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Scott Myles ist in den letzten Jahren mit Arbeiten hervorgetreten, die mit Rekontextualisierungen und Appropriationen bekannter Werke aus der Kunstgeschichte und bekannter Zeichen aus dem Alltag operieren. Seit einigen Jahren sammelt er Poster des Künstlers Felix Gonzalez-Torres, der in seinen Ausstellungen sein Werk der Auflösung oder Vergänglichkeit preisgibt, indem er Poster, die mit gesellschaftskritischen Inhalten bedruckt sind oder Bonbonhaufen dem Publikum zur Verfügung stellt. Diese Geste der Grosszügigkeit und des Memento Mori verkehrt und verwandelt Myles in eine neue Geste: Er übermalt die Poster mit Sätzen wie “Performance Now“, “Learn the Language“, “Pointing in one Direction“ oder “It Hurts“ und setzt damit eine neue Evokation für sich selbst und das Publikum in Szene. Präsentiert in Plexiglaskonstrukten, einer Art schmaler Vitrinen, die nur an einer Seite eine Tragekonstruktion haben, an der anderen aber immer eine Wand als Halterung benötigen und so zweifelhafte Erscheinungen zwischen Raumteiler, Fahnenträger und Museumsdisplay darstellen, erscheinen diese immer wie Überbleibsel einer nicht beendeten Aktion und funktionieren zugleich als Agitatoren auf die Befindlichkeit des Betrachters.
In anderen Arbeiten übersetzt er standardisierte öffentliche Zeichensysteme wie Notausgangszeichen in handgemachte Mitteilungen in Form von Postern und eignet sich diese als individuelle Mitteilungssysteme neu an.
In neueren Arbeiten setzt Myles das Verhältnis von “objektivierten“ druckgrafischen Verfahren und subjektiv gestischen Äusserungen auch in Form von grossformatigen Postern um, die er mit Musiknotenlinien bedruckt und dann mit Texten malerisch überarbeitet – auch hier dreht und wendet er Bedeutungen und Wirkungen, denn die Texte auf den standardisierten Musiklinien werden zum Träger eines subjektiven Gesangs, der sich der sonst üblichen und objektivierten Lesbarkeit von Musiknoten widersetzt und Klang und Melodie in die individuelle Stimme des Lesenden legt.
In einer ganzen Reihe von Projekten setzt sich Scott Myles mit dem Begriff gesellschaftlicher Grosszügigkeit und der Umwandlung von ökonomischen Grundsätzen in geistige Werte auseinander: So hat er während eines Jahres eine Reihe von Zeitschriftenkiosken wie öffentliche Bibliotheken benutzt. Er “lieh“ jeweils ein Magazin, eine Zeitung oder eine Zeitschrift in einem Laden aus und hat diese dann, nachdem er sie gelesen hatte, an einem anderen Ort der selben Kioskkette wieder zurück ins Regal gelegt. Dabei hinterliess er jeweils eine kleine Broschüre, die auf seine “Leihnahme“ hinwies. Ohne für die jeweilige Ladenkette zu einem Warenverlust zu führen, hat er dennoch direkt in den Austausch von Waren und Werten eingegriffen.
Die Interaktion des Individuums mit seiner Umwelt über Sichtbarkeit und Verdecken sind zentral in einer der neuesten Werkgruppen des Künstlers, in der er raumteilende Sichtblenden aus Siebdruckmaterialien baut, die er als Flügelkreuze oder grosse “Drehtüren“ in den Raum stellt. Ebenso zu dieser Gruppe gehören Objekte wie Fenster oder ehemalige Bushaltestellen, die Myles mit malerischem Gestus zu hybriden Raumobjekten wandelt, die wiederum die Bedeutung von öffentlichen und privaten Dimensionen transportieren wie transformieren. Im grafischen Kontrast Schwarz-Weiss gehalten, tritt Malerei hier als individuelle Geste hervor, die nicht informative Grafitti ist, sondern das Persönliche als befragbare Geste in den Raum stellt.
Scott Myles setzt in seiner Arbeit immer den Kontrast als Agitator ein: Das Subjektive und das Kollektive, das Materielle und das Geistige, das Öffentliche und das Private, Transparenz und Opakheit sind in seinen Arbeiten formal in der Analogie des grafischen Schwarz-Weiss präsent. Diese Gegensätze setzen so die nicht ausformulierten “Zwischentöne“ als materielle wie geistige Möglichkeitsformen frei. Sentimental, gestisch, subjektiv eignet sich Scott Myles so bestehende Formen als möglicherweise utopische aber immer potentielle an.
Die Kunsthalle Zürich dankt:
Präsidialdepartement der Stadt Zürich, Luma Stiftung