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Der 29. Januar war bekanntlich kein guter Börsentag. Der SMI verlor 2.4%, der SPI 2.2% und auch die US-Börsen je rund 2%. Zwei Impfstoff-Gesellschaften gewannen jedoch ganz erheblich: Biontech gewann 6.3% und Moderna 8.5%. Wie kam das?
Zuerst muss man wissen, dass Robinhood ein in den USA sehr erfolgreicher Gratis-Broker ist und eng mit dem Hochfrequenz-Händler (HFT) Citadel Securities zusammenarbeitet. Robin Hood stellt dem Hochfrequenzhändler Citadel den Order Flow (Kundenaufträge in Echtzeit) zur Verfügung und bekommt dafür 17 Cent pro 100 gehandelte Aktien.
Im Ergebnis stammen Robinhoods Einnahmen somit vom Hochfrequenzhändler Citadel. (Weil Interessenkonflikte auf der Hand liegen, legte Robinhood das lange nicht offen und verstiess auch sonst gegen FINRA-Regeln zum Best Execution Prinzip, was zu einem Strafverfahren der SEC führte.)
Citadel arbeitet nicht nur mit Robinhood zusammen, sondern auch mit Melvin Capital, eine Gesellschaft, welche auf Leerverkäufe spezialisiert ist. Die Leerverkäufe misslangen und misslingen zurzeit, weil einer einen Flashmob zum Kauf von GME-Aktien organisierte.
Das brachte Melvin massive Verluste. Nun sprangen Citadel und Point72 (ein auf der Karibikinsel Anguilla registrierter Hedgefonds) mit zusammen $2.75 Milliarden ein und bekamen nicht-kontrollierende Beteiligungen an Melvin.
Es versteht sich von selbst, dass es für Citadel wenig Sinn macht, Melvin mit $2 Milliarden zu unterstützen und gleichzeitig Robinhood Kommissionen für Aktienkäufe zu bezahlen, welche Melvin bei dessen Bemühungen konkurrieren, die verlustbringenden übergrossen Leerverkaufspositionen abzubauen.
In der Folge stoppte Robinhood die Ausführung von Kaufaufträgen für eine ganze Reihe von Aktien. In den Medien wurde das am Beispiel der gemäss Medienberichten angeblich finanziell schwer angeschlagenen GameStop Corp. abgehandelt, einer Einzelhandelskette mit rund 5’500 Geschäften in 14 Ländern.
GameStop (GME) zahlte 2019 noch Dividenden, leidet zurzeit aber unter den Lockdowns, welche die Umsätze einbrechen und Verluste entstehen liessen. Trotzdem hat GME noch immer eine gesunde Bilanz.
In den Medien war die Ausrede zu lesen, Robinhood habe diese Beschränkungen im Interesse der dummen Kunden eingeführt, die mit ihrem Geld nicht umgehen könnten. Dazu passt auch, dass die Kunden, welche gegen Melvin Aktien kauften und diesen Hedgefonds in grösste Schwierigkeiten brachten, als unverständige Anfänger abgetan wurden.
Bald werde es Tränen geben. Da wundert man sich schon, dass seriöse Broker – wie zum Beispiel Degiro – keine solchen Kaufsverbote erlassen mussten.
Und man staunt, dass die Zeitungsschreiber übersehen, dass die angeblichen Dummerchen den Kurs nur so weit in die Höhe zu treiben brauchten, dass Melvin im grossen Stil kaufen und so die Kurse selbst weiter hinauftreiben musste – short squeeze.
(Nein, man staunt doch nicht, denn alle die Fehler laufen alle auf dasselbe Gleiche heraus: die systematische Rechtfertigung der Leerverkäufer.)
Obwohl nackte Leerverkäufe verboten sind, machten die Leerverkaufspositionen bei GME letzten Freitag noch 121% der verfügbaren Aktien aus. Auch dazu servierten hiesige Medien Ausreden, dass das den Leerverkäufern nicht anzulasten sei.
Und was hat das mit der eingangs erwähnten Moderna zu tun? Vor einiger Zeit konnte man in denselben Medien lesen, dass Biontech und Moderna quasi Eintagsfliegen seien, welche 2021 erhebliche Einnahmen hätten, die aber mit dem Abflauen der Corona-Pandemie versiegen würden.
Die jetzigen Kurse seien überhöht. Völlig ausser Acht gelassen wurde dabei allerdings, dass die mRNA-Technologie eine viel breitere Anwendung erlaubt und dass die genannten Biotech-Firmen dank der riesigen Einnahmen grösste Chancen haben, ihre Technik in weiteren Bereichen zur Anwendung zu bringen.
Die Kurse von Biontech und Moderna stagnierten nach diesen einseitigen Medienberichten und gingen zurück. Dann geriet Melvin ins Taumeln. Dann musste Citadel einspringen. Dann hatte Melvin wieder Geld, um Aktien zu kaufen und die Kurse stiegen. Dann verkündete die von Citadel finanzierte Robinhood, dass ihre Kundschaft nur noch je 1 Moderna-Aktie kaufen, aber beliebig viele verkaufen dürfe.
Die Liste der Gesellschaften, von denen Robinhood-Kunden nur wenige Aktien kaufen dürfen, ist lang. Auch Moderna ist drauf, und das ist gewiss kein Unternehmen in finanziellen Schwierigkeiten. Die Ausrede mit Bezug auf GameStop erweist sich als das, was sie ist.
Uns in der Schweiz betrifft das alles kaum, denn bei uns ist es geheim, ob, in welchem Umfang und von wem Aktien leer verkauft werden. Wir erhalten bloss die einseitigen Medienberichte. In Europa und den USA ist es öffentlich und können sich Anleger danach richten.
Robin Hood und Citadel: https://bsic.it/how-payment-for-order-flow-is-impacting-markets-the-robinhood-and-citadel-case/
GameStop Corp.: https://simplywall.st/stocks/us/retail/nyse-gme/gamestop