Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03205.jsonl.gz/585

HOFKIRCHE ST. LEODEGAR, LUZERN
Louis Vierne (1870 – 1937) war eine beeindruckende Persönlichkeit des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts und wurde allzu oft auf den einzigen berühmten Organisten der Kathedrale von Notre Dame in Paris und Orgelprofessor reduziert, wobei seine Rolle als künstlerischer und kreativer Komponist vernachlässigt wurde.
Viernes künstlerisches Ideal passt gut zu der starken Verbundenheit, die er mit einigen seiner grossen Vorbilder (César Franck, Ludwig van Beethoven, Richard Wagner, Robert Schumann, Gabriel Fauré) pflegte.
Trotz seiner starken Sehbehinderung schloss Vierne das Conservatoire de Paris mit dem ersten Preis für Orgel und Improvisation ab. Der hart arbeitende junge Künstler studierte bei Adolphe Marty, César Franck und Charles-Marie Widor. Im Jahr 1900 wurde er zum Titularorganisten der Kathedrale Notre-Dame de Paris und Professor für Orgel am Institut für Kirchenmusik der Schola Cantorum ernannt.
Als Orgelvirtuose unternahm Louis Vierne viele Konzertreisen durch Europa, die Schweiz und die USA. Er starb 1937 - im selben Jahr wie Maurice Ravel und Charles-Marie Widor - bei einem Orgelkonzert am Spieltisch seiner Orgel in Notre-Dame. Als er sein letztes Stück «Stèle pour un enfant défunt» zu spielen begann, erlitt er einen Schlaganfall und starb in den Armen seines Schülers Maurice Duruflé.
Mit seinen sechs Orgelsymphonien, die er zwischen 1895 und 1930 komponierte, setzte Louis Vierne die glänzende Tradition dieses Genres fort und führte sie zu ihrem Höhepunkt. Viernes kompositorische Vorbilder waren in erster Linie Franck und Widor, aber auch Mendelssohn und Schumann. Auch wagnerianische Züge sind zu erkennen, vor allem in der 5. Symphonie, die 1923 in der Schweiz komponiert wurde. Der Musikkritiker Monsieur Croche (alias Claude Debussy) war von Viernes Musik beeindruckt, insbesondere von seiner 2. Symphonie.
Mit den diesjährigen Konzerten entführt uns Stéphane Mottoul in die konzertante symphonische Tradition von Notre Dame de Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Neben den sechs Orgelsymphonien entdecken Sie als Luzerner Premiere das Streichquartett Op. 12 und die Rhapsodie für Harfe Op. 25. Auch der Gesang wird mit einigen Liedern und dem berühmten «Angelus» berücksichtigt.
Die Orgel wird bewusst mit Kammermusik kombiniert. Dies ermöglicht eine noch reichere Erfahrung zu den vielfältigen Facetten der Orgel und des Organisten von Notre-Dame.
L'art pour l'art: impressionistische Programmmusik steht bei diesem Zyklus von Vierne in der Hofkirche im Fokus.