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Weisswedelhirsch
Odocoileus virginianus
© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Der Weisswedelhirsch (Odocoileus virginianus) gehört innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) zur Familie der Hirsche (Cervidae). Deren rund 35 Mitglieder sind über weite Teile Europas, Asiens sowie Nord- und Südamerikas verbreitet. Die ersten «Urhirsche» scheinen im frühen Miozän, vor rund 25 Millionen Jahren, in Afrika entstanden zu sein, also ausgerechnet auf jenem Kontinent, auf dem die Hirsche weitgehend durch die diversen Antilopen aus der Familie der Hornträger (Bovidae) verdrängt worden sind. Die frühen Hirschvorfahren breiteten sich in der Folge von Afrika her über ganz Eurasien aus, erreichten im späten Miozän Amerika und entwickelten dabei eine grosse Formenvielfalt.
15 verschiedene Hirscharten leben heute in der Neuen Welt. Vom Polarkreis in Alaska bis zur Magellan-Strasse in Südchile haben sie die verschiedenartigsten Lebensräume besiedelt. Unter den Neuwelthirschen befinden sich sowohl das kleinste als auch das grösste Mitglied der Hirschfamilie: Im Bereich der kolumbianischen, ecuadorianischen und peruanischen Anden lebt der Nördliche Pudu (Pudu mephistopheles)
, der mit einer Schulterhöhe von weniger als 35 Zentimetern und einem Gewicht um 7 Kilogramm der unbestrittene Zwerg unter den Hirschen ist. Und der mit einer Schulterhöhe von bis zu 2,3 Metern und einem Gewicht von manchmal über 800 Kilogramm ebenso unangefochtene Riese der Familie, der Alaska-Elch (Alces alces gigas)
, kommt in den nördlichen Regionen Nordamerikas vor.
Von Kanada bis Chile verbreitet
Von allen amerikanischen Hirscharten hat der Weisswedelhirsch das bei weitem grösste Verbreitungsgebiet, ja er zählt sogar zu den weitestverbreiteten Grosssäugetieren der ganzen Welt. Er kommt in allen südlichen Provinzen Kanadas vor; er lebt in sämtlichen Staaten der USA ausser Alaska und Utah; man findet ihn in ganz Mittelamerika, von Mexiko im Norden bis Panama im Süden; und er ist in weiten Teilen des nördlichen Südamerikas zu Hause, einerseits nördlich und östlich des Amazonasbeckens, andererseits im Bereich der Anden von Kolumbien über Ecuador und Peru bis nach Nordchile. Ausserdem kommt der Weisswedelhirsch auf der vor der Küste Venezuelas liegenden, zu den Niederländischen Antillen zählenden Insel Curaçao vor. Dank menschlicher Hilfe hat er noch zusätzlich eine ganze Reihe weiterer Karibikinseln zu erobern vermocht, darunter die Grossen Antilleninseln Kuba, Jamaika und Hispaniola.
Wie man angesichts der enormen Ausdehnung dieses Verbreitungsgebiets erwarten darf, bestehen zwischen den diversen regionalen Populationen des Weisswedelhirschs deutliche körperbauliche Unterschiede. Die Art wird deshalb in etwa 37 verschiedene Unterarten gegliedert. Lange Zeit wurden die in Südamerika heimischen Weisswedelhirsche sogar einer eigenen Art, Odocoileus gymnotis
oder cariacou
, zugeordnet. Davon ist man aber abgekommen, nachdem in den siebziger Jahren durchgeführte Untersuchungen gezeigt hatten, dass zwischen den nordamerikanischen, mittelamerikanischen und südamerikanischen Weisswedelhirschen keine derart markanten Unterschiede bestehen, dass ihre Auftrennung in mehrere Arten gerechtfertigt wäre.
Der augenfälligste Unterschied zwischen den diversen regionalen Populationen liegt in der durchschnittlichen Grösse der Individuen, welche tatsächlich sehr variabel ist. Ein erwachsenes Männchen aus Kanada kann ein Gewicht von nahezu 200 Kilogramm und eine Schulterhöhe von mehr als 100 Zentimetern erreichen, während ein erwachsenes Männchen aus Florida, wo die kleinste Unterart, der sogenannte Key-Weisswedelhirsch (Odocoileus virginianus clavium)
, zu Hause ist, mit 22 bis 25 Kilogramm Körpergewicht kaum einen Achtel davon wiegt und mit gewöhnlich unter 50 Zentimetern Schulterhöhe nur gerade halb so gross ist. Die übrigen Weisswedelhirsch-Rassen liegen irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. Bei allen Unterarten sind im übrigen die Weibchen deutlich kleiner und leichter als die Männchen.
Wie bei allen Hirschen, das Ren (Rangifer tarandus)
ausgenommen, tragen beim Weisswedelhirsch nur die männlichen Tiere ein Geweih. Dieses wird jeweils nach der Brunft abgeworfen und danach neu gebildet. Die beiden Geweihteile bestehen aus je einer in einem Halbkreis nach vorn aussen gebogenen Stange mit gewöhnlich sechs oder sieben Sprossen. Ihre Weite kann bis über 70 Zentimeter betragen.
Zweiteiliges Erfolgsrezept
Der Weisswedelhirsch gehört nicht ohne Grund zu den weitestverbreiteten, gewissermassen «erfolgreichsten» Grosssäugetieren der Erde. Teil 1 des Erfolgsrezepts ist seine aussergewöhnliche Anpassungsfähigkeit an verschiedenartigste Lebensräume und unterschiedlichste klimatische Bedingungen. Weisswedelhirsche scheinen praktisch überall leben zu können, wo es ganzjährig pflanzliche Nahrung gibt und wo Gehölze irgendwelcher Art etwas Deckung vermitteln. Man findet sie von Meereshöhe bis in Höhen von über 4000 Metern ü.M. Die einzigen Lebensräume, die sie innerhalb ihres Verbreitungsgebiets nicht zu besiedeln vermögen, sind echte Trockenwüsten und tropische Tieflandregenwälder.
Die Anpassungsfähigkeit der Weisswedelhirsche zeigt sich unter anderem im überaus breiten Spektrum von Pflanzenarten, die sie zu sich nehmen: Allein bei Studien im Nordosten der USA wurden über hundert verschiedene Futterpflanzen festgestellt, und diese Zahl dürfte in tropischen Regionen, wo die Flora um ein Vielfaches artenreicher ist, noch bedeutend grösser sein. Dabei essen sich die Weisswedelhirsche keineswegs wie Rasenmäher durch die Pflanzendecke innerhalb ihres Wohngebiets, sondern wählen gezielt und mit grossem Geschick von den vorhandenen Pflanzenarten immer nur die nährstoffreichsten und bestverdaulichen Bissen.
Teil 2 des Erfolgsrezepts des Weisswedelhirschs ist seine Fähigkeit, sich erstaunlich schnell zu vermehren, wenn die Umweltbedingungen günstig sind. «Dieses Wild pflanzt sich fort wie die Meerschweinchen!» stellte einst Lorus Milne, Biologieprofessor an der Universität von Michigan (USA), überrascht fest. Tatsächlich können die weiblichen Weisswedelhirsche, wenn das Nahrungsangebot in ihrem Lebensraum reichlich ist, bereits als Halbwüchsige, im Alter von 6 bis 7 Monaten, erstmals trächtig werden und im Alter von 13 bis 14 Monaten (nach einer Tragzeit von etwa 200 Tagen) zum ersten Mal gebären. Kommt hinzu, dass die ausgewachsenen, über 18 Monate alten Weibchen unter günstigen Bedingungen alljährlich Zwillinge und gelegentlich sogar Drillinge zur Welt bringen. Bei einer natürlichen Lebenserwartung von gewöhnlich über zwölf Jahren vermag somit ein Weibchen im Laufe seines Lebens durchaus 15 bis 20 Junge zu erzeugen. Unter weniger günstigen Lebensbedingungen pflanzen sich die Weibchen im allgemeinen erst in ihrem zweiten Lebensjahr erstmals fort und bringen dann gewöhnlich «Einzelkinder» zur Welt.
Die Brunft - eine aufregende Zeit
Während es bei den weiblichen Weisswedelhirschen durchaus üblich ist, dass sie sich schon als Halbwüchsige fortpflanzen, dürfte dies bei den Männchen im Freileben eine grosse Ausnahme sein. Nicht dass sie biologisch dazu nicht in der Lage wären; Weisswedelhirsch-Männchen haben in Menschenobhut schon wiederholt im Alter von sieben oder acht Monaten Nachwuchs gezeugt. In der freien Wildbahn werden sie aber - aufgrund der massiven Rivalität während der Brunftzeit - durch die älteren, stärkeren Männchen in ihrer Umgebung daran gehindert.
Die meiste Zeit des Jahres sind die männlichen Weisswedelhirsche friedfertige Geschöpfe, welche gegenüber ihren Geschlechtsgenossen höchstens in Ausnahmesituationen aggressives Verhalten zeigen. Während der alle Jahre wiederkehrenden Brunftzeit ändert sich dies grundlegend. Dann strebt jedes Männchen danach, der dominante «Platzhirsch» zu sein und so das Vorrecht zur Paarung mit den ansässigen Weibchen zu erlangen.
Die meisten Kämpfe, welche in dieser Zeit zwischen den rivalisierenden Männchen stattfinden, sind schnell vorüber, da gewöhnlich eines der beiden seine Unterlegenheit bald erkennt und sich schleunigst zurückzieht. Mitunter treffen jedoch zwei gleich kräftige Rivalen aufeinander, und dann können lange und schwere Kämpfe entflammen, welche nicht selten zu ernsthaften Verletzungen oder sogar zum Tod eines der beiden Gegner führen. Halbwüchsige Männchen - wie auch schwächliche oder körperlich behinderte - haben unter diesen Umständen also keine Chance, ihr Erbgut weiterzugeben.
Die Brunft findet nicht in allen Teilen des weiten Verbreitungsgebiets der Weisswedelhirsche zur selben Zeit statt: In den nördlichen Regionen Nordamerikas fällt sie in den Oktober und November, weiter südlich, in Arizona und Mexiko, in den Januar und Februar, und in den tropischen Regionen scheint sie oft an keine feste Jahreszeit gebunden zu sein. Wann und wo immer sie aber stattfindet, ist sie eine sehr aufregende Zeit für die beteiligten Tiere. Besonders die ausgewachsenen Männchen sind ständig damit beschäftigt, einander zu bekämpfen und entweder den brünftigen Weibchen «nachzusteigen» oder aber kleine Paarungsterritorien zu errichten und die Weibchen dorthin zu locken. Erst wenn die Brunft vorüber ist, kehrt wieder Ruhe und Frieden in die Weisswedelhirsch-Gesellschaft ein. Die Männchen werfen dann ihr Geweih ab und verlieren jegliche Streitlust. Sie bilden mit Artgenossen beiderlei Geschlechts kleine Trupps, manchmal auch grössere Herden, und widmen ihre Zeit und Aufmerksamkeit ganz der Nahrungsaufnahme, um möglichst gut genährt die bevorstehenden, unfreundlichen Wintermonate anzugehen.
Etwa sechs Monate lang bleiben die Weisswedelhirsche ziemlich gesellig. Dann beginnen sich die hochträchtigen Weibchen aus den Verbänden abzusondern, um ungestört, jedes für sich allein, ihre Jungen zur Welt zu bringen. Die Geburten finden an optisch gut geschützten Orten statt, etwa in einem Strauchdickicht oder in dichtem Hochgras.
Obschon sich die neugeborenen Jungtiere schon kurz nach der Geburt auf ihren dünnen Beinchen aufzurichten vermögen und auch sofort nach den mütterlichen Zitzen suchen, um zu trinken, bewegen sie sich in ihren ersten Lebenswochen nur sehr wenig umher und liegen die meiste Zeit ruhig in ihrem Versteck. Sie sind in dieser Phase sehr anfällig auf allerlei Beutegreifer, und ihre beste Methode zur Vermeidung von Fressfeinden besteht darin, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Die Mütter lassen ihre Jungtiere die meiste Zeit allein und besuchen sie nur hin und wieder kurz zum Säugen. So vermindern sie die Gefahr, durch ihre Anwesenheit das Versteck der Jungen zu verraten.
Nach dieser mehrwöchigen Abliegephase beginnen die jungen Weisswedelhirsche, ihre Mutter auf deren Esswanderungen zu begleiten, und sie nehmen dann auch bereits feste Nahrung zu sich. Bis zur Brunft im Spätherbst oder Winter bleiben sie eng mit ihrer Mutter verbunden. Dann lösen sie sich vorübergehend von ihr und kommen erst nach der Brunft in den erwähnten gemischtgeschlechtlichen Trupps wieder mit ihr zusammen.
Weisswedelhirsche als erneuerbare Ressource
Weisswedelhirsche müssen sich vor einer ganzen Reihe natürlicher Fressfeinde in acht nehmen. Zu nennen wären vor allem der Wolf (Canis lupus)
, der Kojote (Canis latrans)
, der Puma (Felis concolor)
und der Jaguar (Panthera onca)
. Sie sind daher stets wachsam, und besonders ihr scharfes Gehör warnt sie im allgemeinen frühzeitig vor etwaigen Räubern. Bei akuter Gefahr flüchten d die Weisswedelhirsche eilig in möglichst dichtes Unterholz. Dabei bewegt sich ihr unterseits weisser Schwanz ruckartig auf und ab, und dieses auffällige «Blinksignal» alarmiert sofort alle Artgenossen in der näheren Umgebung. Nicht in allen Fällen schützen allerdings die grosse Wachsamkeit, die schnelle Flucht und die gegenseitige Alarmierung die Weisswedelhirsche vor ihren Angreifern. Besonders unter den jüngeren, unerfahreneren und den kranken oder gebrechlichen Individuen sind die Ausfälle verhältnismässig hoch. Trotzdem führt die Bejagung der hübschen Huftiere durch ihre natürlichen Fressfeinde in aller Regel nicht zu einer ernsthaften Schädigung der Bestände.
Anders ist die Situation, wenn der Mensch mit all seinen technischen «Errungenschaften» wie Schusswaffen, Fallen, Schlingen und Giften in Erscheinung tritt. Dann können die Bestände der Weisswedelhirsche rasch und massiv zurückgehen. So waren von den schätzungsweise über 40 Millionen Weisswedelhirschen, welche in vorkolumbianischer Zeit, also vor der Besiedlung der Neuen Welt durch die Europäer, im Gebiet der heutigen USA lebten, um die Jahrhundertwende nur noch etwa eine halbe Millionen übrig.
Dieser jähe Niedergang der Weisswedelhirsch-Bestände erregte glücklicherweise beizeiten ernsthafte Besorgnis über die Zukunft der Art, worauf, zu Beginn unseres Jahrhunderts, strenge und wirksame Jagdbestimmungen eingeführt wurden. In der Folge erholten sich die Bestände der Weisswedelhirsche erfreulich. Heute schätzt man den Gesamtbestand der Art in den USA auf ungefähr 15 Millionen Individuen, von denen alljährlich etwa 2 Millionen legal erlegt werden können, ohne dass dies die Population merklich beeinflusst. Der Weisswedelhirsch wird also heutzutage als eine erneuerbare Ressource genutzt und stellt eine nicht unbedeutende Einnahmequelle und Nahrungsgrundlage für viele Menschen dar.
Auf der Insel Curaçao war der lokale Bestand der Weisswedelhirsche in der Vergangenheit ebenfalls durch die übermässige Verfolgung seitens des Menschen drastisch vermindert worden. 1931, als die Art unter gesetzlichen Schutz gestellt wurde, waren nur noch etwa fünfzig Individuen übrig geblieben. Auch hier hat sich die Population dann aber rasch zu erholen vermocht. Sie gilt heute als ziemlich stabil, wobei eine grössere Anzahl der Tiere im 15 Quadratkilometer grossen Sint-Christoffel-Nationalpark im nordwestlichen Zipfel der Insel lebt. Es ist durchaus möglich, dass sich der Hirschbestand auf Curaçao mit der Zeit soweit erholt, dass auch er - wenn auch in weit bescheidenerem Ausmass als in den USA - als erneuerbare Ressource genutzt werden kann.
Legenden
Bei Beunruhigung bewegen die Weisswedelhirsche ihren buschigen, unterseits weissen Schwanz ruckartig auf und ab und warnen mittels dieses auffälligen optischen Signals ihre Artgenossen in der näheren Umgebung vor der Gefahr. Diesem Verhalten verdanken die Tiere auch ihren Namen.
Das Futterpflanzenspektrum der Weisswedelhirsche ist ausgesprochen breit. Die Tiere essen sich aber nicht wahllos durch die Pflanzendecke innerhalb ihres Lebensraums, sondern suchen sich von den vorhandenen Pflanzenarten mit grossem Geschick immer nur die nährstoffreichsten und bestverdaulichen Bissen heraus.
Dank umsichtiger, schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeführter Jagdbestimmungen gehört der Weisswedelhirsch heute zu den häufigsten freilebenden Huftieren Nordamerikas. Allein auf dem Gebiet der USA leben schätzungsweise 15 Millionen Weisswedelhirsche, von denen alljährlich etwa 2 Millionen von den Jägern erlegt werden können, ohne dass der Bestand dadurch gefährdet würde.
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