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Sprache
Lesen und Verstehen
Öfter mal was Neues: Schrott-Worte oder Wort-Schrott aufgelistet
Von Jürg-Peter Lienhard
Ein Wort ist ein Wort. Ist ein Wort? Nein, vielfach versteckt sich hinter dem angeblich klaren Wort etwas ganz anderes, manchmal gar etwas Gegenteiliges. Wir machten uns das Vergnügen, einige solcher Worte mal auf den Inhalt abzuklopfen.
Legendär
Ein Wort, das mehr über den Verfasser verrät, als der Verfasser über den oder die oder das sagt: Der Verfasser ist ein Papagei, und ein schwülstiger erst noch dazu. Legendär kommt von Legende. Eine Legende ist - im Gegensatz zu einer weltlichen - eine religiöse Sage. «Der Legende nach», hat der hl. Franz von Assisi «mit den Tieren reden können.»
Ein Fussballspieler kann daher bestenfalls «berühmt» oder «bekannt» sein. Allenfalls «beliebt», aber nicht «legendär». Er kann auch «unvergesslich», «unschlagbar» sein - aber auf jeden Fall kann kein Fussballer mit Tieren reden. Und wenn, dann gehört das ins unheilige Kapitel Lüge, also weder ins Reich der Sage noch der Legende.
Brandneu
Die Computerfirma Apple preist ein seit Jahren auf dem Markt erhältliches Notebook als «brandneu» an (Februar 2005). «Brandneu» daran ist lediglich, dass es etwas mehr Saft hat, als die früheren aus der bisherigen Reihe. «Brandneu» macht sich in der Werbersprache einfach kaufkräftiger als «verbessert»… «Brandneu» steht auch noch in hundert Jahren im gedruckten Prospekt, womit «brandneu» eigentlich stets auch uralt bedeutet… Mit «brandneu» befinden wir uns aber auch in der Nähe des Begriffs…
…Geheimtip
Eigentlich sollte man den Autoren, die «Geheimtips» veröffentlichen, ihr Druckerzeugnis um die Ohren hauen: Was erlauben sich die, einen Geheimtip zu veröffentlichen? Sowieso ist es noch schlimmer gemeint, als es tönt: Die Autoren eines veröffentlichten «Geheimtips» halten ihre Leser für Vollidioten, denen man solchermassen tausendfach verbreitete «Geheimtips» als «geheim» verkaufen kann…
Angesagt (…est, …esten)
Neumodisches Wort für neumodisch, neumodischest, neumodischesten. Auch diesem Wortschöpfer gehörte ein Rossapfel aufs Znünibrot: Radio 105 (one-o-five) preist in ganzseitigen Inseraten in den TV-Heftlis sein neues Programm so an: «Mehr Abwechslung mit der neusten und angesagtesten Musik.» Und die Aufforderung «Jetzt Probehören!» sollten Leute mit Grips so verstehen: «Jetzt ohne Radio 105!»…
Ein Bild der Zerstörung…
…ist eine der schlimmsten journalistischen Entgleisungen, die es in diesem Beruf gibt. Mit dieser Unredewendung beweist der Hilfsjournalist sein Unvermögen, sich ein Bild von einer Zerstörung zu machen und dieses in Worte zu fassen - so dass der Leser sich eben ein Bild der Zerstörung machen kann.
Sinn machen
Machen kann man vieles. Zum Beispiel machen, statt reden. In letzter Zeit vernimmt man immer wieder am Radio oder liest in der Zeitung: Dieses oder jenes mache Sinn. Da ist meist wohl ein Aufschneider oder ein Wichtigtuer am Werk, sicher jedenfalls ein Papagei: Wenn etwas keinen Sinn hat, dann soll es doch wenigstens Sinn machen - das tönt stärker, wichtiger, ist aber eine wörtliche Übersetzung aus dem angelsächsischen, wo es richtig «make sense» heisst. Mit sauberem deutschem Sprachgebrauch ist es diesbzüglich sense - hat mal einer so angefangen, plapperns die anderen Papageien einfach nach!
Studierter Arzt, gelernter Klempner
Gehen Sie auch zu einem unstudierten Arzt? Wenn nein, tun Sie für Ihre Gesundheit genau das Richtige: Denn wir nehmen an, dass alle Ärzte ihr Fach studiert haben müssen - sonst würden sie ja nicht diplomiert und dürften daher auch nicht auf die Menschheit losgelassen werden. Ob nun einer ein «guter» oder «schlechter» Arzt ist, hängt aber kaum mit seinem - immerhin bestandenen - Examen zusammen.
Nun liest man wiederum in der Zeitung, hört um so öfter am Radio: «Der studierte Arzt oder auch: der studierte Jurist», was zwar überflüssig ist (siehe oben, denn auch ein Advokat muss ein Studium abgeschlossen haben). Doch genau diese Redewendung lässt Rückschlüsse auf die sprachliche Kompetenz des Journalisten oder des Interviewten zu: Es gnügt ihm nicht, Arzt zu sagen oder Anwalt, nein, es muss noch ein völlig überflüssiges Attribut davorgestellt werden, um dem akademischen Titel einer Amts- oder Auskunftsperson mehr Gewicht zu verleihen. Zumal, wenn dem Autor nichts Besonderes zur Beschreibung deren Tätigkeit einfällt.
Oder haben Sie schon irgendwo gelesen oder gehört vom studierten Physiker Albert Einstein?
Vielleicht vom gelernten Klempner - aber dessen Diplom interessiert Sie ja auch nicht, so lange er Ihr Klo sauber flickt und eine ordentliche Rechnung stellt…
Selbsternannt…
…ist einer der dümmsten «Begriffe» aus dem Wortschatz von Papageien, Hofberichterstattern und ungelernten Journalisten! Es ist aber auch eine der fiesesten Abqualifizierungen, die ein gewöhnlich unqualifizierter Politiker, Wissenschafter, Neidhammel oder Journalist in Umlauf bringen kann!
Wer immer etwas für den Fortschritt der Menschheit getan hat, hat sich in einem gewissen Sinne «selbst ernannt» - hat gesehen, was zu tun ist, statt zu plaudern und hat sich oft böswilligem Spott der «Ernannten» ausgesetzt. Henri Dunant zum Beispiel, Louis Pasteur, Marie Curie, Albert Schweitzer, Christoph Columbus und noch unendlich viele andere. Sie alle wurden nicht von einem Amt, von einem «hochkarätigen» Gremium ernannt, sondern sie haben sich überzeugt, hingebungsvoll, leidenschaftlich, schmerzlich, unbändig, unbeugsam ihrer Idee verschrieben, um ihr ganzes Dasein für ihre Vision zu opfern. Auf Französisch gibt es für viele derer den Begriff des «savant sociale». Im Gegensatz zu den Kapital-Managern von heute, die danach ernannt werden, wieviel Kohle sie in die Tasche der Kapitalisten zu schaufeln versprechen.
…wird fortgesetzt…
Von Jürg-Peter Lienhard