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Dr. rer oec., Ökonom, Abteilung Volkswirtschaft und Steuerstatistik, Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV), Bern
Themenbereich: Wirtschaftspolitik, Verhaltensökonomie, Finanzmärkte
Die Überlegung ist einfach: Wenn sich die Leute realistisch einschätzen, müssten sie im Durchschnitt richtig liegen. Rund 50% müssten sich also als unterdurchschnittlich einschätzen. Fast alle glauben aber, zu den anderen 50% zu gehören.
In einem US-amerikanischen Experiment meinten ganze 93% der Befragten, ihre Autofahrkünste seien überdurchschnittlich. Das psychologische Phänomen der systematischen Selbstüberschätzung hat sich unter dem Begriff Overconfidence-Effekt weit über die Psychologie hinaus einen Namen gemacht.
Overconfidence in der Mikroökonomie…
Eine Studie aus den USA zeigt, dass 60% der neu gegründeten Firmen innerhalb von fünf Jahren scheitern. Nach 10 Jahren sind es bereits 80%. Der perfekt kalkulierende Homo Oeconomicus würde bei diesen Prognosen kein Unternehmen gründen. Warum sein Erspartes riskieren und die Mühe auf sich nehmen, wenn man mit so hoher Wahrscheinlichkeit schon nach wenigen Jahren vor einem Scherbenhaufen steht?
Viele Leute tun es trotzdem, so dass insgesamt wohl zu viele Unternehmen gegründet werden. Um solche Beobachtungen zu erklären, nehmen kognitive Verzerrungen wie der Overconfidence-Effekt in den Wirtschaftswissenschaften eine immer prominentere Stellung ein.
Während der Homo Oeconomicus die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Markteintrittes realistisch einschätzt, überschätzen in der Realität viele Unternehmensgründer die eigenen Fähigkeiten und damit die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Projekts. Obwohl die frisch gebackenen Unternehmer möglicherweise wissen, dass ein Grossteil von ihnen schon nach wenigen Jahren scheitert, glauben alle fest daran, selber zu den wenigen Ausnahmen zu gehören.
Neben eher unerfreulichen Firmenkonkursen kann Overconfidence aber auch sehr willkommene Effekte haben. Teamwork bringt immer die Problematik mit sich, dass einzelne versuchen, ihren Einsatz für das gemeinsame Projekt gering zu halten und von der Arbeit der anderen zu profitieren. Wir alle kennen dieses Drückeberger-Problem von Gruppenarbeiten aus dem Arbeitsleben oder aus der Schulzeit.
Sich selbst überschätzende Teammitglieder glauben jedoch, dass ihre Arbeit für das Gelingen des Gesamtprojektes unabdingbar ist. Sie überschätzen damit die Bedeutung ihres Einsatzes und werden sich deshalb mehr ins Zeug legen. Dem Trittbrettfahrerproblem wird so entgegengewirkt.
Die Thematik spielt auch in den Arbeitsmarkt hinein. Einem sich selbstüberschätzenden Manager kann man beispielsweise leichter einen gewinnabhängigen Lohn schmackhaft machen. Aufgrund seiner Selbstüberschätzung erwartet der Manager ohnehin einen hohen Unternehmensgewinn und nimmt deshalb gerne in Kauf, dass sein Lohn daran gekoppelt ist. Für jene, die sich an hohen Managersalären trotz kaum erkennbarem Gegenwert stören, ist auch dieser Effekt von Overconfidence durchaus frohe Kunde.
…und in der Finanzmarkttheorie
Auch Finanzmarkttheoretiker sind mit dem Homo Oeconomicus ans Ende ihres Lateins gelangt und versuchen, ihn durch realistischere Annahmen zu ersetzen. Viele Phänomene versucht man mit realistischeren Annahmen zum menschlichen Verhalten zu erklären.
Es ist beispielsweise eine gut dokumentierte Tatsache, dass sich Aktienkursentwicklungen nicht vorhersagen lassen. Selbst ein erfahrener Finanzanalyst erzielt mit seinen Anlageentscheiden im Durchschnitt keine höhere Rendite als ein Schimpanse, der mittels Dartpfeilen sein Portfolio zusammenstellt.
Der Homo Oeconomicus würde im Bewusstsein der mangelnden Vorhersehbarkeit der Marktentwicklung die sogenannte Buy and hold-Strategie fahren, das heisst die gekauften Aktien längerfristig halten. Das ständige Umschichten des Portfolios bringt keine höhere Rendite, verursacht aber erhebliche Transaktionskosten.
Trotzdem geben die Leute an den Finanzmärkten nicht auf. Zahlreiche sogenannt aktiv verwaltete Fonds locken mit überdurchschnittlichen Renditeversprechen, welche durch gezielte Käufe und Verkäufe von Aktien erzielt werden sollen. Die ernüchternde Realität zeigt jedoch, dass die meisten ihre Versprechen nicht halten können. Im Gegenteil: Aufgrund der anfallenden Transaktionskosten sind die erzielten Renditen unterdurchschnittlich.
Auch bei diesem Phänomen spielt der Overconfidence-Effekt eine Rolle. In Verkennung der empirischen Faktenlage klammern sich viele an den Glauben, selber doch die Marktentwicklung vorhersehen und aus der Masse hervorzuragen zu können. Die Tatsache, selbst einen Schimpansen nicht schlagen zu können, ist freilich schwer zu verdauen. Möglicherweise kommt daher die psychologische Barriere, die Unvorhersehbarkeit der Aktienmärkte zu akzeptieren.
Zum Thema:
- NZZ. Pensionskassen-Manager überschätzen sich. (09.09.2007)
- NZZ. Männliche Selbstüberschätzung - weibliche «Kurzsichtigkeit». (28.5.2005)
- Psychology Today. The Overconfidence Effect. (11.06.2013)
David Staubli,
Ökonom, MSc der Universität Basel, Doktorand und Lehrassistent an der Universität Lausanne.
Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.
Dr. rer oec., Ökonom, Abteilung Volkswirtschaft und Steuerstatistik, Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV), Bern