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Dichter und Pfarrerssohn: Matthias Claudius (1)
Einen «Narren, der voller Einfaltsprätentionen stecke», einen «Fussboten, der Evangelist werden möchte», nennt ihn Dichterfürst Goethe. Andere Zeitgenossen urteilen weniger hart. Trotz dieser Verrisse hat sein Werk bis heute überlebt. Sein «Der Mond ist aufgegangen» berührt auch heute noch Unzählige.
Matthias Claudius stirbt vor 200 Jahren am 21. Januar 1815. Der Pastorensohn aus Reinfeld, der in Jena Theologie und Jura studierte, passt nicht ins kulturelle Leben des späten Rokoko. Er besucht weder literarische Zirkel noch die weltberühmte Hamburger Oper am Gänsemarkt.
Zurückgezogen lebt er mit seiner Frau und seinen zwölf Kindern im Dorf Wandsbeck nahe Hamburg. Unter dem Pseudonym Asmus publiziert er den «Wandsbecker Bothen». Sein Haus ist offen. Freunde und Bekannte kommen zu Besuch. Man trinkt Kaffee, scherzt, plaudert, flaniert durch den Garten, während in Paris die Revolution ausbricht. Zehntausende verlieren auf der Guillotine ihren Kopf. Matthias Claudius jedoch balgt mit seinen Kindern im Gras herum, wie sich die Hamburger «beau monde», die daran vorbeispazierte, mokiert.
Keine Idylle
Die Welt von Matthias Claudius ist seine Familie, seine Freunde und der Alltag. Und er, alias Asmus, ist der Journalist des alltäglichen Lebens. Er beschreibt keine Idylle, denn er kannte die Vergänglichkeit. Seine Tragödien ereignen sich nicht in der Weltpolitik: Als er elf Jahre alt war, wird Reinfeld von einer Seuche heimgesucht. Verstört muss Matthias mit ansehen, wie die zweijährige Schwester Lucia Magdalena, tags darauf der sechsjährige Bruder Lorenz und zwei Monate später der achtjährige Friedrich Karl auf den Friedhof getragen werden.
Die Schatten des Todes begleiteten ihn weiter. Sein erster Sohn Matthias stirbt nach der Geburt. «Er lebte nur einige Stunden, und ging nachdem er sich sattgeweint hatte wieder heim.» Ein weiteres Kind, wiederum Matthias genannt, lebt bloss zwei weitere Jahre. Und Christiane, die zweitälteste Tochter, erliegt mit zwanzig einem Nervenfieber.
Claudius Briefe sind voll Traurigkeit. Er schreibt selten über sich, nur etwa: «Du weisst Andres, wenn man ein Kind schwerkrank hat, das man gerne behalten will, wie man geht und die Hände ringt und immer hofft, auch wenn man nicht mehr kann.»
Seine empfindsamen Texte sind Ausdruck einer Frömmigkeit, die um die Vergänglichkeit weiss und trotzdem an ihrem Gott festhält. Gerade weil das Leben so schön ist, ist es so zerbrechlich. Drei Jahre nach dem Tod von Christiane dichtet er die Zeilen zum Abendlied «Der Mond ist aufgegangen». Auch wenn die Verse idyllisch beginnen, bleibt der Grundtenor traurig. Es ist nicht träumerische Melancholie, die da durchschlägt, sondern das mit seinen Kindern Erlebte. Wenn er an ihrem Bett sass, ihnen über die heisse, verschwitzte Stirn strich, und sie nach den Fieberanfällen endlich ruhig einschlafen durften. Für einige Stunden wenigstens. Und es schreibt ein Claudius, der weiss, wie tief der Schmerz sitzt, wenn ein Kind in den Armen stirbt: «So legt euch denn ihr Brüder, in Gottes Namen nieder. Kalt ist der Abendhauch.»
Tilmann Zuber