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Summary
Äussere und innere Autonomie. Ego- oder Selbst-Urheberschaft? Die Freiheit des westlichen Menschen: ätzende Fragen dazu. Willkür und freiwillige Verantwortungsübernahme. Bewusste und unbewusste Abhängigkeiten. Absolute Autonomie gibt es nicht. Wir sind vernetzt mit allem, was ist. Freiheit vom Ego - freiwillige Rückbindung ans Selbst.
"Autonom? - Bin ich doch! Ich wohne unabhängig, verdiene mein eigenes Geld, wähle meine Freizeitbeschäftigungen, meine Freunde, gehe in die Ferien, wohin ich will und wohne in einem Land, in dem ich zumindest mitbestimmen kann an der Urne in vielen Fragen. Also was soll die Frage nach der Autonomie? Und was hat das mit Glück zu tun?"
So hat eine selbstbewusste junge Dame - und so könnten viele andere hierzulande - auf meine Intention reagiert, Autonomie als Glücks-Route zu propagieren. Bevor ich einige kritische Gegenfragen stelle, möchte ich kurz etwas zu den zwei Begriffen Autonomie und Abhängigkeit sagen:
Autonomie
Autonomie meint Selbsturheberschaft, wörtlich die Selbst-Gesetzgebung (nomos = griech. 'Gesetz'). Umgangssprachlich ist mit 'autos' das Ich, das Ego gemeint, ein Autonomer also ein Ego, das unabhängig von andern Egos seine eigenen Gesetze bastelt, sein eigener Herr ist. Aber ich möchte bereits hier anklingen lassen, dass autos eigentlich SELBST heisst und dass der berühmte Spruch über dem Orakel zu Delphi "Erkenne dich selbst" auf das Selbst zielt und nicht auf das Ego. Erkenne das Selbst - und das ist die schwierigste Aufgabe, die es gibt. Denn das Selbst umfasst alles, was ist. In psychologischer Terminologie ist das Selbst das allumfassende Bewusstsein, in christlich-theologischer Bildsprache ist es das Göttliche in uns oder schlicht Gott, bzw. in anderen Religionen das Tao, Brahman etc. Damit ist die Autonomie, die Selbst-Urheberschaft bereits etwas viel Grösseres, als wenn wir so als profilierte und unabhängige Egos mehr oder weniger unbehelligt draufloswursteln können.
Abhängigkeit
Der Gegensatz zur Autonomie ist unter dem Aspekt der Freiheit der Regelsetzung die Abhängigkeit, die Gebundenheit beim Festlegen der für uns geltenden Normen, die Fremdbestimmung. Abhängigkeit ist ein vielschichtiges Phänomen und es gilt, sie auf allen Ebenen zu suchen und anzuschauen. Das Hauptaugenmerk werden wir auf die Arten von Abhängigkeit richten, die uns gar nicht bewusst sind, die wir gar nicht erkennen, weil wir sie mit der Muttermilch, über Schule, Gesellschaft, Mode, Werbung - über das ganze Zeitparadigma eingesogen und verinnerlicht haben. Das Zeitparadigma aber ist nichts anderes als die Summe der in einer Kultur in einem bestimmten Zeitabschnitt gerade geltenden Vorurteile, Behauptungen, Glaubenssätze. Und 'gelten' meint hier: sie entsprechen der herrschenden Meinung, also der Meinung der Herrschenden bzw. der Mehrheit, die sich in den (akzeptierten) Medien, in der (gekauften) Kunst, vor allem aber in der Politik niederschlägt.
Bewusste Abhängigkeiten
Fragen an Menschen, die sich autonom wähnen:
1. Welche Art von Freiheit?
Was sind denn das für Gesetze, Regeln, die Sie sich selbst geben? Entspricht das nicht etwa dem starken Cartoon, der die amerikanische Freiheitsstatue zeigt, statt der Fackel ein Riesen-Cornet in der Hand, dazu der Spruch: Die Freiheit des westlichen Menschen besteht darin, aus zwanzig Glacé- Sorten auswählen zu können.
Diese Autonomie billige ich Ihnen zu - und das ist nicht nichts, verstehen Sie mich nicht falsch. Es gibt viele Menschen, die nie im Leben die Wahl zwischen 20 Eissorten haben, auch nicht zwischen 50 Brotsorten. Die Frage ist nur, ob es sich dabei um die glücks-relevante Art von Autonomie handelt. - Zumindest hier auf dieser Glücksroute sind es nicht diese äusserlichen Unabhängigkeiten oder Freiheiten, auf die ich hinziele.
2. Waren und sind Sie sich der
Einflüsse bewusst?
Haben Sie auch in den wesentlichen Fragen wie Berufswahl, Partnerwahl, Wahl der Religion, des Lebensraumes und ähnlichen Fragen autonom entschieden? Oder lernten Sie einen Beruf, der gerade 'in' war, der grossen Verdienst versprach, Sicherheit, Ansehen? Falls ein solcher Grund mitspielte, können Sie entschlüsseln, ob das Motiv, diesen Grund zu berücksichtigen, von aussen kam oder von innen? Und wenn er von aussen kam, woher? Wer waren die Menschen, die Sie beeinflussten? Waren es Menschen aus dem näheren Umfeld, oder eher Idole, Vorbilder? Oder gar nicht direkt Menschen, sondern Ereignisse? Oder waren es Bücher, Filme, Kunstwerke?
3. Gefühls-Autonomie?
Wie autonom gingen Sie mit Ihren Gefühlen um? Haben Sie selbst die Regeln festgelegt, wann sie wem welche Gefühle in welcher Art zeigten? Standen Sie zu Ihren Gefühlen in wichtigen Augenblicken? Wenn nein, wieso nicht? Wer hat die Regeln gemacht?
4. Geistige Unabhängigkeit?
Haben Sie jetzt hier und heute geistige Unabhängigkeit? Woher kommen Ihre Meinungen über die Personen in Ihrem Umfeld, über politische und gesellschaftliche Ereignisse, über Kunst, über die hier aufgeworfenen Fragen? Kommen die ganz autonom, ganz unabhängig aus Ihnen heraus? Und wenn ja, aus welcher Ecke Ihres Innern? Können Sie verschiedene innere Stimmen unterscheiden? Merken Sie, wann es das schlechte Gewissen ist, das mit irgendwelchen Regeln - meist Verboten - aus der Kindheit daherkommt? Und merken Sie, wenn es Ihr gieriges Ego ist, das sich innerlich meldet und schnell eine Regel aufstellt - meist eine zu Ihrem materiellen oder triebbefriedigenden Vorteil? Spüren Sie auch, wenn es die Intuition ist? Dieser 'Kanal nach oben', der uns ohne langes Überlegen in den meisten Lebenslagen wissen lässt, welches der richtige Entscheid, die richtige Regel wäre?
5. Wie weit übernehmen Sie
Verantwortung?
Das beste Indiz für richtig verstandene Freiheit und Autonomie ist für mich das Mass der freiwilligen Verantwortungsübernahme. Wie haben Sie's damit? Sind Sie verantwortungsfreudig und -fähig? Übernehmen Sie die volle Verantwortung für alles, was Ihnen geschieht? Oder gibt es da haufenweise Schuldige rundherum, vom Wetter über die Zeitumstände, die Börsenlage bis zu allen Menschen in Ihrem näheren Umfeld? Und nehmen Sie Verantwortung wahr für das, was Sie tun? Und für Menschen, die Kraft ihrer Jugend, ihres Alters, ihres geistigen oder körperlichen Zustandes in ihrer Autonomie eingeschränkt sind?
6. Autonomie oder Willkür?
Könnte es sein, dass Sie Autonomie mit Willkür verwechseln? Mit dem verantwortungsfreien Tun und Lassen, wozu man in jedem Augenblick gerade Lust oder eben nicht Lust hat? Heute 'JA' morgen 'VIELLEICHT' und übermorgen 'NEIN', wie es in den meisten sogenannt 'modernen' Partnerschaften üblich ist, die sich vorab durch panische Verantwortungsscheu auszeichnen? Übrigens zwei höchst zuverlässige Anzeichen für Entwicklungsbedarf, sowohl die Panik bzw. jede Form von Angst, wie auch die Verantwortungsscheu. Wer umgekehrt völlig angstfrei ist und die Verantwortung für die ganze Welt - SEINE Welt - übernimmt, kann aufhören zu lesen und sich heiter-gelassen seiner Verantwortung widmen.
Falls Sie bei der Beantwortung all dieser Fragen auf einige Abhängigkeiten gestossen sind, schreiben Sie sie bitte auf. Wenn Sie Freude an Strukturen haben, ordnen Sie die gefundenen Abhängigkeiten in äussere und innere, oder in körperlich-materielle, emotionale, geistige und spirituelle (falls Sie mit dem Begriff etwas anfangen können). Überall wo Sie's wissen, schreiben Sie auch die Menschen, Wesen, Dinge oder die berühmten 'Sachzwänge' auf, die die Abhängigkeit bewirken. Aber machen Sie es sich nicht zu einfach. Seien Sie ganz streng und genau. Prüfen Sie Punkt für Punkt, ob denn die gefundenen Abhängigkeiten auch wirklich zwingend seien. Kommen Sie sich selbst auf die Schliche. Wo machen Sie Halt? Was ist ein unverrückbarer Sachzwang? Zum Beispiel der monatliche Geldbedarf, der Sie zu einer bestimmten Tätigkeit zwingt, die Sie nicht mögen. Oder die Ansprüche ans Wohnen, an die Ferien? Und bei den Gefühlen: Wurde es von wichtigen Personen nicht geschätzt, wenn Sie Ihre Gefühle zeigten? Oder nahmen Sie nur an, es könnte nicht goutiert werden und haben es gar nie wirklich probiert? Könnte das Zulassen von Gefühlen Ihrem Image abträglich sein? Wenn ja, welchem? Dem, das Sie von sich selber haben oder dem, das Sie meinen, andere hätten es von Ihnen? Und sind diese Annahmen die Abhängigkeit, die Unfreiheit wert, die Sie sich damit geschaffen haben? Und die geistigen Abhängigkeiten, die Sie gefunden haben? Sind sie noch aktuell oder könnte man die eine oder andere hinterfragen, neu beurteilen - einen Schritt in die Autonomie tun?
Das ist schon ein gerüttelt Mass an Arbeit. Und dabei sind wir erst bei den bewussten Abhängigkeiten. Der ganz grosse Haufen kommt erst. Nur geht's da nicht so einfach mit Aufschreiben.
Unbewusste Abhängigkeiten
Wie können wir etwas auf die Schliche kommen, das uns ja gerade UNbewusst ist? Um diese vertrackten unbewussten Abhängigkeiten zu entdecken, muss man ein gewisses Mass an Distanz zu sich selbst, zu seiner Identifikation mit der aktuellen Rolle, zu seiner ganzen Biographie entwickeln. Aber da es sich dabei um eine immer wieder nützliche Eigenschaft handelt, lohnt meines Erachtens das Bemühen darum.
Der Beobachter-Status
Ein Hilfsbegriff, eine Metapher für diese innere Distanz ist der Beobachter- oder Zeugen-Status, um den Versuch, sich selbst von aussen anzuschauen, etwas objektivierenden innerlichen Abstand von sich zu gewinnen. Dem einen hilft ein Foto von sich selbst, das er vor sich hinstellt, dem andern hilft es, von sich in der dritten Person zu sprechen oder zu schreiben, dem dritten hilft eine Meditation mit dem Ziel, die starke Identifikation mit der Person, die wir gerade sind und mit dem Körper, in dem diese Person gerade steckt, etwas zu lockern. Der entscheidende Faktor für das Gelingen dieses Prozesses der Distanzfindung ist das Mass der Angst, das jemand mitbringt. Je angstfreier, gelassener ein Mensch ist, desto leichter kann er in eine andere Rolle schlüpfen, kann sein Ego, seine aktuelle Rolle einmal für eine gewisse Zeit abziehen, loslassen, ein paar Schritte wegtreten und sich daneben setzen. Wer sich angstvoll an das wenige vermeintlich Sichere klammert, an seinen Körper, seinen Namen, seinen Beruf, tut sich schwer mit dem Erlangen dieser Beobachterposition. Hier können alle Formen des Theaterspiels eine grossartige Unterstützungswirkung haben, weil sie dem Übenden helfen, völlig ohne direkten Zusammenhang mit einer Eigenproblematik sich in andere Rollen einzudenken, einzufühlen und sie letztlich aber auch zu verkörpern. Geschickten Therapeuten kann es auch über Rituale gelingen, Menschen aus einer allzu starken Fixierung auf ihre Inkarnation herauszuhelfen, wenn diese wissen, dass das Ritual sie am Schluss wieder in ihre normale Identifikation zurückbringt. Diese Sicherheit, aber auch der Spielcharakter des Theaters, das 'so tun als ob', kann angstvollen Menschen Brücken bauen zur faszinierenden Beobachter-Insel, von der aus wir die Welt aus einem neuen Blickwinkel betrachten können.
Mit der Lupe durch die eigene Biographie
Jetzt sind wir also mal in diesem Zeugenstand und schauen uns aus gebührender Distanz an. Als sehr geeignet kann sich ein Fotoalbum erweisen, das wir vor uns aufschlagen. Wenn möglich beginnen wir bei der Geburt, schauen uns unsere eigene Geburtsanzeige an, lesen - falls vorhanden - die ersten Notizen unserer Mütter. Falls die leibliche Mutter noch am Leben ist, kann es auch sehr aufschlussreich sein, sie über unsere Geburt zu befragen, ja noch früher einzusetzen und herauszufinden versuchen, wie sehr wir damals ins Lebenskonzept unserer Eltern passten, ob wir Wunschkinder waren oder eher eine Belastung. Hier lauert natürlich bereits die erste Falle: Wenn wir z.B. herausfinden, dass ein Elternteil oder beide uns gar nicht wollten, sich lange mit der Abtreibungsfrage herumschlugen und irgendwann dann halt doch den Weg des vermeintlich geringeren Widerstandes gingen und uns 'in Kauf nahmen'. Die Falle besteht darin, den Eltern dafür Schuld zuzuschieben, ihnen die Verantwortung für irgendetwas aufzubürden, was uns heute nicht passt an unserem Charakter oder Schicksal. Seien Sie da ganz pingelig als Zeuge: Verantwortung abschieben und Schuld zuweisen ist in diesem Beobachterspiel ganz grundsätzlich verboten - akzeptieren Sie das mal als Spielregel. Sie können nach der ganzen Aktion sich durchaus wieder in den normalen 'Schuldprojektionsmodus' zurückbegeben. - Falls das etwas ironisch klingen sollte, entschuldige ich mich: Schliesslich handelt es sich um den absoluten Quotenrenner, das beliebteste Spiel seit Menschengedenken, das ich Ihnen da zu vermiesen trachte, und da dürfen Sie sich durchaus etwas wehren. Ich gebe auch zu, dass es so eine Instant-Wirkung hat, die man auf Anhieb mit Glück verwechseln könnte. Das Gefühl, dass jemand anders an unserem Unglück schuld ist, tut zumindest wohl, erleichtert uns. Aber erstaunlicherweise ist es nicht von Dauer und muss - Tabak und anderen Süchten ähnlich - immer wieder 'genossen' werden. Es vergeht kein Tag, ja kaum eine Stunde, die uns nicht mit der elenden Schuldfrage konfrontiert. Mein Vorschlag, mit der grossen Kelle anzurühren und gleich pauschal die ganze Verantwortung selbst zu übernehmen, nimmt uns zwar diese Lust, dieses Wohlbefinden, wenn wir mit dem Finger auf jemanden zeigen, den oder das Schuldige benennen können, aber er befreit uns auch von all der mühseligen und zeitraubenden Sucherei, wer jetzt schon wieder wofür verantwortlich gemacht werden könnte. Meine Grossmutter hatte dafür eine geniale Lösung mit einem Sammelnamen für einen doch recht grossen Bereich von Ärger: Immer wenn sie etwas nicht sofort fand im Haus, sagte sie: "Das hat der Dürst gestohlen" - Nach hartnäckigem Fragen gestand sie einmal, dass der Dürst ein übler Nachbar aus früheren Zeiten gewesen sei, unterzwischen längst verstorben, aber es tue ihr einfach gut, ihm so Zeugs in die Schuhe zu schieben. Ich halte das für eine gute Methode, um den Prozess in Gang zu bringen. Extrapolieren Sie also all Ihre eigenen Schwächen nach aussen, geben Sie ihnen die skurrilsten Namen, wenn Sie Lust haben, stellen Sie sich auch etwas Bestimmtes vor, ein Scheusal, ein Fabelwesen, eine Comic-Figur oder was auch immer (wer Schwierigkeiten hat damit, frage Kinder, da kommt sofort irgendwas Grausliches!).
Also, bewehrt mit diesen Hilfsmitteln zurück in unseren Zeugenstand. Wir arbeiten uns nun Schritt für Schritt vor in unserem Lebenslauf und notieren konsequent alle nicht bereits bekannten Abhängigkeiten und die dazugehörigen Personen, Ereignisse, Themen. Auf die Gefahr hin, dass ich eine Klage der Therapeuten-Gewerkschaft riskiere, sage ich Ihnen: da brauchen Sie nicht zwingend einen Profi, der Ihnen das Händchen hält. Vorläufig sind wir ja schlicht am Recherchieren und suchen nach versteckten Abhängigkeitsfaktoren in unserer Biographie. Aber es kann natürlich jederzeit geschehen, dass wir da Steinchen heben, unter denen ziemlich viele Käfer hausen, dass wir die berühmten 'Leichen im Keller' finden und heftig reagieren. Dann kann Hilfe durchaus angezeigt sein.
Immer wenn Gefühle in uns hochkommen, notieren wir sie, lassen ihnen aber nicht freien Lauf, sondern versuchen herauszukriegen, was genau der Auslöser ist für sie. Wenn sich zum Beispiel heftige Wut meldet, kann das ein Indiz sein dafür, dass wir eine Person oder ein Ereignis gefunden haben, das wir als freiheits-einschränkend, als abhängigkeit-erzeugend erlebten. Anstatt jetzt da eine alte Wut aus der Vergangenheit nochmals zu zelebrieren, können wir die entdeckte Abhängigkeit anschauen und prüfen, ob sie heute noch nachwirkt, ob sie noch Sinn macht oder ob wir sie 'unter stetem Umrühren in den Ablauf giessen' können.
Auch das ist eine Riesenarbeit und ich möchte Sie eigentlich nicht derart vergraulen, dass Sie mit vehementem Schwung und präventivem Ärger die Abhängigkeit von diesem Buch beseitigen und sich damit Autonomie verschaffen. - Ausser Sie wären schon im totalen Glück gelandet, dann schmeissen Sie ruhig!
Es gibt keine Unabhängigkeit
Sie können sich aber auch den präventiven Ärger sparen und eine Abhängigkeit vom Suchen nach unbewussten Abhängigkeiten vermeiden, indem sie sie aufgeben. Ich behaupte nämlich munter, dass Sie eh nie fertig würden mit dieser Suche. Sie sterben mir davon bei der Recherchiererei. Es ist durchaus lohnend, ein paar solcher Abhängigkeiten aufzudecken, aber irgendwann kommt die bittere Einsicht: Die totale Autonomie gibt es nicht. Das Geflecht ist zu stark, wir sind ein animal sociale und tausendfach vernetzt mit - ja mit wem denn? Sicher einmal mit den Menschen in unserem näheren Umfeld, aber auch mit allen, mit denen wir sonst in Kontakt treten, das können ja auch Figuren sein, die bereits tausend Jahre tot sind. Und wer wach ist für Tiere, Pflanzen, Landschaft, die ganze Natur, der ist auch dort vernetzt. Es gibt auch Dinge, Ereignisse, mit denen wir verkettet sind. - Bleibt irgendwas aussen vor? - Ich behaupte nein: wir sind mit allem vernetzt, was ist. Und ich setze noch eins drauf und sage: mit allem, was war und sein wird, und dafür muss ich nicht einmal die Relativitätstheorie und die Einsicht, dass es keine geraden Linien gibt, bemühen. Das wäre einfach die netteste Art, zu zeigen, dass Zeit und Raum im höchsten Masse relative Dinge sind und dass die Zeitachse - wenn sie also keine Gerade ist, sondern nur Ausschnitt aus einem Kreisbogen - letztlich in irgendeinem Punkt wieder zusammentrifft mit ihrem Ursprung, dass also die ganz ferne Zukunft und die ganz ferne Vergangenheit dasselbe sind. Schock? - Dann lassen wir das mal noch und wir versuchen eine etwas handfestere Erklärung zu geben: Wir sind ja schon rein genetisch ein 'Produkt der Vergangenheit' und - zumindest wenn wir uns fortpflanzen - geben wir unsere Gene wieder weiter. Das schafft doch schon einmal ein gewisses Netz. Wenn wir jetzt noch alle Spuren, die wir aufnahmen aus der Vergangenheit in Form von Erfahrungen, Erlebnissen, Erkenntnissen, Einsichten, Wissen, Energieformen dazunehmen und davon ausgehen, dass auch die Menschen in der Zukunft unsere Spuren aufnehmen werden, dann gibt das bereits ein gewaltiges Netzgewebe. Ein weiteres Netz ist die Luft, die wir mit den andern teilen. Wenn Sie das nächste Mal so richtig stinkesauer sind auf jemanden, der sich im selben Raum befindet, denken Sie kurz daran, dass Sie die Luft mit ihm/ihr teilen! Entweder prusten Sie dann los vor Lachen oder es schnürt Ihnen die Kehle zu, im übleren Fall reagieren Sie mit einem Asthma-Anfall. Asthma ist herrlich geeignet, um die Theorie der psychischen Genese aller Krankheit zu stützen: Wie mir ein Arzt erläuterte, ist das Problem des Asthmatikers nicht etwa, dass er keine Luft kriegt, sondern dass er sie nicht mehr hergibt, nicht ausatmen will. Na ja, er will sie eben nicht mit all den ungeliebten Anwesenden teilen, was ja durchaus in vielen Fällen nachvollziehbar ist. Nur fällt seine Abwehr wie ein Boomerang auf ihn selbst zurück. ER hat Atemprobleme, nicht die andern, denen er die Luft missgönnt. - Aber jetzt habe ich bestimmt alle Leser verloren, die je selbst Asthma hatten oder in deren Umfeld eine ihnen liebe Person dieses Symptom zeigt. Ich kann Ihnen nur nachrufen im Enteilen: "He, das ist das Normalste der Welt! Wir bestehen alle aus Symptomen, wir sind alle krank, unheil, nicht ganz GANZ! Unterschiede bestehen nur in der Form, wie sich das Kranksein zeigt, in der Aktualität und der Bewusstheit dieses Unheilseins." - Schon entschwunden. Sagen Sie's bitte weiter, wenn Sie einen Asthmatiker antreffen. Übrigens kann man aus Asthma mit einer feinen Portion symptomverschiebender Schulmedizin Hautallergien machen - und umgekehrt. Eigentlich logisch, geht es doch auch bei der Haut um ein Kontaktorgan. Und wenn wir uns so herzhaft ärgern, sagen wir doch gern: "Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren!" Der Allergiker tut das dann auch. Doch ich will nicht nacherzählen, was Rüdiger Dahlke brillant und detailliert in mehreren Büchern (Krankheit als Weg, Krankheit als Sprache der Seele etc.) beschrieben hat .
Jetzt sind wir reif für den Big Bang, der eigentlich gar keiner mehr ist: wenn wir nämlich mit allem vernetzt sind, was je war, ist und sein wird, dann sind wir doch auch mit dem, was das alles umfasst, verbunden. Es gibt verschiedenste Bezeichnungen dafür, je nach Kultur, wie Gott, Tao, Brahman, aber in diesem Buch möchte ich dieses allumfassende, sich der Benennung durch polare Sprache zwingend Entziehende etwas nüchtern und neutral 'Einheit' nennen. Es kommt insofern nicht so darauf an, da sowieso alle Bezeichnungen verwirrlich, falsch oder bestenfalls halbrichtig sind, da sich mit der Sprache der Vielheit, der Unterscheidung eben gerade nichts Schlaues über die Einheit, die Ununterschiedenheit sagen lässt. Wir müssen es immer wieder mit paradoxen Beschreibungen oder Bildern versuchen und uns dabei bewusst sein, dass jede Aussage über das Ganze, die Einheit zwingend etwas schuldig bleibt, da wir ja immer nur einen Teilaspekt, einen Ausschnitt beleuchten können mit unserem polaren Bewusstsein und unserer polaren Sprache. Mit polar meine ich 'auf Gegensätzen aufgebaut', 'dialektisch', 'auf Unterscheidung von Subjekt und Objekt beruhend'.
Sie finden das banal, dass wir mit der Einheit verbunden sind? Ich eigentlich auch, aber in den letzten paar hundert Jahren - und noch heute an vielen Universitäten und in weiten Kreisen der sogenannten 'Aufgeklärten' oder 'Intellektuellen' - werden Sie belächelt, wenn Sie sowas sagen. Eine der möglichen Etymologien des lateinischen Wortes 'religio' ist die 'Rückbindung' und ich ergänze 'an die Einheit': Wir sind verbunden mit der Einheit, wir sind zwar abgespalten und finden uns in der Vielheit vor, aber das Band besteht und hält über diese Runde hinaus, die wir da auf dem blauen Planeten drehen. Dass die Menschen zum Teil ganz fürchterliches Zeugs anstellten und immer noch anstellen unter dem Deckmantel 'Religion' ist meines Erachtens kein Grund, gleich alles über Bord zu werfen. Schauen Sie doch mal, was alles unter dem Mäntelchen 'Liebe' läuft - deswegen hören Sie ja auch nicht auf zu lieben, hoffe ich zumindest. Und aus demselben Grund hören wir auch nicht auf, rück-gebunden zu sein an diese Einheit, über die wir nichts Gescheites aussagen können, nur so drumherum schleichen wie die Katze um den heissen Brei. Aber die Kreiserei lohnt sich: der Brei ist hochgradig glückshaltig!
Autonom oder abhängig Richtung Glück?
Äh - beides bzw. keins von beidem. Denn es gibt etwas Drittes: autonom werden vom Ego - und freiwillige Rückbindung ans Selbst. Klingt schön, aber wahrscheinlich nicht sehr verständlich. Also ausführlicher: Wenn es uns gelingt, uns eine möglichst grosse geistige Autonomie zu erarbeiten, freizuschaufeln, sie auch andern abzutrotzen, die uns gerne abhängig machen oder abhängig behalten möchten, dann werden wir mündig, echt erwachsen, erst dann existieren wir wirklich im ursprünglichen Sinn des Wortes. Das lateinische Verb existere heisst herausragen, und ich interpretiere dieses Herausragen als ein Herausstrecken unseres Kopfes aus der grossen Einheit. Damit verlassen wir sie aber zwingend (das ist meines Erachtens der Witz vom 'Sündenfall', von der Vertreibung aus dem Paradies!). Ich sehe 'existere' aber auch als Herausragen aus der Masse der andern Menschen als profiliertes, eigenständiges Wesen, als Ich mit klaren Kanten und Grenzen.
Dieser Vorgang des Kopf-Herausstreckens braucht Mut - und den haben wir mitgekriegt für diese Aufgabe. Aber kaum sind wir auf der Welt, beginnt das Angst-Training. Zuerst sind es die besorgten Mütter, die Gefahren wittern rundherum für unser zartes Leben, dann sind es irgendwann die Väter, die meist mehr von inneren Feinden und Gefahren warnen, und schliesslich das Gemeinwesen, das von den äusseren Bedrohungen schwafelt - und die meisten von uns sind eifrige Angst-Schüler, die bald in den Fussstapfen der Alten mit Schlüsseln, Versicherungen, Waffen und grimmig-misstrauischem Blick der bösen angstauslösenden Welt entgegentreten.
Existieren, wirklich erwachsen werden braucht aber auch Selbstvertrauen. Wieder so ein doppeldeutiges Wort: Hören Sie beides drin, das Vertrauen auf's kleine Ich, aber auch das Vertrauen auf das grosse Selbst, das uns mitträgt bei der Individuation.
Existieren, eben dieses Herausrecken aus der Einheit und aus der Masse aller Wesen braucht aber auch Abenteuerbereitschaft. Es ist immer ein Weg ins Unsichere - und wir müssen ihn aktiv gehen. Wer zu Hause bleibt und sich dem stellt, was auf ihn zukommt, mag Mut haben, vielleicht auch Selbstvertrauen, aber es fehlt die Bereitschaft, weg zu gehen, einen Weg zu gehen, aktiv hinauszutreten, den Kopf in die dünnere Luft hinauf zu strecken, die Eierschalen zu durchbrechen, flügge zu werden und sich den Herausforderungen dieser Welt zu stellen. Das ist die erste Hälfte des Gleichnisses vom verlorenen Sohn, wie ich es verstehe: Er soll, muss weggehen, verlorengehen, sich entfernen. Wer immer daheim bleibt, wird nie mündig, nie erwachsen, existiert nicht, da er den Kopf nicht herausstreckt aus dem sicheren 'väterlichen' Haus.
Das ist aber erst die Phase der Ego-Autonomie, die Vorbedingung ist, um überhaupt von EXISTENZ reden zu können. Wer in diesem Sinne zumindest einmal ein autonomes Ego aufbaute, hat immerhin die erste Hälfte des Weges, den Hinweg beschritten. Auf jeden Hinweg folgt aber ein Rückweg, da alle Prozesse in diesem Universum zyklisch sind. Der verlorene Sohn kommt irgendwann an die Grenzen seines Wegs, dorthin, wo er nicht mehr weiterführt, wo er an die Schranken seiner Autonomie stösst, wo er merkt, dass es die völlige Unabhängigkeit in dieser Welt nicht gibt. Meist ist dieses Anstossen an die Grenzen mit einer Krise, mit dem Scheitern des eigenen Lebenskonzepts, der auf dem Ego ruhenden Glücks-Suche verbunden und führt, freiwillig oder unfreiwillig, zu einer Wende, einer Rückkehr, die einhergeht mit dem Abbau der äusseren Möglichkeiten, der körperlichen Potenz nicht nur im Bereich der Fortpflanzung. Dieser Abbau der sinnlichen Wahrnehmung und der körperlichen Kraft und Attraktivität zwingt unsere Aufmerksamkeit mehr und mehr von aussen nach innen, bis wir die äussere Autonomie im Tod ganz aufgeben müssen.
Die freiwillige Rückbindung
Wir können sowohl den Hinweg wie den Rückweg ganz bewusst und freiwillig gehen. Darin - im Einverstandensein mit dieser grossen Zweiteilung des Lebens - liegt ein grosser Schlüssel zum Glück. Wer sowohl das Streben nach Autonomie, das Mündigwerden mit Mut, Selbstvertrauen und Abenteuerbereitschaft im Aussen anpackt, wird in stärkstmöglichem Masse Herr seiner selbst, oder korrekter: Herr seines Egos. Wer in der zweiten Lebenshälfte den Mut hat, das Aufgebaute freiwillig wieder abzubauen, Stück um Stück des eroberten Profils wieder aufzulösen, weil er sich rückgebunden, religiös verankert, getragen weiss vom grossen Netz des Selbst, in das er vertraut, der erntet ein Selbst-Vertrauen, das ungleich grösser ist und ihn reif macht für das Abenteuer, das noch grösser ist als das Leben, das noch mehr Mut braucht als das Leben: Sterben und Tod. Dies mag vorab in den Ohren junger Menschen und in einer Zeit, die den Tod tabuisiert, merkwürdig klingen, aber ich möchte es so stehen lassen. Vielleicht senkt sich dieses Bild vom grossen Abenteuer TOD ab in tiefere Bewusstseinsschichten, um dann im richtigen Zeitpunkt wieder aufzutauchen und ein wissendes Schmunzeln auszulösen "Hört ich das nicht schon mal?".
Durchaus 'glücksrelevant' auch für Menschen in der ersten Lebenshälfte ist aber das Wissen um den Lebenskreis, der meines Erachtens für alle Wesen im Grundmuster gleich ist, mit der ersten Wegstrecke, die in die Existenz, in die Mündigkeit mündet, über das Scheitern des Strebens nach der völligen Autonomie zum Heimweg mit dem wachsenden Vertrauen ins Selbst. Wer sich dieses Muster bewusst macht und es verinnerlicht, ist besser gerüstet für Scheitern und Krise, weil er sie als systemimmanent erkennt. Er findet leichteren Zugang zum Einverständnis mit sich und der Welt - und damit zur wichtigsten Glückspforte überhaupt.
Sollen wir uns nun über diese entdeckte Vernetztheit, Abhängigkeit, diesen Mangel an Autonomie ärgern oder freuen? - Die meisten ärgern sich zuerst einmal, strampeln wie verrückt, versuchen immer wieder neu, sich aus diesem Netz zu befreien. Sie betonen ihre Grenzen, setzen ausserhalb der Körpergrenze, der Haut, noch zusätzliche mit Kleidern, Autos, Häusern, Gartenzäunen, Mauern. Der beliebteste Ausweg aus der Abhängigkeit ist das Ansammeln von Geld, mit dem man sich haufenweise Freiheit kaufen kann. Aber es ist immer wieder nur diese äussere Freiheit des Konsums oder der physischen Macht über Dinge, Tiere und Menschen. Und sie macht unglücklicherweise nicht glücklich. - Aber diese Versuche sind nicht nur in Ordnung, sie sind zwingend nötig. Denn nur das Scheitern führt zur Einsicht, zur Sicht des Einen, des allumspannenden Netzes, das alles umfasst, was war, ist und sein wird. Und somit liegt der Tipp auf der Hand: irgendwann sollten wir so weit kommen, dass wir uns über dieses Nicht-Getrennt-Sein von allem andern freuen, dass wir es lieben, ja dass wir über dieses Einverstandensein, über die Liebe zu dieser erlösten Form der Abhängigkeit, des Einsseins mit allem, zu einem neuen Autonomie-Begriff gelangen. Zur anfänglich postulierten Selbst-Urheberschaft. Das Selbst ist jetzt aber gleichbedeutend mit dem kosmischen Bewusstsein, es ist das allumfassende Selbst, zu dem wir gehören, das wir letztlich sind, wenn wir die Ego-Grenzen aufgeben. Dieses grosse Ganze, die Einheit gibt sich ihr eigenes Gesetz. Als Ego gehören wir zur Einheit, als Selbst sind wir die Einheit. Autonomie ist dann nichts anderes mehr als die Liebe, die Vereinigung mit dieser Abhängigkeit, mit dieser allumfassenden Vernetztheit. Jetzt sind die Gegensätze versöhnt. Die erlöste Qualität der Autonomie deckt sich mit der erlösten Qualität der Abhängigkeit.