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Begegnung
Pointiert: Selbstmitleid ist mir fremd
Bestseller-Autor Claude Cueni schildert, wie er damit umgeht, dass seit Jahren ein Damoklesschwert über ihm schwebt. Er erzählt aber auch etwas richtig Schönes.
Interview
Claude Cueni hat nur eine Bitte: Es wäre schön, wenn Ihre Einleitung vor dem Interview nicht zu sehr auf die Tränendrüsen drückt. Wir beschränken uns deshalb auf die nüchterne Aufzählung einschneidender Wegmarken in seinem Leben.
- 1956 in Basel geboren. Abbruch der Schule, um Schriftsteller zu werden.
- 1982 Geburt von Sohn Clovis, der Cerebralparese erleidet.
- Drehbücher fürs Fernsehen (etwa Tatort und Eurocops).
- Erfolge als Buchautor (Das grosse Spiel).
- 2008 Krebstod seiner Frau.
- 2009 Erkrankung an Leukämie.
- 2010 Knochenmarktransplantation, Heirat mit Dina Ariba.
- 2013 60-prozentige Abstossung der Lunge durch die fremden Blutstammzellen.
- Im März 2017 erscheint sein neustes Buch: Chronos 55 kleine Weltgeschichten.
Weil Claude Cueni sich chronisch übermüdet fühlt, einigen wir uns auf ein schriftliches Interview.
Sie haben gesagt: Jede Art zu schreiben ist erlaubt nur nicht die langweilige. Sie stehen also in der Pflicht, interessant zu antworten.
Das gilt für Romane, nicht für Interviews. Jetzt stehen Sie in der Pflicht, interessante Fragen zu stellen, und ich werde ehrlich antworten.
Welche Fragen bringen nichts?
Wenn man mich ständig auf die Krankheit anspricht. Es geht ja nicht um die Publikation eines Gesundheitsbulletins, sondern um ein neues Buch.
Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht von so vielen Schicksalsschlägen getroffen worden wären?
Vielleicht ein richtig fauler Hund, der weltfremde Texte schreibt, nachts in Bars herumhängt und Lebensweisheiten von sich gibt, die er im Kino gehört hat.
Wie kamen Sie zum Schreiben und woher rührt Ihr grosses Talent?
Ich habe schon als Kind laufend Geschichten erfunden und als ich schreiben konnte, habe ich sie aufgeschrieben. Ich hatte nie einen Plan B.
Was empfehlen Sie jungen Autoren, die einen Bestseller veröffentlichen wollen?
Wenn ich wüsste, wie man Bestseller schreibt, wären alle meine Bücher Bestseller, das ist aber nicht der Fall. Ein junger Autor sollte Testleser beiziehen, bevor er seinen Text an Agenten oder Verlage verschickt. Bekannte taugen nicht als Testleser, ihr Urteil ist zu wohlwollend. Ein junger Autor muss wissen, dass Fantasie allein nicht ausreicht, es braucht auch Handwerk und Ausdauer. Er sollte Kritik ertragen, lernbereit sein und den Ehrgeiz haben, sich laufend zu verbessern. Das ist bei mir heute noch so.
Was lesen Sie gerne? Was schauen Sie sich als Drehbuch-Autor im Fernsehen an?
Ich lese täglich Sachbücher und drei bis vier Stunden in- und ausländische Nachrichten und staune, wie tendentiös man informiert ist, wenn man nur eine Tageszeitung und einen öffentlich-rechtlichen Sender konsumiert. Im TV schaue ich mit meiner Frau auf Arte Dokus über den Alltag fremder Kulturen. Oder Dokus zu historischen Themen. Aber auf Fernsehfilme habe ich keine Lust mehr, ich ahne ja meistens nach einer Viertelstunde, wie die Story gestrickt ist.
Wie viele Medikamente mussten Sie heute nehmen?
Fragen Sie meine Frau, seit ich im Januar das Spital wieder verlassen habe, fehlt mir der Überblick.
Was ist genauso lebenswichtig wie Medikamente?
Überleben ist das Wichtigste. Wenn Sie tot sind, spielt auch ein romantischer Sonnenuntergang keine Rolle mehr. Aber es gibt natürlich Autoren, die jetzt behaupten würden, Bücher seien genauso lebenswichtig, na ja.
Meine Zukunftspläne beschränken sich aktuell auf das morgige Mittagessen.»
Eine Dokumentation auf SRF über Ihre Schicksalsschläge hiess: Selbstmitleid ist Zeitverschwendung. Hatten Sie nie Selbstmitleid?
Ich hatte schon als Kind nie den Eindruck, dass ich ein Anrecht auf ein vierblättriges Kleeblatt habe. Das Leben ist weder im Guten noch im Schlechten gerecht und muss es auch nicht sein. Im Innenhof des Basler Stadtarchivs ist eine Gedichtzeile von Hölderlin eingemeisselt: Nicht in der blüht und purpurtraub quillt heilge Kraft allein, es nährt das Leben vom Leide sich. Das bedeutet salopp übersetzt, dass das Leben nicht aus Sex and Drugs and RocknRoll besteht. Selbstmitleid, hadern, Neid, das ist mir alles ziemlich fremd.
In der Weltwoche schrieben Sie 2015: Eigentlich sollte ich längst tot sein. Sie aber leben. Spielt die Zukunft in Ihren Gedanken wieder eine Rolle?
Ich arbeitete im Dezember an einem neuen Roman, musste plötzlich wegen eines Lungeninfekts ins Spital und kehrte dann im Januar mit Sauerstoffflaschen und noch mehr Pillen wieder nach Hause zurück. Meine aktuellen Zukunftspläne beschränken sich auf das morgige Mittagessen. Ich bin ein leidenschaftlicher Koch.
Ihre Frau sagt: Was morgen geschieht, geschieht nicht heute. Ein wunderbarer Satz, der einem einiges erleichtern könnte. Mussten Sie sich dieses im Hier und Jetzt leben erst aneignen?
Ich musste in den letzten sieben Jahren dreimal akzeptieren, dass es nun wirklich vorbei ist. Wenn man dann wider Erwarten überlebt, folgt ein gewisser Fatalismus. Man lebt in der Verlängerung. Den Alltag unter dem Damoklesschwert kann man entspannter ertragen, wenn man weiss, dass es im Notfall Sterbehilfeorganisationen wie Life Circle oder Exit gibt, die einem die letzten Wochen ersparen.
Der Tod zählt zu den Tabuthemen unserer Gesellschaft.
In der westlichen Welt haben wir den Tod aus dem Alltag verdrängt. In früheren Epochen hingegen war der Tod alltäglich und für alle sichtbar. Ich habe die meiste Zeit meines Berufslebens in anderen Jahrhunderten verbracht und verinnerlicht, dass es das Normalste auf der Welt ist, dass man den Ehepartner verliert, krank wird und stirbt.
Hat Ihre Frau auch eine Weisheit zur Hand, was die Vergangenheit anbelangt?
Ja, in ihrer Kultur sagt man: Was vorbei ist, ist vorbei, man kann trötzeln und schreien, man hat es zu akzeptieren, das Leben wartet auf niemanden, die Uhr läuft.
In Ihrem neusten Buch erzählen Sie 55 Ereignisse der Weltgeschichte. Welche Kriterien musste ein Ereignis erfüllen, damit Sie sich mit ihm beschäftigten?
Ich fasste auf jeweils acht Seiten ein Jahr zusammen. Dann schaute ich, dass es einen guten Mix gibt zwischen politischen Ereignissen, Filmzitaten, Songs, Werbung und skurrilen Begebenheiten. Danach kürzte ich das Ganze auf zwei Seiten und versuchte die Themenwechsel ironisch miteinander zu verknüpfen.
Ihr liebstes Ereignis der Weltgeschichte und warum?
Da gibt es zu viele Lieblinge. Am meisten erheitert haben mich die Zufälle, die zu grossen Erfindungen geführt haben, die zahlreichen Fehlprognosen, Fake News und all die Freaks, die von einer Idee besessen waren.
Was lehrt uns die Vergangenheit?
Es ist unmöglich, die Gegenwart richtig einzuordnen, wenn man keine Vergleichsmöglichkeiten mit früheren Epochen hat. Müsste ich die letzten 100 Jahre mit einem Zitat zusammenfassen, müsste ich leider Spinoza zitieren: Der Nutzen ist das Mark und der Nerv aller menschlichen Handlungen. Die Mehrzahl der politischen Eliten litt stets an narzisstischen Verhaltensstörungen, haben sich, kaum gewählt, vom Volk abgeschottet, sich bereichert und die Wähler mithilfe der Leitmedien angelogen. Das ist auch heute meistens so. Social Media hat den Informationszugang demokratisiert und die Faust im Sack zu einer viralen Wut gebündelt. Ohne Social Media wären weder Rodrigo Duterte auf den Philippinen noch Donald Trump gewählt worden.
Sie telefonieren jeden Tag bis zu zwei Stunden mit Ihrem Sohn. Über was sprechen Sie miteinander?
Clovis ist eine unglaubliche Leseratte, da gibt es stets genügend Gesprächsstoff. Wir sind zwar nicht immer gleicher Ansicht, aber wir respektieren, dass jeder Anrecht auf eine eigene Meinung hat. Und da beide viel Humor haben, sind das auch die Highlights des Tages.
Sie haben auch mal gesagt, dass chronisch Kranke vereinsamen, was die Freunde anbelangt. Ist dem wirklich so?
Wenn Sie lange im Spital liegen, ist das oft der Fall. Aber ich bin ja zu Hause und führe eine sehr harmonische Ehe.
In Gesprächen mit Ihnen geht es, obwohl man es nicht will, wie selbstverständlich immer um Krankheit und Tod. Erzählen Sie uns zum Abschluss etwas richtig Schönes aus Ihrem Leben!
Meine Krankheitsgeschichte hängt doch den Lesern langsam zum Hals raus, mir übrigens auch. Ich habe mir das alles nicht ausgesucht. Hätte ich die Wahl gehabt, hätte ich mich für eine kleine Sommergrippe, Hämorrhoiden oder eine Gürtelrose entschieden. Aber zu Ihrer Frage: Ich freue mich jeden Morgen, wenn meine Frau um fünf in mein Arbeitszimmer kommt und wir uns umarmen. Ihre Lebensfreude und ihr Optimismus sind ansteckend und laden meine Batterien auf.
Waren meine Fragen ermüdend?
Die Fragen nach meinem Gesundheitszustand waren schon ermüdend. Aber Sie tun Ihren Job und nach dem autobiografischen Roman Script Avenue muss ich akzeptieren, dass ich für die Medien der Autor bin, der hauptberuflich krank ist und immer noch nicht stirbt.
Lebenslust
Claude Cuenis Gattin Dina versprüht mehr Wärme als drei speiende Vulkane.
Wenn es Probleme gibt, rennen die Männer auf den Philippinen vor ihnen weg, sagt Dina Cueni. Wir Frauen aber nicht. Wir bleiben. Die 36-Jährige ist vor den Problemen tatsächlich nicht weggerannt, deshalb treffen wir sie hier beim Gespräch in Allschwil. Zwei Wochen nachdem ihr Mann Claude Cueni unsere Fragen schriftlich beantwortet hat, empfangen die beiden uns doch noch in ihrer Wohnung. Dem Schriftsteller geht es nach einer langwierigen Virusinfektion wieder so gut, dass Besuch erlaubt ist. Bevor wir vorhin eintraten, hatten wir unsere Hände mit Desinfektionsmittel sterilisieren müssen. Cueni bewahrt seitdem stets einen Sicherheitsabstand, beim Gespräch am langen Tisch sitzt uns seine Frau gegenüber.
Um sie und ihre Geschichte, wie sie aus der abgelegenen Provinz Escalante auf den Philippinen nach Allschwil ins Baselbiet fand und blieb, geht es an dieser Stelle ja auch. Und um die Erkenntnis, welch zufällige Wege sich das Schicksal manchmal sucht, wenn zwei vollkommen verschiedene Existenzen zusammenfinden. 2008 war Dina Ariba, wie sie damals noch hiess, wegen der Arbeit als Haushälterin und Krankenpflegerin eines reichen Chinesen nach Hongkong gezogen. Claude Cueni suchte währenddessen Abstand vom Krebstod seiner ersten Frau.
Ein Freund hatte ihn und seinen Sohn Clovis in die Metropole eingeladen unter einer Bedingung: Du darfst nicht mehr über den Tod deiner Frau sprechen. Du brauchst einen Neustart! Dieser kam in der Person von Dina. Der Zufall wollte es, dass die beiden dieselbe U-Bahn nahmen. Cueni sprach die Unbekannte an. Schnell fanden sie Gefallen aneinander. Sein Humor hat mir sofort gefallen, erinnert sie sich. Er lud sie zu sich in die Schweiz ein. Auch für Sohn Clovis war es ein Neustart: Er verliebte sich in Hongkong in eine Chinesin; heute sind die beiden verheiratet.
Höhen und Tiefen durchlebt
Als Dina in der Schweiz ankam, hatte sich Claude Cuenis Situation dramatisch verändert: Ich war an Leukämie erkrankt und hatte schlechte Prognosen. Der Arzt erklärte, er könne ihm keine Hoffnung machen. So macht es keinen Sinn, sagte Cueni zu ihr. Sie solle doch wieder nach Hause zurückkehren. Doch sie blieb, denn wie hiess es vorhin: Auf den Philippinen rennen die Männer davon, wir Frauen aber nicht. Utang na loob. Seitdem haben die beiden, was seine Gesundheit anbelangt, schon Höhen und Tiefen durchgemacht. Nach überstandener Knochenmarktransplantation schien er auf gutem Wege, die beiden heirateten. Doch dann zeigten sich die fremden Blutstammzellen widerspenstig und führten zu einer teilweisen Abstossung der Lunge. Seitdem unterdrücken eine Vielzahl von Pillen die Immunabwehr, weshalb Besucher, die an einer Erkältung leiden oder sonstwie ansteckend sind, gefährlich für ihn werden können.
Keine Probleme bereitet hingegen die ansteckende Lebenslust von Dina, die Cueni in seinem autobiografischen Roman Pacific Avenue als deutlich grösser einschätzte als jene der Schweizer Fussballer beim Abspielen der Nationalhymne. Der Autor -minu schrieb nach einem Hausbesuch, dass die Asiatin mehr Wärme versprühe als drei speiende Vulkane und eine wunderbare Herzlichkeit wie 1000 italienische Mütter ausstrahle. Ihr Chef nennt sie in der Werbeagentur, wo sie am Empfang arbeitet, den Sonnenschein unseres Büros.
Dabei fehlt ihr gerade dieser in unseren Breitengraden am meisten: der Sonnenschein. Besonders im Winter ist es mir hier oft zu trüb. Weitere Unterschiede? Auf den Philippinen lachen wir viel mehr. Was man sich gut vorstellen kann, so oft wie sie in der letzten halben Stunde gelacht hat. Und wir verbringen unsere Zeit gerne inwie sagt man genauin Rudeln? Claude Cueni nickt, sie fährt fort: Bei uns sind wir immer mit anderen Menschen zusammen, wir gehen spontan zu den Nachbarn und sie tun dasselbe. Das ist in der Schweiz anders; unangekündigter Besuch gilt als unschicklich. Ebenso lautes Lachen im öffentlichen Raum. Gelächter ab 57 Dezibel ist hier fast ein Offizialdelikt, flüstert sie in Cuenis Biografie in einem Restaurant. Dafür, schiebt sie im Gespräch mit uns nach, funktioniere in der Schweiz alles rasch und zuverlässig. Alle sind wahnsinnig gut organisiert.
Mit ihr ist alles unkompliziert
Über die angeschlagene Gesundheit ihres Mannes spricht sie nicht. Auch in die Zukunft will sie nicht gross schauen. Es kommt so, wie es kommt. Sie freut sich mit ihm über die kleinen Dinge des Alltags. Wenn es ihm zwischendurch besser geht, liegt auch einmal eine Reise drin: In den vergangenen Jahren haben die beiden Barcelona, London, Berlin, Paris, Rom und Venedig erkundet. Mit ihr ist alles unkompliziert, sagt Claude Cueni und nennt ein Beispiel: Wenn er wegen Schwindels eine Flasche fallen lasse, sei sie weit davon entfernt, sich darüber aufzuregen. Weshalb auch?, entgegnet sie. Es lohnt sich nicht, dass wir uns wegen solch kleiner Dinge das Leben schwer machen. Lieber genies sen, solange es möglich ist.