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Es gibt nicht viele Einzelsportarten, in denen Frauen und Männer gegeneinander antreten. Unter den 28 Sportarten, die 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro (Brasilien) auf dem Programm standen, ist nur Reiten eine echte Mixed-Disziplin. Motorsport ist also eine Ausnahmeerscheinung. Ernsthafte Versuche, daran etwas zu ändern und die Geschlechter in unterschiedlichen Serien antreten zu lassen, gab es nie. Die Frauen, die sich im Rennsport beweisen wollten, haben es immer als Herausforderung betrachtet, gegen das angeblich starke Geschlecht anzutreten. Der Indycar-Sieg der US-Amerikanerin Danica Patrick in Motegi 2008 hätte nie diesen Stellenwert gehabt, hätte sie ihn in einer reinen Damen-Meisterschaft errungen. Frauen wollen sich im Rennsport mit Männern messen. Genauso ist das im Reiten. Ob das sinnvoll ist oder nicht – darüber lässt sich streiten. Fakt ist: Der Motorsport hat sich so entwickelt. Man kennt ihn nicht anders. Genauso würden wir uns heute verwundert die Augen reiben, wenn bei Real Madrid eine Frau die Tore schiessen würde.
De Silvestro skeptisch
Mit der Einführung der W-Series, der ersten Formelsport-Serie allein für Frauen, soll sich dieses Bild ändern. Auch hier ist jedem selber überlassen, ob er das eine gute oder eine schlechte Idee finden will. Doch Zweifel sind angebracht. Geplant ist eine einzelne Meisterschaft auf Formel-3-Niveau. In den darüber- und darunterliegenden Serien müssen sich die Renn-Ladys weiter mit den Männern herumschlagen. Die Einführung einer Geschlechtertrennung im Rennsport macht nur Sinn, wenn sie von ganz unten im Kart bis ganz oben in der Formel 1 stattfindet. Doch das tut sie nicht. Was also macht die Meisterin in der W-Series? Sie steigt in die nächsthöhere Kategorie auf (beispielsweise Formel 2) und trifft dort wieder auf Männer. Oder sie bleibt in der W-Series, wenn sie das vom Reglement her darf, und wird so ewig auf demselben Niveau weiterfahren. Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass die W-Series das ultimative Ziel für rennfahrende Frauen sind. Und das kann nicht im Sinne des Erfinders sein.Catherine Bond Muir, CEO der W-Series, ist überzeugt von der neuen Damen-Meisterschaft. Ihr primäres Ziel ist es, dass durch die W-Series mehr Frauen im Formelsport Fuss fassen können. Ein durchaus lobenswerter Ansatz. Doch gäbe es da nicht bessere Wege? Simona de Silvestro, ohne Zweifel eine der schnellsten und furchtlosesten Frauen im Motorsport, hat ihre Bedenken. «Das stattliche Preisgeld von 1.5 Millionen US-Dollar hätte man lieber in ein Juniorinnen-Programm ähnlich dem von Red Bull oder Mercedes investiert», sagt die Thunerin. «Diese Programme haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie Talente nach oben bringen. Wenn man so etwas gezielt auf Frauen ausrichten würde, hätte man damit sicher mehr Erfolg als mit einer Serie, bei der nur Frauen starten dürfen.»
Die Besten sollen es sein
Auch andere gestandene Frauen im Rennsport haben ihre Zweifel. Sauber-Testfahrerin Tatiana Calderon sagt: «Ich will mich mit den Besten messen. Und das sind halt in der Regel 99 Prozent Jungs.» Noch deutlicher fällt die Meinung von Pippa Mann aus. Die Engländerin, die in der Renault 3.5 gefahren ist und immerhin 15 Indycar-Rennen bestritten hat, twitterte bei Bekanntgabe der W-Series: «Was für ein trauriger Tag für den Motorsport. Diejenigen, die finanzielle Unterstützung für weibliche Rennfahrer haben, entscheiden sich dafür, sie (von den Männern) zu trennen, anstatt sie zu unterstützen. Ich bin zutiefst enttäuscht, dass in meinem Leben ein derartiger historischer Rückschritt stattgefunden hat.»Hinter der W-Series stehen auch zwei ehemalige Formel-1-Piloten: David Coulthard (GB) und Alexander Wurz (A). Sie sind Teil einer dreiköpfigen Jury, die kürzlich am Wachauring im österreichischen Melk eine Vorauswahl getroffen hat, wer 2019 in der Premierensaison fahren wird. Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Von den ursprünglich 54 Kandidatinnen sind noch 28 im Rennen. Diese werden sich Ende März bei einem viertägigen Test in Almeria (E) mit dem für die Serie entwickelten, 270 PS starken F3-Auto messen. Die besten 18 erhalten ein Cockpit, zwei weitere werden als Reservefahrerinnen nominiert.Bereits in Melk ausgeschieden sind die beiden Schweizer Hoffnungen Marylin Niederhauser (23) aus Kehrsatz BE und Sharon Scolari (24) aus Giubiasco TI. Beide haben sich nach ihrem Ausscheiden Luft verschafft. «Ich bin enttäuscht. Ich hatte etwas anderes erwartet. Und ich kann mir nicht erklären, worauf es wirklich ankam», meinte Niederhauser. Die Tessinerin Scolari, die 2018 im Renault Eurocup unterwegs war, verkündete auf Facebook, sie sei beim Race of Champions, einem K.-o.-Rennen mit gleichwertigen Autos, Achte gewesen – schneller sogar als Beitske Visser (NL, 2018 GT4 European Series). Da diese Disziplin 70 Prozent der Gesamtbeurteilung ausgemacht haben soll, muss man sich fragen, ob Scolari beim ebenfalls zur Auswertung hinzugezogenen Fitnesstest versagt hat, oder ob ihr beim Mediencasting kein Wort über die Lippen gekommen ist. Kleiner Trost für alle: Mit Fabienne Wohlwend hat eine aussichtsreiche Kandidatin aus Liechtenstein mit Schweizer Lizenz das Finale erreicht.
Identische Autos für alle
In der W-Serie kommen mechanisch identische Fahrzeuge zum Einsatz, die auf dem kürzlich eingeführten Tatuus T-318 basieren, der von der FIA für den Einsatz in der Formel 3 zugelassen wurde. Angetrieben werden sie von einem von Autotecnica Motori getunten 1.8-Liter-Turbomotor, und sie sind mit einer Halo-Cockpit-Sicherheitsvorrichtung ausgestattet. Fahrwerkskonstruktion: Kohlefaser-Monocoque. Hubraum: 1.8 Liter. Tankinhalt: 45.5 Liter. Gewicht: 565 kg. Leistung: 270 PS/201 kW. Breite: 1850 mm. Radstand: 2000 mm. – Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe + 1 Rückwärtsgang. Lenkung: Kraftunterstützte Zahnstange und Ritzel.
Gratis für Finalistinnen
Falls Wohlwend unter die letzten 18 kommt, muss sie, um die Saison zu bestreiten, kein Geld mitbringen. Darauf ist Geschäftsführerin Bond Muir, eine Ex-Bankerin, besonders stolz. «Unser Businessmodell ist einzigartig im Rennsport», sagt die Engländerin. Bleibt (für die Fahrerinnen) zu hoffen, dass das nicht nur leere Versprechungen sind. Schon viele haben für eine neue Rennserie die Werbetrommel gerührt, hinterher kam das böse Erwachen. Ausserdem sollte den Damen das mit dem Geld nicht zu leicht gemacht werden. Wer nach der W-Series die nächste Karrierestufe erklimmen möchte, wird dort zwangsläufig wieder zur Kasse gebeten. Daher ist es nicht besonders hilfreich, wenn frau suggeriert wird, dass Rennsport nichts koste. Sponsorenpflege und -suche beginnt ganz unten. Wer das versäumt, weil es ihm abgenommen wird, hat auf dem Weg nach oben keine Chance.Bond Muir, die übrigens von Ex-McLaren-PR-Guru Matt Bishop beraten wird, weiss, dass viele an ihrer Vision zweifeln. «Denen wollen wir beweisen, dass sie falsch liegen», sagt die Anführerin der W-Series und fügt hinzu: «2020 wollen wir expandieren und Rennen in den USA und Asien fahren.» Solche Prophezeiungen kennt man von anderen Serien. Für gewöhnlich waren sie der Anfang vom Ende.
Text: Christian Eichenberger