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Der bewusste Blick ins Wasser
In jedem Tourismus-Prospekt über die Schweiz wird mit rauschenden Bächen geworben, mit himmelblauen Seen und idyllischen Flusslandschaften. Wir sind stolz auf unsere Gewässer – sie gehören zu uns, wie die Berge und das weisse Kreuz auf rotem Grund. Die einst schlechte Wasserqualität hat sich enorm verbessert. Im Ausland vermissen wir, dass man gefahrlos aus dem Wasserhahn trinken kann und das Wasser auch noch gut schmeckt. Sich mit allerlei Formen von Gummibooten flussabwärts treiben zu lassen oder stehend auf einem Surfbrett zu allen Tageszeiten über einen See zu paddeln hat sich längst zum Volkssport entwickelt. Hört man sich auf der Strasse zum Thema Gewässer um, könnte man meinen, hier in der bunten heilen Welt von Bullerbü zu leben.
Die Realität sieht allerdings anders aus. Nicht mehr überall, wo Wasser fliesst, ist ein intaktes Ökosystem mit einem Netzwerk von Lebewesen vorhanden. Die Mehrheit der Schweizer Flüsse wurde in den vergangenen Jahrhunderten zur Landgewinnung und als Hochwasserschutzmassnahme begradigt. Zahlreiche Wasserkraftwerke verhindern eine freie Fischwanderung und machen aus einst freifliessenden Flüssen eine Aneinanderreihung von Stauseen mit völlig veränderten ökologischen Bedingungen. Nur 5 der 23 grössten natürlichen Schweizer Seen sind nicht reguliert und können damit natürliche Ufer ausbilden. Über 90 % der ursprünglichen Flussauen sind verschwunden. Mikroplastik und Rückstände von Medikamenten, Pestiziden und Düngemitteln aus der Landwirtschaft beeinträchtigen die aquatischen Lebensgemeinschaften, und der Klimawandel verschärft alle bestehenden Herausforderungen, indem er zu einer Erhöhung der Wassertemperatur und zu veränderten Abflussbedingungen führt.
Doch wir sind diesen Entwicklungen nicht hilflos ausgesetzt. Ein erster Schritt wäre, beim nächsten Spaziergang den bewussten Blick auf den Fluss oder den See vor der Haustüre zu richten: Sind die Ufer verbaut? Gibt es Pflanzen im und am Wasser? Gibt es Wanderhindernisse in Form von Abstürzen und Schwellen? Sieht das Gewässer vielfältig und dynamisch aus oder eingeengt und monoton? Im Gegensatz zu vielen anderen Umweltproblemen werden die Gewässer in der Schweiz meist als intakt wahrgenommen und dadurch munter weiter degradiert. Doch der Rückgang der Arten und der Anzahl an Individuen findet vor allem am und unter Wasser statt – also unsichtbar. Mit etwas Empathie und Achtung vor der Evolution ist jedoch klar, dass auch diese Welt geschützt werden muss. Achtsamkeit ohne darauffolgende gute Handlung ist wie kochen ohne zu essen – es bringt nur das halbe Glück. Das bestehende Gewässerschutzgesetz ist deshalb strikt umzusetzen und politischen Verwässerungsvorstössen gilt es entschieden entgegenzutreten. Den Gewässern ist wieder Raum zu geben, damit sie ihre natürliche Dynamik entfalten können und somit resilienter gegenüber dem Klimawandel werden. Der Einsatz ist lohnenswert, denn falls die Gewässer bald wieder frei atmen dürfen, wird das vielfältige Leben in ihnen zurückkehren.
Eva Baier ist Gründerin der Firma Fischwanderung.ch GmbH, mit der sie sich für den Gewässerschutz in der Schweiz einsetzt.