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AGFF-Schermausradar 2023
Cornel J. Stutz, Agroscope Zürich, und Rafael Gago, AGFF Zürich
Das Schermaus-Radar ist ein Instrument, um die Dichte von Mäusepopulationen zu messen. Seit Frühling 2010 werden von Agroscope und der AGFF jährlich die Dichten von Schermauspopulationen an rund 50 Standorten im Deutschschweizer Mittelland und den angrenzenden Hügelgebieten ermittelt. Die Daten der Mäusepopulationsschätzungen im Kanton Jura werden von der Fondation rurale interjurassienne der AGFF zur Verfügung gestellt.
Das Wissen, ob es zurzeit viele oder wenige Mäuse hat und wie sich die Situation weiter entwickeln wird, ist für Landwirte von grossem Nutzen. Das Schermaus-Radar hilft in Kombination mit einer Beurteilung der Lage auf dem eigenen Betrieb beispielsweise, folgende Fragen zu beantworten:
- Wann ungefähr kann mit einem Populationszusammenbruch gerechnet werden?
- Bis wann lohnt es sich, Mäusebekämpfung zu betreiben?
- Wann muss man damit beginnen, Futterreserven anzulegen, um bei einem allfälligen Totalschaden in den Wiesen glimpflich davon zu kommen?
In Gebieten, wo der Anteil an Futter- und/oder Obstbauflächen hoch ist, verhalten sich Mäusepopulationen zyklisch. Es sind zwei klassische Zyklustypen bekannt:
- Kurve mit Peak: Nach einer relativ langen Periode mit minimaler Mäuseaktivität folgt eine starke, aber kurze Massenvermehrung mit einem anschliessenden raschen Zusammenbruch der Population; regelmässige Zyklusdauer von zirka 5 bis 7 Jahren. So ein Verlauf ist in den letzten Jahren im Kanton Jura, im Napfgebiet, im Zürcher Säuliamt und im Hirzelgebiet aufgetreten.
- Glockenkurve: Nach einer kurzen Zeit mit geringer Mäusedichte folgt eine relativ schwache langandauernde Wachstumsphase mit mässigem Maximum und anschliessendem allmählichen Abklingen der Population; unregelmässiger Zyklus. Diesen Verlaufstyp konnten wir in den letzten Jahren im Appenzellerland, im Rickengebiet, in der Linthebene und im Zürcher Oberland feststellen.
In Gebieten mit einem hohen Fruchtfolgeflächen-Anteil ist die Entwicklung der Schermauspopulationen selten sprunghaft. Weil die intensiv bewirtschafteten Naturwiesen (bevorzugtes Habitat der Schermäuse) nur wie Inseln zwischen Ackerflächen, Siedlungsgebieten und Waldstücken vorkommen, können sich Schermauspopulationen in diesen Gebieten kaum «explosionsartig» vergrössern (z.B. die meisten Mittellandstandorte).
Bei einer Mäusezahl von 300 bis 1000 Tieren pro Hektare, aus pflanzenbaulicher Sicht ein Totalschaden, bricht die Population gewöhnlich zusammen, so dass nur noch wenige Individuen auf der Fläche überleben.
Hinweis zur Interpretation des Mäuseradars
Die Populationsgrössen der untersuchten Flächen geben zwar einen Hinweis, können aber nicht vorbehaltlos auf die Mäusedichte der gesamten Region übertragen werden. Der Mäusebefall kann lokal von Parzelle zu Parzelle stark variieren. Hingegen zeigt die Entwicklung der Mäuseradar-Beobachtungsparzellen an, ob die Schermausbestände regional stagnieren, zu- oder abnehmen.
Die auf der Schweizerkarte eingezeichneten grünen und gelben Punkte symbolisieren Standorte, an denen die Mäusepopulationen momentan noch mit einem vernünftigen Aufwand reguliert werden können. Bei den roten, violetten oder sogar schwarzen Punkten, sind die Mäusepopulationen bereits so gross, dass eine grossflächige Regulierung einen unverhältnismässigen Aufwand bedeuten würde. In solchen Gebieten ist es ratsam, den Mäusen nur noch in wertvollen Kulturen (z.B. Obstanlagen, Gemüsegärten oder Blumenfelder) nachzustellen. Bei den violetten und schwarzen Punkten ist mit einem baldigen Zusammenbruch der Populationen zu rechnen.
Aktuelle Erkenntnisse aus den Erhebungen 2023
In vielen Regionen des Schweizer Mittellandes und Hügelgebietes sind die Scher-mauspopulationen auf einem vergleichsweise tiefen Niveau angelangt. In diesen Gebieten ist jetzt die beste Gelegenheit, um die Schermausbestände mit möglichst geringem Aufwand in Schach zu halten und den nächsten Populationsanstieg so weit als möglich hinauszuzögern. Also, jetzt mausen!
Die Entwicklung von Schermauspopulationen hängen von verschiedenen Faktoren ab. Am gewichtigsten sind die landschaftlichen Aspekte, wie Grösse des zusammenhängenden Graslandgebietes, Anteil intensiv bewirtschaftetes Wiesland, Anteil Strukturelemente in der Landschaft (Hecken, Waldstücke, Gewässer, Felsen) oder Präsenz von natürlichen Feinden. Die Wetterentwicklung wie zum Beispiel milder oder harter Winter, aber auch trockener oder nasser Sommer hat meist nur wenig Einfluss auf die Populationsdynamik.
Nach dem Zusammenbruch einer Schermauspopulation sind häufig die Feldmäuse die grossen Gewinner. Wenn die Schermäuse von der Bildfläche verschwinden, bleiben viele leere Baue übrig, welche die Feldmäuse sehr gerne übernehmen. In einem leeren Schermausbau, der aus zahlreichen unterirdischen Gängen besteht, ist die Feldmaus-Familie besser vor den natürlichen Feinden geschützt, als in einem selbst gegrabenen herkömmlichen Feldmausbau. Während die Feldmäuse in ihren oberirdischen Laufpfaden unterwegs sind, sind sie eine besonders leichte Beute für Greif-vögel und andere Jäger, wie beispielsweise Katzen, Füchse oder Wieselarten. Dank der hohen Präsenz von natürlichen Feinden brauchen sich die Schweizer Landwirte vor Feldmäusen kaum in acht zu nehmen (ausser in Obstanlagen).
In folgenden Regionen sind an den Erhebungsstandorten die Schermaus-Populatio-nen zurückgegangen oder sogar zusammengebrochen: Freiberge (JU), Solothurner Thal, Aargauer Mittelland, rund um das Napfgebiet (BE und LU), Zürich-Ost/Hinterthurgau.
Kaum eine Veränderung (weder deutliche Zunahme noch deutliche Abnahme der Schermaus-Populationsgrösse) gab es in diesen Regionen:
Auf mässig hohem Niveau: Linthebene (SG, SZ und GL), Thurgauer Seerücken, Zürcher Oberland
Stabil auf eher hohem Niveau: Ostschweizer Voralpen (Ricken und Toggenburg (SG), Appenzell).
Einen Anstieg der Schermauspopulationen gab es im Fricktal (AG) und Baselbiet, Schaffhausen, Zürcher Mittelland, Hirzelgebiet/Säuliamt (ZH), Berner-/Solothurner Mittelland.
Zu Vegetationsbeginn ist der beste Zeitpunkt, um mäusegeschädigte oder generell lückige Wiesen- und Weidebestände zu verbessern. Dazu gehört als erstes das Ab-schleppen der Mäusehaufen mit Wiesenegge, Striegel oder Walze. Bei einem erhöhten Anteil von Lücken im Pflanzenbestand (25 – 50 % Lücken) ist zudem eine Übersaat erforderlich. Ist der Pflanzenbestand jedoch zu stark beschädigt (mehr als 50 % Lücken), ist eine Totalsanierung mit Neuansaat angezeigt.
Weitere Informationen und Hinweise siehe auch:
- AGFF-Merkblatt Nr. 5 «Wiesenverbesserung im mittelintensiven und intensiven Futterbau»
- AGFF-Information U6 «Regulieren von Mäusepopulation»
- AGFF-Information U6.1 «Sanierung von Mäuseschäden in Wiesen und Weiden»
- AGFF-Information U5 «Wiesen- und Weidepflege mit Striegel, Wiesenegge und Walze»
- Standorte Aargauer Mittelland 2023 (231 KB)
- Standorte Deutschschweizer Jura 2023 (422 KB)
- Standorte Hirzelgebiet 2023 (229 KB)
- Standorte Kanton Jura 2023 (427 KB)
- Standorte Luzerner Mittelland 2023 (231 KB)
- Standorte Napfgebiet 2023 (233 KB)
- Standorte Ostschweizer Voralpen 2023 (234 KB)
- Standorte Zuercher Mittelland 2023 (232 KB)
- Uebersicht aller Standorte 2023 (222 KB)
- Uebersicht Erhebung Maerz 2023 (100 KB)