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Anstiften, motivieren, mitreissen, das kann Fatoumata Diawara. Egal ob auf der Bühne am Mikrofon, vor der Kamera oder beim Theater. «Ich will es nicht mehr hören, dass Afrika in den Medien als schwach dargestellt wird», sagt die malische 37-jährige Sängerin und hofft auf ihre Generation, die Änderungen anschieben soll. Fatoumata Diawara ist dafür ein gutes Beispiel. «Fenfo» heisst ihr zweites Soloalbum aus dem letzten Jahr. Der Titel bedeutet so viel wie «Ich habe etwas zu sagen». Und tatsächlich bezieht die Sängerin auch Stellung, so fordert sie ihre Generation auf, sich stärker für ein modernes Afrika zu engagieren, das dabei die eigenen Traditionen nicht vergessen soll. Sie mache sich stark, sagt sie, «für ein starkes Afrika, das die Augen nicht vor den Problemen verschliesst und Perspektiven für die neuen Generationen schafft».Musik sei für ihre Mission eine starke Waffe, meint die grossgewach-sene Frau mit dem ebenmässigen Gesicht und den mit Kaurimuscheln verzierten Rastalo-cken. «Meine Texte plädieren dafür, manche Sitten an die heutige Zeit anzupassen.» So tritt sie für die Rechte der Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft ebenso ein wie sie sich ge-gen Beschneidungen und gegen die Islamisten ausspricht, die Mali 2011 in einen Krieg stürzten.
Damals hat sie das Projekt «Voices United for Mali» initiiert und rund vierzig international bekannte Musiker, darunter Kora-Virtuose Toumani Diabate, das Gesangsduo Amadou & Mariam oder ihre Freundin Oumou Sangaré, zusammengetrommelt, um «Mali-ko» («Frie-den») aufzunehmen – einen vielstimmigen Song für die Vielfalt und Einheit eines Landes, in dem rund zwanzig Sprachen gesprochen werden und wo ähnlich viele Musikstile entstanden sind. Fatoumata Diawara, die heute in Paris und Bamako lebt, wuchs als Kind in Côte d’Ivoire auf, wo ihr Vater als Kulturveranstalter Theater und Konzerte organisierte. Im Alter von zehn Jahren übersiedelte sie nach Madina Kouroulamini, ein kleines Dorf, rund 150 Ki-lometer von Malis Hauptstadt Bamako entfernt, wo ihre Tante zu Hause war. «Zu ihr hat mich mein Vater geschickt, weil ich die Schule vernachlässigt hatte, immer tanzen wollte und ihm zu rebellisch wurde», erinnert sie sich lachend. Diawaras Lachen ist ansteckend, über-deckt aber auch manchmal traurige Erinnerungen. Die Einsamkeit etwa, unter der sie als Kind, das ohne Mutter aufwuchs, litt; aber auch die bittere Erfahrung, die sie machte, als sie mit 19 Jahren nach ersten erfolgreichen Rollen als Schauspielerin verheiratet werden sollte. Sie floh, flog nach Frankreich und landete bei einer Strassentheatertruppe. «Das war extrem lehrreich, weil ich alles und jedes ausprobieren konnte», erinnert sie sich.Auch mit Singen und Gitarrespielen habe sie damals begonnen. Anfangs vor allem, um sich zu entspannen. Doch die markante, warme Stimme gefiel den Kollegen so gut, dass sie bald auch in den Stücken der Theatertruppe zu hören war. Dann folgte das Angebot, in einem Musical eine Hauptrolle zu spielen. Und so wurde sie von der Weltmusikdiva Oumou Sangaré entdeckt. Die malische Sängerin war es, die ihre junge Kollegin mit auf Tour nahm und sie förderte. «Das hatte einen Katalysatoreffekt», erinnert sich Diawara. «Sangaré nahm mich auch mit ins Studio und machte mich mit dem Jazzveteranen Herbie Hancock und dem Produzenten Nick Gold bekannt.» Gold war begeistert, so produzierte er 2011 ihr Debütalbum «Fatou», das sie als eine neue grosse Stimme der sogenannten World Music auswies.Trotzdem hat sich die quirlige Sängerin lange Zeit gelassen mit dem zweiten Album. Mit dem kubanischen Jazzpianisten Roberto Fonseca war sie mehrfach auf Tour, mit Soullegende Bobby Womack im Studio, für die Filme «Timbuktu» und «Mali Blues» stand sie vor der Kamera, und auch im Projekt «Africa Express» des Blur-Sängers Damon Albarn war sie mit an Bord und stand dabei mit Paul McCartney auf der Bühne.Lange fand sie so kaum Zeit für ein zweites Album, das doch wieder etwas Besonderes werden sollte. 2017 aber machte sie sich an die Produk-tion von «Fenfo». Für die Arrangements der Songs, in denen sie traditionelle afrikanische Instrumente wie Kora und Ngoni ebenso wie traditionelle Perkussionsinstrumente auf E-Gitarre und Schlagzeug treffen lässt, hat sie den französischen Superstar M alias Matthieu Chedid zu Rate gezogen. An Gitarre und Keyboard begleitet er Fatoumata Diawara auch auf Tournee, wenn sie die Stimme erhebt, nicht nur für ihr Land Mali, sondern auch für Afrika und die ganze Welt.
Knut Henkel, NZZ 24.5.19