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Wer die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung des Eishockeys für Kanada erleben will, muss nach Toronto. Obwohl die Maple Leafs seit über einem halben Jahrhundert den Stanley Cup nicht mehr gewonnen haben, schlägt der Puls der Stadt nirgends stärker als im Air Canada Center, der Heimat des populärsten Eishockeyklubs im englischsprachigen Kanada. Die alte Arena – der legendäre Maple Leafs Garden – war nach seinem letzten Umbau zwischen 1946 und 1999 mit 16 000 Zuschauern immer ausverkauft.
In der Stadt am Lake Ontario atmen die Menschen Eishockey. Sie leben und zelebrieren ihren Sport. Da ist es Ironie des Schicksals, dass der berühmteste Sohn Ontarios nie für den lokalen Klub gespielt hat: Wayne Gretzky, geboren in Brantford, rund 100 Kilometer vor den Toren Torontos, beförderte die Edmonton Oilers in den 1980er-Jahren zur wertvollsten Marke des Wintersports. Im Rahmen des 100-Jahre-Jubiläums der NHL wählten die Fans die Oilers Ausgabe 1984/1985 zur besten Mannschaft aller Zeiten.
Mister Gretzky, es heisst, Sie seien in Kanada bekannter als die Niagarafälle und für die nationale Identifikation wichtiger als das Ahornblatt.
Wayne Gretzky: Sie übertreiben. Ich hatte auch viel Glück in meinem Leben. Ich wuchs in der richtigen Zeit auf – und am richtigen Ort. Ich wurde in einem Land geboren, in dem Eishockey zum nationalen Kulturgut gehört. In Kanada lieben die Menschen dieses Spiel. Alles, was meine Familie heute hat, überallhin, wo ich reisen durfte, alle interessanten Menschen, die ich kennen gelernt habe; all das verdanke ich dem Eishockey. Ich liebe diesen Sport, und die Menschen in Kanada lieben ihn noch mehr als ich. Diesen Umständen verdanke ich meinen Status.
Wo Sie auftauchen, sammeln sich Menschenmassen an. Ist das nicht gelegentlich ermüdend?
Nein. Das gehört zum Geschäft. Die Leute sind freundlich. Sie wollen mich kennenlernen, meine Hand schütteln, mit mir ein paar Worte wechseln. Das war in meiner Kindheit genau gleich. Ich hatte auch Idole: Spieler wie Gordie Howe oder Bobby Orr. Auch für mich war es ein Traum, diese Helden zu treffen.
Als sie zurücktraten, hielten Sie 61 Rekorde. Manche werden wohl nie gebrochen. Wie wichtig sind Ihnen diese Zahlen?
Ich denke nicht so sehr daran. Als ich spielte, versuchte ich, jeden Abend das Beste zu geben. Persönliche Statistiken spielen keine Rolle. Ich weiss, dass ich auch viele schlechte Partien hatte. Je besser du wirst, desto grösser sind die Erwartungen und der Druck. Aber ich war immer mit ganzem Herzen bei der Sache und machte alles für den Erfolg.
Die Edmonton Oilers Ausgabe 1984/1985 wurden in einer öffentlichen Umfrage zur besten Mannschaft aller Zeiten gewählt. Was bedeutet das für Sie?
Das ist eine enorme Ehre. Es war damals unsere dritte Finalserie nacheinander. Wir schlugen die Philadelphia Flyers 4:1. Ich wurde zum wertvollsten Spieler der Playoffs gewählt und erreichte in der entscheidenden Meisterschaftsphase die Rekordmarke von 47 Scorerpunkten. Das sind Meilensteine. Aber wenn du den Stanley Cup in den Händen hältst, rückt das in den Hintergrund. Um diese Trophäe zu gewinnen, muss das Team perfekt funktionieren. Wir hatten damals aussergewöhnliche Persönlichkeiten im Team: Mark Messier, Paul Coffey, Glenn Anderson, Grant Fuhr, Esa Tikkanen, Jari Kurri.
Was zeichnete diese Mannschaft aus?
Alle Spieler waren uneigennützig. Jeder ordnete sich dem Kollektiv unter. Nur so waren meine Leistungen möglich. Das perfekte Teamwork und der Zusammenhalt sind für mich die schönsten Erinnerungen an damals.
Zu Ihrer Zeit war die Schweiz für die NHL noch ein weisser Flecken auf der Landkarte. Haben Sie je in der Schweiz gespielt?
Ja, ich glaube auf unserer Exhibition-Tour während des Lockouts 1994 mit den «Ninety Nine All Stars», als wir in fünf Ländern auftraten. Aber halt, nein! Das war in Norwegen. Sorry, ich habe nie in der Schweiz gespielt.
Seither hat sich das Ansehen des Schweizer Eishockeys in Nordamerika deutlich verbessert. Aktuell sind zwölf Schweizer in der NHL engagiert. Was ist der Grund für die gesteigerte Wertschätzung?
Es ist vor allem die Erfahrung. Man hat sich diesen Status und den Respekt Schritt für Schritt erarbeitet. Spieler wie Streit, Josi oder Niederreiter haben viel für diese Entwicklung gemacht. Handkehrum profitieren die Schweizer in der heimischen Liga von der Arbeit von nordamerikanischen Trainern: Chris McSorley, Marc Crawford oder auch Bob Hartley haben in der Schweiz ihre Spuren hinterlassen. Coaches von diesem Format halfen, das Schweizer Eishockey zu verbessern und legten die Basis, dass in Zukunft noch mehr Schweizer den Sprung in die NHL schaffen.
Wie beurteilen sie Nico Hischier?
Er ist wirklich gut, sehr gut. Wegen solcher Spieler lieben wir diesen Sport. Grundsätzlich macht es Spass, so viel Talent und Klasse aus unterschiedlichsten Eishockey-Kulturen in der NHL zu sehen. Die meisten NHL-Spieler wachsen noch immer in Nordamerika auf. Die Europäer bringen frischen Wind in die Liga. Sie erweitern die spielerische Dimension, öffnen den Horizont. Hischier ist ein perfektes Beispiel. Heute sagen die Kinder: Wir wollen sein wie Nico. Das ist gut für das ganze Spiel.
Kann Hischier so gut werden wie Wayne Gretzky?
Ich hoffe es. Ich schaue bei der Beurteilung eines Jungen nicht zuerst auf sein Können. Denn es gibt viele talentierte Spieler. Den Unterschied machen Arbeitsethik und Disziplin aus. Und da ist Hischier ein grosses Vorbild. Er nimmt die Verantwortung wahr und kümmert sich um das Team. Nico Hischier spielt mit dem Herzen in den Händen – wie wir hier sagen. Solche Spieler liebe ich.
Wer ist aktuell der beste Spieler?
Sidney Crosby ist allen einen Schritt voraus, hebt sein Team auf eine andere Stufe. Pittsburgh führte er zu drei Stanley-Cup-Siegen. Zweimal wurde er als wertvollster Spieler der Playoffs ausgezeichnet. Mit Kanada gewann er 2010 und 2014 Olympia-Gold. Auston Matthews und Conner McDavid jagen ihn. Irgendwann werden sie vielleicht so gut wie er. Aber solange sie ihn nicht einholen, ist Crosby der König im Schloss.
Und wer ist der grösste Sportler der Geschichte?
Roger Federer zählt zweifellos zu den grössten Athleten der Geschichte – über alle Sportarten gesehen. Muhammad Ali gehört in diese Kategorie und auch Michael Jordan.
Und Wayne Gretzky?
Es liegt nicht an mir, so etwas zu sagen.
Die NHL-Legende bedankt sich für das Gespräch und sagt: «Wir sehen uns das nächste Mal, wenn du in Kanada bist.» Nach einem festen Händedruck schreitet er auf die Bühne, um über das «Centennial Greatest Team» der Edmonton Oilers zu sprechen. Auch viele seiner früheren Teamkollegen sind für diesen Anlass nach Toronto geflogen.
Gretzky nimmt ganz auf der rechten Seite Platz. Doch als die Reporter Gelegenheit zu direkten Fragen erhalten, steht er im Zentrum. Die Kameras und Mikrofone sind auf ihn gerichtet, jeder will ihn sprechen hören. «Wo Wayne ist, da wollen alle sein. Er interessiert noch immer mehr als die aktuellen Stars», sagt sein Freund Bob Nicholson. (aargauerzeitung.ch)
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