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Wo bleibt die Inflation?
Sieben Jahre sind seit dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise vergangen.
Im November werden es sieben Jahre sein, seit die US-Notenbank zum ersten Mal mit unkonventioneller Geldpolitik – der sogenannten quantitativen Lockerung – hantiert hat.
Sieben Jahre, in denen die Bilanzen der führenden Notenbanken, vom Fed über die Europäische Zentralbank, die Bank of Japan, die Bank of England bis zur Schweizerischen Nationalbank, ausgeweitet wurden wie nie zuvor.
Sieben Jahre Nullzinsen und die expansivste Geldpolitik, die die Welt jemals gesehen hat.
Eigentlich müsste angesichts dieser enormen Geldschöpfung doch längst Inflation drohen, nicht wahr?
Das Gegenteil ist der Fall.
Die an der Harvard-Universität lehrende Ökonomin Carmen Reinhart präsentiert in einem Beitrag auf Project Syndicate diese enorm aussagekräftige Grafik:
Die drei Kurven geben einen Überblick über die Inflationslage in 189 Ländern seit 1920. Die gelbe Kurve zeigt den Anteil Länder in Prozent, die eine Inflationsrate zwischen 0 und 2 Prozent aufweisen. Das ist der Zielwert, den die Notenbanken typischerweise anstreben.
Die rote Kurve zeigt den Anteil an Ländern, die jährliche Inflationsraten von über 10 Prozent aufweisen. Und die grüne Kurve schliesslich zeigt den Anteil Länder mit jährlichen Inflationsraten unter null, also Deflation (bei allen Daten handelt es sich um rollende Durchschnittswerte über drei Jahre).
Was zeigt sich dabei?
In knapp 50 Prozent der von Reinhart untersuchten Länder liegt die jährliche Inflationsrate derzeit zwischen 0 und 2 Prozent (gelbe Kurve). Letztmals wurde ein derart hoher Anteil an globaler Preisstabilität in den frühen Sechzigerjahren erreicht.
Wie Reinhart schreibt, liegt der Median der Inflationsrate in den 23 untersuchten Volkswirtschaften, die als «entwickelt» gelten, bei mageren 0,2 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit 1933. Nur eine einzige entwickelte Volkswirtschaft weltweit, nämlich Island, weist mit 2,2 gegenwärtig eine Inflationsrate von über 2 Prozent aus.
Weiter: Nur eine Handvoll Länder leidet derzeit unter Inflationsraten von über 10 Prozent (rote Kurve). Letztmals wurde ein derart niedriger Wert in den frühen Dreissigerjahren verzeichnet. Die heutigen Hochinflationsländer sind die mittlerweile «üblichen Verdächtigen» Venezuela, Argentinien, der Iran, Syrien, die Ukraine sowie einige afrikanische Staaten.
Der Anteil der Länder, die gegenwärtig in einer Deflation stecken, ist derweil so hoch wie nie seit den frühen Sechzigerjahren (grüne Kurve). Zu dieser Gruppe zählen die Schweiz, Japan oder auch das depressionsgeplagte Griechenland, wo die jährliche Deflationsrate gegenwärtig bei 2,2 Prozent liegt.
Was heisst das nun?
Erstens lässt sich eine recht starke These aufstellen, dass die Notenbanken mit ihrer unkonventionellen Geldpolitik ab 2008 weit Schlimmeres verhindert haben. Der alternative Geschichtsverlauf lässt sich freilich nie beweisen, aber möglicherweise haben sie damit tatsächlich eine von Deflation geprägte zweite Grosse Depression im Stil der Dreissigerjahre verhindert.
Zweitens bleibt die Weltwirtschaft anfällig für einen deflationären Schock, der beispielsweise durch eine weitere Abwertung der chinesischen Währung, des Renminbis, ausgelöst werden könnte. Das wäre insofern besonders gefährlich, als auf der Weltwirtschaft ein hoher Schuldenberg lastet – und Deflation gekoppelt mit hohen Schulden ist eine ungemein gefährliche Mischung.
Drittens dürfen wir aus dieser Bestandesaufnahme keinesfalls ableiten, dass die Inflation für immer besiegt ist. Wer weiss, vielleicht wird die ultralockere Geldpolitik dereinst tatsächlich wieder zu ausser Kontrolle geratenen Inflationsraten wie in den Siebzigerjahren führen. Sicher aber ist: Momentan ist davon nirgends etwas zu sehen.
Da erstaunt es kaum, dass mittlerweile von allen Seiten (hier zum Beispiel der frühere US-Finanzminister Larry Summers) eindringlich gewarnt wird, die US-Notenbank solle am 17. September bitte noch nicht die Zinsen erhöhen.
Die Notenbanken tun gut daran, ihr Augenmerk weiterhin auf die Bekämpfung der Deflation zu richten.
Noch zwei Themen in eigener Sache:
- Wer sich für das aus Schweizer Sicht hoch relevante Thema Grossbanken und das «Too big to fail»-Dilemma interessiert: hier ein Interview mit UBS-CEO Sergio Ermotti, das letzte Woche in der Finanz und Wirtschaft erschienen ist. Darin wehrt sich Ermotti heftig gegen eine weitere deutliche Verschärfung der Eigenkapitalvorschriften für die systemrelevanten Grossbanken. Als Gegenargument zu Ermottis Aussagen hier mein Kommentar dazu.
- Und wer sich für historische Spekulationsblasen interessiert: Der nächste Teil unserer Serie dazu: Der grosse Crash von 1929.