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Hubschrauber
von Cedric Weidmann
Nur mit Mühe konnte sich Jack aus dem Wrack herauszwängen.
Die Hitze der Wüste schlug ihm ins Gesicht, aber sie war eine willkommene Abkühlung. Schnell rannte er weg, bevor die Flammen den Tank des Helikopters erreicht haben würden. Er stolperte jedoch über die erste Düne und seine vom Absturz noch zitternden Beine liessen ihn auf dem ungewohnten Sand zu Boden fallen. Er rollte in ein Dünental hinab und horchte im Stillen auf den Knall der Explosion. Es war ein Wunder, dass der Helikopter noch nicht in der Luft explodiert war. In seiner Wunde an der Wange geriet beim Herunterstürzen ein wenig Sand, was höllische Schmerzen verursachte. Er biss jedoch auf die Zähne und riss sich stattdessen zusammen, mit dem unklaren aber oberstem Ziel vor Augen, zu überleben.
Sofort raffte er sich hoch und kletterte halb auf die nächste Erhöhung des unendlichen Sandes. Als er die nächste Düne erklommen hatte, blickte er zurück in grösster Verwunderung, dass der Helikopter noch nicht in die Luft gegangen war. Gerade in diesem Moment, als er das brennende Wrack und die eindrückliche Spur sah, die der Aufprall hinter ihm verursacht hatte, blies ihn ein riesiger Druck von der Kante und er fiel hinab ins Tal.
Der Knall kam erst viel später und er hörte es kaum mehr. Er spürte noch, wie seine Arme langsam feucht wurden. Das Blut trat aus seinen pochenden Striemen. Dann fielen ihm die Augen zu.
Bevor er ganz wegtrat, kämpfte sich Jack wieder aus seiner eigenen Dunkelheit. Er bemerkte, wie er langsam einzuschlafen drohte, wehrte sich aber wie wild gegen die Klauen, die sich um ihn schlossen und ihn zum Träumen bringen wollten. Nur mit letzter Kraft schaffte er es, sein linkes Augenlid aufzubringen, denn das rechte war vom eingetrocknetem Blut zugeklebt. Als er bemerkte, dass er noch lebte, schoss eine unerklärliche Euphorie durch seinen kaum noch vorhandenen Körper, er sprang auf und rannte los, in eine unbestimmbare Richtung, ohne die Augen wirklich offen zu halten.
Auch wenn sein Körper ihn zu retten versuchte, so waren die Chancen auf Überleben gering. Die freie, offene Wüste barg für ihn im besten Falle ewige Einöde, in der er verdursten würde. Im schlechtesten aber unzählige von Gefahren, die man sich nicht vorstellen kann oder – man darf es niemandem verhehlen – will.
Jack hatte es zwar seit dem Helikopterabsturz und der vergeblichen Suche nach der Archäologin für tot erklärt, doch sein ausserordentliches Glück war immer noch da. Bereits nach vier Stunden stolperte der blind rennende Jack über einen Stufe. Als er hinfiel und damit zum ersten Mal innehielt, sah er sich um. Offenbar war er bei einer Oase gelandet. Die Stufe, über die er gefallen war, gehörte zum Eingang einer Siedlung, aus deren ockerfarbenen Mauern einige saftiggrüne Palmen hervorguckten und erst da merkte Jack, dass er am verdursten war.
Er raffte sich ein letztes Mal auf und rannte in das erstbeste Gebäude – eine grosse Villa, in der der Anführer der Siedler wohnte. Sofort brachte man, als man erkannte, wie angeschlagen Jack war, einige Krüge voller Wasser und Verband ins Gebäude und einige Krankenschwestern wurden beordert, ihn zu verbinden und pflegen.
Es dauerte einige Tage, bis Jack wieder in der Lage war, zu gehen und zu sprechen. Sobald es ihm möglich war, verliess er das Gästehaus, das ihm zugewiesen wurde, und versuchte den Anführer wiederzufinden. Er betrat die grosse Villa, an deren ungefähren Aufenthaltsort er sich noch von seiner Flucht vor einigen Tagen erinnern konnte.
„Es freut mich, dass Sie auf den Beinen sind“, sprach dieser ohne Jack anzusehen, als er sein Zimmer betrat. Er war ein alter Mann, der aus dem Fenster sah und Jack den Rücken zugewandt hatte.
„Ich… Ich tue das nicht oft, aber… Ich wollte mich bedanken“, sagte Jack, „Für alles, was Sie für mich so fraglos getan haben.“
„Natürlich. Das ist für uns selbstverständlich. Niemand wird bei uns sterben.“ Er machte eine kurze Pause. „Sie haben grosses Glück, dass Sie noch leben. Die Wüste ist sehr gefährlich. Nun aber: Woher haben Sie ihre Verletzungen? Das waren weder Wüstenfüchse noch Hyänen.“
„Ich – ja!“, Jack lachte verlegen mit Blick auf seine Arme, die noch alle in Leinen gebunden waren und unter denen sich nicht viel mehr als Knochen verbarg, „Ich bin mit dem Helikopter abgestürzt.“
Plötzlich drehte sich der Mann um. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck der Verwirrung.
„Womit sind Sie abgestürzt?“
„Mit dem Helikopter.“
„Ah“, er nickte gedankenabwesend, sah wieder hinaus über die Wüste und drehte sich dann zum erneuten Male zu Jack um. „Ein Helikopter sagen Sie?“
„Ja“, sagte Jack. „Wieso?“
„Nun, das ist interessant“, murmelte er. Er näherte sich Jack und gebot ihm, Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich auf die andere Seite des Tisches. Aus einer alten Schublade zog er wählerisch zwei Zigarren hervor, drückte Jack eine davon in die Hand und entzündete sie beide.
„Wieso ist das interessant?“, fragte Jack.
Der Anführer lehnte sich sehr weit über den Tisch und faltete seine Hände zusammen.
„Die Sache ist die…“ Er verstummte und blickte starr auf den Tisch, als müsste er sich für die folgenden Worte sammeln.
„Was ist die Sache?“, fragte Jack mit seiner typischen Ungeduld.
„Nun“, begann der Anführer verschwörerisch und sehr langsam, „die Sache ist: Ich habe keine Ahnung, was ein Helikopter ist.“
„Was? Was soll das heissen?“, Jack war entrüstet, „Das ist Ihr ganzes Problem? Dass Sie nicht wissen was ein Helikopter ist. Ich könnte es Ihnen ja auch einfach erklären.“
„Dann erklären Sie es mir“, sagte der Anführer.
„Gut. Sehen Sie, es ist ein Fahrzeug, wie ein Auto, kennen Sie ein Fahrzeug?“
„Natürlich kenne ich Fahrzeuge! Verkaufen Sie mich nicht für dumm“, rief der Anführer zornig aus.
„Nun, der Helikopter ist wie andere Fahrzeuge, nur fliegt er eben in der Luft.“
Der Anführer zog lange an seiner Zigarre und erwiderte dann: „Das verstehe ich nicht. Wie kann es in der Luft sein?“
„Nun, indem es fliegt. Ein Helikopter macht das mit einem Propeller. Er arbeitet mit Luftdruck, der durch die Dynam-“
„Was ist das, ein Propeller?“, unterbrach ihn der Anführer.
„Ich, äh, ich… Haben Sie einen Mixer?“
„Sowas?“ Der Anführer zeigte ans andere Ende des Zimmers.
„Genau“, sagte Jack erfreut, „Der Mixer also dreht. Der Propeller ist eine Art… Nun ja, eine Art Mixer, der über dem Helikopter befestigt wird und mit dessen Drehung der Helikopter in die Luft befördert wird.“
„Ich verstehe nicht ganz“, entgegnete der Anführer, „Sie sagen, der Helikopter sei ein Fahrzeug das fliege und es fliegt mit einem Propeller. Ein Propeller ist jedoch etwas, das einem Helikopter eigen ist, man befestigt aber einen Propeller auf dem Helikopter. Ich finde, das ist verwirrend.“
„Nein, nein! Sie haben mich falsch verstanden, der Propeller gehört zum Helikopter, er ist ein Teil vo-“
„Bitte verlassen Sie das Haus“, fuhr der Anführer dazwischen, „Lassen Sie mich bitte eine Weile darüber nachdenken.“
Jack stand vor der Siedlung, die Wüste überblickend und schüttelte den Kopf.
Und diese ganze Verrücktheit musste er sich antun, weil sein Heliktoper von einigen Spionen sabotiert worden war, dachte er.
Plötzlich hielt er inne und musste schlucken. Sein Helikopter?
Er wusste noch nicht einmal, was das war.