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28 Aug Mut oder Übermut?
Mode in einem Balanceakt zwischen Mut und Übermut: Nirgendwo wurde die Sicht auf Mode mehr penetriert und bis an geschmackliche Grenzen getrieben, als in „Camp: Notes on Fashion“.
von Stephanie Sommerfeld
In Susan Sontags bekanntem Essay wird Camp definiert als „eine Liebe zum Unnatürlichen: Künstlich und übertrieben“. Es geht darum ironisch zu sein ohne dabei etwas ins Lächerliche zu ziehen. Vertreter des Camps begreifen im übertrieben Unnatürlichen vielmehr eine ästhetische Aufwertung, in diesem Fall projektiert auf die Mode, anstatt prätentiöser Abwertung.
Anlässlich der Eröffnung der Met Gala, dem wahrscheinlich bedeutendsten New Yorker Fashion Event des Jahres, lud das Costume Institute zur Ausstellung „Camp: Notes on Fashion“ ein. Anhand ausgewählter Fashion Items untersuchte die Ausstellung die Ursprünge der überbordenden Ästhetik des Camps und wie sich der Stil vom Geheimtipp einer sozialen Randgruppe zu einem der wichtigsten Einflüsse auf die Mainstream-Kultur avancierte.
In den 50er und 60er Jahren galt Camp als eine Art Identitätsmerkmal, das innerhalb kleiner, städtischer Cliquen, in erster Linie aber unter schwulen Gruppierungen verbreitet war. Das änderte sich, als eine kluge Schriftstellerin aus New York 1964 einen Text veröffentlichte, den sie in der Form von 58 Anmerkungen verfasste. Die 2004 verstorbene Schriftstellerin und Publizistin Susan Sontag hat Camp massentauglich gemacht, und auch außerhalb der urbanen Kleingruppen etabliert. Susan Sontags Aufsatz „Notes on Camp“ liefert den Rahmen für die Ausstellung, in der untersucht wird, wie Modedesigner ihr Handwerk nutzen, um sich vielfältige, humorvolle und manchmal unpassende Weise mit dem Camp auseinanderzusetzen. Sie dokumentiert jene Elemente wie Ironie, Humor, Parodie, Künstlichkeit und Übertreibung, welche durch die Mode ausgedrückt werden sollten (und noch immer sollen)…
„Camp is dandyism in the age of mass culture.“
„Camp is the spirit of extravagance.“
„Camp is being-as-playing-a-role.“
„Camp is things-being-what-they-are-not.“
„Camp is a comic vision of the world.“
Camp gab es eigentlich schon immer, ohne das man es so bezeichnet hätte, und Camp ist gegenwärtiger denn je. Gucci, Initiator der Ausstellung, präsentiert heute noch Kollektionen , die mutig vermeintliche modische Grenzen überschreiten, falls es diese überhaupt gibt. So zeigte sich ein buntes Potpourri aus rund 250 Objekten, darunter Damen- und Herrenmode, sowie Skulpturen, Gemälde und Zeichnungen aus dem 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Von den Anfängen in der Zeit von Oscar Wildes Dandytum bis hin zur Moderne – 400 Jahre Fashion Geschichte aus einem ganz besonderen Blickwinkel. Es geht es um Gegenwart und Zukunft des Camps und – ganz im Geiste von Sontag – die Liebe zum Unnatürlichen und das Geschick zur Übertreibung. Und wo passen Extravaganz, Überzeichnung, Selbstironie besser, als in der Mode?
Camp: Notes on Fashion war vom 9. Mai bis 8. September 2019 im Metropolitan Museum of Art zu sehen.
Photos: © The Metropolitan Museum of Art, BFA.com/ZachHilty