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Was verbindet Ötzi mit einem sehr eindrücklichen Beispiel zeitgenössischer Architektur in England? Es ist das Material Silex, das einen Bogenschlag von ca. 3200 v. Chr. bis in die Gegenwart ermöglicht – ein knollenförmiges, äusserst hartes Sediment mit muscheligen und scharfen Bruchkanten, landläufig als Feuerstein bekannt, zum Teil aber auch als Hornstein oder Flint bezeichnet.
Mit Feuerstein assoziiert man gewöhnlich nur seine steinzeitliche Verwendung als Ausgangsmaterial für schneidende Werkzeuge und Waffen oder ganz wortwörtlich seine Nutzung zum Feuerschlagen. Die Gletschermumie aus den Ötztaler Alpen trug einen Dolch mit Feuersteinklinge bei sich, eine Pfeilspitze aus dem Hartgestein steckte in seinem Schulterblatt.
In der Schweiz wurde bereits in der Jungsteinzeit vor ca. 8000 Jahren Feuerstein-Bergbau betrieben, Ausgrabungsstätten bei Olten im Kanton Solothurn sowie bei der Löwenburg in Pleigne im Kanton Jura belegen dies.
Weniger bekannt ist die blühende Feuersteinindustrie des 17. und 18. Jahrhunderts, als es für Herrscherhäuser von strategischer Bedeutung war, ausreichende Mengen an Silex, sogenannten Flintensteinen, zu besitzen. Der Gleichklang der Begriffe Flint und Flinte als Bezeichnung für ein Gewehr ist kein Zufall, war doch der Feuerstein das entscheidende Element für die um 1640 in Frankreich entwickelten Steinschlosswaffen, die rund 200 Jahre lang führend bleiben sollten.
In jener Epoche war Feuerstein ein strategischer Rohstoff, dessen Verfügbarkeit unmittelbar die Schlagkraft der jeweiligen Streitkräfte bestimmte, weshalb jedes Herrscherhaus, das sich ein eigenes Heer halten wollte, für eine ausreichende Menge an Flintensteinen sorgen musste. Kaiser Franz Joseph II. schrieb 1787 gar eine Belohnung für das Auffinden neuer Feuerstein-Vorkommen aus.
Als architektonisches Material ist Silex hingegen nahezu unbekannt, dabei existiert in den kreidereichen Küstengegenden Englands eine jahrhundertealte Tradition seiner Verwendung als Baumaterial. Sie reicht bis in die Steinzeit zurück, als East Anglia ein Zentrum der Feuersteingewinnung war. In jener Gegend haben sich zahlreiche mittelalterliche Bauwerke aus Silex erhalten, wobei das Material in verschiedenster Form zur Anwendung kam.
An Fassaden wurden entweder die natürlich vorkommenden und unbearbeiteten Knollen, Feuersteine mit naturgespaltener Oberfläche oder quaderförmig behauene vermauert. Oftmals findet sich auch eine Kombination aus behauenem Silex mit anderen Natursteinarten oder Backstein, in England flushwork genannt.
Doch auch in der zeitgenössischen Architektur ist Feuerstein weiterhin von Aktualität – ein Beispiel ist das vielbeachtete Flinthouse des Londoner Büros Skene Catling de la Peña in Waddesdon in der englischen Grafschaft Buckinghamshire.
An der Aussenhaut des von Baron Jacob Rothschild in Auftrag gegebenen, 2015 fertiggestellten, terrassenförmigen Hauses wurde die ganze Palette der verschiedenen Bearbeitungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von Feuerstein ausgeschöpft, wobei der ästhetische Ausdruck mit zunehmender Fassadenhöhe immer heller, filigraner und ätherischer wird.
Für den Sockel wählten die Architekten dunkle, grosse, gespaltene, doch ansonsten unbehauene Silexknollen und vermauerten sie mit dunklem Mörtel. Zwischen Sockel und erstem Obergeschoss sind die Fugen zwischen den Steinen mit Silexbruchstücken gefüllt – erst wenige, dann immer mehr. Die Silexknollen werden mit zunehmender Fassadenhöhe immer heller, kleiner und einheitlicher, ab Mitte des ersten Obergeschosses sind sie rechteckig behauen. Im obersten Fassadenabschnitt geht das graue Silexmauerwerk schliesslich in eine helle, ebenmässige Kalksteinfassade über.
Für die Wandflächen der grottenartigen Aussenwände im Erdgeschoss, die einen das Gebäude durchschneidenden Fluss flankieren, wählte man ganze, unbehauene Silexknollen, die fast gänzlich mit einer feinen, hellen Kreideschicht überzogen sind und die Anmutung unregelmässig geformter Kieselsteine haben.
Wer mehr über Silex erfahren möchte, kann den gleichlautenden Datensatz in der Online-Materialdatenbank www.materialarchiv.ch konsultieren, Feuersteine aus Norfolk im ETH Material Hub auf dem Hönggerberg in die Hand nehmen oder die mineralogisch-petrographische Sammlung am Departement Erdwissenschaften besuchen, wo sich weitere Exponate befinden, die zudem im Bildarchiv der ETH dokumentiert sind.
Literatur:
Hart, Stephen (2000). Flint Architecture of East Anglia. London: Giles de la Mare Publishers Limited.
Hart, Stephen (2008). Flint Flushwork. A Medieval Masonry Art. Woodbridge: The Boydell Press.
Slotta, Rainer (2. Aufl. 1981). Flint und Flinte: Feuerstein als strategischer Rohstoff. In: 5000 Jahre Feuersteinbergbau. Die Suche nach dem Stahl der Steinzeit, hrsg. v. Deutschen Bergbau-Museum Bochum. Bochum: Deutsches Bergbau-Museum, S. 349–361.