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Erinnerungen an eine Nachbarschaft
I
Fast zwanzig Jahre, bevor ich Nachbar von Kurt und Hanni Marti geworden bin, habe ich all meinen Mut zusammengenommen und einen dicken Brief nach Bern an den Kuhnweg 2 geschickt. Als 24jähriger Musikstudent in Basel hatte ich 1978 die Semesterferien dazu genutzt, einen Gedichtzyklus fertig zu schreiben. Nun stellte ich einige Kopien her und schickte eine davon an Marti, weil er für mich ein bedeutender Schriftsteller und Lyriker war. Am 26. Dezember 1978 hat er mir die Zusendung mit einem Brief verdankt, der bedeutend mehr war als eine Empfangsbestätigung. Der Zyklus sei, schrieb er ermutigend, «ein Werk mit Wucht und Vehemenz» und er erkenne in den Texten «schriftstellerische Fähigkeit und Kompetenz». Ich bin später weder Musiker noch Schriftsteller, sondern – mit wachsender Überzeugung – Journalist geworden. Aber ohne diesen Brief von Marti hätte ich um 1981 kaum den Mut aufgebracht, den unsicheren Weg zu meinem Schreiben einzuschlagen.
Vier Jahre, bevor ich Nachbar von Kurt und Hanni Marti geworden bin, besuche ich Anfang Mai 1991 eine Gedenkveranstaltung für den kurz zuvor verstorbenen Gammlerpoeten René E. Mueller. Einen Abend lang erzählen dort Weggefährten von Mueller über die faszinierend-vielfältige Subkultur in den Berner Altstadtkellern vor 1968. Danach ist mir klar: Diese Geschichte muss aufgeschrieben werden. Um sicher zu sein, dass die Arbeit, die mir vorschwebt, nicht schon gemacht worden und mir unbekannt geblieben ist, rufe ich – laut einem Telefonprotokoll von mir am 24. Mai 1991 – Kurt Marti an: Wenn meine Frage einer beantworten kann, dann er. Marti sagt, eine zusammenhängende Darstellung des Themas sei ihm nicht bekannt. Danach skizziert er am Telefon aus seiner Sicht kurz die Geschichte, die mich danach zehn Jahre lang immer wieder beschäftigen wird. Als Anfang des nonkonformistischen Aufbruchs in Bern um 1955 erwähnt er die Lese- und Vortragsabende des «Kerzenkreises», eines Zirkels um den Reformpädagogen Fritz Jean Begert. Da bin ich mir sicher: Den Namen Begert habe ich aus Martis Mund zum ersten Mal gehört. Als fünf Jahre später als erstes Ergebnis meiner Recherche ein Buch erscheint, lautet sein Titel: «Begerts letzte Lektion».
Im Zusammenhang mit dieser Recherche führe ich am 20. Oktober 1992 ein ausführliches Gespräch mit Marti und seinem Nachbar von der Spittelerstrasse 18: Benz H. R. Schär, der um 1970 zu den kritischen Theologiestudenten an der Universität Bern gehört hat. Unser Gesprächsthema: die gesellschaftspolitische Situation vor und um 1970. Eben hat Schär gesagt, wenn er sich die Gründungsmitglieder der entwicklungspolitischen Organisation «Erklärung von Bern», zu denen Marti gehört hat, anschaue, «dann war das damals ein Schuss Barth und ein Schuss religiöser Sozialismus, die dort zusammengeflossen sind».
Marti: Das war ja nie sehr weit voneinander entfernt. – Aber eben, die «Erklärung von Bern» war kirchlich gesehen das positive Ergebnis des ganzen Erkenntnisprozesses, den der Vietnamkrieg ausgelöst hat in Bezug auf das Verhältnis der kapitalistischen Welt zur Dritten Welt.
Schär: Die «Erklärung» war damals ja wirklich noch bloss eine Erklärung –
Marti: – und eine Selbstverpflichtung. Man hat sich verpflichtet, 3 Prozent des Einkommens abzugeben. Nach und nach ist die Organisation dann ausgebaut worden. Die Theologen, die organisatorisch nicht sehr begabt sind, haben sich ein wenig zurückgezogen und das Feld anderen Leuten überlassen, die das besser können und entwicklungspolitisch auch besser informiert gewesen sind.
Schär: Hinter der Bewegtheit jener Zeit war auch ein Wille, sich freizustrampeln von der Unmündigkeit, die im Kalten Krieg geherrscht hat, in meiner Generation auf jeden Fall, und bei der älteren vermutlich auch. Als man plötzlich merkte: Wir werden ja gar nicht richtig informiert. Das Bild, das uns von der Welt gegeben wird, das stimmt gar nicht. Man hat das immer nur von einer Seite angeschaut. Diese Bewegungen um den Vietnamkrieg und die Dritte Welt waren für uns der allmähliche und schmerzhafte Prozess des Schuppen-von-den-Augen-Fallens. Das ist etwas vom Wesentlichen, das damals für uns passiert ist.
Marti: Und für unsere Generation erst recht. Wir haben in der Jugend die Amerikaner erlebt als Befreier Europas von den Nazis, natürlich zusammen mit den Russen, aber trotzdem. Während des Krieges sind wir abgefahren auf Jazz-Musik; alles, was von Amerika gekommen ist, war toll und irgendwie mit der Aura von Freiheit und Befreiung umgeben. Und dann war’s natürlich ein wahnsinniger Schock, als man nach und nach festgestellt hat, dass das, was die da in Vietnam machen, das Gegenteil einer Befreiung ist.
Im Herbst 1995 ziehe ich zusammen mit meiner damaligen Lebenspartnerin Heidi Schmocker an die Spittelerstrasse 22. Kaum zweihundert Meter nördlich von unserem neuen Wohnort stösst Kurt Martis Elternhaus am Kuhnweg 2 an die Spittelerstrasse. Er bewohnt es seit Jahrzehnten, jetzt noch zusammen mit seiner Ehefrau, nachdem ihre vier Kinder längst erwachsen und ausgezogen sind. Von nun an sind wir im Gespräch. An Winterabenden sehe ich durch die Scheibe der Küchenbalkontüre – vorbei am Haus, in dessen oberstem Stock Benz H. R. Schär wohnt – und durchs kahle Geäst eines Nussbaums häufig das Licht in Martis Studierzimmer brennen, drüben, im ersten Stock des Kuhnwegs 2.
II
Benz H. R. Schär erinnert sich:
«Als ich um 1990 an die Spittelerstrasse in Kurt Martis Nachbarschaft kam, war ich Dozent für Theologie und Ethik an der Universität und Mitarbeiter der Zeitschrift ‘Reformatio’.
Für die ‘Reformatio’ hat Marti seit 1964 seine Kolumne ‘Notizen und Details’ verfasst. So kam es, dass er nun seine Typoskripte in meinen Briefkasten warf und ich die Texte redaktionell durchsah. Ich kannte ihn also als Redaktor und als Nachbarn. Mit der Zeit entstand eine Freundschaft zwischen uns, auch mit Hanni.
Wenn wieder ein Manuskript eintraf, war ich stets gespannt: Was bringt er diesmal? Thematische Vorgaben machten wir ihm keine, er brauchte die Freiheit zu schreiben, was ihm durch den Kopf ging. Vom Aussehen der Schreibmaschinenblätter versuchte ich manchmal, auf Kurts Denken und seine Arbeitsweise zu schliessen: Die Texte mussten sich in einem langsamen Fluss entwickelt haben. War er zwischendurch auf einen Abweg geraten, so nahm Kurt einen dicken Filzschreiber, schwärzte das nicht Passende ein und tippte danach weiter. Am Schluss war der Text mit einigen Einschwärzungen da, perfekt und druckreif. Handschriftliche Korrekturen gab es darin kaum. Ich hatte als Redaktor damit nicht viel zu tun. Martis Typoskripte spiegelten für mich das Langsame und Suchende seines Denkens, aber auch eine stupende Zielsicherheit.
Ein Marti-Aphorismus lautet: ‘Disziplin, sagte er, Ekstase, sagte er: die beiden Flügel, ohne die wir uns zu nichts aufschwingen können.’ Zur Disziplin zählte ich die Genauigkeit, mit der Marti las und Gelesenes und Erfahrenes erinnerte und referierte. Zur Ekstase gehörte, dass er immer wieder originell und oft auch sprachspielerisch darüber hinaus dachte, seine Gedanken zuspitzte und zuschliff –‘Ich denke nach. Wer dachte vor?’ Zur Ekstase gehörte auch, dass es oft Entlegenes, wenig Beachtetes oder fast Zufälliges war, das er aufgriff.
Das führte nicht zu Texten, wie ich sie aus dem akademischen Umfeld kannte. Immer aber waren die Gedanken überraschend und anregend. Manchmal stand etwas auch ganz ungeschützt da. Einmal wies ich – ich glaube, es ging um Christoph Blocher – darauf hin, dass seine pointierte Formulierung juristisch heikel sein könnte. Drauf meinte Kurt bloss: Dann mach’s eben ein bisschen anders.
Als es 1972 darum ging, ob Kurt eine Professur für Predigtlehre erhalten sollte, hat er mir einmal gesagt: «Nun möchten sie mich auf so einen Lehrstuhl setzen, aber ich weiss nicht recht, ob ich da wirklich hingehöre.» In der politischen Diskussion ist dieses Zögerliche dann untergegangen – man sagte: Auch den fortschrittlichen Marti haben sie verhindert. Das haben ja einige tatsächlich gewollt, aber wahr ist auch: Kurt selbst war es wohl recht so. Und später ging es mir immer wieder durch den Kopf: Es wäre schade gewesen um ihn, wäre er damals Professor geworden. Das befreiende Denken, das sich nicht in Lehrsätzen und Fussnoten manifestiert, sondern seine Form in ‚Notizen und Details‘ findet – es würde uns fehlen.»
III
Ab und zu kommt es vor, dass ich mich bei Kurt Marti über die Strasse als Journalist melde. Im Herbst 1997 wird ihm der Kurt Tucholsky-Preis zugesprochen. Ich bitte für die WoZ, als deren Redaktor ich arbeite, um ein Interview und frage ihn eingangs: Heute gelte Friedrich Dürrenmatt, mit dem er in Bern das Gymnasium besucht habe, als «Staatsdichter» – und Max Frisch, mit dem zusammen er zu den Prominenten des Autorinnen- und Autorenvereins «Gruppe Olten» gehört habe, gelte als «Staatsdissident». Wo er sich selber sehe zwischen diesen beiden Positionen? Er hat geantwortet: «Ich halte sowohl ‘Staatsdichter’ als auch ‘Staatsdissident’ für überholte Begriffe, die vielleicht noch bis zur Fichenaffäre [also bis 1989, fl.] von Bedeutung waren. Ich habe heute eher die Neigung, den Staat zu verteidigen, weil er schwach geworden ist. Er ist nur noch eine Marionette der Wirtschaft, von grossen anonymen Kräften, die ihre Milliarden um die Welt herum verschieben. Ich bin zum staatsverteidigenden Dichter geworden, weil ich meine: Wer denn soll diesem globalisierten Spiel der Marktkräfte Regeln setzen können, wenn nicht die Politik?»
Am 26. Oktober 1997 hat er in Berlin diesen Preis entgegengenommen, am Vormittag des 8. Novembers, einem Samstag, treffen wir uns mit Einkaufstaschen in der Hand auf der Strasse – ich unter einem schwarzen Regenschirm, er unter seinem dunkelblauen Béret. Er erzählt von der Berlin-Fahrt und erwähnt, dass gestern eine Mitarbeiterin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements angerufen habe. Ob er etwas verbrochen habe, habe er erschreckt gefragt. Die Beamtin habe verneint und ihrerseits gefragt, ob er der Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti sei, was ihn, lächelt er, zu einem Geständnis genötigt habe. Als er nachfragte, worum es gehe, habe sie gesagt, sie habe dem Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti einen Brief des Bundespräsidenten Arnold Koller zuzustellen, darum brauche sie die Adresse. Was denn im Brief stehe, habe er noch gefragt. Das dürfe sie ihm nicht sagen, er müsse es halt dann lesen. Koller wollte Marti wohl zum Preis gratulieren, habe ich mir gedacht. Aber taktloser als mit diesem Anruf hätte ihm das Bundeshaus nicht signalisieren können, dass man dort seine Adresse noch lange nicht zu wissen braucht, bloss weil er dem Land international so viel Ehre gemacht hat, dass man ihn diesmal nicht ignorieren konnte.
Ab und zu kommt Hanni Marti vorbei, um mit Heidi einen Tee zu trinken. Einmal schaut sie beim Hereinkommen in mein Zimmer, wo ich am Schreibtisch sitze, und sagt: «Dir e Gruess vom Truki-Tram!» Was das für ein Tram sei, frage ich ratlos zurück. «Vom Truk Itram», betont sie anders und fügt bei, manchmal müsse man eben die Wörter umdrehen, wenn man sie verstehen wolle. Gut möglich, dass sie mich ironisch lächelnd im Auge behielt, bis mir der Groschen fiel und ich mich für den Gruss bedankte.
Als ich 2000 meine Arbeit zur Berner Subkultur abschliesse, erweist mir Hanni einen grossen Dienst. Unterdessen gibt es die erste Fassung eines zweiten Buches, das schliesslich «Muellers Weg ins Paradies» heissen wird. Mehr als 700 Seiten liegen vor und ich kämpfe damit, die Übersicht nicht zu verlieren. Da bietet mir Hanni an, den Text im Sinn eines Vorlektorats durchzuarbeiten. Ein grosse Unterstützung: Sie sieht nicht nur sprachlich Fehlerhaftes im Text, sie kennt aus eigenem Erleben oder mündlichen Quellen, die ich nicht kenne, vieles, was der Text erzählt, und kann deshalb die Glaubwürdigkeit meiner Darstellung beurteilen. Im Dank auf der Impressumseite des gedruckten Buches findet sich deshalb auch der Name von Hanni Marti. An der Buchvernissage am 24. April 2001 im Schlachthaustheater in Bern hält Kurt Marti eine Rede über den Nonkonformismus, dem er sich am Rand zugehörig gefühlt hat, und über die Bedeutung des Diskussionskellers Junkere 37, der im Zentrum des Buches steht und in dem er in den 1960er-Jahren selber verschiedentlich aufgetreten ist.
7. August 2004, ein gemeinsames Abendessen bei uns. Mich treibt zurzeit die Frage um, ob man eigene Gedichte lektorieren lassen soll oder nicht. Kurt sagt mir seine Meinung, indem er von James Joyce und dessen Buch «Finnigans Wake» zu erzählen beginnt. Geschaffen habe Joyce damit ein unübersetzbares, fast unverstehbares, fast unlesbares und deshalb auch unlektorierbares, aber trotzdem oder gerade deshalb eben grossartiges Buch. Ich habe diese indirekte Antwort erst allmählich verstanden: Entweder du lässt deine Gedichte lektorieren – oder du bist ein Lyriker. Mein Tagebucheintrag von jenem Abend endet so: «Als ich Hanni und Kurt die paar Schritte nach Hause begleite – es hat eingenachtet, Hanni geht an ihrem Rollator langsam und mühsam und Kurt sieht immer schlechter, Treppenstufen im Dunkeln sieht er nicht mehr, er ertastet sie mit dem Fuss (wie er Gesagtes manchmal nicht mehr genau hört und mit einer allgemein-geistreichen Replik zu ertasten versucht) –, bittet mich Kurt noch kurz herein und verschwindet. Einen Moment später bringt er mir ein Autorenexemplar seines Gedichtbands ‘zoé zebra’, der in den nächsten Tagen erscheint. Zuhause schlage ich es auf und lese unter dem Titel ‘liebesgedicht’: ‘was lehren flügelnde ahornkerne? / was lehrt mich ein windriss im baum? / schon dämmerts / die bilder verblassen / aufflackert ein schmerz: / du darfst nicht sterben!»
13. Januar 2005, Kurt Marti erhält für «zoé zebra» einen Buchpreis der Stadt Bern. Weil ich zu jener Zeit Mitglied der Literarischen Kommission der Stadt bin, halte ich bei der Preisverleihung die Laudatio. So kann ich mich revanchieren für seine Vernissagerede im Schlachthaustheater. Zu Hause habe ich an jenem Abend über seine Dankesrede für den Preis notiert: «Marti, unterdessen 83jährig, denkt souverän, frei sprechend kritisiert er die heutigen Zeitungsfeuilletons, die keine Gedichte mehr abdrucken. Er habe noch die Chance gehabt, Ende der 1950er Jahre in der ‘Tat’ erste Gedichte veröffentlichen zu können und so später zu einem ersten Gedichtband zu kommen. Ein schönes Plädoyer für die Lyrik, dafür, sie öffentlich wieder vermehrt wahrzunehmen.»
17. November 2005, ich lese ich morgens im Kulturteil des «Bund» eine kurze Notiz, wonach Kurt Marti in Bonn für sein Lebenswerk der «Predigtpreis 2005» verliehen worden sei. Am Abend dieses 17. November sind Heidi und ich bei Martis zu Gast. Hanni geht früh zu Bett. So sitzen wir nur zu dritt in der Stube vor dem Fernseher, um uns das Fussballspiel zwischen der Türkei und der Schweiz in Istanbul anzusehen. Wer gewinnt, qualifiziert sich für die Fussballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Die Schweiz geht 1:0 in Führung, gerät 1:3 in Rückstand, dann steht’s 2:3. Schliesslich verliert die Schweiz mit 2:4, ist aber trotzdem qualifiziert, weil sie das Heimspiel 2:0 gewonnen hat und bei je einem Sieg und ausgeglichenem Torverhältnis die Auswärtstore doppelt gerechnet werden. Ein sehr spannender Abend, auch der Predigtpreisträger sitzt oft auf der vordersten Stuhlkante – und wenn er die Hände verwirft, dann eher, wenn die Schweizer als wenn die Türken eine Chance vergeben.
Zum 85-sten Geburtstag von Kurt Marti veröffentlicht die «Berner Zeitung» Ende Januar 2006 ein Interview, das ich als freier Journalist führe. Weil er in seinem letzthin erschienenen Buch «Gott im Diesseits» geschrieben hat, es interessiere ihn «als Greis» nicht, was «danach» sein werde, spreche ich ihn darauf an. Er antwortet mit Epikur: «Solange wir da sind, ist der Tod nicht da; und wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr da.» Darauf insistiere ich:
Berner Zeitung: «Greis-Sein» heisst demnach für Sie auch: in absehbarer Zeit ist Schluss?
Marti: Es gibt keine grosse Perspektive mehr, das ist so. Aber lieber keine als eine völlig illusionäre.
Was wäre denn eine illusionäre?
«Paradies» oder «Himmel» sind Bilder für den Glauben, dass Gott hinsichtlich unseres Lebens und Sterbens Vertrauen entgegengebracht werden darf. Illusionär ist die Vorstellung eines ewigen Lebens. «Ewig» heisst: ohne Anfang und ohne Ende. Ewig ist Gott, wir aber haben einen Anfang, also auch ein Ende.
Wer das Jenseits in diesem Sinn als billigen Trost ablehnt, ist umgekehrt schutzloser den Ungerechtigkeiten des Diesseits ausgesetzt.
Das ist so. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Karl Marx ein Jude war. Er hat aus der radikalen Diesseitigkeit des Alten Testaments die Konsequenz gezogen und gesagt: Wir müssen jetzt etwas machen – nicht warten, bis wir in den Himmel kommen. Dagegen haben die konservativ-reaktionären Kräfte stets fromm auf den Himmel verwiesen. Als die Berner Aristokratin Madame de Meuron in ihrem Kirchenstuhl einmal ein altes Manndli angetroffen hat, soll sie es mit den Worten weggewiesen haben: «Wägg da! Im Himmel sy mer de alli glych. Aber jetz no nid!» (lacht)
Bei einem der Abendessen in unserer Stube erzählt Kurt Marti, er habe letzthin geträumt, der Papst sei in die Nydeggkirche gekommen, in der er zwischen 1961 und 1983 als Pfarrer gepredigt hat. Der Papst habe nur zwei, drei Begleiter gehabt und beim Eintreten den Anwesenden gedeutet, sie sollten sich durch ihn bloss nicht stören lassen.
IV
Heidi Schmocker erinnert sich:
«Kennen gelernt habe ich Hanni Marti Anfang der 1990er Jahre in einer Lesegruppe. Hanni und ich waren dort die einzigen ohne einen Uniabschluss. Gelesen haben wir oft anspruchsvolle Bücher, etwa von Goethe oder von Reto Hänny. Ich erinnere mich, dass ich für mich damals zwischen Lesegruppen- und Lesefutterbüchern unterschieden habe. Weil wir uns abwechselnd bei einem Gruppenmitglied trafen, kam ich so auch an den Kuhnweg 2.
Wichtig war mir im Kontakt mit Hanni sofort, dass sie zwar gleich alt war wie meine Mutter, aber mir ein ganz anderes Altersbild vermittelte. Ich lernte von ihr, dass man im Alter auch offen und interessiert sein kann. Dazu waren für mich Hannis Wärme und Menschlichkeit wichtig: Die Menschen haben sie wirklich interessiert. Dann war da ihr Humor, immer herzlich, aber sie konnte einen auch spitz und direkt spiegeln. Schön war, dass Hanni mir gegenüber nie eine Mutterrolle einnahm: Wir hatten eine nachbarschaftliche, gleichberechtigt-respektierende Beziehung.
So kam es, dass ich Hanni schon gut kannte, als wir Ende 1995 an die Spittelerstrasse kamen. Dagegen war Kurt damals immer noch Herr Marti, ich hatte grossen Respekt vor ihm, dem berühmten Schriftsteller. Zwar waren wir dann bald einmal per Du, aber eigentlich hat er mir gegenüber die Förmlichkeit des Herrn Pfarrers immer beibehalten.
Unabhängig von unseren Partnern haben Hanni und ich eine eigenständige Beziehung als Nachbarinnen gepflegt, die den Alltag miteinbezog: Ab und zu kam sie vorbei, ab und zu ging ich zu ihr hinüber zu einem Tee. Ich erinnere mich, dass sie mir einmal ein Kochrezept für «Plätzli im Saft» vorbeigebracht hat, über das wir zuvor geredet hatten. Daneben gab es unsere Kontakte zu viert, unsere gemeinsamen Essen und Gespräche.
Mit der Zeit veränderte sich meine Beziehung zu Hanni. Weil sie zunehmend gesundheitliche Probleme hatte, kam es vor, dass von mir als Nachbarin mein besonderes Wissen als Pflegefachfrau gefragt war. Einmal ist sie im Garten gestürzt und Kurt hat angerufen und um Unterstützung gebeten. Hanni lag am Boden, blutete am Kopf aus einer Platzwunde, und ich weiss noch, dass sie liegend die Situation mit einem bösen Spruch kommentierte – leider weiss ich nicht mehr, was sie genau gesagt hat. Kurt hat immer wieder einmal angerufen, weil er einen Rat brauchte, umso mehr, als Hanni eben auch ziemlich eigensinnig sein konnte. Sie sträubte sich immer gegen einen Treppenlift und später gegen den Wechsel in die Altersresidenz ‘ElfenauPark’, obschon ihr das Treppensteigen vom Wohn- und Küchenbereich im Parterre hinauf ins Schlafzimmer immer beschwerlicher wurde und sie sehr sturzgefährdet war.
Diese Entwicklung hat auch unsere Nachbarschaft zu viert verändert. In den ersten Jahren hatten Martis ein sehr reges gesellschaftliches Leben. Da spielte unsere Nachbarschaft noch keine grosse Rolle. Später war es ihnen immer weniger möglich, zusammen auszugehen oder Gäste zu empfangen; bei Hanni war es die körperliche Schwäche, Kurt zog sich langsam zurück, weil Gehör und Augen schwächer wurden. In meiner Erinnerung war Hanni in der letzten gemeinsamen Zeit dankbar um unsere Einladungen: Zu uns ist Kurt noch gekommen, es waren ja nur einige Schritte und ihr hattet immer etwas zu besprechen. Ich sehe Hanni noch vor mir, wie sie ihren Rollator vor der Haustüre parkiert und sich, ohne Hilfe anzunehmen, langsam am Treppengeländer hochzieht zu unserer Wohnung im ersten Stock.»
V
Seit Frühjahr 2007 lebt Hanni im «ElfenauPark». Und nachdem Kurt sich von einer Lungenentzündung erholt hat, zieht er auch dorthin, zuerst in ein Ferienzimmer, im Sommer dann tritt er regulär ein. Seither ist er im Quartier nur noch ab und zu unterwegs, wenn er zu Hause nach der Post schaut oder am Schreibtisch etwas erledigen will. Ende August machen Heidi und ich im «ElfenauPark» einen Besuch. Hanni und Kurt erwarten uns bei den Sonnenschirmen auf dem Vorplatz neben dem Haupteingang. Wir plaudern bis vor ihrem Abendessen um 17.30 Uhr im spätsommerlichen Sonnenschein. Später habe ich aufgeschrieben: «Hanni konnte nicht mehr am Gespräch teilnehmen. Als Heidi langsam einzelne Getränke nannte, war sie nicht mehr fähig, sich für eines zu entscheiden. Zuzuhören allerdings schien sie, manchmal lächelnd. Kurt, dem seine Frau so lange eine hochintelligente und scharfzüngige Gegenspielerin und Partnerin gewesen war, reagierte auf sie selten mit Ungeduld, grundsätzlich aber mit einer abgrundtiefen Hilflosigkeit. Als Heidi und ich uns verabschiedeten, fragte sie Hanni: ‘Wosch es Müntschi?’ – wohl wissend, dass sich die alte Frau manchmal gerne zum Abschied küssen liess, manchmal aber – bärbeissig – jede Berührung ablehnte. Diesmal ging ein offensichtliches Lächeln des Einverständnisses über ihr Gesicht. Wie eine Katze kuschelte sie sich – im Rollstuhl sitzend – für einen Augenblick in Heidis Umarmung, und auch von mir liess sie sich umarmen und küssen. Als wir uns zum Gehen wandten, hätten uns beide nachgewinkt, hat Heidi später gesagt. Ich erinnere mich nicht genau. Aber so wird es gewesen sein.»
Am 17. Oktober 2007 ist Hanni Marti gestorben. Zehn Tage später findet in der Nydeggkirche ein Dankgottesdienst statt, in dem auch ein von ihr selbst verfasster Lebenslauf verlesen wird, der mit den Worten endet: «Ich hätte kein anderes Leben haben wollen.» Kurt Marti geht als erster aus der Kirche, steht im Ausgang, reicht allen die Hand, hat für alle ein gutes Wort, und ab und zu lächelt er jemanden an. Nach der Grebt im Restaurant «Zunft zu Webern» wechseln Heidi und ich mit ihm einige Worte unter Nachbarn. Er sagt, er sei vorerst entschlossen, im «ElfenauPark» in das Einzimmer-Appartement zu ziehen, das Hanni bewohnt habe. Ob er bleibe oder später an den Kuhnweg zurückkehre, wisse er noch nicht. Er kehrt nicht mehr zurück. Das Haus hinter dem Nussbaum steht nun zunehmend leer. Brennt drüben nach dem Einnachten Licht, bedeutet das nicht mehr: Hanni und Kurt sind da, sondern bloss noch: Einbruchsschutz.
Im Winter 2007/08 habe ich eine schwere Zeit: Ende Januar stirbt mein Vater, am 12. Februar muss ich mich einer Operation unterziehen. In meinen Unterlagen finde ich einen Kartengruss von Kurt vom 1. Februar: «Lieber Fredi, zum Tod Deines Vaters spreche ich Dir mein herzliches Beileid aus. Es kommt jetzt ein bisschen viel auf Dich zu, immerhin aber nicht ganz gleichzeitig, d.h. eines nach dem andern. Ich denke an Dich und drücke den Daumen für Dich. Herzlich! Dein Kurt Marti». Am 20. Februar, ich bin nach der Operation wieder zu Hause, steht Kurt Marti vor der Türe, um mir einen Krankenbesuch zu machen. Ich notiere später: «Der Besuch durchaus in freundschaftlicher Stimmung, aber es bleibt eine Distanz, mag sein, Kurt ist durch die Situation etwas zu stark an seine ehemaligen berufsmässigen Krankenbesuche erinnert, auf jeden Fall empfinde ich seine Anwesenheit unterfuttert mit seinem Gefühl einer Pflichterfüllung.» Heute sehe ich das anders: Er konnte mir nicht mit wenigen Worten meine Todesangst nach der Krebsdiagnose nehmen. Aber sein Besuch bedeutete für mich im Rückblick einen sehr wichtigen Anstoss, statt im Jammern zu versinken, mich wieder entschieden dem Leben zuzuwenden.
In den kommenden Jahren treffe ich Kurt Marti regelmässig am Samstagvormittag um 10 Uhr im Café Gfeller am Bärenplatz. Dort trifft sich die Gfellerrunde, eine Art Marti-Stammtisch, hervorgegangen aus dem Märithöck von Hanni Marti und Lisbeth Vogt ab 1967 und den Treffen von Joy Matter mit Hanni Marti. In der ersten Zeit kam Kurt dort jeweils nur verspätet vorbei, um seiner Frau die Einkaufstaschen nach Hause zu tragen. Später habe er sich dazu gesetzt, es sei vorgekommen, dass Peter Bichsel oder Gerhard Meier vorbeigeschaut hätten. Das erzählen mir jene, die viele Jahre später dabei sind, als ich selber zum Stammtisch stosse: Neben Lisbeth Vogt und Joy Matter sind Angelika Boesch, Christine Kammer und das Ehepaar Kurt und Therese Lüscher dabei – neben Kurt Marti, der am Samstagvormittag jeweils aus dem «ElfenauPark» in die Altstadt herüberkommt. Auch wenn es ihm der Lärmpegel im Café erschwert, dem munteren, manchmal doppelt laufenden Gespräch am runden Tisch zu folgen, trägt er mit seinen kulturgeschichtlichen Reminiszenzen und seinen geistreichen Bonmots immer wieder viel zur Unterhaltung bei. Und ab und zu brummt er, er habe da wieder einmal einen Vers gemacht. Zum Beispiel den: «Da ich Rabenaas / nie ein Auto besass / schrieb ich auch nie / eine Autobiographie».
22. März 2012, ich spiele für den Luzerner Verleger Matthias Burki den Türöffner bei Kurt Marti. Wir treffen uns zum Mittagessen im Restaurant des «ElfenauParks» und reden nach dem Geschäftlichen angeregt über alles Mögliche. Marti erzählt zum Beispiel, wie er als Kanzelredner in der Nydeggkirche während einer Sonntagspredigt erschrocken sei, als er plötzlich unten in den Kirchenbänken Karl Barth entdeckt habe, seinen verehrten Theologielehrer an der Universität Basel kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Weil es damals seine Gewohnheit gewesen sei, nach dem Gottesdienst am Ausgang allen Kirchgängern die Hand zu drücken, habe er Gelegenheit gehabt, einige Worte mit Barth zu wechseln. Jener habe ihm für die Predigt gedankt. Zwischendurch reden wir über Dialekt-Lyrik und davon, warum er 1973, nach «undereinisch», seinem zweiten Lyrikbändchen, aufgehört habe, in der Umgangssprache zu schreiben. Plötzlich sagt er, übrigens habe er letzthin, nach bald vierzig Jahren, sein allerletztes Mundartgedicht gemacht, Gebrauchslyrik. Und dann beginnt er über den Tellerrand hinweg zu rezitieren: «i bi nen alte ma / i wetti chönne gah / und bi doch geng noch da».
Ab und zu kommt es auch jetzt noch vor, dass ich mich bei Marti als Journalist melde. Am 22. Januar 2014 sitzen wir wieder am gleichen Tisch des Restaurants im «ElfenauPark». Ich habe den Auftrag, für eine Buchanthologie einen Beitrag zu schreiben zum Engagement des Schriftstellers Marti und frage ihn, ob er sich eigentlich nach dem Zweiten Weltkrieg als Existentialist verstanden habe. «In meinem Fall», sagt er, «hängt das gesellschaftspolitische Engagement mit der Theologie zusammen. Eigentlich ist es ja klar, dass die Kirche selber ein gesellschaftspolitisches Faktum ist. Und als Theologe ist man Angestellter einer Kirche. Also kann man sich um die gesellschaftspolitischen Fragen eigentlich nicht herumschleichen… Das heisst, man kann schon, aber es ist nicht ganz ehrlich. Von Karl Barth habe ich gelernt, dass sich Theologie nicht auf die theologische Fakultät beschränkt, sondern dass sie auch eine gesellschaftspolitische Bedeutung hat.» Ich habe meinen Aufsatz schliesslich unter den Titel «Nicht Existentialist, sondern Barthisan» gestellt, als den er sich im Gespräch selber augenzwinkernd bezeichnet hat. Übrigens habe ich im Rahmen dieser Recherche im Schweizerischen Literaturarchiv, wo schon damals der grosse Teil von Martis Papieren lag, ein schwarzes Quartheft mit handschriftlichen Einträgen aus dem Jahr 1942 durchgesehen. Damals, als das Leben des jungen Marti vor allem aus soldatischem Aktivdienst bestand, hat er sich ein Zitat des französischen Philosophen Jacques Maritain notiert: «Il faut avoir l’esprit dur et le coeur doux.»
11. Februar 2017, Kurt Marti stirbt 96-jährig. Der Dankgottesdienst findet diesmal im Berner Münster statt, Pfarrer Markus Niederhäuser übermittelt Martis letzten Zweizeiler: «Ich bin zum Sterben mürb / Ach, wenn ich doch schon heute stürb.» Gemeinsam singen wir «Der Mond ist aufgegangen» – jene Verse von Matthias Claudius, die Hanni und Kurt seinerzeit als Gedächtnistraining auswendig gelernt haben. Ich sehe während des Singens die beiden zuhause am Stubentisch, wie sie, sich gegenseitig korrigierend und neckend, Heidi und mir die Verse vortragen.
Eben vorhin bin ich nun von der Spittelerstrasse durchs Quartier zum Schosshalden-Friedhof hinüber spaziert. Ich bin entlang der langen Gräberreihen bis zum breiten grünlichen Granitstein gegangen, auf dem geschrieben steht «Hanni Marti-Morgenthaler 1924-2007» und «Kurt Marti 1921-2017». Einen Moment bin ich verweilt und habe ihnen, um etwas zu sagen, erzählt, letzthin hätte ich mit jemandem über sie beide gesprochen. Da habe der gefragt, was denn dieser Schriftsteller Marti für mich eigentlich gewesen sei. Ohne zu zögern hätte ich geantwortet: «Mein geistiger Vater.» Drauf der andere, wie viele geistige Väter ich denn in meinem Leben gehabt hätte. Und ich: «Einen.» Da sehe ich, wie Hanni lächelt, ziemlich ironisch, wie mir scheint. Kurt hingegen schaut wie abwesend vor sich hin. Ach ja, ich weiss, solche Episoden haben ihn schon immer eher peinlich berührt.
Abgedruckt in: Klaus Bäumlin [Hrsg.]: Kurt Marti. Sprachkünstler, Pfarrer, Freund. Zürich (Theologischer Verlag TVZ) 2020, S 73ff. – Eine gekürzte Fassung dieses Textes ist erschienen in: Neue Wege, Nr. 1/2.2021, S. 31ff.