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Newsletter Migration und Perspektive
Bei der Anhörung ging es darum, was der Gesuchsteller im Monat gemacht hat, nachdem er aus der Haft in Colombo, Sri Lanka entlassen wurde. Er hatte ausgesagt, dass er in diesem Monat Zuhause gewesen war. «Was haben Sie in diesem Monat nach der Entlassung aus der Haft gemacht»? fragte die Befragerin. «Ich war Zuhause.» lautete die Antwort. «Können Sie genauer erklären, was Sie in diesem Monat gemacht haben?» Die Befragerin blieb dran.
Ich war als Ausbildner im Raum und beobachtet aus ca 1,5m Distanz den Gesuchssteller. Seine verbalen Äusserungen blieben unspezifisch. Es war für mich nicht ersichtlich, ob er absichtlich ausweichend und ungenau antwortete, um nicht auf Details einzugehen, oder ob er diese nicht als wichtig erachtete, oder ob er diese nicht aussprechen wollte. Die Baseline seiner Körpersprache war bis anhin konstant: Die Füsse eher breitbeinig abgestellt, nach hinten gelehnt, die Atmung ruhig, die Hände auf dem Schoss, in neutraler Haltung mit wenig Anspannung. Sein Makrosprache zwar zeigte mittelstarke Anspannung. Bei der zweiten Wiederholung der Frage bemerkte ich einen Mikroausdruck im Gesicht, den ich als Ärger, deutete. Dieser zog ganz kurz die Augenbrauen nach unten, die Augenlider nach oben und ich sah seine angespannten Lippen. Diese extrem kurz angedeutete Emotion in der Mimik folgten mehrere Beruhigungsgesten während ca. einer Minute. Danach entspannte sich seine Haltung und Gestik und er ging wieder in seine Baseline.
Unser Gesicht ist das Fenster zur Seele, und seine Flügel sind immer weit geöffnet. Man muss nur hineinsehen. Paul Ekman, ein Psychologe und Anthropologe, forschte in den sechziger Jahren die Völker der Fore und der Kukukuku in Papua-Neuguinea. Vor allem von den Kukukuku wurde er bei seiner Arbeit bedroht. Um sich zu schützen, lernte er, erste Anzeichen der Aggression in ihren Gesichtern zu erkennen. Er entwickelte ein System aus 43 Grundbewegungen des menschlichen Gesichts, den sogenannten Aktionseinheiten, an denen einer oder mehrere der 43 Gesichtsmuskeln beteiligt sind. Sieben dieser Einheiten kristallisierte der Forscher anschliessend als universelle Ausdrücke heraus. Sie werden unabhängig von Sprache und kulturellem Hintergrund überall auf der Welt erkannt. Diese sind Zorn, Ekel, Ärger, Verachtung, Trauer, Überraschung und Freude.
Das Wissen um Mikro-Ausdrücke ermöglicht uns, eine Täuschung oder gar Lüge zu erkennen. Wir erkennen aber auch den heimlich besorgten Menschen, können diesen beruhigen und die passenden Worte im richtigen Moment sagen. Natürlich gibt es viele weitere Emotionen, Absichten und wahre Gefühle, die uns ein Gesicht offenbart, selbst wenn uns Worte etwas anderes glauben machen wollen.
Der Fachausdruck für das Verfahren: Facial Action Coding System (FACS). Es basiert auf der während vieler Jahre erprobten Methode von Paul Ekman. Der amerikanische Experte für Emotionen kann in Gesichtern lesen und minimale Zuckungen deuten. «Diese Mikroausdrücke dauern etwa 0,15 Sekunden», sagt Ekman, «und jeder kann lernen, sie zu entziffern.»
Besonders schwierig sind zum Beispiel Zorn und Ekel auseinanderzuhalten. Ebenso werden Angst und Überraschung sehr leicht verwechselt. Deshalb warnt Paul Ekman vor einem Missbrauch seiner Erkenntnisse: «Jeder, der behauptet, es gebe ein absolut zuverlässiges Signal dafür, dass jemand lügt, ist entweder töricht oder ein Scharlatan.»
Ich konnte die Beobachtungen und Interpretation der Mikroexpression (ME) und Körpersprache beim Gesuchssteller nicht unmittelbar verwenden. Aber es gab einen Hinweis, den ich als Befrager hätte verbalisieren und dem ich nachgehen hätte können.
Es braucht viele Stunden des Übens, um diese ME verlässlich zu sehen und richtig zu deuten.
Sie finden unter diesem Link einen kleine Onlinetest um Mikroexpressionen zu sehen.
Erkennen Sie Mikroausdrücke? Was machen Sie mit den Erkenntnissen? Ich freue mich über Feedback.
Mark Moser
27. Oktober 2018