Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03115.jsonl.gz/457

Das musst du wissen
- Frühere Studien schienen zu belegen, dass zweisprachige Kinder bessere geistige Fähigkeiten, wie Aufmerksamkeit haben.
- Diese Theorie wurde schon länger bezweifelt, nun zeigt eine neue Studie: Sie stimmt wohl tatsächlich nicht.
- Die Psychologen bestätigten aber andere frühere Resultate: Zweisprachler hatten einen kleineren englischen Wortschatz.
Kinder, die zweisprachig aufwachsen, haben es gut: Sie können sich später leichter mit mehr Menschen verständigen als Einsprachige. Aber sind sie auch geistig fitter? Können sie, weil ihr Gehirn es gewöhnt ist, schnell zwischen Sprachen zu wechseln, auch generell besser zwischen verschiedenen Aufgaben hin- und herspringen? Lange Zeit lieferte die Forschung scheinbar Beweise dafür. Zweisprachigkeit fördere sogenannte exekutive Funktionen – also geistige Fähigkeiten, die bestimmen, wie aufmerksam wir sind, wie wenig wir uns ablenken lassen, wie stark wir uns auf ein Ziel konzentrieren können oder eben, wie gut wir im Multitasking sind.
Doch an dieser Theorie waren immer wieder Zweifel aufgekommen, weil die Resultate nicht reproduziert werden konnten. Und nun scheint ihr eine Studie mit tausenden von Teilnehmer den endgültigen Todesstoss versetzt zu haben: Psychologen der Florida International University in den USA haben einen Datensatz analysiert, in dem 4524 neun- bis zehnjährige Kinder untersucht wurden, von denen 1740 neben Englisch auch eine andere Sprache gebrauchten. Bei ihrer Auswertung fanden die Forschenden: Zweisprachige Kinder waren nicht aufmerksamer als einsprachige. Auch bei anderen exekutiven Funktionen, wie dem Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben, schnitten die zwei Gruppen gleich gut ab.
Doch warum sollen diese Resultate nun stimmen und nicht die der vorangegangen Studien? Zum einen, weil die Teilnehmerzahl der Studie ungewöhnlich gross ist und diese damit robust macht. Zum anderen, weil die Forschenden noch weitere Daten zur Verfügung hatten, wie etwa das Einkommen der Eltern, den Zivilstand, die Intelligenz oder die Ethnizität. Diese bezogen die Forschenden in ihre Analyse mit ein und konnten so falsche Zusammenhänge ausschliessen. Ein solch falscher Zusammenhang könnte zum Beispiel bestehen, wenn zweisprachige Kinder eher in Haushalten mit hohem Bildungsniveau aufwachsen und dieses der eigentliche Grund für eine bessere geistige Fähigkeit der Zweisprachler ist.
Ein Resultat vorhergegangener Studien konnten die Psychologen allerdings bestätigen: Zweisprachige Kinder mit einem Englisch sprechenden Elternteil hatten ein geringeres englisches Vokabular. Dieser Effekt war aber, wenn die oben erwähnten Faktoren mit in Betracht gezogen wurden, ebenfalls klein. Und der Umfang des gesamten Wortschatzes, also inklusive beider Sprachen, ist bei Zweisprachlern auch nicht geringer als bei Einsprachigen.