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Begegnung mit der Weltformel
Im Winter 1967 sitze ich in der «Rio Bar». Jean-Claude kommt herein. «Was gibt's?» frage ich. Er setzt sich. «Es ist unglaublich. Die Leute bestellen telefonisch einen Scheck, und ein Ausläufer holt ihn am Schalter ab.» Jean-Claude ist seit kurzem Lehrling in einer Bank. «Das kann nicht sein», sage ich. «Man kann sich als Vertreter einer Firma ausgeben, die bei uns ein Konto hat, einen Scheck bestellen und als Ausläufer abholen», insistiert er. Ich runzle die Stirn. «Du könntest dieser Ausläufer sein», lächelt er. Kurze Zeit später sitze ich mit 22 500 Franken im Flugzeug nach Barcelona und studiere ein Heftchen, «Spanisch für Anfänger».
Am 5. Juli 1968 klopft es nachts um 2 Uhr im Hotel Manzoni an der Via dello Santo Spirito, der Strasse vom Heiligen Geist, in Mailand an meine Tür. Ich werde verhaftet und nach San Vittore, dem Mailänder Stadtgefängnis, gebracht. Knapp vierzehneinhalb Monate später verabschiede ich mich von Herrn Schelker, dem Direktor des Schällemätteli. Inzwischen hat Neil Armstrong seinen Fuss auf den Mond und Mary Quant den Minirock in die Welt gesetzt. Die Althaus-Brüder laden mich nach Ligornetto im Tessin ein. Der Barbera wird mein Freund. Im Winter kommt der Totechopf-Scharly. Ich gehe mit ihm und den Hunden auf einen Spaziergang durch den Schnee.
Er trägt elegante Stiefel mit dünnen Ledersohlen und einen teuren, aber leichten Mantel. Er friert. Ich habe Militärschuhe an den Füssen und eine wattierte Jacke am Leib. Scharly rutscht mehrmals und fällt beinahe hin. Ich frage: «Willst du umkehren?» Er reckt sein Geronimo-Kinn vor und sagt: «Was isch wo, wenn nüt niene-n-isch?» Ich stutze. Heureka, das ist die Weltformel! Einstein ist überwunden, und ich bin froh dass ich den Scheck eingelöst habe.
Kolumne im Baslerstab vom 19.01.2001