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Mit dem Tod von Ruth Klüger und der Nobelpreisauszeichnung von Luise Glück letzte Woche kontrastieren zwei amerikanisch-jüdische Autorinnen die literarische Gegenwart und wesentliche Themen.
Die Behauptung, dass sie 15 Jahre alt sei, hatte Ruth Klüger im Sommer 1944 in Auschwitz-Birkenau das Leben gerettet. Das Mädchen, in Wien zur Welt gekommen, war damals erst zwölf, als es sich zur Selektion aufstellen musste – und durch die falsche Angabe der Gaskammer entging. Mit ihrem Jugenderinnerungsbuch «weiter leben» wurde Ruth Klüger (1931–2020) berühmt, eine Holocaust-Überlebende, die als 11-Jährige zuerst nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz-Birkenau und Christianstadt deportiert worden und mit ihrer Mutter entflohen war und Jahrzehnte später, als längst renommierte Literaturprofessorin, beschlossen hatte, von all dem zu erzählen. Dieses Buch gilt als eines der wichtigsten Werke über die Schoah. 1947 begann in den USA das zweite Leben der Ruth Klüger. Die Emigrantin studierte Germanistik in Berkeley und wurde die bedeutendste Germanistin Amerikas, sie lehrte an der University of Virginia, in Princeton sowie an der University of California in Irvine, machte sich einen Namen als streitbare Literaturkritikerin und als frühe Feministin, die sich von der Zuschreibung jeglicher weiblicher Opferidentität distanzierte – und als vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin, die bestritt, dass ihre Bücher versöhnen könnten.
Meisterin der amerikanischen Poesie
Anders als die Anfang Oktober knapp 89-jährig in Irvine verstorbene Ruth Klüger ist die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück. Die amerikanische Lyrikerin ist hierzulande praktisch unbekannt, in den USA aber ein Star der Literaturszene. Die 77-Jährige gilt als wichtigste US-Poetin (und Ex-Präsident Barack Obama als einer ihrer Bewunderer). Trotz ihres Status als gefeierte Meisterin der amerikanischen Poesie lebt die 1943 als Enkelkind ungarisch-jüdischer Einwanderer in New York geborene Glück von jeher extrem zurückgezogen und scheut das Rampenlicht. In einem ihrer seltenen Interviews erzählte sie von der lebensgefährlichen Magersucht, unter der sie als Mädchen litt, von ihrer langjährigen Psychoanalyse und davon, dass sie sich schon als Kind mit Büchern wohler fühlte als unter Menschen – sie habe ein sehr geringes Interesse an einer bestimmten Art von öffentlichem Leben. In unseren publicitygetriebenen Social-Media-Zeiten wirkt solche Dezenz fast schon anachronistisch. Wie auch Glücks Genre: Lyrik, die einst hochgeschätzte, aber heute (abgesehen von Songtexten) ein wenig aus der Mode gekommene Literaturgattung. Mit der Entscheidung für Louise Glück hat die Königlich-Schwedische Akademie eine dezidiert unpolitische Nobelpreisträgerin gekürt.
Inmitten der auffallend aktivistischen Literaturlandschaft dieses hoch politischen Herbstes, in dem sich viele US-Schriftsteller, etwa Don Winslow in seinem neuen Story-Band «Broken», mit dem Mythos und Pathos des alten Amerika, seiner Ideale und Kontroversen befassen, ist die Amerikanerin Louise Glück eine unzeitgemässe Besonderheit. Wer mag, kann in der Wahl der Lyrik-Künstlerin dennoch ein Zeichen sehen: Dass sie so intensiv über die Natur dichtet, macht Louise Glück in Zeiten der Klimakrise, der Diskussion um die Verbundenheit des Menschen mit allem Kreatürlichen, thematisch zu einer Autorin der Stunde. In ihrem 1992 publizierten Band «Wilde Iris» (2008 auf Deutsch erschienen) gibt sie Blumen eine Stimme, eine Seele, sie sprechen selbst, als Ich, über ihre Art, in der Erde zu sein, zu wachsen. Sie verwickelt den Menschen, der sein irdisches Leid beklagt, in die Natur, die sich ins Werden und Vergehen schickt, und einen (nicht immer gütigen) Gott, der von seiner Schöpfung schwer enttäuscht scheint – ein solcher Ernst ist in verweltlichten Zeiten durchaus eine Provokation.
Individuelle Existenz als universelle Erfahrung
Louise Glücks Karriere umfasst bereits rund 60 Jahre. In Amerika häuften sich schon lange die öffentlichen Anerkennungen für diese ungewöhnliche Autorin, die ein Dutzend Gedicht-bücher und zwei Essaysammlungen verfasst und in den USA praktisch alles gewonnen hat, was das Land zu vergeben hat: Fellowships der Rockefeller- und der Guggenheim-Foundation, den Pulitzer-Preis für Poesie, den National Book Award und den National Book Critics Circle Award. Sie erhielt die Gold Medal für Poetik und den Wallace-Stevens-Preis und viele weitere Auszeichnungen. Sie wurde zur «Poet Laureate» – zur offiziellen Dichterin – der Library of Congress in Washington gekürt, ist «Poet in Residence»-Professorin an der Universität Yale. Und nun die höchsten Weihen aus Stockholm. Louise Glück mache, sagte Mats Malm, der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie zur Begründung, die individuelle Existenz «zu einer universellen Erfahrung». So lässt sich Louise Glück auch fassen als eine Autorin der Stunde in Zeiten der Corona-Pandemie, die jeden individuell betrifft (und sei es durch die ihm auferlegten Regeln und Beschränkungen) und zu einer universellen Erfahrung für die ganze Welt geworden ist.
In den Versen der Nobelpreis-Dichterin geht es um Emotionen und Gedanken, um Liebe, Familie, Einsamkeit, Schmerz und Tod. Auch wenn die Dichterin komplexe Gefühlswelten in Worte fasst, findet sie nicht selten Bilder aus der Natur, etwa, dass ein Depressiver sich zusammenrolle wie ein Baum oder ein Blatt. Oft greift die Dichterin in ihren Beschreibungen auf antike Mythen zurück sowie auf die Bibel und Märchen. Auch ihr jüdischer Hintergrund spielt eine Rolle in ihrem Schreiben, wenngleich Glück sich nicht als «jüdische Dichterin» verstehe, wie Daniel Morris in seinem Buch «The Poetry of Louise Glück» (2006) schreibt. Die jüdische Tradition, so habe die Autorin es einmal ausgedrückt, spreche zu ihr weniger als etwa der Hellenismus oder die Natur, und in ihrer Kindheit gab keine Schabbatkerzen, dafür einen Weihnachtsbaum. Gleichwohl macht Daniel Morris jüdische Bezüge in Glücks Lyrik aus. Im Gedicht «Mount Ararat» geht es um einen jüdischen Friedhof, auf dem ihr Vater und ihre Schwester begraben liegen. Dieses Poem rührt an den tiefsten Schmerz der Dichterin. Louise Glücks Kindheit war überschattet vom Tod ihrer älteren Schwester, die Trauer der Eltern über den Verlust der Erstgeborenen allgegenwärtig. Der Tod der Schwester, so Glück in ihrem Essay «Education of the Poet», «war der Grund, warum ich geboren wurde». Dieses Gefühl, die Einsamkeit und der Kampf um Aufmerksamkeit machten sie krank und führten zu der Essstörung. Bis sie herausfand, dass man aus Schmerz «etwas machen» kann. In ihrem Fall: Lyrik. Ruth Klüger richtete den Blick auf die Strukturen und Kollektive der Macht, des NS-Systems und seiner Grausamkeiten. Louise Glück verfasst transzendentale Dichtung. Doch beide Autorinnen erzählen, jede auf ihre Weise, davon, wie man überlebt.