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Frage: Hallo Pete, gibt es einen zuverlässigen Weg, die Dicke der Sohle eines Pferdes zu schätzen?
Antwort: Sehr gute Frage!
Vor 20 Jahren war ich tatsächlich daraufhin ausgebildet, die Sohle so weit auszuschneiden, bis kleine Tröpfchen Blut zum Vorschein kamen (und ich sehe immer wieder Leute, die das auch heute noch tun). Ich realisierte aber bald, dass man, wenn Blut hervorkam, bereits mindestens 1.2cm zu tief geschnitten hatte. Man hat dann den gesamten natürlichen Schutz der Huflederhaut entfernt. Wenn man einen Huf trimmt, sollte man immeraufpassen, dass man diese 12 – 18 mm dicke Schutzschicht der Sohle stehen lässt; aber man muss auch alle Überstände wegnehmen, so dass der Huf so kompakt wie möglich sein kann, und seine Agilität aufrecht erhalten kann. Das heisst, dass die Schätzung der Sohlendicke entscheidend für eine kompetente Hufbearbeitung oder den Beschlag ist.
Wichtige Anmerkung: das allerbeste, was Sie tun können, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Schätzung! Falls Zweifel bestehen, oder wenn die Situation kritisch ist, lassen Sie immer Röntgenaufnahmen erstellen, um sicher zu sein. Wobei zu sagen ist, dass, auch wenn die best-möglichen Röntgenbilder zur Verfügung stehen, so ist es tatsächlich nur möglich, die Dicke der Sohle in jenem kleinen Bereich zu messen, den man im Bild im Profil sieht. Ausserdem zeigen die Bilder nur eine Momentaufnahme – also ist die Schätzung der Sohlendicke nach wie vor wichtig.
Der erste und wichtigste Schritt bei der Schätzung der Sohlendicke ist, ein Verständnis für die Beschaffenheit der inneren Strukturen des Hufes zu entwickeln. Das innere Fundament der vorderen Hälfte des Hufes ist Knochen; das Fundament der hinteren Hufhälfte ist flexibler Knorpel. Zusammen bilden sie eine Art Miniaturhuf, mit einer konkaven Sohle. Die Abdeckung dieses Knochen-Knorpel-Fundaments ist eine ca. 18mm dicke, sockenähnliche Schicht von lebendem, stark durchblutetem, nervenreichem Gewebe (vgl. Abb.1). Diese Schicht, das Corium (Lederhaut) muss immer gut geschützt bleiben.
Abb.1.
Ein Kadaver-Präparat.
So sieht der Huf aus, wenn die Lederhaut freigelegt wurde, wenn also die „Haut“ (die Hufwand, die Sohle, die Eckstrebe und der Strahl) entfernt wurden. Dieses ganze, höchst empfindliche Gewebe muss durch eine mindestens 12mm dicke Schutzschicht bedeckt bleiben, damit das Pferd sicher und schmerzfrei laufen kann. Wenn beim Ausschneiden auch nur ein winziger Blutstropfen erscheint, so ist einem ein signifikanter Fehler in der Beurteilung des Hufes unterlaufen – nicht nur ein kleiner Ausrutscher.
Photo aus dem Buch Care and Rehabilitation of the Equine Foot, Pete Ramey.
Die Beschaffenheit dieser inneren Strukturen kann unterschiedlich sein. Manche Pferde können eine mehr oder weniger konkave Sohlen-Fläche haben. Andere – besonders nach Hufrehe, oder Pferde mit steilen oder sogar Bockhufen – können ein „umgebautes“ Hufbein haben, wo besonders der Zehenbereich verändert ist. Aus diesem Grund sind Röntgenbilder wichtig, sogar für sehr erfahrene Sohlen-Schätzer. Aber die meisten Pferde haben eine generelle Form, die der auf Abb. 1 sehr ähnlich ist. Wenn Sie dieses Bild anschauen, achten Sie speziell auf die Gegend zwischen Strahl- und Sohlenlederhaut. Dieser Bereich formt die seitlichen Strahlfurchen – der Falz zwischen Strahl und Sohle, die man normalerweise mit dem Hufkratzer ausräumt. Die seitlichen Strahlfurchen sind wichtig für die Schätzung der Sohlendicke, denn in einem normalen Huf variiert die Dicke des Sohlenmaterials auf dem Grund der Strahlfurche kaum. Die tiefste Stelle in dieser Furche ist ca. 9mm von der Lederhaut, also vom „lebenden“ Gewebe entfernt, egal, ob der Rest der Sohle zu dick oder zu dünn ist. Das heisst, dass die Strahlfurchen auf der ganzen Länge recht geeignet sind, um das empfindliche Gewebe zu lokalisieren.
Ausnahmen: Nach einem Sohlenabszess können die seitlichen Strahlfurchenweiter von der Lederhaut entfernt sein. Strahlfäule (Pilz- oder bakterielle Infektionen) können die Hornschicht zerfressen, bis nahe oder sogar in die Lederhaut hinein. Seien Sie immer bereit, doch noch Röntgenbilder zu machen, wenn der Huf abnormale Zustände aufweist.
Wenn wir soweit alles zusammentragen, wissen Sie 1.) wie die inneren Strukturen aussehen, und 2.) wo sie im Huf sind. So wird es recht einfach, die Dicke der Sohle in jedem Bereich des Hufes zu schätzen.
Um diese Erkenntnis im Feld anzuwenden: stellen Sie sicher, dass es immer genügend Sohlenmaterial (ringsum, angrenzend an die Weisse Linie) hat, um die seitlichen Strahlfurchen mindestens 12mm (oder mehr) vom Boden abzuheben. Dies kann man messen, indem man den Huf aufnimmt und eine Raspel quer über den Huf legt _ in jede Richtung, je nachdem, welchen Teil der Sohle man anschauen will. Messen Sie mit einem dünnen Massstab von der Raspel zur tiefsten Stelle der seitlichen Strahlfurche (vgl. Abb.2). Die Strahlfurche sollte generell im hinteren Teil des Hufes tiefer sein (die Trachtenhöhe ist ein separates und komplexes Thema), und die Sohle im Zehenbereich sollte nie so weit ausgeschnitten werden, dass die seitliche Strahlfurche im Strahlspitzenbereich weniger als 12mm vom Boden entfernt ist – 15mm wäre noch besser, plus das zusätzliche Wachstum der Hufwand über das Sohlenniveau hinaus.
Abb. 2 Korrekte Lage der Raspel und des Massstabs, um die Dicke der Sohle in dem Bereich zu schätzen, in dem die Raspel aufgelegt wurde. Wenn die Distanz zur tiefsten Stelle der Furche 12-18mm beträgt, so hat man sehr wahrscheinlich genügend Sohlenmaterial, die die inneren Strukturen bedeckt (vorausgesetzt, der Tragrand ist auf Sohlenhöhe. Bei Wandüberstand über der Sohle muss diese Höhe dazugerechnet werden. Anm.d.Übers.)
Photo aus dem Buch Care and Rehabilitation of the Equine Foot, P. Ramey.
Abb.3
Abb.4
Diese Zeichnungen eines Hufes, der direkt hinter der Strahlspitze quer geschnitten wurde (wie wenn die Zehenspitze gekappt wurde und Sie von vorne darauf sehen würden). Man sieht das Hufbein, die umgebende Lederhaut (Corium), die Hufwand, das schützende Sohlenhorn, und Strahlmaterial. Beachten Sie in Abb.3, dass die Strahlfurche sehr nahe am Boden wäre, weil die Sohle in der Nähe der Hufwand sehr dünn ist. In Abb.4 ist die Sohle dicker, und hebt die seitliche Strahlfurche mehr vom Boden ab.
Zeichnungen von Karen Sullivan, aus dem Buch Care and Rehabilitation of the Equine Foot von Pete Ramey.
Wenn Sie einmal so weit sind, dass Sie mit Hilfe der seitlichen Strahlfurchen die Sohlendicke visualisieren können, wird Sie der nächste Schritt noch geschickter machen und einigermassen befähigen, Umformungen des Hufbeins und/oder dünne Bereiche der Sohle zu erkennen. Die Hufsohle tendiert dazu,die Lederhaut (Abb.1) wie eine Hornhaut in einer ziemlich gleichmässigen Dicke zu bedecken. Daher sollte die Sohle, die Sie sehen, wenn Sie den Huf aufnehmen, konkav in einer gleichmässigen Schalenform sein, ohne flachere Bereiche angrenzend an die Weisse Linie. Wenn Sie sehen, dass eine Sohle dort aussen flach statt konkav ist, habe Sie entweder 1.) ein Gebiet mit dünnerer Sohle in diesem flachen Bereich, oder 2.) ein umgeformtes Hufbein in dieser Region. Generell braucht es ein Röntgenbild, um diese beiden Zustände voneinander abzugrenzen; aber so oder so sollte dieser Bereich sehr wahrscheinlich nicht noch mehr ausgedünnt werden, als er es schon ist.
Wenn diese beiden Methoden (die Höhe über den seitlichen Strahlfurchen, und die Beurteilung der Sohlenwölbung) kombiniert werden, so gibt das eine recht zuverlässige Schätzung der Sohlendicke über der ganzen Hufunterseite – Sie können selber sehen, ob Ihr Bearbeiter die Sohle Ihres Pferdes zu sehr ausdünnt, oder ob er Bereiche des Hufes ausschneidet, die bereits zu kurz sind. Wenn Sie lernen, die Sohle zu lesen, wird das auch dazu beitragen, dass Sie Ihr Pferd vor Problemen bewahren können. Es erlaubt Ihnen zu bemerken, wenn die Hufe zu sehr abgelaufen werden, oder wenn das Wachstumspotenzial der Hufsohle zu gering ist. Schützen Sie diese Hufe mit weniger abrasivem Terrain und/oder einem Hufschutz, bevor ihre sensiblen Gewebe geschädigt werden.
Originaltitel: Pete Ramey:Reading Sole ThicknessHorseback Magazine Juni 2013
Übersetzung mit freundlicher Genehmigung vom Autor Pete Ramey, www.hoofrehab.com
© Pete Ramey