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Geschichte – Kapitel 4
O sacrum convivium
Von der frommen Aufgabe, im Gottesdienst mitzuwirken
Zeitgenössische Orchestermessen
Das Mitwirken in der Kirche gehörte stets zu den vornehmsten Pflichten des Vereins. Schon bei seiner Gründung spielte das Aufführen von Orchestermessen, wie bereits aufgezeigt worden ist, eine grosse Rolle, bei der Wiedererweckung 1942 ebenfalls. In den Protokollen tauchen im Zusammenhang mit dem Jahresprogramm immer wieder Anfragen oder Bemerkungen auf, dass man dieser Aufgabe die nötige Aufmerksamkeit schenken solle. Und nach dem Vaticanum II machte es manches Mitglied zu seiner Herzensangelegenheit, dass die Orchestermessen weitergeführt wurden.
Interessant ist die Tatsache, dass in den ersten zwanzig Jahren vor allem geistliche Werke von zeitgenössischen Meistern aufgeführt wurden. Brosig, Kirms und Bibl hiessen die Komponisten der Messen, die 1898 und 1899 erklangen. Von diesen drei Musikern lebte der in hohem Ansehen stehende Rudolf Bibl (1832–1902) noch und Brosig war erst vor kurzem verstorben. Die Festmesse des letzteren erklang bis 1916 (seit 1905 in der überarbeiteten Fassung von Josef Zelger) regelmässig an hohen Feiertagen. Noch 1920 möchten einige Mitglieder, dass sie wieder aufgeführt würde, doch blieb es beim Wunsch. Die Orchestermesse von Bibl, ein recht schwieriges Werk, hörten die Stanser noch 1928. Das Werk des Zeitgenossen Beethovens, Franz Kirms, des einzigen nicht «Modernen» wurde hingegen 1915 zum letzten Mal gegeben.
Auch die neue Messe, die Josef Zelger 1902 einstudiert hat, stammt aus der Feder eines lebenden Künstlers. Die Missa papae Leonis op. 151, oder Papst-Leo-Messe, wie sie in den Protokollen genannt wird, hat Josef Gruber (1855–1933) für Chor und Orchester geschrieben. Gruber, nicht zu verwechseln mit dem Komponisten des «Stille Nacht», war ein äusserst fruchtbarer Kirchenmusiker, von dem nachgesagt wird, «dass er sich das Ziel gesteckt habe, den Kleinen und Unmündigen das Brot zu brechen; allerdings sei er darin ein Meister». Er war in der strengen Polyphonie (a capella) ebenso zuhause wie im romantischen Stil, den seine Orchestermessen ausgezeichnet haben. Seine Werke fanden grosse Verbreitung, weil viele von ihnen auch von kleineren Chören aufgeführt werden konnten. Die Orchesterpartituren freilich setzten gute Musiker voraus. Bei der Papst-Leo-Messe lehrte besonders das Benedictus mit seinen exponierten Stellen die hiesigen Streicher das Fürchten, so dass sie es praktisch nie ohne «die obligate Entgleisung» aufführen konnten, wie Franz von Matt als Protokollführer im Jahre 1920 schimpft. Obschon die Orchestermitglieder auch später gegen eine Aufführung protestiert haben, stand Grubers Werk noch an Pfingsten 1935 auf dem Programm. Die Messe trage, wie ein Liebhaber dieser Messe schreibt, «in des Wortes schönster Bedeutung zum Festgottesdienst bei».
Im Jahre 1903 sprach der Dirigent Josef Zelger davon, eine Orchestermesse von Karl Detsch, dem Komponisten des «Zauberschlosses», einzustudieren. Dies scheint aber unterblieben zu sein. Jedenfalls berichten weder die Protokolle des Orchestervereins noch jene des Gemischten Chores von einer solchen Aufführung.
Zeitgenössisches wird auch für die Primiz von Oswald Flüeler am 15. August 1909 einstudiert, nämlich die Missa solemnis für Chor und Orchester von Max Filke (1855–1911), einem Schüler Brosigs, dem er auch als Kapellmeister in Breslau nachgefolgt ist. Diesem Komponisten wird viel musikalisches Talent zugeschrieben, das er technisch gut umzusetzen gewusst habe. Seine Werke kamen gut an. Die Festmesse gefiel auch in Stans. Ihre grosse Beliebtheit bezeugt die Tatsache, dass sie hier noch im Jahre 1975 aufgeführt worden ist.
1912 gab die einfallende Primiz von Konstantin Vokinger Anlass zum Erlernen einer weiteren Orchestermesse. Erstmals spielte Josef Zelger mit der Möglichkeit, auch einmal einen älteren Komponisten für die Orchestermessen zu berücksichtigen. Doch blieben die Formulierungen anlässlich der Generalversammlung so wage, dass es niemanden wunderte, als er wieder ein zeitgenössisches Werk in die Proben brachte. Und so ertönte an der Primiz am 4. August die «solenne Festmesse von Paul Mittmann, welche vortrefflich aufgeführt und allgemein mit grossem Beifall aufgenommen wurde». Was wollten Gemischter Chor, Orchesterverein und Dirigent mehr, als Werke zu Gehör bringen, die spielerisch und gesanglich gemeistert werden konnten und erst noch gefielen. Sie stand noch im Jahre 1930 hoch im Kurs und wurde an der Pfarrinstallation am 12. Januar aufgeführt.
Mit diesen fünf bis sechs Orchestermessen schien das Bedürfnis vorerst befriedigt gewesen zu sein. Erst 1917 hören wir wieder von Plänen, ein neues grösseres Werk für den Festgottesdienst einzustudieren. Dabei nannte Josef Zelger auch den Namen Peter Griesbacher. Doch der immer noch andauernde Erste Weltkrieg verhinderte die Verwirklichung. Nachher war es die prekäre Orchestersituation, welche Zelger vom Einstudieren einer neuen Messe abhielt. Als sich diese in den frühen 1920er Jahren zu bessern begann, nahm er die alten Pläne wieder hervor und studierte die Willibaldi-Messe von Peter Griesbacher (1864–1933) ein. Die Proben müssen sowohl beim Chor wie beim Orchester mühsam gewesen sein. Dies tönt auch in der Berichterstattung durch. Da heisst es: an Ostern 1923 sei «die unter vielen Mühen eingeübte, prächtige Willibaldi-Messe zum wirkungsvollen Vortrag gelangt». Da Griesbacher in seinen Orchestermessen der Orgel über die gewöhnliche Begleitung hinaus konzertante und orchestrale Effekte zuweist, ist sein Werk für die Kollaudation der neuen Stanser Orgel am 15. April wie geschaffen. Die Messe wurde darum an diesem Tag zum zweiten Mal aufgeführt. Indessen scheint sie nie recht beliebt geworden zu sein. Bereits 1925 wurde sie zum letzten Mal aufgeführt. Mit der Willibaldi-Messe wurde für über 20 Jahre zum letzten Mal ein grösseres kirchliches Werk eines noch lebenden Komponisten in Stans einstudiert.
Pastoralmessen zur Weihnachtszeit
Was um die Jahrhundertwende in der Stanser Pfarrkirche in der Mette für eine Orchestermesse gegeben wurde, darüber schweigen sich die Quellen aus. Prof. Jakob Wyrsch hat an einem seiner Vorträge auch über die damalige Mette gesprochen und dabei vorgesungen, was er als Student auf der Stanser Orgelempore mit seinem Streichinstrument gespielt habe. Und dabei wurde allen klar, dass damals unmöglich schon die «Missa Lebkuchia», mit richtigem Titel «Missa pastoritia in C», von Karl Kempter aufgeführt worden ist. Das Rätsel hat sich inzwischen gelöst. Der Komponist blieb derselbe, aber es war ein anderes Werk, nämlich die Missa pastoralis in G für Soli, Chor und Orchester, die damals (1915 bezeugt) gesungen wurde und die man heute noch in Oberbayern an Weihnachten aufführt. Karl Kempters (1818–1871) «berühmte Pastoralmesse», wie sie auf der CD-Hülle angepriesen wird, ist zwar melodisch weniger gehörfällig, dafür aber musikalisch und kompositorisch um einiges besser geraten als ihre «kleine Schwester». Dass auch diese die Herzen der Stanser erfreut hat, dass nicht «Weihnachten war, wenn sie nicht erklang» bezeugt die Auseinandersetzung um ihre «Absetzung», ein Thema, das seit den 1930er Jahren die Köpfe rot anlaufen liess.
Am 19. Juni 1945 erhielt der Vorschlag, «die Kempter-Messe, die nun jahrzehntelang in der Christmette gesungen worden ist, auszuschalten und mit etwas Neuerem zu ersetzen», zum letzten Mal Opposition mit dem Hinweis auf ihre grosse Beliebtheit und auf die alte Stanser Tradition. Es wäre wohl auch dieses Mal alles beim Alten geblieben, wenn mit der «Missa Lebkuchia» nicht eine Alternative zur Verfügung gestanden hätte. Trotzdem diskutierte man lange und kam schliesslich zum salomonischen Schluss, in der Mette 1945 nochmals die bisherige Pastoralmesse aufzuführen, die neue Kempter-Messe im Hochamt am Weihnachtsheiligtag oder an Dreikönigen 1946; dann könne man sehen, welche besser ankäme. Das war bald klar. Und so führte man in der Mette des nächsten Jahres die «Missa pastoritia» auf, die von da an bis 1966 stets gesetzt blieb. Da hatte man wahrlich den Teufel mit Belzebub vertrieben.
Klassische Orchestermessen
Im Winter 1912 schlug Direktor Josef Zelger zum ersten Mal vor, ein «melodiöses Opus von Mozart» einzustudieren. Als Alternative bot er eine Messe von Gounod an. Denn kurz zuvor hatte er mit dem Männerchor eine Messe dieses Komponisten aufgeführt, die von den Stansern ganz begeistert aufgenommen worden war. Die Mitglieder des Orchestervereins äusserten sich positiv zu den Vorschlägen. Alle warteten gespannt auf die Auseinandersetzung mit einem grossen «Klassiker», doch vergebens. Zelger beliess es bei der Ankündigung, übrigens nicht zum ersten Mal. Möglicherweise hatte es aber auch an der Notenbeschaffung gelegen. Jedenfalls klagte der Direktor noch 1920, dass er das Material einer «vereinfachten Mozart-Messe» nicht bekomme, obschon er es schon vor langem bestellt habe. Noten zeitgenössischer Komponisten waren damals einfacher zu bekommen.
Statt Mozart oder Gounod kam Joseph Gabriel Rheinberger (1839–1901) die Ehre zu, den Reigen der Klassiker in Stans zu eröffnen. «Mit sichtlich grossem Fleiss und beträchtlicher Ausdauer im Besuch der hinzugesetzten Spezialproben übten der Gemischte Chor und der Orchesterverein auf Ostern 1929 eine Prachtsmesse von Rheinberger ein. Die Aufführung am Ostermorgen darf mit bestem Gewissen eine gute genannt werden. Herr Kathriner aus Freiburg spielte die Orgel; im Orchester streicht, bläst und flötet es in guter Präzision, und Sänger und Sängerinnen folgen mit Eifer und Aufmerksamkeit dem Taktstock des Dirigenten.» «Eine schöne Dosis Begeisterung half am Erfolg mit», schreibt der Protokollführer mit Stolz.
Die Situation im Orchesterverein, aber auch das zunehmende Alter des Dirigenten Josef Zelger verhinderten wohl das Einstudieren weiterer Messen mit Instrumentalbegleitung. Vielleicht haben auch die Aktuarinnen und Aktuare einfach vergessen, darüber zu berichten. Bis zum Jahre 1941 versiegen die Nachrichten über aufgeführte Orchestermessen fast ganz. Bekanntlich war ja auch der Orchesterverein nach 1935 eingeschlafen. Im Sommer 1941 engagierte der Gemischte Chor aus diesem Grunde den Buochser Orchesterverein, damit er an den Primizen von Arnold Waser und Karl Frey festliche Messen singen konnte.
Mit der Anstellung von Heinz Hindermann als Direktor und Orchesterdirigent begann auch eine neue Aera für die Orchestermessen. Im Hochamt am Weihnachtsmorgen 1941 erklang zum ersten Mal die «Kleine Orgelsolo Messe» von Joseph Haydn (Miss brevis Sti. Johannis de Deo, B-dur), natürlich in der überarbeiteten Fassung mit dem verlängerten Gloria und Credo. Sie gehörte fortan zum festen Repertoire. Der Neupriester Ernst Achermann hat sie denn auch als Festmesse bei seiner Primiz im Sommer 1944 gewählt. «Orchester und Chor stehen bereit und warten gespannt auf das erste ‹Gloria in excelsis› unseres Neupriesters. Mit gleicher Sicherheit suchen wir die Messe weiter zu führen und durften wirklich nachher das Lob der Zufriedenheit ernten.»
Im Winter davor hatte sich der Orchesterverein an die Erarbeitung der für die Streicher etwas schwierigeren Messe Nr. 2 in G von Franz Schubert gemacht. Gemischter Chor und Orchesterverein führten sie an Ostern 1944 erstmals auf, und zwar «für Gott und unser liebes Stans», wie es im Protokoll heisst. Auch diese Messe kam ins Repertoire.
Neben diesen beiden Standardwerken führte Heinz Hindermann Orchestermessen von weniger bedeutenden Komponisten ein, wie dies sein Vorgänger ausschliesslich getan hat: 1942 von N. Roth die Bruderklausen-Messe, 1946 die Franziskus-Messe von Arthur Piechler, 1949 die Missa festiva von P. Franz Huber, und 1950 die Missa brevis in B seines Vaters Paul Hindermann.
An eine Messe von Wolfgang Amadeus Mozart wagte sich Heinz Hindermann mit dem Orchesterverein nicht. So verstrichen noch Jahrzehnte, bis in der Stanser Pfarrkirche eine Messe dieses Komponisten erklang. Erst unter Rudolf Konrad Lienert wurde nämlich eine solche einstudiert, die sog. Orgelsolo-Messe (Missa brevis in C Nr. 11, KV 259), und an Weihnachten 1969 aufgeführt. Im Jahre 1981 begleitete der verstärkte Orchesterverein den Gemischten Chor bei der Krönungsmesse (Missa brevis in C, Nr. 14, KV 317), wobei er damals allerdings an seine Grenzen stiess.
Das Orchester hat noch manch andere Messe begleitet, die zu erwähnen es sich lohnen würde. Unter der Direktion von Hans Schmid weitete sich das Spektrum von der Moderne bis zur Barockzeit. Dies blieb auch unter Rudolf Zemp noch so. In jüngster Zeit beschränkt sich das Orchester allerdings auf ein bis zwei kirchliche Auftritte innerhalb von Gottesdiensten und überlässt die übrigen Engagements anderen Ensembles. Dieser Rückzug ist einerseits schade, anderseits aber auch verständlich. Neben den jährlichen Konzerten, die eine gründliche Vorbereitung voraussetzen, liegen zusätzliche Proben für mehrere kirchliche Auftritte gar nicht mehr drin. Zu hoffen bleibt jedoch, dass sie nicht gänzlich aus dem Repertoire des Orchesters verschwinden.