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Die Adressaten der Jubelreden
Jubiläumsansprachen waren im Verlauf der Jahrhunderte zu einem wesentlichen Bestandteil der universitären Jubiläumskultur geworden. Sie richteten sich in erster Linie an die an der Feier anwesende Elite der Stadt und hatten nicht selten Appellcharakter, indem sie deren Unterstützung für die Universität einforderten. Zugleich war es den Rektoren klar, dass ihre Worte noch lange in Erinnerung bleiben würden, wurden die Reden doch traditionellerweise in den Festberichten festgehalten.
Struktur bleibt sich gleich
Die Struktur der Anwesenden an Universitätsjubiläen hatte sich seit dem 17. Jahrhundert wenig verändert. Eingeladen wurden die «wichtigen» Leute aus den höheren Gesellschaftsschichten, Vertreter anderer Universitäten, Vertreter des Gewerbes und nicht zuletzt der Politik. Spätestens ab 1910 legte die Universität Wert auf die Anwesenheit eines Vertreters der Landesregierung. 1910 war der eingeladene Bundesrat aus Krankheitsgründen verhindert; 1939 und 1960 konnte der jeweilige Bundespräsident an der Feier anwesend sein. Vor der Gründung des Bundesstaates waren es die lokalen Regierungsvertreter, die während der Rede als Erste begrüsst wurden. Die Ansprachen dokumentieren die Rangfolge unter den Gästen. Sie verlauteten an den Basler Universitätsjubiläen in folgender Weise:
- 1860: «Hochgeachter Herr Bürgermeister! Hochgeachte, hochgeehrte Anwesende!»
- 1910: «Hochansehnliche Versammlung!»
- 1939: «Hochgeachteter Herr Bundespräsident! Hochgeehrter Herr Regierungspräsident! Hochansehnliche Festversammlung!»
- 1960: «Hochgeachteter Herr Bundespräsident, Hochgeehrter Herr Regierungspräsident, Exzellenzen, Magnifizenzen, Hochansehnliche Festversammlung»
Die Kommunikation zwischen Rektor und den anwesenden Gästen erschöpfte sich aber nicht in der Begrüssung. In der Wahl der Themen wandten sich die Vorsteher der Akademie mehr oder weniger direkt an die vertretene Obrigkeit. Wenn Rektor Johann Rudolf Thurneysen 1760 ausschweifend die schlechte Bezahlung und den zu kleinen Einfluss des Lehrkörpers auf die Stadt bemängelte, so rief er damit den anwesenden Magistraten ins Gedächtnis, dass es an ihnen sei, etwas an dieser Situation zu ändern. Tatsächlich begannen kurz nach den Feierlichkeiten die Bemühungen der öffentlichen Gremien, die schliesslich im Universitätsgesetz von 1818 mündeten. Die Jubiläumsrede diente in dieser Weise als Beschleuniger der Reformprozesse. So konnte Rektor Peter Merian hundert Jahre später sagen: «Während des vorigen Jahrhunderts war die Ueberzeugung immer allgemeiner geworden, dass unsere Universität einer durchgreifenden Umgestaltung bedürfe. Sie trat besonders lebhaft hervor bei der Feier von 1760.» Mündliche Äusserungen von damaligen Teilnehmern hätten ihm, Merian, einen «bleibenden Eindruck» von der damals herrschenden Stimmung hinterlassen.
Appelle an die Eliten der Stadt und an den Lehrkörper
Auch Merian wandte sich in seiner Rede von 1860 direkt an sein Publikum, allerdings auf subtile Art und Weise. Wie Eberhard Vischer im Jahr 1910, der während seiner gesamten Rede die enge Verbindung zwischen Bürgerschaft und Universität beteuerte, so hatte auch schon Merian die Unterstützung der Bürgerschaft ins Zentrum seiner Ansprache gestellt. Er listete akribisch Spenden und Legate auf und erwähnte so gut wie alle privaten Gesellschaften, in denen Bürger zur «Kräftigung des (...) republikanischen Gemeinwesens (...) durch freiwillige Leistungen das Gedeihen des Ganzen zu fördern trachten.» Mit der Erwähnung dieser Privatpersonen und der privaten Vereinigungen vollbrachte der Rektor zwei Leistungen: Er ehrte die Bürgerschaft – und ermuntert sie gleichzeitig, mit diesen Leistungen, seien sie nun materieller oder ideeller Natur, fortzufahren.
Weniger explizit waren die Forderungen in den zwei Reden von Rektor Ernst Staehelin von 1939 und 1960. Aber auch er sprach die obere Gesellschaftsschicht Basels an, indem er den Anwesenden zweimal sein Humanitätsideal skizzierte. Nur sie hätten – so die Interpretation von Staehelins Reden – überhaupt die Möglichkeit, das von ihm beschriebene Ideal zu verwirklichen. In dieser Weise reihte sich Staehelin in eine lange Tradition ein, Jubiläumsreden in erster Linie an den universitären Lehrkörper und die Eliten der Stadt zu adressieren. Die Studentenschaft hingegen wurde in den Rektoratsreden zu den Jubiläen kaum angesprochen.