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Annette Hug entkommt der Kriegsgefahr gedanklich
Auch bei trübem Wetter lohnt es sich, von der Demenzstation in die Cafeteria zu wechseln. Wenn es nicht allzu kalt ist, setze ich mich draussen auf der Terrasse neben den Rollstuhl meiner Verwandten. Selbst wenn Dunst zwischen den benachbarten Wohnblöcken hängt, blickt sie zufrieden über kahle Rabatten. «Dass ich das immer wieder vergesse», sagt sie. «Dass das so nah ist. Fünf Minuten unterwegs, und schon sind wir am Meer!»
Sprachlos folge ich ihrem Blick und versuche, mir vorzustellen, dass unter dem Dunst tatsächlich Wellen an eine Mole schlagen. Und noch schöner wäre es, an einem philippinischen Strand zu sitzen und über Mangrovenwälder zu blicken. Im Idealfall müsste ich mir nicht überlegen, ob dieses Meer Südchinesisches, Westphilippinisches oder Ostvietnamesisches Meer genannt werden soll. Keine künstliche Insel mit chinesischer Truppenstation käme ins Bild, keine drangsalierten philippinischen Fischer, keine Flugzeugträger und direkt über dem Wasser fliegende Raketen, weder englisch-amerikanisch-japanische Manöver noch Kampfjets über Taiwan. Wer wollte an einen pazifischen Krieg denken.
Wenn ich meine Verwandte auf der Terrasse des Pflegeheims vorsichtig frage, wo sie denn in der Dunstsuppe vor uns das Meer sehe, geht ein leichter Schreck über ihr Gesicht. «Man ahnt es», sagt sie und wirkt unsicher, ob ich mich damit zufriedengeben würde. Mir ist ganz nach Ahnung zumute.
Auch zu Hause gehe ich abwegigen, aber schönen Ideen nach. Zum Beispiel einem Vorschlag, der in Forschungskreisen seit den neunziger Jahren in unterschiedlichen Versionen auftaucht: Das Südchinesische Meer sei zu behandeln wie die Polarregionen, die territorialen Streitigkeiten liessen sich einfrieren. Was heissen würde: Die zerstrittenen Staaten lösen den Konflikt nicht, aber sie einigen sich darauf, ihre Ansprüche ruhen zu lassen und militärisch in keiner Weise tätig zu werden. Dann könnten sie in der Forschung und beim Umweltschutz zusammenarbeiten. Das umstrittene Meer würde eine Art Allmend.
Die Idee setzt bei einem glücklichen Moment während des Kalten Kriegs an. Beflügelt von der guten Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftler:innen aus Ost und West während des Internationalen Geophysikalischen Jahres 1957/58 einigten sich am 1. Dezember 1959 die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion und zehn weitere Staaten auf den Antarctic Treaty. Im ersten Abschnitt hiess es: «Die Antarktis wird nur zu friedlichen Zwecken genutzt.» Das Abkommen wurde über die Jahrzehnte komplexer. Im grossen Ganzen ist es gelungen, friedlich zu kooperieren.
Ein reizender Aspekt der Allmend-Utopie für den gegenwärtigen Hotspot wäre die Umbenennung des umstrittenen Meeres in «South East Asian Sea», abgekürzt Sea Sea. Sowohl das Chinesische wie auch die Sprachen der Philippinen, Indonesiens und Malaysias kennen die Wortverdoppelung als Mittel der Wortbildung. Das kann, je nach Anwendung, eine Verstärkung der Aussage, aber auch eine entspannende Abschwächung vermitteln. Wegen eines niedlichen Meer-Meers will niemand Krieg führen. Womit ich endgültig in die Halluzination abdrifte. Schon die Vorschläge der Friedensforscher:innen scheinen im Moment weit entfernt von allem, was im Säbelrasseln der Konfliktparteien entstehen könnte.
Annette Hug ist Autorin in Zürich und vergleicht Vorschläge für eine Friedensordnung im Südchinesischen Meer von Ray Tsung-Han Tai, Nathaniel S. Pearre und Shih-Ming Kao auf der einen und Shirley V. Scott auf der anderen Seite.