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– 30.09.2019 –
Pionierzeit
Die Geschichte der Luftaufklärung in der Schweizer Armee beginnt genau genommen bereits Ende des 19.Jahrhunderts, als der Generalstab beschloss, die Gefechtsfeldaufklärung mittels 20m hohen Beobachtungstürmen und Fesselballonen auszubauen.
Die Ballontruppe, 1900 in Bern gegründet, lieferte bis 1937 wertvolle Beobachtungen über Truppenbewegungen während Manövereinsätzen. Der Beobachter im Offiziersrang hatte auf einer Höhe von 200-500m im Korb eine wesentlich bessere Uebersicht und konnte jederzeit Veränderungen bei feindlichen Truppen über Feldtelefon an die Bodentruppe melden.
1.und 2.Weltkrieg
Als mit der Gründung der Schweizer Luftwaffe im Juli 1914 die ersten Pionierflugzeuge wie Blériot, Farman-Doppeldecker usw. in den Dienst der Armee gestellt wurden, versprach man sich vor allem eine Verbesserung der Feindaufklärung. Nach dem ersten Weltkrieg setzte sich die Ansicht durch, dass der Pilot sich primär auf das Fliegen zu konzentrieren hatte, und man setzte deshalb einen Beobachter auf den hinteren Sitz. Dieser war Offizier und verant-wortlicher Flugzeugkommandant, zuständig für Navigation, Funkverkehr, mit erst rudimentären Morse-Geräten, und die Luftraumüberwachung. Die Beobachtung feindlicher, terrestrischer Aktivitäten erfolgte visuell und damals schon mit Fotobeleg. Dazu stand eine Zeiss-Plattenkamera zur Verfügung, bei der nach jedem Bild eine neue Glasplatte eingeschoben werden musste. Um den Meldefluss zu verkürzen, wurden teilweise Kroki’s angefertigt und mittels Meldetasche direkt beim Auftraggeber abgeworfen.
Im Einsatz waren damals die Flugzeuge Häfeli DH-3 und DH-5, Fokker C-V und der C-35 der Konstruktionswerkstätte K+W Thun.
Mit der Zeit kamen die neuen Rollfilm-Kameras F-24 zum Einsatz, wo der Beobachter mittels einer Kurbel den Filmtransport bewerkstelligen musste. Damit eine 50% Ueberlappung erreicht wurde, musste zwischen den Bildern gekurbelt werden was das Zeug hält.
Während dem 2.Weltkrieg wurden die hoffnungslos veralteten Maschinen durch den C-36 ersetzt, welcher sich als Erdkämpfer und Aufklärer bewährte.
Nach dem Krieg
Mit dem fast vollständigen Rückzug der C-36 aus den Frontstaffeln Ende 1951, verloren die meisten Beobachter ihr letztes Flugzeug. Die Aufklärung erfolgte ab diesem Zeitpunkt fast ausschliesslich mit 12 Mustang P-51 D, welche über eine fix eingebaute K-24 Kamera verfügten. Diese Kameras hatte man gleich eisenbahnwagenweise aus alliierten Beständen in Holland eingekauft und sollten noch bis Ende 1982 im Venom-Aufklärer ihren Dienst versehen.
1954 wurden die ersten ‘echten’ Aufklärer-Piloten designiert und bis 1956 auf das neue Flz DH-112 Venom/Aufklärer umgeschult. Darunter waren berühmte Namen wie Oberstlt. Max Loepfe als Kdt., Oblt. Ernst Bill, Oblt. Wilfried Knecht, Oblt. Paul Rosenmund (‘Pimpel’).
Mangels einer eigenständigen Aufklärer-Staffel wurden die Piloten rein administrativ in die 4 UeG-Staffeln eingeteilt. Im gleichen Zeitraum wurde die Luftbild-Auswertung effizienter organisiert, um den Anforderungen der neuen Jetflugzeuge gerecht zu werden. Die Beobachter wurden als Auswerter ausgebildet und waren damit in der Lage, die grosse Menge an Bildern effizient und detailgenau auszuwerten. Im September 1956 war dann die neu formierte Luftaufklärer-Formation mit 12 Piloten und 30 Auswertern während 3 Wochen im ersten gemeinsamen Trainingskurs engagiert.
Bis 1963 waren mittlerweile 24 Venom-VR im Einsatz, welche mit 4 Kameras, einer K-24 im Rumpf und 3 Vinten-Kameras in den 2 Pods unter den Flügeln, ausgestattet waren.
Im Hinblick auf die Mirage-Beschaffung wurde am 1. September 1963 die Aufklärer-Staffel 10 formell gegründet.
Mirage IIIRS – ein Quantensprung
Mit dem Mirage-Beschaffungsprogramm Anfang der 60er-Jahre wurden nach etlichen Wirren 18 Mirage IIIRS beschafft. Für die damalige Zeit ein High-Tech-Ueberschall Jäger, der für Schweizer Bedürfnisse auch in einer Aufklärer-Version gebaut wurde. 1964 wurde die Aufklärer-Gruppe im UeG mit den Hauptleuten Hans Stössel, Ernst Bolli und Hans Hürlimann (‘Mex’) gegründet, die beauftragt wurden, das neue Hochleistungsflugzeug optimal einzuführen. Ab 1965 flogen sie den ersten RS mit der Nummer R-2101 ab Homebase Dübendorf und legten die Basis für die neuen Abläufe in der reinen Aufkärer-Formation. 1968 waren alle 18 Flugzeuge operationell in der Staffel eingebunden.
Die Hauptaufgaben der modern ausgerüsteten Fliegerstaffel 10 wurden wie folgt festgelegt:
- Feststellen von Lage, Stärke und Verhalten feindlicher Truppen
- Erkundung von Gelände und Wetterlage
- Ermittlung radioaktiver Verstrahlung
- Erkundung der Benützbarkeit des Verkehrsnetzes
- Klärung der Lage abgeschnittener, eigener Truppen
Der AMIR, wie er in der Luftwaffe genannt wurde, hatte 4 französische OMERA Kameras in der Nase eingebaut. Eine senkrecht, eine nach vorne und zwei je auf eine Seite gerichtet. Damit konnte man mit Objektiven von 75 bis 200mm Brennweite, Aufnahmen nahtlos von Horizont zu Horizont realisieren. Und das bei hoher Unterschall-Geschwindigkeit auf 100m/Grund. Dank Bewegungskompensation in der Filmkassette, brachte man meist scharfe Bilder nach Hause. Mit enormer Beschleunigung und hoher Manövrierfähigkeit war die Mirage in jeder Beziehung ein ausserordentliches Kampfflugzeug.
Für die strategische Aufklärung in grosser Höhe über 10’000m war der AMIR fähig, bei einer Geschwindigkeit von Mach 2 und mittels 600mm Teleobjektiven, gestochen scharfe Bilder von wichtigen Zielen zu machen. Da die Armeeführung auf diese Art Aufklärung im feindlichen Hinterland verzichtete, wurden die Ueberschallflüge auf das notwendige Minimum reduziert.
Nacht-Aufklärung war eine neue Herausforderung und musste intensiv trainiert werden. Zur Verfügung stand ein Blitzgerät (Swash) mit dem man Truppenplätze aufhellen und brauchbare Bilder mit der OMERA machen konnte. Zudem waren auch Blitzpatronen (Alkan) im Heck eingebaut, die man nach unten abschiessen konnte um die nötige Aufhellung zu erzeugen. Beide Systeme waren aber nur mit Einschränkungen einsetzbar und bedingt friedens- oder kriegstauglich.
1988 wurde die Mirage einer umfassenden Kampfwertsteigerung (KAWEST) unterzogen. Die Aerodynamik und Wendigkeit wurden wesentlich verbessert, dank fixen Canards nach israelischem Vorbild. Im Cockpit wurde eine moderne Inertialplattform eingebaut und mit dem bestehenden Navigationsprojektor (Moving Map) gekoppelt, was die genaue Navigation um einiges erleichterte. Unter dem Rumpf wurde ein Infrarot-Sensor (LIRAS) in einen Pod eingebaut. Damit war es möglich Filme zu belichten, nur durch abtasten der Infrarot-Energie im Gelände. Und das ohne Qualitätseinbussen in der Nacht. Damit musste sich nachts der Aufklärer nicht mehr durch Serienblitze auf dem Serviertablett präsentieren.
Nach 35 Jahren Kampfeinsatz wurde die Mirage IIIRS ausgemustert und die traditionelle Luftaufkärung wegen Sparmassnahmen und Restrukturierung der Luftwaffe aufgegeben.
Ende 2003 landete der letzte Staffelkommandant Hptm. Zürcher (‘Zurigo’) schlussendlich die R-2118 ‘Mata-Hari’ in Dübendorf, wo sie bis heute im Flieger Flab Museum zu bewundern ist.
Aufklärungsdrohnen-System ADS95 Ranger
Ende der 80er Jahren wurden 28 moderne Aufklärungsdrohnen vom Typ Ranger beschafft, die von RUAG und Israel Aerospace Industries in einem Joint Venture entwickelt wurden. Diese Drohnen sind bis heute im Einsatz und wurden mit verschiedenen optischen Sensoren bestückt, welche Aufnahmen bei Tag und bei Nacht erlauben. Die UAV’s (unmanned aerial vehicle) starten ab Katapult und landen mittels Laserstrahl vollautomatisch.
Bis zu 6h in der Luft kann der Ranger Nachrichten für die Armee beschaffen, die Artillerie bei der Feuerleitung unterstützen und Ueberwachungen für die Polizei und das Grenzwachtkorps leisten. Mittels Video-Konferenz-Anlage kann das Livebild an jeden militärischen und zivilen Leistungsbezüger übermittelt werden, welcher über dieselben technischen Einrichtungen verfügt. Ende 2019 werden die Ranger ausser Dienst gestellt und durch ein hochmodernes israelisches System der Marke Elbit Hermes 900 ersetzt, das Flüge bis 36h möglich macht.
Text: Silvio Roth, Fotos: Archiv MHMLW und VBS
Die Geschichte der Luftaufklärung bei uns im Flieger Flab Museum
Die Mirage IIIRS in der Halle 2 Die Luftaufklärung und ihre Mittel auf der Galerie in der Halle 2