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Namibia bietet Landschaften voller Farben und Kontraste, vom Rot der Dünen von Sossusvlei bis zum Weiss des Etoscha-Nationalparks.
Meine Reisebegleiter Monty und Kaa – zwei ziemlich realistisch aussehende Gummischlangen, die meine Lager seit Jahren vor schelmischen Affen und anderen Möchtegern-Eindringlingen schützen – hingen an einem Haken am Dachträger. Der Inhalt meines Land Rovers lag verstreut herum, bis auf den fast leeren Kühlschrank, der noch im Innern angeschlossen war. Es war das dritte Mal, dass ich alles auspacken musste und ich konnte meine Verärgerung kaum verbergen.
Das war am Grenzübergang von Buitepos. Ich hatte fünf herrliche Wochen lang ganz Namibia bereist und war auf dem Heimweg über den Trans-Kalahari Corridor, eine Fernstrasse durch Botswana zurück nach Südafrika. Ich hatte noch ein gutes Stück nach Kang zurückzulegen, bevor es dunkel wurde.
Der uniformierte Beamte schien gelassener, nachdem er seine erste Begegnung mit Monty und Kaa verkraftet hatte. Als ich ihm die Tür geöffnet hatte, machte er zunächst einen unbeholfenen Satz nach hinten, da er die beiden auf meiner Ausrüstung liegen sah. Ich zeigte ihm, dass sie nicht echt waren und erklärte, wofür ich sie brauchte. Da lächelte er zum ersten Mal, nahm seine Brille ab, schaute mir ins Gesicht und sagte: “Eine Frau ganz allein im Wagen – was haben Sie sonst noch dabei?” Das 1×1 afrikanischer Grenzen: Sei immer höflich und geduldig, ungeachtet der Umstände.
Die Rolle der Frau in den afrikanischen Kulturen
So müde ich auch war, verstand ich, warum andere Fahrer scheinbar mühelos jeden Grenzübergang nahmen, ohne das ganze Theater. In afrikanischen Kulturen haben Frauen klare Rollen zu erfüllen und allein zu reisen, ohne eine Familie oder einen Mann an der Seite, gehört nicht dazu. Meistens begegnet man mir bloss mit Neugierde – dies war eine Ausnahme.
Dem Beamten und seinem Kollegen, der sich zu uns gesellte, kam ich “verdächtig” vor, ein potentieller “Drogenkurier”. Nachdem ich sie von meiner Ehrlichkeit überzeugt hatte, erzählte ich, dass ich seit Wochen durch ihr schönes Land reiste, um Fotos zu machen. Ihr Verdacht verwandelte sich in Staunen und Stolz.
Kaum war meine ganze Ausrüstung wieder verstaut, wurde ich erneut aufgehalten; der Beamte nahm Monty und Kaa, lief herum und erschreckte lauthals lachend seine Kollegen. Ich für meinen Teil genoss es als süsse Rache.
Einst bekannt als Südwestafrika – ein perfekter Name angesichts der Lage des Landes an der Westküste im südlichen Afrika – ist Namibia einer jener unvergesslichen Orte, die für Fotografen weltweit zum Nirwana werden. Ich machte diese Reise für ein besonderes Fotoprojekt und es war keineswegs mein erster Besuch in Namibia.
Auf der Suche nach den Wüstenelefanten
Die Reise begann in der Hauptstadt Windhoek, quasi im Zentrum, gefolgt von einer langsamen Fahrt nach Süden ins Sossusvlei. Dann wieder zurück durch den Namib-Naukluft-Nationalpark und hinüber zur Küstenstadt Swakopmund und anschliessend weiter nördlich ins Erongo- und Damaraland auf der Suche nach den Wüstenelefanten. Von dort aus ging es nach Etosha, dem Höhepunkt meiner Reise. Und gleichzeitig die perfekte Location, um mein neues Tele für die Tierfotografie zu testen.
Ein rotes Dünenmeer kam in Sicht. Es war ausserhalb der Hochsaison und mein allererster Besuch im Sossusvlei; ich wollte die Deadvlei-Bäume in einem Gebiet namens Death Valley fotografieren, die wohl am häufigsten abgebildeten Skelettbäume im südlichen Afrika. Im Wüstencamp erfuhr ich, dass es geregnet habe und es im Deadvlei Wasser geben könnte – wie aufregend, denn ich hatte gelesen, dass dies nur etwa alle zehn Jahre vorkommt.
Auch ohne Wasser war die Gegend beeindruckend. Vor etwa 900 Jahren, als der Tsauchab-Fluss das Tal überschwemmte, begannen sich die Bäume zu „verewigen“; Kameldornbäume und andere Pflanzen waren sehr produktiv, die riesigen Dünen des Sossusvlei drangen in das Gebiet ein und sperrten den Fluss ab, in der Folge entstand eine Salz- und Tonpfanne. Die Pflanzenwelt starb ab, aber die Skelette der Bäume blieben aufgrund der extremen Trockenheit erhalten.
Big Daddy und Big Mama in der Namib-Wüste
Die Namib-Wüste beherbergt einige der höchsten Dünen der Welt. Big Daddy ist eine der höchsten im Sossusvlei; etwas nördlich davon liegt die kleinere Big Mama. Die berühmte Düne 7 erreicht eine Höhe von etwa 388 m. Zum Vergleich: Das Empire State Building in New York ist 381 m hoch.
Ein Guide sass am Eingang zum Tal auf seinem Fahrzeug und fragte mich, ob ich eine Mitfahrgelegenheit brauche. Da ich Wagen und Ausrüstung nicht allein zurücklassen wollte, lehnte ich ab. Wie schwer konnte es sein? Doch bald hatte sich die Piste in eine Stromschnelle aus Dünensand verwandelt; ich hatte noch die Stimme meines 4WD-Fahrlehrers im Ohr: “Lass den Land Rover die Arbeit machen, dafür ist er da.”
Trotz 38°C lief mir ein Schauer über den Rücken – die Skelettbäume streckten ihre knorrigen Wurzeln in die Luft und liefen über das Wasser auf mich zu. Meine rege Fantasie hatte Vor- und Nachteile. Tatsächlich faszinierte die Fotografin in mir während den nächsten Tagen am meisten der ständige Wechsel von Schatten und Farben, vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag. Die dünne Schicht Wasser, die langsam im Lehm versickerte, erzeugte surreale Lichtreflexe. Überall erwachten grafische Kunstwerke zum Leben, faszinierend und melancholisch zugleich.
Allein im Namib-Naukluft-Nationalpark
Zurück im Norden führte mich meine Route durch den Namib-Naukluft-Nationalpark. Etwa 75% der Strassen in Namibia bestehen aus Schotter und der Verkehr ist sehr gering. Nach ein paar hundert Kilometern schien ich die einzige Person weit und breit zu sein, was mich überglücklich machte.
Eine kahle Landschaft, strahlend weisser Sand am Horizont, das Rot von Sossusvlei war vergessen. Hier und da erhoben sich Felsformationen, die nicht hierher zu gehören schienen. Eine davon ist der Vogelfederberg, der wie ein versteinerter Kadaver reglos in der brennenden Sonne liegt. Es gab nur ein weiteres Gebilde, ein einsames Plumpsklo mitten im Nirgendwo.
Wie die meisten Länder Afrikas ist Namibia multikulturell, mit elf ethnischen Gruppen, darunter ein starker deutscher Einfluss. Der europäische Wettlauf um Afrika hat auf dem ganzen Kontinent Spuren hinterlassen und die Geschichte auf dem Weg zur Unabhängigkeit war turbulent. Dennoch ist der deutsche Einfluss spürbar lebendig, besonders in der Küstenstadt Swakopmund.
Die beste Schwarzwälder Kirschtorte in Afrika
Viele Strassennamen wurden geändert, aber diverse Hotels, Restaurants und Bistros tragen immer noch stolz ihre unverwechselbar germanischen Namen (Schlachter, Fischreiherstrasse usw.) neben der deutschen Flagge. In Swakopmund muss man unbedingt die beste Schwarzwälder Kirschtorte diesseits von Afrika probieren. Auf der Dachterrasse des „Zum Kaiser“ sah ich die Sonne untergehen. Dabei drang leise ein Volkslied von verlorener Liebe an mein Ohr und ich fühlte mich, als wäre ich durch ein vergessenes Portal ins Europa einer längst vergangenen Zeit getreten.
Mich faszinieren Trockengebiete mehr als der Busch – sie bergen so viele Geheimnisse und obwohl vielleicht nicht auf den ersten Blick ersichtlich, gibt es in der Wüste und den Dünen jede Menge Leben. Um den Dünengürtel an der Küste bei Swakopmund zu erkunden, nahm ich an einer Exkursion von „Living Desert Adventures“ teil, mit dem bekannten, leidenschaftlichen Reiseveranstalter Chris Nel. Nebel senkte sich vom Meer über den Dünengürtel, der normalerweise trocken ist, und spendete Hunderten von kleinen Wüstentieren und Pflanzen Feuchtigkeit.
Die Geissel dieser sensiblen Küstenregionen sind Quads und Geländewagen, die sich nicht an die vorgegebenen Pisten halten. In der Hochsaison fahren Touristen in die Dünen und Ebenen und hinterlassen dabei Narben, die Hunderte von Jahren sichtbar sein; die Deutschen durchquerten die Wüste 1880 und ihre Spuren sind immer noch sichtbar. Zum Glück wurden jetzt auf Betreiben von Chris und verschiedener Organisationen Restriktionen eingeführt. Wir bewunderten seinen Enthusiasmus und sein Wissen, als er uns barfuss auf Wüstenbewohner wie Spinnen, Geckos, Chamäleons und Skorpione aufmerksam machte.
Die Chroniken unserer Ahnen
Weiter nördlich, von den Dünen zu den Erongobergen, wurde mir die Sicht der offenen Strasse plötzlich von riesigen Felswänden verstellt; ein schmaler Pfad wand sich tiefer und tiefer hinein.
Die Felsenburgen, die jahrhundertelang über unsere Vorfahren wachten, haben uns ihre auf Wände gemalten und geritzten Chroniken überliefert.
Am späten Nachmittag führte mich ein Guide zu den verborgenen, sagenumwobenen Kunstwerken und erklärte mir die faszinierenden Figuren und ihre Bedeutungen. Des Nachts im Bett, als ich dem unheimlichen Wehklagen der Schakale lauschte, dessen Echo durch die Felsen hallte, fragte ich mich, welches Vermächtnis wir wohl hinterlassen würden. Der Gedanke liess mich schaudern und ich beschäftigte mich stattdessen mit der Route für den nächsten Tag.
Bei meiner Reiseplanung für Namibia hatte ich entdeckt, dass ich den “Finger Gottes” nicht sehen würde, weder jetzt noch in Zukunft. Im Bruchteil einer Sekunde an einem Tag im Dezember 1988 endete ein erstaunlicher Balanceakt: Die Felsnadel, die seit Äonen am Himmel pendelte und von den Nama „Mukurob“ genannt wurde, verschwand. Soeben noch ragte sie stolz auf ihrem Sockel und wachte über das Land bei Asab – und im nächsten Augenblick war nichts mehr da. Für den Einsturz gab es keine Zeugen, keine Filmaufnahmen, keine Warnung. Der Felskoloss war einfach verschwunden. Vielleicht war es damals in den lokalen Schlagzeilen, aber die Nachricht ist nie bis zu uns nach Südafrika durchgesickert, oder vielleicht habe ich es damals verpasst.
Die Alternative: Der Vingerklip in Damaraland
Die stattliche Felssäule blickt auf das Panorama des Ugab-Tals mit seinen Hochebenen und Tafelbergen. Vor Millionen von Jahren hat sich der Flusslauf des Ugab in das Land gegraben und die Ugab-Terrassen geschaffen.
Ich erreichte die Fingerklippe zu Fuss und genoss von ihrer Basis aus den atemberaubenden Ausblick. Am Nachmittag, zur goldenen Stunde, dokumentierte ich die glatte Felswand – sozusagen als Trost für den erloschenen Finger Gottes – und machte mich dann auf den Weg zu den weissen Elefanten im Etoscha-Nationalpark.
Eine Landschaft mit Luftspiegelungen erwartete mich, gedämpfte Farben, die zum Horizont hin immer heller wurden, als sich der Himmel verdunkelte. Die Dämmerung war ein einziger Widerspruch, Feuer erleuchtete das Firmament. Jeder Fotograf, der Etosha besucht hat, wird dir vor allem das lyrische Licht beschreiben.
Okaukuejo, eines der drei grossen Camps, war herrlich ruhig und bot einige gute Plätze zum Zelten. Dieser Ort blickt direkt auf eine virtuelle Bühne, ein belebtes Wasserloch – quasi ein Safari-Sessel, vor dem sich das Kommen und Gehen der Wildtiere abspielt. Ich hatte gerade in mein Sandwich gebissen, als das unverkennbare Gebrüll und Trompeten die Ankunft einer Elefantenherde ankündigten; mein Tag war gerettet. Diese Dickhäuter beobachten zu können, wie sie miteinander interagierten – Kälber, die im Wasser spielten; Leitkuh, Tanten und Schwestern, die kommunizierten – war ein Privileg. Stunden später, als ich meine Kamera beiseitegelegt hatte, sah ich, wie mein vergessenes, angebissenes Sandwich von begeisterten Ameisen in Stücken abtransportiert wurde.
Namibia: Der Traum jedes Fotografen
Lange schwärmte ich von den Wüstenelefanten Namibias und den weissen Elefanten in Etosha; aber dann habe ich nachgelesen, was den Mythos bis zu einem gewissen Grad zum Platzen brachte. Die Wüstenelefanten existieren zwar, sind aber keine andere Art oder Unterart des afrikanischen Elefanten. Es sind wandernde Clans und da sie auf ihrer Wanderung kaum genug zu fressen finden, sehen sie anders aus, sind kleiner und wiegen weniger. Trotzdem würde ich sie gerne einmal sehen. Die Elefanten in Etosha sind in der Tat sehr hell grau, da ihre Haut voller Kalk und Staub ist; etwas Spritz- und Sprühwasser bringt die wahre Farbe ans Licht.
In den nächsten zwei Wochen erkundete ich den Park und die anderen Camps, Halali und Namutoni. Da 25% der Flächen Senken waren, viele mit Regenwasser gefüllt, schoss ich viele Bilder von hochgewachsenen Giraffen, die sich entlang der Strasse bewegten und fast bewegungslosen Oryxantilopen mit ihren Zeichnungen. Eines frühen Morgens erblickten meine Augen in der Ferne einen rosaroten Dunst: Flamingos – ich war begeistert.
Für Fotografen bietet Namibia eine eklektische Mischung aus Landschaften, Stadtbildern, Charakteren und betörenden Kuriositäten – ein faszinierendes Land, das man einfach erkunden und fotografieren muss. Ich hatte drei Kameragehäuse dabei, ausserdem ein Stativ und eine Schwenkplatte, die am Fahrzeugfenster montiert war. Das Weitwinkel ist ein Muss, ebenso je ein mittleres und ein Teleobjektiv für die Tierwelt, um Objektivwechsel an staubigen Orten zu vermeiden. Die Belichtungszeit ist oft eine Herausforderung: Das Weiss des Sandes reflektiert das Licht und übertönt alles andere. Ich musste ständig korrigieren und hoffte auf eine Wolkendecke, die das Licht natürlich streuen würde.
Namibia hat viel zu bieten, bisher habe ich nur an der Oberfläche gekratzt. Auf der einen Seite dunkel und kontrastreich, auf der anderen weich und brilliant, mit ein paar Sprenkeln ab und zu, um die Sinne zu wecken. Nimm dir Zeit, enthülle Schicht für Schicht – glaube mir, es lohnt sich.