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Geschichte der so genannten einfachen Menschen? Geschichte jener, die von den Entscheidungen der herrschenden Machteliten am meisten betroffen sind, ja unter ihnen leiden? Kann es nicht geben, wurde uns im Geschichtsunterricht gesagt – denn es gebe keine Quellen. Jedoch: Vor einhundert Jahren, am 22. August 1922, wurde der amerikanische Historiker Howard Zinn geboren. Er suchte und fand haufenweise Quellen, die andere nicht gesucht oder bewusst übersehen hatten.
Howard Zinn wagte es, gegen die Mainstream-Historiker eine «People’s History of he United States» zu schreiben. Eine Würdigung.
Howard Zinns «People’s History» beginnt, natürlich, bereits am 12. Oktober 1492 – an jenem Tag, an dem Christopher Columbus auf einer Insel landete, die heute zu den Bahamas gehört. Der Europäer wurde von den Einheimischen freundlichst empfangen, man tauschte Geschenke aus. Aber bald interessierte die Spanier und jene, die nach ihnen kamen, nur eine Frage, die Columbus ohne Umschweife so formulierte: «Wo ist das Gold?».
Die Quelle, auf die sich Historiker Howard Zinn stützt, ist der katholische Mönch Bartolomé de las Casas (geboren 1484 oder 1485, gestorben 1566), der an den Eroberungen teilgenommen hatte und auf Kuba eine Farm besass, dann aber zum heftigen Kritiker der spanischen Erboberer wurde. In seiner «History of the Indies» beschreibt Las Casas die Eingeborenen als freundliche Leute. Vor allem die Frauen könnten lange Distanzen schwimmen. Dies Menschen würden gelegentlich Kriege gegeneinander führen. Sie huldigten keiner Religion, lebten in freien sexuellen, ehelosen Beziehungen. Die Frauen würden so gut behandelt, dass sich die Spanier zu wundern begannen.
Die Ureinwohner gequält
Die Invasoren hätten sich, schreibt Las Casas, mehr und mehr zur Herrenrasse entwickelt, die Ureinwohner unterdrückt, gequält und gefoltert, in Goldminen gezwungen, in denen nach einigen Monaten Zwangsarbeit etwa ein Drittel gestorben sei. Von 1494 bis 1508 seien über drei Millionen Menschen in Kriegen, durch Sklaverei, in den Minen und – müsste man heute hinzufügen – durch Viren, welche die Eroberer einschleppten und gegen welche die Einheimischen keine Abwehrkräfte hatten, zu Grunde gegangen.
Howard Zinn schreibt: «So begann vor 500 Jahren die Geschichte der europäischen Invasion der indianischen Siedlungen in den Amerikas.» Selbst wenn die Zahlen, welche Las Casas angebe, möglicherweise übertrieben seien, sei der Beginn der europäischen Eroberung gekennzeichnet durch Sklaverei und Tod. «Wenn wir jedoch die Geschichtsbücher lesen, die unseren Kindern gegeben werden», resümiert Howard Zinn, «beginnt alles mit heroischen Abenteuern – Blutvergiessen gibt es nicht – und der Columbus Day ist ein Feiertag.»
Wer war dieser Howard Zinn, der sich in seinen Schriften den so gennannten einfachen Leuten widmet?
Bei Wikipedia gibt es eine ausführliche Lebensbeschreibung:
«Zinn wuchs in einer Arbeiterfamilie von jüdischen Immigranten in Brooklyn auf, arbeitete auf den Werften in Brooklyn und flog Bombeneinsätze in Europa während des Zweiten Weltkriegs. Eine Erfahrung, die, auch wenn Zinn in dem Krieg aufgrund des Kampfes gegen die Faschisten einen gewissen moralischen Kern sah, massgebend für seine Opposition gegen Krieg wurde. Zinn war Bombenschütze einer B-17. […] Im April 1945 nahm er an der Napalm-Bombardierung von Royan an der französischen Atlantikküste teil, das noch immer von den deutschen Truppen besetzt war. Neun Jahre später besuchte Zinn Royan, studierte dort Dokumente, interviewte Einwohner und schrieb darüber einen Bericht, der in seinem Buch ‘The Politics of History’ veröffentlicht wurde.»
1956 wurde Zinn Dekan des «Department of History and Social Sciences» am Spelman-College (heute Atlanta University Center, Spelman College), einer Hochschule für schwarze Frauen in Atlanta, wo er sich in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung engagierte.
Akzeptanz von Grausamkeiten
Diese frühe akademische und gesellschaftliche Sozialisierung war sicher die Wurzel für sein später entwickeltes Geschichtsbild und Geschichtsverständnis. In einer Passage gleich im ersten Kapitel seiner People’s History schreibt Zinn, Columbus in absentia zu verurteilen, sei zu spät. «Aber die leichte Akzeptanz von Grausamkeiten als einen bedauerlichen aber notwendigen Preis für den Fortschritt (Hiroshima und Vietnam für die Rettung der westlichen Zivilisation; Kronstadt (1) und Ungarn zur Rettung des Sozialismus; nukleare Verbreitung zur Rettung von uns allen) – all das schlummert immer noch in uns.»
Ein Grund, warum all diese Grausamkeiten immer noch im amerikanischen Unterbewusstsein weilten, liege darin, «dass wir gelernt haben, sie in einer Masse anderer Tatsachen zu begraben – so, wie wir radioaktiven Abfall in Containern unter der Erde begraben».
Big Business
Man kann Zinns umfangreiches Werk überall aufschlagen, der Autor kommt stets zu denselben Ergebnissen. Unabhängig davon, ob Republikaner oder Demokraten im Weissen Haus regierten – immer hätten beide Parteien letztlich Big Business, den multinationalen Konzernen nachgegeben und «The People» vernachlässigt.
Ein eindrucksvolles Beispiel für diese gesellschaftliche Schieflage sieht Howard Zinn etwa in der Präsidentschaft Jimmy Carters (1977–1981). In Carter, Baptist, Erdnussfarmer, aber auch Millionär, hatten viele die Hoffnung gesetzt, er werde sich vehement für die afroamerikanische Minderheit, für die wirtschaftlich gefährdete weisse Mittelschicht, insgesamt für soziale Reformen einsetzen. Das Gegenteil sei geschehen. Sein erstes Budget habe eine Steigerung des Militärhaushaltes um 10 Milliarden Dollar vorgesehen – während gleichzeitig das Landwirtschaftsministerium jenes Budget um 25 Millionen Dollar jährlich gekürzt habe, das für freie Schulspeisung für 1,4 Millionen bedürftige Kinder vorgesehen war.
Howard Zinn schreibt, wenn es Carters Job gewesen sei, das Vertrauen in das politische System wiederherzustellen, dann sei sein grösster Fehler gewesen, die immensen wirtschaftlichen Probleme der Menschen nicht gelöst zu haben. «Für bestimmte Schlüsselgruppen der Gesellschaft – junge Menschen, und speziell Schwarze – betrug die Arbeitslosenrate 20 oder 30 Prozent.» (Howard Zinn)
Millionen für Diktatoren
Auch aussenpolitisch sei Carter keine neuen Wege gegangen. So habe er 1980 beim Kongress 5,7 Millionen Dollar an Krediten für die Militärjunta in San Salvador beantragt, damit diese einen Bauernaufstand niederschlagen konnte. Und obwohl die Militärjunta auf den Philippinen politische Gegner einkerkerte und folterte, habe Carter den Kongress gedrängt, dem Regime von Ferdinand Marcos 300 Millionen Dollar Militärhilfe zu gewähren.
Ebenso negativ fällt Howard Zinns Urteil über die Präsidentschaft Bill Clintons aus. In der Innenpolitik habe er Gesetze forciert, welche eher der Republikanischen Partei und dem Big Business gefallen, als dass sie an die Sozialprogramme von Franklin D. Roosevelt angeknüpft hätten. 1997 etwa habe der Kongress Clintons Gesetzesvorlage gebilligt, wonach nicht nur illegalen, sondern auch legalen Einwanderern viele Zuwendungen aus den Wohlfahrtsprogrammen gestrichen worden seien. «Hundertausenden Mittelamerikanern», scheibt der Autor, «welche den Todesschwadronen in Guatemala und El Salvador entkommen waren, deren Regierungen die USA Militärhilfe gaben, standen nun vor der Deportation, weil sie niemals als politische Flüchtlinge anerkannt worden waren.»
«Mit der Wirklichkeit wenig zu tun»
Oft sei er gefragt worden, warum er ein solches Buch geschrieben habe, schreibt Howard Zinn in einem Nachwort. Seine Antwort ist vielfältig: Seine eigene Lebenserfahrung als Arbeiter auf einer Schiffswerft, als Bomberpilot im Zweiten Weltkrieg habe ihm gezeigt, dass die Texte, die amerikanischen Schülern und Studenten über die eigene Geschichte gegeben würden, mit der Wirklichkeit wenig zu tun hätten.
Jedoch: «So etwas wie eine reine Tatsache, die frei wäre von jeder Interpretation, gibt es nicht. Hinter jeder Tatsache, die von einem Lehrer, einem Schriftsteller, von jedermann der Welt präsentiert wird, steht ein Urteil. Das Urteil, das da gefällt wird, ist, dass diese Tatsache wichtig ist und dass andere Tatsachen ausgelassen werden.»
Howard Zinn hat sich dafür entschieden, all jene Tatsachen zu betonen, in denen er eine Benachteiligung der People, jener Menschen also sieht, bei denen die schönen Versprechen der Politiker oft nicht ankommen. Das ist legitim. Andere Historiker haben andere Schwerpunkte gesetzt. Alle zusammen in einem Werk zu bündeln, wäre vermutlich unmöglich.
Eingang in amerikanische Lehrpläne
Zinns Buch wurde erstmals 1980 veröffentlicht – mit einer Startauflage von nur etwa 5000 Exemplaren. Er hat es mehrmals aktualisiert. Sein historischer Ansatz fand allmählich Aufmerksamkeit. Bis heute wurde es fast drei Millionen Mal verkauft, es wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Ein besonderer Erfolg für den Autor: Seine People’s History hat endlich auch Eingang in amerikanische Lehrpläne gefunden.
Die neueren einschlägigen Werke über die amerikanische Geschichte bleiben oft skeptisch. In Jil Lepores Meisterwerk «Diese Wahrheiten» (Journal21 vom 18. November 2021) finden Howard Zinns Thesen keinen Eingang. Der Potsdamer Historiker Bernd Stöver erwähnt die People’s History in seinem umfangreichen Werk über die Geschichte der USA eher am Rande und mit skeptischem Unterton. Zustimmend – kaum verwunderlich – nimmt die People’s History der Schweizer Historiker Daniele Ganser in seinem Werk «Imperium USA» zur Kenntnis.
Reiche Gründerväter
Howard Zinn sieht einen schweren Geburtsfehler der amerikanischen Demokratie darin, dass im Verfassungskonvent von 1787 in Philadelphia Sklaven, Frauen und Männer ohne Landbesitz nicht vertreten gewesen seien. Zinn zitiert den amerikanischen Historiker Charles Austin Beard (1874–1948). Dieser habe darauf aufmerksam gemacht, dass Gründerväter wie James Madison, George Washington und Alexander Hamilton reiche, sklavenbesitzende Grundbesitzer gewesen seien, Grundstücksmakler, wenn man will, die ihre wirtschaftlichen Interessen natürlich auch durch die Formulierungen der Verfassung wahren wollten. Die «unveräusserlichen Wahrheiten», welche sie verkündeten, galten, zunächst wenigstens, vor allem für sie selber. Inzwischen sind über 230 Jahre vergangen, vieles hat sich zum Positiven gewandelt. Dass aber etwa eine Bewegung wie «Black Lives Matter» existiert, zeigt, dass der Weg noch lang ist.
Immerhin darf man vermuten, dass Howard Zinn Joe Bidens neueste Umwelt- und Sozialgesetzgebung positiv aufgenommen hätte. Denn diese Gesetze belegen Grosskonzerne – manche, wie man hört, erstmals – wirklich mit Steuern, die dem Volk, Howard Zinns «People», zugutekommen sollen.
1) Anmerkung Kronstädter Matrosenaufstand: 1921 kam es zu einer Rebellion der Kronstädter Matrosen gegen die bolschewistische Herrschaft. Die Revolte wurde von der Roten Armee unter Leitung von Leo Trotzki niedergeschlagen.