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Schlafen sie oder wachen sie?
«Hast du gut geschlafen?», lautet meist die erste Frage des Tages.Erwin Stöckli (37) beantwortet diese selten mit einem fröhlichen Ja. Seit der Kindheit schlafwandelt er. Je mehr Stress er hat, desto öfter geht er nachts auf Wanderschaft, durchschnittlich zwei bis dreimal pro Woche.
Was aber genau passiert mit dem Familienvater, wenn er zu Bett geht? Bereits um einzuschlafen, benötigt er zwei Stunden. In der Nacht steht er dann plötzlich auf,schiebt manchmal das Bett samt Ehefrau darin durchs Zimmer. Er wandelt alleine durchs Haus. Er tastet mit den Händen Wände ab. Ernsthaft verletzt hat er sich noch nie — und auch seine Frau trug höchstens einmal einen blauen Flecken davon.
Am Morgen nach einer durchwandelten Nacht aber ist Stöckli nur schwer wach zu kriegen. Während des Tages fühle er sich oft, «als würde in meinem Motor das Öl fehlen», sagt er. Er arbeitete als Pöstler, doch durch sein unkontrolliertes Treiben in der Nacht wurde er arbeitsunfähig. Jahrelang plagte ihn das schlechte Gewissen. Wieso tat er schlafend Dinge, über die er keine Kontrolle hatte? «Ich lag abends im Bett und dachte immer wieder dasselbe: Hoffentlich mache ich diese Nacht nichts.» Der Druck wurde grösser. Er hatte ja Familie, Verantwortung. Heute erhält er — nach einem langen Leidensweg — eine IV-Rente.
Über die Häufigkeit nächtlicher Aktivitäten liegen bis heute lediglich Schätzungen vor. Bei Erwachsenen geht man davon aus, dass zwei bis vier Prozent an chronischem Schlafwandeln (Somnambulismus) leiden, bei Kindern sind dagegen zwischen zehn und 15 Prozent betroffen. In jungen Jahren verliert sich die Schlafstörung (Parasomnie) in den meisten Fällen in der Pubertät. Bei Erwachsenen treten sogenannte Episoden jedoch unterschiedlich häufig auf,sie dauern oft nicht länger als sieben bis höchstens 30 Minuten.
«Immer wieder mussten wir hören, dass wir faul sind.»
Aufgrund der Untersuchungen in Schlaflabors weiss man heute,dass es sich beim Schlafwandeln um eine Störung des Aufwachmechanismus handelt, der — abweichend vom Verhalten der meisten Schläfer — zu nicht bewussten psychomotorischen Aktivitäten und zum Aufstehen führt.
Erwin Stöcklis Schlafproblem ist genetisch vererbt
Erwin Stöcklis verstorbener Vater war auch Schlafwandler, bis zu seinem Tod begab er sich aber nie in Behandlung. Schwester und Bruder leiden an einer stärkeren Form von Apnoe,das heisst,es kommt bei ihnen im Schlaf zu Atmungsstörungen, weil sich der Atmungsweg verschliesst. Die Mutter wiederum krankte ein Leben lang an Narkolepsie, nickte oft mitten im Gespräch einfach ein. «Jahrelang wussten wir nicht, welches Problem in unserer Familie vorliegt », sagt Erwin Stöckli. «Immer wieder mussten wir hören,dass wir doch einfach nur faul sind.»
Erwin Stöckli begab sich ins Schlaflabor. Mittlerweile schlafwandelten nämlich auch seine Töchter beziehungsweise zeigten Anzeichen. «Was bei mir schwere Schuldgefühle auslöste», so Stöckli. Professor Claudio Bassetti, Direktor am Neurologischen Zentrum in Lugano und international bekannt für seine Studien über «Sleepwalking», brachte Licht ins Dunkel.Stöckli: «Er diagnostizierte eine Schlafapnoe als Auslöser. »Und was noch viel wichtiger war:Er konnte nachweisen, dass in Stöcklis Familie eine genetische Vererbung vorlag. «Als wir Anfang 2000 beweisen konnten, dass Schlafwandeln eine genetische Prädisposition hat, war das auch für uns ein sehr wichtiger Durchbruch», sagt Claudio Bassetti. Dem Neurologen ist im Schlaflaborein weiteres Meisterstück geglückt: «Es gelang uns zum ersten Mal aufzuzeichnen, dass bei einem Schlafwandler gewisse Elementedes Hirnsaufwachen, wenn er in der Nacht aktiv wird, während andere noch schlafen.»
S. A. (30)* hat bei diesem letzten Kunststück aktiv mitgewirkt. Er ist der Patient, der sich für den Versuch im Schlaflabor verkabeln liess. Trotzdem will er anonym bleiben. Schlafen,sagt er, sei schliesslich eine sehr private Sache. S. A. schlafwandelt wie Stöckli seit der Kindheit. Und auch bei ihm ist das Schlafwandeln vererbt. «Ich bin in meiner Familie am stärksten betroffen, steige fast jede Nacht aus dem Bett.»
Um besser zu verstehen, was in diesem Moment genau passiert, filmte er sich selbst. Was er gesehen hat, habe ihn schockiert. Und trotzdem habe er nicht das Gefühl,dass er nun deswegen von der Norm abweiche.«Ich schlafwandle einfach.» Festgehalten im Film war folgendes: S. A.schlief schnell ein,bereits nach 20 Minuten aber flüchtete er wieder aus dem Bett, unkoordiniert, ruckartig, wie von der Tarantel gestochen. Dann wachte er langsam auf. «In diesem Moment des Erwachens habe ich oft massives Herzrasen», sagt er. Zu Selbstverletzungen sei es bis jetzt selten gekommen, einmal habe er sich beim Sprung von einem Pult den Fuss verstaucht. Mit seiner Freundin hat er die Vereinbarung getroffen, dass sie in getrennten Zimmern schlafen. «Nur einmal hat sie versucht, eine Nacht mit mir im gleichen Bett zu verbringen, anschliessend musste sie sich eingestehen, dass das nicht geht.» Im Beruf — S. A. arbeitet im Marketingbereich — fühlt er sich trotz dieser Schlafstörungen in seiner Leistung nicht eingeschränkt. «Ich bin extrem produktiv, wenn ich konzentriert arbeite. Ich fühle mich im Prinzip wie ein schnelles Auto, das streckenweise mit der Handbremse fährt. Das heisst, manchmal fehlt die Energie, aber ich komme trotzdem auf eine zufriedenstellende Geschwindigkeit. »
Bei der Arbeit in der Leistung ebenfalls nicht reduziert fühlt sich Schlafwandlerin R. B.* Das Besondere an ihrem Fall ist, dass die Arztsekretärin als Kind schlafwandelte, zwischen 15 und 28 jedoch keine Störungen mehr aufwies. «Dann fing es wieder an, ich versteckte in der Nacht meinen Ring, der unauffindbar blieb, ich schloss meinen Freund aus, ich stellte den Katzen ein weiteres Töpfchen mit Wasser hin.» Nachforschungen haben ergeben, dass auch ihre Cousins und Cousinen nächtliche Streifzüge unternehmen. «Obwohl mein Freund und ich mit meinen Schlafstörungen gut klarkommen, werde ich darum bald einen Untersuch im Schlaflabor machen.»
Gelernt, mit dem Schlafwandeln zu leben, haben alle drei Betroffenen. Stöckli sagt: «Es geht mir besser,seit ich Name der Redaktion bekannt. das alles akzeptiere,mir einfach sage, es ist ein Teil von mir. Und seit ich mit meiner Tochter Musik mache. Das bedeutet mir sehr viel.» Stöckli ist der Einzige, der die Störung auch medikamentös behandeln lässt.
Ein Mörder wurde wegen Schlafwandelns freigesprochen
Dass Schlafwandlen in seltenen Fällen durchaus gefährlich sein kann,beweisen andere Fälle, in denen es «während des Schlafs» zu Vergewaltigungen («Sleep- Sex») und sogar zu Mord kam. Der Fall des Kanadiers Kenneth Parks zum Beispiel erregte grosses Aufsehen.
Am 24. Mai 1987 gegen 3.30 Uhr erhob sich der damals 23-jährige Student schlafwandelnd von seiner Couch und fuhr 23 Kilometer zu seinen Schwiegereltern. Mit einem Brecheisen betrat er das Haus und verletzte im Schlaf seinen Schwiegervater. Dann brachte Parks mit dem Küchenmesser seine Schwiegermutter um. Erst nachdem er wieder im Wagen sass, erwachte er und fuhr zur Polizeistation. Über die Täterschaft bestand im Fall Parks kein Zweifel. Trotzdem wurde der Kanadier freigesprochen. Ein schlafmedizinisches Gutachten brachte ans Tageslicht, dass er zur Tatzeit unzurechnungsfähig gewesen war. Über Schlafwandler weiss man heute: Der emotionale Teil des Hirns wird beim Schlafwandeln stärker durchblutet, während die Partie, die für willentliches Handeln zuständig ist, deutlich reduziert ist.
Auch im Zwillingsmordfall im zürcherischen Horgen — die 36-jährige Mutter Bianca B. brachte im Dezember 2007 im Schlaf ihre beiden Kinder um — musste ein schlafmedizinisches Gutachten über Schuld oder Unschuld entscheiden. Bianca B. hatte bei der Befragung durch die Polizei nämlich zu Protokoll gegeben, dass sie geträumt habe, als sie zu den Kindern gegangen sei. Neurologe Claudio Bassetti untersuchte die Frau im Schlaflabor. Sie hatte ihm vorgängig erklärt, dass sie bereits vor der Tat nachts herumgewandelt sei, vor allem wenn sie ein gewisses Medikament eingenommen habe. Darum wurde ihr dieses Medikament im Schlaflabor verabreicht. Anders als im Fall Parks kam der Experte jedoch zum Schluss, dass bei Bianca B. kein Schlafwandeln vorliege und somit auch keine Unzurechnungsfähigkeit: «Ihre Bewegungen waren atypisch für eine Schlafwandlerin», sagt Bassetti. Die Hausfrau aus Horgen wurde schuldig gesprochen und verurteilt — zu lebenslänglicher Haft.
Autor: Judith Wyder
Fotograf: Tina Steinauer