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Der «gute Wilde» in der guten Stube
«Zum fröhlichen Neger» heisst dieses Wandbild auf Deutsch. Es zierte im 18. Jahrhundert eine Chocolaterie in der Pariser Rue Mouffetard. Es war typisch für die Handelshäuser der Kolonialzeit, mit der Ikonographie des «gezähmten Wilden» zu spielen, der in Europas reichen Familien als Diener die Produkte aus seiner Heimat serviert. Schon lange gibt es in Paris eine Diskussion, ob man dieses Bild hängen lassen kann oder ob es in ein Museum soll. Wer unten am Haus eine erklärende Tafel sucht, sucht vergebens. Nur Plexiglas und Flecken von Farbbeuteln zeugen vom Protest gegen diese Zurschaustellung des kolonialen Rassismus.
Der Kolonialherr im Kaffeeland
Das zweite diskutierte und umstrittene Wandbild in Paris heisst «Au Planteur». Es ziert ein ehemaliges Kaffeegeschäft in der Rue Montorgueil. Hier jedoch ist nicht der «edle Wilde» nach Europa geholt und domestiziert worden. Hier ist der Kolonialherr als Beherrscher der Wilden abgebildet, der nicht nur die Güter des Landes (hier: Kaffee) ausbeutet, sondern sich auch die Einwohner Untertan macht. Auch dieses Tableau hängt vollkommen unkommentiert in einer der geschäftigsten Einkaufsstrassen der französischen Hauptstadt.
Der Kriegsherr der Kolonien
Mit unzähligen Strassennamen huldigt Paris seinen Helden. Nicht alle davon haben sich nur heldenhaft verhalten. Joseph Gallieni etwa, nach dem die Avenue benannt ist, die direkt von der Seine zum Dom des Invalides und somit zum Grab Napoleons führt, war ein Kriegsherr und Gouverneur mehrerer Kolonien wie Madagaskar und «Soudan Française» (heute: Mali) und diente ausserdem in Indochina. Bekannt war er dafür, dass er sowohl in Madagaskar, als auch in Indochina mit seinen Truppen, meistens der Fremdenlegion, äusserst brutal gegen einheimische Aufständige vorging. Obwohl ab und zu eine kleine Diskussion aufflammt darüber, gewisse Strassennamen zu ändern, passiert eigentlich wenig.
Exotismus nicht nur aus den Kolonien
Mit den grossen Weltausstellungen 1889 und 1900 präsentierte sich Frankreich der Welt. Grosse Bauwerke wie der Eiffelturm oder das Palais Royal wurden errichtet, um die eigenen Fertigkeiten der Ingenieurskunst zu zeigen. Aber man holte auch die Kolonien nach Paris, um den wenig reisenden Bürgern die unbekannte, wilde weite Welt zu präsentieren. Zu Reden gaben die vielen afrikanischen und indochinesischen Dörfchen, die man aufgebaut hatte. «Menschenzoos» nannte man sie später. Aber nicht nur sogenannte Eingeborene aus Afrika wurden beim Tagwerk ausgestellt. 1900 wurde ein ganzes Schweizer Dorf aufgebaut – mit Kühen, Gletschern, Sennen und anderen Kunsthandwerkern. Das Dorf steht nicht mehr, der Name ist geblieben.
Ein Palais für die Kolonien
Der Ausstellungswahn der Grande Nation gipfelte in der grossen Kolonialausstellung im Bois de Vincennes im Jahr 1931. Alle Kolonien wurden präsentiert, prächtige Tempel und Anlagen gebaut, wieder wurden Menschen ausgestellt. Und diesmal wurde auch ein grosses Museum gebaut, um die «edle wilde Kunst» aus den Kolonien zu präsentieren. Das Palais de la Porte Dorée wurde als «Musée des Colonies» eröffnet. Heute beherbergt es das «Musée de l’histoire de l’immigration».
Die grösste Sammlung problematischer Kulturgüter
Im Musée du Louvre lagern etwa 380‘000 Werke. In allen stecken Geschichten: die Geschichte dessen, was sie darstellen, die Entstehungsgeschichte, die Rezeptionsgeschichte und die Geschichte des Wegs, den das Kunstwerk zurückgelegt hat. Nicht wenige davon sind ideologisch aufgeladen, problematisch in Darstellung oder Herkunft. Der Historiker Eric Deroo sagt: «Will man ideologisch aufgeladene, historisch problematische Kunst und Kulturgüter verstecken, muss man alle Museen leeren, denn in dieser Hinsicht sind alle Museen skandalös.»
Neo-Kolonialromantik
Die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Frankreichs ist noch in den Kinderschuhen. Ein Verständnis dafür, was ikonographisch problematisch ist, ist wenig vorhanden. Davon zeugen all diese zum Teil nicht dokumentierten Spuren in aller Öffentlichkeit. Auffällig auch, dass im Zuge eines verklärten Blicks in die Vergangenheit gar eine Art Neo-Kolonialromantik geschaffen wird – besonders im Geschäftsbereich der sogenannten Kolonialwaren. Dort lässt man in Ausstattung und Auftreten gern wieder die Kolonialzeit aufleben – mit einem komplett unreflektierten westlichen Blick natürlich. Wie in diesem Teegeschäft, einem der ältesten in ganz Paris. Auf dem Firmenlogo prangen heute noch die alten Namen gewisser Länder: Ceylon, Formosa.