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Das erste Dokument des Briefwechsels ist eine Karte von Jean Rudolf von Salis vom 26. April 1939. Der aus Paris anreisende Jean Gebser will von Salis im Kaffeehaus Odeon in Zürich treffen. Von Salis ist verhindert, hat keine Adresse von Gebser und hinterlegt am Treffpunkt seine Entschuldigung schriftlich.
Reden wollte der Kulturphilosoph Gebser mit dem Historiker von Salis an jenem Tag mit Sicherheit auch über den Dichter Rainer Marie Rilke. Denn von Salis hatte Rilke Mitte der 1920er Jahre an dessen letztem Wohnsitz im Wallis noch kennen gelernt und 1936 das Buch «Rainer Maria Rilkes Schweizer Jahre» veröffentlicht. Gebser seinerseits arbeitet 1939 an einem Buch, das ein Jahr später unter dem Titel «Rilke in Spanien» herauskommen wird.
Zwischen Alltag und grossen Würfen
Unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kommt Gebser Ende August 1939 definitiv in die Schweiz, lebt zuerst im Tessin, zieht dann mit seiner Frau Gentiane Gebser-Schoch nach Burgdorf, und 1955, nach der Scheidung, an die Kramgasse 52 in Bern. Von Salis ist seit 1935 Geschichtsprofessor an der ETH in Zürich und wird während des Zweiten Weltkriegs mit seinen politischen Wochenkommentaren, die als «Weltchronik» über Radio Beromünster ausgestrahlt werden, vorübergehend zur Stimme der Nation.
Beim Lesen der Briefe bedauert man ab und zu, nicht dabeisitzen zu können.
Seit 1945 lebt er nur noch während der Semester in Zürich, daneben auf dem Schloss im aargauischen Brunegg, das das Ehepaar von Salis über die Ehefrau erbt, die aus dem noblen Lenzburger Geschlecht Hünerwadel stammt.
Von Salis und Gebser werden Freunde. Sie beginnen sich zu duzen und im Briefwechsel spiegelt sich auch viel Alltägliches: Grüsse und Wünsche, aber auch immer wieder Pläne für nächste Treffen, denn am liebsten führen die beiden Gespräche. Beim Lesen der Briefe bedauert man ab und zu, nicht dabeisitzen zu können. Denn Thema war nicht nur ihr «ausgeprägtes Interesse an den Hintergründen der globalen Krisen im 20. Jahrhundert», wie es Mitherausgeber Elmar Schübl in der Einleitung formuliert – es muss in diesen Jahren bei beiden auch immer wieder um ihre publizistischen Hauptwerke gegangen sein.
- Gebsers «Fundamente der aperspektivischen Welt» erscheinen unter dem Titel «Ursprung und Gegenwart» in den Jahren 1949 und 1953 in zwei Bänden. Über hunderte von Seiten entfaltet er die Wandlungen des menschlichen Bewusstseins von der archaischen über die magische, die mythische, die aktuelle mentale bis zur integralen Struktur, wobei er davon ausgeht, dass die Menschheit im aktuellen Zeitalter am Übergang zur integralen, vierdimensionalen, aperspektivischen Bewusstseinsstruktur steht.
- Von Salis seinerseits arbeitet in den gleichen Jahren an seiner schliesslich dreibändigen, mehr als zweitausend Seiten umfassenden «Weltgeschichte der neuesten Zeit» (1951, 1955 und 1960). Der Historiker Herbert Lüthi hat später von Salis’ «Kühnheit» gewürdigt, «eine solche Synthese zu wagen, bevor die Trümmer weggeräumt und die Wunden verheilt» gewesen seien.
Zweifellos trifft es zu, wenn Schübl die beiden Freunde als «repräsentative Aussenseiter» charakterisiert: «Nicht ganz unbekannt» seien sie gewesen, aber nicht zu jenen zählend, «die man einfach kennen muss».
Vertrauen. Zuneigung. Freundschaft.
Der Briefwechsel umfasst 187 Dokumente. Allerdings wird ab und zu aus Anspielungen klar, dass ein vorangegangenes Dokument verloren gegangen sein muss. Fussnoten und präzis platzierte Illustrationen helfen mit, die Übersicht zu bewahren.
Jean Gebser war eine Persönlichkeit, die gleichermassen einen ETH-Professor und einen buddhistischen Lama in Bann schlug.
Beeindruckend und berührend sind die beiderseits häufigen Betonungen ihrer Freundschaft. Etwa, wenn von Salis 1954 von der «brüderlichen Verbundenheit» spricht, die gerade deshalb wichtig sei, weil sie «beide einsame Menschen» seien, «die sich in ihrem Leben eine ungeheure Mühe gegeben haben, zu sein, zu wirken und sich zu geben wie jedes andere soziale Wesen». Oder wenn Gebser 1969 «so viele Jahrzehnte eines gemeinsamen auch geistigen Weges nie enttäuschten Vertrauens und herzinniger, wolken-ungetrübter Zuneigung und liebender Freundschaft» beschwört.
Das Buch wird ergänzt einerseits durch eine Sammlung von sekundären Briefen, von Dokumenten und Essays, die das im Briefwechsel Angesprochene ergänzen und vertiefen. Andererseits bietet ein zweiter Teil zwei Texte Gebsers zum Verhältnis der Begriffe Seele und Geist und zu einer «neuen Weltsicht».
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Beschlossen wird das Buch durch einen Beitrag des zweiten Mitherausgebers, Rudolf Hämmerli. Sein Essay ist einer anderen Freundschaft Gebsers gewidmet, jener mit Anagarika Govinda, einem Deutschen, der zum tibetisch-buddhistischen Lama geworden ist. Am 29. März 1971 hat Govinda an Gebser geschrieben: «Ihre Freundschaft ist mir ein kostbares Geschenk des Himmels und Ihr Werk die schönste Bestätigung alles dessen, was mir ein Leben lang als Ideal einer west-östlichen Synthese vorschwebte.»
Gebsers letzte Lehre
Das macht die Auseinandersetzung mit dem Werk von Jean Gebser so faszinierend: Er war eine Persönlichkeit, die gleichermassen einen ETH-Professor und einen buddhistischen Lama intellektuell und emotional in Bann schlug.
Wie so etwas möglich ist?
Als Student tauscht Hämmerli im Mai 1973 an der Sandrainstrasse 109, wo Gebser unterdessen wohnt, am Bett des Sterbenden täglich die Sauerstoffflaschen aus. Er erinnert sich: «Am Tag vor seinem Sterben hat er mir, er lag im Bett und konnte kaum mehr sprechen, einen kleinen Zettel gegeben. Darauf stand nur ‘gift (engl.) – Gift (dt.)’.» Dann habe Gebser «lächelnd seinen Kopf von mir weggedreht». Das war Gebsers letzte Lehre: sterbend das Sterben als tödliches Gift und als Geschenk zu sehen und dazu zu lächeln. Um zu verstehen, wie man dahin kommt, gibt es – ob man’s mit dem, was man für normal hält, mit von Salis oder mit Govinda hält – nichts Besseres als ab und zu Gebser zu lesen.