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Der begnadete Unterbrecher
Von Zeit zu Zeit nehme ich an einem Dinner teil, zu dem jeweils zwei, drei interessante Leute, vier bis fünf Schwätzer und ein paar Schweiger eingeladen sind.
Einer von den Schwätzern - es kann auch eine Sie sein - beginnt in der Regel schon beim Aperitif zu schwatzen. Das wirkt wie ein Signal für die anderen Schwätzer, bei einer Atempause des gerade Schwatzenden einzuklinken und mit gnadenloser Energie ihren eigenen Schwall auf die Tafelrunde loszulassen.
Jene, die etwas zu sagen hätten, schweigen, da es zu anstrengend wäre, sich gegen das Geschwafel durchzusetzen. Kein Schwätzer hört je freiwillig auf zu schwatzen, da ein jeder der Überzeugung ist, Wesentliches zur Erweiterung des menschlichen Horizontes beizutragen.
Es gibt nur ein Mittel gegen diese Plage: Den begnadeten Unterbrecher. Einer davon war Robi Federspiel, der Vater von Claudia und Onkel von Jürg. Er sass jeweilen am Tisch, fixierte die Schwätzerin oder den Schwätzer und hörte scheinbar interessiert zu. Im exakt richtigen Moment sagte er dann im exakt richtigen Ton das exakt Richtige: «Ja ja, das ist wie mit dem Mann, der...» Das war stets der Auftakt zu einem Witz von solch brachialer Wucht - völlig unpassend und zutiefst unter der Gürtellinie - dass ein Teil der Gäste aufschrie wie vom Erlöser getreten. Und Robi war der Erlöser!
Seine Frau Elsy war übrigens Musikerin. Wenn er an eines ihrer Konzerte ging, weil er als ihr Gatte musste, und jemand fragte: «Freuen Sie sich auch so auf den Händel?» antwortete er kurz und satt: «Händel? Aber nei, i ha lieber mi Friede» und liess die Person stehen.
Kolumne im Baslerstab vom 09.07.2002