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SPORT
Rebellen-Tanz
Cécile Moser
Von wegen divahaftes Getue: Voguing, entstanden in den 80er-Jahren in der Ballroom-Szene von New York Harlem, begann als Ausdrucksform der marginalisierten homosexuellen Subkultur und ist noch heute Ausdrucksform des Widerstandes.
„Vogue ist ein bisschen oberflächlich, weil man nach seinem äusseren Auftreten beurteilt wird“, sagte Tänzer und Tanzlehrer Archie Burnett 2014. „Wenn du aber sonst nichts hast, keine Arbeit, kein Geld, und du der Gesellschaft nichts bedeutest - you fake it to make it.“ Ein wohl sehr passender Beschrieb dieses Tanzstils, wenn man denn auch seine Anfänge bedenkt. Entstanden in Harlems Ballroom-Szene, erkennt man den Tanzstil vor allem an seinen linearen und rechtwinkligen Arm- und Beinbewegungen in Anlehnung an Posen und Körperhaltungen von Models. Sein Name wurde entsprechend der Modezeitschrift Vogue entlehnt. In den frühen 1980er Jahren wurde er durch afroamerikanische und lateinamerikanische Homosexuelle geprägt, die in der damaligen Zeit keinen leichten Stand in der Gesellschaft hatten und aufgrund mehrerer Faktoren (Herkunft, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, etc.) diskriminiert wurden bzw. gesellschaftliche Aussenseiter waren. Ähnlich dem Regenbogen als physikalisches Ereignis, entstand auch aus den scheinbar gegensätzlichen Faktoren Aussenseiter und Mode-Tanz etwas wunderbar Neues: Das Voguing.
So begannen die sogenannten Houses, familiär gebildete Vereinigungen und damit wichtige soziale Orte des Vogue-Tanzes, Wettbewerbe zu veranstalten und so ihr Können zu messen. Die Houses trugen dabei oft Markennamen oder Bezeichnungen aus der Modewelt, so beispielsweise das House of Dior, das House of Escada, das House of LaBeija oder das House of Xtravaganza. Neben laufstegartigem Gehen, das sich durch ausgeprägten Hüftschwung und das Überkreuzen der Fussballen beim Aufsetzen auf einer absolut geraden Linie auszeichnet, wird beim Tanzstil jeder Schritt einzeln betont und mit den Schultern unterstützt. Davon ausgehend wurden Bewegungen eingebaut, die jeweils in für kurze Momente gehaltenen Posen enden. Ursprünglich wurden für diese Posen Inspirationen aus Martial-Arts-Filmen, Hip-Hop und rhythmischer Gymnastik bezogen, einige Tänzer erhoben gar den Anspruch, mit ihren Körpern ägyptische Hieroglyphen nachzustellen. Schliesslich setzten sich typische Posen aus der Modefotografie durch: Jede Bewegung markiert ein Foto, eine Bewegungsfolge wird zu einer so gesehenen Fotoserie.
Nachdem Madonna 1990 mit ihrem Song „Vogue“ diesen Tanzstil und seine Geschichte weiter trug, ist heutiger Voguing Hotspot etwa Atlanta im Süden der USA. Clubs wie die „Lava Lounge“ sind berühmt für ihre Vogue-Tanzshows und Battles, die nicht selten auch von wilden Drag-Queens ausgetragen werden und in Farben und Kostümen keine Grenzen kennen. Ein scheinbar kunterbuntes Spektakel auf den ersten Blick, das jedoch viel Schweiss und Tränen dahinter verbirgt - und das jetzt nicht nur im üblichen Sport-Sinne gemeint. Das zeigt etwa auch eindrucksvoll der aus den 90er-Jahren stammende Film „Paris is Burning“. Der US-amerikanische Dokumentarfilm zeigt die Ballroom-Culture New Yorks aus den 80er-Jahren, die durch die afroamerikanische Schwulen- und Transgender-Szene und Latino-Community geprägt wurde. Wer eine etwas neuere Version dieser Historien-Schreibung bevorzugt, liegt mit der Netflix-Serie „The Get Down“ goldrichtig.
Wer sich in hiesigen Breitengraden für Voguing interessiert, wird am „Les Belles de Nuit“-Festival Ende Oktober fündig:
Voguing by Ivan Monteiro
Donnerstag 26.10. (19:00 – 21:30) und Freitag 27.10. (17:00 – 19:30)
im Tanzhaus Media Campus (Zürich)