Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03381.jsonl.gz/1854

Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?
Frauen bringen mir Fotos verschiedener Filmstars, immer mit hellbraunen Haaren, obwohl unser mongolisches Haar schön schwarz ist. Bei den Männern ist der Sänger Bold das grosse Vorbild: Vorn trägt er eine hochgestellte Tolle, an den Seiten rasiert.
Haben Sie eine spezielle Methode?
Ich begutachte zuerst immer die Haarstruktur, um den Gesundheitszustand des Kunden zu prüfen. Ist er nicht gut, rate ich vom Haareschneiden ab. Davon abgesehen arbeite ich mit Schere und Kamm.
Warum sind Sie Coiffeur geworden?
Aus Zufall. Als ich 19 Jahre alt war, hatte ich die Absicht, Koch zu werden. In einem Ausbildungszentrum sah ich Coiffeure bei der Arbeit, und das gefiel mir viel besser. Obwohl mein Vor- und Nachname für einen Coiffeur vielleicht etwas speziell sind, übersetzt bedeuten sie: eine feste, stählerne Axt. Aber ich bin eine sanfte Axt.
Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?
Ich machte eine zweimonatige Ausbildung, danach eine halbjährige Lehre in einem Salon. Die Abschlussprüfung absolvierte ich mit Erfolg. Demnächst gehe ich die Meisterprüfung an. Man kann sie erst nach sechs bis zehn Jahren Praxis ins Auge fassen. An Wettbewerben habe ich bereits zwei Mal eine Ehrung gewonnen.
Was sind Ihre Zukunftspläne?
Es sind eher Träume. Mein Einkommen reicht für mich als Single, aber nicht für eine Familie. Ich träume davon, in den USA oder in Europa einen eigenen Salon zu führen.
Haben Sie viele Stammkunden?
Sehr viele! Mindestens hundert. Darunter Parlamentsabgeordnete, Geschäftsleute und auch Hausfrauen.
Welche Art Kunde ist die grösste Herausforderung für Sie?
Es gibt keine schwierigen Kunden. Ich versuche immer, dem Kunden ein gutes Gefühl zu geben, dafür werde ich bezahlt. Und meist gelingt mir das.
Haben Sie prominente Kunden?
Die Mitglieder der Popgruppen Camerton und Nomin Talst. Beide sind sehr berühmt.
Wem würden Sie gerne die Haare schneiden?
Dem Präsidenten, das wäre nicht schlecht.
Welche Reaktionen haben Sie schon erlebt?
Während der Lehrzeit gab es ein paar Unzufriedene, seither nicht mehr.
Haben Sie sich schon einmal geweigert, einen Wunsch auszuführen?
Ja, um die Gesundheit und die Haare zu schützen, etwa beim Haarefärben. Andererseits habe ich auch schon radikale Schnitte gemacht, etwa einen Irokesenschnitt. Der steht Mongolen nämlich sehr gut!
Was gefällt Ihnen an Ihrer Stadt?
Ich stamme aus Pornod, einer Siedlung in der Steppe südöstlich der Hauptstadt. In Ulaanbaatar liebe ich es, im Sommer abends draussen zu sitzen oder mit Kollegen kegeln zu gehen. Was mir nicht gefällt, ist der Smog, den wir vor allem im Winter haben.
Warum ist Ihr Salon in diesem Quartier?
Hier gab es schon zuvor einen Salon, der schlecht lief. Mein älterer Bruder, der noch einen zweiten Salon besitzt, konnte diesen übernehmen.
Ulaanbaatar hat sich seit Beginn des Minenbooms vor knapp fünf Jahren stark verändert. Es wird viel gebaut. Wie erleben Sie das?
Ich finde das gut. Hätte ich die Möglichkeit, würde ich sofort in einem der schicken Quartiere einen Salon eröffnen. Das Geld dazu wird mir vermutlich die Regierung geben, den Antrag habe ich bereits gestellt. Dank dem neuen Reichtum durch die Minenwirtschaft sollen jetzt alle Mongolen einen Grundlohn erhalten oder ein Investitionsgeld, rund 1000 Franken im Jahr.