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Bereits in den 60er- und 70er-Jahren, als ich erste Nachforschungen in der Geschichte des Pferdesports machte, staunte ich über die grosse Zahl der internationalen Reiter, die aus Basel und St. Gallen kamen – dies neben den offensichtlichen Orten Zürich und Bern/Thun mit seinen militärischen Institutionen. Dabei sah ich, dass unter den Basler Reitern viele aus Familien stammten, die vor Generationen nach Basel eingewandert waren. Bei der Arbeit am Jubiläumsband des SVPS bestätigten sich die damaligen Eindrücke. Die Vorfahren der Sarasin, Mercier, Gemuseus, Schlumberger, Mylius oder Clavel kamen aus Frankreich oder Deutschland nach Basel. Sie kamen nicht als Flüchtlinge, denn die meisten der Vorväter waren in ihrer früheren Heimat erfolgreich gewesen. Ihre Auswanderungsgründe waren nicht wirtschaftlicher Natur, sondern religiös oder politisch.
Schlumberger und Gemuseus
In Basel setzten sie oft ihre zuvor ausgeübte Handels- oder Fabrikationstätigkeit fort. Zu den aus religiösen Gründen nach Basel gekommenen Einwanderern gehörten die Hugenotten, die protestantische Minderheit, die im katholischen Frankreich benachteilt wurde. Unter den aus politischen Gründen Ausgewanderten waren die Elsässer. Nach der Niederlage Frankreichs im Krieg von 1870/71 gegen Deutschland fiel das Elsass an Deutschland. Viele Geschäftsleute verloren ihre geschäftlichen Kontakte zu Frankreich und hatten Mühe, neue Verbindungen zu Deutschland aufzubauen. Die Ausreise nach Basel war der Ausweg. Die Familie Schlumberger kam so 1871 nach Basel. Sie stammte ursprünglich aus der Umgebung von Ulm und war 1542 ins Elsass gezogen: zuerst nach Guebwiller, dann Mulhouse (Mülhausen). Sie führten eine prosperierende Spinnerei. 1872 kam Amédée Schlumberger nach Basel, wo er bald das Schlumbergerli (Schlumbi), ein spezielles Weissbrötli einführte. Bereits 1872 erhielt er das Bürgerrecht und wurde 1873 Teilhaber einer Bank. Sein Enkel Charles Schlumberger war Textilkaufmann und im Zweiten Weltkrieg IKRK-Delegierte. 1924 bestritt er bei den Olympischen Spielen in Paris die Dressurprüfung.
Ebenfalls 1924 in Paris war Alphonse Gemuseus bei den Olympischen Spielen dabei – er wurde Olympiasieger im Springen und gewann Silber mit dem Team. Auch die Familie Gemuseus stammt aus dem Elsass. Allerdings kam Hieronymus Gemuseus bereits 1537 nach Basel, wo sein Sohn Polykarpos 1563 das Basler Bürgerrecht erhielt. Vater Hieronymus war Arzt und erhielt 1537 eine Professur an der Universität Basel. Noch im Elsass hatte die Familie Gschmus geheissen und änderte dann den Namen in Gemuseus.
Sarasin und Mercier
Die Familien Sarasin und Mercier kamen als Hugenotten in die Schweiz, allerdings nicht zur gleichen Zeit. Die Sarasins waren in Frankreich Tuchhändler und als Protestanten diskriminiert. Das von König Henri IV 1598 erlassene Edikt von Nantes gab den Hugenotten wohl volle Bürgerrechte und religiöse Toleranz. Aber offensichtlich gab es weiterhin Schwierigkeiten, nicht zuletzt in geschäftlicher Hinsicht. So zog die Familie Sarasin um 1600 nach Basel. Zuerst waren sie weiterhin im Tuchhandel tätig, dann gründete ein Vorfahre 1660 die erste Seidenbandfabrik in Basel. Deren Nachfahren, Ernst E. Sarasin und dessen kürzlich verstorbener Sohn Guy, waren Präsidenten des SVPS (Ernst 1953 bis 1964) respektive der damaligen Abteilung Concours (Guy 1973 bis 1981). Vater Ernst war Architekt, Sohn Guy Bankier.
Adolph Mercier, der erste bedeutende Schweizer Dressurreiter, war Olympiateilnehmer 1924 und 1928. Seine Vorfahren kamen 1685 in die Schweiz – nach Morges – als König Louis XIV das Edikt von Nantes widerrief. Dadurch verloren die Protestanten ihre bürgerlichen Rechte. Innerhalb weniger Monate flohen Hunderttausende aus Frankreich – 20000 kamen in die Schweiz. Adolph Mercier war von 1919 bis 1929 Reitlehrer an der Regie in Thun. Danach übernahm er die Reitanstalt St. Johann in Basel. Später lebte er in Les Genêts und auf La Gordonne am Genfersee.
Mylius und Clavel-Respinger
Die Vorfahren der Familien Mylius lebten in Ansbach in Mittelfranken und in Frankfurt. Um 1820 kam der Kaufmann Carl Mylius nach Basel, wo er eine Gemuseus heiratete. Zu seinen Nachfahren gehörten gleich drei Kavalleristen: Albert (1874 bis 1949), im Zivilleben VR-Präsident von Geigy; Robert (1886 bis 1960), Teilhaber der Bank Sarasin, und Roberts Sohn Mario, Oberst und Olympiareiter von 1936 in der Military, aber auch als Spring- und Dressurreiter erfolgreich. Marios Tochter Mariette verunglückte 1969 in einer Militaryprüfung tödlich.
Die Vorfahren von Alexander Clavel-Respinger (1881 bis 1973), dem langjährigen Besitzer des Wenkenhofs, wo Reitturniere und gesellschaftliche Anlässe stattfanden, stammten aus Lyon. Sie waren Seidenstofffabrikanten, sein Grossvater war 1838 in Basel eingewandert. Dort übernahmen sie die Seidenfabrik Oswald. 1849 erhielt die Familie das Basler Bürgerrecht. Ein Bruder von Alexander Clavel war der Kunsthistoriker Gilbert Clavel, der mit der Restaurierung einer mittelalterlichen Burg in Positano seinerzeit Aufsehen erregte. Nicht aus dem Ausland stammen die Koechlins. Sie kommen ursprünglich aus Stein am Rhein, waren aktiv im benachbarten Schaffhausen und wurden 1782 in Basel eingebürgert. Samuel Koechlin (1925 bis 1985) bestritt 1956 die olympische Military. Ab 1965 war er Vorsitzender der Geschäftsführung von J.R. Geigy AG. Zusammen mit seinem ebenfalls im Pferdesport aktiven Onkel Carl Koechlin (dem VR-Vorsitzenden von Geigy) orchestrierte er die Fusion mit der Ciba AG (Basler Heirat). Bei der Ciba-Geigy wurde er Konzernleiter.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 2/2021)
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