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Der südamerikanische Mähnenwolf heisst wissenschaftlich Chrysocyon brachyurus, was man mit “Goldenes Tier mit kurzem Schwanz“ übersetzen kann. Im brasilianischen nennt man ihn “Lobo Guará“ (Lobo = portugiesisch für Wolf – und Guará in der indigenen Tupi-Sprache = rot). Das Tier, welches eher einem Fuchs auf hohen Beinen gleicht, als einem Wolf, hat tatsächlich ein im Sonnenlicht golden schimmerndes Fell, die Beine und der Fellansatz im Genick sind schwarz, die Schwanzspitze, die Kehle und ein Teil des Gesichts sind weiss. Weiss ist auch die Innenseite der grossen Ohren, die wie ein Radar andauernd nach allen Seiten hin sichern.
Er ist der grösste “Canide“ (zur Familie der Hundeartigen gehörig) Südamerikas, man findet ihn vom südlichen Amazonien bis nach Uruguay – mit Ausnahme der Küstenregionen, hoher Berggipfel und des Atlantischen Regenwaldes. Zu den Caniden gehören, unter anderen, die Wildhunde, die Kojoten, die Schakale, die Füchse, und die europäischen, amerikanischen und kanadischen Wölfe (Canis lupus). Die weiblichen Tiere haben eine Körperlänge von zirka 90 cm und die männlichen 95 cm – von der Nasen- bis zur Schwanzspitze beträgt die Länge 1,45m.
Die Beine sind aussergewöhnlich hoch, um seine Bewegungen innerhalb des von ihm bevorzugten Terrains, dem Cerrado, zu unterstützen. Der Mähnenwolf ist kein Tier der dichten Wälder, sondern der offenen Savannenlandschaft – er bewegt sich auch gern auf Strassen und Wanderpfaden mit niedriger Randvegetation. Dort kann man seine Fährte entdecken: Vier nach vorne gerichtete Zehen – die beiden mittleren stehen etwas enger zusammen – der Fussballen und der etwas höher ansetzende, krallenbewehrte “Daumen“.
Man schätzt, dass die Spezies Chrysocyon brachyurus eine Lebenserwartung von 16 Jahren hat, ein mittleres Gewicht von 25 kg und, dass das Tier pro Nacht zirka 30 Kilometer innerhalb seines Jagdgebietes zurücklegt. Der Mähnenwolf ist nachtaktiv – besonders agil in der Abend- und der Morgendämmerung. Während des Tages ruht er im Gras – er hat keinen bestimmten Ruheplatz, sondern wechselt seine Standorte täglich. Und er hält sich nicht in Höhlen auf.
Der Mähnenwolf ist ein Allesfresser – kleine Tiere und Vögel mag er am liebsten, wie Mäuse und Ratten, Kaninchen, Meerschweinchen, Schlangen, Frösche, und alle Arten von Vögel, deren er habhaft werden kann. Er braucht die Tierhaare und Federn, um seine Verdauung anzuregen. Darüber hinaus frisst er auch gerne Früchte, vor allem die nach ihm benannte “Wolfsfrucht“ (Solanum lycocarpum), und andere wild wachsende Früchte. Er wird durch starke Gerüche angelockt, wie zum Beispiel von verdorbenen Früchten oder Essensresten, deshalb kann man ihn oft in flagranti beim Durchsuchen von Abfalltonnen erwischen.
Er ist grundsätzlich ein Einzelgänger – hält sich nicht in Gruppen auf, wie sein Vetter “Canis lupus“. Er heult auch nicht, wie dieser, sondern er bellt.
Während eines Aufenthaltes in einem Kloster, im Bundesstaat Minas Gerais, hatte ich Gelegenheit, den Mähnenwölfen (fast hautnah) zu begegnen, denn die Mönche hatten sich vorgenommen, diese vom Aussterben bedrohten Tiere unter ihren persönlichen Schutz zu stellen, und von dieser Begegnung möchte ich an dieser Stelle eine kurze Zusammenfassung präsentieren:
Wendet man sich von der Hauptstadt Belo Horizonte aus in südöstlicher Richtung, erreicht man nach zirka 100 Kilometern Fahrt den Ort Barão dos Cocais. Nach weiteren 20 km, mitten in einem schönen Waldgebiet, liegt das Kloster von Caraça – eine neogotische Schönheit inmitten einer unbeschreiblich friedlichen, fast unwirklich erscheinenden Atmosphäre. Die Mönche empfangen Besucher in aller Herzlichkeit – sie sind für einen bescheidenen Tourismus eingerichtet: In ehemaligen Klosterzellen bieten sie eine einfache, saubere Unterkunft, und ihre Küche – besonders ihr Wein – sind vorzüglich. Eine angenehme Entspannung und erholsame Ruhe stellen sich bei den Gästen ein.
Als die Sonne zu sinken beginnt, gibt mir Bruder Francisco ein Zeichen – wir begeben uns leise und ohne Aufsehen zu erregen, auf eine Terrasse, von der aus wir die breiten Stufen einer Steintreppe einsehen können – etwa in halber Höhe der Treppe hat Francisco einen flachen Kübel aufgestellt, in dem allabendlich Küchenabfälle für “die Wölfe“ bereit liegen. Während Zikaden am nahen Waldrand den Sonnenuntergang akustisch untermalen, steigt meine Spannung . . .
…und dann sind die Wölfe plötzlich da – erst einer, dann noch zwei Jungtiere – leider kann ich von ihrem goldenen Fell mit den schwarzen Unterbrechungen nicht mehr viel erkennen, auch für die Kamera ist es bereits zu dunkel, und an Blitz ist natürlich nicht zu denken, um die Tiere nicht zu vergrätzen – also Ruhe bewahren und diese Begegnung geniessen.
In absoluter Stille nähern sich die Tiere vorsichtig auf ihren scheinbar viel zu langen Beinen. Sie machen ein paar Schritte und verharren dann misstrauisch – ihre Ohren drehen sich nach allen Richtungen. Francisco hat sich ein paar Stufen über dem Fresskübel niedergelassen und lockt die Tiere mit mir unverständlichen Lauten – aber den Wölfen scheinen sie die Scheu zu nehmen – sie setzen sich wieder in Bewegung, der erste betritt die unterste Treppenstufe – Franciscos Lockrufe machen ihm Mut, mit zwei, drei Schritten steht er vor dem Kübel, schnappt sich sofort ein Stück der ausgelegten Fleischreste und springt zurück in den Schatten der Nacht. Dort wird er in Sicherheit seine Beute verzehren.
Die anderen beiden, die mir wie unerfahrene Jungtiere vorkommen, (was mir Francisco später bestätigt – und das grosse Tier ist ihre Mutter), trauen sich jetzt ebenfalls vorsichtig, und nebeneinander, die wenigen Stufen hinauf – nehmen sich jeder ein Stück und tragen ihre Beute mit vorgestrecktem Hals zurück in den Waldschatten.
Sichtbar lockerer kommen sie wieder zurück. Diesmal alle drei gleichzeitig bewegen sie sich die Stufen hoch – jeder schnappt sich ein Stück, um zusammen wieder auf Abstand zu gehen, doch wie mir scheint, schon ein bisschen entspannter, ohne Hast. Sie bewegen sich völlig lautlos, raufen auch nicht um die besten Brocken, so wie es sich in einer anständigen Familie gehört.
Bruder Francisco sitzt inzwischen, genauso bewegungslos wie ich selbst, auf seinem Treppenabsatz, etwa fünf Meter von dem Kübel entfernt, seine unterdrückte Stimme ist in eine Art monotonen Singsang übergegangen, der die Tiere anscheinend beruhigt. Es hat Francisco sehr viel Geduld gekostet, sich den Tieren bis auf diesen geringen Abstand zu nähern – sie wirken auf mich immer noch sehr scheu. Wer weiss, welche bösen Erfahrungen mit Menschen hinter ihrem Verhalten stecken.
Nun ist der Fresskübel anscheinen leer – und die Nacht hat die Mähnenwölfe verschluckt. Ob sie doch nochmal zurückkommen? “Ganz bestimmt morgen Abend“, sagt Bruder Francisco, als wir uns nunmehr zurück zur Tafel begeben, an der grosse Humpen selbstgebrauten Bieres kreisen.
“Hier in Caraça haben wir eigentlich nur ein einziges Paar Wölfe“, nimmt Bruder Francisco am folgenden Morgen den Faden wieder auf, als ich ihm ein wenig bei der Gartenarbeit zur Hand gehe. Und diese beiden gehen sich in der Regel auch aus dem Weg – es sind Einzelgänger, und Männchen und Weibchen bleiben nur während der Reproduktionsphase und der Aufzucht der Jungen zwei bis drei Monate zusammen. Gestern haben wir die Mutter mit ihren halbwüchsigen Jungen erlebt – der Vater ist auch nachts irgendwo unterwegs und markiert sein Territorium mit seinem Urin. Sie durchstreifen ein Territorium von zirka 2.500 Hektar (2.500 Fussballplätze). Das ist ungefähr die Grösse unseres Cerrado-Anteils hier im Park von Caraça.
Die Paarung findet zwischen April und Mai statt. Wir wissen das, weil dann beide Geschlechter zusammen jagen und auch gemeinsam hier vor dem Kloster erscheinen – sie kommen zusammen die Treppe herauf und fressen gemeinsam aus dem Kübel, ohne sich zu verstecken. Gestern war die Mutter aussergewöhnlich vorsichtig, weil sie ihre Jungen dabei hatte.
Das Austragen der Jungen dauert zwischen 62 und 65 Tagen – geboren werden eins bis drei, sie sind dunkelgrau gefärbt, und Mutter oder Vater tragen sie dann in Erdlöcher – manchmal von alten Termitenhügeln – wo sie etwas sicherer sind als im Gras ihrer Geburt. Zwei bis drei Monate lang werden sie von ihren Eltern ernährt – auch der Vater hilft dann mit – die Nahrung wird von den Eltern erbrochen. Danach begeben sie sich unter Begleitung der Mutter auf erste kurze Wanderungen – bis zum 5. oder 6. Monat lernen sie von ihr das Jagen – und bei uns in Caraça zeigt die Mutter ihnen auch, wie man die Treppe hochsteigt, um Futter im Kübel zu finden. Ich habe mal eine Mutter erlebt, die ihre zögerlichen Jungen mit der Schnauze buchstäblich die Treppe hinauf geschoben hat!
Im Alter von einem Jahr sind die Jungtiere bereits geschlechtsreif – sie beginnen um ein eigenes Territorium zu kämpfen – wobei die Männchen gegen ihresgleichen kämpfen und die Weibchen ebenfalls unter sich den Kampf entscheiden. Die Gewinner beherrschen fortan das Territorium und vertreiben die Andern, die sich in anderen Savannen umsehen, um zu überleben. Ein Jungtier kann sich sowohl mit der Mutter oder ein Bruder mit der Schwester paaren, falls sie das Gewinnerpaar beim Disput um das Territorium sind.
In einer bestimmten Nacht habe ich hier in Caraça sogar mal fünf Wölfe zusammen erlebt: Drei Jungtiere, die sich aus dem Kübel bedienten, die Mutter sicherte ihre Nahrungsaufnahme vom oberen Treppenaufsatz aus, und der Vater urinierte in unsere Palmen, von denen die Treppe gesäumt ist, um so sein Territorium zu markieren“.
Dann erzählt Bruder Francisco mir noch, wie seine Leidenschaft für die Wölfe begann: “Es war im Mai 1982, als wir morgens unsere Mülltonnen umgekippt vorfanden – ihr verstreute Inhalt war offensichtlich durchwühlt worden. Unser Bruder Thomaz, der heute in Belo Horizonte lebt, versicherte unserem Pater Tobias, dass es bestimmt Hunde wären, die diese Schweinerei angerichtet hätten. Der Pater Tobias fand es unwahrscheinlich, dass Hunde den zwanzig Kilometer weiten Weg vom nächsten Dorf durchs Gebirge hierher gefunden hatten. Da habe ich mich auf die Lauer gelegt und entdeckt, dass der grosse Hund, der die Tonnen unseres Klosters umdrehte, kein Geringerer war, als der Chrysocyon brachyurus.
Ich begann damit, ein Brett mit einem Stück Fleisch an jeder Pforte auszulegen, und morgens waren alle Fleischbrocken weg. Schliesslich legte ich nur noch vor der Treppe zur Küche die allabendlichen Gaben aus – einige Zeit lang holten sie sich das Fleisch von dort unten weg. Es dauerte mehrere Monate, bis ich mich auf jenen Treppenabsatz vorwagte, um die Tiere einmal in ihrer vollen Grösse und Schönheit zu sehen, anstatt nur als flüchtige Schatten. Und wieder ein paar Monate später, nachdem meine Erscheinung auf der Treppe sie nicht mehr zu beunruhigen schien, stellte ich den Fresskübel eines Nachmittags auf halbe Höhe der Treppe dorthin, wo er heute noch steht . . . . und die Wölfe folgten ihm noch am gleichen Abend“.
Durch die liebevolle Behandlung der Mähnenwölfe seitens der Mönche von Caraça und ihr Beispiel, das zahlreiche andere Institutionen und Privatpersonen inspiriert hat, einem friedlichen Miteinander mit dem “Lobo-guará“ den Vorzug zu geben, befindet er sich inzwischen nicht mehr auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten.