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Die Schweiz kann sich rühmen, "der beste Ort zu sein, um geboren zu werden“, wie eine Umfrage des amerikanischen Magazins "Economist" zeigt. Nigeria ziert das Ende der Rangliste. Was halten Nigerianer, die in der Schweiz leben, von diesem Ranking?
"Für die Kinder ist es toll hier. In einigen Grundschulen in der Schweiz gibt es für alle Kinder Computer, während es in Nigeria in der Sekundarschule höchstens einen Computer für alle gibt, sofern man Glück hat," erzählt Michael*, ein 40-jähriger Nigerianer, der in Bern lebt.
"Die zwei Länder kann man wirklich nicht miteinander vergleichen."
Der Vater von zwei Kindern erhielt vor 15 Jahren in der Schweiz Asyl. Davon kann die grosse Mehrheit neuer Asylsuchender aus Nigeria – es sind 2336 monatlich - nur träumen.
"Die soziale Sicherheit ist in der Schweiz phantastisch", schwärmt der Maler und Tapezierer.
"Wenn jemand seinen Job verliert, kann er immer noch seine Miete bezahlen, ein Ding der Unmöglichkeit in Nigeria, und wenn ein Kind seine Eltern verliert, kann es theoretisch trotzdem an die Universität gehen, weil der Staat es unterstützt", fügt er hinzu.
Die Schweiz steht unangefochten an der Spitze des "Lotterie des Lebens-Indexes". Grund sei die "nüchterne Stabilität" in unsicheren Zeiten, kommentiert das Magazin.
Remi Alao, ein nigerianischer Unternehmer, der seit mehr als 20 Jahren in der Schweiz lebt, ist fest davon überzeugt, dass genau diese Solidität die Stärke der Schweiz ist.
"Das schweizerische System ist sehr gut organisiert, und die Schweizer sind stolz auf ihr Land. Alle sind sich der Qualität und des guten Images bewusst, das gibt es so nicht in Nigeria," meint der 52-Jährige.
"Die Nigerianer sind unabhängiger im Geist, aber auch stärker an ihre Traditionen gebunden."
"Das grösste Problem der drittstärksten Volkswirtschaft Afrikas mit 175 Millionen Einwohnern ist der Mangel an Führungspersönlichkeiten", betont er, "das Bildungssystem in Nigeria ist sehr gut, ihm fehlt aber die funktionierende Infrastruktur."
Neuorientierung
Als Remi 1990 in die Schweiz kam, musste er für seine Träume hart arbeiten. Er heiratete eine Schweizerin und plante sein Agronomie-Studium weiterzuführen. Die Universität Zürich jedoch anerkannte seinen Abschluss aus Nigeria nicht und „"mir wurde nahegelegt, nochmals von vorne zu beginnen".
Doch er liess sich nicht einschüchtern, wurde ein "Hans Dampf in allen Gassen" und arbeitete als Taxifahrer, Tapezierer und sogar Anbieter von Limousinen für das World Economic Forum WEF.
In der Zwischenzeit studierte er in Grossbritannien und in den USA weiter und schloss in diesem Jahr mit einem Doktorat in "Management consultancy" (Unternehmungsberatung) an der Phoenix University (Arizona) ab.
"Die Nigerianer sind belastbare Menschen, sie geben nicht so leicht auf", erklärt er.
Er gehört zu jenen Mitglieder der Diasopora, die mithelfen können, Nigeria vom letzten Platz des Rankings zu befreien.
Remi organisiert Computerkurse für die "verlorenen Jugendlichen" in Nigeria. Zudem gründete er ein Unternehmen für erneuerbare Energien, und im September 2013 will er mithelfen, in Lagos Kurse für Automechaniker anzubieten. Das *Institute for Marketecology* (IMO) erklärt sich bereit, jährlich 50 junge Leute während sechs Jahren auszubilden. IMO wird von der Schweizer Regierung unterstützt.
Schweiz v Nigeria
Schweiz:
BIP pro Kopf: $77‘340 (Kaufkraftparität: $52‘080)
Prognostiziertes Wachstum: 1.2%
Inflation: 0%
Bevölkerung: 8 Millionen
Nigeria:
BIP pro Kopf: $1‘560 (Kaufkraftparität: $2,190)
Prognostiziertes Wachstum: 6.7%
Inflation: 10.7%
Population: 174.5 MillionenInfobox Ende
"Nicht offen genug"
"Nigerianer haben auf der ganzen Welt einen grossen Einfluss, und die Diaspora trägt viel dazu bei. Viele Menschen wirken positiv, doch eine Handvoll sorgt für einen schlechten Ruf", stellt Monica Emmanuel, Absolventin der "Geneva Diplomacy School" und angehende Doktorandin mit dem Schwerpunkt Friedens- und Konfliktforschung, fest.
Drogenhandel und illegale Einwanderung bescheren den Nigerianern eine schlechte Presse in der Schweiz. Es halten sich rund 3000 nigerianische Staatsbürger mit unbefristeter oder befristeter Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz auf, vorwiegend in Zürich, wie auch in Genf, Bern und Biel. Die wirkliche Zahl ist aber vermutlich höher.
"Wenn die Schweizer einen dunkelhäutigen Mann sehen und herausfinden, dass es ich um einen Nigerianer handelt, denken sie sofort an einen Drogendealer," sagt der Unternehmer.
"Ihr Urteil ist schnell gefällt, ohne dich zu kennen". Die Schweizer sind freundlich, aber nicht offen genug. Wir leben in einer globalisierten Welt, ob wir es wollen oder nicht. Leute aus anderen Kulturen kommen ins Land, doch die Schweizer Gesellschaft ist dazu noch nicht bereit."
"Erschwinglich"
Obwohl die Schweiz als eines der teuersten Länder der Welt gilt, weiss Michael, wo "erschwingliche" Ware zu finden ist. Man müsse nur am richtigen Ort suchen.
"Du kannst hier mit sehr wenig überleben, in Nigeria hingegen werden die Leute schnell kriminell", behauptet er. Doch Monica Emmanuel, 39, die für zwei Jahre in Genf lebte, weiss von vielen Leuten, die kämpfen mussten.
"Ich bin zahlreichen Afrikanern begegnet, die – ob sie nun legal oder illegal hier sind – eine sehr schlechte Lebensqualität haben, weil ihr Einkommen nicht ausreicht, um den Lebensstandard der Schweiz zu erreichen, besonders in Genf", sagt sie.
Obschon weitgereist, erlitt Monica einen Kulturschock, als sie in Genf ankam. Erschwerend waren die Sprachbarriere wie auch die teuren Unterkünfte in der Stadt.
"Doch jetzt kann ich mich durch das System hindurchmanövrieren und bin zufriedener", fügt sie bei. "Etwas, was ich wirklich schätze hier, ist der öffentliche Verkehr, der sämtliche Landesteile erschliesst."
Glückliches Volk?
Im ersten "World Happiness Report" der Vereinten Nationen vom April 2012 stand die Schweiz an sechster Stelle der glücklichsten Länder, Nigeria landete auf Platz 100.
Die Nigerianer können jedoch für sich in Anspruch nehmen, dass sie das optimistischste Volk der Welt sind. Dies ergab 2010 eine Gallup-Umfrage bei 64‘000 Menschen aus 53 Ländern.
Aber sind die Schweizer wirklich glücklich? "Ich denke nicht", sagt Monica. "Obwohl sie alles haben, spüre ich eine Unzufriedenheit. Die Gesellschaft ist sehr individualistisch, alle leben in ihrer eigenen Welt, gehen zur Arbeit und wieder nach Hause. Ein soziales Leben gibt es nicht."
Auch Alao hat seine Zweifel: "Glück ist ein relativer Begriff, denn es geht darum, fähig zu sein, etwas aus freien Stücken zu erreichen. Die Schweiz ist dermassen strukturiert, dass man kaum glücklich wird, weil man immer auf eine gewisse Art und Weise leben muss. Die Nigerianer sind glücklicher in ihrer Unwissenheit, weil ihnen die notwendigen Sachen ständig vorenthalten werden und sie gar nicht wissen, was ihnen fehlt.”
(*Name geändert)
(Übertragung aus dem Englischen: Christine Fuhrer, swissinfo.ch