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Ästhetische Sensibilität
Ästhetische Sensibilität muß man sowieso mit größter Skepsis betrachten. Es verbirgt sich hinter ihr oft eine Seichtigkeit, eine Oberflächlichkeit: Sich mit schönen Dingen zu umgeben, ist in Wirklichkeit oft nichts anderes als eine Form der Abwehr gegen die Realitäten der Psyche, insofern sie Negatives beinhält.
Im Kunstwerk gelingt ganz sicher etwas, was bei Freud, denke ich bereits sehr gut beschrieben wurde: Das Individuum kann etwas schaffen, was in äußerer Realität nicht möglich wäre. Es kann sich über die Begrenzungen äußerer Realität erheben und damit das Realitätsprinzip ausschalten. Gleichzeitig jedoch muß es sich besonderen Bedingungen unterwerfen oder muß diese respektieren, um zm Kunstwerk werden zu können; im Gegensatz zum oberflächlich Ästhetischen. Er muß das respektieren, was man als psychische Wahrheit bezeichnen könnte. Damit will ich sagen, daß im Kunstwerk etwas sich ereignet haben muß, das dieser Wahrheit entspricht, ihr entgegenkommt oder es zum Audsruck bringt. Es ist diese Wahrheit, von der man sich angesprochen fühlt und die einen betroffen machen kann.
Natürlich gibt es hier unendlich viele Varianten von dem, was diesem Anspruch entspricht. Wenn man offen genug ist, macht man unweigerlich die Erfahrung, von Dingen angesprochen zu werden, die nicht unbedingt oder überhaupt nicht unter die Kategorie eines Kunstwerks fallen würden. Es gibt hier Bereiche, die keinen Platz finden in klassischer Ästhetik oder in der Vorstellung, von dem, was ein Kunstwerk ist. Eric Clapton zum Beispiel hat sicher keinen Platz neben Beethoven oder Mozart: Gleichzeitig ist es eine unbestreitbare Tatsache, daß man sich von seiner Musik zutiefst angesprochen werden kann. (Das geschieht mit Millionen, und man kann ihnen nicht nur mangelnden Geschmack oder fehlende Musikalität vorwerfen. Tatsächlich verstehen sie mehr als diejenigen, die sich auf Klassisches versteift haben.)
Es gibt ohne Zweifel Gefühle oder Dimensionen von Gefühlen, die von klassischer Musik nie und nimmer erfaßt oder ausgedrückt werden. Für diese Dimensionen sind andere Musikformen zuständig. Ich zweifle für keinen Augenblick daran, daß
Der Platz für die Sentimentalität
Musik als Abwehr, als Droge, als Betäubungsmittel, als Hintergrundgeräusch, um der Erfahrung der Isolierung, Einsamkeit und Absurdität der eigenen Lebenssituation oder der Lebens selbst entgehen zu können. Musik als permanentes Wiegenlied, das einen beruhigen, beschwichtigen, ablenken und einschläfern soll. Die es einem ermöglichen soll, den Traum vom ewigen Wohlsein weiterträumen zu können. Die es einem ermöglichen soll, nicht aufwachen zu müssen zur Erfahrung der Getrenntheit, Einsamkeit, Isolierung und die einem nicht hilft, die Trauer anzugehen, die den einzigen Ausweg anbieten könnte.
Vielleicht könnte man sagen, daß Kunstwerke es einem ermöglichen, mit den Realitäten des Lebens, vor allem der Trauerarbeit, umzugehen. Daß sie es nicht vermeiden, einen in Untiefen zu führen. Andere, weniger “gelungene” ästhetische Formen
Man darf Kunstwerke nicht überschätzen: Sowohl in ihrem Wert an sich, als auch in ihrer Auswirkung. Oft oder fast immer entschlüsseln sie sich nur in ihrem tieferen Studium, im oft schmerzlichen Bemühen um ihr Verständnis.
Öffentlicher Kunstgenuß beruht auf einem totalen Mißverständnis. In diesem organisierten Kunstgenuß,
Wer sich mit Ästhetischem “umgibt”, scheut sich vor dem gewöhnlichen Leben.