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Abstract
Dieses Projekt will auf der Basis einer qualitativen Sozialforschung zu Migrantenbiografien in der italienischen Schweiz sowie einer Analyse der Mediendebatte der Tessiner Tageszeitungen zur Migrationsthematik ein theaterpädagogisches Programm für Schulen entwickeln mit dem Ziel, die interkulturellen Kompetenzen von Schülern und Lehrkörper zu fördern. Das Programm soll nach einer Evaluationsphase ins reguläre Schulprogramm aufgenommen und als Modell weiteren Schulen angeboten werden.
Migration ist ein Phänomen, das derzeit die politischen Agenden vieler Länder bestimmt und zu neuen und heftigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen führt. In der öffentlichen Diskussion werden die Migranten vorwiegend als Gruppen von Menschen wahrgenommen, die aus Gründen schwieriger Existenzbedingungen in ihren Ländern und/oder vor gewalttätigen Auseinandersetzungen und autoritären Regimen flüchten und deshalb um Aufnahme in einem Gastland ersuchen. Beim Stichwort „Emigration aus dem Kanton Tessin“ hingegen denkt man vorab an Menschen, die bis zur Mitte des 20.Jahrhunderts in der übrigen Schweiz oder im Ausland bessere Lebensbedingungen suchten. Migranten gehören Gruppen aus verschiedenen Ländern und verschiedenen sozialen Gruppen an und setzen sich aus Individuen zusammen, die je unterschiedliche Migrationsbiografien haben. Aus Gründen der Reduktion der Komplexität, der die mediale Kommunikation folgt, werden die je einzelnen und spezifischen Migrationsbiografien meist aus der Berichterstattung und damit aus der öffentlichen Wahrnehmung ausgeblendet. Anhand der Fokussierung auf Individualität ist es möglich, die Facetten der Migration, die Verflechtung unterschiedlicher Bedingungen, die sich in den je individuellen Migrationsbiografien kristallisieren, erfahrbar zu machen. Ein Zugang zur Thematik mit theatralischen Mitteln spricht nicht nur die rationale Seite des Sachverhalts an sondern eröffnet auch die Möglichkeit emotionalen Verstehens. Der theatralische Prozess soll dabei sowohl in pädagogischer Hinsicht als auch als Kommunikation mit der Öffentlichkeit eingesetzt werden und trägt zur interkulturellen Verständigung bei.
Quelles sont les particularités de ce projet?
Das Projekt verbindet in innovativer Weise qualitative Sozialforschung mit angewandter theaterpädagogischer Forschung mit dem Zweck, ein Modell zu entwickeln, das im Unterrichtsprogramm der obligatorischen Schulbildung auf Primar- und Mittelschulstufe nachhaltig eingesetzt werden kann. Der Fokus auf biografische Aspekte der Migrationsproblematik und der Einsatz der Technik des Erzählens der Geschichten der „Andern“ mit theatralischen Mitteln setzt einen Prozess der Förderung der interkulturellen Kompetenz in Gang, sowohl bei den Schülerinnen und Schülern als auch bei den beteiligten Lehrpersonen. Das Projekt will nach neuen Problemlösungen suchen, um den Kommunikationsschwierigkeiten im Schulbereich zu begegnen, die sich seit Jahren und zunehmend aufgrund grosser kultureller Heterogenität der Herkunft der Schülerinnen und Schüler ergeben haben.
Etat/résultats intermédiaires
Das Projekt startete am 1.Februar 2017 und wurde Ende Januar 2019 abgeschlossen. Das interdisziplinär angelegte Projekt (Geschichts-, Sozial- und Medienwissenschaften auf der einen und Theaterpädagogik auf der anderen Seite) brachte im Sinne einer angewandten Forschung die die wissenschaftlichen Erkenntnisse in den Schulkontext, wo Themen der Migration während eines Schuljahres in Theaterlaboratorien behandelt wurden. Aus dieser Arbeit entstand ein „Handbook best practices“ für die theaterpädagogische Arbeit mit Schülerinnen und Schülern der Primar- und Mittelschulstufe mit dem Zweck der Optimierung der interkulturellen Kommunikationskompetenzen.
Das Projekt bestand aus folgenden Teilen:
Historischer Teil: Erarbeitung einer Zusammenschau der Geschichte der Migrationsflüsse in der Region des heutigen Kantons Tessin seit dem ausgehenden Mittelalter: Zum ersten Mal wurde unter Berücksichtigung der neusten Quellenlage die Migrationsgeschichte der Südschweiz sowohl unter dem Aspekt der Emigration als auch der Immigration dargestellt. Diese historische Arbeit wurde ergänzt durch Interviews mit Nachfahren von Emigranten und Personen, die seit den 90-er-Jahren ausgewandert sind. Recherche zur Immigration von Kulturschaffenden in die Region Locarno seit dem ausgehenden 19. Jahrundert: Im Rahmen der Analyse der kulturellen Immigration, die das Kulturleben der Region Locarno entscheiden beeinflusst hat, wurden 150 Immigrationsbiografien nach ihrer Herkunft und ihren Migrationsgründen untersucht.
Soziologischer Teil: Immigrantenbiografien: Es wurden mit 36 Immigrantinnen und Immigranten unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters sowie unterschiedlichen Gründen für ihre Migration narrative Intensivinterviews durchgeführt. Im Fokus der qualitativen Analyse der Interviews stand die Frage, wie die Migranten über ihre Migration erzählen und ihre eigene Migrationsgeschichte interpretieren. Dank des qualitativen Ansatzes war es möglich, eine differenzierte Einsicht in die Vielfalt von Migrationsgeschichten zu erhalten und die Komplexität der Situation von Migranten zu verstehen.
Medienwissenschaftlicher Teil: Framing-Analyse der Medienberichterstattung der Tessiner Tageszeitungen: Während des Monats Januar 2017 wurden alle Zeitungsartikel der drei Tessiner Tageszeitungen sowie der Gratiszeitung „20 Minuti“ erhoben, die zu Themen der Migration berichteten. Es wurden 275 Artikel gefunden, die einer „Framing“- Analyse unterzogen wurden, eine qualitativ induzierte, dann aber quantitative Untersuchung, die darüber Auskunft gibt, wie die Migrationsthematiken in der Berichterstattung der Tagespresse präsentiert worden sind (Problemdefinition, Problembegründung, moralische Bewertung und Problemlösungsvorschläge).
Theaterpädagogischer Teil: Entwicklung von Theaterlaboratorien und Erstellung eines „Handbook best practices“: Auf Grundlage der historischen, soziologischen und medienwissenschaftlichen Recherchen erarbeitete eine Gruppe von Theaterpädagogen ein Programm von Theaterlaboratorien zum Thema „Migration erzählen“ für die Schule, die über die Dauer des Schuljahres 2017/2018 wöchentlich an einem halben Tag in drei Schulklassen durchgeführt wurden. Es nahmen die Primarschule von Ascona/Ronco/Brissago mit zwei vierten Primarschulklassen teil sowie die vierte Klasse der Mittelschule Locarno 1 (Via Varesi). Beide Schulen weisen einen hohen Anteil an Kindern/Jugendlichen auf, die selber oder deren Eltern einen Migrationshintergrund haben. Zu Beginn der Laboratorien kreierten die Theaterpädagogen ein Theaterstück („I Viandanti“), das in die zu bearbeitende Thematik einführte. Zum Schulende erarbeiteten die Kinder und Jugendlichen der drei Schulklassen eine Abschlussproduktion, die auf der Bühne des Teatro Dimitri an zwei Tagen gezeigt wurde. Die Theaterlaboratorien wurden einer Supervision durch einen Experten unterzogen und ausgewertet, darauf wurde ein Handbuch mit „Best Practices“ zu entwickelt für Lehrpersonen, die mit ihren Schülerinnen und Schülern zu Themen der Migration arbeiten möchten. Das Handbuch ist in der Schlussredaktionsphase, während die Texte zu den historischen und sozial- und medienwissenschaftlichen Recherchen zum Druck vorliegen. Es wurde auch ein Dokumentarfilm zum Projekt erstellt.
Publications
Publikationen zur Zeit in Arbeit.
Öffentliche Veranstaltungen:
Konferenz «Diversità ieri e oggi – difficoltà e sfide», Locarno, 20.05.2017
Theateraufführungen Schulklassen (Abschlussveranstaltung Theaterlaboratorien, Verscio, Teatro Dimitri, 29./30.05.2018
Konferenz «Storie di migrazioni», Locarno, 02.06.2018
Theateraufführungen der Schulklassen «Raccontare le migrazioni», Verscio, Teatro Dimitri, 29./30.05.2018
Projekpräsentation «Raccontare le migrazioni – Teatro e comunicazione interculturale per le scuole», Verscio, 10.10.2018
Revue de presse
«Raccontare le migrazioni», Zeitschrift “Rivista”, April 2017
«Raccontare le migrazioni. Teatro e comunicazione interculturale per le scuole», Zeitschrift «Iride», April 2018
«Dimitri: Ragazzi e migrazione», Tageszeitung «La Regione», 01.06.2018
«Theater als Mittel zur Integration; drei Klassen aus Ascona und Locarno bringen das Thema Migration auf künstlerische Art zur Sprache», Wochenzeitung «Tessiner Zeitung», 15.06.2018
RSI-Rete 3, Sendung «Baobab», 17.00 und RSI-Rete Due «Cultura Oggi», 18.00, Berichte zum Projekt, 30.05.18
„Raccontare le mirgazioni. Un laboratorio per promuovere le competenze interculturali.” Scuola Ticinese, 3/2018, anno XLVIII-serie IV
Liens
Personnes participant au projet
Dr. phil. Ruth Hungerbühler
, Projektleitung und Projektkoordination, Accademia Teatro Dimitri, SUPSI
Projektgruppe:
Victoria Franco Cabrera Grütter, PhD, Kommunikationswissenschaftlerin
Ruth Hungerbühler, PhD, Soziologin, Forschungsverantwortliche Accademia Teatro Dimitri
Lianca Pandolfini, MA, Kommunikationswissenschaftlerin und Schauspielerin
Veronica Provenzale, PhD, Historikerin, Accademia Teatro Dimitri
Paola Solcà, MA, Soziologin, Dipartimento Economia aziendale e Lavoro sociale, SUPSI
Andrea Valdinocci, MA, Theaterpädagoge und Regisseur
Kate Weinrieb, MA, Schauspielerin und Psychologin
Hans-Henning Wulf, MA, Theaterdozent und Schauspieler, Accademia Teatro Dimitri
Weitere beteiligte Personen (temporäre Projektarbeit):
Marco Marcacci, Historiker
Dante Carbini, Videotechniker und Schauspieler, Accademia Teatro Dimitri
Demis Quadri, PhD, Theaterwissenschaftler, Accademia Teatro Dimitri
Dernière mise à jour de cette présentation du projet 21.02.2020