Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03256.jsonl.gz/751

Deshalb ist dieser Prozess spannend: Das Regionalgericht Berner Jura-Seeland verhandelt erstmals öffentlich einen Fall im Zusammenhang mit der Affäre «Gerigate». Dabei geht es um die Frage, wie und weshalb intime Text- und Bildnachrichten des ehemaligen grünen Nationalrats Geri Müller an die Öffentlichkeit gelangt sind. Diese hatten zu einem grossen Medienhype geführt und schliesslich mit dafür gesorgt, dass Geri Müller als Stadtammann von Baden (AG) abgewählt wurde.
Darum geht es in der Anklage: Angeklagt ist Sacha Wigdorovits, PR-Berater, Journalist und Unternehmer. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Bern wirft ihm versuchte Nötigung vor bzw. die eventuelle Anstiftung oder Gehilfenschaft dazu. Weiter geht es um das Aufbewahren, Auswerten, Zugänglichmachen und Weitergeben von illegal aufgenommenen Gesprächen.
Es geht um ein Telefongespräch zwischen Geri Müller und einer Frau aus dem Kanton Bern. Müller und die Frau hatten im ersten Halbjahr 2014 eine Beziehung. Diese bestand unter anderem im Austausch von intimen Textnachrichten. Müller schickte der Chat-Partnerin auch Nacktselfies. Als sich abzeichnete, dass die Beziehung in Brüche geht, nahm die Frau ein Telefongespräch mit Geri Müller auf, ohne ihn darüber zu informieren.
So kam es zu den Medienberichten: Nach dem Ende der Beziehung kam die Frau in Kontakt mit öffentlich bekannten politischen Gegnern von Geri Müller. Einer davon war eben Sacha Wigdorovits. Laut der Anklageschrift habe er von der Chat-Partnerin eine Audiodatei erhalten, welche ohne Einwilligung von Müller erstellt wurde. Zudem soll Wigdorovits den Kontakt zu einem weiteren politischen Gegner hergestellt haben, zu Josef Bollag, dem ehemaligen Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Baden. Weiter habe er die Frau unterstützt Chats und Fotos an die Medien weiterzugeben.
Am 17. August 2014 veröffentliche die Zeitung «Schweiz am Sonntag» einen Artikel, in dem sie diese Dateien verwendete. Im Artikel wurde Geri Müller Amtsmissbrauch vorgeworfen. Er habe Angst gehabt, dass die Frau belastendes Material weitergeben würde. Deshalb habe er der Frau die Polizei auf den Hals geschickt, um das Material sicherzustellen.
Die «Medien-Affäre»
Das Ethik-Organ der Schweizer Presse, der Presserat, kam im Juli 2016 zum Schluss, durch die Bericherstattung über die Beziehung zur Frau und dem Austausch von Chats sei die Privatsphäre von Geri Müller schwer verletzt worden. Die zwischen ihm und der Frau verschickten Inhalte seien nicht von öffentlichem Interesse. Der Artikel in der «Schweiz am Sonntag» hätte nie publiziert werden dürfen.
Im Januar 2018 hatte sich der Verlag der Zeitung «Schweiz am Sonntag» für die Folgen der Geschichte öffentlich entschuldigt: «Die AZ Medien und Patrik Müller haben gegenüber Geri Müller ihr Bedauern über die Unannehmlichkeiten ausgedrückt, die er dadurch erlebt hat.»
Der Artikel löste einen grossen Wirbel aus. Die Nacktselfies des Badener Stadtpräsidenten gingen als «Gerigate» durch die Medien. Müller trat wegen dieser Geschichte nicht mehr als Nationalrat an. Und im September 2017 wurde er als Stadtpräsident von Baden abgewählt.
Die juristischen Folgen der Affäre: Geri Müller zeigte die Chatpartnerin an. Sie wurde im August 2016 verurteilt, unter anderem wegen versuchter Nötigung. Müller weitete die Strafanzeige aus gegen Patrik Müller, damals Chefredaktor der Zeitung «Schweiz am Sonntag» und gegen Josef Bollag. Mit Müller und Bollag kam es zu aussergerichtlichen Vergleichen, bei denen Stillschweigen vereinbart wurde.
Die Sicht von Josef Bollag
Josef Bollag hat im Zusammenhang mit der Berichterstattung von SRF über den vorliegenden Fall darauf hingewiesen, dass er sich nicht als politischen Gegner von Geri Müller sieht. Es gebe eine Vereinbarung zwischen Müller und ihm, welche frühere politische Meinungsverschiedenheiten beendet habe.
Zudem bestreitet Bollag alle Vorwürfe der Berner Staatsanwaltschaft und betont, dass dieser Fall nie vor einem Gericht verhandelt worden sei. Er habe der Frau nur helfen wollen, da sich diese von Geri Müller bedroht gefühlt habe.
Zudem weist Bollag darauf hin, dass er selbst nach Veröffentlichung seines Namens unter antisemitischen Angriffen und Morddrohungen gelitten habe.
Die Chatpartnerin von Geri Müller wurde per Strafbefehl verurteilt. Eine öffentliche Gerichtsverhandlung gab es nicht. Mit der Verhandlung gegen Sacha Wigdorovits wird «Gerigate» nun zum ersten Mal öffentlich.
Der Prozess findet vor dem Regionalgericht Berner Jura-Seeland statt, weil sich die Anzeige zuerst nur gegen die im Kanton Bern wohnhafte Chat-Partnerin richtete. Als die Anzeige ausgeweitet wurde auf Personen ausserhalb des Kantons, blieb trotzdem die Berner Justiz zuständig. Für den Prozess sind drei Tage Verhandlungszeit angesetzt, das Urteil wird am Freitag erwartet.