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«Dem Menschen sind in seiner Vorstellung keine Grenzen
gesetzt ausser denen, die er sich selbst setzt!»
Richard F. Estermann
Die Vorbereitung auf ein sportliches Grossereignis, wie sie eine Olympiade heute darstellt, beginnt nicht erst einige Tage vor dem Abflug. Wie in meinem Buch „SPITZE IM SPORT" bereits dargestellt, setzen sich Athleten kurzfristige, mittelfristige und langfristige Ziele. Letzteres gilt für olympische Spiele. Je wichtiger ein Sportereignis ist, desto länger die mentale Vorbereitungszeit. Bei olympischen Spielen beginnt sie also in der Regel vier Jahre vor dem Ereignis.
Momentan bereite ich einige Athleten und eine Athletin aus verschiedenen Sportarten mental auf Olympia 2016 in RIO vor. Grundsätzlich geht es bei Athleten in erster Linie darum, die Technik einer Sportart weiter zu entwickeln und zu optimieren. Aber technisches Können allein genügt bekanntlich nie, um wirklich erfolgreich zu sein. Wir müssen uns auch auf das „emotionale Gewicht" einer derartigen Sport- Grossveranstaltung vorbereiten. Und die mentale Vorbereitung ist dabei von entscheidender Bedeutung. Ziel unserer Vorbereitungen ist es, genau zum richtigen Zeitpunkt in Topform zu sein, um eine absolute Höchstleistung zu erbringen! Denken wir an die Tatsache:
Olympiasieger wird nicht zwangsläufig der aktuelle Weltmeister oder Weltrekordinhaber sondern derjenige dem es gelingt, an diesem Wettkampftag und unter den gegebenen Bedingungen die beste Leistung zu erbringen!
Dieses Ziel können wir nur durch eine entsprechende Vorbereitung und durch eine effektive Zielprogrammierung erreichen. Die Teilnehmer sollen sich vor dem Abflug nach Olympia sagen können:
„Ich weiss, dass ich optimal vorbereitet und sehr stark bin. Ich werde mein Ziel erreichen!"
Ich sitze vor dem Fernsehgerät: Leichtathletik- Europameisterschaften in Barcelona. Es geht Schlag auf Schlag: 200m Finale/Herren, 400m Finale/Damen, 110m Hürden Finale/Herren, 3000m Hindernis/Damen, 800m Finale/Damen, 1500m Finale/Herren. Dazu Hammerwerfen, Hochsprung, Dreisprung, Speerwerfen, Zehnkampf... Das alles innert wenigen Stunden,- ohne Atempause.
Ich hole mir ein Getränk aus dem Kühlschrank und frage mich plötzlich: Wie war das jetzt noch? Wie hiess eigentlich der Sieger über 200m und wer war an zweiter Stelle? Zu meinem Entsetzen muss ich gestehen, dass ich mich bereits nach etwas mehr als einer Stunde nicht mehr daran erinnern konnte! Durch den rasanten Ablauf der vielen Disziplinen und der Überfülle von Informationen, wurde mein Gehirn offensichtlich überfordert...
Am anderen Tag führte ich einige Gespräche mit Kollegen. Sie bestätigten mir die gleichen Erfahrungen. Wir Menschen sitzen vor dem Flimmerkasten und wissen schon nach kurzer Zeit nicht mehr, was wir konsumierten. Der „Genuss" derartiger Fernseh-Anlässe - mit einer Vielzahl von Disziplinen in einem kurzen Zeitraum - sind schlecht für den Sport. Sie führen nämlich beim Zuschauer zu einer Überforderung und Übersättigung! Auch im Schwimmsport ist die Vielzahl der Disziplinen für den Laien fast unüberschaubar. Die einzelnen Sparten werden dadurch abgewertet und das ist sehr schade. Hier hilft nur eines: Weniger ist mehr!
Eine ähnliche Entwicklung ist auch bei der ANZAHL der Sport-Anlässe zu beobachten: Immer mehr Turniere im Tennis und bei den alpinen Disziplinen immer mehr Weltcup-Rennen. Durch die Vielzahl der Veranstaltungen und Disziplinen, findet eindeutig eine Abwertung dieser Events statt.
Wie war das noch in den 60er-Jahren? Nicht alle Familien konnten sich damals ein eigenes TV-Gerät leisten. Auch wir nicht. Ich erinnere mich gut, wie die ganze Familie zu Fuss ins Dorf pilgerte, um Mitte Januar in einem Restaurant die Lauberhorn-Abfahrt Life im TV zu sehen. Das war damals ein Gross-Ereignis! Alle wollten bei diesem Anlass dabei sein. Im Saal des Restaurants waren ca. 40-50 Personen vor einem Fernsehgerät versammelt, welches etwas erhöht aufgestellt wurde. Die Zuschauer, in einer gespannten Erwartungshaltung und guter Laune, konsumierten entsprechend... Es kam die grosse Zeit von Collombin, Klammer & Co.
Es ist schon klar: Spitzensport ist auch ein grosses Geschäft und jeder grössere Sport- oder Ferienort möchte eine eigene Veranstaltung durchführen. Aber durch die andauernde Kommerzialisierung zur „Massenware", erweisen sie dem Sport einen Bärendienst. Deshalb nochmals: Weniger wäre mehr!
Die Schwierigkeiten beim FC Luzern sind längst bekannt. Im Sport lautet eine einfache Formel: Gewinnt man ein Spiel, gehört der Sieg der Mannschaft. Verliert sie ein Match, ist der Trainer schuld... Aber ist es so einfach und wie gehen eigentlich Sportler oder Mannschaften wie der FCL mit empfindlichen Niederlagen um, die sie während längerer Zeit erleiden? Erfolg ist nie Zufall, sondern er folgt einer Gesetzmässigkeit. U.a. muss das Denken eines Spielers immer positiv sein. Jeder Sportler wird zwar nach Aussen kommunizieren, dass er ausschliesslich positiv denkt. Doch wie sieht es in seinem Inneren aus, nach mehreren, „ärgerlichen" Niederlagen? „Das wird bestimmt wieder schief gehen, Was, wenn wir dieses Spiel verlieren?" usw. Negative Gedanken erzeugen negative Vorstellungen und Gefühle, welche sich verwirklichen. Unruhe, Sorgen, Zweifel, Ängste aber auch Kritik, machen eine optimale Leistung unmöglich. Sie wirken automatisch auf den Körper ein und erzeugen Spannung, Verkrampfung, Steifheit und Ungeschicklichkeit. Angst blockiert und lähmt,- die angespannten Muskeln verlieren ihre Elastizität. Die im Sport so wichtige Intuition ist dahin. Die Energiereserven nehmen ab, die Reaktion wird verlangsamt. Dadurch steigert sich die Angst beim Sportler zusätzlich,- Unsicherheit und Selbstzweifel nehmen zu. Er hat das Bedürfnis, den Atem anzuhalten. Der Puls klettert in die Höhe usw. Während meiner aktiven Beratertätigkeit für Spitzenathleten machte ich es mir damals zur Aufgabe, bei ihnen empfindliche Niederlagen und negative Erlebnisse mit Hilfe mentaler Techniken zu verarbeiten.
Die Spieler des FC Luzern müssen sich klar bewusst werden: Technisches Können allein genügt im Sport nie, um wirklich erfolgreich zu sein! Entscheidend ist die mentale, emotionale und physische Stärke eines Athleten. Dazu gehört neben einer Portion Gelassenheit auch Hartnäckigkeit, Kampfgeist, Selbstvertrauen und ein unerschütterlicher Glaube an sich selbst. Auch diese Eigenschaften lassen sich mit mentalen Techniken erfolgreich optimieren.
Erschienen am 09. Oktober 2014 in der NEUEN LUZERNER ZEITUNG