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Hotel Rwanda: Interview mit Terry George
Wie man sich einen Kämpfer für die Anliegen Afrikas vorstellt, sieht Regisseur Terry George nicht gerade aus - in Jeans und schwarzem Hemd, das ihn noch ein bisschen bleicher wirken lässt.
Darüber die Lederjacke, die während des ganzen Interviews anbleibt. Doch der Ire, der das Script für Jim Sheridans In the Name of the father verfasst hat weiss, wovon er spricht, wenn er von Ruanda redet.
OutNow.CH (ON): Während der Berlinale herrscht eine afrika-betonte Stimmung. Neben Hotel Ruanda gibt es noch einen anderen Film über Ruanda. Gibt es dafür in Deinen Augen eine Erklärung?
Terry George (TG): Ja, ich weiss. Hoffentlich zeigt dies den Leuten, dass es in Ruanda einen Reichtum an grossen und dramatischen Geschichten gibt. Dennoch ist es ein ungewöhnliche Sache. Hätte ich einen Film über Hirtenhunde in den Hügeln von Donny Hall gedreht, hätte ich wohl festgestellt, dass zwei weitere Filme über dasselbe Thema im Kino laufen. Es kommt einem so vor, wie ein Verkehrsstau auf der Autobahn. Man kommt an den Punkt, an dem der Stau beginnt und weiss nicht warum dies so ist. Trotzdem ist es grossartig, dass es ist, wie es ist. Hoffentlich geht es so weiter, denn es gibt eine Menge Themata, die noch durchleuchtet und behandelt werden könnten.
ON: Wie hast Du reagiert, als Du zum ersten Mal vom Konflikt im Jahre 1994 gehört hast?
TG: Ich drehte gerade Some Mother's Son. Wenn du an einem Film arbeitest, bist du dermassen darauf konzentriert, dass ein Haus auf dich runterfallen könnte und du es gar nicht bemerken würdest. Ich empfing damals die BBC Nachrichten und die berichteten sachlich und gut über den Genozid. Ich konnte dadurch den Umfang der Tragödie erahnen. Als dann dieser riesengrosse Auszug in den Kongo und in Tansania vor sich ging, bekam man wirklich das Gefühl dafür, was da passierte. Was hatten zwei Millionen Leute zurück gelassen, um über die Grenze zu flüchten? Erst, als ich in Afrika mit meinen Nachforschungen begann, fing ich an, die echte Tragweite dieser Grausamkeiten zu erfassen. Der Westen nahm das Ganze nur als ein gegenseitiges zu Tode Prügeln zweier wilder Stämme, die in Lehmhütten wohnen, wahr. Und genau die wahre Tatsache zu zeigen, war eine der Herausforderungen für den Film. Es gab einen gebildeten Mann der Mittelschicht, der - wie viele Leute um in herum in Kigali - ein angenehmes Leben führte. Und plötzlich stürmte diese schwierige, komplexe politische Situation auf sie los und überrollte sie förmlich. Dass wir in Kigali blieben und den Genozid auf dem Land nicht zeigten half, die Situation zu erklären. Weil man sieht, wie sich die Tragödien auf eine moderne Stadt auswirken, versteht auch das westliche Publikum, was dies bedeutete. Es herrscht nämlich noch immer diese Ansicht eines post-kollonialen, schwarzen Afrikas, das vor sich hinsiecht.
ON: Weshalb hast Du Paul Rusesabagina für die Besetzung der Hauptrolle ausgewählt?
TG: Während ich am Skript schrieb, wurde Paul zum Publikum. Ich versuchte sein Verständnis, seine Ängste zu kanalisieren, damit er als Person Teil des Publikums wird. Jim Sheridan und ich gingen in In the name of the father auf dieselbe Weise vor: der Vater wird zum Publikum. In Some Mother's Son war Helen Mirren das Publikum, als sie die bestürzte Mutter der Mittelschicht spielt. Diese Vorgehensweise ermöglicht es einem, den Leuten auf eine andere und intimere Weise ein Thema verständlich zu machen - ganz anders als dies Dokumentarfilme oder Fernsehnachrichten können. Ich denke, dass unsere Methode zentraler Punkt im Hinblick auf die Aufklärungsfunktion des Filmes ist.
ON: Warum hast Du Don Cheadle für seine Rolle ausgewählt?
TG: Ich habe ihn von Anfang an für diese Rolle vorgesehen gehabt. Als ich das Skript schrieb, war er bereits für die Rolle festgesetzt. Ich hatte viele Filme mit ihm, angefangen bei Devil in a Blue Dress, gesehen. Vor allem, als er Samie Davies jr. im HBO-Movie über das Rat Pack spielte, sowie seine Parts in Traffic und Boogie Nights verkörperte. Nebst seiner exzellenten Art, wie er seine Rollen spielt, hat Don auch jene Fähigkeit, sich in einem Charakter zum Verschwinden zu bringen. Ich könnte vier Charaktere aufzählen, in denen man nicht merken würde, dass es viermal derselbe Schauspieler ist, den man da auf der Leinwand agieren sieht. Und genau diese Fähigkeit war ausschlaggebend für mich. Sophie (Okonedo) hat ebenfalls diese Gabe. Vergleicht man ihre Arbeit in Dirty pretty things, wo sie die Prostituierte spielt, mit diesem Film, würde man sie nicht wieder erkennen. Als ich zuerst versuchte, in Hollywood das Geld für den Film zusammen zu bekommen, schlugen die verschiedenen Studios vor, ich solle andere, offensichtlichere Schauspieler engagieren. Ich liess Vorsicht walten, wollte jedoch Cheadle casten. Die erste Verpflichtung war stets, dass der Film gemacht würde. Hätte jemand das Geld bereitgestellt, damit wir Denzel Washington bekommen hätten, und er mitgemacht hätte, dann hätte ich mir diese Möglichkeit wirklich ernsthaft überlegen müssen. Doch glücklicherweise hatten wir schliesslich das Geld beisammen, was mir die Freiheit zurück gab, die Schauspieler so zu casten, wie ich es wollte - und nicht wie die sich die Sache vorstellten.
ON: Wie kam es dazu, dass Nick Nolte mit an Bord kam?
TG: Er hatte uns kontaktiert und wollte mitmachen. Er las das Skript. Für mich ist er ein grossartiger Schauspieler, vor allem für diesen Film. Er war fähig, den Schmerz, die bevorstehende Gefahr und diesen Pathos, der seinen Charakter ausmacht auf grossartige Weise darzustellen. Joaquin Phoenix ist ein guter Freund von mir und ich fragte ihn, ob er die Rolle übernehmen wolle. Er hat sozusagen gratis gearbeitet. Dasselbe bei Jean Reno. Es herrschte zwischen den Schauspielern und der Geschichte eine gewisse Solidarität.
ON: In Deinem Film zeigst Du ein paar entsetzliche Szenen. Daneben musstest Du aber auch mildere drehen.
TG: Ich musste sie sogar um einiges milder darstellen, als sie in Wirklichkeit geschehen waren. Die Art der Gewalt während des Genozids in Ruanda war dermassen schrecklich... Es gab mehrere Gründe für diese Entscheidung. Ich glaube erstens daran, dass man als Filmemacher dem Publikum nicht alles zeigen muss, sondern ihm mit gewissen ungezeigten Dingen zu eigenen inneren Bildern und Vorstellungen verhelfen sollte. Bei Reservoir Dogs wird nicht gezeigt, wie dem der eine dem anderen das Ohr abschneidet. Zudem wollte ich den Film einem möglichst breiten Publikum zugänglich machen. Für mich ist es ausserordentlich wichtig, dass auch High School Teenager und Studenten den Film als Unterrichtsmaterial - vor allem in den USA - verwenden können. Hätten wir mehr gezeigt und der Film dadurch mit einem "R-Rating" bewerten lassen müssen, hätten wir mein Ziel nicht erreichen können. Zum anderen wusste ich, dass der Opfermord des Büffels in Apocalypse Now als Grenze des Zulässigen betrachtet wird. Wer möchte so etwas - an einem Menschen vollbracht - auf Leinwand sehen? Andere Filmemacher hätten vielleicht anders entschieden. Die Gewalt in meinem Film wird eher angedeutet als gezeigt.
ON: Da Du den Film eher als aufklärendes Werk verstanden haben möchtest, hättest Du nicht noch mehr zum Hintergrund des Konflikts sagen müssen?
TG: Eine Tatsache, die in einem Film gezeigt wird, ist im Grunde eine Komprimierung von Informationen. Ich hatte mich schon früh entschieden, dass die Kamera Paul immer an der Seite bleiben würde. Ich musste einen Weg finden, wie ich die Grundinformationen erzählen konnte und dennoch immer beim Drama bleibend. Ich entschied ebenfalls, dass ich das politische Geschehen ausserhalb des Hotels - die Debatte der United Nations (UN) und ob sie eingreifen sollen oder nicht - nicht zeigen wollte. Du weisst, dass sie sich zurückgezogen haben. Meine Theorie über diese Art Filmeschaffens ist, dass je komplexer das Thema ist, desto einfacher der Film sein muss. Sobald du der Versuchung erliegst, zu viele Details einfliessen zu lassen, verlierst du mit hoher Wahrscheinlichkeit schon nach wenigen Minuten das Publikum. Man sollte sich auf das Essenzielle beschränken und sich nicht bei Nuancen aufhalten. Man begibt sich möglicherweise in eine Falle, wenn man anfängt, Details zu erklären und dabei das Publikum regelrecht abschaltet. Ich hatte diese Gefahr im Hinterkopf und musste das Publikum während des ganzen Filmes davon überzeugen können, dass der Film gute Unterhaltung, ein dramatischer Thriller sowie eine Romanze sei. Hätte ich dies nicht getan, wäre ich das Risiko eingegangen, ein nicht so breites Publikum anzusprechen.
ON: Du wirst gemeinsam mit dem Film nach Ruanda gehen. Freust Du dich darauf?
TG: Ich bin schon recht aufgeregt. Ich denke nicht, dass die dort ein Standardkino haben. Ich hoffe stark, dass der Film nicht als "pro die eine" oder "pro die andere" Seite aufgefasst wird. Eine von Pauls grossartigen Talenten war, dass er, als er sich im Hotel befand, immer ein Gefühl von Neutralität herstellen konnte. Dies wollte ich für und im ganzen Film weiterziehen. Die Leute in Ruanda verdienen es, den Film vorgeführt zu bekommen. Es ist eine Hommage an sie. Ich freue mich darauf und auch darauf, nach Südafrika zu gehen, da sie es waren, die den Film und seiner Fertigung am meisten Unterstützung zukommen liessen.
ON: Ist dies der Grund, weshalb der Film in Südafrika gedreht wurde?
TG: Zum Teil aus diesem Grund, ja. Zudem hatte ich das Gefühl, dass das Klima in Ruanda wegen des Umfangs und der Intensität des Films nicht richtig gewesen wäre.
Darauf folgend hat nun Raoul Peck dort Sometimes in April gedreht. Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber ich denke, dass sein Film nicht denselben Umfang wie unserer hat. Es wäre für mich sehr schwierig geworden, in Ruanda Aufstandszenen zu drehen
ON: Glaubst Du, dass in Ruanda derselbe Versöhnungsprozess wie in Südafrika vonstatten gehen könnte?
TG: Es geschieht zurzeit. Sie haben dieses sogenannte "gacaca", und es funktioniert. Es ist alles, was sie unternehmen können. Letztes Jahr hatten sie um die 70'000 Genozid-Gefangene. "Cacaca" heisst "unter den Bäumen". Es ist eine Art Volksgericht, wo sich die Einheimischen unter Bäumen versammeln und der Verteidigung der angeschuldigten Person zuhören, die um Vergebung bittet und kundtut, sie habe ihre gemachten Fehler eingesehen. Es geht für das Bedürfnis des Landes noch zu langsam vor sich. Aber es ist ein Schritt nach vorn, die Gemeinschaft wieder zusammen zu bringen.
ON: Paul sagte, dass es in Ruanda keinen stabilen Frieden gebe.
TG: Das stimmt. Nur schon, wie der Genozid gestoppt wurde und wie die Armee der Rebellen triumpfierten, zeigt dass nun eine Elite von Tutsis wieder das Land regiert und unter sich die Mehrheit von Hutus weiss. Und um die Antwort darauf zu geben, haben sich die Rebellen zu einer Guerillamacht im Kongo formiert und sich mit einigen Kriegsführern aus Kongo verbündet. Die Gefahr an der Grenze ist noch immer vorhanden. Ich denke aber nicht, dass der Genozid wieder das einstige Ausmass an Grausamkeit annehmen kann. Die Grundbausteine für einen Konflikt sind jedoch nach wie vor vorhanden. Um dieses Problem zu lösen zu können, müsste der Westen massiv Hilfe und Unterstützung leisten. Schliesslich würde eine gute wirtschaftliche Stabilität dem Land Ruanda helfen, den Frieden wieder zu finden.
ON: Glaubst Du, dass Filme die Ansichten von Leuten verändern können?
TG: Ja, indem sie die Leute zum Denken anregen. Wenn die Leute das Kino verlassen, hat der Film die grössten Auswirkungen. Sie haben zweierlei Emotionen: Warum wussten wir nichts darüber?, und die kollektive Scham darüber, wie die Welt die Ruander behandelt und sie einfach im Stich gelassen hatte. Dadurch, dass wir quer durch die Vereinigten Staaten zu den Leuten gesprochen, mit Politikern diskutiert und anhand einer eigenen Webseite informiert haben, versuchten wir die Leute zu motivieren, mehr für Ruanda zu tun. Also, nicht das zu tun, was Joaquin Phoenix im Film macht und zu sagen, dass es schrecklich ist und weiter das Abendessen einzunehmen. Sondern seiner Empörung öffentlich Ausdruck zu verleihen oder zu helfen - sich auf irgendeine Weise zu beteiligen. Wir haben sehr eng mit Amnesty International, die einen Fund für Ruandas Witwen und Waisen initiiert haben, zusammengearbeitet. Wir versuchen ebenfalls an der dortigen Universität ein Filminstitut zu eröffnen, damit dort Stimmen laut werden könnten, falls jene Radio Station wieder wie einst aktiv werden sollte. Das ist für mich lebendes Kino - es als zusammenscharenden Sammelpunkt zu verwenden.
ON: Was machst Du jetzt dann?
TG: Ich schreibe gemeinsam mit John Sheridan an einem Drehbuch. Es ist wirklich schwierig, ein anderes Projekt zu verfolgen oder sich auf etwas zu konzentrieren, während noch immer über diesen Film gesprochen wird. Aber man darf sich nicht beschweren, man habe Ruanda während zehn Jahren ignoriert und nun nicht rumreisen um den Film unter die Leute zu bringen. Es ist eine Pflicht, sich auf die Strassen zu begeben und den Film zu verkaufen.