Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03327.jsonl.gz/3320

Unmittelbar vor dem Ortseingang Berzonas befindet sich jener Friedhof, an dessen Mauer eine steinerne Gedenktafel für Max Frisch angebracht ist. Dies ist ein keineswegs selbstverständliches Zeichen der Wertschätzung einer Tessiner Gemeinde für einen deutschsprachigen Schriftsteller, Tafeln für Alfred Andersch und Golo Mann, die ebenfalls in Berzona lebten, gibt es nicht. Wer es wagt, die Treppen rechts von der Tafel zum heute verlassen wirkenden Grundstück Frischs hinunterzusteigen, wird dort die legendäre Bocciabahn finden und sich vielleicht an das abgründige Bocciaspiel erinnern, das er im «Tagebuch 1966–1971» beschrieben hat.
Mich erinnert sie vor allem an verpasste Begegnungen mit dem Autor. 1975 kommt Jürg Federspiel die Treppe herauf; er ermuntert mich, Frisch einen Besuch abzustatten. Ich gehe nicht hinunter, in der Vermutung, womöglich ungelegen zu erscheinen. Eine andere Begegnung fand dann aber tatsächlich statt: in Ascona nämlich, wo ich Max Frisch auf die Monte-Verità-Ausstellung von Harald Szeemann aufmerksam machte. Ein andermal begegnete ich ihm wiederum zusammen mit Jürg Federspiel im Zürcher «Restaurant zum Kropf». Der Suchende schaute zu ihm auf wie zu einer Leitfigur, deren Leben sich nicht in vorgebahnten Spuren der Konvention verlief, stimmte ihm in vielem zu, insbesondere in seiner Artikulation eines «schweizerischen Existentialismus», wonach es sich selbst zu wählen gelte.
Den ersten Teil von Frischs bewegtem Leben hat Julian Schütt1 im vergangenen Jahr und in einer bisher nie dagewesenen Ausführlichkeit festgehalten. Die Biographie zeichnet Frischs Jugend und die Jahre der Förderung durch ein Zürcher Bürgertum nach, von dem er sich aber in den Jahren seiner wirtschaftlichen Unabhängigkeit zunehmend zu distanzieren begann. Eine weitere Frisch-Biographie von Andreas B. Kilcher, die nicht nur die Jahre des Aufstiegs, sondern das ganze Leben des Autors porträtiert2, erschien ebenfalls 2011. Sie ist dem Genre der Basisbiographie entsprechend nicht so ausführlich, enthält aber eine ganze Reihe von interessanten zusätzlichen Materialien und Photographien. Insbesondere aber wird Frischs Privatleben in einer Art und Weise offengelegt, die dem Autor wohl schwerlich gefallen dürfte. So stellt Frisch seiner Erzählung «Montauk» ein Zitat Montaignes voran: «Meine Fehler wird man hier finden, so wie sie sind, und mein unbefangenes Wesen, soweit es nur die öffentliche Schicklichkeit erlaubt…» (Hervorhebung R.F.). Mit Kilchers Buch – aber auch mit anderen Publikationen – kann nun vieles dechiffriert werden, was wohl den Rahmen der «öffentlichen Schicklichkeit» sprengt. Man erfährt z.B., wer der Geliebte von Max Frischs zweiter Frau Marianne Frisch-Oellers war, nämlich der amerikanische Schriftsteller Donald Barthelme. Aber wo wäre die dividing line zu ziehen, zwischen dem, was wert ist, veröffentlicht zu werden, und dem, was es nicht ist? Evident nach diesem Frisch-Jahr ist, dass es sich heute wissenschaftlich und verlegerisch zu lohnen scheint, alles, was von einem Autor einmal schriftlich niedergelegt wurde, in irgendeiner Form zu veröffentlichen.
Der Ratschlag des «alten Vorarbeiters» in «Montauk», der in Frischs weltentrücktem Berzona-Studio einen Kamin installieren wollte, ist wohl beherzigenswerter denn je: «Un scrittore, meint er, müsse viel Papier verbrennen.» Max Frisch, so viel wissen wir nicht erst seit 2011, stimmte ihm zu.
1 Julian Schütt: Max Frisch: Biographie eines Aufstiegs. Berlin: Suhrkamp, 2011.
2 Andreas B. Kilcher: Max Frisch. Leben, Werk, Wirkung. Berlin: Suhrkamp, 2011.