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Der Schutzengel der Bisse de Saxon Zu Besuch bei einem der letzten Walliser Suonenwärter
Ob es schneit, stürmt oder hagelt: Jeden Sommer geht Jacques Bourban seiner Suone entlang und schaut zum Rechten. Für ihn ist das mehr als Arbeit. Es ist seine Leidenschaft.
Die quer über die Bisse de Saxon gebaute Hütte ist klein. Ein Unterschlupf, versteckt vor der Zivilisation. Keine Strasse, auf der der übliche Komfort hertransportiert werden könnte. Auf einem Brett unter dem Dachfirst eine Inschrift: «Le Bourlâ». «Das Verbrannte» im lokalen Dialekt, eine Anspielung auf die zwei Brände, die die Wälder rundum verwüsteten. Wer die Hütte betritt, macht eine Zeitreise. Kein fliessendes Wasser, kein Strom. Der Raum ist düster, winzig. In der warm geheizten Stube löst sich eine Silhouette aus dem Dunkel. «Jacky Bourban, Präsident der Association Garde du Bisse», stellt er sich vor und drückt mir die Hand. Er setzt sich wieder hin und schneidet sich ein Stück Speck ab. Dann beginnt er zu reden, ohne Unterlass. Es sprudelt nur noch aus ihm hervor, wenn er erst einmal beginnt, von der Suone zu erzählen. Von seiner Suone. Ihre Geschichte reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück und ist reich an Anekdoten. Über den berühmten Joseph Fama etwa, einen reich gewordenen ehemaligen Mönch, der 1860 aus Italien kam und Besitzer des Casinos von Saxon wurde. Oder über einen gewissen Fjodor Michailowitsch Dostojewski, der noch so gerne seine Feder niederlegte und dort den Jetons nachjagte. Zur Bisse trug der russische Autor aber wenig bei. «Es ist Fama, dem wir die Finanzierung der Suone verdanken», fährt Bourban fort. Damals trat die Gemeinde das Wasser der Printse gegen eine Summe von 4000 Franken ab. Und so begannen mehrere Hundert Männer, den Fels zu bearbeiten – nur mit ihrer Muskelkraft. Bis das Wasser eines Tages im Sommer 1867 zum ersten Mal floss und es den Bauern in der Ebene ermöglichte, ihren Boden ertragbringend zu bewirtschaften.
Geweckt vom Lärm der Stille
In der Hütte zeigt Jacques Bourban Fotos seiner Vorgänger. Einige der Suonenwärter hat er selber gekannt. «Geheimnisvolle, in Rauch gehüllte Typen, mein Vater wilderte ab und zu ein Murmeltier.» Er war noch ein Kind, damals in den 50er-Jahren, als ihn seine Eltern nach Le Bourlâ schickten. Nicht um sich zu erholen, sondern um zu arbeiten. Das war kein Ferienausflug. «Diese Hütte war eine Villa Durchzug», lacht er. Damals verdiente er vier Franken am Tag. Er putzte das Bachbett, sammelte Tannzapfen, jätete Unkraut. Das Schaufelrad und der Hammer, die unweit der Hütte installiert waren, haben ihn geprägt. «Dieser Hammer war der ständige Begleiter des Wärters. Wenn er zu schlagen aufhörte, erwachte er sofort durch den Lärm der Stille.» Diese Stille stellte sich schliesslich endgültig ein. 1964 wurde der teure und komplexe Unterhalt des Kanals aufgegeben. In Nendaz machten Hochspannungsleitungen und Beton den Himbeerpflanzungen und Aprikosenbäumen Konkurrenz. Das Vieh wurde weniger. Es kamen Touristen. Das Bauwerk drohte zu verschwinden.
die Suone heute ihr sanftes Murmeln wiedergefunden hat, ist einzig der Leidenschaft einiger hoch motivierter Einwohner zu verdanken: Frauen und Männer, denen bewusst war, dass sie ein Symbol für den einzigartigen Kampf der Walliser ums Wasser ist, eine historische Zeugin des Lebens von früher. «Es ist ein aussergewöhnliches Werk, das zu einer Touristenattraktion geworden ist», sagt Jacques Bourban.Den Anstoss gab eine Sitzung des Gemeinderats. Das war 1990. Nicht weit von hier bohrten die Arbeiter für den Bau des Wasserkraftwerks Cleuson-Dixence Löcher in den Berg. Unter dem Druck von Umweltschutzverbänden, die eine Entschädigung forderten, wandte sich der Gemeindepräsident an einen seiner Gemeinderäte und erteilte ihm einen Auftrag: die Bisse de Saxon wiederzubeleben. «Wir hatten keinen Rappen und auch kein Archiv», erinnert sich Bourban. «Aber als ich in den Kellern und Estrichen von Saxon und Nendaz wühlte, fand ich Dokumente, Hefte und Aufzeichnungen.»
Die Wiedererstehung der Suone wurde für ihn zur persönlichen Aufgabe, zur staatsbürgerlichen Pflicht. Die Unterlagen in der Hand und immer einen Witz auf den Lippen, suchte er nach Geldgebern – mit Erfolg: 1,2 Millionen Franken kamen zusammen.
Manchmal auch nur ein Job
Jacques Bourban setzt seinen Hut auf, tritt hinaus in die Abenddämmerung und atmet tief ein. Die Luft riecht nach Feuchtigkeit, Humus und Harz. Die untergehende Sonne erleuchtet die Baumwipfel. Der Wärter wirft einen Blick auf sein «Barometer», einen Nussbaumzweig, der aussen an der Hütte an ein Brett genagelt ist. Der Zweig weist zum Himmel, ein Zeichen, dass das Wetter schlechter wird. Bourban hebt langsam die Schultern. «Das Wetter ändert schnell am rechten Ufer der Printse. Die Gewitter sind heftig», warnt er. Er nimmt seinen Bleistift und kritzelt ein paar Worte in sein Heft, ganz wie seine Vorfahren. Suonenwärter, das ist manchmal auch nur ein Job. «Ich schicke Sie nicht weg, aber ich muss einen Tunnel kontrollieren, bevor der Regen kommt», murmelt er und macht sich auf den Weg. Bald beginnen grosse Tropfen auf die Blätter zu klatschen. Alles wird eins, als ob die ganze Landschaft in eine Wolke getaucht wäre. Jacques Bourban entfernt sich und beschleunigt seinen Schritt. Und man wundert sich, dass es selbst hier, wo die Zeit stillzustehen scheint, auch Stress geben kann.