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Ein Unternehmen wird zu einem "Multi" (multi- oder transnationalen Unternehmen), wenn es im Ausland Niederlassungen dauerhaft leitet und somit ausserhalb der Landesgrenzen Direktinvestitionen tätigt. Die ersten M. entstanden im 19. Jh., im Umfeld der Industrialisierung und der verbesserten Kommunikations- und Transportmöglichkeiten, während Handelsgesellschaften bereits im MA europaweit aktiv waren. Für die kleine offene Volkswirtschaft der modernen Schweiz waren M. stets von zentraler Bedeutung, da sie wichtige Akteure der Aussenwirtschaft sind. Da die Firmenarchive der Schweizer M. jedoch nur z.T. zugänglich sind, vieles verlorenging und die Unternehmen kaum neuere Daten preisgeben, ist sowohl eine qualitative als auch quantitative Einschätzung der Schweizer M. nur begrenzt möglich.
Im Gegensatz insbesondere zu US-amerikan. Multis verfolgten Schweizer M. einen besonderen Wachstumspfad. Sie unterschieden sich etwa durch die Höhe der finanziellen Beteiligung an Unternehmungen im Ausland. Während angelsächs. M. sich das Investitionsrisiko durch Joint Venture teilten, strebten Schweizer Unternehmen vollständiges Eigentum an den Betrieben im Ausland an. Schweizer Firmen investierten verhältnismässig früh im Ausland, selbst vor der Durchdringung des eigenen Binnenmarktes. Das höhere Risiko dieser frühen Investitionen hatten sie durch bessere Kenntnis der ausländ. Märkte kompensiert. Schweizer Firmen engagierten sich nicht nur früh, sondern auch häufig im Ausland, so dass die Schweiz bei den Direktinvestitionen pro Kopf ihrer Bevölkerung international immer zu den Vorreitern zählte. Schon vor 1870 produzierten Unternehmen der Maschinenindustrie und der Textilindustrie im Ausland. Bald folgte die Nahrungs- und Genussmittelindustrie. 1914 webten schweiz. Firmen in den USA ebenso viele Seidenstoffe wie im eigenen Land. Die Schweizerisch-Amerikanische-Stickerei-Industrie-Gesellschaft (Sastig), ab 1911 als Aktiengesellschaft im Kt. Glarus eingetragen, war zu dieser Zeit der grösste schweiz. Multi. Neben den grossen gab es sehr viele kleine Unternehmen, die oft wenige Kilometer jenseits der Grenze Niederlassungen unterhielten. Solche Niederlassungen wurden bis 1914 meist als Unternehmensteile ohne eigene Rechtsform geführt. Die Dynamik war so gross, dass der Schweizer Ökonom Albert Masnata 1924 vor der "émigration des industries suisses" warnte. In der Zwischenkriegszeit gingen die Direktinvestitionen zurück, um erst seit den 1980er Jahren die alte Dynamik zurückzugewinnen. Um die Wende zum 21. Jh. gehörten Schweizer M. zu den bedeutendsten der Welt, wobei sich der Schwerpunkt von der Industrie zu den Finanzdienstleistungen (Banken, Versicherungen) verschoben hat. Die Zielländer, nämlich die entwickelten Staaten in Europa und die USA, sind seit über hundert Jahren die gleichen geblieben.
Direktinvestitionen entstehen durch den Kauf oder die Neugründung von Betrieben im Ausland. Es ist ein Merkmal der Schweizer M., dass sie häufig Filialen neu etablierten. Deren Aufbau lief meist nach folgendem Schema ab: Export - Reparaturbetrieb - Zusammenfügen importierter Komponenten - Produktion - Forschung. Nach 1980 rückten Übernahmen von Betrieben in den Vordergrund, weil hierdurch der Absatz besser kalkuliert werden konnte.
Eine Gefahr für die heim. Volkswirtschaft ist der Export von Arbeitsplätzen. Während er für die schweiz. Textilindustrie, den Maschinenbau und v.a. für die Dienstleistungen nachgewiesen ist, haben Direktinvestitionen in anderen Branchen wie der Chemischen Industrie Zusatzexporte ermöglicht, so dass die Arbeitsplatzbilanz der Schweizer M. in ihrer Gesamtheit eher ausgeglichen ist.
Literatur
– E. Himmel, Industrielle Kapitalanlagen der Schweiz im Auslande, 1922
– S. Borner, F. Wehrle, Die Sechste Schweiz, 1984
– H.G. Schröter, Aufstieg der Kleinen, 1993
– F. Henneberg, A. Ziegler, «Direktinvestitionen, Exportströme und Beschäftigungseffekte», in Jb. für Nationalökonomie und Statistik 220, 2000, 147-165
– Die Entwicklung der Direktinvestitionen, 2004-
Autorin/Autor: Harm G. Schröter