Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03179.jsonl.gz/2821

Die Turiner Architektin Agnese soll in einem Heim für Kriegsveteranen ihren schwer kranken Vater besuchen. Weil sie sich verspätet, trifft sie am Bett ihres Vaters auf den Bosnier Reuf. Er ist als illegaler Flüchtling vom Dienst habenden Arzt aufgenommen und versteckt worden und übernimmt für diesen ausnahmsweise die Nachtwache. Als der Direktor des Heims auf den Bosnier aufmerksam wird, zeigt er ihn bei der Polizei an. Nun beginnt Agnese sich für Reufs Schicksal zu interessieren. Sie erfährt, dass er mit seiner älteren Tochter nach Italien flüchtete. Seine jüngere Tochter blieb in einem Spital im Kriegsgebiet zurück, seine Frau ist seit einem Überfall verschwunden - wahrscheinlich wurde sie verschleppt, vergewaltigt und getötet. Nun will Reuf seine zweite Tochter aus dem Gefahrengebiet holen. Der Arzt, der ein Auge auf Reufs ältere Tochter geworfen hat, bietet seine Hilfe an. Auch Agnese engagiert sich mehr und mehr für die bosnische Familie, erkennt sie doch Parallelen zu ihrer eigenen Kindheit in den Nachkriegsjahren. Schliesslich reist sie selbst ins Krisengebiet, um nach Reufs Tochter zu suchen.
Der Film des Schaffhausers Rolando Colla, dessen Erstling Le monde à Tenvers 1999 in Locarno ausgezeichnet wurde, nimmt sich einiges vor: Er will Spurensicherung des Bosnien- und des Zweiten Weltkrieges betreiben. Nach dem Aufbau der zerstörten Häuser und dem Wegsterben der Augenzeugen soll nicht einfach aus unserem Gedächtnis verschwinden, was grauenhafte Realität war - und was sich nach Nietzsches Prophezeiung wiederholen wird.
Um die historischen Ereignisse an individuellen Schicksalen aufzuzeigen und möglichst lebendig zu gestalten, wurde an Realschauplätzen mit Handkamera und bosnischen Schauspielerinnen gedreht, die den Krieg selbst erlebt haben. Die damit erzeugte Authentizität ist dem Film nicht abzusprechen. Leider gelingt es ihm aber nicht, die verschiedenen Erzählstränge organisch miteinander zu verknüpfen. Die Thematik des Bosnienkrieges und der europäischen Flüchtlingspolitik, das Einzelschicksal der jungen bosnischen Familie, die zwei Liebesgeschichten - zwischen Reuf und Agnese sowie zwischen dem Arzt und Reufs Tochter - und die Aufarbeitung der Vergangenheit von Agneses Vater wollen sich nicht zu einem Ganzen fügen. Das Hin- und Herspringen zwischen den einzelnen Handlungen und das Fehlen von Musik als möglichem Verbindungsglied lassen dies zusätzlich offenbar werden. Dadurch entwickelt der Film auch Längen, die bei einer mutigeren Gewichtung der Themen weniger spürbar geworden wären. Oder Colla hätte schlicht auf seine Erzählfähigkeit vertrauen und nicht so viel reinpackensollen.