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Vor rund 2,4 Milliarden Jahren fiel auf der Erde der erste Schnee. Vor über 46 000 Jahren spürte in Europa zum ersten Mal ein Homo sapiens Schnee auf seiner Haut. Seit 150 Jahren beeinflusst der Mensch die Geschichte des Schnees. Der Erfolg des Verbrennungsmotors und die davon ausgelöste Klimaerwärmung lassen den Schnee schmelzen. Der Schnee lässt die Schweiz nicht kalt. Aber ist die Schweiz der Zukunft kalt genug für Schnee? Antworten auf diese Frage liefern Einblicke in die Poesie, das Spielen, die Forschung und das Schmelzen von Schnee.
Die Geschichte des Schnees ist viel älter als der Mensch. Aber seit der Homo sapiens die Alpen besiedelte, sind seine Geschicke mit dem Schnee verbunden. Lange stand der Schnee in erster Linie für die Ödnis des Winters, für eine karge und entbehrungsreiche Zeit. Mit dem Aufkommen des Alpinismus erfuhren die zugeschneiten Berge im 19. Jahrhundert eine Umdeutung. Während sich im Flachland im Zuge der Industrialisierung Fabriken ausbreiteten und immer mehr Menschen in die Städte zogen, erkannte man in den Bergen eine heilsame Landschaft mit frischer Luft und gesunden Menschen. Vor allem Städterinnen und Städter machten den Schnee zur Grundlage für Abenteuer in einer als unberührt wahrgenommenen Natur.
Der Schnee wurde poetisch. Diese Umdeutung zeigt sich auch in zahlreichen Schweizer Schnee-Gedichten. Neben Erika Burkart, Jacques Chessex, Edvige Livello oder Robert Walser hat sich auch Andri Peer (1921–1985) in diese Tradition eingeschrieben, unter anderem mit seinem zwischen 1963 und 1990 mehrmals veröffentlichten und übersetzten Gedicht «Schlitrada» (Schlittenfahrt):
«Schlittenfahrt»
Als Kind
roch ich beim Einnachten
den Schnee in der Luft,
und Schellenschlitten
bimmelten vorbei
im Schneegestöber,
lachende Mädchen
und Peitschenknall.
Die Sterne knirschten
wie Dolche in gläsernen Scheiden.
Gedämpft der Trott der Pferde.
Schellen klingelten im Wald,
und die Bäche sangen,
sangen unter Eisorgeln.
(Abschrift nach Übersetzung von Herbert Meier, 1988)
Die Alpinistinnen und Alpinisten machten die Berge zum Spielplatz ihrer Abenteuer - und den Schnee gleich mit dazu. Ab 1900 begannen sie vermehrt, das Skilaufen von seiner arbeitsamen Alltäglichkeit zu befreien und machten es zu einer Freizeitbeschäftigung und zu einem Sport. Als eine Art Wandervögel der Berge eroberten sie verschneite Hänge im schnellen Schuss.
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 1950er und 1960er Jahre wurde der Schnee- zum Volkssport. Jetzt fuhr «alles fährt Ski», wie der Schlägersänger Vico Torriani in seinem Hit von 1963 trällerte. Zumindest auf die Schweizer Mittel- und Oberschicht traf das durchaus zu. Skiferien wurden zum Massenphänomen. Damit einher ging ein starker Ausbau der touristischen Infrastruktur in den Alpen. Heute ist der Wintertourismus ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für die Bergregionen. Gleichzeitig werden die negativen Auswirkungen des Massentourismus für die Gesellschaft und Natur immer sichtbarer.
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Jacques Naegeli (1885–1971) betrieb von 1914 bis 1956 ein Fotogeschäft in Gstaad. In der Folge wurden seine Aufnahmen im Berner Oberland und darüber hinaus bekannt. Heute bieten sie einzigartige historische Perspektiven.Quelle: © Archiv Jacques Naegeli, Graphische Sammlung, NB
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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts etablierte sich Schnee nicht nur als Stoff für sportliche Träume, sondern auch als Forschungsgegenstand. Bei der Eröffnung des Schweizerischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung 1943 in Davos konnte die Schweiz bereits auf eine Tradition der Schnee- und Eisforschung zurückblicken. Deren internationales Ansehen beruhte unter anderem auf den Polarexpeditionen Alfred de Quervains.
Nach dem 2. Weltkrieg lag der Fokus der Schneeforschung auf dem Schutz kritischer Infrastruktur vor Lawinen. Um Lawinen besser zu verstehen, wurde der Schnee einerseits mikroskopisch untersucht und in seinen Kristallstrukturen und Lagerungen analysiert. Andererseits beschäftigten sich die Forscher – Forscherinnen sollten erst später mitarbeiten – auf einem grösseren Massstab mit Geländestrukturen und Techniken der Lawinenverbauung.
In den 1960er Jahren begann sich das Interesse immer mehr auf die Menschen zu verschieben, die sich durch Schneelandschaften bewegten. In der Schweizer Armee und im Institut für Schnee- und Lawinenforschung entwickelte man erste Lawinensuchgeräte. Die Armee gab ihr «Verschütteten-Suchgerät VS 68» um 1970 für die zivile Nutzung frei. Die Firma Autophon brachte es 1975 unter dem Namen «Barryvox» auf den Markt. Als technischer Ersatz des legendären Lawinenhunds Barry gehörte es lange zur Standardausrüstung auf jeder Schweizer Skitour.
Heute befasst sich die Schweizer Schneeforschung insbesondere mit der Klimaerwärmung. Um diese wissenschaftlich zu beweisen, ist die Analyse von Eisbohrkernen besonders wichtig. Dabei geniesst das Oeschger Center for Climate Research der Universität Bern ein hohes internationales Ansehen.
Erfahren Sie mehr zur Geschichte der Schneeforschung in der Schweiz. Im «Gegensprecher», dem Podcast zur Ausstellung, spricht Kurator Hannes Mangold mit Historikerin Dania Achermann.
Die Klimaerwärmung betrifft auch den Schnee. Für die Schweiz prognostizieren aktuelle Klimamodelle immer weniger Schnee. Zwar wird es auch im Schweizer Mittelland in Zukunft noch schneien, allerdings weniger oft und der Schnee wird kaum mehr liegenbleiben. Die Bergregionen sind stärker betroffen: In dreissig Jahren werden Wintersportorte unter 1500 Metern über Meer nicht mehr über genügend Naturschnee für einen Saisonbetrieb verfügen. In sechzig Jahren rechnen die Modelle damit, dass eine grosse Mehrheit der Schweizer Skigebiete zu wenig Schnee für einen Saisonbetrieb haben. Insofern könnten die Olympischen Winterspiele von Peking 2022 Modellcharakter haben: Sie fanden vollständig ohne Naturschnee statt. Auch in der Schweiz werden Kunstschnee und Skihallen zu Alternativen. Die Klimaerwärmung bringt den Schnee also nicht zum Verschwinden. Aber sie macht ihn seltener und künstlicher.
Erfahren Sie mehr über die Bedeutung des Schnees für den Schweizer Tourismus. Im «Gegensprecher», dem Podcast zur Ausstellung, spricht Kurator Hannes Mangold mit Ökonomin Monika Bandi.