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Unter A. wird hier nur die für Erwerbstätigkeit vorgesehene oder festgelegte Zeitspanne verstanden; ausgeklammert bleibt die mit anderen Formen wie Hausarbeit, freiwilliger gemeinnütziger Arbeit usw. verbrachte Zeit. Thema sind die Entwicklungen, Regelungen und Auseinandersetzungen um die A. im 19. und 20. Jh.
Die Verkürzung der A. seit der Mitte des 19. Jh. verlief nicht parallel zum Zuwachs der Produktivität, sondern diskontinuierl., mit z.T. kurzfristig erhebl. Reduktionen. Arbeitgeber leisteten sowohl gegen die Reduktion der wöchentl. A. wie auch gegen die Einführung bzw. Ausdehnung bezahlter Ferien meist weit energischer Widerstand als gegen Lohnerhöhungen. Die Grenzen der A. blieben umstritten. Ältere Darstellungen gehen oft von der Spanne zwischen Arbeitsbeginn und -ende aus, ohne Berücksichtigung langer Unterbrüche für Mahlzeiten. Ob kürzere Pausen, die Reinigung von Maschinen und Räumlichkeiten, das Warten wegen durchfahrender Züge bei Eisenbahnarbeitern, die Pflege der Tiere bei Fuhrleuten, die persönl. Hygiene am Feierabend usw. zur A. gehörten, war wiederholt Gegenstand von Auseinandersetzungen.
Zu einem zentralen Aspekt der industriellen Beziehungen entwickelte sich die A. im 19. Jh. Zusammen mit der Mechanisierung und Arbeitsteilung erleichterte sie die Vergleichbarkeit der Arbeitskräfte und trug zur Vereinheitlichung des Arbeitsmarkts bei. Nicht zuletzt um Investitionen möglichst profitabel zu gestalten, dehnten Unternehmer Betriebszeiten in der Frühphase der Industrialisierung rücksichtslos aus. Die Zahl der kirchl. und weltl. Feiertage, aber auch der informell arbeitsfreien Tage, schmolz zusammen. So verlor z.B. der blaue Montag, der sich allerdings gelegentl. noch im 20. Jh. nachweisen lässt, seine Bedeutung. Parallel dazu erfolgte die Trennung von A. und Freizeit klarer, wobei die Uhrzeit die Tageszeiten zunehmend verdrängte. Dieser Prozess stiess auf Widerstand der Betroffenen. Einer der ersten Streiks von Fabrikarbeitern richtete sich 1837 in Glarus gegen eine Glocke, die Beginn und Ende des Arbeitstags anzeigte. Bis zur Wende vom 19. zum 20. Jh. enthielten Fabrikordnungen bereits für geringfügige Verspätungen harte Bussen, selbst bei Akkordarbeit.
Über die nach Erwerbsgruppen und Regionen auffallend differenzierte A. in der 1. Hälfte des 19. Jh. weiss man wenig. Generell dauerte sie in den noch seltenen Fabriken deutl. länger als in vielen Handwerken und Gewerben. In der Baumwollspinnerei sind in den 1820er und 30er Jahren effektive A.en (nach Abzug der Pausen) von 14-15 Stunden belegt, vereinzelt auch wesentl. längere. In den wichtigsten Industrien des Kt. Zürich registrierte man 1855 einen 13-14-Stunden-Tag. Für Verkürzungen setzten sich zunächst weniger die Betroffenen selber als um den phys. und moral. Zerfall der Arbeiterschaft besorgte Bürger ein. In den Kt. Zürich und Thurgau beschränkten Verordnungen die tägl. A. für Fabrikkinder (Kinderarbeit) 1815 auf 12-14 Stunden, mit wenig Erfolg. Das Glarner Gesetz von 1848 liess für Erwachsene in Spinnereien max. 15 Stunden (inkl. "Mittagsstunde") zu und galt als europ. Pionierleistung auf dem Gebiet des Arbeiterschutzes.
Von der Mitte des 19. Jh. an verlangten zunehmend Arbeiter selbst einen einheitl. Normalarbeitstag und dessen Verkürzung, anfängl. fast nur im Gewerbe. 1850-70 forderten die am besten organisierten Handwerker zuerst 11, dann 10 Stunden, z.T. verbunden mit Streiks. Den 10-Stunden-Tag erreichten um 1870 u.a. Typographen, Uhrenarbeiter und (oft nur vorübergehend) Bauhandwerker. Die Maschinenindustrie ging 1871 auf 10,5 Stunden zurück. Auf Gesetzesebene blieb Glarus für Fabrikarbeiter führend, 1864 mit einer max. A. von 12 Stunden, 1872 reduziert auf 11 Stunden. Es folgten 1869 Basel-Stadt und 1873 das Tessin mit 12 Stunden. Einen entscheidenden Schritt machte 1877 das eidg. Fabrikgesetz mit dem 11-Stunden- bzw. am Samstag 10-Stunden-Tag. V.a. seit Ende der 1880er Jahre gewann die Bewegung für eine Reduktion der A. neuen Schwung, u.a. mit der 1889 beschlossenen Einführung des Ersten Mai als Kampftag für 8 Stunden. Konkret ging es allerdings vorerst um 10 Stunden, die z.B. die Maschinenindustrie 1891 einführte. 1901 nutzte noch fast die Hälfte aller Fabriken die gesetzl. Höchstarbeitszeit. Diese wurde 1905 an Samstagen auf 9 Stunden verkürzt. Der Maschinensetzertarif von 1909 enthielt als Erster den 8-Stunden-Tag. Die im Rahmen der Fabrikgesetz-Revision 1914 beschlossene 59-Stunden-Woche trat wegen des bundesrätl. Vollmachtenregimes während des 1. Weltkriegs erst 1917 in Kraft. Inzwischen gehörte die 48-Stunden-Woche zu den Hauptanliegen der Gewerkschaften, was sich u.a. in den neun Forderungen zum Landesstreik 1918 niederschlug. 1919-20 setzte sich die 48-Stunden-Woche in der Schweiz wie in vielen anderen Industriestaaten in einer kurzen Phase massivster Verkürzung als erste einheitl. Normalarbeitswoche im Prinzip durch, verankert in zahlreichen vertragl. Regelungen, im 1919 revidierten Fabrikgesetz und 1920 in der Revision des Arbeitszeitgesetzes für Transportanstalten (Post, Bahn). Fakt. ermöglichten allerdings Ausnahmen auch nach Ablehnung der Lex Schulthess (ausnahmsweise 54-Stunden-Woche) im Jahr 1924 Verlängerungen, die breit genutzt wurden. Erst die Weltwirtschaftskrise verhalf der 48-Stunden-Woche zur allg. Anerkennung.
Weil die Gewerkschaften nach dem 2. Weltkrieg die A. zugunsten des Lohns vernachlässigt hatten, drang der LdU 1954 mit seiner Initiative für die 44-Stunden-Woche in ihr Tätigkeitsgebiet ein. Um den Aussenseiter abzuwehren, forderten die Gewerkschaften vertragl. Verkürzungen. 1956 vereinbarten der STB 44 Stunden ab 1959, der Schweiz. Textil- und Fabrikarbeiter-Verband in der Chem. Industrie 43-45 Stunden, 1957 der Smuv 46 Stunden ab 1958; andere Gewerkschaften erzielten ebenfalls Teilerfolge. Auf dieser Basis bekämpften fast alle Gewerkschaften zusammen mit den Arbeitgebern die Initiative des LdU, die 1958 klar scheiterte. Im folgenden Jahr verlangte der SGB die 44-Stunden-Woche mit einer eigenen Initiative, zog diese jedoch 1964 zugunsten des Arbeitsgesetzes zurück. Dieses setzte die Grenze in zentralen Bereichen bei 46, ansonsten bei 50 Stunden. Der Bundesrat erhielt die Kompetenz zur Verkürzung um eine weitere Stunde, nutzte diese aber erst 1975. Immerhin verbreitete sich die 44-Stunden-Woche in Gesamtarbeitsverträgen, so ab 1963 in der Maschinenindustrie. 1971 arbeiteten in der Industrie zwei Fünftel der Erwerbstätigen 44 Stunden, ein Achtel weniger, der Rest (z.T. erhebl.) mehr. Mit Bezug auf den hohen Fremdarbeiter-Bestand verlangten Arbeitgeber 1964-74 mehrmals Verlängerungen. 1971 lancierte die Poch eine Initiative für die 40-Stunden-Woche. Auch dieser versagten die Gewerkschaften die Unterstützung, so dass sie 1976 klar scheiterte. Der SGB vermochte für seine im folgenden Jahr zum gleichen Thema vorgestellte Initiative nicht genügend Unterschriften zu sammeln. Erst eine zweite Fassung von 1983 konnte eingereicht werden, unterlag aber 1988 in der Abstimmung. Auf vertragl. Ebene erreichten die Typographen 1979, die Arbeiter der Maschinenindustrie 1988 die 40-Stunden-Woche. Insgesamt kam die Verkürzung der wöchentl. A. schleppend voran. 1970-2010 reduzierte sie sich in der Industrie von 44,7 auf 41,2 Stunden, im Baugewerbe von 47,4 auf 41,6 Stunden; über alle Wirtschaftszweige lag das Mittel 2010 bei 41,6. Es besteht auch die Möglichkeit, die Normalarbeitszeit durch Überstunden zu verlängern, für welche gesetzl. und vertragl. Verfahrens- und Entschädigungsvorschriften geschaffen wurden.
Mit den Bestrebungen zur Flexibilisierung der A. gegen Ende des 20. Jh., denen das 2000 in Kraft gesetzte Arbeitsgesetz Rechnung trägt, gewann die Jahresarbeitszeit als Bezugsgrösse an Bedeutung. In der 1. Hälfte des 19. Jh. konnte sie in der Baumwollindustrie rund 4'500 Stunden betragen. 1900 lag sie gesamtschweiz. über 2'700, 2010 bei ca. 1'931 Stunden. Sie ermöglichte die ungleichmässige Verteilung der vertragl. A. im Jahresablauf, z.B. bei saisonal schwankendem Arbeitsanfall. Bereits in vorindustrieller Zeit hatte sie, z.B. im Baugewerbe, zur Kompensation langer Sommer-Arbeitstage im Winter gedient. Das Konzept der Lebensarbeitszeit wurde mit der Alters- und Hinterlassenenversicherung und den Pensionskassen und den sich daraus ergebenden Diskussionen um das Rentenalter sowie infolge längerer Ausbildungszeiten aktuell. Grössere freiwillige Unterbrüche des Erwerbslebens beschränkten sich weitgehend auf Frauen.
Die Verteilung der A. unterlag ebenfalls Veränderungen. Lange waren in der Schweiz zwei Stunden Mittagspause für eine Mahlzeit zu Hause üblich. Erst Anfang der 1960er Jahre gewann die durchgehende A. mit kurzer Essenspause, oft engl. A. genannt, an Bedeutung. Bestrebungen, die Sonntagsruhe zu unterlaufen, riefen von den 1860er Jahren an eine Gegenbewegung hervor. Während das eidg. Fabrikgesetz 1877 Sonntagsarbeit in den Fabriken verbot, fielen die übrigen Betriebe in die Kompetenz der Kt., in denen sich um 1900 entsprechende Vorschriften häuften. Der freie Samstag, d.h. die 5-Tage-Woche, fand im 2. Weltkrieg als Energiesparmassnahme Verbreitung. Teilweise wurde sie danach beibehalten; der eigentl. Durchbruch erfolgte aber erst um 1960. Schichtarbeit war z.T. durch den Arbeitsablauf bedingt (Post, Eisenbahn, Spitäler usw.), z.T. erlaubte sie, Verkürzungen der A. durch längere Betriebszeiten auszugleichen (z.B. in der Textil- und Maschinenindustrie). V.a. Nachtarbeit unterlag weitgehenden Regelungen (nur ausnahmsweise zulässig im Fabrikgesetz von 1877, Zuschläge in Gesamtarbeitsverträgen, Sonderschutz für Frauen). Zur Kategorie Teilzeitarbeit zählten 1960 erst 4% der Erwerbstätigen; 1970 waren es 12%, 1990 19%, 2000 29,3% und 2010 33,9%. Stets lag der Schwerpunkt bei weniger qualifizierten Tätigkeiten und v.a. bei Frauen (2010 78% der Teilzeitarbeitenden). Gleitende A. registrierte man erstmals 1969-70. In der Folge dehnte sie sich rasch aus, wobei die Initiative zunächst beim Management, nach 1975 vermehrt bei den Beschäftigten lag.
Literatur
– V. Schiwoff, Die Beschränkung der A. durch kant. Gesetzgebung und durch das erste eidg. Fabrikgesetz von 1877, 1952
– P. Kaufmann, Vierzigstundenwoche in der Schweiz?, 1960
– Gruner, Arbeiter
– Gruner, Arbeiterschaft
– W. Wüthrich, Ökonom., rechtl. und verbandspolit. Fragen in der Auseinandersetzung um die A. während der Hochkonjunktur (1946-1975) in der Schweiz und in Österreich, 1987
– Handbuch A., 1989
– B. Degen, Abschied vom Klassenkampf, 1991
Autorin/Autor: Bernard Degen