Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03144.jsonl.gz/1843

Im Jahr 1984 brachte Nick Cave mit seinen Bad Seeds eine Coverversion von dem berühmten Elvis-Klassiker In the Ghetto raus. Das direkte Zitat war durchaus bewusst gewählt, da Nick Cave selbst ein begnadigter Elvis-Fan ist (in Caves Musik bestehen auch weitere Verweise auf Presley, so zum Beispiel der Song Tupelo (Geburtsort von E. Presley), vgl. Reynolds 2012, S. 132). Die Fetischisierung der Vergangenheit äussert sich in In the Ghetto also in einem durchgehenden Zitat. Der Text thematisiert die Tragik und die Verzweiflung im Ghetto: ein Ghettodrama in dem Sinne. Das Lied zeigt unverschönernd die Probleme im Ghetto auf und wie die Lebensumstände die Menschen dazu zwingen, Verbrecher zu werden: „So he starts to roam the streets at night and he learns how to steal and he learns how to fight in the ghetto“, oder „Then one night in desperation the young man breaks away, he buys a gun and steals a car, he tries to run but he don’t get far“. Die Interpretation von Nick Cave ist rauer, schwerer und ungeschliffener als jene von Elvis Presley. Cave lässt sich völlig von der Musik treiben: an manchen Stellen nehmen sich die Instrumente fast komplett zurück und so auch Caves Stimme. Dann wieder schafft er es einzelne Zeilen mit Bedeutung zu füllen – und passend dazu setzen dramatische Schlagzeugschläge ein (bspw. „[…] and his hunger burns […]“). Jedes gesungene Wort von ihm wirkt authentisch und mitfühlend.
Elvis Presley singt In the Ghetto wie jedes andere seiner Lieder; warm, soulig und stets begleitet von einer Prise Kitsch. So mögen seine Gesangsfähigkeiten vielleicht jene von Nick Cave übersteigen, aber im Gegenzug gelingt es Cave den Lyrics die Aufmerksamkeit zu verleihen, welche sie verdienen. Der Ausdruck in seiner Stimme ist unverwechselbar und bringt einem dazu, wirklich zuzuhören.
Elvis erzählt in seiner Version eine Geschichte. Nick Cave schafft es eine Tragödie daraus zu machen.
Literatur:
Simon Reynolds (2012): Retromania. Pop Culture’s Addiction To its Own Past. Faber & Faber.