Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03418.jsonl.gz/1164

Wenn Eishockey-Profis NHL-Offerten vergleichen, so geht es in der Regel um viele Parameter, die einen Entscheid mit beeinflussen. Die Agenturen und deren Klienten sind auf der Suche nach dem besten Gesamtpaket. Dabei geht es nicht immer nur um die beste Offerte aus wirtschaftlicher Sicht oder um die Vertragsdauer. So waren in jüngster Vergangenheit die Verhandlungen von Matthew Tkachuk ein gutes Beispiel unter vielen: Die Calgary Flames wären 2022 bereit gewesen, für ihn fast jede Offerte anderer Clubs zu kontern. Doch als bekannt wurde, dass der Umworbene sich nicht längerfristig an die Flames binden wolle, wurde eine Lösung gesucht, die schliesslich in den Big Trade mit dem Jonathan Huberdeau-Tausch mündete. Es gab tatsächlich einige Beweggründe, warum Matt Tkachuk sich um ein noch besseres Gesamtpaket bemühte. Einer der Gründe war, dass in einigen US-Staaten die Steuererleichterungen ab einem gewissen Einkommen erheblich sind. Im Falle von Tkachuk, der jetzt nunmehr seit zwei Jahren mit einem Achtjahresvertrag über 76 Millionen US-Dollar eingedeckt ist, geht es um Millionen. Denn in Kanada (in diesem Fall in der Provinz Alberta) sind die Steuersätze bei einem Jahreseinkommen ab 220'000 Dollar mit knapp über 50 Prozent erheblich höher als in Florida (der Staat Florida erhebt von natürlichen Personen keine Einkommensteuer!). Eine ähnliche Regelung wie in Florida gilt auch in weiteren Staaten wie Wyoming, Washington, Texas, South Dakota, Nevada, Florida und Alaska. Dazu kommt, dass auch in Sachen Vermögenssteuer und anderen Abgaben in Florida sowie in anderen US-Staaten die Sätze im Vergleich nochmals tiefer sind. Und es sind sogar vereinzelt je nach Wohnsitz Absprachen möglich in Form eines Pauschalsteuersatzes. Solche Praktiken sind in Kanada tabu.
Rekrutierung der Topverdiener: Kanadische NHL-Teams klar benachteiligt
Das zeigt sich nunmehr deutlich beim Fall von John Tavares, der sich nun mit der kanadischen Steuerbehörde einen Rechtsstreit liefern wird. Tavares, so berichten kritische Stimmen in Kanada, sei nun „das jüngste Opfer von Kanadas selbstzerstörerischem Steuersystem“. Andere wiederum meinen, dass es nur fair wäre, wenn die Grossverdiener wie alle anderen in der freien Marktwirtschaft auch, die Steuerrechtssprechung gefälligst zu akzeptieren haben. Und dennoch ist dieser Aspekt äusserst relevant für alle in Kanada beheimateten Clubs im Profisport und eben auch in der NHL.
Zu den Fakten: Die kanadische Steuerbehörde CRA fordert aktuell von John Tavares zusätzliche 8 Millionen Dollar an Steuern, einschliesslich 1,2 Millionen Dollar an Zinsen. Dies im Zusammenhang mit einem Vertragsbonus von 15,3 Millionen Dollar (21 Mio. kanadische Dollar). Diesen hatte er bei seinem Wechsel zu den Toronto Maple Leafs im Jahr 2018 nach dem Auslaufen seines Vertrags mit den New York Islanders erhalten. Das Problem: Ein Steuerabkommen zwischen Kanada und den USA legt fest, dass "ein Anreiz zur Unterzeichnung eines Vertrags, der sich auf die Erbringung von Dienstleistungen eines Sportlers bezieht", sich von "Einkommen aus Beschäftigung" unterscheidet und nicht mit mehr als 15 Prozent besteuert werden sollte. Aber die CRA betrachtet den Signing Bonus als reguläre Gehaltseinkünfte und fordert einen Steuersatz von mehr als 38 Prozent. So kam es zum 8-Millionen-Dollar-Rechtsstreit zwischen dem Captain der Leafs und der Steuerbehörde.
Gehaltsobergrenze: Dallas, Tampa, Florida, Nashville & Co. profitieren
Das Problem ist seit jeher vielen in Kanada beheimateten NHL-Clubs ein Dorn im Auge: In den vergangenen Jahren hat die Canadian Taxpayers Federation Berichte über die Auswirkungen von Einkommenssteuern auf NHL-Teams und Spieler veröffentlicht. Schon vor zehn Jahren wurde festgestellt, dass von 123 unbeschränkt spielberechtigten Spielern, die das Team wechselten, 57 Prozent in Bundesstaaten oder gar Länder gingen, in denen sie weniger Steuern zahlen mussten. Im Jahr 2015 wechselten von 116 frei verfügbaren Spielern, die bei neuen Teams unterschrieben, 54 Prozent an eine Location mit niedrigeren Steuern. Ein weiteres interessantes Detail: Die Gehaltsobergrenze der NHL ist seit Jahren für Teams mit Sitz in den USA, die keine staatlichen Einkommenssteuern zahlen (Dallas, Nashville, Tampa Bay und Florida), um 16 Prozent (oder noch mehr) höher als beispielsweise für Teams aus den kanadischen Provinzen Ontario und Québec, wenn man die Steuersätze berücksichtigt. Hoppla!
Jammern auf hohem Niveau – aber für die Clubs geht es um Millionen
Viele monieren zudem, dass die Steuersätze sich nicht nur negativ bezüglich Anzugskraft und Anreizsysteme bei Spitzensportler auswirken. Es sei auch ein Problem für Kanada, andere hochproduktive Arbeitskräfte aller Branchen anzuziehen. Denn eine hohe Besteuerung schreckt Investitionen und Wachstum in der Provinz ab, was wiederum Hochschulabsolventen dazu veranlasst, anderswo nach besseren Berufsaussichten zu suchen. Seit die Regierung den Spitzengrenzsteuersatz 2016 von 29 auf 33 Prozent erhöht hat, liegt der Spitzensteuersatz jetzt in allen Provinzen ausser Saskatchewan (47,5 Prozent) und Alberta (48 Prozent) bei über 50 Prozent. Das alles ist natürlich für Betroffene ein „Jammern auf hohem Niveau“. Für NHL-Topstars jedoch ein sehr relevanter Punkt, wenn man sich die Lieblingslocation gewissermassen aussuchen darf.
Die Spieler handeln nicht immer nur uneigennützig
In diesem Zusammenhang kann man auch verstehen, warum bis vor zwei Jahren ein Topspieler wie beispielsweise Ondrej Palat (seit 2022 bei den New Jersey Devils) oder auch andere Stars von Tampa Bay Lightning jahrelang ihren Marktwert nicht ausgereizt haben, um den Salary Cap der „Bolts“ nicht zu sprengen. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass man in einem „Winning Team“ mit einem starken Mannschaftskern verbleiben und um den Stanley Cup spielen wollte. Auch handfeste wirtschaftliche Überlegungen spielten eine Rolle, wie man am obigen Beispiel mit den Steuergepflogenheiten in Florida sehen kann. Fazit: Trotz einer Lohnabsprache haben viele „Bolts“-Stars kein Geld verschenkt in Anbetracht dessen, dass sie bei einem Staatenwechsel trotz mehr Lohn nach den Steuerabgaben nicht besser gefahren wären. Dass Ondrej Palat vor zwei Jahren entschieden hatte, eine neue Herausforderung zu suchen, entstand aus rein sportlich-strategischen Überlegungen.
Entscheidungskriterien sehr vielseitig
Aber den Eishockey-Profis kommt es bei der Entscheidungsfindung bezüglich Clubwahl auch auf viele andere Punkte an: Die Vertragsinhalte, das Lohnvolumen und die Erfolgsboni sind zwar wichtige Verhandlungspunkte für die NHL-Profis bei der Wahl ihrer künftigen Destination. Jedoch bei Weitem nicht die Einzigen. Für viele ist der Lebensstandard, die Bedürfnisse der Familie (wie auch die eigenen), die Perspektiven (sportliche und strukturelle), die Identifikation mit dem neuen Club und seiner Philosophie und die Bedeutung des Eishockeysports in den jeweiligen Regionen ein Entscheidungskriterium.
Aufmerksamkeit und Popularität: Pro und Contra
Brendan Gallagher, Identifikationsfigur bei den Montréal Canadiens, sagte beispielsweise jeweils immer ganz offen, dass ihm der Markt und der „Grove“, also die Stimmung im Club und die Bedeutung des Eishockeys in Montreal, am Wichtigsten seien. Es sei, so der Publikumsliebling der „Habs“, eine besondere Ehre in einem Ort wie Montreal ein NHL-Profi sein zu dürfen. Und auch in anderen Regionen, wo Eishockey der Sport Nummer Eins sei, beziehungsweise eine gewisse Bedeutung geniesst. Doch längst nicht alle denken so. Viele können mit der Aufmerksamkeit und der damit auch mitunter kritischen Haltung von Presse und Fans nicht so gut umgehen. Viele wollen auch ihr familiäres Umfeld schützen und am liebsten ausserhalb des Stadions unbehelligt bleiben. Da fällt meist die Wahl auf Clubs in Regionen oder Städte, die einen Top-Lebensstandard bieten, einen günstigen Steuersatz haben, gute Schulen für die Kinder und angenehme klimatische Verhältnisse offerieren und wo man ausserdem auch nicht so viel Popularität geniesst. Für viele ist zudem wichtig, welche Unterstützungen der Club bietet, um eine ideale Wohnsituation, bestimmte Vergünstigungen im Alltag und generell einen optimalen Lebensstandard für sich und sein Umfeld zu bieten.
Killerargumente: Optimales Clubumfeld und Perspektiven
Fazit: Den idealen Markt für den NHL-Profi gibt es nicht. Jeder, der es sich erlauben kann, ohne weitere Einmischung von General Managern oder sonstigen Einflüssen einen Club auszuwählen, wird sich nach seinen Vorstellungen sein optimales Umfeld aussuchen. Auch jene mit einer Vertragsklausel, die es erlaubt Clubs aus der Liste potentieller Destinationen zu streichen, haben ihre eigenen Kriterien, warum sie das tun. Im Zuge der Alexander Radulov-“Nachbearbeitung“ im Sommer 2017 hat Canadiens-GM Marc Bergevin auch schon durchblicken lassen, wie schwer es manchmal sein kann, einen Wunschspieler für die „Habs“ als Top-Destination zu begeistern, da der Fokus der Öffentlichkeit auf sie gross ist und beim Parameter Nettolohn gewisse US-Bundesstaaten äusserst kooperativ sind in steuerlichen Angelegenheiten. Was jedoch alle Clubs versuchen: Man will das Clubumfeld für die NHL-Profis ihrer Wahl so angenehm und kooperativ wie möglich gestalten.
Lohn, Vertragslänge, Bonuszahlungen, Steuern (je nach Bundesstaat/Provinz), Lebensstil und -standard, die aktuelle Lebenssituation, die Bedürfnisse der Familie und der Kinder (Schulen, Schulwege), die offerierte Wohnsituation, die Aufmerksamkeit (von Presse, Publikum und dem Umfeld), die Bedeutung des Eishockeysports in der Region: Das sind sowohl harte wie auch weiche Faktoren. Was sich aber ebenso entscheidend auswirken kann; welcher Club beziehungsweise welcher Markt ist passgenau für den jeweiligen NHL-Profi, wie ist die Teamchemie im künftigen Kader des neuen Arbeitgebers, wie ist die eigene Rolle im Team definiert und welche sportlichen und strukturellen Perspektiven des Clubs (kurz- bis mittelfristig) bieten auch für den Spieler die besten sportlichen Perspektiven. Ausserdem: Viele erfahrenere Profis spekulieren auch auf die „Karriere danach“ und schauen auf die Möglichkeiten der Weiterentwicklung innerhalb des Clubs. Last but not least: Natürlich die Zusammensetzung General Manager/Trainerteam. Ein Eishockey-Profi will immer spüren, dass man an ihn glaubt.