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Der amerikanische Soziologe Richard Sennett wünscht sich angesichts des Neoliberalismus in die goldenen Zeiten des Kapitalismus zurück.
Mit dem Verlegen von Büchern Geld zu verdienen, ist kein einfaches Unterfangen. So erstaunt es wenig, dass die Verlage ihre bekanntesten AutorInnen mittlerweile anpreisen, als ob es sich bei diesen um Markenartikel handelte. «Der neue Sennett - noch präziser, noch provokanter»: Mit diesem Slogan wirbt der Berlin Verlag für den soeben erschienenen 160-seitigen Essay «Die Kultur des neuen Kapitalismus» des amerikanischen Soziologen Richard Sennett. Das Buch, das auf Vorlesungen basiert, die Sennett 2004 an der Yale University gehalten hat, liegt auf Deutsch vor, noch bevor die amerikanische Originalausgabe erschienen ist.
Sennett teilt die vergangenen zweihundert Jahre Kapitalismus in drei Phasen auf. Das wirkt überzeugend, ist aber keineswegs neu; in aktuellen soziologischen Zeitdiagnosen ist diese Dreiteilung mittlerweile üblich, auch wenn die einzelnen Phasen unterschiedlich bezeichnet werden. In der ersten Phase, derjenigen des «primitiven Kapitalismus» (Sennett), waren die Arbeitsverhältnisse geprägt durch geisttötende Routine und blanke Ausbeutung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden erste Versuche unternommen, Arbeitsverhältnisse zu regulieren und die vom Kapitalismus erzeugte Verelendung durch sozialstaatliche Einrichtungen einzudämmen. Diese frühen regulatorischen Bestrebungen mündeten im Laufe des 20. Jahrhunderts in diejenige Formation der kapitalistischen Entwicklung, die heute verschiedene AutorInnen rückblickend als «organisierten Kapitalismus» bezeichnen.
In dieser zweiten Phase der kapitalistischen Entwicklung entstanden hierarchisch durchorganisierte Grossunternehmen mit präzise festgelegten Rollen- und Funktionsprofilen; Beschäftigungsverhältnisse wurden tarifpartnerschaftlich ausgehandelt und waren auf Langfristigkeit angelegt. In diesen Normalarbeitsverhältnissen identifizierten sich viele Werktätige mit ihrer Arbeit und strebten durch Leistung und zusätzliche Qualifizierung einen Aufstieg in der betrieblichen Hierarchie an. Der organisierte Kapitalismus gewährte den Menschen die Chance, ihr Leben in Ruhe zu planen, es als eine kontinuierliche Geschichte aufzufassen und dabei solide eingebettet zu sein in ein tragfähiges Netz arbeitsweltlicher Loyalitäten und gemeinschaftlicher Solidaritäten. Für all jene Sicherheiten, welche die Wirtschaft von sich aus nicht gewähren konnte oder wollte, kamen die ihrerseits bürokratisch organisierten Institutionen des Wohlfahrtsstaats auf.
Sennett behauptet nun - und hier unterscheidet er sich radikal von anderen AutorInnen -, dass der organisierte Kapitalismus auf die Übertragung militärischer Führungs- und Organisationsprinzipien auf die Wirtschaft zurückgehe. Die Begründung dieser provokanten These fällt allerdings ziemlich schwach aus. Die entscheidenden Impulse zur Entstehung des «militarisierten sozialen Kapitalismus», so Sennetts Bezeichnung für den organisierten Kapitalismus, sollen vom Deutschen Reich unter Graf Otto von Bismarck ausgegangen sein - also just von jenem europäischen Land, das im ausgehenden 19. Jahrhundert wirtschaftlich am wenigsten entwickelt war.
Sennett behauptet nun - und hier unterscheidet er sich radikal von anderen AutorInnen -, dass der organisierte Kapitalismus auf die Übertragung militärischer Führungs- und Organisationsprinzipien auf die Wirtschaft zurückgehe. Die Begründung dieser provokanten These fällt allerdings ziemlich schwach aus. Die entscheidenden Impulse zur Entstehung des «militarisierten sozialen Kapitalismus», so Sennetts Bezeichnung für den organisierten Kapitalismus, sollen vom Deutschen Reich unter Graf Otto von Bismarck ausgegangen sein - also just von jenem europäischen Land, das im ausgehenden 19. Jahrhundert wirtschaftlich am wenigsten entwickelt war.
Geradezu grotesk werden Sennetts Ausführungen, wenn er die Vorzüge darlegt, die der «militarisierte soziale Kapitalismus» gegenüber dem heutigen neoliberalen oder eben «neuen» Kapitalismus angeblich besass - der dritten Phase der kapitalistischen Entwicklung. Gegen die verantwortungslosen und oberflächlichen Gesellen, die heute die Spitzen der Grosskonzerne bevölkern, argumentiert Sennett mit Sätzen wie «Militärische Organisationen besitzen ein grosses Sozialkapital, das Menschen dazu bringt, ihr Leben aus Loyalität der Institution oder ihren Kameraden gegenüber zu opfern» oder «Soldaten sterben bereitwillig für Offiziere mit starkem Willen und grossem Mut». Mit derartigen Analogien zum Militär glaubt Sennett verdeutlichen zu können, dass im neuen Kapitalismus Macht und Autorität - zu Letzterer gehört auch ein Gefühl der Verantwortung für die Untergebenen - zunehmend auseinander driften, während die bürokratischen und autoritären Strukturen der Vergangenheit den Menschen «nicht nur ein Gefängnis, sondern auch eine Heimat» waren.
Sennett führt - wie andere auch - die Entstehung des neuen Kapitalismus auf das Scheitern des Bretton-Woods-Systems im Jahre 1973 zurück. Das Finanzkapital wurde global mobil, und die EignerInnen und InvestorInnen strebten neu nicht mehr eine langfristige Prosperität ihrer Unternehmen, sondern kurzfristige Kursgewinne an den Börsen an. Im Verbund mit global tätigen Finanzinstituten und Beratungsfirmen nahmen sie einen Radikalumbau unternehmerischer und betrieblicher Organisationsstrukturen in Angriff, der in den neunziger Jahren einen exzessiven Höhepunkt erreichte. Doch der Abbau bürokratischer Strukturen und die Verflachung betrieblicher Hierarchien führten nicht wie versprochen zu mehr dezentraler Autonomie. Im Gegenteil: Gemäss Sennett hat die in den Zentren der Macht ausgeübte Kontrolle über die Aktivitäten jedes Einzelnen massiv zugenommen.
Ein Vorzug der hierarchischen und bürokratischen Unternehmen im «militarisierten sozialen Kapitalismus» war demgegenüber, dass sie dem Einzelnen ein hohes Mass an individuellen Interpretationsspielräumen boten: «Alle gehorchten, aber alle interpretierten auch.» Diese Spielräume der Interpretation wurden unter anderem dazu genutzt, sich in seinem Handeln von einer «handwerklichen Einstellung» leiten zu lassen. Sennett bezeichnet mit diesem Begriff ein Arbeitsethos, das den Einzelnen von innen heraus dazu anhält, seine Sache um ihrer selbst willen gut zu machen. Der neue Kapitalismus lasse diese handwerkliche Einstellung erodieren; er verlange nicht nur nach einer immer schnelleren, sondern auch nach einer immer oberflächlicheren Bewältigung von Problemstellungen. Im neuen Kapitalismus würden auch grundlegend neue Modi der Personalrekrutierung eingesetzt. Der Blick richte sich nicht mehr auf nachweisbare Qualifikationen oder auf Leistungen in der Vergangenheit. Die psychologischen Eignungstests zielten auf die Freilegung eines von Erfahrung unabhängigen «Potenzials».
Diese Thesen leuchten intuitiv ein, doch leider liefert Sennett kaum empirisches Anschauungsmaterial, an dem sich der von ihm festgestellte Zusammenhang zwischen einer essenzialisierenden Psychologie, einem «Triumph der Oberflächlichkeit», der Erosion von Arbeitsethiken und den Strukturen des neuen Kapitalismus stringent nachvollziehen liesse. Stattdessen will Sennett zusätzlich den Zusammenhang zwischen Wirtschaft, Werbung, Konsum und Politik ausleuchten. Bei der Wahl von PolitikerInnen gingen die BürgerInnen heute ähnlich vor wie beim Kauf von Kleidern, Geländewagen seien «gigantische Potenzprothesen», alle parteipolitischen Programme seien - ähnlich wie alle VWs, Audis, Skodas und Seats - auf der gleichen Plattform aufgebaut und bloss an der Oberfläche unterschiedlich veredelt, wie dem Konsum hafte der heutigen Politik etwas Theatralisches an, Werbung erzeuge Schein, die Marke sei heute wichtiger als der Inhalt. - All dies mag richtig sein. Besonders viel Tiefenschärfe besitzen diese zeitgeistkritischen Thesen in der additiven Form, in der Sennett sie vorträgt, allerdings nicht.
Sennetts Analyse des neuen Kapitalismus läuft auf eine rückwärtsgewandte Idealisierung bürokratischer und hierarchischer Strukturen in Politik und Wirtschaft hinaus - auf die Verherrlichung also just jenes Miefs, jener Verkrustungen und jener Erstarrungen, die in den sechziger und siebziger Jahren von linker Seite kritisiert wurden. Sennett weiss das und outet sich - etwas selbstgefällig, wie überhaupt im ganzen Buch - als einer von denen, die diese Kritik damals mittrugen. Er habe sich mittlerweile eines Besseren belehren lassen. In altväterlich skeptischer Manier glaubt er erkannt zu haben, dass die meisten Menschen (und vor allem die einfacheren unter ihnen) gewisser Strukturen und einer gewissen von aussen gesetzten Autorität bedürften, um sich (wie Soldaten) mit dieser identifizieren zu können.