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Im Sommer 2021 habe ich eine Reise in den Kriegsfussspuren meiner Grossmutter gemacht. Sie war während des Zweiten Weltkriegs Gefangene in verschiedenen Konzentrations- und Arbeitslagern. Ich habe die verschiedenen Orte besucht und zeichnerisch in einem Reisetagebuch festgehalten. Hier die Dokumentation des Instagram-Reiseberichts.
Technik: Filzstift & Aquarell
In Warschau ist es 30 Grad! Das bin ich mir ja gar nicht mehr gewohnt.
Am ersten Tag steige ich noch nicht auf das schwierige Thema ein. Erst mal ankommen und ein wenig touristen: auf der Plac Zamkowy.
Ein Seifenblasenmann verwandelt den Platz in einen Traum. Die Kinder jauchzen. Ich auch (innerlich)
Meine Aussicht vom Fenster: Stalins Geschenk an Warschau: ein 242 m hoher Palast, vor einem Plattenbau.
Für mich war der Turm des Palasts eine super Orientierungshilfe. Quasi die Rochetürme von Warschau.
Meine Grossmutter verhalf während des zweiten Weltkriegs mit Hilfe ihres Liebhabers (der für die Deutschen arbeitete) Juden zu Freibriefen. D.h., dass sie nicht
gefangen genommen wurden.
Sie wurden denunziert. Ihr Liebhaber wurde auf der Stelle erschossen, meine Grossmutter wurde am 06.12.1942 von der Gestapo verhaftet und ins Pawiakgefängnis gebracht. Dort war sie 6 Wochen in Haft und wurde anschliessend ins KZ Majdanek gebracht. Nach einem Jahr und drei Monaten wurde sie ins KZ Ravensbrück transferiert. Von da aus musste sie für ein paar Monate in die Reichswerke Hermann Göring gehen, ein Arbeitslager in Watenstedt-Salzgitter bei Braunschweig. Dann wieder zurück nach Ravensbrück.
Am 1. Mai 1945 wurde sie von Bernadotte-Express, einer Aktion des Schwedischen Roten Kreuzes gerettet.
Heute war ich beim Pawiak Gefängnis, der ersten Station auf den Kriegsfussspuren meiner Grossmutter. Das Gefängnis ist heute ein Museum. Es wurde komplett zerstört bis auf diesen Pfosten des Eingangs.
Das Museum ist etwas altbacken und überfüllt mit Infos. Ich war etwas überfordert. Gleichzeitig gehen mir ein paar Dokumente von Greueltaten in der damaligen Zeit nicht aus dem Kopf.
Morgen geht es weiter nach Lublin.
Noch mein Stolz von gestern: habe Tickets am Schalter gekauft ohne dass ich Polnisch oder die Dame Englisch konnte:
- Do you speak English?
- Nie.
- kupiç bilety! jeden dwa trzy cztery! (Oh! Es hat funktioniert -> Adrenalinkick)
Und ich sage JA zu Polnisch! Was für eine schöne Sprache. Will ich unbedingt mal lernen!
Es mag an meiner Stimmung liegen, dass es Lublin nicht gelingt, mir zu gefallen. Morgen werde ich eine Einzelführung im KZ Majdanek haben wo meine Grossmutter für 1 Jahr und 3 Monate inhaftiert war. Ein erstes Bauchweh und Nervosität macht sich breit.
Bin wie immer zu Fuss wenn ich Reise und manchmal zeigt sich dann eine Stadt nicht von ihrer schönsten Seite.
Um in die Altstadt zu gelangen bin ich gefühlt eine Ewigkeit einer vierspurigen Autostrasse und sehr heruntergekommenen Häusern vorbeigekommen. An Häusern, die wir in der Schweiz nicht einmal besetzen würden, weil schon etliche Balkone runtergefallen sind. Hier scheinen diese Häuser bewohnt. Dann die herausgeputzte Altstadt. Ich bin irgendwie nicht so reingekommen.
Ich dachte: Lublin, für dich habe ich leider kein Bild!
Dann bin ich an dem Parkplatz vorbeigekommen mit schreiender Reklame, eher heruntergekommen. Ein Platz um zu parkieren, schnell einkaufen und dann wieder weg. Links von mir die vierspurige Autotrasse. Im Hintergrund die herausgeputzte Altstadt. Da dachte ich: das entspricht heute meiner Stimmung!
Erster Eindruck von Majdanek. War etwas erstaunt, wie klein die Gebäude wirken. Als würde ich eine Landschaft einer Modelleisenbahn mit kleinen Klötzchen für die
Häuser anschauen. Dann wurde mir klar, dass dies so wirkt, weil das Gelände so weitläufig ist. Auch zeichnerisch bin ich ständig über die Proportionen gestolpert weil nie alles Platz hatte auf
dem Blatt. Bis ich ganz klein gezeichnet habe.
Ich habe vier Stunden mit dem Guide auf dem Gelände verbracht, was grossartig war! Sehr interessant und er ist so gut er konnte auf die Geschichte meiner Grossmutter eingegangen. Danach war ich alleine nochmal 4 Stunden da um zu fotografieren und zu zeichnen.
Ein sehr eindrücklicher Tag. Die Puzzleteile fallen langsam an den richtigen Ort. Heute morgen habe ich in einem Buch über Majdanek gelesen. Bin fasziniert darüber, dass ich die Geschichte meiner Grossmutter nun in die grossen Züge der Geschichte einordnen kann. Vorher war für mich alles abstrakt. Warum musste sie vom Pawiak Gefängnis weg? Jetzt weiss ich: weil Himmler eine Verordnung herausgab, die besagte, dass mehr Arbeitskräfte gebraucht werden. Daraufhin wurden 35‘000 politische Häftlinge aus Gefängnissen geholt. Meine Grossmutter war eine davon.
1944 wurde Majdanek aufgelöst, weil die deutschen merkten, dass sie es bald an die Russen und die polnische Widerstandskämpfer verlieren würden. Alle arbeitsfähigen Menschen mussten in andere Lager gebracht werden. In diesem Zug kam meine Grossmutter nach Ravensbrück.
Ich finde es spannend die Geschichte einer einzelnen Person in den grossen Zügen der Geschichte zu sehen. Es macht es für mich viel greifbarer.
Nachdem in Majdanek bei der Ankunft mit dem Zug eine erste Selektion stattfand (wer darf leben, wer nicht) wurde auf einem Platz vor der Bad-und
Desinfektionsbaracke eine weitere Selektion gemacht. In der Baracke selber kam es zur dritten Selektion, die vor allem für Jüdinnen und Juden nochmal verheerend war. Nur 30% wurden am Leben
gelassen.
Hier ein Bild der Frauendusche.
Bei den Männern wurden Kleider und auch die Männer selber mit Zyklon B desinfiziert. Das war mir neu. Das Zyklon B ist hochgiftig. Die Männer waren danach mehrere Tage krank. Bis heute hat das Gas an den Wänden leuchtend blaue Farbspuren hinterlassen.
Als ich diesen Wachturm abzeichnete empfand ich eine irritierende Ruhe. Darf ich an einem solchen Ort Ruhe und Frieden empfinden?
Das Gefühl der Ruhe kommt bei mir oft beim Zeichnen. Es erdet mich und ich kann voll im Moment sein. Ich bin dankbar, denn es hat etwas heilsames und trotzdem irritiert es mich.
Stacheldraht
Die Baracken im Feld III. Es sind die einzigen heute noch erhaltenen Gefangenen-Baracken von Majdanek. Ein Teil davon wurde auch restauriert. Meine Grossmutter
war bis September 1943 im Frauenlager auf dem Feld V. Das Feld wurde dann mit den Feld I getauscht, das bis dahin das „Revier“ ein primitives Spital für Gefangene war.
Auch hier: das Bild ist mein vierter Versuch, weil ich Mühe mit den Proportionen hatte. Es wollten nie alle Baracken drauf Platz haben.
Lageplan des Konzentrationslagers Majdanek
Jetzt wo ich anfange die Dimensionen zu verstehen hat es mich geschaudert ob der Grösse der Gräben der Massenhinrichtungen (ganz oben im Plan). Dort wurden in Majdanek während der Aktion Rheinhardt an einem Tag (!) 18‘000 Juden umgebracht. In ganz Lublin gesamt während 2 Tagen 42‘000.
Abgezeichnet aus Jósef Marszałek, „Majdanek - Geschichte und Wirklichkeit des Vernichtungslagers“
Heute bin ich in Skierniewice angekommen, der Kleinstadt wo meine Grossmutter aufgewachsen ist.
Habe gerade erfahren, dass meine Grossmutter NICHT in dieser Kirche getauft und konfirmiert wurden! Oh no! Falsche Kirche abgezeichnet! Jedenfalls hat es die Kirche in die Ferienfotos vom letzten Besuch 2004 geschafft.
Bruce-Willis-Fotograf vor seinem Bruce-Willis-Foto, Skierniewice
Ich war gestern im historischen Museum von Skierniewice. Das Museum behandelt die Geschichte der Stadt in ca 5 Gängen à 4m von den Mammuts bis zum zweiten Weltkrieg.
Ich wollte nur fragen ob ich etwas vom Museum verstehen werde da ich kein Polnisch kann, schon bekam ich eine Führung auf Französisch von diesem netten Herrn.
Ich fragte woher er so gut Französisch könne. „Aus der Schule und dann war ich Fotograf in Cannes und an der Berlinale. Es hängen Fotos, die ich gemacht habe. Willst du sehen?“ Ja klar!
Aufgehängt waren die Bilder in einer Art Mehrzweckraum. Die Bühne war mit drei Plastikblumenkränzen geschmückt, weswegen ich einen Abdankungsraum vermutete. Aber anscheinend hat hier das lokale Theater seine Auftritte.
Musste unbedingt ein Foto von Michał (glaube ich) vor seinem Foto machen. „Vor Madonna?“ „Nein, lieber vor Bruce Willis!“
Nachtrag zu Majdanek. Die erste Irritation war, dass ich eine innere Ruhe empfand als ich einen Wachturm abzeichnete.
Die nächste Irritation war, als ich Fotos von den Baracken und vom Krematorium machte: gleissendes Licht fiel in die Räume, es hatte wenig Besucher und die Stimmung erinnerte mich an einen Ort wie der einer Kirche. An das Überirdische, das oft durch gleissendes Licht dargestellt wird.
Viele Menschen sind da gestorben und man könnte sich vorstellen, dass ihre Seelen dort verweilen um uns daran zu erinnern, was geschah. Trotzdem hat mich das irritiert und mich daran erinnert wie ich vorgefertigte Bilder in meinem Kopf habe: gleissendes Licht = Jenseit (auf eine friedliche Art)
Habe mir auch vorgestellt dass in 300 Jahren, falls alles vergessen wäre, Archäologen den Ort finden. Was würden sie denken was dort passiert wäre? Vielleicht war es eine Stadt? Mit Tempeln?
Der Tisch im Bild ist eine Bahre auf denen die Toten gelegt wurden um Goldzähne zu entfernen bevor die Leichen kremiert wurden.
Vor 79 Jahren wurde meine Grossmutter von der Gestapo verhaftet. Vor 20 Jahren ist sie gestorben. Heute bin ich auf der Reise in den Kriegsfusspuren meiner
Grossmutter.
Als erste meiner Familie habe ich das KZ Majdanek besucht, bald geht es nach Ravensbrück. Ich habe diese Reise bewusst alleine angetreten. Es wäre eigentlich eine Reise, die ich mit meiner Mutter machen müsste. Aber sie kann nicht an diese Orte gehen.
Meine Grossmutter hat schon immer sehr offen über ihre Erfahrungen im KZ gesprochen. Meine Mutter hat diese Geschichten schon als Kind gehört. Für sie waren die Erzählungen so lebendig, als wäre sie selbst dabei gewesen.
Während meiner Reise bin ich über den sehr eindrücklichen Bericht von Dina auf @babanews.ch gestolpert. Dina hat mit 12 Jahren den Krieg in Bosnien miterlebt. Sie und ihre Familie wurden aus ihrem Dorf vertrieben und sie wurde Zeugin wie halbe Dörfer ausgelöscht wurden. Unbedingt schauen, für die die es interessiert!
Dina und ihre Familie leben heute mit ihrem Kriegstrauma. Wie lange wird es dauern, bis ihre Familie heilen kann? Und es gibt so viele Menschen, die Krieg erlebt haben oder immer noch erleben.
Danke Dina und @babanews.ch für das Teilen deiner Geschichte. Ich finde es enorm wichtig, dass über solche Erlebnisse gesprochen wird und dass wir, die wir solche Erlebnisse nicht hatten, mehr darüber lernen.
Auszeit vom Kriegsthema in einem kleinen Paradies.
Als ich in Fürstenberg/Havel ankomme um die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück anzuschauen habe ich schlechte Verbindungen mit dem ÖV. Ich muss 45 Min. auf den
Rufbus warten.
Ich setze mich in den Park beim Bahnhof und entdecke dieses Kriegsdenkmal. Ich denke: schräg - ich gehe nach Ravensbrück wo den Opfern des Nationalsozialismus gedacht wird und am Bahnhof ist ein Kriegsdenkmal für die Deutschen Gefallenen während des zweiten Weltkriegs. Ich gehe näher hin und sehe: nein, es ist ein Kriegsdenkmal für die gefallenen russischen Soldaten.
Wer bestimmt eigentlich für wen man ein Kriegsdenkmal aufstellen darf? Ich erinnere mich an einen Besuch in Darmstadt vor Jahren mit meinem damaligen WG-Mitbewohner. Wir entdeckten ein Denkmal für den Deutschen Soldaten. Mein WG-Mitbewohner war schockiert: “Die Deutschen haben den Krieg angefangen! Es ist skandalös für sie ein Kriegsdenkmal zu errichten.” Ich dachte mir: auch sie haben Frauen, Töchter, Mütter, Väter und Brüder die um sie trauern. Und gleichzeitig hat der russische Soldat genau wie der Deutsche, der Polnische der Litauische Soldat wahrscheinlich Menschen umgebracht. Denn das tut man im Krieg. Ist das eine Heldentat?
Wenn mein Vater, mein Bruder, mein Mann oder mein bester Freund im Krieg sterben würde, würde ich mir jedenfalls kein Kriegsdenkmal wünschen für ihn. Ich würde ihn erinnern wollen für sein ganzes Leben, nicht nur den Zeitabschnitt als Soldat im Kampf für die “richtige Sache”.
Was ist überhaupt die “richtige Sache”? Das ist doch in jedem Land und mit jeder Sozialisierung was anderes.
Wenn es hart auf hart käme und ich mich oder meine Lieben verteidigen müsste, wer weiss wie ich handeln würde. Vielleicht würde ich auch töten. Ich wünschte mir nachher aber kein Heldendenkmal sondern viel eher einen Therapeuten, bei dem ich meine Schuldgefühle und Traumata bearbeiten kann. Ich weiss nicht - Kriegsdenkmäler sind nicht meins.
Um mir ein wenig „Kriegsthemapause“ zu gönnen habe ich ein paar Tage in einem kleinen Paradies auf dem Land übernachtet. Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
ist von dort aus mit dem ÖV (und während der Urlaubszeit) schwer zu erreichen. Nur vier Mal am Tag hat es eine Verbindung.
Ich habe nicht mit dem netten und redseligen Buschauffeur gerechnet. Wir hatten ein sehr nettes Gespräch, er hat mir interessante Dinge über seine Familiengeschichte und über die Umgebung erzählt. Leider hat er dabei den Fahrplan etwas vergessen und ich habe den Zug verpasst. Nächste Verbindung in zwei Stunden. Na egal, ich habe ja Zeit, dachte ich mir.
Wegen Corona waren in Ravensbrück keine Audioguides erhältlich, so habe ich die Ausstellung sehr ausführlich angeschaut um ja nichts zu verpassen. Am Ende hatte ich aber dann keine Zeit mehr um das Gelände richtig anzuschauen. Die zwei Stunden haben mir dann doch noch gefehlt und ich bin in der Mahn-und Gedenkstätte am Ende nur noch gerannt! Ich wollte wenigstens von so viel wie möglich noch ein Foto machen. Wie würdelos, an so einem Ort herumzurennen.
Der Ort wäre eindrücklich. Es steht fast gar nichts mehr. Der Boden ist mit groben grauem Splitt bedeckt. Wo eine Baracke war ist eine Vertiefung im Boden und oft ein Schild mit einer Beschreibung was da mal war. Auf der rechten Seite des Geländes stehen Stämme von abgestorbenen Bäumen. Warum weiss ich nicht.
Ich hätte noch zwei oder gar drei Stunden gebraucht um den Ort zu erfühlen, zu zeichnen, einfach zu sein. Aber eben. Leider konnte ich mit Ravensbrück nicht gut abschliessen.
Ich hab noch einen Koffer in Fürstenberg/Havel
Kuhtherapie
Nach dem unbefriedigenden Besuch in Ravensbrück haben mir die Kühe geholfen. Einfach eine halbe Stunde da sitzen und mit ihnen in Kontakt sein. Mit ihnen rumrennen! Was für herrliche Tiere!
In Mirow habe ich den Zug verpasst nach Fürstenberg/Havel um Ravensbrück anzuschauen. Ich hatte zwei Stunden Zeit und habe ich mich in ein Kaffee gesetzt um über die Reichswerke
Hermann Göring, die nächste Station zu lesen. Meine Grossmutter wurde von Ravensbrück als Arbeitskraft an die Stahlwerke Braunschweig ausgeliehen, einen Teil der Reichswerke Hermann Göring. Dort
war sie ca 10 Wochen in Zwangsarbeit tätig.
Beim Lesen hat mich diese Seite angesprungen und nicht mehr losgelassen. Es ist eine Rentabilitätsrechnung für Häftlinge im KZ Dachau, die aber auch auf die Reichswerke Hermann Göring übertragen werden kann.
Da einige, die dieser Reise folgen kein Deutsch sprechen und den Text übersetzen lassen, schreibe ich ein paar Punkte der Seite im Bild aus:
Täglicher Verleihlohn durchschnittlich 6,- RM
Abzüglich Ernährung -,60 RM
Abzüglich Bekleidungsamortisation -,10 RM
———————
5,30 RM
Durchschnittliche Lebensdauer
9 Monate = 270 x 5,30 1‘431,- RM
Erlös aus rationeller Verwertung der Leiche:
1. Zahngold; 2. Kleidung; 3. Wertsachen; 4. Geld; abzüglich 2 RM Verbrennungskosten; durchschnittlich Nettogewinn 200,-RM
—————-
Gesamtgewinn nach 9 Monaten 1‘631,- RM
Zuzüglich Erlös aus Knochen-und Aschenverwertung
Wie verheerend oberflächliche Recherche sein kann, habe ich anhand dieses Artikels festgestellt. Ich arbeite immer mal wieder wenn ich Gelegenheit habe an der Grafic Novel “Mormor
und ich”. Dann ist wieder eine längere Pause bis ich das nächste Mal dran arbeiten kann.
Vor einigen Monaten habe ich ein Bild von den Reichswerken Hermann Göring gesucht. Dabei bin ich auf diesen Artikel gestossen, den ich nicht gelesen habe, weil er auf einer Paywall ist. Abgespeichert habe ich davon: Die Reichswerke Hermann Göring wurden abgerissen.
Da ich im Stress war vor der Reise und dachte, dass die Reichswerke HG eh abgerissen sind habe ich nur mein Buch eingepackt und gedacht ich werde mich vor Ort dann schlau machen.
Ich habe mir vorgestellt, dass ich vor einer riesigen leeren Fläche in Salzgitter bei Braunschweig stehe und anhand des Buches versuche herauszufinden was wo war.
Dann dachte ich muss man realistisch sein: Die Fläche ist bestimmt wieder neu bebaut. Ich sah mich also mit dem Bus in einer Wohngegend herumfahren und Stimmungsbilder Zeichnen.
Ich wollte herausfinden wie sich die Abwesenheit dieser Fabrik anfühlt und wie die Stimmung in der Stadt ist. Denkt man noch an die Reichswerke HG?
Als ich in Braunschweig ankam, hatte ich einen angebrochenen Nachmittag. Perfekt zum Recherchieren. Stellt sich heraus: Die Reichswerke Hermann Göring wurden nicht alle abgerissen! Ein grosser Teil besteht noch und heisst heute Salzgitter AG!
Bei meiner Recherche bin ich auf die Gedenk- und Dokumentationsstätte KZ Drütte gestossen. Das KZ Drütte war ein Männerlager der Reichswerke Hermann Göring. Das
Museum hat jeden zweiten Samstag im Monat offen. Ich war nur den Donnerstag in Braunschweig. Habe mich fürchterlich über mich geärgert, dass ich das nicht schon vor meiner Reise herausgefunden
habe!
In Panik rief ich der Nummer des Arbeitskreises Stadtgeschichte e.V. an und fragte ob ich vielleicht mit jemandem reden könnte vom Arbeitskreis, da ich die Öffnungszeiten des verpassen werde. „Na dann müssen wir wohl was für sie organisieren morgen, wenn sie nur ein Tag da sind“, meint Maike Meth, mit der ich spreche.
Unglaublich! Frau Dr. Teri Ariad Ortiz, eine Historikerin und Denise Raabe, die beim Arbeitskreis Stadtgeschichte ein freiwilliges soziales Jahr macht, haben mir eine private Führung organisiert. Nach Watenstedt-Leinde, wo meine Grossmutter war. Später habe ich noch eine Führung im KZ Drütte bekommen und durfte das Museum noch anschauen. Was für ein Geschenk!
Von den Baracken und von den Stahlwerken Braunschweig ist heute nichts mehr übrig. Wir standen neben der Autostrasse und haben auf einen Sandberg geschaut. Da hinten war es also.
Am Strassenrand ein kleines Denkmal mit Blumen, die gerade von einer freiwilligen Helferin gegossen wurde.
Den Plan habe ich von einer Gedenktafel abgezeichnet.
Eine Woche später bin ich am letzten Bild meiner Reise, aber der musste noch sein: Der Einmannbunker. Halb Salzgitter ist übersät mit denen. Auf Fotos habe ich gesehen, wie alles
rundherum in Trümmern liegt nach einem Bombenanschlag. Nur die Einmannbunker stehen da als wäre nie was passiert.
Als ich in echt vor diesem Einmannbunker stand war ich sehr erstaunt. Es ist wirklich nur für eine Person gemacht. Auf den Fotos und auch auf meiner Zeichnung sieht es aus als hätten mindestens fünf Leute platz. Ich stelle mir einen Bombenanschlag vor: ganze Fabriken liegen flach, hunderte Menschen Menschen sterben, aber acht sind völlig unbeschadet.