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Adel in Haft – Die “böse Fasnacht” von 1376Veröffentlicht am 9.10.2019, zuletzt geändert am 31.1.2024 #Mittelalter
Im Winter 1376 gerät ein Ritterturnier auf dem Münsterplatz von Basel kräftig aus dem Ruder. Es endet mit der Flucht des Herzogs von Österreich über den Rhein nach Kleinbasel und mehr als fünfzig Adligen in städtischer Haft. Der Vorfall geht als “Böse Fasnacht” in die Geschichte ein.
Tumult auf dem Münsterplatz
Am 26. Februar 1376, einen Tag vor Aschermittwoch, kommt es bei einem Ritterturnier auf dem Münsterplatz von Basel zu einem Aufruhr der Bürgerschaft gegen die Ritter. Grund ist angeblich, dass die Rösser der Ritter ins Publikum ausgebrochen seien und man Speere nach den Leuten geworfen habe. Der Veranstalter des Turniers, Leopold III. von Habsburg, Herzog von Österreich, flieht mit einigen Getreuen über den Rhein nach Kleinbasel. Dort sind sie sicher. Denn die Stadt am gegenüberliegenden Ufer wurde ein Jahr zuvor vom Bischof von Basel verpfändet und ist damit dem Herzog verpflichtet.
Doch nicht alle Besucher entkommen. Zahlreiche Ritter und ihre Knappen sowie Chorherren und Bürger aus benachbarten Städten fliehen vor der aufgebrachten Menge über die Rittergasse und verschanzen sich im heute noch bestehenden Eptingerhof. Doch den aufgebrachten Städtern gelingt es, das Tor aufzubrechen, und über fünfzig Adlige und ihre Diener in städtische Haft zu setzen. Drei Ritter sollen bei dem Tumult ums Leben gekommen sein.
Die “Grimmen von Grünenberg”
Unter den Gefangenen befindet sich Ritter Johann II. der Grimme, Freiherr von Grünenberg und Herr zu Binzen. Dieser ist damals etwa 49 Jahre alt. Er hat seinen Zunamen von seinem Vater Johann I. übernommen und an seinen Sohn Johann III. weitergegeben, ohne dass heute bekannt wäre, woher der Zuname kommt. Diese drei “Grimmen von Grünenberg” – Vater und Sohn und Enkel – bilden mit ihren nächsten Verwandten einen eigenen Familienzweig innerhalb der weit verzweigten Familie der Freiherren von Grünenberg. Ihr Wohnsitz ist die Wasserburg Binzen an der Kandern nördlich von Lörrach, während die Stammsitze der Familie auf der südlichen Seite des Juras liegen: die Burgen Grünenberg, Langenstein und Schnabel in Melchnau im Kanton Bern.
Der Zweig der Familie Grünenberg in Binzen entsteht in der Mitte des 13. Jahrhunderts durch eine Heirat. Der Familiensitz – die Wasserburg – wurde 2018 bei Sondierungen des Landesamtes für Denkmalpflege Baden-Württemberg entdeckt und datiert um 1300. Zu dieser Zeit kümmert sich der Erbe der Herrschaft Binzen, Freiherr Berchtold II. von Ramstein, um seine beiden verwaisten Enkel Johann I. der Grimme und Arnold I. von Grünenberg. Beide sind um 1280 bzw. 1284 in Binzen geboren und dürften um 1300 ihre Volljährigkeit erreicht haben. Der Grossvater ermöglicht seinen Enkeln einen guten Start ins Leben. Er sichert ihnen Einkünfte und führt sie in den Familienverbund der Grünenberg ein – eine grosse Familienversammlung auf der Burg Grünenberg ist in einer Urkunde vom 25. Januar 1303 erwähnt. Zudem verheiratet er sie gut: Johann I. standesgemäss im Hochadel und Arnold I. zwar bürgerlich, dafür aber vermögend.
Johann II. – unser Verhafteter an der “Bösen Fasnacht” – bleibt mit Binzen und der Gegend um Basel verbunden: Seine Tante ist Adelheid Schaler, Tochter des schwerreichen Basler Schultheissen Ritter Otto I. Schaler und Ehefrau von Johanns Onkel Arnold I. von Grünenberg. Neben der familiären und geographischen Nähe zu Basel – die Wasserburg Binzen ist knapp 9 Kilometer Luftlinie vom Münster entfernt – gehört die Familie Grünenberg seit dem Mord an König Albrecht I. von Habsburg 1308 zum engeren Gefolge der vorderösterreichischen Herrschaft. All dies mag illustrieren, dass Johann II. mehrere Gründe hatte, am 26. Februar 1376 beim Turnier seines Herrn Leopold III. von Habsburg, dem Herzog von Österreich, dabei zu sein.
Mit Urfehde freigelassen
Am 8. März 1376, also immerhin erst elf Tage nach seiner Verhaftung, kommt Johann II. wieder frei, zusammen mit seinem Diener. Wie alle anderen muss er der Stadt Basel Urfehde schwören. Dabei gelobt der Verhaftete bei allen Heiligen, dass er nach seiner Entlassung auf Rache und Schädigung verzichtet. Die Urfehde-Urkunde, die er selber als “ein gantz luter ſŭne und urvecht“, also eine aufrichtige Versöhnung und Urfehde (eidlicher Racheverzicht) bezeichnet, wird heute im Staatsarchiv Basel-Stadt aufbewahrt. Fortan lebten die Stadt Basel und der Herr zu Binzen wieder in bestem Einvernehmen.
Quellen
Literatur
T. Keller, Die Böse Fasnacht 1376 – Konfliktsituationen Basels am Ende des 14. Jahrhunderts (Basel 2011).
L. Wenger, Genealogisch-prosopographische Datenbank zu den Freiherren von Grünenberg
Abbildungen
Abb. 1: Staatsarchiv Basel-Stadt, St. Urk. 479.
Dank
Der Autor dankt Dr. Andreas Haasis-Berner, Gebietsreferent Archäologische Denkmalpflege beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, für die freundliche Mitteilung zur wiedergefundenen Wasserburg Binzen und deren Datierung.
Autor*in
Lukas Wenger hat Geschichte und Klassische Archäologie an der Universität Bern studiert. Nach Stationen als Projektleiter in der Telekommunikation und als Unternehmensberater für digitale Transformation arbeitet er seit 2018 als Leiter eHealth bei einer Betriebsgesellschaft für Hausarztnetze. Seit der ersten Berührung mit der Burgruine Grünenberg in Melchnau forscht und publiziert er nebenamtlich zu den Freiherren von Grünenberg. Er ist Mitglied des Vereins Basler Geschichte.