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Schmetterlinge
Als eines Sommerabends ein Freund, Bauer und Jäger, mein Schmetterlingsnetz sah, erkundigte er sich nach meinen Fangerfolgen. Dann studierte er meinen Führer, in welchem auf 20 Farbtafeln 180 Schmetterlingsarten von oben und unten und nach Geschlechtern getrennt abgebildet sind. Meine Erklärung über die Schwierigkeit, die Arten zu unterscheiden, beeindruckte ihn wenig. Er blätterte weiter, zeigte auf eine Abbildung und sagte, dass dieser Schmetterling längs der Bergbäche lebe. Es war ein Alpenapollo-Falter, auf den er zeigte. Zufall, dachte ich mir. Aber einige Seiten weiter wies er auf einen Trauermantel. "Also diesen sieht man oft an beschädigten Bäumen", sagte er. Ohne Buch, ohne Lehrer, unfähig die Namen zu nennen, hatte er doch das Wesentliche erkannt.
Weil sie leicht sind wie Blätter, müssten Schmetterlinge eigentlich vom geringsten Windstoss davongetragen werden wie Papierdrachen. Wer je versucht hat, die grossen Arten zu fangen, wie Schwalbenschwanz, Schillerfalter, Resedafalter oder Weisslinge, weiss genau, dass man sie beim ersten Versuch erhaschen muss. Wie meisterhaft kreist der Segelfalter, immer wieder einen einzelstehenden Baum, seinen Liebestreffpunkt, überfliegend! Oder die Glanzleistung eines Männchens des Grossen Perlmutterfalters, der die geradlinige Flugbahn des begehrten Weibchens zapfenzieherartig umschwebt.
Bestimmte Schmetterlinge unternehmen weite Reisen über die schneebedeckten Gipfel bis ins Mittelmeerbecken. An schönen Sommertagen sieht man sie über die Pässe Emaney, Bretolet und Barme fliegen. Sie zögern nicht, die Stauseen links der Rhone zu überfliegen. Admirale schweben mutig mitten über dem Dixence-Stausee, unbeirrbar südwärts orientiert, den in der Sonne funkelnden Gletschern entgegen und weiter oben, gegen die Pässe hin, nehmen sie immer wieder neuen Schwung, um knapp über dem Boden, gegen den Wind, den Süden zu erreichen.
Die erfreuliche Vielfalt der Tagfalter im Wallis darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie gefährdet die Welt der Insekten ist. Einige Sommerexkursionen durch den Kanton ermöglichen, den Puls der Situation zu nehmen. Der Versuch steht jedermann offen. Ein Tag genügt, um den Reichtum an Schmetterlingen in der Ebene mit demjenigen im Gebirge zu vergleichen: die Anzahl der in einer Stunde beobachteten Individuen schwankt je nach Ort von eins bis hundert. Die Populationen tiefer Lagen sind alle am Aussterben; denn eine Gruppe von zwei bis drei Individuen ist eindeutig schwächer und bedrohter als eine Population, die 200 bis 300 Schmetterlinge umfasst. Die paar Mähwiesen in der Rhoneebene und die Reste von Steppen mitten in den Rebbergen sichern die Zukunft dieser sehr mobilen Insekten nicht. Diese Naturinseln, von Bauten, Strassen und Intensivkulturen umgeben, beherbergen nur eine oder zwei Arten von Tagfaltern unter den am wenigsten anspruchsvollen: Damenbrett und Mauerfuchs in den Steppenlandschaften oder Rapsweissling, Grosses Ochsenauge und Hauhechelbläuling auf den Wiesen.
Gelb, orange, weiss. Wenn sie schnell vorbeifliegen, kann man oft nicht mehr als die Farbe erkennen. Gelb sind der Zitronenfalter (Bild 1) und der Gemeine Heufalter. Weiss sind alle Weisslinge. Orange und weiss ist der männliche Aurorafalter. Orange ist der Postillon.
Mehrere Bergfalter können die schönen Tage von zwei oder drei Sommern gemessen, wenn sie eine Winterpause als Raupen dazwischenlegen. Diese verwandeln sich in Schmetterlinge, nachdem sie eine Anzahl watmet Tage erlebt haben, die einem Sommer in der Ebene entsprechen. Darum sind Gletscherfalter (Bild 2), Alpenwidderchen (Bilder 3 und 4) und Veilchenscheckenfalter durch Überlagerung mehrerer Generationen je nach Jahren mehr oder weniger zahlreich.
Gewisse orangefarbene, braungefleckte Falter tragen unter den Flügeln kleine silberne Spiegel; typisch für die Hundsveilchenperlmutterfalter (Bild 5). Sie sind eher gross, fliegen schnell, und die erregten Männchen umschwirren die Weibchen in zapfenzieherartigem Flug, als wollten sie ein unsichtbares Netz über sie legen. Die Scheckenfalter - im Bild 6 ist ein Roter Scheckenfalter zu sehen - fliegen weniger nervös und tragen auf der Unterseite der Flügel ein helles Band, ehet gelblich als weiss, ohne Glanzeffekt.
Die Raupe des Grossen Eisvogels (Bild 1) lebt auf kümmerlichen Zitterpappeln, an feucht-warmen Orren, während diejenige des Schlehenzipfelfalters (Bild 2) den Schwarzdorn an Trockenhängen aufsuchr. Der Silbergrüne Bläuling (Bild 3) ist der für Magerwiesen, die er bis auf 2000 m ü. M. an gur exponierten Orten besiedelt, typische Falter. Auf Abbildung 4 ist ein Spanischer Bläuling auf einem Stengellosen Tragant zu sehen.
An einem weissen Strich auf der Unterseite der hellbraunen hinreren Flügel erkennt man mit Leichtigkeit den Grünblauen Bläuling (Bild 5). Um ihn zu sehen, bedarf es keines Fangnetzes und auch keines 100 m Laufs mit der Lupe. Nach der Mahd wimmeln die letzten Blumen auf ungemähren Strassenböschungen und die Distelpolster von kleinen Naschern. Zwei Bläulinge tragen silbrige Flecken auf den hinteren Flügeln. Den Spezialisten sei es überlassen, zu unrerscheiden zwischen dem Geisskleebläuling (Bild 6), der am Hinterbein einen Stachel trägt, und dem Gemeinet Heidewiesenbläulig, der keinen hat. Der Violette Silberfleckbläuling (Bild 7) lebt auf Heidelbeerheiden und weist einen einzigen Silberfleck auf. Der Schwarzgefleckte Bläuling (Bild 8) ist leicht zu erkennen an den grossen schwarzen Flecken, die auf der Oberseite seiner Flügel durchschimmern.
Um überlebensfähige Populationen von einigen Dutzend oder Hunderten von Individuen zu beobachten und einige besondere Arten anzutreffen wie Zahnflügel-Bläuling, Silber-grüner Bläuling oder Blauschillernder Waldportier, muss man geschlossene Natur gelände aufsuchen, die sich über mehr als zehn Hektaren erstrecken wie Montorge und den Hügel von Château de la Soie. Man muss durch die grosse Wildnis streifen, die sich von der Ebene bis an die Obergrenze der Hänge erstreckt wie in Branson, Mazembroz, Magnot, Salgesch und Bovernier, oder auch zu den weiten, wenig gedüngten und blumenreichen Wiesen von Aven, Savièse und Chermignon gehen. Dort, auf halber Hanghöhe und in den Seitentälern, zwischen Reben und Touristenorten, überleben Arten, die seit langem aus dem grössten Teil der Rhoneebene und den gesamten Rebbergen verschwunden sind.
Siehe auch