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«Ich lag in meiner Kajüte und las, als es knallte. Einige sassen noch in der Messe zusammen, andere waren schon schlafen gegangen. Sofort war das Licht weg und das Schiff begann sich schnell spürbar zur Seite zu neigen. Ich tastete mich vor die Kajüte in den zentralen Gang, wo schon andere standen, der Kapitän kam dazu und rief: «Alle Mann von Bord!» Wir gingen den Zentralgang nach hinten, um über den hinteren Ausgang zur Gangway zu kommen, über die wir das Schiff verlassen wollten. Zwei, die oben gewesen waren, sprangen nach dem Ruf des Kapitäns über Bord.
Zuhinterst im Gang führte eine Treppe einen Stock tiefer. Dort unten hatte es ebenfalls Kojen. Eben kam die etwas ältere, sehbehinderte Ersatzköchin herauf, die unten bereits geschlafen hatte. Ich nahm sie am Arm, um sie von Bord zu führen. In diesem Moment kam Fernando, drängte sich an uns vorbei und verschwand auf der Treppe nach unten. Fernando Pereira war unser Fotograf, in Portugal Vater von zwei Kindern, der unsere Pazifikreise begleitete. Er war Vollblutfotograf und wollte in diesem Moment offenbar unbedingt sein Arbeitsmaterial retten.
Während er nach unten verschwand, kamen wir auf Deck. Obschon das Schiff unterdessen bedrohlich schräg im Wasser lag, gelang es uns, über die Gangway auf den Kay hinüberzuklettern. In diesem Moment explodierte die zweite Bombe, und zwar auf der Höhe der Kajüte, in der Fernando vermutlich eben nach seinem Material tastete. Die spätere Obduktion ergab, dass er ertrank, äussere Verletzungen gab es kaum. Vermutlich verlor er das Bewusstsein, als er durch die Wucht der Explosion weggeschleudert wurde.
Während das Schiff weiter sank, herrschte auf dem Kay Chaos. Erst Minuten später wurde uns klar, dass zwei Personen fehlten. Die zweite kam später von einem Abendspaziergang zurück. Aber Fernando hatte ich ja selber nach unten gehen sehen. Ihn ohne Taucherausrüstung suchen zu gehen, war unmöglich. Abgesehen davon wussten wir nicht, ob noch eine dritte Mine explodieren würde. So standen wir auf dem Kay und wussten: Da unten passiert jetzt etwas ganz Schlimmes, und wir können nichts machen.
Nur dank eines Fehlers der französischen Agenten ist der Anschlag zur Geschichte geworden, von der man bis heute spricht. Neuseeland hatte damals eine sozialistische Regierung, die sich für Umweltschutz und Atomwaffenfreiheit stark engagierte. Darum wurde jeder verfügbare Polizist eingesetzt, um diesen Anschlag aufzuklären. Die Medien riefen die Bevölkerung auf, Sachdienliches zu melden. Offenbar gab es tausende von Meldungen. Die Beobachtung eines Farmers oben im Norden war schliesslich entscheidend. Er hatte sich die Nummer eines verdächtigen Autos notiert und sie gemeldet. Die Überprüfung ergab, dass es sich um einen Mietwagen handelte. Die Firma, die das Auto vermietet hatte, wurde von der Polizei gebeten, sofort zu melden, wenn das Auto zurückgebracht würde und die Leute bis zu ihrem Eintreffen irgendwie aufzuhalten. Dank der Cleverness der Autovermieterin gelang das einige Wochen später tatsächlich: Das vermeintliche schweizerische Ehepaar erwies sich bei der Personenkontrolle als eines der drei am Anschlag beteiligten Zweierteams des französischen Geheimdienstes.»
*
«Schon bevor die Rainbow Warrior in Auckland einlief war abgemacht, dass das Schiff bei seiner Protestaktion im Mururoa-Atoll von einer Segelschiff-Flotille begleitet werden sollte. Diese zehn- bis fünfzehn Meter langen Segelschiffe waren startklar, als der Anschlag passierte. Die Besatzungen haben danach beschlossen, ihre Aktion trotzdem zu machen – halt ohne grosses Mutterschiff. Bis ungefähr 1995 gab es immer wieder solche Protestaktionen. Mit der Zeit machte auch die Rainbow Warrior II mit, die mit jenem Geld gekauft werden konnte, die Frankreich nach der Verurteilung vor dem Internationalen Gerichtshof als Busse bezahlen musste.
Für mich ging es anders weiter. Über die Versenkung der Rainbow Warrior wurde in Neuseeland in allen Medien berichtet, unter anderem wurde auch ich als Schiffsarzt erwähnt. Noch am gleichen Tag meldete sich das «Auckland Hospital Board» – die administrative Verwaltung der dortigen Spitäler – beim örtlichen Greenpeace-Büro und fragte, ob dieser Schiffsarzt allenfalls einen neuen Job suche. Ich behielt das Angebot im Kopf. Vorerst wollten wir aber als Crew einige Zeit zusammenbleiben, um die Geschichte verarbeiten zu können. Uns wurde ein Haus zur Verfügung gestellt, in dem wir als Wohngemeinschaft gratis leben durften. Bald hätten wir dort einen Kleiderladen oder ein Comestible-Geschäft eröffnen können, so reich wurden wird von der hilfsbereiten neuseeländischen Bevölkerung beschenkt. Im ganzen Land wurde der Anschlag als extremer Affront verstanden. Ganz Neuseeland stand hinter Greenpeace. Atomwaffenfreies Gebiet zu bleiben, gewann im Land an Bedeutung. Das führte für viele Jahre dazu, dass auch US-amerikanische Schiffe, die nicht preisgeben wollten, ob sie atomwaffenbestückt seien oder nicht, Neuseeland nicht anlaufen durften.
Nach den Wochen in der Wohngemeinschaft ging ich nach Genf, weil ich dort vor der Pazifikreise einen dreimonatigen Einsatz als Arzt in einem Geriatriezentrum abgemacht hatte. Auf Januar 1986 kehrte ich dann aber tatsächlich nach Neuseeland zurück und arbeitete für drei Jahre als Spitalarzt in Auckland. In dieser Zeit war ich während zweier Urlaube für Greenpeace in Französisch-Polynesien unterwegs. Das eine Mal habe ich für eine Publikation Interviews geführt mit Leuten, die vom Atombomben-Testprogramm betroffen waren. Auf der zweiten Reise flog ich nach dem von Frankreich verwalteten Tahiti und reiste nach Mangareva weiter, der Hauptinsel der Gambier-Gruppe. Die Inseln dieser Gruppe sind die nächstgelegenen bewohnten beim Mururoa-Atoll. Dort sammelte ich pflanzliche und tierische Proben zur Untersuchung auf Radioaktivität. Diese Aktion war nötig, weil sich Frankreich weigerte, irgendwelche Zahlen zu veröffentlichen.
Zeitgleich mit meinem Aufenthalt auf dieser entlegenen Insel traf von Neuseeland her ein Segelschiff ein, sodass ich die gesammelten Proben der Schiffscrew übergeben konnte, bevor ich nach Tahiti zurückreiste. Als ich von dort nach Neuseeland zurückfliegen wollte, wurde ich am Flughafen gefilzt. Gefunden hat man nichts, aber man hat mir den Stempel «Persona non grata» in den Pass gedrückt, bevor man mich nach Neuseeland ausschaffte. Die gesammelten Proben waren unterdessen an ein spezialisiertes Labor nach Deutschland geschickt worden, das tatsächlich erhöhte Radioaktivität feststellte. Allerdings war das Anfang 1987 wenige Monate nach der Katastrophe von Tschernobyl. Damals stellte man solche Werte sogar in Pilzen im Tessin fest. Darum haben unsere Proben niemanden mehr interessiert.
Als man die Rainbow Warrior im Hafen von Auckland geborgen hatte, stellte man fest, dass sie nicht mehr zu reparieren war, weil die zweite Mine die Stahlkonstruktion des Rumpfs verbogen hatte. Ein neuseeländischer Politiker hat dann angeboten, dass man das Schiff in der Matauri-Bay versenken könne, damit das Wrack zum Lebensraum für Meerespflanzen und -tiere werde. Weil auch die lokalen indigenen Maori-Gruppen mit der Aktion einverstanden waren, erhielt die «Rainbow Warrior» schliesslich in der Matauri-Bay ein Maori-Schiffsbegräbnis.
Auf dem Festland über dieser Bay gibt es einen kleinen Hügel von vielleicht siebzig Höhenmetern, ein wirklich wunderschöner Ort. Dort oben wurde, von Greenpeace mit französischem Geld mitfinanziert, ein Denkmal errichtet. Das «Rainbow Warrior Memorial» ist ein mit grossen Steinen gefügter torartiger Bogen, darin eingebaut ist die Schiffsschraube.
Auch dadurch, dass die französische Regierung weltweit an den Pranger gestellt werden konnte, hat Frankreich seine Tests relativ rasch nach 1985 eingestellt. Allerdings ist es auch so: Dank neuer Technologien gab es bald andere Möglichkeiten, Atombomben-Funktionstests zu machen.»