Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03234.jsonl.gz/2619

GOIÁS
Die ehemalige Hauptstadt Goiás liegt 144 km von Goiânia entfernt, in nordwestlicher Richtung. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 25º C. Anfahrt von Goiânia auf der Landstrasse GO-070.
Das Kopfsteinpflaster auf den uralten Strassen – aus ungleich grossen Basaltwürfeln und mit vielen Unebenheiten – verrät den langsamen, schweren Schritt unzähliger Zugochsen im Joch, die zwar keine sichtbaren Fussabdrücke hinterlassen haben, deren Gewicht sich jedoch dem steinernen Fundament unauslöschlich eingeprägt hat – so verschoben haben sie das Pflaster, das heutzutage sogar die Pferde Mühe haben, nicht zu stolpern.
Oft genug schlagen sie mit ihren Hufen gegen einen der herausragenden Basaltköpfe, dass die Funken stieben – und dann erschrecken sie sich und geraten ausser Kontrolle – und das während eines festlichen Umzugs – eine gefährliche Sache.
Die riesigen ornamentalen Fenster der „Palácios“ und Villen zeugen von den einst goldenen Jahren der antiken Hauptstadt, vom sagenhaften Reichtum ihrer Besitzer, den Herren über die Goldminen in der Umgebung, Nachfolger des Nationalhelden „Bartolomeu Bueno da Silva“, der 1727 hier die erste Goldmine entdeckte und die Siedlung „Arraial Santana“ gründete – das „Goiás“ von damals. Oder sollte man noch ein Stück weiter zurückgehen: als die Indianerinnen vom Volk der „Araés“ sich am Ufer des „Rio Vermelho“ mit gelb leuchtenden Metallstückchen schmückten, die sie im Ufersand gefunden, und die jene weisshäutigen Eindringlinge in gierige, gewalttätige Tiere verwandelten? Jener „Anhanguera“ wollte dafür sogar die Flüsse anzünden!
An das viele Gold erinnert heute nur noch der Name des Gebirges, welches die kleine Stadt umgibt – die „Serra Dourada“. Und sehen kann man es höchstens noch auf den Bergkämmen, wenn hinter ihnen die Sonne versinkt und den gezackten Horizont in eine golden leuchtende Aura taucht, so als ob sie den Besucher an jene goldenen Jahre erinnern wolle. Aber dann verblasst das Gold, ein Blutrot schiebt sich darüber und mahnt an die zahllosen Opfer für den Reichtum Weniger – das Rot leuchtet lange, dann gerinnt es, zerfliesst, in einem violetten Aufbäumen, in der heraufziehenden Schwärze der Nacht. Und wenn Du den Blick jetzt zum Himmel aufhebst, entdeckst Du die ersten blitzenden Sterne, wie „Pepitas“ aus Gold.
Eine Wanderung durch die Gassen und Plätze von „Goiás“ ist pure Nostalgie – vielleicht darf man das in diesem Fall mal mit „Nachtrauern“ übersetzen. Wer ein bisschen sensibel ist, vermag sie zu sehen, die schwer mit Gold beladenen Ochsenkarren auf dem Kopfsteinpflaster, die neugierigen Blicke aus den Erkern der kolonialen Villen, eine kleine Versammlung dunkel gekleideter Menschen vor der Kapelle auf dem Hügel – es riecht nach frischem Brot – Moment, ich war in Gedanken, ja, ich hab‘ es klein – schiebe dem Bäcker ein paar Münzen über die Theke und setze mich mit meinem Gebäck an einen Tisch vor seinem Geschäft.
Wegen seiner schwergewichtigen Vergangenheit nennen einige Leute den Ort jetzt „Goiás Velho“ – „Alt-Goiás“, und das gefällt den Einwohnern überhaupt nicht. Macht nichts. Das Alter trägt die Kennzeichen seiner Jugend!
Der alte „Seu Jaír“
In einer Ecke des „Mercado Municipal“, des Marktes im Städtchen, hat „Jair Pinto de Figueiredo“ seinen Verkaufsstand in ein „Museu Mambembe“ (Museum ohne Wert) verwandelt. Seine Exponate bestehen aus Keramik-Krügen, Ölbildern, Pantoffeln, Kalebassen, Statuen, Waffen, Hüten, Geschirr, Registrierkassen – alles, was irgendwie alt oder wertvoll aussieht – im Ausverkauf. Was auf einem Plakat so geschrieben steht – seit 1971. Seine Asservatensammlung ist von 1939. Eine wahre Fundgrube von Kuriositäten, deren Chaos jeweils nur einer Person den Zutritt erlaubt. Mit Geduld und gutem Willen, kann man hier interessante Objekte entdecken. Oder man schreibt sich einfach nur ins Besucherregister ein, mit Namen, Adresse und dem Wert der „Spende fürs Museum“. Den Schnack mit „Seu Jair“ ist es allemal wert! Seine „Box“ befindet sich im „Mercado Municipal“, der Montag bis Samstag zwischen 6:00 und 18:99 und am Sonntag zwischen 6:00 und 12:00 geöffnet ist.
Unter dieser Rubrik empfehlen wir Ihnen einige Sehenswürdigkeiten oder sonstiges, was uns in den jeweiligen Orten besonders beeindruckt hat. Sie müssen sich nicht unbedingt alle mit Ihrem persönlichen Geschmack decken, deshalb beschreiben wir sie ein bisschen.
Casa de Cora Coralina
Ein grosses Haus im Kolonialstil, an der Brücke. Dort hat die Kuchenbäckerin und Poetin „Ana Lins dos Guimarães Peixoto Bretas“ gelebt (1889-1985), die unter dem Pseudonym „Cora Coralina“ in die Geschichte von Goiás eingegangen ist. Ihr Haus war eines der ersten kolonialen Konstruktionen des Jahres 1782 – alles darin ist so, wie sie es hinterlassen hat: die Möbel, die Bücher, literarische Skizzen, Dokumente und Briefe von illustren Absendern, wie „Carlos Drummond de Andrade“ und „Jorge Amado“. Sogar ihre Kleider mit den vielen Blumenmustern hängen noch auf den Bügeln im Schlafzimmer. In der Küche, die grossen Henkeltöpfe aus Kupfer, in denen Cora ihre beliebten „Doces cristalizados“ (kristallisierte Süssigkeiten) herstellte, mit denen sie über lange Zeit ihren Unterhalt verdiente. Schriftstellerin seit ihrem 14. Lebensjahr, hat sie nur bis zum dritten Jahr die Volksschule absolviert, im Alter von 70 Jahren gelernt, Rechnungen auszustellen und ihr erstes Buch im Alter von 75 publiziert. Im Hinterhof des Hauses befindet sich jene Mineralwasser-Quelle, welche sie zu folgenden Versen inspirierte:
„Biquinha“ (Quellchen) Du bist Bad und Erfrischung, Becher mit kristallenem Wasser und blau für den Durst dessen, der den langen Weg zu den Brunnen der Vergangenheit ging und leer zurückkehrt zu den Wurzeln seines eigenen Lebens“ (Avenida Dom Prudêncio).
Palácio Conde dos Arcos
Ein Riesengebäude im Kolonialstil mit 36 Zimmern – war zwischen 1748 und 1935 der Sitz der Regierung. Ausgestellt sind Möbel, Geschirr und Objekte der 98 Gouverneure, die hier vorübergehend einquartiert waren – unter ihnen auch „Felicíssimo Espírito Santo“, der Urgrossvater des letzten brasilianischen Präsidenten „Fernando Henrique Cardoso“ (Praça Castelo Branco).
Museu das Bandeiras
Ebenfalls ein enormes Gebäude, mit einem rechtsseitig verdoppelten Sockel, gestützt von jahrhundertealten Holzbalken – konstruiert im Jahr 1761. Der ebenerdige Teil wurde als Gefängnis benutzt – der erste Stock als Bürgermeisteramt. Das feuchte Gefängnis erinnert an einen mittelalterlichen Karzer – war bis 1950 belegt. Die Wände der beiden kollektiven Zellen haben einen Durchmesser von 1 Meter und sind mit dicken Gitterstäben versehen. Im ersten Stock Dokumente, Fotos, Geschirr und Dinge des täglichen Gebrauchs aus der Zeit des Imperiums. Alles fein säuberlich erklärt auf historischen Tafeln. Der Brunnen auf dem Platz davor wird „Chafariz de Cauda“ genannt, er ist von 1778 und diente der Bevölkerung zum Trinkwasser schöpfen, das von der Mine „Chapéu de Padre“ stammt (Praça Brasil Ramos Caiado).
Igreja Nossa Senhora d’Abadia
Die Kirche wurde von Sklaven für die Sklaven im Jahr 1790 gebaut. Ein wunderschöner holzgeschnitzter Altar, himmelblau bemalt und vergoldet, sein Schöpfer ist unbekannt, ebenso wie der des Deckengemäldes, das die Gottesmutter mit den Engeln im Himmel darstellt. Die Statue der Schutzpatronin von „Veiga Valle“ schmückt den Altar (Rua da Abadia).
Catedral de Sant’Ana
Schon die vierte Kirche auf demselben Platz! Zuerst stand da eine Kapelle im Jahr 1727 – die stürzte ein, eine barocke Kirche 1743 – die stürzte ebenfalls ein, 1749 die nächst barocke Kirche – die stand ein paar Jahre, dann stürzte auch sie ein. Erst im Jahr 1958 hat man einen erneuten Versuch gewagt und die heutige Kathedrale auf demselben Patz erbaut – und die steht immer noch fest als pastorales Zentrum des „Dom Tomás Balduíno“ – seit 1967 (Praça Castelo Branco).
Igreja de São Francisco de Paula
Auf einem Hügel steht die kleine Kirche mit den weiss gekalkten Aussenwänden, zu denen das Blau der Fenster- und Türrahmen einen wirkungsvollen Kontrast bildet. Das Deckengemälde, im Innern, stellt Passagen aus dem Leben des Heiligen Franziskus dar, gemalt von dem Künstler „André da Conceição“. In der Mitte des Altars steht die Statue des „Bom Jesus dos Passoas“, die im Jahr 1745 aus Salvador hergebracht wurde und während der Oster-Prozession durch den Ort getragen wird. Fantastisch ist die Aussicht vom Kirchplatz über den Ort (Praça Zaqueu Alves de Castro).
Igreja do Rosário
Von den Dominikanern 1959 vollendet. Eine Kirche aus Stein, mit gotischen Bögen und einem abseits gestellten Glockenturm. An den Wänden, im Innern, die „Via Crucis“, gemalt von „Frei Nazareno Confalone“. Sie steht auf dem Platz der antiken Kirche „Nossa Senhora do Rosário dos Pretos“, die 1920 abgerissen wurde.
Die Serra Dourada
Das Gebirge rund um die Stadt beherbergt Flüsse, Wasserfälle und kleinere Bäche, die alle in den „Rio Vermelho“ münden. Die eindrucksvolle Vegetation des Cerrado lädt ein zu Spaziergängen und Wanderungen zwischen wilden Blumen, gelb blühenden „Ipês“ und den von der Natur geformten Felsenskulpturen. Der unvergleichlich schöne Sonnenuntergang hat dem Gebirge seinen Namen gegeben.
Furna
So heisst ein von Sklaven einstmals in den „Morro da Bandeirinha“ gegrabener Tunnel von zwei Metern Höhe. Durch ihn erreicht man verschiedene salonartige Höhlen – es wird angenommen, dass es einen Durchbruch bis zur anderen Seite des Berges gibt, denn dort hat man ebenfalls einen Tunnel entdeckt, der in sein Inneres führt. Aber niemand weiss etwas genaueres, denn Dokumente von 1839 belegen, dass damals zwei „Alemães“ (Deutsche) in den Tunnel einstiegen und nie mehr zurückkamen.
Ein Pater, empört über die lasche Haltung der Regierung gegenüber dem Verschwinden der beiden Männer, entschloss sich, selbst Nachforschungen anzustellen, betrat den Tunnel und – verschwand auf Nimmerwiedersehen. Was Wunder, dass die Einheimischen glauben, der Tunnel führe zu einer „unbekannten unterirdischen Zivilisation“!
Empfehlenswert ist auch ein Ausritt zu Pferd durch die interessante landschaftliche Umgebung – und wer ein Gespann mit Kutsche vorzieht, kann auch das haben.
Zwischen Januar bis Mai, wenn der „Rio Bagagem“ genügend Wasser führt, kann man auf ihm eine vergnügliche Gleitfahrt im Schlauch eines Lastwagenreifens flussabwärts machen – abenteuerlich und erfrischend.
Am Mittwoch der Osterwoche findet die berühmte Prozession des „Fogaréu“ in der Stadt Goiás statt – welche die Gefangennahme und Einkerkerung des Jesus von Nazareth zum Thema hat. Die Gläubigen ziehen mit brennenden Fackeln durch den nachtdunklen Ort, unter dem dumpfen Sound von Trommeln und barocker Musik, den „Motetes dos Passos“, die 1855 komponiert wurden. In der „Igreja do Rosário“ findet dann das „Abendmahl des Herrn“ statt. Hinterher, in der „Igreja de São Francisco“, wird die Kreuzigung inszeniert.