Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03149.jsonl.gz/768

Nicht nur das Hormon Insulin regelt den Blutzucker. Andere Hormone des menschlichen Körpers können diesen ebenfalls stark beeinflussen und das Leben mit der Zuckerkrankheit deutlich erschweren.
1. Das Hormonsystem
Der menschliche Körper ist ein kompliziertes System gegenseitig abhängiger Organe und Gewebe. Diese müssen gut zusammenarbeiten, denn eine Unmenge von Funktionen, beginnend beim Körperwachstum im Kindesalter bis zu Verdauung, Stressbewältigung, Fortpflanzung und vielen anderen, müssen fortlaufend überwacht und gesteuert werden. Dies geschieht für uns unbewusst und grösstenteils mit Hilfe des Hormonsystems.
Hormone sind chemische Botenstoffe. Sie werden in speziellen Hormondrüsen (siehe Abbildung), aber auch in Zellen des Nervengewebes, des Verdauungstraktes und an anderen Orten gebildet. Als Botenstoffe gelangen sie meistens über den Blutkreislauf in alle Körperteile und Organe und lösen dort bestimmte Reaktionen aus. Dabei muss alles ständig und genauestens kontrolliert werden, da es sonst zu einer Störung des fein ausgewogenen Gleichgewichts des Körpers kommen kann. Dieser Kontrollmechanismus geschieht in der Regel über eine sogenannte Rückkoppelung und ist vergleichbar mit dem Thermostat, der die Heizung unseres Hauses regelt: Misst der Thermostat zu kalte Temperaturen, wird die Heizung nach oben reguliert, und die Temperatur steigt. Misst der Thermostat eine zu hohe Temperatur, wird der Heizkörper zurückreguliert, damit die Raumtemperatur sinkt.
In vergleichbarer Weise kontrolliert jede Hormondrüse den Prozess, den sie steuert. Wenn der Kontrollwert zu hoch steigt, wird die Hormonausschüttung reduziert oder ein gegenwirkendes Hormon wird zur Senkung ausgeschüttet. Wenn der kontrollierte Wert zu niedrig ausfällt, wird die Hormonfreisetzung gesteigert.
Dieses an sich einfache Regulationssystem ist aber noch etwas komplizierter, weil einige der hormonproduzierenden Drüsen durch übergeordnete Hormondrüsen gesteuert werden. Ein Beispiel dafür ist die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse). Diese ist etwa erbsengross, hängt mit einem Stiel an der Basis des Gehirns und sitzt in einer Grube der inneren Schädelbasis über dem Gaumen auf der Höhe des Nasenrückens. Die von der Hypophyse produzierten Hormone regeln das Wachstum des Körpers und dessen Salzhaushalt, steuern aber auch untergeordnete Hormondrüsen wie die Schilddrüse, die Nebenniere oder die Keimdrüsen (Eierstöcke, Hoden). Die Tätigkeit der Hypophyse wird ausserdem vom übergeordneten Zentralnervensystem, genauer dem Hypothalamus, überwacht und gesteuert.
Ebenfalls eine Sonderrolle nimmt die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) ein, in der mehrere Hormone produziert werden, die den Blutzuckerspiegel beeinflussen (Insulin und Glukagon). Näheres dazu wurde bereits im «d-journal» 245/2017 (Die Bauchspeicheldrüse – unbekannt und dennoch wichtig) dargestellt.
Im Folgenden sollen einige Hormone beschrieben werden, die neben dem bekannten «Zuckerhormon», dem Insulin, ebenfalls den Blutzucker beeinflussen können.
2. Stresshormone (Adrenalin, Glukagon, Kortisol, Wachstumshormon)
Stress kennen wir alle. Man versteht darunter psychischen Stress wie Streit, Zahnarztbesuch oder Prüfungen. Andere typische Stresssituationen, die den Körper belasten, sind zum Beispiel körperlich anstrengende Tätigkeiten, Infektionskrankheiten, schwere Erkrankungen und Operationen. In all diesen Situationen spielen die Hormone Adrenalin, Glukagon, Wachstumshormon und Kortisol eine wichtige Rolle. Adrenalin und Kortisol werden von der Nebenniere, Glukagon von der Bauchspeicheldrüse und Wachstumshormon von der Hypophyse produziert und ans Blut abgegeben. Diese Hormone sorgen dafür, dass dem Körper ausreichend Energie zur Bewältigung der Stresssituation zur Verfügung steht.
Energiebereitstellung bedeutet vor allem Mobilisieren der Zuckerreserven. Der Körper regelt dies durch Reduktion der Insulinfreisetzung und Ausschüttung der Stresshormone. Als Folge davon gibt die Leber mehr Zucker ans Blut ab. Der Blutzucker steigt, womit dem Körper mehr Energie zur Verfügung steht als unter normalen Zuständen.
Typisch ist auch die Stresssituation bei der Unterzuckerung. Durch Ausschütten von Stresshormonen in die Blutbahn versucht der Körper, den Blutzucker wieder anzuheben. Da alle diese Hormone auch andere Reaktionen im Körper auslösen, sind die typischen Symptome bei Hypoglykämie, wie zum Beispiel schneller Puls und Zittern am ganzen Körper, nicht nur Folge der Unterzuckerung, sondern auch Resultat der erhöhten Stresshormonausschüttung.
Bei psychischem Stress ist es schwierig abzuschätzen, wie stark der Effekt der Stresshormone auf den Blutzucker ist. Sicher ist, dass die Art und das Ausmass der psychischen Belastung eine Rolle spielen.
In chronischen Stresssituationen, zum Beispiel bei Mobbing am Arbeitsplatz oder bei Arbeitslosigkeit, werden oft ein Blutzuckeranstieg und eine schlechtere Diabeteseinstellung beobachtet. Die Frage ist dann allerdings, ob nicht die Stresssituation deshalb zu einer schlechteren Diabeteseinstellung führt, weil die Regelmässigkeit und Korrektheit der Diabetestherapie vernachlässigt wird.
Bei akutem psychischem Stress, zum Beispiel in einer Prüfung, wird (bei Typ-1-Diabetes) vor allem der Abfall des Blutzuckers nach der Mahlzeit verzögert. Der Nüchternblutzucker scheint weniger beeinflusst zu werden. (Näheres dazu in «d-journal» 185/2007, «Psychischer Stress als Ursache von Blutzuckerschwankungen».)
3. Hormone in der Pubertät (Geschlechtshormone,Wachstumshormon)
Typischerweise sind in der Pubertät die Blutzuckerwerte deutlicheren Schwankungen unterworfen und meistens viel zu hoch. Auch der HbA1c-Wert verschlechtert sich in der Regel. Das hat viele Gründe. Die Jugendlichen streben weg vom Elternhaus, sie wollen selbständig und eigenverantwortlich ihren Tag gestalten, sich mit Freunden treffen, reisen, die Welt erobern. Sie sind auch extremen Stimmungsschwankungen ausgesetzt, was zu Stressituationen führt. Der Diabetes tritt in den Hintergrund, wird vernachlässigt und ignoriert.
Von hormoneller Seite ist es der Anstieg der Geschlechtshormone (Östrogen, Testosteron und andere), die aus dem Mädchen eine Frau und aus dem Buben einen Mann machen. Diese Hormone sorgen dafür, dass zum Beispiel die Geschlechtsteile und die Schamhaare zu wachsen beginnen und die geschlechtstypischen körperlichen Veränderungen (Muskelmasse, Fettverteilung) sichtbar werden.
Die Geschlechtshormone setzen aber auch die Insulinwirkung herab. Dies bedeutet, dass verhältnismässig mehr Insulin benötigt wird, um eine gute Zuckerstoffwechsellage zu erreichen. Hinzu kommt, dass die Geschlechtshormone in sehr wechselnden Konzentrationen im Körper vorhanden sind und ihre Wirkung somit nicht vorhersehbar ist, es folglich zu stärker schwankenden Blutzuckerwerten kommt.
Neben den Geschlechtshormonen wird in der Pubertät ein weiteres Hormon in grösserem Masse ausgeschüttet, nämlich das Wachstumshormon. Es ist verantwortlich für den Wachstumsschub in dieser Phase des Lebens. Es begünstigt aber nicht nur das Wachstum selbst, sondern bewirkt auch eine Senkung der Insulinwirkung. Da es hauptsächlich früh morgens ausgeschüttet wird, werden als Folge davon erhöhte Blutzuckerwerte beim Aufstehen beobachtet, was in der Fachsprache als «Dawn-Phänomen» (Dämmerungsphänomen) bezeichnet wird.
4. Schilddrüse und Blutzucker
Die Schilddrüse gibt die beiden Hormone Trijodthyronin und Thyroxin ans Blut ab. Die Steuerung der Hormonabgabe durch die Schilddrüse erfolgt durch einen Rückkoppelungsprozess mit dem Hypothalamus, der das Hormon TRH abgibt, und der Hypophyse, die das Hormon TSH abgibt. Werden zu hohe Schilddrüsenhormonwerte gemessen, wird weniger TRH und TSH gebildet und die Hormonfreisetzung durch die Schilddrüse gedrosselt und umgekehrt.
Trijodthyronin und Thyroxin haben eine stoffwechselstimulierende Wirkung, weshalb der Körper mehr Energie benötigt. Die Hormone haben darum auch einen Einfluss auf den Blutzucker: Sie steigern die Glukoseabgabe aus der Leber, die Aufnahme von Glukose aus dem Darm und reduzieren die Insulinwirkung. Sie begünstigen also einen Blutzuckeranstieg. Bei einer Schilddrüsenüberfunktion wird deshalb oft auch ein erhöhter Blutzucker festgestellt, während eine Unterfunktion einen tieferen Blutzucker begünstigt.