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Basiert auf dem Vortrag von Prof.emeriert Marcel Mazoyer vom 8. November 2014 am Graduate Institute, Genf
Weshalb leidet ein Viertel der Menschheit unter Hunger und Unterernährung?
Die Gründe hierfür liegen nicht in mangelnder Technologie oder unzureichender Produktion – Prof. Mazoyer zeigt auf, dass die Ressourcen vorhanden sind, aber dass Politik und Wirtschaft hinterfragt werden müssen. Anhand von reellen Zahlen will er mögliche Lösungen aufzeigen.
Wenn heute schon jeder vierte Mensch hungert, wie soll die Weltbevölkerung 2050 ernährt werden können? 35 Jahre ist eine zu lange Zeitspanne um seriöse Voraussagen machen zu können. In Bezug auf das Bevölkerungswachstum kann man nur Hypothesen anstellen. Diese belaufen sich auf eine Zahl zwischen 8 und 10 Milliarden Menschen. Können wir 10 Milliarden ernähren?
Die Zukunft ist ungewiss. Aber sie wird einfacher sein, wenn wir die heutigen Probleme schon heute lösen. Die Zustände sind bereits heute dramatisch:
3 von den 7 Milliarden heute auf der Erde lebenden Menschen haben keine Ernährungssicherheit, 2 Milliarden sind unterernährt und durch Mikronährstoffmangel beeinträchtigt, 842‘000‘000 davon chronisch. Sie nehmen während einem Grossteil des Jahres weniger als 2‘150 Kalorien pro Tag zu sich, also zu wenig Energie. Wenn man normalerweise 3500 Kalorien pro Tag zu sich nimmt und dann nur noch 2500, dann stirbt man nicht. Aber wenn man normalerweise nur 2100 Kalorien zu sich nimmt und dann über längere Zeit 200-300 weniger, droht man zu verhungern. Laut FAO verhungern 9 Millionen Menschen jährlich. Das sind mehr als dem Holocaust zum Opfer fielen. Ein Genozid also, wenn auch ohne identifizierbare Verantwortliche.
80% der hungernden Menschen leben auf dem Land; 70% sind Bauern. Es gibt 200 Millionen landlose Bauern. Wenn der Hunger in der Stadt sichtbar wird, spricht man darüber und internationale Hilfe kommt in den Städten relativ schnell an. Aber es nützt nichts, die Städte zu ernähren, der grösste Hunger ist auf dem Land.
Revolutionäre Produktivitätssteigerung
Seit dem zweiten Weltkrieg hat sich die Bevölkerung verdreifacht. Die Nahrungsmittelproduktion konnte um das 3.25fache gesteigert werden (laut FAO u.a.). Auch wenn das nicht dazu geführt hat, dass die schlecht ernährten jetzt gut ernährt sind, so konnten doch mehr Menschen ernährt werden und die Ernährung wurde vielseitiger. Die in Europa von der Politik geförderte Agrarrevolution mit Motorisierung, Mechanisierung und Chemisierung war erfolgreich: 20-25 Jahre später war die Armut quasi ausgetilgt, die Arbeitslosigkeit praktisch gleich null. Aber was im 20. Jahrhundert funktioniert hat einfach bis 2050 hochzurechnen ist unrealistisch: Die Produktivitätssteigerung war nicht gleichmässig verteilt und entschärfte das Problem des Hungers auf der Welt nicht:
- 75% der Produktionssteigerung ist auf höhere „Ausbeute“ zurückzuführen – ergiebigere Kulturen und Agro-Chemie.
- 10% ist auf die intensivere Bewirtschaftung zurückzuführen, d.h. Anzahl Ernten pro Fläche.
- Die bewirtschaftete Fläche hat nur um 15% zugenommen.
Diese Agrarrevolution wurde auch in die Entwicklungsländer durchgeführt: Die Grüne Revolution brachte eine gewaltige Produktionssteigerung, die einen ebenso eindrücklichen Preiszerfall nach sich zog. Unzählige Kleinbauern verloren dadurch ihre Existenzgrundlage; sie fanden nicht wie bei uns in einer wachsenden Industrie einen neuen Platz.
Industriekonzerne vs. Familienbetriebe
Eine politische Liberalisierung setzte der Grünen Revolution ein Ende, bedeutete aber auch die Liberalisierung des internationalen Handels. Damit war der Boden vollends vorbereitet für Landgrabbing: vielversprechende grosse Ernten, produziert auf billige Erde mit billigen Arbeitern, verkauft auf dem internationalen Markt: Seit Mitte der 70er-Jahre machen kapitalistische Industriekonzerne die grossen Gewinne und bestimmen den internationalen Markt.
“Bonjour les dégats” für alle Bäuerlichen Familienbetriebe, vor allem in den Entwicklungsländern, die nicht wie die schweizerischen, französischen oder amerikanischen subventioniert sind: Sie sind technisch und finanziell einer unbezwingbaren Konkurrenz ausgeliefert und verschwinden einer nach dem andern. Statt Liberalisierung der Landwirtschaftspolitik sollte es besser heissen Aufgabe der Landwirtschaftspolitik.
2.8 Milliarden Menschen arbeiten in der Landwirtschaft – zwischen 41–42% der Weltbevölkerung (1). 28 Mio Traktoren sind weltweit im Einsatz, das heisst nur 2% der Bauern haben einen Traktor, nur 100‘000 davon einen mit 400 PS. 5-6 Mio haben eine Sämaschine / einen Mähdrescher, es gibt 400-500’000 Mio Arbeitstiere, aber 1 Milliarde Bauern – das sind zwei Drittel! – arbeiten ohne Tiere und ohne Maschinen, ohne kommerzielles Saatgut, ohne mineralische Dünger und Pestizide, nur von Hand.
Die folgenden Zahlen beziehen sich auf Getreide bei einem klimatischen Durchschnitt, aber das Prinzip bleibt für Kulturen Milchproduktion oder Fleisch:
- Eine Person kann von Hand einen Hektar pro Jahr bewirtschaften mit dem Ertrag von einer Tonne.
- Leichte Arbeitstiere ermöglichen eine bis 3 mal grössere Produktivität: 2-3 ha pro Person à 1-2 t, das sind 5-6 t/Pers./Jahr.
- Mit Hilfe von schweren Arbeitstieren sind es 5 ha à 2 t = 10 t/Pers./Jahr.
- Mit Brabans, Sämaschinen u.ä. ist die Bearbeitung von bis zu 10 ha möglich.
- Mit einem Traktor von 10 PS macht ein Arbeiter 20 ha pro Jahr, mit 400 PS 3-400 ha.
Seit 1930 verdoppelte sich praktisch alle zehn Jahre die Kraft der Traktoren. Mit 15 Pferdestärken hatte man begonnen, und heute ist ein Europäischer Bauer mit einem 200-PS-Traktor 2000 mal produktiver: Er schafft 200 ha à 5-10 Tonnen – macht also 1000-2000 Tonnen Ertrag pro Arbeiter pro Jahr. In Regionen mit sehr grossen Betrieben wie Ostdeutschland, Amerika, Kanada ist man schon bei 400 PS!
Eine handvoll extremmechanisierte Lohnarbeiter stehen also in Konkurrenz mit der Mehrheit der Bauern dieser Welt, 500 Millionen, die auch heute noch ohne Hilfsmittel arbeiten.
Lebensmittelspekulationen – der Zyklus von Angebot und Nachfrage
Zur Illustration die Preisentwicklung des Weizens seit 1945: In 60 Jahren, also bis Anfang 2000 fiel der Preis des Weizens von 600 US$ auf ca 100 US$ pro Tonne. Ab 2006 ist er wieder gestiegen – auf heute fast 300 $ (Jahresdurchschnitt). Wie beim vorangehenden Preisanstieg hat sich der Preis verdreifacht (von 200 auf 600 $, jetzt von 300 auf 1100 $).
Der Grund für diese Preisanstiege ist vor allem die Lagerknappheit. Warum wurde weniger produziert als konsumiert? Antwort: Wer kann so billig produzieren, wenn die Preise sinken? Nur die konkurrenzfähigsten Betriebe der Welt – und das sind 10-15%. Alle anderen machen keinen Gewinn mehr und können auch keinen Kredit mehr aufnehmen für Investitionen, also sinken auch diese, und zwar so sehr, dass auch die Produktion sinkt.
Der internationale Markt, die internationalen Darlehen provozieren den Preisanstieg. Der Internationale Getreidemarkt wird von einem halben Dutzend Firmen kontrolliert. Sie beobachten die Lager und die absehbaren Ernten. Sind diese knapp und die Erntevoraussagen schlecht, dann kaufen sie, um ihre Kunden beliefern zu können … Damit provozierten sie eine Preisverdopplung … Und wenn sich Preise innert 2–4 Wochen verdoppeln, interessieren sich auch Spekulanten und die Preise steigen weiter.
Preiszerfall provoziert Preisanstieg und Preisanstieg provoziert Investitionen – und wenn die Investitionen weitergehen, sinken die Preise wieder und der Zyklus fängt von vorne an. Obwohl der internationale Agrarmakt nur 10% beträgt und die Ware nur von den wenigen wettbewerbsfähigsten Firmen kommt, die ihre Produktionskosten inkl. Gewinn auf unter 100 $ pro Tonne festsetzen, bestimmt er auch die landesinternen Produzentenpreise, Einkommen und Investitionsmöglichkeiten. Mit dem Freihandel ab den 80er Jahren (2) wurden Bauern, die 1-2 t/Pers./Jahr produzieren und ihre Produktion, um zu überleben, für 400-500 $ verkaufen müssten, in direkte Konkurrenz gestellt mit Industriellen Betrieben, die 2000 t pro Mitarbeiter produzieren und für 100 $ verkaufen können. Das Einkommen dieser Menschen sackt um 90%! Das bedeutet, wenn nicht den Tod, so doch Hunger. Auch Europäische Bauern können da nur mithalten, wenn sie subventioniert werden – und auch dann längst nicht alle: In Frankreich sind in den letzten zehn Jahren 150‘000 Bauernhöfe verschwunden.
Die Konsequenzen sind Armut der Bauern, Exodus, Hungerlöhne. Dadurch wird die globale Zahlungsfähigkeit massiv reduziert. Drei von sieben Milliarden Menschen – mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung! – leben unter der Armutsgrenze. Sie haben kein Geld, um sich korrekt zu ernähren, und noch weniger um Konsumgüter zu kaufen, Kleider, Wohnung … Ein Drittel der Weltbevölkerung kann nicht konsumieren und kein Wirtschaftswachstum generieren. Eine ungünstige Umgebung für Investitionen. Wenn nicht investiert werden kann, dann wird wenigstens spekuliert, zum Beispiel in riskanten Darlehen …
Um die ganze Welt gut ernähren zu können, d.h. auch die Ärmsten und Hungernden, müsste die Produktion um 30% erhöht werden, wurde ausgerechnet. Damit dies auch bei 10 Milliarden der Fall ist, müsste die Produktion verdoppelt werden. Und wenn ein Teil der Weltbevölkerung ihr aktuelles Ernährungsprofil ändern und auf ein Amerikanisches übergehen würde, dann müsste die Lebensmittelproduktion gar verdreifacht werden. Wenn man dann zusätzlich noch Agrarbrennstoffe produzieren will, müsste die Produktion vervierfacht werden.
2.4 mal mehr Land als jetzt könnte noch kultiviert werden. Um zukunftsfähig zu sein, kann die Produktivität mit klassischer Agrochemie nicht mehr weiter erhöht werden – 80% der Pestizide, die vor 20 Jahren benutzt wurden sind heute verboten – und so wird der maximale Ertrag 10t/ha kaum übersteigen. In der Hälfte der Welt, wo heute die Produktivität klein ist, gibt es die Möglichkeit, diese zu verdoppeln, ohne übermässig agro-chemische Hilfsmittel zu nutzen. Das würde erlauben, die weltweite Produktion um 25% zu erhöhen. 1.70 x 1.25 = 2.12.
Dass sich die Produktion vervierfachen lässt, ist also höchst unwahrscheinlich. Wird heute nicht mit politischen und wirtschaftlichen Mitteln die Entwicklung in den ärmeren Ländern gefördert und die Kluft verkleinert, wird es dafür in 50 Jahren zu spät sein, der Antagonismus zwischen Luxuskonsum und Welternährung zu gross. Man wird einen Konsumrückgang erzwingen müssen; das wird nicht freiwillig geschehen. Bürgerkrieg und Krieg wäre möglich, wenn das Szenario der Malthusianischen Katastrophe (3) wirklich eintritt.
Wollen wir wirklich so lange warten?