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WOZ: Tony Blair liebäugelt mit dem französischen Präsidenten Sarkozy und allen, die nicht zu den Ewiggestrigen gehören, sondern die Zukunft anpacken, wie er sagt. Zu welcher Kategorie gehören Sie?
Christian Levrat: Zu denen, die die Zukunft anpacken, ohne zu vergessen, woher sie kommen, wofür sie stehen.
Was halten Sie von Tony Blair?
Ich mache mir weniger Sorgen um ihn als um seine Partei. Die britische Labour Party und übrigens auch die SPD haben den Weg in die politische Mitte gesucht und die Partei damit geschwächt.
Sie haben aber, zusammen mit ihrem Parteikollegen Alain Berset, ein Buch publiziert, in dem sie auch zu einer Koalition der Mitte aufrufen.
Das ist nicht vergleichbar. Die Schweiz hat kein System mit Regierungspartei und Opposition. Wir plädieren für punktuelle Allianzen mit der CVP. Ein Teil des Buches ist der Frage gewidmet, wie man die verfahrene Situation im Bundesrat beheben kann. Diese Frage ist unterdessen gelöst. Dann schlagen wir fünf Punkte vor, über die wir mit der politischen Mitte diskutieren wollen.
Welche Punkte?
Zum einen eine Wirtschaftspolitik, die die Nachfrage stärkt. Zum Zweiten eine Geldpolitik, die nicht wie heute ausschliesslich die Teuerung bekämpft, sondern Beschäftigungsimpulse auslöst. Zum Dritten einen neuen Ansatz in der Sozialversicherung – im Zentrum steht hier die etwa in Dänemark erfolgreiche Idee, ein dichtes soziales Netz mit einem flexiblen Arbeitsmarkt zu kombinieren. Zum Vierten vermehrte Investitionen in die Ausbildung und die Verpflichtung für Arbeitgeber, in die berufsbegleitende Weiterbildung zu investieren. Zum Fünften Massnahmen zur Stärkung der Sozialpartnerschaft.
Sozialpartnerschaft? Als Gewerkschafter haben Sie sich mit Streiks und Blockaden einen Namen gemacht.
Ich bin für Verhandlungen, solange es geht. Ich bin auch zu Kompromissen bereit, falls sie möglich sind. Aber ich habe keine Angst vor militanten Aktionen, wenn sie nötig werden.
Sie haben einst eine freisinnige Jugendorganisation gegründet ...
... da war ich fünfzehn. Ich komme aus einer Region, wo es keine andere Möglichkeit gab, sich politisch zu engagieren. Mit neunzehn habe ich mich mit dem Freisinn wegen der Initiative «für eine Schweiz ohne Armee» überworfen.
Sie sind 1970 geboren, also weder ein Achtundsechziger, noch ein Achtziger. Was hat Sie politisch geprägt?
Ich war während des Kosovokriegs Leiter des Rechtsdienstes der Schweizerischen Flüchtlingshilfe und ihr Sprecher. Das war eine harte politische Schule, wir hatten kaum Unterstützung aus der Bevölkerung und mussten uns mit Behörden auseinandersetzen, die sich taub stellten. Auf philosophischer Ebene hat mich der französische Philosoph Albert Camus geprägt. Bei ihm gefällt mir die Skepsis gegenüber allen Ideologien. Ich bin wie Camus ein Pragmatiker mit hohen Idealen.
Und der Marxismus?
Ich bin kein Marxist, auch wenn ich seine Gesellschaftsanalyse durchaus nützlich finde und ab und zu mit marxistischen Kategorien operiere. Dann werde ich jedes Mal sofort gerügt.
Also doch ein Ewiggestriger?
Wenn Sie damit meinen, dass man seinen eigenen Werten treu bleibt ...
Die Mediengewerkschaft Comedia sucht einen Partner. Ist die Gewerkschaft Kommunikation interessiert?
Ja, sehr. Ich bin überzeugt, dass wir mit andern Gewerkschaften zusammenspannen müssen, um neben der Unia einen zweiten starken Gewerkschaftspol aufzubauen. Wir haben das gleiche Problem: Wir sind zu klein, um die notwendige Präsenz vor Ort und die Nähe zu den Mitgliedern zu garantieren, wir haben nicht genügend Mittel für gute Dienstleistungen, und wir haben nicht genügend Verhandlungsstärke für eine gute Mobilisierungsfähigkeit.
Ist grösser automatisch besser?
Nein. Es gibt Gewerkschaften, die als einzelne Gruppierung genügend Schlagkraft haben. Doch sie sind die Ausnahme. Natürlich besteht das Risiko, dass eine grosse Gewerkschaft zum Papiertiger wird, wenn sie nicht genügend Spielraum für Militanz lässt.
Wie wird man kein Papiertiger?
Die Militanz kommt von der Klarheit der Politik, von der Klarheit der Linie und der Ziele. Sie kommt, wenn man die notwendigen Freiräume für ein persönliches Engagement schafft.
Christian Levrat, geboren 1970 in Bulle, ist Jurist, Politwissenschaftler, Präsident der Gewerkschaft Kommunikation und SGB-Vizepräsident, Freiburger SP-Nationalrat, bis anhin einziger Kandidat für das SP-Präsidium und zusammen mit Alain Berset Verfasser des Buches «Changer d’ère. Pour un nouveau contrat gouvernemental», Editions Favre, Mai 2007.