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Literatur
Das Leben als Zufall
Erinnern wir uns an den Helden Huck Finn, Sohn eines Trinkers, den Mark Twain nicht nur mit Tom Sawyer Abenteuer erleben lässt. Huck ist ein Außenseiter, der nicht in die kleinstädtische Gemeinschaft zu integrieren ist, der sich nicht in gesellschaftliche Zwänge pressen lässt, seine Freiheit immer lebt, ohne jedoch sie bösartig zu Lasten anderer auszunutzen.
Und genau solch einen Helden treffen wir in "Das zufällge Leben des Homer Idlewild" wieder. Homer als Held des Romans ist ein erwachsen gewordener Huck Finn, der im kalifornischen Farrago lebt. Der Erzählrhythmus und die Beschreibung Farragos rufen zudem im Leser eher Bilder aus dem frühen 20. Jahrhundert hervor und passen nicht so recht in die Welt der 60er Jahre, in denen der Roman in Wahrheit spielt. Geschrieben hat diesen Roman Yann Apperry, Sohn eines Franzosen und einer Amerikanerin.
Apperry erhielt für seinen Vorgängerroman den renommierten Prix Médicis, woraufhin er flüchtete und zwei Jahre lang ein Vagabundenleben führte. Er reiste durch die verschiedensten amerikanischen Bundesstaaten, jobbte mal hier, mal da. An das Schreiben dachte er nicht mehr, zumindest glaubte er das. Denn zurück in Frankreich, setzte er sich hin und schrieb das Leben seines Homer auf.
Homer ist ein Findelkind. Und so wie sein Überleben dem Zufall überlassen war, zieht sich der Zufall durch sein ganzes weiteres Leben. Er führt kein "geordnetes" Leben, sondern nimmt, was ihm begegnet, saugt wie ein Schwamm auf, was er erlebt, geht keiner geregelten Tätigkeit nach, übernachtet mal in der Kirche, mal in Hundehütten oder bei seinem Freund auf dem Schrottplatz. Doch er ist kein Vagabund im engeren Sinn, denn Farrago ist ihm Heimat, die er nicht verlässt.
Homer ist ein Held mit Herzensweisheit. Weil seine Weisheit weniger aus dem Intellektuellen, sondern eher aus dem Gefühl kommt, ist er aber auch verträumt, naiv und direkt, ähnelt seine Weltkenntnis der eines Forrest Gump. Dabei gelingt es ihm aber auch, vielleicht gerade wegen dieser seltsamen Charaktermixtur, seiner Umwelt den Spiegel vorzuhalten. Hilfreich sind dabei natürlich auch die anderen skurrillen Charaktere, die Farrago aufzubieten hat. Und Homer kann eines, was vielen anderen fehlt: lieben. Seine große Liebe ist Ophelia, eine Hure aus dem örtlichen Bordell, die ihm zunächst wegen ihrer wunderschönen Brüste auffiel, die er aber dann von ganzem Herzen liebt.
Diesen Homer trifft das Leben plötzlich mit aller Wucht, das Karussell dreht sich mit einer Geschwindigkeit, die er nicht mehr beeinflussen kann, aber glaubt verursacht zu haben. Denn alles begann, nachdem er sich von einer fallenden Sternschnuppe ein Schicksal und damit ein Leben und eine Geschichte wünschte.
Was Homer alles geschieht, wie er mit den Ereignissen umgeht, das beschreibt dieser Roman, der den vielen Ereignissen zum Trotz ein ganz langsames Erzähltempo hat und keine Erzählung im klassischen Romansinn, nämlich linear, ist. Homer wird zum unfreiwillligen Helden, er überlegt nicht lange, sondern handelt, kann Umweltsündern das Handwerk legen, erfüllt seinem todkranken Freund Duke den letzten Wunsch, erfährt ingesamt den Respekt aller durch sein Handeln. Und schließlich findet er, was er für sich gesucht hat: seinen ureigenen Sinn des Lebens.