Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03399.jsonl.gz/2936

... die Schweiz! Im Ernst! Also, nicht direkt eine goldene Palme, aber der sogenannte Grand Prix, also der Grosse Preis der Jury, quasi der zweite Platz. Er ging doch tatsächlich an «Le Meraviglie» von Alice Rohrwacher, das poetische Toscana-Drama um eine Bienenzüchter-Kommune, das von der Schweiz koproduziert worden war. Platz drei, nämlich der Prix du Jury, der auch als Trostpreis bezeichnet wird, ging an zwei Filme, an die Mutter-Sohn-Oper «Mommy» des Kanadiers Xavier Dolan, und – an den Schweizer Jean-Luc Godard für seine cineastische Zumutung «Adieu au langage». Also an den 25- und den 83-jährigen Regisseur im Wettbewerb. Was für eine Schweizer Ausbeute! Was für eine Freude!
Dass Julianne Moore am Samstagabend zur besten Schauspielerin des diesjährigen Festivals gekürt wurde, ist ebenfalls grossartig. Sie sagte während des Festivals, sie habe David Cronenbergs Hollywood-Horror «Maps to the Stars» von Anfang an als Komödie betrachtet, und sie sei glücklich, mit Cronenberg gearbeitet zu haben: «Wir Schauspieler wollen grundsätzlich mit den Besten arbeiten, und David ist der grösste ‹Auteur› des amerikanischen Kinos.»
Nun wurde sie selbst in der Rolle einer neurotischen Diva, die nur darauf wartet, endlich ihre eigene Mutter spielen zu können, um sich so an ihr zu rächen und zugleich den eigenen Missbrauch zu verarbeiten, selbst zur Besten gekürt. Gerechnet hatten alle mit Marion Cotillard, aber es dürfte die Jurypräsidentin Jane Campion gewesen sein, die Moore portierte, denn Moore ist vom Spieltemperament wie von der Erscheinung her eine typische Campion-Muse. Leider konnte sie ihren Preis nicht selbst entgegennehmen.
Der Rest war wie erwartet. Bester Film wurde der Dreistünder «Winter Sleep» des Türken Nuri Bilge Ceylan (Uma Thurman und Quentin Tarantino überreichten ihn), über einen zentralanatolischen Provinzdespoten und, wie der Spiegel schreibt, «die Lethargie der türkischen Intellektuellen». Bester Regisseur wurde der Amerikaner Bennett Miller für den Wrestlerfilm «Foxcatcher» mit Channing Tatum und Steve Carrell. Das beste Drehbuch ging an die Russen Andrey Zvyagintsev and Oleg Negin für «Leviathan».
Auch der Brite Timothy Spall, der als «Mr. Turner» von Mike Leigh den Preis für den besten Schauspieler entgegennahm, war von Anfang bis Ende des Festivals der erste und einzige Favorit gewesen. Spalls Darstellung des Malers ist eine typische Tour de force, körperlich, hemmungslos, dabei aber bis in den letzten Nerv hinein nuanciert, dazu gemacht, rundum zu beeindrucken.
Die goldene Kamera ging an den französischen Beitrag «Party Girl» aus der Reihe «Un certain Regard», der im Reality-TV-Stil über das Leben einer 60-jährigen Clubbetreiberin berichtet, der selbst die Lebenslust noch nicht abhanden gekommen ist. Bester Kurzfilm wurde «Leidi» des Kolumbianers Simón Mesa Soto über eine junge Frau, die den Vater ihres Babys sucht.
Im Anschluss an die Preisverleihung hielt Quentin Tarantino, der grosse Liebling der Croisette, der hier vor exakt 20 Jahren mit «Pulp Fiction» die goldene Palme gewonnen hatte, eine Laudatio auf Sergio Leone und schaute gemeinsam mit allen Preisträgern «Per un pugno di dollari». Apropos Dollars: Auf dem «Marché du film», der dieses Jahr eher solid als berauschend lief, hat ein Film, dessen Dreharbeiten noch gar nicht begonnen haben, alle Rekorde gebrochen und sich Verleihrechte auf der ganzen Welt sichern können. Der Titel: «Sea of Trees». Der Regisseur: Gus van Sant. Und der Star: Hollywoods absoluter It-Boy der Stunde – natürlich Matthew McConaughey.