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Doris De Agostini war eine aussergewöhnliche Skirennfahrerin – und blieb bescheiden. Sie hätte zum Mannequin des Weltcups aufsteigen können, doch das hätte nicht zu ihrer zurückhaltenden Art gepasst. Ein Nachruf.
Doris De Agostini (Mitte) gewinnt im Februar 1983 bei den Schweizer Skimeisterschaften der Alpinen die Abfahrt auf dem Stoos vor Michela Figini (links) und Brigitte Oertli.
Es war eine Zeit, als ohne Handy oder Navigationsgerät alles ein bisschen gemächlicher ablief. Gerne machten die Skijournalisten im «Schwarzen Adler» in St. Anton am Arlberg einen Zwischenhalt für ein Mittagessen, wenn sie an ihre Rennen reisten. Eines Wintertages hielt da auf dem Parkplatz ein Auto mit Schweizer Kennzeichen und der Reklameaufschrift einer Skifirma, und wenig später fragte ein junger Bündner am Journalisten-Tisch: «Bin ich hier richtig auf dem Weg nach Garmisch?» Dieser Blondschopf war in Begleitung eines schlanken, einen halben Kopf grösseren weiblichen Teenagers: Fritz Züger, damals Servicemann von Doris De Agostini, fuhr zusammen mit seinem Tessiner Skitalent zum Weltcup der Frauen in der bayrischen Station.
Der spätere Schweizer Weltcup-Trainer muss rechtzeitig angekommen sein. Wie sein Weltcup-Neuling da abschnitt, in einem Slalom notabene, ist in den Statistiken nicht zu eruieren – viel wichtiger war aber so oder so: Doris De Agostini, der Name des Teenagers aus Airolo, wurde in den folgenden sieben Jahren zu einem Begriff im Skirennsport, nicht im Slalom, aber in der Abfahrt. Die Frau, die vor allem zu bestehen schien aus langen Beinen und aus Armen, die sie auf der Piste seitwärts ausstreckte, wie ein Helikopter seine Rotoren zur Balance, feierte in wenigen Jahren manch grossen Erfolg.
Traurig nach der Sensation
Ihre Karriere kam schon in ihrer ersten Weltcup-Saison von null auf hundert: Im Januar 1976, keine zwei Wochen vor den Olympischen Spielen von Innsbruck, errang sie in Bad Gastein völlig unerwartet ihren ersten Sieg. Von Schnee und Nebel wechselte das Wetter in jenem Rennen auf strahlenden Sonnenschein, die damals unbekannten Schweizerinnen Doris De Agostini und Marlies Oberholzer belegten die Plätze 1 und 2, die Favoritin Marie-Theres Nadig fuhr – bei schlechten Bedingungen – in den 4. Rang. Mit der ebenfalls etablierten Bernadette Zurbriggen wetterte und fluchte Nadig nach dem Rennen, über die Funktionäre und ihre junge Landsfrau, die Siegerin, die weinend im Zielraum stand und schluchzte: «Ich kann doch nichts dafür, dass ich gewonnen habe.»
Mit 30 Sekunden Rückstand landete die Startnummer 1 des Rennens in den hintersten Ranglistenregionen und stellte im Ziel lachend fest: «So kann der Skisport halt sein.» Es war die Deutsche Rosi Mittermaier. Ein paar Tage später wurde sie Abfahrts-Olympiasiegerin.
Wie so manche «Zufallssiegerin» holte Doris De Agostini, die als erste Tessinerin im Ski-Weltcup Furore machte, den Beleg nach, dass in Bad Gastein nicht der pure Zufall Regie geführt hatte. Und dass jemand eine Wut auf sie haben könnte, war fortan eigentlich undenkbar. «Sie war die liebenswerteste Person, die man sich vorstellen kann», erinnert sich Hanni Wenzel, die Liechtensteinerin im Schweizer Skiteam, die oft mit De Agostini das Zimmer teilte, «und sie war mit allen Menschen so.» Die beiden trafen sich auch nach ihren Karrieren regelmässig, auch am Rande von Tenniscourts, auf denen sich ihre Kinder tummelten und hübsche Erfolge errangen.
Viel gegessen, Figur wie ein Mannequin
Gross und schlank war Doris De Agostini bis zuletzt. Während der Aktivzeit hätte sie noch so gerne etwas Power zugelegt, «sie ass immer enorm viel», erinnert sich Wenzel, «zum Zvieri trank sie manchmal einen Liter Milch und verdrückte dazu vier Gipfeli.» Doch De Agostini sei schlank geblieben, «während ich nur schon vom Zuschauen zunahm».
Es sind schöne Meriten, die für De Agostini zu Buche stehen: Acht Weltcup-Siege, eine WM-Bronzemedaille, und 1983, in ihrer letzten Saison, der Gewinn des Abfahrts-Weltcups sowie die Wahl zur Schweizer Sportlerin des Jahres – zu einem Star ist sie gleichwohl nie geworden. Sie hätte zum Mannequin des Weltcups aufsteigen können, doch das hätte nicht zu ihrer zurückhaltenden Art gepasst. Sie schien sich ihrer Wirkung auf die Umgebung gar nicht bewusst zu sein. Auf der Piste gab sie alles, daneben hütete sie ihr Privatleben konsequent. Für Bikini-Contests mit Schweizer Sportlerinnen musste sie der Boulevard gar nicht erst anfragen, nur schon, weil ihr Freund und spätere Ehemann, der Eishockeyspieler Luca Rossetti, solche Ansinnen abgeschmettert hätte.
Nur einmal überschätzte sie ihre Ausstrahlung: Als De Agostini nach dem Sieg in Bad Gastein nach Hause zurückkehrte, spielte in Airolo eine Musikkapelle und ein Feuerwerk erhellte den Nachthimmel. Das sei jetzt aber übertrieben, das wäre doch nicht nötig, habe sie damals gedacht, erzählte sie später. Das Fest wurde jedoch nicht ihr zu Ehren abgehalten, sondern zur 100-Jahr-Feier des Gotthardtunnel-Durchstichs.
Am Sonntag ist Doris De Agostini im Alter von 62 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit verstorben.