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Bei der Taufe von Jesus sagte eine Stimme aus dem Himmel: "Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen" (Lukas 3,22-23). Ein grosses Lob, wegen einer grossen Vorgeschichte? Ja -- und nein. Ja, denn Jesus lebte und wirkte schon immer mit dem Vater - und nicht erst die 30 Jahre seit seiner Geburt. Nein - weil ich denke, dass sich der Vater besonders auf diese 30 Jahre bezog, in denen Jesus als Mensch heranwuchs.
Was wissen wir von ihnen? Nicht viel. Wir kennen die Geburtsgeschichte und feiern sie jedes Jahr Jahr. Wir wissen von der Flucht mit Joseph und Maria nach Ägypten, von den "drei Königen" aus dem Morgenland. All das wird im Lukasevangelium und Matthäus-Evangelium ausführlich dokumentiert, als Kern unserer Weihnachts-Geschichten (siehe auch meine zusätzliche Studie "Die Weihnachtsgeschichte"). Ansonsten wissen wir fast nichts aus seiner Kindheit, ausser von einer einzigen Begebenheit, als er sich,12 jährig, in Jerusalem mit Gesetzeslehrern im Tempel besprach. Sein Leben spielte sich in Galiläa ab. In aller Normalität des Alltags: Berufslehre als Zimmermann, Kleinstadtleben in Nazareth, (einem Verkehrsknotenpunkt für Handels-Karavanen), Synagogenbesuch am Sabbat, alles unter römischer Besatzungsmacht.
Dort lebte Jesus ungefähr 30 Jahre lang, bis er seine Aufgabe anfing, für die er auf die Erde gekommen war. Dies wird in einem Satz ausgesagt: "Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen" (Lukas 2,52). Eine ganze "Vita" in einem einzigen Satz, ein Lebenslauf ohne Erwähnungen von Taten und Leistungen und dennoch mit dem Wohlgefallen des Vaters im Himmel. Um was geht es?
Zunehmen oder "vorstossen"?
Eine mögliche Antwort sehe ich in einer speziellen Betonung dieses Satzes, die ein Leser ohne Griechisch-Kenntnisse nur schwer erkennen kann. Eine normale Aussage wie "Jesus nahm zu", im Sinne von "Jesus wuchs auf", könnte hier auch mit einem gebräuchlichen Verb ausgesagt werden - wie zum Beispiel in einem bekannten Text des Johannesevangeliums (3,30). Dort sagt Johannes der Täufer von Jesus und sich: "Er muss wachsen (AUXANEIN), ich jedoch muss abnehmen". Aber dieses gebräuchliche Verb AUXANEIN (wachsen,zunehmen) wird im Lukastext nicht für das normale Wachstum von Jesus verwendet, sondern das besondere Verb PROKOPTO, das nicht einfach "zunehmen" heisst, sondern "vorantreiben, voranhämmern, vorstossen".
Ein gutes Bild dazu ist das Hämmern von Metall über eine gegebene Form, wie wenn ein Goldschmied einen Gegenstand mit Goldblech überzieht. Er hämmert das Metall in jede Ritze und gleicht alle Unebenheiten aus. Folgende, freie Übersetzung träfe genauer zu: "Und Jesus nahm durch viele kleine Schläge zu (PROKOPTO). Er wurde vorangetrieben, vorgestossen (PROKOPTO) an Weisheit, altersmässigem Wachstum und Gnade bei Gott und den Menschen". Diese knappe Erwähnung ergibt zusätzlich einen guten Vergleich zu uns: Jesus wuchs als Mensch auf, mit Hochs und Tiefs. Mit Freud und Leid. Mit Versuchungen, mit Schwachheiten. Alles geschah mit Gottes Wohlgefallen. Es gehörte zum Heranreifen als Mensch (siehe Hebräerbrief 5,8).
Auch wir können das kleine, feine oder auch festere, unangenehme Hämmern (PROKOPÄ) für unser Leben annehmen. Wachstum in Weisheit und Gnade war ein Ziel Gottes für Jesus, seinen Sohn. Dieses Ziel hat der Vater im Himmel auch für uns, seine Söhne und Töchter. Erkennen wir es, öffnen wir uns dafür? Vertrauen, glauben wir ihm? Im Hämmern des Goldschmieds geht es um eine Veredlung, die sich stets an der Urform unseres ursprünglichen Seins orientiert. Gold ist ein biblisches Symbol für Glauben und Vertrauen, wie es Petrus ausdrückt (1.Petrusbrief 1,7). Unser Schöpfer schleift und meisselt nicht wie ein Bildhauer (siehe auch Artikel "Geformt oder genormt"). Er überzieht unsere Form mit Gold, bringt uns voran, er "stösst" uns vor, immer umfassender zu unserem Urbild hin.
PROKOPTO oder PROKOPÄ wird im Neuen Testament verschieden angewendet. Paulus sieht seinen Gefängnis-Aufenthalt als "Förderung" (PROKOPÄ) des Evangeliums (Philipperbrief 1,12 und 25). Und als jüngerer Mann nahm er in der traditionellen Gesetzes- Ausbildung "stark zu" - "sogar über die Massen zu". Er erklärt es in seinem Brief an die Galater (1,14) mit dem Wort PROKOPTO. Darum würde ich "über die Massen zunehmen" hier zutreffender mit dem ungewohnten "über die Massen vorstossen" übersetzen.
Ob im Guten oder im Argen, PROKOPTO kann in beiden Richtungen als Vorstoss verwendet werden (siehe 2.Timotheusbrief 2,16). In unserem Leben und um unser Leben herum wird vieles mit Hämmern vorangetrieben - selbst die Nacht "stösst vor", um das kommende Heil an das Licht des Tages zu bringen (Römerbrief 13,11-12).