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Nach einem zähen Kampf, der ein gutes Jahrhundert gedauert hatte, erhielten die Schweizerinnen im europäischen Vergleich sehr spät das Stimm- und Wahlrecht: Erst am 7. Februar 1971 fanden es die Männer an der Zeit, auch die Frauen politisch teilhaben zu lassen. Mit 66 Prozent der Stimmen sagten sie an der Urne dazu schliesslich Ja.
2,7 Millionen Frauen erhielten eine politische Stimme
Mit dem Entscheid von 1971 änderten sich die Mehrheitsverhältnisse im Land: Zu den 2,5 Millionen Stimmbürgern kamen nun rund 2,7 Millionen Stimmbürgerinnen hinzu. Vor der Abstimmung über das Frauenstimmrecht wurde befürchtet, dass dies zu einem politischen Umbruch führen könnte.
Eine Befürchtung, die nicht abwegig gewesen sei, meint die Politologin Cloé Jans. Denn das Verhalten an der Urne werde stark durch Werthaltungen bestimmt, so Jans. Und diese wiederum stützten sich auf persönliche Erfahrungen, die eigene gesellschaftliche Position und die ökonomische Situation. Die Frauen waren 1971 beruflich, wirtschaftlich und sozial bedeutend schlechter gestellt als die Männer, und das hätte auf ihr Abstimmungsverhalten durchschlagen können.
Mehr Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit
Cloé Jans zieht im Buch «50 Jahre Frauenstimmrecht» Bilanz: Auch wenn nach der Einführung des Frauenstimmrechts keine «Revolution» stattgefunden habe, setzten die Stimmbürgerinnen bei einzelnen Themen deutlich andere Akzente als die Stimmbürger.
Buchhinweis
Isabel Rohner und Irène Schäppi (Hrsg.): «50 Jahre Frauenstimmrecht. 25 Frauen über Demokratie, Macht und Gleichberechtigung». Limmatverlag, 2020.
Eine umfassende Untersuchung von nationalen Volksabstimmungen zwischen 1981 und 2003 zeigt, dass sich Frauen mehr Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und einen stärkeren Ausbau des Gesundheitswesens wünschen als Männer.
Frauen stimmen für soziale Integration
Diese Präferenzen bestätigen sich in den neueren Abstimmungsanalysen. Bei zehn von knapp 300 eidgenössischen Vorlagen in den letzten 30 Jahren gab es zehn Entscheide, bei denen die Frauen mehrheitlich anders stimmten als die Männer. Bei sieben davon waren sie erfolgreich.
So brachten sie 1994 die erleichterte Einbürgerung für junge Ausländerinnen und Ausländer und auch die Antirassismus-Strafnorm durch. Zwei Jahre später liessen sie die Initiative gegen illegale Einwanderung scheitern. Weiter verhinderten sie 1997 Leistungsverkürzungen für Arbeitslose. Mit diesen vier Entscheiden stärkten sie deutlich die soziale Integration in der Schweiz.
Gripen zum Absturz gebracht
Durchgesetzt haben sich die Schweizerinnen an der Urne 1994 auch bei der Abstimmung über die Alpen-Initiative, Link öffnet in einem neuen Fenster. Sie brachen damit für den Alpen- und Naturschutz eine wichtige Lanze. Das Ja brachte den Urner Landammann zum Tanzen, auch wenn er damals noch nicht wissen konnte, dass das Resultat neben dem Ständemehr der Mehrheit der weiblichen Stimmen zu verdanken war.
Die Stimmbürgerinnen drückten in den letzten 30 Jahren zwei weitere wichtige Entscheide durch: Sie sorgten 2008 dafür, dass sexueller Missbrauch von Kindern nicht mehr verjährt. Und schliesslich brachten sie 2014 die Beschaffung des Kampfflugzeugs Gripen zu Fall.
Alles in allem haben diese Entscheide mit spezifischen Werthaltungen zu tun, so die Wahlforscherin Cloé Jans. Die Frauen würden die vorhandenen Steuergelder anders investieren: weniger Militär, mehr Umwelt und mehr Soziales.