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2.Parteienzahl
3.Parteienstärke
4.Ideologische Ausrichtung
5.Aktuell
6.Biographisches
7.Literatur
1. Einführung
Wenn man Parteiensysteme weltweit vergleicht, benötigt man bei einer Analyse in erster Linie Angaben über die Anzahl der Parteien, die Parteienstärke, ihre ideologische Ausrichtung, die Art ihrer Unterstützung und ihrer Organisationsstruktur und ihr Typ der Führung. Im Zusammenhang mit westlichen liberalen Demokratien ist es möglich, die Analyse auf die ersten drei dieser Charakterisierungen zu beschränken. Bis auf wenige Ausnahmen sind westliche Parteien von gemeinsamer Art, was ihre Organisationsstruktur und innerparteiliche Führung betrifft. Charismatische Führung ist eher die Ausnahme. Und das andere Extrem, Kommunistische Parteien, gleicht sich immer mehr den „normalen“ Parteien an.
Westliche Parteien versuchen national auf die Wählerschaft einzuwirken, indem sie ein allgemeines Wertbild vermitteln. Der Unterschied zwischen den Parteien liegt denn auch mehr in diesen Inhalten, als in den Strukturen der Parteiorganisationen.
2. Parteienzahl
Unter westlichen Demokratien lassen sich vier Gruppen von Parteien klar herausbilden. Fünf Länder geben im langjährigen Durchschnitt mehr als 90% der Wählerstimmen den beiden grössten Parteien. In der zweiten Gruppe geben fünf Länder zwischen 75 und 80 Prozent ihrer Stimmen den zwei grössten Parteien. In der dritten Gruppe erhalten in sechs Ländern die zwei wichtigsten Parteien zwei Drittel der Stimmen. Und in der vierten Gruppe erhalten die zwei wichtigsten Parteien noch etwa die Hälfte der Stimmen.
Länder der ersten Gruppe definiert Blondel als Zwei-Parteien-Systeme. Die fünf Nationen der zweiten Gruppe kann man als Drei-Parteien-Syteme bezeichnen. Die neun Länder der zweiten Gruppe sind die eigentlichen Mehr-Parteien-Systeme, in denen bis zu sechs Parteien eine signifikante Rolle spielen im politischen Prozess.
3. Parteienstärke
Man muss wenig erläutern zu der ersten Gruppe, in denen über 90% der Wählerstimmen zwischen den beiden wichtigsten Parteien aufgeteilt werden. Bemerkenswert ist jedoch, dass die Unterschiede in der Stärke der beiden Parteien in allen Fällen äusserst gering ist. Theoretisch könnte eine deutlich dominierende Partei durchaus denkbar sein, tatsächlich aber gibt es kein Zwei-Parteien-System, in dem die grössere der beiden Parteien eine Vorsprung von mehr als zehn Prozentpunkten aufweist. Trotz grösserer Unterschiede sozialer Strukturen, zum Beispiel zwischen den USA, England oder Österreich, verteilt sich die Wählerschaft bei allen etwa zu gleichen Teilen zwischen den beiden grössten Parteien auf. Natürlich ist dies kein Beweis dafür, dass es unmöglich wäre, eine Situation mit einer dominierenden Partei in einem Zwei-Parteien-System zu finden. (Es gibt diese Beispiele ungleicher Verteilung, allerdings nicht bei Demokratien westlicher Art).
Es scheint jedoch möglich, die Hypothese zu stellen, dass, in westlichen Demokratien, die Tendenz besteht, dass sich die beiden grossen Parteien in einem Zwei-Parteien-System jeweils einem relativen Gleichgewicht nähern.
Länder mit Drei-Parteien-Systemen weisen auch gewisse Gemeinsamkeiten auf. So sind die Unterschiede in der Parteienstärke im Allgemeinen bedeutend grösser als jene von Ländern der ersten Gruppe. Diese Unterschiede scheinen zudem von struktureller Art sein, bleiben sie doch teilweise während Jahrzehnten bestehen. Diese Länder haben noch eine andere Charakteristik: Sie haben alle zwei grosse Parteien und eine dritte, viel kleinere Partei. Obwohl es auch hier theoretisch denkbar wäre, drei ungefähr gleich grosse Parteien zu haben, lässt sich unter westlichen Demokratien kein System dieser Art finden. Die Länder der zweiten Gruppe sollten deshalb wohl eher Zweieinhalb-Parteien-Syteme genannt werden. Wenn man die Entwicklung der Parteien betrachtet, kommen wohl mal Drei-Parteien-Syteme vor, sind aber nur „Übergangslösungen“, da im Allgemeinen instabile Form von Parteien-Systemen.
4.Ideologische Ausrichtung
Wie bisher werden die Parteien in diese vier Gruppen eingeteilt. Aber das Parteiensystem kann nicht vollständig definiert werden, wenn man nicht die Positionen der einzelnen Parteien auf dem ideologischen Spektrum miteinbezieht, besonders wenn das System keinen symmetrischen Charakter ausweist. Sogar in westlichen Demokratien ist es schwierig, die Parteien vernünftig zu typologisieren. Die USA und Irland beispielsweise hatten immer Parteien, die nicht in irgendeine einfache Kategorie passten. Die französischen Gaullisten sind nicht einfach gewöhnliche Konservative. Die anderen Länder mit Mehrparteiensysteme haben alle einige Parteien mit eigentümlichem Charakter, so zum Beispiel die beiden Konservativen Parteien in Holland, die Schwedische Partei in Finnland oder die SVP in der Schweiz.
Die erste Gruppe ist mit Ausnahme der USA ziemlich homogen. Die vier anderen Staaten haben eine grosse Sozialistische Partei und eine starke konservative oder christliche Partei. Dazu kommt noch eine andere sehr kleine Gruppierung in der Mitte der beiden grossen Parteien.
Die Länder der zweiten Gruppe haben zwei verschieden Typen von Parteiensystemen. Belgien, Deutschland und Luxemburg gleichen den Ländern der ersten Gruppe, ausser dass die Zentrumspartei stärker ist (wobei diese grössere Stärke auf die Kosten von nur einer der grossen Parteien geht, nämlich der sozialistischen Partei), und dass die rechte Partei nicht christlich sondern konservativ ist.
Es gibt genau zwei Arten von Mehrparteiensystemen mit einer dominanten Partei. Drei Skandinavische Länder (Dänemark, Norwegen und Schweden) haben eine starke sozialistische Partei; Island und Italien haben eine dominante konservative oder christliche Partei. Die Linke ist gespalten in Kommunisten und Sozialisten, genau umgekehrt bei den drei skandinavischen Nationen. Länder der vierten Gruppe haben keine dominanten Parteien: Parteistärken sind ziemlich gleichmässig über das ganze ideologische Spektrum verteilt, in Holland und der Schweiz, aufgrund schwacher kommunistischer Gruppierungen, mit etwas weniger Bandbreite.
So gibt es also sechs Typen von Parteiensystemen in westlichen Demokratien. Auf der einen Seite die „reinen“ Zwei-Parteien-Systeme, dessen ausgeprägtester Vertreter die USA sind; auf der anderen Seite sind die Wählerstimmen über das ganze ideologische Spektrum verteilt, in Gruppierungen von nicht viel mehr als 25%.
Einige Typen von Parteiensystemen, die theoretisch möglich wären, scheinen nicht zu existieren, zumindest nicht in abendländischer Demokratie.
5. Aktuell
Der Text Types of Party System ist ein Auszug aus dem Aufsatz „Party Systems and Patterns of Government in Western Democracies“, der im Canadian Journal of Political Sience 1968 (180-203) abgedruckt wurde. Dementsprechend ist der Text teilweise von der Entwicklung überholt worden. So könnte man in Tabelle 22.3 einige Ergänzungen oder Änderungen anbringen. Ich möchte dies aber nur in einem Fall tun, nämlich im Fall der Schweiz. Blondel erwähnt im Text die frühere SVP als spezielle, schwierig zu kategorisierende Partei. In der Zwischenzeit hat diese Partei enorm an Wählerschaft zugelegt. So könnte man die Tabelle dahingehend abändern, dass die Schweiz nun vier „M-Parteien“ hat. Dennoch verbleibt die Schweiz in Gruppe 4, ist sie doch ein typischer Vertreter dieser Gruppe.
6. Biographisches
Jean Blondel wurde 1929 geboren. Ausgebildet wurde er am Institut d’Etudes und an der Rechtsfakultät der Universität von Paris und am St. Antony’s College in Oxford. 1964 wurde Blondel Professor am Department of Governement der Universität Essex. 1985 wurde er Professor für Politikwissenschaft am European University Institute in Florenz. Sein Gebiet war (und ist) die vergleichende Politik.
Er ist ein Mitglied der Royal Swedish Academy of Sciences und hält einige Ehrentitel der Universitäten von Salford, Essex, Louvain-la-Neuve, and Turku.
7. Literatur
BLONDEL, Jean 1968: Types of Party System, in:
Canadian Journal of Political Sience, 180-203.
BLONDEL, Jean und Cotta M. 1996: Party and Governement, MacMillan.
DAHL, Robert A.: Party Systems and Patterns of Opposition.
www.iue.it/RSC/people