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Bei vielen Fällen von Hysterie trifft diese Ansicht allerdings vollkommen zu. Dagegen wäre es verfehlt, wenn
man in allen Fällen, wo keine nachweisbaren Erkrankungen, namentlich chronische Entzündungen, der weiblichen Beckenorgane
vorliegen, die Hysterie von widernatürlicher Aufregung und Befriedigung des Geschlechtstriebs herleiten wollte. Das häufige Vorkommen
der Hysterie bei kinderlosen Frauen, jungen Witwen und alten Jungfern, zumal in den höhern Gesellschaftskreisen,
ist weit mehr von psychischen als von körperlichen Einflüssen herzuleiten.
Ähnliches gilt von dem häufigen Fall, daß Frauen hysterisch werden, welche an impotente Männer verheiratet sind. Überhaupt
beruht die Hysterie oft auf dem dunkeln Gefühl und dem niederschlagenden Bewußtsein eines verfehlten Lebens,
wie es z. B. eintritt, wenn die Ehe nicht den gemütlichen Anforderungen entspricht, zu welchen die Frau berechtigt ist. Das
häufige Vorkommen der Hysterie bei Blutarmut und Bleichsucht, ohne daß die bisher aufgezählten ursachlichen Momente vorhanden sind,
ist ein Beweis dafür, daß die Hysterie auf abnorme Ernährung des ganzen Nervensystems zurückzuführen ist.
Es besteht bei den einzelnen Individuen eine sehr verschiedene Disposition zur Hysterie; ja, es scheint sogar, als ob eine, sei es
angeborne, sei es erworbene, Anlage zur Hysterie bei der Entstehung dieser Krankheit ebensosehr in die Wagschale fiele als die bisher
erwähnten ursachlichen Einflüsse.
Vor dem 12.-15. Jahr zeigen sich nur selten deutliche Spuren der auch im Alter wird die Krankheit selten
beobachtet; wohl aber dauert die auch nach dem Erlöschen der Geschlechtsfunktionen in mäßigerm Grad fort. Nicht selten
ist die Anlage zur Hysterie ganz unverkennbar eine angeborne, und vom allergrößten Einfluß auf dieselbe ist die Lebensweise
und die Erziehung. Dadurch, daß man die Kinder zum Fleiß und zur Selbstbeherrschung anleitet, daß man heranwachsende Mädchen
nicht den ganzen Tag über stricken und nähen und ähnliche Arbeiten verrichten läßt, bei denen sie ihren Gedanken und Träumereien
ungestört nachhängen können, daß man sie ferner vor schlechter Lektüre bewahrt,
durch welche sie
mit überspannten Ideen vertraut gemacht werden: dadurch wird man sie am besten vor derGefahr schützen, später hysterisch
zu werden.
Das Symptomenbild der Hysterie ist dem größten Wechsel unterworfen. Die häufigsten Erscheinungen der Hysterie, welche fast nie fehlen,
sind Sensibilitätsstörungen. Unter ihnen tritt namentlich die allgemein gesteigerte Empfindlichkeit
hervor, welche Laien gewöhnlich als Nervenschwäche bezeichnen. Zuweilen äußert sich diese als ganz ungewöhnliche Schärfe
der Sinne, namentlich des Geruchs und des Geschmacks, welche auf Menschen von niederer Bildungsstufe leicht den Eindruck des Wunderbaren
macht und deshalb vielfach zu Betrügereien benutzt wird.
Häufiger gibt sie sich durch das Unbehagen zu erkennen, welches schon durch schwache Reizungen der Sinnesnerven
bei ihnen hervorgebracht wird. MancheHysterische dulden keine Blume im Zimmer, weil sie ihnen zu stark riecht; sie können das
Tageslicht nicht ertragen und schließen daher die Läden der Fenster; sie verlangen, daß man sich nur leise flüsternd mit
ihnen unterhalte, denn lautes Sprechen ist ihnen unerträglich, etc. Zu
dieser übergroßen Empfindlichkeit gesellen sich oft sogen. Idiosynkrasien.
Auch an den Sinnesnerven kommen krankhafte Erregungszustände vor: die Kranken klagen über einen bestimmten Geruch, einen
bestimmten Geschmack, der sie nie verläßt, etc. Merkwürdigerweise kommt neben diesen Erscheinungen auch Anästhesie, also
abgestumpfte Empfindlichkeit, an größern und kleinern Körperstellen vor. Indessen ist es sehr schwer,
die Abstumpfung der Empfindlichkeit zu konstatieren, da viele Hysterische sich darauf kaprizieren, keine Schmerzempfindungen
zu äußern, wenn man sie an bestimmten Stellen kneipt, brennt oder sticht.
der Magengegend, über Magen- und Kolikschmerzen und geben die abenteuerlichsten Schilderungen ihrer Empfindungen im Bauch.
[* 8] Dagegen
sind abnorme Empfindungen der Geschlechtsteile seltener bei der als man erwarten möchte. Nicht minder zahlreich und mannigfach
sind die Motilitätsstörungen bei der Hysterie. Am häufigsten stellen sie sich als hysterische Krämpfe dar. Das
Bewußtsein ist während dieser Krämpfe niemals aufgehoben, doch erinnern sich die Kranken nur summarisch und nicht der einzelnen
Vorgänge während des Anfalles.
Die Krämpfe erscheinen bald nur als vereinzelte Zuckungen, namentlich der Arme, bald erstrecken sie sich fast über den ganzen
Körper und bieten ganz das Bild der epileptischen Krämpfe dar. Auch starrkrampfähnliche Zustände kommen
bei Hysterie vor, und Lach-, Wein- und Gähnkrämpfe sind dabei etwas ganz Gewöhnliches. Ferner gehören hierher der hysterische
Husten und die krampfhafte Zusammenziehung des Schlundes, welche bei den Kranken die Empfindung erweckt, als steige eine Kugel
von der Magengrube gegen die Kehle hinauf (globus hystericus). Neben den Krämpfen kommen hysterische Lähmungen
vor. Bald betreffen sie nur einen Arm, ein Bein, bald auch eine ganze Körperhälfte. Die hysterischen Lähmungen gehen oft schnell
vorüber, wechseln ihren Sitz etc. Sie sind offenbar zentralen Ursprungs; die gelähmten Muskeln
[* 9] reagieren prompt auf den
Reiz des elektrischen Stroms. - Derartige Krämpfe und Lähmungen nennt man, auch wenn sie bei jungen Männern
vorkommen, hysterische.
Auffallend ist an Hysterischen die ungleiche Blutverteilung im Körper: die meisten Kranken haben beständig kalte Hände und
Füße, über das Antlitz aber ergießt sich oft eine brennende, schnell vorübergehende Röte. Bei der Hysterie kommt ferner eine
periodische Steigerung der Harnabsonderung vor, der Harn ist dann dünn und blaß. Die letztern Erscheinungen
sind Beweis dafür, daß auch die Gefäßnerven bei der Hysterie mit alteriert sind. Die eigentlichen Seelenstörungen sind ausgezeichnet
durch die lebhafte Empfindung, die durch kleine Anlässe sich zu exzentrischen Äußerungen der Freude oder des Schmerzes steigert,
und vor allem durch die Oberflächlichkeit aller Eindrücke, durch den raschen Wechsel derStimmungen, der
Gelüste, der Einbildungen. Es besteht ein Drang, sich wichtig und interessant zu machen, von körperlichen Leiden
[* 10] übertriebene
Schilderungen zu entwerfen, Ärzte und Umgebung zu täuschen (Verschlucken von Nadeln,
[* 11] Stigmatisieren, Selbstverletzungen).
Ferner leidet die Treue bei Wiedergabe erlebter oder gehörter Ereignisse, wobei die erregbare Phantasie
und nicht selten Zwangsvorstellungen mitwirken, so daß die Kranken als Lügner erscheinen.