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Von Raphael Heuberger
Die Schweizer Regierung entschied, das öffentliche Leben still zu legen. Sie handelte damit wie die meisten anderen Länder der Welt. Die Menschheit befindet sich im Krieg gegen eine andere Spezies: das Coronavirus.
Man stelle sich kurz vor, ein Ausserirdischer zu sein, insgeheim die Erde aus dem Orbit beobachtend. Du betrachtest den Baum des Lebens auf dem blauen Planeten voller Erstaunen und Neugierde. Deine E.T.-Augen durchdringen die Materie und dank deiner Intelligenz verstehst du die kleinsten und grössten Dinge gleichzeitig. Da siehst du nun, wie ein Virus entsteht; es wechselt seinen Wirt zu einem anderen Säugetier (dem Menschen) in leicht mutierter Form. Kaum etwas Aussergewöhnliches für deinen alles durchdringenden E.T.-Verstand.
Aber dann geschieht etwas Unübliches. Ein paar von den noch nicht infizierten Wirten, alles Menschen, begreifen, dass ein Feind entsteht – ein Virus. Die gut Informierten – Spezialisten, die sich vor allem mit solchen Phänomenen beschäftigen – sorgen sich. Sie sind die einzigen ihrer Art, die davon wissen. Das Virus verbreitet sich über andere Wirte weiter und die Menschen beginnen, Abstriche davon zu sammeln. In Laboratorien analysieren sie es, sammeln mehr Daten und füttern damit Maschinen, mit künstlichen Intelligenzen zusammenarbeitend, um das Genom des Virus’ in kurzer Zeit zu dechiffrieren. Die Menschen nutzen ein Netzwerk, sie nennen es oft «Telekommunikation» oder «Internet», das sie bereits über den Planeten gezogen hatten, um miteinander auf Distanz zu kommunizieren.
Auf der anderen Seite das Virus; es ist gut ausgerüstet, um den Versuchen des Menschen, es abzuschütteln, zu widerstehen. Es reproduziert sich in hoher Zahl, während der Mensch nicht einmal fühlt, wie Abermilliarden von kleinen Viren, mehr als andere Virenarten, sich vermehren. Es lebt im Menschen und tritt aus ihm aus, ohne sich bemerkbar zu machen. Am liebsten nistet es sich in den Lungen ein, während sich die Erde ein paarmal um sich selbst dreht, bevor ein Husten anfängt. Ein paar der Wirte sterben, aber nicht allzu viele in den Augen des Virus’. Diejenigen Menschen, die sterben, würden sich nicht mehr reproduzieren und somit auch keine potenziellen neuen Wirte schaffen. Die aggressiveren Viren, die ihre Wirte töten, werden über kurz oder lang natürlich wegselektiert, die milderen überleben länger.
Die noch nicht befallenen Wirte, die Menschen, haben nun einen Namen für ihren Feind erfunden: Corona. Oft stritten sich die Menschen in der Vergangenheit, was der ausserirdische Beobachter nicht immer verstand. Die Menschen schufen ihre eigenen Konzepte; sie nannten sie zum Beispiel «Nationen». Oder auch Gruppen von Menschen, die sie kennzeichneten, wie «die Alten», «die Jungen», «die Frauen», «die Holländer» und so weiter. Die meisten von ihnen waren sich schon bewusst, dass alle Menschen trotz der Unterschiede in gewisser Weise verbunden waren. Wie die meisten anderen Spezies gediehen sie jedoch am besten, wenn sie ihr Eigeninteresse verfolgten. Offensichtlich waren sie die einzige Lebensform, die zur Introspektion und zu Selbstbewusstsein fähig war. Die meisten von ihnen wussten, wie wichtig ihr «System» für sie war. Deshalb waren sie im Normalfall bereit, die Funktionstüchtigkeit des Systems, welches sie «Wirtschaft» nannten, unter allen Umständen zu verteidigen.
Die Menschen sehen, wie schnell der Virus ihre Population befällt. Plötzlich fällen sie eine erstaunliche Entscheidung: Sie entschliessen sich, eines ihrer Systeme zu schützen – sie nennen es «Gesundheitswesen» – und sind dafür bereit, das andere – die «Wirtschaft» – herunterzufahren. In der Wirtschaft mussten sie sich viel fortbewegen, sich treffen, um ihre Geschäfte zu erledigen. Für das Virus war es einfach, dabei viele neue Wirte zu befallen, die dann an andere Orte reisten, wo neue Clusters aus Menschen zu Wirten wurden. Die Menschen verstanden diesen Mechanismus, wussten aber, dass die Entscheidung sie viel kosten würde.
Viele Menschen begriffen; ihre Welt hatte sich verändert, zumindest für einige Zeit. Sie nutzen üblicherweise Zahlen, Preise und andere Parameter, welche zur Zeit alle ein bisschen defekt zu sein scheinen. Sie haben auch emotionale Bedürfnisse und treffen sich deshalb in Gruppen. Ihre sozialen Normen, zum Beispiel in der Nachbarschaft, der Familie oder anderen Beziehungs-Clustern, werden nun plötzlich wichtig für sie. Sie übernehmen selbst Initiative, während ihr System «Wirtschaft» kaputt ist. Seltsam erscheint es dem Ausserirdischen, dass in Zeiten wie diesen ein Mechanismus zu wirken scheint, der die Menschen altruistischer macht. Natürlich (!), es muss in ihrem Eigeninteresse sein sich gegenseitig zu helfen, denkt er sich. Anders als bei Insekten, entstehen neue Fähigkeiten und Tätigkeiten irgendwie spontan und aus dem Nichts.
Der erstaunlichste Tatbestand der Menschen war aber, dass sie es für die Alten taten, jene Gruppe, die ihr genetisches Material nicht mehr reproduzieren konnte. Nie zuvor hatte der Ausserirdische gesehen, dass eine Spezies sich so verhält.
Der ausserirdische Beobachter wusste von einem Sprichwort der Menschen: «Krieg bringt das Beste und das Schlechteste des Menschen zum Vorschein». Nachdem er nun die Erde und die Menschen sehr, sehr lange beobachtet hatte, fühlte er zum ersten Mal eine Emotion: eine Art Nachahmereffekt, und zwar Sympathie. Nicht nur waren diese Kreaturen zu ausserordentlichen Leistungen fähig, gut organisiert, kooperationsbereit in ihrem Kampf gegen einen winzigen Feind, den sie nicht einmal mit eigenen Augen sehen konnten. Sie hörten auch nicht auf, in der Absurdität ihrer Existenz nett zueinander zu sein. So wurden sie zu guter Letzt menschlich.
Diese Menschen könnten nicht privilegierter sein, als in einer Zeit zu leben, in der sie ihre gemeinsamen Fähigkeiten derart phänomenal ausgeprägt hatten, stellte der Ausserirdische fest. Dabei war er zuversichtlicher denn je, sie würden einen Ausweg aus ihrer Lage finden. Das tun sie doch immer. «Umso besser», dachte der Ausserirdische, «dass sie neben ihren Möglichkeiten auch hohe Werte haben. Das scheint ihr Schlüssel zum Erfolg zu sein».
Jeder von uns kann also durch und in seiner Existenz brillieren, indem sie/er ihr Bestes zum Fortbestand der Menschheit beiträgt.