Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03587.jsonl.gz/3007

Er hat Frankenstein, Dracula und Hitler gespielt und Kotztüten fürs Kino geprägt. Er ist der Mann mit über 220 Filmrollen auf der dunklen Seite des Mondes. In Locarno ist Udo Kier Jurymitglied.
Das Spektakel des Udo Kier beginnt kurz nach seiner Geburt: Als ihn seine Mutter Mitte Oktober 1944 in einem Kölner Spital in den Armen hält, hört sie die Bomben. Und sieht, wie die Wand ihres Zimmers auf sie zustürzt. Sie wirft sich mit Udo in eine Ecke und wird verschüttet. Alle andern Kinder, Mütter und Schwestern sterben. Udos Mutter kratzt sich mit einer Hand einen Weg durch die Trümmer.
«Ich stell mir das vor, so eine bleiche Hand, die aus dem Schutt winkt», sagt er in der Tessiner Teufelshitze von Locarno, «ich weiss nicht, wer mir das Leben gerettet hat, die Amerikaner oder die Engländer.» Udo Kier, der Geschichtenerzähler, der Monsterdarsteller. Und: Das grosse deutsche Sexsymbol über mehrere Jahrzehnte und für beide Geschlechter.
Sie sagten einmal «Wenn du so böse bist, dass die Frauen deswegen zum Orgasmus kommen, dann kannst du sagen: Das Böse gewinnt.»
Ja, das beruht darauf, das viele Frauen nach der Filmvorführung auf mich zukommen und mit so einem Genuss in der Stimme sagen: «You’re sooo evil!» Das habe ich dann im Zitat weitergeführt bis zum Orgasmus. Ich sage immer: Um den Teufel zu spielen, muss man ein Engel sein. Der Teufel ist ja auch ein gefallener Engel. Es wurde ihm halt einfach zu langweilig, deshalb wurde er böse.
Sie sind aber gar nicht böse.
Nein, privat koche ich zum Beispiel gerne, meistens nur für Freunde, das ist ein Ritual, da wird an jeder Tomate gerochen. Und wenn die Freunde das dann einfach so verschlingen, dann werden sie nicht mehr eingeladen. Ich bin auch Gärtner, ich hab zuhause in Palm Springs mindestens 80 Palmen ...
... die Sie gerüchtehalber alle selbst giessen?
Ich giesse die, weil meine Sprinkleranlage im Moment nicht funktioniert. Palmen sind für mich ein Symbol des Urlaubs am Meer, Freiheit. Ich bin ja in sehr armen Verhältnissen gross geworden, nach dem Krieg, ich war gezwungener Vegetarier, es gab immer nur Suppen, Bohnensuppe, Erbsensuppe, was auch wunderbar war, deshalb bin ich jetzt auch mit 71 so gesund. Sonntags gab’s immer das Gleiche: Ein Stück Fleisch, einen Vanillepudding und einen grünen Salat. Jeden Sonntag. Und dann kriegte ich fünfzig Pfennig Taschengeld, damit bin ich ins Kino gegangen und durfte mir Piratenfilme mit Erol Flynn ansehen.
Und die Palmen?
Meine Tante war die einzige, die ein bisschen Geld hatte, und die schickte mir immer Postkarten aus dem Urlaub mit Palmen, aus Rimini oder wo man früher hinfuhr. Ich hab die Postkarten mit Stecknadeln an die Wand geheftet und mit 19 hab ich die Palmen das erste Mal gesehen, live in Cannes. Jetzt hab ich sie im Garten. Von der Postkarte zur Realität.
Sie sind auch Besitzer einer Ranch. So richtig mit Tieren? Kühen? Pferden?
Ich habe ein Plastikpferd, das heisst Max von Sydow, ist lebensgross und steht bei Fotoshoots gern im Hintergrund. Man sieht nicht, dass es aus Plastik ist.
Und es gibt da einen «falschen» Jeff Koons, oder?
Ich sammle Kunst seit dreissig, vierzig Jahren, Warhol, Mappelthorpe, Polke, Man Ray und Hockney. Aber einmal hab ich ein Interview gegeben für eine deutsche Zeitung und ich hatte gerade ein Bild gefunden für acht Dollar, von einem Pudel in einem wunderschönen Rahmen. Der Journalist fragte mich: Was ist das denn? Ich dachte, mal kucken, und sagte: Das ist Jeff Koons. Dürfen wir es fotografieren mit Ihnen? Das war dann auf dem Titelbild.
Die Pudelgeschichte ist lustig. Aber ich dachte eher an ein anderes Tier.
Einmal fand ich in einem Second-Hand-Laden einen fast lebensgrossen Hirsch, aber der hatte ein kaputtes Bein, deshalb wollte man mir den erst nicht verkaufen. Ich hab ihm dann einen Verband gemacht, roten Nagellack gekauft, der aussah wie Blut, und auch auf den Huf ein paar Tropfen gemacht – auch das ist jetzt Jeff Koons.
Sie begeistern ja als gefallener Engel nicht nur Frauen, sondern auch Männer bis zum Orgasmus. Hat Madonna sie deshalb 1992 für ihr Bondage-Skandalbuch «Sex» engagiert?
Sie hatte «My Own Private Idaho» gesehen, und ich war in Los Angeles, da sagte mir meine Agentur, der Fotograf Steven Meisel – der dann die Fotos für «Sex» gemacht hat – möchte mich treffen. Man wisse nicht recht warum, es habe wohl mit Madonna zu tun. Ich ging in sein Studio, Steven Meisel stellte mich einer blonden jungen Frau vor, das war Madonna. Sie wollte, dass ich ihren dekadenten Ehemann spiele – sie im Abendkleid, ich im Smoking, und wir reiten auf nackten Männern, die Hundehalsbänder tragen und angeleint sind.
Das klingt vergnügt, aber nicht wirklich hart.
Später, als ich in New York war, kam ein Anruf von ihrem Management, ob ich auch bereit wäre, für das Buch Hardcore-Fotos zu machen. Ich sagte: Ja, Gottseidank, ja! Wir arbeiteten dann in einem echten Sexclub in New York, ich fragte sie: How far can I go? Sie sagte: Do whatever you want. Das darf man mir natürlich nicht sagen. Ich hab sie dann sofort halbnackt hochgehoben und über die Pingpong-Maschine gehalten. Wir haben danach noch das Video zu «Deeper and Deeper» gedreht, darin spielte ich ihren Guru. Zuhause habe ich eine Karte von ihr, auf der steht: «I like you, too, you are mad man, love Madonna.» Seither haben wir uns nicht mehr gesehen. Leider kann ich ja nicht den Kontakt zu allen Kollegen halten, mit denen ich gearbeitet habe.
Das wären ja bei über 220 Filmen auch echt zu viele.
Gestern Nacht konnte ich wegen Jetlag nicht einschlafen. Da hab ich mal überlegt, mit wem ich alles gearbeitet habe. Mit den meisten Stars hab ich ja bei Lars von Trier gearbeitet: Lauren Bacall, Bruce Willis, Nicole Kidman, Ben Gazzara, Chloë Sevigny, Stellan Skarsgaard. Aber trotzdem bin ich lieber Gärtner. Wenn ich zuhause bin, führ ich manchmal Selbstgespräche mit dem Wasserschlauch in der Hand, oder wenn ich meinen Hund streichle. Da erzähl ich denen dann von Locarno.
Erzählen Sie uns in Locarno bitte von Lars von Trier!
Ich war vor 24 Jahren in Mannheim bei den Filmfestspielen, ich hatte selbst einen Kurzfilm gedreht,«The last Trip to Harrisburg» der war im Wettbewerb mit Lars von Triers erstem Spielfilm «Element of Crime». Da sagte ich zu den Kollegen: Wir können eigentlich nach Hause gehen, wer auch immer diesen Film gemacht hat, gewinnt den Wettbewerb. Hat er dann auch.
Kurzer Einschub: Als Regisseur sind Sie etwas glücklos gewesen, nicht?
Mein einziges Spielfilmprojekt hiess «Lola Stein – Broken Cookies». Broken Cookies, weil ich mir als Kind am Sonntag auch immer eine Tüte Waffelbruch kaufte. Ich wollte einen Transsexuellen im Rollstuhl spielen, der von Telefonsex lebt. Ich hatte auch lauter Transsexuelle in Rollstühlen gecastet, ich wollte Präsident sein von einem Club namens «Outsiders on wheels». Ich hab aber den Fehler gemacht, dass ich Freunde einstellte, das sollte man nie machen. Das Geld zerrann nur so, und Freunde kann man nicht kritisieren.
Aber mit Lars von Trier klappt das, Freundschaft und arbeiten? Sie spielen ja in fast allen seinen Filmen mit.
Wir lernten uns dann in Mannheim kennen, etwas später ruft er mich an und fragt, ob ich in seinem Film «Medea» mitspielen möchte. Ich dürfte mir aber ein paar Wochen lang nicht die Haare waschen und den Bart nicht schneiden, denn ich sollte einen Wikinger spielen. Ich bin also mit schmutzigen Haaren dahin gekommen – und habe die Rolle von König Jason, Medeas Mann, bekommen. Das war der Anfang einer 24-jährigen Zusammenarbeit.
Sie stehen auch der ganzen Familie sehr nah.
Er fragte mich, ob ich der Patenonkel seiner Tocher werden wolle. Ich kannte dieses Patenonkel-Konzept nur aus Deutschland – man gibt dem Kind zum Geburtstag und zu Weihnachten viele Geschenke. Aber Lars sagte: Udo, es geht nicht um die Geschenke. Aber wenn mir morgen etwas passiert, wenn ich und meine Frau tödlich verunglücken, dann musst du dich um unsere Tochter kümmern. Ich sagte: Ach, davon hab ich ja noch nie etwas gehört. Und sagte zu.
Heute werden Kotztüten in Flugzeugen verteilt, früher gab man die an der Kinokasse gratis zu einem ihrer Filme ab.
Für meinen zweiten Farbfilm. Der hiess «Hexen bis aufs Blut gequält». Da war der PR-Gag, dass nicht nur am Kino stand «nichts für schwache Herzen», sondern dass die Leute auch eine Kotztüte mit einem Foto des Films erhielten. Die werden heute sehr hoch gehandelt, es gibt auch Kopien davon. Das war ein österreichischer Film. Jetzt haben sie eine österreichische Serie gedreht.
Auch so versaut?
Es ist wunderschön wahnsinnig! Meine Frau, Sunny Melles, hat ein Verhältnis mit meinem Arzt, der Arzt spritzt mir Hepatitis D ein. Mein Sohn hat ein Verhältnis mit meiner Tochter, und in der ersten Folge sag ich: «Ich brauch eine neue Leber, wer mir eine Leber besorgt, bekommt mein Vermögen.» «Altes Geld» heisst die Serie, der Regisseur ist David Schalko.
Ist Österreich perverser veranlagt als Deutschland?
Nicht perverser. Die Österreicher haben halt einfach einen andern Humor.
Und hatte Christoph Schlingesief Humor?
Ja. Er hatte viel Humor. Ich wollte mal bei einer Berlinale etwas essen gehen, im «Florian», da war alles besetzt, bloss an einem Tisch sassen nur zwei Personen, das waren Christoph Schlingensief und Tilda Swinton (die damals ein Paar waren, Anm. d. Red.). Ich fragte: Darf ich mich dazusetzen? Fünfzehn Minuten später sassen wir mit unserem Rotwein unter dem Tisch. Wir sahen um uns herum nur Schuhe und Beine, die sich um den Tisch bewegten wie in einem Pina Bausch-Stück. Wir sagten: Treffen wir uns in drei Wochen wieder und drehen einen Film. Daraus wurde «Egomania».
Der Mann, der Ihnen zu frühem Weltruhm verholfen hat, war Andy Warhol.
Ich sitze im Flugzeug, und neben mir sitzt einer und fragt mich: What do you do? Ich sage: I’m an actor, und gebe ihm ein Foto. Er sagt: Interesting, interesting, und schreibt sich meine Telefonnummer auf die letzte Seite in seinem amerikanischen Pass. Ich bin überrascht und frage: And what do you do? Ich bin Paul Morrissey, ich bin Regisseur und arbeite für Andy Warhol.
Was dann gleich zu einer legendären Splatter-Trash-Kult-Hauptrolle führte.
Ja. Wochen später ruft er mich an, sagt: Ich werde «Frankenstein» drehen und hätte da eine kleine Rolle für dich. Ich freue mich riesig und frage: Was denn? Den Frankenstein. Danach war in Berlin eine Pressekonferenz für den Warhol-Film «Heat», jemand sagt: Herr Morrissey, sie drehen jetzt «Frankenstein», wer ist denn ihr Frankenstein? Und da geht wie in der sixtinischen Kapelle Michelangelos Zeigefinger Gottes auf mich nieder, und Morrissey sagt: Udo Kier. Da hättest du mal sehen sollen, was los war im Saal.
Und dann kam sofort «Dracula»?
Wir drehten damals in Rom, in der Cinecittà, drei Wochen lang. Es war der letzte Drehtag, ich war traurig und setzte mich in die Kantine. Es war wunderschön dort, Fellini drehte auch in der Cinecittà, und da sassen jetzt all seine übetriebenen Figuren und ich als Doktor Frankenstein dazwischen. Ich bestellte mir einen Wein – während des Drehs waren Alkohol, Drogen und Sex ja verboten gewesen –, und dann kam Paul und sagte: Well, I think we have a German Dracula. You. But you have to lose ten pounds. In einer Woche. Da hab ich also nur Salatblätter gegessen und Wasser getrunken. Nicht nur Robert de Niro bereitet sich vor, sondern auch ich.