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Kinderjahre
Um vier Uhr morgens des 11. Aprils 1920 wurde dem Försterehepaar Heinrich und Maria Frauendorfer in Frauenstein, Oberösterreich eine Tochter geboren: Maria Helene.
Im Taufbuch der Pfarre Frauenstein 1911-1937, Tomus IV, Pagina 38 ist eingetragen (gemäss Katalog zur Ausstellung “Marlen Haushofer 1920 – 1970”):
Jahr: 1920
Monat, Tag und Stunde der Geburt: April 11ten, elften, vier Uhr früh
Monat, Tag und Stunde der Taufe: April 12, zwölften, 11 1/4 Uhr vorm.
Name und Charakter des Taufenden: Anton Haberkamm, Pfarrer
Ortschaft (Gasse) und Hausnummer: Ramsau 23
Name des Täuflings / Katholisches Religionsbekenntnis / Geschlecht / Eigenschaft: ehelich, unehelich oder angeblich ehelich: Maria Helene, kathol., ehelich
Die ersten zehn Jahre ihres Lebens sollte das quirlige Mädchen im Weiler Effertsbach bei Frauenstein in Oberösterreich verbringen. Eine idyllische, ländlich abgeschiedene Gegend inmitten von Wiesen und Wäldern. Hier war der Vater Förster – eine dazumal sehr angesehene gesellschaftliche Stellung. Die Familie lebte in einem stattlichen Forsthaus, das etwas erhöht über der Strasse gelegen war. Für Marlen war dieses Gebäude in Effertsbach zeit ihres Lebens der Inbegriff eines Zuhauses und kindlicher Geborgenheit. Das widerspiegelt sich auch in mehreren ihrer späteren Geschichten. Wie auf einem Bauernhof wuchsen Marlen und ihr Bruder Rudolf wohl behütet auf und wurden früh mit körperlicher Landarbeit, Geburt, Tod, Naturgewalten konfrontiert. Kühe, Schweine und ein Gemüsegarten machten die Familie zu fast unabhängigen Selbstversorgern.Marlen zeichnete sich als ein lebhaftes, aufgewecktes Kind aus, oftmals etwas trotzig, voller Fantasie, das sich gerne mit Nachbarsbuben abgab und diesen in ihrer “Wildheit” in nichts nach stand. Sie liebte die Natur und genoss es, die Gegend zu erforschen.
Ihr Verhältnis zur tiefreligiösen Mutter war eher angespannt, weil das Mädchen nicht immer dem Idealbild ihrer Mutter entsprach. Oftmals gebärdete sie sich eigensinnig und gab freche Antworten. Diese Beziehung wurde durch die Geburt des Bruders Rudolf im Jahre 1924 noch zusätzlich belastet. Für Marlen brachte das Ereignis neben der natürlichen Eifersucht auch ein Gefühl der Zurücksetzung. Dennoch entwickelte sich mit den Jahren ein inniges Verhältnis zu ihrem Brüderchen, das später ihr liebster Spielkamerad werden sollte. Zum Vater hingegen verband das Mädchen eine sehr innige Bande. Er pflegte ihr nach seinem Mittagsschlaf phantastische Geschichten zu erzählen, die sie bald gemeinsam weiter spannen und so Marlens Ideenreichtum und ausserordentliche Beobachtungsgabe forderten. Die Geschichten des Vaters drehten sich vielfach um das Thema Krieg.
Marlens wissensdurstiger Geist äusserte sich auch darin, dass sie sich das Lesen selber beibrachte – noch bevor es die Volksschule in Frauenstein besuchte. Marlen galt allgemein als überdurchschnittlich begabt. Ihren Klassenkameraden gegenüber verhielt sie sich launisch: Mal lustig und zu jedem Streich aufgelegt, mal reserviert und unnahbar. Sie wirkte oft melancholisch, abwesend, verträumt. Marlen war ein sehr behütetes Kind, sie durfte vieles nicht, was ihre Klassenkameraden durften.
Mit zehn Jahren sollte Marlen ein Gymnasium besuchen: Die Klosterschule der Ursulinen in Linz. Nach ihrem freien Leben mit Ausflügen in Feld und Wald war das streng reglementierte Leben hinter den Klostermauern eine harte Umstellung. Doch Marlen beklagte sich kaum; erst ihre späteren Romane lassen erahnen, wie sie unter den Jahren im Internat gelitten haben muss. In einem Brief an ihre ehemalige Schulkameradin Gerti Menzl schreibt Marlen im Jahre 1937, dass die Klosterschwestern sehr streng waren, die Mädchen stets im Hause zu sein hatten und die Briefe zensuriert wurden. Dennoch war Marlen eine gute, wenn auch krankheitsanfällige Schülerin. Mit zwölf Jahren wurde sie schwer lungenkrank und musste eine Klasse wiederholen.
Einigen Ihrer Mitschülerinnen blieb Marlen Frauendorfer als kränkliches, stilles, eher trauriges Wesen in Erinnerung, das durch herausragende schulische Leistungen auffiel und dessen Aufsätze oft vor der ganzen Klasse vorgelesen wurden. Andere erlebten das Mädchen als hochnäsig….oder für jeden Streich im Internat zu haben.
Marlen resümierte ihr Internatsleben in einem Interview wie folgt (gemäss Katalog zur Ausstellung “Marlen Haushofer 1920 – 1970”): “Bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr war ich ein todunglücklicher Mensch. Man hatte mich zu den Ursulinen nach Linz gegeben. Der Übergang von der vollkommenen Freiheit in und rund um das Elternhaus zum Klosterleben führte zu schwersten Depressionen. Ich wurde ernstlich krank und für ein Jahr aus der Schule genommen. Da die Klosterschule aufgelöst worden war, besuchte ich eine öffentliche Mittelschule, die ich dann mit der Matura abschloss. Aber es war mir nach dem Kranksein ein Licht aufgegangen. Ich hatte gelernt, mich nicht mehr gegen alle möglichen Hindernisse aufzulehnen. Mit dem Kopf durch die Wand? Das hatte ich aufgegeben.” (Raimund Lackenbucher: “In jener fernen Wirklichkeit…”. Ein besinnliches Gespräch mit Marlen Haushofer, in: Neue Illustrierte Wochenschau, Wien, 29.12.1968, S. 13f.)
Im Jahre 1938 wurde die Klosterschule in Linz von den Nazis geschlossen. Marlen besuchte noch für ein Jahr die Schule der Kreuzschwestern in Linz, wo sie 1939 maturierte. Unmittelbar danach liess sie sich zum Reichsarbeitsdienst verpflichten, welcher im Oktober 1938 in Österreich eingeführt worden war. Jede junge Frau musste ihm zwangsweise eine zeitlang angehören. Die Aufgabe bestand darin, Hausfrauen und Mütter, insbesondere berufstätige Frauen in den Grossstädten zu entlasten. In der Praxis wurden die jungen Frauen meist zur Arbeit in der Landwirtschaft eingesetzt. Marlen Haushofers Einsatzort lag in Christburg bei Elbing an der deutsch-polnischen Grenze.
Die Mutter
Maria Frauendorfer, geborene Leitner (1891-1974) war die Tochter eines Försters in St. Ulrich bei Steyr. Nach Abschluss einer Hauswirtschaftsschule trat sie als Kammerzofe in den Dienst einer Gräfin Colloredo, die sie auf Reisen nach Frankreich und Italien begleitete. Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 begann Maria Frauendorfer in der Steyr-Waffenfabrik zu arbeiten.
Ein Jahr nach dem Krieg siedelte sich Maria Frauendorfer mit ihrem Ehemann Heinrich im Effertsbachtal an. Das Leben dort war für die zierliche Person oftmals erdrückend und einsam, ohne richtige Abwechslung. So blieben ihr insbesondere die Erinnerungen an die Reisen, die sie als junges Mädchen mit ihrer Dienstherrin nach Rom, Neapel und an die Riviera unternommen hatte. Selbst an einer Privataudienz von Papst Pius X. hatte sie mit der Gräfin teilnehmen dürfen…deshalb wohl hielt sich Maria Frauendorfer für etwas “Besseres” als die Leute vom Tal. Dort fürchtete man ihre scharfe Zunge; sie galt als strenge Frau, die Wert auf Etikette gelegt habe und nicht ohne Dünkel gewesen sei. Besondere Tatkraft und Zielstrebigkeit zeichneten die kleine Person aus, genauso wie ihre bis zur Bigotterie reichende Religiosität.
Als professionell ausgebildete Köchin führte Maria Frauendorfer die Küche mit strenger Hand und setzte viel Energie auf eine perfekte Haushaltsführung. Am Tisch wurde gebetet und am Sonntag mussten alle Mitglieder des Hauses zur Kirchmesse gehen. Ihre Selbständigkeit und die verinnerlichte Härte begründet sich sicherlich aus den Kindheitserinnerungen Marias: Ihr Vater war ein herrschsüchtiger Tyrann, der seine Kinder verprügelte und stets Streit zu suchen schien.
Ihre Mutter hingegen, eine sanfte, traurige Gestalt bewunderte Maria Frauendorfer von ganzem Herzen. Sie sollte sich auch im Verlaufe ihres Lebens immer mehr dem Bild ihrer Mutter angleichen.
Der Vater
Heinrich Frauendorfer (1888 – 1970) stammte aus der Bezirksstadt Steyr. Nachdem er die Forstschule im böhmischen Budweis absolviert hatte, leistete er in der Armee den dreijährigen Dienst ab. Anschliessend kämpfte er während vier Jahren an den Weltkriegsfronten in Russland und Südtirol.
Er galt als ruhiger, ausgeglichener und humorvoller Mann und war bei seinen Untergebenen als auch bei den übrigen Dorfbewohnern ausserordentlich beliebt. Nie missbrauchte er seine Machtstellung als herrschaftlicher Förster. In Frauenstein galt der Lambergsche Revierförster als eine Respektsperson. Das Revier von Heinrich Frauendorfer umfasste rund tausendfünfhundert Hektar Wald.
Bei Holzverkäufen oder Wildschäden verhandelte Heinrich Frauendorfer mit den Bauern korrekt und bemühte sich um eine gerechte Lösung.
Wenn man den Ausführungen in Marlen Haushofers Roman “Himmel, der nirgendwo endet” glauben darf, dann war Heinrich ein Mann voller Gegensätze. Förster, der kein Jäger sein wollte, liebevoller Gastgeber, der kein Menschenfreund war, Familienvater, der am liebsten tagelang alleine mit seinem Hund den Wald durchstreifte, und ein Pazifist, der vom Krieg träumte. Ein Mann, der seiner Geliebten, die später seine Frau werden sollte, in einem Brief schrieb: “Du bist eine Hexe, du hast mich verzaubert.” Und dessen einziges Laster – um wieder auf den Roman “Himmel, der nirgendwo endet” zurückzugreifen – sein Jähzorn war.
Mit seiner stattlichen Statur erfüllte Heinrich Frauendorfer den Schein eines Patriarchen. Doch dieser Eindruck trog. Denn nicht einmal zu Disziplinierungsmassnahmen gegenüber der aufmüpfigen Tochter liess sich der ruhige Vater bewegen, obschon die Mutter sich diese Massregelungen oft gewünscht hätte.