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Interessanterweise stützt sich die Bindungstheorie auf Beobachtungen von Rhesusaffen und Schimpansen. Bei beiden Arten ist es allein die Mutter, die für das Kind sorgt. Manchmal mit einer regelrechten «Affenliebe», denn Schimpansenmütter sind dafür bekannt, dass sie selbst ihre kranken oder toten Babys hingebungsvoll pflegen und tagelang mit sich herumtragen. Die Bindungsforscher ignorierten aber die Berichte von Ethnologen, die von einem genau gegenteiligen Mutterbild berichteten.
«Bindungen können sehr unterschiedlich aussehen«, bestätigt Heidi Keller. Die Bindungstheorie widerspiegle lediglich «die Lebenswelt eines Babys, das in eine westliche Mittelschichtfamilie hineingeboren wurde, mit formal hochgebildeten Eltern, die später in der individuellen Biografie das erste von wenigen Kindern bekommen und in einer Zwei-Generationen-Familie leben.» In dieser ökonomisch gut gestellten Familie nähme sich ein Elternteil, in der Regel die Mutter, exklusive Zeit, um für das Baby zu sorgen. Was wir hierzulande als Standard erachten, ist in Wahrheit ein Privileg, das nur etwa 5 bis 10 Prozent der Weltbevölkerung repräsentiert. Denn: «Der Ausstieg aus der Erwerbsarbeit, die Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs oder die Reduzierung des Arbeitspensums muss man sich erst mal leisten können», sagt Heidi Simoni vom MMI.
Ebenfalls fraglich ist, ob das Kind, wie die Bindungstheorie besagt, in einer Art Exklusivbeziehung stehen muss, um zu gedeihen. Es wird meist von der Mutter, zuweilen aber auch vom Vater erwartet, prompt, konsistent und angemessen auf die kindlichen Signale zu reagieren, weil das die beste Voraussetzung für die Entwicklung einer sicheren Bindungsbeziehung sei. Dieser sogenannte «kindzentrierte Ansatz» ist aber laut Keller nicht universell gültig. So gibt es Kulturen beispielsweise in Asien oder auch Afrika, in denen es als inkompetent gilt, wenn man das Kind frage, was es denn möchte. Mütter oder andere Bezugspersonen, insbesondere andere Kinder, wüssten viel besser, was das Beste für ein Baby sei.
Sicher gebundene Kinder sind weniger aggressiv
Wie sehen denn nun nach Meinung der Experten sicher gebundene Kinder aus? Laut Klaus Grossmann, Psychologieprofessor und führender Bindungsspezialist Europas, können diese Kinder Kummer zeigen und erhalten daraufhin von Seiten ihrer Bezugsperson – wenn nötig – Trost. Kehrt diese nach einer Abwesenheit zurück, suchen sie ihre Nähe, können das unterbrochene Erkunden wieder aufnehmen und beziehen die Bezugsperson, meist die Mutter, ins Spiel mit ein. Die Bezugsperson zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Bedürfnisse des Kindes erkennt, richtig interpretiert und schnell und angemessen darauf reagiert. Kinder, die in solchen Beziehungen aufwachsen, sind später weniger aggressiv, beliebter, weniger abhängig von anderen, können besser kommunizieren, haben eine ausgeprägtere Sozialkompetenz, eine bessere Emotionsregulation sowie einen höheren Selbstwert, sagte der Schweizer Psychologieprofessor Guy Bodenmann in einem Vortrag.
Es muss nicht immer die Mutter sein. Tatsächlich «vermag sich das Kind auf verschiedene Schutz- und Versorgungsinstanzen einzustellen», sagt Giulietta von Salis. Und es gilt als erwiesen, dass Babys geschlechtsunabhängig denken: Sie bauen einfach zu der verlässlichsten und zeitlich verfügbarsten Person in ihrer Reichweite eine innige Beziehung auf. «Wenn es ein Mann ist, der die verlässlichste Pflegeperson in Reichweite abgibt, so wählen sie eben ihn als hauptsächliche Bindungsperson aus», sagt Renz-Polster. Und: «Es gibt sie, die gerne angeführten Mutterinstinkte, aber diese sind weder auf die Mutter beschränkt noch reichen sie als alleinige Zutat zu einer gelungenen Bindung aus.»
Je belasteter und unsicherer die finanzielle, soziale und emotionale Situation ist, desto schwerer fällt Eltern der Bindungsaufbau.
Wie gut die Bindung klappt, hängt auch mit der Gesamtsituation der Eltern zusammen. Zahlreiche Studien zeigen: Je belasteter und unsicherer die finanzielle, soziale und emotionale Situation ist, desto schwerer fällt es beispielsweise der Mutter, eine Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Kommen zu Stress noch psychische Probleme oder belastende Situationen wie etwa eine Trennung hinzu, so entsteht nur allzu leicht «eine Bindung ohne inneren Kern», wie es Renz-Polster nennt. Problematische Bindungen bis hin zur Vernachlässigung sind dann weitaus häufiger, wenn Mütter ökonomisch oder psychisch um ihr Überleben kämpfen müssen.
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