Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03349.jsonl.gz/229

100 Jahre Orchester Stäfa-Uerikon
Das Orchester Stäfa-Uerikon feiert dieses Jahr sein hundertjähriges Bestehen. Ein Grund, wieder einmal in alten Protokollen und Jahresberichten zu blättern.
1914 waren Radio und Grammophon zwar schon erfunden, aber für das «normale Volk» noch nicht erreichbar. Musik gab es nur live. In Stäfa gab es den Männerchor und die Verena-Musik (Blasmusik).
Am 3. Mai 1914 kam ein Initiativ-Komitee von 25 Männern zusammen, um über die Gründung eines Orchestervereins zu diskutieren. Einzelne befürchteten Konflikte mit den schon bestehenden Vereinen, aber «dank der Begeisterung des Komitees schwanden bald alle Zweifel. Eine feste, unerschütterliche Eintracht leuchtete aus den Augen aller, und wo Wille da ist auch Kraft!» (Zitat aus dem Protokoll)
Der Orchesterverein Stäfa und Umgebung wurde am 10. Mai 1914 gegründet. Schon am 18. Mai fand unter der Leitung von J. Emil Naef im Hotel Rössli die erste Probe statt. 38 Männer (ja, alles Männer!) musizierten auf 2 Flöten, 1 Oboe, 3 Klarinetten, 2 Trompeten, 4 Hörnern, 2 Posaunen, 1 Schlagwerk, 2 Bratschen, 3 Kontrabässen, 17 Violinen und 1 Cello. Die Notenständer wurden von der «Verena-Musik» zur Verfügung gestellt. Am 12. Juli fand in der Kirche Stäfa bereits das erste Konzert statt. Es scheint nicht schlecht getönt zu haben. Jedenfalls schreibt der Archivar: «Mit grösster Verwunderung richtete das Publikum die Augen auf den neugeborenen Verein; denn laut vielen Urteilen waren unsere Leistungen, trotzdem sie nicht ganz
Ende Juli, wurde das Orchester umbenannt: «Orchesterverein Stäfa-Hombrechtikon» hiess es nun. Wegen der schlechten Zugsverbindungen war es den Männedörflern nicht mehr möglich, die Proben zu besuchen.
Nach Ausbruch des ersten Weltkrieges fielen die Proben während acht Monaten aus. Konzerte fanden erst 1916 wieder statt. Ob da wohl die Herren Gottlieb Alder und Emil Hauser schon mitspielten? Im Protokoll vom 24. August 1915 steht nämlich: «… es sei an Herrn Gottlieb Alder ein Schreiben zu richten, worin er ihn ersucht, sich zu erklären bis zu welchem Punkte er das Geigenspiel zu erlernen sich verpflichtete und dem Verein seine Dienste leisten wolle.» und «Der Vorstand nimmt auch mit Freude davon Kenntnis, dass Herr Emil Hauser sich erklärt das Oboenspiel zu erlernen.»
Ab 1916 scheint sich der Orchesterbetrieb eingespielt zu haben. Es fanden regelmässig Konzerte statt. Märsche wurden gespielt, Walzer, Bearbeitungen aus Opern, auch Sätze aus Solistenkonzerten (wobei einheimische Solisten brillieren konnten) und Stücke, die hiessen Manöverleben, Mit Schwert und Lanze, Das Versprechen hinterm Herd…
1920 musste ein Konzert abgesagt werden, weil in Stäfa die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen war und die Hombrechtiker deswegen nicht nach Stäfa kommen durften.
In den Zwanziger- und Dreissigerjahren gab es jedes Jahr mindestens ein abendfüllendes Konzert, in der Kirche oder in einem Saal, mit anschliessendem Unterhaltungsprogramm oder Tanz. An Zuhörern mangelte es nicht, in der Zeitung las man begeisterte Kritiken.
Doch 1936 bis 1942 musste der Orchesterverein Stäfa, wie er seit 1935 hiess, pausieren, wegen zu geringer Mitgliederzahl. 1943 wurden Passivmitglieder geworben, um die Finanzen zu verbessern. Die Proben wurden auf ein Minimum beschränkt, um Probelokal-Spesen und Dirigentengage zu reduzieren(!). 1943 wurde aber doch wieder ein Unterhaltungsabend mit Artisten vom Zirkus Knie durchgeführt. 1944 bis 1947 fanden keine Konzerte statt. 1948 wurden zwei ausserordentliche Generalversammlungen einberufen, zwecks Auflösung des Orchesters wegen unregelmässigen Probenbesuchs und schlechten Finanzen. An der Generalversammlung vom 23.6.48 konnte aber kein Beschluss gefasst werden, da zu wenige Mitglieder anwesend waren. Zwei Wochen später beschloss man, weiterzumachen. Die Probenschwänzer gelobten Besserung. Und um die Finanzen aufzubessern, plante man einen grossen «Bunten Abend». Er fand am zwölften November statt mit Budenstadt, Karussell und weiteren Attraktionen. Der Erfolg scheint sich auch finanziell eingestellt zu haben, jedenfalls konnte 1950 der Aktiv-Mitgliederbeitrag wegen guter finanzieller Lage von 10 auf 8 Franken herabgesetzt werden (heute 250 Franken).
In den Fünfzigerjahren fanden wieder regelmässig Unterhaltungskonzerte mit anschliessendem Tanz statt. Dazwischen gab es auch Auftritte mit dem Männerchor oder mit dem Frauen-und Töchterchor.
Aber die stete Sorge um schwindende Mitgliederzahlen, unregelmässigen Probenbesuch und mangelnde Geldmittel blieb. Die Wende kam 1976, als sich der Orchesterverein Stäfa mit der Instrumentalgruppe Uerikon zusammenschloss. Mit deren Leiter, Pius Brunner, kamen fünfzehn meist junge Streicher zum Verein. Orchester Stäfa-Uerikon hiess es fortan und wurde ein reines Streichorchester. Leiteten bis 1976 acht Dirigenten das Orchester, so ist es in den folgenden 38 Jahren Pius Brunner, der die Musiker und Musikerinnen (heute 13 Frauen und 5 Männer) durch intensive Probenarbeit immer wieder zu Höchstleistungen herausfordert. Gespielt wird jetzt klassische Musik. Die Programme haben meist einen thematischen Bezug, z.B. «Sturm und Drang», «Originalgenies», «Stücke im Volkston». Besonderer Höhepunkt war 1989 Händels Wassermusik auf dem Dampfer Stadt Zürich. Auch an besonders schönen Orten war man zu Gast: auf der Ufenau, in der Kirche St. Georg in Oberzell, auf der Reichenau, in Pfäfers oder in der Klosterkirche Wettingen. Es gab Konzerte mit speziellen Solisten: Bandoneon, Marimba, «Alder-Buebe». Pius Brunner wagte sich mit dem Orchester auch immer wieder an zeitgenössische Werke. Zweimal waren es sogar Uraufführungen: 1982 Martin Schlumpf … dass es wächst und schwillt Kantate nach Texten von Hermann Hiltbrunner und 1986 René Armbruster (s)‘oggetti brevi e variabili. Eine besondere Herausforderung war 2007 The Klezmer Concerto, komponiert 2006 von Ofer Ben-Amots. Es war das erste Mal, dass dieses Werk in Europa aufgeführt wurde. Das Orchester Stäfa-Uerikon spielte es, zusammen mit der Klarinettistin Sarah Chardonnens, in Stäfa, in Ebnat-Kappel und im Konservatorium Fribourg.
Dass Pius Brunner auch Dirigent der Kantorei St. Verena (heute Kantorei Stäfa) war, machte eine intensive Zusammenarbeit der beiden Vereine möglich. Regelmässig wurde in der Mitternachtsmesse an Weihnachten und an andern kirchlichen Festen zusammen musiziert.
Das Jubiläumsjahr feiert das Orchester in drei Etappen:
mit einem Konzert zusammen mit der Hanneli-Musig am Sonntag, 6. April 2014.
mit einer Orchesterwoche in Bergün (11. bis 16. August 2014) samt Konzert am Freitag, 15. August 2014 mit der jungen Flötistin Rahel Widmer, und
mit einem festlichen Konzert am Sonntag, 16. November 2014 um 17 Uhr in der ref. Kirche Stäfa mit der Pianistin Alena Cherny. Zu diesem Konzert sind die Leser der Schweizer Musikzeitung herzlich eingeladen.