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Der deutsche Filmemacher David Sieveking, Jahrgang 1977, steckte mitten in der Arbeit zu David Wants to Fly, als bei seiner Mutter Alzheimer diagnostiziert wurde. Sieveking stellt in der Folge seinen Film fertig und tut, was nette Angehörige tun: Er schaut ab und an daheim vorbei. Irgendwann, als noch keiner daran denkt, dass dies später schwierig sein könnte, interviewt er seine Mutter. Er unterhält sich mit ihr über ihr Leben und ihre Ehe: Die studierte Sprachwissenschaftlerin Gretel und ihr Gatte Malte, der Mathematiker, gehören zur Generation der bewegten Achtundsechziger. Sie sind politisch engagiert, führen eine “offene” Ehe, ein nicht immer einfaches Unterfangen.
Irgendwann taucht die Idee auf, die Mutter mit der Kamera zu begleiten. Die ersten Bilder erzählen von Entfremdung: Der Vater holt seinen Sohn allein vom Bahnhof ab. Die Mutter wolle nicht mitkommen, man müsse das akzeptieren. Zu Hause erkennt die Mutter den Sohn nicht wieder. Weiss nicht mehr, dass er früher mit ihr unter einem Dach gelebt hat, auch nicht, dass sie bei sich zu Hause ist. Ein, zwei Mal geht ihr Blick Richtung Kamera. Er hätte nie gefilmt, wenn Gretel das nicht gewollt hätte, meint Sieveking im Gespräch. Es ist dieses Moment des zärtlichen Respekts, das Vergiss mein nicht zu mehr als bloss der Chronologie einer Krankheit, eines Rückzugs aus der Welt, sondern darüber hinausführend zur profunden Auseinandersetzung eines Sohnes mit seiner Mutter, seinem Vater und damit auch der eigenen Biographie werden lässt.
Es gibt denn auch nur eine Stossrichtung. Sie führt von aussen nach innen. Von der Entfremdung zum bedingungslosen Zusammensein im Moment. Der ersten Phase der Irritation folgt eine zweite, in der man Gretel mit Therapeuten und Pflegern auf die Beine zu helfen und Malte zu entlasten versucht. Es sind vergebliche Versuche: Gretel, obwohl der Wirklichkeit zunehmend fern, hat einen starken Willen und wehrt sich. Es ist schliesslich David, Gretel und Maltes drittes und jüngstes Kind, der für eine Weile nach Hause zurückkehrt, damit Malte zum Kräftetanken in die Schweiz fahren kann. David ist Gretel in dieser Zeit Sohn, Betreuer und – weil Gretel sich aktuell für eine junge Frau hält und David seinem Vater verblüffend ähnlich sieht – ihr vermeintlicher Ehemann. Das ist anstrengend. Doch das Zusammensein von Mutter und Sohn ist von Heiterkeit geprägt. Schliesslich brechen die beiden zusammen auf. Sie besuchen Gretels Schwester in Stuttgart, fahren zu Malte in die Schweiz. Es ist eine Reise in Gretels Vergangenheit: die in Stuttgart verbrachte Kindheit, die Studienzeit, die Jahre, die das junge Paar in der Schweiz verbrachte, wo Gretel sich politisch so heftig engagierte, dass der Sohn heute im Bundesarchiv in Bern «nachlesen kann, was Gretel nicht mehr erzählen kann».
Sieveking hat Vergiss mein nicht mit viel Sinn für den Zauber eines Moments und mit ausgesprochen humanem Verständnis für die Welt gedreht. Sein Film ist eine faszinierende Reise durch das Leben einer bemerkenswerten Frau, aber auch die Chronologie ihrer Krankheit. Es ist auch – und das könnte man ihm vorwerfen – ein Film der Leerstellen: Da ist das eine Mitglied der Familie, das zwar auf Fotos zu sehen, aber in den Filmbildern nie anwesend ist, da sind Spuren von Situationen, wo zu ahnen ist, dass sie für die Beteiligten schwieriger zu meistern waren, als der Film es zugibt. Doch das sind bewusste, auktoriale Entscheidungen, und sie zeugen von einer gütigen Gelassenheit, mit welcher der Regisseur seiner Mutter ein letztes Adieu zukommen lässt.