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Wenn der Fuchs den Jäger rasiert
Auf slowenischen Bienenstöcken wurden die gesellschaftlichen Machtverhältnisse umgekehrt.
Sie wirken eher unscheinbar, die schmalen, etwa dreissig Zentimeter langen Holzbrettchen, welche im Depot neben Imkerkörben und anderen Bienenbehausungen zu finden sind. Auf allen Brettchen sind bunte Bemalungen zu erkennen. Manchen haben Wind und Wetter aber offenbar arg zugesetzt: Die Farben sind verblichen und nur noch Umrisse von Figuren erkennbar.
Es handelt sich um die Frontseiten von kastenförmigen Bienenbehausungen, welche vor allem im 18. und 19. Jahrhundert in gewissen Teilen Sloweniens verwendet wurden. Diese bebilderten Bienenkästen wurden in einem Bienenhaus aufgestapelt, wodurch eine Art Gemäldegalerie in der freien Natur entstand.
Ein volles Bienenhaus zeugte bei slowenischen Bauern dieser Zeit von Wohlstand, denn durch die Bienenhaltung konnte ein beachtliches Einkommen erreicht werden. Die Imker liessen die Vorderseite der Bienenkästen zur Kennzeichnung, aus Besitzerstolz und aus ästhetischen Gründen bemalen. Die Malereien dienten auch dazu, Unheil von den Bienen abzuwenden und man war der Meinung, dass die Bienen einen farbig gekennzeichneten Stock leichter wiederfinden.
Verkehrte Welt
Neben diversen religiösen Motiven fallen in der Museumssammlung mehrere Brettchen auf, die merkwürdige Darstellungen von Tieren zeigen: Auf einem ist rechts ein Bär zu sehen, der mit ausgestreckter Zunge auf einem Kontrabass spielt. Links steht ein Fuchs auf den Hinterläufen, ein langes Rasiermesser in der rechten Vorderpfote. Gemäss der auf dem Bild angebrachten Beschriftung rasiert der Fuchs gerade den Jäger, der auf einen Stuhl gefesselt in der Bildmitte sitzt. Das Gewehr und die Utensilien des Jägers sind ausser Reichweite an einem Baum gelehnt. Im Hintergrund ist ein Bienenhaus zu sehen.
Auf einem anderen Brettchen begegnen wir wieder einem Bären, diesmal in einer Karre sitzend. Der Wagen wird von zwei überdimensionalen Hähnen gezogen. Begleitet wird das Gespann von einem Fuchs, der den Wagen mittels einer Kette bremst.
Wie kamen die slowenischen Bauern von damals dazu, Malereien von Tieren in menschlichen Rollen auf ihren Bienenkästen anzubringen? Diese Motive können dem Phänomen der «verkehrten Welt» zugeordnet werden, das schon in der Antike bekannt war. Das eigentlich dem Menschen unterlegene Tier wird durch freche Schlauheit unerwartet zum Helden und übernimmt menschliche Rollen. Es handelt sich um eine soziale Kritik, die zu dieser Zeit auf andere Weise nicht vorgebracht werden konnte. Der Betrachter erfährt eine Befriedigung seines Gerechtigkeitssinns, wird zum Nachdenken über herrschende Verhältnisse angeregt oder sogar zu revolutionären Gedanken angestiftet.
Wenn der Bär sich von zwei Hähnen kutschieren lässt, geht es im Grunde um die Darstellung menschlicher Beziehungen und Machtverhältnisse. Der schlaue Fuchs, der einen Jäger rasiert, tritt als Vertreter der Waldtiere auf. Er erledigt die Aufgabe als Barbier offensichtlich fachmännisch und verspottet damit gleichzeitig den Gefesselten.
Wenn wir diese Themen auf unsere Zeit übertragen, können wir uns fragen, wen wir heute als schlauen Fuchs oder geschickten Bären betrachten würden. Und wer wäre wohl heute der Jäger, der zum Narren gehalten wird?