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Ein überaus aktiver und angesehener Mann – hier im gesetzteren Alter: Gottfried Joost. / Bild: zvg
Langnau:
Der Tuchfabrikant Gottfried Joost absolvierte in St. Gallen seine Lehre, besuchte Frankreich und England und hielt seine Eindrücke schriftlich fest. Dank ihm konnten zig Schülerinnen und Schüler eine Reise unternehmen.
In der «Wochen-Zeitung» war im Sommer ein Artikel zu lesen über die Rütlireise der Langnauer Schulen im Jahr 1928. Es lohnt sich, einen Blick auf den Mann zu lenken, der diese Reisen ermöglicht hat und zu dessen Andenken im Schulhaus Höheweg bis zum letzten Umbau eine Marmortafel an einer Wand angebracht war.
In St. Gallen in die Lehre
Es handelt sich um Gottfried Joost, der 1836 als Sohn des «Hirschen»-Wirtes und Tuchfabrikanten Johann Jakob Joost geboren wurde, und sich später in mancherlei Hinsicht um das Dorf Langnau und den Kanton Bern verdient gemacht hat. Gottfried Joost besuchte in Langau die Primar- und Sekundarschule. Da sein Vater bereits 1851 verstorben war und Gottfried keine Lust zeigte, die väterliche Wirtschaft zu übernehmen, trat er im Alter von 16 Jahren als Lehrling in eine Tuchfabrik in St. Gallen ein. Während der ganzen vier Jahre, die er in der Ostschweiz verbrachte, kehrte er aus Sparsamkeit kein einziges Mal nach Langnau zurück und lebte äusserst bescheiden. In seinen, an seinen Vormund gerichteten Briefen ist kaum etwas Persönliches zu lesen. Er schreibt darin über seine Englischstunden und den Geschäftsgang. Da er selber für Kost und Logis, Kleider und Weiteres aufkommen muss, legt er auch über seine Finanzen Rechenschaft ab und wagt fast nicht, um einen Extrabatzen zum Besuch eines Turn- oder Schützenfestes zu bitten. Damals erhielten Lehrlinge im Gegensatz zu heute nicht nur keinen Lohn, sondern mussten auch noch Lehrgeld bezahlen.
Nach Paris an die Weltausstellung
Gegen Ende seines Aufenthaltes in St. Gallen, im Jahr 1855, bittet er den «werthen Oheim» um die Erlaubnis, mit Herrn Sänger – der zusammen mit Gottfrieds Vater Teilhaber der Firma Lauterburg Joost & Sänger war – die Pariser Weltausstellung besuchen zu dürfen, was ihm auch gnädig gewährt wird. Nach ausgiebigem Besuch der Ausstellung reisten die beiden über Brüssel, Antwerpen ans Meer und über Deutschland zurück nach St. Gallen. Am Schluss seiner Reisebeschreibung an den Vormund ist zu lesen: «Auf dem Comptoir habe ich mich wieder in’s Geleise gesetzt u arbeite ich seitdem mit mehr Freude und Lust als je zuvor.» Viele der in der Ausstellung gesehenen Stoffe hatten den Wunsch in ihm geweckt, mehr über deren Herstellung zu erfahren und so fasste er den Entschluss, im Ausland eine Stelle in einem Textilbetrieb zu finden und gleichzeitig seine Sprachkenntnisse zu erweitern.
Verdingt als einfacher Weber
Die Reise führte ihn vorerst nach Nordfrankreich, wo er vergeblich versuchte, eine Anstellung als Kaufmann in einer der zahlreichen Tuchfabriken zu erhalten. Kurzentschlossen verdingte er sich daher für ein halbes Jahr als gewöhnlicher Weber. Um von seinen Mitarbeitern nicht als Herrensohn erkannt zu werden, bedingte dies eine gewisse Anpassung in Kleidung und Sprache. Neben seiner Arbeit führte er während dieser Zeit auch ein sehr zurückgezogenes Leben.
Im Jahr 1858 konnte er endlich an sein heiss ersehntes Ziel, England, reisen. In zweieinhalb Tagen erreichte er von Le Hâvre aus Liverpool und reiste von dort auf dem Landweg weiter nach Manchester. Da der Aufenthalt nur drei Monate dauern sollte, war es für Joost praktisch unmöglich, Arbeit zu finden. Obwohl die Engländer ihre neumodischen Maschinen eifersüchtig vor fremden Augen behüteten, gelang es ihm, dank einiger Empfehlungsschreiben ein paar der mechanisierten Betriebe zu besuchen. Begeistert schrieb er an die damaligen Inhaber der heimischen Firma von einer Ballenpresse, die mittels einer Dampfmaschine innert kürzester Zeit die Garnstrangen zu Ballen verpackte, umreifte und zunähte. Während seiner ganzen Zeit in England hielt er sämtliche wichtigen Ereignisse, meist in englischer Sprache, in einem Notizbuch fest. Die Heimreise wurde zum ausgiebigem Besuch der Sehenswürdigkeiten von London und der Umgebung von Paris benutzt und dauerte fast einen Monat. Nach diesen Lehrjahren trat er im Jahr 1863 in die Firma ein.
Ein eifriger Schreiber
Gottfried Joost war zeitlebens ein eifriger Schreiber. Nebst der ausgedehnten Korrespondenz, von der wohl nur der kleinste Teil erhalten geblieben ist, befinden sich in seinem Nachlass sechs Bücher, in die er mit seiner kleinen Handschrift alles Wissenswerte aufgeschrieben hat. Drei der Bücher würde man am besten mit «Vermischtes» betiteln. Da finden sich kunterbunt durcheinander fein abgeschriebene wichtige Nachrichten aus der damaligen Presse neben Tagebucheinträgen und genauen Angaben über Sitten und Bräuche in fremden Ländern, oder Listen über Bevölkerungszahlen in den bernischen Amtsbezirken. Hie und da taucht ein Sinnspruch, eine Anekdote, ein Lied auf. Eine Liste mit den deutschen Kaisern wechselt mit den Brandfällen in der Schweiz und einer Liste der Mitglieder des Schweizerischen Parlaments ab. Ein anderes Buch enthält Theaterrollen, denn Gottfried Joost war ein eifriger Mitspieler in den Theaterstücken, die jeweils im Winter in Langnau gespielt wurden. Wie eifrig er das Studium der französischen und der englischen Sprache berieb, zeigen handgeschriebene Wörterbücher, in denen er die wichtigsten Redewendungen notierte.
Einen wichtigen Platz in seinem Leben nahm das Militär ein, wo er als Major im Bernischen Scharfschützen-Offizierscorps eingeteilt war. Über seine Einsätze in den Jahren 1859 bis 1868 hat er genau Buch geführt. Mitten in einer Aufzählung aller Generalstabsoffizieren taucht indes die Tischordnung seiner Hochzeit mit auf!
Ein Band enthält seine Erlebnisse während einer zehntägigen Fusswanderung 1862 durch die Kantone Freiburg, Waadt und Wallis.
Politisieren im Nationalrat
Von 1872 bis 1881 und später noch einmal von 1889 bis 1899 sass Gottfried Joost als radikal-demokratischer Abgeordneter im Nationalrat. Hier hat er sich hauptsächlich um den Bau der neuen Bahnlinien, die damals im ganzen Land geplant wurden, verdient gemacht. Er war im Verwaltungsrat der Jura-Bern-Luzern-Bahn und hat sich in dieser Funktion auch für die Gestaltung des Langnauer Bahnhofes eingesetzt.
Er gehörte auch zu den Gründern der Bank in Langnau (heute Valiant Bank) und präsidierte die Sekundarschulkommission während vieler Jahre.
Da seine Ehe mit Susette Lehmann kinderlos geblieben war, hat er sich bereits einige Jahre vor seinem Tod bei einem Notar und auch beim Pfarrer nach Vorschlägen zur Verwendung seines beträchtlichen Vermögens erkundigt. Die Gemeinde Langnau hat nach seinem Tod im Jahr 1902 ein Legat in der Höhe von 100’000 Franken erhalten.
Gottfried Joost hat in einer politisch turbulenten Zeit gelebt, in der sich ein schweizerisches Nationalgefühl erst langsam entwickelte. Aus diesem Gefühl heraus wünschte er, dass jedes Kind in der Gemeinde Langnau einmal im Leben aufs Rütli reisen könne. Für manches Kind, das Zeit seines Lebens nie über den Rand der Gemeinde hinaus kam, war dies damals ein einzigartiges Erlebnis, woran sich viele ihr Leben lang erinnerten.