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In Europa ist erneut ein offener Krieg ausgebrochen und die Energiepreise steigen. Daher die Frage: Woher kommt das Erdöl und Erdgas in der Schweiz? Das Wichtigste zuerst: Die Schweiz bezieht keinen einzigen Liter Öl direkt aus Russland. So gesehen wäre sie von einem Boykott nicht betroffen. Die Schweiz hat im vergangenen Jahr das meiste Rohöl aus Nigeria bezogen, gefolgt von den USA, Libyen und Kasachstan. Es geht um Öl im Wert von 1,1 Milliarden Franken.
Erdgas überholt Erdöl
Erdgas hat Öl überholt: Seit fast 90 Jahren heizt die Schweiz mit mehr Gas als mit Öl. Die vom Bundesamt für Energie veröffentlichte Übersicht über den Energieverbrauch zeigt einen Zeitenwechsel: Erstmals seit fast 90 Jahren hat die Schweiz mehr Erdgas als Heizöl verbrannt. Erdgas ist zwar etwas weniger klimaschädlich als Heizöl, aber weit von Netto-Null-Emissionen entfernt. Dieser Blogbeitrag soll sich jedoch um Schweizer Ölimporte drehen; genauer über Herkunft, Importrouten und Hauptakteure.
Der Schweizer Erdölverbrauch ist rückläufig
Der Schweizer Ölverbrauch geht seit 2000 langsam zurück (-0.6%/Jahr). Fast 40 % davon begnügen sich mit Rohöl, das hauptsächlich aus Nordafrika und Nigeria importiert und in den Raffinerien in Cressier und Collombey verarbeitet wird. Der restliche Ölverbrauch wird durch Importe von Fertigprodukten aus EU-Ländern (insbesondere Deutschland) gedeckt. Bisher ist die Ölversorgung für rund 60 Unternehmen, die Rohöl und Mineralölprodukte importieren, sowie mehrere hundert Ölhändler einwandfrei gewährleistet. Im vergangenen Vierteljahrhundert kam es in den Raffinerien Cressier und Collombey zu mehreren Produktionsausfällen. Diese hatten keine nennenswerten Auswirkungen auf das Inlandsangebot und das Ölpreisniveau. Dies zeigt, dass der kleine Schweizer Markt praktisch unabhängig von der heimischen Rohölverarbeitung ist. Ohne Raffinerien wäre die Schweiz jedoch vollständig auf den Import von Erdölprodukten angewiesen, was eine geringere Diversifizierung unserer Energiequellen bedeuten würde. Rohöl wird über zwei Pipelines importiert. Veredelte Produkte werden per Schiff, Bahn, LKW sowie Pipeline importiert. Die Hauptversorgungsrouten für Öl konzentrieren sich auf den westlichen Teil des Landes, was die Frage nach einer besseren Diversifizierung und ausreichenden Transportkapazitäten sowohl grenzüberschreitend als auch landeinwärts aufwirft.
Entwicklung des Schweizer Erdölverbrauchs
Seit dem Jahr 2000 ist der Endenergieverbrauch von Erdölprodukten langsam auf 11 Millionen Tonnen pro Jahr 1 zurückgegangen, was 0,22 Millionen Barrel pro Tag (mbd) oder 0,25 % des weltweiten Verbrauchs entspricht.
Während der Gesamtenergieverbrauch in der Schweiz zwischen 2000 und 2012 um schätzungsweise 2% gestiegen ist, hat sich unser Ölverbrauch wie folgt entwickelt:
- Gesamtverbrauch: ca. -7 %
- Gasöl: etwa +4 % (Diesel: +90 %; Heizöl Extraleicht: -20 %)
- Benzin: ca. -26 %
Importe von Rohöl nach Herkunftsland
Rohöl wurde in den 1970er Jahren hauptsächlich aus dem Nahen Osten importiert. Ab 1982 wurde das schwarze Gold meist aus Nordafrika – geografisch günstig – und Nigeria importiert. Von diesem Referenzmuster wurde nur in den Jahren 1989 bis 1991 abgewichen, als Rohöl aus der Nordsee bei Importeuren beliebt war. Zwischen 1995 und 2006 kamen jeweils mindestens vier Fünftel unserer Rohölimporte aus Nordafrika und Nigeria. Leichte, schwefelarme Rohöle aus Afrika (oder der Nordsee) sind gut verträglich mit den strengen Schweizer Auflagen bezüglich Luftreinhaltung und Umweltbelastung. Sie eignen sich auch ideal für die Produktion von leichten Brenn- und Kraftstoffen (insbesondere Heizöl extraleicht, Diesel und Benzin), die von Schweizer Konsumenten stark nachgefragt werden. 2009 brachen die Importe aus Libyen infolge politischer Unruhen ein. Kasachstan und Aserbaidschan sprangen in die Bresche und deckten zwischen 2009 und 2011 bis zu zwei Drittel des Schweizer Rohölbedarfs. Inzwischen ist eine gewisse Stabilität in Libyen eingekehrt und das Land wurde 2012 erneut zum wichtigsten Rohöllieferanten der Schweiz. Der Rest der 3,3 Millionen Tonnen Rohölimporte stammte hauptsächlich aus Kasachstan und Nigeria, wie in Abbildung 1 dargestellt. Diese starken Veränderungen der Schweizer Rohölimporte – insbesondere in den letzten fünf Jahren – sind ein guter Beweis dafür, wie versorgungsflexibel und funktionsfähig unsere Ölmarkt ist. In den 2000er Jahren lieferte Rohöl (das im Inland raffiniert wurde) fast 40% des Endverbrauchs an Erdölprodukten in der Schweiz. 2012 sank dieser Anteil auf unter ein Drittel.
Verfeinerung
Die Verarbeitungskapazität der beiden Schweizer Raffinerien beträgt rund 6 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr (oder 0,125 mbd). Die Auslastung dieser beiden Anlagen erreichte 2012 nur etwa 55 %. Grund war der halbjährige Stillstand der Raffinerie Cressier, nachdem die Firma Petroplus in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Erst Anfang Juli, nach der Übernahme der Raffinerie durch die Varo Holding, lief die Produktion wieder auf Hochtouren. Dieser Produktionsausfall hatte jedoch keine wesentlichen Auswirkungen auf das lokale Ölpreisniveau. Dies zeigt, wie wenig der kleine Schweizer Markt von der heimischen Rohölverarbeitung abhängig ist: Produktionsausfälle können einfach und zu vergleichbaren Preisen durch steigende Importe kompensiert werden. Dennoch würde ein vollständiger Verzicht auf Rohölimporte für die Schweiz eine Reduktion der Diversifikation der Energieträger bedeuten. Zur Bewältigung von Krisensituationen, wie dem gleichzeitigen Ausfall mehrerer Transportwege, werden sogenannte Pflichtlager eingesetzt. Diese können den durchschnittlichen Ölverbrauch für viereinhalb Monate decken.
Einfuhr von Mineralölprodukten in Handelspartnerländer
2012 importierte die Schweiz 7 Millionen Tonnen Mineralölprodukte, fast 100 % aus EU-Ländern. Auf Gasöl (Heizöl extraleicht und Diesel) entfielen gut 55 % dieser Importe, auf Benzin rund ein Viertel und auf Kerosin rund 15 %. Deutschland bleibt mit Abstand unser wichtigster Ölhandelspartner: Wir importieren mehr als die Hälfte der Fertigprodukte aus diesem Land. Weit abgeschlagen liegen die Niederlande mit rund 20 %, gefolgt von Belgien, Frankreich und Italien mit jeweils rund 7 bis 10 %. Mehr als 85 % des in der EU verarbeiteten Rohöls wird importiert, ein Drittel davon stammt aus Russland.
Importe nach Verkehrsträgern
Im Durchschnitt der letzten 40 Jahre verteilen sich die Schweizer Erdölimporte nach Verkehrsträgern wie folgt: 44 % über Erdölpipelines; 30 % per Rheinschifffahrt; 18 % auf der Schiene und 8 % auf der Straße. Seit Mitte der 1990er Jahre ist der Bahnanteil um rund 13 Prozentpunkte gestiegen, hauptsächlich zu Lasten des Schifffahrtsanteils, wie die folgende Abbildung zeigt. Mineralölprodukte können mit jedem Transportmittel importiert werden. Wird beispielsweise der Verkehr auf dem Rhein durch Hoch- oder Niedrigwasser unterbrochen, verlagert sich der Öltransport ohne große Folgen für den Endverbraucher auf die Schiene oder den Lkw.
Kein eigentliches Schweizer Öltransportnetz
Wie aus Abbildung 3 ersichtlich, liegen die Hauptversorgungsrouten für Rohöl und Produkte relativ weit auseinander und konzentrieren sich auf die Westschweiz: in Basel (Rheinschifffahrt) und in den drei Kantonen mit Erdölleitungsanschluss (NE, VS, GE). Bis 1997 transportierte die Pipeline Oleodotto del Reno Rohöl vom Hafen Genua nach Ingoldstadt (DE). Sie durchquerte die Schweiz von Splügen nach Sankt-Margreten. Nach der Stilllegung der Pipeline hat die ungleiche Verteilung der Ölversorgungsrouten im Land zugenommen. Eine weitere Diversifizierung dieser Lieferrouten aus Südosteuropa wäre bestenfalls von Vorteil. Angesichts der stagnierenden Binnennachfrage und der bisher ausreichenden Transportkapazität besteht hierfür aus Sicht der Schweizer Versorgungslage keine dringende Notwendigkeit. Längerfristig stellt sich die Frage nach Diversifikation und die Transportkapazität der verschiedenen Transportmittel und -routen für den Ölimport.
Zulässige Transportkapazität der drei Ölpipelines
Das Oléoduc du Jura Neuchâtelois (OJNSA) versorgt die Raffinerie in Cressier mit Rohöl von der französischen Grenze, das über den Mittelmeerhafen Fos-sur-Mer (bei Marseille) und die SPSE-Pipeline transportiert wird. Die genehmigte Transportkapazität von OJNSA beträgt 3,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Die Auslastung im Jahr 2011 erreichte 75 %. 2012 lag er deutlich unter 50 %.
Die Oléoduc du Rhône (ORH) transportiert Rohöl vom Mittelmeerhafen Genua durch das Piemont zur Raffinerie in Collombey. Die genehmigte Transportkapazität auf Schweizer Boden beträgt: 4 Millionen Tonnen pro Jahr. Die Auslastung erreichte 2011 44 %.
Die Ölpipeline SAPPRO transportiert Erdölprodukte von der französischen Grenze nach Vernier (GE), die in Südfrankreich raffiniert oder gelagert werden. Diese werden über die SPMR-Pipeline von Marseille nach Lyon in die Schweiz transportiert. Die genehmigte Transportkapazität der SAPPRO-Pipeline beträgt 1,5 Millionen Tonnen. Die Auslastung im Jahr 2011 erreichte 55 %.
Insgesamt beträgt die bewilligte Transportkapazität der drei Pipelines 9 Millionen Tonnen pro Jahr, was mehr als zwei Drittel des Endenergieverbrauchs von Mineralölprodukten in der Schweiz ausmacht. Die weltweite Auslastung der Transportkapazität dieser drei Pipelines erreichte im Jahr 2011 rund 58 %.
Die Hauptakteure im Schweizer Mineralölmarkt
Rund 60 Unternehmen importieren Rohöl und Mineralölprodukte in die Schweiz. Rohöl wird von Tamoil (Schweiz) und Varo Energy importiert, die die Raffinerien Collombey bzw. Cressier betreiben. Tamoil (Suisse) ist eine Tochtergesellschaft der internationalen Oilinvest Group. Eigentümer von Varo sind die Vitol-Gruppe – der weltweit größte unabhängige Energiehändler – und die Investmentgesellschaft AtlasInvest. Tamoil (Suisse) vertreibt die in Collombey hergestellten Produkte hauptsächlich über eigene Tankstellen und Kanäle. Varo verkauft die in Cressier veredelten Produkte an Mineralölhändler, so wie es früher sein Vorgänger Petroplus tat.
Die Liste der grössten Unternehmen, die Mineralölprodukte in die Schweiz importieren und/oder verkaufen, umfasst Avia (Tochter der Avia International Gruppe), Migrol AG, Coop Pronto, Agrola (Tochter der Landi Gruppe) und Ruedi Rüssel (Tochter der «Lagerhäuser der Centralschweiz AG”, Buchs). Weiterhin sind mehrere Tochtergesellschaften großer Mineralölkonzerne zu nennen: BP (Schweiz), Shell (Schweiz) und ENI Suisse (ehemals Agip). Seit 2012 gibt es auch ein staatlich kontrolliertes Unternehmen auf der Schweizer Ölmarkt, Socar Energy Switzerland.Dieses Unternehmen ist eine Tochtergesellschaft der State Oil Company of the Azerbaijan Republic (SOCAR), die im Besitz des aserbaidschanischen Staates ist.Socar hat letztes Jahr alle Anteile an Esso Schweiz übernommen.
Quellen:
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