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Mit 75 Jahren will Florence Gordon eigentlich nur eines: dass alle sie in Ruhe lassen und sie ungestört schreiben kann. Der Roman beginnt so: «Florence Gordon wollte ihre Memoiren schreiben, aber zwei Dinge sprachen dagegen: Sie war alt, und sie war eine Intellektuelle. Und wer würde schon, fragte sie sich immer wieder, etwas über eine alte Intellektuelle lesen wollen? … Sie klappte den Laptop zu. Bringt ja doch nichts, dachte sie. Doch dann klappte sie ihn wieder auf.»
Und so liest man auf den nächsten rund 350 Seiten über Florences Alltag in New York, ihre Begegnungen, ihre Beziehungen, ihre Prioritäten. Bald wird deutlich: Trotz grossem Engagement für den Feminismus ist Florence nie richtig berühmt geworden. Bis in der Literaturbeilage der «New York Times» eine hymnische Rezension erscheint. Von nun an gilt alles, was Florence schreibt, als nationales Kulturgut. Sie wird zum Star – und bleibt dieselbe.
Überraschungsparty? Sehr nett, aber nein danke
Wer sich Florence als etwas schrullige, liebenswerte alte Dame vorstellt, ist auf dem Holzweg. Florence ist barsch, unverblümt und stolz. Dominant und einschüchternd. Zur Freundin möchte man sie nicht unbedingt haben, aber über sie zu lesen, ist toll. Und sehr amüsant: Ihre Freunde organisieren eine Überraschungsparty für sie, sie dankt höflich, bleibt zehn Minuten – und geht. Weil sie an ihren Memoiren schreiben will. Oder: An einem gemeinsamen Abendessen nervt es sie, dass ihre Freundin auf ihrem Smartphone herumtippt. Sie schnappt es sich kommentarlos – und versenkt es im Wasserkrug.
Florence schert sich nicht darum, was andere denken, und sie will auch auf niemanden angewiesen sein. Aber ihre Enkelin Emily, eine 20-jährige Studentin, lässt sich nicht abwimmeln. Sie assistiert ihrer Grossmutter bei den Recherchen für ihr Buch und beginnt, hinter der glühenden Feministin und Kämpferin auch die verletzte, einsame Seele zu sehen. Eine innige Beziehung entwickeln Grossmutter und Enkelin nicht – aber: «Sie tranken jetzt zusammen Kaffee. Oder Florence trank Kaffee und Emily Kräutertee, den sie selbst mitbrachte. «Ich habe nicht vor, nur für dich speziellen Tee zu kaufen», hatte Florence gesagt, «aber du kannst dir welchen im Schrank aufbewahren und bekommst von mir das heisse Wasser.»
Florence war einfach plötzlich da
Im persönlichen Gespräch erzählt Brian Morton, der Autor von «Das Leben der Florence Gordon», dass ihm die Figur Florence in seinen Gedanken begegnet ist und er sie «nur» noch kennenlernen musste.
Sie zu beschreiben und der Leserschaft vorzustellen, ist ihm meisterhaft gelungen. Auch, weil sie mit ihrer unkonventionellen Denk- und Verhaltensweise die Ansichten des Lesers, der Leserin, herausfordert. Gerne begleitet man Florence auf einem Stück ihres Lebenswegs. Am Ende des Romans geht sie die Strasse alleine weiter – bis sie in den Schluchten New Yorks langsam verschwindet.
Buchhinweis
Brian Morton: «Das Leben der Florence Gordon». Suhrkamp, 2016.