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Ich bin Psychologin und betreue den elfjährigen Jungen Tim. Er besucht die erste Oberstufenklasse (7. Schuljahr). Tim hat eine ADHS und bekommt Ritalin seit der 2. Klasse. Zurzeit gibt es zuhause ganz grosse Probleme. Tim ist sehr dominant und impulsiv. Die alleinerziehende Mutter ist mit ihren Nerven am Ende und wünscht, dass Tim in ein Heim kommt. Der Vater scheint ausserstande, Verantwortung zu übernehmen. Eine therapeutische Erziehungsberatung fruchtete nicht. Könnte eine Familientherapie helfen?
Wenn bei einem Kind mit einer ADHS syndromtypische Verhaltensprobleme fortbestehen (dazu zählen hauptsächlich Konzentrations- und Lernprobleme, Impulsivität und Überaktivität) müsste zuerst einmal geprüft werden, ob die grundlegenden therapeutischen Möglichkeiten zur Behandlung der ADHS ausgeschöpft wurden.
Erst wenn die Kernsymptome der ADHS therapeutisch optimiert werden konnten, sind die Voraussetzungen dafür gegeben, dass ein Kind lernfähig ist. Dies wiederum ist eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass ein Kind mit einer ADHS aus den positiven und negativem Erfahrungen, die es im Unterricht, im Familienleben und auch in einer Therapie macht, auch lernen kann.
In einem ersten Schritt ist also nicht eine Familientherapie angezeigt, sondern vielmehr eine Standortbestimmung. Diese aktuelle diagnostische Beurteilung soll durch eine ADHS-Fachperson erfolgen und Entscheidungsgrundlagen für weitere therapeutischen Massnahmen liefern.
Eine Standortbestimmung soll bei Tim folgende Fragen beantworten können:
- Ist die vor vier Jahren gestellte Diagnose heute noch gültig?
- Falls ja: Liegen begleitend zur ADHS andere therapierelevante Kernprobleme vor (zum Beispiel Teilleistungsstörungen, Tics, Angststörungen)? Liegen intrafamiliäre Konflikte vor, welche die Aufrechterhaltung der Probleme begünstigen? Die häufigsten komorbiden Störungen, welche bei der ADHS vorkommen können, haben wir hier beschrieben.
- Ist die medikamentöse Therapie noch (genügend) wirksam? Geprüft werden kann das unter anderem mit computergestützten neuropsychologischen Testverfahren (ohne und mit Medikamente).
Die behandelnde Psychologin oder der Kinderpsychiater verfügt dann über die erforderlichen Facts und Entscheidungsgrundlagen, um mit den Eltern das weitere therapeutische Vorgehen besprechen zu können. Ansprechperson für eine aktuelle Beurteilung ist im Idealfall diejenige Fachperson, welche bei Tim die Diagnose der ADHS stellte, beziehungsweise diejenige medizinische Fachperson, welche die medikamentöse Behandlung des Knaben durchführt.
Merke: Eine früher gestellte Diagnose einer ADHS darf also „nicht aus den Augen verloren“ werden.
Familientherapie gehört bei Vorliegen einer ADHS nicht zu den Therapiemethoden der ersten Wahl. Je nach Familienkonstellation kann sie aber durchaus sinnvoll sein und Teil der multimodalen ADHS-Therapie darstellen. Wichtig ist, dass der Familientherapeut mit der ADHS-Thematik gut vertraut ist. Das sollte vorgängig geklärt werden.
Lesen Sie hier weiter, wenn meine Antwort für Sie hilfreich war.
Dieser Text wurde letztmals 09/2016 aktualisiert.
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© 2016 Piero Rossi