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| Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)

Erstes Buch
13. Augustinus' liebste Studien.
Weshalb ich aber die griechische Sprache haßte, in der ich bereits als ganz kleiner Knabe unterwiesen wurde, ist mir auch heute noch nicht völlig klar. Denn ich hatte doch Freude am lateinischen Unterricht, zwar nicht an dem der Elementarlehrer, wohl aber an dem der Grammatiker. Denn der Elementarunterricht, Lesen, Schreiben und Rechnen, war mir genau so lästig und peinlich wie der gesamte griechische. Woher stammte also meine Abneigung gegen ihn wenn nicht aus meiner Sündhaftigkeit und Eitelkeit? "Fleisch war ich und ein Hauch, der dahinfährt und nicht wiederkehrt"1. Denn jene Elementarfächer waren praktischer und entschieden auch besser; durch sie nämlich war es mir möglich, und ihnen verdanke ich es jetzt noch, daß ich alles Geschriebene, was mir in die Hände fällt, lesen und alles, was ich will, schreiben kann. Besser sicherlich als jener Unterricht, der mich zwang, Bescheid zu wissen über die Irrfahrten eines Äneas und darüber meine Irrtümer zu vergessen, den Tod einer Dido zu beweinen, die sich selbst getötet, während ich Elender selbst trockenen Auges es ertrug, daß ich dabei dir, mein Gott und mein Leben, abstarb. Was ist erbärmlicher als ein Armer, der sich seiner selbst nicht erbarmt und den Tod der Dido, die Folge übergroßer Liebe zu Äneas, beweint, aber nicht beweint seinen eigenen Tod, die Folge mangelnder Liebe zu dir, Gott, du Licht meines Herzens, du Brot meiner Seele, du Kraft, die meinen Geist und meine innersten Gedanken befruchtet? Ich liebte dich nicht und "buhlte abgewandt von dir"2, und von allen Seiten erscholl es dabei: "recht so, recht so"3. Denn die Freundschaft [S. 17] dieser Welt ist gottentfremdete Buhlerei, und "recht so, recht so" ruft man dazu, damit es für Schande gelte, wenn jemand nicht so ist. Und hierüber weinte ich nicht, wohl aber weinte ich über Dido, daß sie "geschieden, vom eigenen Stahle gefallen"4; ja, ich verließ dich und suchte dafür die letzten deiner Geschöpfe auf, Staub, der zum Staube zurückkehrt. Und hinderte man mich am Lesen, so war ich betrübt, weil ich nicht lesen sollte, was mich betrübte. Solchen Wahnsinn hält man für ehrenvoller und nützlicher als den Elementarunterricht, in dem ich lesen und schreiben lernte.
Aber nun rufe in meiner Seele, mein Gott, und deine Wahrheit sage mir: so ist es nicht, so ist es nicht; wahrhaftig, jener erste Unterricht ist viel besser. Denn siehe, viel lieber will ich die Irrfahrten des Äneas und alles andere der Art vergessen als Schreiben und Lesen. Wohl decken Vorhänge die Eingänge der gelehrten Schulen, doch versinnbilden sie nicht den Wert der dahinter gelehrten Geheimnisse, sondern sind nur eine Verhüllung des Irrtums. Mögen nicht mehr gegen mich schreien, die ich nicht mehr fürchte, da ich dir, mein Gott, bekenne, was meine Seele begehrt, und Ruhe finde in der Verurteilung meiner bösen Wege, damit ich deine guten Wege lieben kann. Mögen nicht ihre Stimme gegen mich erheben Käufer und Verkäufer von Grammatiken; denn wenn ich ihnen die Frage vorlege, ob die Angabe des Dichters, Äneas sei einst nach Karthago gekommen, wahr sei, werden die Ungelehrten gestehen müssen, sie wüßten es nicht, die Gelehrten aber, es sei nicht wahr. Wenn ich dagegen frage, wie das Wort Äneas geschrieben wird, so werden alle, die das gelernt haben, die richtige Antwort geben entsprechend dem Übereinkommen oder dem Beschlusse, durch welchen die Menschen diese Zeichen untereinander festgesetzt haben. Ebenso wenn ich frage, was wohl ein größerer Verlust für dieses Leben sei, Lesen und Schreiben zu vergessen oder jene Dichterfabeln, wer würde sich lange auf die richtige Antwort besinnen, wofern er noch nicht ganz auf sich vergessen hat? Also sündigte ich als [S. 18] Knabe, wenn ich jene Nichtigkeiten diesen nützlichen Wissenschaften vorzog oder richtiger sie haßte, jene aber liebte. Denn ein verhaßtes Geleier war mir "eins und eins ist zwei; zwei und zwei ist vier", ein überaus süßes, nichtiges Schauspiel aber das hölzerne Roß, mit Bewaffneten angefüllt, der Brand Troias und "der eigene Schatten der Kreusa“5.
1: Ps. 77,39
2: Ebd. 72,27.
3: Ebd. 39,16.
4: Verg. Aen. VI 457.
5: Verg. Aen. II 772.