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Luisa Tschannen
20. Mai 2022
Die Auswahl der Filme von Anka Schmid, die an der VideoEx 2022 gezeigt werden, konzentriert sich auf das Kurze und Experimentelle ihres filmischen Schaffens. Die Filme werden in chronologischer Reihenfolge gezeigt und erzählen so auch ein Stück Filmgeschichte. Beginnend mit 16-mm-Filmen aus den 1980er Jahren, ist «Rondo Gravitat» in U-matic Highband gedreht, während das 35mm-Format zum Beispiel in «Praktisch und friedlich» verwendet wird. Der 35-mm Film wird abgelöst vom digitalen Video. Im Programm, das 36 Schaffensjahre umfasst, sehe man auch die technischen Entwicklungen, so Anka Schmid. Im Interview spricht sie mit Cinébulletin über Berge, Musik und die Liebe – und wie sie mit Erwartungen bricht, indem Sie mit Form und Technik experimentiert.
Die Liebe taucht öfters in ihren frühen Filmen auf, in «Herzensfreude» und «Habibi», aber auch «Rondo Gravitat» mit Tanja Stöcklin. Was ist ihnen beim filmischen Nachdenken über die Liebe aufgefallen?
Ich beginne den Film Habibi mit der Frage «Liebst du mich?» Das sagen viele Menschen zueinander, aber trotzdem ist die Liebe individuell. Alle haben dieselben Fragen und sind doch immer anders. Das ist etwas, was ich zeigen möchte.
Es geht auch um die Liebe und ihre Projektionen, wenn man getrennt ist. Ich war 25 Jahre alt, als ich diese Filme gedreht habe. Das dominierende Thema ist da natürlich die Liebe, in all ihren Varianten.
Das hat mich inhaltlich sowie formal beschäftigt. Einmal hatte ich Lust, das Liebesthema mit einem Stop-Motion zu zeigen, wie in «Herzensfreude». In «Habibi» wird das Begehren gezeichnet, es sind Zeichnungen von mir zu sehen, anstatt dass Intimitäten abgefilmt werden, und ich arbeite mit Klischees aus der Filmgeschichte. Der Freund der Hauptperson in «Habibi» symbolisiert mal den Dieb, mal den Loverboy, dann Dracula oder Zorro. Die Überlegung, welche Mannsbilder und welche Weibsbilder es gibt, steckt da drin. Ich stellte mir oft auch die Frage, welche unterschiedlichen Paare es gibt. Und was passieren würde, wenn zwei rein zufällig ein Paar bilden würden, zum Beispiel einfach immer gerade die zwei, die in der Warteschlange an der Telefonkabine nebeneinanderstehen.
Wie kamen Sie dazu, mit der Technik zu experimentieren? Ich stelle mir das nicht ganz einfach vor.
Ich war ja an der deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) und mir war und ist es immer auch wichtig, Herrin der Technik zu sein, die Technik auszureizen, auszukitzeln. Technik ist für mich faszinierend und ich glaube, das Experimentieren mit dem Material oder den Geräten ist eben mehr als nur «Kopfgymnastik», es ist wunderschön. Meine Ideen entstehen nicht aus Geschichten, meine Anfänge sind eher in der Kunst und in Visionen beheimatet und nicht in der Narration.
Im Film «Loba Loba», der an der VideoEx gezeigt wird, geht es um Klang und Gesang, aber auch in anderen ihrer Filme ist die Musik sehr präsent. Was bedeutet der Ton für sie?
Der Film ist ein Gesamtkunstwerk, bei mir ist der Ton immer entscheidend, er ist für mich der zweite Raum. Die Leinwand ist flach, eindimensional. Ich sehe mich nicht als Musikerin, aber auch nicht als Bildermacherin, mich interessiert das Zusammenspiel. Ob Orchester, klassische Musik oder Störgeräusche, ob verspielt oder manipuliert. Durch den Mix aus Bild mit Ton entsteht eine Spannung.
Zu singen ist ein absolut direktes Medium von Kunst oder Kultur. Ich komme aus einer Familie, wo viel gesungen wird. Wir alle können es, Gesang gibt es in allen Kulturen. Auch wer nicht singen kann, kann Singen, kann Summen. Ich glaube fest daran, dass es immer auch zum Menschsein dazu gehört, sich künstlerisch auszudrücken. Singen ist eine erste Form eines kulturellen Ausdrucks. Bei Angst können wir singen, verliebt können wir im Auto singen. Das ist das Unmittelbarste. Da braucht es kein Bleistift, keine Kamera. Das haben wir. Das Singen kann uns auch niemand wegnehmen, denke ich.
Und wovon werden Ihre nächsten Film handeln?
In meinem neuen Dokumentarfilm geht es ums Singen. Melodien begleiten uns von der Wiege bis ins Grab, vom Wiegenlied an bis zum Schluss, beim Begräbnis, singen wir. Ich bin jetzt 60, nicht mehr 20, da gucke ich anders aufs Leben und den ganzen Bogen, die Lebensspanne interessiert mich mehr. Der Tod ist näher gerückt, das Thema Liebe ist jetzt transformiert, in einer anderen Form. Wir singen Emotionen.
Gerade versuche ich auch, einen ersten langen experimentalen Spielfilm zu machen, aber mit dem Budget ist das schwierig, die mutigen Produktionsfirmen fehlen noch. Ich bin ein Mensch, der permanent nach neuen künstlerischen Formen sucht. Agnes Varda ist da mein Vorbild, sie hat noch mit 94 Filme gemacht und Neues versucht.
Neben dem Singen kommen auch die Berge oft vor in Ihren Filmen, in «das Engadiner Wunder» oder «Praktisch und Friedlich», die beide am VideoEx gezeigt werden. Aber auch im Kino-Dokumentarfilm «Magic Matterhorn», der ja gerade digitalisiert wurde. Woher stammt diese Faszination für die Bergkulisse?
Ja stimmt, ich habe viel in den Bergen gedreht. Der Berg ist ein Wahnsinns-Brocken, der uns oft die Sicht versperrt. Der Berg ist das Gegenteil vom Meer. Berge machen uns auch ein bisschen bescheiden. Meine Familie stammte aus den Bergen, ich hingegen bin eine urbane Frau. Aber es ist auch die Kraft der Alpen-Landschaft, die mich auf ganz unterschiedliche Art und Weise immer wieder einholt und fasziniert.
Werden Sie bei der VideoEx auch dabei sein?
Ja, natürlich werde ich dort sein, ich bin sehr neugierig und hab die Filme zum Teil nie mehr auf der grossen Leinwand gesehen. Wir Filmschaffende haben gelitten durch die Schliessung der Kinos und Festivals sind Möglichkeiten, mit dem Publikum ins Gespräch zu treten. Gemeinsam schauen ist etwas völlig anderes, als allein vor dem Computer zu sein.
Ich freue mich gemeinsam mit den Anwesenden die Filme zu sehen und diese dann im heute zu interpretieren. Ich werde auf jeden Fall dort sein.
Sonntag, 22. Mai, 19:30
Dienstag, 24. Mai, 19:30
Festivalkino Cinema Z3, Kasernenareal, Zürich
Mitteilung Swiss Films / kah
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