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Genau hingehört: Singzikaden in Italien
Thomas Hertach
Viele verbinden den auffälligen Zikadengesang mit Ferienerinnerungen aus dem Mittelmeerraum. Die sehr hoch und leiser singende Bergzikade (Cicadetta montana) wurde bereits 1772 vom Tiroler Naturforscher Johann Anton Scopoli beschrieben. Erst vor zehn Jahren fanden slowenische, französische und Schweizer Forscher fast gleichzeitig heraus, dass sich dahinter ein ganzer Komplex von einem guten Dutzend teilweise völlig unterschiedlich singender Arten verbirgt. Eine Dissertation an der Universität Basel erforscht den Artenkomplex der Bergzikade in den Gebirgen Italiens.
Ein Fortbildungskurs im Aargauer Jura von 2003 sollte mein Leben deutlich verändern: Bis zu 20 Meter weit entfernt hörte ich einen sehr hohen Gesang, den ich durch Ausschluss aller Heuschrecken und anderer akustisch aktiver Artengruppen einer mir nicht bekannten Singzikade zuordnete. Ältere Kursteilnehmer konnten den Gesang nicht mehr wahrnehmen. Die Entdeckung faszinierte mich sofort, und ich stiess bei meiner Recherche im Internet auf zwei Slowenen und zwei Franzosen, die unabhängig voneinander an der Enthüllung nah verwandter Arten der altbekannten Bergzikade (Cicadetta montana) arbeiteten.
Singen für die Weibchen
Singzikaden besitzen am Hinterleib ein Organ mit Platten, die durch einen Muskel in Schwingung versetzt werden; ein Luftsack direkt unter dem Singmuskel sorgt für die notwendige Resonanz. Die Zikadengesänge müssen streng artspezifisch sein, denn sie sind das wichtigste Kommunikationsmittel des Männchens, um eine Partnerin anzulocken. Verbunden mit dem mehrjährigen Entwicklungszyklus als Larve und dem nur wenige Wochen langen Leben als Adulttier, hat eine Singzikade nie die Möglichkeit, von den Eltern zu lernen – sie vererbt also den Gesang.
Die unbekannte Aargauer Singzikade wurde von französischen Forschenden 2007 wissenschaftlich beschrieben. Ein Jahr später machte ich mein mittlerweile wichtigstes Hobby zum Beruf: Ich entschloss mich, den Artenkomplex in einer Dissertation bei Prof. Peter Nagel an der Universität Basel zu vertiefen und als Erster mit dem neuen Wissen Italien zu untersuchen.
Nach meiner nunmehr siebten mehrwöchigen Reise durch Italien dieses Jahr – davon unter anderem rund 15’000 Kilometer auf dem Roller – ist der Wissensstand zu den Bergzikaden und generell zu den Singzikaden in unserem südlichen Nachbarland auf einem hohen Niveau: Tausende Datenpunkte von Como bis Pantelleria und von Triest bis ins Aostatal sind zusammengetragen, Dutzende Stunden Tonaufnahmen und gegen 200 Präparate liegen vor. Bei den Bergzikaden können nicht weniger als acht verschiedene Gesangsmuster voneinander abgegrenzt werden, davon waren bis zu Beginn meiner Dissertation fünf noch unbeschrieben.
Doch welche Taxa – ein Taxon ist eine als systematische Einheit erkannte Gruppe von Lebewesen – sind als eigenständige Arten und welche nur als Unterarten oder gar lokale Formen aufzufassen? Einige Gesangsmuster sind nahe miteinander verwandt, es existieren in einzelnen Populationen sogar Übergänge. Bei sehr komplexen Gesangsmustern wie jenen der in der Dissertation neu beschriebenen süditalienischen Cicadetta anapaistica verleiht jedes Tier dem Gesang etwas Individualität.
Genetische Überraschungen
Die Zikadengesänge habe ich mit sensiblen Ultraschallmikrofonen aufgenommen und dann auf dem Computer bezüglich Rhythmik, Frequenz und relativer Lautstärke bis ins Detail analysiert. Die Gesangsmuster werden mit genetischen und morphologischen Untersuchungen kombiniert und der geografischen Verbreitung gegenübergestellt.
Die genetische Untersuchung hat einige Überraschungen aufgezeigt: Es gibt deutlich verschieden singende Arten mit praktisch identischem Genotyp, aber auch stark verwandte Gesangsmuster mit signifikant abweichender Genetik. Vermutlich liegt der Grund in einer sehr raschen Aufsplitterung verschiedener Taxa aufgrund äusserer Ereignisse und nachfolgender Hybridisierungsprozesse mit entfernter verwandten Gruppen. Morphologie und Morphometrie – bei welcher computergestützt Verhältnisse von frei wählbaren Längenmessungen verglichen werden – zeigen bei vielen Taxa klare Tendenzen, aber nur sehr wenige dürften sich am Ende der Analyse zu 100% von den nächsten Verwandten unterscheiden lassen.
Evolution ist ein laufender Prozess, und die Existenz einer Art beginnt oft in einer Grauzone. Die Entwicklung dieses Zikaden-Artenkomplexes ist ein verhältnismässig junges Ereignis. Unsere Systematik der Bergzikaden wird um vieles genauer werden als jene der Forscher des 18. und 19. Jahrhunderts, die sich interessanterweise kaum um die Gesänge gekümmert hatten, Reisen nicht in der gleichen Geschwindigkeit absolvieren konnten und schon gar nichts von genetischen Analyseverfahren, computerbasierter Morphometrie und Ultraschallmikrofonen wussten.
Durch die Synthese der verschiedenen Methoden entsteht ein Gesamtbild, das bestmögliche Schlüsse zulässt, wie die Taxa letztlich aufzufassen sind. Trotzdem werden die Entscheide der Zuordnungen kaum einfacher als vor 200 Jahren. Biodiversitätsforschung sollte immer auch mit dem praktischen Schutz verbunden bleiben.
Einige der neu entdeckten Arten oder Unterarten sind selten oder auf ein enges räumliches Verbreitungsgebiet beschränkt. Es wird deshalb versucht, mit den in Italien zahlreich vorhandenen Natur- und Nationalpärken in Kontakt zu treten, um das Bewusstsein für die Zikaden zu fördern. In einigen Fällen mit zu intensiver Beweidung müssten auch Regenerationsmassnahmen an der Vegetation getroffen werden – damit in Italiens grossen und oft sehr naturnahen Bergwäldern das Konzert der Zikadengesänge vielstimmig bleibt.
Bekannt und doch wieder nicht…
Singzikaden (Cicadidae) erscheinen in antiken griechischen Mythen oder in der berühmten Fabel von Jean de la Fontaine. Sie begleiten manche Mittelmeerferien, und in Südfrankreich haben es die «cigales» zum touristisch vermarkteten Symbol gebracht. Weil ihr Gesang meist nur mit der weit in die Siedlungen eindringenden Mannazikade (Cicada orni) verbunden wird, glauben selbst viele Südeuropäer, es gebe nur eine einzige Singzikadenart. So auffällig der Gesang vieler grosser Arten, so schwierig lassen sich die Tiere visuell beobachten oder gar für wissenschaftliche Zwecke fangen. Eine perfekte Tarnung, gepaart mit einer erstaunlichen Aufmerksamkeit und Scheue, machen die meisten europäischen Arten zu einem anspruchsvollen Forschungsobjekt. Das wird wohl der Hauptgrund dafür sein, dass Singzikaden selbst in Europa noch verhältnismässig schlecht untersucht sind.
Zehn Singzikadenarten in der Schweiz
2015 soll ein Buch in der Serie «Fauna Helvetica» erscheinen, welches die immerhin zehn Schweizer Singzikadenarten umfassend vorstellt. Noch um 2000 ging man davon aus, dass hierzulande nur fünf Arten vorkommen. Wie in Italien, hat auch in der Schweiz die Entdeckung des Artenkomplexes um die Bergzikade zur Steigerung der Artenzahl beigetragen; hinzugekommen sind zwei gut bekannte Arten, die in Randgebieten noch einzelne, zuvor überhörte Schweizer Populationen ausbilden. Fünf Arten sind gross und weisen sehr laute Gesänge auf, beschränken sich aber auf die Kantone Wallis, Tessin und besonders günstige Lagen in Genf, Graubünden und Waadt. Die Pechader-Bergzikade (Cicadetta montana) kann hingegen etwa in lichten Föhrenwäldern in der ganzen Schweiz gefunden werden.