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Wie die Frauen die Badi eroberten
Es ist wieder Badesaison. Oben ohne oder oben mit – Frau kann heute baden, wie, wann und wo sie will. Doch Frauen und Baden war lange Zeit ein schwieriges Thema.
Bis 1837 herrschte in Zürich ein Badeverbot für Frauen. Dennoch sprangen Frauen und Mädchen an heissen Sommertagen gelegentlich in einen öffentlichen Brunnen – eine der wenigen Möglichkeiten, sich kurzfristig Abkühlung zu verschaffen. In den See oder in die Limmat zu springen, war keine Option. Die meisten Frauen konnten nicht schwimmen. Wurde in der Stadt Zürich regelmässiger Schwimmunterricht für Knaben bereits ab 1825 durchgeführt, mussten sich die Mädchen noch weitere 100 Jahre gedulden.
Um dem wachsenden Hygienebewusstsein gerecht zu werden, wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts die ersten öffentlichen Badeanstalten erbaut. Damit die Frauen «nicht mehr des Nachts in den laufenden Brunnen badeten», liess der Stadtrat 1837 südlich vom Bauschänzli ein «Badehaus für Frauenzimmer» errichten. Das Becken war aber so klein, dass das Schwimmen darin unmöglich war. Dies war nicht weiter störend, weil Badeanstalten als öffentliche Badezimmer und nicht dem Badevergnügen dienten.
Strikte Geschlechtertrennung
Badezimmer in Wohnungen gab es bis ins späte 19. Jahrhundert kaum. Zürichs Badeanstalten – Ende des 19. Jahrhunderts waren es deren zehn – schufen Abhilfe. Dem bürgerlichen Moralverständnis entsprechend gab es Badeanstalten für Frauen und solche für Männer. Die Notwendigkeit der Geschlechtertrennung stand ausser Frage. So befand sich die 1839 errichtete Badeanstalt für Männer bei den Aufschüttungen im Stadthausquartier, später vor dem Baur au Lac, bevor sie 1964 bei einem Föhnsturm zerstört wurde. Für die Frauen wurde 1888 die heute noch existierende Frauenbadi errichtet.
Bis sich die Frauen ungestört im Freien sonnen konnten, sollte es aber noch eine Weile dauern. Zürichs Badeanstalten waren als Kastenbäder errichtet und erlaubten – zumindest jene für Frauen – keinerlei Einblick. Neben dieser räumlichen Abgeschlossenheit und der Geschlechtertrennung sorgte auch die vorgeschriebene Badebekleidung für die Erfüllung sittlicher Anforderungen. Frauen hatten Badebekleidung zu tragen, die den ganzen Körper bedeckten, bei Männern waren Badehosen Vorschrift.
Mit dem Einzug der Badezimmer in Privathaushalte verloren die Badeanstalten ihre primäre Funktion. Immer mehr Bedeutung gewannen fortan die sportliche Betätigung und Erholung an der frischen Luft. Allmählich lösten Strandbäder die alten Badekästen ab. So wurde 1922 das erste Strandbad der Stadt Zürich am Mythenquai eröffnet – mit einer
geschlechtertrennenden Wand. Diese Trennwand sorgte für derart grosses Gespött, dass die Behörden sie kurz darauf wieder entfernten. So kam es, dass Frau und Herr Zürcher zum ersten Mal gemeinsam mit ihrer Familie das Badevergnügen geniessen konnten.
Hitzige Debatten wegen Oben-ohne-Baden
1925 wurde in der Stadt Zürich ein regelmässiger Schwimmunterricht für Mädchen eingeführt, der es Frauen und Mädchen fortan ermöglichte, ohne Angst dem Badevergnügen zu frönen – wenn auch nicht ohne kritische Gegenstimmen. So warnte der Frauenarzt Dr. Stephan Westmann noch 1930 die Frauen in seiner Schrift «Frauensport und Frauenkörper»: «Das Springen vom Brett erscheint mir aufgrund meiner Erfahrungen für den Frauenkörper nicht sehr geeignet zu sein, da der plötzliche Temperaturunterschied, verbunden mit dem Unterschied der Körperdruckbelastungen, für den Blutkreislauf und weiterhin auch für die Bauchorgane nicht gleichgültig ist. (…) Auch ist an die psychische Erregung des an und für sich leicht ansprechbaren Nervensystems der Frau mit ihrer belastenden Wirkung für Herz und Nerven zu denken.» Allen Unkenrufen zum Trotz liessen sich die Frauen den Sprung ins Wasser nicht mehr nehmen.
Eine erneute Diskussion über badende Frauen entflammte in den 1970er-Jahren: Das Oben-ohne-Baden kam in Mode und sorgte für hitzige Debatten. Die Frauenbadi, obwohl ein Relikt aus einer sittenstrengen Zeit, war 1975 die erste Badi der Schweiz, die Oben-ohne-Baden erlaubte. Drei Jahre später durften die Frauen auch in den gemischten Strandbädern
obenrum frei Sonne, Luft und Wasser geniessen.