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Die grosse Retrospektive im Hauptgebäude des Vitra Design Museums gibt eine umfassende Übersicht über das Schaffen des legendären Designerpaares, von ihren Möbeln und Interieurs über ihre Ausstellungen, Filme und Fotografien bis hin zu ihrer täglichen Arbeit im Eames Office in Venice/Kalifornien. Gezeigt wird eine einzigartige Auswahl an Originalobjekten, Zeichnungen, Skulpturen, Filminstallationen und viele andere Werke, die in dieser Zusammenstellung noch nie zu sehen waren. Präsentiert in Zusammenarbeit mit dem Barbican Centre, London, und dem Eames Office.
Wie kaum ein anderer Künstler reflektierte Marc Chagall die eigene Herkunft in seinem Werk und in seinen autobiografischen Schriften. Unter anderem verglich er sich mit seinem Grossvater, Segal von Mogilew. Dieser hatte, so die Überlieferung, eine der schönsten Holzsynagogen Russlands mit Wandmalereien versehen. Ein Umstand, den Chagall mit einigem Stolz erwähnte, als er 1922 in der jiddischen Zeitschrift «Shtrom» schrieb: «Juden, wenn ihr euch das zu Herzen nehmt (ich auf jeden Fall), werdet ihr weinen, dass die Maler der hölzernen Schtetl-Synagogen (…) allesamt verblichen sind. Aber wo sollen wir den wirklichen Unterschied ausmachen zwischen meinem gebeugten bedeutenden Grossvater Segal von Mogilew, der die Synagoge von Mogilew ausgemalt hat, und mir, der das Jüdische Theater in Moskau ausmalte? Glaubt mir, keiner von uns beiden hatte weniger Läuse (…). Ausserdem bin ich sicher, dass ich unrasiert sein genaues Ebenbild wäre.»
Fotografien dieser Synagoge zeigen wir in der Ausstellung Chagall. Die Jahre des Durchbruchs 1911–1919. Sie gehören zu einem kleinen Konvolut von etwa 300 Fotografien, die im Rahmen der ethnografischen Expeditionen von Semjon Akimowitsch An-Ski zwischen 1912 und 1914 entstanden sind. An-Ski, ein russisch-jüdischer Intellektueller und Schriftsteller, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das «Erbe tausendjähriger Volkskunst» in den jüdischen Schtetelech des Russischen Reiches vor dem Vergessen durch Assimilation und der Zerstörung durch Pogrome zu bewahren. Darüber hinaus handelte es sich um ein politisches Projekt, da durch die Sammlung von Märchen, Gesängen, antiken Schriftstücken und rituellen Objekten die Idee einer jüdischen Nation innerhalb des Zarenreiches gestärkt werden sollte. Auch bestand die Hoffnung, dass sich die jüdische Avantgarde von der Folklore ihrer Vorfahren würde inspirieren lassen, anstatt in Frankreich, Italien oder den Niederlanden nach Vorbildern für das eigene künstlerische Schaffen zu suchen. An-Ski selbst ging mit gutem Beispiel voran und verarbeitete die Ergebnisse der Expeditionen im Theaterstück «Der Dybbuk».
Der Expeditionsfotograf Solomon Judowin, wie Marc Chagall ein Schüler des Witebsker Malers Jehuda Pen und später an der von Chagall gegründeten künstlerischen Volkslehranstalt tätig, hatte künstlerische Ambitionen und begnügte sich nicht damit, Architektur, Handwerk, Kleidung und Typen zu fotografieren, wie es die ethnografische Feldforschung verlangte. Er experimentierte darüber hinaus mit dem um 1900 weltweit bei Amateurfotografen beliebten Pictorialismus, einem fotografischen Stil, der sich stark an der Malerei orientierte: Judowin arbeitete mit Unschärfe, extremer Unter- und Überbelichtung und versuchte sich an Edeldruckverfahren, wie dem Bromöldruck. Entstanden ist ein facettenreiches Archiv der Menschen und Orte, das zwischen einem geradezu naiven, intimen Zugang und dem unbedingten Willen zur Inszenierung und Ästhetisierung oszilliert und so
die fotografische Ikonografie des Schtetls begründet.
Als Schnittstelle zwischen Theater, Tanz, Skulptur und darstellenden Künsten ist die Performance zum privilegierten Medium mehrerer Generationen von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern geworden. Mit einer umfangreichen Präsentation ausgewählter Positionen möchte das Museum Tinguely diese Entwicklung vorstellen. Die Ausstellung nimmt ihren Anfang in den frühen 1960er-Jahren, zu der Zeit in der Jean Tinguely seine ersten autodestruktiven Aktionen realisierte, und erkundet von dort ausgehend mehr als fünf Jahrzehnte performativer Kunst. Als einer der Pioniere auf diesem Gebiet ersinnt Jean Tinguely Homage to New York (1960), das erste sich selbst zerstörende Kunstwerk der Geschichte im Garten des Museum of Modern Art, das ihm über Nacht zu Bekanntheit in der internationalen Kunstlandschaft verhalf, oder mit Study for an End of the World No. 2 (1962), einer skulpturalen Assemblage, die sich in der Wüste Nevadas zu guter Letzt in Rauch auflöst.
Neben Jean Tinguely bilden Künstler wie Urs Lüthi, Daniel Spoerri oder Anna Winteler den historischen Teil der Ausstellung während mit Alexandra Bachzetsis, San Keller, Florence Jung oder Anne Rochat neuere Tendenzen gezeigt werden. In Form von Dokumenten, Fotografien, Videos, Zeichnungen, Objekten und natürlich mit Performances selbst, sind Werke von mehr als 55 Künstlern und Künstlerinnen in der Ausstellung präsent. Jeden Monat präsentieren Künstlerinnen und Künstler historische wie auch speziell für die Ausstellung konzipierte Performances. Höhepunkt bei dieser Erkundung der performativen Künste ist ein zweitägiges, internationales Symposium in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Basel (26.–27.01.2018).
Die Ausstellung wurde von den Gastkuratoren Jean-Paul Felley und Olivier Kaeser vom Centre culturel suisse Paris in Zusammenarbeit mit Séverine Fromaigeat, Museum Tinguely, kuratiert.
Zu ihrem 20-jährigen Bestehen widmet die Fondation Beyeler ihre grosse Herbstausstellung Paul Klee (geb. 1879 Münchenbuchsee bei Bern – gest. 1940 Locarno-Muralto). Neben Pablo Picasso ist Klee der Künstler, der mit den meisten Werken in der Sammlung vertreten ist. Als Sammler und Galerist engagierte sich der Museumsgründer Ernst Beyeler auf vielfältigste Art und Weise für Paul Klees Schaffen. Beyelers Sammlungspassion galt hauptsächlich dem Spätwerk des Künstlers, das er «wegen der farblichen Qualität und der Ausdrucksstärke» besonders schätzte. Im Laufe der Jahre ist es Beyeler gelungen, eine hochkarätige Sammlung zusammenzutragen, zu deren Schlüsselwerken Gemälde wie aufgehender Stern, 1931, 230, Zeichen in Gelb, 1937, 210, Wald-Hexen, 1938, 145, und Ohne Titel (Gefangen, Diesseits-Jenseits), um 1940, zählen.
Die kommende Ausstellung beleuchtet einen bis jetzt noch wenig untersuchten Aspekt in Paul Klees Schaffen – die Abstraktion. Die Abstraktion ist eine der zentralen Errungenschaften der modernen Malerei. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Abkehr vom Gegenständlichen und die Entwicklung abstrakter Bildwelten zu einem Hauptthema für viele europäische Künstler. Protagonisten der klassischen Moderne wie Pablo Picasso, Wassily Kandinsky, Robert Delaunay, Kasimir Malewitsch oder Piet Mondrian boten künstlerische Lösungen für die Frage nach einer neuen malerischen Wirklichkeit an. Paul Klee zählt gemeinhin nicht zu den Künstlern, deren Name fällt, wenn von der Abstraktion in der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts die Rede ist – und das zu Unrecht. In Klees Œuvre lassen sich – vom Früh- bis zum Spätwerk – überaus spannende Beispiele für die Gestaltung abstrakter Bildwelten sowie für malerische Abstraktionsprozesse beobachten. Während seine Künstlerkollegen teils radikal mit dem Thema umgingen und mit ihren gegenstandslosen Werken das Publikum regelrecht abschreckten, versuchte Klee mit seinen abstrakten Bildern Brücken zu bauen. In vielen von seinen Schöpfungen bewahrt er gegenständliche Elemente oder eröffnet mit seinen Werktiteln Lese- und Interpretationsmöglichkeiten. Darin mag einer der Gründe für den grossen Erfolg dieses Künstlers liegen.
«Abstraktion. Die kühle Romantik dieses Stils ohne Pathos ist unerhört», notierte Klee 1915. Eine weitere Aussage zum Abstrakten in der Kunst aus demselben Jahr erscheint heute aktueller denn je und lässt sich auf die moderne Existenz schlechthin beziehen: «Je schreckensvoller diese Welt (wie gerade heute), desto abstrakter die Kunst, während eine glückliche Welt eine diesseitige Kunst hervorbringt.»
Die wichtigsten Aspekte in Klees abstrakten Werken sind in seinem ganzen Schaffen von massgeblicher Bedeutung: Natur, Architektur, Musik und Schriftzeichen. Es gelingt dem Künstler, mithilfe dieser für die europäische Malerei von Beginn an relevanten Reflexions- und Bezugsfelder die Essenz des Malerischen herauszuarbeiten. Die für seine eigene Kunst tragenden Elemente Linie und Farbe bieten sich dabei in einem ungeheuren Reichtum dar und offenbaren eine scheinbar endlose Vielfalt von Umsetzungsmöglichkeiten: Die farbenfrohe Abstraktion in den aquarellierten Ansichten zauberhafter Gärten in Hammamet, entstanden während der Tunisreise 1914, weicht den mit blitzartigen Motiven versehenen‚ «explosiven» Kompositionen der Gärten aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Die Farbfeldmalerei der Bauhaus-Zeit evoziert blühende Bäume, und die dunklen Zeichen auf den Gemälden der letzten Jahre erinnern an Pflanzen oder aber an Schriftzeichen. Architekturassoziationen der europäischen und arabischen Städte in den frühen Aquarellen werden in der Bauhaus-Zeit radikal auf die Grundelemente reduziert, um in den farbenprächtigen Streifenbildern von Anfang der 1930er-Jahre die Bauten des Alten Ägypten vor unseren Augen erscheinen zu lassen. Als leidenschaftlichem Musiker fiel es Klee leicht, rhythmisch abwechslungsreiche abstrakte Kompositionen zu schaffen. Musiktöne und Melodien lassen sich aus vielen Werken buchstäblich «heraushören»: in Fuge in rot, 1921, 69, Ouvertüre, 1922, 142, oder Klang der südlichen Flora, 1927, 227.
Die Ausstellung in der Fondation Beyeler rückt diesen bislang weitgehend unbeachtet gebliebenen Beitrag Klees in den Fokus. Sie belegt eindrucksvoll, dass dem Künstler auch ein ehrenvoller Platz in der Geschichte der abstrakten Malerei des 20. Jahrhunderts gebührt. Die Ausstellung mit retrospektivem Charakter umfasst rund 100 Werke aus allen Schaffensphasen, beginnend mit dem Jahr 1912 bis zu seinem Todesjahr 1940. Die in chronologischer Reihenfolge präsentierten Werke gewähren Einblicke in die entscheidenden Etappen von Klees künstlerischer Entwicklung: Das reicht vom künstlerisch produktiven Dialog der 1910er-Jahre mit Zeitgenossen in Paris und München über die berühmte Tunisreise von 1914, den Dienst als Soldat im Ersten Weltkrieg und das Bauhaus-Jahrzehnt von 1921 bis 1931, bis hin zu den Reisen nach Ägypten und Italien in den späten 1920er-Jahren und gipfelt im Spätwerk der 1930er-Jahre.
Der Maler, Bildhauer, Mosaik- und Glaskünstler Otto Freundlich (1878–1943) war radikaler Avantgardist und überzeugter Kommunist. Letzteres ist seinen Werken, die von allen Klischees eines Sozialistischen Realismus denkbar weit entfernt sind, nicht anzusehen; rote Fahnen schwingende Arbeiter sowie Hammer und Sichel sucht man hier vergebens. Ein Blick zurück in die Zukunft weiterlesen →