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Der Paradiesvogel
Januar 2007. Seit fast einem halben Jahr sind wir in den USA. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten hat sich meine Tochter, S., gut eingelebt, vor allem seit sie ihrem Lover D. aka "Superschnorrer #1" den Laufpass gegeben hat. Seit einiger Zeit ist sie mit ihrem Schulkollegen M. liiert, ihr Englisch hat sich nicht zuletzt deswegen stark verbessert und auch ihre Noten geben keinen Anlass zur Klage. Neben M. hat sie noch eine BFF (best female friend) und einen BMF (best male friend). Von letzterem, im folgenden A. genannt, ist hier die Rede.
A. ist eine Klassenstufe über ihr. Er ist Halbwaise. Seine Mutter ist zwei Jahre zuvor gestorben und hat neben ihm noch zwei ältere Schwestern zurückgelassen. A. kam daraufhin in eine Pflegefamilie. Sein Vater hat die Familie verlassen, als A. drei Jahre alt war. A's Mutter hat die Kinder alleine grossgezogen, auf finanzielle Unterstützung durch ihren Exmann hat sie verzichtet, mit der Folge, dass er nun auch für A. nicht mehr unterhaltspflichtig ist. Solange A. in der Pflegefamilie lebt, wird er vom Staat finanziell unterstützt. Seine Mutter hat im Testament bestimmt, dass das Erbe zweckgebunden für die Ausbildung, d.h. für die Studiengebühren verwendet werden muss. Die Schulgebühren werden aus einem Sozialfonds der Schule finanziert.
S. erzählt mir einiges über A., der eine Art Paradiesvogel zu sein scheint, und aufgrund seines sehr sozialen und etwas exzentrischen Wesens an der Schule bekannt wie ein bunter Hund. Persönlich kenne ich ihn noch nicht.
Eines Tages ruft mich meine Tochter auf der Arbeit an. "Mam, kann A. zu uns ziehen und bis Sommer bei uns wohnen?" Die Frage kommt überraschend, aber ich sage spontan zu. Da wir nur zwei Schlafzimmer haben, muss S. ihr Zimmer mit ihm teilen, dazu ist sie bereit. Mit ihrem Freund M. sind keine Probleme deswegen zu erwarten – A. ist schwul!
Noch am selben Tag zieht A. mit zwei Koffern bei uns ein. Mit seiner Pflegefamilie hatte es zuvor Probleme gegeben, laut A. waren diese mit seiner Homosexualität nicht klargekommen. Mit dem Auszug verliert A. die finanzielle Unterstützung durch den Staat, von nun an muss er finanziell auf eigenen Füssen stehen, bis er im Sommer ein Studium antreten und Gelder aus dem Erbe seiner Mutter beanspruchen kann. A. hat etwas eigene Ersparnisse aus Ferienjobs, die Krankenversicherung ist geregelt, für den Rest werde ich aufkommen.