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Agrarökologie
«Agrarökologie» ist einerseits eine wissenschaftliche Disziplin, andererseits beschreibt der Begriff Bewegungen, wurzelnd in den 1970er Jahren (vor allem in Entwicklungsländern), die dem vermehrten Einsatz von chemischen Düngern und Pestiziden sowie der exportausgerichteten Plantagenwirtschaft kritisch gegenüberstanden und für alternative Landwirtschaftssysteme, faire Bezahlung und eine konzernunabhängige Produktion warben.
Die Abgrenzung zum ökologischen Landbau ist inhaltlich schwierig, da die Ziele überwiegend deckungsgleich sind. Vertreter der agrarökologischen Bewegung behaupten oft, Agrarökologie beinhalte die besondere Förderung von Kleinbauern oder ginge «über den ökologischen Landbau hinaus». Beides ist nicht ganz richtig und nicht ganz falsch. Zum einen beinhaltete die Ökolandbaubewegung von Anfang an auch eine sehr starke Schwerpunktsetzung auf kleine und mittlere Betriebe und regionales, von internationalen Konzernen unabhängiges Wirtschaften, hat das aber nie in festen Richtlinien festgelegt. Andererseits haben agrarökologische Bewegungen abseits lokaler oder regionaler Zusammenschlüsse ebenfalls keinerlei Richtlinien, die dies nachprüfbar festlegen.
Auch wenn es für agrarökologische Produktionsmethoden sehr viel traditionelles Erfahrungswissen, ganz besonders in Südamerika, Asien und Afrika gibt (welches von der etablierten europäischen Agrarwissenschaft bis heute weitestgehend ignoriert wird), gibt es keinerlei nationale oder internationale Produktionsstandards. Gemeinsam haben Ökolandbau und Agrarökologie zwar, dass sie chemisch-synthetische Dünger und Pestizide ablehnen, organische Dünger verwenden und ihre Anbausysteme mittels Vielfalt stabilisieren. Während dies im zertifizierten ökologischen Landbau aber überprüfbar ist und streng kontrolliert und belegt werden muss, gibt es eine derartige Sicherheit und Transparenz bei der Agrarökologie nicht. Theoretisch kann jeder Landwirt, der es für notwendig erachtet, konventionelle Pestizide oder Mineraldünger einsetzen und das dennoch «agrarökologisch» nennen, überprüft wird das nicht. Und auch die europäische Dachorganisation der Gentechnik-Lobbyisten steigt inzwischen ein und macht «Agroecology» (Quelle).
Ökolandbau
Die ersten ökologischen Landbauaktivitäten entstanden in Europa mit der «Lebensreform-Bewegung» (Quelle |Williams, J. A. (2007). Turning to nature in Germany: hiking, nudism, and conservation, 1900–1940. Stanford, Calif.: Stanford University Press) nach dem Ersten Weltkrieg. Daraus ergab sich die Besinnung auf eine Düngung mit organischen Abfällen, Kompostierung, Gründüngung und Bodenbedeckung, schonende Bodenbearbeitung, Nährstoffersatz durch die Rückführung kompostierter städtischer organischer Abfälle und Fäkalien sowie durch Gesteinsmehle. Schon damals waren es vor allem Probleme wie Bodenverdichtung und Bodenmüdigkeit, die zu diesem Umdenken führten.
Um Missbrauch des Begriffs im Handel und Verstösse bei der Erzeugung zu vermeiden, wurde 1992 eine EU–weit gültige gesetzliche Regelung mit Produktionsstandards und Vorgaben zur Verwendung des Begriffs «ökologischer Landbau» festgeschrieben (EC Regulation 2092/91). 2007 hatten weltweit 60 Länder gesetzliche Regelungen verabschiedet, 2017 waren es 93. (Quelle: Willer, H., Youssefi, M. (2007): The World of Organic Agriculture – Statistics and Emerging Trends 2007 | FIBL/IFOAM (2019): The World of organic agriculture. Statistics and Emerging Trends 2019)
Die Anbauweise «Ökolandbau (bio, eco, organic)» ist daher die einzige, für die international eindeutige Regeln vorliegen und auch kontrolliert werden. Es ist das einzige «Öko»–Bewirtschaftungssystem, welches durch gesetzliche Grundlagen abgesichert ist. Was die Nachhaltigkeit angeht, belegen hunderte von internationalen, nationalen und regionalen wissenschaftlichen Vergleichsstudien, die Überlegenheit des Ökolandbaus in allen Bereichen, die für eine messbar nachhaltige Landwirtschaft stehen. (Quelle: Eine kleine Auswahl: Lampkin, N. (1994): Organic farming: sustainable agriculture in practice. In: N. Lampkin, S. Padel (Eds.), The Economics of Organic | Pimentel, D. et al. (2005): Environmental, Energetic, and Economic Comparisons of Organic and Conventional Farming Systems. Bioscience, 55(7) | Badgley, C. ett al. (2007): Organic agriculture and the global food supply. Renewable Agriculture and Food Systems, 22(2) | Reganold, J. P.; Wachter, J. M. (2016): Organic agriculture in the twenty-first century. In: Nature Plants volume 2, Article number: 15221 (2016))
Seither sind eine Reihe von Bioverbänden mit zusätzlichen Anbaurichtlinien entstanden. Hier eine Vergleichsübersicht einiger Verbände:
Regenerative Landwirtschaft
Im Juni 2015 wurde in Costa Rica eine internationale landwirtschaftliche Bewegung (Quelle) gegründet, die die globale Erwärmung umkehren und den Hunger in der Welt beenden will. Ein Grossteil der Mitgründer kommt aus der internationalen Szene im oder um den ökologischen Landbau. Die Ziele legen neben der ökologischen Produktion einen deutlichen Schwerpunkt auf den Kampf gegen den Klimawandel. Schaut man nach den Wurzeln für den Begriff «regenerative Landwirtschaft», findet man eine Definition von Christen et al.: «Als Regenerative Landwirtschaft wird ein Ansatz in der Landwirtschaft bezeichnet, der Pestizide und Kunstdünger ablehnt und dabei die Regeneration des Mutterbodens, die Biodiversität und den Kreislauf des Wassers verbessern soll.» (Quelle: Olaf Christen, Victor Squires, Rattan Lal and Rober J. Hudson (Hrsg.) (2010): Interdisciplinary and Sustainability Issues in Food and Agriculture, Band II)
Das entspricht fast deckungsgleich den IFOAM-Prinzipien (Quelle: IFOAM, Weltweiter Dachverband des Ökologischen Landbaus) des ökologischen Landbaus.
Seit 2018 wird auch ein Zertifizierungsstandard mit verbindlichen Standards für die USA diskutiert, der den ökologischen Landbau eindeutig zur Grundlage macht (Quelle). In Deutschland nennt man dieses System auch «aufbauende Landwirtschaft». (Quelle: Nach Christine Jones: «Landwirtschaft ist regenerativ, wenn Böden, Wasserkreisläufe, Vegetation und Produktivität kontinuierlich besser werden, statt nur gleich zu bleiben. Dabei nehmen auch Vielfalt, Qualität, Vitalität und Gesundheit von Boden, Pflanzen, Tieren und Menschen gemeinsam zu.») Allerdings wird die Grenze zur konventionellen Bewirtschaftung häufig nicht klar gezogen und es gibt keine einheitliche Zertifizierung oder Kontrolle.
Hybridlandwirtschaft
Der Begriff «Hybridlandwirtschaft» ist nicht genau definiert. Der Begriff wird aktuell vom Deutschen Bauernverband, der deutschen Landwirtschaftsministerin Klöckner und Prof. Taube, Uni Kiel, als frame für einen sogenannten «dritten Weg» zwischen konventioneller und ökologischer Bewirtschaftung benutzt. (Quelle: Pro & Contra – Hybridlandwirtschaft als Alternative? von Friedhelm Taube, Andrea Beste, In: Ökologie & Landbau 3/2020) Das Problem mit dieser vermeintlich versöhnenden Kombination ist Folgendes: Der Einsatz von Mineraldünger führt zu Mangelernährung im Boden, zu einem Rückgang der biologischen Aktivität, Strukturverlust und Verdichtung. Damit bedingt er eine verminderte Wasseraufnahme und -speicherfähgkeit der Böden, macht Pflanzen anfällig gegenüber Krankheiten und Stress und erzwingt dadurch den Einsatz von Pestiziden. Verzichtet man auf ihn, ist man schon bei der wichtigsten Voraussetzung für den Verzicht auf Pestizide angelangt. Was genau sollte man hier kombinieren?
Das heisst nicht, dass der Ökolandbau nicht dringend weiterentwickelt werden muss. Aber doch bitte nicht rückwärts in Richtung nicht nachhaltiger Düngung. Ökolandbau lässt sich durch Systemoptimierung verbessern: Mit den Techniken der Permakultur, dem Agroforst oder der integrierten Feld-Wald-Weidewirtschaft besteht ein enorm grosses Potenzial zur Entwicklung hoch-leistungsfähiger, klimafreundlicher Agrarsysteme, die einen deutlich höheren Kalorienausstoss pro Fläche erzeugen können als der aktuell praktizierte Ökolandbau. Damit wäre auch die immer schon falsch gestellte Ertragsfrage (die die positiven Ökosystemdienstleistungen des Ökolandbau nicht zum «Ertrag» zählt) auch für die Skeptiker ausreichend geklärt. (Quelle: u.a. Badgley, C. et al. (2007): Organic agriculture and the global food supply. In: Journal Renewable Agriculture and Food Systems, Volume 22/2, Pages 86–108)
Gefahr des Greenwashings
Da auch konventionelle Betriebe mit Einsatz chemisch-synthetischer Düngemittel und Pestizide reklamieren können, «agrarökologisch» oder «regenerativ» zu wirtschaften, lädt diese Ungenauigkeit zum Greenwashing ein. Es ist zu beobachten, dass bei Praktikern, bei Verbrauchern und auf politischer Ebene die Verwirrung, aber auch der gezielte politische Einsatz der Begriffe in den letzten Jahren steigt. Auf europäischer Ebene und global weichen Entscheidungsträger immer wieder gerne auf Begriffe wie «regenerativ» oder «agrarökologisch» aus, wenn sie nachprüfbare Änderungen des Systems und daher die explizite Nennung des Ökolandbaus vermeiden wollen, denn dieser ist ja eindeutig definiert und lässt keinen Interpretationsspielraum zu. In diesem Konzept eines «new framing» liegt durchaus eine Gefahr für die Durchsetzung wirklich nachhaltiger Bewirtschaftungssysteme.
Ökolandbau ist die Basis – jetzt muss es weitergehen …
In Europa macht es eigentlich nicht viel Sinn, «agrarökologisch» oder «regenerativ» ausserhalb des Ökolandbaus zu produzieren, denn bei der ökologischen Bewirtschaftung halten alle dieselben Grundregeln ein, man bekommt Fördergelder, hat (in vielen europäischen Ländern) eine professionelle Beratung, etablierte und kontrollierte Märkte und ist dem Konsumenten gegenüber abgesichert und transparent. Für die Entwicklung und Verbreitung agrarökologischer und regenerativer Techniken wie Permakultur und Agroforst innerhalb des Ökolandbaus gäbe es jedoch noch deutlichen Spielraum nach oben. Doch in Europa fliessen nur 2,3 Prozent der Agrarforschungsmittel in ökolandbaunahe Forschungsfelder (Stand 2014). (Quelle: Beck, A.; Cuoco, E. (2014): Strategic Research and Innovation Agenda for Organic Food and Farming) Das steht in krassem Gegensatz zu den seit Jahren international belegten Fortschrittspotenzialen und hat eindeutig politische Gründe. Eigentlich müssten Millionen in die Weiterentwicklung dieser vielversprechenden hoch innovativen Anbausysteme fliessen, zumindest im Vergleich zu den aktuell überwiegend praktizierten konventionellen Agrarsystemen, die – wissenschaftlich mehrfach belegt – weder energieeffizient noch ökonomisch ertragreich für Erzeuger, noch tragbar für die Ökosysteme und das Klima sind. (Quelle: Pe’er, G. et al. (2019): A greener path for the EU Common Agricultural Policy. Science, 365, 449–451. DOI: 10.1126/science.aax3146)
Wenn die EU-Kommission ihr Ziel 25 Prozent Ökolandbau in Europa 2030 wahr machen will, dann müssen auch 25 Prozent der Forschungsmittel in diese Richtung fliessen.