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Das Thema Armut wird öffentlich
Henriette Kläy
Wie jedes Jahr seit 1982 wurde am 17. Oktober 2012 in Bern durch eine Standaktion auf das brennende Thema Armut aufmerksam gemacht. Die angebotenen Informationen trafen bei den meisten PassantInnen auf reges Interesse und führten zu engagierten Diskussionen.
Auf dem Berner Kornhausplatz hatten die vier Organisationen AvenirSocial Sektion Bern – Berufsverband Soziale Arbeit, KABBA - Komitee der Arbeitslosen und Armutsbetroffenen, GMS-Bern - Gruppe für Menschenwürde in der Sozialhilfe und SAH Bern – Schweizerisches Arbeiterhilfswerk Bern ihren Stand aufgebaut. Bei sonnigem Herbstwetter stellten die VertreterInnen der vier Organisationen Vorschläge zur griffigen Prävention der Armut im Kanton vor, die in einem Offenen Brief an die Räte des Kantons Bern gerichtet worden waren. Die sechs Punkte dieses Briefes sind:
1 Ergänzungsleistungen für Familien
2 Mindestlöhne statt Sozialhilfe
3 Stipendien statt Sozialhilfe für Junge und Erwachsene
4 Bezahlbare und entwicklungsfördernde familienergänzende Kinderbetreuung
5 Günstigen Wohnraum fördern
6 Steuerfinanziertes Gesundheitswesen.
Um die finanziellen Verhältnisse beim Bezug einer Sozialhilfe-Unterstützung zu verdeutlichen, stand ein Kreisdiagramm von 1,60 m Durchmesser zur Verfügung, dessen Teilsegmente ausgeschnitten und beliebig einsetzbar waren. Die Segmente waren in folgende drei Kategorien eingeteilt, welche mit je einer Farbe gekennzeichnet und mit Artikel, Frankenbetrag und Prozentzahl beschriftet waren, welche den in Bern angewandten Ansätzen entsprechen:
► Fixe, das heisst unveränderbare Ausgaben wie Miete und Krankenkassenprämien;
► die Komponenten des Grundbedarfs wie Ernährung, Haushalt, Kleider etc, welche ebenfalls unverzichtbar sind, aber bei denen bescheidene individuelle Einsparungen möglich sind;
► alle weiteren Ansprüche wie Kultur, Hobbies, Weiterbildung, Ferien etc., welche in einem auf den SKOS-Empfehlungen basierenden Sozialhilfe-Budget nur in minimalstem Rahmen vorgesehen sind.
Dieses Diagramm machte - mehr als die Auflistung von Frankenbeträgen und Prozentangaben auf Listen - auf eindrückliche Weise deutlich sichtbar, dass mehr als 50% des Geldes mit Miete und Krankenkasse blockiert sind, und dass der Freiraum, den man sich mit Einsparungen im Grundbedarf beschaffen kann, äusserst bescheiden ist und kaum mehr als einen Ausflug, ein Hobby oder einen Coiffeurbesuch zulässt.
Die Versuche mit dem Diagramm und auch die Erklärungen zu den 6 Punkten zur Prävention führten zu intensiven und engagierten Diskussionen, die dann und wann bis zu einer halben Stunden dauern konnten. Die Bereitschaft zum Zuhören und zur Diskussion wurde wohl teilweise dadurch erhöht, dass es weder um Unterschriften noch um Spenden ging, sondern um unverbindliche Informationen.
Enttabuisieren
Am Ende des Tages waren die Eindrücke der Organisatoren der Standaktion überwiegend positiv. Natürlich hatten viele Passanten es je nach Tageszeit eilig, und selbstverständlich viele immer noch nicht bereit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen oder haben ganz entgegengesetzte Ansichten, aber es waren nur wenige, welche die Befrager mit ihrem Ärger und ihren Ressentiments gegenüber den „sozialen Profiteuren“ konfrontierten. In der Hauptsache zeigte es sich, dass das Thema aus der Tabuisierung herausgetreten und im Bewusstsein der Bevölkerung präsent ist.
Eine berührende Erfahrung und sozusagen kollateraler Effekt dieses Tages war es zu erleben, wie viele einsame Menschen durch die Stadt wandern und jede Gelegenheit nur zu gerne wahrnehmen, wenn sie angesprochen werden, um endlich wieder einmal mit jemandem über ihr Leben und ihre Situation zu reden, mehr mit sich selber beschäftigt als mit dem Schicksal anonymer Mitbürger. Meistens sind sie ja selber auch nicht mit Überfluss gesegnet, sonst wären sie vermutlich nicht in einem Abseits gelandet, in welchem sie keinerlei Zuwendung mehr erfahren.
Kurt Wyss im Internetcafé Power Point
Ebenfalls aus Anlass des Welt-Armuttages hatte das im letzten Jahr eröffnete kostenlose Internetcafé für Arbeitslose und Armutsbetroffene Power-Point (von KABBA) seine Türen von 11 – 17 Uhr geöffnet, um allen Interessierten einen Einblick in sein Angebot und seine Dienstleistungen zu bieten.
Im Anschluss daran stellte Kurt Wyss in einem Vortrag unter dem Titel „Bevormundung durch Workfare“ die Ergebnisse seiner langjährigen Recherchen zur weltweit veränderten Sozialpolitik vor. Diese Recherchen hat er in seinem 2007 erschienenen Buch „Workfare – sozialstaatliche Repression im Dienst des globalisierten Kapitalismus“ aufgezeichnet. Die Sozialpolitik des „Welfare“ ist zu einer Politik des „Workfare“ geworden, wonach erwerbslos gewordene Personen durch verpflichtende Massnahmen wie Beschäftigungspro-gramme und Testarbeitsplätze wieder für den Ersten Arbeitsmarkt befähigt werden sollen. Insbesondere geht es in seinem Buch um Bestimmung und Bedeutung Begriffs Workfare-Politik, um die Ursachen des Wechsels von Welfare- zu Workfarepolitik sowie um deren Umsetzung in die Praxis.
Dem Vortrag folgte eine sehr lebhafte und engagierte Diskussion, es waren sowohl Vertreter der Sozialarbeitenden, der Betroffenen sowie von Anbietern entsprechender Programme anwesend, die alle auf ihre spezifische Weise von dieser Entwicklung erfasst worden sind und ihre Standpunkte darlegten. Ob diese Politik tatsächlich zu einem sowohl marktwirtschaftlich als auch sozial zufriedenstellenden Resultat führen wird, bleibt mehr als fraglich.
Der Abend wurde mit einem eindrücklichen Vortrag von griechischen Balladen durch Manolis Papavasiliadis abgerundet. Die heiter-melancholischen Melodien rückten als wohltuendes Gegengewicht die düsteren Zukunftsaussichten ein wenig in den Hintergrund und sie unterstrichen, mehr noch als die gemeinsame Diskussion, dass trotz unterschiedlicher Positionen das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Menschen über politische und nationale Grenzen hinaus bestehen bleiben könnte.
siehe auch:
http://www.wyss-sozialforschung.ch/lehre/index.html
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Ehrenamtliche Gratisarbeit:
Dr. med. Uwe Denker, Gratisarzt für die Armen
Dezember 2010 – Dr. Uwe Denker wurde vom NDR (Norddeutschen Rundfunk) zum „Held des Nordens“ gekürt. Der Allgemeinmediziner aus Bad Segeberg wurde so für sein Projekt „Praxis ohne Grenzen“ geehrt. Ziel des Projekts ist, Menschen in finanziellen Notlagen kostenlos medizinische Behandlung zur Verfügung zu stellen.
Die Zuschauer des NDR, Zuhörer des NDR Info und Leser mehrerer regionaler Zeitungen war klar: Dr. Uwe Denker ist der „Held des Nordens“. Mit seinem Projekt „Praxis ohne Grenzen“ setzte er sich in der Zuschauermeinung gegen andere potenzielle „Helden“ durch. Er selbst betont, dass nicht er allein diese Anerkennung verdient, sondern sein ganzes Praxisteam aus „Helden des Nordens“ besteht.
Arzt-Praxis ohne Grenzen
Die „Praxis ohne Grenzen“ startete im Januar 2010 in Bad Segeberg. Inzwischen arbeiten 17 Ärzte ehrenamtlich in dieser Praxis. Jeden Mittwoch von 15 bis 17 Uhr wechseln sich acht Basisärzte mit der Sprechstunde ab. Bei Bedarf wird ein Augenarzt hinzugezogen. Ein Behördenlotse hilft bei Fragen zu Anträgen und Behördengängen. Auch eine Physiotherapeutin bietet kostenlose Behandlung an. Weitere Fachärzte, Krankenhäuser und ein Zentrallabor sind zu Beratungen, Untersuchungen und Behandlungen von Bedürftigen bereit. In der „Praxis ohne Grenzen“ müssen Patienten weder Ausweis oder Krankenversicherungskarte vorweisen, noch Zuzahlungen leisten.
Quelle: http://www.schleswig-holstein.de/Gesundheit/DE/Gesundheitskoepfe/2010/denker.html