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Susanne Kübler, Tages-Anzeiger (21.03.2006)
Die Musik ist schön, die Geschichte barer Nonsens: Gaetano Donizettis «La Favorite» hatte am Zürcher Opernhaus Premiere.
Nie sind Opern antiquierter, als wenn von Ehre die Rede ist. In Donizettis «La Favorite», 1840 mit grossem Erfolg in Paris uraufgeführt, geht es um nichts anderes. Léonor verliert ihre Ehre, weil sie einem König folgt, der ihr die Ehe verspricht und sie dann doch nur zur Mätresse macht; die Kirche verdammt sie, weil sie ja in Sünde lebt (dass sie sich die Situation nicht ausgesucht hat, ändert nichts daran). Fernand schliesslich, der Mönch, der für sie das Kloster verlassen hat, verstösst sie gleich nach der Hochzeit, als er von ihrem Vorleben erfährt. Die Ehre ist allemal wichtiger als die Liebe, so lautet die Botschaft dieser Oper, und dass Fernand der sterbenden Léonor am Ende grossmütig verzeiht, macht die unsägliche Geschichte nicht besser.
«Verbrauchte Klischees»
Auch Philippe Sireuil, der belgische Regisseur, der sein Zürcher Debüt bei den letzten Festspielen mit Puccinis «Bohème» gegeben hat, sieht das nicht anders. Was tun mit einem Libretto, so fragt er im Programmheft, in dem gleich drei Autoren einen «Wust von abgedroschenen Wörtern und verbrauchten Klischees» zusammengeschrieben haben? Das Rezept formuliert er ebenfalls: Misstrauen gegenüber vermeintlichen «guten Ideen», Verzicht auf übertriebene Dramatik, Interpretation des Ganzen als Traum.
Das Resultat ist eine Regie, die die Handlung weder erklärt noch kommentiert, die in düster-opulenten Bildern nachstellt, was der Text vorgibt. Die optischen Ingredienzien dieser Aufführung sind damit schnell aufgezählt: Es gibt einen gerundeten, schwarz spiegelnden Raum (Vincent Lemaire). Konventionelle, leicht spanisch angehauchte Kostüme (Jorge Jara). Ein Schiff in Form eines Walfischs, das an die Bibel, Jonas und das existenziell Unbekannte gemahnen soll (diese Metapher erschliesst sich auf der Bühne allerdings ebenso wenig wie die Traumidee; das Publikum jedenfalls hat gelacht, als der brennende Walfisch über die Bühne gefahren wurde). Weiter gibt es eine geschmeidige, von Avi Kaiser choreografierte Balletteinlage, in der Themen wie Machtmissbrauch zumindest angetönt werden. Und ansonsten eine genaue, aber ziemlich statische Personenführung, die ihre einzige Auffälligkeit darin hat, dass Léonor am Ende im Stehen stirbt (Vesselina Kasarova kann selbst das).
Man könnte das Stück vergessen, wenn die Musik nicht wäre. Und wenn Marc Minkowski nicht wäre, der diese Musik mit einer Wucht, einer Präzision und einer vibrierenden Lebhaftigkeit inszeniert, die immer aufs Neue verblüfft. «La Favorite» ist sein erster Donizetti, seine erste Belcanto-Oper überhaupt - und die Entdeckerfreude ist der Aufführung anzuhören. Fugen und Fanfaren, Tänzerisches, Sentimentalisches und ein Leiden, das sich oft in geradezu lüpfigen punktierten Rhythmen äussert: Zusammen mit dem brillanten Opernhaus-Orchester lässt sich der Dirigent ganz auf die Klangwelten des Werks ein. Dass Donizetti zu Recht als fantasievoller Instrumentator gilt, zeigt sich hier Takt für Takt; auch deshalb hört man weit mehr als nur schöne Melodien (die allerdings hört man auch). Wirkungsvoller hätte sich Minkowski nicht gegen das ungeliebte Etikett eines Barockspezialisten wehren können.
Starke Frau, schwächere Männer
Es ist dieser musikalischen Inspiriertheit zu verdanken, dass die Sängerinnen und Sänger zwar nicht zu lebendigen Figuren werden - das liegt in diesem Stück nicht drin -, aber immerhin zu «Emotionsträgern» (Sireuil). Allen voran die grossartige Vesselina Kasarova als Léonor, die von allen Seiten bedrängt und unterdrückt wird, sich aber stimmlich keineswegs unterkriegen lässt. Stark und expressiv ist ihr Mezzosopran, metallisch, wenn sie es will, oder auch ganz zart. Nichts Mädchenhaftes liegt in dieser Figur (für das Helle, Leichtherzige ist Jaël Azzaretti als Dienerin zuständig); Kasarova zeigt eine Frau, die weiss, warum sie leidet. Eine kluge, intensive Darstellung, die ohne grosse Gesten auskommt; das Drama spielt sich in Tönen ab, und im Gegensatz zur Handlung, die es auslöst, berührt es.
Die Männer in der Geschichte haben ihr wenig entgegenzusetzen. Carlo Colombara als Prior vertritt die kirchliche Moral mit substanziellem, aber etwas eintönigem Bass. Roberto Servile gerät als König Alphonse XI. bereits im Mezzoforte ins Röhren (man darf vermuten, dass der ursprünglich für diese Rolle vorgesehene Rodney Gilfry der Léonor mehr zu bieten gehabt hätte). Der Tenor Fabio Sartori schliesslich gewinnt dem Ex-Mönch Fernand in intimen Momenten einige Facetten ab; aber je heftiger die Gefühle wallen, desto demonstrativer wird seine Interpretation.
Die historische Léonor übrigens starb nicht an gebrochenem Herzen, sondern wurde 1350 nach dem Tod ihres königlichen Geliebten auf Befehl seiner rechtmässigen Gattin hingerichtet. Vielleicht aus verletzter Ehre, ganz bestimmt aber aus Rach- und Eifersucht - aus richtig guten Operngefühlen also. Aber für die haben sich Donizettis Librettisten nicht interessiert.