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Neustart auf Schloss Schartenfels
Nach den Betriebsferien ist das Restaurant hoch über Wettingen wieder geöffnet –… Weiterlesen
von
Dorner, Rolf
22. Dezember 2021
18:44
wurde ein halbes Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Bad Schussenried (Baden-Württemberg) geboren und lebt seit sechzehn Jahren in Ehrendingen. Der pensionierte PR- und Werbeleiter hat von 1970 bis heute Hunderte Essays, Rezensionen, Interviews, Reportagen und Kurzgeschichten veröffentlicht. Er ist Mitglied in mehreren Schriftstellerorganisationen, u. a. im Deutschschweizer PEN-Zentrum. Seine bekanntesten Werke sind der Roman «Zeitgeist» (1994) und die Satire «Lust und Frust beim Schreiben» (1997) sowie der Essay-Band «Stichworte» (2005). Sein Verlag Edition Leu wurde 2018 aufgelöst.
Die Nacht hing über der Stadt. Dabei war es erst halb sechs, an jenem Novemberabend. Ich wartete auf das Tram, in Zürich, am Bellevueplatz. Plötzlich stieg mir, wie aus einer anderen Welt, der würzige Duft von Bratwürsten in die Nase! Allmählich erinnerte mich der Duft an eine ferne Nacht, eine im wahrsten Sinne des Wortes eine Heilige Nacht …
… Da ich damals bereits zur Schule ging, muss es 1945 oder 1946 gewesen sein. Wir – Mutter, mein Bruder und ich – bewohnten eine geräumige Vierzimmerwohnung in Süddeutschland. Vater war im Krieg. Ich war erst ein halbes Jahr auf der Welt, als er eingezogen worden war. Nur anhand einiger Fotos konnte ich ihn mir vorstellen. Er «liege» ganz oben am Meer, in Frankreich, hatte Mutter früher immer erklärt. Aber seit dieser «Invasion in der Normandie», am
6. Juni 1944, auf den Tag genau an Vaters 35. Geburtstag, galt er als vermisst. Und nun waren die Franzosen im Städtchen.
Der «Feind» sei einmarschiert, hatte unser Nachbar, Schneider
Eisele, eines Morgens zu uns herüber gerufen. Vereinzelt waren Schüsse gefallen. Für uns aber, die Kinder, hatte der Einmarsch erst einen Tag später als grosses Spektakel stattgefunden, als Panzer, Lastwagen, Jeeps und Tausende von Soldaten in langen Reihen ins Städtchen eingezogen waren. Und, wir rieben uns die Augen: Dunkelhäutige Menschen mit exotischen Maultieren bildeten den Schluss des «Umzugs».
Mittlerweile hatten französische Soldaten zwei unserer vier Zimmer in Beschlag genommen. Und so, wie die sich eingerichtet hatten, würden sie wohl kaum so schnell verschwinden.
24. Dezember, Heilige Nacht
Mein Bruder und ich hockten um den Herd herum. Durch das gläserne Fenster des Türchens sah man die brennenden Scheite zittern. Wir spielten mit Fallschirmkordeln, die uns einer der Besatzer zugesteckt hatte.
«Kannst du dich noch daran erinnern, wie eine Bratwurst schmeckt?», fragte mich mein Bruder unvermittelt. «Nein», murmelte ich. Ich hätte es vergessen – seit letzter Weihnacht.
Wir erhoben uns und traten gelangweilt ans Fenster. Draussen legte sich bereits die Dämmerung über unseren mit Schnee eingepuderten Gemüsegarten. Kein Laut störte die angebrochene Heilige Nacht.
Endlich vernahmen wir Schritte im Korridor! Schneebestäubt trat Mutter ein. Voller Erwartungen gingen wir auf sie zu. «Ich habe sie bekommen!», beruhigte sie uns. Alles an ihr lächelte und strahlte Freude aus.
Zufrieden verzogen wir Buben uns in die Stube. Mein Bruder wickelte eine der glänzenden Fallschirmkordeln auf. «Engelhaar!», erklärte er wichtig, als er die weissen Fäden über die Zweige unseres Christbaumes hängte. Aufgeregt schwangen die gebackenen Maissternchen und ein paar Glaskugeln auf und ab.
Nachdem wir den Tisch gedeckt und Platz genommen hatten, trug Mutter die Schüssel mit dem Kartoffelsalat herein. Es ging uns wirklich gut, in diesen Zeiten. Viele Menschen im Land hungerten und froren.
«Die Bratpfanne steht schon auf dem Herd», meinte Mutter lächelnd, nachdem sie bemerkt hatte, dass mein Bruder und ich vor Ungeduld fast zerplatzten.
Plötzlich klopfte jemand an! Es war Henri, der älteste der französischen Soldaten im Haus. Die jüngeren Männer hatten kurz zuvor singend unsere Wohnung verlassen. Henri bat – auf sein militärgrünes Essgeschirr zeigend – um heisses Wasser.
In diesem Moment kam Mutter aus der Küche. Während Henri zum gedeckten Tisch hinüberschielte, wiederholte er seinen Wunsch.
Einige Sekunden zögerte Mutter. Dann lud sie Henri kurzerhand ein, sich zu uns an den Tisch zu setzen. Enttäuscht sah mich mein Bruder an und auch mir lag nichts an Gastfreundschaft.
Seit Tagen hatten wir uns auf unsere Weihnachts-Bratwurst gefreut. Nun sahen wir unser Festessen irgendwie bedroht.
Wie ein richtiger Vater
Mutter brachte ein weiteres Gedeck. Henri sah verlegen drein und rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. Seine Anwesenheit störte mich plötzlich nicht mehr.
Drei Söhne habe er, sagte Henri mit den Händen herumfuchtelnd, voller Stolz. Mit der Hand markierte er deren Körpergrösse auf der Tapete. Henri sah nun wie ein richtiger Vater aus.
Auf einmal lag der würzige Duft von Gebratenem in der Luft. Genüsslich streckten mein Bruder, ich und sogar Henri unsere Nasen wie auf Kommando nach vorne.
Haaa, Bratwürste! Nun wusste ich wieder, wie sie schmeckten. Auch auf den Kartoffelsalat freute ich mich riesig. Henri tat mir leid, denn Mutter hatte nur drei Würste «bestellen» können, auf dem Schwarzmarkt. Diese Zeiten! Vaters Schlittschuhe hatten diesmal herhalten müssen; an Weihnachten vor einem Jahr hatte Mutter seine braunen Sonntagsschuhe gegen Bratwürste «eingetauscht».
Endlich kam Mutter aus der Küche – mit erhobener Bratpfanne. Das Wasser lief mir im Munde zusammen, als sie mit der Gabel in etwas Weiches hineinstach. Der Atem stockte mir: Die erste Bratwurst hielt Mutter Henri hin! Der schob sie schnell mit der Gabel auf seinen Teller. Dann kam mein Bruder an die Reihe, schliesslich ich. Drei Augenpaare waren auf Mutter gerichtet. Henri konnte natürlich nicht wissen, dass unser Haushalt nur über drei Würste verfügte.
Lächelnd nickte Mutter mir zu. Dann neigte sie die Bratpfanne und – plumps – fielen drei Wurstanschnitte auf ihren Teller. Jetzt erst realisierte ich, dass meine Bratwurst, die meines Bruders und jene von Henri um ein Drittel gekürzt worden waren.
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