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«Würde man jetzt – im Rückblick – die Grenze zu Italien nicht lieber zwei oder drei Wochen früher schliessen?» «Sind in den ersten vier Monaten dieses Jahres in der Schweiz eigentlich mehr Menschen gestorben, als in anderen Jahren?» «Ob womöglich die psychischen Schäden eines Lockdowns weit grösser sein werden, als die Schäden einer regulierten Durchseuchung?»
Nur eine Frage
Wer je in Projektteams, Vorständen oder in einem politischen Gremium mitgearbeitet hat, weiss es: Nicht diejenigen, die etwas behaupten, beanspruchen oder fordern kommen zum Ziel, sondern diejenigen, die Fragen stellen. Fragen sind die vermeintlich harmlosere Schwester von Forderungen. Es gibt sie überall. Diese Menschen, die mit ruhiger Stimme, vor lauter Sachlichkeit bebend, «nur» eine Frage gestellt haben. Und wer genau hinschaut merkt: Nicht immer sind Fragen hilfreich. Und selten sind sie harmlos.
Keine Frage!
Fragen sind deshalb so gefährlich, weil sie zum Mechanismus unserer liberalen Gesellschaft gehören. Dort gilt folgender Deal: Du bist frei, etwas zu behaupten oder zu fordern. Aber indem du das tust, gibst du dein Einverständnis, nach Gründen (!) gefragt zu werden. Wenn jemand nachfragt, musst du zeigen, dass du a) etwas Wahres, b) etwas Richtiges gesagt hast oder es mindestens c) wahrhaftig gemeint hast. Ohne Fragen bestünde unser Umgang aus lauter ungedeckten «Behauptungen». Klar: Wozu nachdenken, wenn behaupten reicht?
In den U.S.A können wir derzeit eine Vorstufe davon beobachten. Der Präsident wird zwar noch gefragt, aber er bestreitet die Integrität der Fragestellerin. Oder er hat keine Lust mehr, Rede und Antwort zu stehen. Fragen, die nicht im Fox-News-Stil gestellt werden («Was finden sie an unserer Regierung ganz besonders amazing-fantastic?»), gelten als Angriffe auf die Person des Präsidenten, das Vaterland und die freie Welt.
Aber es gibt eben auch Fragen, die nur als Fragen getarnt sind: «Meinst du, deine hysterische Reaktion ist teilweise auch zyklusbedingt?» Oder: «Wie oft muss ich dir noch sagen, dass die Socken nicht…?» Ein Fragezeichen macht noch keine Frage.
Wahrhaft fragen
Was eine «echte» Frage ist, entscheidet sich nicht nur an ihrer Form. Viel entscheidender ist die Absicht. Will ich wirklich etwas erfahren, bin ich gespannt, etwas zu lernen, mein Verständnis zu erweitern? Dann kann sogar eine Aussage zur Frage werden: «Ich bin unsicher, was die Kinder betrifft, weil ein anderer Virologe, auf den in Deutschland viele hören, eine Studie zitiert, gemäss der auch kleine Kinder schon ansteckend sein können. Ich würde gerne wissen, wie das BAG zu seiner Einschätzung gelangt ist.»
Denn das Spiel «Ich behaupte und bin bereit zu begründen, wenn du willst», mit dem wir untereinander Fragen klären und uns verständigen, hat Regeln für beide Seiten. Wer behauptet, muss begründen. Aber wer fragt, muss auch zuhören. Der Umgang in einer erwachsenen Demokratie ist nicht die Haltung, die eine Kommissarin im Verhör einnimmt. Sie will durch Fragen überführen. Widersprüche aufdecken. Und sie muss dies in einer Verdachtshaltung tun. Wir sollten das nicht tun.
Ob diejenigen, die jetzt am lautesten fragen, uns damit vielleicht in die Irre führen? Ich frage ja nur.