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Wenn wir im Folgenden vom Frühling sprechen, dann meinen wir den astronomischen Frühling. Er dauert vom 21. März, dem Datum der Tag- und Nachtgleiche, bis zum 21. Juni, dem Tag der Sommersonnenwende. Diese Jahreszeit ist aus meteorologischer Sicht eine sehr lebhafte, sie ist von vielen Wetterwechseln gekennzeichnet.
Warme Luft steigt auf
In unseren Breitengraden fallen die Sonnenstrahlen von Tag zu Tag steiler ein und erwärmen dabei den Boden des Kontinents. Die Erdoberfläche wirkt dann wie eine Herdplatte. Sie erwärmt die Luft, die über ihr liegt. Warme Luft steigt auf, wie wir das von einem Heissluftballon kennen. Durch die aufsteigende Luft kommt es in Bodennähe zu einer Abnahme des Luftdrucks, was man am sinkenden Barometer erkennt.
Es entsteht eine Tiefdruckrinne von Norden nach Süden, und in diese fliesst aus Nordwesten, das heisst von Island oder Südgrönland her, feuchte und im Frühling noch kühle Meeresluft auf den europäischen Kontinent. Diese Luftmasse gleicht die Druck- und Temperaturgegensätze wieder aus. Besonders im Monat April ist das der Fall, und daher bezeichnet der Volksmund diesen Monat als launisch und wechselhaft. Diese Erfahrung spiegelt sich denn auch in entsprechenden Wettersprüchen wie: «Wohl 100 Mal schlägt das Wetter um, das ist des Aprils Privilegium.»
Immer weniger April-Schnee
In den 1980er- und 1990er-Jahren gab es im April noch regelmässig zwischen vier und dreizehn Schneetage. Das sind Tage mit mindestens einem Zentimeter Schnee, gemessen an der Wetterstation Tafers, auf 655 Metern über Meer. Von 2000 bis 2010 waren es noch zwei bis sechs Schneetage, und seit 2010 konnten nur noch null bis zwei Schneetage im Monat April registriert werden. Diese Aufzeichnungen zeigen schon recht deutlich die allgemeine Erwärmung der Luft im Klimawandel.
Umgekehrt gab es im April in der Periode 1983 bis 2010 noch keinen einzigen Sommertag. Sommertage zeigen Temperaturen von 25 bis 30 Grad Celsius an. In den Jahren 2012 und 2018 konnten jeweils in der letzten Aprilwoche mit 27 °C bzw. 25,5 °C schon zwei Sommertage registriert werden.
Monsun in Europa
Wenn Ende April und in der ersten Hälfte Mai die Tage insgesamt wärmer werden, dann kann das eine Art «Schwungrad» in Bewegung setzen. Über dem Kontinent steigt die warme Luft auf, strömt in der Höhe zum Meer zurück und sinkt dort wieder ab – so kommt vom Atlantik zum Ausgleich feuchte und kalte Luft nach. Die Folge ist eine «europäische Monsunlage» im Mai. Es regnet immer wieder in Strömen, und die Schneefallgrenze kann bis unter 1000 Meter über Meer sinken. Der Volksmund kennzeichnet diese Tage mit den «Eisheiligen» von Mitte bis Ende Mai.
Geranien erst nach dem 25. Mai
Im Kalender stehen Pankraz, Servaz, Bonifaz und die kalte Sophie immer noch vom 12. bis 15. Mai, obwohl sie durch die gregorianische Kalenderreform um zehn Tage auf den 22. bis 25. Mai verschoben wurden. Da sie in den ersten zwei Dritteln des 20. Jahrhunderts sehr regelmässig erschienen, gilt heute noch die Empfehlung, dass man Geranien nicht vor dem 25. Mai auf die Fenstersimse stellen soll.
Gefürchtet waren und sind bei diesen Kaltlufteinbrüchen die nachfolgenden Spätfröste, in denen die Blüten der Kirsch- und Apfelbäume und jene der Reben erfrieren, was dann mit grossen Ernteeinbussen verbunden ist.
«Eisheilige» nicht mehr à jour
Wegen der globalen Klimaerwärmung, die in den alpinen Regionen durch diverse Rückkopplungseffekte fast doppelt so schnell verläuft wie anderswo, haben sich die Eisheiligen in den letzten Jahrzehnten rar gemacht. Sie sind zu einem kalendarischen Relikt verkommen. Früher konnte man sie mit statistischen Methoden in 70 bis 75 Prozent aller Jahre nachweisen. Man sprach in der Meteorologie von einer Singularität, das heisst einer hohen, über 70 prozentigen Wahrscheinlichkeit, dass ein Witterungsfall zu einem bestimmten Zeitpunkt eintritt.
Für die Wetterstation Tafers wurde eine durchschnittliche maximale Frühlingstemperatur über die Monate März, April und Mai (meteorologischer Frühling) von 17,8 Grad Celsius berechnet. In den letzten 30 Jahren fielen 24 Frühlinge um ein bis zwei Grad wärmer aus. Die Niederschläge betragen für die drei Frühlingsmonate im langjährigen Durchschnitt 295 Millimeter (oder Liter pro Quadratmeter Fläche). Aus den Aufzeichnungen geht erst seit zehn Jahren eine Tendenz zu trockeneren Frühlingsmonaten hervor.
Das atlantisch-kontinentale Schwungrad mit Kaltlufteinbrüchen im Frühling verliert also an Kraft und Aktivität. Das heisst aber nicht, dass es in Zukunft keine Kaltlufteinbrüche und keine «Eisheiligen» mehr gibt, sie werden einfach nur noch seltener. Ob und wie sich das längerfristig auswirkt, kann man noch nicht genau sagen, aber man sieht eine ähnliche Tendenz auch bei der «Schafskälte», die man ebenfalls als Singularität Mitte Juni kennt. Dazu lesen Sie dann im nächsten Beitrag mehr.
Mario Slongo ist ehemaliger DRS-Wetterfrosch. Einmal im Monat erklärt er in den FN spannende Naturphänomene. Weitere Beiträge unter: www.freiburger-nachrichten.ch, Dossier «Wetterfrosch».