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Werkkommentar zu Noli me tangere von Isabel Mundry
Das Berühren vollzieht sich im Hören
Meine Komposition bezieht sich auf ein gleichnamiges Buch des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy, das sich wiederum auf eine entsprechende Passage aus dem Johannes-Evangelium bezieht. Maria Magdalena sucht das Grab des verstorbenen Jesus auf, findet es jedoch leer vor. Darauf wendet sie sich um, sieht ihn, aber erkennt ihn nicht. Da spricht er ihren Namen aus, sie repliziert mit dem seinen, und er sagt: Rühre mich nicht an («Mè mou haptou – Noli me tangere»), ich bin noch im Fortgehen, aber erzähle den anderen, was Du gesehen hast.
In meiner Komposition geht es, ebenso wie im Text von Nancy, weniger um Religion als um eine Meditation über das Phänomen der Berührung, wie sie sich erst zeigt, wenn sie sich nicht mit dem Ergreifen, Erfassen oder Halten gleichsetzt. Es ist eine Berührung, die erst durch Nichtberührung freigesetzt wird und dadurch potenziell unendlich ist.
Das Verhältnis zwischen dem Soloschlagzeug und dem Ensemble spielt diese Figur in vielfachen Phrasen durch. Alles ist Reaktion aufeinander, kaum aber Synchronisation. Immer geht es um Formen von Resonanz, nie aber um Angleichung. Technisch gesehen handelt es sich dabei fast durchgehend um Spiegelkanons, meist proportional verzerrt. Doch ein Spiegelverhältnis zwischen einem Ensemble und einem Soloschlagzeug, das zumeist ohne Tonhöhen agiert, ist im Grunde absurd, es lässt einen Leerraum offen. Um ihn geht es in diesem Stück. Das Ensemble und das Schlagzeug hinterlassen einen Abdruck oder eine Spur im je andern, ohne dass sie einander angleichen würden. In anderen Passagen wenden sich wiederum manche der Musiker·innen vom Dirigenten ab und schauen in die Gegenrichtung. Das Mass der Zeit bestimmt hier ihr Ohr. Das Berühren vollzieht sich im Hören.
Isabel Mundry
We try everything within our possibilities to realize our concerts as planned. Due to the recently decided reinforcement of the Covid-19 measures, the concert of 10 December 2020 will be offered exclusively online as a live stream. Unfortunately, the concert of 11 December 2020 in the crypt of the Grossmünster in Zurich cannot take place and will be rescheduled for a later date. In the second half of the 2020/2021 season there will be corona-related adjustments. They will be communicated on this website and via newsletter in due course. We wish you much strength and confidence and hope that you will enjoy our streaming offers!
With all best wishes, Collegium Novum Zurich
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