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Das Werk von Henry R. van Til (1906-1961), dem Neffen des berühmten Cornelius van Til, ist dessen einziges und – gemäss Vorwort von Richard Mouw – bewährtes Lehrbuch für die Einführung in das neocalvinistische Verständnis der Beziehung zwischen Christentum und Kultur. Gleichzeitig fasst es die Rezeption des American Dutch Calvinism einige Jahrzehnte nach dem Ableben der Gründer zusammen. Van Til, der einen Lehrauftrag am Calvin College innehatte und eine Dissertation in Amsterdam wegen dem Zweiten Weltkrieg abbrechen musste, war Sohn eines arbeitsamen Farmers und Autodidakten. Dass er sein Buch um die Mitte des 20. Jahrhunderts schrieb, wird auch an den regelmässigen Zitaten von Brunner, Niebuhr und Tillich deutlich. Mouw weist darauf hin, dass er hingegen Herman Hoeksema und dessen Beitrag zum Thema vollständig ignorierte.
Wie ist das Buch aufgebaut? Nach einer zügigen Hinführung zum Thema definiert van Til einige Hauptbegriffe. Er setzt sich dann mit Augustinus, Calvin, Abraham Kuyper und Klaas Schilder als wesentlichen Christ-Kultur-Interpreten auseinander. Im dritten Teil fügt er eine eigene Beurteilung an.
Van Til macht seinen Standpunkt gleich zu Beginn des Buches deutlich. Er zeigt sich als überzeugter neocalvinistischer Vertreter. Die Bewegung habe „die einzige Theologie der Kultur“ hervorgebracht, die „wirklich relevant ist für die Welt, in der wir leben, weil sie die wahre Theologie des Wortes darstellt“ (169; Kindle-Position). Das Grunddilemma gibt er in einem Satz nach Johannes 17 wider: Der Christ ist in der Welt, aber nicht von der Welt (183). Ebenso gibt er ohne Umschweife zu bedenken, dass es keine Voraussetzungslosigkeit für das Denken und Handeln gibt. Für ihn gilt eben die neocalvinistische Welt- und Lebenssicht. Er äussert grosse Besorgnis vor einem pietischem Rückzug aus der Welt und baptistischer Verneinung des Kulturmandats. (Diese Befürchtung würde ich heute eher umgekehrt formulieren.)
Zuerst gilt es die Begriffe zu definieren. Was heisst „Kultur“? Van Til versteht darunter die Aktivität des Menschen als Ebenbild Gottes, durch welche er sein Schöpfungsmandat erfüllt. Worin besteht dieses Mandat? Es geht darum, die Erde zu kultivieren, zu beherrschen und sie sich zu unterwerfen (118). Der Mensch ist kulturbildendes Geschöpf. Er verfügt über Wille, Privileg und Kraft um dieses Mandat auszuführen (463). In welcher Beziehung stehen Religion und Kultur zueinander? Weil der Mensch ein religiöses Wesen ist, muss auch die Kultur religiös orientiert sein (354). Religion besteht in der Bundesbeziehung zwischen Gott als Herrn und seinem Ebenbild, dem Menschen. Es ist daher unmöglich der Kultur zu entrinnen. Der Mensch wirkt entweder in einer Gott verherrlichenden und entehrenden Art und Weise. Gott der Herr verlangt von ihm beides: Kultus (Anbetung) und Kultur (Arbeit).
Drittens nimmt van Til Stellung dazu, was mit „calvinistisch“ gemeint ist. Er nennt mehrere herausragende Merkmale:
- Ein tiefes Bewusstsein für die Herrlichkeit Gottes, vor dem sich unser gesamtes Leben abspielt
- Die direkte und absolute Souveränität Gottes über alles Geschaffene
- Ein besonderes Augenmerk auf dem Einfluss der Sünde auf den Verstand
- Die Schrift als Rahmen zur Interpretation der gesamten Wirklichkeit
Van Til geht dann zu einer kurzen Beschreibung des wesentlichen Einschnitts im heilsgeschichtlichen Metanarrativ, nämlich dem Sündenfall, über. Nicht die Struktur des Menschen an sich wurde verändert, sondern seine Richtung. Durch den Bruch und die Desintegration, den der Sündenfall hervorrief, ging dem Menschen der Sinn des Ganzen verloren. Diese Abschnitte stellen für mich einige der besten Passagen des Buches schlechthin dar (siehe dieser Post).
In seinem historischer Rundgang wichtiger christlicher Kulturinterpreten beginnt van Til bei Augustinus. Er beschreibt ihn als Begründer der geistlichen Antithese und Kulturtransformatoren. Die Kultur muss von christlichen Prinzipien durchdrungen und verändert werden. Das hält Gott jedoch nicht vom Gericht über die korrupte und abgefallene Kultur der gegenwärtigen Welt ab. Augustinus behielt stets die Lehre der Schöpfung und des Sündenfalls im Auge, wenn er sich auch nie ganz vom Platonismus lösen konnte. „Er überwand unzweifelhaft die Gefahr einer Synthese mit heidnischem Gedankengut.“ (1168)
Calvin besass einen „tiefen Sinn für Gott in seiner Majestät“. Er war sich deshalb bewusst, dass das menschliche Leben ununterbrochen vor Gottes Angesicht stattfindet (1262). Zudem war er eifriger Verfechter der Einheit der evangelischen Christenheit und befreite den ganzen Bereich der Kultur aus den Armen der Kirche. Der Christ als Gottes Befreiter macht im Glauben und in Unterordnung unter Gottes Gebote Gebrauch von dieser Welt.
Kuyper teilt der Allgemeinen Gnade die Rolle zu, die Entwicklung der Schöpfung, der Geschichte und der Kultur überhaupt möglich zu machen (1649). Das ist die progressive Seite der Allgemeinen Gnade. Andererseits hält sie Sünde zurück. Zudem bildet sie die Operationsbasis für die spezielle, rettende Gnade. Kuyper wendet Offb 21,26 dahingehend an, dass die Errungenschaften der Kultur abzüglich dem Einfluss der Sünde in die Ewigkeit eingebracht werden. Die Form dieser Welt mag vergehen, die Substanz bleibt bestehen. Es besteht ein zwiefacher Einfluss der speziellen auf die allgemeine Gnade: Der christliche Glaube brachte das Leben zum Blühen (indirekter Einfluss); der erlöste Mensch ist zudem eine neue Kreatur (direkter Einfluss). Vor allem im Feld der Bewertung empirischer Daten, so die Überzeugung Kuypers, wirkt sich die spezielle Gnade stark aus. Es gibt nur eine Wahrheit, nicht eine religiös-ethische und eine wissenschaftliche. Allerdings ist die Wissenschaft durch nicht-wiedergeborene Menschen dominiert. Das macht christliche Wissenschaft und Institutionen nötig. Diese sollen andererseits auch nicht von der Kirche dominiert werden. Der wiedergeborene Mensch muss Pro Rege, für den König, in allen Bereichen leben. Das macht die Einrichtung von christlichen Organisationen nötig. Das Verhältnis zwischen allgemeiner und spezieller Gnade kann jedoch bei Kuyper nicht gänzlich geklärt werden. (Dazu ist auch von anderen Autoren wie A. A. van Ruler, Herman Ridderbos, Jochen Douma viel dazu geschrieben worden.) Van Til: „Das letzte Worte über die Kuypers Lehre der Allgemeinen Gnade ist noch nicht gesprochen worden.“ (1918)
Klaas Schilder verwarf den Begriff der Allgemeinen Gnade. Für ihn war Christus der Schlüssel in der Frage der Kultur. Durch Christus wird nämlich Natur und Geschichte in ihrem ursprünglichen Zweck wiederhergestellt. Der Mensch war anfänglich als Gottes Amtsträger, als sein Prophet, König und Priester eingesetzt worden. Der gefallene Mensch hat den Vorgang der Kulturentwicklung von seinem wahren Ziel abgelöst. Er liebt die Mittel anstelle der Absicht und arbeitet an Fragmenten, weil ihm die grundsätzliche Einheit aller Dinge fehlt. Christus schafft neue Kreaturen, die erneut ihren kulturellen Auftrag erfüllen können. Der Auftrag wird also nur dort richtig ausgeführt, wo Gottes Wille gehorcht wird. Rückzug vom Kulturmandat ist Sünde. Wichtig für Schilder ist das Verständnis über die Zeit nach dem Sündenfall. Im Gegensatz zu Kuyper betrachtete er die Verlängerung nicht als Gnade, sondern als Zeitraum um „sowohl Himmel als Hölle zu füllen“ (1978). Schilder hat stets eine eschatologische Endkatastrophe vor Augen, die den Sabbat Gottes bringen würde. Der Zeitraum zwischen den zwei Paradiesen dient Christus zu dessen Werk als Erlöser und Richter. Der Wert der Kultur besteht letztlich nicht in den Produkten, sondern in der Vorbereitung der Arena für Christus und den Antichristen. Van Til folgt Schilder weitgehend, abgesehen von seiner stark eschatologischen Deutung und seiner Geschichtsphilosophie.
Im dritten Teil erarbeitet van Til eine eigene Position zu sieben Fragestellungen betreffend einer calvinistischen Kulturtheorie.
- Das Wort Gottes hat letzte und absolute Autorität. Es ist der finale Referenzpunkt für das Denken, Wollen und Handeln des Menschen, für Kultus und Kultur. Es gibt den Gesamtrahmen für die Deutung des Spektrums der Realität vor. Es zeigt nicht nur den Weg zum Heil auf, sondern dient auch das Quellenbuch für den Menschen als Kultur schaffendes Geschöpf.
- Der Glaube ist die Antwort des Menschen auf das objektive Zeugnis, der Weg, auf dem Gottes Zeugnis zum Einzelnen gelangt. Glaube ist kein separates Organ, sondern die höchste Funktion des Menschen. Dieser verfügt über zwei Modi: Glaube oder Unglaube. Demnach ist jede Kultur in eine Art von Glaube eingebettet.
- Die Antithese findet ihren Ursprung im Bund Gottes mit dem Menschen. Dieser ist entweder diesem Bund gehorsam oder ungehorsam. Es ist die Taktik des Satans, die Antithese aufzuweichen und die Erlösten in falschem Glauben zu lassen. Es gibt jedoch keine Versöhnung zwischen Belial und Christus. Während die metaphysische Situation für alle dieselbe ist, betrifft der Gegensatz die Erkenntnis des Glaubens.
- Welcher Art ist also die Beziehung des Christen zur Welt? Dies zu klären ist ein Hauptziel des Buches. Die Schöpfung ist an sich nicht böse, sondern leidet unter den Auswirkungen der Sünde. Wir sollten sie deswegen nicht verachten, sondern sie als Geschenk Gottes zu seiner Ehre nutzen. Es besteht jedoch eine ethisch-geistliche Trennung zwischen der Kirche und der Welt. Das Leben eines Himmelsbürgers unterscheidet sich darum insgesamt von dem eines Weltbürgers. Es gibt keine Neutralität.
- Christus steht im Zentrum der Geschichte. Er gibt ihr den Sinn vom Anfang bis zum Ende. Darum ist es angemessen vom Begriffspaar „Christus und Kultur“ zu sprechen. Christus ist nicht nur der ewige Logos, sondern auch der Vermittler im aktiven Gehorsam während seines Lebens sowie im passiven Gehorsam durch die Hingabe am Kreuz. Christus als Erlöser zu bekennen, aber seine Herrschaft im Bereich der Kultur abzulehnen ist eine Verneinung seiner Königsherrschaft. Christus als König stellt unser ursprüngliches Erbe als kulturelle Geschöpfe wieder her.
- Die kulturelle Aktivität des Menschen muss folglich als Dienst gegenüber Gott gesehen werden. Dies ist seine Berufung. Arbeit darf nicht verachtet werden. Der Christ soll sich nicht zurückziehen, sondern in der Welt seines Vaters aktiv werden. Er lebt diese Berufung im demütigen Bewusstsein, dass er zu allem die Sicht Gottes benötigt. Mit dieser Perspektive ausgerüstet wird seine Tätigkeit Frucht bringen und ihn nicht korrumpieren oder demoralisieren.
Im letzten Kapitel kommt van Til nochmals auf den Begriff der „Allgemeinen Gnade“ zu sprechen. Er setzt ihn absichtlich in Anführungsstriche. Van Til möchte selbst eine Zwischenposition von Kuyper und Schilder einnehmen, die er beide als Extreme sieht. Für ersteren ist sie Grundlage der Kultur, zweiter verneint das gesamte Konzept. Die kulturelle Tätigkeit der Gläubigen stellt die Wiederherstellung des Schöpfungsauftrags dar (mit Schilder). Satan kann Gottes Werk nicht zerstören, weil Gott sowohl Satan als auch den nicht erlösten Sünder zurückbindet (mit Kuyper). Die Gnade ist nicht allgemein in dem Sinne, dass alle Menschen sie gleicherweise teilen, sondern sie betrifft die Segnungen des Lebens, an der alle teilhaben. Van Til sieht sich mit Calvin in einer Linie (Institutio II,3,4; II,2,15 und II,2,17). Schilder wende menschliche Massstäbe der Logik an, wenn er feststellt, dass Gott keine Liebe oder Gnade den nicht Wiedergeborenen zuwenden könne.
Wie bewerte ich das Buch? Ich bin trotz beträchtlichen Vorkenntnissen (oder vielleicht gerade deshalb) nicht gleich damit warm geworden. Es gibt insgesamt einen guten Einblick in die Denkweise von Vertretern des „American Dutch Calvinism“. Insgesamt werden jedoch viele Themen kurz angerissen, die durch die Breite der Erörterungen nicht weiter verfolgt werden können. Augustinus und Calvin werden als Kulturtransformatoren hingestellt. Zumindest ist es gut zu wissen, dass auch andere Interpretationen geläufig sind. Mouw attestiert van Til einen liebevollen und begeisterten Umgang mit seinen Vorbildern.
Insgesamt bin ich persönlich eher von gegenteiligen Bedenken van Tils besetzt durch aktuelle Entwicklung: Vor lauter Diesseitigkeit und Anpassungsbedürftigkeit droht die Kirche in der Welt unter- und aufzugehen. Genau diesen Vorwurf müssen sich im Rückblick viele neocalvinistische Institutionen gefallen lassen. Nach kaum einer Generation waren sie im eifrigen Austausch mit der sie umgebenden Kultur unbemerkt dazu übergegangen ihre Prämissen zu übernehmen.