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Im November 1963 wurde Robert Rosenthal ein ungewöhnliches Angebot unterbreitet. Rosenthal war Professor für Psychologie an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts. Er hatte eben einen Artikel über seine Experimente – darunter auch solche mit Ratten – in der Zeitschrift «American Scientist» veröffentlicht, als er einen Brief aus San Francisco erhielt. Eine gewisse Leonore Jacobson schrieb: «Wenn Sie je zu Schulkindern ‹fortschreiten›, lassen Sie mich wissen, ob ich helfen kann.» Jacobson war Rektorin der Spruce School in San Francisco. Sie wollte ihre Kinder für jene Experimente zur Verfügung stellen, die Rosenthal mit Ratten durchgeführt hatte.
Rosenthal hatte festgestellt, dass Ratten erstaunlich stark auf Erwartungen von Menschen reagieren. Er hatte 12 Studenten je fünf Ratten übergeben. Die eine Hälfte der Studenten bekam besonders intelligente Ratten, die andere besonders dumme. Das jedenfalls sagte ihnen Rosenthal. Sie hatten nun die Aufgabe, die Ratten während fünf Tagen so zu dressieren, dass sie in einem einfachen T-förmigen Labyrinth jeweils in den dunkleren der beiden Arme wanderten. Dazu liessen sie die Ratten Versuchsläufe absolvieren und belohnten sie mit Futter, wenn sie den dunklen Arm bevorzugten.
Die Studenten waren wenig überrascht, als nach fünf Tagen die intelligenten Ratten die Aufgabe viel besser bewältigten als die dummen, schliesslich hatte ihnen Rosenthal gesagt, die Tiere seien dazu gezüchtet worden, sich in einem Labyrinth zurechtzufinden. Doch Rosenthal hatte gelogen. Es gab keine intelligenten oder dummen Ratten. Die Tiere kamen aus derselben Züchtung. Das Resultat konnte nur bedeuten, dass die Erwartungshaltung der Studenten allein zum besseren – oder schlechteren – Resultat geführt hatte. Das war vor allem deshalb erstaunlich, weil die Trainingsanleitung für alle dieselbe war, der Einfluss auf die Ratten also unbewusst hatte geschehen müssen.
Im Bericht im «American Scientist» fügte Rosenthal an: «Daraus folgen einige interessante praktische Fragen. Wenn ein erfahrener Lehrer seinem Praktikanten sagt, ein Schüler sei ein langsamer Lerner, ist diese Prophezeiung dann selbsterfüllend?» Werden die Leistungen eines Schüler schlechter, bloss weil ein Lehrer ihn für einen schlechten Schüler hält?
«Aufblüher» blühen auf
Diese Frage hatte im ethnischen Gemisch der amerikanischen Schulen besondere Brisanz. Schnitten Afroamerikaner in der Schule schlechter ab, weil die Lehrer von diesen Kindern gar nichts erwarteten? Waren weisse Mittelklassekinder erfolgreich, weil die Lehrer an sie glaubten?
Die Spruce School in South San Francisco besuchten vor allem Unterschichtskinder. Von den 650 Kindern kamen etwas mehr als 100 aus Mexiko. Die Schule war nicht bekannt für die guten Leistungen ihrer Schüler. Der ideale Ort für das Experiment.
Rosenthal und die Rektorin Leonore Jacobson heckten einen Plan aus, der sich am Rattenexperiment orientierte. Sie wollten zu Beginn des Schuljahres bei den Lehrern hohe Erwartungen für einen Teil der Schüler wecken und am Ende des Schuljahres prüfen, wie sich diese Erwartungen auswirkten. Zu diesem Zweck erfanden sie den «Harvard Test of Inflected Acquisition». Damit liessen sich angeblich «Aufblüher» erkennen, Schüler, die im nächsten Jahr in ihrer intellektuellen Entwicklung ungewöhnlich grosse Fortschritte machen würden. In Wirklichkeit war es ein üblicher Intelligenztest.
Nachdem die Schüler von der 1. bis zur 5. Klasse den Test im Mai 1964 absolviert hatten, teilte man den Lehrern Ende Sommer mit, welche Kinder ihrer neuen Klassen als «Aufblüher» identifiziert worden waren. In Wahrheit wählten Rosenthal und Jacobson zufällig 20 Prozent der Schüler für diese Rolle aus. Aus ethischen Gründen verzichteten sie darauf, für eine Gruppe negative Erwartungen zu wecken. Nach einem halben Jahr, einem Jahr und nach zwei Jahren absolvierten die Kinder den Test erneut.
Das Resultat verkündete die «New York Times» am 18. August 1967 auf Seite eins: «Studie zeigt: Schüler sind gut, wenn Lehrern gesagt wird, sie seien es.» Durchschnittlich legten die Aufblüher in der 1. Klasse 27 IQ-Punkte zu, die anderen Kinder nur 12. In der 2. Klasse war der Effekt etwas kleiner: 16 Punkte gegenüber 7. Jacobson und Rosenthal publizierten dieses Resultat 1966 in einem kurzen Fachartikel und zwei Jahre später im Buch «Pygmalion in the Classroom», das heute als Klassiker gilt.
Die Massenmedien nahmen Rosenthals Thesen bereitwillig auf. Im «New Yorker» konnte man lesen, die Prophezeiung des Intelligenztests habe sich so beweiskräftig erfüllt, dass «sogar hartgesottene Sozialwissenschafter aufgeschreckt wurden», «Time» begann aufgrund der Studienergebnisse an der Praktik zu zweifeln, «Kinder ihren mutmasslichen Fähigkeiten gemäss Klassen zuzuweisen, die die untersten Gruppen lediglich in sich selbst begrenzenden Geleisen gefangen halten». Die «New York Review of Books» schliesslich sagte: «Die Tragweite dieser Ergebnisse wird zwar viele mit Erziehung beschäftigte Leute verunsichern, aber es handelt sich um harte Fakten.» Doch nicht alle Wissenschafter glaubten, dass es sich beim «Pygmalioneffekt» um harte Fakten handle.
Nicht reproduzierbar
Zwar ist der Pygmalioneffekt heute Pflichtstoff jeder Lehrerausbildung. Was die angehenden Lehrkräfte meistens nicht erfahren: Ob es den Effekt in der von Rosenthal vermuteten Form überhaupt gibt, ist umstritten. Der Psychologe und Bildungsforscher Robert L. Thorndike hielt Rosenthals Studie für so fehlerhaft, «dass man nur bedauern kann, dass sie je andere Leute zu Gesicht bekamen als ihre Autoren.»
Der Statistiker Richard E. Snow hat mit seiner Kollegin Janet D. Elashoff ein ganzes Buch mit den vermeintlichen Schwächen von Rosenthals Untersuchung gefüllt, und die graue Eminenz der Bildungsforscher, Lee Cronberg von der Stanford University, schrieb über «Pygmalion in the Classroom», es sei «als Ganzes ein Meisterwerk der Verwirrung, abgestimmt auf eine Hypothese, der die meisten Daten widersprechen». Cronberg intervenierte sogar beim Verlag, um sein Erscheinen zu verhindern.
Dass die Reaktionen so scharf ausfielen, war kein Zufall, denn «Pygmalion in the Classroom» drehte sich um weit mehr als um die Auswirkung von Vorurteilen in der Schule. Die Frage, um die es eigentlich ging, die aber niemand auszusprechen wagte, lautete: Lässt sich die Intelligenz von Kindern mit einer einfachen Massnahme wie einer anderen Lehrererwartung verändern, oder ist Intelligenz vor allem genetisch bestimmt?
Mit «Pygmalion in the Classroom» geriet Rosenthal mitten in den Streit «Veranlagung oder Erziehung». Die Untersuchung war Wasser auf die Mühlen der Gegner von Intelligenztests an Schulen, die glaubten, solche Tests dienten nur der Etikettierung der Schüler mit den entsprechend negativen Folgen für Minderheiten und Unterschichtskinder. Die 1960er Jahre waren vom Glauben an die unendliche Macht der Umwelt geprägt. Jeder Unterschied in der geistigen Leistungsfähigkeit wurde Erziehung und Schule zugeschrieben. Als linke Bildungspolitiker versuchten, den Einsatz von Intelligenztests an Schulen gerichtlich verbieten zu lassen, tauchte in ihren Argumentationen immer wieder «Pygmalion in the Classroom» auf.
Rosenthals Gegner kritisierten vor allem die Machart der Studie. Zum Beispiel dass dabei ein Intelligenztest zum Einsatz kam, der für die jüngsten Kinder völlig ungeeignet gewesen sei. Das war ein wesentlicher Einwand, zeigte sich der Pygmalioneffekt doch gerade bei diesen Kindern in der 3. bis 6. Klasse nicht mehr. Auch schien unglaubwürdig, dass das Erscheinen der Namen der Aufblüher auf einem Blatt Papier, das man den Lehrern in die Hände gedrückt hatte, eine so weitreichende Wirkung gehabt haben soll. Zumal sich die meisten Lehrer ein Jahr danach nicht mehr an die Namen erinnern konnten. Überdies zeigte ein Blick auf die Rohdaten, dass das signifikante Ergebnis letztlich aufgrund einiger weniger Schülerinnen zustande kam, die ihre Testergebnisse stark steigerten.
Wenn die Resultate eines Experiments umstritten sind, schafft normalerweise eine Wiederholung des Versuchs Klarheit. Doch anders als in den Naturwissenschaften ist es in der Bildungsforschung unmöglich, ein Experiment ein zweites Mal unter den genau gleichen Bedingungen durchzuführen, und so kamen die vielen Versuche, «Pygmalion in the Classroom» zu reproduzieren, zu den unterschiedlichsten Resultaten: Einmal gab es den Effekt für Mädchen der unteren Klassen, einmal für ältere Knaben, dann wieder fand man ihn überhaupt nicht. Der Streit ist schon lange an dem Punkt «Mein Statistiker ist besser als dein Statistiker» angelangt, wie Rosenthal es treffend ausdrückt.
Umstritten ist vor allem, dass sich Lehrererwartungen im Resultat eines Intelligenztests zeigen. Dass Erwartungen sonst alle möglichen Wirkungen haben können, ist unbestritten. Das wusste schon George Bernard Shaw, dessen Theaterstück «Pygmalion» Namensgeber für Rosenthals Studie war. Die Komödie, die unter dem Namen «My Fair Lady» zum Musical-Hit wurde, handelt von Professors Higgins, der das arme Blumenmädchen Eliza Doolittle zu einer Herzogin machen will. An einer Stelle sagt Eliza: « Der Unterschied zwischen einer Dame und einem Blumenmädchen ist nicht, wie sie sich verhält, sondern, wie sie behandelt wird.»
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von Folio.
1964 zeigte ein Versuch: Es reicht schon, dass ein Lehrer erwartet, ein Schüler sei intelligent, damit dieser im Intelligenztest gut abschneidet.
Im November 1963 wurde Robert Rosenthal ein ungewöhnliches Angebot unterbreitet. Rosenthal war Professor für Psychologie an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts. Er hatte eben einen Artikel über seine Experimente – darunter auch solche mit Ratten – in der Zeitschrift «American Scientist» veröffentlicht, als er einen Brief aus San Francisco erhielt. Eine gewisse Leonore Jacobson schrieb: «Wenn Sie je zu Schulkindern ‹fortschreiten›, lassen Sie mich wissen, ob ich helfen kann.» Jacobson war Rektorin der Spruce School in San Francisco. Sie wollte ihre Kinder für jene Experimente zur Verfügung stellen, die Rosenthal mit Ratten durchgeführt hatte.