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Bei der 1:4-Niederlage gegen Tschechien haben wir die Blaupause für einen Medaillengewinn gesehen. Aber zu viele Teufel stecken in zu vielen Details und im «Gotthard-Prinzip».
Eine Lehre dauert im helvetischen Ausbildungssystem in vielen Berufen drei Jahre. Nach diesem Grundmuster könnten wir hier auch den olympischen Zauberlehrling Patrick Fischer beurteilen.
In drei Partien konnte er sich nun auf die Meisterprüfung vorbereiten. Auf das Achtelfinale gegen Deutschland. Er hat sich während dieser Lehrzeit gegen Kanada, (1:5), Südkorea (8:0) und Tschechien (1:4) als tüchtiger, williger und fleissiger Lehrling erwiesen. Aber das abschliessende Urteil folgt, wie im richtigen Leben und einer richtigen Lehre, erst nach der Abschlussprüfung.
Im ersten Lehrjahr (1:5 gegen Kanada) waren die Schweizer überfordert. Und sie hatten mit Leonardo Genoni keinen «heissen» Torhüter, der sie im Spiel halten und der das Unheil abwenden konnte. Die Erkenntnis aus diesem ersten Lehrjahr: Wir haben ein olympisches Torhüterproblem.
Im zweiten Lehrjahr (8:0 gegen Südkorea) haben wir gesehen, dass wir durchaus das Talent und die Tempofestigkeit haben, um die Abschlussprüfung zu bestehen. Die wichtigste Erkenntnis aus diesem zweiten Lehrjahr war hingegen eine andere, noch wichtigere: Wir haben das Torhüterproblem gelöst. Jonas Hiller ist unsere neue Nummer 1.
Nach dem dritten Lehrjahr (1:4 gegen Tschechien) sind wir nun ein wenig beunruhigt. Die Schweizer waren gegen den Titanen zwar nicht chancenlos. Ja, wir haben die Blaupause für einen Medaillengewinn gesehen. Torhüter Jonas Hiller war heiss. Er hielt uns im Spiel und hat nur zwei Tore zugelassen (das 1:3 und 1:4 fielen ins leere Gehäuse). Die Schiedsrichter waren nicht gegen uns. Sie haben uns genug Powerplays gegeben, um in der ersten Spielhälfte eine Führung, vielleicht sogar eine vorentscheidende, herauszuholen. Und die hätten wir mit Jonas Hiller ins Ziel retten können. Ja, wir haben gesehen, wir bis ins Halbfinale vorrückten könnten.
Warum hat es nicht geklappt? Auf die Frage, wie er das Spiel gesehen habe, sagte Nationaltrainer Patrick Fischer mit Sinn für Ironie: «Von ganz nahe». Um dann selbstkritisch und seriös fortzufahren: «Wir haben uns in der eigenen Zone viel zu viele Fehler geleistet und wir haben zu viele Scheiben verloren.» Genau darüber habe man in der Vorbereitung gesprochen und genau das habe man vermeiden wollen.
«Ich habe es vor dem Spiel gesagt, ich habe es in der ersten Pause gesagt und ich habe es in der zweiten Pause gesagt. Und wenn es dann auch im dritten Drittel nicht besser wird, dann muss ich das auf meine Kappe nehmen.» Wer Polemik mag, sagt es so: Die Jungs haben dem Chef nicht zugehört.
Der Teufel steckt bei unserer braven Nationalmannschaft im Detail und offenbar auch ein wenig im «Gotthard-Prinzip»: Was der Trainer sagt, geht bei einem Ohr rein und beim anderen wieder raus. So wie die Züge in Göschenen einfahren und in Airolo wieder hinaus.
Wer gegen einen Grossen bestehen will, darf sich einfach nicht so viele Fehler leisten. Der muss auch unter starkem Druck dazu in der Lage sein, den Puck zu behaupten und kühlen Kopf bewahren und darf nicht auf einmal in Anfällen von gutem Willen wie auf dem Pausenplatz der Puck nachrennen und die taktischen Pflichte nvergessen.
Das sahen auch die befragten Spieler durchwegs so. Keiner suchte nach einer Ausrede. Torhüter Jonas Hiller monierte explizit die Fehler vor dem zweiten Gegentreffer (zum 1:2). Wo er recht hat, da hat er recht. Ausgerechnet Roman Untersander und Eric Blum, zwei meisterliche Titanen der Verteidigungsarbeit «vergessen» Ambris flinken Stürmer Dominik Kubalik. Ein so liederliches Defensivspiel leisten sie sich daheim unter dem gestrengen Kari Jalonen eigentlich nicht. Dem Finnen hören sie offenbar aufmerksamer zu. Wie sagte doch Patrick Fischer? Richtig: die Jungs hätten nicht zugehört.
Immerhin haben wir jetzt mit Jonas Hiller eine heisse Nummer 1 und selbst der Nonkonformist Patrick Fischer wird es nicht riskieren, bei seiner Meisterprüfung gegen Deutschland am Dienstag Leonardo Genoni oder Tobias Stephan ins Tor zustellen. Er sagt selber: «Ja, wir haben einen heissen Torhüter.»
Jonas Hiller ist er mit seinen bisherigen Leistungen zufrieden. Andererseits sagt er: «Wenn wir verlieren kann ich nicht zufrieden sein.» Seine Aussage steht auch für den guten Willen in dieser Mannschaft: die Jungs halten zusammen. Es sind keine Egoisten. Die Stimmung ist gut.
Der Schlüssel zum Bestehen bei der Meisterprüfung gegen Deutschland ist also nebst Mut, Fleiss und Wille eine bessere Konzentration und die Reduktion der Fehlerzahl. Eigentlich das, was man sich ja auch bei einer richtigen Prüfung im richtigen Leben vornimmt.
Nun ist also mit dem Spiel gegen Tschechien die olympische Lehre abgeschlossen. Eigentlich ist die Teilnahme an Olympischen Spielen nicht als Ausbildungsprogramm, als Lehre für den Nationaltrainer vorgesehen. Bei der Nationalmannschaft zählen neben anständigem Auftreten und tipptoppem Benehmen – was ja heutzutage selbstverständlich ist – nur die Resultate.
So wie es bei der Abschlussprüfung am Ende des Tages eine Note gibt, die darüber entscheidet, ob der Lehrling bestanden hat oder durchgefallen ist, so wird nun das Resultat gegen Deutschland die Note der Abschlussprüfung für Nationaltrainer Patrick Fischer sein.
Trotz der Erfahrung aus zwei WM-Turnieren (2016, 2017) ist Patrick Fischer immer noch ein Zauberlehrling. Diese Lehrzeit sei ihm zugestanden. Es geht ja auch um eine neue Philosophie: «Swissness». Nun steht er mit der Mannschaft hier in Südkorea im dritten Titelturnier. Wir finden also auch da die eidgenössische Ausbildungsphilosophie der drei Lehrjahre.
Mit einem Sieg gegen Deutschland – es wäre sein erster Sieg in einen Turnier-Playoffspiel – kann Patrick Fischer seine Lehre erfolgreich abschliessen. Mit einem Sieg gegen Deutschland wäre er dann ganz und gar in seinem Amt als Nationaltrainer angekommen. Nach einem Sieg gegen Deutschland werden wir das Wort «Zauberlehrling» nicht mehr verwenden.
Und wenn wir verlieren und der Nationaltrainer durch diese Abschlussprüfung rasselt? Auch das ist kein Problem. Aus dem richtigen Leben wissen wir, dass ein tüchtiger, fleissiger Lehrling, der es mit den Chefs gut kann, auch dann im Betrieb bleiben darf, wenn er durch die Prüfung gefallen ist. Das ist auch bei Patrick Fischer so. Sein Vertrag ist vorzeitig und sicherheitshalber bis 2020 verlängert worden. Er darf also auch dann weiterhin bleiben, wenn er durch die Prüfung fallen sollte.