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Hermann Achmüller gilt beim Hunderter in Biel als Favorit. Der 47-jährige Südtiroler hat über diese Distanz bewiesen, dass er sehr schnell sein kann.
Ihm scheint auf Anhieb, alles zu gelingen. Fünf Jahre ist es her, da lief Hermann Achmüller seinen ersten Ultralauf. Er beendete die «100km del Passatore» von Florenz nach Faenza als Gesamtdritter und verbesserte mit seiner Zeit (6:58:01) den 30 Jahre alten Südtiroler Rekord. «Ich wollte zum Ende meiner Karriere einen Hunderter absolvieren», erklärt Achmüller. «Dass es mir so gut laufen würde, habe ich nicht erwartet.»
Statt dem Leistungssport den Rücken zu kehren, startete der Läufer aus dem Pustertal ein Jahr später für das italienische Nationalteam an der Weltmeisterschaft über 100 Kilometer.
Zwei Monate Vorbereitung auf den ersten Marathon
Wenn sich Hermann Achmüller etwas in den Kopf gesetzt hat, dann verfolgt er das Ziel konsequent. Nur so ist sein fulminanter Einstieg in den Laufsport zu erklären: Der damals 26-Jährige hatte das Gefühl, zu wenig Sport zu machen. Deshalb meldete er sich für einen Marathon (rund 42,2 Kilometer lang) an. Er hatte zwei Monate Zeit, sich in Form zu bringen.
Dass er als Läufer nicht unbegabt ist, wusste Achmüller, in seiner Jugend war er südtirolischer Meister im Crosslauf. Doch als er ins Teenageralter kam, rückte der Sport in den Hintergrund. Anderes wurde interessanter: zum Beispiel seine Heavy-Metal-Band. «Zehn Jahre lang habe ich mich sportlich praktisch gar nicht mehr betätigt», erinnert sich Achmüller. Zwei Monate vor dem Marathon in Wien wog er 90 Kilogramm. Als er an den Start ging, hatte er 22 Kilogramm verloren. Er habe kaum mehr gegessen und auch sonst in der Vorbereitung «so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann». Dennoch schaffte er beim Marathon in der österreichischen Hauptstadt etwas, was für viele Hobbyläufer als das Mass aller Dinge gilt: Er blieb deutlich unter drei Stunden (2:56:01).
Hermann Achmüller hatte das Laufen für sich entdeckt. Der gelernte Verkäufer arbeitete nur noch halbtags und lief wöchentlich rund 200 Kilometer. In der Laufszene machte er sich unter anderem als Tempomacher einen Namen. Im Jahr 2001 führte er beispielsweise die Eliteläuferin Naoko Takahashi zum damaligen Frauenweltrekord im Marathon.
Neun Marathons: «Der Lauf seines Lebens»
Seinen grössten Erfolg feierte Hermann Achmüller in der Schweiz. 2008 gewann er den Jungfrau-Marathon. Erwähnenswert: Es war erst seine zweite Teilnahme in Interlaken. Bei seiner Berglauf-Premiere ein Jahr zuvor hatte er den Sieg als Zweiter noch knapp verpasst.
Meist an seiner Seite ist seine Lebenspartnerin Tiziana Pignatelli. Da sie ebenfalls läuft, reisen sie oft gemeinsam an die Rennen. Reisen, laufen, reisen, laufen: Zwei Leidenschaften, die ein Familienleben erschwert hätten. «Wir haben uns gegen ein gemeinsames Kind entschieden», so Achmüller. Eine Entscheidung, die nicht einfach gefallen sei, letztlich aber für beide gestimmt habe. Sind sie nicht gerade unterwegs, betreiben Pignatelli und Achmüller ein Geschäft, in dem Rad- und Laufbekleidung verkauft wird.
Der berufliche Aufwand hat in den letzten Jahren zugenommen. Auch deshalb hat Hermann Achmüller sein Training reduziert. «Ausserdem brauchen die Muskeln in meinem Alter mehr Erholung als früher», so der 47-Jährige. Das hielt ihn im letzten Jahr – seinem 20-Jahr-Laufjubiläum – nicht davon ab, ein Rennprogramm sondergleichen aufzustellen. Achmüller lief die sechs Marathons, die zur World-Major-Serie gehören. Dazwischen nahm er an drei Berg-Marathons teil. Das Ganze ist in einer Dokumentation unter dem Namen «Der Lauf seines Lebens» festgehalten worden. «Eigentlich wollte ich auch in Biel starten», so Achmüller. «Für einen 100-Kilometer-Lauf wäre ich aber nicht rechtzeitig in Form gekommen.»
Dunkelheit als Unsicherheitsfaktor
Dies holt er heuer nach. Das Training für einen Hunderter sei ähnlich wie das für einen Marathon. «Statt über 30 Kilometer gehen die langen Trainingsläufe nun über 60 Kilometer», sagt er nonchalant. Er fügt jedoch an, dass der Lauf selbst sich doch wesentlich von einem Marathon unterscheide. Die grosse Herausforderung sei es, mental auf der Höhe zu bleiben. Denn er weiss: «Über 100 Kilometer kommt irgendwann die Krise.» Marathonläufer kennen es: Während des Rennens gibt es oft einen Zeitpunkt, bei welchem man etwas einbricht. Bei ihm sei es meist der 35. Kilometer, sagt Achmüller. Da das Ziel zu diesem Zeitpunkt nur noch sieben Kilometer entfernt ist, findet er jedoch die Kraft, durchzubeissen. «Bei einem Hunderter kann die Krise dagegen bereits bei Kilometer 50 oder 60 auftauchen», sagt der Südtiroler. Da falle es schwerer, sich aufzuraffen. Ein Rezept dafür kann Achmüller nur bedingt geben. «Es klingt blöd: Man muss einfach positiv denken.» Er sei mittlerweile so erfahren, dass er wisse: Krisen kommen, sie gehen aber auch wieder.
Beim Hunderter in Biel strebt er eine Zeit von rund sieben Stunden an. Damit würde er sich erneut für die Weltmeisterschaft im Herbst aufdrängen. Durch die Nacht ist Achmüller allerdings noch nie gelaufen. «Das wird eine spezielle Erfahrung. Ich hoffe, dass ich keine Abbiegung verpasse.» Falls nicht, stehen die Chancen gut, dass dem Südtiroler auch die Premiere beim Hunderter in Biel auf Anhieb gelingt.