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Der Traum vom irdischen Paradies
Autor: Angelica Tschachtli
Eigentlich wollte er Pfarrer werden. Edward Burne-Jones studiert zwei Jahre Theologie in Oxford, wo er William Morris kennenlernt, mit dem ihn eine enge und lebenslange Freundschaft verbinden wird. Die beiden vertiefen sich in romantische Gedichte, pilgern zu den gotischen Kathedralen Frankreichs und entscheiden sich, Künstler zu werden. In der Kunst und Kultur des Mittelalters und der Malerei der Renaissance entdecken sie eine Gegenwelt zum viktorianischen Alltag im England der 1850er-Jahre, das geprägt war durch die Nachwirkungen der Industriellen Revolution.
Figuren aus mittelalterlichen Ritterromanen, Sagen und Märchen sowie Götter der griechischen Mythologie – diese erzählerischen Stoffe wollen sie für ihre Zeitgenossen aufbereiten; Burne-Jones zeichnend und malend, Morris dichtend.
Die beiden werden von der englischen Künstlervereinigung der Präraffaeliten inspiriert, welche die italienische Malerei vor Raffael zu ihrem Vorbild nahm. So wählt Burne-Jones den Präraffaeliten Dante Gabriel Rossetti zu seinem Lehrer.
Suche nach dem Paradies
Die beiden Freunde planen ein grossangelegtes Buchprojekt mit dem Titel «Das Irdene Paradies», wie auch der Titel der Ausstellung in Bern lautet. William Morris erzählt darin in 40 000 Versen Sagen, Märchen wie Mythen nach, Burne-Jones fertigt Hunderte von Illustrationen an. Die erste Auflage erscheint 1868, jedoch noch ohne Illustrationen und stiess auf grosses Interesse. Ein späterer Druck mit den Illustrationen ist in Bern ausgestellt. Um das Anliegen der Verschränkung von Bild und Text in bibliophilen Buchausgaben zu realisieren, gründeten sie gar einen eigenen Verlag.
Die Prinzipien der Präraffaeliten (als Vereinigung 1853 aufgelöst) wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch eine von William Morris gegründeten Firma weitergeführt, die Möbel, Wanddekorationen und Glasfenster herstellte, und die ein kunsthandwerkliches Gegengewicht zur aufkommenden Massenware bieten sollte. Für viele der Produkte fertigte Burne-Jones die Designs an. In der Berner Ausstellung, die zusammen mit der Stuttgarter Staatsgalerie organisiert wurde, sind auch solche kunsthandwerkliche Arbeiten zu sehen: Stühle, eine Truhe, Glasmalereien und Tapisserien.
Grosse Gemäldezyklen
Hauptteil der Ausstellung bilden grosse Bildzyklen. Darin kämpfen und retten mutige Männer schöne Frauen. Der heilige Georg oder Perseus bezwingen beide ein Ungeheuer, um einer Königstochter das Leben zu retten. Die Dramatik dieser Geschichten zeigt Edward Burne-Jones aber nicht durch wild um sich schlagende grimmige Figuren, wie sie viele Künstler im Europa des 19. Jahrhunderts in grossen Historienmalereien in Szene setzten. Burne-Jones’ Figuren wirken festgefroren in einem entscheidenden Moment der Erzählung. Die Dramatik liegt in der Spannung zwischen den Figuren, ihrer verhaltenen Gestik und ihren Blicken, die nichts Zufälliges, sondern ewig gültige Symbole darstellen sollen. Diese elegische Gelassenheit der Figuren rechtfertigt Burne-Jones: «Sobald du Gesichtern das verleihst, was die Leute ?Ausdruck? nennen, zerstörst du ihren typischen Charakter und wertest sie ab zu Porträts, die für nichts mehr stehen.»
Dieses Kunstideal, das bei Burne-Jones zum Ausdruck kommt, orientiert sich an der griechischen Klassik und sei vor allem mit «untätiger Ruhe» verbunden, postulierte der Kulturtheoretiker John Ruskin, Kollege und Mentor von Burne-Jones.
Zusammen bereisten die beiden wie viele Kulturbeflissene ihrer Zeit Italien. Dort drängt Ruskin Burne-Jones, die venezianischen Renaissance-Meister zu kopieren, um daran sein Auge zu schulen. Dies wie die späteren Reisen nach Florenz und Rom beeinflussten die Kunst Burne-Jones’ nicht nur stilistisch, sondern auch in der Farbgebung nachhaltig.
«Ich meine mit Bild einen schönen romantischen Traum von etwas, das nie war, nie sein wird – in einem Licht, besser als jedes Licht, das je geschienen hat – in einem Land, das man nicht bestimmen kann oder erinnern, nur ersehnen.» Dieses Zitat von Edward Burne-Jones gibt gut wieder, was er mit seiner Kunst anstrebte. Zugleich drückt es treffend die Intention des Bildes «Das schlafende Dornröschen» aus, das ihm ein schottischer Minenmillionär für seinen Londoner Wohnsitz abkaufte. Über Jahrzehnte beschäftigte sich Burne-Jones mit der Dornröschen-Geschichte, dreimal stellte er sie in Zyklen von drei beziehungsweise vier Bildern dar, die sich auf Szenen um den verwunschenen Königspalast konzentrieren. Einer dieser Gemäldezyklen ist bis heute in seiner ursprünglichen Umgebung belassen und schmückt einen Salon eines Herrenhauses im Oxfordshire – für jede Wand ein Bild. Die Werke mitsamt ausgewählten Rahmen hat Burne-Jones selbst installiert (man beachte auch die Rahmen in der Ausstellung!). Die eigens dazu verfassten Verse von William Morris deuten die Intention eines Gesamtkunstwerkes an.
In der Ausstellung sind auch viele Zeichnungen und Vorstudien ausgestellt. Sie waren für Burne-Jones das Hilfsmittel zur Bildfindung.
Edward Burne-Jones ist in den Museen auf dem europäischen Kontinent kaum bis nicht vertreten. Mit der Ausstellung in Bern ist seine Kunst nun zum ersten Mal in der Schweiz zu entdecken.
Die Ausstellung «Edward Burne-Jones. Das Irdische Paradies» im Kunstmuseum Bern dauert noch bis am 25. Juli. Dazu ist ein Katalog erschienen.