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Der Genfer Regisseur und Begründer der berühmten Groupe 5 mit Alain Tanner, Claude Goretta, Michel Soutter und Jean-Jacques Lagrange im Jahr 1968 ist am 28. März 2020 gestorben. Er war 82 Jahre alt. Sein Tod, nach einer langen Krankheit und mitten in einer Pandemie, ist eine Wendung des Schicksals, bei der die Fiktion der Realität etwas zu nahe kommt. Hatte er doch die Zeiten der Quarantäne schon 1970 in Black-Out thematisiert, dessen Drehbuch die verstorbene Patricia Moraz mitverfasst hat. Der Film beschreibt das Leben eines älteren Ehepaars mit einer hübschen Prise Humor. Aus paranoider Angst vor einer Nuklearkatastrophe beschliesst es, sich zu Hause in seiner kleinen Vorstadtvilla einzuschliessen. Ein apokalyptischer Rückzug, der einen heute erschaudern lässt, wo ein Drittel der Menschen auf der Erde die Wohnung nicht verlassen darf!
Der 1938 in Genf geborene Jean-Louis Roy entwickelte schon früh seine Leidenschaft für das Kino. Mit 12 Jahren gründete er den Filmklub Ciné-Jovial und organisierte für seine Freunde Vorführungen der Filme von Keaton und Chaplin. Bereits im Alter von 16 Jahren wurde er von René Schenker ins Team der Pioniere aufgenommen, die das Genfer Fernsehen ins Leben rief, das wenig später zur Télévision suisse romande werden sollte. So kam er nach einer Fotografenlehre bald als Kameramann und Editor zur TSR und arbeitet unter anderem mit Claude Goretta zusammen. Als Regisseur war er 1964 für die Fernsehsendung Happy End zuständig, die am Montreux Festival – einer internationalen Veranstaltung für Fernsehprogramme – die Rose d’Or gewann.
Jean-Louis Roy war ein Liebhaber von Musicals, Western und Fantasy-Filmen. Er träumte darum auch von der grossen Kinoleinwand. So vollendete er 1967 seinen ersten abendfüllenden Spielfilm, L’inconnu de Shandigor, eine bemerkenswerte Neuinterpretation eines Genrefilms zwischen Krimi und Fantasy. Eine Geschichte von russischen, amerikanischen, asiatischen und kahlköpfigen Spionen auf der Suche nach den Plänen des Annulators, der Nuklearwaffen neutralisiert, handelt im internationalen Genf. Die Filmbesetzung ist beeindruckend: Daniel Emilfork, Jacques Dufilho, Ben Carruthers und Serge Gainsbourg, der darin den unveröffentlichten Mister Spy singt.
Mit begrenzten Mitteln gelang es Roy in einem hervorragend ausgearbeiteten Schwarzweissfilm, Humor und Tragik so zu vermischen, dass der Film auch heute noch sehr modern wirkt. Dies bescherte ihm eine Einladung für den Wettbewerb in Cannes und im selben Jahr auch eine Nomination für Locarno. Freddy Buache schrieb damals: «Dieses Mosaik von Intrigen veranschaulicht die Weigerung, das lineare Spiel von Spannung und Romanhaftem mitzumachen: Das Thema verschiebt sich, und wir finden dessen eigentliches Gravitationszentrum in der Poesie. Roy wie auch Franju bringen uns an den Rand des magischen Realismus, und manchmal mutet das Geschehen wie ein Ballet bei Stanley Donen an.»
Black Out aus dem Jahr 1970 drehte er im Rahmen der Groupe 5. Noch im selben Jahr erhielt der Film eine Einladung an die Berlinale. Dennoch zog es Jean-Louis Roy vor, seine Karriere bei TSR fortzusetzen. Dort realisierte er im Laufe der Jahre unzählige Reportagen und Dokumentarfilme, darunter mehrere Porträts von Künstlern, Filmschaffenden und Sängern wie Max Bill, Yves Robert und Charles Trenet. Auch behandelte er soziale Themen, wie beispielsweise in Profession : exorciste, L’indien des Acacias oder in La maison des souvenirs. Zur Fiktion kehrte er nur noch für den Fernsehfilm, Talou (1980) zurück. Ein modernen Märchen, das er zusammen mit Lova Golovtchiner schrieb. Der junge Prinz eines imaginären afrikanischen Königreichs wird in die Schweiz geschickt, damit er vor den Feinden seines Vaters geschützt ist. Aber das reicht nicht, und er wird im Safe einer Schweizer Bank eingeschlossen.
Die Cinémathèque suisse freute sich, mit Unterstützung von Memoriav und der RTS mit ihm den Film L’inconnu de Shandigor in 4K zu restaurieren und ihn 2016 in Locarno präsentieren zu können. So erhielt der Film ein zweites Leben und wurde an mehreren Festivals des Kulturerbes vorgeführt, unter anderem auch in New York. Jean-Louis Roy zeigte ihn im April 2019 im Cinéma Capitole, anlässlich des Kongresses der Internationalen Föderation der Filmarchive in Lausanne. Der Film beeindruckte das Publikum aus aller Welt, und brachte ihm erneut mehrere Einladungen in andere Länder ein. Und nach langen juristischen Verfahren hat die Cinémathèque dank der Hilfe von Roys Familie und der RTS endlich die Negative von Black Out, die in einem Labor in Frankreich blockiert waren, wiedererlangt, um den Film restaurieren zu können und ihm zu ermöglichen, sein Publikum wiederzufinden.
Frédéric Maire
Im Onlineshop der Cinémathèque Suisse ist eine DVD der Groupe 5 erhältlich, die auch den Spielfilm L’inconnu de Shandigor sowie ein von Bertrand Theubet realisiertes Porträt von Jean-Louis Roy beinhaltet.