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Geschichte
Die kulturelle Drehscheibe der Antike
Hekataios von Milet, Griechenlands erster Reiseberichterstatter, entwarf im ausgehenden 6. vorchristlichen Jahrhundert eine Karte der damals bekannten Welt. In ihrem Zentrum platzierte er seine Heimat: Ionien. Genau genommen begründete Hekataios diese Weltanschauung auf empirischen Untersuchungen. Zahlreiche Reisen durch Europa, Asien und Ägypten bestätigten die Beobachtungen des Geographen und Historikers, die kleinasiatische Region als eine Drehscheibe des internationalen Kultur- und Wissenstransfers zu verorten. Hier verschmolz in der Tat das Wissen der orientalischen Hochkulturen mit der Innovationskraft der Hellenen. Was aber war der Auslöser für diese Entwicklung?
Ionien ist archäologisch sehr gut erforscht. Dennoch ist die Wissenschaft eine allgemeine Darstellung der Region schuldig geblieben. Wolfram Hoepfner, emeritierter Professor der Klassischen Archäologie und Bauforscher, nimmt sich nun dieser Lücke an. Unter Einbeziehung topographischer Gesichtspunkte wird die historische und wirtschaftliche Entwicklung der dreizehn Städte des Ionischen Bundes zusammengefasst. Hoepfner spannt einen historischen Bogen von der frühen Besiedlung durch die Griechen bis zur Römischen Herrschaft, unter der Ionien schließlich als Provinz Asia allmählich an Bedeutung verlor.
Die frühen Hellenen gründeten ihre Kolonien wie "Frösche um einen Teich". Vor allem die buchtenreiche Küste Kleinasiens zwang die Kolonisten zum Schiffbau und zur Schifffahrt. Als Nebenprodukt entwickelte sich dabei ein reger Handels- und Kulturaustausch zwischen den Küstenbewohnern und der übrigen antiken Welt. Diese Kontakte haben sich nachhaltig auf den hellenischen Kulturkreis ausgewirkt. Die griechische Symposionkultur, das gesellige Speisen auf Speisesofas, den Klinen, ist, beispielsweise, auf die Tischsitten des Zweistromlandes zurückzuführen. Auch die griechischen Meisterwerke der Bildhauerei wären ohne den Anreiz der Kolossalstatuen von Abu Simbel nicht denkbar. Es waren Bewohner Ioniens, die als Söldner Psammetichs II. den nötigen Impuls von den Monumentalskulpturen aus Ägypten mitbrachten. Aus der Schrift der Phönizier entwickelten die Griechen im 8. vorchristlichen Jahrhundert ihre eigene Buchstabenschrift. Von den Babyloniern übernahmen sie die Kenntnisse aus der Mathematik. Die Kunst des Goldschmiedens und das Münzwesen schauten sich die Griechen von ihren kleinasiatischen Nachbarn, den Lydern ab.
In Ionien sieht Hoepfner eine Uridee der griechischen Demokratie aufkeimen. Die Isonomia - übersetzt etwa "Ordnung, die Gleichheit gewährt" bedeutend - fasst er in einen engen Kontext mit der frühen Erscheinung einer Bürgergesellschaft in Ionien. Zunächst hat sich aber noch die Staatsform der Tyrannis in archaischer Zeit von Ionien aus über das Mutterland hinaus verbreitet. Auf einer Inschrift aus Chios wird jedoch erstmals ein Rat des Volkes erwähnt. Dieser Rat hatte die Funktion eines Appellationsgerichtes und stelle damit ein demokratisches Element dar.
Charakteristisch für den Ionischen Bund war die hohe Identifizierung der Städte untereinander, die sich in außenpolitischen Fragen jedoch durchaus autonom verhalten konnten. Identitätsstiftend war das so genannte Panionion, ein dem Poseidon geweihtes Heiligtum. Es liegt auf der Hand, dass Poseidon als Gott der Meere von den seefahrenden Ioniern als oberste Schutzgottheit von existentieller Bedeutung war. Die Rolle des Heiligtums erschöpfte sich dabei nicht als Ort gemeinsamer religiöser Feierlichkeiten, sondern er diente ebenso der Versammlung für wichtige politische Beschlüsse. Dass der Zusammenschluss zu einem Bund nicht ohne Konflikte stattfand, bezeugen dagegen die Bruderkriege die aus der Konsolidierung der Territorialgrenzen heraus entfachten.
Im 5. Jh. wurde nach dem Sieg der Spartaner gegen die Athener im Ionischen Krieg die Oligarchie, Herrschaft der Wenigen, in Ionien eingeführt. Unter Alexander dem Großen wurde wieder, für einen Zeitraum von elf Jahren, die Demokratie eingeführt. Nicht umsonst wurde für Alexander in Ionien ein heiliger Hain errichtet und zu seinen Ehren Wettkämpfe ausgerichtet. Nach seinem Tod wurde Ionien durch die Auseinadersetzungen unter den Erben seines Riesenreiches dem Vergessen überlassen. Im 2. vorchristlichen Jahrhundert verlor schließlich der Ionische Bund gänzlich an Bedeutung und Ionien büßte seine ehemalige kulturelle Vorreiterrolle ein.
Zu den bedeutendsten und ältesten Städten des Ionischen Bundes gehören zweifellos Milet und Ephesos, die bereits in hethitischen Schriften Erwähnung finden. Letztgenannte war die orientalischste unter den ionischen Städten. Zeitweise hatte in Ephesos sogar der persische Satrap seinen Sitz. Im Römischen Reich erlangte die Stadt den Status der Hauptstadt der römischen Provinz Asia. Reiche Römer ließen sich hier nieder und genossen das milde Klima. Trotz Verlandung der Meeresbucht scheint Ephesos also noch in römischer Zeit lukrative Handelsmöglichkeiten geboten zu haben. Auch Milet erfreute sich stets einer finanziellen Sorglosigkeit. Bereits in archaischer Zeit wurden von hier aus zahlreiche Pflanzstädte gegründet, deren Erträge Milet zu großem Wohlstand führten. Wie sehr die Topographie existentiell für das Fortbestehen der Städte war, zeigt sich am Beispiel Prienes. Das bis heute noch nicht eindeutig identifizierbare Alt-Priene wurde zugunsten einer Neusiedlung aufgegeben. Der Grund lag, so Hoepfner, in der Verlandung der Bucht und damit in der Drohenden Bedeutungslosigkeit der Stadt.
Das Schicksal dieser bedeutenden wie weniger bekannten Städte des Bundes schildert der Autor in einer leicht verständlichen Sprache, die an keiner Stelle zu langatmig wird. Im Gegenteil, Hoepfner ist ein bestechender Überblick Ioniens gelungen, der bei keinem Besuch der antiken Stätte fehlen sollte. Vor allen Dingen ist es erfreulich, dass der Einflussnahme auf die Entwicklung einer Gesellschaft durch eine sich ständig verändernde Umwelt ein hoher Stellenwert gegeben wurde. Der Leser wird auf den neuesten Forschungsstand gebracht, der durch neu angefertigte Pläne und Landschafts- und Stadtrekonstruktionen vervollständigt wird. Unbedingt mitnehmen bei Erkundungstouren durch das antike Kleinasien!