Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03423.jsonl.gz/1113

Das Haus von François Leuba und Mares Jans sieht aus wie alle Häuser in der Grand-Fontaine in Freiburg: Schmal und hoch und aus dem beige-grauen Sandstein, mit dem im Mittelalter gebaut wurde. Die Bewohner wechselten: Hier lebten und arbeiteten Prostituierte, später katholische Schwestern. Jetzt ist das Haus schon lange ein Wohnhaus; das Ehepaar Leuba-Jans ist hier seit 15 Jahren daheim.
François Leuba, 79-jährig, pensionierter Gymnasiallehrer, sitzt am Küchentisch. Neben ihm trinkt seine Nachbarin Elsbeth Flüeler Kaffee. Die 55-Jährige arbeitet als Geografin und freie Journalistin. Mares Jans, 74 Jahre, serviert Kuchen. Sie hat das Marionettentheater in Freiburg geleitet, war Buchhändlerin und Mitarbeiterin der Spitex. Sie und ihr Mann sind wie Elsbeth Flüeler nicht im Quartierverein Grand-Fontaine. Die drei haben kein Problem mit ihren Nachbarinnen, den Prostituierten.
Zwei Lager im Quartier
«Die Frauen waren schon immer da», sagt Mares Jans. «Sie gehören zum Quartier und wer hierher zieht, sollte wissen, worauf er sich einlässt.» Ihr Mann fügt an: «Die Prostitution ist eine äussere Erscheinung, sie beeinflusst unseren Alltag nicht.» Und Flüeler sagt: «Wir finden es respektlos und unsozial, wie der Quartierverein gegen die Frauen vorgeht. Deshalb wollen wir uns öffentlich äussern.» Auch wenn sie sich damit keine Freunde machen werden: Schon jetzt gibt es im Quartier zwei Lager; die Gegner der Strassenprostitution und die anderen. Man grüsst sich höflich, aber mehr kaum noch, wie Elsbeth Flüeler sagt.
Viele Mitglieder des Quartiervereins leben noch nicht sehr lange in der Grand-Fontaine. Und viele davon sind Besserverdienende. Hier lebt eine neue soziale Schicht, die das Trottoir nicht mit Prostituierten teilen will. So sehen es zumindest die drei: «Sie kaufen hier ein Haus und träumen nun vom ruhigen Leben wie in einem Einfamilienhaus-Quartier oder auf dem Land», sagt Flüeler. Anders als der Quartierverein findet sie, dass sich die Situation in der Grand-Fontaine in den letzten Jahren nicht verschlechtert, sondern verbessert habe: Das Café gebe sich mehr Mühe, die Strasse zu putzen, und der Sicherheitsagent sorge für Ruhe. «Die Männer pissen weniger in die Gasse, und am Morgen liegt weniger Erbrochenes herum», sagt Flüeler.
Wichtige soziale Funktion
Gemäss Quartierverein ist das Zusammenleben heute schwieriger, da die Prostituierten weniger lange in der Grand-Fontaine arbeiten, Wechsel häufiger sind. Früher lebten viele Prostituierte offenbar über Jahre in der Grand-Fontaine, heute scheinen sie eher von Stadt zu Stadt zu reisen. Die drei bestreiten nicht, dass sich die Situation veränderte. Sie haben in all den Jahren beobachtet, wie sich das Geschäft entwickelte, zu welchen Zeiten Frauen aus welchen Ländern in Freiburg arbeiteten. Und auch wer ihre Chefs waren. Eine Zeit lang seien jede Woche Zuhälter in schwarzen Karossen vorgefahren, um einzukassieren. «Wie im Kino», sagt Mares Jans. Oder sie erzählen von einer Frau, die wegzog, um eine neue Zukunft aufzubauen, aber an grossen öffentlichen Anlässen «als Verstärkung» zurückkehrte. Doch die drei sagen auch, dass es bereits früher nicht viel Kontakt zwischen Prostituierten und Anwohnern gab. Zu verschieden waren deren Leben. Die drei haben zudem gesehen, welche Funktion die Frauen in der Gesellschaft einnehmen: Nachmittags kommen einsame Senioren. Doch auch Arbeitslose, oder Randständige finden in der Grand-Fontaine soziale Kontakte. Und nur dort. «Des malheureux de la ville», sagt Leuba. «Männer, um die sich sonst niemand kümmert, auch solche vom Land.»
Mares Jans, François Leuba und Elsbeth Flüeler wollen nichts beschönigen: Manchmal sei es nachts laut und morgens dreckig auf der Strasse. Doch sie finden, dass nicht alles Unwillkommene einfach verdrängt werden könne. Nicht mitten in der Stadt. Und sie finden es unerhört, dass der Quartierverein nicht an die Frauen denkt. «Es sind Frauen, die Geld für ihre Familie verdienen», sagt Jans. «Es sind doch keine halben Menschen.»
«Lässt sich nicht verbieten»
Elsbeth Flüeler fügt an: «Es ist nicht so, dass ich Prostitution einfach gut finde. Die- se Frauen haben keine guten Lebensbedingungen. Und ich finde es auch nicht schön, zuzuschauen. Aber die Strassenprostitution lässt sich nicht verbieten. Sie würde sich irgendwohin verschieben, wo es für die Frauen viel gefährlicher wäre.»
Serie
Verschiedene Standpunkte
Seit zwei Jahren macht die Grand-Fontaine Schlagzeilen: Anwohner haben einen Quartierverein gegründet und fordern das Verbot der Strassenprostitution, die dort seit dem Mittelalter existiert. Doch es gibt auch andere, bisher kaum gehörte Stimmen: Anwohner, die gut mit der Prostitution leben. Prostituierte, die um ihr Einkommen fürchten. Eine Artikelserie der FN bildet die Standpunkte ab. Bereits erschienen: «Das rote Licht in der Grand-Fontaine» (27.12.), «Verein fordert anderes Businessmodell» (31.12.).mir