Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03138.jsonl.gz/1024

Die indische Religions- und Ordensgemeinschaft der Brahma Kumaris wurde 1937 in Indien von Lekhraj Kripalani gegründet. Lekhraj Kripalani (1876-1969), ein erfolgreicher Diamantenhändler aus Hyderabad/Sindh (heute Pakistan), erlebte ab 1936 spirituelle Visionen, worauf er seine Geschäfte aufgab und eine spirituelle Gemeinschaft gründete. Er selbst wurde fortan «Brahma Baba» genannt. Da er sich sehr für die Gleichberechtigung von Frauen einsetzte, hatte er bald eine grosse Anhängerschaft junger Frauen um sich. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, welche sich unter anderem aus dem strengen Zölibat für die Gläubigen ergaben, breitete sich die Gemeinschaft unter dem Namen «Brahma Kumaris» (die «Töchter Brahmas») rasch über ganz Indien aus. Brahma Baba übergab sein ganzes Vermögen einer Stiftung und setzte zu ihrer Leitung acht junge Frauen aus seiner Gemeinschaft ein. Drei von ihnen bilden noch heute die oberste Leitung der Gemeinschaft. Brahma Kumaris bezeichnet sich heute als «die weltweit grösste spirituelle Organisation, die von Frauen geleitet wird».
In den 1970er Jahren breitete sich die Gemeinschaft auch nach Westeuropa aus. Nach eigenen Angaben ist sie heute auf allen Kontinenten und in über 110 Ländern vertreten. Weiter engagiert sie sich als internationale NGO, u.a. in der UNO und in deren Unterorganisationen. Das Hauptzentrum befindet sich seit 1950 in Mount Abu/Rajasthan in Indien und heisst mit vollem Namen «Brahma Kumaris World Spiritual University». Finanziert wird die Gemeinschaft über Spenden und freiwillige Mitarbeit. Weltweit beträgt die Mitgliederzahl nach Angaben aus der Bewegung rund 900'000.
Glückliche Wiedergeburt im Goldenen Zeitalter
Im Zentrum der Lehre der Brahma Kumaris steht eine einzigartige Geschichtsphilosophie aus einer Mischung von «hinduistischer Kreisförmigkeit und westlicher Apokalyptik». Für Brahma Kumaris dauert der hinduistische Weltenzyklus nur 5000 Jahre und wiederholt sich ewig und identisch. Nach der Lehre der Brahma Kumaris, dem «Gyan», befinden wir uns heute unmittelbar am Ende dieses Zyklus, im sogenannten Eisernen Zeitalter. Darauf wird ein neues Goldenes Zeitalter folgen. Durch Befolgung der Lehre und Praxis kann die eigene Seele gereinigt und dann im bevorstehenden Goldenen Zeitalter glücklich wiedergeboren werden. Es finden sich gegenwärtig keine konkreten Aussagen zum genauen Zeitpunkt des Weltendes. Viel mehr wird mit einem fliessenden Übergang zwischen Eisernem und Goldenem Zeitalter gerechnet. Die Brahma Kumaris sind eine monotheistische Gemeinschaft. Sie erkennen den Einen Gott Shiv-Baba an, welcher aber nichts mit dem hinduistischen Shiva-Kult gemein hat. Sie verehren ihn als wesenlose transzendente Lichtgestalt, er wird als strahlendes punktförmiges Licht visualisiert. Das Ziel des Lebens der Brahma Kumaris ist nicht ein jenseitiges Heil, sondern ein glückliches immer wiederkehrendes Leben im Diesseits.
Die Gemeinschaft der Brahma Kumaris betrachtet sich als offen für alle Menschen und als eine Lebensphilosophie, durch welche alle anderen Religionen erst richtig verstanden werden können, doch die Wiedergeburt im Goldenen Zeitalter ist nur für Mitglieder der Gemeinschaft möglich.
Meditation und eine gesunde Lebenshaltung
Neben der Lehre bildet die Praxis die zweite wichtige Säule der Brahma Kumaris. Durch die Praxis soll das Bewusstsein geschult und das dritte Auge, der Intellekt, geöffnet werden. Als oberstes Ziel wird die liebevolle, geistige Vereinigung mit Gott angestrebt. Diese wird durch tägliches, mehrfaches Ausführen der Raja Meditation, das Besuchen von Kursen und Vorträgen und durch eine reine Lebenshaltung erreicht. Zu der reinen Lebenshaltung gehören eine vegetarische Ernährung, Verzicht auf Zwiebeln und Knoblauch (aufgrund der Ausdünstungen), sowie ein strenges Zölibat. Wie stark sich ein Mitglied dieser Lebenshaltung wie auch der Meditation widmen will, ist ihr oder ihm individuell überlassen. Das Zölibat sowie das mehrfache tägliche Meditieren stellen ein Ideal dar, welches angestrebt werden soll.
Brahma Kumaris in Zürich
Zur Situation in der Schweiz liegen uns sehr wenige Daten vor. Die meisten Angaben stammen aus einem Gespräch mit Mathias Steffen, dem Leiter des Zentrums in Zürich. Das erste Zentrum in der Schweiz wurde in den 1980er Jahren in Genf gegründet. Es folgte ein weiteres Zentrum in Zürich. In Genf und Zürich befinden sich heute die zwei grössten Zentren in der Schweiz. Weitere Zentren befinden sich unter anderem in Basel, Aigle, Bramois, Saxon und Lausanne. Schätzungen zufolge hat die Bewegung etwa 30 Mitglieder in der Schweiz und eine unbekannte Anzahl an Sympathisanten. Da es offenbar keine formelle Mitgliedschaft gibt, sind die Zahlen mit grosser Vorsicht zu betrachten. Die Aktivitäten bestehen vor allem aus Meditationsangeboten, Kursen über die Lehrinhalte der Gemeinschaft sowie Wochenend-Retreats. Alle Angebote sind gratis, einzig für Wochenend-Retreats muss ein Betrag für die Übernachtung entrichtet werden.
Im Zentrum in Zürich finden täglich Meditationen statt. Donnerstags sind diese mit einem Vortrag verknüpft. Zu solch einem Abend finden sich regelmässig etwa 3–6 Personen im Zentrum ein.
Nagel, St.: Yoga und Heilsgeschichte, in: Bergunder, M. (Hrg.): Westliche Formen des Hinduismus in Deutschland, Halle, 2006, 47-61.
Nagel, St.: Brahmas geheime Schöpfung, Frankfurt am Main, 1999.
Suman Devi Bakshi: Reflexion aus der Innenperspektive, in: Bergunder, M. (Hrg.): Westliche Formen des Hinduismus in Deutschland, Halle, 2006, 62-67.