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Das ganze Jahr ist Sauregurkenzeit
Diesen Juli wurde der 40. Jahrestag der ersten Mondlandung gefeiert. Viele Medien holten noch einmal zum «letzten» Schlag aus, um mit offensichtlichen Falschmeldungen die Echtheit des ganzen Apollo-Mondlandeprogrammes der USA (1967-1972) zu bezweifeln. Nie zuvor wäre jemand auf die Idee gekommen, einen Film darüber zu drehen, weshalb die Erfolge der russischen Erstleistungen bis 1965 von dem Moment an aufhörten, wo jene mit Spionagesatelliten kontrolliert werden konnten. Umgekehrt galt es 30 Jahre später als televisionäre Avantgarde, ein paar Durchschnittsbürger in eine Kapsel zu sperren, und sie vom Fernsehvolk mehrmals länger live beobachten zu lassen, als der Flug von multi-talentierten Astronauten in viel raffinierteren Kapseln zum Mond und zurück gedauert hatte. Jene Leistung wurde von der veröffentlichten Meinung zunächst als nicht spannend deklariert, und dann sogar geleugnet, als dies dem Interesse der Zuschauer immer noch keinen Abbruch tat.
Als später Apollo 13, die einzige von sieben Mondexpeditionen, die nicht planmässig abgelaufen war, verfilmt wurde, da wurde der Begriff «weltbewegend» ein weiteres Mal pervertiert. Irgendetwas am plötzlich aufflammenden Publikumsinteresse erinnerte mich daran, dass die Metzger die besten Würste immer noch aus Fleisch herstellen. Warum aber hatte Hollywood ausgerechnet die einzige Mission gewählt, die misslungen war? Ich sah mich ständig Zuschauern gegenüber, denen ich erst erklären musste, dass nicht jede der sieben Mondexpeditionen von Pech verfolgt war, sondern nur diese eine! Krumme Vorstellungen waren auch dadurch entstanden, dass die NASA den Film zwar gelobt hatte, ich aber von den drei Mannschaftsmitgliedern Lovell, Swigert und Haise eine ganz andere Persönlichkeits-Rangordnung in Erinnerung hatte, als sie im Film zum Ausdruck kam. Ich hatte schliesslich als 27Jähriger drei Tage mit ihnen verbracht, eine längere TV-Sendung aus dem Bundeshausstudio ganz allein moderiert und Fragen stellen dürfen, war mit allen Begleitern im Autokonvoi durch die Schweiz und zu weiteren solchen Anlässen ins Verkehrshaus und in den Physik-Hörsaal der ETH gefahren – immer in Tuchfühlung mit den Astronauten und ihren Gattinnen.
Die NASA hat im rund 30 Jahre später gedrehten Film sicher auch Nuancen zwischen Dichtung und Wahrheit entdeckt, aber ihr ging es um etwas ganz Anderes: der Film hatte plötzlich wieder grosse Anteilnahme am Thema Raumfahrt bewirkt, und das konnte der US-Weltraumbehörde nur recht sein! Eben noch war die historische Wirklichkeit und damit die grösste technische Leistung der Menschheit weit herum als «kalter Kaffee» bezeichnet worden, und nun plötzlich erreichte das Surrogat des einstigen Geschehens höchste Beachtung! Dies ausgerechnet bei Leuten, denen zuvor alles, aber sicher nicht die Raumfahrt wichtig gewesen war. Ich suchte nach einer Erklärung.
Schon früher war mir aufgefallen, dass der Zeitgenosse die Reflektion über Geschehenes aus dem Lexikon gründlicher zur Kenntnis nimmt als die unvergorene Wirklichkeit, die er zwar selber erlebt hat, aber über deren geschichtliche Bedeutung er sich selber mühsam Klarheit verschaffen müsste. Nur die Darstellung im Lexikon – oder nun eben im Spielfilm – zum Ereignis garantiert ihm, dass er es exakt gleich wie Genosse Mitmensch in seinen Wissensschatz einbauen kann. Einer, der sich ebenfalls erst Jahre später informiert hat – oder sich wieder hat erinnern lassen. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn nicht das Schablonenwissen zu einer Faktenresistenz führen würde, welche es eben erst erlaubt, Richtiges zu leugnen und Wunschdenken zum geistigen Allgemeingut des Volkes zu erheben. Nicht nur in der Raumfahrt, auch bei der Pflege von Paniken aller Gattung – vom Waldsterben über die Milleniums-Katastrophe bis zur Universalgrippe.
Zu den Erfahrungen bei etwa 40 Interviews zum Mond-Jubiläum im vergangenen Sommer und in allen denkbaren Medien gehört für mich eine eigentliche kulturelle Rochade: die 40jährige Migration des Themas von den Wissenschafts- zu den Kulturredaktionen! Zur Zeit der grössten Triumphe von 1969 bis 1972, als sechs Mondexpeditionen immer selbstverständlicher und weiträumiger auf unserem Erdtrabanten herumforschten, da gehörte Raumfahrt noch zur Wissenschaftsredaktion des Schweizer Fernsehens, weil sie von jedem Kommentator «diskriminierende» Vorkenntnisse abforderte und man die Arbeit gerne Fachleuten überliess. In einer Reihe von europäischen Ländern tappten nämlich während den Flugjahren zum Mond einige sehr bestandene Medienleute in die Falle, ihre irdischen Erfahrungen auf Ausserirdisches anzuwenden und dabei gründlich daneben zu greifen. Gebrannte Kinder in der Medienwelt lernten das Thema rasch zu meiden. Dies war ja auch deshalb opportun, weil der Mythos von der Allmacht russischer Raumfahrt gebrochen war.
40 Jahre später war es irgendwie umgekehrt. Wissenschaftsredaktionen verfügten immer weniger über Mitarbeiter aus wissenschaftlichen Disziplinen. Stattdessen hatte die «Soft Science» den Umweltpessimismus entdeckt, dessen Erkenntnisse von Al Gore und Geistesverwandten aus politisch höchster Warte heruntergereicht wurden. Grosstechnologie und Raumfahrt waren «out». Die Physik lässt sich nur in solchen Kreisen ausser Kraft setzen, was anderswo höchstens bei genügend Subventionen möglich wird. Eine Kulturredaktion konnte sich gerade noch leisten, einen fachkundigen «Raumfahrtspezialisten» zur schönsten Moderatorin einzuladen und die Zuschauerzahlen mit dem uninteressantesten Thema des Universums etwas anzuheben.