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Warum wird Romantsch in der Schweiz als Sprache angesehen, während das Schweizerdeutsch nur als Dialekt gilt? Die Antwort ist nicht einfach.
Hinter sprachlichen verbergen sich auch andere Kriterien – kulturelle, politische und solche, welche die Identität betreffen.
Für einen Französischsprachigen, der Deutsch gelernt hat, tönt Schweizerdeutsch wie eine ausserirdische Sprache. Und die Kinder in den Deutschschweizer Schulen müssen Hochdeutsch fast wie eine Fremdsprache lernen.
63,7% der helvetischen Bevölkerung sprechen also einen Dialekt – eine der verschiedenen Varianten des Schweizerdeutschen - während Romantsch, das nur von 0,5% der Bevölkerung gesprochen wird, als Landessprache gilt. Eigentlich etwas seltsam.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird Romantsch allgemein als eigenständige Sprache anerkannt.
Eines der Kriterien: "Die Rätoromanen, haben das Mehrzahl-S beibehalten, was in keinem italienischen Dialekt der Fall ist, im Französischen und Spanischen aber schon, doch sie waren nicht in direktem Kontakt mit diesen Regionen. Das ist ein linguistisch recht überzeugendes Kriterium", führt Chasper Pult aus, ein anerkannter Romantsch-Spezialist.
Seit 1938 anerkannt
Es gab aber auch Stimmen, welche die Unabhängigkeit des Romantsch leugneten, vor allem während des Ersten Weltkriegs und zur Zeit des Faschismus. In diesen nationalistischen Zeiten meinten italienische Linguisten, dass Romantsch eine Dialektvariante sein müsse, die dem alpinen Lombardisch nahe stehe und deshalb mit dem Italienischen zusammenhänge.
Italien, damals soeben eine nationale Einheit geworden, die langsam auch zur sprachlichen Einheit wurde, bekundete selber ziemliche Mühe, seinen rätoromanischen Sprachen im Norden, dem Ladinisch in den Dolomiten und dem Friaulischen, einen Sonderstatus zuzugestehen.
Aber die sprachlichen Kriterien allein genügten nicht, um dem Romantsch den Status einer Sprache zuzugestehen. "Als die Sprachwissenschafter das Terrain vorbereitet und die sprachlichen Eigenheiten des Romantsch festgestellt hatten, gab es auch eine kulturelle Renaissance, eine Bewegung, die 1938 zur Anerkennung als vierte Landessprache führte", so Pult.
"Die Unterarten des Romantsch waren standardisiert: Bibel-Übersetzungen, Literatur, Schulbücher, Zeitungen. Das Problem war, dass diese vereinheitlichten Arten ein viel zu begrenztes Gebiet abdecken, um wirklich lebensfähig zu sein. Deshalb wurde die Gesamtheit der verschiedenen Formen als Romantsch anerkannt, wobei aber jede dieser Unterarten ihre eigene Orthographie und Aussprache hat", präzisiert Georges Lüdi, Linguistikprofessor an der Universität Basel.
Und das Schweizerdeutsch?
Sprachliche Eigenheit und das Bewusstsein der Identität ist also der Nährboden für die sprachliche Anerkennung. Aber warum gilt das nicht auch für Schweizerdeutsch? Denn zwischen Bern und Berlin gibt es nicht nur in bezüglich Identität einen Graben, sondern auch sprachlich.
"Im deutschsprachigen Raum begann in der Zeit der Reformation ein Vereinheitlichungsprozess. Hinter dieser Standardisierung standen Luther und Zwingli. Sie wollten, dass die Bibel von allen gelesen werden konnte. Es gab also eine Bewegung zur Homogenisierung des Schriftdeutschen. Und die Deutschschweiz war Teil dieser Bewegung, zwischen Nord und Süd kam es zu einem Konsens, führt Georges Lüdi aus.
"Im 17. Jahrhundert fing Deutschland an, diese Sprache auch mündlich einzusetzen. Aber die Schweiz zog nicht mit. Das heisst, die Deutschen fingen an zu sprechen, wie sie schrieben, in der Schweiz aber wurde weiter anders gesprochen als geschrieben."
Keine Vereinheitlichung der Mundarten
Zum Einwand, dass beispielsweise Holländisch nichts anderes sei als ein deutscher Dialekt, der zu einer Landessprache wurde, führt Lüdi aus: "Die Deutschschweizer Identität besteht eben gerade darin, dass man in Luzern und Bern nicht gleich spricht, dass es also eine Luzerner und eine Berner Identität gibt, nicht aber eine wirkliche Deutschschweizer Identität. Damit es zu etwas wie dem Holländischen kommt, müsste es zu einer Vereinheitlichung dieser Mundarten kommen. Und das will niemand."
Sind den die unterschiedlichen Deutschschweizer Dialekte demnach nicht vergleichbar mit den unterschiedlichen Formen des Romantsch? "Nein! Da gab es fünf vereinheitlichte Sprachen, aber keine Gesamtvereinheitlichung. In der Deutschschweiz dagegen gibt es die deutsche Sprache, die diese Funktion als standardisierte Schriftsprache hat."
Im Prinzip ist das 1982 geschaffene Rumantsch Grischun für die verschiedenen Varianten des Romantsch also das, was Hochdeutsch für die Varianten des Schweizerdeutschen ist.
swissinfo, Bernard Léchot
(Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)
Fakten
Die Schweiz hat 7'288'010 Einwohnerinnen und Einwohner.
63,7 % davon sprechen Deutsch als Hauptsprache, 20,4% Französisch, 6,5% Italienisch und 0,5% (35'095 Personen) Romantsch.
Mehrere ausländische Sprachen werden häufiger gesprochen als Romantsch: Serbisch und Kroatisch (1,5%), Albanisch (1,3%), Portugiesisch (1,2%), Spanisch (1,1%), Englisch (1%), und Türkisch (0,6%).
In Kürze
Romantsch besteht aus 5 Idiomen, welche mit einer Region Graubündens zusammenhängen: Sursilvan (Vorderrhein), Sutsilvan (Hinterrhein), Surmiran (Alvratal und Gelgiatal), Puter (Oberengadin) sowie Vallader (Unterengadin und Münstertal).
Seit 1982 gibt es eine überregionale Sprache, das Rumantsch Grischun.
Die Deutschschweizer Dialekte unterteilen sich von Norden nach Süden in drei Gruppen: Niederalemannisch (Basel), Hochalemannisch (Hügelgebiet), Oberalemannisch (Oberwallis, Berner Oberland und ein Teil der Innerschweiz).
Entgegen den meisten europäischen Dialekten werden die Deutschschweizer Dialekte in allen Bevölkerungsschichten gesprochen, auf dem Land und in der Stadt.