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Die Stadt ist
nicht die
Landschaft
Die grosse ökologische Herausforderung besteht heute nicht darin, die Stadt zu begrünen, sondern die Verstädterung einzudämmen.
Mitte des 19. Jahrhunderts führten die Überverdichtung der europäischen Grossstädte, ihre unwürdigen Elendsviertel und deren unannehmbaren hygienischen Zustände dazu, dass man nach radikalen Alternativen suchte. Diejenige, die sich weltweit etablierte, war die Gartenstadt, die der englische Reformer Ebenezer Howard 1898 theoretisch beschrieb und dann praktisch umsetzte. Sie stellte der riesigen Steinwüste der zeitgenössischen Grossstadt übersichtliche, durchgrünte Ansiedlungen gegenüber, die sich netzartig verbreiten und die Metropolen ersetzen sollten. Ihre Grundeinheit war das Cottage, das freistehende Ein- oder Mehrfamilienhaus im Garten. Es geriet zur Lieblingsbehausung breiter Bevölkerungsschichten, wurde zunehmend staatlich gefördert und führte, in Verballhornung der ursprünglichen sozialen Idee, zu den verschiedenen Formen von Suburbia.
Allerdings ist diese nur eine von mindestens zwei Geschichten der europäischen Stadterweiterung. Die andere erzählt von der Ausdehnung der Städte, die zwar in neuen, grosszügigen Strukturen gefasst wurden, aber ähnlich kompakt und dicht wie die historische Stadt ausfielen. Beispiele solcher Erweiterungen gibt es vielerorts: Eine der eindrucksvollsten ist jene von Barcelona, die der Ingenieur Ildefons Cerdà 1859 plante. Er hielt am System von Strassen und Plätzen fest, die das alte Barcelona prägten, übersetzte es jedoch in die zeitgemässe Form eines exakten quadratischen Rasters und verknüpfte es mit den neuen technischen Errungenschaften der Strassenbahn und der Stadtbahn. Er hielt am Konzept der Dichte fest, aber nur insoweit, als es mit dem Anspruch der Hygiene und der Belichtung vereinbart werden konnte. So entstand eine moderne Stadt, die sparsam mit dem Grund umging und sofort Urbanität ausstrahlte.
Es ist diese zweite Geschichte, an die wir heute im Städtebau anknüpfen müssen. Dabei sollten wir auf die ursprüngliche Definition von Stadt als künstliches Dispositiv zurückgreifen, das den Menschen Schutz bietet sowie ein komfortables, produktives und glückliches Zusammenleben ermöglicht. Also als Artefakt, das sich von der Natur scharf abgrenzt, ja sich ihr entgegenstellt.
Die alte Definition wird im Licht der gegenwärtigen Bedingungen hochaktuell. Die Zerstörung der Landschaft durch die Zersiedlung hat in den letzten Jahrzehnten ein Ausmass angenommen, das mehr als bedrohlich ist. In der Schweiz wird gegenwärtig ein Quadratmeter Land pro Sekunde verbaut; andernorts in Europa sogar mehr. Die Landschaft, die wir lieben und schätzen, die wir auch ganz konkret als Ernährungs- und Erholungsraum brauchen und die letztlich das Überleben unseres Planeten gewährleistet, läuft Gefahr, vernichtet zu werden.
Die Landschaft, die wir lieben und schätzen, läuft Gefahr, durch die Zersiedlung vernichtet zu werden.
Deswegen brauchen wir eine neue Stadt, die die Natur möglichst schont: eine kompakte und unverblümt artifizielle Stadt. Wenn wir die Natur erhalten wollen, dürfen wir sie nicht ohne Not verbrauchen und auch nicht in die Stadt hineinführen. Im Gegenteil: Die Stadt muss sich in sich selbst zurückziehen, dicht und hart und steinern werden. Das mutet naturfeindlich an, ist aber in Wahrheit die einzig mögliche Art, der Natur aufrichtig Respekt zu erweisen.
Denn die Natur in der Stadt ist nicht echt, sondern Surrogat. Gärten und Parks sind nicht ausgesparte Landschaftsstücke, als die sie auch gar nicht bestehen könnten, sondern künstliche Nachbildungen und Metaphern jener Landschaft, die sie zusammen mit den Häusern vertrieben haben. Der New Yorker Central Park mag sich wie ein Stück jener Natur darstellen, die in Manhattan existierte, bevor die Insel überbaut wurde; in Wahrheit ist es das Ergebnis eines ebenso aufwändigen wie gewaltigen Umbaus, das aus dem Landstück eine Erholungsmaschine gemacht und dann als wilde Naturlandschaft getarnt hat. Die Bäume, die unsere Alleen und Boulevards säumen, sind zu architektonischen Elementen mutiert, die räumlich wie Säulen wirken und ebenso künstlich bewässert und gedüngt werden müssen wie die Blumenvasen auf unseren Fensterbänken. Die Vorgärten und Hofbegrünungen, die unseren Wohnungen luftige und attraktive Aussichten bieten, sind gleichermaßen artifiziell und bedürfen unablässiger und liebevoller Pflege. Von den vertikalen Fassaden und bewaldeten Hochhäusern, die heute en vogue sind, weil sie selbst den rücksichtslosesten Bauspekulationen eine trügerische ökologische Aura verleihen, gar nicht zu sprechen: Sie gehen sofort ein, wenn sie nicht durch herkulische Anstrengungen mit Wasser und Nährstoffen versorgt werden – und zuweilen reicht nicht einmal das.
Die Natur in der Stadt ist nicht echt, sondern Surrogat.
Ich möchte nicht missverstanden werden: Die Integration von Vegetation in die Stadt ist ein wichtiges Mittel, ihr Klima zu verbessern, ihre Luft zu reinigen, ihre Raumqualität zu steigern. Sie muss gefördert werden. Aber die grosse, die eigentliche ökologische Herausforderung besteht nicht darin, die Stadt zu begrünen, sondern die Verstädterung einzudämmen.
Bertolt Brecht lässt in einer seiner Geschichten Herrn Keuner erklären: Ich würde gern mitunter aus dem Haus tretend ein paar Bäume sehen. Auf die Frage hin, warum er dafür nicht ins Freie fahre, antwortet Herr K. erstaunt: Ich habe gesagt, ich möchte sie sehen aus dem Hause tretend. Bäume sind schön, zuweilen atemberaubend, aber unsere Städte bestehen in erster Linie aus Häusern. Und diese Häuser müssen zusammenrücken, wenn sie die Natur, die echte, die für uns und unseren Planeten lebensnotwendige Natur um sich herum verantwortungsbewusst und nachhaltig erhalten sollen.