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Warum konnte sich der Autokrat Omar Bongo so lange in Gabon an der Macht halten?
Am 8. Juni 2009 starb in einem spanischen Spital der Staatschef von Gabon, Omar Bongo.
Was hier nun folgt, soll kein Nachruf sein. Seinen Lebenslauf können sie anderswo nachlesen. Nein, es geht um ein wohl einmaliges afrikanisches Phänomen, das es zu analysieren und verstehen gilt.
Wie konnte eigentlich ein grausamer Diktator eines kleinen Landes (267'700 qkm mit nur 1,5 Mio Einw.) geschätzt und beliebt bei Franzosen, Amerikanern, Deutschen, „gemachten“ Arabern und den afrikanischen Oberschichten
Er hielt den Rekord, indem er fast 42 Jahre an der Spitze der Republik herrschte; er regierte also am längsten auf dem afrikanischen Kontinent ununterbrochen einen Staat.. Für Financial Times bedeutet dieser Tod „end of Francafrique“, Bongo war noch unter De Gaulle 1967 an die Macht gekommen; empfohlen wurde er ihm vom berüchtigten Afrikaberater Jacques Foccart. Der „little big man“ wurde zum einflussreichsten und somit mächtigsten Berater im Hintergrund während der gesamten 5. Republik. Er soll sogar einmal gesagt haben: „Alle Nachfolger de Gaulles kamen durch mich an die Macht, ob es Valery Giscard D’Estaing oder Jacques Chirac.“ Sogar Mitterrands Wahlkampf war mit mehreren Millionen von ihm gesponsert. Kommt diese Periode nun ans Ende? Denn eine derartige geschickte Verschlagenheit ist nicht vererbbar – selbst wenn das Amt in der Familie bleibt, etwa seinem Sohn Ali-Ben Bongo, geb. 1959, seit 1999 Verteidigungsminister.
Nach der Unabhängigkeit 1960 war Bongo Aussenminister geworden; damals begann das Einfädeln. Nach innen konnte er mit der Ausspielerei beginnen, indem er gleichzeitig die Funktion des Kabinettchefs inne hielt. Als der erste Präsident Léon M’ba 1967 starb, übernahm Bongo das Amt und hielt es bis zu seinem Tod.
Gabon ist ein ölreicher Staat. Bongo trat dem Ölkartell OPEC bei, manipulierte im Hintergrund die französische Elf Aquitaine, verursachte schelmisch einen Staatsskandal in Frankreich mit, ohne dass ihm jemals etwas Genaues nachgewiesen konnte. Wie zur Rückendeckung trat er zum Islam über, unternahm gar den Hadsch und wurde wohl zu dem afrikanischen Staatsoberhaupt, das in der OPEC mehr Fäden zog als Angola oder Algerien.
Im Kongokonflikt baten ihn die Amerikaner zu vermitteln. Ende der 1990er Jahre war der ehemalige Pressesprecher von John F. Kennedy, Pierre Salinger, für Bongos Öffentlichkeitsarbeit in den USA tätig.
Natürlich war er auch mit China in engem Kontakt. Er habe, heisst es, einige nützliche Hinweise gegeben – vor allem was das Verhalten gegenüber Afrikanern betrifft.
Bongo wurde durch all seine Vernetzungen auch innerhalb der Afrikanischen Union (AU) ein gefürchteter Schakal. Im Hintergrund wurde er als „der Intrigant“ bezeichnet.
Sogar Deutsche vermochte er bei seinem Besuch zu beeindrucken. Am 15. Juni 2005 empfing der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder Bongo zu einem Gespräch in Berlin. „Das sehr konstruktive Gespräch“ (laut Pressebericht) soll sich um die Lage im Golf von Guinea und Westafrika gedreht haben. Es wird ganz besonders auf die „gute Atmosphäre“ hingewiesen. Man hat Bongo auch über eine UN Reform befragt und seine Vorschläge zu Afrika „mit Interesse“ wahrgenommen. Ein weiterer Beweis, dass Bongo andere Politiker zu packen vermochte.
Auch innenpolitisch manipulierte er meisterhaft. Gabon umfasst über 40 verschiedene Bantu-Kleinvölker. Die Fang und die Bandjabi (oder auch als Nzebi bezeichnet) sind etwa gleich stark. In einer solchen Verteilung ist eine Oppositionsbildung schwierig. Wenn immer es kochte, liess Bongo die Lage ganz schön anheizen, um im letzten Moment Minister oder Staatssekretäre auszuwechseln. Er benutzte – ähnlich wie Mobutu – sein Rotationsauswechslungsspiel. So nahm er zeitlich rundum alle hinein, sodass alle Chefs und Führer korrupt waren. Zum Volk tröpfelte wenig hinunter.
Man könnte Bongo wirklich den afrikanischen Macchiavelli nennen. Wie wohl niemand hat er einerseits Kopf, Seele und Mentalität afrikanischer Autokraten verstanden, weil er einer, wenn nicht der Meister, von ihnen war, andererseits ging er phänomenal mit Aussenpolitik um. Man sagte, dass er jeden europäischen und amerikanischen Politiker durch seinen Charme und auch sein Wissen zu bezirzen vermochte.
Ganz klar, Bongo war kein Sklave westlicher Interessen. Er spielte sein afrikanisches Spiel – meisterhaft und raffiniert. Er konnte geschickt auf allen Ebenen Interessen gegeneinander ausspielen. Er war nicht nur clever, sondern beherrschte auch das Spiel des Schmeichelns.
Interessant ist seine Bemerkung, nur Frankreich verstehe afrikanische Politik. Immer wieder hat er sich dagegen gewehrt, dass sofort das Wort Korruption im afrikanischen Kontext auf den Tisch komme. Für ihn waren es Deals, so wie auch ein Dorfchef Kompromisse machen muss. Ohne Geschenke oder Cadeaux oder Gifts sei in der Weltgeschichte niemals Politik gemacht worden. Bongo wehrte sich gegen Scheinheiligkeit.
Bongo war einer der reichsten Männer Afrikas mit 70 Bankkonten, 39 Luxusvillen in Frankreich und 9 extra für ihn oder die Familie konstruierten Autos. Ihn störte all das nicht; er gab es ohne weiteres zu. Und meinte: „Die anderen, die das verstecken wollen, sind dumm, denn ein afrikanischer Chef braucht für das gewöhnliche und arme Volk, unsere Menschen, Glanz und Gloria, Reichtum und Wohlstand, viel Schau und wie im Film das Konkrete, das er selbst erträumt, jetzt schon vor Augen. Der traditionelle Afrikaner missgönnt solches seinem Chef nicht.“
Für uns wird er ein Rätsel bleiben.
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Al Imfeld, Juni 2009