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Ein Spital
für ein abgelegenes Bergtal
Einflussreiche Männer aus allen Gemeinden der Region befassten sich bereits 1880 mit dem Bau eines zentralen Spitals. Zum einen aus finanziellen Überlegungen, da die Krankenlokale und Absonderungshäuser in den einzelnen Gemeinden Unmengen an Geld verschlangen. Zum anderen wollte man auch den Bedürfnissen des Fremdenverkehrs gerecht werden, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Bedeutung gewonnen hatte.
Bis dahin bestand die Krankenversorgung im Engadin vor allem aus vier Absonderungshäusern für Patienten mit ansteckenden Krankheiten, den sogenannten «Siechenhäusern» in Zuoz, Pontresina, St. Moritz und Samedan. Letzteres steht noch immer unterhalb der Katholischen Kirche und ist als «ospidel vegl» bekannt.
Diese Häuser vermochten ihren Zweck mit der Zeit nicht mehr zu erfüllen und sechs im Oberengadin ansässige Ärzte drängten darauf, ein Krankenhaus zu bauen. Geeignete Krankenzimmer und genügend Pflege seien «eine Pflicht der Humanität», um Durchreisende, Angestellte und Wohnende aus überfüllten Häusern aufnehmen zu können, erklärten sie den Kreisbehörden.
Als der Vorschlag 1881 aufgenommen wurde, war von einem Spital mit zehn bis zwölf Betten die Rede. Staatliche Unterstützung für das Gesundheitssystem gab es damals nicht und so wurden Spenden gesammelt. Das Geld konnte im Tal und von «Randolins», im Ausland lebenden Engadinern, zusammengebracht werden und nach einiger Überzeugungsarbeit der Bevölkerung wurde 1883 mit dem Bau begonnen. Vor 125 Jahren, am 12. Mai 1885, fand bei strahlendem Wetter die grosse Eröffnungsfeier mit Musikgesellschaften, Chören und allen wichtigen Leuten des Tals statt.
Die Ära Dr. Bernhard
Als erster Spitalarzt wurde Dr. Oskar Bernhard gewählt. Unterstützung bekam Dr. Bernhard von der Oberschwester Marianna Wymann und zwei weiteren Schwestern, denen das Spital Oberengadin bereits nach kurzer Zeit einen guten Ruf über das Engadin hinaus zu verdanken hatte. Ein schnelles Wachstum erforderte die Mitarbeit einer weiteren Schwester, einer Köchin, einer Hausmagd, einer Wäscherin und eines Hausknechts.
Infektionskrankheiten wie Scharlach, Diphterie, Pocken und Tuberkulose waren gefürchtet und verbreitet, sodass ein separates Absonderungshaus notwendig wurde. Die Zahl der Patienten stieg in den folgenden Jahren ständig, insbesondere während des Baus der Albulalinie der Rhätischen Bahn. Das Spital war zeitweise überfüllt und man musste «Halbgenesene entlassen, um Platz zu schaffen für solche, welche ihn notwendiger hatten». Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer betrug 18.4 Tage, was für die damalige Zeit sehr kurz war, rechnete man sonst doch mit 30 bis 40 Tagen.
1906 ging das Spital in den Besitz des Kreises über, obwohl eine solche soziale Aufgabe ein Novum für die Kreisbehörde war. Nach zwölf Jahren und 2444 Operationen gab Dr. Oskar Bernhard seine Funktion als «dirigierender Arzt» ab. Ein Jahr später wurde Dr. Ernst Ruppanner zum leitenden Arzt gewählt.
Nach drei Jahren wurde das ganze Spital für 1'800 Franken mit elektrischem Licht ausgestattet.
«Welch grosse Annehmlichkeit und welch grosser Vorteil auch in hygienischer Beziehung ...», heisst es in den Schriften unserer Vorgänger
Kriege, Kriesen und Flüchtlingshilfe
Die Platzprobleme nahmen immer weiter zu und eine Vergrösserung des Spitals drängte sich auf. 1914 wurde ein neuer Spitalbau mit 80 Betten und Annehmlichkeiten wie einem Röntgenraum, einem Labor und einem sterilen Operationsraum eröffnet – das heutige «Alte Spital».
Mit dem Beginn des 1. Weltkrieges 1914 brachen auch für das Spital schwere Zeiten an. Viele Hotels schlossen ihre Tore und die Schliessung des Spitals wurde in Erwägung gezogen. Es zeigte sich jedoch, dass nicht nur die Einheimischen, sondern auch im Engadin stationierte Grenzwachttruppen das Spital benötigten. Einem kurzen Aufschwung in den 30er Jahren folgte schon bald der nächste Krieg. Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges wurde das Engadin und damit sein Krankenhaus erneut in die finanzielle Katastrophe gestürzt. Lebensmittel, Textilien und Putzmittel wurden auch im Spital rationiert. Die Bevölkerungszahl im Engadin ging zurück, dafür kamen vermehrt Flüchtlinge aus Italien und Deutschland über die Grenzen.
Im April 1945, nach dem Zusammenbruch Deutschlands, wurde eine grosse Gruppe gesundheitlich schwer angeschlagener Insassen des Konzentrationslagers Mauthausen durch Vermittlung des Roten Kreuzes im Spital aufgenommen und dort während zwei Monaten gepflegt, bis sie wieder einigermassen zu Kräften gekommen waren. Leider kam diese Hilfe für einige von ihnen zu spät, sie starben trotz aller Bemühungen während des Transports oder kurz danach. Sie ruhen auf dem Friedhof St. Peter und in Scuol, wo je eine Grabplatte Zeugnis dieser Tragödie ist.
Ein komplexes Gesundheitswesen entwickelt sich
Nach dem zweiten Weltkrieg ging es im Engadin langsam aber stetig wieder aufwärts, bis man in den 70er Jahren erneut mit Platzproblemen im Spital konfrontiert war. Das «Alte Spital» hatte ausgedient und das heutige Spital wurde mit 150 Betten, neuzeitlichen Einrichtungen für Chirurgie und Medizin, einer Abteilung für die Gynäkologie und Personalhäusern geplant. Dem neuen Spitalgebäude musste das 1885 erbaute erste Spital weichen. Auch für das 1914 errichtete Gebäude hätte man keinen Verwendungszweck, befanden die Architekten. Doch eine Gruppe Einheimischer wehrte sich und konnte den Abbruch erfolgreich verhindern.
1979 wurde das heutige Spital fertiggestellt. Die Medizin hat seither enorme Fortschritte gemacht. Während sich die Aufenthaltsdauer der Patienten dadurch stark verkürzt hat, sind die Kosten im Gesundheitswesen in den vergangenen Jahrzehnten explodiert. Dies hielt die damalige Spitalverwaltung bereits beim 100-Jahr-Jubiläum fest: «Das Gesundheitswesen und die Spitäler sind in jüngerer Zeit immer mehr in das Blickfeld – um nicht zu sagen Schussfeld – der Öffentlichkeit gerückt. Positiv zu werten ist jedoch, dass sich die Bevölkerung vermehrt mit den Problemen des Gesundheitswesens auseinandersetzt und zwar nicht nur der kranke, sondern auch der gesunde Mitbürger.»
Zusammen in die Zukunft
In den vergangenen 25 Jahren wurde das medizinische Angebot im Spital Oberengadin immer breiter. Die Kliniken der Chirurgie, Inneren Medizin, Gynäkologie, Pädiatrie, Anästhesie und Radiologie sind stets gewachsen und haben sich spezialisiert. Dazu kamen verschiedenste Beratungsangebote wie die Ernährungs-, Sozial-, Still-, Wundberatung und viele mehr.
In der Pflege spricht man heute von Pflegefachpersonen und nicht mehr von «Schwestern». Die Entwicklung der Berufsbezeichnung steht sinnbildlich für die Entwicklung der Ausbildung zu hochqualifizierten und spezialisierten medizinischen Mitarbeitenden. Der Trend, immer mehr Eingriffe und Behandlungen ambulant zu machen, führt dazu, dass die Aufenthaltsdauer der Patienten stetig abnimmt.
Seit 2007 werden das Spital Oberengadin und das Pflegeheim Promulins von einer gemeinsamen Leitung geführt. Im selben Jahr wurde die Rettungsorganisation ausgelagert und mit dem Rettungsdienst der Klinik Gut zur Rettung Oberengadin (REO) zusammengeführt.
Nach der Auflösung des Kreises wurden die Betriebe Promulins und Spital in der Stiftung Gesundheitsversorgung Oberengadin SGO zusammengefasst. In diesem Jahr wurde die Spitex Oberengadin ebenfalls in die Stiftung integriert. Das Ziel der SGO ist, der Bevölkerung eine integrierte Gesundheitsversorgung zu bieten. Damit der hohe Standard der Gesundheitsversorgung auch für die kommenden Jahrzehnte gesichert ist, gründen das Spital Oberengadin und die Klinik Gut St. Moritz eine gemeinsame Klinik, die im Spital Oberengadin lokalisiert und ab 2022 betrieben wird.