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Tom Lüthi steckt in der tiefsten Krise seiner Karriere. Nur Platz 17 beim GP von Tschechien und keine Chance mehr auf den WM-Titel. Die Wahrheit über diese Krise darf nicht ausgesprochen werden. Der Eklat muss wohl bis nach Saisonschluss warten.
In kaum einem anderen Sport sind Krisen so schwierig zu überwinden. Weil so viele Faktoren eine Rolle spielen, wenn zwei Männer auf lärmenden Maschinen in einem Höllentempo am Rande der Todeszone erbitterte Zweikämpfe austragen. Die Masseinheit ist der Bruchteil einer Sekunde. Und nun kommt bei einer Beurteilung eine Besonderheit dazu: Die Rennen werden unter Ausschluss des Publikums und der Chronistinnen und Chronisten ausgetragen («Geisterrennen»).
Wir sehen die Wirklichkeit nur noch auf TV-Bildern. Die Wahrheit können wir nur per Telefon zu erfragen versuchen. Ungefähr so stellen sich Verschwörungstheoretiker die Mondlandung vor: Die Amerikaner inszenierten sie in einem Hollywood-Studio unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Nun haben wir nach dem GP von Tschechien in Brünn folgende Situation: Der langjährige Manager und Freund eines berühmten Fahrers war soeben in Brünn als eines der erlaubten zwölf Teammitglied im Fahrerlager. Er hat sich persönlich ein Bild von der Lage verschafft. Und nach seinem «Frontbesuch» rapportiert er dem Chronisten die Lage.
Nach diesen Auskünften bleibt nur eine Schlussfolgerung: alles in bester Ordnung. Der berühmte Fahrer des betreffenden Managers fährt um Siege und Podestplätze und um den WM-Titel. Bei diesem Manager handelt es sich um Daniel Epp.
Aber nichts ist in bester Ordnung. Sein Fahrer Tom Lüthi steckt in der tiefsten Krise seiner langen Karriere. Er hat die Saison als Titelanwärter begonnen und soeben hat er den GP von Tschechien auf Rang 17. beendet. Begonnen hatte er das Rennen nach dem zweitschlechtesten Karriere-Trainingsresultat (26.) aus der zweitletzten Reihe. Im Titelkampf ist er mit 58 Punkten Rückstand völlig chancenlos. Dabei hat er bei den Vorsaisontests nach Belieben dominiert und galt als Anwärter auf den WM-Titel. Das fehlende Gespür fürs Vorderrad hat zu einer Serie von Stürzen geführt.
Was ist passiert? Da in dieser Rennklasse (Moto2) alle die gleichen Motoren die gleichen Reifen (und Vorderreifen) einsetzen und nur die Fahrgestelle unterschiedlich sind, kann es nicht am Material liegen. Am Geld sowieso nicht. Tom Lüthis Arbeitgeber (das Team des deutschen Batterie-Herstellers Intact) ist solide ausfinanziert.
Tom Lüthi wird im September 34. Ist er zu alt? Nein. Sein Talent (64 Podestplätze, 17 Siege) steht auch nicht zur Debatte. Er hat den «Biss» nicht verloren. Soeben hat er sich die Seele aus dem Leib gefahren, um noch auf den brotlosen 17. Platz zu kommen und mit Dominique Aegerter (21., er ist Ersatzfahrer für Jesko Raffin) wenigstens den Schweizer Konkurrenten hinter sich zu lassen. Sein Teamkollege Marcel Schrötter (15.), soeben von einer Armoperation genesen, blieb ausser Reichweite.
Das Problem ist die fehlende Erfahrung von Cheftechniker Michael Thier. Er steht erst in seiner zweiten Saison. Tom Lüthi hatte die besten zwei Jahre seiner Karriere (als WM-2. 2016 und 2017) mit Gilles Bigot. Der Franzose ist seit über 30 Jahren im Geschäft und betreut nun Sam Lowes. Der Brite hat soeben in Brünn den ersten Podestplatz seit vier Jahren gefeiert.
Der Cheftechniker ist für die Feinabstimmung verantwortlich. Der Cheftechniker ist die wichtigste Bezugsperson eines Fahrers. Zwar erfassen Sensoren jede Bewegung der Maschine. Auf dem Laptop wird der Fahrer «gläsern». Alles liegt offen da. Wann der Fahrer wie stark gebremst hat, wie tief die Maschine in der Bremszone in die Federung sinkt, einfach alles.
Aber alle Teams verfügen über diese High-Tech-Informationen. Die Differenz macht die Fähigkeit des Cheftechnikers, zu spüren, welche Abstimmungen sein Fahrer braucht. Weil so viele Faktoren eine Rolle spielen, ist diese Feinabstimmung so unendlich schwierig und erfordert eine jahrelange Erfahrung. An beschaulichen Testtagen ist diese Abstimmung verhältnismässig einfach. Bei einem Rennwochenende unter Extrembelastung, bei Zeitknappheit und wechselnden Temperaturen hingegen eine hohe Wissenschaft.
Daniel Epp darf das teaminterne Problem nicht ansprechen. Er hat mündlich den Vertrag von Tom Lüthi mit diesem Team bereits um ein Jahr bis Ende 2021 verlängert. Er sagt, diese Verlängerung sei durch die aktuellen Resultate nicht in Frage gestellt. Bei keinem anderen Team könnte Tom Lüthi zu so guten finanziellen Bedingungen fahren. Es wäre eine Torheit sondergleichen, durch öffentliche Kritik die mündlich vereinbarte Prolongation in Gefahr zu bringen. Es wäre unter Umständen das Karrieren-Ende für Tom Lüthi.
Der Emmentaler hat nur eine Möglichkeit: sich Schritt für Schritt aus der Krise herausarbeiten. Bis zum 25. Oktober stehen weitere acht Rennen auf dem Programm. Da bleibt keine Zeit und Möglichkeit für einen sinnvollen Personalwechsel. Der Eklat muss wohl bis nach Saisonschluss warten.
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