Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03224.jsonl.gz/3007

Fünfzehn Jahre nach ihrem Abschluss in einer Kleinklasse der Basler Sonderrealschule treffen sich Priska, Urs, Henry, Gabriel und Ruedi, stellen sich in kurzen Videoporträts vor, sich und ihre Lebensumstände, setzen sich der Kritik der anderen aus, reflektieren über die besonderen Voraussetzungen ihrer Karriere, über den Grad ihrer Zufriedenheit (oder ihres Glücks). Urs, der freischaffende Künstler und Psychologe, und Henry, der Sozialarbeiter, haben die Idee gehabt, die anderen beiden Männer, Ruedi, der die väterliche Bäckerei übernommen hat und als einziger in einer „intakten Familie“ lebt, und Gabriel mit seinem abgebrochenen Medizinstudium und seiner Gelegenheitsarbeit, haben mitgemacht bis zur gemeinsamen Auseinandersetzung über die Bilder, die jeder von sich hat und herstellen lässt. Priska hingegen ist auf halbem Wegstehengeblieben: Sie hat sich und ihr Kind, ihre Arbeit preisgegeben, wollte aber die Tischrunde der Ehemaligen nicht schliessen. Auch die Kleinklasse hat sie nicht ganz zu integrieren vermocht; sie ist Prostituierte, sagt von sich, geschäftlich sei sie kalt wie ein Eisblock, und behält sich ein völlig unabhängiges Urteil über die vier Männer vor.
Das Tape der Basler Videogenossenschaft schiebt Darstellung und Reaktion auf die (Selbst)darstellung elegant ineinander. Ruhender Punkt des „Gesellschaftsspiels“ ist ein Wirtshaustisch, an dem sich die vier Männer niedergelassen haben.
Die Porträts sind recht unterschiedlich. Während Priska sich geschäftig und beschäftigt zeigt und immer wieder Distanz herstellt, lebt der Familienvater Ruedi seine Existenz in der Art eines „Day in the life of...“ vor. Urs bringt seine Orientierungspunkte ins Spiel: die Zen- Meditation, ein Biotop, sein Kind aus geschiedener Ehe; Gabriel lädt die Equipe zu einem Frühstück ans Rheinufer ein, weil er zu Hause — er lebt bei den Eltern — nicht unbefangen sein kann; Henry schliesslich veranstaltet eine Exhibition und sagt darauf: „Ja, das bin ich.“
Ohne darauf ausdrücklich eingehen zu müssen, artikuliert das Video die Kraft der gepflegten Marginalität. Das gepflegte (oder kultivierte) Aussenseitertum führt zu Toleranz und Verständnisfähigkeit. Alle, auch der als Unternehmer am meisten angepasste Ruedi, sprechen mit aussergewöhnlicher Differenziertheit über Lebenszusammenhänge und Ziele. (Schema-F- Schulwege garantieren solche Offenheit und solche Differenzierungsfähigkeit bestimmt nicht.)
Der grösste Vorzug dieses unabhängigen Videos sind die formale Uebersichtlichkeit und Kohärenz und ein Ton, der kaum zustandekommt im grossen TV-Netz. Klassentreffen wiederholt also als Arbeit die Stärken der Entwicklungen, die sie vorzeigt. Nur ein ganz kleiner Verdacht auf Schönfärberei bleibt ... wie bei allen good news.