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Unter Giuseppe Verdis rabenschwarzen Opern ist „Die Macht des Schicksals“ wohl die schwärzeste, auswegloseste – und nur noch dank der Musik wirklich goutierbar.
„La forza del destino“ wurde von Verdi und dem Librettisten Francesco Maria Piave 1862, zwischen „Un ballo di maschera“ und „Macbeth“, aus der Taufe gehoben, 1869 aber von Antonio Ghislanzoni so überarbeitet, wie sich die Oper seither im Repertoire – mehr schlecht als recht – behauptet. Es ist bekannterweise ein Jammer, dass Verdi einerseits bis zu Arrigo Boito keinen überzeugenden Textverfasser an seiner Seite wusste und handkehrum von den Zensurbehörden derart willkürlich gebeutelt wurde, dass man sich wundert, dass seine Opern überhaupt zur Aufführungsreife fanden.
Nun wollten sich Intendant Andreas Homoki und GMD Fabio Luisi im Opernhaus Zürich zusammen an eine Neuinszenierung wagen, was sich musikalisch grossteils ausbezahlt hat, szenisch für meine Begriffe aber allen Liebesmühen zum Trotz zum Fiasko wurde.
Man muss sich schon fragen, was für eine Kriegsgurgel Verdi dazu getrieben haben mag, dieses blutrünstige Kriegsgeschrei und diesen blindwütigen Racheakt in Musik zu setzen. Die Uraufführung in St. Petersburg wurde zwar über Erwarten zum Erfolg, doch Russland wie Italien steckten ja in den 1860er Jahren im politischen Umbruch, und der Griff zu den Waffen war willkommene Kriegstreiberei mit Heldenpathos im Namen nationaler Identitäten.
Leonora (Hibla Gerzmava) verschliesst sich die Ohren vor den Kriegstreibern (Chorherren)
Das „Risorgimento“ führte die zahlreichen Territorialstaaten meist habsburgischer Provenienz letztlich zur Ausrufung des Königreichs Italiens unter Viktor Emanuel II., was dazu führte, dass der Name VERDI als solidarisches Bekenntnis für Vittorio Emanuele Re D’Italia an den Häusern prangte. Vorausgegangen war die zum Nationalepos verklärte Landung von nationalistischen Freischärlern auf Sizilien unter der Führung von Giuseppe Garibaldi. Ohne historische Zusammenhänge ist das dräuende Schicksalsmotiv wohl gar nicht mehr einzuordnen.
Wenn alles nur noch Zufall ist… und aus dem Ruder läuft
Ausgangspunkt unentwegter Racheschwüre ist die zufällig losgegangene Kugel aus der Pistole Alvaros, dem Liebhaber Leonores, auf deren Vater, der das Liebesverhältnis nicht billigt. Bruder Don Carlo verfolgt nun ein halbes Leben lang den vermeintlichen Mörder, wobei ein Kloster den vertriebenen Geliebten als Zufluchtsort dient. Am Schluss ist Alvaro der einzige Überlebende, aber der sinnlose Tod Leonores soll uns wenigstens „Barmherzigkeit lehren“, wie der Klosterboss Padre Guardiano in den Himmel raunt.
Padre Guardiano (Christof Fischesser) und seine verkutteten, verkappten Mönche
Ein Regisseur kann also die triefende Ausweglosikeit so haarsträubend erzählen, wie sie überliefert ist, oder er kann neue Deutungsversuche wagen, wonach es Homoki gelüstet. Das ist dann allerdings derart verwegen, dass das Zufallsprinzip überbordet. Aus dem omnipräsenten grossen Chor werden keifende Freischärler und Kriegsgurgeln, die ihren Hass und ihre Unversöhnlichkeit unentwegt wie ein Perpetuum mobile strapazieren. Antreiber sind dabei die Aufwiegler Preziosilla und Mastro Trabuco, denen die Regie auch noch den aufmüpfigen Klosterbruder Fra Melitone beigesellt, was dann schon schwerer zu goutieren ist.
Das Bühnenbild von Hartmut Meyer ist eine einzige Zumutung. Ein Riesenwürfel mit aufklappbaren Türen versperrt den Raum, sodass sich das Wer-ist-wer und Wer-ist-wo in dreieinhalb Stunden Spieldauer endlos entfalten kann. Es fehlte nur noch die rote Mobiliar-Schlaufe auf dem Würfel – und wir hätten das Geschenk. Statt ein Klosterhof und eine Eremitenklause also rot-schwarze Zebrastreifen und ein Ungetüm, das an der Premiere prompt einen technischen Unterbruch verursachte, sodass Luisi die Ouvertüre ein zweites Mal dirigieren musste. Der Ehrgeiz, einen kaum mehr spielbaren Stoff mit der Brechstange in ein praktikables Vehikel aufzumotzen, musste letztlich scheitern.
Fra Melitone (Gezim Myshketa) und seine Freischärler / Fotos © Monika Rittershaus
Ohne die wunderbare Musik und hohe Komplexität der Partitur wäre die Oper wohl schon lange ad acta gelegt worden. Fabio Luisi ist ein betörender Sachwalter Verdis und holt aus der Philharmonia Zürich das Maximum an Differenzierung und einen Farbenreichtum ohnegleichen heraus. Die Sängerschar kann sich auf jeden Einsatz und jede Rückung verlassen, sodass wenigstens musikalisch zusammenfindet, was im Handlungsverlauf immer mehr zerbröselt. Die sehr anspruchsvollen Partien fanden in Hibla Gerzmava (Leonore), George Petean (Bruder Don Carlo), Marcelo Puente (Liebhaber Alvaro), Christof Fischesser (Vater Calatrava und Padre Guardiano), J’Nai Bridges (Preziosilla), James Mc Corkle (Mastro Trabuco) und Gezim Myshketa (Fra Melitone, für den erkrankten Ruben Drole) im grossen Ganzen überzeugende Interpreten, doch das Orchester verdient diesmal eindeutig die Krone.
Weitere Vorstellungen: Mai 30, Juni 2, 7, 10, 13, 17, 20, 28