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In den Tiefen des Zürichsees wird das Wasser wärmer. Gleichzeitig sorgten heftige Winterstürme für die Durchmischung des Seewassers. Die Folgen für die Biodiversität sind (noch) nicht absehbar.
von Angela Bernetta
Dass die Wasseroberfläche des Zürichsees immer wärmer wird, darüber wurde schon oft berichtet. Nun stellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anlässlich einer Routinemessung einen Temperaturanstieg auch im kalten Tiefenwasser fest. «Das ist aussergewöhnlich», bestätigt Thomas Posch, Professor für Gewässerbiologie an der Limnologischen Station der Universität Zürich in Kilchberg. «Nach einem heftigen Wintersturm fuhren wir im Februar mit dem Boot hinaus auf den See», schildert er die Ereignisse. «Wir vermuteten, dass diese Wetterverhältnisse Grundlegendes bewirken könnten.» Die Forschenden ankerten wie gewöhnlich zwischen Erlenbach und Thalwil, an der mit 135 Metern tiefsten Stelle im Zürichsee, und entnahmen Wasserproben aus den Seeschichten. «Wir untersuchen so die Entwicklung und die Qualität des Seewassers», ergänzt Thomas Posch. «In einer Tiefe von 120 Metern stellten wir erstmals einen Temperaturanstieg von einem Grad fest.» Gleichentags bemerkte auch die Wasserversorgung Zürich bei einer Routinemessung, dass die Temperatur im Tiefenwasser von 4 auf 5 Grad angestiegen ist. Sie glich sich so jener der oberen Wasserschicht an, die zu diesem Zeitpunkt etwa 6 Grad betrug. «Der Temperaturanstieg ist wohl einem weiteren warmen Winter und der Klimaerwärmung geschuldet. Kräftige Winterstürme sorgten dann dafür, dass sich die Wasserschichten im Zürichsee vollständig durchmischten.»
Kaum durchmischt
«Im Winter erreicht die gesamte Wassersäule im Zürichsee idealerweise 4 Grad», erklärt Thomas Posch. Damit sei die maximale Wasserdichte gegeben, die, angetrieben von leichten Winden, eine Volldurchmischung des Seewassers voraussetzt. «Dabei gelangt das sauerstoffreiche Oberflächenwasser in die Tiefe, und sauerstoffarmes, aber nährstoffreiches Tiefenwasser wird an die Oberfläche transportiert. Kleinstlebewesen am Seegrund werden so mit genügend Sauerstoff, kleine und grosse Organismen an der Oberfläche mit neuen Nährstoffen versorgt.»
Wegen der Klimaerwärmung sorgten in der Vergangenheit allerdings milde Winter dafür, dass das Seewasser an der Oberfläche lediglich auf etwa 6 Grad abkühlte und auf dem 4 Grad kalten Tiefenwasser liegen blieb. «Der Temperaturunterschied bewirkte, dass der Zürichsee zwischen 2013 und 2017 nicht vollständig durchmischt werden konnte.» Die Vollzirkulation von Sauerstoff und Nährstoffen blieb aus, Kleinstlebewesen und Fische bekamen weniger Nahrung. «Die Fischer beklagten sich über einbrechende Fangerträge, bekundeten, der See sei zu sauber, ja möglicherweise zu intensiv saniert worden», so Thomas Posch. Die Fische waren zwar da, wie Statistiken der kantonalen Fischereiverwaltung belegen. Doch sie schwammen wegen des Futtermangels überall verstreut im See herum oder waren noch zu klein, um in die Netze zu gehen. «Wie sich die aktuelle Situation auf die Fischpopulation auswirken wird, dürfte man in zwei bis drei Jahren sehen.»
See als Energiequelle nutzen
«Seit Längerem erleben wir jährlich neue Wetterphänomene und Temperaturrekorde», sagt Thomas Posch. «Nun sorgen seit zwei Jahren heftige Winterstürme für ein neues Durchmischungsmuster im Zürichsee.» Grund genug, den Sachverhalt zu prüfen und herauszufinden, welche Auswirkungen dieses Phänomen längerfristig auf die Biodiversität des Gewässers haben wird. «Interessant wäre beispielsweise zu erforschen, welche Organismen sich bei einer kontinuierlichen Erwärmung des Tiefenwassers auf 10 bis 11 Grad entwickeln.» Die Infrastruktur für solche Versuche sind in der Kilchberger Station gegeben, entsprechende Anträge beim Bundesamt für Umwelt (BAFU) eingereicht.
Auch als Wärmeenergiequelle und als Wärmeenergiespeicher dürfte der Zürichsee immer interessanter werden. «Es überrascht mich, was man darüber alles liest», so Thomas Posch. «Bis heute hat sich diesbezüglich allerdings noch niemand mit der Limnologischen Station in Verbindung gesetzt.» Dies sei umso erstaunlicher, da die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dem Ökosystem von Binnengewässern bestens vertraut sind und über gebündeltes Fachwissen verfügen.
«Viele wissen ohnehin nicht so genau, was unter der Seewasseroberfläche vor sich geht.» Dem begegnen Thomas Posch und sein Team mit aufklärenden Aktionen und Vorträgen, wie beispielsweise im kommenden Oktober im Rahmen einer Veranstaltung des Kilchberger Tauchclubs Glaukos. Oder am Tag der offenen Tür, wie ihn Naturschutz Kilchberg regelmässig im Navillegut durchführt. «Wer Interesse an der Limnologischen Station hat, kann sich bei uns melden. Gerne führen wir Interessierte in die lebendige Welt der Binnengewässer ein.»