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Samijoe bohrt mit dem Finger im Bauchnabel. Sie zieht einen Flunsch, schiebt ihren Kaugummi zwischen die Vorderzähne und entsorgt ihn im Aschenbecher. Auf ihren langen, dünnen Beinen, die dank gewaltigen Plateausohlen noch viel länger wirken, stakst sie ans Mikrophon, stülpt sich die Kopfhörer über die Ohren und lässt ihre schöne, kräftige Stimme ertönen. Sie wippt leicht mit dem linken Bein, stützt ihre Hände auf den schmalen Hüften ab und singt ein italienisches Lied. Schon nach der ersten Strophe verwirft sie die Hände, dreht den Kopf zu ihrer Mutter Mina und ruft verzweifelt: "Mama, wie geht es weiter?" Mit der Hilfe von Manager Jürg Imhoof wird die Klippe umschifft, und der Kurzauftritt für den Fotografen und die Journalistin findet doch noch zu einem guten Ende.
Samijoe ist ein Kind. Sie ist noch keine dreizehn Jahre alt und heisst eigentlich Samantha Borromeo. Gemeinsam mit ihren Eltern Mina und Rocco und ihren beiden Schwestern Lorena, 10, und Antonella, 15, wohnt sie im thurgauischen Aadorf und besucht die erste Klasse der Sekundarschule. In ihrer Freizeit geht sie am liebsten mit ihren Freundinnen shoppen, fährt Snowboard und ist eine begeisterte Jazztänzerin und Chorsängerin. Ihre Mutter schluckt mitunter leer, wenn ihre Tochter ihr frech kommt, bucht deren Stimmungsschwankungen aber nachsichtig unter dem Kapitel "Pubertät" ab. Borromeos sind also eine ganz normale Familie.
Offene Türen eingerannt
Doch im Dezember letzten Jahres trat ein Ereignis ein, das den Alltag der Fünf nachhaltig erschütterte: Samanthas Gesangstalent wurde entdeckt. Während einer Weihnachtsaufführung in der Kirche fiel dem Radiojournalisten und Musikmanager Michele Pellettieri die ausdrucksstarke Stimme des Teenagers auf. Als er Vater Rocco nahelegte, dass er unbedingt mehr aus seiner Tochter machen müsse, rannte er offene Türen ein. Der italienische Einwanderer erinnert sich noch gut an eigene Kindertage, in denen er sich nichts sehnlicher gewünscht hatte als eine grosse Karriere als Fussballspieler. Daraus wurde zwar nichts; dafür sollte jetzt Samantha, seine Zweitgeborene, ihre Chance packen können. Stolz erfüllte sein Vaterherz, und auch der Rest der Familie gratulierte Sami zu so viel Glück. Was blieb dem Mädchen übrig, als in die grosse Freude einzustimmen. Dabei hatte die Dreizehnjährige Vorbehalte: "Ich hatte ungute Gefühle", erzählt sie, "traute mich aber nicht, diese zu zeigen."
Dann ging alles ganz schnell. Michele Pellettieri stellte seine neue Entdeckung seinem Partner Jürg Imhoof vor, mit dem er im Rahmen der Firma "musicmarketing.ch" talentierte Künstler und Künstlerinnen fördert. Imhoof war genauso begeistert: "Welch sensationelle Stimme," schwärmte er. Aus Samantha wurde Samijoe. Erstmals in ihrem Leben betrat sie ein Tonstudio und nahm zwei Songs auf, mit denen ihre beiden Manager an der Musikmesse in Cannes "auf ein extrem gutes Feedback bei verschiedenen Plattenfirmen gestossen sind." Eine Gesangslehrerin wurde engagiert, um dem Naturtalent einen gewissen Schliff zu verleihen. Als man den Jugendsender Star-TV anfragte, ob er Interesse an einem Beitrag über Samijoe habe, reagierten die Fernsehredakteure blitzschnell und entschieden, aus der "emotionsträchtigen, brisanten und spannenden Story" (Konzept) eine "Weeklysoap in Reportageform" zu machen. Thema der Serie: "Wie aus dem Mädchen von nebenan ein Teenie-Star wird". Samijoe, befand man, ist das ideale Objekt des hoch im Kurs stehenden Reality-TVs. Woche für Woche wird nun gedreht: im Tonstudio und in der Familie, ungefiltert und ganz nah dran an den Gefühlen, egal ob diese gut oder schlecht sind, unabhängig davon, ob Samijoe top ist oder einen Flop erlebt. Jürg Imhoof jubelt: "Das ist eine Weltneuheit." Star-TV frohlockt: "Je bekannter und erfolgreicher Samijoe wird, desto mehr Personen wollen die Sendung "Samijoe.com" anschauen. Diese zwei Komponenten schaukeln sich gegenseitig hoch."
Der Druck auf das Mädchen wuchs. Auch wenn ihr alle versicherten, sie müsse nur das machen, was sie wolle, spürte sie, dass die Erwartungen ihrer Umgebung an sie immer grösser wurden. Pellettieri und Imhoof forcierten das Tempo; schnell einmal war die Rede von einem Vertrag mit einem grossen Platten-Label. Aus dem Spass wurde plötzlich Ernst. Wann konnte sie überhaupt noch ihre Freunde treffen? Wie sollte sie die Schule bewältigen, wenn sie kaum noch Zeit für ihre Hausaufgaben hatte? Montag Proben, Dienstag Fernsehaufnahmen bis kurz vor Mitternacht, Mittwoch Interview. Samijoe wurde von Panik ergriffen und brach an einer Besprechung mit ihren Eltern und ihren beiden Managern in Tränen aus: "Ich will nicht berühmt werden und auch kein Star sein", schluchzte sie. Überrascht realisierte ihre Umgebung, dass sie ihr Wunderkind offenbar überfordert hatte. Seither bemühen sich alle, dem kleinen Mädchen mit der grossen Stimme wieder mehr Musse, Spass und Spiel zuzugestehen. Karriere machen soll sie trotzdem.
Interview mit Daniel Marti, Kinder- und Jugendpsychiater am Kinderspital Zürich, zum Starkult mit Jungen.
Daniel Marti, was sind die grössten Gefahren, denen ein dreizehnjähiges Mädchen wie Samijoe ausgesetzt ist, das via Fernsehen zu einem singenden Teenie-Star aufgebaut werden soll?
Daniel Marti: Gefährlich wird es, wenn sich das Leben dieser Dreizehnjährigen nur noch um ihre Fernseh- und Gesangsauftritte dreht. Damit wäre eine extreme Einschränkung ihrer Möglichkeiten verbunden, und dabei sollte sie ja gerade in diesem Alter in vielen Lebensbereichen Neues ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Wichtig ist also, dass sie nach wie vor Freundschaften und andere Hobbys pflegt, in ihrer Familie integriert bleibt und auch die Schule nicht vernachlässigt.
Ist eine Dreizehnjährige denn überhaupt in der Lage, mit einer so aussergewöhnlichen Situation umzugehen? Plötzlich steht sie im Rampenlicht, nimmt Plattensongs auf, hat ihre eigene Fernsehserie und gibt Interviews. Das könnte ihr doch auch in den Kopf steigen.
Marti: Sie braucht unbedingt Menschen in ihrem Umfeld, die nicht nur an Geld, Publicity und hohe Einschaltquoten denken und damit in Gefahr stehen, sie auszubeuten, sondern die sehr aufmerksam verfolgen, wie sich der ganze Rummel auf diese Jugendliche auswirkt, und bei Bedarf auch die Notbremse ziehen. Im Grunde genommen müsste sie von einer Fachperson begleitet werden, die sie präventiv sowohl auf die Möglichkeit eines Flops aber auch des Erfolgs vorbereitet.
Mal angenommen, das Projekt "Samijoe" scheitert und es gelingt nicht, sie zum Star aufzubauen. Wie kann ein Kind mit einer solchen Enttäuschung zurechtkommen?
Marti: Das hängt ganz davon ab, wie offen und ehrlich mit ihr kommuniziert wird. Wenn man ihr das Blaue vom Himmel herunter verspricht und ihr vorgaukelt, sie werde die neue Tina Turner, könnte ein Scheitern tatsächlich zu einer Traumatisierung führen. Bleibt man hingegen auf dem Boden und stellt in Rechnung, dass sie zwar ein Naturtalent, aber eines ohne Gesangs- und Schauspielausbildung ist, dürfte sie auch mit einem Flop besser klarkommen.
Welche Rolle spielen die Eltern in dieser Situation?
Marti: Zum einen müssen sie mit ihrer Tochter im Gespräch bleiben und sorgfältig notieren, wenn sich beispielsweise suchtartige Entwicklungen abzeichnen, das heisst, wenn die Dreizehnjährige einem unangemessenen Starkult verfällt und glaubt, die ganze Welt drehe sich nur noch um sie. Andererseits müssen sie aber auch ihre eigene Motivation reflektieren. Sie sollten sich Rechenschaft ablegen, warum sie ihrem Kind das Einverständnis zu dieser Fernseh- und Gesangskarriere gegeben haben. Wollen sie ihm neue Erfahrungen und das Ausleben seines Gesangstalents ermöglichen? Oder hoffen sie heimlich darauf, dass ihnen ihr Kind eines Tages Ruhm und Reichtum beschert?
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© Barbara Lukesch