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Von 1977 bis 2014 erschien in der Schweiz die «Agenda des femmes / der Frauen» – ein mit feministischen Texten und Bildern gespickter Jahreskalender.
Den Anstoss zur Agenda gab die ehemalige Präsidentin des Bundes Schweizerischer Frauenorganisationen (BSF) Jacqueline Berenstein-Wavre. Der BSF entstand 1900 auf Initiative der Präsidentinnen der fortschrittlichen Frauenvereine Bern, Zürich, Genf und Lausanne. Bis 1945 schlossen sich 250 Frauenvereine verschiedenster Ausrichtungen dem BSF an. 1949 traten auch die SP-Frauen und 1950 die FDP-Frauen dem BSF bei. Der BSF engagierte sich für das Frauenstimmrecht, für einen Mutterschutz, für die Berücksichtigung der Frauen in der Alters- und Hinterlassenenversicherung, und er brachte sich in die Heimarbeits- und Fabrikgesetzgebung ein, um der Ausbeutung weiblicher Arbeitskräfte entgegenzuwirken. In den 1970er Jahren legte der BSF den Fokus auch auf die Teilzeiterwerbsarbeit verheirateter Frauen und unterstützte unter der Präsidentinnenschaft von Jacqueline Berenstein-Wavre 1977 die erste Lohnklage vor Bundesgericht.
Mit Jacqueline Berenstein-Wavre präsidierte von 1975 bis 1980 erstmals eine Sozialdemokratin und dezidierte Pazifistin den als bürgerlich geltenden BSF. Die Genferin war auch Mitbegründerin des 1978 entstandenen Collège du Travail, das sie von 1984 bis 1997 präsidierte. Ab 1965 gehörte sie zudem dem Redaktionsausschuss der Zeitschrift «Femmes Suisses et le mouvement féministe» an und war eine der Initiantinnen des 1981 angenommenen Verfassungsartikels über die Gleichstellung von Mann und Frau.
1975 – im Internationalen Jahr der Frau – nahm Charlotte Wymann, eine wohlhabende, in Gstaad lebende Amerikanerin, Kontakt mit Jacqueline Berenstein-Wavre auf. Wymann wollte einen finanziellen Beitrag leisten, um die soziale und rechtliche Gleichstellung von Frauen in der Schweiz voranzutreiben. Die beiden überlegten gemeinsam, wie sie die Frauen direkt in ihrem Alltag ansprechen und für feministische Themen sensibilisieren könnten. Ein Kalender, den die Frauen jeden Tag zur Hand nahmen, um Termine einzutragen, bot dafür das perfekte Format. Charlotte Wymann spendete ein Startkapital von 15 000 Franken und ermöglichte damit die erste Ausgabe der «Agenda der Schweizer Frau / Agenda de la Femme». Sie erschien 1977 unter dem Titel «Es ist nicht immer leicht eine Frau zu sein, auch im Jahr 1977 nicht» mit einer Auflage von 10 000 Exemplaren. [Q1]
Das erste Redaktionsteam bestand aus Jacqueline Berenstein-Wavre, der Journalistin und Übersetzerin Rossana Cambi-de Simone, der Journalistin Michèle Stroun-Finger und der Jus-Studentin Ina Wismer-Beckert. [Q2] 1981 löste sich das Redaktionsteam der Agenda vom BSF. Die vier Frauen schlossen sich zum Verein «Arbeitsgruppe der Agenda» zusammen und führten die Agenda ab 1982 unabhängig vom BSF weiter. Die Frauen begründeten ihren Entscheid damit, dass die Agenda, um das Sprachrohr aller Frauen zu sein, kein Etikett tragen dürfe. Denn das sei von Anfang an ihr Ziel gewesen: «heraus aus dem langsamen Marsch durch die Institutionen, um unabhängig und auf direktem Weg zu allen Frauen Kontakt zu finden, damit wir zusammen gegen den Sexismus ‹auf die Barrikaden› gehen können.» [Q3]
Die Arbeitsgruppe sass jeweils am Anfang des Jahres zusammen und bestimmte das Thema der nächstjährigen Agenda. Anschliessend machten sich die Frauen ans Schreiben und Redigieren der Texte. Für die Illustrationen und für die Gestaltung arbeiteten sie ausschliesslich mit Frauen – Grafikerinnen, Fotografinnen und Layouterinnen – zusammen. Kam die Agenda aus dem Druck, kümmerte sich die Arbeitsgruppe um den Vertrieb und den Verkauf. 1982 war das Projekt selbsttragend. Die Gründerinnen konnten bezahlte Aufträge vergeben und auch sich selbst eine bescheidene Summe auszahlen. Die Agenda konnte bei den Herausgeberinnen bestellt oder im Buchhandel gekauft werden. Die ersten Ausgaben kosteten 12.50 Franken das Stück. Bis 2013 stieg der Preis auf 22 Franken pro Exemplar.
Jacqueline Berenstein-Wavre formulierte das Ziel der Agenda in der ersten Ausgabe 1977 so: «Die Agenda illustriert jede Woche durch eine oder zwei Fotografien verschiedene Bereiche aus dem alltäglichen Leben heutiger Frauen. Sie weist damit auf die wichtigsten Anliegen aktueller Frauenbestrebungen hin, welche unter den Begriffen Rollenverteilung, gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, Partnerschaft zwischen Mann und Frau, gemeinsam zu treffende Entscheidungen usw. sattsam bekannt geworden sind, aber immer noch auf Verwirklichung warten.» [Q1] Der Jahreskalender erschien zweisprachig auf Deutsch und Französisch. Jede Agenda hatte einen thematischen Schwerpunkt. Die Jahresthemen spiegeln zeithistorische Debatten und Entwicklungen des Feminismus wider, wie z. B. Berufe (1978), Körper (1984), Was für eine Wirtschaft? (1987), Europäische Gemeinschaft: ein Raum für Frauen (1992), Frauen und Drogen (1994), Frauen und Sport (1999), Musikerinnen (2009) und Frauen machen Kunst (2014).
Auf und zwischen den Wochenblättern informierten kurze Texte, Statistiken, Fotografien und Illustrationen über die Entwicklung der politischen Rechte von Frauen in der Schweiz, über Frauen und Berufsarbeit, die Situation von Heimarbeiterinnen, über Mutter- und Elternschaft, Kinderbetreuung, Schwangerschaft, Geburt und Abtreibung oder über das Bild von Frauen in Werbung und Medien. Andere Beiträge erinnerten in Wort und Bild an historische Protagonistinnen und zentrale Ereignisse der Schweizer Frauenbewegung oder parodierten mit satirischen Comics das langsame Voranschreiten der Gleichstellungspolitik in der Schweiz. Im hinteren Teil der Agenda fanden sich Literaturangaben zur Geschichte des Feminismus sowie ein Adressverzeichnis mit Kontaktangaben zu Frauengesundheitszentren, Frauenhäusern, Frauenzentralen, Berufsberatungsstellen, Frauenvereinen, feministischen Zeitschriften und Frauenbuchläden in der ganzen Schweiz. [Q4]
Das Redaktionsteam veränderte sich über die Jahre. Einzig die Gründerin Jacqueline Berenstein-Wavre war von Anfang bis Ende Teil des Projekts. Auch die graphische Konzeption veränderte sich mit der Zeit und wurde, wie auch die Vermarktung, professionalisiert. Ab 1986 erschien die Agenda in einem kleineren, handlicheren Format. 1987 wurde sie umbenannt von «Agenda der Schweizer Frau / Agenda de la Femme» in «Agenda des femmes / der Frauen». Um die Reichweite der Agenda über die Landesgrenzen hinaus zu vergrössern, schickte das Redaktionsteam jedes Jahr einige Exemplare an verschiedene Schweizer Botschaften. Das Redaktionsteam war auch mit Akteurinnen der Neuen Frauenbewegung vernetzt. Die Organisation für die Sache der Frau berichtete in der «Emanzipation» jeweils über die Neuausgabe des Kalenders. Auch ihren Wurzeln blieb die Frauenagenda verbunden: Für die Ausgabe 2002 arbeitete das Redaktionsteam mit Alliance F, dem früheren BSF, zusammen.
Mit der Verbreitung von digitalen Kalendern ging die Zahl der Abonnentinnen immer stärker zurück. Das Redaktionsteam stellte sich zudem die Frage, ob die feministische Botschaft der Agenda noch die Erwartungen und Haltungen der jüngeren Generationen träfe. Im Jahr 2014 waren die finanziellen Verluste so hoch, dass das Redaktionsteam die Agenda nach 37 Ausgaben einstellen musste. Im Abschiedsschreiben regte das Agenda-Team die junge Generation an, sich „mit neuen Mitteln und Ausdrucksformen“ [Q5] weiterhin für Geschlechtergerechtigkeit zu engagieren.
Die «Agenda des femmes / der Frauen» bietet einen wertvollen, collage-artigen Einblick in über mehr als dreissig Jahre der feministischen Themensetzung. Und sie zeigt, dass sich Akteurinnen der sogenannten «alten» Frauenbewegung bis in die nähere Gegenwart mit kreativen Mitteln für vielfältige feministische Anliegen engagierten. (sb)
Archivbestände
Quellen
↑Q4: AGoF 166-10: Agenda 1986, 1997, 2012.