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Im Jahr 2015 lud die Kunstkommission Parlamentsgebäude (KKPG) fünfzehn Künstlerinnen und Künstler dazu ein, ein Projekt für den Gang vor den Besuchertribünen des Nationalratssaals einzureichen. Zwar hatte die KKPG seit ihrer Schaffung 2010 bereits mehrere Vorhaben verwirklicht (siehe Sommerserie Nr. 1), doch war dies das erste Mal, dass sie das Parlamentsgebäude mit einer Installation dauerhaft veränderte.
Eine neunköpfige Fach- und Sachjury unter der Leitung der damaligen Nationalratspräsidentin Christa Markwalder erkor aus den dreizehn eingereichten Projekten einstimmig «Konsens» von Annaïk Lou Pitteloud zum Siegerprojekt.
Das Werk «Konsens» von Anaïk Lou Pitteloud, welches die Besucherinnen und Besucher auf ihrem Weg zur Tribüne des Nationalratssaals sehen können.
Augenscheinlich schlicht
Unter jedes der fünf Fenster des geschweiften Ganges brachte die Künstlerin ein Synonym des Wortes «Konsens» – «Konzilianz», «Konvention», «Kompromiss», «Transaktion» und «Konnivenz» – an. Es wurden Begriffe gewählt, die je nach Kontext einen anderen Sinn haben. «Konnivenz» beispielsweise kann «Nachsichtigkeit» oder «stillschweigende Duldung einer Straftat» bedeuten. Die Schriftzüge wurden in der Schrift Helvetica gegossen, Sinnbild der Schweizer Typografie. Jedes der fünf Synonyme ist mit einem erläuternden Begleittext versehen. Unter «Transaktion» steht z. B. «Helvetica gegossen in 1829 g Nickel». Sowohl die fünf Begriffe als auch die Begleittexte sind in den vier Landessprachen und in Englisch formuliert.
Die Künstlerin verwendete als Grundmaterial verschiedene Metalle, weil ihr ein Geologe in der Vorbereitungsphase des Projekts gesagt hatte, die Schweiz verfüge zu ihrem grossen Glück über keine Bodenschätze. Annaïk Lou Pitteloud hat sich für die Verwendung dieser Metalle entschieden, da sie sinnbildlich stehen für die Beziehungen, welche die Schweiz als eines der marktführenden Länder im Rohstoffhandel zum Rest der Welt unterhält.
In die symbolische Darstellung dieses Handels sollten alle Kontinente einbezogen werden – ausser der Antarktis, wo der Rohstoffabbau aufgrund des Madrid-Protokolls bis 2048 verboten ist. Die Künstlerin ermittelte daher für jedes Metall die zehn grössten Produzenten der Welt und befasste sich mit deren Geschichte und deren Beziehung zur Schweiz. Letztlich stammte das Platin für «Konnivenz» aus den USA, das Gold für «Kompromiss» aus Südafrika, das Silber für «Konvention» aus China, das Kupfer für «Konzilianz» aus Chile und das Nickel für «Transaktion» aus Australien. Die Grösse jedes Schriftzugs ist umgekehrt proportional zum Wert des jeweiligen Metalls am Rohstoffmarkt (weitere Einzelheiten unter: Quand l’art contemporain entre au palais).
Dutzende Mitarbeitende
Es war eine grosse Herausforderung, sicherzustellen, dass jeder Schriftzug wahrheitsgetreu ist, d. h. dass das Nickel auch wirklich aus Australien oder das Kupfer auch wirklich aus Chile kommt. Laut David Andermatt, dem Projektleiter der Kunstgiesserei St. Gallen, der für die Beschaffung der Materialien verantwortlich war, wird das Metall in der Regel aus verschiedenen Erzvorkommen extrahiert, zusammengemischt und von den Tradern nach Gewicht verkauft. Es sei äusserst schwierig, dessen Herkunft zu bestimmen. Dank des Netzwerks der Kunstgiesserei sei es möglich gewesen, Silber aus China mit zertifizierter Herkunft zu erhalten. Gemäss Andermatt hätte auch zertifiziertes Platin aus Südafrika erworben werden können, doch hätten das Werk und die Recherchen von Annaïk Lou Pitteloud vorgegeben, dass das Gold aus diesem Land stammen müsse. Jeder Gemüsehändler sei in Bezug auf die Herkunft seiner Ware transparenter als die Goldhändler. Schliesslich habe die Giesserei Kruggerrand-Goldmünzen (ein Pendant des Vrenli) gekauft und diese dann eingeschmolzen. Nur so sei es möglich gewesen, garantiert südafrikanisches Gold zu haben. Die sehr strengen Vorgaben des Kunstwerks seien eine echte Herausforderung gewesen. Aber genau das habe die Arbeit auch interessant gemacht.
Von der Suche nach den geeigneten Metallen bis zum Giessen der Inschriften dauerten die Arbeiten drei Jahre. Das Budget für dieses Projekt, an welchem Dutzende Mitarbeitende beteiligt waren – von der Übersetzerin bis zum Mathematiker, vom Giesser bis zur Goldschmiedin – betrug 350 000 Franken.
Die Installation des Werks im Jahr 2018
Die Galerie des Konsenses
Kunst im Parlamentsgebäude befasste sich bisher mit den Gründungsmythen und der kulturellen Vielfalt unseres Landes. Der Austausch zwischen der Schweiz und dem Rest der Welt fehlte in der Ikonografie des Gebäudes – wie auch das Werk einer Künstlerin.
An der Vernissage wurde der Gang, in dem das Kunstwerk angebracht ist, «Galerie des Konsenses» getauft (siehe Eröffnungsrede).
Die Künstlerin Anaïk Lou Pitteloud beim Anbringen ihres Werks