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Peter Maurer und Mohamed Mahmoud Mohamedou
Die Zeit nach dem Kalten Krieg war geprägt von der Hoffnung, dass die internationale Ordnung nach neuen Parametern umgestaltet werden könnte. Mit dem Multilateralismus als Kernstück konzentrierte sich das neue Rahmenkonzept auf die Friedensförderung, die menschliche Sicherheit und eine von Standards geleitete Diplomatie. Die Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs, aus denen bald die Nachhaltigkeitsziele oder SDGs wurden), die Agenda für den Frieden und das Konzept der globalen öffentlichen Güter waren nur drei Bezugssysteme einer neuen Form internationaler Diplomatie.
Doch das Aufkommen autoritärer Regierungssysteme stellte das Konzept einer Diplomatie im Dienste der Globalisierung basierend auf gemeinsamen Werten in Frage. Bewaffnete Konflikte, Terrorismus, der Krieg gegen den Terrorismus und die darauffolgende Unsicherheit schwächten den in den 1990er-Jahren entstandenen Ansatz weiter. Der internationale Vertrauensverlust führte zu Uneinigkeiten und befeuerte den Unilateralismus, sodass die Diplomatie zu einem Instrument zur Verfolgung von klassischen Staatsinteressen verkam.
Unaufhörliche Kriege und die Militarisierung internationaler Angelegenheiten drängten die Diplomatie in eine Nebenrolle, minderten ihren Einfluss und stellten gelegentlich sogar ihre Legitimität in Frage. Paradoxerweise wurde der Anschein erweckt, die Diplomatie sei passé, in einer Zeit in der die Welt sie am dringendsten benötigte. Es kam in Mode, vom Ende der Diplomatie zu sprechen. Das zeigte sich deutlich, als sich herausstellte, dass die COVID-19-Pandemie von einem nach innen gerichteten „technokratischen Nationalismus“ beherrscht wurde.
„Diplomatie beschränkt sich nicht auf die Lösung von Konflikten und die Herausforderungen im Bereich Sicherheit. In einer von länderübergreifenden, reziproken Beziehungen und Einflüssen beherrschten Welt, in der alle Gesellschaftsschichten stark durch den digitalen Wandel beeinflusst werden, ist die Diplomatie zu einer beweglichen und pluralistischen Tätigkeit geworden.“
Wenn Diplomatie jedoch tatsächlich von Fachwissen, Wissenschaft, Technologie und zivilem Handeln geprägt sein soll, dann hat sie in erster Linie ein vielschichtiger Integrationsmechanismus internationaler Beziehungen zu bleiben. Diplomatie lebt, doch sie bedarf der Neugestaltung. Diplomatie beschränkt sich nicht auf die Lösung von Konflikten und die Herausforderungen im Bereich Sicherheit. In einer von länderübergreifenden, reziproken Beziehungen und Einflüssen beherrschten Welt, in der alle Gesellschaftsschichten stark durch den digitalen Wandel beeinflusst werden, ist die Diplomatie zu einer beweglichen und pluralistischen Tätigkeit geworden.
Davon abgesehen geht es jedoch weniger um die Ausbreitung der Diplomatie in neue Bereiche, sondern vielmehr um ein neues Verständnis der zentralen Bedeutung von Verhandlungen, um intelligente und konsensgesteuerte Entscheidungsfindungsprozessen in zentralen Themen der heutigen Zeit und um die Anerkennung verschiedener Interessengruppen in internationalen Angelegenheiten. Solche neuen Denkweisen sind in der heutigen Welt, die von Unsicherheit, Komplexität, Zerrissenheit, Unbeständigkeit, Schnelllebigkeit und Unvorhersehbarkeit geprägt ist, von zentraler Bedeutung.
Die Diplomatie lebt, doch sie bedarf der Anpassung und Neugestaltung
Eine neu gestaltete Diplomatie ermöglicht ein vertieftes Verständnis von aufkommenden Fragen und bildet die Basis für innovative Ansätze bei altvertrauten und beharrlicheren Themen. Ausserdem trägt eine neue Form von Diplomatie dazu bei, Diplomatinnen und Diplomaten wieder ins Zentrum internationaler Tätigkeiten zu rücken, statt sie als „blosse“ Beauftragte des Staats zu behandeln. Neue Diplomatinnen und Diplomaten werden so zu informierten und selbstermächtigenden Akteurinnen und Akteuren der internationalen Beziehungen, die in der Lage sind, aus Gelegenheiten Kapital zu schlagen und zur Förderung einer interdependenten internationalen Gesellschaft beizutragen. Das ist insbesondere bei der Ausarbeitung von Standards und bei der kollektiven Themensetzung unabdingbar.
„Sollte der Staat der privilegierte primus inter pares-Akteur zur Vertretung von nationalen Interessen bleiben, so stellt die Einbindung unterschiedlicher gesellschaftlicher Komponenten angesichts der Zersplitterung der politischen Handlung weiterhin eine Herausforderung dar.“
Zusätzlich anerkennt diese neu-gedachte Diplomatie die positive Bedeutung nichtstaatlicher Akteurinnen und Akteure (in einer noch immer in hohem Masse vom Staat gesteuerten Tätigkeit), vor allem der Zivilgesellschaft und der Privatwirtschaft. Die Ausarbeitung neuer diplomatischer Verfahren bedeutet eine Wertschätzung der zunehmenden Professionalisierung jener Akteurinnen und Akture, formt diese und begrüsst die damit einhergehende Kreativität als Ergänzung zur institutionalisierten Kontinuität. Ungefähr ein Jahrhundert nach dem Aufkommen der klassischen internationalen Beziehungen befinden sich die traditionelle Sprache und die Praxis der Diplomatie an einem Scheideweg und bedürfen einer Überarbeitung. Um einer sich internationalisierenden Gesellschaft gerecht zu werden, muss sich die Diplomatie sowohl neue Qualitätsstandards setzen wie auch neuen Generationen gerecht werden. Sollte der Staat der privilegierte primus inter pares-Akteur zur Vertretung von nationalen Interessen bleiben, so stellt die Einbindung unterschiedlicher gesellschaftlicher Komponenten angesichts der Zersplitterung der politischen Handlung weiterhin eine Herausforderung dar.
Je mehr die Trennung von Politik, Sicherheit, Wirtschaft, Kultur und sozialer Angelegenheiten im Widerspruch zur global vorherrschenden Realität steht, desto mehr muss sich die Diplomatie als Vermittlerin in Dialog und Praxis positionieren. Derr digitale Wandel wird ein Kernpunkt dieser Entwicklung sein, da er bereits jetzt die Grammatik der Diplomatie verändert, die sich auf verschiedenen Ebenen zwischen öffentlichen und privaten Akteuren, der Bürokratie und der Wirtschaft sowie zwischen Experten und Bürgerinnen und Bürgern abspielt.
Die Diplomatie wird wohl stets ein Tätigkeitsfeld bleiben, das sich an langfristigen Zielen misst. Dennoch erfordern die heutigen Herausforderungen ein schnelles Handeln, das die Unbeständigkeit von Bündnissen ebenso berücksichtigt wie (in vielen Fällen) deren Undurchsichtigkeit. Ein solch verstärktes Engagement bildet den Kernpunkt der neuen Räume der Diplomatie – Vorboten für einen Ansatz, bei dem sich die Verhandlungsformen unter dem Einfluss framentierter Interessen verändern, unterschiedliche Akteurinnen und Akteure eine umstrittene Legitimität vorweisen und die Dualität zwischen öffentlich und privaten Entitäten hinterfragt wird.
Über die Autoren
Peter Maurer ist der frühere Präsident des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz.
Mohamed Mahmoud Mohamedou ist stellvertretender Leiter des Geneva Graduate Institute und Professor für internationale Geschichte und Politik.
Disclaimer
Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Meinungen sind die der Autoren. Sie geben nicht vor, die Meinungen oder Ansichten des Geneva Policy Outlook oder seiner Partnerorganisationen wiederzugeben.
Dieser Artikel ist eine Übersetzung einer englischen Originalversion. Für jegliche offizielle Verwendung des Artikels beziehen Sie sich bitte auf die englische Version.