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Roger Federer gehört in Wimbledon zusammen mit der Weltnummer 1 Novak Djokovic und dem Lokalmatadoren Andy Murray zum Trio der Topfavoriten. Stan Wawrinka folgt gleich dahinter, auch wenn der French-Open-Champion auf Rasen bisher noch nie brilliert hat.
Drei Jahre ist es bereits her, dass Roger Federer ein Grand-Slam-Turnier als strahlender Sieger abgeschlossen hat. Nur ein Final ist seither dazugekommen, vor einem Jahr in Wimbledon. Das ist kein Zufall. Nirgends ist die Chance auf den 18. grossen Titel besser als an der Church Road im Südwesten Londons. Rasen und Federer – diese Kombination passt nach wie vor. Auf der grünen Unterlage thront Federer mit seinen Erfolgen weit über dem Rest, die Altersuhr tickt jedoch unerbittlich. Viele Chancen erhält der 33-jährige Basler nicht mehr, um als erster Spieler der Tennisgeschichte das wichtigste Turnier der Welt zum achten Mal zu gewinnen. Im Moment teilt er sich diesen Rekord mit William Renshaw (7 Titel zwischen 1881 und 1889) und Pete Sampras (zwischen 1993 und 2000).
Die Viertelfinal-Niederlage in Paris gegen Stan Wawrinka war schnell abgehakt. «Wimbledon ist mein grosses Ziel. Ich will dort gewinnen», betonte Federer nur wenige Minuten nach dem Ausscheiden am French Open. Es sind keine leeren Worte. In Wimbledon zählt für ihn nur der Sieg. Er spürt, dass er diesen Triumph noch «in sich hat» – erst recht, nachdem im letzten Jahr wohl nur ein Punkt dafür gefehlt hat. Der Schweizer kam im fünften Satz des Finals gegen Novak Djokovic beim Stand von 3:3 zu einem Breakball. Der Serbe wehrte ihn ab und gewann den Entscheidungssatz 6:4.
Die Vorbereitung der beiden Topfavoriten könnte unterschiedlicher kaum sein. Während Federer in Halle (De) mit dem achten Titel schon mal das schaffte, was er in Wimbledon anstrebt, verzichtete Djokovic wie immer in den letzten fünf Jahren auf ein Vorbereitungsturnier auf Rasen. Er kann sich dies leisten; die Resultate bei den vier folgenden Auftritten im Tennismekka sprechen für sich: zwei Titel (2011, 2014), ein Final (2013, Niederlage gegen Andy Murray) und ein Halbfinal (2012, Niederlage gegen Federer).
Der vom dreifachen Wimbledon-Champion Boris Becker betreute Serbe ist zwar kein eigentlicher Rasen-Spezialist, aber der beste Tennisspieler der letzten fünf Jahre. Federer überzeugte in Halle bei eigenem Aufschlag und mit Nervenstärke (sechs gewonnene Tiebreaks). Von der Grundlinie und beim Return muss er sich allerdings noch steigern.
Überzeugt hat in den letzten Wochen auch Andy Murray, Sieger in München und Madrid auf Sand sowie im Londoner Queen's Club auf Rasen. Der Schotte, der 2013 eine 77-jährige britische Wartezeit in Wimbledon beendet hatte, forderte im French-Open-Halbfinal Djokovic während fünf Sätzen – auf seinem schwächsten Belag. Auf Rasen ist er noch stärker einzustufen.
Stan Wawrinka hat auf der grünen (im Verlauf des Turniers immer brauner werdenden) Unterlage noch keine grossen Stricke zerrissen. Wimbledon ist das einzige Grand-Slam-Turnier, bei dem der Romand noch nie die Halbfinals erreicht hat. Im vergangenen Jahr hatte er im Viertelfinal einen Exploit gegen Federer allerdings nur knapp verpasst.
Die grösste Herausforderung für Wawrinka könnte es sein, die erste Woche zu überstehen, wenn der Platz noch rutschig ist und die Bälle tief bleiben. Trifft Wawrinka relativ früh auf einen der Aufschlag-Giganten wie Ivo Karlovic, John Isner oder Angstgegner Kevin Anderson, könnte es für ihn heikel werden. Je länger er im Turnier ist, desto gefährlicher wird er selber. Das bewies er mit seinen Siegen am Australian Open und in Paris eindrücklich.
Bei drei der letzten sechs Major-Turniere jubelte am Ende einer, den vor dem Turnier kaum einer so richtig auf der Rechnung hatte (zweimal Wawrinka, einmal Marin Cilic). Gefährliche Aussenseiter gibt es auch diesmal – wiederum traut ihnen aber keiner den ganz grossen Coup zu. Der letztjährige Halbfinalist Milos Raonic musste sich vor dem French Open am Fuss operieren lassen. Dem quirligen Japaner Kei Nishikori fehlt ein überdurchschnittlicher Aufschlag. Grigor Dimitrov konnte seinen vermeintlichen Durchbruch mit dem Vorstoss in den Halbfinal vor einem Jahr nicht bestätigen. Tomas Berdych, Finalist 2010, ist gegen die Spieler der Top 4 fast schon notorisch erfolglos. Für einen Youngster wie Nick Kyrgios scheint die Zeit noch nicht reif.
Und Rafael Nadal? Der Champion von 2008 und 2010 hat bei den letzten drei Austragungen gerade noch vier Partien gewonnen und gegen die Nummern 100 (Rosol), 135 (Darcis) und 144 (Kyrgios) der Welt verloren. Trotz dem Titel in Stuttgart steigt der Spanier ab Montag lediglich als Aussenseiter ins Turnier. (si/rst)