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Der Explosionskünstler und Tüftler Roman Signer versteht es auch hervorragend, melancholische und nachdenkliche Töne anzuschlagen. Dies zeigt die umfassende Werkschau seiner Film- und Videoarbeiten im Helmhaus Zürich.
Ein kahler Raum mit einem geschlossenen Eisentor, auf dem Boden ein roter Kajak. Darin sitzt ein Mann mit einer grossen, altmodischen Brille und vollem, grauem Haar.
Mit voller Kraft und Konzentration rudert er im Takt, der ihm von einem Metronom vorgegeben wird. Ab und zu hebt er den Blick, hält kurz inne und wartet mit ernstem Gesicht auf den nächsten Einsatz.
Immer schneller schlägt das Metronom, immer schneller rudert er durch die Luft. Schliesslich legt er demonstrativ die Hände vor sich auf den Kajak und schaut in die Kamera, so als möchte er sagen: "So, jetzt reichts."
Der Mann im Kajak ist der 70-jährige Schweizer Künstler Roman Signer. "Larghetto moderato allegretto allegro" (2008) ist eine der neuesten Arbeiten, die das Helmhaus Zürich bis am 18. Januar 2009 zeigt.
Gleichnis für Gleichschaltung
Die umfassende Werkschau seiner Film- und Videoarbeiten mit dem Titel "Projektionen", die sein Schaffen von 1975 bis 2008 abdeckt, gibt Einblick in die Vielfalt und den unerschöpflichen Einfallsreichtum Signers. "Irgendjemand muss das ja erfinden", sagt er lapidar.
In seinen verspielt wirkenden "Ereignissen", wie er seine Aktionen nennt, geht es immer wieder um existenzielle Fragen. Die eingangs erwähnte Szene kann als Metapher für Fremdbestimmung, die Leistungsgesellschaft und die schnelllebige Zeit gelesen werden.
Ein Gleichnis für Gleichschaltung scheint auch das Video "Schweben in einer Kiste" (1999): Ein ferngesteuerter Helikopter, der in einer Kiste eingeschlossen ist, versucht trotz der Enge zu fliegen. Schliesslich dreht er sich in einem langen Todeskampf am Boden, bis der Motor vollends verstummt.
Bildhauer flüchtiger Ereignisse
Demgegenüber vermittelt Signer in "Heufieber" (2006) Gelassenheit oder Gleichgültigkeit. Er sitzt mit einer Gasmaske in einem Raum auf einem Sessel und liest in einem Buch. Als durch ein Loch im Boden Heu in den Raum geblasen wird, das ihm richtiggehend um die Ohren fliegt, bleibt er stoisch sitzen, ohne auch nur den Blick von seiner Lektüre zu heben.
Scheitern und Ausweglosigkeit sind bei Signer immer wiederkehrende Themen, auch Leben und Tod sowie Veränderung und Vergänglichkeit.
Signer, der sich selbst gerne als Bildhauer bezeichnet, schafft vergängliche Skulpturen. Flüchtige "Ereignisse", die er nur selten in Anwesenheit von Publikum durchführt, und die nur dank seinen Videos mehr als Erinnerung bleiben.
Meister der Reduktion
Signer plant seine Experimente minutiös, überlässt die Ausführung jedoch den Kräften der Natur und physikalischen Gesetzen. So wird etwa das Schicksal eines mit Wasserfässern beladenen Kleinlasters, der oben an einer Rampe steht, von einer Kerze besiegelt, die das Befestigungsseil langsam durchschmort (Rampe, 2008).
Signer belebt auch immer wieder Unbelebtes. Bei "Luftkissen" (1975), reisst im Vordergrund einer verschneiten Landschaft langsam die Schneedecke auf, hervor kommt ein schwarzes Ungeheuer, das sich erst auf den zweiten Blick als ein sich mit Luft füllender Plastiksack manifestiert. Durch das Bewegen eines Gummiseils schüttelt sich eine Tanne wie ein nasser Hund den Schnee von den Zweigen (Gummiseil, 1980).
Signer ist ein Meister der Reduktion auf das Wesentliche. Seine Handschrift ist unprätentiös und stellt sich in den Dienst der Sache. Signers Lieblingsgegenstände sind Tische, Stühle, Koffer, Kisten, Fässer und Schirme. Er spielt mit den Naturelementen Wasser, Luft und Feuer und mit den Dimensionen Zeit und Raum.
Das Element Wasser zieht sich wie ein roter Faden durch Signers Arbeiten, der in Appenzell neben dem Fluss Sitter aufgewachsen ist. Die eigens für die Ausstellung im Helmhaus gemachte Videoarbeit "Übertragung aus der Limmat" ist dafür bezeichnend: Die auf dem Brückenpfeiler neben dem Helmhaus befestigte Kamera ist auf das Wasser gerichtet.
Verdächtiger Spieler
"Ich bin weder ein Handwerker noch ein Intellektueller. Etwas dazwischen – ein Spieler. Und Spieler sind in der Schweiz verdächtig", sagte Roman Signer in einem Interview mit der Weltwoche. Vielleicht dauerte es deshalb so lange, bis Signer hierzulande als Künstler ernst genommen wurde.
Signer ist konsequent seinen Weg gegangen, obwohl er früher nicht selten als Spinner belächelt wurde. Die Leute in seinem Heimatort Appenzell konnten nicht verstehen, dass ein erwachsener Mann Sand die Treppe hinunterleerte, bis Sandkegel entstanden und – und das dann erst noch als zeitgenössische Kunst gelten sollte.
Er schäme sich immer ein wenig, wenn er eine Aktion mache, sagt er im Film "Signers Koffer" und lacht. "Auch wenn ich zuweilen in den Augen anderer Menschen den grössten Blödsinn mache, ich habe am Abend ein total gutes Gefühl. Ich habe gearbeitet – und habe nicht das Gefühl, ich hätte dem Herrgott den Tag gestohlen."
swissinfo, Corinne Buchser, Zürich
Roman Signer, 1938 in Appenzell geboren, gehört heute zu den bedeutendsten Gegenwartskünstlern in Europa.
In der Schweiz wurde er erst in den 1990er-Jahren, auch dank dem Kinofilm von Peter Liechti "Signers Koffer", einem breiteren Publikum bekannt.
Auf der Liste des Schweizer Wirtschaftsmagazins Bilanz figuriert er auf Platz 1 der wichtigsten Schweizer Gegenwartskünstler 2008.
Signer trug mit seinen Aktionen wesentlich zur Neudefinition des Begriffs Skulptur bei.
Nach einer Bauzeichnerlehre und dem Besuch der Kunstgewerbeschulen Zürich und Luzern studierte er ein Jahr an der Kunstakademie in Warschau.
Projektionen
Vom 24. Oktober 2008 bis am 18. Januar 2009 zeigt das Helmhaus Zürich unter dem Titel "Projektionen" 38 Film- und Videoarbeiten des Schweizer Künstlers Roman Signer.
Zur Ausstellung erschien das Buch "Roman Signer: Projektionen - Super 8-Filme und Videos 1975-2008".
Ausstellung und Buch sind in Zusammenarbeit mit der Hamburger Kunsthalle entstanden, wo "Projektionen" vom 5. Juni bis 6. September 2009 gezeigt wird.
In Deutschland ist vom 8. November 2008 bis am 22. Februar 2009 eine weitere Werkschau zu sehen: Die städtischen Museen Heilbronn ehren Signer mit der Ausstellung "Alles im Fluss".