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Die Industrialisierung läutete die moderne Umweltnutzung ein. Der Epochenbegriff ‚Industrialisierung‘ ist wie immer schwer zu fassen. Denn im Wesentlichen beschreibt der Begriff nichts weiter als den Übergang von agrarisch geprägten Gesellschaften zu industriellen Gesellschaften. Dieser Prozess vollzog sich im Westen etwa ab der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch wenn eine solch vage Definition ihre Tücken hat, so ist es doch ergiebig sich das Verhältnis der Umwelt zu den Phänomenen, die gemeinhin als Teile der Industrialisierung gemeint sind, anzusehen.
Die Kommerzialisierung der Natur
Der Prozess, die Natur zu ‚unterwerfen‘ und sie systematisch kommerziell zu nutzen, begann schon in der frühen Neuzeit. Mit anwachsender Bevölkerung, technischen Innovationen und der imperialen Ausdehnung der europäischen Staaten intensivierte sich diese Ausbeutung aber drastisch. Auch die neu entstandenen Vereinigten Staaten dehnten sich rasant aus. Innerhalb weniger Jahrzehnte war ein Grossteil Nordamerikas von Osten bis nach Westen besiedelt. In den ersten Niederlassungen der ‚Frontier‘ war die Naturausbeutung noch nicht immens, doch durch die rasch vorangetriebene Expansion liess sie nicht lange auf sich warten.
Die Phase der Industrialisierung kann man passend als eine Beschleunigung der Lebensweisen beschreiben. Während Jahrhunderten hatte sich die Zeit, die man braucht, um Informationen auszutauschen, nicht substanziell verändert. So brauchte man im Mittelalter wie auch in der frühen Neuzeit etwa gleich lang, um per Kutsche von Berlin nach Paris zu gelangen. Mitte des 19. Jahrhunderts konnte man aber innert weniger Stunden per Telegraph Informationen zwischen Indien und Grossbritannien austauschen. Der Globus wurde zu einem einzigen, ganzheitlichen Markt. Baumwollkrisen in den USA konnten dazu führen, dass sich der Preis des Gutes verzigfachte und in Folge dessen mehr Baumwolle in Indien angepflanzt wurde. Die Lebensweisen in den peripheren, ländlichen Gebieten mussten den Interessen der Metropolen weichen. Diese Entwicklungen wurden auch in der Naturausbeutung widerspiegelt. In den USA wurde der Bison fast bis in die Ausrottung gejagt, ganze Wälder wichen den Äxten und riesige Viehherden dominierten die Prärie. Kein Gebiet der Erde war noch vom Menschen unberührt. So kann man durchaus die Auffassung vertreten, dass gar keine ‚Natur‘ im Sinne der Wildnis mehr vorhanden war – wenn schon eine ‚zweite Natur‘; eine durch den Menschen veränderte.
Angetrieben wurden diese Prozesse durch technische Neuerungen, welche anhaltende Veränderung mit sich brachten. Beispielsweise in Chicago konnten durch die Einführung des Getreidehebers grosse Mengen an Getreide relativ einfach gelagert und direkt aus den Eisenbahnwagons befördert werden. So kam es, dass Farmer des ‚Mid West‘ nicht mehr ihr Getreide in ihren Säcken zu einem Preis, der die Qualität des vorhandenen Produktes repräsentierte, am städtischen Markt verkauften, sondern dass das Getreide aller Produzenten einer Region vermischt wurde. Standards, um die Qualität des Getreides festzulegen, wurden eingeführt; die Landwirte bekamen nunmehr pro Gewichtseinheit einer bestimmten Qualität einen festgelegten Preis. Diesen Preis konnten sie nicht mehr mitbestimmen; Er von Händlern und Investoren festgelegt wurde, die auf Änderungen im Weltmarkt reagierten. Dieser fluktuierte durch den beschleunigten Informationsaustausch immer wie schneller. So hingen schliesslich der indische Bauer und der US-amerikanische Farmer in einem System zusammen, über das sie keine Kontrolle mehr hatten, dem sie aber folgen mussten. Dies schlug sich wiederrum auf die Bewirtschaftung und Naturnutzung nieder. Flächen, auf denen mit Mischkulturen eine Subsistenzwirtschaft aufrechterhalten wurde, wichen Monokulturen mit ‚Cash Crops‘.
Naturschutz
Gleichzeitig wurden aber auch die Folgen der Naturausbeutung sichtbar. Vor allem die Abholzung machte vielerorts zu schaffen. Getrieben durch wissenschaftliche Methoden wurden erste Formen von Konservierungsmassnahmen entworfen. Jedoch waren Wissenschaft, Politik, Justiz und Unternehmertum nicht strikt getrennt, sodass solche Konservierungsbemühungen oft auch in kolonialer Repression kulminierten. So wurden zum Beispiel ‚herrenlose‘ indische Wälder vom British Empire systematisch unter ‚Schutz‘ gestellt und den Einheimischen der Zugang verwehrt. Zuvor wurden diese Wälder von den Einheimischen genossenschaftlich genutzt. Ihnen wurden somit wichtige Lebensgrundlagen im Namen des Naturschutzes entzogen. Dieser Naturschutz war oft dogmatisch und nach ökonomischen Prinzipien ausgerichtet. So wurde kaum auf die lokalen Bedingungen geachtet, sondern ein aus Europa exportiertes Verständnis von ‚Natur‘ angewandt. Gestrüpp und Unterholz wurden beispielsweise entfernt, um grossen Bäumen Platz zu lassen – denn letztlich ging es darum, Holz für die Zukunft heranzuziehen. ‚Unkultiviertes und leeres‘ Land wurde systematisch ausgegrenzt und musste nutzbar gemacht werden, meist auf Kosten der Einheimischen. So wurde es in Australien mit der „Terra Incognita“ gemacht und in Nordamerika mit den ‚leeren‘ Great Plains.
Der dunkle Winter
Doch nicht nur der Mensch formte Umwelt, Landschaft und Klima, dieses formte umgekehrt auch den Menschen. 1815 explodierte auf der Insel Sumbawa in Indonesien der Vulkan Tambora. Infolge dessen gelangten etwa 150 Kubikkilometer Staub in die Atmosphäre, dunkelten die Erde ab und führten so zu einer Abkühlung auf der Nordhalbkugel. In Europa ging 1816 als „das Jahr ohne Sommer“ in die Annalen der Geschichte ein. Überschwemmungen, Missernten, Hungersnöte, Seuchen und grossflächige Auswanderungen waren die Folge. Auch in Literatur und Kunst wurde diese ‚Verdunkelung‘ rezipiert: Mary Shelley entwarf die Idee zu Frankensteins Monster, weil sie beim Besuch ihres Freundes Lord Bryon am Genfersee immer wieder daheim bleiben musste. Um sich die Zeit zu vertreiben, veranstalteten sie kleine Wettbewerbe und entwarfen Schauergeschichten. Shelleys Warnung davor, wie der menschliche Schöpfungswille in unkontrollierter Manier auf den Schöpfer zurückwirken kann, prägte infolge das Denken von Generation. Daneben beklagte sich auch Goethe über das schaurige Wetter. Caspar David Friedrich jedoch fand die Stimmung, die bei Sonnenuntergängen aufgrund der Tonnen an Staub in der Atmosphäre herrschte, bewegend.
In den Industriestädten war derweil die Luft auch ausserhalb dieses Ausnahmeereignisses getrübt: Die Luftqualität war aufgrund der ständigen Kohleverbrennung denkbar schlecht. Auch die Wasserqualität war vor allem in den Städten miserabel und Krankheiten wie Cholera waren an der Tagesordnung. Die Menschheit machte im Prozess der Industrialisierung enorme technische Fortschritte. Doch zunehmend litt die Natur darunter – und somit auch wieder der Mensch der von ihr abhängt. Die meisten Probleme, die die Umweltdiskussionen heute prägen, begannen sich in der Zeit der Industrialisierung zur Krisenhaftigkeit zu verfestigen.
William Cronon: Nature's Metropolis, New York, 1992.
Peter Frankopan: Zwischen Erde und Himmel, Berlin, 2023.