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Trotz des großen Bodenreichtums erscheinen die letztern in Wohnung und Kleidung viel verwahrloster als die Gebirgsbewohner.
Im allgemeinen aber sind die ein kräftiger Menschenschlag von mittlerer Körpergröße und wenn auch
nicht muskulös (infolge der meist vegetabilischen Nahrung), doch ausdauernd und gegen Strapazen abgehärtet. Sie sind fast
durchweg Ackerbauer, im Gebirge auch Viehzüchter, Hirten, Holzschläger, Köhler u. dgl., halten im Ackerbau fest am Hergebrachten
und Ererbten, sind ihrer Kirche (der griechisch-unierten) in hohem Grad zugethan und pietätvoll gegen
die Verstorbenen.
Daneben charakterisieren sie sich durch Fatalismus, Passivität und Hang zu ruhigem, beschaulichem Leben. In ihren Liedern sind
sie sehr poetisch, aber auch schwermütig, im Verkehr mit Fremden artig, aber verschlossen, im häuslichen Leben zeremoniell.
Sie sind geistig begabt und besitzen mannigfache technische Fertigkeiten, weshalb auch die Hausindustrie
bei ihnen von Bedeutung ist. Bei der fortwährenden Zerstückelung desBodens wächst jedoch das Landproletariat; auch der
Mangel an eigentlicher Industrie, die Ausbeutung durch die Juden und die stark verbreitete Trunksucht tragen zur steigenden
Verarmung des Volkes bei.
Während die Ruthenen eines eigentlichen Bürgerstands entbehren, besitzen sie einen zahlreichen
intelligenten Beamtenstand, der meist treu zum Volk hält und sich um die Hebung
[* 6] desselben verdient gemacht hat, und eine sehr
geachtete Geistlichkeit, welche die politische Führung des Volkes in Händen hat. Im Sinn derVolksbildung wirken die beiden Vereine
Proswita und Kaczkowski. Seit 1848 fing die ruthenische Sprache
[* 7] und Litteratur, welche jahrhundertelang
von der polnischen Aristokratie unterdrückt worden ist, sich einigermaßen zu entwickeln an (s. Kleinrussische Sprache und
Litteratur).
Gegenwärtig verfügen die Ruthenen über mehrere Zeitschriften, ein Theater,
[* 8] einige Mittelschulen und Universitätslehrkanzeln. Gegenüber
den galizischen sind die ungarischen in jeder Beziehung viel mehr zurückgeblieben.
Vgl. Bidermann, Die
ungarischen Ruthenen (Innsbr. 1863-68, 2 Bde.);