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Kritik eines Kritikers…
Der vorliegende Band, 2015 bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen und von Thomas Anz herausgegeben (und wohl auch zusammengestellt) ist, enthält Essays und Kritiken aus dem Zeitraum von 1960 bis 2008. Es fehlen also Reich-Ranickis ganz frühen, noch polnisch geschriebenen Artikel; und man muss sich immer vor Augen halten, dass Auswahl ebenso wie der irreführende Titel des Buchs wohl kaum von ihm selber stammen. Fehlende Statements sind nicht dem ursprünglichen Autor anzurechnen; ich werde aber im Folgenden manchmal einfachheitshalber trotzdem so argumentieren.
Reich-Ranickis Kritiken sind in drei Epochen unterteilt: Von der Gruppe 47 bis zur Politisierung um 1968, Von der Neuen Subjektivität bis zum Fall der Mauer, und schliesslich Von der deutschen Einheit bis zum 21. Jahrhundert. Diese Epochen umfassen also Marcel-Reich Ranickis Zeit bei der ZEIT und der FAZ ebenso wie seine TV-Zeit beim Literarischen Quartett. (Es hat im Übrigen etwas Unanständiges an sich, Reich-Ranickis Kritiken aus dem Literarischen Quartett nachzulesen, wenn während der Lektüre Ranickis Kritikerkollege aus jener Sendung, Hellmuth Karasek, verstirbt, und das ZDF eine Neulancierung der Sendung versucht, die sich offenbar – ich habe sie nicht gesehen – als mickrige Tischbombe entpuppt hat: laut, stinkend, ohne Inhalt.)
In der ersten Abteilung befasst sich Reich-Ranicki vorwiegend mit der (west-)deutschen Literatur der Nachkriegszeit. Natürlich schreibt er auch über die Gruppe 47, der er angehörte. Er ist sich der Problematik sofortiger, mündlicher Kritiken an Kollegen durchaus bewusst, kann sich aber 1977, anlässlich des Berichts vom letzten Treffen der Gruppe, doch einer leisen Nostalgie nicht enthalten. Gegenüber Böll zeigt sich Reich-Ranicki etwas reserviert, dessen Katholizismus ist nichts für ihn. Günter Grass mag er von Beginn weg nicht so richtig; bereits in der Kritik zur Blechtrommel (1961) empfiehlt er ihm, das Werk doch um 100 Seiten oder mehr zu kürzen. Schnurre hingegen, den man heute nicht mehr kennt, rechnet er, ebenfalls 1961, zu den besten deutschen Erzählern der Nachkriegszeit. (Ich für meinen Teil habe Schnurre nicht so grossartig in Erinnerung.) An Uwe Johnsons Mutmaßungen über Jakob verzweifelt MRR schier ob der Langeweile und Unklarheit, die ihm der Roman beschert: Dieses Buch ist eine Provokation und eine unglaubliche Zumutung. Dieser Anfänger ist eine ganz große Hoffnung. Max Frisch wirft er vor allem die Unwahrscheinlichkeiten seiner Plots vor, was bei Frischs Werken aus den 1950er und 1960er Jahren durchaus seine Berechtigung hat. Leider findet sich in der vorliegenden Auswahlausgabe nichts mehr über Frischs Alterswerk. Beim einzigen andern Schweizer, den wir ausser Frisch finden, Dürrenmatt, ist es hingegen ganz eindeutig so, dass Marcel Reich-Ranicki als im Grunde genommen bodenständig gebliebener Mensch dessen theologisch-metaphyischen Clownerien nicht fassen konnte. Nur so kann ich mir erklären, dass er es bedauert, wenn Dürrenmatt seine Zeit an Kriminalromane verplempert. (Allerdings bespricht MRR mit Justiz auch den schwächsten.) Koeppen sähe er gern mehr gefördert, mit Andersch kann er noch weniger anfangen als mit Dürrenmatt. Thomas Bernhard umkreist er vorsichtig und von weitem. Andere Autoren dieser Periode, über die wir etwas finden, sind Siegfried Lenz, Martin Walser, Rolf Hochhuth, Rolf Dieter Brinkmann und Marie Luise Kaschnitz. Arno Schmidt beurteilt er 1967 (Selfmadeworld in Halbtrauer) noch vorsichtig positiv, auch da fehlen spätere Kritiken, wo das bedeutend weniger der Fall war. (Allerdings hat m.W. Reich-Ranicki bis an sein Lebensende daran geglaubt, dass Schmidt ein Studium der Astronomie und Mathematik abgebrochen hätte. Dieser Mythos wurde ja seinerzeit von Arno Schmidt selber lanciert. Es mag also neben objektiven literarischen Kriterien bei Reich-Ranickis Abneigung gegenüber Schmidt durchaus auch eine Rolle gespielt haben, dass Reich-Ranicki, der gerne studiert hätte, aber als Jude nicht durfte, und der wohl auch gerne eine akademische Karriere gemacht hätte, dass MRR also mit fundamentalem Unverständnis auf einen reagieren musste, der – seiner Meinung nach – die Möglichkeit eines Studiums leichtfertig vertan hatte.) Elias Canetti wird ebenfalls vorsichtig positiv besprochen – allerdings mit den Stimmen von Marrakesch anhand eines Nebenwerks. Daneben kümmert sich Reich-Ranicki schon im ersten Teil recht intensiv um die Literatur und die Autoren der DDR: Nebem dem bereits erwähnten Johnson finden wir Wolf Biermann (den er als Kritiker begleitet bis zu dem Moment, wo der Autor aus der DDR hinaus komplimentiert wird), Hubert Fichte, Christa Wolf, Günter Kunert sowie den heute unbekannten Franz Fühmann.
Der zweite Teil bringt weitere Artikel zu bereits genannten Autoren (Johnson, Böll, Wolf, Biermann, Bernhardt und Dürrenmatt) und Auslassungen zu weiteren Mitgliedern des modernen Kanons: Herrmann Kant, Peter Handke, Ingeborg Bachmann, Ulrich Plenzdorf, Jurek Becker, Nicolas Born, Sarah Kirsch, Wolf Wondratschek, Erich Fried oder Botho Strauß. Noch immer wird die DDR also keineswegs vernachlässigt, auch wenn Marcel Reich-Ranicki ganz deutlich in Frage stellt, dass Verfolgung kreativ machen solle. Interessant in dieser Epoche vielleicht die Rezension von Hermann Burgers Die Künstliche Mutter. Burger war ja ein Protégé Reich-Ranickis, aber diesem Roman gegenüber war offenbar auch der Grosskritiker hilflos. Er konnte nicht gut sagen, dass er misslungen sei (was er ganz eindeutig ist), und so beschränkte er sich mehr oder weniger darauf, den Inhalt zu referieren. Im Übrigen finden wir zusehends Laudatien (was Reich-Ranickis zunehmende Anerkennung als Grossmeister der deutschen Literaturkritk widerspiegelt), so z.B. auf Hilde Spiel oder Elisabeth Borchers. Ebenso gesellen sich erste Nachrufe dazu, z.B. auf Manès Sperber.
Teil 3 schliesslich betrifft eine literarische Epoche, die mir zugegebenermassen nur rudimentär bekannt ist. Ich lebte zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung auf einem andern Kontinent, hatte dort den Kontakt mit dem deutschen Feuilleton völlig verloren und nach meiner Rückkehr, offen gesagt, nicht mehr gesucht. Erst seit ein paar Jahren höre und lese ich wieder Namen von Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur – nun aber zum Teil bereits Namen, die Marcel Reich-Ranicki nicht (mehr) kannte oder nannte. Insofern ist der dritte Teil für mich der uninteressanteste – auch, weil es Reich-Ranicki nicht gelingt, mich für eines der besprochenen Werke zu begeistern. Zu simpel und plakativ ist seine Kritik bereits geworden. Wohl kommt ein Grass auch hier nochmals zum Handkuss eines Verrisses. Es ist jener zum Weiten Feld von 1995, der Reich-Ranickis Entfremdung vom links-liberalen Teil der Leser- und Autorschaft (u.a. Peter Rühmkorf) mit sich brachte. Ansonsten habe ich von den im dritten Teil besprochenen Büchern nur noch Genazinos Ein Regenschirm für diesen Tag gelesen, allerdings zu wenig Erinnerung daran, um etwas über Reich-Ranickis Kritik sagen zu können. Maxim Biller wird besprochen, der vor kurzem offenbar versucht hat, Reich-Ranickis Rolle im Literarischen Quartett zu übernehmen, von Reich-Ranicki aber offenbar nur das Laute und (oft) Unhöfliche abgeschaut hat. Die übrigen Namen, die genannt werden, sind: Christoph Hein, Ruth Klüger, Ingo Schulze, Monika Maron, Birgit Vanderbeke, Brigitte Reimann, Judith Hermann, Elke Schmitter, Sven Regener, Undine Gruenter und Peter Maiwald (ein Nachruf). Ob das weibliche Übergewicht der Auswahl des Herausgebers zu verdanken ist, oder ob Reich-Ranicki in der deutschen Literatur des 21. Jahrhunderts tatsächlich ein solches gesehen hat, kann ich nicht beurteilen. Die Kriterien für die Auswahl sind nirgends deutlich festgelegt, dafür ist das Buch Marcel Reich-Ranickis Urenkel gewidmet, der im März 2015 zur Welt gekommen ist – was wie Heldenverehrung aussieht und, offen gesagt, ein ‚Gschmäckle‘ hat.
Abschliessend lässt sich sagen, dass sich in diesem Buch tatsächlich eine Entwicklung des Kritikers Marcel Reich-Ranicki nachvollziehen lässt – von den ersten noch sehr ausführlich und literaturwissenschaftlich argumentierenden bis hin zu den letzten, die (wohl auch dem Medium TV geschuldet) plakativer geworden sind, pointierter allerdings auch, und zugespitzter.