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Bild
Titel:
Spanische Grippe
Thema: Leute
Ort: Gais (Karte anzeigen)
Datum: 23.10.1918
Masse: 25 x 20.8 cm
Standort: Nachlass Familie Müller aus Gais, Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, Pa.008-35
Urheber/-in: Buchdruckerei Gais
Beschreibung:
Todesanzeige für Hermann Müller vom 23. Oktober 1918. Die Bekanntgabe des Todes wird durch Abkürzung "P. P." für "publicatum publice" (öffentlich bekannt gemacht) betont. Die Anzeige ist mit einem breiten schwarzen Rand versehen. Auf der zweiten Seite des Dokuments befinden sich eine Lasche, ein Schlitz sowie ein Adressfeld. Sie konnte dadurch zu einem Brief gefaltet und adressiert werden.
Geschichte:
Am 7. Mai 1896 erblickte Hermann Müller in Gais das Licht der Welt. In der Schulzeit schien er sich mit seinem Lehrer Hofstetter nicht immer gut zu verstehen. Im Frühling 1905 - im Jahr, in dem seine Eltern das Gasthaus "Ochsen" in Gais übernahmen - erhielt der Zweitklässler eine ungenügende Betragensnote. "Ich sehe mit Bedauern den fähigen Knaben schlimme Wege gehen. Er ist ungehorsam und widersetzlich, dabei zornwütig", notierte der Lehrer ins Zeugnis. Danach hatte Hermann offenbar auf den rechten Pfad zurückgefunden.
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts galt Gais als bekannter Kurort. 1749 wurden erstmals Molkekuren angeboten. Doch der Wandel vom Molke- zum modernen Luftkurort gelang nicht. Der Fremdenverkehr ging in Gais nach 1860 massiv zurück. Das Geschäft im Ochsen schien jedoch ganz ordentlich zu gehen. Besonders an der Chilbi wurde ein grosser Teil des Jahresumsatzes erwirtschaftet. Viele Gäste kamen aus Deutschland.
Dies änderte sich mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges schlagartig. Der Fremdenverkehr brach im Appenzellerland komplett ein. Mutter Elwina schrieb ihrem erstgeborenen Sohn Ernst, Hermanns Bruder, im August 1914 einen Brief: "Hier ist alles furchtbar ruhig. Man sieht kaum mehr einen Gast." Ob er denn jetzt gar nie mehr frei habe, solange der Krieg währt, fragte sie Ernst, der als Güterbahnlogistiker in St. Gallen arbeitete.
Dass Hermann dereinst den "Ochsen" übernehmen sollte, stand fest. Doch zunächst verliess er seine Heimat und absolvierte ab 1913 in Schaffhausen eine Lehre zum Konditor, die er sehr zur Zufriedenheit seines Meisters abschloss. Danach arbeitete er unter anderem in Wädenswil, in Einsiedeln und wieder in Schaffhausen. Am 20. Mai 1918 nahm er seine Arbeit im Bahnhof-Buffet am Zürcher Hauptbahnhof auf. Doch lange währte seine Arbeitszeit nicht. Weltweit grassierte die sogenannte Spanische Grippe. Sie brach in der Schlussphase des Ersten Weltkriegs aus. Mit mindestens 20 Millionen Toten forderte die Grippe weit mehr Opfer als der Krieg selbst. Ende September erkrankte auch Hermann. Man lieferte ihn ins Kantonsspital in Zürich ein. Er erlitt eine schwere Brustfell- und Lungenentzündung und verstarb am Morgen des 23. Oktober 1918 im Alter von 22 Jahren. Den Landesstreik und das Ende des Krieges erlebte er nicht mehr.
Der Betreiber des Bahnhof-Buffets, Herr Kummer, veranlasste, dass das Spital die wenigen Habseligkeiten Hermanns nach Gais schickte: schmutzige Wäsche, das Arbeitsbuch, eine Uhr, das Portemonnaie mit etwas Taschengeld. Ausserdem hatte Hermann noch den Septemberlohn (96 Franken) und ein Darlehen an einen Mitarbeiter (20 Franken) zugute. Das Geld schickte Kummer mit einigen Worten des Beileids ebenfalls an Hermanns Familie. Mutter Elwina sei nie über den Tod ihres Sohnes hinweggekommen, heisst es in ihrem Nachruf.
Autor: Roman Hertler
Literatur:
Rechsteiner, Karl und Achilles Weishaupt: Geschichte der Gemeinde Gais. Gais 2002, S. 220ff.
Sonderegger, Christian: Grippe. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 13.02.2007. http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D22714.php (07.01.2015).
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