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Dieses Buch erschien vor über 60 Jahren Anfang Oktober 1931 als Jubiläumsband 1000 der weitverbreiteten „Sammlung Göschen“. Jaspers gibt darin eine Analyse von geistigen Tendenzen und Bewegungen, die das Lebensgefühl und Denken in der damaligen Zeit prägten. Bei dieser Analyse diente ihm der Begriff der Situation als wichtige existenzphilosophische Rahmenvorstellung. Durch die Verwendung dieses Begriffs wollte er deutlich machen, dass mit den dargebotenen Analysen vor allem der Zweck verbunden sei, humane Möglichkeiten des Menschseins und Grenzen solcher Möglichkeiten aufzuweisen. Dieses Verständnis von „Situation“ zeigt sich u. a. in folgender Feststellung: „Das Erfassen der Situation ist von der Art, daß es sie schon ändert, sofern es Appell an Handeln und Sichverhalten möglich macht. Eine Situation zu erblicken, ist der Beginn, ihrer Herr zu wer-den; sie ins Auge zu fassen, schon der Wille, der um ein Sein ringt. Wenn ich die geistige Situation der Zeit suche, so will ich ein Mensch sein.“ (13. Aufl. 1971, 23/24)
Jaspers greift viele Probleme auf, die als Ergebnis des wissenschaftlichen und technischen Zeitgeists gelten und mit dem „Massendasein“ des Menschen zusammenhängen. Solche Probleme sind: Nivellierungs- und Anonymisierungstendenzen, Persönlichkeitsverlust durch Anpassung an Massenverhalten, blinde Glorifizierung des technischen Fortschritts (20ff., 38ff.), „Wissenschaftsaberglaube“ (124ff.), d. h. das bedingungslose Vertrauen in den wissenschaftlichen Denkstil sowie der Irrglaube, dass damit alle Lebensprobleme zu lösen wären usw. Zum Unterschied von anderen konservativen Kulturkritikern der Zwischenkriegszeit (etwa Ernst Jünger), findet man in Jaspersʼ Technik- und Wissenschaftskritik nirgends eine einseitige Abwertung oder gar Dämonisierung von Technik und Wissenschaft. Als Produktionen des menschlichen Geistes gelten ihm Technik und Wissenschaft auf der einen Seite als notwendige Bedingungen bzw. wesentliche Möglichkeiten des Menschseins im modernen Zeitalter. Auf der anderen Seite gilt es aber stets, auch ihre Grenzen zu bedenken, die, sobald man sie überschreitet, zu einer Bedrohung des modernen Menschseins führen.
Dass dieses Buch in englischer Übersetzung unter dem Titel Man in the Modern Age erschienen ist, kommt nicht von ungefähr. Man kann nämlich in Jaspersʼ Analyse der geistigen Situation der Zeit auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Moderne sehen, und zwar eine Auseinandersetzung, in der bereits zahlreiche Argumente vorweggenommen sind, die in der viel späteren Diskussion um Moderne und Postmoderne von sogenannten Vertretern der Postmoderne gegen das Zeitalter der Moderne erhoben wurden.
Eine Frage, die im Zusammenhang mit dieser Schrift oft gestellt worden ist und die auch hier nicht ausgeklammert werden soll, ist die Frage, warum Jaspers darin mit keinem Wort die nationalsozialistische Bewegung erwähnt, die damals in Deutschland bereits durch unübersehbare öffentliche Aktivitäten in Erscheinung trat. Jaspers warnt zwar vor Faschismus und Bolschewismus und deren „Formen weltlicher Diktatur“ (84), die den Verzicht auf eigenes Selbstseins als Preis haben, nicht aber vor dem Nationalsozialismus. Er selber gibt dafür in einem nachträglichen Geleitwort zur Ausgabe dieser Schrift von 1946 folgende Erklärung: „Dieses Buch ist im Jahr 1930 geschrieben. Ich hatte damals kaum Kenntnis vom Nationalsozialismus, etwas mehr Kunde vom Faschismus. In der Befriedigung über den gerade erreichten Abschluß des Manuskripts war ich bei den Septemberwahlen 1930 erstaunt und erschrocken über den damals ersten Erfolg der Nationalsozialisten. Das Manuskript blieb ein Jahr liegen, da ich es nicht an die Öffentlichkeit lassen wollte ohne meine Philosophie, die 1931 in drei Bänden einige Wochen nach dieser Schrift erschien.“ (194) In seiner Philosophischen Autobiographie bemerkt Jaspers in diesem Zusammenhang auch, dass er damals den „Wahnsinn“ des Nationalsozialismus in Deutschland „noch für unmöglich hielt“ (1977, 72). Wie so viele Intellektuelle in Deutschland der Zwischenkriegszeit nahm auch Jaspers anfangs die nationalsozialistische Bewegung in ihren Machtansprüchen nicht Ernst und unterschätzte deren Durchsetzungskraft ebenso wie den Resonanzboden, der damals für die NS-Ideologie in Deutschland gegeben war.