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Harry Korman, Peter de Jong und Sara Smock Jordan liefern in der November 2020 Ausgabe des Journal of Solution Focused Practices (JSFP Vol 4 (2)) einen Beitrag, in dem sie die theoriebildende Arbeit von Steve de Shazer referieren. Basierend auf den 6 Büchern und etwa 75 Artikeln von Steve de Shazer stellen die AutorInnen fest, dass de Shazer (trotz seiner eigenen Aussagen und der weit verbreiteten Rezeption des Ansatzes, z.B. Szabó 2009) in etwa 1/3 seiner Schriften mit Theorieentwicklung beschäftigt war. Ohne den Theoriebegriff kritisch auszuarbeiten stellen sie fest, dass de Shazer diesen als ‚kontextspezifische Beschreibung von bestimmter sich wiederholender Vorgänge‘ verwendet. Seine Theoriebildung baut er auf die Beobachtung von Therapiesitzungen. Dabei zieht er existierende Theorien heran (wie z.B. Balance-Theorie, Erwartungszustandstheorie) um das Beobachtete zu beschreiben. Die so auftauchende Fragen werden wiederum beforscht die Ergebnisse dieser Forschung wieder für die Praxis nutzbar gemacht. Diese rekursive Theoriebildung, mit deutlichem Verweis auf den Entstehungskontext und die Gültigkeit in der Familientherapie ist eine der wichtigen Errungenschaften, welche der Artikel liefert.
Die AutorInnen schlagen vier Phasen innerhalb der Theoriebildung von Steve de Shazer vor, entlang von besonderen Neuerscheinungen in der Arbeit des Teams. Die Gültigkeit für diese Phasen ist für die Theoriebildung diskutiert, nicht jedoch insgesamt für die Entwicklung des lösungsfokussierten* Ansatzes, zu welcher wohl auch andere Quellen hätten herangezogen werden müssen.
- Der junge de Shazer, 1969-1978;
- Frühe BFTC, 1978-1982;
- de Shazer im BFTC, 1982- 1989
- Der späte de Shazer, 1989-2005
Die reiche Darstellung der Phasen, basierend auf Zitatenmaterial liefert Material für weitere wissenschaftliche Arbeiten und hilft auch, unsere -häufig aus mündlichen Überlieferungen bekannten- Geschichten einzuordnen.
In den vier Phasen leiten die AutorInnen sechs aufbauende Grundsätze der Steve de Shazerschen Theorie der lösungsfokussierten Therapie ab und nennen diese Axiome. Diese Entscheidung der Axiomenbildung wird zwar wenig beleuchtet und beinhaltet etwas gar Grundsätzliches, doch sind die sechs Axiome (trotz Begriff**) sorgfältig durch die AutorInnen aus den theoriebildenden Arbeiten von Steve de Shazer in der gegebenen Phase abgeleitet.
1. Therapie ist ein beobachtbarer Interaktionsprozess, d.h. ein Gespräch. Therapy is an observable interactional process, that is, a conversation.
2. Die Grundeinheit der Untersuchung ist der-Therapeut-interagiert-mit-dem Kunden-während-der-Sitzung. Diese Einheit kann nicht weiter unterteilt werden. The minimum unit of analysis is the therapist interacting with the client in the therapy setting. This unit cannot be subdivided further.
3. Veränderung ist der Sinn und Zweck des Treffens der TherapeutIn und der KundIn. Change is the purpose of the therapist and client meeting.
4. Die Veränderung welche für die KundIn durch Therapie möglich wird erfolgt durch beobachtbare Interaktionen in welchen die TherapeutIn Möglichkeiten findet, mit der KundIn zu kooperieren. Client change via therapy occurs through observable interactions in which the therapist finds ways to cooperate with the client.
5. In der Kurzzeittherapie entwickeln wir Lösungen mit den KundInnen. Brief therapy is about developing solutions with clients.
6. Therapie ist ein sichtbarer, interaktionaler, dialogischer Prozess in dem die Bedeutung der Sprache der KundIn verhandelt wird. Therapy is a visible interactional, dialogic process negotiating the meanings of the client’s language. (S. 67)
In den Ausführungen der Axiome zeichnen die AutorInnen auch ein Bild einer ‚Ausdifferenzierungsarbeit‘ und stellen so die besprochene Theorie abgegrenzt von anderen therapeutischen Ansätzen dar. Die Natur ihrer Arbeit (sich auf die Schriften von Steve de Shazer zu beziehen) bringt mit sich, dass Verbindungen, Parallelentwicklungen oder Familienähnlichkeiten mit anderen Ansätzen dabei unausgeleuchtet bleiben.
Gleichzeitig betonen sie von Phase zu Phase wie Steve de Shazer sich in der Theoriebildung konsequent auf die beobachtbare Interaktion im Therapieraum bezieht und schliesslich eine ‚interaktionale Theorie‘ erarbeitet hatte und sich nicht auf Kategorisierung von Beschwerden aber auch nicht die von Stärken oder Lösungen eingelassen hatte.
Die Axiome, welche in diesem Artikel aufgestellt werden, wurden erstmalig 2014 präsentiert und in den Jahren bis zur Publikation verschiedentlich diskutiert. Hoffentlich dient der Artikel nun als Material für weitere Arbeiten und wirkt auch befruchtend auf unser Bewusstsein beim Praktizieren des lösungsfokussierten Ansatzes. In dieser Hoffnung unterstützte der erste Research.Meeting am 1.4.2021, organisiert in Kooperation von Austrian SolutionCircle und nla-Schweiz, die Rezeption und Diskussion des Artikels. Die zusammengetragene Materialien (inkl. einer ausführlichen Nacherzählung des Artikels in Deutsch) sind hier erreichbar.
Dies ist der erste JSFP Artikel, welcher mit einer deutschsprachingen Zusammenfassung erschien, dank dem Sponsponsoring von nla-Schweiz und Austrian Solution Circle.
*Im gesamten Artikel wird die Bezeichnung ‚Solution Focused‘ verwendet. In dieser Besprechung des Artikels schreibe ich „lösungsfokussiert“, auch wenn die frühere Literatur mit dem Wort ‚lösungsorientiert‘ übersetzt wurde und in vielen Bereichen der Anwendung (den Namen unseres Vereins mit eingeschlossen) bis heute ‚lösungsorientiert‘ gesagt wird.
**Axiom = nicht abgeleitete Aussage
Katalin Hankovszky Christiansen