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Anne-Claire Adet
09. November 2020
Mitten in ihren «Quasi-Ferien» gibt sie uns ein Interview. Die neue Co-Präsidentin von AROPA ist immer aktiv. Dennoch steht sie selten im Rampenlicht, trotz der bemerkenswerten Erfolge, die sie seit 2004 mit ihrer Firma Box Productions erzielt. «Die Presse interessiert sich nicht besonders für Produzentinnen», bestätigt sie. Elena Tatti hat rund 40 Filme produziert und zwei Jahre in Folge haben ihre Produktionen einen Quartz für den besten Spielfilm und das beste Drehbuch erhalten, 2020 für «Le milieu de l’horizon» von Delphine Lehericey und 2019 für «Ceux qui travaillent» von Antoine Russbach.
Heute gilt sie als eine der erfolgreichsten Westschweizer Produzentinnen, doch geboren wurde sie im Tessin. Ihre Familie ist nicht besonders kinobegeistert, dafür haben Bücher im Elternhaus einen grossen Stellenwert. Obwohl Elena Tatti Kultur in erster Linie über die Literatur kennenlernt, interessiert sie sich auch für Filme. Seit ihrer Kindheit besucht sie regelmässig das Festival von Locarno: «Dort habe ich meine ersten Kinoerfahrungen gemacht und sehr überraschende Filme entdeckt.» Sie nennt Rivette, Fellini, Buñuel, eine Retrospektive der Nouvelle Vague, und unterstreicht die wichtige Rolle des kleinen Filmclubs von Bellinzona, der auch kommerzielle Filme herausbrachte.
Mit 19 Jahren beginnt sie in Freiburg ein Philosophiestudium und gründet zusammen mit ihren Studienkollegen Thierry Spicher und Philippe Clivaz den Filmclub Fri-Son. Der Film begleitet sie während ihrer ganzen Studienzeit, ist jedoch nie eine Karriereoption. Sie arbeitet nebenbei als Assistentin am Filmfestival Freiburg (FIFF) oder im Sommer am Festival von Locarno. Mit 24 Jahren beginnt sie, Makroökonomie zu studieren und schliesst mit einem Master über Léon Walras, den Gründer der ökonomischen Neoklassik, ab.
Pragmatische Feministin
Doch wie kam sie zur Filmproduktion? «Die Entscheidung, den Film zu meinem Hauptberuf zu machen, entstand im Laufe meiner Begegnungen, allen voran mit Thierry Spicher», der während Jahren ihr enger Begleiter war und heute noch ihr Geschäftspartner ist. Gemeinsam lernen sie Jean-Stéphane Bron kennen, und der junge Filmemacher erzählt ihnen von seinem Projekt. «Damals konnte man auch ohne Erfahrung vieles machen», erinnert sich Elena Tatti. Also stürzen sie sich in das Abenteuer, gründen Box Productions und produzieren «Mon frère se marie» mit Jean-Luc Bideau, der 2007 den Schweizer Filmpreis für die beste Hauptrolle erhält. Kurz darauf begegnet Elena Tatti Ursula Meier. Deren Film «Home» (2008) erzielt in den Schweizer Kinos 90ʼ000 Eintritte und ist für sie ein Wendepunkt: «Jetzt wurde ich wirklich zur Produzentin. Ich habe vieles gelernt, doch vor allem wurde mir klar, dass das mein wahrer Beruf ist, den ich weiterhin ausüben möchte.»
Elena Tatti versteht das Produzieren vor allem als Zuhören und Beziehungen schaffen. Sie geht auf jeden Film individuell ein und stellt sich auf die Umstände und auf die Bedürfnisse der Regisseurinnen und Regisseure ein. Lächelnd erwähnt sie «Até ver a luz» von Basil da Cunha, einen «rockigen» Film, wo zuweilen improvisiert wurde. Sie sieht sich auch als «pragmatische Feministin»: Sie achtet auf Gleichstellung während der Dreharbeiten sowie auf die Frauenrollen in ihren Produktionen, um Stereotypen zu vermeiden.
Filme sollen Fragen aufwerfen
Das Philosophiestudium hat Elena Tatti ein Gespür für Inhalte, Tiefe und Komplexität gegeben: «Ich erwarte von einem Film, dass er Fragen aufwirft. Ich möchte nicht Dinge zeigen, die man schon weiss, sondern die Leute mit Fragen konfrontieren, die bisher nicht gestellt wurden. Ich mache nicht Filme, um Preise zu gewinnen, sondern um Themen anzusprechen, die das Publikum interessieren und Diskussionen anregen.» Delphine Lehericey, die für «Le milieu de l’horizon» und für ihren 2013 erschienenen ersten Spielfilm «Puppylove» mit Elena Tatti zusammengearbeitet hat, beschreibt sie als eine «sehr intelligente Frau mit einer globalen Sicht der Dinge. Sie besitzt gleichermassen eine grosse künstlerische Sensibilität und solide Kenntnisse des Produktionsgeschäfts und des Branchenumfelds. Sie ist weder ausschliesslich auf die künstlerischen, noch auf die kommerziellen Aspekte eines Projekts fixiert; sie hat ein gutes Gleichgewicht.» Wie ein Spagat zwischen politischer Philosophie und Makroökonomie.
Elena Tatti betrachtet ihre neue Rolle bei AROPA zugleich als persönliche Herausforderung und als Gelegenheit, sich für ein Gemeinschaftsprojekt einzusetzen: «Natürlich besteht unter den Produktionen ein Wettbewerb, doch es gibt auch viele gemeinsame Interessen.» Zu den Dossiers, die sie vorantreiben möchte, gehört natürlich die Investitionspflicht der Streaming-Plattformen, aber auch, «sich engagiert fürs Überleben der audiovisuellen Produktion einzusetzen – in kultureller ebenso wie in wirtschaftlicher Hinsicht: für die Arbeitsplätze. Wir sitzen alle im selben Boot.» Als Film-Autodidaktin ist es Elena Tatti gelungen, ihre Begeisterung zu bewahren, und ihre Zielstrebigkeit sowie ihre unerschütterliche Ruhe werden ihr für diese neue Aufgabe sicher nützlich sein.
▶ Originaltext: Französisch