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Make-Up nach dem Rennen und eine Louis-Vuitton-Tasche als Siegpreis – bei der Ski-WM in St.Moritz kümmert man sich besonders um die Rennfahrerinnen. Die Veranstalter arbeiten am femininen Profil des Wintersportorts.
Es gibt diese Anekdote von Lindsey Vonn, die sie in St.Moritz als Erfolg sehen. Zu Beginn der Saison 2012/2013, als der Ski-Weltcupzirkus noch in Kanada Station machte, nahm die erfolgreichste Weltcupfahrerin aller Zeiten einen Schweizer Journalisten zur Seite und fragte ihn, ob er wisse, ob es in diesem Jahr bei den Rennen in St.Moritz wieder je eine Louis-Vuitton-Tasche für die Siegerin geben werde. Diese hatten ihr die Veranstalter im Vorjahr gleich zweimal überreicht, nachdem sie zweimal gewonnen hatte. «Anscheinend gefiel ihr die Tasche so gut, dass sie gerne noch eine gewonnen hätte», sagt Andri Schmellentin, Chef des Sponsorings beim Weltcup-Veranstalter mit einem Lächeln.
Er steht auf einer Plattform weit oberhalb von St.Moritz auf fast 3000 Metern. Hinter ihm ist der Start des Herren-Abfahrts-Rennens, 100-Prozent Gefälle, der steilste Starthang im Skiweltcup. Von oben sieht es aus, als würde man ins Nichts fallen, wenn man sich abstösst. Mitte Februar wird hier die Herren-Abfahrt der Ski-WM 2017 ausgetragen.
Aber Andri Schmellentin, 45-jähriger Marketingfachmann aus Samedan, interessiert sich eher für die Frauen. «Bei den Alpinen sind die Männer Kraftmöbel und fertig», sagt Schmellentin. «Mit den Damen kann man Wellness, Well-Being und Fashion vermitteln, da hat man im Marketing viel mehr Möglichkeiten.»
Auch sportlich traut Schmellentin den Frauen einiges zu: «Die Damen könnten den freien Fall genauso runter fahren wie die Herren», sagt er. «Aber wo sollten wir dann die Männer starten lassen?» Für ein Herren-Rennen brauche man einen Mythos. Er schüttelt den Kopf: «Es ist undenkbar, dass die Männer auf der gleichen Strecke fahren würden, wie die Frauen.»
Für die Damen-Abfahrt wurde unterhalb des «Freien Falls» ein neuer Startplatz gebaut, von oben zu sehen als eine schmale, schneebedeckte Terrasse im Hang. «Die Damen werden damit auch mehr Geschwindigkeit drauf bekommen als bislang», sagt Martin Berthod, sportlicher Leiter der Rennen in St.Moritz. An die 125 km/h. Künftig soll die Weltcup-Abfahrt der Frauen immer hier starten.
Seit 2012 gewann Lindsey Vonn übrigens zwei Edel-Taschen. Ob es diesen Preis in Zukunft noch geben wird ist im Moment nicht klar – die Hauptsponsoren müssen zustimmen, es gab schon Unstimmigkeiten deswegen. Sicher ist aber, dass Andri Schmellentin alles tut, damit sich die Fahrerinnen in St.Moritz wohl fühlen. Er hat sich viel mit ihnen unterhalten und herausgefunden, dass der Zielraum für die Athletinnen kein schöner Ort ist.
«Die Frauen nehmen den Helm runter, die Haare sind zerzaust, das Gesicht von der Anstrengung gerötet», sagt er. «Und dann richten sich hundert Kameras auf sie! Das ist vielen unangenehm.» Sich vor dem Rennen zu schminken gehe aber nicht, weil der Schweiss die Schminke verlaufen lasse. «Die Tina und die Lindsey haben deshalb permanent Make up», sagt Schmellentin, er spricht von der mittlerweile zurückgetretenen Doppel-Olympiasiegerin Tina Maze und von Lindsey Vonn.
Wegen der Probleme mit dem Look im Zielraum kam Schmellentin auf die Idee, direkt nach der Materialkontrolle – dort müssen die Fahrerinnen nach dem Rennen als erstes durch – eine «Beauty-Box» einzurichten. «Es geht da nicht ums Aufbretzeln, sondern um ein kleines Refreshing, bevor es vor die Kamera geht», sagt Schmellentin. «Die Fahrerinnen haben sich da sehr drüber gefreut.»
Schliesst man die Augen, während Schmellentin spricht, kann man sich manchmal fühlen, als spreche der Chef einer Beauty Farm. Öffnet man die Augen allerdings, steht vor einem ein Oberengadiner Koloss in Skijacke, die übersät ist mit den Brandings der Sponsoren. Das Kümmern um die Damen hat auch geschäftliche Gründe. «Dass sich die Frauen ein bisschen zurecht machen nach dem Rennen, passt sehr gut zu St.Moritz», sagt er. «Wir haben die ganzen Shopping-Möglichkeiten hier, wir sind eine feminine Destination.»
Andererseits erhofft man sich in St.Moritz, dass durch das Weltcupfinale und die Ski-WM auch wieder etwas anderes sichtbar wird hinter den ganzen Glamour-Geschichten, die die Schlagzeilen über das Oberengadin beherrschen: der Wintersport-Ort. Nur 40 Prozent aller Touristen, die zwischen Dezember und April nach St.Moritz kommen, nutzen die aufwändig präparierten Pisten. Das soll sich ändern. Schön sein und Ski fahren, das geht zusammen, soll wohl die Botschaft sein.
Wird es zur WM jetzt besonders grosse Edeltaschen für die Siegerinnen geben? «Nein», sagt Schmellentin. «Wenn es um den WM-Titel geht, wollen wir das so stehen lassen, als Wertschätzung für die Leistung der Frauen.» Wer weiss, vielleicht bekommt Andri Schmellentin bald auch eine Trophäe: als Rennfahrerinnen-Versteher von St.Moritz.