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Ein Fragment von Gudrun Löffler. Sie hat in der Edition Unik mehrere Bücher geschrieben.
Die Köchin im Löwenkeller sammelte nackte Zwillinge für mich.
Pi, wie ich meinen Pflegevater nannte, nahm mich ab und zu in den Löwenkeller zum Stammtisch mit. Dort saß ich dann zwischen den freundlichen alten Männern und trank Sinalco. Wenn eines der Biergläser in den Kupfertöpfen leer war, kam Johanna, die Kellnerin und Köchin, und füllte sie wieder. Johanna war meine Freundin. Sie sammelte aus den Nudeltüten kleine Figuren aus Plastik für mich. Am Anfang hatte sie mir immer eine ganze Handvoll davon zugesteckt. Dann erklärte ich ihr jedoch, dass ich kein Interesse an Autos und Flugzeugen hatte, sondern nur die fleischfarbenen Püppchen haben wolle. Das waren klitzekleine Plastikstängel mit Kopf, in denen man ein Gesicht, Füße, Hände und einen Bauchnabel erkennen konnte, wenn man ganz genau hinschaute. Und das tat ich - und entdeckte dabei höchst interessiert, dass die Püppchen weder Männlein noch Weiblein waren. Sie waren Mehrlinge ohne Geschlecht.
Johanna kannte mich gut und gab mir immer zwei Püppchen zur gleichen Zeit. Ich liebte es, die nackten Zwillinge vor mir auf den Tisch zu legen und sie eingehend zu betrachten. Zu Hause legte ich sie dann zu den anderen Pärchen auf den Boden der Puppenstube. Ich spielte nicht mit Puppen. Auch die Zwillinge sammelte ich nur, um sie zwei und zwei nebeneinander zu legen. Irgendwann muss der Nudelfabrikant die Produktion der Püppchen wohl eingestellt haben. Vielleicht bin ich auch nicht mehr mit Pi zum Stammtisch gegangen. Doch die Pärchen lagen noch lange auf dem verstaubten Boden der Puppenstube. Ihr Anblick prägte sich mir ein, so dass ich das Bild aufsteigen lassen konnte, wann immer es mir hilfreich war.
Im Kindergarten kamen mir die Zwillinge zum ersten Mal zur Hilfe. Schwester Honorabilis, die Kindergartenschwester, hatte uns den Auftrag gegeben, mit Wachskreiden ein Haus zu malen. Ich setzte das meine in eine Baumkrone und zeichnete Äste darüber als es fertig war. Man hätte es gar nicht mehr gesehen, hätte ich für das Kästchen mit Dach nicht ein auffallendes Goldgelb gewählt. Schwester Honorabilis übersah es trotzdem. Als sie vorbeikam und auf mein Blatt schaute, sagte sie streng: Du hast ja einen Baum gemalt, wo ist denn das Haus? Halb beschämt, halb trotzig zeigte ich auf das Häuschen im Baum und sie meinte dazu: Ah, du hast ein Vogelhäuschen gemalt! Die Kinder um mich herum lachten lauthals. Mir war elend zumute. Ich spürte Tränen aufsteigen und kämpfte eisern gegen sie an. Und plötzlich stieg wie aus dem Nichts das Bild der Zwillinge in mir auf und – siehe da – ich beruhigte mich.
Vermutlich war meine Vorliebe für Symbole und Metaphern auch im Spiel, als ich im Kindergarten und in der Schule Lieblingslieder und sogar ein Gedicht fand, deren Texte mir so unter die Haut gingen, dass ich sie schon nach dem ersten Hören auswendig konnte. «Kommt ein Vogel geflogen», «Häschen hüpf» und «Summ, summ, summ, Bienchen summ herum» belegten die Spitzenplätze im Kindergarten. In der Schule kamen dann «Der Erlenkönig» und «Die Gedanken sind frei» dazu. Ich mochte die Stimmung in den Texten und liebte die Hauptfiguren.
Viel später – als ich schon eine Weile zu den Erwachsenen zählte - rundete der Refrain «Ring the Bells…» aus Anthem von Leonard Cohen meine Textsammlung ab. Noch heute summe ich die Melodie bei vielen Gelegenheiten in mich hinein. Und Leonard‘s Worte ertönten sogleich in meinen Ohren:
Ring the bells
That still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack in everything
That’s how the light gets in
Den Song von Leonard Cohen bei Youtube hören: Anthem