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Die Datenlage über sexuelle Gewalt gilt in der Schweiz als mangelhaft. Nun hat ein Forschungsteam der Universitätsspitäler Lausanne und Genf fast 1000 Fälle von sexuellen Gewaltdelikten analysiert, die im Zeitraum von 2018 bis 2021 in den Notaufnahmen für Gynäkologie und Geburtshilfe der beiden Kliniken behandelt wurden.
Jüngere in Notfallstationen
Danach wenden sich vor allem jüngere Opfer sexueller Gewalt an Notfallstationen in Spitälern. Im Durchschnitt waren die betroffenen Frauen 24 Jahre jung. Täter seien mehrheitlich Freunde, Kollegen und Bekannte. Opfer von Gewalt in Paarbeziehungen würden einen Übergriff seltener, nie oder nicht in einer Notfallstation melden, schreibt das Forschungsteam.
Opfer kennen Täter
Die Mehrheit der Frauen in Notfallstationen gab an, den Täter zu kennen. Es handelte sich mehrheitlich um einen Freund, Kollegen oder Bekannten. Partner und Ex-Partner nannte fast jedes vierte Opfer als Täter. Kaum genannt wurden Familienmitglieder und Autoritätspersonen. Eine Mehrheit der Übergriffe fand in der Wohnung der Opfer statt. Jede vierte Frau konnte sich wegen des Konsums von Alkohol oder Drogen nicht erinnern, welcher Art von Penetration sie ausgesetzt war. Diese Erinnerungslücke könnte laut den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch an Schutzmechanismen des Gehirns liegen.
Mehr Übergriffe im Sommer
45 Prozent aller Übergriffe fanden am Wochenende statt. In den drei Sommermonaten war die Zahl der gemeldeten sexuellen Gewaltdelikte rund anderthalbmal so hoch wie im Rest des Jahres. Laut dem Forschungsteam bestätigen diese Zahlen frühere Studien aus den USA und Grossbritannien. Diese seien auch zum Schluss gekommen, dass an Wochenenden und im Sommer prozentual mehr sexuelle Gewaltdelikte wie Vergewaltigungen und sexuelle Nötigung auftreten als im Winter, Frühling und Herbst. Über die Gründe könne man bisher nur spekulieren, schreibt das Forschungsteam: Wärmere Temperaturen, längeres Tageslicht, leichtere Bekleidung und mehr freie Zeit am Wochenende. Die Notfallstationen der Spitäler sollten sich darauf vorbereiten, dass an Wochenenden und im Sommer mehr Übergriffe geschehen.
Präventionskampagnen im Sommer
Das Forschungsteam bezeichnet diese Erkenntnisse als «Schlüsselergebnis» der Studie, das zu einer besseren Versorgung der Opfer und zu besseren Präventions- und Aufklärungsstrategien beitragen könne. Präventionskampagnen, könnten während Sommerfestivals und des sommerlichen Nachtlebens besonders wirkungsvoll sein. Und die Notfallstationen der Schweizer Spitäler sollten sich darauf vorbereiten, dass an Wochenenden und im Sommer mehr Übergriffe geschehen.