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«Wenn du dein Geld auf den Cayman-Inseln oder sonst einer dieser komischen Destinationen hast, bist du per se verdächtig. Wenn du das in Zug machst, bist du das nicht.» Der linksgrüne Alt-Regierungsrat Hanspeter Uster nennt eine entscheidende Zutat von Zugs Erfolgsrezept: Als Kleinstadt in der beschaulichen Schweiz wird Zug mit weniger negativen Assoziationen verknüpft als andere Steueroasen. Dies, obwohl sich Zug bereits vor über 50 Jahren als Steuerparadies etabliert hat und zum Steuerexil für Unternehmen und schwerreiche Privatpersonen wurde. Ein SRF-Dokumentarfilm von Luzia Schmid zeigt einige Aspekte dieser Entwicklung auf. Schmid ist selber Zugerin und titelte ihren Film «Der Ast, auf dem ich sitze».
Als Kind den steilen Aufstieg der Stadt miterlebt
Luzia Schmid wuchs in den 1970er-Jahren in einem Zuger Wohnquartier auf, in dem Familien zu Wohlstand kamen, indem sie Firmen ihre Briefkästen zur Verfügung stellten. Schmids Vater Franz Schmid war Anwalt und Treuhänder. Es gab Tage, an denen er fünf Firmen gründete, die seine Adresse oder die seiner Nachbarn nutzen konnten. Die 50’000 Franken Stammkapital brachten Firmenvertreter bar in einem Köfferchen vorbei. 20 Firmen hätten zeitweise Schmids Postadresse als Sitz angegeben, vielleicht seien es auch 40 gewesen, schätzt Luzia Schmids Schwester Andrea Hodel, die wie der Vater im Film zu Wort kommt. Für beide wäre es nie infrage gekommen, etwas an Zugs Steueroasenstatus zu ändern und damit den Ast anzusägen, auf dem sie sassen.
Ausmass der Steuerflucht am Beispiel Sambias
Die Regisseurin, die dem Reichtum ihrer Heimatstadt kritisch gegenübersteht, geht in ihrem Film der Frage nach, ob es Personen gab, die die Steuerpraxis ändern wollten. Am Ast, auf dem sie sassen, zu sägen wagten. Um eine der Folgen von Steueroasen zu veranschaulichen, reiste sie nach Sambia, wo in Mopani die Kupfermine Mopani Copper Mines ihren Sitz hat, bis Anfang 2021 eine Tochterfirma des Rohstoff-Konzerns Glencore mit Sitz in Baar. Mopani steht bereits seit längerer Zeit in der Kritik, unter anderem von Public Eye. Infosperber hat mehrmals über diese Glencore-Mine berichtet. Dem Konzern wurden Umweltschäden und Verschiebungen von Gewinnen in Steueroasen vorgeworfen.
Zusammen mit anderen Rohstoffunternehmen soll Glencore nach Angaben von Luzia Schmid dank Gewinnverschiebungen den Staat Sambia um jährliche Einnahmen von drei Milliarden Dollar gebracht haben. Die Mopani-Mine brüstete sich zwar mit einer eigenen Schule, einem eigenen Spital und einem Schulungscenter. Was das Land jedoch nötig hätte, so die sambische Ökonomin Twivwe Siwale im Film, wären die Steuereinnahmen, um solche Infrastrukturen landesweit zu errichten.
Als Spender hatte sich auch Marc Rich in Zug inszeniert, erinnert sich Luzia Schmid. Aus der Rohstofffirma Marc Rich des gleichnamigen umstrittenen Geschäftsmannes ist später Glencore geworden. Luzia Schmids Schwester Andrea Hodel erzählt, wie Rich grosszügig den Geldbeutel öffnete, wenn man für ein Event oder ein Vereinssponsoring etwas brauchte. Nach dem «Gschmäckli» gefragt, das bei diesen Spenden bleiben könnte, sagt sie: «Uns war das Gschmäckli egal, wir brauchten doch das Geld, um diese Sportclubs weiterzuführen.» Bekanntlich wurde Marc Rich später zum gesuchten Verbrecher des FBI, weil er sich nicht an das Öl-Handelsembargo gegen den Iran hielt. Rich flüchtete in die Schweiz, die ihn nicht ausliefern wollte. Die meisten Delikte, die Rich damals vorgeworfen worden seien, seien in der Schweiz nicht strafbar gewesen, sagt Georg Stucky in die Filmkamera. Er war damals Finanzdirektor des Kantons Zug.
Auch dem Mitte-Parteipräsidenten Gerhard Pfister, der einst im Zuger Kantonsrat sass, kann Luzia Schmid kein Anzeichen von Bedauern über die Folgen des Steuerparadieses entlocken. Wenn ein guter Steuerwettbewerb zwischen verschiedenen Standorten existiere, gebe es Wohlstand für alle. Als Politiker oder als Staat dürfe man keine Moralvorstellung umsetzen, meint er. Diese Meinung scheinen viele in Stadt und Kanton Zug zu teilen: Als andere Schweizer Orte ebenfalls durch Steuersenkungen grosse Steuerzahler anziehen wollten, schaffte es Zug, sich abermals durchzusetzen.
Die Ethik spielte kaum eine Rolle
Nicht nur zeigten Stadt und Kanton Zug kaum Bedenken hinsichtlich ihrer Helferrolle für steuerflüchtige Konzerne und Millionäre. Als andere Schweizer Orte mit Steuersenkungen zu Wirtschaftsstandorten zu werden hofften, wollte sich Zug mit allen Mitteln auf dem ersten Platz halten. Die Pflege der angesiedelten und anzusiedelnden Unternehmen habe stets oberste Priorität gehabt, meinte Hanspeter Uster, der 1990 zum ersten linken Zuger Regierungsrat gewählt wurde. Das Gemeinwesen funktioniere hier als Servicebetrieb, obwohl es eigentlich auch die Aufgabe hätte, Dinge ethisch zu hinterfragen.
Er und andere linke Politiker machten zwar im Kantonsparlament auf die ethischen Bedenken aufmerksam, ihre Anliegen fanden aber keine Mehrheit. «Die Menschen wollen das nicht hören», sagt Uster im Film. Andrea Hodel, die für die FDP im Kantonsrat sass, erklärt, die Linken seien nie bedrohlich gewesen, bis heute nicht. «Aber sie waren lästig und haben Arbeit beschert. Alles, was man vorwärtsbringen wollte, haben sie gebremst, man musste sich ihnen gegenüber rechtfertigen, musste ihren stundenlangen Ausführungen zuhören, warum das so schlecht sei, obwohl sie genau wussten, dass sie in den Abstimmungen keine Chancen haben.»
Ob er Wegbereiter gewesen sei für die heutige Situation, fragt Luzia Schmid ihren Vater, der wie etliche andere Zuger ausländischen Unternehmen Treuhänderdienstleistungen erbracht hatte. In einem gewissen Sinne sei er ein Wegbereiter gewesen, meinte der Vater. Doch für den Rest habe die Mehrheit der Zugerinnen und Zuger gesorgt. Die Ansprüche der Leute seien heute derart viel höher als dazumal – wollten diese befriedigt werden, müsse das Pulver von irgendwo herkommen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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