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Sie heissen Swap, Future oder Optionen und sind im Geldgeschäft so wichtig geworden wie normale Aktien und Obligationen. Wer mit ihnen handelt, kann in kürzester Zeit Millionengewinne erzielen. Oder Millionenverluste. Zu den grössten Spielern beim Roulette mit Finanzderivaten gehören die drei Schweizer Grossbanken. In keiner anderen Sparte machen sie mehr Gewinn. Noch.
Zwei Börsenspekulanten, die unterschiedliche Vorstellungen vom zukünftigen Kursverlauf einer Aktie haben, schliessen miteinander eine Wette ab. Wer richtig tippt, gewinnt. Juristisch hat diese Wette die Form eines Optionsvertrags, worin sich der Verkäufer verpflichtet, dem Käufer gegen Bezahlung einer Prämie eine bestimmte Aktie zu einem fixen Preis während einer gewissen Zeitdauer (oder an einem bestimmten zukünftigen Zeitpunkt) zur Verfügung zu halten. Steigt der Kurs der Aktie während dieser Zeitdauer höher als der abgemachte Fixpreis plus die Prämie, macht der Optionskäufer Kasse. Bleibt der Kurs jedoch stets unter dem abgemachten Fixpreis plus Prämie, kann der Optionsverkäufer die Prämie als Gewinn einstreichen.
Nach der allgemeinen Definition sind Derivate Finanzkontrakte, die einer Partei das Recht an einem Basiswert zu einem zukünftigen Zeitpunkt geben und die andere Partei zu einer entsprechenden Gegenleistung verpflichten. Der Wert von Derivaten leitet sich von den Bewegungen des Basiswerts ab. Der Basiswert kann dabei ein Wertpapier, ein Fremdwährungsbetrag, eine bestimmte Ware, ein Marktindex, ein Zahlungsstrom oder die zukünftige Entwicklung des Zinssatzes sein. Der Kontrakt kann eine Verpflichtung zur Erfüllung (Future) oder eine wahlweise Erfüllung (Option) beinhalten und den Tausch von Aktiven oder Passiven vorsehen (Swap). Einige Derivate werden an der Börse gehandelt, andere ausserhalb.
Das Risiko einer Falschvorhersage
Die grössten Verlustfälle aus fehlgegangenen Derivatgeschäften sind bis heute bei den Benutzern, das heisst bei der Industrie zu verzeichnen. Die seit Anfang Jahr in der internationalen Öffentlichkeit bekanntgewordenen Pleiten im Gebrauch von komplexen Derivatkontrakten gehen in die Milliarden. Die deutsche Metallgesellschaft zum Beispiel verspekulierte sich mit Ölderivaten in New York. Fazit: Verluste von 2,1 Milliarden Franken. Die Gesellschaft ging bankrott und musste von der Deutschen Bank saniert werden. Jetzt werden rund 7000 der bisher 45000 Arbeitsplätze abgebaut. Die chilenische Codelco, sie vermarktet das in der weltgrössten Kupfermine Chuquiquamata geförderte Metall, verlor bei Fehlspekulationen mit Fremdwährungsderivaten 300 Millionen Franken. Die japanische Kashima Oil verspekulierte ebenfalls mit Fremdwährungsderivaten 2,3 Milliarden Franken, die Pensionskasse des US-Ölkonzerns Atlantic Richfield verlor mit Derivatspekulationen rund 35 Millionen Franken, und der US-amerikanische Seifenkonzern Procter & Gamble (P&G) verspielte mit komplexen Derivatfinanzierungen 150 Millionen Franken.
Der «Fall P&G» wurde in der US-amerikanischen Presse breit diskutiert. Die P&G-Bosse in Cincinnati mussten zugeben, dass sie nie wirklich kapiert hatten, wie die High-Tech-Derivatfinanzierungen funktionierten, die ihnen von den Wall-Street-Haien aufgeschwatzt worden waren. Dabei handelte es sich um einen sogenannten «Diff Swap», eine Art Wette auf eine Vorhersage der Differenz des deutschen und US-amerikanischen Drei-Jahres-Zinssatzes. Die Vorhersage erwies sich als grundfalsch, 0,1 Prozent Falschvorhersage kostete P&G 400000 Dollar.
Die Banken versprechen ihren KundInnen, die gewünschte Risikostruktur mit dem Einsatz von Derivaten dank finanzmathematischen Methoden exakt festlegen zu können, ganz unabhängig vom realen Geschäftsgang. Zum Beispiel mit dem sogenannten Swap, einem der gängigsten Derivate in der virtuellen Welt des elektronischen Geldes. Mit solchen Swaps können Gesellschaften ihre Zu- und Abflüsse von Geld zwecks Reduktion der Finanzierungskosten umstrukturieren und beispielsweise Schulden mit fixen Zinsen in einer bestimmten Währung umtauschen in Schulden mit variablen Zinsen in einer anderen Währung. (Damit kann die Unternehmung von fallenden Zinsen profitieren.) Für die Strukturierung solcher Swaps lassen sich die auf Derivate spezialisierten Banken selbstverständlich gut bezahlen. Der Fall P&G zeigt, dass solche Swaps versteckte potentielle Risiken beinhalten, welche im voraus zu erkennen weder die Banken noch die Endbenützer der Swaps in der Lage sind.
An einer kürzlich vom Kaufmännischen Verband in Zürich organisierten Podiumsdiskussion über die Risiken von Finanzderivaten führte Heinz Zimmermann, Professor am Bankeninstitut der Hochschule St.Gallen, die hier angeführten Fälle auf Management-Fehler und nicht auf den Einsatz von Derivaten zurück. Diese Schuldzuweisung ist zwar weit verbreitet, greift jedoch zu kurz. Die Ursache der sich häufenden Verluste mit Derivatspekulationen bei Industriebetrieben sind nicht Fehlentscheide einzelner Finanzmanager, sondern liegen in charakteristischen Wirkungen der Finanzderivate an sich. Derivate sind Finanzinstrumente mit einer Hebelwirkung, das heisst, sie kosten nur einen Bruchteil vom Wert des Kontraktbetrages. Oder anders gesagt, mit Derivaten kann ein Kapitalbetrag bewegt werden, der im Extremfall bis zu hundertmal höher ist als der zum Kauf des entsprechenden Derivates nötige Betrag. Bei spärlichem Einsatz von einfachen Derivatformen bleibt diese Hebelwirkung mehr oder weniger kalkulierbar. Beim heute üblichen massenhaften Einsatz von komplexen Derivaten hingegen kann die Hebelwirkung ausser Kontrolle geraten. Dies geschieht dann, wenn die Preise der den Derivaten unterliegenden Realwerte sich anders verhalten, als es in den Computersimulationen der von BankmathematikerInnen und BankphysikerInnen ausgetüftelten Preisbildungsmodelle vorgesehen ist. Dann kann die den Derivaten eigene Hebelwirkung einen Managementfehler im Finanzbereich über Nacht zur existenziellen Bedrohung der Unternehmung eskalieren lassen.
Das Risiko eines Börsencrash
Im Unterschied zu den hier genannten Industriekonzernen hat die Börsenspekulation bisher von der Hebelwirkung der Derivate profitiert. Dies ist vor allem bei der computerisierten Spekulation in Form der sogenannten Hedge Funds der Fall. Diese spekulieren mit eigenem und gepumptem Geld und kombinieren Basiswerte mit Derivaten. In den vergangenen zwei Jahren warfen sie damit Renditen von dreissig bis vierzig Prozent ab. Als Superstar dieser Sparte gilt der George Soros mit seinen milliardenschweren Quantum Funds. Neben den Hedge Funds gehören auch die auf das Derivatgeschäft spezialisierten Banken und die von Versicherungen und Banken für das Derivatgeschäft gegründeten Spezialfirmen zu den Gewinnern.
Am vergangenen Mittwoch wurde in Washington der Bericht eines Kongressausschusses veröffentlicht, welcher das Derivatgeschäft einer verstärkten Kontrolle der Börsenaufsicht unterstellen will. Dessen Ausarbeitung wurde bereits vor zwei Jahren von Henry Gonzalez, dem Vorsitzenden des Bankausschusses des Repräsentantenhauses, angeregt, der auch einen Gesetzesvorschlag zur Besteuerung von Derivatgeschäften eingebracht hatte. Im Bericht wird befürchtet, die Derivate könnten nicht nur im US-Bankwesen der neunziger Jahre ein Desaster anrichten, noch grösser als die Krise der Spar- und Kreditbanken in den achtziger Jahren, sondern darüber hinaus auch das gesamte Weltfinanzsystem ernsthaft destabilisieren. Wenn eine grosse Bank wegen unkontrollierter Hebelwirkungen von Derivaten ihre Verpflichtungen im Interbankgeschäft über Nacht nicht mehr erfüllen kann, droht der gefürchtete Dominoeffekt. Die geschädigten Banken geraten in Panik und reduzieren die Kredite für Spekulanten, was immer mehr Konkurse nach sich zieht. Dann muss die Zentralbank eingreifen, um einen Zusammenbruch der Finanzmärkte und des Zahlungsverkehrs zu verhindern. Und wieder einmal müsste der Staat die gesellschaftlichen Verluste aus exzessiver Spekulation zu Lasten der NichtspekulantInnen sozialisieren.
Das Risiko einer Überdosis
In den vergangenen Tagen ist das Drogenproblem beim Personal der Wall Street wieder einmal durch die US-Medien gegangen. Wardell Lazard, Chef einer renommierten New Yorker Vermögensverwaltungsfirma, starb an einer Überdosis Kokain; Larry Kudlow, Chefökonom des Börsenbrokers Bear Stearns, gestand der «New York Times» «unter Tränen» seine Alkohol- und Drogensucht. Gemäss Therapeuten und Psychiatern für «Elite-Drogensüchtige» ist das Drogenproblem bei Kadern von Banken und Börsenbrokern grösser denn je. Derivate sind das Finanzinstrument des heutigen Drogenzeitalters. Deren Hebelwirkung verschafft dem profit- und kokssüchtigen Spekulanten den nötigen Kick.
Die drei Schweizer Grossbanken gehören zu den allergrössten Spielern in der internationalen Spekulation mit Finanzderivaten. So steht beispielsweise der Bankverein auf dem ersten Platz der Weltrangliste für Währungsoptionen des Londoner Fachblattes «Euromoney». Kreditanstalt und Bankgesellschaft stehen dem Bankverein nicht viel nach.
Das systemische Risiko des Derivatgeschäftes für die Schweizer Wirtschaft ist vergleichsweise grösser als sonst irgendwo auf der Welt. Trotzdem werden die Risiken von Derivaten sowohl von den Banken als auch von der staatlichen Bankaufsicht und der Politik entweder verdrängt oder heruntergespielt.
Niemand, weder die Derivatzauberer bei den Grossbanken noch die Banküberwacher von der Bankenkommission und der Nationalbank, weiss, was passiert, wenn sich der Bankverein einmal verspekulieren oder durch den Zusammenbruch einer wichtigen Gegenpartei in Schwierigkeiten kommen sollte. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die anderen Grossbanken sofort von einem Vertrauensverlust gegenüber dem Bankverein mitbetroffen wären. Denn die gleiche Schweiz dient allen drei Grossbanken als unabdingbarer realer Anker im Derivatgeschäft. Ohne das Vertrauen der Gegenpartei in den Finanzplatz Schweiz und die Schweizer Realwirtschaft hätten die Grossbanken ihre führende Position dieser Sparte unmöglich aufbauen können. Geht es verloren, könnte ein helvetischer Binnendominoeffekt das Derivatgeschäft von Schweizer Banken über Nacht vernichten. Die Konsequenzen für die Frankenwährung und damit auch für die Exportwirtschaft wären unabsehbar.
Die Banken heizen die Derivate an, denn sie wollen selbstverständlich nicht auf ihre gewinnträchtigste Sparte verzichten. Dies um so mehr, als sie von einer impliziten Staatsgarantie profitieren, falls es mit der Derivatspekulation einmal in die Hosen gehen sollte. Die spärlichen Verlautbarungen der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) und der Nationalbank zum Thema Derivate stehen im umgekehrten Verhältnis zu dessen grosser Bedeutung. Während die Bankenüberwacher in den USA, in Deutschland, England und in anderen Ländern, in denen das Derivatgeschäft ebenfalls boomt, unzählige mehr oder weniger kritische Berichte erarbeitet haben, herrscht in der Schweiz bislang Funkstille. Das gleiche gilt für die Politik. Bislang ist weder dem Bundesrat noch dem Parlament und den Finanzspezialisten der Parteien zum brandheissen Thema Derivate etwas eingefallen. ·
Spiel mit den Derivaten. Das spekulative Geldgeschäft birgt nicht nur das Risiko eines wirtschaftlichen Absturzes: In den vergangenen Tagen starb der Chef einer New Yorker Vermögensverwaltungsfirma an einer Überdosis Kokain.