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Ohne ihn sähe die Schweiz heute vermutlich anders aus: Napoleon Bonaparte verfügte zum Beispiel zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Anschluss von Graubünden an die Schweiz. (Bild: Keystone)
Ein langer Kampf für Freiheit, Unabhängigkeit und Souveränität – so oder ähnlich erzählt man sich in der Schweiz gerne die eigene Geschichte. Kriegerische Tapferkeit, kluge Selbstbeschränkung und neutrale Enthaltsamkeit, der Wille zu nationaler Einigkeit oder die Fähigkeit zum Kompromiss hätten die Schweiz möglich gemacht. Solche Geschichten sollen die Bürger und Bürgerinnen stolz auf die Vergangenheit ihres Landes zurückblicken lassen.
Sicher: Jede Nationalgeschichte erzählt die Vergangenheit selektiv und blendet Tatsachen aus, welche die hehre nationale Identitätsvorstellung stören. Doch Schweizer Geschichte lässt sich auch anders erzählen – als eine Geschichte der Verflechtung, der wechselseitigen oder sogar vollständigen Abhängigkeit der Schweiz vom Ausland.
Zum Handel gezwungen
Wirtschaftlich war die Schweiz nie aus eigener Kraft überlebensfähig. Ausser Holz, Steinen, Wasser und Arbeitskräften besitzt sie keine Rohstoffe. Fast seit je versorgt die Landwirtschaft die Bevölkerung nicht genügend mit Getreide, zumal die Bauern in den Voralpen schon im Spätmittelalter auf Viehzucht und Käseherstellung umstellten. Als mehrere Regionen – insbesondere in der Ostschweiz – im 17. und 18. Jahrhundert ihre Wirtschaft auf die Tuchherstellung in Heimarbeit ausrichteten und dafür den Landbau aufgaben, wurden auch sie von Getreideimporten abhängig.
Diese frühkapitalistischen Entwicklungen in der Landwirtschaft und im Gewerbe verstärkten die Abhängigkeit der Schweiz vom Ausland noch in anderer Hinsicht: Viehzucht und Käseherstellung benötigten Unmengen von Salz, das zum grossen Teil ebenfalls importiert werden musste. Die Heimarbeiter fertigten Tuche aus Seide und Baumwolle an. Auch sie mussten von weit her eingeführt werden. Und die Genfer Uhren- und Schmuckindustrie verarbeitete Edelmetalle und Edelsteine aus Indien und Südafrika.
Die schweizerische Textil- und Uhrenindustrie produzierte schon in der frühen Neuzeit vorwiegend für den Export. Denn der Binnenmarkt für den Absatz ihrer Waren war viel zu klein. Im 19. Jahrhundert verstärkten die Industrialisierung und der Eisenbahnbau, welche den Transport revolutionierten, die Verflechtung der Schweiz mit der Weltwirtschaft. Der Aussenhandel mit Nahrungsmitteln wie Käse, Textilien, Maschinen und chemischen Erzeugnissen machte die Schweiz – gemessen an ihrer Bevölkerungszahl – schon vor dem Ersten Weltkrieg zu einer wichtigen Exportnation. Seit dem Ersten Weltkrieg ist sie ein führender Finanzplatz.
Ein Land von Migranten
Seit Jahrhunderten ist die Schweiz auch über die Arbeitsmigration mit dem Ausland verflochten. Söldner dienten zu Hunderttausenden bei auswärtigen Mächten, beispielsweise in Frankreich, Spanien, Savoyen, den Niederlanden. Bündner Zuckerbäcker gründeten im 18. und 19. Jahrhundert Kaffeehäuser und Konditoreien in ganz Europa.
In den Bündner und Tessiner Tälern verliessen die Männer während Jahrhunderten jedes Jahr ihre Familien, um für mehrere Monate in den Städten Italiens und Österreichs als Transport- und Bauarbeiter, Maronibrater oder Kaminfeger ein Einkommen zu erwerben, das es so zu Hause nicht zu verdienen gab. Aus denselben Tälern stammten die vielen Architekten, Baumeister, Freskomaler, Stuckateure und Maurer, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert den Städten und Residenzen in Italien, Deutschland, Österreich, Polen, Skandinavien und Russland ein barockes und klassizistisches Gepräge verliehen.
Auch Gelehrte wie der Berner Mediziner und Botaniker Albrecht von Haller oder die Mathematiker aus der Basler Familie Bernoulli sowie zahlreiche Hauslehrer und Erzieherinnen zogen ins Ausland, wo sie an Universitäten und Wissenschaftsakademien oder im Dienst fürstlicher Familien als Forscher oder Pädagogen tätig wurden.
Erst in den 1880er-Jahren ist die Schweiz – per saldo – ein Einwanderungsland geworden. Die Einwanderer waren vor allem im Bau- und Gesundheitssektor, im Tourismus sowie an höheren Schulen tätig. So ersetzten sie unter anderem die zahlreichen Arbeitskräfte, die als Auswanderer die Schweiz im 19. Jahrhundert definitiv verlassen hatten.
Ein Produkt des Auslands
Nach ihrem Sieg in den Burgunderkriegen von 1474 bis 1477 gegen das Herzogtum Burgund wurden die Eidgenossen ein militärischer und politischer Faktor in der europäischen Mächtekonkurrenz. Die europäischen Kriegsherren buhlten fortan um deren Freundschaft und den Zugang zum hiesigen Söldnermarkt. Mit ihrer Lage an den Pässen der Zentralalpen und zwischen den rivalisierenden Grossmächten Frankreich und Habsburg wurde die Eidgenossenschaft ein geostrategisch neuralgischer Raum.
In diesen europäischen Konstellationen definierten die eidgenössischen Kleinstaaten ihre Aussenbeziehungen. Sie schlossen Vereinbarungen und Allianzen mit den wichtigen Mächten in der Nachbarschaft. Beispielsweise die sogenannten Erbeinungen mit Habsburg-Österreich 1477 und 1511, welche zur Folge hatten, dass das Haus Habsburg auf seine früheren Besitzungen im nunmehr eidgenössischen Raum verzichtete. Oder die Friedens- und Allianzverträge mit Frankreich von 1516 und 1521. Beides verschaffte den schweizerischen Kleinstaaten mehr Sicherheit in einem kriegerischen Umfeld. Mit der Nachbarschaft zur Freigrafschaft Burgund und zum Herzogtum Mailand wurde die Eidgenossenschaft im 16. Jahrhundert Teil der habsburgisch-spanischen Machtsphäre und damit zwangsläufig auch für den König von Frankreich – den grossen Rivalen Habsburg-Spaniens – zum strategischen Faktor.
Beide Grossmächte wollten die Eidgenossenschaft fortan aus verschiedenen Gründen möglichst eng an sich binden: Zwar griffen die Kantone selber nicht in die Kriege der Grossmächte ein, boten aber den Mächten militärischen Flankenschutz. Sie eröffneten den Mächten gleichzeitig den Zugang zum eidgenössischen Söldnermarkt und gewährten ihren Truppen den Durchmarsch durch das Land. Zudem statteten die eidgenössischen Orte und deren Machteliten die Kriegsherren mit Darlehen aus. Im Kriegsfall wickelte sich über eidgenössisches Gebiet ein lebhafter Zwischenhandel mit Kriegsmaterial ab, um Handelsembargos zu umgehen, wovon Händler und Bauern aus der Eidgenossenschaft profitierten.
Die Existenz einer aussenpolitisch schwachen, ansonsten aber militärisch, sicherheitspolitisch und kommerziell nützlichen Eidgenossenschaft lag ganz im Interesse der Mächte. Deshalb stellten die Allianzen mit den Mächten vom 16. bis zum 18. Jahrhundert faktisch eine Bestandsgarantie für die eidgenössischen Kleinstaaten dar. Auswärtige Mächte haben aber auch jene Strukturreformen durchgesetzt, ohne welche sich die Alte Eidgenossenschaft nicht zum Bundesstaat von 1848 hätte weiterentwickeln können. Denn von sich aus hätten die Orte sich nie auf diese revolutionäre staatliche Transformation einigen können.
Frankreichs militärische Besetzung der Schweiz führte 1798 zur Ausrufung der Helvetischen Republik und ermöglichte die Beseitigung der Untertanenverhältnisse in der Schweiz. 1803 besorgte Napoleon Bonaparte mit der sogenannten Mediations- und Vermittlungsakte die föderalistische Neuordnung der Schweiz. Nicht nur stattete er die alten Kantone wieder mit jener Souveränität aus, die sie 1798 verloren hatten; vielmehr schuf er mit dem Aargau, St. Gallen, dem Tessin, dem Thurgau und der Waadt auch fünf neue Kantonalstaaten. Zudem band er die Republik der Drei Bünde als Kanton Graubünden an die Schweiz an.
Neutraler Sicherheitspuffer
Am Wiener Kongress 1814/15 schliesslich ordneten die Mächte Österreich, Russland, Frankreich, Vereinigtes Königreich und Preussen die Schweizer Angelegenheiten neu: Sie anerkannten die Eigenständigkeit der Schweiz und wiesen ihr als neutralem Puffer zwischen Frankreich und Österreich eine zentrale Rolle in Europas neuer Sicherheitsarchitektur zu. Um diese Neutralität künftig selber behaupten zu können, verpflichtete der Kongress die Schweiz zum Aufbau eines Bundesheers und zur Aufnahme der neuen Kantone Wallis, Neuenburg und Genf. Erst so erhielt die Schweiz im Westen eine Landesgrenze, die sie glaubwürdig mit eigenen Mitteln verteidigen konnte.
Kaum ein Land in Europa ist seit Jahrhunderten so eng wie die Schweiz mit dem Kontinent verflochten. Ihre Identität und Eigenständigkeit wurden und werden durch das Ausland geprägt.
Zitiervorschlag: André Holenstein (2023). Die Schweiz ist eine Willensnation – des Auslands. Die Volkswirtschaft, 12. Dezember.