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Die unten stehenden Schlussfolgerungen sind dem Artikel „Ein Vorschlag zur Neuausrichtung der Begabtenförderung auf der Grundlage der Psychologie“ entnommen, der von Rena F. Subotnik, Paula Olszewski-Kubulius und Frank C. Worell verfasst und von Matthias Giger übersetzt wurde.
Der komplette umfangreiche Artikel wurde veröffentlicht im Journal SwissGifted, Vol. 5, Nr. 2, Dezember 2012. Das Heft kann angefordert werden bei <email-pii>.
Begabungen sind wichtig
Eine allgemeine intellektuelle Begabung und spezielle Fähigkeiten erlauben es, Hochleistungen und Eminenz in den jeweiligen Bereichen vorauszusagen und sind wichtige Vorbedingungen dafür. Der Grad der Begabung, die Balance zwischen allgemeiner und spezifischer Begabung und die genaue Natur der spezifischen Begabung unterscheiden sich in unterschiedlichen Talentbereichen und sind noch nicht vollständig verstanden. Weil die Begabung wichtig ist, sollte die Identifikation der allgemeinen Begabung und derjenigen Spezialbegabungen Vorrang haben, welche als bedeutsam für spezielle Fachbereiche erkannt worden sind. Lehrpersonen sollten darauf trainiert werden, nach Indikatoren für diese Begabungen Ausschau zu halten, und Wissenschaftler sollten verschiedene, fachrelevante Wege zur Bestimmung und Einschätzung dieser Begabungen entwickeln. Die Einschätzung sollte bei kleinen Kindern beginnen und systematisch und kontinuierlich durch die frühe und mittlere Kindheit und Jugend bis ins Erwachsenenalter fortgesetzt werden.
Obwohl die allgemeine Begabung und das allgemeine Potential als Markenzeichen der akademischen Hochbegabung von Kindern gelten, sollten fachspezifische Begabungen und Leistungen vermehrt beachtet und zunehmend berücksichtigt werden, wenn Kinder älter werden. Schulen sollten es Kindern ermöglichen, in akademischen Fächern voranzuschreiten, für die sie sich interessieren und in welchen sie eine Begabung zeigen. Deshalb werden fachkundige und kompetente Lehrpersonen bereits in den ersten Schuljahren benötigt, denn nur so können sie die Bedürfnisse junger, sehr weit fortgeschrittener Kinder erfüllen. Älteren Schülern sollte es möglich sein, sich früh zu spezialisieren, falls sie grosses Interesse, Engagement und hohe Leistungen in einem Bereich zeigen, der sich durch einen frühen Karrierebeginn auszeichnet. Fachbereiche, die normalerweise nicht vor der Mittelschule unterrichtet werden, sollten früher eingeführt werden, damit sich Individuen mit Interesse und Talent diesen Bereichen damit identifizieren und den Prozess der Talententwicklung starten können. Die gleichen Gelegenheiten für die Talententwicklung sollten Kindern und Jugendlichen angeboten werden, deren Talente sich auf die nichtakademischen Bereiche erstrecken.
Talentbereiche weisen unterschiedliche Entwicklungsverläufe auf
Aufgrund der physischen und intellektuellen Herausforderungen und der kulturellen Traditionen verschiedener Fachbereiche haben Karrieren unterschiedliche Start-, Höhe- und Endpunkte. Diese unterschiedlichen Entwicklungsverläufe in den verschiedenen Fachbereichen zu verstehen, ist entscheidend, sonst besteht die Gefahr, dass günstige Gelegenheiten für die Talententwicklung verpasst werden. Abhängig vom Bereich (z. B. Musik, Tennis, Kunst) kann ein grosser Teil der Talententwicklung ausserhalb der Schule durch Coachs, Lehrpersonen, Mentoren und Vereine gefördert werden. Um die Entwicklung in den unterschiedlichen Fachbereichen zu verstehen, benötigt es Forschung, die untersucht, welche Variablen in welchem Stadium der Entwicklung am wichtigsten sind. Zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir allerdings, dass die meisten Entwicklungsverläufe unterschiedliche Lehrpersonen und Coachs benötigen, da die jungen Menschen sich immer mehr Wissen und technische Fertigkeiten aneignen und in ihrem Talentbereich kreativ tätig werden. Bezugsnormen der Exzellenz für all diese Begabungen, das Wissen und die psychosozialen Fähigkeiten, die in den unterschiedlichen Stadien der Entwicklung und in allen Fachbereichen benötigt werden, müssen entwickelt und von den Lehrpersonen verstanden werden, damit die Entwicklung über die verschiedenen Stadien hinweg optimal gefördert werden kann (siehe Kay, 1999).
Anstrengung und Gelegenheit sind in allen Stadien der Talententwicklung wichtig
Gelegenheiten beruhen sowohl auf schulischen wie auf ausserschulischen Programmen, die auf den entsprechenden Talentbereich zugeschnitten sind. Anhaltende Anstrengung ist entscheidend, da die Forschung gezeigt hat, dass in den meisten Fachbereichen ungefähr 10‘000 Stunden des Studiums oder des Übens benötigt werden, bevor jemand zum Experten wird. Es braucht viel mehr Programme als diejenigen, die bis anhin existieren, vor allem in den wirtschaftlich schwachen und ländlichen Gebieten. Es ist unsere Ansicht, dass Talentförderung vor allem in der Form von Enrichment allen Kindern so früh wie möglich angeboten werden soll. Schülerinnen und Schüler, welche genügend Bereitschaft und Engagement zeigen, sollten darin unterstützt werden, sich zunehmend herausfordernden und Früchte tragenden Gelegenheiten zur Talententwicklung zu stellen und zwar unabhängig von ihrem Alter. Schüler, die an gewissen Punkten ihres Weges nicht mehr weiterkommen, sollten dazu ermutigt und dabei unterstützt werden, ihren Weg fortzusetzen, wenn sich ihr Interesse und ihre Motivation erneuert haben.
Psychosoziale Variablen sind wichtige Faktoren für aussergewöhnliche Leistungen auf allen Stufen der Entwicklung
Qualitäten wie der Wille, strategische Risiken einzugehen, die Fähigkeiten mit Herausforderungen und Kritik umzugehen, Wettbewerbsfähigkeit, Motivation und Engagement unterscheiden diejenigen Lernenden, die ihr Talent schrittweise weiterentwickeln, von solchen, bei denen dies nicht der Fall ist. Die Psychologie hatte die Tendenz, sich auf Themen zu konzentrieren, welche Leistungen behindern. Diese Art der Forschung bleibt sehr wichtig, insbesondere dort, wo es darum geht, Lernenden zu helfen, Leistungsverweigerung in eine Leistungsorientierung zu verwandeln. Ebenso wird aber mehr psychologische Forschung benötigt, die Licht auf jene Faktoren wirft, die über eine Neutralisierung negativer Effekte hinaus die Entwicklung optimaler Leistungen über die ganze Lebensspanne fördern. Ausserdem sind wir der Ansicht, dass psychosoziales Bewusstsein und entsprechende Fähigkeiten in allen Fachbereichen durch Eltern, Lehrpersonen, Coachs und Mentoren explizit und gezielt unterrichtet und nicht mehr einfach dem Zufall überlassen werden sollen. Wir glauben, dass dieses Training psychosozialer Stärken ebenso wichtig ist wie fachliche Inhalte und das Erwerben von Fertigkeiten in den entsprechenden Talentgebieten.
Vorbereitung auf Eminenz als Ziel der Begabungs- und Begabtenförderung
Es ist das Ziel unseres vorgestellten Rahmenmodells für die Begabungs- und Begabtenförderung, die Zahl der Individuen zu erhöhen, welche bahnbrechende, einen Fachbereich verändernde Entdeckungen machen oder kreative Beiträge in der Form von Produkten, Innovationen und Aufführungen leisten. Die Welt benötigt mehr dieser Individuen. Und die Begabungs- und Begabtenförderung kann so organisiert werden, dass sie Unterstützung für optimales Aufführen und Schaffen leistet. Wir schätzen und anerkennen die Wichtigkeit eines hohen Grades an Expertise und ganzheitlich gebildeter Individuen, und wir wollen nicht andeuten, dass nur noch Individuen, welche auf dem Weg zur Eminenz sind, Unterstützung erhalten sollten. Aber unser Fokus auf Eminenz erhält die Konzentration auf Exzellenz und erweitert sie. Wir lehnen die Idee ab, dass Eminenz anzustreben mit einer Verminderung des persönlichen Wohlbefindens oder der mentalen Gesundheit von Einzelnen einhergeht. Das ist vor allem dann nicht der Fall, wenn diese Förderung geleitet wird vom Wissen um die benötigte Art und Weise der Unterstützung durch Eltern, Lehrpersonen, Gemeinschaften und bundesstaatlichen und nationalen Strategien. Wir behaupten sogar, dass die Erfüllung der eigenen Talente und Begabungen in der Form von Streben nach weltveränderndem kreativen Schaffen in hohem Masse zur eigenen Zufriedenheit und Selbstverwirklichung beiträgt und gleichzeitig in noch kaum vorstellbarer Weise dem Wohl der ganzen Gesellschaft dient.
Quelle: SwissGifted, Vol. 5, Nr. 2, Dezember 2012