Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03601.jsonl.gz/249

Joseph Wolfgang Alois von Deschwanden aus Stans war der erste Direktor der 1855 in Zürich gegründeten Eidgenössischen Polytechnischen Schule, der heutigen ETH. Deschwanden hatte bereits seit Ende der 1840er-Jahre der Oberen Industrieschule in Zürich als Rektor vorgestanden und ab 1851 die Hochschulkommission des Bundes zur Gründung des Polytechnikums beraten.
Im Hochschularchiv der ETH gibt es umfassende Briefbestände, Manuskripte, Zeichnungen, sogar Ölbilder und eine Reihe von Tagebüchern aus der Hand Deschwandens. Eines dieser Tagebücher entstand im Sommer des Jahres 1851, als Deschwanden eine Reise zur damals frisch eröffneten Weltausstellung in London antrat. Zusammen mit seinem Bruder, der ihn bis Brüssel begleitete, machte er sich an einem sonnigen Julitag auf die Reise von Zürich Richtung Baden bis nach Basel:
«Endlich stiegen wir heute in den ersten Bahnzug. Die Witterung war günstig. Alles um uns her grünte wunderschön. Alle Früchte des Sihlfeldes, u der ganzen Umgegend bis Baden hatten nicht nur ein gesundes sondern eher ein üppiges Aussehen. Nur die Bäume, obschon herrlich frisch u grün, waren mit Früchten nicht eben reichlich gesegnet. Dagegen waren die Höhen des Käferberg mit den schönsten Reben, die des Lägern u Uetli mit dem saftigen Grün ihrer kurzen Bewaldung trefflich geschmückt.» (Hs 142a:147)
Die damals erste Eisenbahnstrecke auf Schweizer Boden von Zürich nach Baden war erst 1847 eröffnet worden. Reisen mit der Bahn war also für den jungen Deschwanden noch eine recht neue Erfahrung. Überhaupt erlebte das Reisen, sei es aus Vergnügen oder als (Weiter-)bildung zu dieser Zeit einen rasanten Aufschwung. Gerade für Vertreter der aufstrebenden bürgerlichen Elite, zu denen auch Deschwanden gehörte, hatten Bildungsreisen einen besonderen Reiz. Zu den Beweggründen dafür zählten, die im Studium erworbenen Fähigkeiten im Ausland unter Beweis stellen, Kontakte knüpfen und pflegen zu können sowie die Möglichkeit, buchstäblich den Horizont zu erweitern. Der vornehmlich in Mathematik, Geometrie, Geographie, Physik geschulte Deschwanden interessierte sich jedoch auch stark für Geschichte, Kunst, Architektur und Malerei. In Basel besuchte er das Kunstmuseum, das kurz vorher in einem neuen Gebäude eröffnet worden war. Im Omnibus und im Zug ging es weiter Richtung Heidelberg:
«Am äussersten westlichen Rande die Vogesen, nur schwach sichtbar, doch nicht ohne charakteristische Formen. Dünne Erdschicht über dem Kiesboden. Gelblicher Kalkstein, wie Jurakalk, z.B. beim Steirerdurchbruch. Wenige zerstreute Häuser in der Umgegend. Die Häuser in den Bauerndörfern vom Stein, nur mit einem Erdgeschoss u höhen, spitzigen, mit Ziegeln gedekten Dachgiebeln.» (Hs 142a:147)
An Naturromantik mangelt es in Deschwandens Reisebeschreibungen nicht. Sein Blick beschränkte sich nicht nur auf die reizvolle Kulisse der Landschaften, die er durchfuhr, sondern richtete sich auch auf die geologischen, architektonischen und kulturellen Eigenheiten. Im starken Kontrast zu den prächtigen Städten mit ihren herrschaftlichen Bauten standen die einfachen Bauernhäuser und Äcker der dazwischen liegenden Landschaften, welche er vom Zug aus beobachten konnte. Eine Reise durch den Raum war sozusagen auch immer eine Reise durch die Zeit. Die Fahrt führte in dem Rhein entlang von Freiburg nach Baden-Baden und von dort nach Heidelberg. Von dort aus stieg Deschwanden wieder in den Zug:
«Auf dem grössten Theile der Bahn Anwendung v Längenschwellen. Die meisten Lokomotiven mit Holz geheizt, nur einige amerikanische mit Steinkohlen, die von aussen hergebracht wurden – D. Wärterhäuschen meist mit Schmuk etwas überladen. D. Wagen schwanken oft sehr stark hin u her.» (Hs 142a:147)
Ein interessantes Kuriosum des Eisenbahnbaus stellen Längsschwellen dar (siehe Skizze), welche dazumal offenkundig den heutigen Querschwellen vorgezogen wurden. Möglicherweise wurden dabei Material und Kosten eingespart.
In der Rheinstadt Heidelberg besichtigte Deschwanden das Wahrzeichen der Stadt, die Burgruine des Schlosses, welche bereits ab dem 18. Jahrhundert dem allmählichen Zerfall bestimmt war:
«Vor allem ist die Ruine in Heidelberg zu erwähnen, wir sahen an diesem Orte nichts als die Ruine, stürmten durch alle ihre einzelnen Theile, in ihren verschiedenen Stokwerken, aussen u innen herum wo wir immer konnten, immer neue, oft schöne, stets interessante architektonische Gebilde auffindend, überall auf fast zauberhafte Weise umgeben von dieser innigen Verbindung eines grossartigen, alten aber untergehenden Menschenwerkes u der stets neu aufgrünenden u üppig aufwuchernden Natur. Und doch ist es das Menschenwerk, obschon im Begriffe zu vergehen, das die Blike u Herzen noch mehr fesselt, als die es umgebende Natur, denn es erregt bei seinem Anblike die Gedanken an das was einst Menschen dachten, fühlten, litten u liebten.» (Hs 142a:147)
Deschwanden reiste weiter nach Frankfurt. Er flanierte in der Judengasse, die sich in der Altstadt befand und wo von 1462 bis 1796 das jüdische Ghetto der Stadt Frankfurt untergebracht war. Erst in den 1860er-Jahren, also zehn bis zwanzig Jahre nach Deschwandens Besuch, brach die Stadt Frankfurt die alten Häuser an der Judengasse ab und gewährte den Juden die gleichen Bürgerrechte wie allen Bürgern der Stadt. Weitere Stationen in Deschwandens Sightseeing waren die Gemäldesammlung und der Dom. Danach zog es ihn weiter nach Köln, vorbei an der berühmten Loreley, die vor allem durch Heinrich Heines Gedicht von 1824 Bekanntheit erlangte.
Über Köln ging die Reise weiter nach Brüssel, wo Deschwanden den Ausbau des Domes aus architektonischer und handwerklicher Sicht kritisch begutachtete. Hauptattraktion war der im Zentrum der Stadt liegende Platz der Märtyrer. 1774 ursprünglich dem Schutzpatron der Stadt, Saint Michael gewidmet, wurde der Platz ab 1839 zum Gedenkort für die Opfern der Belgischen Revolution im Jahre 1830:
«Es ist das Denkmal an den siegreichen Kampf für die Unabhängigkeit Belgiens von Holland in den 30er Jahren, bestehend – nicht nur aus einem kunstvollen marmornen Monumente – sondern vorzugsweise aus den Gräbern der damals Gefallenen. In d. Mitte ein Postament mit d. Statue Belgiens, auf d. Löwen sizend, der d. Ketten zerbrochen, an den 4 Eken mit theils bittenden, theils trauernden sehr schön gearbeiteten Genien, u auf d. 4 flachen Seiten mit in Basrelief dargestellten Szenen aus d. Kampfe. Alles in weissem Marmor.» (Hs 142a:147)
Auf dem letzten Abschnitt des kontinentaleuropäischen Teils seiner Reise besuchte er die Städte Gent und Brügge und schiffte dann in Ostende für die Weiterreise über den Ärmelkanal ein. An seinen Stationen lässt sich erkennen, dass der nachmalige Direktor des Eidgenössischen Polytechnikums unglaublich breite Interessen und Kenntnisse besass. Beat Glaus, der ehemalige Leiter der Wissenschaftshistorischen Sammlungen an der ETH-Bibliothek, beschreibt ihn treffend als «Kunstliebhaber mit kühlem und nüchternem Verstand». Wie sich Deschwanden in der damaligen Weltstadt London zurechtfand, wird im zweiten Teil dieser kurzen Blogreihe zu lesen sein.
Weiterführende Lektüre:
Prein, Philipp: Bürgerliches Reisen im 19. Jahrhundert: Freizeit, Kommunikation und soziale Grenzen, Münster 2005. (Kulturgeschichtliche Perspektiven 3)