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Solange Sam Amidon denken kann, war er Musik ausgesetzt. Nicht irgendwelcher Musik: Mama Folkmusikerin, Papa Folkmusiker. Was konnten die beiden Kinder des Paares anderes werden als Musiker? Der jüngere Bruder Stefan wurde Schlagzeuger, den älteren Sam zog es zu den Saiteninstrumenten: Er wurde (vorerst einmal) Fiddler; später kommen dann noch Banjo und Gitarre dazu.
Im Heimatstaat Vermont im Nordwesten der USA kommen verschiedene Musiktraditionen zusammen, die der irischen Einwanderer wie die der frankophonen Kanadier. Ein erstes Album «Solo Fiddle» lang widmet Sam Amidon dieser Tradition, dann fängt er an, seine eigenen Folk-Songs zu schreiben.
Den Folk erweitert er von Beginn an
2007 kommt ein erstes Songalbum heraus: «But This Chicken Proved False Hearted». Vielleicht hätte es der mysteriöse, humorvolle Titel («Dieses Huhn stellte sich als treulos heraus») warnen sollen, dass dieser Sam Amidon keineswegs in einem engen Korsett zu leben gedachte; vielleicht auch die Tatsache, dass das Werk bei einem auf Elektronik spezialisierten Label herauskam.
Jedenfalls war dies der Anfang von Alben, in denen er das Etikett der Folk Music, wie es seine Eltern wohl verstanden hatten, stetig etwas erweiterte. Ob er nun in Island mit dem bekannten Produzenten Valgeir Sigurðsson an orchestralen Arrangements herumfeilte, ob er mit der Chanteuse Martha Wainwright oder dem Australian Chamber Orchestra auftrat – stets probierte er Neues, ohne den eigenen Wurzeln untreu zu werden.
Ewig auf der Suche
Seine letzten beiden Album zeugen weiter von seinem Wagemut und seinem suchenden Charakter. Für «Lily-O» (2014) verpflichtete er den sehr lyrischen Gitarristen Bill Frisell, einen steten Grenzgänger zwischen Jazz, Folk und Country, einen Mann, mit dem er bereits mehrmals zusammengearbeitet hatte. Gemeinsam erspielten sie neue Versionen alter Folk-Standards – in denen die unverkennbare instrumentale Stimme Frisells die Gesangslinien Amidons unterstützt und ausschmückt.
Das abenteuerlichste seiner Alben
Das neuste Werk trägt einen beinahe programmatischen Titel: «The Following Mountain», der nächste Berg, den es wohl zu erklimmen gilt. Es ist das bis anhin abenteuerlichste seiner Alben. Mit dabei sind – unter anderen –der legendäre Free Jazz-Schlagzeuger Milford Graves und der Saxofonist Sam Gendel.
Diese von zwei bis elf Minuten lange Stücke entstanden während einer eintägigen Jam-Session der Musiker, die Amidon später weiter erarbeitete. Dies sind eher Soundlandschaften als eigentliche Stücke – oder wie es der Künstler selbst bezeichnet: «Ein Spaziergang durch das dichte Unterholz der Phantasie». Ein paar Momente sind unnahbar, verstörend wie ein Albtraum, bei andern kann man sich mittreiben lassen.
Amidons Versuch, Free Jazz und die folkloristische Tradition zu vereinen, ist sehr mutig. Man darf gespannt sein, wie dies auf der Bühne in Willisau wirkt – und welche nächsten Schritte er nimmt.
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