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Gmelin hat seit dem 5. Platz an den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro bloss ein Rennen verloren - den A-Final an der letztjährigen WM in Plovdiv, in dem sie sich der Irin Sanita Puspure deutlich geschlagen geben musste. 2017 gewann sie WM-, 2018 EM-Gold. Trotz dieser Resultate war die Perfektionistin nicht rundum zufrieden. Sie führte die Niederlage auch auf die Trainingsplanung zurück, da sie von der Philosophie des im April 2018 zum Chefcoach beförderten Edouard Blanc nicht wirklich überzeugt ist. Blanc ersetzte Robin Dowell, zu dem Gmelin ein grosses Vertrauensverhältnis besitzt. Dowell war zwar weiterhin für die Frauen zuständig, doch konnte er das Training nicht nach den eigenen Vorstellungen umsetzen, sondern musste sich an die Planung von Blanc halten, wie es die Strategie des Verbandes vorsieht.
Deshalb gelangte Gmelin mit dem Anliegen an Swiss Rowing, dass Dowell völlige Freiheit in der Trainingsplanung erhält. Das war für die Verantwortlichen «im Kontext einer erfolgreichen Saison keine Option. Wir sahen keinen Anlass, Aufgaben, Verantwortung und Kompetenzen ein halbes Jahr nach einer Reorganisation erneut zu verändern», stellte Verbandsdirektor Christian Stofer klar. Es gab diverse Gespräche, doch wichen die Vorstellungen über die Zukunft wesentlich voneinander ab. Während es in der Betrachtung von Gmelin eine «minimale Individualisierung innerhalb des gegebenen Rahmens» war, wäre es für den Verband eine grosse Veränderung gewesen.
Als dann Dowell Ende Januar entlassen wurde, eskalierte die Situation. Für Gmelin war das der Tiefpunkt: "Es sah alles ziemlich ausweglos aus. Ich feierte mit Robin die grössten Erfolge, die Zusammenarbeit funktionierte immer sehr gut. Das vor dem Höhepunkt (den Olympischen Spielen 2020 in Tokio) aufzugeben, kam für mich nicht in Frage. Für mich war klar, dass ich diesbezüglich keinen Kompromiss eingehen kann und will."
Deshalb wurden mittels einer Anfang März unterschriebenen Vereinbarung klare Verhältnisse geschaffen: Gmelin trainiert in einem Privatteam unter Dowell, ist aber in den Wettkämpfen in die Verbandsstruktur integriert. Es ist ausserdem klar definiert, welche Vorgaben die Zürcherin erfüllen muss. Der Kompromiss kam einzig aufgrund der Ergebnisse von Gmelin in den letzten zwei Jahren zu Stande - die Vereinbarung gilt vorerst für 2019. «Dann schauen wir, ob es für sie selber und für uns funktioniert», erklärte Stofer. «Es ist für Jeannine eine neue Herausforderung.» Bedenken, dass sie die Leistung nicht bringen wird, hat er jedoch keine, da sie extrem akribisch und fokussiert sei.
Jedenfalls sind die letzten Berichte von Gmelin positiv. Beim Ergometer-Test hatte sie ihre zweitbeste Zeit erzielt. Dabei war die Vorbereitung nicht optimal verlaufen. Ende September musste sie sich notfallmässig einer Blinddarm-Operation unterziehen, im Januar machten ihr alt bekannte Rückenprobleme zu schaffen, die Anpassungen im Training erforderten. Ausserdem kostete sie die ganze Situation mental viel Energie und ist es für sie nicht einfach, eine Speziallösung zu haben. «Angesichts der Voraussetzungen bin ich auf einem guten Stand», sagte Gmelin, die gar einen Rücktritt in Betracht gezogen hatte.
Wo trainiert die Ustermerin eigentlich? In der Schweiz gibt es nicht allzu viele geeignete Seen. Auf dem Greifensee beispielsweise darf sie nicht von einem Boot begleitet werden. Zudem wohnt die sehr naturverbundene Gmelin weiterhin in Sarnen, da sie sich dort zu Hause fühlt. Einen Rückzugsort zu haben, ist für sie in der aktuellen Situation mit wenig Konstanz umso wichtiger.
Da jedoch der Sarnersee, wo die Verbandsathleten trainieren, für sie vorerst kein Thema ist und sie für eine bessere Regeneration so wenig Zeit wie möglich ins Reisen investieren will, absolviert(e) sie das spezifische Rudertraining grösstenteils im Ausland, oft in Norditalien. Dort sind die Bedingungen ideal, auch weil die Wege zur Unterkunft und zum Kraftraum kurz sind.
Der Alleingang ist nicht nur logistisch eine Herausforderung, sondern auch finanziell. Das sechsstellige Budget besteht einerseits aus privaten Kosten, die dank der Anstellung bei der Armee, den Beiträgen der Sporthilfe und durch Sponsoren gedeckt sind. Dazu kommen neu die Kosten für das Personal und die Trainingslager. Ob Gmelin tatsächlich auf dem richtigen Weg ist, wird sich ein erstes Mal in Duisburg zeigen. Der erste Höhepunkt steht dann Ende Mai mit den Heim-Europameisterschaften in Luzern auf dem Programm.