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Der schädliche Japankäfer ist in der Schweiz angekommen. Wie schon der Name sagt, stammt dieser Schädling ursprünglich aus Japan. Bereits seit drei Jahren ist er in Norditalien präsent, in der Lombardei und im Piemont, wo die Massnahmen zu seiner Bekämpfung (biologische Insektizide für Larven, Fallen für erwachsene Käfer) die Ausbreitung nicht verhindern können. Doch wie können Schäden in der Landwirtschaft vermieden werden? Langfristig könnten Vögel wie Wiedehopf, Amsel und Rabenkrähe eine wichtige Rolle spielen.
Ende Juni gab die Biologin Cristina Marazzi vom Tessiner Pflanzenschutzdienst im Rahmen einer Sendung am Radio RSI eine wichtige Information: "Zum Sommerbeginn haben wir erstmals in der Schweiz einen erwachsenen Japankäfer in der Schweiz gefangen."
Auf die Ankunft des extrem gefrässigen und für die Landwirtschaft schädlichen Käfers war man in gewisser Weise vorbereitet. Denn seit 2014 sind Brutherde im benachbarten Parco del Ticino zwischen der Lombardei und dem Piemont präsent – also unweit vom Kanton Tessin.
Von dort breitet sich der Käfer wie ein Lauffeuer aus. Daher wurden entlang der Grenze zwischen der Schweiz und Italien Insektenfallen aufgestellt, etwa in Stabio, wo effektiv die ersten drei erwachsenen Japankäfer eingefangen werden konnten.
Schäden für Wirtschaft und Biodiversität
Der Japankäfer gleicht dem gewöhnlichen Maikäfer, ist aber kleiner (zirka 8 bis 12 mm). Die Flügeldecken sind kupferfarbig irisierend. Kopf und Thorax sind grün. Der Körper ist oval gebaut, wobei der Thorax breiter ist als das Abdomen. Seitlich lassen sich fünf weisse Haarbüschel beobachten.
Die vom Japankäfer verursachten Schäden zeigen sich insbesondere in zerfressenen und blätterlosen Pflanzen- und Baumkronen. Die Larven greifen die Wurzeln an und schwächen diese. Der erwachsene Käfer ernährt sich von fast 300 unterschiedlichen Pflanzenarten. Angegriffen werden in unseren Breiten vor allem Ahorn, Glyzinen, Rosen, Brombeersträucher, Linden, Ulmen, Mais, Apfelbäume, Nussbäume, Pfirsichbäume, Soja und Weinreben.
Und die Vögel?
Die Bekämpfung dieses Phänomens ist nicht einfach. Die Landwirte müssen schnell reagieren, um Schäden abzuwenden. Die Reaktionszeiten der Natur seien hingegen langsam, meint Roberto Lardelli, Präsident der Vogelwarte der italienischen Schweiz (Fidecula).
Der Pflanzenschutzdienst empfiehlt, verdächtige Insekten in der Schweiz einzufangen (oder wenigstens zu fotografieren). Darüber hinaus wird Personen, die sich zum Flughafen Malpensa oder in den Parco del Ticino begeben, empfohlen, ihr Gepäck, ihre Fahrzeuge minutiös zu kontrollieren. Die erwachsenen Käfer können sich
dank kleiner Widerhaken an den Füsschen leicht an allen
möglichen Gegenständen festkrallen.
Die Biologin Cristina Marazzi ist der Ansicht, der Japankäfer müsse insbesondere durch natürliche Feinde bekämpft werden. Diese müssten gezielt ausgesetzt und verbreitet werden. Dabei denkt sie vor allem an diverse Vogelarten, auch wenn einige von diesen den Bauern keine Freude machen werden. Doch jeder Schritt für mehr Biodiversität sei nützlich, um die Ausbreitung gebietsfremder Insekten zu stoppen und ein neues biologisches Gleichgewicht zu schaffen.
Tatsächlich zeigt eine Studie des "Land- und Forstwirtschaftlichen Dienstes der Lombardei" auf, dass die bisherige Schädlingsbekämpfung – mit biologischen Insektiziden gegen die Larven und Massenfallen für erwachsene Käfer – die Verbreitung des Japankäfers nichts wirksam stoppen konnte.
"Wenn in der Landschaft kleine Nischen fehlen, in denen sich Grillen, Vögel, Spitzmäuse oder Ameisen einnisten können, geht auch das Beutepotential stark zurück", meint Lardelli. Dies sagt er auch mit Blick auf einen anderen Eindringling der neueren Art. Konkret: Die Marmorierten Baumwanzen.
Ein weiteres Insekt, das sich vom Orient kommend in Westeuropa ausgebreitet hat, ist die Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys). Im Unterschied zur grünen Baumwanze,
die in der italienischen Schweiz schon präsent ist, tendiert dieses Insekt zur Gruppenbildung. Für den Menschen ist es unschädlich, aber der Landwirtschaft entstehen erhebliche Schäden.
Beobachtung und Kartenmaterial
Mehr Informationen zur Verbreitung von Brutstätten, aber auch Bilder des Japankäfers, können auf der italienischsprachigen Webseite für Ornithologenexterner Link abgerufen werden.
Diese Webseite ist ein Schweizer Exportprodukt. De facto wurde der Schweizer Internet-Auftritt ornitho.chexterner Link kopiert, der vor rund 10 Jahren von Roberto Lardelli entworfen wurde. Lardelli arbeitet nicht nur mit der schweizerischen Vogelwarteexterner Link zusammen, sondern auch mit vielen Zentren und Vereinen in Italien.
Tvsvizzera.it: Weshalb engagieren Sie sich über die Grenzen hinaus?
Roberto Lardelli: Weil die Natur keine Grenzen kennt. Ornitho wurde 2003 in der Schweiz gegründet. Es wurde entwickelt und stets verfeinert. Als wir das System mit Informationen fütterten, merkten wir, dass es sehr wichtig ist zu wissen, was auf der anderen Seite unserer Grenzen passiert. Nicht nur im Norden, sondern insbesondere im Süden. Der Süden stellt für uns eine Art Vorwarnsystem dar.
Dieses Instrument wird nun in der Schweiz, Italien, Deutschland, Frankreich und Österreich genutzt. Und es zeigt, wie wichtig die Beobachtungen der Bevölkerung für die Erfassung von Migrationsbewegungen sind. Wir haben interaktive Karten entwickelt, in der Daten verarbeitet sind, welche auf dem ganzen Kontinent gesammelt wurden. Diese zeigen nicht nur auf, wann Schwalben oder Bienenfresser auftauchen, sondern auch die Mechanismen, welche die Ortsveränderung von bestimmten Arten auslösen.
Tvsvizzera.it: Tatsächlich kann die Beobachtung von Phänomen im Süden zu Vorhersagen für den Norden führen. Und dies gilt für das ganze Ökosystem. Ornitho erfasst nämlich nicht nur Vögel, sondern auch Reptilien, Amphibien und Insekten…
R.L.: Die Natur ist eine äusserst dynamische Angelegenheit. Wir sind gewohnt, die Entwicklungen in einem kleinen Zeitfenster von 30, 40 oder 100 Jahren zu betrachten. In Wirklichkeit gehen die Entwicklungen natürlich viel langsamer.
Invasive Arten kommen häufig von Süden. Die Baumwanze war in der Innerschweiz bereits vor 15 Jahren eingewandert - durch Gütertransporte. Doch dann hat sie sich nicht weiter ausgebreitet. Die Invasion ins Tessin fand erst statt, nachdem sie sich in der Poebene eingenistet hatte. Viele dieser Wanzen dringen nun in die Häuser ein.
Ein anderer Schädling, der sich in unserem Territorium ausbreitet, ist der Japankäfer, der zu einem ernsthaften Problem für die Landwirtschaft werden kann. Er ist auf dem Luftweg ins Tessin gelangt und wird den ganzen Kanton kolonisieren.
Tvsvizzera.it: Auf Ihrer Webseite, die sich eigentlich Vögeln widmet, sind auch Daten zu diesen Käfern zu finden. Ist dies eine Art Freundschaftsdienst für die Gesellschaft oder auch im Interesse der Ornithologen?
R.L.: Es ist alles eine Einheit. Das Wissen ist ein Instrument für die Allgemeinheit und für alle, die mit der Natur zu tun haben.
Die Vögel werden irgendwann auf die Präsenz dieser natürlichen Ressourcen der Ernährungskette reagieren. Es ist wichtig zu verstehen, wo die Wanzen den Star vertreiben oder der Japankäfer den Wiedehopf usw. All diese Daten in Kombination mit der Beschaffenheit des Waldes können wichtige Informationen für die zukünftige Entwicklung geben.
Tvsvizzera.it: Sind Wiedehopf, Amsel und Rabenkrähe zurzeit unsere letzte Hoffnung, als natürliche Feinde den Japankäfer zu bekämpfen?
R.L.: Sie stellen auf alle Fälle eine grosse Hoffnung dar. In Regionen, wo Japankäfer oder Baumwanzen eine endemische Präsenz darstellen, verursachen sie keine grossen Schäden. Das System hat nach Jahrhunderten gelernt, sich selbst zu regulieren. Höher gestellte Arten in der Nahrungsmittelkette können die vorhandenen Ressourcen nutzen. Es gibt keine Probleme mehr. Auf der japanischen Insel Hokkaido gibt es nun ein solches Gleichgewicht.
Der Wiedehopf ist als Vogelart gemäss Expertenmeinung wahrscheinlich an meisten geeignet, den Japankäfer als Beute zu nehmen. Auf Grund seiner Eigenschaften kann sich diese Vogelart wahrscheinlich zugleich von den Larven und erwachsenen Käfern ernähren. Auch ganz normale Personen können deren Präsenz begünstigen, indem sie Nischen im Garten schaffen, wo diese Vögel brüten können.
Grosse Probleme gibt es mit der intensiven Landwirtschaft, wo keine Biodiversität mehr vorhanden ist. Man redet heute zwar viel von Biodiversität, doch sehr eingeschränkt, als ob es sich um eine Laune von Naturfreaks handeln würde. Dabei kann Artenvielfalt einen Mechanismus der Selbstregulierung garantieren.
Tvsvizzera.it: Werden Sie selbst sich dafür stark machen, dass Wiedehopf, Amsel und Rabenkrähe wieder stärker präsent sind?
R.L.: Zu unserer Arbeit gehört auch diese Tätigkeit. Seit Jahren wissen wir, dass bestimmte Schädlinge kommen werden. Und daher erklären wir den Landwirten – dies- und jenseits der Grenze – wie sie etwa in Trockenmauern Nischen einrichten können, um die Population der Wiedehopfe zu erhöhen. Doch es geht auch um andere Arten, die uns in diesem biologischen Kampf dienlich sein können.
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)