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Philipp Krauer
Die steinerne Tafel oberhalb des Eingangs am Neumarkt 27 weist schon von Weitem auf die Bedeutung dieses Gebäudes hin: "In diesem Haus wurde geboren Gottfried Keller den 19. Juli 1819." Keller verfasste zahlreiche bekannte Werke wie den Grünen Heinrich, die auch heute noch dem Schweizer Literaturkanon angehören. Aber was hat dieser Schriftsteller, dessen Leben sich ausschliesslich zwischen Zürich, Heidelberg und Berlin abspielte, mit Kolonialismus zu tun?
Die Person Gottfried Keller ist interessant, weil in ihr verschiedene Fäden einer bereits damals global vernetzten Welt zusammenlaufen. Keller las leidenschaftlich literarische und wissenschaftliche Werke über Gebiete in Übersee. Diese Bücher waren oft weit von der Realität entfernt und zogen mit "exotisierenden" Darstellungen ein breites Publikum in ihren Bann. Keller verwendete solche Bilder des Fremden in mehreren seiner Erzählungen, wie zum Beispiel in Don Correa, Berlocken und Pankraz der Schmoller. In letzterem erzählt er die Geschichte eines stets vor sich hinschmollenden Jungen namens Pankraz, der Hals über Kopf das Zürcherische Seldwyla verlässt, um als Soldat zuerst bei der Britischen East India Company in Indien und anschliessend bei der Französischen Fremdenlegion in Afrika zu dienen. Nach Ablauf seiner Dienstzeit kehrt Pankraz als reicher und angesehener Oberst nach Hause zurück. Keller beschreibt dabei die Flucht in die Kolonien als Ausweg aus der engen Schweizer Gesellschaft. Junge Schweizer Männer – so die Moral von seiner Geschichte – können in den Kolonien durch Fleiss und Tapferkeit Ruhm und Reichtum erlangen.
Dass der Alltag in den Kolonien schliesslich wenig mit seinen fantasievollen Geschichten gemeinsam hat, erfuhr Keller bereits wenige Jahre nach der Veröffentlichung dieser Novelle. Damals wurde er zum obersten Zürcher Beamten gewählt und war gezwungen, sich mit dem Schicksal von Zürchern zu befassen, die sich den europäischen Kolonialarmeen anschlossen. Im Gegensatz zu Pankraz waren ihre Lebensgeschichten jedoch selten von einem "Happy End" gekrönt. Unzählige fanden in den Kolonien den Tod und Keller musste deren Nachlässe an ihre Eltern, Geschwister und Kinder weiterleiten.
Dies war aber nur die europäische Seite der kolonialen Verstrickungen. Während hier in der Schweiz das Internationale Rote Kreuz gegründet und über eine humane Kriegsführung diskutiert wurde, löschten die Zürcher Kolonialsoldaten an der Seite der Franzosen und Niederländer in Afrika und Asien ganze Dörfer aus. Insofern verweist die steinerne Tafel am Neumarkt 27 auf mehr als den Geburtsort eines bekannten Zürcher Schriftstellers. Sie markiert den Ort, wo "exotische" Fantasien der Schweizer Literatur auf blutige Kolonialgeschichten von Schweizer Söldnern treffen.