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Harte Schläge
Aniya Seki ist die erfolgreichste Boxerin der Schweiz. Ihren härtesten Kampf führt sie gegen sich selber.
Wenn alles gut geht, treten Sie im Herbst gegen die amtierende WBC-Weltmeisterin an. Fürchten Sie sich vor dem Kampf?
Den WBC-Titel haben ganz Grosse wie Muhammad Ali oder Mike Tyson gewonnen. Diesen Titel will ich unbedingt. Angst habe ich nicht, aber Respekt. Nicht mal so sehr vor der Gegnerin, sondern vor dem Boxen selber. Boxen ist kein Spiel. Es sind Schläge, die du austeilst und einkassierst. Wir haben nur ein Hirn, nur eine Gesundheit. Deshalb müssen wir alles tun, um uns zu schützen.
Was ist härter: der Kampf oder das Training?
Im Training musst du alles geben, fast sterben vor Erschöpfung, über die Grenzen hinausgehen, dann hast du es im Ernstkampf einfacher.
Muhammed Ali sagte einmal, er tanze wie ein Schmetterling und steche wie eine Biene. Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
Ich bin keine brutale «Brätscherin», wie man auf Berndeutsch sagt. Brutales Kraftboxen ist nicht mein Stil. Seit etwa zwei Jahren habe ich einen kubanischen Trainer. Kubaner sind die elegantesten Boxer der Welt. Boxen ist eine Kunst, die aus Präzision, Technik, Konsequenz und Herz entsteht.
Wie oft trainieren Sie?
Ich fahre jeden Tag mit dem Zug von Bern nach Pratteln. Dort trainieren wir bis zu zwei Stunden. Am Nachmittag jogge ich mindestens eine Stunde und gehe ins Krafttraining oder bin hier im Boxclub Bern.
Haben Sie ein Vorbild im Boxen?
Von den Grossen eigentlich nur Ali. Und den Kubaner Yoan Pablo Hernández, einen der grossartigsten Boxer, die ich kenne.
Wenn man sich die Medienkonferenzen vor wichtigen Männerkämpfen anschaut, scheint das grosse Maul ebenso wichtig zu sein wie der harte Schlag. Gibt es dieses Gockelgetue auch bei den Frauen?
Wir Frauen machen das auch, einfach auf unsere Art. Eine hat mal ihre Gegnerin auf den Mund geküsst, um sie aus dem Konzept zu bringen. Ich finde das lustig, aber meine Art ist das nicht. Ich schaue lieber genau hin: Je lauter und dominanter eine Gegnerin auftritt, desto schwächer ist sie.
An einen WM-Kampf der Frauen kommen selten mehr als ein paar hundert Zuschauer. Können Sie vom Boxen leben?
Ich habe trotz meiner WM-Titel noch nie eine Kampfgage erhalten.
Wirklich? Sie sind Weltmeisterin in zwei Gewichtsklassen und haben damit noch keinen Franken verdient?
Es gibt Tage, da macht mich das richtig hässig. All die Zeit und die Schinderei im Training. Aber etwas in mir drin will das. Manchmal weiss man erst später, warum man etwas im Leben so gemacht hat und nicht anders.
Die deutsche Boxikone Regina Halmich hat sich einst für den «Playboy» ausgezogen und viel Geld damit verdient. Ein Thema für Sie?
Wenn ich der Roger Federer des Boxens wäre, wenn ich die Allerbeste wäre … (zögert lange) Dann würde das Verhältnis von Vermarktung und Leistung stimmen. Vielleicht würde ich es dann machen. Jetzt ist das noch nicht so.
Haben Sie ein Ritual, mit dem Sie sich auf Ihre Kämpfe vorbereiten?
Ich habe eine Buddha-Statue, die der Dalai Lama gesegnet hat. Vor dem Match ziehe ich mich zurück, schliesse die Augen und stelle mir den Buddha vor. Das gibt mir Kraft und Vertrauen.
Bitten Sie ihn um den Sieg?
Niemals, nein. Ich bedanke mich und bitte darum, gesund aus dem Ring zurückkommen zu dürfen. Das ist alles.
Sie leiden seit Ihrer Kindheit an Bulimie und sind fast daran gestorben. Das Boxen hat Ihnen geholfen, Ihre Krankheit in den Griff zu bekommen. Schlägt Boxen Kotzen?
Das Boxen hat geholfen, sicher. Vor allem aber haben mir die Menschen im Umfeld des Boxens geholfen. Ich musste raus aus meiner Wohnung, rein ins Training. Dort werde ich richtig gefordert. Das war der Schlüssel, um nicht wie ein trauriges Häuflein Elend zu Hause zu hocken. Das Paradoxe ist ja, dass ich ohne meine Sucht vielleicht nicht Boxerin geworden wäre.
Seit kurzem bieten Sie Boxunterricht für Parkinsonpatienten an. Wie kam es dazu?
Am Inselspital gibt es eine spezialisierte Abteilung für Parkinsonkranke. Der leitende Arzt schickt mir Patienten, weil das Boxen als Therapie gute Erfolge zeigt. Zurzeit ist alles noch im Aufbau, die Patienten kommen vorerst noch einzeln zu mir.
Wie muss ich mir das vorstellen?
Wir machen kein Kontaktboxen. Die Schläge gehen gegen die Sandsäcke, in die Luft oder in die Trainingspratzen. Die Patienten verbessern so Koordination, Gleichgewicht, Reflexe und Konzentration.
Sehen Sie Parallelen zwischen Ihrer eigenen Krankheit und Parkinson?
Es tut gut, zu sehen, dass ich anderen, denen es schlechter geht als mir, etwas geben kann. Eigentlich eine Win-win-Situation: Indem ich anderen Menschen helfe, helfe ich mir selber.
Sie haben japanische und Schweizer Wurzeln, waren in Indien, in Japan, in Mexiko und haben in Berlin trainiert. Wo ist Ihre Heimat?
Heimat, das bin ich! Und das ist Japan. Die Erinnerungen an meine frühe Kindheit in Japan sind voller Wärme und schöner Gefühle.
Was gefällt Ihnen besonders am Reisen?
Ich brauche immer ein Ziel. Beim Reisen muss ich immer Teil der Umgebung sein, in der ich mich befinde. In Dharamsala (Indien, die Red.) habe ich bei einer tibetischen Familie gelebt und Tibetisch gelernt. Das war auch in Mexiko so und in Thailand ähnlich. Ich war Tibeterin, Mexikanerin, Thai. Wenn ich irgendwo hinfahre, muss ich dort dazugehören. Das Unterwegssein ist für mich nicht so wichtig
Wo möchten Sie unbedingt mal hin?
Vielleicht sollte ich wieder etwas mehr zu mir selber reisen. Ich glaube, dass wir viel zu sehr an unseren Wünschen und unserem Ego haften. Das versuche ich zu ändern – das ist meine ganz grosse Reise.
Zur Person
Aniya Seki (38) trainierte seit dem Kindergarten Judo und Karate. Seit 2008 boxt sie als Profi. In ihren bisher 37 Kämpfen ging sie 32 Mal als Siegerin aus dem Ring.
Seki ist mehrfache Schweizer Meisterin und dreifache Weltmeisterin im Superfliegengewicht (bis 52 Kilogramm) und im Superbantamgewicht (bis 55 Kilogramm). 2012 gewann sie den silbernen WM-Gürtel des wichtigen World Boxing Council (WBC).
Neben ihrer Boxkarriere unterrichtet Aniya Seki Kinder und Jugendliche und bietet Klassen mit Parkinsonpatienten in Bern an.
www.aniyaseki.ch
www.boxclubbern.ch
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