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Gefühl,
eine
Summe von eigentümlichen
Wahrnehmungen, welche durch die sensibeln
Nerven
[* 2] vermittelt werden und welche
entweder auf das empfindende
Ich oder auf eine diesem gegenüberstehende
Außenwelt bezogen werden (s.
Gemeingefühl). - Im
psychologischen
Sinn wird
Gefühl häufig (obwohl fälschlich) mit der Bezeichnung:
»Empfindung« als gleichbedeutend
gebraucht. Beide
Arten von Bewußtseinserscheinungen haben das miteinander gemein, daß sie unmittelbar durch
Reize verursacht
und auf solche bezüglich sind, allein mit dem Unterschied, daß
Empfindungen durch äußere (Zustände im Sinnesnerv),
Gefühle
durch innere
Reize (Zustände im
Bewußtsein) erzeugt werden.
Ursache der erstern ist ein gewisser Molekularzustand im Sinnesnerv, welcher durch die entsprechende
Sinnesempfindung
(Gesichts-,
Gehörs-,
Tast- etc.
Empfindung) ausgelöst,
Ursache der letztern ein gewisser Spannungszustand der
im
Bewußtsein vorhandenen
Vorstellungen, welcher in ein entsprechendes
Gefühl (Lust- oder Unlustgefühl) übersetzt wird. Wie
daher jeder
Sinn, so hat auch das
Gefühl seine
spezifische Energie; wie das
Auge
[* 3] nur auf
Licht-, das
Ohr
[* 4] nur auf
Luftoszillationen, jenes nur durch
Licht-, dieses nur durch Schallempfindungen reagiert, so antwortet das
Gefühl nur auf
Förderungs-
und Hemmungszustände der
Vorstellungen innerhalb des
Bewußtseins und zwar nur in Form eines Lust- und Unlust
gefühls. Um
dieser
Ähnlichkeit
[* 5] willen mit den
Sinnen ist das
Gefühl wohl auch selbst ein
Sinn und zwar im
Gegensatz zu diesen,
die sich auf äußere
Reize beziehen, ein innerer genannt worden, weil es durch innere angeregt wird. Der
Ausdruck ist deshalb
unpassend,
weil er dazu verführen kann, das
Gefühl mit der
Apperzeption, d. h. mit dem
Bewußtsein unsrer
Vorstellungen, zu verwechseln.
Wessen wir uns im G. bewußt werden, sind nicht die
Vorstellungen selbst, sowenig wie das, dessen wir
uns in der
Empfindung bewußt werden, die einzelnen
Moleküle sind, aus welchen der Sinnesnerv besteht;
¶
mehr
in beiden Fällen ist es vielmehr die Lage (dort der Moleküle im Nerv, hier der Vorstellungen im Bewußtsein), welche zum Ausdruck
kommt. Wie nun beispielsweise für den Sehnerv die volle Anwesenheit des Lichtreizes Lichtempfindung, die (allerdings niemals
totale) Abwesenheit desselben Empfindung der Dunkelheit veranlaßt, so rufen die einander entgegengesetzten Zustände
des Vorstellens, die völlige Freiheit und Ungehemmtheit und das (gleichfalls niemals totale) Gehemmtsein desselben, entgegengesetzte
Gefühle, jene das der Lust, dieses das der Unlust hervor.
Beide,
Gefühle wie Empfindungen, haben daher einen realistischen Charakter; aus dem Dasein der erstern läßt sich mit Sicherheit
auf das Dasein gewisser Hemmungen oder Förderungen des Vorstellens, aus der Existenz der letztern ebenso
auf die Existenz entsprechender Reize im Sinnesnerv schließen. Beide haben aber auch eine nicht aufzuhebende Dunkelheit an sich:
aus der Qualität der Empfindung läßt sich auf keine Weise die Qualität des Reizes, aus jener des
Gefühls ebensowenig die
Qualität einer im Zustand der Hemmung oder Förderung befindlichen Vorstellungen »herausklauben«.
Alles, worauf uns die Empfindung zu schließen gestattet, ist, daß überhaupt Reize (einer gewissen Art) vorhanden sind. Alles,
was uns das gegebene
Gefühl lehren kann, besteht darin, daß im Innern überhaupt Spannungszustände (einer gewissen
Art) herrschen. Alles, was außerdem in die Empfindung als angeblich unmittelbar Wahrgenommenes hineingelegt
wird, gehört einem groben Dogmatismus an, der durch Kant und die (idealistischen) Ergebnisse der neuern Physiologie der Sinnesorgane
für immer beseitigt ist.
Alles, was außerdem in das
Gefühl als vermeintlich unmittelbar Gefühltes hineingeheimnist wird, ist eine Illusion jener im Trüben
fischenden Gefühlsphilosophie, welche den Bankrott des Wissens vom Übersinnlichen durch die Wünschelrute
des Fühlens zu ersetzen wähnte. Vermögen jedoch die
Gefühle über das außerhalb unsers Bewußtseins Befindliche (Objektive)
uns nicht einmal so viel zu lehren wie die (deshalb objektiv genannten) Empfindungen, und sind sie deshalb, weil sie nur Zustände
unsers eignen Bewußtseins offenbaren, vorzugsweise (im Gegensatz zu jenen) subjektive Seelenzustände,
so sind sie doch als unaufhörliche und unvermeidliche Begleiter unsers Vorstellungslebens von ausnehmender Wichtigkeit.
Sie drücken gleichsam den Anteil aus, den das Bewußtsein als solches an seinen eignen Zuständen, deren Hebung
[* 7] und Senkung,
Freisein, Gehemmtsein und Wiederbefreitwerden nimmt. In der Qualität des jeweilig vorherrschenden
Gefühls spiegelt
sich, wie in der Stellung der Quecksilbersäule ober- oder unterhalb des Gefrierpunktes, der jeweilige Stand vorherrschender
Hemmung oder Freithätigkeit des Vorstellens; in der Intensität und dem beschleunigten oder verzögerten Rhythmus desselben
prägt sich der augenblickliche Grad und das Tempo der Zu- oder Abnahme des vorhandenen Spannungszustandes im Bewußtsein vornehmlich
aus.
Folge davon ist, daß die sprachlichen Bezeichnungen für die Beschaffenheit der
Gefühle aus demjenigen Gebiet sinnlicher
Erscheinungen genommen sind, welche, wie Wärme
[* 8] und Kälte, verschiedene Grade der Spannung zwischen den kleinsten Teilen der
körperlichen Materie darstellen. In wessen Innerm schon geringe Veränderungen des gegebenen Spannungszustandes hinreichen,
um
Gefühle hervorzurufen, heißt ein Mensch von empfindlichem, derjenige, bei welchem die Intensität
des Gefühls, mit jener der veranlassenden Spannung verglichen, hoch
erscheint, einer von warmem Gefühl. Die entsprechenden Gegenteile
stellen der unempfindliche (gefühllose) und kalte Mensch dar, obwohl beide Ausdrücke auch wohl auf die Abwesenheit einer gewissen
Art von Gefühlen (den sympathetischen) gedeutet zu werden pflegen.
Bei der Einteilung und Aufzählung der Gefühle, die zu den mannigfaltigsten, aber auch rätselhaftesten Phänomenen des Bewußtseinslebens gehören und stets das »Kreuz« [* 9] der Psychologen ausgemacht haben, kann entweder von der Beschaffenheit des Spannungszustandes, dessen Ausdruck das Gefühl ist, oder von dessen Ursache ausgegangen werden. In ersterer Hinsicht unterscheidet man angenehme Gefühle als Ausdruck des ungehemmten und unangenehme Gefühle als solchen des gehemmten Zustandes im Bewußtsein; in letzterer Hinsicht körperliche Gefühle, wenn der Grund der Spannung in organischen Leibeszuständen, und geistige Gefühle, wenn er in dem Vorhandensein und Vorherrschen gewisser Vorstellungen oder Vorstellungsmassen im Bewußtsein liegt.
Beide sind normal oder anormal, je nachdem die veranlassenden Leibes- oder Bewußtseinszustände es sind. So ruft das normal wiederkehrende Bedürfnis der Nahrung als Ersatz für den aufgezehrten Stoff das unangenehme, aber gesunde körperliche Gefühl des Hungers bei jedem unter gleichen Umständen auf gleiche Weise, dagegen das anormal gesteigerte des Kranken nur bei diesem das krankhaft gesteigerte Schmerzgefühl des Heißhungers hervor. Ebenso werden bei normalen Verhältnissen vorhandene Vorstellungsmassen unter gleichen Umständen stets denselben Spannungsgrad zeigen und dieselben Gefühle nach sich ziehen; bei anormalen (z. B. wenn deren Selbstthätigkeit durch das Vorherrschen andrer Vorstellungsmassen gestört, gehemmt oder entstellt wird) werden zwar andre Spannungsverhältnisse und infolgedessen auch andre Gefühle zum Vorschein kommen, aber nur, weil und solange jene anormalen Umstände vorhanden sind.
Die unter normalen Verhältnissen eintretenden Gefühle können, weil sie sich immer gleichbleiben, auch fixe (objektive) heißen; die unter anormalen auftretenden werden, weil sie, wie diese selbst, zufällig und unberechenbar sind, passend vage (subjektive) Gefühle genannt. Letztere sind es besonders, welche die Anwendung der angenehmen oder unangenehmen begleitenden Gefühle als Wertmesser der von ihnen begleiteten Bewußtseinszustände in Verruf gebracht haben.
Sowenig nämlich sich vorhersagen läßt, daß z. B. eine Speise, die dem Gaumen unter normalen Gesundheitsverhältnissen des Geschmacksnervs angenehm schmeckt, ihm unter anormalen, z. B. bei einer Verstimmung des Nervs, ebenso munden werde, sowenig läßt sich vorhersehen, ob eine unter normalen Umständen, d. h. wenn sie allein im Bewußtsein vorhanden ist, ein gewisses Gefühl nach sich ziehende Vorstellungsmasse dieselbe Folge haben werde, wenn außer derselben noch andre ihre Wirksamkeit störende, hemmende oder entstellende Vorstellungsmassen im Bewußtsein vorhanden sind.
Daraus ist der Spruch entstanden, daß sich über den Geschmack (eigentlich das Gefühl) nicht streiten lasse. Letzteres schon aus dem Grund nicht, weil jeder Streit, um zu einem greifbaren Ergebnis zu führen, deutlich bewußte Vorstellungen voraussetzt, Gefühl jedoch zwar das Bewußtsein des Spannungszustandes der Vorstellungen, aber nicht dieser selbst ist. Zu den fixen körperlichen Gefühlen gehören die sogen. Vitalitätsgefühle, die von der gemeinsamen, zu den vagen die Idiosynkrasien (s. d.), welche von der individuellen körperlichen ¶
mehr
Organisation abhängen. Zu den fixen geistigen gehören die sogen. reinen (universellen) Gefühle, die ohne, zu den vagen die »subjektiven Erregungen«, die unter Einmischung der Individualität des Fühlenden entspringen (Kants »Privatgefühle«). Jene werden weiter, je nachdem ihre Veranlassung in der Materie oder in der Form der ihren Sitz ausmachenden Vorstellungsmasse gelegen ist, in materielle und Formgefühle, letztere selbst, je nachdem die verursachende Form eine logische (Identität, Widerspruch) oder ästhetische (Größe, Fülle, Einheit in der Mannigfaltigkeit, Harmonie, Disharmonie) ist, in logische (Wahrheits-) u. ästhetische (Schönheits-) Gefühle unterschieden.
Letztgenannte gehen, wenn obige Vorstellungsmasse das Bild eines Wollens und die veranlassende Form die Form eines solchen (Vollkommenheit, innere Freiheit, Wohlwollen, Recht, Billigkeit oder eins ihrer Gegenteile, Unvollkommenheit, innere Unfreiheit, Übelwollen, Streit, Unbilligkeit) ist, in sittliche Gefühle über. Wird das Gefühlte (was aber nur bei den Formgefühlen möglich ist) zum deutlichen Bewußtsein erhoben, so geht das in (logisches, ästhetisches, sittliches) Urteil über, das einer Wissenschaft von den logischen, ästhetischen, sittlichen Formen als Normen des richtigen Denkens, ästhetischen und ethischen Beurteilens (formale Logik, Ästhetik, Ethik oder praktische Philosophie) zum Prinzip dienen kann.
Wird endlich auf den Umstand geachtet, ob die Ursache des Gefühls im eignen oder in einem fremden Bewußtsein gelegen ist, so ergibt sich die Einteilung in egoistische (eigne) und sympathetische (Mit-) Gefühle. Letztere entstehen durch unwillkürliche Nachahmung des fremden entweder durch das gleiche (Mitfreude, Mitleid) oder durch das entgegengesetzte Gefühl (Neid bei Freude, Schadenfreude bei Leid des andern). Sogenannte gemischte Gefühle, die zugleich Lust- und Unlustgefühle sein sollen, kann es nicht geben. Die dafür gelten, z. B. Wehmut u. a., beruhen auf der raschen Abwechselung entgegengesetzter Freude- und Trauergefühle.
In der Natur der Gefühle ist es begründet, daß sie der äußern Darstellung und Mitteilung durch (sichtbare oder hörbare) Zeichen große Schwierigkeiten bieten. Da das Gefühl auf der Spannung gewisser Vorstellungen ruht, diese selbst aber nicht kennt, so können sehr verschiedene Vorstellungen sich in dem nämlichen Spannungsverhältnis befinden, also dasselbe Gefühl verursachen. Daraus folgt, daß sich zwar durch Erregung derselben Vorstellungen in andern dieselben Gefühle, keineswegs aber durch Erregung derselben Gefühle in andern dieselben Vorstellungen erzeugen lassen müssen.
Darstellung von Gefühlen durch Worte (»Dem Dichter gibt ein Gott, zu sagen, was er leide«) ist daher zwar bestimmt, jene von Ideen durch Gefühle aber nicht anders als unbestimmt. Wo die Erzeugung der nämlichen Vorstellungen eine Unmöglichkeit ist, weil sie entweder der Fühlende selbst nicht bei sich zur Klarheit gebracht, oder weder sicht-, noch hörbare Zeichen dafür hat (»Der Mensch verstummt in seiner Qual«),
da bleibt kein andres Mittel, als den nämlichen Spannungszustand im andern, gleichviel wodurch, zu erregen, um das gleiche Gefühl als Auslösung desselben zu erzeugen. Der Musiker bedient sich zu diesem Zweck der Töne, da die Tonempfindungen ihrerseits untereinander ähnliche Spannungen und Lösungen zeigen und überdies der Rhythmus des Gefühls, das An- und Abschwellen der Spannung, durch den Rhythmus der Tonfolge und die Verstärkung [* 11] oder Abdämpfung des Tons nachgeahmt werden kann.
Trauer und Freude können im allgemeinen musikalisch dargestellt, niemals aber kann z. B. die Trauer um ein bestimmtes Individuum durch bloße Töne fixiert werden. Händels Trauermusik auf den Tod der Prinzessin von Wales ließe sich als christliche Passionsmusik gebrauchen. Auf der durchschnittlichen Beschaffenheit der herrschenden Gefühle beruht das, was wir das Glück oder Unglück des Lebens nennen; das Vorwiegen der körperlichen oder geistigen, insbesondere der reinen, Gefühle entscheidet über dessen niedern oder höhern Charakter.