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Die Notizen aus den Jahren 1942 und 1943 sind nun erstmals in Buchform erschienen. Sie lösten eine nüchterne Debatte über die politische Haltung des italienischen Schriftstellers aus.
Der italienische Schriftsteller Cesare Pavese (1908–1950) in einer Aufnahme, die an der Jahreswende 1949/50 in Rom entstanden ist. Siebzig Jahre nach seinem Selbstmord sind Aufzeichnungen aus den Kriegsjahren veröffentlicht worden.
Die Geschichte kennt viele Autoren, die zu Lebzeiten verfügten, dass man ihre Manuskripte nach dem Tod zerstöre. Meistens ist die Nachwelt froh, wenn sich die Nachfahren nicht daran halten. Bei dem italienischen Dichter Cesare Pavese lag keine solche Verfügung vor. Vermutlich hatte er es nicht für möglich gehalten, dass sich jemand die Mühe machen könnte, all das Geschriebene, das sich im Laufe seines Lebens angesammelt hatte, durchzugehen und an die Öffentlichkeit zu bringen.
Doch schon zwei Jahre nach seinem Selbstmord Ende August 1950 brachten seine engen Freunde Italo Calvino, Natalia Ginzburg und Massimo Milo seine umfangreichen Notizhefte heraus. Seit dem Exil im kalabrischen Brancaleone 1935 hatte Pavese unter dem Titel «Mestiere di vivere» – die deutsche Übersetzung «Handwerk des Lebens» ist leider vergriffen – Tagebuch geführt. Darin hielt er Eindrücke und Gedanken fest, die ihm bei seinen weitgespannten literarischen und ethnografischen Lektüren und beim Schreiben durch den Kopf gingen. In diesem Konvolut von Notizen schien sich damals den Herausgebern Paveses Ruf als Antifaschist vollauf zu bestätigen.
Jedenfalls hatte niemand etwas an ihnen auszusetzen. Die Internationalität der Lektüren, die Offenheit für amerikanische Literatur standen für einen wachen Geist, der gegen die Versuchungen der reaktionären faschistischen Ideologie immun geblieben war. Kaum jemand störte sich an Paveses Faszination für archaische Sitten, namentlich Opferrituale, an seiner Sehnsucht nach einer unberührt gebliebenen wilden Natur, in der etwa vergossenes Blut seinen selbstverständlichen Platz in einer sich zyklisch erneuernden Welt fand.
Die Alarmglocken ertönten dagegen, kaum dass dem jungen Hochschulabgänger und späteren Redaktor der Turiner Zeitung «La Stampa» Lorenzo Mondo 1962 ein dünnes Heftchen aus den Jahren 1942/43 in die Hände fiel. Seinerzeit vertraute sich Mondo einzig Italo Calvino an, dem Freund Paveses und Lektor bei Einaudi. Beide waren sich einig, dass die kleinformatigen dreissig Seiten erst einmal unter Verschluss bleiben sollten. Calvino verwahrte das Heft, von dem sich inzwischen jede Spur verloren hat.
Erst fünf Jahre nach Calvinos Tod hielt Lorenzo Mondo 1990 die Zeit für gekommen, die politisch höchst problematischen Seiten – er hatte sie zu Studienzwecken fotografiert – mit ein paar Kommentaren in «La Stampa» zu veröffentlichen. Wie er sich heute erinnert, hatte er zwar mit empörten Reaktionen gerechnet, aber nicht mit einem derartigen Aufschrei der Empörung und des Entsetzens. Mancher bezweifelte sogar die Authentizität des Tagebuchs.
Pavese selbst muss das Skandalöse an seinen Eintragungen bewusst gewesen sein, denn er schrieb sie in ein separates Heft. Diesem vertraute er 1942 und 1943 seine verworrenen Gedanken an, darunter die Sympathie für eine Erneuerung des Faschismus in der im Herbst 1943 mit Hitlers Hilfe gegründeten Repubblica di Salò. Er machte sich Hoffnungen auf eine disziplinierende Wirkung von Faschismus und Krieg und bekräftigte seine offenbar zuvor schon mündlich geäusserte Kritik am ebenso end- wie zwecklosen Debattieren seiner antifaschistischen Turiner Freunde.
Nüchterne Reaktionen
Dreissig Jahre nach dieser Erstveröffentlichung bringt nun der kleine Turiner Verlag Aragno Paveses Notizen neu heraus. Sie sind eingebettet in eine Auswahl der damaligen Reaktionen und in erläuternde Begleittexte, darunter eine akkurat recherchierte und um Ausgleich bemühte historische Einordnung des Heftes durch die Herausgeberin Francesca Belviso. Anders als in Frankreich, wo die Wiederauflage von Célines antisemitischem Pamphlet «Bagatelles pour un massacre» auf den Protest von Intellektuellen hin 2018 unterlassen wurde, regt sich in Italien im Fall von Pavese kein Widerstand. Allerdings sind dessen Notate auch frei von Antisemitismus.
In den Zeitungen erregte das Buch zwar wieder grosses Aufsehen, aber im Vergleich zu den hohen Wellen, die die Notizen 1990 schlugen, wirkt die heutige Kontroverse wie ein matter Abglanz. Einmal mehr werden die profaschistischen Sympathiebekundungen als blosse Skizzen für eine Figur in Paveses grossem Roman «La casa in collina» (Das Haus auf dem Hügel) verharmlost oder seine Begeisterung für Disziplin und Krieg als Erziehungsprogramm für die Italiener als Ausrutscher hingestellt. Die einen führen die Notizen auf die zutiefst zerrissene Psyche des Autors zurück, andere auf den Charakter des «ewigen Jungen», der gewissermassen nie aus der Pubertät herausgekommen ist. Wieder andere halten Pavese seinen notorischen Widerspruchsgeist oder sein grundsätzliches Desinteresse an aller Politik zugute.
Den reproduzierten Faksimiles seiner schwungvollen Handschrift ist eine gewisse Eile anzumerken, aber es finden sich kaum Korrekturen oder nachträgliche Streichungen. Pavese muss seine Eintragungen später wiedergelesen haben, denn gelegentlich hat er nachträglich das Datum der Niederschrift hinzugesetzt, was im Jahr 1943 tatsächlich nicht unerheblich ist. Denn eine politische Äusserung liest sich anders, wenn man weiss, dass sie vor oder nach dem Sturz Mussolinis am 25. Juli 1943 gemacht wurde oder, noch wichtiger, vor oder nach dem 8. September 1943, dem Tag, an dem der Waffenstillstandsvertrag mit den Alliierten publik wurde.
Eine nationale Aufwallung
Pavese müssen augenscheinlich die sechs Wochen zwischen dem Sturz Mussolinis und dem Waffenstillstandsvertrag innerlich stark zugesetzt haben. Viele Italiener gaben sich damals dem Glauben hin, das Land werde nun einfach aus dem Weltkrieg austreten und in Frieden weiterleben. Pavese ärgerte sich damals nicht nur über die unentschlossen debattierenden Antifaschisten, sondern mehr noch über den vom italienischen König eingesetzten Regierungschef General Badoglio. Dieser schlug sich auf die Seite der Alliierten, ohne irgendwelche Vorkehrungen für das Wohl der an der Ostfront befindlichen italienischen Soldaten zu treffen, die seit 1940 im Namen des Königs und Mussolinis an der Seite der Wehrmacht gegen die Alliierten kämpften.
Aus dem, was Pavese in diesen dramatischen Monaten des staatlichen Zusammenbruchs notiert, spricht eine seltsame Art von nationalem Verantwortungsgefühl, das er auf einmal empfunden haben muss. Deshalb war er wohl auch so enttäuscht, als er wegen seines Asthmas vom Militärdienst freigestellt wurde. Und darum wird ihn der Gedanke gequält haben, zu Hause herumzusitzen und Geschichten zu schreiben, während so viele andere für das Land kämpften und starben. Unter ihnen war auch mancher Freund, der im Widerstand gegen den Faschismus und die deutsche Besatzung sein Leben einsetzte, vor allem Leone Ginzburg.
Auch wenn Pavese ein separates Heft anlegte, betont Francesca Belviso die innere Nähe der Notate zu dem allgemein bewunderten Tagebuch «Mestiere di vivere». Beide seien sie ein Laboratorium der Ideen und Stilübungen. In beiden deute sich das Interesse an, das Pavese im Krieg an der deutschen Kultur bekundete. 1940 hatte er seine Deutschkenntnisse aufgefrischt und sich mit jener Gruppe des «geheimen Deutschland» befasst, zu der sein Freund, der Germanist und Widerstandskämpfer Giaime Pintor, nicht nur den George-Kreis, sondern auch Thomas Mann, Georg Simmel und Karl Kerényi rechnete.
Unbefangene Nähe
Während Thomas Mann in Deutschland rasch auf Distanz zum Nationalsozialismus ging, scheint sich Pavese nicht an seiner gedanklichen Verstrickung gestört zu haben. Ohne Vorbehalte inspirierte er sich im Krieg zudem an den späten Aufzeichnungen Nietzsches, die in einer von Elisabeth Förster-Nietzsche besorgten tendenziösen Zusammenstellung 1901 unter dem Titel «Der Wille zur Macht» herauskamen. Er übersetzte das Buch, machte sich Nietzsches Maxime des Amor Fati zu eigen und wandte offenkundig etliche nietzscheanische Gedankensplitter auf die damalige politisch-militärische Lage an, etwa die Notwendigkeit der Disziplin oder die Idee, dass Völker nur durch Stärke in der Weltgeschichte Spuren hinterliessen. Was Pavese in unterschiedlichen Heften getrennt notiert hatte, fügt die Herausgeberin in ihren Erläuterung zu einem kohärenten Bild zusammen.
Der Haken daran ist, dass die politisch höchst fragwürdigen Äusserungen dadurch ihre dunklen Schatten auf das ganze Tagebuch und letztlich auch auf das Romanwerk werfen. In Italien scheint sich indes noch niemandem die Frage aufgedrängt zu haben, inwiefern das Denken und Schreiben der Künstler, Schriftsteller und Intellektuellen von faschistischem Gedankengut durchsetzt war. Die Herausgeberin der Notate ebenso wie die Rezensenten klammern sich an die Idee eines untadligen ästhetischen Widerstands, der sich an den Gesten, der Sprache und dem unbestrittenen Humanismus Paveses ablesen lasse.
Vielleicht sollte man sich angesichts der heute grassierenden Cancel-Culture sogar darüber freuen. Drohte uns nicht sonst, dass auch dieser grossartige und einfühlsame Dichter Pavese ausgelöscht würde? Sein Heft könnte uns heute eine Mahnung dafür sein, was es heisst, in ideologisch radikalisierten Zeiten zu leben, zu denken und zu schreiben. Von dieser Warte aus nehmen vielleicht sogar die berühmten Zeilen, die er kurz vor seinem Selbstmord schrieb, eine historisch präzisere Bedeutung an: «Ich habe den Menschen Poesie gegeben und das Leid von vielen geteilt.»
Cesare Pavese: Il Taccuino segreto. Hrsg. von Francesca Belviso, mit einem Beitrag von Lorenzo Mondo. Nino Aragno Editore, Turin 2020. 118 S., € 25.–.