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John Boehner for President!
Der Wahlkampf nimmt zusehends wildere Formen an, völlig enthemmt dreschen Trump und Clinton mitsamt ihren Fanclubs aufeinander ein. Ausgerechnet John Boehner aber verbreitet einen Hauch von Normalität. Als Sprecher im Repräsentantenhaus war Boehner ranghöchster Republikaner in Washington. Er trank gern einen. Er weinte, wenn ihm etwas ans Herz ging. Auch war er stets gebräunt, fast orangefarben trat er im TV auf.
Inmitten der Verbissenheit des Washingtoner Dauerkriegs schien John Boehner angenehm psychosenfrei. Als ihm die Betonfraktion seiner Partei im Herbst 2015 das Leben verbiesterte, warf Boehner das Handtuch und trat zurück.
Today is my last day as Speaker of the House, and this is the story of how I came to that decision.https://t.co/bqmcdhHghg
— John Boehner (@SpeakerBoehner) 29. Oktober 2015
— John Boehner (@SpeakerBoehner) 29. Oktober 2015
«Ich habe in neun Jahren kein Auto gefahren», erklärte er und fuhr wieder selber. Derweil Paul Ryan, sein Nachfolger im Amt des Sprechers, viel Ärger am Hals hatte, privatisierte Boehner mal in Florida, mal zu Hause in Ohio.
Mitten im explodierenden Wahlkampf machte sich der Pensionär Anfang Juli im Camper auf eine Reise quer durch Amerika. Gelegentlich stellt er kleine Videos auf Youtube. «Der ehemalige Sprecher John Boehner am Steuer von ‹Freiheit 1›, irgendwo auf Amerikas Asphaltprärie», steht darunter. Am Atlantik in New Jersey brach er auf, im Pazifikstaat Washington ist die Reise an diesem Wochenende vorbei.
— John Boehner (@SpeakerBoehner) 30. August 2016
Unterwegs machte Boehner dann und wann Wahlkampf für republikanische Kongressabgeordnete. Nicht für die Wilden vom rechten Rand, eher für Leute wie er selber. Entspannt und entkrampft dudelte er durch den Kontinent. Als der Abgeordnete Tim Huelskamp, einer seiner Peiniger in der republikanischen Fraktion, im Juli seine innerparteiliche Vorwahl in Kansas und damit seinen Sitz verlor, twitterte Boehner ein Foto von sich mit einem Glas Wein in der Hand. Er chillte und freute sich, Erklärungen brauchte es keine. Jeder verstand.
Dafür hatte Boehner harte Worte für Senator Ted Cruz, auch er einer, der Boehner politische Handkantenschläge verpasst hatte, weil der Sprecher nicht extrem genug war. Boehner nannte Cruz einen «fleischgewordenen Luzifer» und einen «Hundesohn». Danach begab er sich mit seinem Camper auf den grossen Trip. Gewiss überkommt Boehner ein Gefühl tiefer Zufriedenheit, wenn er die um ihn herum tobende Wahlschlacht betrachtet. Lieber Ferien machen auf der Asphaltprärie als Kombattant zu sein beim täglichen Gefecht zweier Kandidaten, die eine Mehrheit der Amerikaner am liebsten in eine Umlaufbahn jenseits von Pluto schiessen möchte!
Ein Hauch von Normalität
Wahrscheinlich fragte sich auch Boehner bei langen Strecken mit dem Camper, warum trotz einer Bevölkerung von über 300 Millionen ausgerechnet Trump und Clinton aufgestellt wurden. Vielleicht hätte es ihn im Rückblick sogar selber gereizt, Präsident zu werden. Dafür getaugt hätte er kaum, aber gegen Clinton und Trump hätte er womöglich gewonnen.
«Tanned, rested and ready – John Boehner for President!» wäre eine famoser Slogan für den Wahlkampf gewesen. Boehner ist stets gebräunt, er ist ausgeruht, und er ist bereit. Trump mag eine orangefarbene Tolle haben, Boehner ist orangefarben. Auch hat er weder eine Stiftung noch einen privaten Server wie die Clintons. Ein «Server» in Boehners Welt ist ein Kellner mit einem Glas Rotwein. Wie gesagt: ein Hauch von Normalität.