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2330 – Saint Augustin und Sarodrano
Die Schotterpiste nach St. Augustin zweigt von der RN7 Richtung Arboretum ab. Der Weg führt vorbei an weissen Sandbuchten gesäumt von ein paar Baobabs und der typischen Trockenvegetation mit Dornengestrüpp.
Nach 20 km erreicht man das friedliche und abgeschiedene Fischerdorf mit einer schönen weiten Bucht am Wendekreis des Steinbocks.
Im Vezo-Dialekt bedeutet Sarodrano, die Region, “wo Trinkwasser schwierig zu finden“ ist und der Name dieses Dorfs trifft die Wirklichkeit in dieser trockenen Gegend. Die Dorfbewohner bekommen nur mühsam ihre Frischwasservorräte, das leicht salzige Wasser müssen sie täglich weit weg aus einem Brunnen schöpfen, der die unterirdischen Zuflüsse der Onilahy-Flussmündung anzapft. Wörtlich bedeutet der Flussname Onilahy der “männliche Fluss“. Dieser Fluss gehört zu den grössten Flüssen des Südens und diese Bezeichnung entspricht den Kräften und der Tapferkeit der hiesigen kriegerischen Volkstämme.
Die Vezo-Ethnien sind die sogenannten “Herrscher des Meeres“ und bewohnen das extrem weitläufige Siedlungsgebiet zwischen Tulear, Morombe und Morondava.
Sie sind halbnomadische Fischer und fahren weit herum auf dem Kanal von Mosambik mit ihren Segel-Auslegerbooten. Dieser Volkstamm mit afrikanischen Zügen hat seine eigenen Sitten und Bräuche. Ihre Grabstätten auf den Sanddünen sind mit erotischen Holzskulpturen dekoriert. Diese Statuen und Grabskulpturen symbolisieren die Brücke zwischen dem irdischen Leben und dem Leben im Jenseits. Auf dem Weg zum Fischerdorf Saint Augustin stösst man auf diese Grabmäler. Merkwürdigerweise sind diese aus aufgeschichteten Korallensteinen gebaut und sollten mit besonderem Respekt betrachtet werden, also nur in Begleitung von lokalen Führern.
St. Augustin und Sarodrano
Die Bucht von St. Augustin hiess vor der Ankunft der Ausländer “Anantsono“, oder “Ianantsony“, dies bedeutet auf Deutsch “wo das Boot oder die Piroge ankert, bzw. am Strand bleibt“. Bereits im 15. Jahrhundert war diese schöne Bucht ein Schlupfwinkel der Seeräuber. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde sie von den portugiesischen Einwanderern in Saint Augustin umbenannt, als die Seeleute gezielt auf Madagaskar landeten oder von der Strömung angespült wurden. Die “Vazaha“ oder die Fremden und die Seeräuber begannen sich zunehmend für die Gewürzinsel zu interessieren und wählten diese schöne und grosse Bucht südlich der grossen Stadt Tulear als bevorzugter und praktischer Landeplatz. Zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert wurde sie zu einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt des Schiffshandels für Gewürze und Sklaven am Kanal von Mozambik. Heute ist Saint Augustin als beliebter Badeort mit verschiedenen Wassersportaktivitäten oder für Bootstouren zu den langen Korallenriffen oder zu den vorgelagerten Inseln bekannt.
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Das Naturschutzgebiet Tsinjoriake wurde im Jahre 2009 mit Hilfe der Deutschen Internationalen Zusammenarbeit (GIZ) errichtet. Es liegt ca. 15 km von Tulear entfernt und wird als “das Tor“ zum Fischerdorf Saint-Augustin betrachtet. Vom Tafelberg Andatabo aus hat man einen fantastischen Panoramablick über das umliegende Hinterland und die südwestliche Küste.
Tsinjoriake bedeutet wörtlich “mit Meeresblick“ und bei den verschiedenen Wandertouren über den Tafelberg hat man einen Überblick über die seltenen Sukkulenten in diesem Dornenland, darunter die Xerophyten, also die Pflanzen, die an trockene und regenarme Standorte gut angepasst sind. Das Naturschutzgebiet umfasst auch Mangroven- und Korallengebiete.
Auf einer ruhigen und eindrucksvollen Pirogenfahrt bis zur Bucht von Sarodrano kann man die Fischerdörfer besuchen und mehr über den Alltag der Vezo-Fischer erfahren oder entlang der Mangroven wandern oder die Vogelwelt beobachten.
Dieses Reservat ist ein Refugium der seltenen Rosa Flamingos, von zahlreichen Silberreihern, Graureihern, Mangrovenreihern…. ein wahres Naturparadies für Ornithologen.
St. Augustin und Sarodrano
Die Grotte von Sarodrano liegt an einem landschaftlich reizvollen Ort und ist die Hauptattraktion von St. Augustin. Unter einem steilen Abhang liegt ein Becken mit türkisblauem, klarem Wasser, nicht weit vom Meer entfernt. Baden in der Nähe dieser heiligen Quelle sowie im natürlichen Pool ist “Fady“ (tabu).
Dieses Vezo-Fischerdorf wurde auch von der Schweizerisch – madagassische NGO ADES (Association pour le Developpement de l’Energie Solaire) ausgewählt, um ein Solardorf in diesem abgelegenen südlichen Gebiet zu installieren. Seit 2001 sensibilisiert diese Hilfsorganisation die Einheimischen, den madagassischen Wald zu schützen und das Klima zu schonen. 80% der gesamten Bevölkerung benutzt Holzkohle zum Kochen und wegen der fortschreitenden Abholzung des Waldes ist dieses Projekt ein Beitrag zur Armutsbekämpfung auf der ganzen Insel, besonders in der Region der Südwestküste, in der Umgebung von Tulear, Morombe, Morondava, Mahajanga, aber auch in den überbevölkerten Grossstädten wie Antananarivo und Fianarantsoa.
Die Vezo-Ethnien praktizieren seit langem die “Fitampoha“ oder die sogenannte “Reliktenwaschung“. Ähnlich wie bei den Famadihana-Totenfesten im Hochland (wörtlich bedeutet diese Sitte “Wendung der Knochen“) wird diese Zeremonie der Reinigung “Königlicher Reliquien“ in regelmässigen Abständen von ca.10 Jahren gefeiert. Die sterblichen Überreste der Könige oder “Jiny“ im Vezo-Dialekt werden also in neue rote Tücher eingewickelt und in heiligen Behältnissen verwahrt. Rot ist die königliche Farbe und bedeutet Adel, Herrschaft und Kraft. Der genaue Termin dieser grossen Feierlichkeiten wird immer von Astrologen aus dem Stand der Sterne abgeleitet. Rum als Geschenk für die Geister und für die Vorfahren darf nicht fehlen. Vor und während dieser Festtage sind auch viele „Fady“ oder Tabus zu beachten. Nur die Männer dürfen den Innenhof betreten und müssen barfuss laufen. Sie dürfen keine Hosen, sondern müssen das traditionelle „Lambaoany“ („Sarong“ oder „Pareo“) tragen. Am Ende der Zeremonie werden die im roten Tuch eingewickelten Reliquien an der Onilahy-Flussmündung gewaschen und wieder ins Grab gebracht.
Lambaoany sind bunte Baumwolltücher, die die Frauen sowie die Männer um die Hüften wickeln. Sie gelten als Kleidungstücke für die Küstenbewohner. Das Tuch hat schöne bunte Muster, sogar ein Spruch über die Lebensfreude oder über eine Volksweisheit steht drauf. Einer dieser Sprüche der Vezo-Fischer ist sehr bekannt: „Lakana tsara voatra , mahafaka onja“ wörtlich übersetzt bedeutet dies „ein gut gebautes Einbaum kann die grossen Wellen überwältigen“.
St. Augustin und Sarodrano
Die Halbinsel von Sarodrano war während der Kolonialzeit ein beliebter Ferienort und Erholungsgebiet. Bei einem Badeaufenthalt an der Bucht von Sarodrano zwischen Juli und September sollte man die Gelegenheit nicht versäumen, das faszinierende Naturschauspiel der Buckelwale zu beobachten, die hier vorbeiziehen. An dieser Südwestküste und besonders in den abgelegenen Orten ist der Nachthimmel besonders klar, so kann man den phantastischen Sternenhimmel der südlichen Halbkugel und vielleicht auch das “Kreuz des Südens“ bewundern, weitab der Zivilisation ist es ein unvergessliches und ein erhabenes Gefühl.
Dezember 2020; geschrieben von Michael PRIORI Antananarivo
Redigiert von Peter Elliker www.madagaskarhaus.ch