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Ich starte «World of Tanks» und wähle einen Panzer aus. Zum Beispiel den Hetzer, einen deutschen Jagdpanzer; wie alle Panzer im Spiel aus dem Zweiten Weltkrieg. Damit keine Missverständnisse entstehen, entferne ich das Emblem der Wehrmacht und ersetze es durch gekreuzte Schraubenschlüssel – «Ich muss wohl oft reparieren», denke ich mir. Ich schreibe den Panzer an mit «Gretchen». Ich fahre nicht für ein Land oder eine Ideologie, ich fahre für Gretchen.
15 gegen 15
Dann starte ich eine Partie. Ich werde zufällig in ein Team gesteckt, aus 15 Spielern, jede/r mit einem eigenen Panzer. Wild zusammengewürfelt, neben deutschen fahren amerikanische, sowjetische, französische, britische und neu auch chinesische Panzer auf einer Seite. Die Panzer selbst sind zwar historisch präzise nachgebildet, mit einer nerdigen Detailversessenheit, die an Eisenbahnfreunde erinnert. Doch damit hört die Geschichte auf – inhaltlich beschränkt sich «World of Tanks» auf ein simples Team Grün (wir) gegen Team Rot (die anderen).
Nach einem Countdown geht die Schlacht los: Unsere fünfzehn Panzer gegen die fünfzehn des gegnerischen Teams. In den meisten Gefechten geht es darum, entweder alle Panzer des gegnerischen Teams abzuschiessen oder deren Basis, einen Kreis um eine rote Flagge, zu erobern. Manchmal versuchen auch beide Teams, die gleiche Basis zu erobern.
Kurze Gefechte
Das Gefecht ist auf fünfzehn Minuten beschränkt. Hat bis dann kein Team einen Vorteil, wird die Partie unentschieden gewertet. Meistens ist ein Gefecht nach fünf, zehn Minuten vorbei. Diese kurzen Partien gefielen mir ausserordentlich – es bleibt immer noch Zeit für ein schnelles Spielchen; und wenn es mal schlecht läuft, wissen alle, dass die Partie bald vorbei ist und man von vorn beginnen kann. Entsprechend entspannt war die Stimmung: Für ein kompetitives Online-Spiel wurde erstaunlich wenig gepöbelt.
Vorsicht statt Getümmel
Wird mein Panzer getroffen und zerstört, bin ich raus aus der Partie. Auch das ist anders als in vielen Online-Spielen: In «Call of Duty» oder «World of Warcraft» warten wir ein paar Sekunden und stürzen uns sogleich wieder in die Schlacht. Nicht in «World of Tanks». Machen wir einen Fehler, sind wir für den Rest des Gefechts zum Zuschauen verdammt (ausser man hat noch einen anderen freien Panzer in der Garage, siehe Kommentare unten). Das führt dazu, dass sich die Spieler viel vorsichtiger verhalten. In anderen Online-Spielen gibt es meist im Zentrum eine Zone des Getümmels, wo sich Spieler gegenseitig verhauen, ohne jeden strategischen Gewinn für das Team. Das geht hier nicht, weil Spieler mit Kamikaze-Instinkt meist schnell ausscheiden.
Wir können die Zeit als Zuschauer ausserdem sinnvoll nutzen: Per Mausklick in die noch fahrtauglichen Panzer unseres Teams springen und aus ihrer Sicht das Gefecht verfolgen. Das ist nicht nur spannend, sondern ermöglicht auch gerade Anfängern, von den anderen zu lernen. Wo sind gute Verstecke? Wo sind strategisch wichtige Punkte auf der Karte? Solche Kenntnisse sind entscheidend – und «World of Tanks» bietet einen natürlichen Weg, sie sich anzueignen.
Ob ein Panzer für die Gegner sichtbar ist, ist die wichtigste Mechanik des Spiels. Je nach Panzerklasse, Training der Besatzung oder der Qualität des eingebauten Funkgerätes sieht ein Panzer Gegner innerhalb eines bestimmten Radius. Umgekehrt ist mein Panzer besser sichtbar, wenn ich mich bewege oder schiesse; und weniger, wenn ich in einem Busch oder hinter einem Gebäude verborgen bin. Ist ein gegnerischer Panzer einmal gesichtet, taucht er auch für die anderen Mitglieder des Teams auf der Karte auf. Daraus ergibt sich «Scouting» – schnelle, wendige Panzer stöbern Gegner auf, Jagdpanzer oder Artillerie kümmern sich drum.
Für XP und Silber gibt's bessere Panzer
Nach einem Kampf erhalten wir Erfahrungspunkte und Silber. Umso mehr, je besser wir persönlich gekämpft haben, und abhängig davon, ob unser Team gewonnen oder verloren hat. Mit diesen Punkten können wir unseren Panzer verbessern, einen kräftigeren Motor oder ein besseres Funkgerät einbauen. Und mit der Zeit auch neue, stärkere Panzer freischalten. Es gibt verschiedene Panzer-Klassen, die unsere Rolle im Gefecht bestimmen. Schwere Panzer sind langsam und gut gepanzert, können also etwa einen Angriff anführen; Jagdpanzer haben die Rolle eines «Snipers» – aus der Distanz in einem Busch versteckt andere Panzer zerstören.
Der Rest ist Taktik – nicht zu lange zögern, flankieren. Nicht alleine losziehen, Verteidigung nicht vernachlässigen. Nur feuern, wenn das Ziel sicher ist. Das Terrain als Deckung nutzen. In Bewegung bleiben. An die Drehgeschwindigkeit denken, Front immer zum Gegner.
Ich war überrascht, wie sehr mich «World of Tanks» in den Bann gezogen hat. Ich meide meistens Online-Kampfspiele, weil sie mir zu kompetitiv und dadurch zu anstrengend sind. Doch das Prinzip der Erfahrungspunkte und stetiger Verbesserung der Panzer kitzelt wohl meine Rollenspiel-Nerven. Und das langsame, bedächtige Spieltempo liegt mir sehr, insbesondere, weil die Partien trotzdem nicht lange dauern. Hier sind nicht Reflexe, sondern die Fähigkeit gefragt, den Gegner und das Terrain zu lesen.
Free to play – Zeitersparnis kaufen
«World of Tanks» ist ein «Free to play»-Spiel. Wir können gratis spielen und auch die stärksten Panzer mit Geduld irgendwann freischalten. Dazu ist es möglich, für echtes Geld die Spielwährung Gold zu kaufen. Dieses Gold können wir beispielsweise in Silber oder Erfahrung umwandeln, um so schneller bessere Panzer freizuschalten. Oder wir können den Panzer mit einem Emblem und einer Aufschrift personalisieren. Und wir können unseren Account in einen Premium-Account umwandeln, worauf die Partien mehr Silber und Erfahrung abwerfen.
Ein Beispiel: Für 26 Franken erhält man 5500 Gold. Ein Monat Premium-Account kostet 2500 Gold. Dann bleibt noch genug übrig, um z.B permanente Tarnbemalungen oder Embleme zu kaufen, um die Besatzung eines neuen Panzers gleich voll trainiert zu übernehmen, um weitere Garagenstellplätze oder einen speziellen Panzer zu kaufen oder um 1 Gold in 400 Silber umzutauschen.
Wir geben also Geld aus, um schneller vorwärts zu kommen oder um zu personalisieren. Das Spiel zeigt uns zwar immer, wofür wir Gold ausgeben könnten, zwingt uns aber nie – mit genug Geduld können wir auch ohne Gold spielen. Der Handel «Geld für Zeit» scheint mir hier fair zu sein.
Osteuropäisches Erfolgmodell
Dieses Geschäftsmodell funktioniert nicht nur für die Spieler, sondern auch für Hersteller Wargaming hervorragend: Ende 2012 hatte «World of Tanks» 45 Millionen registrierte Spieler. CEO Victor Kislyi sagte in einem Interview, Link öffnet in einem neuen Fenster im Frühling letzten Jahres, dass etwa ein Viertel der Spieler Geld ausgebe. Das ist ein sehr hoher Wert: In der Regel liegt der Anteil Zahlender bei «Free to play»-Spielen eher im einstelligen Prozentbereich. Es gibt keine genauen Angaben zum Umsatz von «World of Tanks», Kislyi spricht aber von tiefen zweistelligen Millionenbeträgen - im Monat.
Entsprechend rasant wächst das weissrussische Unternehmen. Neben dem Hauptstandort in Minsk wurden weitere Standorte eröffnet: Ein Studio in der Ukraine arbeitet an «World of Warplanes», das kurz vor der Veröffentlichung steht. Ein russischer Ableger hat mit der Entwicklung von «World of Warships» begonnen. Dazu kommen Business-, Lokalisierungs- und PR-Abteilungen in Westeuropa, den USA und Asien. Total beschäftigt Wargaming aktuell rund 1300 Personen – 500 mehr als noch vor einem knappen Jahr.
Das mag auch eine Blase sein, die bald platzt. Wer weiss, ob Flugzeuge und Schiffe gleich gut funktionieren wie Panzer. Doch auch «World of Tanks» entwickelt sich konstant weiter. Im letzten September erschien eine grafisch komplett überarbeitete Version; gerade eben wurden dem Spiel zwanzig chinesische Panzer hinzugefügt. Und weil sich das Spiel gut für Turniere eignet, ist es mittlerweile ein fester Bestandteil von eSports-Ligen.
In der Zwischenzeit fahre ich durch die Steppe von Karelien, um Fjorde, durch Fachwerkstädtchen und Güterbahnhöfe, die Oase von El Halluf oder ein malerisches Tal in der Toskana. Für Gretchen!