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2500 Jahre Geschichte
Was mit den Griechen begann, ist heute wichtiger Teil aller modernen Kulturen. Eine Reise durch die Geschichte der Stadien.
Eine Bahn aus gestampfter Erde, 192 Meter lang und 32 Meter breit, gesäumt von grasbewachsenen Wällen: Das Stadion von Olympia war das erste dieser Welt und auf das Wesentliche reduziert. Trotzdem strömten damals bis zu 45'000 Zuschauer – alle männlichen Geschlechts – aufs trockene Landstück am Zusammenfluss von Kladeos und Alfeios. Die Spiele vor 2500 Jahren dauerten fünf Tage und waren ein heiliges Volksfest. Um ihnen beizuwohnen, nahmen die Besucher fast alles in Kauf: eine weite und gefährliche Anreise und der Verzicht auf Unterkunft und sanitäre Einrichtungen – sie schliefen in einfachen Zelten oder unter freiem Himmel.
Das Stadion von Olympia war nicht die einzige Sportstätte dieser Art im antiken Griechenland. Gebaut waren sie aber alle gleich: Ihr Zentrum bildete die Laufbahn, welche dem griechischen Längenmass für ein Stadion – das sind 600 Fuss – entsprach. Bald wurde das Stadion Synonym für einen Sportplatz mit Zuschauerplätzen.
Kolosseum: Bis heute wegweisend
Etwa 500 Jahre später begannen die Römer, Amphitheater zu bauen. Darin fanden zwar keine Sportwettkämpfe statt, sondern blutige Tier- und Gladiatorenkämpfe sowie Wagenrennen. Doch die Amphitheater von damals hatten schon verblüffend viel mit unseren heutigen Sportstadien gemein.
Wegweisend bis in die heutige Zeit ist das römische Kolosseum – das grösste je gebaute Amphitheater: «Die Römer waren Meister für Hochbauten. Es gelang ihnen, steile und gleichzeitig hohe Zuschauerränge zu bauen, sodass in ihren Arenen eine Kesselwirkung entstand, die den Zuschauer nahe ans Geschehen rückte», sagt Bernhard Hachleitner. Er hat seine Dissertation über die Geschichte des Wiener Ernst-Happel-Stadions geschrieben und ist Experte auf dem Gebiet des Stadionbaus.
Emotionen durch Architektur
Das Kolosseum hatte 80 Ränge und bot Platz für 50'000 Zuschauer. In der Mitte befand sich die ellipsenförmige Arena, auf der die Kämpfe und Wagenrennen stattfanden. Bei Bedarf liess sich die Arena fluten, dann fanden in ihr Seeschlachten – sogenannte Naumachien – statt. «Die Römer haben es bereits bestens verstanden, mittels Architektur ein Spektakel zu inszenieren und die Emotionen anzuheizen», sagt Bernhard Hachleitner. Doch die wahre Meisterleistung der Römer lag in der Logistik. «Die 50'000 Besucher des Kolosseums liessen sich bei Bedarf innert acht Minuten evakuieren. Hätte man das damalige Wissen der Römer konsequent umgesetzt, wären wohl einige Stadionkata-strophen des letzten Jahrhunderts vermeidbar gewesen», weiss Bernhard Hachleitner. Ebenso wichtig wie die Besucherführung waren die zahlreichen Seilwinden und Aufzugssysteme, mit denen sich Materialien, Bühnen und Kulissen in die Arena und wieder hinaus befördern liessen.
2000 Jahre Stillstand
Der Niedergang des Römischen Reichs bedeutete für lange Zeit auch das Ende von Grossveranstaltungen. Aus den Amphitheatern von einst wurden Wohnungen und Materiallager oder man riss sie ab und nutzte sie als Baustoffquelle für neue – weit weniger spektakuläre – Gebäude. «Der Adel hatte Angst vor Massenveranstaltungen, denn sie konnten zur Keimzelle für aufrührerische Gedanken werden», sagt Bernhard Hachleitner. Die Ritterturniere des Mittelalters seien daher stets elitäre Ereignisse mit wenigen, ausgesuchten Zuschauern gewesen.
Es sollte fast zweitausend Jahre dauern, bis die Stadionkultur eine Renaissance erfuhr. Eine der ersten Arenen der neuen Epoche liess Napoleon 1806 in Mailand bauen: Die Arena Civica war noch ganz nach römischem Vorbild erbaut. Neben sportlichen Wettkämpfen liess man dort die römische Kultur in Form von Pferde- und Wagenrennen sowie Seeschlachten aufleben.
Zweite treibende Kraft war die olympische Bewegung, die 1896 in Athen die ersten Olym-pischen Spiele der Neuzeit durchführte. Auch bei diesen war noch viel Nostalgie im Spiel: Der Anlass war stark von den Wettkämpfen der antiken Griechen geprägt und dem Austragungsort Olympia nachempfunden.
Fussball förderte Stadionbau
«Die zarten Wiederanfänge im Stadionbau fanden also nach römischem und griechischem Vorbild statt», erklärt Bernhard Hachleitner. Dann aber, im ausgehenden 19. Jahrhundert, wurden in Europa und in den USA zunehmend Stadien erbaut, wie wir sie heute noch kennen. «Die Treiber dazu waren die Industrialisierung, das Wachstum der Städte und der damit verbundene gesellschaftliche Wandel.» Und: «Sport wurde immer mehr zum Geschäft, mit dem sich Geld verdienen liess.»
Die erste Sportart, die Profis hervorbrachte, war der Fussball. «Bereits 1860 war Fussball in England so populär, dass man davon leben konnte.» Damit bediente er auch die Sehnsüchte und Träume des gemeinen Volkes: Mit Sport konnte man es von unten nach oben schaffen, konnte reich und berühmt werden. Und Sportveranstaltungen bedeuteten Adrenalin pur – spektakulärste Unterhaltung, die gleichzeitig das Gemeinschaftsgefühl von Kommunen und Fangruppen förderte. Panem et circenses – Brot und Zirkusspiele: Wie schon zu römischer Zeit boten Sportwettkämpfe die Gelegenheit, dem harten Alltag der damaligen Zeit zu entfliehen.
Stadien für Fussball und Leichtathletik
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wollten immer mehr Städte ihre eigenen Stadien. Es waren Prestigeobjekte, mit denen sich Kommunen dem Image des Provinziellen entzogen, ihre Attraktivität steigerten und den Einwohnerinnen und Einwohnern etwas bieten konnten. Die architektonischen Vorgaben waren dabei in etwa immer dieselben: In der Mitte befand sich ein Fussballfeld, das von einer Laufbahn umrundet wurde.
Die klassische Bauweise ermöglichte es, dass sich die Stadien multifunktional – hauptsächlich für die olympischen Sommerdisziplinen und den Fussball – nutzen liessen. Wegweisend waren in dieser Zeit das Amsterdamer Olympiastadion sowie das Wiener Praterstadion. Die Stadionarchitektur war damals eher funktional, punkto Logistik und Besucherführungen ging man aber innovative Wege: Ähnlich wie schon das römische Kolosseum liessen sie sich schnell evakuieren, und kurze Transportwege in ihrem Inneren garantierten einen störungsfreien Betrieb.
Vom Steh- zum Sitzplatz
Bis in die 1960er-Jahre wuchs die Grösse der Stadien, es war ein wichtiges Kriterium, um sich zu profilieren. Immer wieder lösten Krawalle und Paniken Stadionkatastrophen aus, worauf es zu einem Umdenken im Stadionbau und -betrieb kam. Wegweisend waren hierbei die Amerikaner, deren Stadien familienfreundlicher und gleichzeitig exklusiver wurden. Stehplätze verschwanden zunehmend, mit den Sitzplätzen wechselte auch das Publikum. Zudem änderte sich die Aussenarchitektur der Stadien: Neuartige Fassadengestaltungen, organische Aussenhüllen und überspannende Dächer geben heute modernen Stadien ein individuelles Gesicht; oft sind die Tribünenrückseiten von aussen nicht mehr ersichtlich und der Fussballplatz bzw. die Laufbahn ist nicht mehr formgebend für das gesamte Gebäude.
Immer wichtiger wurden auch exklusive Logenplätze sowie ein reichhaltiges gastronomisches Angebot. Zentral dafür sind Aufzüge: Mit ihnen können VIPs direkt in einen abgesicherten Bereich gelangen, ebenso hängt eine speditive Bewirtschaftung aller Stadionbesucher von leistungsfähigen Transportwegen ab.
Fernsehen beeinflusst Architektur
Mit dem Satellitenfernsehen vergrösserte sich das Publikum von Sportveranstaltungen explosionsartig. So verfolgten zum Beispiel 3,75 Milliarden Menschen – also etwa die Hälfte der Weltbevölkerung – die Fussballweltmeisterschaft 2018 am Fernseher. Und bei den Olympischen Spielen 2012 in London waren es sogar 4,8 Milliarden gewesen. Moderne Stadien müssen daher nicht nur fürs Live-Publikum, sondern ebenso für die Fernsehzuschauer gebaut sein.
«Bis in die 1970er-Jahre waren fast alle grossen Stadien in Europa mit einer Laufbahn ausgestattet. Sie wurden meist von den Städten betrieben, und diese wollten lange keine reinen Fussballstadien finanzieren», sagt Bernhard Hachleitner. «Diese Laufbahn liegt bei klassischen Stadien jedoch störend zwischen Fussballfeld und Publikum – im Fernsehen wirken solche Stadien nicht richtig gefüllt und die Stimmung im Stadion kommt wenig emotional rüber.» Die Stadionarchitektur musste sich daher an die Anforderungen des Fernsehens anpassen, namentlich an Bild, Licht und Ton. «Seit den 1990er-Jahren baut man daher auch reine Fussballstadien, in denen es keine Laufbahnen für Leichtathletik mehr gibt.»
3,75 Milliarden Menschen – also etwa die Hälfte der Weltbevölkerung – verfolgten die Fussballweltmeisterschaft 2018 am Fernseher.
Modulare Sportstadien
Und heute? Die bevorstehende Fussballweltmeisterschaft in Katar hat einen weiteren Wandel im Stadionbau bewirkt: Während früher Sportstadien exklusiv für einen Grossanlass gebaut wurden und anschliessend leer standen, Konkurs gingen oder abgerissen wurden, setzt man heute auf Modularität und Umnutzung: Aus dem Iconic Stadium sollen zum Beispiel später Schulen, Geschäfte und Cafés entstehen, und die übrigbleibenden Sitze werden für andere Sportanlässe auf der ganzen Welt gespendet. Das Al-Thumama-Stadion bietet für die Weltmeisterschaft 40'000 Sitzplätze, anschliessend werden 20'000 zurückgebaut. Und das Ras Abu Aboud Stadium mit einer Kapazität von ebenfalls 40'000 Zuschauern wird aus rezyklierten Schiffcontainern gebaut, es lässt sich nach der Weltmeisterschaft vollständig zurückbauen (Siehe «Die Ikonen unter den Sportstadien»). Die Tendenz geht nun also wieder Richtung multifunktional nutzbarer Stadien. Die Modularität ermöglicht es dabei, sowohl dem Live- als auch dem TV-Publikum gerecht zu werden. Nachhaltigkeit ist, nach 2500 Jahren, wieder das A und O der Stadionarchitektur.