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Die Insel aus einer anderen Zeit
Auf Ikaria in Griechenland leben die Menschen länger als anderswo in Europa. Ein Besuch in einer fernen Welt.
Am östlichen Rand Europas liegt eine Insel, wo die Menschen sehr alt werden. Ich fuhr zur Insel, weil ich sehen wollte, was für ein Leben die Menschen führen. Auf dem Schiff sass ein alter Mann an einem Kaffeetisch, ein Heft mit Kreuzworträtseln vor sich. Der Mann trug eine Sonnenbrille, einen abgewetzten schwarzen Kittel und eine staubige Mütze. Manchmal döste er und manchmal schrieb er Buchstaben in die Quadrate, und einmal pro Stunde stand er auf, um auf dem offenen Deck eine Zigarette zu rauchen. Als wir auf der Insel ankamen, ging er die Mole entlang, setzte sich in einen weissen Fiat und fuhr davon. Ich schätzte ihn auf etwa 80 Jahre.
Evdilos, der Hafen von Ikaria, war eine Reihe von weissen Häusern, die in einem Halbkreis um türkisfarbenes Wasser herumstanden. Im Wasser schaukelten drei Fischerboote auf und ab. Es war vier Uhr am Nachmittag. Ein Erpel schnatterte. Magere Katzen gingen lautlos vorbei. In einem Café sassen junge Männer im Schatten, liessen Würfel in einen hölzernen Kasten hüpfen und tranken Bier. Das Klacken der Würfel lag über allem. Die Kellnerin zeigte auf meine Uhr und sagte, ich sei wohl nicht von hier – hier würde niemand eine Uhr tragen.
Ein Tag zuvor hatte ich in Athen eine junge Frau aus Ikaria getroffen. Drei Zitate von ihr:
- „Auf Ikaria existiert keine Zeit.“
- „Man kann dort gar nicht aufhören zu leben.“
- „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an meine Insel denke.“
Drei Zitate eines Taxifahrers in Athen:
- „Meine Grossmutter starb mit 102 Jahren auf der Insel, meine Urgrossmutter mit 107 Jahren.“
- „Mein Grossvater hörte mit 84 mit dem Rauchen auf, da ihm der Doktor sagte, es sei schlecht für ihn. Jetzt ist er 92.“
- „Ich war seit zwei Jahren nicht mehr dort, aber ich habe das hier“, sagte er und wühlte durch seinen Hüftbeutel. Er zog ein gelbes Feuerzeug hervor, auf dem die Umrisse der Insel zu sehen waren.
Das Alter der 8000 Bewohner von Ikaria wurde in den letzten Jahren in Studien untersucht. Die Menschen werden zehn Jahre älter als der Rest der Europäer. Es gibt viele, die über 90 und 100 werden. Sie haben weniger Krebs, weniger Herzinfarkte, weniger Depressionen und weniger Demenz. Aber Sex bis ins hohe Alter. Die Universität Athen kam zum Schluss, es habe mit dem Kaffee zu tun. Andere Studien sehen den Grund im Wein, im Tee oder der guten Luft. Ein amerikanisches Team von National Geographic untersuchte fünf Gegenden auf der Welt, wo die Menschen besonders alt werden. Die Amerikaner verbrachten Monate auf Ikaria, kontrollierten Geburtsurkunden und berechneten die Anzahl Gramm an Früchten, Gemüse, Fleisch und Fisch, die pro Person gegessen werden. Sie analysierten Cholesterol, Vitamine und Kalzium. Als sie eine 101-Jährige fragten, warum die Leute hier so alt würden, zuckte die Frau nur mit den Schultern und sagte, ach, hier vergesse man halt zu sterben.
Eines Abends traf ich den 94-jährigen Nikolas Fountoulis und seine 89-jährige Ehefrau Kalliopi. Sie sassen unter einem Maulbeerbaum vor ihrem Haus. Das Haus stand am Ende einer steilen Strasse, von der eine schiefe Treppe zu einer Veranda führte. Das erste, das auffiel, war der Geruch. Es roch nach Gardenien, sie wuchsen in Kübeln vor dem Haus. Hin und wieder krähte ein Hahn. Zwischen die Blätter der Bäume hindurch war weit unten das Meer zu sehen, jenseits der Berge und Hügel.
Nikolas Fountoulis hatte einen starken Händedruck und eine tiefe Stimme. Er sass in einem weissen Plastikstuhl, und wenn er aufstand, hinkte er. Vor zehn Jahren hatte er ein Bein gebrochen. Seither könne er nur noch die Ziegen melken, die Gewürze schneiden, die Trauben pflücken und einen Kilometer zu Fuss den Berg hoch gehen zu seinem Maisfeld.
Wir tranken Kaffee aus kleinen weissen Tassen, in denen sich der Kaffeesatz am Boden sammelte. Während dem Gespräch sagte die Ehefrau kaum etwas und ich konnte nicht herausfinden warum. Es mag sein, dass sie einfach keine Lust hatte. Oder es mag mit dem Aberglauben auf der Insel zu tun haben. Niemand lässt hier eine offene Schere liegen, denn das bedeutet, dass jemand schlecht über einen redet. Man sollte eigentlich auch niemandem sein Alter verraten, denn das bringt Unglück. Geheimnisse zu behalten hat eine lange Tradition. Im 17. Jahrhundert war die Insel ein beliebtes Versteck für Piraten und die Inselbewohner zogen sich so weit in die Berge zurück, bis man vom Meer aus das Gefühl hatte, hier wohne keiner. Die Menschen lebten in engen Tälern. Sie bauten ihre Häuser im Schutz von Felsen und Bäumen. In den Dörfern gab es zwei Gründe, die Todesstrafe für ein Verbrechen auszusprechen. Der eine Grund war Mord. Der andere das Verraten eines Geheimnisses.
Während dem Besuch bei den Fountoulis’ kam ein übergewichtiger Mann die Treppe hoch gehinkt. Es war der Neffe von Nikolas. Er hatte Probleme mit den Knien.
„Er ist so fett, weil er den ganzen Tag in seinem Gemüseladen hockt und sich nicht bewegt“, sagte Nikolas.
Alle lachten, auch der Neffe. Dann kam die Ehefrau des Neffen die Treppe hoch, und schliesslich der Sohn von Nikolas. Dies ist eine der Regeln der Insel: Besuch ist wichtiger als Arbeit. Einen Besucher wegzuschicken, weil man etwas zu tun hat, ist nicht erlaubt. Solche Besuche können 30 Minuten dauern, aber auch den halben Tag oder die ganze Nacht. Durch die vielen Besuche kennen fast alle Inselbewohner einander. Fragt man nach einer Person, die 50 Kilometer entfernt wohnt, heisst es: „Ah, die Nedelina, habe ich seit Wochen nicht mehr gesehen.“ Das Konzept von Arbeitszeit und Freizeit gibt es nicht, beides verschwimmt in einander. Man tut die Arbeit, bis sie erledigt ist, und sollte sie verspätet werden, ist das nicht so schlimm.
„Wir tun die Dinge mit der Sonne, nicht mit der Uhr“, sagte Nikolas.
Auf Ikaria ist es üblich, dass man sein Schiff nach Athen verpasst oder dass man sich mit jemandem verabredet und erst ein paar Stunden später auftaucht. Stress kommt kaum auf. Hält sich niemand an einen Zeitplan, gibt es keinen Grund, sich unter Druck zu setzen.
Nikolas und seine Besucher waren sich einig, wer ein langes Leben führen wolle, müsse eine Arbeit tun, die Spass mache. Man dürfe auf gar keinen Fall einen Chef haben, das sei schlecht für die Gesundheit. Man müsse genügend Feste feiern und roten Wein trinken. Zudem sei eine Stadt wie ein Gefängnis, in Städten dürfe man nicht leben.
Wenn die Inselbewohner vom Hafen redeten, von Evdilos, dann redeten sie von der Stadt. 3000 Menschen lebten hier. Ich wohnte etwa hundert Meter vom Meer entfernt in einem blauen Zimmer, wo zwei weisse Ruder an der Wand hingen. Nachts konnte man vom Balkon aus den Bergrücken beobachten, wo sich der Grat langsam vom schwarzen Hintergrund abzuzeichnen begann, und dann erhob sich der Mond über die Insel. Frauen sangen, Katzen miauten und Messer und Gabeln klapperten auf Tellern. Am Hafen spielten Kinder bis Mitternacht Fussball auf der Hauptstrasse. Die Apotheke, der Kiosk und die Bäckerei waren bis spät in die Nacht geöffnet. Manchmal ging ich da rein und niemand war da. Ich rief, und niemand antwortete. Ich wartete, aber niemand kam.
Auf Ikaria haben die meisten Türen Schlösser, aber sie werden selten benutzt. Es ist üblich, dass man ins Haus des Nachbarn gehen und Kartoffeln, Auberginen und Tomaten holen kann, auch wenn der Nachbar nicht zu Hause ist. Diese Praxis geht allerdings langsam verloren, da mehr Fremde auf die Insel kommen und man sagt, ab und zu würden Dinge gestohlen. Zwei Mal sah ich einen Polizisten, der in einem weissen Jeep Cherokee um den Hafen herum fuhr, aber er machte nicht den Anschein, als hätte er viel zu tun. Ich fragte eine junge Frau, wann das letzte schwere Verbrechen auf der Insel begangen wurde, und sie sagte, das sei sicher hundert Jahre her. Hin und wieder gäbe es eine Schlägerei, wenn zwei zu viel getrunken hätten, aber ein Tag später seien die beiden wieder dicke Freunde.
An einem heissen Morgen fuhr ich durch die Berge zur Südseite der Insel. Ziegen grasten an kargen Hängen und wurden von hungrigen Hunden bewacht. Ein alter Mann sass auf einem Esel und war unterwegs ins nächste Dorf. Links und rechts der Schotterstrasse wuchsen Eichen und die Luft war süss von Blumen. In einem Dorf namens Christos trank ein älterer Herr unter einem Baum Wein und ass Brotscheiben. Hier soll vor vielen Jahren ein Doktor aus Athen durchgekommen sein. Man erzählt sich, es sei Winter gewesen und die Menschen hätten draussen gesessen, in kurzärmligen Hemden und offenen Schuhen. Der Arzt blieb einen Monat, er ass das Brot und trank den Wein und beobachtete die Menschen. Nach einem Monat soll er gesagt haben: „Ihr braucht mich nicht, ich gehe zurück nach Athen.“
In Karkinagri traf ich Gabriel und Hermioni Fradellos vor ihrem Haus. Hermioni war eine ruhige Frau von 88 Jahren, die sich beim Gehen an den Rücken fasste. Gabriel war ein zappeliger Mann, der immer wieder von seinem Stuhl aufstand, um den Tisch zu verrücken, oder ins Haus zu gehen. Er war leicht verletzt. Auf seinem Handrücken klebte ein Pflaster. Heute Morgen hatte er sich an einem Ast des Pfirsichbaums die Haut aufgekratzt. Er war auf den Baum geklettert, um Pfirsiche zu pflücken. Gabriel Fradellos war 93 Jahre alt.
Es war elf Uhr morgens und Gabriel kippte den Henkel einer grossen Flasche um. Er stellte kurze Gläser bereit und füllte sie mit einer farblosen Flüssigkeit. Er hielt sein Gläschen hoch und sagte: „Prost.“ Tsipouro, eine Art Grappa, trinke er jeden Morgen, normalerweise um 10 Uhr. Zum Mittagessen trinke er Wein. Zum Abendessen ebenfalls.
Gabriel besass den Charme eines Filmstars und das Charisma eines Dorfchefs. Nur einmal verschatteten sich seine Augen. Als er vom Tod seines Sohnes erzählte.
„Ich würde mich heute jünger fühlen, wenn das nicht passiert wäre“, sagte er.
Am 25. März 1968 sei der Sohn bei einem Schiffsunglück vor der englischen Küste ertrunken. Seine Familie habe damals in Athen gelebt. Er sei alleine auf Ikaria gewesen und habe darüber nachgedacht, sich zu erschiessen. Aber jeden Abend hätten ihn Freunde zum Essen und zum Reden eingeladen.
„Sie heilten mich“, sagte Gabriel.
Hermioni tischte Gurken und Fetakäse auf. Gabriel sagte, seine Kinder würden noch heute in Athen leben, sie würden zwar jeden Tag anrufen und fragen wie es den Eltern gehe, aber es mache ihn traurig, dass sie so weit weg seien. Er und seine Frau gehen sie jeweils besuchen und dann bleiben sie für zwei bis drei Monate.
„Ich reise mit meinem Mädchen hin“, sagte er und legte Hermioni die Hand um die Schultern.
Hermioni lächelte verschämt und Gabriel strich ihr über den Kopf.
„Lasse ich sie hier, kommt ein anderer Mann und schnappt sie mir weg“, sagte Gabriel.
Wir sassen unter Bäumen an einem hölzernen Tisch, das Meer war nicht weit, irgendwo bellte ein Hund, Grillen zirpten. In der Ferne war das Knattern eines Motorrads zu hören. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis Besuch kam.
Der erste war ein Mann in einem weissen Overall, der auf einem gelben Quad heranfuhr. Auf dem Kopf trug er einen Fischerhut, auf den ein Ferrari-Zeichen gestickt war. Er nannte sich Kapitän Georg, da er sein eigenes Fischerboot besass. In der Hand hielt er eine durchsichtige Tüte, in der eine Meerbrasse lag.
„Ich bin noch ein Kind – ich bin ja erst 82“, sagte Kapitän Georg und setzte sich.
Als nächstes kam der 96-jährige Herr Vagelis, er trug einen weissen Strohhut, der ihm am Hinterkopf klemmte. Herr Vagelis hatte lustige Augen und einen schön getrimmten Bart um den Mund.
Er sagte: „Ich bin auf der Suche nach einer Frau.“ Er sei zwei Mal verheiratet gewesen, aber beide Ehefrauen seien gestorben.
Etwa zwei Kilometer ausserhalb von Evdilos lag auf einer Klippe am Meer das Regionalspital. Im Empfangsraum stand ein schmales Büchergestell, in dem schwarze und gelbe Bundesordner neben einander gereiht waren. Auf dem Gestell stand ein Blumentopf, aus dem ein Farn wuchs, und über dem Farn hing eine Uhr, die um fünf Minuten nach eins stehen geblieben war. Daneben hing ein Bild von Jesus, mit gefalteten Händen und abgewandtem Kopf. Es sah aus, als würde Jesus auf die Uhr schauen.
Als ich ankam, war der Empfangsraum voller Menschen. Eine alte Frau wurde auf eine Bahre gelegt und in ein Zimmer geschoben. Eine junge Frau stand gekrümmt neben einer Topfpflanze und hielt sich den Bauch. Ein Mann mit Dreitagebart streckte einem Arzt seine Hand hin, die gerötet und verschorft war. Ein kleines Mädchen mit einer Beule neben dem Auge stand vor dem Snackautomaten und zeigte auf einen Schokoriegel. Die Ärzte von Médecins du Monde waren auf der Insel. Sie kommen einmal pro Jahr, mit Kinderärzten, Dermatologen und Orthopäden. Spezialärzte gibt es kaum auf der Insel und wer es sich leisten kann, reist dafür nach Athen. Aber nur wenige können es sich leisten.
Die Chefärztin am Regionalspital entschuldigte sich für das geschäftige Treiben. Sie sagte, das sei nicht üblich. Normalerweise sei es viel ruhiger. Kalliopi Katte war eine kleine Frau mit schwarzen Haaren, die leise sprach und zur Begrüssung sehr lange meinen kleinen Finger festhielt. In ihrem Sprechzimmer standen eine Liege, ein Tisch und zwei Stühle. Sie sagte, heute seien zwei Männer über 100 bei ihr gewesen. Ein weiterer ihrer Patienten sei 102 Jahre alt.
„Er ist so fit, für mich ist das ein Wunder“, sagte sie.
Gemäss Katte sind verschiedene Faktoren der Ernährung dafür verantwortlich, der Tee, das Olivenöl, das Brot, das Gemüse. Die meisten Menschen essen und trinken Produkte, die aus dem eigenen Garten stammen. Sie essen wenig Fleisch, und wenn, dann braten sie es nicht, sondern kochen es. Zudem ist es üblich, dass man nach dem Mittagessen eine Stunde schläft, um sich auszuruhen. Der wichtigste Punkt ist aber das Gemeinschaftsgefühl.
„Es kommt vor, dass jemand zu mir kommt und ich eine Depression feststelle und am selben Abend treffe ich die gleiche Person an einem Fest und sie tanzt und singt und hat alles vergessen.“
Die Menschen auf der Insel leben im Wissen, dass sie nicht alleine gelassen werden. Jeden Tag tauschen sich Alte mit Jungen aus. Getrennte Generationen gibt es hier nicht. Wird jemand bettlägerig, zieht eines der Kinder oder ein Enkelkind ein, um zu pflegen. Oder Freunde. Niemand stirbt im Spital, sie sterben zu Hause.
„Die Menschen hier sind nicht glücklicher als anderswo“, sagte Katte, „aber sie führen ein besseres Leben.“
Kurz bevor ich auf die Fähre zurück nach Athen ging, schlenderte ein alter Mann um den Hafen herum. Er ging an den Cafés vorbei, wo Menschen sassen, Zigaretten drehten und Tsipouro tranken. Er begrüsste die einen mit einem Kniff in die Schulter, winkte den anderen zu. Als er zur Alpha Bank kam, zog er sein Portemonnaie aus der Tasche. Er ging die zwei Treppenstufen zum Eingang hoch und wollte die Tür aufziehen. Die Tür bewegte sich nicht. Er stiess, aber die Tür war verschlossen. „Ist heute Samstag?“, sagte er. Er steckte seine Brieftasche wieder ein. Es war Samstag.