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Zürich-Schwamendingen, 2010–2012
Projektwettbewerb, 2010, 1. Preis
Stadtraum und Baukörper
Schwamendingen liegt am nördlichen Fuss des Zürichbergs mit seinen bewaldeten Hängen. Das heutige Siedlungsgebiet, geprägt durch die Stadterweiterungen von A. H. Steiner, erstreckt sich bis in die Niederungen des Glatttals. Sie sind bis ins 20. Jahrhundert Sumpfland und damit unbebaut geblieben; das alte Dorfzentrum von Schwamendingen konzentrierte sich auf einer Geländeterrasse am Hangfuss. Reste dieser Dorfstrukturen, die heutigen Kernzonen, befinden sich südlich und westlich des Schwamendingerplatzes zwischen Herzogenmühle- und Bocklerstrasse. Hier haben sich ganze Gruppen ländlicher Bauten erhalten.
Der Bauplatz des vorliegenden Projektes befindet sich in eben diesem Gebiet, nämlich im Dreieck von Winterthurer- und Bocklerstrasse. Er liegt rückwärtig, quasi in der zweiten Reihe als Gartengrundstück versteckt hinter Strassen zugewandten Gebäudestrukturen.
Das Projekt interpretiert in der volumetrischen Entwicklung wie im architektonischen Ausdruck diese spezifische städtebauliche Situation. Vorgeschlagen wird ein lediglich zweigeschossiger, flach gedeckter und damit niedriger Baukörper, der sich den Strassen bezogenen, repräsentativen Bauten typologisch unterordnet; er tritt gleichsam als Hof- oder eben Gartengebäude in Erscheinung. Das Volumen entwickelt sich dabei in der Fallrichtung des Hanges, nutzt so die baurechtlich schwierige Situation optimal aus und nimmt Bezug zum Bachlauf sowie den Strassen begleitenden Gebäudereihen an der Bocklerstrasse.
Die relative Länge des Volumens wird mehrfach gebrochen, wobei der Körper auf die jeweiligen Seiten von Dorfbach und Gartenhof unterschiedlich reagiert. Zum Bach hin gliedert sich das Volumen durch feine Knicke und Brüche, wie beispielsweise den Einzügen der offenen Erschliessungen. Auf der Gartenseite ist die Abwicklung ausgeprägter: das Volumen ist hier nicht mehr in seiner Ganzheit erfassbar, vielmehr entsteht der Eindruck einzelner Baukörper. Damit fasst das Gebäude auf der einen Seite den Weg- und Bachraum neu und reagiert gartenseitig auf die «dispersen» Hofstrukturen mit seinen Gärten und Kleinbauten. Darüber hinaus schafft die Längsentwicklung des Baukörpers gute Belichtungsverhältnisse für die Wohnungen (Nordwest-Südost) und bildet ein klar definiertes Gegenüber zur bestehenden Bocklersiedlung.
Architektur und Wohnungen
Auch in Bezug auf den architektonischen Ausdruck ordnet sich der Neubau dem Altbau an der Winterthurerstrasse unter; zusammen bilden sie ein Ensemble von Strassen bezogenem, repräsentativem Hauptbau und hofseitigem «Nebengebäude». Dabei knüpft das Projekt inhaltlich und atmosphärisch an derartige Schuppen oder Ökonomiegebäude an, ohne dabei seine eigentliche Nutzung zu verleugnen. Entscheidend erscheint hierbei das «weiche», hölzerne Fassadenkleid sowie das flach geneigte Dach, dessen teilweise fallende Giebel und Traufen Assoziationen an spontan gewachsene, mehrfach transformierte Strukturen hervorrufen. Im weiteren haben die Komposition der Fenstersetzungen sowie die Farbigkeit und konstruktive Detailierung ihre Bedeutung hinsichtlich des gesuchten Ausdrucks.
Der Neubau wird vom Bach begleitenden Fussweg aus über zwei offene Treppenhäuser erschlossen. Das südliche Treppenhaus erschliesst je zwei Wohnungen; es ist zudem zum Garten hin offen und gewährt so das verlangte Wegrecht. Über das nördliche Treppenhaus sind jeweils vier Wohnungen pro Geschoss erschlossen. Durch den Verzicht auf nichtanrechenbare Flächen im Dachraum sind alle Wohnungen über wenige Stufen (resp. eine flache Rampe) auch für alte Menschen gut erreichbar.
Die Wohnungen sind mit Ausnahme einer Maisonette am südlichen Ende des Gebäudes als Geschosswohnungen organisiert. Sämtliche Wohnungen verfügen über mehrere Expositionen, profitieren damit von verschiedenen Tageslichtstimmungen und Ausblicken. Zusammenhängende, grosszügige Wohn- und Essräume bilden jeweils das Zentrum der Wohnung, von wo aus sämtliche Zimmer erschlossen werden. Die nicht orthogonalen Grundrissgeometrien erzeugen eine spannungsvolle, fliessende Räumlichkeit. Sämtliche Zimmer sind in sich rechtwinklig und gewähren eine gute Möblierbarkeit. Einzelne Zimmer sind über Schiebetüren zum Wohnraum öffenbar. Das Vermeiden von Korridorsituationen wirkt sich positiv auf die Wohnfläche der kleinen Wohnungen aus. Die Wohnungen im Obergeschoss verfügen über einen gedeckten Balkon, im Erdgeschoss verfügen sie über private Gärten.
Das Gebäude ist nur teilweise, das heisst entsprechend den verlangten Nutzungen unterkellert (Waschküche, Schutzraum, Kellerabteile, Technik). Dieser Bereich befindet sich im nördlichen Teil des Gebäudes und ist daher auch für die Wohnungen des Altbaus gut nutzbar. Aufgrund des abfallenden Terrains kann die Waschküche natürlich belichtet und belüftet werden und funktioniert so auch als Begegnungsort. Eine Aussentreppe führt von der Waschküche zu einem gemeinschaftlich genutzten Platz, wo im Sommer die Wäsche auch mal draussen getrocknet werden kann.
Die Aussenraumgestaltung nimmt die Zweiseitigkeit des Neubaus auf. Auf der Bachseite wird der Kiesbelag bis ans Gebäude herangezogen; der Weg wird lediglich durch einzelne Zwergweidenhecken und Tulpenflecken «informell» vom Vorbereich des Hauses getrennt. Hier verwischen sich die Grenzen gemeinschaftlicher und privater Nutzung. Es soll den Bewohnern erlaubt sein, einmal einen Stuhl ins Kies zu stellen, um zusammen mit dem Nachbar die Abendsonne zu geniessen. Birken und Weiden ergänzen die Bachvegetation. Auf der Gartenseite ist die Nutzung stärker privatisiert; dementsprechend sind die einzelnen Gartenräume mit frei wachsenden Heckenkörpern von einander getrennt. Obstbäume wecken Assoziationen an frühere Zeiten. Zwischen Alt- und Neubau wird ein Quartierplatz angelegt, wo wiederum die gemeinschaftliche Nutzung – wie etwa ein Grillfest – im Vordergrund steht.
Altbau
Im ehemaligen Ökonomieteil des Altbaus an der Winterthurerstrasse werden vier individuelle Wohnungen vorgeschlagen. Im Erdgeschoss, direkt von Aussen erschlossen, befinden sich zwei 2 ½-Zimmer-Wohnungen mit einer auf dem Aussenniveau liegenden Küche/Entree und Wohnräumen auf einem Hochparterre (als Reaktion auf die Einsichtsproblematik). Überhohe Räume kompensieren in diesen zwei Wohnungen die relative räumliche Enge. Im ersten Obergeschoss wird eine grosszügige 4 ½-Zimmer-Wohnung mit dreiseitiger Ausrichtung angeboten. Im Dachgeschoss schliesslich findet eine 3 ½-Zimmer-Wohnung Platz. Räumliche Aufweitungen in Form von zwei Gauben sowie die Anordnung von Estrichräumen im Kniestock ergeben auch in dieser Wohnung durchgehend normale Raumhöhen. Die oberen zwei Wohnungen werden über ein innen liegendes Treppenhaus erschlossen. Die Wohnungen haben ihren Aussenraum auf einer neuen Laube auf der Südseite, von wo aus die Erdgeschosswohnungen Zugang zu einem Garten sowie einem kleinen Quartierplatz finden.
Die bestehende Bausubstanz wird aufgrund mehrmaliger Umbauten als wenig erhaltenswert angesehen. Es wird deshalb vorgeschlagen, diesen Gebäudeteil innerhalb des ursprünglichen Profils neu zu errichten. Dabei ist analog dem Neubau und dem ursprünglichen Zustand als Ökonomiegebäude entsprechend eine Holzbauweise denkbar. Die Fassadenverkleidung soll sich allerdings vom Neubau unterscheiden, weshalb hier eine Verkleidung mit grossformatigen Eternittafeln vorgeschlagen wird. Ein «informelles» Bild der Befensterung erinnert an den heutigen Zustand.
Konstruktion und Materialisierung
Das Gebäude ist als vorfabrizierter Holzbau in Trockenbauweise konzipiert. Davon ausgenommen sind das Untergeschoss respektive die Bodenplatte mit Frostriegel in Ortbeton sowie der Dachstuhl, welcher in konventioneller Zimmermannskonstruktion mit Sparren und Pfetten errichtet wird. Im vorfabrizierten Holzbau sind die tragenden Wände als einfacher Holz-Rahmenbau vorgesehen.
Die Decke über EG funktioniert als Brettsperrholzplatte mit sichtbarer Holzoberfläche. Mit minimaler statischer Höhe und geeignetem Aufbau können die Luft- und Trittschallanforderungen erreicht werden. Die Decke über OG wird als ausgedämmte Rippenplatte ausgeführt. Die Oberfläche (3-Schichtplatte) erscheint gleich wie bei der Decke über EG. Der Dämmperimeter verläuft im Bereich der Decke über OG; das heisst der Dachraum bleibt kalt.
Nassräume und Badezimmer sind weitgehend zusammengefasst. Das ergibt eine einfache Vertikalerschliessung mit Medien und wirkt sich positiv aus auf den Schallschutz.
Die Fassade wird mit einer hinterlüfteten Bretterschalung ausgebildet, wobei unterschiedliche Breiten der Schalungsbretter die Fassade in Felder gliedert. Die hellgraue Lasur verspricht eine gute, unterhaltsarme Alterung. Die Fassadenverkleidung wird durch ein umlaufendes Vordach vor übermässiger Verwitterung geschützt und kann einfach und unabhängig von der Tragstruktur erneuert werden. Eine vollflächige Weichfaserdämmung minimiert Wärmebrücken im Bereich der Holzrahmen und bringt zusätzliche Trägheit in den Wärmehaushalt. Die farbig gespritzten Holz-Metall-Fenster kontrastieren mit der «rohen» Schalung.
Im Innenausbau kommen einfache und robuste Materialien zur Anwendung. Vorgeschlagen werden Linolböden und Weissputz an den Wänden. Die Decken werden lediglich gestrichen, sodass hier der Holzbau spürbar wird.
Die hohe Kompaktheit des Volumens sowie Dämmstärken von 30 respektive 20cm entsprechen dem Minergiestandard und versprechen einen energieffizienten Betrieb. Die Ausrichtung der Wohnungen gewährt zudem eine gute Nutung der solaren Energiegewinne.
Mitarbeiter Wettbewerb
Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Michael Reiterer
Mitarbeit Planung und Ausführung
Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Projektleitung: Jonathan Roider, Bauleitung: Jonathan Roider, Architekt: Samuele Tirendi, Praktikanten: Pascal Steiner, Sandra Mosbacher, Rosanna May, Dominique Kühnhanss
Landschaftsarchitekt: Lorenz Eugster Landschaftsarchitektur und Städtebau GmbH, Zürich
Ingenieur: APT Ingenieure GmbH, Zürich
Holzbauingenieur: Timbatec GmbH, Zürich
HLS-Planer: Guyer Wärme und Wasser, Zürich
Elektroplaner: Scherler Elektroingenieure, Zürich
Bauphysiker: Architektur und Ingenieur Kollektiv, Zürich
Publikation
cahier de théorie, 13/2016
d'architectures, 9/2014
Detail, 3/2014
Auszeichnung guter Bauten im Kanton Zürich, 2013
Wohnen, 11/2013
Werk, Bauen + Wohnen, 5/2013
Hochparterre, 4/2013
Archithese, 1/2013
GAM.08, März 2012
Zürcher Landzeitung, 21.6.2010