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Beobachter: Frau Šipka, was genau versteht man unter einer sozialen Angststörung?
Dajana Šipka: Es gibt Formen von sozialer Angst, die wir alle kennen und die völlig unbedenklich sind. Etwa dann, wenn wir vor vielen Leuten sprechen müssen, uns mit einer Autoritätsperson unterhalten oder auf viele Unbekannte treffen. Wenn die Angst aber so gross wird, dass wir unser Leben nicht mehr wie gewohnt führen können, spricht man von einer sozialen Angststörung. Ein weiterer Hinweis darauf ist, wenn man Begegnungen mit anderen vermeidet oder Situationen aus dem Weg geht, in denen man etwas leisten müsste.
Eine soziale Angststörung ist also die Angst vor Menschen?
Nein, es ist die übertriebene Angst, von anderen negativ bewertet zu werden.
Wie häufig kommt das vor?
Jede siebte Person erkrankt im Verlauf ihres Lebens daran. Frauen sind rund anderthalb Mal häufiger betroffen als Männer. In westlichen Ländern ist die soziale Angststörung die dritthäufigste psychische Erkrankung.
Diese Zahl variiert je nach Kultur?
Ja. In Japan und Südkorea etwa ist die Angst davor, andere in Verlegenheit zu bringen, ein viel grösseres Problem als die Angst davor, selbst in einem schlechten Licht dazustehen.
«Mit einer sozialen Angststörung ist es bereits eine grosse Herausforderung, mit einer Therapeutin einen Termin zu vereinbaren.»Dajana Šipka, Doktorandin, Institut für Psychologie, Universität Bern
Sind es also gesellschaftliche Werte, die eine soziale Angststörung auslösen?
Wir gehen heute davon aus, dass eine Kombination von sozialen, psychologischen und biologischen Faktoren soziale Angststörungen auslöst und aufrechterhält. Zu den sozialen Faktoren gehören etwa übertrieben hohe Standards und Überzeugungen wie «Ich darf keine Schwächen zeigen». Ein Beispiel für einen biologischen Faktor ist ein leicht erregbares synaptisches Angstnetzwerk im Gehirn . Betroffene verspüren schneller Angst als andere.
Wann tritt die Erkrankung auf?
Oft zum ersten Mal in einer stressigen Lebensphase . Drei Viertel der Betroffenen haben die Angststörung im jungen Erwachsenenalter zum ersten Mal. Später nimmt das Risiko markant ab.
Wie merkt man denn, ob man krankhaft ängstlich ist?
Wenn man in herausfordernden Situationen übermässig schwitzt, sehr leicht errötet und Probleme mit Magen und Darm bekommt. Typisch für Betroffene ist auch, dass sie sich sehr stark auf sich selbst fokussieren. Dass ihre Gedanken ständig darum kreisen, wie man auf andere wirkt – auch noch Tage nach einer Begegnung.
Wie hat sich denn die Pandemie auf Menschen mit sozialen Angststörungen ausgewirkt?
Es ist noch zu früh für klare Aussagen. Es gab aber definitiv sozial ängstliche Menschen, die während des Shutdowns auch erleichtert waren, weil sie dank der Homeoffice-Pflicht gefürchtete Situationen meiden konnten. Digitale Meetings zum Beispiel waren für sie ein Segen. Man muss sich dabei weniger exponieren oder kann Gesprächsnotizen gleich vom Bildschirm ablesen. Langfristig hilft ein Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten aber natürlich nicht, es hält im Gegenteil die Störung aufrecht.
Was können Betroffene also tun?
Der wichtigste Schritt ist, sich professionelle Hilfe zu holen. Eine soziale Angststörung kann psychotherapeutisch erfolgreich behandelt werden.
Sie testen im Moment, wie das neue Online-Behandlungsprogramm der Uni Bern bei sozialen Angststörungen wirkt.
Richtig. Unser neues Behandlungsprogramm Shyne hat sich bereits in mehreren Studien als wirksam erwiesen. Wir untersuchen nun die Wirkmechanismen.
Hilft denn ein Online-Programm? Wäre es nicht besser, wenn sich Betroffene live mit ihrer Therapeutin treffen würden?
Tatsächlich zeigt die Forschung, dass Online-Selbsthilfeprogramme wirksamer sind, wenn Betroffene daneben von Therapeutinnen unterstützt werden. Ob das online oder live geschieht, spielt aber nach heutigem Kenntnisstand keine Rolle. Deshalb werden die Teilnehmenden in unserer Studie online und textbasiert begleitet.
Was ist also der Vorteil des Online-Behandlungsprogramms?
Die niedrige Eintrittsschwelle, die man online hat. Für viele mit einer sozialen Angststörung ist es bereits eine grosse Herausforderung, eine Therapeutin oder einen Therapeuten anzurufen, um einen Termin zu vereinbaren. Sie können mit solchen Programmen leichter erreicht werden.
Bei Therapien wird neuerdings auch Virtual Reality verwendet. Ist das nicht problematisch?
Bei einer sogenannten Expositionstherapie werden Betroffene einer Situation ausgesetzt, in der die Angst auftritt – damit sie erleben können, dass da nichts Schlimmes passiert. Das ist nachweislich ein sehr wirksames Therapieverfahren. Studien zeigen, dass die Konfrontation mit der Situation offenbar auch in der virtuellen Realität funktioniert. So können Situationen konstruiert werden, die in der Realität sehr aufwendig wären, etwa mit einem grossen Publikum.
Leben mit einer sozialen Angststörung
Neben der kognitiven Verhaltenstherapie gibt es mehrere Strategien, die den Alltag mit einer sozialen Angststörung erträglicher machen.
- Vermeidungsverhalten reduzieren: Betroffene sollten so häufig wie möglich versuchen, sich den Ängsten zu stellen – schon kleine Dinge machen einen grossen Unterschied.
- Szenarien durchdenken: Aufschreiben, wovor man sich konkret fürchtet. Sich dann überlegen, was die schlimmstmöglichen Folgen sind, falls die befürchtete Situation eintreten sollte. Das Szenario zu Ende denken.
- Gedanken reflektieren: Bei Ängsten überlegen, wie realistisch sie sind. Welche Beweise und Gegenbeweise gibt es dafür? Was würde man einer nahestehenden Person in dieser Situation raten?
- Informationen einholen: Selbsthilfebücher über soziale Angststörungen lesen, die auf der kognitiven Verhaltenstherapie basieren.
- Fokus lenken: Bei einer Tätigkeit in Gesellschaft die Aufmerksamkeit auf die Tätigkeit richten statt auf sich selbst.
- Geduld haben: Eine Verbesserung ist nicht von heute auf morgen möglich.