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Ernst schlägt Ernsts Augen auf. Es ist 4 Uhr: die Stunde des Wolfs. Dabei stellt Ernst Ernst vor, wie Frau Sonne[1] um diese Zeit zur Steigerung der Fitness ihr Bodyshaping macht. Nachdem sie noch eine zusätzliche, besonders intensive Trainingseinheit angehängt hat (das sogenannte Superkondibodyattack), verschwindet sie hinter dem semitransparenten Plasticvorhang, wo sie sich mit Seifenkraut einseift. Sie duscht sich allseits – Ernst sieht gut, wie sie sich bückt und dreht und streckt –, dann tastet sie mit geschlossenen Augen nach dem flauschigen Luxusfrottier aus langstapeliger Baumwolle und tupft ihren Körper vorsichtig ab. Ernst schaut genauer hin und sieht, dass das Badetuch mit einem verschneiten Dorf und einem Sechsender verziert ist und der Webrand elegant abgenäht wurde.
. . . . . für Aphrodite . :
Und die Handtücher . . .
purpurfarbene, duftige,
hat dir Mnasis geschickt aus dem Phokerland,
Ehrengaben . . . .[2]
Ernst riecht den Duft ihres Frangipani Flair Duschschaums und beobachtet (indem Ernst Ernsts Augen zu Schiessschartenschlitzen verengt), wie sie ihre Strahlen föhnt und punkartig radial nach oben kämmt. Ernst ruft: «Quelle cocquette coiffure!» Frau Sonne pustet Ernst 1 Kusshand zu, schlendert zur Kochnische und Ernst hört aus ihrem Transistorradio den Fado das Horas von Maria Teresa de Noronha[3]. Dann trinkt sie einen doppelten Espresso und – Ernst kann es nicht fassen – Frau Sonne isst eine ganze Tafel Rio Napo! Der zarte Schmelz dieser Chocolat Grand Cru verbreitet sich ohne zeitliche Verzögerung auf Ernsts Gaumen, so dass Ernst mehrmals leer schlucken muss.[4]
Nach diesem Imbiss trinkt Frau Sonne 1 Liter Lauretanawasser und nimmt 1 Hightech Liquid Energy-Gel zu sich: das salzige Energiesupplement für Langdistanzen. (Nicht auszudenken, wie sich Frau Sonne verpflegt, wenn sie im Sommer 24 Stunden nonstop über den Lofoten kreist!) Dann wirft sie das Verpackungsmaterial ins All und inspiziert ihre Sonnenflecken. Sie cachiert diese mit einem Hauch Rouge Le Prisme Blush und trägt noch etwas Sheer Eye Shadow auf, um dann prompt und à chaud als strahlende Beamingbeauty über dem Horizont zu erscheinen, von wo sie die Blüemlisalp beleuchtet und den Annapurna und den Pass dal Fuorn und schliesslich auch Ernsts Futon.
Da Ernst den Glanz nicht mehr aushält, zieht Ernst Ernsts Decke über Ernsts Kopf und schläft noch 1x ein. Aber dann springt Ernst auf. Es ist Sonntag und da gibt es im Monasterium Züpfe. Ernst langt tüchtig zu.
Ernsts Gourmandiesen? Oh, lassen Sie Ernst diese! Sie sind Ernsts einzigste Freude![5]
Während Ernst Ernst an der Züpfe gütlich tut, kommt Ernst wieder das Display von Ernsts Waag in Ernsts Sinn: +1 Kilogramm! Ernst ruft quasi morendo: «Woher nur kommt dieser Aufwärtsknick?» Ernst wagt nicht, Ernsts Mahlzeiten noch weiter zu reduzieren. Aber hat Ernst Ernsts Mahlzeiten schon je reduziert oder bildet Ernst Ernst nur ein, dass Ernst weniger isst?
Ernst versucht, Ernsts Trübsinn mit einem Spaziergang zu verscheuchen und steckt 1 Rio Napo in Ernsts Manteltasche. Ernst schlendert bis hinter das Reisfeld des Monasteriums und ruft trotzig:
Drum, solang’s vergönnt, misch’ Ernst mit Lust den Ernst!
Süss ist Leichtsinn am rechten Ort.[6]
Dann isst Ernst die Rio Napo von A bis Z auf und wirft die leere Verpackung (wie es Ernst von Frau Sonne gelernt hat) ins All. Auf dem Rückweg wird es schnell dunkel. Ernst hat zudem das Gefühl, Ernst verlaufen zu haben. Ist das noch immer derselbe Weg? Ernst macht 2 Fotos und geht langsam weiter. Und dort vorne? ist das nicht? Ernst atmet auf. Ja, das ist der Kastanienbaum!
Wie Ernst vor Ernsts Klause steht, wirft Ernst noch 1 Blick in Ernsts Briefcase. O! Eine Email mit einem Foto von Amorgos! Ist Herr von Cadúnt wieder auf der Insel?[7] Ernst legt das Foto neben die beiden Aufnahmen, die Ernst eben gemacht hat. Wo würde Ernst lieber leben?
Da antwortete der Spiegel: «Herr Ernst, Ihr habt’s am schönsten hier, aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen hat’s noch tausendmal schöner als Ihr.» Und jetzt? Soll Ernst als Krämer verkleidet zu den 7 Zwergen eilen? Papperlapapp! Ernst liebt Ernsts Kastanienklause. Hier lebt Ernst, hier schreibt und hier isst Ernst, das ist Ernsts Welt.
[1] Ernst ist froh, dass man sich in Ernsts Sprache das Tagesgestirn nicht als le soleil, sondern als eine Sunna vorstellt. So hat sie Ernst auch im Kindergarten gemalt: blond, rotwangig, mit überlangen Wimpern, dicken Zöpfen und Sommersprossen.
[2] Sappho, Der Strophen und Verse fünftes Buch, übersetzt von Joachim Schickel
[3] https://www.youtube.com/watch?v=nlbZkzGFNCc Die letzte Strophe singt sie laut mit: P’ra meu coração, coitado, viver na vida uma hora.
[4] Ernst kostet im edlen Schwarz der Rio Napo die Impression von sonnengereiften Pflaumen, Kaffee und Vanille und schätzt die unaufdringliche Pfeffernote. Ernst merkt nicht, dass die Schokolade auch Spuren von Haselnüssen, Mandeln, Milch und Soja enthalten kann.
[5] Theodor Storm, Im Nachbarhause links
[6] Misce stultitiam consiliis brevem / Dulce est desipere in loco. Vergil, Carmina 4,12,27f. Übersetzung Ernst et al.
[7] Episode 14