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Helvetismen sind erlaubt
Autor: Mireille Rotzetter
Schweizer haben oft ein gespaltenes Verhältnis zum Hochdeutschen. Viele scheuen sich, Standard zu sprechen, weil ihnen das Schweizerische zu stark durchscheint. Regula Schmidlin hat in ihrer Habilitationsschrift Varianten des Standarddeutschen untersucht. Dabei ging es ihr nicht nur um die Varianten selbst, sondern auch um die Einstellungen, die Sprecher diesen Varianten gegenüber haben. Mit ihrer Studie will Schmidlin unter anderem bewusst machen, dass bei einer plurizentrischen Sprache wie dem Deutschen – also einer Sprache, die in mehreren Ländern als Standardsprache verwendet wird – die verschiedenen Varianten gleichwertig sind.
Wieso scheuen sich viele Schweizer davor, Standarddeutsch zu sprechen?
Dadurch, dass Schweizer Dialekt in allen Bereichen des Lebens verwenden, Standard hingegen nur in formellen Situationen oder im Schriftlichen, sind es sich die meisten schlicht nicht gewohnt, Standard zu sprechen. Zudem haben viele Schweizer ein verkrampftes Verhältnis zu den Varianten, sie kontrollieren sich beim Sprechen ständig selbst und versuchen, nicht zu schweizerisch zu tönen. Die Hemmschwelle ist meist grösser als bei Österreichern, da dort Dialekt und Standard in einem graduellen Verhältnis zueinander stehen.
Was war der Ausgangspunkt für Ihre Arbeit?
Ausgangspunkt war genau das Faktum, dass Standarddeutsch Varietäten kennt. Einem Text ist meist anzusehen, ob er von einem Österreicher, einem Schweizer oder einem Deutschen verfasst wurde. Die Unterschiede manifestieren sich hauptsächlich im Wortschatz; so schreibt ein Österreicher «Fleischhauer», wo der Schweizer «Metzger» schreibt. Diese spezifischen Wörter heissen für die Schweiz Helvetismen, für Österreich Austriazismen und für Deutschland Teutonismen. Im Mündlichen gibt es auch bei der Aussprache Unterschiede.
Was haben Sie in Ihrer Arbeit genau untersucht?
Es nahm mich Wunder, wie die Einstellungen der Leute gegenüber den verschiedenen Varietäten des Standarddeutschen sind. Erkennen sie die Varietäten? Verstehen sie sie? Verwenden sie sie? Und wie bewerten sie sie? In der Lexikografie und in Texten sehen wir, dass es die Varietäten gibt; ich wollte wissen, inwiefern diese auch in den Köpfen der Leute existieren.
Wie sind Sie bei der Untersuchung vorgegangen?
Auf Homepages von deutschen Seminaren in Deutschland, Österreich in der Schweiz habe ich eine Umfrage mit 88 Fragen lanciert. 900 Antworten habe ich zurückerhalten. Ich habe anschliessend beispielsweise ausgewertet, wie loyal sich die Leute ihrer eigenen Varietät gegenüber verhalten.
Was sind die wichtigsten Resultate der Studie?
Es zeigte sich, dass beispielsweise Leute aus Norddeutschland gar nicht überlegen, ob es Varianten gibt. Sie verwenden also Wörter wie «Schlachter» oder «Abendbrot» ganz selbstverständlich, obwohl diese Wörter vorwiegend im Norden verbreitet sind. Die Schweizer hingegen ersetzen die entsprechenden Helvetismen «Metzger» und «Nachtessen» oft durch Wörter, die sie für richtiger halten: «Fleischer», «Abendessen». Österreicher haben ein besseres Selbstverständnis als Schweizer, sie trauen ihren Varianten mehr zu. Allgemein werden die norddeutschen Varianten, mündlich und schriftlich, als am besten bewertet.
Sind Helvetismen Anzeichen für schlechten Sprachstil?
Nein, überhaupt nicht. Die Journalisten der NZZ verwenden beispielsweise viele Helvetismen. Diese sind nicht zu verwechseln mit Dialektwörtern, obwohl viele Helvetismen ihren Ursprung im Dialekt haben. Gerade im Schulunterricht werden Helvetismen häufig korrigiert, was das sprachliche Selbstbewusstsein nicht fördert.
Für Regula Schmidlin ist Schweizerhochdeutsch ein Kulturgut.Bild Charles Ellena
Zur Person
Mitarbeiterin am Variantenwörterbuch
Regula Schmidlin ist assoziierte Professorin für Germanistische Linguistik an der Universität Freiburg. Sie hat in Basel Germanistik und Anglistik studiert, 1999 doktoriert und 2009 habilitiert. Schmidlin hat am Variantenwörterbuch des Deutschen mitgearbeitet, das die regionalen und nationalen Varianten der deutschen Sprache systematisch darstellt. Schmidlin ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. mir