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| Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

28.
Wie können also diese Dinge Götter sein, die der Ergänzung durch andere bedürfen? Oder wie mag man die um etwas bitten, die selbst voneinander Hilfsdienste erbetteln müssen?1 Denn wenn es von Gott heißt, daß er ganz bedürfnislos sei, sich selbst genüge und von sich selbst voll sei, und daß in ihm alles bestehe, ja gar daß er allem das Dasein gebe, wie darf man dann Sonne und Mond und die anderen Teile der Schöpfung, die nicht so beschaffen sind, sondern wechselseitige Hilfe benötigen, Götter nennen? Doch vielleicht stimmen auch sie mit uns darin überein, daß sie, getrennt und für sich genommen, Bedürfnisse haben, weil der Beweis augenscheinlich vorliegt, behaupten aber, indem sie alles miteinander verbinden und zu einem ganzen Körper zusammenfassen, das Ganze sei Gott. Denn nachdem das Ganze sich gebildet hat, wird ihnen von außen kein Bedürfnis mehr erstehen; vielmehr wird das Ganze sich genügen und zu allem hinreichen. So werden die Pseudophilosophen sagen, um auch darin widerlegt zu werden. Doch diese ihre These wird eher noch mehr als das Vorausgegangene ihre Gottlosigkeit wie ihre große Unwissenheit verraten. Kommt das Ganze zustande durch die Verbindung von Einzelteilen, und besteht das Ganze aus Einzelteilen, so besteht ja das Ganze aus Teilen, und das Einzelne ist ein Teil des Ganzen. Aber das ist von den Vorstellungen, die wir von Gott haben, himmelweit entfernt. Denn Gott ist [S. 573] ein Ganzes und hat keine Teile, und er besteht nicht aus verschiedenen Dingen, vielmehr gibt er selbst allen Dingen Bestand. Sieh doch, welche Gottlosigkeit in solcher Sprache gegen das Göttliche liegt! Besteht er nämlich aus Teilen, so wird er jedenfalls sich selbst ungleich vorkommen als ein Konglomerat von ungleichen Teilen. Ist er nämlich Sonne, so ist er nicht Mond; und ist er Mond, so ist er nicht Erde; ist er aber Erde, so ist er nicht Meer. Und nimmt man so das Einzelne her, dann wird man die Ungereimtheit dieser ihrer These finden. Gerade so kann man sie auch schon aufgrund einer Betrachtung des menschlichen Körpers widerlegen. Denn wie das Auge nicht Ohr ist, das Ohr nicht Hand, wie der Bauch nicht Brust und der Nacken nicht Fuß ist, wie vielmehr ein jeder dieser Teile seine eigene Energie hat, und aus diesen verschiedenen Teilen ein Körper entsteht, der die Teile an sich trägt als solche, die verbunden sind während des Gebrauchs, sich aber trennen, wenn die Zeit kommt, wo die Natur gemäß der Weisung Gottes wieder scheidet, was sie (einst) zusammengefügt hat, so muß — möge der Gütige den Ausdruck verzeihen! —, wenn sie die Teile der Schöpfung zu einem Körper verbinden, er an und für sich ungleich sein, wie gezeigt worden, und außerdem sich wieder auflösen, da die Teile ihrer Natur nach teilbar sind.
1: Hier wäre der oben in c. 27 eingeklammerte Satz ("Denn — werden") einzustellen. Siehe oben S. 50.