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Der Entscheid Nordkoreas, auf jegliche humanitäre Hilfe zu verzichten, beunruhigt Ulrich Stürzinger von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit.Dieser Inhalt wurde am 11. Oktober 2005 - 21:54 publiziert
Der für Nordkorea zuständige Spezialist befürchtet im Gespräch mit swissinfo, der Verzicht auf Hilfe komme zu übereilt und könnte schutzlose Personen gefährden.
Nordkorea mit seinen 22 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnen ist seit Mitte der 1990er-Jahre auf ausländische Hilfe angewiesen. Naturkatastrophen und Missmanagement hatten damals zum Zusammenbruch der Wirtschaft geführt.
Das kommunistische Regime verlangt nun von den internationalen Spendern, ihre Hilfslieferungen mit Lebensmitteln einzustellen und stattdessen Aufbauhilfe zu leisten. Ende Jahr soll die humanitäre Hilfe eingestellt werden.
Die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) ist seit 1996 in Pjöngjang präsent. Seit 2000 hat die DEZA ihre Hilfe schrittweise umgestaltet, weg von der reinen Lebensmittelhilfe hin zu Ausbildung und dem Erlernen gewisser Fähigkeiten (capacity development).
Heute ist die DEZA vor allem im Bereich der Beratung in landwirtschaftlichen Fragen tätig.
swissinfo: Ulrich Stürzinger, teilen Sie die Einschätzung der Situation durch Nordkorea?
Ulrich Stürzinger: Wir sind etwas beunruhigt, weil der Verzicht auf humanitäre Hilfe etwas zu übereilt kommt. Ende August wurden die Hilfsorganisationen informiert, dass sie Ende Jahr mit den Lieferungen aufhören sollen. Wir denken, diese Änderung sollte etappenweise über die Bühne gehen.
Wir haben ein etwas differenzierteres Bild der Situation. Wir können nicht wirklich nachprüfen, ob wirklich keine humanitäre Hilfe mehr nötig ist.
Es scheint Tatsache zu sein, dass die diesjährige Ernte sehr gut war und Südkorea seine materielle Hilfe gegenüber früheren Jahren aufgestockt hat. Es ist daher möglich, dass Lebensmittel im benötigten Umfang vorhanden sind.
Bei den Medikamenten bin ich weniger sicher. Auch dort will Nordkorea die Hilfe stoppen. Ich habe Zweifel, ob Heilmittel von anderen Quellen bezogen werden können.
Ein weiterer Aspekt ist das Problem der Verteilung: Die Bauern haben es bei den Lebensmitteln besser, denn sie sind nahe an der Produktion. Doch der Rest der Bevölkerung und die Menschen in sozialen Institutionen wie Kinderheimen sind stark auf Hilfslieferungen angewiesen.
swissinfo: 500'000 Franken der 5 Millionen Franken Jahresbudget für Nordkorea werden heute für humanitäre Hilfe eingesetzt. Wird dieser Betrag nun eingespart?
U.S.: Ein Teil davon wird es, ein anderer nicht. Für rund 300'000 Franken haben wir pro Jahr Milchpulver geliefert. Dieser Beitrag fällt nun weg.
Der Rest wurde für Samen in landwirtschaftlichen Programmen ausgegeben. Ich denke, das können wir auch weiterhin machen, den Nordkorea will nur die Lebensmittelhilfe streichen.
swissinfo: Wie wurde die Schweiz über den Entscheid Nordkoreas informiert?
U.S.: Eigentlich wurden wir von nordkoreanischer Seite her nicht direkt informiert, denn unsere Aktivitäten werden mehr als Entwicklungs-Zusammenarbeit denn als humanitäre Hilfe eingeschätzt. Doch unser Büro in Pjöngjang wurde sehr bald über andere Hilfs-Organisationen in der Stadt informiert.
Dann hatten wir Ende September Kontakt mit dem nordkoreanischen Botschafter in Bern. Dabei wurde klar, dass der Entscheid die Schweizer Arbeit und Präsenz im Land nicht direkt betrifft.
swissinfo: Welche Pläne hat die DEZA in Zukunft?
U.S.: Ich denke, die Schweiz sollte ihre Präsenz in Nordkorea beibehalten. Die Tatsache, dass die nordkoreanische Regierung die Entwicklungs-Zusammenarbeit zur bevorzugten Kooperationsform erklärte, sollte unser Programm vor Ort in Zukunft eher stärken.
swissinfo-Interview: Clare O'Dea
(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub)
Fakten
Die Schweiz ist seit 1996 in Nordkorea präsent, ursprünglich mit einem humanitären Programm mit Schwerpunkt Lebensmittelhilfe.
Seit 2000 wurde die Hilfe schrittweise umgestaltet: Hin zu Training und dem Ausbau gewisser Fähigkeiten.
Vom aktuellen Jahresbudget von 5 Mio. Franken werden 500'000 für Lebensmittel eingesetzt (Milchpulver und Samen). 300'000 werden nun gestrichen.
In Kürze
Nordkorea verlangt von den internationalen Spendern, ihre Lebensmittel-Lieferungen bis Ende 2005 einzustellen und stattdessen Aufbauhilfe zu leisten.
Die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) setzt bereits den Grossteil des Budgets für Entwicklungs-Zusammenarbeit ein.
Die DEZA führt drei Hauptprogramme durch: Landwirtschaftliche Ausbildung und Beratung, Verarbeitung von Landwirtschaftsprodukten sowie das Erlernen gewisser Fähigkeiten (capacity development) wie z.B. Projektmanagement oder Wirtschaftsbeziehungen.