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Ein junger Bauer, namens Ambrogione, hatte sein stilles Dorf in den Tessiner Bergen verlassen und führte zwei seiner schönsten Kühe auf den Markt von Varese, wo er sie für zweitausend Franken verkaufte. Diese Summe, bestehend aus zwanzig Banknoten zu hundert Franken, verwahrte er in einem Geldbeutel aus Katzenfell, den er in einer Tasche auf der Innenseite seines Kittels vorsorglich versteckte. Überdies besass er noch etwa fünfzig bis sechzig Franken in Kleingeld. Und weil er schon so nahe bei Mailand war, wollte er sich diese grosse Stadt anschauen, die er noch nie in seinem Leben gesehen und von der er doch so vieles schon gehört hatte. Aber so tüchtig er in seinem Beruf als Landwirt war, so unerfahren und hilflos erwies er sich im grossen Stadtgetriebe.
Wie er nun in die Stadt Mailand gelangte und all die prächtigen Läden, die wundervollen Häuser und den grossen Verkehr sah, da machte die Hauptstadt der Lombardei auf Ambrogione einen so tiefen Eindruck wie kaum je etwas in seinem ganzen Leben. Und als er dann gar auf den Domplatz geriet und die herrliche Kathedrale erblickte, blieb er mit offenem Mund vor dieser Kirche stehen und konnte das prächtige Bauwerk mit seinen vielen Türmchen und Mamorstatuen nicht genug bewundern, insbesondere, wenn er in Gedanken sein bescheidenes Dörfchen damit verglich.
Wie er so ins Schauen versunken dastand, kam ein Unbekannter, der ihn beobachtet hatte, auf ihn zu. Es war ein hübscher Mann von etwa vierzig Jahren, elegant gekleidet und von freundlicher Erscheinung. «Guten Tag, junger Herr», redete ihn der Fremde an, «nicht wahr, dieser Dom ist schön mit allen seinen Türmen und der Madonna Statue!»
«Sehr schön, in der Tat», erwiderte der Bauer und fügte naiv hinzu: «Nur schade, dass ich mich in Mailand gar nicht auskenne; denn es ist das erste Mal, dass ich hierher komme.»
«So, so, seid ihr hier in Mailand nicht bekannt? Nun gut, dann will ich als Führer dienen durch die Stadt.»
Gesagt, getan. Ambrogione und sein Begleiter durchwanderten zu Fuss die Strassen der Stadt, um alle Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Unser Bergbewohner kam nicht aus dem Staunen heraus, als er die vielen vornehmen Paläste und Häuser sah, von denen das kleinste ihm grösser zu sein schien als das ansehnlichste seines Dorfes.
Nachdem sie so einige Stunden durch Mailand gezogen waren, sagte der Führer: «Lieber Freund, ich habe Durst, wollt ihr mit mir ein Gläschen Aperitif nehmen da in diesem Kaffeehaus?»
«Gern», gab Ambrogione zur Antwort. Also traten sie ein. Während unser Tessiner mit verwunderten, beinahe kindlichen Augen den grossen Saal, die mit Goldrahmen eingefassten Spiegel und die schön gekleideten Herren und Frauen betrachtete, bezahlte sein Begleiter unbemerkt das Getränk einem Kellner. Dann standen die beiden auf, um die Gaststätte zu verlassen.
«Ich will die Sache bezahlen», sagte Ambrogione entschlossen, indem er aus der inneren Tasche seines Kittels die wohlgespickte Börse aus Katzenfell hervorzog.
«Die Sache ist schon bezahlt», entgegnete der Unbekannte, «schaut nur, wie ich es mache. He, Kellner!» rief er, indem er seinen schönen Hut mit beiden Händen auf dem Kopf herumdrehte, «es ist schon alles bezahlt, nicht wahr?»
«Jawohl, mein Herr», versicherte dieser. Und damit gingen die beiden hinaus.
Kaum waren sie auf der Strasse, so sagte der Führer: «Habt ihr\'s gesehen, lieber Mann, wie ich es mache, wenn ich bezahlen will? Ich drehe einfach meinen Hut herum, zuerst so und dann so, und das genügt.»
«Ei, potz tausend, was ist das für ein wunderbarer Hut! Wer weiss, was ein solcher kosten mag?»
«Allerdings, der kostet freilich seinen Teil», erwiderte der andere verschmitzt.
Mittlerweile hatten die Glocken am Dom zwölf Uhr geläutet, und jedermann eilte zum Essen.
«Ich habe Hunger wie ein Wolf», meinte der Mailänder. «Und ich auch», entgegnete Ambrogione. Sie traten in ein prunkvolles Gasthaus ein, und der Führer bestellte ein Mittagessen für beide.
Während Ambrogione hungrig die kräftigen Speisen verzehrte, die ihm gewaltig schmeckten, da er noch nie solche gekostet hatte, so dass er die Augen nur auf seinen Teller gerichtet hielt, ohne sich umzusehen, war der Fremde unbemerkt zum Schanktisch gegangen und hatte dem Wirt die Rechnung bezahlt, wobei er auch das Trinkgeld für den Kellner nicht vergass.
Sobald sie mit dem Essen fertig waren, standen \'sie auf, um wegzugehen. «Jetzt, junger Mann, achtet wohl darauf, wie ich es anstelle, so werdet ihr\'s selber schon können.»
«Nicht wahr, Herr Wirt», sagte der Begleiter, indem er den Hut umdrehte, «es ist alles bezahlt.» — «Jawohl, mein Herr, es ist alles bezahlt.» Nun fiel Ambrogione neuerdings von einem Erstaunen ins andere, und er sagte für sich: «Was ist denn das für ein Hut, der solche Wunder wirkt? Was für ein Zauberhut! Oh, wenn ich nur diesen hätte!»
Dann besichtigten sie wiederum die Stadt. Nach etwa zwei Stunden betraten sie ein modernes Herrenkleidergeschäft. Der Führer Hess sich verschiedene sehr elegante schwarze Anzüge anziehen, bis ihm einer passte. Der wurde sorgfältig verpackt, und er bezahlte die Rechnung, ohne dass der Tessiner es bemerken konnte.
Als dann der Mailänder das grosse Paket unter dem Arm hielt, drehte er mit der andern Hand seinen Hut von links und nach rechts und sprach: «So, Herr Schneider, es ist alles bezahlt, nicht wahr?» «Jawohl, mein Herr, und auf Wiedersehen.»
Aufs Neue geriet Ambrogione in Verwunderung. Dann verabschiedeten sich die beiden, die in wenigen Stunden gute Freunde geworden waren, indem sie sich herzlich grüssten und einander versprachen, sich am nächsten Morgen wieder auf dem Domplatz zu treffen.
Hierauf begab sich der Führer in eines der vornehmsten Hotels der Stadt und bestellte für den nächsten Tag ein grossartiges Mittagessen für beide. Auch bezahlte er die Rechnung im Voraus, ohne im Geringsten über den hohen Preis zu markten. Unterdessen aber ging Ambrogione in eine bescheidene Herberge zum Übernachten. Er hatte die schönsten Träume. Es war ihm, als sähe er vor seinen Augen die Wunderwerke von Mailand. Dann träumte ihm, er hätte den Zauberhut des Unbekannten auf dem Kopf, wodurch er ein steinreicher Mann geworden und sogar in einem Automobil in sein einfaches Bergdorf zurückgekehrt sei. Wie war er glücklich! Am andern Morgen trafen sich die beiden Männer auf dem Domplatz.
«Guten Tag, mein Lieber», redete ihn der Fremde schmeichelhaft an. «Guten Tag», sagte der Tessiner trocken.
«Also wollen wir uns wieder auf den Weg machen, mein hübscher, junger Mann. Heute sollt ihr alle Wunderdinge von Mailand sehen und anstaunen. Kein einziges wollen wir übersehen.»
Sie wanderten also wieder durch die Strassen und kamen bald da, bald dorthin. Ambrogione war überglücklich vor Zufriedenheit und rief alle Augenblicke aus: «O wie schön und gross ist diese Stadt Mailand!»
Als die Glocken wieder zwölf Uhr läuteten, begaben sie sich in ein prächtiges Hotel zum Essen. Sie redeten nicht viel, denn Ambrogione war ganz ins Essen und Trinken vertieft. Noch nie hatte er so viele feine Dinge gesehen, noch nie solch auserlesene Speisen gegessen. Vor Eifer glühte er im Gesicht wie eine rote Rose, und er fühlte ein seltsames Summen in den Ohren. Der Wein hatte ihm bereits ordentlich zugesetzt, ja, er wollte sogar einmal eine Zigarette versuchen.
Als sie mit dem Essen fertig waren, stand der Begleiter auf, drehte seinen Hut, wandte sich an den Kellner und sagte laut: «Herr Kellner, nicht wahr, es ist alles bezahlt.» «Jawohl, mein Herr, es ist alles in Ordnung.» Und damit gingen sie hinaus. Ambrogione wusste nicht mehr recht, in welcher Welt er lebe.
«Was für einen sonderbaren Hut habt ihr nur! Wollt ihr mir ihn nicht verkaufen?»
«Ei, bewahre, junger Mann, der kostet so viel Geld.» — «So sagt doch, was verlangt ihr dafür?»
«Zweitausend Franken», gab der andere zur Antwort. Ohne lange zu feilschen, zog der Tessiner in der Meinung, ein glänzendes Geschäft zu machen, seinen Geldbeutel aus der inneren Rocktasche, nahm die zwanzig Banknoten zu je hundert Franken heraus und überreichte sie dem Mailänder, der ihm dafür den wunderwirkenden Hut gab. Glückstrahlend warf Ambrogione seinen eigenen Hut weg und zog den neuen an. Hernach trennten sie sich für diesmal und versprachen, einander morgen wieder zu treffen.
Als es Abend wurde, ging der Tessiner in ein Gasthaus, das ihm sein Freund empfohlen hatte. Dort ass er reichlich zu Nacht und schlief in einem hübschen Zimmer, wobei er wieder viele schöne Dinge träumte. Am andern Morgen gönnte er sich ein feines Frühstück, und als er sich gesättigt hatte, wandte er sich an den Wirt, indem er seinen Hut auf dem Kopf drehte: «Herr Wirt, es ist schon alles bezahlt, nicht wahr?»
. «Ja freilich, mein Herr», entgegnete der Besitzer. Ambrogione wusste aber nicht, dass der Fremde bereits alles im Voraus bezahlt hatte. Und während er das Gasthaus verliess, geriet er vor Freude beinahe ausser sich, so dass er zu sich sprach: «Welch ein Glück habe ich gefunden! Was ist das für ein Zauberhut, was für ein köstlich Wunderding! Ich brauch ihn nur umzudrehen und kann kaufen, was ich will. Wer weiss, vielleicht kann ich sogar zur Bank gehen und grosse Summen Geldes abheben! Wie sehr bin ich meinem wackern Mailänder Führer zu Dank verpflichtet!»
Hierauf machte er einen Rundgang durch die Stadt und trat um Mittag in ein Gasthaus ein. Dort bestellte er ein glänzendes Mittagessen, denn er dachte bei sich selbst: «Es ist ja gleich, ob es viel oder wenig kostet. Ich brauche nur meinen Hut zu drehen, so ist alles bezahlt.» Also ass und trank er für zwei. Und wie er damit fertig war, rief er den Hotelbesitzer herbei, drehte seinen Zauberhut und sprach: «Es ist alles bezahlt, nicht wahr, Herr Wirt.»
«O nein, junger Mann, ihr seid im Irrtum. Ich habe für das Essen und Trinken noch nichts erhalten.» —
«Wieso», dachte Ambrogione erschrocken, «versteht er denn das Zeichen mit dem Hut nicht?» Und damit begann er von neuem seinen Hut von links nach rechts auf seinem Kopf zu drehen. Alle andern Gäste schauten dieser wahrhaft komischen Szene lachend zu. Sie glaubten, es mit einem Verrückten zu tun zu haben. Schliesslich sollte der geprellte Bauer das grossartige Essen mit dreissig Franken bezahlen. Er hatte aber in seiner früher so wohlgespickten Börse nur noch zwanzig Franken. Jetzt erst merkte der einfältige Ambrogione, dass er schmählich betrogen war. Er erzählte dem Wirt sein Erlebnis, und dieser erliess ihm aus Mitleid die noch schuldigen zehn Franken. Dann lief der arme Betrogene schnurstracks zum Domplatz und durch alle möglichen Strassen der Stadt, um den durchtriebenen Gauner wieder zu finden. Dieser jedoch war und blieb verschwunden.
So musste der gute Ambrogione ärmer als zuvor in sein Heimatdorf zurückkehren. Lebt wohl, ihr schönen Träume, lebe wohl du feines Automobil!
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.