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Im November 2010 wurden 800 Stück des Hightech-Granatwerfers XM25 Counter Defilade Target Engagement System (es finden sich verschiedene Bezeichnungen, im folgenden Artikel wird die Bezeichnung “XM25” verwendet) von Heckler & Koch (Granatwerfer), Alliant Techsystems (Munition) und L-3 Communications (Ballistikcomputer) nach Afghanistan zum Truppenversuch geliefert. Erste experimentelle Versuche wurden mit dem XM25 bereits ab 2005 durchgeführt (Quelle: Army Sgt. W. Wayne Marlow, 1st Infantry Division Public Affairs, “Soldiers test new weapons at Grafenwöhr” United States European Command, 04.10.2005 und Lt. Col. Christopher Lehner, “Army testing XM-25 ‘smart’ high-explosive weapon for Soldiers“, army.mil, 10.11.2009), in Afghanistan finden jedoch nun die ersten Feldversuche unter realen Bedingungen statt, was gegen Ende 2010 von einer intensive Public Relation begleitet wurde. Von Projektmanager, Lt. Col. Chris Lehner wird die XM25 als regelrechte “Wunderwaffe” gehypt:
For centuries, combatants have been trained to protect themselves from direct fire by seeking cover behind a rock, tree, wall, trench, or anything that could stop a projectile. Soon this rule will no longer apply. The XM25 removes an enemy’s protective cover because it fires a High Explosive Airburst (HEAB) round that can be programmed to detonate at precise distances past the cover and next to the enemy. […] The introduction of the XM25 is akin to other revolutionary systems such as the machine gun, the airplane and the tank, all of which changed battlefield tactics. — Lt. Col. Chris Lehner, “XM25 Update“, PEO Soldier Live, 09.12.2010.
Der XM25 ist ein Produkt des in den 1990er begonnenen Objective Individual Combat Weapon Programs (OICW), welches das gescheiterte Advanced Combat Rifle Program (ACR) aus den 1980er ablösen sollte. Aus dem ACR wurde die Erkenntnis übernommen, dass die Leistungsfähigkeit des M16A2 Sturmgewehrs eine Grenze erreicht hat, welche keinen grossen Spielraum für Optimierungen mehr zulässt. Leistungssteigerungen können am wahrscheinlichsten durch den Einsatz eines explodierenden Geschosses erreicht werden. Grundsätzlich wird also diejenige Waffenwirkung verlangt, die ein Granatwerfer liefern kann. Seit 1969 wird in Kombination mit dem M4 und dem M16 der 40 mm M203 Granatwerfer eingesetzt. Es war der erste Granatwerfer, der an ein Sturmgewehr angedockt werden konnte. Er wurde entwickelt, um im Einsatz zwischen Sturmgewehr und Granatwerfer wechseln zu können (der vorhergehende M79 Granatwerfer war eine separate Waffe). Beim M203 handelt es sich eigentlich nur um ein Rohr mit Abschuss- und Visiervorrichtung, was sich nicht nur im geringen Preis (rund 600 US-Dollar), sondern auch in der geringen Einsatzdistanz niederschlägt (150 m bei Punktzielen, rund 350 m bei Flächenzielen). Die Wirkung im Ziel ist in etwa mit derjenigen einer Handgranate vergleichbar. Weitere Nachteile des M203 liegen in dessen Ungenauigkeit beim Verschiessen der Granaten (was auch mit der Visiervorrichtung zusammenhängt) und der Verschlechterung der Genauigkeit des Trägergewehrs durch das zusätzliche Gewicht des Granatwerfers (1,36 kg). Neben der Verbesserung der Leistungsfähigkeit des Granatwerfers, hatte das OICW die Entwicklung von Waffen zum Ziel, die ihre Wirkung hinter der Deckung des Gegners entfalten können. Diese Idee wurde schliesslich beim XM25 verwirklicht: Ein Laser misst den Abstand des Schützen zum Zielobjekt, wobei der Schütze festlegen kann, ob das Geschoss bis zu 3 m vor oder hinter dem Ziel explodieren soll. Beim Abschuss erhält das Geschoss durch die spiralförmigen Züge im Lauf der Waffe einen Drall, welcher den Flug des Geschosses bis zum Ziel stabilisiert. Die Elektronik innerhalb des Geschosses ist in der Lage anhand der Anzahl der Umdrehungen des Geschosses die zurückgelegte Strecke zu ermitteln und bei erreichen der vorgegebenen Reichweite (bis zu 700 m) zu explodieren (Quelle: “US-Soldaten hoffen auf Hightech-Granatwerfer“, Spiegel, 30.11.2010). Zwar lässt sich so mit dem XM25 nicht um die Ecke schiessen, jedoch Gegner hinter einer Deckung oder in einem Graben neutralisieren, indem das Geschoss über oder hinter dem Gegner explodiert. Beim Kampf mit den Aufständischen in Afghanistan, welche eine offene Konfrontation scheuen und vorzugsweise aus der Deckung agieren, erhoffen sich die US-Streitkräfte einen entscheidenden Vorteil. In solchen Fällen mussten kämpfende Verbände bis anhin Artillerie- und Luftunterstützung anfordern, was länger dauern (bis angeforderte Apache-Helikopter die kämpfende Truppe aus der Luft unterstützen können, kann es bis zu 65 Minuten dauern) und eher zu Kollateralschäden führen kann.
Als Munition sind verschiedene Varianten von 25 mm Geschosse vorgesehen:
Mit dem Einbau von zwei Sprengladungen übertreffe die 25 mm – Kalibermunition die Wirkung der 40 mm Granaten (Quelle: Greg Grant, “Army to Test ‘Game Changing’ Gun in Combat“, Military.com, 06.05.2010).
Verläuft der Feldversuch in Afghanistan erfolgreich, ist die Serienproduktion und Truppenabgabe für 2014 vorgesehen, so dass schliesslich jede Infanteriegruppe und Spezialeinheit über einen XM25 verfügen soll (Quelle: Lt. Col. Chris Lehner, “XM25 Update“, PEO Soldier Live, 09.12.2010). Dies entspricht einem Auftragsvolumen von 12’500 Stück, was den derzeitige Preis der Prototypen von 30’000-35’000 US-Dollar auf rund 25’000 US-Dollar senken würde. Der Preis pro Geschoss liegt je nach Ausführung um rund 24 US-Dollar. Der Preis der XM25 scheint stattlich zu sein, doch wenn damit Artilleriefeuer und Luftnahunterstützung eingespart werden kann, könnte die Rechnung für die US-Streitkräfte mittelfristig auch finanziell aufgehen. Nachteilig ist, dass der XM25 als eigenständige Waffe ausgeführt ist. Besass ein Infanteriesoldat mit dem M203 (oder noch besser M320) Sturmgewehr (geladen rund 4 kg) und Granatwerfer (1,36 kg) in einem, wird das Arsenal der Feuerwaffen einer Infanteriegruppe um eine zusätzliche Waffe aufgestockt, die 5,5 kg wiegt. Es geht auch anders: Südkorea vereint mit der Daewoo K11 ein 5,56 mm Sturmgewehr und ein 20 mm Granatwerfer. Sie wiegt 6,07 kg und der Granatwerfer weist eine ähnliche Leistungsfähigkeit wie der XM25 auf. Ein Wehrmutstropfen bei der Daewoo K11 liegt bei der Kalibergrösse der Munition des Granatwerfers, welche nur eine maximale Einsatzdistanz von 500 m erlaubt und zu deutlich weniger Splitter bei der Explosion im Zielgebiet führt. Die Vereinigten Arabischen Emirate kauften im Mai 2010 zu Testzwecken 40 Daewoo K11 für 560’000 US-Dollar, was einem Stückpreis von 14’000 US-Dollar entspricht (Quelle: Ivan Gale, “UAE buys rifles from South Korea“, The National, 27.05.2010).
Ob sich die Waffe tatsächlich als „Game Changer“ herausstellen wird, wie Lehner dies vollmundig verspricht, muss sich erst noch zeigen. Der Hype in vielen US Medien scheint eher die momentan verzweifelten Situation der multinationalen Streitkräfte in Afghanistan wiederzuspiegeln, die auf eine “Wunderwaffe” hoffen lässt. Eine skeptische Einstellung dazu ist schon deshalb berechtigt, weil die Aufständischen in Afghanistan bei einem erfolgreichen Einsatz der Waffe mittelfristig ihre Angriffs- und Verteidigungstaktik ändern werden (bessere Tarnung, Tunnelbau usw.).