Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03256.jsonl.gz/1044

Kritisches Musikhören ganzheitlich
Kritisches Musikhören ist die analytische Auseinandersetzung mit der Qualität einer Tonaufnahme und/oder der Qualität der Musikwiedergabe. Ist es möglich Klangqualität systematisch zu erfassen?
Musik ist eine emotional wahrgenommene Sprache. Qualität ist also emotionale Qualität. Diese Qualität wird aber (muss aber) beschreibbar sein, damit sie kommunizierbar wird. Die vollständige Beschreibung gelingt dann, wenn unterschiedliche Aspekte dieser Qualität beurteilt werden können. Die Beurteilung enthält dann in der Regel beschreibende und bewertende Elemente. Wir kennen das von Weinproben aber auch aus Audio/Hifi-Fachzeitschriften. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es dabei an Systematik mangelt.
Geeignete Systematik
Tomasz Letowski präsentierte 1989 an der 87th convention der AES (Audio Engineering Society) eine Studie mit dem Thema ‚Sound Quality Assessment“. Der Wissenschaftler beschäftigte sich bereits in den 1980er Jahren mit der Beurteilung von Musik- oder Tonwiedergabe, besonders im Zusammenhang mit Home Cinema Anwendungen. Daraus entstand sein Mural, eine Struktur unterschiedlicher und zusammenhängender Aspekte. Die Struktur erscheint vollständig und das nicht nur aufgrund der kreisflächigen Darstellung. Letowski beabsichtigte damit eine vollständige Beschreibung des Klangbilds.
Das Mural zeigt im inneren Bereich zwei klar differenzierbare Aspekte des Klangbilds: Die Klangfarbe (timbre) und die Räumlichkeit. Diese Grundelemente werden in feinere Aspekte gegliedert. Diese überlappen teilweise die Grundelemente. Die Klarheit des Klangbilds ist korrekt sowohl der Räumlichkeit als auch der Klangfarbe zuzuordnen. Die äusseren Mauer-Elemente tun dasselbe: Sie präzisieren (unterteilen) entweder die Elemente der mittleren Mauer oder sie übergreifen diese Elemente und beschreiben den Zusammenhang. zwischen jeweils 2 Elementen.
Praktische Anwendung
Am dienlichsten ist das Mural zum Aufspüren von Klangbild-Defiziten. Man kann sich besser festlegen. Man kann also beim kritischen Musik hören mit unterschiedlichem Musikmaterial Defizite isolieren. Dasselbe gilt für Übertreibungen. Auch sie können mit Hilfe des Murals besser erkannt werden. Halten sich die Qualitäten die Waage, so entsteht die sog. Ausgewogenheit. Letztere ist nach meiner Erfahrung der Emotionalität zuweilen abträglich. Dadurch erkennt man in einer Hörsituation aber auch schneller, worauf ein subjektiv positiver Eindruck wirklich zurückzuführen ist und daraus abgeleitet, wodurch er verursacht wird. – Technik, Akustik, Musikaufnahme u.s.w.
Weniger relevant ist es, das Mural als Grundlage für eine Punkte-Bewertung zu sehen. Hier besteht die Gefahr, dass sich infolge Fehlens von absoluten Massstäben eine irrelevante Kumulation ergibt. Ebenfalls schwierig ist es, die Qualität der Elemente der äusseren Mauer als Abweichung von einem Normal als +/- zu bewerten und die Kumulation auf die innere und dann auf die innerste Mauer zu übertragen, weil auch extreme Abweichungen in Summe Null ergeben können.
Das Aufspüren von Defiziten ist ein spannender Prozess, bei dem das Mural sehr nützlich ist. Ich erkenne dabei auch meine Präferenzen oder Hörgewohnheiten, also was mich an ‚meinem Klangbild‘ besonders anspricht. Das wiederum bindet die emotionalen Präferenzen eines jeden Musikhörers mit ein. Im Vergleich entsteht dann eine interessante Diskussionsbasis, die weit über dem üblichen Niveau stattfindet: Es geht dann nicht mehr nur darum, dass sich jeder innerlich damit brüstet, mehr oder differenzierter zu hören, als der andere.