Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03120.jsonl.gz/381

Der Musikstil Axé entstand im Bundesstaat Bahia in den 80er Jahren – während der Karnevalspräsentationen in der Hauptstadt Salvador. Er ist eine Mischung aus dem pernambucanischen Frevo, Forró und Maracatu, sowie dem karibischen Reggae und dem Grossvater des Letzteren, dem Calypso.
Allerdings bezeichnet man mit “Axé Music“ fälschlicherweise sämtliche Rhythmen aus afrikanischen Wurzeln oder den Musikstil jedweder Sänger oder Bands, die aus Bahia kommen. Dabei ist klar, dass nicht die gesamte bahianische Musik einfach unter diesem neu kreierten Begriff eingeordnet werden kann, denn dort gibt es den Olodum, einen Rhythmus aus Südafrika, es gibt Samba de Roda und Pagode, die von einigen bahianischen Bands produziert werden, es gibt Calypso (als musikalisches Genre), einen Rhythmus aus Trinidad & Tobago, und es gibt den Samba-Reggae, eine Neuerscheinung.
Das Wort “Axé“ ist ein religiöses Grusswort, welches von den Candomblé – und Umbanda-Zirkeln verwendet wird – es bedeutet positive Energie. Der Journalist Hagamenon Brito hat ihn erstmals aus der Musikszene im metropolitanen Untergrund aufgegriffen und dem englischen Wort “Music“ vorangestellt – und begründete damit einen Terminus, mit dem er eigentlich in herabsetzender Weise jene Tanzmusik von internationalem Anbiederungsflair charakterisieren wollte.
Durch den Impuls der Medien verbreitete sich die Axé-Music schnell im ganzen Land (besonders auch durch die Präsentation der “Kanevalsveranstaltungen ausserhalb der Zeit“, den so genannten “Micaretas“), und festigte sich als Industrie, die während des ganzen Jahres Erfolge produziert.
Die Wurzeln
Sie stammen aus den 50er Jahren, als Dodô und Osmar beim Karneval in Bahia den Frevo Pernambucano auf ihren rudimentären elektrischen Gitarren intonierten (die man prompt “Bahianische Gitarren“ taufte) – sie thronten hoch über ihrem Publikum auf einer “Fobica“ (einem Ford-LKW von 1929). Das „Trio elétrico“ war geboren, die Attraktion des bahianischen Karnevals, von Caetano Veloso 1968 promoviert in seinem Song “Atrás do Trio Elétrico“. Etwas später hatte Moraes Moreira, von der Gruppe “Novos Baianos“ die Idee, zu einem Trio (die damals nur als Instrumentalisten auftraten) auf die Plattform zu steigen, um zu singen – das war Kilometer Null der Axé-Music. Parallel zur Bewegung der Trios entwickelte sich die Ausbreitung der “Afro-Blöcke“: Filhos de Gandhi (mit Gilberto Gil als Mitglied), Badauê, Ilê Aiyê, Muzenza, Araketu und Olodum. Die spielten afrikanische Rhythmen, wie “Ijexá“, brasilianische, wie “Maracatu“ und “Samba“ (ihre Instrumente stammten von den Samba-Schulen aus Rio) und Karibische, wie den “Merengue“.
Mit der Kadenz und den Texten der Songs von Bob Marley in den Ohren, kreierte die Gruppe Olodum einen persönlichen Rhythmus, in den sie Axé, Música Latina, Reggae und auch Música Africana hinein mischten – einen Stil mit starker Profilierung der schwarzen Rasse, der in den 80er Jahren grosse Erfolge in Salvador feierte – mit Künstlern wie Lazzo, Tonho Matéria,Gerônimo und die Banda Reflexus. Die Songs erreichten den Südosten als Platten im Gepäck von Leuten, die dort ihren Urlaub verbrachten. Sofort hatten Luiz Caldas und Paulinho Camafeu die Idee, den “Frevo elétrico“ der Trios und den “Ijexá“ zu kombinieren – so erschien die Platte “Deboche“, die 1986 zum ersten nationalen Erfolg jener Musikszene aus Salvador führte: Mit “Fricote“ aufgenommen von Caldas. Die Modernität der Gitarren begegnete der Tradition der Trommeln in einer Mischung mit hoher Oktanzahl.
Eine neue Generation von Musicstars erschien in Brasilien: Lazzo, Banda Reflexus (mit dem Hit Madagascar Olodum), Sarajane, Cid Guerreiro, Chiclete com Banana (eine Gruppe, deren Mitglieder sich aus Fest-Musikern, Afro-Blocks und Trios Elétricos zusammengefunden hatten), Banda Cheiro de Amor (mit Márcia Freire und Margereth Menezes – die erste, der eine internationale Karriere gelang, mit dem Segen von David Byrne, dem Leiter der amerikanischen Rockband Talking Heads). Wenig später wurde die Band Olodum dann vom amerikanischen Sänger und Komponisten Paul Simon eingeladen, an den Aufnahmen zu seiner LP “The Rythm of the Saints“ mitzuwirken.
Kurswechsel für den Frevo und Pop-Rock
Jene neue bahianische Musik orientierte sich noch mehr in die Richtung des POP im Jahr 1992, als die Gruppe Araketu sich entschloss, Elektronik in die Trommeln zu injizieren – das Ergebnis war die Platte “Araketu“, herausgegeben vom unabhängigen englischen Verlag “Seven Gates“ und nur in Europa auf dem Markt gekommen. Im selben Jahr brachte Daniela Mercury “O Canto da Cidade“ heraus, und ganz Brasilien ergab sich plötzlich dem Axé. Nachdem nun die Tür offen war, kamen Asa de Águia, Banda Eva (die Gruppe entstand aus dem Karnevalsbolck “Eva“ und brachte die Sängerin Ivete Sangalo hervor), Banda Mel (die später als “Bamdamel“ signierte), Banda Cheiro de Amor, Ricardo Chaves und so viele andere Namen. Die kommerzielle Explosion des Axé kann jedoch nicht als einheitlich bezeichnet werden. Dorival Caymmi stellte erneut seine künstlerischen Qualitäten unter Beweis – und Caetano Veloso bestätigte sie. Aus den Versuchen, das Repertoire der Pop-Rock-Bands einzubegreifen, entstand der “Marcha-Frevo“ (Frevo-Marsch), der Erfolge wie “Eva“ (Rádio Táxi) und “Me Chama“ (von Lobão) in noch mehr Treibstoff für den Karneval verwandelte.
Während sich der Axé kräftigte, suchten einige Namen nach kreativen Alternativen für die bahianische Musik. Die signifikantesten unter ihnen war die Gruppe Timbalada, bestehend aus Perkussionisten und Vokalisten, geführt von Carlinhos Brown (dessen Song “Meia Lua Inteira“ mit der Stimme von Caetano Veloso explodiert war) – er machte den Vorschlag, den Sound der Timbaus aufzuwerten, jener Trommeln, die schon viel zu lange ein Schattendasein in den “Terreiros de Candomblé“ (religiöse Versammlungsstätten) geführt hatten. Parallel zur Timbalada brachte Brown zwei Solo-Platten heraus – “Alfagamabetizado“ (1996) und “Omelete Man“ (1998), denen mit seiner individuellen Eingliederung verschiedener POP- und MPB-Tendenzen in die bahianische Musik grosse Anerkennung im Ausland beschieden war. Ausserdem entwickelte er eine soziale und kulturelle Arbeit von hohem Niveau unter der bedürftigen Bevölkerung des Stadtteils “Candeal“ in Salvador – mit der Gründung des Kulturzentrums “Candyall Guetho Square“, der Percussion-Gruppe “Lactomia“ (zur Schaffung einer neuen Generation von Instrumentalisten) und der Musikschule “Paracatum“.
Währenddessen multiplizierten sich die Erfolgsnamen der bahianischen Musik : Zu den schon bekannten Banda Eva, Bamdamel, Araketu (die 1994 von der Platte « Araketu Bom Demais » 200.000 Kopien verkauft hatten), Chiclete com Banana und Cheiro de Amor, gesellten sich der Ex-Beijo Netinho und die Gruppen Jammil e Uma Noites, Pimenta N’Ativa und Bragadá.
Abstieg – und Auftritt des Samba-Reggae
Nach den 90ern verlor das als “Axé-Music“ bezeichnete Genre an Kraft. Und auch die typisch brasilianischen Musik-Genres, selbst der Pagode, verliessen die Erfolgsspitze der Radiosender, Bars, Restaurants und Clubs.
Die Rhythmen, welche die marktorientierte Bewegung der Axé-Music bestimmen, existieren wohl weiterhin, aber die Ausgaben der berühmtesten Künstler des Axé können nur wenige Platten verkaufen. Parallel dazu erscheint eine neue musikalische Richtung im Bundesstaat Bahia, die den Samba in die bahianische Musik zurück bringt – jetzt aber nicht in der bekannten Samba-de-Roda-Form, sondern als eine Mischung aus Samba, manchmal Pagode, vereint mit einer Reggae-Melodie der lateinamerikanischen Musik, sowie der Präsenz der charakteristischen schwarzen Rasse durch die Trommeln in der Musik. Der “Samba-Reggae“, wie ihn die berühmten Künstler titulieren, obwohl er aus Bahia stammt, wird nicht mehr als Axé bezeichnet, sondern als ein unabhängiger und innovativer Stil der Brasilianischen Volksmusik betrachtet.