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Die Doktoratsschule der EPFL betreut ihre Forscherinnen und Forscher seit nunmehr 15 Jahren
Alle, die ihre Doktorarbeit an der EPFL schreiben wollen, müssen die Doktoratsschule absolvieren. Dank dieses in der Schweiz einzigartigen Systems konnte die Qualität der Gewinnung und Betreuung von Doktoranden gesteigert werden.
An der EPFL gehen sogar die Doktoranden zur Schule. Genauer gesagt absolvieren sie die Doktoratsschule, die 2018 ihren 15. Geburtstag feierte. Dieses sehr stark durch das amerikanische Vorbild inspirierte System bietet den Doktorandinnen und Doktoranden der EPFL eine ausserordentlich umfassende Betreuung. Pierre Vandergheynst, Vizepräsident für Lehre, und Andreas Mortensen, Vizepräsident für Forschung, der die Gründung der Doktoratsschule leitete, blicken auf die Schaffung dieses in der Schweiz in diesem Umfang einzigartigen Lehrgangs zurück.
Wie ist die Doktoratsschule entstanden?
Andreas Mortensen (A.M.): Es war ein langfristiges Projekt, das von Patrick Aebischer kurz nach seinem Amtsantritt als Präsident der EPFL angestossen wurde. Vorher rekrutierte jedes Labor seine Doktorandinnen und Doktoranden selber, manchmal über einen einfachen Aushang in einem Flur, und es gab grosse Unterschiede zwischen den verlangten Kompetenzen. Deshalb wollten wir das Rekrutierungsverfahren verbessern, aber auch für eine optimierte Betreuung der Doktorandinnen und Doktoranden sorgen, damit sie wie in den amerikanischen Graduate Schools auch über andere Wege als die Doktorarbeit Kenntnisse erwerben können. In den ersten Jahren war die Teilnahme der Professorinnen und Professoren an diesem System freiwillig. Die grosse Mehrheit entschied sich dann aber spontan dafür, worauf ich stolz bin. Das System entstand aus einer gemeinsamen Entscheidung, wurde gemeinsam aufgebaut und hat sich auch auf lange Sicht bewährt.
Wie erfolgt die Auswahl der Doktorandinnen und Doktoranden?
A.M.: Die Hochschule zählt 21 unabhängig geleitete Doktoratsprogramme. Die Doktorandinnen und Doktoranden bewerben sich über ein Bewerbungsdossier ähnlich wie an amerikanischen Universitäten für ein Doktoratsprogramm. Das Dossier enthält insbesondere drei Empfehlungsschreiben, die Noten und die Forschungsziele. Die Bewerber werden anschliessend von einem Aufnahmeausschuss ausgewählt. Nach einem Jahr werden sie endgültig aufgenommen, sofern sie einen Doktorvater gefunden, die notwendigen Credits erhalten und die Aufnahmeprüfung bestanden haben. Zurzeit haben wir über 2000 Doktorandinnen und Doktoranden, die ihre Doktorarbeit in der Regel innerhalb von vier Jahren abschliessen.
Pierre Vandergheynst (P.V.): Indem sie den Schwerpunkt auf die Kollegialität legt, nützt die Doktoratsschule allen. Die Lehrkräfte müssen sich nicht mehr nur auf ihren Ruf verlassen, um gute Doktorandinnen und Doktoranden zu gewinnen, und diese kommen in den Genuss der Betreuung durch die Hochschule.
«Indem sie den Schwerpunkt auf die Kollegialität legt, nützt die Doktoratsschule allen. Die Lehrkräfte müssen sich nicht mehr nur auf ihren Ruf verlassen, um gute Doktorandinnen und Doktoranden zu gewinnen, und diese kommen in den Genuss der Betreuung durch die Hochschule.»
Welche Vorteile hat die Doktoratsschule?
A.M.: Neben den besseren Mitteln, um Doktorandinnen und Doktoranden zu finden, haben wir die Möglichkeit, das Doktorat weiterzuentwickeln, indem wir es in einem festgelegten, aber wandlungsfähigen Rahmen verbessern. Die Doktoratsschule bietet den Doktorandinnen und Doktoranden auch Aktivitäten, über die sie Teil einer Gemeinschaft werden, die über das Labor hinausgeht. So können wir auch Konflikt- oder Notsituationen besser erkennen und bewältigen, denn die Doktorandinnen und Doktoranden haben mehr Ansprechpartner, und sie werden alle von einem Mentor betreut, der vom Doktorvater unabhängig ist.
P.V.: Die Qualität der Doktorandinnen und Doktoranden ist gestiegen, und es ist einfacher, gute Praktiken bezüglich Rekrutierung, Kursorganisation, Mentoring und Betreuung auszutauschen. Die Doktorandinnen und Doktoranden gelangen ausserdem in den Genuss zahlreicher Programme, die zur Entstehung einer lebendigen Gemeinschaft führen.
Was zeichnet eine gute Doktorandin bzw. einen guten Doktoranden aus?
P.V.: Ein Doktorat ist keine Beamtenarbeit. Man muss begeistert sein und darf seine Arbeitsstunden nicht zählen. Die Doktorandinnen und Doktoranden müssen sich gerne mit offenen Problemen auseinandersetzen und viel Kreativität an den Tag legen, gleichzeitig aber Lust auf die akademische Welt haben und sich an diese anpassen wollen.
A.M.: Man muss in seinem Fachgebiet wirklich etwas leisten wollen, motiviert und in der Lage sein, ein Wissensfeld an der Grenze der aktuellen Kenntnisse zu beackern. Man muss intellektuell ehrgeizig und kreativ sein und lernen, wie man ein grosses wissenschaftliches Projekt führt, um anschliessend selbstständig zu werden.
Arbeiten die Doktorandinnen und Doktoranden im Allgemeinen später weiter in der Forschung?
P.V.: Nein, die meisten verlassen die akademische Welt und die Forschung. Studien zeigen jedoch, dass das Gehalt von Personen mit Doktortitel schneller steigt.
A.M.: Im Gegensatz zu anderen Ländern ist in der Schweiz ein Doktorat weiterhin als eigener Wert anerkannt, und Doktorandinnen und Doktoranden werden nicht als ewige Studenten betrachtet.
Was für Erinnerungen haben Sie an Ihre Doktorarbeit?
P.V: Ich habe eine Doktorarbeit in mathematischer Physik an der Universität Löwen gemacht. Es war meine erste echte Erfahrung als Forscher, und ich tappte zuerst im Dunkeln, um schliesslich das Licht zu finden. Es ist aufregend, an einem Problem zu arbeiten, das noch niemand gelöst hat, auch wenn man sich manchmal in eine Sackgasse manövriert und sich schwer irrt. Nachdem ich ein ganzes Jahr lang an einer Theorie gearbeitet hatte, merkte ich innerhalb weniger Tage und Nächte, dass meine Ausgangshypothese falsch war. In jenem Augenblick war ich froh, dass in Belgien das Bier nicht teuer ist.
A.M.: Ich habe meine Doktorarbeit in Werkstoffwissenschaften am MIT geschrieben und stand kurz davor, alles hinzuwerfen. Ich habe ein Gerät in die Luft gejagt und zweimal das Thema gewechselt. Ich gab aber nicht auf, weil ich meinen Doktorvater sehr mochte. Ich wollte allerdings weder Forscher werden noch unterrichten. Erst im letzten Jahr habe ich mich für eine akademische Laufbahn entschieden. Man kann also nie wissen…