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Die Römerstraßen in den Alpen
Dr. H. Dübi ( Section Bern ).
Die Römerstraßen in den Alpen Von I. Theil. Seealpen und Cottische Alpen.
In zwei frühern Arbeiten ( Jahrbuch des S.A.C. XVI, 463 ff. und XVII, 377 ff. ) habe ich den Versuch gemacht, zusammenzustellen, was wir von den Alpen in antiker, besonders römischer Zeit aus Schriftstellern, Inschriften und Denkmälern erfahren können; dabei wurden aber die Wege nicht besonders bezeich net, auf welchen einheimische und römische Cultur in Krieg und Frieden bei den alpinen Völkern sich bewegte. Und doch verdienen diese uralten Pässe eine eingehende Behandlung in hohem Maße. Denn unverwüstlich, wie Alles, was von diesem eisernen Volke stammt, sind die Straßenzüge, welche die Römer in die steinerne Gestalt der Berge geschnitten haben, und selbst der Ingenieur unserer technisch fortgeschrittenen Zeit bewundert die geniale Sicherheit, mit der sie die Schwierigkeiten der Natur in der zweckmäßigsten Weise überwanden. Sagt doch Herr Bavier in seinem trefflichen Werke über die Straßen der Schweizx ) ausdrücklich, daß im Straßenwesen der Alpen nach den Kömerzeiten nichts von Bedeutung geleistet worden sei bis in 's 19. Jahrhundert. Es ist natürlich, daß auch die Römer diese Uebergänge nicht eigentlich erfunden haben, sondern daß dieselben lange vor ihnen von Eingebornen begangen und von Handelsleuten benutzt waren, ja daß Einzelne derselben großen Völkerwanderungen als Pforten gedient hatten. Es ist dies ausdrücklich bezeugt von der Straße längs der ligurischen Küste durch die Seealpen, vom Mont Genèvre, dem Großen und Kleinen St. Bernhard, dem Brenner und den Pässen der Ostalpen, und ist sehr wahrscheinlich auch für die übrigen, die wir im Verlauf dieser Untersuchung kennen lernen werden. Herr Bavier behauptet, ich weiß nicht, mit welcher Autorität, Splügen, Julier, Bernhardin und Septimer seien schon mehrere Jahrhunderte vor Christo gebraucht worden; aber diese Straßen waren damals nur schlechte Saumpfade, dem Terrain folgend, ohne Kunstbauten oder erheblichen Aufwand, von ungenügender Breite und mangelndem Schutz gegen die Abgründe, auch Steinschlag und Lawinenzügen ausgesetzt. So sind manche in den Bergen noch bekannt; das Volk nennt sie „ Hochgesträß oder Eselsgassen ". An ihre Stelle traten die Kunstbauten der Römer, nach bestimmter Methode von den Legionen unter Beihülfe der Provinzialen gebaut und auf Kosten der letztern von den Kaisern unterhalten. Aber nach der Römerherrschaft verfielen sie wieder und der alte Zürich 1878.
Saumpfad trat da wieder ein, wo einst römische Heer- säulen und regelmäßiger Postenumlauf gewesen.
Nach dieser allgemeinen Einleitung wenden wir uns zur Betrachtung der besonderen Wege in den Alpen und schicken hier eine Erörterung der Quellen voraus, denen wir unsere Kenntniß dieser Wege verdanken. Nach der Vermessung des römischen Reiches unter Augustus hatte Agrippa, der Leiter dieses Werkes, das Resultat der Arbeiten in einem Commentar * ), Kosmographie genannt, zusammengestellt, von dem wir spärliche Trümmer bei Plinius und Strabo besitzen. Auch eine Weltkarte wurde nach seinen Commentarien angefertigt und zu Rom auf einer Wand der nach Agrippa's Schwester benannten Porticus Pollae auf dem Marsfeld angebracht. Copien davon existirten wohl in allen größern Städten; eine ist zu Autun noch im 3. Jahrhundert bezeugt.2 ) Verkleinerte dienten wohl als Handexemplare für Offiziere und Verwaltungs-beamte. Ein solches ist uns in der Nachzeichnung eines Colmarermönchs von 1264 erhalten und bekannt als Peutinger'sche Tafel, jetzt in der Wiener Hofbibliothek, wohin sie der Prinz Eugen schenkte.3 ) Sie besteht aus 11 Pergamentblättern, zusammen 1la Meter breit und 63/4 Meter lang, so daß sie „ weder über die relative Lage der Orte, noch über die Arealausdehnung Auskunft gibt, sondern nur die Details der Ortsdistanzen mittelst der beigeschriebenen Ziffern in gegenseitiger Verknüpfung nach allen Directionen hin abzulesen gestattet. " ( Kiepert. ) Man hat vermuthet, daß das alte Exemplar vor der 273 4 erfolgten Aufgebung der Provinz Dacien gefertigt sei.
Der Ausgangspunkt des ganzen römischen Straßennetzes war das Miliarium aureum, eine Säule auf dem römischen Markte mit Tafeln von vergoldeter Bronce, worauf die Stationsentfernungen bezeichnet waren. Copien davon scheinen die Itinerarien zu sein, die sich aus dem Alterthum erhalten haben, Stationsver-zeichnisse mit Angabe der Distanzen. Ein offizielles, das ganze Reich, doch in kürzerer Gestalt als die Peutinger'sche Tafel, umfassendes, Itinerarium Antonini genannt, aber erst unter Diocletian redigirt, wenn auch seine Anlage bis auf Caracalla zurückgehen mag, und zwei private, das Reiseverzeichniß eines christlichen Pilgers von Bordeaux nach Jerusalem und zurück, und deswegen Itinerarium Burdigalense od. Hierosolymitanum genannt, vom Jahr 333 1 ), und ferner vier Recensionen der Hauptstraße von Gades nach Rom, als Weih-inschriften 1852 auf silbernen Gefässen bei den Bädern von Vicarello in Toscana gefunden.2 ) Sie fallen in frühere Zeit, als das Itinerarium Antonini, und mögen von dankbaren Spaniern gestiftet worden sein, welche in den Aquae Apollinares Heilung erlangt hatten. Auch die Reisebeschreibung des Claudius Rutilius Namatianus, um 416 p. Chr. verfasst, gibt in poetischer Form eine Darstellung des Weges von Rom nach 0 Ausgabe von Partüey und Pinder, Berlin 1848. 2 ) Ed. Garracci, Rom 1864.
Gallien. Diese Quellen und eine Menge von Stellen bei alten Schriftstellern werden uns leiten, wenn wir nun daran gehen, die Römerstraßen in den Alpen einzeln zu nennen und, so weit es möglich ist, zu beschreiben. Zunächst wieder einige allgemeine Bemerkungen.
Schon Aristoteles in der Meteorologie kennt die Alpen unter dem keltischen Namen der Arkynien. Sie sind ihm das Ende der bekannten Welt. Aber auch die Römer haben in denselben nicht viel mehr als die Pässe, die juga gekannt. Unter den Hunderten ausgezeichneter, zum Theil von der Poebene aus überall sichtbarer Bergspitzen sind nur zwei mit ihrem antiken Namen überliefert: der Mons Vesulus(Mon Viso ) an der Quelle des Po und der Caenia an der des Var. In den Centralalpen sind Adula, in den Ostalpen Tullius ( Terglu ), Okra und Karwanka Namen von Bergketten, nicht einzelnen Punkten. Ja der Name Alpis selbst kommt zunächst diesen Einschnitten zu und ist auf die anliegenden Hochkämme erst übergegangen. So bezeichnet Alpis Julia oder Cottia nur den Mont Genèvre, Alpis Graja den Kleinen, Alpis Poenina den Großen St. Bernhard, Alpis Maritima eigentlich nur den Paß an der Küste, die Corniches. Die Namen Alpes Raeticae, Carnicae, Venetae sind von den anwohnenden Völkern hergenommen. Die heute übliche Abgrenzung nach den antiken Namen läßt sich im Alterthum selbst nicht nachweisen. Für unsere Bedürfnisse aber ist es rathsam, diese beizubehalten und die Uebersicht, die wir vorausschicken wollen, nach derselben zu gliedern. Wir zählen von West 25 nach Ost gehend sämmtliche Pässe auf, die nach sicheren Spuren oder wahrscheinlicher Vermuthung von den Römern in den Alpen benutzt worden sind:
a. In den Westalpen: 1 ) der Küstenpaß durch die Seealpen, eine Fortsetzung der Via Aurelia; 2 ) der Col d' Argentière; 3 ) der Col de Genèvre ( Alpis Cottia ) mit seinen Fortsetzungen, dem Col du Lautaret und d,em Col de Cabre; 4 ) der Mont Cenis; 5 ) der Kleine St. Bernhard ( Alpis Graja ); 6 ) als zweifelhafte Col del Altareto und d' Amas ( via Domitiadie Cols de la Seigne und du Bonhomme ( das jugum Cremonis ?).
b. In den Centralalpen: 1 ) der Große St. Bernhard ( mons Poeninus2 ) der Simplon; 3 ) der Lukmanier; 4 ) der Bernhardin; 5 ) der Splügen; 6 ) der Septimer und Julier; 7 ) als Fortsetzung der Kunkelspaß.
c. In den Ostalpen: 1 ) Reschenscheideck und Arlberg; 2 ) Brenner; 3 ) Pieken oder Monte Croce ( Alpis Julia ); 4 ) Pontafel-Tarvispaß; 5 ) Birnbaumerwald ( Okra oder Alpis Julia ).
Man sieht, die Zahl ist nicht unbedeutend, und mit Ausnahme des in unwegsame Gegenden ausmündenden St. Gotthard sind alle jetzt hauptsächlich ge-brauchten^Pässe schon vertreten. Wir gehen sie nun einzeln^durch.
Der Pass längs der Mittelmeerküste durch das Gebiet der Ligurer oder Ligyer war schon dem Polybius bekannt.l ) Im Jahre 104 v. Chr. wurde die Via Aurelia durch die Kiviera di Levante, von der etrurischen Grenze bei Luna über Genua bis Savona und von da landeinwärts über Cemenicum ( Altare ?) und Crixia ( Rochetto di Cairo ) nach Acquae Statiellae ( Acqui ) gebaut; schon 148 v. Chr. die Via Postumia von Genua direct nördlich zum Po über Libarna und Dertona ( Tortona ). Erst unter Augustus wurde nach Besiegung der Alpenvölker im Jahre 14 v. Chr. die Riviera di Ponente gangbar gemacht durch einen Straßenbau über Albingaunum ( Albenga ), Albintimilium ( Ventimiglia ), Tropaea Augusti ( Turbia ), Portus Herculis Monoeci ( Monaco ), Nicaea ( Nizza ), über den Var nach Antipolis ( Antibes ) und weiter. Die Peutinger'sche Tafel und das Itinerarium des Antoninus haben eine Abweichung von dieser Route, indem sie den Var weiter oben bei Cemenelium ( Cimelio oder Cimiez ) überschreiten lassen, also die Küste auf einem ziemlichen Umweg vermeiden. Dies ist um so auffallender, als auch die ältesten Spuren auf die Benutzung des Weges, der als Chemin des Corniches weltberühmt ist, hinweisen. Ammianus Marcellinus, ein sehr später und schlechter Schriftsteller, der aber hier auf alte Quellen zurückgeht, sagt von den Wegen über die Westalpen ( XV, 10, 9 ): „ Den ersten bahnte der the-banische Hercules, als er zur Vertilgung des Geryones, wie erzählt ist, und des Tauriskus langsam dahinzog, bei den Seealpen; und dieser gab ihnen den Namen der Grajischen; ebenso weihte er die Burg und den Hafen von Monoecus zum ewigen Angedenken seiner Person. " Die Länge dieses Küstenweges von Genua bis Forum Julii ( Frejus ) beträgt nach dem Itin. Anton, mit dem Umweg über Dertona 289 römische Meilen mit 18 Stationen, auf der Tabula Peuting. in directer Linie nur 186 Meilen mit 13 Stationen.
2 ) In diesen beiden Quellen ist der antike Weg über den Col d' Argentière nicht verzeichnet; daß er aber existirte, geht deutlich hervor aus einem bei der Capelle von Santa Maria Magdalena gefundenen römischen Inschriftenstein, wonach ein Präfect der Seealpen diesen durch Alter verfallenen Weg wieder herstellen ließ, und die benachbarten Bäder ( von Vinadio ) aufbaute.1 ) Römische Alterthümer sind zu beiden Seiten des Passes, im Thal der Stura, wie in dem der Ubayette und Ubaye wohl bezeugt. Da zu beiden Seiten Kelten wohnen, freilich unterbrochen durch den ligurischen Stamm der Vagienni, so mag wohl dieses Volk schon den Weg benutzt haben. Aber wann ist er in die beglaubigte Geschichte eingetreten? Diese Frage muß hier um so mehr erörtert werden, als Herr Freshfield in einer sehr interessanten Arbeit2 ) den Versuch gemacht hat, den Col d' Argentière als ,den Paß des Hannibal zu vindiciren. Ich kann mich seiner Meinung nicht anschließen und will meine Abweichung so kurz als möglich motiviren; um so eher, als ich einen Theil seiner Argumente unbedingt zugebe, nämlich den, welcher die herkömmliche Meinung bekämpft, wonach Hannibal über den Kleinen St. Bernhard gegangen wäre. Diese Meinung ist mit Unrecht zum Dogma geworden, und selbst auf die Gefahr hin, dem alten Wirrwarr der Ansichten zu verfallen, muß die trügerische Sicherheit, als ob dieser Weg nunmehr bewiesen wäre, wieder zerstört werden. Daß diese Frage trotz alles darauf verwendeten Scharfsinnes und Fleißes noch nicht gelöst ist und vielleicht pie endgültig gelöst werden kann, kommt erstlich davon, daß der Hauptgewährsmann Polybius die irrthümliche Vorstellung hat, daß die Alpen von Massilia bis zu dem Winkel über dem adriatischen Meere eine gerade, westöstliche Linie bilden, und daß die Rhone in der entgegengesetzten Richtung fließe.1 ) Daß bei einer solchen Topographie trotz der Alpenreise keine genaue Darstellung zu erwarten ist, ist klar. Wir lesen in den vierzehn Kapiteln des dritten Buches, die von dem Alpenllbergang handeln, nur vier geographische Namen: die Rhone, die Isère, die Allobroger, deren Stammgebiet viel zu weit nach Osten ausgedehnt wird, und die Tauriner. An diese also müssen wir uns halten. Der Punkt, wo Hannibal das Rhonethal verließ, ist die Mündung der Isère, der Ort, wo er italienischen Boden betrat, muß in der Nähe von Turin liegen. Mit Recht macht Freshfield, wie schon Uckert und Thirlwall, darauf aufmerksam, daß Polybius den Hannibal nicht habe quer durch die sog. Insel zwischen Rhone, Isère und Alpen marschiren lassen können, von Vienne zum Mont du Chat, wie Wickham und Cramer wollten, wenn er III, 49 die Berge im Innern der Insel „ unwegsam und schwer zugänglich, ja fast unbetretbar " nennt, und III, 47 gegen diejenigen poleinisirt hat, welehe den Hannibal über unmögliches Terrain ziehen lassen.
Was die Frage ferner erschwert, ist der Umstand, daß manche Stellen bei Polybius verschiedene gramma-tische Erklärung zulassen. Der Streit ist also nicht nur ein geographischer, sondern auch ein philologischer. Hier kommt namentlich in Betracht Polybius III, 56, 3: „ Endlich, nachdem er den ganzen Marsch von Carthagena in fünf Monaten, den Uebergang über die Alpen in fünfzehn Tagen vollendet hatte, stieg er muthig hinab in die Poebene und zu dem Volke der Insubrer. " Hieraus haben einige den Schluß gezogen, daß Hannibal zuerst zu diesem Volke, resp. zu Unterthanen dieses Volkes, den Salassero, gekommen sei, die Polybius wegen ihrer Unbedeutendheit nicht nenne, also über den Kleinen St. Bernhard. Freshfield hat die Gründe, die dieser Meinung entgegen stehen, gut zur Geltung gebracht: die Länge des Weges von der Isère bis zum Mont du Chat, wenn die Abkürzung nicht zulässig ist ( 1736 Stadien gegen nur 800 des Polybius ), die kurze Zeit des Abstieges von nur vier Tagen für eine Strecke von etwa 120 Kilometern ( Kleiner St. Bernhard bis Ivrea ), das Nichterwähnen von Schwierigkeiten unterhalb der Schlucht, die nur einen Tagemarsch von der Höhe liegt, während in Wirklichkeit der Weg von Aosta nach Ivrea hinaus ein fast ununterbrochenes Défilé ist, das damals sicher für ein Heer wesentliche Schwierigkeiten bot. Ferner macht Freshfield mit Recht darauf aufmerksam, daß der Schlüssel zum Kleinen St. Bernhard nicht im letzten Aufstieg, sondern in den Schluchten bei Moutiers liege und daß der Rocher blanc unterhalb St. Germain ein unbedeutendes Ding sei, das auf dem andern Ufer leicht umgangen werden könne. Die Frage erhebt sich nun: Hat wirklich Polybius den Hannibal diesen Weg ziehen lassen und geht die Benutzung des Kleinen St. Bernhard aus jener Erwähnung der Insubrer nothwendig hervor? Ich glaube nein; denn erstlich, wo steht geschrieben, daß die Salasser damals wirklich Bundesgenossen oder Unterthanen der Insubrer gewesen seien, also dem Hannibal einen freundlichen Empfang bereitet haben wurden? Pliniusrechnet sie nach dem älteren Cato, einer guten Autorität, zu den Tauriskern. Die Taurisker oder Tauriner ( bei Turin ) sind nun nach Strabo 2 ) Ligurer, also werden es auch die Salasser gewesen sein, und dann standen sie in dem Streit zwischen den Insubrern und Taurinern, der zur Zeit von Hannibals Alpenübergang waltete, wohl nicht zu den Insubrern, sondern zu ihren Volksgenossen.
Die von Fresfield versuchte Zusammenstellung des Namens der Salasser mit dem der Markgrafschaft Saluzzo hat zunächst nur den Werth einer etymologischen Hypothese; jedenfalls hätte die Stelle Livius XXI, 38 von den Salyes Montani nicht als unterscheidende Bezeichnung im Gegensatz zu den Salassern der Ebene aufgefaßt werden sollen; Livius unterscheidet mit Montani die Salasser von den Libui » ) Natur. Histor. III, 20, 134.
2 ) Strabo IV 6, 6. Auch Plinius III, 17, 123.
Galli; es ist also eine Herkunfts- oder Stammbezeich-nung, wie auch XXI, 32, 6 ff.; zugleich gewinnen wir hier eine Bestätigung, daß die Salasser keine Kelten waren.
Aber ich möchte noch weiter gehen. Ich finde bei Plinius III, 20, 134 Vagienni Ligures et qui Montani vocantur. Es waren also die Bewohner des Thales von Aosta und des Saluzzese Stammgenossen gewesen. Daraus folgt nun aber zweierlei: Wenn Hannibal über den Kleinen St. Bernhard ging, so kam er nicht ohne Weiteres zu befreundeten Insubrern, wie die Vertheidiger dieses Weges meinen; und wenn er über den Col d' Argentière ging, wie Preshfield will, so stand er in seinem ersten Lager, bei Cuneo etwa, nicht auf insubrischem oder überhaupt gallischem, sondern auf ligurischem Boden.
Wenn es nun ein entscheidendes Kriterium wäre, daß Hannibal zuerst zu den Insubrern gekommen sei, so würden auch diese beiden Pässe den Anforderungen der Polybianischen Erzählung nicht genau entsprechen. Aber es ist kein Kriterium, wie ich versuchen will zu zeigen. Nachdem in der oben S. 390 citirten Stelle Polybius das allgemeine Ziel des Marsches angegeben — man beachte das Wort „ kühn ", das zu einem directen Eintreffen im Gebiet der befreundeten Insubrer nicht passen würde, sondern sich auf das kecke Erscheinen in Oberitalien bezieht — unterbricht er seine Erzählung von Cap. 56 bis 60 mit einer weitläufigen Erörterung über die Streitkräfte Hannibals und einem geographischen Excurs und knüpft dann 60, 1 folgendermaßen wieder an: „ Die Truppenzahl, mit der Hannibal in Italien einbrach, haben wir bereits angegeben. Nach seinem Eintreffen schlug er unmittelbar am Fuss der Alpen ein Lager auf und ließ zuerst seine Truppen sich erholen Hierauf, als sich seine Truppen bereits erholt hatten, versuchte er zunächst die Freundschaft und Bundesgenossenschaft der Tauriner zu gewinnen, die am Fuss der Alpen wohnensie waren nämlich mit den Insubrern verfeindet und mißtrauten den Carthagern. Als sie sich aber hiezu nicht bereit finden ließen, da berannte er ihren stärksten Platz und nahm ihn in drei Tagen. " Darnach scheint es klar, daß die Tauriner quer vor der weiteren Marschrichtung Hannibals lagen, was sowohl zum Mont Genèvre als zum Col d' Argentière stimmt. Kam er aber über den Kleinen St. Bernhard nach Ivrea, so begreift man schwer, warum er sich zuerst rückwärts gegen die nicht bedeutenden Tauriner gewendet haben sollte, während die Römer vor ihm bei Placentia am Po standen. Daß Polybius von den neueren in diesem Punkte so lange mißverstanden wurde 2 ), ist um so auffallender, da die andern antiken Schriftsteller das Richtige aus ihm herausgelesen haben. Livius XXI, 38, 5 sagt: „ die Tauriner waren das erste gallische Volk, auf das er in Italien stieß.$ ) Da alle Schriftsteller darin übereinstimmen, so wundere ich mich; daß man zweifelt, wo er die Alpen überschritten habe, und allgemein glaubt, er sei über den Poeninus gekommen, welcher davon seinen Namen erhalten habe, Coelius aber sagt, er sei Über das Jugum Cremonis gegangen, welche beiden Pässe ihn nicht in das Gebiet der Tauriner, sondern durch das Alpenvolk der Salyer zu den gallischen Libyern geführt hätten. "
Auf Ooelius und das Jugum Cremonis werden wir später zurückkommen. Hier nur soviel, daß die Kritik, die Livius an dieser Angabe übt, eine verständige genannt werden muß. Er bemerkt nämlich, daß der Name Poeninus nicht von den Puniern, sondern von einem Gotte der Veragrer komme, was die Funde auf dem Großen 8t. Bernhard bestätigt haben. Livius folgt in diesem Abschnitt des XXI. Buches dem Polybius, und wenn auch sein Ausdruck „ quum inter omnes constet " nicht immer wörtlich zu nehmen ist ' ), so konnte er doch den Polybius, den er gerade ausschrieb, mit einer abweichenden Meinung nicht wohl übersehen. Aber auch Strabo 2 ) hat den Polybius so verstanden wie wir. Er zählt die dem Polybius bekannten Pässe folgendermaßen auf: „ Erstens durch das Gebiet der Ligurer längs dem Tyrrhenischen Meere, zweitens durch das der Tauriner, wo Hannibal hinüberging, drittens durch das der Salaaser und viertens durch das der Rhseter. " Könnte man den Ausdruck „ wo Hannibal hinüberging " als wörtliches Citat aus Polybius nehmen, so wäre die Frage entschieden, und ich begreife nicht, daß Kiepert 1 ) diese Stelle als Beweis für den Kleinen St. Bernhard ansieht. Aber'auch zugegeben, daß diese Worte nur ein Zusatz des Strabo seien, so folgt doch so viel daraus, daß er den Polybius so verstanden hat. Die Erwähnung des Taurinerpasses stammt, wie die der drei übrigen, aus den verlorenen Büchern des Polybius, und wahrscheinlich hat sie Strabo nicht zusammengesucht, sondern an einem Orte gefunden.
Die zweite Schwierigkeit in der Behandlung der Hannibalfrage besteht darin, daß wir bei Livius einen parallelen Bericht haben, den mit dem Polybianischen zu vereinigen man sich bis in die neueste Zeit eine unglaubliche Mühe gegeben hat. An der Unmöglichkeit dieser Aufgabe ist nun meiner Meinung nach auch der geistreiche Versuch von Freshfield gescheitert. Ich kann zur Erhärtung dieser Ansicht dem Leser einiges Philologische nicht ersparen. Man hat früher angenommen, daß Polybius im III. und Livius im XXI Buche eine gemeinsame Quelle benutzt haben, für welche die Kritik verschiedene Namen in Vorschlag gebracht hat, ohne zu einem einheitlichen Resultat zu kommen.
In neuerer Zeit haben die Untersuchungen von Wölfflin und Luterbacher zu der Annahme geführt, daß Livius in seiner Darstellung des Alpenüberganges wesentlich dem Polybius folgt. Die Abweichungen kommen theils von dem Streben nach rhetorischem Aufputz und Deutlichkeit für den römischen Leser, theils sind sie Mißverständnisse des griechischen Textes oder Flüchtigkeiten. Daneben'hat aber Livins noch eine zweite, römische Quelle, den Coelius Antipatér ( schrieb um 137 v. Chr. ) gebraucht, der eine ganz andere Vorstellung von der Kichtung des carthagischen Marsches hatte. Diese Quelle verräth sich durch ein stark rhetorisches Gepräge, Ausmalen und Uebertreiben der Schwierigkeiten, durch Erwähnung der Namen Tricastiner, Vocontier, Tricorier, Druentia und Genua, durch die Erzählung von dem Sprengen der Felsen mit Feuer und Essig und durch alterthümliche Wörter. Nach diesen Spuren lassen sich die Beiträge des Coelius ziemlich genau aus dem Livianischen Texte herausziehen; es sind: Cap. 31 die 9 —12, Cap. 32 7, Cap. 37 2 und 3, außerdem 31, 6 die Erwähnung des Namens Brancus, 32, 5 die von Genua und 38, 6 die des Coelius selber. Man sieht aus dieser Uebersicht, daß es nur eingeflickte Stücke sind, von denen eines, weil von Livius am unrechten Orte eingeschoben, die Lösung der ganzen Frage gestört hat. Nachdem nämlich Livius, dem Polybius folgend, den Hannibal bis zur Insel begleitet und den Zwist der Allobroger mit der Einmischung des Hannibal erzählt hat, fährt er so fort ( 31, 9 ): „ Als er nun gegen die Alpen zog, nahm er seinen Weg nicht geradeaus, sondern bog zur Linken ab in das Gebiet der Tricastiner, von da marschirte er an der Grenze der Vocontier hin zu den Tricoriern, ohne irgendwo auf Schwierigkeiten zu treffen, bis er an die Druentia kam. " Der Ausdruck nun „ er bog zur Linken ab " hat auch die Forschung stellenweise stark linksab gelenkt, während das Rechte sich sofort zeigt, wenn wir die Stelle des Livius mit der dazu gehörigen in Ammianus Marcellinus ( XV, 10 ) verbinden. Dieser Schriftsteller erklärt die Entstehung des Namens Alpes Poeninae folgendermaßen: „ Des älteren Africanus Vater, P. Cornelius Scipio, führte eine mit starker Mannschaft beladene Flotte herüber, um den durch ihre Leiden und Bundestreue denkwürdigen Bewohnern von Sagunt, die von den Africane™ durch hartnäckige Einschließung bedrängt waren, nach Spanien zu Hilfe zu kommen; aber da die Stadt durch den Sieg der Punier zerstört war und er dem Hannibal nicht folgen konnte, der drei Tage vorher die Rhone überschritten hatte und die Richtung nach Italien einschlug, legte er in rascher Fahrt eine kurze Meeresstrecke zurück und wartete bei Genua, einer Stadt der Ligurer, daß der Feind von den Bergen herabsteigen werde, damit er, bei günstiger Gelegenheit, dem von den schlechten Wegen Erschöpften eine Schlacht in der Ebene liefere. 11. Aber für das gemeine Wohl besorgt, trug er seinem Bruder Cn. Scipio auf, nach Spanien zu gehen, um den Hasdrubal, der von dort in ähnlicher Weise herausbrechen wollte, zurückzuhalten. Als H. dieß von Ueberläufern erfuhr, marschirte er, schlau und entschlossen, wie er war, unter der Führung der benachbarten Tauriner durch das Land der Tricastiner und das Grenzgebiet der Vocontier bis zu den Bergen der Tricorier; und von hier ausgehend schlug er einen andern bisher nie gemachten Weg ein: nachdem er einen ungeheuer hochragenden Felsen gangbar gemacht hatte, den er durch die Gewalt der Flamme erhitzte und durch aufgegossenen Essig sprengte, setzte er über den durch wechselnde Strudel unsicheren Fluß Durance und besetzte die etruskischen l ) Gegenden. "
Diese Stelle hat eine auffallende Aehnlichkeit mit dem, was man in Livius als cölianisch erkannt hat. Hier wie dort der Versuch, die Schuld der Römer am Fall von Sagunt zu verschleiern, das Benehmen des Scipio zu rechtfertigen durch die Furcht vor Hasdrubal, das Bestreben, die Ligurer als den Römern wohl gesinnt zu zeigen — in der Schlacht am Tessin soll nach Coelius bei Livius XXI, 46,10 ein ligurischer Sclave dem Scipio das Leben gerettet haben —, die Erwähnung der Durance mit ihren Strudeln und das Sprengen des Felsens. Und damit man nicht meine, daß eben Ammian den Livius ausgeschrieben habe, so machen wir darauf aufmerksam, daß nach Ammian Scipio den Hannibal bei Genua abwartet, während bei Livius das aus der Lectüre des Coelius stammende Wort Genua ( 32, 5 ) in einem Context steht, der nur zu Polybius paßt.
Nach der Darstellung des Coelius setzte also Scipio voraus, daß Hannibal den Küstenweg einschlagen wolle und eilte, ihm bei Genua entgegenzutreten, theilte aber seine Armee, um Spanien nicht entblößt zu lassen. Als Hannibal dieß erfuhr, ging er nicht geradeaus, d.h. die Küstenstraße, sondern bog links ab und marschirte durch die Gebiete der Tricastiner, Vocontier und Tricorier an die Durance und auf schwierigen Wegen in das Gebiet der Tauriner, die als seine Freunde erscheinen. In diesem Zusam- menhang werden so einfache Begriffe wie „ geradeaus " und „ linksab " in ihrem natürlichen Sinne gebraucht; aber man sehe, was daraus bei den Erklärern geworden ist, welche diese Ueberlieferung mit der des Polybius und mit der Ankunft bei der Insel der Allobroger verbinden wollten. Rauchenstein * ), Neumann 2 ) und Freshfield nehmen „ zur LinkenMarsch von Vienne nach Grenoble, am linken Ufer der Isère, im Gegensatze dazu „ geradeausdurch das Thal der Drôme über den Col de Cabres in das der Durance. Der Grund des Umweges ist nicht einleuchtend. Weder die Nähe der Römer, noch das Terrain entschuldigt ihn. Letronne 8 ), der den Hannibal ebenfalls bis Grenoble der Isère folgen läßt, hat für die sonderbare Marschrichtung die noch sonderbarere Erklärung „ ad laevam: par rapport à l' historien relativement à sa position en Italie, ce qui est assez ordinaire aux auteurs anciens. " Es wäre traurig, wenn die gepriesenen antiken Schriftsteller rechts und links nicht unterscheiden könnten. Der Marquis von St. Simon * ), der die Insel bei Lyon zwischen Rhône und Saône suchte, läßt den Hannibal bis Vienne marschiren und dann wieder die Rhône hinab bis St. Paul de Tricastin und auf die Kunde vom Abzug der Römer linksab über Vaison, Nyons und Serres an die Durance. Auch für diesen sonderbaren Contremarsch liegt der Grund nur in dem Bestreben, die Polybianischen Maßangaben mit den Livianischen Ortsbezeichnungen zu vereinigen. Da waren die älteren Philologen doch geschickter in Beseitigung der Schwierigkeit; sie änderten einfach den Text des Livius. Lipsius las a laeva, Glarean ad dextram. Im Ernst werden freilich die Widersprüche durch diese Correctur so wenig gehoben, wie durch die Annahme, Scipio sei zuerst nach Genua gefahren, wie Livius XXI, 32, 6 angibt, und dann nach Pisa, wie Polybius III, 49, 4; 56, 5 und Livius selber XXI, 39, 3 angeben. Eine kritische Betrachtung muß nothwendig diese von Polybius und Livius bezeugte Marschrichtung, bei welcher der Ausgangspunkt die Isèremtindung ist, trennen von der aus Coelius stammenden, welche die drei schon genannten ( S. 398 ) Stammnamen bietet. Sehen wir uns nach den Wohnsitzen dieser Stämme um. Die Tricastiner wohnten bei St. Paul-Trois-Châteaux, das im Mittelalter Trica-stinum heißt. Als ihre Hauptstadt wird Augusta angegeben = Aoust an der Drôme. Ihr Land ging also jedenfalls längs der Rhone von der Aiguës bis zur Drôme, vielleicht bis zur Isère.
Als Städte der Vocontier werden angegeben Dea — Die an der Drôme, Lucus Augusti = Luc en Die und Segustero = Sisteron an der Durance. Auch die Vertacomacori im Thal von Vercors werden zu ihnen gerechnet. Die Städte der Tricorier heißen Vapincum = Gap, Alamon = Monestier Allamond an der Durance u.a. Aus diesen Angaben können wir drei Marschlinien construiren, eine nördliche von Freshfield angenommene: Valence-Grenoble, der Isère entlang, dann das Thal des Drac hinauf über den Col Bayard nach Gap und Embrun; eine mittlere in der Tabula Peuting. und im Itinerar. Burdigal. genannte, das Thal der Drôme hinauf über den Col de Cabre in das Thal des Buech nach Sisteron; eine südliche, die von St. Simon aufgestellte ( s. S. 399 ), aus dem Thal der Aiguës in das des Buech. Hier entsteht nun die schwierige Frage, welchen der drei Wege die zweite Quelle des Livius gemeint hat.
Zunächst ist offenbar, daß sie den Abmarsch nach links unmittelbar an den Rhoneübergang geknüpft hat, und dann sollte man vermuthen, daß sie den Hannibal nicht bis an die Isère geführt hat. Nun hat aber Livius ( Cap. 31 ) den Namen Brancus für einen der streitenden Allobrogerfürsten, den er nicht bei Polybius fand; daß er die Lage der Allobroger richtiger bestimmt als Polybius, der sonst in diesem Abschnitt sein Gewährsmann ist, könnte der Ausdruck seiner eigenen besseren Kenntnisse sein. Der Zwist bei den Allobrogern ist aber etwas so Wesentliches bei dem Alpenübergang, daß wir die damit verknüpfte Ortsbestimmung für eine feststehende ansehen und glauben, daß Livius sie auch in seiner Quelle fand, zugleich mit dem Namen des älteren der Fürsten, Brancus.
Wenn wir nun Alles zusammenfassen, so hätten wir ein anscheinend befriedigendes Resultat für Aus-gangs- und Endpunkt des Alpenmarsches gefunden und zwar das gleiche bei Polybius-Livius und Coelius-Livius: eine Uebereinstimmung, die aus der gemeinsamen Benutzung von Silenus, dem Geschichtschreiber des Hannibal, erklärt werden könnte. In diesem sicheren Besitz aber stört uns die sonderbare Notiz des Livius 26 ( Cap. 38 ), daß Coelius das Jugum Cremonis als Paß angebe. Daß man den L. Cincius Alimentus als Gegen-zeugen anruft, wie Freshfield thut, kann ich nicht billigen. Livius ( C. 38 ) citirt diesen Römer, der eine Zeit lang Hannibals Gefangener war, nur für die Truppenzahl, nicht für den Weg. Dagegen bin ich mit Freshfield einverstanden, daß das Jugum Cremonis wohl nichts Anderes ist, als der sonst Alpis Graja genannte Paß, der Kleine St. Bernhard. Den Namen mit dem Cramont zusammenzustellen, und dann doch nicht diesen Berg, sondern den daran vorbeiführenden Col de Seigne darunter zu verstehen, wie es unter Anderen Vaccarone thuta ), halte auch ich für höchst bedenklich. Freshfield vermuthet Jugum Centronum. An sich nicht unrichtig; denn die Centronen, oder richtiger Ceutronen, wohnten in der Tarantaise. Aber die Benutzung des Kleinen St. Bernhard paßt absolut nicht zu den auf das Durancethal weisenden Stammnamen, die wir bisher dem Coelius zugeschrieben haben. Es ist hier nur Zweierlei möglich: entweder hat Livius unrecht, das Jugum Cremonis des Coelius in das Gebiet der Salasser zu verlegen, oder die Berufung auf Coelius für diesen Paß ist ein Gedäehtniß-fehler, wie sie sich auch sonst bei Livius finden. Verbinden wir nun die gefundenen Punkte, Isèremündung und Turin, mit einander, so haben wir wieder drei Möglichkeiten: Mont-Cenis, Mont-Genevre und Col d' Argentière. Für den ersteren ist Herr Ball eingetreten 2 ) und hat gezeigt, daß die Oertlichkeit zu der 1 ) Bolletino del Club Alpino Italiano, N° 41, a° 1880.
Beschreibung des Polybius nicht übel paßt. Leider ist dieses Argument bei allen in Frage stehenden Pässen schon verbraucht worden. Zu der Nomenclatur des Livius paßt er nicht, für die Distanzen des Polybius ist er zu kurz ( circa 1500 Stadien statt 2000 von Valence bis Avigliana ) und mündet in zu großer Nähe von Turin. Das Letzte soll nach Freshfield auch beim Mont Genèvre der Fall sein. Beide Pässe treffen bei Susa, dem antiken Segusio, zusammen. Der Name erinnert an die keltischen Segusiani bei Lyon und an Segustero ( Sisteron ) im Durancethal. Ueber den Mont-Cenis wie über den Mont-Genèvre kam also Hannibal zuerst zu einem gallischen Volke, bevor er mit den ligurischen Taurinern zusammentraf. Ich habe früher gezeigt, daß dies beim Col d' Argentière anders ist, aber ich lege kein sehr großes Gewicht darauf und könnte auch für den Col d' Argentière stimmen, wenn ich dem sog. Katalog des Varrò die Beweiskraft zutraute, die Freshfield darin findet. Wir haben oben-(pag. 394 ) die Pässe des Polybius - Strabo aufgezählt, von diesen ist Nummer 2 ) wahrscheinlich der Mont Genèvre, 3 ) der Kleine St. Bernhard und 4 ) der Brenner. Nun existirt noch ein späteres Verzeichniß. Servius citirt in seinem Commentar zur Aeneide Ges. X, V. 13, aus Varrò folgende Pässe: 1 ) längs dem Meer durch Ligurien, 2 ) wo Hannibal hinüberging, 3 ) wo Pompejus zum spanischen Krieg gezogen ist, 4 ) wo Hasdrubal aus Gallien nach Italien kam, 5 ) wo einst die Griechen gesessen haben, woher die Alpen die griechischen heißen. In diesem Verzeichniß stimmen 1, 2 und 5 offenbar mit den drei ersten des Polybius-Strabo, die zwei andern sind eingeschoben; es fragt sich, mit welchem Rechte. Freshfield sieht nun eine natürliche Aufzählung von Süd nach Nord darin und identificirt Küstenstraße, Col d' Argentière, Mont-Genèvre, Mont-Cenis und Kleinen St. Bernhard. Nach ihm ist also Hannibal über den Col d' Argentière, Pompejus über den Mont-Genèvre, Hasdrubal über den Mont-Cenis gegangen. Das sieht nun auf den ersten Blick sehr bestechend aus, hält aber doch nicht jede Probe aus. Sicherlich hatte M. Terentius Varrò, der veterum omnium doctissimus, einen hohen Ruhm für Gelehrsamkeit und Genauigkeit. Er war ein Polyhistor, und was sich aus Büchern zusammentragen läßt, hat er geleistet. Kritik aber ist nicht seine starke Seite gewesen. Daß er als Legat des Pompejus den von ihm beschriebenen District passirt habe, ist eine voreilige Behauptung von Freshfield. Varrò war Legat des Pompejus im Bürgerkrieg mit Caesar, nicht im ser- torianischen, und auf welchem Weg er nach Spanien gekommen ist, wissen wir nicht. Gewöhnlich fuhren die Römer bis Massilia und nahmen von da den Landweg. Freshfield glaubt, wenn man die Pässe nicht in der natürlichen Reihenfolge nehme, komme man in Schwierigkeiten; Pompejus könne dann nicht über den Mont-Genèvre, Hasdrubal müsse über den Großen St. Bernhard gegangen sein. Es existirte dann kein Paß vom Thal des Are in das der Dora Riparia, obschon diese Alpen die Julischen hießen, bis auf König Cottius. Aber eben dieser König hieß nach den Inschriften l ) M. Julius, regis Donni filius Cottius und der Name kommt von der Unterwerfung dieser Familie unter dem Dictätor Ca sar, der ein Julier war. Hat er also den Mont-Cenis geöffnet, was ich bezweifle, so ist es erst in der Kaiserzeit geschehen. Eine weit größere Schwierigkeit finde ich in der Annahme, daß Hasdrubal einen andern Weg als sein Bruder gegangen sei. Aus Livius XXVII, 39 muß man schließen, daß er am gleichen Ort wie Hannibal über die Alpen gekommen sei, und die Furcht der Römer vor dem Anschluß der Ligurier an ihn ist um so glaublicher, wenn dieser Weg ihn in ligurisches Gebiet brachte. Auch die andern Schriftsteller i ) wissen nichts von einer Aenderung der Route, sie bezeugen nur, daß Hasdrubal leichter und schneller über die Alpen gekommen sei. Die fünf Pässe des Varrò sind also schon um einen reduzirt. Die gleiche Methode ist aber auf den Weg des Pompejus nicht ohne Weiteres anwendbar. In seinem Bericht an den Senat sagte Pompejus ( Sallust. fragm. hist. III, 1 ) „ er habe durch die Alpen einen andern Weg als Hannibal und einen bequemern eröffnetund Appian ( Bürgerkrieg I, 109 ) bezeichnet diesen neuen Weg als bei den Quellen der Rhone und des Po gelegen, welche nicht weit von einander in den Alpen entspringen. Die mittlere Distanz zwischen Rhone- und Poquelle würde etwa auf den Großen St. Bernhard fallen, und in der That hat Gioffredo den Großen oder Kleinen St. Bernhard als den Weg des Pompejus angesehen.
Bergier nahm den Mont-Cenis und de Brosses gar den Gotthard an, offenbar weil dieser Weg der bequemste und kürzeste ist, um nach Spanien zu gelangen! Die Notiz des Appian gibt nur dann einen Sinn, wenn wir mit Mommsen annehmen, daß zwei Zuflüsse der Khone und des Po gemeint seien, Durance und Dora Riparia. Zwischen diesen liegt der Mont-Genèvre und in der That haben die meisten diesen Paß als den Weg des Pompejus angesehen, von der Voraussetzung ausgehend, daß Hannibal über den Kleinen St. Bernhard gegangen sei. Aber in der Zeit des Pompejus galt, wie wir aus Varrò, Livius und Strabo entnehmen können, der Pœninus oder der Taurinerpaß als derjenige des großen Carthagers. Hat nun, wie wir zeigen werden, erst der König Cottius die Militärstraße über die nach ihm benannten Alpen gebaut, so sind wir für Pompejus auf den Col d' Argentière angewiesen. Auch dieser erfüllt die Bedingungen, die wir nach Sallust und Appian stellen müssen, er liegt zwischen Stura und Durance, also zwischen Po und Rhone; er war näher als der Mont-Genèvre an den früher ( pag. 387 ) genannten Militärstraßen der Riviera, der Via Aurelia und Postumia. Die Karte im großen Mommsen'schen Inschriftenwerk hat eine directe Verbindung von Savona nach Bene und die antiken Namen Cemenelium ( Altare ), Millesimo, Ceba auf diesem Wege scheinen die Annahme zu bestätigen. Die Orte Vico und Villanova zwischen Ceva und Cuneo klingen auch antik und im Thal der Stura liegen die römischen Bäder von Vinadio. Bevor die Kttstenstraße ausgebaut war, was erst unter Augustus geschah, war sicherlich der Weg von Savona durch den Apennin nach Cuneo und durch das Sturathal über den Col d' Argentière nach Barcelonette und an die Durance die kürzeste Route für einen.Feldherrn, der nach Spanien wollte. Die Terrainschwierigkeiten waren weder im Apennin noch in den Seealpen bedeutend, der Col d' Argentière ist der niedrigste und leichteste Alpenpaß. Wenn wir schließlich das Resultat dieser Untersuchung zusammenfassen, so glauben wir, indem wir den Mont-Genèvre dem Hannibal, den Col d' Argentière dem Pompejus zuweisen, eine Combination gefunden zu haben, die nicht mehr Schwierigkeiten bietet, als irgend eine der sonst aufgestellten. Der Mont-Genèvre entspricht der Beschreibung bei Polybius und Livius; daß er zu dem Katalog des Varrò nicht stimmen will, würde nach unserer Auffassung, die denselben blos für ein literarisches Product hält, nichts beweisen. Der Mont-Genèvre führt zu einem gallischen Stamme und seine Höhe eignet sich vortrefflich für ein Lager. Den weißen Felsen findet man bei La Bessée oder in dem Hügel von Briançon. Auf der italienischen Seite findet sich nach Freshfield „ eine schmale, steil abfallende Berglehne, aber keine Schlucht mit einem dieselbe umgebenden Hügelzug. " Aber auch nach Polybius III, 55 ist die abgebrochene Stelle IV2 Stadien lang am Abhang hin anzunehmen, und es ist ein Mißverständniß des Livius, daraus einen Absturz von etwa 1000 Fuss Tiefe zu machen. Nach einer Schlucht haben sich die Erklärer nur deswegen umgeschaut, weil Polybius von vorjährigem und heuri-gem Schnee redet, was nicht richtig zu sein braucht und schwerlich der Fall gewesen ist. Aber, wird der Leser fragen, und die Aussicht auf die oberitalische Ebene? Mit dieser ist es freilich nichts, weder am Mont-Genèvre, noch am Kleinen St. Bernhard oder am Col d' Argentière. Nur am Mont-Cenis, der auch deßhalb nicht in Frage kommt, weil ein Marsch mit Elephanten durch das Thal des Are damals wohl unmöglich war, und am Viso, der zu hoch ist, findet sich dieses Requisit. Aber ich verweise den Leser auf Polybius und Livius, damit er dort im Zusammenhang den Eindruck gewinne, daß die Schilderung dieser Aussicht zu dem rhetorischen Rüstzeug eines jeden antiken Historikers und in das Capitel der Haranguen großer Feldherren gehört. Ich darf übrigen s zum Schluß dieser langen kritischen Erörterung nicht verschweigen, daß diejenigen, welche an dem erstmaligen Erscheinen im Gebiet der Insubrer nach Polybius festhalten, für ihre Meinung, die Nennung des Tanrinerpasses beruhe auf einem Irrthum des Gewährsmanns des Livius, eine ziemlich plausible Veranlassung wissen. Sie sagen nämlich, der Name der Dora, Duria bei den Römern, Durias bei den Griechen, habe zu einer Verwechslung zwischen der Baltea und Riparia veranlaßt. Man habe gelesen, Hannibal sei in 's Thal der Duria gekommen, und habe anstatt des nördlichen den östlichen Zufluß des Po darunter verstanden. Nachdem einmal der Paß irrthümlich bestimmt gewesen, habe man die bekannten Völkernamen für die. Zugangsroute dazu erfunden. Zuzugeben ist, daß noch Strabo diese Verwechslung macht ( IV, 6, 5 ). Der Durias entspringt nach ihm nahe bei der Quelle des Padus und der Die Römerstrassen in den Alpen.409* Druentia, fließt dann aber durch das Gebiet der Salasser, d. i. das Thal von Aosta.
bis zu dem Gipfel der Matrona, zu welchem Namen der Unfall einer vornehmen Frau Veranlassung gegeben hat. Von hier führt ein abschüssiger, aber ziemlich bequemer Weg bis zu dem Castell Virgantia. " Freshfield findet die Darstellung verwirrt und vermuthet, es sei eigentlich von zwei verschiedenen Pässen die Eede und es müssen in der Mitte einige Sätze ausgefallen sein. Ich kann mich davon nicht überzeugen, die Verworrenheit kommt von dem Styl des Ammian, der zu den schlechtesten gehört. Die Schilderung der Gefahren bezeugt immerhin, daß der gemeinte Paß fahrbar war, wie wir das vom Mont-Genèvre wissen; von der Höhe des italischen Abhanges spricht er, weil dort die politische Grenze war. Dies geht deutlich hervor aus einer Stelle des Strabo ( IV, p. 178 ). „ Auf dem andern Weg durch das Land der Vocontier und des Cottius ist von Nemausus bis Ugernon und Ta-ruscon der gleiche Weg ( wie für die Küstenstraßevon da bis zu der Grenze der Vocontier und zum Beginn des Aufstieges zu den Alpen über Druentia und Caballio sind es 63 Meilen, von da bis zu der andern Grenze der Vocontier gegen das Land des Cottius hin 99 Meilen bis zum Dorfe Bbrodunum; sodann eben so viel über das Dorf Brigantium und Scingomagus und den Alpenpaß bei Ocelum, der jenseitigen Grenze des Cottischen Landes; das Land von Scingomagus an heißt bereits Italien; von da bis Ocelum aber sind es noch 28 Meilen. " Nach dieser Stelle und nach einer damit stimmenden ( V, p. 217 ) ging also das Land des Cottius über die Alpen hinüber und lag theils auf italischem, theils auf gallischem Boden. Seine östliche Grenze ist der bei Strabo und Caesar ( gallischer Krieg I, 10 ) Ocelum, in den Itinerarien „ ad fines " genannte Ort, als welcher nun durch Inschriften-funde bestimmt ist La Chiesa bei Aviglianaan der Dora Riparia, die westliche Ebrodunum ( Embrun ). Zwischen inne und zwar auf der italischen Seite liegt das Scingomagus des Strabo, die summitas Italici clivi des Ammian; daß beides der gleiche Ort sei, ist von vornherein wahrscheinlich und die Wegmaße stimmen ziemlich genau damit. Nach Strabo ist die Strecke Ocelum-Scingomagus 28 Meilen 2 ), die Itinerarien geben für ad fines bis Segusio 22-24 Meilen, von Segusio bis ad Martis 16-17 Meilen, und Ammian gibt die Differenz zwischen der summitas Italici clivi und der Station ad Martis auf 7 Meilen an. Darnach berechnet sich die Strecke Ocelum bis summitas Italici clivi bei Ammian auf etwa 30 römische Meilen. Die bei Ammian genanten Stationen lassen sich alle genau bestimmen Segusio ist natürlich Susa, die Station des Mars ist Oulx, der Gipfel der Matrona ist der Mont-Genèvre, das Castell Virgantia heißt sonst Brigantio ( Briançon ). Scingomagus und summitas Italici clivi fallen wohl auf Exilles. Der „ Unfall einer vornehmen Frau " beschränkt sich auf eine verunglückte Etymologie; aus Inschriften, wie sie unter Anderm in Thun gefunden wurden, kennen wir die deae Matres oder Ma-tronae; auch dieser Paß hat also, wie der Poeninus, den Namen von einer auf demselben verehrten Gottheit. Die übrigen Stationen sind folgende: am Fuß der Matrona, die auch in Alpe Cottia oder summa Alpe oder Druantio heißt, ist der ganz verderbte Namé Goesao oder Gaesaeone oder Gesdaone oder Gadaone überliefert, 24 bis 25 Meilen von Susa, 5 Meilen von der Paßhöhe, also ohne Zweifel Césanne. Weil auf dem vierten der im See von Bracciano gefundenen Silbergefässe ( vergi, oben S. 384 ) das auffallende Tyrio da gelesen wird, wo die andern und die Peutinger'sche Tafel einen der Namen für Césanne haben, glaubte man hierin den Col de Thures zu erkennen, der von Césanne über Thures nach Apries im Thal des Guil und Mont Dauphin an der Durance geht; aber das gleiche Gefäß hat auch die Stationen Druantio und Brigantio, welche mit diesem Weg unvereinbar sind. Wir haben also einstweilen keinen Grund, diese Variante des Mont-Genèvre-Weges als im Alterthum bekannt anzusehen. Die weiteren Stationen längs der Durance sind Eama ( Casse-Rom ) zwischen La Roche und Champcella und Eburodunum ( Embrun ); von da verläßt die römische Straße das Durancethal und geht über Caturrigae oder Catorigomagus ( Chorgès ) und Ictodurum nach Vapincum ( Gap ). Ueber Alabonte ( Allemont ) kehrt sie bei Segustero ( Sisteron ) an den Fluß zurück, den sie zwischen Alaunium und Catuiaco wieder verläßt, um die große Südliche Krümmung abzuschneiden. Sie geht dann über Apta Julia ( Apt ), betritt bei Fines das Gebiet der gallischen Provinz, überschreitet bei Ca-bellio ( Cavaillon ) die Durance und erreicht über Gla-num und Ernaginum die Rhone bei Arelate ( Arles ).
Der Weg von Mailand bis Arles wird auf 411 Meilen angegeben. Dieses ist der Hauptweg; es zweigen aber von demselben zwei Seitenstraßen ab, von denen besonders die eine sehr frequentirt gewesen zu sein scheint. Die Peutinger'sche Tafel läßt von der Alpis Cottia einen Weg ausgehen, der sich bald in zwei Arme spaltet, von denen der eine nach Vienne, der andere nach Valence führt. Der erstere hat die Stationen Stabatio, Durotincum, Mellosecium, Catorissium, Cularo, Morginnum, Turecionnum:
Cularo, das spätere Gratianopolis ist = Grenoble, Catorissium soll Risset am Drac sein; nach diesen Anzeichen führt Spruner-Menkediesen Römerweg von Briançon über Monestier und den Col du Lautaret nach La Grave en Oisans im Thal der Romanche und dieser entlang an den Drac und die Isère und von da in gerader Richtung nach Vienne an die Rhône. Der zweite Arm hat die Namen Geminas, ( zweimal mit der gleichen Meilenzahl ), dann Luco, Dea Vocontiorum, Augustum, Valentia. Die vier letztern Namen sind leicht zu rathen; es sind Luc, Die, Aoust im Thal der Drôme und Valence. Wo aber zweigte dieser Arm von der Hauptstraße ab? Sicherlich nicht auf dem Mont - Genèvre, wie die Zeichnung will. Die Strecke, auf welcher dieser Arm noch mit dem oben erklärten zusammenfällt, hat auffallender Weise gar keine Stationen. Alles weist auf die Annahme hin, daß der Zeichner diese Bifurcation nur gewählt hat, um Platz für die Namen zu bekommen. Wo dieser zweite Arm anzusetzen ist, darüber belehren uns die Itinerarien. Das des Antoninus hat von Vapincum = Gap aus: Monte Seleuco, Luco, Dèa Vocontiorum, Augusta, Valentia. Das ausführlichere des Pilgers von Bordeaux nach Jerusalem in umgekehrter Richtung folgende Routenangabe: Valentia, Cerebelliaca, Augusta, Darentiaca, Dea Vocontiorum, Luco, Vologatis; von da ersteigt man den Berg Gaura = Mont-Toussières; Cambono,Monte Seleuci = Mont - Saléon, Daviano, Ad fines, Vapinco. Es scheint also der Weg aus dem Thal der Drôme über den Col de Cabre in das Thal des Buech und über den Mont-Saléon nach Gap zu sein. Wir haben oben gesagt, daß die Peutinger'sche Karte die Station „ ad Geminas " doppelt habe. Gestützt auf die falsche Lesart „ Gerainas ", die man zusammenstellte mit dem Namen von Vallouise im Cartularium von Oulx „ Vallis Jarentana ", hat man für diesen zweiten Seitenweg auch folgendes höchst unwahrscheinliche Itinerarium construirt: Briançon, Salle bei Monestier, Col de Fréjus, Col d' Echauda, Vallouise, Col de l' Alpe Martin nach Les Beaumes, dann entweder durch Val de Champoléon nach St. Bonnet, oder Val Godemar nach St. Firmin und Corps im Thal des Drac; von da über MensGeminae ) im Thal des Ebron nach Luc en Diois im Thal des Drôme.1 ) Aber die Distanzangaben, auch wenn man die Zahl bei „ ad Geminas " doppelt rechnet, sind zu kurz, 47 Meilen = 6912 km, während für den nähern Weg von Gap aus die Itinerarien 49 oder 56 Meilen angeben, ganz abgesehen von den großen Schwierigkeiten dieses Weges, ein Einwand, der auch den oben genannten längs der Romanche trifft. Deswegen hat die archäologische Commission in Frankreich für diesen die leichtere Route längs des Drac über den Col Bayard angenommen.
Jedenfalls war der Mont-Genèvre in der Römerzeit ein sehr frequentirter Paß. Im Frühjahr 69 p. Chr. führte der Legat des Vitellius, C. Fabius Valens, ein Heer über die Cottischen Alpen, während ein anderes unter A. Caecina den Poeninus überstieg und eine dritte Abtheilung durch die Seealpen vorzudringen versuchte.* ) Nach der Schlacht bei Bedriacum wurde eine der geschlagenen Legionen des Otho, die 14 e, nach Turin geschickt, um über die Cottischen Alpen nach Gallien und Britannien zu gehen, wurde dann aber wegen veränderter Disposition über die Alpis Graja, den Kleinen St. Bernhard, dirigirt.2 ) Von dem Zuge des Valens wird erzählt, daß er Lugdunum, Vienna, das Allobrogen- und Voeontiergebiet und Lucus berührte.$ ) Er folgte also der in den Itinerarien verzeichneten Straße von Valence nach Gap über den Col de Cabre. Im Jahre 70 marschirten wieder römische Legionen über den Poeninus, die Cottischen und Grajisehen Alpen zum Kampf gegen die aufständischen Gallier unter Civilis.1 ) Auch Constantin scheint im Jahr 312 über den Mont-Genèvre gegangen zu sein, nicht über den Mont-Cenis, wie Gibbon vermuthet.2 ) Wenigstens berichtet Julian ( ad. Athen ., pag. 286 ), daß er zu Briançon Vorräthe für seine Truppen habe aufspeichern lassen, was nur beim Uebergang über die Cottischen Alpen angezeigt war.