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Bild des Monats März 2014: Ein himmlisches BĂŒchlein
Die prĂ€chtige Miniatur aus einer der Lancelot-Handschriften der British Library (ca. 1300-1325) begleitet den Prolog der altfranzösischen Estoire del Saint Graal. Diese entwirft ein kĂŒhnes Schriftszenario, dessen medialer Ăberschuss auch den Illuminator in den Bann gezogen hat: Die erste Darstellung zeigt, wie ein ErzĂ€hler-Eremit ein kleines BĂŒchlein aus den HĂ€nden des in einer Wolke erscheinenden Jesus Christus erhĂ€lt. Letzterer habe, so heiĂt es in der ErzĂ€hlung, den Text höchstpersönlich niedergeschrieben. Zudem erhĂ€lt der Eremit den göttlichen Auftrag, das BĂŒchlein bis zu Maria Himmelfahrt abzuschreiben, da es zu diesem Zeitpunkt wieder von dieser Welt entschwinden werde. Auch dieses Motiv ist in der Handschrift bildlich umgesetzt: Eine zweite Miniatur zeigt den Eremiten bei der konzentrierten Arbeit; mit Griffel und Messer in der Hand erstellt der Schreiberling eine identische Kopie der Vorlage. Das an die Ăbergabe der Gesetzestafeln an Moses in Exodus 31,18 erinnernde Szenario scheint sowohl der Heiligung des Autors als auch der Nobilitierung der ErzĂ€hlung zu dienen: Das himmlische BĂŒchlein (als Objekt) ĂŒberschreitet wie die Christuserscheinung (als Figur) die Grenze zwischen Immanenz und Transzendenz. Durch die BerĂŒhrung mit Christus erfĂ€hrt das BĂŒchlein eine Auratisierung und wird als göttliche Kontaktreliquie in Szene gesetzt. Gleichzeitig soll die ErzĂ€hlung von der Geschichte des Grals in den Rang eines quasi-kanonischen Texts erhoben werden, indem die Autorschaft dem Gottessohn persönlich zugeschrieben wird. Das Authentifizierungsszenario reagiert hier auf die Bedingungen mittelalterlicher Ăberlieferung: Das Abschreiben von Texten, welches vor der Zeit des Buchdrucks die einzige Möglichkeit der Verbreitung von Literatur war, ist durch den göttlichen Schreibbefehl legitimiert. Die Miniatur zeigt denn auch, wie der AutorerzĂ€hler die exakt gleichen Schriftzeichen niederschreibt. Durch die Wahrung des Inhalts partizipiert jede Abschrift an deren göttlichem Ursprung, am himmlischen BĂŒchlein. Dass dieses aber gerade nicht mehr verfĂŒgbar ist, fĂŒhrt das Paradoxe medialer Heilsvermittlung vor Augen: Heiliges entzieht sich der Erfahrbarkeit und ist entsprechend flĂŒchtig. Davon zeugt in diesem Beispiel der groĂe mediale Aufwand, mit dem Text und Bild jenem Mangel zu begegnen versuchen.
Bilder: The British Library Board, Royal 14 E III f. 6v und f.7