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Haartracht.
Das Haar, [* 2] insbesondere das Haupthaar, wurde bei allen Völkern zu allen Zeiten mehr oder weniger sorgfältig und kunstvoll angeordnet. (Über Bart s. Bd. 2, S. 438 b.) Die alten Ägypter schoren das Haar und kräuselten es; Fehlendes durch Perücken zu ersetzen, war besonders bei den Vornehmen Mode. Die Assyrer und Babylonier trugen das Haar voll, ordneten es auch in Locken. Bei den alten Hebräern trugen die Männer lang herabwallendes Haar; nur denen, die sich dem Levitenstande weihten, wurde das Haar geschoren; ebenso legten die Frauen Wert auf langes Haar.
Später galt jedoch langes Haar der Männer für ein Zeichen der Weichlichkeit. In Griechenland [* 3] trugen die Athener vom Mannesalter an, wenigstens seit der Zeit der Perserkriege, das Haupthaar mäßig verschnitten und gekräuselt, während bei den Knaben herabhängendes Haar üblich war, das sie beim Eintritt in das Ephebenalter (18. Jahr) einer Gottheit, meist dem Apollon, [* 4] weihten; dagegen trugen bei den Spartanern die Männer das Haar lang, die Knaben aber kurz. Allgemein herrschte die Sitte, als Zeichen der Trauer das Haar wachsen oder wenigstens ungeordnet herabhängen zu lassen.
Sklaven durften das Haar überhaupt nicht lang tragen. Die griech. Frauen pflegten das lange Haar weder zu flechten noch in künstliche Locken zu drehen, sondern gescheitelt über die Schläfen, öfters in Wellenlinien, nach hinten zu legen und entweder schon über dem Scheitel vorn oder am Hinterkopf in einen Schopf oder Knoten zusammenzufassen. Am häufigsten wurde das so geordnete Haar durch ein haubenartig umgeschlungenes Tuch, ein aus Goldfäden geknüpftes Netz oder Ähnliches zusammengehalten.
Die Römer [* 5] trugen bis 300 v. Chr. langes Haupthaar ebenso wie lange Bärte; als dann um jene Zeit die ersten Tonsoren aus Sicilien nach Rom [* 6] kamen, wurde es Brauch, das Haar zu kürzen, zu kräuseln und zu salben. Die Frauen banden es ebenso wie die Griechinnen nach dem Hinterhaupt in einen Knoten; später kam die Sitte auf, das Haar zu färben, mit Goldstaub zu bestreuen und mit kostbaren Nadeln [* 7] zu schmücken. In der Kaiserzeit kamen auch falsche Haartouren in Gebrauch.
Bei den Bewohnern des europ. Nordens galt das Tragen des langen Haars als ein Zeichen männlicher Würde und Freiheit; daher hat sich das Haarabscheren als entehrende Strafe noch lange Zeit in deutschen Rechtsbräuchen erhalten. Die Kelten banden das Haar am Hinterkopf zusammen (daher Gallia comata, das eigentliche Gallien, zum Unterschiede von der röm. Provinz Gallien), die german. Völker banden es oder ließen es offen herabwallen. Bei den Franken trugen die Könige, ebenso auch die Edlen langes Haar; Karl d. Gr. und überhaupt die Karolinger trugen dagegen kurzes Haar, während die Sachsen, [* 8] die in den frühern Jahrhunderten Kopf- und Barthaar schoren, um diese Zeit bis gegen Ende des 10. Jahrh. das Haar lang herabwallen ließen.
In dem folgenden Jahrhundert trugen die
Männer das
Haar bis auf die Schulter herab, pflegten es auch in Locken zu
drehen. Die Frauen ließen es wie früher lang herabwallen; seit dem 12. Jahrh. bedeckten
sie es mit dem Schapel, einem ausgezackten und mit
Perlen und
Edelsteinen versehenen Reifen, was übrigens auch bei Männern
Mode war, oder hielten es mit dem Gebende,
[* 9] einer Art
Binde, die über
Wangen und
Kinn ging, zusammen, oder
aber, was besonders in
Frankreich und England geschah, sie flochten das
Haar mit
Bändern in Zöpfe, die auf den Rücken oder
vorn über die Schultern herabfielen. Gegen Ausgang des Mittelalters zeigt die
Haartracht beider Geschlechter die
größte Mannigfaltigkeit, wozu die in den verschiedenen Zeitabschnitten und Landesteilen üblichen Kopfbedeckungen
beitrugen. Am Ende des 15. Jahrh. wurde bei den Männern die bereits von
Karl IV.
¶
mehr
613 in Frankreich eingeführte Mode allgemein, das Haar kurz zu scheren, mit dem Barett (s. d.) und der zugehörigen Calotte (s. d.) zu bedecken, während die Frauen das im Nacken aufgebundene Haar mit einer Haube bedeckten. In der Renaissancezeit kämmten die Männer das Haar über die Stirn und schnitten es gerade ab. Unter Ludwig XIII. von Frankreich lebte die Mode wieder auf, das Haar lang und lockig zu tragen, was um die Mitte des 17. Jahrh. zur Einführung der Perücke [* 11] (s. d.) Veranlassung gab.
Unter Ludwig XIV. erreichte diese
Haartracht ihren Höhepunkt, besonders in der Allongeperücke. Diese Frisur, die in Nachahmung franz.
Lebensgewohnheiten bald an allen europ. Höfen Mode wurde, bezeichnet so recht die Steifheit des Ceremoniells
und gesellschaftlichen Lebens der damaligen Zeit. Gleichzeitig mit der Perücke wurde, seit 1700, das Pudern derselben allgemein.
Die Frauen trugen zwar keine Perücken, doch brachten sie ihr Haar ebenso mühsam durch untergelegte Kissen, falsche Haare
[* 12] und
Drahtgestelle (s. Fontange)
[* 13] in turmhohe Frisuren.
Während die Geistlichkeit das ganze 18. Jahrh. an der Perücke festhielt, ebenso wie noch heute in England sich die gepuderte Allongeperücke als Zeichen der Amtsfeierlichkeit in Gebrauch erhalten hat, wurde die eigentliche Staatsperücke seit etwa 1710 ebenfalls auf die Initiative Frankreichs hin durch Zopf und Haarbeutel (s. d.) verdrängt; jener erschien mehr militärisch, dieser galt für modisch und als ein Zeichen der guten Gesellschaft. Bei den Frauen wurde im 18. Jahrh. der Chignon (s. d.) fast allgemein angewendet, die Stirn dabei mit Löckchen umgeben.
Dieser Mode des Zopfes, dessen Zeitalter gewöhnlich von der Mitte des 18. bis Anfang des 19. Jahrh.
gerechnet wird, machte schon die Französische Revolution ein Ende. Anfangs wurde bei der Männerfrisur das schlicht herabhängende,
dann das kurz geschnittene Haar eingeführt, während die Frauen, beeinflußt von der klassizistischen Kunstrichtung der Zeit,
vielfach die
Haartracht der republikanischen Römerinnen nachahmten. Darauf trugen die Frauen das
auch jetzt noch öfter beliebte kurze Lockenhaar (Tituskopf), welcher Frisur dann die im Nacken herabwallenden Locken folgten;
damit kam die Mode, das Haar lang zu tragen, wieder auf und führte in den dreißiger oder vierziger Jahren zu einer übertriebenen
Künstelei im Flechten
[* 14] von Zöpfen und Kräuseln von Locken.
Hieraus ergab sich unter dem Einfluß des zweiten Kaiserreichs die Wiederaufnahme des Chignons und die sehr starke Verwendung falscher Haare. Seit der Mitte der siebziger Jahre kamen unter dem Einfluß Englands wieder einfache Touren auf, bei welchen meist das Haar in einem Knoten auf dem Scheitel gebunden wird. Der Verwendung falscher Haare wurde dadurch stark Einhalt gethan. Auch die Sitte, die Stirnhaare zu verschneiden, zu kräuseln und ins Gesicht [* 15] zu streichen, ist im Abnehmen.
Als Haarputz finden Schleifen sowie Kämme, Haarpfeile u.dgl. aus Edelmetall, Schildpatt oder Perlmutter vielfach Verwendung. Die Männer trugen um 1830 und 1840 das Haar entweder glatt und sorgfältig gescheitelt oder, als Zeichen freierer Gesinnung, in oft kunstvoller Unordnung. Diese hat sich zur Zeit nur noch bei jenen erhalten, die äußerlich als Künstler zu erscheinen sich bemühen (Künstlerlocken). Sonst wird das Haar der Männer kurz verschnitten und mehr oder minder glatt gescheitelt. (S. die Tafeln: Kostüme [* 16] I–IV.)
Vgl. Bysterveld, Album de coiffures historiques (4 Bde., Par. 1863–65).
Über die
Haartracht der Geistlichen s. Tonsur. Über die
Haartracht der außereurop. Völker s. die Tafeln: Afrikanische Völkertypen, Amerikanische
Völkertypen, Asiatische Völkertypen, Australische Völkertypen.