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Aus der Geschichte der Riehener Dorfbibliothek
Alfred Blättler
Spätestens 1895 führte der Leseverein, eine Gründung der Gesellschaft zur Förderung des Guten und Gemeinnützigen (GGG), eine Volksbibliothek in Riehen.1) Bis zum Anfang der zwanziger Jahre war die Bibliothek im Lehrer- und Abwartshaus im Schulhof am Erlensträsschen untergebracht. Die Bibliotheksschränke standen im Zimmer der Spezialklasse, in dem auch der Handarbeitsunterricht stattfand. Die Bibliothek war jeden Sonntag von elf bis zwölf Uhr geöffnet.
1919 zählte die Bibliothek 57 Mitglieder. 37 Bände konnten angekauft werden. Zu mehr reichte der jährliche Kredit, der zur Verfügung stand, nicht. Offenbar war es damals nicht einfach, die zugesagten Gelder zu erhalten. So finden wir im Protokoll des Lesevereins vom 4. Oktober 1919 folgende Stelle: «Der Seckelmeister der GGG soll um Auszahlung unseres Betreffnisses ersucht werden; ebenso soll der Gemeinderat Riehen um Zuweisung des üblichen Beitrags angegangen werden.»
1923 ging die Bibliothek in den Besitz der Gemeinde Riehen über: «Nachdem E. Blum mit dem Gemeinderat Rücksprache genommen, und die unhaltbaren Zustände der Bibliothek und der Lesemappen dargelegt, erklärt sich der Gemeinderat bereit, Bibliothek und Lesemappen zu übernehmen; doch soll der Name Leseverein durch Volksbibliothek ersetzt werden.»
Eine besondere Dienstleistung: Die Lesemappen Neben Büchern für Erwachsene lieh der Leseverein, später auch die Volksbibliothek, Lesemappen aus, die im Wochenturnus unter den Abonnenten zirkulierten. In diesen Mappen waren sechs bis acht Zeitschriften zusammengestellt.
Waren es um 1930 Zeitschriften wie «Die Gartenlaube», «Die Ernte», «Garbe», so waren es in den fünfziger Jahren Zeitschriften wie «Du», «Schweizer Familie», «Schweizer Hausfrau», «Schweizerspiegel», «Schweizer Illustrierte», «Sie und Er», «Garbe», «Atlantis», «Nebelspalter», «Neue Schweizer Rundschau» und «Am Häuslichen Herd», die darin enthalten waren.
Die Zusammenstellung dieser Lesemappen gab in den dreissiger Jahren zu reden. So mahnte 1934 Gemeindepräsident Otto Wenk die Bibliothekskommission: «Wir sind darauf aufmerksam gemacht worden, dass in den Lesemappen z.T. deutsche Zeitschriften zirkulieren, deren geistiges Niveau derart sei, dass sich die Haltung derselben in einer schweizerischen Gemeindebibliothek kaum mehr rechtfertigen lasse.» 1939 drohte der Gemeindepräsident Eugen Seiler in einem Brief, er werde der Bibliothek die Subvention streichen, wenn bestimmte Druckerzeugnisse nicht abbestellt würden: «Beim Gemeinderat ist schon wiederholt darauf verwiesen worden, dass hauptsächlich in den Lesemappen deutsche Literatur und deutsche Zeitschriften geführt werden, deren gegenwärtiger Inhalt dem schweizerischen Volksempfinden widersprechen.»
Die Lesemappen wurden vor allem von den älteren Lesern sehr geschätzt. Die Kommission hätte gerne auf diese Dienstleistung verzichtet, denn sie verursachte viel Arbeit und ärger, und vor allem beanspruchte sie über die Hälfte des jährlichen Budgets. Da «der gemeinnützige Wert» im Vordergrund stand, konnte der Leserbeitrag nicht wesentlich erhöht werden. Die Kommission versuchte deshalb, intensiv für die Lesemappen zu werben und dadurch zu mehr Geld zu kommen. In einem Handzettel lesen wir: «Seit vielen Jahren besteht in Riehen unter der Leitung der Volksbibliothek eine gediegene Lesemappe, deren Ziel es ist, aus der Fülle der schweizerischen Zeitschriften das Wertvolle und Fesselnde herauszugreifen und den Mitgliedern zur Verfügung zu stellen. Wir möchten ihnen so durch unsere Mappen einen interessanten Spiegel unseres Volkes, der Zeitgeschichte und des kulturellen Lebens geben. Aber auch das Unterhaltende und die alltäglichen Fragen und Sorgen einer Hausfrau sollen nicht vergessen sein.»
Diese Werbeversuche zeigten wenig Erfolg. Die Lesemappen wurden trotzdem noch bis 1961 den wenigen Abonnenten angeboten.
Aus den Erinnerungen von Fräulein Margritb Roth Am 2. März 1932 wurde Margrith Roth, Handarbeitslehrerin in Riehen, als neue Bibliothekarin gewählt. Sie versieht dieses Amt mit ihrer grossen Belesenheit und umfassenden Sachkenntnis bis heute.
Die Bibliothek war damals im zweiten Stock des Gemeindehauses (heute Alte Kanzlei) untergebracht. Der Eingang befand sich etwas versteckt am Erlensträsschen. über zwei steile Treppen gelangten die Mitglieder in die grosse Bibliothekstube, in der gegen 2000 Bücher für Erwachsene in grossen Schränken bereitstanden. Bücher für Kinder waren kaum vorhanden.
Margrith Roth nahm die Wünsche entgegen, holte die Bücher, die in Packpapier eingebunden waren, aus den Schränken, notierte sie in einem Leihheft und lieh sie nachher an die Kunden aus. Gemäss ihrem Pflichtenheft musste sie neben ihren Bibliotheksarbeiten auch zweimal pro Jahr den Boden fegen und im Februar des folgenden Jahres alle ausstehenden Jahresbeiträge bei den säumigen Kunden persönlich eintreiben. Der Mitgliederbestand stagnierte. Die Bibliothekskommission versuchte mit allen Mitteln, Mitglieder zu werben. So wurde 1933 mit Hilfe eines Schweizer Bibliothekars, der Berlin hatte verlassen müssen, ein Katalog erstellt, der es den Mitgliedern ermöglichte, ihre Bücherwünsche schon zu Hause festzulegen. Dieser Katalog wurde jedes Jahr durch einen Anhang ergänzt, 1945 durch einen Studenten der Germanistik zusammen mit Margrith Roth neu aufgebaut.
Neue Interessentengruppen wurden angesprochen. So 1933: «Präsident Wenk regt an, durch ein Zirkular die Dienstboten auf die Bibliothek aufmerksam zu machen.» Doch 1935 musste die Aktuarin resigniert feststellen: «Leider ist die Zahl der Abonnenten etwas zurückgegangen. Herr A. Wenk, als Delegierter der GGG, wird ersucht, als Ursachen des Rückgangs Kino und Radio in seinem Bericht an oberwähnte Gesellschaft zu erwähnen.»
Neue Medien, Film und Radio, waren neben der Attraktivität der städtischen Bibliothek zur grossen Konkurrenz der Volksbibliothek Riehen geworden: «Die Gründe für diese wenig erfreulichen Vorgänge sind einmal darin zu suchen, dass die Zahl der stadtbeschäftigten Einwohner Riehens zunimmt und damit die Möglichkeit, die reich ausgestattete, täglich geöffnete und billigere Bibliothek in der Schmiedenzunft zu benutzen und sodann in einer durch das Radio bewirkten Abnahme der Freude am Buche.» So begründete die Bibliothekskommission die Abnahme des Mitgliederbestandes.
Erst im Verlaufe des zweiten Weltkrieges erhöhte sich, wenn auch nur für kürzere Zeit, die Zahl der Bibliotheksbenutzer: «Besonders erfreulich ist, dass wir eine Anzahl der Grenzschutzsoldaten, die seit Kriegsbeginn in unserem Dorf einquartiert sind, zu unseren Lesern zählen dürfen.»
Vom der Volksbibliothek zur Gemeindebibliothek Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Gemeindebeitrag sukzessive erhöht, die GGG steuerte jedes Jahr Fr. 250.bei, und die Bürgerkorporation unterstützte die Biblio theksarbeit mit einem symbolischen Beitrag. Von diesem Kredit konnten jährlich 60 bis 70 Bücher angeschafft und die Lesemappen ausgestattet werden. Vor allem begann jetzt das Hoffen und Warten auf einen besseren Standort und auf mehr Raum für die Bibliothek. 1958 konnte die Bibliothek in den alten Polizeiposten im Erdgeschoss der Alten Kanzlei gezügelt werden. Damit stand die Bibliothek erstmals nicht mehr ganz abseits. Ein wichtiger Schritt in Richtung Benützer war getan.
Drei Jahre später, am 31. August 1961, wurde die Volksbibliothek zur Gemeindebibliothek. Sie erhielt neue, helle und grosse Räume im Mitteltrakt des Gemeindehauses. 2000 Bände wurden als Grundstock von der alten Volksbibliothek übernommen, 2000 neue dazugekauft. Geplant war ein Endausbau bis 1966 mit insgesamt 8000 Bänden.
Mit der neuen Gemeindebibliothek hatte die damalige Bibliothekskommission unter grossem Einsatz drei wichtige Ziele verwirklichen können: Die neue Bibliothek wird als Freihandbibliothek geführt, das heisst die Leserinnen und Leser können sich ihre Bücher selbst aussuchen. Ihr war erstmals eine grosse Abteilung für Kinder und Jugendliche angegliedert, und sie war in hellen Räumen eingerichtet und zentral gelegen.
Die Bibliothek fand grossen Anklang, schon im November 1962 trat das 500. Mitglied ein. Der Erfolg der neuen Bibliothek war so gross, dass in der Folge bereits 1963 eine Filiale im Schulhaus Wasserstelzen eröffnet werden konnte.
Im Laufe der sechziger Jahre ergab sich auch ein Umdenken in der Anschaffungspraxis. War früher ein Werk wie «Narziss und Goldmund» von Hesse nicht angeschafft worden, weil man «das Volk nicht verführen wollte», so ergaben sich noch in den frühen sechziger Jahren in der Kommission hitzige Diskussionen, ob man zum Beispiel die «Tolldreisten Geschichten» von Balzac in der Gemeindebibliothek aufstellen dürfe oder nicht. Da sich die Kommission erst nicht auf eine liberalere Praxis einigen konnte, mussten die Bibliothekare zum «Giftkästli» Zuflucht nehmen. Das heisst, alle für jene Zeit allzu freizügigen Werke wurden zwar im Katalog aufgeführt, mussten aber in einem Kasten verschlossen aufbewahrt werden. Die Mitglieder verlangten diese Werke beim Bibliothekar und bekamen sie dann von ihm direkt ausgehändigt.
In den sechziger und siebziger Jahren konnten die Bücherbestände wesentlich ausgebaut werden. Das Planziel von 8000 Bänden wurde bald einmal erreicht (1988: 25 000 Bände). In den achtziger Jahren wurde der ganze Bestand neu katalogisiert, so dass nachher jedes Mitglied das gewünschte Buch selbständig und schnell finden konnte. Die Zahl der Mitglieder stieg nicht mehr so rasch wie am Anfang und pendelte sich allmählich bei 900 ein.
Der Umzug ins Haus «Zur Waage»
In der Zwischenzeit hatte sich in der Ausstattung der Bibliotheken einiges verändert. Zunehmend wurden neben den Büchern auch andere Medien, sogenannte Nonbooks, ausgeliehen: Compact-Discs, Tonkassetten und Videobänder.
Eine Umfrage bei den Mitgliedern ergab eine grosse Mehrheit für eine Erweiterung unserer Bibliothek mit Compact-Discs und Tonkassetten. Die Bibliothekskommission beantragte deshalb im Frühjahr 1988 dem Gemeinderat eine Erweiterung des Bibliotheksraumes um zirka zehn Quadratmeter. Auf diesem zusätzlichen Raum sollte eine kleine Mediathek und vor allem eine Hörbücherei für ältere Leute eingerichtet werden.
Dieser Antrag führte zu nicht erwarteten Konsequenzen: Im August 1988 schlug der Gemeinderat der Kommission einen Umzug in das bereits im Umbau befindliche Haus «Zur Waage» vor. Die Bibliothekskommission stimmte diesem Plan zu, und bereits im Dezember 1988 verabschiedete der Einwohnerrat einstimmig das neue Projekt. Am 9. Juni 1990 konnte nun die neue Bibliothek im Haus «Zur Waage» auf vier Stockwerken eröffnet werden. Auf den beiden mittleren Geschossen sind Bücher für Erwachsene zu finden, das Erdgeschoss und der oberste Stock sind für Kinder und Jugendliche reserviert. Das ganze Haus ist rollstuhlgängig, neben der Treppe verbindet ein Lift die einzelnen Stockwerke.
Neu in dieser Bibliothek ist das Angebot an CompactDiscs und Tonkassetten, eine Grossdruck-Bücherei für Sehbehinderte und eine Hörbücherei für ältere Mitglieder, die bisher aus der Bibliothek austreten mussten, weil sie keine Bücher mehr lesen konnten.
Die neue Bibliothek ist bewusst als Informations- und Kommunikationszentrum eingerichtet. Die Mitglieder können sich treffen, sie können auch in aller Ruhe in einer Zeitschrift oder in einem Buch lesen.
Mit dem Umzug ins Haus «Zur Waage» erhält die Gemeindebibliothek Dorf die Möglichkeit, ihren Bücher- und Medienbestand den Mitgliedern noch besser präsentieren zu können. Damit erhält sie auch die Chance, mehr Einwohnerinnen und Einwohner von Riehen zum Lesen animieren zu können. Dass dies nicht nur ein Wunschbild ist, zeigt der erstaunlich grosse Zuwachs an Mitgliedern in den letzten zwei Monaten.
Als weitere Hauptaufgaben sehen wir den Ausbau der Beratung, der Hörbücherei und die vermehrte Ausrichtung unseres Angebotes auf das aktuelle Zeitgeschehen. Die neue Bibliothek eröffnet uns weiter die Möglichkeit, Kindern und Jugendlichen das Buch als wichtigen Teil unserer Kultur näher zu bringen. Wir sind bereit, die Bibliothek für Klassen aller Stufen zu öffnen und damit die Möglichkeit zu schaffen, den Umgang mit der Bibliothek und mit Büchern vermehrt in den Unterricht einzubeziehen.
Anmerkungen:
1) GKR, Seite 210 Bei den Ausführungen stützen wir uns vor allem auf die Erinnerungen von Fräulein Margrith Roth, die seit 58 Jahren in der Dorfbibliothek tätig ist, und auf Auszüge aus den Jahresprotokollen der Bibliothekskommission.
Personen: (soweit nicht im RRJ) Margrith (Margaretha) Roth ("1910), Arbeitslehrerin, Bibliothekarin Albert Wenk (1884-1975), Primarlehrer