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Kulturschätze rund um die Taklamakan
Auf der Seidenstraße von Turfan nach Dunhuang
Nach der Pamir-Expedition des AACZ wollten wir unseren Aufenthalt am anderen Ende der Welt geruhsam ausklingen lassen. So beschlossen wir, auf den Spuren der kaiserzeitlich-deutschen Asienforscher Le Coq und Grünwedel ein Stück der Seidenstraße zu bereisen. Wir hielten uns im wesentlichen an ihre Route von Urumqi über Turfan und Hami nach Dunhuang, was einem der nördlichen Äste der Seidenstraße entspricht. Bereits unsere Anreise aus Kirgisien über den Torugart-Pass entsprach ja einem Zweig dieser historischen Handelsroute. Mit der Karavanserai Tash Rabat im kirgisischen Tien Shan hatten wir bereits einen bedeutenden Überrest kennengelernt. Wie ein breiter Keil versperrt die Wüste Taklamakan den direkten Weg von China nach Westen und zwang die Karawanen, nach Norden oder Süden auszuweichen. Von Dunhuang, dem Zentrum am östlichen Ende dieser größten Sandwüste östlich Arabiens, zogen die Seidenhändler zum verschwundenen Oasen-Königreich Loulan (im heutigen Atomtestgelände Lop Nor) und dann entweder südlich, dem Rand des Kunlun-Gebirges entlang, oder auf der Nordroute am Fuß des Tien Shan weiter nach Kashgar, wo sich die beiden Karawanenwege am westlichen Ende der Wüste wieder trafen, um den Pamir zu passieren. Als zu Beginn der Tang-Dynastie (700 n.Chr.) Loulan wegen Wassermangel untergegangen war, entstand weiter nordöstlich ein Weg über Hami und Turfan, um an die Quellen des Tien Shan zu gelangen. Auch heute noch stellt diese Route die Hauptverbindungslinie der muslimischen Westprovinz Xinjiang ins sowohl geographisch als auch kulturell ferne Peking dar.
Mit leichtem
Gepäck und vor allem ohne Zelt, Pickel und Seil, nur gerüstet
mit wenigen Wörtern Chinesisch, stiegen wir mit einem einheimischen
Fahrer und Reisebegleiter in den Mietwagen und nahmen unsere erste
Etappe von Urumqi zur Senke von Turfan in Angriff. Beeindruckend
waren die unendlich langen Asphalt-Geraden, die parallel zu den Ausläufern
des Tien Shan fast unmerklich rund 1000 Höhenmeter hinab führen bis
auf die virtuelle Meereshöhe. Im Hintergrund konnte man die letzten
Schneeberge des Bogda Shan vermuten. Flimmernde Hitze der Geröllwüste,
verzerrte Luftspiegelungen, monotones Wagengeräusch. Waren es Minuten
- Stunden? Nur an den Kilometersteinen, die so nah aussahen und doch
so lange brauchten, bis sie vorbeigezogen waren, konnte man erkennen,
dass die 4000 km bis zur Nullmarke in Peking langsam dahin schmolzen.
Am nächsten
Tag führte uns eine Rundfahrt zu den buddhistischen Grotten von Beziklik.
Die ausgesprochen schöne Lage an den Steilwänden des grünen Murtuq-Tals
mit den Schneegipfeln des Tien Shan im Hintergrund ließ den
relativ schlechten Zustand der Innenausstattung vergessen. Die frühen
westlichen "Archäologen" haben hier ganze Arbeit geleistet
und sämtliche Figuren, denen nicht schon von fanatischen Moslems die
Augen herausgekratzt worden waren, in europäische Museen abtransportiert.
Zum Abschluß unserer Besichtigungsrunde durch Turfan durfte selbstverständlich das Grape Valley nicht fehlen. Anmutig liegt dieses Tal als grüne Oase inmitten unwirtlicher Wüstenei. Unter einem Meer von Weinreben verbirgt sich allerdings ein Touristenzentrum, in dem es von Andenkenständen, Getränkebuden und Rosinenverkäufern wimmelt. An einem Quellteich im Schatten die frisch gewaschenen kernlosen Trauben zu genießen, war allerdings ein paradiesisches Vergnügen, das uns all die touristische Vermarktung schnell vergessen ließ.
Der zweite
Hauptpunkt unserer Taklamakan-Halbumrundung war die Oasenstadt Dunhuang,
die wir nach einer Nacht in der Bahn und einer einstündigen Autofahrt
erreichten. Dies war die erste und einzige Stadt unserer Reise, in
der wir mit dem Han-chinesischen Kulturkreis in Berührung kamen und
vom muslimischen Zentralasien Abstand gewannen. Deutlich beherrschen
nun Rikschas das Straßenbild. Im Süden, direkt vor der Stadt,
schwingen sich Sanddünen elegant in einige hundert Meter Höhe. Bei
näherem Betrachten allerdings wandelt sich dieses Bild der Unberührtheit:
Scharen von Touristen pilgern entlang des Dünenkamms hinauf, um das
Schauspiel des Sonnenuntergangs zu genießen oder sich bei Sandsliding
auf bereitgestellten Kissen oder gar bei Paragliding zu vergnügen.
Nicht fehlen dürfen Kamele, Eisverkäufer, Imbißstände - kurzum:
ein Wüstenrummelplatz. Am Fuß dieser Dünenlandschaft liegt der
Mondsichelsee mit seinem stillen, klaren Wasser, quasi als
Kontrapunkt zur unwirtlichen Umgebung. Als Lebensquell am Wüstenrand
spielte er wohl eine entscheidende Rolle für die Bedeutung der Stadt
Dunhuang in der Geschichte und Mythologie dieser Region.
Der Abschlußbesuch unserer Reise entlang der Seidenstraße galt dem Wahrzeichen Chinas schlechthin, der chinesischen Mauer. Nach längeren Preisverhandlungen hatten wir einen Fahrer überzeugt, uns zu ihren letzten Ausläufern im Westen des Reiches zu bringen. Bis hinein in die Wüste Taklamakan reichte in der Han-Zeit (200 v.Chr. - 200 n.Chr.) dieser Schutzwall gegen die Nomadenvölker. Die heute noch sichtbaren Mauerreste, bis zu zwei Meter hohe Wände aus Stroh und Lehm, ziehen sich als schnurgerade Linie bis zum Horizont. Man braucht einen geschulten Blick, um die Wachttürme, die die Mauer begleiten, in der hügeligen Wüste zu erkennen. Bald fielen uns die charakteristischen Stroh-Lehm-Gebilde von beachtlicher Höhe überall ins Auge. In regelmäßigen Abständen gab es größere Befestigungsanlagen wie das bis heute erhaltene Jadetor (Yumenguan) westlich von Dunhuang, das den Endpunkt des chinesischen Herrschaftsraumes markierte. Jenseits, in den wilden Bergbächen des Kunlun, fand sich die in China überaus begehrte Jade, mit der die Könige der zentralasiatischen Reiche die chinesische Seide bezahlten.
Nach einer Nachtfahrt mit dem Zug zurück nach Urumqi ging es via Almaty und Istanbul zurück in die Schweiz. Mit vielen Eindrücken der buddhistischen Kultur, der Wüstenlandschaft der Taklamakan sowie der chinesischen Geschichte war diese Reise auf den Spuren der Seidenstraße eine perfekte Ergänzung und Abrundung der bergsteigerischen Erlebnisse der Aksay-Expedition 1998.
Guntram Koller, Klaus Minges
Mehr über die Expedition: AACZ

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Klaus Minges · Mail: <email-pii> · Web: www.minges.ch