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Jeder dritte arbeitsfähige Argentinier hat keinen Job -
und stürzt, mangels sozialem Netz, ins Bodenlose. .
Im Arbeiterviertel Villa Devoto fehlt, was sonst zur Mittagsstunde in der Nase
zu kitzeln pflegte: Der würzige, von Baustellen aufsteigende Duft gegrillten Fleisches. Der parfümierte blaue Rauch in
der Mittagssonne verbreitete einen Hauch Bürgerlichkeit, der allen anderen
Lateinamerikanern fremd ist. In Peru, Bolivien und Brasilien heißt es: "Fleisch
ist etwas für die Reichen". Stets war Argentinien der Wohlstandsstachel im ausgemergelten Körper
der Latinos; ein Land, das sich einer breiten Mittelidasse rühmte und mit Theatern und Kinos auf der Avenida Corrientes in Buenos Aires seinen eigenen Broadway hervorgebracht hatte. Ein gesegnetes Land, wo alles ohne Anstrengung zu gehen schien. Und wo die Einheimischen
felsenfest glaubten, ihr Land sei der westlichste Fleck Europas.
Der totale Kollaps des Landes stellt sich bislang nur nicht ein, weil die Teilstaaten sich mit selbstgedruckten Ersatzwährungen über Wasser halten.

Geschäftsviertel in Buenos Aires (Quelle: tangoinfo)

Nachdem das Leben auf Pump schon den
Zentralstaat in den Ruin getrieben hat,
geht die Schuldenmacherei bei den Teilstaaten los. Lange wird dieser Zustand
nicht halten - "bald wird das Land seine
Zahlungsunfähigkeit eingestehen oder
über eine Bankenkrise stolpern", sagt der renommierte Volkswirtschaftler
Carlos Perez.
Viele Argentinier sind
überzeugt, schlimmer könne es gar nicht
mehr kommen.
Sie irren, denn dieser
Absturz führt hinunter auf lateinamerikanische Ebenen, zu Hunger, Krankheiten, Massenelend.
Zu verantworten hat die Talfahrt die Frohnatur des inzwischen in Haft sitzenden ehemaligen Präsidenten Carlos
Menem. Mit dem Argument, die Hyperinflation zu bändigen und das behäbige
Argentinien an die globalisierte Welt anzudocken, band Menem den Peso eins
zu eins an den amerikanischen Dollar und verscherbelte den gesamten Staatsbesitz. Von 60 auf 160 Milliarden Dollar,
das ist mehr als die Hälfte des Sozialproduktes Argentiniens, schnellten die
Schulden innerhalb eines Jahrzehntes hoch. Obwohl der Staat gleichzeitig Besitz für 60 Milliarden Dollar verscherbelte.
Dass Präsident Menem jedes Jahr Milliarden zur Deckung des Haushaltsdefizits aufnehmen musste,
fällt den Gläubigem erst jetzt auf. Vernünftige Köpfe sehen ein, dass es
es einen Neuanfang wohl nicht ohne Bankrotterklärung und Abwertung geben wird. Kommt sie, dann gehört auch Guillermo, der 40 Jahre alte Architekt, zu den Opfern. Sein Einfamilienhaus
erwarb er, als er umgerechnet 5000 amerikanische Dollar im Monat verdiente und ohne mit der Wimper zu zucken 1500 Dollar im Monat an die Bank zurückzahlen konnte. Verschuldet wie er
ist, kann Guillermo keine Abwertung überstehen. Sie wird ihn um Hab und
Gut bringen. Und dazu, auf die Barrikaden zu gehen.