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Wie hart sind die aktuellen Sanktionen gegen Russland?
Sehr hart. Dieses Ausmass an Sanktionen gab es noch nie in der Wirtschaftsgeschichte. Das ist einmalig. Als Russland die Krim annektierte, gab es auch Sanktionen. Aber im Vergleich zu jetzt sind die Kindergarten, das ist eine völlig andere Grössenordnung.
Könnten die Sanktionen nochmals verschärft werden?
Ja, das könnten sie. Die ultimative Sanktion wäre der Boykott von russischem Öl und Gas in der westlichen Welt.
Wäre das überhaupt möglich?
Nicht sofort, aber es wäre möglich. Ich kann Ihnen das vorrechnen.
Gerne.
Starten wir mit Öl. Russland produziert pro Tag etwa 11 Millionen Barrel Öl. 3 Millionen davon braucht es für sich selber, 8 Millionen gehen in den Export. Etwa 4,5 Millionen Barrel exportiert Russland in die OECD-Länder, also im Wesentlichen die entwickelten europäischen Staaten und Grossbritannien. In den USA spielt russisches Öl keine grosse Rolle. Für Europa stellt sich die Frage: Wie ersetzen wir diese 4,5 Millionen Barrel pro Tag? Die Lösung heisst Weltmarkt. Die Europäer müssen am Markt Produzenten finden, die tatsächlich produzieren können und auch liefern dürfen.
Welche Staaten könnten das?
Saudi-Arabien könnte ohne Problem 1 - 1,2 Millionen Barrel Öl pro Tag zusätzlich liefern. Die anderen Produzenten im Mittleren Osten könnten noch einmal 0,8 Millionen liefern. Die USA könnten ihren Ölexport ausweiten und etwa eine weitere Million beisteuern. Kleinere amerikanische Produzenten wie Guyana, Trinidad und Tobago und Kanada könnten rund 0,5 Millionen bringen. Dann fehlt Europa noch eine Million.
Wo kommt diese Million Barrel her?
Jetzt stellen sich die schwierigen Fragen. Der Iran könnte ohne Probleme 1 - 1,5 Millionen pro Tag liefern. Dazu bräuchte es zuvor allerdings das Atomabkommen, das gerade in Wien verhandelt wird. Der Iran produziert momentan nur 50 Prozent von dem, was er könnte, weil er ebenfalls mit Sanktionen zu kämpfen hat. Eine andere Möglichkeit wäre Venezuela, das ebenso stark sanktioniert ist. Am Sonntag war eine amerikanische Delegation in Venezuela und hat zum ersten Mal mit dem Maduro-Regime über solche Fragen gesprochen. Oder die Europäer gehen nach Afrika und besorgen sich die fehlende Million in Ländern wie Libyen, Algerien, Nigeria oder Angola.
Ersetzen könnte Europa das russische Öl also. Wie lange würde das dauern?
Das geht nicht von heute auf morgen. Bis die neuen Lieferanten in der Lage wären, zu liefern, würde das einige Wochen oder Monate dauern. Die einzigen, die aus dem Stand den Hahn aufmachen und liefern könnten, sind die Saudis. Aber es wäre lösbar, Europa könnte ohne russisches Öl auskommen. Letzten Endes ist es eine Preisfrage, denn die Energiepreise würden bei einem Wechsel deutlich ansteigen.
Wie sieht es beim Gas aus?
Europa importiert etwa 155 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr aus Russland. Das sind ungefähr 45 Prozent des europäischen Gasverbrauchs.
Kann man das ebenfalls ersetzen?
Das ist viel schwieriger. Es gibt kaum realistische Optionen, das russische Gas komplett zu ersetzen. Wenn Europa jetzt das russische Gas abstellt, müsste es Kohle- und Atomkraftwerke hochfahren, um genügend Primärenergie zu erzeugen.
Zurück zu den bestehenden Sanktionen. Treffen sie die Elite oder das durchschnittliche Volk?
Beide. Auf der Sanktionsliste sind mittlerweile über 1000 Personen. Da sind nicht nur Wladimir Putin und die Oligarchen drauf, sondern auch deren Strohmänner. Die Sanktionen gegen die Elite sind weitreichend.
Und wie treffen sie das durchschnittliche Volk?
Die werden eher indirekt getroffen. Die Sanktionen schaden dem Bankensystem, die russische Währung verliert an Wert. Der Rubel hat bereits um 50 Prozent abgewertet. Damit entwerten sich die russischen Ersparnisse und die Importe werden teurer.
Die Sanktionen sind also für alle spürbar. Wie steht es denn um die finanziellen Reserven Russlands? Können damit der Krieg finanziert und die Folgen der Sanktionen abgefedert werden?
Gute Frage. Dazu muss ich etwas ausholen.
Nur zu.
Putin ist im Wesentlichen von drei Geld-Töpfen abhängig. Der erste Topf sind die Währungsreserven der Zentralbank. Der zweite Topf ist der russische Wohlfartsfonds und der dritte Topf sind die russischen Goldreserven. Jetzt muss man sich den Zustand dieser drei Töpfe genauer anschauen, um sich ein Bild zu machen, wie es um die russische Kriegskasse steht.
Wie steht es also um die Zentralbankreserven?
Diese sind wegen der Sanktionen zum grössten Teil nicht mehr zugänglich, sie liegen oft im Ausland. Dieser Topf ist zwar noch da, aber weitgehend nicht mehr nutzbar.
Wie sieht es beim Wohlfahrtsfonds aus?
Dieser funktioniert wie folgt: Wenn der Ölpreis 43 Dollar oder mehr beträgt, dann gehen die Einnahmen direkt in den Wohlfahrtsfonds. Wenn der Preis tiefer ist, gehen die Öl-Einnahmen in den Staatshaushalt. In welcher Währung das Vermögen gehalten wird, weiss man nicht so genau. Das Öl-Geschäft wird zwar in Dollar abgewickelt, aber es könnte auch sein, dass ein grosser Teil in Rubel gehalten wird. Wenn der Rubel also jeden Tag weiter entwertet wird, verliert der Wohlfartsfonds laufend an Wert. Ungeachtet dessen beträgt das Volumen des Wohlfahrtsfonds laut Schätzungen nur gerade 200 Milliarden US-Dollar. Das ist nicht viel Geld.
Dann wären noch die Gold-Reserven ...
Die russische Zentralbank hält Gold im Wert von etwa 130 Milliarden US-Dollar. Das ist im internationalen Vergleich ziemlich viel. Die Russen haben mit ihrem Gold aber ein Problem.
Das wäre?
Sie können aus ihren physischen Gold-Reserven nicht so einfach Devisen machen. Dazu müssten sie ihr Gold jemandem verkaufen. Der Käufer müsste dann entscheiden, ob er das Gold geliefert haben will, oder ob er es in Russland lagern möchte. Gut vorstellbar, dass er Putin nicht vertraut und das Gold bei sich haben will. Wenn man jetzt solche Mengen an Gold liefern würde, bliebe das am Metallmarkt nicht unbemerkt. Man würde merken, wer das Gold kauft und zu welchen Preisen das geschieht. Es ist für Russland momentan ziemlich schwierig, sein Gold zu verkaufen.
Um die russische Kriegskasse steht es demnach nicht allzu gut.
In den vergangenen Tagen konnte man immer wieder lesen, Russland habe eine Art Schatz aufgebaut, mit dem es sich abschotten und lange durchhalten kann. Das ist aber nicht so. Das alles wirkt etwa so, als würden die Russen einen trockenen Zweig aufs Gleis legen und hoffen, dass dieser den Güterzug aufhält, der gleich vorbeidonnert. Russland steht vor schwerwiegenden wirtschaftlichen Problemen. Die Sanktionen tun beiden weh, aber Russland ist schneller am Boden als der Westen.
Könnte der Westen die Sanktionen noch länger aufrechterhalten?
Im Westen führen die Sanktionen möglicherweise zu einer Rezession und hohen Energiepreisen. Das kann ein paar Jahre so sein. Das hatten wir aber schon oft. Man denke etwa an die Öl-Krisen von 1973, 1979 und 1991. Aber Russland hat sich noch nie mit einer so kompletten Isolation aus der Weltwirtschaft konfrontiert gesehen wie jetzt. Russland ist am kürzeren Hebel.
Kann sich Putin nicht einfach China zuwenden, um die Folgen der westlichen Sanktionen abzufedern?
Das wird ihm nicht viel helfen. China ist kein Sozialverein. Wenn Putin zu China kommt und sagt «bitte helft mir, bei mir geht gleich die Bankenkrise los!», dann ist er in der schlechtesten Verhandlungsposition überhaupt. Das wissen die Chinesen natürlich.
Und die Rohstoffe: Könnte Russland diese nicht einfach nach China statt in den Westen exportieren?
Das ist völlig illusorisch. Der Export von Öl, Gas, Eisenerz und Gold ist stark auf den Westen ausgerichtet. Es gibt zwar Pipelines nach China in Ostsibirien, aber deren Volumen ist viel geringer als das nach Westen ausgerichtete System. Und die Schiffe können mit dem Öl nicht durch die Nordost-Passage fahren.
Gemäss Ihnen kann Putin die Sanktionen also nicht mehr lange durchstehen, ohne starke wirtschaftliche Schäden in Kauf zu nehmen. Wie lange kann er durchhalten?
Das ist schwierig zu beantworten. Ich kann aber sagen, was jetzt ökonomisch passieren wird. Zunächst wird sich der Rubel weiter entwerten. Zu Beginn des Krieges musste man 70 Rubel für einen US-Dollar auf den Tisch legen. Heute sind es bereits 130 Rubel. Das wird so weiter gehen. Ich sehe keinen Grund, weshalb der Rubel nicht weiter stark abwerten sollte. Das führt in kurzer Zeit zu hohen Inflationsraten und zu Kapitalflucht. Die Russen werden so schnell wie möglich ihre Bankguthaben abziehen, in Euro oder Dollar wechseln oder Gold damit kaufen. Das wird in kürzester Zeit zu einer russischen Bankenkrise führen. Ich erwarte diese sogar schon für diese Woche, Donnerstag oder Freitag.
Was passiert, wenn die Bankenkrise einsetzt?
Sobald die russische Bankenkrise losgeht, hat dies Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Wenn die Banken pleitegehen, können sie das Exportgeschäft nicht mehr finanzieren. Der russische Staat müsste die Guthaben auf den russischen Banken enteignen, um die Banken zu retten. Viele andere Optionen hat Russland eigentlich gar nicht. Bei einer Enteignung geht die Zivilbevölkerung aber auf die Strasse. Meine Prognose ist: Russland werden die Devisen-Reserven schneller ausgehen, als viele glauben.
Wenn die Ukraine weiterhin Widerstand leistet, wird Putin schnell vor wirtschaftlich fast unlösbaren Problemen stehen.
Wenn es stimmt, dass Putin wirklich eine Art Blitzkrieg innerhalb von vier Tagen geplant hatte, dann bekommt Russland jetzt grosse Probleme. Mit jedem Tag, den der Krieg länger dauert, verschieben sich die ökonomischen Verhältnisse zum Vorteil des Westens und zum Nachteil Putins. Entwickelt sich der Krieg zum Partisanen- und Häuserkampf, dann könnte er Monate dauern. Russland wird das aus ökonomischer Sicht allerdings nicht lange durchhalten.
Putin hat sich also nicht nur militärisch, sondern auch ökonomisch verzockt?
Vielleicht haben die Russen militärische Alternative-Pläne zum Blitzkrieg gemacht. Ich glaube aber nicht, dass sie alternative ökonomische Pläne ausgearbeitet haben. Die Russen dachten wahrscheinlich, dass die Sanktionen ähnlich wie bei der Krim-Annexion ausfallen würden. Die Grössenordnung ist aber eine komplett andere. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das vorausgesehen haben, sonst hätten sie den Krieg gar nicht erst angefangen.
Bereits seit Kriegsbeginn greift Russland die ukrainische Energieversorgung an. In den vergangenen Wochen hat das aber ganz neuen Ausmasse angenommen. Denn statt leicht reparierbaren Energietransformatoren stehen nun Kraftwerke und unterirdische Gasspeicheranlagen im Fokus der russischen Angriffe.