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Alex Wilson wurde bereits am 28. April provisorisch von Antidoping Schweiz gesperrt, was erst heute Morgen kommuniziert wurde. Er war Mitte März positiv auf die verbotene Substanz Trenbolon getestet worden.
Anfang Juli hob die Disziplinarkammer für Dopingfälle von Swiss Olympic die Sperre wieder auf. Dagegen rekurrierten die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und der Leichtathletik-Weltverband, so dass der Fall vor dem Internationalen Sportsgerichtshof (CAS) in Lausanne landete. Dessen Ad-hoc-Division belegte Wilson nun mit einer provisorischen Sperre, weshalb er nicht an den Olympischen Spielen in Tokio laufen darf.
Dass Alex Wilson zwei Mal in kürzester Zeit wegen dubioser Geschichten in die Schlagzeilen geriet, hat nichts miteinander zu tun. Beim Meeting in Atlanta, bei dem Wilson über 100 Meter in phänomenalen 9,84 Sekunden gestoppt wurde, entsprach die Zeitmess-Anlage nicht dem Standard. Die Zeit, die ein neuer Europarekord gewesen wäre, wurde deshalb nicht anerkannt.
Ok… now we are getting closer to the reality…— Laurent Meuwly (@LaurentMeuwly) July 20, 2021
This is a video of the « 9.84 » race. I am not judging the reaction time…
I take the first movement -0.12 and I get… ca. 10.3!!
If I assume the 2nd of the race had really 11.09 then Alex ran 10.3 at the best! pic.twitter.com/6Vp6m28F8R
Ein androgenes Steroid aus der Gruppe der Anabolika. Es wurde in den 1960er-Jahren für die Rinderzucht entwickelt und kommt heute besonders in Nordamerika zum Einsatz, um die Mastleistung von Tieren zu steigern. Als Dopingmittel, das den Muskelaufbau steigert, ist Trenbolon bekannt.
Der 30-Jährige streitet ab, wissentlich zu Doping gegriffen zu haben. Schuld ist gemäss Alex Wilson sein Bärenhunger. Er schildert: «Ich habe sowohl 72 Stunden als auch 48 Stunden vor der Urinprobe eine grosse Menge Rindfleisch in einem Restaurant in Las Vegas konsumiert.»
Laut dem «Blick» besuchte Wilson am 11. und 12. März ein jamaikanisches Grillrestaurant in der Glücksspielmetropole. Dort habe er an beiden Tagen ein Pfund Rind (Ochsenschwanz) zum Zmittag und sechs Burger zum Znacht verspiesen.
Die NZZ zitiert aus dem CAS-Urteil, in dem etwa eine Einschätzung von Christiane Ayotte steht. Sie ist Direktorin des Antidoping-Labors in Montreal und befasst sich seit längerer Zeit ausgiebig mit der Frage, ob eine positive Dopingprobe auf kontaminiertes Fleisch zurückgeführt werden kann.
Ayottes Meinung: Wilsons Argumente seien nicht stichhaltig. Selbst wenn er so viel Fleisch gegessen habe, wie er angibt, hätte sein Körper das dabei aufgenommene Trenbolon bis zur Dopingkontrolle abgebaut. Die Urinproben hätten deutlich mehr Abbauprodukte des Steroids enthalten, als man es nach Fleischkonsum messen würde.
Ernst König ist der Direktor der Einrichtung. Er sagte zur Agentur Keystone-SDA über die bei Wilson festgestellte Substanz: «Trenbolon ist eines der potentesten Anabolika, das es gibt. Das Mittel fördert direkt das Muskelwachstum, die Leistung und die Erholung.»
Erst vor wenigen Tagen landete mit Ex-Europameister Kariem Hussein schon ein anderer Schweizer Leichtathlet im Netz der Dopingfahnder. «Klar, uns wäre es am Liebsten, wenn es diese Fälle nicht geben würde», meinte König. «Sie zeigen aber, dass das System funktioniert. Und sie zeigen vor allem auch, dass es unabhängig von Namen oder von Olympischen Spielen funktioniert. Das ist sehr wichtig. Die Fälle belegen, dass wir unabhängig sind und uns nicht beeinflussen lassen, auch wenn sie vom Zeitpunkt unschön sind für den Schweizer Sport. In diesem Sinn ist es eine gute Nachricht.»
In ein schiefes Licht rückte den Sprinter ein Video, das kurz nach seinem vermeintlichen Europarekord auftauchte. Es zeigt ihn beim Training in den USA mit dem wegen Doping-Aktivitäten lebenslang gesperrten Sprinttrainer Raymond Stewart.
Wilson sprach von einer Zufallsbegegnung. Er habe Raymond nicht gekannt, sein interimistischer Trainer habe ihn bloss gebeten, ihm einige Tipps zu geben. «Dieses Video, das aufgetaucht ist, das ist natürlich Pech», sagte Wilson heute.
Das Thema ist durchaus eines, auch wenn der berühmteste damit begründete Dopingfall einer in Europa war. Der spanische Rad-Star Alberto Contador wurde wegen Dopings mit Clenbuterol gesperrt, er beteuerte seine Unschuld und schob den positiven Befund auf verunreinigtes Fleisch ab.
Der amerikanische Weitspringer Jarrion Lawson verwies nach einer positiven Dopingprobe ebenfalls auf Fleischkonsum. Ihm gelang es, die Richter von seiner Unschuld zu überzeugen, die Sperre des Vize-Weltmeisters 2017 wurde aufgehoben. Vor wenigen Wochen wurde die US-Leichtathletin Shelby Houlihan wegen des Missbrauchs des anabolen Steroids Nandrolon gesperrt. Ihre Begründung: «Wir kamen zum Schluss, dass die wahrscheinlichste Erklärung ein Burrito ist.» Das CAS wies den Rekurs der Läuferin gegen die Sperre ab.
Alex Wilson war sich der Problematik bewusst. Vor zwei Jahren sagte er im «Tages-Anzeiger», wenn er zum Training in die USA reise, nehme er so viel Essen wie möglich mit. «Mich graust vor verunreinigtem Fleisch, es hat schon Fälle gegeben, bei denen Athleten in Dopingproben hängen blieben. Deshalb lebe ich in den USA jeweils schon fast vegan», sagte Wilson damals. Mindestens an zwei Tagen im März 2021 schien er alle seine Vorsätze über Bord geworfen zu haben, sofern seine Version die Wahrheit ist.
Heute sagte Wilson darauf angesprochen, ob man als Spitzensportler in den USA nicht vorsichtiger sein müsste: «Soll ich denn in jedem Restaurant, in dem ich esse, fragen: ‹Ist das Fleisch zu 100 Prozent Bio und sind Sie sicher, dass es nie mit Trenbolon gespritzt wurde?› Das würde zu weit führen.»
Die nun gegen den Leichtathleten ausgesprochene Sperre ist provisorischer Natur – natürlich zu einem für Wilson denkbar schlechten Zeitpunkt. Besonders dann, wenn ihm Recht gegeben werden sollte. Das ordentliche Verfahren läuft noch. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Alex Wilson sagt, er wolle den Kopf nicht hängen lassen: «Schliesslich habe ich nichts falsch gemacht. Wenn ich etwas falsch gemacht hätte, dann hätte ich vielleicht den Kopf hängen lassen. Jetzt kann ich hinstehen und sagen: Nichts war falsch.» Er glaubt an eine Fortsetzung der Karriere und dass er nächstes Jahr an den Welt- und an den Europameisterschaften starten darf.