Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03310.jsonl.gz/681

Haarige Tatsachen
Im Kindergarten meiner Tochter gibt es 18 Kinder. 9 davon sind Mädchen. Die Mädchen stammen aus sechs verschiedenen Nationen. Manche haben Mütter, die arbeiten, andere solche die zu Hause bleiben. Einige haben Geschwister, andere sind Einzelkinder. Es gibt schüchterne Kindergärtler und draufgängerische, solche die in einem Einfamilienhaus aufwachsen und andere, die in einer Block-Siedlung gross werden. Es gibt kleine Kinder und grosse. Es gibt dunkelhaarige und blonde, solche mit Locken und solche mit geraden Haaren. Aber es gibt kein einziges Mädchen im Kindergarten meiner Tochter, das die Haare nicht mindestens schulterlang trägt. Dasselbe gilt übrigens für die Girls in der Klasse meiner älteren Tochter, dort ist die weibliche Haarpracht im Durschnitt noch wesentlich länger.
Kurze Haare sind irgendwann in den letzten zehn Jahren von der Frisur-Option zum sekundären Geschlechtsmerkmal von Buben mutiert. Und der Coiffeur muss meinen Töchtern jedesmal den Ganz-ganz-sicher-nur-die-Spitzen-Eid ablegen, bevor er die Schere zücken darf. Gestern nun lag meine Kindergärtlerin mit Fieber auf dem Sofa und schaute sich einen Pippi Langstrumpf-Film an. «Krass hey», ruft sie plötzlich, «die sehen ja alle gleich aus!» Mit «alle» meinte sie die Schar von Schülerinnen und Schülern, die im Film aus dem Schulzimmer in die Pause stürmen. Die meisten in Hosen und T-Shirts, beides in einer beliebigen Farbe. Jeder, der im neuen Jahrtausend einmal fünf Minuten auf einem Pausenplatz verbracht hat, wird das Erstaunen der Fünfjährigen über den Unisex-Look der 1960er-Jahre verstehen. Dass Mädchen und Buben gleich angezogen sind, ist für sie so abartig wie ein Pagenschnitt. Vorbei sind die Zeiten, in denen Farben geschlechtsneutral und Schnitte einfach praktisch waren. Heute werden Mädchen zwar zum Tschuten ermuntert und Buben zum Weinen. Aber aussehen sollen sie dabei bitte wie kleine Prinzessinen und rechte Jungs. Der Aussehenskodex scheint sich umgekehrt proportional zum Geschlechterkodex zu entwicken. Warum nur? (na)