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Die Erfindung des Weltrotkreuztages und die Maisammlungen
Der Erste Weltkrieg hatte die Probleme humanitärer Arbeit eindrücklich vor Augen geführt. Nach dem Friedensschluss wurde die Situation nur auf den Schlachtfeldern ruhig. Dafür traten andere Probleme deutlicher ans Licht: Hunger, Armut, Krankheiten und soziale Unruhen. Die Bevölkerung Osteuropas litt besonders stark. Die Rotkreuzgesellschaften engagierten sich stärker im Bereich Volksgesundheit und Hygiene und wollten durch die Verbesserung der Lebensbedingungen zum sozialen Frieden beitragen. Das hatte auch das neugeborene tschechoslowakische Rote Kreuz verstanden. Es war kein Zufall, dass dieses die Idee zum „Rotkreuz-Frieden“ hatte, dem Vorläufer des heutigen Weltrotkreuztages.
Die tschechoslowakischen Wurzeln
Nach dem Friedensschluss 1919 blieb die Situation in Europa unsicher und die Lebensbedingungen waren für grosse Teile der Bevölkerung sehr schlecht. Die traumatischen Erlebnisse des Krieges führten zu einer grossen Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit. An die Stelle der Militärbündnisse, welche den Krieg mitverursacht hatten, sollte eine Zusammenarbeit unter den Staaten treten, die das Miteinander stärker betonte und auf den Frieden ausgerichtet war. Ausdruck davon war die Entstehung zahlreicher internationaler und pazifistischer Organisationen. Eine davon war die Liga der Rotkreuzgesellschaften, welche die nationalen Gesellschaften dazu bringen wollte, sich mehr den zivilen Aufgaben in Friedenszeiten zu widmen, anstatt nur die Tätigkeit im Kriegsfall vorzubereiten.
In diesem Moment übernahm Alice Masaryková, Tochter des ersten Staatspräsidenten der Tschechoslowakei, die Führung des nationalen Roten Kreuzes. Inspiriert vom „Pax Dei“ (Gottesfrieden) und der „Treuga Dei“ (Waffenruhe) aus dem Mittelalter, entschloss sie sich, diese Ideen für ihr Land zu übernehmen, welches von starken politischen Unruhen heimgesucht wurde. Unter Ihrer Führung rief das tschechoslowakische Rote Kreuz Intellektuelle, Historiker und Journalisten dazu auf, der Bevölkerung die Idee eines „Rotkreuz-Friedens“ näherzubringen.
Tatsächlich gelang es, dass an Ostern 1921 die politischen Streitigkeiten in der Tschechoslowakei drei Tage ruhten und sich das ganze Land hinter das Rote Kreuz stellte. Unter dem Titel „für die Volksgesundheit“ wurden zahlreiche Aktionen (Sammlungen, Konzerte, Volksfeste) für das nationale Rote Kreuz durchgeführt. Daran beteiligten sich breite Bevölkerungskreise, die Presse, die Kirche, viele Industrielle, zahlreiche Verbände, usw. Der Erfolg war so gross, dass die Veranstaltung ab da jährlich wiederholt wurde. Getragen vom grossen Erfolg, machte Masaryková an der Internationalen Rotkreuzkonferenz, die einige Tage später in Genf stattfand, den Vorschlag eines jährlich wiederkehrenden, internationalen „Rotkreuz-Friedens“ nach tschechoslowakischem Vorbild.
Der 8. Mai: zwischen Rotkreuz-Geist und Friedensgeist
An der Konferenz 1923 in Warschau war dann zum ersten Mal von einem Rotkreuztag die Rede und an derjenigen von Brüssel 1930 wurde eine Kommission gebildet, welche die Auswirkungen der Aktivitäten in der Tschechoslowakei untersuchen sollte. An der Rotkreuzkonferenz 1938 in London wurde ein Bericht dazu vorgestellt. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhinderte aber vorerst die internationale Einführung des Rotkreuz-Friedens. Wieder aufgenommen wurde die Diskussion für einen Rotkreuztag 1946 von der Generalversammlung der Liga. Und zwei Jahre später trat dann das Schweizerische Rote Kreuz auf den Plan. Am 8. Mai 1948 anlässlich des 120. Geburtstages Henry Dunants und des dritten Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs, wurde eine weltweit im Radio übergetragene Botschaft aus der Kirche Heiden an die Rotkreuzgesellschaften gerichtet, um an die „Verwandtschaft und Verbundenheit aller Menschen“ zu erinnern:
Die Idee des Roten Kreuzes [gebietet] nicht nur uneingeschränkte Hilfe […], sondern ebenso den Geist der Verträglichkeit und der Gewaltlosigkeit in den menschlichen Beziehungen überhaupt. Wenn dieser Geist in die Herzen aufgenommen und hineingetragen wird in die Familien, Schulen, Berufe, Parlamente, Regierungen und in die Beziehungen von Staat zu Staat, dann kann das Rote Kreuz ein Faktor im Ringen der Welt um den Frieden werden.
An der Stockholmer Rotkreuzkonferenz drei Monate später, beschlossen die Rotkreuzgesellschaften, den Geburtstag Henry Dunants alljährlich in spezieller Weise zu begehen. Damit war der Weltrotkreuztag geboren.
Die Maiaktionen des Schweizerischen Roten Kreuzes
In der Tschechoslowakei wurde die grosse Aufmerksamkeit, welche die Aktion des Rotkreuz-Friedens erzielte, für die Mittelbeschaffung ausgenützt. Dies geschah nach dem Zweiten Weltkrieg auch in der Schweiz, mit der Einführung der Maiaktion, die sich zu einer Hauptfinanzierungsquelle entwickeln sollte. Rund um den Weltrotkreuztag am 8. Mai wurde die Bevölkerung über die Tätigkeiten des SRK informiert. Gleichzeitig wurden in der ganzen Schweiz die verschiedensten Sammelaktionen durchgeführt. Am bekanntesten ist bis heute sicherlich der Strassenverkauf von Rotkreuzabzeichen, welcher von 1947 bis in die neunziger Jahre durchgeführt wurde. Daneben waren der Streuversand von Einzahlungsschein und die Sammlung bei Firmen und Behörden wichtige Teile der gesamtschweizerischen Sammlung. Ab 1955 beteiligten sich die Samariter aktiver an der Aktion und die Listensammlung kam hinzu. Bei dieser gingen Freiwillige mit einer Liste von Haustür zu Haustür und baten um Spenden. Ausserdem gab es viele regionale Sammlungen und Strassenaktionen. Dabei wurde das SRK häufig durch Frauenvereine, Schulkinder, Pfadfinder etc. unterstützt.
Die Maiaktion, deren Einnahmen von Beginn weg der Inlandarbeit vorbehalten waren, stellte jahrelang die weitaus wichtigste und erfolgreichste Mittelbeschaffungsaktion des SRK dar. Sie wurde im Laufe der Zeit immer professioneller organisiert und gesamtschweizerisch einheitlicher gestaltet. Organisation und Ablauf wurden immer routinierter und Langweile drohte sich einzuschleichen. Bereits im Bericht der Maisammlung 1979 wurde dazu vermerkt:
Wir sollten den Mut haben, immer wieder etwas Neues zu bringen. Jedes Jahr. Traditionen haben wir in unserer Organisation nämlich schon genug.
Trotzdem wurde die Aktion vorerst fast unverändert weitergeführt. Zu gross waren wohl die internen Widerstände etwas Neues zu wagen. Erst 1985 kam es zu einer gewichtigen Änderung, indem das SRK und die Samariter wieder getrennt sammelten. Ein immer grösseres Problem wurde in den Achtzigerjahren die Rekrutierung freiwilliger Sammler. Der Jahresbericht 1983 vermerkte dazu:
Paradoxerweise scheinen aber heute die Möglichkeiten im Sammelwesen trotz fortschrittlicher Technologien eher beschränkt. Publikumssammlungen wie Abzeichenverkauf und Listensammlungen sind im Aussterben begriffen und werden mehr und mehr durch Direct-Mail-Aktionen abgelöst.[…] Die Sammeltätigkeit wird immer mehr als lästige Pflicht empfunden, und es fehlt an Nachwuchs. Schade an dieser Entwicklung ist vor allem, dass der durch den Sammler vermittelte persönliche Kontaktzwischen der Institution und der Bevölkerung verlorengeht.
Durch das Wegfallen der Samariter mit Ihren vielen tausend Freiwilligen wurde das Problem massiv verschärft. Der Strassenverkauf der Abzeichen und die Listensammlung wurden zwar noch einige Zeit weitergeführt. Sie wurden aber immer unbedeutender und ihr Ertrag nahm stetig ab. Und mit Beginn der Neunzigerjahre war die Maiaktion in ihrer ursprünglichen Form verschwunden.