Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03215.jsonl.gz/2099

Giulianis Casanova ist vom Fernsehen verführt. Er haust, ziemlich mittellos, im Männerheim, umgeben von Gestalten, für die der Zug endgültig abgefahren ist. Nur C (so offen - nicht einmal einen Punkt hat seine Initiale - und vielfältig interpretierbar nennt sich der Held) fühlt einen inneren Drang zum Erfolg. An der Beerdigung seiner Mutter enthüllt ihm Leila, einer der drei Trauergäste, daß seine Mutter sich für eine Nachfahrin Casanovas gehalten habe. „Sie ist dort gestorben, wo sie die meiste Zeit verbrachte: im Bett.“
C spürt seinen vermeintlichen Vorfahren, und als er auf Mutters Bett das Tigerfell über sich und Leila zieht, verliebt er sich nicht nur folgenschwer (und schwer nachvollziehbar), sondern setzt von da an auch beruflich auf sein Verführungstalent. Er schafft es, beim Privatsender New TV eine Chance zu erhalten, und steigt vom Sternendeuter zum Talkmaster auf.
Die überzeugendsten Stellen des Films sind diese Unterhaltungssendungen, „Talk vor 10“ genannt, in denen sich C als origineller Verführer nicht minder origineller geladener weiblicher Überraschungsgäste bewährt. C durchbricht das seichte Geplauder des Moderators und beginnt, einen ganz neuen Ton anzuschlagen, sein Gespräch mit den anfangs irritierten, später durchwegs faszinierten Frauen bewegt sich zwischen anmaßender Direktheit und ungewohnter Unverfrorenheit. TV-unübliche Stockungen und Pausen im Gespräch mit den überrumpelten Frauen läßt C gelassen zu; die Kamera verharrt in sicherer Entfernung und hält das unkonventionelle Gebaren fest. Jeder der Gäste fühlt sich ganz persönlich berührt, die „Kennerin der afrikanischen Küche“ im zebragemusterten Gewand so gut wie die erste Frau, die den Ärmelkanal durchschwamm. Letztere fraß sich als Schutz gegen die Unterkühlung einige Pfunde an; ihr Eis taut, als C seine geheimen Gedanken offenbart: „Ich habe mir damals gedacht, daß es toll wäre, wenn Sie wieder so ’ne tolle Figur bekämen.“ Einzig C, so gesteht die Schwimmerin später in einem Interview, habe in ihr nicht nur die weltberühmte Rekordbrecherin gesehen, sondern die Frau. Diese Parodie von TV-Unterhaltungssendungen wirkt in ihrer ganzen Blödheit quer und amüsant, das Dekor (inklusive das ironische Sendungssignet) überzeugt - was auf die meisten anderen Stellen des Films weniger zutrifft -, die Verführungsszenen vermögen die Spannung zu halten.
Schade ist nur, daß die Filmhandlung noch weitergeht. Casanova C wird der (etwas schnell und lieblos inszenierte) Rummel um seine Person zuviel, und er will aus der Vermarktungsindustrie aussteigen; das erfolgslüsterne TV läßt ihn jedoch nicht in Ruhe. Die Komödie driftet ab in eine moralisch angehauchte Verfolgungsstory.
„Wenn man schon verblödet, sollte man mindestens etwas dabei empfinden“, bemerkt C an einer Stelle im Film. Ganz im Gegensatz zu diesem „Motto“ hat Danielle Giuliani auf das Aufzeigen von Empfindungen und Motivationen der Personen verzichtet. Gewisse Szenen, z. B. das Begräbnis der Mutter, sind eigenwillig stilisiert, ja beinahe surreal verknappt; im Kontrast dazu steht die realitätsnahe Ausführlichkeit der Verführung während der Shows. Die Art zu spielen wiederum erinnert besonders bei Robert Hunger-Bühler, der den C darstellt, stark ans Theater. - So ist Die schwache Stunde alles in allem tatsächlich „eine ziemlich schräg erzählte Geschichte“, wie Danielle Giuliani ihre Komödie selber charakterisiert hat.