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Klimaerwärmung: Gefahr für das «Wasserschloss» Schweiz?
Wie steht es um das «Wasserschloss» Schweiz, wenn die Temperaturen in Zukunft steigen, die Niederschläge aber sinken? Unser Wasserhaushalt, Schneehöhe und Landwirtschaft sind bereits heute schon stark davon betroffen, und die Lage wird sich bis 2100 noch verschärfen. Ein Interview mit Dr. David Volken, Hochwasser- und Gletscherexperte beim Bundesamt für Umwelt (BAFU).
Wie macht sich bei uns der Klimawandel im Hinblick auf Wasserressourcen schon heute bemerkbar?
In der Schweiz ist die Temperatur um durchschnittlich 1.5 Grad seit 1850 (Ende der Kleinen Eiszeit) angestiegen. Im Vergleich mit dem globalen Mittel, ist die Erwärmung in der Schweiz damit doppelt so hoch. Dies hat bereits heute Auswirkungen auf die Schneefallgrenze, die in der Schweiz um durchschnittlich 200 bis 300 m in den letzten 150 Jahren angestiegen ist. Damit fällt ein immer grösserer Anteil des Niederschlags in Form von Regen und fliesst sofort ab. Dies macht sich im Hochgebirge vor allem im Sommer bemerkbar, da es immer öfter auf vergletscherte Gebiete regnet und somit viel Schmelzwasser anfällt und somit die Hochwassergefahr vergrössert. Auf der anderen Seite sind die Schneemengen im Frühling und Frühsommer in den Voralpen und Alpen weniger mächtig. Somit fällt bereits heute weniger Schmelzwasser an, das die Bäche und Flüsse der Schweiz speist. Weil es in den letzten Jahrzehnten immer wärmer geworden ist, sind vor allem die Gletscher stark abgeschmolzen. Diese lieferten in der jüngsten Vergangenheit in Hitzesommern zusätzliches Schmelzwasser.
Müssen wir damit rechnen, dass unser Trinkwasser knapp wird?
Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas. Bis Ende Jahrhundert zeigen die Klimaszenarien, dass es in der Schweiz im Herbst und vor allem im Winter feuchter wird. Die Sommer werden in Zukunft trockener werden. In Kombination mit einer kleineren Schnee- und Gletscherschmelze und einer grösseren Verdunstung werden bis Ende Jahrhundert die Bäche und Flüsse im Spätsommer weniger Wasser führen. Das meiste Trinkwasser wird aber in der Schweiz aus dem Grundwasser gewonnen. Auch wenn in Zukunft die Grundwasserspiegel, gerade in sehr trockenen Jahren zurückgehen könnte, sollte in der Schweiz auch in Zukunft genügend Trinkwasser vorhanden sein. Dazu kommt, dass in der Schweiz die Trinkwasserversorgungen vielfach gemeindeübergreifend gut miteinander verbunden sind. Somit zahlt sich bei prekären Lagen dieses gute Verbundnetz aus. Zudem sinkt der pro Kopf Trinkwasserverbrauch in der Schweiz, dank Sparanstrengungen, wohl auch in der Zukunft noch weiter.
Was bedeutet das alles für andere Sektoren, z.B. Landwirtschaft oder Tourismus?
Wie bereits ausgeführt, werden die Sommer heisser und trockener werden. Der Sommer 2003 wird bis Ende Jahrhundert zu einem Standardsommer werden. Somit müssen wir uns heute bereits überlegen, wie wir das Wasser besser speichern können beispielsweise für die landwirtschaftliche Bewässerung. Die alpinen Wasserspeicher werden in Zukunft zu einer Mehrzwecknutzung überführt werden, sei dies für landwirtschaftliche Bewässerung oder für Schneeproduktion im Winter, um die Schneesicherheit auf den Skipisten sicherzustellen. Zudem kann bei der Landwirtschaft der Wasserbrauch durch Tropfbewässerung stark gesenkt werden oder es werden beim Acker- oder Obstbau Sorten angepflanzt, die weniger Wasser brauchen. Beim Wintertourismus ist das zentrale Element die Schneesicherheit. In einem wärmeren Klima werden tiefliegenden Skistationen zunehmend Probleme bekommen ihren Betrieb überhaupt noch aufrechterhalten zu können. Die Dauer für künstliche Schneeproduktion wird in Zukunft immer mehr abnehmen. Die Gewinner werden sicher hochgelegene Skiresorts wie Saas-Fee und Zermatt sein.
Wie sieht es im Jahr 2100 im Hinblick auf unser Wasser aus? Welche Szenarien gibt es?
Selbst wenn die Klimaszenarien, gerade beim Niederschlag, noch gewisse Unsicherheiten aufweisen, können klare Aussagen zur zukünftigen Entwicklung der Wasserressourcen in der Schweiz gemacht werden. Die Wasserressourcen werden nur geringfügig abnehmen, dafür aber anders übers Jahr verteilt sein. In den Alpen ist die Temperaturzunahme die wichtigste Einflussgrösse für die jahreszeitliche Verteilung der Abflüsse: Die Schneefallgrenze steigt an, während die winterlichen Schneereserven, die Gletschervolumen und die Gletscherflächen schwinden. Bis Ende dieses Jahrhunderts werden sich die Gletscher in den Schweizer Alpen weiter stark zurückziehen. Gletscher werden nur noch in den hochgelegen Gebieten der Berner und Walliser Alpen oberhalb 3000 m ü.M. zu finden sein. Je nach verwendetem Modell und Klimaszenario ist von einem Verlust von 60 bis 80 % der heute noch in der Schweiz vorhandenen Gletscherfläche auszugehen. Die grössten absoluten Massenverluste werden im Einzugsgebiet der Rhone prognostiziert, da dort am meisten Eis vorhanden ist. In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts werden sich die saisonalen Abflüsse markant verändern: Die immer kleiner werdende Gletscherflächen produzieren immer weniger Schmelzwasser und der über den Winter gespeicherte Schnee wird im Sommer früher geschmolzen sein. Aber auch die grossen Flüsse im Mittelland verändern sich entsprechend. Während heute die Niedrigwasserzeit im Winter beobachtet wird, ist in ferner Zukunft mit eher noch ausgeprägteren Niedrigwasserzeiten im Spätsommer zu rechnen. Umgekehrt muss im Winter mit deutlich höheren Abflüssen gerechnet werden. Deshalb verschiebt sich die potentielle Hochwasserzeit vom Frühsommer vermehrt in das Winterhalbjahr. Die Häufigkeit von mittleren (in den Voralpen und Alpen) bzw. grossen (im Mittelland und Jura) Hochwasserereignissen dürfte zudem in vielen Gebieten steigen.
Was ist Ihr Wasser-Klimatipp für uns?
Bereits der Philosoph Tales wusste es: «Alles ist aus dem Wasser entsprungen! Alles wird durch das Wasser erhalten!» Zusammengefasst heisst das: Wasser ist Leben. Ohne Wasser gibt es keine Nahrung, ohne Nahrung keine Existenz. Gehen wir in Zukunft sehr sorgsam mit der wichtigen Ressource Wasser um!
Titelfoto: Le Temps
Klimawandel in der Schweiz - Fotos von David Volken, BAFU:
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