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Bartleby, der Schreiber» ist eine Geschichte von Herman Melville, der auch «Moby Dick» geschrieben hat, und Bartleby ist, wie der Titel verrät, ein amtlicher Schreiber. Er arbeitet für einen Anwalt in einer Kanzlei als ein Eifriger und als einer, der seine Arbeit gründlich verrichtet. Bis er eines Tages, auf die Anfrage seines Vorgesetzten hin, einen bestimmten Text zu kopieren, mit einem sanften Lächeln erwidert: «Ich möchte lieber nicht.» Diese Absage der dienstlichen Pflicht wiederholt sich in den darauffolgenden Tagen und wird allmählich mühsam bis unerträglich. Gleichzeitig bringt es der Anwalt nicht übers Herz, den ansonsten sympathischen Bartleby vor die Tür zu setzen, was circa 30 Seiten später zur Folge hat, dass der Anwalt selbst aus jenem Büro auszieht. Das ist noch nicht das Ende, aber schon mal eine schöne Geschichte.
Nicht unüberraschenderweise haben wiederum überraschend viele Denker unserer Zeit über Bartleby geschrieben und philosophiert, verkörpert er doch das emanzipierte Gewissen, die Unabhängigkeit vom allgemeinen Pflichtverständnis und die Erkenntnis der Möglichkeit, Nein zu sagen. Und das ist gerade in der heutigen Zeit des sogenannt unverortbaren Diktats eines allmächtigen Systems natürlich explosives Material, wenn man genau darüber nachdenkt. Aber dazu ein andermal!
Ich nahm mir die Geschichte zu Herzen, und als ich kürzlich zu einem angesagten Performancefestival in England eingeladen war, habe ich am Ende meines bezahlten zehntägigen Aufenthalts nichts gezeigt. Zum anschliessenden Künstlergespräch, auf das ich mich immerhin einliess, kamen erstaunlich viele Leute. Ich eröffnete die Veranstaltung mit dem Satz: «Guten Tag, mein Name ist Martin Schick, und ich möchte lieber nichts zeigen. Gibt es Fragen?» Und die gabs. So viele wie noch nie. Wo es doch bei solchen Veranstaltungen fast immer um hohles Künstlergeplänkel geht, schossen nun die existenziellen Fragen durch den Raum. Das war herrlich, ein richtiges Spektakel! Ich habe sie alle notiert (für eine Auflistung reichts leider nicht, ich habe nur 3000 Zeichen) und dann erklärt, ich möchte sie lieber nicht beantworten. So der Verlauf. Im Anschluss meldete die Festivalleitung, alle Festivalteilnehmer hätten das Festival ausserordentlich geschätzt, nicht zuletzt wegen der Anwesenheit von diesem Schmürz, den ich darstellte; diesem Passivisten, der durch sein Nicht-Tun das Bewusstsein für alles andere, was getan wird, per se erhöht. Oh Mann, man kann innerhalb vom zeitgenössischen Kunstkontext ja so gar nichts falsch machen! Man müsste das einmal in anderer Umgebung ausprobieren. Habe mir überlegt, diese Kolumne nicht zu schreiben, um das Bewusstsein für alles andere, was da in den Freiburger Nachrichten so steht, zu erhöhen. Aber so ist das nun mal: Ich konnte diese Kolumne schreiben oder auch nicht. Und Sie können es einen Kulturbeitrag nennen oder auch nicht. Das ist die Erkenntnis von Potenzialität.
Martin Schick ist Schauspieler und Performancekünstler. Er wuchs in Tafers auf und lebt derzeit hauptsächlich in Berlin. Als Kulturschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.