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«Der Krieg sass mit im Kino»
Während ihre Stadt beschossen und belagert wurde, veranstaltete eine Gruppe junger Bosnier 1995 das erste Sarajevo Film Festival. Festival-Chef Mirsad Purivatra erinnert sich an Kino im Krieg, den Schmuggel von Filmrollen – und einen geheimen Tunnel als letzten Ausweg.
Irgendwann spürte ich, dass die Menschen nur überleben würden, wenn sie endlich aus ihren Kellern kämen. Seit Ewigkeiten hatten wir nun schon unter Dauerbeschuss gelebt. Ohne Strom, kaum was zu essen, keine Heizung. Die Belagerung hatte Sarajevo zu einem finsteren Verlies gemacht, für fast vier Jahre. An jedem einzelnen der 1425 Tage der Belagerung mussten wir damit rechnen, von Scharfschützen erschossen oder von Granaten zerfetzt zu werden. Es war frustrierend und demütigend, plötzlich so leben zu müssen. Wir waren zivilisierte Menschen, ganz normale Europäer. Mit dem Beginn der Belagerung im April 1992 war für uns nichts mehr wie zuvor.
Unser neuer Daseinszweck war es, zu überleben, aus der Schusslinie zu bleiben, uns im richtigen Moment zu ducken. Aber nachdem Wochen, Monate und Jahre vergangen waren, wurde eine zweite Frage dringlicher: Wie überlebe ich diesen Wahnsinn, ohne selbst verrückt zu werden? Mir zum Beispiel hat es geholfen, Bücher zu lesen. Das Problem war, dass das nur tagsüber ging. Nachts gab es kein Licht.
Mit einigen Bekannten habe ich schließlich eine bessere Antwort auf die Frage gefunden: Wir mussten für uns, aber auch für die anderen Bewohner Sarajevos, so etwas wie ein kulturelles Leben aufbauen. Wir fingen an, kleine Ausstellungen zu eröffnen und Kontakte zur Außenwelt zu knüpfen. Mit der Zeit besuchten immer mehr Intellektuelle Sarajevo, zum Beispiel die amerikanische Schriftstellerin Susan Sonntag. Sie verbrachten Zeit mit uns, unterstützten uns und riskierten ihr Leben mit uns. Bei Mitarbeitern internationaler Organisationen konnten wir einen Videoprojektor auftreiben, auch einen Stromgenerator und etwas Benzin. Dann suchten wir uns einen geeigneten Kellerraum und eröffneten unser Kino.
Lass uns zwischen den Trümmern das Leben feiern
Es erschienen damals keine Zeitungen in Sarajevo. Es gab zwar Radio, aber keinen Strom, um das Programm zu hören. Trotzdem war unser Kino schon bald einer der wichtigsten Treffpunkte der Stadt. Per Mundpropaganda verbreitete sich in den zerschossenen Plattenbausiedlungen die Nachricht, dass es da diesen Keller gebe, in dem man Filme gucken könne. Viele trafen hier Freunde wieder, von denen man ja oft nicht wusste, ob sie noch in der Stadt lebten oder ob sie überhaupt noch lebten.
Auch einige Journalisten erfuhren von unserem Keller-Kino und schrieben Artikel darüber. Aus aller Welt trafen daraufhin aufmunternde Nachrichten bei uns ein, darunter auch die, dass die Leiter der Filmfestivals von Locarno und Edinburgh, Marco Müller und Mark Cousins, nach Sarajevo kommen wollten. Wir luden sie ein, sie kamen und wir zeigten im rappelvollen Keller die Retrospektiven von Locarno und Edinburgh. Müller und Cousins erzählten von ihren Filmfesten, gemeinsam überlegten wir, ob es nicht möglich wäre, ein eigenes Festival in Sarajevo zu veranstalten. Sofort, trotz der Belagerung. Klar würde der Krieg eines Tages vorbei sein aber so lange wollten wir nicht warten. Also entschieden wir: Lasst uns zwischen Trümmern das Leben feiern. Das sollte unsere Art sein, zu überleben. Unsere Rettung.
Die Entscheidung war uns leicht gefallen sie in die Tat umzusetzen, erwies sich als komplizierter. In unserem Keller hatten wir mit einem einfachen Projektor Videos an die Wand geworfen. Für die Dauer des Festivals wollten wir Filme in einem echten Kino zeigen. 35mm-Filme, auf einer richtigen Leinwand, in einem großen Saal. Doch die Stadt war abgeriegelt. Zu glauben, dass uns die serbischen Soldaten mit einer Ladung Filmrollen und riesigen Projektoren passieren lassen würden, war utopisch. Wir mussten die Filme in die Stadt schmuggeln. Dafür gab es nur zwei Wege: Einer waren die Flugzeuge der internationalen Gemeinschaft, die unbehelligt landen durften. Der andere führte über die Berge, die Sarajevo umschließen. Wir entschieden uns für die zweite Variante. In internationalen Konvois, versteckt zwischen Hilfslieferungen, gelangten die Kopien sicher in die blockierte Stadt.
Regisseure begaben sich in grosse Gefahr
Bald fanden wir einen sicheren Ort für das Festival, eine ehemalige Synagoge, die nun ein Kulturzentrum beherbergte. Ein schönes, altes Gebäude, geschützt vor Granat- und Scharfschützenbeschuss und groß genug, um fast tausend Festivalbesuchern Raum zu bieten. Nun begannen wir, die Regisseure und Schauspieler der Filme, die wir zeigen wollten, einzuladen. Sie mussten sich entscheiden, ob sie nach Sarajevo kommen wollten, auch wenn das bedeutete, jeden Augenblick sterben zu können. Wir waren erstaunt, wie viele trotzdem zusagten und wussten, dass das ein großes Opfer für sie war. Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón („Y Tu Mamá También“) und sein französischer Kollege Leos Carax („Boy meets Girl“) brachten sogar höchstpersönlich ihre Filme nach Sarajevo.
Klar gab es immer wieder Momente, in denen wir verzweifelt dachten: Das wird nichts. Eigentlich hätte das Festival schon im Juni beginnen sollen, aber die Gefechte waren zu dieser Zeit so intensiv, dass wir den Auftakt verschieben mussten. Was hatten wir uns bloß dabei gedacht, mitten im Krieg ein Filmfest abhalten zu wollen? Waren wir vielleicht schon verrückt geworden von den endlosen Bombennächten? Aber immer kamen wir zu dem Schluss: Es ist das Richtige, was wir tun.
Dann hatten wir es geschafft: Das erste Sarajevo Film Festival begann. Das Kino war voll, jeden Abend saßen 800 Menschen Schulter an Schulter im Saal und verfolgten gebannt das Programm. Auch nach den Vorstellungen blieben sie noch stundenlang und diskutierten. Wir hatten Gäste aus aller Welt, die sich angeregt mit Sarajevos Kinoliebhabern austauschten. Es herrschte eine hoffnungsvolle, positive Stimmung, ein bisschen war es wie im Traum. Für mich waren es die vielleicht schönsten Momente meines Lebens. Hunderte Menschen saßen zwei Stunden lang still vor der Leinwand und vergaßen, was draußen in der Stadt passierte. Für einen Augenblick dachten sie nicht an tote Verwandte, ihre zerstörten Häuser, sie verdrängten den Albtraum der Belagerung.
Man tastete sich durch das Dunkel
Trotzdem: Der Krieg saß immer mit im Kino. Auch während des Festivals ging das Morden weiter, jeden Tag starben Menschen auf Sarajevos Straßen. Vor allem die Festival-Besucher aus dem Ausland waren Krieg nicht gewohnt. Dass wir ein Fest im Belagerungszustand feierten, merkten wir ein letztes Mal gegen Ende des Festivals. Eine Gruppe Schauspieler wollte nach Hause fliegen, ich glaube, es waren Schweizer. Der Beschuss war an diesem Tag so dicht, dass der Flughafen für unbestimmte Zeit geschlossen wurde. Doch die Schweizer mussten los. Ihnen blieb nur der Weg durch den Tunnel.
Eigentlich war der Tunnel von Sarajevo für den heimlichen Transport von Medikamenten und Lebensmitteln gedacht, aber er war auch ein Weg in die Freiheit. Ich habe ihn selbst einige Male benutzt. Etwa eine halbe Stunde tastete man sich durch das Dunkel. Der Tunnel war etwa 1,70 Meter hoch, er war eng, an manchen Stellen musste man durch kaltes, knietiefes Wasser waten. Es ist ein bedrückendes Gefühl, durch das Innere der Erde zu gehen. Man spüre hier, dass das Leben schwer sein kann, sagten die Schweizer, nachdem sie sicher auf der anderen Seite angelangt waren.
Etwa einen Monat nach unserer Festival-Premiere kam das Dayton-Abkommen. Endlich schwiegen die Waffen. Am 29. Februar 1996 wurde dann die Belagerung für beendet erklärt. Wir waren frei und begannen mit den Festival-Vorbereitungen für das kommende Jahr. Ich glaube, das Sarajevo Film Festival hat den Menschen in der Region auch nach dem Krieg geholfen. Wir zeigen bis heute viele Filme, die in Balkanstaaten spielen. Das hat die verfeindeten Volksgruppen einander etwas näher gebracht. In manchen Regionen kommt man heute wieder gut miteinander aus, in anderen weniger. Aber in den neun Tagen des Festivals zeigt sich jedes Jahr wieder, dass wir miteinander leben, Filme gucken und Partys feiern können.
David Schelp
Der Spiegel Online / 28.02.2011