Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03353.jsonl.gz/1234

Die wahre Natur der Entenvögel
Lange Zeit hat man den Mantel des Schweigens bzw. das Grabtuch der Verleugnung über die wahre Natur der Entenvögel gebreitet. Sehr lange sogar, wenn man bedenkt, dass bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert erste Vermutungen darüber angestellt wurden, dass diese Wasservögel von außerirdischer Provenienz sein könnten.
Der erste, der diese Feststellung handschriftlich auf einer Serviette des Bistros „L´Aubaine en Ville“ aufgezeichnet und anderntags bei einer Zusammenkunft der Pariser Beutelrattenforscher – sogar nonverbal mittels pantomimischer Darstellung – ausgesprochen hatte, war kein Geringerer als Antoine Horst D´Oevre, der berühmteste Astralornithologe seiner Zeit, namentlich der Epoche der ausgehenden Gasbeleuchtung.
Aufgrund seiner jahrelangen Beobachtungen am Rande des benachbarten Weihers hatte er jene bahnbrechende Einsicht gewonnen, und gleich da, im feuchten Röhricht beschlossen, etwas gegen die sich abzeichnende Bedrohung zu unternehmen. Er brachte den Mut auf, seine Theorie über die spektakuläre Herkunft und den heimtückischen Auftrag des Entenvolkes im Kreise seiner Zunftkollegen bekanntzumachen. Die Allgemeinheit hingegen wurde geflissentlich übergangen und über das unheimliche Wesen der globalen Entenschaft im Unklaren gelassen. Im Gegenteil, man unternahm von Seiten der Eingeweihten alles, um diese Vögel zu verharmlosen und sie lediglich als Quelle von Fleisch, Eiern und Daunen zu portraitieren.
Kurz zusammengefasst, so führte D´Oevre mittels ausdrucksstarker Gestikulation aus, handelte es sich bei Enten um eine raffiniert getarnte und vorsorglich eingeschmuggelte Art von Aliens, die den Planeten Erde auskundschaften und für eine spätere Übernahme durch die außerirdische Zivilisation der Paraktoplygischen Blefulanten – eine Antoine bestens bekannte, außergalaktische Lebensform – vorbereiten sollten. Unsere so harmlos ausschauenden Enten vermögen dank ihrer Mobilität in alle Winkel sämtlicher irdischen Klimazonen vorzudringen, diese gründlich zu erforschen und ihre Erkenntnisse an die außerirdischen Auftraggeber weiterzuleiten.
Dank ihrer Vielseitigkeit können sie sich überall ungeniert fortbewegen: An Land nennt man das „watscheln“, auf dem Wasser tun sie „paddeln“, und in der Luft sieht man sie gruppenweise „flattern“. Die lustig taumelnde Fortbewegung an Land gestalten sie als ein geschicktes Täuschungsmanöver, um die Menschen von Vermutungen abzuhalten, sie könnten eine Gefahr für die menschliche Zivilisation darstellen. Sie bauen dabei auf das weit verbreitete menschliche Vorurteil, dass jemand, der mit dem Bürzel wedelt, ein harmloser Zeitgenosse sein muss.
Dergestalt in alle Himmelsrichtungen beweglich, also a) watschelnd, b) paddelnd und c) flatternd, haben die Enten und ihre willigen Kollaborateure alle Einzelheiten der Erdoberfläche samt Flussauen, Binnenseen, essbaren Materialien, Bodenschätzen und geeigneten Landeplätzen ausgekundschaftet. Ihre Erkenntnisse wiederum leiteten sie mittels eines Geheimcodes – den wir naiverweise als unverständliches „Geschnatter“ wahrnehmen – an ihre böswilligen Auftraggeber weiter. Letztere wiederum verarbeiten die ankommenden Entenrufe zu nützlichen Informationen zuhanden ihrer Militärstrategen, die damit die Eroberung der Erde bestens planen können.
Auf ihren riesigen Pipekalumpischen Schautafeln und mittels dreidimensionaler Animationen bringen die außerirdischen Strategen ihre Invasionspläne zur interplanetaren Darstellung. So können die Alien-Verantwortlichen ihre Vorgehensweise üben und in mannigfachen Variationen durchspielen.
Wann der Zugriff auf unseren Planeten erfolgen wird, das wissen wir natürlich nicht, denn die Wege des Herrn Cthulkus, des obersten Ovulators im paraktoplygischen Himmelreich des Exoplaneten P.H.1890 Craftlove, sind unergründlich. Dies zumindest gemäß dem gelenkigen Horst D´Oevre, der obendrein meint, dass die Invasion unmittelbar bevorsteht. Oder mit anderen Gesten ausgedrückt, dass es sich dabei nur noch um Jahrhunderte handeln kann.
Es ist schon befremdlich, wie falsch wir betreffend der Anatidae genannten Entenvögel lagen. Laut „Brehms Tierleben“ sind diese in 47 Gattungen und 150 Arten unterteilt. Die bekanntesten darunter sind die Stockenten, Krickenten, Tangenten und Pekingenten. Während die Stockenten sich in städtischem Umfeld bewegen und höhere Gebäude nach geeigneten Beobachtungsposten untersuchen, studieren Krickenten die Eignung von Sportstadien als mögliche Versammlungsorte für Alien-Kommandos. Die Tangenten kennen sich besonders gut mit kurvenreichen Gewässern aus, die hervorragende Versteckmöglichkeiten für heimlich gelandete Landefähren bieten. Pekingenten wiederum haben sich auf das Auskundschaften von asiatischen Restaurants spezialisiert, die bekanntlich überall vorkommen, und als unauffällige Eintrittspforten für die außerirdische Invasion dienen können. Die ersten alienischen Landungstruppen würde man gut und gerne für chinesisches Küchenpersonal halten, und ihnen auf diese Weise einen erleichterten Zugang zu unseren sensiblen Installationen ermöglichen. Erst wenn es zu spät ist, werden die hinter den Reiskochern hervorkriechenden Enterkommandos ihre Tarnung als chinesische Gastronomen abwerfen, und unsere aus ihrer Perspektive lächerlich veralteten Waffen mit ihren fortschrittlichen Glutamatkanonen verschmoren.
Nun stellt sich die Frage: was können wir dagegen unternehmen? Die Enten gnadenlos bejagen, sie bis in die entferntesten Weiher verfolgen und nacheinander abschießen? Das ist gewiss eine Möglichkeit – aber wie sich das bei früheren Kampagnen zur Schädlingsbekämpfung herausgestellt hat, doch keine nachhaltige Lösung. Es würden selbst bei größtem Jagderfolg einige Exemplare übrigbleiben und als unentdeckte sog. „Kundschafter des kosmischen Friedens“ die Invasoren mit nützlichen Informationen beliefern.
Oder sollten wir uns mit unserem Schicksal abfinden und weiterhin so tun, als wüssten wir nichts? Sollten wir uns nur hie und da eine Entenmahlzeit gönnen, uns auf deren Daunen ausruhen und ihre Eier zu Ostern bemalen, gerade so als wären sie nichts weiter als harmlose Wasservögel? Ich sage, nein, und nochmals nein! Das dürfen wir nicht tun! Damit würden wir unsere Nachkommen dem wildfremden kosmischen Gesindel ausliefern und sie einem ungewissen Schicksal überlassen. Also was dann?
Da wir vom technischen, zivilisatorischen und gastronomischen Standpunkt aus betrachtet im Hintertreffen liegen, müssen wir die Sache schlau angehen. Unsere menschliche, verschlagene Raffinesse ist den Paraplygischen Blefulanten völlig unbekannt. Sie können sich die menschliche Hinterlist, die während der Entwicklungsgeschichte der Primaten evolutionär entstand und zur höchsten Vollendung verfeinert wurde, nicht vorstellen. Damit könnten wir den Invasoren beikommen, indem wir im Vorfeld den einen Oberbefehlshaber der weltweiten Entenvögel erwischen, festnehmen und ihn nach angemessener Behandlung umdrehen. Das heißt, ihn mit abwechselnder B´nB (das ist Belohnung und Bestrafung) gefügig machen und ihn veranlassen, falsche Informationen an den Blefulanten-Generalstab zu schnattern.
Die beste, für Enten geeignete kombinierte B´nB besteht gemäß Horst D´Oevre aus der abwechselnden Anwendung von Zuckermais und Peitsche, am besten durch zwei versierte Verhörende im Sinne eines Good-Cop-Bad-Cop-Duos. Es gibt nichts Schlimmeres für eine Ente als ihren glattrasierten Bürzel mit einer eingefetteten Fuchssehnenpeitsche bearbeitet zu bekommen – da würde selbst der zäheste Friedenskundschafter alles gestehen und bereitwillig mitmachen. Und der Verlockung durch lauwarmen Zuckermais können sie allesamt nicht widerstehen.
Das Problem ist nur: Wie können wir herausfinden, wer dieser Oberbefehlshalber des Entenvolkes, das heißt, wer wohl der Buntgefiederte Omnipot(e)nte Großerpel ist? Hierfür müssen wir eine konzentrierte, groß angelegte Suchaktion organisieren, bei der alle verfügbaren Astralornithologen als lizenzierte Entenanalysten zum Einsatz kämen. Sie müssten dann vorderhand mit einer App ausgestattet sein, welche selbst die unscheinbarsten Merkmale des Großerpels erkennen und deren unzweideutige Entdeckung – eigentlich Ent(e)deckung – anzeigt. Diese auf der Kombination von Qualitätsoptik und Künstlicher Intelligenz basierende Technologie ist durch mehrere Pat(e)nte geschützt und funktioniert zuverläßig selbst auf größere Ent(e)fernungen.
Antoine Horst D´Oevre hat inzwischen seinen ent(e)ressierten Zunftkollegen mittels Grimassensprache ausrichten lassen, dass er ent(e)schlossen sei, sich persönlich an die Spitze dieser außerordentlich wichtigen Ent(e)wicklung zu stellen. Gerne zeigt er allen interessierten Entenjägern seinen ent(e)zückenden neuen Ententöter, den er sich neulich zugelegt hat, nachdem er sich den Kaufpreis von seiner bescheidenen Leibr(e)nte abgespart hatte. Aber die Rettung der Menschheit geht vor, und Antoine drückt tanzend seine Zuversicht darüber aus, dass wir den Obererpel erwischen können. Er meint, der Trick sei, sobald dieser ent(e)tarnt wurde, ihn nicht mehr ent(e)kommen zu lassen.
Aber jetzt ist es noch zu früh für eine Ent(e)warnung. Es gibt viel zu tun, und von einer Ent(e)spannung sind wir noch weit ent(e)fernt. Hoffen wir, dass unser Plan gelingen wird, und wir im Erfolgsfall unisono verkünden können: „Ente gut, alles gut!“ ♦
Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die Humoreske von Peter Biro: Schreibblockade oder Der Förster und die Jägerin
Außerdem im GLAREAN zum Thema Ente über Carsten Priebe: Reise durch die Aufklärung – „Eine Ente erobert die Welt“