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Kunst
(von Können), im weitesten
Sinn des
Wortes jede zur Fertigkeit erhobene Fähigkeit sinnlicher
Darstellung eines
(bedingt oder unbedingt) wertvollen
Gehalts, sei es um seiner selbst, sei es um eines andern
Zweckes willen. Dieselbe setzt
daher jedesmal eine spezifische
Anlage
(Talent,
Genie, s. d.) und deren durch Übung zur vollen Beherrschung
sowohl des
Gehalts, welcher, als des sinnlichen
Stoffes, in welchem er dargestellt werden soll, gelangte
Entwickelung voraus;
jenes macht die theoretische, dieses die technische Kenntnis, die Ausübung selbst die
Technik der
Kunst aus.
Die (angeborne oder erworbene) Leichtigkeit der
Darstellung, welche dieselbe (als höchsten
Grad beim künstlerischen
Genie) wie eine ohne
Bewußtsein spielend vollzogene erscheinen läßt, unterscheidet die »heitere«
Kunst von der »ernsten«
Arbeit, welche die Anstrengung merken läßt; die (mehr oder minder lebhafte) Anschaulichkeit der
Darstellung
unterscheidet die
Kunst von der
Wissenschaft, welche begrifflich (abstrakt) darstellt. Der nur bedingte Wert des dargestellten
Gehalts (des Nützlichen und
Angenehmen) begründet den Unterschied der niedern (relativen) von der höhern
(absoluten)
Kunst, bei welcher der Wert des Dargestellten (der
Idee des Wahren, des
Guten, des
Schönen) unbedingt ist, der Umstand,
ob die
Darstellung Selbstzweck oder
Mittel ist, jenen der freien (selbständigen) oder unfreien (dienenden)
Kunst.
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Da das unbedingt Wertvolle als solches nur Zweck, niemals Mittel sein kann, so fällt die Darstellung des erstern, die absolute
Kunst, mit der freien Kunst zusammen. Da das absolut Wertvolle ein Dreifaches (das Wahre, das Gute, das Schöne) umfaßt, deren jedes
vom andern völlig unabhängig ist, so gliedert sich die sinnliche Darstellung desselben in eine dreifache
Kunst, deren erste, symbolische Kunst, die sinnliche Darstellung des Wahren, die zweite, moralische
Kunst, die sinnliche Darstellung
des Guten, die dritte, schöne
Kunst, die sinnliche Darstellung des Schönen ist.
Letztere ist im ästhetischen Sinn allein wahre
Kunst. Dieselbe ist von der niedern Kunst durch den absoluten
Wert ihres Dargestellten, von der dienenden
Kunst durch den Selbstzweck der Darstellung, von der symbolischen und moralischen
Kunst durch das Objekt ihrer Darstellung, das Schöne, unterschieden. Wie die schöne
Kunst im ästhetischen Sinn vorzugsweise
Kunst, so
wird das Erzeugnis derselben im Unterschied von den Produkten der übrigen (niedern und höhern) Künste
vorzugsweise
Kunstwerk genannt, während im weitern Sinn jedes Produkt höherer (symbolischer und moralischer)
Kunst (mythische
Dichtung, Fabel, symbolisches Bau- oder Bildwerk) mit diesem Namen bezeichnet wird. Durch die Verbindung der niedern oder einer
der beiden genannten höhern Künste mit der schönen Kunst entsteht die verschönernde Kunst, bei
welcher das Schöne Neben-, das Nützliche und Angenehme (Kunsthandwerk, Kunstindustrie, Kunst- und Luxusgewerbe) oder das Wahre
und Gute (schöne Symbolik, didaktische Kunst) Hauptzweck ist.
Bei jeder Kunst ist die Idee (der Gedanke des sinnlich darzustellenden Nützlichen, Angenehmen, Wahren, Guten, Schönen) im Geiste des Darstellers von der Erscheinung derselben (der Verwirklichung jenes Gedankens im sinnlich wahrnehmbaren Stoff) zu unterscheiden. Jene kann ebensowohl erfunden wie einem (in Natur oder Geschichte) Gegebenen entlehnt, diese kann ebensowohl durch die niedern Sinne (Geruch, Geschmack) in den niedern Künsten (z. B. Kochkunst) wie durch die höhern (Gesicht, [* 3] Gehör, [* 4] Getast) in den höhern Künsten (z. B. Malerei, Musik, Plastik) wahrnehmbar sein.
Auf jenem Umstand beruht der Unterschied zwischen erfindender und nachahmender auf diesem der zwischen Künsten des Auges (bildenden) und Künsten des Ohrs (redenden und tönenden Künsten). Der Aristotelische Satz, daß alle auf Nachahmung der Natur beruhe, erweist sich schon aus dem Grund als falsch, weil manche Künste (Musik, Architektur) kein Vorbild in der Natur haben. Wohl aber beruht jedes Kunstprodukt auf der Nachahmung seiner Idee im sinnlichen Stoff und ist desto vollkommener, je getreuer dieselbe (die des Nützlichen oder Angenehmen im niedern, die des Wahren im symbolischen, die des Guten im moralischen Kunstprodukt, die des Schönen im eigentlichen Kunstwerk) in letzterm ausgeprägt erscheint. Da das Schöne (s. Ästhetik) in der absolut wohlgefälligen Form besteht, so muß der sinnliche Stoff, um dasselbe vollkommen zur Erscheinung zu bringen, von dieser ganz durchdrungen, »der Stoff durch die Form vertilgt« werden, worin nach Schillers klassischem Worte »das Kunstgeheimnis des Meisters besteht«.
Die Einteilung der Kunst im allgemeinen erfolgt nach den obigen Unterscheidungen in niedere und höhere, nützliche, schöne und verschönernde Kunst; die Einteilung der schönen Kunst erfolgt nach den Arten des Schönen, welches durch sie zur sinnlichen Darstellung gelangt. Da das Schöne selbst räumliches und zeitliches, ersteres architektonisch, malerisch und plastisch Schönes, dieses rhythmisch, musikalisch und poetisch Schönes umfaßt, so entstehen durch die sinnliche Darstellung jedes derselben ebenso viele einfache Künste: Architektur, Malerei, Plastik, Rhythmik, Musik, Poesie.
Jene stellt durch räumliche Maße, die Malerei durch Licht [* 5] und Farben, die Plastik durch körperliche Formen (insbesondere durch die des Menschen) dar; die Rhythmik bedient sich zeitlicher (als Metrik der Silben-) Maße, die Musik der Töne, die Poesie des Wortes zur sinnlichen Darstellung des Schönen. Wie in den räumlichen Künsten zu der ersten Dimension [* 6] (den Maßverhältnissen der Länge) in der Architektur die zweite (die verschieden beleuchtete und gefärbte Fläche) in der Malerei und die dritte (die volle Körperlichkeit) in der Plastik hinzukommt, so gesellt sich zum wechselnden Zeitmaß in der Rhythmik der melodische und harmonische Ton in der Musik und vertieft sich der rhythmische Wohllaut des Wortes durch den Gedanken in der Poesie.
Alle drei räumlichen Künste vereinigen sich in der Baukunst, [* 7] während alle drei zeitlichen in der Gesangskunst zusammenwirken. Durch die Vereinigung räumlicher Künste (z. B. der Plastik) mit einer zeitlichen (der Rhythmik) wird die Verwandlung des unbeweglichen Materials der Darstellung (Stein, Holz [* 8] etc.) in bewegliches (bewegungsfähiges, lebendes) Wesen bedingt, und die Tanzkunst tritt daher als lebendige Plastik auf, während in der Mimik [* 9] und Schauspielkunst der poetische (insbesondere der dramatische) Gedanke in Gebärde und Deklamation zum zugleich sicht- und hörbaren Ausdruck kommt, in der theatralischen Kunst endlich mit Beihilfe der bildenden Künste ein Zusammenwirken aller räumlich-zeitlichen und zeitlich-räumlichen Künste zum zugleich bildnerisch wie musikalisch und poetisch darstellenden Schauspiel stattfindet.
Wird das durch eine Kunst geschaffene Kunstwerk durch eine andre wiederholt, so heißt letztere die reproduzierende, erstere die produzierende, zum Unterschied von der Kopie, d. h. von der Wiederholung des Kunstwerks durch dieselbe Kunst. Die zeichnenden (graphischen) Künste, wie die Handzeichnung, der Kupferstich, die Lithographie, der Holzschnitt etc., verhalten sich so den bildenden Künsten gegenüber reproduktiv, selbst dann, wenn in ihnen selbständig komponiert wird.
Denn der zeichnende Künstler z. B., wenn er ein Gebäude entwirft oder eine Statue zeichnet oder ein Porträt skizziert, hat bei dem Entwurf selbst das Bauwerk etc. als künstlerisches Modell vor seinem innern Auge. [* 10] Der Musiker reproduziert die in Noten gesetzte Musik;
phantasiert er frei, so reproduziert er nur die in seinem Innern sich gestaltende Musik;
der dramatische Darsteller reproduziert das von einem andern konzipierte und gestaltete dramatische Gedicht;
improvisiert er, so ist er zugleich als Dichter produktiv und als Darsteller reproduktiv.
Die reproduktive Thätigkeit ist aber gleichwohl eine künstlerische, nicht nur, weil die Darstellung in einem andern Gestaltungsmaterial stattfindet, sondern auch, weil die Auffassung des künstlerischen Objekts der Reproduktion eine ihm, dem reproduzierenden Künstler, eigentümliche ist. Indessen verhält er sich zu dem künstlerischen Objekt doch als zu einem bereits gestalteten Ideal, während der produzierende Künstler das Ideal aus seiner eignen künstlerischen Anschauung schöpft.
Die Technik spielt in der Kunst eine große Rolle. Zwischen künstlerischer Anschauung und künstlerischem Gestalten ist noch eine weite Kluft. In dem Verhältnis der künstlerischen Idee zu dem für die Darstellung derselben nötigen handwerklichen Material ¶
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stellt sich nun der eigentümliche Fall heraus, daß die Kunst, je höher sie ihrem idealen Inhalt nach steht, desto weniger Material braucht und desto weniger Schwierigkeiten der Technik darbietet. In dem Gebiet der bildenden Künste ist es der Architekt, welcher am meisten technisches Material braucht und am meisten praktisches Wissen nötig hat, der Bildhauer schon weniger, der Maler am wenigsten. In der Poesie erfordert die Lyrik im Rhythmus (Metrum), Reim etc. die meiste Technik, die Epik schon weniger, weil sie sich auf wenige gebräuchliche und sich gleichbleibende Maße beschränkt; in Dramen kann der Dichter sogar ganz von der rhythmischen Form abstrahieren, und wenn er sie braucht, ist sie die allereinfachste und freieste.
Dies erklärt sich daraus, daß, je höher eine Kunst steht, desto weniger Gewicht und Bedeutung das Material hat. Allein alle geistigen Requisiten steigern sich dafür im umgekehrten Verhältnis. Für den Plastiker, der die menschliche Gestalt in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit als Objekt vor sich hat, sind schon ganz andre Anschauungen nötig als für den Architekten, der nur die leblose Natur symbolisch verarbeitet; für den Maler, der nicht bloß die menschliche Gestalt, sondern die Weltgeschichte und das Menschenleben in seinen Leidenschaften und Empfindungen zur Darstellung zu bringen hat, öffnet sich ein viel reicheres und ideentieferes Feld der Anschauungen als für den Bildhauer. Am höchsten steht der dramatische Dichter in dieser Beziehung, weil er nicht nur eine einzelne That oder Empfindung aus dem Menschendasein herauszugreifen und in einem charakteristischen Moment zu gestalten, sondern das Menschenleben selbst in seinen mannigfachen Konflikten nach seiner zeitlichen, innern und äußern Genesis zu entwickeln verstehen muß.
Die Kunst bildet also einmal einen Gegensatz zur Natur, und zwar steht in diesem Gegensatz dem Natürlichen nicht nur das Künstlerische, sondern auch das Künstliche gegenüber. Im letztern Sinn sagt man z. B.: »das ist keine Kunst«, d. h.: das ist ganz einfach, leicht begreiflich, natürlich, wogegen das Künstlerische dadurch einen Gegensatz gegen das Natürliche bildet, daß es einerseits auf eine Idee tendiert, anderseits dem freien Gestaltungstrieb menschlichen Talents entsprungen ist. Dann steht die Kunst auch im Gegensatz zur Wissenschaft, denn diese hat zwar auch die Idee zum Inhalt und Zweck, aber in der Form des Gedankens, nicht in der schönen Gestaltung und sinnlichen Anschauung. Drittens bildet die Kunst den Gegensatz zum Handwerk oder Gewerbe (vgl. Kunstgewerbe).