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Sebastian De Pretto vom Institut «Kulturen der Alpen» befasst sich seit rund zwei Jahren mit den Stauseen im Alpenraum respektive deren Baugeschichte. Sein Forschungsprojekt beleuchtet dabei insbesondere die dafür nötig gewordenen Umsiedlungen ganzer Dorfschaften – so wie diese beispielsweise im urnerischen Göscheneralptal oder im schwyzerischen Wägital nötig geworden waren. Der Titel des Forschungsprojekt lautet denn auch: «Stauseen und Umsiedlungspolitik im Alpenraum nach 1918 – zwischen Teilhabe und Ausgrenzung peripherer Gesellschaften».
Der Historiker untersucht im Rahmen seiner Arbeit, was der Bau eines Stausees in einem Alpental für die dort lebenden und arbeiteten Menschen bedeutet hat. Für sein Projekt arbeitet Sebastian De Pretto die Schicksale geografisch und politisch peripherer Talschaften sozial- und umwelthistorisch auf.
Dätwyler Stiftung hat Forschungsprojekt ermöglicht
Das Institut «Kulturen der Alpen» unterstützte das Forschungsprojekt anfänglich mit einer einjährigen Anschubfinanzierung. Diese wurde damals durch die Dätwyler Stiftung ermöglicht. Sebastian De Pretto erhielt dadurch die Chance, während mehreren Monaten einen Antrag zur Förderung durch den Schweizerischen Nationalfonds zu erarbeiten, um das mehrjährige Forschungsprojekt langfristig zu finanzieren. Dank eines Postdoc-Mobility-Stipendiums des Schweizerischen Nationalfonds konnte Sebastian De Pretto in Folge wäh-rend eines Jahres seine Arbeit mit Forschungsaufenthalten an den Universitäten München, Trient und Innsbruck vertiefen.
Nun geht das Projekt in die nächste Runde. Der Schweizerische Nationalfonds gewährte Sebastian De Pretto kürzlich einen so genannten Ambizione-Beitrag. Der gebürtige Basler erhält dadurch die Möglichkeit, seine Stausee-Forschungen an der Universität Bern (Abteilung Wirtschaft-, Sozial- und Umweltgeschichte) respektive als assoziierter Forscher am Institut «Kulturen der Alpen» zu intensivieren. Während vier Jahren soll nun aus dem Pro-jekt eine Habilitation entstehen, die De Pretto befähigen könnte, später einmal an Universitäten Vorlesungen zu halten.
Sebastian De Pretto hatte ursprünglich in Basel, in Bologna und Heidelberg Geschichte, Philosophie und Konfliktwissenschaften studiert. In seiner zwischen 2016 und 2019 an der Universität Luzern verfassten Dissertation beschäftigte er sich mit den Erinnerungsorten des Abessinienkriegs in Südtirol.
Kritische Auseinandersetzung mit Entscheidungsprozessen
Beim aktuellen Stausee-Forschungsprojekt stehen neben Umsiedlungen auch Verdrän-gungsprozesse im Fokus, die sich etwa durch den Verlust von Agrarland oder den eingeschränkten Zugang zu Wasser vielerorts langzeitig ergaben. Welche Gewinne ein Stausee einem vormals strukturschwachen Bergtal wirtschaftlich und infrastrukturell einbrachte, wird mit solch schwerwiegenden sozioökologischen Folgen kritisch abgewogen. Um die einem Stauseebau zugrunde liegenden Machtstrukturen und Entscheidungsspielräume direkt betroffener Anrainer aufzudecken, legt die Studie dar, wie einzelne Gemeinden, Weiler oder Bergbauernhöfe in die Planung und den Bau einer Kraftwerksanlage einbezogen wurden. Die je nach Alpenland zwischen föderalen und zentralstaatlichen Konzessionsrechten variierenden Ausgrenzungs- und Partizipationsmechanismen peripherer Gesellschaften werden somit sichtbar.
Hierfür geht das Projekt neben einem sozial- und umwelthistorischen auch von einem transnationalen Ansatz aus. Die kritische Auseinandersetzung mit der Wasserkraftnutzung in den Alpen trägt zur aktuellen Debatte um eine nicht nur ökologische, sondern ebenso sozialverträgliche Energiezukunft bei.