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Dass die Nutzung des Internets bei der Partnersuche vor allem für Seniorinnen und Senioren mit Risiken behaftet ist, zeigt eine französische Komödie im «Theater an der Effingerstrasse» in Bern. Im Stück «Monsieur Pierre geht online» sorgen vertauschte Identitäten für Verwirrung, Enttäuschung und beste Unterhaltung.
Monsieur Pierre (Berth Wesselmann) ist seit dem Tod seiner Frau einsam. Fünfzig Jahre lang waren die beiden verheiratet. Nun sitzt er lustlos in seiner Pariser Wohnung auf dem Sofa, blättert apathisch in alten Fotoalben, ernährt sich schlecht und neigt dem Whisky zu. Seine Tochter Sylvie (Karo Guthke) macht sich Sorgen und hat eine Idee. Sie schlägt ihrem Vater vor, bei einem Privatlehrer, einem erfolglosen Schriftsteller, einen Internet-Crash-Kurs zu nehmen. Der Jüngling Alex (Christoph Keller) ist zufälligerweise der neue Freund von Pierres Enkelin Juliette (Larissa Keat).
Tochter Sylvie sorgt sich um ihren Vater Pierre.
Nicht ganz freiwillig, aber mit viel geistigem Aufwand lernt der Alte vom Jungen, wie man einen Laptop bedient. Die Verwendung von «Browsern», «Windows», «Skype» werden gemeinsam trainiert. Den Sprung auf eine Dating-Plattform schafft Pierre dann aber ganz allein. Als gleich die erste ausgewählte (junge) Frau mit Namen Flora (Yasmin Münter) anbeisst, entwickelt sich via Chat ein vielversprechender Dialog. Der Senior gibt sich (ohne Rückfrage) als Alex aus und lädt sogar dessen Porträtfoto in sein eigenes Profil. Identitätsdiebstahl nennen Juristen diesen Vorgang.
Erstens kommt es anders und zweitens…
Flora merkt nicht, dass sie mit einem Mann chattet, der ihr Grossvater sein könnte. Gefühle kommen ins Spiel, der alte Mann empfindet plötzlich Lebenslust, das Liebeschaos ist vorprogrammiert. Schliesslich verabreden sich die beiden für ein persönliches Date. Da Flora in Brüssel lebt, weiht der kauzige Pierre seinen jungen Internetlehrer Alex in das Spiel ein und bittet diesen listig, mit ihm nach Brüssel zu fahren. In einem Restaurant begegnen sich Alex und Flora, beobachtet vom schmunzenden Pierre, zum ersten Mal. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Unnötig zu erwähnen, dass die Zeit bis zum ersten Kuss und zur ersten gemeinsamen Nacht der beiden Jungen nur kurz ist. Dass er dabei seine Freundin Juliette betrügt, ist ihm kein Gedanke wert.
Pierre lernt von Alex, wie man das Internet nutzt.
Die Fortsetzung der Verwechslungskomödie mit zahllosen Pointen, Gags, weiteren Verwechslungen und vielen Lachern über das Liebeswirrwarr sei hier verschwiegen. Nur so viel: Am Schluss kommt es, wie oft in Komödien, zu einem dreifachen Happy-End: Zwei Liebende haben sich gefunden. Die betrogene Enkelin Juliette kehrt zu ihrem Ex-Freund zurück. Und auch Pierres Tochter Sylvie ist zufrieden, denn ihr Ziel, den einsamen Vater aus der Isolation herauszureissen, scheint erreicht.
Grundlage für das Bühnenstück, das in Bern als Schweizer Erstaufführung gezeigt wird, ist der französische Filmklassiker «Un profil pour deux» (2017) von Stéphane Robelin. Die deutsche Bearbeitung für die Bühne stammt von Folke Braband.
Französischer Esprit
Hausregisseur Markus Keller hat für das «Effingertheater» vieles vereinfacht: Video, Text- und PC-Einspielungen wurden weggelassen. Als Bühnenbild (Röné Hoffmann) wird die handbetriebene, kleine Drehbühne des Theaters verwendet. Einmal zeigen die Kulissen Pierres Wohnung in Paris, dann wieder das Dating-Restaurant in Brüssel. Die Kostüme (Sarah Bachmann) wirken ebenso einfach wie zweckmässig. Das Licht (Stefan Meier) wird den jeweiligen Situationen gemäss diskret eingesetzt.
Date mit vertauschen Identitäten in einem Brüssler Restaurant. Links Pierre, rechts Flora und Alex.
Darf man in düsteren Zeiten, mit Kriegen, Hunger, Flüchtlingsnot und Klimawandel einfach gestrickte Verwechslungskomödien zu Aufführung bringen? Ja man darf, oder sogar: Man muss. Als Bad-News-geschädigte Zeitgenossen sehnen wir uns nach Ablenkung, nach Aufhellung. Für ein paar Stunden das Elend dieser Welt, die Absurditäten der Politik, die menschenverachtenden Kriege, die Umweltveränderungen zu vergessen, gibt Kraft und sorgt für Ausgleich.
Was ist eine gute Komödie?
Im Programmheft zu «Monsieur Pierre geht online» gesteht Regisseur Markus Keller, dass er sich mit Komödien schwertut. Mit der Adaption einer französischen Filmkomödie auf der Bühne ist ihm auch diesmal wieder ein schöner Wurf gelungen. Die Übertragung der Filmdialoge in die deutsche Sprache funktioniert, der französische «Esprit» des Films ist in die Berner Inszenierung eingeflossen. Das Publikum lacht und fühlt sich unterhalten. Es ist ein Stück zum Lachen, ohne lächerlich zu wirken. Ein humorvoller Abend mit Tiefgang.
Am Schluss der Verwechslungskomödie kommen alle auf ihre Rechnung und sind glücklich.
Spannend zu lesen ist, was für die Spielenden eine gute Komödie ausmacht. Im Programmheft kommen auch sie zu Wort. Schauspielerin Yasmin Münter (sie spielt Flora) bringt es auf den Punkt: «Eine Komödie ist für mich die perfekte Kombination aus Tempo und Timing. Ähnlich wie in einem Orchester, ergibt das Zusammenspiel der einzelnen Figuren einen harmonischen Klang, der immer wieder durch kleine (Lach)-Pausen gebrochen wird.»
Titelbild: Kritisch beobachtet von Monsieur Pierre tauschen Flora und Alex verliebte Blicke aus. Alle Fotos: Severin Novacki.
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Aufführungen bis 31.12.2023