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Die Berner Journalistin Camilla Landbø lebt mit ihrem Sohn in La Paz und arbeitet dort als freie Korrespondentin. Nach Bolivien hat es sie via Mexiko und Argentinien verschlagen. Der Konzentrationsprozess der Schweizer Medien geht auch an ihr nicht spurlos vorbei.
Dass Camilla Landbø Journalistin wurde, entschied sich Ende der 1990er Jahren vor einem Abfalleimer der Universität Bern. Landbø hatte soeben eine Biologievorlesung verlassen und all ihre Uni-Unterlagen in den Abfall gekippt.
Nach dem Gymnasium hatte Camilla Landbø ein klares Ziel: Meeresbiologin. «Ich dachte ich werde der zweite Jacques-Yves Cousteau», sagt die 43-Jährige und lacht. Doch dann, nach anderthalb Jahren an der Uni, verliess sie eine Vorlesung über Vögel und steuerte auf den Abfalleimer zu. «Zwei Mitstudentinnen waren dermassen begeistert vom Studium, da merkte ich, dass ich diese Leidenschaft nicht teile.» Als die Unterlagen im Abfall lagen, wusste Camilla Landbø: «Ich muss raus in die Welt.» Danach bereiste die Studienabbrecherin Mexiko und merkte, dass sie vielen spannenden Geschichten begegnete, die sie erzählen wollte. Ein neues Berufsziel war gefunden.
Insgesamt reiste Camilla Landbø damals fünfmal nach Mexiko. Während einem Zwischenstopp in der Heimat begann sie für das Burgdorfer Tagblatt als freie Mitarbeiterin zu schreiben. Bei einem nächsten Zwischenhalt heuerte sie bei der «Berner Zeitung» an. Nach einem Jahr lehnte sie ein Angebot für eine Festanstellung ab und arbeitete weitere zwei Jahre als Freie um danach wieder auf Reisen zu gehen.
2006 brach Camilla Landbø ihre Zelte in der Schweiz definitiv ab. Zuerst bereiste sie Brasilien. «Mein Grossvater kam aus Brasilien und ich fühlte mich von Anfang an daheim», sagt Landbø. Sie suchte Familienangehörige und den Geburtsort ihres Grossvaters. Neben ihren südamerikanischen Wurzeln ist Landbø halbe Norwegerin (daher der Name mit dem ø) und hat Vorfahren im Tessin. Nach Brasilien bereiste sie Argentinien und liess sich in Buenos Aires nieder, wo sie während sieben Jahren als freie Korrespondentin arbeitete. Am Anfang sei es mit dem Schreiben noch langsam vorwärts gegangen, sagt sie: «Ich schrieb den einen und anderen Bericht für die ‹Welt›, WoZ oder ‹das Parlament› in Deutschland.» In dieser Zeit habe sie phasenweise auch noch Deutschunterricht gegeben. Später habe sie dann, dank regelmässigen Aufträgen, voll auf den Journalismus setzen können.
Danach wollte die Bernerin eine kurze Auszeit vom Journalismus nehmen. «Um neue Ideen, Inspiration und Geschichten zu finden», wie sie im Gespräch mit der MEDIENWOCHE sagt. Sie nahm eine saisonale Servicestelle in einem Restaurant in der Berner Altstadt an. Kurz vor der Abreise in Südamerika nach Bern stellte sie fest, dass sie schwanger war. Ihr Sohn kam in Bern zur Welt und aus der kurzen Auszeit wurde eine längere.
Damals lancierte sie die Internetplattform Baby Bärn. Eine Infoseite für Eltern in Bern. Was gibt es alles für Hütedienste? In welchem Restaurant hat es einen Wickeltisch? Wo werden stillende Mütter nicht blöd angestarrt? Mittlerweile komme mit Werbeanzeigen auf der Seite schon «ein kleiner Betrag» rein, sagt Landbø. Aber Baby Bärn reichte ihr auf die Dauer nicht: «Schon nach zwei Jahren zog es mich wieder weg.» Sie habe die Freiheit als freie Korrespondentin vermisst. Nach viereinhalb Jahren in der Schweiz zog sie wieder los.
Seit November 2017 lebt sie in Bolivien in La Paz auf 3600 Meter über Meer. «Ich hatte hier schon Freunde und das Leben in La Paz ist etwa halb so teuer wie in Buenos Aires», so Landbø. «Pro Monat brauche ich aktuell nur 800 Franken.» Momentan lebt sie noch zur Untermiete. Aber auch mit eigener Wohnung würden die Lebenskosten tief bleiben, sagt sie.
Das Interview für diesen Text wurde per Skype geführt. Camilla Landbø sitzt in einem Kaffee und gönnt sich ihre Morgenzigarette. Die Internetverbindung reicht für ein Standbild (sie vor einem bunten Wandgemälde, die Zigi in der linken Hand) und scheppernden Ton. Sie habe eben ihren Sohn in die Kindertagestätte gebracht. Landbø lebt hier als alleinerziehende Mutter. «Der Begriff ‹hauptzuständig› ist mir lieber», interveniert sie. Trotz mieser Tonqualität des Skype-Anrufes ist zu hören, dass sie dabei grinst. Aber sie meint es schon ernst: «Ich möchte das ewig traurige Bild der alleinerziehenden Mütter entkräften: Ich bin hauptzuständig und der Vater, der in Buenos Aires lebt, ist nebenzuständig.» Das klinge doch viel positiver, sagt sie.
Aber, wie geht das überhaupt, freie Korrespondentin und dann noch die Hauptzuständigkeit für ein kleines Kind? «Das geht sehr gut», sagt sie und fügt an: «Grössere Recherchen versuche ich jeweils mit einer Reise zu kombinieren. Mein 5-jähriger Sohn begleitet mich dann jeweils.» Vor wenigen Tagen sei sie von einer Reportagereise auf der Isla del Sol zurückgekehrt. Auf der Bolivianischen Insel im Titicacasee traf sie einen Schamanen. Daraus entsteht ein Artikel für das katholische Magazin «Kontinente».
«Mein Sohn geniesst diese Reisen sehr, aber ich muss längst nicht für jeden Text umherreisen.» Als langjährige Korrespondentin in Südamerika habe sie sich ein Netzwerk aufgebaut. «So kann ich bei Bedarf meine Kontakte vor Ort anzapfen und komme so schnell zu verlässlichen Informationen.» Der letzte solche Artikel handelte von Abtreibungen in Argentinien: «Abtreibung als Privileg für Reiche». Der ist in der Schweiz im «St. Galler Tagblatt», in Zeitungen in Deutschland und Österreich erschienen. Dank ihrem Kontaktnetz findet sie oft mehrere Abnehmer für einen Text. «2015 hatte ich ein Interview mit Pepe Mujica, damaliger Präsident von Uruguay, sieben Mal verkauft.» Dafür musste der Text aber auch ins Französische und Italienische übersetzt werden. Kürzlich machte Camilla Landbø aber die Erfahrung, dass Zweitverwertungen innerhalb der Schweiz immer schwieriger werden: «Ich habe einen ehemaligen Kollegen bei der BZ kontaktiert und ihm eine Geschichte angeboten. Wegen der Zusammenlegung der Tamedia-Redaktionen verwies er mich direkt nach Zürich. Dort hiess es, wegen der Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung könne man keine Texte von freien Korrespondentinnen mehr nehmen.»
Trotzdem ist Camilla Landbø zuversichtlich, weiterhin Abnehmer für ihre Geschichten zu finden. «Beim Agenturdienst KNA in Deutschland kann ich regelmässig Texte liefern. Und auch sonst baue ich mein Abnehmernetz weiter aus – auch ausserhalb der Schweiz.» Sie habe mittlerweile Kontakt zu Redaktionen in Deutschland, Österreich und Luxemburg. «Man vergisst oft, dass es diverse Länder mit deutschsprachigen Medien gibt. Zum Beispiel auch Liechtenstein, dort bin ich aktuell in Kontakt mit einer neuen Redaktion.»