Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03306.jsonl.gz/1646

Es war einmal im Sommer, da ritten zwei Königssöhne durch den Wald. Die Luft war warm und mild, der Wald grün und dicht und voller Leben. Die zwei Brüder waren auf der Jagd. Nicht aus Not und Hunger jagten sie, sondern zum reinsten Vergnügen an dem Spiel. Da kam ein Reh aus der Deckung des Waldes. Nichts ahnend trabten die Tiere über eine kleine Lichtung. Der ältere der Königinnensöhne hob seine Armbrust, zielte und traf das Reh tödlich in der Brust. Da grollte die Erde und heraus stieg, schnaufend vor Wut ein Zwerg. „Was fällt euch ein? Zum puren Vergnügen jagt ihr in meinem Wald und nehmt das Leben des Rehs! Der Schütze soll sehen, wie es sich als Tier lebt und dem Wald dienen.“ Kaum hatte er dies ausgesprochen, da nahm der Prinz die Gestalt eines Bären an. Laut brummend rannte er in den Wald davon. Sein jüngerer Bruder nahm das reiterlose Ross und ritt voller Entsetzen in Richtung seines Heimatschlosses davon.
Am Rande des Waldes lebte eine arme Witwe mit ihren zwei Töchtern in einer einfachen Hütte. Vor der Hütte war ein kleiner Garten, darin standen zwei Rosenbäumchen, davon trug das eine weisse, das andere rote Rosen. Und da ihre Töchter den Rosenbäumchen so sehr glichen, so nannte sie die eine Schneeweisschen und die andere Rosenrot. Die Mädchen waren gut von Herzen und fleissig. Schneeweisschen war etwas stiller und sanfter als Rosenrot. Rosenrot sprang liebend gern in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blumen und rannte mit den Vögeln und Schmetterlingen um die Wette. Schneeweisschen sass lieber daheim bei der Mutter und half ihr im Haus oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war.
Die beiden Mädchen hatten einander so lieb, dass sie sich immer an den Händen fassten, so oft sie zusammen ausgingen. Und wenn Schneeweisschen sagte: „Wir wollen uns niemals verlassen“, so antwortete Rosenrot: „So lange wir leben nicht“, und die Mutter sagte immer: „Was die eine hat, soll sie mit der anderen teilen.“ Oft liefen sie im Walde allein umher und sammelten rote Beeren und Pilze, aber kein Tier tat ihnen etwas, sondern sie kamen vertraulich herbei: Das Häschen frass ein Kohlblatt aus ihren Händen, das Reh graste an ihrer Seite, der Hirsch sprang lustig vorbei und die Vögel blieben auf den Ästen sitzen, denn alle wussten: von Schneeweisschen und Rosenrot haben sie nichts zu befürchten. Kein Unfall traf sie, wenn sie sich im Walde verspätet hatten und die Nacht sie überfiel. Sie legten sich einfach nebeneinander auf das Moos und schliefen, bis der Morgen kam, und die Mutter machte sich ihretwegen keine Sorge.
Schneeweisschen und Rosenrot hielten die Hütte immer sauber und gemütlich. Im Sommer besorgte Rosenrot das Haus und stellte der Mutter jeden Morgen, ehe sie aufwachte, einen Blumenstrauss vors Bett, darin war von jedem Bäumchen eine Rose. Im Winter zündete Schneeweisschen das Feuer an und hing den Kessel an den Feuerhacken, und der Kessel war von Messing, glänzte aber wie Gold, so rein war er gescheuert. Abends, wenn die Flocken fielen, sagte die Mutter: „Geh, Schneeweisschen, schieb den Riegel vor.“ und dann setzten sie sich an den Herd, und die Mutter nahm die Brille, und las aus einem grossen Buche vor und die beiden Mädchen sassen neben ihr und hörten gespannt zu. Neben ihnen lag ein Lämmchen auf dem Boden und hinter ihnen auf einer Stange sass ein weisses Täubchen und hatte seinen Kopf unter den Flügel gesteckt.
Eines Abends im Winter, als sie so vertraulich beisammen sassen, klopfte jemand an die Tür und wollte eingelassen werden. Die Mutter sprach: „Geschwind, Rosenrot, mach auf, es wird ein Wanderer sein, der Obdach sucht.“ Rosenrot ging, und schob den Riegel weg, aber statt eines Menschen streckte ein Bär seinen schwarzen Kopf zur Tür herein. Rosenrot erschrak und schrie laut auf, sie sprang zurück; das Lämmchen blökte, das Täubchen flatterte auf und Schneeweisschen versteckte sich hinter der Mutter Bett. Der Bär aber fing an zu sprechen und sagte „Fürchtet euch nicht, ich tue euch nichts zu leide. Ich bin halb erfroren und will mich nur ein wenig bei euch wärmen.“ „Ach, du armer Bär,“ sprach die Mutter, „leg dich ans Feuer, und gib nur acht, dass dir dein Pelz nicht verbrennt.“ Dann rief sie ihre Töchter: „Schneeweisschen, Rosenrot, kommt hervor, der Bär tut euch nichts, er meint es ehrlich.“ Da kamen sie beide heran, und nach und nach näherten sich auch das Lämmchen und das Täubchen und hatten keine Furcht mehr.
Der Bär sprach: „Ihr Mädchen, klopft mir den Schnee ein wenig aus dem Pelz“, und sie holten den Besen, und kehrten dem Bär das Fell rein, er aber streckte sich ans Feuer und brummte ganz vergnügt und behaglich. Nicht lange, so wurden sie ganz vertraut, und trieben es gar wild mit dem Gast, zausten ihm das Fell mit den Händen, setzten ihre Füsschen auf seinen Rücken, und schubsten ihn hin und her. Oder sie nahmen eine Haselrute und schlugen auf ihn los, und wenn er brummte, so lachten sie. Der Bär liess es sich aber gerne gefallen.
Als Schlafenszeit war und alle zu Bett gingen, sagte die Mutter zu dem Bären: „Du kannst da am Herde liegen bleiben, so bist du vor der Kälte und Schnee geschützt.“ Als der Tag graute, liessen ihn die beiden Mädchen hinaus, und er trabte über den Schnee in den Wald hinein. Von nun an kam der Bär jeden Abend zu der bestimmten Stunde, legte sich an die Feuerstelle und bald waren sie so gewöhnt an ihn, dass die Tür nicht eher zugeriegelt wurde, als bis der schwarze Geselle angelangt war.
Als der Frühling kam, sagte der Bär eines Morgens zu Schneeweisschen: „Nun gehe ich fort und werde den ganzen Sommer nicht wieder kommen.“ „Wo gehst du denn hin, lieber Bär?“ fragte Schneeweisschen. „Ich muss in den Wald und die Schätze der Erde vor gierigen Menschen hüten. Im Winter, wenn die Erde hart gefroren ist, sind sie sicher verwahrt, aber jetzt, wo die Sonne die Erde aufgetaut und erwärmt hat, graben gierige Menschen nach ihnen und stehlen sie aus dem Schoss der Erde.“ Schneeweisschen war ganz traurig über den Abschied und riegelte ihm die Tür auf, und als der Bär sich hinaus drängte, blieb er mit seinem Pelz an dem Türhaken hängen. Da war es Schneeweisschen, als hätte sie Gold durchschimmern gesehen, aber sie war sich ihrer Sache nicht sicher, weil der Bär eilig fort lief und bald hinter den Bäumen verschwunden war.
Nach einiger Zeit schickte die Mutter die Kinder in den Wald, um Reisig zu sammeln. Da fanden sie draussen einen grossen Baum, der lag gefällt auf dem Boden, und an dem Stamme sprang zwischen dem Gras etwas auf und ab, sie konnten aber nicht erkennen, was es war. Als sie näherkamen, sahen sie einen Zwerg mit einem ellenlangen schneeweissen Bart. Das Ende des Bartes war in eine Spalte des Baums eingeklemmt, und der Kleine sprang hin und her und wusste nicht, wie er sich helfen sollte. Zwischen den Wurzeln des Baumes aber sahen sie einen Sack, der war gefüllt mit Gold. „So helft mir doch endlich“, schrie er Schneeweisschen und Rosenrot zu. „Was hast du angefangen, kleines Männchen?“ fragte Rosenrot. „Den Baum habe ich spalten wolle. Ich hatte einen Keil hinein getrieben und es wäre alles nach Wunsch gegangen, aber das verwünschte Holz war zu glatt, und sprang unversehens heraus, und der Baum fuhr so geschwind zusammen, dass ich meinen schönen weissen Bart nicht mehr herausziehen konnte. Nun steckt er darinnen, und ich kann nicht fort.“ Die Mädchen gaben sich alle Mühe, aber sie konnten den Bart nicht herausziehen, er steckte zu fest. „Ich will laufen, und Leute herbeiholen“ sagte Rosenrot. „Wer wird gleich Leute herbeirufen?“, zeterte der Zwerg, „ihr seid mir schon zwei zu viel. Fällt euch nicht besseres ein?“ „Sei nur nicht ungeduldig,“ sagte Schneeweisschen, „ich will schon Rat schaffen,“ und sie holte eine Schere aus der Tasche, und schnitt das Ende des Bartes ab. Sobald der Zwerg sich frei fühlte, fing er an zu jammern: „Mein schöner stolzer Bart! Konnte euch nichts anderes einfallen, um mich zu befreien?“ Er griff nach dem Sack mit Gold, der zwischen den Baumwurzeln lag, hob ihn heraus, schwang ihn sich auf den Rücken und ging fort, ohne die Mädchen nur noch einmal anzusehen.
Einige Zeit danach wollten Schneeweisschen und Rosenrot für ein Essen Fische angeln. Als sie zum Bach kamen, sahen sie etwas wie eine grosse Heuschrecke Richtung Wasser hüpfen, als wollte es hineinspringen. Sie liefen heran und erkannten den Zwerg. „Wo willst du hin?“ fragte Rosenrot, „du willst doch nicht ins Wasser?“ „Solch ein Narr bin ich nicht“, schrie der Zwerg, „seht ihr nicht, der verwünschte Fisch will mich hineinziehen?“ Der Kleine hatte da gesessen und geangelt und unglücklicher Weise hatte der Wind seinen Bart mit der Angelschnur verflochten. Als kurz darauf ein grosser Fisch anbiss, fehlten dem Zwerg die Kräfte, ihn herauszuziehen. Stattdessen zog nun der Fisch ihn zum Wasser hin. Zwar hielt er sich an allen Halmen und Binsen, die am Ufer wuchsen, aber das half nicht viel, er musste den Bewegungen des Fisches folgen, und war in beständiger Gefahr ins Wasser gezogen zu werden. Im Schilf aber lag ein Sack mit weissen Perlen, die glänzten wie das silberne Licht des Mondes. Die Mädchen kamen zu rechter Zeit, hielten ihn fest, und versuchten den Bart von der Schnur loszumachen, aber das war vergebens, denn Bart und Schnur waren fest ineinander verwirrt. Es blieb nichts anderes übrig, als erneut die Schere aus der Tasche zu holen und den Bart abzuschneiden, wobei ein weiterer kleiner Teil dessen verloren ging. Als der Zwerg das sah, schrie er die Mädchen an: „Oh, nicht genug, dass ihr mir den Bart unten gestutzt habt, jetzt schneidet ihr mir den besten Teil davon ab! Ich kann mich vor den Meinigen gar nicht mehr sehen lassen.“ Dann holte er den Sack Perlen, der im Schilfe lag, und ohne ein Wort weiter zu sagen, schleppte er ihn fort, und verschwand hinter einem Stein.
Bald darauf schickte die Mutter die beiden Mädchen in die Stadt, um Zwirn, Nadeln, Schnüre und Bänder einzukaufen. Der Weg führte sie über eine Heide, auf der hier und da mächtige Felsenstücke zerstreut lagen. Da sahen sie einen grossen Vogel in der Luft schweben, der langsam über ihnen kreiste, sich immer tiefer herab senkte und endlich nicht weit bei einem Felsen niederstiess. Gleich darauf hörten sie einen durchdringenden, jämmerlichen Schrei. Sie liefen zu der Stelle und sahen mit Schrecken, dass der Adler ihren alten Bekannten, den Zwerg, gepackt hatte und ihn forttragen wollte. Vor ihren Füssen, gleich unterhalb des Adlers und des Zwergs aber lag ein Sack mit schönsten Edelsteinen. Die mitleidigen Kinder hielten gleich das Männchen fest und zerrten so lange an dem Adler, bis er seine Beute wieder losliess. Als der Zwerg sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, sprach er: „Konntet ihr nicht vorsichtiger mit mir umgehen, gerissen habt ihr an meinem dünnen Röckchen, dass es überall zerfetzt und durchlöchert ist!“ Dann nahm er den Sack mit Edelsteinen, und schlüpfte wieder unter den Felsen in seine Höhle. Die Mädchen waren an seinen Undank schon gewöhnt, setzten ihren Weg fort, und verrichteten ihr Geschäft in der Stadt.
Als sie auf dem Heimweg wieder auf die Heide kamen, überraschten sie den Zwerg, der auf einem grossen glatten Stein Gold, Perlen und Edelsteine ausgebreitet hatte. Die Abendsonne schien über die glänzenden Schätze und diese schimmerten und leuchteten so prächtig in allen Farben, dass Schneeweisschen und Rosenrot wie verzaubert stehen blieben, denn nie zuvor hatten sie so etwas Wunderbares gesehen. „Kommt nur näher“, sprach der Zwerg und dieses Mal war seine Stimme unerwartet freundlich. „Nur wer die Schätze der Erde nicht begehrt, ist es wert, beschenkt zu werden. Nehmt diese edlen Steine, denn sie sind euer Lohn.“ Schneeweisschen und Rosenrot trauten ihren Ohren nicht. Dieser Reichtum soll ihnen, zwei armen Mädchen zuteil werden? Was wenn der Zwerg es sich wieder anders überlegt und sie erneut beschimpft und beleidigt? Da hörten sie ein lautes Brummen und sahen, wie ein schwarzer Bär aus dem Walde herbei trabte. Erschrocken wollten Schneeweisschen und Rosenrot fliehen und waren schon fortgesprungen, aber der Bär rief ihnen nach „Schneeweisschen, Rosenrot, fürchtet euch nicht, wartet, ich will mit euch gehen.“ Nun erkannten sie seine Stimme und fielen ihm voller Freude um den Hals.
Da fiel plötzlich die Bärenhaut ab, und vor ihnen stand ein schöner junger Mann, der war ganz in Gold gekleidet. Er sagte: „Ich bin der ältester Sohn des Königs. Ein Jahr lang musste ich als Bär leben und der Natur und allen Lebewesen im Wald dienen. Nun ist das Jahr vergangen und ich kann als Mensch wieder zu meines Vaters Schloss zurückkehren.“
Nach einer kurzen Pause setzte er fort: „Wie oft konnte ich mich im Winter in eurer Hütte wärmen und eure Zuneigung geniessen“, und weiter an Schneeweisschen gewandt: „Liebstes Schneeweisschen, du bist die Liebste von allen mir. Ich wünsche, dass du für immer bei mir bleibst. Möchtest du mich nicht zum Schloss begleiten und dort mit mir leben?“ „Gern würde ich dies tun“, antwortete Schneeweisschen, denn ihr gefiel der Königssohn ausserordentlich gut und sie hatte ihn sogleich in ihr Herz geschlossen, so wie sie auch den Bären lieb gewonnen hatte, „aber unmöglich kann ich Rosenrot und Mutter allein lassen“. „Sie können mit dir kommen und mit uns auf dem Schloss leben“, versprach der Königssohn Schneeweisschen.
Und so machten sich alle auf den Weg zum Schloss, wo sie voller Freude empfangen wurden. Rosenrot fand Gefallen an dem Bruder des Königssohns, und dieser fand Gefallen an ihr. So wurde bald Hochzeit gefeiert, und sie teilten die Schätze, die Schneeweisschen und Rosenrot von dem Zwerg geschenkt bekommen hatten. Die alte Mutter lebte noch lange Jahre ganz glücklich bei ihren Kindern. Die zwei Rosenbäumchen aber nahm sie mit, und sie standen vor ihrem Fenster und trugen jedes Jahr die schönsten Rosen, weiss und rot.
Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass ich dieses Märchen in die Sammlung der Monatsmärchen aufnehme. Denn obwohl mir dieses Märchen als Kind sehr gut gefallen hat, gab es für mich als Erwachsene Stellen, die mir nicht zusagten. Deshalb: falls du dieses Märchen in der Version der Gebrüder Grimm kennst, hast du sicher bemerkt, dass ich mich für eine andere Version entschieden habe. Diese Version ist von Doreen Heide. Diese Version will ich erzählen, freue mich sogar sehr darauf.
Es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb ich mich endlich daran gemacht habe, dieses Märchen aufzuarbeiten. Und zwar war es das Lieblingsmärchen meiner Grossmutter die Ende August verstorben ist. Und so war es wunderschön, in dieses Märchen einzutauchen und an sie zu denken.
Aber das Märchen eignet sich sicher auch dazu:
- Blumenmandalas mit roten und weissen Rosenblüten zu legen
- ein Rosenparfüm herzustellen
- Zwerge mit langen Bärten aus Wolle herstellen
- barfuss über die Wiese tanzen und danach einen heissen Tee im Haus trinken