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Erst im Februar feierte sie an der Berlinale noch die Weltpremiere ihres neusten Films, «Varda par Agnès». Nun ist Agnès Varda, die Grande Dame des französischen Kinos, im Alter von neunzig Jahren in Paris an Krebs gestorben.
Seit ihrem Tod am 29. März häufen sich die Nachrufe in allen Sprachen, vor ihrem Haus an der Rue Daguerre in Paris stapeln sich die Blumensträusse. An dieser Adresse wohnte und wirkte Agnès Varda seit den fünfziger Jahren. Produktionsbüro links, Wohnung rechts, verbunden durch einen lauschigen Innenhof, in dem Varda ihre Drehbücher schrieb, gelegentlich Filmszenen aufnahm und im Lauf der Jahre immer mehr Gäste empfing, im Sommer 2014 auch die WOZ für ein grosses Interview. Das Leben in ihrer Strasse dokumentierte sie 1975 im Film «Daguerréotypes», wobei sie mit ihrer Kamera so weit filmte, wie das Stromkabel halt reichte, das mit der Steckdose in ihrer Wohnung verbunden war. Für die Freiheit, autonom und eigenwillig zu arbeiten, kämpfte sie ein Leben lang.
Geboren 1928 in Brüssel als Arlette Varda, wuchs die Tochter einer französischen Mutter und eines griechischen Vaters mehrheitlich in Südfrankreich auf. Weil ihr der Vorname, auf den sie getauft war, zu niedlich vorkam, nahm sie mit achtzehn Jahren den neuen Namen Agnès an. Sie studierte Literatur und Philosophie an der Sorbonne und Kunstgeschichte an der Ecole du Louvre, bevor sie sich als Fotografin ausbilden liess. Durch ihre Arbeit als Theaterfotografin entwickelte sie ein Gespür für Bildkomposition und Timing – und für die Gratwanderung zwischen Beobachtung und Inszenierung, die ihr ganzes Schaffen prägen würde.
Auf Distanz zur Nouvelle Vague
Als Autodidaktin ohne Filmerfahrung drehte sie 1955 einen ersten Film, «La Pointe courte». In einer doppelten Erzählung kontrastierte sie eine fiktive Liebesgeschichte mit Alltagsaufnahmen in einem südfranzösischen Fischerdorf. Als Cutter für das Projekt gewann sie Alain Resnais, der kurz vor seinem eigenen Durchbruch als Filmregisseur stand. Bald wurde Varda als einzige weibliche Stimme der aufkommenden Generation der Nouvelle Vague gefeiert, obwohl sie sich von dieser – wie sie selber sagte – machohaften und politisch unengagierten Bewegung zu distanzieren versuchte.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Agnès Varda thematisch und ästhetisch immer weiter. Einerseits erfand sie eine Reihe eigenwilliger und unangepasster Frauenfiguren, wie etwa in den Spielfilmen «Cléo de 5 à 7» (1962), «L’une chante, l’autre pas» (1977) und «Sans toit ni loi» (1985), in denen sie mit verschiedenen Genres experimentierte, darunter auch dem Musical. Andererseits hörte sie nie auf, Dokumentarfilme zu drehen, in denen sie ihre Vorstellung von «cinécriture» weiterentwickelte: von der Suche nach der jeweils passenden Filmsprache.
Gangs und Graffitis
In den späten sechziger Jahren zog sie zusammen mit ihrem Mann, dem Regisseur Jacques Demy, in die USA. Nach seinem Erfolg mit «Les Parapluies de Cherbourg» (1964) und «Les Demoiselles de Rochefort» (1967) folgte er dem Ruf nach Hollywood. Agnès Varda blieb dem Studiosystem lieber fern und pflegte stattdessen ihr Interesse für aktuelle politische Themen. So drehte sie unter anderem einen Dokumentarfilm über die «Black Panthers» (1968) sowie ein Porträt über die Graffitiszene und das Gangleben in Los Angeles («Murs murs», 1981). Dabei experimentierte sie weiter mit Mischformen zwischen Beobachtung und Inszenierung, beispielsweise in «Documenteur» (1981), wobei sie im Titel das Dokumentarische mit dem französischen Wort für «Lügner» fusionierte. In dieser «Doku-Lüge» erzählt sie die fiktive Geschichte einer alleinerziehenden Mutter und ihres Sohnes vor dem Hintergrund des echten Alltagslebens in Los Angeles.
Kurz vor seinem Tod im Jahr 1990 bat ihr Mann sie, seine Memoiren zu verfilmen. In «Jacquot de Nantes» (1991) mischte Varda wieder die Formen auf, mit historischen Reenactments von Jacques’ Kindheit und Jugend, dokumentarischen Interviews und einem persönlichen Off-Kommentar. 1995 folgte eine weitere Hommage an ihren verstorbenen Mann, «L’Univers de Jacques Demy», sowie eine Hommage ans Kino schlechthin, das in diesem Jahr ja sein hundertjähriges Bestehen feierte: Varda wurde beauftragt, darüber einen Spielfilm zu drehen, und schuf «Les Cent et Une Nuits de Simon Cinéma», eine bunte, surrealistische Reise durch die Filmgeschichte, gespickt mit vielen Starauftritten, etwa von Robert De Niro und Catherine Deneuve. Leider floppte der Film, und um Varda wurde es eine Zeit lang still.
Die digitale Wende
So mag sie über längere Strecken eher eine Randfigur im Filmgeschäft geblieben sein, erfreute sich jedoch im höheren Alter zunehmender Beliebtheit und gewann an Einfluss. Um die Jahrtausendwende entdeckte sie die kleinen digitalen Handkameras und mit ihnen die Möglichkeit, flexibel zu drehen, unauffällig die Nähe zu den Menschen zu suchen und nachträglich die Bilder zu bearbeiten. Und darüber hinaus: weiterhin unabhängig arbeiten zu können, ohne grosse Budgets oder externe ProduzentInnen suchen zu müssen. Ihre Begeisterung für die neue Technik bahnte ihr den Weg zu einer neuen Schaffensphase, die bis zu ihrem Tod anhalten würde.
Mit «Les Glaneurs et la Glaneuse» (2000) realisierte sie einen meisterhaften Essayfilm, in dem sie die Ränder der Konsumgesellschaft beleuchtete und gleichzeitig über ihre Arbeit als Filmemacherin sinnierte. Bereits über siebzig, begann sie nun auch vermehrt, die Vergänglichkeit zu thematisieren. In «Les Plages d’Agnès» (2008) blickte sie auf ihr Leben und ihre Karriere zurück und zelebrierte ihre neue Schaffensphase und die wiedergefundene Kreativität.
Radikal bis zum Schluss
Durch diese Projekte gewann sie erstmals die Aufmerksamkeit der Kunstwelt. Sie wurde eingeladen, für die Biennale in Venedig 2003 an einer Gruppenausstellung zum Thema Utopie teilzunehmen, und schuf dafür ihre erste Videoinstallation. Es folgten weitere Projekte in Zusammenarbeit mit der Fondation Cartier in Paris. Über die neue Tätigkeit als bildende Künstlerin lernte sie den jungen Streetartist und Aktivisten JR kennen, und zusammen drehten sie den Kunstdokumentarfilm «Visages, villages» (2017), der unter anderem das Leben der ArbeiterInnen in der französischen Provinz würdigte.
Fast bis zum Schluss reiste sie in der Welt herum, hielt Vorträge und Masterclasses und genoss den Kontakt zu jüngeren Generationen von Filmschaffenden. Für einige mochte die bunt angezogene kleine Dame mit der weiss-roten Frisur auf den ersten Blick wie eine exzentrische Oma wirken, doch hinter dieser Fassade verbarg sich ein bis zuletzt wacher, kreativer, radikaler Geist.
In den letzten Jahren häuften sich auch die Auszeichnungen: Ehrenleopard in Locarno, Palme d’Or in Cannes, sogar ein Oscar für ihr Lebenswerk. In ihrer Dankesrede vor der Academy in Hollywood sagte sie verschmitzt: Man habe sie zu lange als «unrentabel» eingeschätzt, doch weil sie im hohen Alter aktiv und kreativ geblieben sei, kämen jetzt wenigstens die Ehrungen. Am wichtigsten sei ihr aber, dass ihre Filme weiterhin geschaut würden. Und das werden sie.
Agnès Vardas letzter Film, «Varda par Agnès», ist unter dem Titel «Agnès Varda – Publikumsgespräche» noch bis am 27. Mai 2019 auf www.arte.tv zu sehen.