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Boris von Aarenmoos war ein stattlicher Deutscher Schäferhund, dessen temperamentvolles Auftreten Fremden gelegentlich Angst einflösste. Vor kurzem hat er sich wegen Altersschwäche in die ewigen Jagdgründe zurückgezogen. Der Streit, den Boris noch zu Lebzeiten ausgelöst hat, dauert seit drei Jahren an.
Es geschah am 24. November 1996 um 8.30 Uhr in einer Gemeinde im Obertoggenburg. Uber Nacht hatte es stark geschneit. Rentner Franz Tanner*, 65, und seine Frau spazierten in Begleitung ihres Schäferhundes Boris an die Thur. Sie überquerten den Parkplatz eines Grundstücks, auf dem der Postangestellte Peter Messerli* mit seinen beiden Buben Schnee schaufelte. Tanner hielt den Hund an kurzer Leine und ging an ihnen vorbei. Dabei habe der Rüde dem einen Kind auf der rechten Seite des Gesässes mit der Schnauze einen Stoss versetzt, der zu einem blauen Fleck führte, beschreibt Tanner den Vorfall.
Anders sah das natürlich der Vater des Knaben. Der Hund habe seinen Sohn in den Hintern gebissen, und nur dank der verstärkten Snowboardhose des Kindes habe dieses keine grössere Verletzung davongetragen. Der Hundehalter erkundigte sich damals sofort, ob es Schmerzen habe, was dieses verneinte. Am Nachmittag will Tanner den neunjährigen Buben beim Schlitteln gesehen haben. Der später zugezogene Arzt erklärte, der zweiteilige blaue Fleck könnte von einem Hundebiss stammen.
Am Abend nach dem Vorfall erhielt Franz Tanner einen Telefonanruf: «Ihre Bestie hat meinen Sohn angefallen. Wenn das noch einmal passiert, knalle ich die Bestie ab.» Es stellte sich heraus, dass es sich beim Anrufer um den Postangestellten Peter Messerli handelte. Tanner fühlte sich seines Lebens nicht mehr sicher. Er überlegte sich eine Anzeige wegen Bedrohung, sah aber vorerst davon ab.
Plötzlich fanden sich weitere Opfer
Knapp eine Woche später erhielt der Gemeinderat einen Brief. Absender: der von Messerli zugezogene Rechtsanwalt. Hundehalter Tanner sei zu verpflichten, Boris ausserhalb des Grundstücks einen Maulkorb anzulegen und den Kot des Hundes aufzunehmen. Falls er dies nicht tue, solle ihm die Beseitigung des Tieres angedroht werden. Dies liess Franz Tanner nicht auf sich sitzen. Er reichte gegen Messerli Strafanzeige wegen telefonischer Drohung und Nötigung ein.
Inzwischen hatte der Rechtsanwalt von Peter Messerli drei weitere Zeugen ausfindig gemacht, die von Boris gebissen worden seien. Unter anderem einen Zustellbeamten der Post – einen Arbeitskollegen von Messerli. Er sei von Boris einmal in den Schritt gezwickt worden; bei einem weiteren Zusammentreffen habe ihn nur noch ein beherzter Sprung in den mit Post gefüllten Elektrowagen vor einem erneuten Angriff des Schäferhundes retten können.
Ende Januar 1997 entschied der Gemeinderat, dass Tanner seinem Boris ausserhalb des Wohnhauses einen Maulkorb anlegen und ihn an der Leine führen müsse. Dieser Entscheid war für den Hundehalter absolut unannehmbar. Das von Tanner angerufene Justiz- und Polizeidepartement des Kantons St. Gallen gab ein Gutachten über den Charakter des Hundes in Auftrag.
Im Gutachten des Tierarztes hiess es, Boris zeige keine Aggressivität gegenüber Menschen oder Tieren. In seinem Revier aber sei er ein sicherer Hüter. «Das stürmische Anstossen des Hundes mit seinem grossen Fang ist eher als Unart zu bezeichnen und wirkt beängstigend. Dies konnte bei der Uberprüfung nicht als Bissigkeit bezeichnet werden. Boris hat eine instinktive Beisshemmung.» Eine gewisse Vorsicht sei beim Freilauf geboten.
Die Drohung war keine Nötigung
Das Justiz- und Polizeidepartement des Kantons St. Gallen gab dem Rekurrenten Tanner zu einem Drittel Recht. Dass Boris ausserhalb des Wohnhauses stets einen Maulkorb tragen müsse, sei unverhältnismässig. Solange der Hund an der Leine geführt werde, brauche er keinen Maulkorb, ausser wenn enger Kontakt mit anderen Menschen unvermeidbar sei, beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln. Diesen Entscheid akzeptierte Tanner schliesslich.
Doch da gab es noch die Anzeige wegen Drohung und Nötigung. Das Bezirksamt Obertoggenburg betrachtete den Ausbruch Messerlis, er werde die Bestie im Wiederholungsfall erschiessen, weder als Drohung noch als Nötigung. Messerli habe erreichen wollen, dass Boris genügend beaufsichtigt werde. Dies sei auch im Interesse von Tanner. Der Tatbestand der Nötigung und Drohung sei deshalb nicht erfüllt.
Bei seinen weiteren Rekursen – mangels finanzieller Möglichkeiten ohne Anwalt – bis vor Bundesgericht berief sich Tanner darauf, dass Selbstjustiz und Faustrecht in der Schweiz abgeschafft seien und Messerli für seine Drohungen bestraft werden müsse. Allerdings blitzte er damit überall ab. Der Hundehalter wurde schliesslich zur Zahlung einer Entschädigung von rund 2000 Franken an die Gegenpartei verknurrt.
Diese 2000 Franken konnte der Rentner nicht bezahlen. Messerli leitete umgehend ein Betreibungsverfahren ein. Es folgte ein weiterer Rechtsstreit, der dritte mittlerweile. Der einzige Besitz,
den das Betreibungsamt pfänden konnte, war Franz Tanners Toyota. Schätzwert: rund 6000 Franken. Tanner stellte sich auf den Standpunkt, das Auto sei für ihn als Invaliden ein unpfändbares Hilfsmittel, das er für Therapien und die persönliche Unabhängigkeit benötige. Zudem könne er wegen einer starken Behinderung in der rechten Hand keine schweren Gegenstände wie etwa Einkaufstaschen mehr tragen. Die linke Hand sei zudem durch Rheuma geschädigt.
Der Kampf hat sich doch gelohnt
Das Bezirksgericht Obertoggenburg hatte für diese Einwände kein Gehör. Das Fahrzeug sei nicht unentbehrlich, da der Schuldner zu Fuss, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Taxi seinen täglichen Besorgungen nachgehen könne. Dabei könne er ja einen Rucksack benutzen.
Da Franz Tanner die zehntägige Rekursfrist ohne ersichtlichen Grund verpasst hatte, traten die weiteren Gerichte nicht auf seine Begehren ein. Der Einwand, aus fehlender Rechtsmittelbelehrung dürfe ihm als juristisch Ungebildetem kein Rechtsnachteil erwachsen, stiess auch beim Bundesgericht auf taube Ohren. Die Sozialberatung Toggenburg erarbeitete einen Budgetplan, womit Tanner einen Teil seiner Schulden in monatlichen Raten von 70 Franken abzahlen konnte. Der Restbetrag wurde von gemeinnützigen Institutionen übernommen.
Franz Tanner sitzt an diesem sonnigen Herbsttag in seinem Arbeitszimmer im Toggenburger Chalet. Der Schäferhund Boris ist seit einem Monat tot, aber sein Geruch liegt noch in der Luft. Vielleicht werde er sich später wieder einen Hund anschaffen, sinniert Tanner, aber vorerst brauche er Zeit, um von Boris Abschied zu nehmen.
Der 65-Jährige erzählt seine Geschichte ruhig und gefasst. Er ist überzeugt, dass er von Behörden und Gerichten systematisch benachteiligt worden sei. Doch richtig sei der Kampf trotzdem gewesen: «Damit habe ich meine Seele befreit», sagt Tanner.
* Name geändert