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Als Tochter einer Südamerikanerin und eines Europäers schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Zwei sehr unterschiedliche und teils gegensätzliche Kulturen haben meine Kindheit und Jugend geprägt. Und sie beeinflussen auch heute noch mein Lebensgefühl und die Einstellung zu vielen Lebensfragen: meine zwischenmenschlichen Beziehungen, mein Rollenverständnis als Frau in unserer Gesellschaft oder meine Einstellung zur Arbeit. Aber auch das stets präsente Fernweh, welches aus meiner fehlenden örtlichen Verwurzelung resultiert, ist Teil meines Lebens und zieht mich, so oft es geht, hinaus in die Welt. (English version at the bottom)
Wo ich herkomme…
Im Jahr 1961 wurde mein Vater als junger deutscher Kaufmann von der Firma Bayer in die venezolanische Niederlassung entsendet, um dort erste Berufserfahrungen zu sammeln. An seinem ersten Arbeitstag traf er dort auf meine Mutter, die als Assistentin für seinen Chef arbeitete. So begann die Geschichte unserer Familie. Nach der Heirat meiner Eltern kam mein Bruder in Venezuela zur Welt. Als es beruflich bedingt für die junge Familie weiter nach Argentinien ging, wurde meine Schwester in Buenos Aires geboren. Nach einigen Jahren wurde mein Vater zurück nach Leverkusen in die Zentrale von Bayer beordert. Dort erblickte ich schliesslich das Licht der Welt. Meine Eltern zog es jedoch erneut beruflich nach Venezuela, sodass ich die Kindergarten- und Grundschulzeit in Caracas verbrachte. Später ging es dann mit einem dreijährigen Aufenthalt in Brüssel zurück nach Leverkusen, wo ich den Rest meiner Teenagerzeit verbrachte.
Wie ich landete, wo ich jetzt bin…
Vielleicht ist es unserer deutsch-venezolanischen Kommunikationskultur geschuldet, dass ich mich schon früh damit beschäftigen musste, einen Unterschied zu machen, wem ich was auf welche Art und Weise sage. Da war einerseits die rationale und überlegte Art meines Vaters und auf der anderen Seite das temperamentvolle und leidenschaftliche Wesen meiner Mutter. Zudem gab es bei uns zu Hause keine Tabus. Es wurde über alles gesprochen, kein Thema war zu peinlich. Mir wurde beigebracht, dass man sich alles sagen kann, dass es nur darauf ankomme, wie man es sagte.
Nachdem wir also aus Venezuela bzw. Belgien nach Deutschland kamen, um von nun an dort zu leben, kehrte fürs Erste etwas Ruhe in mein bewegtes Leben ein. Ich wurde ein typischer deutscher Teenie, und schon bald begann meine berufliche Orientierungsphase.
Während meiner kaufmännischen Lehre in der Pharmaindustrie gefiel mir der Bereich Marketing am besten, sodass ich anschliessend einige Zeit im Auslandsvertrieb der Firma verbrachte, bevor ich mein betriebswirtschaftliches Studium in Köln aufnahm. Nicht nur dort, sondern auch während meines MBA-Studiums in Oxford wählte ich den Schwerpunkt Marketing und Kommunikation. Der Weg für einen beruflichen Einstieg ins Marketing war damit geebnet. Bei meinen anschliessenden Jobs kam ich zudem immer wieder mit Aspekten der internen Kommunikation in Berührung. Ich beobachtete, dass es manchmal Missverständnisse zwischen Mitarbeitenden oder mit ihren Vorgesetzten gab, was teilweise zu angespannten Verhältnissen führte. Ich fühlte mich schliesslich dazu berufen, diese Kommunikationslücken zu schliessen und durfte bei meiner letzten Stelle, bevor ich in die Familiengründung ging, auch in diesem Bereich tätig sein.
Als meine erste Tochter ein Jahr alt wurde, nahm mein Mann eine neue berufliche Herausforderung in der Schweiz an. So zogen wir also nach Remetschwil in den Kanton Aargau. Nachdem meine zweite Tochter allmählich das Kindergartenalter erreichte, gelang mir über mein privates Mütter-Netzwerk der berufliche Wiedereinstieg in eine Kommunikationsagentur – eine ideale Fortsetzung meiner bisherigen Tätigkeiten. Zugute kam mir dabei, dass ich meine Elternzeit dazu genutzt hatte, um mich im Bereich Social Media fortzubilden.
Wohin es mich in Zukunft zieht…
Heute betrachte ich es als Privileg, mit solch unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen zu sein. Denn ich kann mir nun als Erwachsene die Rosinen aus diesem deutsch-venezolanischen Kuchen herauspicken. Zum einen habe ich neben Englisch die Wahl zwischen zwei Sprachen: Deutsch und Spanisch. Zum anderen habe ich die Ordnungsliebe und die systematisch-strukturierte Arbeitsweise meiner deutschen Vorfahren übernommen sowie die leidenschaftliche und emotionale Seite meines venezolanischen Familienteils angenommen. Zudem habe ich ein tiefes Verständnis für kulturelle Unterschiede und akzeptiere nicht nur, sondern schätze die sich daraus ergebende Andersartigkeit von Menschen.
Das Rosinenpicken geht weiter. Als mein Mann aus beruflichen Gründen in die Schweiz ging, war mir nicht bewusst, dass dieses wunderbare Land bzw. seine Leute doch so anders sind als wir Deutsche. Das war für mich ein Wow-Erlebnis. Ich habe mich direkt mit der Mentalität und dem Wesen der Schweizer im Allgemeinen verbunden gefühlt. In diesem Land herrschen (noch) Respekt, Rücksicht, Ordnung, Zuverlässigkeit und Beständigkeit. Nicht der Einzelne, sondern das Gemeinwohl steht stets im Vordergrund. Ich hoffe sehr, dass sich die Schweizer diese Werte erhalten können.
Schon immer habe ich diejenigen beneidet, die einen bestimmten Ort auf der Welt als ihr zu Hause bezeichnen können. Einen Ort, an dem sie sich verstanden fühlen, an dem sie sich unter ihresgleichen fühlen, mit dem alle Erinnerungen an ihre Kindheit verbunden sind. Einen Ort, an dem man sich verwurzelt fühlt, egal, wohin es einen im Leben einmal hin verschlägt. Dieses Gefühl hatte ich bisher bei keinem der Orte, an dem ich gelebt habe. Daher habe ich gelernt, meine Wurzeln nicht örtlich zu betrachten. Mein Gefühl der Verwurzelung ergibt sich aus dem Mix der unterschiedlichen kulturellen Werte, die ich im Laufe meines Lebens zu schätzen gelernt habe.
Doch allmählich realisiere ich, dass die Schweiz mein wahres Zuhause ist. Hier kann ich alle Komponenten meiner Persönlichkeit zusammenbringen und ausleben. Dies macht mich sehr glücklich. Daher ist die Antwort auf die Frage, wohin es mich in Zukunft ziehen, wird ganz klar: Ich bleibe hier – dies ist mein Zuhause, und für meine Kinder wünsche ich mir von Herzen, dass sie hier ihre Wurzeln schlagen!