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Kunst
Kunst ist, was kostet
Ein differenziert argumentierendes, scharfsinniges, gescheites Buch, das einen letztlich jedoch eigenartig unbefriedigt und ratlos lässt. Woran liegt es? Daran, dass es Differenzieren als Selbstzweck zu betreiben scheint.
Es spreche viel für die These, liest man auf den ersten Seiten, "dass es derzeit verstärkt vom Marktwert einer künstlerischen Arbeit abhängt, ob diese als künstlerisch relevant erachtet wird. Doch dieser Markwert ist immer noch - und das ist die Pointe meiner Überlegungen - auf einen Symbolwert angewiesen, der ihn letztlich legitimiert. Ohne Symbolwert kein Marktwert …". Das leuchtet ein, doch wie kommt nun dieser Symbolwert zustande, wer bestimmt ihn? "Im Bereich der bildenden Künste sind es gewöhnlich Kunsthistoriker/innen, Kritiker/innen oder Kuratoren/innen, die zur Herstellung dieses Symbolwerts massgeblich beitragen, verstärkt jedoch in letzter Zeit auch die Lifestyle- und Modezeitschriften."
Ein paar Seiten weiter liest man dann unter dem Titel "Der Symbolwert oder: Der Preis des Preislosen", dass die Eigentümlichkeit des Symbolwerts darin bestehe, "dass er gleichsam nicht in Geld aufzuwiegen, nicht nahtlos in ökonomische Kategorien übersetzbar ist. Das, was von berufener Seite (Kunstkritik und Kunstgeschichte) als ästhetische Leistung einer künstlerischen Arbeit behauptet wird, lässt sich nicht evaluieren, geschweige denn in einen Preis überführen. Zugleich haben künstlerische Arbeiten zweifellos ihren Preis - ein Sachverhalt, über den die idealistische Verklärung der Kunst zum schier Unbezahlbaren geflissentlich hinwegsieht."
Was meint das nun? Dass, was von Kunstkritik und Kunstgeschichte behauptet wird, einfach hingenommen und geglaubt werden muss/darf/soll?
Die Autorin geht davon, dass Symbol- und Markwert aufeinander angewiesen und nicht etwa - wie Bourdieu meinte - relativ unabhängig voneinander sind. Doch wie geht das nun wieder mit dem "Preis des Preislosen" zusammen, damit also, dass der Symbolwert "idealiter nicht mit Geld aufzuwiegen sein" soll? Das würde dann doch eigentlich eher Bourdieus These stützen. Auf Seite 68 liest man dann: " Schon im Begriff "Kunst" selbst wir die Grenze zwischen "Kunst" und "Markt" brüchig. Denn "Kunst" ist ein Wertbegriff, dem folglich eine ökonomische Dimension innewohnt." Das Wertende sei ein Grundzug des Ökonomischen, weshalb denn auch "die Kunst" schon begrifflich gar keine ökonomiefreie Zone sein könne, argumentiert die Autorin. Allerdings stellt sich hier die Frage, ob Wertendes immer mit Ökonomischem zu tun hat beziehungsweise haben muss? Zweifel sind angebracht. Das Wertende ist genauso ein Grundzug des Ästhetischen oder Ethischen.
Ganz wunderbar ist das Kapitel "Der Markt im Kopf", worin die Rede ist von Thomas Meyer, "dem derzeit von zahlreichen Medien zum "Star-Auktionator’ gekürten Leiter der Abteilung für zeitgenössische Kunst bei Sotheby’s", der im "Spiegel" meinte, dass die teuersten Werke auch tatsächlich die besten seien. Na ja, denkt man sich da, wer sich mit einem, der so denkt, auseinandersetzen will, ist selber schuld, doch Isabelle Graws tut dies elegant, lesens- und bedenkenswert, denn sie führt vor, wie Medien häufig genau das sind, was sie behaupten nicht zu sein: Propaganda-Instrumente. Bei Graw liest sich das so: "Bezeichnend ist weniger Meyers Demonstration seiner eigenen Marktgläubigkeit, die man als "déformation professionelle’ durchgehen lassen könnte und die in seinem Berufsstand auch nicht weiter verwundert. Bezeichnend ist vielmehr das Ausbleiben jeglicher kritischer Nachfrage auf Seiten der Spiegel-Redakteure. Meyers Verabsolutierung des Marktes zur ultimativen Messlatte für künstlerische Gelungenheit wird von ihnen noch nicht einmal mit leisem Widerspruch bedacht."
Unter dem Titel "Die Erfolgsreligion" erfährt man vom Soziologen Sighard Neckel, dass erfolgreich zu sein, einer "modernen Pflicht" gleichkomme. Nun ja, da wir Pflichten sowieso meist nicht so gern nachkommen, gibt es Hoffnung, dass es eben doch nicht so ist, wie Graw behauptet, nämlich "sich heute die ganze Gesellschaft der Produktion von Berühmtheit verschrieben" hat. Schon mal von einer Realität gehört, die abseits der Medien stattfindet?
Isabelle Graw ist Professorin für Kunsttheorie und da jede gesellschaftliche Rolle durch ihre Anforderungen bestimmte Verhaltens- und Mentalitätsformen begünstigt, liefert sie genau das, was man von einer Professorin erwarten kann: gescheite Differenzierungen, die die Kunstwelt mit all ihren Mechanismen kritisch, aber eben nicht grundsätzlich kritisch, angeht, denn sie ist ja schliesslich auch Teil davon. Sie sagt es selber deutlich genug: "Mein eigenes Verhältnis zu Markt, Marktgeschehen und markterfolgreichen künstlerischen Praktiken ist von Ambivalenz geprägt: So sehr ich auch bestimmten Entwicklungen - etwa dem von mir so genannten Siegeszug des Markterfolgs - ablehnend gegenüber stehe, verfolge ich das Geschehen, zumal des Primärmarktes, mit einer Art schaudernder Begeisterung, die meiner eigenen Involviertheit geschuldet ist. Das Ergebnis ist eine "Faszinationsanalyse" - eine Form der Gesellschaftskritik mithin, die Distanz zu den Verhältnissen, in die sie gleichwohl eingebunden ist, reklamiert, um diesen Verhältnissen aber auch fasziniert zuzuschauen und beizuwohnen". Graws Faszination ist in der Tat umfassend: sie schliesst auch die Lektüre von "Gala" und "Amica" mit ein.