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Nach Matthias von Guntens Max Frisch, Citoyen (2008) versucht sich Sabine Gisiger mit Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte (2015) am zweiten Giganten der Schweizer Literatur. Anders als Max Frisch führte Friedrich Dürrenmatt keine Tagebücher, sondern hinterliess mit den Stoffen ein mosaikartiges Relief seiner ungeschriebenen Texte. Dürrenmatt verneint gleich zu Beginn der Stoffe die Möglichkeit einer unvoreingenommenen, objektiven Nacherzählung einer Lebensgeschichte, meist sei diese vielmehr Verfälschung, Manipulation. Dennoch versucht Gisiger, einerseits durch detaillierte Schilderungen Dürrenmatts selber, anderseits durch die Erinnerungen seiner Kinder Peter und Ruth sowie der Schwester Verena, einen tieferen Blick auf den Menschen hinter den Romanen und Theaterstücken zu werfen. Dadurch entsteht das persönliche Porträt eines humorvollen, provokativen und selbstironischen, aber auch von Ängsten, Selbstzweifeln und Einsamkeit geplagten Menschen.
Gisiger konzentriert sich in ihrem Dokumentarfilm auf Dürrenmatts Selbstreflexionen, die zu grossen Teilen Charlotte Kerrs Porträt eines Planeten (1984) entnommen sind, und ergänzt diese durch Zeugnisse der Angehörigen und Ausschnitte aus Verfilmungen und Mitschnitte seiner Theaterstücke und Romane. So verdichtet sich die These von Dürrenmatts grotesk-bitterböser Weltsicht, in der der Zufall über geplante Vorhaben und menschliche Intelligenz triumphiert, Machtstrukturen festgefahren bleiben und einzig der Humor als Waffe gegenüber Resignation und Ohnmacht übrig bleibt. Gisiger zeigt zudem auf, dass Dürrenmatt fast schon wie ein Süchtiger von der Zuneigung und den Rückmeldungen seiner Frau Lotti abhängig war. Nach deren Tod stürzte er in einer tiefe Krise.
Peter, Ruth und Verena Dürrenmatt vermitteln in den Interviewsequenzen ein Bild ihres Vaters und Bruders, das vom Oszillieren zwischen verschiedenen Polen bestimmt ist. So verfügte Dürrenmatt über einen ausgeprägten Familiensinn, zog sich fürs Redigieren seiner Texte dann aber für lange Phasen zurück. Seine ländliche, bodenständige Art und seine Liebe zu währschafter, rustikaler Küche kontrastierten zu seinen Eigenschaften als Diabetiker und kosmopolitischer Intellektueller, der sich wiederholt über kleinbürgerliche Schweizer Werte mokierte. Schliesslich ist da noch seine Abneigung gegenüber theologischen Weltentwürfen, gegen die er als Pfarrerssohn besonders vehement rebellierte. Trotz oder gerade wegen seines nihilistisch-sarkastischen Menschenbildes – er bezeichnete den Menschen als «Raubaffen» – betrachtete Dürrenmatt die Tragikkomödie als beste Form, um den verworrenen Strukturen der Gegenwart etwas entgegenzuhalten. Den Wursteleien des 20. Jahrhunderts sei nur mit der Komödie beizukommen.