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Dieses kleine Buch gibt den Inhalt von fünf Vorlesungen wieder, die Jaspers vom 25. bis 29. März 1935 auf Einladung der Universität Groningen in Holland gehalten hat. Hans Saner schrieb im Begleittext zu der dritten Auflage von 1984: „Wer die Entwicklung des Denkens von Karl Jaspers verstehen will, muss ‚Vernunft und Existenz‘ gelesen haben. Diese Schrift … nimmt im Gesamtwerk von Jaspers eine Schlüsselposition ein und wird damit zur wohl wichtigsten der kleineren systematischen Schriften.“
Die wiedergegebenen fünf Vorlesungen bilden gleichzeitig die Gliederungsgesichtspunkte für das Buch:
1. Vorlesung: Herkunft der gegenwärtigen philosophischen Situation (Die geschichtliche Bedeutung Kierkegaards und Nietzsches)
2. Vorlesung: Das Umgreifende
3. Vorlesung: Wahrheit und Mitteilbarkeit
4. Vorlesung: Vorrang und Grenzen vernünftigen Denkens
5. Vorlesung: Die Möglichkeiten gegenwärtigen Philosophierens
Aus dem ersten Abschnitt dieses Buches lässt sich ersehen, was bereits aus Jaspersʼ Buch Psychologie der Weltanschauungen (1919), das er selber noch nicht als philosophisches Werk, sondern als Entwurf einer verstehenden Psychologie aufgefasst hatte, so deutlich wird: der nachhaltige und prägende Einfluss des Philosophierens von Søren Kierkegaard und Friedrich Nietzsche auf sein eigenes Denken. Hier nimmt er die radikale Vernunftkritik dieser beiden Klassiker der modernen Philosophie als Ansatz, um selber zu einem positiven Verständnis von Vernunft zu gelangen. Die besondere Bedeutung, die Vernunft und Existenz in der Denkentwicklung von Jaspers einnimmt, liegt in dem Umstand, dass er hier erstmals dem Vernunftbegriff einen systematischen Stellenwert in seinem Philosophieren einräumt. Diesen Stellenwert hatte die Vernunft in seinem existenzphilosophischen Hauptwerk Philosophie (1932) noch nicht. Die Vermittlung von „Existenz“ (und den damit verbundenen moralischen Implikationen, die in der Philosophie vor allem in den Kapiteln über die Grenzsituationen und die Kommunikation deutlich werden) und „Vernunft“ sollte fortan zum zentralen Anliegen seines Philosophierens werden. Dieses Anliegen bildet nicht zuletzt auch noch in seiner späteren politischen Philosophie, wie sie in dem Buch Die Atombombe und die Zukunft des Menschen (1958) ihren markantesten Ausdruck gefunden hat, das Hauptziel seines Nachdenkens über Politik.
In Vernunft und Existenz findet man erstmals in Jaspersʼ Denkentwicklung den Gedanken des Umgreifenden systematisch entwickelt. Diesen hat er dann später noch viel ausführlicher und differenzierter als Periechontologie in dem umfangreichen Buch Von der Wahrheit (1947) dargelegt. In dem hier vorgestellten Buch sind die einzelnen Weisen des Umgreifenden, wie Welt und Transzendenz sowie Dasein, Bewusstsein überhaupt, Geist und Existenz, in ihren Relationen zur Vernunft schon deutlich akzentuiert. Auch der bei Jaspers zentrale Gedanke der Kommunikation ist bereits ansatzweise in das neue Begriffsgefüge eingepasst, wenn es etwa heisst: „In existentieller und vernünftiger Kommunikation spricht entscheidend der existierende Mensch, der nicht nur vitales Dasein, nicht nur abstraktes Verstandeswesen, nicht nur ein vollendetes Geisteswesen ist, sondern in allem diesem er selbst ist.“ (73)
Karl Jaspers: Vernunft und Existenz. München: Piper 1973
Die kommentierte und kritisch geprüfte Version dieses Werks ist im Band I/8 der Karl Jaspers Gesamtausgabe (KJG) im Jahr 2018 erschienen.