Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03552.jsonl.gz/1662

Das israelische Kino im 21. Jahrhundert:
Rückbesinnung auf Normalität
Vor zehn Jahre hat das Filmpodium seine letzte Israel-Reihe gezeigt. Seither hat sich das soziale und politische Bild Israels fundamental gewandelt und damit auch das israelische Filmschaffen. Masseneinwanderung aus der Sowjetunion, gescheiterte Friedensverhandlungen mit den Palästinensern, palästinensischer Terror und die zweite Intifada hinterliessen tiefe Spuren.
Orientierte sich das israelische Kino in den vergangenen Jahrzehnten noch eng am sozialen und politischen Kontext des Landes, wird das israelische Filmschaffen des ausgehenden 20. Jahrhunderts und des beginnenden 21. Jahrhunderts nicht mehr durch existentielle Dilemmas und religiöse oder ethnische Trennlinien charakterisiert.
Inner-israelische Konflikte als Leitbilder des israelischen Kinos den 1960er und 1970er
Bislang konzentrierten sich nämlich die israelischen Filmemacher hauptsächlich auf inner-israelische Konflikte. In den 1960er und 1970er befasste sie sich zum Beispiel mit der Einwanderproblematik der arabischen Juden. Regisseure wie Menahem Golan, der später in Hollywood Karriere machte, oder Ephraim Kishon, dessen satirische Bücher auch im deutschsprachigen Raum Bestseller wurden, sind prägende Figuren des israelischen Filmschaffens um den Sechs-Tage-Krieg. Filme wie das Musical Kazablan (1974) von Menahem Golan oder Komödien wie Sallah (1964) von Ephraim Kishon fanden auch den Weg in ausländische Kinos. Letzterer Film zählt darüber hinaus zu den erfolgreichsten israelischen Filmen. Fast die Hälfte aller damaligen Israeli strömte in die Kinos, um den späteren Tevje-Darsteller Chaim Topol als irakischen Juden zu bestaunen, der im heiligen Land um eine Wohnung für seine Familie kämpft und sich mit den europäischen Sitten herumschlägt. Nirgends kam in dieser Zeit dabei das Gefälle zwischen europäischen und orientalischen Juden treffender zum Ausdruck als auf der Leinwand.
Im Zuge der orientalischen Neuorientierung Israels ist auch die Burekas-Film-Welle einzuordnen, die in den 1970ern eher die israelische Unterschicht ins Kino lockte. Diese subjektiv betrachtet geistlosen Filme reflektierten nicht selten ein Bild des einfachen orientalischen Juden, der mit der übermächtigen europäischen Elite des Landes konfrontiert wurde.
Die Entkräftung sozialer Tabus: Filmische Beschäftigung mit dem Holocaust und dem israelisch-palästinensischen Konflikt in den 1980ern
In den 1980er Jahren rückte der Holocaust ins Interesse der Filmemacher. Junge Regisseure, die den Holocaust nicht direkt erlebt hatten, wagten sich an die Verfilmung eines israelischen Tabus. Eli Cohens Drama über eine Holocaust-Überlebende Summer of Aviha (1988) zählt zu den Leitfilmen dieser Zeit. Das starke Drama mit Gila Almagor in der Hauptrolle wurde in Berlin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Ein weiteres Tabu, das in diesen Jahren entkräftet wurde, war die filmische Verarbeitung des israelisch-palästinensischen Konfliktes, dem sich z.B. Amos Gitai oder Assi Dayan verschrieben und somit die „palästinensische Welle“ des israelischen Kinos mittrugen. Gitai wagte sich mit seinem internationalen Erfolg Kadosh
an das Thema Orthodoxie in Israel und Dayans Life According to Agfa
(1992) setzte darüber hinaus neue ästhetische Akzente für den israelischen Film.
Die „Neue Welle“ der 1990ern: Alltagsprobleme im Zentrum des Filmgeschehens
Mit dem Sturz dieses letzten Tabus begann für das israelische Kino eine neue Ära. Ende der 1990er Jahre waren fast alle israelischen Regisseure Sabres, also in Israel Geborene. Mit viel Selbstironie und Selbstkritik beleuchteten diese jungen Filmemacher den multikulturellen Pluralismus des Schmelztigel Israels. Es fand ein Trend hin zur Veranschaulichung universeller Themen statt. Israelisches Kino wurde individualistischer, ohne den Kontext des Einzelnen in der Multi-Kulti-Gesellschaft zu vergessen. Der Schwerpunkt dieses jungen Filmschaffens liegt dabei auf der Reflexion der Identität des Einzelnen in einem in seiner Existenz gefährdeten multikulturellen Kollektivs. Alltagsthemen wie Liebes- und Familienprobleme, sowie Integrationsschwierigkeiten von ethnischen Minderheiten, aber auch Krimis und Alltagskomödien fanden den Weg auf die Leinwand. Einige dieser Filme wie Broken Wings (2002) von Nir Bergman oder das Schwulendrama Yossi & Jagger (2002) von Ethan Fox hatten auch in der Schweiz ihr Publikum. Diese Filme waren in Israel selbst keine Grosserfolge. Das israelische Filmpublikum fand eher Gefallen an bitterbösen Satiren. Um die Jahrtausendwende löste der israelische Fernsehfilm Mivza Savta Operation Grandma (2001) eine regelrechte Erfolgswelle aus. Heute gehören gewisse Dialogsequenzen der TV-Satire, die fast alle heiligen Kühe Israels schlachtet, zum festen Bestandteil der Alltagssprache. „Mivza Savta“ gilt dabei als israelischer Kultfilm schlechthin. Da der Film aber ausserhalb des israelischen Sozial-Kontextes kaum zu verstehen ist, blieb er im Ausland ungezeigt.
Der ganz normal-verrückte Alltag made in Israel
Das Filmpodium präsentiert nun eine Auswahl neuerer israelischer Filme der „Neuen Welle“. Everlasting Joy (1996) von Igal Bursztyn, der einen anachronistischen, philosophischen Diskurs mit einer israelischen Vorstadtstory paart oder Girafes (2001) von Tzahi Grad, der sich mit den Nöten junger Grossstadt-Frauen befasst, sowie Bonjour, monsieur Shlomi (2004) von Shemi Zarhin, der die Geschichte eines hoch talentierten, aber ungeförderten Jungen zeigt, sind Vertreter dieser Filmgeneration. Auch wenn nicht im Zentrum des Films reflektiert Zarhins Werk einen völlig neuen Aspekt; den innerisraelischen Selbst-Rassismus. Ethnische Gruppen, die sich über Jahrzehnte von ihrer Identität und ihrer Herkunft abzunabeln versuchten und sich dabei selbst hassen lernten, finden im Zuge der Neu-Identifikation der israelischen Gesellschaft in einem gefestigten Kollektiv wieder zu ihren Wurzeln zurück.
Saint Clara (1996) von Ari Folman und Ori Silvan gehört zwar in die Kategorie der „Neuen Welle“, doch hebt sich dieser Film insofern von dieser Auswahl ab, da er apokalyptische Visionen mit surrealistischen Dialogen vereint und demnach kein „normales“ Abbild der Realität präsentiert.
Desperado Square (2000) von Beni Torati ist zwar nicht ganz so surreal wie Saint Clara, dafür umso poetischer und künstlerischer. Die Geschichte um ein herunter gekommenes Kino im Süden Tel Avivs, das seine Wiedereröffnung mit der Vorführung eines indischen Klassikers aus den 1950ern plant, ist eine Hommage an das Kino schlechthin und wohl die israelische Version von „Cinema Paradiso“.
Völlig aus der Reihe tanzt da der erstgezeigte Film Turn Left at the End of the World (2004) von Avi Nesher. Der Film spielt Ende der 1960er Jahre in einer Kleinstadt in der israelischen Negevwüste und schildert das Aufeinandertreffen von marokkanischen und indischen Einwandern. Avi Neshers Film blickt dabei auf die in den 1960ern akuten Probleme wie Integration, Arbeitslosigkeit und Wüstenbesiedlung; tut dies aber immer in einem Art Retro-Blick aus dem 21. Jahrhundert. Desperado Square sowie Turn Left at the End of the World orientieren sich zudem beide an zeitgenössisch-israelischen Themen. In den 1990ern reisten Tausende von israelischen Jugendlichen nach dem Armeedienst, fasziniert von der indischen Kultur, auf den indischen Subkontinent und brachten völlig neue kulturelle Impulse, aber auch Probleme mit nach Israel zurück. Der Trend zur Vermischung von eigener und fernöstlicher Kultur ist in der israelischen Öffentlichkeit in den letzten Jahren immer augenscheinlicher geworden, ein Trend der auch anderswo, nicht nur in Israel, festzustellen ist.
Israelisches Kino im 21. Jahrhundert: Die Rückbesinnung auf die Normalität und die Festigung des israelischen National-Credos von der Hoffnung, die nie stirbt
In diesem Sinne besteht im israelischen Kino ein Trend zur Schilderung von Normalität, von Gegebenheiten, die sich überall auf der Welt zutragen könnten. Bereits Staatsgründer Ben Gurion wünschte sich, dass Israel ein normales Land würde. Das israelische Filmschaffen wird diesem Wunsch unbeabsichtigt gerecht.
Auch wenn sich die Leitbilder des israelischen Kinos im Laufe der Jahrzehnte
wandelten, dem israelischen Credo der Hoffnung blieben alle Filmemacher
bis in die jüngste Zeit treu. Jeder Film, sei er noch so deprimierend
oder traurig orientiert sich treffend am Text der israelischen Nationalhymne
am typisch israelischen Lebensmotto von der Hoffnung. Dies macht israelisches
Kino auch nach der Ablösung von politisch-sozialen Kerninhalten spannend,
bereichernd und äusserst speziell.