, die man bekommen hat. Und die man geben kann.
Dieses Jahr habe ich mir kein Leistungsziel gesetzt. Ich nahm mir aber vor, bewusst im Moment zu leben. Alles wahrzunehmen. Nichts soll mich ablenken, keine Gedanken, kein Handy. Ich weiss, dass ich jetzt hier sitze. Vor einem Jahr war ich gedanklich immer in der Flucht nach vorne. Kaum war ich da, war ich schon weiter. Das ist das Ziel für mich. Tag für Tag. Schritt für Schritt.
Lesen Sie hier die weiteren Teile der Serie «Burnout bei Spitzensportlern»: