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Der Plot-Pointer: Deckards Vermächtnis
Als Blade Runner 1982 in die Kinos kam, war der Film weder beim Publikum noch bei der Kritik ein Erfolg. Es dauerte Jahre, bis Ridley Scotts Grossstadt- Dystopie zum Kultfilm avancierte. Und es ging noch länger, bis nach langem Hin und Her schliesslich eine Fortsetzung folgte.
Ein finanzieller Grosserfolg dürfte auch Blade Runner 2049 nicht mehr werden, aber zumindest das Echo der Kritik ist positiv bis enthusiastisch. Manche Rezensenten mögen Sexismus oder Überlänge bemängeln, der allgemeine Tenor lautet aber, dass es Denis Villeneuve gelungen ist, den Geist des Originals zu bewahren und gleichzeitig weiterzuentwickeln. Ein überraschender Befund, denn zumindest in erzählerischer Hinsicht funktioniert Blade Runner 2049 vollkommen anders als der Urfilm.
Wir erinnern uns: Vor 25 Jahren machte Harrison Ford als Rick Deckard Jagd auf Androiden, im Film «Replikanten » genannt. Diese waren widerrechtlich auf die Erde gelangt und versuchten, zu ihrem Erbauer Eldon Tyrell vorzudringen, der ihnen eine längere Lebensdauer verschaffen sollte. Deckard, ein einsamer Film-noir-Detektiv, spürte die Rebellen auf und zog sie einen nach dem anderen aus dem Verkehr. Verkompliziert wurde die Sache durch Rachael, das neuste Modell aus dem Hause Tyrell, die dank künstlicher Erinnerungen nicht wusste, dass sie eine Replikantin war. Und in die sich Deckard «natürlich» verliebte.
Alles in allem kein sonderlich vertrackter Plot, insbesondere wenn man ihn mit der Vorlage, dem Roman «Do Androids Dream of Electric Sheep?» von Philip K. Dick, vergleicht. Dort gibt es unter anderem eine von Replikanten betriebene Polizeibehörde, die Deckard festnimmt und ihn beschuldigt, seinerseits ein Replikant zu sein. Scotts Film verzichtet auf solche Verwirrspiele – mit einer Ausnahme. Als sich Deckard am Ende mit der mittlerweile flüchtigen Rachael aus dem Staub macht, findet er vor seiner Wohnung ein kleines Origami-Einhorn, das ein Kollege dort zurückgelassen hat. Ein Hinweis darauf, dass dieser weiss, wo die Liebenden sind – und vielleicht noch mehr. Ohne auf die intrikaten Details einzugehen, sei hier nur so viel gesagt: Für viele Fans – und auch für Regisseur Scott – ist damit bewiesen, dass Deckard ebenfalls ein Replikant ist.
Diese Enthüllung berührt das erzählerische Zentrum des Films aber nicht, ist eher eine Art Dreingabe für aufmerksame Zuschauer, wobei noch nicht einmal klar ist, ob sie von Anfang an intendiert war. Dem Dreh gingen derart viele Scriptfassungen voraus, und auch der Schnitt war so chaotisch, dass sich nur schwer rekonstruieren lässt, was ursprünglich wie geplant war. In Blade Runner 2049 dagegen bildet die Frage, ob die von Ryan Gosling gespielte Hauptfigur, der Replikant K, der Sohn von Deckard und Rachael ist, das erzählerische Zentrum, das der Film mit Variationen von Motiven des ersten Teils auskleidet. So ist diesmal kein Origami-Einhorn, sondern ein geschnitztes Holzpferd der Schlüssel zur wahren Identität des Protagonisten. Doch damit nicht genug: Nachdem das Publikum einen halben Film lang mit Hinweisen versorgt worden ist, dass K nicht der ist, der er zu sein glaubte, ist am Ende alles doch wieder anders.
Dass diese zweite Wendung ziemlich absehbar ist und der Plot darüber hinaus gröbere Löcher aufweist, sei hier nur am Rande erwähnt. Interessanter ist, wie sehr sich die Erzählweise der beiden Filme bei aller vermeintlicher Ähnlichkeit unterscheidet. Blade Runner war ein verhältnismässig gradliniger Actionthriller. Deckard leistet beim Aufstöbern der Replikanten ein bisschen Detektivarbeit, und am Ende kommt es zum grossen Showdown zwischen ihm und Batty, dem Anführer der Rebellen. Damit war der Film typisch für seine Zeit; raffinierte Wendungen und erzählerische Finten wurden nicht erwartet. Dass sich Heerscharen von Fans in das Mysterium des Origami-Einhorn verbeissen würden, hatte niemand vorausgesehen.
Ein Vierteljahrhundert später ist dank The Usual Suspects, Lost, diversen Mindfuck-Filmen sowie Regisseuren wie M. Night Shyamalan und Christopher Nolan alles anders. Kaum ein ambitionierter Hollywoodfilm kommt heute ohne ein zentrales Enigma aus. Die Filme werden von Anfang an mit einer interpretationswütigen Onlinegemeinde im Hinterkopf konzipiert, die jedem Hinweis detektivisch nachspürt. Was bei Scotts Film noch ein fast zufälliger Bonus war, ist zum dramaturgischen Dreh- und Angelpunkt geworden. In gewissem Sinn setzt Villeneuve also tatsächlich eine Tradition fort, die von Blade Runner angestossen wurde – wenn auch eher unabsichtlich.
Erschienen im Filmbulletin 6/2017.