Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03308.jsonl.gz/1983

Die US-amerikanischen Zentren für Seuchenkontrolle und -prävention (Centers for Disease Control and Prevention) melden neue Höchststände bei Drogentoten. Rund 108’000 Menschen sind im letzten Jahr an einer Überdosis gestorben. Eine Reportage der New York Times nennt als Hauptursachen das Opioid Fentanyl, das oft mit anderen Drogen konsumiert wird, sowie das Aufputschmittel Methamphetamin.
Drogen forderten im Jahr 2021 in den USA mehr Opfer als AIDS, Verkehrsunfälle und Schussverletzungen zusammen – etwa ein Viertel so viele Tote wie Covid-19. Laut den Nationalen Gesundheitsinstituten haben sich die Todesfälle durch Meth-Überdosen zwischen 2015 und 2019 verdreifacht.
Synthetische Opioide waren 2021 verantwortlich für 71’000 Tote (13’000 mehr als im Jahr zuvor), Aufputschmittel wie Methamphetamin haben 33’000 Opfer gefordert (8’000 mehr als im Jahr zuvor). Der Anstieg von 15 Prozent folgt einem doppelt so hohen Anstieg im Jahr 2020.
Fentanyl ist ein weisses Pulver, das problemlos mit anderen Drogen kombiniert werden kann, etwa mit Heroin, mit Meth oder Kokain. Deshalb tauchen auch häufig gefälschte Tabletten auf, die – kombiniert mit Antidepressiva wie Xanax – tödliche Wirkung haben können. Zudem zeichnet sich ein Trend zu sogenannten «speedballs» ab, eine Kombination aus Stimulanzien und Opioiden. Im US-Bundesstaat Vermont, das einen der stärksten Anstiege an Überdosen verzeichnet, werden 93 Prozent der Opioid-Toten Fentanyl zugeschrieben.
Dan Ciccarone, Professor für Familien- und Gemeindemedizin an der Universität von Kalifornien in San Francisco, ist besorgt: «Wir sind mit einer nie dagewesenen Epidemie konfrontiert, die synthetische Mittel mischt. Nie zuvor wurde ein so starkes Opioid wie Fentanyl mit dem ebenfalls potenten Methamphetamin kombiniert», sagte er zur New York Times.
Präsident Joe Biden ist der erste US-Präsident, der eine Drogenstrategie vorlegt, die den Fokus darauflegt, Risiken zu minimieren, statt Abstinenz zu predigen. Zum Beispiel sollen sterile Nadeln abgegeben werden sowie Testinstrumente für Fentanyl. Rahul Gupta, Bidens Drogenzar, ist der erste Arzt, der im Büro des Weissen Hauses die nationale Drogenkontrolle leitet. Er sagt: «Es ist einfach nicht hinnehmbar, dass wir rund um die Uhr alle fünf Minuten ein Leben an eine Überdosis verlieren.»
Die Gründe für den enormen Anstieg sind vielfältig. Dennoch sind Suchtexperten überzeugt, dass nicht nur Covid-19 schuld ist, weil die Zahl der Überdosen schon vor dem Ausbruch der Pandemie anzusteigen begann. Die zunehmende soziale Isolation und wirtschaftliche Not haben aber wesentlich dazu beigetragen. Kommt dazu, dass die Shutdowns im Jahr 2020 Hilfszentren für Drogenabhängige dazu zwang, ihre Türen zu schliessen.
Regina LaBelle, Expertin für Suchtpolitik an der Georgetown Universität sagt, erste Untersuchungen zeigten, dass das Lockern von Regeln – etwa die Mitnahme von Methadon – hilfreich gewesen seien, ebenso wie die Behandlung via Telemedizin.
Bedenklich ist, dass immer mehr Fentanyl auf den Markt kommt. Nur schon winzige Unterschiede in der Formel können den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Eine neue Untersuchung von gefälschten Pillen ergab, dass ein Grossteil der als OxyContin, Xanax oder Aderall gegen Aufmerksamkeitsdefizite verschriebenen Medikamente Fentanyl enthielten. Diese illegalen Mittel könnten der Grund für den starken Anstieg an Überdosen bei Teenagern sein.
Selbst Kinder ab 12 Jahren gelten als Hochrisiko-Abnehmer von gefälschten Pillen mit Fentanyl. Und Oberschülerinnen sterben an Überdosen, weil sie glauben, sie nehmen ein Schmerz- oder ein Beruhigungsmittel ein. Kelly Dougherty, stellvertretende Gesundheitsministerin von Vermont, warnt denn auch: «Geht einfach davon aus, dass es überall drin ist.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.