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Am 17. September erscheint Claude Cuenis «Pacific Avenue», die Fortsetzung seines autobiographischen Erfolgsromans «Script Avenue». Ein Medikament stiehlt dem Autor den Stift und schreibt dessen Geschichte gleich selbst: Eine chaotische Reise ins 16. Jahrhundert und in die Träume eines Mannes, der den Tod zu überlisten versteht.
Claude Cueni sitzt in seinem «Phantom»-Sessel, als er mich vorige Woche empfängt. Ein schwarzes Ledermöbel, sein nächtliches Cockpit. Hier fühlt er sich wie Lee Falks Phantom, das in einer Totenkopfhöhle im Dschungel unter Pygmäen lebt.
Claude Cueni ist kein Geist, aber er fühlte sich lange Zeit wie einer, weil er festsass in seinem Sessel. Niemand hat ihn besucht, um ihm zu sagen, dass er noch lebt. Denn jeder zwischenmenschliche Kontakt barg die Gefahr einer Ansteckung. Seine Leukämie ist zwar weg, dafür ist jetzt GvHD da.
Claude Cueni lässt sich aber nicht unterkriegen. Mit seinen verbleibenden 41 Prozent Lungenvolumen (der Rest wurde abgestossen) schreibt er wie ein Wahnsinniger einfach immer weiter. Wahrscheinlich hat er so den Tod ausgetrickst. «Geh weg, ich schreibe», muss er zu ihm gesagt haben.
Am 17. September kommt «Pacific Avenue» in die Läden, die Fortsetzung seiner autobiographischen «Script Avenue». Im ersten Teil hat der Schweizer Schriftsteller mit seiner Verwandtschaft abgerechnet. Mit seiner lieblosen Kindheit, mit der Schraubenkiste, in der er die ersten zwei Jahre seines Lebens verbracht hat, mit dem Blöken jurassischer Schafe, mit dem pädophilen Onkel, der seinen Feinden im Algerienkrieg die Genitalien abgeschnitten und sie in einem Korb gesammelt hatte. Mit der fanatisch religiösen Mutter, deren einzige Lektüre Pater Pios Erzählung von seinen (gefälschten) Stigmata war. Und mit dem hageren Blonden im hellblauen Hemd. Dem Mann, der hartnäckig behauptete, Cuenis Vater zu sein. Ein «Egoist aus Überzeugung», vor dessen brachialen Händen er sich gefürchtet hatte.
«Dein Vater lebt noch?», frage ich Claude. Und er sagt:
Dieser hagere Blonde im hellblauen Hemd – er ist der Bruder meiner Oma. Claude Cueni ist damit der Cousin meines Vaters und so etwas wie mein Onkel. Er sagt, ich dürfe ihn «Kortison-Onkel» nennen. Und ich lache. Da ist er wieder, dieser düstere Humor, der seine Bücher durchzieht. Witz und Phantasie. Das sind die zwei Krieger, mit denen Cueni seine Welt vor dem Zerbrechen bewahrt.
Meine Grossmutter ist übrigens die einzige unter ihren Geschwistern, die die «Script Avenue» gelesen hat. Alle anderen sagen: «Dieser Claude erzählt nur Schund.» Sie schämen sich wahrscheinlich. Und halten die Fassade weiterhin aufrecht.
Die Phantasie schlägt auch in der «Pacific Avenue» mit voller Triebkraft zu. Sie schiebt sich immer wieder in die kränkelnde Realität des Autors. Eigentlich will Sammy, die Erzählerfigur, einen historischen Roman schreiben. Über Magellan und seine Weltumseglung.
Bald muss Sammy aber merken, dass an Bord der «Trinidad» immer mehr ungebetene Gäste herumlungern: Neben Magellan und seiner Mannschaft ist da Sammys verstorbener Schwiegervater Jack, dem der Weinschlauch immerzu im Mundwinkel hängt, und da ist dessen ebenfalls tote Frau Maggy, die mit ihrem Hoover-Staubsauger das Deck sauber hält und ganze Sandstrände leer saugt. Dabei plappert sie unablässig von Hitler, diktiert dem ratlosen Chronisten Pigafetta, was er in sein Logbuch schreiben soll:
Schuld an diesem Durcheinander ist «Cellaris». Das neue Medikament, das Sammy einnehmen muss, damit nicht noch mehr seiner Organe schlapp machen. Cellaris trübt seinen Geist. Sammy halluziniert, verliert die Zeit, die Grenzen zwischen Realität und Traum verwischen.
Cellaris komponiert diesen Roman, Sammy vermag den Taktstock nicht festzuhalten. Und doch ergibt diese eigensinnige Mischung ein äusserst durchdachtes Buch, eines, das seinen eigenen Entstehungsprozess beschreibt. Und in dem den Figuren angedroht wird, auf der Stelle aus der Geschichte entfernt zu werden, wenn sie nichts Geistreiches beizutragen haben:
In der «Pacific Avenue» muss Cuenis Vater sterben. «Warum?», frage ich Claude:
Die eigentliche Rache des Autors an seinem Vater besteht aber nicht einfach in dessen literarischem Tod. Sie ist viel perfider. Und viel lustiger: Sammy erbt dessen 81 Tagebücher.
Bereits die «Script Avenue» ist ein Buch, das in keinen Rahmen eingeordnet werden kann. Es folgt keinen Regeln. «Wo soll man es im Buchladen nur hinstellen?», fragte Cuenis Agent. «Unter Schweizer Literatur? Unter Biographien? Unter Lebenshilfe? Claude, das liest kein Schwein. Dein Buch ist unverkäuflich.»
Also hat Cueni seinen «Forrest-Gump-Roman» beim Wörterseh Verlag herausgebracht. Hier erscheint auch die «Pacific Avenue».
Es scheint fast so, als habe der Pazifik die Allee überschwemmt, sodass nun alles noch mehr durcheinander gerät, all die Figuren werden aufgewirbelt und an Orte und in Zeiten hineingeworfen, wo sie naturgemäss nicht hingehören. Naturgemäss gehört aber Cellaris auch nicht in den Körper von Claude Cueni. Darum darf sein Roman alles. Und die Menschen werden ihn mögen. Selbst wenn er nicht ganz an die «Script Avenue» herankommt.
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