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Doch besitzt der Lukmanier seit dem
Sommer 1877 eine Fahrstraße. Von Platta (1380 m) im
ValMedels aus über Perdatsch, wo sich der
Rhein in eine 30 m tiefe Schlucht mit donnerndem Getöse stürzt, gelangt man zu den
Hospizen St. Gion und St.
Gall, wo bereits
fast alle
Vegetation erstorben ist. Weiter hinauf steht auf der magern
Matte Prausak das
HospizSanta Maria
(1842
m), und hier beginnt die eigentliche Bergroute. Auf der Paßhöhe des Lukmanier bezeichnet ein
Kreuz
[* 3] die
Grenze zwischen den Kantonen Graubünden
und Tessin.
Der Übergang ist ein rauhes Hochplateau. Dann führt der Weg steil zum Zurathal, dem obersten Teil
des Camperiothals, hinab, an den
Hospizen Casaccia und
Camperio vorbei nach Olivone (892
m) und endlich nach
Biasca (287 m),
wo man das Hauptthal und damit die Gotthardlinie erreicht.
Westlichster der Rheinpässe, einziger fahrbarer Bergübergang aus dem Bündner Oberland in seitlicher
Richtung und zugleich niedrigster aller die Hauptkette der Alpen überschreitenden Pässe zwischen dem Col desÉchelles de
Plampinet und dem Maloja. Führt von Disentis (1150 m) durch das Medelserthal, über den Zug
der Zentralmassive und das Val Santa Maria
nach Olivone (893 m) und Biasca (305 m). Die 1871-1877 mit einem Kostenaufwand von 1104700 Fr. erbaute
Fahrstrasse über den Lukmanier ist von Disentis bis Olivone 38,3 km lang und durchgehends 4,8 m breit; daran schliesst sich
die 23,4 km lange und durchgehends 6 m breite ThalstrasseOlivone-Biasca, die 1820 fertig erstellt worden
ist und 880000 Fr. gekostet hat.
Von Disentis senkt sich die Strasse zunächst bis zum Vorderrhein, den sie auf einer steinernen Brücke überschreitet, geht
dann durch 11 rasch hintereinander folgende Tunnels durch die finstere Schlucht des Mittel- oder Medelser Rhein (wo während
des Baues der Strasse zahlreiche Nester von Krystallen gefunden worden sind), setzt mit einer steinernen
Brücke auf das andere Ufer über und steigt von da mit einigen Schlingen bis Curaglia (1332 m; 5,5 km von Disentis) auf. Dieses
erste Dorf im Medelserthal liegt gleich dem um 1,5 km von ihm entfernten OrtPlatta (1380 m) auf einer schönen
Wiesenterrasse am rechten Ufer des Flusses.
Bis hierher gehört die
durchwanderte Landschaft zu den grossartigsten der Schweiz und braucht den Vergleich mit den Schluchten
der Roffna, des Schyn, der Züge etc. nicht zu scheuen. HinterPlatta verengert sich das Thal von neuem und wird wieder wilder
und einsamer. An den Weilern Pardi, Fuorns und Acla vorbei erreicht man das am Eingang ins Val Cristallina
stehende Perdatsch (1552 m), von wo an der Wald zurückbleibt und die die Strasse begleitenden Gipfel einander sich nähern
und zugleich an Höhe zunehmen.
Nach 2,7 km ist von Santa Maria aus die Passhöhe des Lukmanier (1917 m; Kantonsgrenze zwischen Graubünden
und Tessin)
erreicht, auf der sich,
kaum merkbar, die Wasser zwischen dem Rhein und Tessin
scheiden. Mit sanftem Gefälle geht nun die Strasse gegen SO. ins Val Santa Maria
hinunter, passiert das 1885 niedergebrannte HospizCasaccia und die Postablage mit Gastwirtschaft auf dem
Pian di Segno (1680 m; 5,5 km von der Passhöhe), durchzieht weiterhin mit grossen Schlingen die Alpweide der Monti di Campra
(1228 m), gewährt auf dieser Strecke einen prachtvollen Ausblick auf die Gruppe des Rheinwaldhorns¶
mehr
und das Thal von Olivone und erreicht endlich Olivone (893 m; 17,3 km unter der Passhöhe), wo sie sich mit der Strasse des
Bleniothales vereinigt. Der Postwagen legt die Strecke Olivone-Disentis oder umgekehrt in je 6 Stunden zurück, während der
Fusswanderer von Disentis bis zur Passhöhe 5½ und von da bis Olivone 3½ Stunden braucht. 1901 beförderte
die Post über den Lukmanier 1664 Reisende und nahm an Passagier- und Gepäcktaxen die Summe von 2786 Fr. ein. Auf der Passhöhe
hat man 1876 beim Strassenbau einen eisernen Wurfspiess aus der Römerzeit gefunden.
Nach Dr. Heierli wäre es aber zu gewagt, gestützt auf diesen Fund und einige alte Strassenspuren anzunehmen,
die Römer hätten schon einen Weg über den Lukmanier angelegt. Im Mittelalter war der Passübergang des Lukmanier von ziemlich
grosser Bedeutung. 754 überschritt ihn Pipin der Kurze mit seinen Truppen, später kehrte Otto der Grosse über ihn aus Italien
heim, und 1164 und 1186 führte auch Friedrich Barbarossa Truppen über ihn. Um 1300 stand auf der Passhöhe
ein Kreuz. 1413 und 1431 nahm dann auch Kaiser Siegmund noch seinen Weg über den Lukmanier. Heute hat er seine internationale
Bedeutung verloren und dient nur noch als bequeme lokale Verbindung zwischen dem Bündner Oberland und
dem Kanton Tessin.
Wie er schon bei der Frage einer ersten Ueberschienung der Alpen als Konkurrent des Gotthard aufgetreten ist, wird auch
neuerdings das Projekt einer Lukmanierbahn wieder lebhaft besprochen. Vergl. Alpenpässe, die schweizerischen. 2. Aufl. Bern
1893. -
Schulte, Aloys. Geschichte des mittelalterl. Handels und Verkehrs zwischenWestdeutschland und Italien. 2 Bde.
Leipzig 1900.