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Eine Geschichte
Ein Bauer lebte mit seiner Frau und seinen sieben Kindern in einem ärmlichen Taglöhnerhäuschen. Da er selber nur einen kleinen Acker besass, ging er jeden Tag zur Arbeit bei anderen reichen Bauern, um seinen Kindern wenigstens am Abend etwas zu Essen nach Hause zu bringen. Seine Frau bestellte mit Mühe und Not den kleinen Acker vor dem Haus. In guten Jahren lieferte er ihnen das Getreide für das tägliche Brot, in schlechten Jahren jedoch mussten sie ohne dieses auskommen.
Als in einem Sommer bei einem Unwetter das ganze Getreide verfaulte, wusste der Bauer nicht mehr, was er anstellen sollte und setzte sich verzweifelt an den Rand des sumpfigen Feldes.
Da kam ein Jüngling den Weg entlang und fragte ihn: „Bauer, was fehlt dir, dass du so verzweifelt am Wegrand sitzest?“
Der Bauer klagte:“ Mit Mühe und Not hat meine Frau diesen Acker bestellt, nun hat ein furchtbarer Regen ihn in einen Sumpf verwandelt, und alles Getreide ist dahin.“
„Steh auf, geh in das Feld und lies alle Halme heraus, die nicht verfault sind. Dann löst Du die Körner aus den Grannen und legst sie in diese Schale. Die Halme schneidest Du ab und gibst sie mir. Höre nicht eher auf mit sammeln, als bis die Schale voll ist mit Körnern, dann trage sie nach Hause. Deine Frau soll den ganzen Winter über das Feuer am Herd nicht ausgehen lassen und die Schale mit den Körnern sorgsam zum Trocknen danebenstellen und darauf achten, dass keines verloren geht. Ich nehme die Halme mit und werde nächsten Frühling wieder vorbeikommen.“
Da der Bauer eh nicht mehr wusste, was er noch hätte tun können, beherzigte er den Rat des Jünglings und sammelte eine Schale voller Körner aus seinem Acker, gab die Halme dem Jüngling und ging nach Hause. Seine Frau bat er, die Körner am Herd zu trocknen und darüber zu wachen, dass das Feuer nie ausging und ja kein Korn verloren gehe. Obwohl die Frau fand, es sei Verschwendung, das Feuer den ganzen Winter über brennen zu lassen, folgte sie wider besseren Wissens dem Rat ihres Mannes, in der Hoffnung, dass er einen Weg aus dem Elend finden würde.
Im nächsten Frühling stand der Jüngling wieder am Acker und wies den Mann an, ihn gemeinsam mit der Frau zu bestellen, damit sie die getrockneten Körner aussähen konnten.
„Was hast Du mit den Halmen gemacht?“ , fragte da der Bauer.
„Das wirst Du sehen,“ antwortete der Jüngling und verschwand wieder.
Der Bauer blieb einige Tage zuhause und bestellte mit seiner Frau den Acker. Als er am ersten Abend vom Feld nachhause kam, stand ein kleines goldenes Schälchen mit Brei vor der Türe. Die ganze Familie ass davon und wurde satt. Als die Frau die Schale sorgsam wusch, entdeckte sie, dass sie aus lauter goldenen Halmen gemacht war. Voller Verwunderung zeigte sie sie ihrem Mann und sie stellten sie in ihren besten Schrank in der Wohnstube.
Von da an erhielten sie jeden Abend ein weiteres Schälchen, und als im Herbst das Getreide reif war, stand der Jüngling wieder vor der Tür.
„Nun ernte Dein Getreide und fülle die Körner in die goldenen Schalen, die Du den Sommer über erhalten hast. Dann nimm jeden Morgen eine Schale, geh vor die Tür deines Hauses und schaue, wo du hingeführt wirst. Du wirst erkennen, wohin Du sie bringen sollst.“
Der Bauer tat wieder, wie ihm geheissen. Und obwohl er alle Schalen mit dem Getreide seiner Ernte gefüllt hatte, blieb ihm doch noch genug, um seine Familie den Winter über mit Brot zu versorgen. Als er am anderen Morgen vor das Haus trat, sah er einen feinen, goldschimmernden Faden in der Morgensonne glänzen. Er nahm eine Schale, folgte dem Faden, und dieser führte ihn direkt zum Schmid. Der Schmid klagte, dass er dieses Jahr nicht genug Getreide habe, um seine Kinder zu ernähren, denn ausser auf dem Acker des Bauern war die Ernte überall in der Umgebung verdorrt. Der Bauer überreichte ihm die mit Getreide gefüllte Schale zum Geschenk und gab ihm denselben Rat, den damals der Jüngling ihm gegeben hatte. Und so ging er den ganzen Herbst von Haus zu Haus, jeden Morgen dorthin, wo der goldene Faden ihn hinführte, und er verschenkte seine Schalen mit Getreide.
Nun kam der Winter, und obwohl er jetzt genug zu essen hatte, bangte ihm doch vor dem nächsten Jahr, wie es weitergehen sollte, denn er war nach wie vor arm,, ohne Werkzeuge, ohne Tiere, und ohne Gefährte. Weil es aber den Nachbarn im Dorf gleich erging wie dem Bauern, und sie jeden Morgen eine Schale mit Brei vor der Haustüre fanden, solange sie ihr Getreide sorgsam am Feuer bewachten, erinnerten sie sich, wie arm der Bauer selber war, der ihnen dieses Geschenk gemacht hatte. Einer nach dem anderen kam, und brachte dem Bauern etwas aus seinem Besitz mit: Der Schmid einen Pflug und Werkzeug, der Wagner ein Gefährt, der Förster das schönste Holz, der Schreiner Rechen, Gabeln und Bottiche, die anderen Bauern ein Stück von ihrem Land, eine Kuh, einen Stier, Eber und Schwein, Ziegen und Bock, Hühner und Hahn, Hund und Hündin, Kater und Katze, und ein Rudel Kaninchen, so dass der Bauer im Frühling alles hatte, was zu einem gut funktionierenden Hof gehörte.
Den Jüngling hat er seither nie mehr gesehen, aber vergessen hat er ihn nicht, und wann immer es einem Bewohner des Dorfes übel erging, füllte er eine Schale mit seinem Getreide und brachte sie dem Geprüften.
Als es soweit war, dass der Bauer sterben sollte, stand ganz unerwartet der Jüngling selber an seinem Sterbebett und bat den Bauern, ihm zu folgen. Er führte ihn ein Stück von der Erde weg, und hiess ihn, zurückzuschauen. Da sahen sie, wie viele goldene Fäden sich zu einer Schale um das ganze Dorf gewoben hatten. „Ihr habt für den Begleiter Eures Schicksals eine Schale gebildet, sagte der Jüngling. „Dahinein kann er jetzt dem Dorf allezeit seinen Segen spenden, wenn die Bewohner nicht vergessen, in der gegenseitigen Aufmerksamkeit den goldenen Faden weiterzuspinnen und das Getreide gut zu wärmen an ihrem Winterfeuer.“
Pascale Fischli