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Vulvodynie: Ursache suchen und interdisziplinär behandeln
Am Jahreskongress der SGGG*-berichtete Dr. Leen Aerts, Hôpitaux Universitaires Genève, über diagnostische und therapeutische Aspekte, wobei man grundsätzlich zwischen Vulvaschmerzen mit spezifischer (behandelbarer) Ursache und der Vulvodynie unterscheiden muss.
Bei Frauen unter 30 Jahren ist eine Vulvodynie die häufigste Ursache für Schmerzen im Zusammenhang mit sexuellen Aktivitäten. Schätzungen gehen davon aus, dass 8 % der Frauen zwischen 18 und 40 Jahren betroffen sind. Solche persistierenden Schmerzen in der Vulvaregion können eine klar umschriebene Ursache haben: Dazu zählen vor allem rezidivierende Candida- und Herpes-Infektionen, Entzündungsprozesse aufgrund eines Lichen sclerosus oder Lichen planus, Neoplasien, sowie neurologisch oder traumatisch bedingte Läsionen. Diese gilt es differenzialdiagnostisch abzuklären und wenn möglich kausal zu behandeln.
Generalisiert von lokalisiert unterscheiden
Von einer Vulvodynie spricht man, wenn Vulvaschmerzen mindestens seit drei Monaten bestehen, ohne dass sich eine klar identifizierbare Ursache finden lässt. Nicht selten bestehen noch andere Schmerzsyndrome (painful bladder syndrome, Fibromyalgie oder ein Reizdarm-Syndrom). Assoziierte biopsychosoziale Faktoren, Stimmungsstörungen und interpersonelle Probleme sind keine Seltenheit. Zu unterscheiden ist zwischen einer generalisierten und einer lokalisierten Form sowie zwischen einer durch Berührung provozierbaren und einer unabhängig davon bestehenden Vulvodynie. Mischformen kommen ebenfalls vor. Ausserdem existieren eine primäre, früh beginnende und eine sekundäre, erworbene Form der Vulvodynie.
Vulvodynie beeinträchtigt auch die Lebensqualität
Die Ätiologie ist multifaktoriell, mit Beteiligung von biomedizinischen, psychologischen, interpersonellen und sexuellen Faktoren. Da von der Vulvodynie sämtliche Aspekte des Sexuallebens betroffen sind, muss mit Beeinträchtigungen des psychischen Wohlbefindens, der Partnerbeziehung und der allgemeinen Lebensqualität gerechnet werden.
Biomedizinische Faktoren: Die Rolle der hormonalen Kontrazeption als begünstigender Faktor für die Entwicklung einer Vulvodynie wird bisher kontrovers diskutiert. Entzündungsprozesse, neurologische Mechanismen und muskuloskelettale Faktoren können beteiligt sein.
Psychologische Faktoren: Frauen mit Angststörung leiden viermal häufiger unter einer Vulvodynie als Frauen, die keine derartigen Probleme angeben. Körperlicher oder sexueller Missbrauch wird sechsmal häufiger berichtet. Zudem erwähnen Frauen mit Vulvodynie häufiger ein negatives Körperbild, geringes Selbstbewusstsein, Scham- und Schuldgefühle und eine hypochondrische Tendenz im Hinblick auf Schmerzen.
Sexuelle Faktoren: Die sexuelle Funktionsfähigkeit ist durch geringeres sexuelles Verlangen, beeinträchtigte sexuelle Erregbarkeit und Schwierigkeiten, zum Orgasmus zu kommen, charakterisiert. Darüber hinaus kann ein Vermeidungsverhalten bestehen, gekoppelt mit negativer Einstellung, Angst und geringem Vertrauen in die eigene Sexualität. Viele junge Frauen haben jedoch trotz der Vulvodynie weiterhin Geschlechtsverkehr, weil sie sich als normale Frau fühlen und die Bedürfnisse des Partners erfüllen wollen. Sie fürchten, den Partner zu verlieren, wenn es mit dem Geschlechtsverkehr nicht klappt.
Interpersonelle Faktoren: Die Interaktion und Kommunikation mit dem Partner kann sich modulierend auf die Vulvodynie auswirken. Zeigt der Partner ein empathisches Verhalten, welches das Coping begünstigt, können sich Vulvodynie und sexuelle Zufriedenheit bessern.
Therapieziele mit der Patientin festlegen
In einer Studie berichteten Frauen, dass sie drei und mehr Ärzte konsultiert haben, bevor die Vulvodynie diagnostiziert wurde. Ausserdem stellte sich heraus, dass viele Frauen mit der gynäkologischen Untersuchung negative Erfahrungen gemacht hatten. Empfohlen wird, dass die Patientinnen die Untersuchung mithilfe eines Spiegels verfolgen können und interaktiv erläutert bekommen, was gemacht wird und weshalb.
Wenn sich die Verdachtsdiagnose bestätigt, sollte man den Frauen versichern, dass die Schmerzen von einer Vulvodynie herrühren und real existieren. Dann sollten gemeinsam die Therapieziele formuliert werden.
Es braucht in aller Regel ein individualisiertes Therapiekonzept und oft einen multidisziplinären Ansatz. Nur so kann den körperlichen, emotionalen, sexuellen und Beziehungs-Aspekten adäquat Rechnung getragen werden, die zum Gesamtbild der Vulvodynie beitragen.
Als Therapeutika kommen lokal antiinflammatorische und antinozizeptive Wirkstoffe wie Lidocain sowie topische Sexualhormone infrage. Zur systemischen Therapie können trizyklische Antidepressiva, SNRI und Antikonvulsiva wie Gabapentin, Pregabalin oder Lamotrigin eingesetzt werden – am besten im Rahmen eines multidisziplinären Managements.
* Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe