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Der kleine Michi besucht seinen Opa im Hobbyraum. Fasziniert schaut er zu, wie Opa gerade die Krone für einen König der Krippenfiguren schnitzt. Schon stehen auf der Werkbank viele fertige Figuren, die der Bub bestaunt. Etwas müde legt er seinen Arm auf die Bankkante und merkt, wie die Gestalten plötzlich lebendig werden und er mit ihnen reden kann. Da, noch mehr: Hirten, Könige, Maria und Josef sind nicht mehr klein, und er nicht mehr gross, sondern er geht mitten unter ihnen umher ohne aufzufallen. So tritt er mit ihnen in den Stall von Bethlehem hinein, schaut auf das Kind in der Krippe – und das Kind schaut auf ihn.
Plötzlich steigt Scham ins Gesicht des Buben, und das Jesuskind fragt: «Warum schämst du dich so?» – «Weil ich dir nichts mitbringe.» – «Lass das, ich will aber gern etwas von dir haben», entgegnet das Kind in der Krippe. «Schenk mir den letzten Aufsatz», kommt die Anregung aus der Krippe. Ganz verlegen flüstert Michi: «Da hat doch der Lehrer ‹nicht genügend› daruntergeschrieben.» – «Genau deshalb will ich ihn haben. Bring mir immer das, was mit ‹nicht genügend› bewertet wird. Versprichst du mir das?» – «Sehr gern», antwortet der Junge.
«Aber ich will noch ein zweites Geschenk von dir», sagt das Jesuskind: «Nämlich deine Milchtasse.» «Aber, aber – die habe ich doch heute morgen zerbrochen», kommt die Antwort. «Du sollst mir immer das bringen, was du im Leben zerbrochen hast. Ich will es wieder heil machen. Gibst du mir auch das?» – «Das ist schwer! Hilfst du mir dabei?»
«Aber ich habe auch noch einen dritten Wunsch», bittet das Jesuskind. «Bringe mir noch die Antwort, die du deiner Mutter gegeben hast, als sie fragte, wie die Tasse kaputtgegangen sei.» Gerührt legt der Junge die Stirn auf die Krippe und weint bitterlich: «Ich, ich, ich …», bringt er mühsam heraus. «Ich habe die Tasse umgestossen, in Wirklichkeit habe ich sie aus Wut zu Boden geschmettert.»
«Ja, du sollst immer deine Lügen, deinen Trotz, dein Böses, was du getan hast, zu mir bringen. Wenn du zu mir kommst, will ich dir helfen, ich will dich annehmen, ich will dir immer wieder neu vergeben, ich will dich an deiner Hand nehmen und dir den Weg zeigen. Willst du dir das schenken lassen?» fragt das Jesuskind.
Und der Junge schaut, hört und staunt.
Wahrlich, das Zwiegespräch zwischen dem Jungen und dem Kind in der Krippe ist eine symbolische Weihnachtsgeschichte. Sie stimmt mich als Erwachsener nachdenklich wie auch hoffnungsvoll. Sie spiegelt meine bequemen Gewohnheiten, gibt mir aber auch Vertrauen. Es spielt keine Rolle, wie alt ich bin, welches Geschlecht ich habe, welcher Nationalität ich angehöre, für was und für wen ich Verantwortung trage, ob ich unseren Sozialstaat mitfinanziere oder von ihm profitiere.
Ich freue mich über den Mut, mich ohne Geschenk an die Krippe zu wagen. Als Vertreter der KAB bringe ich auch die Scherben einer mir ans Herz gewachsenen Sozial-Institution an diese Krippe von 2022: Auch die KAB wurde einmal geboren und ist über viele Jahrzehnte zu einer aktiven Gemeinschaft herangewachsen. Viele Menschen durften wegen der KAB am Arbeitsplatz und in der Gemeinschaft von Staat und Familie Lebensqualität erfahren. Soziale Gerechtigkeit und Solidarität in unserer nächsten Umgebung bis in die weite Welt hinaus waren und sind immer noch wichtig für uns. Mehr Würde als Bürde gibt Halt und Vertrauen.
Alles hat seine Zeit, alles hat einen Anfang und auch ein Ende. Seit Beginn der Weltgeschichte ist das so und wird auch so bleiben. Als gläubige Menschen wissen wir auch, dass das Kind in der Krippe in Liebe gepflegt, herangewachsen ist und zum Retter der Welt geworden ist – auch gestorben und zu neuem Leben auferstanden ist.
Genau diese Erkenntnisse stärken uns im Vorstand der Christlichen Sozialbewegung KAB mit Hoffnung und Zuversicht. Da ermuntern die Stellen in der Bibel besonders, wo es heisst, dass durch Sterben neues Leben entsteht. So wie die KAB (und nicht nur die KAB) heute dasteht, sind Ende und Auflösung in Sichtweite vor uns. Kann da wirklich nur Sterben das Letzte sein? Wie ist da die Parallele aus dem christlichen Glauben zu verstehen, wo versprochen wird, auf eine neue Art und Weise weiterzuleben? Haben nicht genau wir eine Chance, erneuert und umfassender in einem neuen Kleid (z.B. Kollektiv) weiterzuleben? Sollte wirklich zu Ende gefahren werden, wie verabschieden wir uns dann?
Im vergangenen Herbst haben wir im Vorstand eine Klausurtagung einberufen und Ideen gesammelt, wie der KAB-Gedanke weiter gepflegt und gelebt werden könnte. Welche Möglichkeiten könnten da in Frage kommen? Was würde in der Gesellschaft von heute fehlen, wenn es keine KAB mehr gäbe? Fragen über Fragen. Antworten dazu lösen sich hier mit Realitäten und Visionen ab. Weitere Beratungen sind unumgänglich.
Liebe Leserin, lieber Leser, das sind meine Gedanken beim Träumen an der Krippe 2022. Das Kind darin wird mir keine direkte Antwort geben, aber ganz gewiss Zuversicht und Vertrauen, denn es flüstert auch zu mir: «Lass das mit dem Geschenk an mich, ich will ein Geschenk von dir, bring alle deine Scherben zu mir, versprichst du mir das? Ich will dir helfen.»
Zuversicht und gesegnete Weihnachten wünscht euch allen das Team vom Vorstand der Christlichen Sozialbewegung – KAB.
Franz Dahinden, Vorstandsmitglied KAB Schweiz, Präsident KAB AG