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Verehrt und verurteilt: der sowjetische Sänger Wadim Kosin
- Montag, 2. Juni 2014, 6:03 Uhr
Er sang für Stalin im Kreml, sass als Homosexueller acht Jahre lang im Gulag und gilt als einer der grössten russischen Entertainer des 20. Jahrhunderts: Der Sänger Wadim Kosin hatte ein dramatisches Leben, das im hohen Alter nochmals eine erfreuliche Wende nahm.
20. März 1956. Am Morgen ist der Sänger Wadim Kosin mit dem Zug in Wladiwostok am Pazifischen Ozean angekommen. Kosin ist 52 und der umjubelte Star der Truppe des Magadaner Theaters, die auf grosser Tour kreuz und quer durch die Kulturhäuser Sibiriens ist. Vom Taxifahrer erfährt Kosin – wie er seinem Tagebuch anvertraut – Erstaunliches: Aus Moskau ist die Weisung gekommen, alle Stalin-Bilder abzuhängen. Kosin ist schockiert. 20 Jahre zuvor hatte er für Stalin im Kreml gesungen. 1944 hatte Stalin Kosin ins Lager geschickt. Und nun das.
Wadim Kosin wird am 21. März 1905 in Sankt Petersburg geboren. Sein Vater ist ein erfolgreicher Kaufmann, seine Mutter Sängerin in einem berühmten Zigeunerchor. Im Haus der Kosins gehen Stars wie die Primadonna Anastasia Wialzewa und Jurij Morfessij ein und aus. Dann kommt die Revolution von 1917 und nimmt den Kosins Haus und Vermögen.
Vom Kinosänger zum gefeierten Star
Kosin muss Geld für die Familie verdienen und beginnt in Kinos zu singen. In den späten 1920er-Jahren steigt er schnell und unaufhaltsam in den Olymp des sowjetischen Entertainments auf. Sein Repertoire: die überaus populären Zigeunerromanzen, Gaunerlieder und neue Lieder sowjetischer Komponisten.
Schon bald beginnt er auch selbst Lieder zu schreiben. Eine Seltenheit im sowjetischen Entertainment, wo normalerweise streng zwischen Textautor, Komponist und Interpret getrennt wird. Anfang der 1930er-Jahre zieht er schliesslich nach Moskau, gibt umjubelte Konzerte en masse, singt im Kreml und nimmt viele Schallplatten auf. Er ist ein gefeierter Star, das Land liegt ihm zu Füssen.
Wegen Homosexualit im Gefängnis
Doch dann tut das 20. Jahrhundert etwas, was es unübertroffen gut kann: Es versorgt Kosin mit einer tragischen Biografie. 1944 wird Kosin verhaftet und als Homosexueller zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Kosin verbüsst die Strafe an der Kolyma – allerdings nicht in den gefürchteten Bergwerken Ostsibiriens, sondern als Künstler vergleichsweise komfortabel am Magadaner Lagertheater.
Als er entlassen wird, beschliesst Kosin in Magadan zu bleiben. In der Stadt am Pazifik kennt ihn jeder, er ist der grosse Star des städtischen Theaters. Mitte der 1950er-Jahre tourt Kosin von Magadan aus kreuz und quer durch die Sowjetunion, gibt Hunderte von Konzerten und bereist, abgesehen von den Metropolen Moskau, Kiew und Leningrad, praktisch die gesamte Sowjetunion. In den 1960er-, 1970er- und den 1980er-Jahren entstehen zahlreiche neue Liederzyklen, die Kosin in seiner Magadaner Wohnung auf Tonband einspielt. Darunter sind zahllose Oden an seine Wahlheimat Magadan, deren Boulevards Kosin mit denen von Paris vergleicht.
Hommage im hohen Alter
Mit Beginn der Perestroika spricht sich schliesslich auch in den russischen Metropolen herum, dass am anderen Ende des Landes der legendäre Wadim Kosin überlebt hat. Dokumentarfilme entstehen, Kosin empfängt viel Besuch aus Moskau und Petersburg und erlebt schliesslich kurz vor seinem Tod, dass seine legendären 78er-Aufnahmen aus den 1930er- und 1940er-Jahren in Russland und auch in Amerika wiederaufgelegt werden: als LPs und Kassetten. Heute, 20 Jahre nach seinem Tod, gilt Kosin in Russland als einer der grossen Entertainer des 20. Jahrhunderts. Wegen seiner Aufnahmen, wegen seiner Lieder, wegen seiner unvergleichlichen Stimme und nicht zuletzt auch wegen seiner dramatischen Biografie.
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30.5.2014, 21:00 Seit 21:00
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