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Wie es sich in einem Walliser Bergdorf lebte, das erst 1937 eine Strassenverbindung ins Tal erhielt. Wozu junge UnterbächnerInnen Mitte der zwanziger Jahre bereits Englisch lernten. Und welch miesen Lohn der Gemeindepräsident dem jungen Albin zahlte.
WOZ: Herr Zenhäusern, Sie sind 1920 in Unterbäch im Oberwallis geboren und haben fast Ihr ganzes Leben hier verbracht. Zog es Sie nie weg?
Albin Zenhäusern: Ich konnte nicht. Als Jüngster von zehn Kindern musste ich bei den Eltern bleiben. Wir waren in der Landwirtschaft tätig, hatten acht bis zehn Kühe und Rinder, das war eine Menge Arbeit. Zudem war mein Vater Invalide, so musste ich bleiben und von morgens bis abends hier «chripplu».
Und Ihre älteren Geschwister?
Meine Brüder arbeiteten, wie viele Leute aus dem Dorf, in Hotels im Berner Oberland, in Graubünden oder Zürich. Bereits 1924/25 wurden in Unterbäch zu diesem Zweck Englischkurse angeboten. Auch meine Brüder besuchten diese Kurse.
Sie waren immer an der Geschichte des Dorfs interessiert, haben viel gelesen und geschrieben. Hätten Sie gerne studiert?
Ich hätte schon gerne studiert. Aber studieren konnte nur, wer Geld hatte – oder einen guten Getti, der bereit war, einen finanziell zu unterstützen. Als ich dreizehn war, kam der Herr Pfarrer eines Abends zu uns auf Besuch und schlug vor, dass ich als Jüngster in Altdorf bei den Mariannhillern studieren sollte.
Und Sie wollten nicht ins Internat zu den Missionaren?
Unsere Familie konnte sich diese Ausbildung nicht leisten. Wir hätten bei Verwandten und Freunden Geld sammeln müssen, das wollte ich nicht. Im Dorf gab es nicht viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Viele Leute zogen schon dazumal weg, weil sie nichts verdienen konnten. Manche fanden in den Fabriken in Siders oder Sitten oder in den Gärtnereien im Unterwallis eine Stelle. Im Winter kamen sie zurück ins Dorf. Wir machten eine harte Zeit durch. So etwa wanderten Ende des 19. Jahrhunderts dreissig Personen von Unterbäch nach Argentinien in die Provinz Santa Fe aus.
In der Landwirtschaft wurden kaum Löhne bezahlt?
Es gab Taglöhner, oft waren das ältere Männer, die nicht recht schreiben und lesen konnten. Doch meistens arbeiteten Eltern und Kinder im familieneigenen Landwirtschaftsbetrieb. Als ich neunzehn Jahre alt war, bat mich der Gemeindepräsident, für ihn zu arbeiten, seine Äcker mussten umgegraben werden. Er versprach, gut zu zahlen und alles. Ich habe eine Woche lang «gchripplut» – sechs Tage, zwölf Stunden pro Tag. Dann kam die Abrechnung: Der Herr Gemeindepräsident erklärte mir, den Taglöhnern bezahle er pro Tag 65 bis 70 Centimes, doch mir bezahle er drei ganze Franken, weil ich ein guter Arbeiter sei. Als ich das meinem Vater selig erzählte, sagte er, viel schlechter sei er ja schon vierzig Jahre vorher nicht bezahlt worden.
Er hat Sie übers Ohr gehauen?
Ja. Die Kleinen wurden immer von den Grossen ausgenutzt. Das habe ich oft erlebt.
Sie haben auch in der Fabrik gearbeitet?
Ja, in der Lonza in Visp verdiente ich ein wenig Geld. Acht Stunden dauerte die Schicht, zwei Stunden brauchte ich für den Weg. Die Luftseilbahn nach Raron wurde erst später gebaut, darum gingen wir zu Fuss. Dann arbeitete ich noch fünf Stunden in der Landwirtschaft – da blieben gerade noch sechs oder sieben Stunden zum Schlafen. So haben wir hier alle gearbeitet.
In der Lonza arbeiteten Sie mit Quecksilber?
Ja, am Anfang schon. Und dann bekam ich eine Quecksilbervergiftung. Als ich 1939 ins Militär einrückte, machten sie eine medizinische Untersuchung. Der Arzt stellte fest, dass ich am meisten Quecksilber von allen ausscheide. Er riet mir, eine andere Arbeitsstelle zu suchen. Ein anderer Arzt meinte, das sei nicht so schlimm – ich hätte ja bereits ein Jahr Lehre gemacht und könne die Stelle darum nicht schon wieder aufgeben. Ich hatte aber einen guten Freund, der auch Arzt war und dem ich vertraute. Er gab mir Medikamente und sagte, dass ich nicht mehr mit Quecksilber arbeiten solle. Da ich den Chef einer neu eröffneten Abteilung kannte, konnte ich dort zwei Tage später anfangen und mich erholen.
Wurden Sie überhaupt darüber informiert, wie gefährlich Quecksilber ist?
Jeder Mensch in der Lonza wusste das. Die Fünfzig- bis Sechzigjährigen wurden plötzlich gelb im Gesicht, und nach einer Zeit sind sie «verreist».
Hatten Sie Schutzkleidung?
Die gab es schon, aber wenn dieses Quecksilber offen in einem Graben ins Abwasser fliesst … Dass das Quecksilber in den Rotten gelangte, wie heute ja bewiesen ist, wundert mich überhaupt nicht. Ich habe das gewusst, es floss alles in den Grossgrundkanal. Das wurde so gemacht, und wer in der Lonza arbeitete, dem war das alles bekannt. Aber heute müssen sie das nun berappen.
Wer keine andere Möglichkeit hatte, musste weiterhin mit Quecksilber arbeiten?
Ja, klar, wohin sonst sollten sie schon gehen? Chippis war zu weit weg. Die Arbeiter aus der Quecksilberabteilung hatten eine Woche länger Ferien pro Jahr als alle anderen: vier Wochen statt drei. Die Quecksilberwoche nannte man das. Aber das war natürlich Unsinn.
Albin Zenhäusern (93) hat sein Leben lang in Unterbäch gearbeitet.